— —& 8. . 4— ——“. 1 8 5 5 4 8 —— — Jakob Cafanova von Seingalt's MENOTARENl. Deutſch von K. von Alvensleben. Aufs Ueue durchgeſehen von Dr. C. J. Schmidt. Zehnter Theil. -——=ͤ— Leipzig. H. Neubürger's Verlag. (Wilh. Radeſtock.) Erſtes Kapitel. Fernere Erlebniſſe auf dem Ball in Bonn.— Empfang bei dem Churfürſten von Köln.— Frühſtück in Brühl. — Erſte Vertraulichkeit.— Abendeſſen ohne Einladung bei dem General Uettler.— Ich bin glücklich.— Meine Abreiſe von-Köln.— Die kleine Coscani.— Der Schmuck.— Meine Ankunft in Stuttgart. — Als ich wieder in meinem Zimmer war, legte ich mein Geld fort, wechſelte die Kleidung und kehrte auf den Ball zurück. Ich ſah den Spieltiſch von neuen Kämpfern beſetzt und einen andern Banquier, der viel Geld vor ſich hatte; allein da ich nicht mehr ſpielen wollte, hatte ich nur wenig Geld bei mir behalten.— Ich miſchte mich unter die Gruppen und überall hörte ich die Neugier ausſprechen, zu wiſſen, wer die Maske wäre, welche die erſte Bank geſprengt hatte. Wenig geſonnen, die Neugierigen zu befriedigen, ſchweifte ich rechts und links umher und entdeckte den Gegenſtand meiner Nachforſchungen in der Unter⸗ haltung mit dem Grafen Verita; ich näherte mich ihnen und hörte, daß ſie ſich von mir unterhielten. Der Graf ſagte, der Churfürſt wollte wiſſen, wer die Maske wäre, die ihn geſprengt hätte, und der General Kettler hätte geſagt, es möchte wohl ein Venetianer ſein, der vor acht Tagen nach Köln gekommen wäre. Meine Dame ſagte ihm, ſie könnte nicht glauben, daß ich gekommen wäre, denn ſie hätte mich ſagen hören, meine Geſund⸗ X.[28] 1* heit geſtattete mir dies nicht.„Ich kenne Caſanova,“ ſagte der Graf,„und wenn er in Bonn iſt, ſo wird der Churfürſt das erfahren und er nicht abreiſen, ohne daß ich ihn geſehen habe.“ Ich ſah voraus, daß man mich leicht nach dem Balle entdecken würde, aber ich trotzte den Scharf⸗ ſichtigſten während der ganzen Zeit meiner Anweſenheit. Das würde mir gelungen ſein, wäre ich klug geweſen; allein man arrangirte Contretänze, und da ich Luſt bekam, zu tanzen, engagirte ich mich, ohne zu bedenken, daß ich gezwungen ſein würde, die Maske abzunehmen. Dies geſchah, als ich nicht mehr zurück konnte. Als meine ſchöne Dame mich ſah, ſagte ſie mir, ſie hätte ſich getäuſcht; ſie würde darauf gewettet haben, daß ich die Maske ſei, welche dem Grafen Verita die Bank geſprengt hat. Ich antwortete ihr, ich wäre ſoeben erſt angelangt. Zu Ende des Contretanzes bemerkte mich der Graf, kam zu mir und ſagte:„Mein lieber Landsmann, ich bin überzeugt, daß Sie, während ich die Bank hielt, dieſe ſprengten. Ich wünſche Ihnen Glück dazu.“ „Ich würde mir auch Glück wünſchen, wenn ich es geweſen wäre.“ „Ich bin meiner Sache gewiß.“ Ich ließ ihn lachend ſprechen, und nachdem wir in dem Buffet einige Erfriſchungen genoſſen hatten, fuhr ich fort zu tanzen. Zwei Stunden darauf kehrte der Graf lächelnd zu mir zurück und ſagte:„Sie haben den Domino in dem und dem Hauſe, auf dem und dem Zimmer gewechſelt. Der Churfürſt weiß Alles, und um Sie für dieſe Betrügerei zu beſtrafen, hat er mir befohlen, Ihnen zu ſagen, daß Sie morgen nicht abreiſen werden.“ „Er will mich alſo arretiren laſſen?“ 5 ¹„Weshalb nicht, wenn Sie ſich weigern, morgen bei ihm zu ſpeiſen?“ „Sagen Sie Sr. Hoheit, daß ich in einem ſolchen Falle gehorſam bin und ſeinen Befehlen gehorchen werde. Wollen Sie ſo gütig ſein, mich ſogleich vorzuſtellen?“ „Er hat ſich zurückgezogen; doch kommen Sie morgen Mittag zu mir.“ Er reichte mir die Hand und entfernte ſich. Ich verfehlte nicht, mich einzuſtellen. Als der Graf mich aber präſentirte, ſpielte ich eine ziemlich traurige Figur. Der Churfürſt befand ſich in der Mitte von fünf oder ſechs Höflingen, und da ich ihn niemals geſehen hatte, ſuchte ich einen Geiſtlichen, den meine Augen nirgends fanden. Er bemerkte meine Verlegen⸗ heit und beeilte ſich, derſelben ein Ende zu machen, indem er in ſchlechtem Venetianiſch ſagte: „Ich trage heut das Gewand als Großmeiſter des deutſchen Ordens.“ Ungeachtet ſeines Koſtüms machte ich die gewöhn⸗ liche Kniebeugung, und als ich ihm die Hand küſſen wollte, verhinderte er dies, indem er die meinige freundlich drückte. „Ich war in Venedig,“ ſagte er,„als Sie in den Bleigefängniſſen waren, und mein Neffe, der Churfürſt von Baiern, theilte mir mit, daß Sie nach Ihrer glück⸗ lichen Flucht ſich einige Zeit in München aufgehalten hätten. Wären Sie nach Köln gekommen, hätte ich Sie hier zurückgehalten. Ich hoffe, daß Sie uns nach dem Diner die Erzählung Ihrer Flucht zum Beſten geben, daß Sie zum Souper bleiben und ſich bei einem kleinen Balle, auf dem wir uns unterhalten, zu den Unſerigen zählen.“ Ich verpflichtete mich zu der Erzählung, voraus⸗ geſetzt, daß er die Geduld haben würde, mich bis zu Ende anzuhören, indem ich ihn darauf aufmerkſam 6 machte, daß meine Schilderung zwei Stunden in Anſpruch nehmen könnte.