— Sr 8 4 1 — 2———A— ———— Leihbibl deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Scchloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für erhentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————-——— auf 1 Monat: 4 Der.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung r Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelhſt zu ſorgen. 8 Schadenersatz. 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Ich war mit meinem Freunde Patu auf der St. Lau⸗ rentius⸗Meſſe, als derſelbe Luſt bekam, mit einer flamländi⸗ ſchen Schauſpielerin, Namens Morphi zu Abend zu ſpeiſen, und er forderte mich auf, mich ſeiner Laune beizugeſellen. Das Maädchen reizte mich nicht; aber was ſchlägt man wohl einem Freunde ab? Ich that, was er wollte. Nachdem Patu mit der Schönen zu Abend geſpeiſt, bekam er Luſt, die Nacht zu einem noch angenehmeren Geſchäfte zu verwen⸗ den, und da ich ihn nicht verlaſſen wollte, ſo bat ich um ein Canapé, auf welchem ich mein keuſches Lager aufſchla⸗ gen könnte. Die Morphi hatte eine Schweſter, eine kleine Schmutz⸗ finke von etwa dreizehn Jahren, welche ſich erbot, mir ihr Bett abzutreten, wenn ich ihr einen kleinen Thaler gäbe. Ich erkläre mich einverſtanden damit, und gelange in ein kleines Kabinet, wo ich einen auf vier Brettern liegenden Strohſack finde. Und das nennſt Du ein Bett, mein Kind? Ich habe kein anderes, mein Herr. 8 Ich mag daſſelbe nicht und Du bekommſt de Thaler nicht. 1* 5 Sache, an welcher mir nichts gelegen war. Sie wollten ſich alſo auskleiden? Gewiß. Welche Idee! wir haben keine Betttücher. Du ſchläfſt alſo in voller Kleidung? d O, durchaus nicht. Nun, ſo lege Dich wie gewöhnlich nieder, und ich ſchenke Dir den kleinen Thaler. Weshalb denn? Ich will Dich in dieſem Zuſtande ſehen. Sie thun mir aber auch nichts? Nicht das Geringſte. Sie legt ſich auf den elenden Strohſack und deckt ſich mit einem alten Vorhange zu. In dieſem Zuſtande ver⸗ ſchwindet jede Idee an die Lumpen, und ich ſehe nur noch eine vollkommene Schönheit; aber ich wollte ſie ganz ſehen. Ich ſchicke mich an, meine Neugierde zu befriedigen; aber ſie leiſtet Widerſtand; ein Thaler von ſechs Franks macht ſie indeß gelehrig, und da ich keinen andern Fehler an ihr entdecke, als den gänzlichen Mangel aller Reinlichkeit, ſo fange ich an, ſie mit meinen Händen abzuwaſcheu. Du wirſt mir erlauben, theurer Leſer, eine eben ſo einfache wie natürliche Kenntniß bei Dir vorauszuſetzen, daß naämlich die Bewunderung in dem hier angeführten Genre von einer andern Billigung unzertrennlich iſt; glücklicher und natürlicher Weiſe fand ich die kleine Morphi geneigt, Alles mit ſich machen zu laſſen, ausgenommen die einzige Sie ſagte, daß ſie mir das nicht geſtatten würde, da dies nach dem Ur⸗ theile ihrer Schweſter fünfundzwanzig Louisd'ors werth wäre. Ich erwiederte, daß wir ein andermal über dieſen Hauptpunkt handeln würden, und daß er für den Augen⸗ blick unberuhrt bleiben ſollte. Als ſie hierüber beruhigt war, ſtand alles Uebrige zu meiner Verfügung, und ich iges Talent. hen verdient. Ehe ich fortging, ſagte ſie, ſie wuͤrde, entdeckte bei ihr ein ſehr vollkommenes, wiewohl frühzeiti⸗ eine Helene brachte getreulich ihrer Schweſter die es, welche ich ihr gegeben und erzählte ihr, wie — — u— ohne etwas gemacht zu haben; und ſie ſchrieb meine Zu⸗ Bauche, die Arme und den Buſen auf ein Kiſſen geſtützt, 8 — wenn ich wollte, etwas herunterlaſſen, da ſie Geld brauchte. Ich erwiederte lachend, ich würde ſie am nächſten Tage be⸗ ſuchen. Ich erzählte die Geſchichte Patu, welcher mich der Uebertreibung beſchuldigte, und da ich ihm beweiſen wollte, 3 daß ich Kenner wäre, ſo verlangte ich, daß er Helenen ſähe, wie ich ſie geſehen. Er gab zu, daß der Meißel des Pra⸗ riteles nie etwas Vollkommeres hervorgebracht. Helene war weiß wie eine Lilie und beſaß alle Schönheiten, welche die Natur und die Kunſt des Malers hervorbringen können. Die Schönheit ihrer Züge hatte einen ſo ſüßen Ausdruck, daß ſie die Seele mit einem unbeſchreiblichen Gefühle des Glückes, mit einer köſtlichen Ruhe erfüllte. Sie war blond, und dennoch hatten ihre blauen Augen den vollen Glanz der ſchönſten ſchwarzen Augen. Ich beſuchte ſie am folgenden Tage und da wir uns nicht über den Preis einigen konnten, ſo traf ich mit ihrer Schweſter die Abkunft, ihr bei jedem Beſuche gegen Ein⸗ räumung ihres Zimmers zwölf Franes zu geben, bis ich Luſt bekäme, ſechshundert Franes zu bezahlen. Es war dies ein ſtarker Wucher; aber die Morphi gehörte zum Stamme der Griechen und war über kleine Bedenken erha⸗ ben. Ich hatte keine Luſt, dieſe Summe zu zahlen, weil ich keine Begierde fühlte, das zu erlangen, wofür ſie gefor⸗ dert wurde; was ich erlangte, war Alles, was ich wünſchte. Die älteſte Schweſter hielt mich für einen Gimpel, denn in zwei Monaten hatte ich dreihundert Francs verausgabt, rückhaltung dem Geize zu. Welcher Geiz! Ich bekam Luſt, mir dieſen prachtvollen Körper malen zu laſſen, und ein deutſcher Maler malte ihn mir für ſechs Louisd'ors auf eine göttliche Weiſe. Die Stellung, in welche er ſie brachte, war entzückend. Sie lag auf dem und den Kopf ſo umdrehend, als ob ſie zu drei Viertheilen auf dem Rücken läge. Der geſchickte und geſchmackvolle Künſtler hatte den untern Theil mit ſo viel Kunſt und Wahrheit gemalk, daß ſich nichts Schöneres denken ließ. L Ich war entzückt über das Portrait; es war ſprechend ähn⸗ lich, und ich ſchrieb darunter„O⸗Morphi,“ welches zwar kein homeriſches, aber nichtsdeſtoweniger ein griechiſches Wort iſt und ſchön bedeutet. Wer kann aber wohl die geheimen Wege des Schick⸗ ſals errathen? Mein Freund Patu bekam Luſt, ſich eine Copie von dieſem Portrait machen zu laſſen: einen ſo ge⸗ ringen Dienſt verweigert man einem Freunde nicht, und der⸗ ſelbe Maler bekam den Auftrag. Aber dieſer Maler wurde nach Verſailles gerufen, zeigte hier das reizende Gemälde mit anderen Portraits, und Herrn von Saint⸗Quentin fand daſſelbe ſo ſchön, daß er nichts Eiligeres zu thun hatte, als es dem Könige zu zeigen. Se. allerchriſtlichſte Majeſtät, welche in dieſem Fache großer Kenner war, wollte ſich mit eigenen Augen überzeugen, ob der Maler treu copirt hätte und ob das Original ebenſo ſchön wäre, wie die Copie, und der Sohn Ludwigs des Heiligen wußte wohl, wozu er daſ⸗ ſelbe gebrauchen würde. Herr von Saint⸗Quentin, dieſer gefällige Freund des Fuürſten, wurde mit der Sache beauftragt: darin beſtand ſein ganzes Miniſterium. Er fragte den Maler, ob das Original nach Verſailles gebracht werden könnte, und der Künſtler, welcher die Sache für ſehr möglich hielt, verſprach ihm, ſich danach zu erkundigen. Er theilte mir in Folge deſſen den Vorſchlag mit, und da ich ihn ausgezeichnet fand, ſo hinterbrachte ich ihn ohne Zögern der älteſten Schweſter, welche vor Freude außer ſich gerieth. Sie ſäuberte alſo ihre jüngſte Schweſter, be⸗ ſorgte ihr eine reinliche Kleidung, und zwei oder drei Tage darauf reiſten ſie mit dem Maler nach Verſailles, um das Experiment zu machen. Da der Kammerdiener des Mini⸗ ſters der Lieblingsvergnügungen⸗ des Königs von ſeinem Herrn inſtruirt worden war, ſo empfing er die beiden Weiber und ſchloß ſie in einen Pavillon des Parks, wäh⸗ rend der Maler im Gaſthofe den Ausgang ſeines Vormit⸗ tagsverſuches abwartete.. Eine Stunde darauf kam der König allein in den Pa⸗ fragte die junge O⸗Morphi, ob ſie Griechin wäre, 7 zog das Portrait aus der Taſche, betrachtete die Kleine ge⸗ nau und ſagte: Ich habe nie etwas ſo Aehnliches geſehen. Darauf ſetzte er ſich, nahm die Kleine auf die Kniee, lieb⸗ koſete ihr und gab ihr einen Kuß, nachdem er ſich mit ſei⸗ ner königlichen Hand vergewiſſert, daß die verbotene Frucht noch nicht gepflückt war. O⸗Morphi betrachtete ihren Herrn aufmerkſam und lachte. Worüber lachſt Du. Ich lache darüber, daß Sie einem Sechsfrankenthaler wie ein Waſſertropfen dem andern ähneln. Ueber dieſe Naivetät lachte der König laut auf und 1 fragte ſie, ob ſie in Verſailles bleiben wolle. Das hängt von meiner Schweſter ab, ſagte die Kleine. Aber dieſe Schweſter beeilte ſich dem Könige zu ſagen, daß ſie kein b: größeres Glück wünſche. Der König ſchloß ſte von Neuem 2 ein und entfernte ſich; aber eine Viertelſtunde darauf holte ſie St. Quentin ab, brachte die Kleine in ein Gemach, wo er ſie einer Frau übergab und ging mit der ältern Schwe⸗ ſter zu dem Maler, dem er funfzig Louisd'ors, und der Moeh nichts, auszahlte. Er ließ ſich blos deren Adreſſe geben und verſicherte ihr, daß ſie weiter von ihm hören würde. In der That erhielt ſie am folgenden Tage tauſend Louisd'ors. Der gute Deutſche gab mir fünfundzwanzig Louisd'ors für mein Portrait, und erbot ſich das, welches Patu beſaß, aufs genaueſte zu copiren. Zugleich erbot er ſich, mir alle Mädchen zu malen, zu denen ich Luſt bekom⸗ men würde. Ich empfand ein wahres Vergnügen, als ich ſah, mit welcher Freude die gute Flamländerin ihre fünfhundert Dop⸗ pellouisd'ors betrachtete. Da ſie ſich reich ſah und mich für den Urheber ihres Reichthums hielt, ſo wußte ſie nicht, wie ſie mir ihren Dank bezeigen ſollte. Die junge und ſchöne O⸗Morphi, denn ſo nannte ſie der König, gefiel dem Monarchen mehr noch als durch ihre ſeltene Schönheit, die regelmäßigſte, deren ich mich entſinne, Auch ihre Naivetät und ihr artiges Benehmen. Er ließ ſie in einem Gemach ſeines Parc- aux-Cerfs unter * ——=8 ——— NN8Sn 8*EEE ——;— 8 dieſes Harems des wollüſtigen Monarchen, in welches mit Ausnahme der bei Hofe vorgeſtellten Damen Niemand eingelaſſen wurde. Nach Verlauf eines Jahres kam die Kleine mit einem Sohne nieder, welcher, wie ſo viele andere, verſchwand; denn ſo lange die Königin Maria lebte, er⸗ fuhr man nicht, wo die natürlichen Kinder Ludwig's XV. hinkamen. Die O⸗Morphi fiel nach Ablauf von drei Jahren in Ungnade, als aber der König ſie wegſchickte, ſchenkte er ihr eine Mitgift von 400,000 Francs, welche ſie einem breto⸗ niſchen Offizier zubrachte. Als ich 1783 in Fontainebleau war, machte ich die Bekanntſchaft eines liebenswürdigen fünfundzwanzigjährigen jungen Mannes, welcher die Frucht dieſer Ehe und ein wahres Portrait ſeiner Mutter war, de⸗ ren Geſchichte ihm gänzlich unbekannt war und welche ich ihm auch nicht mittheilen zu müſſen glaubte. Ich ſchrieb meinen Namen in ſein Taſchenbuch und bat ihn, ſeiner Frau Mutter mein Compliment zu machen. Eine Bosheit von Frau von Valentinois, Schwägerin des Prinzen von Monaco, veranlaßte die Ungnade der ſchö⸗ nen O⸗Morphi. Dieſe in Paris ſehr bekannte Dame ſagte eines Tages zu der jungen Perſon, wenn ſie den König recht zum Lachen bringen wolle, ſo brauchte ſie ihn blos zu fragen, wie er ſeine alte Frau behandele. Da das junge Mädchen zu einfältig war, um die ihr geſtellte Schlinge zu errathen, ſo richtete ſie dieſe freche Frage an den König; aber der erbitterte Ludwig XV. ſchleuderte ihr einen ſchrecklichen Blick zu und ſagte: Unglückliche! wer hat Dich angeleitet, dieſe Frage an mich zu richten? Die arme O⸗Morphi, welche mehr todt als lebendig war, warf ſich ihm zu Füßen und ſagte die Wahrheit.*) *) Frau von Campan erzählt folgende ganz ähnlich lautende Geſchichte:„Eines Tages ſagte Fräulein von*** mit ſpöttiſchem Lächeln zum Könige: Wie weit ſind Sie denn jetzt mit der alten Kokette? Der König, welcher feſt überzeugt war, daß ſie eine ſolche Frage nicht aus eigenem Antriebe gethan, hielt ſich für beleidigt, te die Augenbrauen, biß ſich in die Lippen und Fräulein 9 Der Konig verließ ſie und ſah ſie nicht wieder. Die Gräfin von Valentinois durfte erſt nach zwei Jahren wieder an den Hof kommen. Dieſer Fürſt, welcher ſich ſeines Un⸗ rechts gegen ſeine Frau als Ehemann ſehr gut bewußt war, wollte ſich kein ſolches als König zu Schulden kommen laſſen, und wehe dem, der ſich gegen die Königin vergaß! Die Franzoſen ſind ſicherlich das geiſtreichſte Volk Eu⸗ ropa's und vielleicht der Welt, das hindert aber nicht, daß vorzugsweiſe in Paris Betrügerei und Charlatanerie Glück machen. Wenn die Sache entdeckt wird, macht man ſich luſtig und lacht darüber; während man aber noch darüber gloſſirt, kömmt ein anderer Marktſchreier, welcher alle andern übertrifft und Glück macht, bis auch er ausgeziſcht wird. Es iſt dies unſtreitig die Wirkung der Mode auf ein lie⸗ benswürdiges, gewandtes und leichtbewegliches Volk. Wenn die Sache nur überraſchend, ungewöhnlich iſt, ſo genügt das, um die Menge dafür einzunehmen; denn man würde fürchten für dumm gehalten zu werden, wenn man ſagen ſollte: das iſt unmöglich. Nur die Phyſiker in Frankreich wiſſen, daß zwiſchen der Kraft und der Wirkung das Un⸗ endliche liegt, während dieſer Grundſatz in Italien allgemein bekannt iſt, womit indeß nicht geſagt werden ſoll, daß die Italiäner über den Franzoſen ſtänden. Eine Zeit lang machte ein Maler Glück, weil er etwas Unmögliches ankündigte, indem er nämlich den Leuten vor⸗ redete, er könnte das Portrait einer Perſon machen, die er nicht geſehen hätte, und die ihm bloß beſchrieben worden wäre. Er forderte weiter nichts, als daß die Beſchreibung ganz genau wäre. Die Folge davon war, daß das Portrait von** ſtreng anblickend, befahl er ihr, augenblicklich zu ſagen, wer ſie zu dieſer Frage aufgehetzt. Das erſchreckte Fräulein nannte die Marſchallin d'Eſtrées. Dieſe Dame hatte lange in der innig⸗ ſten Freundſchaft mit Frau von Pompadour gelebt; aber die Freundſchaft der Frauen iſt nicht von Dauer: Streitigkeiten ver⸗ uneinigten ſie, und als der König erfuhr, daß Frau von Eſtrées eine Intrigue einleiten wollte, um Frau von Pompadour zu ſtür⸗ zen, welche dem ganzen franzöſiſchen Hofe und der Nation ver⸗ haßt war, befahl er ihr, auf eins ihrer Güter zu gehen.“ * — 22 10 dem Informator mehr Ehre machte als dem Künſtler; aber es war auch eine Folge dieſer Anordnung. daß der Infor⸗ mator das Portrait für ähnlich ausgeben mußte, denn im entgegengeſetzten Falle führte der Maler die begründetſte Ent⸗ ſchuldigung für ſich an: er ſagte, wenn das Portrait nicht ähnlich wäre, ſo läge die Schuld an dem, der ihm die Per⸗ ſon beſchrieben, denn derſelbe habe es nicht verſtanden, ihm die feinen Nuancen der Züge der Perſon, welche er habe malen müſſen, vorzuführen. Ich ſpeiſte eines Abends bei Sylvia, als dieſe merk⸗ würdige Geſchichte, und zwar mit dem Tone des unbeding⸗ teſten Glaubens und ohne den leiſeſten Verſuch ſie lächerlich zu machen, erzählt wurde. Dieſer Maler, wurde geſagt, habe ſchon mehr als hundert ſehr ähnliche Portraits gemacht Alle finden dies ſehr ſchön; ich war der Einzige, welcher beinahe vor Lachen platzte und welcher ſich zu ſagen er⸗ laubte, daß dies lächerlich und unmöglich wäre. Der Er⸗ zähler, welcher ſich ärgerte, bot mir eine Wette von hun⸗ dert Louisd'ors an. Ich lachte noch lauter, weil der Vor⸗ ſchlag nicht annehmbar war, wenn man ſich nicht der Ge⸗ fahr geprellt zu werden, ausſetzen wollte. Aber die Portraits ſind ſehr ähnlich. Ich glaube es nicht, und wenn ſie ähnlich ſind, ſo iſt Betrug im Spiele. Um Syloia und mich, denn ſie war die Einzige, welche meine Anſicht theilte, mit aller Gewalt zu überführen, ver⸗ ſprach uns der Erzähler, uns zum Maler zum Mittagseſſen zu führen, und wir gingen darauf ein. Als wir am folgenden Tage zum Künſtler kamen, ſa⸗ hen wir eine Menge Portraits, welche angeblich alle ſehr ähnlich waren; da wir indeß die Originale nicht kannten, ſo konnten wir nichts dagegen einwenden. Mein Herr, ſagte Sylvia, würden ſie wohl das Por⸗ trait meiner Tochter machen können, ohne ſie geſehen zu haben? Ja, Madame, wenn Sie mir eine genaue Beſchreibung geben wollen.. zend iſt. Wir gaben ihm eine Skizze und damit war die Sache abgemacht. Der Maler ſagte, ſeine Lieblingsmahl⸗ zeit wäre das Abendeſſen und wir würden ihm ein Vergnü⸗ gen erweiſen, wenn wir ihn oft mit unſerer Gegenwart be⸗ ehren wollten. Er war wie alle Quackſalber mit einer Maſſe von Briefen und Certifikaten aus Bordeaux, Tou⸗ louſe, Lyon, Rouen u. ſ. w. verſehen, in welchem ihm Com⸗ plimente über die vortreffliche Ausführung ſeiner Portraits gemacht oder Beſchreibungen für neue aufgetragen wur⸗ den. Uebrigens ließ er ſich ſeine Portraits im Voraus be⸗ zahlen. i Zwei oder drei Tage darauf begegnete ich ſeiner hüb⸗ ſchen Nichte, welche mir verbindliche Vorwürfe machte, daß ich nicht bei ihrem Onkel zu Abend ſpeiſe. Dieſe Nichte war ein leckerer Biſſen, und da mir der Vorwurf ſchmei⸗ chelte, ſo verſprach ich, am nächſten Tage zu kommen, und in weniger als acht Tagen war die Sache ernſthaft gewor⸗ den. Ich verliebte mich in ſie; aber die intereſſante Nichte, welche Geiſt hatte und ſich nur amuſiren wollte, verliebte ſich nicht und bewilligte mir nichts. Ich hoffte, und da ich nun einmal gefangen war, ſo ſah ich wohl ein, daß ich nichts Beſſeres thun konnte. Als ich eines Tages allein in meinem Zimmer war und meinen Kaffee trank, während ich an ſie dachte, geht die Thür auf, ohne daß ſich Jemand hätte anmelden laſſen und herein tritt ein junger Mann, welcher ſich mir vorſtellt. Ich konnte mich nicht auf ihn beſinnen; aber ehe ich noch Zeit gefunden, die geringſte Frage an ihn zu richten, fängt er an: Mein Herr, ich habe die Ehre gehabt, mit Ihnen beim Ma⸗ ler Sanſon zu ſpeiſen. Ach ja, entſchuldigen Sie mich, mein Herr, ich konnte mich nicht auf Sie beſinnen. Das iſt natürlich, denn Sie hatten bei Tiſche nur Augen fur Fräulein Sanſon. Das iſt ſehr möglich; da Sie aber dies bemerkt haben, ſo werden Sie wohl zugeben, daß dieſelbe rei⸗ Es wird mir nicht ſchwer, dies zuzugeben, denn zu meinem Unglücke weiß ich das nur zu gut. Sie ſind alſo in ſie verliebt? Ja, und leider zu meinem Unglück. Zu Ihrem Unglück! Bringen Sie es doch dahin, daß dieſelbe Sie liebt. — Danach ſtrebe ich ſeit einem Jahre, und ich fing an, einige Hoffnung zu faſſen, als Sie kamen und dieſelbe wie⸗ der vernichteten. Ich, mein Herr, ſoll ſie vernichtet haben? Ja, Sie, mein Herr. Das thut mir leid, aber ich weiß nicht, was ich dazu thun ſoll. Sie könnten leicht ſehr viel dazu thun, und wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen ſagen, was Sie thun können, um mich zu verpflichten. Sprechen Sie und legen Sie ſich keinen Zwang an. Sie könnten nicht mehr zu ihr gehen. Der Vorſchlag iſt ſonderbar; indeß geſtehe ich, daß dies das Einzige iſt, was ich thun kann, da ich wirklich Luſt habe, Ihnen gefällig zu ſein. Glauben Sie denn aber, daß es Ihnen dann gelingen wird, ihre Liebe zu er⸗ ringen? 4 Das wird meine Sache ſein. Einſtweilen gehen Sier nicht mehr hin, und ich werde für das Uebrige ſorgen. Es iſt möglich, daß ich dieſe außerordentliche Gefällig⸗ keit habe; aber werden Sie auch wohl die Gefälligkeit ha⸗ ben mir zuzugeſtehen, daß es einigermaßen ſonderbar iſt, daß Sie mich für einen Mann halten, dem ſich ſo etwas zumuthen läßt? 1 Ja, mein Herr, ich geſtehe, daß dies ſonderbar erſchei⸗ nen kann; aber ich habe Sie für einen Mann von Ver⸗ ſtand und vielem Geiſte gehalten, und nachdem ich lange darüber nachgedacht, habe ich geglaubt, daß Sie ſich an meine Stelle ſetzen würden, und weder mich unglücklich machen, noch ihr Leben für ein Mädchen aufs Spiel ſetzen möchten, welches Ihnen nur eine vorübergehende Liebe ein⸗ geflößt haben kann, während ich nur nach dem Glück oder 8 1 8 13 Unglück, gleichviel was es werde, ſtrebe, ihr Geſchick mit dem meinigen zu vereinigen.— Wenn ich aber nun zufälliger Weiſe ebenfalls damit umginge, um ihre Hand anzuhalten? Dann würden wir beide gleich beklagenswerth ſein, und der Eine von uns würde aufhören müſſen zu leben, ehe der Andere ſie erhielte, denn ſo lange ich lebe, wird Fräulein Sanſon keines Andern Frau werden. Dieſer junge, wohlgewachſene, bleiche, ernſte Mann, welcher kalt wie ein Marmorblock und wahnſinnig verliebt war, welcher Vernunft und die tiefſte Verzweiflung ver⸗ einigte, und welcher eine ſolche Rede mit dem wunderbar⸗ ſten Phlegma an mich richtete und noch dazu in meinem eigenen Zimmer, gab mir Stoff zum Nachdenken. Gewiß fürchtete ich den Mann nicht, aber, wenn auch in Fräulein Sanſon verliebt, war ich doch nicht in dem Grade entſlammt, daß ich ihrer ſchönen Augen wegen einen Menſchen hätte ermorden oder mich ermorden laſſen können, um eine auf⸗ keimende Liebe nicht untergehn zu laſſen. Ohne dem jun⸗ gen Menſchen ein Wort zu antworten, gehe ich eine Viertel⸗ ſtunde lang in meinem Zimmer auf und ab, Folgendes bei mir erwägend: Wird es ruhmwoller für mich ſein und mich in meiner eignen Achtung erhöhn, wenn wir uns beide mit kaltem Blute die Hälſe brechen, oder wenn ich ihm die Ruhe wiedergebe und ihm auf eine würdige Weiſe das Feld freilaſſe?. Die Eigenliebe ſagte zu mir: Schlage Dich; die Ver⸗ nunft ſagte: Bringe Deinen Gegner zu der Erkenntniß⸗ daß Du verſtändiger als er biſt. Was werden Sie von mir denken, mein Herr, ſage ich mit entſchloſſenem Tone, wenn ich darein willige, keinen Fuß mehr in Fräulein San⸗ ſons Haus zu ſetzen? Ich werde ſagen, mein Herr, daß Sie ſich eines Un⸗ glücklichen erbarmen, und Sie werden mich immer bereit finden, den letzten Blutstropfen für Sie zu vergießen, um Ihnen meine Dankbarkeit zu bezeigen. Wer ſind Sie? Ich bin Garnier, einziger Sohn des Weinhändlers Garnier in der rue de Seine. Nun wohl, Herr Garnier, ich werde nicht mehr zu Fräulein Sanſon gehen. Seien Sie mein Freund. Bis zum Tode. Leben Sie wohl, mein Herr. Leben Sie wohl und ſeien Sie glücklich. Patu kam fünf Minuten nach Garnier's Weggehen. Ich erzählte ihm die ganze Geſchichte und er betrachtet mich als einen Helden. Ich würde nicht anders gehandelt haben, als Du, ſagte er, aber ich würde mich wohl gehütet haben, wie Garnier zu handeln. Etwa um dieſe Zeit ließ der Graf von Melfort, Oberſt des Regiments Orléans, mich durch Camilla, Schweſter Coralinens, welche ich nicht mehr beſuchte, bitten, vermit⸗ telſt meiner Cabbala zwei Fragen zu beantworten. Ich gebe zwei ſehr dunkle, aber vielſagende Antworten; ich ſiegele ſie und gebe ſie Camillen, welche mich bittet, ſie am nächſten Tage nach einem Orte zu begleiten, den ſie mir nicht nen⸗ nen dürfe. Ich folge ihr; ſie führt mich ins Palais⸗Royal, wo ſie mich auf einer kleinen Treppe in die Gemächer der Frau Herzogin von Chartres*) bringt. Ich warte etwa eine Viertelſtunde, die Herzogin erſcheint und ſie erweiſt Camillen viele Liebkoſungen zum Danke dafür, daß ſie mich *) Von dieſer wird unter Anderm berichtet, daß ſie ſich einſt im Palais⸗Royal um acht Uhr Abends damit amuſirt, einen jun⸗ gen Holländer anzulocken, welchen ſie hübſch gefunden hatte. Der junge Mann wollte die Sache raſch abmachen, da er ſie für ein Freudenmüdchen hielt, worüber ſie ſich ſehr emport fühlte. Sie rief einen Schweizer herbei und gab ſich zu erkennen. Der Fremde wurde feſtgenommen und entſchuldigte ſich damit, daß ſie ihm mit ſehr freien Reden zu Leibe gegangen ſei. Er wurde losgelaſſen, und der Herzog von Orléans hielt ſeiner Frau eine ſehr ernſte Strafpredigt.“ Sehr bezeichnend für ſie iſt auch die Antwort, welche ihr Frau von Coislin in Folge eines gegen ſie gerichteten Angriffes ertheilte:„Madame, ſagte ſie, es iſt weder Herr von Melfort, noch Herr von Polignac: es iſt auch nicht der kleine Varennes und eben ſo wenig der Schauſpieler Grand⸗Pré; über⸗ haupt habe ich noch nicht die Erfahrung gemacht, daß man Geld braucht, um Liebhaber zu finden.“ ☛ — — 6 15 mitgebracht. Hierauf das Wort an mich richtend, nannte ſie mir mit edler, aber ſehr huldvollen Miene alle Schwie⸗ rigkeiten, welche ſie in den von mir ertheilten Antworten, die ſie in der Hand hielt, fände. Ich zeigte zuerſt einige Verlegenheit darüber, daß die Fragen von Ihrer Hoheit wä⸗ ren, ſodann ſagte ich, ich verſtände wohl, die Cabbala zu machen, aber ich verſtände nicht, ſie zu deuten; ſie müßte neue Fragen ſtellen, welche geeignet wären, die Antworten aufzuklären. Sie ſing ſogleich an, Alles aufzuſchreiben, was ſie nicht verſtand, und was ſie wiſſen wollte. Madame, Sie müſſen die Güte haben, die Fragen zu trennen, denn das cabbaliſtiſche Orakel beantwortet nicht zwei Fragen auf einmal. Nun gut, ſo ſtellen Sie ſelbſt die Fragen. Ihre Hoheit wird entſchuldigen, es muß Alles von Ih⸗ rer eigenen Hand geſchrieben ſein. Denken Sie ſich, Ma⸗ dame, daß Sie zu einem Geiſte ſprechen, welcher alle Ihre Geheimniſſe kennt. Sie begann nun ſieben bis acht Fragen aufzuſchreiben. Sie las dieſelben aufmerkſam und ſagte dann mit edlem und vertrauensvollem Ausdrucke: Mein Herr, ich möchte wohl ſicher ſein, daß Niemand erfährt, was ich hier aufge⸗ ſchrieben habe. Madame kann auf meine Ehre rechnen. Ich leſe aufmerkſam und ſehe, daß ihr Wunſch ver⸗ nünftig iſt; ich bin ſogar der Anſicht, daß, wenn ich dieſe Antworten in die Taſche ſtecke, ich Gefahr laufe, ſie zu ver⸗ lieren und mich bloßzuſtellen. Ich brauche nur drei Stun⸗ den, Madame, zu dieſer Arbeit, und ich will, daß Ihre Ho⸗ heit ruhig ſein ſoll. Wenn dieſelbe zu thun hat, ſo kann ſie mich allein laſſen, vorausgeſetzt, daß mich Niemand ſtört. Sobald ich zu Ende ſein werde, werde ich Alles verſiegeln, und Ihre Hoheit möge nur die Güte haben, mir zu ſagen, wem ich die Sache übergeben ſoll. Mir ſelbſt, oder Frau von Polignac, wenn Sie dieſe kennen.. Ja, Madame, ich habe die Ehre, ſie zu kennen. Die Herzogin übergab mir ein kleines Feuerzeug, ein Licht anzuzünden und entfernte ſich mit Camilla. Ich blieb allein und eingeſchloſſen, und nach drei Stunden, als ich eben geendet hatte, kam Frau von Polignac, holte das Paket ab, und ich ging weg. Die Herzogin von Chartres, Tochter des Prinzen von Conti, war ſechsundzwanzig Jahre alt. Sie hatte die Art Geiſt, welche eine Frau anbetungswürdig macht. Sie war lebhaft, ohne Vorurtheile, heiter, ſagte bon mots, liebte den Scherz und das Vergnügen, welches ſie einem langen Leben vorzog. Kurz und gut, waren die Worte, welche ſie be⸗ ſtändig im Munde führte. Sie war hübſch, aber hatte eine ſchlechte Haltung und machte ſich luſtig über Mareel, Lehrer der Grazie, welcher ſie bilden wollte. Sie tanzte mit vor⸗ wärts gebeugtem Kopfe und nach innen gekehrten Füßen, und nichts deſto weniger war ſie reizend. Leider hatte ſie einen Ausſchlag, der ihr ſehr ſchadete. Man ſuchte den Grund in der Leber, aber die Urſache lag im Blute und ſie ſtarb zuletzt daran, obwohl ſie dem Tode bis zum letz⸗ ten Augenblicke ihres Lebens trotzte.* Die Fragen, welche ſie meinem Orakel vorlegte, betra⸗ fen Herzensangelegenheiten; unter Anderm wollte ſie auch wiſſen, wie die Blätterchen, die ſie entſtellten, zu vertreiben wären. Mein Orakel war dunkel über alle Sachen, deren nähere Umſtände mir nicht bekannt waren; aber es war klar hinſichtlich der Krankheit, und dies machte ihr daſſelbe theuer und nothwendig. Am folgenden Tage nach Tiſche ſchrieb mir Camilla ein Billet, wie ich es erwartet hatte, und bat mich, Alles liegen zu laſſen, um mich um fünf Uhr Nachmittags im Palais⸗Royal in demſelben Kabinette einzufinden, wo ich am vorigen Tage geweſen war. Ich verſäumte dies nicht. Ein alter Kammerdiener, welcher mich erwartete, meldete mich ſogleich Nach einem anmuthigen Complimente zog ſie alle meine Antworten aus der Taſche und fragte mich, ob ich Ge⸗ ſchäfte hätte. Ighre Hoheit kann überzeugt ſein, daß ich nie ein drin⸗ eres Geſchäft haben werde, als ihr zu dienen. und fuͤnf Minuten darauf erſchien die reizende Prinzeſſin. ——— — 8= Z ,———=oe S ——— 1— So — Sehr wohl; ich werde auch nicht ausgehen, und wirr wollen arbeiten. 1 Hierauf zeigte ſie mir alle Fragen, welche ſie über ver⸗ ſchiedene Sachen, und namentlich über das Mittel, die Blät⸗ terchen zu vertreiben, aufgeſchrieben hatte. Mein Orakel 18 war ihr durch eine Sache wichtig geworden, welche Nie⸗ mand wiſſen konnte. Ich hatte eine Conjectur gemacht und richtig gerathen; hätte ich nicht gerathen, ſo wuͤrde es mir nichts geſchadet haben. Ich hatte an demſelben Uebel gelit⸗ ten und war Phyſiker genug, um zu wiſſen, daß eine durch topiſche Mittel erzwungene Heilung einer Hautkrankheit ihr den Tod geben konnte. 5 8 zu verſpüren wünſchte, und die Prinzeſſin gehorchte. Prinzeſſin dieſelbe mit einer glatten und gerötheten Haut beſuchte. Nach der Oper ging ſie ins Palais⸗Rohal ſpa⸗ ziren, begleitet von ihren erſten Damen und allgemein ge⸗ feiert. Sie bemerkte mich und beehrte mich mit einem Lä⸗ cheln. Ich war wirklich glücklich. Camilla, Herr von Mont⸗ fort und Frau von Polignac wußten allein, daß ich das Drakel der Prinzeſſin war, und ich erfreute mich meines . 3 Erfolgs. Aber am folgenden Tage kamen wieder einige Blätterchen auf dem ſchönen Teint der Prinzeſſin zum Vor⸗ ſcchein, und ſchnell erhielt ich den Befehl mich ins Palais Royhal zu verfügen.“ V. 2 Der alte Kammerdiener, welcher mich nicht kannte, fuhrte mich in ein köſtliches Boudoir, welches neben einem Kabinet lag, in dem eine Badewanne ſtand. Die Herzogin kam bald mit etwas trauriger Miene, denn ſie hatte Blät⸗ terchen auf der Stirne und dem Kinne. Sie hielt eine Frage an mein Orakel in der Hand, und da dieſelbe kurz war, ſo wollte ich ihr ſelbſt das Vergnügen machen, die Antwort zu finden. Die von der Prinzeſſin überſetzten Zah⸗ len warfen ihr vor, daß ſie die vorgeſchriebene Diät über⸗ ſchritten, und ſie gab zu, daß ſie Liqueure getrunken und Schinken gegeſſen; ſie war aber verwundert, daß ſie dieſe Antwort gefunden, da ſie nicht begriff, wie dieſelbe aus einer Reihe von Zahlen hatte hervorgehen können. Unter⸗ deß kam eine Kammerfrau, welche ihr einige Worte ins Ohr ſagte, und ſie befahl derſelben, einen Augenblick draußen zu warten; ſich ſodann gegen mich wendend, ſagte ſie: Sie werden es doch nicht übel nehmen, mein Herr, wenn einer unſerer Freunde, der eben ſo zartfühlend, wie höflich iſt, uns beſucht? Dies ſagend, beeilt ſie ſich alle Papiere, welche nicht auf ihre Krankheit Bezug hatten, in die Taſche zu ſtecken, ſodann ruft ſie hinaus. Ich ſehe einen Mann eintreten, welchen ich im eigent⸗ lichſten Sinne des Worts für einen Stallknecht hielt; es war Herr von Melfort. Sehen Sie, ſagte ſie, Herr Caſa⸗ nova hat mich die Cabbala gelehrt. Zugleich zeigte ſie ihm die Antwort, welche ſie gezogen. Der Graf glaubte es nicht. Wolan, ſagte ſie zu mir, wir müſſen ihn überzeugen! was wwoollen Sie, daß ich fragen ſoll? Alles, was Ew. Hoheit beliebt. Sie denkt einen Augenblick nach, und aus ihrer Taſche eine kleine Elfenbeinbüchſe ziehend, ſchreibt ſie: Sage mir, warum dieſe Pommade nicht mehr wirkt. Sie macht die Pyramide, die Columnen, die Schlüſſel, wie ich es ihr gelehrt, und als ſie dazu ſchreitet, die Ant⸗ wort zu ertheilen, zeige ich ihr Additionen, Subtractionen, welche aus den Zahlen ſelbſt hervorzugehen ſcheinen, und ₰ mwelche dennoch nur willkürlich waren; ſodann ſagte ich zu hr, ſie ſolle die Zahlen und Buchſtaben uͤberſetzen und ich 5 — ſcher ſich davor ekelte, nicht im Stande war, ihr e elich beizuwohnen; die arme Prinzeſſin zehrte ſich daher gehe hinaus, indem ich ſo thue, als ob ich ein Bedürfniß zu verrichten habe. Als ich glaube, daß die Ueberſetzung be⸗ endet iſt, kehre ich zurück, und finde die Prinzeſſin im hoch. ſten Grade erſtaunt. Ach, mein Herr, welche Antwort! Vielleicht eine falſche, aber das kann kommen, Ma⸗ dame. Falſch, mein Herr? eine göttliche Antwort! Sie lautet: Die Pommade wirkt nur auf die Haut eineye Frau, welche noch nicht geboren hat. —Ich finde dieſe Antwort nicht ſehr wunderbar. Das glaube ich, mein Herr; aber Sie wiſſen auch nicht, daß der Abbé de Broſſes mir dieſe Pommade vor fünf Jahren gab, und daß ſie mich damals heilte. Das war zehn Monate vor meiner Niederkunft mit dem Herzoge von Mont⸗ penſier. Ich würde Alles in der Welt darum geben, wenn ich dieſe göttliche Cabbala lernen könnte. Wie, ſagte der Graf, das iſt die Pommade, deren Ge⸗ ſchichte ich kenne? CEbhen die. Das iſt erſtaunlich. Ich möchte noch eine Frage in Betreff einer Frau thun, deren Namen ich nicht nennen mag. Sagen Sie die Frau, an welche ich denke. Nun ſtellte ſie die Frage: Welches iſt die Krankheit dieſer Frau? Sie macht die Operation und ich laſſe ſie die Antwort finden: Sie will ihrem Manne etwas aufbinden. Jetzt ſchrie die Herzogin laut auf. Es war ſehr ſpät und ich ſchickte mich an, wegzugehen, als Herr von Melfort, welcher mit Ihrer Hoheit ſprach, ſagte, wir könnten zuſammengehen. Wir gingen in der That zuſammen und er ſagte mir, daß die cabbaliſtiſche Antwort über die Pommade erſtaunlich wäre. Folgendes iſt die Geſchichte derſelben: Die Frau Herzogin, welche, wie Sie ſehen, hübſch iſt, hatte ſo viel Blätterchen im Geſichte, daß der⸗ Herzoge m wel⸗ 2* 20 vergeblichen Wunſche auf, Mutter zu werden. Der Abbé de Broſſes heilte ſie vermittelſt dieſer Pommade, und mit ihrem ſchönen Geſichte, welches glatt wie Atlas geworden war, begab ſie ſich in die Loge der Königin im Théaâtre- Français. Der Herzog von Chartres, welcher nicht wußte, daß ſeine Frau im Theater war, das ſie nur ſelten beſuchte, befand ſich gegenüber in der Loge des Königs. Er erkennt die Herzogin nicht, findet ſie ſchön und erkundigt ſich, wer ſie wäre; man ſagt es ihm; aber da er es nicht glaubt, verläßt er die Loge des Königs, begiebt ſich zu ſeiner Frau, becomplimentirt ſie und läßt ihr noch in derſelben Nacht ſeinen Beſuch ankündigen. Die Folge davon war, daß die Frau Herzogin neun Monate ſpäter mit dem Herzog von Montpenſier niederkam, welcher jetzt fünf Jahre alt iſt und ſich ſehr wohl befindet. Während ihrer Schwangerſchaft be⸗ hielt die Herzogin das ſchöne Geſicht; äls ſie aber nieder⸗ gekommen war, ſtellten ſich die Blätterchen wieder ein, und die Pommade hatte keine Wirkung mehr. Nachdem der Graf ſeine Erzählung beendet, zog er eine ſchöne Schildpattdoſe mit dem ſehr ähnlichen Portrait der Herzogin aus der Taſche und ſagte: Ihre Hoheit erſucht Sie, ihr Portrait anzunehmen, und wenn Sie es faſſen laſſen wollen, ſo bittet Sie ſte, dies anzunehmen: es war eine Rolle von hundert Louisd'ors. Ich nahm die Doſe und die hun⸗ dert Louisd'ors und erſuchte den Grafen, der Prinzeſſin meine ganze Dankbarkeit auszudrücken. Ich habe das Por⸗ trait niemals faſſen laſſen, denn ich bedurfte damals des Geldes zu etwas ganz Anderm. In der Folge erwies die Herzogin mir noch mehrmals die Ehre, mich rufen zu laſſen; aber von ihrer Heilung war keine Rede mehr; ſie war nicht im Stande die nöthige Diät zu beobachten. Zuweilen ließ ſie mich fünf bis ſechs Stunden bald in dieſem, bald in jenem Winkel arbeiten, wobei ſie ab und zuging, und mir durch den guten alten Diener, welcher den Mund nicht aufmachte, das Mittags⸗ oder Abendeſſen bringen ließ. Die Cabbala wurde nur wegen geheimer Geſchichten, die ſie kennen zu lernen wünſchte, befragt, und oft fand ſie 3 21 Wahrheiten, welche ich ſelbſt nicht kannte. Sie wünſchte dieſelbe von mir zu lernen; aber ſie drang deshalb nicht darauf, ſondern ſie ließ mir bloß durch Herrn von Melfort ſagen, daß ſie mir, wenn ich ihr mein Geheimniß lehren wollte, eine Anſtellung verſchaffen würde, die mir fünfund⸗ zwanzig Tauſend Francs Renten eintragen würde. Leider war die Sache nicht möglich. Ich liebte ſie bis zum Wahn⸗ ſinn, aber ich erlaubte mir nie, dies blicken zu laſſen: meine Eigenliebe hielt meine Liebe in Zaum. Ich fürchtete, daß ihr Stolz mich demüthigen könnte, und vielleicht hatte ich Unrecht. Was ich aber weiß, iſt, daß ich noch bereue, auf eine thörichte Furcht gehört zu haben. Ich erfreute mich allerdings mehrerer Vorrechte, deren ſie mich beraubt haben würde, wenn ſie meine Liebe gekannt hätte. Eines Tages wollte ſie durch meine Cabbala erfahren, ob der Krebs, welchen Madame de la Popelinière am Bu⸗ ſen hatte, geheilt werden könnte, und ich hatte die Launen⸗ haftigkeit ihr die Antwort zu geben, daß dieſe Dame keinen K Krebs habe und ſich ganz wohl befinde. Wie! rief ſie aus, ganz Paris glaubt es doch, und ſie veranſtaltet eine Con⸗ ſultation nach der andern! Indeß glaube ich der Cabbala. Als ſie den Herzog von Richelieu bei Hofe ſah, ſagte ſie zu ihm, ſie wäre ſicher, daß Madame de la Popelinière nicht krank wäre. Der Marſchall, welcher im Geheimniſſe war, antwortete ihr, ſie irre ſich; aber ſie ſchlug ihm eine Wette von 100,000 Francs vor. Ich zitterte, als die Her⸗ zogin mir dies mittheilte. Iſt er darauf eingegangen? fragte ich ängſtlich. Nein, es hat ihn in Erſtaunen geſetzt, und Sie wiſſen,. daß er es wiſſen muß. Drei oder vier Tage darauf erzählte ſie mir mit triumphirender Miene, Herr von Richelieu habe ihr geſtan⸗ den, daß der angebliche Krebs nur eine Liſt wäre, um das Mitleiden ihres Mannes zu erregen, zu welchem ſie zurück⸗ zukehren wünſchte,*) ſie fügte hinzu, der Marſchall habe *) Die Frau des als Mäzen aller Schriftſteller, Künſtler ꝛc. bekannten Finanzier de la Popelinière, deſſen Haus ſich auch Rouſſeau eröffnet hatte, litt nichts deſto weniger an dem erwähn⸗ ten Uebel. Die Erwähnung der durchbrochenen Mauer iſt richti 22 geäußert, daß er gern 1000 Louisd'ors bezahlen würde, um zu erfahren, wie ſie die Wahrheit entdeckt. Wenn Sie die⸗ ſelben gewinnen wollen, ſagte ſie zu ihm, ſo werde ich ihm Alles erzählen. Nein, nein, Madame, ich bitte Sie. Ich fürchtete in eine Falle zu gerathen. Ich kannte die Art des Marſchalls und das Abenteuer von dem Loche in der Wand, durch welches dieſer Herr zu der Dame ge⸗ langte, war in ganz Paris bekannt; und ſelbſt Herr de la Popelinièere hatte dazu beigetragen die Sache öffentlich zu machen, indem er ſich weigerte, ſeine Frau wieder auf⸗ zunehmen, welcher er eine Rente von jährlich 12,000 Fres. ausſetzte. Die Frau Herzogin von Chartres hatte über dies Er⸗ eigniß reizende Couplets gemacht; aber außer ihrer Coterie waren ſie nur dem Könige bekannt geworden, welcher die⸗ ſelbe ſehr liebte, obwohl ſie zuweilen auch auf ihn ihre Pfeile abſchloß. Eines Tages fragte ſie ihn z. B. ob es aandere Perſonen, betrachten das Gemälde, fangen an zu la⸗ chhen uund ſagen: Das iſt das Werk eines Schülers. Ich ſchielte nach meinem Bruder hin, der neben mir ſaß: er wahr wäre, daß der König von Preußen nach Paris kom⸗ men würde. Als ihr Ludwig XV. antwortete, daß das Gerücht nur eine müßige Erfindung wäre, erwiederte ſie: Das thut mir ſehr leid, denn ich vergehe vor Luſt einen Kö⸗ nig zu ſehen. Mein Bruder, welcher mehrere Gemälde vollendet hatte, entſchloß ſich, ſte Herrn von Marigni zu überreichen, und eines ſchönen Morgens begaben wir uns zu dieſem Herrn, welcher im Louvre wohnte, wo ihm alle Künſtler ihre Aufwartung machten. Wir ſtanden in einem an ſein Zimmer gränzenden Saale, und warteten, da wir zuerſt ge⸗ kommen waren, daß er herauskäme. Das Gemälde war aufgeſtellt: es war eine Schlacht im Geſchmacke Bour⸗ guignon's. Die erſte Perſon, welche vor dem Gemälde ſtehen bleibt, betrachtet es aufmerkſam und entfernt ſich mit den Wor⸗ ten: Es iſt ſchlecht. Einen Augenblick darauf kommen zwei „„ 23 ſchwitzte Blut und Waſſer. In weniger als einer Viertel⸗ ſtunde war der Saal mit Menſchen gefüllt, und das elende Gemälde war die Zielſcheibe des allgemeinen Spottes. Mein armer Bruder verging faſt und dankte Gott, daß ihn Nie⸗ mand kannte. Da ſeine geiſtige Stimmung mir Mitleid einflößte, ſo ſtand ich auf, um in einen andern Saal zu gehen und ſagte zu ihm, um ihn zu tröſten, Herr von Marigni würde kom⸗ men und ihm, wenn er ſein Gemälde gut fände, für die ihm angethane Schmach Genugthuung geben. Glücklicher Weiſe war dies nicht ſeine Anſicht, und ſchnell gehen wir weg, ſtei⸗ gen in einen Fiaker, kehren nach Hauſe zurück und befehlen unſerm Bedienten, das Gemälde abzuholen. Als das un⸗ glückliche Gemälde im Hauſe war, machte mein Bruder eine wirkliche Schlacht daraus, denn er durchbohrte es mit zwan⸗ zig Schwertſtichen. Er faßte den Entſchluß, ſeine Angele⸗ genheiten auf der Stelle zu ordnen, Paris zu verlaſſen und anderwärts eine Kunſt zu ſtudiren, welche er abgöttiſch