— — iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6.— Enuard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Ieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen., 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eifles liehenen Buches wird von jedem Tag 5. Pf. bezahlt. Die 3 it ines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.-.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſfen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für nülchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 it.— Pf. 1 Wer. 50 Pf. 2 Arr.— Pf. 3 61— 2 5. Auswärti Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. var ddpfigun zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe it auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben, Memoiren von Jacob Caſanova von, Seingalt. 1 Erſte vollſtändige deutſche Ausgabe. — 1 Mit Anmerkungen . von— Ludwig Buhl. — 6— 8 Dritter Band. Berlin, 1850. Verlag von Guſtav He Fünfzehntes Kapitel. Fartſchritte meiner Kiebſchalt.— Ich begebe mich nach Otranto.— Ich trete in den Dienſt der Madame F.— Glückliche Verwundung. Die Geſellſchaft war ſehr zahlreich. Ich trete leiſe ein. Se. Excellenz ſieht mich, entrunzelt ſeine Stirn und lenkt 1. die Blicke der ganzen Geſellſchaft auf mich, indem er mit lauter Stimme ſagt: Dieſer junge Mann verſteht ſich auf Prinzen. Gnädiger Herr, antwortete ich auf der Stelle, 3 ich bin darin Kenner geworden, indem ich viel mit Ihres⸗ gleichen umgegangen. Dieſe Damen wünſchen zu erfahren, was Sie ſeit Ihrem Verſchwinden bis zu Ihrer Rückkehr gemacht haben. Gnädiger Herr, Sie verurtheilen mich alſo zu einer öffentlichen Beichte? 8 Wohl; aber hüten Sie ſich, auch nun, den geringſtten Umſtand auszulaſſen, und denken Sie ſich, ich wäre nicht hier. Im Gegentheil; denn nur von Ew. Excellenz erwarte 7 ich meine Abſolution. Aber die Geſchichte wird lag werden. In dieſem Falle geſtattet Ihnen der Beichtvater, ſich * zu ſetzen. Ich erzähle meine Geſchichte mit allen Einzelnheiten, 1 jedoch mit Ausnahme meiner häufigen Konferenzen mit den 3 Nymphen der Inſel. Dieſe ganze Geſchicſte ſagte der G in belehrend. 8 erzählen. Ja, gnädiger Herr, denn ſie zeigt, daß ein junger Mann nie ſo ſehr Gefahr läuft zu Grunde zu gehen, als wenn er von einer großen Leidenſchaft beherrſcht wird, und im Stande iſt, vermittelſt einer vollen Börſe alle ſeine Wünſche zu befriedigen. Ich war im Begriff, mich zu entfernen, als der Haus⸗ hofmeiſter mir meldete, daß Se. Excellenz mich einladen laſſe, zum Abendeſſen zu bleiben. Ich hatte alſo die Ehre an ſeinem Tiſche zu ſitzen, nicht aber zu eſſen, denn da ich die tauſend Fragen, welche von allen Seiten an mich ge⸗ richtet wurden, beantworten mußte, ſo konnte ich keinen ein⸗ zigen Biſſen in meinen Mund bringen. Ich ſaß neben dem Pro⸗ topopen Bulgari und bat ihn um Verzeihung, daß ich das Orakel des Popen Deldimopulo etwas ins Lächerliche zu ziehen gewagt. Das iſt eine Betrügerei, antwortete er, welche ſehr ſchwer zu beſeitigen iſt, weil ſie den Stempel des Alterthums trägt. Als beim Deſſert Madame F. dem General ein Wort ins Ohr geflüſtert, wendete dieſer ſich an mich mit dem Be⸗ merken, daß er gern hören würde, was mir während meines Aufenthalts zu Conſtantinopel mit der Frau des Türken Juſſuf und bei einem Türken, wo ich Zeuge eines Bades im Mondſchein geweſen, begegnet ſei. Sehr erſtaunt über dieſe Aufforderung, erwiederte ich, das wären Sachen, die ſich nicht der Mühe des Erzählens verlohnten, und ich kam ſo davon, da Se. Excellenz nicht weiter in mich drang. Was mir beſonders mißſiel, war die Plauderhaftigkeit von Madame F., welche nicht nöthig hatte, ganz Corfu in das Geheim⸗ niß der Geſpräche zu ziehen, welche ich allein mit ihr führte. Ich wollte, daß ſie eiferſüchtig auf ihren Ruhm wäre, den ich noch mehr liebte, als ihre Perſon. Als ich zwei oder drei Tage ſpäter allein mit ihr war, ſagte ſie: Warum haben Sie dem General nicht ihre Abenteuer in Conſtantinopel erzählen wollen? Weil ich nicht will, daß Alle wiſſen ſollen, daß ich Sie von ſolchen Sachen unterhalte. Was ich Ihnen, Madame, allein zu er zählen wage, werde ich gewiß nicht öffentlich —— Und warum nicht? Mir ſcheint es vielmehr, daß, wen Sie aus Gefuͤhl der Achtung öffentlich ſchweigen, Sie es noch vielmehr thun müſſen, wenn ich allein bin. Da ich den Wunſch habe, Ihnen Vergnügen zu ma⸗ chen, ſo habe ich mich der Gefahr ausgeſetzt, Ihnen zu miß⸗ fallen; aber daß ſoll mir nicht mehr begegnen. Ich wil Ihe Abſichten nicht erforſchen, aber mir ſcheint es, daß, wenn Sie den Wunſch mir zu gefallen haben, Sie ſich nicht einem entgegengeſetzten Reſultate ausſetzen dürfen. Wir werden beim General ſpeiſen, denn D. R. hat den Auftrag, Sie dorthin zu führen; ich bin ſicher, daß er Ihnen dieſelbe Bitte wie das letztemal, vorlegen wird, und Sie werden nicht umhin können, ihn zu befriedigen. D. R. kam bald, und wir gingen zuſammen. Unter⸗ wegs bedachte ich, daß, wenn auch Madame F. mich demü⸗ thigen zu wollen geſchienen hatte, ich doch das, was mir begegnet, als einen Glücksfall betrachten müßte, denn, in⸗ dem ſie mich nöthigte, mich zu rechtfertigen, hatte ſie mich gleichſam zu einer Erklärung gezwungen, welche mir nicht gleichgültig ſein konnte. Der General⸗Proveditor nahm mich ſehr gut auf, und erwies mir die Gnade, mir einen an mich adreſſirten Brief zu übergeben, der mit einem Pakete aus Conſtantinopel bei ihm eingegangen war. Nachdem ich ihm durch eine tiefe Verbeugung gedankt, ſchickte ich mich an, denſelben in meine Taſche zu ſtecken; aber er hielt mich zurück, indem er ſagte, daß er gern Neues erfahre, und daß ich denſelben leſen dürfe. Ich öffnete ihn; es war ein Brief Juſſufs, welcher mir den Tod des Grafen von Bonneval*) meldete. Im Namen des *) Dieſe Angabe Caſanova's iſt wieder eine irrige. Bon⸗ neval ſtarb nicht im Jahre 1744, ſondern war vielmehr in die⸗ ſem wie in den folgenden Jahren eifrigſt bemüht, die Pforte zu Frankreich hinüberzuziehen und zum Kriege gegen Oeſterreich zu bewegen, theils aus Haß gegen Oeſterreich, theils weil er von Fraukeeich bezahlt wurde und durch einen ſolchen ausgezeichneten Dienſt ſeine Rückkehr nach Frankreich zu ſermöglichen glaubte. Seine Intriguen zu dieſem Zwecke ſchienen auch über die Gewiſſens⸗ ſerupel des Mufti den Sieg davon tragen zu wollen, aber theils 2 guten Juſſuf bat mich der General, ihm die Geſchichte zu erzählen, welche mir während des Geſprächs mit ſeiner Frau begegnet. Da ich der Aufforderung nicht ausweichen kann, ſo erzähle ich eine Geſchichte, welche eine Stunde dauert, welche Se. Exellenz außerordentlich intereſſirt und die Ge⸗ ſellſchaft beluſtigt, von welcher aber nur der Ernſt, mit dem derte die Pforte zu ihrer Sicherheit mehr als die Erbietungen der Geſandten von Frankreich und Sicilien, theils war Bonneval durch Herrn von Penkler mit Kundſchaftern umgeben, welche den kaiſerlichen Internuntius zeitig zu Gegenmaßregeln veranlaßten. Bonneval's Bemühungen blieben vergeblich. Im März 1747 fingen ſeine Geſundheitszuſtände ſich ſo ſehr zu verſchlimmern an, daß ſein baldiger Tod vorauszuſehen war. Wenn aber auch hier⸗ durch für den allerchriſtlichſten König die Ausſicht verſchwand, die Dienſte deſſelben benutzen zu können, ſo ließen ſich doch da⸗ durch deſſen Repräſentanten nicht abhalten, nach Kräften an dem himmliſchen Heile Bonneval's zu arbeiten und keine Mühe un⸗ verſucht zu laſſen, um denſelben wieder in den Schooß der allein⸗ ſeligmachenden Kirche zurückzuführen. Am 21. März 1747 bega⸗ ben ſich der franzöſiſche Geſandte Caſtellane und ſein Sekretair Peyſſonnel, der ſich die Sache beſonders angelegen ſein ließ, in den Palaſt des Paſchas zu Pera. Derſelbe war, obwohl ſchon ſehr ſchwach, noch bei völliger Geiſteskraft. Der Kranke war nur mit dem Haſſe gegen Oeſterreich erfüllt, aber endlich gelang es doch Peyſſonnel, ſeine Aufmerkſamkeit für religiöſe Gegenſtände zu gewinnen. Als Peyſſonnel ihm die Eitelkeit menſchlicher Verſpre⸗ chungen zu Gemüthe führte, ſangen beide höchſt erbaulich ein geiſtliches Lied von Malherbe, welches mit den Worten beginnt: „n' éspérons plus, mon àme, aux promesses du monde,“ kamen aber dann wieder auf literariſche Gegenſtände und Perſön⸗ lichkeiten zu ſprechen, auf den ältern Rouſſeau, Voltaire, bis Beſin⸗ nungsloſigkeit des Kranken der Scene ein Ende machte. Peyſſonnel wollte nun die Vorbereitungen abgekürzt wiſſen, und einen bereit ſtehenden Mönch, welcher ſich den Bart hatte ſcheeren laſſen, zum Kranken führen. Aber ein vornehmer Herr, welcher dabei bethei⸗ ligt war, wahrſcheinlich der Geſandte, fürchtete ſich zu kompro⸗ mittiren. So ging die Gelegenheit verloren und Bonneval ſtarb am 23. März 1747 im 75ſten Jahre ſeines Alters, ohne in den Schooß der Kirche zurück gekehrt zu ſein. Seine Verwandten ließen ihm folgende Grabſchrift türkiſch ſetzen: 8 ich ſie erzählte, wahr war. So vermied ich es, ein Unrecht gegen meinen Freund Juſſuf zu begehen, Madame F. bloß⸗ zuſtellen, und mich in einem wenig vortheilhaften Lichte zu zeigen. Hinſichtlich des Gefühls machte mir meine Geſchichte die größte Ehre, und ich empfand eine wirkliche Freude, als ich einen Blick auf Madame F. warf und ſah, daß ſie ſehr zufrieden, obwohl etwas verlegen war. 4 Als wir nach Hauſe gekommen waren, ſagte ſie zu D. R., die Geſchichte, welche ich erzählt, wäre ſehr hübſch, aber nur eine Fabel; ſie wäre nicht böſe auf mich, weil ich ſie unterhalten hätte, aber ſie könnte nicht umhin, die Hartnäckigkeit zu bemerken, mit welcher ich Bonneval, Achmed⸗Paſcha, welchen Jeder kennt, Verließ ſein Vaterland, um zum mahomedaniſchen Glauben überzugehen. Er erwarb allerdings einen Namen unter den Seinigen; 4 Als er aber zu den Muſelmännern kam, gewann er Ruhm und die Ewigkeit. Er war ein Weiſer des Jahrhunderts, welcher deſſen Größe . und Niedrigkeit erfahren hatte, Und welcher das Gute und das Böſe kannte, das Schöne vom Häßlichen unterſchied. Vollkommen überzeugt von der Nichtigkeit der weltlichen Dinge, Paßte er den günſtigen Augenblick ab, um in die Ewigkeit überzugehen Und trank den Kelch in der Nacht eines Freitages, welcher fiel In die Nacht der Geburt des glorreichſten Propheten, Dies war die glückliche Zeit, welche er wählte, um ſich der Barmherzigkeit zu übergeben, Und er ging ohne Zaudern aus dieſem Leben ins andere über. Ich habe in dem folgenden glücklichen Verſe ſowohl dieſe Epoche wie mein Gebet gefunden: Möge das Paradies der Zufluchtsort Bonneval Achmed⸗Paſcha's ſein. Am 12. des Monats Beb⸗Ewel 1160. Möge man aus Liebe zu Gott den Anfang des Aleorans beten Für die Seele Achmed⸗Paſcha's, Anführers der Bombardiere. ihr die erbetene Gefälligkeit verweigerte. Hierauf ſagte ſie, ſich zu D. R. wendend: er iſt der Anſicht, daß die Ge⸗ ſellſchaft glauben würde, er unterhalte mich mit unanſtän⸗ digen Geſchichten, wenn er die Geſchichte ſeiner Unterhaltung mit der Frau Juſſuf's ohne Entſtellung der Wahrheit er⸗ zählte. Ich will Sie zum Richter machen. Wollen Sie, ſagte ſie zu mir, die Güte haben, dieſen Vorfall mit den⸗ ſelben Ausdrücken wie das erſtemal zu erzählen? Ja, Madame, ich kann es, wenn ich will. Aufs höchſte gereizt durch eine Plauderhaftigkeit, welche mir ohne Beiſpiel ſchien, da ich die Frauen noch nicht recht kannte, ſchildere ich, ohne die geringſte Furcht vor dem Miß⸗ lingen, das Abenteuer wie ein leidenſchaftlicher Maler, in⸗ dem ich das Gemälde mit allen Farben der Leidenſchaft be⸗ lebe und keine der Bewegungen, welche der Anblick der Reize der ſchönen Griechin in mir hervorgebracht hatte, verhülle. Und Sie finden, ſagte D. R., daß er dieſe Geſchichte, wie er ſie hier erzählt, in großer Geſellſchaft hätte erzählen ſollen? Wenn er übel gethan hätte, ſie öffentlich zu erzählen, ſo hat er auch übel gethan, ſie mir allein zu erzählen. Das können nur Sie beurtheilen; er hat übel gethan, wenn er Ihnen mißfallen, er hat es nicht gethan, wenn er Ihnen gefallen. Was mich betrifft, ſo muß ich Ihnen ſa⸗ gen, daß er mich beluſtigt hat, daß er mir aber ſehr miß⸗ fallen haben würde, wenn er dieſelbe ſo wie hier, vor einer zahlreichen Geſellſchaft erzählt hätte. Wohlan, ſagte Madame F., ſo bitte ich Sie, künftighin mir nicht mehr allein zu erzählen, was Sie nicht öffentlich wiederholen können. Ich verſpreche Ihnen, dies zur Regel meines Beneh⸗ mens zu machen. Wohlpverſtanden, fuͤgte D. R. hinzu, daß Madame ſich das Recht, dieſen Befehl zurückzunehmen, ſo oft es ihr gut dunkt, in ſeiner ganzen Ausdehnung vorbehält. Ich war verletzt, aber ich mußte meinen Aeger ver⸗ bergen. Gleich darauf entfernten wir uns. Ich lernte dieſes liebenswürdige Weib gründlich kennen; —,— wohl unvollkommener Genuß. 3 Geſicht zu ſehen, mein Zuſammentreffen mit der Griechin aber in dem Maße, wie ich in das Geheimniß ihres Cha⸗ rakters eindrang, ſah ich alle Prüfungen voraus, denen ſie mich unterwerfen würde. Aber gleichviel, meine Liebe trug den Sieg davon, und da mir die Hoffnung vorleuchtete, ſo hatte ich den Muth, den Dornen Trotz zu bieten, um die. Roſe zu pflücken. Beſondres Vergnugen machte es mir zu ſehen, daß D. R. nicht eiferſüchtig auf mich war, ſelbſt, wenn ſie ihn dazu herauszufordern ſchien. Das war ein wichtiger Punkt. Als ich ſie einige Tage hernach von verſchiedenen Sa⸗ chen unterhielt, kam das Geſpräch auf mein Unglück ohne einen Pfennig in das Lazareth von Ancona gehen zu müſ⸗ ſen. Nichtsdeſtoweniger, ſagte ich, verliebe ich mich in eine junge und ſchöne griechiſche Sklavin, welche mich beinahe dazu gebracht hätte, die Sanitäts⸗Geſetze zu verletzen. Wie das? Madame, Sie ſind allein, und ich habe Ihren Befehl nicht vergeſſen. Es iſt alſo ſehr unanſtändig?. Nein, aber ich würde es nicht in Geſellſchaft erzählen. Wohlan, ſagte ſie lachend, ich nehme den Befehl zurück, wie Herr D. R. geſagt. Erzählen Sie. Ich gab ihr nun eine ins Einzelne gehende und getreue Schilderung des Abenteuers, und als ich ſie nachdenkend ſah, übertrieb ich mein Unglück. Was nennen Sie Ihr Unglück? Ich finde die Griechin weit mehr zu beklagen als Sie. Sie haben dieſelbe nicht wiedergeſehen: Entſchuldigen Sie, Madame, aber ich wage nicht es Ihnen zu erzählen. Machen Sie nur ein Ende. Es iſt eine Dummheit. Sagen Sie mir Alles. Ich bin auf eine gräuliche That von Ihnen gefaßt. Durchaus nicht, Madame, es war ein ſehr ſüßer, ob⸗ Nach dieſem neuen Befehle erzähle ich ihr, ohne ihr ins in Gegenwart Bellino's und die nicht vollendete Handlung mich augenlit ſchaffen, wenn 10 welche gleichſam wie durch Eingebung erfolgte, bis zu dem Au⸗ genblicke, wo die reizende Griechin ſich bei Annäherung ihres Herrn meinen Armen entriß. Da Madame F., nichts ſagte, ſo leitete ich die Unterhaltung auf einen andern Gegenſtand; denn wenn ich auch auf einem ausgezeichneten Fuß mit ihr ſteand, fo fühlte ich doch, daß ich langſam vorwärts gehen müſſe. Da ſie jung war, ſo konnte ich mir denken, daß ſie nie eine unangemeſſene Verbindung eingegangen war, und was ich beabſichtigte, mußte ihr als eine höchſt unangemeſ⸗ ſene Verbindung erſcheinen.. Das Glück, welches mich beſtändig in den verzweifelt⸗ ſten Lagen begünſtigt hatte, behandelte mich auch diesmal nicht als Stiefmutter, ſondern verſchaffte mir an demſelben Tage eine Gunſt ganz beſonderer Art. Meine ſchöne Dame, welche ſich in den Finger geſtochen hatte, ſtieß einen lauten Schrei aus, und reichte mir den Finger hin, um ihr das Blut auszuſaugen. Man kann ſich leicht denken, ob ich mich beeilte, eine ſo ſchöne Hand zu ergrei⸗ fen, und wenn der Leſer verliebt iſt oder es je geweſen iſt, ſo wird er ſich leicht denken können, wie ich mich dieſes angenehmen Geſchäfts entledigte. Was iſt ein Kuß? Iſt es nicht der glühende Wunſch, einen Theil des Weſens, welches man liebt, einzuathmen? Und das Blut, was ich aus dieſer reizenden Wunde ſchlürfte, was war es anders, als ein Theil des Weſens, welches ich anbetete? Als ich geendet, dankte ſie mir freundlichſt und forderte mich auf, das Blut, welches ich getrunken, auszuſpeien. Hier iſt es, ſagte ich, die Hand aufs Herz legend und Gott weiß, welches Vergnügen es mir gemacht hat. Sie haben mein Blut mit Vergnügen getrunken? Sind Sie denn Menſchenfreſſer? Ich glaube nicht, Madame, aber ich würde Sie zu ent⸗ weihen gefürchtet haben, wenn ich einen Tropfen hätte verlo⸗ ren gehen laſſen. Eines Abends in großer Geſellſchaft war von den Ver⸗ gnugungen des Karnavals die Rede und man beklagte ſich bitter, daß man das Theater entbehren müßte. Ich erbot klich, auf meine Koſten eine Truppe anzu⸗ man mir ſogleich alle Logen aßmiethen und — ſo nannte ich die neapolitaniſche zuerſt. Het 11 das ausſchließliche Monopol des Pharao bewilligen wollte Es war keine Zeit zu verlieren, denn der Karnaval nahte heran und ich mußte mich nach Otranto begeben. Man nahm mein Anerdielen mit Freudengeſchrei auf und der Ge⸗ neral⸗Proveditor ſtellte eine Felucke zu meiner Verfügung. Binnen drei Tagen hatte ich Abonnements auf alle Logen, und ein Jude miethete mit das Parterre mit Ausnahme zweier Tage in der Woche ab, wo ich es mir vorbehielt. Der Karneval dauerte dieſes Jahr ſehr lange; ich hatte alſo gute Ausſicht. Man den das Handwerk eines Unter⸗ nehmers ſei ſchwierig; wenn das aber der Fall iſt, ſo habe ich wenigſten die Erfahrung nicht gemacht, und begaute für meinen Theil das Gegentheil. Mit Anbruch der Nacht fuhr ich von Corfu ab, und da der Wind friſch war, kam ich mit Tagesanbruch in Otranto an, ohne daß meine Ruderer nöthig gehabt hätten, ihre Ruder ins Waſſer zu legen. Von Corfu bis Otranto ſind nur funzehn italiäni ſche Meilen. Da ich wegen der Quarantaine, welche in Italien für Alles, was aus der Levante kömmt, permanent iſt, nicht ans Land gehen wollte, ſo begab ich mich ins Sprechzim⸗ mer, wo man hinter einer eiſernen Barre mit allen Per⸗ ſonen ſprechen kann, welche hinter einer, gegenüber in einer Entfernung von zwei Klaftern befindlichen Barre ſtehen. Sobald es verlautbarte, daß ich gekommen wäre, um eine Comödiantentruppe für Corfu anzuwerben, kamen die Direktoren der beiden in Otranto befindlichen Truppen zu mir. Ich ſagte zu ihnen, daß ich zunächſt alle Mitglieder und zwar das eine nach dem andern mit Bequemlichkeit muſtern wolle. Die beiden mitbewerbenden Direktoren führten nun eine höchſt komiſche Scene auf, da ein jeder wollte, daß der an⸗ dere ſeine Truppe zuerſt vorführen ſollte. Der Hafen⸗Capi⸗ tain ſagte endlich, es hinge von mir ab, ihren Streitereien ein Ende zu machen, wenn ich erklärte, welche Truppe ich zuerſt ſehen wolle; die eine war eine neapolitaniſche, die andere eine ſicilianiſche. Da ich keine von beiden kannte, Faſüidio der 42 “ 12 Direktor derſelben, fühlte ſich ſehr gekränkt darüber, wäh⸗ rend Battipaglia freudeſtrahlend war, da er hoffte, daß ich bei einem Vergleiche der ſeinigen den Vorzug geben würde. Naach einer Stunde erſchien Faſtidio mit ſeiner Truppe, und man denke ſich mein Erſtaunen, als ich Petron und ſeine Schweſter Marina erblicke. Sobald dieſe mich erblickt, ſtößt ſie einen Freudenſchrei aus, ſpringt über die Barre weg und wirft ſich in meine Arme. Nun beginnt ein ſchau⸗ derhafter Scandal zwiſchen Don Faſtidio und dem Hafen⸗ Capitain. Da Marina bei Faſtidio engagirt war, ſo nö⸗ thigte mich der Kapitain ſie ins Lazareth ſchaffen zu laſſen, wo ſie auf ihre Koſten Quarantaine halten ſolle. Die arme Kleine weinte, aber ich konnte ihre Unbeſonnenheit nicht wie⸗ 5 der gut machen. Ich machte dem Streite ein Ende, indem ich. Faſtidio aufforderte, mir alle ſeine Mitglieder, eins nach dem andern vorzuführen. Petron war auch dabei: er ſpielte die Lieb⸗ haberrollen. Er ſagte, er habe einen Brief Thereſens für mich. Ich ſah mit Vergnügen einen Venetianer, welchen ich kannte und welcher den Pantalon ſpielte, drei Schauſpie⸗ lerinnen, welche gefallen konnten, einen Polichinel, einen Scaramuz und Alles ſchien mir ganz leidlich. Ich forderte Faſtidio auf, mir aufs genauſte anzugeben was er für den Tag haben wollte und bemerkte ihm, daß ich ſeinem Mitbewerber den Vorzug geben würde, wenn derſelbe mir beſſere Bedingungen ſtellte. Mein Herr, ſagte er, Sie miethen zwanzig Perſonen in ſechs Zimmern mit zehn Betten ein, Sie geben mir einen freien gemeinſchaftli⸗ chen Saal, bezahlen ſämmtliche Reiſekoſten, und täglich drei⸗ ßig neapolitaniſche Dukaten. Hier haben Sie die Ueberſicht meines Repertoirs, es ſteht bei Ihnen, welches Stück Sie wollen, ſpielen zu laſſen. Indem ich an die arme Marina dachte, welche die Qua⸗ rantaine hätte beſtehen müſſen, ehe ſie wieder die Bühne betreten durfte, ſagte ich zu Faſtidio, er möchte ſeinen Kon⸗ trakt aufſetzen, weil ich ſogleich wieder abreiſen wollte. Kaum hatte ich dies geſagt, als ſich zwiſchen dem aus⸗ geſchloſſenen d dem bevorzugten Direktor ein offener Krieg —— * gen, aber ich hörte keinen Dieſer dt Lümmel ſich Weir tenpſehlen entſpann. Der erſtere nahm einen wüthenden Ton an, nannte Marina eine Hn und ſagte, ſte habe im geheimen Einverſtändniſſe mit Faſtidio die Sanitäts⸗Vorſchrift ver⸗ letzt, um mich zu nöthigen, ſeine Truppe zu nehmen. Petron, der für ſeine Schweſter Partei ergriff, ver⸗ band ſich mit Faſtidio, und der unglückliche Battipaglia wurde hinausgeſchleppt und als Entſchädigung für die nicht beſtandene Concurrenz mit Prügeln traktirt. Eine Viertelſtunde ſpäter brachte Petron mir den Brief Thereſens, welche ſich bereicherte, indem ſie den Herzog zu Grunde richtete, und welche, immer noch beſtändig, mich in Neapel erwartete. Da gegen Abend Alles bereit war, ſo fuhr ich mit zwanzig Komödianten und ſechs großen Kiſten, welche alles zum Spielen Nöthige enthielten, von Otranto ab. Ein ſchwacher Südwind, welcher bei unſerer Abfahrt wehte, hätte uns in zehn Stunden nach Corfu bringen können; aber nachdem wir eine Stunde mit vollen Segeln gefahren, mel⸗ dete mir mein Carabuſchiri, daß er im Mondſcheine ein Schiff ſähe, welches uns aufbringen könnte, wenn es ein Corſar wäre. Da ich mich keiner Gefahr ausſetzen wollte, ſo ließ ich die Segel einziehen und kehrte nach Otranto zurück. Mit Tagesanbruch gingen wir wieder mit einem guten Weſtwinde unter Segel, der uns gleichfalls nach Corfu geführt haben würde; aber nachdem man zwei Stun⸗ den gefahren, ſagte der Kapitain, er ſehe eine Brigantine, welche er für einen Corſaren halte, da dieſelbe uns unter den Wind zu bringen ſuche. Ich forderte ihn auf, die Rich⸗ tung zu ändern und an das Steuerbord zu gehen, um zu ſehen, ob jene uns folge: die Brigantine machte indeß ſo⸗ gleich dieſelbe Wendung. Da ich nicht mehr nach Otranto zuruͤckkehren konnte, und keine Luſt hatte, in Afrikg anzu⸗ legen, ſo ließ ich auf die kalabriſche Küſte zu halten, welche wir durch angeſtrengtes Rudern erreichten. Die Matroſen, welche in ihrer Haut zitterten, theilten ihre Furcht mei⸗ nen Schauſpielern mit, und bald gab es nur Thränen und Schluchzen; Jeder von ihnen empfahl ſich einem Heili⸗ 14 Die Grimacen des Scaramuz und das finſtere und betrübte Ausſehen Faſtidio’s bildeten ein Gemälde, über welches ich herzlich gelacht haben würde, wenn nicht die dringende und wirkliche Gefahr mich davon abgehalten hätte. Nur Marina, welche die Gefahr nicht erkannte, war heiter und ſpottete über den allgemeinen Schrecken. Als ſich gegen Abend ein ſtarker Wind erhob, befahl ich, das Hintertheil des Schiffes gegen den Wind zu drehen und alle Segel aufzuſpannen, wenn auch der Wind ſtärker werden ſollte. Um den Corſaren zu entgehen, wollte ich durch den Meerbuſen fahren. Nachdem wir ſo die ganze Nacht gefahren, ließ ich gerade auf Corfu zuſteuern und die Ruder einlegen; wir waren in der Mitte des Buſens und die Seeleute gänzlich erſchöpft; aber ich fürchtete nichts mehr. Der Nordwind fing an zu wehen und in noch nicht einer Stunde wurde er ſo ſtark, daß wir auf eine ſchreck⸗ liche Weiſe mit Preßwind ſegelten. Die Felucke ſchien jeden Augenblick ſcheitern zu wollen. Schrecken war auf allen Geſtchtern zu leſen, aber es herrſchte die größte Stille, denn ich hatte dieſelbe bei Todesſtrafe anbefohlen. Trotz der ge⸗ fährlichen Lage, in welcher wir uns befanden, zwang mich doch das Schluchzen des kleinmüthigen Scaramuz zum La⸗ chen. Der Steuermann war ein entſchloſſener Mann, und da der Wind anhielt, ſo war vorauszuſehen, daß wir ohne Hinderniß ankommen würden. In der That bemerkten wir bei Tagesanbruch Corfu, und um neun Uhr landeten wir bei Mandrache. Man war allgemein erſtaunt, uns von die⸗ ſer Seite her ankommen zu ſehen. Sobald meine Truppe gelandet war, beeilten ſich die Offiziere, die Schauſpielerinnen zu inſpiziren: dies war in der Ordnung; aber ſie fanden dieſelben wenig appetitlich, mit Ausnahme Marina's, welche die Mittheilung, daß ich mich nicht mit ihr beſchäftigen könne, ohne Klage hinnahm. Ich war ſicher, daß es ihr nicht an Liebhabern fehlen würde. Meine Schauſpielerinnen, welche im Hafen ſo häßlich ſchie⸗ nen, wurden indeß auf der Scene anders beurtheilt, und die Frau des Pantalon gefiel beſonders. Herr Duodo, Gou⸗ verneur eines Kriegsſchiffes, ſtattete ihr einen Beſuch ab, und als er Pantalon intolerant fand, traktirte er ihn mit — ₰ Stockſchlägen. Faſtidio meldete mir am folgenden Tage, daß dieſer Schauſpieler und ſeine Frau nicht mehr ſpielen wollten. Ich half ihren Klagen ab, indem ich ihnen ein Benefiz bewilligte. Die Frau Pantalons fand vielen Beifall, aber da ſie ſich beleidigt fühlte, weil das Parterre ihr zurief: Bravo, Duodo, ſo kam ſie in die Loge des Generals, in welcher ich mich gewöhnlich befand, um ſich zu beklagen, und um ſie zu tröſten, verſprach ihr der General in meinem Namen eine andere Vorſtellung am Ende des Karnavals, und ich mußte mich wohl darein fügen. Thatſache iſt es, daß ich, um dieſe gierige Brut zu befriedigen, ihr allmälich die ſtebenzehn Vor⸗ ſtellungen überließ, welche ich mir vorbehalten hatte. Marina bewilligte ich eine mit Rückſicht auf Madame F., welche dieſe Schauſpielerin in Affektion genommen hatte, ſeitdem dieſelbe in einem kleinen Hauſe außerhalb der Stadt mit D. R. im téte⸗-aâ-téte gefrühſtückt hatte. Dieſe Großmuth koſtete mir mehr als 900 Zechinen, aber die Bank brachte mir mehr als tauſend ein, obgleich ich nicht abzog, da die Theaterangelegenheiten mir keine Zeit dazu ließen. Was mir viel Ehre machte, war, daß es er⸗ ſichtlich war, daß ich keine Intrigue mit den Schauſpiele⸗ rinnen hatte, obwohl mir dies ſehr leicht geweſen wäre. Madame F. machte mir ein Compliment darüber und ſagte, ſie hätte mich nicht für ſo vernünftig gehalten. Ich war während des Karnavals zu beſchäftigt, um an die Liehe, ſelbſt an die, welche mir ſo ſehr am Herzen lag, denken zu können. Erſt mit dem Beginne der Faſtenzeit und nach der Abreiſe der Schauſpieler konnte ich mich derſelben ganz hingeben.— Eines Morgens ließ mir Madame F. melden, daß ſie mich zu ſprechen wünſche. Es war elf Uhr; ich begebe mich unverzüglich zu ihr, und nachdem ich ſie gefragt, wo⸗ mit ich ihr dienen könne, ſagte ſie: Ich will Ihnen die zwei hundert Zechinen wiedergeben, welche Sie mir auf eine ſo edle Weiſe geliehen. Hier ſind ſie, geben Sie mir meinen Schein zurück. Ihr Schein, Madame, iſt nicht in meinen Händen. Er 16 iſt in wohlverſiegeltem Umſchlage beim Notar deponirt, der in Gemäßheit dieſer Quittung denſelben nur Ihnen ſelbſt uͤbergeben darf. Warum haben Sie ihn nicht behalten? Ich fürchtete, daß er mir geſtohlen werden oder daß ich ihn verlieren könnte. Und wenn ich geſtorben wäre, ſo hätte ich nicht gewünſcht, daß er in andere Hände als die Ihrigen gefallen wäre. Ihr Verfahren iſt ſehr zart; aber es ſcheint mir, daß Sie ſich das Recht hätten vorbehalten ſollen, denſelben ſelbſt wieder vom Notar abzuholen. Ich habe dieſe Möglichkeit nicht vorausgeſehen. Der Fall hätte indeß leicht eintreten können. Ich kann alſo dem Notar ſagen laſſen, mir das Depoſitum zu ſchicken. Gewiß, Madame, und Sie allein können es. Sie ließ den Notar rufen, welcher ihr das Depoſitum brachte. Sie bricht den Umſchlag auf, und findet nur ein be⸗ ſchmiertes Papier, auf welchem allein ihr Name, welchen ich verſchont hatte, zu leſen war. Das, ſagte ſte, zeugt von Ihrem Cdelmuthe und Zartgefühle; aber geſtehen Sie, daß ich nicht ſicher ſein kann, daß dieſes Stück Papier wirklich mein Schein iſt, obwohl mein Name darauf ſteht. Das iſt wahr, Madame, und wenn Sie deſſen nicht ſicher ſind, habe ich das größte Unrecht. Ich bin deſſen ſicher, weil ich es weiß; aber Sie wer⸗ den zugeben, daß ich keinen Eid darauf ablegen könnte. Ich gebe es zu. Während der folgenden Tage ſchien ſie ſich hinſichtlich maeiner gänzlich geändert zu haben. Sie empfing mich nicht mehr unangekleidet, und ich erkältete mich, indem ich warten mußte, bis ihre Kammerfrau ſie angekleidet, um zu ihr ge⸗ langen zu können. Wenn ich etwas erzählte, ſtellte ſte ſich, als verſtände ſie es nicht und that ſo, als ob ſie die pointe eines Witzes oder einer Anekdote nicht finden könne; oft auch ſah ſie mich nicht an, und dann erzählte ich ſchlecht. — 28 der F 17 Wenn D. R. über etwas, was ich erzählte, lachte, ſo fragte ſie, warum er gelacht, und wenn derſelbe ihr die Sache wiedererzählte, ſo fand ſie ſie platt und ohne Sinn. Wenn ſich eines ihrer Armbänder ablöſete und ich mich erbot, es ihr wieder anzulegen, ſo wollte ſie mir entweder nicht * dieſe Mühe machen, oder ich verſtand die Sache nicht, und ihre Kammerfrau mußte es ihr anlegen. Meine üble Laune wurde erſichtlich, aber ſie that, als ob ſie es nicht merkte. Wenn mich D. R. aufforderte, etwas Huͤbſches zu erzählen, und ich es nicht augenblicklich that, ſo ſagte ſie, ich hätte meinen Sack bereits geleert, und fügte lachend hinzu, ich wäre erſchöpft. Voll Aerger zog ich dann vor, zu ſchwei⸗ gen, und gab ihr Recht; aber ich wurde magerer, denn ich wußte nicht, welchem Grunde ich dieſe Umwandlung, dieſe veränderte Stimmung, zu welchen ich meiner Anſicht nach nicht den geringſten Grund gegeben, zuſchreiben ſollte Ich wollte ihr offene Zeichen meiner Verachtung geben, aber wenn die Gelegenheit dazu ſich bot, hatte ich nicht den 4 Muth. Als mich D. R. eines Abends fragte, ob ich oft ver⸗ . liebt geweſen, antwortete ich: dreimal. 3 Und immer glücklich, nicht wahr?“ Immer unglüͤcklich. Das erſtemal, weil ich mich als Abbé nicht zu entdecken wagte. Das zweitemal, weil ein grauſames und unvorhergeſehenes Ereigniß mich zwang, mich plötzlich und in dem Augenblicke, wo meine Wünſche gekrönt werden ſollten, von dem geliebten Gegenſtande zu ente fernen. Das drittemal, weil das Mitleiden, welches ich de Perſon, die mich entflammt, einflößte, ſie auf den Gedanken ſbrachte, mich von meiner Leidenſchaft zu heilen, anſtatt mich galüͤcklich zu machen. Und welches Heilmittel hat ſie dazu angewendet? Sie hat aufgehört, liebenswurdig zu ſein. . Ich verſtehe; ſie hat Sie gemißhandelt; und das nen⸗ nen Sie Mitleiden? Sie irren ſich. Gewiß, ſagte Madame, hat man Mitleiden mit Jemand, dden man liebt, und man will ihn nicht heilen, indem man Vhhn unglücklich macht. Dieſe Frau hat Sie nie geliebt. III. 2 18 Ich mag das nicht glauben, Madame. Aber ſind Sie denn geheilt? Vollkommen, denn wenn ich noch an ſie denke, ſo ſinde ich mich kalt und gleichgültig; aber meine Geneſung hat lange gedauert. Sie hat wohl ſo lange gedauert, bis Sie ſich in eine andere verliebt haben? In eine andere, Madame? Ich glaubte Ihnen geſagt zu haben, daß das drittemal das letztemal geweſen. Wenige Tage darauf ſagte mir D. R.: Madame F. wäre unwohl und er könne ihr nicht Geſelſſchaft leiſten, deshalb ſolle ich zu ihr gehen, und könne ſicher ſein, ihr an⸗ genehm zu ſein. Ich gehe zu ihr und richte Wort für Wort das Compliment D. R.'s aus. Madame F. lag auf ihrem Sopha; ſie antwortete mir, ohne mich anzuſehen, ſie glaube, das Fieber zu haben und forderte mich nicht auf, zu blei⸗ ben, da ich mich langweilen würde. Ich kann mich bei Ihnen, Madame, nicht langweilen, übrigens kann ich Sie nur verlaſſen, wenn Sie es aus⸗ drücklich befehlen, und in dieſem Falle werde ich die vier Stunden in Ihrem Vorzimmer zubringen, da Herr D. R. mich gebeten hat, ihn hier zu erwarten. In dieſem Falle ſetzen Sie ſich, wenn Sie wollen. Eine ſo trockene Aufforderung verletzte mich, aber ich liebte ſie und hatte ſie nie ſo ſchön gefunden, da T Un⸗ wohlſein ihren Teint auf eine Weiſe belebte, welche ihn Plendend machte. Ich blieb eine Viertelſtunde lang ſtumm und unbeweglich wie eine Statue ſtehen; da klingelte ſie ihrer Kammerfrau und bat mich, ſie einen Augenblick allein zu laſſen. Nachdem ſie mich wenige Minuten darauf wieder hatte hereinkommen laſſen, fragte ſie mich, was aus meiner Heiterkeit geworden wäre. Wenn meine Heiterkeit verſchwunden iſt, ſo kann dies nur nach Ihrem Befehl, Madame, geſchehen ſein. Rufen Sie dieſelbe zurück, und Sie werden ſie in Ihrer Gegen⸗ wart wieder in ihrer ganzen Stärke erſcheinen ſehen. as muß ich thun, um dieſelbe zurückzurufen? Sich gegen mich benehmen wie nach meiner Rückkeh 4 at 31 7 Mag man es immerhin glauben, wenn es nur nicht wahr iſt. Welcher Widerſpruch! Sollte es möglich ſein, daß ich Sie nicht liebte, und daß Sie nichts für mich fühlten? Aber auch Sie magern ab, und ich vergehe. Unfehlbar wird Folgendes eintreten: wir Beide ſterben in Kurzem, Sie an Selbſtaufzehrung, ich an Erſchöpfung; denn ich bin darauf angewieſen, mich an Ihr Bild zu halten, Nachts und immer, überall, außer wenn ich bei Ihnen bin. Dieſe mit dem Tone der Leidenſchaft vorgebrachte Er⸗ klärung erſtaunte, rührte ſie, und ich glaubte, daß der Augenblick des Glückes gekommen wäre: Ich drückte ſie in meine Arme und pflückte ſchon die Erſtlinge—— Die Schildwache klopfte zweimäl. Welch frauriger Zufall! Ich bringe mich wieder in Ordnung, indem ich mich vor ſie hinſtelle—— D. R. erſcheint und findet mich diesmal bei ſo guter Laune, daß er bis ein Uhr Nachts blieb. Mein Zuckerwerk fing an Aufſehen zu machen. D. R., Madame F. und ich waren die einzigen, deren Bonbonniere damit gefüllt war. Ich geizte damit, und Niemand wagte es, mich darum zu bitten, weil ich geſagt, es wäre theuer, und es gäbe in Corfu weder einen Konditor, der es nach⸗ machen, noch einen Phyſiker, der es analyſtren könne. Na⸗ mentlich aus meiner Cryſtalldoſe gab ich Niemand, und Madame F. hatte dies bemerkt. Ich hielt das Zuckerwerk ſicherlich nicht fuür einen Liebestrank und war weit entfernt davon zu glauben, daß die Haare den Geſchmack verbeſſern könnten: aber ein verliebter Aberglaube machte es mir theuer und ich erfreute mich an dem Gedanken, mich mit einigen Parzellen des angebeteten Weſens identificiren zu können. Ohne Zweifel aus einer gewiſſen Sympathie war Ma⸗ dame F. ganz verliebt in das Zuckerwerk. Sie behauptete gegen Alle, daß daſſelbe ein Univerſalmittel wäre, und da ſte ſich bewußt war, die Herrin des Beſitzers zu ſein, ſo bekümmerte ſie ſich nicht um das Geheimniß der Zuſam⸗ menſetzung; da ſie aber bemerkte, daß ich nur aus der Schildpattdoſe austheilte, und ſelbſt nur aus der Cryſtall⸗ doſe nahm, ſo fragte ſie mich nach dem Grunde.. 