„Man langweilt ſich nicht bei dem Vergnügen,“ hatte er die Güte, mir zu ſagen; ich erheiterte ihn indeß, indem ich ihm das Geſpräch erzählte, welches ich über dieſen Gegenſtand mit dem Herzog von Choiſeul gehabt hatte. Während der Mahlzeit ſprach der Fürſt beſtändig Venetianiſch mit mir und ſagte mir die ſchmeichel⸗ hafteſten Dinge. Er war ein heiterer, munterer und gutmüthiger Menſch, und bei dem Scheine der Ge⸗ ſundheit, welchen ſeine ganze Perſon zeigte, wäre es ſchwer geweſen, ihm ein ſo nahes Ende vorauszuſagen. Er ſtarb im nächſten Jahr darauf. Sobald wir vom Tiſche aufgeſtanden waren, bat er mich, meine Erzählung zu beginnen. Ich war lebendig, und zwei lange Stunden hindurch hatte ich das Vergnügen, die glänzendſte Geſellſchaft zu intereſſiren. Meine Leſer kennen dieſe Geſchichte, deren Intereſſe aus der wahrhaft dramatiſchen Lage entſpringt. — Allein es iſt unmöglich, ihr ſchriftlich all das Feuer zu geben, welches meine gute, mündliche Mit⸗ theilung ihr verlieh. Der kleine Ball des Churfürſten war ſehr angenehm. Wir waren ſämmtlich als Bauern gekleidet und die Koſtüme kamen aus einer beſonderen Garderobe des Fürſten. Die Damen hatten ſich in einem anſtoßen⸗ den Saale angekleidet. Es wäre lächerlich geweſen, ein anderes Koſtüm zu wählen, da der Churfürſt ſelbſt dies angenommen hatte. Der General Kettler hatte von der Geſellſchaft die beſte Verkleidung, denn er war ein ganz natürlicher Bauer. Meine Dame ſah reizend aus. Man tanzte nur Contre⸗ und deutſche Tänze. Es waren nur vier oder fünf Damen der haute volée zugegen; alle anderen, mehr oder minder hübſch, ——— N 4 gehörten der Privatbekanntſchaft des Fürſten an, der ſein ganzes Leben hindurch ein großer Liebhaber des ſchönen Geſchlechts war. Zwei der Damen tanzten die Furlane und der Churfürſt fand ein unendliches Vergnügen daran, uns dieſelbe tanzen zu ſehen. Ich ſagte bereits, daß die Furlane ein venetianiſcher Tanz iſt, und daß es in der ganzen Welt keinen lebhafteren giebt. Man tanzt ihn zu Zweien, ein Herr und eine Dame, und da die beiden Tänzerinnen Vergnügen daran fanden, ſich abzulöſen, machten ſie mich beinahe todt. Man muß ſehr kräftig ſein, um zwölf Touren zu tanzen, und nach meiner dreizehnten konnte ich nicht mehr und flehte ſie an, Mitleid mit mir zu haben. Bald darauf führte man einen Tanz auf, bei dem man bei einer gewiſſen Tour eine Tänzerin ergreift und küßt; ich zeigte mich nicht zurückhaltend. So oft ſich mir Gelegenheit bot, meine Schöne zu finden, umarmte ich ſie eifrig, und der Bauer⸗Churfürſt lachte laut, während der Bauer⸗General vor Unwillen platzen wollte. In einem Augenblick der Ruhe fand die reizende Frau, die einen ganz originellen Geiſt beſaß, das Mittel, mir heimlich zu ſagen, alle Damen aus Köln ſollten am nächſten Tage um Mittag abreiſen und ich könnte mir Ehre gewinnen, indem ich ſie ſämmtlich in Brühl zum Frühſtück einladete.—„Schicken Sie einer Jeden eine Einladungskarte mit dem Namen ihres Kavaliers und vertrauen Sie ſich dem Grafen Verita an, der Alles auf das Beſte ordnen wird, wenn ſie ihm nur ſagen, daß Sie es ſo machen wollen, wie vor zwei Jahren der Fürſt von Zwei⸗ brücken. Verlieren Sie keine Zeit. Rechnen Sie auf einige zwanzig Perſonen und bezeichnen Sie die Stunde, beſonders aber laſſen Sie Ihre Einladungs⸗ karten um neun Uhr Morgens ausgeben.“ Das Alles wurde mit überraſchender Schnelligkeit geſprochen. Ich war beinahe bezaubert über die Herr⸗ ſchaft, welche die Frau über mich ausüben zu können glaubte, und dachte nur daran, ihr zu gehorchen, ohne mir die Ueberlegung zu geſtatten, ob es mir auch erlaubt ſei. Brühl, Frühſtück, zwanzig Perſonen, Billets an die Damen, der Graf Verita.— Ich war ſo genau unterrichtet, als ob ſie mir ihren Plan eine ganze Stunde lang auseinandergeſetzt hätte. Ich ging in meinem Bauern⸗Anzug hinaus und bat einen hübſchen Pagen, mich zu dem Zimmer des Grafen Verita zu führen; dieſer lachte, indem er mich ſo ſah. Ich erzählte ihm meine wichtige An⸗ gelegenheit mit einer diplomatiſchen Genauigkeit, die ihn vollends in gute Laune verſetzte. „Ihre Sache iſt leicht,“ ſagte er.„Sie wird mich nur die Mühe koſten, ein Billet an den Küchenmeiſter zu ſchreiben, und das will ich auf der Stelle thun; ſagen Sie mir aber, wie viel Sie bezahlen wollen.“ „So viel als möglich.“ „Sie wollen ſagen, ſo wenig als möglich?“ „Nein, durchaus nicht. So viel als möglich, denn ich will meine Gäſte glänzend bewirthen.“ „Sie müſſen indeß eine Summe beſtimmen, denn ich kenne meinen Mann.“ „Nun denn, zwei, drei Hundert Dukaten. Iſt das genug?“. „Zwei Hundert; der Fürſt von Zweibrücken hat nicht mehr ausgegeben.“ Er ſchrieb ein Billet und gab mir ſein Wort, daß Alles bereit ſein würde. Ich verließ ihn. Ich wandte mich an einen ſehr muntern italieniſchen Pagen und ſagte ihm, ich würde zwei Dukaten dem Kammer⸗ diener geben, der mir ſogleich die Namen und die 94 9 Adreſſen der Damen aus Köln angäbe, welche nach Bonn gekommen wären, ſowie die der Kavaliere, welche dieſelben begleitet hatten. Nach weniger als einer halben Stunde hatte ich die Adreſſen, und ehe ich den Ball verließ, ſagte ich meiner Dame, Alles würde nach ihrem Willen bereit ſein. Ich ſchrieb achtzehn Billets, ehe ich mich ſchlafen legte, und am nächſten Morgen vor 9 Uhr hatte ein vertrauter Lohndiener ſie an ihre Adreſſen über⸗ bracht. Um neun Uhr verabſchiedete ich mich von dem Grafen Verita, der mir im Auftrage des Churfürſten eine prachtvolle goldene Tabatiéère, mit ſeinem Bilde in dem Gewande des Großmeiſters des deutſchen Ordens und mit Brillanten beſetzt übergab. Ich war ſehr ergriffen durch dieſen Beweis des Wohl⸗ wollens und bezeugte dem Grafen den Wunſch, Sr. Hoheit vor meiner Abreiſe dafür zu danken; allein mein liebenswürdiger Landsmann ſagte mir, ich könnte meinen Dank verſchieben, bis ich auf meiner Reiſe nach Frankfurt durch Bonn käme. Man ſollte um ein Uhr frühſtücken; um Mittag war ich ſchon in Brühl, einem Luſthauſe des Chur⸗ fürſten, das außer dem Meublement nichts Merk⸗ würdiges hatte. Es iſt eine kleine Copie von Trianon. Ich fand in einem ſchönen Saale eine Tafel für vierundzwanzig Perſonen gedeckt und die Couverts in Vermeil, Damaſttiſchzeug, prachtvolles Porzellan und auf dem Büffet eine große Maſſe von Silberzeug und Vermeilſchüſſeln. An einem der Enden des Saales ſtanden zwei andere Tafeln, bedeckt mit Zuckerzeug und den beſten europäiſchen und ausländiſchen Weinen. Ich ſtellte mich als den Amphytrion des Tages vor und der Küchenmeiſter verſicherte mich, ich würde zufrieden ſein.