othe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Sceih- und Jeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ngnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Ahr bis Abends 8 Uhr offen. 3 gesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ men. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 8 8 bonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und* ch 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1. gk.— Pf. 1 Der. 50 Pf. 2 Mrr.— Pf. 2. 1 2—„„ 4„—„ ge Abo unenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung Büt auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt du ſorgen. „ Schadenersatz ir beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und ete Büche— ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der enpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ te hein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt zum Erſatz des Wamfen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird e rs darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ on mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . —. —— „ Jacob Cafanova Memoiren von von Seingalt. Erſte vollſtändige deutſche Ausgabe. 9 Mit Anmerkungen von Ludwig Zuhl. Vierter Band. Berlin, 1850. Verlag von Guſtav Hempel. — r 7 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Ich kauke einen ſchönen Wagen und reiſe mit dem alten Capitain und der jungen Franzöſin nach Parma.— Ich ſehe Javotte mieder und ſchenke ihr ein Paar ſchöner goldener Armbänder.— Meine Verlegenheit hinſichtlich meiner Neiſegekährtin.— Anterhlatung mit dem Capi⸗ tain.— Téte-A-tête mit der Franzöſin. Die Unterhaltung war belebt, und der junge weibliche Capitain beſchäftigte alle, ſelbſt Madame Querini, obwohl ſie ſich keine Mühe gab, den geheimen Verdruß, welchen ſie empfand, zu verbergen. Ich finde es ſonderbar, ſagte ſie zu derſelben, daß ſie zuſammen leben können, ohne mit einan⸗ der zu ſprechen. Weshalb ſonderbar, Madame? Wir verſtehen uns ſehr gut, denn zu den Beſchäftigungen, welche wir mit einander abzumachen haben, iſt die Sprache nicht ſehr nöthig. Dieſe mit Anmuth und Lebhaftigkeit ertheilte Antwort brachte die ganze Geſellſchaft zum Lachen, ausgenommen je⸗ doch Madame Querini⸗Giulietta, welche thörichterweiſe ſehr zierig that und dieſelbe zu klar fand. Ich kenne keine Be⸗ ſchäftigung, ſagte ſte zum jungen Offizier, welche man ohne Feder oder Sprache abmachen könnte. Sie werden mich entſchuldigen, Madame, es giebt ſolche Beſchäftigungen. Das Spiel z. B. iſt eine ſolche Be⸗ ſchäftigung. Thun Sie denn weiter nichts als ſpielen? Nichts weiter. Wir ſpielen Pharao, und ich halte die Bank. 1 Da Alle die Leerheit dieſer ausweichenden Antwort fühlten, ſo fing das Gelächter von Neuem an und Giu⸗ lietta ſtimmte in daſſelbe ein. Aber, fragte der General, ge⸗ winnt die Bank viel? Der Gewinn iſt allerdings ſo unbedeutend, daß es ſich nicht der Mühe lohnt, davon zu ſprechen. Sicherlich fiel es Niemand ein, dem ehrenwerthen Ca⸗ pitain dieſe Antwort zu überſetzen. Die ganze übrige Un⸗ terhaltung war ebenſo pikant, und die Geſellſchaft trennte ſich entzuückt über die Anmuth und den Geiſt des reizenden Offiziers. Als gegen Abend die Zeit des Aufbruchs gekommen war, nahm ich Abſchied vom General, und wünſchte ihm eine glückliche Reiſe. Leben Sie wohl, ſagte er, ich wünſche Ihnen auch eine glückliche Reiſe, und viel Vergnügen in Neapel. Für den Augenblick, antwortete ich, reiſe ich nicht dort⸗ hin; ich habe meinen Plan geändert und gehe nach Parma, wo ich den Infanten zu ſehen wünſche. Zu gleicher Zeit beabſichtige ich, dieſen beiden Offizieren, die ſich nicht ver⸗ ſtehen und nicht verſtändlich machen können, als Dolmet⸗ 1 ſcher zu dienen. Ich verſtehe Sie, und wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich ebenſo handeln.. Ich nahm auch von Madame Querini Abſchied, welche mich bat, ihr von Bologna zu ſchreiben. Ich verſprach es ihr, mit dem Vorbehalte, es nicht zu thun. Dieſe junge Franzöſin hatte ſchon, als ſie noch unter der Bettdecke lag, meine Theilnahme erregt; ſie hatte mir gefallen, ſobald ich ihre Geſtalt, und noch mehr, als ich ſee angekleidet geſehen. Sie feſſelte mich vollends, als ſte bei Tiſche eine Art Geiſt entwickelte, den ich ſehr liebte, 5 8 en man in Italien ſelten findet und mit dem das ſchöne Geſchlecht in Frankreich gewöhnlich ausgeſtattet iſt. Ihre Ers erung ſchien mir nicht ſchwierig, und ich dachte an die 3 4 Mittel, ſie mir zu ſichern. Wenn ich auch jede Gecken⸗ 1 haftigkeit bei Seite ſetzte, ſo mußte ich mich doch mehr — für ſie geeignet halten, als ihren alten Ungarn, der für ſein Alter allerdings ein liebenswürdiger Mann war, der aber doch ſeine ſechszig Jahre nicht verbergen konnte, während auf allen meinen Zügen die dreiund⸗ zwanzig Jahre glänzten. Wie es mir ſchien, hatte ich von Seiten des Offtziers kein Hinderniß zu erwarten, denn er ſchien mir zu den Leuten zu gehören, welche die Liebe wie eine Sache der bloßen Laune behandeln, ſich deshalb leicht den Umſtänden fügen und mit gutem Humor jedes ih⸗ . nen vom Zufall dargebotene Verhältniß annehmen. Das Glück konnte mir zur Betreibung meiner Sache keine gün⸗ ſtigere Gelegenheit darbieten, als mich zum Reiſegefährten eines ſo wenig zu einander paſſenden Paares zu machen. — Es ſchien mir nicht möglich, daß man mein Anerbieten ab⸗ . ſchlagen könnte; denn es mußte ihnen ſehr angenehm ſein, daß ich ſie begleiten wollte, da ſie beide allein ſich keinen einzigen Gedanden mittheilen konnten. — Da ich glaubte, daß ich meiner Sache ſicher wäre und . entſchloſſen war, das Abenteuer zu beſtehen, ſo fragte ich, als wir im Gaſthofe angekommen waren, den Offtzier, ob er mit der Poſt oder auf andere Weiſe nach Parma zu reiſen gedächte. Da ich keinen Wagen habe, ſo ziehe ich die Poſt vor. Ich habe einen ſehr beahanen und biete Ihnen die bei⸗ den Plätze im Hinterſitze an, wenn Ihnen meine Geſellſchaft angenehm iſt. Dies iſt ein wahres Glück. Erweiſen Sie mir das Vergnügen, Henrietten dieſen Vorſchlag zu machen. Wollen Sie, Madame, mir die Ehre gönnen, Sie nach Parma zu begleiten? Das ſoll mich ſehr freuen, denn wir werden dann doch wenigſtens ſprechen können. Aber ſehen ſie ſich wohl vor, mein Herr, denn Ihre Aufgabe wird nicht leicht ſein, da Sie oft allein mit uns beiden zu thun haben werden. Ich werde es ſehr gerne thun und bedaure nur, daß die Reiſe eſn kurz iſt. Beim Abendeſſen wollen wir avr —2ꝙᷣ LSU — *☛ ſprechen; einſtweilen erlauben Sie, daß ich Sie verlaſſe, um einige Geſchäfte zu beenden. Dieſe Geſchäfte beſtanden im Ankaufe eines Wagens, den ich bloß in der Phantaſie beſaß. Ich gehe ins adliche Kaffeehaus, und gleichſam, als ob der Zufall mir hätte be⸗ hülflich ſein wollen, erfahre ich, daß ein Wagen zu verkau⸗ fen iſt, daß ihn aber Niemand kaufen will, weil er zu theuer ſei. Derſelbe ſollte zweihundert Zechinen koſten und enthielt nur zwei Plätze nebſt einem Seitenſitzchen. Gerade einen ſolchen ſuchte ich. Ich ließ mich in die Remiſe führen und fand hier einen herrlichen engliſchen Wagen, welcher zwei⸗ hundert Guineen gekoſtet haben mußte. Der Graf, welchem derſelbe gehörte, war beim Abendeſſen; ich laſſe ihm ſagen, ich erſuche ihn den Wagen bis zum nächſten Morgen nicht zu verkaufen und kehre ſehr zufrieden in den Gaſthof zurück. Wäh⸗ rend des Abendeſſens ſprach ich mit dem Kapitain nur, um mit ihm zu verabreden, daß wir am folgenden Tage nach Tiſche abreiſen wollten; die ganze übrige Unterhaltung war nur ein Dialog zwiſchen Henriette und mir. Die Unterhaltung war reizend; ſie zeigte mir eine Art anmuthigen Geiſtes, wel⸗ chen ich noch nicht kannte, da ich bis dahin noch nicht Ge⸗ legenheit gehabt, mich mit einer Franzöſin zu unterhalten. Da ich dieſe junge Frau immer reizender fand, und doch bis jetzt nur eine Abenteuerin in ihr ſehen konnte, ſo war ich ſehr erſtaunt, edle und zarte Empfindungen, welche nur die Frucht einer guten Erziehung ſein können, bei ihr wieder. So oft ich verſuchte, das Geſpräch auf den Offi⸗ zier zu bringen, ſo wendete ſie daſſelbe auf einen andern Gegenſtand oder wich meinen Zumuthungen mit einer Fein⸗ heit und einem Takte aus, welche mich in Verwunderung ſetzten, mir aber wegen der Grazie, mit welcher es geſchah, gefielen. Indeß wich ſie nicht der folgenden Frage aus: ſagen Sie ir, Madame, ob der Capitain Ihr Gatte oder Vater iſt. e mir, denn im Grunde brauchte ich nicht mehr zu n. Der gute Mann war eingeſchlafen; als er wieder iſt. antwortete ſie lächelnd, keines von beiden. Das ge⸗ erwachte, wünſchte ich ihm eine gute Nacht, und legte mich zu Bette mit einem Herzen voll Liebe und einem Kopfe voll Pläne. Ich ſah, daß Alles die günſtigſte Wendung nahm, und ich war überzeugt, daß ich zum Zwecke gelangen würde, denn ich war dreiundzwanzig Jahre alt, erfreute mich der glänzendſten Geſundheit, hatte Gold und viel Kühnheit. h Abenteuer erſchien mir um ſo köſtlicher, als die Lö⸗ ung des Knotens binnen drei oder vier Tagen erfolgen mußte. Am folgenden Tage ging ich frühzeitig zum Grafen Dandini, dem Beſitzer des Wagens, und als ich bei dem Laden eines Goldſchmidts vorüberkam, kaufte ich ein paar gol⸗ dene Armbänder aus venetianiſchen Ketten, die eine jede fünf Ellen lang und von außerordentlicher Feinheit waren. Dies Geſchenk beſtimmte ich Javotten. Sobald der Graf Dandini mich erblickte, erkannte er mich. Er hatte mich bei ſeinem Vater in Padua geſehen, welcher, als ich daſelbſt ſtudirte, einen Lehrſtuhl der Pan⸗ dekten inne hatte. Ich kaufte ihm den Wagen unter der Bedingung ab, daß er mir ihn durch meinen Sattler um ein Uhr Nachmittags in gutem Zuſtande zuſchicke. Nachdem ich dieſen Kauf abgeſchloſſen, begab ich mich zu Franzia und erfüllte Javotte mit Freuden, als ich ihr die Armbänder gab. Kein Mädchen in Ceſena hatte ſchönere, und ich beruhigte mit dieſem Geſchenke mein Gewiſſen, denn ich bezahlte dadurch drei oder viermal die Ausgaben, welche ich ihrem Vater während meines Aufenthalts bei ihm ver⸗ urſacht hatte. Ich ließ den Vater ſchwören, auf mich zu warten und ſich nie angeblichen Magiern wegen der He⸗ bung des Schatzes anzuvertrauen, wenn er mich auch in zehn Jahren nicht wiederſehen und keine Nachricht von mir erhalten ſollte; denn, ſagte ich, nach der Abkunft, welche ich mit den Gnomen, die den Schatz bewahren, getroffen, wird 1 der Kaſten beim erſten von einem Andern gemachten Ver⸗ ſuche, doppelt ſo tief, d. h. fünfunddreißig Klaftern tie die Erde hinabſinken, und dann würde ich, um ihn an die Oberfläche zu bringen, zehnmal mehr als jetzt zu thun ha Ich kann Ihnen die Zeit, wo ich zurückkehren werde, nicht genau angeben, denn das hängt von einigen Combinationen ab, über welche ich keine Macht habe; aber denken Sie wohl daran, daß es feſtſteht, daß Ihr Schatz nur durch mich ans Licht gebracht werden kann. Ich begleitete meine Rathſchläge mit Verwünſchungen, welche ihn und ſeine ganze Familie mit dem Untergange bedrohten, wenn er ſein Wort nicht hielte. Auf dieſe Weiſe machte ich Alles wieder gut denn, weit entfernt chen braven Mann zu täuſchen, wurd ich ſein Wohlthäter, indem ich ihn gegen einen Schurken, der es mehr auf ſeine Thaler als auf ſeine Tochter abge⸗ ſehen gehabt hätte, ſchützte. Ich habe ihn nicht wiedergeſe⸗ hen, und er muß todt ſein; aber nach dem Eindrucke, wel⸗ chen ich auf ſein Gemüth gemacht zu haben glaube, müſſen 1 ſeine Nachkommen noch auf mich warten; denn der Name Faruſi muß in dieſem Hauſe unſterblich geblieben ſein. Javotte begleitete mich bis zum Stadtthore. Hier umarmte ich ſie zärtlich und fühlte, daß der Donner nur einen vorübergehenden Einfluß auf mich gehabt; aber ich blieb vernünftig und wünſche mir noch Glück dazu. Ehe ich ſie verließ⸗ gluubt ich ihr ſagen zu müſſen, daß, wenn ich binnen einem Vierteljahre nicht zuruckkehrte, ihre Jung⸗ fernſchaft für meine Operation überflüſſig wäre, und daß ich ihr riethe, ſich zu verheirathen, ſobald die Gelegenheit ſich 1 darböte. Sie vergoß einige Thränen und verſprach mir, ſich nach meinen Rathſchlägen zu richten. Der Leſer wird hoffentlich finden, daß ich meinem ma⸗ giſchen Geſchäfte auf eine edle Weiſe ein Ende machte; ich wünſche mir ſelbſt Glück dazu, wage indeß nicht recht, mich. deſſen zu rühmen, denn ich denke, daß wenn ich nicht im. Beſitze einer mit Zechinen gefüllten Börſe geweſen wäre, ich den armen Franzia hätte lächelnden Muthes zu Grunde rich⸗ ten können. Ich will nicht fragen, ob ein anderer junger Mann von Geiſt und Freund des Vergnügens nicht an meiner Stelle ebenſo gehandelt haben würde; aber ich bitte meine Leſer, ſich dieſe Frage vorzulegen. Was Capitani ifft, welchem ich di Scheide des Meſſers von St. Pe⸗ etwas über ihren Werth verkaufte, ſo muß ich geſte⸗ daß ich noch keine Reue darüber empfinde, denn zu⸗ * 17 42 —— G—, en— — N . nu———— uu ͤ O—*7 9 nächſt glaubte Capitani mich zu betrügen, als er ſie als Unterpfand annahm, und der Herr Pfalzgraf ſein Vater hat ſie bis zu ſeinem Tode höher als den ſchönſten Diamant geſchätzt. In dieſem Glauben iſt er geſtorben und reich ge⸗ ſtorben, während ich arm ſterben werde. Möge der Leſer nun beurtheilen, wer von uns beiden den beſten Kauf ge⸗ macht hat. Aber kehren wir nun zu meinen beiden künfti⸗ gen Reiſegefährten zurück. Sobald ich in den Gaſthof zurückgekehrt war, ordnete ich Alles für unſere Abreiſe an, welche ich mit allen meinen Wünſchen beſchleunigte. Henriette konnte den Mund nicht öffnen, ohne daß ich eine neue Vollkommenheit an ihr entdeckte, denn ihr Geiſt bezauberte mich noch mehr als ihre Schön⸗ heit. Wie es mir ſchien, ſah der alte Capitain mit Ver⸗ gnügen, daß ich mich mit ihr beſchäftigte, und Alles ſchien mir dafür zu ſprechen, daß Henriette die Aufmerkſamkeiten, welche ich ihr bezeugte, gern ſah; endlich ſchien es mir völ⸗ lig ausgemacht, daß ſie nicht ungern ihren alten Liebhaber mit mir vertauſchen würde. Ich konnte mir um ſo mehr deſſen ſchmeicheln, als ich, in phyſiſcher Beziehung Alles be⸗ ſaß, was zu einem Liebhaber gehörk, und als ich, obwohl ohne Bedienten das Ausſehen eines reichen Mannes hatte. Ich ſagte ihr, daß ich des Vergnügens wegen keinen B Vehenen zu haben, das Doppelte ausgäbe, daß ich, da ich mich ſelbſt bediente, die Befriedigung hätte, immer gut bedient zu werden, und daß ich den Vortheil genöſſe, keinen Spion und privilegirten Dieb fürchten zu müſſen. Henriette ging ganz auf meine Ideen ein, und dadurch wurde ich noch verliebter. Der ehrliche ungariſche Capitain wollte mir durchaus den Poſtbetrag bis Parma vorausbezahlen. Nach Tiſche rei⸗ ſten wir ab, nachdem wir einen höflichen Streit über die Plätze geführt; er wollte, daß ich mich zu Henriette im Hinterſitze ſetzen ſolle, aber der Leſer muß einſehen, daß der Sitz ihr gegenüber mir beſſer zuſagte; ich beſtand alſo, da ich meine Rechnung dabei fand, darauf, einen Platz auf Vorderſitze einzunehmen, und ich gewann dadurch den dop⸗ pelten Vortheil, mir dies als ein V Vendieiſt der Boſt keit anrechnen zu laſſen und das reizende Weſen, welches ich an⸗ betete, immer vor meinen Augen zu haben. Mein Glück würde zu groß geweſen ſein, wenn ich keine Unannehmlichkeit zu dulden gehabt hätte. Wo ſind wohl Roſen ohne Dornen zu finden? Wenn die reizende Franzöſin eine von jenen pikanten Aeußerungen that, welche im Munde ger Einfall mich zum Lachen reizte, ſo jammerte mich die traurige Geſtalt des Ungarn, und da ich wünſchte, daß er mein Vergnügen theile, ſo überſetzte ich ihm die ſchönen Aeußerungen der geiſtreichen Henriette ins Italiäniſche; aber ich hatte kein Glück damit, denn ſein Geſicht wurde länger, als ob ihm das, was ich ihm ſagte, abgeſchmackt erſcheine. Dadurch wurde ich genöthigt, mir ſelbſt zu geſtehen, daß ich nicht ſo gut lateiniſch wie franzöſiſch ſpräche, und das war wahr. In allen Sprachen iſt das, was man am letzten lernt, der Geiſt; dieſer Geiſt tritt aber nirgends ſo ſehr hervor, wie im Scherze. Erſt als ich dreißig Jahr alt war, konnte ich lachen, wenn ich Terenz, Plautus und Mar⸗ tial las. Da an meinem Wagen etwas entzwei gegangen war, ſo hielten wir in Forli an, um es ausbeſſern zu laſſen. Nach⸗ dem wir ſehr heiter zu Abend geſpeiſt, ging ich in mein Zimmer, um mich zu Bette zu legen, erfüllt von dem Bilde des reizenden Weibes, welches mich immer mehr feſſelte. Henriette war mir auf der ganzen Reiſe ſo ſeltſam vorge⸗ kommen, daß ich nicht in einem zweiten Bette, welches in demſelben Zimmer ſtand, ſchlafen wollte. Ich fürchtete, daß das Mädchen auf den Gedanken kommen könnte, ſeinen al⸗ ten Kamaraden zu verlaſſen und ſich zu mir zu legen, und ich wußte nicht, wie der brave Capitain den Spaß aufneh⸗ men würde. Ich wollte allerdings zum Beſitze des reizen⸗ den Weſens gelangen, aber ich wollte, daß dies auf eine freundſchaftliche Weiſe geſchähe, denn ich hatte eine gewiſſe Achtung vor dem braven Militair. Ddies junge Mädchen hatte nichts als die Männerklei⸗ dung, welche ſie trug, kein einziges weibliches Kleidungs⸗ ſtüͤc ‚nicht einmal ein Hemde. Sie trug die des Capitains. der Frauen ihrer Heimath ſo gewöhnlich ſind, und ein witzi⸗ 4 11 Dieſe Lage war fuͤr mich ſo neu, daß ſie mir räthſelhaft vorkam. Als wir in Bologna angekommen waren, wo ein gu⸗ tes Abendbrot und das Feuer, welches ſich immer mehr und mehr in meinem Herzen entzündete, mich aufgeregter ſtimmten, fragte ich ſie, durch welches ſonderbare Abenteuer ſie die Frau dieſes braven Mannes geworden, welcher ſich eher zu ihrem Vater als zu ihrem Liebhaber zu eignen ſchien. Wenn Sie es zu wiſſen wünſchen, antwortete ſie lachend, ſo laſſen Sie ſich die Geſchichte von ihm ſelbſt er⸗ zählen; aber ſagen Sie ihm, er möge nichts auslaſſen. Ich ermangelte nicht es zu thun, und nachdem der gute Capi⸗ tain ſich durch die Zeichenſprache überzeugt, daß dieſer Be⸗ richt der ſchönen Franzöſin nicht mißfallen würde, begann er folgendermaßen: „Da ein mir befreundeter Offizier einen Auftrag nach Rom hatte, ſo nahm ich einen halbjährigen Urlaub und be⸗ gleitete ihn dorthin.“ „Ich habe mit großem Vergnügen die Gelegenheit er⸗ griffen, eine Stadt zu ſehen, deren Namen einen ſo mächti⸗ gen Klang bewahrt hat, und welche durch ihre großen Er⸗ innerungen ſo ſehr imponirt. Ich zweifelte nicht daran, daß in der guten Geſellſchaft die lateiniſche Sprache allge⸗ mein geſprochen werden würde, und daß ſie wenigſtens ebenſo verbreitet wie in Ungarn ſein würde. Ich habe mich grau⸗ ſam getäuſcht, denn Niemand ſpricht ſie, nicht einmal die Geiſtlichen, welche nur Anſpruch darauf machen, ſie zu ſchreiben und Viele ſchreiben ſie allerdings mit großer Rein⸗ heit. Ich kam alſo in große Verlegenheit und das Ge⸗ ſicht ausgenommen bleiben meine Sinne ſo ziemlich unbe⸗ ſchäftigt,“ 3 „Seit einem Monat langweilte ich mich in dieſer alten Königin der Welt, als der Kardinal Albani meinem Freunde Depeſchen nach Neapel gab. Vor ſeiner Abreiſe empfahl er mich an Se. Eminenz und zwar auf eine ſo wirkſame Weiſe, daß der Kardinal mir binnen wenigen Tagen ein Paket für den Infanten Herzog von Parma, Piacenza und Guaſtalla verſprach, und mir zugleich ſagte, daß mir meine Reiſe be⸗ zahlt werden ſolle. Da ich den Hafen zu ſehen wünſchte, welchen die Alten Centum cellae nannten, jetzt Cività Vec⸗ chig, ſo benutzte ich die Zeit und begab mich mit einem la⸗ teiniſch ſprechenden Cicerone dorthin.“ „Im Hafen ſah ich einen alten Offizier und dies Mäd⸗ chen, gekleidet, wie Sie ſie jetzt ſehen, aus einer Tartane ſteigen. Sie ſiel mir auf, aber ich würde nicht weiter an ſie gedacht haben, wenn der Offtzier ſich nicht blos in dem⸗ ſelben Gaſthof wie ich eingemiethet hätte, ſondern auch in ein Zimmer, in welches ich, ohne im Mindeſten neugierig zu ſein, hineinblicken mußte, ſobald ich aus dem Fenſter ſah. Am Abend ſah ich ſie beide an demſelben Tiſche und ein⸗ ander gegenüber ſitzend, ſpeiſen, ohne daß der Offizier ein einzigesmal das Wort an ſie richtete. Nach dem Abend⸗ eſſen ſtand das Mädchen auf, ohne daß ihr Kamarad nur einen Augenblick von dem Briefe, welchen er ſehr aufmerk⸗ ſam zu leſen ſchien, wegblickte. Eine Viertelſtunde darauf ſchloß der Offizier die Fenſtern, das Licht wurde ausge⸗ löſcht, und man legte ſich ohne Zweifel ſchlafen. Als ich am nächſten Tage nach meiner Gewohnheit früh aufſtand, ſah ich den Offizier ausgehen und das Mädchen blieb allein im Zimmer.“ „Ich ſagte meinem Cicerone, der mir zugleich als Be⸗ dienter diente, er möge dem als Offizier gekleideten Mädchen ſagen, daß ich ihr zehn Zechinen ſchenken wolle, wenn ſie mir ein einſtündiges Stelldichein bewillige. Er richtete die Beſtellung aus, und meldete mir, daß ſie franzöſiſch geant⸗ wortet, ſie werde nach dem Frühſtück nach Rom abreiſen, und dort werde es mir leicht werden, eine Gelegenheit zu finden, mit ihr zu ſprechen. Ich werde, ſagte der Cicerone, vom Fuhrmann ganz ſicher erfahren, wo ſie wohnen wird, und werde nicht vergeſſen, mich danach zu erkundigen. In der That reiſte ſie mit dem Offizier ab, und ich kehrte am folgenden Tage nach Rom zurück.“ 8 „Am zweitfolgenden Tage nach meiner Rückkehr über⸗ gab der Kardinal mir Depeſchen, welche an Herrn Dutillot, Miinniſter des Herzogs, gerichtet waren, ſo wie einen Paß 1 13 8 und das zur Reiſe nothige Geld, und er äußerte ſehr leut⸗ ſelig, daß ich mich nicht zu beeilen brauche.“ „Ich dachte nicht mehr an die ſchöne Abenteuerin, als mein Cicerone mir zwei Tage vor meiner Abreiſe meldete, daß er ihre Wohnung entdeckt und daß ſie noch immer mit dem Offiziere zuſammen ſei. Ich ſagte zu ihm, er möge verſuchen, mit ihr zu ſprechen und ihr ſagen, daß ich über⸗ morgen abreiſe. Sie ließ mir ſagen, wenn ich ſie die Stunde meiner Abreiſe wiſſen laſſen wolle, ſo werde ſie ſich zweihundert Schritte vor der Stadt einfinden, zu mir in den Wagen ſteigen und mit mir fahren. Da ich dieſe An⸗ ordnung ſehr ſinnreich fand, ließ ich ihr im Laufe des Tages die Zeit meiner Abreiſe und die Stunde, wo ich ſie vor der porta del popolo erwarten würde, melden.“ „Sie ſtellte ſich pünklich ein, und wir haben uns ſeit⸗ dem nicht wieder verlaſſen. Sobald ſie neben mir im Wa⸗ gen ſaß, gab ſie mir zu verſtehen, daß ſie mit mir zu Mit⸗ tag ſpeiſen wolle. Sie können ſich denken, wie ſchwer es uns wurde, uns mit einander zu verſtändigen; aber durch Geſten gelang es uns zu errathen, was wir wollten, und ich nahm die Partie mit Vergnügen an.“ „Wir ſpeiſten ſehr heiter zu Mittag und ſprachen zu⸗ weilen mit einander, ohne uns zu verſtehen; aber nach dem Deſſert verſtändigten wir uns ſehr gut. Ich glaubte, die Sache wäre damit zu Ende, aber denken Sie ſich mein Er⸗ ſtaunen, als ich ihr zehn Zechinen geben wollte, ſie die⸗ ſelben aber ganz beſtimmt zurückwies, und mir begreiflich machte, daß ſie lieber mit mir nach Parma reiſen wolle, daß ſie in dieſer Stadt etwas zu thun habe, und daß ſie nicht nach Rom zurückkehren wolle. Das Abenteuer miß⸗ fiel mir nicht, ich willigte ein und bedauerte bloß, ihr nicht begreiflich machen zu können, daß, wenn ſie verfolgt würde, um nach Rom zurückgebracht zu werden, ich nicht in der Lage wäre, ſie gegen eine ſolche Gewaltthat zu ſchützen. Ich bedauerte auch, daß ich auf keine Unterhaltung hoffen durfte, da ich von ihrer und ſie von meiner Sprache nicht das Geringſte verſtand; ich hätte ſie auch gern ihre Aben⸗ teuer erzählen hören, welche ich mir intereſſant dachte. Sie werden errathen, daß ich durchaus nicht weiß, wer ſie iſt. Ich weiß nur, daß ſie ſich Henriette nennt, daß ſie nur eine Franzöſin ſein kann, daß ſie ſanft wie ein Lamm iſt, daß ſie eine gute Erziehung erhalten zu haben ſcheint und daß ſie geſund iſt. Sie muß Geiſt und Muth haben, wie ich in Rom und Sie in Ceſena an der Tafel des Generals haben bemerken können. Wenn ſie Ihnen ihre Geſchichte erzäh⸗ len und Ihnen erlauben will, ſie mir ins Lateiniſche zu überſetzen, ſo ſagen Sie ihr, daß ſie mich ſehr erfreuen würde, denn ich bin ihr aufrichtiger Freund, und ich kann Ihnen verſichern, daß es mich ſehr ſchmerzen wird, wenn wir uns in Parma werden verlaſſen müſſen. Ich bitte, ſagen Sie ihr auch, daß ich ihr die dreißig Zechinen, welche ich vom Biſchofe von Ceſena empfangen, ſchenken will, und daß ich, wenn ich reich wäre, die Beweiſe meiner Zuneigung und zärtlichen Anhänglichkeit nicht hierauf beſchränken würde. Jetzt, mein Herr, bitte ich Sie, ihr dies Alles in franzö⸗ ſiſcher Sprache zu ſagen.“ Nachdem ich ſie gefragt, ob ihr eine ganz getreue Ueber⸗ ſetzung nicht unangenehm ſein würde, und ich von ihr die Verſicherung empfangen, daß ſie dieſelbe gerade wünſche, theilte ich ihr Alles, was der Capitain geſagt, wörtlich mit. Mit der edelſten Freimüthigkeit, welche durch einen leichten Anflug von Schaam einen neuen Reiz erhielt, be⸗ ſtätigte mir Henriette die Wahrheit der Erzählung ihres Freundes; aber ſie bat mich, ihm zu ſagen, daß ſie ihn hinſichtlich ihrer Lebensabenteuer nicht befriedigen könne. Sagen Sie ihm, ich bitte Sie, daß daſſelbe Prinzip, welches mir nicht zu lügen erlaubt, mir die Wahrheit zu ſagen verbietet. Was die dreißig Zechinen betrifft, welche er mir zu geben beabſichtigt, ſo verſichern Sie ihm, daß ich keine ein⸗ zige annehmen werde, und daß er mich betrüben würde, wenn er bei ſeinem Wunſche beharren ſollte. Ich wünſche, daß, wenn wir in Parma ankommen, er mich allein, und wo ich will, wohnen laſſe, ohne ſich danach zu erkundigen, was aus mir geworden, und wenn er mir zufällig be⸗ gegnet, ſo möge er ſeine Güte noch dadurch erhöhen, daß er ſo thut, als ob er mich nicht kenne. * 5 5 ihre Reize das Glück herausfordern wollen, ſie in den Ab⸗ 15 Nachdem ſie dieſe kleine Rede beendet, welche ſie mit großem Ernſte und dem beſcheidenen und feſten Tone der Entſchloſſenheit vorgetragen, umarmte ſie ihren alten Freund auf eine Weiſe, in welcher ſich Gefühl und Zärtlichkeit aus⸗ ſprachen. Der Offizier, welcher nicht wußte, auf welche Veranlaſſung hin ſie ihn umarmte, wurde ſehr betrübt, als ich ihm Henriettens Rede überſetzte. Er bat mich, ihr zu ſagen, daß er, wenn er ihr ohne Widerſtreben gehorchen ſolle, wiſſen müſſe, daß es ihr in dieſer Stadt nicht am Nothwendigen fehlen würde. Sie können ihm die Verſiche⸗ rung geben, ſagte ſie, daß er über mein Schickſal nicht un⸗ ruhig zu ſein braucht. Da dieſe Unterhaltung uns Alle traurig geſtimmt hatte, ſo blieben wir mit geſenkten Augen und ohne ein Wort zu ſprechen ſitzen; da ich aber dieſer Situation müde wurde, ſo ſtand ich auf, wünſchte ihnen eine gute Nacht und ſah, daß Henriettens Geſicht glühte. Sobald ich in meinem Zimmer angekommen war, fing ich an, beſtürmt von dem lebendigſten Gefühle der Liebe, des Erſtaunens und der Ungewißheit, laut mit mir ſelbſt zu ſprechen, wie ich es immer thue, wenn ich von einem Ge⸗ danken tief durchdrungen bin. Der ſtumme Gedanke genügt mir nicht; ich muß ſprechen und ich lege in dieſe Zwiege⸗ ſpräche mit mir ſelbſt ſo viel Lebhaftigkeit und Handlung, daß ich vergeſſe, daß ich allein bin. Die rückhaltsloſe Er⸗ klärung Henriettens jagte mich in Harniſch. Wer iſt denn, ſo ſprach ich zu den Wänden, dies Mädchen, welches die er⸗ habenſten Empfindungen mit dem Scheine cyniſcher Losge⸗ laſſenheit verbindet? In Parma, ſagt ſie, will ſie unbekannt bleiben und ihre eigene Herrin ſein; und ich bin nicht be⸗ rechtigt mir zu ſchmeicheln, daß ſie mir nicht dieſelbe Ver⸗ pflichtung auferlegen wird, wie dem Offizier, welchem ſie ſich ſchon ergeben hat. Lebet alſo wohl, Hoffnungen, Ausgaben und Träume! Wer mag ſie denn aber wohl ſein? In Parma muß ſie entweder einen Mann oder einen Liebhaber haben, oder ſie muß ehrenwerthen Verwandten angehören, oder ſie muß aus gränzenloſer Zügelloſigkeit und im Vertrauen auf grund der Verworfenheit zu ſtürzen und es darauf ankom⸗ men laſſen, ob ſie einen vornehmen Mann findet, der ſich an ihren Wagen ſpannt. Das wäre der Plan einer Tollen oder Verzweifelten und Henriette ſcheint dies nicht zu ſein. Indeß hat Henriette nichts und dennoch will ſie, als ob ſie reichlich mit Allem verſehen wäre, nichts von einem Eh⸗ renmanne annehmen, der ihr Anerbietungen macht, die ſie, ohne zu eröthen, annehmen kann, da ſie nicht Anſtand genommen hat, für ihn Gefälligkeiten zu haben, zu welchen ſie nicht durch die Liebe veranlaßt wurde. Glaubt ſie, daß es weniger ſchmachvoll iſt, ſich den Begierden eines unbekann⸗ ten Mannes, der keine zärtlichen Empfindungen ein⸗ flößen kann, hinzugeben, als von einem Freunde, welchen man ſchätzt, ein Geſchenk anzunehmen, und noch dazu in einem Augenblicke, wo ſie von Allem entblößt und in einer fremden Stadt, deren Sprache ihr ſogar unbekannt iſt, ſich auf die Straße geſetzt ſieht? Will ſie dadurch den falſchen Schritt, welchen ſie ſich mit dem Capitain hat zu Schulden kommen laſſen, recht⸗ fertigen und demſelben zu verſtehen geben, daß ſie nur, um dem Offizier, welcher ſte in Rom beſeſſen, zu entgehen, ſich ihm hingegeben hat? Aber ſie muß überzeugt ſein, daß der Capitain keine andere Idee haben kann, denn er zeigt ſich zu vernünftig, als daß man ihm den Glauben zutrauen konnte, ihr dadurch, daß ſie ihn einmal in Cività Vecchia am Fenſter geſehen, eine lebhafte Leidenſchaft eingeflößt zu haben. Sie konnte alſo Recht haben und ſich gegen ihn für gerechtfertigt halten, nicht aber gegen mich; denn bei ihrem Geiſte mußte ſie wiſſen, daß ich nicht mit ihnen ge⸗ reiſt ſein würde, wenn ſie mir kein Gefühl eingeflößt hätte, und es konnte ihr nicht unbekannt ſein, daß es nur ein Mittel für ſie gäbe, um meine Verzeihung zu erlangen. Sie kann Tugenden haben, ſagte ich zu mir; aber ſie hat nicht die, welche mich verhindern könnte, die einzige Beloh⸗ nung zu beanſpruchen, welche jeder Mann von der Frau, in die er verliebt iſt, erwartet. Wenn ſie gegen mich die Tugendhafte zu ſpielen und mich zum Narren haben zu können glaubt, ſo ſcheint mir SS, SV= — 17 meine Ehre zu erfordern, daß ich ihr beweiſe, daß ſie ſich täuſcht. ₰ Nach dieſem Monologe, der mich noch mehr aufgeregt hatte, beſchloß ich, mich am folgenden Tage vor der Abreiſe zu erklären. Ich werde, ſagte ich zu mir, ſie um die Ge⸗ fälligkeiten bitten, welche ihr Capitain mit ſo leichter Mühe Won ihr erlangt hat, und wenn ſie mir dieſelben verweigert, ſo werde ich mich dadurch rächen, daß ich ihr, ehe wir in Parma ankommen, kalte und gründliche Verachtung bezeige. Es war mir klar, daß ſte mir wahre oder falſche Zeichen der Zärtlichkeit nur dann verweigern könnte, wenn ſie eine Tugend, die ſie nicht beſaß, affektiren wollte. Da aber dieſe Tugend nur erheuchelt war, ſo wollte ich nicht das Spiel⸗ werk derſelben ſein. Was den Offtzier betraf, ſo war ich nach dem, was er zu mir geſagt, überzeugt, daß er eine Erklärung von meiner Seite nicht übel nehmen würde, denn bei ſeinem ge⸗ ſunden Menſchenverſtande konnte er nur neutral bleiben. Befriedigt von meinen Ueberlegungen und mich in meinem Entſchluſſe feſt fühlend, lege ich mich zu Bett. Henriette beſchäftigte mich zu ſehr, als daß ihr Bild mir nicht hätte im Traume erſcheinen ſollen; aber dieſer Traum, welcher die ganze Nacht dauerte, trug ſo ſehr das Gepräge der Wahrheit, daß ich ſie bei meinem Erwachen an meiner Seite ſuchte; und die zauberhaften Bilder dieſer Nacht hat⸗ ten einen ſo ſtarken Eindruck auf meine Phantaſte gemacht, daß, wäre meine Thür nicht verriegelt geweſen, ich geglaubt haben würde, ſie habe mich während meines Schlafes ver⸗ laſſen, um ſich wieder zu dem guten Ungarn zu legen. Bei meinem Erwachen fand ich, daß der ununterbrochene Traum dieſer glücklichen Nacht mich bis zum Raſendwer⸗ den in dieſe ſchöne Perſon verliebt gemacht hatte, und das konnte nicht anders ſein. Denke ſich der Leſer einen armen Teufel, welcher ſich todtmüde und halb verhungert zu Bette legt; er erliegt dem Schlafe, dieſem gebieteriſchſten aller Bedürfniſſe; aber im Schlafe ſieht er ſich an einen reich be⸗ deckten Tiſch verſetzt— was wird die Folge davon ſein? Das nothwendige Reſultat. Sein mehr als am vorigen lyv. 2 ihres guten Ausſehens becomplimentirt, ſagte ich zum Of⸗ 33 Geliebte zu werden. Was ſie zu der Bitte nöthigt, fügte Tage gereizter Magen läßt ihm keine Ruhe; er muß Be⸗ friedigung finden oder Hungers ſterben. Ich kleide mich an, entſchloſſen, mich, bevor wir in den Wagen ſteigen, des Beſitzes derjenigen, welche mich entflammte, zu vergewiſſern. Gelingt dies nicht, ſagte ich zu mir, ſo gehe ich nicht weiter. Um aber den Anſtand nicht zu ver⸗ letzen und mir gegen einen anſtändigen Mann keine Vor wuͤrfe zu machen zu haben, hielt ich es für meine Pflicht, mich zuvor gegen meinen Reiſegefährten zu erklären. 1 Es iſt mir ſo, als ob ich einen jener vernünftigen, ruhigen und kaltblütigen Leſer, welche den ſogenannten Vor⸗ theil einer leidenſchaftsloſen Jugend genoſſen haben, oder einen derjenigen, welche das Alter mit Gewalt vernünftig gemacht hat, ausrufen höre: Kann man wohl von einer Kleinigkeit ſo viel Aufhebens machen! Das Alter hat meine Leidenſchaften gemildert, indem es mich unfähig gemacht hat, aber mein Herz hat nicht gealtert und mein Alter hat die ganze Friſche der Jugend bewahrt, und weit entfernt, ſolche Sachen als bloße Kleinigkeiten zu betrachten, fühle ich, lie⸗ ber Leſer, nur den Schmerz, daß ich dieſelben nicht bis zu meinem Tode zur Hauptſache meines Lebens machen kann. Als ich bereit war, begab ich mich in das Zimmer meiner beiden Reiſegefährten, und nachdem ich ſie wegen fizier, ich wäre in Henrietten heftig verliebt, und ob er es übel nehmen würde, wenn ich ſie zu überreden ſuchte meine ich hinzu, ſie in dieſer Stadt zu verlaſſen und ſo zu thun, als ob Sie ſie nicht kennten, kann nur ein Liebhaber ſein, welchen ſie hier zu finden hofft: und ich ſchmeichele mir, wenn Sie mich eine halbe Stunde mit ihr allein laſſen, ſie zu überreden, daß ſie mir dieſen Liebhaber opfert. Ver⸗ weigert ſie dies, ſo bleibe ich hier; Sie reiſen mit ihr nach Parma, laſſen meinen Wagen auf der Poſt und ſchicken mir einen Empfangſchein, damit ich ihn nach Belieben abholen laſſen kann. Sobald wir gefrühſtückt haben werden, ſagte der brare 19 e⸗ Capitain, werde ich ausgehen, um das Inſtitut zu beſichti⸗ gen und Sie allein mit ihr laſſen. Suchen Sie es durch⸗ zuſetzen, denn ich würde mich freuen, wenn ſie in Ihre Hände überginge. Wenn ſie bei ihrem ausgeſprochenen Willen be⸗ harrt, ſo werde ich leicht einen Fuhrmann hier finden und Sie können Ihren Wagen behalten. Ich danke Ihnen für Ihren Vorſchlag und werde Sie ſehr ungern verlaſſen. Erfreut, den halben Weg gemacht zu haben und mich der Löſung des Knotens näher kommen zu ſehen, frage ich meine ſchöne Franzöſin, ob ſie die Merkwürdigkeiten Bologna's zu ſehen wünſche. Ich möchte es wohl, ſagte ſie, wenn ich einen Anzug meines Geſchlechts hätte; ſo wie ich bin, möchte ich mich ter aber nicht der ganzen Stadt zeigen. ne Sie wollen alſo nicht ausgehen? Mt, Nein. die Ich werde Ihnen Geſellſchaft leiſten. he Das ſoll mich freuen. ie⸗ Wirr frühſtückten ſehr heiter, worauf der Capitain aus⸗ ſis ing. Sobald er weggegangen war, ſagte ich zu Henrietten, en daß ihr Freund ausgegangen ſei, um mich mit ihr allein zu laſſen, weil ich ihm geſagt, daß ich eines téte-A-téte mit er ihr bedürfe. Der Befehl, welchen Sie ihm geſtern ertheilt, gen der Befehl, Sie nicht mehr zu ſehen, ſich nicht nach Ihnen 8 f⸗ zu erkundigen, ſo zu thun, als ob er Sie nicht kenne, wenn es er Ihnen zufällig begegnen ſollte, ſobald wir in Parma an⸗ ine gekommen ſein würden, bezieht er ſich auch auf mich? gte Ich habe ihm keinen Befehl gegeben, dazu habe ich in, kein Recht und werde mich nie ſo weit vergeſſen, ſondern in, ich habe nur eine Bitte an ihn gerichtet, ihn um eine Ge⸗ dir, fälligkeit gebeten, zu welcher meine Verhältniſſe mich genö⸗ en, thigt haben, und da er kein Recht hat mir eine abſchläg⸗ er⸗ liche Antwort zu ertheilen, ſo habe ich keinen Augenblick ach gezweifelt, daß er mir meine Bitte bewilligen würde. Was nir Sie betrifft, ſo würde ich ſicherlich dieſelbe Bitte an Sie len gerichtet haben, wenn ich hätte glauben können, daß Sie irgend welche Abſichten auf mich hätten. Sie haben mir ave Beweiſe der Freundſchaft gegeben, aber Sie müſſen wohl Fipel 2* 5 einſehen, daß wenn die Theilnahme, welche der Capitain mir erweiſen würde, mir nach den vorhandenen Umſtänden nach⸗ theilig werden könnte, die Ihrige mir noch mehr ſchaden würde. Da Sie Freundſchaft für mich haben, ſo hätten Sie das Alles errathen können. Da Sie wiſſen, daß ich Freundſchaft für Sie habe, ſo müſſen Sie auch wiſſen, daß es mir nicht möglich iſt, Sie allein, ohne Geld, ohne Mittel in einer Stadt zu laſſen, wo Sie ſich nicht einmal verſtändlich machen können. Glau⸗ ben Sie, daß ein Mann, welchem Sie die zärtlichſte Freund⸗ ſchaft eingeflößt haben, Sie verlaſſen kann, nachdem er Sie kennen gelernt, und wenn er von Ihnen ſelbſt erfahren, in wel⸗ cher Lage Sie ſich befinden? Wenn Sie dies glauben, ſo haben Sie keine richtige Vorſtellung von der Freundſchaft, und wenn Ihnen dieſer Menſch das, was Sie fordern, bewilligt, ſo iſt er nicht Ihr Freund. Ich bin überzeugt, daß der Capitain mein Freund iſt, und Sie haben es gehört, er wird mich vergeſſen. Ich weiß nicht, welcher Art die Freundſchaft iſt, die dieſer brave Mann für Sie empfindet, noch welches Ver⸗ trauen er zu ſeiner eigenen Macht haben mag; aber ich weiß, daß ſeine Freundſchaft ganz anderer Art als die mei⸗ nige iſt, wenn er im Stande iſt, Ihnen den von Ihnen er⸗ betenen Dienſt zu erweiſen; denn ich glaube mich verpflich⸗ tet, Ihnen zu ſagen, daß es mir nicht nur ſo leicht möglich iſt, Ihnen das ſonderbare Vergnügen zu erweiſen, Sie in Ihrem jetzigen Zuſtande zu verlaſſen, ſondern, auch, daß ich das, was Sie fordern unmöglich ausführen kann, wenn ich nach Parma gehe; denn ich liebe Sie ſo, daß Sie mir ent⸗ weder verſprechen müſſen, mir anzugehören, oder daß ich hier bleibe. Dann können Sie mit dem Capitain allein nach Parma reiſen, denn ich. fühle, daß wenn ich Sie wei⸗ ter begleitete, ich der unglücklichſte der Menſchen werden würde, gleichviel, ob ich Sie zu Ihrem Liebhaber, Ihrem Manne, oder in den Schooß Ihrer Familie zurückkehren ſähe; wenn ich mit einem Worte Sie nicht ſehen und mit Ihnen nicht leben kann. Vergeſſen Sie mich, ſind drei leicht auszuſprechende Worte; aber wiſſen Sie, ſchöne Henriette, 21 daß, wenn das Vergeſſen auch einem Franzoſen leicht wird, ein Italiäner, wenigſtens nach mir zu urtheilen, dieſe ſon⸗ derbare Kraft nicht hat. Mit einem Worte, Madame, mein Entſchluß ſteht feſt; Sie müſſen die Güte haben, ſich jetzt zu erklären und mir zu ſagen, ob ich Sie nach Parma be⸗ gleiten oder hier bleiben ſoll. Antworten Sie Ja oder Nein. Wenn ich hier bleibe, ſo iſt Alles gelogen. Ich reiſe ſonſt nach Neapel und bin ſicher von der Leidenſchaft, welche Sie mir eingeflößt haben, geheilt zu werden; wenn Sie mir aber ſagen, daß ich Sie nach Parma begleiten darf, ſo muß ich des Beſitzes Ihres ganzen Herzens gewiß ſein. Ich al⸗ lein will im Beſitz Ihrer Reize ſein, indeß, wenn Sie wol⸗ len, mit der Bedingung, daß Sie mich nicht eher vollſtän⸗ dig glücklich machen ſollen, als wenn Sie glauben, daß ich mich dieſes Glücks durch meine Bewerbungen und meine Aufmerkſamkeiten würdig gemacht habe. Wählen Sie, ehe dieſer zu brave Mann zurückkehrt. Er weiß Alles, ich habe ihm Alles geſagt. Was hat er Ihnen geantwortet? Daß er ſich freuen würde, Sie in meinen Händen zu ſehen. Was bedeutet dies unterdrückte Lächeln? Laſſen Sie mich, ich bitte Sie, lachen; denn ich habe in meinem ganzen Leben keine Idee von einer wüthenden Liebeserklärung gehabt. Wiſſen Sie auch, was es heißt, einer Frau in einer Liebeserklärung, welche zwar belebt, aber auch zart und ſanft ſein ſoll, zu ſagen: Madame, Eins von Beiden, wählen Sie auf der Stelle. Ha! Ha! Ha! Ich begreife wohl, das iſt weder ſanft, noch galant, noch pathetiſch, aber es iſt leidenſchaftlich. Bedenken Sie, 14* ——³,—₰3— daß es eine ernſte Sache iſt, und daß ich noch nie ſo große Eile gehabt habe. Verſetzen Sie ſich in die Lage eines Verliebten, welcher auf dem Punkte ſteht, einen Entſchluß 3 zu faſſen, welcher über ſein Leben entſcheiden kann. Beach⸗ ten Sie auch gütigſt, daß ich trotz meines Feuers in keiner Weiſe die Achtung gegen Sie verletze. Endlich bitte ich Siee zu bemerken, daß wir nicht allzu viel Zeit zu verlieren 4 haben. Das Wort: Wählen Sie, darf Ihnen nicht hart erſcheinen, ſondern vielmehr als das Gegentheil, da es Sie “ 22 zur Schiedsrichterin meines und Ihres Schickſals macht. Soll ich, um Sie zu überzeugen, daß ich Sie liebe, wie ein Pinſel Ihnen zu Füßen ſtürzen, und Sie weinend bitten, ſich meiner zu erbarmen? Nein, Madame, das würde Ihnen gewiß mißfallen, und zu nichts führen. Da ich weiß, daß ich im Stande bin, Ihr Herz zu verdienen, ſo fordere ich Liebe und nicht Mitleid von Ihnen. Verlaſſen Sie mich, wenn ich Ihnen mißfalle, und laſſen Sie mich abreiſen, denn wenn Sie aus Menſchlichkeitsgefühl wünſchen, daß ich Sie vergeſſe, ſo erlauben Sie, daß ich fern von Ihnen mir dieſe Bemühung zu erleichtern ſuche. Wenn ich Ihnen nach Parma folge, kann ich nicht für mich ſtehen, denn ich würde dann in einer Art von Verzweiflung ſein. Denken Sie ge⸗ genwärtig nach; ich fordere es als eine Gnade von Ihnen, und Sie werden einſehen, daß Sie ein unverzeihliches Un⸗ recht gegen mich begehen würden, wenn Sie zu mir ſagten: Kommen Sie nach Parma, obwohl ich Sie erſuche, mich nicht zu beſuchen. Geſtehen Sie ein, daß Sie mir ſo etwas nicht ſagen können, wenn Sie billig ſein wollen. Ich geſtehe es ein, wenn Sie mich wirklich lieben. Gott ſei gelobt! Ja, ſeien Sie überzeugt, daß ich Sie ſehr aufrichtig liebe. Wählen Sie nun und ſprechen Sie. Immer in demſelben Tone? Ja. Aber wiſſen Sie auch, daß Sie ſehr zornig ausſehen? Nein, denn das iſt nicht der Fall; ich bin nur in einer Art Parorysmus, im Gefühle des entſcheidenden Augen⸗ blicks und in einer ſchrecklichen Ungewißheit. Ich muß dafür mein ſeltſames Geſchick und die verdammten Sbirren in Ceſena verantwortlich machen, denn ohne dieſe würde ich Sie nicht geſehen haben. Sie bedauern alſo, daß Sie mich kennen gelernt haben? Und habe ich nicht Grund dazu? Durchaus nicht, denn ich habe noch nicht entſchieden. Ich fange an leichter zu athmen, denn ich wette, daß Sie mich auffordern werden, Ihnen nach Parma zu folgen. Ja, kommen Sie nach Parma. 3 23 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Ich reiſe glücklich von Bologna ab.— Der Capitain verläßt uns in Reggio, mo ich die Nacht bei Henrietten bleibe.— Henriette legt wieder weibliche Kleidung an.— Unſer beiderſeitiges Glück.— Ich kinde Verwandte, gebe mich denſelben aber nicht zu erkennen. Der Leſer erräth wohl, daß die Seene ſich änderte, und daß das magiſche Wort: Kommen Sie nach Parma, eine glückliche Wendung war, welche mich vom Schrecklichen zum Zärtlichen, vom Strengen zum Milden übergehen ließ. Ich fiel ihr in der That zu Füßen, erfaßte mit verliebtem Drange ihre Kniee und küßte ſie mit Zärtlichkeit und Dankbarkeit. Nun keine Wuth mehr und auch nicht mehr jener heftige Ton, welcher ſo wenig zu dem ſüßeſten der Gefühle paßt. Ich bin zärtlich, unterwürfig, danhan und ſchwöre ihr, keine Gunſtbezeugung, nicht einmal einen Kuß zu fordern, ehe ich nicht ihre Liebe verdient! Dieſes göttliche Weib, welches ſich angenehm überraſcht findet, als ſie mich plötz⸗ lich vom Tone der Verzweiflung zu dem der lebhafteſten Zärtlichkeit übergehen ſieht, ſagt zu mir mit noch zärtli⸗ cherem Tone als der meinige geweſen war, ich möge auf⸗ ſtehen. Ich bin überzeugt, ſagt ſie, daß Sie mich lieben; aber glauben Sie auch, daß ich Alles, was von mir ab⸗ hängt, thun werde, um mich ihrer Beſtändigkeit zu verſichern. Hätten ſie mir auch geſagt, daß ſie mich eben ſo ſehr lieben, wie ich ſie liebe, ſo hätten ſie doch nicht mehr geſagt, denn jene Worte drückten Alles aus. Meine Lippen waren auf ihre ſchönen Hände gepreßt, als der Capitain zuruͤckkehrte. Mit dem aufrichtigſten Tone wünſchte er uns Glück und ich ſagte zu ihm mit Glück ſtrahlender Miene, ich würde Pferde beſtellen. Ich ließ ihn allein mit ihr, und bald darauf traten wir froh und zufrieden die Reiſe an. Ehe wir in Reggio ankamen, ſagte der ehrliche Kapi⸗ tain, er halte es für paſſend, daß wir ihn allein nach Parma 24 reiſen ließen; wenn er in unſerer Geſellſchaft käme, ſo würde das Redereien geben, man würde Fragen an ihn richten und weit mehr von uns ſprechen, als wenn wir allein an⸗ kämen. Da Henriette und ich ſeine Bemerkungen ſehr be⸗ gründet fanden, ſo entſchloſſen wir uns augenblicklich, die Nacht in Reggio zu bleiben und ihn allein in einem Poſt⸗ wagen nach Parma reiſen zu laſſen. Nachdem wir darüber übereingekommen und ſein Koffer auf den kleinen Wagen, welcher ihm geliefert wurde, gebracht worden, ſagte er uns Lebewohl und verſprach uns, am nächſten Tage zu Mittag bei uns zu ſpeiſen. Das Benehmen des ehrlichen Ungarn mußte meiner Freundin ebenſo ſehr wie mir gefallen, da unſer Zartgefühl uns zu großem Zwange in ſeiner Gegenwart nöthigte, und wie hätten wir wohl nach unſerer neueſten Uebereinkunft in Reggio wohnen ſollen? Henriette hätte mit Ehren das Bett des Kapitains nicht mehr theilen können und konnte ebenſo wenig, ohne den beſcheidenen Mann zu verletzen, in— das meinige kommen. Wir alle drei würden über dieſen Zwang, den wir lächerlich gefunden hatten, gelacht aber auch ihm uns unterworfen haben. Die Liebe iſt ein kleines der Schaam feindliches Weſen, obwohl ſie oft die Dunkelheit und das Geheimniß ſucht; wenn ſie aber der Schaam Raum geebt, ſo fühlt ſie ſich erniedrigt, und ver⸗ liert dann drei Viertel ihrer Würde und einen großen Theil ihres Zaubers. Es iſt leicht einzuſehen, daß Henriette und ich nur glücklich ſein konnten, wenn wir die Erinnerung an jenen braven Mann entfernten. Wir ſpeiſten zu Abend allein; ich war trunken von 3 Glück, welches mir zu groß ſchien, und doch auch traurig; aber Henriette, welche ebenfalls traurig ſchien, hatte mir nichts vorzuwerfen. Im Grunde war es Verlegenheit, denn wir liebten uns, aber wir hatten noch nicht Zeit ge⸗ habt uns kennen zu lernen. Wir ſprachen wenig, und es kam nichts Pikantes, nichts Intereſſantes vor: unſere Reden ſchienen mir abgeſchmackt und wir ſchwelgten in unſern Ge⸗ danken. Wir wußten, daß wir die Nacht mit einander zu⸗ bringen würden; aber wir würden gefürchtet haben, eine EANA — —— 25 Taktloſigkeit zu begehen, wenn wir deſſen erwähnt hätten. Welche Nacht! Und welches Weib war dieſe Henriette, welche ich ſo ſehr geliebt habe und welche mich ſo glücklich ge⸗ macht hat! Erſt nach drei oder vier Tagen riskirte ich es, ſie zu fragen, was ſie ohne einen Pfennig Geld und ohne Be⸗ kannten in Parma gemacht haben würde, wenn ich nicht gewagt hätte, ihr meine Liebe zu erklären, und nach Neapel abgereiſet wäre. Sie antwortete, ſie würde ſich wirklich in der ſchauderhafteſten Verlegenheit befunden haben, ſie wäre aber überzeugt geweſen, daß ich ſie liebe und hätte vorausgeſehen, was gekommen. Sie fügte hinzu, daß die Ungeduld, über meine Anſichten hinſichtlich ihrer ins Reine zu kommen, ſie veranlaßt, mich zu bitten, ihren Entſchluß dem Offizier mit⸗ zutheilen, da ſie gewußt, daß er ſich dem nicht widerſetzen und auch nicht länger mit ihr leben könne, daß ſie endlich in der Bitte, welche ſie dem Kapitain habe vorlegen laſſen, mich nicht mit inbegriffen habe, daß es ihr unmöglich ge⸗ ſchienen, daß ich ſie nicht hätte fragen ſollen, ob ich ihr nicht irgendwie nützlich ſein könne, und daß ſie dann nach den Gefühlen, welche ſie bei mir gefunden haben würde, ih⸗ ren Entſchluß gefaßt haben würde. Sie ſagte endlich, daß, wenn ſie ſich zu Grunde gerichtet hätte, ihr Mann und Schwiegervater, welche ſie Ungeheuer nannte, die Schuld trügen. Als ich in Parma ankam, ließ ich mich wie in Ceſena unter dem Namen Faruſi ins Wachbuch eintragen: es war dies der Familienname meiner Mutter und Henriette ſchrieb ſelbſt Anna von Arci, Franzöſin, ein. Während wir dem Thorſchreiber antworteten, bot ein junger leichtfüßiger und freundlicher Franzoſe uns ſeinen Dienſt an, und ſagte, ich würde beſſer thun, anſtatt auf der Poſt abzuſteigen, zu d'Andremont zu gehen, wo ich Wohnung und Küche nach franzöſiſcher Weiſe und die beſten franzöſiſchen Weine finden würde. Da ich ſah, daß der Vorſchlag Henrietten gefiel, ſo ließ ich mich dorthin führen, und wir fanden eine ſehr gute Wohnung. Ich nahm einen Lohnbedienten an und 26 traf eine ſehr genaue Abkunft mit d'Andremont. Sodann ließ ich ſelbſt den Wagen in die Remiſe bringen. Einen Augenblick darauf kehrte ich zurück und nachdem ich meiner Freundin geſagt, daß wir uns bei Tiſche wider⸗ ſehen würden, und dem Lakaien, er ſolle meine Befehle im Vorzimmer erwarten, ging ich aus. Parma ſtand unter der Zuchtruthe einer neuen Regie⸗ rung; ich war zu dem Glauben berechtigt, daß man überall auf Spione in allen Geſtalten ſtoßen würde; ich wollte kei⸗ nen Lakaien, welcher mir vielleicht mehr geſchadet als genützt haben würde, auf dem Nacken zu ſitzen haben. Ich war in der Heimath meines Vaters, wo ich Niemand kannte, aber obwohl ich allein war, war ich doch ſicher, mich bald zu orientiren. Als ich auf die Straße kam, ſchien es mir, als ob ich nicht mehr in Italien wäre, denn Alles hatte ein ultramon⸗ tanes Ausſehen. Aus dem Munde der Vorübergehenden hörte ich nur ſpaniſche oder franzöſiſche Worte, und dieje⸗ nigen, welche dieſe Sprachen nicht ſprachen, ſchienen ſich ins Ohr zu fluͤſtern. Ich überließ mich dem Zufall, um ein Leinenwaarenmagazin zu finden, denn ich wollte nicht danach fragen und fand endlich den Gegenſtand meiner Nachfor⸗ ſchungen. 