44 32 Ohne nachzudenken antwortete ich, in dem Zuckerwerk, das ich äße, wäre etwas enthalten, was zur Liebe zwinge. Daran glaube ich nicht; aber es iſt von dem, welches ich eſſe, verſchieden. Es iſt beides gleich, nur iſt in dem meinen das In⸗ grediens enthalten, welches mich zwingt, Sie zu lieben. Sagen Sie mir, was für ein Ingrediens das iſt. Das iſt ein Geheimniß, welches ich Ihnen nicht offen⸗ bären kann. Und ich werde Ihr Zuckerwerk nicht mehr eſſen. Dies ſagend, ſteht ſie auf, ſchüttet ihre Bonbonniere aus und füllt ſte mit Chocoladenplätzchen; ſodann ſchmollt ſte, wie nicht minder an den folgenden Tagen, und vermei⸗ det es, mit mir allein zu ſein. Da mich dies ärgerte, ſo wurde ich traurig, aber ich konnte mich nicht entſchließen, ihr zu ſagen, daß ich ihre Haare äße. Nach vier oder fünf Tagen fragte ſie mich, weshalb ich traurig wäre. Weil Sie mein Zuckerwerk nicht mehr eſſen. Sie ſind Herr Ihres Geheimniſſes, und mir ſteht es —+₰ freei;, zu eſſen, was ich will. Das habe ich von meinem Vertrauen. Dies ſagend, oͤffne ich die Kryſtallbonbonniere und ſchüttete ihren ganzen Inhalt in meinen Mund, indem ich ſage: Noch zweimal und ich ſterbe an wahnſinniger Liebe für Sie. Dann werden Sie wegen meiner Zurückhaltung gerächt ſein. Leben Sie wohl, Madame. 3 Sie ruft mich zuruck, läßt mich neben ſich ſitzen und ſagt, ich möchte keine Thorheiten begehen, die ihr Kummer machten, denn ich wüßte ja, daß ſte mich liebte, und ich müßte überzeugt ſein, daß ſie dies nicht der Kraft eines Geheim⸗ mittels zuſchriebe. Um Ihnen die Ueberzeugung zu geben, daß ſie eines ſolchen nicht bedürfen, um von mir geliebt zu werden, nehmen Sie dies Unterpfand meiner Zärtlichkeit. Sie nähert ihren ſchönen Mund und ich preſſe den meinigen darauf, bis ich genöthigt bin, denſelben zurückziehen, um Athem zu holen. Ich werfe mich ihr nun zu Füßen, die Augen benetzt mit Thränen der Zärtlichkeit aus Dankbar⸗ —ℳ9— u 2—* 33 keit und ſage, ich wolle ihr mein Verbrechen entdecken, wenn ſie mir Verzeihung verhieße. Ein Verbrechen? Sie erſchrecken mich. Ich verzeihe Ihnen, ſagen Sie ſchnell Alles. Alles. Mein Zuckerwerk enthält Ihre in Zucker ver⸗ wandelten Haare. Hier an meinem Arme trage ich ein Armband, auf welches Ihr Name mit Ihren Haaren geſtickt iſt, und an meinem Halſe trage ich ein Band, mit welchem ich meinem Leben ein Ende machen werde, wenn Sie mich nicht mehr lieben. Das ſind meine Verbrechen, und ich würde keines derſelben begangen haben, wenn ich Sie nicht anbetete. Sie lacht, hebt mich auf und ſagt, ich wäre wirklich ein großer Verbrecher. Sie trocknete meine Thränen, indem ſie mir die Verſicherung gab, daß ich mich nie tödten würde. Nach dieſer Unterhaltung, wo ich den Nektar des er⸗ ſten Kuſſes meiner Göttin gekoſtet hatte, war ich ſtark ge⸗ nug, um mein Benehmen gegen ſie gänzlich zu ändern. Sie ſah, wie ich glühte, brannte, und dennoch hatte ich die Kraft, mich jedes Angriffs zu enthalten. Woher, fragte ſie eines Tages, haben Sie die Kraft, ſich zu beherrſchen, genommen? nn dem zärtlichen Kuſſe, welchen ſie mir freiwillig gegeben, ft mir Ihr Herz ebenſo bewilligen würde. Sie können ſich nicht denken, welche ſüße Wohlthat mir dieſer Kuß erwieſen. Wiee ſollte ich es nicht wiſſen, Undankbarer! Wer von uns beiden hat dem Andern dieſe Wohlthat erwieſen. Weder Sie noch ich, angebetetes Weib. Dieſer ſo zärt⸗ liche und ſo ſüße Kuß war das Produkt der Liebe. Ja, mein Freund, der Liebe, deren Schätze unerſchöpf⸗ lich ſind. 1 Sie hatte noch nicht geendet, als unſere Lippen ſich ſchon verbanden. Sie drückte mich ſo ſtark gegen ihren Buſen, daß ich meine Hände nicht in Bewegung ſetzen konnte, um mir andere Genüſſe zu verſchaffen, aber ich fühlte mich gluͤcklich. Am Ende dieſes ſchönen Wettkampfes fragte ich ſie, ob ſie glaube, daß wir immer dabei ſtehen bleiben 3 ühlte ich, daß ich nicht mehr fordern dürfe, als —Qn . 8 3 8 8 34 8 Immer, mein Freund, und nie mehr. Die Liebe iſt ein Kind, welches man mit Kleinigkeiten befriedigen muß: eine zu ſtarke Nahrung tödtet es. Ich kenne ſie beſſer als Sie. Sie verlangt eine ſub⸗ ſtantielle Nahrung, und wenn man ihr dieſe hartnäckig verweigert, vertrocknet ſte. Verweigern Sie mir nicht den ſüßen Troſt zu hoffen. Hoffen Sie, wenn Sie ihre Rechnung dabei finden. Was ſollte ich ſonſt thun? Ich hoffe, weil ich weiß, daß Sie ein Herz haben. Erinnern Sie ſich noch des Tages, wo Sie in Ihrem Zorne und in der Abſicht, mich ſchwer zu beleidigen, mir ſastene ich hätte nur Geiſt. a! ja! Wie herzlich lachte ich, als ich darüber nachgedacht hatte. Ja, mein Freund, ich habe ein Herz, und ohne daſſelbe würde ich jetzt nicht glücklich ſein. Erhalten wir uns unſer jetzi⸗ ges Glück und verſtehen wir zufrieden zu ſein, ohne mehr zu begehren. Ihren Geſetzen unterworfen, aber jeden Tag verliebter werdend hoffte ich, daß die Natur, welche auf die Dauer mächtiger iſt als die Vorurtheile, eine glückliche Kriſe her⸗ beiführen werde. Aber außer der Natur half mir auch das Glück. Ich wurde dafür einem Unglück verpflichtet. Garten ſpatzieren ging, blieb ſie an einem Strauche wilder Beines. D. R. verband ihr ſogleich mit ſeinem Taſchen⸗ tuche das Bein, um das reichlich ſtrömende Blut aufzuhal⸗ ten, und man mußte ſie auf einem Palankin ins Haus tragen. Wunden an den Beinen ſind auf Corfu gefährlich, liche Stellung die Pflicht auf, immer zu ihrem Befehl z⸗ ſein. Ich ſah ſte jeden Augenblick, aber in den drei erſte ½—5 5 5* Als ſie eines Tages auf D. R.'s Arm gelehnt im Roſen hangen und verwundete ſich am untern Theile des wenn ſie nicht gut behandelt werden, und um ſie zum Ver⸗ narben zu bringen, muß man ſie ſich oft ſelbſt überlaſſen. Da ſie das Bett hüten mußte, ſo legte mir meine glück⸗ Tagen folgten ohne Unterbrechung ſo viel Beſuche auf ei AA ASA ͤR e n n ⁸½ 47 Am dritten Tage. als ich aufſtand, verkuͤndete mir ein 1 gelches Unglück ich hatte ar Licdten ee eßzten Tagen eine Gunſtbezeugung verörligk hätke, ſo War ich nahe daran, deñ Verſtand zu Frrleren. Werdes mar⸗ meine Lage geweſen, wenn ich ſie für ihr ganzes Leben unglücklich gemacht? Wer in dieſem Falle meine Geſchichte erfahren hätte, würde der mich wohl haben verdammen können, wenn ich mich des Lebens entledigt hätte, um mich von meinen Ge⸗ wiſſensbiſſen zu befreien? Nein; denn wer ſich nicht aus Verzweiflung, ſondern als gerechter Vollſtrecker der Strafe, welche er verdient hat, tödtet, den kann der Tadel eines tugendhaften Philoſophen oder toleranten Chriſten nicht treffen. Sicher iſt es, daß ich mich getödtet haben würde, wenn mir ein ſolches Unglück begegnet wäre. Niedergebeugt von dem Kummer, in welchen mich die neue Entdeckung ſtürzte, und hoffend, diesmal wie die drei erſtenmale davon zu kommen, unterwarf ich mich einer Diät, welche mich in ſechs Wochen hergeſtellt haben würde, ohne daß Jemand meine Krankheit hätte argwöhnen können; aber ich war noch nicht am Ende meiner Leiden. Melulla hatte in meine Adern alle Gifte geſpritzt, welche die Quellen, denen das Leben entſtrömt, vergiften. Ich kannte einen alten, in dieſem Fache erfahrenen Doktor; ich zog ihn zu Rath, und er verſprach mir, mich binnen zwei Monaten vollkommen herzuſtellen; er hielt Wort. Im„Anfange des September war ich wieder ganz geſund, und um dieſe Zeit trat ich die Rückreiſe nach Venedig an. Das Erſte, wozu ich mich entſchloß, nachdem ich mei⸗ nen grauſamen Zuſtand erkannt, war, daß ich Madame F. damit bekannt machte. Ich wollte nicht bis zu dem Au⸗ genblicke warten, wo eine abgezwungene Erklärung ſie ge⸗ nöthigt hätte, über eine Schwäche zu erröthen, noch wollte ich ſte den Betrachtungen über die ſchrecklichen Folgen, welche ſie ſich durch ihre Leidenſchaft hätte zuziehen können, ausſetzen. Ihre Zärtlichkeit war mir zu theuer, als daß ich mich der Gefahr hätte ausſetzen ſollen, dieſelbe durch Mangel an Vertrauen zu verlieren. Da ich ihren Geiſt, die Reinheit ihres Gemüths und ihre Großmuth kannte, welche ſie mich nur beklagenswerth hatte finden laſſen, ſo glaubte ich ihr, durch meine Aufrichtigkeit beweiſen zu müſ⸗ ſen, daß ich ihre Achtung verdiente. Ich erzählte ihr ganz naiv meinen Zuſtand und ſchil⸗ derte ihr zugleich, denjenigen, in welchem mich der Gedanke an die ſchrecklichen Folgen, die für ſie daraus hätten her⸗ vorgehen können, ſtürzte. Ich ſah, wie ſie bei dieſem Ge⸗ danken ſchauderte und zuſammenfuhr, und ſie erbleichte, als ich ſagte, daß ich ſie durch einen Selbſtmord gerächt haben würde. Schändliche, niederträchtige Melulla! rief ſie aus, und ich wendete dieſe Bezeichnung auf mich an, als ich ſah, welches Gut ich der ekelhafteſten Schwäche geopfert hatte. Ganz Corfu wußte, daß ich dieſer Unglücklichen einen Beſuch abgeſtattet, und Alle wunderten ſich, auf meinem — Geſichte die Zeichen der Geſundheit zu ſehen, denn die Zahl der Opfer, welche ſie wie mich behandelt, war nicht klein. Meine Krankheit war nicht der einzige Kummer, wel⸗ cher mich verzehrte, ich hatte noch andern, der, wenn auch verſchiedener Art, doch nicht weniger niederdrückend war. Es war einmal geſchrieben, daß ich als bloßer Fähndrich, wie ich von Venedig abgereiſt, dorthin zurückkehren ſolle; denn der General⸗Proveditor hielt mir ſein Wort nicht, und man zog mir den Baſtard eines Patriciers vor. In dieſem Au⸗ genblick wurde mir der Militairſtand, wo der Deſpotismus der Willkür am meiſten herrſcht, zuwider, und ich faßte den Entſchluß, ihn zu verlaſſen. Zu dieſem Kummer kam noch ein größerer, die Unbeſtändigkeit des Glücks, welches mir gänzlich den Rücken gekehrt hatte. Ich machte die Bemer⸗ kung, daß von dem Augenblicke an, wo ich mich mit der Melulla erniedrigt hatte, alles Unglück auf mich einſturzte, gleichſam um mich zu erdrücken. Das Allerempfindlichſte, welches aber als eine Gnade zu betrachten ich Verſtand * N genug hatte, war, daß D. R. mich acht oder zehn Tage 4.. 7 —.,— A——2— — on n Ly u 4 — —— 8RNR B B—- 8 B+ d 49 vor dem Aufbruche der Armee wieder in ſeine Dienſte nahm, und daß F. einen neuen Adjutanten wählte. Bei dieſer Ge⸗ legenheit ſagte Madame F., daß wir uns in Venedig aus mehreren Gründen nicht würden ſehen können. Ich bat ſie, mir dieſelben nicht zu nennen, da ich vermuthete, daß die⸗ ſelben nur demüthigend für mich würden ſein können. Ich wurde gewahr, daß dieſe vermeintliche Gottheit nur eine arme Sterbliche wie alle andern Frauen war, und ich fing an, dem Gedanken Raum zu geben, daß ich ſehr Unrecht thun würde, ihretwegen dem Leben zu entſagen. Der Grund ihrer Seele wurde mir klar, denn, ich weiß nicht mehr bei welcher Gelegenheit, ſagte ſie zu mir, ich flöße ihr Mitleid ein. Ich ſah klar, daß ſie mich nicht mehr liebte, denn das Mitleid, dieſes erniedrigende Gefühl, findet keinen Raum in einem liebenden Herzen, da die Verachtung dieſem traurigen Gefühl zu ſehr verwandt iſt. Von dieſem Augen⸗ blicke an bin ich nicht mehr allein mit ihr geweſen. Ich liebte ſie noch, es würde mir leicht geweſen ſein, ſie zum Erröthen zu bringen; ich that es nicht. Sobald wir in Venedig angelangt waren, hängte ſie ſich an D. R. und liebte ihn, bis er ſtarb. Zwanzig Jahre ſpäter erblindete ſie. Ich glaube, ſie lebt noch. Die beiden letzten Monate meines Aufenthalts in Corfu gehörten zu den lehrreichſten meines Lebens, und ich habe mich derſelben oft erinnert, um nützlichen Rath daraus zu ſchöpfen. Vor meinem nächtlichen Abenteuer mit der elenden Melulla war ich geſund, reich, glücklich im Spiele, geliebt von Allen, angebetet von der ſchönſten Frau der Stadt. Wenn ich ſprach, liehen mir Alle ein aufmerkſames Ohr, rühmten meinen Geiſt; meine Worte waren Orakelſprüche, und Alle folgten meinen Rathſchlägen. Nach jenem ver⸗ hängnißvollen Abenteuer verlor ich ſchnell Geſundheit, Geld, Kredit; gute Laune, Achtung, Geiſt, Alles, bis auf die Fähigkeit mich auszudrückem Herflog mit dem Glücke. Ich ſprach; aber man wußte, daß ich unglücklich war und ich „berzeugte nicht mehr. Der Einfluß, welchen ich auf Ma⸗ vame F. hatte, verlor ſich allmählig und faſt ohne daß ich III. 4 es merkte; dieſe ſchöne Dame wurde gegen mich völlig gleichgültig. Ich reiſte ohne Geld ab, nachdem ich alle Sachen von Werth verkauft oder verpfändet. Zweimal war ich reich hierher gekommen und zweimal reiſte ich arm ab; aber diesmal hatte ich Schulden gemacht, welche ich nie bezahlt habe, nicht aus Böswilligkeit, ſondern aus Leichtſinn. Als ich reich und wohl war, feierten mich Alle; als ich arm und mager war, gab mir Niemand mehr ein Zei⸗ chen der Achtung. Als ich eine volle Börſe und einen zu⸗ verſichtlichen Ton hatte, fand man mich geiſtreich, unterhal⸗ tend; als meine Börſe leicht und mein Ton beſcheiden wurde, erſchien Alles, was ich ſagte, platt und geiſtlos. O, Menſchen! O, Glück! Man vermied mich, als ob das Unglück, welches mich verfolgte, anſteckend geweſen wäre. Ende September traten wir die Reiſe mit fünf Galee⸗ ren, zwei Galeaſſen und mehrern kleinen Fahrzeugen unter dem Befehle Herrn Veniers an; wir fuhren längs der Küſte des adriatiſchen Meeres im nördlichen Theile des Meerbu⸗ ſens, welcher hier ſehr reich an Häfen iſt, während er auf der andern ſehr arm daran iſt. Wir legten alle Abende an, und ich ſah daher Madame F. alle Abende; ſie kam mit ihrem Manne zum Abendeſſen auf unſere Galeaſſe. Unſere Reeiiſe war ſehr glücklich; wir warfen im Hafen von Vene⸗ dig am 14. Oktober 1745 Anker, und nachdem wir die Quarantaine auf unſerer Galeaſſe beſtanden, landeten wir am 25. November. Zwei Monate ſpäter wurden die Ga⸗ leaſſen aufgehoben. Es waren dies Fahrzeuge, deren Ein⸗ führung auf ſehr alte Zeiten zurückging, deren Unterhaltung ſehr koſtſpielig war und die durchaus keinen Nutzen hatten. Eine Galeaſſe hatte den Körper einer Fregatte und die Bänke einer Galeere, und fünfhundert Galeerenſklaven ru⸗ derten, wenn kein Wind war. Ehe es dem geſunden Menſchenverſtande gelang, dieſe ſchlechten Fahrzeuge zu unterdrücken, fanden im Senate 4 lange Erörterungen ſtatt, aber der Hauptgrund, welchen die Opponenten anführten, war der, daß man alles Alte achten und erhalten müſſe. Das iſt die Krankheit aller derjenige — —- 8— un d 63 Gegen die Mitte des April 1746 heirathete Girolamo Cornaro aus der Familie Cornaro delle Regina ein Fräu⸗ lein aus dem Hauſe Soranzo de St. Pol und ich hatte die Ehre der Hochzeit beizuwohnen als Violinſpieler. Ich war Mitglied eines der zahlreichen Orcheſter der Bälle, welche während dreier auf einander folgender Tage im Pa⸗ laſte Soranzo veranſtaltet wurden. Am dritten Tage gegen Ende des Feſtes, eine Stunde vor Tagesanbruch verließ ich, weil ich mich ermüdet fühlte,“ ohne Weiteres das Orcheſter, um mich zu entfernen, als ich beim Hinuntergehen einen Senator in rothem Gewande bemerkte, welcher im Begriff war, in ſeine Gondel zu ſtei⸗ V gen und welcher beim Herausziehen des Taſchentuchs einen Brief fallen ließ. Ich hebe denſelben eiligſt auf und zu dem Herrn tretend, als er die Stufen hinabſtieg, übergebe ich ihm den Brief. Er nimmt ihn, indem er mir dankt, und fragt mich, wo ich wohne. Ich ſage es ihm, und er nöthigt mich, in ſeine Gondel zu ſteigen, da er mich durch⸗ aus nach Hauſe bringen wollte. Ich nehme dies dankbar an und ſetze mich neben ihn auf die Bank. Einen Augen⸗ blick darauf bittet er mich, ihm den linken Arm zu ſchütteln, und ſagt, derſelbe ſei ihm ſo ſehr erſtarrt, daß er kein Ge⸗ fühl mehr darin habe. Ich mache mich mit aller Kraft an die Arbeit, aber einen Augenblick darauf ſagt er mit un⸗ deutlicher Stimme, die Erſtarrung dehne ſich über die ganze linke Seite aus, und er fühle ſich dem Tode nahe. Erſchreckt ziehe ich die Gardine auf, und als ich die Laterne geholt, ſehe ich ihn ſterbend und mit verzogenem Munde daliegen. Da ich wohl ſah, daß Se. Herrlichkeit einen Schlaganfall habe, rufe ich den Gondolieren zu, mich ausſteigen zu laſſen, um einen Chirurgus zu holen, der ihm zur Ader laſſen könne. Ich ſpringe aus der Gondel, an demſelben Orte, wo ich vor drei Jah en Razzetta eine ſo derbe Lektion ertheilt, und gehe in ein Kaffeehaus, wo man mir einen Chirur⸗ gus nachweiſet. Ich laufe zu demſelben, klopfe derho⸗ lentlich an ſeine Thüre, man öffnet mir, und ich zwinge den Chirurgus, mir im Schlafrocke zur Gondel zu folgen, welche auf uns wartet; er läßt dem Senator zur Ader, während ich mein Hemde zerreiße, um Verbände daraus zu machen. 4 Nachdem dieſe Operation beendet, befehle ich den Gon⸗ delführern, alle Ruder einzuſetzen, und in einem Augen⸗ blicke ſind wir in St. Marina; man weckt ſeine Bedienten und nachdem wir ihn aus der Gondel getragen, legen wir ihn faſt ohne Leben in ſein Pett. Mich zum Anordner auftyerfend, befehle ich einem Be⸗ dienten, eiligſt einen Arzt zu olen, und ſobald der Aescu⸗ lap gekommen war, verordnete er augenblicklich einen zwei⸗ ten Aderlaß und billigte dadurch den von mir verfügten. Da ich mich für berechtigt hielt, beim Kranken zu wachen, ſo ließ ich mich neben ſeinem Bette nieder, um ihm meine Pflege zu Theil werden zu laſſen. Zwei Stunden ſpäter kamen zwei Patricier, Freunde des Kranken. Sie waren in Verzweiflung und nachdem ſie ſich bei den Gondelführern nach dem Unfalle erkundigt und dieſe ihnen geſagt, daß ich mehr als ſie davon wüͤßte, be⸗ fragen ſie mich; ich ſagte ihnen, was ich wußte; ſie wuß⸗ ten nicht, wer ich war, und wagten nicht mich zu fragen, und ich glaubte, ein beſcheidengs⸗ Schweigen beobachten zu müſſen. 4 Der Kranke war ohne Bewegung und gab kein ande⸗ res Lebenszeichen als das Athmen; man machte ihm warme Umſchläge und der Prieſter, welchen man geholt hatte, und welcher unter den obwaltenden Umſtänden ſehr unnütz war, ſchien nur auf ſeinen Tod zu warten. Auf mein Anrathen wies man die Beſuche ab, und die beiden Patricier und it blieben allein bei dem Kranken. Wir nahmen ſchweigend das Mittagseſſen ein und verließen das Zimmer des Kran⸗ ken nicht. 8 Am Abend ſagte der ältere Patricier zu mir, wenn ich Geſchäfte habe, könnz ich gehen, denn ſie würden die Nacht auf Matratzen im Zimmer des Kranken ſchlafen. Und ich, mein Herr, ſage ich, werde auf dieſem Lehnſtuhle neben dem Bette ſchlafen, denn wenn ich wegginge, würde der Kranke ſterben, und ich bin ſicher, daß er, ſo lange ich hier bleibe, * Ra Au vo N wie ſich leicht denken läßt, in Erſtaunen und beide blickten ſich verwundert an. Wir ſpeiſten zu Abend, und aus unſerer ſparſamen Unterhaltung während des Eſſens erfuhr ich von den bei⸗ den Herren, ohne daß ich ſie danach fragte, daß der Senator ihr Freund, Herr von Bragadino, einziger Bruder des Pro⸗ curators dieſes Namens wäre. Dieſer Herr von Bragadino war in Venedig berühmt, ſowohl wegen ſeiner Beredtſam⸗ keit und ſeines großen Talents als Staatsmann, wie durch die galanten Abenteuer ſeiner unruhigen Jugend. Er hatte Thorheiten für die Frauen und mehr als eine Schönheit Thorheiten für ihn begangen. Er hatte viel geſpielt und viel verloren, und ſein Bruder war ſein grauſamſter Feind, weil er ſich die Idee in den Kopf geſetzt, daß derſelbe ihn habe vergiften wollen. Er hatte denſelben dieſes Verbre⸗ chens beim Rathe der Zehn angeklagt, welcher denſelben acht Monate ſpäter und nach einer gründlichen Unterſuchung für unſchuldig erklärte; aber dieſe glänzende Genugthuung konnte den Bruder nicht von ſeinem Vorurtheile heilen. Dieſer unſchuldige Magn, welcher von einem ungerech⸗ ten Bruder, der ihn der Bufte ſeiner Einkünfte beraubte, unterdrückt wurde, lebte als iebenswürdiger Philoſoph im Schooße der Freundſchaft. Er hatte zwei innige Freunde, welche jetzt bei ihm waren; der eine war aus der Fa⸗ milie Dandolo, der andere aus der Familie Barbaro, und beide waren redlich 1 liebenswürdig. Herr von Braga⸗ dino war ſchön, gelehrt, ſpaßhaft, und vom ſanfteſten Cha⸗ rakter; er war damals erſt funfzig Jahre alt. Der Arzt, welcher ſeine Heilung uͤbernommen hatte, hieß Terro; durch einen ganz eigenthümlichen Schluß war er auf die Idee gekommen, daß er denſelben durch Einrei⸗ bung mit Mercur auf die Bruſt retten könne, und man ließ ihn machen. Die ſchnelle Wirkung dieſes Mittels, welche die beiden Freunde entzückte, erſchreckte mich, denn in weni⸗ ger als vierundzwanzig Stunden wurde der Kranke durch ſtarke Wallungen im Kopfe gequält. Der Arzt ſagte, er wiſſe, daß die Einreibungen dieſe Wirkungen hervorbrächten, III. 5 leben bleiben wird. Dieſe ſentenzenartige Antwort ſetzte ſie, daß aber am folgenden Tage dieſe Wirkung vom Kopfe auf die anderen Theile des Körpers übergehen würde, welche durch die Kunſt und das Gleichgewicht des Umlaufs der Flüſſigkeiten belebt werden müßten. Um Mitternacht glühte der Kranke und befand ſich in einer tödtlichen Aufregung. Ich nähere mich ihm und ſehe daß ſeine Augen brechen und er kaum noch athmen kann. Ich laſſe die Freunde aufſtehen und erkläre ihnen, daß der Kranke ſterben wird, wenn man ihn nicht augenblicklich von der unglückſeligen Einreibung befreit. Augenblicklich, und ohne ihre Antwort abzuwarten, entblöße ich ihm die Bruſt, reiße ihm das Pflaſter ab, waſche ihn ſorgfältig mit lauem Waſſer, und in noch nicht drei Minuten ſehen wir ihm leicht athmen und in einen ſanften Schlummer verſinken. Höchſt erfreut, beſonders ich, legen wir uns alle wieder ſchlafen. Der Doktor kam am frühen Morgen und war ſehr er⸗ freut als er ſeinen Kranken in ſo gutem Zuſtande fand; als ihm aber Herr Dandalo ſagte, was geſchehen, wurde er ärgerlich und fragte, wer ſich erlaubt ſeine Kur zu zerſtö⸗ ren. Herr von Bragadino nahm nun das Wort und ſagte: Doktor, wer mich von dem Mercur befreit, der mich erſtickte iſt ein Arzt, der mehr verſteht als Sie; und als er dieſe Worte geſprochen, zeigte er mit der Hand auf mich. Ich weiß nicht, wer von uns beiden mehr verwundert war, ob der Doktor, als er einen jungen Mann ſah, den er für einen Charlatan halten mußte, obwohl ihm von dem⸗ ſelben geſagt wurde, daß er mehr wiſſe, als er ſelbſt; oder ich der mich in einen Arzt ungewandelt ſah, ohne es zu wollen. Ich beobachtete ein beſcheidenes Schweigen, und hatte große Mühe mich des Lachens zu enthalten; während der Arzt mich mit einer Art Verlegenheit betrachtete, welche mit Aerger vermiſcht war, und mich ohne Zweifel für einen kühnen Betrüger hielt, der ihn zu verdrängen gewagt. Sich endlich zu dem Kranken wendend, ſagte er zu demſelben mit kaltem Tone, er trete mir ſeinen Platz ab: er wurde beim Warte genommen. Er geht weg, und ich bin alſo der Arzt eines der berühmteſten Mitglieder des venetianiſchen Senats geworden. Im Grunde war ich, ich muß es geſtehen, ſehr —8 4 —— — „ 8. — — Mag er ſo klein ſein, wie er will, er wird fuͤr Dich ſein; und Du wirſt am Schluſſe der Berechnung ſehen, daß der Unterſchied zwiſchen Verluſt und Gewinn ungeheuer iſt. Der Pointeur iſt toll, der Bankier urtheilt. Der letz⸗ tere ſagt: Ich wette, daß Sie nicht rathen; während der erſtere ſagt: Ich wette, daß ich rathe. Wer iſt der Thor? Wer der Kluge? Die Antwort iſt leicht. Im Namen Gottes ſei vernünftig; wenn es Dir aber begegnet, zu pointiren und zu gewinnen, ſo bedenke, daß Du ein Dummkopf biſt, wenn Du zuletzt doch verlierſt. Weshalb ein Dummkopf? Das Glück ändert ſich. Und muß ſich durch die Natur der Sache ſelbſt ändern, wenn es ſich nicht aus andern Urſachen ändert. Glaube mir, und höre auf, wenn Du es ſich ändern ſiehſt, ſollteſt Du auch nur einen Obol gewonnen haben. Ich hatte Plato geleſen und wunderte mich, einen Mann zu finden, der wie Socrates ſprach. Am folgenden Tage kam Zawoiski ſehr früh zu mir, um mir zu ſagen, daß man mich zum Abendbrot erwartet, und daß man meine Pünktlichkeit im Bezahlen von Ehren⸗ ſchulden ſehr gerühmt. Ich hielt es nicht für nöthig, ihn zu enttäuſchen; aber ich ging nicht mehr zum Grafen Ri⸗ naldi, den ich erſt ſechszehn Jahre ſpäter in Mailand wie⸗ dergeſehen habe. Was Zawoiski betrifft, ſo hat er die Ge⸗ ſchichte erſt vierzig Jahre ſpäter in Karlsbad, wo ich ihn taub fand, erfahren. Drei oder vier Monate ſpäter gab mir Herr von Pra⸗ gadino eine noch ſtärkere Lektion. Zawoiski hatte mir die Bekanntſchaft eines Franzoſen, Namens l'Abbadie, verſchafft, der ſich bei der Regierung um die Stelle eines Inſpektors aller Landtruppen bewarb. Seine Wahl hing vom Senate ab und ich ſtellte ihn meinem Beſchützer vor, der ihm ſeine Stimme verſprach; aber das Begegniß, welches ich erzählen werde, hinderte ihn ſein Wort zu halten. Da ich hundert Zechinen brauchte, um Schulden zu bezahlen, ſo bat ich ihn eines Tages mir dieſelben zu geben. * 80 Warum, mein Theurer, bitteſt Du Herrn l'Abbadie nicht um dieſe Gefälligkeit? Das wage ich nicht, mein Vater. Wage es; ich bin überzeugt, daß er Dir gern dieſe Summe leihen wird. Ich zweifle ſehr; aber ich will verſuchen. Ich beſuchte ihn am folgenden Tage, und nach einem kurzen höflichen Eingange bat ich ihn, mir dieſen Dienſt zu leiſten. Er entſchuldigte ſich ebenfalls mit großer Höflich⸗ keit und ertränkte ſeine Weigerung in jenen tauſend Ge⸗ meinplätzen, welche man anzuführen nicht ermangelt, wenn man eine Gefälligkeit nicht erweiſen kann oder will. Da wäh⸗ rend deſſen Zawoiski hinzukam, ſo grüßte ich und ging weg. Schnell lief ich zu meinem Patrone, um ihm von meinem erfolgloſen Schritt Bericht zu erſtatten. Er ſagte, dieſem Franzoſen fehle es an Geiſt. Gerade an dieſem Tage ſollte ſein Ernennungsdekret im Senate zur Erörterung kommen. Ich ging aus, um meinen Geſchäften, d. h. meinen Vergnügungen nachzugehen, und da ich erſt nach Mitternacht nach Hauſe kam, ſo legte ich mich ſchlafen, ohne meinen Vater zu ſehen. Am fol⸗ genden Tage wünſchte ich ihm einen guten Morgen und ſagte, ich wolle den neuen Inſpektor becomplimentiren. Spare Dir dieſe Mühe, mein Freund, denn der Senat hat den Vorſchlag verworfen. Wie das? Vor drei Tagen war l'Abbadie des Gegen⸗ theils ſicher. Er täuſchte ſich nicht; denn das Dekret würde zu ſei⸗ nen Gunſten ausgefallen ſein, wenn ich mich nicht veranlaßt gefunden hätte, gegen ihn aufzutreten. Ich habe dem Se⸗ nat bewieſen, daß eine geſunde Politik uns nicht geſtatte, einem Fremden eine ſo wichtige Stellung anzuvertrauen. Ich wundere mich darüber, denn Ew. Excellenz dachte vorgeſtern nicht ſo. Das iſt wahr, aber damals kannte ich ihn noch nicht. t Geſtern wurde ich gewahr, daß dieſer Mann nicht Kopf ge⸗ e nug für die von ihm nachgeſuchte Stelle habe. Kann er⸗ wohl ein geſundes Urtheil haben und Dir hundert Zechinen 99 kannt, war ein Kuppler, welchen ich einige Zeit vorher durchgeprügelt, weil er mich betrogen hatte. Hätte ich mich nicht ſogleich des jungen Mädchens bemächtigt, ſo würde ſie ihm nicht entgangen ſein, und er würde ſie an einen ſchlechten Ort geführt und zu Grunde gerichtet haben. Das Reſultat dieſer Unterredung war, daß der Graf ſeinen Nekurs an den Rath der Zehn aufſchieben ſolle, bis Steffani's Aufenthaltsort entdeckt worden wäre. Seit ſechs Monaten, Herr Graf, ſagte ich zu ihm, habe ich denſelben nicht geſehen, aber ich verſpreche Iynen, ihn im Duell zu tödten, ſobald er ſich zeigen wird. Sie werden ihn nicht eher tödten, ſagte der junge Mann mit kaltem Tone, als bis er mich getödtet haben wird. Meine Herren, rief Herr von Bragadino aus, ich kann Ihnen die Verſicherung geben, daß keiner von Ihnen ſich mit Steffani ſchlagen wird, denn derſelbe iſt todt. Todt! ſagte der Graf. Man muß, ſagte der vorſichtige Barbaro, dieſen Aus⸗ druck nicht buchſtäblich nehmen, aber der Unglückliche iſt ſicherlich für die Ehre geſtorben.. Nach dieſer wahrhaft dramatiſchen Scene, während welcher ich die Löſung des Knotens vorbereiten ſah, begab ich mich zu meiner angebeteten Gräfin, wobei ich dreimal die Gondel wechſelte, eine nöthige Vorſicht, um die Spione von der Fährte abzubringen. Ich ſtatte der neugierigen Gräfin, welche ſich ſehr nach mir geſehnt hatte, einen getreuen Bericht von Allem ab. Sie weinte vor Freuden, als ich ihr erzählte, was der Va⸗ ter geſagt, und daß er den Wunſch ausgeſprochen, ſie in ſeine Arme zu ſchließen; als ich ihr aber die Verſicherung gab, daß Niemand wiſſe, daß Steffani in ihr Zimmer ge⸗ kommen, warf ſie ſich zur Erde, um Gott zu danken. Nach dem ich ſodann die Worte ihres Bruders:„Sie werden ihn nicht eher tödten, als bis er mich getödtet haben wird,“ 3 angeführt und ſeinen kalten Ton dabei nachgeahmt, umarmte ſe mich, indem ſte mich ihren Schutzengel, ihren Retter annte und mein Geſicht mit ihren Thränen benetzte. Ich 4* 8 — — 7 — · ————— — .——jjjj 4 100 verſprach ihr, dieſen theuren Bruder ſpäteſtens übermorgen zu ihr zu bringen, hierauf ſpeiſten wir zu Abend, ohne weder von Steffani noch von Rache zu ſprechen. Nach die⸗ ſem köſtlichen Mahle machte der Liebesgott während zweier ganzen Stunden mit uns, was er wollte. Ich verließ ſte gegen Mitternacht, nachdem ich ihr ver⸗ ſprochen, am folgenden Morgen zeitig wieder zu ihr zu kom⸗ men, und wenn ich nicht die Nacht bei ihr blieb, ſo geſchah es damit die Wirthin erforderlichen Falls mit gutem Gewiſſen beſchwören könne, daß ich keine Nacht da geblieben. Ich hatte üͤbrigens eine gute Eingebung gehabt, denn als ich nach Hauſe kam, fand ich meine Freunde auf mich wartend, um mir eine überraſchende Nachricht mitzutheilen, welche Herr von Bragadino im Senate erfahren hatte. Steffani, ſagte er, iſt todt, wie unſer Engel Paralis uns offenbart hat; er iſt todt für die Welt, denn er iſt Kapuziner geworden. Der ganze Senat iſt natürlich davon in Kenntniß geſetzt worden. Was uns betrifft, ſo wiſſen wir, das dies eine Strafe Gottes iſt. Beten wir den Ur⸗ heber aller Dinge, und die himmliſchen Hierarchieen an, welche uns würdig machen, zu wiſſen, was Niemand weiß. Jetzt müſſen wir das Werk vollenden, und dieſen guten Vater tröſten. Wir müſſen Paralis fragen, wo das Mäd⸗ chen iſt, welches unter den obwaltenden Umſtänden nicht bei Steffani ſein kann, da ſie nicht verurtheilt iſt, Kapuzienerin zu werden. Ich werde meinen Engel nicht zu Rathe ziehen, theuerer Vater, denn nur um ihm zu gehorchen, habe ich bis zu dieſem Augenblicke aus dem Orte wo ſich die junge Gräfin auf⸗ hält, ein Geheimniß machen müſſen. Ich rzählte ihnen nun die ganze Geſchichte mit Ausnahme ſſen, was ſie nicht zu wiſſen brauchten: denn in den Augen dieſer drei vortrefflichen Menſchen, welche dem Liebesgott ungeheueren Tribut hatten darbringen müſſen, waren die Verbrechen der Liebe jetzt ſchreckliche Verbrechen. Dandalo und Barbaro waren nicht wenig verwundert, als ſie erfuhren, daß die junge Perſon ſchon ſeit vierzehn Tagen unter meinem Schutz 3 1. 1 ſei; aber Herr von Bragadino ſagte, dabei ſei nichts zu ve ““ wundern, das wäre bedingt durch die Cabbala und überdies hätte er es auch gewußt. Wir müſſen nur, fügte er hinzu, 4 dem Grafen ein Geheimniß daraus machen, bis wir ganz icher ſind, daß er ihr verzeiht, und ſie in ihre Heimath, voder wohin er ſonſt will, führt.