liebte: wir beſchloſſen nach Dresden zu gehen. Zwei oder drei Tage, ehe ich das reizende Paris ver⸗ ließ, ſpeiſte ich allein bei dem Schweizer des Thores des Feuillans in Paris: er hieß Condé. Nach dem Eſſen über⸗ reichte mir ſeine Frau, welche ziemlich hübſch war, die Karte, wo jeder Artikel zu ſeinem doppelten Werthe berechnet war. Ich machte ihr dies bemerklich, aber ſie antwortete mit ent⸗ ſchloſſenem Tone, daß nicht ein Pfennig abzuhandeln wäre. Ich bezahlte, und da die Karte unten mit den Worten: Frau Condé quittirt war, ſo nahm ich die Feder und fügte hinter dem Namen Condé das Wort Labré hinzu, und ging weg, die Karte zurücklaſſend. Ich ſpazirte in einer Allee auf und ab, ohne an das Weib zu denken, welches mir das Fell über die Ohren ge⸗ zogen hatte, als ein kleiner Mann mit einer Kopfbedeckung à l'oiseau royal*), der in ſeinem Knopfloche ein ungeheu⸗ res Bouquet und an ſeiner Seite einen langen Flamberg trug, mich auf eine unverſchämte Weiſe anredet und ohn⸗ 4 *) Ein kleiner auf das Ohr geſtülpter Hut. weitere Bevorwortung zu mir ſagt, er habe Luſt, mir den Hals zu brechen. Sie kleiner Mann! Sie wollten alſo auf einen Schem⸗ mel ſteigen? Ich werde Ihnen die Ohren abſchneiden. Donnerwetter, mein Herr! Keinen bäuriſchen Zorn; Sie brauchen mir bloß zu folgen; Ihre Sache ſoll bald abgemacht ſein. Mit großen Schritten nahm ich die Richtung nach dem Sterne, und da ich hier Niemand erblicke, ſo frage ich ihn mit barſchem Tone, was er wolle und warum er mich an⸗ greife. Ich bin der Ritter von Talvis. Sie haben eine ehr⸗ liühe Frau beleidigt, welche ich beſchütze; ziehen Sie vom Leder. Dies ſagend, zieht er ſeinen langen Degen, ich den meinigen und mich auslegend ſtürze ich auf ihn los und verwunde ihn in die Bruſt. Er ſpringt zurück und ruft, ich hätte ihn auf eine ver⸗ rätheriſche Weiſe verwundet. Du lügſt, Bube, und geſtehe dies ein, oder ich jage Dir meinen Degen durch den Leib. Keineswegs, denn ich bin verwundet; aber ich werde Revanche fordern, und wir, wollen den Stoß beurtheilen laſſen. Elender Raufbold, wenn Du nicht zufrieden biſt, ſo ſchneide ich Dir die Ohren ab. Ich ließ ihn ſtehen, überzeugt, daß mein Stoß regel⸗ recht geweſen, da er vor mir den Degen gezogen, und wenn er ſich nicht ſogleich gedeckt hatte, ſo wäre es nicht meine Sache geweſen, ihn daran zu erinnern. Gegen die Mitte des Auguſt verließ ich Paris mit meinem Bruder. Ich hatte dieſe Stadt par excellence zwei Jahre bewohnt; ich hatte hier viel Vergnügen genoſſen und keine andere Unannehmlichkeit gehabt, als daß mir das Geld zuweilen ausging. Wir kamen durch Metz, Mainz und Frankfurt und langten am Ende des Monats in Dres⸗ den an. Meine Mutter nahm uns aufs Zärtlichſte auf und war entzückt, uns wiederzuſehen. Mein Bruder blieb vier ——„=»8— — 25 Jahre in dieſer hübſchen Stadt, beſtändig mit dem Studium ſeiner Kunſt beſchäftigt und in der berühmten kurfürſtlichen Gallerie die ſchönſten Schlachtengemälde der größten Meiſter copirend. Er kehrte nicht eher nach Paris zurück, als bis er ſicher war, der Kritik trotzen zu können: ich werde ſpäter erzählen, wie wir beide faſt zu gleicher Zeit dort ankamen. Bis dahin, theurer Leſer, wirſt Du ſehen, was abwechſelnd das Glück und Unglück für mich that. Das Leben, welches ich in Dresden bis Ende des Kar⸗ navals 1753 führte, bietet nichts Außerordentliches dar. Um den Schauſpielern und beſonders meiner Mutter einen Gefallen zu erweiſen, machte ich ein tragi⸗komiſches Stück, in welchem zwei Arlechins auftraten. Es war eine Paro⸗ die der frères ennemis von Racine. Der König lachte ſehr über die in meinem Drama enthaltenen komiſchen Wider⸗ ſprüche und ich bekam von ihm ein herrliches Geſchenk. Dieſer König war prachtliebend und verſchwenderiſch und wurde darin von dem berühmten Grafen von Brühl vor⸗ trefflich unterſtützt. Ich verließ dieſe Stadt bald darauf. Ich ließ daſelbſt meine theure Mutter, meinen Bruder und meine Schweſter, welche ſich mit Peter Auguſt, dem Kla⸗ vierlehrer des Hofes verheirathet hatte, zurück, der vor zwei Jahre geſtorben iſt und ſeine Witwe in gutem Wohlſtande und eine glückliche Familie hinterlaſſen hat. Mein Aufenthalt in Dresden wurde durch ein Liebes⸗ andenken bezeichnet, deſſen ich mich wie der andern durch eine ſechswöchentliche Cour entledigte. Ich habe oft die Be⸗ merkung gemacht, daß ich den größten Theil meines Lebens angewendet habe, um mich krank zu machen, und, wenn ich dieſes Ziel erreicht hatte, mich wiederherzuſtellen. Mir iſt ſowohl das Eine wie das Andere ſehr gut gelungen, und jetzt, wo ich mich in dieſer Beziehung einer ausgezeichneten Geſundheit erfreue, ſchmerzt es mich, daß ich mich nicht mehr krank machen kann; aber däs Alter, dieſe ebenſo grauſame wie unvermeidliche Krankheit nöthigt mich, mich wider meinen Willen wohl zu befinden. Das Uebel, von welchem ich ſpreche, und welches wir Italiäner thörichter Weiſe das 26 franzöſiſche Uebel nennen, während wir mit Recht auf die Ehre der erſten Importation Anſpruch machen konnten, ver⸗ kürzt das Leben nicht, obwohl es unverwiſchbare Spuren hinterläßt. Dieſe mit Freuden gewonnenen Wunden, welche vielleicht weniger ehrenvoll ſind, als die, welche man in den Kämpfen des Mars davon trägt, ſollten kein Bedauern hin⸗ terlaſſen. In Dresden hatte ich oft Gelegenheit den König zu ſehen, welcher den Grafen von Bruͤhl liebte, weil dieſer das Geheimniß beſaß, theils noch verſchwenderiſcher zu ſein als ſein Herr, theils demſelben Alles möglich zu machen. Nie war ein Monarch ſo ſehr Feind der Sparſamkeit wie er; er lachte über diejenigen, welche ihn beſtahlen, und gab viel Geld aus, um Gelegenheit zum Lachen zu erhal⸗ ten. Da er nicht Geiſt genug hatte, um über die Dumm⸗ heit der andern Herrſcher und die Lächerlichkeiten des Men⸗ ſchengeſchlechts zu lachen, ſo hatte er vier Spaßmacher in ſeinen Dienſten, welche in Deutſchland Narren genannt wer⸗ den, obwohl dieſe entwürdigten Weſen mehr Geiſt haben als ihre Herren*). Indeß gewinnen dieſe Narren oft ſo viel Einfluß auf den Geiſt ihrer Herren, daß ſie fuͤr die Perſonen, deren ſie ſich annehmen, oft bedeutenden Begünſtigungen erlangen, weshalb ſie auch in den angeſehenſten Familien gut aufge⸗ nommen werden. Welchen Mann treibt wohl die Noth nicht zu Gemeinheiten? Sagt nicht Agamemnon bei Homer, daß ſie oft in der Lage ſeien, ſolche begehen zu müſſen? und dieſe Herren lebten lange vor uns! Das ſcheint wohl dafür zu ſprechen, daß die Menſchen zu allen Zeiten durch denſel⸗ ben Hebel, den Eigennutz, in Bewegung geſetzt werden. Man thut Unrecht, den Grafen Brühl als den Ruin Sach⸗ ſens zu betrachten, denn er war nur der getreue Vollſtrecker der Willenserklärungen und Neigungen ſeines Herrn. Seine Kinder, welche arm geblieben ſind, rechtfertigen hinlänglich das Andenken ihres Vaters. *) Das Inſtitut der Hofnarren beſtand in der That da⸗ mals noch.. ——-e=--—„ —+——— 0⸗8B- 27 Dresden enthielt damals den glänzendſten Hof in Eu⸗ ropa*), und die Künſte blühten daſelbſt; aber es gab dort keine Galanterie, denn der König Auguſt war nicht galant, und die Sachſen ſind nicht geeignet es zu ſein, wenn ihnen nicht der König mit dem Beiſpiele vorangeht. In Prag angekommen, wo ich nicht beabſichtigte mich aufzuhalten, überbrachte ich dem Opernunternehmer Loca⸗ telli einen Brief und beſuchte ſodann Madame Morelli, eine alte Bekannte, welche ich liebte, und welche mir zwei oder drei Tage lang Alles erſetzte. Als ich im Begriffe war abzureiſen, begegnete ich auf der Straße meinem Freunde Fabris, der damals Oberſt geworden war, und der mich nöthigte mit ihm zu ſpeiſen. Nachdem ich ihn umarmt, ſtellte ich ihm vergeblich vor, daß ich abreiſen müßte. Sie werden, ſagte er, dieſen Abend mit einem meiner Freunde abreiſen und die Schnellpoſt noch einholen. Ich mußte nach⸗ geben und hatte Urſache, mich deſſen zu freuen, denn wir verbrachten den Reſt des Tages auf eine ſehr angenehme Weiſe. Fabris ſehnte ſich nach dem Kriege und ſeine Wünſche wurden zwei Jahre ſpäter erfüllt; er erwarb ſich in dem⸗ ſelben großen Ruhm. Ich muß ein Wort von Locatelli ſagen. Er war ein origineller Charakter, welchen kennen zu lernen ſich der Mühe lohnte. Er aß alle Tage an einer Tafel von dreißig Ge⸗ decken, und ſeine Gäſte waren ſeine Schauſpieler, Schau⸗ ſpielerinnen, Tänzer, Tänzerinnen und einige Freunde. Er präſidirte auf eine anſtändige Weiſe bei herrlichen Mahlzei⸗ ten, welche er veranſtaltete, denn ſeine Leidenſchaft war gut zu eſſen. Wenn ich zu meiner Reiſe nach Petersburg, wo ich ihn traf, gekommen ſein werde, werde ich Gelegenheit haben, von ihm zu ſprechen: er iſt daſelbſt vor Kurzem im Alter von neunzig Jahren geſtorben. *) Die Ausſtattung eines einzigen Ballets vor dem ſieben⸗ jährigen Kriege koſtete 36,000 Thlr., und im Adreß⸗Kalender wa⸗ ren 175 zum Hoftheater gehörige Perſonen aufgeführt. 28 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Mein Aukenthalt in Mien.— Joſeph II.— Meine Abreiſe nach Venedig. Da bin ich alſo zum erſtenmale in der Hauptſtadt Oeſterreichs, achtundzwanzig Jahre alt, gut ausgerüſtet mit Effekten, aber etwas ſpärlich mit Geld verſehen, was mich bis zum Eintreffen eines auf Herrn von Bragadino gezoge⸗ nen Wechſels nöthigte, meine Ausgaben abzumeſſen. Der einzige Empfehlungsbrief, welchen ich hatte, war von dem Dichter Migliavacca aus Dresden an den berühmten Me⸗ taſtaſio, den kennen zu lernen ich vor Begierde brannte. Ich überbrachte ihm denſelben den Tag nach meiner Ankunft und nach einer einſtündigen Unterhaltung fand ich ihn ge⸗ lehrter, als ſeine Werke erwarten laſſen. Metaſtaſio war überdies ſo beſcheiden, daß ich dieſe Beſcheidenheit zuerſt nicht für natürlich hielt; aber ich überzeugte mich bald, daß die⸗ ſelbe ächt war, denn wenn er etwas von ſeinen Produktionen vorlas, ſo machte er zuerſt mit derſelben Einfachheit auf die hervorſtechenden Sachen und die Schoöͤnheiten aufmerkſam, mit der er auf die ſchwachen Stellen hinwies. Ich ſprach mit ihm von ſeinem Lehrer Gravina, und bei dieſer Gele⸗ genheit recitirte er mir fünf oder ſechs Stanzen, welche er auf ſeinen Tod gemacht, und welche noch nicht gedruckt wa⸗ ren. Bewegt durch die Erinnerung an den Verluſt ſeines Freundes und durch die Süßigkeit ſeiner eigenen Verſe, füll⸗ ten ſeine Augen ſich mit Thränen, und als er geendet, ſagte er zu mir mit dem Tone wahrhaft rührender Gutmüthig⸗ keit: Dite mi il vero; si puè dir meglio?*) Ich erwie⸗ derte, daß er allein entſcheiden könnte, ob die Sache un⸗ möglich wäre. Als ich ihn hierauf gefragt, ob die ſchönen. Verſe ihm viel Mühe koſteten, zeigte er mir vier bis fünf ſtark radirte Seiten, welche er gebraucht, um vierzehn voll⸗ *) Sagen Sie mir die Wahrheit; kann man ſich wohl beſſer ausdrücken. 3 ———; 29 kommene Verſe zu machen, und er verſicherte mir, daß er keinen Tag mehr machen könnte. Er beſtätigte mir eine Wahrheit, welche mir ſchon bekannt war, daß nämlich die Verſe, welche einem Dichter die meiſte Mühe koſten, gerade diejenigen ſind, welche die Mehrzahl der Leſer für leicht hin⸗ geworfen hält. Welche Ihrer Opern, fragte ich, iſt Ihnen am liebſten? Attilio Regolo, ma questo non vuol gia dire che sia il migliore.**) In Paris hat man alle Ihre Werke in franzöſiſche Proſa überſetzt; aber der Vuchhändler hat ſich zu Grunde gerichtet, denn es iſt nicht möglich ſie zu leſen; das beweiſt den Schwung und die Kraft Ihrer Poeſie. Vor mehreren Jahren richtete ſich ein anderer Dumm⸗ kopf zu Grunde, indem er die ſchönen Verſe des Arioſt in franzöſiſche Proſa überſetzte. Ich lache über alle diejenigen, welche glauben, daß ein Werk in Proſa für ein Gedicht gelten kann. Ich glaube es ebenfalls. Und Sie haben Recht. Er ſagte hierauf, daß er nie eine Arie gemacht, ohne ſie in Muſik zu ſetzen, daß er aber gewöhnlich ſeine Muſik Niemand zeige. Die Franzoſen, fügte er hinzu, ſind komiſch, wenn ſie glauben, daß man Verſe einer ſchon fertigen Mu⸗ ſik anpaſſen kann. Und bei dieſer Gelegenheit machte er den ſehr philoſophiſchen Vergleich: Das iſt gerade ſo, als ob einer zu einem Bildhauer ſagen wollte: Hier iſt ein Marmorblock. machen Sie daraus eine Venus, deren Phyſiognomie zu er⸗ kennen iſt, ehe Sie noch ihre Züge ausgearbeitet haben. Als ich die kaiſerliche Bibliothek beſuchte, traf ich dort zu meiner Ueberraſchung de la Haye mit zwei Polen und einem jungen Venetianer, welchen ſein Vater ihm anvertraut hatte, um ſeine Erziehung zu vollenden. Ich glaubte, er wäre in Polen, und da das Zuſammentreffen mit ihm in⸗ tereſſante Erinnerungen in mir weckte, ſo war es mir an⸗ ⸗ *) Attilius Regulus; aber das will noch nicht ſagen, daß es das Beſte iſt. genehm. Ich umarmte ihn mehrmals aus vollem Herzen. Er ſagte, er wäre Geſchäfte halber in Wien und er würde im Laufe des Sommers nach Venedig kommen. Wir ſtat⸗ teten uns gegenſeitig Beſuche ab, und da ich ihm geſagt, daß mir das Geld auszugehen anfange, ſo lieh er mir funfzig Ducaten, welche ich ihm bald darauf wiedererſtattete. Er theilte mir mit, daß ſein Freund Bavois ſchon Obriſt⸗ Lieutenant im venetianiſchen Dienſte wäre, und dieſe Nach⸗ richt verurſachte mir eine angenehme Freude. Derſelbe hatte das Glück gehabt, von Herrn Moroſini zum General⸗ Adjutanten erwählt zu werden, der, nachdem er von ſeiner Geſandtſchaft in Frankreich zurückgekommen, zum Gränz⸗ Kommiſſar ernannt worden war. Ich war erfreut, zwei Menſchen glücklich zu wiſſen, welche mich als die erſte Ver⸗ anlaſſung ihres Glückes betrachten mußten. In Wien er⸗ fuhr ich ganz ſicher, daß de la Haye Jeſuit war; aber man durfte mit ihm nicht davon ſprechen. Da ich nicht wußte, wo ich hingehen ſollte, und mich zu beluſtigen wünſchte, ſo beſuchte ich die Probe der Oper, welche nach Oſtern gegeben werden ſollte und fand hier als erſten Tänzer Bodin, welcher die ſchöne Jeoffroi geheirathet und welchen ich ſchon in Wien geſehen hatte. Ich fand hiier auch Campioni, den Mann der ſchönen Ancilla. Er aagte, er wäre gezwungen geweſen, ſich ſcheiden zu laſſen, weil ſie ihn zu öffentlich entehrt hätte. Dieſer Cam⸗ pioni war großer Tänzer und großer Spieler: ich miethete mich bei ihm ein. In Wien war Alles ſchön; es gab daſelbſt viel Geld und großen Lurxus; aber die Frömmelei der Kaiſerin machte die Freuden Cytherens ſchwer zugänglich, namentlich fuͤr Fremde. Eine Legion gemeiner Spione, welche mit dem ſchönen Namen Keuſchheits⸗Kommiſſarien geziert wurden, verfolgten alle Keudenmäeheneeu die unbarmherzigſte Weiſe. Die Kaiſerin eenicht die erhabene Tugend der Duldung, wenn es ſich von ungeſetzlicher Liebe handelte, und da ſie eine große Frömmlerin war, ſo glaubte ſie ſich ein großes Verdienſt bei Gott zu erwerben, wenn ſie die naturlichſte Neigung beider Geſchlechter aufs ſchärfſte verfolgte. Nacha 8*— N 8 31 dem ſie das Regiſter der Todſünden in ihre kaiſerlichen Hände genommen, glaubte ſie, über ſechs hinwegſehen zu können, und nur der Wolluſt zu Leibe gehen zu müſſen, welche ihr unverzeihlich erſchien. Es iſt möglich, ſagte ſie, den Stolz zu verkennen, denn die Würde trägt deſſen Livree. Der Gei iſt allerdings abſcheulich, aber man kann ſich leicht täuſchen, denn er ſieht der Sparſamkeit ähnlich. Der Zorn iſt frei⸗ lich in ſeiner Uebertreibung eine tödtliche Krankheit; aber der Todſchlag wird mit dem Tode beſtraft. Die Gefräßig⸗ keit kann Feinſchmeckerei ſein, und dieſe gilt in der guten Geſellſchaft als Tugend; überdies ſteht ſie im Bunde mit dem Appetit und deſto ſchlimmer für den, der an Unver⸗ daulichkeit ſtirbt. Was den Neid betrifft, ſo iſt dieſer eine gemeine Leidenſchaft, welche nie eingeſtanden wird; wollte ich außer dem Gifte, welches denſelben verzehrt, noch eine Strafe über denſelben verhängen, ſo müßte ich meinen ganzen Hof auf die Folter legen laſſen; und was die Faulheit betrifft, ſo findet ſie ihre Strafe in der Langenweile. Mit der Un⸗ enthaltſamkeit verhält es ſich dagegen anders; meine keuſche Seele kann ihr nicht verzeihen, und ich erkläre ihr offen den Krieg. Meine Unterthanen mögen alle Frauen ſchön finden, die ihnen ſo erſcheinen, und die Frauen mögen thun, was ſie wollen, um ſchön zu ſcheinen; aber ich dulde nicht, daß die Begierde, von denen die Erhaltung des Menſchengeſchlechts abhängt, anders als in einer geſetzmäßigen Ehe befriedigt werde. Man wird alſo alle die Unſeligen, welche vom Han⸗ del mit ihren Liebkoſungen und den ihnen von der Natur verliehenen Reizen leben, nach Temeswar ſchicken. Ich weiß, daß man hinſichtlich dieſes Artikels in Rom ſehr nachſichtig iſt, und daß, um ein größeres Verbrechen zu hindern, wel⸗ ches man nicht hindert, jede Eminenz ihre Maitreſſe hat; aber in Rom macht man dem Klima Konzeſſionen, welche hier, wo die Flaſche und die Pfeife die Stelle aller andern Vergnügungen vertreten,(die gekrönte Frau hätte auch die Tafel noch hinzufügen können, denn die Oeſterreicher ſind als fuͤrchterliche Eſſer berühmt) nicht zu machen brauchte. Ich werde eben ſo wenig die häusliche Liederlichkeit ſchonen; denn ſobald ich erfahre, daß eine Frau ihrem Manne unge⸗ treu wird, werde ich ſie einſperren laſſen, mag man ſagen, was man wolle und mag man immerhin behaupten, daß der Mann allein Herr ſeiner Frau iſt, da dieſe Vorausſet⸗ zung in meinem Staate nicht gelten kann, wo die Männer zu träge ſind. Ich werde fanatiſchen Ehemännern die Frei⸗ heit laſſen, ſo viel zu ſchreien wie ſie wollen und ſich zu beklagen, daß ich ſie entehre, indem ich ihre Frauen be⸗ ſtrafe; durch die Thatſache der Untreue ſind ſie ſchon entehrt. Aber, Madame, die Entehrung tritt erſt durch die That⸗ ſache der Oeffentlichkeit in Wirkſamkeit: übrigens können Sie auch betrogen werden, obſchon ſie eine Kaiſerin ſind. Ich weiß es; aber ſchweigen Sie, denn ich erkenne Ih⸗ nen nicht das Recht zu, mir zu widerſprechen. Dieſe Schlußfolgerung hatte Maria Thereſia machen müſſen, und trotz des Prinzips der Tugend, welche ſie dazu gebracht hatte, war dieſelbe die Veranlaſſung aller Nieder⸗ trächtigkeiten geworden, welche die ſchändlichen Keuſchheits⸗ Kommiſſarien ungeſtraft in ihrem Namen begingen? Die jungen Mädchen, welche allein gingen und welche oft aus⸗ gingen, um ihrem ehrlichen Lebensunterhalte nachzugehen, wurden zu allen Tageszeiten und in allen Straßen Wiens aufgegriffen; denn wie konnte man wohl wiſſen, ob ein Mädchen zu Jemand ging, um ſich tröſten zu laſſen oder Jemand ſuchte, der ſi tröſten könnte? Die Sache war ſchwierig. Ein Spion folgte den Mädchen von weiten. Da die Polizei einen ganzen Schwarm ſolcher unterhielt, und da dieſe Schurken keine Uniform trugen, ſo konnte man ſie nicht erkennen. Deshalb mißtraute man auch allen Män⸗ nern, die man nicht kannte.* Wenn ein Mädchen in ein Haus trat, ſo wartete der Spion, der ihr gefolgt war, an der Thür und hielt ſte oft 3 beim Hinausgehen an, um ſie auszufragen. Wenn die arme Unglückliche eine verlegene Miene hatte, wenn ſtie zögerte, dem Spione auf eine befriedigende Weiſe zu antworten, ſo fhrte der Hallunke ſie ins Gefängniß, und begann damit, ddaß er ihr ihr Geld und ihre Koſtbarkeiten abnahm, welche nie wieder zu erlangen waren. Wien war in dieſe r Bezie⸗ S —+₰ u 8 u W —₰ — N 33 hung ein wahres Raubneſt privilegirter Spitzbuben. In der Leopoldſtadt begegnete es mir einſt in einem Tumulte, daß mir ein Mädchen heimlich eine goldene Uhr zuſteckte, um 3 dieſelbe dem Spione zu entziehen, welcher ſie verfolgte und ins Gefängniß führte. Ich kannte das arme Mädchen nicht, welches ich glücklicher Weiſe nach einem Monate wiederſah. Sie war hübſch und hatte ihre Freiheit mit mehr als einem Opfer erkauft; ich war erfreut, ihr ihre Uhr wiedergeben zu können, und obwohl ſie ſchon der Mühe werth war, for⸗ derte ich keinen Lohn meiner Treue. Das einzige Mittel, welches die Mädchen hatten, ſich der Beläſtigung zu entzie⸗ hen, beſtand darin, daß ſie mit geſenktem Haupte und dem Roſenkranz in der Hand über die Straße gingen; denn dann durfte die niederträchtige Brut nicht wagen, ſie ohne Weite⸗ res zu verhaften, weil ſie ja in die Kirche gehen konnten; und in dieſem Falle würde Maria Thereſia den Kommiſſa⸗ rius haben hängen laſſen. Dieſes Gezuͤcht machte den Fremden den Aufenthalt in Wien ſehr unangenehm, denn es war kaum möglich das ge⸗ ringſte Bedürfniß zu befriedigen, ohne Quälereien fürchten zu müſſen. Ich war erſtaunt, als mich einſt, während ich in einer ſehr engen Straße ſehr nahe an einer Mauer ſtand, ein Lump mit rother Perrücke anredete und mir ſagte, er würde mich verhaften laſſen, wenn ich mich nicht wo an⸗ dershin ſcheerte. Und weshalb, wenn es Ihnen beliebt?— Weil links von Ihnen eine Frau iſt, welche Sie ſe⸗ hen kann. Ich erhebe den Kopf und ſehe im vierten Stocke eine Frau, welche, mit einem Mikroſcope bewaffnet, leicht erken⸗ nen konnte, ob ich Jude oder Chriſt war. Ich gehorchte lachend und erzählte das Abenteuer über⸗ all; aber Niemand wunderte ſich darüber, denn das ereig⸗ nete ſich hundertmal des Tages. Um die Sitten zu ſtudiren, aß ich bald hier, bald da. Als ich einſt mit Campioni im Gaſthofe zum Krebſe zu Mittag ſpeiſte, erblickte ich zu meiner nicht geringen Ver⸗ wunderung an der läble-d'hôte denſelben Pepe il cadetto, V. 3 welchen ich während meiner Gefangenſchaft in der ſpaniſchen Armee, ſodann in Venedig und endlich in Lyon als Joſeph Marcati geſehen hatte. Campioni, welcher ſein Aſſocié in Lyon geweſen war, umarmte ihn, ſprach mit ihm im Ge⸗ heimen und ſagte zu mir, der Herr habe ſeinen wahren Na⸗ men wieder angenommen und heiße Graf Affliſio. Er ſagte ferner zu mir, man würde nach Tiſche eine Pharao⸗ bank legen, bei welcher ich betheiligt werden ſollte, weshalb man mich bäte, nicht zu ſpielen. Ich ging auf den Vor⸗ ſchlag ein. Affliſio gewann: ein Capitain Namens Beccaria, warf ihm die Karten an den Kopf, ein Scherz, an welchen der angebliche Graf ſchon gewöhnt war, und welcher unbe⸗ merkt vorüberging. Nach dem Spielhauſe gingen wir in ein Kaffeehaus, wo ein Offizier von gutem Ausſehen, mich ſcharf anſah, und zu lächeln anfing, aber auf eine Weiſe, welche nichts Beleidigendes hatte. Mein Herr, fragte ich höflich, was lachen Sie? Ueber Sie, antwortete er, weil ich ſehe, daß Sie ſich nicht auf mich beſinnen. Es iſt mir ſo, als ob ich ſchon die Ehre gehabt, mit Ihnen zu ſprechen, aber ich kann nicht ſagen wo. Vor neun Jahren führte ich Sie auf Befehl des Für⸗ ſten Lobkowitz vor das Thor von Rimini. Sie ſind der Baron Vais? Der bin ich. Wir umarmten uns; er machte mir ſodann Freund⸗ ſchaftsanerbietungen und verſprach mir, mir in Wien alle Vergnügungen zu verſchaffen, die nur in ſeiner Macht ſtän⸗ den. Ich hütete mich wohl, dies abzulehnen und an dem⸗ ſelben Abend ſtellte er mich einer Gräfin vor, bei welcher ich die Bekanntſchaft des Abbé Teſtagroſſa machte, welcher Dickkopf genannt wurde. Er war Miniſter des Herzogs und blieb bei Hofe, weil er die Hochzeit des Erzherzogs mit Beatrice von Eſte vermittelt hatte. Ich machte hier auch die Bekanntſchaft des Grafen Rockendorf, des Grafen Saro⸗ tin und mehrerer adelige Damen, welche nur Fräulein ge⸗ nannt wurden, ſowie einer Baronin, welche ſchon Manches mitgemacht haite, welche aber noch gefallen konnte. Wir —— — —y —ͤSS—————, 36— —= 2 — 35 ſpeiſten zu Abend und man machte mich zum Baron. Ich mochte noch ſo oft ſagen, daß ich es nicht wäre und keinen Titel hätte. Sie müſſen doch etwas ſein, antwortete man mir, und können nicht weniger als Baron ſein. Sie müſ⸗ ſen ſich ſchon darein ergeben es zu ſein, wenn Sie in Wien irgendwo zugelaſſen werden wollen. . Gut, ſo will ich Baron ſein, da die Sache nichts zu bedeuten hat. Der Baron machte mir bald begreiflich, daß ſie mich nach ihrem Geſchmacke fände, und daß es ihr angenehm ſein würde, wenn ich ihr den Hof machte; ich machte ihr ſchon am folgenden Tage einen Beſuch. Wenn Sie das Spiel lieben, ſagte ſie, ſo kommen Sie Abends. Ich machte hier Bekanntſchaft mit mehren Spielern und drei oder vier Fräu⸗ lein, welche ſich ohne Furcht vor den Keuſchheits⸗Kommiſ⸗ ſarien dem Dienſte der Venus geweiht hatten, und welche ihrem Adel nicht zu ſchaden fürchteten, wenn ſie kleine Be⸗ lohnungen für ihre Gefälligkeiten annähmen. Meiner An⸗ ſicht nach beläſtigten die Kommiſſarien nur diejenigen, welche nicht gute Häuſer beſuchten. Nachdem die Baronin mir geſagt, daß ich ihr gute Freunde vorſtellen könnte, führte ich den Baron Vais, Cam⸗ pioni und Affliſio zu ihr. Der letztere ſpielte, hielt die Bank, gewann, und Tramontini, deſſen Bekanntſchaft ich ge⸗ macht, ſtellte ihn ſeiner Frau vor, welche Madame Taſt genannt wurde, und durch ihre Vermittelung machte AUffliſio die ausgezeichnete Bekanntſchaft des Fürſten von Sachſen⸗ Hildburghauſen. Dies wurde der Anfang des großen Ver⸗ mögens dieſes fabrizirten Grafen, denn Tramontini, welcher ſein Aſſocié bei allen großen Spielpartieen geworden war, bewirkte, daß ſeine Frau den Herzog bewog, ihm den Grad eines Capitains im Dienſte Ihrer kaiſerlichen und königli⸗ chen Majeſtäten ertheilen zu laſſen. Drei Wochen darauf trug Affliſio die Uniform und das unterſcheidende Kennzei⸗ chen dieſes Grades. Als ich von Wien abreiſte, war er im Beſitze von 100,000 Gulden. Ihre Majeſtäten liebten das Spiel, aber ſie pointirten nicht. Der Kaiſer ließ eine Bank halten. Er war ein guter, prachtliebender und ſparſamer — Fürſt. Ich erblickte ihn in großem kaiſerlichem Koſtuüm und war nicht wenig erſtaunt, ihn ſpaniſch gekleidet zu ſehen. Ich bildete mir ein, Karl V. zu ſehen, der dieſe noch beſte⸗ hende Etikette eingeführt hatte, obwohl nach ihm kein an⸗ derer Kaiſer König von Spanien geweſen war und Franz J. nichts mit dieſer Nation gemein hatte. In Polen fand ich ſpäter bei der Krönung von Sta⸗ nislaus Auguſtus Poniatowski dieſelbe Laune und die alten Woiwoden weinten vor Aerger über dieſes Koſtüm; aber ſte mußten gute Miene zum böſen Spiele machen, denn unter dem ruſſiſchen Deſpotismus blieb ihnen nichts weiter übrig, als ſich in Geduld zu faſſen. Der Kaiſer Franz I. war ſchön, und ſeine Phyſiogno⸗ mie würde mir im Bauernrocke wie im Purpur gefallen haben. Er hatte für ſeine Frau alle möglichen Rückſichten und er hinderte ſie nicht, den Staat in Schulden zu ſtür⸗ zen, weil er die Kunſt verſtand, der Gläubiger deſſelben zu werden. Er war galant, und die Kaiſerin, welche ihn im⸗ mer ihren Herrn nannte, verbarg ihren Aerger darüber, denn ſie wollte nicht, daß man glauben könnte, ihre Reize reichten nicht mehr hin, um ihren erhabenen Gatten zu feſ⸗ ſeln, und ſie wollte dies um ſo weniger, als die Schönheit ihrer zahlreichen Familie allgemein bewundert wurde. Alle Erzherzoginnen mit Ausnahme der älteſten, ſchienen mir ſchön; aber unter ihren Söhnen, von denen ich nur den älteſten gut zu beobachten Gelegenhelt hatte, ſchien mir die⸗ ſer eine unglüͤckliche Phyſiognomie zu haben, trotz der ent⸗ gegengeſetzten Meinung des Abbé Dickkopf, welcher Phyſio⸗ gnomiſt zu ſein glaubte. Was leſen Sie, fragte er mich einſt, auf der Phyſiognomie dieſes Fürſten? Anmaßung und Selbſtmord. Ich war Prophet, denn Joſeph II. hat ſich poſitiv, ob⸗ wohl ohne es zu beabſichtigen, ſelbſt getödtet und die An⸗ maßung hinderte ihn, es gewahr zu werden. Er hätte es wiſſen müſſen, aber die Kenntniſſe, welche er bei ſich vor⸗ ausſetzte, zerſtörten diejenigen, welche er wirklich hatte. Er ſprach beſonders gern mit Perſonen, welche ihm nicht ant⸗ worten konnten, weil ſie entweder durch ſeine Reden geblen⸗ —— 8 W G N F N V R R S88 37 det waren, oder weil ſie ſich ſo ſtellten; aber er behandelte alle diejenigen als Pedanten, und vermied ſie, welche durch richtige Folgerungen das ſchwache Gerüſt ſeiner Behauptun⸗ gen einſtürzten. Vor ſieben Jahren kam ich mit ihm in Luxemburg zuſammen; er ſprach mit gerechtem Hohne von Jemand, der für vieles Geld und Selbſtwegwerfung ein elen⸗ des Pergament eingetauſcht hatte; und bei dieſer Gelegenheit ſagte er zu mir: Ich verachte alle diejenigen, welche den Adel kaufen. Das iſt ſehr richtig; aber was ſoll man von denen denken, welche ihn verkaufen? Naach dieſer Frage drehte er mir den Rücken zu und hielt mich nicht mehr für werth, mit mir zu ſprechen. Die Leidenſchaft dieſes Fürſten war, diejenigen, welche ihm in Geſellſchaft zuhörten, wenn er etwas erzählte, auf⸗ richtig oder erkünſtelt lachen zu ſehen; denn er erzählte hübſch und führte die einzelnen Umſtände einer Anekdote auf eine komiſche Weiſe aus; aber er hielt alle, welche nicht über ſeine Späße lachten, für Dummköpfe, und das waren gerade diejenigen, welche ſie am beſten verſtanden. Er zog den Rath Brambilla's, welcher ihn aufforderte, ſich zu tödten, dem der Aerzte vor, welche ihn vernünftig behandelten. Uebri⸗ gens hat ihm Niemand Unerſchrockenheit abgeſtritten, aber von der Kunſt zu regieren hatte er keine Idee, weil er nicht die ge⸗ ringſte Kenntniß des menſchlichen Herzens hatte, und nicht verſtand, ſeine Abſichten zu verbergen oder ein Geheimniß zu bewahren; er hatte ſo wenig gelernt, ſeine Phyſiognomie zu beherrſchen, daß er nicht einmal verbergen konnte, daß es ihm Vergnügen machte zu ſtrafen; und wenn er Jemand ſah, deſſen Züge ihm nicht gefielen, ſo ſchnitt er jedesmal ein Geſicht, was ihm durchaus nicht gut ſtand.. Joſeph II. erlag einer wirklich grauſamen Krankheit, denn er behielt bis zu ſeinem Ende ſeinen vollen Verſtand und er wußte zugleich, daß ſein Tod unvermeidlich war, Dieſer Fürſt erlebte das Unglück, Alles, was er gethan, be⸗ reuen zu müſſen, und es nicht ändern zu können, theils, weil die meiſten Sachen nicht wieder gut zu machen waren, theils weil er ſich zu entehren geglaubt hätte, wenn er mit Vernunft geändert hätte, was er aus Unvernunft angeord⸗ net hatte; denn bis zu ſeinem letzten Augenblicke bewahrte er das Gefühl der mit ſeiner Geburt verbundenen Unfehl⸗ barkeit trotz des hinfälligen Zuſtandes ſeines Geiſtes, wel⸗ cher ihn zum Gedanken der Schwäche ſeiner Natur hätte hinführen ſollen. Er hatte die größte Achtung vor ſeinem Bruder, welcher jetzt an ſeiner Stelle regiert; und nichts⸗ deſtoweniger hatte er nicht den Muth, die Rathſchläge zu be⸗ folgen, welche ihm dieſer ertheilte. In einer großartigen Anwandlung gab er dem Arzte, einem geiſtreichen Manne, welcher ihm ſein Todesurtheil verkündete, eine große Beloh⸗ nung; aber aus einer entgegengeſetzten Schwäche hatte er einige Monate fruͤher die Aerzte und den Charlatan belohnt, welche ihm ſeine Heilung verkündet hatten. Er hatte auch das Unglück zu wiſſen, daß er nach ſeinem Tode nicht be⸗ dauert werden würde, ein Gedanke, der namentlich für einen Herrſcher ſehr niederſchlagend ſein muß. Seine Nichte, welche er ſehr liebte, ſtarb vor ihm, und wäre er von den Perſonen ſeiner Umgebung geliebt worden, ſo würde man ihm dieſe herzzerreißende Nachricht erſpart haben; denn es war offenbar, daß er ſich ſeinem Ende näherte, und man hatte ſeine Empfindlichkeit wegen Verheimlichung dieſes Vor⸗ falls nicht zu fürchten. Bezaubert von dem Aufenthalt in Wien und den Ver⸗ gnügungen mit den ſchönen Fräulein, welche ich bei der Baronin kennen gelernt hatte, ſchickte ich mich an, dieſe hübſche Stadt zu verlaſſen, als der Baron Vais mich auf dem Hochzeitsfeſte des Grafen Durazo zu einem Picknick in Schönbrunn einlud. Wir gingen hin, und ich war dort in kei⸗ ner Weiſe mäßig; ich kehrte daher auch mit einer ſo ſtar⸗ ken Unverdaulichkeit nach Wien zurück, daß ich binnen vier⸗ undzwanzig Stunden an den Rand des Grabes gelangte. Ich gebrauchte nun das bischen Geiſt, welches meine Erſchöpfung mir gelaſſen hatte, um mir das Leben zu ret⸗ ten. Campioni, Rockendorf und Sarotin befanden ſich an meinem Bette. Sarpvtin, welcher große Freundſchaft fur mich gefaßt hatte, war mit einem Arzt gekommen, obwohl ich poſitiv erklärt hatte, daß ich keinen haben wolle. Dieſer N — 39 neue Sangrado, welcher den Deſpotismus ſeiner Kunſt aus⸗ üben zu dürfen glaubte, hatte einen Chirurgus holen laſſen und man wollte mir wider meinen Willen zur Ader laſſen. Halbtodt öffne ich, ich weiß nicht durch welche Eingebung die Augen, und ſehe den Mann ſich mit der Lanzette in der Hand anſchicken, mir die Ader zu öffnen. Nein, nein, ſage ich und ziehe erſchöpft den Arm zurück; aber der Henkers⸗ knecht, welcher mich nach den Aeußerungen des Arztes wi⸗ der meinen Willen retten wollte, ergriff von Neuem meinen Arm. Augenblicklich fühle ich eine Zunahme meiner Kraft, und die Hand ausſtreckend, ergreife ich eine meiner Piſtolen und ſchieße ihm eine ſeiner Locken weg. Das genügte, um Alle aus dem Felde zu ſchlagen, ausgenommen meine Magd, welche mich nicht verließ und welche mir ſo viel Waſſer zu trinken gab, wie ich wollte. Am vierten Tage war ich wieder vollkommen hergeſtellt. Mein Abenteuer beluſtigte alle Müßiggänger in Wien mehrere Tage lang, und der Abbé Dickkopf verſicherte mir, daß, wenn ich auch den armen Chirurgus getödtet hätte, doch weiter nichts geweſen ſein würde, da die anweſenden Zeugen der Wahrheit gemäß hätten verſichern müſſen, daß man mir mit Gewalt zur Ader habe laſſen wollen, was mich in den Fall berechtigter Nothwehr ſetzte. Man ſagte mir auch an verſchiedenen Orten, die Wiener Aerzte wären der Anſicht, daß ich nicht davon gekommen ſein würde, wenn man mir Blut abgelaſſen hätte; hätte mich das Waſſer nicht geheilt, ſo würden dieſe gelehrten Männer das gerade Gegentheil geſagt haben. Ich ſah indeß wohl ein, daß ich mich huͤten müßte in dieſer großen Hauptſtadt krank zu wer⸗ den, denn vermuthlich würde ich nur mit großer Mühe einen Arzt gefunden haben. In der Oper wollten mich viele Menſchen kennen lernen, und man betrachtete mich als einen Menſchen, der ſich mit Piſtolenſchuͤſſen gegen den Tod gewehrt. Ein Miniaturmaler, Namens Morol, welcher viel an Un⸗ verdaulichkeiten litt, an denen er auch ſtarb, hatte mir dieſe Theorie beigebracht; wie er ſagte, brauche man, um ſich von dieſem Uebel zu kuriren, nur viel Waſſer zu trinken und Geduld zu haben. Er ſtarb, weil man ihm in einem Au⸗ genblicke zur Ader ließ, wo er keinen Widerſtand leiſten konnte. Meine Unverdaulichkeit erinnerte mich an die witzige Aeußerung eines Mannes, der nicht gewohnt war, ſolche zu machen; es war Herr von Maiſonrouge, den man einſt, weil er an einer Unverdaulichkeit erkrankt war, nach Hauſe brachte. Weil ſich viele Wagen vor den Quinze⸗Vingts angehäuft hatten, mußte ſein Wagen hier halten, und ein Armer trat an ſeinen Kutſchenſchlag und bat ihn mit den Worten um einen Almoſen: Mein Herr, iſt ſterbe Hungers. Und darüber beklagſt Du Dich, erwiederte Herr von Maiſonrouge ſeufzend; Schuft, ich möchte wohl an Deiner Stelle ſein. Um dieſe Zeit machte ich die Bekanntſchaft einer mai⸗ ländiſchen Tänzerin, welche Geiſt, ausgezeichneten Ton ſowie Litteraturkenntniß hatte, und welche, was noch mehr ſagen will, ſehr hübſch war. Sie empfing gute Geſellſchaft und machte die Honneurs des Salons auf eine ausgezeichnete Weiſe. Ich lernte bei ihr einen Grafen Chriſtoph Erdödi kennen, welcher liebenswürdig, reich und großmüthig war; und einen gewiſſen Fürſten Kinski, welcher die Anmuth eines Arlechins hatte. Dieſes Mädchen machte mich verliebt, aber unnützer Weiſe, denn ſie war in einen florentiniſchen Tänzer verliebt, welcher Argiolini hieß. Ich machte ihr den Hof, aber ſie machte ſich über mich luſtig; denn eine Thea⸗ terprinzeſſin, welche ſich in Jemand verliebt hat, iſt eine un⸗ einnehmbare Feſtung, wenn man nicht eine goldene Brücke ſchlagen kann, und ich war nicht reich. Indeß verzweifelte ich nicht, und fuhr fort, meinen Weihrauch auf ihrem Al⸗ tare zu verbrennen. Sie hatte ein Miniaturportrait von ſich, welches ihr ſehr ähnlich ſch. Am Abende vor meiner Abreiſe entſchloß ich mich im Aerger darüber, daß ich meine Zeit und meine verliebten Redensarten verloren, es ihr zu ſtehlen: ſchwache Entſchädigung eines Unglücklichen, welcher das Original nicht hatte erlangen können. Als ich Abſchied von ihr nahm und das Kleinod mir zugänglich ſah, bemäch⸗ tigte ich mich ſeiner und reiſte nach Presburg, wohin der 41 Baron mich in Geſellſchaft hübſcher Fräulein zu einer Ver⸗ gnügungspartie eingeladen hatte. Als ich aus dem Wagen ſtieg, war die erſte Perſon, mit welcher ich zuſammenſtieß, der Chevalier von Talvis, der Beſchützer von Madame Conde⸗Labré, welchen ich in Paris ſo gut behandelt hatte. Sobald er mich erkannte, trat er an mich heran und ſagte, ich wäre ihm Revanche ſchuldig. Ich verſpreche ſie Ihnen, antwortete ich: aber ich verlaſſe nie eine Partie wegen einer andern; wir werden uns weiter ſprechen. Das genügt: würden Sie mir aber nicht die Ehre er⸗ weiſen, mich dieſen Damen vorzuſtellen? Sehr gern, aber nicht auf der Straße. Wir gehen hinauf und er folgte uns. Da ich der Anſicht war, daß dieſer Mann, welcher übrigens die Tap⸗ ferkeit eines franzöſiſchen Ritters beſaß, uns beluſtigen könnte, ſo ſtellte ich ihn vor. Er wohnte ſeit einigen Tagen in demſelben Gaſthofe und ging in Trauer. Er fragte uns, ob wir den Ball des Fürſtbiſchofs beſuchen würden, von dem wir nichts wuß⸗ ten. Vais antwortete ja. Man beſucht denſelben, ohne vorgeſtellt zu ſein, und deshalb gehe ich hin, denn hier kennt mich Niemand. Er entfernte ſich, und als der Wirth kam, um unſere Befehle einzuholen, machte er uns Mittheilungen über den Ball; unſere ſchönen Fräulein ſprachen den Wunſch aus, den Ball zu beſuchen, und wir befriedigten ſie. Da wir ganz unbekannt waren, ſo durchſtreiften wir ganz frei alle Gemächer, als wir an eine große Tafel ge⸗ langten, wo der Fürſtbiſchof Pharao abzog. Der Geldhaufen, welchen der edle Prälat vor ſich hatte, konnte ſich unſerer Anſicht nach auf 15—16,000 Gulden belaufen. Der Che⸗ valier von Talvis ſtand zwiſchen den beiden Damen, denen er Artigkeiten ſagte, während der Fürſt miſchte. Nachdem derſelbe hatte abheben laſſen, faßte er den Chevalier ins Auge und fragte ihn auf eine zuvorkommende Weiſe, ob er nicht auf eine Karte ſetzen wolle. Sehr gerne, gnädiger Herr, ſagte Talvis, ich halte die Bank auf dieſe Karte. SESs gilt, ſagte der Biſchof, welcher zeigen wollte, daß 8 er ſich nicht fürchte. Er zieht ab, die Karte Talvis' ge⸗ winnt, und mein glücklicher Franzoſe ſtreicht mit der ruhig⸗ ſten Miene alles Gold des Prälaten ein und ſteckt es in ſeine Taſchen. Der verſtummte Biſchoöf, welcher zu ſpät ſeine Dummheit erkennt, ſagt zum Chevalier: Mein Herr, wie. würden Sie es angefangen haben, um mich zu bezahlen, wenn Ihre Karte verloren hätte? Gnadiger Herr, das wäre meine Sache geweſen. Mein Herr, Sie haben mehr Glück als Verſtand. Möglich, gnädiger Herr, aber das iſt meine Sache. Da ich ſah, daß der Chevalier im Begriffe war weg⸗ zugehen, ſo folge ich ihm und unten an der Treppe bitte ich ihn, mir hundert Dukaten zu leihen. Er zählt ſie mir augenblicklich auf und verſichert mir, daß er ſehr erfreut ſei, mir einen ſolchen Dienſt leiſten zu können. Ich werde Ihnen einen Schein ausſtellen. Keinen Schein. Ich ſteckte das Geld in die Taſche und kümmerte mich ſehr wenig um die Menge Masken, welche die Neugierde dem glücklichen Gewinnenden nachgeführt hatte, und welche ich zu Zeugen hatte. Talvis reiſte ab und ich kehrte in den Saal zurück. 