„Die Mahlzeit wird nur aus vierundzwanzig Schüſſeln beſtehen,“ ſagte er,„allein Sie haben außerdem vierundzwanzig Schüſſeln engliſche Auſtern und ein köſtliches Deſſert.“ Da ich eine große Menge von Dienern erblickte, ſagte ich ihm, ſie wären nicht nöthig; allein er bemerkte mir, dies wäre doch der Fall, denn die der Gäſte würden nie zugelaſſen; er fügte hinzu, ich ſollte mir deshalb keine Sorge machen, denn die ganze Diener⸗ ſchaft kenne dieſen Gebrauch. Ich empfing alle Gäſte an dem Wagenſchlage und entſchuldigte mich dabei, mit der Bitte um Verzeihung für die Kühnheit, die ich mir genommen hätte, mir die Ehre zu verſchaffen, ſie zu bewirthen. Punkt ein Uhr wurde ſervirt, und ich hatte das Vergnügen, der Art von Staunen zu genießen, das in den Augen meiner Dame lag, als ſie ſah, daß ich ſie mit nicht geringerer Pracht bewirthete, als ein Fürſt des deutſchen Reiches. Sie wußte, daß es Niemand unbekannt war, ſie ſei der unmittelbare Gegenſtand dieſer ganzen Verſchwendung, allein ſie war entzückt darüber, daß ich ſie vor den anderen Damen nicht auszeichnete. Es war für vierundzwanzig Perſonen gedeckt, und obgleich ich nur achtzehn eingeladen hatte, waren alle Pläͤtze beſetzt. Es hatten ſich alſo drei Paar eingedrängt. Doch dieſer Eifer gewährte mir Vergnügen. Als galanter Kavalier wollte ich mich nicht ſetzen und bediente die Damen, indem ich von der einen zur andern ging und ſtehend die auserleſenen Ziſſen genoß, die ſie mir wetteifernd zureichten; ich wachte darüber, daß Alle befriedigt wurden. Die Auſtern endeten erſt bei der zwanzigſten Flaſche Champagner, ſo daß die ganze Geſellſchaft zu gleicher Zeit zu ſprechen begann, als das Frühſtück anfing. 11 Dasſelbe hätte für ein prachtvolles Diner gelten können, und ich bemerkte mit Vergnügen, daß kein Tropfen Waſſer getrunken wurde, denn der Champagner, der Tokaier, der Rheinwein, der Madeira, der Malaga, der Wein von Cypern, Alicante und vom Cap laſſen ſich nicht mit Waſſer vermiſchen, und nur dieſe wurden ſervirt. Vor dem Deſſert wurde eine gewaltige Schüſſel mit Trüffeln in Ragout aufgetragen. Ich gab den Rath, ſie zu eſſen, indem man dazu Marasquino tränke, und die Damen, welche dies nach ihrem Geſchmacke fanden, tranken ihn wie Waſſer. Das Deſſert war prachtvoll. Man ſah bei demſelben die Portraits aller Souveraine Europa's. Man überhäufte den Küchen⸗ meiſter mit Lobſprüchen; er fühlte ſich in ſeiner Eigen⸗ liebe geſchmeichelt, und da er den Liebenswürdigen ſpielen wollte, ſagte er, alle die Sachen vertrügen die Taſchen. Nun griffen die Gäſte wetteifernd zu. Der General Kettler, welcher ungeachtet ſeiner Eiferſucht und der Rolle, die er mich ſpielen ſah, nichts ahnte, ſagte:„Ich wette, daß das ein Streich iſt, den der Churfürſt uns ſpielt, um ſein Feſt zu vervollſtändigen. Se. Hoheit hat das Incognito bewahren wollen und Herr Caſanova hat ſeine Rolle ſehr gut geſpielt.“ Dieſer Einfall brachte die ganze Geſellſchaft zu lautem Gelächter.„Mein General.“ ſagte ich,„wenn der Churfürſt mich durch einen ſolchen Befehl geehrt hätte, ſo würde ich ohne Zweifel gehorcht haben, aber er hätte mich dadurch gedemüthigt. Se. Hoheit erzeigte mir eine viel größere Gnade, und zwar dieſe.“ Mit dieſen Worten zeigte ich ihm die Tabatière, welche zwei oder drei Mal die Runde um den Tiſch machte. 12 Als wir fertig waren, ſtanden Alle auf, verwundert darüber, drei Stunden bei einem Vergnügen zugebracht zu haben, welches Jeder gern verlängert hätte; aber man mußte ſich endlich trennen und nach tauſend ſchönen Komplimenten machte alle Welt ſich auf den Weg, um noch zu rechter Zeit zum Theater anzu⸗ kommen. Ebenſo zufrieden wie meine Gäſte, ließ ich dem Küchenmeiſter zwanzig Dukaten zurück, um ſie unter die Bedienten zu vertheilen und ich entfernte mich dann, indem ich ihm verſprach, dem Grafen Verita ſchriftlich meine vollſte Zufriedenheit auszudrücken. Ich kam noch früh genug nach Köln, um das kleine Stück zu ſehen, welches die franzöſiſchen Schauſpieler aufführten, und da ich keinen Wagen hatte, ließ ich mich in einer Portechaiſe in das Theater tragen. Sobald ich dort war, ſah ich den Grafen Laſtic mit meiner Schönen; ich zog daraus einen günſtigen Schluß und ſuchte ſie auf. Als ſie mich ſah, ſagte ſie mit traurigem Tone, der General wäre ſo unwohl geworden, daß er ſich hätte zu Bett legen müſſen. Einige Augen⸗ blicke darauf entfernte ſich der Graf Laſtic. Sie gab ihren Ton der verſtellten Traurigkeit auf und machte mir mit unendlicher Anmuth die tauſend Komplimente, die mein Frühſtück hundertmal aufwogen.„Der General,“ ſagte ſie,„hat zu viel getrunken; er iſt ein neidiſcher Menſch. Er fand, daß es ſich für Sie nicht gezieme, uns wie ein Fürſt zu bewirthen. Ich antwortete ihm, Sie hätten uns im Gegentheil wie Fürſten als ein niedriger Diener, die Serviette über dem Arme, bediente. Er beleidigte mich noch, daß ich Ihre Vertheidigung übernommen hatte.