„A. Er muß ihr wohl verzeihen, ſagte ich, da das vortreff⸗ liche Mädchen ſich nie von C. entfernt haben würde, wenn der Verführer ihr nicht dieſes Heirathsverſprechen ausge⸗ ſtellt hätte. Zu Fuße erreichte ſie das Poſtſchiff, aus wel⸗ chem ſie in dem Augenblicke, in welchem ich durch das rö⸗ miſche Thor kam, ausſtieg. Eine höhere Eingebung befahl mir, ſie anzureden und ich fuhrte ſie an einen nicht aufzu⸗ findenden Ort und unter die Obhut einer Frau, welche Gott fürchtet. Meine drei Freunde hörten mir ſo aufmerkſam zu, daß ſie drei Statuen ähnlich ſahen. Ich bat ſie, den Grafen auf den zweitfolgenden Tag zu Tiſche einzuladen, weil ich 3 Zeit haben mußte, Paralis de modo tenendi zu befragen. Hierauf bat ich Barbaro, dem Grafen anzuzeigen, in wie⸗ fern er Steffani als todt zu betrachten habe. Das wurde verabredet, worauf wir uns ſchlafen legten. Ich ſchlief nun vier oder fünf Stunden; nachdem ich mich hierauf ſchnell angekleidet, eile ich zu meinem Engel, und befehle der Wirthin, den Kaffee nicht eher zu bringen, e gerufen würde, da ich einiger ruhigen Stunden als bis ſi v tief in dieſes drungen, daß die Haupt⸗ geworden war. Bei der Nach⸗ ar ſo 10² richt, daß ihr Verführer Kapuziner geworden, war ſie indeß verſteinert, ſtellt darauf über dieſen Ausgang ſehr ſinnige Betrachtungen an und beklagte jenen zuletzt. Wenn man beklagt, haßt man nicht mehr; aber dies begegnet nur hoch⸗ herzigen Seelen. Sie war ſehr zufrieden, daß ich meinen drei Freunden mitgetheilt, daß ſie in meiner Gewalt wäre und überließ mir gänzlich die Anordnungen, die zu treffen wären, um ſie ihrem Vater vorzuſtellen. Von Zeit zu Zeit dachten wir daran, daß der Augen⸗ plick unſerer Trennung herannahte, und dieſer Gedanke er⸗ füllte uns mit brennendem Schmerze, welchen wir indeß einen Augenblick darauf in der höchſten Wolluſt wieder ver⸗ gaßen. Warum können wir uns nicht für das ganze Leben angehören, ſagte das angebetete Mädchen zu mir! Nicht die Bekanntſchaft Steffani's hat mich unglücklich gemacht, ſondern Dein Verluſt wird mein Unglück machen! Wir mußten endlich dieſes ſüße téte-à-téte abbrechen, denn die Stunden verfloſſen mit erſchrecklicher Schnelligkeit. Ich verließ ſie glücklich und mit in Thränen ſchwimmenden Augen. A: ihr Sohn nicht genöthigt geweſen, Kapuziner zu werden oder ſich zu tödten, wenn ſie nicht ſo fürchterlich geizig ge⸗ weſen wäre. Deer letzte und ſtärkſte Grund, welcher den noch jetzt lebenden Steffani zur Verzweiflung trieb, blieb⸗ unbekannt. Meine Memoiren werden denſelben mittheilen, wenn er für Niemand mehr ein Intereſſe haben wird. Der Graf und ſein Sohn, welche dies Ereigniß höch⸗ lichſt uberraſchte, wünſchten nur noch, wieder in den Beſitz —— 103 der jungen Gräfin zu gelangen, um ſie nach C. in den Schooß ihrer Familie zurückzugeleiten. Um aber zu erfah⸗ ren, wo ſie wäre, war der Graf entſchloſſen, die zehn denun⸗ zirten und denunzirenden Perſonen, mich ausgenommen, eitiren zu laſſen. Da uns das nöthigte, ihm zu erklären, daß ſie in meiner Gewalt wäre, ſo übernahm es Herr von Bragadino, ihm dieſe Mittheilung zu machen. Mit Ausnahme Herrn Bragadino's, der abgelehnt hatte, waren wir Alle beim Grafen zum Abendeſſen einge⸗ laden; wir gingen zu ihm und dadurch wurde ich verhin⸗ dert, meine Göttin an dieſem Abende zu beſuchen; aber am folgenden Morgen ermangelte ich nicht, die verlorene Zeit wieder einzubringen, und beſchloſſen wir, daß noch an dem⸗ ſelben Tage ihr Vater davon benachrichtigt werden ſollte, daß ſie unter meinem Schutze ſtände. So trennten wir uns erſt um Mittag. Wir hatten keine Hoffnung uns wieder allein zu ſehen, denn am Nachmittage ſollte ich ihren Bruder zu ihr führen. Der Graf und ſein Sohn ſpeiſten bei uns, und als wir von Tiſche aufſtanden, ſagte Herr von Bragadino: Freuen wir uns, Herr Graf, Ihre liebe Tochter iſt aufge⸗ funden. Welche angenehme Ueberraſchung für den Vater und den Sohn! Herr von Bragadino überreichte ihnen das Heirathsverſprechen, welches Steffani der Gräfin ausgeſtellt und ſagte: Dies, meine Herren, hat das Gehirn der jungen Gräfin, als ſie erfahren, daß er ohne ſie von C. abgereiſet, etwas in Unordnung gebracht. Sie machte ſich zu Fuße auf den Weg, und als ſie kaum hier angekommen war, läßt ſie der Zufall jenem jungen Manne dort begegnen, welcher ſie überredete, ihm zu folgen, und ſte einer anſtän⸗ m nicht verlaſſen hat raucht ſie nicht zu zweifeln, allung und ſich zu mir Sie nicht einen Augenblick 104 mir eine Freude zu verſchaffen, von welcher das Glück mei⸗ nes Lebens abhängt. n Ich umarmte ihn mit überſtrömendem Herzen und ſagte zu ihm, ſie ſolle ihm am folgenden Tage wiedergege⸗ ben werden, aber an dem heutigen Tage würde ich ſeinen Sohn zu ihr führen, um ſie durch einen unmerklichen Ueber⸗ gang auf dieſe Vereinigung vorzubereiten. Herr Barbaro wollte dabei ſein, und der junge Graf, erfreut über dieſe Anordnungen, umarmte mich, und ſchwur mir unverbrüch⸗ liche Freundſchaft. Wir brachen auf, und eine Gondel führte uns in we⸗ nigen Augenblicken nach dem Orte, wo ich einen koſtbarern Schatz als die Aepfel der Heſperiden aufbewahrte. Aber ach! dieſen Schatz, an welchen die Erinnerung mich noch heute mit ſüßem Schauer erfüllt, ſollte ich unwiederbring⸗ lich verlieren. Ich ging meinen beiden Gefährten vorauf, um meine junge und ſchöne Freundin auf ihre Ankunft vorzubereiten, und als ich zu ihr ſagte, daß ich die Sache ſo geordnet, daß ihr Vater erſt am folgenden Tage zu ihr kommen ſolle, rief ſie mit dem Tone des Glückes aus: Wir werden alſo noch einige Stunden mit einander verleben können. Nun, mein Freund, hole meinen Bruder. Ich kehre mit den Herrn zurück; aber wie ſoll ich die⸗ ſen Theaterconp beſchreiben? O, wie weit wird die Kunſt immer hinter der Natur zurückbleiben! Die brüderliche Liebe und das Entzücken, welches ſich auf zwei reizenden Geſtal⸗ ten ausprägt, mit einem leiſen Anfluge von Verwirrung auf dem Geſichte der anbetungswürdigen Schweſter— die reine Freude, welche aus ihren Umarmungen hervorleuchtete — die beredten Ausrufungen, auf welche ein noch bered⸗ teres Schweigen folgte— ihre zärtlichen Blicke welche wie ein Blitz aus einem Thau zärtlicher Thränen hervor⸗ brachen— eine Anwandlung von Höflichkeit, welche ſie ver⸗ legen machte, daß ſie gegen einen angeſehenen Mann, den ſie zum erſtenmale ſah, ihre Pflicht verabſäumt; endlich ich, die ſtumme Perſon und der Haupturheber dieſer Scene, welcher während dieſer leidenſchaftlichen Bewegungen gänzlich ver⸗ 10 5 geſſen wird: Alles dies bildete ein Gemälde, welches wieder⸗ zugeben dem geſchickteſten Maler ſchwer werden ſollte. Endlich nahm man Platz, die Gräſin auf einem Ca⸗ napé zwiſchen ihrem Bruder und Herrn Barbaro, ich ihr gegenüber auf einem Tambouret. Wem, theure Schweſter, verdanken wir das Glück, Dich wiederzubeſitzen? Meinem Schuſtgeiſte, ſagte ſie, mir die Hand reichend, dieſem edlen Menſchen, welcher auf mich wartete, als ob ihm der Himmel eingegeben hätte, über Deine Schweſter zu wachen; er hat mich gerettet, und mich vor dem Abgrunde, welcher ſich unter meinen Füßen eröffnete, geſchützt; er hat mich von der Schmach, die mir drohte, und von der ich keine Idee hatte, gerettet und, wie ſie ſehen, küßt er mir jetzt zum erſtenmale die Hand. Sie bedeckte nun ihre ſchöne Augen mit ihrem Taſchen⸗ tuche, um ihre Thränen aufzufangen, mit welchen wir die unſrigen vermiſchten. Das iſt die wahre Tugend, welche nie ihren edlen Charakter verliert, ſelbſt wenn ihr die Schaam eine unſchul⸗ dige Lüge entreißt. Uebrigens wußte die junge Gräfin in dieſem Augenblicke nicht, daß ſie lüge. Durch ihren hüb⸗ ſchen Mund ſprach eine reine und tugendhafte Seele, deren Aeußerungen ſie ſich nicht widerſetzte. Ihre Tugend liebte es, ſie ſo darzuſtellen, gleichſam, um zu zeigen, daß ſie ſich von ihr trotz ihrer Verwirrungen nie getrennt. Ein jun⸗ ges Mädchen, welches der Liebe und dem Gefühle gehorcht, kann nie ein Verbrechen begehen und alſo auch nie den Ge⸗ wiſſensbiſſen zugänglich ſein. Als der zärtliche Beſuch ſich ſeinem Ende näherte, ſagte ſie, ſie ſehne ſich danach, ſich zu den Füßen ihres Va⸗ ters zu ſehen aber ſie wünſche, daß es erſt gegen Abend geſchehe, um dem Geſchwätze der Nachbarn keine Nahrung zu geben. Es wurde alſo verabredet, daß die Zuſammen⸗ kunft, durch welche die dramatiſche Verwickelung gelöſt werden ſolle, erſt mit Eintritt der Nacht des folgenden Ta⸗ ges ſtattfinden ſolle. Wir ſpeiſten zu Abend beim Grafen, und dieſer gute 106 und brave Mann, welcher überzeugt war, daß er mir ſeine Ehre und die Ehre ſeiner Tochter und Familie verdanke, ſprach mit mir und betrachtete mich mit der größten Be⸗ wunderung. Er freute ſich indeß, ſchon vor meiner Mit⸗ theilung gewußt zu haben, daß ich mit ſeiner Tochter ge⸗ ſprochen, als ſie aus dem Poſtſchiffe geſtiegen. Ich begab mich am nächſten Tage ſehr zeitig zu mei⸗ ner Schönen, und obwohl es gefährlich war, lange allein mit ihr zu bleiben, ſo beſchäftigte uns doch dieſer Gedanke nur ſehr wenig, oder wenn wir daran dachten, ſo geſchah es nur, um die wenigen Augenblicke, welche die Liebe uns noch ließ, deſto beſſer zu benutzen. Nachdem wir bis zur äußerſten Erſchöpfung Alles ge⸗ noſſen was die gluhendſte Zärtlichkeit zwei jungen kräftigen und leidenſchaftlichen Liebenden an ſüßen Freuden darbieten kann, kleidete ſich meine junge Gräfin an, zog ihre Schuhe an, und ihre Pantoffeln küſſend, ſagte ſie, ſie würde ſich von denſelben nur mit dem Tode trennen. Ich bat ſie um eine Haarlocke, welche ſie mir augenblicklich gab; ſie ſollte das Seitenſtück zu der von Madame F. bilden, welche ich noch trug. Gegen die Zeit der Dämmerung begaben der Graf, ſein Sohn, die Herren Dandolo, Barbaro und ich uns zur Gräfin. Sobald ſie ihren Vater erblickte, ſtürzte ſie ſich ihm zu Füßen, und er hob ſie, heiße Thränen weinend, auf, umarmte ſie, verzieh ihr und gab ihr ſeinen väterlichen Segen. Alles hatte den Charakter der Zärtlichkeit, des Ge⸗ fühls und der Liebe. Eine Stunde darauf geleiteten wir die Familie nach ihrem Gaſthofe und nachdem wir ihnen eine glückliche Reiſe gewünſcht, kehrte ich mit meinen beiden Freunden zu Herrn von Bragadino zurück, dem ich erzählte, was vorgefallen. 4 Am folgenden Morgen glaubten wir, ſie wären abgereiſt, als wir ſie in einer ſechsrudrigen Peotte auf unſern Palaſt zukommen ſahen. Sie hatten Venedig nicht verlaſſen wollen ohne uns noch einmal zu ſehen und ohne uns für den großen Dienſt zu danken, den, wie ſie glaubten, wir und beſonders ich ihnen erwieſen. Herr von Bragadino, der die junge . 107 Gräfin noch nicht geſehen, erſtaunte über ihre außerordent liche Aehnlichkeit mit dem Bruder. 8 Nachdem ſie einige Erfriſchungen eingenommem, ſtiegen ſie wieder in ihre Peotte, die ſie binnen vierundzwanzig Stunden in Ponte del Lago Oscuro am Po, einem Orte welcher an der Grenze der päpſtlichen Staaten liegt, ans Land ſetzen ſollte. Ich konnte dem angebeteten Mädchen Alles, was mein Herz in dieſem Augenblicke empfand, nur durch meine Augen ausdrücken; aber ſie verſtand die Sprache derſelben und die der ihrigen war für mich leicht zu deuten. Nie hat ſich eine Empfehlung beſſer bewährt, als die in dieſer Sache an Herrn Barbaro gerichtete. Sie diente dazu die Ehre einer achtbaren Familie zu retten, und mir die Unannehmlichkeit zu erſparen, welche ich gehabt haben würde, wenn ich, nachdem ich überführt worden, das Fräu⸗ lein geleitet zu haben, hätte Rechenſchaft geben ſollen, was aus ihr geworden. Acht Tage ſpäter reiſten wir Alle nach Paduga, um da⸗ 8 ſelbſt bis zum Ende des Herbſtes zu verweilen. Ich hatte den Schmerz, den Doktor Gozzi nicht mehr daſelbſt zu fin⸗ den; er war Pfarrer in einem Dorfe geworden, wo er mit Bettina lebte, welche mit dem Schurken, der ſie nur gehei⸗ rathet hatte, um ſie ihrer kleinen Mitgift zu berauben, und welcher ſie äußerſt unglücklich machte, es nicht länger hatte aushalten können. P Der ſtille Müßigang dieſer Stadt konnte mir nicht ſehr behagen, und um der langen Weile zu entgehen, ver⸗ liebte ich mich in die berühmteſte Courtiſane von Venedig. Sie hieß Aneilla, und es iſt dieſelbe, welche der berühmte Tänzer Campioni ſpäter heirathete und nach London führte, wo ſie den Tod eines liebenswürdigen Engländers veran⸗ laßte. Ich werde weitläuftiger von ihr in vier Jahren ſpre⸗ chen; aber heute darf ich nur von einem Ereigniſſe ſprechen, welches bewirkte, daß meine Liebe nur drei oder vier Wochen dauerte. Deerr Graf Medini, ein junger leichtſinniger Menſch wie ich und welcher dieſelben Reigungen hatte wie ich, führte mich zu ihr. Der Graf war ein entſchloſſener Spieler und 108 4. ein erklärter Feind des Glücks. Man ſpielte bei der An⸗ eilla, deren geliebter Liebhaber er war, und der gute Apoſtel verſchaffte mir die Bekanntſchaft ſeiner Maitreſſe nur um mich im Kartenſpiele zu betrügen. Ich ließ mich allerdings zunächſt von ihm betrügen, aber da ich nichts merkte, machte ich gute Miene zum ſchlech⸗ ten Spiele; als ich aber eines Tages eine handgreifliche Betrügerei gewahr wurde, ziehe ich ein Piſtol aus der Taſche, ſetzte ihm daſſelbe auf die Bruſt und drohe ihn zu tödten, wenn er mir nicht augenblicklich Alles, was ſie mir ge⸗ ſtohlen, zurückgäbe. Ancilla wurde ohnmächtig, und er gab mir mein Geld und forderte mich heraus, mit ihm einen Gang zu machen. Ich nehme dies an, lege die Piſtole auf den Tiſch und wir gehen weg. Als wir an einem beque⸗ men Orte angekommen waren, legten wir im Mondſcheine los, und ich hatte das Glück, dem Grafen die Schulter zu durchſtechen. Da der Graf den Arm nicht mehr ausſtrecken konnte, mußte er mich um Pardon bitten. Nach dieſem Abenteuer legte ich mich ſchlafen und ſchlief ſehr ruhig; aber als ich am Morgen die Sache mei⸗ nem Vater erzählte, glaubte ich ſeinem Rathe folgen und Padua unverzüglich verlaſſen zu müſſen. Der Graf Medini blieb, ſo lange er lebte mein Feind; ich werde Gelegenheit haben, von ihm zu ſprechen, wenn der Leſer mich wieder in Neapel finden wird. Den übrigen Theil des Jahres verlebte ich in gewohn⸗ ter Weiſe, ohne bedeutende Ereigniſſe, bald zufrieden, bald unzufrieden mit dem Glücke. Gegen Ende des Jahres 1747 bekam ich einen Brief von der jungen Gräfin A. S., welche nicht mehr ihren Na⸗ men ährte, da ſie den Marcheſe von w** geheirathet hatte. Sie hat mich, wenn der Zufall mich nach der Stadt, wo ſie wohnte, führen ſollte, ſo zu thun, als ob ich ſie nicht kennte, denn ſie hatte das Glück, mit einem Manne verbun⸗ den zu ſein, welcher ihr Herz gewonnen, nachdem er ihr die Hand gereicht. Ich hatte ſchon von ihrem Bruder erfahren, daß, nach⸗ dem ſie kaum in C. angekommen, ihre Mutter ſie nach der 109 Stadt gebracht, von welcher aus ſie ſchrieb, und daß ſie dort bei einem Verwandten, wo ſie wohnte, die Bekannt⸗ ſchaft des Mannes gemacht, welcher es übernommen, ſie glücklich zu machen. Ich ſah ſie ein Jahr ſpäter, und ohne ihren Brief hätte ich mich gewiß ihrem Manne vorſtellen laſſen. Die Süßigkeit des Friedens iſt gewiß dem Zauber der Liebe vorzuziehen, aber ſo denkt man nicht, wenn man verliebt iſt. In dieſer Zeit feſſelte mich auf etwa vierzehn Tage eine junge, ſehr hübſche Venetianerin, welche ihr Vater der Be⸗ wunderung des Publikums ausſtellte, indem er ſie auf dem Theater tanzen ließ. Ich würde die Feſſeln vielleicht länger getragen haben, wenn Hymen ſie nicht gebrochen hatte. Madame Cäcilie Valmarano fand fuür ſie einen paſſenden Mann in dem franzöſiſchen Tänzer Binet, welcher den Na⸗ men Binetti annahm. Deshalb brauchte ſeine junge Frau ihre italiäniſche Rolle nicht in eine franzöſiſche umzuwan⸗ deln, und ſie machte ſich bald auf mehr als eine Weiſe be⸗ ruhmt. Dieſe Binetti hatte das wunderbare und ſeltene Vorrecht, daß die Jahre nur leichte Spuren auf ihre Ge⸗ ſtalt zurückließen. Sie ſchien allen ihren Liebhabern, ſelbſt den feinſten Kennern altender Züͤge, immer jung. Die Männer fordern im Allgemeinen nichts weiter und ſie haben Recht, wenn ſie ſich keine Mühe geben wollen, um ſich zu überzeugen, daß ſie ſich durch den äußern Schein haben täu⸗ ſchen laſſen. Der letzte Liebhaber, welchen dieſe merkwürdige Frau durch das Uebermaaß des Vergnügens tödtete, war ein gewiſſer Pole Namens Mosciuski, welchen ſein Schick⸗ ſal vor ſieben bis acht Jahren nach Venedig rief; die Bi⸗ netti war damals dreiundſechszig Jahre alt. Das Leben, welches ich in Venedig fuͤhrte, hätte mir gluͤcklich ſcheinen können, wenn ich mich hätte überwinden können, nicht im Baſſett zu pointiren. In den Ridotti's war daſſelbe nur den Adligen geſtattet, wenn ſie nichtmaskirt, in patriciſchem Anzuge und mit ihrer großen Perrücke, welche im Anfange des Jahrhunderts unvermeidlich gewor⸗ den war, erſchienen. Ich ſpielte und that Unrecht daran, denn weder beſaß ich die Klugheit aufzuhören, wenn das — 44yyj4414ä 3 ——— ————jjy—— „—y— 11⁰ Glück mir feindlich war, noch die Kraft anzuhalten, wenn ich etwas gewonnen hatte. Ich ſpielte damals wirklich aus Geiz. Ich gab gern Geld aus, aber nichts gern anderes, als was ich im Spiele gewonnen, weil dieſes allein mir nichts gekoſtet zu haben ſchien. Da ich Ende Januar in der Nothwendigkeit war, mir zweihundert Zechinen zu verſchaffen, ſo veranlaßte Madame Manzoni eine andere Dame mir einen Brillant zu leihen, welcher fünfhundert Zechinen werth war. Ich beſchloß, mich nach Treviſo, funfzehn Meilen von Venedig zu begeben, um ihn im mont⸗-de-pieté zu verſetzen, welcher gegen fünf Pro⸗ zent leiht. Dieſe ſchöne und nützliche Anſtalt fehlt Venedig wo die Juden immer Gelegenheit gefunden haben, ihre Ein⸗ führung zu verhindern. Ich ſtehe früh auf und gehe zu Fuße bis zum Ende des Canal regio, um eine Gondel nach Meſtre zu nehmen, wo ich einen Poſtwagen genommen haben würde, der mich in zwei Stunden nach Treviſo gebracht hätte, von wo ich noch denſelben Tag, nachdem ich meinen Brillanten verſetzt, hätte abreiſen und in Venedig ſchlafen können. Als ich über den St. Hiobs⸗Ouai ging, ſah ich in einer zweirudrigen Gondel eine Bäuerin mit einer ſehr reichen Kopfbedeckung. Da ich ſtehen blieb um ſie zu beob⸗ achten, ſo dachte der Gondelführer am Vordertheile, ich wolle die Gelegenheit benutzen, um billiger nach Meſtre zu kom⸗ men, und ſagte zu dem Gondelführer am Hintertheil, er ſolle am Ufer anlegen. Ich bedachte mich keinen Augenblick, als ich das hübſche Geſichtchen der Bäuerin ſahs ich ſtieg ein und bezahlte dem Schiffer den doppelten Preis, damit er Niemand mehr einnehme. Ein alter Prieſter hatte den nächſten Platz neben der jungen Perſon inne: er ſtand auf, um ihn mir abzutreten, aber ich nöthigte ihn höflich, ſich wieder zu ſetzen. * 9 4 111 Neunzehntes Kapitel. Ich verliebe mich in Chriſtine und kinde kür ſie einen ihrer würdigen Mann. Ihre Haochzeit. Dieſe Schiffer, ſagte der Pfarrer, wie um die Unter⸗ haltung anzuknüpfen, haben wirklich viel Glück. Sie haben uns in Rialto für dreißig Sols eingenommen, unter der Bedingung, daß ſie auch andere Paſſagiere einnehmen könn⸗ en; gewiß werden ſie auch noch andere finden. Wenn ich, mein ehrwürdiger Vater, in einer Gondel ein, ſo iſt für Niemand mehr Platz übrig. Dies ſagend ebe ich den Schiffern noch vierzig Sols, die damit ſehr ifrieden ſind, denn ſie geben mir den Titel Excellenz. Der M tte Abbé, welcher dies für baare Münze nahm, bat mich Entſchuldigung, daß er mir dieſen Titel nicht gegeben. Da ich nicht veniatianiſcher Edelmann bin, ſo geziemt er dieſer Titel nicht. Ah, ſagte das junge Mädchen, das freut mich ſehr. Und weshalb? Weil ich mich immer fürchte, wenn ich einen Adligen eben mir ſehe. Aber Sie ſind wohl ein illustrissimo? Ebenſowenig, Fräulein, ich bin ganz einfach ein Ad⸗ okatenſchreiber. Das freut mich wiederum, denn ich bin gern in Ge⸗ fellſchaft von Perſonen, welche ſich nicht für mehr als ich halten. Mein 1 war Pächter, der Bruder meines Onkels, welchen Sie ſehen, und welcher Pfarrer in Pr. iſt, wo ich geboren und erzogen bin. Da ich einzige Tochter bin, ſo erbe ich alles Vermögen meines Vaters, welcher todt iſt, und meiner Mutter, welche ſeit langer Zeit krank iſt und welche nicht mehr lange leben kann, was mir großen Kum⸗ mer macht; aber der Arzt ſelbſt hat es uns geſagt. Um alſo auf meine Rede zurückzukommen, ſo glaube ich, daß der Unterſchied zwiſchen dem Schreiber eines Procu⸗ rators und der Tochter eines reichen Pächters nicht groß iſt. Ich ſage das nur ſo, denn ich weiß wohl, daß man —ÿ—ꝭ— r — —= — — ſſſ 112 auf Reiſen mit allerlei Leuten zuſammentrifft; nicht wahr. Onkel? Ja theuere Chriſtine, und Du ſiehſt ja auch, daß der Herr ſich zu uns geſetzt hat, ohne zu wiſſen, wer wir ſinde Aber glauben Sie wohl, Herr Pfarrer, daß ich ohne die Anziehung Ihrer jungen, hübſchen Nichte zu Ihnen ein⸗ geſtiegen ſein würde? Bei dieſen Worten fingen die guten Leute laut zu lachen an. Da ich das, was ich geſagt, nicht ſehr komiſch fand, ſo hielt ich meine Reiſegefährten für etwas dumm, und dieſe Entdeckung war mir keineswegs unangenehm. Weshalb lachen Sie ſo ſehr, mein ſchönes Fräulein? Etwa um mich Ihre ſchönen Zähne ſehen zu laſſen? Ich gebe zu, daß ich in Venedig nie ſo ſchöne geſehen. O, durchaus nicht, mein Herr, obwohl mir dies Com⸗ pliment in Venedig von allen Seiten gemacht worden iſt. Ich verſichere Ihnen, das in Pr. alle Mädchen eben ſo ſchöne Zähne wie ich haben. Nicht wahr, mein theurer Onkel? Ja Nichte. Ich lachte über etwas, was ich Ihnen, mein Herr, nie ſagen werde. Ach, ſagen ſie es mir doch. O, nein, gewiß nicht. Ich werde es Ihnen ſagen, ſagte der Pfarrer. Ich will aber nicht, ſagte ſie, ihre ſchöne Augenbrauen runzelnd, oder ich gehe weg. Thue das, Liebe. Wiſſen Sie, was ſie ſagte, als ſie Sie auf dem Quai bemerkte? Das iſt ein hübſcher Junge, welcher mich anſieht und welcher gern bei uns ſein möchte; und als ſie geſehn, daß Sie die Gondel anhalten ließen, hat ſie ſich ſehr gefreut. Während der Pfarrer erzählte, gab ihm die ärgerliche Chriſtine Püffe gegen die Schultern. Warum, ſchöne Chriſtine werden Sie ärgerlich, daß ich erfahre daß ich Ih⸗ nen gefalle, während ich entzückt bin, daß Sie erfahren, daß ich Sie reizend finde?. S ie ſind entzückt für einen Augenblick. O, jetzt kenne ich die Venetianer gründlich. Sie ſagten Alle, ich entzückte — 4 ——;— 2. 113 und keiner von denen, von welchen ich es gewünſcht hätte, hat ſich erklärt. Was für eine Erklärung wollten Sie? Die Erklärung, welche ich verlange, iſt die einer ordent⸗ lichen Heirath in der Kirche in Gegenwart von Zeugen. Wir ſind indeß vierzehn Tage in Venedig geblieben; nicht wahr, mein Onkel? Das Mädchen, wie Sie ſie da ſehen, ſagte hierauf der Onkel, iſt eine gute Partie, denn ſie hat 3000 Thaler. Sie hat immer geſagt, ſie wolle nur einen Venetianer heirathen und ich habe ſie nach Venedig geführt, um ſie bekannt zu machen. Eine anſtändige Frau hat uns derzohn Tage lang beherbergt und ſie in mehrere Häuſer geführt, wo heiraths⸗ fähige junge Leute ſie geſehn haben; aber die, welche ihr gefallen, haben nichts vom Heirathen wiſſen wollen, und die, welche ſte hätten haben wollen, waren nicht nach ihrem Geſchmack. Glauben Sie denn aber, ſagte ich zu ihm, daß eine Heirath wie ein Eierkuchen fertig gemacht wird? Vier⸗ zehn Tage in Venedig wollen gar nichts ſagen; man muß wenigſtens ein halbes Jahr daſelbſt bleiben. Ich z. B. finde Ihre Nichte hübſch wie einen Engel, und ich würde mich glücklich ſchätzen, wenn die Frau, welche mir Gott be⸗ ſtimmt hat, t9r gliche; wenn ſie mir aber auch augenblick⸗ lich 50,000 Thaler gäbe, um ſie auf der Stelle zu heira⸗ then, ſo znöchte ich ſie doch nicht haben. Ein vernünftiger junger Mann nimmt nicht eher eine Frau, als bis er ihren Charakter kennen gelernt hate denn nicht das Geld und die Schönheit begründen das Gluͤck einer Ehe. Was wollen Sie mit Charakter ſagen? fragte mich Chriſtine; meinen Sie eine ſchöne Handſchrift? Nein, mein Engel; ich muß über Sie lachen. Es han⸗ delt ſich um die Eigenſchaften des Herzens und des Geiſtes. Ich muß mich einmal verheirathen und ich ſuche den Gegen⸗ ſtand ſeit drei Jahren, aber noch immer vergeblich. Ich habe mehrere, faſt eben ſo hübſche Mädchen wie Sie gekannt, welche alle eine gute Mitgif hatten; aber nachdem ich zwei III. 8 * — —— — ——— — — — — ——— — — — ——— — 114 oder drei Monate mit ihnen umgegangen, habe ich geſehen, daß ſie mich nicht glücklich machen würden. Was fehlte ihnen? Ich will es Ihnen ſagen, denn ſie kennen dieſelben nicht. Die eine von ihnen, welche ich gewiß geheirathet haben würde, denn ich liebte ſie ſehr, war außerordentlich eitel. Ich brauchte nicht zwei Monate, um das gewahr zu wer⸗ den. Sie würde mich durch Kleider, Moden, Lurus zu Grunde gerichtet haben. Denken Sie ſich, daß ſie dem Fri⸗ ſeur monatlich eine Zechine gab, und eine andere ging für Pommade und wohlriechendes Waſſer darauf. Das war eine Närrin. Ich gebe jährlich nur zehn Sols für Wachs aus, welches ich mit Ziegenfett vermiſche, was eine vortreffliche Pommade giebt. Eine andere, welche ich vor zwei Jahren geheirathet haben würde, litt an einem Uebel, welches mich unglücklich gemacht haben würde, und ſobald ich dies gewahr wurde, ſtellte ich meine Beſuche ein. Was war das für ein Uebel? Sie konnte nicht Mutter werden, und das iſt ſchreck⸗ lich, denn wenn ich mich verheirathe, will ich auch Kinder haben. 4 Das ſteht freilich bei Gott; indeß kann ich von mir ſagen, daß ich mich wohl befinde. Nicht wahr, Onkel? Eine andere war zu fromm, und eine ſolche mag ich nicht. Sie war ſo gewiſſenhaft, daß ſie alle dreider vier Tage zur Beichte ging, und ihre Beichte dauerte wenigſtens eine Stunde. Meine Frau ſoll eine gute Chriſtin, aber keine Frömmlerin ſein. 1 Sie war vielleicht eine große Sünderin oder eine große Närrin. Ich gehe nur alle Monate zur Beichte und mache dieſelbe in zwei Minuten ab. Nicht wahr, Onkel? und wenn Sie Fragen an mich ſtellten, wußte ich nicht, was ich ſagen ſollte. Eine andere wollte gelehrter als ich ſein, obwohl ſie jeden Augenblick eine Dummheit ſagte. Eine andere war beſtändig traurig und ich verlange ein muntres Weib. 115 Sehen Sie, Onkel, Sie und meine Mutter werfen mir immer meine Munterkeit vor. Eine andere, welche ich ſehr ſchnell verließ, fürchtete ſich allein mit mir zu ſein, und wenn ich ihr einen Kuß gab, ſagte ſie es ſogleich ihrer Mutter. Die war ſehr dumm. Ich habe noch keinen Liebhaber gehabt, denn in Pr. giebt es nur ungebildete Bauern; aber ich weiß wohl, daß es gewiſſe Sachen giebt, welche ich mei⸗ ner Mutter nicht ſagen würde. Eine andere roch aus dem Munde. Eine andere ſchminkte ſich, und faſt alle Mädchen haben dieſe häßliche Eigenſchaft. Daher fürchte ich auch, daß ich mich nie ver⸗ heirathen werde, denn ich verlange z. B. daß das Mädchen, welches ich heirathen ſoll, ſchwarze Augen habe, und jetzt haben faſt alle Mädchen das Geheimniß gelernt, ſich die⸗ ſelben zu färben; aber ich laſſe mich nicht fangen, denn ich verſtehe mich darauf. Sind meine Augen ſchwarz? Ha! Ha! Sie lachen? Ich lache, weil ſie ſchwarz ausſehen, aber es nicht ſind. Nichtsdeſtoweniger ſind Sie ſehr liebenswürdig. Das iſt⸗ komiſch. Sie glauben, meine Augen ſeien ſchwarz, und Sie ſagen, Sie verſtänden ſich darauf. Meine Augen, mein Herr, mögen Sie nun ſchön oder häßlich ſein, ſind 4. wie Gott ſie mir gegeben. Nicht wahr, Onkel? nd Sie glauben es nicht? ſagte ſie mit großer Leb⸗ haftigkeit zu mir. Nein, ſie ſind zu ſchön, als daß ich ſie für natürlich halten ſollte. Bei Gott! das iſt zu ſtark. Entſchuldigen Sie, mein ſchönes Fräulein, ich ſehe, daß ich zu aufrichtig geweſen bin. Nach dieſem Streite trat Schweigen ein. Der Pfarrer lächelte von Zeit zu Zeit; aber dem Mädchen wurde es ſchwer, ſeinen Kummer zu verzehren. 1 Ich ſchielte verſtohlen nach ihr hin und ſah, daß ſie im Begriffe war zu weinen; das betrübte mich, denn ſie war 116 reizend. Sie hatte den Kopfputz einer reichen Bäuerin und trug auf ihrem Kopfe für mehr als hundert Zechinen an Nadeln und goldenen Pfeilen, mit welchen die Flechten ihres langen und ebenholzſchwarzen Haares befeſtigt waren. Lange maſſive Ohrbommeln und eine goldene Kekte, welche zwan⸗ zigmal um ihren Alabaſterhals herumgeſchlungen war, ga⸗ ben ihrer Lilien⸗ und Roſen⸗Geſtalt einen zauberiſchen Glanz. Es war die erſte ländliche Schönheit, welche ich in einem ſolchen Aufzuge traf. Sechs Jahre früher hatte Lucia mich in Pasean auf eine andere Weiſe gerührt. Chriſtine ſagte kein Wort mehr, aber ſie mußte in Verzweiflung ſein, denn gerade ihre Augen waren von blen⸗ dender Schönheit, und ich war Barbar genug, um ihnen dieſelbe zu rauben. Sie mußte mich verabſcheuen, und wenn ſie nicht weinte, ſo wurde ſie offenbar nur durch die Wuth daran gehindert. Indeß hütete ich mich wohl, ſte ihrer Täuſchung zu entreißen, denn ich wollte, daß ſie die Löſung des Knotens durch einen Knalleffekt herbeiführen ſollte. Sobald die Gondel in den Kanal von Marghera hin⸗ eingefahren war, fragte ich den Pfarrer, ob er einen Wagen nach Treviſo habe, da er, um nach Pr. zu gelangen, dieſe Stadt berühren mußte. Ich werde zu Fuße gehn, ſagte der brave Mann, denn ich habe eine arme Pfarre und für Chriſtine werde ich leicht einen Platz auf einen Wagen finden. Sie werden mir ein großes Vergnügen erweiſen, wenn Sie beide einen Platz in meinem Wagen annehmen; er iſt vierſitzig und Sie werden ſehr bequem darin ſitzen. (Ein ſolches Glück hofften wir nicht. Ganz und gar nicht, Onkel, ich will nicht mit dieſem Herrn fahren. Warum nicht, liebe Nichte? Weil ich nicht will. So, ſagte ich, ohne ſie anzuſehen, wird gewöhnlich die Aufrichtigkeit belohnt.— S Es iſt nicht Aufrichtigkeit, verſetzt ſie haſtig, ſondern reine Bosheit. Sie werden in der ganzen Welt keine ſchwarzen Augen mehr finden, und das iſt mir lieb, da Sie dieſelben gern haben. 117 Sie täuſchen ſich, ſchöne Chriſtine, denn ich habe n Mittel, die Wahrheit zu erforſchen. Und worin beſteht dieſes Mittel? Es beſteht darin, ſie mit etwas lauwarmem Roſen⸗ waſſer zu waſchen; auch verſchwindet jede künſtliche Farbe, wenn die junge Dame weint. Bei dieſen Worten änderte ſich die Scene wie durch einen Zauber. Das Antlitz des jungen Mädchens, welches nur Unwillen, Verdruß und Geringſchätzung ausdrückte, nahm ein heiteres und befriedigtes Ausſehen an, welches ſie wahrhaft verführeriſch machte. Sie lächelte dem Pfarrer zu, welcher über dieſe Veränderung höchlichſt erfreut war, denn der unentgeltliche Wagen lag ihm ſehr am Herzen⸗ Weine doch, Nichte, damit der Herr Deinen Augen Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſe, Chriſtine weinte in der That, aber vor lauter Lachen. Dieſe Art natürlicher Originalität machte mir außer⸗ ordentliche Freude, und während wir die Treppe zum Ufer hinaufſtiegen, gab ich ihr eine Ehrenerklärung, ſo daß ſie das Anerbieten meines Wagens annahm. Ich ließ ein Frühſtück auftragen, und befahl einem Fuhrmann, während unſeres Frühſtücks einen ſchönen Wagen anzuſpannen; aber der Pfarrer ſagts, er wolle vorher ſeine Meſſe leſen. Wohlan, ſagte ich, nulr wollen aſie hören, und beten Sie, daß mir mein Plan gelinge. Bei dieſen Worten ſteckte ich ihm einen Dukaten in die Hand. So viel, mein Ehrwürdigſter, ſagte ich, bin ich gewohnt zu geben. Meine Großmuth machte einen ſolchen Eindruck auf ihn, daß er mir die Hand küſſen wollte. Er machte ſich auf den Weg nach der Kirche, und ich bot der Nichte meinen⸗Arm, welche nicht wußte, ob ſie ihn annehmen oder ablehnen ſollte und zu mir ſagte: Glau⸗ ben Sie denn, daß ich nicht allein gehen kann? Das nicht; aber wenn ich Ihnen den Arm nicht gebe, wird man ſagen, ich ſei unhöflich. Und was wird man ſagen, wenn ich Ihnen den Arm gebe? Vielleicht wird man ſagen, daß wir uns lieben, und vielleicht auch, daß wir ſehr gut zu einander paſſen. 118 Und wenn man Ihrer Geliebten erzählen wird, daß wir uns lieben, oder auch nur, daß ſie einem andern Mäd⸗ chen den Arm geben? Ich habe keine Geliebte und will auch keine mehr ha⸗ ben; denn ich würde in Venedig kein ſo ſchönes Mädchen wie Sie finden.