8 Als Rockendorf und Sarotin, welche auf dem Balle waren, erfuhren, daß der Chevalier mir Gold gegeben, frag⸗ ten ſie mich, wer er wäre. Ich gab ihnen eine halb wahre, halb falſche Erzählung und endete damit, daß ich ihnen mit⸗ theilte, das Gold, welches ich von demſelben empfangen, wäre die Bezahlung einer ihm in Paris geliehenen Summe. Sie mußten mir glauben, oder doch wenigſtens ſo thun. Als ich in den Gaſthof zurückkam, ſagte mir der Wirth, der Chevalier wäre Hals über Kopf abgereiſt, und ſeine ganze Ausſtattung beſtände in einem Nachtſacke. Wir ſpei⸗ ſten zu Abend, und um das Mahl zu erheitern, erzählte ich Vais und den ſchönen Fräulein, wie ich Talvis kennen ge⸗ lernt, und wie ich es angefangen, um einen Antheil vom Gewinn zu erlangen. Als wir nach Wien zurückkehrten, war dies Abenteiuer das Tagesgeſpräch; man lachte über den Gasconier und ———,„ ₰ 4 „»[ ——,——— O—— 43 machte ſich uͤber den Biſchof luſtig. Auch über mich machte man Gloſſen; aber ich that ſo, als ob ich nicht verſtände, denn ich hielt es für unnöthig, mich zu vertheidigen. Der Chevalier von Talvis war Niemand bekannt, und der fran⸗ zöſiſche Geſandte hatte nie von ihm ſprechen hören. Ich weiß nicht, ob man je Näheres über ihn erfahren hat. Ich verließ endlich Wien, nachdem ich von meinen Freunden und Freundinnen Abſchied genommen, und am vierten Tage ſchlief ich in Trieſt. Am folgenden Tage ſchiffte ich mich nach Venedig ein, wo ich am zweiten Tage vor dem Himmelfahrtstage Nachmittags ankam. Ich hatte das Glück, nach dreijähriger Abweſenheit mei⸗ nen angebeteten Patron, Herrn von Bragadino, ſo wie ſeine beiden unzertrennlichen Freunde, welche ſich freuten, mich wohl und gut ausgeſtattet wieder zu ſehen, umarmen zu können. 4 Vierunddreißigſtes Kapitel. Ich gebe das Portrait zurück, welches ich von Wien mitgenommen hatte.— Ich begebe mich nach Paduaz Abenteuer auf meiner Rüchreiſe; weitere Folgen dieſes Abenteuers.— Ich kinde Thereſe Imer wieder.— Meine Bekanntſchakt mit Fräulein C. C. Ich ſah meine Heimath mit jenem köſtlichen Gefühle wieder, welches alle rechtſchaffenen Herzen empfinden, wenn ſie die Oerter wiederſehen, wo ſie die erſten dauernden Ein⸗ drücke empfangen haben. Ich hatte einige Erfahrung ge⸗ ſammelt; ich kannte die Geſetze der Ehre und die Höflich⸗ keit, ich fuühle mich endlich über faſt alle Meinesgleichen er⸗ haben und ſehnte mich nach meinem alten Leben, zu wel⸗ chem ich wieder zurückkehren wollte: aber ich nahm mir vor, mich mit mehr Methode und Mäßigung aufzuführen. Als ich in mein Kabinet trat, ſah ich mit Vergnügen den vollkommenſten status quo. Meine mit fingerdickem Staube bedeckten Papiere bezeugten, daß keine ungeweihte Hand ſie berührt hatte. Am zweiten Tage nach meiner Ankunft, als ich mich eben anſchickte auszugehen, um den Bucentauro zu begleiten, welchen der Doge beſtieg, um ſtch wie üblich mit dem adria⸗ tiſchen Meere zu vermählen, dieſer Witwe ſo vieler Männer, welche nichtsdeſtoweniger noch ſo rein war wie am erſten Tage, übergab mir ein Gondelführer ein Billet. Es war von Herrn Giovanni Grimani, einem jungen Adligen, wel⸗ cher, ſehr wohl wiſſend, daß er nicht das Recht habe, mich rufen zu laſſen, mich in ſehr höflichen Ausdrücken bat, zu ihm zu kommen, um einen Brief in Empfang zu nehmen, den er mir eigenhändig übergeben müſſe. Ich that es ſo⸗ gleich und nach den gewöhnlichen Höflichkeitsbezeugungen übergab er mir folgenden Brief mit offenem Siegel: „Mein Herr, da ich nach Ihrer Entfernung mein Por⸗ trait vergeblich geſuchtn, und ich nicht gewohnt bin, Diebe bei mir zu empfangen, ſo bin ich überzeugt, daß daſſelbe ſich in Ihren Händen befindet; ich bitte Sie, es der Perſon auszuliefern, welche Ihnen dieſen Brief übergeben wird. . Fogliazzi.“ Erfreut, das Portrait bei mir zu haben, ziehe ich es aus der Taſche und übergebe es Grimani. Er empfing es mit einer Befriedigung, welche mit Erſtaunen gemiſcht war, denn er hatte ſeinen Auftrag für ſchwerer auszuführen ge⸗ halten. Wahrſcheinlich, ſagte er, hat die Liebe Sie zu die⸗ ſem Diebſtahle gebracht? Indeß wünſche ich Ihnen Glück, daß dieſelbe nicht ſehr ſtark zu ſein ſcheint. Woran erkennen Sie das? An der Schnelligkeit, mit welcher Sie das Portrait herausgeben.— Ich würde es einem Andern nicht ſo leicht herausgeben. Ich danke Ihnen dafur, und um dieſe Liebe zu erſetzen, bitte ich Sie, meine Freundſchaft anzunehmen. Ich ſtelle dieſe weit über das Portrait und ſelbſt zuſchicken? Ich ſchrieb Folgendes: „Indem Caſanova das Portrait zurückgiebt, empfindet er ein weit größeres Vergnügen als das, welches er da⸗ mals empfand, wo er in Folge einer elenden Phantaſie die Thorheit beging, es in ſeine Taſche zu ſtecken.“ Da das ſchlechte Wetter genöthigt hatte, die wunder⸗ bare Vermählungsfeier bis zum nächſten Sonntage aufzu⸗ ſchieben und Herr von Bragadino den nächſten Tag nach Padua reiſte, ſo begleitete ich ihn dorthin. Dieſer liebens⸗ würdige Greis überließ der Jugend die lärmenden Vergnü⸗ gungen, welche nicht mehr für ihn paßten, und verlebte im Schooße des Friedens Tage, welche die venetianiſchen Feſte ihm langweilig machten. Nachdem ich am folgenden Sonn⸗ abend mit ihm zu Mittag geſpeiſt und ihm die Hand ge⸗ küßt, ſtieg ich in eine Poſtchaiſe, um nach Venedig zurück⸗ zukehren. Wäre ich zwei oder drei Minuten früher oder ſpäter von Venedig abgereiſt, ſo würde ſich, was mir ſeit⸗ dem begegnet iſt, auf eine verſchiedene Weiſe geſtaltet ha⸗ ben, und mein Schickſal würde, wenn es wahr iſt, daß daſ⸗ ſelbe von Combinationen abhängt, ein ganz anderes gewor⸗ den ſein. Der Leſer ſoll darüber urtheilen. In einem ſolchen verhängnißvollen Augenblicke von Pa⸗ dua abgereiſt, begegne ich in Oriago einem Kabriolet, wel⸗ ches mit zwei Poſtpferden beſpannt war und in ſtarkem Trabe dahin fuhr. In demſelben ſaßen eine ſehr hübſche Frau und ein Mann in deutſcher Uniform. Einige Schritte vor mir wirft das Kabriolet nach dem Fluſſe zu um, und die Frau, welche auf den Cavalier fällt, iſt der größten Gefahr in die Brenta zu ſtürzen. Ich ſpringe aus dem Wagen, ohne zu warten, bis derſelbe angehalten, eile der Dame zu ülfe und ſtelle mit keuſcher e die Unord⸗ nung wieder her, welche der Fall in ährer Toilette ange⸗ richtet hatte. Original. Dürfte ich Sie bitten, ihr meine Antwort zu⸗ Ich verſpreche es Ihnen. Da haben Sie Papier, ſchreiben Sie dieſelbe; Sie brauchen Sie nicht zu verſtegeln. — n1 — Ihr Gefährte, welcher unverletzt aufgeſtanden war, eilt herbei, und die Schöne ſieht ſich auf ihrem Sitze ausge⸗ ſtreckt, ganz verdutzt und beſchämt, weniger aber über den Fall als über die Indiſcretion ihrer Unterröcke, welche das, — was eine anſtändige rau nie einem Unbekannten zeigt, entblößt hatten. Während ſie mir dankte, was ſo lange dauerte, als ihr und mein Poſtillon brauchten, um den Wa⸗ gen wiederaufzurichten, nannte ſie mich wiederholt ihren Ret⸗ ter und ihren Schutzengel. Als der Schade wieder ausgebeſſert war, ſetzte die Dame ihre Reiſe nach Padua fort, und ich nach Venedig, wo ich kaum angekommen mich maskirte, um in die Oper zu gehen. Am folgenden Tage maskirte ich mich frühzeitig, um dem Bucentauro zu folgen, welcher, begünſtigt von dem ſchoͤnſten Wetter, nach dem Lido gebracht werden ſollte, behufs der großen und lächerlichen Ceremonie. Dieſe nicht nur ſeltene, ſondern einzige Begehung hängt vom Muthe des Admirals des Arſenals ab, welcher mit ſeinem Kopfe dafür ſtehen muß, daß das Wetter beſtändig gut bleibt, da der geringſte ungünſtige Wind das Schiff umwerfen und den Dogen und alle erlauchten Herrn erſäufen kann, die Geſandten wie den päpſtlichen Nuntius, welcher die Kraft dieſer lächerlichen Vermählung verbürgt, für die die Vene⸗ tianer eine abergläubiſche Verehrung haben. Das Schlimmſte dabei iſt, daß ganz Europa über ein ſolches tragiſches Er⸗ eigniß lachen und nicht ermangeln würde zu ſagen, daß der Doge nun wirklich ſeine Heirath vollzogen habe. Ich trank meinen Kaffee mit entblößtem Geſichte unter den Prokuratieen des St. Markusplatzes, als eine ſchöne weibliche Maske mir auf eine galante Weiſe einen Fächer⸗ ſchlag auf die Schulter gab. Da ich die Maske nicht kannte, ſo beachtete ich die Neckerei nicht weiter; und nachdem ich den Kaffee ausgetrunken, nehme ich die Maske wieder vor und ſchlage die Richtung nach dem Quai del Sepolcro ein, wo Herrn von Bragadino's Gondel mich erwartete. In der Nähe der Brüͤcke della Paglia ſehe ich dieſelbe Maske, welche aufmerkſam die Abbildung eines Ungeheuers be⸗ ——-““ — 0 — 2 2 X *2 88o— 7 47 trachtete, das für zehn Sous gezeigt wurde. Ich nähere mich der Maske und frage ſie, warum ſich mich geſchlagen. b Um Sie dafür zu ſtrafen, daß Sie mich nicht kennen, nachdem Sie mir das Leben gerettet. Ich errathe, daß es die Schöne iſt, welcher ich am vori⸗ gen Tage am Ufer der Brenta zu Hülfe gekommen bin, und nachdem ich ihr mein Compliment gemacht, frage ich ſie, ob ſie dem Bucentauro folgen wolle. Ich würde es gerne thun, ſagte ſie, wenn ich eine ſichere Gondel hätte. Ich biete ihr die meinige an, welche ſehr groß war, und nachdem ſie mit der ſie begleitenden Maske zu Rathe ge⸗ gangen, nimmt ſie meine Einladung an. Als ſie ſich an⸗ ſchicken einzuſteigen, fordere ich ſie auf, ſich zu demaskiren; aber ſie ſagen, ſie hätten Gründe unbekannt zu bleiben. Ich bitte ſie nun mir zu ſagen, ob ſie einem Geſandten ange⸗ hörten, denn in dieſem Falle würde ich mich, wiewohl un⸗ gern, gezwungen ſehen, ſie zu bitten, daß ſie ausſtiegen; aber ſie verſichert mir, daß ſie aus Venedig wäre. Da die Gondel die Livree eines Patriziers hatte, ſo hätte ich gegen die Staats⸗Inquiſitoren blosgeſtellt werden können, und das wollte ich vermeiden. Wir folgen dem Bucentauro, und da ich neben der Dame ſitze, ſo erlaube ich mir einige Freiheiten; aber ſie bringt mich außer Faſſung, indem ſie ihren Platz verläßt. Nach der Ceremonie kehren wir nach Venedig zurück, und der Offizier ſagte mir, daß ich ſie verpflichten würde, wenn ich ihnen die Ehre erweiſen wollte, mit ihnen im wilden Mann zu ſpeiſen. Ich nahm die Einladung an; denn ich war neugierig, dieſe Frau kennen zu lernen; was ich wäh⸗ rend des Falles geſehen, machte meine Neugierde ſehr natür⸗ lich. Der Offtzier ließ mich allein mit ihr und ging vor⸗ aus, um das Eſſen zu beſtellen. Als ich mit der Schönen allein war, ſagte ich ihr unter Begünſtigung der Maske, daß ich verliebt in ſie wäre, daß ich eine Opernloge hätte, deren gänzlichen Gebrauch ich ihr uͤberließe, und ich wuͤrde ihr während des ganzen Kar⸗ navals dienen, wenn ſie mir die Hoffnung gäbe, meine Zeit nicht unnütz zu verlieren. Wenn Sie die Abſicht ha⸗ ben, grauſam zu ſein, ſo erſuche ich Sie, es mir gerade her⸗ aaus zu ſagen. Ich bitte Sie ebenfalls mir zu ſagen, mit wem Sie zuſammen zu ſein glauben? Mit einer liebenswürdigen Frau, mögen Sie eine Prin⸗ zeſſin oder von niederm Stande ſein. Ich wage alſo zu hoffen, daß Sie mir ſchon heute Proben Ihrer Güte geben werden, oder ich werde Ihnen nach dem Eſſen meine Reve⸗ renz machen. Sie mögen thun, was Sie wollen; aber ich hoffe, daß Sie nach dem Eſſen Ihre Sprache ändern werden; denn der Ton, welchen Sie annehmen, iſt nicht gerade ſehr einladend. Meiner Anſicht nach müßte man ſich doch zunächſt kennen, ehe man zu einer ſolchen Erklärung käme. Sehen Sie das wohl ein? Ich ſehe es wohl ein; aber ich fürchte betrogen zu werden. Nein, das iſt ſonderbar! Und wegen dieſer Furcht fan⸗ gen Sie damit an, womit man ſonſt endet? Ich fordere heute nur ein ermunterndes Wort. Geben Sie mir ein ſolches und Sie werden mich beſcheiden, unter⸗ würfig und gemeſſen finden. Mäßigen Sie ſich.. Wir fanden den Offizier an der Thür des wilden Mannes und wir gingen hinauf. Sobald wir im Zimmer waren, demaskirten ſie ſich und ich fand ſie hübſcher als am vorigen Tage. Der Form und des Ceremoniels wegen mußte ich nun noch wiſſen, ob der Offizier ihr Mann, Liebhaber, Verwandter oder Fuͤhrer wäre; denn da Aben⸗ teuer mir nicht mehr neu waren, ſo wünſchte ich zu wiſ⸗ ſen, welcher Art dasjenige wäre, das ich einzufädeln begon⸗ nen hatte. Wir ſetzten uns zu Tiſche, und das Benehmen des Herrn und der Dame nöthigte mich, Acht auf mich zu ge⸗ ben. Ihm bot ich die Loge an, und ſie wurde angenom⸗ men; da ich aber keine hatte, ging ich nach Tiſche, Geſchäfte vorſchützend, aus und verſchaffte mir eine. Ich nahm eine ſolche in der Opera Buffa, wo Pertiei und Lasqui glanzz — ——— 49 ten und nach der Oper veranſtaltete ich ihnen ein Abend eſſen in einem Gaſthofe: hierauf fuhr ich ſie nach Hauſe in eer Nacht von meiner Gondel, wo ich unter Begünſtigung der— eze meiner Schönen alle Gu ungen erhi in der Nähe eines Dritten, hat, bewilligen kann. Als wir uns trennten, ſagte der Offizier zu mir: Morgen ſollen Sie mehr von uns er⸗ fahren. Wo denn und wie? Seien Sie deshalb nicht beſorgt. Am folgenden Morgen meldete man mir einen Offizier; er war es. Nach den üblichen Complimenten und nachdem ich ihm für die Ehre, welche er mir am vorigen Tage er⸗ wieſen, gedankt, bat ich ihn mir zu ſagen, mit wem ich das Vergnügen hätte zu ſprechen. Folgendes erwiederte er mir in ſehr gewählter Sprache, ohne mich anzuſehen. Ich heiße P. C. Mein Vater iſt reich und angeſehn an der Börſe, aber wir haben uns entzweit. Ich wohne auf dem St. Marcus⸗Quai. Die Dame, welche Sie ge⸗ ſehen, iſt eine geborne O.; ſie iſt die Frau des Wechſelmäk⸗ lers O., und ihre Schweſter iſt die Gemahlin des Patri⸗ ciers P. M. Madame O. hat ſich mit ihrem Gatten ent⸗ zweit und ich bin die Veranlaſſung davon, wie ich mich mit meinem Vater ihretwegen überworfen habe. Ich trage dieſe Uniform vermöge eines öſterreichiſchen Kapitains⸗Patents; aber ich habe nie gedient. Ich habe für den venetianiſchen Staat die Ochſenverproviantirung zu be⸗ ſorgen, welche ich aus Steiermark und Ungarn ziehe. Die⸗ ſes Unternehmen ſichert mir einen jährlichen Gewinnſt von 10,000 Gulden; aber eine unerwartete Verlegenheit, welcher ich abhelfen muß, ein betrügeriſcher Bankerott und unvorhergeſehene Ausgaben bringen mich für den Augen⸗ blick in große Noth. Vor vier Jahren ſchon hörte ich von Ihnen ſprechen und wünſchte Ihre Bekanntſchaft zu machen; ich glaube, der Himmel iſt es, welcher mir vorgeſtern dazu verholfen hat. Ich nehme keinen Anſtand, Sie um einen weſentlichen Dienſt zu erſuchen, welcher das innigſte Freund⸗ ſchaftsband zwiſchen uns knüpfen wird. Werden Sie meine V.. 4* welche man 4 auf den man Rückſicht zu nehmen Stütze, wobei Sie ſich nicht dem geringſten Riſiko ausſetzen; acceptiren Sie dieſe drei Wechſel und fürchten Sie nicht, daß Sie dieſelben am Verfalltage werden bezahlen müſſen, denn ich cedire Ihnen dieſe drei andern, welche vor dem Verfalltage der Ihrigen werden bezahlt werden. Ueberdies gebe ich Ihnen eine Hypothek auf den Ochſentransport für das ganze Jahr; ſo daß Sie, wenn ich mein Wort nicht hielte, alle meine Ochſen in Trieſt, über welches Sie kom⸗ men müßten, mit Beſchlag belegen könnten. Dieſe Rede und dieſer Plan, welcher mir chimäriſch erſchien und aus welchem ich mir eine Menge Verlegenhei⸗ ten hervorgehen ſah, befremdeten mich, und die ſonderbare Idee dieſes Mannes, der in der Meinung, daß ich leicht in die Schlinge gehen würde, mir den Vorzug vor hundert Andern gab, die ihm beſſer bekannt ſein mußten, führte mich zu dem Entſchluſſe, ſein Anerbieten nicht anzunehmen, was ich ihm auch ohne Bedenken eröffnete. Er verdoppelte ſeine Beredſamkeit, um mich zu überzeugen; aber ich brachte ihn in Verlegenheit, als ich zu ihm ſagte, ich müßte mich wundern, daß er mich allen andern Bekannten vorzöge, ob⸗ wohl ich ihm erſt ſeit zwei Tagen bekannt wäre. Mein Herr, antwortete er mir mit großer Unverſchämtheit, da ich in Ihnen einen Mann von vielem Geiſte gefunden habe, ſo habe ich geglaubt, daß Sie augenblicklich den Vortheil, welchen ich Ihnen anbiete, einſehen und deshalb keine Schwierigkeit machen würden mein Anerbieten anzunehmen. Sie müſſen jetzt enttäuſcht ſein, und werden mich nun, wo Sie ſehen, daß ich hinters Licht geführt zu werden fürchte, für dumm halten. Er entfernte ſich, mich um Entſchuldigung bittend und hinzufügend, er hoffe mich am Abend auf dem St. Marcus⸗ Platze zu ſehen, wo er ſich mit Madame C. einfinden würde. Er ließ mir ſeine Adreſſe nnd bemerkte dabei, daß er noch ſeine Wohnung im väterlichen Hauſe, ohne Vorwiſſen des Vaters inne habe. Das hieß mir ſagen, daß ich ſeinen Beſuch erwiedern ſolle; wäre ich indeß vernünftig geweſen, ſo würde ich es nicht gethan haben. Da mir die Rolle, zu welcher dieſer Mann mich aus⸗ —2——,———, —=—— —— +— 8 8u—* RE 3 ᷣ— 51 erſehen hatte, nicht gefiel, ſo verlor ich alle Luſt, mein Gluck bei ſeiner Schönen zu verſuchen; denn es ſchien mir, daß dieſes Paar beſchloſſen hatte, mich in ſeine Netze zu ziehen, und da ich dazu keine Luſt hatte, ſo ging ich am Abend nicht nach dem St. Marcus⸗Platze. Hierbei hätte ich ſtehen bleiben ſollen, aber am folgenden Tage ließ ich mich durch meinen böſen Genius verführen, und von der Anſicht aus⸗ gehend, daß ein Höflichkeitsbeſuch nichts zu bedeuten habe, beſuchte ich ihn. Ein Bedienter führte mich in ſein Zimmer, wo er mich mit großer Zuvorkommenheit aufnahm und mir verbindliche Vorwürfe machte, daß ich mich am vorigen Tage nicht habe ſehen laſſen. Sodann begann er wiederum von ſeinem Ge⸗ ſchäfte zu ſprechen und zeigte mir einen Stoß Papiere, was mir ſehr langweilig war. Wenn Sie die drei Wechſel ac⸗ ceptiren wollen, ſagte er, ſo ſollen Sie mein Aſſocié wer⸗ den. Durch dieſen außerordentlichen Freundſchaftsbeweis bereicherte er mich, ſeinem Vorgeben nach, um ein jährliches Einkommen von 5000 Gulden, aber anſtatt aller Antwort bat ich ihn nicht mehr davon zu ſprechen. Ich ſchickte mich an, Abſchied zu nehmen, als er ſagte, er wolle mich ſeiner Mut⸗ ter und Schweſter vorſtellen. Er geht hinaus und zwei Minuten darauf kehrt er mit denſelben zurück. Die Mutter war eine Frau von unbefan⸗ genem und achtungswerthem Ausſehen, aber die Tochter war ein Muſter von Schönheit. Ich war geblendet von ihr. Eine Viertelſtunde darauf bat mich die zu vertrauungsvolle Mutter um die Erlaubniß, ſich entfernen zu dürfen und die Tochter blieb zurüͤck. Sie brauchte nicht eine halbe Stunde, um mich zu feſſeln. Ich war bezaubert von allen ihren Vollkommenheiten, und ihr lebhafter, naiver und für mich neuer Geiſt, ihre Unſchuld und Unbefangenheit, die Natür⸗ lichkeit und Erhabenheit ihrer Gefühle, ihre muntere und unſchuldige Lebendigkeit, dieſes Enſemble endlich, welches durch die Schönheit, den Geiſt und die Unſchuld gebildet wird, welches Enſemble auf mich immer eine unbedingte Herrſchaft ausübte, Alles dies machte mich zum Sklaven des vollkommenſten Weibes, welches ſich denken läßt. 4* 8 aus, welche fromm und dennoch nachſichtig war. Zum Leſen hatte ſie nur die Bücher ihres Vaters, eines vernünftigen Mannes, welcher keine Romane hatte, und ſie brannte vor Begierde ſolche zu leſen. Sie hatte auch große Luſt, Vene⸗ dig kennen zu lernen, und da Niemand das Haus beſuchte, ſo hatte man ihr noch nicht geſagt, daß ſie ein wahres Wun⸗ der war. Ihr Bruder ſchrieb, und ich unterhielt mich mit ihr oder vielmehr ich beantwortete die zahlloſen Fragen, welche ſie an mich richtete, und welchen ich nur genügen konnte, wenn ich die Ideen erweiterte, welche ſie ſchon hatte, und welche ſie zu ihrer großen Verwunderung bei ſich ent⸗ deckte, denn ihre Seele ſchlummerte noch im Chaos. Ich ſagte ihr indeß nicht, daß ſie ſchön wäre, und daß ſie im höchſten Grade mein Intereſſe erregte; denn da ich in dieſer Beziehung ſo viele andere Mädchen belogen hatte, ſo fürch⸗ tete ich ihr verdächtig zu werden. Traurig und träumeriſch und nur zu ſehr durchdrun⸗ gen von den ſeltenen Vorzügen dieſer bezaubernden Perſon verließ ich das Haus und verſprach mir zunächſt, ſie nicht wiederzuſehen, denn ich glaubte zu fühlen, daß ich nicht der Mann wäre, ihr gänzlich meine Freiheit zu opfern und um ihre Hand anzuhalten, obwohl ich der Anſicht war, daß ſie eigends für mein Glück geſchaffen war. Seit meiner Rückkehr hatte ich Madame Manzoni noch nicht geſehen, und ich begab mich deshalb nach ihrer Woh⸗ nung. Ich fand dieſe würdige Frau ſo, wie ſie immer ge⸗ gen mich geweſen war, und ſie empfing mich auf die freund⸗ ſchaftlichſte Weiſe. Sie erzählte mir, daß Thereſe Imer, dieſe hübſche Perſon, welche mir vor dreizehn Jahren einen Stockſchlag von Herrn Malipiero zugezogen, kürzlich in Bai⸗ reuth angekommen, wo der Markgraf ihr Glück begründet.*) Da ſie gegenüber wohnte, und Madame Manzoni ſich an *) Sie war es, welche die Ehe der Schweſter Friedrichs II. mit dem Markgrafen Friedrich von Baireuth ſtörte, worüber ſich auch in den Memoiren der Friederike Wilhelmine Andeutungen finden. Fräulein C. C. ging immer nur mit ihrer Mutter N N n 8 XIy+8 ˖—ͤ2 —— à— werde. Sie war eine große muſtkaliſche Künſtlerin gewor⸗ ten meines nachgebornen Bruders beſchäftigen, an welchen, ihrem Erſtaunen weiden wollte, ſo ließ ſie dieſelbe bitten, herüber zu kommen. Sie kam in der That wenige Augen⸗ blicke darauf, an der Hand einen achtjährigen Knaben fühe rend, welcher hübſch wie ein Liebesgott war; es war ihr einziger Sohn, welchen ſie von ihrem Manne erhalten, der Tänzer in Baireuth war. Unſer Erſtaunen bei unſerm Wie⸗ derſehen war nicht geringer wie unſere Freude, uns der Er⸗ lebniſſe unſerer Kindheit zu erinnern. Es iſt freilich rich⸗ tig, daß wir uns nur an Kindereien erinnern konnten. Ich machte ihr ein Compliment über ihre glückliche Lage, und da ſte nach dem äußern Scheine urtheilte, ſo glaubte ſie mir ebenfalls ein ſolches machen zu müſſen; aber die ihrige würde ſolider geweſen ſein, als die meinige, wenn ſie in der Folge ſich zu führen verſtanden hätte. Sie hatte Launen, mit welchen ich den Leſer fünf Jahre ſpäter bekannt machen —õ—— ꝛʒ—— — buby ͦ ͦ——— —— 8 den, aber ihr Vermögen war nicht bloß durch ihr Talent erworben worden, ſondern ihre Reize hatten vor Allem dazu beigetragen. Sie erzählte mir ihre Abenteuer, vermuthlich mit einigen Auslaſſungen und wir trennten uns nach einer zweiſtündigen Unterhaltung. Sie lud mich zum Frühſtück bei ſich für den folgenden Tag ein. Der Markgraf ließ ſie, wie ſie ſagte, beobachten, aber da ich ein alter Bekannter war, ſo konnte ich keinen Argwohn erwecken: das iſt der Grund⸗ ſatz aller galanten Frauen. Sie ſagte, ich könnte ſie Abends in ihrer Loge beſuchen, wo Herr Papafava mich mit Ver⸗ gnügen ſehen würde. Dies war ihr Pathe. Am folgenden Tage ging ich ſehr früh zu ihr. Ich fand ſie im Bette nebſt ihrem Sohne, welcher ſo gut erzogen war, daß er auf⸗ ſtand und hinausging, ſobald er mich am Bette ſeiner Mut⸗ ter ſitzen ſah. Ich brachte drei Stunden bei ihr zu und er⸗ innere mich, daß die letzte köſtlich war; der Leſer wird in fünf Jahren die Folge ſehen. ährend der vierzehn Tage, welche ſie in Venedig zubrachte, ſah ich ſie noch einmal, und als ſie abreiſte, verſprach ich ihr einen Beſuch in Baireuth: ich habe nie Wort gehalten. Ich mußte mich um dieſe Zeit mit den Angelegenhei⸗ 54 wie er ſagte, eine göttliche Berufung zum Prieſtergeſchäfte ergangen war; aber er brauchte ein Erbgut. Unwiſſend, ohne Erziehung, wie er war und nur mit einer hübſchen Figur ausgeſtattet, glaubte er im geiſtlichen Stande ſein Gluͤck machen zu können, und er rechnete ſehr auf das Pre⸗ digen, für welches er nach dem Urtheile der Frauen, die ihn kannten, ein entſchiedenes Talent hatte. Ich that alle Schritte, welche er wünſchte und brachte es beim Abbé Grimani da⸗ hin, daß derſelbe ihm ein Beneſiz ausſetzte; denn derſelbe ſchuldete alle Möbeln unſers Hauſes, über welche er keine Rechenſchaft abgelegt. Er übertrug nun demſelben auf Le⸗ benszeit ein Haus, und zwei Jahre ſpäter erhielt mein Bru⸗ der die Weihe als ein mit einem Erbgut Ausgeſtatteter. Dieſes Erbgut war übrigens nur fingirt, da das Haus mit Hypotheken belaſtet war; es war ein reines Schwindelge⸗ ſchäft; aber der Abbé Grimani war einigermaßen Jeſuit, und dieſe heiligen Diener Gottes laſſen ſich alle Mittel ge⸗ fallen, wenn dieſelben nur zum Ziele führen. Ich werde von dem Benehmen dieſes unglücklichen Bruders ſprechen, wenn daſſelbe mit dem meinigen in Verbindung kommen wird. Zwei Tage waren verfloſſen, ſeitdem ich P. C. beſucht, als derſelbe mir auf der Straße begegnete. Er ſagte, ſeine Schweſter ſpräche nur von mir, ſie habe eine Menge Sachen behalten, welche ich ihr geſagt und ihre Mutter wäre er⸗ freut, meine Bekanntſchaft gemacht zu haben. Sie wäre, ſagte er zu mir, eine gute Partie für Sie, denn ſie bekömmt 10,000 Dukaten Courant Mitgift. Wenn Sie mich mor⸗ gen beſuchen wollen, ſo wollen wir mit meiner Mutter und Schweſter Kaffee trinken. Ich hatte mir das Verſprechen gegeben, keinen Fuß mehr in ſein Haus zu ſetzen; ich hielt Wort. Uebrigens wird in einem ähnlichen Falle Jeder ſich leicht bewegen laſſen, ſein Wort nicht zu halten. Ich verplauderte drei Stunden mit dieſer liebenswür⸗ digen Perſon und verließ ſie im höchſten Grade verliebt. Ehe ich wegging, ſagte ich, ich beneidete das Loos desjeni⸗ gen, den ſie heirathen würde, und das Compliment, das erſte derartige, welches ſie gehört, bedeckte i brennendem Roth. Als ich ſie verlaſſen hatte, fing ich an, den Charakter des Gefühls, welches ich für ſie hegte, zu prüfen, und ich 3 erſchrak, denn ich konnte gegen C. C. weder als ehrlicher Mann noch als Wüſtling handeln. Ich konnte mir nicht ſchmeicheln, ihre Hand zu erhalten, und es kam mir ſo vor, als ob ich Jeden erdolcht haben würde, der mir gerathen hätte, ſie zu verführen. Ich bedurfte der Zerſtreuung; ich ſpielte. Das Spiel iſt zuweilen ein ausgezeichnetes Beruhi⸗ gungsmittel für die Liebe. Ich ſpielte glücklich, und gehe mit gefüllter Börſe nach Hauſe, als mir in einer klei⸗ nen einſamen Straße ein Mann begegnet, welcher noch mehr unter dem Druck des Elends als unter der Laſt der Jahre gebeugt iſt. Ich nähere mich demſelben und erkenne den e Grafen von Bonafade. Sein Anblick flößte mir Mitleid eein. Als er mich erkannte, erzählte er mir vielerlei und machte miich endlich mit dem entwürdigenden Zuſtande bekannt, in welchen er durch die Nothwendigkeit, ſeine zahlreiche Familie zu ernähren; gekommen. Ich ſchäme mich nicht, ſagte er, Sie um eine Zechine anzuſprechen, von welcher ich fünf bis 4 ſechs Tage leben kann. Ich beeilte mich, ihm zehn zu ge⸗ 2 ben und hielt ihn ab, ſich zu erniedrigen, um mir ſeine 1 Dankbarkeit zu bezeigen. Als er mich verließ, ſagte er, was — ſeinem Unglücke die Krone aufſetze, das wäre der Zuſtand „ ſeiner Tochter, welche eine Schönheit geworden wäre, welche t aber lieber ſterben, als ihre Tugend der Nothwendigkeit — opfern wolle. Ich kann, ſagte er ſeufzend, dieſe Empfindun⸗ d gen weder unterſtützen, noch belohnen. Da ich zu verſtehen glaubte, was ſein Elend ihn wün⸗ : r ſchen ließ, ſo nahm ich ſeine Adreſſe und verſprach, ihn am folgenden Tage zu beſuchen. Ich war begierig zu ſehen, 1 was aus einer Tugend geworden war, von welcher ich keine große Idee hatte, da ſchon zehn Jahre verfloſſen waren, ſeitdem ich ſie nicht geſehen hatte. Ich ging am nächſten . Tage zu ihr. Ich fand ein Haus faſt ohne alle Möbeln ⸗ und das Mädchen allein, was mich nicht verwunderte. Als 8 die junge Gräfin mich kommen ſah, empfing ſie mich oben e Wangen mit ——— —————— 5 ———— 3-. 4— — 4 3“ 4 56 4½ an der Treppe auf die liebenswürdigſte Weiſe. Sie war ziemlich gut gek eidet, und ich finde ſie ſchön, lebhaft und liebenswuͤrdig wie damals, als ich ſie am St. Andreas⸗ Fort erblickte. Da ihr Vater ſie benachrichtigt hatte, daß ich ſie beſuchen würde, ſo war ſie ſehr fröhlich, und ſie um⸗ armte mich ſo zärtlich, wie man nur einen Liebhaber um⸗ armen kann. Sie führte mich in ihr Zimmer, und nach⸗ dem ſie mir mitgetheilt, daß ihre Mutter, welche im Bette Liebe anzufachen. Ich verließ ſie mit dem Verſprechen wie⸗ derzukommen und ſteckte ihr zehn Zechinen in die Hand. * 2 57 Dieſe Summe ſetzte ſie in Erſtaunen: cha nie ſo reich geweſen. Ich habe immer bedauert, daß hr nicht dop⸗ pelt ſo viel gegeben. 2 1 Am folgenden Tage beſuchte mich P. C. und ſagt ſehr erfreut, ſeine Mutter habe ſeiner Schweſter erlaubt, mit ihm in die Oper zu gehen; die Kleine wäre entzückt darüber, und wenn es mir Vergnügen machte, könnte ich ſie irgendwo erwarten. Weiß denn aber Ihre Schweſter, daß Sie mich zu der Partie zuziehen wollen? Sie iſt ſehr erfreut darüber. Und weiß es Ihre Frau Mutter? Nein; aber wenn ſie es erfährt, wird ſie nicht böſe ſein, denn Sie haben ihr Achtung eingeflößt. Ich will verſuchen, eine Loge zu bekommen. Sehr ſchön, und Sie erwarten uns. Der Schelm ſprach nicht mehr von Wechſeln, und da er ſah, daß ich ſeiner Dame nicht mehr nachlief, ſondern in ſeine Schweſter verliebt war, ſo hatte er den ſchönen Plan entworfen, mich in dieſe verliebt zu machen. Ich beklagte die Mutter und die Tochter, welche ſich einem ſolchen Sub⸗ jekte anvertrauten, aber ich war nicht tugendhaft genug, um die Partie auszuſchlagen. Ich überredete mich ſogar, daß ich, weil ich ſie liebte, die Einladung annehmen müßte, um ſte vor andern Schlingen zu bewahren; denn hätte ich ab⸗ gelehnt, ſo hätte er einen weniger Gewiſſenhaften finden können, und dieſer Gedanke war mir unerträglich. Wie es mir ſchien, hatte ſie von mir nichts zu fürchten. Ich miethete eine Loge im St. Samuels⸗Theater und erwartete ſie am verabredeten Orte lange vor der verabre⸗ deten Zeit. Sie kamen, und ich war beim Anblicke meiner jungen Freundin nicht wenig überraſcht. Sie war elegant maskirt, und ihr Bruder in Uniform. Um die reizende Perſon nicht der Gefahr auszuſetzen, wegen ihres Bruders erkannt zu werden, ließ ich ſie in meine Gondel ſteigen. Er bat mich, ihn bei der Wohnung ſeiner Maitreſſe ausſteigen zu laſſen, die, wie er ſagte, krank war, und erſuchte uns, uns in die Loge zu begeben, wo er wieder mit uns zuſam⸗ ————— 58 mentreffen wollte, Ich war erſtaunt, daß C. C. kein Er⸗ ſtaunen und kalnte Abneigung, mit mir allein in der Gon⸗ del zu bleiben zeigte; das Verſchwinden ihres Bruders ver⸗ wunderte mich gar nicht, denn es war augenſcheinlich, daß er von demſelben Nutzen ziehen wollte. Ich ſchlug C. C. vor, bis zur Theaterzeit herumzu⸗ fahren, und da es ſehr heiß war, bat ich ſie, ſich zu de⸗ maskiren, was ſie augenblicklich that. Die Verpflichtung, welche ich mir auferlegt, ſie zu achten, die edle Sicherheit, welche in ihren Zügen, wie das Vertrauen, welches in ih⸗ ren Blicken glänzte, die unſchuldige Freude, welche ſte zu erkennen gab, Alles dies erhöhte noch meine Liebe. Da ich nicht wußte, was ich zu ihr ſagen ſollte, denn natürlicher Weiſe konnte ich nur von Liebe mit ihr ſprechen, und das war ein zarter Punkt, ſo begnügte ich mich, ihre reizende Figur zu betrachten, wagte indeß nicht, aus Furcht ihre Schamhaftigkeit aufzuſcheuchen, meine Blicke auf zwei entſtehende, vom Liebesgotte geformte Halbkugeln zu richten. Sprechen Sie doch etwas, ſagte ſie; Sie ſehen mich nur an und ſagen nicht das Geringſte. Sie haben ſich heute ge⸗ opfert, denn mein Bruder würde Sie zu ſeiner Dame ge⸗ führt haben, die, wie man ſagt, ſchön wie ein Engel iſt. Ich habe dieſe Dame geſehen. Sie ſoll viel Geiſt haben. Das iſt möglich; aber ich habe denſelben nie gewahr werden können, denn ich bin nie bei ihr geweſen und habe auch nicht die Abſicht, zu ihr zu gehen; glauben Sie alſo nicht, ſchöne C., daß ich das geringſte Opfer bringe. Ich glaubte es, denn da Sie nicht ſprachen, meinte ich, Sie wären traurig. Wenn ich nicht ſpreche, ſo iſt der Grund der, daß das Glück, welches ich über Ihr engliſches Vertrauen empfinde, mich zu ſehr bewegt. Das freut mich; wie könnte ich aber wohl kein Ver⸗ trauen zu Ihnen haben? ich fühle mich freier und ſicherer, als wenn mein Bruder bei mir wäre. Selbſt meine Mut⸗ ter ſagt, daß man ſich in Ihnen nicht täuſchen kann, und daß Sie ein ehrenwerther Mann ſind. Uebrigens ſind Sie ——— —— wäre in ſie verliebt, und ich würde mich erleichtert fühlen, 59 nicht verheirathet: danach habe ich meinen Bum fragt. Erinnern Sie ſich noch, daß Sie zuli beneideten denjenigen, welcher mich heirathen wi Gurde? Ich ge⸗ ſtand mir in demſelben Augenblicke, daß diejenige, welche Sie zum Manne bekömmt, die glücklichſte Frau in Venedig werden wird. Dieſe Worte, welche mit der unbefangenſten Naivetät, und mit dem Tone der Aufrichtigkeit, welcher zum Herzen geht, geſprochen wurden, machten auf mich einen ſchwer zu 1 beſchreibenden Eindruck; es ſchmerzte mich, daß ich auf die roſenrothen Lippen, welche ſo geſprochen hatten, keinen Kuß drücken durfte; aber zugleich empfand ich einen köſtlichen Genuß bei dem Gedanken, von dieſem Engel geliebt zu ſein. Bei dieſer Uebereinſtimmung der Empfindungen, ſagte ich, könnten wir alſo, liebenswürdige C., das vollkommene Glück erlangen, wenn wir uns auf eine unzertrennliche Weiſe verbinden könnten? Aber ich könnte Ihr Vater ſein. Sie mein Vater? Welches Mährchen! Wiſſen Sie, daß ich vierzehn Jahre alt bin? Wiſſen Sie, daß ich achtundzwanzig Jahre alt bin? Gut! Welcher Mann könnte wohl in Ihrem Alter eine Tochter von meinem haben? Ich muß lachen, wenn ich daran denke, daß, falls mein Vater Ihnen gliche, er mir ſicherlich nie Furcht einflößen würde; ich könnte dann keine Zurück⸗ haltung gegen ihn haben. Da die Theaterzeit gekommen war, ſo ſtiegen wir ans Land, und das Schauſpiel beſchäftigte ſte gänzlich. Ihr Bruder kam erſt gegen das Ende, denn das gehörte zu ſei⸗ ner Berechnung. Ich veranſtaltete ihnen ein Abendeſſen in einem Gaſthofe, und das Vergnügen, dieſe reizende Perſon mit ſehr gutem Appetite eſſen zu ſehen, ließ mich vergeſſen, daß ich nicht zu Mittag geſpeiſt. Während des Abendeſſens ſprach ich faſt gar nicht, denn ich war liebeskrank, und in einem Zuſtande der Aufregung, der unmöglich lange dauern konnte. Um mein Schweigen zu entſchuldigen, ſchützte ich Zahnweh vor; man beklagte mich und ließ mich ſchweigen. Nach dem Abendeſſen ſagte P. zu ſeiner Schweſter, ich 60 ir geſtattete, ſte zu umarmen. Statt aller Ant⸗ wort wendete ſie ſich mit lachenden, zum Küſſen herausfor⸗ dernden Lippen zu mir. Ich glühte, aber ich achtete dieſes unſchuldige und naive Weſen ſo ſehr, daß ich ſie nur auf die Backe, und auf eine anſcheinend ſehr kalte Weiſe küßte. Welcher Kuß! rief P. aus. So geht es nicht! einen ordentlichen Liebeskuß! Ich rührte mich nicht: der ſchamloſe Anſtifter langweilte mich: aber ſeine Schweſter vedhn⸗ den Kopf ab und ſagte mit betrübtem Tone: Dränge ihn nicht, denn ich habe nicht das Glück, ihm zu gefallen. Dieſe Aeußerung reizte meine Liebe: ich war nicht mehr Herr meiner. Wiel rief ich feurig aus, ſchöne C., Sie ſchrei⸗ ben meine Zurückhaltung nicht dem Gefühl zu, welches Sie mir einflößen? Sie glauben nicht, daß Sie mir gefallen? Wenn nur ein Kuß nöthig iſt, um Sie davon zu überzeu⸗ gen, ſo empfangen Sie ihn mit dem Gefühl, welches ich. empfinde. Sie nun in meine Arme drückend, und ſie ver⸗ liebt gegen meinen Buſen preſſend, gab ich ihr einen langen und glühenden Kuß, den ihr zu geben ich vor Luſt verging; aber ſie als furchtſame Taube fühlte wohl, daß ſie in die Klauen eines Geiers gefallen war. Sie machte ſich aus meinen Armen los, ganz erſtaunt über die Entdeckung, daß ich auf dieſe Weiſe in ſie verliebt ſei. Ihr Bruder klatſchte mir Beifall zu, während ſie, um ihre Verwirrung zu ver⸗ bergen, ihre Maske wieder vornahm. Ich fragte ſie, ob ſie noch der Meinung wäre, daß ſie mir nicht gefiele. Sie ha⸗ ben mich überzeugt, ſagte ſie; aber Sie dürfen mich nicht dafür ſtrafen, daß Sie mich enttäuſcht haben. Dieſe Ant⸗ wort fand ich ſehr zart, denn ſie war durch das Gefühl eingegeben; aber ihr Bruder, welchem ſie nicht genügte, nannte ſie dumm. Als wir unſere Maske wieder angelegt, brachen wir auf, und nachdem ich ſie nach Hauſe geleitet, entfernte ich mich ſehr verliebt, im Grunde zufrieden und dennoch ſehr traurig. Der Leſer wird in den folgenden Kapiteln die Fort⸗ ſchritte meiner Liebſchaft und die Abenteuer, in welche ich verwickelt wurde, kennen lernen. —— —— 12—————— —8&— B 5.2 ++——*——* 61 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Fortſchritte meiner Kiebſchalt mit der ſchönen C. C. Am folgenden Tage kam P. C. mit triumphirender Miene zu mir und berichtete, ſeine Schweſter habe zu ſeiner Mutter geſagt, wir liebten uns, und wenn ſie heirathen ſolle, ſo könne ſie nur mit mir glücklich werden. 2 Ich bete Ihre Schweſter an, ſagte ich; glauben Sie aber, daß Ihr Vater ſie mir geben wird. Ich glaube es nicht, aber er iſt alt. Einſtweilen lieben Sie. Meine Mutter erlaubt ihr, heute Abend mit Ihnen in die Oper zu gehen. Dann, theurer Freund, wollen wir in die Oper gehen. Ich ſehe mich genöthigt, Sie um einen kleinen Dienſt zu erſuchen. Befehlen Sie. Es iſt ausgezeichneter Cyperwein billig zu verkaufen; gegen einen in ſechs Monaten zahlbaren Wechſel kann ich eine Tonne bekommen. Ich bin ſicher, ihn ſogleich mit Ge⸗ winn zu verkaufen; aber der Kaufmann verlangt eine Kau⸗ tion und er wird die Ihrige annehmen, wenn Sie für mich einſtehen wollen. Wollen Sie meinen Wechſel unterſchreiben? Mit Vergnügen. Ich unterſchrieb ohne Umſchweife, denn welcher ver⸗ liebte Ste bliche hätte wohl in gleichem Falle einen ſolchen Dienſt Jemand verweigert, der, um ſich wegen der Weige⸗ rung zu rächen, ihn hätte unglücklich machen können? Wir beſtimmten ſodann ein Stelldichein für den Abend und trenn⸗ ten uns gegenſeitig mit einander zufrieden. Nachdem ich mich angekleidet, ging ich aus und kaufte ein Dutzend Paar Handſchuhe, eben ſo viel Paar ſeidene Strümpfe und ein Paar geſtickter Strumpfbänder mit gol⸗ denen Spangen, und weidete mich an dem Gedanken, meiner neuen Freundin damit das erſte Geſchenk zu machen. Ich brauche nicht erſt zu ſagen, daß ich mich pünktlich ſchon ſuchen. Hätte ich nicht P. C's. Abſichten gemuth⸗ maßt, ſo würde es mir ſchmeichelhaft geweſen ſein, daß ſie mir auf dieſe Weiſe zuvorgekommen waren. Sobald ich zu ihnen geſtoßen war, ſagte P. C., da er Geſchäfte habe, laſſe er mich allein mit ſeiner Schweſter und werde uns im Theater aufſuchen. Als er ſich entfernt hatte, ſagte ich zu C. C., wir könnten bis zur Opernzeit eine Gondelfahrt machen. Nein, antwortete ſie, beſuchen wir lieber einen Garten der Zuecca. Sehr gern. Ich nehme eine Ueberfahrtsgondel und wir begeben uns nach St. Blaſtus in einen Garten, welchen ich kannte, und welchen ich vermittelſt einer Zechine für den ganzen Tag miethete, ſo daß Niemand hineinkommen durfte. Es fand ſich, daß wir beide noch nicht zu Mittag geſpeiſt, und nach⸗ dem ich eine gute Mahlzeit beſtellt, gingen wir in ein Zim⸗ mer, wo wir unſere Masken ablegten und begaben uns ſo⸗ dann wieder in den Garten. Die liebenswürdige C. C. trug nur ein Mieder von Taffet und einen kurzen Rock von demſelben Stoffe; aber in dieſer leichten Bekleidung war ſie entzückend. Mein ver⸗ liebtes Auge drang durch dieſe Hüllen hindurch, und mein Geiſt ſah ſie Nan nackt; ich ſeufzte vor Begierde, Zurück⸗ haltung und Wolluſt. Sobald wir in der langen Allee waren und meine junge Gefährtin, welche nie ein ſolches Vergnügen genoſſen hatte, ſich völlig frei ſah, fing ſie an mit der Schnellfüßigkeit einer leichten Hirſchkuh links und rechts auf dem Raſen herum⸗ zuſpringen und die Heiterkeit, welche ſie empfand, unverhüllt zu zeigen. Da ſie bald anhalten mußte, weil ihr der Athem ausgegangen war, fing ſie an zu lachen, als ſie ſah, wie ich ſie ſchweigend und mit einer Art Erſtaſe betrachtete. Bald forderte ſie mich zum Wettlauf heraus; das Spiel zum Steldichein einfand; als ich indeß kam, ſah ich ſie mich gefällt mir, und ich gehe darauf ein; aber ich will ihr In⸗ tereſſe durch eine Wette erregen. Wer verliert, ſage ich, muß thun, was der Sieger haben will. Ich bin damit einverſtanden. Wir beſtimmen das Ziel und rennen ab. Ich wa 9 8 S——Z—K — A— 8 R—=— 2 dn—— ——u— 81 vielleicht an meinen Wiederholungen keinen Gefallen finden. Ich werde blos anführen, daß vor unſerer Trennung meine Freundin und ich unſere letzte Partie im Garten auf den folgenden Montag, den letzten Maskentag, anſetzten. Nur der Tod hätte mich dieſes Stelldichein verſäumen laſſen können, denn es konnte der letzte Tag unſerer verliebten Freuden ſein. Als ich am Montag Morgen P. C. geſehen, welcher mir wiederholentlich das Stelldichein an demſelben Ort und zur ſelben Stunde anberaumte, ermangelte ich nicht, mich einzufinden. Die erſte Stunde verging ſchnell, trotz meiner Ungeduld; aber die zweite iſt von tödtlicher Länge. Indeß wartete ich noch die dritte und vierte, ohne das erwartete Paar kommen zu ſehen. Ich war in einem Zuſtande, wo ich nur den trübſten Vorſtellungen zugänglich war. Wenn C. C. nicht ausgehen konnte, hätte ihr Bruder es mir ſa⸗ gen müſſen. Aber es war möglich, daß ein nichtzubeſeiti⸗ gendes Hinderniß ſie abhielt und ich ſelbſt konnte ſie nicht aufſuchen, ſchon weil ich ſte unterwegs hätte verfehlen kön⸗ nen. Endlich, als die Glocken das Angelus läuten, ſehe ich C. C. allein und maskirt kommen. Ich war ſicher, ſagte ſie, daß Du hier wäreſt und habe meine Mutter reden laſ⸗ ſen. Da bin ich. Du mußt Hungers geſtorben ſein. Mein Bruder hat ſich den ganzen Tag nicht ſehen laſſen. Gehen wir raſch nach unſerm Garten, denn auch ich fühle das Bedürfniß zu eſſen; und dam wird uns die Liebe für Al⸗ les, was wir heute gelitten, tröſten. 