4 Ich trete ein und mich an eine gute, dicke Matrone, welche im Comtoir ſaß, wendend, ſage ich: Madame, ich möchte einige Einkäufe machen. Mein Herr, ich werde ſogleich Jemand holen, der fran⸗ zöſiſch ſpricht. Das iſt nicht nöthig; ich bin Italiäner.. Gott ſei gelobt, denn das iſt jetzt etwas ſehr Seltenes. Sie wiſſen alſo nicht, daß Don Philippo angekommen iſt, und daß Madame de France, ſeine Gemahlin, unter⸗ wegs iſt? Ich wünſche Ihnen Glück dazu. Das muß dem Han⸗ del aufhelfen, das Geld muß rollen, und man muß jetzt eine reiche Auswahl haben. Das iſt wahr; aber Alles iſt theuer, und wir können uns nicht an die neuen Sitten gewöhnen. Eine ſchlechte 4 „ 8 — u— ͤ— merde Ihnen die Pelle der Nähterinnen holen. Unterdeß höchſten Zufriedenheit, aber ohne jene Aeußerungen, welche 27 Miſchung franzöſiſcher Freiheit und ſpaniſchen Zwanges ꝛmarht. uns ſchwindlich. Was für Leinenzeug wünſchen Sie? Vor Allem muß ich Ihnen ſagen, daß ich nicht handle; alſo ſehen Sie ſich vor. Wenn Sie mich übertheuern, komme ich nicht wieder. Ich brauche gute Leinewand zu vierundzwanzig Frauenhemden, Zeug zu Unterröcken und Schnürleibern, Mouſſeline, Batiſt zu Taſchentüchern und andere Artikel, die ich bei Ihnen zu dinden wünſchte, denn da ich fremd bin, ſo weiß Gott, in welche Hände ich fallen werde. Sie werden nur in gute Hände fallen, wenn Sie mir Ihr Vertrauen ſchenken wollen. Ich glaube, daß Sie es verdienen; ich überlaſſe mich Ihnen alſo; Sie müſſen mir auch Nähterinnen ſuchen, welche in dem Zimmer der Dame arbeiten müſſen, die ſchnell alle ihr fehlenden Sachen zu erſetzen wünſcht. Und Kleider? Auch Kleider, H auben, Mantillen, überhaupt Alles, und -9 Wenn ſie eld hat, ſ ſiehe ich Ihnen dafür, daß ſie Alles, was ſie wünſcht, erhalten ſoll. Iſt ſie jung? Sie iſt vier Jahre jünger als aich und meine Frau. Ach, Gott ſegne j ſie. Haben Sie Kinder?— in, liebe F aber ſie werden nicht Lesbleuem 4 ie freue ich mich! Wohlan! ich ſuchen Sie ſich nur aus. Ich wählte das Beſte, was ſie hatte, bezahlte und, da während deſſen die Nähterin gekommen war, ſo gab ich der Verkäuferin meine Adreſſe, bat ſie, mir die Stoffe zu ſchicken und ſagte der Nähterin und ihrer Tochter, welche mit ihr— gekommen war, ſie möchten mir folgen. Unterwegs kaufte ich ſeidene und zwirnene Strümpfe und ließ einen Schuh⸗ macher, welcher neben dem Gaſthofe wohnte, kommen. Nun kam ein herrlicher Augenblick! Henriette, welcher ich nichts geſagt, betrachtete Alles mit dem Ausdrucke der 28 das Intereſſe verrathen; und ſie bezeigte mir ihre Dankbar⸗ keit durch die feinen Lobſprüche, welche ſie mir wegen der Auswahl und Schönheit der von mir gekauften Artikel er⸗ theilte. Sie wurde deswegen nicht froher geſtimmt, aber ihre Dankbarkeit gab ſich in einem zärtlichen Ausdrucke zu erkennen. Der Lohnbediente war mit den Nähterinnen eingetre⸗ ten. Henriette ſagte ſehr milde zu ihm, er möchte hinaus⸗ gehen und warten, bis er gerufen würde. Die Nähterin macht ſich an die Arbeit, der Schuhmacher nimmt ihr Maaß und ich ſage ihm, er ſolle uns Pantoffeln holen. Eine Stunde darauf kehrte er zurück und der Lohnbediente trat wieder ungerufen ein. Der Schuhmacher, welcher franzöſiſch ſprach, erzählte Henriette Sachen, um ſich vor Lachen aus⸗ zuſchütten, als ſie ihn unterbrach, um den Bedienten, der ſehr ungenirt im Zimmer ſtand, zu fragen, was er wolle. Nichts, Madame, ich bin hier, um Ihre Befehle zu empfangen. Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß Sie gerufen werden würden, wenn man Ihrer bedürfte.. Ich möchte wohl wiſſen, wer von Ihnen beiden meine Herrſchaft iſt?. Keiner, ſagte ich lachend, hier iſt Ihr Lohn und nun gehen Sie. Da der Schuhmacher ſah, daß Madame nur franzöſiſch ſprach, ſo bot er ihr einen Sprachlehrer an. Aus welchem Lande iſt er? fragte Henriette. Er iſt Flamländer, Madame, ſagte Meiſter St. Cripin, und iſt ein etwa funfzig Jahre alter Gelehrter. Er iſt, wie man ſagt, ein ſehr tugendhaf⸗ ter Mann. Er nimmt drei parmeſaniſche Livres für die einſtündige Lektion, das Doppelte für eine zweiſtündige und läßt ſich ſtundenweiſe bezahlen. Mein Freund, ſagte Henriette, wünſcheſt Du, daß ich dieſen Lehrer nehme? Ich bitte Dich, meine Theure, das wird Dir Vergnü⸗ gen machen. Der Schuhmacher entfernte ſich und verſprach, den Flamländer am nächſten Morgen zu ſchicken. ——— 5 9S K8— — —=S 29 Die Nähterinnen arbeiteten fleißig; während die Mut⸗ ter zuſchnitt, nahte die Tochter; aber da eine einzige nicht viel nähen konnte, ſo ſagte ich zur Mutter, ſie würde uns ein Vergnügen machen, wenn ſie uns noch eine Nähterin anſchaffen wollte, welche franzöſiſch ſpräche. Sie ſollen ſie, ſagte ſte, noch heute haben. Zugleich bot ſie mir ihren Sohn zu unſerer Bedienung an. Sie werden keinen Dieb und keinen Spion in demſelben finden; auch ſpricht er ziem⸗ lich gut franzöſiſch. Ich glaube, mein Freund, ſagte Hen⸗ riette, daß wir gut daran thun würden, ihn zu nehmen. Das war hinreichend für mich, denn für einen liebenden Mann iſt der geringſte Wunſch des geliebten Gegenſtandes unbedingter Befehl. Die Mutter holte ihn und die halb⸗ franzöſiſche Nähterin kam ebenfalls. Das war eine Er⸗ leichterung und ein Zeitvertreib für meine Gattin. Der Sohn der Nähterin war ein junger Menſch von achtzehn Jahren, ziemlich gebildet, ſanft, beſcheiden und von angenehmer Phyſiognomie. Ich frage ihn nach ſeinem Na⸗ men, und er antwortete, er hieße Caudagna. Der Leſer weiß, daß mein Vater aus Parma war und hat vielleicht nicht vergeſſen, daß eine ſeiner Schweſtern einen Caudagna heirathete. Es wäre komiſch, ſagte ich zu mir ſelbſt, wenn dieſe Nähterin meine Tante und dieſer Bediente mein Vetter wäre! Schweigen wir. Henriette fragte mich, ob ich wünſche, daß dieſe Nähterin mit uns ſpeiſe. Ich bitte Dich, angebetete Henriette, mich künftig nicht mehr dadurch zu betrüben, daß Du für ſolche Kleinigkeiten meine Einwilligung forderſt. Sei überzeugt, zärtliche Freundin, daß meine Billigung Deinen geringſten Handlungen, wenn möglich, vorangehen wird. Sie lächelte und dankte. Nun eine Börſe aus der Taſche ziehend, ſagte ich zu ihr: Da haſt Du funfzig Zechinen und bezahle Du ſelbſt alle kleinen Ausgaben, welche Du zu machen haſt und welche zu erra⸗ then ich nicht ſcharfſinnig genug bin. Sie nahm ſie an und verſicherte mir, daß ich ihr ein großes Vergnügen da⸗ mit mache. Einen Augenblick, bevor wir uns zu Tiſche ſetzten, er⸗ ſchien der gute ungariſche Kapitain. Henriette umarmte ihn, 30 indem ſie ihn ihren guten Vater nannte und ich ahmte ih⸗ rem Beiſpiel nach, indem ich ihn meinen Freund nannte. Als der brave Militair alle dieſe Weiber für Henrietten ar⸗ beiten ſah, empfand er eine außerordentliche Freude, welche ſich auf ſeinem Geſichte ſehr deutlich ausſprach; er wünſchte ſich Glück, daß er ſeine Abenteuerin ſo gut untergebracht, und ſeine Freude ſtieg aufs Höchſte, als ich zu ihm ſagte, daß ich ihm mein Glück zu verdanken habe. 3 Wir ſpeiſten ſehr gut und waren ſehr fröhlich. Ich bemerkte, daß Henriette lecker und mein alter Offtzier ein Weinſchmecker war. Ich war beides einigermaaßen und fühlte mich fähig, ihnen Stand zu halten. Wir koſteten mehrere ausgezeichnete Weine, welche Herr d'Andremont mir mit 3 gerühmt hatte, und unſer Mittagsmahl war alſo recht hübſch. Mein junger Bedienter gefiel mir durch die Achtung, mit welcher er Alle bediente, und ſeine Mutter ebenſowohl wie ſeine Herrſchaft. Seine Schweſter und die andere Näh⸗ terin hatten allein geſpeiſt. Beim Deſſert meldete man uns die Leinenwaarenhänd⸗ lerin nebſt einer andern Frau und einer Modenhändlerin, welche franzöſiſch ſprach. Die andere hatte Proben von al⸗ len Arten von Zeugen. Ich ließ Henriette die Mützen, Hau⸗ ben, Garnituren u. ſ. w. nach Belieben beſtellen; aber an der Auswahl der Kleider verlangte ich durchaus Theil zu nehmen, wobei ich mich indeß dem Geſchmacke meiner ange⸗ beteten Freundin anbequemte. Ich zwang ſie vier Kleider auszuſuchen, und ich fühle, daß ich ihr Dank ſchuldig war, weil ſie die Gefälligkeit hatte, ſie anzunehmen; denn je mehr ich das Herz dieſes liebenswürdigen Weibes feſſelte, deſto mehr fühlte ich, daß ich mein Glück erhöhte. So brachten wir den erſten Tag zu, während deſſen es nicht möglich war, mehr zu thun als wir thaten. Als wir Abends allein ſpeiſten, war es mir, als ob ſich über ihr ſchönes Geſicht eine Wolke der Traurigkeit verbreitet habe; ich ſagte es ihr. Mein Freund, ſagte ſie mit einem Tone, der mir zu 31 Herzen ging, Du giebſt viel Geld für mich aus; und wenn Du dies thuſt, damit ich Dich mehr liebe, ſo muß ich Dir ſagen, daß daſſelbe weggeworfen iſt, aber ich liebe Dich von ganzem Herzen. Alles, was Du über das einfach Noth⸗ wendige hinaus thuſt, macht mir nur noch inſofern Ver⸗ gnügen, als ich immer mehr daraus ſehe, daß Du meiner würdig biſt; aber um Dich zu lieben, wie Du es verdienſt, brauche ich dieſe Ueberzeugung nicht. Ich glaube es, theure Freundin, und ich freue mich meines Glücks, wenn Du fühlſt, daß Deine Zärtlichkeit nicht wachſen kann. Aber erfahre auch, angebetetes Weib, daß ich nur ſo gehandelt habe, um Dich, wo möglich, noch mehr zu lieben. Ich wünſche, daß Du unter Deinem Ge⸗ ſchlechte glänzeſt, und wenn ich ein ſchmerzliches Gefühl empfinde, ſo iſt es das, Dich nicht nach Deinem Verdienſte glänzen laſſen zu können. Wenn Dir das Vergnügen macht, meine Freundin, muß ich dann nicht bezaubert ſein? Du darfſt nicht zweifeln, daß mir das großes Vergnü⸗ gen macht und in gewiſſer Beziehung, da Du geſagt haſt, daß ich Deine Frau ſei, haſt Du Recht: aber wenn Du nicht ſehr reich biſt, ſo fühlſt Du, welchen Vorwurf ich mir machen muß! Ach, meine Freundin, laß mich, ich bitte Dich, mich für reich halten und glaube, mein Engel, daß es unmöglich iſt, daß Du die Urſache meines Ruins werden kannſt. Du biſt für mein Glück geboren. Denke nur daran, mich nie zu verlaſſen und ſage mir, ob ich es hoffen darf. Ich wünſche es, mein zärtlich geliebter Freund; aber wer kann auf die Zukunft rechnen! Biſt Du frei? Hängſt Du von Jemand ab? Ich bin frei im vollen Sinne des Worts und kenne keine andere Abhängigkeit als die köſtliche von Dir. Ich wünſche Dir Glück dazu, und meine Seele freut ſich deſſen; Niemand kann Dich mir entreißen; aber leider weißt Du, daß ich nicht daſſelbe von mir ſagen kann. Ich bin ſicher, daß man mich ſuchet, und ich weiß, daß man leicht Mittel finden wird, mich zu haben, wenn man mich 32 untdeckt. Ach, wenn es gelingt, mich Dir zu entreißen, ſo fühle ich, wie unglücklich ich ſein werde! Du erſchreckſt mich. Kannſt Du dies Unglück hier fürchten? MNieen, wenn ich nicht von Jemand geſehen werde, der mich kennt? Iſt es wahrſcheinlich, daß dieſer Jemand in Parma iſt? Das iſt ſchwer anzunehmen. Trüben wir alſo unſer Glück nicht durch eine Furcht, die, wie ich hoffe, ſich nicht beſtätigen wird. Bor Allem, liebenswürdige Freundin, ſei heiter, wie Du es in Ceſena warſt. Ich will es unverholener ſein, mein Freund, denn in Ceſena war ich unglücklich und jetzt bin ich glücklich. Fürchte nicht, mich traurig zu ſehen, denn die Heiterkeit iſt der Hauptzug meines Charakters. Ich glaube, daß Du in Ceſena fürchten mußteſt, jeden Augenblick von dem Offizier, den Du in Rom verlaſſen, eingeholt zu werden. Durchaus nicht. Dieſer war mein Schwiegervater, der, wie ich ſicher bin, nicht den geringſten Schritt gethan, um zu erfahren, wohin ich mich begebe. Er kann ſich nur ſehr gefreut haben, mich los geworden zu ſein. Ich fühlte mich unglücklich, weil ich ſah, daß ich einem Menſchen, den ich nicht lieben konnte, mit welchem ich nicht einmal einen Ge⸗ danken austauſchen konnte, zur Laſt fiel. Rechnen Sie noch hinzu, daß ich nicht glauben konnte, ihn glücklich zu ma⸗ chen, denn ich hatte bei ihm eine flüchtige Laune erregt, welche er zehn Zechinen werth ſchätzte. Ich mußte mir ſa⸗ gen, daß, ſobald dieſe Laune befriedigt war, ſie in ſeinem Alter nicht noch einmal entſtehen konnte, und daß ich ihm zur Laſt fallen könnte, weil er offenbar nicht reich war. Eine Rückſicht des Mitleidens erhöhte noch meinen gehei⸗ 4 men Kummer. Ich hielt mich für verpflichtet, ihm Liebko⸗ ſungen zu erweiſen, und da er es vielleicht für ſeine Pflicht hielt, ſie zu erwiedern, ſo fürchtete ich, daß er ſeine Ge⸗ ſundheit opferte, und dieſe Idee war eine wahre Qual für mich. Da wir beide keine Liebe für einander hatten, ſo * 5 M+—9 G———,——„— uns aus einfältiger Höflichkeit Zwang auf. Wir bewilligten einer von uns ſo angeſehenen Forderung des Anſtandes, wozu nur die Liebe berechtigt iſt. Was mich noch mehr peinigte und mich ſchamroth machte, war der Gedanke, daß man vorausſetzen könnte, daß er mich zu ſeinem Vortheile hielte; indeß, wenn ich daran dachte, ſo fand ich, daß das Urtheil, wie falſch es auch geweſen ſein mochte, den⸗ noch eine gewiſſe Wahrſcheinlichkeit hatte. Dieſem Gefühle haſt Du ohne Zweifel mein zurückhaltendes Benehmen zu danken, denn ich fürchtete, daß, wenn Du in meinen Mie⸗ nen den Eindruck, den Du auf mich gemacht, läſeſt, Du dieſe beleidigende Idee von mir faſſen könnteſt. Es war alſo nicht ein Gefühl der Eigenliebe? Nein, ich geſtehe es Dir; denn Du konnteſt über mich nur das Urtheil fällen, welches ich verdiente. Ich habe den tollen Streich, welchen Du kennſt, begangen, weil mein Schwiegervater mich in ein Kloſter bringen wollte, was keineswegs nach meinem Geſchmacke war. Uebrigens er⸗ laubſt Du, mein Freund, daß ich Dir meine Geſchichte mittheile. Ich achte Dein Geheimniß, mein Engel; fürchte keine Zudringlichkeit in dieſer Beziehung. Lieben wir uns nur uund dulden wir nicht, daß die Furcht vor der Zukunft un⸗ ſer gegenwärtiges Glück ſtöre. Um neun Uhr ließ ſich der italiäniſche Lehrer melden. Ich ſah einen Mann von achtungswerthem Anſehen eintre⸗ ten, welcher höflich und beſcheiden war, wenig, aber gut ſprach, zurückhaltend in ſeinen Antworten und im alten Ge⸗ ſchmacke gebildet war. Wir plauderten, und das Erſte, was mich zum Lachen brachte, war die mit dem Tone der Auf⸗ richtigkeit vorgebrachte Aeußerung, daß ein Chriſt das Sy⸗ ſtem des Copernicus nur als gelehrte Hypotheſe gelten laſ⸗ ſen könne. Ich antwortete, dieſes Syſtem müſſe das Got⸗ tes ſein, da es das der Natur wäre, und daß die heilige Schrift nicht das Buch wäre, aus welchem die Chriſten Phyſik lernen könnten. Er lächelte auf eine Weiſe, welche mich den Tartüfe erkennen ließ; und wäre es nur auf mich angekommen, ſo IIV. 3 8 hätte ich dem armſeligen Menſch di er aber Henrietten Vergnügen machen und ſie die italiäniſche Sprache lehren konnte, ſo hatte ich weiter nichts von ihm zu for⸗ dern. Meine theure Gattin ſagte ihm, daß ſie täglich ſechs Liyres für die zweiſtündige Lektion geben würde; die Par⸗ meſaniſche Liore iſt fünf franzöſiſche Sous werth; ſeine Stunden waren alſo nicht theuer. Sie nahm an dieſem Tage ihre erſte Stunde, nach deren Beendigung ſie ihm zwei Zechinen gab, damit er ihr einige Romane kaufe, nicht zu lachen, und als er endlich doch losplatzen mußte, e Thüre gezeigt; wenn welche in Ruf ſtanden. K Während Henriette ihre Stunde nahm, unterhielt ich mich mit der Nähterin, um mich zu überzeugen, ob wir verwandt wären. Welches Geſchäft, fragte ich, treibt Ihr Mann? Er iſt Haushofmeiſter beim Marquis Siſſa. Lebt Ihr Vater noch? Nein, mein Herr, er iſt todt. Welches war ſein Familienname? 1 Scotti.. Und hat Ihr Mann Vater und Mutter? Sein Vater iſt geſtorben, aber ſeine Mutter lebt noch 1 bei dem Kanonikus Caſanova, ihrem Onkel. 3 Mehr brauchte ich nicht. Dieſe gute Frau war meine 4 Couſine nach der Weiſe der Bretagne und ihre Kinder 2 meine Nichten und Neffen. Meine Nichte Hannchen war nicht hübſch, ſah aber wie ein gutes Mädchen aus. Ich ließ die Mutter weiter ſchwatzen* ſind die Parmeſaner zufrie⸗ den damit, daß ſie Unterthanen eines ſpaniſchen Prinzen geworden? Zufrieden? Sie müßten leicht zu befriedigen ſein, denn wir ſind in einem wahren Labyrinthe; Alles iſt umgeworfen, und wir wiſſen nicht mehr, woran wir ſind. Glückliche Zeit, als das Haus Farneſe herrſchte, du biſt nicht mehr! Ich war geſtern in der Komödie, wo das ganze Haus aus vollem Hals über den Arlechin lachte. Nun, denken Sie ſich nur: Don Philipp, unſer neuer Herzog, der nur hätte in ſeinem Spanien bleiben ſollen, gab ſich die größte Mühe, 4 4 3 — —— —— — — aber nachdem ich eine gekauft, dac 35 hielt er den Hut vors Geſicht, damit man es nicht ſähe; denn man ſagt, das Lachen ſtöre die gravitätiſche und ſteife Haltung eines ſpaniſchen Infanten und derſelbe würde in Madrid entehrt werden, wenn er ſeine Fröhlichkeit nicht ver⸗ bürge. Was ſagen Sie dazu? Können ſolche Sitten für uns, die wir ſo gern lachen, wohl paſſen? O, der gute Herzog Anton, Gott ſei ſeiner Seele gnädig! war gewiß ein ebenſo guter Prinz wie dieſer, und verbarg ſeinen Un⸗ terthanen ſeine Zufriedenheit nicht, denn er lachte zuweile ſo herzlich, daß man es bis auf die Straße hörte. Wir ſind in einer unglücklichen Verwirrung und ſeit einem Vierteljahre weiß in Parma Niemand mehr, was die Uhr iſt. Hat man die Uhren zerſtört? Nein; ſeitdem aber Gott die Welt geſchaffen, iſt die Sonne immer um 23 ½ Uhr untergegangen und um 24 Uhr hat man das Angelus geläutet: alle ehrlichen Leute wußten, daß man um dieſe Zeit Licht anzündete. Die Sonne iſt toll geworden, denn ſie geht alle Tage zu einer andern Zeit unter. Unſere Bauern wiſſen nicht mehr, zu welcher Stunde ſie auf den Markt ſollen. Das nennt man ein Reglement; aber wiſſen Sie, weshalb? Weil jetzt Jeder weiß, daß man um zwölf Uhr zu Mittag ſpeiſt. Meiner Treu, ein ſchö⸗ nes Reglement! Zur Zeit der Farneſe aß man, wenn man Appetit hatte, und das war weit beſſer. Ich fand dieſe Art zu ſprechen freilich ſonderbar, aber im Munde einer Frau aus dem Volke vernünftig; denn in der That ſollte eine Regierung Sitten, welche eine lange Reihe von Jahren hindurch im Volke Wurzel gefaßt haben, nicht ge⸗ waltſam zerſtören, und ich bin der Anſicht, daß unſchuldige Irrthümer nur ſtufenweiſe zerſtört werden müſſen. Henriette hatte keine Uhr; ich wollte mir das Vergnü⸗ gen machen, ihr eine zu ſchenken, und ich ging deshalb aus; chte ich auch an Ohrringe, einen Fächer und eine Menge niedlicher Kleinigkeiten, welche ich ebenfalls kaufte. Sie empfing alle dieſe Geſchenke der Liebe mit feinfühlender Zärtlichkeit, welche mir einen großen Genuß bereitete. Ihr Lehrer war noch bei ihr, als ich zu⸗ 3¹ 36 rückkam. Ich hätte, ſagte er, Madame die Heraldik, die Geographie, die Geſchichte, die Syhärik lehren können, aber ſte weiß das Alles, Madame hat eine ſehr gute Erziehung erhalten. Dieſer Lehrer hieß Valentin de la Haye. Er ſagte, er wäre Ingenieur und Profeſſor der Mathematik. Ich werde in dieſen Memoiren viel von ihm zu ſprechen haben und mein Leſer wird ihn beſſer durch ſeine Handlungen kennen lernen als durch das Portrait, welches ich von ihm entwerfen kann; ich will bloß im Vorbeigehen von ihm be⸗ merken, daß er ein würdiger Schüler Escobars, ein wahrer Tartufe war. Wir ſpeiſten ſehr fröhlich mit unſerm Ungarn, und Henriette war noch immer als Offizier gekleidet, aber ich ſehnte mich danach, ſie in Frauenkleidung zu ſehen. Am folgenden Tage ſollte ſie ein Kleid erhalten; ſie hatte ſchon Unterröcke und Hemden. Henriette ſprühte von Geiſt und Feinheit. Die Mode⸗ händlerin, welche aus Lyon war, trat am Morgen mit den Worten ein: meine Dame und mein Herr, ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Morgen zu wünſchen. Weshalb, ſagte meine Freundin, ſagen Sie nicht: Mein Herr und meine Dame? Ich habe immer geglaubt, daß in Geſellſchaft den Damen die Ehre erwieſen wird, ſie zuerſt zu nennen. Aber von wem beanſpruchen wir dieſe Ehre? Ohne Zweifel von den Männern. Und Sie ſehen nicht, daß die Frauen ſich lächerlich machen, wenn ſie den Männern nicht daſſelbe thun, was ſie von ihnen gethan haben wollen? Wenn dieſelben gegen uns es nicht an Höflichkeit ſollen fehlen laſſen, ſo müſſen wir ihnen mit gutem Beiſpiele vorangehen. Madame, ſagte die feine Lyonerin, Ihre Lektion ſcheint mir ausgezeichnet, und ich werde ſie benutzen. Mein Herr und meine Dame, ich bin Ihre Dienerin. Dieſer weibliche Streit erheiterte mich. Diejenigen, welche glauben, daß eine Frau nicht aus⸗ reicht, um einen Mann die ganzen vierundzwanzig Stunden 2„ 2. 37 des Tages glücklich zu machen, haben nie eine Henriette ge⸗ kannt. Das Glück, welches mich erfüllte, ich darf es ſagen, war weit vollkommner, wenn ich mich mit ihr unterhielt, als wenn ich ſie in meine Arme drückte. Sie hatte viel geleſen und hatte viel Takt und natürlichen Geſchmack; ſie hatte ein ſicheres Urtheil, und wenn ſie auch nicht gelehrt war, ſo folgerte ſie doch wie ein Mathematiker, ließ ſich beim Sprechen gehen, war durchaus anſpruchslos, und miſchte überall die natürliche Grazie ein, welche Allem Reiz verleiht. Da ſie ihren Geiſt nicht zu zeigen ſuchte, ſo be⸗ gleitete ſie das Bedeutende, was ſie ſagte, mit einem Lächeln, welches demſelben den Anſtrich der Frivolität gab, und es Allen zugänglich machte. Dadurch gab ſie ſelbſt denen Geiſt, welche ſehr wenig hatten und feſſelte alle Her⸗ zen. Eine Schönheit ohne Geiſt kann der Liebe nur den materiellen Genuß ihrer Reize bieten; während eine geiſt⸗ reiche Häßliche durch die Reize ihres Geiſtes einnimmt und dem Manne, welchen ſie eingenommen hat, zuletzt nichts mehr zu wünſchen übrig läßt. Was mußte mir alſo der Beſitz Henriettens ſein? Er mußte mich auf eine Weiſe glücklich machen, daß ich mein Glück gar nicht faſſen konnte. Man frage eine Schönheit ohne Geiſt, ob ſie gern einen kleinen Theil ihrer Reize gegen eine hinlängliche Do⸗ ſis von Geiſt austauſchen würde. Wenn ſie nicht heuchelt, ſo wird ſie ſagen, ich bin zufrieden mit dem was ich habe. Aber weshalb iſt ſie zufrieden? Weil ſie ihre Bedürfniſſe nicht empfindet. Man frage eine geiſtreiche Häßliche, ob ſie ihren Geiſt gegen Schönheit eintauſchen möchte. Sie wird ſich nicht beſinnen, Nein zu ſagen. Warum? Weil ſie ih⸗ ren Geiſt kennt und weiß, daß er ihr Alles erſetzt. Die geiſtreiche Frau, welche ſich nicht eignet, einen Mann gluͤcklich zu machen, das iſt die gelehrte Frau. Die Wiſſenſchaft iſt übel angebracht bei einer Frau, denn ſie ſchadet der Sanftmuth des Charakters, der Annehmlich⸗ keit, der ſanften Furchtſamkeit, welche dem ſchönen Geſchlechte einen ſo großen Reiz verleiht; und übrigens iſt auch eine Frau mit ihrem Wiſſen nie über gewiſſe Gränzen hinausge⸗ kommen, und das Geſchwätz gelehrter Frauen imponirt nur 38 Dummköpfen. Von Frauen iſt nie eine große Entdeckung gemacht worden. Dem weiblichen Geſchlecht fehlt die Kraft, welche die phyſiſche Begabung dem männlichen verleiht; aber hinſichtlich des einfachen Urtheils, der Zartheit der Empfin⸗ dungen, überhaupt hinſichtlich aller Vorzüge, welche mehr vom Herzen als vom Geiſte abhängen, ſind die Frauen uns weit überlegen.. Schleudere einer geiſtreichen Frau einen Sophismus an den Kopf, ſo wird ſie ſich zwar demſelben nicht ent⸗ wickeln können, aber ſich auch nicht von ihm täuſchen laſ⸗ ſen; und wenn ſie es Dir auch nicht ſagt, ſo wird ſie Dich doch errathen laſſen, daß ſie ihn verwirft. Der Mann da⸗ gegen, welcher ihn unlösbar findet, nimmt denſelben zuletzt buchſtäblich und in dieſer Beziehung iſt die gelehrte Frau durchaus Mann. Welche Laſt muß eine Madame Dacier ſein! Gott bewahre jeden ehrlichen Mann davor! Als die Schneiderin kam, ſagte Henriette, ich dürfte ihrer Umwandlung nicht beiwohnen und forderte mich auf ſpatzie⸗ ren zu gehen, bis ſie wieder ſie ſelbſt geworden wäre. Ich gehorchte, denn wenn man liebt, ſo erhöht ſich das Glück dadurch, daß man der geringſten Willensäußerung des ge⸗ liebten Gegenſtandes gehorcht. Da mein Spatziergang kein beſtimmtes Ziel hatte, ſo trat ich bei einem franzöſiſchen Buchhändler ein, und machte hier die Bekanntſchaft eines geiſtreichen Bucklichen; und hier muß ich auch erwähnen, daß nichts ſo ſelten iſt als ein Buckli⸗ cher ohne Geiſt; ich habe dieſe Erfahrung in allen Ländern gemacht. Es iſt nicht der Geiſt, welcher den Buckel erzeugt, denn, Gott ſei Dank, es ſind nicht alle geiſtreichen Menſchen bucklich; aber man kann im Allgemeinen behaupten, daß der Buckel Geiſt erzeugt, denn die kleine Anzahl Bucklicher, welche keinen oder wenig Geiſt haben, hebt die Regel nicht auf. Derjenige, von welchem hier die Rede iſt, hieß Du⸗ bois⸗Chatelerauxr. Er war ein gelehrter Kupferſtecher und Münz⸗Direktor des Infanten Herzogs von Parma, obwohl dieſer kleine Herrſcher gar keine Münze hatte. 4 Ich brachte eine Stunde in Geſellſchaft dieſes geiſtrei⸗ chen Bucklichen zu, welcher mir mehrere ſeiner Kupferſtich⸗ 2 ——&—n—&—+— u 9— 39 arbeiten zeigte, und hierauf kehrte ich in den Gaſthof zu⸗ rück, wo ich unſern Ungarn fand, welcher auf Henriettens Sichtbarwerden wartete. Er wußte nicht, daß ſie uns in Frauenkleidung aufwarten würde. Die Thür öffnet ſich und eine reizende Frau empfängt uns mit einer graziöſen Verbeugung, welche eben ſo fern von aller Steifheit bleibt, wie von der Frei heit, welche der Militairrock verleiht. Ihr Anblick machte uns verlegen, und es fehlte uns wirklich an Faſſung. Sie ladet uns ein, uns neben ſie zu ſetzen, be⸗ trachtet den Capitain mit einem freundſchaftlichen Blicke, und drückt mir die Hand mit ausdrucks⸗ und gefühlvoller Zärtlichkeit, aber ohne jenen Anſtrich von Vertraulichkeit, die ein junger Offizier ſich geſtatten darf, ohne der Liebe zu ſchaden, die aber für ein wohlerzogenes Weib nicht paßt. Ihre edle und anſtändige Haltung nöthigte mich zu einer eben ſolchen, ohne daß ſie mir Zwang auferlegte, denn ſie ſpielte nicht eine Rolle, und als ſie ihren natuͤrlichen Cha⸗ rakter wieder annahm, wurde es mir nicht ſchwer, mich ih⸗ rem Benehmen anzubequemen. Ich betrachtete ſie mit einer Art Bewunderung, und getrieben von meinem Gefühle, von welchem ich mir nicht Rechenſchaft zu geben ſuchte, ergriff ich ihre Hand, um ſie ihr zu drücken; ehe ich ſie aber an meine Lippen führen konnte, gab ſie mir ihren ſchönen Mund preis und nie iſt mir ein Kuß ſo köſtlich erſchienen. Bin ich denn nicht im⸗ mer dieſelbe? ſagte ſie mit gefühlvollem Tone. Nein, meine göttliche Freunden, und in meinen Augen ſind Sie es ſo ſehr nicht mehr, daß ich Sie nicht mehr zu dutzen wage. Sie ſind nicht mehr der geiſtreiche, aber freie junge Offizier, welcher Madame Querini antwortete, daß Sie Pharao ſpielten und die Bank hielten, daß aber der Gewinn ſo gering wäre, daß es ſich nicht der Mühe ver⸗ lohnt davon zu ſprechen. Es iſt ſicher, daß ich dieſe Worte in meinem Frauen⸗ anzuge nicht zu wiederholen wagen würde. Indeß, mein Freund, bin ich darum nicht weniger Deine Henriette, die Henriette, welche in ihrem Leben drei Thorheiten begangen hat, von denen ohne Dich die letzte mich zu Grunde gerich⸗ 40 anlaſſung geworden, daß ich Dich kennen gelernt. Dieſe Worte machten einen ſo tiefen Eindruck auf mich, daß ich im Begriffe ſtand, mich ihr zu Füßen zu werfen, und ſie um Verzeihung zu bitten, daß ich ſie nicht mehr geachtet; aber Henriette, welche meinen Zuſtand ſah und dieſem pathetiſchen Zuſtande ein Ende machen wollte, fing an den alten Capitain zu ſchütteln, welcher das Ausſehen einer Statue hatte, als ob er verſteinert war. Er ſchämte ſich, daß er eine Frau dieſer Art aͤls Abenteuerin behandelt, denn daß er nicht unter dem Einfluſſe einer Illuſion ſtände, war ihm wohl klar. Er betrachtete ſie mit einer Art Ver⸗ wirrung und machte ihr gleichſam als Ehrenerklärung ſehr ehrfurchtsvolle Verbeugungen. Sie ſchien ihm, aber ohne den geringſten Anſtrich von Vorwurf, zu ſagen: Es iſt mir ſehr lieb, daß Sie der Anſicht ſind, daß ich mehr als zehn Zechinen werth bin.. Wir ſetzten uns zu Tiſche und von dieſem Augenblicke an machte ſie die Honneurs mit einer Leichtigkeit, welche die Gewohnheit bewies. Sie behandelte den Capitain als ach⸗ tungswerthen Freund und mich als geliebten Mann. Der Capitain bat mich ihr zu ſagen, daß, wenn er ſie ſo in Cioità⸗Vecchia aus der Tartane hätte ſteigen ſehen, es ihm nie eingefallen ſein würde, ihr ſeinen Cicerone zu⸗ zuſchicken. O, ſagen Sie ihm, daß ich vollkommen davon über⸗ zeugt bin. Aber es iſt doch ſehr ſonderbar, daß ein Frauen⸗ kleid mehr imponirt als eine Uniform. Laſſen Sie, ich bitte Sie, die Uniform in Ruhe, denn ihr verdanke ich mein ganzes Glück. Ja, ſagte ſie mit dem liebenswürdigſten Lächeln, wie ich den Sbirren von Gäpemn. Wir blieben lange bei Tiſche, und führten reizende Ge⸗ ſpräche, welche alle auf unſer gegenwärtiges Glück Bezug hatten; und nur der Zwang, welchen ſich der Ungar anzu⸗ legen ſchien, machte unſern Scherzen und unſerm Mittags⸗-⸗ mahle ein Ende. tet haben würde, die ich aber reizend nenne, da ſie die Ver⸗ .„„— 56. n— u 8— i⏑æ⏑ i;* N R — 41 Fünfundzwanzigſtes Kapitei. Ich neh e trotz Henriettens Widerſtreben eine Opern- loge. Wiß Gerr Dubois kömmt zu mir und ſpeiſt bei mir zu Mittag; Eulenſpiegelſtreich, welchen ihm meine Freun- din ſpielt. ☚3 Henriettens Urtheil über das Glück. L Wir gehen zu Dubais; wunderbares Talent, welches meine Gemahlin hier entkaltet. re,Herr Butillot.— Prächtiges Feſt, welches der Hok in ſeinen Gärten veranſtaltet.— Verhängnißvolles Buſammentrelfen kür uns.— Irh habe eine Buſammenkunkt mit Herrn d'Antoine, Günſtling des Inkanten. Das Glück, welches ich genoß, war zu vollkommen, um von Dauer zu kein es ſollte mir entriſſen werden. Aber greifen wir den Freigniſſen nicht vor. Nachdem Madame de France, Gemahlin Don Philipps, angekommen war, ſagte ich zu Henrietten, ich würde eine Opernloge miethen und wir wollten alle Tage die Oper be⸗ ſuchen. Sie hatte mir mehrmals geſagt, daß die Muſik ihre herrſchende Leidenſchaft wäre, und ich zweifelte nicht, daß mein Vorſchlag mit Freuden aufgenommen werden würde. Sie hatte noch keine italiäniſche Oper geſehen und mußte begie⸗ rig ſein, dieſe Merkwürdigkeit des Landes kennen zu ler⸗ nen. Man denke ſich indeß mein Erſtaunen, als ſie ausrief: Wie, mein Freund, Du willſt, daß wir täglich in die Oper gehen?. Ich denke, meine Freundin, daß wir Anlaß zu Ge⸗ klätſch geben werden, wenn wir nicht in dieſelbe gehen. Wenn Du indeß nicht gern hingehſt, ſy weißt Du, daß Dich nichts dazu nöthigt; lege Dir keinen Bwang auf, denn ich ziehe Deine ſüßen Geſpräche in dieſem Zimmer dem ſchön⸗ ſten Concert der Engel vor. Ich bin vernarrt in die Muſik, mein zärtlich geliebter Frreund, aber ich kann mich nicht enthalten, bei der bloßen Idee des Ausgehens zu zittern. 42 Wenn Du zitterſt, ſchaudere ich; aber wir müſſen die Oper beſuchen oder uns von hier entfernen, reiſen wir nach London oder anderswohin. Befiehl, ich bin bereit zu thun, was Du willſſt. Nimm eine Loge, die nicht zu offen liegt. Du entzückſt mich und Dein Wille ſoll geſchehen. Ich nahm eine Loge im zweiten Range, da aber das Theater klein war, ſo konnte eine hübſche Frau im zweiten Range nicht gut unbemerkt bleiben. Ich ſagte es ihr. Ich glaube nicht, antwortete ſie, daß ich Gefahr laufe, denn in der Fremdenliſte, welche Du mir zu leſen gegeben, habe ich keinen mir bekannten Namen gefunden.. Henriette ging ohne Schminke in die Oper und wir hatten eine unerleuchtete Loge. Es war eine Opera buffa, deren Muſik von Burellano ausgezeichnet war, und in wel⸗ cher auch die Schauſpieler vortrefflich ſpielten. Meine Freundin benutzte ihre Lorgnette nur, um die Schauſpieler zu betrachten und Niemand betrachtete uns. Da das Finale des zweiten Aktes ihr ſehr gefallen, ſo ver⸗ ſprach ich es ihr, und wendete mich an Dubois, um es ihr zu verſchaffen. Da ich glaubte, daß Henriette Klavier ſpiele, ſo bot ich ihr eins an, ſie ſagte aber, ſie habe dies Inſtru⸗ ment nicht gelernt. 4 Als wir am vierten oder fünften Tage die Oper be⸗ ſuchten, kam Herr Dubois in unſere Loge, und da ich ihn nicht meiner Freundin vorſtellen wollte, ſo begnügte ich mich, ihn zu fragen, worin ich ihm nützlich ſein könnte. Er reichte mir nun die Muſik, am welche ich ihn gebeten; ich bezahlte ihn und dankte ihm für ſeine Gefälligkeit. Da wir der herzoglichen Loge gegenüber ſaßen, ſo fragte ich ihn, um etwas zu ſagen, ob er Ihre Hoheiten geſtochen. Er antwortete, er habe ſchon zwei Medaillen gemacht, und ich bat ihn, ſie mir in Gold zu bringen. Er verſprach es mir und entfernte ſich ſodann. Henriette hatte ihn gar nicht angeſehen, und dies war in der Ordnung, da ich ihr denſelben nicht vorgeſtellt hatte; indeß meldete man uns ihn am folgenden Tage, als wir bei Tiſche ſaßen. Herr de la Haye, welcher bei uns ſpeiſte, machte uns ein Compliment über die Bekanntſchaft, ——-—— (S c— 0ͤ=S=SSs ͤSee die blieb ebenfalls nicht zurück, rühmte die Güte des Kaffee 43 welche wir gemacht, und ſtellte ihn gleich nach ſeinem Ein⸗ tritt ſeiner Schülerin vor. Es war natürlich, daß Henriette ihn nun bewillkommnete und ſie that dies auf eine ganz vortreffliche Weiſe. Nachdem ſie ihm für das Spartito gedankt, bat ſie ihn, ihr noch einige andere Arien zu verſchaffen, und der Künſtler nahm dieſe Bitte als eine Gunſt auf, welche ihm großes Vergnügen machte. Mein Herr, ſagte Dubois zu mir, ich bin ſo frei ge⸗ weſen zu Ihnen zu kommen, um Ihnen die Medaillen zu zeigen, um welche Sie mich gebeten. Auf der einen befan⸗ den ſich der Infant und ſeine Gemahlin, auf der andern war nur das Bild Don Philipps. Dieſe Medaillen waren ausgezeichnet gearbeitet und wir lobten ſie mit Recht. Die Arbeit iſt unbezahlbar, ſagte Henriette, aber es läßt ſich das Gold bezahlen. Madame, antwortete beſcheiden der Künſtler, ſie wiegen ſechszehn Zechinen. Sie bezahlte ſie ihm auf der Stelle, und lud ihn ein, ein andermal eine Suppe bei uns zu eſſen. Während deſſen hatte man den Kaffee aufgetragen, und Henriette forderte ihn auf, eine Taſſe mit uns zu trinken. Als ſie Zucker in ſeine Taſſe werfen wollte, fragte ſie ihn, ob er gern ſüß tränke. Ihr Geſchmack, Madame, antwortete der galante Buck⸗ lige wird gewiß auch der meinige ſein. Sie haben alſo errathen, daß ich immer ohne Zucker trinke; ich freue mich ſehr, daß Sie meinen Geſchmack theilen. Dieſes ſagend, reichte ſie ihm ſehr graziöſe eine Taſſe ohne Zucker, ſchenkt ſodann de la Haye und mir ein und wirft uns beiden ſehr viel Zucker hinein, worauf ſie ſich — ganz wie Dubois einſchenkt. Es wurde mir ſchwer, nicht loszuplatzen, denn meine boshafte Franzöſin, welche den Kaffee nach Pariſer Weiſe trank, d. h. ſehr ſüß, trank ih⸗ ren bittern Kaffee mit dem Ausdrucke des höchſten Vergnü⸗ gens und zwang dadurch den Münz⸗Direktor gute Miene zum böſen Spiele zu machen. Der feine Bucklige, welcher für ſein fades Compliment auf dieſe Weiſe beſtraft worden, 44 und behauptete ſogar, man müſſe den Kaffee ſo trinken, um das Aroma der köſtlichen Bohnen zu ſchmecken. Als Dubois und de la Hayef weggegangen waren, fingen wir an, über dieſe Eulenſpiegelei zu lachen; aber, ſagte ich, Du wirſt das erſte Opfer Deiner Bosheit werden, denn wenn er hier zu Mittag ſpeiſt, wirſt Du Deine Rolle fort⸗ ſpielen müſſen, um Dich nicht zu verrathen. Ich werde, ſagte ſie, leicht ein Mittel finden, meinen Kaffee zu zuckern und ihn noch ferner die bittere Schaale leeren zu laſſen. Nach Verlauf eines Monats ſprach Henriette das Ita⸗ liäniſche mit Leichtigkeit und ſie verdankte dies mehr der beſtändigen Uebung mit meiner Couſine Hannchen, als den Stunden Herrn de la Hayes, denn in den Stunden lernt man nur die Regeln und zum Sprechen gehört Uebung. Ich habe es an mir ſelbſt erfahren; ich lernte mehr Fran⸗ zöſiſch in der leider zu kurzen Zeit, während welcher ich das Glück hatte, mit dieſem angebeteten Weibe in vertrautem Umgange zu leben, als ich bei Delacqua lernte. Wir waren zwanzigmal in der Oper geweſen, ohne irgend eine Bekanntſchaft gemacht zu haben, und wir lebten glücklich in der vollen Bedeutung des Wortes. Ich verließ nur mit Henrietten unſere Wohnung, auch fuhren wir nur aus und waren durchaus unzugänglich, ſo daß ich Niemand bekannt wurde. Seit der Abreiſe unſers guten Ungarn war Herr Du⸗ bois die einzige Perſon, welche zuweilen zu uns kam: de la Haye war unſer täglicher Tiſchgenoſſe. Dieſer Dubois war ſehr neugierig zu erfahren, wer wir wären, aber er war fein und ließ ſich nicht errathen; übrigens waren wir zu⸗ rückhaltend ohne Affektation und ſeine Neugierde blieb un⸗ befriedigt. Eines Tages ſprach er vom Glanze des Hofes des Herzogs⸗Infanten ſeit der Ankunft von Madame de France und von dem Zuſammenſtrömen Fremder beiderlei Geſchlechts in Parma. Sich ſodann beſonders an Henrietten wendend: Der größte Theil der fremden Damen, welche wir hier 3 geſehen haben, ſind uns unbekannt. 45 Es iſt möglich, daß ſich viele derſelben, wenn ſie es nicht wären, ſich hier nicht zeigen würden. Es iſt ſehr möglich, Madame; aber ich verſichere Ih⸗ nen, daß ſelbſt, wenn dieſelben ſich durch Schönheit oder Schmuck auszeichnen ſollten, die Wünſche unſerer Herrſcher dennoch für die Freiheit ſind. Ich hoffe, Madame, daß wir die Ehre haben werden, auch Sie bei Hofe zu ſehen. Das wird ſchwerlich der Fall ſein, denn ich finde es höchſt lächerlich, wenn eine Frau unvorgeſtellt an den Hof geht, beſonders wenn ſie Anſpruch darauf hat, vorgeſtellt zu werden. Dieſe letzten Worte, welche Henriette etwas ſtärker be⸗ tont hatte, ſchnitten dem kleinen Buckligen das Wort ab, und meine Freundin benutzte dieſe Unterbrechung, um dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben. Nachdem er ſich entfernt, lachten wir über die Schlappe, welche die Neugierde unſers Gatten erlitten; aber ich ſagte Henrietten, ſie möchte aus vollem Herzen Allen, die ſie neu⸗ gierig mache, verzeihen, denn... Sie ſchnitt mir das Wort ab, indem ſie mich mit zäértlichen Küſſen bedeckte. Indem wir ſo mit vollen Zügen das Glück genoſſen und uns in jedem Augenblicke ſelbſt genügten, lachten wir über die grießgrämigen Philoſophen, welche läugnen, daß es auf der Erde vollkommenes Glück gäbe. Was meinen ſie wohl, mein Freund, die Hohlköpfe, welche behaupten, daß das Glück nicht von Dauer iſt, und was verſtehen Sie unter dieſem Worte? Wenn man ewiges, unſterbliches, nie endendes Glück meint, ſo hat man Recht; da aber der Menſch nicht ewig iſt, ſo iſt wohl die natürliche Folge, daß das Glück es auch nicht ſein kann. Dagegen iſt jedes Glück ſchon aus dem Grunde, weil es exiſtirt, von Dauer, und um dies zu ſein, braucht es nur zu exiſtiren. Wenn man aber unter vollkommenem Glücke eine Aufeinander⸗ folge mannichfacher und nie unterbrochener Vergnügungen verſteht, ſo hat man Unrecht; denn indem man nach jedem Vergnügen die Ruhe eintreten läßt, welche auf den Genuß folgen muß, verſchafft man ſich die Zeit, den glücklichen Zuſtand in ſeiner Realität zu erkennen; oder mit andern 46 Worten, dieſe Augenblicke nothwendiger Ruhe ſind eine wahre Quelle von Vergnügungen, weil wir während der Wonne die Erinnerung empfinden, welche den Genuß verdoppelt. Der Menſch kann nicht anders glücklich ſein, als wenn er ſich in ſeinen Gedanken dafür hält und er kann nur denken, wenn er ruhig iſt; ohne die Ruhe würden wir alſo in der That nie vollkommen glücklich ſein. Wenn daher das Ver⸗ gnügen ein ſolches ſein ſoll, ſo muß ſeine Wirkſamkeit auf⸗ hören. Was meint man alſo mit dem Worte dauernd? Wir gelangen alle Tage zu dem Augenblicke, wo wir den Schlaf wünſchen; und obgleich er ein Bild der Nicht⸗ exiſtenz iſt, wird doch Niemand läugnen wollen, daß es ein Vergnügen iſt. Wenigſtens ohne Inconſequenz ſcheint man dies nicht zu können, da wir ihn, ſobald er ſich einſtellt, allen möglichen Vergnügungen vorziehen; und wir können ihm nicht eher dankbar ſein, als bis er uns verlaſſen hat. Diejenigen, welche ſagen, daß Niemand während des ganzen Lebens glücklich ſein kann, ſprechen etwas leichtfertig. Die Philoſophie lehrt das Geheimniß, dieſes Glück zu be⸗ reiten, vorausgeſetzt jedoch, daß man nicht mit phyſiſchen Leiden behaftet iſt. Ein Glück, welches das ganze Leben dauerte, könnte mit einem aus tauſend Blumen zuſammen⸗ geſetzten Strauße verglichen werden, die ſo gut gemiſcht und gewählt wären, daß man ſie für eine einzige Blume halten könnte. Wieſo wäre es wohl unmöglich, daß wir unſer ganzes Leben auf dieſelbe Weiſe wie dieſen einen Monat verlebten, immer geſund, immer zufrieden mit uns ſelbſt, ohne je eine Leere oder ein Bedürfniß zu empfinden? Um ſodann dieſes Glück, welches gewiß ein ſehr großes wäre, zu kennen, wäre im hohen Alter nichts weiter nöthig, als zu ſterben, während wir von unſern ſüßen Erinnerungen ſprächen, und gewiß wäre das ein dauerndes Glück geweſen. Wir könnten uns nur inſoweit für unglücklich halten, als wir nach dem Tode ein anderes unglückliches Leben zu fürchten hätten; und dieſe Idee ſcheint mir abgeſchmackt, denn ſie ſteht im Widerſpruche mit der Idee der Allmacht und väterlichen Liebe. So verlebte ich mit meiner reizenden Henriette herr⸗ 4 47 liche Stunden, indem wir über Gefühle philoſophirten. Ihr Urtheil war dem Ciceros in ſeiner Tusculanen weit über⸗ legen; aber ſie gab zu, daß das dauernde Glück, deſſen Vor⸗ ſtellung uns bezaubert, nur zwiſchen zwei zuſammenleben⸗ den Individuen möglich ſei, welche beſtändig in einander verliebt wären, körperlich und geiſtig geſund, gebildet, ziemlich reich wären und ſo ziemlich dieſelben Neigungen, denſelben Charakter und daſſelbe Temperament hätten. Glücklich ſind die Liebenden, deren Geiſt die Sinne erſetzen kann, wenn ſie der Ruhe bedurfen! Der ſüße Schlaf kommt ſodann und dauert bis zur Wiederherſtellung der Harmonie. Beim Erwachen ſtellen ſich zuerſt die Sinne wieder ein, bereit, ihre Arbeit wieder zu beginnen. Die Bedingungen zwiſchen dem Menſchen und dem Univerſum ſind ganz gleich, und man könnte ſagen, daß vollkommene Identität zwiſchen ihnen ſtattfindet, da, wenn wir das Univerſum wegnehmen, es keinen Menſchen mehr giebt, und da, wenn wir den Menſchen wegnehmen, es kein Univerſum mehr giebt, denn wenn auch die träge Maſſe als eriſtirend vorausgeſetzt wird, wer könnte dann wohl eine Idee von derſelben haben? Aber ohne Idee nihil est, da die Idee das Weſen von Allem iſt, und dem Menſchen allein gehören die Ideen an. Wenn wir übrigens von der Gat⸗ tung abſtrahiren, ſo können wir uns die Exiſtenz der Ma⸗ terie nicht mehr vorſtellen und vice versa. Ich war mit Henrietten eben ſo glücklich, wie dieſes angebetete Weib es mit mir war. Wir liebten nns mit der ganzen Kraft unſerer Anlagen; wir genügten vollkom⸗ men einander, wir lebten ganz Einer dem Andern. Sie wie⸗ derholte mir oft die ſchönen Verſe des guten La Fontaine: Soyez-vous lun à l'autre un monde toujours beau, Toujours divers, toujours nouveau, Tenez-vous lieu de tout: comptez pour rien le reste.*) Und wir führten den Rath praktiſch aus, denn nie ») Seiet Euch Einer dem Andern eine immer ſchöne, immer wechſelnde, immer neue Welt. Seiet Euch allein Alles; rechnet das Uebrige für nichts. 1 48 wurde die Glückſeligkeit, welche wir genoſſen, durch einen Augenblick der Langeweile oder Ermüdung, nie durch ein gefaltetes Roſenblatt unterbrochen. Am Tage nach dem Schluſſe der Oper ſpeiſte Dubois bei mir und ſagte, daß er am nächſten Tage die beiden er⸗ ſten Mitglieder der Komödie, Mann und Frau, bei ſich zu Mittag hätte, und daß es bei uns ſtände, die ſchönſten Stücke, welche ſie auf der Bühne geſungen, zu hören. Sie werden in einem gewölbten Saale meines Hauſes ſingen, welcher für die Entfaltung der Stimme ſehr geeignet iſt. Henriette dankte ihm ſehr; aber ſie bemerkte, da ſie eine ſehr zarte Geſundheit habe, ſo könnte ſie ſich nicht von einem Tage auf den andern verpflichten, und wendete die Unter⸗ haltung auf einen andern Gegenſtand. Als wir allein waren, fragte ich ſie, warum ſie ſich nicht bei Dubois amüſiren wolle. Ich würde ſehr gern hingehen, wenn ich nicht fürch⸗ tete, dort Jemand zu treffen, dem ich bekannt wäre und der unſer Glück zerſtören könnte. Wenn Du einen neuen Grund zur Furcht haſt, ſo haſt Du Recht; wenn es aber nur eine unbeſtimmte Beſorgniß iſt, warum willſt Du Dich, mein Engel, dann eines wirk⸗ lichen und ſehr unſchuldigen Vergnügens berauben? Wenn Du wüßteſt, welche Freude ich empfinde, wenn ich ſehe, daß Du Dich vergnügſt, namentlich, wenn ich ſehe, wie Du beim Anhören eines ſchönen Muſikſtuͤckes in Erſtaſe geräthſt! Wolan, mein Herz, Du ſollſt mich nicht für weniger muthig halten als Du biſt. Wir wollen ſogleich nach Tiſche zu Dubois gehen. Die Sänger werden nicht eher ſingen. Ueberdies iſt es wahrſcheinlich, daß er nicht auf uns rechnet und Niemand, der mich kennen zu lernen wünſcht, eingela⸗ den hat. Wir wollen zu ihm gehen, ohne es ihm zu ſagen, ohne daß er auf uns wartet, und wie, um ihm eine freund⸗ ſchaftliche Ueberraſchung zu bereiten. Er hat uns geſagt, daß er in ſeinem Landhauſe ſein wird und die Caudagna weiß, wo daſſelbe liegt. Ihr Rath war durch die Klugheit und die Liebe, zwei Sachen, die ſich ſo ſelten zuſammenfinden, eingegeben. Ich S— 5——, ——— a R AAAn 3 49 antwortete ihr, indem ich ſie mit eben ſo großer Bewunde⸗ rung wie Zärtlichkeit betrachtete, und am folgenden Tage um vier Uhr Nachmittags begeben wir uns zu Dubois. Wir waren überraſcht, ihn nebſt einem jungen Mädchen, welches er uns als ſeine Nichte vorſtellte, allein zu finden. Ich bin, ſagte er, erfreut, Sie zu ſehen, da ich aber das Glück, Sie bei mir zu ſehen, nicht erwartete, ſo habe ich das Mittagseſſen in ein kleines Abendeſſen umgeändert und hoffe, daß Sie es mit Ihrer Gegenwart beehren werden. Die beiden virtuosi werden bald kommen. Wirrſ ſehen uns wider Willen genöthigt, zum Abend⸗ eſſen zu bleiben. Haben Sie, fragte ich, große Geſellſchaft? Sie werden, ſagte er mit ſiegreicher Miene, in einer Ihrer würdigen Geſellſchaft ſein. Ich bedauere nur, keine Damen eingeladen zu haben. Dieſe galante und zarte Bemerkung, welche an Hen⸗ riette gerichtet war, beantwortete meine Freundin mit einer Verbeugung, welche ſie mit einem Lächeln begleitete. Ich ſah mit Vergnügen den Ausdruck der Zufriedenheit auf ih⸗ rem Geſichte; aber leider unterdrückte ſie das peinliche Ge⸗ fühl, welches ſie empfand. Ihre große Seele wollte keine Unruhe zeigen und ich drang nicht in ihr Innres ein, weil ich nicht glaubte, daß ſte etwas zu fürchten hätte. Ich würde anders gedacht und gehandelt haben, wenn ich ihre ganze Geſchichte gekannt hätte; ich würde ſie nicht in Parma gelaſſen, ſondern ſie nach London geführt haben und ſie würde ſehr zufrieden damit geweſen ſein. Die beiden Sänger fanden ſich bald ein: es waren Laſchi und Demoiſelle Baglioni, welche damals ſehr hübſch war. Allmälig kamen auch die Gaͤſte: es waren Franzoſen und Spanier von einem gewiſſen Alter. Von Vorſtellung war keine Rede, und ich bewunderte den Takt des geiſtrei⸗ chen Buckligen; aber da alle Gäſte ſich am Hofe bewegt hatten, ſo hinderte dieſer Mangel an Etikette nicht, daß mei⸗ ner Freundin alle möglichen Ehrenbezeigungen erwieſen wurden, und ſte nahm dieſelben mit jener Leichtigkeit und Weltgewandtheit auf, welche man nur in Frankreich kennt und auch hier nur in der beſten Geſellſchaft, jedoch mit lIyV. 4 50 Ausnahme einiger Provinzen, wo der Adel, den man mit Unrecht die gute Geſellſchaft nennt, zu ſehr das hochmüthige Weſen, welches ihn charakteriſirt, durchblicken läßt. Das Concert begann mit einer herrlichen Symphonie. Hierauf ſangen die beiden Sänger ein Duett mit vielem Geſchmack und Talent. Sodann trat ein Schüler des be⸗ rühmten Vandini auf, welcher auf dem Violoncello Concerte gab und ſehr viel Beifall fand. Der Applaus dauerte noch, als Henriette aufſtand, zu dem jungen Künſtler trat, ſein Violoncello nahm und mit beſcheidenem, aber ſicherem Tone ſagte, daß ſie ihm zu noch größerem Glanze verhelfen wolle. Ich fiel aus den Wol⸗ ken. Sie ſetzt ſich auf den Platz des jungen Mannes, nimmt das Violoncello zwiſchen die Beine und bittet das Orcheſter, das Concert noch einmal anzufangen. Jetzt ent⸗ ſteht das tiefſte Schweigen und ich zittere wie Espenlaub, und fürchte unwohl zu werden. Glücklicher Weiſe waren alle Blicke auf Henrietten gerichtet und mich betrachtete Nie⸗ mand. Sie ſah mich ebenſo wenig an, ſie wagte es nicht; denn hätte ſie ihre ſchönen Augen auf mich gerichtet, ſo würde ſie den Muth verloren haben. Da ich indeß ſah, daß ſie ſich nicht in die Poſitur zum Spielen ſetzte, ſo fing ich an, mir zu ſchmeicheln, daß ſie nur einen liebenswürdi⸗ gen Scherz habe machen wollen; als ſie aber den erſten Bogenſtrich führte, fing mir das Herz ſo ſtark zu ſchlagen aaan, daß ich zu ſterben fürchtete. Aber man denke ſich meine Lage, als nach dem erſten Stücke wohlverdienter Applaus das Orcheſter gänzlich über⸗ tönte! Dieſer ſchnelle Uebergang von einer außerordentlichen Furcht zur höchſten Zufriedenheit verſetzte mich wie das heftigſte Fieber in Aufregung. Dieſer Applaus ſchien mir „* auf Henrietten gar keinen Eindruck zu machen und ohne die Augen von den Noten wegzuwenden, welche ſie zum erſten⸗ male ſah, ſpielte ſie ſechsmal hinter einander mit der ſelten⸗ ſten Vollkommenheit. Als ſie von ihrem Platze aufſtand, dankte ſie der Geſellſchaft nicht, ſondern wendete ſich mit freundlicher Miene zu dem jungen Künſtler und ſagte zu ihm mit liebenswürdigem Lächeln: Ich bitte Sie, die klein — 6 51 Eitelkeit zu entſchuldigen, welche mich veranlaßt hat, Ihre Geduld eine halbe Stunde lang zu mißbrauchen. Dieſes ſo imponirende und zugleich ſo anmuthige Com⸗ pliment brachte mich vollends außer mir, und ich entfernte mich, um im Garten, wo mich Niemand ſah, zu weinen. Wer iſt denn dieſe Henriette, fragte ich mich mit gerührtem Her⸗ zen und Thränen vergießend; wer iſt denn dieſer Schatz, den ich beſitze? Mein Glück erſchien mir zu groß, als daß ich mich deſſelben hätte würdig halten ſollen. Verſunken in dieſe Betrachtungen, welche die Wolluſt meiner Thränen verdoppelten, würde ich noch lange im Gar⸗ ten geblieben ſein, wenn nicht Dubois mich aufgeſucht und trotz der Dunkelheit der Nacht und der Allee, in welcher ich träumte, gefunden hätte. Er war unruhig wegen meines Verſchwindens und ich beruhigte ihn, indem ich ſagte, ein Kummer habe mich veranlaßt ins Freie zu gehen und friſche Luft zu ſchöpfen. Unterwegs hatte ich Zeit, meine Augen zu trocknen nicht aber die Röthe derſelben zu entfernen. Indeß bemerkte nur Henriette dieſe Erſcheinung und ſagte: Ich weiß, mein Engel, was Du im Garten gemacht haſt? Sie kannte mich; es war ihr leicht, den Eindruck zu errathen, welchen die Soirée auf mein Herz gemacht hatte. Dubois hatte die liebenswürdigſten Herren des Hofes verſammelt, und das Abendeſſen, welches er ohne Verſchwen⸗ dung veranſtaltet hatte, war fein und gut gewählt. Ich ſaß enrietten gegenüber, welche natͤrlich allein die allgemeine Aufmerkſamkeit erregte; aber ſie hätte nur gewinnen kön⸗ nen, wenn ſie von einem Cirkel von Damen umgeben gewe⸗ ſen wäre, welche ſie ohne anderen Schmuck als ihre Schön⸗ heit, ihren Geiſt und ihr feines Benehmen ſicherlich verdun⸗ kelt haben würde. Durch die Annehmlichkeit, welche ſte über die ganze Geſellſchaft verbreitete, gab ſie dem Abendeſſen ſeinen Reiz. Herr Dubois ſprach nicht, aber er war ſtolz, daß er einen ſo anziehenden Gaſt gewonnen. Sie war ge⸗ ſccickt genug, Jedem etwas Angenehmes und Geiſtreiches zu ſagen, und wenn ſie etwas Hübſches ſagte, mich mit ins Spiel zu ziehen. Ich mochte meinerſeits noch ſo ſehr den Schein 4* 4. . 