— Das thut mir Ihretwegen leid, denn wir kommen nicht wieder nach Venedig, und wenn wir auch wieder hin kämen, wie ſollten wir es anfangen, um daſelbſt ein halbes Jahr zu bleiben? Dieſe Zeit iſt ja, wie Sie ſagen, noth⸗ wendig, um ein Mädchen kennen zu lernen. Ich werde gern die Koſten tragen. So? Sagen Sie es meinem Onkel, und er wird ſich die Sache überlegen, denn ich kann nicht allein nach Ve⸗ nedig kommen. In einem halben Jahre würden ſie auch mich kennen lernen. O, was mich betrifft, ſo kenne ich Sie ſchon. Sie würden alſo mit meiner Perſon zufrieden ſein? Warum nicht? Und Sie würden mich lieben? O ſehr, wenn Sie mein Mann wären. Ich betrachtete dieſes Mädchen mit Verwunderung. Sie ſchien mir eine als Bäuerin verkleidete Prinzeſſin zu ſein. Ihr goldgeſticktes Kleid von Gros de Tours war äußerſt lururiös und mußte doppelt ſo viel wie ein ſtädti⸗ ſaes Kleid koſten. Ihre Armbänder, welche ihrer Halskette tſprachen, vervollſtändigten den reichſten Putz. Sie hatte den Wuchs einer Nymphe, und da die Mode der kleinen Mäntel noch nicht in das Dorf gedrungen war, ſo ſah ich den ſchönſten Buſen, welcher ſich denken läßt, obwohl ihr Kleid bis zum Halſe zugeknöpft war. Ihr reich gekleideter Unterrock reichte nur bis zum Knöchel, ſo daß ich den nied⸗ lichſten Fuß und den unterſten Theil des feinſten Beines ſehen konnte. Ihre gerade ungezwungene Haltung, ihre freien, natürlichen und anmuthigen Bewegungen, endlich ein reizender Blick, welcher zu ſagen ſchien: Es freut mich ſehr, daß Sie mich hübſch finden, entzündeten die Sehnſucht des 119 Glücks in meinem Blute. Ich konnte nicht begreifen, wie ein ſo reizendes Mädchen vierzehn Tage in Venedig hatte verweilen können, ohne Jemand zu finden, der ſie heirathete oder betrog. Was ſehr viel zu meinem Entzücken beitrug, das war ihre Mundart und ihre Naivetät, welche die Ge⸗ wohnheit der Städte mich als Dummheit taxiren ließ. Als wir gefrühſtückt, wurde es mir ſchwer, dem Pfar⸗ rer begreiflich zu machen, daß ich den letzten Platz im Wa⸗ gen einnehmen müſſe; aber es wurde mir bei unſerer An⸗ kunft in Treviſo weniger ſchwer ihn zu überreden, ſein Mit⸗ tagsbrodt und Abendbrodt in einem wenig beſuchten Gaſt⸗ hofe einzunehmen, wofür ich die Koſten übernahm. Er nahm meinen Vorſchlag an, ſobald ich ihm geſagt, daß nach dem Abendeſſen ein Wagen bereit ſtehen würde, um ihn im ſchönſten Mondſcheine in einer Stunde nach Pr. zu fahren. Nur die unbedingte Nothwendigkeit, am folgenden Tage die Meſſe in ſeiner Kirche zu leſen, drängte ihn. Als wir im Gaſthofe abgeſtiegen, und ich für ein gu⸗ tes Feuer und ein gutes Mittagseſſen geſorgt, bedachte ich⸗ daß der Pfarrer ſelbſt den Diamant verpfänden könnte, wo⸗ durch ich einige Augenblicke des Alleinſeins mit ſeiner Nichte erhalten würde. Ich mache ihm den Vorſchlag und ſage, da ich nicht erkannt ſein wolle, ſo könne ich nicht ſelbſt nach dem Leihhauſe gehen, und er nahm den Vorſchlag mit gro⸗ ßer Bereitwilligkeit an und freute ſich, daß er mir einen Dienſt erweiſen konnte. Er geht aus und ich bin nun allein mit der reizenden Chriſtine. Ich war eine Stunde bei ihr, ohne daß ich 1. mich bemühte, ihr einen Kuß zu geben, obwohl ich die größte Luſt dazu hatte; aber durch Reden, welche die Phan⸗ taſie eines jungen Mädchens ſo leicht erhitzen, ſtimmte ich ihr Herz für die Begierden, von welchen ich ent⸗ ſlammt war. 3 Der Pfarrer kam wieder mit dem Ringe und ſagte; wegen der Feier des Feſtes der heiligen Jungfrau könne ich ihn erſt übermorgen verpfänden; er habe ſchon mit dem Kaſſirer des Leihhauſes geſprochen und derſelbe habe ge⸗ ſagt, wenn ich wolle, könne ich das Doppelte erhalten. Hery 120 Pfarrer, ſagte ich zu ihm, Sie würden mir einen Gefallen thun, wenn Sie von Pr. wieder hierher zurückkämen, um den Ring ſelbſt zu verpfänden; denn wenn derſelbe, nach⸗ dem er ſchon von Ihnen angeboten worden, von einem An⸗ dern angeboten würde, ſo könnte das Verdacht erwecken. Ich werde den Wagen für Sie bezahlen. Ich verſpreche Ihnen, zurückzukommen. Ich hoffte, daß er ſeine Nichte mitbringen würde. Da ich während des Mittagseſſens Chriſtinen gegen⸗ über ſaß, ſo entdeckte ich in jedem Augenblicke einen neuen Reiz derſelben; da ich aber ihr Zutrauen zu verlieren fürch⸗ tete, wenn ich mir im Laufe des Tages eine unbedeutende Gunſt zu verſchaffen ſuchte, ſo beſchloß ich, nichts zu über⸗ eilen und darauf hinzuarbeiten, daß der Pfarrer noch ein⸗ mal mit ihr nach Venedig käme. Hier allein konnte ich meiner Anſicht nach Liebe erwecken und derſelben die Nah⸗ rung verſchaffen, welche ſie forderte. Herr Pfarrer, ſagte ich, ich rathe Ihnen, Ihre Nichte wieder nach Venedig zu bringen. Ich übernehme alle Koſten und werde Ihnen eine tugendhafte Perſon nach⸗ weiſen, bei welcher Fräulein Chriſtine ebenſo ſicher, wie bei ihrer Mutter, aufgehoben ſein wird. Ich muß ſie ken⸗ nen lernen, um ſie heirathen zu können; aber die Sache wird unfehlbar zu Stande kommen. Mein Herr, ich ſelbſt werde meine Nichte nach Vene⸗ dig bringen, ſobald Sie mir melden werden, daß Sie ein Haus gefunden haben, wo ich Chriſtine ſicher unterbrin⸗ gen kann. Während wir ſo ſprachen, ſchielte ich nach Chriſtinen hinüber und ſah, daß ſie vor Freuden lächelte. Meine theure Chriſtine, ſagte ich zu ihr, in ſpäteſtens acht Tagen wird Alles geordnet ſein. Während deſſen werde ich Ihnen ſchreiben, und ich hoffe, daß Sie mir antworten, werden. Mein Onkel wird Ihnen ſtatt meiner antworten, denn ich habe nie ſchreiben lernen wollen. Aber, liebes Kind, wie wollen Sie die Frau eines Ve⸗ 3 netianers werden, wenn Sie nicht ſchreiben können? — — 121 Muß ich denn durchaus ſchreiben können, um Frau zu werden? Ich kann ſehr gut leſen. Das reicht nicht hin, und obwohl eine Frau Mut⸗ ter ſein kann, ohne einen A⸗Strich machen zu können, ſo wird doch das Schreiben von den jungen Mädchen allge⸗ mein gefordert; und ich wundere mich, daß Sie es nicht können. S Aber iſt denn das ein Wunder? Bei uns kann kein junges Mädchen ſchreiben. Nicht wahr, Onkel? Das iſt wahr; aber es denkt auch keine daran, ſich in Venedig zu verheirathen, und da Du dies willſt, ſo mußt Du auch ſchreiben lernen. Gewiß, ſagte ich, und ehe Sie nach Venedig kommen, denn man würde ſich dort über Sie luſtig machen, wenn Sie es nicht könnten. Das betrübt Sie, meine Theure; das thut mir leid. Das mißfällt mir, weil man nicht in acht Tagen ſchrei⸗ ben lernen kann. Ich mache mich anheiſchig, ſagte ihr Onkel, es Dich in acht Tagen zu lehren, wenn Du Dich ordentlich anſtrengen willſt. Du ſollſt dann genug wiſſen, um Dich weiter zu vervollkommnen. Das iſt eine große Aufgabe; aber ich will mich der⸗ ſelben unterziehen, und ich verſpreche Ihnen, Tag und Nacht zu ſtudieren und morgen anzufangen. 1 Als wir zu Mittag geſpeiſt, ſagte ich zum Pfarrer, er würde wohl daran thun, wenn er anſtatt nach dem Abend⸗ eſſen abzureiſen, während der Nacht ausruhte und erſt mit Tagesanbruch abreiſete, da er noch zeitig genug zur Meſſe und viel friſcher ankommen wuͤrde. Am Abend erneuerte ich meinen Vorſchlag, und da er ſah, das ſeine Nichte ſchläfrig war, ließ er ſich überreden. Ich rief die Wirthin, um einen Wagen zu beſtellen, und als ich zu derſelben ſagte, ſie ſolle im benachbarten Zimmer Feuer anmachen und mir ein Lager einrichten laſſen, erwiederte der heilige Pfarrer, das wäre nicht nöthig, da in dem Zimmer, in welchem wir uns befanden, zwei große Betten ſtänden, und ich mich in das eine, ſeine Nichte und er ſich in das andre 4 122 legen könnten. Wir werden uns nicht entkleiden, ſagte er, aber Sie können ſich ungehindert entkleiden, denn da Sie nicht mit uns reiſen, ſo können Sie ſchlafen, ſo lange Sie wollen. O, ſagte Chriſtine, ich muß mich entkleiden, denn ſonſt könnte ich nicht ſchlafen; aber ich werde Sie nicht warten laſſen, denn ich brauche nur eine Viertelſtunde, um mich in Stand zu ſetzen. Ich ſagte nichts, aber ich konnte mich von meinem Er⸗ ſtaunen nicht erholen. Chriſtine, die ſo reizende, welche geſchaffen war, um einen Xenocrates zu verführen, ſchlief nackt bei ihrem Onkel, der allerdings alt, ſehr fromm und fern von Allem war, was eine ſolche Anordnung zu einem Wagniſſe hätte machen können; der mit einem Worte Alles war, was man will, der aber doch Mann war, es wie je⸗ der Andere geweſen ſein und wiſſen mußte, welcher Gefahr ler ſich ausſetzte. Meine ganz fleiſchliche Vernunft fand das unerhört. Nichtsdeſtoweniger war die Sache unſchuldig und ſo unſchuldig, daß er nicht nur kein Geheimniß daraus machte, ſondern nicht einmal die Möglichkeit ahnte, daß ſie nicht unſchuldig gefunden werden könnte. Ich ſah dies Al⸗ les ein; aber ich war nicht daran gewöhnt und konnte mich daher nicht darein finden. Als ich älter an Jahren und Erfahrung wurde, fand ich dieſe Sitte in manchen Ländern bei guten Leuten, deren Sitten dadurch keineswegs verderbt wurden; aber ich wiederhole es, bei guten Leuten, und ich mache keinen Anſpruch darauf, zu denſelben zu gehören. Wir hatten zu Mittag Faſtenſpeiſen gegeſſen, und mein feiner Gaumen war nicht befriedigt worden. Ich gehe in die Küche und ſage zur Wirthin, ſie ſolle mir das Feinſte, was der Markt von Treviſo bieten könne und namentlich guten Wein auftragen. Wenn Sie nicht auf die Koſten ſehen, mein Herr, ſo laſſen Sie mich nur machen: Sie ſollen zufrieden ſein. Sie werden Gatta⸗Wein erhalten. Gut, und beſorgen Sie das Abendeſſen recht früh. Ich gehe wieder hinauf und finde Chriſtinen, ihrem 75 jährigen Onkel die Wangen ſtreichelnd. Der gute Mann —& 8 02— 123 lachte. Wiſſen Sie, ſagte er, um was es ſich handelt? Meine Nichte ſchmeichelt mir, damit ich ſie bis zu meiner Rückkehr hier laſſe. Sie ſagt, die Stunde über, welche ich Sie mit ihr allein gelaſſen, wären Sie gegen ſie wie ein Bru⸗ der gegen eine Schweſter geweſen, und ich glaube es; aber ſie denkt nicht daran, daß ſie Ihnen zur Laſt fallen kann. Nein, im Gegentheile, ſeien Sie überzeugt, daß ſie mir Vergnügen machen wird, denn ich finde ſie außer⸗ ordentlich liebenswürdig. Und was ihre und meine Pflicht betrifft, ſo glaube ich, daß Sie ſich auf uns verlaſſen können. Ich zweifle nicht daran. Ich laſſe ſie Ihnen alſo bis übermorgen. Ich werde früh zurückkommen, um Ihr Ge⸗ ſchäft zu beſorgen. Dieſe ſo uͤberraſchende und unerwartete Wendung trieb mir das Blut zum Kopfe und ich bekam Naſenbluten, wel⸗ ches länger als eine Viertelſtunde dauerte. Ich für meinen Theil fürchtete nichts, denn ich war an ſolche Anfälle ſchon gewöhnt, aber der gute Pfarrer war in der äußerſten Angſt, denn er fürchtete einen Blutſturz.““ Sobald er beruhigt war, verließ er uns wegen eines Geſchäfts und ſagte uns, daß er mit Dunkelwerden zurück⸗ kommen würde. Ich ſah mich allein mit der liebenswürdi⸗ gen und naiven Chriſtine und beeilte mich, ihr für ihr Zu⸗ trauen zu danken. Ich verſichere Ihnen, ſagte ſie, daß ich mich ſehr da⸗ nach ſehne, daß Sie mich ganz kennen lernen, Sie werden ſe⸗ hen, daß ich die Fehler, welche Ihnen an den Fräulein, die Sie in Venedig kennen gelernt, ſo ſehr mißfallen haben, nicht be⸗ ſitze, auch verſpreche ich Ihnen, ſogleich ſchreiben zu lernen. Sie ſind anbetungswürdig und voll Aufrichtigkeit; aber in Pr. müſſen Sie verſchwiegen ſein und Niemand ſagen, daß Sie mit mir eine Verabredung getroffen haben. Sie müſſen es ſo machen, wie Ihr Onkel Ihnen ſagen wird, denn an dieſen werde ich ſchreiben. Sie können auf meine Verſchwiegenheit rechnen, und ſelbſt meine Mutter ſoll nichts erfahren, wenn Sie mir nicht erlauben, mit ihr davon zu ſprechen.. So verbrachte ich den Tag, mir auch die geringſte 124 Freiheit verſagend, aber mich immer mehr in dieſes reizende Mädchen verliebend. Ich erzählte ihr kleine galante Ge⸗ ſchichten, welche ich dermaßen verſchleierte, daß ſie ihre Theill nahme erregten, ohne ſie ſcheu zu machen; und ich ſah, daß ſie verſtände, da ſie in meinen Augen nicht unwiſſend er⸗ ſcheinen wollte. Als ihr Onkel zurückkam, entwarf ich in meinem Kopf den Plan zu den Anordnungen, welche ich zu nehmen hätte, um ſie zu heirathen, und ich nahm mir vor, ſie bei der guten Witwe unterzubringen, wo ich meine ſchöne Gräfin eingemiethet hatte. Wir ſetzten uns zu Tiſche, und unſer Abendeſſen war ſehr fein. I Ich mußte Chriſtinen lehren, Auſtern und Trüffeln z3u eſſen, welche ſie zum erſtenmale ſah. Der Gatta⸗Wein iſt wie Champagner; er erheitert und berauſcht nicht, aber er hält ſich nur von einer Ernte zur andern. Wir legten uns um Mitternacht zu Bette und ich erwachte erſt am frühen Morgen. Der Pfarrer hatte ſich ſo leiſe entfernt, daß ich ihn nicht gehört hatte. erblicke in demſelben nur Chriſtine. Ich wünſche ihr einen guten Morgen, ſie erwacht, kömmt zu ſich und geſtützt auf ihren Ellenbogen lächelt ſie. Mein Onkel iſt abgereiſt; ich habe ihn nicht gehört.. Meine theure Freundin, Du biſt ſchön wie ein Engel; ich ſterbe vor Luſt, Dir einen Kuß zu geben. Wenn Du dazu Luſt haft, ſo komm, theurer Freund, und gieb ihn mir. Ich ſpringe aus dem Bette und der Anſt läßt, ſie zurückweichen; es war kalt, ich War verliebt, und ml er ſener mdrururlichen Bewegüngen, welche das Gefühl allein Andermun, aran Fẽdächt, uns iner hi zugeben, und ſie iſt glücklich und etwas beſchämt, ich fre ſte zwar nicht immer verſtand, daß ſie aber ſo that, als ob Ich wende mich nach der andern Seite des Bettes und eingiebt, fliege ich in ihre Arme und wir gehören Einer dem 8 — Krahllend und denſöch einigermasen erſtaiit iber eimn Sieg, welchen ich ohne Kampf errungen—— li —— ˙ b — ——— 125 Nach einer Stunde zärtlicher Vergeſſenheit und nnche dem wir wieder etwas ruhiger geworden, blickten wir uns 8 zuerſt das Schweigen: Was haben wir gemacht! fſagte ſie in dem zärtlichſten und ſanfteſten Tone. Wir haben uns verheseethet Was wird morgen mein Onkel ſagen? Er wird es nicht eher erfahren, als bis er uns den ehelichen Segen in der Kirche ertheilt. Und wann wird er uns denſelben ertheilen? Wenn wir die nöthigen Vorbereitungen für eine öffent⸗ liche Verheirathung getroffen. Wie viel Zeit gehört dazu? Ungefähr ein Monat. In der Faſtenzeit kann man ſich nicht verheirathen Ich werde die Erlaubniß dazu bekommen. Du täuſcheſt mich nicht? Nein, denn ich bete Dich an. Du brauchſt mich alſo nicht weiter kennen zu lernen? Nein, denn ich kenne Dich gänzlich und zbin ſicher, daß Du mich glücklich machen wirſt. Und Du mich auch? Ich hoffe. Stehen wir auf und gehen wir in die Meſſe. Wer hätte wohl geglaubt, daß ich, um einen Mann zu be⸗ mit Zärtlichkeit an, ohne jedoch zu ſprechen. aceſßn brach kommen, nicht nach Venedig gehen, ſondern daſſelbe ver⸗ laſſ an und nach Hauſe zurückkehren müste Wir ſtanden auf, und nachdem wir gefrühſtückt, be⸗ naben wir uns in die Meſſe. Der Reſt des Tages bis zum Mittagseſſen verging ohne ein bemerkenswerthes Ereigniß. Da ich Chriſtine gegen den andern Tag„verändert fand, ſo fragte ich ſie um die Urſache. Es muß, ſagte ſie, dieſelbe ſein, welche Sie nachdenklich macht. Mein nachdenkliches Ausſehen, meine Theure, iſt das eines glücklichen Liebhabers, wenn er mit der Ehre zu Rathe geht. Die Sache iſt ſehr ernſt geworden, und die Liebe ſieht ſich zum Nachdenken genöthigt. Es handelt ſich darum, uns in der Kirche zu heiraihen und wir können es Rnicht 126 vor den Faſten, da wir den letzten Tagen des Karnaval entgegengehen; indeſſen können wir nicht bis Oſtern warten, denn die Zeit würde uns zu lang werden. Wir bedürfen eines geiſtlichen Diſpenſes, um unſere Hochzeit feiern zu können. Habe ich nicht Veranlaſſung zum Nachdenken? Anſtatt aller Antwort ſteht ſie auf und umarmt mich zärtlich. Was ich ihr geſagt, war wahr, aber ich konnte ihr nicht Alles ſagen, was mich nachdenklich ſtimmte. Ich ſah mich in ein Verhältniß verwickelt, welches mir nicht mißfiel; aber ich wünſchte, daß ſich daſſelbe nicht ſo raſch geſtalten möchte. Ich konnte mir daher Anfangs die Reue nicht verhehlen, welche in meiner verliebten und wohlgeſinn⸗ ten Seele keimte, und das betrübte mich. Indeß hatte ich die Gewißheit, daß dieſes vortreffliche Geſchöpf mir nie ſein Unglück vorzuwerfen haben würde. Wir hatten den ganzen Abend vor uns, und da ſie mir mitgetheilt, daß ſie nie eine Komödie geſehen, ſo be⸗ ſchloß ich, ihr dies Vergnügen an dem Abende zu machen. Ich ließ einen Juden kommen, welcher mir Alles, was nö⸗ thig war, um ſie zu maſkiren, lieferte und wir gingen aus. Ein wirklich verliebter Menſch kennt kein anderes Glück als das, welches er dem geliebten Gegenſtande verſchafft. Nach der Komödie führte ich ſie ins Kaſinv, und durch die Ver⸗ wunderung, welche ſie bezeigte, als ſie zum erſtenmale eine Pharaobank ſah, brachte ſie mich zum Lachen. Ich hatte nicht Geld genug, um ſelbſt zu ſpielen, aber ich hatte mehr als nöthig war, um ſie durch ein kleines Spiel zu amuſi⸗ ren, ich gab ihr zehn Zechinen und ſagte ihr, was ſie zu thun habe. Sie kannte die Charten noch nicht, aber nach⸗ dem ſie ſich geſetzt, hatte ſie in Zeit von noch nicht einer Stunde hundert Zechinen vor ſich. Ich ließ ſie das Spiel verlaſſen, und wir entfernten uns. Als wir in unſerm Zimmer waren, ließ ich ſie das Geld, welches ſie gewonnen, aaufzählen, und als ſie hörte, daß all' dies Geld ihr gehöre, glaubte ſie, es wäre ein Traum. Ach, was wird mein On⸗ kel ſagen! rief ſie aus. Wir nahmen ein leichtes Mahl ein, worauf wir eine köſtliche Nacht verbrachten, jedoch uns mit Tagesanbruch trennten, damit der gute Pfarrer uns nicht 127 bei einander fände. Er kam früh an und fand jeden in ſei⸗ nem Bette ſchlafend. Er weckte mich, und ich gab ihm den Ring, welchen er verpfänden ſollte. Er kehrte zwei Stun⸗ den darauf zurück und fand uns angekleidet und am Ka⸗ mine plaudernd. Sobald Chriſtine ihn erblickte, umarmte ſie ihn; hierauf zeigte ſie ihm all' das Geld, welches ſie be⸗ ſaß. Welche angenehme Ueberraſchung für den guten alten Prieſter! Er dankte Gott für das vermeintliche Wunder, und ſprach die Anſicht aus, daß wir geboren wären, um einander glücklich zu machen.. Als die Rede auf unſere Trennung kam, verſprach ich ihm, ſie im Anfange der Faſten zu beſuchen, aber unter der Bedingung, daß Niemand von meinem Namen und un⸗ ſerer Angelegenheit in Kenntniß geſetzt würde. Er gab mir den Taufſchein ſeiner Nichte und ein Verzeichniß ihrer Mit⸗ gift, und ſobald ich ſie hatte abreiſen ſehen, ſchlug ich den Weg nach Venedig ein, verliebt und entſchloſſen, dieſem lie⸗ benswürdigen Mädchen mein Wort nicht zu brechen. Ich wußte, daß es leicht ſein würde, meine drei Freunde davon zu überzeugen, daß meine Verheirathung im Buche des Schickſals unwiderruflich verzeichnet wäre. 6 Als ich mich ihnen vorſtellte, fand ich dieſe drei vor⸗ trefflichen Männer freudetrunken, denn da ſie nicht an eine dreitägige Abweſenheit von meiner Seite gewöhnt waren, ſo fürchteten Herr Dandalo und Barbaro, daß mir ein Unglück zugeſtoßen wäre; aber Bragadino, welcher einen feſtern Glauben hatte, beruhigte ſie, indem er ſagte, daß mir kein Unglück zuſtoßen könnte, da Paralis über mich wache. Schon am folgenden Tage faßte ich den Beſchluß, Chriſtine glücklich zu machen, ohne ſie mit mir zu verbin⸗ den. Als ich ſie mehr als mich ſelbſt liebte, hatte ich die Idee gehabt, ſie zu heirathen; aber nach dem Genuſſe hatte ſich die Schaale ſo ſehr auf meine Seite geneigt, daß meine Eigenliebe ſtärker als meine Liebe wurde. Ich konnte mich nicht entſchließen, die Vortheile, die Hoffnungen, welche ich mit meinem unabhängigen Zuſtande verknüpft glaubte, auf⸗ zugeben. Trotz deſſen war ich Sklave des Gefühls. Die⸗ ſes naive und unſchuldige Mädchen aufzugeben, ſchien mir 64, *☛ K eine ſo ſchwarze Handlung, daß ſie, wie ich fühlte, über meine Kräfte ging; die bloße Idee erfüllte mich mit Schauder. Ich fühlte, daß ſie möglicher Weiſe in ihrem Schooße ein Pfand unſerer beiderſeitigen Liebe tragen könnte, und ich ſchauderte bei dem Gedanken an die Möglichkeit, daß ihr Vertrauen zu mir mit Schmach und mit dem Unglück ih⸗ res ganzen Lebens belohnt werden könnte. Ich dachte daran, ihr einen Mann zu ſuchen, welcher mir in jeder Beziehung vorzuziehen wäre; einen Mann, der nicht nur geeignet wäre, mir Verzeihung für die ihr zugefügte Schmach zu erwirken, ſondern der ſo beſchaffen wäre, daß ſie meinen Betrug lieb⸗ gewinnen und mich um deſſelben willen mehr lieben könnte. Dieſer Fund war vielleicht nicht ſchwierig, denn abge⸗ ſehen davon, daß ſie ein Muſter von Schönheit war, und in ihrem Dorfe den reinſten Ruf hatte, ſo hatte ſie auch eine Mitgift von 4000 venetianiſchen Dukaten Courant. Als ich mit den drei Anbetern meines Orakels einge⸗ ſchloſſen war, legte ich, die Feder in der Hand, Paralis eine Frage in Betreff der Angelegenheit vor, welche mir am Herzen lag. Er gab mir folgende Antwort: Stelle die Sache Serenus anheim. Dies war der cabbaliſtiſche Name des Herrn von Bragadino, und dieſer brabve Mann unterwarf ſich mit großer Gutmüthigkeit Allem, was Paralis ihm befehlen würde. Meine Sache war es, ihn davon in Kenntniß zu ſetzen. Es handelt ſich darum, ſagte ich, vom heiligen Va⸗ ter eine Heirathserlaubniß für ein junges, ſehr anſtändiges Mädchen zu erhalten, damit ſie ihre Hochzeit in der Faſten⸗ zeit öffentlich in der Kirche ihres Dorfes feiern könne. Es iſt eine junge Bäuerin.. Hier iſt, ſagte ich, der Taufſchein. Man kennt den Mann noch nicht; aber das thut nichts, da Paralis ihn ſuchen wird. Verlaſſe Dich auf mich, ſagte mein Vater zu mir, ich werde gleich morgen an unſern Geſandten in Rom ſchreiben und dafür ſorgen, daß der Saggio, welcher die Woche hat, meine Schrift mit einem Expreſſen abſchickt. Laſſe mich nur machen; ich will dieſer Sache das Anſehen einer Staatsangelegenheit geben und Paralis wird um ſo eher Gehorſam finden, als ich vorausſehe, daß der Mann — ———⸗— ⸗⸗—, ͤo——4 — —„„„—+ ——————————,— S 1 2— — 129 einer von uns vieren ſein würde, wir müſſen uns zum Ge⸗ horſam bereitet halten. Ich mußte mir Mühe geben, um nicht in lautes Lachen auszubrechen, denn ich ſah, daß es durchaus in meiner Macht ſtand, Chriſtine zu einer adligen venetianiſchen Dame und zur Frau eines Senators zu machen. Als ich von Neuem mein Orakel befragte, um zu erfahren, wer der Gatte des jungen Mädchens ſein ſolle, antwortete es, Herr Dandolo ſolle einen jungen, ſchönen und weiſen Bürger, welcher fähig wäre, der Republik im innern oder im aus⸗ wärtigen Miniſterium zu dienen, ausfindig machen; aber er ſolle nichts abmachen, ohne mich vorher zu Rathe zu ziehen. Ich machte ihm Muth, indem ich zu ihm ſagte, daß das junge Mädchen 3000 Dukaten Courant Mitgiſ habe, und daß er vierzehn Tage Zeit habe, um ſeine Wahl zu treffen. Herr von Bragadino, der ſehr erfreut war, daß dieſe Auf⸗ gabe nicht ihm geworden, ſchüttelte ſich vor Lachen aus. Nach dieſem zwiefachen Schritte fühlte ich mich ruhig. Ich war ſicher, daß man einen Gatten, wie ich ihn haben wollte, finden würde; ich war alſo nur darauf bedacht, mei⸗ nen Karnaval gut zu beenden und mich ſo einzurichten, daß meine Börſe in einem dringenden Falle nicht leer wäre. Das Glück ſetzte mich bald in Beſitz von tauſend Ze⸗ chinen. Ich bezahlte zunächſt meine Schulden. Da ſodann der Diſpens aus Rom zehn Tage, nachdem darum nachge⸗ ſucht worden, angekommen war, gab ich Herrn von Braga⸗ dino hundert römiſche Thaler, welche derſelbe gekoſtet hatte. Dieſer Diſpens geſtattete Chriſtinen ſich in jeder Kirche der Chriſtenheit zu verheirathen; aber es war noch die Bei⸗ ſetzung des Siegels der biſchöflichen Kanzelei erforderlich, um von dem gewöhnlichen öffentlichen Aufgebote entbunden zu werden. Es fehlte mir alſo nur noch eine Bagatelle: der Gatte. Herr Dandolo hatte mir ſchon drei oder vier vorgeſchlagen, welche ich aus guten Gründen nicht hatte an⸗ nehmen wollen; aber endlich fand er einen nach meinem Wunſche. Da ich den Ring im Pfandhauſe einlöſen mußte und es nicht ſelbſt thun wollte, ſo ſchrieb umh an den Pfarrer. III. 9 3 4„. 130 er möge ſich an einem beſtimmten Tage und zu einer be⸗ ſtimmten Stunde in Treviſo einfinden. Es läßt ſich denken, daß ich nicht überraſcht war, als ich ihn in Begleitung ſeiner ſchönen Nichte ankommen ſah. Da ſie ſicher zu ſein glaubte, daß ich nur gekommen, um Alles auf unſere Hoch⸗ zeit Bezügliche zu ordnen, ſo legte ſie ſich keinen Zwang auf, ſie umarmte mich zärtlich und ich that daſſelbe. In dieſer ſüßen Umſchlingung würde wohl mein Heroismus nicht Stand gehalten haben, wenn ihr Onkel nicht zuge⸗ gen geweſen wäre. Ich legte den Diſpens des Papſtes in die Hände des Pfarrers, und das ſchöne Geſicht Chriſtinens nahm augenblicklich einen freudeſtrahlenden Ausdruck an. Sie konnte ſich ſicherlich nicht vorſtellen, daß ich für Andre als mich ſo thätig geweſen, und da ich noch nichts ſicher wußte, ſo wollte ich ſte in dieſem Augenblicke nicht aus ih⸗ rer Täuſchung reißen. Ich verſprach ihr, in acht oder zehn Tagen nach Pr. zu kommen, und dann Alles zu ordnen. Nach dem Abendeſſen übergab ich dem Pfarrer die Quit⸗ tung und das Geld, um den Ring einzulöſen, und darauf gingen wir ſchlafen. Für diesmal war glücklicherweiſe nur ein Bett in dem Zimmer, und ich mußte in einem andern Zimmer ſchlafen. 3 Am folgenden Morgen trat ich in Chriſtinens Zimmer, welche ich noch im Bette fand. Ihr Onkel war ausgegan⸗ gen, um meinen Solitair zu holen, und da ich allein mit dieſem herrlichen Mädchen war, ſo hatte ich Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß ich mich nöthigenfalls auch beherr⸗ ſchen könne. Da ich ſie als mir nicht mehr angehörig be⸗ trachtete und zu Gunſten eines Andern über ihr Herz ver⸗ fügen wollte, ſo umarmte ich ſie zärtlich, war aber artig. Ich verbrachte eine Stunde bei ihr und kämpfte während dieſer Zeit wie der heilige Antonius gegen die Macht des Fleiſches. Ich ſah das junge Mädchen verliebt und erſtaunt, und bewunderte in der naturlichen Beſcheidenheit, welche ihr nicht geſtattete, mir entgegenzukommen, ihre Tugend. Sie ſtand auf, kleidete ſich an, und zeigte keine Verſtimmung. Sie würde ſich natürlich gekränkt gefühlt haben, wenn es 131 ihr in den Sinn gekommen wäre, daß ich ſie verachten oder den Werth ihrer Reize verkennen könne. Ihr Onkel kam nach Hauſe, übergab mir den Diamant und wir ſpeiſten zu Mittag. Nachdem wir geſpeiſt, zeigte er mir ein kleines Wunder. Seine Nichte hatte ſchreiben gelernt, und um mir einen Beweis davon zu geben, ſchrieb ſie ſehr hübſch und ſehr geläufig, nach ſeinem Diktate in meiner Gegenwart. Wir trennten uns bald, nachdem ich mein Verſprechen in etwa zehn Tagen wiederzukommen, wiederholt, und ich kehrte nach Venedig zurück. Am zweiten Sonntage der Faſtenzeit, ſagte Herr Dan⸗ dolo, als er aus der Predigt kam, mit triumphirender Miene zu mir, der glückliche Gatte wäre gefunden, und er wäre ſicher, daß derſelbe meine Billigung erhalten würde. Dies ſagend, nannte er mir Karl**, welchen ich von Anſehen kannte. Er war ein ſehr ſchöner junger Mann von guten Sitten und etwa zweiundzwanzig Jahre alt. Er war Ra⸗ gionato⸗Schreiber und Pathe des Grafen Algarotti, deſſen Schweſter mit einem Bruder Herrn Dandolo's verheirathet war. Dieſer junge Mann, ſagte Herr Dandolo, hat weder Vater noch Mutter und ich bin ſicher, daß ſein Pathe ſich für die ihm von einer Frau zugebrachte Mitgift verbürgen wird. Ich habe ihn ausgeholt und habe geſehen, daß er geneigt iſt, ſich mit einem anſtändigen Mädchen zu verhei⸗ rathen, welches ihn durch ihre Mitgkft in den Stand ſetzt, die Stelle, die er jetzt als Schreiber bekleidet, zu kaufen. Das iſt ausgezeichnet, aber ich kann mich nicht ent⸗ ſcheiden, ehe ich ihn nicht habe ſprechen hören. Morgen wird er bei uns zu Mittag ſpeiſen. Er kam in der That, und ich fand ihn der Lobſprüche, welche ihm Herr Dandolo ertheilte, ſehr würdig. Wir wur⸗ den Freunde. Er hatte Sinn für die Poeſie; ich zeigte ihm einige meiner Produktionen, und als ich ihn am fol⸗ genden Tage beſuchte, zeigte er mir einige kleine Arbeiten, welche ich hübſch fand. Er ſtellte mich ſeiner Tante vor, bei welcher er mit ſeiner Schweſter wohnte, und ich war entzückt über die Liebenswürdigkeit derſelben und über die 9*⅔ Art, wie ſie mich empfangen. Als ich allein mit ihm in ſeinem Zimmer war, fragte ich ihn, wie er die Liebe anſehe. Ich frage nichts danach, antwortete er, aber ich ſuche mich zu verheirathen, um eine unabhängige Stellung zu gewinnen. Als ich nach dem Palaſt zurückkehrte, ſagte ich zu Herrn Dandolo, er könne das Geſchäftliche mit dem Grafen Algarotti abmachen, und dieſer ſprach mit Karl davon, welcher antwortete, er könne erſt, wenn er ſeine Zukünftige geſehen, und von Allem, was ſie beträfe, in Kenntniß ge⸗ ſetzt werden, Ja oder Nein ſagen. Uebrigens war der Graf bereit, für ſeinen Pathen einzuſtehen, d. h. der Braut vier⸗ tauſend Thaler zu verbürgen, wenn die Mitgift ſo viel werth wäre. Nach dieſen Präliminarien kam die Sache an mich. Da Dandolo Karl geſagt, daß die ganze Sache in mei⸗ nen Händen läge, ſo kam dieſer zu mir und fragte mich, wann ich die Gefälligkeit haben wolle, ihn mit der jungen Perſon bekannt zu machen. Ich beſtimmte den Tag, fügte aber zugleich hinzu, daß er den ganzen Tag opfern müſſe, da die Zukünftige zwanzig Miglien entfernt wohne. Wir werden zu Mittag bei ihr ſpeiſen und am Abend wieder in Venedig ſchlafen. Er verſprach mit Tagesanbruch ſich zu mei⸗ ner Verfügung zu ſtellen und wir trennten uns. Sogleich ſchickte ich einen Erpreſſen an den Pfarrer, um ihn von der Zeit, wo ich mit einem Freunde zu ihm kommen würde, in Kenntniß zu ſetzen, und ihm anzuzeigen, daß wir alle drei mit ſeiner Nichte zu Mittag ſpeiſen würden. Am beſtimmten Tage erſchien Karl pünktlich, und un⸗ terwegs theilte ich ihm mit, daß ich die Bekanntſchaft der jungen Perſon und ihres Onkels auf der Fahrt nach Meſtre vor einem Monate gemacht, und daß ich mich ſelbſt ihr an⸗ geboten haben würde, wenn ich eine feſte Stellung gehabt und im Stande geweſen wäre, ihr ihre Mitgift ſicher zu ſtellen. Ich glaubte meine Mittheilungen nicht weiter aus⸗ dehnen zu dürfen. Wir langten zwei Stunden vor Mittag bei dem guten Pfarrer an und eine Viertelſtunde darauf erſchien Chriſtine mit ſehr ungezwungenem Weſen, wünſchte ihrem Onkel einen A ——— 8=—— —* V 133 guten Morgen und ſagte, daß ſie ſich ſehr über meine An⸗ kunft freue. Karln machte ſie nur eine Verbeugung mit dem Kopfe und fragte mich, ob er Schreiber gleich mir wäre. Karl antwortete, daß er Ragionato⸗Schreiber wäre. Sie that ſo, als ob ſie verſtände, da ſie nicht unwiſſend erſcheinen wollte. Ich will Ihnen, ſagte ſte, meine Hand⸗ ſchrift zeigen und dann wollen wir, wenn es Ihnen beliebt, meine Mutter beſuchen. Erfreut darüber, daß Karl, als er erfuhr, daß ſie erſt ſeit einem Monat ſchreiben lerne, ihre Handſchrift belobte, forderte ſie uns auf, ihr zu folgen. Unterwegs fragte Karl ſie, warum ſie bis zum neunzehnten Jahre gewartet, um ſchreiben zu lernen. Zunächſt, mein Herr, was geht das Sie an? aber er⸗ fahren Sie, daß ich nicht neunzehn Jahre alt bin, denn ich bin erſt ſiebenzehn Jahre alt. Karl bat ſie, indem er über ihren barſchen Ton lachte, um Entſchuldigung.