84 Sie hatte dies Alles geſagt, ohne mir Zeit zu laſſen, ein Wort anzubringen; ich hatte ſie nichts zu fragen; wir brachen auf und ſtiegen in eine Gondel, um uns nach un⸗ ſerm Garten zu begeben. Es war ein ſchrecklicher Wind, ein wahrer Orkan, und da die Gondel nur ein Ruder hatte, ſo war wirklich Gefahr vorhanden. C. C., welche nichts davon ahnte, ſcherzte, um ſich für den Zwang zu entſchädi⸗ gen, welchen ſie während des ganzen Tages hatte aushalten müſſen, aber die Bewegungen, welche ſie machte, brachten den Ruderer in Gefahr; wäre er unglücklicher Weiſe ins Waſſer gefallen, ſo hätte uns nichts retten können, und wir hätten V. d 6 82 ſtatt des Vergnügens, welches wir ſuchten, den Tod gefun⸗ den. Ich ſagte ihr, ſie möchte ſich ruhig verhalten, aber um ſie nicht zu erſchrecken, wagte ich es nicht, ſie mit der Ge⸗ fahr, welche wir liefen, bekannt zu machen; aber der Rude⸗ rer, welcher nicht denſelben Grund zur Rückſicht hatte, rief uns mit einer Stentorſtimme zu, wir wären Alle verloren, wenn wir nicht ganz ſtill ſäßen. Dieſe Drohung wirkte und wir langten ungefährdet an. Ich bezahlte den Ruderer ſehr großmüthig, welcher vor Freuden anfing zu lachen, als er das Geld ſah, welches ihm die Gefahr einbrachte. Wir brachten in unſerm Caſino ſechs glückliche, durch zahlreiche verliebte Heldenthaten bezeichnete Stunden zu; der Schlaf fand diesmal keine Stelle. Der einzige Gedanke, welcher unſere Freude ſtörte, war der, daß die Maskenzeit vorüber war und wir nicht wußten, wie wir uns verliebte Zuſammenkünfte verſchaffen ſollten. Wir verabredeten, daß ich am Dienſtag Morgen ihrem Bruder einen Beſuch ab⸗ ſtatten, und ſie wie gewöhnlich dazu kommen ſolle. Wir nahmen von der guten Gärtnerin Abſchied, welche, da ſie ſich nicht mehr ſchmeicheln durfte, uns ferner zu ſehn, uns ihr ganzes Bedauern ausdrückte und uns mit Segnun⸗ gen überhäufte; hierauf geleitete ich meine Freundin glück⸗ lich bis zu ihrer Thüre und ging dann nach Hauſe. Als ich aufgeſtanden war, erblickte ich zu meinem gro⸗ ßen Erſtaunen de la Haye und ſeinen Zögling Calvi, einen hübſchen Jungen, aber den Affen ſeines Herrn in der ganzen Bedeutung des Worts. Er ging, er ſprach, er lachte wie dieſer; es war ganz die Sprache des Jeſuiten, ein correctes, aber hartes Franzöſiſch. Ich fand dieſe übermäßige Nach⸗ ahmung empörend und glaubte de la Haye ſagen zu müſſen, daß er ſeinem Zöglinge durchaus dieſe Manieren abgewöh⸗ nen müſſe, denn dieſe knechtiſche Nachäfferei könne ihm nur bittern Spott zuziehn. Während ich ihm hierüber eine Moralpredigt hielt, ſtellte ſich der Baron Bavois ein, und ſobald er eine Stunde mit dem jungen Menſchen zugebracht, wurde er ganz meiner Meinung. Der junge Calvi ſtarb zwei oder drei Jahre darauf. De la Haye, welcher die Wuth hatte, Zöglinge zu bilden, wurde zwei oder drei A —u N N N u2 88 ‿—-— A 83 Monate nach Calvi's Tode Erzieher des jungen Ritters von Moroſini, Neffen desjenigen, welcher Bavois' Glück begründet und welcher damals Gränz⸗Commiſſar der Re⸗ publik war, um die Gränze mit dem Hauſe Oeſterreich zu reguliren, deſſen Commiſſar der Graf Chriſtiani war. Da ich über alle Begriffe verliebt war, ſo glaubte ich einen Schritt, von welchem meiner Anſicht nach mein Glück abhing, nicht länger verzögern zu können. Sobald ſich nach Tiſche die Geſellſchaft entfernt hatte, bat ich daher Herrn von Bragadino und ſeine Freunde, mir in dem Kabinet, wo wir nicht geſtört werden konnten, eine zweiſtündige Audienz zu gewähren. Hier ſagte ich ihnen ohne weitere Einleitung, daß ich verliebt in C. C. wäre und entſchloſſen, ſte zu entführen, wenn ſie nicht Mittel fänden, ihren Vater zu bewegen, ſie mir zur rechtmäßigen Gattin zu geben. Es handelt ſich darum, ſagte ich zu Herrn von Bragadino, mir eine auskömmliche Stellung zu verſchaffen und 10,000 Du⸗ caten, welche das junge Mädchen mir als Mitgift mitbrin⸗ gen würde, ſicher zu ſtellen. Ihre Antwort war, daß ſie mit Vergnügen gehorchen würden, wenn Paralis ihnen die nöthigen Inſtruktionen ertheilen würde. Ich verlangte nichts weiter. Zwei Stunden lang machte ich alle Py⸗ ramiden, welche ſie wünſchten, und das Ende war, daß Herr von Bragadino in Perſon anhielt, als Grund wel⸗ cher Wahl das Orakel angab, daß es derſelbe ſein müſſe, welcher vermittelſt ſeines gegenwärtigen und zukünftigen Benehmens die Mitgift ſicher ſtelle. Da der Vater meiner Freundin damals auf dem Lande war, ſo ſagte ich ihnen, daß ſie pünktlich von ſeiner Rückkunft benachrichtigt werden und daß ſie alle drei beiſammen ſein ſollten, wenn Herr von Bragadino um die Hand des Mädchens anhielte. Sehr befriedigt von dieſem Schritte begab ich mich am folgenden Morgen zu P. C. Eine alte Frau, welche mich einließ, ſagte, der Herr wäre nicht zu Hauſe; aber Madame würde mit mir ſprechen. Sie kam in der That nebſt ihrer Tochter und beide ſchienen mir ſehr traurig. Das galt mir als ſchlechte Vorbedeutung und C. C. ſagte, ihr Bruder wäre Schulden halber im Gefangniß, und es wäre ſchwer, 6* 84 ihn daraus zu befreien, weil die Summen, welche er ſchulde, zu beträchtlich wären. Die Mutter ſagte unter Thränen, ſie wäre in Verzweiflung, daß ſie ihn im Gefängniſſe nicht unterſtützen könnte, und zeigte den Brief, welchen er an ſie geſchrieben und in welchem er ſie erſuchte, den Einſchluß ſeiner Schweſter zu übergeben. Ich fragte meine Freundin, ob ich denſelben leſen dürfe; ſie gab ihn mir und ich erſah, daß er ſie bat, ihn mir zu empfehlen. Ich gab ihn ihr mit der Bitte zurück, ihm zu ſchreiben, daß ich in der Unmög⸗ lichkeit wäre, irgend etwas für ihn zu thun; gleichzeitig er⸗ ſuchte ich die Mutter fünfundzwanzig Zechinen anzunehmen, mit welchen ſie ihn unterſtützen könnten, indem ſie ihm je⸗ desmal zwei oder drei überſendeten. Sie nahm dieſelben nur auf vieles Bitten ihrer Tochter. Nach dieſer nicht eben erfreulichen Scene berichtete ich über den Schritt, welchen ich gethan, um die Hand meiner Freundin zu erlangen. Madame dankte mir, fand dieſen Schritt ehrenwerth und gut ausgeſonnen, ſagte aber, ich dürfte nichts hoffen, denn ihr Mann, welcher einmal auf ſeinem Kopfe beſtände, habe verſprochen, ſie erſt im Alter von achtzehn Jahren und nur an einen Kaufmann zu ver⸗ heirathen. Er ſollte noch an dieſem Tage ankommen. Als ich wegging, ſteckte meine Freundin mir ein Billet in die Hand, in welchem ſie mir anzeigte, daß ich ohne alle Furcht vermittelſt des Schlüſſels zur kleinen Thür, den ich hatte, um Mitternacht zu ihr gelangen könnte und ſie im Zimmer ihres Bruders finden würde. Das erfüllte mich mit Freude, denn trotz der Zweifel ihrer Mutter hoffte ich den glücklich⸗ ſten Ausgang. Als ich nach Hauſe kam, verkündete ich Herrn von Bragadino die bevorſtehende Ankunft des Vaters meiner an⸗ gebeteten C. C., und augenblicklich und in meiner Gegen⸗ wart fing der ehrwürdige Greis an, an denſelben zu ſchrei⸗ ben. Er bat denſelben, ihm eine Stunde zu beſtimmen, wo er mit ihm von einer wichtigen Sache ſprechen könnte. Ich bat ihn, ſeinen Brief erſt am folgenden Tage abzuſchicken. Der Leſer wird ſich wohl denken, daß ich um Mitter⸗ nacht nicht auf mich warten ließ. Ich kam ohne Hinderniß 8⁵ ins Haus und fand meinen Engel, der mich mit offenen Armen empfing. Du haſt nichts zu fürchten, ſagte ſie, mein Vater iſt wohl und munter angekommen, und im Hauſe ſchläft Alles. Die Liebe ausgenommen, ſagte ich, welche uns zum Vergnügen einladet. Sie wird uns beſchützen, meine Freundin, und morgen wird Dein Vater einen Brief von meinem würdigen Beſchützer erhalten. Bei dieſen Wor⸗ ten ſchauerte C. C. in nur zu richtigem Vorgefühle zuſammen. Meinem Vater, ſagte ſie, welcher an mich nur wie an ein Kind denkt, werden die Augen aufgehen, uud Gott weiß, was er thun wird, um hinter mein Benehmen zu kommen. Jetzt ſind wir glücklich, noch glücklicher als zu der Zeit, wo wir in die Zuecca gingen, da wir uns alle Nächte ohne Zwang ſehen können: was wird aber mein Vater thun, wenn er erfährt, daß ich einen Liebhaber habe! Was kann er thun? Verweigert er Dich mir, ſo ent⸗ führe ich Dich, und der Patriarch kann uns den ehelichen Segen nicht verſagen. Wir werden einander für das ganze Leben angehören. Das iſt mein glühendſter Wunſch und ich bin zu Al⸗ lem bereit; aber mein Freund, ich kenne meinen Vater. Wir brachten zwei Stunden zuſammen zu, weniger mit unſerm Vergnügen als mit unſerm Kummer beſchäftigt: ich verließ ſie mit dem Verſprechen, in der folgenden Nacht wieder zu kommen. Den Reſt der Nacht verbrachte ich auf eine traurige Weiſe und gegen Mittag ſagte Herr v. Bra⸗ gadino zu mir, er habe das Billet an den Vater abgeſchickt, und derſelbe habe geantwortet, er würde ſelbſt am folgen⸗ den Tage in ſeinen Palaſt kommen, um ſeine Befehle ein⸗ zuholen. Ich ſah meine Geliebte gegen Mitternacht wieder und erſtattete ihr von Allem, was vorgegangen, Bericht. C. C. ſagte, daß ihr Vater ſich über das Sendſchreiben des Senators den Kopf zerbrochen habe, denn da er nie mit Herrn von Bragadino zu thun gehabt, ſo habe er ſich auch nicht denken können, was derſelbe von ihm wolle. Die Ungewißheit, eine Art Furcht und eine unbeſtimmte Hoff⸗ nung thaten unſern Freuden während der zwei Stunden, welche wir zuſammenblieben, Eintrag. Ich war überzeugt, 8⁶ daß Herr C. C. unmittelbar nach ſeiner Zuſammenkunft mit Herrn von Bragadino nach Hauſe kommen und ſeine Tochter befragen würde, und ich fürchtete, daß dieſe ſich in ihrer Verlegenheit verrathen könnte. Sie ſelbſt fühlte dies und war in erſichtlicher Bekümmerniß. Ich war daher außerordentlich unruhig und empfand es ſchmerzlich, daß ich ihr keinen Rath geben konnte, denn ich konnte nicht wiſſen, wie der Vater die Sache angreifen würde. Sie mußte ihm natürlicher Weiſe gewiſſe Umſtände verbergen, welche uns hätten zum Nachtheil gereichen können, während ſie im Weſentlichen die Wahrheit ſagen und ſich ſehr unter⸗ würfig gegen ihn zeigen mußte. Ich befand mich in einer ſeltſamen Lage und bereute, daß ich den großen Schritt ge⸗ than, weil derſelbe ein zu entſcheidendes Reſultat haben mußte. Ich ſehnte mich danach aus der grauſamen Unge⸗ wißheit, in welcher ich mich befand, heraus zu kommen und wunderte mich, daß meine Freundin weniger unruhig als ich war. Wir trennten uns mit gepreßtem Herzen, aber mit der Hoffnung, uns in der folgenden Nacht wieder zu ſehen: das Gegentheil ſchien mir unmöglich. Am folgenden Tage kam Herr Ch. C. nach Tiſche zu Herrn von Bragadino, aber ich zeigte mich nicht. Er blieb zwei Stunden bei meinen drei Freunden, und als er ſich entfernt hatte, erfuhr ich, daß er das geantwortet, was die Mutter mir ſchon geſagt, daß aber noch ein für mich ſehr betrübender Umſtand hinzugekommen war: daß nämlich ſeine Tochter die vier Jahre, welche ſie bis zu ihrer Verheirathung zu verleben habe, in einem Kloſter zubringen ſolle. Gleich⸗ ſam als Palliativ hatte er dieſer abſchläglichen Antwort die Verſicherung beigefügt, daß er wohl in unſere Verbindung willigen könnte, wenn ich in dieſer Zeit eine ſolide Stellung erlangte. Ich fand dieſe Antwort zum Verzweifeln und in der gedrückten Stimmung, in welche ſie mich verſetzte, fand ich es nicht auffallend, daß die kleine Thür von innen ver⸗ ſchloſſen war. Ich kehrte mehr todt als lebend nach Hauſe zurück, und brachte vierundzwanzig Stunden in jener grauſamen Unſchlüſſigkeit zu, in welche man geräth, wenn man einen — ⏑ ¾ʃ— 8☛— & nðau n u—A—8³ ʃO* xœæ Oℳ'— . &☛* 87 Entſchluß faſſen ſoll und nicht weiß welchen. Ich dachte an eine Entführung, aber ich entdeckte tauſend Schwierig⸗ keiten, welche die Sache vereiteln konnten, und da der Bru⸗ der im Gefängniſſe war, ſo ſchien es mir ſehr ſchwierig, eine Correſpondenz mit meiner Frau anzuknüpfen; denn ich be⸗ trachtete als ſolche C. C. weit mehr, als wenn wir nur die Weihe eines Prieſters und den Kontrakt eines Notars ge⸗ habt hätten. Gepeinigt durch tauſend düſtre oder verzweiflungsvolle Gedanken, beſchloß ich, Madame C. am nächſten Tage einen Beſuch abzuſtatten. Eine Magd öffnete mir und ſagte, Ma⸗ dame wäre aufs Land gegangen, und man wüßte nicht, wann ſie zurückkommen würde. Dieſe Nachricht war ein Donnerſchlag für mich; ich ſtand leblos wie eine Statue da; denn da mir auch dieſe Hülfe entriſſen war, ſo ſah ich kein Mittel mehr, mir irgend eine Nachricht zu verſchaffen. Ich war bemüht, mich meinen drei Freunden gegenüber ru⸗ hig zu zeigen; aber ich war wirklich in einem Mitleid er⸗ regendem Zuſtande, und der Leſer wird dies vielleicht be⸗ greiflich finden, wenn ich ihm ſage, daß ich in meiner Ver⸗ zweiflung den Entſchluß faßte, P. C. in ſeinem Gefängniſſe einen Beſuch abzuſtatten, da ich durch ihn etwas zu erfah⸗ ren hoffte. Dieſer Schritt trug keine Früchte; er wußte nichts und ich ließ ihn in ſeiner Unwiſſenheit. Er erzählte mir eine Menge Lügen, welche ich ſcheinbar für baare Münze nahm, und nachdem ich ihm zwei Zechinen geſchenkt, verließ ich ihn mit dem Wunſche baldiger Befreiung. Ich ſchraubte meinen Geiſt auf die Folter, um ein Mittel ausfindig zu machen, wie ich den Zuſtand meiner Freundin kennen lernen könnte, welchen ich mir als einen ſchrecklichen dachte, und da ich ſie für unglücklich hielt, ſo machte ich mir die heftigſten Vorwürfe, daß ich die Veran⸗ laſſung dazu geweſen. Ich kam ſo weit, daß ich Appetit und Schlaf verlor. Zwei Tage nach der abſchläglichen Antwort des Vaters waren Herr von Bragadino und ſeine beiden Freunde nach Padua gegangen, um hier einen Monat zu verleben. Ich 88 war allein im Palaſte geblieben, da mein trauriger geiſti⸗ ger Zuſtand mir nicht geſtattete, ſie zu begleiten. Da ich Zerſtreuung ſuchte, ſo hatte ich geſpielt, und da ich zerſtreut ſpielte, ſo hatte ich fortwährend verloren, ich hatte alle werthvollen Sachen verkauft und war überall ſchuldig. Ich hatte nur von meinen drei wohlthätigen Freunden Unter⸗ ſtützung zu hoffen, und die Furcht hinderte mich, ſie mit meinem Zuſtande bekannt zu machen. Ich war in eine Lage, die ſich ſehr zum Selbſtmorde eignete, und während ich mich vor meinem Spiegel raſirte, dachte ich daran, als mein Be⸗ dienter eine Frau in mein Zimmer führte, welche mir einen Brief brachte. Dieſe Frau tritt näher und mir den Brief reichend, ſagt ſie. Sind Sie die Perſon, an welche der Brief adreſſirt iſt? Ich erblickte den Abdruck eines Siegels, welches ich C. C. geſchenkt; ich glaubte todt niederzuſinken. Um mich zu beruhigen, ſagte ich der Frau, ſie möchte warten, und gglaubte mich weiter raſiren zu können, aber meine Hand verweigerte mir den Dienſt. Ich lege das Raſirmeſſer weg und der Ueberbringerin den Rücken zuwendend, leſe ich Fol⸗ gendes: „Ehe ich auf Einzelheiten eingehe, muß ich dieſer Frau ſicher ſein. Ich bin in Penſton in dieſes Kloſter gebracht, werde ſehr gut behandelt, und erfreue mich, trotz der Un⸗ ruhe meines Geiſtes, vollkommener Geſundheit. Die Su⸗ periorin hat Befehl, mich Niemand ſehen zu laſſen und mir mit Niemand das Correſpondiren zu geſtatten. Indeß bin ich ſchon ſicher, Dir trotz des Verbotes ſchreiben zu können. Ich zweifle nicht an Deiner Treue, mein theurer Gatte und bin ſicher, daß Du nie an einem Herzen zweifeln wirſt, in welchem Du ganz und gar herrſchen wirſt. Rechne auf meine Bereitwilligkeit, Alles zu thun, was Du mir befeh⸗ len wirſt, denn ich gehöre Dir allein an. Antworte mir wenige Worte, bis wir unſerer Botin ſicher ſind. Aus Murano, den 12. Juni.“ Dieſe junge Perſon war in weniger als drei Wochen eine Gelehrte in der Moral geworden; aber ſie hatte die Liebe zur Lehrmeiſterin gehabt und die Liebe allein thut ‿ BXn N S 82— 4u Ww 8 A 8——·——— —— — 8⁸⅔ u U ε Z—.—B—: men, können Sie dieſelben ſehen. —-ę— 89 Wunder. Der Augenblick, wo dem zum Tode verurtheilten Verbrecher ſeine Gnade verkündet wird, wo der Menſch, der vom Tode zum Leben übergeht, in eine Kriſis geräth, welche oft ſeine Kräfte überſteigt, war dem Zuſtande zu vergleichen, in welchen ich gerieth, als ich den Brief meiner Freundin geleſen hatte. Ich brauchte mehrere Minuten Ruhe, um meine Beſinnung wiederzuerlangen und wieder in meine na⸗ türliche Lage zu kommen. Ich fragte dieſe Frau, ob ſie leſen könne. Ach, mein Herr, wenn ich nicht leſen könnte, würde ich 1 ſehr zu beklagen ſein. Wir ſind unſer ſieben Frauen, welche zum Dienſte der heiligen Nonnen von Murano be⸗ ſtimmt ſind. Jede von uns kommt einmal wöchentlich, wenn die Reihe an ihr iſt, nach Venedig; ich komme alle Mittwoche hin und kann Ihnen heute über acht Tage die Antwort auf den Brief bringen, welchen Sie jetzt ſchreiben können, wenn Sie wollen. Sie können alſo die Briefe beſorgen, welche die Non⸗ nen Ihnen anvertrauen? Das gehört nicht zu unſern Obliegenheiten; da aber der wichtigſte Auftrag, welchen wir erhalten, die getſeue Ablieferung der Briefe iſt, ſo würde man uns nicht gebrau⸗ chen können, wenn wir nicht im Stande wären, die Adreſſen der uns aufgegebenen Briefe zu leſen. Die Nonnen wollen ſicher ſein, daß wir nicht Peter den Brief bringen, welchen ſie an Paul geſchrieben haben. Unſere Mütter fürchten im⸗ mer, daß wir eine ſolche Ungeſchicklichkeit begehen könnten. Sie werden mich alſo heute uͤber acht Tage zur ſelben Stunde ſehen; aber geben Sie Befehl, daß man Sie weckt, wenn Sie ſchlafen, denn die Zeit wird uns mit der Gold⸗ waage zugewogen. Seien Sie vor allen Dingen meiner Diskretion verſichert, ſo lange Sie mit mir zu thun haben werden, denn wenn ich nicht ſchweigen könnte, würde ich mein Brod verlieren, und was ſollte ich dann anfangen, da ich Witwe mit vier Kindern bin, einem Sohne von acht Jahren und drei hübſchen Mädchen, von welchen die älteſte erſt ſechszehn Jahre alt iſt? Wenn Sie nach Murano kom⸗ 90 Ich wohne bei der Kirche nach dem Garten zu, und bin immer zu Hauſe oder im Dienſte des Kloſters, wo die Aufträge kein Ende nehmen. Das Fräulein, deſſen Namen ich noch nicht kenne da ſie erſt ſeit acht Tagen bei uns iſt, hat mir dieſen Brief gegeben; aber ſo geſchickt! O, ſie muß ebenſo geiſtreich ſein, wie ſie ſchön iſt, denn drei anweſende M Nonnen haben nichts bemerkt. Sie hat mir denſelben mit 1 dieſem Billet für mich gegeben, welches ich Ihnen ebenfalls laſſe. Das arme Kind! ſie mpfiehlt mir Geheimhaltung, 3 aber ſie kann auchadarauf rechnen. Schreiben Sie ihr, daß ſite ſicher ſein kann, und ſtehen Sie dreiſt für mich ein. Ich möchte nicht empfehlen, gegen die andern ebenſo zu ver⸗ fahren, obwohl ich ſie alle für ſehr ehrlich halte, denn Gott bewahre mich davor, Böſes von meinem Nächſten zu denken, aber ſehen Sie, ſie ſind alle ſehr unwiſſend und plaudern wenigſtens gegen ihren Beichtvater. Ich weiß, Gott ſei z Dank, daß ich dem meinigen nur die Beichte meiner Sün⸗ den ſchuldig bin, und einem Chriſten den Brief einer Chriſtin 1 überbringen, iſt keine Sünde. Uebrigens iſt mein Beicht⸗ 1 vater ein guter alter Mönch, taub wie ich glaube, denn der e gute Mann antwortet mir nie; wenn er aber taub iſt, ſo 3 iſt das ſeine und nicht meine Sache. a Ich hatte die Abſicht, dieſe Frau auszufragen, wenn ich dieſelbe aber auch gehabt hätte, ſo würde ſie mir doch u nicht die Zeit dazu gelaſſen haben; denn ohne daß ich ihr b eine Frage vorlegte, theilte ſte mir Alles mit, was ich zu ſ wiſſen nöthig hatte, weil ſie wünſchte, daß ich mich ihrer d ausſchließlich bediene. in Ich begann ſogleich meiner theuern Eingeſperrten zu 4 u antworten und hatte die Abſicht, ihr nur einige Zeilen zu n ſchreiben, wie ſie mir empfohlen; aber ich hatte nicht Zeit a genug, um ihr ſo kurz zu ſchreiben. Mein Brief war ein vier Seiten langes Geſchwätz und ſagte vielleicht weniger, ſi als der ihrige auf einer Seite. Ich ſagte ihr, daß ihr Brief mir das Leben gerettet und fragte ſie, ob ich hoffen dürfe, ſie zu ſehen. Ich meldete ihr, daß ich der Ueberbringerin eine Zechine gegeben, daß ſie eine andere unter dem Siegel finden und ich ihr alles Geld, deſſen ſie bedürfte, ſchicken S —A8= dͤnnnͤ o æ — — -— —,—————— 91 würde. Ich bat ſie, mir alle Mittwoche zu ſchreiben, und die Ueberzeugung zu haben, daß ihre Briefe nie lang genug ſein könnten, und daß ſie mir einen genauen Bericht nicht nur von Allem, was ſie beträfe, und was mit ihr vorge⸗ nommen würde, zu erſtatten habe, ſondern auch von allen ihren Gedanken uüͤber den Plan, ihre Ketten zu zerbrechen und alle Hinderniſſe, welche ſich unſerm beider ſeitigen Glücke in den Weg ſtellen könnten, zu beſeitigen. Ich gab ihr den Rath, ihren ganzen Geiſt aufzubieten, um die Liebe der Nonnen und Penſioncirinnen zu erwerben, jedoch ohne ſie ins Vertrauen zu ziehen oder Unzufriedenheit zu bezeigen, daß man ſie ins Kloſter gebracht. Nachdem ich ſte wegen ihres Gei⸗ ſtes gelobt, welcher das Mittel gefunden, mir trotz des Ver⸗ bots zu ſchreiben, machte ich ihr bemerklich, daß ſie ſich ſehr hüten müſſe, ſich während des Schreibens überraſchen zu laſſen; denn wenn dieſer Fall einträte, würde man nicht ermangeln, ihr Zimmer zu durchſuchen und alles Geſchrie⸗ bene, was man finden würde, wegzunehmen. Verbrenne alle meine Briefe, meine Freundin, ſagte ich, und richte Dich ſo ein, daß Du oft beichten kannſt, ohne uns bloßzuſtellen. Theile mir alle Deine Schmerzen mit, welche mir noch mehr am Herzen liegen als Deine Vergnügungen. Nachdem ich den Brief ſo zugeſtegelt, daß Niemand die unter dem Siegellacke verborgene Zechine vermuthen konnte, belohnte ich die Frau und gab ihr die Verſicherung, daß ich ſie jedesmal, wenn ſie mir einen Brief von meiner Freun⸗ din brächte, belohnen würde. Als die Frau eine Zechine in ihrer Hand erblickte, fing ſie an vor Freuden zu weinen und ſagte, da für ſie das Kloſter nie geſchloſſen wäre, ſo würde ſie dem Fräulein den Brief geben, ſobald ſie daſſelbe allein fände. Folgendes Billet hatte C. C. der Frau gegeben, als ſie ihr den Brief zuſteckte: „Gott iſt es, meine gute Frau, der mir eingiebt, mich Ihnen und keiner Andern anzuvertrauen. Tragen Sie den Brief an ſeine Adreſſe, und wenn die Perſon nicht in Ve⸗ nedig iſt, ſo bringen Sie mir denſelben zurück, Sie müſſen ihm denſelben eigenhändig übergeben und wenn Sie ihn Sie mir geben, wenn Sie ſicher ſind, nicht beobachtet zu werden.“ Die Liebe iſt nur unbeſonnen, wenn ſie die Hoffnung hat zu genießen; wenn es ſich aber darum handelt, die Rück⸗ kehr eines durch einen unglücklichen Zufall geſtörten Glücks zu erlangen, ſo ſieht die Liebe Alles voraus, was nur der größte Scharfſinn entdecken kann. Der Brief meines reizen⸗ den Weibes erfüllte mich mit Freude; und ich ging in einem Augenblicke vom tiefſten Schmerze zum höchſten Vergnügen über. Ich war überzeugt, ſie zu entführen, ſelbſt wenn die Mauern des Kloſters mit Artillerie beſetzt wären; und mein erſter Ge⸗ danke, nachdem die Botin ſich entfernt, war der, wie ich die ſieben Tage, welche ich auf den zweiten Brief warten mußte, gut zubringen könnte. Nur das Spiel konnte mich zer⸗ ſtreuen und Alle waren in Padua. Ich laſſe meinen Kof⸗ fer packen, ihn ſodann auf den Burchiello bringen, der im Begriffe ſtand abzufahren und ich ſelbſt begebe mich nach Fuſine, von hier aus gelange ich in geſtrecktem Galopp in weniger als drei Stunden an die Thür des Palaſtes Bra⸗ gadino, wo ich meinen theuren Beſchützer fand, der eben zum Eſſen gehen wollte. Er umarmte mich zärtlich und ſagte, als er mich mit Schweiß bedeckt ſah: Ich bin ſicher, daß Dich nichts drängt. Nein, antwortete ich, aber ich ſterbe vor Hunger. Ich brachte Freude unter das brüderliche Trio und ich erhöhte dieſelbe noch, als ich ihnen ſagte, daß ich ſechs Tage bei ihnen bleiben würde. De la Haye ſpeiſte mit uns zu Mittag: unmittelbar nachdem wir von Tiſche aufgeſtanden, ſchloß er ſich mit Herrn Dandolo ein und ſie brachten zwei Stunden zuſammen zu. Ich hatte mich wäh⸗ rend deſſen niedergelegt und Herr Dandolo kam an mein Bett, um mir zu ſagen, daß ich zur rechten Zeit auge oin⸗ men wäre, um mein Orakel wegen einer wichtigen Angele⸗ genheit zu befragen, welche ihn beträfe. Er gab mir die Fragen und bat mich, die Antwort zu ſuchen. Er wollte wiſſen, ob er gut thun würde, ſich auf einen Plan einzulaſ⸗ ſen, welchen de la Haye ihm vorgeſchlagen. Die Antwort des Orakels war verneinend. finden, werden Sie ſogleich eine Antwort bekommen, welche —₰ AD n N Dandolo erſtaunt darüber, ſtellt eine zweite Frage. Er befragte den Genius Paralis um die Gründe, welche ſeine abſchlägige Antwort rechtfertigten. Ich mache die kabbaliſtiſche Säule und laſſe folgende Antwort daraus hervorgehen: Ich habe die Meinung Ca⸗ ſanova’s hören wollen; und da ſie dem Plane de la Hahe's entgegen iſt, ſo will ich von dieſem nicht mehr ſpre⸗ chen hören. O Macht der Täuſchung! Dieſer brave Mann, erfreut, das Gehäſſige der Weigerung auf mich ſchieben zu können, entfernte ſich zufrieden. Ich wußte nicht, um was es ſich handelte und fragte auch nicht darnach; aber es war mir zuwider, daß ein Schüler Loyola's ſich unterfing, meine Freunde zu etwas bewegen zu wollen, ohne meine Vermit⸗ telung in Anſpruch zu nehmen, und ich wollte, daß dieſer Intriguant gewahr würde, daß meine Macht größer wäre, als die ſeinige. Nachdem dies geſchehen, maskire ich mich und gehe in die Oper, wo ich mich an einem Pharaotiſch ſetze und all' mein Geld verliere. Das Glück zeigte mir wieder, daß es nicht immer mit der Liebe in Einklang ſteht. Meine Lage lag mir auf dem Herzen; ich hatte Kummer; ich legte mich ſchlafen; als ich erwachte, ſah ich de la Haye mit ſtrahlen⸗ dem Geſichte erſcheinen, und mit der Miene der Aufopferung und Freundſchaft gab er mir eine übertriebene Schilderung ſeiner Gefühle für mich. Ich wußte, was ich davon zu hal⸗ ten hatte, und wartete auf die Löſung. Mein theurer Freund, ſagte er endlich, weshalb haben Sie Herrn Dandolo gerathen, das nicht zu thun, was ich ihm an die Hand gegeben? Was haben Sie ihm denn an die Hand gegeben? Sie wiſſen es.. Wenn ich es wüßte, würde ich Sie nicht danach fragen. Er ſagte, Sie hätten ihm abgerathen. Meinetwegen abgerathen, aber nicht abgeredet; denn wenn er überredet geweſen wäre, hätte er mich nicht um Rath zu fragen gebraucht. Wie Sie wollen; aber darf ich Sie um Ihren Grund bitten? Sagen Sie mir zuvor, um was es ſich handelt. Hat er es Ihnen nicht ſelbſt geſagt? Das iſt möglich; wenn ich Ihnen aber meine Gründe ſagen ſoll, ſo muß ich Alles aus Ihrem Munde erfahren, denn er hat im Geheimen mit mir geſprochen. Weshalb dieſe Zurückhaltung? Jeder hat ſeine Principien und ſeine Betrachtungsweiſe. Ich denke gut genug von Ihnen, um zu glauben, daß Sie nicht anders als ich handeln würden; denn, wenn ich nicht irre, habe ich Sie ſagen hören, daß man ſich bei Geheim⸗ niſſen gegen Ueberraſchung vorſehen muß. Ich bin nicht fähig, einen Freund zu überraſchen; aber im allgemeinen iſt Ihr Satz richtig. Ich liebe die Vorſicht. Es handelt ſich um Folgendes. Sie wiſſen, daß Madame Tripolo Witwe geworden und daß Herr Dandolo ihr flei⸗ ßig den Hof macht, nachdem er ihr denſelben ſchon ſeit zehn Jahren während der Lebzeit ihres Mannes gemacht hat. Dieſe Dame, welche noch jung, ſchön, friſch und überdieß ſehr tugendhaft iſt, wüͤnſcht ſeine Frau zu werden. Mir hat ſie ſich anvertraut; und da dieſe Verbindung mir durch⸗ aus löblich erſcheint, ſowohl in weltlicher wie in geiſtlicher Hinſicht, denn Sie wiſſen ja, daß wir Alle Menſchen ſind, ſo habe ich die Sache mit wahrem Vergnügen übernommen. Ich glaube ſogar, daß Herr Dandolo geneigt zu dieſer Hei⸗ rath geweſen iſt, als er ſagte, er wolle mir heute ſeine Ant⸗ wort geben. Ich bin keineswegs erſtaunt, daß er Sie um Ihren Rath in dieſer Sache gebeten, denn es iſt Sache eines klugen Mannes, bei einem weiſen Freunde Rath zu ſuchen, ehe man ſich zu einem ſo wichtigen Schritte entſchließt; aber ich werde Ihnen aufrichtig ſagen, daß ich mich wun⸗ dere, daß dieſe Ehe nicht Ihre Billigung erhält. Entſchul⸗ digen Sie mich, wenn ich zu meiner Belehrung zu erfah⸗ ren wünſche, warum Sie anderer Anſicht als ich ſind. Erfreut, daß ich Alles entdeckt und zeitig genug gekom⸗ men, um meinen Freund, welcher die Güte ſelbſt war, ab⸗ zuhalten, eine lächerliche Ehe einzugehen, antwortete ich mei⸗ nd 93 nem Tartüfe, daß ich Herrn Dandolo liebte, und daß ich, da mir ſein Temperament bekannt wäre, die Ueberzeugung hätte, daß die Ehe mit einer Frau wie Madame Tripolo ihm das Leben verkürzen wuͤrde. Da die Sache ſich ſo ver⸗ hält, ſagte ich, ſo werden Sie als wahrhafter Freund wohl zugeben, daß ich ihm abrathen mußte. Erinnern Sie ſich noch, mir geſagt zu haben, daß Sie aus dieſem Grunde nicht geheirathet hätten? Erinnern Sie ſich noch, wie ſehr Sie in Parma zu Gunſten des Cölibats geſprochen? Be⸗ rückſichtigen Sie auch, wenn ich bitten darf, daß jeder Menſch eine kleine Anlage von Egoismus hat, und daß ich auch den meinigen haben darf, wenn ich bedenke, daß, falls Herr Dandolo eine Frau nähme, dieſelbe einigen Einfluß haben müßte, und daß Alles, was ſie bei ihm gewönne, für mich verloren gehen würde. Wenn Sie mir beweiſen können, daß meine Gründe haltlos oder ſophiſtiſch ſind, ſo werde ich Herrn Dandolo das Gegentheil ſagen, und Madame Tripolo wird ſeine Frau werden, ſobald wir nach Venedig zurück⸗ kommen. Ich muß Ihnen aber ſagen, daß ich nur der Ueber⸗ zeugung weiche.— Ich halte mich nicht für ſtark genug, um Sie zu über⸗ zeugen. Ich werde Madame Tripolo ſchreiben, daß ſie ſich an Sie wenden ſoll. Schreiben Sie ihr das nicht, denn ſie wird glauben, daß Sie ſich über ſie luſtig machen. Halten Sie dieſelbe für ſo einfältig, daß ſie glauben ſollte, ich würde ihren Wünſchen dienen? Sie weiß, daß ich ſie nicht liebe. Wie kann Sie wiſſen, daß Sie ſie nicht lieben? Sie muß bemerkt haben, daß ich mich nicht darum be⸗ müht habe, mich von Herrn Dandolo zu ihr führen zu laſſen. Erfahren Sie endlich, daß ſo lange ich bei dieſen drei Freun⸗ den leben werde, ſie keine andere Frau als mich haben werden. Was Sie betrifft, ſo heirathen Sie, wenn Sie wol⸗ len; ich verſpreche, Ihnen nicht dabei hinderlich zu ſein; wenn Sie aber wollen, daß wir Freunde bleiben ſollen, ſo geben Sie den Plan auf, mir dieſelben abwendig zu machen. Sie ſind heute Morgen kauſtiſch. 96 Ich habe dieſe Nacht all' mein Geld verloren. Ich habe alſo meine Zeit ſchlecht gewählt. Leben Sie wohl. 1 Von dieſem Tage an wurde de la Haye mein geheimer Feind, und derſelbe hat nicht wenig dazu beigetragen, mich zwei Jahre ſpäter unter die Bleidächer zu bringen, nicht durch Verläumdungen, denn ich glaube nicht, daß er, ob⸗ wohl Jeſuit, deren fähig war,— ſelbſt unter dieſen Leuten findet man zuweilen Sittlichkeit— wohl aber durch myſti⸗ ſche Aeußerungen gegen Fromme. Ich glaube meine Leſer benachrichtigen zu muſſen, daß, wenn ſie Leute dieſer Art lieben, ſie meine Memoiren nicht leſen mögen; denn dies iſt eine Brut, welche zu verſchonen ich nicht bezahlt wor⸗ den bin. Von dieſer herrlichen Ehe war weiter nicht die Rede. Herr Dandolo fuhr fort, die ſchöne Witwe alle Tage zu beſuchen, und ich ließ durch das Orakel das Ver⸗ bot an mich ergehen, je einen Fuß über ihre Schwelle zu ſetzen. Don Antonio Croce, ein junger Mailänder, welchen ich in Reggio kennen gelernt hatte, ein großer Spieler und voll⸗ endeter Meiſter in der Kunſt das Glück zu verbeſſern, kam zu mir, als de la Haye ſich entfernte. Er ſagte, da er mich mein Geld habe verſpielen ſehen, ſo wolle er mir ein Mittel vorſchlagen, mich wieder zu erholen, wenn ich als Com⸗ pagnon zu einer Pharaobank hinzutreten wollte, die er bei ſich zu Hauſe legen würde und gegen welche ſieben bis acht reiche Fremde, die ſeiner Frau den Hof machten, pointiren würden. Du bringſt, ſagt er, dreihundert Zechinen in meine Bank und wirſt mein Croupier. Ich habe ebenfalls drei⸗ hundert Zechinen, aber dieſe genügen nicht, da ſtark pointirt wird. Komme zum Mittagseſſen zu uns und Du wirſt ihre Bekanntſchaft machen. Morgen, Freitag, können wir ſpielen, da keine Oper iſt, und ſei ſicher, daß wir Gold ge⸗ winnen werden, denn ein Schwede, Namens Gylenſpetz kann allein 20,000 Zechinen verlieren. Ich war ohne alle Mittel, oder vielmehr ich konnte ſolche nur von Herrn von Bragadino erwarten, und ich ſchämte mich, denſelben zu beläſtigen. Ich wußte wohl, daß .ʒ.G.8Gʒö8GʒGʒ-öö Ann e ——&— N—— — G⁸- 97 Croce's Vorſchlag ſich nicht mit der ſtrengen Moral verei⸗ nigen ließ, und daß ich eine beſſere Geſellſchaft hätte finden können; wäre ich aber nicht darauf eingegangen, ſo würde die Börſe der Liebhaber von Madame Croce nicht weniger geplündert worden ſein, und der Gewinnſt würde einem An⸗ dern zu Gute gekommen ſein. Ich war nicht Rigoriſt ge⸗ nug, um meinen Beiſtand als Adjutant und meinen An⸗ theil am Kuchen abzulehnen. Ich nahm die Einladung an. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Ich komme mieder zu Gelde.— Mein Abenteuer in Dolo.— Analyſe eines langen Briekes meiner Freun- din.— Schlechter Streich, welchen P. C. mir in Vi⸗ renza ſpielt.— Komiſche Seene im Gaſthole. Die Nothwendigkeit, dieſes gebieteriſche Geſetz, iſt meine einzige Entſchuldigung, wenn ich mich ſo ziemlich zum Spieß⸗ geſellen eines Schnapphahns gemacht hatte; aber es blieb noch die Schwierigkeit, die dreihundert Zechinen aufzutrei⸗ ben: indeß verſchob ich es, mich damit zu beſchäftigen, bis ich die Bekanntſchaft der Geprellten und des Götzenbildes, dem ſie ihre Huldigungen darbrachten, gemacht haben würde. Croce führte mich in den Prato della Valle, wo wir Ma⸗ dame, umgeben von Fremden, beim Kaffee finden. Sie war hübſch; und da ein Sekretair des Grafen Roſenberg, kai⸗ ſerlichen Miniſters, ſich ihr angeſchloſſen, ſo wagte kein ad⸗ liger Venetianer als Mitbewerber aufzutreten. Diejenigen, welche mich intereſſirten, waren der Schwede Gylenſpetz, ein Hamburger, der Engländer Mender, von welchem ich ſchon geſprochen, und drei oder vier Andere, auf welche Croce mich aufmerkſam machte. V.. 7 — 4 8 Wir ſpeiſten ſehr gut zuſammen, und nach Tiſche for⸗ deerrten alle Gäſte eine Pharaobank, aber Croce ging nicht darauf ein, was mich in Verwunderung ſetzte, denn da er ein geſchickter Spieler war, ſo konnte er mit drei⸗ oder vier⸗ hundert Zechinen das Glück wohl auf die Probe ſtellen. Er ließ mich nicht lange in der Ungewißheit des Argwohns, denn nachdem er mich in ſein Kabinet geführt, zeigte er mir funfzig deblonos daocho, welche dreihundert Zechinen ausmachten. Als ich ſah, daß dieſer Verbeſſerer des Glücks mich nicht dazu auserſehen hatte geprellt zu werden, ver⸗ ſprach ich ihm die Summe anzuſchaffen, und er lud alle Anweſenden zum Abendeſſen für den folgenden Tag ein. Ehe wir uns trennten, kamen wir überein, daß wir theilen wollten und daß nicht auf Wort gehalten werden dürfte. Die Summe mußte geſchafft werden; aber zu wem ſollte ich meine Zuflucht nehmen? Ich wußte Niemand als Herrn von Bragadino. Dieſer gute und großmüthige Greis hatte das Geld nicht, denn ſeine Kaſſe war gewöhnlich erſchöpft; aber er fand einen Wucherer, ein zum Unglück der Jugend ſehr verbreitetes Gezücht, und auf einen von demſelben aus⸗ geſtellten Schein gab dieſer mir tauſend venetianiſche Duka⸗ ten zu fünf Prozent monatlichen Zinſen und mit Vorweg⸗ nahme der Zinſen für einen Monat. Es war die Summe, deren ich bedurfte. Ich begab mich zum Abendeſſen; Croce zog bis Tagesanbruch ab, und wir theilten uns tauſend ſechshundert Zechinen. Man ſpielte auch am folgenden Tage. und Gylenſpetz allein verlor zweitauſend Zechinen. Der Jude Mender verlor vierhundert. Der Sonntag wurde durch eine Pauſe gefeiert; aber am Montage gewann die Bank viertauſend Zechinen. Am Dienſtage wurde, nachdem wir zu Mittag geſpeiſt hatten, das Spiel wieder begonnen, aber kaum waren einige Abzüge gemacht, als ein Abgeſandter des Podeſta eintrat und Croce anzeigte, daß er ihm zwei Worte im Geheimen zu ſagen habe. Sie gingen zuſammen hin⸗ aus; als derſelbe kurze Zeit darauf mit beſturzter Miene zuruckkehrte, theilte er uns mit, daß er den Befehl erhalten, nicht mehr in ſeiner Wohnung abzuziehen. Madame wurde ohnmächtig, die Pointeurs machten ſich aus dem Staube, -—,= ͤ N 8 ᷣ A NN GS — — 9 und ich machte es wie die andern, nachdem ich die Hälfte des auf dem Tiſche liegenden Goldes genommen: ich ent⸗ fernte mich, weil ich noch Schlimmeres fürchtete. Croce ſagte zu mir beim Abſchiede, wir wuͤrden uns in Venedig wiederſehen, denn er hatte den Beſehl erhalten, den Ort binnen vierundzwanzig Stunden zu verlaſſen. Ich war dar⸗ auf gefaßt, denn er war zu bekannt; aber ſein größtes Ver⸗ brechen in den Augen des Podeſta war, daß die Liebhaber den Foyer der Oper beſuchen ſollten, wo die meiſten Ban⸗ kiers edle Venetianer waren. Ich machte mich auf einem Poſtpferde bei ſchrecklichem Wetter auf den Weg, da ich am folgenden Tage frühzeitig einen Brief meiner theuren Eingeſperrten zu erwarten hatte. Sechs Miglien von Padua machte mein Pferd einen Fall auf die Seite und ich gerieth mit dem linken Schenkel unter daſſelbe. Ich trug gewöhnliche Stiefeln und fürchtete mich verletzt zu haben. Da der Poſtillon, welcher voraufritt, meinen Sturz gehört hatte, ſo kehrte er zurück und zog mich unter dem Pferde hervor; aber mein Pferd hatte ſich beſchädigt. Ich mache von meinem Rechte Gebrauch und ſteige auf das Pferd des Poſtillons; aber der Unverſchämte ergreift daſſelbe beim Zügel und will mich hindern, weiter zu reiten. Ich ſuche ihm zu beweiſen, daß er Unrecht hat; da er aber keine Vernunft annehmen will, ſo hält er mich fortwährend feſt; ich aber, der Eile habe, ſetze ihm die Pi⸗ ſtole auf die Bruſt und ſchieße ab, jedoch ohne ihn zu tref⸗ fen. Erſchreckt weicht er jetzt zurück, und ich ſetze dem Pferde die Sporen in die Seite. In Dolo angekommen, gehe ich in den Stall und ſattle ſelbſt ein Pferd, welches der Poſtillon, dem ich einen Thaler geſchenkt, als vorzüglich bezeichnete. Man findet es nicht befremdend, daß der an⸗ dere Poſtillon zurückgeblieben, und wir brechen auf. Es war ein Uhr nach Mitternacht; das Unwetter hatte die Wege verdorben und es war ſo finſter, daß man nicht zwei Schritte vor Augen ſehen konnte: es fing an zu tagen, als ich in Fuſine anlangte. Die Schiffer drohten mir mit einem neuen Ungewitter, aber ich ſteige Allem Trotz bietend, in ein vierrudriges Bug⸗ 7* 100 firboot und lange unbeſchädigt, aber halb erfroren und bis auf die Haut durchnäßt zu Hauſe an. Ich war noch nicht eine Viertelſtunde zu Hauſe, als die Botin aus Murano mir einen Brief brachte und ſagte, ſie würde in zwei Stun⸗ den wiederkommen, um die Antwort in Empfang zu neh⸗ men. Dieſer Brief war ein Tagebuch von ſieben Seiten, deſſen getreue Ueberſetzung den Leſer ermüden könnte; aber ich laſſe hier einen Auszug daraus folgen. Nachdem der Vater von C. C. mit Herrn von Bra⸗ gadino geſprochen, war er nach Hauſe gegangen, hatte die Mutter und Tochter auf ſein Zimmer gerufen und dieſelbe mit Sanftmuth gefragt, wo ſie mich kennen gelernt. Sie erwiederte, daß ſie mich vier⸗ oder fünfmal im Zimmer ih⸗ res Bruders geſprochen, wo ich ſie gefragt, ob ſie meine Frau werden wolle, worauf ſie geantwortet, daß dies von ihrem Vater und ihrer Mutter abhinge. Der Vater hatte nun zu ihr geſagt, ſte wäre zu jung, um ans Heirathen zu denken, und überdieß hätte ich auch keine Stellung. Nach dieſem Ausſpruche war er ins Zimmer ihres Bruders ge⸗ gangen, hatte die kleine Thür von innen, ſo wie die mit dem Zimmer der Mutter in Verbindung ſtehende Thür ge⸗ ſchloſſen und befahl ihm, falls ich zum Beſuche zu ihm kommen ſollte, mir zu ſagen, daß ſie auf dem Lande wäre. Zwei Tage darauf ſuchte er ſie am Bette ihrer Mut⸗ ter auf, welche krank war, und theilte ihr mit, daß ihre Tante ſie in ein Kloſter bringen würde, wo ſie in Penſton bleiben würde, bis ſie aus den Händen des Vaters und der Mutter einen Mann erhielte. Sie hatte erwiedert, daß ſie ſich ſeinem Willen unterwerfe und mit Vergnügen gehorche. Zufrieden mit ihrer Folgſamkeit, verſprach ihr Vater ihr, ſie zu beſuchen und gab ihr die Verſicherung, daß ihre Mut⸗ ter zu ihr kommen würde, ſobald ſie hergeſtellt ſein würde. Eine Viertelſtunde darauf holte ihre Tante ſie und eine Gondel führte ſie ins Kloſter, wo ſie ſich befand. Man hatte ihr ihr Bett und ihre Effekten gebracht; ſie war ſehr zufrieden mit ihrem Zimmer und der Nonne, der ſie über⸗ geben war und von der ſie abhing. Dieſe hatte ihr bei Strafe der Erkommunikation durch den heiligen Vater, ewi⸗ — e— — n-—-—— 2 y IN LKy V ο 8—RMm. 101 ger Verdammniß und anderer ſolcher Lumpereien verboten, Briefe oder Beſuche anzunehmen oder an Jemand zu ſchrei⸗ ben; indeß hatte ihr dieſelbe Nonne Papier, Dinte und Bü⸗ cher gegeben, und Nachts übertrat ſie die klöſterlichen Vor⸗ ſchriften, indem ſie während derſelben alle Einzelnheiten für mich aufſchrieb. Meine Freundin meldete mir, daß ſie die Ueberbringerin für verſchwiegen und treu hielte, und daß ſie glaubte, dieſelbe würde es immer bleiben, denn dieſelbe war arm, und unſere Zechinen waren für ſie ein kleines Vermögen. Auf eine ſehr beluſtigende Weiſe erzählte ſie mir, daß die ſchönſte aller Nonnen im Kloſter ſie bis zum Wahnſinn liebe, ihr zweimal taglich franzöſiſchen Unterricht gebe, und ihr freundſchaftlichſt verboten habe, mit den Penſionairinnen Bekanntſchaft anzuknüpfen. Dieſe Nonne war erſt zweiund zwanzig Jahr alt; ſie war ſchön, reich und großmüthig: alle andern bezeugten ihr große Rückſichten. Wenn wir allein ſind, ſagte meine Freundin, giebt ſie mir ſo zärtliche Küſſe, daß Du eiferſüchtig werden würdeſt, wenn ſie nicht Weib wäre. Was den Plan der Entführung betraf, ſo ſagte ſie, ſie halte die Ausführung nicht für ſchwierig; indeß rathe doch die Klugheit, ſo lange zu warten, bis ſie mich genau mit der Oertlichkeit habe bekannt machen können, die ſie noch nicht vollſtändig kenne. Sie empfahl mir Treue als Bürg⸗ ſchaft der Beſtändigkeit, und bat mich zuletzt um mein Bild in einem Ringe, aber ſo angebracht, daß es Niemand ent⸗ decken könne. Sie ſagte, ich könnte ihr dies Kleinod durch ihre Mutter zukommen laſſen, welche ſich wohl befände und welche täglich zur erſten Meſſe ihrer Parochie ginge. Sie verſicherte mir, daß ihre gute Mutter erfreut ſein würde, mich zu ſehen und zu thun, um was ich ſie bitten würde. Uebrigens, ſchloß ſie, hoffe ich in einigen Monaten in einem Zuſtande zu ſein, welcher das ganze Kloſter in Empörung verſetzen wird, wenn man mich durchaus in demſelben zu⸗ rückhalten will. Ich war mit meiner Antwort zu Ende, als Laura, die Botin, kam, um ſie abzuholen. Nachdem ich ihr die ver⸗ ſprochene Zechine geſchenkt, übergab ich ihr ein Paket mit —ſ—ymm ————— 10² ſpaniſchem Siegellacke, Papier, Feder und einem Feuerzeuge, und ſie verſprach dies Alles an meine Schöne abzuliefern. Meine Freundin hatte ihr geſagt, ich wäre ihr Couſin, und ſie that ſo, als ob ſie es glaubte. 