52² A. Unterwürfigkeit, Ergebenheit und Achtung für dieſe Göt⸗ tin annehmen, ſo wollte ſie doch, daß Jeder errathen ſollte, daß ich ihr Orakel wäre. Man konnte ſie für meine Frau halten, aber nach meinem Benehmen gegen ſie zu urtheilen, war dies nicht gut anzunehmen. Als die Unterhaltung auf die Vorzüge der franzöſiſchen und ſpaniſchen Nation fiel, war Dubois unbeſonnen genug, ſie zu fragen, welcher ſie den Vorzug gäbe. Eine taktloſere Frage konnte nicht aufgeworfen werden, denn die eine Hälfte der Geſellſchaft beſtand aus Spaniern, die andere aus Franzoſen. Indeß ſprach Henriette ſo gut, daß die Spanier hätten Franzoſen und die Franzoſen Spa⸗ nier ſein mögen. Der unerſättliche Dubois fragte ſie, was ſie von den Italiänern dächte. Ein gewiſſer Herr de la Combe, welcher zu meiner Rechten ſaß, machte eine mißlie⸗ bige Bewegung mit dem Kopfe, aber meine Freundin wich der Frage nicht aus. Was ſoll ich von den Italiänern ſa⸗ gen? antwortete ſie, ich kenne nur einen. Wenn ich ſie alle nach dieſem beurtheile, ſo wird mein Urtheil ſehr günſtig ausfallen; aber ein einziges Beiſpiel bildet keine Regel. Es war unmöglich beſſer zu antworten; aber der Leſer kann ſich wohl denken, daß ich ſo that, als ob ich nicht gehört hätte; und um den taktloſen Dubois zu hindern, ſeine Fra⸗ gen fortzuſetzen, lenkte ich das Geſpräch ab, indem ich ver⸗ ſchiedene banale Fragen that. Das Geſpräch kam auf die Muſik, und bei dieſer Ge⸗ legenheit fragte ein Spanier Henrietten, ob ſie außer dem Violoncello noch ein anderes Inſtrument ſpiele. Nein, ant⸗ wortete ſie, ich habe nur für dieſes Neigung gehabt. Ich habe es im Kloſter gelernt, um meiner Mutter gefällig zu ſein, welche es ziemlich gut ſpielt; und ohne einen unbe⸗ dingten Befehl meines Vaters, welcher vom Biſchofe unter⸗ un wurde, würde die Superiorin mir dies nie geſtattet aben. Und welchen Grund konnte die Aebtiſſin haben, es Ih⸗ nen zu verbieten? Dieſe fromme Braut des Herrn behauptete, ich könnte das Inſtrument nur in einer unanſtändigen Stellung ſpielen. — —— O n.—— SA 53 Bei dieſen Worten biſſen ſich die Spanier in die L. pen, aber die Franzoſen lachten laut auf und ließen es nicht an Epigrammen gegen die gewiſſenhafte Nonne fehlen. Als ſie nach einer Pauſe von einigen Minuten eine leiſe Bewegung machte, wie um die Erlaubniß aufzuſtehen zu bitten, ſtanden wir Alle auf und gingen ſodann nach Hauſe. 2 Ich ſehnte mich danach, mit dieſem Abgotte meiner Seele allein zu ſein. Ich richtete hundert Fragen an ſie, ohne ihr Zeit zum Antworten zu laſſen. Du hatteſt ſehr Recht, meine Henriette, nicht dorthin gehen zu wollen, denn Du konnteſt ſicher ſein, mir Feinde zu machen. Man muß mich fürchterlich haſſen; aber ich frage nichts danach: Du biſt mein Univerſum. Grauſame Freundin, mit Deinem Violoncello hätteſt Du mich beinahe getödtet; denn da ich keine Ahnung von Deiner natürlichen Zurückhaltung hatte, ſo glaubte ich, Du wäreſt toll geworden, und als ich Dich hörte, ging ich hinaus, um meinen Thränen freien Lauf zu laſſen. Sie haben mich von dem furchtbaren Druͤcke, wel⸗ chen ich empfand, befreit. Sage, mir jetzt, ich beſchwöre Dich, welche Talente Du noch haſt; verbirg mir nichts, denn Du könnteſt mich tödten, wenn Du ſie bei einer un⸗ erwarteten Gelegenheit und in einem unerwarteten Augen⸗ blicke produecirteſt. Ich beſitze keine weiter, mein Herz; ich habe meinen kleinen Sack mit einemmale geleert; jetzt kennſt Du Deine Henriette ganz. Hätteſt Du mir nicht zufällig vor einem Monate geſagt, daß Du keinen Sinn für die Muſik habeſt, ſo würde ich Dir geſagt haben, daß ich Meiſterin auf die⸗ ſem Inſtrumente bin; aber hätte ich es Dir geſagt, ſo wür⸗ deſt Du Dich, wie ich Dich kenne, beeilt haben, mir eins anzuſchaffen und Deine Freundin will ſich kein Vergnügen machen, welches Dich langweilt. Gleich am folgenden Tage erhielt ſie ein vortreffliches Inſtrument, und weit entfernt, mich je zu langweilen, be⸗ reitete ſie mir vielmehr jeden Tag einen neuen Genuß, und ich glaubte behaupten zu können, daß Jemand, welcher Ab⸗ neigung gegen die Muſik hat, ſie unmöglich nicht leiden⸗ 54 18 aftlich liebgewinnen kann, wenn der Gegenſtand, der ſie ausübt, Meiſter iſt, und wenn dieſer Gegenſtand von ihm angebetet wird. Die menſchliche Stimme des Violoncello, welche der jeden andern Inſtrumentes überlegen iſt, drang mir jedes⸗ mal, wenn meine Freundin ſpielte, ins Herz. Sie wußte es und bereitete mir jeden Tag dies Vergnügen. Ich war ſo entzückt uͤber ihr Talent, daß ich ihr vorſchlug, Concerte zu geben; aber ſie war klug genug, ſich nicht dazu zu ver⸗ ſtehen. Trotz ihrer Klugheit konnten wir indeß die Be⸗ ſchlüſſe des Geſchicks nicht aufhalten. Der verhängnißvolle Dubvis kam am Tage nach ſeinem hübſchen Abendeſſen, um uns zu danken und unſere Lob⸗ ſprüche über ſein Concert, ſein Abendeſſen und die gewählte Geſellſchaft in Empfang zu nehmen. Ich ſehe voraus, Ma⸗ dame, ſagte er, wie ſchwer es mir werden wird, mich gegen die Beſtuͤrmungen, Ihnen vorgeſtellt zu werden, zu ver⸗ theidigen. Ihre Mühe, mein Herr, wird nicht groß ſein; Sie wiſſen, daß ich Niemand empfange. Dubois wagte nicht mehr von Vorſtellen zu ſprechen. An dieſem Tage bekam ich einen Brief vom jungen Capitani, in welchem er mir meldete, daß er als Beſitzer des Meſſers und der Scheide des heiligen Petrus mit zwei gelehrten Magiern, welche den Schatz zu heben verſprachen, zu Franzia gegangen, und daß er ſehr verwundert geweſen, daß dieſer ihn nicht habe aufnehmen wollen. Er bat mich an denſelben zu ſchreiben und mich perſönlich einzuſtellen, wenn ich meinen Antheil am Schatze haben wolle. Es läßt ſich denken, daß dieſer Brief unbeantwortet blieb; was ich aber mit Vergnügen meinen Leſern melde, iſt, daß ich ſehr erfreut darüber war, daß es mir gelungen, dieſen ehrlichen und einfachen Landmann gegen die Betrüger zu ſchützen, welche ihn zu Grunde gerichtet haben würden. Seit dem berühmten Abendeſſen von Dubois war ein Monat verfloſſen und während deſſelben fanden unſer Geiſt und unſere Sinne volle Befriedigung, denn nie hatten wir inen leeren Augenblick, in welchem das traurige Zei⸗ 55 4 chen geiſtiger Armuth, welches man Gähnen nennt, bei uns hätte Platz gewinnen können. Unſere einzige Beluſtigung außer dem Hauſe beſtand in einer Spatzierfahrt außerhalb der Stadt, wenn das Wetter ſchön war. Da wir nie aus⸗ ſtiegen und keinen öffentlichen Ort beſuchten, ſo konnte Nie⸗ mand ſuchen uns kennen zu lernen oder fand doch wenig⸗ ſtens keine Gelegenheit dazu, trotz der Neugierde, welche meine Freundin unter den Perſonen erregt, mit denen uns der Zufall zuſammengeführt, namentlich beim Abendeſſen von Dubois. Henriette war muthiger und ich ſicherer ge⸗ worden, nachdem wir geſehen, daß ſte im Theater und beim Abendeſſen von Niemand erkannt worden war. Sie fürch⸗ tete nur don hohen Adel. Als wir eines Tages außerhalb des Thores von Co⸗ lorno eine Promenade machten, begegneten wir dem Her⸗ zoge mit ſeiner Gemahlin, welche nach der Stadt zurück⸗ kehrten. Einen Augenblick darauf kömmt ein anderer Wa⸗ gen, in welchem Dubois und ein Herr ſaß, den man nicht kannte. Kaum war unſer Wagen bei dem ihrigen vorüber⸗ gefahren, als eines unſerer Pferde ſtürzte. Die Perſon, in deren Geſellſchaft Dubois war, läßt ihren Wagen anhalten, um uns Hülfe zu ſchicken. Während man das Pferd auf⸗ hob, näherte er ſich unſerm Wagen auf eine adlige Weiſe * und machte Henrietten ein Compliment, wie es die Um⸗ ſtände mit ſich brachten. Dubois, ein feiner Höfling, der ſich gern auf Koſten Anderer geltend machte, verlor keine Zeit, um ihr zu ſagen, daß der Herr der franzöſtſche Miniſter Dutillot wäre. Die übliche Verbeugung war die Ant⸗ wort meiner Freundin. Da das Pferd ſich wieder aufge⸗ richtet, ſo fuhren wir weiter, nachdem wir dem Herren fuͤr ſeine Artigkeit gedankt. Eine ſo einfache Begegnung hatte nach dem gewöhnlichen Gange der Dinge keine Folge haben dürfen; aber oft haben die größten Ereigniſſe die unbedeu⸗ tendſten Veranlaſſungen! Anm folgenden Tage frühſtückte Dubvis bei uns. Er begann ohne weitere Umſchweife damit, daß Herr Dutillot entzückt über den glücklichen Zufall, welcher ihm das Ver⸗ 56 gnügen unſerer Bekanntſchaft verſchafft, ihn beauftragt habe, uns um die Erlaubniß zu bitten, uns beſuchen zu dürfen. Madame oder mich? fragte ich ſogleich. Beide.— Das laß ich mir gefallen, aber nur einen auf einmal; denn wie Sie wiſſen, hat Madame ein eigenes Zimmer und ich ebenfalls. Ja, aber ſie liegen ſehr nahe bei einander, Das iſt richtig; was indeß mich betrifft, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß ich zu Sr. Excellenz eilen werde, wenn er mir einen Befehl zu ertheilen oder eine Mittheilung zu machen hat; ich bitte Sie, ihm dies zu ſagen. Was Ma⸗ dame betrifft, ſo iſt ſie zugegen: ſprechen Sie mit ihr, denn ich, mein lieber Dubois, bin nur ihr ſehr unterthäniger Diener.. Henriette antwortete hierauf mit heiterem und höflichem Tone: Mein Herr, ich bitte Sie, Herrn Dutillot zu danken und ihn zu fragen, ob er mich kennt. Ich bin ſicher, ſagte der Bucklige, daß er Sie nicht kennt. Sehen Sie, er kennt mich nicht und will mich beſuchen. Sie werden zugeben, daß ich ihm eine ſonderbare Meinung von mir geben würde, wenn ich ihn annähme. Sagen Sie, daß wenn mich auch Niemand kennt und ich mich mit Nie⸗ mand bekannt zu machen ſuche, ich dennoch keine Abenteuerin bin und demnach nicht die Ehre haben kann, ihn zu empfangen. Dubois, welcher ſah, daß er einen Fehlgriff begangen hatte, blieb ſtumm, und wir fragten ihn an den folgenden Tagen nicht, wie der Miniſter unſere Ablehnung aufgenom⸗ men habe. 1 Ddrei Wochen ſpäter, als der Hof ſich nach Colorno begab, wurde daſelbſt ein prachtvolles Feſt veranſtaltet und in den Gärten, welche Abends illuminirt werden ſollten, konnte Jeder frei ſpatzieren gehen. Da Dubois, der verhäng⸗ nißvolle Bucklige, uns viel von dieſem Feſte erzählt hatte, ſo bekamen wir Luſt hinzugehen; der Adamsapfel machte ſeine Wirkung geltend. Dubois begleitete uns. Wir rei⸗ —— —,— RK——— 57 ſten ſchon den Tag vorher ab und mietheten uns im Gaſthofe ein. Gegen Abend gingen wir im Garten ſpatzieren, und der Zufall fügte es, daß die Fürſtin mit ihrem Gefolge ebenfalls in demſelben promenirten. Madame de France machte nach der Verſailler Hofſitte, meiner Henriette im Vorbeigehen eine Verbeugung. Meine Blicke fielen nun auf einen Cavalier, der Don Louis zur Seite ging und der meine Henriette aufmerkſam betrachtete. Als wir wieder umkehrten, begegneten wir wiederum dieſem Capalier, der uns eine tiefe Verbeugung machte und Dubois bat, ihn einige Minuten anzuhören. Sie beſprachen ſich, hinter uns hergehend, eine Viertelſtunde lang, und wir wollten eben den Garten verlaſſen, als der Herr ſeine Schritte beſchleu⸗ nigte, und nachdem er mich ſehr höflich um Entſchuldigung gebeten, Henriette fragte, ob er die Ehre habe, ihr bekannt zu ſein? Ich erinnere mich nicht, daß ich jemals die Ehre ge⸗ habt hätte, Sie zu ſehen.. Das genügt, Madame; ich bitte Sie, mir zu verzeihen. Dubois ſagte uns, der Herr wäre der vertraute Freund des Infanten Don Louis, und da er Redande temwer geglaubt, ſo hätte er ihn gebeten ihn vorzuſtellen. Er hatte demſelben geſagt, daß ſie d'Arci heiße, und daß, wenn er ſie kenne, er ſeiner nicht bedürfe, um ihr einen Beſuch abzuſtatten. Herr d'Antoine hatte ihm erwiedert, daß der Name d'Arci ihm nicht bekannt wäre, und daß er ſich nicht gern täuſchen möchte. Um aus dieſer Ungewißheit heraus⸗ zukommen, ſetzte Dubois hinzu, hat er ſich ſelbſt vorgeſtellt, aber jetzt muß er die Ueberzeugung haben, daß er ſich ge⸗ täuſcht hat. Nach dem Abendeſſen ſchien mir Henriette unruhig zu ſein; ich fragte ſie, ob ſie nicht bloß ſo gethan, als ob ſie Herrn d'Antoine nicht kenne. Ich habe nicht ſo gethan, mein Freund, ich verſichere e Dir. Ich kenne ſeinen Namen, welcher einer berühmten Familie der Provence angehört, aber ſeine Perſon iſt mir gänzlich unbekannt. 58 Kann er Dich wohl kennen. Es iſt möglich, daß er mich ſchon geſehen hat; aber ſicherlich habe ich nie mit ihm geſprochen, denn ſonſt würde ich ihn wiedererkannt haben. Dieſes Zuſammentreffen beunruhigt mich, und wie es ſcheint, läßt es auch Dich nicht gleichgültig. Ich gebe es zu. Verlaſſen wir Parma, wenn Du willſt und gehen wir nach Genua. Wenn meine Sache beigelegt ſein wird, wol⸗ len wir nach Venedig gehen. Ja, theurer Freund, wir werden dann ruhiger ſein. Indeß glaube ich, daß wir nicht nöthig haben, uns zu be⸗ eilen. Wir kehrten am zweitfolgenden Tage nach Parma zu⸗ rück und zwei Tage darauf übergab mir mein Bedienter einen Brief mit der Meldung, daß der Läufer, welcher ihn überbracht, im Vorzimmer warte. Dieſer Brief, ſagte ich zu Henrietten, beängſtigt mich. Der Brief lautete folgermaßen: „Entweder bei Ihnen oder bei mir oder an jedem an⸗ dern Orte, den Sie mir beſtimmen werden, bitte ich Sie, mein Herr, mir Gelegenheit zu geben, mich einen Augen⸗ blick mit Ihnen über einen Gegenſtand zu beſprechen, der Sie ſehr intereſſiren muß.“ „Ich habe die Ehre u. ſ. w. d'Antoine.“ Adreſſirt war der Brief an Herrn von Faruſt. Ich glaube, ſagte ich zu meiner Freundin, daß ich ihn ſprechen muß; aber wo? Weder hier, noch bei ihm, ſondern im Garten des Ho⸗ fes. Deine Antwort darf nur die Zeit und den Ort der Zuſammenkunft enthalten. 1₰. Ich ſetzte mich an mein Bureau und meldete ihm, daß ich mich um 11 ½ Uhr im herzoglichen Garten einfinden würde, und bat ihn, mir eine andere Stunde zu beſtimmen, wenn dieſe ihm nicht zuſage. Ich machte meine Toilette, um zur beſtimmten Zeit I 59 bereit zu ſein, und während deſſen bemühten wir uns, meine Freundin und ich, ruhig zu werden; aber wir konnten uns trauriger Ahnungen nicht erwehren. 6 Ich ſtellte mich pünktlich ein und fand Herrn d'An⸗ toine, der ſchon früher gekommen war. Ich bin, ſagte er, gezwungen geweſen, mir die Ehre, die Sie mir erweiſen, zu verſchaffen, weil ich kein ſicheres Mittel wußte, dieſen Brief an Madame gelangen zu laſſen, welchen ich Sie bitte ihr zu übergeben, und ich bitte Sie, es nicht uͤbel zu neh⸗ men, daß ich Ihnen denſelben verſiegelt gebe. Wenn ich nicht irre, ſo iſt es gar nichts und derſelbe bedarf nicht einmal einer Antwort; wenn ich mich aber nicht täuſche, ſo ſteht es allein in der Macht von Madame, Ihnen den⸗ ſelben zu zeigen. Aus dieſem Grunde übergebe ich Ihnen denſelben verſiegelt. Wenn Sie wirklich ihr Freund ſind, ſo geht das, was der Brief enthält, Sie ebenſo ſehr an, wie ſie. Darf ich darauf rechnen, daß Sie ihr denſelben übergeben werden? Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Hierauf trennten wir uns, nachdem wir uns gegen⸗ ſeitig eine tiefe Verbeugung gemacht, und ich kehrte eiligſt nach Hauſe zurück. 60 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Henriette empkängt Herrn d'Antoine.— Ich verliere dies liebenswürdige Weib, welches ich bis Genk begleite. — Ich gehe über den St. Bernhard und kehre nach Parma zurück.— Henriettens Briek.— Meine Ver- zweiklung.— Ye la Haye hängt ſich an mich.— Un- angenehmes Abenteuer mit einer Schauſpielerin; deſſen Folgen.— Ich werde kromm.— AMyſtikication eines prahleriſchen Offiziers. Sobald ich nach Hauſe gekommen, das Herz ſchwer von Beſorgniſſen, meldete ich Henrietten Alles, was mir Herr d'Antoine geſagt; ſodann übergab ich ihr ſeinen vier Seiten langen Brief. Sie las ihn aufmerkſam und mit ſichtlicher Bewegung und ſagte ſodann zu mir: Mein Freund, ſei nicht beleidigt, aber die Ehre zweier Familien erlaubt mir nicht, Dich dieſen Brief leſen zu laſſen. Ich bin ge⸗ zwungen, Herrn d'Antoine zu empfangen, welcher ſich für meinen Verwandten ausgiebt. So hat, ſagte ich, alſo der Anfang des fünften Aktes begonnen. Welcher ſchreckliche Gedanke! ich nähere mich dem Ende eines zu vollkommenen Glücks? Ich Unglück⸗ licher! was brauchte ich ſo lange in Parma zu bleiben! Welche Verblendung! Von allen Städten der Welt, Frank⸗ ceich ausgenommen, war Parma die einzige, welche ich zu furchten hatte, und hieher habe ich Dich geführt, während ich Dich überall ſonſthin führen konnte, denn Du hatteſt einen andern Willen als den meinigen! Ich bin um ſo ſtrafbarer, als Du mir nie Deine Furcht verborgen haſt! Und warum habe ich den verhängnißvollen Dubois bei Dir eingeführt? Mußte ich nicht vorausſehen, daß ſeine Neu⸗ gierde uns früher oder ſpäter verderblich werden würde? Dieſe Neugierde kann ich indeß leider nicht verdammen, da ſie natürlich iſt. Ich kann nur die Vollkommenheiten, mit denen die Natur Dich begabt hat, dafür verantwortlich ma⸗ ³ 61* chen! Vollkommenheiten, welche mich glücklich gemacht ha⸗ ben und welche mich jetzt in den Abgrund der Verzweif⸗ lung ſtürzen, denn ich ſehe leider die ſchrecklichſte Zukunft voraus. 5 Ich bitte Dich, zärtlich geliebter Freund, nichts vor⸗ auszuſehen und Dich zu mäßigen. Gebrauchen wir unſere ganze Vernunft, um uns über die Ereigniſſe zu erheben. Ich werde auf dieſen Brief nicht antworten, aber Du mußt an ihn ſchreiben, er möge morgen um 3 Uhr mit ſeiner Equipage hieher kommen, und ihn bitten ſich melden zu laſſen. Ach! welches ſchmerzliche Opfer legſt Du mir auf. Du biſt mein beſter, mein einziger Freund: ich fordere nichts, ich nöthige Dich zu nichts; aber wirſt Du mir ab⸗ ſchlagen, warum ich Dich bitte? Nein, nie, nie etwas. Verfüge über mich auf Leben und Tod. Ich kannte Deine Antwort. Du wirſt bei mir ſein, wenn er kömmt, aber wenn wir dem Conventionellen ge⸗ nügt haben, wirſt Du Dich unter irgend einem Vorwande in Dein Zimmer begeben und uns allein laſſen. Herr d'Antoine kennt meine ganze Geſchichte; er kennt mein Un⸗ recht, aber auch mein Recht, und er weiß, daß er mich als anſtändiger Mann, als Verwandter gegen jede Schmach ſchützen muß. Er wird in Allem nur mit meiner Zuſtim⸗ mung handeln, und wenn er geſonnen ſein ſollte, von den Vorſchriften, welche ich ihm machen werde, abzugehen, ſo werde ich nicht nach Frankreich gehen und Dich begleiten, wohin Du willſt, um Dir den Reſt meiner Tage zu wid⸗ men. Bedenke indeß, theurer Freund, daß verhängnißvolle Umſtände uns unſere Trennung als das Beſte erſcheinen laſſen können, und wir müſſen uns Kraft genug verſchaffen, um einen ſolchen Entſchluß zu faſſen, in der Hoffnung, nicht unglücklich zu werden. Vertraue auf mich und ſei uͤberzeugt, daß ich Maaßregeln zu ergreifen wiſſen werde, um mir den Antheil Glück zu ſichern, den ich genießen kann, wenn ich den einzigen Mann, welcher je meine ganze zärt⸗ liche Neigung beſeſſen hat, entbehren muß. Du biſt, ich 6² erwarte dies von Deiner großen Seele, ebenſo beſorgt für Deine Zukunft, und ich bin ſicher, daß es Dir gelin⸗ gen wird. Unterdeß entfernen wir alle traurigen Ahnun⸗ gen, welche die uns noch bleibenden Augenblicke trüben könnten. Ach, warum ſind wir nach dem traurigen Zuſammen⸗ treffen mit dem unglücklichen Günſtlinge nicht abgereiſt? Wir würden vielleicht ſehr übel daran gethan haben, denn Herr d'Antoine würde dann vielleicht meiner Familie dadurch einen Beweis ſeines Eifers haben geben wollen, daß er Nachforſchungen nach uns angeſtellt hätte, und ich würde Gewaltthätigkeiten ausgeſetzt worden ſein, welche Du nicht geduldet hätteſt und welche uns beiden verderblich ge⸗ worden ſein würden. Ich that Alles, was ſie wollte, aber von dieſem Augenblicke an fing unſere Liebe an traurig zu werden, und die Traurigkeit iſt eine Krankheit, welche dieſe endlich tödtet. Wir ſaßen oft eine Stunde lang einander gegenüber, ohne ein einziges Wort zu ſprechen, und unſere Seufzer ver⸗ ſchmolzen mit einander, trotz unſerer Mühe ſie zu unter⸗ drücken.— Am folgenden Tage, als Herr d'Antoine kam, befolgte ich getreulich die Inſtruktion, welche ſie mir gegeben, und ſchrieb ſechs tödtliche Stunden lang.— Meine Thür war offen und das Glasfeſter meiner Thüre ſetzte uns in den Stand, uns gegenſeitig zu ſehen. Sie ſchrieben ſechs Stunden lang, ſich nur zuweilen unter⸗ brechend, um mit einander zu ſprechen; wovon weiß ich nicht, aber ihre Geſpräche mußten entſcheidend ſein. Der Leſer kann ſich die Qualen dieſer langen Tortur leicht vorſtellen, denn ich konnte nur die Zerſtörung meines Glücks ahnen. Sobald der ſchreckliche d'Antoine ſich entfernt, kam Henriette zu mir, und als ich ihre geſchwollenen Augen ſah, ſtieß ich einen Seufzer aus, welchen ſie durch ein Lächeln zu erwidern ſuchte. Willſt Du, mein Freund, daß wir morgen abreiſen? O, Himmel! ja ich will es. Wohin ſoll ich Dich führen? 63 Wohin Du willſt, aber in vierzehn Tagen müſſen wir wieder hier ſein. Hier! Traurige Illuſion. Leider ja! Ich habe mein Wort gegeben, hier zu ſein, um die Antwort auf einen Brief, welchen ich geſchrieben, zu empfangen. Sei überzeugt, daß wir keine Gewaltthätig⸗ keit zu fürchten haben, aber ich kann es hier nicht mehr aushalten. Ach! ich fluche dem Augenblicke, wo wir den Fuß hieher geſetzt haben. Willſt Du, daß wir uns nach Mai⸗ land begeben? Gut, nach Mailand. Da wir das Unglück haben, zurückkehren zu müſſen, ſo können Caudagna und ſeine Schweſter uns begleiten. Sehr gut. Laß mich machen. Sie bekommen einen beſonderen Wagen und transportiren das Violoncello. Mir ſcheint es, daß Du d'Antoine den Ort, wohin Du gehſt, anzeigen ſollteſt. Mir ſcheint es vielmehr, daß ich ihm keine Rechen⸗ ſchaft davon zu geben habe. Deſto ſchlimmer für ihn, wenn er einen Augenblick zweifeln kann, daß ich mein Wort nicht halten werde. Nachdem wir am folgenden Tage die nöthigen Effekten für eine vierzehntägige Abweſenheit ausgewählt, reiſten wir ab. Wir trafen in Mailand ein, traurig und ohne daß uns unterwegs etwas begegnet wäre, und wir blieben dort vier⸗ zehn Tage ganz für uns, ohne andere Fremde zu ſehen als den Gaſtwirth, einen Schneider und eine Nähterin. Ich machte meiner Henriette ein Geſchenk, welches ihr ſehr theuer war: einen ſehr ſchönen Luchspelz. Aus Zartgefühl richtete Henriette nie eine Frage hin⸗ ſichtlich des Zuſtandes meiner Börſe an mich; ich wußte ihr dafür Dank; aber ich gab mir auch alle Mühe, ſie nicht merken zu laſſen, daß dieſelbe nahe daran war leer zu wer⸗ den; als wir nach Parma zurückkehrten, hatte ich noch 3 bis 400 Zechinen. 1 Am Tage nach unſerer Rückkehr kam Herr d'Antoine — 4 64 ohne Umſtände zum Mittagseſſen zu uns; aber nachdem wir Kaffee getrunken, ließ ich ihn mit ſeiner Verwandten allein. Ihre Konferenz dauerte faſt ſo lange wie die erſte, und es wurde in derſelben unſere Trennung beſchloſſen. Sie ſagte mir dies, ſobald d'Antoine ſich entfernt hatte, und unſere Thraͤnen verſchmolzen in düſtrem Schmerze. Wann werde ich mich von Dir trennen müſſen, zu ſehr geliebtes Weih? Bleibe Deiner mächtig, zärtlich geliebter Freund: ſo⸗ bald wir nach Genua gekommen ſind, wohin Du mich ge⸗ leiten ſollſt. Suche mir morgen eine paſſende Kammerfrau zu verſchaffen und mit dieſer will ich mich an meinen Be⸗ ſtimmungsort begeben. Wir werden alſo noch einige Tage beiſammen ſein? Ich kenne nur Dubois, dem ich den Auftrag wegen An⸗ ſchaffung einer Kammerfrau von ordentlichem Ausſehn ge⸗ ben könnte, und es thut mir leid, wenn dieſer neugierige Menſch durch ſie vielleicht erfahren ſollte, was Dir nicht erwünſcht wäre. Er wird nichts erfahren, denn in Frankreich werde ich eine andere annehmen. Dubois fühlte ſich durch den Auftrag ſehr geehrt, und drei Tage darauf ſtellte er Henrietten eine Frau von einem gewiſſen Alter vor, welche ziemlich gut gekleidet und gut ausſah, und welche, da ſie arm war, ſich ſehr glücklich ſchätzte eine Gelegenheit zu finden, um nach Frankreich zurückzukehren, woher ſie gebürtig war. Ihr Mann, ein früherer Offizier, war vor Kurzem geſtorben und hatte ſie in gänzlicher Entblößung zurückgelaſſen. Henriette mie⸗ thete ſie und ſagte ihr, ſie möchte ſich bereit halten abzu⸗ reiſen, ſobald ihr Dubois die Nachricht bringen würde. Am Tage vor unſerer Abreiſe ſpeiſte Herr d'Antoine bei uns, und ehe er Abſchied nahm, übergab er Henrietten einen verſchloſſenen Brief für Genf. Beim Anbruche der Nacht reiſten wir von Parma ab und hielten in Turin nur zwei Stunden an, um einen Be⸗ dienten zu miethen, welcher uns in Genf bedienen ſollte. Am folgenden Tage beſtiegen wir in einer Sänfte den Mont 3 2 65 Cénis und bewerkſtelligten unſere Hinunterfahrt nach la No⸗ valaiſe in einem Bergſchlitten. Am fünften Tage langten wir in Genf an und ſtiegen im Gaſthof zur Waage ab. Am folgenden Tage gab mir Henriette einen Brief für den Bankier Tronchin, welcher, ſobald er von demſelben Kenntniß genommen, mir ſagte, daß er mir perſönlich am folgenden Tage 1000 Louisd'or überbringen würde. Ich kehrte nach Hauſe zurück und wir ſetzten uns zu Tiſche. Wir waren noch beim Eſſen, als der Bankier ſich melden ließ. Er übergab uns die 1000 Louisd'or und ſagte zu Henrietten, er würde ihr zwei Männer überweiſen, für welche er einſtehen könnte. Sie antwortete, ſie würde abreiſen, ſobald ſie den Wagen erhalten hätte, den er ihr in Gemäßheit des ihm von mir übergebenen Briefes ver⸗ ſchaffen ſollte. Nachdem er ihr verſichert, daß für den fol⸗ genden Tag Alles bereit ſein würde, verließ er uns. Es war ein ſchrecklicher Augenblick! Wir waren wie verſtei⸗ nert. Wir verharrten unbeweglich in einem düſtern Schwei⸗ gen, wie es immer eintritt, wenn die tiefſte Traurigkeit den Geiſt beugt. Ich brach das Schweigen, um ihr zu ſagen, daß der Wagen, welchen Tronchin ihr liefern würde, unmöglich ſo bequem und ſicher wie der meinige ſein könnte, daß ich ſie daher bäte, den meinigen zu nehmen, wobei ich ihr zugleich die Verſicherung gab, daß ich in dieſer Gefälligkeit eine na⸗ tuͤrliche Folge ihrer Liebe für mich ſehen würde. Ich werde dafür, theure Freundin, den Wagen nehmen, welchen Dir der Bankier liefern wird. Ich willige darein, mein theurer Freund, ſagte ſie; es wird eine Erleichterung für mein Herz ſein, wenn ich ein Meubel beſitze, welches Dir gehört. Dies ſagend, ſteckte ſie fünf Rollen von hundert Louisd'or's in meine Taſche, eine ſchwache Entſchädigung für mein durch tiefe traurige Tren⸗ nung gebeugtes Herz. Während dieſer letzten vierund⸗ zwanzig Stunden ſtand uns keine andere Beredtſamkeit zu Gebote, als die unſerer Thränen, unſerer Seufzer und jener banalen aber energiſchen Apoſtrophen, welche zwei glückliche Liebende an die zu ſtrenge Vernunft richten, die ſie inmitten IV. 5— — 3. 4. 66 8 ihres Glückes zwingt, ſich für immer zu trennen. Henriette ſuchte mir nicht mit Hoffnungen zu ſchmeicheln, um meinen Schmerz zu mildern; im Gegentheile: Wenn uns einmal die Nothwendigkeit zwingt, uns zu verlaſſen, ſagte ſie, ſo erkundige Dich, theurer Freund, nie nach mir, und wenn Dich der Zufall je mit mir zuſammenführen ſollte, ſo thue ſo, als ob Du mich nicht kennteſt. Sie gab mir hierauf einen Brief für Herrn d'Antoine, vergaß aber mich zu fragen, ob ich nach Parma zurückkehren würde; hätte ich indeß auch nicht die Abſicht gehabt, ſo würde ich mich doch ſogleich dazu entſchloſſen haben. Sie bat mich, auch nicht eher von Genf abzureiſen, als bis ich einen Brief von ihr empfangen, den ſie mir vom erſten Orte aus, wo ſie an⸗ halten würde, um die Pferde zu wechſeln, ſchreiben wollte. Sie reiſte mit Tagesanbruch ab, mit einer Kammerfrau im Wagen, einem Lakeien auf dem Kutſcherſitze und einem an⸗ dern als Courier voraufeilenden. Ich folgte ihr mit den Augen, ſo lange ich ihren Wagen ſehen konnte, und blieb noch länger, nachdem meine Blicke nichts mehr ſahen, auf demſelben Platze ſtehen; denn alle meine Gedanken waren in dem theuren Gegenſtande, welchen ich verlor, concentrirt; die Welt war nichts mehr für mich. Als ich in mein Zimmer zurückgekehrt war, befahl ich dem Kellner, mich nicht eher zu wecken, als bis die Pferde, mit welchen Henriette gefahren war, zurückgekommen wären; und ich legte mich ins Bett, hoffend, daß der Schlaf mei⸗ ner bedrängten Seele, welche meine Thränen nicht beruhi⸗ gen konnten, zu Hülfe kommen würde. Aber erſt am folgenden Tage kam der Poſtillon zurück; er war bis Chäatillon gefahren. Er überbrachte mir einen Brief, in welchem nur das traurige Wort Lebewohl! ſtand. Derſelbe erzählte mir, daß ſie ohne Unfall in Chatillon an⸗ gekommen wären, und daß Madame ſogleich den Weg nach Lyon eingeſchlagen. Da ich erſt am folgenden Tage von Genf abreiſen konnte, ſo verbrachte ich in meinem Zimmer den traurigſten Tag meines Lebens. Auf der einen der Scheiben fand ich folgende Worte, welche ſie mit einem ihr von mir geſchenkten Diamanten eingegraben: Du wirſt auch V 88 — 3 “ 4— „ — H 7 tten vergeſſen. Dieſe Prophezeiung war nicht geeig⸗ net, mich zu tröſten; aber welche Ausdehnung gab ſie dem Worte: vergeſſen? Sie konnte darunter nur verſtehen, daß die Zeit die tiefe Wunde, welche ſie meinem Herzen geſchlagen, heilen würde; und ſie hätte dieſelbe nicht erwei⸗ tern ſollen, indem ſie mir einen ſolchen Vorwurf machte. Nein, ich habe ſie nicht vergeſſen; denn obwohl mein Haupt mit weißen Haaren bedeckt iſt, ſo iſt die Erinnerung an ſie doch ein wahrer Balſam für mich. Wenn ich bedenke, daß ich in meinen alten Tagen nur durch meine Erinnerungen glücklich bin, ſo finde ich, daß mein langes Leben mehr glücklich als unglücklich geweſen, und nachdem ich Gott, der Urſache aller Urſachen, dafür gedankt, wünſche ich mir Glück dazu, daß ich geſtehen kann, das Leben ſei ein Gut. Am folgenden Tage reiſte ich mit einem Bedienten, welchen mir Herr Tronchin empfahl, wieder nach Italien zurück, und trotz der ſchlechten Jahreszeit ſchlug ich den Weg über den St. Bernhard ein, welchen ich in drei Tagen mit ſieben Mauleſeln paſſirte, welche mich, meinen Bedienten, meinen Koffer und den Wagen transportirten, der für die reizende Frau beſtimmt geweſen war, welche ich unwieder⸗ bringlich verloren hatte. Ein Mann, welcher von einem großen Schmerz gebeugt wird, hat den Vortheil, daß ihm nichts beſchwerlich erſcheint. Es iſt dies eine Art Verzweif⸗ lung, welche auch ihre Süßigkeiten hat. Ich fühlte weder Hunger, noch Durſt, noch die Kälte, welche die Natur in dieſer ſchrecklichen Gegend der Alpen erſtarren ließ, noch die von einer ſo mühſeligen und gefährlichen Reiſe unzertrenn⸗ getäuſch enc 8 68 8 · 8 daß ich ermüdet wäre, und daß wir uns wiederſehen würden. 8 Am folgenden Tage ging ich aus, um Herrn d'Antoine den Brief Henriettens zu geben. Er öffnete ihn in meiner Gegenwart, und da er einen Einſchluß an meine Adreſſe 3 fand, ſo übergab er ihn mir, ohne ihn zu leſen, obwohl er offen war; da er aber bedachte, daß es die Abſicht ſeiner Verwandtin ſein könnte, daß er ihn läſe, da ſie ihn nicht zugeſiegelt hatte, ſo bat er mich um die Erlaubniß, welche ich ihm mit Vergnügen bewilligte, ſobald ich von demſelben Kenntniß genommen. Nachdem er ihn geleſen, gab er ihn mir wieder und ſagte mir ſehr gefühlvoll, daß ich bei jeder Gelegenheit über ihn und ſeinen Einfluß verfügen könne. Der Brief Henriettens lautete folgendermaßen: „Ich bin es, einziger Freund, die Dich hat verlaſſen müſſen; aber vermehre Deinen Schmerz nicht dadurch, daß Du an den meinigen denkſt. Seien wir vernünftig genug zu denken, daß wir einen angenehmen Traum geträumt ha⸗ ben, und beklagen wir uns nicht über unſer Geſchick; denn 3 nie hat ein ſchöner Traum ſo lange gedauert. Freuen wir uns, daß wir uns drei Monate hinter einander glücklich zu machen verſtanden haben: es giebt wenig Sterbliche, welche daſſelbe ſagen können. Vergeſſen wir uns nie und rufen wir uns oft die glücklichen Augenblicke unſerer Liebe zurück, um ſie in unſern Gemüthern aufzufriſchen, die, obwohl ge⸗ trennt, ſich derſelben ebenſo lebhaft erfreuen werden, als ob unſere Herzen an einander ſchluͤgen. Erkundige Dich nicht nach mir, und wenn Du zufällig erführſt, wer ich bin, ſo ignorire es. Ich werde Dir ein Vergnügen machen, wenn ich Dir melde, daß ich meine Angelegenheiten ſo wohl ge⸗ ordnet, daß ich für den Reſt meiner Tage ſo glücklich ſein werde, wie ich es ohne Dich ſein kann. Ich weiß nicht, wer. Du biſt; aber ich weiß, daß Niemand auf der Welt Dich beſſer kennt als ich. Ich werde in meinem ganzen Leben keinen Liebhaber mehr haben; aber ich wünſche, daß Du es Dir nicht einfallen laſſeſt, mir nachzuahmen. Ich wünſche, daß Du noch liebeſt und ſogar, daß Deine gute Fee Dich eine zweite Henriette finden laſſe. Lebewohl! Lebewohl!“ 5 1 69 Ich ſah dieſes angebetete Weib funfzehn Jahre ſpäter wieder; der Leſer wird ſehen wie, wenn wir ſo weit ſein werden. Zurückgekehrt in meine Wohnung ſchließe ich mich ein und lege mich ſchlafen, unbekümmert um die Zukunft und verzehrt von tiefer Traurigkeit. Meine gedrückte Stimmung verſetzte mich in eine Art Betäubung. Das Leben war mir nicht zur Laſt, aber nur weil ich nicht an daſſelbe dachte, und ich würde an daſſelbe gedacht haben, wenn mir das Geringſte daran gelegen geweſen wäre. Ich war in einem Zuſtande vollſtändiger Apathie. Sechs Jahre ſpäter kam ich in eine ähnliche Lage; aber diesmal war nicht die Liebe die Urſache meiner Leiden, ſondern die berühmten und ſchreck⸗ lichen Bleidächer in Venedig. Nicht viel beſſer war mir zu Muthe, als ich 1768 in das Gefängniß Buen⸗Retiro in Madrid gebracht wurde; aber greifen wir den Ereigniſſen nicht vor. Nach Verlauf von vierundzwanzig Stunden war meine Erſchöpfung ſehr groß; aber ſie erſchien mir nicht unange⸗ nehm, und in der geiſtigen Stimmung, in welcher ich mich befand, war mir der Gedanke, daß eine Steigerung derſel⸗ ben mich tödten könnte, nicht ohne Reiz für mich. Ich war ſehr erfreut, daß Niemand mich mit Aufforderungen zum Eſſen beläſtigte, und ich wünſchte mir Glück dazu, daß ich meinen Bedienten verabſchiedet. Nach Verlauf von vier⸗ undzwanzig Stunden war meine Schwäche bis zu völliger Entkräftung gediehen.. In dieſem Zuſtande war ich, als de la Haye an meine Thür klopfte. Ich würde ihm nicht geantwortet haben, wenn er nicht beim Anklopfen geſagt hätte, daß man mich durchaus ſprechen müſſe. Ich öffne, mich kaum auf den Beinen haltend, und lege mich dann wieder nieder. Ein Fremder, ſagte er, der einen Wagen bedarf, möchte den Ihrigen kaufen. Ich will ihn nicht verkaufen. Entſchuldigen Sie mich, wenn ich Sie geſtört habe, aber Sie ſehen ſehr krank aus. Ja, es thut mir noth, daß man mich in Ruhe läßt. 70 Was fehlt Ihnen? Er nähert ſich mir, ergreift meine Hand und findet, daß der Puls außerordentlich ſchwach geht. Was haben Sie geſtern gegeſſen? Nichts, Gott ſei Dank, ſeit zwei Tagen nichts. Da er ſich wohl die Wahrheit dachte, ſo gerieth er in Unruhe und beſchwor mich, eine Taſſe Bouillon zu trinken. Er legte in ſeine Beſchwörungen ſo viel Salbung und Gut⸗ müthigkeit, daß ich mich ſowohl aus Schwäche wie aus langer Weile überreden ließ. Sodann hielt er mir, jedoch ohne Henrietten zu erwähnen, eine Predigt über mein künf⸗ tiges Leben, über die Eitelkeit der Welt, die wir dennoch liebten, und über die Nothwendigkeit, unſer Leben, welches uns nicht gehöre, zu achten. Ich hörte, ohne zu antworten, aber ich hörte doch; und de la Haye, welcher dieſes Vortheils gewahr wurde, be⸗ ſtellte ein kleines Mittagseſſen, da er mich nicht verlaſſen wollte. Ich hatte weder die Kraft noch den Willen zu widerſtehen, uund As deſſas-auſgetemaen war, aß ich etwas. Nun rief mein de la Haye Viktoria und bemühte ſich, den übrigen Theil des Tages mich durch luſtige Ge⸗ ſchichten zu erheitern. Am folgenden Tage fing die Geſchichte von Neuem an, denn nun bat ich ihn, mir beim Mittagseſſen Geſellſchaft zu leiſten. Wie es mir ſchien, hatte meine Traurigkeit ſich nicht vermindert; aber das Leben ſchien mir wieder dem Tode vorzuziehen, und da ich bedachte, daß ich dieſem Manne vielleicht die Erhaltung meines Lebens zu danken hätte, ſo gewann ich Freundſchaft für ihn. Man wird ſehen, daß meine Neigung für ihn aufs Höchſte ſtieg, und der Leſer wird ſich wie ich über das Mittel wundern. Drei oder vier Tage ſpäter ſtattete mir Dubois, dem de la Haye Alles erzählt hatte, einen Beſuch ab und for⸗ derte mich zum Ausgehen auf. Ich ging in die Komödie, wo ich mit einigen korſiſchen Offizieren, welche in Frank⸗ reich im Regiment Royal⸗Italien gedient hatten, und mit einem Sicilianer Namens Paterno, dem größten Haſenfuß, Dieſer junge der ſich denken läßt, Bekanntſchaft machte. ——ꝑr * 1 71 Mann war in eine Schauſpielerin verliebt, welche ſich über ihn luſtig machte; er erheiterte mich durch die Erzählung von allen ihren anbetungswürdigen Eigenſchaften und von den Grauſamkeiten, welche ſie gegen ihn verübte; denn ob⸗ wohl ſie ihn zu allen Stunden bei ſich empfing, ſo ſtieß ſie ihn doch mit großer Härte zurück, ſobald er ihr eine Gunſt rauben wollte. Außerdem richtete ſie ihn zu Grunde, in⸗ dem ſie ihn beſtändig Diners und Soupers en famille geben ließ, ohne ihm dieſelben irgendwie in Anrechnung zu bringen. Derſelbe hatte zuletzt meine Neugierde erregt, und nach⸗ dem ich ſie auf der Bühne geſehen und gefunden, daß ſie nicht ohne Verdienſt war, wollte ich ſie kennen lernen und Paterno machte ſich ein Vergnügen daraus, mich zu ihr zu führen. Ich fand ſie von leichtem Umgange, und da ich wußte, daß ſie nichts weniger als reich war, ſo zweifelte ich nicht, daß funfzehn oder zwanzig Zechinen vollkommen hinreichend ſein würden, um lie menſchlich Ju ſtimmen. Ich theilte Paterno meine Bekrachkungen utik; aber er erwiederte la⸗ chend, ſie würde mich nicht mehr empfangen, wenn ich ihr einen ſolchen Vorſchlag zu machen wagte. Er nannte mir die Offiziere, welche ſie wegen ſolcher⸗Anerbietungen nicht mehr hatte ſehen wollen. Es ſollte mir indeß ſehr lieb ſein, fügte er hinzu, wenn Sie den Verſuch machten und mir hierauf aufrichtig ſagten, welche Wendung die Sache genommen. Ich fühlte mich gereizt und verſprach es. Ich ging zu ihr in die Loge, in welcher ſie ſich ent⸗ kleidete, und als ſie die Schönheit meiner Uhr lobte, ſagte ich, es hinge nur von ihr ab, daß dieſelbe die ihrige würde. Sie antwortete mir nach dem Katechismus ihres Gewer⸗ bes, ein anſtändiger Mann dürfe einem anſtändigen Mäd⸗ chen nicht ſolche Vorſchläge machen. Ich biete denen, die es nicht ſind, nur einen Dukaten, ſagte ich, und ging weg. Als ich Paterno von dieſer Unterhaltung Bericht er⸗ ſtattete, ſprang er vor Freuden in die Höhe; aber ich wußte, was ich davon zu halten halte, cossar. tte, und trotz ſeinen Bitten wollte ich nicht mehr an ſeinen Soupers * 72 Theil nehmen, welche ſehr langweilig waren und während welcher die ganze Familie der Schauſpielerin ihren Spott mit dem Gimpel trieb, welcher die Koſten bezahlte. Sieben oder acht Tage darauf erzählte mir Paterno, daß die Schauſpielerin ihm die Anekdote gerade wie ich erzählt, und zu ihm geſagt habe, ich beſuche ſie nicht mehr, weil ich beim Wort genommen zu werden fürchtete, wenn ich meinen Antrag erneuerte. Ich beauftragte ihn, ihr zu ſagen, daß ich noch einmal zu ihr kommen würde, nicht, um ihr Anträge zu machen, ſondern um die, welche ſie mir ma⸗ chen würde, zu verachten. Der Leichtſinnige richtete die Beſtellung ſo gut aus, daß die gereizte Schauſpielerin mich durch ihn herausfordern ließ, ſie zu beſuchen. Feſt entſchloſſen, ſie zu überzeugen, daß ich ſie verachte, begab ich mich noch am Abend nach dem Schluſſe des zweiten Aktes eines Stücks, in welchem ſte nicht mehr auftrat, in ihre Loge. Sie verabſchiedete Jemand, der bei ihr war, indem ſie ſagte, ſie habe mit mir zu ſprechen; und nachdem ſie die Thüre geſchloſſen, ſetzte ſie ſich ſehr graziös auf meiften Schooß und fragte mich, ob ich ſie wirklich ſo ſehr verachte. In einer ſolchen Lage hat man nicht den Muth eine Frau zu beleidigen, und ſtatt aller Antwort ging ich auf das Ziel los, ohne auch nur den Widerſtand zu finden, welcher den Appetit ſchärft. Nichts⸗ deſtoweniger wurde ich auch hier wieder das Opfer eines Gefühls, welches ſehr wenig an ſeiner Stelle iſt, wenn ein Mann von Geiſt die Schwäche begeht, ſich mit ſolchen Weibern einzulaſſen, und ich gab ihr zwanzig Zechinen, womit, wie es mir ſcheint, ich bittre Reue etwas theuer bezahlt hatte. Wir waren beide ſehr luſtig, und lachten über Paterno's Dummheit, welcher nicht zu wiſſen ſchien, wie derartige Herausforderungen enden. — Ich ſah den armen Sicilianer am folgenden Tage und ſagte zu ihm, ich hätte mich ſehr gelangweilt und würde deshalb nicht wieder hingehen. Ich hatte allerdings die Ab⸗ ſicht; aber ein ſehr wichtiger Grund, welchen die Natur mir drei Tage ſpäter erklärte, zwang mich, ihm noch aus— anderm Grunde als aus bloßem Ekel Wort zu halten. —— wie die Zerknirſchung, in welche er mit unglaublicher Ge⸗ 73 3 4 Obgleich mein aeihan Zuſan mich ſehr ſchmerzte, ſo glaubte ich mich doch nicht darüber beklagen zu dürfen; ich ſah vielmehr in dieſem Unglücke nur die die gerechte Strafe, daß ich mich einer andern Lais hingegeben, nachdem ich das Glück gehabt, eine Henriette zu beſitzen. Mein Fall gehörte nicht ins Bereich der bloßen Em⸗ pirie und ich glaubte mich de la Haye anvertrauen zu müſ⸗ ſen, der alle Tage bei mir zu Mittag aß, da er mir aus ſei⸗ ner Armuth kein Geheimniß machte. Dieſer durch ſein Alter und ſeine Erfahrung achtungswerthe Mann übergab mich einem geſchickten Chirurgus, welcher auch Zahnarzt war. Nach den von ihm erkannten Symptomen war, er genöthigt, mich dem Gotte Mercur zu opfern; und dieſe Kur nöthigte mich der Jahreszeit wegen das Zimmer ſechs Wochen lang zu hüten. Es war dies im Winter 1749. Während ich in der Heilung von meinem häßlichen Uebel begriffen war, theilte mir de la Haye ein anderes mit, welches vielleicht nicht viel beſſer oder gar ſchlimmer iſt, und für welches ich mich nicht empfänglich gehalten hatte. Dieſer Flamländer, welcher mich erſt um ein Uhr Morgens verließ, um, wie er ſagte, ſeine Andacht zu ver⸗ richten, machte mich fromm. Und zwar in ſo hohem Grade, daß ich ihm zugab, ich müſſe mich glücklich ſchätzen, von einer Krankheit befallen zu ſein, welche die erſte Urſache der in mir zum Durchbruch gekommenen Gnade geworden. Ich dankte Gott mit Inbrunſt und mit der größten Auf⸗ richtigkeit, daß er ſich des Mercurs bedient, um meinen vor⸗ her in Finſterniß befangenen Sinn zum reinen Lichte der Wahrheit zu leiten. Es iſt nicht zu bezweifeln, daß dieſe Syſtemsänderung in meiner Vernunft eine Wirkung der durch den Mercur hervorgebrachten Schwächung war. Die⸗ ſes unreine und immer ſchädliche Metall hatte meinen Geiſt ſo ſehr geſchwächt, daß ich faſt ſtumpfſinnig war, und meine bisherige Anſchauungsweiſe für eine ſehr ſchlechte hielt. In meiner neuen Weisheit faßte ich daher auch den Entſchluß, künftig eine ganz neue Lebensweiſe zu beginnen. De la Haye weinte oft aus innerer Befriedigung, wenn er ſah, 74 ſchicklichkeit meine Seele verſetzt hatte, mich Thränen ver⸗ gießen ließ. Er ſprach vom Paradies und Jenſeits, als ob er perſönlich dageweſen und ich machte mich nicht über ihn luſtig. Er hatte mich daran gewöhnt, meiner Vernunft zu entſagen; um aber dieſer göttlichen Fähigkeit zu entſagen,. muß man den Werth derſelben nicht mehr empfinden, muß man dumm geworden ſein. Man urtheile ſelbſt. Man wiſſe nicht, ſagte er eines Tages, ob Gott die Welt in der Frühlings⸗ oder in der Herbſtnachtsgleiche geſchaffen. Wird die Schöpfung vorausgeſetzt, antwortete ich ihm trotz des Mercurs, ſo wird die Frage kindiſch; denn eine Jahreszeit kann nur hinſichtlich eines Theils der Erde angenommen werden. De la Haye wendete mir ein, daß ich heidniſche Ideen hätte, und daß ich nicht ſo folgern dürfte: ich ergab mich. Dieſer Mann war Jeſuit geweſen; aber mir wollte er 1 dies nicht zugeben, ſondern er litt auch nicht einmal, daß man davon ſprach. Auf folgende Weiſe krönte er eines Tages ſein Werk der Verführung, indem er mir von ſeinem Leben erzählte. Rachdem ich die Schule beſucht, ſagte er, und mit eini⸗ gem Erfolge Künſte und Wiſſenſchaft getrieben, gelangte ich mit dem zwanzigſten Jahre zu einer Anſtellung an der Pa⸗ riſer Univerſität. Hierauf nahm ich Dienſte im Genie, und ſeitdem habe ich mehrere Werke ohne Verfaſſernamen her⸗ ausgegeben und man bedient ſich derſelben in allen Schulen zum Jugendunterricht. Nachdem ich den Kriegsdienſt ver⸗ laſſen, übernahm ich, da ich kein Vermögen hatte, die Er⸗ ziehung mehrer junger Leute, von denen einige jetzt noch in der Welt glänzen, und zwar mehr durch ihre Sitten als durch ihre Talente. Mein letzter Zögling iſt der Marcheſe Botta. Da ich keine Stellung habe, ſo lebe ich, wie Sie ſehen, im Vertrauen auf Gott. Vor vier Jahren machte 3 ich die Bekanntſchaft des Barons Bavois aus Lauſanne, Sohns des Generals dieſes Namens, welcher ein Regiment im Dirnſte des Herzogs von Modena befehligte, und ſpäter 3 das Unglück hatte, daß zu viel von ihm geſprochen wurde. — Der junge Baron, Kalboiniſt wie ſein Vater, liebte nicht das müßige Leben, welches er bei ihm hätte führen können. Er. ——— —— bat mich, ihm denſelben Unterricht wie dem Marcheſe Botta zu geben, damit er ins Militair treten könne. Erfreut, ſo ſchöͤne Anlagen ausbilden zu können, verließ ich Alles, um mich gänzlich dieſer Beſchäftigung hinzugeben. Ich entdeckte bald, daß er hinſichtlich der Religion ſich bewußt war, im Irrthume zu leben, und daß er dieſelbe nur aus Rückſicht gegen ſeine Familie feſthielt. Sobald ich ſein Geheimniß kannte, wurde es mir leicht, ihm zu zeigen, daß es ſich hier⸗ bei um die Hauptſache für ihn handelte, da ſein ewiges Heil davon abhing. Getroffen von dieſer Wahrheit, über⸗ ließ er ſich meiner Zärtlichkeit, und ich führte ihn nach Rom, wo ich ihn dem Papſt Benedikt XIV. vorſtellte, der ihm, nachdem er ſeinen Glauben abgeſchworen, eine Lieutenants⸗ ſtelle bei der Truppe des Herzogs von Modena verſchaffte. Da aber dieſer theure Proſelyt, welcher erſt fünfundzwanzig Jahre alt iſt, nur ſieben Zechinen monatlich hat, ſo hat er nicht genug zu leben; und ſeitdem er ſeine Religion geän⸗ dert hat, empfängt er nichts mehr von ſeinen Eltern, welche ſeine ſogenannte Apoſtaſie verabſcheuen. Wenn ich ihn nicht unterſtützte, müßte er nach Lauſanne zurückkehren. Aber da ich arm und ohne Stellung bin, ſo kann ich ihn nur von den Almoſen unterſtützen, welche ich bei mir bekannten gu⸗ ten Seelen ſammle.. Da mein Zögling ein dankbares Herz hat, ſo möchte er wohl ſeine Wohlthäter kennen lernen, aber ſie wollen nicht gekannt ſein und haben Recht; denn wenn das Almo⸗ ſen verdienſtlich ſein ſoll, ſo darf ſich kein Gefühl der Eitel⸗ keit hineinmiſchen. Ich habe, Gott ſei Dank, keinen Grund eitel zu ſein. Ich ſchätze mich zu glücklich, daß ich einem jungen Auserwählten als Vater dienen kann, und daß ich als ſchwaches Werkzeug jin der Hand Gottes meinen An⸗ theil am Heile ſeiner Seele gehabt. Dieſer gute und ſchöne Jüngling vertraut nur mir und ſchreibt mir regelmäßig zweimal die Woche. Die Diſcretion geſtattet mir nicht, Ihnen ſeine Briefe mitzutheilen; aber Sie würden vor Zärt⸗ lichkeit weinen, wenn Sie dieſelben leſen könnten. Ihm ſchickte ich geſtern die drei Louisdor, welche ich von Ihnen geborgt. 