— Sie war als einfache Bäuerin gekleidet, aber ſehr rein⸗ lich und trug am Halſe und an den Armen ihre prächtigen goldenen Ketten. Ich bat ſie, uns den Arm zu geben, und ſie that es, indem ſie mir einen unterwürfigen Blick zuwarf. Wir beſuchten ihre Mutter, welche wegen eines ſchmerzhaf⸗ ten Hüftenwehs das Bett hüten mußte. Ein Mann von gutem Ausſehen, welcher neben der Kranken ſaß, ſtand auf als er uns erblickte und umarmte Karl. Man ſagte mir, dieſer Herr wäre der Arzt und dieſer Umſtand machte mir Vergnügen. Nachdem wir dieſer guten Frau die paſſenden Compli⸗ mente gemacht, erkundigte ſich der Arzt bei Karl nach ſeiner Schweſter und Tante. Da ſie von ſeiner Schweſter ſpra⸗ chen, welche eine geheime Krankheit hatte, ſo bat Karl ſei⸗ nen Freund mit ihm bei Seite zu gehen, um etwas heim⸗ lich zu beſprechen. Als ich mit der Mutter und der Toch⸗ ter, welche auf dem Bette der Mutter ſaß, allein blieb, lobte ich Karl, ſein gutes Benehmen, ſeine Sitten, ſeine Geſchick⸗ lichkeit nnd rühmte das Glück der Frau, welche der Himmel ihm zur Gattin geben würde. Alle beide beſtätigten meine Lobſprüche und ſagten, alles Gute, was ich von ihm ge⸗ — rühmt, wäre auf ſeinem Geſichte zu leſen. Da ich keine Zeit zu verlieren hatte, ſo ſagte ich zu Chriſtinen ſie möchte bei Tiſche auf ihrer Hut ſein, da es möglich wäre, daß dies der Mann wäre, welchen der Himmel für ſie beſtimmt hätte. Für mich? Ja, für Sie. Das iſt ein einziger Junge; Sie wer⸗ den mit ihm glücklicher leben, als dies mit mir der Fall geweſen ſein würde; und da der Arzt ihn kennt, ſo werden Sie von ihm Alles erfahren, was ich jetzt nicht Zeit habe, Ihnen mitzutheilen. Man denke ſich, wie ſchwer mir dieſe Erklärung ex abrupto werden und wie ſehr ich erſtaunen mußte, als ich ſah, daß das junge Mädchen ruhig blieb, und nicht aus der Faſſung kam! Dieſe Erſcheinung drängt die Thränen zurück, welche ich zu vergießen im Begriffe war. Nach einem augen⸗ blicklichen Schweigen fragte ſie mich, ob ich auch ſicher wäre, daß dieſer hübſche Junge ſie haben wolle. Dieſe Frage, welche mich Chriſtinens Herzenszuſtand erkennen ließ, be⸗ ruhigte mich und zerſtreute meinen Kummer, denn ich ſah, daß ich ſie nicht gekannt hatte. Ich ſagte zu ihr, daß ſie ſo wie ſie wäre, Niemand mißfallen könnte. Bei Tiſche, theure Chriſtine, wird mein Freund Dich ſtudiren, und es wird von Dir abhängen, alle ſchönen Eigenſchaften, welche Gott Dir gegeben, glänzen zu laſſen. Gieb Dir beſonders Mühe, daß er von unſerer innigen Freundſchaft nichts merkt. Das iſt ſehr ſonderbar. Iſt mein Onkel von dieſer Veränderung der Scene unterrichtet? Nein. Und wann wird er mich heirathen, wenn ich ihm ge⸗ falle? In acht oder zehn Tagen. Ich werde für Alles ſorgen. Im Laufe der Woche werden Sie mich hier wieder ſehen. Da Karl mit dem Arzte zurückgekommen war, ſo ſtand Chriſtine vom Bette ihrer Mutter auf und nahm uns ge⸗ genüber Platz. Sie hielt den Reden, welche Karl an ſie richtete, ſehr gut Stand und erregte durch ihre Naivetät, nie aber durch Dummheiten zuweilen Gelächter. Reizende Naivetät, Kind des Geiſtes und der Unwiſſenheit! Deine und als es zum Aufbruche ging, ſagte ſie zu ihm, dieſe 13⁵ Anmuth iſt bezaubernd und Du allein haſt die Macht Alles zu ſagen, ohne je zu beleidigen. Aber was biſt Du häß⸗ lich, wenn Du nicht natürlich biſt; und Du biſt das Mei⸗ ſterwerk der Kunſt, wenn Du zur vollkommenen Nach⸗ ahmung gelangſt. Wir ſpeiſten etwas ſpät, und ich ließ es mir angelegen ſein, nicht zu ſprechen und Chriſtinen nicht anzuſehen, um ſie nicht zu zerſtreuen. Karl beſchäftigte ſie unausgeſetzt, und ich ſah mit großer Befriedigung, daß ſie voll Unge⸗ zwungenheit und Theilnahme mit ihm ſprach. Nach Tiſche Worte, welche mich erſchütterten: Sie ſind gemacht, hatte Karl zu ihr geſagt, um einen Prinzen zu beglücken. Ich würde mich glücklich ſchätzen, antwortete ſie, wenn Sie mich für würdig hielten, Sie zu beglücken. Dieſe Worte ſetzen Karl ganz in Feuer; er umarmte mich, und wir brachen auf. Chriſtine war einfach, aber ihre Einfachheit lag nicht in ihrem Geiſte, ſondern in ihrem Herzen. Die Einfachheit des Geiſtes iſt Dummheit, die des Herzens nur Unwiſſen⸗ heit, Unſchuld; dieſe iſt eine wahre Tugend, welche ſogar noch bleibt, wenn die Urſache aufgehört hat. Dieſes junge Mädchen, faſt ein Naturkind, war einfach in ſeinem Beneh⸗ men, aber anmuthig durch jene tauſend Kleinigkeiten, welche ſich nicht beſchreiben laſſen; ſie war aufrichtig, denn ſie wußte nicht, daß Verheimlichung irgend eines Eindrucks ein Gebot der Schicklichkeit war, und da ihre Abſichten rein waren, ſo war ſie frei von jener falſchen Schaam, welche die affektirte Unſchuld nöthigen, über ein Wort oder eine Bewegung, welche nicht aus böſer Abſicht hervorgeht, zu erröthen.. Während der ganzen Reiſe ſprach Karl nur von ſeinem Glücke; er war entſchieden verliebt. Ich werde, ſagte er, den Grafen Algarotti gleich morgen aufſuchen, und Sie können dem Pfarrer ſchreiben, daß er mit allen Aktenſtücken kommen möge, welche zur Abſchließung des Kontrakts, den zu unterzeichnen ich mich ſehne, nothwendig ſind. Er lachte vor Glück und Erſtaunen, als ich ihm ſagte, ich habe ſeiner Zukünftigen das Geſchenk eines Diſpenſes vom Papſte, daß 136 ſie ſich in der Faſtenzeit verheirathen dürfe, geſchenkt. Wir müſſen alſo, ſagte er, die Sache ſo raſch wie möglich be⸗ treiben. In der Conferenz, welche mein junger Stellvertreter am folgenden Tage mit Herrn Dandolo und ſeinem Pathen hatte, wurde verabredet, daß man dem Pfarrer ſchreiben wolle, er ſolle mit ſeiner Nichte kommen. Ich übernahm dieſen Auftrag reiſte zwei Stunden vor Tagesanbruch von Venedig ab, und begab mich nach Pr., wo der Pfarrer nur die zum Meſſeleſen nöthige Zeit verlangte, um mir zu fol⸗ gen. Ich begab mich zur Zukünftigen und hielt ihr eine ſentimentale und väterliche Rede, welche bezweckte, ihr den Weg des Glücks für den neuen Stand, in welchen ſte tre⸗ ten wollte, vorzuſchreiben. Ich ſagte ihr, wie ſie gegen ih⸗ ren Mann, ſeine Tante und ihre Schwägerin ſich zu beneh⸗ men habe, um ihre Liebe und Freundſchaft zu gewinnen. Das Ende meiner Rede war pathetiſch und etwas erniedri⸗ gend für mich, denn da ich ihr Treue anempfahl, ſo war es natürlich, daß ich ſie wegen ihrer Verführung um Ver⸗ zeihung bat. Hatten Sie, als Sie mir das erſtemal, wo wir die Schwäche hatten uns einanderhinzugeben, verſprachen, mich zu heirathen, die Abſicht mich zu täuſchen? Nein, gewiß nicht. Sie haben mich alſo nicht getäuſcht. Ich muß Ihnen ſogar dankbar ſein, daß Sie bedacht, daß wenn unſere Ver⸗ bindung unglücklich werden könnte, es beſſer wäre daß Sie mir einen andern Mann ſuchten; und ich danke Gott dafür, daß Ihnen dies ſo gut gelungen. Sagen Sie mir nur, was ich Ihrem Freunde ſagen ſoll, wenn er mich in der Hochzeitsnacht frägt, wodurch meine Verſchiedenheit von einer Jungfrau entſtanden.—— Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß Karl, der zartfühlend und geſittet iſt, eine ſolche Frage an Sie richten wird; wenn er es aber thun ſollte, ſo antworten Sie ihm zuverſichtlich, daß Sie nie einen Liebhaber gehabt, und von einer Jung⸗ frau nicht verſchieden zu ſein glaubrn—— Wird er mir glauben? 9 - N n n A Ku n— 137 Ganz gewiß, denn der erfahrenſte Mann kann ſich darin täuſchen. Wenn er mir aber nicht glaubte? Dann würde er ſich Ihrer Verachtung würdig machen und ſich ſelbſt als reuig bekennen müſſen. Aber beruhigen Sie ſich, dieſer Fall wird nicht eintreten. Wenn ein Mann von Geiſt eine gute Erziehung erhalten hat, ſo thut er nie eine ſolche Frage, weil er durch eine ſolche nicht nur miß⸗ fallen muß, ſondern auch nie die Wahrheit errathen kann; denn wenn dieſe Wahrheit der guten Meinung, welche jede Frau ihrem Manne von ſich wünſcht, ſchaden muß, ſo wird nur eine dumme ſich entſchließen können, ihm die Wahrheit zu ſagen. Ich verſtehe vollkommen, was Du ſagſt, theurer Freund; umarmen wir uns alſo zum letztenmale. Nein: denn wir ſind allein und meine Tugend iſt ſchwach: ich bete Dich immer noch an. Weine nicht theurer Freund, denn ich frage in Wahr⸗ heit nichts danach. Dieſer naive und burleske Grund änderte plötzlich meine Stimmung und anſtatt zu weinen, fing ich an zu lachen. Sie machte große Toillette, und nachdem wir gefrühſtückt, brachen wir auf. Wir langten in vier Stunden in Vene⸗ dig an, und nachdem ich ſie in einem guten Gaſthauſe un⸗ tergebracht, begab ich mich zu Herrn von Bragadino und ſagte Herrn Dandolo, daß unſere Leute angekommen wären, und daß er ſie am folgenden Tage Karl übergeben und die ganze Sache übernehmen ſolle, weil die Ehre der Gatten, der Eltern und die Schicklichkeit nicht geſtatteten, daß ich mich in die Sache miſche. Er begriff meine Gründe, und handelte demgemäß. Er ſuchte Karl auf und führte ihn zu mir; nachdem ich hierauf beide dem Pfarrer und ſeiner Nichte vorgeſtellt, nahm ich gewiſſermaßen Abſchied von ilihm. Ich erfuhr, daß er ſich hierauf zum Grafen Algarotti und zu einem Notar begeben und daß der Kontrakt im Laufe des Tages entworfen und unterzeichnet worden war, und 138 daß Karl, nachdem er ſeine Zukünftige nach Hauſe gefuhrt, den Tag für die Feier der Hochzeit feſtgeſtellt. Als Karl zurückkam, ſtattete er mir einen Beſuch ab, und ſagte, ſeine Verlobte habe durch ihre Schönheit und die Freundlichkeit ihres Charakters ſeine Tante, Schweſter und ſeinen Pathen bezaubert, welcher ſich erboten, die Koſten der Hochzeit zu tragen. Dieſelbe, ſagte er, wird an dem und dem Tage gefeiert werden, und ich hoffe, daß Sie mir die Ehre erweiſen wer⸗ den, das Werk zu krönen, indem Sie derſelben beiwohnen. Ich ſtellte ihm alle Gründe entgegen, welche ich für geeignet hielt, um mich davon zu entbinden; aber er beſtand darauf mit einer Art Dankbarkeit und mit ſo vielem Gefühle, daß ich es annehmen mußte. Ich hörte mit wahrhaftem Ver⸗ gnügen die Erzählung von dem Eindrucke, welchen die Schönheit, die Naivetät, der reiche Schmuck und beſonders die Mundart des reizenden jungen Mädchens auf ſeine Fa⸗ milie und den Grafen gemacht. Ich bin ſehr in ſie ver⸗ liebt, ſagte der junge Mann, und ich fühle, daß ich Ihnen das Glüͤck verdanke, welches ich bei dieſem reizenden Mäd⸗ chen finden werde. Was ihre bäueriſche Mundart betrifft, ſo wird ſie in Venedig, wo der Neid und die Klatſcherei ihr ein Verbrechen daraus machen würden, ſich derſelben bald entledigen. Ich erfreute mich ſeines Enthuſiasmus und ſeines Glücks, und wünſchte mir Glück dazu, daß dies mein Werk war; indeß empfand ich doch eine Art Eiferſucht, welche mich ein Loos, das ich für mich hätte aufſparen können, beneiden ließ. Da Karl die Herren Dandolo und Barbaro eingeladen, ſo begab ich mich mit ihnen nach Pr. Ich fand beim Pfar⸗ rer eine von den Bedienten des Grafen Algarotti aufge⸗ ſchlagene Tafel, denn dieſen hatte Karl zu ſeinem Braut⸗ vater erwählt, und da derſelbe alle Koſten der Hochzeit trug, ſo hatte er ſeinen Koch und ſeinen Haushofmeiſter nach Pr. geſchickt. Als ich bald darauf Chriſtine erblickte, kamen mir die Thränen in die Augen, und ich wurde genöthigt, hinaus d n N— 9nes n—n— 4 1 82 —— —— † 8d K n d — ◻ᷣ 8 139 . garotti hatten ſie vergeblich zu überreden geſucht, das ve⸗ netianiſche Koſtüm anzulegen, aber ſie hatte vernünftiger Weiſe allen ihren Beſtürmungen wiederſtanden. Sobald ich Deine Gattin ſein werde, hatte ſie zu Karl geſagt, werde ich mich kleiden, wie Du willſt; aber hier vor den Augen meiner Gefährtinnen werde ich nur ſo erſcheinen, wie ſie mich immer geſehen; ich vermeide es dadurch, daß die Mäd⸗ chen, mit welchen ich erzogen worden, ſich über mich luſtig machen und glauben, ich hätte ſie beleidigen wollen. In dieſem Urtheile lag etwas ſo Richtiges, Edles und Hoch⸗ herziges, das Karl in ſeiner Zukünftigen ein übernatürliches Weſen zu erblicken glaubte. Er ſagte zu mir, er habe ſich bei der Frau, wo Chriſtine vierzehn Tage in Venedig ge⸗ wohnt, nach den beiden jungen Leuten, welche ſie ausge⸗ ſchlagen, erkundigt und er ſei ſehr erſtaunt darüber, denn beide ſeien in jeder Beziehung ſehr annehmbare Partieen. Chriſtine, ſagte er, iſt ein mir vom Himmel aufgeſpartes Loos, um mich zu beglücken, und Ihnen verdanke ich dieſen koſtbaren Beſitz. Seine Dankbarkeit gefiel mir, und ich laſſe mir die Gerechtigkeit wiederfahren, daß ich durchaus nicht daran dachte, Nutzen davon zu ziehen. Ich fand Vergnügen daran Glückliche zu machen. Wir begaben uns gegen elf Uhr in die Kirche und waren ſehr verwundert, daß wir uns nur mit Mühe den Eingang in dieſelbe bahnen konnten. Eine Menge Adliger aus Treviſo, welche gern wiſſen wollten, ob es wahr wäre daß öffentlich zur Faſtenzeit die Hochzeit einer bloßen Bäuerin gefeiert würde, während, um ſie ohne Diſpens zu feiern, noch einen Monat hätte gewartet werden müſſen, hatten ſich eingefunden. Das mußte allen wunderbar vorkommen und ſie auf die Vermuthung irgend eines geheimen Grundes führen, den nicht errathen zu können man in Verzweiflung war. Trotz des Neides zeigte ſich, ſobald das Brautpaar erſchien, Befriedigung auf allen Geſichtern; ein jeder gab zu, daß dieſe hübſchen Liebenden eine glänzende Auszeichnung, eine Befreiung von allen Regeln verdienten. 140 Eine Gräfin von Tos, aus Treviſo, die Brautführerin Chriſtine's, trat nach der Meſſe an ſie heran, umarmte ſie wie eine zärtliche Freundin und führte bei ihr Klage darüber, daß ſie ihr dies glückliche Ereigniß nicht mitgetheilt, als ſie durch Treviſo gekommen. Chriſtine antwortete in der Naive⸗ tät ihres Geiſtes mit ebenſo viel Beſcheidenheit als Sanft⸗ muth, ſie möge dieſes Vergeſſen ihrer Pflicht nur der gro⸗ ßen Eile, mit welcher die Hochzeit zu Stande gebracht wor⸗ den, beimeſſen. Zu gleicher Zeit ſtellte ſie ihr ihren Ge⸗ mahl vor und bat den Grafen Algarotti ihr Unrecht durch eine Einladung der Gräfin zu ihrem Hochzeitsmahle wie⸗ der gut zu machen, was auch die Gräfin mit guter Manier annahm. Dieſes Benehmen, welches die Frucht einer guten Erziehung und großen Welterfahrung hätte ſein ſollen, war bei dieſer liebenswürdigen Bäuerin nur die Wirkung eines richtig denkenden und offenen Geiſtes, welcher weniger ge⸗ glänzt haben würde, wenn man ihn durch die Kunſt zu einem ſolchen hätte machen wollen. Kaum waren wir aus der Kirche zurückgekehrt, als die Neuvermählten vor der Mutter niederknieten, welche ſie mit Freudenthränen ſegnete. Man ſetzte ſich zu Tiſche und die Ordnung forderte, daß Chriſtine und ihr glücklicher Gatte die erſten Plätze einnahmen. Ich ſaß mit großem Vergnügen auf dem unter⸗ ſten, und obwohl Alles ausgeſucht war, aß ich wenig und ſagte faſt kein Wort. Chriſtinens einzige Beſchäftigung be⸗ ſtand darin, daß ſie Jedem aus der Geſellſchaft etwas An⸗ genehmes ſagte, wobei ſie beſtändig ihren Mann anſah, um ſich von ſeiner Beiſtimmung zu überzeugen. Zwei oder dreimal ſagte ſie ſeiner Tante und Schwe⸗ ſter ſo anmuthige Sachen, daß dieſe ſich nicht enthalten konnten, aufzuſtehen, um ſie zu umarmen, wobei ſie ihrem Gatten zu ſeinem Glücke gratulirten, und ich, der neben dem Grafen Algarotti ſaß, hörte in der Freude meines Her⸗ zens denſelben zu Chriſtinens Pathen ſagen, daß er nie ein ſo großes Vergnügen empfunden. Uim zweiundzwanzig Uhr(vier Uhr Nachmittags) ſagte Karl ſeiner reizenden Gattin etwas ins Ohr, welche ſich —j — n—( u tig; indeß that ich das Gegentheil und man wußte mir 141 gegen ihren Pathen verneigte und man ſtand auf. Nach den gewöhnlichen Complimenten— und hier trugen ſie den Stempel der Aufrichtigkeit— vertheilte die Neuvermählte an allen Mädchen des Dorfes, welche ſich in einem benach⸗ barten Zimmer befanden, Düten mit Zuckerwerk, welches in einem Korbe bereit ſtand; hierauf nahm ſie von ihnen Ab⸗ ſchied und umarmte ſie ohne den geringſten Anſtrich von Stolz. Nach dem Kaffee lud der Graf Algarotti die ganze Geſellſchaft ein, in einem Hauſe, welches er in Treviſo hatte, zu ſchlafen und ein Mittagseſſen für den folgenden Tag an⸗ zunehmen. Der Pfarrer allein ſchloß ſich davon aus; und von der Mutter konnte nicht die Rede ſein, da ihre leidende Geſundheit ſie außer Stande ſetzte, eine Bewegung zu machen; ſie ſtarb ein Vierteljahr ſpäter. Chriſtine verließ ihr Dorf, um ihrem Gatten zu fol⸗ gen, den ſie glücklich machte und der ſie ebenfalls beglückte. Der Pathe Karls und die Pathin ſeiner Frau fuhren mit meinen beiden adligen Freunden zuſammen ab. Die beiden Neuvermählten erhielten natürlich allein einen Wagen, und ich leiſtete in einem andern der Tante und den Schweſtern des glücklichen Gatten Geſellſchaft, gegen welchen letztern ich Neid fühlte, obwohl mir im Grunde des Herzens ſein Glück wohl that. Dieſe Schweſter hatte Verdienſte; ſie war eine junge fünfundzwanzigjährige Witwe und hatte noch Anſpruch auf Huldigungen; indeß gab ich der Tante den Vorzug. Sie ſagte zu mir, ihre neue Nichte wäre ein wahres Kleinod, gemacht, um von Allen angebetet zu werden; aber ſie würde ſte nicht eher öffentlich zeigen, als bis ſie gut venetianiſch ſpräche. Ihre Munterkeit, ihre Naivetät und ihr Geiſt ſind Sachen, welche wie ihr Körper modiſch gekleidet werden müſſen. Wir ſind ſehr zufrieden mit der Wahl unſeres Nef⸗ fen, und er hat gegen Sie eine ewige Verpflichtung, welche Niemand bemängeln darf. Ich hoffe, mein Herr, daß Sie in Zukunft die Güte haben werden, unſer Haus als das Ihrige zu betrachten. Die Einladung war höflich und vielleicht auch aufrich⸗ Dank dafür. Nach Verlauf eines Jahres gab Chriſtine ihrem Gatten ein Pfand ihrer gegenſeitigen Liebe, welches ihr Glück nur vergrößerte. In Treviſo fanden wir ſehr gute Wohnungen, und nachdem wir einige Erfriſchungen eingenommen, legten wir uns ſchlafen. 8 Am folgenden Morgen war ich mit dem Grafen Al⸗ garotti und unſern beiden Freunden zuſammen, als Karl ſchön, friſch und freudeſtrahlend eintrat. Nachdem er mit vielem Geiſte und Takte auf einige Späße geantwortet, betrachtete ich ihn nicht ohne einige Beſorgniß, als er mich plötzlich herzlich umarmte. Ich geſtehe daß mir nie ein Kuß ſo wohl gethan hat. Man wundert ſich, daß es fromme Böſewichter giebt, welche ſich ihrem Heiligen empfehlen, wenn ſie ſeiner Hülfe zu bedürfen glauben, oder ihm danken, wenn ſie von ihm etwas erhalten zu haben glauben; aber man thut Unrecht daran, denn dies iſt etwas Gutes, was einen Beweis gegen den Atheismus abgiebt. Die Tante und Schweſter, welche auf Karls Veran⸗ laſſung der jungen Gattin einen guten Morgen gewünſcht hatten, kehrten nach einer Stunde mit dieſer zuruͤck. Nie ab⸗ ich das Glück auf einem ſchönern Geſichte glänzen ſehen. Algarotti ging ihr entgegen und fragte ſie freundlichſt, ob ſie gut geſchlafen; anſtatt aller Antwort eilte ſie zu ih⸗ rem Manne und umarmte ihn. Es war dies die naivſte und beredteſte Antwort. Hierauf ihre ſchönen Augen zu mir wendend und mir die Hand reichend, ſagte ſie: Herr Caſanova, ich bin glücklich und freue mich, daß ich Ihnen mein Glück verdanke. Als ich ihr die Hand küßte, zeigten ihr meine Thränen, wie glücklich ich mich ſelbſt fühlte. Wir ſpeiſten in einer Art von Verzückung und nach dem Eſſen reiſten wir nach Meſtre, von wo aus wir uns nach Venedig begaben. Wir ſetzten die beiden Gatten in ihrer Wohnung ab und brachten ſodann Herrn von Bra⸗ gadino durch die Erzählung unſers Zuges zum Lachen. Dieſer wunderbar gelehrte Mann machte hundert tiefſinnige nächſten Tage mit Herrn Dandolo einen Beſuch ab. Karl eignen. mit ihren beiden Verwandten. Wir wurden ſehr freundlich 143 oder abgeſchmackte Bemerkungen über dieſe Hochzeit. Ich lachte in mich hinein, denn da ich allein den Schlüſſel des Geheimniſſes hatte, ſo war mir auch die ganze Komik deſſel⸗ ben bekannt. Zwanzigſtes Kapitel. Kleine Unglückskälle, welche mich nöthigen von Venedig abzureiſen.— Mas mir in Mailand und in Mantua begegnet. Am zweiten Oſterfeiertage ſtattete uns Karl einen Be⸗ ſuch mit ſeiner liebenswürdigen Frau ab, welche mir in allen Beziehungen eine andere Perſon als Chriſtine zu ſein ſchien; aber ihr gepudertes Haar konnte keinen Vergleich mit dem Ebenholzſchwarz ihrer herrlichen Haare aushalten und ihre Damenkleidung war weniger pikant, als die einer reichen Bäuerin. Das Glück war auf ihrer Phyſiognomie geſchrieben. Karl machte mir zärtliche Vorwürfe, daß ich ſte nicht ein einziges mal beſucht, und um dieſes ſcheinbare Unrecht wieder gut zu machen, ſtattete ich ihnen am zweit⸗ ſagte zu mir, ſeine Frau wäre der Abgott ſeiner Tante und die beſte Freundin ſeiner Schweſter! ſte wäre ſanft, gefällig, freundlich und vom einſchmeichelndſten C Charatten Das machte mir großes Vergnügen und es freute mich faſt eben ſo ſehr, daß Chriſtine anfing, ſich den venetianiſchen Dialekt anzu⸗ Wir fanden Karl nicht zu Hauſe, Chriſtine war allein aufgenommen, und wie ſo die Rede von einem aufs andere kam, lobte die Tante ihre Fortſchritte im Schreibe bat ſie, mir ihr Buch zu zeigen. Wir gingen ins barte Zimmer, wo ſie mir ſagte, daß ſie glüchlich ſe daß ſie mit jedem Tage engliſche Eigenſchaften an Gatten entdecke. Er hatte ihr ohne das mindeſt zei 144 des Argwohns oder Mißfallens geſagt, daß er wohl wiſſe, daß wir zwei Tage zuſammen gelebt, und daß er der wohl⸗ meinenden Perſon, welche ihm dieſe Nachricht zugetragen, um ihr Glück zu ſtören, ins Geſicht gelacht. Karl hatte alle Tugenden und edelen Eigenſchaften eines ehrenwerthen und ausgezeichneten Menſchen. Sechsundzwan⸗ zig Jahre nach ſeiner Verheirathung bedurfte ich ſeiner Börſe und ich erfand ihn als meinen wahren Freund. Ich habe nie ſein Haus beſucht, und er wußte mein Zartgefühl zu würdigen. Er iſt einige Monate vor meiner letzten Abreiſe von Venedig geſtorben und hat ſeine Witwe in ſehr guten Umſtänden und drei gut erzogene und ſämmtlich gut un⸗ tergebrachte Söhne, welche vielleicht noch mit ihrer Mutter leben, hinterlaſſen. Als ich in der Mitte des Juni zur Meſſe nach Padua ging, ſchloß ich Freundſchaft mit einem jungen Manne mei⸗ nes Alters, welcher unter dem berühmten Profeſſor Suecci Mathematik ſtudirte. Er hieß Tognolo, werwandelte aber dieſen übelklingenden Namen in den Namen Fabris; er wurde Graf von Fabris und General⸗Lieutenant Joſephs II. und ſtarb in Siebenbürgen, wo er für dieſen Fürſten das Commando führte. Dieſer Mann, welcher ſein Glück ſeinen Tugenden verdankte, wäre vielleicht unbekannt geſtorben, wenn er den Namen Tognolo, welcher ein ganz bäueriſcher Name iſt, beibehalten hätte. Er war aus Uderzo einem großen Marktflecken des venetianiſchen Friaul. Er hatte einen Bruder, welcher Abbé war, einen Mann von Geiſt, großen Spieler, und der, weil er die Welt kannte, den Na⸗ men Fabris angenommen hatte, wodurch ſein Bruder eben⸗ falls, um ihn nicht Lügen zu ſtrafen, genöthigt wurde, die⸗ ſen Namen anzunehmen. Da er bald darauf ein Lehn mit dem Grafentitel kaufte, ſo wurde er venetianiſcher Adliger und hörte auf, Bauer zu ſein. Hätte er ſeinen Namen Tognolo behalten, ſo hätte er ihm Schaden gethan, denn er hätte denſelben nie ausſprechen können, ohne an das, was man aus dem verächtlichſten Vorurtheile niedere Herkunft nennt, zu erinnern; und die privilegirte Klaſſe glaubt ver⸗ möge eines ſträflichen Mißbrauchs nicht, daß ein Bauer — 32 1——ℳõ————= — 145 Geiſtesadel oder Genie haben könne. Die Zeit wird ohne Zweifel kommen, wo die aufgeklärtere und daher vernünf⸗ tigere Geſellſchaft anerkennen wird, daß ſich in allen Ständen edle Empfindungen, Ehre und Heldenmuth eben ſo leicht vorfinden könne, wie in einer Klaſſe, deren Blut nicht immer frei von Schandflecken und Mesalliancen iſt. Wenn aber der neue Graf ſeinen Urſprung für An⸗ dere in Vergeſſenheit brachte, ſo war er doch zu vernünftig, um ihn ſelbſt zu vergeſſen, und in allen von ihm ausge⸗ ſtellten öffentlichen Aktenſtücken ſtand ſein Familienname beſtändig neben ſeinem Adoptivnamen. Sein Bruder zeigte ihm zwei einzuſchlagende Wege, um in der Welt fortzu⸗ kommen, und ließ ihm die Wahl zwiſchen beiden. Jeder derſelbe erforderte eine Ausgabe von 1000 Zechinen; aber der Abbé hatte ſie in Reſerve. Es handelte ſich für meinen Freund darum, zwiſchen dem Schwert des Mars und dem Vogel der Minerva zu wählen. Der Abbé war ſicher, ſei⸗ nem Bruder eine Kompagnie in den Armeen Ihrer kaiſer⸗ lichen apoſtoliſchen Majeſtät kaufen zu können oder ihm einen Lehrſtuhl in der Univerſität von Padua zu verſchaf⸗ fen; denn Geld macht Alles. Aber mein Freund, welcher einen geſunden Verſtand und edle Empfindungen hatte, wußte, daß er in dem einen wie dem andern Falle, um eine ehrenvolle Carriere zu machen, Bekanntſchaften brauche, und bis er eine Wahl getroffen, ſtudirte er die Mathematik mit großem Erfolge. Er entſchied ſich für das Waffenhandwerk, Achilles nachahmend, welcher das Schwert der Spindel vor⸗ zog. Auch ließ er ſein Leben wie der Sohn des Peleus; indeß ſtarb er weniger jung als der Beſieger Hektors und nicht an einem Pfeilſchuß, ſondern an der Peſt, von welcher er in dem unglücklichen Lande befallen wurde, in welchem das träge Europa den Türken geſtattet, dieſelbe fortzu⸗ pflanzen.— Das vornehme Weſen, die edlen Empfindungen, die Bildung und die Tugenden Fabris' wären unter dem Na⸗ men Tognolo lächerlich geweſen; denn ſo groß iſt die Macht der Vorurtheile und namentlich derjenigen, welche ſich auf nichts Anderes ſtützen, als auf einen dummen Stolz, daß III. 10 146 ein übelklingender Name in der dümmſten der möglichen Welten zur Schande gereicht. Ich glaube, daß diejenigen, welche einen Namen haben, der ſchlecht klingt oder an eine unanſtändige und lächerliche Idee erinnert, denſelben ändern müſſen, wenn ſie nach Ehrenſtellen, Achtung und Vermögen auf dem Gebiete der Wiſſenſchaften und Künſte ſtreben. Nie⸗ mand dürfte ihnen vernünftiger Weiſe dieſes Recht beſtrei⸗ ten, vorausgeſetzt, daß der Name, welchen ſie annehmen, Niemand gehöre. Das Alphabet iſt ein allgemeines Eigen⸗ thum, und Jedem ſteht es frei, daſſelbe zu gebrauchen, um ein Wort zu bilden und dieſes zu ſeinem Gattungsnamen zu machen. Er muß der Urheber deſſelben ſein. Voltaire würde vielleicht trotz ſeines Genies mit ſeinem Namen Arouet nicht auf die Nachwelt gekommen ſein, namentlich nicht bei einem Volke, wo das Zweideutige und Lächerliche vor Allem in Betracht kommen. Wie hätte man einen Schriftſteller à rouer*) als einen großen Mann betrachten können? Und würde wohl d'Alembert zu ſeinem großen Rufe und ſeiner Berühmtheit gelangt ſein, wenn er ſich blos Herr Le Rond oder le rond genannt hätte? Wie würde wohl Metaſtaſio unter ſeinem wahren Namen Tra⸗ paſſo geglänzt haben? Welchen Eindruck würde Melanchthon mit dem Namen Schwarzerde gemacht haben? Würde er mit einem ſolchen wohl als Moralphiloſoph und Reforma⸗ tor vom Abendmahle und ſo vielen andern heiligen Sachen geſprochen haben? Und würde nicht Herr von Beauharnais die Einen zum Lachen, die Andern zum Erröthen gebracht haben, wenn er ſeinen Namen Beauvit) beibehalten hätte, ſelbſt wenn der Erſte ſeiner alten Familie ſein Glück wirk⸗ lich dieſem Namen zu verdanken gehabt hätte? Würden endlich die Bourbeur***) wohl auf dem Throne eine ſo ſchöne Figur wie die Bourbons geſpielt haben? Die Cora⸗ glio's würden ſicherlich ihren Namen ändern, wenn ſie ſich in *) Welcher gerädert zu werden verdient. **) Wißbegierige müſſen wir auch hier wieder auf das Lexikon verweiſen. ***) Kothig. — 8 N A as 147 Portugal niederließen. Der König Poniatowski hätte meiner Anſicht nach den Namen Auguſtus, welchen er bei ſeinem Regierungsantritte annahm, ablegen ſollen, als er vom Throne ſtieg. Nur die Coleoni von Bergamo würden in Verlegenheit kommen, wenn ſie ihren Namen ändern ſollten, denn ſie würden zugleich ihr Wappen ändern müſſen, da ſie auf ihrem Wappenſchilde zwei männliche Eicheln führen, und ſo den Ruhm des Helden Bartolomeo, ihres Ahnen, zerſtören. Gegen Ende des Herbſtes ſtellte mich mein Freund Fabris einer Familie vor, wo man Nahrung für Herz und Geiſt fand. Es war auf dem Lande nach Zero zu. Man ſpielte, man liebelte, man gab ſich alle mögliche Mühe ſich Poſſen zu ſpielen. Es kamen ſehr arge vor, und die Tapferkeit beſtand darin, daß man über nichts ärgerlich wurde und über Alles lachte: denn man mußte Spaß ver⸗ ſtehn oder für einen Tölpel gelten. Man ſtieß die Bettſtel⸗ len ein, man ahmte Geſpenſter nach, man gab den Damen Pillen oder Zuckerwerk, welches zum Harnen trieb, und zu⸗ weilen auch Sachen, welche Winde hervorbringen, die ſich nicht unterdrücken laſſen. Dieſe Späße gingen zuweilen etwas weit; aber ſo war nun einmal der Geiſt der Geſell⸗ ſchaft: man mußte lachen. Ich war nicht weniger als die Andern, ſowohl hinſichtlich der Aktivität wie der Paſſtvität abgehärtet; aber man ſpielte mir zuletzt einen empörenden Streich, welcher mir einen andern eingab, deſſen traurige Folgen endlich dem Wahnſinn, von welchem Alle beſeſſen waren, ein Ende machte. Gewöhnlich gingen wir nach einer Pachtung ſpatzieren, welche auf dem gewöhnlichen Wege eine halbe Meile ent⸗ fernt war; aber man verkürzte den Weg um die Hälfte, wenn man auf einem ſchmalen Brette über einen tiefen und kothigen Graben ging, und dies war immer der Weg, wel⸗ chen ich einzuſchlagen nöthigte, trotz der Furcht unſerer Schönen, welche immer zitterten, obwohl ich vorausging und ihnen die Hand reichte. Als ich eines ſchönen Tages vorausging, um ihnen Muth zu machen, wich plötzlich das Brett unter mir, und ich falle in die Grube, wo ich in den ſtinkenden Koth bis zum Kinne verſinke, und trotz der Wuth, 10* 148 welche ich im innerſten Herzen fühlte, mußte ich pflichtge⸗ mäß eine erkünſtelte Heiterkeit der allgemeinen Heiterkeit bei⸗ geſellen, welche indeß nur einen Augenblick dauerte, denn der Streich war abſcheulich und die ganze Geſellſchaft erklärte ihn dafür. Man rief Bauern herbei, welche mich in einem erbarmungswürdigen Zuſtande herauszogen. Ein ganz neuer, mit Flittern geſtickter Anzug, meine Kanten, überhaupt Al⸗ les war verdorben; aber gleichviel, ich lachte lauter als die Andern, obwohl ich innerlich auf die grauſamſte Rache be⸗ dacht war. Um den Urheber dieſes ſchlechten Streichs ken⸗ nen zu lernen, brauchte ich nur zu ſchweigen und mich ruhig und gleichgültig zu zeigen. Es war offenbar, daß das Brett durchgeſägt worden war. Man führte mich wie⸗ der nach Hauſe, und lieh mir einen Rock, ein Hemde und alles Andere, denn da ich diesmal nur auf vierundzwanzig Stunden gekommen war, ſo hatte ich nichts mitgebracht. Am folgenden Tage begab ich mich nach der Stadt, zund am zweitfolgenden kehrte ich wieder zu der fröhlichen Ge⸗ ſellſchaft zurück. Fabris, welcher nicht weniger aufgebracht war als ich, ſagte, der Urheber dieſes hinterliſtigen Strei⸗ ches müſſe ſein Unrecht fühlen, da er ſich nicht entdecke. Eine Zechine, welche ich einer Bäuerin verſprach, wenn ſie mir ſagen wollte, von wem das Brett durchgeſägt worden, entdeckte mir Alles. Sie entdeckte, daß es ein junger Mann geweſen, welchen ſie mir nannte. Ich ſuchte ihn auf, und eine Zechine, welche ich ihm verſprach, mehr aber noch meine Drohungen, zwangen ihn einzugeſtehen, daß er von Deme⸗ trio, einem Griechen und Spezereien⸗Händler, einem Manne von 45—50 Jahren, der gut und liebenswürdig war, und dem ich keinen andern Streich geſpielt, als daß ich ihm ein kleines hübſches Kammermädchen, in welches er verliebt war, weggeſchnappt hatte, dafür bezahlt worden ſei. Zufrieden mit meiner Entdeckung, zerbrach ich mir den Kopf, um einen Streich gegen ihn auszuſinnen. Wenn aber meine Rache eine ordentliche und vollſtändige ſein ſollte, ſo mußte ich ihm einen ſchlimmern Streich ſpielen, als er mir geſpielt hatte; indeß gab mir meine träge Phantaſie nichts Befrie⸗ — ——————,— 1—2 —8 †☛ n —— NAnn 8EKÖ u Sr u —— ᷣ—— u9— d-— 4 N 149 digendes an die Hand. Eine Beerdigung zog mich aus der Verlegenheit.. Ausgerüſtet mit meinem Jagdmeſſer begebe ich mich allein etwas nach Mitternacht auf den Kirchhof; ich finde den Todten auf, welcher an demſelben Tage begraben wor⸗ den war, ſchneide ihm nicht ohne Mühe den Arm an der Schulter ab, und nachdem ich den Leichnam wieder bedeckt, kehre ich mit dem Arme des Verſtorbenen in mein Zimmer zurück. Nachdem ich am folgenden Tage mit der ganzen Geſellſchaft geſpeiſt, ſtehe ich auf und gehe in mein Zim⸗ mer, wie um mich ſchlafen zu legen; aber ich verlaſſe daſ⸗ ſelbe mit meinem Arme, gehe in das Zimmer des Griechen und verberge mich unter ſeinem Bette. Eine Viertelſtunde ſpäter kömmt mein Mann, entkleidet ſich, löſcht ſein Licht aus und legt ſich ins Bett. Ich warte, bis er einzuſchla⸗ fen anfängt; hierauf an den Fuß des Bettes mich begebend ziehe ich die Decke zurück, ſo daß er bis zu den Hüften ent⸗ blößt liegt. Er fängt an zu lachen und ſagt: wer Sie auch ſind, gehen Sie ab und laſſen Sie mich ſchlafen, denn ich glaube nicht an Geſpenſter. Dies ſagend, zieht er die Decke wieder an ſich und verſucht einzuſchlafen. Ich warte fünf bis ſechs Minuten, und fange wieder an, ihn zu entblößen: als er aber die Decke wieder an ſich ziehen will und ſagt, daß er ſich nicht vor Geſpenſtern fürchte, fange ich an, Widerſtand zu leiſten. Er richtet ſich auf, um die Hand, welche die Decke feſthält, zu faſſen; aber ich richte es ſo ein, daß er die Hand des Todten ergreift. Da er den Mann oder die Frau, welche ihn aufzog, zu haben glaubte, ſo zog er die Hand lachend an ſich; aber ich hielt den Arm einige Augenblicke feſt; ſodann laſſe ich ihn plötz⸗ lich los, und der Grieche ſinkt, ohne ein Wort zu ſprechen, auf ſein Kopfkiſſen zurück. Da ich mein Stück ausgeſpielt hatte, ſo gehe ich ſachte dadon⸗ begebe mich in mein Zimmer, und lege mich zu ette. Ich ſchlief feſt, als der Lärm von Kommenden und Gehenden mich Morgens früh weckte. Da ich den Grund davon nicht wußte, ſo ſtehe ich auf, und die Frau vom Hauſe, welcher ich zuerſt begegne, ſagt, was ich gemacht, ſei zu ſtark.. Was habe ich denn gemacht? Dcemetrio liegt im Sterben. Habe ich ihn denn getödtet? Sie entfernt ſich, ohne zu antworten. Etwas erſchreckt kleide ich mich an; aber ich bin entſchloſſen, auf alle Fälle den Unwiſſenden zu ſpielen; ich gehe in das Zimmer des Griechen. Ich finde hier das ganze Haus. Alle betrachten mich mit Abſchen, und man macht mir die heftigſten Vorwürfe. Ich betheuere meine Unſchuld; aber man lacht mir ins Geſicht. Der Erzprieſter und der Pedell, welche man hatte holen laſſen, und welche den Arm nicht beerdigen wollten, ſagten, ich hätte ein großes Ver⸗ brechen begangen. Ich bin verwundert, mein Ehrwür⸗ diger, ſagte ich zum Erzprieſter, daß man ſich erlaubt, ohne durch irgend einen Beweis dazu berechtigt zu ſein, ein ſo voreiliges Urtheil über mich zu fällen. Sie, Sie allein, ſagen alle Anweſenden, ſind einer ſolchen ab⸗ ſcheulichen Handlung fähig; das ſieht Ihnen ähnlich. Kein Anderer als Sie, hätte ſo etwas zu thun gewagt. Ich bin genöthigt, ſagte der Erzprieſter, ein Protokoll auf⸗ zunehmen. Da Sie es wollen, ſo ſtelle ich Ihnen dies gänzlich frei; aber erfahren Sie ſogleich, daß ich nichts fürchte. Ich gehe hinaus. Da ich mich bei Tiſche ruhig und gleichgültig zeigte, ſo ſagte man mir, daß man dem Griechen zur Ader gelaſ⸗ ſen, daß er die Bewegung der Augen, aber noch nicht die Sprache und die Feſtigkeit der Glieder wiedererlangt. Am folgenden Tage ſprach er, und ich erfuhr nach meiner Ab⸗ reiſe, daß er blödſinnig und krampfbehaftet geblieben. Er hat den Reſt ſeines Lebens in dieſem traurigen Zuſtande zugebracht. Sein Schickſal ſchmerzte mich; da ich aber nicht die Abſicht gehabt, ihm ſolches Leid zuzufügen, und da ich bedachte, daß der Streich, welchen er mir geſpielt, mir leicht das Leben hätte koſten können, ſo tröſtete ich mich. 153 nachdem ſie mich betrogen. Die Verwendungen blieben ver⸗ geblich. Man citirte mich, ich erſchien nicht, und es ſollte ein Verhaftsbefehl gegen mich erlaſſen werden, als die Klage wegen Entweihung der Todten vor denſelben Richter kam. Es wäre weit weniger ſchlimm für mich geweſen, wenn dieſe Klage vor den Rath der Zehn gekommen wäre, denn ein Gerichtshof würde mich vielleicht gegen den andern ge⸗ ſchützt haben. Dieſes Verbrechen, welches im Grunde nur lächerlich war, wurde durch die geiſtliche Einmiſchung ein furchtbarer Frevel. Ich wurde perſönlich binnen vierundzwanzig Stun⸗ den citirt und hatte die Gewißheit, daß ſogleich Verhaftung dekretirt werden würde. Herr von Bragadino, der immer guten Rath wußte, rieth mir, um den Sturm zu beſchwö⸗ ren, das Weite zu ſuchen. Da mir der Rath ſehr weiſe ſchien, ſo traf ich meine Vorbereitungen, ohne eine Minute zu verlieren. Niie habe ich Venedig mit größerem Bedauern als diesmal verlaſſen; denn ich hatte mehrer ſehr angenehme galante Intriguen, und das Glück begunſtigte mich im Spiel. Meine Freunde verſicherten mir, daß in einem Jahre ſpäteſtens beide Sachen erſtickt ſein würden, denn in Venedig wird Alles beigelegt, wenn das Publikum es ver⸗ geſſen hat. ch reiſte mit Einbruch der Nacht ab, und am fol⸗ genden Tage ſchlief ich in Verona. Ich blieb hier nicht, den zwei Tage ſpäter ſchlief ich in Mailand. Ich war allein, gut ausgerüſtet, wohl verſehen mit Kleinodien, ohne Empfehlungsſchreiben, aber mit gefüllter Börſe, erfreute mich einer guten Geſundheit und trug nur die Laſt von fünfund⸗ zwanzig Jahren. Ich ließ mir ein ausgezeichnetes Mittagseſſ en auftra⸗ gen, denn damit muß man in einem großen Gaſthauſe im⸗ mer anfangen, hierauf ging ich ſpatzieren. Abends, nachdem ich die Kaffeehäuſer und Promenaden beſucht, ging ich ins Theater und war außerordentlich erfreut, als ich Marina mit großem Beifalle als Groteſktänzerin auftreten ſah. Sie verdiente denſelben, denn ſie tanzte ſehr gut: ſie war groß, 4½ 154 ſchön, vollkommen ausgebildet und ſehr anmuthig. Ich faſſe ſogleich den Entſchluß, mit ihr wieder anzuknüpfen, wenn ſie nicht ſchon gebunden wäre, und nach der Oper laſſe ich mich zu ihr führen. Sie hatte ſich ſo eben mit Jemand zu Tiſche geſetzt, ſobald ſie mich aber erlickte, warf ſie ihre Serviette weg und fiel mir um den Hals; ich erwiederte ihre Umarmung, da ich nach ihren Liebkoſungen glauben mußte, daß das anweſende Individuum nichts zu bedeuten habe. Der Bediente legt, ohne einen Befehl abzuwarten, ein drittes Couvert auf, und Marina bittet mich, mit ihr zu ſpeiſen. Da ich gereizt war, daß das Individuum nicht auf⸗ geſtanden war, um mich zu begrüßen, ſo frage ich, ehe ich Marina's Einladung annehme, wer be Herr iſt und bitte mich vorzuſtellen. Dieſer Herr, ſagte ſie, iſt der Graf Celi, een Römer und mein Geliebter. * Ich mache Dir mein Compliment dazu, ſage ich, und mich gegen den angeblichen Grafen wendend: mein Herr, nehmen Sie unſere Zärtlichkeit nicht übel, denn ſie iſt meine Tochter. Sie iſt eine 5 3 5 Das iſt wahk, ſagt Marina, und Du kannſt ihm glau⸗ ben, denn er iſt mein Kuppler. Bei dieſen Worten wirft der rohe Menſch ihr das Meſ⸗ ſer ins Geſicht; aber ſie weicht aus und dlehr Der Töl⸗ pel verfolgt ſie; aber ich ſetze ihm die Spitze meines Degens auf die Bruſt und ſage: halte an oder Du biſt „ des Todes. Zugleich befehle ich Marina, mir hinunterleuchten zu laſſen; aber ſie legt raſch ihr Mäntelchen an, und ſich in meinen Arm hängend, bittet ſie mich, ſite mitzunehmen. Sehr gern, ſage ich. Der angebliche Graf fordert mich nun auf, mich am nächſten Tage allein in der Caſina de Pomi einzufinden, um zu hören, was er mir zu ſagen hätte. Um vier Uhr Nachmittags, antworte ich ihm. Ich führte* Marina nach meinem Gaſthauſe, wo ich ſie in ein Zimmer, welches an das meinige ſtieß, einmiethete! hierauf gingen wir zu Tiſche. Da mich Marina etwas nachdenklich ſah, ſo ſagte ſie: 155 4 Biſt Du böſe, daß ich vor der Wuth dieſes rohen Menſchen geflohen? Nein, ich weiß Dir vielmehr Dank dafür, aber erzähle mir nun, wer dies Individuum iſt. Es iſt ein Spieler von Handwerk, welcher ſich Graf Celi nennen läßt. Ich habe hier ſeine Bekanntſchaft ge⸗ macht. Er kam mir entgegen, lud mich zum Abendeſſen ein, veranſtaltete ein Spiel und nachdem er einen Englän⸗ der, den er durch die Verſicherung, daß ich dabei ſein würde, angelockt, eine bedeutende Summe abgenommen, gab er mir fünfzig Guineen mit der Bemerkung, daß er mich bei der Bank betheiligt habe. Kaum war er mein Liebhaber ge⸗ worden, als er auch verlangte, daß ich gegen Alle, welche er betrügen wollte, gefällig ſein ſollte. Endlich iſt er mit mir zuſammengezogen. Die Art wie ich Dich empfangen, hat ihm offenbar mißfallen. Das Uebrige weißt Du. Da bin ich nun und werde hier wohnen bleiben, bis ich nach Man⸗ tua abreiſe, wo ich als Tänzerin engagirt bin. Mein Be⸗ dienter wird mir bringen, was ich dieſe Nacht brauche, und morgen ſoll er mir Alles, was mir gehört, hohlen. Ich werde dieſen Schurken nicht mehr ſehen. Ich will Dir allein wgaßddem, wenn Du nicht, wie in Corfu, gebunden biſt und wenn Du mich noch liebft. Ja, meine theure Marina, ich liebe Dich; wenn Du mir aber angehörſt, muß es ungetheilt ſein. O, ganz gewiß. Ich habe dreihundert Zechinen und will ſie Dir morgen unter der Bedingung, nur Dir anzu⸗ gehören, geben. Ich bedarf des Geldes nicht, und will nur Dich ſelbſt haben. Die Sache iſt alſo gemacht; morgen Abend wer⸗ den wir ruhiger ſein. Du glaubſt dielleicht, daß Du Dich ſchlagen mußt? Glaube daß nicht, mein Peund, ich kenne den Mann er iſt eine feige Memme. Ich muß mein Wort halten. Ich weiß wohl, aber er wird das ſeinige nicht halten, und das ſ mir lieb. 8. 