4 Da ich nicht wußte, was ich in Venedig machen ſollte, und glaubte, meine Chre erfordere, daß ich mich wieder in Padua zeige, damit man nicht glaube, ich habe denſelben Befehl wie Croce bekommen, ſo frühſtückte ich ſchnell und löſte dann auf der römiſchen Poſt ein boletone: denn ich 5 konnte mir wohl denken, daß mein Piſtolenſchuß und das beſchädigte Pferd den Poſtmeiſter in üble Stimmung ver⸗ ſetzt haben würden; wenn ich ihnen aber den in Italien ſo⸗ genannten boletone zeigte, ſo konnten ſie mir die Pferde nicht verweigern, falls ſie ſolche hatten. Was den Piſto⸗ enſchuß betraf, ſo fürchtete ich nichts, denn ich hatte den unverſchämten Poſtillon abſichtlich verfehlt; und ſelbſt wenn ich ihn niedergeſtreckt hätte, würde doch nichts geweſen ſein. In Fuſine nahm ich einen zweirädrigen Wagen, denn ich war ſo müde, daß es mir unmöglich geweſen ſein würde, V zu reiten und in dieſem Zuſtande lange ich in Dolo an, wo man mich erkennt und mir die Pferde verweigert. Ich mache Lärm, der Poſtmeiſter erſcheint und droht, mich ver⸗ haften zu laſſen, wenn ich ihm das Pferd, welches ich ihm getödtet, nicht bezahlte. Ich antworte, daß ich, wenn das Pferd todt wäre, die Sache mit dem Poſtmeiſter in Padua abmachen würde, und daß er mir auf der Stelle Pferde zu Aiefern habe. Dies ſagend, zeige ich ihm den fürchterlichen Bolotane. Als er dieſen erblickt, fing er an den Ton her⸗ abzuſtimmen; aber er ſagte, ich wäre ſo ſchlecht mit dem Poſtillon umgegangen, daß keiner mich würde fahren wollen, ſelbſt wenn man mir Pferde gäbe. In dieſem Falle, ſagte hiich, werden Sie mich begleiten. Anſtatt mir zu antworten, lacht er mir ins Geſicht, dreht mir den Rücken zu und geht ab. Ich nehme zwei Zeugen und gehe zu einem Notar, welcher ein Protokoll aufnimmt, in welchem ich den Poſt⸗ meiſter für zehn Zechinen die Stunde, bis er mir Pferde geliefert, in Anſpruch nehme.— 1 Sobald er von dem Protokoll Kenntniß genommen, — —4———, 22 — n—2—,————*2*— . —— „n— +½ 103— 2. 8 ließ er, wahrſcheinlich ſchon darauf vorbereitet, zwei wüthende Pferde aus dem Stalle führen. Ich ſehe, daß man beab⸗ ſichtigt, mich untermegs umzuwerfen und vielleicht in den Fluß zu werfen; 4 ich ſage mit der größten Kaltblütig⸗ keit zum Poſtillon, daß ich ihm in demſelben Augenblicke, wo er umwerfen würde, eine Kugel durch den Kopf jagen würde; erſchreckt führt er ſeine Pferde wieder in den Stall, und erklärt, daß er nicht fahren würde. In demſelben Au⸗ genblicke langt ein Courier an, welcher ſechs Wagenpferde und zwei Reitpferde beſtellt. Ich bedeute dem Poſtmeiſter, daß Niemand vor mir befördert werden dürfe, und daß, wenn er ſich widerſetzen ſollte, Blut vergoſſen werden würde; und um meiner Drohung Nachdruck zu geben, ziehe ich meine Piſtolen hervor; der Mann flucht und tobt, aber da alle Umſtehenden ihm Unrecht geben, ſo geht er ab. Fünf Minuten ſpäter kömmt Croce mit ſeiner Frau, einer Kammerfrau und zwei Livreebedienten in einer ſchö⸗ nen, mit ſechs Pferden beſpannten Berline an. Er ſteigt ab, wir umarmen uns und ich ſage zu ihm mit traurigem Geſichte, er dürfe nicht vor mir abfahren. Ich erzählte ihm die Geſchichte; er tritt meiner Anſicht bei, ſpricht wie ein großer Herr und jagt Allen Furcht ein. Der Poſtmeiſter war verſchwunden; ſeine Frau kömmt und befiehlt, mir den Willen zu thun. Während deſſen ſagt mir Croce, daß ich gut thun würde, nach Padua zurückzukehren, da dort das Gerücht verbreitet wäre, daß ich mich auf Befehl entfernt hätte. Man hat, ſagte er, auch Herrn von Gondoin, Ober⸗ ſten im Dienſte des Herzogs von Modena veranlaßt, die Stadt zu räumen, weil er in ſeiner Wohnung eine Bank hielt. Ich verſprach ihm, ihn in der folgenden Woche in Venedig zu beſuchen. Dieſer Mann, welcher mir in einem Augenblicke der höchſten Noth gleichſam aus den Wolken gefallen war, hatte in vier Sitzungen 10,000 Zechinen ge⸗ wonnen: ich hatte 5000 davon bekommen, und ich beeilte mich, meine Schulden zu bezahlen und alle verſetzten Sachen auszulöſen. Dieſer Hallunke verhalf mir wieder zu Glück, denn von dieſem Augenblicke an verließ mich das Pech, wel⸗ ches ſich an meine Ferſen geheftet hatte. 104 Ich langte glücklich in Padua an und der Poſtillon, welcher, vielleicht aus Furcht, mich gut gefahren hatte, war zufrieden mit mir: ich that dies, um mit dieſer Art von Leuten Frieden zu ſchließen. Meine Ankunft erfüllte meine drei Freunde mit Freude, denn meine eilige Abreiſe hatte ſie in Beſtürzung geſetzt, Herrn von Bragadino ausgenommen, welchem ich am Tage vorher meine Kaſſette übergeben hatte. Seine beiden Freunde glaubten an das verbreitete Ge⸗ rücht, daß der Podeſta auch mir den Befehl, die Stadt zu verlaſſen, habe zukommen laſſen. Sie bedachten nicht, daß man mir als einem venetianiſchen Bürger einen ſolchen Be⸗ fehl nicht ertheilen konnte, ohne ſich Verfolgungen auszu⸗ ſetzen. Ich war müde; aber anſtatt mich ſchlafen zu legen, machte ich große Toilette, um unmaskirt in die Oper zu gehen. Ich ſagte zu meinen Freunden, ich müßte mich zei⸗ gen, um Alles, was böſe Zungen über mich verbreitet, Lü⸗ gen zu ſtrafen. De la Haye ſagte: Es ſoll mich freuen, wenn Alles, was man ſagt, falſch iſt; aber Sie können ſich nur an ſich ſelbſt halten, denn ihre eilige Abreiſe lieferte reichen Stoff für Muthmaßungen. Und für Verläumdungen?— Das iſt möglich; aber das Publikum will Alles wiſ⸗ ſen, und was es nicht errathen kann, erfindet es. Und die Narren und Böswilligen beeifern ſich, ſolche Erfindungen zu wiederholen. Aber es iſt doch ausgemacht, daß Sie den Poſtillon haben tödten wollen. Iſt das auch eine Verläumdung? Ddie größte von allen. Glauben Sie, daß eine ſichere Hand einen Menſchen in unmittelbarſter Nähe verfehlen wird, wenn ſie dies nicht beabſichtigt?* Das ſcheint mir ſchwierig; aber es iſt wenigſtens ſicher, daß das Pferd todt iſt, und daß Sie es bezahlen müſſen.. Nein, ſelbſt nicht, wenn es Ihnen gehörte, denn der Poſtillon war mir voraufgeritten. Sie, der Sie ſo viel wiſſen, kennen Sie nicht das Poſt⸗Reglement? Uebrigens hatte ich Eile, denn ich hatte einer hübſchen Frau verſpro⸗ u N— au a u—— — ³— 105 chen, dieſen Morgen bei ihr zu frühſtücken, und Sie wiſen, daß man ſolche Verſprechungen halten muß. Herrn de la Haye ſchien die etwas kauſtiſche Ironie, mit welcher ich den Dialog gewürzt hatte, nicht zu mun⸗ den: aber ſein Aerger wurde noch größer, als ich eine Rolle Zechinen aus der Taſche zog und ihm das in Wien gelie⸗ hene Geld zurückgab. Der Menſch ſpricht nur gut, wenn er eine gefüllte Börſe hat; dann hat er einen leichten Re⸗ defluß, wenn ihn nicht anders eine ſtürmiſche Leidenſchaft blödſinnig macht. Herr von Bragadino billigte es ſehr, daß ich mich unmaskirt in der Oper zeigen wolle. Als ich im Parterre erſchien, ſah ich allgemeines Er⸗ ſtaunen und ich empfing von einer Menge von Leuten wahre oder falſche Complimente. Nach dem erſten Ballet ging ich in den Spielſaal und gewann in vier Abzügen fünfhundert Zechinen. Da ich mich des Hungers und Schlafs nicht mehr erwehren konnte, ſo kehrte ich zu mei⸗ nen Freunden zurück, um meinen Sieg zu feiern. Freund Bavois, der dort war, benützte den Augenblick, um mir funfzig Zechinen abzuborgen, welche er mir nie wiedergege⸗ ben hat: allerdings habe ich ihn auch nie daran erinnert. Fortwährend mit meiner ſchönen C. C. beſchäftigt, ließ ich mich am folgenden Tage von einem geſchickten Piemon⸗ teſen, welcher auf der Meſſe von Padua war und welcher ſpäter in Venedig viel Geld verdiente, in Miniatur malen. Sobald mein Portrait beendet war, malte er mir eine hüb⸗ ſche heilige Katharina von derſelben Größe, und ein geſchick⸗ ter venetianiſcher Juwelier machte einen außerordentlich ſchö⸗ nen Ring dazu. In dem Ringkaſten war nur die Heilige zu ſehen, aber ein blauer, faſt unſichtbarer Punkt auf dem dieſelbe umgebenden weißen Email ſtand mit der Sprung⸗ feder in Verbindung, welche mein Portrait hervorkommen ließ, und das bewirkte man dadurch, daß man den blauen Punkt mit der Spitze einer Stecknadel berührte. Am Freitage, als wir eben von Tiſche aufſtanden, über⸗ gab man mir ein Billet. Ich war nicht wenig verwundert, als ich die Handſchrift P. C.'s erblicke. Er bat mich in den Stern zu kommen, wo er mir eine Nachricht von großem 106 Intereſſe mittheilen würde. Da ich vermuthete, daß die Sache auf ſeine Schweſter Bezug haben könnte, ſo ging ich ſogleich hin. Ich fand ihn in Geſellſchaft von Madame L., und nach⸗ dem ich ihm zu ſeiner Befreiung Glück gewunſcht, fragte ich ihn, welche Nachricht er mir zu geben habe. Ich bin ſicher, ſagte er, daß meine Schweſter in einem Kloſter iſt, und werde Ihnen, ſobald ich nach Venedig zurückgekehrt ſein werde, den Namen deſſelben ſagen können. Sie werden mich verpflichten, ſagte ich, indem ich ſo that, als ob ich nichts wüßte. Aber dieſe Nachricht war nur Vorwand gewe⸗ ſen, um mich zu bewegen, ihn zu beſuchen, und ſeine große Zuvorkommenheit hatte einen ganz andern Grund als meine Befriedigung. Ich habe, ſagte er, mein Verproviantirungs⸗ recht auf drei Jahre für die Summe von 15,000 Gulden verkauft, und die Perſon, mit welcher ich dieſen Vertrag abgeſchloſſen, hat mich aus dem Gefängniſſe beſreit, indem ſie Bürgſchaft für mich geleiſtet und hat mir 6000 Gulden in vier Wechſeln vorgeſchoſſen. Er zeigte mir dieſe Effek⸗ ten, welche von einem Namen endoſſirt waren, den ich nicht kannte, den er aber ſehr lobte. Ich will, fuhr er fort, für 6000 Gulden ſeidene Stoffe aus der Fabrik von Vicenza kaufen, und werde den Fabrikanten dieſe Wechſel in Zah⸗ lung geben. Ich bin ſicher, dieſe Stoffe ſchnell zu verkau⸗ fen und zehn Prozent daran zu verdienen. Kommen Sie mit uns: ich werde Ihnen für 200 Zechinen abgeben und Sie werden ſo hinſichtlich der Bürgſchaft gedeckt ſein, die Sie ſo gütig waren für den Ring zu übernehmen. In vier⸗ undzwanzig Stunden wird Alles abgemacht ſein. Das Geſchäft war nicht nach meinem Geſchmack, aber durch den Wunſch, mich wegen der Summe zu decken, für welche ich Bürgſchaft geleiſtet und die ich, wie ich voraus ſah, früher oder ſpäter bezahlen mußte, ließ ich mich blen⸗ den. Gehe ich nicht hin, ſagte ich zu mir, ſo verkauft er die Stoffe mit fünfundzwanzig Prozent Verluſt, und ich bekomme nichts. Ich verſprach mitzukommen. Er zeigte mir verſchiedene Empfehlungsſchreiben an die erſten Häuſer — — 4—— 702——6A&SSSg —,2 120 82ͤ2ͤ-eSe 2 ᷑◻ 2 5BSS8ISͤ—— — ⸗ +ASSEEA SSUonͤA + N u E G dN 0S8RRN 107 von Vicenza und wir verabredeten, daß wir am folgenden Morgen früh abreiſen wollten. I Mit Tagesanbruch war ich im Sterne. Man beſpannt einen Wagen mit vier Pferden; der Wirth kömmt mit der Rechnung, und P. C. bittet mich zu bezahlen. Die Rech⸗ nung belief ſich auf fünf Zechinen, von denen der Wirth vier ausgegeben hatte, um den Fuhrmann zu bezahlen, der ſie von Fuſine hergebracht hatte. Ich ſah, wie es ſtand; aber ich bezahlte mit guter Manier, denn ich konnte mir wohl denken, daß der Bandit ohne einen Pfennig von Ve⸗ nedig abgereiſt war. Wir brechen auf und langen in drei Stunden in Vicenza an und ſteigen im Hute ab, wo P. C. ein feines Mittagseſſen beſtellte, und mich ſodann mit ſeiner Dame allein ließ, um ſeine Geſchäfte mit den Fabrikanten abzumachen. Als ich mit der Schönen allein war, fing ſie an, mir liebenswürdige Vorwürfe zu machen. Es ſind, ſagte ſie, ſchon achtzehn Jahre, daß ich Sie liebe, denn zum erſten⸗ male ſah ich Sie in Padua und wir waren damals neun Jahre alt. Ich erinnerte mich deſſen durchaus nicht. Sie war die Tochter des Antiquars, des Freundes von Herrn Grimani, welcher mich bei der abſcheulichen Slavonierin in Penſion gebracht. Das brachte mich zum Lachen, denn es erinnerte mich daran, daß ihre Mutter mich geliebt hatte. Bald darauf kamen Ladendiener, welche Zeuge brachten, und das Geſicht der Madame C. erheitert ſich. In weni⸗ ger als zwei Stunden war unſer ganzes Zimmer voll, und P. C. kömmt mit zwei Kaufleuten, welche er eingeladen hatte, nach Hauſe. Madame C. kokettirt auf eine liebens⸗ würdige Weiſe; man ſpeiſt zu Mittag; man trinkt feine Weine in großer Menge. Am Nachmittag bringt man wieder Zeuge: P. C. nimmt ein Verzeichniß nebſt den Prei⸗ ſen auf; aber er verlangt noch mehr, und man verſpricht ihm ſolche ſür den folgenden Tag, obwohl derſelbe ein Sonntag war. Gegen die Abenddämmerung kommen die Grafen, denn in Vicenza ſind alle Adligen Grafen. P. C. hatte bei ih⸗ nen die Empfehlungsſchreiben hinterlaſſen. Es war ein 108 Velo, ein Seſſo, ein Trento, und alle waren ſehr liebens⸗ würdig. Sie laden uns in das Adels⸗Caſino und C. glänzt hier durch ihre Reize und Koketterie. Nachdem wir hier zwei Stunden geblieben, ladet P. C. die Herrn zum Abend⸗ eſſen bei uns ein und Alles ſchwamm in Freude und Ueberfluß. Mich langweilte dies Alles ſehr und ich war daher nicht liebenswürdig; auch richtete Niemand das Wort an mich. Ich ſtehe auf und lege mich zu Bette, die fröh⸗ liche Bande bei Tiſche zurücklaſſend. Am Morgen gehe ich hinunter, frühſtücke und beobachte. Das Zimmer war ſo voll von Waaren, daß meiner Anſicht nach P. C. unmög⸗ lich die Zahlung mit den 6000 fraglichen Dukaten beſtrei⸗ ten konnte. Er ſagte mir, die ganze Geſchichte würde am folgenden Tage abgemacht ſein, und wir wären zu einem Balle eingeladen, wo der geſammte Adel erſcheinen würde. Die Fabrikanten, mit welchen er ſeine Geſchäfte gemacht, kamen alle zum Mittagseſſen zu uns, und dieſes war mit der erſichtlichſten Verſchwendung bereitet. Wirr gehen auf den Ball; aber hier verlor ich bald ernſtlich die Geduld, denn Alle ſprachen mit C., mit P. C., welcher nichts ſagte, was der Mühe werth geweſen wäre; und wo ich den Mund öffnete, that man ſo, als ob man mich nicht hörte. Ich hole eine Dame, um ein Menuet zu tanzen; ſie tanzt, hat aber die Augen beſtändig entweder rechts oder links gekehrt, und läßt mich die Rolle eines Strohmannes ſpielen. Man fängt einen Contretanz an, und ordnet die Sache ſo an, daß ich ausgeſchloſſen werde, und dieſelbe Dame, welche mir eine abſchlägliche Antwort gegeben hatte, tanzt mit einem andern. Wäre ich guter Laune geweſen, ſo würde ich das nicht gelitten haben; ſo aber begnügte ich mich, ihr einen verächtlichen Blick zuzu⸗ werfen und verließ den Ball. Ich legte mich zu Bette, ohne mir den Grund denken zu können, weshalb mich der vicen⸗ tiniſche Adel ſo behandle. Vielleicht vernachläſſigte man mich, weil ich in P. C.'s Empfehlungsſchreiben nicht genannt war; aber man hätte doch die Geſetze der Höflichkeit kennen müſſen. Indeß faſſe ich mich in Geduld, denn am folgende Tage ſollten wir abreiſen. 1 —„„— —.————— 4 —, 2SDe ͤSSͤSAͤSͤ——, Nn n η⁹ N* N GꝗQ ᷣ ρ n — 1Uv —: 109 Am Montage ſchlief das ermüdete Paar bis Mittag, und nach Tiſche ging P. C. aus, um die Stoffe zu bezah⸗ len, welche er ausgeſucht hatte. Wir ſollten am folgenden Tage, dem Dienſtage, früh⸗ zeitig abreiſen, und ich ſeufzte inſtinktartig nach dieſem Au⸗ genblicke. Die Grafen, welche P. C. eingeladen hatte, und welche von ſeiner Maitreſſe bezaubert waren, kamen zum Abendeſſen; aber ich vermied es, bei Tiſche mit ihnen zu⸗ ſammen zu ſein.. Am Dienſtag Morgen meldete man mir, daß das Früh⸗ ſtück aufgetragen ſei. Ich zauderte, der Kellner kömmt noch einmal und ſagt, meine Frau Gemahlin laſſe mich bitten zu eilen. Bei dem Worte Gemahlin antworte ich dem armen jungen Menſchen mit einer kräftigen Ohrfeige, und in mei⸗ ner Wuth verfolge ich ihn bis an die Treppe mit Fußtrit⸗ ten. Wüthend trete ich in das Zimmer, wo ich erwartet werde und mich an P. C. wendend frage ich, wer der Lump iſt, der mich im Gaſthofe als den Gemahl von Madame angemeldet. Er erwiedert, er wiſſe nichts davon, aber im ſelben Augenblicke tritt der Wirth mit einem großen Meſ⸗ ſer in der Hand in den Saal und fragt mich zornig, warum ich ſeinen Kellner die Treppe hinunter geworfen habe. Ich ergreife ſchnell eine Piſtole und nun meinerſeits zur Dro⸗ hung übergehend, fordere ich ihn mit gebieteriſchem Tone auf, mir zu ſagen, wer mich in dem Gaſthofe für den Ge⸗ mahl von Madame ausgegeben. Das hat der Kapitain P. C. gethan, erwiederte der Wirth. Bei dieſen Worten ergreife ich den Unverſchämten beim Kragen und mit einem kräftigen Stoße dränge ich ihn an die Mauer, wo der Wirth mich hindert, ihm mit dem Schafte meiner Piſtole den Schädel zu zerſchmettern. Madame ſtellte ſich ohnmächtig, denn Frauen dieſer Gattung haben immer Thränen in Bereit⸗ ſchaft, während der unwürdige P. C. aus allen Kräften ſchrie: das iſt nicht wahr! das iſt nicht wahr! Der Wirth holt das Fremdenbuch und hält es dem gemeinen Menſchen unter die Naſe, indem er ihn auffordert zu wiederholen, daß nicht er die Worte: Herr P. C. kaiſerlicher Kapitain und Herr und Madame Caſanova diktirt habe. Der 110 Burſche antwortet, er habe falſch verſtanden. Der Gaſt⸗ wirth drückt ihm das Buch mit ſolcher Heftigkeit gegen das Geſicht, daß er ihn ganz betäubt gegen die Mauer wirft. Als ich ſah, daß der unwürdige Feigling eine ſo er⸗ niedrigende Behandlung ertrug, ohne daran zu denken, daß er einen Degen habe, verlaſſe ich den Saal und erſuche den Wirth, mir eine Kaleſche mit zwei Pferden nach Padua zu beſorgen. Schäumend vor Wuth und erröthend über die Schmach gehe ich auf mein Zimmer, zu ſpät einſehend, daß ich einen ungeheuren Fehler begangen, mich mit einem Schur⸗ ken einzulaſſen, und mache raſch meinen Nachtſack fertig. Ich wollte eben hinausgehen, als die C. kam. Machen Sie, daß Sie weg kommen, rufe ich ihr zu; denn in meiner Wuth könnte ich vielleicht auf Ihr Geſchlecht keine Rückſicht nehmen. Sie wirft ſich weinend auf einen Seſſel, bittet mich, ihr zu verzeihen und verſichert mir, daß ſie unſchuldig ſei und daß ſie nicht zugegen geweſen, als unſere Namen in das Fremdenbuch eingetragen worden. Die Frau des Wir⸗ thes kömmt dazu und giebt mir dieſelbe Verſicherung. Mein Zorn fängt nun an, ſich in Worten Luft zu machen und ich ſehe aus dem Fenſter den von mir beſtellten, mit zwei Pferden beſpannten Wagen. Ich laſſe den Wirth kommen, um meinen Antheil zu bezahlen; er erwiedert, da ich nichts beſtellt, ſo habe ich auch nichts zu bezahlen. Während deſ⸗ ſen erſcheint der Graf Velo. Ich wette, Herr Graf, daß Sie dieſe Perſon für meine Gemahlin gehalten haben. Das weiß die ganze Stadt. Wie, zum Donnerwetter! Und Sie haben dies glau⸗ ben können, da ſie doch wußten, daß ich allein in dieſem Zimmer wohne und noch mehr, da Sie geſehen, daß ich mich vorgeſtern auf dem Balle und geſtern Abend zurück⸗ gezogen und ſie in der Geſellſchaft gelaſſen habe! Es giebt ſo gefällige Ehemänner! Ich glaube nicht ſo auszuſehen, als ob ich zu denſel⸗ ben gehörte, und Sie verſtehen ſich nicht auf Ehrenmänner, gehen wir hinaus, ich werde es Ihnen beweiſen. — Aa ⏑⁸—ri-⁷—— N ⸗* 111 * Der Graf ſuchte ſchnell die Thur und verließ den Gaſt⸗ hof. Die unglückliche C. verging und flößte mir Mitleid ein, denn die Thränen einer Frau ſind eine Waffe, welcher ich nie habe widerſtehen können. Ich bedachte, daß, wenn ich ohne zu bezahlen abzöge, man ſich über den Skandal, welchen ich gemacht, luſtig machen, und glauben könnte, daß ich Theilnehmer der Gaunerei geweſen. Ich befahl dem Wirthe die Rechnung zu bringen, da ich die Hälfte derſel⸗ ben bezahlen wollte. Er holt ſie, aber nun kömmt eine neue Scene. Madame C. wirft ſich mir weinend zu Füßen, und ſagt, ſie wäre verloren, wenn ich ſie verließe, denn ſie habe weder Geld noch etwas zu verſetzen. Wie, Madame! haben Sie nicht Wechſel im Betrage von 6000 Gulden, oder die Stoffe, welche Sie dafür ge⸗ kauft? Es ſind keine Stoffe mehr da; man hat ſie alle ab⸗ geholt, denn die Wechſel, welche Sie geſehen und welche wir für baares Geld hielten, haben nur das Lächeln der Fabri⸗ kanten erregt. Sie haben Alles wegholen laſſen. Wer hätte das gedacht? Der Schurke! er hatte Alles vorausgeſehen und mich deshalb aufgefordert mitzukommen. Es iſt gerecht, daß ich meinen Fehler büße. Die Rechnung, welche der Wirth mir brachte, belief ſich auf vierzig Zechinen, eine ungeheure Summe für drei Tage, aber in dieſer Summe war auch vieles vom Wirthe ausgelegte Geld inbegriffen. Ich ſah ſogleich ein, daß meine Ehre die Bezahlung der ganzen Rechnung forderte: ich ſchwankte nicht, ließ mir aber von zwei Zeugen eine Quit⸗ tung darüber ausſtellen. Ich gab ſodann dem Neffen des Wirths zwei Zechinen, um ihn für die ihm widerfahrene Behandlung zu tröſten, und verweigerte ſie der elenden C., welche mich durch die Wirthin darum bitten ließ. So endete dieſes ekelhafte Abenteuer, welches mich zu leben lehrte und deſſen ich nicht mehr hätte bedürfen ſollen. Zwei oder drei Wochen ſpäter erfuhr ich, daß der Graf Trento den Unglücklichen, mit welchem ich nichts mehr zu ſchaffen haben wollte, zur Abreiſe verholfen hatte. Einen 112 Monat darauf wurde P. C. wieder in Haft gebracht, da der Mann, welcher für ihn Bürgſchaft geleiſtet, Bankerott gemacht hatte. Er war ſchamlos genug, mir einen langen Brief zu ſchreiben, und mich um einen Beſuch zu bitten: ich gab ihm keine Antwort. Ich war eben ſo unerbittlich 1 gegen die C., welche ich nicht mehr ſehen wollte, und welche ins Unglück gerieth. Ich kehrte nach Padua zurück, wo ich nur verweilte, ſ um meinen Ring abzuholen und mit Herrn von Bragadino( zu Mittag zu ſpeiſen, welcher bald darauf nach Venedig zu⸗ 6 rückkehrte. Die Botin aus dem Kloſter brachte mir frühzeitig d einen Brief, welchen ich begierig las; er war zärtlich, ent⸗ d hielt aber nichts Neues. In der Antwort an meine Freun⸗ ſ din ſchilderte ich ihr den abſcheulichen Streich, welchen ihr k Bruder, das ſchlechte Subjekt, mir geſpielt und kündete ihr 1 den Ring an, deſſen Geheimniß ich ihr mittheilte. ſt Nach der Inſtruktion, welche meine C. C. mir gege⸗ m ben, legte ich mich eines Morgens an einem Orte in Hin⸗ m. terhalt, von welchem aus ich ihre Mutter in die Kirche ge⸗ hen ſehen konnte. Ich folgte ihr, und nachdem ich neben m ihr niedergekniet, ſagte ich zu ihr, ich hätte mit ihr zu in 8 ſprechen: ſie folgte mir in den Kreuzgang. Nachdem ich ſie verſucht, ſie zu troſten und ihr verſichert, daß ich ihrer Toch⸗ de ter unverbruchlich treu bleiben würde, fragte ich ſie, ob ſie ke dieſelbe beſuchen würde. Ich denke, ſagte ſie, das theure 1 lu Kind am Sonntage zu umarmen, und werde dann mit ihr da von Ihnen ſprechen, was ihr gewiß großes Vergnügen ma⸗ de chen wird; aber ich bin in Verzweiflung, daß ich Ihnen ül nicht ſagen darf, wo ſie iſt. Sie ſollen es mir nicht ſagen, ch gute Mutter, aber ich darf Sie wohl bitten, ihr dieſen Ring 1 N zu geben. Es iſt das Bild ihrer Schutzheiligen und Sie kle müſſen ſie auffordern, daſſelbe immer am Finger zu tragen; un möge ſie jeden Tag zu derſelben beten, denn ohne ihren hit Schutz kann ſie nicht meine Frau werden. Sagen Sie ihr ſel auch, daß ich jeden Tag zum heiligen Jakob bete und ein m Credo herſage. Die gute Frau, welche von meiner frommen Empfin⸗ vo 7 N ₰ 1 REN ES re unſchuldigen Hang zu befried dung erbaut war, und ſich freute, ihre Tochter zu dieſer neuen Andacht anweiſen zu können, verſprach mir zu thun, was ich wünſchte. Ich verließ ſie, nachdem ich ihr zehn Zechinen gegeben, welche ich für die kleinen Bedürfniſſe ihrer Tochter beſtimmte. Sie übernahm es, verſicherte jedoch, daß ihr Vater es ihr nicht am Nothwendigen fehlen laſſe. Der Brief, welchen ſie mir am folgenden Mittwoch ſchrieb, war der Ausdruck des zärtlichſten und lebhafteſten Gefühls. Sie ſagte, daß ſie, ſobald ſte allein wäre, nichts Eiligeres zu thun habe, als die Nadelſpitze zu gebrauchen, welche die Heilige verſchwinden laſſe, und ſtatt dieſer die Züge des Weſens, welches ihr Alles wäre, ihren gierigen Küſſen darzubieten. Ich höre nicht auf, Dich zu küſſen, ſchrieb ſie, ſelbſt wenn eine Nonne mich überraſcht; denn wenn ich ſie kommen höre, brauche ich nur den Deckel herunterfallen zu laſſen, und die gute Heilige deckt Alles zu. Die Nonnen ſind ſehr erbaut über meine Andacht und das Vertrauen, welches ich in meine Schutzheiligen ſetze, die, wie ſte ſagen, mir durchaus ähnlich ſieht. Das Bild war eine ſchöne Phantaſie⸗Figur; aber meine liebe kleine Frau war ſo ſchön, daß die Schönheit ihr immer ähnlich ſah. Sie erzählte mir, daß die Nonne, welche ſte im Franzöſtſchen unterrichte, ihr funfzig Zechinen für den Ring geboten habe, wegen der Aehnlichkeit des Portraits, keineswegs aber aus Liebe zur Heiligen, über welche ſie ſich luſtig mache, wenn ſie ihre Lebensbeſchreibung leſe. Sie dankte mir für die zehn Zechinen, welche ich ihr geſchickt, denn da ihre Mutter ihr dieſelbe vor mehreren Nonnen übergeben, ſo war ſie im Stande, einige Ausgaben zu ma⸗ chen, ohne den Argwohn der ſchwatzhaften und neugierigen Nonnen zu erregen. Sie machte den Penſionairinnen gern kleine Geſchenke und wurde ſo in den Stand geſetzt, dieſen igen. Meine Mutter, fügte ſie hinzu, hat Deine Frömmigkeit außerordentlich belobt und iſt ſehr erfreut darüber. Sprich nicht mehr, ich bitte Dich, von meinem Bruder. Vier oder fünf Wochen lang war in ihren Briefen nur von der heiligen Katharina die Rede, welche ſie mit Zittern . V. 8 - 4 ——————— 114 erfüllte, ſo oft ſie genöthigt war, dieſelbe der geheimnißvol⸗ len Neugierde einer alten Nonne anzuvertrauen, die, um dieſelbe beſſer ſehen zu können, ſie ganz nahe an die Augen führte und den Email unaufhöͤrlich rieb. Ich zittere vor Furcht, ſagte ſie, daß dieſelbe zufällig den kaum wahrzunehmenden Knopf drücken könnte, und was ſollte ich anfangen, wenn die aufſpringende Heilige ihnen eine Figur zeigte, welche zwar eine göttliche iſt, aber keineswegs wie eine Heilige ausſieht? Sage mir, was ich thun ſoll. Einen Monat nach P. C's. Verhaftung kam der Kauf⸗ mann, bei welchem ich für den Ring Bürgſchaft geleiſtet, mit dem Scheine zu mir. Ich verglich mich mit ihm und gegen Erlegung von zwanzig Zechinen und Abtretung aller meiner Anſprüche an die Schuld ließ er mich in Ruhe. Der unwürdige P. C. hörte nicht auf, von ſeinem Gefängniſſe aus gemeine Bitten an mich zu richten, und mich um Al⸗ moſen anzuflehen. Croce war in Venedig und machte viel von ſich reden. Er machte ein Haus, hatte eine gute Tafel und hielt eine Pharaobank, wo die Gimpel ihr Geld los wurden. Da ich vorausſah, was früher oder ſpäter kommen würde, ſo hatte ich mich gehütet, einen Fuß in ſein Haus zu ſetzen; aber wenn wir uns begegneten, ſo thaten wir ſo wie gute Be⸗ kannte. Als ſeine Frau mit einem Knaben niedergekommen war, bat er mich, denſelben über die Taufe zu halten, und ich glaubte ihm dieſe Bitte nicht abſchlagen zu können; aber nach der Ceremonie und dem darauf folgenden Abendeſſen ſetzte ich keinen Fuß mehr in ſein Haus und that wohl daran. Ich habe nicht immer ſo vernünftig gehandelt. —„.—, 115 Achtunddreißigſtes Kapitel. Crore mird aus Venedig verjagt.— Sgombro.— Seine Niederträchtigkeit und ſein Tad.— Maeiner theuren C. C. begegnet ein Unglüch.— Ich erhalte von einer Nonne einen Briek und beantworte denſelben.— Kie- besintrigue. Mein Gevatter, ein geſchickter und entſchloſſener Ver⸗ beſſerer des Glücks, wie ich ſchon gemeldet, machte gute Ge⸗ ſchäfte in Venedig, und da er liebenswürdig war und zur ſogenannten guten Geſellſchaft gehörte, ſo hätte er es noch lange ſo weiter treiben können, wenn er beim Spiele ſtehen geblieben wäre; denn die Staatsinquiſitoren würden zu viel zu thun haben, wenn ſie die Thoren nöthigen wollten, or⸗ dentlich mit ihrem Vermögen umzugehen, oder die Gimpel klug zu ſein, und die Schurken, nicht die Dummköpfe zu betrügen; aber mochte nun Jugendthorheit oder Sittenver⸗ derbtheit ſchuld daran ſein, die Urſache ſeiner Verbannung war eine ungewöhnliche und ſchandbare. Ein adliger Venetianer, edel der Geburt nach, aber ſehr unedel ſeiner Lebensweiſe nach, ein gewiſſer Sgombro, aus der Familie Gritti verliebte ſich in ihn, und Croce, ſei es aus Spaß, ſei es, weil er Geſchmack daran fand, war nicht grauſam gegen ihn. Unglücklicher Weiſe wurde nicht das Geheimniß beobachtet, welches der Anſtand erfor⸗ dert, und der Skandal wurde ſo öffentlich, daß die Regie⸗ rung ſich veranlaßt ſah, meinem Croce zu bedeuten, daß er die Stadt zu verlaſſen, und ſein Glück anderwaͤrts zu ver⸗ ſuchen habe. Kurze Zeit darauf verfuͤhrte der niederträchtige Sgom⸗ bro ſeine beiden noch jungen Söhne, und zum Unglücke für ſich verſetzte er den jüngſten in die Nothwendigkeit, ſeine Zuflucht zu einem Chirurgus zu nehmen. Die Schandthat wurde ruchbar und das arme Kind bekannte, daß es nicht den Muth gehabt, ſeinem Vater den Gehorſam zu verſagen. 8* 116 Mit Recht ſchien den Staats⸗Inquiſitoren dieſer Gehorſam nicht von der Beſchaffenheit zu ſein, daß er zu den Pflich⸗ ten eines Sohnes gegen den Vater gerechnet werden könnte, und dieſelben ſchickten den abſcheulichen Bater auf die Citadelle von Cattaro, wo er nach einem Jahre ſtarb. Die tödtliche Wirkung der Luft in Cattaro iſt ſo ſehr anerkannt, daß das Gericht nur ſolche Verbrecher dorthin ſchickt, welche man nicht öffentlich hinzurichten wagt, weil die Bekanntmachung des Prozeſſes zu großen Abſcheu erre⸗ gen würde. Nach Cattaro ſchickte der Rath der Zehn vor funfzehn Jahren den berühmten Advokaten Cantarini, einen adligen Venetianer, welcher durch ſeine Beredtſamkeit den großen Rath in ſeine Gewalt gebracht hatte, und welcher auf dem Punkte ſtand, die Verfaſſung des Staates zu ändern. Er ſtarb daſelbſt nach Verlauf eines Jahres, und was ſeine Mitſchuldigen anbetraf, ſo hielt der Gerichtshof es für hin⸗ reichend, nur die vier oder fünf bedeutendſten zu ſtrafen und ſich ſcheinbar um die andern gar nicht zu bekümmern, welche die Furcht wieder zu ihrer Pflicht zurückführte. Dieſer Sgombro, von welchem ich oben geſprochen, hatte eine reizende Frau, die, wie ich glaube, noch lebt. Dieſe Frau, welche Cornelia Gitti hieß und eben ſo berühmt durch den Zauber ihrer Geſtalt wie durch den ihres Geiſtes war, hat trotz der Jahre ihre Schönheit bewahrt. Nachdem ſie durch den Tod ihres unwürdigen Gatten ihre eigene Her⸗ rin geworden war, hütete ſie ſich wohl, eine andere Che einzugehen, weil ſie ihre Unabhängigkeit zu ſehr liebte; da ſie aber nicht unempfindlich für das Vergnügen war, ſo nahm ſie die Huldigungen der Liebhaber an, welche ſie nach ihrem Geſchmacke fand. Eines Montags, gegen Ende des Juli, weckte mich mein Kammerdiener mit Tagesanbruch und meldete mir, daß Laura mich zu ſprechen wünſche. Mir ahnte ein Unglück, und ich ließ ſie ſogleich hereinkommen. Sie übergab mir ſolgenden Brief: „Mein theurer Freund, ein Unglück, welches mir ge⸗ ſtern Abend begegnet iſt, betrübt mich um ſo mehr, als ich —9—,— ͤ—S d-ſ—-õö%% An 117 genöthigt bin, es dem ganzen Kloſter zu verbergen. Ich habe einen ſchrecklichen Blutfluß und weiß nicht, wie ich es anfangen ſoll, um das Blut zu ſtillen, denn ich habe nicht viel Wäſche, und Laura ſagt, ich brauchte eine große Menge, wenn der Blutfluß fortdauern ſollte; ich kann mich nur Dir anvertrauen und bitte Dich, mir ſo viel Wäſche zu ſchicken, wie Du kannſt. Du ſiehſt, daß ich mich Laura habe anvertrauen müſſen, welche allein zu jeder Stunde zu mir gelangen kann. Wenn ich ſterbe, mein theurer Mann, ſo wird das ganze Kloſter wiſſen, woran ich geſtorben bin; aber ich denke an Dich und zittre. Was wirſt Du in Dei⸗ nem Schmerze thun? O, mein Herz, wie ſchade!“ Ich kleide mich eiligſt an, während ich Laura befrage. Sie ſagt mit klaren Worten, daß es eine zu frühe Niedere: kunft ſei und daß das größte Geheimniß beobachtet werden müſſe, um den Ruf meiner Freundin zu ſchonen; übrigens brauche ſie nur viel Wäſche, und es werde Alles gut wer⸗ den: die gewöhnliche Sprache, welche die Angſt, die ich empfand, nicht dämpfen konnte. Ich gehe mit Laura aus und begebe mich zu einem Juden, wo ich eine Menge Bett⸗ tücher und zweihundert Servietten kaufe, und nachdem ich Alles in einen großen Sack geſteckt, mache ich mich mit ihr nach Murano auf. Unterwegs ſchrieb ich für meine Freun⸗ din mit Bleiſtift auf, ſie möchte zu Laura volles Vertrauen haben, und verſicherte ihr, daß ich Murano nicht eher ver⸗ laſſen würde, als bis ſie außer aller Gefahr wäre. Ehe wir ans Land ſtiegen, ſagte Laura, ich würde, um nicht be⸗ merkt zu werden, gut daran thun, mich bei ihr zu verber⸗ gen. Zu jeder andern Zeit würde das nichts anders gehei⸗ ßen haben, als den Wolf in einem Schaafſtalle einſchließen. Sie ließ mich in einem armſeligen kleinen Zimmer zu ebe⸗ ner Erde. Nachdem ſie ſich ſodann mit Wäſche beladen, wo ſie dieſelbe nur irgend verbergen konnte, begab ſie ſich eiligſt zur Kranken, welche ſie ſeit dem vorigen Abend nicht geſehen hatte. Ich hoffte, daß ſie dieſelbe außer Gefahr fin⸗ den würde, und ich ſehnte mich danach, ſie mit dieſer Nach⸗ richt zurückkommen zu ſehen. Sie blieb eine Stunde weg und kehrte mit trauriger SSreeW Aee — —— 118 Miene zuruck; ſie meldete, daß meine arme Freundin viel Blut in der Nacht verloren, und im Bette liege und ſich ſehr ſchwach fühle; man müſſe ſie daher Gott empfehlen, denn wenn der Blutfluß nicht bald aufhöre, ſo ſei es un⸗ möglich, daß ſie es noch vierundzwanzig Stunden aushalte. Als ich die Wäſche ſah, welche ſie unter ihren Kleidern hervorzog, fuͤhlte ich Schaudern und glaubte ſterben zu müſſen. Jene ſtarrte von Blut. Laura glaubte mich da⸗ mit zu tröſten, daß ſie ſagte, ich könnte überzeugt ſein, daß das Geheimniß nicht verrathen werden würde. Aber was lag mir daran! Möge ſie leben, ſagte ich, und die ganze Welt wiſſen, daß ſie meine Frau iſt! In einem andern Augenblick würde ich über die Dummheit dieſer armen Laura gelacht haben: in dieſem traurigen Augenblicke hatte ich aber weder die Kraft noch die Stimmung dazu. Die theure Kranke, ſagte ſie, hat gelacht, als ſte das Billet las und hat mir verſichert, ſie würde nicht ſterben, da Sie ihr ſo nahe wären. Das that mir wohl; es bedarf ja ſo we⸗ nig, um einen Menſchen zu tröſten oder ſeinen Schmerz zu mildern! Wenn die Nonnen bei Tiſche ſein werden, ſagte Laura, ſo werde ich mit ſo viel Wäſche, als ich an meinem Leibe verbergen kann, wieder zu ihr gehen; einſtweilen werde ich dieſe auswaſchen. Hat ſie Beſuche gehabt?. 4 O gewiß, das ganze Kloſter; aber Niemand ahnt etwas. Aber bei der jetzigen Hitze kann ſie nur eine leichte Decke haben, und es iſt unmöglich, daß der große Umfang, welchen die Servietten einnehmen, nicht bemerkt werde. Das iſt nicht zu fürchten, denn ſie ſitzt aufrecht im 0 Bett. Was ißt ſie? Nichts, denn ſie darf nichts eſſen. Bald ging Laura aus und ich ebenfalls. Ich ging zu einem Arzte, wo ich meine Zeit und mein Geld verlor, den⸗ ſelben ein langes Rezept ſchreiben zu laſſen, welches ich nicht brauchen konnte, da durch daſſelbe das ganze Kloſter in das Geheimniß gezogen worden, oder vielmehr das Geheim⸗ niß allgemein bekannt geworden ſein würde. Uebrigens ☛—S8 I———,nõ 3 — Go A & w 119 würde vielleicht auch der Hausarzt die Sache aus Rächſucht zu allererſt ruchbar gemacht haben. Als ich wieder zu Laura zurückgekehrt war, ging ich traurigen Muthes in mein elendes Gemach und eine Vier⸗ telſtunde darauf überbrachte mir die Botin mit weinenden Augen folgendes Billet, welches faſt unleſerlich war: „Ich habe nicht die Kraft Dir zu ſchreiben, mein gu⸗ ter Freund, denn ich werde immer ſchwächer; ich verliere all mein Blut und fange an zu glauben, daß es keine Hülfe gegen mein Uebel giebt. Ich überlaſſe mich dem Willen Gottes und danke ihm, daß meine Ehre gerettet iſt. Be⸗ trübe Dich nicht zu ſehr. Mein einziger Troſt iſt, Dich mir ſo nahe zu wiſſen. O, wenn ich Dich einen Augenblick ſe⸗ hen könnte, würde ich ruhig ſterben.