76 Als mein Bekehrer geendet, ſtand er auf, trat ans Fenſter und trocknete ſich die Thränen. Da ich mich ge⸗ rührt fühlte und Bewunderung für de la Haye und ſeinen Zögling fühlte, der, um ſeine Seele zu retten, ſich in die harte Nothwendigkeit verſetzt, von Almoſen zu leben, ſo weinte ich auch und als angehender Frommer ſagte ich zu dem Apoſtel, er ſolle mir nicht nur nicht ſagen, ſondern ich wolle auch nicht wiſſen, welche Summe er für ihn nehmen würde; ich bat ihn demgemäß, über meine Börſe zu ver⸗ fügen, ohne mir Rechenſchaft davon zu geben. Kaum hatte ich dies geſagt, als de la Haye mit offe⸗ nen Armen auf mich zukam, mich umarmte und ſagte, in⸗ dem ich ſo das Evangelium buchſtäblich befolge, öffne ich mir den Weg zum Himmel. Der Geiſt folgt dem Körper: das iſt das Vorrecht der Materie. Bei leerem Magen werde ich Fanatiker, und die Leere, welche der Merkur in meinem Gehirn hervorge⸗ bracht hatte, wurde ein Zufluchtsort für die Begeiſterung. Ohne de la Haye etwas davon zu ſagen, ſchrieb ich an meine drei Freunde, Herrn von Bragadino u. ſ. w. pathe⸗ tiſche Briefe über meinen Tartüfe und ſeinen Zögling, ſo daß ich ihnen meine Begeiſterung mittheilte. Du weißt, theurer Leſer, daß ſich nichts ſo ſchnell fortpflanzt, als die Peſt: nun iſt aber der Fanatismus, welcher Art er auch ſei, nichts als eine Anſteckung des Geiſtes. Ich ließ ſie ahnen, daß das ganze Wohl unſer Geſell⸗ ſchaft von der Aſſociation dieſer beiden tugendhaften Perſo⸗ nen abhinge, ich ließ ſie ahnen, denn da ich unbewußter Je⸗ ſuit geworden war, ſo ſprach ich es nicht poſitiv aus, daß es beſſer wäre, daß die Idee dieſen einfachen, aber poſitiv tugendhaften Menſchen anzugehören ſchiene. Gott will, ſagte ich zu ihnen,(denn die Schurkerei muß ſich immer unter die Aegide dieſes heiligen Namens ſtellen), daß Sie alle Ihre Kräfte aufbieten, um für de la Haye und den jun⸗ gen Bavois in dem Stande, welchen er erwählt hat, eine ehrenvolle Stellung zu finden. Herr von Bragadino ſchrieb mir, de la Haye könne mit uns in ſeinem Pakaſte wohnen und Bavois könne an keennen. Und nun weiter mit mir ſprechend, nannte er mir 77 den Papſt, ſeinen Beſchützer ſchreiben, um ihn zu bitten, daß er ihn dem venetianiſchen Geſandten empföhle, welcher dann an den Senat ſchreiben würde, in welchem Falle Bavois ſicher ſein könne, eine paſſende Stellung zu finden. Es war damals die Frage über das Patriarchat von Aquileja in der Schwebe, und die Republik ſo wie der Kaiſer von Oeſterreich waren im Beſitz deſſelben; da der letztere das jus eligendi in Anſpruch nahm, ſo hatte man Benedikt XIV. zum Schiedsrichter gemacht. Es war klar, daß die Republik, da der Papſt ſich noch nicht erklärt hatte, große Rückſicht auf ſeine Empfehlung genommen ha⸗ ben würde. Während dieſe Angelegenheit verhandelt wurde, und wir in Venedig einen Brief erwarteten, welcher uns die Wirkung der Empfehlung des heiligen Vaters mittheilen ſollte, be⸗ gegnete mir ein kleines komiſches Abenteuer, welches ich dem Leſer nicht vorenthalten darf. Da ich am Anfange des April von meiner letzten Ver⸗ wundung vollkommen geheilt war und meine frühere Kraft wiedererlangt hatte, ſo ging ich täglich mit meinem Bekeh⸗ rer in die Kirche, wo ich keine Predigt verſäumte und be⸗ ſuchte mit ihm Abends die Kaffeehäuſer, wo wir immer ziemlich gute Geſellſchaft von Offizieren fanden. Unter die⸗ ſen war ein Provenzale, welcher die Geſellſchaft durch Auf⸗ ſchneiderei und die Erzählung ſeiner militairiſchen Helden⸗ thaten beluſtigte, durch welche er ſich im Dienſte mehrerer Mächte und namentlich Spaniens ausgezeichnet haben wollte. Da er beluſtigte, ſo thaten Alle ſo, als ob ſie ihm glaub⸗ ten, um ihn in Athem zu halten. Da ich ihn aufmerkſam betrachtete, ſo fragte er mich, ob ich ihn kenne. Meiner Treu! mein Herr, ich kenne Sie! waren wir nicht zuſammen in der Schlacht bei Arbela? Bei dieſen Worten brachen Alle in lautes Lachen aus; aber der Windbeutel kam nicht aus der Faſſung und ver⸗ ſetzte ſehr lebhaft: Was ſinden Sie denn daran ſo lächer⸗ lich, meine Herren? Ich war dabei und der Herr kann mich ſehr gut geſehen haben; in der That glaube ich ihn zu er⸗ 78 das Regiment, in welchem wir gedient; und nachdem wir uns umarmt, becomplimentirten wir uns gegenſeitig über das Glück, uns in Parma wiederzufinden. Nach dieſem wahrhaften komiſchen Scherze entfernte ich mich in Beglei⸗ tung meines von mir unzertrennlichen Bekehrers. Am folgenden Tage ſaß ich noch mit meinem Geſell⸗ ſchafter bei Tiſche, als der aufſchneidende Provenzale, den Hut auf dem Kopfe, in mein Zimmer trat und ſagte: Herr von Arbela, ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen: machen Sie ſchnell und folgen Sie mir. Wenn Sie Furcht haben, nehmen Sie mit, wen Sie wollen: ich ſtehe einem halben Dutzend. Statt aller Antwort ſtehe ich auf, ergreife ein Piſtol und es auf ihn anlegend, ſage ich mit feſtem Tone: Nie⸗ mand hat das Recht, mich in meinem Zimmer zu ſtören; gehen Sie hinaus oder ich jage Ihnen eine Kugel durch den Kopf. Man Mann zieht nun den Degen, und fordert mich heraus, auf ihn zu ſchießen; aher in demſelben Augenblicke wirft ſich de la Haye zwiſchen uns und ſtampft mit dem Fuße auf den Fußboden. Der Wirth kömmt herauf und droht dem Offizier die Wache holen zu laſſen, wenn er ſich nicht au genblicklich entfernte. Indem er weggeht, ſagt er, ich hätte ihn öffentlich be⸗ leidigt, und er würde dafür ſorgen, daß die Genugthuung, welche ich ihm ſchuldig wäre, ebenſo öffentlich erfolge, wie die Beleidigung. Als er ſich entfernt huite überlegte ich, daß dieſe Ge⸗ ſchichte eine tragiſche Wendung nehmen könnte, und ich über⸗ legte mit de la Haye, wie dem vorzubeugen ſei; aber wir brauchten uns nicht lange den K Kopf zu zerbrechen, denn eine halbe Stunde darauf befahl mir ein Offtzier des Infanten Herzogs von Parma, ſogleich nach der Hauptwache zu kom⸗ men, wo der Platzmajor, Herr von Bertolan, mit mir zu ſprechen wünſche. Ich bat de la Haye mich zu begleiten, da er ſowohl Zeuge deſſen, was im Kaffeehaus geſprochen worden, als was ſich bei mir zugetragen, geweſen.— 79 Ich komme zu dem Major, bei welchem ich einige Of⸗ fiziere finde, unter denen ſich auch der Aufſchneider befand. Herr von Bertolan, der ein Mann von Geiſt war, lä⸗ chelte etwas, als er mich erblickte, ſodann ſagte er mit dem größten Ernſte zu mir: Mein Herr, da Sie dieſen Offizier offentlich verſpottet haben, ſo iſt es gerecht, daß Sie ihm die Gen göhuani⸗ welche 6 fordert, öffentlich geben; und als Platzmajor bin ich genöthigt, Sie darum zu bitten, da⸗ mit die Sache auf eine freundſchaſtliche Weiſe abgemacht werde. Herr Major, ſage ich, es kann wohl in keiner Weiſe davon die Rede ſein, daß ich dieſem Offizier Genugthuung geben ſoll, da ich dieſen Offizier nicht durch Verſpottung beleidigt habe. Ich ſagte zu ihm, es ſchiene mir, daß ich ihn in der Schlacht bei Arbela geſehen hätte, und ich durfte nicht daran zweifeln, als er nicht nur ſagte, daß er dabei geweſen, ſondern mich auch wiedererkenne. Ja, unterbrach mich der Offizier, ich habe Rodela und nicht Arbela verſtanden, und Jeder weiß, daß ich dabei war. Aber Sie haben Arbela geſagt, und können es nur geſagt haben, um ſich über mich luſtig zu machen, da dieſe Schlacht vor mehr denn zweitauſend Jahren geliefert worden iſt, wäh⸗ rend die Schlacht bei Rodela in Afrika in unſere Zeit fällt, und ich derſelben unter dem Befehle des Herien von Mon⸗ temar beigewohnt habe. Zunächſt, mein Herr, ſteht es Ihnen nicht zu, meine Abſichten zu beurtheilen; ich beſtreite Ihnen nicht, daß Sie in der Schlacht bei Rodela geweſen, da Sie es ſagen; aber ſodann ändert ſich die Scene, und ich verlange eine Genugthuung von Ihnen, wenn Sie zu läugnen wagen, daß ich der Schlacht bei Arbela beigewohnt. Ich diente in der⸗ ſelben nicht unter dem Herzoge von Montemar, denn er war nicht dabei, ſo viel ich weiß; aber ich war Adjutant Par⸗ menios, unter deſſen Augen ich verwundet wurde. Wenn Sie mich bitten wollten, Ihnen die Wunde zu zeigen, ſo ſehen Sie wohl ein, daß ich das nicht kann; denn der Kör⸗ per, welchen ich damals hatte, exiſtirt nicht mehr, und in dem, welchen ich jetzt führe, bin ich erſt 23 Jahr alt. 7 80 Das iſt tolles Zeug; aber in jedem Falle habe ich Zeu⸗ gen, daß Sie mich verſpottet haben, denn Sie haben zu mir geſagt, Sie hätten mich in dieſer Schlacht geſehen, und Don⸗ nerwetter! das iſt nicht möglich, denn ich war nicht dabei. In jedem Falle verlange ich eine Genugthuung. Und auch ich; und unſere Rechte ſind zum wenigſten gleich, wenn nicht anders die meinigen beſſer als die ihri⸗ gen ſind; denn Ihre Zeugen ſind auch die meinigen und dieſe Herren werden ſagen, daß Sie behauptet haben, mich bei Rodela geſehen zu haben, und Donnerwetter, das iſt nicht möglich, denn ich war nicht dabei. Ich kann mich getäuſcht haben. Und ich auch; wir haben alſo Keiner vom Andern etwas zu beanſpruchen. Der Major, welcher ſich in die Lippen biß, um nicht zu lachen, ſagte: Mein theurer Herr, ich ſehe nicht, daß Sie das geringſte Recht haben, eine Genugthuung zu fordern, da der Herr ebenſo wie Sie eingeſteht, daß er ſich geirrt haben kann.* Aber, antwortete der Offizier, iſt es wohl glaublich, daß er in der Schlacht bei Arbela geweſen ſei? Der Herr ſtellt es Ihnen frei zu glauben oder nicht zu glauben, wie es ihm freiſtehen muß zu ſagen, daß er dabei geweſen, ſo lange Sie ihm nicht das Gegentheil beweiſen. Werden Sie ihn zwingen, das Schwert zu ziehen? Gott ſoll mich davor bewahren! Lieber erkläre ich un⸗ ſere Sache für beendet. Wolan, meine Herren, ſagte der Major, ich brauche Sie nur noch aufzufordern, ſich als zwei Ehrenmänner zu um⸗ armen. Das thaten wir mit ſehr guter Manier. Am folgenden Tage kam der Provenzale etwas beſchämt zu mir, um ſich zum Mittagseſſen einzuladen, und ich em⸗ pfing ihn ſehr freundlich. So endete dieſe komiſche Scene zu de la Haye's großer Zufriedenheit. 8¹ Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Ich erhalte gute Nachrichten aus Venedig, wohin ich mit de la Haye und Bavois zurückkehre.— Ausgezeichnete Auknahme bei meinen drei Freunden und ihre Ueber- raſchung, als ſie mich als Muſter von Frömmighkeit wiederlinden.— Bavois kührt mich zu meinem krühern geben zurück.— Ye la Haye ein ächter Heuchler.— Abenteuer der Jungker Marchetti.— Ich gewinne in der Lotterie— Ich kinde Baletti mieder.— De la Haye verläßt den Palaſt Bragadins's.— Ich reiſe nach Paris. Während de la Haye mit jedem Tage ſeine Herrſchaft über meinen geſchwächten Geiſt erweiterte und ich fromm der Meſſe, der Predigt und dem Gottesdienſte beiwohnte, bekam ich von Venedig einen Brief, welcher mir meldete, daß meine Angelegenheit den Gang dieſer Art Sachen ge⸗ ᷣ gangen, d. h. in völlige Vergeſſenheit gerathen ſei, und einen zweiten von Herrn von Bragadino, welcher mir meldete, daß der Senator, welcher die Woche habe, an den Geſandten ge⸗ ſchrieben, er möge dem heiligen Vater melden, daß wenn Bavois ſich einſtellen würde, man ihm in der Armee der Republik eine Stellung geben wollte, vermittelſt welcher er ehrenvoll leben und durch ſein eigenes Verdienſt weiter ge⸗ langen könne. Ddieſer Brief erfüllte de la Haye's Herz mit Freuden, und ich ſteigerte ſie noch, als ich ihm ankündigte, daß mich nichts mehr hindere in mein Vaterland zurückzukehren. Hierauf beſchloß er ſich nach Modena zu begeben um ſich mit ſeinem Neophyten über das Benehmen zu verſtän⸗ digen, durch das ſie in Venedig ſich den Weg des Glückes zu eröffnen gedachten. An mir konnte er in keiner Weiſe zweifeln; er ſah, daß ich fanatiſch war, und er wußte, daß dieſe Krankheit ſo lange unheilbar iſt, als die Urſachen be⸗ ſtehen, und da er nach Venedig kam, ſo ſchmeichelte er ſich IV. 1 6 ———— — — ———— — 9 ₰ 8 die Flamme zu nähren, welche er entzündet hatte. Er ſchrieb alſo an Bavois, daß er zu ihm kommen würde, und zwei Tage darauf nahm er Abſchied von mir, wobei er in Thränen zerſchmolz, meine Tugenden aufs höchſte belobte, mich ſeinen Sohn, ſeinen theuren Sohn nannte und mir verſicherte, daß er ſich nicht eher an mich angeſchloſſen, als bis er auf meinen Zügen den Charakter der göttlichen Vorſehung geleſen. Man ſieht, daß ich meiner Sache ſicher ſein kann. Wenige Tage nach de la Haye's Abreiſe verließ ich Parma mit meinem Wagen, welchen ich in Fuſino zurück⸗ ließ, von wo aus ich mich nach Venedig begab. Nach einer einjährigen Abweſenheit empfingen mich meine drei Freunde wie ihren Schutzengel. Sie bezeugten die größte Ungeduld, die drei Auserwählten, welche ich ihnen in meinem Briefe verkündet hatte, ankommen zu ſehen. Eine Wohnung für de la Haye war in Herrn von Bragadino's Palaſt einge⸗ richtet worden; und da die Politik nicht geſtattete, daß mein Vater bei ſich einen Fremden beherbergte, welcher noch nicht in den Dienſt der Republik getreten war, ſo hatte man für Bavois zwei hübſche Zimmer in der Nachbarſchaft aufgeſucht. Ihr Erſtaunen war außerordentlich, als ſie die merk⸗ würdige Veränderung, welche hinſichtlich der Sitten bei“ mir vorgegangen war, bemerkten. Ich ging alle Tage in die Meſſe, oft in die Predigt, verfolgte das Vierzig⸗ ſtundengebet, beſuchte das Kaſino nicht, ſondern nur das Kaffeehaus, wo ſich fromme und anerkannt vernünftige Perſonen verſammelten; und wenn ich nicht bei ihnen war, ſo ſtudirte ich fleißig. Wenn ſie meine gegenwärtige Lebensweiſe mit meinen früheren Sitten verglichen, ſo ver⸗ wunderten ſie ſich, und wußten nicht, wie ſie der Vor⸗ ſehung danken ſollten, deren unerforſchliche Wege ſie bewun⸗ derten. Sie ſegneten die Verbrechen, welche mich genöthigt hatten, mein Vaterland zu meiden. Ich entzückte ſie vollends, als ich alle meine alten Schulden bezahlte, ohne Herrn von Bragadino Geld abzufordern, und da dieſer mir ſeit einem Jahre nichts gegeben, ſo hatte er mit gewiſſenhafter Genauig⸗ mußten, hätte nachtheilig werden können. 8³ keit Monat für Monat mein Vermögen um die ganze mir ausgeſetzte Penſton vermehrt. Ich brauche nicht zu ſagen, wie froh dieſe braven Leute waren, daß ſie mich nicht zum Spielen ausgehen ſahen. Im Anfange des Mai bekam ich einen Brief von de la Haye. Er meldete mir, daß er im Begriffe ſei, ſich mit dem theuren Sohne ſeiner Seele einzuſchiffen, um den Befehlen der achtungswerthen Perſon, welcher ich ihn em⸗ pfohlen, nachzukommen. Da ich wußte, zu welcher Stunde die Poſtkutſche von Modena ankam, ſo gingen wir ihnen Alle entgegen, ausge⸗ nommen Herr von Bragadino, welcher an dieſem Tage im Senat war. Wir waren vor ihm angekommen; und da wir nun Alle beiſammen waren, ſo empfing er uns aufs freundlichſte. De la Haye fing ſogleich mit hundertlei Ge⸗ ſchichten an, aber ich hörte kaum auf ihn, ſo ſehr war ich mit Bavois beſchäftigt. Dieſer war ſo verſchieden von der Perſon, welche ich mir nach der mir gemachten Schilderung vorgeſtellt hatte, daß alle meine Ideen über den Haufen ge⸗ worfen wurden. Ich mußte ihn drei Tage ſtudiren, ehe ich mich zu einer wirklichen Freundſchaft für ihn entſchließen konnte. Ich muß meinen Leſern ein Portrait von demſel⸗ ben entwerfen. Der Baron Bavois war ein junger Mann von 25 Jah⸗ ren; von mittlerem Wuchſe, hübſcher Figur, ſehr gut ge⸗ gachſen, blond, von einer gleichen Laune, er ſprach gut, hatte Geiſt und eine Art ungezwungener Beſcheidenheit, welche ihn ſehr gut kleidete. Er hatte angenehme und regelmäßige Geſichtszüge, ſchöne Zähne, lange, wohlgewach⸗ ſene Haare, auf welche er viele Mühe verwendete und welche von Wohlgerüchen dufteten. Dieſes Individuum, welches weder dem Inhalte noch der Form nach dem glich, welches ich mir nach de la Haye's Schilderung vorgeſtellt hatte, ſetzte meine drei Freunde in nicht geringe Verwunderung; indeß ließ die Art, wie ſie ihn aufnahmen, nichts davon merken, denn ihre reine Seele geſtattete ſich kein Urtheil, welches der guten Idee, die ſie von ſeinen Sitten haben 84 Sobald de la Haye in ſeiner prachtvollen Wohnung eingerichtet war, geleitete ich den Baron in die, welche ihn erwartete und wohin ich ſeine Sachen hatte bringen laſſen. Da er eine gute Wohnung bei ſehr anſtändigen Bürgers⸗ leuten, welche zum Voraus für ihn eingenommen waren, fand, ſo umarmte er mich zärtlich, indem er mich ſeiner vollen Dankbarkeit verſicherte und ſagte, er wäre durch⸗ drungen von Allem, was ich für ihn gethan, ohne ihn zu kennen, und was er durch de la Haye erfahren. Ich ſtellte mich unwiſſend und um die Unterhaltung auf etwas Ande⸗ res zu lenken, fragte ich, womit er ſich in Venedig die Zeit zu vertreiben gedächte, bis er eine Stellung gefunden, welche ihm eine pflichtmäßige Beſchäftigung auferlegte. Ich hoffe, ſagte er, daß wir uns die Zeit auf eine angenehme Weiſe vertreiben werden, denn ich zweifle nicht, daß unſere Nei⸗ gungen in Einklang ſtehen. Bei der Verdumpfung, in welche Mercur und de la Hahe mich verſetzt hatten, würde ich in Verlegenheit gerathen ſein, augenblicklich den wahren Sinn dieſer ſonſt ſehr verſtändlichen Worte zu finden; wenn ich aber auch an der Oberfläche ſtehen blieb, ſo konnte ich doch nicht umhin zu bemerken, daß er den bei⸗ den Töchtern ſeiner Wirthin gefallen. Dieſelben waren weder hübſch noch häßlich; aber er begegnete ihnen wie ein Mann, der ſich darauf verſteht. Ich hielt dies indeß nur für gewöhnliche Höflichkeit, ſo große Fortſchritte harte ich ſchon im Myſticismus gemacht. Am erſten Tage führte ich meinen Baron nur auf den Marcusplatz und in das Kaffeehaus, wo wir bis zum Abendeſſen blieben. Bei Herrn von Bragadino war für ihn gedeckt. Während des Eſſens glänzte er durch hübſche Aeußerungen, und Herr Dandolo verabredete mit ihm die Stunde, wo er ihn abholen wollte, um ihn am folgenden Tage dem Kriegspr äſidenten vorzuſtellen. Nach dem Eſſen geleitete ich ihn nach ſeiner Wohnung, wo die beiden Mäd⸗ chen froh waren, daß der ſchweizer Herr keinen Bedienten hatte, und die Hoffnung blicken ließen, denſelben entbehrlich zu machen. — rung bemerkte, da ſie bei einem Neubekehrten keineswegs 8⁵ Am folgenden Tage, etwas vor der verabredeten Zeit, geleitete ich die Herren Dandolo und Barbaro zu ihm, welche ihn dem Präſidenten vorſtellen wollten. Wir fanden ihn bei ſeiner Toilette unter der zarten Hand der ältern Schweſter, welche ihn friſirte. Sein Zimmer duftete nach Pomade und wohlriechendem Waſſer. Das ſprach eben nicht für einen kleinen Heiligen; indeß nahmen meine beiden Freunde keinen Anſtoß daran, obwohl ich ihre Verwunde⸗ eine ſo große Galanterie erwartet hatten. Ich hätte bei⸗ nahe laut aufgelacht, als Herr Dandolo mit ſalbungsvollem Tone ſagte, daß, wenn man ſich nicht beeile, man die Meſſe verſäumen würde, und Bavois ihn mit erſtaunter Miene fragte, ob heute ein Feiertag wäre. Dandolo machte dar⸗ über keinen Commentar, ſondern antwortete: nein, und an den folgenden Tagen war von der Meſſe nicht mehr die Rede. Sobald er fertig war, ließ ich ſie allein gehen und ging anderwärts hin. Ich ſah die Herren erſt beim Mit⸗ tagseſſen wieder, wo man von der Aufnahme des jungen Barons beim Präſidenten ſprach, und am Nachmittage führten ihn meine Freunde zu Damen ihrer Verwandtſchaft, welche er alle zu bezaubern ſchien. In noch nicht acht Ta⸗ gen hatte er ſo viele Bekanntſchaften, daß er der langen Weile Trotz bieten konnte; aber in dieſen acht Tagen lernte ich nur ſeinen Charakter und ſeine Denkweiſe kennen. Ich hätte ihn nicht ſo lange zu ſtudiren brauchen, wenn ich nicht eine andere Idee von ihm gehabt hätte, oder vielmehr wenn nicht die Frömmigkeit meinen Verſtand etwas ſchwerfällig gemacht hätte. Bavpois liebte die Frauen, das Spiel und gab gern Geld aus, und da er arm war, ſo waren die Frauen ſeine Haupthülfsquelle. Was die Religion betraf, ſo hatte er gar keine, und da er kein Heuchler war, ſo machte er mir kein Geheimniß daraus. Wie haben Sie, fragte ich, ſo wie Sie ſind, de la Haye eine andere Idee von ſich beibringen können? Gott behüte mich antwortete er, Jemand eine andere Idee von mir beizubringen. De la Haye kennt ſehr gut mein Syſtem und meine Denkweiſe; aber da er fromm iſt, 86 ſo hat er ſich in meine Seele verliebt, und ich habe ihn gewähren laſſen. Er hat mir Gutes erwieſen, ich bin ihm dankbar dafür und liebe ihn um ſo mehr, als er mich nie durch Geſpräche über das Dogma und über mein Heil, für welches Gott der Vater ſchon ohne ihn ſorgen wird, lang⸗ weilt. Das iſt unter uns abgemacht und wir leben ſo als gute Freunde. Das Luſtige bei der Sache iſt, daß Bavois, während ich ihn ſtudirte, meinen Geiſt, ohne es zu beabſichtigen, wieder in ſeinen frühern Zuſtand zurückbrachte, und ich er⸗ röthe noch, daß ich mich von einem Jeſuiten habe betrügen laſſen, welcher nichts weiter als ein durchtriebener Heuchler war, obwohl er die Rolle eines vollkommenen Chriſten ſpielte. Ich kehrte nun zu meinen frühern Gewohnheiten zurück. Aber kommen wir wieder auf de la Haye. Dieſer Exjeſuit, welcher im Grunde nur ſeine Behag⸗ lichkeit liebte, welcher alt war und daher keinen Sinn für das weibliche Geſchlecht mehr hatte, war gerade ſo zuge⸗ ſchnitten, wie nöthig war, um meine einfachen und gut⸗ müthigen Freunde zu bezaubern. Da er nur von Gott, Engel und ewiger Herrlichkeit ſprach und ſie in die Kirche begleitete, ſo erſchien er ihnen als ein ausgezeichneter Menſch. Ich ſehnte mich nach dem Augenblicke, wo er ſich enthüllen würde, denn ſie glaubten, er wäre zum mindeſten ein Roſenkreuzer, oder der Einſiedler von Curpegna, welcher mir die Kabbala gelehrt und mich mit dem unſterblichen Paralis beſchenkt. Sie bedauerten, daß ich ihnen durch das Orakel ſelbſt verboten, je von meiner Wiſſenſchaft in Gegen⸗ wart dieſes Greiſes zu ſprechen. Das ließ mich, wie ich vorher geſehen, die ganze Zeit genießen, welche ich ſonſt ihrer frommen Gläubigkeit hätte ſchenken müſſen, und überdies mußte ich fürchten, daß de la Haye, wie er mir erſchienen war, ſich nicht zu dieſer Kinderei herablaſſen, ſondern um ſich ein Verdienſt in ihren Augen zu erwerben, ſie zu enttäuſchen und mich zu verdrän⸗ gen geſucht haben würde. Ich bemerkte bald, daß ich klug gehandelt; denn in weniger als drei Wochen hatte dieſer ſchlaue Fuchs ſich ſo 87 ſehr der Gemüther meiner drei Freunde bemächtigt, daß er ſchwach genug wurde, nicht nur zu glauben, daß er meiner zur Aufrechterhaltung ſeines Einfluſſes auf dieſelben nicht bedürfte, ſondern auch, daß er mich würde verdrängen kön⸗ nen, wenn er Luſt dazu bekäme. Der Styl, in welchem er zu mir ſprach, ſo wie die Verſchiedenheit ſeines Verfahrens zeigten mir dies deutlich. Er begann häufige Zuſammenkünfte mit meinen drei Freunden zu haben, bei welchen ich nicht zugegen war, und er hatte ſich mehreren Familien vorſtellen laſſen, mit wel⸗ chen ich nicht bekannt war. Er gab ſich ſchon ein Anſehn wie ein Jeſuit, und fing an, wenn auch mit honigſüßen Worten, darüber zu ſprechen, daß ich zuweilen die Nacht Gott weiß wo zubringe. Beſonders unangenehm wurde es mir, daß er bei Tiſche ſalbungsvolle Predigten in Gegenwart meiner Freunde und ſeines Proſelyten an mich richtete, und mich anzuklagen ſchien, daß ich dieſen verführe. Er that dies in einem ſcherzhaften Tone, aber ich ließ mich dadurch nicht täuſchen. Ich glaubte dieſem Spiele ein Ende machen zu müſſen, und in dieſer Abſicht beſuchte ich ihn auf ſeinem Zimmer. Als ich eingetreten war, ſagte ich: Ich komme als wahrhafter Anbeter des Evangeliums, um Ihnen allein und ohne Um⸗ ſchweife etwas zu ſagen, was ich Ihnen ein andermal öffent⸗ lich ſagen werde. Um was handelt es ſich, mein theurer Freund? Hüten Sie ſich, künftig die geringſte Stichelei über das Leben, welches ich mit Bavois führe, in Gegenwart meiner drei Freunde zu machen. Wenn wir allein ſind, werde ich Sie immer mit Vergnügen hören. Sie haben Unrecht, daß Sie bloßen Scherz ſo ernſt nehmen. Recht oder Unrecht, darauf kömmt es nicht an. Warum ſchießen Sie Ihre Pfeile nie auf Ihren Proſelyten ab? Seien Sie in Zukunft klug, oder fürchten Sie, daß auch ich bei der erſten Gelegenheit, die Sie mir geben werden, Ihnen ſcherzweiſe eine Antwort an den Kopf ſchleudere. Hierauf grüßte ich ihn und entfernte mich. 88 Einige Tage darauf brachte ich einige Stunden mit meinen Freunden und Paralis zu, und mein Orakel befahl Ihnen, von Allem, wozu Ihnen Valentin rathen könnte, nichts ohne mein Vorwiſſen zu thun. Valentin war der kabbaliſtiſche Name des Schülers Eſcobars. Daß ſte ſich dieſem Befehle unbedingt unterwerfen würden, war nicht zu bezweifeln. De la Haye, welcher bald bemerkte, daß eine Verände⸗ rung vorgegangen, wurde zurückhaltender, und Bavois, wel⸗ chem ich mittheilte, was ich gethan, lobte mich, daß ich mich ſo benommen. Er war wie ich überzeugt, daß er ihm nur aus Schwäche oder Intereſſe nützlich geworden, und daß derſelbe nichts für ſeine Seele gethan haben würde, wenn er nicht eine hübſche Figur gehabt hätte, vermöge welcher derſelbe ſich ſeine angebliche Bekehrung zum Verdienſt ma⸗ chen konnte. Da Bavois ſah, daß ſeine Anſtellung von Tag zu Tag verzögert wurde, ſo trat er in den Dienſt des franzöſiſchen Geſandten, und das nöthigte ihn nicht nur, nicht mehr zu Herrn von Bragadino zu kommen, ſondern auch de la Haye nicht mehr zu beſuchen, weil derſelbe bei dieſem Herrn wohnte. Es iſt eines der ſtrengſten Geſetze der höchſten Polizei der Republik, daß die Patricier und ihre Familien keinen Umgang mit den Häuſern der auswärtigen Geſandten haben dürfen. Der Entſchluß, welchen Bavois hatte faſſen müſſen, hinderte indeß meine Freunde nicht, ſich für ihn zu bewer⸗ ben, und es gelang ihnen, demſelben eine Anſtellung zu ver⸗ ſchaffen, wie man ſpäter ſehen wird. Chriſtinens Mann, welchen ich nie beſuchte, forderte mich auf in das Caſino zu kommen, wohin ſeine Tante mit ſeiner Frau ging, welche ihm ſchon ein Pfand ihrer beiderſeitige Zärtlichkeit gegeben. Ich folgte ſeiner Ein⸗ ladung und ſah Chriſtine, welche reizend war und venetia⸗ niſch wie ihr Mann ſprach. Ich ſah in dieſem Caſino einen Chemiker, welcher mir Luſt machte, einen Curſus der Che⸗ mie durchzumachen. Ich ging zu ihm und fand bei ihm ein junges Mädchen, welches mir gefiel. Sie war ſeine 89 Nachbarin und kam bloß zu ihm, um ſeiner alten Frau bis zu einer gewiſſen Zeit Geſellſchaft zu leiſten, wo dann eine Magd ſie abholte. Ich hatte nur ein einzigesmal und ſogar in Gegenwart der alten Frau des Chemikers von Liebe mit ihr geſprochen. Verwundert, ſie mehrere Tage nicht zu ſehen, bezeugte ich mein Erſtaunen, und die gute Frau ſagte, vermuthlich habe ihr Couſin der Abbé, bei welchem ſie wohne, erfahren, daß ich ſie alle Tage ſehe, ſei eiferſüchtig geworden und erlaube ihr nicht mehr zu kommen. Ihr Couſin iſt Abbé und eiferſüchtig? Weshalb nicht? Er läßt ſie nur an Feſttagen aus⸗ gehn zum Beſuche der erſten Meſſe in der Kirche St. Ma⸗ ria⸗Mater⸗Domini, welche nur zwanzig Schritte von ſeiner Wohnung entfernt iſt. Zu uns ließ er ſie nur kommen, weil er wußte, daß wir keinen Beſuch bekamen, und ver⸗ muthlich hat ihm die Magd geſagt, daß Sie zu uns kommen. Da ich ein Feind der Eiferſüchtigen, aber ein ſehr großer Freund meiner verliebten Launen war, ſo ſchrieb ich an die Couſine, daß, wenn ſie ihren Couſin meinetwegen verlaſſen wolle, ich ihr ein Haus geben würde, in welchem ſie Herrin ſein ſollte, und daß ich für ihre Geſellſchaft ſor⸗ gen und ihr alle Annehmlichkeiten verſchaffen wollte, welche Venedig zu bieten hätte. Ich zeigte ihr an, daß ſie mich am erſten Feſttage wiederſehen würde, um ihre Antwort in Empfang zu nehmen. Ich fehlte nicht beim Stelldichein, und ihre Antwort bpeſagte, daß der Abbé ihr Tyrann wäre, daß ſie ſich aber nur unter der Bedingung, daß ich ſie heirathe, entſchließen könnte, mir zu folgen. Sie ſagte zuletzt, wenn ich dieſe ehrliche Abſicht hätte, ſo brauchte ich nur mit Johanna Marchetti zu ſprechen, welche in Luſia, einer 30 Miglien von Venedig entfernten Stadt wohnte. Dieſer Brief verdroß mich, und ich glaubte ſogar, daß ſte ihn mit dem Abbé verabredet habe. Da ich nun dachte, daß man mich fangen wolle, und da ich überdies den Vor⸗ ſchlag zu heirathen lächerlich fand, ſo entwarf ich den Plan 90 mich zu rächen. Da ich indeß Alles wiſſen mußte, ſo be⸗ gab ich mich zur Mutter dieſes Mädchens. Sie fuͤhlte ſich ſehr geſchmeichelt über meinen Beſuch, zumal ich ihr ſagte, nachdem ich ihr den Brief ihrer Tochter mitgetheilt, daß ich ſie heirathen wolle, daß ich mich aber dazu nicht entſchließen könne, ſo lange ſie bei dem Abbé wohne. Der Abbé, ſagte die Mutter, iſt etwas verwandt mit mir. Er lebte in ſeinem Hauſe in Venedig ganz allein, und vor zwei Jahren, ſagte er zu mir, er brauche durch⸗ aus eine Haushälterin; er bat mich um meine Tochter und fügte die Verſicherung hinzu, daß ſie in Venedig leicht eine Gelegenheit finden würde ſich zu verheirathen. Er bot mir eine Verſchreibung an, in welcher er ſich verpflichtete, ihr bei ihrer Verheirathung alle ſeine Möbeln zu geben, welche auf 40000 Dukaten Courant geſchätzt wurden, und ſetzte ſie zugleich zur Erbin eines kleinen Gutes ein, welches er hier hat und welches01000 Dukaten jährlich einbringt. Da mir der Handel gut ſchien und meine Tochter damit zufrieden war, ſo übergab er mir die bei einem Notar aufgenommene Akte und meine Tochter reiſte mit ihm. Ich weiß, daß er ſie wie eine Sklavin hält, aber ſie hat es gewollt. Uebri⸗ gens können Sie leicht denken, daß ich nichts mehr wün⸗ ſche, als ſie verheirathet zu ſehen; denn ſo lange ein Mädchen keinen Mann hat, iſt ſie zu vielen Gefahren aus⸗ geſetzt, als daß eine arme Mutter ruhig ſein könnte. Kommen Sie alſo mit mir nach Venedig, reißen Sie ſie aus den Händen des Abbé und ich werde ſie heirathen. Anders kann ich es nicht thun, denn wenn ich ſie aus ſei⸗ nen Händen empfinge, würde ich mich entehren. O, durchaus nicht, denn er iſt mein Couſin, obwohl nur im vierten Grade, und was mehr ſagen will, Prieſter, welcher täglich die Meſſe lieſt. Ich muß über Sie lachen, gute Mutter; man weiß wohl, daß ein Abbé die Meſſe lieſt, ohne ſich gewiſſe Klei⸗ nigkeiten zu verſagen; nehmen Sie dieſelbe zu ſich, ſonſt müſſen Sie der Hoffnung entſagen, ſie je verheirathet zu ſehen. V —— ihm und von da begaben wir uns nach Buſſola, wo 91 Wenn ich ſie zu mir nehme, wird er ihr ſeine Möbeln nicht geben und vielleicht ſein Gut verkaufen. Das ſoll meine Sache ſein. Ich werde ſie mit allen ſeinen Möbeln ſeinen Händen entreißen und ſie in die Ihri⸗ gen liefern, und wenn ſie meine Frau ſein wird, werde ich auch ſein Gut bekommen. Wenn Sie mich kennten, wuͤr⸗ den Sie keinen Zweifel hegen. Kommen Sie mit mir und ich verſichere Ihnen, daß Sie in vier bis fünf Tagen mit Ihrer Tochter zurück ſein ſollen. Sie las von Neuem den Brief, welchen die Tochter mir geſchrieben, ſodann ſagte ſie, als arme Witwe habe ſie kein Geld, um nach Venedig zu reiſen und wieder zurück⸗ zukehren. In Venedig, ſagte ich zu ihr, ſoll es Ihnen an nichts fehlen, aber hier ſind für alle Fälle zehn Zechinen. Zehn Zechinen! ich kann alſo meine Schwägerin mit⸗ nehmen? Reiſen Sie, mit wem Sie wollen, und brechen wir auf, um in Chiozza zu ſchlafen; morgen werden wir in Chiozza zu Mittag ſpeiſen und ich werde Alles bezahlen. Wir kamen am folgenden Tage um 10 Uhr in Vene⸗ dig an und ich miethete die beiden Frauen in Caſtello in einem Hauſe ein, in deſſen erſtem Stockwerke durchaus keine Möbeln waren. Ich ließ ſie hier, und verſehen mit der Verſchreibung des Abbé ſpeiſte ich bei meinen Freunden, welchen ich ſagte, daß ich wegen einer wichtigen Angelegen⸗ heit die Nacht in Chiozza zugebracht. Nach Tiſche ging ich zu einem Procurator Maria de Leſſo, welcher mir ſagte, daß wenn die Mutter eine Eingabe an den Präſident des Raths der Zehn machte, ſie ſogleich gerichtlichen Bei⸗ ſtand erhalten würde, um die Tochter nebſt allen im Hauſe befindlichen Möbeln dem Abbé zu entreißen, und daß ſie die⸗ ſelben, wohin ſie wolle, transportiren laſſen könne. Ich bat ihn, die Schrift aufzuſetzen, welche ich am folgenden Tage mit der Mutter, die ſie in ſeiner Gegenwart unterzeichnen ſollte, abholen würde. Am nächſten Morgen früh führte ich die Mutter zu . igen, mit welcher ich allein blieb, lachte. 9² * ſie ihre Eingabe dem Präſidenten des Raths überreichte. Eine Viertelſtunde darauf erhielt ein Gerichtsdiener Befehl, ſich mit der Mutter ins Haus des Prieſters zu begeben, und ſie in den Beſitz ihrer Tochter und aller Möbeln, auf welche ſie Beſchlag legen würde, zu ſetzen. Die Sache wurde buchſtäblich ausgefuührt. Ich war mit der Mutter in einer Gondel am Ufer des dem Hauſe benachbarten Platzes und wir hatten ein großes Boot bei uns, in welches die Sbirren alle Möbeln aus dem Hauſe einluden. Als Alles beendet war, ließ ich das Mädchen kommen, welches ſich nicht wenig wunderte, mich in der Gondel zu ſehen. Ihre Mutter umarmte ſie und ſagte ihr, ich würde ſie am nächſten Tage heirathen. Sie antwortete ihr, ſie freue ſich darüber, und ſie habe ihrem Thrannen nur ſein Bett und ſeine Kleider gelaſſen. Wir kamen in Caſtello an, wo ich alle Möbeln aus⸗ laden ließ; hierauf aßen wir und ich ſagte den Damen, ſie möchten mich in Luſia erwarten, wohin ich kommen würde, ſobald ich meine Angelegenheiten in Ordnung gebracht. Den Nachmittag verplauderte ich auf eine heitere Weiſe mit mei⸗ ner Zukünftigen. Sie erzählte uns, der Abbé habe ſich eben angekleidet, als man ihm den Befehl des Rathes über⸗ reicht und ihn bei Todesſtrafe aufgefordert, die ungehinderte Ausführung deſſelben zu geſtatten; der Abbé ſei, nachdem er ſich angekleidet, zur Meſſe gegangen, und es ſei Alles ohne den geringſten Widerſtand abgegangen. Meine Tante, fügte ſie hinzu, ſagte mir, meine Mutter erwarte mich in der Gondel, aber ſie hat mich nicht benachrichtigt, daß auch Sie darin wären: ich muthmaßte nicht, daß der Streich von Ih⸗ nen ausginge. Ddies, meine Schöne, iſt die erſte Probe meiner Zärt⸗ lichkeit. Sie lächelte darüber vor Vergnügen. Ich ließ ein gutes Abendeſſen und vorzügliche Weine auftragen und nachdem wir zwei Stunden bei Tiſche in der fröhlichen Stimmung verbracht, welche Bachus erregt, ver⸗ brachte ich vier Stunden damit, daß ich mit meiner Zukünſ⸗ ————ͤ———Q——————— 2 93 Nachdem wir am Morgen gefrühſtückt und ich das ganze Gepäck auf eine Peote hatte bringen laſſen, welche ich gemiethet und zum Voraus bezahlt hatte, ſo übergab ich der Mutter zehn andere Zechinen und ließ ſie alle drei ſehr erfreut abreiſen. Da ich dieſe Sache zu meinem Ruhme wie zu meiner vollen Zufriedenheit beendet ſah, ſo ging ich wieder nach Hauſe. Die Sache hatte zu viel Aufſehen gemacht, als daß ſie den Herren hätte unbekannt bleiben können. Als ſie mich ſahen, bezeigten ſie mir daher eben ſo viel Traurigkeit als Verwunderung. De la Haye umarmte mich mit der Miene der größten Betrübniß, Gefühl auf Beſtellung, Harlechins⸗ rock, welchen er mit der größten Leichtigkeit anzuziehen verſtand. Nur Herr von Bragadino lachte von ganzem Her⸗ zen und ſagte zu den Andern, daß ſie nichts davon verſtän⸗ den, und daß dieſes ganze Abenteuer etwas Großes ver⸗ künde, was nur den höhern Intelligenzen bekannt ſei. Da ich nicht wußte, wie ſie dieſe Geſchichte faßten und über⸗ zeugt war, daß ſie die nähern Umſtände nicht kannten, ſo lachte ich mit Herrn von Bragadino, ſagte aber nichts. Ich fürchtete nichts und wollte mich über Alles, was geſagt werden würde, amüſiren. In ſolcher Stimmung ſetzten wir uns zu Tiſche, und Herr von Barbaro brach zuerſt das Schweigen, indem er mit freundſchaftlichem Tone zu mir ſagte, er hoffe dennoch, daß nicht geſtern meine Hochzeit geweſen ſei. Man ſagt alſo, daß ich mich verheirathet habe? Man ſagt es allgemein und überall. Selbſt die Häup⸗ ter des Rathes glauben es und ſind berechtigt, es zu glauben. Um berechtigt zu ſein, es zu glauben, mußte man deſſen gewiß ſein, und dieſe Herren ſind es nicht. Da ſie ſo wenig wie irgend Jemand, Gott ausgenommen, unfehl⸗ bar ſind, ſo ſage ich Ihnen, daß ſie ſich irren. Ich thue gern gute Handlungen und mache mir gern Vergnügen fuͤr mein Geld, aber nicht auf Koſten meiner Freiheit. Wenn Sie meine Angelegenheiten kennen lernen wollen, ſo müſſen Sie ſich bei mir danach erkundigen, auf die Stimme des Publikums hören nur Narren. 4 94 Aber, ſagte Dandolo, Du haſt die Nacht bei Deiuer vermeintlichen Frau zugebracht? Ohne Zweifel, aber über das, was ich dieſe Nacht ge⸗ than, habe ich Niemand Rechenſchaft zu geben. Sind Sie nicht meiner Anſicht, Herr de la Haye? Ich bitte Sie, mich nicht um meine Meinung zu fra⸗ gen, denn ich weiß nichts von der Sache. Ich will Ihnen indeß ſagen, daß man die Stimme des Publikums nicht ſo ſehr verachten muß. Die zärtliche Neigung, welche ich⸗ für Sie habe, iſt die Urſache, daß das, was man von Ihnen ſagt, mich ſchmerzt. Warum ſchmerzt das, was man ſagt, Herrn von Bra⸗ gadino nicht, der mich gewiß zärtlicher als Sie liebt? Ich achte Sie; aber ich habe auf meine Koſten gelernt, die Verläumdung zu fürchten. Man ſagt, um ſich in den Beſitz eines Mädchens zu ſetzen, welches bei ihrem Onkel, einem würdigen Prieſter, lebte, hätten ſie eine Frau bezahlt, um ſich für ihre Mutter auszugeben und die Macht der Obern des höchſten Rathes in Anſpruch zu nehmen, damit ſie Ihnen überliefert würde. Der Gerichtsdiener ſelbſt be⸗ ſchwört, daß Sie bei der vermeintlichen Mutter in der Gon⸗ del waren, als die Tochter einſtieg. Man ſagt, daß die Akte, vermöge welcher Sie die Möbeln dieſes guten Paters, die⸗ ſes würdigen Geiſtlichen habe, ausräumen laſſen, falſch iſt und man tadelt Sie, daß Sie die erſte Körperſchaft des Staates als Werkzeug zu einem ſolchen Verbrechen miß⸗ Praucht haben. Man ſagt endlich, daß ſelbſt, wenn Sie das Mädchen heirathen ſollten, was nicht zu umgehen iſt, die Obern des Rathes nicht uͤber die Mittel ſchweigen werden, welche Sie zur Erreichung Ihres Zweckes gebraucht haben. Sie haben, mein Herr, eine ſehr lange Auseinander⸗ ſetzung gegeben, ſagte ich mit kaltem Tone; aber erfahren Sie, daß ein vernünftiger Mann, welcher eine Criminalge⸗ ſchichte mit ſo vielen lächerlichen Umſtänden erzählen hört, icht mehr pernünftig iſt, wenn er das, was er gehört, wie⸗ derholt. Denn wenn die Geſchichte eine verläumderiſche iſt, ſo wird er Mitſchuldiger des Verläumders. Nach dieſer Zurechtſetzung, welche den Jeſuiten zum b 95 Erröthen brachte, und deren Weisheit meine Freunde be⸗ wunderten, bat ich ihn mit bedeutungsvoller Miene, ſich über mich zu beruhigen, überzeugt zu ſein, daß ich die Geſetze der Ehre kenne, daß ich Urtheil genug habe, um mich an⸗ gemeſſen zu benehmen, und über mich nur Alles ſprechen zu laſſen, wie ich es thäte, wenn ich böſe Zungen ſchlecht von ihm ſprechen hörte. Dies Geſchichtchen beluſtigte die Stadt fünf oder ſechs Tage lang und gerieth dann in Vergeſſenheit. Da ich indeß nie nach Luſia gegangen war, und keinen Brief,— welchen Jungfrau Marchetti an mich geſchrieben, beantwortet, noch dem Ueberbringer deſſelben das Geld, um welches ſie mich bat, gegeben, ſo entſchloß ſie ſich nach einem Vierteljahre zu einem Schritte, welcher Folgen hätte haben können, welcher aber dennoch keine hatte. 3 Eines Tages erſchien vor mir Ignaz, der Diener des fürchterlichen Gerichts der Staatsinquiſitoren, als ich gerade mit meinen drei Freunden, de la Haye und zwei andern Gäſten bei Tiſche ſaß. Er ſagte mir ſehr höflich, daß der Ritter Cantarini del Taffo mich zu ſprechen wünſche, und daß er am folgenden Tage zu einer beſtimmten Stunde zu Hauſe in la Madonna de l'Orto ſein würde. Ich ſtand auf und ſagte ihn grüßend, daß ich nicht ermangeln würde, den Be⸗ fehlen Sr. Excellenz nachzukommen; er entfernte ſich. Ich konnte mir nicht denken, was dieſe hohe Perſon von meiner kleinen Perſon verlangen mochte; dennoch war dieſe Botſchaft geeignet, uns in eine gewiſſe Beſtürzung zu verſetzen, denn derjenige, welcher mich zu ſich beſtellte, war ein Staatsinquiſitor, eine Art Vogel von ſehr ſchlimmer Vorbedeutung. Herr von Bragadino, der dies zur Zeit, wo er noch im Rathe ſaß, ſelbſt geweſen, und welcher die Ge⸗ wohnheiten deſſelben kannte, ſagte, ich hätte nichts zu fürch⸗ ten. Ignaz, in ländlicher Kleidung, ſagte er, iſt nicht als Bote des furchtbaren Gerichts gekommen, und Herr Can⸗ tarini will mit Dir nur als Privatmann ſprechen, da er Dich in ſeinen Palaſt und nicht in das Allerheiligſte beſtellt. Er iſt ein ſtrenger, aber gerechter Greis, mit welchem Du offen ſprechen und dem Du die Wahrheit eingeſtehen mußt; 96 denn wenn Du läugneſt, läufſt Du Gefahr, die Sache zu verſchlimmern. Dieſe Inſtruktion gefiel mir, und war noth⸗ wendig für mich. Ich ſtellte mich pünktlich ein. Sobald ich erſchien, meldete man mich, und ich brauchte nicht zu warten. Ich trete ein, und Se. Excellenz, welche ſaß, beobachtete mich eine Minute von Oben nach Unten und in die Quere und Breite, ohne etwas zu ſagen; ſo⸗ dann klingelt er und befiehlt ſeinem Kammerdiener, die bei⸗ den Frauen, welche im benachbarten Zimmer waren, einzu⸗ führen. Ich wußte ſogleich, warum es ſich handelte und ohne die geringſte Verwunderung ſah ich Mutter Marchetti und ihre Tochter eintreten. Nun fragte mich Se. Exeellenz, ob ich dieſe Frauen kenne. Ich muß ſie kennen, gnädiger Herr, da die eine meine Frau werden wird, ſobald ſie mich durch ihr Betragen über⸗ zeugt haben wird, daß ſie es zu ſein verdient. Sie führt ſich gut auf, ſie wohnt bei ihrer Mutter in Luiſa; Sie haben ſie betrogen. Warum ſchieben Sie die Heirath auf? Warum beſuchen Sie ſie nicht? Sie beant⸗ worten ihre Briefe nicht und laſſen ſie Noth leiden. Ich kann ſie nicht eher heirathen, als bis ich zu leben habe und das wird in drei oder vier Jahren vermittelſt eines Amtes, welches ich durch die Bevorwortung Herrn von Bragadino's, meines einzigen Beſchützers, erhalten, werde, der Fall ſein. Bis dahin muß ſie als ehrbares Mädchen vom Ertrage ihrer Arbeit leben. Ich werde ſie nicht eher heirathen, als bis ich dieſe Ueberzeugung erlangt haben werde, und bis ich namentlich die Sicherheit haben werde, daß ſie den Abbé, ihren Couſin im vierten Grade, nicht mehr beſucht. Ich gehe nicht zu ihr, weil mein Beichtvater und mein Gewiſſen es mir verbieten. Sie will, daß ſie ihr ein gültiges Heirathsverſprechen ausſtellen und ihr zu leben geben. Gnädiger Herr, ich bin nicht genöthigt, ihr ein ſolches Verſprechen zu geben, und da ich ſelber nichts habe, ſo kann ich ihr auch nichts zu leben geben. Sie muß ſich ihre Subſiſtenz verſchaffen, indem ſte mit ihrer Mutter arbeitet. 97 N Als ſie bei ihrem Couſin war, ſagte die Mutter, fehlte es ihr an nichts, und ſie ſoll zu demſelben zurückkehren. Wenn ſie zu demſelben zurückkehrt, werde ich mir nicht mehr die Mühe geben, ſie von ihm wegzuholen, und Se. Excellenz wird dann ſehen, daß ich Recht hatte, ſie nicht eher zu heirathen, als bis ich die Ueberzeugung gewonnen, daß ſie tugendhaft geworden. Der Richter ſagte mir nun, daß ich mich zurückziehen könnte, und damit war Alles abgemacht. Ich habe nicht wieder von der Sache ſprechen hören, und die Erzählung dieſes Zwiegeſprächs erheiterte Herrn von Bragadino bei Tiſche. Im Anfange des Karnaval 1750 gewann ich in der Lotterie eine Terne von 3000 Ducaten Courant. Das Glück machte mir dies Geſchenk in einem Augenblicke, wo ich deſ⸗ ſelben nicht bedurfte, denn ich hatte während des Herbſtes Bank gehalten und gewonnen. Ich that dies in einem Ca⸗ ſino, in welches kein adliger Venetianer zu kommen wagte, weil einer der Aſſocié's Offizier des Herzogs von Monta⸗ legro, ſpaniſchen Geſandten, war. Die Adligen legten den Bürgern Zwang auf, und das iſt immer ſo unter einer ari⸗ ſtokratiſchen Regierung, wo die Gleichheit thatſächlich nur zwiſchen den Mitgliedern der Regierung beſteht. Da ich die Abſicht hatte, eine Reiſe nach Frankreich zu machen, ſo gab ich Herrn von Bragadino tauſend Zechi⸗ nen, und da ich dieſen Plan feſthielt, ſo hatte ich Macht genug über mich, während des Karnavals mein Geld nicht im Pharao aufs Spiel zu ſetzen. Ein Patricier, ein ſehr ehrenwerther Mann, hatte mich mit einem Viertel bei ſei⸗ ner Bank hetheiligt und in den erſten Tagen der Faſten übergab er mir eine ziemlich ſtarke Summe. Gegen Mittfaſten kam mein Freund Baletti von Man⸗ tua nach Venedig zurück. Er war im St. Moſes⸗Theater für die Ballette der Himmelfahrtsmeſſe engagirt. Er war mit der Marina, aber ſie wohnten nicht zuſammen. Sie fing einen reichen engliſchen Juden, Namens Men⸗ der, welcher viel Geld für ſie ausgab. Dieſer Jude brachte mir Nachrichten von Thereſen, welche er in Neapel IV. 7 — 1 8 4 — — 98 kennen gelernt und welcher er gute Erinnerungen hinter⸗ laſſen hatte. Das machte mir Vergnügen, und ich freute mich, daß Henriette mich abgehalten ſie aufzuſuchen, als ich den Plan hatte; denn ich würde mich leicht wieder in ſie verliebt haben, und Gott weiß, was daraus geworden ſein würde. In dieſer Zeit erhielt Bavois eine Anſtellung im Dienſte der Republik als Capitain und machte Glück, wie ich es am gehörigen Orte melden werde. De la Haye übernahm die Erziehung eines jungen vor⸗ nehmen Herrn, Namens Felix Calvi und führte denſelben einige Zeit darauf nach Polen. Drei Jahre ſpäter ſah ich ihn in Venedig wieder. In der Zeit, wo ich mich anſchickte nach der Meſſe von Reggio, ſodann nach Turin zu reiſen, wo auf Veranlaſſung der Verheirathung des Herzogs von Savoyen mit einer ſpani⸗ ſchen Infantin, Tochter Philipps V., ganz Italien ſich verſam⸗ melt fand, und endlich nach Paris, wo in Erwartung eines Prin⸗ zen, da die Frau Dauphine ſchwanger war, herrliche Feſte orbereitet wurden, ſchickte ſich Baletti zu derſelben Reiſe an, da ſeine Eltern, welche Schauſpieler waren, ihn zurück⸗ riefen; ſeine Mutter war die berühmte Soylvia. * reiſen, wo er vierzehn Jahre in der Schule von Raphael Er ſollte auf dem italiäniſchen Theater tanzen und in den /erſten Liebhaberrollen auftreten. Ich konnte keine Ge⸗ ſellſchaft wählen, welche angenehmer und mehr geeignet ge⸗ weſen wäre, mir in Paris tauſend Vortheile und zahlreiche Bekanntſchaften zu verſchaffen. Ich nahm von meinen drei tugendhaften Freunden Ab⸗ ſchied und verſprach ihnen in zwei Jahren wiederzukommen. Meinen Bruder Franz ließ ich in der Schule des Schlach⸗ tenmalers Simonetti, der Parmeſane genannt, und verſprach ihm, an ihn zu denken, wenn ich in Paris wäre, wo das Genie, beſonders in dieſer Zeit, ſicher iſt, Glück zu ma⸗ ſchen. Der Leſer wird ſehen, wie ich ihm Wort hielt. Ich ließ auch meinen Bruder Johann in Venedig, der, nachdem er mit Guariento eine Reiſe durch Italien gemacht, zurückgekommen war. Er ſchickte ſich an, nach Rom zu 99 Mengs blieb. Er kehrte 1764 nach Dresden zuruͤck und ſtarb daſelbſt 1795. Baletti reiſte vor mir ab und ich verließ Venedig, um in Reggio am 1. Juni 1750 mit ihm zuſammenzutreffen. Ich war ſehr gut ausgerüſtet, reichlich mit Geld verſehen und ſicher, daß es mir daran nicht fehlen würde, wenn ich mich gut aufführen würde. Wir werden bald ſehen, theurer Leſer, welches Urtheil Du über mich fällen wirſt, oder viel⸗ mehr ich werde es nicht ſehen, denn ich weiß, daß Du erſt dann wirſt urtheilen können, wenn ich mit Deinem Urtheile nichts mehr zu ſchaffen haben werde. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Meine Reiſe durch Ferrara und komiſches Abenteuer, welches mir daſelbſt begegnet.— Meine Ankunkt in Paris. Punkt zwölf Uhr ſetzte mich die Peote am ponte del lago Oscuro ans Land, und ich nahm ſogleich eine Chaiſe, um in Ferrara zu ſpeiſen, wo ich im St. Marcus⸗Gaſthofe abſtieg. Einen Diener vorauf, gehe ich die Treppe hinauf, als plötzlich ein fröhlicher Lärm, welcher ſich in einem offe⸗ nen Saale vernehmen ließ, mich neugierig machte zu ſehen, was dies wäre. Ich ſtecke meinen Kopf in den Saal hin⸗ ein und ſehe etwa ein Dutzend Perſonen, Männer und Frauen, um eine reich beſetzte Tafel ſitzen. Das war ganz einfach, und ich wollte meinen Weg fortſetzen, als ich durch ein: Ah, da iſt er! welches eine hübſche Frauenſtimme ſpricht, angehalten werde, und in demſelben Augenblicke ſteht die Frau vom Tiſche auf, kömmt mit geöffneten Armen auf mich zu, umarmt mich und ſagt: Schnell, beſorgen Sie ein Couvert für ihn an meiner Seite und bringen Sie die Koffer in jenes Zimmer. Zu einem jungen Mann, der ſich während deſſen genähert hatte, ſagte ſie: Sehen Sie!l ich hatte Ihnen wohl geſagt, daß er heute oder morgen kom⸗ men würde. 