156 Nun zu etwas Anderem übergehend und von unſern Bekanntſchaften ſprechend, ſagte ſie, ſte habe ſich mit ihrem Bruder entzweit, ihre Schweſter wäre Sängerin in Genua und Bellino⸗Thereſe wäre noch immer in Neapel, wo ſie die Herzöge zu Grunde richte. Sie endete mit den Worten: ich bin die einzige Unglückliche. 4 Wie ſo unglücklich? Du biſt ſchön geworden und eine ausgezeichnete Tänzerin. Sei weniger freigebig mit Deinen Gunſtbezeugungen, und Du wirſt ebenfalls Leute finden, die für Dein Glück beſorgt ſein werden. Mit meinen Gunſtbezeugungen zu geizen, würde mir ſchwer werden, denn wenn ich liebe, ſo gehöre ich mir nicht mehr ſelbſt an; und wenn ich nicht liebe, kann ich nicht freundlich ſein. Mit einem Worte, mein Freund, ich werde mit Dir glücklich ſein. Marina, ich bin nicht reich und meine Ehre würde mir nicht geſtatten—— Sei ſtill; ich verſtehe Dich. Weshalb haſt Du nicht ſtatt eines Bedienten eine Kam⸗ ————nn˖——ů merfrau? Du haſt Recht, ich würde dadurch etwas an Achtung gewinnen; aber mein Bedienter iſt ſo geſchickt, ſo treu! Ich errathe, was er iſt; aber er paßt Richt für Dich. Nachdem ich än folgenden Tage zu Mittag mit ihr geſpeiſt, ließ ich ſie bei ihrer Theatertoilette, und nachdem ich Alles, was Werth hatte, in die Taſche geſteckt, ließ ich einen Fiaker kommen und begab mich nach der Caſina de Pomi. Ich hatte die Hoffnung, den Schurken kampfunfähig zu machen, und ich ſchickte den Wagen zurück. Ich fühlte, daß ich eine Dummheit beging, mein Leben gegen einen ſol⸗ chen Menſchen aufs Spiel zu ſetzen, und daß ich, ohne ge⸗ gen die Ehre zu verſtoßen, ihm nicht Wort zu halten brauche; aber ich hatte wirklich Luſt, mich zu ſchlagen, und da das Recht ganz auf meiner Seite war, ſo behagte mir die Sache ſehr. Ein Beſuch bei einer Tänzerin, ein Un⸗ verſchämter, angeblich ein Mann von Stande, welcher ſie in meiner Gegenwart beſchimpft, der ſie tödten will, der ſie ſich vor ſeinen Augen entführen läßt und, ſtatt ſich zu wi⸗ ——r nere eru/ 7 157 derſecen, mir ein Stelldichein beſtimmt! Es ſchien mir, daß, wenn ich mich zu demſelben nicht eingefunden, ich ihm das Recht gegeben hätte, mich für einen Feigling zu halten. Da der angebliche Graf ſich noch nicht geſtellt hatte, ſo ging ich in ein benachbartes Kaffeehaus, um auf ihn zu warten. Ich finde daſelbſt einen jungen Franzoſen von ein⸗ nehmendem Aeußern und richte das Wort an ihn. Da ſeine Unterhaltung mir gefiel, ſo ſagte ich zu ihm, daß, wenn ein Individuum, welches ich erwarte, käme, meine Ehre er⸗ fordere, daß ich allein ſei, und daß ich ihn deshalb bitte, ſich bei deſſen Annäherung zu entfernen. Eine Viertelſtunde darauf ſah ich meinen Antagoniſten, aber mit einem Sekun⸗ danten kommen. Bei deſſe 35 Erſcheinen ſagte ich zu dem Franzoſen, daß er mir ein Vergnügen erweiſen würde, wenn er bleiben wollte, welches er auch wie eine Luſtpartie an⸗ nahm. Mein Mann tritt mit ſeinem Akolythen ein, wel⸗ cher ein Rapier von wenigſtens vierzig Zoll trug, und deſ⸗ ſen Miene einen wahren Gurgelabſchneider verkündete. Ich ſtehe auf und ſage mit trocknem Tone zu dem Burſchen: Sie hatten geſagt, Sie wollten allein kommen. Mein Freund iſt nicht überflüſſig, da ich mit Ihnen nur ſprechen will. Wenn ich das gewußt hätte, ſo würde ich mich nicht bemüht haben. Aber keinen Lärm und ſagen wir uns ein Paar Worte, wo 4ns Niemand ſehen kann. Folgen Sie mir. Ich gehe hinaus int dem Franzoſen, welcher die Oert⸗ lichkeit kannte und mich an den günſtigſten Ort führte, wo wir anhalten, um die beiden Kumpane zu erwarten, die langſamen Schritts und mit einander plaudernd, heran kommen. Sobald ſie in einer Entfernung von zehn Schrit⸗ ten angekommen waren, ziehe ich meinen Degen, und ſage meinem Gegner, er ſolle ſich vorſehen. Der Franzoſe zieht ſeinen Degen ebenfalls aus der Scheide und nimmt denſel⸗ ben unter den Arm. Zwei gegen einen! ſagt Celi. Entfernen Sie Ihren Freund und der Herr wird ſich . 158 auch entfernen; übrigens hat Ihr Freund einen Degen, und wir ſind alſo zwei gegen zwei. Ja, ſagte der Franzoſe, machen wir eine doppelte Partie. Ich ſchlage mich nicht mit einem Tänzer, ſagte der Gur⸗ gelabſchneider. Bei dieſen Worten tritt mein Sekundant heran und ſagt, ein Tänzer ſei wohl eben ſo viel werth, wie ein Hans Aw.⸗„hund verſetzt ihm mit der flachen Klinge einen tüchtigen Schlag. Ich ahme ſein Beiſpiel bei Celi nach, welcher mit ſeinem Kollegen zurückweicht und ſagt, er wolle mir zuvor ein Wort ſagen und ſich dann ſchlagen. Schweigen Sie. Sie kennen mich und ich kenne Sie nicht; ſagen Sie mir, wer Sie ſind. Statt aller Antwort fange ich von neuem an, auf ihn loszuſchlagen, und der Franzoſe entfaltet in dieſem Genre eine nicht geringe Geſchicklichkeit auf dem Rücken des Andern. Da aber die beiden Memmen Ferſengeld gaben, ſo mußten wir die Degen wieder in die Scheide ſtecken. So endete alſo das große Duell auf eine noch lächerlichere Weiſe, als Marina vorhergeſagt hatte. Miein braver Franzoſe erwartete Geſellſchaft; ich ver⸗ ließ ihn mit der Bitte, nach dem Theater bei mir zu ſpei⸗ ſen. Ich nannte ihm den Namen, unter welchem ich mich hatte einſchreiben laſſen, und den Gaſthof, in welchem ich wohnte. Als ich nach Hauſe kam, fand ich Marina und erzählte ihr den ganzen Hergang. Ich werde, ſagte ſie, dieſe luſtige Geſchichte heute Abend dem ganzen Theater erzählen. Was mir das größte Vergnügen macht, fügte das liebenswürdige Mädchen hinzu, das iſt, daß Dein Sekundant, wenn er wirklich Tänzer iſt, nur Baletti ſein kann, welcher mit mir in Mantua tanzen wird. Nachdem ich meine Kleinodien und Papiere wieder in den Koffer gelegt, begab ich mich in die Oper ins Parterre, wo ich Baletti fand, der die Aufmerkſamkeit auf mich lenkte, indem er die Geſchichte ſeinen Bekannten erzähte. Gegen das Ende der Oper kam er zu mir und ich nahm ihn — ᷣ N N 8—— 8’—8=. 159 mit mir nach Hauſe. Marina, welche ſich zu ihrer Rückkehr beeilt hatte, kam auf mein Zimmer ſobald ſie mich ſprechen hörte, und ich erfreute mich an dem Erſtaunen meines lie⸗ benswürdigen Franzoſen, als er die Kollegin ſah, wegen deren er ſich entſchließen ſollte, im Halbcharaktertanze auf⸗ zutreten; denn Marina, obwohl eine ausgezeichnete Tänze⸗ rin, war für ernſte Rollen nicht geeignet. Dieſe beiden lie⸗ benswürdigen Zöglinge Terpſichores, welche nie zuſammen geweſen waren, erklärten ſich bei Tiſche einen verliebten Krieg, der mir das Abendeſſen ſehr angenehm machte; denn da es ſich um einen Kollegen handelte, ſo nahm Marina einen, den Umſtänden angemeſſenen, und von dem, welchen ſie ſonſt gegen die Männer gebrauchte, ganz verſchiedenen Ton an. Uebrigens übertraf ſich Marina ſelbſt dieſen Abend an liebenswürdigem Benehmen und guter Laune; denn als man die Geſchichte des angeblichen Grafen Celi erfahren, war ſie ſehr applaudirt worden. Es waren nur noch zehn Vorſtellungen übrig, und da Marina am Tage nach der letzten abreiſen wollte, ſo ſetz⸗ ten wir feſt, daß wir zuſammen abreiſen wollten. Bis da⸗ hin bat ich Balletti(dies war der italiäniſche Name, wel⸗ chen er angenommen), für dieſe ganze Zeit unſer Tiſchgenoſſe zu ſſein. Ich gewann für dieſen jungen Menſchen eine Freundſchaft, welche auf den weitern Gang meines Lebens großen Einfluß gehabt hat. Er hatte großes Talent als Tänzer; aber dies war ſein geringſtes Verdienſt. Er war tu⸗ gendhaft, hatte ein große und edle Seele, hatte Studien gemacht und die beſte Erziehung genoſſen, welche ein Mann von Stande zu jener Zeit in Frankreich erhalten konnte. Schon am dritten Tage wurde ich gewahr, daß Ma⸗ rina ihren Kollegen zu feſſeln fuchte, und da ich einſah, wie vortheilhaft dies für das junge Mädchen ſei, ſo war ich ihr dabei behülflich. Sie hatte eine zweiſitzige Poſtſchaiſe und ich überredete ſie leicht, Baletti mitzunehmen, indem ich Gründe vorgab, welche ich ihr nicht mittheilen könnte, und welche mich nöthigten, allein nach Mantua zu reiſen. In der That würde man, wenn ich mit ihr gereiſt wäre, geſagt haben, daß ich in ſie verliebt wäre, und das wollte ich nicht. 160 Baletti war entzückt über dies Anerbieten, aber er wollte durchaus ſeinen Antheil an dem Poſtgelde bezahlen und Marina wollte dies nicht. Die Gründe, welche der junge Mann anführte, waren ſehr gut und ich hatte die größte Mühe, ihn zur Annahme des Anerbietens ſeiner Kollegin zu bewegen. Es gelang mir dennoch. Ich verſprach ihnen, ſie zum Mittagseſſen und zum Abendeſſen zu erwarten, und reiſte eine Stunde vor ihnen ab. Da ich in Cremona, wo wir ſchlafen wollten, früh anlangte, ſo ging ich aus, um eine Promenade zu machen, und trat in ein Kaffehaus. Ich machte hier Bekanntſchaft mit einem franzöſichen Offizier und wir gingen zuſammen aus, um etwas umherzuſchlendern. Da eine reizende Dame vorüberfuhr, ſo trat er an den Wagen, um mit ihr zu ſprechen, und ſie ließ denſelben anhalten. Ihr Zwiegeſpräch dauerte nicht lange, und der Offizier kehrte wieder zu mir zurück. Wer iſt dieſe ſchöne Dame? fragte ich. Es iſt eine reizende Frau, von welcher ich Ihnen eine Anekdote erzählen will, welche der Nachwelt überliefert zu werden verdient. Sie werden mich nicht der Uebertreibung beſchuldigen, ſo begann er ſeine Erzählung, denn was ich Ihnen erzählen will, iſt in der ganzen Stadt bekannt. Die liebenswürdige Dame, welche Sie ſo eben geſehen, zeichnet ſich noch mehr durch ihren Geiſt, als durch ihre Schönheit aus. Ein jun⸗ ger Ofſtzier welcher zur Zeit, wo der Marſchall Richelieu in Genua kommandirte, ihr nebſt mehreren Andern die Cour machte, ſchmeichelte ſich, weiter als alle Andere bei ihr gekommen zu ſein. Eines Tages gab er in demſelben Kaffehauſe einem ſeiner Kameraden den Rath, ſeine Zeit nicht unnütz mit Courmachen bei derſelben zu verlieren; denn, fügte er hinzu, Sie können ſicher ſein, daß Sie nie etwas erreichen werden. Mein Theurer, ſagte der Andere, ich habe wohl weit mehr Grund, Ihnen dieſen Rath zu geben, denn ich habe Alles erlangt, was ein begünſtigter Liebhaber erlangen kann. Ich bin überzeugt, daß Sie lü⸗ gen, verſetzte der Andere und bitte Sie, mir zu folgen. ¹ * —„„—— —————— 25— 1 O8 ◻ e d 161 Ganz vortrefflich, ſagte der Plauderhafte, aber weshalb ſol⸗ len wir die Wahrheit von einem Duell abhängig machen und uns die Hälſe brechen, wenn ich die Thatſache durch ſie ſelbſt bezeugen laſſen kann? Ich wette fünfundzwanzig Louis dagegen, erwiderte der Unglückliche. Ich nehme die Wette an, gehen wir. Die beiden Streitenden gehen zuſammen weg und ge⸗ hen direkt zu der Dame, welche ſie ſo eben geſehen, und welche erklären ſollte, wer von beiden die Wette gewonnen. Sie fanden ſie bei ihrer Toillette. Meine Herren, ſagte ſte, als ſie dieſelben eintreten ſah, welches günſtige Geſchick führt ſie zu dieſer Stunde zuſammen her? Eine Wette, Madame, ſagte der Ungläubige, und nur Sie können den Streit, der ſie veranlaßt hat, entſcheiden. Der Herr rühmt ſich, von Ihnen Alles erlangt zu haben, was eine Frau einem beyvorzugten Liebhaber bewilligen kann; ich habe ihn förmlich Lügen geſtraft und wir ſtan⸗ den im Begriffe uns zu duelliren, als er mir den Vorſchlag machte, die Thatſache durch Sie beſcheinigen zu laſſen. Ich habe fünfundzwanzig Louis gewettet, daß Sie es nicht thun würden, und er hat die Wette angenommen. Entſcheiden Sie nun, Madame. Sie haben verloren, mein Herr, ſagte ſie zu ihm, aber jetzt bitte ich Sie beide, ſich zu entfernen und zeige Ihnen an, daß, wenn Sie wagen wieder zu kommen, Sie es be⸗ reuen werden. Die beiden unbeſonnenen Menſchen entfernten ſich ſehr niedergeſchlagen. Der ungläubige bezahlte, aber da er ſich ſehr ärgerte, ſo behandelte er den Sieger als Gecken und acht Tage darauf tödtete er ihn im Duell. Seitdem geht die Dame ins Caſino, beſucht Geſell⸗ ſchaften, giebt aber keine mehr und lebt ſehr gut mit ihrem Manne. Und wie hat der Mann die Sache aufgenommen? Aufs Beſte, als Mann von Geiſt. Er hat geſagt, wenn ſeine Frau ſich anders benommen hätte, würde er ſich III. 11 162 haben ſcheiden laſſen, denn dann würde Niemand daran ge⸗ zweifelt haben. Dieſer Mann iſt vernünftig. Es iſt ſicher, daß, wenn die Frau den Unbeſonnenen Lügen geſtraft hätte, derſelbe die Wette bezahlt haben würde, aber er würde lachend ſeine Behauptung aufrecht erhalten haben und Jeder würde ihm geglaubt haben. Indem ſie ihn als Sieger erklärte, ſchnitt ſie alle weitere Fragen ab, und wehrte ein Urtheil ab, wel⸗ ches ſie entehrt haben würde. Der Plauderer beging ein doppeltes Unrecht, welches er mit ſeinem Leben bezahlte, aber ſein Gegner war ebenſo unzart wie er, denn in ſolchen Angelegenheiten erlauben ſich wohlerzogene Leute keine Wet⸗ ten. Wenn derjenige, welcher auf Ja wettet, ein Unbeſon⸗ nener iſt, ſo iſt derjenige, welcher auf Nein wettet, ein An⸗ geführter. Die Geiſtesgegenwart der Dame gefällt mir. Aber was halten Sie davon? Ich halte ſie für unſchuldig.. Ich bin derſelben Meinung, und dieſe Meinung iſt ſo allgemein verbreitet, daß man ſie beſſer als früher behan⸗ delt. Kommen Sie nach dem Caſino, ſo werden Sie ſich davon überzeugen, und ich werde Sie mit der Dame be⸗ kannt machen. Ich lud dieſen Offizier ein am Abend mit uns zu ſpeiſen, und ſeine Geſellſchaft erheiterte uns den Abend. Sobald er ſich entfernt hatte, ſah ich mit Vergnügen, daß Marina fähig war, die Schicklichkeit zu beobachten; ſie hatte ein beſonderes Zimmer genommen, um ihren ehrenwerthen Kamaraden nicht zu verletzen. In Mantua angelangt, ſtieg ich im Gaſthofe zum hei⸗ ligen Marcus ab, und Marina, welcher ich geſagt, daß ich ſie nur ſelten zu beſuchen beabſichtige, bezog das Zimmer, welches der Unternehmer ihr angewieſen hatte. Am Nachmittage deſſelben Tages ging ich außerhalb der Stadt ſpatzieren und trat bei einem Buchhändler ein, um zu ſehen, was es Neues gäbe. Da es inzwiſchen Nacht geworden war, ohne daß ich es bemerkt hatte, ſo zeigte man mir an, daß man das Magazin ſchließen wolle, und ich ent⸗ fernte mich. Einen Schritt davon hält mich eine Patrouille 2 „* 7 — ———— 163 an, und der Offizier ſagt, da ich keine Laterne habe und es ſchon zwei Uhr geſchlagen, ſo müſſe er mich nach der Wache führen. Ich mochte noch ſo viel einwenden, daß ich erſt an dieſem Tage angekommen und die Verordnung nicht kenne, ich mußte folgen. In der Wachtſtube angelangt, ſtellt der Offizier mich ſeinem Capitain vor, einem großen und ſchönen jungen Manne, welcher mich auf die jovialſte Weiſe empfing. Ich bitte denſelben, mich nach meinem Gaſthofe zurückbringen zu laſſen, da ich der Ruhe bedürfe. Er antwortet mir lachend: Zum Teuſel, nein, denn ich will, daß Sie eine fröhliche Nacht in guter Geſellſchaft bei mir zubringen. Geben Sie dem Herrn ſeinen Degen zurück, ſagte er zum Unteroffizier, und ſich von Neuem zu mir wendend: Ich will Sie, mein Herr, hier nur als einen Gaſt betrachten. Dieſe Art Leute einzuladen, wie despotiſch ſie auch ſein mochte, ſchien mir dennoch angenehm, und ich gab meine Zuſtimmung durch mein Schweigen zu erkennen. Er er⸗ theilte einem deutſchen Soldaten ſeine Befehle, und eine Stunde darauf deckte man einen Tiſch und legte vier Cou⸗ verts auf. Da einen Augenblick darauf zwei andere Offi⸗ ziere kamen, ſpeiſten wir auf eine ſehr heitere Weiſe. Beim Deſſert erhielt die Geſellſchaft wieder einen Zuwachs durch zwei ekelhafte Vetteln. Nachdem das Tiſchtuch abgenommen war, bedeckte man den Tiſch mit einem Teppich und ein Of⸗ fizier ſchickte ſich an, eine Bank zu legen. Ich pointire wie die Andern und nachdem ich einige Zechinen verloren, ſtehe ich auf, um Luft zu ſchöpfen, denn wir hatten Bachus einige Libationen dargebracht. Eine der beiden Unglücklichen folgt mir bemächtigt ſich meiner, und ich werde durch ſie wider meinen Willen zu einer ſechswöchentlichen Kur genöthigt. /⸗ Ein junger fehr liebenswürdiger Offizier, welcher funf⸗„ 4, zehn bis zwanzig Zechinen verloren, fluchte wie ein Gre⸗. nadier, weil der Bankier ſein Geld zuſammenlas und auf⸗ n 7u⸗z. hörte. Dieſer junge Mann hatte viel Geld vor ſich und behauptete, der Bankier hätte die letzte Taille ankündigen ſollen.. Mein Herr, ſage ich ſehr höflich, Sie haben Unrecht, 11 8 164 denn das Pharao iſt das freieſte aller Spiele. Warum legen ſie nicht ſelbſt Bank? Das langweilt mich, denn die Herren pointiren auf eine lächerliche Weiſe, wenn es Ihnen aber Vergnügen macht, fügte er lächelnd hinzu, ſo legen Sie doch. ligen? Er nimmt es an. Meine Herren, ſage ich, ich habe die Ehre, Ihnen anzuzeigen, daß ich nur ſechs Taillen machen werde. Ich fordere neue Karten und lege dreihundert Zechi⸗ nen auf den Tiſch. Der Kapitain ſchreibt auf die Rückſeite einer Karte: Gut, für hundert Zechinen, O'Neilan und nachdem er ſie auf mein Geld gelegt, fange ich an. Der junge Offizier, der ſehr heiterer Laune war, ſagte: Es iſt möglich, daß ihre Bank vor dem Ende der ſechsten Taille geſprengt wird. Ich ſage nichts, ſondern ziehe weiter. In der fünften Taille lag meine Bank in den letzten Zügen; mein junger Offizier triumphirte. Ich überraſchte ihn etwas, als ich ſagte, ich freute mich zu verlieren, denn ich fände ihn viel liebenswürdiger, ſeitdem er gewänne. Ess giebt Höflichkeiten, welche der Perſon, die der Ge⸗ genſtand derſelben iſt, Unglück bringen, und dies war hier der Fall, denn mein Compliment verdrehte ihm den Kopf. Während der fuͤnften Taille verlor er durch eine Menge ungünſtiger Karten Alles, was er gewonnen, und da er das Glück in der ſechsten Taille erzwingen wollte, ſo ſpielte er ſehr unbeſonnen und verlor alles Gold, das er vor ſich hatte. Mein Herr, ſagte er zu mir, Sie haben ſehr glück⸗ lich geſpielt, aber morgen werde ich Revanche fordern. Ich würde es ſehr gern thun, ſagte ich, aber ich ſpiele nur, wenn ich im Arreſt bin. Ich zählte mein Geld; ich hatte zweihundert und funf⸗ zig Zechinen gewonnen, ſo wie eine Schuld von dreißig Zechinen von einem Offizier, welcher auf Wort geſpielt hatte, und welche O'Neilan übernahm. Ich machte ſeinen Antheil, und als der Tag anbrach, ließ er mich gehen. Als ich in den Gaſthof kam, legte ich mich zu Bette, und als ich aufwachte, ſah ich den Capitain Laurent er⸗ ſcheinen, denſelben, welcher auf Wort geſpielt hatte. Da 4 Capitain, wollen Sie, ſich mit einem Viertheile bethei⸗. ——2 18—— gemacht hat, Dank ſchuldig? 165 ich glaubte, daß er gekommen ſei, um mich zu bezahlen, ſo ſagte ich, daß er ſeine Schuld an O Neilan zu zahlen habe; aber er erwiderte, daß er gekommen ſei, um mich zu bitten, ihm ſechs Zechinen auf ſeinen Ehrenſchein zu leihen, in welchem er ſich verpflichtete, mich binnen acht Tagen zu be⸗ zahlen. Ich gab ſie ihm, und da er mich gebeten, Niemand etwas davon zu ſagen, ſo ſagte ich: Ich verſpreche es Ihnen, aber halten Sie auch Ihr Wort. ſaeer,: Am folgenden Tage fühlte ich mich krank, und der Le⸗, re eie euue Ich legte mir Diät auf, welche in dieſem⸗ lter ſehr langweilig iſt; aber ich war ausdauernd und befand mich wohl dabei. Drei oder vier Tage darauf beſuchte mich der Capitain O Meilan, und als ich ihm geſagt, daß ich krank wäre, fing er an zu lachen, was mich ſehr verwunderte. Sie waren alſo wohl? ſagte er. Ich war ſehr wohl.— Es thut mir leid, daß Sie an dieſem häßlichen Orte Ihre Geſundheit eingebüßt haben. Ich würde Sie gewarnt haben, wenn ich das vorausgeſehen hätte. Sie wußten es alſo? Den Teufel auch, ob ich es wußte! Vor acht Tagen bin ich Ihnen vorangegangen, und ich glaube, ſie war da⸗ mals nicht krank. Ich bin alſo Ihnen für das Geſchenk, welches ſie mir Das iſt möglich, aber es iſt ja eine Kleinigkeit, denn* wenn es Ihnen Spaß macht, können Sie ja leicht geſund werden. Und macht Ihnen das keinen Spaße Meiner Treu, nein. Eine Kur würde mich zu ſehr langweilen, und wozu ſoll man ſich von einer ſolchen Lum⸗ perei curiren laſſen, wenn man ſicher iſt, binnen vierzehn Tagen wieder in dieſelbe Lage zu kommen. Ich habe zehn⸗ mal dieſe Geduld gehabt, aber ich bin müde geworden, u ſeit zwei Jahren habe ich mich in mein Schickſal ergeben, Ich beklage Sie, denn ſo wie Sie mir vorkommen würde Ihnen in der Liebe das Glück nicht oft feindlich ſein. — 166 Ich frage nichts danach. Die Mühe, welche das koſtet, iſt mir läſtiger, als die kleine Unbequemlichkeit, an welche ich gewöhnt bin. Ich denke nicht wie Sie, denn die Liebesfreuden ſind ge⸗ ſchmacklos, wenn die Liebe ſie nicht würzt. Scheint Ihnen z. B. jener Klater den Schmerz, welchen ich jetzt leide, z verdienen? Nein, gewiß nicht, und deshalb thut mir die Sache leid. Hätte ich es gewußt, ſo würde ich Ihnen eine beſſere Bekanntſchaft haben verſchaffen können. Die beſte dieſer Art iſt nicht meine Geſundheit werth, welche nur der Liebe geopfert werden darf. Sie verlangen alſo Frauen, welche werth ſind, geliebt zu werden? Wir haben hier einige ſolche. Bleiben Sie, und wenn Sie geheilt find, können Sie Eroberungen machen. O Neilan war zweiundzwanzig Jahre alt; ſein Vater war als General geſtorben, und die ſchöne Gräfin Borſati war ſeine Schweſter. Er zeigte mir eine Gräfin Zanardi Nerli, matehe goch ſchöner war; aber ich war klug genug, im N eeiner oon beiden anzubieten: es kam mir ſo vor, afs ob Alle meinen Zuſtand errathen müßten. Ich habe nie einen jungen Mann gekannt, welcher ſo ſehr wie O Neilan den Ausſchweifungen ergeben war. Ich bin oft Nachts mit ihm umhergelaufen, und ich erſtaunte über ſeine Kühnheit und ſeinen Cynismus. Er war indeß edel, hochherzig, tapfer und voll Ehrgefühl. Wenn die jungen Offiziere ſich damals ſo viele un⸗ wagten, was nicht ſelten vorkam, ſo war es weniger ihre Schuld, als die Schuld der Privilegien, deren ſie ſich aus Folgendes mag als Beiſpiel dienen. O Neilan ſprengte eines Tages mit verhängtem Zügel in die Stadt. Eine gute alte Frau, welche über die Straße geht, hat nicht Zeit ihm auszuweichen, und das Pferd zer⸗ ſchmettert ihr den Kopf. O⸗Neilan begiebt ſich in Arreſt, aber am folgenden Tage war er ſchon wieder in Freiheit, moraliſche Sachen, ſo viele Scheußlichkeiten zu erlauben Gewohnheit, aus Nachſicht und aus Kaſtengeiſt erfreuten. 167— denn es genügte, daß er ſagte, es ſei ein bloßer Zufall ge⸗ weſen. Da der Ofſizier, welcher mir den Schein wegen der ſechs Zechinen ausgeſtellt, nach Verlauf der acht Tage nicht gekommen war, ſo ſagte ich zu ihm, als ich ihm auf der Straße begegnete, daß ich mich nicht verpflichtet glaubte, ihm das Geheimniß zu bewahren. Anſtatt ſich zu entſchuldigen, ſagte er: Das iſt mir gleich. Da mir dieſe Antwort ein Schimpf ſchien, ſo dachte ich daran, ihn zur Rechenſchaft zu ziehen, als O'Neilan mir am folgenden Tage ſagte, daß Laurent toll geworden ſei und daß man ihn eingeſchloſſen habe. Er wurde wieder geſund, aber wegen ſeiner ſchlechten Aufführung vom Regimente ausgeſchloſſen. O Neilan, welcher tapſer wie Bayards Schwert war, fiel ſpäter in der Schlacht bei Prag. So wie er nun ein⸗ mal war, konnte er es nicht vermeiden, ein Opfer des Mars oder der Venus zu werden. Er würde vielleicht noch leben, wenn er nur den Muth des Fuchſes gehabt hätte; aber er hatte den des Löwen. Bei einem Soldaten iſt dies eine Tugend, bei einem Offizier aber beinahe ein Fehler. Die⸗ jenigen, welche der Gefahr mit Kenntniß der Sache ent⸗ gegengehen, ſind des Lobes werth; aber diejenigen, welche ſie nicht kennen, entkommen nur durch ein Wunder und haben kein Verdienſt. Man muß indeß die großen Krieger achten, denn ihr unbezwinglicher Muth kann nur die Wirkung einer ſtarken Seele, einer Art Tugend ſein, welche ſie über die Sterb⸗ lichen erhebt. So oft ich an den Prinzen Karl von Ligne denke, ver⸗ gieße ich Thränen. Er war muthig wie Achilles, aber Achilles war unverwundbar. Er würde noch leben, wenn er im Kampfe hätte daran denken können, daß er ſterblich wäre. Wer hat ihn wohl gekannt, und ſeinem Andenken nicht Thränen geweiht? Er war ſchön, ſanft, höflich, ſehr gebildet, Freund der Künſte, heiter, ſcherzhaft in ſeinen Re⸗ den, zuverläſſig und von immer gleicher Laune. Verhäng⸗ nißvolle und ſchreckliche Revolution! Ein Kanonenſchuß hat 168 ihn ſeiner Familie, ſeinen Freunden und dem Glücke, wel⸗ ches ihm zuzulächeln ſchien, geraubt. Der Fürſt von Waldeck hat ſeine edle Unerſchrockenheit ebenfalls mit einem Arme bezahlt. Man ſagt, er tröſte ſich über dieſen Verluſt durch die Vorſtellung, daß er mit dem übrig bleibenden eine Armee befehligen könne. O, Ihr, die Ihr das Leben verachtet, ſagt mir doch, ob Ihr durch dieſe Verachtung Euch deſſelben würdiger zu machen gedenkt! Die Oper begann unmittelbar nach Oſtern. Ich ging alle Abende hin, denn da ich völlig geheilt war, hatte ich meine alte Lebensweiſe wieder aufgenommen. Ich freute mich, daß Baletti ſeine Kollegin zur Geltung brachte. Ich ging nicht zu ihr, aber Baletti kam faſt alle Morgen zum Frühſtück zu mir. Er hatte oft von einer alten Schauſpielerin geſprochen, welche das Theater ſeit zwanzig Jahren verlaſſen und welche, wie ſte ſagte, eine Freundin meines Vaters geweſen. Eines Tages bekam ich Luſt ſie zu ſehen, und er führte mich zu ihr. Ich fand ein altes abgelebtes Weib, deſſen Putz mich ebenſo ſehr wie ihre Perſon überraſchte. Trotz der Falten ihres Geſichts war daſſelbe mit dicker rother und weißer Schminke bedeckt, und ihre dunkelſchwarzen Augenbraunen verdankten ihre Farbe einer Auflöſung von chineſiſcher Tuſche. Sie zeigte die Hälfte ihrer ſchlaffen und ekelhaften Bruſt und über ihr künſtliches Gebiß war keine Täuſchung möglich. Sie hatte eine Perrücke, welche ſehr ſchlecht ſaß und welche einige Haare, die den Verwüſtungen der Zeit entgangen waren, wahrnehmen ließ. Ihre zitternden Hände brachten die meinigen zum Zittern, als ſie dieſelben drückte. Sie duftete auf zwanzig Schritt nach Ambra, und ihre Schönthuerei erregte bei mir Ekel und Luſt zu lachen. Ihre ſehr geſuchte Kleidung hatte wohl vor zwanzig Jahren Mode ſein können. Ich erblickte mit Schrecken die fürchterlichen Spuren eines häßlichen Alters auf einem Geſichte, welches offenbar ſchön geweſen war, ehe die Jahre es entſtellt hat⸗ ten, was mich aber am meiſten verwunderte, das war die MN — n 169 kindiſche Frechheit, mit welcher dieſer Ausſchuß der Zeit ſeine vermeintlichen Reize zur Schau trug. Baletti, welcher fürchtete, daß mein zu erſichtliches Er⸗ ſtaunen ſie verletzen könnte, ſagte, ich wäre beſonders darüber entzückt, daß die Zeit nicht im Stande geweſen, die ſchöne Erdbeere, welche auf ihrem Buſen glänzte, zum Welken zu bringen. Es war dies ein Muttermal, welches einer Erd⸗ beere ähnlich ſah. Dies, ſagte die Matrone, indem ſie mit einer Grimaſſe lächelte, hat mir den Namen gegeben. Ich bin noch und werde die Fragoletta ſein. Bei dieſen Worten konnte ich mich des Schauderns nicht erwehren. Ich ſah das verhängnißvolle Trugbild vor mir, welches die Urſache meiner Exiſtenz war. Ich ſah den Gegenſtand, welcher meinen Vater durch ſeinen Zauber vor dreißig Jah⸗ ren verführt hatte; denn ohne ſie würde er nie daran ge⸗ dacht haben, das väterliche Haus zu verlaſſen, und würde wahrſcheinlich nicht ausgezogen ſein, um mich mit einer Ve⸗ netianerin zu zeugen. Ich bin nie der Meinung jenes Al⸗ ten geweſen, welcher ſagte: Nemo vitam vellet, si daretur scientibus*). Da ſie mich zerſtreut ſah, ſo erkundigte ſie ſich bei Baletti höflich nach meinem Namen; denn er hatte mich einfach als einen Freund und ohne ſie vorher von meinem Beſuche zu benachrichtigen, vorgeſtellt. Als ſie hörte, daß ich Caſanova hieß, gerieth ſie in das größte Erſtaunen. Ja, Madame, ſagte ich, ich bin der Sohn Gaetan Caſanova's aus Parma. Was höre ich! Was ſehe ich! Ach, mein Freund, ich betete Deinen Vater an. Aus ungerechter Eiferſucht hat er mich verlaſſen. Ohne dies würden Sie mein Sohn ge⸗ weſen ſein! Laſſen Sie mich Sie wie eine zärtliche Mutter umarmen. Ich war darauf gefaßt, und da ich fürchtete, daß ſie fallen könnte, ging ich ihrer Umarmung entgegen und gab niich ihren zärtlichen Erinnerungen hin. Da ſie fortwährend *) Niemand würde das Leben wollen, wenn er wüßte was es werth iſt. Komodiantin war, ſo führte ſie ihr Schnupftuch an die Augen, indem ſie ſo that, als ob ſie eine Thräne vergöſſe, und mir verſicherte, daß ich das, was ſie mir geſagt, nicht bezweifeln dürfe, obwohl ſie nicht alt ausſähe. Der einzige Fehler Ihres Vaters, ſagte ſie ſodann, iſt die Undankbarkeit. Sie wird ohne Zweifel über den Sohn daſſelbe Urtheil gefällt haben, denn trotz ihrer freundlichen Anerbietungen ſetze ich keinen Fuß mehr in ihre Wohnung. Da meine Börſe gefüllt war, und Mantua keinen Reiz mehr für mich hatte, ſo beſchloß ich, nach Neapel zu gehen, um meine theuere Thereſe, Donna Lucrezia, Polo, Vater und Sohn, Don Antonio Caſanova, um alle meine alten Bekanntſchaften wieder zu ſehen. Dieſer Plan war ohne Zweifel nicht nach dem Geſchmacke meines guten Genius, denn er widerſetzte ſich ſeiner Ausführung. Ich würde nach drei Tagen ſchon abgereiſt ſein, wenn ich nicht Luſt bekom⸗ men hätte, in die Oper zu gehen. Während der zwei Monate, welche ich in Mantua ver⸗ lebte, kann ich wohl ſagen, daß ich in Folge der Thorheit, welche ich am erſten Tage beging, als Weiſer lebte. Ich ſpielte nur das einemal, und mit Glück; und da meine kleine verliebte Verirrung mich genöthigt hatte, mich auf Diät zu ſetzen, ſo bewahrte ich mich vielleicht vor größerem Unglück, welchem ich ſonſt nicht entgangen ſein würde. Einundzwanzigſtes Kapitel. Ich begebe mich nach Ceſena, um einen Schatz zu heben. — Ich laſſe mich bei Franzia nieder.