“ Der Anblick eines Dutzends Seroietten, welche Laura mir zeigte, ließ mich ſchaudern, und die gute Frau glaubte mich dadurch zu tröſten, daß ſie ſagte, man würde mit einer Flaſche Blut ebenſo viele Servietten tränken können. Meine Seele war nicht ſo geſtimmt, daß ſie Tröſtungen von ſol⸗ cher Zuverſichtlichkeit hätte aufnehmen können. Ich war in Verzweiflung, und machte mir die heftigſten Vorwürfe, daß ich den Tod dieſer unſchuldigen Perſon veranlaßt. Ich warf mich auf ein Bett und blieb hier ſechs Stunden lang, wie betrübt, liegen, bis Laura mit etwa zwanzig ganz in Blut getränkte Servietten zurückkehrte Die Nacht geſtattete ihr nicht, noch einmal hinzugehen. Ich brachte eine ſchreckliche Nacht zu; ich aß nichts, ſchlief nicht, betrachtete mich ſelbſt mit Abſcheu, und wies die Pflege zurück, welche Laura's Töchter mir angedeihen laſſen wollten. Kaum war es Tag geworden, als Laura ankam und mit kläglicher Miene berichtete, daß meine arme Freundin nicht mehr blute. Ich glaubte, ſie wäre todt, und ich rief laut aus: Sie lebt nicht mehr? Sie lebt; aber es iſt zu fürchten, daß ſie dieſen Tag nicht überſteht, denn ſie iſt erſchöpft; ſte hat kaum die Kraft die Augen aufzumachen und ihr Puls iſt kaum noch zu be⸗ merken. Ich athmete freier; ich fühlte, daß mein Engel gerettet 120 war. Laura, ſagte ich, dieſe Nachricht iſt nicht ſchlecht; und wenn der Blutfluß gänzlich aufgehört hat, ſo iſt weiter nichts nöthig, als ihr leichte Nahrung zu geben. Man hat einen Arzt holen laſſen; er wird verordnen, was ihr gegeben werden ſoll; wenn ich aber offen reden ſoll, ſo muß ich ſagen, daß ich kein großes Vertrauen habe. Gieb mir nur die Verſicherung, daß ſie lebt. Ja, ich verſichere es Ihnen; aber Sie ſehen wohl ein, daß ſie dem Doktor nicht die Wahrheit ſagen wird, und Gott weiß, was er dann verordnen wird. Ich habe ihr ins Ohr geſagt, ſie möge nichts einnehmen, und ſie hat mich verſtanden. Du biſt ein göttliches Weib. Ja, wenn ſie nicht von heute bis morgen vor Schwäche ſtirbt, ſo iſt ſie gerettet: die Natur und die Liebe ſind ihr Arzt. Gott wolle es. Sie werden mich Mittags wiederſehen. Warum nicht vorher? 15. Weil viele Leute in ihr Zimmer kommen. Da ich der Hoffnung bedurfte und mich vor Hunger ohnmachtig werden fühlte, ſo ließ ich mir etwas zu eſſen machen und fing an, meiner Freundin für den Augenblick, wo ſte würde leſen können, zu ſchreiben. Die Augenblicke der Reue ſind wirklich traurig, und ich war in der That zu beklagen. Ich fühlte das größte Bedürfniß, Laura wieder⸗ zuſehen, um zu hören, was der Arzt geſagt. Ich hatte ſtarke Gründe, über die Orakel zu lachen, indeß weiß ich nicht, aus welcher Schwäche ich das Bedürfniß fühlte, den Orakelſpruch des Arztes, und namentlich einen günſtigen zu hören. 3 Die jungen Töchter Laura's warteten mir bei Tiſche auf, aber es war mir unmöglich, etwas hinunterzubringen; indeß fand ich ein Vergnügen daran zu ſehen, wie die drei Schweſtern auf die erſte Einladung hin mein Mittagseſſen verſchlangen. Die älteſte Schweſter, ein großes derbes Frauenzimmer blickte mich nicht einmal an. Die beiden jüngeren ſchienen mir liebenswürdig ſein zu können, aber ich beſchäftigte mich mit ihnen nur, um meiner grauſamen Reue neue Nahrung zu geben. ——ꝰy—— Laura, wel che ich mit brennender Ungeduld erwartete, kehrte endlich zurück und meldete mir, daß die theure Kranke n ſich noch immer in demſelben Zuſtande der Mattigkeit be⸗ fände, daß ihre Schwäche den Arzt ſehr in Erſtaunen ge⸗ ſetzt habe, der nicht wiſſe, welcher Urſache er ſie zuſchreiben — ſolle. Er hat⸗ ihr ſtärkende Mittel und Bouillon verordnet, und wenn ſie ſchlafen kann, ſo ſteht er für ſie ein, der Doktor hat ihr zugleich eine Nachtwärterin verordnet, und ſie hat die Hand nach mir ausgeſtreckt, um mich zu bezeich⸗ nen. Jetzt verſpreche ich Ihnen, ſie ſowohl Nachts wie am Tage nur noch zu verlaſſen, um Ihnen Nachricht zu bringen. Ich dankte und verſprach ihr eine großmüthige Beloh⸗ nung. Ich vernahm mit vielem Vergnügen, daß ihre Mut⸗ ter ſie beſucht, daß dieſelbe nichts bemerkt und ſie aufs Zärtlichſte geliebkoſet habe. Da ich mich ruhiger füͤhlte, ſo gab ich Laura zehn Zechinen und jeder ihrer Töchter eine und aß etwas zu Abend; ſodann legte ich mich in eins der elenden Betten, 1 welche ſich in demſelben Zimmer befanden. Sobald ich mich ins Bett gelegt hatte, entkleideten ſich die beiden jungen Schweſtern und legten ſich ohne Umſtände in das Bett, welches neben dem meinigen ſtand. Dieſes unſchuldige Ver⸗ trauen geftel mir. Die Aelteſte, welche mehr Erfahrung hatte, legte ſich in einem benachbarten Zimmer ſchlafen, denn ſie hatte einen Liebhaber, der ſie bald heirathen ſollte. Diesmal war ich nicht vom Teufel der Fleiſchesluſt beſeſſen und ließ die Unſchuld ruhig ſchlafen, Phne ſer auf die ge⸗ ringſte Probe zu ſetzen. Am folgenden Morgen ſehr frühe brachte mir Laura Balſam. Sie meldete mir mit heiterer Miene, daß die theure Kranke ruhig ſchlafe und daß ſie ihr ſogleich eine Suppe bereiten werde. Ich war wie trunken, als ich dies hörte, und hielt das Orakel des Aesculap für tauſendmal ſicherer, als das des Apollo. Es war indeß noch nicht die Zeit ge⸗ kommen, Victoria zu rufen, denn meine Freundin mußte erſt wieder zu Kräften kommen, und das Blut, welches ſie verloren, wiedererſetzen, was nur das Werk der Zeit und guter und ſorgfältiger Pflege ſein konnte. Ich blieb noch acht Tage bei Laura, und ging nicht eher ab, als bis meine Freundin es mir in einem vier Seiten langen Briefe gewiſ⸗ ſermaaßen befohlen. Als ich Laura verließ, weinte ſie vor Freuden, als ſie ſich mit der ſchönen Wäſche, welche ich für meine C. C. gekauft, beſchenkt ſah; und ihre Töchter weinten ebenfalls, vermuthlich, weil ſie in den zehn Tagen, welche ich bei ihnen gewohnt, mich nicht hatten bewegen können, ihnen einen ein⸗ zigen Kuß zu geben. Als ich wieder in Venedig war, nahm ich meine alte Lebensweiſe wieder auf; wie hätte ich aber wohl bei mei⸗ ner Anlage ohne eine poſitive Liebe zufrieden ſein können? Ich hatte kein anderes Vergnügen als das, alle Mittwoche einen Brief von meiner theueren Nonne zu empfangen, welche mich aufforderte, auf ſie zu warten, anſtatt mich aufzufordern, ſie zu entführen. Laura verſicherte mir, die⸗ ſelbe wäre ſchöner geworden, und ich verging vor Luſt, ſie zu ſehen. Die Gelegenheit fand ſich bald und ich ließ ſie nicht entſchlüpfen. Es ſollte eine Einkleidung ſtattfinden, welche Ceremonie immer viel Publikum herbeizieht. Da die Nonnen dann viele Beſuche empfangen, ſo war es wahrſcheinlich, daß die Penſtonnairinnen dann ebenfalls ins Sprechzimmer kommen würden. Ich lief keine Gefahr, an dieſem Tage mehr als jeder Andere bemerkt zu werden, denn ich verlor mich in der Menge. Ich ging alſo hin, ohne Laura etwas davon zu ſagen, und ohne meine theure Frau zu benachrichtigen, und ich glaubte umſinken zu müſ⸗ ſen, als ich ſie in einer Entfernung von vier Schritten mich unverwandt und mit einer Art Erſtaſe betrachten ſah. Sie war größer und ausgebildeter geworden und ſchien mir ſchöner als früher. Ich hatte nur für ſie Augen, wie ſie nur für mich, und ich war der letzte, der dieſen Ort ver⸗ ließ, welcher mir an dieſem Tage der Tempel des Glücks ſchien. Drei Tage darauf erhielt ich einen Brief von ihr; ſie ſchilderte mir in demſelben mit ſolcher Gluth das Vergnü⸗ gen, welches ich ihr durch meine Gegenwart verſchafft, daß ich ihr daſſelbe ſo oft wie möglich zu bereiten beſchloß. Ich 123 ihrer Kirche ſehen würde. Das koſtete mir nichts. Ich ſah ſie nicht, aber ich wußte, daß ſie mich ſah, und ihr Glück machte das meinige zu einem vollkommenen. Ich hatte nichts zu fürchten, denn es war nicht gut möglich, daß ich erkannt würde, da die Kirche nur von Bürgern und Bürgerinnen aus Murano beſucht wurde. Nachdem ich zwei oder drei Meſſen beſucht, nahm ich eine Gondel, deren Führer nicht neugierig ſein konnte, mich kennen zu lernen. Indeß war ich auf meiner Hut, denn ich wußte wohl, daß C. C.s Vater wollte, daß ſie mich vergeſſe, und ich war ſicher, daß er ſie Gott weiß wohin geführt haben würde, wenn er irgendwie hätte muthmaßen können, daß mir ihr Aufenthalt bekannt wäre. Ich urtheilte ſo, weil ich fürchtete, nicht mehr in Cor⸗ reſpondenz mit meiner Freundin bleiben zu können; aber ich kannte noch nicht den Charakter und die Feinheit der dem Herrn verlobten Jungfrauen. Ich glaubte ebenſowenig, daß meine Perſon etwas Auffallendes hätte, wenigſtens nicht für ein Kloſter; aber ich war in Bezug auf die Neugierde der Frauen, beſonders die unbeſchäftigter Herzen, noch un⸗ erfahren, erhielt aber bald Gelegenheit, mich zu belehren. Ich hatte dies Geſchäft etwa einen Monat oder fünf Wochen betrieben, als meine theure C. C. mir in ſehr ko⸗ miſcher Weiſe ſchrieb, daß ich für das ganze Kloſter, ſowohl für die Penſionnairinnen wie für die Nonnen, ſelbſt die älteſten nicht ausgenommen, ein Räthſel wäre. Der ganze Chor erwartete mich auf die Minute; man theilte es ſich mit, wenn man mich eintreten und mit Weihwaſſer beſpren⸗ gen ſah. Man bemerkte, daß ich nie das Gitter anſah, hin⸗ ter welchem ſich ſämmtliche Nonnen befinden mußten, noch irgend eine Frau, welche in die Kirche kam oder dieſelbe verließ. Die Alten meinten, ich müßte einen großen Kum⸗ mer haben, von welchem ich mich durch den Schutz der heiligen Jungfrau zu befreien hoffte, und die Jungen mein⸗ ten, ich müßte melancholiſch oder miſanthropiſch ſein. Mein theures Weib, welches mehr als die Andern wußte und nicht auf Muthmaaßungen beſchränkt war, amüſirte ſich ſehr dar⸗ antwortete ihr ſogleich, daß ſie mich an allen Feſttagen in — ——— 124 über, und amüſirte mich, indem ſie mir Alles erzählte. Ich ſchrieb ihr, daß ich auf die Beſuche verzichten würde, wenn ſie fürchtete, daß ich erkannt werden könnte. Sie erwiderte, daß ich ihr keine grauſamere Entbehrung auferlegen könnte, und daß ſie mich bäte, die Beſuche fortzuſetzen. Ich glaubte indeß, nicht mehr zu Laura gehen zu dürfen, denn es wäre möglich geweſen, daß die Frömmlerinnen dies erfahren und dadurch mehr entdeckt hätten, als für ſte nöthig war. Aber dieſe Lebensweiſe, welche mich aufzehrte, konnte nicht lange dauern. Ueberdies war ich geboren, um eine Maitreſſe zu haben und glücklich mit ihr zu leben. Da ich nicht wüßte, was ich anfangen ſollte, ſo ſpielte ich und gewann faſt im⸗ mer; nichtsdeſtoweniger magerte ich vor langer Weile er⸗ ſichtlich ab. Nachdem ich durch meinen Gevatter Croce 5000 Ze⸗ chinen in Padua gewonnen, war ich Herrn von Bragadino's Rathe gefolgt. Ich hatte ein Caſino gemiethet, und hielt hier eine Pharaobank zur Hälfte mit einem Matador, wel⸗ cher mich gegen die Betrügereien gewiſſer Ariſtokraten ſchützte, Tyrannen, welchen gegenüber der bloße Privatmann in mei⸗ nem Vaterlande immer Unrecht hat. Am Allerheiligentage 1753, als ich, nachdem ich die Meſſe gehört, in eine Gondel ſteigen wollte, um nach Ve⸗ nedig zurückzukehren, ſah ich eine Frau von Laura's Art mich im Vorbeigehen anblicken und einen Brief fallen laſſen. Ich hebe denſelben auf und ſehe, wie die Frau ruhig ihren Weg fortſetzt, nachdem ſie ſich überzeugt hat, daß das Schrei⸗ ben in meine Hände gelangt iſt. Der Brief war ohne Adreſſe und das Siegel zeigte eine Schleife. Ich trete eiligſt in die Gondel, und ſobald ich vom Ufer entfernt bin, breche ich das Siegel auf und leſe Folgendes: „Eine Nonne, welche Sie ſeit zwei und einem halben Monate an allen Feſttagen in ihrer Kirche ſieht, wünſcht Ihre Bekanntſchaft zu machen. Eine Broſchüre, welche Sie verloren, und welche der Zufall in ihre Hände geführt hat, läßt ſie glauben, daß Sie franzöſiſch ſprechen; aber wenn Sie es vorziehen, können Sie ihr italiäniſch antworten, denn es iſt ihr vor allen Dingen um Klarheit und Be⸗ 125 ſtimmtheit zu thun. Sie fordert Sie nicht auf, ſie ins Sprechzimmer rufen zu laſſen, weil ſie will, daß Sie ſie ſehen, ehe Sie in die Nothwendigkeit kommen, mit ihr zu ſprechen, und ſie wird Ihnen deshalb eine Dame angeben, welche Sie ins Sprechzimmer geleiten können. Dieſe Dame wird Sie nicht kennen, und wird alſo nicht verpflichtet ſein, Sie vorzuſtellen, wenn Sie vielleicht nicht gekannt ſein wollen.“. „Wenn Sie dieſe Art, Bekanntſchaft zu machen, nicht für paſſend halten, ſo wird die Nonne Ihnen ein Caſino in Murano angeben, wo Sie dieſelbe in der erſten Stunde der Nacht an jedem von Ihnen zu beſtimmenden Tage allein ſinden werden. Sie können entweder mit ihr zu Abend ſpeiſen, oder wenn Sie anderwärts zu thun haben, nach einer Viertelſtunde weggehen.“ „Sollten Sie es vorziehen, ihr in Venedig ein Abend⸗ eſſen zu geben? Beſtimmen Sie den Tag, die nächtliche Stunde und den Ort, wohin ſie ſich begeben ſoll, und Sie werden ſie maskirt aus einer Gondel ſteigen ſehen; ſeien Sie nur allein am Ufer, maskirt und eine Laterne in der Hand.“ „Ich bin überzeugt, daß Sie mir antworten und die Ungeduld errathen werden, mit welcher ich Ihre Antwort erwarte; ich bitte Sie alſo, dieſelbe morgen derſelben Frau zu übergeben, durch welche Sie dieſen Brief erhalten haben. Sie werden ſie eine Stunde vor Mittag in der St. Can⸗ cians⸗Kirche am erſten Altar rechts finden.“ „Bedenken Sie, daß wenn ich Ihnen nicht ein edles Herz und einen großartigen Geiſt zutraute, ich mich nie zu einem Schritte entſchloſſen haben würde, der Sie zu einem nachtheiligen Urtheile über meine Perſon veranlaſſen könnte.“ Der Ton dieſes Briefes, welchen ich hier wörtlich co⸗ pire, überraſchte mich mehr als die Sache ſelbſt. Ich hatte Geſchäfte; aber ich ließ Alles liegen und ſchloß mich ein, um die Antwort zu ſchreiben. Der Schritt verkündete eine Tolle, aber ich fand eine Art Würde und Ungewöhnlichkeit darin, durch welche ich gewonnen wurde. Ich kam auf den 4 126 Gedanken, daß es dieſelbe Nonne ſein könnte, welche meiner Freundin Unterricht gäbe. Dieſe hatte mir dieſelbe als ſchön, reich, galant und hochherzig geſchildert: mein theures Weib konnte geplaudert haben; tauſend Gedanken gingen mir durch den Kopf; aber ich wies alle zurück, welche einem Plane, der mir zuſagte, nicht günſtig waren. Uebrigens hatte mir meine Freundin geſchrieben, daß die Nonne, welche ihr franzöſiſche Stunden gäbe, nicht die einzige wäre, welche dieſe Sprache ſpräche. Ich hatte keinen Grund zu glauben, daß C. C., wenn ſie ihrer Freundin eine Mittheilung gemacht hätte, mir dies verſchwiegen haben würde. Nichtsdeſtoweniger konnte die Nonne, welche an mich geſchrieben, die ſchöne Freundin meiner kleinen Frau ſein, wie ſie auch jede andere ſein konnte; und dieſe Mög⸗ lichkeit machte mich einigermaaßen verlegen. Folgendes glaubte ich antworten zu können, ohne mich bloßzugeben: „Ich antworte Ihnen franzöſiſch, Madame, und hoffe, daß mein Brief die Klarheit und Beſtimmtheit haben wird, von welcher Sie mir das Beiſpiel gegeben.“ „Der Gegenſtand iſt vom höchſten Intereſſe, und ſcheint mir mit Rückſicht auf die Umſtände von der größten Be⸗ deutung; und da ich antworten ſoll, ohne zu wiſſen wem, ſo ſehen Sie wohl ein, Madame, daß ich, wenn ich nicht ein Geck bin, eine Myſtification fürchten muß, und die Ehre nöthigt mich, auf meiner Hut zu ſein.“ „Wenn es alſo wahr iſt, daß die Feder, welche mir ſchreibt, die einer achtungswerthen Dame iſt, welche mir Gerechtigkeit widerfahren läßt, indem ſie bei mir edle, den ihrigen entſprechende Gefühle vorausſetzt, ſo wird ſie hoffent⸗ lich einſehen, daß ich nur ſo antworten kann, wie ich die Ehre haben werde, es zu thun.“ „Wenn Sie, Madame, mich der Ehre, Sie perſönlich kennen zu lernen, werth gehalten haben, obwohl Sie mich nur nach dem äußeren Scheine beurtheilen können, ſo halte ich mich verpflichtet, Ihnen zu gehorchen, wäre es auch nur, um Sie zu enttäuſchen, falls ich ohne meine Schuld eine irrige Meinung über mich bei Ihnen hervorgerufen haben ſollte.“ —,, 8S S SSͤE&ᷣ ᷣASe— 127 „Von den drei Mitteln, welche Sie die Güte gehabt, mir anzubieten, wage ich nur das erſte zu wählen, mit der Einſchränkung, welche mir Ihr Scharfſinn an die Hand gegeben hat. Ich werde eine Dame, welche mich nicht kennt, und welche mich daher nicht vorſtellen kann, ins Sprech⸗ zimmer geleiten.“ „Beurtheilen Sie nicht zu ſtrenge, Madame, die Gründe, welche mich nöthigen, mich nicht zu nennen, und empfangen Sie das Verſprechen, welches ich Ihnen auf mein Ehrenwort gebe, daß ich Ihren Namen nur zu erfahren wünſche, um Ihnen zu huldigen. Wenn Sie es paſſend finden, mich an⸗ zureden, ſo werde ich Ihnen nur mit dem Ausdrucke der tiefften Ehrerbietung antworten. Erlauben Sie mir zu hoffen, daß Sie allein an das Gitter kommen werden, und verſtatten Sie mir, Ihnen vorläufig zu ſagen, daß ich Ve⸗ netianer und frei in der ganzen Bedeutung des Wortes bin. Der einzige Grund, welcher mich abhielt, eins der beiden andern angebotenen Mittel anzunehmen, welche mir mehr zugeſagt haben würden als das erſte, denn ſie ehren mich außerordentlich, iſt, erlauben Sie mir, es Ihnen noch ein⸗ mal zu ſagen, die Furcht angeführt zu werden; aber dieſe beiden Mittel werden nicht verloren ſein, ſobald Sie mich kennen gelernt und ich Sie geſehen haben werde. Ich bitte Sie, an meine Wahrhaftigkeit zu glauben und meine Ungeduld nach der ihrigen abzumeſſen. Morgen zur ſelben Stunde und am ſelben Orte werde ich mir Ihre Antwort holen.“ Ich begab mich an den angegebenen Ort, wo ich den weiblichen Mercur fand; ich übergab ihr den Brief und eine Zechine, und ſagte ihr, daß ich mich am folgenden Tage wieder hier einſtellen würde, um die Antwort in Em⸗ pfang zu nehmen. Ich verſäumte es nicht und fand ſie. Sobald ſie mich bemerkte, kam ſie auf mich zu, gab mir die Zechine, welche ich ihr am vorigen Tage geſchenkt und einen Brief; ſte bat mich, denſelben zu leſen und ihr dann zu ſagen, ob ſie auf eine Antwort warten ſolle. Ich las den Brief, von welchem ich hier die Abſchrift folgen laſſe: 128 „Ich glaube, mein Herr, daß ich mich in keiner Weiſe getäuſcht habe. Ich verabſcheue, wie Sie, die Lüge, wenn d ſie Folgen haben kann; aber ich betrachte ſie nur als einen Scherz, wenn ſie Niemand ſchadet. Sie haben unter mei⸗ nen drei Vorſchlägen denjenigen gewählt, welcher Ihrem 3 Geiſte die meiſte Ehre macht, und da ich die Gründe ehre, 1 welche Sie abhalten, ſich zu erkennen zu geben, ſo habe ich die beiliegenden Zeilen für die Gräfin S. geſchrieben, welche 1 Sie leſen können. Wollen Sie dieſelben verſiegeln, ehe Sie 3 ſie ihr übergeben: ſie wird durch einen Andern davon be⸗ nachrichtigt werden. Sie können nach Ihrer Bequemlichkeit g zu ihr gehen; ſie wird Ihnen ihre Stunde ſagen und Sie 1 werden ſie in Ihrer Gondel hieherbegleiten. Die Gräfin wird keine Frage an Sie richten und Sie brauchen ihr 1 nicht Rechenſchaft zu geben. Von Vorſtellung wird keine 8 Rede ſein; da Sie aber meinen Namen erfahren werden, h⸗ ſo wird es in Ihrer Macht ſtehen, mich rufen zu laſſen, fi wann Sie wollen, indem Sie mich im Namen der Gräfin 4 rufen laſſen. Auf dieſe Weiſe werden wir mit einander be⸗ di kannt werden, ohne daß Sie ſich Zwang anzuthun brauch⸗ S ten, oder nöthig hätten, einen Theil der Nacht zu verlieren, der vielleicht werthvoll für Sie iſt. Ich habe der Magd. zu 8 befohlen, auf Ihre Antwort zu warten, da Sie vielleicht ſa die Gräfin nicht möchten, falls dieſelbe Ihnen bekannt wäre. ge Wenn Ihnen die Wahl zuſagt, ſo ſagen Sie dem Mädchen, ſe daß es keiner Antwort bedürfe.“ dg Da ich überzeugt war, daß die Gräſin S. mich nicht in kannte, ſo ſagte ich dem Mädchen, daß ich ihrer Herrin 3 keine Antwort zu ertheilen hätte und ſie verließ mich. 1 5 Folgendermaaßen lautete das Billet, welches meine 1ch Nonne der Gräfin ſchrieb, und welches ich dieſer übergeben ſia ſollte: le „Ich bitte Dich, theure Freundin, mich zu beſuchen, S wenn Du Zeit haben wirſt, und der Maske, welche Dir ſ dieſes Billet überbringen wird, Deine Stunde zu beſtimmen, hr damit ſie Dich begleite. Sie wird ſich pünktlich einfinden. n Lebe wohl; Du wirſt Deine Freundin dadurch ſehr ver⸗ i pflichten.“ g — — u——2 —nm*n*= 129 Dieſes Billet erſchien mir großartig in Bezug auf den Geiſt der Intrigue, den es diktirt, und es ſchien mir etwas Erhabenes darin zu liegen, was mich anzog, obwohl ich fühlte, daß man mich eine Perſon vorſtellen ließ, der man eine Gnade zu erweiſen ſchien. In ihrem letzten Briefe, in welchem meine Nonne ſo that, als ob ihr nichts daran liege zu erfahren, wer ich wäre, erklärte ſie ſich mit meiner Wahl einverſtanden und that ſo, als ob ſie gegen die nächtlichen Zuſammenkünfte gleichgültig wäre; aber ſie ſchien ſicher zu ſein, daß ich ſie ins Sprechzimmer rufen laſſen würde, ſobald ich ſie geſehen. Ich wußte ſchon, woran ich mich zu halten hatte; denn wozu anders als zu verliebten Zuſammenkünften ſollte wohl die Intrigue führen? Indeß vermehrte ihre Sicher⸗ heit oder vielmehr Zuverſicht meine Neugierde, und ich fühlte ſehr gut, daß ſie Grund zu hoffen hatte, wenn ſie jung und hübſch war. Es hätte bei mir geſtanden, einige Tage zu warten und mich bei C. C. zu erkundigen, wer dieſe Nonne war; aber abgeſehen davon, daß dies eine Schlechtigkeit geweſen wäre, fürchtete ich, das Abenteuer zu verderben, was ich ſehr bereut haben würde. Sie ſagte, ich möchte nach meiner Bequemlichkeit zur Gräfin„ gehen; aber ſie that dies, weil ihre Würde erforderte, daß ſie ſich nicht zu eilig zeigte, und ſie konnte wohl vermuthen, daß ich ungeduldig ſein würde. Sie ſchien mir zu erfahren in der Galanterie, als daß ich ſie für eine Novize und für unerfahren hätte halten können, und ich fürchtete, meine Zeit zu verlieren; aber meinen Entſchluß faſſend, gelobte ich mir, auf meine eigenen Koſten zu lachen, wenn ich es mit einer verblühten Schönheit zu thun bekäme. Es iſt ſicher, daß ich ohne die Neugierde nicht den geringſten Schritt gethan haben würde; aber ich wollte ſehen, wie ſich eine Nonne benehmen wurde, welche mir angeboten, in Venedig bei mir zum Abendeſſen zu kommen. Ich war übrigens nicht wenig über die Freiheit verwundert, welche dieſe heiligen Jungfrauen genoſſen, ſo wie über die Leich⸗ tigkeit, mit welcher ſie ihre Clauſur durchbrechen konnten. V. 9 130 Um drei Uhr begab ich mich zur Gräfin, und nach⸗ dem ich das Billet an ſie hatte gelangen laſſen, kam ſie und ſagte, ich würde ihr ein Vergnügen machen, wenn ich am naͤchſten Tage um dieſelbe Stunde bei ihr vorſprechen wollte. Wir machten uns gegenſeitig eine ſchöne Verbeu⸗ gung und trennten uns dann. Dieſe Gräfin war ein vollen⸗ detes Weib, ſchon etwas im Abnehmen begriffen, aber im⸗ mer noch ſchön.— Am Morgen des folgenden Tages, welcher ein Sonn⸗ tag war, ermangelte ich nicht, elegant friſirt und angeklei⸗ det in die Meſſe zu gehen; in der Phantaſie war ich mei⸗ ner theuren C. C. ſchon ungetreu, denn es war mir mehr darum zu thun, von der Nonne, mochte ſie nun jung oder alt ſein, geſehen zu werden, als mich den Blicken meiner reizenden Frau darzubieten. Am Nachmittage nahm ich wieder die Maske vor und begab mich zur angeſetzten Stunde zur Gräfin, welche auf mich wartete. Wir gehen hinunter und eine zweirudrige Gondel bringt uns nach dem Kloſter, ohne daß wir von etwas Anderem als dem ſchönen Wetter geſprochen hätten. Als wir am Gitter angekommen ſind, läßt ſie M. M. ru⸗ fen. Dieſer Name ſetzt mich in Erſtaunen, denn diejenige, welche ihn trug, war berühmt. Man läßt uns in ein klei⸗ nes Sprechzimmer treten und einige Minuten darauf ſehe ich eine Nonne kommen, welche gexade auf das Gitter los⸗ geht, auf einen Knopf drückt und vier Fächer aufſpringen läßt, welche eine weite Oeffnung machen, durch die hindurch die beiden Freundinnen ſich bequem umarmen können; gleich darauf wurde das ſinnreich erfundene Fenſter wieder ſorg⸗ fältig geſchloſſen. Die Gräfin ſetzte ſich der Nonne gegen⸗ über und ich mich etwas ſeitwärts, aber ſo, daß ich mit der größten Bequemlichkeit eine der ſchönſten Frauen beob⸗ achten konnte. Ich zweifelte nicht, daß es diejenige wäre, von welcher meine theure C. C. geſprochen und welche ihr Unterricht im Franzöſiſchen gab. Die Bewunderung ver⸗ ſetzte mich in eine Art Bezauberung, und ich hörte nicht ein Wort von allem, was ſie ſagten; aber meine ſchöne Nonne, weit entfernt das Wort an mich zu richten, beehrte —+——,,————j üE(ͤ, —— A U— KN N—Oe—— A a¼— 8*— ᷣ N 131 mich nicht einmal mit einem einzigen Blicke. Sie mochte 22— 23 Jahre alt ſein, und der Schnitt ihres Geſichts hatte die ſchönſte Form. Ihr Wuchs ging weit ulr das mittlere Maaß hinaus; ihr ſehr weißer Teint hatte einen Anflug von Bleiche; ihr Ausdruck war edel und entſchlo⸗ ſen, aber zugleich beſcheiden und zurückhaltend; ihre gut geſchlitzten Augen hatte eine ſchöne himmelblaue Farbe⸗ ihre Phyſiognomie war ſanft und lachend, die Lippen ſchön und feucht von ſüßer Wolluſt; ihre Zähne waren zwei Reihen glänzender Perlen. Ihre Kopfbedeckung ließ ihre Haare nicht ſehen; wenn ſie aber Haare hatte, ſo mußten ſte, nach ihren Augenbrauen zu urtheilen, eine ſchöne helle Kaſtanienfarbe haben. Was mich am meiſten entzückte, war die Hand und der Vorderarm, welchen ich bis zum Ellbogen ſehen konnte. Der Meißel des Prariteles hat nie etwas Ab⸗ gerundeteres, Weicheres, Graziöſeres geformt. Trotz Allem, was ich ſah und ahnte, bereute ich nicht, daß ich die bei⸗ den von der Schönen mir angebotenen Stelldicheins ausge⸗ ſchlagen, denn ich war ſicher, binnen wenigen Tagen in ih⸗ ren Beſitz zu gelangen, und ich freute mich, daß ich ihr meine Begierden als Huldigung darbringen konnte. Ich ſehnte mich danach, allein mit ihr am Gitter zu ſein, 8 ich würde ſie zu beleidigen geglaubt haben, wenn ich ihr nicht ſchon am folgenden Tage die Verſicherung gebracht hätte, daß ich ihr die verdiente Gerechtigkeit widerfahren ließe. Sie beharrte dabei, mich nicht einen einzigen Augen⸗ blick anzuſehen; aber am Ende gefiel mir dieſe Art Zurück⸗ haltung. Plötzlich fingen die beiden Freundinnen an, leiſe zu ſprechen, und das Zartgefühl nöthigte mich, bei Seite zu gehen. Ihre geheime Unterhaltung dauerte eine Viertel⸗ ſtunde, worauf ſie ſich wie anfangs umarmten und nachdem die Nonne das bewegliche Gitter geſchloſſen, drehte ſie ſich um und entfernte ſich, ohne mich auch nur ein einzigesmal anzublicken. Als wir nach Venedig zurückkehrten, ſagtendie Gräfin, welcher mein Schweigen vielleicht langweilig war: M. M. iſt ſchön und hat viel Geiſt. . 9*½ 132 Ich habe das Eine geſehen und ich glaube das Andere. Sie hat kein Wort mit Ihnen geſprochen. Da ich nicht vorgeſtellt ſein wollte, ſo hat ſie mich beſtraft, indem ſie ſo that, als ob ſie meine Anweſenheit nicht bemerkte. Da die Gräfin hierauf nicht antwortete, ſo gelangten wir, ohne weiter ein Wort zu wechſeln, vor ihre Wohnung. Ich verließ ſie an der Thüre, wo eine Verneigung verbun⸗ den mit den Worten: Leben Sie wohl, mein Herr! mich belehrte, daß ich nicht weiter gehen dürfe. Ich hatte keine Luſt dazu, und ich dachte an einem andern Orte über die⸗ ſes merkwürdige Abenteuer nach, deſſen baldige Löſung ich ſehnlichſt herbeiwünſchte. Nenunddreißigſtes Kapitel. Die Gräkin Coronini.— Verliebter Aerger.— Ver- ſöhnung.— Erſtes Stelldichein. Philoſophiſche Abſchweilung. Meine ſchöne Nonne hatte nicht mit mir geſprochen, und ich war ſehr zufrieden damit; denn ich war ſo ver⸗ dutzt, ſo von Bewunderung ergriffen, daß ihr die zuſam⸗ menhangsloſen Antworten, welche ich wahrſcheinlich auf ihre Fragen ertheilt haben würde, ihr leicht eine ſchlechte Idee von meinem Geiſte hätten beibringen können. Ich ſah, daß ſie üͤberzeugt ſein mußte, daß ſie die Erniedrigung einer Zurückweiſung nicht zu fürchten habe; aber ich be⸗ wunderte in ihrer Lage den Muth, ſich einer ſolchen Ge⸗ fahr auszuſetzen. Es wurde mir ſchwer, mir ihre Kühnheit zu erklären, und ich begriff nicht, wie ſie ſich die Freiheit, welche ſie genoß, hatte verſchaffen können. Ein Caſino in Murano! die Freiheit, allein mit einem jungen Manne in ——— 5 2 447 A 2 27 133 Venedig zu Abend zu ſpeiſen! Alles dies ſtörte meine Ideen und ich kam endlich zu dem Reſultate, daß ſie einen hoch⸗ geſtellten Liebhaber haben müßte, welcher ſich ein Vergnü⸗ gen daraus mache, alle ihre Launen zu befriedigen. Dieſe Idee verletzte allerdings meinen Stolz etwas; aber das Abenteuer war zu pikant, der Gegenſtand zu reizend, als daß ich nicht darüber hätte hinweggehen ſollen. Ich ſah mich auf gutem Wege, meiner theuren C. C. untreu zu werden, oder vielmehr ich war es ſchon in Gedanken; aber ich muß geſtehen, daß ich trotz meiner Liebe für dieſes rei⸗ zende Mädchen keine Gewiſſensbiſſe fühlte. Es ſchien mir, als ob eine Untreue dieſer Art, ſelbſt wenn dieſelbe zu ihrer Kenntniß kommen ſollte, ihr nicht mißfallen könnte; denn dieſe kleine Abſchweifung war nur geeignet, mich in Athem zu erhalten, und auch ihr zu erhalten, da dieſelbe mich der Langeweile entriß, welche mich verzehrte. Ich war der Gräfin Coronini, einer Verwandtin Herrn Dandolo's, durch eine Nonne vorgeſtellt worden. Dieſe Gräfin, welche ſehr ſchön geweſen war und viel Geiſt hatte, hatte, nachdem ſie die Luſt verloren, ſich mit den Inter⸗ eſſen der Höfe zu beſchäftigen, aus denen ſie das Studium ihres Lebens gemacht, ſich ins Kloſter der heiligen Juſtine zurückgezogen, um hier die Ruhe zu ſuchen, welche der Le⸗ bensüberdruß ihr nöthig machte. Da ſie einen großen Ruf gehabt, ſo fanden ſich vor ihrem Gitter alle auswärtigen Geſandten und die vornehmſten Perſonen der Republik ein. Die beiderſeitige Neugierde beſtritt hier die Koſten der Un⸗ terhaltung und die Gräfin erfuhr in ihren Kloſtermauern Alles, was in der Stadt vorging und oft wollte ſie ſogar mehr wiſſen. Dieſe Dame nahm mich immer ſehr gut auf und da ſie mich als jungen Mann behandelte, ſo gab ſie mir gern Unterricht in der Moral, was mir ſehr angenehm war. Da ich ſicher war, auf geſchickte Weiſe etwas über M. M. von ihr erfahren zu können, ſo beſchloß ich, ihr meine Huldigungen den Tag, nachdem ich die Nonne beſucht, darzubringen. 8 Die Gräfin empfing mich auf ihre gewöhnliche Weiſe und nach den üblichen nichtsſagenden Reden, die man ein⸗ 134 ander in der guten Gefellſchaft auftiſcht, ehe man etwas ſagt, was ſich der Mühe lohnt, brachte ich die Unterhaltung auf die venetianiſchen Klöſter. Wir ſprachen vom Geiſte und Einfluſſe einer Nonne Celſi, die, obwohl häßlich, dennoch einen ganz entſchiedenen Einfluß ausübte. Wir unterhiel⸗ tee uns ſodann von der jungen und reizenden Schweſter Micheli, welche den Schleier genommen hatte, um ihrer Mut⸗ ter zu beweiſen, daß ſie geiſtreicher als ſie wäre. Hierauf zu mehreren andern übergehend, welche im Rufe der Galante⸗ rie ſtanden, nannte ich auch M. M., und ſagte, auch ſie müßte galant ſein, aber ſie wäre ein Räthſel. Die Gräfin erwiederte lachend, dieſelbe wäre es nicht für Alle; aber im Allgemeinen müßte ſie es wohl ſein. Was mir unbegreif⸗ lich bleibt, fuhr ſie fort, iſt, daß ſie den Schleier genom⸗ men hat, obwohl ſie ſchön, reich, frei, geiſtvoll, gebildet und, wie ich weiß, auch freigeiſtig iſt. Sie nahm den Schleier ohne irgend einen phyſiſchen oder moraliſchen Grund, es war wirklich eine Laune. Halten Sie dieſelbe fuͤr glücklich, Madame? Ja, wenn ſie ihre That nicht bereut hat, oder nicht noch bereut. Wenn ihr dies je begegnen ſollte, ſo halte ich ſie für vernünftig genug, es nie Jemand zu ſagen. Da die geheimnißvolle Miene der Gräfin mich über⸗ zeugte, daß M. M. einen Liebhaber haben müſſe, ſo beſchloß ich, mich nicht darum zu bekümmern, und nachdem ich meine Maske vorgelegt, begab ich mich am Nachmittage nach Mu⸗ rano. Beim Kloſter angekommen, klingle ich und mit klop⸗ fendem Herzen frage ich im Namen der Gräfin von S. nach ℳ%. E⸗E. Ich trete ein, nehme meine Maske ab und ſetze mich, um die Göttin zu erwarten. Mein Herz ſchlug gewaltig. Ich wartete mit Unge⸗ duld und dennoch gefiel mir das Warten, denn ich fürchtete den Augenblick des Zuſammentreffens. Eine Stunde ver⸗ ging ziemlich raſch, aber nun fing die Zeit des Wartens an mir lang zu werden und da ich dachte, daß die Pförtnerin mich nicht verſtanden haben könnte, ſo klingle ich noch ein⸗ mal und frage, ob man die Schweſter M. M. benachrichtigt hat. Eine Stimme antwortet mir mit ja. Ich gehe wie⸗ —yyy———— ————— der auf meinen Platz und einige Minuten ſpäter ſehe ich ein altes zahnloſes Weib eintreten, welches mir meldet: Die Mutter M. M. iſt für den ganzen Tag be äftigt, und ohne mir Zeit zu laſſen, ein einziges Wort zu ſagen, geht ¹ ſie hinaus. Das war einer von den ſchrecklichen Momenten, welche Leute, die auf Liebesabenteuer ausgehen, zuweilen zu ertra⸗ gen haben. Sie ſind das Grauſamſte, was ſich denken läßt. Sie demüthigen, ſie betrüben, ſie tödten. Da ich mich erniedrigt fühlte, ſo war meine erſte Re⸗ gung die tiefſte Verachtung meiner ſelbſt, concentrirte Ver⸗ zweiflung, welche ſich der Wuth näherte; die zweite war 1 verachtungsvoller Unwille gegen die Nonne, über welche ich das ſtrenge Urtheil fällte, das ſie zu verdienen ſchien und welches mich allein in meinem Schmerze tröſtete. Sie konnte nur ſo gegen mich handeln, wenn ſie aller Schaam und al⸗ les geſunden Menſchenverſtandes entblößt war; denn die beiden Briefe, welche ich von ihr hatte, reichten hin, um ſie zu entehren, wenn ich mich rächen wollte, und ſie mußte ſich auf meine Rache gefaßt machen. Um derſelben trotzen zu wollen, müßte ſie toll geweſen ſein, und ich würde dies von ihr geglaubt haben, wenn ich ſie nicht mit der Gräfin hätte ſprechen hören. Zeit bringt Rath, ſagt man; ſie bringt auch Ruhe, und das Nachdenken giebt den Ideen Klarheit. Ich ſagte 1 mir, daß dies Ereigniß nur etwas ſehr Gewöhnliches wäre, und daß ich es gleich anfangs ſo angeſehen haben würde, wenn ich nicht durch die Reize der Nonne geblendet und durch meine Eigenliebe verführt worden wäre. Endlich ſah . ich wohl ein, daß es nur bei mir ſtände, über das Mißge⸗ ſchick zu lachen, ohne daß Jemand errathen könnte, ob ich es aufrichtig thäte oder mich bloß ſo ſtellte. Der Sophis⸗ mus iſt ſo dienſtfertig. Trotz aller dieſen ſchönen Betrachtungen dachte ich nichts⸗ deſtoweniger an die Rache; aber nichts Gemeines ſollte ſich einmiſchen, und da ich dieſem ſchlechten Spaße nicht den ge⸗ ringſten Triumph gönnen wollte, ſo beſchloß ich, keine Ge⸗ reiztheit zu zeigen. Sie hatte mir ſagen laſſen, daß ſie be⸗ —— —— 136 ſchäftigt wäre, das war ſehr einfach: meine Rolle konnte nur darin beſtehen, den Gleichgültigen zu ſpielen. Ohne Zwei⸗ fel, ſagte ich zu mir ſelbſt, wird ſie ein andersmal nicht beſchäftigt ſein; aber ich fordere ſie heraus, mich noch ein⸗ mal zu fangen. Ich werde ihr zeigen, daß ich über ihr ſchlechtes Benehmen nur lache. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß ich ihr ihre Briefe zurückſchicken mußte, aber begleitet von einem Briefchen, deſſen Galanterie ihr gewiß kein Lä⸗ cheln des Vergnügens entlocken ſollte. Was mir am mei⸗ ſten mißfiel, war, daß ich verpflichtet war, in ihre Kirche zu gehen, denn da ſie nicht wußte, daß ich C. C.s wegen hin⸗ ging, ſo konnte ſie ſich leicht einbilden, daß ich dieſelbe be⸗ ſuchte, um ſie in den Stand zu ſetzen, ſich zu entſchuldigen und mir ein neues Stelldichein zu beſtimmen. Ich wollte, daß ſie an meiner Verachtung nicht ſollte zweifeln können, und ich dachte mir, daß das Stelldichein, welches ſie mir an⸗ geboten, nur von ihr erſonnen geweſen wäre, um mich bei der Naſe herumzuführen. Ich legte mich Rache dürſtend nieder, ſchlief mit dem Gedanken daran ein und wachte auf mit dem Entſchluſſe, dieſelbe zu befriedigen. Ich fing an zu ſchreiben, um aber ſicher zu ſein, daß der Brief frei von dem mich verzehren⸗ den Unmuthe bliebe, ließ ich ihn auf meinem Büreau lie⸗ gen, um ihn am folgenden Tage bei kälterem Blute wieder durchzuleſen. Dieſe Vorſicht war nützlich, denn als ich den⸗ ſelben vierundzwanzig Stunden darauf noch einmal las, fand ich ihn unwürdig und zerriß ihn in tauſend Stücke. Es waren darin Sätze, welche meine Schwäche, meine Liebe, meinen Aerger verriethen und welche daher weit entfernt, ſie zu demüthigen, ihr Stoff zum Hohne gegeben haben würden. 1 Am Mittwoch, nachdem ich an C. C. geſchrieben, daß mächtige Gründe mich nöthigten, die Meſſe in ihrem Klo⸗ ſter nicht mehr zu beſuchen, ſchrieb ich einen andern Brief an meine Nonne, und derſelbe unterlag, als ich ihn am Donnerſtage wieder durchlas, demſelben Schickſale wie ſein Vorgänger, weil er dieſelben Fehler hatte. Es ſchien mir, als hätte ich die Fähigkeit zu ſchreiben verloren. Zehn Tage darauf bemerkte ich, daß ich zu verliebt war, um anders als mit Horazſprechen zu können. Sincerum est nisi vas, quodeunque infundis, 4 ₰ acescit.*) 4 Die Geſtalt von M. M. hatte einen zu ſtarken Ein⸗ druck bei mir hinterlaſſen, als daß derſelbe durch eine an⸗ dere Macht als die Zeit, das mächtigſte der abſtrakten Weſen, hätte verwiſcht werden können. In meiner thörichten Lage fühlte ich mich hundert⸗ mal verſucht, mich bei der Gräfin S. zu beklagen: aber Gott ſei Dank, war ich klug genug, keinen Fuß über ihre Schwelle zu ſetzen. Da ich endlich bedachte, daß die Leichtſinnige in beſtändiger Furcht leben müßte, da ſie ihre beiden Briefe in meinen Händen wußte, und ich durch dieſelben ihren Ruf zu Grunde richten und dem Kloſter den größten Schaden zzufügen konnte, ſo ent⸗ ſchloß ich mich, ſie ihr mit folgendem Billet zurückzuſchicken, nachdem ich ſie zehn Tage behalten: „Ich bitte Sie, Madame, zu glauben, daß nicht Ver⸗ geſſenheit der Grund iſt, weshalb ich Ihnen die beiden hier beiliegenden Briefe noch nicht zurückgeſchickt habe. Ich habe nie daran gedacht, mir ſelber dadurch unähnlich zu werden, daß ich gegen Sie eine feige Rache übte, und ich verzeihe Ihnen leicht die beiden großen Unbeſonnenheiten, welche Sie begangen haben, mögen Sie dieſelben nun natürlich und ohne nachzudenken begangen haben, oder mögen Sie ſich nur über mich haben luſtig machen wollen. Geſtatten Sie mir indeß, Ihnen den Rath zu geben, nicht ſo gegen einen Andern zu handeln, denn Sie könnten an einen weniger zartfühlenden Mann gelangen. Ich kenne Ihren Namen, ich weiß, wer Sie ſind; aber ſeien Sie ruhig; es iſt ſo, als bb ich nichts wüßte. Uebrigens iſt es auch möglich, daß Sie wenig Werth auf mein Schweigen legen; wenn aber dem ſo iſt, ſo ſinde ich Sie ſehr beklagenswerth.“ „Sie können ſich wohl denken, Madame, daß Sie mich 7 — „. 7 *) Wenn das Gefäß unrein iſt, wird Alles, was man hin⸗ einſchüttet, ſauer. 138 nicht mehr in Ihrer Kirche ſehen werden; aber ſeien Sie überzeugt, daß mich dieſes Opfer nichts koſtet, und daß ich mich darüber hinweg ſetzen werde, indem ich anderwärts in die Meſſe gehe. Ich muß Ihnen indeß ſagen, welcher Grund mich abhält, wieder in Ihrem Kloſter zu erſcheinen. Ich finde es ſehr natürlich, daß Sie zu beiden leichtſinnigen Streichen, deren Sie ſich ſchuldig gemacht, einen dritten nicht weniger großen gefügt, den, ſich Ihrer Heldenthaten gegen eine andere Nonne zu rühmen, und ich will Ihnen keine Gelegenheit zum Lachen in Ihrer Zelle oder Ihrem Boudoir geben. Finden Sie es nicht zu lächerlich, wenn ich trotz der fünf oder ſechs Jahre, welche ich älter als Sie bin, nicht alle Schaam abgeſtreift und jedes Sittlichkeitsge⸗ fühl mit Füßen getreten, oder, wenn Sie wollen, noch einige Vorurtheile bewahrt habe. Ich glaube, daß es deren giebt, die man nie gänzlich abſchütteln darf. Verſchmähen Sie nicht dieſe kleine Lektion, Wndane da ich die, welche Sie mir vermuthlich nur gegeben haben, um zu lachen, welche aber für den ganzen Reſt meines Lebens von Nutzen ſein ſoll, mit großer Gutmüthigkeit empfange.