100 Sie fuͤhrt mich auf einen Platz an ihre Seite, nach⸗ dem alle Gäſte mich begrüßt, welche aufſtanden, um mir alle Ehre zu erweiſen. Mein theurer Couſin, ſagte ſie zu mir, Sie müſſen guten Appetit haben, und dies ſagend trat ſie mir auf den Fuß. Hier iſt mein Zukünftiger, wel⸗ chen ich Ihnen vorſtelle, und dort mein Schwiegervater und meine Schwiegermutter. Alle übrigen Anweſenden ſind Freunde des Hauſes. Aber mein theurer Couſin, wie kömmt es, daß meine Mutter nicht mitgekommen iſt? 8. Nun muß ich alſo ſprechen. Ihre Mutter, theure Couſtne, wird in ſpäteſtens drei oder vier Tagen hier ſein. Ich wußte mich dieſer ſonderbaren Perſon anfangs nicht zu erinnern: als ich ſie aber genau betrachtete, glaubte ich mich ihrer Züge zu erinnern. Es war die Catinella, eine ſehr bekannte Tänzerin, mit welcher ich indeß nie geſprochen. Ich ſah leicht, daß ſie mich in einem von ihr verfaßten Stücke eine Impromptu⸗Rolle ſpielen ließ und daß ſie mich zur Löſung des Knotens gebrauchte. Das Sonderbare hat mir immer gefallen und da meine Couſine hübſch war, ſo ging ich gern darauf ein, da ich nicht a buun zweifelte, welche meiner wartete. Es handelt ſich darum, die Rolle gut zu ſpielen, und beſonders ſich keine Blöße zu geben; unter dem Vorwande eſſen zu müſſen, ließ ich ihr daher Zeit, andeutungsweiſe zu ſprechen, um zu wiſſen, wie ich mich zu benehmen habe, damit ich keinen Verſtoß beginge. Da ſie wohl einſah, was mir nöthig war und den Grund meiner Zurückhaltung erkannte, ſo gab ſie mir eine Probe ihres Geiſtes, indem ſie bald dem Einen, bald dem Andern ſagte, was mir zu wiſſen nöthig war. Ich erfahre, daß die Hochzeit erſt nach Ankunft ihrer Mutter ſtattfinden könnte, welche die Kleider und Diamanten mitbringen ſollte. Ich erfuhr auch, daß ich Kapellmeiſter war, der ſich nach Turin begab, um die Muſik für die Oper zu componiren, welche zur Hochzeit des Herzogs von Savohen aufgeführt wurde. Dieſe letzte Entdeckung machte mir großes Vergnügen; denn ich ſah, daß meine Abreiſe am nächſten Tage keine Schwie⸗ rigkeit haben würde, und das gab mir eine gute Stimmung 101 für meine Rolle. Indeß ohne die Belohnung, auf welche ich rechnete, hätte ich wohl der Geſellſchaft ſagen können, daß meine angebliche Couſine toll wäre; aber obgleich Ca⸗ tinella ſich den dreißigern näherte, ſo war ſie doch hübſch und berühmt durch ihre Intriguen; wie viel Gründe mich ſchmiegſam wie einen Handſchuh zu machen! Die angebliche Schwiegermutter ſaß mir gegenüber und um mir eine Ehre zu erweiſen, füllte ſie mir ein Glas, welches ſie mir reichte. Schon identificirt mit meiner Rolle, ſtrecke ich die Hand aus, um es zu nehmen; da ſie aber bemerkte, daß ich die Hand etwas gekrümmt hielt, ſo fragte ſie: Was fehlt Ihnen denn, mein Herr? Nichts, Madame, eine kleine Verrenkung, welche bei etwas Ruhe leicht heilen wird. Bei dieſen Worten brach Catinella in ein lautes Lachen aus und ſagte, es thäte ihr leid, da die Geſellſchaft dadurch des Vergnügens, mich Kla⸗ vierſpielen zu hören beraubt werden würde. Ich finde es ſonderbar, daß Sie darüber lachen. Ich lache, weil ich mich bei dieſer Gelegenheit einer vorgeſchützten Verrenkung erinnere, welche ich mir vor zwei Jahren zulegte, um nicht tanzen zu müſſen. Nachdem wir Kaffee getrunken, ſagte die Schwieger⸗ mutter, welche ohne Zweifel wußte, was Anſtand war, Ma⸗ demoiſelle Catinella habe vermuthlich von Familienangele⸗ genheiten mit mir zu ſprechen; man ſolle uns alſo allein laſſen; es gingen Alle hinaus. 6 Als ich allein mit Catinella in dem Zimmer war, wel⸗ ches die Intrigantin für mich hatte einrichten laſſen, und welches an das ihrige ſtieß, warf ſich die Intrigantin auf ein Kanapé und überließ ſich einem unmäßigen Lachen. Ob⸗ gleich ich Sie nur den Namen nach kenne, ſo bin ich doch Ihrer ſicher; aber Sie werden gut thun, wenn Sie morgen abreiſen. Ich bin hier, fuhr ſie fort, ſeit zwei Monaten, ohne einen Pfennig. Ich habe nur einige Kleider und Wäͤſche, welche ich hätte verkaufen müſſen, um zu leben, wenn ſich nicht glücklicher Weiſe der Sohn des Wirths in mich verliebt hätte. Ich habe ihm mit der Hoffnung ge⸗ ſchmeichelt, ſeine Frau zu werden und ihm eine Mitgift von —Q% 2₰ ——ꝛ— — 8 ““ iſt Oſtein, und er war ein Bruder des Kurfürſten von Köln; der⸗ 10² 20,000 Thalern in Diamanten zuzubringen, welche ich ii Venedig habe und welche meine Mutter mir mitbringen ſolle. Meine Mutter hat nichts und weiß nichts von dieſer Intrigue; ſie wird alſo auch keinen Schritt thun. 3 Aber ſage mir, ſchöne Ausgelaſſene, wie dieſe Poſſe enden ſoll? Ich ſehe ein tragiſches Ende voraus. Du irrſt; es wird komiſch und ſehr lächerlich ſein. Ich erwarte in jedem Augenblicke den Grafen von Holſtein,*) den Bruder des Kurfürſten von Mainz. Er hat mir von Frankfurt aus geſchrieben; er iſt von dort abgereiſt und muß jetzt in Venedig ſein. Er wird mich abholen, um mich nach der Meſſe von Reggio zu begleiten, und wenn mein Bräutigam unangenehm werden ſollte, ſo würde er ihn durchprügeln und ihn bezahlen; aber ich will weder, daß er durchgeprügelt, noch daß er bezahlt werden ſoll. Im Augenblicke der Abreiſe werde ich ihm leiſe ins Ohr ſagen, daß ich wiederkomme, und damit wird Alles abgemacht ſein, denn ich mache ihn glücklich, wenn ich ihm verſpreche, ihn nach meiner Rückkehr zu heirathen. Das iſt ſehr gut! Du haſt Geiſt wie ein Engel; aber ich werde nicht Deine Rückkehr abwarten, um Dich zu hei⸗ rathen; unſere Vermählung muß ſogleich ſtattfinden. Welche Thorheit! warte wenigſtens bis zur Nacht. Durchaus nicht, denn mir iſt es ſchon ſo, als ob ich den Wagen des Grafen hörte Wenn er nicht kömmt, ſoll uns für die Nacht nichts verloren gehen. 4 Du liebſt mich alſo?— Zum Tollwerden! Und wenn es auch nicht der Fall wäre, Dein Stück verdient, daß man Dich anbetet. Verlie⸗ ren wir keine Zeit. Du haſt Recht; es iſt dies eine um ſo hübſchere Epi⸗ ſode, als ſie improviſirt iſt. Ich erinnere mich noch, daß ich ſie reizend fand. — Gegen Abend kam die ganze Geſellſchaft zu uns, und man machte den Vorſchlag, friſche Luft zu ſchöpfen. Man⸗ *) Der richtige Name der hier aufgeführten komiſchen Figur ſelbe ſtammte aus einem alten elſaſſiſchen Freiherrngeſchlecht. 103 ſchickte ſich eben dazu an, als ſich das Geräuſch einer ſechs⸗ rädrigen Equipage, welche mit Poſtpferden ankam, hören ließ. Catinella, welche aus dem Fenſter ſah, ſagte, Alle möchten ſich entfernen, da ein Prinz zu ihr käme, wie ſie ſicher wußte. Alle entfernten ſich, und ſie ſtieß mich in mein Zimmer und ſchloß mich in demſelben ein. Die Ber⸗ line hielt in der That vor dem Gaſthofe an und ich ſah aus derſelben einen Herrn ſteigen, welcher viermal ſo dick war wie ich, und welcher ſich auf vier Bedienten ſtützte. Er kömmt die Treppe herauf, tritt bei der künftigen Gattin ein und mir bleibt ſtatt alles Amuſements nichts als die Befriedigung, das Glück beim Schopfe gefaßt zu haben, das Vergnügen, ihre Geſpräche zu hören und die Gelegenheit, durch eine Spalte beobachten zu können, was Catinella mit dieſer ſchweren Maſſe zu Stande brachte. Endlich wurde mir dieſes thörichte Amuſement denn doch langweilig, denn es dauerte fünf Stunden hinter einander, welche zu Liebkoſuͤn⸗ gen angewendet wurden, ſodann zum Einpacken von Catinella's Lumpen, zum Aufladen derſelben auf die Berline und end⸗ lich zum Abendeſſen und zum Leeren einer großen Anzahl Flaſchen Rheinwein. Um Mitternacht entfernte ſich der Graf von Holſtein wie er gekommen war und entführte dem Sohne des Wirths den zarten Gegenſtand ſeiner Liebe. * Da in dieſer langen Zeit Niemand in mein Zimmer gekommen war, ſo hütete ich mich wohl zu rufen. Ich fürchtete entdeckt zu werden und wußte nicht, was der deut⸗ ſche Prinz geſagt haben würde, wenn er erfahren hätte, daß er einen verborgenen Zeugen der Zärtlichkeitsbezeugungen gehabt hätte, welche weder dem einen noch dem andern der Mitſpielenden Ehre machten, und welche mir reichen Stoff zum Nachdenken über die Erbärmlichkeit des Menſchenge⸗ ſchlechts lieferten. Da ich nach der Abreiſe der Helden den armen geprell⸗ ten Liebhaber durcht eine Thürſpalte bemerkte, ſo rief ich ihn, damit er mir öffnete. Der arme Pinſel antwortete mit kläglicher Miene, daß das Schloß würde abgebrochen werden müſſen, da das Fräulein den Schlüſſel mitgenommen. Ich bat ihn, dies ohne Zögern zu thun, weil ich Hunger Fräulein habe Gelegenheit gefunden, ihm die Verſicherung zu geben, daß ſie in ſechs Wochen zurückkehren werde, daß ſie geweint, als ſie ihm die Verſicherung gegeben, und daß ſie ihn zärtlich umarmt. Der Prinz hat alſo ſeine Rechnung bezahlt? Durchaus nicht. Wenn er es auch gewollt hätte, wir hätten doch nichts genommen. Meine Zukünftige würde da⸗ durch beleidigt worden ſein, denn Sie können ſich nicht den⸗ ken, wie edel ſie denkt. Was ſagt Ihr Vater zu ihrer Abreiſe? Mein Vater denkt immer ſchlecht; er ſagt, ſie wird nicht wiederkommen, und meine Mutter iſt mehr ſeiner als meiner Meinung. Aber was ſagen Sie, Signor Maeſtro. Wenn ſie es geſagt hat, wird ſie gewiß wiederkommen. So denke ich auch: das nenne ich noch ſprechen. Mein Abendeſſen beſtand aus dem Reſte desjenigen, welches der Koch des Grafen für ſeinen Herrn bereitet hatte, und ich trank eine Faſche ausgezeichneten Rheinweins, wel⸗ chen Catinella escamotirt hatte, um ihren künftigen Gatten damit zu bewirthen, und welche dieſer glaubte nicht beſſer verwenden zu können, als indem er ſeinen künftigen Couſin damit bewirthete. Nach dem Abendeſſen nahm ich die Poſt und reiſte ab, indem ich dem unglücklichen Verlaſſenen die Verſicherung gab, daß ich Alles, was in meinen Kräften ſtände, aufbieten würde, um meine Couſine zur baldigen Rückkehr zu bewegen. Ich wollte bezahlen, aber er wollte durchaus nichts nehmen. Ich langte in Bologna eine Vier⸗ telſtunde nach der Catinella an, und ſtieg in demſelben Gaſt⸗ hofe ab, wo ich Gelegenheit fand ihr zu melden, was ihr Liebhaber zu mir geſagt. Ich langte in Reggio vor ihr an; aber es war unmöglich, mit ihr zu ſprechen, da ſie ih⸗ ren vielvermögenden und unvermögenden Herrn nicht einen Augenblick verließ. 5 Nach dem Ende des Meſſe, wo mir nichts Bemerkens⸗ werthes begegnete, verließ ich Reggio mit meinem Freunde Baletti, und wir begaben uns nach Turin, welches ich Luſt habe. Sobald ich frei war, brachte man mir zu eſſen, und der arme Junge leiſtete mir Geſellſchaft. Er ſagte, das hatte zu ſehen, denn das erſtemal mit Henrietten durchge⸗ kommen, hatte ich daſelbſt nur die Pferde gewechſelt. Ich fand in Turin Alles gleich ſchön, Stadt, Hof, Theater, Frauen, mit der Herzogin von Savöhen anzufan⸗ gen, aber ich konnte mich des Lachens nicht enthalten, als man mir ſagte, die Polizei wäre vortrefflich und ich die Straßen voll Bettler fand. Dieſe Polizei war indeß die Hauptbeſchäftigung des Königs, welcher, wie die Geſchichte lehrt, viel Geiſt hatte, über deſſen lächerliche Perſönlichkeit aber zu erſtaunen ich Gimpel genug war. Da ich nie in meinem Leben einen König geſehen, ſo brachte mich eine falſche Idee auf den Gedanken, daß ein König ſich durch außerordentliche Schönheit, majeſtätiſche Phyſiognomie, überhaupt durch etwas über die andern Men⸗ ſchen Erhabenes auszeichnen müſſe. Für einen jungen den⸗ kenden Republikaner war meine Idee nicht ganz einfältig; aber ich beſeitigte ſie bald, als ich dieſen häßlichen, buckli⸗ chen, grießgrämigen König von Sardinien ſah, deſſen ſämmt⸗ liche Manieren etwas Unedles hatten; ich ſah wohl, daß man König ſein könne, ohne ganz Mann zu ſein. Im Theater hörte ich die Aſtrua*) und Gafarello, dieſe beiden herrlichen Stimmen und ſah die Geofroi tanzen, welche ein ſehr achtbarer Tänzer, Namens Bodin, in dieſer Zeit heirathete. Während meines Aufenthalts in Turin ſtörte keine verliebte Neigung die Ruhe meiner Seele, außer daß mir mit der Tochter meiner Wäſcherin etwas begegnete, was ich hier nur deshalb erwähne, weil es meine phyſikaliſchen Kennt⸗ niſſe außerordentlich erweiterte. Dieſes Mädchen war ſehr hübſch, und obwohl ich nicht in ſie verliebt war, ſo trachtete ich doch nach ihren Gunſtbezeugungen. Nachdem ich vergebliche Anſtrengungen gemacht, um ein Rendez⸗vous von ihr zu erlangen, wagte ich eines Tages, mir daſſelbe mit einiger Gewaltthätigkeit am Fuße einer geheimen Treppe, welche ſie zu mir hinauf⸗ ſteigen mußte, zu verſchaffen. Wie Preuß meldet, war die berühmte Aſtrua ſeit 1 3 in Turin engagirt. 106 NMNaachdem ich mich zu dieſem Zwecke in dem Augen⸗ blicke verborgen, wo ich wußte, daß ſte kommen mußte, fiel ich unverſehens über ſie her, und halb durch Ueberzeugung, halb durch die Lebhaftigkeit meiner Handlung gelangte ſie in die angemeſſene Lage und ich zur Thätigkeit. Aber bei der erſten Bewegung, die ich machte, wurde mein Eifer durch eine ſtarke Exploſion etwas gedämpft, und zwar um ſo mehr, als das junge Mädchen ihre Hand an das Geſicht führte, wie um die Schaam, die ſie empfand, zu verbergen. Ich glaube ſie durch einen zärtlichen Kuß beruhigen zu müſſen und fange dann von Neuem an. Aber großer Gott! ein noch ſtärkeres Getöſe als das erſte dringt in meine Naſe und meine Ohren. Ich fahre fort, und daſſelbe erfolgt zum drittenmale, zum viertenmale, überhaupt bei jeder Bewegung mit der Regelmäßigkeit eines Chronometers, der den Takt eeines Muſikſtücks marquirt. Dieſes ſeltſame Phänomen, die Beſchämung des armen Mädchens, unſere Stellung, Alles — dies ſchien mir ſo komiſch, daß ich in lautes Lachen aus⸗ brach und meine Stellung aufgeben mußte. Das beſchämte 4 4 und aus der Faſſung gekommene junge Mädchen entfloh M und ich ſuchte ſte nicht zurückzuhalten. Seitdem wagte ſie nicht mehr, ſich mir zu zeigen. Ich blieb noch eine Viertel⸗ ſtunde nach ihrer Entfernung auf der Treppe ſitzen, und dachte über das Komiſche einer Scene nach, an welche ich daß das Mädchen ihre Tugend dieſem ſonderbaren Fehler zu verdanken hat, und es iſt anzunehmen, daß, wenn der⸗ ſelbe ihrem ganzen Geſchlechte gemeinſam wäre, es weit we⸗ niger galante Frauen geben würde, vorausgeſetzt, daß wir nicht andere Organe hätten, denn einen Genuß auf Koſten des Geruchs und des Gehörs erkaufen, heißt doch ihn zu theuer bezahlen. Baletti, der Eile hatte nach Paris zu kommen, wo herrliche Feſte zur Feier der Geburt eines Herzogs von aob und in funf Tagen kamen wir nach Lyon, wo wir etwa aacht Tage blieben. noch jetzt nicht ohne Heiterkeit denken kann. Ich glaube, g Burgund vorbereitet wurden, denn die Frau Dauphine nä⸗ herte ſich dem Ende ihrer Schwangerſchaft, überredete mich leicht, meinen Aufenthalt in Turin abzuküͤrzen. Wir reiſten — 107 Lyon iſt eine ſehr ſchöne Stadt, wo zu meiner Zeit nicht drei oder vier adliche Häuſer den Fremden geöffnet waren; aber dafuͤr giebt es hundert Häuſer von Kauf⸗ leuten, Fabrikanten, Commiſſionairs, welche weit reicher ſind als die Fabrikanten, und in dieſer ſehr gut eingerich⸗ teten Geſellſchaft herrſcht Ungezwungenheit, Höflichkeit, Frei⸗ müthigkeit und guter Ton, ohne die Steifigkeit und den einfältigen Hochmuth, welche man, wenige Ausnahmen ab⸗ gerechnet, in den Häuſern des Provinzial⸗Adels findet. Allerdings bleibt hier der Ton unter dem von Paris, aber man gewöhnt ſich daran und man lebt hier methodiſcher. Der Reichthum Lyons beſteht in dem guten Geſchmacke und in der Wohlfeilheit, und die Gottheit, welcher dieſe Stadt ihren Wohlſtand verdankt, iſt die Mode. Dieſelbe wechſelt mit jedem Jahre, und mancher Stoff, welchem der Geſchmack des Tages heute einen Werth von dreißig giebt, iſt im nächſten Jahre nur noch zwanzig oder funfzehn werth, und dann ſchickt man ihn ins Ausland, wo er als etwas ganz Neues geſucht wird. Die Lyoner bezahlen die Zeichner, welche Geſchmack haben, theuer; es iſt dies das Geheimniß. Die Wohlfeil⸗ heit entſpringt aus der Concurrenz, dieſer fruchtbaren Quelle des Reichthums und Tochter der Freiheit. Ein Staat alſo, welcher die Bluͤthe des Handels ſichern will, muß demſelben vollkommene Freiheit laſſen und darauf be⸗ dacht ſein den Betrug zu verhüten, welchen das übel⸗ verſtandene Privatintereſſe zum Nachtheile des allgemeinen Intereſſes erfinden möchte. Die Regierungen müſſen die Wage halten, aber die Bürger ſie nach Belieben belaſten können. In Lyon fand ich die berühmteſte Courtiſane aus Venedig. Man geſtand allgemein, daß man ihresgleichen nicht geſehen; ihr Name war Aneilla. Diejenigen, welche ſie ſahen, begehrten ſie zu beſttzen, und ſie hatte ein ſo gu⸗ tes Herz, daß ſie ſich Niemand abſchlagen konnte; denn wenn alle Männer einzeln ſie liebten, ſo erwiderte ſie dies, indem ſie ſie alle zuſammen liebte; und das Intereſſe war bei ihr ein durchaus untergeordneter Beweggrund. 3 Venedig hat immer Courtiſanen gehabt, welche mehn 108 8 h durch ihre Schönheit als durch ihren Geiſt berühmt ge⸗ worden ſind; die bedeutendſten zu meiner Zeit waren dieſe Ancilla und eine andere, Spina genannt, beide Töchter von Gondelführern, beide jung geſtorben an den übermäßigen Anſtrengungen eines Gewerbes, welches ſie als einen Adels⸗ brief betrachteten. Ancilla wurde im zweiundzwanzigſten Jahre Tänzerin und Spina wollte Sängerin werden. Ein berühmter Tänzer Namens Campioni, ein Venetianer, gab der ſchönen Ancilla alle Anmuth, deren ihre körperliche Voll⸗ kommenheit fähig war und heirathete ſie. Spina hatte zum Lehrer einen Caſtraten, der aus ihr nur eine mittelmäßige Sängerin bildete, und in Ermangelung von Talent ſah ſie ſich genöthigt, von ihrem eigenen Kapitale zu leben. Ich werde noch weiter Gelegenheit haben, von Aneilla und ihrem Tode zu reden. Sie war damals nebſt ihrem Manne in Lyon; ſie kamen von London zurück, wo ſie im Haymarket⸗Theater viel Beifall gefunden hatte. Sie hatte ſich in Lyon um ihres Vergnügens wegen aufgehalten, und 8 ſobald ſie ſich gezeigt, hatte ſich die glänzende Jugend der Stadt ihr zu Füßen gelegt und Alles, was ſie wollte, ge⸗ than, um ihr zu gefallen. Am Tage Vergnügungspartieen, am Abend glänzende Soupers und Nachts große Pharao⸗ bank. Derjenige, der die Bank hielt, war ein gewiſſer Don Joſeph Marrati, den ich ſchon in der ſpaniſchen Armee un⸗ ter dem Namen Don Pepe il Cadetto kennen gelernt, und welcher einige Jahre ſpäter den Namen Affliſio annahm und ſo ſchlecht endete. Dieſe Bank gewann in wenigen Tagen 300,000 Franks. In einer Hofſtadt würde eine ſolche Summe gar kein Aufſehen gemacht haben; aber in einer weſentlich handeltreibenden und induſtriellen Stadt ſetzte ſie alle Familienhäupter, alle Hausvorſtände in Schrecken, und die ſchwarze Bande der Ultramontanen dachte an die Abreiſe. In Lyon verſchaffte mir eine achtungswerthe Perſon, welche ich bei Herrn von Rochebaron kennen lernte, die Gunſt, zur Theilnahme an den erhabenen Kindereien der Freimaurerei zugelaſſen zu werden. Nach Paris kam ich 3 als Lehrling und wurde einige Monate ſpäter Geſelle und 7 —— 109 Meiſter. Die Meiſterwürde iſt ſicherlich der höchſte Grad in der Freimaurerei, denn alle andern, die man mir in der Folge noch ertheilt hat, ſind nichts als angenehme Erfin⸗ dungen, welche, obwohl ſymboliſch, zur Würde eines Mei⸗ ſters nichts hinzuthun. Niemand in der Welt kann Alles wiſſen; aber Jeder, der ſich ſeiner Fähigkeiten bewußt iſt und ſich einigermaßen Rechenſchaft von ſeiner moraliſchen Kraft zu geben weiß, der muß ſo viel wie möglich zu wiſſen ſuchen. Ein jun⸗ ger Mann von guter Geburt, welcher reiſen und die ſoge⸗ nannte große Welt kennen lernen will, welcher nicht in ge⸗ wiſſen Fällen unter ſeinesgleichen ſtehn und von der Theil⸗ nahme an allen Vergnügungen ausgeſchloſſen ſein will, muß ſich in die ſogenannte Freimaurerei aufnehmen laſſen, wäre es auch nur, um oberflächlich zu wiſſen, was ſie iſt. Die Freimaurerei iſt ein Wohlthätigkeitsinſtitut, welches zu ge⸗ wiſſen Zeiten und an gewiſſen Orten verbrecheriſchen und gegen die Ordnung gerichteten Ideen hat als Deckmantel dienen können; aber, guter Gott! was hat man nicht gemiß⸗ braucht? Hat man nicht erlebt, daß die Jeſuiten unter der heiligen Aegide der Religion den vatermörderiſchen Arm blinder Enthuſtaſten zum Königsmorde bewaffnet haben? Alle Menſchen von einiger Bedeutung, ich meine alle die⸗ jenigen, deren ſociale Exiſtenz durch Verdienſt, Wiſſen oder Vermögen bezeichnet iſt, können Freimaurer werden, und eine große Anzahl derſelben iſt es. Wie ſoll man nun an⸗ nehmen, daß ſolche Geſellſchaften, deren Mitglieder ſich das Geſetz auferlegen, intra muros weder von Politik, noch von Religion, noch von Regierungen zu ſprechen, welche ſich nur mit moraliſchen oder kindiſchen Sinnbildern abgeben; wie ſoll man annehmen, ſage ich, daß ſolche Geſellſchaften, in welche die Regierungen ihre Kreaturen ſchicken können, ſo gefährlich ſein könnten, daß Herrſcher ſie verbieten und Päpſte ſich das Vergnügen machen, ſie in die Acht zu er⸗ klären? Das heißt übrigens auch den Zweck verfehlen, und der Papſt wird trotz ſeiner Unfehlbarkeit nicht hindern, daß die Verfolgungen der Freimaurerei eine Bedeutung ge⸗ ben, welche ſie ohne dieſelben nicht erlangt haben würde. 2 110 Das Geheimnißvolle liegt in der Natur des Menſchen und Alles, was ſich der Menge unter einem geheimnißvollen Anſtriche zeigt, wird immer die Neugierde reizen und ge⸗ ſucht werden, wie ſehr man übrigens auch überzeugt ſein mag, daß hinter dem Scheine nichts verborgen iſt. Um kurz zu ſein, rathe ich jedem jungen Manne von guter Geburt, welcher die Welt ſehen will, Freimaurer zu werden; aber ich fordere ihn auch auf, ſeine Loge gut zu wählen; denn obwohl die ſchlechte Geſellſchaft in den Logen nicht wirkſam ſein kann, ſo kann ſie doch in derſelben vor⸗ handen ſein, und der Candidat muß ſich vor gefährlichen Verbindungen hüten. Diejenigen, welche nur, um das Geheimniß des Ordens kennen zu lernen, Freimaurer werden, laufen Gefahr, mit der Maurerkelle alt zu werden, ohne je ihren Zweck zu er⸗ reichen. Es giebt allerdings ein Geheimniß, aber es iſt ſo unverletzlich, daß es nie Jemand geſagt oder anvertraut worden iſt. Diejenigen, welche an der Oberfläche der Sache ſtehen bleiben, glauben, das Geheimniß beſtehe in Worten, Zeichen und Handgriffen, oder das große Wort werde im letzten Grade genannt. Irrthum! Derjenige, welcher das Geheimniß der Freimaurerei erräth,(denn man erräth es nur), gelangt zu dieſer Kenntniß nur, indem er häufig die Logen beſucht, viel nachdenkt, vergleicht, urtheilt und dedu⸗ cirt. Er vertraut es ſeinem beſten Freunde in der Mau⸗ rerei nicht an; denn er weiß, daß dieſer, wenn er es nicht gleich ihm erräth, auch nicht das Talent hat, es zu be⸗ nutzen, wenn es ihm ins Ohr geflüſtert wird. Er ſchweigt, und dies Geheimniß bleibt immer Geheimniß. Alles, was in der Loge geſchieht, muß Geheimniß ſein; aber diejenigen, welche aus unanſtändiger Plauderhaftigkeit keinen Anſtand genommen haben, das, was daſelbſt geſchieht, zu verrathen, haben nicht das Weſentliche verrathen; ſie wußten es nicht, und wenn ſie es gewußt hätten, würden ſſe ſicherlich nicht die Ceremonieen verrathen haben. Der Eindruck, welchen jetzt die Profanen, d. h. die Nichtmaurer, davon haben, iſt ganz derſelbe wie der Ein⸗ ruck, unter dem einſt diejenigen ſtanden, welche nicht zu 111 den eleuſiniſchen Myſterien zugelaſſen wurden. Aber die eleuſiniſchen Myſterien hatten ein Intereſſe für ganz Grie⸗ chenland und der ganze ausgezeichnete Theil der damaligen Geſellſchaft bemühte ſich an denſelben Theil zu nehmen; während die Freimaurerei unter einer großen Anzahl Män⸗ ner vom größten Verdienſt auch eine Menge Lumpe enthält, welche keine Geſellſchaft dulden ſollte, weil ſie der Auswurf des Menſchengeſchlechts in moraliſcher Beziehung ſind. In den Myſterien der Ceres wurde lange Zeit wegen der Verehrung, deren Gegenſtand ſie waren, unverbrüch⸗ liches Schweigen beobachtet. Was konnte man übrigens auch offenbaren? Die drei Worte, welche der Hierophant den Eingeweihten ſagte. Aber was hatte das für eine Folge? Die Entehrung des Schwätzers, welcher nur bar⸗ bariſche, dem großen Haufen unbekannte Worte offenbarte. Ich habe irgendwo geleſen, daß die drei heiligen Worte der eleuſiniſchen Myſterien bedeuteten: Wachet und thut nichts Böſes. Die heiligen und geheimen Worte der verſchiedenen maureriſchen Grade ſind ungefähr eben ſo verbrecheriſch. Die Aufnahme dauerte neun Tage; die Ceremonieen waren ſehr impoſant und die Geſellſchaft ſehr achtungs⸗ werth. Plutarch meldet uns, daß Alcibiades zum Tode verurtheilt und ſeine Güter confiſcirt wurden, weil er mit Polition und Theodor gewagt, die großen Myſterien ins Lächerliche zu ziehn, aus Haß gegen die Eumolpiden. Man wollte ſogar, daß die Prieſter und Prieſterinnen ihm fluchen ſollten; aber der Fluch wurde nicht geſprochen, weil eine Prieſterin ſich dem mit den Worten widerſetzte: Ich bin Prieſterin zum Segnen, aber nicht zum Fluchen! Erhabene Worte! Lektion der Moral und Weisheit, welche der Papſt verachtet, welche aber das Evangelium lehrt und der Heiland der Welt vorſchreibt. Heute iſt nichts von Bedeutung, wie für eine gewiſſe Klaſſe cosmopolitiſcher Menſchen nichts heilig iſt. Botarelli veröffentlicht in einer Broſchüre die ganze Praxis der Freimaurerei, und man begnügt ſich zu ſagen, das iſt ein Schuft. Man wußte das zum voraus. Ein Prinz in Neapel und Herr Hamilton bei ſich zu Hauſe 4 8 8 112 machen das Wunder des heiligen Januarius und ohne Zweifel lachen ſie und viele andere mit ihnen. Indeß thut dder König von Neapel ſo, als wüßte er nicht, daß er auf ſeiner Bruſt einen Orden mit folgender, die Figur des hei⸗ ligen Januarius umgebenden Deviſe trägt: In sanguine foedus. Heute iſt Alles inkonſequent und nichts bedeutet etwas; indeß wird man wohl daran thun, vorwärts zu gehen; denn wenn man auf der Mitte des Weges ſtehen bleiben wollte, würde man noch ſchlechter wegkommen. Wirr reiſten mit der Schnellpoſt von Lyon ab, und brauchten fünf Tage, um nach Paris zu kommen. Baletti hatte ſeine Familie vom Augenblicke ſeiner Abreiſe in Kenntniß geſetzt; ſie wußte alſo, wann wir ankommen würden. Wir waren unſerer acht in der Diligence und wir ſa⸗ ßen Alle ſehr unbequem, denn es war ein großer ovaler Kaſten und da derſelbe keine Ecken hatte, ſo konnte auch 1 Niiemand in einer Ecke ſitzen. Wäre dieſer Wagen in einem— Lande gebaut worden, wo die Gleichheit geſetzlich eingeführt 3 geweſen wäre, ſo wäre das Mittel ſehr komiſch geweſen. Ich fand bloß, daß die Einrichtung ſehr ſchlecht war; aber ich war in einem fremden Lande und ſchwieg. Und würde es mir als Italiäner wohl angeſtanden haben, nicht alles Franzöſiſche, und noch dazu in Frankreich, zu bewundern! Ein ovaler Wagen ſich verehrte die Torm, obſchon ich darauf 3 fluchte; denn die ſonderbare Bewegung dieſes Wagens machte fe, auf mich denſelben Eindruck, wie das Schwanken eines 8 Schiffes bei hoher See. Uebrigens hing derſelbe in guten e edern; aber eine Fahrt zu Schiffe wäre mir weit weniger wmawecdananiahn geweſen. Da derſelbe bei ſeiner ſchnellen Bewegung hin und herſchwankte, ſo hatte man ihn Gondel genannt; aber ich war Kenner und finde keine Analogie zwiſchen ihm und den venetianiſchen Gondeln, welche, von zwei kräftigen Gondel⸗ führern gerudert, ſo ſchnell und ſanft dahingleiten. 1 Dieſe Bewegung machte auf mich einen ſolchen Ein⸗ „ drruck, daß ich Alles, was ich genoſſen, von mir geben mußte. Seshall glaubte man, ich gehöre zur ſchlechten Geſellſchaft; — haben? 113 aber man fagte es mir nicht; ich war in Frankreich und unter Franzoſen, welche ſich auf Höflichkeit verſtehen. Man begnügte ſich mir zu ſagen, ich hätte zu viel zu Abend ge⸗ geſſen, und ein pariſer Abbé ſagte, um mich zu verthei⸗ digen, ich hätte einen ſchwachen Magen. Hierüber ſtritt man. Ich wurde ungeduldig und ſagte: Meine Herren, Sie haben Alle Unrecht, denn ich habe einen ausgezeichneten Magen und habe gar kein Abendbrot gegeſſen. Hierüber bemerkte mir ein Herr von einem gewiſſen Alter mit honig⸗ ſüßem Tone, ich dürfte den Herren nicht ſagen, daß ſie Un⸗ recht hätten; ſondern ich hätte nach dem Beiſpiele Cicero's, der nicht zu den Römern geſagt, daß Calilina todt ſei, ſondern daß er gelebt habe, zu den Herren ſagen müſſen, daß ſie nicht Recht hätten.— Iſt das nicht daſſelbe? Ich bitte um Verzeihung, mein Herr, das Eine iſt höflich und das Andere iſt es nicht. Er begann nun eine lange Abhandlung über die Höflichkeit und als er dieſelbe geendet, ſagte er, der Herr iſt wohl Italiäner? Ja, ich bin es; würden Sie mir aber wohl das Ver⸗ gnügen erweiſen mir zu ſagen, woran Sie das erkannt Ha! Ha! An der Aufmerkſamkeit, mit welcher Sie mein langes Geſchwätz angehört haben. Es entſtand ein allgemeines Gelächter, und ich, erfreut über ſeine Originalität, fing an ihm ſchön zu thun. Er war Gouverneur eines Knaben von zwölf bis dreizehn Jah⸗ ren, welcher an ſeiner Seite ſaß. Ich gebrauchte ihn wäh⸗ „rend der ganzen Reiſe, mir von ihm Unterricht in der fran⸗ zöſiſchen Höflichkeit geben zu laſſen, und als wir uns tren⸗ nen mußten, nahm er mich freundſchaftlichſt bei Seite und ſagte, er wolle mir ein kleines Geſchenk machen. Welches? Sie müſſen die Partikel, welche Sie in den Tag hinein und ſo häufig anwenden, aufgeben, und, ſ⸗ zu ſagen, vergeſſen. Nein, iſt kein franzöſiſches Wort, anſtatt dieſer unhöflichen Sylbe ſagen Sie: Verzeihung Wenn man Nein ſagt, ſtraft man Lügen; geben Sie dies Wort IV. 8 - 114 auf oder machen Sie ſich darauf gefaßt, ſich alle Augen⸗ blicke ſchlagen zu müſſen. Ich danke Ihnen, mein Herr! Ihr Weſchenk iſt von Werth und ich verſpreche Ihnen, in meinem ganzen Leben nicht wieder Nein! zu ſagen. Während der erſten vierzehn Tage meines Aufenthalts in Paris beging ich ohne Zweifel Verſtoß über Verſtoß, denn ich hörte gar nicht mehr auf, um Verzeihung zu bit⸗ ten. Eines Tages kam ich ſogar in Streit, weil ich im Theater zur Unzeit um Verzeihung gebeten. Ein junger Stutzer im Parterre trat mir auf den Fuß, und ich beeilte mich, zu ihm zu ſagen: Verzeihung, mein Herr. Verzeihen Sie ſelbſt, mein Herr. Sie ſelbſte⸗ Sie ſelbſt. Nun, mein Herr, verzeihen wir uns beide und umar⸗ men wir uns. Die Umarmung endete den Streit. Als ich eines Tages auf der Reiſe vor Ermüdung in der unbequemen Gondel eingeſchlafen war, fühlte ich, wie mich Jemand ſtark am Arme zog. Ach, mein Herr, ſehen Sie dieſes Schloß, ſagte mein Nachbar. Ich ſehe es; nun? Ach, ich bitte Sie, finden Sie es nicht—— Ich finde nichts daran; und was finden Sie denn daran——— Nichts Wunderbares, außer, daß es vierzig Meilen von Paris entfernt iſt. Aber hier! Werden meine Maulaffen von Landsleuten wohl glauben, daß es vierzig Meilen von Paris ein ſo ſchönes Schloß giebt? Wie unwiſſend iſt man, wenn man nicht gereiſt iſt! Ihre Bemerkung iſt ſehr richtig. Dieſer Mann war ſelbſt Pariſer und Maulaffe, ganz wie die Gallier zur Zeit Cäſars. Wenn indeß die Pariſer vom Morgen zum Abend Maunlaffen feil haben und ſich über Alles amüſiren, ſo mußte ein Fremder wie ich noch mehr Maulaffe ſein. Der Unter⸗ ſchied zwiſchen ihnen und mirebeſtand darin, daß ich, der ich 3* . 4 —— 115⁵ gewohnt war, die Sachen zu ſehen, wie ſie ſind, mich wun⸗ derte, ſte offen unter einer Maske zu erblicken, welche ihre Natur änderte, während ihre Verwunderung oft dadurch entſtand, daß man ſie das, was unter der Maske verborgen war, muthmaßen ließ. Was mir bei meiner Ankunft in Paris ſehr gefiel, das war die großartige Straße, das unſterbliche Werk Ludwigs XV., die Reinlichkeit der Wirthshäuſer, das Eſſen in denſelben, die Schnelligkeit, mit welcher man bedient wird, die ausgezeichneten Betten, das beſcheidene Weſen der Per⸗ ſon, welche bei Tiſche aufwartet, welche meiſtentheils die fein gebildete Tochter des Hauſes iſt und deren anſtändiges We⸗ ſen, beſcheidene Haltung, Reinlichkeit und Manieren ſelbſt dem ſchamloſeſten Wüſtlinge Reſpekt einflßen. Welcher Italiäner ſieht wohl mit Vergnügen die Diener in den ita⸗ liäniſchen Gaſthöfen mit ihrem ſchaamloſen Weſen und ih⸗ rer Frechheit? Zu meiner Zeit wußte man in Frankreich nicht, was übertheuern heißt; es war in der That das Va⸗ terland der Fremden. Man hatte allerdings die Unannehm⸗ lichkeit, oft Akte eines haſſenswerthen Despotismus zu ſehen, lettres de cachet u. ſ. w., es war der Despotismus eines Königs. Seitdem haben die Franzoſen den Despotismus des Volks kennen gelernt. Iſt dieſer weniger haſſenswerth? Wir ſpeiſten in Fontainebleau zu Mittag, welcher Name von Fontaine— belle— eau herkömmt; und zwei Meilen von Paris bemerkten wir eine auf uns zukommende Berline. Sobald ſie ſich genähert hatte, gebot mein Freund Baletti Halt: es war ſeine Mutter, welche mich wie einen lange erwarteten Freund empfing. Es war die berühmte Schauſpielerin Sylvia, und ſobald ich ihr vorgeſtellt war, ſagte ſie: Ich hoffe, mein Herr, daß der Freund meines Sohnes die Güte haben wird, heute bei uns zu Abend zu ſpeiſen. Ich begrüßte ſie, und nahm die Einladung an; ich ſtieg wieder in die Gondel, während Baletti ſich zu ſeiner Mutter in die Berline ſetzte und ſo ſetzten wir unſere Reiſe fort. In Paris angekommen, fand ich einen Bedienten Syl⸗ X via's mit einem Fiaker, welcher mich in meine Wohnung brachte, um daſelbſt meine Sachen abzulegen, ſodann bega⸗ 8* — * 1 — 116 ben wir uns zu Baletti, der funfzig Schritte von meiner Wohnung wohnte. Baletti ſtellte mich ſeinem Vater vor, welcher Mario hieß. Mario und Soloia waren die Namen, welche Herr und Madame Baletti in den Komödien führten, welche ſie aus dem Stegreife ergänzten, und die Franzoſen hatten da⸗ mals die Gewohnheit, die Schauſpieler nur mit den Namen, welche ſie auf der Scene führten, zu bezeichnen. Guten Tag, Herr Arlequin; guten Tag, Herr Pantalon: ſo be⸗ grüßte man diejenigen, welche dieſe Perſonen darſtellten. A Neunundzwanzigſtes Kapitel. Meine Fehrzeit in Paris.— Portraits.— Sonderbar- keiten.— Tauſenderlei. Um die Ankunft ihres Sohnes zu feiern, gab Sylvia ein glänzendes Abendeſſen, zu welchem ſie alle ihre Ver⸗ wmandten eingeladen hatte; und dies war für mich eine gute Gelegenheit, deren Bekanntſchaft zu machen. Der Vater— Baletti's, welcher noch in der Geneſung begriffen war, war nicht zugegen; aber ſeine Schweſter, die älter als er war, war dabei. Sie war unter ihrem Theaternamen Flaminia und in der Gelehrtenrepublik durch einige Ueberſetzungen bekannt, aber dies reizte mich weniger ihre Bekanntſchaft zu machen, als die in ganz Italien bekannte Geſchichte des Pariſer Aufenthalts dreier berühmter Schriftſteller. Dieſe drei Gelehrten, waren der Marcheſe Maffei, der Abbé Contt und Peter Jacob Martelli, welche Feinde wurden, weil Je⸗ der von ihnen, wie man ſagt, nach der Gunſt dieſen Schau⸗ ſpielerin ſtrebte; und als Gelehrte führten ſie ein Federduell: Martelli machte ein Satyre gegen Maffei und bezeichnete ihn mit dem Anagramm Femia. Da ich Flaminia als Candidat in der literariſchen Re⸗ 117 publik vorgeſtellt worden war, ſo glaubte ſie mich dadurch ehren zu müſſen, daß ſie mich häufig anredete; aber ſie that unrecht daran, denn ic fand ihre Figur, ihren Ton, ihren Styl, Alles, ſelbſt den Ton ihrer Stimme unangenehm. Sie ſagte es nicht, aber ſie gab es mir zu verſtehen, daß ſie als literariſche Berühmtheit ſich bewußt war, mit einem Wurme zu ſprechen. Sie that ſo, als ob ſie diktire, und ſte glaubte in einem Alter von Sechzigen und mehr das Recht dazu zu haben, namentlich einem jungen Neulinge von fünfundzwanzig Jahren gegenüber, welcher noch keine Bibliothek bereichert hatte. Um ihr den Hof zu machen, ſprach ich vom Abbé Conti und citirte, ich weiß nicht mehr bei welcher Gelegenheit, zwei Verſe dieſes tiefſinnigen Autors. Madame verbeſſerte mit ſehr gütiger Miene meine Ausſprache des Wortes scevra, welches getrennt bedeutet, und welches ihrer Anſicht nach sceura ausgeſprochen werden ſolle; ſie ſetzte hinzu, ich ſollte es mir nicht leid ſein laſſen, daß ich dies am erſten Tage meines Aufenthalts in Paris gelernt, denn das würde Epoche in meinem Leben machen. Madame, ich bin gekommen, um zu lernen, nicht aber um zu verlernen; und Sie werden mir geſtatten, Ihnen zu ſagen, daß das scevra mit einem v und nicht sceura mit einem u geſprochen werden muß; denn dies Wort iſt eine Zuſaunwunziehung von sceverra. s fragt ſich, wer Unrecht hat. Se, Madame, nach Arioſt, welcher scevra auf per⸗ sevra reimt, welches Wort übel zu sceura paſſen würde, das gar nicht italiäniſch iſt. S ie wollte ihre Vehauptung vertheidigen, als ihr Mann, ein achtz igjähriger Greis ihr ſagte, daß ſie Unrecht hätte. Sie ſchwieg; aber ſeitdem ſagte ſie zu Jedem, der es horen wollte, ich wäre ein Betrüger. Der Mann dieſer Frau, Louis Nicroboni, Lelio ge⸗ nannt, der 1776 die Truppe im Dienſte des Regenten lnch Paris geführt hatte, war ein Mann von Verdienſt. war ein ſchöner Mann geweſen und erfreute ſich mit Naht der allgemeinen Achtung, ſowohl wegen ſeines Talents, wie wegen. ſeiner Sittenreinheit. Während des Abendeſſens war ich hauptſächlich damit beſchäftigt, Sylvia zu ſtudiren, die ſich des größten Rufes erfreute*); meiner Anſicht nach ſtand ſie über ihrem Rufe. Sie war funfzig Jahre alt, hatte eine elegante Taille, edles Aeußere, ungezwungene Manieren, war umgänglich, heitern Temperaments, fein in ihren Reden, gefällig gegen Jeder⸗ mann, voll Geiſt und ganz anſpruchslos. Ihre Figur war ein Räthſel, denn ſie flößte das lebhafteſte Intereſſe ein, geſiel allgemein, und nichts deſto weniger fand man bei näherer Prüfung nicht einen ſchönen Zug; man konnte nicht ſagen, daß ſie ſchön wäre, aber gewiß hätte ſichs Niemand einfallen laſſen zu behaupten, daß ſie häßlich wäre. Indeß gehörte ſie nicht zu den Frauen, welche nicht ſchön und nicht häßlich ſind; denn ſie hatte etwas Intereſſantes, was in die Augen ſprang und feſſelte. Was war ſie alſo? Schön, aber nach Geſetzen, welche allen denen unbe⸗ kannt blieben, die ſich nicht durch eine unwiderſtehliche Kraft, welche ſie zwang dieſelbe zu lieben, zu ihr hingezogen fühl⸗ ten, und welche nicht den Muth hatten ſie zu ſtudiren und die Ausdauer ſie kennen zu lernen. Solvia war der Abgott Frankreichs und ihr Talent die Stütze aller Komödien, welche die größten Schriftſteller, und beſonders Marivaur, für ſie ſchrieben. Ohne ſie wür⸗ den deſſen Komödien nie auf die Nachwelt gekommen ſein. Man hat nie eine Schauſpielerin finden können, welche im Stande geweſen wäre, ſie zu erſetzen, und um eine ſolche zu finden, mußte dieſelbe alle einzelnen Eigenſchaften beſitzen, welche Sylvia in der ſchwierigen Kunſt des Schauſpielens entfaltete: Geſtikulation, Deklamation, Geiſt, Phyſiognomie, Haltung und große Kenntniß des menſchlichen Herzens. Alles bei ihr war Natur und die Kunſt, welche dieſelbe vervollkommnete, blieb verborgen. Zu den Eigenſchaften, welche ich erwähnt, fügte Syl⸗ via noch eine andere hinzu, die ihr neuen Glanz verlieh, obſchon ſie auch ohne dieſelbe auf der Bühne die erſte Stelle *) Friedrich der Große nennt ſie toujours la meilleure ac- trice du royaume. Sie ſtarb 1758. 119 eingenommen haben würde: ihr Benehmen war immer flecken⸗ los. Sie wollte Freunde, aber nicht Liebhaber haben, und ſpottete eines Vorrechts, welches ſie hätte genießen können, welches ſie aber in ihren eigenen Augen verächtlich gemacht haben würde. Dies Benehmen machte ſie achtungswerth in einem Alter, wo jenes lächerlich und ſogar beleidigend fur die Frauen ihres Alters hätte erſcheinen können; und eine Anzahl der vornehmſten Damen ehrte ſie noch mehr durch ihre Freundſchaft als durch ihre Protection. Nie wagte das launige Pariſer Paterre Sylvia auszupfeifen, ſelbſt nicht in Rollen, welche ihm nicht gefielen; und Alle ſtimmten darin überein, daß dieſe berühmte Schauſpielerin weit über ihren Stand erhaben wäre. Da Sylvia nicht glaubte, daß ihr ihr gutes Benehmen zum Verdienſt angerechnet werden könnte, denn ſie wußte, daß ſie nur tugendhaft war, weil ihre Eigenliebe bei ihrer Tugend betheiligt war, ſo zeigte ſie im Umgange mit ihren Colleginnen nie Stolz oder Ueberlegenheit, obwohl dieſe letztern, zufrieden durch ihre Talente oder ihre Schönheit zu glänzen, ſich eben nicht durch ihre Tugend berühmt zu machen ſuchten. Sylvia liebte Alle und wurde von Allen geliebt; ſie ließ ihnen öffentlich Gerechtigkeit widerfahren und lobte ſie aufrichtig; aber man ſah wohl, daß ſie dabei nichts verlor, denn da ſie dieſelben an Talent übertraf und ihr Ruf ohne Flecken war, ſo konnten dieſelben ihr nicht ſchaden. Die Natur hat dieſe einzige Frau um zehn Jahre ih⸗ res Lebens betrogen, denn ſie wurde im Alter von ſechzig Jahren, zehn Jahre nachdem wir uns kennen gelernt, be tiſch. Das pariſer Klima ſpielt den italiäniſchen Schauſpie⸗ lerinnen häufig ſolche Streiche. Zwei Jahre vor ihrem Tode ſah ich ſie die Rolle der Marianne in dem Stücke von Marivaux ſpielen und trotz ihres Alters und ihres Zuſtan⸗ des war die Illuſton vollkommen. Sie ſtarb in meiner Ge⸗ genwart, ihre Tochter in den Armen haltend und ihr fünf Minuten vor ihrem Tode die letzten Rathſchläge gebend. Sie erhielt ein ehrenvolles Begräbniß auf dem Kirchhofe le Saint⸗Sauveur, ohne daß der ehrwürdige Geiſtliche den geringſten Widerſtand erhoben hätte; weit entfernt von der antichriſtlichen Toleranz ſeiner meiſten Amtsbrüder ſagte dieſer würdige Seelenhirt vielmehr, ihr Gewerbe als Schau⸗ ſpielerin habe ſie nicht verhindert, Chriſtin zu ſein, und die Erde wäre die gemeinſame Mutter Aller, wie Jeſus Chri⸗ ſtus der Erlöſer der ganzen Welt wäre. Du wirſt mir verzeihen, theurer Leſer, daß ich Dich zum Leichenbegängniſſe der Sylvia zehn Jahre vor ihrem Tode geführt habe, und zwar ohne daß ich beabſichtigt hätte, ein Wunder zu thun; dafür werde ich Dir dieſe Mühe er⸗ ſparen, wenn wir ſo weit ſein werden. Ihre einzige Tochter, der Gegenſtand ihrer zärtlichen Liebe, ſaß bei Tiſche neben der Mutter. Sie war damals erſt neun Jahre alt, und da meine ganze Aufmerkſamkeit von der Mutter abſorbirt wurde, ſo beachtete ich ſie nicht; es war dies eine Beſchäftigung für ſpätere Zeiten. Nach dem Abendeſſen, welches ſehr lange dauerte, be⸗ gab ich mich zu Madame Ouinſon, meiner Wirthin, wo ich ſehr gut aufgehoben war. Als ich erwachte, ſagte mir die⸗ ſelbe, draußen ſtände ein Bediente, der mir ſeine Dienſte an⸗ böte. Ich laſſe ihn eintreten und erblicke einen Mann von kleinem Wuchſe, was mir mißfiel; ich ſagte es ihm. Mein kleiner Wuchs, mein Prinz, wird Sie davor be⸗ wahren, daß ich ihre Kleider anziehe, um auf Abenteuer auszugehen. Ihr Name? Welchen Sie wollen. Wie! Ich frage, welchen Namen Sie haben. Ich habe keinen. Jeder Herr, welchen ich bediene, giebt mir einen Namen nach ſeinem Belieben und ich habe mehr als funfzig während meines Lebens gehabt. Ich werde den Namen führen, den Sie mir geben werden. Sie müſſen aber doch einen Familiennamen haben. Ich habe nie eine Familie gehabt. Ich hatte in mei⸗ ner Jugend einen Namen, aber in den zwanzig Jahren, ſeit welchen ich diene, und wo ich mit jedem Herrn meinen Namen ändere, habe ich ihn vergeſſen. Wolan, ich werde ſie Esprit nennen. 121 Sie erweiſen mir viele Ehre. Hören Sie, holen Sie mir für einen Louisd'or klei⸗ nes Geld. Hier iſt es, mein Herr. Ich ſehe, daß Sie reich ſind.— Ich ſtehe ganz zu Ihrem Dienſte, mein Herr. Wo kann ich mich nach Ihnen erkundigen? Im Vermiethungs⸗Burean. Uebrigens kann Ihnen Madame Ouinſon Auskunft über mich geben: ganz Paris kennt mich. Das genügt. Ich gebe Ihnen täglich dreißig Sous, ich liefere Ihnen keine Kleidung, Sie ſchlafen, wo Sie wol⸗ len und ſtehen alle Morgen um ſieben Uhr zu meiner Ver⸗ fügung. Baletti beſuchte mich und bat mich, täglich ein Couvert bei ihm anzunehmen. Ich ließ mich ins Palais⸗Royal führen und ließ Esprit am Eingange. Begierig, dieſen ſo gerühmten Ort kennen zu lernen, beobachtete ich Alles. Ich ſah einen ziemlich ſchönen Garten, mit großen Bäumen ein⸗ gefaßte Gänge, Baſſins, hohe Häuſer, welche denſelben ein⸗ ſchloſſen, viele Männer und Frauen, welche ſpatziren gingen, hier und da Bänke, auf welchen man neue Brochüren ver⸗ kaufte, wohlriechende Waſſer, Zahnſtocher und Flitterkram. Ich ſah große Haufen von Stühlen, welche zu einem Sou vermiethet wurden, Zeitungsleſer, welche im Schatten ſtan⸗ den, Mädchen und Männer, welche allein oder in Geſell⸗ ſchaft frühſtückten, Gargons aus den Kaffeehäuſern, welche eine durch Hagenbuchen verdeckte Treppe raſch hinauf und hinunterſteigen. Ich ſetzte mich an einen kleinen Tiſch, und ein Aufwärter fragte mich ſogleich, was ich wünſchte. Ich fordere Waſſer⸗Chokolade; er bringt mir abſcheuliche in einer ſilbernen Taſſe. Ich bitte um Kaffee, wenn er guten hätte. Ausgezeichneten, ich ſelbſt habe ihn geſtern gemacht. Geſtern! ich mag ihn nicht. Die Milch iſt ausgezeichnet. Milch! Die trinke ich nicht. Kochen Sie mir eine Taſſe Kaffee mit Waſſer. —— — 12²² Mit Waſſer! den machen wir nur Nachmittags. Wol⸗ len Sie eine gute Bavaroiſe? Eine Karafe Orgeade? Ja, Orgeade. Ich finde dieſes Getränk ausgezeichnet und beſchließe es zu meinem täglichen Frühſtücke zu machen. Ich frage den Kellner, ob es etwas Neues gebe; er antwortet, die Dauphine ſei mit einem Prinzen niedergekommen. Ein Abbé, welcher an einem Tiſche in der Nähe ſaß, ſagte: Sie ſind toll, denn ſie iſt mit einer Prinzeſſin niedergekommen. Ein Drit⸗ ter kömmt dazu und ſagt: ich komme von Verſailles, und die Dauphine iſt weder mit einem Prinzen noch mit einer Prinzeſſin niedergekommen. Er ſagte, ich ſchiene ihm fremd, und als ich antwortete, ich wäre Italiäner, fing er an vom Hofe, von der Stadt, von den Schauſpielern zu ſprechen und erbot ſich endlich, mich überall hin zu begleiten. Ich danke ihm, ſtehe auf und gehe weg. Der Abbé begleitet mich und nennt mir die Namen aller auf⸗ und abſpatziren⸗ den Freudenmädchen. Ein junger Mann begegnet ihm, ſie umarmen ſich, und der Abbé ſtellt ihn mir als eine gelehrte Perſon in der ita⸗ liäniſchen Literatur vor. Ich ſpreche mit ihm italiäniſch; er antwortet mit Geiſt, aber ich muß über ſeinen Styl la⸗ chen und ich ſage ihm den Grund. Er ſprach in der Weiſe des Boccaccio. Meine Bemerkung gefiel ihm; und ich über⸗ zeugte ihn bald, daß man nicht ſo ſprechen dürfte, obwohl die Sprache dieſes alten Schriftſtellers vollendet wäre. In weniger als einer Viertelſtunde befreundeten wir uns mit einander, weil wir an uns dieſelben Neigungen entdeckten. Er war Dichter, ich war es auch; er wünſchte die italiä⸗ niſche Literatur kennen zu lernen, ich die franzöſiſche; wir tauſchten unſere Adreſſe aus und verſprachen uns zu be⸗ ſuchen. „In einem Winkel des Gartens ſah ich viel Menſchen, welche unbeweglich daſtanden und die Naſe in die Wolken ſteckten. Ich fragte meinen Freund, was es dort Wunder⸗ bares giebt.. — Man iſt aufmerkſam auf die Sonnenuhr; Jeder hat ſeine Uhr in der Hand, um ſie auf Punkt zwölf Uhr zu ſtellen. Giebt es nicht überall Sonnenuhren? Allerdings, aber die im Palais Royal geht am rich⸗ tigſten. Ich lache laut auf. Worüber lachen Sie? Weil es unmöglich iſt, daß nicht alle Sonnenuhren gleich ſind. Das heißt wirklich Maulaffen feil haben. Er denkt einen Augenblick nach und fängt dann eben⸗ falls an zu lachen und liefert mir reichen Stoff zur Kritik der guten Pariſer. Wir gehen aus dem Palais Royal durch das große Thor hinaus und ich ſehe eine Menge Menſchen vor einem Laden verſammelt, auf deſſen Schild eine Zibethkatze abgemalt iſt. Was iſt das? Jetzt werden Sie erſt recht lachen. Alle dieſe guten Menſchen warten, daß die Reihe, ihre Tabaksdoſen zu fül⸗ len, an ſie kömmt. Giebt es keinen andern Tabakshändler? Man verkauft überall Tabak; aber ſeit drei Wochen will man nur noch Tabak aus der Zibethkatze. Iſt ex hier beſſer als anderwärts? Vielleicht iſt er nicht ſo gut; ſeitdem ihn aber die Her⸗ zogin von Chartres in die Mode gebracht hat, will man keinen andern mehr. Wie hat ſie es gemacht, um ihn in die Mode zu bringen? Indem ſie ihren Wagen zwei oder dreimal hat hal⸗ ten und ihre Doſe füllen laſſen, und der jungen Perſon, welche ihn verkauft, geſagt hat, daß ihr Tabak der beſte in ganz Paris wäre. Da Maulaffen nie ermangeln ſich um den Wagen eines Prinzen zu verſammeln, hätten ſie ihn auch hundertmal geſehen, oder wäre er auch häßlicher als ein Affe, ſo verbreiteten ſich die Worte der Herzogin in der ganzen Stadt und das genügte, um alle Tabaksſchnupfer hierher zu ziehen. S“ ,. 