— Seine Tochter — Javotte.— Gegen Ende der Oper redete mich ein junger Menſch an, welcher ohne Weiteres und ohne alle Einleitung zu mir ſagte, daß ich als Fremder ſehr Unrecht thue, zwei Monate 8 AI— 8—9 — in Mantua zu bleiben, ohne das naturhiſtoriſche Kabinet ſeines Vaters, Don Antonio de Capitani's, Kommiſſarius und Praͤſidenten des kanoniſchen Gerichts zu beſuchen. Mein Herr, ſagte ich, ich habe nur aus Unwiſſenheit gefündigt, und wenn Sie mich morgen früh aus meinem Gaſthofe ab⸗ holen wollen, ſo ſollen Sie mir morgen Abend nicht mehr denſelben Vorwurf machen können, und ich werde mein Un⸗ recht dann wieder gut gemacht haben. Der Sohn des Kommiſſarius des kanoniſchen Gerichts holte mich ab, und ich fand in ſeinem Herrn Vater eines der ſonderbarſten Originale. Die Seltenheiten ſeines Kabinets beſtanden in. der Genealogie ſeiner Familie, magiſchen Büchern, Heiligen⸗ Reliquien, angeblichen antediluvianiſchen Münzen, in einem Modell der Arche Noah, welches in dem Augenblicke, wo Noah in dem ſonderbarſten Hafen der Welt, dem Berge Ararat in Armenien, anlegte, nach der Natur aufgenommen worden war, in mehreren Medaillen, worunter eine von Seſoſtris, eine andere von Semiramis und endlich in einem alten, ganz verroſteten Meſſer von ſonderbarer Form. Er hatte ferner den ganzen Apparat der Freimauerei unter Schloß und Riegel. Sagen Sie mir doch, ſagte ich zu ihm, was die Natur⸗ geſchichte mit dieſem Kabinet gemein hat, denn ich ſehe hier nichts, was auf die drei Reiche Bezug hat? Wie? Sie ſehen nicht das antediluvianiſche Reich, das des Seſoſtris und das der Semiramis? Sind das nicht drei Reiche? Nach dieſer Antwort umarmte ich ihn mit einem Freu⸗ denrufe, welcher nur eine Perſiflage war, welchen er aber für ein Zeichen der Bewunderung hielt, und nun entfaltete er alle Schätze ſeiner burlesken Gelehrſamkeit über Alles, was er hatte, namentlich über ſein verroſtetes Meſſer, von welchem er behauptete, daß es daſſelbe wäre, mit welchem der heilige Petrus Malek das Ohr abgehauen. Sie beſitzen d lionair? Und wie ſoll ich es vermöge dieſes Meſſers werden? Auf zweierlei Weiſe. Die erſte beſteht darin, daß ieſes Meſſer und Sie ſind nicht Mil⸗ 8 172 Sie ſich in den Beſitz aller im Kirchenſtaate verborgenen Schätze ſetzen. Das iſt natürlich, denn der heilige Petrus hat die Schlüſſel dazu. Sodann, indem Sie daſſelbe dem Papſte verkaufen, wenn Sie die Urkunden haben, die deſſen Aechtheit beglau⸗ igen. Sie meinen das Pergament. Ohne dies würde ich es nicht gekauft haben. Ich habe daſſelbe. Deſto beſſer. Um dieſes Meſſer zu erlangen, wird der Papſt ſicherlich Ihren Sohn zum Kardinal machen; aber Sie müßten auch die Scheide haben. Ich habe ſie nicht; aber ſie iſt nicht nöthig. In jedem Falle werde ich eine machen laſſen. Das geht nicht; wir brauchen die, in welche Petrus ſein Meſſer ſteckte, als der Heiland zu ihm ſagte: Mitte gladium tuum in vaginam*). Sie iſt vorhanden und be⸗ findet ſich in den Händen Jemands, der ſte Ihnen billig verkaufen kann, wenn Sie nicht anders ihm das Meſſer ver⸗ keaufen wollen, denn die Scheide ohne das Meſſer hilft ihm ebenſo wenig, wie Ihnen das Meſſer ohne Scheide. Und was würde ich dafür bezahlen müſſen? Tauſend Zechinen. Und was würde er für das Meſſer geben? Tauſend Zechinen, denn dieſes iſt ſo viel werth, wie jene Scheide. Der Kommiſſarius ſieht ganz verdutzt ſeinen Sohn an und ſagt zu ihm mit magiſtraliſchem Tone: nun, mein Sohn; würdeſt Du wohl je geglaubt haben, daß man mir für dieſes Meſſer tauſend Zechinen bieten könnte? Er öffnete nun ein Schubfach und zog aus demſelben ein beſchriebenes Pergament hervor. Es war in hebräiſcher Sprache geſchrie⸗ den, und das Meſſer war darauf abgezeichnet. Ich that ſo, als ob ich es bewunderte, und rieth ihm zuletzt nachdrück⸗ lich, die Scheide zu kaufen. 1 Es iſt weder nöthig, daß ich die Scheide kaufe, no) *) Stecke Dein Schwert in die Scheide. 173 daß Ihr Freund das Meſſer kauft, denn wir ko Schatzgräberei gemeinſchaftlich unternehmen. Keineswegs. Das Magiſterium erfordert, daß der Eigenthümer des Meſſers in vaginam nur einer ſei. Wenn der Pabſt es hätte, ſo könnte er durch eine magiſche Ope⸗ ration, welche mir bekannt iſt, jedem chriſtlichen Könige welcher in die Rechte der Kirche eingreifen wollte, ein Ohr abſchneiden. Das iſt wunderbar, aber wirklich ſagt das Evangelium, das St. Petrus Jemand das Ohr abſchnitt. Ja, einem Könige. O nein, keinem Könige. Einem Könige, ſage ich Ihnen. Erkundigen Sie ſich, ob Malek oder Melek nicht König heißt. Und wenn ich mich entſchlöſſe, mein Meſſer zu verkau⸗ fen, wer würde mir die tauſend Zechinen geben? Ich; die Hälfte morgen in barem Gelde und die an⸗ dern fünfhundert in einem Wechſel, zahlbar nach einem Monate. Das heißt ſprechen. Erweiſen ſie uns das Vergnügen, morgen eine Schüſſel Maccaroni bei uns zu eſſen, und unter dem Siegel des tiefſten Geheimniſſes wollen wir von einer wichtigen Sache ſprechen. Ich nehme an und gehe weg, entſchloſſen, den Spaß weiter zu führen. Am folgenden Tage ging ich zu ihm, und das Erſte, was er mir ſagte, war, daß er einen im Kirchenſtaate verborgenen Schatz kenne, und daß er ſich entſchließen wolle, die unentbehrliche Scheide zu kaufen. Ueberzeugt nun, daß er mich nicht beim Worte nehmen würde, ziehe ich meine mit Gold gefüllte Börſe hervor, und ſage, ich ſei bereit, das Geſchäft abzuſchließen. Der Schatz, ſagte er zu mir, iſt Millionen werth, aber gehen wir zu Tiſche. Sie werden nicht aus Silbergeſchirr, aber aus Muſiy⸗ malerei von Raphael ſpeiſen. Herr Kommiſearius, Sie ſind ein großartiger Mann. Das will mehr ſagen, als maſſives Silber, obwohl ein Dummkopf es nur für ſchlechtes Fayence halten möchte. Das Compliment geſiel ihm. — 1——— in Mann in ſehr guten Umſtänden, ſagte er nach Tiſche, welcher in den päpſtlichen Staaten wohnt, iſt im Beſitze eines Landhauſes, in welchem er mit ſeiner ganzen Familie wohnt, und derſelbe iſt ſicher, in ſeinem Keller einen Schatz zu haben. Er hat an meinen Sohn geſchriben, daß er bereit iſt, alle Ausgaben zu machen, welche noͤthig ſind um ſich in den Beſitz deſſelben zu ſetzen, ſobald er einen geſchickten Magier findet, der im Stande iſt, denſelben ans Licht zu bringen. Der Sohn, welcher bei dieſer Rede zugegen war, zieht aus ſeiner Taſche einen Brief, aus welchem er mir einige Stellen vorlieſt und bittet mich um Verzeihung, daß er mir nicht den ganzen Brief vorleſen könne, da er Geheimniß ge⸗ lobt aber ohne daß er es bemerkt, hatte ich Ceſena geleſen, den Namen des Orts. Es handelt ſich alſo darum, ſagte der Vater, mir die unentbehrliche Scheide auf Kredit zu verſchaffen, denn für den Augenblick habe ich kein baares Geld. Sie können dreiſt meinen Wechſel endoſſiren; und wenn Sie den Magier ken⸗ nen, können Sie zur Hälfte mit ihm gehn. Dieſer Magier iſt bereit; ich bin es; aber wenn Sie nicht zunächſt die fünfhundert Zechinen bezahlen, ſo können wir nichts machen. Ich habe kein Geld. Verkaufen Sie mir alſo Ihr Meſſer. Nein. 1. Sie thun Unrecht, denn nun ich es geſehen, ſteht es in meiner Macht, es Ihnen zu entführen. Indeß bin ich ein zu ehrlicher Mann, um Ihnen einen ſolchen Streich zu ſpielen. 9 Sie ſind im Stande mir mein Meſſer zu entführen? Davon möchte ich einen Beweis haben, den ich glaube es nicht. Sie glauben es nicht? Sehr wohl: morgen werden Sie es nicht mehr haben; aber wenn es einmal in meinem Beſttze iſt, ſo hoffen Sie nicht, daß ich es Ihnen wiederge⸗ ben werde. Ein elementariſcher Geiſt, welcher unter mei⸗ nem Befehl ſteht, wird es mir um Mitternacht bring und derſelbe Geiſt wird mir ſagen, wo Ihr Schatz iſt. Bewirken Sie, daß er es Ihnen ſagt, und ich werde überzengt ſein. Man gebe mir Feder, Dinte und Papier. Ich fange nun an, mein Orakel zu befragen und laſſe daſſelbe antworten, daß der Schatz neben dem Rubicon liege. Dies, ſage ich, iſt ein Bach, welcher früher ein Fluß war. Sie ſchlagen in einem Wörterbuche nach und finden, daß der Rubicon bei Ceſena vorbeifließt; ich ſehe, daß ſie völlig verdutzt werden. Da ich ihnen die Freiheit laſſen wollte, Unſinn zu ſchwatzen, ſo entfernte ich mich.— Ich hatte Luſt bekommen, nicht dieſen armen Blödſinni⸗ gen fünfhundert Zechinen zu beſtehlen, ſondern ſie für ihre Rechnung bei dem andern Dummkopfe in Ceſena auszugraben, und auf ihre Koſten zu lachen. Ich ſehnte mich danach die Rolle eines Magiers zu ſpielen. Zu dieſem Zwecke begab ich mich, als ich das Haus des lächerlichen Antiquars verlaſſen, nach der öffentlichen Bibliothek, wo ich mit Hülfe eines Lexikons folgende närriſche Gelehrſamkeit zuſammenbrachte:„Der Schatz ruht 14 ½ Klafter und ſeit ſechs Jahrhunderten unter der Erde. Sein Werth beläuft ſich auf zwei Millionen Zechi⸗ nen; derſelbe iſt in einem Kaſten enthalten, demſelben, wel⸗ chen Gottfried von Bouillon Mathilden, Gräfin von Tos⸗ kana 1081 entwendete, als er dem Kaiſer Heinrich IV. in der Schlacht gegen dieſe Prinzeſſin beiſtehen wollte. Der⸗ ſelbe wurde von ihm ſelbſt an dem Orte, wo er ſich jetzt befindet, vergraben, ehe er zur Belagerung Roms auszog. Gregor VII., welcher ein großer Magiker war, hatte erfah⸗ ren, wo der Kaſten begraben war, und war entſchloſſen, denſelben in Perſon aufzuſuchen, aber der Tod vereitelte ſeine Pläne. Nach dem Tode der Gräfin Mathilde im Jahre 1116 gab der Genius, welcher über die verborgenen Schätze wacht, dieſem ſieben Wächter. In einer Vollmonds⸗ nacht kann ein gelehrter Philoſoph den Kaſten bis zur Oberfläche des Bodens emporheben, wenn er im Circulus maximus ſtehen bleibt.“ Ich erwartete, daß der Vater oder der Sohn nun zu * mir kommen würden, und ſie kamen am nächſten Tage alle beide. Nach einigen unbedeutenden Reden gebe ich ihnen, was ich in der Bibliothek verfaßt, die Geſchichte des der Gräfin Mathilde entführten Schatzes. Ich ſagte ihnen, daß ich entſchloſſen wäre, mich des Schatzes zu bemächtigen und ich verſprach ihnen den vierten Theil davon, unter der Bedingung, daß ſie die Scheide kauften. Hierzu fügte ich die Drohung, ihnen die Scheide wegzunehmen. Ich werde mich entſchließen, ſagte der Kom⸗ miſſarius, ſobald ich die Scheide geſehen haben werde. Ich verpflichte mich, ſie Ihnen morgen zu zeigen, erwiederte ich; nd hierauf trennten wir uns, gegenſeitig mit einander ſehr aufrieden. Um eine für das wunderbare Meſſer geeignete Scheide zu conſtruiren, mußte die ſeltſamſte Idee mit der barockeſten Form verbunden werden. Ich hatte die Form des Meſſers im Kopfe, und während ich an das Mittel dachte, etwas recht Ungewöhnliches, aber für den Gegenſtand Paſſendes zu Stande zu bringen, ſah ich auf dem Hofe einen alten Schaft, das Ueberbleibſel eines Cavalierſtiefels liegen, und mein Entſchluß ſtand feſt. Ich nehme die alte Sohle, laſſe ſie kochen und ſpalte ſie ſo, daß das Meſſer ſicher hineingeſchoben werden konnte. Hierauf beſchneide ich ſie überall, um ſie unkenntlich zu machen, reibe ſte mit Bimsſtein, Ocker und Sand, und gebe ihr auf dieſe Weiſe eine ſo närriſch⸗antike Form, daß ich mich des Lachens nicht enthalten kann. Als ich ſie dem Kommiſſarius zeigte und er das Meſſer hineingeſteckt hatte, welches ſehr gut hineinging, war er außer ſich vor Erſtau⸗ nen. Wir ſpeiſten zuſammen und nach Tiſche ſetzten wir feſt, daß der Sohn mich begleiten, und mich dem Herrn des Hauſes, in welchem der Schatz ſich befand, vorſtellen ſolle; daß ich einen Wechſel von tauſend römiſchen Thalern auf Bologna an die Ordre ſeines Sohnes erhalten ſolle; daß derſelbe ihn aber nicht eher an mich übertragen ſolle, als bis ich den Schatz ans Licht gebracht, und daß das Meſſer in der Scheide mir nicht eher übergeben werden ſolle, als bis ich deſſelben zu der großen Operation bedürfe; bis zu dieſem Augenblicke ſollte ſein Sohn es beſtändig bei ſich behalten. Nachdem ich dieſe Bedingungen eingegangen war, ver⸗ pflichteten wir uns ſchriftlich und ſetzten den Tag der Ab⸗ reiſe auf den zweitnächſten Tag feſt. Im Augenblick der Abreiſe gab der Vater dem Sohne den Seegen und ſagte zu mir, daß er Pfalzgraf wäre und zeigte mir das Diplom, welches der Pabſt ihm hatte ausfertigen laſſen. Ich um⸗ arme ihn, indem ich ihn Herr Graf nenne und nehme ſei⸗ nen Wechſel. Nachdem ich Marina, welche ich als Favorit⸗Maitreſſe. des Grafen Arcorati verließ, Lebewohl geſagt und von Ba⸗ letti, welchen ich vor Ablauf eines Jahres in Venedig wie⸗ derzuſehn ſicher war, Abſchied genommen hatte, ſpeiſte ich mit meinem Freunde O'Neilan zu Abend. Am Morgen ſchifften wir uns ein und nachdem wir durch Ferrara und Bologna gekommen, langten wir in Ceſena an und ſtiegen in der Poſt ab. Wir ſtanden früh auf und wanderten dann zu Georg Franzia, einem reichen Bauer und Beſitzer des Schatzes. Er wohnte eine Viertelmeile von der Stadt und unſere unerwartete Ankunft überraſchte ihn ſehr. Er umarmte Capitani, welchen er kannte, und mich bei ſeiner Familie laſſend, ging er mit meinem Ge⸗ fährten hinaus, um von Geſchäften zu ſprechen. Mich nun auf die Beobachtung legend, prüfte ich ſorg⸗ fältig alle Mitglieder der Familie und ließ meine Wahl auf die älteſte Tochter fallen. Ihre jüngere Schweſter war häß⸗ lich und ihr Bruder ein großer Einfaltspinſel. Die Mutter ſchien die Herrſchaft zu führen und drei oder vier Mägde gingen im Hauſe beſtändig hin und her. Ddie älteſte Tochter hieß Genoveva, wie faſt alle Bäue⸗ rinnen von Ceſena. Als ich ihren Namen erfahren hatte, ſagte ich zu ihr ſie müſſe 18 Jahr alt ſein; aber mit halb⸗ ernſtem und halb ärgerlichem Tone antwortete ſie, ſie wäre erſt 14 Jahr alt. Das freut mich mein liebenswürdiges Kind. Sie wurde wieder heiter. Das Haus war gut gelegen und ſtand nach allen Sei⸗ ten hin auf 400 Schritte völlig frei. Ich ſah mit Ver⸗ III. 12 gnügen, daß ich eine gute Wohnung erhalten würde; aber ich bemerkte mit Mißvergnügen eine ſtinkende Ausdünſtung, welche die Luft verſtänkerte und welche den von mir zu be⸗ ſchwörenden Geiſtern nicht ſehr behagen konnte. Madam Franzia, ſagte ich zur Hausfrau, woher kömmt dieſer ſchlechte Geruch? Mein Herr, es iſt der Hanf, welchen wir weichen laſſen.— Da ich der Anſicht war, daß, wenn die Urſache entfernt würde, ich nicht mehr von der Wirkung leiden würde, ſo ſagte ich für wieviel haben Sie? Für 40 Thaler. Hiieer ſind ſie, der Hanf gehört mir, und ich werde Ih⸗ rem Manne ſagen, daß er ihn ſogleich vergraben läßt. Mein Gefährte rief mich und ich ging hinunter. Franzia brachte mir alle Huldigungen dar, welche er einem be⸗ rühmten Magier ſchuldig zu ſein glaubte, obwohl ich nicht ſo ausſah. Wir verabredeten, daß er ein Viertel des Schatzes er⸗ halten, daß ein anderes Viertel Capitani zufallen und der Reſt auf meinen Antheil kommen ſollte. Man ſieht, daß wir keine Rückſicht auf die Rechte des heiligen Petrus nahmen. Ich ſagte ihm, daß ich für mich allein eines Zimmers mit zwei Betten und eines Vorzimmers mit einer Bade⸗ wanne bedürfte. Capitani ſollte an der mir entgegengeſetz⸗ ten Seite wohnen und in meinem Zimmer ſollten drei Ti⸗ ſche, zwei kleine und ein großer, ſtehen. Ich ſagte, es wäre durchaus nöthig, daß er mir eine jungfräuliche Nähterin von 14—18 Jahren beſorgte; aber dieſes Mädchen müßte, wie alle Leute in ſeinem Hauſe, das Geheimniß bewahren, damit die Inquiſition nicht Wind erhielte, weil in dieſem Falle alle Operationen vergeblich bleiben würden. Ich werde, ſagte ich, ſchon morgen einziehen, ich werde zweimal täglich ſpeiſen und kann zum Eſſen nur Jeveſe trinken. Zum Früh⸗ ſtück trinke ich nur Chokolade, welche ich ſelbſt bereite und mit welcher ich verſehen bin. Ich werde Ihnen, wenn mein Unternehmen mißlingt, alle Auslagen bezahlen. ————— 179 Sie werden den Hanf gleich ſo weit wegbringen laſſen daß der Geruch deſſelben die Geiſter, welche ich citiren ſoll, nicht beläſtigt, und ſie werden die Luft mit Schießpulver reinigen laſſen. Jetzt ſorgen Sie für einen zuverläſſigen Mann, der morgen unſere Sachen aus dem Gaſthofe holen kann, um halten Sie hundert neue Kerzen und drei Fackeln bereit. Hierauf verlaſſe ich Franzia und ſchlage mit Capitani den Weg nach Ceſena ein; aber ich war noch nicht hundert Schritte entfernt, als ich ihn hinter mir herlaufen hörte. Mein Herr, ſagte er, nehmen Sie doch die 40 Thaler, welche Sie meine Frau für den Hanf gegeben. Nein, mein Herr, das werde ich nicht thun, denn ich will durchaus nicht, daß Sie etwas verlieren. Ich bitte Sie, nehmen ſie das Geld wieder, denn ich kann den Hanf im Laufe des Tages für vierzig Thaler verkaufen. Ich willige darein, ſage ich, weil ich auf Ihr Wort vertraue. Dies Benehmen machte auf den Mann einen großen Eindruck, und er betrachtete mich mit der höchſten Ver⸗ ehrung. Aber dieſe Verehrung ſtieg noch, als ich mich trotz des Rathes meines Gefährten hartnäckig weigerte, hundert Zechinen anzunehmen, welche er mir als Entſchädigung für die Reiſekoſten aufdringen wollte. Ich entzückte ihn, als ich ſagte, wenn man in Begriff ſtehe in den Beſitz eines Schatzes zu gelangen, ſo ſehe man nicht auf Kleinigkeiten. Da unſer Gepäck am folgenden Tage abgeholt wurde, ſo waren wir völlig eingerichtet bei dem reichen und dum⸗ men Franzia. Er ſetzte uns ein gutes und ſehr reichliches Mittags⸗ eſſen vor; ich ſagte, er möchte beim Eſſen ſparen und mir zum Abendeſſen blos friſche Fiſche geben, was auch geſchah. Nach dem Abendeſſen kam der gute Franzia zu mir und ſagte, was die Jungfer betreffe, ſo glaube er dieſe in ſeiner Tochter gefunden zu haben; er habe ſeine Frau deshalb befragt und ich könne mich darauf verlaſſen. Das iſt gut, 12* 180 erwiderte ich, aber nun ſagen ſie mir, welchen Grund Sie haben zu glauben, daß in Ihrem Hauſe ein Schatz iſt? Zunächſt, antwortete er, die mündliche Ueberlieferung von Vater zu Sohn während acht Generationen; ſodann heftige Schläge, welche Nachts unter der Erde zu hören ſind. Ferner öffnet und ſchließt ſich meine Kellerthür alle drei oder vier Minuten ganz allein, und dies iſt gewiß das Werk böſer Geiſter, welche wir des Nachts auf den Fel⸗ 55 in der Geſtalt pyramidaler Flammen umherirren ehen. Wenn es ſich ſo verhält, ſo iſt ſo gewiß wie zweimal zwei viere macht, in Ihrem Hauſe ein Schatz verborgen. Hüten Sie ſich, an der Thüre, welche ſich von ſelbſt öffnet und ſchließt, ein Schloß anbringen zu laſſen, denn ſonſt würde ein Erdbeben entſtehen, welches dieſes Haus in den Abgrund reißen würde. Die Geiſter wollen frei ſein, und ſie zertrümmern alle Hemmniſſe, welche man ihnen ent⸗ gegengeſetzt. 3 Gott ſei gelobt, daß ein weiſer Mann, welchen mein Vater vor vierzig Jahren kommen ließ, uns daſſelbe geſagt hat. Dieſer große Mann bedurfte nur noch drei Tage, um den Schatz ans Licht zu bringen, als mein Vater erfuhr, daß die Inquiſition ſich ſeiner bemächtigen wolle und er ihn deshalb ſchnell entfliehen ließ. Ich bitte Sie, ſagen Sie mir, wie es kömmt, daß die Magie der Inquiſition nicht widerſtehen kann. Weil die Mönche über eine größere Anzahl von Teu⸗ feln als wir verfügen können. Aber ich bin ſicher, daß hr Vater ſchon viel Geld für dieſen Weiſen ausgegeben hatte. Ungefähr 2000 Thaler. Mehr, mehr. Ich forderte ihn auf, mir zu folgen, und um etwas Magiſches zu machen, tauchte ich eine Serviette ins Waſſer, ſprach dabei ſchreckliche Worte, welche keiner Sprache ange⸗ hörten, und wuſch Allen die Augen, die Schläfe und die Bruſt, welche letztere Javotte mir vielleicht nicht überlaſſen haben würde, wenn ich nicht zuerſt ihrem Vater, ihrer Mut⸗ 181 ter und ihrem Bruder die Bruſt gewaſchen hätte. Ich ließ ſie auf eine Brieftaſche, welche ich aus meiner Taſche zog, ſchwören/ daß ſie keine unreine Krankheit hätten, und end⸗ lich mußte Javotte noch ſchwören, daß ſie Jungfer wäre. Da ich ſie bis zu den Augen erröthen ſah, als ſie dieſen Eid leiſtete, hatte ich die Grauſamkeit, ihr zu erklären, was eine Jungfer wäre; als ich ſie aber nun von Neuem ſchwö⸗ ren laſſen wollte, ſagte ſie, da ſie wiſſe, was die Sache zu bedeuten habe, wäre es nicht nöthig, daß ſie noch einmal ſchwöre. Ich befahl hierauf Allen, mir einen Kuß zu ge⸗ ben, und da ich dabei bemerkte, daß Javotte Knoblauch ge⸗ geſſen, ſo verbot ich Allen, denſelben noch ferner zu eſſen, und Georg verſprach mir, daß keiner mehr im Hauſe gehal⸗ ten werden ſolle. Genoveva war in Bezug auf das Geſicht nicht eben eine Schönheit, denn ihr Teint war von der Sonne ver⸗ brannt, und ihr Mund zu groß; aber ſie hatte ſehr ſchöne Zähne und die Unterlippe ſtand etwas vor, wie um die Küſſe aufzufangen. Ihr Buſen war gut geformt und von einer Feſtigkeit welche⸗jede Probe aushielt; aber ſie war zu blond und ihre Haut zu dick. Man mußte wohl über Manches hinwegſehen, aber im Ganzen war ſie doch ein gu⸗ ter Biſſen. Meine Abſicht war nicht, ſie verliebt zu machen, denn bei einer Bäuerin wäre dies eine zu ſchwierige Arbeit geweſen; ſondern ich wollte ſie vielmehr an Gehorſam ge⸗ wöhnen, denn wo keine Liebe vorhanden iſt, iſt mir unbe⸗ dingte Folgſamkeit immer als das Weſentlichſte erſchienen. Man genießt dann allerdings weder Anmuth noch Entzük⸗ kungen, aber man wird durch die unbedingte Herrſchaft, welche man ausübt, entſchädigt.* Ich benachrichtigte den Vater, Capitani und Javotte, daß Jeder nach der Reihenfolge des Alters mit mir zu Abend ſpeiſen und daß Javotte beſtändig in meinem Vor⸗ zimmer ſchlafen ſolle. Hier ſollte eine Badewanne aufge⸗ ſtellt werden, in welcher ich meine Gäſte eine halbe Stunde, bevor wir uns zu Tiſche ſetzten und zu welchem ſie nüch⸗ tern kommen ſollten, abwaſchen mußte. 5 bb Aℳ f, v Me ft 2, Sereet. 182 Ich entwarf eine Liſte aller Gegenſtände, deren ich zu er ſolle ſelbſt am folgenden Tage nach Ceſena gehen, um die Sachen einzukaufen, aber nicht dabei handeln. Es wa⸗ ren ein Stück weiße Leinewand von 20—30 Ellen, Zwirn, eine Scheere, Nähnadeln, Storax, Myrrhen, Schwefel, Oli⸗ venöl, Kampher, ein Buch Papier, Federn, Tinte, zwölf Ta⸗ feln Pergament, Pinſel und ein Olivenzweig, aus welchem ein anderthalb Fuß langer Stab geſchnitzt werden konnte. Nachdem ich meine Befehle auf die ernſteſte Weiſe und ohne die geringſte Anwandlung von Lachen ertheilt, ging ich, entzückt über meine Rolle als Magier, in welche ich mich zu meinem Erſtaunen ſehr geſchickt fand zu Bette. Sobald ich am folgenden Tage aufgeſtanden war, ließ ich Capitani rufen, befahl ihm, täglich nach Ceſena zu ge⸗ hen, dort das große Kaffeehaus zu beſuchen, in dieſem auf Alles was geſagt würde, aufmerkſam zu ſein und es mir zu berichten. Franzia, welcher meinen Befehlen nachgekom⸗ men war, kehrte noch vor Mittag mit Allem, was ich ge⸗ fordert hatte, aus der Stadt zuruͤck. Ich habe nicht gehan⸗ delt und ich bin ſicher, daß die Kaufleute mich für einen Narren halten, denn ich habe ein Drittel mehr bezahlt, als die Sachen werth ſind. Deſto ſchlimmer für ſie, wenn ſie Sie betrogen haben; aber Sie würden Alles verdorben haben, wenn Sie gehan⸗ delt hätten. Schicken Sie mir Ihre Tochter und laſſen Sie mich allein mit ihr. Sobald ſie gekommen war, ließ ich die Leinewand in ſieben Stücke ſchneiden, viere von 5 Fuß, zwei von 2 Fuß und eins von 2 ½ Fuß. Dies letztere ſollte die Kaputze des Gewandes bilden, deſſen ich zu der großen Beſchwörung bedurfte. Setzen Sie ſich neben mein Bett, ſagte ich, und fangen ſie an zu nähen. Sie werden hier zu Mittag ſpei⸗ ſen und bis zum Abend bleiben. Wenn Ihr Vater kommt, laſſen Sie uns allein, aber ſobald ich ihn weggeſchickt habe, kommen Sie wieder, um hier zu ſchlafen. Sie ſpeiſte neben meinem Bette, wo die Mutter Alles, was ich ihr ſchickte, ihr ſchweigend zutrug; und ich ließ ſie bedürfen glaubte, übergab ſie Franzia und ſagte zu ihm, —— 2— 18⁵5 daß es Zeit wäre. Sie machte die Abwaſchungen, welche ich am vorigen Tage bei ihr vorgenommen, bei mir mit— dem größten Eifer, und that dies mit aller Sanftheit und Anmuth, deren ſie fähig war. Ich brachte in dem Bade eine angenehme Stunde zu, Alles genießend, aber das Weſent⸗ lichſte verſchonend. Da ihr meine Küſſe Vergnügen machten, ſo bedeckte ſie mich mit den ihrigen, als ſie ſah, daß ich es ihr nicht verbot. Entzückt, zu ſehen, wie ſie genoß, erleichterte ich ihr die Sache, indem ich zu ihr ſagte, das das Gelingen der magiſchen Operationen von dem Grade des Vergnügens abhänge, welches ſie fühle, ohne ſich Zwang aufzuerlegen. Sie machte die unglaublichſten Anſtrengungen, um mich zu überzeugen, daß ſie glücklich wäre, und wir verließen das Bad gegenſeitig ſehr zufrieden mit einander, ohne daß wir bi Grenze überſchritten hätten, die ich mir ſelbſt geſteckt atte. Als wir uns anſchickten zu Bette zu gehen, ſagte ſie: Sollten wir wohl die Sache verderben, wenn wir zu⸗ ſammen ſchliefen? Nein, meine Theure, vorausgeſetzt, daß Du am Tage der großen Operation noch Jungfer biſt; weiter iſt nichts nöthig. Bei dieſen Worten warf ſie ſich in meine Arme, und wir verlebten eine reizende Nacht, während welcher ich Gelegenheit hatte den Reichthum ihres Temperaments und die Zurückhaltung des meinigen zu bewundern, denn ich war mäßig genug, um das Hinderniß, nicht zu durch⸗ brechen.— Ich ehlanhte einen guten Theil der folgenden Nacht mit Vater Franzia und mit Capitani, um mit eigenen Augen die Erſcheinungen zu ſchauen, von welchen der gute Bauer geſprochen hatte. Auf dem Balkon des Hofes ſte⸗ hend, hoͤrte ich deutlich unterirdiſche Stöße in gleichen Zwi⸗ ſchenräumen von drei bis vier Minuten. Der Lärm war dem eines ungeheuren Stöſels, welcher in einen bronzenen Mörſer hineingeſtoßen würde ähnlich. Ich nahm meine Pi⸗ ſtolen und ſtellte mich mit ihnen, eine Blentlaternè in der 186 Hand haltend, an die bewegliche Thür. Ich ſah, wie die Thür langſam aufging und dreißig Sekunden darauf heftig zuſchlug. Ich öffnete und ſchloß ſie ſelbſt mehrmals, und da ich keine geheime phyſiſche Urſache dieſer wunderbaren Erſcheinung entdecken konnte, ſo kam ich bei mir ſelbſt zu dem Gedanken, daß ein geſchickter und verborgener Betrug hier im Spiele wäre; aber ich bemühte mich weiter nicht, den Grund deſſelben aufzufinden. Wir gingen wieder ins Haus, und als ich mich wie⸗ derum auf den Balkon ſtellte, ſah ich auf dem Hofe hin⸗ und herſchweifende Schatten. Dieſelben konnten nur die Wirkung einer feuchten und dicken Luft ſein; und was die pyramidalen Flammen betraf, welche ich auf dem Felde umhergaukeln ſah, ſo waren dieſe eine mir bekannte Erſchei⸗ nung. Ich ließ indeß meine beiden Gefährten in der Idee, daß es Geiſter wären, welche den Schatz bewachten. Dieſe Erſcheinung iſt gewöhnlich im ganzen ſüdlichen Italien, wo ſich auf den Feldern häufig ſolche Meteore zei⸗ gen, welche das Volk für Teufel hält und welche die leichtgläubige Unwiſſenheit mit dem Namen Irrgeiſter bezeichnet. Du wirſt, theurer Leſer, im folgenden Kapitel leſen, wie mein magiſches Unternehmen endete, und Du wirſt vielleicht auf meine Koſten lachen, ohne daß ich mich da⸗ durch verletzt fühle. — a e a —/ꝰ—,———„———-———.——-—,—,„——, * 187 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Ich beginne meine magiſche Operation.— Schreckliches Ungewitter, welches mich dabei überkällt.— Ich gebe die Sache aut und verkauke die Scheide an Capitani.— Ich kinde Ginlietta und den angeblichen Graken Celi, der Grak Alkani geworden, wieder.— Ich entſchließe mich nach Neapel zu gehen.— Was mich auk einen andern Weg bringt. Am folgenden Tage ſollte ich die große Operation machen, denn ſonſt hätte ich nach den hergebrachten Ideen bis zum Vollmonde des nächſten Monats warten müſſen. Ich ſollte die Gnomen beſchwören, den Schatz an die Ober⸗ fläche des Bodens und zwar an den Ort, wo ich die Be⸗ ſchwörung machen würde, hinaufzuſchaffen. Ich wußte wohl, daß ich die Operation verfehlen würde, aber ich wußte auch, daß es mir nicht an Gründen fehlen würde, um Franzia und Capitani zu befriedigen. Bis dahin mußte ich meine Rolle als Magier, in die ich mich närriſch ver⸗ liebt hatte, ſpielen. Ich ließ Javotte den ganzen Tag ar⸗ beiten, um etwa dreißig Blätter Papier, auf welche ich die ſeltſamſten Figuren gemalt hatte, zu einem Kreiſe zuſam⸗ menzunähen. Dieſer Kreis, welchen ich maximus nannte, hatte einen Durchmeſſer von drei geometriſchen Schritten. Ich hatte mir aus dem Olivenzweige, welchen mir Franzia aus Ceſena mitgebracht, eine Art Scepter oder Zauberſtab, gemacht. So vorbereitet, ſagte ich zu Javotte, ſie ſolle ſich um Mitternacht, in dem Augenblicke, wo ich aus din Zau⸗ 9 9 berkreiſe heraustreten würde, bereit halten.T Sie empfing dieſen Befehl keineswegs mit Widerwillen, denn ſie ſehnte ſich danach, mir dieſen Beweis des Gehorſams zu geben, und ich, der ich mich als ihren Schuldner betrachtete, ich fühlte mich gedrängt, ſie zu befriedigen. Als die Stunde gekommen war, befahl ich dem Vater! und Capitani, ſich auf dem Balkon außzuſtellen, theils um * 188 für meine Befehle bereit zu ſtehen, wenn ich ſie riefe, theils um zu verhindern, daß Jemand im Hauſe etwas von den Vorgängen gewahr werden könne. Ich entledigte mich nun aller profanen Kleidungsſtücke und ziehe den großen Ueber⸗ wurf an, das Werk der reinen Hände einer Jungfrau; dann laſſe ich meine langen Haare aufgelöſt herniederfallen, ſetze die ſonderbare Krone aufs Haupt, nehme den Circulus maximus auf den Schultern, und mit der einen Hand das Scepter, mit der andern das wunderſame Meſſer haltend, gehe ich in den Hof hinab. Dort breite ich meinen Kreis aus, indem ich barbariſche Worte murmele, und nachdem 3 dreimal um denſelben herumgegangen, ſpringe ich in ihn hinein.— Hier kniee ich unbeweglich zwei Minuten nieder, ſtehe auf und richte meine Blicke auf eine große blaſſe Wolke, welche von Weſten her am Horizont aufſtieg, während der Donner von derſelben Richtung her ſehr ſtark grollte. Wie großartig würde ich den blöden Augen meiner beiden Schwachköpfe erſchienen ſein, wenn ich vorher den Zuſtand des Himmels nach dieſer Richtung hin unterſucht und dieſe Naturerſcheinung vorher verkündet hätte! Da dies ſehr natürlich war, ſo hatte ich nicht die ge⸗ ringſte Veranlaſſung, davon überraſcht zu ſein; indeß ließ mich eine Anwandlung von Furcht das Bedürfniß empfin⸗ den, auf meinem Zimmer zu ſein. Bald nahm meine Furcht zu, als ich die Donnerſchläge, untermiſcht mit Blitzen ſchneller auf einander folgen und von allen Seiten gegen mich heranſtürmen hörte. Ich empfand nun die Wirkung, welche ein großer Schrecken auf den Geiſt her⸗ vorbringen kann, denn ich bildete mir ein, daß wenn die Donnerſchläge, welche den Erdboden um mich herum auf⸗ wühlten und welche unaufhörlich über meinem Haupte los⸗ brachen, mich nicht vernichteten, dies nur darin ſeinen Grund hätte, daß ſie nicht in meinem magiſchen Kreis hineindrin⸗ gen könnten! So bete ich alſo mein eigenes Werk an! Dieſer einfältige Grund hinderte mich, trotz der Furcht, welche mich durchſchauerte, aus dem Kreiſe herauszutreten. Ohne dieſen Glauben, die Frucht einer kleinmüthigen Furcht, —jj.