“ „Weshalb ſchicken Sie ihn nicht fort, Madame? Ein Tölpel ſeiner Art iſt nicht dazu geeignet, einer ſo ausgezeichneten Schönheit zu dienen.“ 13 „Es iſt zu ſpät, mein Freund. Eine Frau, die Sie nicht kennen, würde ſich ſeiner bemächtigen. Ich wäre gezwungen, mich zu verſtellen, und das würde mir ſchmerzlich ſein.“ „Ich begreife das vollkommen. Weshalb bin ich nicht ein großer Fürſt? Inzwiſchen geſtatten Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß ich bei Weitem kränker bin, als Kettler.“ „Sie ſcherzen!“ „Nein, keineswegs. Ich ſpreche ſehr ernſt; denn die Küſſe, die ich auf dem Balle ſo glücklich war, von Ihnen zu bekommen, haben mein Blut entzündet, und wenn Sie nicht menſchlich genug ſind, mir das einzige Heilmittel zu gewähren, ſo reiſe ich, unglücklich für mein ganzes Leben lang, ab.“ „Verſchieben Sie Ihre Abreiſe; Stuttgart kann Ihnen nicht ſo ſehr am Herzen liegen. Ich denke an Sie, das dürfen Sie mir glauben, und ich will Sie nicht betrügen; aber die Gelegenheit iſt ſchwer zu finden.“ „Wenn Sie dieſen Abend nicht den Wagen des Generals hätten und ich dafür den meinigen, ſo könnte ich Sie in Ehren nach Hauſe fahren.“ „Schweigen Sie; Sie haben Ihren Wagen nicht, und es iſt daher meine Sache, Sie nach Hauſe zu bringen. Der Gedanke iſt herrlich, mein Freund. Allein es muß nicht ſo ausſehen, als ſei es im Vor⸗ aus verabredet geweſen. Sie geben mir den Arm bis zu meinem Wagen, ich frage Sie dann, wo der Ihrige iſt; Sie ſagen mir, daß Sie keinen haben; ich fordere Sie auf, zu mir einzuſteigen und ſetze Sie bei Ihrem Hötel ab. Das iſt die Sache von nur zwei Minuten, aber in Erwartung von Beſſerem iſt es doch ſchon immer Etwas.“ Ich antwortete ihr nur durch einen Blick, der die —ᷣ—ᷣ’—— 14 ganze Dankbarkeit ausdrückte, welche die Hoffnung des Glückes in mir erregte. Das Stück war ſehr kurz, ſchien mir aber ein Jahrhundert zu dauern. Endlich ſiel der Vorhang, und wir gingen hinab. An ihrem Wagen richtete ſie die verabredete Frage an mich, und als ich ihr ſagte, daß ich keinen Wagen hätte, entgegnete ſie:„Ich werde nach dem Hötel des Generals fahren, um mich zu erkundigen, wie er ſich befindet, und wenn Sie die Fahrt nicht zu lang finden, ſo kann ich Sie dann auf dem Rückwege bei Ihrem Hötel abſetzen.“ Die Erfindung war göttlich. Wir mußten zwei Mal die lange, ſchlecht gepflaſterte Stadt durchfahren, und dieſe Fahrt gewährte uns etwas mehr Zeit. Unglücklicher Weiſe war der Wagen ein Coupé und auf dem Hinwege ſchien der Mond uns gerade in das Geſicht. Ich nannte dies Geſtirn damals nicht den Beſchützer der Liebe. Wir wollten ungeſehen ſein und wohl nur aus Neid ſah er grießgrämig auf unſere Liebe. Ich fand dieſes Spiel verzweiflungsvoll, ob⸗ gleich meine reizende Gefährtin ihr Möglichſtes that, um das Vergnügen vollſtändig zu machen. In dieſer höchſten Unannehmlichkeit wendete der Kutſcher, der neugierig und unverſchämt war, mehrmals den Kopf zurück, ſo daß wir uns etwas mäßigen mußten. Die Schildwache ſagte dem Kutſcher, Se. Excellenz wären für Niemand ſichtbar, und wir ſchlugen mit Vergnügen den Weg nach meinem Hötel ein, denn nun hatten wir den Mond im Rücken, und die Neugier des Kutſchers legte uns weniger Zwang auf. Wir machten unſere Sache etwas beſſer, oder vielmehr etwas weniger ſchlecht, wie auf dem Hinwege; doch mir ſchien es, als jagten die Pferde im geſtreckten Galopp. Da ich indeß fühlte, daß ich mir den Kutſcher für den Fall 15 einer Wiederholung günſtig ſtimmen müßte, gab ich ihm beim Ausſteigen einen Dukaten. Entzückt und doch unglücklich, obgleich verliebter als je, kam ich nach Hauſe. Meine Schöne hatte mich überzeugt, daß ſie nicht gleichgültig ſei, und daß ſie die Liebe eben ſo lebhaft empfand, als ſie dieſelbe gewährte. In dieſer Lage faßte ich den Entſchluß, Köln nicht zu verlaſſen, bevor ich bei dieſer Frau, die wahrhaft göttlich war, den Genuß voller Freude gehabt hätte; das konnte indeß, wie mir däuchte, erſt geſchehen, nachdem der General die Stadt verlaſſen hatte. Am nächſten Tage ging ich nach dem Hötel des Generals, um mich in die Liſte eintragen zu laſſen, aber man empfing mich, und ich trat ein. Madame war zugegen. Ich richtete an den General eine paſſende Schmeichelei, aber der grobe Oeſterreicher ant⸗ wortete darauf nur durch ein ziemlich kaltes Kopfnicken. Es ſtanden viele Offiziere in dem Zimmer umher, und nach vier Minuten machte ich eine allgemeine Ver⸗ beugung und ging. Der Tölpel hütete drei Tage lang das Zimmer, und da meine Dame nicht in das Theater kam, war ich des Glückes beraubt, ſie zu ſehen. Am letzten Tage des Karnevals lud Kettler viele Gäſte zu einem Souper ein, welchem ein Ball folgen ſollte. Ich machte der liebenswürdigen Dame in ihrer Loge meinen Hof, und als ich einen Augenblick allein mit ihr war, ſagte ſie: „Sind Sie zu dem Souper des Generals ein⸗ geladen?“ „Nein,“ ſagte ich. „Wie!“ entgegnete ſie mit verwundertem und un⸗ willigem Tone,„Sie ſind nicht eingeladen? Sie müſſen dennoch gehen.“ „Wie können Sie daran denken, Madame?“ ſagte Ich näherte mich einer Stiftsdame, welche die italie⸗ 16 ich ſanft.„Ich werde Ihnen in Allem gehorchen, nur darin nicht.“ „Ich weiß, was Sie mir ſagen können, doch Sie müſſen kommen. Ich würde mich entehrt halten, wenn Sie nicht bei dem Souper zugegen wären. Wenn Sie mich lieben, müſſen Sie mir dieſen Beweis Ihrer Zärt⸗ lichkeit und, ich wage es zu ſagen, ihrer Hochachtung geben.