124 Die Herzogin weiß alſo nicht, was ſie Gutes ge⸗ than hat? Ja im Gegentheil, es war eine Kriegsliſt von ihr. Da die Herzogin ſich für die junge neuvermählte Frau in⸗ tereſſirte und ihr auf eine zarte Weiſe Gutes thun wollte, ſo verſiel ſie auf dieſes Mittel, welches ihr vollkommen ge⸗ gluckt iſt. Sie können ſich nicht vorſtellen, was für brave und gute Leute die Pariſer ſind. Sie ſind in dem einzigen Lande der Welt, wo der Geiſt in gleicher Weiſe Glück macht, ſei es, daß er Wahres, ſei es, daß er Falſches zu Markte bringt; im erſten Falle wird er vom Verdienſte und vom Geiſte aufgenommen, im zweiten iſt die Narrheit im⸗ mer bereit, ihn zu belohnen, denn die Narrheit iſt hier cha⸗ rakteriſtiſch, und, was am wunderbarſten iſt, ſie iſt hier eine Tochter des Geiſtes. Auch ſtellt man kein Parador auf, wenn man ſagt, der Franzoſe würde vernünftiger ſein, wenn er weniger Geiſt hätte. Die Götter, welche man hier anbetet, obwohl man ihnen keine Altäre errichtet, ſind das Neue und die Mode. Wenn Jemand zu laufen anfängt, ſo läuft Alles hinter ihm her. Die Menge wird nicht eher anhalten, als bis man entdeckt hat, daß er toll iſt; aber dies entdecken, heißt das Meer austrinken, denn wir haben hier eine Menge geborner Narren, welche für vernünftig gelten. Der Tabak aus der Zibethkatze iſt nur ein ſchwacher Beweis dafür, welche Menſchenmenge der geringſte Umſtand an einen Ort locken kann. Als der König einſt auf der Jagd nach Neuilly gelangte, bekam er Luſt ein Glas Ratafia zu trinken. Er hält an der Thür einer Schenke und der glücklichſte aller Zufälle bewirkt es, daß der arme Wirth eine Flaſche davon hat. Nachdem der König ein Glas ge⸗ trunken, fordert er ein zweites mit dem Bemerken, daß er nie ſo köſtlichen Ratafia getrunken. Mehr bedurfte es nicht, um den Ratafia des guten Mannes in Neuilly in den Ruf des beſten in ganz Europa zu bringen: der König hatte es ja geſagt. Auch folgten die glänzendſten Geſellſchaften bei dem armen Schankwirthe auf einander, welcher jetzt ein ſehr 125 reicher Mann iſt, und in demſelben Orte ein herrliches Haus hat bauen laſſen mit der Inſchrift Ex liquidis solidum), eine ziemlich komiſche Inſchrift, welche einer der vierzig Un⸗ ſterblichen ausgeheckt hatte. Welche Gottheit hat wohl die⸗ ſer Wirth anzubeten? Die Narrheit, die Frivolität und die Lachluſt. Mir ſcheint, antwortete ich, dieſes Beitreten zu den Meinungen des Königs, der Prinzen von Geblüt u. ſ. w., oder die Billigung, welche denſelben dadurch ertheilt wird, vielmehr ein Zeichen von der Zuneigung der Nation zu ſein, welche ſie anbetet; denn die Franzoſen halten dieſe Leute ſogar für unfehlbar. Sicher iſt es, daß Alles, was bei uns vorgeht, die Fremden in dem Glauben beſtärkt, daß die Nation ihren König anbetet; aber diejenigen unter uns, welche nachden⸗ ken, kommen bald zur Ueberzeugung, daß dies nur Flitter⸗ gold iſt, und der Hof verläßt ſich auch nicht darauf. Wenn der Hof nach Paris kömmt, ſo ſchreit Al⸗ les: es lebe der König! weil ein anſtändiger Menſch an⸗ fängt, oder weil ein Polizei⸗Agent der Menge das Signal giebt; aber es iſt dies ein Ausruf, der nichts zu bedeuten hat, ein Ausruf der Heiterkeit, zuweilen der Furcht, und welchen der König keineswegs für baare Münze nimmt. Er fühlt ſich nicht behaglich in Paris und bleibt lieber in Ver⸗ ſailles in der Mitte von 25,000 Mann, welche ihn gegen die Wuth deſſelben Volkes ſchützen, das, wenn es vernünf⸗ tig würde, ſehr gut rufen könnte: Es ſterbe der König! Ludwig der XIV. wußte dies ſehr wohl und einige Räthe der großen Kammer haben es mit dem Leben büßen müſ⸗ ſen, daß ſie gewagt, vor einer Verſammlung der General⸗ ſtände zur Abhülfe der Uebel des Staates zu ſprechen. Frankreich hat nie ſeine Könige geliebt, ausgenommen Lud⸗ wig den Heiligen, Ludwig XII. und den guten und großen Heinrich IV.; und doch war die Liebe der Nation nicht im Stande, denſelben gegen die Dolche der Jeſuiten zu ſchützen, jenes verfluchten Geſchlechts, welches den Königen wie den —— 126 Völkern feind iſt. Der jetzige König, ein ſchwacher Fürſt, welchen ſeine Miniſter an der Leine führen, ſagte zur Zeit ſeiner Geneſung ſehr aufrichtig: Ich wundere mich üͤber die große Freude wegen meiner Geneſung, denn ich weiß nicht, weshalb man mich ſo ſehr liebt. Viele Könige könnten dieſe Worte wiederholen, wenigſtens wenn die Liebe nach dem gethanen Guten abgemeſſen würde. Man hat dieſe naive Betrachtung des Monarchen in die Wolken erhoben; aber ein philoſophiſcher Höfling hätte ihm ſagen können; daß man ihn ſo ſehr liebe, weil er den Beinamen des Vielgelieb⸗ ten habe. Den Beinamen oder Schimpfnamen? Findet man denn aber bei Ihnen philoſophiſche Höflinge. Philoſophiſche, nein; denn das ſind zwei Begriffe, welche ſich wie das Licht und die Finſterniß ausſchließen; aber es giebt Leute von Geiſt, welche ſich aus Ehrgeiz oder Eigennutz einen Zügel anlegen laſſen. Unter ſolchen Geſprächen geleitete mich Herr Patu*) (ſo hieß mein neuer Bekannter) bis zur Thür von Sylvia's Wohnung und wir trennten uns. Ich fand die liebens⸗ würdige Schauſpielerin in guter Geſellſchaft. Sie ſtellte mich Allen vor und machte mich mit Allen einzeln bekannt. Der Name Crébillon's regte mich auf. Wie! mein Herr, ſagte ich; ſo ſchnell glücklich zu werden! Seit acht Jahren entzücken Sie mich und ich wünſche Sie kennen zu lernen. Hören Sie gefälligſt. Ich ſage nun die ſchönſte Scene aus Zénobio und Rha⸗ damiſte her, welche ich in ungereimten Verſen überſetzt hatte. Sylvia freute ſich über das Vergnügen, welches Cröbillon darüber empfand, daß er ſich in ſeinem achtzigſten Jahre in einer Sprache hörte, welche er ſehr gut kannte und welche er ſo ſehr wie die ſeinige liebte. Er ſagte dieſelbe Scene franzöſiſch her und hob mit großer Höflichkeit die Stellen *) Ein ziemlich unbekannt gebliebener Schriftſteller. Im Jahre 1754 verfaßte er zuſammen mit Portdelanoi ein Stück in Verſen: Les adieux du goùt und 1756 überſetzte er ein choix de petites pièces du Théätre anglais. Er ſtarb jung auf einer Reiſe nach Italien. 127 hervor, wo ich ihn verſchönert hatte. Ich dankte ihm, ohne mich durch das Compliment täuſchen zu laſſen. Wir ſetzten uns zu Tiſche und als man mich fragte, was ich Schönes in Paris geſehen, erzählte ich Alles, aus⸗ genommen mein Geſpräch mit Patu. Nachdem ich lange geſprochen, ſagte Crébillon, welcher beſſer als alle Andern bemerkt, welchen Weg ich einſchlug, um die guten und ſchlechten Seiten ſeiner Nation kennen zu lernen: Für einen erſten Tag, mein Herr, finde ich, daß Sie viel verſprechen und ohne Zweifel werden Sie ſchnelle Fortſchritte machen. Sie erzählen gut und ſprechen das Franzöſiſche ſo, daß man ſie verſtehen kann; aber Alles, was Sie ſagen, iſt nur Ita⸗ liäniſch in franzöſiſcher Kleidung. Man hört Ihnen mit In⸗ tereſſe zu und durch den Reiz der Neuheit feſſeln Sie die Aufmerkſamkeit Ihrer Zuhörer doppelt: ich will Ihnen ſo⸗ gar ſagen, daß Ihre eigenthümliche Ausdrucksweiſe geeignet iſt, Ihnen den Beifall der Zuhörer zu verſchaffen; denn ſie iſt ſonderbar und neu, und ſie ſind jetzt in einem Lande, wo man hinter dieſen beiden Gottheiten herläuft. Indeß müſſen Sie ſchon morgen anfangen, ſich alle Mühe zu ge⸗ ben, unſere Sprache gut ſprechen zu lernen, denn in zwei oder drei Monaten würden dieſelben Perſonen, die Ihnen heute ihren Beifall ſchenken, ſich über Sie luſtig machen. Ich glaube und fürchte es, mein Herr, auch iſt der Hauptzweck meiner Reiſe nach Paris der geweſen, alle meine Kräfte aufzubieten, um die franzöſiſche Sprache gut zu ler⸗ nen; wie ſoll ich es aber anfangen, um einen Lehrer zu fin⸗ den? Ich bin ein unausſtehlicher Schüler, ich frage beſtän⸗ dig, bin neugierig, laſſe keine Ruhe und bin unerſättlich; und vorausgeſetzt, ich könnte einen ſolchen Lehrer finden, ſo bin ich doch nicht reich genug, ihn zu bezahlen. Seit funfzig Jahren, mein Herr, ſuche ich einen Schu⸗ ler, wie Sie ſich geſchildert haben; und ich werde Sie bezah⸗ len, wenn Sie bei mir Unterricht nehmen wollen. Ich wohne im Marais, in der Straße les Douze⸗Portes; ich habe die beſten italiäniſchen Schriftſteller; ich werde Sie die⸗ ſelben ins Franzöſiſche überſetzen laſſen und Sie nie unerſätt⸗ lich finden. K 5.— * 8 128 Ich nahm mit Freuden an, und war nur verlegen, wie ich meinen Dank ausſprechen ſollte; aber das Anerbieten hatte den Ausdruck der Freimüthigkeit, ebenſo wie die we⸗ nigen Worte, welche ich darauf erwiederte. Crébillon war ein Koloß; er war ſechs Fuß groß, drei Zoll größer als ich. Er aß gut, erzählte auf eine be⸗ luſtigende Weiſe und ohne zu lachen; er war berühmt durch ſeine Witze und ein ausgezeichneter Tiſchgeſellſchafter; aber er lebte zu Hauſe, ging ſelten aus, ſah faſt nie Jemand, weil er faſt immer die Pfeife im Munde hatte, und faſt immer von einigen zwanzig Katzen umgeben war, mit wel⸗ chen er ſich den größten Theil des Tages über amüſirte. Er hatte eine alte Haushälterin, eine Köchin und einen Be⸗ dienten. Seine Haushälterin dachte an Alles, ließ es ihm an Nichts fehlen und legte ihm von ſeinem Gelde Rech⸗ nung ab, welches ſie ganz in Händen hatte, weil er nie welches von ihr verlangte. Die Phyſiognomie Crébillons hatte den Charakter der Katze oder des Löwen, was auf daſſelbe hinauskömmt. Er war königlicher Cenſor und ſagte zu mir, daß er Vergnügen daran fände. Seine Haushälte⸗ rin las ihm die Werke vor, welche ihm gebracht wurden und hielt beim Leſen inne, wo ſie glaubte, daß eine Cenſur angebracht wäre; aber zuweilen waren ſie verſchiedener Mei⸗ nung, und dann entſtand ein wahrhaft lächerlicher Streit. Einſt hörte ich die Haushälterin Jemand mit den Worten wegſchicken: Kommen Sie in der nächſten Woche wieder; wir haben noch nicht Zeit gehabt, Ihr Mannſeript zu leſen. Während eines ganzen Jahres ging ich dreimal wö⸗ chentlich zu Crébillon und lernte von ihm alles Franzöſiſch, was ich weiß; aber es iſt mir immer unmöglich geweſen, mich der italiäniſchen Wendungen zu entledigen; ich bemerke ſie ſehr gut, wenn ich ſie bei andern finde; aber mir fließen ſie aus der Feder, ohne daß ich es gewahr werde. Ich bin ſicher, daß, was ich auch thun mag, es mir nie gelingen wird, ſie zu entdecken, wie ich auch nie habe finden können, worin der Mangel der Titus Livius beigelegten Patavinität beſteht. Ich machte ein achtzeiliges Gedicht in freien Verſen, — 129 K⁸ über, ich weiß nicht mehr, welchen Gegenſtand und gab 48. Crébillon zur Verbeſſerung. Nachdem er es aufmerkſam geleſen, ſagte er: Dieſe acht Verſe ſind gut und richtig, der Gedanke ſchön und poetiſch, die Sprache vortrefflich und nichtsdeſtoweniger iſt das Gedicht ſchlecht. Wie das? Ich weiß es nicht. Was fehlt, iſt, ich weiß nicht was. Denken Sie ſich einen Mann, den Sie ſchön, wohlgewach⸗ ſen, liebenswürdig, voller Geiſt und vollkommen im höchſten Sinne des Wortes finden. Eine Frau kömmt dazu, be⸗ trachtet ihn und entfernt ſich mit der Aeußerung, der Mann gefalle ihr nicht. Welchen Fehler hat er aber, Madame? Keinen, aber er mißfällt mir. Sie kehren zu dem Manne zurück, prüfen ihn von neuem, und finden, daß man ihm das, was den Mann ausmacht, genommen hat, um ihm eine Engelſtimme zu geben und Sie werden zugeben müſſen daß das unwillkürliche Gefühl die Frau richtig geleitet hat. Durch einen ſolchen Vergleich erklärte mir Crébillon 8 etwas beinahe Unerklärliches; denn in der That iſt es eine— Sache des Geſchmacks und des Gefühls den Grund einer Sache aufzufinden, welche ſich allen Regeln entzieht. Wir ſprachen bei Tiſche viel von Ludwig XIV., wel⸗ chem Crébillon funfzehn Jahre lang den Hof gemacht hatte, und er erzählte merkwürdige Anekdoten, welche Niemand kannte. Er gab uns unter Andern die Verſicherung, daß die Geſandten aus Siam von Madame Maintenon bezahlte Schurken geweſen wären.*) Er ſagte uns, er habe ſeine Tragödie Cromwell nicht beendet, weil der König eines Ta⸗ ges zu ihm geſagt, er möge ſeine Feder nicht an einem Schurken abnutzen. Cröbillon ſprach auch von ſeinem Catilina und ſagte, *) Crébillon oder Caſanova verwechſeln wohl die ſiamefiſche Geſandſchaft, welche ins Jahr 1684 fällt, wo die erſt 1683 zur Herrſchaft gekommene Maintenon ſchwerlich ſchon eine ſo grobe Täuſchung wagen konnte, mit der berüchtigten perſiſchen Geſand⸗ ſchaft, mit welcher Ludwig XIV. in ſeinen letzten Lebensjahren ſo ſchmählich getäuſcht wurde. IV. 9 —ö— 130 er halte denſelben für das ſchwächſte ſeiner Stücke, aber er habe ihn auch nicht gut zu machen gewünſcht, wenn er zu dieſem Zwecke Cäſar als jungen Mann hätte auf die Bühne bringen müſſen, da derſelbe dann ebenſo lächerlich geweſen ſein würde als Medea, wenn man ſie vor ihrer Bekannt⸗ ſchaft mit Jaſon auf die Bühne gebracht hätte. Er lobte ſehr das Talent Voltaire's, beſchuldigte ihn aber des Diebſtahls, denn, wie er ſagte, hatte er ihm die Scene des Senats geſtohlen. Er ließ ihm aber Gerechtig⸗ keit widerfahren, indem er hinzufügte, daß derſelbe zum Hi⸗ ſtoriker geboren und ebenſo berufen ſei Geſchichte zu ſchrei⸗ ben wie Tragödieen zu machen; indeß verfälſche er die Ge⸗ ſchichte, indem er ſie mit kleinen Geſchichten und Anekdoten untermiſche, um ſie intereſſant zu machen. Nach Crébillon war die Geſchichte von dem Manne mit der eiſernen Maſke ein Mährchen; wie er ſagte, hatte ihm Ludwig XIV. ſelbſt dieſe Verſicherung gegeben. An dieſem Tage wurde im italiäniſchen Theater Cénie, ein Stück von Frau von Graffigni aufgeführt. Ich ging früh hin, um einen guten Platz im Amphitheater zu er⸗ halten. Die mit Diamanten bedeckten Damen, welche in die erſten Logen traten, erregten meine Theilnahme und ich be⸗ trachtete ſie aufmerkſam. Ich hatte einen ſchönen Rock, aber meine offenen Manchetten und meine ganz hinunterge⸗ henden Knöpfe ließen mich leicht als einen Fremden erken⸗ nen, denn in Paris exiſtirte dieſe Mode nicht. Während ich ſo umhergaffe und nach meiner Weiſe Maulaffen fange, tritt ein ſehr reich gekleideter und dreimal dickerer Herr als ich, an mich heran, und fragt mich, ob ich fremd bin. Auf meine bejahende Antwort fragt er, wie ich Paris finde. Ich lobe es. In demſelben Augenblicke tritt eine ungeheuer ſtarke mit Edelſteinen bedeckte Dame in die Nebenloge. Ihr ungeheurer Umfang fällt mir auf und ich ſage thörichter Weiſe zu dem Herrn: Wer iſt denn dieſe dicke Sau? Es iſt die Frau dieſes dicke Schweine. Ach, mein Herr, ich bitte Sie tauſendmal um Ver⸗ zeihung. * Aber für meinen dicken Herrn war es gar nicht nöbe⸗ thig, daß ich um Verzeihung bat, denn weit entfernt zornig zu werden, fing er vielmehr laut zu lachen an. Edle und glückliche Wirkung der praktiſchen und natürlichen Philoſo⸗ phie, von welcher die Franzoſen einen ſo edlen Gebrauch machen, um unter dem Anſcheine der Frivolität das Glück des Lebens zu begründen. Ich war beſchämt, ich war in Verzweiflung, und der dicke Herr hielt ſich vor Lachen die Seiten. Er ſteht end⸗ lich auf, verläßt das Amphitheater und einen Augenblick darauf ſehe ich ihn in die Loge treten und mit ſeiner Frau ſprechen. Ich ſchielte zu ihnen herüber, ohne jedoch zu wa⸗ gen ſie anzuſehen, und ſehe die Dame aus allen Kräften in das Gelächter ihres Mannes einſtimmen. Da ihre Heiter⸗ keit meine Verlegenheit vermehrt, ſo entſchließe ich mich wegzugehen, als ich rufen höre: mein Herr! mein Herr! Ohne unhöflich zu ſein, konnte ich nicht weggehen und näherte mich ihrer Loge. Nun bittet er mich mit ernſter Miene und edlem Tone um Verzeihung, daß er ſo viel ge⸗ lacht, und mit dem feinſten Anſtande bittet er mich, ihm die Ehre zu erweiſen und heute Abend bei ihm zu ſpeiſen. Ich danke ihm höflich und entſchuldigte mich damit, daß ich ſchon gebunden wäre. Er erneuerte nun ſeine dringenden Bitten und ſeine Frau dringt auf die verbindlichſte Weiſe in mich; um ſie zu überzeugen, daß ich mich ihrer Einla⸗ dung nicht entziehen will, ſage ich ihnen nun, daß man mich bei Solvia erwartet. Wenn Sie nichts dagegen haben, ſagte er, ſo bin ich ſicher, Sie frei zu machen; ich werde ſelbſt hingehen. Es würde mir übel angeſtanden haben, wenn ich nicht hätte nachgeben wollen. Er ſteht auf, geht hinaus und kehrt bald darauf mit meinem Freunde Baletti zurück, wel⸗ cher ſagt, ſeine Mutter ſei erfreut, daß ich ſo gute Bekannt⸗ ſchaften mache und erwarte mich am nächſten Tage zum Eſſen. Mein Freund ſagte heimlich zu mir, dieſer Herr wäre Herr von Beauchamp, General⸗Finanzpächter. Sobald der Vorhang gefallen war, reichte ich Madame die Hand und wir ſtiegen alle drei in einen prachtvollen 9* 1 ————————— 8 132 5½ . Wagen und fuhren nach ihrem Hotel. Hier fand ich die Fülle oder vielmehr die Verſchwendung, welche man in Pa⸗ ris bei allen Leuten dieſer Klaſſe findet, große Geſellſchaft, 4 hohes Geſellſchaftsſpiel, prachtvolle Speiſen und offene Hei⸗ terkeit bei Tiſche. Das Abendeſſen endete erſt um ein Uhr 3 nach Mitternacht. Der Wagen von Madame brachte mich nach Hauſe. Dieſes Haus war mir geöffnet, ſo lange ich in Paris blieb, und ich muß geſtehen, daß es mir ſehr nütz⸗ lich wurde. Diejenigen, welche behaupten, die Fremden lang⸗ weilen ſich in Paris während der erſten vierzehn Tagen, ha⸗ ben Recht; denn es gehört Zeit dazu, ſich einzuführen, aber ich hatte das Glück, daß binnen vierundzwanzig Stunden meine Verhältniſſe ſich nach meinem Wunſche geſtalteten, und ich war alſo ſicher, mir daſelbſt zu gefallen. Am folgenden Morgen kam Patu zu mir und ſchenkte mir ſeine Lobrede über den Marſchall von Sachſen. Wir gingen zuſammen aus und machten einen Spatziergang im Tuileriengarten, wo er mich Madame Boccage*) vorſtellte, welche auf Veranlaſſung des Marſchalls von Sachſen ein antithetiſches Bonmot machte. Es iſt doch ſonderbar, ſagte ſie, daß wir nicht ein De profundis für einen Mann veranſtalten *) Bekannt dadurch, daß ſie die Schöngeiſter an ihrer Tafel verſammelte. Marmontel ſagt von ihr:„Madame du Boccage, bei welcher wir zuweilen zu Abend ſpeiſten, war eine ſchriftſtellernde Dame von ſchätzenswerthem Charakter, aber ohne hervorſtechende Eigenſchaften und ohne Färbung. Sie hatte, wie Madame Geoffroi, eine literariſche Geſellſchaft, welche ungleich weniger an⸗ genehm und, ihrer Gemüthsart entſprechend, milde, kalt, höflich und traurig war. Ich hatte einige Zeit zu derſelben gehört, aber — die Langeweile vertrieb mich. Was bei dieſer, einen Augenblick lang berühmten Frau wirklich zu bewundern war, das war ihre— Beſcheidenheit. Unter ihrem Portrait ſtanden die Worte: Forma VNenus, arte Minerva.(An Geſtalt eine Venus, an Kunſt eine Niinerva), und nie entdeckte man bei ihr die geringſte Anwand⸗ lung von Eitelkeit.“ Im Jahre 1754 gab ſie ein Epos in Mil⸗ tons Manier: la Colombiade au la foi portée au nouveau monde heraus, welches von der Kritik ſehr gemißhandelt wurde. K können, welcher uns ſo viel te Deum's hat ſingen laſſen.*) Als wir die Tuilerien verließen, führte mich Patu zu einer berühmten Opernſängerin, Mademoiſelle le Fel*s), *) Daß Madame du Boccage Erfinderin dieſes bon mot's geweſen, ſcheint ſehr zweifelhaft, da von mehreren andern Seiten begründetere Eigenthumsanſprüche darauf erhoben werden, und es namentlich hinlänglich beglaubigt ſcheint, daß Maria Leſezinska dieſe Aeußerung bei der Nachricht vom Tode des Marſchalls gethan. **) Grimm faßte oder affektirte für dieſelbe eine romantiſche Neigung, über welche wir in Rouſſeau's Conkessions folgenden pikanten Bericht finden:„Nachdem Grimm Madewoiſelle Fel eine Zeit lang als guter Freund beſucht, kam er plötzlich auf die Idee, ſich ſterblich in ſie zu verlieben und Catruſac zu verdrängen. Die Schöne, welche ſich treu zu ſein ſpitzte, ließ den neuen Bewerber abfallen. Dieſer aber nahm die Sache tragiſch und ſchien daran ſterben zu wollen. Er verfiel in die ſonderbarſte Krankheit, von welcher man vielleicht je hat ſprechen hören. Ganze Tage und Nächte lang lag er in beſtändiger Lethargie; er hatte die Augen offen, der Puls ging ganz gut, aber er ſprach nicht, aß nicht, rührte ſich nicht, ſchien zuweilen zu verſtehen, antwortete aber nie auch nur durch ein Zeichen; übrigens war er ohne Aufregung, ohne Schmerz, ohne Fieber und lag wie todt da. Der Abbé Raynal und ich wachten bei ihm; der Abbé, welcher ſtärker und wohler war, blieb Nachts bei ihm und ich am Tage; wir verlie⸗ ßen ihn nie, und Einer ging nicht eher weg, als bis der Andere gekommen war. Der Graf von Frieſe, dem die Sache bedenklich ſchien, brachte Senet mit, welcher nach einer ſorgfältigen Prüfung ſagte, die Sache habe nichts zu bedeuten, und welcher nichts ver⸗ ordnete. Die Beſorgniß für meinen Freund ließ mich den Arzt aufmerkſam beobachten und ich ſah, daß er beim Hinausgehen lächelte. Indeß blieb der Kranke mehrere Tage unbeweglich, ohne Bouillon oder überhaupt etwas Anderes als eingemachte Kirſchen zu ſich zu nehmen, welche ich ihm von Zeit zu Zeit in den Mund ſteckte, und welche er recht gut hinunterſchluckte. Eines ſchönen Morgens ſtand er auf, kleidete ſich an und begann ſeine gewöhn⸗ liche Lebensweiſe wieder, ohne je mit mir, und meines Wiſſens auch ohne mit dem Abbé Raynal oder ſonſt Jemand über dieſe ſonderbare Lethargie und die Pflege, welche wir ihm hatten zu Toheil werden laſſen, zu ſprechen. Dieſes Abenteuer machte Aufſe⸗ 3 Beſſerem umgegangen war. 134 welche von ganz Paris wohlgelitten und Mitglied der kö⸗ niglichen Akademie der Muſik war. Sie hatte drei uner⸗ wachſene Kinder, welche im Hauſe hin und her liefen. Ich bete ſie an, ſagte ſie. Sie verdienen es durch ihre Schönheit, erwiedere ich, obwohl jedes einen verſchiedenartigen Ausdruck hat. Ich glaube es wohl! Der älteſte iſt Sohn des Herzogs von Anneci, der zweite des Grafen von Egmont und der dritte verdankt ſeine Exiſtenz Maiſonrouge, welcher kürzlich die Romainoville geheirathet hat. Ach, entſchuldigen Sie, ich glaubte, Sie wären die Mut⸗ ter von allen Dreien. Sie haben ſich nicht getäuſcht; ich bin es. Dies ſagend, ſieht ſie Patu an und bricht mit ihm in ein Lachen aus, welches mich zwar nicht erröthen ließ, wel⸗ ches mir aber zeigte, was für einen Verſtoß ich begangen. Ich war Neuling und nicht gewohnt, die Frauen ſich die Vorrechte der Männer anmaßen zu ſehen. Mademoiſelle le Fel war keineswegs ſchamlos, ſie gehörte zur guten Ge⸗ ſellſchaft, aber ſie war, wie man ſagte, über die Vorurtheile erhaben. Hätte ich die Sitten der Zeit beſſer gekannt, ſo würde ich gewußt haben, daß ſolche Sachen ganz in der Ordnung waren, und daß die vornehmen Herren, welche auf dieſe Weiſe ihre adlige Nachkommenſchaft ausſtreuten, ihre Kinder gegen Bezahlung hoher Penſionen in den Händen der Mütter ließen. Je mehr Kinder alſo dieſe Damen hat⸗ ten, deſto beſſer lebten ſie. Meine Unkenntniß der pariſer Sitten verleitete mich oft zu argen Verſtoͤßen, und nachdem ich mir gegen Mademoi⸗ hen und es wäre in der That ein großes Wunder geweſen, wenn die Grauſamkeit einer Opernſängerin einen Mann vor Verzweif⸗ lung getödtet hätte. Dieſe ſchöne Leidenſchaft brachte Grimm in die Mode, und bald galt er als ein Muſter von Liebe, Freund⸗ ſchaft und Gefühl jeder Art. Dieſer Meinung wegen wurde er in der vornehmen Welt geſucht und gefeiert, und er entfernte ſich von mir, mit dem er immer nur in Ermangelung von etwas kommen laſſen, würde ſie offenbar Jedem ins Geſicht ge⸗ lacht haben, der ihr geſagt hätte, daß ich Geiſt habe.— Als ich ein andermal bei Lani war, dem Balettmeiſter der Oper, ſah ich fünf oder ſechs junge Mädchen von drei⸗ zehn bis vierzehn Jahren, welche ſämmtlich von ihren Müt⸗ tern begleitet waren und alle das beſcheidene Ausſehen hat⸗ ten, das eine gute Erziehung verleiht. Ich ſagte ihnen ſchmeichelhafte Sachen und ſie antworteten mit geſenkten Augen. Da ſich eine von ihnen über Kopfweh beklagt, ſo biete ich ihr mein Flacon an, und eine von ihren Kamara⸗ dinnen ſagte: Wahrſcheinlich haſt Du ſchlecht geſchlafen. O, nein, verſetzte meine Agnes, ich glaube, ich bin ſchwan⸗ ger. Auf dieſe Antwort, welche mir von einem Mädchen ihres Alters und Ausſehens ſo unerwartet kam, erwiederte ich: Ich glaubte nicht, daß Madame verheirathet wäre. Sie ſieht mich einen Augenblick verwundert an, wendet ſich dann zu ihren Gefährtinnen, welche im Lachen mit einander wetteifern. Da ich mich, mehr für ſie als für mich, ſchämte, ſo ging ich weg, feſt entſchloſſen, nicht mehr ſo ohne Wei⸗ teres Tugend bei einer Klaſſe von Frauen vorauszuſetzen, wo dieſelbe ſo ſelten iſt. Schaam bei den Nymphen der Couliſſen ſuchen oder vorausſetzen, das heißt denn doch zu einfältig ſein; dieſelben ſind ſtolz darauf, daß ſie keine ha⸗ ben und machen ſich über diejenigen luſtig, welche daran glauben. V. Patu machte mich mit allen pariſer Freudenmädchen bekannt, welche einigen Ruf hatten. Er liebte das ſchöne Geſchlecht; aber leider hatte er nicht mein Temperament und die Genußſucht koſtete ihm früh das Leben. Hätte er län⸗ ger gelebt, ſo würde er in Voltaire's Fußtapfen getreten ſein, aber ſchon im Alter von dreißig Jahren bezahlte er der nu den verhängnißvollen Tribut, welchem Niemand entgeht. Von dieſem jungen Gelehrten erfuhr ich das Geheim⸗ niß, welches mehrere junge franzöſiſche Schriftſteller anwen⸗ den, um die größte Vollkommenheit des Styls zu erlangen, ſelle le Fel eine ſolche Ungeſchicklichkeit hatte zu Schulden wenn ſie etwas ſchreiben wollen, was die vollendetſte Proſa erfordert, wie Lobreden, Leichenreden, Panegyrica, Widmun⸗ gen u. ſ. w. Ich entriß ihm daſſelbe unverſehens. 4 Als ich eines Morgens bei ihm war, ſah ich auf ſei⸗ 1 nem Tiſche mehrere einzelne Blätter liegen, welche mit un⸗ 8 gereimten zwölfſylbigen Verſen beſchrieben waren. Ich las* etwa ein Dutzend derſelben und ſagte ihm, obwohl ſie ſchön— wären, ſo mache doch das Leſen derſelben eher einen un⸗- angenehmen als angenehmen Eindruck. Es ſind dieſelben Gedanken, wie in Ihrer Lobrede auf den Marſchall von Sachſen; aber ich muß Ihnen geſtehen, daß die Proſa mir beſſer gefällt. Meine Proſa würde Dir weniger gefallen haben, wenn 4 ſie nicht vorher in ungereimten Verſen aufgeſchrieben ätte. Du haſt Dir alſo viele Mühe gegeben? Keine Mühe, da die ungereimten Verſe mir keine machen; man ſchreibt ſie wie Proſa. Du glaubſt alſo, daß die Proſa ſchöner wird, wenn 4 Du ſie von Deinen eigenen Verſen abſchreibſt?— Das unterliegt keinem Zweifel; ſie wird ſchöner, und ich erhalte dadurch den Vortheil, daß ſich keine halben Verſe, welche der Feder eines Schriftſtellers ſo leicht und unbemerkt entſcklüpfen, in meine Proſa einmiſchen. Iſt das ein Fehler? 1 Ein ſehr großer und unverzeihlicher. Die mit gele⸗ 2 gentlichen Verſen durchſpickte Proſa iſt ſchlechter als pro⸗ ſaiſche Poeſie. Es iſt richtig, daß die paraſitiſchen Verſe, welche in einer Rede vorkommen, eine ſchlechte Figur ſpielen müſſen. Sicherlich. Nimm das Beiſpiel des Tacitus, deſſen Geſchichte mit den Worten beginnt: Urbem Romam a— principio reges habuere. Das iſt ein ſehr ſchlechter 5 Hexameter, welchen der große Geſchichtsſchreiber nicht ab⸗ 1 ſichtlich gemacht hat und welchen er bei der Durchſicht ſei⸗ nes Werkes überſehen hat, denn es leidet keinen Zweifel, daß er ſonſt eine andere Wendung gewählt haben würde. Iſt naicht die italiäniſche Proſa, in welcher unbeabſichtigte Verſe vorkommen, mangelhaft? 4 — 7 Gao a o, g— cc⸗ K. 2 kleinen Geiſter abſichtlich Verſe anbringen, um die Proſa wohlklingender zu machen. Dies iſt das Flittergold, wel⸗ ches Ihr uns mit Recht vorwerft. Uebrigens glaube ich, daß Du der Einzige biſt, welcher ſich dieſe Mühe giebt. Der Einzige? Gewiß nicht. Alle diejenigen, denen die ungereimten Verſe wie mir keine Mühe koſten, brauchen dieſes Mittel, wenn ſie ihre Proſa ſelbſt abſchreiben. Frage Crébillon, den Abbé Voiſenon, la Harpe, wen Du willſt, und ſie werden Dir ſagen, was ich geſagt. Voltaire hat zuerſt in den kleinen Arbeiten, wo ſeine Proſa bezaubernd iſt, dieſe Kunſt angewendet. Hierzu gehört z. B. die Epi⸗ ſtel an Madame du Chätelet; ſie iſt herrlich, und wenn Du einen einzigen Halbvers darin findeſt, ſo ſage, daß ich Un⸗ recht habe. Da ich neugierig war, ſo fragte ich Crébillon: er be⸗ ſtätigte die Sache, ſagte aber, daß er es nie gethan. Patu wartete mit Ungeduld darauf, daß er mich in die Oper führen könnte, um zu ſehen, welchen Eindruck das Schauſpiel auf mich machen würde; denn in der That muß daſſelbe einem Italiäner außerordentlich erſcheinen. Man gab eine Oper, welche den Titel führte: Les fêtes véni- tienneſ, ein intereſſanter Titel für mich. Wir gehen für unſere vierzig Sous ins Parterre, wo man allerdings ſte⸗ hen mußte, aber gute Geſellſchaft fand; denn dies Schau⸗ ſpiel war das Lieblingsvergnügen der Franzoſen. Nach einer, in ihrer Art ſehr ſchönen Symphonie, welche von einem ausgezeichneten Orcheſter ausgeführt wurde, geht der Vorhang auf und ich erblicke eine ſehr ſchöne Dekora⸗ tion, welche den St. Markusplatz, von der kleinen St. Georgs⸗ Inſel aus geſehen, darſtellte: aber ich fühle mich verletzt, als ich den herzoglichen Palaſt zu meiner Linken und den großen Thurm zu meiner Rechten ſehe, alſo gerade das Ge⸗ gentheil von dem, was hatte ſein ſollen. Dieſer komiſche und ſchmähliche Fehler für das Jahrhundert bringt mich zum Lachen und Patu, welchem ich den Grund ſagte, mußte gleich mir lachen. Die Muſik, obgleich ſie nach dem alten Ge⸗ ſchmacke ſchön war, amüſirte mich zunächſt wegen ihrer D¼ 4 Mleru.* 5 1.,„ M—,—. s ſehr. Ich muß Dir aber ſagen, daß diele eV, V 138 Neuheit und langweilte mich ſodann. Die Melopee ermü⸗ dete mich bald durch ihre Einförmigkeit und das zur Un⸗ zeit ausgeſtoßene Geſchrei. Dieſe Melopee der Franzoſen erſetzt, wie die Franzoſen behaupten, die griechiſche Melopee und unſer Recitativ, welches ſie nicht leiden mögen, wel⸗ ches ſie aber lieben würden, wenn ſie unſere Sprache ver⸗ ſtänden. Die Handlung fand an einem Tage des Karnavals ſtatt, u welcher Zeit die Venetianer maskirt auf dem St. Mar⸗ kusplatz ſpatziren gehen. Es wurden galante Männer, Kupp⸗ d Mädchen, welche Intriguen anknüpften und wieder auflöſten, dargeſtellt; die Koſtüme waren bizarr und falſch; aber das Ganze war beluſtigend. Worüber ich be⸗ ſonders lachte und was jedem Venetianer höchſt lächerlich erſcheinen mußte, das war, daß der Doge mit zwölf Räthen, alle in bizarren Koſtümen, aus den Kouliſſen hervorkamen, und einen großen Tanz aufführten. Plötzlich ſehe ich das Parterre in die Hände klatſchen, als ein großer und ſchöner Tänzer erſcheint, der maskirt und mit einer ungeheuren, ihm bis zur Mitte des Leibes herabreichenden ſchwarzen Per⸗ rücke angethan war, und einen ſchwarzen, vorne offenen Rock trug, der ihm bis auf die Füße reichte. Patu ſagte zu mir mit einer Art von Verehrung: das iſt der unnach⸗ ahmliche Duprès. Ich hatte ſchon von demſelben ſprechen hören und war daher aufmerkſam. Ich ſehe dieſe ſchöͤne Geſtalt mit nach dem Takte abgemeſſenen Schritten vor⸗ ſchreiten, und als er auf der Bühne angekommen iſt, lang⸗ ſam ſeine rundgebogenen Arme erheben, ſie mit Grazie in Bewegung ſetzen, ſie ausſtrecken und ſie wieder an ſich zie⸗ hen, ſeine Füße mit Präciſion und Leichtigkeit in Bewegung ſetzen, kleine Pas machen, battements à mi-jambe, eine Pirouette machen und ſodann wie ein Zephyr verſchwinden. Dies Alles hatte nicht eine halbe Minute gedauert. Von allen Seiten des Saales ertönte Beifallsgeſchrei und Bra⸗ voruf; ich war erſtaunt und fragte nach dem Grunde. Man beklatſcht die Grazie von Dupres und die gött⸗ liche Harmonie ſeiner Bewegungen. Er iſt bereits ſechszig Jahre alt, und diejenigen, welche ihn vor vierzig Jahren ge⸗ ſehen, finden, daß er noch immer derſelbe iſt. Wiel! er hat nie anders getanzt? Er kann nicht beſſer getanzt haben; denn die Entwicke⸗ lung, welche Du geſehen, iſt vollkommen und über das Voll⸗ kommene hinaus giebt es nichts. Gewiß nicht, wenn nicht anders die Vollkommenheit bloß eine relative iſt. Hier iſt ſie eine abſolute. Duprès macht immer daſ⸗ ſelbe und jedesmal glauben wir es zum erſtenmale zu ſe⸗ hen. So groß iſt die Macht des Schönen und Guten, des Erhabenen und Wahren, welche in die Seele eindringt. Die⸗ ſer Tanz iſt eine Harmonie; es iſt der wahre Tanz, von welchem ihr in Italien keine Idee habt. Am Ende des zweiten Aktes erſcheint Duprès von neuem, ſein Geſicht iſt von einer Maske bedeckt; ſein Tanz wird jetzt von einer andern Muſik begleitet, aber, wie es mir vorkömmt, macht er ganz daſſelbe. Er tritt ganz vorn an die Bühne und bleibt einen Augenblick lang in einer durchaus ſchön gezeichneten Stellung ſtehen. Patu will, daß ich ihn bewundern ſoll, und ich thue es. Plötzlich höre ich hundert Stimmen im Parterre rufen: O, mein Gott! mein Gott! er entwickelt ſich! er entwickelt ſich! In der That ſchien er ein elaſtiſcher Körper zu ſein, und indem er ſich entwickelte, größer zu werden. Ich machte Patu glücklich, als ich ſagte, daß Duprès in Allem eine vollen⸗ dete Grazie zeige. Unmittelbar darauf erſcheint eine Tän⸗ zerin, welche wie eine Furie mit Entrechats zur Rechten und zur Linken über das ganze Theater dahin ſtürzt, aber ſich nur wenig erhebt und dennoch mit einer Wuth applau⸗ dirt wird. Dies iſt, ſagte Patu zu mir, die beruͤhmte Camargo. Ich wünſche Dir Glück, mein Freund, daß Du noch zeitig genug nach Paris gekommen, um ſie zu ſehen, denn ſie hat ihr zwölftes Luſtrum vollendet. Ich geſtand nun, daß ihr Tanz wunderbar wäre. Es iſt dies, fuhr mein Freund fort, die erſte Tänzerin, welche gewagt, auf unſerm Theater zu ſpringen, denn vor ihr ſprangen die Tänzerinnen nicht, 140 und das Bewundernswertheſte dabei iſt, daß ſie keine Un⸗ terbeinkleider trägt. Ich bitte um Verzeihung; ich habe geſehen—— Was haſt Du geſehen? Das iſt ihre Haut, welche al⸗ lerdings nicht von Lilien und Roſen iſt. Die Camargo, ſagte ich zu ihm mit zerknirſchter Miene, gefällt mir nicht; ich ziehe Duprès bei Weitem vor. Ein alter Bewunderer, welcher zu meiner Linken ſtand, ſagte, in ihrer Jugend habe ſie den Saut de basque und ſelbſt die Gargouillade gemacht, und obgleich ſie nackt ge⸗ tanzt, habe man nie ihre Lenden geſehen. Wenn Sie aber ihre Lenden nicht geſehen haben, wie können Sie dann wiſſen, daß ſte keine Tricots getragen? Dieſe Sachen kann man ſchon erfahren. Ich ſehe, daß der Herr fremd iſt. Was dies anbetrifft, ſehr fremd. Was mir in der franzöſiſchen Oper ſehr gefiel, das war die Schnelligkeit, mit welcher die Dekorationen alle zu gleicher Zeit nach einem vorangegangenen Pfiffe gewechſelt wurden, wovon man in Italien nicht die geringſte Idee hat. Auch daß das Spiel des Orcheſters mit einem Bogenſtriche eröffnet wurde, fand ich ſehr angemeſſen, aber daß der Di⸗ rektor mit ſeinem Scepter ſich gewaltſam zerarbeitend hin und her hieb, als ob er alle Inſtrumente durch die Kraft ſeines Armes hätte in Bewegung ſetzen müſſen, verurſachte mir eine Art Ekel. Auch bewunderte ich das Schweigen der Zuſchauer, etwas für einen Italiäner ſehr Neues; denn mit Recht iſt man in Italien über den Lärm, welcher wäh⸗ rend des Geſanges gemacht wird, empört, und man kann das Schweigen, welches auf dies Getöſe folgt, ſobald die Tänzer erſcheinen, nicht lächerlich genug machen. Man möchte faſt behaupten, daß der Verſtand den Italiänern in den Augen liegt. Uebrigens giebt es kein Land in der Welt, wo der Beobachter nicht Bizarres und Ungereimtes fände, und zwar, weil er vergleichen kann: die Einheimiſchen wer⸗ den daſſelbe nicht gewahr. Um alſo kurz meine Meinung zu ſagen, die Oper machte mir Vergnügen; aber das fran⸗ bofiſche Schauſpiel feſſelte mich. In dieſem letztern ſind die Franzoſen wirklich in ihrem Elemente, ſie ſpielen meiſterhaft und die andern Völker können ihnen die Palme nicht ſtrei⸗ tig machen, welche der Geiſt und der gute Geſchmack den⸗ ſelben haben zuerkennen müſſen. Ich beſuchte daſſelbe alle Tage, und obgleich zuweilen nicht zweihundert Zuſchauer anweſend waren, ſo gab man doch nur alte Stücke, welche ſehr gut geſpielt wurden. Ich ſah den Miſanthrope, Avare, Tartufe, Joueur, Glorieux und viele andere, und obwohl ich ſie oft ſah, glaubte ich ſie doch im⸗ mer zum erſtenmale zu ſehen. Ich kam noch zu rechter Zeit nach Paris, um Sarraſin, die Dangeville, die Dumes⸗ nil, die Gauſſin, die Clairon und Préville und mehrere Schauſpielerinnen zu ſehen, welche, ſchon vom Theater zu⸗ rückgezogen und von ihren Penſionen lebend, noch die Ge⸗ ſellſchaften verſchönerten, welche ſie beſuchten. Ich lernte unter andern auch die berühmte le Vaſſeur kennen. Ich ſah dieſelben mit Vergnügen, und ſie erzählten mir höchſt merkwürdige Anekdoten. Sie waren im Allgemeinen ſehr dienſtfertig, und zwar in allen Beziehungen. Als ich eines Tages mit der le Vaſſeur in einer Loge ſaß, gab man eine Tragödie, in welcher ein hübſches Mädchen die ſtumme Rolle einer Prieſterin ſpielte. Wie hübſch iſt ſie! ſagte ich. Ja, reizend. Es iſt die Tochter desjenigen, welcher die Vertrauten geſpielt hat. Sie iſt in Geſellſchaft ſehr lie⸗ benswürdig und verſpricht ſehr viel. Ich möchte ſie wohl kennen lernen. Mein Gott, das hält nicht ſchwer. Ihr Vater und ihre Mutter ſind ſehr anſtändige Leute, und ich bin ſicher, daß ſie ſich ſehr freuen werden, wenn Sie bei ihnen zu Abend ſpeiſen wollen. Sie werden ſie nicht beläſtigen; ſie werden zu Bette gehen und Ihnen unbedingte Freiheit laſſen, ſich mit ihrer Tochter, ſo lange es Ihnen beliebt, bei Tiſche zu unterhalten. Sie ſind in Frankreich, mein Herr, hier kennt man den Werth des Lebens und ſucht daſſelbe zu be⸗ nutzen. Wir lieben das Vergnügen und ſchätzen uns glüͤck⸗ lich, wenn wir es hervorbringen können. Ddieſe Art zu denken, Madame, iſt reizend; aber mit welcher Stirne ſoll ich mich wohl bei anſtändigen Leuten, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen, zum Eſſen einladen. Guter Gott! was ſagen Sie da? Wir kennen Alle. Sie ſehen doch, wie ich Sie behandle. Nach dem Schau⸗ ſpiel werde ich Sie vorſtellen und die Bekanntſchaft wird gemacht ſein. Ich werde Sie bitten, mir dieſe Ehre ein andermal zu erweiſen. Wann es Ihnen beliebt. Dreißigſtes Kapitel. Meine Ungeſchicklichkeiten in der kranzöſiſchen Sprache, meine Erkolge, meine zahlreichen Bekanntſchakten.— gudwig XV.— Mein Bruder kömmt nach Paris. Alle italiäniſchen Schauſpieler in Paris wollten mich bewirthen, um mir einen Beweis ihrer Freigebigkeit zu ge⸗ ben. Ich wurde von Allen ſehr reichlich bewirthet. Carlin Bertinazzi, welcher die Arlequinsrollen ſpielte, ein in Paris ſehr beliebter Schauſpieler, erinnerte mich daran, daß er mich vor dreizehn Jahren in Padua geſehen, als er mit meiner Mutter aus Petersburg zurückgekehrt war. Er gab mir ein ſehr prächtiges Mittagseſſen bei Madame de la Calllerie, wo er wohnte. Dieſe Dame war verliebt in ihn. Ich machte ihm ein Compliment über vier Kinder, welche um uns herumſprangen. Der anweſende Gemahl antwortete: Das ſind Herrn Carlin's Kinder. Das iſt möglich, mein Herr, aber einſtweilen ſorgen ſie Sie als Vater anerkennen.“ Rechtlich iſt es ſo, aber Carlin iſt ein zu anſtändig Mann, um dieſe Sorge nicht auf ſich zu nehmen, wenn ich mich ihrer zu entledigen wünſchen ſollte. Er weiß wo Sie für dieſelben, und da ſie Ihren Namen führen, müſſen — 143 daß es die ſeinigen ſind, und meine Frau würde ſich zu al⸗ lererſt beklagen, wenn er dies nicht zugäbe. Dieſer Mann war nicht das, was man einen guten Menſchen zu nennen pflegt, bei weitem nicht; aber da er die Sache ſehr philoſophiſch betrachtete, ſo ſprach er mit Ruhe und ſogar Würde davon. Er liebte Carlin als Freund, und Geſchichten dieſer Art waren damals nicht ſelten in einer gewiſſen Klaſſe. Zwei vornehme Herren Boufflers und Luxrembourg hatten in aller Freundſchaft ihre Frauen getauſcht*) und beide hatten Kinder bekommen. Die klei⸗ *) Wir entnehmen aus Barthold einige Notizen über die hier aufgeführten Perſonen und namentlich die Herzogin von Boufflers. Dieſe, eine Enkelin des bekannten Marſchalls Villeroy, war eine der ſchönſten Frauen, aber tollen Launen und heftigen Anwand⸗ lungen der Nymphomanie ausgeſetzt. Fiel ihre Neigung auf einen Gegenſtand, ſo verfolgte ſie ihn mit bachantiſcher Wuth, bis ſie ſich erſättigÄt. Monſieur de Riom, der écuyer favori der Herzo⸗ gin von Berry, machte den Marſchall von Lurembourg auf dieſelbe aufmerkſam, welche es aber zur Bedingung ihrer Gunſt machte, daß er Madame de V. verlaſſe, ihr jedoch zuvor ein Kind mache. Der Marſchall erfüllte die Bedingüng, und die Nebenbuhlerin ſtimmte im Gemach der Königin laut den Refrain eines gemei⸗ nen Gaſſenhauers an, als ſie den Sieg ihres neuen Freundes an der eintretenden Dame erkannte. Da es ſich nun auch fügte, daß die Gattin des Herzogs von Lurembourg an Boufflers Geſchmack fand, ſo bildete ſich ein freundſchaftliches, wahlverwandſchaftliches Verhältniß zwiſchen den vier Ehegatten, aus welchem von ihnen in keiner Weiſe ein Geheimniß gemacht wurde. Wie der Herzog von Richelieu ſagt, war jeder tyranniſcher Zwang unter ihnen verbannt. Wenn der eine Gatte in das Haus des andern kam, ſo verſchwand der Letztere, um die Frau des erſtern zu tröſten. Beide hatten in der rue Cadet aux Porcherons zwei einander gegenüber liegende ſogenannte petites-maisons gemiethet, ſo daß jeder der Gatten leicht wiſſen konnte, wo ſeine Gemahlin war, wenn er den Wagen ihres Liebhabers vor der petite-maison ſtehen ſah. Die Herzogin von Boufflers beſchloß nach dem Tode ihres Gemahls 1747, den Herzog von Luxembourg zu heirathen, deſſen Frau vor Kurzem geſtorben war; aber ihr Vorſatz, von jetzt an nach Achtung zu ſtreben, ſcheiterte häufig, wenn der Wein ſie itzte, ſo daß ſie ſelbſt beim Beſuche von Volksbeluſtigungen —— 144 nen Boufflers hießen Luxembourgs und die kleinen Luxem⸗ bourgs hießen Boufflers. Die Abkömmlinge dieſer Raub⸗ vögel ſind jetzt in Frankeich unter demſelben Namen be⸗ kannt. Diejenigen, welche das Wort des Räthſels hatten, lachten mit Recht darüber und die Erde drehte ſich darum nicht weniger nach dem Geſetze der Schwere. Der reichſte der italiäniſchen Schauſpieler war Panta⸗ lon, Vater von Carolinen und Camilla*) und ein bekann⸗ ter Wucherer. Er wollte mir auch in ſeiner Familie zu eſſen geben, und ſeine beiden Töchter bezauberten mich. Die oder im Wochenzimmer der Herzogin von Orléans ihre Begehr⸗ lichkeit nicht zügeln konnte. Der Herzog von Luxemburg und ſeine Gemahlin wurden die Gönner J. J. Rouſſeau's, der unter ihrem Schutze eine Zeit lang zu Montmorency lebte. *) Grimm erwähnt derſelben in folgender Weiſe: das ita⸗ liäniſche Theater hat ſo eben Camilla Veroneſe verloren(1768), welche in den italiäniſchen Stücken die Rolle der Soubrette oder Colombine ſpielte: ſie war Tochter des alten Pantalon und Schwe⸗ ſter von Carolinen, der berühmten Courtiſane, welche einige Jahre dieſelbe Stelle beim Theater einnahm, welche ſich aber früh⸗ zeitig zurückzog, und wie ich glaube, von dem Gewinne lebt, wel⸗ en ihr der Handel mit ihren Reizen gebracht. Camilla, ein ) zen g. Kind des Theaters, tanzte ſeit ihrer erſten Jugend und folgte dann derſelben als Soubrette. Das Publikum glaubte durch Caroli⸗ nens Abgang einen großen Verluſt erlitten zu haben, und ſo weit ich mich erinnere, hatte Caroline ziemlich ſchöne Augen, ſchöne Haut, ſehr ſchönen Buſen; aber als Schauſpielerin ſchwatzte ſie ziemlich abgeſchmackt. Sie wiſſen, daß in den italiäniſchen Stücken improviſirt werden muß, und daß eine Rolle durch den Geiſt des ſie Spielenden Bedeutung erhält. Camilla war nicht ſehr beredt und ſprach das Italiäniſche ſchlecht; da ſie in Paris geboren war, ſo war ſie gewohnt, Italiäniſch mit franzöſiſchen Worten zu ſpre⸗ chen, d. h. die franzöſiſchen Wendungen beizubehalten und ſie Wort für Wort ins Italiäniſche zu übertragen; zuweilen italiäni⸗ ſirte ſie ſogar rein franzöſiſche Worte, deren ſie ſich im gewöhn⸗ lichen Leben bediente; aber ſie hatte viel Wärme und riß trotz ihres ſchlechten Sprechens fort; ſie war übrigens eine der größ⸗ ten Pantomimen, die es gegeben. Auf ihrem Geſichte und in ih⸗ ren Geſten malte ſich Alles ab und dieſe Art des Ausdrucks war oft erhaben.— u n. DN — 4 9v9— mn— 714 R᷑ N 7 N u G N N- N Bͤ-‧;ʒ“N N;—oi K xl N—':ä VN* Iℛ˖— ——— 147 fpeiſte, ſagte ich ſo viel und forderte meinen Abſchied in ſo klaren Ausdruͤcken, daß ſie mich auf den folgenden Tag ver⸗ wies. Der Prinz, ſagte ſie, wird erſt übermorgen von Ver⸗ ſälls zurückkommen; morgen wollen wir alſo nach dem Kaninchengarten gehen, allein zuſammen ſpeiſen, Frettchen jagen und zufrieden nach rie zerllktohren.— Einverſtanden.)= Am diianddnn Saf um zehn Uhr ſteigen wir in ein Cabriolet und kommen an die Barrière. Als wir hindurch⸗ fahren wollen, kömmt uns ein vis-A-vis mit fremder Livree entgegen und aus demſelben ruft eine Stimme: Halt! Halt! Es war der Chevalier von Würtemberg, der ,ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, Coralinen Süßigkei⸗ ten zu ſagen anfängt, und ſodann, ſeinen ganzen Kopf aus dem Wagen herausſteckend, ihr ins Ohr flüſtert. Sie ant⸗ wortet ebenſo, faßt mich ſodann bei der Hand und ſagt lachend: Ich habe ein wichtiges Geſchäft mit dem Prinzen abzumachen, gehen Sie nur nach dem Kaninchengarten, mein theurer Freund, eſſen Sie, jagen Sie und beſuchen Sie mich morgen. Zugleich ſteigt ſte aus meinem Wagen in den vis-à-vis, und ich ſtehe da wie Loths Frau, aber nicht un⸗ beweglich. Leſer, wenn Du in einer ähnlichen Lage geweſen biſt, ſo wirſt Du Dir leicht denken können, welche Wuth mich erfaßte; wenn Dir ſo etwas nicht begegnet iſt, dann deſto beſſer für Dich; dann gieb Dir aber auch keine Mühe, Dir un Idee davon zu machen: Du wirſt mich doch nicht ver⸗ ſtehen.— Das Cabriolet wurde mir zum Ekel; ich ſprang hin⸗ aus und ſagte dem Kutſcher, er möge zum Teufel fahren; ich nahm den erſten Fiaker, welchen ich fand und fuhr un⸗ mittelbar zu Patu, welchem ich, ſchäumend vor Wuth, mein Abenteuer erzählte. Anſtatt mich zu beklagen oder meine Empfindlichkeit zu theilen, lachte, der vernünftigere Patu über mein Abenteuer und ſagte: Ich möchte wohl, daß mir das begegnet wäre, denn Du kannſt ſicher ſein, bei der erſten Gelegenheit in den Beſitz Deiner Schönen zu gelangen. Ich mag ſie nicht mehr; ich verachte ſie zu ſehr. — 148 Du hätteſt ſie eher verachten ſollen. Da es aber nun einmal eine geſchehene Sache iſt, ſo laß uns im Hotel du Roule ſpeiſen, wo) Du Dich entſchädigen kannſt. MeineréTreu, ja; die Idee iſt ausgezeichnet; brechen wir auf.. Das Hotel du Roule war berühmt in Paris und ich kannte es noch nicht. Die Beſitzerin hatte es elegant möblirt und hielt hier zwölf bis vierzehn gewählte Nymphen nebſt allen wünſchenswerthen Bequemlichkeiten, guten Tiſch, gute Betten, Reinlichkeit, Einſamkeit in herrlichen Boskets. Ihr Koch war vortrefflich, und ihre Weine ausgezeichnet. Sie nannte ſich Madame Paris, wahrſcheinlich ein angenomme⸗ ner Name, welcher aber vollkommen genügte. Sie wurde von der Polizei beſchützt, und war weit genug von Paris entfernt, um ſicher zu ſein, daß die Beſucher ihrer liberalen Anſtalt über der Mittelklaſſe ſtänden. Die innere Polizei war wie ein Notenblatt geregelt und alle Vergnügungen einem vernünftigen Tarif unterworfen. Man bezahlte ſechs Franes für ein Frühſtüͤck mit einer Nymphe, zwölf Francs für ein Mittagseſſen und das Doppelte für die Nacht. Ich fand, daß das Haus ſeinen Ruf noch übertraf und der Vor⸗ zug vor dem Kaninchengarten verdiente. Wir ſteigen in einen Fiaker und Patu ſagt zum Kut⸗ ſcher. Nach Challlot! Ich verſtehe, mein Bürger. Nach einer halbſtündigen Fahrt hält er vor einem Thorwege an, über welchem die Worte Hotel du Roule ſtanden. Das Thor war geſchloſſen. Ein Schweizer mit dickem Schnurrbarte tritt aus einer Halbthür hervor und mißt uns mit ernſter Miene. Da er mit uns zufrieden zu ſein ſchien, ſo macht er auf und wir treten ein. Eine einäugige Frau oon etwa funfzig Jahren, welche ohne Zweifel früher ſehr ſchön geweſen war, kam auf uns zu und nachdem ſie uns höflich gegruͤßt, fragte ſte uns, ob wir bei ihr zu Mittag ſpeiſen wollten. Als wir dieſe Frage bejaht, führte ſie uns in einen ſchönen Saal, wo wir vierzehn junge Perſonen fanden, welche alle ſchön waren und Mouſſelinkleider tru⸗ 149 gen. Als ſie uns erblickten, ſtanden ſie auf und machten uns eine graziöſe Verbeugung. Faſt alle waren von dem⸗ ſelben Alter, die einen blond, die andern braun oder kaſta⸗ nienfarben; es war hier für jeden Geſchmack geſorgt. Wir durchmuſtern ſie alle, indem wir jeder einige Worte ſagen, und treffen dann unſere Wahl. Die beiden Auserwählten ſtoßen einen Freudenſchrei aus, umarmen uns mit einer Wolluſt, welche ein Neuling für Zärtlichkeit hätte halten können und führen uns dann in den Garten, wo wir bis zum Mittagseſſen verweilen wollten. Dieſer Garten war groß und für den Dienſt der Liebe und der ſie vertreten⸗ den Vergnügungen eingerichtet. Madame Paris ſagte zu uns: Gehen Sie, meine Herren, und genießen Sie die ſchöne Luft und die Sicherheit in allen Beziehungen; mein Haus iſt der Tempel der Ruhe und-der Garlundhelt. Die Schöne, welche ich gewählt, hatte ekwas von Ca⸗ rolinen, und dieſer Umſtand ließ ſie mich köſtlich finden. Aber als wir in der ſüßeſten Beſchäftigung begriffen waren, rief man uns zum Eſſen. Wir wurden recht gut bedient und das Eſſen verſetzte uns wiederum in Stimmung, als das einäugige Weib mit der Uhr in der Hand kam und uns anzeigte, daß unſere Partie zu Ende wäre. Das Ver⸗ gnügen war nach der Stunde abgemeſſen. Ich ſage Patu ein Wort und nachdem derſelbe einige philoſophiſche Betrachtungen angeſtellt, ſagte er: Wir er⸗ neuern die Doſis und bezahlen noch einmal. Das ſteht bei Ihnen, meine Herren. Wir gehen wieder hinauf und nachdem wir zum zwei⸗ tenmale gewählt, erneuern wir die Promenade. Aber die fürchterliche Pünktlichkeit der Dame bereitet uns dieſelbe Unannehmlichkeit wie das erſtemal. Madame, das iſt doch zu ſtark. 1 Mein Freund, gehen wir zum drittenmale hinauf, wäh⸗ len wir noch einmal und bleiben wir die Nacht hier.— Ein köſtlicher Plan, Welchem ich von ganzem Herzen bettete Billigt Madame Paris den Plan? ſͤſͤſͤſͤſͤſͤͤͤ11““ ——— — Ich würde es nicht beſſer gemacht haben, meine Her⸗ ren; es iſt meiſterhaft ausgeſonnen. Als wir in den Saal kamen und unſere Wahl getrof⸗ fen hatten, machten ſich alle Mädchen über die erſten luſtig, die uns nicht zu feſſeln verſtanden hatten, und um ſich zu rächen, ſpotteten dieſe über unſere Länge. 