—ↄ/·— ⸗2———— õũ— 8—2 A— — —6 ⏑ — SG u nN ¼&—V— nN N *— 189 würde ich nicht eine Minute in demſelben geblieben ſein, und meine eilige Flucht würde den beiden Betrogenen die Augen geöffnet haben, welche dann eingeſehen haben wür⸗ den, daß ich, weit entfernt ein Magier zu ſein, nur eine feige Memme wäre. Der heftige Wind, die wiederhallenden Donnerſchläge, eine durchdringende Kälte und die Furcht ließen mich wie Eſpenlaub zittern. Mein Syſtem, mit wel⸗ chem ich mich gegen jede Probe gewaffnet hielt, löſte ſich in Dunſt auf; ich erkannte, daß es einen rächenden Gott gebe, der mich hierher geführt, um mich mit einem Schlage für alle meine Verbrechen zu ſtrafen und durch gänzliche Vernichtung meinem Unglauben ein Ende zu machen. Die unbedingte Unbeweglichkeit, in welcher ich mich befand, über⸗ zeugte mich, daß meine Reue unnütz wäre und das ſteigerte nur noch meine außerordentliche Beſtürzung. Indeß hört der Donner auf, ein ſtarker Regen fängt an herniederzuſtrömen, die Gefahr verſchwindet und ich fühle meinen Muth wieder wachſen. So iſt der Menſch! oder ſo war ich wenigſtens damals. Der Regen ſtrömte in ſolcher Fülle hernieder, daß er die Gegend überſchwemmt haben würde, wenn er länger als eine Viertelſtunde gedauert hätte. Sobald der Regen aufgehört hatte, gab es auch keinen Sturm und keine Wolken mehr und der Mond trat am ſchönſten blauen Firmamente in ſeiner ganzen Schönheit hervor. Ich hebe den Kreis auf, und nachdem ich den bei⸗ den Freunden befohlen, ſich zu Bette zu legen, ohne mit mir zu ſprechen, gehe ich wieder auf mein Zimmer. Noch befangenen Sinns werfe ich die Augen auf Javotte und finde ſte ſo huͤbſch, daß ich Furcht bekomme. Ich ließ mich ruhig abtrocknen, und ſage dann mit kläglichem Tone zu ihr, ſie möge ſich in ihr Bett legen. Als ſie mich am folgenden Tage ſah, ſagte ſie, ich hätte als ich gekommen wäre, trotz der Hitze gezittert und ich hätte ihr Furcht eingeflößt. eees Als nach achtſtündigem Schlummer mein Kopf ruhiger geworden war, fing dieſe Komödie an, mir Ekel einzuflößen, und als ich Genoveva kommen ſah, wunderte ich mich, daß ich durchaus nichts empfand. Nicht etwa als ob die folg⸗ 190 ſame Javotte ſich geändert hätte, aber ich war nicht mehr derſelbe. Ich befand mich in einem mir bis dahin unbe⸗ kannten Zuſtande der Apathie, und in Folge der abergläu⸗ biſchen Ideen, welche mir die Furcht am vorigen Tage ein⸗ geflößt, glaubte ich, die Unſchuld dieſes jungen Mädchens würde vom Himmel beſchützt, und ich würde dem ſchnellſten und ſchrecklichſten Tode nicht entgangen ſein, wenn ich ſie ihr entriſſen hätte.. Uebrigens erlaubten mir meine 23 Jahre und meine exaltirten Ideen nicht, von meinem Entſchluſſe ein anderes Reſultat zu erwarten, als daß der Vater etwas weniger angeführt und die Tochter etwas weniger unglücklich würde, vorausgeſetzt, daß es der letztern nicht ebenſo ginge, wie der armen Luzie von Paſean. Sobald Javotte in meinen Augen mir noch ein Ge⸗ genſtand heiligen Schreckens war, entſchloß ich mich zur augenblicklichen Abreiſe, und dieſer Entſchluß wurde unwi⸗ derruflich durch die Furcht, daß ein frommer Bauer mich meinen Hokus Pokus in dem magiſchen Kreiſe hätte machen ſehen können, und daß die ſehr heilige oder ſehr hölliſche Inquiſition, durch deſſen frommen Eifer unterrichtet, ſich an meine Ferſen hängte, um mich in einem ſehr ſchönen Auto⸗ dafé als Schauſpieler auftreten zu laſſen, wonach ich durch⸗ aus keine Begierde trug. Da dieſe Möglichkeit mich äng⸗ ſtigte, ſo ließ ich Vater Franzia und Capitani rufen, und in Gegenwart der Jungfrau ſagte ich zu ihnen, daß ich von den ſieben Genien, welche den Schatz bewahrten, alle ge⸗ wünſchte Auskunft erhalten, daß ich aber genöthigt geweſen, einen Vertrag mit ihnen, wegen Aufſchubs der Ausgrabung des koſtbaren Depoſitums, welches ſie bewachten, einzugehen. Ich ſagte zu Franzia, daß ich ihm ſchriftlich alle Mitthei⸗ lungen übergeben würde, welche mir zu machen ich die bö⸗ ſen Geiſter gezwungen hatte. Ich übergab ihm hierauf eine ähnliche Schrift wie die, welche ich in entlichen Bi⸗ bliothek von Mantua fabrizirt hatte, un lcher ich hin⸗ zufuͤgte, daß der Schatz aus Diaman ibinen, Sma⸗ ragden, und hunderttauſend Pfund Ich ließ ihn auf meine Brieftaſche ſc —— — ₰₰—— -—„"·.„ . 8 8.»8G.ß. — warten und keinem Magier Glauben zu ſchenken, wenn er ihm nicht meinen Bericht brächte, der in allen Punkten mit 191 dem übereinſtimmte, welchen ich ſo gütig war, ihm ſchrift⸗ lich zu hinterlaſſen. Ich laſſe hierauf die Krone und den Kreis verbrennen, und ihm das Uebrige übergebend, befahl ich ihm, es bis zu meiner Rückkehr aufzubewahren. Sie aber, Capitani Sie begeben ſich ſogleich nach Ceſena in den Gaſthof in welchem wir gewohnt haben, und warten hier auf den Mann, welchen Franzia mit den Sachen ſchicken wird. Da ich ſah, daß die arme Javotte untröſtlich war, ſo nahm ich ſie bei Seite, und nachdem ich ihr zärtlich verſi⸗ chert, daß ſie mich binnen Kurzem wiederſehen würde, glaubte ich ihr ſagen zu müſſen, daß, da die große Beſchwörung glücklich zu Stande gekommen, ihre Jungferſchaft unnütz würde und ſie ſich verheirathen könne, ſobald ſie wollte oder ſobald die Gelegenheit ſich darböte. Ich begab mich unverzüglich in die Stadt wo ich Ca⸗ pitani fand, welcher nach Mantua zurückkehren wollte, nach⸗ dem er die Meſſe von Lugo beſucht. Er ſagte, indem er wie ein Pinſel weinte, ſein Vater würde in Verzweiflung ſein, wenn er ohne das Meſſer des heiligen Petrus zurück⸗ käme. Ich gebe es Ihnen nebſt der Scheide, ſagte ich, wenn Sie mir die tauſend Thaler, welche der Wechſel beſagt, da⸗ für geben wollen. Da ihm dieſer Handel ſehr vortheilhaft ſchien, ſo willigte er mit Freuden darein. Ich gab ihm den Wechſel zurück, und er ſtellte mir einen Schein aus, in welchem er ſich verpflichtete, mir meine Scheide zurückzuge⸗ ben, wenn ich die erwähnte Summe bezahlte, worauf er indeß noch wartet. Ich wußte nicht, was ich mit der wunderbaren Scheide machen ſollte, und ich brauchte kein Geld; aber ich würde mich für entehrt gehalten haben, wenn ich ſie ihm umſonſt gegeben hätte; und dann fand ich es auch beluſtigend, die unwiſſende Leichtgläubigkeit eines Pfalzgrafen von päbſtli⸗ chen Gnaden auszubeuten. Später hätte ich ihm gerne das Geld welches er dafür bezahlt, wiedergegeben; aber der Zu⸗ fall wollte, daß wir uns erſt lange hernach und in einem Augenblicke, wo mir die Wiedererſtattung ſchwer geworden ſe See 2. 192 wäre, wiederſahen. Ich verdankte alſo den Gewinn dieſer Summe nur dem Zufalle und Capitani ſiel es ſicherlich nicht ein, ſich darüber zu beklagen, denn da er das gladium cum vagina beſaß, ſo ſtand er in dem Glauben, daß er Beſitzer aller in den päpſtlichen Staaten verborgenen Schätze wäre. Capitani reiſte am folgenden Tage ab, und ich ſchickte mich an, den Weg nach Neapel einzuſchlagen, aber durch folgendes Ereigniß wurde ich davon abgehalten. Als ich nach einem kurzen Spatziergange, in den Gaſt⸗ hof zurückkam, übergab mir der Wirth den Theaterzettel, welcher vier Vorſtellungen der Didone von Metaſtaſio im Theater Spada anzeigte. Da ich unter den Schauſpielern und Schauſpielerinnen keine Bekannten fand, ſo beſchloß ich die Vorſtellung am Abend zu beſuchen und am folgenden Morgen mit der Poſt abzureiſen. Eine kleine Furcht vor der Inquiſition trieb mich, und es kam mir ſo vor, als ob mir die Schergen ſchon auf dem Nacken ſäßen. Ehe ich in den Schauſpielſaal trat, ging ich in das Ankleidezimmer der Sehhn deleninnen Wund die eiſte ſagte mir ziemlich zu. Es war eine Bölogneſerin und ſie wurde Nariei genannt. Ich begrüße ſie, und nachdem wir einige conventionelle Reden gewechſelt, fragte ich ſie, ob ſie frei Lr, wäre. Ich bin, ſagte ſte, nur gegen die Unternehmer gebunden. Haben Sie einen Liebhaber? Nein. Ich erbiete mich dazu, wenn Sie ſich geneigt dazu fühlen. Sie lacht mich ſpöttiſch an und ſagt? Nehmen Sie mir doch vier Billette für die vier Vorſtellungen ab. Ich nehme zwei Zechinen aus der Börſe und laſſe ſie dabei ſehen, daß dieſelbe wohl gefüllt iſt; ich nehme hierauf die Billets, gebe ſie dem Mädchen, welches ſie bediente und wel⸗ ches hübſcher als ſie war, und entfernte mich, ohne ein Wort zu ſagen. Sie ruft mich zurück, ich thue ſo, als ob ich nicht höre, und löſe ein Parterre⸗Billet. Da die Vor⸗ ſtellung höchſt mittelmäßig war, ſo ſtehe ich nach dem erſten Ballet auf, um fortzugehen, als ich nach der großen Log⸗ — ——2 193 Blicke und hier zu meinem Erſtaunen den Venetianer Man⸗ zoni mit der beruͤhmten Giulietta, an deren Ball und Ohr⸗ feigen der Leſer ſich noch erinnern wird, bemerke. Da ich ſah, daß ich nicht beobachtet wurde, ſo fragte ich meinen Nachbar, wer dieſe ſchöne, mit Diamanten be⸗ deckte Dame wäre. Es iſt, ſagte er, Madame Querini, eine Venetianerin, welche der General Graf Spada, Beſitzer des Theaters der neben ihr ſteht, aus Faenza, ſeiner Hei⸗ math, hierher geführt hat. Erfreut, daß Querini ſie ge⸗ heirathet und keineswegs daran denkend, mich ihr zu nä⸗ hern, aus Gründen, welche der Leſer eben ſo wenig wie unſere Streitigkeiten, als ich ſie als Abbé kleiden wollte, vergeſſen haben wird, ſchicke ich mich an, das Theater zu verlaſſen; aber in demſelben Augenblicke bemerkt ſie mich und ruft mich. Ich trete heran, und da ich nicht gekannt ſein wollte, ſo ſage ich leiſe zu ihr, ich hieße Faruſi. Manzoni ſagte ebenfalls, ich ſpräche mit Ihrer Excellenz Ma⸗ dame Querini. Ich weiß es, ſage ich zu demſelben, aus Briefen, die ich aus Venedig erhalten, und wünſche Madame aufrichtig Glück dazu. Giulietta, welche mich hört, erhebt mich augenblicklich zum Baron und ſtellt mich dem Grafen Spada vor. Dieſer Herr ladet mich ſehr freundlich ein, in ſeine LToge zu kommen, und nachdem er mich gefragt, wo⸗ her ich käme, wohin ich ginge u. ſ. w., bittet er mich, ihm die Ehre zu erweiſen und zu Abend bei ihm zu ſpeiſen. Vor zehn Jahren in Wien war derſelbe der Freund Giulietta's geweſen, als Maria Thereſtia, welche den ſchlech⸗ ten Einfluß ihrer Reize fürchtete, ſie verbannt hatte. Sie hatte die Bekanntſchaft mit ihm in Venedig erneuert, wo ſie ihn veranlaßt hatte, ſie zu einer Vergnügungspartie nach Bologna zu führen, und Herr Manzoni, der ſchon ſo lange in ihrem Gefolge war und der mir dies Alles erzählte, be⸗ gleitete ſie, um Herrn Querini von ihrem guten Benehmen Rechenſchaft geben zu können. Der Ehrenwächter war aller⸗ dings nicht zum Beſten gewählt. In Venedig wollte ſie, daß man glaube, er habe ſie heimlich geheirathet; aber in einer Entfernung von funfzig Meilen hielt ſie dieſe Förmlichkeit nicht fuͤr nöthig, und der III. 13 —— — K —y—— —„ 194 General hatte ſie ſchon dem ganzen Adel von Ceſena als Madame Ouerini Papozze vorgeſtellt. Uebrigens würde Herr Querini Unrecht gehabt haben, wenn er auf den Ge⸗ neral eiferſüchtig geweſen wäre, denn die Bekanntſchaft war ſchon zu alt, um noch Gewicht darauf zu legen. Auch gilt es unter gewiſſen Frauen für ausgemacht, daß ein ſpäter kommender Liebhaber, welcher auf einen ältern Bekannten eiferſüchtig ſein will, ein Dummkopf iſt, und daß man den⸗ ſelben als ſolchen behandeln darf. Giulietta, welche un⸗ zweifelhaft meine Plauderhaftigkeit fürchtete, hatte mich ſchnell herangerufen, da ſie aber ſah, daß auch ich die ihrige zu fürchten hatte, ſo beruhigte ſie ſich. Ich behandelte ſie politiſcher Weiſe von Anfang an mit allen, ihrem Range ſchuldigen Rückſichten. Bei dem General fand ich zahlreiche Geſellſchaft und recht hübſche Frauen. Da ich Giulietta nicht ſah, ſo fragte ich Manzoni nach ihr, welcher ſagte, ſie ſäße am Pharao⸗ tiſche und verliere ihr Geld. Ich begebe mich dorthin und ſehe ſie an der linken Seite des Bankiers ſitzen, welcher blaß ward, als er mich erblickte. Es war der angebliche Graf Celi. Er bietet mir ein Buch Karten an; ich lehne es höflich ab, nehme aber Giulietta's Anerbieten, zur Hälfte mit ihr zu gehen, an. Sie hatte etwa funfzig Zechinen, ich gebe ihr eben ſo viel und ſetze mich neben ſie. Am Ende der Taille fragt ſie mich, ob ich den Bankier kenne, und ich bemerkte, daß er es gehört hatte; ich ſage: Nein. Die Dame, welche zu meiner Linken ſaß, ſagte, es wäre der Graf Alfani. Eine halbe Stunde darauf verlor Madame Querini ein Sept et leva von zehn Zechinen, und dieſer Schlag war entſcheidend. Ich ſtehe auf und faſſe die Hände des Bankiers ins Auge. Nichts deſto weniger zieht er falſch ab, und Madame verliert. In demſelben Augenblicke kam der General, um ſie zum Eſſen zu holen; ſie ſtand auf, ließ den Reſt ihres Gol⸗ des liegen, kehrte aber beim Deſſert zum Spiele zurück und verlor Alles. Da ich das Abendeſſen durch eine Menge hübſcher Ge⸗ ſchichten und feiner Späße belebte, ſo gewann ich die Freund⸗ 195 ſchaft der ganzen Geſellſchaft, ganz beſonders aber die des Generals, der, als er hörte, daß ich, um eine verliebte Laune zu befriedigen, nach Neapel ginge, mich beſchwor, einen Mo⸗ nat bei ihm zu bleiben und ihm meine Phantaſie zu opfern. Es war vergeblich;; denn da mein Herz leer war, ſo ſehnte ich mich Lucrezia und Thereſe wiederzuſehen, von deren Reizen ich nach fünf Jahren nur noch eine unbeſtimmte Er⸗ innerung haben konnte. Ich verſtand mich indeß dazu, die vier Tage, welche er noch in Ceſena bleiben wollte, hier zu verweilen. Am Morgen des folgenden Tages, als ich meine Toi⸗ lette machte, ſah ich den Haſenfuß Alfani⸗Celi eintreten. Ich empfange ihn mit einem ſpöttiſchen Lächeln, und ſage zu ihm, ich hätte ihn erwartet. Da mein Friſeur zugegen, ſo antwortete er nicht; als wir aber allein waren, ſagte er: Welche Gründe haben Sie mich zu erwarten? Meine Gründe ſind Wahrſcheinlichkeiten, welche ich Ihnen anführen werde, ſobald Sie mir hundert Zechinen aufgezählt haben werden, und dies werden Sie auf der Stelle thun. Hier ſind funfzig, die ich Ihnen mitgebracht habe, mehr können Sie nicht verlangen. Ich nehme ſie auf Abſchlag; aber aus Gutmüthigkeit warne ich Sie heute Abend zum Grafen zu kommen, denn Sie würden nicht empfangen werden, und die werbindlichteit 3 dafür wird man mir ſchuldig ſein. Ich hoffe, daß Sie ſich beſinnen werden, ehe Sie eine ſo ſchlechte Handlung begehen. Ich habe mich hinlänglich beſonnen, aber machen Sie daß Sie fortkommen. Da Jemand an der Thüre klopfte, ſo entfernte ſich der angebliche Graf Alfani, ohne daß ich nöthig hatte, meinen Befehl zu erneuern. Es war der erſte Caſtrat, welcher mich im Auftrage der Narici zum Mittagseſſen einlud. Da ich die Einladung komiſch fand, ſo nahm ich ſte lachend an. Dieſer Kaſtrat und Baffo, hieß Nicolaus Peritto und be⸗ hauptete, der Enkel eines natuͤrlichen Sohnes Sirtus’ V 13* —————— 196 zu ſein, was ſehr möglich war. Ich werde funfzehn Jahre ſpäter von demſelben ſprechen. Als ich zu der Narici kam, fand ich den Grafen Al⸗ fani, welcher mich gewiß nicht erwartete, und ich dachte mir, daß er mich für ſeinen böſen Genius halten müſſe. Nach⸗ dem er mich ſehr höflich gegrüͤßt, bat er mich, einige Worte unter vier Augen anzuhören. Ich will Ihnen noch funfzig Zechinen geben, ſagte er, aber als Ehrenmann können Sie dieſelben nur nehmen, um ſie Madame Querini wiederzu⸗ geben; wie wollen Sie ihr dieſelben aber geben, ohne ihr zu ſagen, daß Sie mich zur Herausgabe genöthigt? Sie ſe⸗ hen ein, was das für Folgen haben muß. Ich werde ſie ihr geben, wenn Sie nicht mehr hier ſind, unterdeß werde ich ſchweigen; aber hüten Sie ſich, in mei⸗ ner Gegenwart das Glück zu verbeſſern, denn ſonſt ſpiele ich Ihnen einen üblen Streich. Verdoppeln Sie meine Bank, und Sie ſollen zur Hälfte mit mir gehen. Ihr Vorſchlag iſt eine Beleidigung. Er gab mir funfzig Zechinen und ich verſprach ihm das Geheimniß. Bei der Schauſpielerin war zahlreiche Geſellſchaft, be⸗ ſonders von jungen Leuten, welche nach dem Eſſen Alle ihr Geld verloren. Ich ſpielte nicht, was der Schönen uner⸗ wartet war, denn ſie hatte mich nur eingeladen, weil ſie glaubte, daß ich von demſelben Schlage wie die Andern wäre. Da ich bloßer Zuſchauer blieb, ſo konnte ich beob⸗ achten, wie recht Mahomed daran gethan, daß er die Haſard⸗ ſpiele verboten. Am Abend nach der Oper legte der erwähnte Graf Bank, ich ſpielte und verlor zweihundert Zechinen; aber ich konnte mich deshalb nur ans Glück halten und Madame Ouerini gewann. An folgenden Tage nach dem Abendeſſen ſprengte ich beinahe ſeine Bank, und da ich mich ſehr ermü⸗ det fuͤhlte und mit meinem Gemwinne zufrieden war, ſo legte ich mich zu Bett. Am nächſten Morgen, es war der Tag vor dem vier⸗ ten Tage, ging ich zum General und hörte, daß ſein Adju⸗ 197 tant dem angeblichen Alfani die Karten ins Geſicht gewor⸗ 9 fen und daß ſie am Mittage ein Stelldichein haben ſollte. Ich ging zu dieſem Offizier, erbot mich ſein Sekundant zu ſein und verſicherte ihm, daß kein Blut vergoſſen werden ſolle. Er dankte mir, und bei Tiſche ſagte er, daß ich richtig ge⸗ rathen, denn der Graf Alfani ſei nach Rom gereiſt. Wolan, ſagte ich zur Geſellſchaft, heute Abend werde ich Ihnen eine Bank legen. Nach Tiſche nahm ich Madame Querini bei Seite, er⸗ zählte ihr die Geſchichte und überreichte ihr die funfzig Ze⸗ chinen, welche ich in Verwahrung hatte. Vermittelſt dieſer Fabel, ſagte ſie, wollen Sie mir funfzig Zechinen ſchenken; ich will ſie nicht, ich brauche kein Geld. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich den Schurken ge⸗ zwungen, ſie mir nebſt den funfzig andern wiederzugeben. Das kann ſein, aber ich will Ihnen nicht glauben. Er⸗ fahren Sie überdies, daß ich nicht einfältig genug bin, um mich betrügen oder gar beſtehlen zu laſſen. Die Philoſo⸗ phie verbietet, wegen einer guten Handlung Reue zu füh⸗ len; aber man darf ſich wohl ärgern, wenn eine böswillige Auslegung einen Vorwurf daraus macht. Am Abend nach der letzten Vorſtellung zog ich, wie ich verſprochen, beim General ab, und verlor einige Zechi⸗ nen, aber man erwies mir viele Freundlichkeiten. Wenn der Spieler nicht hinter dem Gelde her zu ſein braucht, ſo iſt dies weit angenehmer als zu gewinnen. Der Graf Spada, welcher mich lieb gewonnen, bat mich, mit ihm nach Briſighetta zu gehen; aber ich wieder⸗ ſtand, da ich durchaus nach Neapel gehen wollte. Am folgenden Tage wurde ich durch einen ſchrecklichen Lärm geweckt, der faſt an der Thüre meines Zimmers voll⸗ führt wurde.— Ich ſtehe auf und öffne die Thüre, um zu ſehen,was es wäre. Ich ſehe eine Bande Sbirren an der Eingangs⸗ thüre und im Bette einen Mann von gutem Ausſehen, der gegen dieſes Geſindel, welches in der That die Peſt Italiens iſt, und gegen den Wirth, der dabei ſteht und der die Nichts⸗ 198 würdigkeit begangen hatte die Thür zu öffnen, eine Rede in lateiniſcher Sprache losläßt. Ich frage den Wirth, worum es ſich handle. Dieſer Herr, antwortet der Wicht, welcher vorausſichtlich nur la⸗ teiniſch ſpricht, ſchläft mit einem Mädchen zuſammen, und die Schergen des Biſchofs ſind gekommen, um ſich zu er⸗ kundigen, ob es ſeine Frau iſt; das iſt ganz einfach. Iſt es ſeine Frau, ſo braucht er nur durch irgend einen Schein den Beweis zu führen, und Alles iſt abgemacht; iſt ſie es aber nicht, ſo wird er wohl mit dem Mädchen ins Gefäng⸗ niß wandern müſſen. So ſchlimm ſoll es indeß nicht wer⸗ den, denn mit zwei oder drei Zechinen verpflichte ich mich die Sache freundſchaftlich zu ſchlichten. Ich werde mit ih⸗ rem Anführer ſprechen, und die Leute ſollen ſämmtlich ab⸗ ggehen. Wenn Sie lateiniſch ſprechen, ſo gehen Sie hinein und bringen ihn zur Vernunft. Wer hat die Thüre des Zimmers aufgebrochen? Man hat ſie nicht aufgebrochen, ſondern ich habe ſie geöffnet: das iſt meine Schuldigkeit. Das iſt die Schuldigkeit eines Straßenräubers, aber nicht die eines ehrlichen Wirthes. Erbittert über eine ſolche Schändlichkeit, glaubte ich mich in die Sache miſchen zu müſſen. Ich trete mit der Nachtmütze auf dem Kopfe ins Zimmer und erzähle dem Manne alle Umſtände dieſer Plackerei. Er antwortet la⸗ chend, daß man erſtlich nicht wiſſen könne, ob die Perſon, die neben ihm ſchlafe, eine Frau wäre, denn man habe ſie nur in einem Offizieranzuge geſehn, daß er zweitens Nie⸗ mand für berechtigt halte, von ihm Rechenſchaft zu fordern, ob, vorausgeſetzt, daß das Weſen, welches bei ihm ſchliefe, wirklich eine Frau wäre, daſſelbe ſeine Frau oder ſeine Ge⸗ liebte wäre. Uebrigens, fügte er hinzu, bin ich entſchloſſen, nicht einen Thaler auszugeben, um dieſe Sache zu beendi⸗ gen, und nicht eher aus dem Bette aufzuſtehen, als bis man meine Thür geſchloſſen haben wird. Sobald ich an⸗ gekleidet ſein werde, ſollen Sie eine hübſche Entwickelung dieſer Komödie ſehen. Ich werde alle dieſe Schurken mit Säbelhieben hinausjagen. — Dutillot, erſtem Miniſter des Infanten, Herzogs von Parma, 199 Ich ſehe nun in einer Ecke des Zimmers einen Sähel und einen ungariſchen Rock, welcher den Anſchein einer Uni⸗ form hatte. Ich fragte ihn, ob er Offizier wäre. Ich habe, antwortete er mir, meinen Namen und meinen Stand in das Fremdenbuch des Wirthes eingeſchrieben. Erſtaunt über das befremdende Benehmen des Wirths, befrage ich ihn über die Sache, und er geſteht, daß es die Wahrheit wäre; aber er fügt hinzu, dies hindere nicht, daß das geiſtliche Forum jedem Skandal vorzubeugen ſuche. Die Schmach welche Sie dieſem Offizier angethan haben, wird Ihnen, Herr Wirth, theuer zu ſtehen kommen. Statt aller Antwort lachte er mir ins Geſicht. Aufs höchſte ge⸗ reizt, mich von einem ſolchen elenden Menſchen verhöhnt zu ſehen, nehme ich Partei und frage den Offizier, ob er mir das Vertrauen ſchenke, mir ſeinen Paß auf einige Augen⸗ blicke zu geben. Ich habe zwei, ſagte er, und kann Ihnen ſehr gut einen anvertrauen. Dies ſagend, zieht er denſelben aus ſeiner Brieftaſche hervor und giebt ihn mir. Derſelbe war vom Kardinal Albani ausgeſtellt, und der Offizier war Kapitain in einem ungariſchen Regimente der Kaiſerin. Er kam von Rom und begab ſich nach Parma, um Herrn * ————————— Depeſchen vom Kardinal Albani Alexander zu bringen. In dieſem Augenblick tritt lärmend ein Mann in das Zimmer, und bittet mich, dem Herrn zu ſagen, er möge ſich mit den Leuten abfinden, weil er mit dem Aufbruche nicht länger warten könne. Wer ſind Sie? ſagte ich zu ihm. Er antwortet, er wäre der Fuhrmann, mit welchem der Kapi⸗ 3. tain reiſe. Da ich wohl ſah, daß dies ein verabredeter Streich war, ſo bat ich den Kapitain, mir die Sache zu überlaſſen, und verſicherte ihm, daß ich ſie mit Ehren beenden würde. Machen Sie, ſagte er, was Sie wollen. Mich nun zum Fuhrmann wendend, ſagte ich: Bringen Sie den Koffer des Kapitains herauf, und Sie ſollen bezahlt werden. Sobald der Koffer im Zimmer war, zog ich acht Zechinen aus mei⸗ ner Börſe und gab ſie ihm, nachdem er mir für den Kapi⸗ tain, welcher nur deutſch, ungariſch und lateiniſch ſprach, A 200 eine Quittung ausgeſtellt. Der Fuhrmann ging ab, und die beſtürzten Sbirren entfernten ſich ebenfalls, zwei aus⸗ genommen, welche im Saale blieben. Capitain, ſagte ich zum Ungarn, bleiben Sie bis zu meiner Rückkehr im Bette. Ich gehe zum Biſchofe, um ihm von der Sache Bericht zu erſtatten und ihm begreiflich zu machen, welche Genugthuung er Ihnen ſchuldig iſt. Uebrigens, fügte ich hinzu, iſt der General Spada in Ce⸗ ſena und— er ließ mich nicht ausreden. Ich kenne ihn, ſagte er, und wenn ich gewußt hätte, daß er hier wäre, hätte ich dem Wirth, welcher dieſem Geſindel die Thür ge⸗ öffnet, eine Kugel durch den Kopf gejagt. Ich kleide mich eiligſt an, und unfriſirt und im Ueber⸗ rocke begebe ich mich zum Biſchofe, und dadurch, daß ich großen Skandal mache, zwinge ich das Bedientenvolk, mich in ſein Zimmer zu führen. Der Bediente, welcher an der Thur ſtand, ſagte, Se. Herrlichkeit liege noch im Bette. Das iſt gleich, ich habe nicht Zeit zu warten. Ich ſtoße ihn zurück und trete ein. Ich erzähle dem Prälaten die ganze Geſchichte, male den ſkandalöſen Auftritt aus, be⸗ ſchwere mich über die Ungerechtigkeit eines ſolchen Verfah⸗ rens und greife eine drückende Polizei an, welche auf ſolche Weiſe mit dem heiligen Rechte der Menſchen und der Na⸗ tionen ſpiele. 5 Der Biſchof antwortet mir nicht, aber er befiehlt, mich in ſeine Kanzelei zu führen. Ich finde den Kanzler und wiederhole, was ich dem Biſchof geſagt, aber mit ſehr wenig abgemeſſenen Worten, welche geeigneter ſind, zu erzürnen, als zu beſänftigen und welche keineswegs geeignet ſind, die Befreiung des Offiziers zu erwirken. Ich gehe bis zur Drohung, und ſage, wenn ich der Offizier wäre, würde ich eine glänzende Genug⸗ thuung fordern. Der Prieſter lachte mir ins Geſicht. Das gerade wollte ich, und nachdem er mich gefragt, ob es bei mir im Kopfe nicht richtig ſei, beftehlt er mir, mich an den Vorſtand der Sbirren zu wenden, und ich, erfreut, die Sache verſchlimmert zu haben, verlaſſe ihn und begebe mich unmittelbar zum General Spada. Man ſagt mir er wäre, 201 1 *⁴ erſt um acht Uhr ſichtbar, und ich kehre in den Gaſthof zurück. 3 Nach dem Feuer, welches in mir glühte, nach dem Eifer, mit welchem ich mich dieſer Sache angenommen, müßte man glauben, und ich könnte dies meinen Leſer glauben laſſen, mein Unwille ſei nur aus dem Abſcheu ent⸗ ſprungen, welcher in mir dadurch entſtanden, daß ich eine ſtttenloſe, unmoraliſche und drückende Polizei eine ſcheußliche Verfolgung gegen einen Fremden hatte ausüben ſehen; aber warum ſollte ich meinen freundlichen Leſer, dem ich die verſprochene Wahrheit ſchuldig bin, täuſchen? Ich will alſo lieber ſagen, daß ich allerdings Unwillen empfand, daß aber ein perſönlicherer Grund mich ſo ſehr in Hitze ſetzte. Ich ſtellte mir das unter der Bettdecke verborgene Mädchen reizend vor, ich brannnte vor Ungeduld, ihre Figur zu ſehen, welche ſie ohne Zweifel aus Schaam nicht zu zeigen gewagt. Sie hatte mich gehört und meine Eigenliebe geſtattete mir nicht zu zweifeln, daß ſie mich über ihren Capitain ſtellen würde. Da die Thüre des Zimmers offen geblieben war, ſo trat ich ein und erſtattete dem Capitain Bericht von Allem, was ich gethan, indem ich ihm zugleich verſicherte, daß er im Laufe des Tages im Stande ſein würde, auf Koſten des Biſchofs abzureiſen, denn der General würde nicht erman⸗ geln, ihm vollſtändige Genugthuung zu geben. Er dankte mir freundlichſt, gab mir meine acht Dukaten zurück und ſagte, er würde erſt am folgenden Tage abreiſen. Aus welchem Lande, ſagte ich, iſt Ihr Reiſegefährte? Er iſt Franzoſe, und ſpricht nur ſeine Sprache. Sie ſprechen alſo franzöſiſch? Kein Wort. Das iſt luſtig! Sie führen alſo Pantomimen auf? Durchaus. Ich bedaure Sie, denn das iſt eine ſchwierige Sprache. Allerdings in Betreff der feinen Schattirungen der Be⸗ griffe; was aber das Materielle anbetrifft, ſo verſtehen wir uns vollkommen. Darf ich mich zum Frühſtück bei Ihnen einladen? Fragen Sie ihn, ob er es gern ſehen wird. ———— ————————— 1 F „ 8 54 4 1 5 4 8 E* 1 d — ͦ⸗ 202 Liebenswürdige College des Capitains, ſage ich fran⸗ zöſiſch, darf ich als Gaſt zu ihrem Frühſtück kommen? Sogleich ſehe ich einen reizenden Kopf mit aufgelöſtem Haare friſch und lachend unter der Bettdecke hervorſchlüpfen und trotz ſeiner Männermütze erkenne ich das Geſchlecht, ohne welches der Mann das unglücklichſte Thier auf der Erde ſein würde. T. ) 12. Erfreut über dieſe anmuthige Erſcheinung ſage ich“zu‿p ch Sie geſehen, v ihr, ich hätte das Glück, noch ehe i nahme fuüͤr Sie empfunden zu haben, und jetzt, wo ich Sie geſehen, könne mein Eifer, ihr nützlich zu werden, ſich nur verdoppeln. Sie antwortete mit einer Anmuth und Lebhaftigkeit, welche nur dieſer liebenswürdigen Nation eigen ſind, und ſie wendete mein Argument mit einer Feinheit des Aus⸗ drucks zurück, welche mich bezauberte. Meine Bitte wurde genehmigt und ich ging hinaus, um das Frühſtück zu be⸗ 2 ſtellen, und ihnen Zeit zu laſſen, eine ſitzende Stellung ein⸗ zunehmen, denn ſie waren entſchloſſen, nicht eher aus dem Bette aufzuſtehen, als bis die Thür geſchloſſen wäre. Als der Kellner kam, gehe ich wieder hinein und finde meine Franzöſin im blauen Ueberrock, die Haare nach Män⸗ nerart, aber ſchlecht geordnet, und auch in dieſem Anzuge entzückend. Ich ſehnte mich danach, ſie ganz außer dem Bette zu ſehen. Sie frühſtückte, ohne je den Offizier zu unterbrechen, welcher mit mir ſprach und auf welchen ich gar nicht oder ſchlecht hörte, denn ich war in einer Art Bezauberung. Sogleich nach dem Frühſtücke gehe ich zum General und erzähle ihm die Sache, die ich ſo zuſtutze, daß ſie ſeine Eigenliebe reizen muß. Ich ſage, der Offizier wäre falls er nicht die Sache in Ordnung brächte, entſchloſſen, einen Expreſſen an den Kardinal⸗Protektor zu ſchicken. Aber meine Beredtſamkeit war überflüſſig, denn er war wohl zufrieden, daß die Prieſter ſich in die himmliſchen Angelegenheiten miſchten, aber er wollte nicht, daß ſie ihre Naſe in die Angelegenheiten dieſer Welt ſteckten. Ich werde, — 1 2 203 ſagte er, mit dieſer Narrenspoſſe ordentlich umſpringen, in⸗ dem ich ihr den Anſchein der größten Wichtigkeit gebe. Gehen Sie, ſagte er zu ſeinem Adjutanten und laden Sie dieſen Offizier und ſeinen Gefährten zum Mittagseſſen ein, begeben Sie ſich ſodann zum Biſchofe und ſagen Sie demſelben, daß der Offtzier, der eine bittere Schmach erlit⸗ ten, nicht eher abreiſen wird, als bis er eine glänzende Ge⸗ nugthuung und die Geldſumme, welche er als Entſchädigung fordert erhalten. Sagen Sie demſelben, daß ich ihm dies ſagen lafſe, und daß alle Ausgaben, welche der Offizier hier machen wird, auf ſeine Rechnung kommen werden. Welcher Genuß für mich, bei dieſem Befehle zugegen zu ſein! Denn vermöge meiner Eitelkeit betrachte ich mich als den Urheber deſſelben. Ich gehe mit dem Adjutanten weg und ſtelle ihn dem Capitain vor, welcher ihn mit der Freude eines Soldaten, der einen Kamaraden findet, empfängt. Der Adjutant ladet ihn nebſt ſeinem Freunde ein und ſagt, er möge die Genugthuung und Entſchädigung, welche er fordere, ſchriftlich aufſetzen. Als die Sbirren den Adjutan⸗ ten des Generals erblickten, waren ſie verſchwunden. Ich gab dem Capitain Feder, Papier und Dinte und er ent⸗ warf ſeine Forderung in einem für einen Ungarn ziemlich guten Latein. Dieſer brave Mann wollte durchaus nur dreizig Zechinen fordern, obwohl ich ſehr in ihn drang, hun⸗ dert zu verlangen. Auch hinſichtlich der Genugthuung war er zu gemäßigt, denn er verlangte nur, daß der Wirth und die Sbirren ihn knieend in Gegenwart des Adjutanten um Verzeihung bäten. Er drohte dem Biſchofe, wenn er das, was er forderte, nicht binnen zwei Stunden erhielte, eine Staffette nach Rom an den Kardinal Alerander zu ſchicken, und auf ſeine Koſten, die er täglich mit zehn Zechinen be⸗ rechnen würde, in Ceſena zu bleiben. Der Offizier entfernt ſich und einen Augenblick darauf tritt der Wirth ehrfurchtsvoll ins Zimmer und ſagt ihm er ſei frei, da ihm aber der Offizier durch mich ſagen läßt, daß er ihm zwanzig Stockſchläge ſchulde, ſo macht er ſich ſchnell aus dem Staube. Ich verließ ſie, um mich anzukleiden, da ich mit ihnen —— — 204 beim General ſpeiſen ſollte. Eine Stunde darauf erſchienen ſte in guter Uniform. Die der Franzöſin war eine elegante Phantaſte⸗Uniform, und ich gebe nun augenblicklich Neapel auf, um mit ihnen nach Parma zu gehen. Die Schönheit dieſer niedlichen Franzöſin hatte mich ſchon gefeſſelt. Der Capitain war den Sechzigern nahe und ich fand dieſe Ver⸗ bindung natürlich ſehr unangemeſſen. Ich ſetzte mir in den Kopf, daß die Sache, welche ich wünſchte, ſich auf eine freundſchaftliche Weiſe geſtalten könne. Der Adjutant kehrte mit einem Prieſter des Bisthums zurück, welcher dem Capitain meldete, daß er die verlangte Genugthuung und Entſchädigung erhalten ſolle, daß er ſich indeß mit funfzehn Zechinen begnügen ſolle. Dreißig oder nichts, antwortete trocken der Ungar. Er erhielt ſie, und damit war die Sache abgemacht. Da dieſer ſchöne Sieg die Frucht meiner Bemühungen war, ſo gewann ich die Freundſchaft des Capitains und ſeiner ſchönen Gefährtin. Um ſich ſogleich zu überzeugen, daß der Gefährte des Capitains kein Mann war, brauchte man nur ſeine Hüften zu trachan. Sie war eine zu ſchöne Frau, um für einen Mann gelten zu können, und ſicherlich haben die Frauen, welche ſich durch eine Verkleidung uns ähnlich machen wol⸗ len, ſehr Unrecht, denn ſie geſtehen dadurch ein, daß ihnen ihre ſchönſte Vorzüge fehlen. — Etwas vor der Tiſchzeit begaben wir uns zum Gene⸗ xal, welcher ſich beeilte, die beiden Offiziere allen anweſen⸗ den Damen vorzuſtellen. Keine ließ ſich irre führen, da ſie aber ſchon die Geſchichte kannten, ſo waren ſie erfreut, mit dem Helden des Stückes zu ſpeiſen, und alle behandelten den jungen Offtzier wie einen Mann; dagegen huldigten Wunfe Männer auf eine ſeinem Geſchlechte angemeſſene eiſe.— Madame Querini allein ſchmollte, denn da die ſchöne Franzöſin alle Aufmerkſamkeit auf ſich zog, ſo fuͤhlte ihre Eigenliebe ſich verletzt. Sie richtete an dieſe das Wort nur, um mit ihrem Franzöſiſch zu paradiren, welches ſie in der That ziemlich gut ſprach. Der arme Capitain ſprach faſt gar nicht, denn Niemand bemühte ſich, lateiniſch mit * ihm zu ſprechen und der General hatte ihm nicht viel deutſch 205 zu ſagen. Ein alter Abbé ſuchte bei Tiſche den Biſchof zu recht⸗ fertigen, indem er durchführte, daß der Biſchof und die Sbirren nur auf Befehl der heiligen Inquiſition ſo handel⸗ ten. Aus dieſem Grunde, ſagte er, giebt es in den Gaſt⸗ höfen keine Riegel, damit die Fremden ſich nicht einſchließen können. Die Inquiſition will nicht geſtatten, daß man bei einer andern Frau, als der ſeinigen, ſchlafe. Zwanzig Jahre ſpäter fand ich in Spanien in allen Gaſthofen die Thüren mit einem Riegel von außen verſe⸗ hen, ſo daß die Reiſenden im Gaſthofe wie im Gefängniß waren und ſich allen Plackereien nächtlicher Beſuche preis gegeben ſahen. Dieſe Krankheit iſt in Spanien ſo tief ein⸗ gewurzelt, daß ſie die Monarchie einſt zu verſchlingen droht, denn es wäre durchaus nichts Außerordentliches, wenn eines ſchönen Tages der Großinquiſitor den König ſcheeren li:e und ſich an ſeine Stelle ſetzte. 8 von Straße Nr. Brandes& Schultze in Berlin, R ——“ ———— QNinſmnſnmmnmſnſnnnſſnnſſüſsnn 5 6 11 12 13 14 15 8 v l LIIIIIIIIIIIIIIIIIINIIIILLIILIINII Ilrlul IUILLII 1 lalrlu