“ „Sie fordern es? Ich werde gehen. Aber ſagen Sie mir, anbetungswürdige Frau, fühlen Sie auch, daß Ihr Befehl mich der Gefahr ausſetzt, das Leben zu verlieren, oder den General zu tödten? Denn ich bin nicht der Menſch dazu, eine Beleidigung hinzunehmen.“ „Ich fühle Alles!“ erwiderte ſie.„Ihre Ehre liegt mir ebenſo am Herzen, als die meinige, und mehr ſogar; allein es wird Ihnen nichts geſchehen, denn ich nehme Alles auf mich. Sie müſſen hingehen, ver⸗ ſprechen Sie mir es jetzt, denn mein Entſchluß iſt gefaßt.— Wenn Sie nicht kommen, ſo gehe auch ich nicht, dann aber dürfen wir uns niemals wiederſehen.“ „Ich werde gehen. Zählen Sie auf mich.“ Herr von Caſtries kam hinzu; ich verließ die Loge und begab mich in das Parterre, wo ich zwei peinliche Stunden zubrachte, indem ich die Folgen vorausſah, welche der Schritt haben mußte, den dieſe Frau von mir forderte. Entſchloſſen indeß, mein Verſprechen zu halten, ſo unwiderſtehlich war die Herrſchaft, welche dieſe Schönheit über mein ganzes Weſen ausübte, dachte ich daran, mich ſo gut als möglich zu benehmen, um die Gefahr zu verringern, die das Unglück herbei⸗ führen konnte, welches ich mir zur Laſt gelegt zu ſehen fürchtete. Ich begab mich aus dem Theater zu dem General und fand dort nur fünf oder ſechs Perſonen. .——— —— 17 niſche Poeſie ſehr liebte, und zog ſie ohne Mühe in eine intereſſante Unterhaltung. Eine halbe Stunde darauf war der Saal gefüllt, und meine Dame kam zuletzt mit dem General. Beſchäftigt mit der Stifts⸗ dame, rührte ich mich nicht; Kettler bemerkte mich folglich nicht, und meine Dame, die ſehr heiter war, ließ ihm nicht die Zeit, die Gäſte zu überſehen; bald entſpann ſich ein Geplauder von einem Ende des Saales zu dem andern. Eine Viertelſtunde darauf meldete man, daß ſervirt ſei. Die Stiftsdame ſtand auf, nahm meinen Arm, und wir ſetzten uns neben einander zu Tiſche, fortwährend von der italieniſchen Literatur ſprechend. Aber nun kam die Entwickelung.— Als alle Plätze beſetzt wurden, blieb einer der eingeladenen Herren übrig und hatte kein Couvert. „Das iſt unmöglich,“ ſagte der General, indem er die Stimme erhob, während man zuſammenrückte, um ein Couvert einſchieben zu können. Als der General die Revue vornahm, that ich, als bemerkte ich das Alles nicht; als er indeß zu mir kam, ſagte er mit lauter Stimme: „Mein Herr, ich habe Sie nicht eingeladen.“ „Das iſt wahr, mein General,“ entgegnete ich voll Achtung,„allein ich war der Meinung, und zwar ohne Zweifel mit Recht, daß das nur aus Vergeß⸗ lichkeit geſchehen wäre, und war daher der Meinung, mir nicht verſagen zu dürfen, Ew. Excellenz meinen Hof zu machen.“ Indem ich dieſe Worte beendete, ſetzte ich mein Geſpräch mit der Stiftsdame fort, ohne irgend Jemanden anzuſehen. Das tiefſte Schweigen herrſchte vier oder fünf Minuten lang; aber die Stiftsdame machte ſo freundliche Aeußerungen, daß ich ſie aufnahm, indem ich ſie par ricochet den anderen Gäſten zuſchleuderte, X[28.] 2 18 und bald bemächtigte ſich heitere Stimmung Aller, ausgenommen des Generals, welcher ſchmollte. Das kümmerte mich wenig, aber meine Eigenliebe war dabei intereſſirt, ihn heiterer zu ſtimmen, und ich wartete auf einen günſtigen Augenblick, um dies Wunder zu bewirken. Die Gelegenheit bot ſich beim zweiten Gange. Herr von Caſtries lobte die Dauphine, man ſprach von ihren Brüdern, dem Grafen von der Lauſitz und dem Herzog von Kurland. Dann kam man auf den Prinzen Biron zu ſprechen, den ehemaligen Herzog, der in Sibirien war, und ſtimmte über ſeine perſön⸗ lichen Eigenſchaften überein. Einer der Gäſte behauptete, ſein ganzes Verdienſt hätte darin beſtanden, der Kaiferin Anna gefallen zu haben; ich bat ihn um Verzeihung, wenn ich widerſprechen müßte, und fügte dann hinzu: „Sein größtes Verdienſt beſtand darin, ein treuer Diener des letzten Herzogs Kettler geweſen zu ſein, der ohne den Muth dieſes Mannes, welcher jetzt ſo unglücklich iſt, während des Krieges ſeine ganze Equipage verloren haben würde; der Herzog Kettler war es, der ihn mit einem Zuge des Heldenmuthes, welcher der Geſchichte würdig iſt, an den Petersburger Hof ſendete; aber Biron ſtrebte nie nach dem Herzogthume. Er wollte ſich die Grafſchaft Wartemberg ſichern, denn er kannte die Rechte der jungen Linie des Hauſes Kettler, welche gegenwärtig ohne die Laune der Czarin, die durchaus ihren Günſtling zum Herzog machen wollte, in Kurland herrſchen würde.“ Der General, deſſen Runzeln ſich während meiner Worte geglättet hatten, ſagte mir mit ſo freund⸗ lichem Weſen, wie ihm möglich war, er hätte nie Jemanden beſſer unterrichtet gefunden, als mich. Mit dem Tone des Bedauerns fügte er dann hinzu: ——2 — e GoSASSSBSAS GASRG G& SoSgSᷣSS — — — 88— 1 E g⸗ — ‿— Sg 8— 19 „Ja, ohne dieſe Laune würde ich gegenwärtig regieren.