“ Ich glaubte, daß dieſer Brief in Betracht der Umſtände nur Sanftmuth athmete, und nachdem ich mein Paket gemacht, maskirte ich mich, ſuchte einen Forlanen auf, welcher mich nicht kannte, und welchem ich eine halbe Zechine gab und eine andere verſprach, ſobald er mir die Meldung bringen würde, daß er den Brief richtig im Kloſter von Murano abgegeben. Ich gab ihm alle nöthigen Inſtruktionen und nahm ihm das Verſprechen ab, ſich augenblicklich, ſobald er den Brief an die Pförtnerin abgegeben, zu entfernen, ſelbſt wenn man ihn bitten ſollte zu warten. Ich muß hier be⸗ merken, daß die Forlanen in V Venedig Vertrauens⸗K Kommiſ⸗ ſionnaire waren, und daß es unerhört war, daß einer von ihnen den Vorwurf der Untreue auf ſich geladen. So waren auch einſt die Savoyarden in Paris; aber Alles wird ſchlech⸗ ter in der Welt. Ich fing an, die Geſchichte zu vergeſſen, ohne Zweifel weil ich glaubte, zwiſchen ihr und mir eine unüberſteigliche Scheidewand aufgerichtet zu haben, als ich zehn Tage ſpä⸗ —-—D 8 y—e—,——- ͤ-„——- ◻ ter beim Hinausgehen aus der Oper denſelben Forlanen mit der Laterne in der Hand erblicke. Ich rufe ihn maſchinen⸗ mäßig heran und ohne mich zu demaskiren, frage ich ihn, ob er mich kenne. Er ſteht mich an, betrachtet mich von oben bis unten und antwortet nein. Haſt Du den Auftrag in Murano gut ausgerichtet? Ach, mein Herr, Gott ſei gelobt! Da ich ſo glücklich bin, Sie wiederzufinden, ſo werde ich Ihnen wichtige Sa⸗ chen ſagen. Ich habe Ihren Brief hingebracht und abgege⸗ ben, wie Sie mir befohlen hatten; und ich entfernte mich, ſobald er in den Händen der Pförtnerin war, obwohl die Schweſter mich zu warten bat. Als ich zurückkehrte, fand ich Sie nicht, indeß laſſen wir das. Am folgenden Morgen kam einer meiner Kama⸗ raden, welcher ſich an der Pforte befunden hatte, als ich Ihren Brief abgab, zu mir, und weckte mich, um mich auf⸗ zufordern, nach Murano zu gehen, da die Pförtnerin mich durchaus ſprechen wolle. Ich ging hin, und nachdem ich einige Augenblicke gewartet, führte mich die Pförtnerin ins Sprechzimmer, wo eine Nonne, die ſchön wie der Tag war, mich länger als eine Stunde aufhielt, um mir hundert Fragen vorzulegen, welche alle darauf hinausgingen zu er⸗ fahren, wenn auch nicht, wer Sie wären, doch wo Sie zu treffen ſein könnten. Sie verließ mich mit der Aufforderung zu warten, und zwei Stunden darauf kam ſie mit einem Briefe wieder, welchen ſie mir mit dem Bemerken übergab, daß wenn es mir gelänge, Ihnen denſelben zu übergeben und ihr Antwort darauf zu bringen, ich zwei Zechinen er⸗ halten ſollte. Einſtweilen, und bis ich Sie aufgefunden, ſollte ich alle Tage ins Kloſter kommen und ihr den Brief zeigen, wofuͤr ſie mir täglich vierzig Sous verſprach. Bis jetzt habe ich ſchon zwanzig Livres verdient; aber ich fürchte, daß ſie der Sache müde werden wird, und es ſteht nur bei Ihnen, mein guter Herr, mich zwei Zechinen verdienen zu laſſen, wenn Sie zwei Worte antworten wollen. Wo iſt dieſer Brief? Bei mir, unter Verſchluß, denn ich fürchte ihn zu verlieren. Wie ſoll ich denn aber antworten? Haben Sie die Güte mich hier zu erwarten; in noch nicht einer Viertelſtunde werde ich mit dem Briefe zu⸗ rück ſein. Ich werde Dich nicht erwarten, denn der Brief hat kein Intereſſe für mich. Aber ſage mir, wie Du der Nonne haſt damit ſchmeicheln können, daß Du mich wiederfinden würdeſt? Du biſt ein Hallunke, denn es iſt nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß ſie Dir den Brief anvertraut haben würde, wenn Du ihr nicht Hoffnung gemacht hätteſt, mich wieder⸗ zufinden. Ich bin kein Hallunke, denn ich habe ganz genau ge⸗ than, was ſie mir geſagt; aber es iſt wahr, daß ich ihr Ihre Kleidung, Ihre Schuhſchnallen, Ihren Wuchs geſchil⸗ dert, und ich verſichere Ihnen, daß ich ſeit zehn Tagen alle Masken von Ihrem Wuchſe ſehr aufmerkſam betrachte, aber vergeblich. Ich erkenne wohl Ihre Schuhſchnallen wieder, aber nicht Ihren Rock. Ach, mein Herr, es koſtet Ihnen doch nichts, eine einzige Zeile zu ſchreiben. Haben Sie die Güte, im Kaffeehauſe einen Augenblick auf mich zu warten. Ich konnte meiner Neugierde nicht länger widerſtehen und beſchloß, nicht ihn zu erwarten, ſondern ihn nach ſei⸗ ner Wohnung zu begleiten. Ich brauchte nur zu ſchreiben: Ich habe den Brief empfangen, und ich befriedigte mich und ließ den Forlanen zwei Zechinen verdienen. Am folgenden Tage konnte ich ja die Schuhſchnallen und die Maske wech⸗ ſeln und alle Nachforſchungen vereiteln. Ich folge alſo meinem Forlanen bis an ſeine Thur; er geht hinein und bringt mir den Brief. Ich führe ihn in einen Gaſthof, wo ich mir ein gut geheiztes Zimmer ge⸗ ben laſſe und laſſe meinen Mann warten. Ich mache das umfangreiche Paket auf, und das Erſte, was mir ins Auge fällt, ſind die beiden Briefe, welche ich ihr zurückgeſchickt, um ſie wegen der Folgen ihrer Unbeſonnenheit zu beruhigen. Ddieſer Anblick verurſachte mir ſo ſtarkes Herzklopfen, daß ich mich ſetzen mußte,: es war dies ein ſicheres Zeichen meiner Niederlage. Außer dieſen beiden Briefen fand ich 141 noch einen kleinen S. unterzeichneten, er war an M. M. ge⸗ richtet. Ich las ihn; er enthielt Folgendes: „Die Maske, welche mich begleitet und nach Hauſe ge⸗ bracht, würde, glaube ich, nicht den Mund aufgemacht ha⸗ ben, wenn ich nicht zu ihr geſagt hätte, daß der Zauber Deines Geiſtes noch verführeriſcher, als der Deiner Geſtalt wäre. Sie antwortete mir: Ich habe das Eine geſehen und glaube das Andere. Ich fügte hinzu, ich begriffe nicht, warum Du nicht mit ihm geſprochen, und er antwortete lächelnd: Ich habe ihr nicht vorgeſtellt ſein wollen; ſie hat mich dafür geſtraft, indem ſie ſo that, als ob ich nicht da wäre. Dies iſt unſer ganzes Geſpräch. Ich wollte Dir dieſes Billet heute morgen ſchicken, aber es war mir un⸗ möglich. Lebewohl.“ Nachdem ich dies Billet geleſen, welches die reine Wahr⸗ heit berichtete, und welches als Rechtfertigung dienen konnte, ſchlug mein Herz weniger ungeſtüm. Erfreut, mich dem Augenblicke nahe zu ſehen, wo ich der Ungerechtigkeit über⸗ führt werden würde, faſſe ich Muth und leſe folgenden Brief: „Da ich aus einer, wie ich glaube, ſehr verzeihlichen Schwäche zu erfahren wünſchte, was Sie über mich zur Gräfin geſagt, nachdem Sie mich geſehen, ergriff ich einen Augenblick, um ſie zu bitten, daß ſie mich ſpäteſtens am folgenden Tage davon benachrichtige, denn ich ſah voraus, daß Sie mir am Nachmittage einen Höflichkeitsbeſuch ab⸗ ſtatten würden. Ihr Billet, welches ich Ihnen ſchicke, und welches ich Sie zu leſen bitte, habe ich erſt eine halbe Stunde, nachdem Sie weggegangen waren, bekommen.“ „Erſtes Mißgeſchick.“ „Da ich dies Billet noch nicht bekommen hatte, als Sie mich rufen ließen, ſo hatte ich nicht die Kraft, Sie zu empfangen. Schreckliche Schwäche und zweites Mißgeſchick, welches Sie aber, wie ich hoffe, ebenfalls verzeihungswerth finden werden. Ich befahl der Laienſchweſter Ihnen zu ſa⸗ gen, daß ich für den ganzen Tag krank wäre; eine ſehr begründete Entſchuldigung, mochte ſie nun wahr oder falſch ſein, denn es war eine höfliche Lüge, welche durch den 142 Zuſatz für den ganzen Tag ihr Correktiv erhielt. Sie waren ſchon weggegangen, und es war mir nicht möglich, hinter Ihnen herlaufen zu laſſen, als mir das einfältige alte Weib meldete, daß ſie zu Ihnen geſagt, ich wäre be⸗ ſchäftigt.“— „Dies war das dritte Mißgeſchick.“ „Sie können ſich nicht denken, was ich dieſer einfälti⸗ gen Schweſter zu ſagen und zu thun Luſt hatte; aber hier darf man nichts ſagen und nichts thun; man muß Geduld haben, ſeine Gefühle verbergen und Gott dafür danken, daß die Fehler ihren Grund in der Unwiſſenheit und nicht in der Bosheit haben, was in Klöſtern nicht ſelten iſt. Ich ſah ſogleich, wenigſtens zum Theil, was die Folgen davon ſein würden, denn die menſchliche Vernunft hätte, glaube ich, in keinem Falle Alles vorausſehen können. Ich dachte mir, daß Sie ſich für angeführt halten und ſich empört fühlen würden, und ich empfand darüber einen unausſprechlichen Schmerz, denn ich wußte keine Möglichkeit, Sie vor dem erſten Feſttage mit der Wahrheit bekannt zu machen. Mein Herz wünſchte dieſen Tag mit allen Kräften herbei: konnte ich wohl ahnen, daß Sie den Entſchluß faſſen würden, gar nicht mehr zu kommen? Ich trug mein Unglück mit Ge⸗ duld bis zum erſten Sonntage; als ich aber dieſe Hoffnung getäuſcht ſah, wurde mein Schmerz unerträglich und er wird tödtlich werden, wenn Sie meine Rechtfertigung nicht an⸗ nehmen wollen. Ihr Brief, hat mich ganz unglücklich ge⸗ macht, und ich werde meiner Verzweiflung nicht widerſtehen, wenn Sie bei dem barbariſchen, in Ihrem Briefe ausge⸗ ſprochenen Entſchluſſe beharren. Sie haben ſich angeführt geglaubt, das iſt Alles, was Sie ſagen können; wird aber wohl dieſer Brief Sie von Ihrem Irrthume überzeugen? Und ſelbſt wenn Sie glauben, daß Sie auf eine unwürdige Weiſe betrogen worden, ſo werden Sie doch zugeben, daß Sie, um mir einen ſo ſchrecklichen Brief zu ſchreiben, mich für ein verabſcheuenswerthes Ungeheuer halten müſſen, wie man es unmöglich von einer Frau von Geburt und Er⸗ ziehung glauben kann. Ich ſchicke Ihnen die beiden Briefe mit, welche Sie mir zurückgeſendet haben, um mich wegen —y4ͤͤͤͤͤ111 1* 2——— 143 meiner Furcht zu beruhigen, der Sie grauſamer Weiſe einen* ganz andern Grund als den wirklichen untergelegt haben. Ich verſtehe mich beſſer auf Phyſiognomieen als Sie, und ſeien Sie überzeugt, daß ich das, was ich gethan, nicht aus Leichtſinn gethan; denn ich habe Sie, ich will nicht ſagen einer Schandthat, ſondern auch nur einer unehrenwerthen Handlung nicht für fähig gehalten. Sie müſſen auf mei⸗ nem Geſichte nur den Ausdruck eines ſchamloſen und leicht⸗ ſinnigen Weibes geleſen haben, und das bin ich nicht. Sie werden vielleicht die Veranlaſſung meines Todes werden, oder wenigſtens werden Sie mich für meine ganze übrige Lebenszeit unglücklich machen, wenn Sie es ſich nicht an⸗ gelegen ſein laſſen, ſich zu rechtfertigen, denn was mich be⸗ trifft, ſo glaube ich, daß ich es vollkommen bin.“ „Ich hoffe, daß wenn Sie auch keine Theilnahme für mein Leben haben ſollten, Sie doch der Anſicht ſein werden, daß Ihre Ehre Ihnen befiehlt, mit mir zu ſprechen. Kom⸗ men Sie, um perſönlich Alles, was Sie mir geſagt, zu widerrufen: Sie müſſen es thun, und ich verdiene es. Wenn Sie die traurige Wirkung, welche Ihr Brief auf mich gemacht hat, welche Wirkung er auf das Herz jeder u digen und nicht gefühlloſen Frau machen muß, nicht kenn. muß ich Sie trotz meines Unglücks bekla⸗ gen, den. Sie würden in dieſem Falle nicht die geringſte Kenntniß des menſchlichen Herzens haben. Aber ich bin überzeugt, daß Sie wiederkommen werden, wenn der Mann, 1 welchem ich dieſen Brief übergebe, Sie auffindet. Leben Sie wohl; ich erwarte Leben oder Tod von Ihnen.“ Ich brauchte dieſen Brief nicht zweimal zu leſen; ich war beſchämt, verzweifelt. M. M. hatte Recht. Ich ließ ſogleich den Forlanen heraufkommen und fragte ihn, ob er heute Morgen mit ihr geſprochen, und ob ſie krank aus⸗ ſähe. Er erwiederte, er fände ſie jeden Tag niedergeſchla⸗ gener und ſie habe rothe Augen. Du wirſt auf mich warten. Ich fing an zu ſchreiben und beendete mein Geſchwätz erſt mit Tagesanbruch, und hier iſt Wort für Wort der 144 Brief, welchen ich an die edelſte der Frauen ſchrieb, die ich in einem Wuthanfalle ſo ſchlecht beurtheilt hatte. „Ich bin ſchuldig, Madame, und es iſt mir durchaus unmöglich, mich zu rechtfertigen, wie ich andrerſeits voll⸗ kommen von Ihrer Unſchuld überzeugt bin. Ich würde untröſtlich ſein, wenn ich nicht die ſüͤße Hoffnung hätte, Verzeihung zu erlangen, und Sie werden mir dieſelbe nicht verſagen, wenn Sie bedenken, wodurch ich zum Verbrecher geworden bin. Ich habe Sie geſehen. Sie haben mich ge⸗ blendet, und ich konnte ein Glück nicht faſſen, das mir chi⸗ märiſch ſchien; ich glaubte, ich wäre die Beute eines jener köſtlichen Trugbilder geworden, welche beim Erwachen ver⸗ ſchwinden. Erſt vierundzwanzig Stunden ſpäter konnte ich mich dem Zweifel entreißen, in welchem ich mich befand; und wer könnte wohl die Ungeduld beſchreiben, welche ich in Erwartung dieſes glücklichen Augenblicks fühlte! Der⸗ ſelbe kam indeß, und mein vor Sehnſucht und Hoffnung ſchlagendes Herz flog Ihnen entgegen, während ich im Sprechzimmer die Minuten zählte. Eine Stunde verging mir indeß ziemlich ſchnell, eine natürliche Wirkung der Un⸗ geduld, welche ich fühlte und des Schwindels, welcher mich bei dem Gedanken, Sie zu ſehen, überfiel. Aber nun ge⸗ rade in dem Augenblicke, wo ich ſicher zu ſein glaubte, die theuren Züge wiederzuſehn, welche der erſte Anblick mit un⸗ zerſtörbarer Schrift meinem Herzen eingeprägt hatte, ſehe ich die unangenehmſte Geſtalt erſcheinen, welche mir mit trockener und kalter Miene meldet, daß Sie für den ganzen Tag beſchäftigt wären und abgeht, ehe ich mich wieder ſammeln kann. Denken Sie ſich meine Beſtürzung und alles Uebrige. Der Blitz hätte keinen ſchnelleren und ſchrecklicheren Eindruck auf mich machen können? Hätten Sie mir durch dieſelbe Laienſchweſter zwei Zeilen, zwei Zei⸗ len von Ihrer Hand geſchickt, ſo würden Sie mich, wenn auch nicht zufrieden, doch wenigſtens unterwürfig und gefaßt entlaſſen haben.“ „Aber das war ein viertes Mißgeſchick, welches Sie in Ihrer pikanten und köſtlichen Rechtfertigung vergeſſen haben. Da ich mich angeführt glaubte, ſo empörte ſich meine Eigenliebe, und der Unwillen brachte für einen Augen⸗ blick die Liebe zum Schweigen. Die Schande drückte mich nieder. Ich glaubte, ein Jeder läſe auf meinem Geſichte den Abſcheu, welchen ich fühlte, und ich ſah in Ihnen unter der Geſtalt eines Engels nur noch ein ſchreckliches Unge⸗ heuer. Mein Kopf war wüſt und nach Verlauf von elf Tagen verlor ich das bischen geſunden Menſchenverſtand, welches mir noch geblieben war. Ich muß dies wenigſtens glauben, da ich Ihnen damals den Brief ſchrieb, über wel⸗ chen Sie mit ſo vielem Grunde klagen, und welchen ich nichtsdeſtoweniger damals für ein Meiſterſtück der Mäßi⸗ gung hielt.“ „Jetzt, hoffe ich, iſt Alles abgemacht, und noch heute um elf Uhr werden Sie mich zärtlich unterwürfig und reuig zu Ihren Fuͤßen ſehen. Sie werden mir verzeihen, himm⸗ liſches Weib, oder ich ſelbſt übernehme es, Sie wegen der Ihnen angethanen Beleidigung zu rächen. Das Einzige, um was ich Sie bitte, iſt, daß Sie meinen Brief verbrennen, und daß von demſelben nicht mehr die Rede ſei. Ich habe Ihnen denſelben erſt geſchickt, nachdem ich vier andere ge⸗ ſchrieben, welche ich einen nach dem andern zerriſſen; beur⸗ theilen Sie hiernach den Zuſtand meines Herzens.“ „Ich befehle dem Kommiſſionair, ſogleich nach Ihrem Kloſter zu gehen, damit Sie den Brief bei Ihrem Erwachen erhalten. Derſelbe würde mich nicht aufgefunden haben, wenn mich nicht mein guter Genius veranlaßt hätte, ihn beim Hinausgehen aus der Oper anzureden. Ich bedarf ſeiner nicht mehr; antworten Sie mir nicht und nehmen Sie den vollen Ausdruck eines Sie anbetenden Herzens entgegen.“ Nachdem ich den Brief beendet, rufe ich den Forlanen, gebe ihm eine Zechine und nehme ihm das Verſprechen ab, ſich ſogleich nach Murano zu begeben und meinen Brief der Nonne perſönlich zu überliefern. Als er weggegangen, warf ich mich aufs Bett, konnte aber vor Ungeduld und Sehn⸗ ſucht kein Auge ſchließen. er Leſer wird ſich wohl denken können, daß ich mich bei meiner Ungeduld pünktlich einſtellte. Man führte mich Vv. 10 146 in das Sprechzimmer, wo ich ſie zum erſtenmale geſehen, und ſie ließ nicht warten. Als ſte am Gitter erſchien, knieete ich vor ihr nieder; aber ſie bat mich aufzuſtehen, weil man mich ſehen könnte. Ihr Geſicht ſtand in Flam— men, und ihr Blick ſchien mir himmliſch. Sie ſetzte ſich und ich nahm einen Seſſel ihr gegenüber. So betrachteten wir uns mehrere Minuten lang, ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen; aber ich brach das Schweigen, indem ich ſie mit zärt⸗ licher und zitternder Stimme fragte, ob ich Verzeihung hoffen dürfte. Sie reichte mir ihre ſchöne Hand durch das Gitter und ich bedeckte ſie mit Thränen und Küſſen. Un⸗ ſere Bekanntſchaft, ſagte ſie, hat mit einem heftigen Sturme begonnen; hoffen wir, daß ſie in vollkommner und dauern⸗ der Ruhe verlaufen wird. Dies iſt das erſtemal, daß wir mit einander ſprechen; was aber zwiſchen uns vorgefallen, muß genügen, um uns vollkommen kennen zu lernen. Ich hoffe, daß unſere Verbindung ſo zärtlich wie aufrichtig ſein wird, und daß wir es verſtehen werden, gegenſeitig gegen unſere Fehler Nachſicht zu üben. Kann ein Engel, wie Sie, wohl Fehler haben? Ach, mein Freund, wer hat keine Fehler? Wann könnte ich wohl die Ehre haben, Sie ungeſtört und in der ganzen Freude meines Herzens von meinen Ge⸗ fühlen zu überzeugen? Wir können in meinem Caſino, wann Sie wollen, zu Abend ſpeiſen, wenn ich es nur zwei Tage vorher weiß; oder ich kann auch mit Ihnen in Venedig ſpeiſen, wenn es Sie nicht beläſtigt. b Das würde mein Glück nur erhöhen. Ich glaube Ih⸗ nen ſagen zu müſſen, daß ich in ſehr guten Umſtänden bin, daß ich, weit entfernt das Geldausgeben zu fürchten, es vielmehr liebe; übrigens gehört Alles, was ich habe, dem angebeteten Gegenſtande. Dieſe Mittheilung, theurer Freund, iſt mir ſehr an⸗ genehm, und zwar um ſo mehr, als ich Ihnen ebenfalls ſagen kann, daß ich reich bin und meinem Liebhaber nichts aobſchlagen kann.. Aber Sie müſſen wohl einen haben? 1— 5—₰————— z———, ——2—„„—,,——— .„—— „—.““* und ſchlief ruhig bis Mittag. Ich ging weg, ohne Jemand zu erblicken und ging maskirt zu Laura, welche mir einen Brief meiner theuren C. C. überbrachte, er lautete folgendermaßen: „Hier, mein Freund, erhältſt Du eine Probe meiner Denkweiſe, und ich hoffe, daß dieſelbe, weit entfernt mir bei Dir zu ſchaden, Dich vielmehr überzeugen wird, daß ich ein Geheimniß bewahren kann und werth bin, Deine Frau zu ſein. Da ich Deines Herzens ſicher bin, ſo tadle ich nicht die Zurückhaltung, welche Du gegen mich beobachtet haſt; und da mir Alles willkommen iſt, was dazu beitragen kann, Dich zu zerſtreuen und Dir zum geduldigen Ertragen unſerer grauſamen Trennung behülflich zu ſein, ſo kann ich mich über Alles, was Dir Vergnügen macht, nur freuen. Höre alſo. Als ich geſtern uüber einen Corridor ging, ließ ich einen Zahnſtocher, den ich in der Hand hielt, fallen, und um ihn zu ſuchen, mußte ich einen Seſſel wegrücken, welcher vor einer Spalte des Verſchlags ſtand. Da ich ſchon neu⸗ gierig wie eine Nonne geworden bin, ein bei müßiger Le⸗ bensweiſe ſehr natürlicher Fehler, ſo näherte ich mein Auge dieſer Spalte, und ſah wen?— Dich ſelbſt, mein ſüßer Freund, der ſich auf eine ſehr lebhafte Weiſe mit meiner reizenden Freundin, Mutter M. M., unterhielt. Du wirſt Dir nur ſchwer mein Erſtaunen und meine Freude vorſtellen können. Aber dieſe beiden Empfindungen machten bald der Furcht Platz, geſehen zu werden, und die Neugierde irgend einer plauderhaften Schweſter zu erregen. Ich ſtellte ſchnell den Seſſel wieder an ſeine Stelle und ging weg. Sage mir Alles, theurer Freund, Du wirſt mich glücklich machen. Wie ſollte ich mit aller Kraft meiner Seele lieben und nicht die Geſchichte dieſes einigermaßen außerordentlichen Ereig⸗ niſſes zu erfahren wünſchen. Sage mir, ob ſie Dich kennt, und wie Du ihre Bekanntſchaft gemacht haſt. Es iſt meine zärtliche Freundin, die, von welcher ich mit Dir geſprochen und welche ich nicht glaubte, Dir nennen zu müſſen. Sie giebt mir franzöſiſchen Unterricht und verſorgt mich mit Büchern, welche mich über einen Gegenſtand belehren, den Zufrieden, aber nicht befriedigt, legte ich mich zu Bett ————— 160 wenig Frauen kennen. Ohne ſie, mein Freund, wuͤrde man die Urſache des Anfalls entdeckt haben, der mir beinahe das Leben gekoſtet hätte. Ihr verdanke ich meine Ehre; aber dadurch hat ſie natürlich erfahren, daß ich einen Liebhaber habe, wie ich weiß, daß ſie ebenfalls einen gehabt hat: aber wir beide haben keine Neugierde gezeigt, unſere Geheimniſſe kennen zu lernen. Die Mutter M. M. iſt eine einzige Frau. Ich bin ſicher, mein theurer Freund, daß Ihr Euch liebt; das kann nicht anders ſein, da Ihr Euch kennt; aber da ich nicht eiferſüchtig bin, ſo verdiene ich, daß Du mir Alles ſagſt. Indeß beklage ich Euch beide, denn Alles, was Ihr thun möget, kann wohl nur dazu beitragen, Eure Leiden⸗ ſchaft zu ſtacheln. Das ganze Kloſter hält Dich für krank, und ich ſterbe vor Sehnſucht, Dich zu ſehen. Komme doch wenigſtens einmal. Lebewohl.“ Trotz der Achtung, welche dieſer Brief mir einflößte, war ich nicht ohne Unruhe, denn obwohl ich meiner theuren C. C. vollkommen ſicher war, ſo konnte doch die Spalte uns auch andern Blicken ausſetzen. Ich ſah mich außerdem genöthigt, dieſer liebenswürdigen und vertrauensvollen Freun⸗ din etwas aufzubinden, denn die Ehre und das Zartgefühl geſtatteten mir nicht, ihr die Wahrheit zu ſagen. Ich ant⸗ wortete ſogleich, ihre Freundſchaft für M. M. erfordere, dieſelbe davon in Kenntniß zu ſetzen, daß ſie ſie mit einer Maske im Sprechzimmer haben ſprechen ſehen; dieſelbe habe ich auf das Gerücht von ihren Verdienſten, um ſie kennen zu lernen, unter einem angenommenen Namen ins Sprech⸗ zimmer rufen laſſen und ſie möge daher nicht ſagen, wer ich wäre, ſondern nur, daß ſie mich als den Mann erkannt, der die Meſſe in ihrer Kirche höre. Ich verſicherte ihr auf die unverſchämteſte Weiſe, daß zwiſchen uns keine Liebe be⸗ ſtände, verhehlte ihr jedoch nicht, daß ich dieſelbe für ein vollendetes Weib hielte. Am heiligen Katharinentage, dem Feſte meiner theuren C. glaubte ich der liebenswuͤrdigen Eingeſperrten, welche nur meinetwegen litt, das Vergnügen, mich zu ſehen, ver⸗ ſchaffen zu müſſen. Beim Ausgehen, als ich in eine Gon⸗ del ſteigen wollte, bemerkte ich ein Individuum, welches mir = SO, SeSen— g NVSrI ,u——= 29 — — + n O8u— —— BãAõ n ⏑& 161 folgte. Ich faßte Argwohn und beſchloß, der Sache auf die Spur zu kommen. Das Individuum nahm ebenfalls eine Gondel und folgte mir. Das konnte bloße Wirkung des Zufalls ſein, aber da ich gegen Ueberraſchungen auf meiner Hut war, ſo landete ich in Venedig im Garten des Palaſtes Moroſini; der Mann ſteigt ebenfalls ans Land: alſo kein Zwei⸗ fel mehr. Ich verlaſſe den Palaſt und die Richtung nach dem flandriſchen Thore zu nehmend, bleibe ich in einer engen Straße ſtehen; hier erwarte ich mit dem Meſſer in der Hand den Spion hinter einer Straßenecke und als er um⸗ biegt, dränge ich ihn gegen die Mauer, ſetze ihm das Meſſer auf die Bruſt, und fordere ihn auf zu ſagen, was er wolle. Er zitterte und ſchickte ſich an, Alles zu beichten, als un⸗ glücklicher Weiſe Jemand in die Straße kam. Der Spion entfloh mir und ich erfuhr nichts, aber ich war ſicher, daß dies Individuum ſich künftig in ehrfurchtsvoller Entfernung halten würde. Ich entnahm aber hieraus, daß es einem hartnäckigen Neugierigen leicht werden würde, zu erfahren, wer ich wäre, und ich beſchloß nur noch maskirt oder Nachts nach Murano zu gehen. Da ich am folgenden Tage meine ſchöne Nonne beſu⸗ chen ſollte, um zu erfahren, wann ſie bei mir in Venedig zu ſpeiſen wünſche, ſo begab ich mich frühzeitig ins Sprech⸗ zimmer. Sie ließ nicht auf ſich warten und auf ihren Zü⸗ gen war Freude zu leſen. Sie bekomplimentirte mich we⸗ gen meines neuen Erſcheinens in ihrer Kirche. Alle Non⸗ nen waren erfreut geweſen, mich nach einer dreiwöchentlichen Abweſenheit wiederzuſehen. Die Aebtiſſin, fuhr ſie fort, äußerte, als ſie ihre Freude, Dich wiederzuſehen, ausdrückte, ſie wäre ſicher zu erfahren, wer Du wäreſt. Nun erzählte ich ihr die Geſchichte vom Spione und wir ſtellten mit ziemlicher Wahrſcheinlichkeit die Vermuthung auf, daß dies der Mittelsmann der heiligen Frau wäre. Ich bin, meine göttliche Freundin, entſchloſſen, nicht mehr in die Meſſe zu kommen. Das wird, antwortete ſie, eine Entbehrung für mich ſein, aber in unſerm gemeinſamen Intereſſe kann ich Deinen Entſchluß nur billigen. Nun erzählte ſie mir die Geſchichte V. 11 162 von der verrätheriſchen Spalte; aber ſie iſt, fügte ſie hinzu, ſchon verſtopft, und wir haben von dieſer Seite her weiter nichts zu fürchten. Eine junge Penſionairin, welche ich ſehr liebe und welche mir ſehr ergeben iſt, hat mir Alles mit⸗ getheilt. Ich bin nicht neugierig, ihren Namen zu erfahren, und ſie ſagt ihn mir nicht. Jetzt, mein Engel, ſage mir, ob mein Gluck verſcho⸗ ben iſt. Es iſt verſchoben, aber nur auf vierundzwanzig Stun⸗ den: die neue Schweſter, welche Profeß gethan, hat mich zum Abendeſſen auf ihr Zimmer geladen und Du wirſt wohl einſehen, daß ich dies nicht abſchlagen kann. Du würdeſt ihr alſo nicht den ſehr begründeten Hin⸗ derungsgrund anvertrauen, welcher mich wünſchen läßt, daß ſie nie zu Abend ſpeiſe. Nein, gewiß nicht: das Vertrauen geht in einem Klo⸗ ſter nie ſo weit. Und dann, mein Freund, kann man eine ſolche Einladung nur ablehnen, wenn man ſich eine unver⸗ ſönliche Feindin zu machen wünſcht. Kann man ſich nicht für krank ausgeben? Ja, dann wird man aber beſucht. Ich verſtehe; denn wenn Du keine Beſuche annähmeſt, könnte man eine Entweichung vermuthen. — Eiine Entweichung! nein; denn hier glaubt man nicht an die Möglichkeit zu entweichen. Du allein biſt alſo fähig, hier ein ſolches Wunder zu bewirken? Sei davon überzeugt; aber es iſt das Geld, welches hier wie überall ein ſolches Wunder bewirkt. Und vielleicht auch andere? Die Zeit der Wunder iſt vorüber. Aber ſage mir, Geliebter, wo willſt Du mich morgen zwei Stunden nach Sonnenuntergang erwarten? Könnte ich Dich nicht hier in Deinem Caſino erwarten? Nein, denn mein Geliebter ſelbſt wird mich nach Ve⸗ nedig führen.— Er ſelbſt? Ja. er ſelbſt. Und dennoch iſt es wahr. rer Freund, als Du auf Veranlaſſ erhalten, wenn man ihr entweder zu viele oder gar keine Nahrung giebt. Was meine Liebe zu M. M. in ſolcher Stärke erhielt, war der Umſtand, daß ich ſie immer nur mit Gefahr, ſie zu verlieren, beſitzen konnte. Es iſt un⸗ möglich, ſagte ich zu ihr, daß nicht das eine oder andere Mal, wo Du abweſend biſt, eine Nonne mit Dir ſprechen ſollte. Nein, ſagte ſie, dieſer Fall kann nicht eintreten, denn in den Klöſtern wird nichts höher geachtet, als die Freiheit jeder Nonne, ſich ſelbſt für die Aebtiſſin unzugäng⸗ lich zu machen. Nur eine Feuersbrunſt wäre zu fürchten, denn in dieſem Falle würde eine ſchreckliche Verwirrung eintreten, und es würde nicht natürlich erſcheinen, daß bei einer ſo großen Gefahr eine Nonne ruhig in ihrer Zelle bliebe: dann würde allerdings die Entweichung bekannt werden. Ich habe die Laienſchweſter und den Gärtner, ſo wie eine andere Nonne gewonnen, und es iſt die Geſchick⸗ lichkeit, ſo wie das Gold meines Liebhabers, welche das Wunder bewirkt haben. Er ſteht mir auch für die Treue des Koches und ſeiner Frau, welcher die Aufſicht über das Caſino übergeben iſt. Er iſt auch der Treue der bei⸗ den Gondelführer ſicher, obwohl der eine unfehlbar ein Spion der Staatsinquiſitoren iſt. Am Weihnachtsheiligabend ſagte ſie, ihr Liebhaber werde ankommen, und am St. Stephanstag werde ſie mit— ihm in die Oper gehen, und ſie würden dann die Nacht mit einander zubeiigen. Ich erwarke Dich⸗ füßer Freünd, am letzten Tage des Jahres, und hier iſt ein Brief, den ich Dich erſt zu Hauſe zu leſen bitte. Da ich ausziehen mußte, um einem Andern Platz zu machen, ſo ſchnürte ich früh Morgens mein Bündel und verließ ein Aſyl, wo ich während zehn Tage ſo viele Genüſſe gehabt hatte; ich begab mich wieder in den Palaſt Braga⸗ dino, wo ich folgenden Brief las: „Du haſt mich etwas unangenehm berührt, mein theu⸗ ſung des Geheimniſſes, welches ich über meinen Liebhaber beobachten muß, zu mir ſagteſt, Du wäreſt zufrieden, mein Herz zu beſitzen, und ließeſt mir die Herrſchaft über meinen Geiſt. Dieſe Tren⸗ V. 12 — 178 nung zwiſchen Herz und Geiſt ſcheint mir ſophiſtiſch, und wenn ſie Dir nicht ſo erſcheint, ſo wirſt Du zugeben müſ⸗ ſen, daß Du mich nicht ganz und gar liebſt; denn es iſt unmöglich, daß ich ohne Geiſt exiſtire, und daß Du mein Herz lieben kannſt, wenn es nicht mit dieſem in Einklang ſteht. Wenn Deine Liebe ſich mit dem Gegentheil begnü⸗ gen kann, ſo zeichnet ſie ſich nicht durch Zartgefühl aus. Da indeß ein Fall eintreten könnte, wo Du mich überfüh⸗ ren könnteſt, gegen Dich nicht mit der Aufrichtigkeit gehan⸗ delt zu haben, welche wahre Liebe einflößt und fordern kann, ſo habe ich mich entſchloſſen, Dir ein Geheimniß zu entdecken, welches meinen Liebhaber betrifft, obwohl ich weiß, daß er durchaus auf meine Verſchwiegenheit rechnet. Ich bin im Begriff, einen Verrath zu begehen, aber Du wirſt mich darum nicht weniger lieben; denn wenn ich gezwun⸗ gen bin, zwiſchen Euch Beiden zu wählen und den Einen oder den Andern zu täuſchen, ſo hat die Liebe den Sieg davon getragen; aber ſtrafe mich nicht dafür, denn ich habe es nicht blindlings gethan, und Du wirſt die Gründe beur⸗ theilen, welche die Waagſchale auf Deine Seite geneigt haben.“ „Sobald ich fühlte, daß ich der Neigung, Dich näher kennen zu lernen, nicht zu widerſtehen fähig war, ſo konnte ich mir nur dadurch genügen, daß ich mich meinem Freunde anvertraute; und ich zweifelte nicht an ſeiner Willfährigkeit. Er faßte eine ſehr vortheilhafte Idee von Deinem Charakter, als er Deinen erſten Brief las, zunächſt, weil Du das Sprechzimmer für unſere erſte Zuſammenkunft wählteſt, und ſodann, weil Du ſein Caſino in Murano lieber nahmſt, als das Deinige. Aber er bat mich auch um die Gefälligkeit, ihm zu erlauben, unſerm Stelldichein in einem kleinen Kabinette beizuwohnen, einem Verſtecke, von welchem aus man, ohne geſehen zu werden, Alles ſehen und hören kann, was im Salon geſprochen wird. Du haſt dieſes unerrathbare Ka⸗ binet noch nicht geſehen, aber Du wirſt es am letzten Tage des Jahres ſehen. Sage mir, mein Herz, ob ich dieſes ſonderbare Vergnügen einem Manne verweigern konnte, wel⸗ cher ſich ſo gefällig gegen mich gezeigt hat? Ich willigte in ſeine Bitte, und nichts war in dieſem Falle natürlicher, . —.8- 58 2Sͤ12—————,—,———— 292 ⏑ r u— e& 8————— 7 3 97 36 179— · MMR als Dir die Sache zu verheimlichen. Jetzt weißt Du, daß mein Freund Zeuge alles deſſen war, was wir thaten und ſagten; aber laß Dich das nicht anfechten, denn Du haſt ihm in Allem gefallen; in Deinem Benehmen, wie in den hübſchen Reden, durch welche Du mich zum Lachen brach⸗ teſt. Ich fürchtete, als die Rede auf ihn kam, daß Du et⸗ was nicht Schmeichelhaftes für ſeine Eigenliebe ſagen könn⸗ teſt; aber glücklicher Weiſe bekam er nur ſchmeichelhafte Sachen zu hören. Das, mein Herz, iſt die aufrichtige Beichte meines Verraths; aber als vernünftiger Liebhaber wirſt Du denſelben um ſo eher verzeihen, als Du dadurch nicht benachtheiligt worden biſt. Mein Freund iſt höchſt neugierig, Dich kennen zu lernen. Aber höre, dieſe Nacht warſt Du natürlich und liebenswürdig; würdeſt Du Dich aber wohl ebenſo benommen haben, wenn Du gewußt hät⸗ teſt, daß Du unter den Augen eines Zeugen wäreſt? Das iſt nicht wahrſcheinlich, und wenn ich Dir die Sache an⸗ vertraut hätte, iſt es ſogar möglich, daß Du nicht einge⸗ wudi hätteſt, und vielleicht hätteſt Du nicht Unrecht ge⸗ abt.“ „Jetzt, wo wir uns kennen und Du hoffentlich nicht mehr an unſerer zärtlichen Liebe zweifelſt, will ich mir Ruhe verſchaffen und Alles für Alles wagen. Wiſſe alſo, theu⸗ rer Freund, daß am letzten Tage des Jahres mein Liebha⸗ ber im Caſino ſein und daſſelbe erſt am nächſten Morgen verlaſſen wird. Du wirſt ihn nicht ſehen, und er wird uns ſehen. Da vorausgeſetzt wird, daß Du nichts weißt, ſo ſiehſt Du wohl ein, wie natürlich Du ſein mußt; denn wä⸗ reſt Du es nicht, ſo könnte man vermuthen, daß ich das Geheimniß verrathen habe. Das, worauf Du Acht geben mußt, ſind die Reden. Mein Freund hat alle Tugenden, ausgenommen die theologiſche Tugend, welche man Glauben nennt, und in dieſer Beziehung haſt Du ganz freies Feld. Du kannſt von Literatur, Reiſen, Politik ſprechen, ſo viel Du willſt, brauchſt Dir hinſichtlich der Anekdoten keinen Zwang anzuthun, und kannſt ſicher ſein, ſeinen Beifall zu erhalten.“ „Jetzt, theurer Freund, habe ich nur noch eine Frage 12* „K 180 1 an Dich zu richten: biſt Du aufgelegt, Dich von einem 1 Manne in den Augenblicken ſehen zu laſſen, wo Du Dich 9 der ſüßeſten Wolluſt hingiebſt? Dieſe Ungewißheit quält 3 mich jetzt, und ich fordere von Dir als Gnade ein Ja oder 9 Nein. Begreiſſt Du wohl, wie ſchmerzlich meine Furcht iſt? S Fühlſt Du, wie ſchwer es mir geworden, mich zu einem ſolchen Schritte zu entſchließen? Ich mache mich darauf ge⸗ t faßt in der nächſten Nacht kein Auge zu ſchließen, denn ich„ werde nicht Ruhe finden, als bis ich Deine Antwort geleſen. 6 In dem Falle, daß Du glaubeſt, Dich nicht in Gegenwart 8 eines Dritten, und namentlich eines Unbekannten, zärtlich. zeigen zu können, werde ich das thun, was die Liebe mir 1 eingeben wird. Ich hoffe indeß, daß Du kommen wirſt; f ſelbſt wenn Du die Rolle eines Liebenden nicht ſollteſt als Meiſter ſpielen können, ſo wird doch das nichts zu bedeuten 1 haben. Ich würde ihn glauben laſſen, daß Deine Liebe 5 nicht mehr auf ihrem Höhepunkte iſt.“ T Der Brief überraſchte mich, aber da ich, Alles wohl bedacht, fand, daß ich eine beſſere Rolle hatte als die der 3 Liebhaber ſich zugetheilt, ſo lachte ich recht herzlich. Ich d muß indeß geſtehen, daß ich über die Sache nicht gelacht 3 haben würde, wenn ich den Charakter des Individuums, wel⸗ 3 7 ches uns zuſchauen ſollte, gekannt hätte. Da ich wußte, 8 daß meine Freundin ſehr unruhig war und ich ſie beruhi⸗ f gen wollte, ſo ſchrieb ich ſogleich in folgender Weiſe an ſie: fe „Du willſt, göttliches Weib, daß ich Ja oder Nein 1 3 antworte, und ich will, da ich von Liebe für Dich erfüllt A bin, daß meine Antwort vor Mittag an Dich gelange, damit ke Du ohne die mindeſte Unruhe ſpeiſen kannſt.“ 6 „Ich werde die Nacht des letzten Tages in dieſem Jahre ge mit Dir zubringen und gebe Dir die Verſicherung, daß der fi Freund, vor welchem wir ein Schauſpiel aufführen werden, w welches Paphos' und Amathunts würdig ſein ſoll, nichts hö⸗ du ren oder ſehen wird, was ihn auf die Vermuthung bringen 3 könnte, daß ich Inhaber ſeines Geheimniſſes bin, und ſei th ſicher, daß ich meine Rolle nicht als Dilettant, ſondern als ſe Liebhaber ſpielen werde. Wenn es die Pflicht des Men⸗ ne ſchen iſt, immer Sklaye der Vernunft zu ſein, wenn er, ſo b 8 181 weit es von ihm abhängt, nichts thun ſoll, ohne ſie zur Richtſchnur zu nehmen, ſo iſt es mir unbegreiflich, wie ein Menſch ſich ſchämen kann, ſich in einem Augenblicke, wo die Natur und die Liebe ihm gleich günſtig ſind, ſich einem Freunde zu zeigen.“ „Ich will Dir indeß geſtehen, daß Du nicht gut ge⸗ than haben würdeſt, mir das Geheimniß das erſtemal mit⸗ zutheilen, und daß ich Dir wahrſcheinlich dieſen Beweis von Gefälligkeit verweigert haben würde; nicht etwa, als ob ich Dich damals weniger als jetzt geliebt hätte; aber es giebt ſo ſeltſame Neigungen in der Natur, daß ich hätte glauben können, die vorherrſchende Neigung Deines Liebhabers be⸗ ſtände darin, ſich am Anblicke des Genuſſes eines feurigen und ausgelaſſenen Paares in der ſüßeſten Vereinigung zu weiden, und da ich dann eine unvortheilhafte Idee von Dir hätte faſſen müſſen, ſo hätte der Aerger die Liebe, welche Du mir eingeflößt hatteſt, und welche erſt im Entſtehen be⸗ griffen war, abkuͤhlen können. Jetzt, theure Freundin, ſteht die Sache ganz anders; denn ich weiß, was ich beſitze und da ich durch das, was Du mir von Deinem Freunde er⸗ zählt haſt, ſeinen Charakter kennen gelernt habe, ſo liebe ich ihn und halte ihn für meinen Freund. Wenn Dich das Schamgefühl nicht abhält, Dich ihm zärtlich, verliebt und feurig zu zeigen, wie ſollte ich mich ſchämen, da ich vielmehr ſtolz ſein darf? Ich kann, meine Göttin, weder erröthen, daß ich Dich erobert, noch mich ſchaͤmen, mich in denjenigen Augenblicken zu zeigen, wo ich den Beweis der Freigebig⸗ keit liefere, mit welcher die Natur mir Formen und Kräfte geſchenkt hat, die mir ſo große Genüſſe und die Gewißheit, ſie die Frau, welche ich liebe, theilen zu laſſen, ſichern. Ich weiß, daß die meiſten Männer aus einem Gefühl, welches man natürlich nennt, und welches vielleicht nur ein Pro⸗ dukt der Civiliſation und die Wirkung von Jugendvorur⸗ theilen iſt, ſich in ſolchen Augenblicken nicht gern ſehen laſ⸗ ſen; aber diejenigen, welche nicht gute Gründe für dieſe Ab⸗ neigung haben, müſſen etwas von der Natur der Katze haben: uͤbrigens können ſie gute Gründe haben, ohne ſich deshalb für verpflichtet zu halten ſie Jemand anders als der 18² Frau, welche ſich durch ſie täuſchen läßt, bekannt zu machen Ich entſchuldige von ganzem Herzen diejenigen, welche wiſ⸗ ſen, daß ſie nur das Mitleiden der Zuſchauer erregen wür⸗ den; aber wir wiſſen, daß wir dieſes traurige Gefühl nicht erregen können. Alles, was Du mir von Deinem Freunde geſagt haſt, überzeugt mich, daß er unſere Freuden theilen wird. Die Gluth unſerer Flamme wird die ſeinige entzün⸗ den, und das thut mir dieſes vortrefflichen Mannes wegen leid; denn er wird es nicht aushalten können, und ſich mir zu Füßen werſen und mich bitten, ihm das abzutreten, was allein ſeine Aufregung beruhigen kann. Was ſoll ich thun, wenn dieſer Fall eintritt? Dich abtreten? Ich könnte es nicht mit guter Manier abſchlagen; aber ich würde wegge⸗ hen, denn es würde mir unmöglich ſein, ruhiger Zuſchauer zu bleiben.“— „Lebe alſo wohl, mein Engel; Alles wird gut gehen. Bereite Dich vor zu dem athletiſchen Kampfe, den wir zu ſen, welches beſtehen haben und rechne auf ein beglücktes Weſen, Dich anbetet.“ Ich verbrachte dieſe ſechs Ferien⸗Tage bei meinen Freun⸗ den und in der Redoute, welche zu dieſer Zeit am St. Ste⸗ phanstage eröffnet wurde, und da ich nicht abziehen konnte, denn nur Patrizier im Standes⸗Koſtüme durften Bank hal⸗ ten, ſo ſpielte ich Morgens und Abends und verlor beſtän⸗ dig, denn wer pointirt, muß verlieren. Der Verluſt von 4— 5000 Zechinen, aus denen mein ganzes Vermögen be⸗ ſtand, erkältete meine Liebe nicht, ſondern gab ihr vielleicht neue Gluth. Am Ende des Jahres 1754 gab der große Rath ein Geſetz, welches alle Haſardſpiele verbot, und deſſen erſte Wirkung darin beſtand, daß die Redoute geſchloſſen wurde. Dies Geſetz war ein wahres Wunder, und als man die Stimmkugeln ausſchüttete, ſahen ſich die Senatoren mit einer Miene an, welche deutlich ihre Ueberraſchung zeigte. Sie hatten ein Geſetz gemacht, welches ſie nicht hatten ma⸗ chen können, denn drei Viertheile der Abſtimmenden wollten es nicht, und dennoch waren drei Viertheile der Stimmen für das Geſetz. Man ſagte, es wäre ein Wunder des hei⸗ mei aben zu eine Fed⸗ trai ſo G gem wün Mal Jun ausf ahm zwö nicht Alle. und es ſe genb verde ehe i Brie empf Zweiundvierzigſtes Kapitel. Ich gebe M. AM. mein Portrait.— Geſchenk, welches ſie mir macht.— Ich gehe mit ihr in die Oper.— Sie ſpielt und bringt mich wieder zu Geld.— Philo- ſophiſche Unterhaltung mit M. M.— Briek von C. C. — Sie weiß Alles.— Zall im Kloſter; meine Helden- thaten als Pierrot.— C. C. kommt ſtatt M. M. ins Caſins.