8 Diesmal war ich wirklich erſtaunt über meine Wahl. Ich hatte eine wahre Aſpaſia gefunden und ich dankte dem Zufalle, daß ſie mir die beiden erſtenmale entgangen waren, da ich nun die Ausſicht hatte, ſie vierzehn Stunden hinter einander zu beſitzen. Dieſe Schönheit hieß St. Hilaire, und es iſt dieſelbe, welche ein reicher Lord ein Jahr ſpäter nach England führte, und welche unter dieſem Namen hier be⸗ rühmt wurde. Zuerſt war ſie gereizt, daß ich ſie weder das erſte noch das zweitemal gewürdigt hatte, und ſie be⸗ trachtete mich mit Stolz und Geringſchätzung; aber ich machte ihr bald begreiflich, daß dies ein Glück wäre, weil wir nun lange zuſammenbleiben könnten. Nun fing ſie an zu lachen und wurde reizend. Dieſes Mädchen hatte Geiſt, Bildung und Talent, mit einem Worte Alles, was nöthig war, um in der von ihr erwählten Laufbahn Glück zu machen. Patu ſagte zu mir während des Abendeſſens auf italiäniſch, er wäre auf dem Punkte geweſen, ſie zu nehmen, als ich ſie genom⸗ men; und am folgenden Tage erzählte er mir, daß er die ganze Nacht geſchlafen. Die St. Hilaire war ſehr ufrie mit mir und rühmte ſich deſſen gegen ihre Ge⸗ ieicnen Sie war die Veranlaſſung, daß ich mehrere Beſuche im Hotel du Roule machte, und ſie war immer der Gegenſtand derſelben; ſie war ſtolz, mich gefeſſelt zu haben. Dieſe Beſuche waren die Urſache, daß ich gegen Cora⸗ linen kälter wurde. Ein Muſiker aus Venedig, Namens Guadani, der ſchön, gelehrt in ſeiner Kunſt und geiſtreich war, wußte ſie drei Wochen, nachdem ich mich mit ihr er⸗ zuͤrnt, zu gewinnen. Der ſchöne Junge, welcher nur den äußern Anſchein der Männlichkeit hatte, machte ſie neugie⸗ rig und war Urſache, daß ſie mit dem Prinzen brach, wel⸗ cher beide auf der That betraf. Dennoch wußte ſie ihn zu ködern, und einige Zeit darauf verſöhnten ſie ſich wieder, 151 und zwar ſo aufrichtig, da urde. Es war ein Mädchen, welches der Prinz Adelaide nafflte und ausſtattete. Nach dem Tode ſeines Vaters, des Herzogs von Valentinois, verließ der Prinz ſie gänzlich, um Fräulein von Brignole, eine Genueſerin, zu heirathen, und Caroline wurde die Meütreſe des Grafen de la Marche, jetzigen Prinzen von Conti. Coraline lebt nicht mehr, eben⸗ ſowenig wie ein Sohn, welchen Sie von demſelben hatte und welchen der Prinz zum Grafen von Montreal ernannte. Die Frau Dauphine kam mit einer Prinzeſſin nieder, welche den Titel Madame de France erhielt. Im Auguſt fand im Louyre die Gemäldeausſtellung der Maler der königlichen Malerakademie ſtatt, und da ich auf derſelben kein Schlachtengemälde erblickte, ſo kam ich duf den Gedanken, meinen Bruder nach Paris zu berufen. Er war in Venedig und hatte offenbar Talent für dieſes Genre. Da Paroſſelli, der einzige Schlachtenmaler, welchen Frankreich beſaß, geſtorben war, ſo glaubte ich, daß Franz hier fortkommen und ſein Glück machen könnte. Ich ſchrieb demgemäß an Herrn Grimani und meinen Bruder und überzeugte ſie; nichts deſto weniger kam er erſt im Anfange des nächſten Jahres nach Paris. Ludwig XV., welcher leidenſchaftlich die Jagd liebte, war gewohnt, jedes Jahr ſechs Wochen in Fontainebleau zu verleben. Um die Mitte November war er immer wie⸗ der in Verſailles. Dieſe Reiſe koſtete ihm oder vielmehr Frankreich fünf Millionen. Er nahm Alles mit ſich, was zum Vergnügen der auswärtigen Geſandten und ſeines Ho⸗ fes dienen konnte. In ſeinem Gefolge waren die franzöſi⸗ ſhen und italiäniſchen Schauſpieler und die Mitglieder der Oper. Während dieſer ſechs Wochen war Fontainebleau glän⸗ zender als Verſailles, nichts deſto weniger ſtellten die Opern, das franzöſiſche und italiäniſche Theater in Paris ihre Vor⸗ ſtellung nicht ein, ſo zahlreich war das Perſonal derſelben. Der Vater Balletti's, welcher ſeine Geſundheit wieder⸗ erlangt hatte, ſollte mit Sylvia und der ganzen Familie ebenfalls den Hof begleiten. Sie luden mich ein, mit ihnen zu kommen und in einem von ihnen gemietheten Hauſe eine Wohnung anzunehmen. Die Gelegenheit war günſtig, ich war unter Freunden, ich glaubte nicht ablehnen zu muſſen, denn ich hätte keine beſſere finden können, den ganzen Hof Ludwigs XV. und alle auswärtigen Geſandten kennen zu lernen. Ich ſtellte mich Herrn Moroſini vor, welcher jetzt Procurator von St. Marcus iſt und damals Geſandter der Republik in Paris war. Am erſten Tage, wo eine Oper gegeben wurde, erlaubte er mir, ihm zu folgen. Die Muſik war von Lulli. Ich ſaß im Parquet gerade unter der Loge der Pompadour, welche ich nicht kannte. In der erſten Scene ſehe ich die berühmte le Maur auf die Bühne kommen und höre ſie einen ſo ſtarken und unerwarteten Schrei ausſtoßen, daß ich glaubte, ſie wäre toll geworden. Ich lachte etwas, und zwar in aller Unſchuld, da ich nicht dachte, daß Jemand Anſtoß daran nehmen würde. Ein Ritter des heiligen Geiſtordens, welcher neben der Marquiſe ſtand, fragte mich mit trocknem Tone, woher ich wäre. Ich antworte mit demſelben Tone: Aus Venedig. Ich bin dort geweſen und habe ſehr über Ihr Reci⸗ tativ gelacht. Ich glaube es, mein Herr und bin überzeugt, daß Nie⸗ mand Sie am Lachen zu hindern geſucht hat. Meine etwas derbe Antwort brachte Frau von Pom⸗ padour zum Lachen, welche mich fragte, ob ich wirklich von dort unten her wäre. Wie denn von dort unten her? Von Venedig. Madame, Venedig liegt nicht unten, ſondern oben. Dieſe Antwort wurde noch ſonderb arer gefunden, als die erſte und es trat die ganze Loge in Berathung, um zu un⸗ terſuchen, ob Venedig unten oder oben liege. Vermuthlich fand man, daß ich Recht hatte, denn man griff mich nicht mehr an. Ich hörte indeß der Oper zu, ohne zu lachen; da ich aber den Schnupfen hatte, ſo ſchnaubte ich mich oft. Derſelbe Heilige⸗Geiſt⸗Ritter richtete von Neuem das Wort an mich und ſagte, wahrſcheinlich ſchlöſſen die Fenſtern mei⸗ nes Zimmers nicht gut. Ich antwortete ſogleich, er täuſche ſich, denn meine Fenſtern wären calfoutrirt. Sogleich brach die ganze Loge in Lachen aus und ich war beſchämt, denn ich ſah ein, welchen Fehler ich gemacht, denn ich hätte calfeutrirt*) ſagen müſſen. Aber dieſes eu's und ou's ſind die Qual der meiſten fremden Nationen. Eine halbe Stunde darauf fragte mich Herr von Ri⸗ chelieu, welche von den beiden Schauſpielerinnen mir am beſten gefiele. Dieſe da, mein Herr. Aber ſie hat häßliche Beine. Man ſieht ſie nicht, Monſieur, und ſodann ſind die Beine das Erſte, was ich bei der Unterſuchung der Schön⸗ heit einer Frau beſeitige.**) Dieſes zufällig geſagte Wort, deſſen Bedeutung ich nicht fühlte, giebt mir ein Anſehen und machte die ganze Loge neugierig, mich kennen zu lernen. Den Marſchall erfuhr von Herrn von Moroſini, wer ich wäre, und dieſer theilte mir im Auftrage des Herzogs mit, daß ich ihm ein Ver⸗ gnügen erweiſen würde, wenn ich ihm meine Aufwartung machen wollte. Von den auswärtigen Miniſtern hätte ich die meiſte Zuneigung für Mylord Marſchall von Schottland Keith,»ee) welcher den König von Preußen vertrat. Ich werde noch Gelegenheit haben, von ihm zu ſprechen. Am Tage nach meiner Ankunft in Fontainebleau ging ich allein an den Hof und ſah Ludwig XV. ſo wie die ganze königliche Familie und die Damen des Hofes in die Meſſe gehen, welche letztere mir ebenſo ſehr durch ihre Häß⸗ lichkeit, wie die in Turin mir durch ihre Schönheit auf⸗ gefallen waren. Unter ſo vielen häßlichen Frauenzimmern *) Calfeutrer, die Ritzen verſtopfen; um übrigens das Ge⸗ lächter ganz zu würdigen, muß man an die Bedeutung von foutre denken.. **) Jécarte les jambes. ) Keith, den Caſanova irrthümlicher Weiſe ſchon in Con⸗ ſtantinopel geſehen zu haben glaubte, war 1780 als außerordent⸗ licher Geſandter nach Paris gekommen. 154 wurde ich indeß durch den Anblick einer wahren Schönheit überraſcht. Ich frage, wer dieſe Dame iſt. Es iſt, ant⸗ wortete der Herr, der neben mir ſtand, Frau von Brienne, die noch tugendhafter als ſchön iſt, denn nicht nur weiß man keine Geſchichten von ihr zu erzählen, ſondern ſie hat auch nicht einmal der Verläumdung den geringſten Vorwand gegeben, eine ſolche zu erfinden. Vielleicht hat man nichts erfahren. O, mein Herr, am Hofe erfährt man Alles. Ich ſtrich allein in den innern Gemächern umher, als ich plötzlich ein Dutzend häßlicher Frauen erblickte, welche mehr zu laufen als zu gehen ſchienen; ſie ſtanden ſo ſchlecht auf ihren Beinen, daß man fuͤrchten mußte, ſie würden mit dem Geſichte auf die Erde fallen. Da Jemand in meiner Nähe ſtand, ſo trieb mich die Neugierde ihn zu fragen, wo⸗ her dieſelben kämen und warum ſie ſo gingen. Sie kommen von der Königin, welche ſich zu Tiſche ſetzt und ſie gehen ſo ſchlecht, weil ihre Pantoffeln ſechs Zoll hohe Abſätze tragen; um nicht zu fallen, müſſen ſie da⸗ her mit gebogenen Knieen gehen. Warum tragen ſie nicht niedrigere Hacken? Es iſt einmal ſo Mode. O, die thörichte Mode! Auf gutes Glück trete ich in eine Gallerie und ſehe den König vorübergehen, welcher ſich mit dem Arme der ganzen Länge nach auf Herrn von Argenſon ſtützt. O, knechtiſcher Sinn, dachte ich bei mir; wie kann ein Menſch ſich einem ſolchen Joche unterwerfen und wie kann ſich ein Menſch ſo erhaben über andere glauben, um ein ſolches Be⸗ nehmen anzunehmen! Ludwig XV. hatte den ſchönſten Kopf, der ſich denken läßt und er trug ihn mit ebenſoviel Anmuth wie Majeſtät. Nie iſt es einem geſchickten Maler gelungen, den Ausdruck dieſes prachtvollen Kopfes wiederzugeben, wenn der Monarch ſich umdrehte, um Jemand mit Wohlwollen zu betrachten. Seine Schönheit und ſeine Anmuth erzwangen die Liebe von vorn herein; als ich ihn ſah, glaubte ich die ideale Majeſtät gefunden zu haben, deren Abweſenheit mich in Tu⸗ —— nu 7—, Nu 0 NN 15⁵ rin ſo ſehr verletzt hatte; und ich bezweifle durchaus nicht, daß Frau von Pompadour, als ſie ſich um die Bekannt⸗ ſchaft des Herrſches bewarb, ſich in dieſe ſchöne Phyſiogno⸗ mie verliebt hatte. Ich täuſchte mich vielleicht; aber die Fi⸗ gur Ludwigs XV. zwang die Zuſchauer ſo zu denken. Ich gelangte in einen ſchönen Saal, wo ich ein Dut⸗ zend Hofleute finde, welche auf- und abgehen, und eine Tafel von wenigſtens zwölf Couverts, welche indeß nur für eine Perſon gedeckt war. Für wen iſt dieſes Couvert? Für die Königen. Dort kömmt ſie. Ich ſehe die Königin von Frankreich eintreten; ſie trug keine Schminke, war einfach gekleidet, hatte eine große Haube auf dem Kopfe und ſah alt und fromm aus. Als ſie ſich dem Tiſche genähert hatte, dankte ſie auf eine anmu⸗ thige Weiſe zwei Nonnen, welche einen Teller mit friſcher Butter auf den Tiſch geſetzt hatten. Sie ſetzte ſich und ſo⸗ gleich reihten ſich die Hofleute in einem Halbkreiſe in einer Entfernung von zehn Schritten um den Tiſch herum; ich blieb in ihrer Nähe und ahmte ihr ehrfurchtsvolles Schwei⸗ gen nach. Ihre Majeſtät begann zu eſſen, ohne Jemand anzuſe⸗ hen und hielt die Augen auf ihren Teller geſenkt. Als ſie ein Gericht gut fand, aß ſie noch einmal davon, und durch⸗ lief nun mit den Augen den vor ihr ſtehenden Kreis, ver⸗ muthlich um zu ſehen, ob ſich darunter Jemand befände, mit welchem ſie von den Leckerbiſſen ſprechen könnte. Sie fand denſelben und ſagte: Herr von Löwendal! Jetzt ſehe ich einen ſchöngewachſenen Mann ſein Haupt neigen und herantreten. Madame! ſagt derſelbe. Ich glaube, daß dieſes Ragout ein Hühnerfricaſſée iſt. Ich bin dieſer Anſicht, Madame. Nach dieſer mit der ernſteſten Miene ertheilten Antwort fährt die Königin fort zu eſſen, und der Marſchall geht rück⸗ wärts auf ſeinen Platz zurück. Die Königin beendete ihr Eſſen, ohne weiter ein Wort zu ſagen und kehrte, wie ſie gekommen, in ihre Gemächer zurück. Ich dachte bei mir, 156 daß, wenn die Königin von Frankreich immer ſo ſßeiſte, ich kein Verlangen trüge, ihr Tiſchgenoſſe zu ſein. . Ich war erfreut, den berühmten Krieger geſehen zu haben, welchem ſich Bergen op Zoom hatte unterwerfen müſſen; aber es ſchmerzte mich, daß ein ſo großer Mann eine Frage, wegen eines Hühnerfricaſſées mit demſelben Tone hatte beantworten müſſen, mit welchem ein Richter ein Todesurtheil. verkündet. Nachdem ich mich mit dieſer Anekdote bereichert hatte, traktirte ich mit derſelben die Geſellſchaft bei Sylvia wäh⸗ rend eines vortrefflichen Mittagsmahls, zu welchem ſich die gewählteſte und angenehmſte Geſellſchaft eingefunden hatte. Als ich einige Tage darauf Morgens um 10 Uhr mit einer Menge Hofleute im Spalier ſtand, um das immer neue Vergnügen zu genießen, den Monarchen zur Meſſe ge⸗ hen zu ſehen, zu welchem Vergnügen noch das fernere, die ganz entblößten Buſen und Schultern ſeiner Töchter be⸗ trachten zu können, hinzuzurechnen iſt, erblicke ich die Ca⸗ — vamacchie, welche ich unter dem Namen von Madame Que⸗ rini in Ceſena verlaſſen hatte. Wenn ich verwundert war, ſie zu ſehen, ſo war ſie es nicht weniger mich an dieſem Orte zu erblicken. Der Marquis von Saint⸗Simon erſter Kammerherr des Prinzen von Condé gab ihr den Arm. Madame Querini in Fontainebleau? 1 Sie hier? Ich denke an die Königin Eliſabeth, welche ſagte: Pauper ubique jacet.*) Der Vergleich iſt ſehr richtig, Madame. Ich ſcherze, theurer Freund, ich bin hierher gekommen. um den König zu ſehen, welcher mich nicht kennt; aber morgen wird der Geſandte mich vorſtellen. Sie trat in das Spalier fünf oder ſechs Schritte ent⸗ fernt von mir, nach der Seite zu, von woher der König kommen mußte. Se. Majeſtät trat ein mit Herrn von Ri⸗ chelieu zur Seite und fing an, die vermeintliche Madame OQuerini zu betrachten. Ohne Zweifel gefiel ſie ihm nicht, denn im Weitergehen ſagte er zu ſeinem Freunde folgende *) Der Arme liegt überall. —/—·—·—· —— ——-—;——6———, 10— — 157 merkwürdige Worte, welche Giulietta hören mußte: Wir haben hier ſchönere. Am Nachmittage ging ich zum venetianiſchen Geſand⸗ ten. Ich fand ihn beim Deſſert und in großer Geſellſchaft; Madame Querini ſaß zu ſeiner Rechten und ſagte mir die ſchmeichelhafteſten und freundſchaftlichſten Sachen, was mir bei einem leichtſinnigen Frauenzimmer wie ſie, welches kei⸗ nen Grund mich zu lieben hatte, mießfiel, denn ſie wußte, daß ich ſie gründlich kannte und ſie zurechtzuſetzen verſtan⸗ den hatte; da ich aber den Grund dieſer Taktik einſah, ſo beſchloß ich, nicht ungefällig gegen ſie zu ſein und um mich auf eine edle Weiſe zu rächen, ihr alle Dienſte, welche in meiner Macht ſtänden, zu erweiſen. Als ſie das Geſpräch auf Herrn Querini brachte, be⸗ komplimentirte ſie der Geſandte, daß derſelbe ihr durch eine Heirath gerecht geworden. Das, fügte er hinzu, wußte ich übrigens nicht. Dennoch, erwiederte Giulietta, iſt es ſchon vor zwei Jahren geſchehen. Es iſt eine Thatſache, fiel ich ein; denn vor zwei Jahren hat der General Spada ſie un⸗ ter dem Namen und mit dem Titel Excellenz Madame OQuerini dem ganzen Adel von Ceſena vorgeſtellt, wo ich zu ſein die Ehre hatte. Ich zweifle nicht daran, ſagte der Geſandte, da Querini ſelbſt es mir ſchreibt. Als ich mich einige Augenblicke darauf zum Weggehn anſchickte, ſchützte der Geſandte einige Briefe vor, deren In⸗ halt er mir mitzutheilen hätte, bat mich, mit ihm in ſein Kabinet zu kommen und fragte mich hier, was man in Ve⸗ nedig über dieſe Heirath dächte. Niemand weiß etwas davon, und man ſagt ſogar, der Aelteſte des Hauſes Querini ſei im Begriff, eine Grimani zu heirathen; aber ich werde dieſe Nachricht nach Venedig melden. Welche Nachricht? Daß Giulietta wirklich Querini geworden iſt, da Ew. Excellenz ſie als ſolche Ludwig XV. vorſtellen will. Wer hat Ihnen das geſagt? Sie ſelbſt. Vielleicht hat ſie ihre Anſicht geändert. 158 Ich melde ihm nun, was der König zu Herrn von Richelieu über ſie geſagt. Nun begreife ich, ſagte Se. Ex⸗ cellenz, warum Ginulietta nicht mehr vorgeſtellt ſein will. Ich habe ſogar ſpäter erfahren, daß Herr von St. Quentin, ge⸗ heimer Miniſter für Ludwigs XV. Privatbeziehungen, nach der Meſſe zu der ſchönen Venetianerin geſagt, daß der Kö⸗ nig von Frankreich einen ſchlechten Geſchmack haben müßte, da er ſie nicht ſchöner als mehrere andere Damen an ſeinem Hofe gefunden. Giulietta reiſte am nächſten Tage von Fon⸗ tainebleau ab. Ich habe im Anfange meiner Memoiren von der Schön⸗ heit Giulietta's geſprochen; ſie hatte in ihrer Phyſiognomie außerordentliche Reize; aber ſie beſaß dieſelben ſchon zu lauge, als daß ſie nicht in Fontainebleau etwas welk hätten ſein ſollen. Ich ſah ſie in Paris beim Geſandten wieder, und ſie ſagte lachend zu mir, ſie habe ſich nur aus Scherz Madame Querini genannt und ich würde ihr ein Vergnügen erwei⸗ ſen, wenn ich ſte in Zukunft nur bei ihrem wahren Namen Gräfin Preati nennen wollte. Sie bat mich, ſie im Hotel de Lurembourg, wo ſie wohnte, zu beſuchen. Ich ging oft hin, um mich an ihren Intriguen zu amuſiren, aber ich war verſtändig genug, mich nicht in dieſelben zu miſchen. Sie blieb vier Monate in Paris und hatte das Talent, Herrn Zanchi, Sekretair der venetianiſchen Geſandſchaft, einen liebenswürdigen, adligen und ſchriftſtellernden Mann, in ſich verliebt zu machen. Sie machte ihn ſo verliebt, daß er ſie heirathen wollte; aber aus einer Laune, die ſie viel⸗ leicht ſpäter bereute, behandelte ſie ihn ſchlecht und der Narr ſtarb vor Kummer darüber. Der Graf von Kaunitz, Geſandter Maria Thereſia's, ſo wie der Graf von Zinzen⸗ dorf fanden Geſchmack an ihr. Der Vermittler dieſer vor⸗ übergehenden Liebſchaften war ein gewiſſer Abbé Guaſco, welcher wenig mit den Gaben des Plutus begünſtigt war, und welcher deshalb nur durch ſeine Gefälligkeiten einige Gunſt zu erlangen hoffen durfte. Aber der Mann, auf wel⸗ chen ſte es abgeſehen hatte, und welcher ſie geheirathet ha⸗ ben würde, war der Graf von St. Simon. Dieſer Graf „————— ——B—, v n ————O—er u K 159 7 wuüͤrde ſie geheirathet haben, wenn ſie ihm nicht Behufs der Erkundigungen nach ihrer Geburt falſche Adreſſen gegeben hätte. Die Familie Preati in Venedig verläugnete ſie na⸗ türlich. Herr von Saint⸗Simon, welcher trotz ſeiner Liebe geſunden Menſchenverſtand bewahrt hatte, gewann es über ſich, ſie zu verlaſſen. Mit einem Worte, Paris war nicht das Eldorado meiner ſchönen Landsmännin, denn ſie war genöthigt, hier ihre Diamanten zu verpfänden. Nach Ve⸗ nedig zurückgekehrt, heirathete ſie den Sohn deſſelben Uecelli, welcher ſie aus dem Elende gezogen. Sie ſtarb vor zehn Jahren. Ich nahm fortwährend franzöſiſche Stunden bei mei⸗ nem guten alten Cröbillon; trotz deſſen ließ mich meine von Italiänismen ſtrotzende Sprache oft das Gegentheil ueei ſagen, was ich wollte; aus meinen Quiproquo's gilgen aber gewöhnlich ſeltſame Scherze hervor, welche Glück mach⸗ ten, und das Beſte dabei war, daß mein Kauderwelſch kein ungünſtiges Vorurtheil gegen meinen Geiſt erregte; es ver⸗ ſchaffte mir vielmehr angenehme Bekanntſchaften. Mehrere feine Damen baten mich, ſie im Italiäniſchen zu unterrichten, um ſich, wie ſie ſagten, das Vergnügen zu verſchaffen, mich franzöſiſch zu lehren; bei dieſem Austauſche gewann ich mehr als ſie. Madame Préodot, welche eine meiner Schülerinnen war, empfing mich eines Tages in ihrem Bette und ſagte zu mir, daß ſie nicht Luſt habe, Unterricht zu nehmen, weil ſie am Abend eingenommen. Nun alberner Weiſe einen ita⸗ liäniſchen Ausdruck überſetzend, fragte ich ſte mit dem Tone der höchſten Theilnahme, ob ſie gut dechargirt habe. Mein Herr, was fragen Sie? Sie ſind unausſtehlich! Ich wiederhole die Frage: neuer Ausbruch von ihrer Seite. Sprechen Sie nie dieſes abſcheuliche Wort aus. 7 Sie mögen noch ſo böſe werden, es iſt das richtige ort. Im Gegentheil ein ſehr ſchmutziges; aber brechen wir davon ab. Wollen Sie frühſtücken? Nein, ich habe es ſchon gethan; ich habe ein Café und zwei Savoyarden zu mir. genommen. 160 Guter Gott! ich bin verloren: welch fürchterliches Früh⸗ ſtuck! Erklären Sie ſich. Ich habe ein Café getrunken und zwei Savoyarden dazu gegeſſen, wie ich es alle Morgen thue. Aber das iſt ja einfältig, mein Freund. Ein Café iſt der Laden, wo man ihn verkauft, und was man trinkt, iſt eine Taſſe Kaffee. Gut, Sie trinken alſo die Taſſe. Wir in Italien ſa⸗ gen Kaffee und ſind verſtändig genug, nicht zu glauben, daß es der Laden iſt. Er will Recht haben. Und wie haben Sie die beiden Savoyarden hinuntergebracht? Ich habe ſie eingetunkt? denn ſie waren nicht größer als die, welche auf Ihrem Tiſche liegen. Und das nennen Sie Savoyarden? Sagen Sie doch Biscuits. 3 In Italien nennen wir das Savoharden, weil man ſie in Savohen erfunden hat; und es iſt nicht meine Schuld, wenn Sie glaubten, ich hätte zwei Commiſſionaire verſchluckt, große Lümmel, welche Sie in Paris Savoyarden nennen, obwohl dieſelben oft gar nicht in Savohen geweſen ſind. Ihr Mann kömmt dazu, und ſie erzählt ihm unſer ganzes Geſpräch. Er lachte ſehr darüber, gab mir aber Recht. Ihre Nichte hatte ſich während deſſen auch eingeſun⸗ den; dieſe war eine junge Perſon von vierzehn Jahren, wohlgezogen, beſcheiden und geiſtvoll. Ich hatte ihr fünf oder ſechs Stunden gegeben, und da ſie die Sprache liebte und ſich unausgeſetzt damit beſchäftigte, ſo fing ſie ſchon an zu ſprechen. Um mir in italiäniſcher Sprache ein Compli⸗ ment zu machen, ſagte ſie: Signore, sono incantata di vi vedere in buona salute. ₰ Ich danke Ihnen, Fräulein, aber wenn Sie erfreut überſetzen wollen, müſſen Sie ſagen, ho piacere, und Sie zu ſehen, heißt di vedervi. Mein Herr, ich glaubte, man müſſe vi vorne ſetzen. Nein, Fräulein, vi muß man hinten ſetzen. * 4 4 ihm auf. 161 Der Herr und die Dame wollen ſich todtlachen,*) das Fräulein wird verwirrt, und ich bin beſchämt und in Ver⸗ zweiflung, daß ich eine ſo ungeheure Dummheit habe ſagen können; aber es war einmal geſchehen. Schmollend nehme ich ein Buch, in der Hoffnung dem Gelächter ein Ende zu machen; aber es dauerte eine Woche. Dieſes ungeſchlachte Equivoque ging durch ganz Paris und verſchaffte mir eine Art Ruf, welcher ſich erſt verlor, als ich die Sprache beſſer kennen lernte. Cröbillon lachte ſehr über meine Un⸗ geſchicklichkeit und ſagte, man müßte hinter und nicht hinten ſagen. Warum haben nicht alle Sprachen denſelben Geiſt? Wenn übrigens die Franzoſen ſich über die Fehler, welche ich in ihrer Sprache machte, luſtig machten, ſo rächte ich mich dadurch, daß ich verſchiedene lächerliche Gebräuche aufdeckte. Mein Herr, fragte ich Jemand, wie befindet ſich Ihre Frau Gemahlin? Sie erweiſen ihr viel Ehre. Aber ich bitte Sie, mein Herr, wie kann wohl von Ehre die Rede ſein, wenn man ſich nur nach der Geſund⸗ heit erkundigt? Ich ſehe im bois de Boulogne einen jungen Mann, welcher ſein Pferd, das er nicht beherrſcht, Sprünge machen Pläßt⸗ und welcher endlich abgeworfen wird. Ich halte das Pferd und eile dem jungen Manne zu Hülfe und helfe Hat ſich der Herr Schaden gethan? O, ich danke, mein Herr, im Gegentheil. Was Teufel, im Gegentheil! Sie haben ſich alſo wohl⸗ gethan? Dann machen Sie es doch noch einmal Und tauſendfacher ähnlicher Unſinn. Aber das iſt der Geiſt der Sprache. Ich war eines Tages und zum erſtenmale bei der Prä⸗ *) Je croyais, monsieur qu'il fallait mettre le vi devant. — Non, mademoiselle, nous le mettons derrière. Um ſich übrigens das Gelächter und die Zweideutigkeit erklären zu können, muß man an vit denken, welches Unkundige im Lexikon nachſu⸗ chen mögen. 3 4 IV. 11 6 11 4 3 1 4 3 f 5 9 6 4 a 8 8 99 n 1 1 4 4 162 ſidentin von N.; ihr Neffe, ein glänzender Stutzer, kam dazu, und ſie ſtellte mich vor, indem ſie ihm meinen Namen und mein Vaterland nannte. Wie, mein Herr, Sie ſind Italiäner? Meiner Treu, Sie präſentiren ſich ſo gut, daß ich gewettet hätte, Sie wä⸗ ren ein Franzoſe. Als ich Sie ſah, mein Herr, war ich derſelben Gefahr ausgeſetzt; ich hätte gewettet, Sie wären ein Italiäner. Ich ſpeiſte in zahlreicher und glänzender Geſellſchaft bei Lady Lambert zu Mittag. Man wurde auf einen Karneol aufmerkſam, welchen ich am Finger trug, und in welchem mit großer Kunſt der Kopf Ludwigs XV. eingegraben war. Mein Ring ging um den Tiſch herum, und jeder fand die Aehnlichkeit außerordentlich. Eine junge Marquiſe, welche im Rufe ſtand, ſehr geiſt⸗ reich zu ſein, fragte mich mit der ernſteſten Miene: Iſt dies wirklich eine Antike? Der Stein gewiß, Fräulein. Alles lachte, ausgenommentdie liebenswürdige Zerſtreute, welche nicht Acht darauf gab. Beim Deſſert wurde vom Rhinoceros geſprochen, welches fuͤr vierundzwanzig Sous auf der Meſſe von St. Germain gezeigt wurde. Wir wol⸗ len es ſehen! Wir wollen es ſehen! Wir ſteigen in den Wa⸗ gen und kommen an. Wir gehen durch verſchiedene Gänge, um den Ort zu ſuchen. Ich war der einzige Cavalier; ich ſchützte zwei Damen gegen die Menge und die geiſtreiche Marquiſe ging vor uns her. Am Ende der Allee, wo das Thier ſein ſollte, ſaß ein Mann, um das Geld in Empfang zu nehmen. Dieſer Mann in afrikaniſchem Anzuge war al⸗ lerdings von dunkler Farbe und ungeheurer Größe; aber nichtsdeſtoweniger hatte er eine menſchliche und ſehr männ⸗ liche Form, und die ſchöne Marquiſe hätte ſich wohl nicht leicht täuſchen köͤnnen. Dennoch geht die Zerſtreute gerade auf ihn los und fragte: Sind Sie das Rhinoceros, mein Herr? Nur herein, Madame, herein. Wir platzten vor Lachen; und als die Marquiſe das Thier ſah, glaubte ſie ſich beim Herrn entſchuldigen und ihm d n ⏑—ͤ N G d*— —— Q̊ 163 verſichern zu müſſen, daß ſie in ihrem ganzen Leben noch kein Rhinoceros geſehen und daß er ſich alſo nicht beleidigt fühlen dürfe, wenn ſie ſich getäuſcht. Eines Tages ſaß ich im Foyer der italiäniſchen Ko⸗ mödie, wohin in den Zwiſchenakten die vornehmſten Herren kommen, um ſich mit den Schauſpielern zu unterhalten, welche ſich hier aufhalten, bis die Reihe an ſie kömmt, ne⸗ ben Camilla, Schweſter Carolinens, welcher ich Schmeiche⸗ leien ſagte. Ein junger Rath, welcher es übel nahm, daß ich ſie unterhielt, und welcher ſich in ſeinen Reden ſehr an⸗ maßend zeigte, griff mich wegen einer von mir über ein italiäniſches Stück ausgeſprochenen Anſicht an und machte ſeiner üblen Laune dadurch Luft, daß er meine Nation kri⸗ tiſirte. Ich antwortete ihm auf eine deſultoriſche Weiſe, in⸗ dem ich Camilla anſah, welche lachte, und die ganze Geſell⸗ ſchaft bildete einen Kreis um uns herum, um Zeuge des Kampfes zu ſein, der bis dahin nichs Unangenehmes hatte, da er nur mit geiſtigen Waffen geliefert wurde. Aber der⸗ ſelbe ſchien eine ernſthafte Wendung nehmen zu wollen, als der Stutzer das Geſpräch auf die Polizei brachte und ſagte, es wäre ſeit einiger Zeit gefährlich Nachts durch die Straßen von Paris zu gehen. Im Laufe des Monats, ſagte er, ſind auf dem Grève⸗Platz ſieben Perſonen gehängt worden, unter welchen ſich fünf Italiäner befinden. Das iſt durchaus nicht zu verwundern, verſetzte ich, denn anſtändige Leute laſſen ſich fern von ihrem Vaterlande hängen, wie denn z. B. im Laufe des vergangenen Jahres ſechszig Franzoſen zwiſchen Neapel, Rom und Venedig gehängt wurden. Fünfmal zwölf macht ſechszig, und Sie ſehen alſo, daß hier ein vollſtändiger Aus⸗ tauſch ſtattfindet. Die Lacher waren natürlich auf meiner Seite und der ſchöne Rath entfernte ſich einigermaßen ver⸗ legen. Einer der Anweſenden, welchem meine Antwort ge⸗ fallen hatte, näherte ſich Camilla und fragte ſie leiſe, wer ich wäre. So machte ſich die Bekanntſchaft. Dies war Herr von Marigni, den kennen zu lernen ich mich meines Bruders wegen freute, welchen ich von Tage zu Tage er⸗ wartete. Herr von Marigni war Oberintendant der könig⸗ lichen Bauten und die Malerakademie ſtand unter ihm. Ich 11* 1 8 8 5 — ——————;— *—————— — 85 ſprach mit ihm von meinem Bruder, und er verſprach mir gütigſt, ihn zu beſchützen. Ein anderer junger vornehmer Herr, welcher ein Geſpräch mit mir anknüpfte, bat mich, ihn zu beſuchen: dies war der Herzog von Matalone. Ich erzählte ihm, daß ich ihn als Kind vor acht Jah⸗ ren in Neapel geſehen, und daß ich gegen ſeinen Onkel Don Lelio große Verpflichtungen habe. Der junge Herzog war ſehr erfreut darüber, und wir wurden genau mit einander bekannt. Mein Bruder kam im Frühjahre 1751 nach Paris und wohnte bei Madame Querini. Er fing an mit Erfolg fuͤr Privatleute zu arbeiten, aber da ſein Hauptzweck war ein Gemälde zu vollenden, welches er dem Urtheile der Akade⸗ mie übergeben könnte, ſo ſtellte ich ihn Herrn von Marigni vor, welcher ihn mit großer Auszeichnung aufnahm und ihm ſeinen Schutz verſprach. Demgemäß legte er ſich aufs Studium und betrieb daſſelbe mich großem Eifer. Herr von Moroſtini kehrte nach Beendigung ſeiner ge⸗ ſandſchaftlichen Stellung nach Venedig zuruͤck und wurde durch Herrn von Moncenigo erſetzt. Ich war demſelben — durch Herrn v. Bragadino empfohlen, und er eröffnete mir, wie meinem Bruder ſein Haus, welchen letztern er als Ve⸗ netianer und jungen Künſtler, der durch ſein Talent Glück zu machen ſuchte, in ſeinen Schutz nahm. Herr von Moncenigo war von ſanftem Charakter; er liebte das Spiel und verlor immer, er liebte die Frauen und liebte unglücklich, weil er ſich nicht zu benehmen wußte. Zwei Jahre nach nach ſeiner Ankunft in Paris verliebte er ſich in Frau von Colande, und da er deren Liebe nicht er⸗ ringen konnte, ſo tödtete er ſich. Die Frau Dauphine kam mit dem Herzoge von Bur⸗ gund nieder, und die Luſtbarkeiten, welche bei dieſer Gele⸗ genheit ſtattfanden, ſcheinen mir jetzt unglaublich, wenn ich bedenke, was dieſelbe Nation gegen ihren König gethan hat. Die Nation will ſich frei machen, ihr Chrgeiz iſt edel, denn der Menſch iſt nicht gemacht, um ſich als Sklave dem Willen eines andern zu fuügen; aber was ſoll unter einer volkreichen, großen, geiſtreichen und wankelmüthigen Na⸗ +— d& 2—— N . 5 165 tion aus dieſer Revolution werden? Die Zeit wird es uns lehren. Der Herzog von Motalone machte mich mit den Fürſten Don Mare Anton und Don Johann Baptiſt Borgheſe bekannt, welche ihr Vergnügen in Paris ſuchten, und hier ohne Aufwand lebten. Ich hatte Gelegenheit zu bemerken, daß die römiſchen Fürſten nur den Titel Marquis erhielten, wenn ſie dem franzöſiſchen Hofe vorgeſtellt wur⸗ den. Auch den ruſſiſchen Fürſten, welche ſich dem Hofe vorſtellen ließen, wurde der Fürſtentitel verweigert: man nannte ſie Knäs, und das war ihnen ſehr gleich, da dieſes Wort Fürſt bedeutet. Der franzöſiſche Hof war immer lächerlich kleinigkeitskrämeriſch hinſichtlich der Titel. Man geizte mit der bloßen Benennung Monſieur, obwohl dieſelbe ſich auf allen Gaſſen umhertrieb; man ſagte zu jeder Per⸗ ſon, die keinen Titel hatte, nur Sieur. Ich habe bemerkt, daß der König ſeine Biſchöfe nur mit ihrem Abbé⸗Namen nannte, obwohl dieſe Herren viel auf ihren Titel gaben. Er that auch ſo, als ob er keinen vornehmen Herrn ſeines Reiches kenne, wenn der Name deſſelben nicht in die Liſte derjenigen, die ihn bedienten, eingetragen war. „Ludwig XV. beſaß übrigens keine andere Hoheit, als die, welche ihm in ſeiner Jugend eingeprägt worden war; ſie war ihm nicht natürlich. Wenn ihm ein Geſandter Je⸗ mand vorſtellte, ſo entfernte der Vorgeſtellte ſich mit der UMeberzeugung, daß der König ihn geſehen; das war aber auch Alles. Uebrigens war der König ſehr höflich, nament⸗ lich gegen die Damen und öffentlich ſelbſt gegen ſeine Mai⸗ treſſen. Wer ſich im Geringſten gegen ſie zu vergehen wagte, fiel in Ungnade und Niemand beſaß in höͤherm Grade als er die große königliche Tugend, welche man Verſtellung nennt. Da er Geheimniſſe zu bewahren verſtand, ſo freute er ſich, wenn er überzeugt zu ſein glaubte, daß Niemand anders als er ein ſolches wüßte. Der Ritter von Eon) iſt ein kleines Beiſpiel hiervon, *) Caſanova täuſcht ſich dennoch über das Geſchlecht des Ritters d'Eon, welches allerdings erſt bei ſeinem im Jahre 1810 — ꝗ—————————— — — — — — 166 denn der König allein wußte und hatte immer gewußt, daß derſelbe eine Frau wäre, und der ganze Streit, welchen der Chevalier mit dem Bureau der auswärtigen Angelegenheiten erfolgten Tode mit Sicherheit konſtatirt worden iſt. Charlotte Genoveve Louiſe Auguſte Andreas Timotheus d'Eon de Beaumont war 1728 zu Tonnerre in Burgund geboren und wurde von ſei⸗ nem Vater, einem Gerichtsrathe, in männlicher Tracht erzogen. Nach Beendigung ſeiner Studien wurde er als franzöſiſcher Geſand⸗ ſchaftsſekretair nach Rußland geſchickt, und es kann als ein Zei⸗ chen ſeiuer Befähigung betrachtet werden, daß Lndwig XV. eine geheime Correſpondenz mit ihm unterhielt. Nach Frankreich zu⸗ rückgekehrt machte er den Feldzug von 1761 als Dragoner⸗Ka⸗ pitain und Adjutant des Marſchalls Broglie mit, und bei Oſter⸗ wick griff er ein preußiſches Bataillon ſo kräftig an, daß es die Waffen ſtreckte. Nach dem Frieden begleitete er den Herzog von Nivernais als Geſandſchaftsſekretair nach London, ſetzte auch von hier aus ſeine geheime Correſpondenz mit dem König fort und war die eigentliche Seele der Geſandſchaft. Als der Herzog ſeinen Poſten bald wieder verließ, führte er als Re⸗ ſident die Geſchäfte fort und wurde, da ſich die Ankunft des neuen Geſandten verzögerte, zum bevollmächtigten Miniſter ernannt. Dieſe ſchnelle Erhöhung ſcheint dem jungen Manne den Kopf ver⸗ dreht zu haben, und als der neue Geſandte, Graf von Guerchy, ankam, entſtanden bald ſehr heftige Zerwürfniſſe zwiſchen beiden, welche ſowohl in des Geſandten Geiz wie in d'Eons Eitelkeit und Vertrauen auf den geheimen Schutz des Königs, ihren Grund hatten. Der kecke Ritter drohte ſogar dem Chef der Ambaſſade öf⸗ fentlich mit Thätlichkeiten oder vollführte ſie gar wirklich, ſo daß man einen Friedensrichter holen und ihn verhaften laſſen mußte. In Folge deſſen ward ihm der Hof verboten, und um ſich an Guerchy und deſſen Patron, dem Herzoge von Choiſeul, zu rächen, veröf⸗ fentlicht er nun die„Lettres, Mémoires et Näégociations par- ticulières du Chevalier d'Eon. Dies Buch machte ungeheures Aufſehen und würde dem Schreiber üble Folgen zugezogen haben, wenn er nicht in Ludwig XV. einen geheimen Beſchützer gefunden hätte. Man wollte ihn von London entführen und in die Baſtille bringen laſſen; aber der König warnte ihn und be⸗ willigte ihm eine Penſion von 12000 Livres, als er mit der Ver⸗ öffentlichung ſeiner geheimen Correſpondenz demſelben drohte. Aber wenn er auch gegen die Verfolgungen des Miniſteriums ge⸗ ſichert war, ſo hatte er doch noch die bittere Feindſchaft der be⸗ u 82—n* 167 hatte, war eine Komödie, welcher der König zu ſeinem Ver⸗ gnügen bis zu Ende zuſah. Ludwig XV. war groß in Allem, und er würde ohne Fehler geweſen ſein, wenn die Schmeichelei ihn nicht ge⸗ zwungen hätte Fehler zu haben. Wie hätte er aber wohl an ſeine Fehler glauben können, wenn man ihm täglich wie⸗ derholte, daß er keinen Fehler habe? König ſein war nach der Idee, welche man ihm von ſelbſt gegeben hatte, leidigten Familie Guerchy zu fürchten, und wahrſcheinlich um ſich dieſer zu entziehen, verſiel er auf das ſonderbare Auskunfts⸗ mittel, weibliche Tracht anzulegen. Da Figur und das Geſicht dieſer Metamorphoſe nicht entſchieden widerſprachen, ſo ſcheint die⸗ ſelbe allgemeinen Glauben gefunden zu haben. In London fan⸗ den viele Wetten pro et contra ſtatt, aus denen mehrfache Pro⸗ zeſſe entſtanden, welche zu Gunſten ſeiner Weiblichkeit entſchieden wurden. Im Jahre 1777 kehrte er nach Paris zurück und er⸗ ſchien hier wieder als Mann; aber ein Befehl Ludwig XVI. nö⸗ thigte ihn, die Weibertracht von neuem anzulegen. Er erſchien nun als Ritterin d'Eon in ſchwarzem Kleide mit dem Ludwigs⸗ kreuze, rächte ſich aber für die ihm aufgezwungene Weiblichkeit durch die dragonerartigſten Gebehrden, Gewohnheiten und Worte. Als eine Dame ihn aufforderte, ſittſam und beſcheiden zu ſein, antwortete die Ritterin: verſchämt zu ſein, iſt mir unmöglich! Iſt es nicht auch ſeltſam, daß ich zur Cornette(Haube und Fähn⸗ drich) degradirt worden, nachdem ich ſo lange Dragonerhaupt⸗ mann geweſen?— Im Jahre 1783 begab er ſich wieder nach England und ſcheint von hier aus mit dem Baron von Breteuil, Miniſter des königlichen Hauſes, korreſpondirt zu haben. Nach dem Ausbruch der Revolution richtete er eine Petition an die Natio⸗ nalverſammlung, worin er ſeinen Rang in die Armee wiederfor⸗ derte und erklärte, ſein Herz empöre ſich gegen ſeine Haube und ſeinen Weiberrock. Er blieb in England und kam durch den Verluſt ſeiner Penſion in ſo große Noth, daß er die ihm aufge⸗ drungene Sonderbarkeit als Erwerbsmittel benutzen mußte, indem er in weiblicher Kleidung Fechtſtunden gab. Noch 1809 glaubte der in die Geheimniſſe der franzöſiſchen Diplomatie tief einge⸗ weihte de Flaſſan, daß d'Con ein Weib ſei. Aber ſein am 21. Mai 1810 erfolgter Tod machte allen Zweifeln ein Ende; denn der Todtenſchein ergab, daß d'Eon vollſtändig ein Mann geweſen. 168 etwas zu ſehr über die bloße Menſchheit Erhabenes, als daß er ſich nicht für eine Art Gott hätte halten ſollen. Trauri⸗ ges Schickſal der Könige! Gemeine Schmeichler bieten beſtän⸗ dig Alles auf, um ſie unter den Menſchen hinunterzudrücken. Die Fürſtin von Ardore kam in dieſer Zeit mit einem jungen Fürſten nieder. Ihr Mann, welcher neapolitaniſcher Geſandter war, wünſchte, daß Ludwig XV. zu Gevatter ſtände und Ludwig XV. ging darauf ein. Er ſchenkte ſei⸗ nem Pathen ein Regiment; aber die Mutter, welche das Militair nicht liebte, nahm dies nicht an. Der Marſchall von Richelieu erzählte mir, daß er den König nie ſo herz⸗ lich habe lachen ſehen als bei der Nachricht von dieſer ſon⸗ derbaren Weigerung. Bei der Herzogin von Fulvie lernte ich Madame Gauſſin*) kennen, welche Lolotte genannt wurde. Sie *) Caſanova verwechſelt hier, denn die berühmte Lolotte hieß nicht Gauſſin, ſondern Gaucher. Die Gauſſin, eine berühmte Schauſpielerin der Comédie Française, eine Gönnerin von J. J. Rouſſeau, und von Voltaire an Geburtstagen mit Verſen begrüßt, war damals ſchon in ſtarker Abnahme. Die Gaucher dagegen, wiewohl auch der Bühne angehörig, genoß mehr eine ſentimentale Berühmtheit. Ueber dieſe und ihren Freund giebt Marmontel folgenden intereſſanten Bericht: Eine vom Grafen Kaunitz ganz verſchiedene und liebenswürdigere Perſon iſt dieſer Albemarle, engliſcher Geſandter, welcher in Paris ſtarb, ebenſo bedauert bei uns wie in England. Er war vorzugsweiſe das, was man einen galanten Mann nennt: er war edel, gefühlvoll, großmüthig, voll Ehre, Freimüthigkeit, Höflichkeit und Güte, und er vereinigte die beſten und ſchätzenswertheſten Eigenſchaften des franzöſiſchen und engliſchen Charakters in ſich. Er hatte zur Maütreſſe ein vollendetes Mädchen, dem der Neid ſelbſt nie etwas nderes vorgeworfen, als daß ſie ſich ihm hingegeben. Ich machte ſie mir zur Freundin, das ſicherſte Mittel, mir Lord Albemarle zum Freunde zu machen. Der Name dieſer liebenswürdigen Per⸗ ſon war Gaucher, und ihr Kindheits⸗ und Schmeichelname war Lolotte. Zu ihr ſagte ihr Liebhaber eines Abends, als ſie einen Stern unverwandt anblickte:„Betrachte ihn nicht ſo ſehr, meine Liebe, ich kann ihn Dir nicht geben.“ Nie hat die Liebe ſich zarter ausgebrückt. Die Liebe Mylords ehrte ih⸗ ren Gegenſtand durch die höchſte Achtung und die zärtlichſte Ehrfurcht, und er war nicht der Einzige, der dieſe Gefühle für 169 war die Maitreſſe Lord Albemarle's, des engliſchen Geſand⸗ ten, eines geiſtreichen, edlen und großmüthigen Mannes. Er ſte hatte. Da ſie eben ſo tugendhaft wie ſchön war, ſo hatte nur ein Mann ihr gefallen können, und der entſchuldigenswertheſte Irrthum, zu welchem große Jugend die Unſchuld verleitet, hatte bei ihr einen Charakter des Adels und der Ehrbarkeit angenom⸗ men, welchen das Laſter nie hat. Treue, Anſtand, Uneigennützig⸗ keit zeichneten ihre Liebe aus, und um tugendhaft zu ſein, fehlte ihr nichts als die Rechtmäßigkeit. Dieſe beiden Liebenden wür⸗ den das vollkommenſte Muſter von Ehegatten geweſen ſein. Der Charakter von Mlle. Gaucher ſprach ſich auf eine ſehr unmittelbare Weiſe in ihrer ganzen Perſon aus. In ihrer Schön⸗ heit lag etwas Romantiſches und Fabelhaftes, was man bis da⸗ hin nur in der Idee geſehen hatte. Ihr Wuchs hatte die Ma⸗ jeſtät der Ceder, die Schmiegſamkeit der Pappel; ihre Haltung war weich hingegoſſen, aber in der Nachläſſigkeit ihrer äußern Erſcheinung ſprach ſich eine gutkleidende und anmuthige Natür⸗ lichkeit aus. Nach ihrem meinem Gedächtniſſe gegenwärtigen Bilde habe ich die Alpenſchäferin gezeichnet. Eine lebendige Phantaſie und eine kalte Vernunft gaben ihrem Geiſte viel Aehn⸗ lichkeit mit dem Montaigne's; dieſer war ihr Lieblingsſchrift⸗ ſteller, welchen ſie unaufhörlich las; ihre Sprache war davon angeſteckt, ſie hatte dieſelbe Naivetät, Färbung, Hingebung und oft dieſelben energiſchen Wendungen und kräftigen Ausdrücke. Soweit es möglich iſt, von einer Frau eingenommen zu ſein, ohne ſich in ſie zu verlieben, ſoweit war ich es in dieſe. Nächſt der Unterhaltung Voltaire's war die ihrige die anziehendſte für mich. Wir wurden innigſte Freunde, ſobald wir uns kennen ge⸗ lernt hatten. Sie verlor Lord Albemarle; er hatte ihr, glaube ich, 2000 Thlr. Rente ausgeſetzt; das war ſein ganzes Vermögen. Ihr Schmerz über ſeinen Tod war tief, aber muthig; und indem ich mit ihr trauerte, bemühte ich mich, ihr im anſtändigen Er⸗ tragen ihres Unglücks beizuſtehen. Alle Freunde Mylords waren die ihrigen; ſie blieben ihr alle treu. Der Herzog von Biron, der Marquis de Caſtries und einige andere deſſelben Standes bil⸗ deten ihre Geſellſchaft. Glücklich wäre ſie geweſen, wenn ſie in einer ſo angenehmen und ſie befriedigenden Stellung geblieben und nicht durch eine Art Verhängniß in einen Stand getreten wäre, welcher nicht der ihrige war. Ihre Geſundheit war ſchwächer geworden; man wurde un⸗ ruhig und rieth ihr die Bäder von Barréège an. Auf ihrer Hin⸗ 170 beklagte ſich eines Abends gegen ſeine Freundin, daß ſie die Schönheit der Sterne am Firmament lobe, da ſie doch wiſſe, und Rückreiſe durch Montauban wurde ſie vom Commandanten Grafen von Hérouville mit großer Auszeichnung aufgenommen, und als ſie wieder in Paris anlangte, empfing ſie von demſelben einen etwa folgendermaßen lautenden Brief:„Ich bin vergiftet. Meine ganze Dienerſchaft iſt es ebenfalls. Kommen Sie, Fräu⸗ lein, kommen Sie mir zu Hülfe und bringen Sie einen Arzt mit. Ich habe nur zu Ihnen Vertrauen.“ Sie reiſte mit einem ge⸗ ſchickten Arzte ab, und Herr von Hérouville wurde gerettet. Er hatte ſchon für ſie einen Enthuſiasmus gefaßt, welcher bei Grei⸗ ſen mit lebhaftem Kopfe der Liebe ſehr nahe kömmt. Der Dienſt, welchen ſie ihm erwieſen, ſteigerte denſelben noch. Er hatte ge⸗ ſehen, wie ſie an der Spitze ſeines Haushalts Ordnung und Ruhe wiederhergeſtellt, ſeine Leute, denen der Grünſpan die Eingeweide zerriß, wieder mit Hoffnung erfüllt, ſie beruhigt, und wie ſie in moraliſcher Hinſicht das gethan, was der Doktor Malome als Arzt gethan. So viel Eifer und Muth erfüllten ihn mit Be⸗ wunderung, und ſobald er außer Gefahr war, wußte er ihr ſei⸗ nen Dank nicht beſſer auszudrücken, als indem er wie Medor zu Angelica ſagte: Vous servir est ma seule envie: Pen fais mon espoir le plus doux. Vous m'avez conservé la vie; Je ne la chéris que pour vous. Sie war vernünftig genug, um ſeinen dringenden Bitten zunächſt zu widerſtehen; aber ſie hatte die Schwäche, denſelben endlich nachzugeben, jedoch unter der Bedingung, daß ihre Ehe geheim bliebe; ſie blieb es einige Zeit; aber ſie wurde Mutter, und nun wurde dieſelhe veröffentlicht. Das einzig vernünftige Benehmen, welches beide hätten beobachten können(und dieſen Rath gab ich meiner Freundin), würde darin beſtanden haben, daß ſie ſich auf eine Geſellſchaft von ihnen ausgewählter Männer beſchränkt hätten, daß ſie die⸗ ſelbe angenehm und wo möglich auch für Frauen anziehend ge⸗ macht hätten, oder letztere entbehrt und ſo gethan hätten, als ob ſte dies gar nicht bemerkten. Frau von Hérouville ſah wohl ein, daß dies das einzige paſſende Benehmen war. Aber ihr Gemahl, der ſie gern produciren wollte, ſuchte der Meinung Gewalt anzu⸗ thun. Unglückliche Unklugheit! er hätte wiſſen müſſen, daß dieſe Meinung mit dem höchſten Intereſſe der Frauen zuſammenhing, und daß dieſe, ſchon gereizt, daß die filles ihnen ihre Männer ͤ 1? INMv 171 daß er ihr dieſelben nicht ſchenken könne. Wäre Lord Al⸗ bemarle Geſandter in Frankreich zur Zeit des Bruches zwi⸗ ſchen Frankreich und England geweſen, ſo würde er Alles beigelegt haben, und der unglückliche Krieg, in welchem Frankreich Kanada verlor, würde nicht ſtattgefunden haben. Es iſt nicht zu bezweifeln, daß das gute Einverſtändniß zwiſchen zwei Nationen meiſtentheils von den Geſandten abhängt, welche ſie an den Höfen unterhalten, die in der Lage oder der Gefahr ſind ſich zu entzweien. Was die Maitreſſe dieſes edlen Lords anbetrifft, ſo herrſchte über ſte nur eine Meinung. Sie hatte alle Eigen⸗ ſchaften, um ſeine Gemahlin zu werden, und die erſten Häuſer Frankreichs hielten den Titel Milady Albemarle nicht für nöthig, um ſie mit Auszeichnung zu empfangen, und keine Dame war verletzt, wenn ſie ſich neben ſie ſetzte, obwohl ſie nur Maitreſſe des Lords war. Sie war aus und Liebhaber entriſſen, feſt entſchloſſen waren, nicht zu dulden, daß dieſelben auch ihren Stand uſurpirten und ſich deſſen in ih⸗ rer Mitte erfreuten. Er ſchmeichelte ſich, daß ein ſo ſchöner Cha⸗ rakter, ein ſo ſeltenes Verdienſt, ſo viele ſchätzenswerthe Eigen⸗ ſchaften, ſo viel Anſtändigkeit und Tugend ſelbſt in ihrer Schwäche die letztere in Vergeſſenheit bringen würden. Er wurde auf eine grauſame Weiſe aus ſeinem Irrthume geriſſen. Sie erfuhr De⸗ müthigungen und ſtarb vor Schmerz darüber.“ Ueber die Behandlung, welche der frühern Maitreſſe zu Theil wurde, finden wir bei der Marquiſe von Créqui folgenden Zug: „Man bemerkte dennoch Herrn von Hérouville neben einer ſchö⸗ nen, ſehr geputzten Perſon, und ſobald man erfahren, daß es ſeine Frau wäre, entſtand ein allgemeiner Aufſtand im quartier des Crussol(in dem Theile des Saales, wo der Hofadel, die Her⸗ zogin von Uſſez an der Spitze, ſich gruppirt hatte). Die Herzo⸗ ginnen von Uſſez, la Vallière und Chaſtillon ſtanden auf, grüß⸗ ten und entfernten ſich, ohne etwas zu ſagen; Frau von Coislin ſchrie laut, während ſie flüchtete; Frau von Beauvau machte ſich aus dem Staube, die von Rohans flohen und die abſcheuliche Marquiſe von Puyſieulr fand Gelegenheit, der kleinen Hündin von Madame Molé, welche ſie Lolotte nannte, einen Fußtritt zu geben und ihr zu ſagen, ſie möchte ſich aus dem Wege ſcheeren und hinter den Leuten verbergen, wobei ſie noch hinzufügte, daß Thiere dieſer Art ſich überall eindrängten.“ 172 den Armen ihrer Mutter in die des Lords im Alter von dreizehn Jahren übergegangen und ihr Benehmen war ach⸗ tungswerth. Sie bekam Kinder, welche Mylord anerkannte und ſtarb als Gräfin von Eronville. Ich werde ſpäter von ihr ſprechen. Ich hatte bei Herrn von Moncenigo auch Gelegenheit, die Bekanntſchaft einer venetianiſchen Dame zu machen, der Witwe des Engländers Winne. Sie kam von London mit ihren Kindern, und hatte dorthin reiſen müſſen, um den⸗ ſelben die Erbſchaft ihres verſtorbenen Gatten zu ſichern, auf welche dieſelben alles Anrecht verloren haben würden, wenn ſie ſich nicht zur anglikaniſchen Kirche bekannt hätten. Sie kehrte zufrieden mit ihrer Reiſe nach Venedig zurück. Sie hatte ihre älteſte Tochter bei ſich, ein junges Mädchen von zwölf Jahren, welches trotz ſeiner Jugend ſchon alle Merkmale der vollkommenſten Schönheit zeigte. Sie lebt jetzt in Venedig als Witwe des Grafen von Roſenberg, der als Geſandter Maria Thereſia's in Venedig geſtorben iſt. Sie glänzt hier durch ihr weiſes Benehmen und durch alle geſellſchaftlichen Tugenden, welche ſie auszeichnen. Nie⸗ mand findet einen andern Fehler als den, daß ſie nicht reich iſt; aber ſie wird dies nur dadurch gewahr, daß ſie nicht alles Gute thun konnte, was ſie wollte. Der Leſer wird im folgenden Kapitel ſehen, wie ich mit der franzöſiſchen Juſtiz zuſammenkam. Einunddreißigſtes Kapitel. Ich bekumme mit der pariſer Juſtiz zu ſchalfen.— Fräulein Veſian. Die jüngſte Tochter meiner Wirthin Madame Quinſon, ein junges Mädchen von funfzehn bis ſechszehn Jahren, kam oft ungerufen zu mir. Ich bemerkte bald, daß ſie mich liebte; und ich würde mich lächerlich gemacht haben, wenn 4* 3. 173 ich gegen eine pikante, lebendige, liebenswürdige Brunette, welche eine entzückende Stimme hatte, den Grauſamen ge⸗ ſpielt hätte. Während der erſten vier oder fünf Monate kamen zwiſchen uns beiden nur Kindereien vor; als ich aber eines Nachts ſpät nach Hauſe kam und ſie auf meinem Bette in tiefem Schlafe fand, glaubte ich ſie nicht wecken zu müſſen und legte mich neben ſie. Sie verließ mich erſt mit Tages⸗ anbruch. Es waren noch nicht drei Stunden verfloſſen, ſeitdem Mimi mich verlaſſen hatte, als eine Modehändlerin mit einem reizenden Mädchen zu mir kam und mich um ein Frühſtück bat. Ich fand das junge Mädchen eines Früh⸗ ſtückIs ſehr werth, da ich aber der Ruhe bedurfte, ſo bat ich ſie, ſich zu entfernen, nachdem ich mich eine Stunde mit ihnen unterhalten. Als ſie fortgegangen waren, kam Ma⸗ dame Quinſon mit ihrer Tochter, um mein Bett zu machen. Ich ziehe meinen Schlafrock an und fange an zu ſchreiben. Ach, die liederlichen Vetteln! rief die Mutter aus. Gegen wen ſind Sie ſo böſe, Madame? Das Räthſel iſt nicht ſchwer zu löſen: die Betttücher ſind gänzlich beſchmutzt. Das thut mir leid, liebe Frau, aber wechſeln Sie die⸗ ſelben und das Uebel wird wieder gut gemacht ſein. Sie geht keifend und drohend hinaus: Wenn ſie noch einmal kommen, ſo ſollen ſie etwas erleben. Als Mimi allein bei mir war, machte ich ihr wegen ihrer Unbeſonnenheit Vorwürfe. Sie antwortete lachend, die Liebe habe dieſe Frauenzimmer hergeſchickt, um die Un⸗ Denke Du daran. G * —— 174 Woran ſoll ich denken? Komme was da wolle; ich bin entſchloſſen an nichts zu denken. Im ſechsten Monate wurde di die Mutter, welche über die Tha 5 Iwei⸗ fel ſein konnte, in Wuth geriet d ſeredghee zwang, den Vater anzugeben.“ Mimi nc g vielleicht nicht. Als Madame Quinſon dieſe Entdeckung gemacht hatte, ſtürzte ſie wie eine Furie zu mir. Sie wirft ſich in einen Lehnſtuhl, und nachdem ſie wieder Athem geſchöpft, über⸗ häuft ſie mich mit Schmähungen und bedeutet mir, daß ich ihre Tochter heirathen müſſe. Da ich nach dieſer Auffor⸗ derung wußte, um was es ſich handelte und ich der Sache bald ein Ende machen wollte, ſagte ich, ich wäre in Italien verheirathet. Und warum haben Sie denn mein 2 verſichere Ihnen, daß ich dieſe Abſicht.nicht gehabt. Wer ſagt. Ihnen übrigens, daß ich es gemacht? Sie ſelbſt, mein Hexx, und ſie weiß es gewiß. Ich wünſche ihr Glück dazu, aber ich verſichere Ihnen, daß ich beſchwören kann, daß ich es nicht gewiß weiß. Alſo? Alſo nichts. Wenn ſie fommen. 5 — t Flüchen und Drohungen geht ſie ab, und dh folgenden Tage werde ich vor den Viertels⸗Kommiſſarius citirt. Ich folge der Citation und finde hier die Frau Quinſon mit allen Beweisfeih, nin Nach den vorläufigenr Fkagen welche in der Rabu⸗ liſterei einmal üblich ſind, fragte mich der Kommiſſarius, ob ich zugeſtanden, der Jungfer Quinſon die Schande an⸗ dechan zu haben, über welche die anweſende Mutter Klage ühre. 4 Wollen Sie gefälligſt, Herr Kommiſſarius, die Ant⸗ wort, welche ich Ihnen erkheilen werde, Wort für Wort niederſchreiben? 