“ Nach dieſer beſcheidenen Erklärung lachte er laut und ließ mir eine Bouteille Rheinwein von ausgezeich⸗ neter Qualität bringen; auch richtete er während der ganzen übrigen Mahlzeit ſeine Worte nur noch an mich, und ich genoß innerlich die Wendung, welche meine Angelegenheiten genommen hatten, doch mehr noch die Befriedigung, die ich in den Augen meiner Dame las. Man tanzte die ganze Nacht hindurch; ich verließ die Stiftsdame nicht, welche übrigens eine reizende Frau war und köſtlich tanzte. Ich geſtattete mir nur eine einzige Menuet mit Madame zu tanzen. Gegen Ende des Balles fragte mich der General, um mit einer Albernheit zu ſchließen, ob ich im Begriff wäre, abzu⸗ reiſen. Ich antwortete ihm, ich hätte mir vorgenommen, Köln erſt nach der großen Revue zu verlaſſen. Ich legte mich ſchlafen, voll Freude, der Frau Bürgermeiſterin den größten Beweis der Liebe gegeben zu haben, der möglich iſt, und ſehr dankbar gegen das Glück, welches mich ſo gut unterſtützte, um den groben General zur Vernunft zu bringen, denn Gott weiß, was ich gethan haben würde, hätte er ſich ſo weit vergeſſen, mir zu ſagen, daß ich die Tafel ver⸗ laſſen ſolle. Das erſte Mal, als ich die Schöne wiederſah, ſagte ſie mir, ſie hätte ein tödtliches Fröſteln empfunden, als ſie den General zu mir ſagen hörte, er hätte mich nicht eingeladen. „Gewiß,“ fügte ſie hinzu,„würde er dabei nicht ſtehen geblieben ſein, hätte nicht der Adel Ihrer Ent⸗ ſchuldigung ihn zurückgehalten; hätte er aber noch ein Wort mehr geſagt, ſo war mein Entſchluß gefaßt.“ „Und welcher?“ „Ich wäre aufgeſtanden, hätte Ihnen meine Hand 9* 20 geboten, und wir würden miteinander gegangen ſein. Herr von Caſtries ſagte mir, er hätte das ebenfalls gethan, und ich glaube, daß alle die Damen, die Sie in Brühl eingeladen hatten, unſerm Beiſpiele Folge geleiſtet hätten.“ „Aber ſelbſt dabei wäre die Sache nicht ſtehen geblieben, denn ſicher hätte ich auf der Stelle Genug⸗ thuung von ihm verlangt, und hätte er ſie mir ver⸗ weigert, ſo würde ich ihm meinen Degen durch den Leib geſtoßen haben.“ „Ich fühle das, doch ich beſchwöre Sie, zu ver⸗ geſſen, daß ich Sie dieſer Gefahr ausgeſetzt habe.— Ich meinerſeits werde nimmermehr vergeſſen, was ich Ihnen ſchuldig bin, und Sie von meiner Dankbarkeit überzeugen.“ Zwei Tage darauf erfuhr ich, daß ſie unwohl ſei, und ging um elf Uhr Morgens zu ihr, überzeugt, den General nicht anzutreffen. Sie empfing mich in dem Zimmer ihres Gatten, der mich mit dem freundſchaft⸗ lichſten Tone fragte, ob ich ihnen die Ehre erzeigte, mich zum Familien⸗Eſſen bei ihnen einzuladen. Ich beeilte mich, ihm zu danken, indem ich voll Vergnügen zuſagte, und dies Diner war mir noch angenehmer, als das Souper bei Kettler. Der Bürgermeiſter war ein gutmüthiger Menſch, angenehm, hatte ziemlich viel Geiſt und beſaß auch reiche Kenntniſſe. Er liebte den häuslichen Frieden, und ſeine Frau, die er glücklich machte, mußte ihn lieben, denn er gehörte nicht zu den Männern, welche ſagen: Mißfalle Allen, wenn du nur mir gefällſt. Ihr Mann war einen Augenblick hinausgegangen und ſie zeigte mir ihr ganzes Landhaus.—„Hier,“ ſagte ſie,„iſt unſer Schlafzimmer; hier ein Kabinet, in welchem ich fünf oder ſechs Tage ſchlafe, wenn der b 21 Anſtand es fordert; hier eine öffentliche Kirche, die wir als unſere Kapelle betrachten können, denn aus dieſen zwei vergitterten Fenſtern hören wir die Meſſe leſen. Am Sonntag gehen wir über dieſe Seiten⸗ treppe hinab und treten durch eine kleine Thür, zu der ich ſelbſt den Schlüſſel habe, in die Kirche.“ Es war der zweite Sonnabend in der Faſtenzeit, doch das kümmerte mich wenig. Ich war entzückt, dieſe junge und ſchöne Frau, umgeben von den Kindern einer erſten Ehe, zu ſehen und angebetet von der ganzen Familie. Ich zog mich früh zurück, um an Eſther zu ſchreiben, die ich nicht vernachläſſigte, ſo ſehr mich auch meine neue Leidenſchaft beſchäftigte. Am nächſten Tage hörte ich die Meſſe in der kleinen Kirche des Bürgermeiſters. Ich hatte einen Ueberrock angezogen, um die Blicke nicht auf mich zu lenken. Es war ein Sonntag, und ich ſah die Schöne im Capuchon ausgehen, gefolgt von ihrer Familie.— Ich bemerkte die kleine Thür, die ſo gut in der Mauer verborgen war, daß man ſie kaum geſehen haben würde, hätte man nicht gewußt, daß ſie dort ſei. Sie ging nach der Treppe zu auf. Der Teufel, welcher, wie man weiß, in der Kirche mehr Macht hat, als überall ſonſt, flößte mir den Plan ein, meine Schöne zu genießen, indem ich durch dieſe Thür ging. Ich theilte ihr meine Abſicht gleich am nächſten Tage in dem Theater mit.—„Ich habe daran ebenfalls gedacht,“ ſagte ſie lächelnd,„ich werde Ihnen ſchriftlich die zu dieſem Zwecke nöthigen In⸗ ſtruktionen ertheilen. Sie finden dieſelben in der erſten Zeitung, die ich Ihnen überreichen werde.“— Wir konnten unſere köſtliche Unterhaltung nicht fortſetzen, denn ſie hatte eine Dame aus Aachen bei ſich, die einige Tage bei ihr zubringen wollte und der ſie ihre Auf⸗ merkſamkeit ſchuldig war. Ueberdies füllten mehrere Beſucher die Loge. Ich brauchte nicht lange zu warten, denn gleich am nächſten Tage übergab ſie mir öffentlich ein Zeitungsblatt, indem ſie mir ſagte, ſie hätte darin nichts Intereſſantes gefunden. Ich wußte, daß es für mich intereſſant ſei. Hier, was ihr Billet enthielt: „Der ſchöne Plan, den die Liebe eingab, iſt keiner Schwierigkeit unterworfen, wohl aber vielen Zufälligkeiten. Die Frau ſchläft nur dann in dem Kabinet, wenn der Mann ſie darum bittet, was nur zu gewiſſen Zeiten geſchieht, und die Trennung währt nicht länger als vier oder fünf Tage. Dieſe Zeit iſt nicht mehr weit entfernt. Aber eine lange Gewohnheit macht, daß ſie ſich darüber nicht täuſchen kann. Man muß daher warten. Die Liebe wird Sie benachrichtigen, wann die Stunde des Glückes geſchlagen hat. Es handelt ſich darum, ſich in der Kirche zu verbergen, doch darf man nicht daran denken, den Menſchen zu beſtechen, der ſie öffnet und ſchließt, denn obgleich arm, iſt er doch zu ein⸗ fältig, um ſich beſtechen zu laſſen; er würde das Geheimniß verrathen. Es giebt kein anderes