— Anſinnige Nacht, welche ich mit ihr zubringe. Meine theure M. M. hatte den Wunſch ausgeſprochen, mein Portrait, in der Weiſe, wie das der C. C. ausgeführt, aber etwas größer, um es als Medaillon tragen zu können, zu beſitzen. Es ſollte mit dem Portrait eines Heiligen oder einer Heiligen bedeckt, und mit einer nicht wahrnehmbaren Feder verſehen ſein, um die Decke aufſpringen und das Por⸗ trait hervortreten zu laſſen. Da ich ihr Wort halten wollte, ſo ging ich zu dem Maler, welcher das erſte Miniaturbild gemacht hatte, und nach zwei Sitzungen erhielt ich, was ich wünſchte. Derſelbe Maler machte mir eine Verkündigung Kariä, wo der Erzengel Gabriel als Brünetter und die Jungfrau als ſchöne Blondine, welche die Arme gegen ihn ausſtreckte, dargeſtellt war. Der berühmte Maler Mengs ahmte dieſe Idee in der Verkündigung Mariä, welche er zwölf Jahre ſpäter in Madrid malte, nach; aber ich weiß nicht, ob er dieſelben Gründe wie mein Maler hatte. Dieſe Allegorie hatte genau dieſelbe Größe wie mein Portrait, und der Goldarbeiter, welcher das Medaillon machte, brachte es ſo an, daß Niemand vermuthen konnte, daß das eili⸗ genbild nur die Beſtimmung hätte, eine profane Geſtalt zu verdecken. Am folgenden Tage, dem Neujahrstage 1754, ging ich, ehe ich mich ins Kloſter begab, zu Laura, um ihr einen Brief für C. C. zu übergeben und einen von derſelben zu empfangen, uͤber welchen ich ſehr lachen mußte. Meine . , Nonne hatte dieſe junge Perſon nicht nur in die Myſterien der Sappho, ſondern auch in die höhere Metaphyſik einge⸗ weiht; denn C. C. war Freigeiſtin geworden. Sie theilte mir mit, daß ſie nicht mehr Luſt habe, ihrem Beichtvater von ihren Angelegenheiten Rechenſchaft zu geben, und daß ſie, da ſie ihm nichts Falſches ſagen wolle, ihm gar nichts mehr ſage. Er ſagte zu mir, fuhr ſie fort, ich beichtete ihm vielleicht nur deshalb nichts, weil ich mein Gewiſſen nicht ordentlich prüfe, und ich antwortete ihm, ich hätte ihm nichts zu ſagen; wenn er aber damit nicht zufrieden wäre, ſo würde ich eigens eine Sünde begehen, um ihm etwas beichten zu können. Ich empfing an demſelben Tage von meiner angebeteten Nonne folgenden Brief:. „Ich ſchreibe Dir aus meinem Bette, mein lieber Brü⸗ netter, denn es iſt mir unmöglich aufzubleiben, da ich mich beinahe ichtet fühle. Dennoch bin ich deshalb nicht un⸗ Fühig; denn die Ruhe wird mich heilen, da ich gut eſſe und ausgezeichnet ſchlafe. Du haſt mir Balſam durch die Nachricht gereicht, daß der Erguß Deines Blutes keine üble Folge für Dich gehabt, und ich zeige Dir an, daß ich am heiligen Dreikönigsabend die Sache in Venedig unterſuchen werde, wenn Du damit zuüfrieden biſt; dabei bleibt es, und Du läßt mir Nachricht zukommen. Wenn Du meinem Wunſche nachgiebſt, mein Herz, ſo wünſche ich, daß wir in die Oper gehen. Uebrigens vergiß nicht, daß ich Dir das Eierweiß für immer verbiete, denn i will etwas weniger Genuß und etwas mehr Sicherheit fuͤr Deine theure Ge⸗ ſundheit. Wenn Du in Zukunft ins Caſino von Murano gehſt, wirſt Du fragen, ob Jemand da iſt, und wenn Du eine bejahende Antwort erhältſt, wirſt Du Dich entfernen: mein Freund wird es ebenſo machen. Auf dieſe Weiſe ſetzt Ihr Euch nicht dem Zufalle aus, Euch zu begegnen; aber wenn Du willſt, wird das nicht lange dauern, denn mein Frreund liebt Dich außerordentlich und wünſcht eifrigſt, Deine Bekanntſchaft zu machen. Er hat zu mir geſagt, er hätte nie, wenn er es nicht ſelbſt geſehn, geglaubt, daß ein Menſch eine ſolche Bahn wie Du durchlaufen könnte; aber — Æ Al S ☛ S. ca G ⁴ e 191 er behauptet, daß Du den Tod herausforderſt, indem Du die Liebe auf eine ſolche Weiſe betreibſt; denn er behauptet,* das Blut, welches Du vergoſſen, müſſe aus Deinem Gehirne gekommen ſein. Was wird er aber ſagen, wenn er erfährt, daß Du nichts danach frägſt! Ich will Dir was zum Lachen 6 geben: er will Salat von Eierweiß eſſen und ich ſoll Dich bitten, mir Deinen Weineſſig zu geben, denn er behauptet, daß es keinen ſolchen in Venedig gebe. Er ſagt, er habe eine köſtliche Nacht verlebt, trotz der Furcht, welche er vor den Folgen unſerer Liebeskämpfe gehabt, denn er hat gefun⸗ den, daß ich die unſerm Geſchlechte durch das Zartgefühl 7. 67 gezogene Linie überſchritten habe.“ Das iſt möglich, mein/) lieber Brünetter, aber es freut mich doch, daß ich mich ſelbſt can.— übertroffen und eine ſo ſüße Erfahrung meiner Kraft gemacht habe. Ohne Dich, mein Herz, würde ich mich nicht kennen 2 gelernt haben, und ich frage, ob die Natur wohl eine Frau hervorgebracht hat, welche in Deinen Armen unempfindlich bleiben, oder vielmehr an Deinem Buſen nicht zu neuem Leben erwachen kann? Ich thue mehr als Dich lieben; ich bete Dich abgöttiſch an, und mein Mund, welcher dem Dei⸗ nigen wieder zu begegnen hofft, ſchleudert tauſend Küſſe, welche ſich in der Luft verlieren. Ich brenne vor Sehn⸗ ſucht nach Deinem theuren Portrait, um durch einen ſuͤßen Irrthum das Feuer zu löſchen, welches meine verliebten Lippen verbrennt. Ich hoffe, daß das meinige Dir eben ſo werth ſein wird, denn die Natur ſcheint uns für einander geſchaffen zu haben, und ich fluche dem Augenblicke, wo ich aus freiem Willen ein Hinderniß aufgeführt habe. Ich ſchicke Dir hier den Schlüſſel meines Secretairs.“ Der kleine, dem Briefe beigegebene Schlüſſel gehörte zu einem Schranke, welcher im Boudoir ſtand. Da ich neugierig war, welcher Art das Geſchenk wäre, das ſie mir auf Veranlaſſung ihres Freundes machen ſollte, ſo öffnete ich den Schrank und fand ein Packet, welches einen Brief und ein Maroquin⸗Etui enthielt. Der Brief lautete folgendermaaßen: „Was Dir dieſes Geſchenk werth machen wird, wie ich hoffe, iſt das Portrait einer Frau, welche Dich anbetet. —————— 192 Unſer Freund hatte deren zwei; aber die Freundſchaft, welche er für Dich hegt, hat ihm die glückliche Idee ein⸗ gegeben, ſich des einen zu Deinem Gunſten zu entäußern. Die Doſe enthält mein Portrait zweimal in zwei verborge⸗ nen Fächern: wenn Du den Boden der Doſe der Länge nach aufmachſt, wirſt Du mich als Nonne erblicken; wenn Du ſodann an der Seite drückſt, wird ſich ein Charnier⸗Deckel— öffnen, und ich werde im Naturzuſtande vor Dir erſcheinen. Es iſt unmöglich, mein ſuͤßer Freund, daß Dich je eine Frau ſo geliebt hat, wie ich Dich liebe. Unſer Freund ſchürt meine Leidenſchaft an durch die ſchmeichelhafte Art, wie er ſich über Dich ausdrückt. Ich kann nicht entſcheiden, ob ich mehr Glück mit meinem Freunde oder meinem Lieb⸗ haber habe; denn ich kann mir nicht denken, daß der eine oder der andere übertroffen werden könnte.“ Das Etui enthielt eine goldene Tabatiére, und einige Stäubchen Spaniol bewieſen, daß dieſelbe gebraucht worden war. Ich folgte den Andeutungen des Briefes und ſah meine Freundin zunächſt als Nonne, ſtehend und im Halb⸗ Profil. Der zweite Boden zeigte ſie mir ganz nackt, auf einer ſchwarzen Atlasmatratze, in der Stellung von Correg⸗ gio's Magdalena ausgeſtreckt. Sie betrachtete einen Liebes⸗ gott, dem der Köcher zu Füßen lag und der graziöſe auf den Kleidern der Nonne ſaß. Es war ein ſo ſchönes Ge⸗ ſchenk, daß ich mich deſſelben nicht für werth hielt. Ich ſchrieb ihr einen Brief, in welchem die lebhafteſte Dank⸗ barkeit ſich mit dem Ausdruck der glühendſten Liebe ver⸗ band. Der Schrank enthielt in den Schubfächern ihre Dia⸗ manten und eine Börſe voll Zechinen. Ich bewunderte ihr Vertrauen und ihr edles Benehmen: ich verſchloß den Schrank wieder, ließ gewiſſenhaft Alles an ſeinem Platze und kehrte nach Venedig zurück. Hätte ich mich der Herrſchaft des Glücks entziehen können, indem ich aufgehört hätte zu ſpie⸗ len, ſo wäre ich in allen Beziehungen glücklich geweſen. Da mein Portrait außerordentlich ſchön gefaßt und ſo eingerichtet war, daß es um den Hals getragen werden konnte, ſo hing ich es an eine ſechs Ellen lange venetia⸗ niſche Kette, und machte ſo ein ſehr anſtändiges Geſchenk. 44 Die geheime Feder war in dem Ringe, an welchem das Portrait getragen wurde, und war daher ſehr ſchwer zu entdecken; man mußte ſehr ſtark und auf eine gewiſſe Art drücken, wenn die Feder aufgehn und mein Bild her⸗ vortreten ſollte. Wenn man ſie wieder zudrückte, ſah man nur die Verkündigung Mariä, und es war dann ein ſehr ſchöner Schmuck für eine Nonne. Am Abend des heiligen Dreikönigstages ſteckte ich das Me⸗ daillon in die Taſche und legte mich frühzeitig auf die Lauer bei der ſchönen, dem Helden Colleoni nach ſeiner Vergiftung, wenn die geheime Geſchichte nicht lügt, errichteten Statue. Sit divus, modo non vivus*), iſt eine Sentenz des auf⸗ geklärten Monarchen, welche ſich, ſo lange es Könige giebt, erhalten wird. Punkt zwei Uhr(nach Sonnenuntergang) ſah ich meine „Geliebte in weiblicher Kleidung und Maske aus der Gondel ſteigen. Wir gingen in die St. Samuels⸗Oper, und nach dem Ende des zweiten Ballets in das ridotto, wo ſie ſich damit vergnügte, die patriciſchen Damen zu betrachten, welche allein das Vorrecht hatten, mit unmaskirtem Ge⸗ ſichte zu ſitzen. Nachdem wir eine halbe Stunde auf und ab ſpaziert, gingen wir in den Saal der großen Bankiers. Sie blieb vor dem Tiſche Signor Moncenigo's ſtehn, wel⸗ cher damals der anſtändigſte aller patriciſchen Spieler war. Da kein Spiel bei ihm war, ſo beugte er ſich nachläſſig zum Ohre einer maskirten Dame hinüber, welche ich erkannte: es war Madame Maria Pitani, deren Anbeter er war. Nachdem M. M. mich gefragt, ob ich ſpielen wolle, und ich nein geantwortet, ſagte ſie: Ich gehe zur Hälfte mit Dir, und ohne eine Antwort abzuwarten, zieht ſie eine Börſe und ſetzt auf eine Karte eine Rolle Gold. Der Bankier miſcht und zieht ab, ohne ſeine Stellung zu än⸗ dern, und meine Freundin gewinnt ihre Karte und biegt ein Paroli. Der Bankier bezahlt, nimmt ſodann ein anderes Spiel Karten und ſpricht mit ſeiner Dame weiter, ſich gleich⸗ **) Mag er ein Gott ſein, wenn er nur nicht lebt. V. 13 gültig zeigend gegen die vierhundert Zechinen, welche meine Schöne ſchon auf dieſelbe Karte geſetzt hatte. Da der Bankier fortfuhr ſich zu unterhalten, ſo ſagte M. M. in gutem Fran⸗ zöſiſch zu mir: Unſer Spiel iſ nicht hoch genug, um des Herrn Theilnahme zu erregen; gehen wir weg. Sie legt ihre Karten weg und ich ziehe das Geld ein, welches ich in die Taſche ſtecke, ohne dem Herrn zu antworten, der zu mir ſagt: Ihre Maske iſt in der That zu intolerant. Ich begebe mich ſodann wieder zu meiner Schönen, welche von Menſchen umringt war. Wir blieben vor der Bank des Signore Peter Marcello ſtehn, eines reizenden jungen Mannes, neben dem Madame Venier ſtand, die Schweſter des Signore Momolo. Meine Geliebte ſpielt; ſie verliert fünf Rollen hinter einander. Da ſie kein Geld mehr hat, nimmt ſie das Gold aus meiner Taſche mit vollen Händen, und nach vier oder fünf Abzügen liegt die Bank in den letzten Zügen. Sie hört auf, und der edle Bankier grüßt ſie und macht ihr ein Compliment über ihr Glück. Nachdem ich alles gewonnene Geld eingeſteckt, reiche ich ihr den Arm und wir gehen weg; da ich aber bemerkte, daß uns Neugierige folgten, ſo nahm ich eine Ueberfahrts⸗ Gondel, welche ich anlegen ließ, wo ich wollte. So entgeht man in Venedig nachforſchenden Blicken. Nachdem wir zu Abend gegeſſen, zählte ich unſern Ge⸗ winn und auf meinen Antheil kamen tauſend Zechinen. Nachdem ich das Uebrige in Rollen gepackt, bat mich meine Freundin, ſie zu den andern in den Schrank zu legen. Als ich dies gethan, zog ich mein Medaillon aus der Taſche und band es ihr um den Hals, was ihr große Freude verurſachte. Nachdem ſie ſich lange abgequält die Feder zu ſuchen, ohne ſie finden zu können, zeigte ich ihr das Geheimniß, und ſie fand mich ſehr ähnlich. Da ich bedachte, daß wir den Myſterien der Liebe nur noch drei Stunden widmen konnten, ſo bat ich ſie um die Erlaubniß, dieſelben benutzen zu dürfen. Ja, ſagte ſie, aber ſei vernünftig, denn unſere Freund behauptet, ba Du todt uf. dem Schlachtfelde bleiben kannſt. e A I uo e 8 Und warum glaubt er, daß Du nicht derſelben Gefahr ausgeſetzt biſt, da doch Deine Ergießungen häufiger ſind als die meinigen? Er ſagt, die Flüſſigkeit, welche wir abgehen laſſen⸗ komme nicht aus dem Gehirne wie bei Euch, und die Ge⸗ barorgane des Weibes ſtänden in keiner Verbindung mit dem Verſtande. Hieraus folgt ſeiner Anſicht nach, daß das Kind in Bezug auf das Gehirn, welches das Organ der Vernunft iſt, nicht das Produkt der Mutter, ſondern des Vaters iſt, und das ſcheint mir richtig. Bei dieſem wich⸗ tigen Akte hat die Frau höchſtens ſo viel Vernunft, wie für ſie dazu erforderlich iſt, und es bleibt ihr keine übrig, die ſie dem Weſen, welches ſie in die Welt ſetzt, mittheilen könnte.— à, Dein Freund iſt gelehrt. Aber weißt Du, daß dieſes Syſtem ſehr belehrend für mich iſt? Wenn das Syſtem wahr iſt, ſo muß man offenbar den Frauen alle Thorheiten verzeihen, welche ſie aus Liebe begehen, während der Mann nicht zu entſchuldigen iſt, und ich würde in Verzweiflung gerathen, wenn ich Dich zur Mutter machen ſollte. Ich werde es lange vorher wiſſen, und wenn es ſo kömmt, deſto beſſer. Ich habe meinen Entſchluß gefaßt. Und welchen? Mich gänzlich auf Euch beide zu verlaſſen, und ich bin ſicher, daß weder der Eine noch der Andere mich im Kloſter niederkommen laſſen wirde u Das würde ein verhängnißvolles Ereigniß ſein und über unſer Schickſal entſcheiden. Ich würde Dich entführen und in England heirathen. Mein Freund glaubt, daß man einen Arzt gewinnen könnte, welcher mir eine Krankheit von ſeiner Erfindung zuſchreiben und mir verordnen würde, einen Mineral⸗Brun⸗ nen an Ort und Stelle zu trinken, was der Biſchof geſtat⸗ ten könnte. In einem Bade würde ich geneſen und dann zurückkommen; aber ich würde es vorziehen, wenn wir un⸗ ſere Geſchicke bis zum Tode vereinigen könnten. Sage mir, mein Freund, ob Du überall ſo behaglich wie hier leben könnteſt?— eheeerietsEeerrusSelee e eh verrathen.— 4 A 196 Leider nein, mein Herz; könnte ich aber wohl mit Dir unglücklich werden? Wir wollen auf dieſes Thema zurück⸗ kommen, wenn es Zeit ſein wird. Gehen wir zu Bette. Gehen wir. Wenn ich einen Sohn bekomme, will mein Freund ſich ſeiner als Vater annehmen. Kann er ſich wohl einbilden, daß derſelbe es iſt. Ihr könnt Euch beide damit ſchmeicheln; aber irgend eine Aehnlichkeit wird mir ſchon den wirklichen Vater Ja, wenn er z. B. mit der Zeit Verſe machen wird, ſo wirſt Du wiſſen, daß es der ſeinige iſt. Wer hat Dir geſagt, daß er Verſe machen kann? Du wirſt zugeben, daß er die ſechs gemacht hat, welche Du als Antwort auf die meinigen geſchrieben haſt. Ich werde mich wohl hüten, eine ſolche Lüge zuzugeben; denn mögen ſie nun ſchlecht oder gut ſein, ſo ſind ſie doch auf meinem Grund und Boden gewachſen, und um Dir keinen Zweifel zu laſſen, will ich Dir auf der Stelle den Beweis geben. O, durchaus nicht. Ich glaube Dir aufs Wort, und gehen wir zu Bette, wo der Liebesgott den Gott des Par⸗ naß zum Duell herausfordern wird. 3 Das iſt gut; aber nimm dieſen Bleiſtift und ſchreibe; ich bin Apollo, ſei Du der Liebesgott. Je ne me hattrai pas: je te cède la place. Si Vénus est ma soeur, l'Amour est de ma race. Je sais faire des vers. Un instant de perdu, N'offense point l'Amour, si je l'ai convaincu.*) Ich bitte Dich auf meinen Knieen um Verzeihung, meine göttliche Freundin; konnte ich aber ſo viele Talente bei einer jungen zweiundzwanzigjährigen Venetianerin ver⸗ muthen, die noch dazu im Kloſter erzogen iſt? Ich bin unermüdlich, mich mehr und mehr Deiner wür⸗ *) Ich werde mich nicht ſchlagen: ich weiche Dir. Wenn Venus meine Schweſter iſt, ſo gehört Amor zu meinem Stamme. Ich kann Verſe machen. Ein verlorner Augenblick beleidigt Amor nicht, wenn ich ihn überzeugt habe. — 197 klug benommen habe? So klug, daß der unerſchrockenſte Bankier gezittert ha⸗ ben würde. Ich ſpiele nicht immer ſo ſtark; aber ich war mit Dir zur Hälfte gegangen, und ich forderte das Glück heraus. Warum haſt Du nicht geſpielt? Weil ich in der vergangenen Woche 4000 Zechinen verloren und ohne Geld war; aber morgen werde ich ſpie⸗ len, und das Glück wird mir günſtig ſein. Einſtweilen habe ich hier ein kleines Buch, welches ich aus Deinem Boudoir genommen. Es ſind die Stellungen Peter Aretins: ich will einige derſelben ausführen. führbare und ſogar geſchmackloſe darunter. Das iſt wahr; aber ich habe vier ſehr intereſſante aus⸗ gewählt. — Mit dieſen köſtlichen Arbeiten verbrachten wir den Reſt der Nacht, bis das Schlagen der Uhr uns anzeigte, daß wir uns trennen müßten. Ich führte meine angebetete Nonne bis zu ihrer Gondel; hierauf legte ich mich ſchlafen, ohne ſchlafen zu können. Ich ſtand auf, um einige dringenden Schulden zu bezahlen. Das Gold, welches mir meine Freundin gewonnen, brachte mir Glück, denn es verging nicht ein Tag des Karnavals, wo ich nicht gewann. Als ich drei Tage nach dem Dreikönigsfeſte ins Caſino von Murano ging, um ein Dutzend Rollen in den Schrank zu legen, übergab mir die Frau des Hausverwalters einen Brief, und einige Augenblicke vorher hatte ich durch Laura's Vermittelung einen Brief von C. C. erhalten. Nachdem mich meine neue Geliebte von ihrem Geſundheits⸗ zuſtande benachrichtigt, bat ſie mich, bei meinem Goldſchmidt nachzufragen, ob er nicht einen Ring mit einer heiligen Katharina gefaßt habe, unter welcher ohne Zweifel ein Portrait verborgen ſei: ſie wünſchte zu erfahren, wie der⸗ ſelbe geöffnet werden könnte. Diejenige, welche dieſen Ring hat, iſt, ſagte ſie, eine junge und ſchöne Penſionairin, meine Der Gedanke iſt Deiner würdig; aber es giebt unaus⸗ dig zu zeigen. Haſt Du gefunden, daß ich mich beim Spiele — 198 Freundin. Der Ring muß eine verborgene Feder haben, aber meine Freundin kennt dieſelbe nicht. Ich antwortete ihr, daß ich ihren Auftrag erfüllen würde. Folgenden Brief ſchrieb mir C. C. Er iſt ziem⸗ lich komiſch wegen der Verlegenheit, in welche er mich brachte. Der letztere war von ganz neuem Datum; der Brief von M. M. war vor zwei Tagen geſchrieben worden. „Ach, wie zufrieden bin ich, mein kleiner Mann! Du liebſt die Mutter M. M., meine theure Freundin. Sie trägt ein Medaillon, von der Größe eines Ringes, kann daſſelbe aber nur von Dir bekommen haben; ich bin ſicher, daß ſich un⸗ ter der Verkündigung Mariä Dein theures Bild befindet. Ich habe den Pinſel des Malers erkannt; denn es iſt offen⸗ bar derſelbe, welcher meine Patronin gemalt hat, und der⸗ ſelbe Goldſchmidt, welcher meinen Ring gefaßt hat, hat auch das Medaillon gemacht. Ich bin feſt überzeugt, daß die Mutter M. M. dieß Geſchenk von Dir erhalten hat. Da ich zufrieden damit bin, Alles zu wiſſen, ſo habe ich ſie nicht dadurch betrüben wollen, daß ich ihr ſagte, ihr Ge⸗ heimniß wäre mir bekannt; aber meine Freundin, welche offener oder neugieriger iſt, hat es nicht ſo gemacht. Sie hat zu mir geſagt, ſie wäre ſicher, daß die heilige Katharina nur da wäre, um das Portrait meines Geliebten zu ver⸗ bergen. Da ich nichts Beſſeres thun konnte, ſo habe ich ihr geantwortet, der Ring wäre in der That ein Geſchenk meines Freundes; aber ich wüßte nicht, daß derſelbe ſein Portrait enthielte. Wenn es ſich ſo verhält, ſagte ſte, und Du es nicht ungern ſiehſt, ſo werde ich verſuchen, die ge⸗ heime Feder zu entdecken; dann werde ich Dir auch die meinige zeigen. Da ich ſicher war, daß ſie dieſelbe nicht finden würde, ſo gab ich ihr meinen Ring und ſagte, dieſe Entdeckung würde mir großes Vergnügen machen.“ „Da meine Tante mich in dieſem Augenblicke rufen ließ, ſo ließ ich ihr den Ring, welchen ſie mir nach Tiſche mit dem Bemerken wieder gab, daß ſie die geheime Feder nicht habe finden können, daß ſie aber bei dem Glauben bleibe, daß eine ſolche vorhanden ſei. Ich verſichere Dir, 199 daß ſie mich in dieſem Punkte nie gefällig finden wird; denn wenn ſie Dich ſähe, würde ſie Alles verrathen, und ich würde ihr ſagen müſſen, wer Du biſt. Ich bedaure, zu dieſer Zurückhaltung gegen ſie genöthigt zu ſein, aber ich bedaure durchaus nicht, daß Ihr Beide Euch liebt. Ich beklage Euch aber von ganzem Herzen, daß Ihr gezwun⸗ gen ſeid, Euch durch ein ſchreckliches Gitter zu lieben; wie gern, mein Freund, möchte ich Dir meinen Platz abtre⸗ ten! Ich würde in dieſem Falle zwei Glückliche machen. Lebe wohl!“ Ich antwortete ihr, ſte habe richtig gerathen, das Me⸗ daillon Ihrer Freundin wäre ein Geſchenk von mir und enthielte mein Portrait; aber ſie ſolle das Geheimniß be⸗ wahren und überzeugt ſein, daß meine Freundſchaft für M. M. dem Gefühle, welches mich an ſie knüpfe, keinen Eintrag thue. Ich verhehlte mir nicht, daß ich nicht den geraden Weg ging, und daß mein Benehmen nicht offen war; aber ich ſuchte mich ſelbſt zu täuſchen. So wahr iſt es, daß eine Frau, dies ſo ſchwache Weſen, durch das Ge⸗ fuhl, welches ſie einflößt, mehr imponirt, als es der ſtärkſte Mann thun könnte. Wie dem aber auch ſein mag, ich hatte die Schwäche, eine Intrigue fortführen zu wollen, welche durch die Vertraulichkeit, die ſich zwiſchen den beiden be⸗ freundeten Nebenbuhlerinnen entſponnen hatte, ihrem unver⸗ meidlichen Ende entgegen ging. Laura hatte mir angezeigt, daß an einem beſtimmten Tage ein Ball im Sprechzimmer des Kloſters ſtattfinden ſolle, und nachdem ich beſchloſſen, maskirt, aber ſo ver⸗ kleidet, daß meine beiden Freundinnen mich nicht erkennen könnten, dorthin zu gehen, maskirte ich mich als Pierrot, welche Verkleidung die Formen und den Gang am beſten verbirgt. Ich war ſicher, daß meine beiden Freundinnen am Gitter ſein würden, und daß ich das Vergnügen haben würde, ſie zu ſehen und in der Nähe mit einander zu ver⸗ gleichen. 2 In Venedig geſtattet man während des Karnavals die⸗ ſes unſchuldige Vergnügen den Nonnen in den Klöſtern. Das Publikum tanzt im Sprechzimmer und die Schweſtern —. 200 ſchauen hinter den Gittern dem Feſte zu. Mit dem Ende des Tages endet der Ball, Alle gehen weg und die armen Nonnen ſchwelgen noch lange in dem Vergnügen, welches ihre Augen gehabt haben. Dieſer Ball ſollte an demſelben Tage ſtattfinden, wo ich mit M. M. im Caſino von Mu⸗ rano zu Abend ſpeiſen wollte; aber das hindarte mich nicht, auf den Ball zu gehen; es war ein Bedürfniß für mich, C. C. zu ſehen. Sch habe geſagt, daß das Pierrot⸗Koſtüm von allen Verkleidungen am beſten die Formen und den Gang ver⸗ birgt; daſſelbe hat auch den Vortheil, vermittelſt einer gro⸗ ßen Mütze die Haare zu verbergen, und die weiße Gaze, welche das Geſicht bedeckt, hindert die Farbe der Augen und Augenbrauen zu erkennen; aber wenn derſelbe Anzug die Bewegungen der Maske nicht hindern ſoll, ſo darf man nichts darunter tragen, und in der Winterzeit hat ein bloßer Leinwand⸗Ueberzug viel Unangenehmes. Ich nahm keine Rückſicht darauf, und nachdem ich eine Suppe gegeſſen, ſteige ich in eine Gondel und begebe mich nach Murano. Ich hatte keinen Mantel, und in meinen Taſchen uur mein Taſchenbuch, meine Börſe und den Schlüſſel des Caſino. Ich trete ein: das Sprechzimmer war voll; aber mei⸗ nem Anzuge verdankte ich es, daß Jeder ſich beeilte, mir Platz zu machen, denn in Venedig ſieht man äußerſt ſelten einen Pierrot. Dem durch das Koſtüm geforderten Charakter ge⸗ mäß ſchreite ich wie ein Einfaltspinſel näher und trete in den Kreis der Tanzenden. Nachdem ich die Polichinells, die Pantalons, die Arlechins und die Scaramutze betrachtet, trat ich an das Gitter, und ſah alle Nonnen und Penſionairin⸗ nen, die einen ſitzend, die andern ſtehend, und ohne bei einer zu verweilen, ſehe ich meine beiden Freundinnen neben ein⸗ ander ſitzend dem Feſte ſehr aufmerkſam zuſchauen. Ich ging ſodann im Saale umher, Jeden, der mir in den Weg kam, vom Kopf bis zu den Füßen anſehend, und wurde von Allen ſehr aufmerkſam betrachtet. Ich folgte einer niedlichen Arlechine, und ergriff ſie auf täppiſche Art, um mit ihr ein Menuet zu tanzen. Alle fingen an zu lachen und machten uns Platz. Meine Tän⸗ — — 201 zerin tanzte ausgezeichnet, gemäß der Maske, die ſte trug, und ich gemäß der meinigen; ich brachte die ganze Geſell⸗ ſchaft zum Lachen. Nach dem Menuet tanzte ich zwolf For⸗ lanen mit der größten Kraftanſtreftgung. Außer Athem ließ ich mich auf einen Stuhl hinſinken und that ſo, als ob ich ſchliefe; und als ich anfing zu ſchnarchen, unterfing ſich Keiner den Schlaf Pierrots zu ſtören. Man tanzte einen Contretanz, welcher eine Stunde dauerte, und an wel⸗ chem ich keinen Theil nahm; als dieſer aber beendet war, fiel ein Arlechin mit der ſeinem Koſtüme geſtatteten Freiheit über mich her und ſchlug mich mit ſeiner Pritſche auf den Hintern. Dies iſt die Waffe Arlechins. Da ich als Pier⸗ rot keine Waffe hatte, ſo faßte ich ihn am Gürtel und trug ihn im Laufe um das ganze Sprechzimmer herum, wäh⸗ rend er mich fortwährend mit ſeiner Pritſche ſchlug. Ich ſetzte ihn ſodann wieder auf die Erde und nachdem ich ihm ſeine Pritſche entriſſen, ſchwinge ich ſeine Arlechine auf meine Schultern und jage ihn unter fortwährenden Schlägen vor mir her, während die Zuſchauer lachen und Arlechine, welche fürchtet, daß ich fallen und dabei der Verſammlung ihren Taufſchein zeigen könnte, lautes Geſchrei erhebt. Sie hatte Recht, denn ein dummer Polichinell ſtellte mir von hinten ein Bein und ich mußte fallen. Er wurde allgemein ausgeziſcht. Ich ſtehe auf, und im höchſten Grade gereizt, begann ich mit dieſem Unverſchämten einen regelmäßigen⸗Kampf. Er war von meiner Größe, aber ungeſchickt, und wußte ſeine Kraft nicht zu gebrauchen; ich warf ihn zu Boden und indem ich ihn heftig hin⸗ und herſchüttelte, verlor er ſeinen Buckel und ſeinen falſchen Bauch. Während die Nonnen, die nie ein ſolches Schauſpiel geſehen, laut lachten, und mit den Hän⸗ den klatſchten, drängte ich mich durch die Menge und machte mich aus dem Staube. Ich war in Schweiß gebadet und es war kaltes Wet⸗ ter; ich ſtürze in eine Gondel, und um mich nicht zu er⸗ kälten, laſſe ich mich nach der Redoute fahren. Ich hatte noch zwei Stunden vor mir, ehe ich mich nach dem Caſino von Murano zu begeben hatte, und ich ſehnte mich danach, mich an dem Erſtaunen meiner ſchönen Nonne zu weiden, ——————— 8 20² wenn ſie Pierrot vor ſich ſehen würde. Während dieſer Zeit ſpielte ich an allen kleinen Banken, gewann, verlor und trieb ungeſtört tauſend Tollheiten, da ich ſicher war, von Niemand erkannt zu werden; ich genoß die Gegenwart, trotzte der Zukunft und ſpottete aller derjenigen, welche ihre ganze Vernunft anwenden, um das gefürchtete Unglück zu verhü⸗ ten, und, um dies zu thun, das gegenwärtige Vergnügen, welches ſie genießen könnten, zerſtören. Endlich ſchlägt die Uhr zwei und zeigt mir an, daß Amor und Comus mich zu neuen Genüſſen rufen. Die Taſchen voll Gold und Silber breche ich auf, fliege nach Murano, trete in das Heiligthum und erblicke meine Göttin, welche ſich an den Kamin lehnt. Sie war im Nonnenan⸗ zuge; ich nähere mich ihr unbemerkt, um mich an ihrem wftmnen zu weiden; ich ſehe ſie an und bleibe verſteinert tehen. Diejenige, welche ich erblickte, war nicht M. M. Es iſt C. C. als Nonne gekleidet, und noch mehr er⸗ ſtaunt als ich, läßt dieſelbe keinen Seufzer vernehmen, ſpricht ſie keine Sylbe, macht ſie keine Bewegung. Ich werfe mich in einen Lehnſtuhl, um Zeit zu gewinnen. mich von meinem Erſtaunen zu erholen. Der Anblick von C. C. hatte mich vernichtet und meine Seele war erſtarrt wie mein Körper; ich fühlte, daß ich in ein Labyrinth gerathen war, welches keinen Ausgang hatte. M. M. iſt es, ſagte ich zu mir, welche mir dieſen Streich geſpielt hat; wie hat ſie aber erfahren, daß ich der Liebhaber derſelben bin? Hat C. C. mein Geheimniß verra⸗ then? Wenn ſie aber es verrathen hat, wie kann ſie dann wohl die Stirne haben, mir vor Augen zu treten? Wenn M. M. mich liebt, wie hat ſie ſich dann wohl das Vergnü⸗ gen verſagen können, mich zu ſehen, und wie hat ſie ſich dann durch ihre Nebenbuhlerin vertreten laſſen können? Das kann nicht ein Beweis von Gefälligkeit ſein, denn ſo weit treibt man dieſelbe nicht. Ich ſehe darin nur einen Beweis der Verachtung, eine zweckloſe Beleidigung. Meine Eigenliebe gab ſich die möglichſte Mühe, Gründe aufzufinden, welche die Möglichkeit einer ſolchen Ver⸗ 203 achtung hätten widerlegen können; aber vergeblich. Mich immer mehr in dieſe duſtere Unzufriedenheit vertiefend, hielt ich mich für verſpottet, betrogen, verachtet und blieb ſo eine halbe Stunde finſter und ſchweigend, die Augen auf C. C. gerichtet, welche kein Wort zu ſagen wagte und ver⸗ legen und beſtürzt da ſtand, da ſie nicht wußte, mit wem ſte zuſammen war; denn ſie konnte in mir höchſtens den Pierrot erkennen, welchen ſie auf dem Balle geſehen. Da ich in M. M. verliebt und nur ihretwegen gekom⸗ men war, ſo war ich durchaus nicht geneigt, mich auf eine andere Fährte fahren zu laſſen, obwohl ich weit entfernt war, C. C.'s Verdienſt zu verachten, welches mindeſtens nicht geringer war, als das von M. M. Ich liebte ſie zärtlich, ich betete ſie an; aber in dieſem Augenblicke wollte ich ſie nicht, weil ihre Anweſenheit mir von vorn herein als eine Art Myſtifikation erſchienen war. Es ſchien mir, daß ich C. C. nicht zärtlich begegnen könnte, ohne mich ſelbſt zu entwürdigen; ich ſagte mir, daß meine Ehre mir nicht er⸗ laube, auf einen ſolchen Betrug einzugehen. Ueberdieß war ich, ohne mir ſelbſt Rechenſchaft davon zu geben, froh, M. M. eine der Liebe fremde Gleichgültigkeit vorwerfen zu können, und ich wollte ſo handeln, daß ſie nie ſollte glauben können, mir ein Vergnügen verſchafft zu haben. Hierzu kam noch, daß ich glaubte, M. M. wäre im Kabinet und vielleicht auch der Freund. Ich mußte einen Entſchluß faſſen, denn ich konnte nicht die ganze Nacht im Pierrot⸗Koſtüme und unter fortwähren⸗ dem Schweigen zubringen. Ich beabſichtigte zuerſt wegzu⸗ gehen, und zwar um ſo mehr, als weder C. C. noch ihre Freundin wiſſen konnten, daß Pierrot und ich eine und die⸗ ſelbe Perſon wären; aber bald verwarf ich dieſe Idee mit Abſcheu, denn ich dachte an den tödtlichen Schmerz, wel⸗ chen C. C. empfinden würde, wenn ſie erführe, daß ich Pier⸗ rot wäre. Endlich kam ich auf den Gedanken, daß ſie dies ſchon vermuthe, und ich theilte den Schmerz, den ſie dann empfinden mußte. Ich hatte ſie verführt; ich hatte ihr das Recht gegeben, mich ihren Mann zu nennen. Dieſe Be⸗ trachtungen zerriſſen mir das Herz. — . 1 — — 204 Wenn M. M. im Kabinet iſt, ſagte ich zu mir, ſo wird ſie ſich zeigen, wenn es Zeit iſt. In dieſer Voraus⸗ ſetzung nehme ich das Tuch ab, welches die Gaze befeſtigte und zeige mein Geſicht. Meine reizende C. C. ſtößt einen Seufzer aus und ſagt: Ich athme freier! nur Du konnteſt es ſein; mein Herz ſagte es mir. Du ſchienſt erſtaunt, mein Freund, als Du mich ſaheſt; wußteſt Du denn nicht, daß ich Dich erwartete? Nein, ich wußte nichts davon. Wenn es Dir unangenehm iſt, ſo bin ich in Ver⸗ zweiflung; aber ich bin unſchuldig. Angebetete Freundin, komme in meine Arme und glaube nicht, daß ich Dir zürnen könnte. Ich bin erfreut, Dich zu ſehen; Du biſt immer meine theuerſte Hälfte; aber ich bitte Dich, mich einer grauſamen Ungewißheit zu entrei⸗ ßen, denn Du kannſt nicht hier ſein, ohne ein Geheimniß verrathen zu haben. . Ich! ich wäre deſſen nicht fähig geweſen, und wenn auch der Tod darauf geſtanden hätte. Wie kannſt Du denn hier ſein? Wie hat es denn Deine gute Freundin angefangen, um Alles zu entdecken? Niemand anders als Du kann ihr geſagt haben, daß ich Dein Mann bin. Laura vielleicht—— Nein, Laura iſt treu, theurer Freund, und ich kann nichts errathen. Wie haſt Du Dich aber überreden laſſen, dieſe Maske⸗ rade mitzumachen und hierherzukommen? Du verläßt das Kloſter und haſt mir von dieſem wichtigen Geheimniſſe nie etwas geſagt. Kannſt Du wohl glauben, daß ich Dir nicht Alles ge⸗ fagt haben würde, wenn ich das Kloſter je verlaſſen hätte? Vor zwei Stunden habe ich daſſelbe zum erſtenmale ver⸗ laſſen, und nichts iſt einfacher und natürlicher als die Ver⸗ anlaſſung zu dieſem Schritte. Erzähle mir Alles, theure Freundin, ich bin im höch⸗ ſten Grade neugierig. Das iſt mir lieb und ich werde Dir Alles erzählen. Du weißt, wie ſehr M. M. und ich uns lieben; unſer Ver⸗ 205 hältniß iſt das zärtlichſte, das ſich denken läßt; Du kannſt dies aus Allem, was ich Dir geſchrieben habe, abnehmen. Vor zwei Tagen alſo bat meine theure Freundin die Aeb⸗ tiſſin und meine Tante, mich in ihrem Zimmer ſtatt der Laienſchweſter ſchlafen zu laſſen, welche einen ſtarken Schnupfen hat und deshalb in die Krankenſtube gegangen iſt. Die Erlaubniß wurde ihr ertheilt, und Du kannſt Dir unſere Freude nicht vorſtellen, als wir uns zum erſtenmale in den Stand geſetzt ſahen, in demſelben Bette zu ſchlafen. Heute, einen Augenblicke nachdem Du das Sprechzimmer verlaſſen, wo Du uns ſo ſehr zum Lachen gebracht hatteſt, ohne daß M. M. und ich hatten vermuthen können, daß der liebens⸗ würdige Pierrot unſer Freund wäre, entfernte ſich M. M. und ich folgte ihr. Als wir allein waren, ſagte ſie, ich ſolle ihr einen Dienſt leiſten, von welchem ihr ganzes Glück abhinge. Du kannſt Dir wohl denken, daß ich ihr antwortete, ſie brauche bloß zu ſagen, worin derſelbe beſtände. Nun öffnete ſie zu meiner großen Verwunderung ihren Schrank und kleidete mich ſo an, wie Du mich hier ſiehſt. Sie lachte und ich lachte ebenfalls, ohne zu wiſſen, wozu dieſer Spaß führen ſolle. Als ſie mich vollſtändig als Nonne angekleidet ſah, ſagte ſie, ſie wolle mir ein großes Geheimniß anvertrauen, und vertraue es mir ohne alle Furcht. Wiſſe, theure Freun⸗ din, ſagte ſte, daß ich das Kloſter verlaſſen wollte, um erſt morgen früh zurückzukehren; jetzt aber habe ich beſchloſſen, daß nicht ich, ſondern Du ausgehen ſollſt. Du haſt nichts zu fürchten und bedarfſt keiner Anweiſung, denn ich bin ſicher, daß Du nicht in Verlegenheit kommen wirſt. In einer Stunde wird eine Laienſchweſter hieherkommen; ich werde ihr zwei Worte heimlich ſagen, worauf ſie Dich auf⸗ fordern wird, ihr zu folgen. Du wirſt mit ihr zur kleinen Pforte hinausgehen und ſodann durch den Garten, nach dem Zimmer am kleinen Ufer gehen. Dort wirſt Du in eine Gondel ſteigen und zum Gondelführer bloß ſagen: Nach dem Caſino. In fünf Minuten wirſt Du dorthin gelangen, Du wirſt in ein kleines Gemach treten, wo Du ein gutes Feuer finden wirſt; hier wirſt Du allein ſein und warten. 206 Auf wen? fragte ich. Auf Niemand. Mehr brauchſt Du nicht zu wiſſen; ſei aber überzeugt, daß Dir nichts begegnen wird, was Dir mißfallen könnte; vertraue auf mich. Du wirſt zu Abend ſpeiſen und ſchlafen, wenn Du Luſt haſt, ohne von Jemand beläſtigt zu werden. Frage nicht mehr, denn ich kann nicht mehr ſagen.“ Dies, theurer Freund, iſt die reine Wahrheit. Sage mir nun, was ich thun konnte, nachdem ich ihr verſprochen, Alles zu thun, was ſie verlangen würde. Kein gemeines Mißtrauen, denn aus meinem Munde kömmt nur die Wahr⸗ heit. Ich habe gelacht und da ich nur auf etwas ſehr An⸗ genehmes gefaßt war, ſo folgte ich der Laienſchweſter, ſo⸗ bald ſie kam, und hier bin ich nun. Nachdem ich mich drei Viertelſtunden gelangweilt, habe ich Pierrot geſehen. Sei überzeugt, daß in dem Augenblicke, wo ich Dich er⸗ ſcheinen ſah, mein Herz mir ſagte, daß Du es wärſt: aber als ich Dich zurückweichen ſah, war ich wie vom Blitze ge⸗ troffen, denn ich ſah wohl, daß Du mich nicht erwartet hatteſt. Dein duſtres Schweigen erſchreckte mich, und ich hätte nicht gewagt, es zuerſt zu brechen, um ſo weniger, als ich trotz der Stimme meines Herzens mich täuſchen konnte. Die Maske des Pierrot konnte Niemand als Dich verbergen; aber ſicherlich hätte ich jeden Andern als Dich an dieſem Orte nur mit Abſcheu betrachten können. Be⸗ denke, daß ſeit acht Monaten die Gewalt mich des Vergnü⸗ gens, Dich zu umarmen, beraubt; und jetzt, wo Du von meiner Unſchuld überzeugt ſein mußt, wirſt Du erlauben, daß ich Dir zu Deiner Kenntniß dieſes Caſino's Glück wünſche. Du biſt glücklich und ich bezeige Dir meine Freude darüber. M. M. iſt nach mir das einzige Weib, welches Deine Zärtlichkeit verdient, die einzige, mit welcher ich dieſe theilen möchte. Ich beklage Dich nicht mehr, und Dein Glück macht mich glücklich. Umarme mich. Ich würde zu undankbar, ich würde ein Barbar gewe⸗ ſen ſein, wenn ich nicht dieſen Engel von Güte und Schön⸗ heit, welcher nur durch die Bemühungen einer ſeltenen Freund⸗ ſchaft vor mir ſtand, mit dem Ausdrucke der wahrhafteſten Zärtlichkeit umarmt hätte. *— n A—— — àN Au+-OA———+⁸ K KR +—½— ☛ᷣ R A RN w — nicht geſchrieben, daß ich Dir gern meinen Platz abtreten würde? Du mußt alſo glauben, daß auch ich Dich verachte. Meine theure Freundin, Dein Wunſch, mir Deinen Platz abzutreten, als Du noch nicht wußteſt, daß ich glück⸗ lich war, entſprang mehr aus Deiner Freundſchaft als aus Deiner Liebe, und gegenwärtig muß ich zufrieden ſein, daß Deine Freundſchaft uͤber Deine Liebe die Oberhand hat; aber ich habe allen Grund böſe zu ſein, daß auch M. M. ſo denkt. Ich liebe ſie, ohne ſie heirathen zu können: ver⸗ ſtehſt Du mich nun, mein Engel? Was Dich betrifft, ſo bin ich ſicher, daß Du meine Frau wirſt, und ich kann daher unſerer Liebe vertrauen, welche der eheliche Umgang wieder auffriſchen wird. Nicht ſo iſt es mit der Liebe von M. M., für welche keine Wiedergeburt möglich iſt. Iſt es nicht de⸗ müthigend für mich, daß ich ihr nur eine vorübergehende Empfindung habe einflößen können? Was Dich betrifft, ſo mußt Du ſie anbeten. Sie hat Dich in alle ihre Geheim⸗ niſſe eingeweiht, und Du ſchuldeſt ihr ewige Dankbarkeit und Freundſchaft. 1 Cs war Mitternacht, und wir verloren unnützer Weiſe unſere Zeit mit derartigen Reden, als die vorſichtige Haus⸗ verwalterin uns aus eigenem Antriebe ein vortreffliches Abendeſſen brachte. Ich rührte nichts an: das Herz war mir zu ſchwer; aber mein theures Weibchen ſpeiſte mit gu⸗ tem Appetite. Ich konnte mich des Lachens nicht enthalten, als ich einen Salat von Eierweiß erblickte, und C. C. fand es komiſch, daß man das Gelbe herausgenommen. In ih⸗ rer Unſchuld errieth ſie nicht die Abſicht derjenigen, welche dieſe Anordnung getroffen hatte. Während ſie aß, konnte ich nicht umhin zu bemerken, daß ſie ſchöner und ausgebil⸗ deter geworden war. C. C. war eine vollkommene Schön⸗ heit, indeß blieb ich kalt. Ich habe immer geglaubt, daß es kein Verdienſt wäre, dem wahrhaft geliebten Gegenſtande treu zu bleiben. Zwei Stunden vor Tagesanbruch ſetzten wir uns wie⸗ der ans Feuer, und da C. C. mich traurig ſah, ſo nahm ſie die zarteſte Rückſicht auf meine Lage. Keine Koketterie, keine Stellung, welche nicht den Character des Anſtandes V. 14 —— ———— ——— — 210 gehabt hatte, und ihre zärtlichen und mit einem gewiſſen Gehenlaſſen verbundenen Geſpräche, enthielten nie den Schat⸗ ten eines Vorwurfs, welchen ich durch meine Kälte wohl verdient hatte. Gegen das Ende unſerer langen Unterhaltung fragte ſie mich, was ſie bei ihrer Rückkehr ins Kloſter ihrer Freundin ſagen ſolle. Meine theure M. M. erwartet, mich fröhlich und dankbar für das großmüthige Geſchenk, welches ſie mir dieſe Nacht zu machen glaubte, wieder zu ſehen; was ſoll ich ihr alſo ſagen? Die ganze Wahrheit. Verheimliche ihr namentlich kein einziges Wort unſerer Unterhaltung, ſo weit Dein Gedächt⸗ niß Dir treu bleibt, und ſage ihr beſonders, daß ſie mich auf lange Zeit unglücklich gemacht hat. Nein, ich wuͤrde ſie zu ſehr betruben, denn ſie liebt Dich zärtlich, und das Medaillon, welches Dein Portrait enthält, iſt ihr üͤber Alles theuer. Ich werde im Gegen⸗ theil mein Möglichſtes thun, um dieſen Streit auszugleichen; und das wird mir nicht ſchwer werden, denn meine Freun⸗ din trifft kein Vorwurf, und Du biſt nur gereizt, obwohl mit Unrecht. Ich werde Dir meinen Brief durch Laura ſchicken, wenn Du mir nicht anders verſprichſt, ihn ſelbſt von ihr abzuholen.— Deine Briefe werden mir immer theuer ſein; aber Du wirſt ſehen, daß M. M. keine Erklärung wünſcht. Sie wird Dir in Allem glauben, außer in einem Punkte. Ich kann ihn mir wohl denken; es iſt unſere Aus⸗ dauer, eine Nacht ſo unſchuldig wie Bruder und Schweſter mit einander zuzubringen. Wenn ſie Dich ſo gut wie ich kennt, wird ſie das für unmöglich halten. In dieſem Falle ſage ihr, wenn Du willſt, das Ge⸗ gentheil. Rechne nicht darauf. Ich lüge nicht gern, und werde es in dieſem Falle gewiß nicht thun; das wäre zu unpaſſend. Ich liebe Dich darum nicht weniger, mein Freund, obwohl Du in dieſer Nacht nicht die Gewogenheit gehabt haſt, mir eine einzige Probe Deiner Liebe zu geben. Glaube, ſüße Freundin, daß ich krank vor Traurigkeit — 211 bin. Ich liebe Dich von ganzem Herzen: aber ich bin in . einer Lage—— Du weinſt, mein Freund, Du? O, ich bitte Dich, ſchone mein Herz. Ich bin in Verzweiflung, daß ich das geſagt habe; aber ſei überzeugt, daß ich nicht die Abſicht gehabt, Dir wehe zu thun. Ich bin ſicher, daß in einer Viertelſtunde M. M. ebenfalls weinen wird. Da ſich das Schlagen der Uhr hören ließ, und ich nicht mehr hoffen konnte, daß M. M. erſcheinen würde, um ſich zu rechtfertigen, ſo umarmte ich C. C. und nachdem ich ihr den Schluͤſſel zum Caſino gegeben, um denſelben in meinem Namen M. M. zurückzuſtellen, maskirte ich mich und ging weg, da meine Freundin ins Kloſter zurückkehren mußte. Druck von Brandes& Schultze in Berlin, Roß⸗Straße Nr. 8. —y 8 Se — — ö“* n wuEnnnnnnnns.lmmͤ TRx 11 12 13 A