1 Sehr wohl. e wird ſie nieder ☛ n— 175 Ich habe Mimi, Tochter der Klägerin, keine Schande angethan, und ich beziehe mich auf die Jungfer ſelbſt, welche für mi ändig ebenſo freundlich geſinnt geweſen iſt wie ich fuͤr ſie. zis erklärt ſchmanger von Ihnen zu ein.— Fs iſt ffffſch, aberFcmeefffe. Sie ſagt, daß es ausgemacht iſt und ver chert, d keinem andern Manne als mit Ihnen Umgang gehabt zu haben. 1. Wenn das wahr iſt, ſo iſt es unglücklich, denn in die⸗ ſem Falle kann ein Mann nur ſeiner eigenen Frau glauben. Was haben Sie ihr gegeben, um ſie zu verführen? Nichts, denn weit entfernt ſie verführt zu haben, bin ich vielmehr durch ſie verführt worden, und wir waren augenblichlch einderſtanden, denn für eine hübſche Frau bin ich leicht zu erführen. 5 ührt? * 2 kümmert 3 Ihre Mutter verlangt Genugthuung, und das Geſetz verurtheilt Sie. Ich habe der Mutter keine Genugthuung zu geben, und das Geſetz betrifft, ſo werde ich mich demſelben unter⸗ ee ich daſſelbe kennen gelernt und die Ueberzeu⸗ ghung erlangt haben werde, daß ich es überſchritten. Sie ſind deſſen ſchon überführt; denn glauben Sie, daß ein Mann, welcher einem anſtändigen Mädchen in einem Hauſe, wo er wohnt, ei macht, nicht die Geſetze der Geſellſchaft übertritt? Me Ich gebe es zu, wenn die Mutter betrogen wird; wenn aber die Mutter ſelbſt das Mädchen in das Zimmer eines jungen Mannes ſchickt, ſoll man dann nicht glauben, daß ſie geneigt iſt, alle Folgen, welche daraus entſtehen können, ruhig zu ertragen? Sie hat ſie Ihnen nur zugeſchickt, um Sie zu be⸗ dienen. Auch hat ſie mich bedient wie ich ſie bedient habe; 8 1 und wenn ſie ſie mir dieſen Abend zuſchickt und. Mi ufrieden iſt, ſo werde ich ſie nach beſten Krälten bedtenen: aber nichts uik Wewalt oder außer meinem Zimmer, welches ich die Miethe immer pünktlich bezahlt habe. Sie mögen ſagen, was Sie wollen, aber Sie müſſen die Strafe zahlen.. Ich werde nur das ſagen, was ich für Recht halte und werde nichts bezahlen; denn es iſt nicht möglich, daß man eine Geldſtrafe zahle, wenn man kein Recht verletzt hat. Wenn man mich verurtheilt, werde ich bis zur letzten In⸗ ſtanz und bis man mir Gerechtigkeit widerfahren läßt, re⸗ klamiren; denn, mein Herr, ich weiß, daß, ſo wie ich nun einmal bin, ich nie die Grobheit oder Niederträchtigkeit be⸗ gehen werde, meine Liebkoſungen einer hübſchen Frau zu verſagen, welche mir gefällt und mich in meinem eigenen Zimmer dazu herausfordert, und namentlich, wenn ich ſicher zu ſein glaube, daß ſie nur mit Einwilligung ihrer Mutter kömmt. Ich unterzeichnete das Verhör, nachdem ich es zuvor geleſen, worauf ich wegging. Am nächſten Tage ließ mich der Polizei⸗Lieutenant rufen and nachdem er mich ſo wie die Mutter und Tochter gehört, ließ er mich frei ausgehen und verurtheilte die Mutter zu den Koſten. Das hinderte mich freilich nicht, den Thränen Mimi's nachzugeben und die Mutter während ihres Wochenbettes ſchadlos zu halten. Sie bekam einen Sohn, welcher zum Beſten der Nation ins Findelhaus geſchickt wurde. Mimi floh bald darauf aus dem mütterlichen Hauſe, um auf dem Theater der St. Lau⸗ rentius⸗Meſſe aufzutreten. Da ſie nicht bekannt war, ſo ward es ihr nicht ſchwer, einen Liebhaber zu finden, der ſie für eine Jungfer nahm. Ich fand ſie ſehr hübſch. Ich wußte nicht, ſagte ich zu ihr, daß Du muſikaliſch wäreſt. 4 Ich bin es, wie alle meine Kamaradinnen, von denen 1 keine eine einzige Note kennt. Die Choriſtinnen in der Oper verſtehen nicht mehr; nichts deſto weniger ſingt man zum Entzücken, wenn man Stimme und Geſchmack hat. Ich forderte ſie auf, Patu, der ſie reizend fand bei — — — 8—— 177 ſichzum Abend ſpeiſen zu laſſen. Sie nahm ein ſchlechtes Ende und verſchwand. In dieſer Zeit erhielten die Italiäner die Erlaubniß, auf ihrem Theater Parodieen von Opern und Tragödien aufzuführen. Ich lernte auf dieſem Theater die berühmte Chantilly*) kennen, welche Maitreſſe des Marſchalls von —ʒ—ʒ———˖—˖ õ———— 6 *) Ueber dieſe meldet Grimm Folgendes vom Jahre 1772: Das Theater der italiäniſchen Komödie hat ſo eben eine berühmte Schauſpielerin verloren, Madame Favart, welche in den letzten Tagen an einem Geſchwür in der Gebärmutter geſtorben iſt, einer ſchmerzlichen und grauſamen Krankhekt. Sie hat während ihrer ganzen Leidenszeit viel Geduld und Ausdauer gezeigt. Als ſie ſich eines Tages von einer langen Ohnmacht erholte, bemerkte ſie unter denen, welche ihre Gefahr um ſie verſammelt hatte, einen ihrer Nachbaren in einem ſehr grotesken Aufzuge; ſie fing an zu lächeln und ſagte, ſie habe den Bajazzo des Todes zu ſehen ge⸗ glaubt: ein charakteriſtiſches Wort im Munde einer ſterbenden Theaterprinzeſſin. Nie konnten die Prieſter ſie bewegen, auf das Theater zu verzichten. Sie ſagte, ſie könnte nicht mit aufrichti⸗ gem Herzen darauf verzichten und zog es vor, die Sakramente zu entbehren. Als ſie ſich aber dem Tode nahe fühlte, ſagte ſie: „Nun es ſo kömmt, verzichte ich allerdings darauf.“ Das war ihr letztes Wort. Madame Favart war etwa funfzig Jahre alt, als ſie ſtarb; ſie war eine ſchlechte Schauſpielerin; ſie hatte eine ſchneidende Stimme, gemeines und unedles Spiel; ſie war nur in chargirten Rollen erträglich, und auch in dieſen nicht lange. Sie ſpielte ausgezeichnet die Savoyarde, welche das Murmelthier Zeigte; das war ihr ganzes Talent; dadurch hatte ſie auf dieſem Thater bei ihrem Debut im Jahr 1749 Glück gemacht. Sie nannte ſich damals Frau von Chantilly; ſie tanzte und ſang, und ihr Tanz in Holzſchuhen verdrehte ganz Paris den Kopf. Sie ging damals aus der Komödiantentruppe hervor, welche der große Moritz von Sachſen beſtändig hinter ſeiner Armee herführte. Die große Berühmtheit der Frau von Chantilly datirte von der großen Leidenſchaft, welche ſte dieſem Helden eingeflößt und für welche ſie nicht empfänglich war. Der Held ganz Frankreichs, der Sieger von Fontenoy und Laufeldt liebte zum Tollwerden ein kleines Geſchöpf, welches in Verzweiflung war, daß es für Geld ſeine Maitreſſe ſein mußte, weil ein Paſtetenbäckerfunge Namens Favart, der ſeinem Meiſter entlaufen war, um Chanſons und ko⸗ miſche Opern nach der damaligen Mode zu machen, ihr den Kopf IV. 12 178 Sachſen geweſen war und welche Favart genannt wurde, weil der Dichter dieſes Namens ſie geheirathet hatte. In der Parodie Thétis et Pelée von Fontenelle ſang ſie die verdreht hatte. Der Paſtetenbäckerjunge entführte dem Marſchall von Sachſen ſeine Maitreſſe und entfloh mit ihr während der Be⸗ lagerung von Maſtricht. Die Nacht, in welcher ſie entwichen, war offenbar ſehr ſtürmiſch, denn die Communicationsbrücken zwi⸗ ſchen der Armee des Marſchalls und dem Corps Löwendals, wel⸗ ches jenſeit des Fluſſes ſtand, wurden fortgeriſſen, und man fürch⸗ tete, daß die Feinde dies benutzen könnten, um ſich auf dieſes Corps zu werfen und es zu vernichten. Dumesnil, welchen man damals den ſchönen Dumesnil nannte, und welchen wir an ſeiner Expedition gegen das Parlament von Grenoble haben ſterben ſe⸗ hen, tritt früh Morgens beim Marſchall ein; er findet ihn auf ſeinem Bette ſitzend, mit zerzauſten Haaren und in der Aufregung des höchſten Schmerzes; er unternimmt es, ihn zu tröſten.„Das Unglück iſt ohne Zweifel groß, ſagt Dumesnil, aber es läßt ſich noch gut machen.“„Ach, mein Freund, antwortet der Marſchall, es giebt keine Hülfe; ich bin verloren!“ Dumesnil fährt fort, ſei⸗ nen geſunkenen Muth aufzurichten, und ihn wegen des Vorfalls in der Nacht zu beruhigen.„Er wird, ſagt er, vielleicht nicht die gefürchteten Folgen haben.“ Der Marſchall fährt fort, zu raſen und ſich für einen verlornen Menſchen zu halten. Nach Verlauf einer Viertelſtunde bemerkt er endlich, daß die Reden Dumesnils ſich auf die fortgeriſſenen Brücken bezogen.—— „Aber wer ſpricht denn, ſagt er, von den verdorbenen Brücken; das iſt ein Uebelſtand, dem ich in drei Stunden abhelfen werde. Aber die Chantilly! ſie iſt mir entführt!“ Der Held, dem die wich⸗ tigſte Operation nie eine ſchlafloſe Stunde gemacht hatte, war außer ſich und in Verzweiflung, weil eine jämmerliche Courtiſane ihn verlaſſen! Nach ihrem Debut in Paris heirathete das kleine Geſchöpf wirklich den Paſtetenbäckerjungen, der Schriftſteller und Dichter geworden war, und ging mit ihm, wenn ich nicht irre, nach Lothringen. Der große Moritz, gereizt durch einen Wider⸗ ſtand, den er noch nirgends gefunden, hatte die Schwäche, einen Verhaftsbefehl zu fordern, um einem Manne ſeine Frau zu ent⸗ reißen und dieſelbe zu zwingen, ſeine Concubine zu bleiben, und merkwürdig genug, dieſer Verhaftsbefehl würde bewilligt und aus⸗ geführt. Die beiden Gatten beugten ſich unter das Joch der Nothwendigkeit, und die kleine Chantilly war zugleich Favarts Frau und Moritz's von Sachſen Maitreſſe. Sie verurſachte ſogar ————— O A&———— „ 179 Rolle der Tonton unter lautem Beifall. In ihre Anmuth und ihr Talent verliebte ſich ein Mann von größtem Ver⸗ dienſt, der Abbé Voiſenon, mit welchem ich ebenſo genau wie mit Crébillon bekannt wurde. Alle Stücke dieſes Theaters, für deren Verfaſſerin Madame Favart gilt, und welche ihren Namen führen, ſind von dieſem berühmten Abbé, welcher nach meiner Abreiſe von Paris in die Aka⸗ demie gewählt wurde. Von mir glaubte der Abbé, daß ich Oratorien in Verſen machen könnte; ſie wurden zuerſt in den Tuilerieen an den Tagen geſungen, wo die Theater der Religion wegen geſchloſſen ſind. Dieſer liebenswürdige Abbé, geheimer Verfaſſer mehrerer Komödien, hatte nur eine ſchwache Geſundheit und einen ſehr dürftigen Körper; er war ganz Geiſt und Artigkeit und berühmt durch ſeine ſchlagenden und ſchneidenden Witze, welche indeß Niemand beleidigten. Es war unmöglich, daß er Feinde hatte, denn ſeine Kritik ſtreifte nur an der Oberfläche der Haut hin. Als er eines Tages von Verſailles kam, und ich ihn fragte, was es Neues gäbe, ſagte er: Der König gähnt, weil er morgen ins Parlament gehen muß, um ein lit⸗de- justice zu halten. Warum nennt man das ein lit-de-justice? Ich weiß keinen andern Grund als, weil die Gerech⸗ tigkeit darin ſchläft. Ich habe das lebende Portrait dieſes berühmten Schrift⸗ den Tod des Helden im folgenden Jahre. Die Geſchichte meldet, daß ſie ſpäter den berühmten Liebhaber durch einen kleinen ſchwind⸗ ſüchtigen Abort, Abbé Voiſenon genannt, erſetzte. Offenbar war es das Geſchick des ſtolzen Sachſen, welcher mit den Waffen in der Hand nie eine Niederlage erlitt, daß ihm Versmacher als Ne⸗ benbuhler in der Liebe vorgezogen wurden. Wenigſtens berichtet die Geſchichte, daß er auch auf Marmontel eiferſüchtig wurde, als er Fräulein von Navarre liebte, welche ſpäter einen Marquis Mi⸗ rabeau heirathete, einen Bruder des Menſchenfreundes, und welche darauf aus Verzweiflung über die Verfolgungen der gegen ihren Mann gereizten Familie ſtarb. Dieſe Mesalliancen und die Fol⸗ gen derſelben bewogen den Marquis von Mirabeau ſein Vater⸗ land zu verlaſſen. 12* 180 ſtellers in Prag in der Perſon des Grafen Franz Hardig, jetzt bevollmächtigten Miniſters des Kaiſers am ſächſiſchen Hofe, wieder gefunden. Der Abbé Voiſenon ſtellte mich Fontenelle vor, wel⸗ cher 83 Jahre alt war. Dieſer Schöngeiſt, liebenswürdige Gelehrte und tiefe Phyſiker, welcher durch ſeine bon mots berühmt war, konnte kein Compliment machen, ohne es mit Geiſt und verbindlichen Worten zu würzen. Ich ſagte ihm, ich käme eigens aus Italien, um ihn zu ſehen. Geſtehen Sie, mein Herr, antwortete er, daß Sie lange auf ſich ha⸗ ben warten laſſen. Eine zugleich verbindliche und kritiſi⸗ rende Antwort, welche auf eine geiſtreiche und feine Weiſe das Lügneriſche meines Compliments hervorhob. Er ſchenkte mir ſeine Werke und fragte mich, ob ich an den franzöſi⸗ ſchen Schauſpielern Geſchmack fände; ich ſagte, ich hätte in der Oper Thétis et Pelée geſehen? Dieſes Stück war von ihm, und als ich es lobte, antwortete er, es wäre eine téte pelée.*) Ich war geſtern im Théater Français, man gab Athalie. Es iſt das Meiſterwerk Racine's und Voltaire hat Un⸗ recht, wenn er mir Schuld giebt, ich hätte es kritiſiren wollen, und er mir ein Epigramm zuſchreibt, von dem man nie den Verfaſſer kennen gelernt hat. Ich habe ſagen hören, Herr von Fontenelle wäre der zärtliche Freund von Frau von Tencin geweſen, aus deren Umgang d'Alembert entſproſſen, und Le Rond wäre nur der Pflegevater geweſen.**) Ich lernte d'Alembert bei Frau von Graffigni kennen. Dieſer große Philoſoph beſaß das Ge⸗ heimniß, nicht gelehrt zu ſcheinen, wenn er in Geſellſchaft lie⸗ benswürdiger Perſonen war, welche auf Wiſſenſchaften und G— — * — *) Kopf ohne Haare.— **) Nach Grimm war d'Anabert ein Sohn von Deſtouches und der Aebtiſfin de Tenein, und wurde als Findling auf den Stufen der Kirche St. Jean le Rond ausgeſetzt, weswegen er zu⸗ erſt den Namen le Rond führte. 3 181 Künſte keinen Anſpruch hatten, und er beſaß die Kunſt, de⸗ nen, die ſich mit ihm unterhielten, Geiſt zu geben. Als ich das zweitemal nach meiner Flucht aus den Bleidächern nach Paris kam, war es für mich ein Freu⸗ denfeſt, den liebenswürdigen und ehrwürdigen Fontenelle wiederzuſehen; aber er ſtarb vierzehn Tage nach meiner An⸗ kunft im Anfange des Jahres 1757. Als ich das drittemal nach Paris zurückkehrte, mit der Abſicht, hier mein Leben zu beſchließen, rechnete ich auf d'Alemberts Freundſchaft;; aber er ſtarb wie Fontenelle vier⸗ zehn Tage nach meiner Ankunft, gegen Ende des Jahres 1783. Jetzt fühle ich wohl, daß ich Frankreich und Paris zum letztenmale geſehen habe. Die Volksaufregung hat mich abgeſchreckt, und ich bin zu alt, um das Ende derſelben zu erleben. Der Herr Graf von Looz,*) Geſandter des Königs von Polen und Kurfürſten von Sachſen am Hofe von Ver⸗ ſailles forderte mich 1751 auf, eine franzöſiſche Oper, in welcher ſich große Verwandlungen und Ballets, die mit dem Gegenſtande der Oper in Verbindung ſtänden, anbrin⸗ gen ließen, ins Italiäniſche zu überſetzen, und ich mäblte Zoroaſtre von Herrn von Cahuſac. Ich mußte die Worte der Muſik der Chöre anpaſſen, etwas ſehr Schwieriges. Auch blieb die Muſik ſchön, während die italiäniſche Poeſie eben nicht glänzte. Trotzdem ließ mir der großmüthige Ronarch eine goldene Doſe übergeben, und ich machte mei⸗ ner Mutter dadurch großes Vergnügen. In derſelben Zeit kam Fräulein Veſian mit ihrem Bru⸗ der nach Paris. Sie war ganz jung, gut erzogen, uner⸗ fahren unnd ſehr ſchön und liebenswürdig; ſie hatte ihren Bruder bei ſich. Ihr Vater, früͤher Offizier in franzöſiſchen Dienſten, war in Parma, ſeiner Vaterſtadt, geſtorben. Als Waiſe und ohne Erxiſtenzmittel zurückgeblieben, folgte ſie dem ihr gegebenen Rathe, Alles, was ihr Vater an Möbeln und Effekten hinterlaſſen, zu verkaufen und ſich nach Verſailles *) Bekannt als einer der drei Vicekönige, welche Brühl njach der Flucht des Hofes im Jahre 1756 zurückließ. 9 z - 9 5 182 zu begeben, um hier von der Gerechtigkeit und Güte des Monarchen eine kleine Penſion zu erlangen. Als ſie aus dem Poſtwagen ſtieg, nahm ſie einen Fiaker und ließ ſich nach dem dem Théätre-Italien nächſt gelegenen Hotel fahren. Der Zufall wollte, daß ſte im Hotel de Bourgogne abſtieg⸗ wo ich wohne. Am folgenden Tage wurde mir geſagt, daß ſich in dem Zimmer, welches an das meinige ſtieße, zwei junge, eben angekommene Italiäner befänden, Bruder und Schweſter, beide hübſch, aber mit wenig Sachen verſehen. Da ſie Ita⸗ liäner, jung, arm und neuangekommen waren, ſo waren Gründe genug vorhanden, meine Neugierde zu erregen. Ich gehe an ihre Thüre, klopfe an und ſehe einen jungen Men⸗ ſchen im Hemde mir aufmachen. Mein Herr, ſagte er, ent⸗ ſchuldigen Sie, daß ich Ihnen in dieſem Zuſtande öffne. Ich muß mich entſchuldigen. Ich komme als Nachbar und Landsmann, Ihnen meine Dienſte anzubieten. Eine auf der Erde liegende Matratze belehrte mich, daß dies das Bett wäre, in welchem der junge Mann ge⸗ ſchlafen; ein Bett im Alkoven mit einem Vorhange ließ mich errathen, daß hier die Schweſter ſchlief. Ich bitte Sie, mich zu entſchuldigen, daß ich Sie geſtört, ohne mich zu erkun⸗ digen, ob ſie aufgeſtanden wären. Sie antwortet, ohne mich zu ſehen, daß ſie ermüdet von der Reiſe wäre und deshalb etwas länger als gewöhnlich geſchlafen, daß ſie aber aufſte⸗ hen würde, wenn ich ihr Zeit dazu laſſen wollte. Ich gehe in mein Zimmer, Fräulein, und werde die Ehre haben, wiederzukommen, wenn Sie mich rufen laſſen werden. Ich wohne in jenem Zimmer. Eine Viertelſtunde darauf tritt, anſtatt mich rufen zu laſſen, eine junge und ſchöne Perſon in mein Zimmer, welche mir mit Grazie eine beſcheidene Verbeugung macht und ſagt, ſie wolle meinen Beſuch erwiedern, und ihr Bruder werde auch ſogleich kommen. Ich danke ihr, fordere ſie zum Sitzen auf und bezeige ihr die ganze Theilnahme, welche ſie mir einflößt. Ihre Dankbarkeit zeigte ſich noch mehr im Aus⸗ druck ihrer Stimme als in den Worten; und da ich ſchon ihr Vertrauen gewonnen hatte, ſo erzählte ſie mir auf eine ¶— —2—— 183 ſehr naive Weiſe aber nicht ohne eine gewiſſe Würde, ihre kurze Geſchichte, oder vielmehr ihren jetzigen Zuſtand und endete mit den Worten: Ich muß mir im Laufe des Tages eine weniger theure Wohnung verſchaffen, denn ich habe nur noch ſechs Francs. Ich fragte ſie, ob ſie ein Empfehlungsſchreiben habe und ſie zieht aus ihrer Taſche ein Paket Papiere, ſieben bis acht Beſeheinigunghen ihrer Sittlichkeit und Armuth und einen aß. Das iſt alſo Alles, was Sie haben, theure Lands⸗ männin? Ja; ich werde mich mit meinem Bruder dem Kriegs⸗ miniſter vorſtellen, und ich hoffe, daß er Mitleiden mit mir haben wird. Sie kennen Niemand? Niemand, mein Herr; Sie ſind der erſte Mann in Frankreich, welchem ich meine Geſchichte erzähle. Ich bin Ihr Landsmann; und Sie werden mir eben ſo ſehr durch Ihre Lage, wie durch Ihr Alter empfohlen. Ich will Ihr Rathgeber werden, wenn Sie es wollen. Ach, mein Herr, wie ſoll ich Ihnen danken? Gar nicht. Geben Sie mir Ihre Papiere, und ich werde ſehen, was ich thun kann. Erzählen Sie Niemand Ihre Geſchichte. Niemand darf Ihren Zuſtand erfahren, und Sie verlaſſen dies Hotel nicht. Hier ſind zwei Louis, welche ich Ihnen leihe, bis Sie im Stande ſind ſie wieder⸗ „zubezahlen. Sie nahm ſie dankerfüllt an. Fräulein Veſian war eine Brünette von ſechszehn Jah⸗ ren, intereſſant in der ganzen Ausdehnung des Wortes, ſprach gut italiäniſch und franzöſiſch, hatte Formen, anmu⸗ thiges Benehmen und einen adligen Ton, welcher ihr viel Wuͤrde verlieh. Sie erzählte mir ihre Geſchichte ohne ſich zu erniedrigen und ohne jenen Anſtrich von Furchtſamkeit, welcher aus der Furcht hervorgeht, daß der Hörer die Noth des Erzählenden mißbrauchen könne. Sie hatte weder ein demüthiges noch ein kuhnes Anſehen; ſie hatte Hoffnung und rühmte ihren Muth nicht. Ihre Haltung zeigte nichts, 184 woraus man hätte ſchließen können, daß ſie mit ihrer Tu⸗ gend paradiren wolle, obwohl ſie ein gewiſſes ſchamhaftes Ausſehen hatte, das Jedem, der ihr zu nahe treten wollte, imponiren mußte. Ich verſpürte die Wirkung an mir ſelbſt; denn trotz ihrer ſchönen Augen, ihres ſchönen Wuchſes, ih⸗ rer friſchen Farbe, ihrer ſchönen Haut, ihres Negligé, über⸗ haupt Alles deſſen, was einen Menſchen in Verſuchung bringen kann und was ſonſt die glühendſten Begierden bei z. mir entflammte, fühlte ich keine Anwandlung: ſie hatte mir ein Gefuͤhl der Achtung eingeflößt, welches mich zum Herrn über mich ſelbſt machte, und ich legte mir ſelbſt das Ver⸗ ſprechen ab, nichts gegen ſie zu unternehmen und um keinen Preis der Erſte zu ſein, welcher ſie auf einen ſchlechten Weg brächte. Ich glaube ſogar den Verſuch, ſie auszuholen, um dadurch vielleicht zu einem andern Syſteme zu kommen, auf eine andere Zeit verſchieben zu müſſen. Sie ſind, ſagte ich zu ihr, in eine Stadt gekommen, wo Ihr Schickſal ſich entwickeln muß, und wo alle ſchönen Eigenſchaften, mit de⸗ nen die Natur Sie geſchmückt, und welche geeignet ſcheinen, Ihnen den Weg zum Glück zu bahnen, die Veranlaſſung zu Ihrem Verderben werden können; denn hier, theure Lands⸗ männin, verachten die Reichen alle ausſchweifenden Mädchen, ausgenommen diejenigen, welche ihnen ihre Tugend geopfert haben. Wenn Sie Tugend haben und dieſelbe bewahren wollen, ſo bereiten Sie ſich darauf vor, großes Elend zu erdulden, falls Ihnen nicht ein außerordentlicher Zufall zu Hülfe kommt; und wenn Sie ſich über das, was man Vor⸗ urtheil nennt, völlig erhaben fühlen, wenn Sie endlich ge⸗ neigt ſind, Alles einzugehen, um ſich eine behagliche Stel⸗ lung zu verſchaffen, ſo ſehen Sie ſich wohl vor, daß Sie nicht betrogen werden. Seien Sie mißtrauiſch gegen die ſußen Worte, welche ein feuriger Mann Ihnen ſagt, um Ihre Gunſt zu erlangen; denn nach dem Genuſſe erliſcht das Feuer und Sie würden betrogen ſein. Hüten Sie ſich auch wohl, uneigennützige Empfindungen bei denen voraus⸗ zuſetzen, welche Sie beim Anblicke Ihrer Reize in Erſtaunen gerathen ſehen; dieſelben werden Ihnen falſche Münze in Fülle geben; laſſen Sie ſich aber nicht leicht zufriedenſtellen. — — „2 ., 185 Was mich betrifft, ſo bin ich überzeugt, daß ich Ihnen nichts Uebles zufügen werde und hoffe Ihnen einiges Gute erwei⸗ ſen zu können. Um Sie wegen meiner zu beruhigen, werde ich Sie behandeln, als ob Sie meine Schweſter wären, denn um Ihr Vater zu ſein, bin ich zu jung, und ich würde nicht ſo mit Ihnen ſprechen, wenn ich Sie nicht reizend fände. Unterdeß kam auch ihr Bruder. Es war ein hübſcher gutgewachſener Junge von achtzehn Jahren, aber ohne Aus⸗ druck; er ſprach wenig und ſeine Phyſiognomie ließ nicht viel von ihm erwarten. Wir frühſtückten zuſammen und als ich ihn fragte, wozu er die meiſte Neigung fühle, ant⸗ wortete er, er wäre bereit Alles zu thun, womit er auf eine anſtändige Weiſe ſeinen Lebensunterhalt verdienen könne. Haben Sie irgend ein Talent? Ich ſchreibe ziemlich gut. Das iſt etwas. Wenn Sie ausgehen, nehmen Sie ſich ſehr in Acht; betreten Sie kein Kaffeehaus und ſprechen Sie auf den öffentlichen Promenaden mit Niemand. Eſſen Sie zu Hauſe mit Ihrer Schweſter und laſſen Sie ſich ein kleines beſonderes Kabinet geben. Schreiben Sie heute etwas in franzöſiſcher Sprache, das geben Sie mir morgen und wir wollen dann ſehen. Was Sie betrifft, Fräulein, ſo ſind hier Bücher für Sie. Ich habe Ihre Papiere; mor⸗ gen werde ich Ihnen etwas ſagen können; denn wir werden uns heute nicht mehr ſehen; ich komme gewöhnlich ſpät nach Hauſe. Sie nahm einige Bücher, grüßte mich auf eine beſchei⸗ dene Weiſe und ſagte mit einem bezaubernden Tone zu mir, daß ſie unbedingtes Vertrauen zu mir habe. Da ich ſehr geneigt war ihr nützlich zu werden, ſo ſprach ich an dieſem Tage überall von ihr und ihren An⸗ gelegenheiten; und überall ſagten Männer wie Frauen, daß es ihr nicht fehlen könnte, wenn ſie hübſch wäre, daß ſie aber wohl daran thun würde, Schritte zu thun. Was den Bruder betraf, ſo verſicherte man mir, daß er in irgend einem Bureau würde untergebracht werden können. Ich war bemüht eine Frau comme il faut zu finden, welche ſie Herrn d'Argenſon vorſtellen könnte. Das war der richtige Weg, S 186 und ich fühlte mich ſtark genug, um ſie einſtweilen zu ſchützen. Ich bat Sylvia mit Frau von Monteonſeil, welche viel Einfluß auf den Kriegs⸗Miniſter hatte, davon zu ſpre⸗ chen. Sie verſprach es, wollte aber vorher die junge Dame kennen lernen. Ich kam um elf Uhr nach Hauſe, und da ich im Zim⸗ mer der jungen Perſon noch Licht ſah, ſo klopfte ich an. Sie öffnete mir mit dem Bemerken, daß ſie ſich nicht zu Bette gelegt, weil ſie gehofft, mich noch zu ſehen, und ich berichtete ihr, was ich gethan: ich fand ſie bereit zu Allem und durchdrungen von Dankbarkeit. Sie ſprach von ihrer Lage mit dem Anſtriche edler Gleichgültigkeit, welchen ſie annahm, um nicht zu weinen. Sie hielt ihre Thränen zu⸗ rück, aber ihre feuchten Augen zeigten, welche Anſtrengung es ihr koſtete, dieſelben zurückzuhalten. Wir plauderten zwei Stunden lang und ich erfuhr hierbei von ihr, daß ſie noch nie geliebt, daß ſie alſo eines Liebhabers würdig wäre, der ſie für das Opfer ihrer Tugend angemeſſen belohnen könnte. Es war lächerlich zu glauben, daß dieſe Belohnung eine Heirath ſein müßte. Die junge Veſian hatte den Fehl⸗ tritt noch nicht gethan, aber ſie war weit entfernt von der Ziererei der Mädchen, welche ſagen, ſie würden ihn um al⸗ les Geld der Welt nicht thun und welche ſich beim erſten Sturme ergeben: ſie wollte ſich nur auf eine angemeſſene und vortheilhafte Weiſe hingeben. Ich ſeufzte, als ich ihre Reden hörte, welche in Be⸗ tracht der Lage, in welche ein hartes Schickſal ſie gebracht hatte, im Grunde ſehr verſtändig waren. Ihre Aufrichtig⸗ keit entzückte mich: ich brannte. Lucia von Paſean kam mir wieder ins Gedächtniß; ich erinnerte mich meiner Reue, daß ich eine zarte Blume vernachläſſigt, welche ein Anderer, we⸗ niger Würdiger, ſich zu pflücken beeilt: ich fühlte, daß mir ein Lamm übergeben war, welches die Beute eines rei⸗ ßenden Wolfs werden konnte, ſie, die nicht für ein verwor⸗ fenes Leben erzogen war, die edle Empfindungen, eine gute Erziehung und eine Kindlichkeit hatte, welche der erſte un⸗ reine Hauch unwiederbringlich zerſtören konnte. Ich be⸗ dauerte es, daß ich ſie nicht auf dem Wege der Ehre und 187 Tugend zum Glücke führen konnte. Ich ſah wohl ein, daß ich ſie mir weder auf eine unrechtmäßige Weiſe aneignen noch ſie beſchirmen konnte; denn wenn ich mich zu ihrem Beſchützer aufwarf, ſo ſchadete ich ihr mehr als ich ihr nutzte; mit einem Worte, daß ich, anſtatt ihr zum Heraus⸗ kommen aus der unangenehmen Lage, in welcher ſie ſich be⸗ fand, behülflich zu ſein, vielmehr dazu beitragen würde, ſie völlig zu Grunde zu richten. Unterdeß ſaß ſie neben mir, und ich ſprach mit ihr auf eine gefühlvolle Weiſe, aber nicht von Liebe; indeß küßte ich ihr zu oft die Hand und den Arm, ohne zu einem Entſchluß oder zu einem Anfange zu kommen, der ſehr bald zu ſeinem Ende gelangt ſein und mich genöthigt haben würde, ſie für mich zu behalten; dann war für ſie kein Glück mehr zu hoffen, und ich hatte kein Mittel mehr, mich von ihr zu befreien. Ich habe die Frauen bis zum Wahnſinn geliebt, aber ich habe ihnen im⸗ mer die Freiheit vorgezogen; und wenn ich in Gefahr war, die⸗ ſelbe zu verlieren, wurde ich immer nur durch einen Zufall gerettet. Ich war vier Stunden bei Fräulein Veſian geblieben, velzehrt von allen Flammen der Begierde; aber ich hatte Kraft genug, um mich zu beſtegen. Sie, welche meine Mä⸗ ßigung nicht der Tugend zuſchreiben konnte, und welche nicht wußte, was mich hinderte, weiter zu gehen, mußte mich für unvermögend oder krank halten. Ich verließ ſie, indem ich ſie für den folgenden Tag zum Eſſen einlud. Wir ſpeiſten ſehr heiter und da ihr Bruder nach dem Eſſen ſpatzieren ging, ſo legten wir uns in das Fenſter und betrachteten die Wagen, welche nach dem italiäniſchen Thea⸗ ter fuhren. Ich fragte ſie, ob es ihr Vergnügen machen würde, das Theater zu beſuchen; ſie lächelte vor Freuden, und wir gingen hinein. Ich brachte ſie ins Amphitheater, wo ich ſie ließ, nach⸗ dem ich ihr geſagt, daß wir uns um eilf Uhr zu Hauſe wiederſehen würden. Ich wollte nicht bei ihr bleiben, um die Fragen, welche man in Betreff ihrer an mich hätte rich⸗ ten können, zu vermeiden. Je einfacher ihr Anzug war, deſto intereſſanter war ſie. 188 Als ich aus dem Theater kam, ſpeiſte ich bei Sylvia und ging ſodann nach Hauſe. Ich wurde durch den An⸗ blick einer ſehr eleganten Equipage überraſcht. Ich fragte, wem ſie gehöre; man antwortete mir, ſie gehöre einem jun⸗ gen Herrn, welcher mit Fräulein Veſian geſpeiſt. So war ſie alſo auf gutem Wege. Als ich am folgenden Morgen aufſtehe und ans Fen⸗ ſter trete, ſehe ich einen elegant gekleideten jungen Mann im Morgen⸗Koſtüm ausſteigen und höre ihn einen Augen⸗ blick darauf bei meiner Nachbarin eintreten. Muth! Mein Entſchluß iſt gefaßt. Ich affektirte Gleichgültigkeit, um mich ſelbſt zu täuſchen. Ich kleide mich an, und während ich meine Toilette mache, kömmt Veſian zu mir und ſagt, er wage nicht zu ſeiner Schweſter zu gehen, weil der Herr, welcher mit ihr zu Abend geſpeiſt, bei ihr ſei. Das iſt in der Ordnung, ſage ich. Er iſt reich und ſehr hübſch. Er ſelbſt will uns nach Verſailles führen und mir eine Stelle verſchaffen. Ich wünſche Ihnen Glück dazu. Wer iſt es? Ich weiß es nicht. Ich lege ſeine Papiere in einen Umſchlag und gebe ſie ihm, um ſie ſeiner Schweſter zu überbringen, ſodann gehe ich aus. Als ich um drei Uhr nach Hauſe komme, übergiebt mir die Wirthin ein Billet von Fräulein Veſian, welche ausgezogen war. Ich gehe hinauf, öffne das Billet und leſe Folgendes: „Ich gebe Ihnen das Geld wieder, welches Sie mir gegeben, und danke Ihnen. Der Graf von Narbonne in⸗ tereſſirt ſich für mich und hat gewiß nur Gutes gegen mich und meinen Bruder im Sinne. Ich werde Sie von Allem benachrichtigen, von dem Hauſe, wo ich wohnen ſoll, und wo, ſeiner Verſicherung nach, es mir an nichts fehlen wird. Ich lege den größten Werth auf Ihre Freundſchaft und bitte Sie, mir dieſelbe zu bewahren. Mein Bruder bleibt hier, und das Zimmer gehört mir für einen ganzen Monat, denn ich habe Alles bezahlt.“ Das iſt alſo, ſage ich zu mir, eine zweite Lucia von Paſean und ich bin zum zweitenmale das Opfer meines 189 albernen Zartgefuͤhls, denn ich ſehe voraus, daß der Graf ſie nicht glücklich machen wird. Ich waſche meine Hände in Unſchuld. Ich kleide mich an, um ins Théâtre-Français zu gehen, und erkundige mich nach Narbonne. Er iſt, ſagte der Erſte, den ich fragte, der Sohn eines reichen Mannes, ein großer Wüſtling und hat ungeheure Schulden. Das ſind ſchöne Nachrichten! Acht Tage laͤng beſuchte ich alle Theater und öffentlichen Orte, um den Grafen von Nar⸗ bonne kennen zu lernen; da mir dies aber nicht gelang, ſo fing ich an, das Abenteuer zu vergeſſen, als gegen acht Uhr Morgens Veſian in mein Zimmer kommt und mir ſagt, daß ſeine Schweſter in ſeinem Zimmer wäre und mich zu ſprechen wünſchte. Ich eile zu ihr und finde ſie traurig und mit rothen Augen. Sie ſagte zu ihrem Bruder, er möchte ſpatzieren gehen, und begann dann folgendermaßen: Herr von Narbonne, welchen ich für einen anſtändigen Mann hielt, weil ich einen ſolchen brauchte, ſetzte ſich neben mich an den Ort, wo Sie mich verließen; er ſagte, meine Erſcheinung intereſſire ihn und fragte mich, wer ich ſei. Ich ſagte ihm, was ich Ihnen ſelbſt geſagt. Sie verſprachen mir, ſich mit mir zu beſchäftigen; aber Narbonne ſagte, er brauche ſich nicht mit der Sache zu beſchäftigen, weil er ſelbſt etwas thun könnte. Ich glaubte ihm und wurde durch mein Vertrauen getäuſcht; er hat mich betrogen, er iſt ein Schurke. Da die Thränen ſie erſtickten, ſo ging ich ans Fenſter, um ſie ungeſtört weinen zu laſſen: einige Minuten darauf kam ich zurück und ſetzte mich neben ſie. Sagen Sie mir Alles, theure Veſian, erleichtern Sie ſich und halten Sie ſich mir gegenüber nicht für ſchuldig; denn im Grunde iſt mein Unrecht größer als das Ihrige; Sie würden nicht den Kum⸗ mer empfinden, welcher Ihnen jetzt die Seele zerreißt, wenn ich nicht die Unbeſonnenheit begangen hätte, Sie in die Komödie zu führen. Ach, mein Herr, ſagen Sie das nicht; ſoll ich Ihnen zuͤrnen, weil Sie mich für vernünftig gehalten haben? Kurz, das Ungeheuer verſprach mir ſeine ganze Theil⸗ nahme unter der Bedingung, daß ich ihm einen unzweideuti⸗ ö 190 gen Beweis meiner Zärtlichkeit und meines Vertrauens gäbe; dieſer Beweis des Vertrauens ſollte darin beſtehen, daß ich ohne meinen Bruder bei einer anſtändigen Frau in einem von ihm gemietheten Hauſe wohnen ſollte. Er beſtand dar⸗ auf, daß mein Bruder nicht mit mir käme, weil ihn die Bosheit für meinen Liebhaber hätte ausgeben können. Ich „ließ mich überreden, Ich Unglückliche! Wie habe ich mich entſchließen können, ohne Sie um Rath zu fragen? Er ſagte, die achtungswerthe Frau ſollte mich nach Verſailles führen, wo ſich auch mein Bruder einſtellen würde, um uns zuſammen dem Miniſter vorzuſtellen. Nach dem Abendeſſen entfernte er ſich mit dem Bemerken, daß er mich am näch⸗ ſten Morgen in einem Fiaker abholen würde. Er gab mir zwei Louisd'ors und eine goldene Uhr, und ich glaubte, dieſelbe von einem jungen Herrn, der mir ſo viel Theil⸗ nahme zeigte, annehmen zu können. Die Frau, welcher er mich vorſtellte, ſchien mir nicht ſo achtungswerth, wie er geſagt. Ich brachte dieſe acht Tage bei ihm zu, ohne daß er ſich zu etwas entſchloß. Er ging nach Belieben ein und aus, vertröſtete mich immer auf morgen und war morgen immer behindert. Endlich zeigte mir heute morgen die Frau an, daß der Herr aufs Land gehen müßte, daß ein Fiaker mich in meine Wohnung zurückbringen, und daß er mich daſelbſt beſuchen würde. Hierauf afefektirte ſte eine traurige Miene und ſagte, ich müßte ihr die Uhr zurückgeben, weil der Herr Graf vergeſſen, ſie dem Uhrma⸗ cher zu bezahlen. Ich gab ſie ihr augenblicklich, ohne ein Wort zu ſagen, und das Wenige, was mir gehört in mein Schnupftuch packend, bin ich vor einer halben Stunde hier⸗ her zurück gekehrt. Hoffen Sie, ihn nach ſeiner Rückkehr vom Lande wie⸗ derzuſehen? Ich, ihn wiederſehen! O, mein Gott! warum habe ich ihn je geſehen! Sie vergoß heiße Thränen und ich geſtehe, daß mich nie ein junges Mädchen ſo ſehr durch den Ausdruck ihres Schmerzes gerührt hat. Das Mitleiden verdrängte in mir die Zärtlichkeit, welche ſie mir vor acht Tagen eingeflößt 1— —————— =ASͤZ12—&——— 191 hatte. Das niederträchtige Benehmen Narbonne's empörte mich ſo ſehr, daß, wenn ich gewußt hätte, wo er zu finden geweſen wäre, ich ihn zur Rechenſchaft gezogen haben würde. Ich hütete mich wohl, das arme junge Mädchen um die ausführliche Geſchichte ihres Aufenthalts bei dem Herrn von Narbonne zu bitten; ich errieth mehr, als ich wiſſen mochte, und ich würde Fräulein Veſian gedemüthigt haben, wenn ich eine Erzählung von ihr gefordert hätte. Uebri⸗ gens war mir die Gemeinheit des Grafen ſchon dadurch erwieſen, daß er ihr eine Uhr abgenommen, welche er ihr geſchenkt und welche die arme Perſon nur zu wohl verdient hatte. Ich that mein Möglichſtes, um ihren Thränen Ein⸗ halt zu thun, und ſie bat mich, für ſie die Geſinnung eines Vaters zu haben und verſicherte mir, daß ſie nichts mehr thun würde, was ſie meiner Freundſchaft unwerth machen könnte, da ſie ſich nur von meinem Rathe leiten laſſen wollte. Wolan! meine Theure, Sie müſſen jetzt nicht nur den unwürdigen Grafen und ſein ſchändliches Benehmen gegen Sie, ſondern auch Ihren Fehltritt vergeſſen. Was geſche⸗ hen iſt, iſt geſchehen und gegen das Vergangene giebt es kein Mittel; aber beruhigen Sie ſich und nehmen Sie wie⸗ der das ſchöne Ausſehn an, welches vor acht Tagen auf ihren Zügen glänzte. Damals las man auf demſelben, die Ehrbarkeit, die Aufrichtigkeit und die edle Sicherheit, welche das Gefühl derjenigen erregt, die den Reiz derſelben kennen. Das muß wieder auf Ihrem Geſichte zu leſen ſein; denn nur dies erweckt die Theilnahme ehrenwerther Leute und Sie bedürfen derſelben jetzt mehr denn je. Was meine Freundſchaft betrifft, ſo iſt dieſe von geringem Werthe; aber Sie können jetzt um ſo mehr auf dieſelbe rechnen, als Sie einen Rechtsanſpruch darauf haben, den Sie vor acht Tagen nicht hatten. Ich bitte Sie überzeugt zu ſein, daß ich Sie nicht verlaſſen werde, ehe Sie nicht eine paſſende Stellung gefunden haben. Für den Augenblick kann ich Ihnen nicht mehr ſagen; aber verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich an Sie denken werde. Ach, mein Freund, wenn Sie mir verſprechen an mich 3. —n—“ zu denken, ſo bin ich zufrieden. Ich Unglückliche, es giebt ſonſt Niemand auf der Welt, welcher daran denkt. Sie war ſo gerührt, daß ſie ohnmächtig wurde. Ich eilte ihr zu Hülfe, ohne Jemand zu rufen, und ſobald ſie wieder zur Beſinnung gekommen war, erzählte ich ihr tau⸗ ſend wahre oder erlogene Geſchichten von den Spitzbübereien, welche in Paris die Leute Leehen die keine andere Abſicht haben als Mädchen zu betrügen. Ich erzählte ihr luſtige, um ſie zu erheitern und ſagte endlich, ſie möchte dem Himmel für ihr Zuſammentreffen mit dem Grafen von Narbonne danken; denn dies Unglück würde ſie in Zukunft vorſichtiger machen. Während dieſes langen Zwiegeſprächs wurde es mir nicht ſchwer, mich aller Zärtlichkeitsäußerungen zu enthal⸗ ten; ich faßte nicht einmal ihre Hand, denn das Gefühl, welches ich für ſie empfand, war das des zärtlichen Mitleidens und ich edſand ein wahres Vergnügen, als ich ſie nach zwei Stunden ruhig und entſchloſſen ſah, ihr Unglück wie eine Heldin zu tragen.* Sie ſteht plötzlich auf und mich mit einer Miene be⸗ ſcheidenen Vertrauens anſehend, ſagte ſie: Haben Sie nichts⸗Dringendes zu thun, was Ihre Gegenwart heut. er⸗ fordert? Nein, meine Theure. Wolan! ſo haben Sie die Güte mich inendhin au⸗ ßerhalb Paris zu führen, wo ich friſche Luft athmen kann: ich werde dort das Ausſehen wiederbekommen, welches Sie für nöthig halten, um Theilnahme zu erregen, und wenn ich dann die Nacht ruhig ſchlafen kann, ſo werde ich wieder glücklich werden. Ich danke Ihnen für dies Vertrauen: ich werde mich ankleiden und wir wollen ausgehen. Unterdeß wird Ihr Bruder zurückkommen. Was brauchen wir meinen Bruder?— Wir brauchen ihn ſehr nöthig. Bedenken Sie, meine Theure, daß Sie Narbonne wegen ſeines Benehmens ſcham⸗ roth machen müſſen. Bedenken Sie, daß er triumphiren wyürde, wenn er erführe, daß Sie an demſelben Tage, wo —— 193 er Sie weggeſchickt hat, allein mit mir aufs Land gegangen ſind, und daß er nicht ermangeln würde zu ſagen, er habe Sie nur ſo behandelt, wie Sie es verdienten. Wenn Sie aber mit Ihrem Bruder und mir, Ihrem Landsmanne, ge⸗ hen, ſo werden Sie der böſen Nachrede und Verläumdung keinen Vorwand geben. Ich ſchäme mich, daß ich dieſe weiſe Betrachtung nicht gemacht habe. Wir wollen alſo warten, bis der Bruder zu⸗ rückkömmt. Er kam bald zurück, und nachdem ich einen Fiaker hatte holen laſſen, ſchickten wir uns an abzufahren, als Ba⸗ letti kam. Ich ſtelle ihn der jungen Perſon vor, und lade ihn ein mitzukommen. Er nimmt es an, und wir fahren ab. Da ich keinen andern Zweck hatte als die junge Per⸗ ſon zu erheitern, ſo nannte ich dem Kutſcher Gros⸗ Caillou, wo wir ein ausgezeichnetes improviſirtes Mittags⸗ eſſen einnahmen und wo die Heiterkeit uns für die ſchlechte Bedienung entſchädigte. Da Veſtan ſeinen Kopf ſchwer werden fühlte, ſo machte er nach Tiſche einen Spatziergang und ich blieb allein mit Fräulein Veſian und meinem Freund Baletti. Ich bemerkte mit Vergnügen, daß Baletti die junge Perſon liebenswür⸗ dig fand, und kam auf den Gedanken, ihm den Vorſchlag zu machen, daß er ihr im Tanzen Unterricht gäbe. Ich un⸗ terrichte ihn von der Lage der jungen Perſon, von der Ver⸗ anlaſſung, welche ſie nach Paris geführt, von der geringen Hoffnung, die ſie habe, eine Penſion vom Könige zu erlan⸗ gen, und von der Nothwendigkeit, in welcher ſie ſei, eine Beſchäftigung zu finden, durch welche ſie ihren Lebensun⸗ terhalt verdienen könne. Baletti erklärte ſich zu Allem be⸗ reit, und nachdem er die Anlagen und den Wuchs der jun⸗ gen Perſon geprüft, ſagte er: Ich werde ſchon Mittel fin⸗ den, ſie bei Lani als Figurantin in den Ballets der Oper anzubringen. Sie müſſen alſo, ſagte ich, morgen anfangen, ihr Un⸗ terricht zu geben. Das Fräulein iſt meine Nachbarin. Die junge Veſian, welcher dieſer Plan ſehr behagte, fing aus vollem Herzen zu lachen an und ſagte: Improvi⸗ Iü. 143 1 194 ſirt man denn eine Operntänzerin wie einen erſten Miniſter? Ich kann eine Menuet tanzen und habe Gehör genug, um einen Contretanz tanzen zu können; ſonſt aber kann ich kei⸗ nen Pas machen. Die meiſten Figurantinnen wiſſen nicht mehr als Sie. Und was ſoll ich von Herrn Lani fordern? Denn, wie es mir ſcheint, kann ich keine großen Anſprüche machen. Nichts. Denn die Opernfigurantinnen werden nicht bezahlt.— Dann bin ich ja ſo weit wie jetzt, ſagte ſie ſeufzend; und wovon ſoll ich leben? Kümmern Sie ſich darum nicht. So wie Sie ſind, werden Sie bald zehn reiche Herrn finden, welche ſich um die Ehre ſtreiten werden, dem Mangel des Honorars abzu⸗ helfen. Ihre Sache wird es ſein, eine gute Wahl zu tref⸗ fen, und ich bin überzeugt, daß wir Sie bald ſtrotzend von Diamanten ſehen werden. — Jetzt verſtehe ich, Sie glauben, daß mich ein vorneh⸗. mer Herr unterhalten wird? 3 Richtig; und das will mehr ſagen, als 400 Franks Gehalt, welche Sie auch nur durch dieſelben Opfer erlan⸗ gen können. Verwundert ſchaut ſie mich an, um ſich zu überzeugen, ob dies Ernſt und nicht ein ſchlechter Spaß wäre. Nachdem ſich Baletti entfernt, ſagte ich zu ihr, daß dies das Beſte wäre, was ſie thun könnte, wenn ſie es nicht vorzöge, Kammerfrau einer vornehmen Dame zu werden. Ich möchte nicht einmal Kammerfrau der Königin ſein. Und Opernfigurantin? Eher. Sie lachen? 8 Ja, weil es zum Todtlachen iſt. Maitreſſe eines vor⸗ nehmen Herrn, welcher mich mit Diamanten bedecken wird! Ich will den älteſten wählen. Vortrefflich, meine Theure; aber geben Sie ihm keinen Anlaß zur Eiferſucht, 19⁵ Ich verſpreche ihm treu zu ſein. Wird er aber mei⸗ nem Bruder eine Anſtellung verſchaffen? 1 Zweifeln Sie nicht daran. Wer wird mir aber zu leben geben, bis ich bei der Oper angenommen werde, und mein alter Liebhaber ſich einſtellt? Ich, meine Theure, mein Freund Baletti und alle meine Freunde, ohne anderes Intereſſe als das, Ihnen zu dienen und in der Hoffnung, daß Sie tugendhaft leben und wir Ihrem Glucke förderlich ſind. Sind Sie davon über⸗ zeugt? Vollkommen überzeugt: ich habe mir vorgenommen, mich nur von Ihren Rathſchlägen leiten zu laſſen, und bitte Sie, immer mein beſter Freund zu bleiben. Wir kamen in der Nacht nach Paris zurück. Ich ließ die junge Veſtan zu Hauſe und folgte Baletti zu ſeiner Mutter. Während des Abendeſſens fordert mein Freund Sylvia auf, mit Herrn Lani zu Gunſten unſerer Schützlin⸗ gin zu ſprechen. Sylvia ſagte, dies wäre beſſer als eine elende Penſion nachzuſuchen, welche man vielleicht nicht ein⸗ mal erhalten würde. Hierauf kam das Geſpräch auf einen Gegenſtand, welcher damals auf dem Tapet war, und in dem Plane beſtand, alle Figuranten⸗ und Choriſtinnenſtellen an der Oper zu verkaufen. Man gedachte ſogar, ſie zu einem hohen Preiſe loszuſchlagen; denn man meinte, je theurer die Stellen würden, deſto mehr würden die Mädchen, welche ſie kauften, in Achtung ſtehen. Dieſer Plan hatte mit Rückſicht auf die anſtößigen Sitten der Zeit einen An⸗ ſtrich von Vernunft, denn er würde eine Kaſte veredelt ha⸗ ben, welche mit wenigen Ausnahmen auf ihre Verächtlich⸗ keit ſtolz iſt. Zu dieſer Zeit waren bei der Oper mehrere Sängerin⸗ nen und Tänzerinnen, welche eher häßlich als niedlich zu nennen waren, welche kein Talent hatten und dennoch be⸗ haglich lebten; denn es ſteht feſt, daß ein Mädchen, welches hier angeſtellt iſt, auf alle Sittſamkeit verzichten muß, wenn ſte nicht Hungers ſterben will. Wenn aber eine Neueintre⸗ tende geſchickt genug iſt, nur einen Monat ſittſam zu bleiben, 23 196 ſo iſt ohne allen Zweifel ihr Glück gemacht; denn dann werfen nur die im Rufe der Sittſamkeit ſtehenden Herren ihre Netze nach dieſer Sittſamkeit aus. Dieſe Art Leute ſind entzückt, daß ihr Name genannt wird, wenn die Schönheit auftritt; ſte verzeihen ihr ſogar einige leichtſinnigen Streiche, wenn ſie ſich nur das, was ſie ihr geben, zur Ehre anrech⸗ nen und der Bruch der Treue nicht zu viel Aufſehen macht: es gehört übrigens zum guten Tone, nie bei einer Schönen zu ſpeiſen, ohne es ihr vorher anzeigen zu laſſen, und man ſieht wohl ein, wie vernünftig dieſer Gebrauch iſt. Gegen elf Uhr kam ich nach Hauſe, und da ich das Zimmer von Fräulein Veſian offen fand, ſo trat ich ein. Ich werde aufſtehen, ſagte ſie, denn ich will mit Ihnen ſprechen. Laſſen Sie ſich nicht ſtören; wir können dennoch ſpre⸗ chen, und dann finde ich Sie auch ſo ſchön. Das freut mich. Was haben Sie mir denn zu ſagen? Nichts, außer daß ich mit Ihnen von meinem künfti⸗ gen Gewerbe ſprechen will. Ich ſoll tugendhaft ſein, um Jemand zu finden, der die Tugend nur ſucht, um ſie zu zerſtören. Das iſt wahr; aber es verhält ſich mit faſt allen Sa⸗ chen im Leben ſo. Der Menſch bezieht mehr oder weniger Alles auf ſich und Jeder iſt Tyrann nach ſeiner Weiſe. Es freut mich, daß Sie im Zuge ſind, Philoſoph zu werden. Wie fängt man es an, um es zu werden? Man denkt.— Muß man lange denken? Das ganze Leben. Man wird alſo nie fertig? Nie; aber man kömmt, ſo weit man kann und ver⸗ ſchafft ſich die ganze Summe des Glücks, deren man fä⸗ hig iſt. Und wie macht ſich dieſes Glück fühlbar? Es macht ſich fühlbar in allen Vergnügungen, welche der Philoſoph ſich verſchafft, wenn er das Bewußtſein hat ſie ſich durch ſeine Mühe verſchafft zu haben, namentlich wenn 197 er ſich der Menge von Vorurtheilen entledigt, welche aus den meiſten Menſchen einen Haufen großer Kinder machen. Was iſt das Vergnügen? und was verſteht man un⸗ ter Vorurtheil? Das Vergnügen iſt der wirkliche Genuß der Sinne; es iſt die gänzliche Befriedigung, welche man ihnen in Al⸗ lem, was ſie begehren, bewilligt; und wenn die erſchöpften Sinne Ruhe fordern, entweder um Athem zu ſchöpfen oder um ſich zu erholen, ſo wird das Vergnügen zur Phan⸗ taſie; dieſe findet einen Genuß daran, über das Vergnügen nachzudenken, welches die Ruhe derſelben ihr verſchafft. Philoſoph iſt aber derjenige, welcher ſich kein Vergnügen verſagt, was nicht größere Unannehmlichkeiten zur Folge hat und welcher es aufzuſuchen verſteht. Und Sie behaupten, dies geſchehe, indem man ſich der Vorurtheile entledige. Sagen Sie mir alſo, was Vorur⸗ theile ſind, und wie man ſich derſelben entledigt. Sie richten da eine Frage an mich, welche nicht leicht zu beantworten iſt, denn die Moralphiloſophie kennt keine größere, d. h. ſchwerer zu beantwortende Frage; auch dauert die Belehrung das ganze Leben. Ich werde Ihnen kurz ſagen, daß man Vorurtheil jede ſogenannte Pflicht nennt, welche nicht in der Natur begründet iſt. Das Hauptſtudium der Philoſophie muß alſo die Na⸗ tur ſein? Das iſt ihre ganze Aufgabe, und der Gelehrteſte iſt diejenige, welcher ſich am wenigſten tänſcht. Welcher Philoſoph hat ſich Ihrer Anſicht nach am we⸗ nigſten getäuſcht? Socrates. Aber er hat ſich getäuſcht? Ja, in der Metaphyſik. Darauf kömmt es mir nicht an, denn ich glaube, daß er dies Studium unterlaſſen konnte. Sie irren ſich, denn die Moral iſt nur die Metaphyſik der Phyſik; denn Alles iſt Natur, und ich erlaube Ihnen, Jeden als Narren zu behandeln, der eine neue Entdeckung 2 in der Metaphyſik gemacht zu haben behauptet. Wenn ich 8 198 aber fortführe, meine Theure, ſo könnte ich Ihnen dunkel erſcheinen. Wir wollen nur langſam vorwärts gehen. Den⸗ ken Sie, haben Sie Grundſätze, welche vor einem richtigen Denken die Probe beſtehen und haben Sie immer ihr Glück vor Augen, und Sie werden endlich glücklich werden. Ich ziehe die Lektion, welche Sie mir heute geben, der, welche Herr Baletti mir morgen geben wird, bei Weitem vor; denn ich ſehe voraus, daß ich mich in dieſer langwei⸗ len werde, und ich langweile mich nicht bei Ihnen. Woran bemerken Sie, daß Sie ſich nicht langweilen? Daran, daß ich wünſche, daß Sie mich nicht verlaſſen mögen. In Wahrheit, theure Veſian, nie hat ein Philoſoph beſſer, als Sie die Langeweile erklärt. Welches Vergnü⸗ gen! woher kömmt es, daß ich Luſt habe, Ihnen daſſelbe durch eine Umarmung zu erkennen zu geben? Ohne Zweifel, weil unſere Seele nur inſoweit glücklich ſeein kann, als ſie mit unſern Sinnen in Uebereinſtimmung bleibt. Wie, göttliche Veſian? Ihr Geiſt bezaubert mich. Sie ſind es, theurer Freund, der ihn zur Blüthe ge⸗ bracht hat, und ich bin Ihnen ſo dankbar dafür, daß ich Ihren Wunſch theile. Wer hindert uns, einen ſo natürlichen Wunſch zu be⸗ friedigen? Umarmen wir uns alſo. Welche philoſophiſche Lektion! wir fanden ſie ſo ange⸗ nehm, unſer Glück war ſo vollkommen, daß wir uns noch bei Tägesanbruch umarmten, und erſt als wir uns trenn⸗ ten, bemerkten wir, daß die Thür die ganze Nacht offen ge⸗ ſtanden hatte. Baletti gab ihr einige Lektionen, und ſie wurde bei der Oper angenommen; aber ſie figurirte hier nur zwei oder drei Monate und richtete ſich ſorgfältig nach den Vorſchrif⸗ ten, die ich ihr beigebracht, und die ihr überlegener Geiſt als die einzig guten grkannt hatte. Sie nahm keinen Nar⸗h bonne mehr an; und bekam endlich einen von allen andern ſehr verſchiedenen vornehmen Herrn, da derſelbe ſie ſogleich vom Theater Pegnahm, was kein anderer gethan haben 199 würde, denn das gehörte nicht zum guten Tone der dama⸗ ligen Zeit. Es war der Graf von Treſſan oder Tréan, denn ich kann mich nicht mehr recht auf ſeinen Namen be⸗ ſinnen. Sie führte ſich ſehr gut auf und blieb bis zu ſei⸗ nem Tode bei ihm. Es iſt nicht mehr die Rede von ihr, obwohl ſie ſehr behaglich lebt; aber ſie iſt 56 Jahre alt, und in dieſem Alter iſt eine Frau in Paris ſo gut wie nicht mehr vorhanden. Seitdem ſie das Hotel de Bourgogne verließ, habe ich ſte nicht wieder geſehen. Wenn ich ſie mit Diamanten be⸗ deckt traf, ſo begrüßten unſere Seelen ſich freudig; aber ich liebte ihr Glück zu ſehr, als daß ich daſſelbe hätte ſtören ſollen. Ihr Bruder bekam eine Stelle; aber ich verlor ihn aus den Augen.. — a. 244 ₰4 e, h, 4 1„ 2— e K. 7 8 81 4 ³ uu⸗ Nrn