Mittel, als ſeine Wachſamkeit zu täuſchen, indem man ſich verſteckt. Er verſchließt die Kirche an Wochentagen um Mittag; an Feſttagen ſchließt er ſie erſt mit der Dunkelheit und öffnet ſie dann mit Tagesanbruch wieder. Tritt der Fall ein, ſo braucht man nur an die Thür zu drücken, die an dem Tage von innen nicht verſchloſſen ſein wird. Das Kabinet, in welchem der glückliche Kampf vor ſich gehen ſoll, iſt nur durch eine einfache Wand von dem Schlafgemache getrennt und man muß daher bedenken, daß man weder ſich räuſpern, noch huſten, noch ſich ſchnauben darf, denn —,—-— — Sä ——————+7 23 das wäre das höchſte Unglück. Die Entfernung wird keiner Schwierigkeit unterworfen ſein, denn man kann in die Kirche hinabgehen und dieſelbe verlaſſen, ſobald ſie geöffnet wird. Der Schließer, der den Mann am Abend nicht geſehen hat, wird ihn am Morgen auch nicht ſehen, worauf man wetten darf.“ Ich küßte hundert Mal die reizende Schrift, in welcher ich einen höhern Geiſt erkannte, und beſichtigte gleich am nächſten Tage die Lokalität. Das war die Hauptſache. Es ſtand in der Kirche ein Stuhl, in welchem Niemand mich hätte entdecken können. Allein die Treppe führte zu der Seite der Sakriſtei, die ſtets geſchloſſen war. Ich entſchied mich daher für einen Beichtſtuhl, der dicht neben der Thür ſich befand. Indem ich mich an den Ort legte, auf den der Beichtiger ſeine Füße ſtellte, konnte ich zwar nicht geſehen werden, aber der Raum war ſo eng, daß ich zweifelte, darauf Platz zu finden, wenn die Thür geſchloſſen war. Ich wartete bis Mittag, um Alles zu verſuchen, und ſobald die Kirche leer war, ſtellte ich die Probe an. Ich mußte mich niederkauern und war dabei noch ſo ſchlecht von der durchbrochenen Thür verdeckt, daß eine Perſon, die in der Entfernung von zwei Schritt vorüber⸗ gegangen wäre, mich leicht hätte ſehen können. Gleichwohl beſann ich mich nicht, denn bei allen Unter⸗ nehmungen dieſer Art gewinnt man niemals etwas, als wenn man auf das Glück rechnet. Entſchloſſen, mich allen Zufällen auszuſetzen, kehrte ich, zufrieden mit meinen Entdeckungen, nach Hauſe zurück. Ich ſchrieb alle meine Beobachtungen und meinen Entſchluß nieder, wickelte das Papier in eine alte Zeitung und übergab ihr dieſe an dem Abend ſelbſt in der Loge, dem gewöhnlichen Ort unſeres täglichen Zuſammentreffens. 24 Nach ungefähr acht Tagen fragte ſie den General in meiner Gegenwart, ob er irgend einen Auftrag für ihren Mann hätte, der am nächſten Tage nach Aachen fahren und nach drei Tagen von dort zurückkehren würde. Ich wußte genug, aber ein Wink, den ſie mir gab, ſagte mir, daß ich dieſen Umſtand benutzen ſollte, ich freute mich um ſo mehr, da ich etwas heiſer war, und um das Glück vollſtändig zu machen, war der folgende Tag ein Feſttag und ich konnte mich daher in dem Beichtſtuhle mit Anbruch der Dunkelheit verbergen, ſo daß ich einen Frohndienſt von mehreren Stunden vermied. Es war ein Uhr, als ich mich in dem Beichtſtuhle niederkauerte, mich ſo viel als möglich verbarg und mich allen Heiligen empfahl. Um fünf Uhr machte der Küſter ſeine gewöhnliche Runde in der Kirche, verließ ſie dann und ſchloß die Thür. Sobald ich das Kreiſchen des Schlüſſels gehört hatte, verließ ich mein enges Gefängniß und ſetzte mich auf eine Bank gegen⸗ über dem Fenſter, und als ich einige Augenblicke darauf einen Schatten vor dem Gitter vorübergleiten ſah, wußte ich mit Beſtimmtheit, von ihr geſehen worden zu ſein. Ich blieb auf meiner Bank ungefähr eine Viertel⸗ ſtunde, drückte dann die kleine Thür auf und trat hinein. Nachdem ich ſie wieder geſchloſſen hatte, taſtete ich mich weiter, ſetzte mich auf die unterſte Stufe der Treppe und brachte hier fünf Stunden zu, die mir in Erwartung des Glückes nicht peinlich erſchienen ſein würden, hätten nicht die Ratten mich furchtbar gequält.— Die Natur hat mir einen un⸗ beſiegbaren Widerwillen gegen dieſe kleinen Thiere, die nicht ſehr zu fürchten ſind, deren unangenehmer Geruch mir aber Uebelkeit verurſacht, verliehen. 25 Punkt zehn Uhr ſchlug endlich die Schäferſtunde. Ich ſah den Gegenſtand meiner Wünſche, eine Kerze in der Hand, erſcheinen und verließ meine peinliche Lage. Wenn meine Leſer dergleichen durchgemacht haben, ſo können ſie ſich alle Genüſſe dieſer köſtlichen Nacht vorſtellen, aber die Einzelnheiten würden ſie dennoch nicht errathen können; denn wenn ich erfahren in dem Geſchäfte war, ſo zeigte meine Geſellſchafterin ſich unerſchöpflich in Mitteln, die Entzückungen einer ſo ſüßen Unterhaltung zu ſteigern. Sie hatte für ein kleines leckeres Mahl geſorgt, aber ich berührte es nicht, denn ich fühlte einen andern Appetit, den ich nur befriedigen konnte, indem ich mich dem fort⸗ währenden Genuſſe hingab. Wir beſchäftigten uns ſieben ganze Stunden lang miteinander und die Zeit erſchien uns noch kurz, obgleich wir uns keine Ruhe gegönnt hatten, als um die Wolluſt durch die ſüßeſten Reden zu würzen. Der Bürgermeiſter war einer großen Leidenſchaft unfähig, allein ſein kräftiges Temperament genügte ihm, um ſeiner Frau ohne Unterbrechung jede Nacht ſeine Liebe zu beweiſen; ſei es aber Geſundheits⸗ maßregel, ſei es Gewiſſenhaftigkeit,— genug, er ver⸗ zichtete auf ſeine Rechte, ſo oft der Mond die ſeinigen in Anſpruch nahm, und um ſich gegen die Verſuchung zu ſichern, blieb er in dieſen Tagen allein. Diesmal befand ſich das liebenswürdige Weib nicht in dem peinlichen Falle einer Scheidung. Erſchöpft, doch nicht geſättigt, verließ ich ſie mit Tagesanbruch, indem ich ihr das Verſprechen gab, daß ſie mich bei unſerm erſten Wiederſehen ganz als den⸗ ſelben finden würde. Dann begab ich mich wieder in den Beichtſtuhl, wobei ich fürchtete, daß der anbrechende Tag mich in den Augen des Küſters verrathen würde. 26 Ich kam indeß mit der Furcht davon und verließ ohne Hinderniß die Kirchen Ich brachte beinahe den ganzen Tag auf dem Sopha zu, indem ich mir auf meinem Zimmer ein köſtliches Mahl ſerviren ließ. Am Abend begab ich mich in das Theater, um dort den Anblick des reizenden Gegenſtandes zu genießen, zu deſſen Beſitzer die Liebe und die Beſtändigkeit mich gemacht hatten. Nach vierzehn Tagen überreichte ſie mir ein Billet, in welchem ſie mir ſagte, daß ſie die folgende Nacht allein ſchlafen würde. Es war ein Wochentag und folglich die Kirche nur bis Mittag geöffnet. Ich begab mich um elf Uhr in dieſelbe, nachdem ich ein reichliches Frühſtück verzehrt hatte. Ich nahm Platz in meinem Beichtſtuhl, und der Küſter ſchloß die Thür, ohne mich geſehen zu haben. Ich hatte zehn Stunden vor mir, und indem ich überlegte, daß ich ſie zum Theil in einem Winkel der Kirche, zum Theil in der Dunkelheit auf der Treppe in Geſellſchaft einer Menge von Ratten zubringen mußte, ſelbſt ohne eine Priſe Tabak nehmen zu können, aus Furcht, nießen zu müſſen, fand ich die Sache nicht ſehr unterhaltend; indeß machte die Hoffnung auf die Belohnung mir die Sache leicht. Gegen ein Uhr aber hörte ich ein leiſes Geräuſch und ſah eine Hand durch das Gitter ein Papier auf den Fußboden der Kirche hinabwerfen. Mit Herzklopfen hob ich es auf, denn mein erſter Gedanke war, es hätte ſich irgend ein Hinderniß gezeigt, und eines wahren Genuſſes beraubt, müßte ich eine ganze Nacht auf den Bänken der Kirche zubringen. Ich öffnete das Papier, und wie groß war meine Freude, als ich las: „Die Thür iſt offen. Sie werden beſſer auf der Treppe ſein, wo Sie Licht, ein leckeres Mahl und Bücher finden. Sie werden ſchlecht ſitzen, doch ich —— 27 ſuchte dem durch ein kleines Kiſſen abzuhelfen. Die Zeit wird Ihnen weniger lang erſcheinen, als mir, davon dürfen Sie ſich überzeugt halten, aber haben Sie Geduld. Ich ſagte dem General, daß ich mich unwohl fühlte und deshalb nicht ausgehen würde; Gott bewahre Sie davor, zu huſten, beſonders in der Nacht, denn ſonſt wären wir verloren!“ Wie erfindungsreich die Liebe macht! Ich zögerte nicht einen Augenblick. Ich trat ein und fand einen gedeckten Tiſch, köſtliche Gerichte, vortreffliche Weine, ein Kohlenbecken, Spiritus, Kaffee, Zitronen, Zucker und Rum, um mir Punſch zu machen, wenn ich Luſt dazu bekommen ſollte. Bei alle dem und trotz der unterhaltenden Bücher konnte ich warten, allein ich wunderte mich, daß die reizende Frau das Alles zu thun vermocht hatte, ohne daß irgend Jemand in der Familie es bemerkte. Ich brachte drei Stunden damit hin, zu leſen, und drei andere, um zu eſſen, Kaffee zu bereiten und Punſch zu trinken. Dann ſchlief ich ein. Um zehn Uhr weckte mich mein Engel. Dieſe zweite Nacht war zwar ſüß, doch nicht ſo, wie die erſte, denn wir waren des Vergnügens beraubt, zu ſehen und die läſtige Nachbarſchaft des theuern Gemahls legte uns Zwang auf. Wir ſchliefen einen Theil der Nacht und am nächſten Morgen bei guter Zeit war ich gezwungen, mich zurückzuziehen. Das war das Ende meiner Liebe mit dieſer Schönen. Der General reiſte nach Weſtphalen ab und ſie ſollte bald auf das Land gehen. Ich traf daher Anſtalt, Köln zu verlaſſen, indem ich ihr verſprach, das nächſte Jahr zurückzukehren; ich konnte dies Verſprechen nicht halten, wie man ſehen wird. Ich nahm Abſchied von meinen Bekannten und ſchied, von Vielen vermißt. 28 Der Aufenthalt von zwei und einem halben Monat verminderte mein Geld nicht, obgleich ich verlor, ſo oft ich ſpielte. Der Abend in Bonn hatte mich reich⸗ lich entſchädigt. Herr Franck, mein Banquier, beklagte ſich darüber, daß ich bei ihm kein Geld erhob, allein ich war gezwungen, vorſichtig zu ſein, um alle Die, welche mich beobachteten, zu überzeugen, daß ich es verdiente, gut behandelt zu werden. Ich verließ Köln gegen die Mitte des März und machte in Bonn Halt, um meine Huldigungen dem Churfürſten darzubringen; er war indeß abweſend. Ich ſpeiſte mit dem Grafen Verita und dem Abbé Scampar, dem Günſtlinge des Fürſten. Nach dem Eſſen gab mir der Graf einen Brief für eine Stiftsdame in Koblenz, die er mir lobte. Das nöthigte mich, in dieſer Stadt Halt zu machen, allein ſtatt dieſer Dame, die nach Mannheim gereiſt war, fand ich in dem Wirthshauſe, in welchem ich abſtieg, eine Schauſpielerin, Namens Toscani, die aus Stuttgart mit ihrer Mutter zurückkehrte, eine ſehr junge und ſehr ſchöne Perſon. Sie kam aus Paris, wo ſie ein Jahr zugebracht hatte, um ihrer Tochter durch den berühmten Veſtris Unter⸗ richt im Charaktertanz geben zu laſſen. Ich hatte ſie in Paris gekannt, ohne aber ſonderlich auf ſie zu achten, obgleich ich ihr einen kleinen Hund geſchenkt hatte, der das Entzücken ihrer Tochter ausmachte. Dieſe junge Perſon war ein wahrer Edelſtein und hatte keine Mühe, mich dahin zu bringen, ſie nach Stuttgart zu begleiten, oder überall hin, wo ich nur alle mög⸗ lichen Vergnügungen genießen konnte. Die Mutter war ungeduldig, zu ſehen, wie der Herzog ihre Tochter finden würde, die ſie ſeit ihrer Kindheit zu dem Vergnügen dieſes ausſchweifenden Fürſten beſtimmt hatte, welcher, obgleich er eine erklärte Maitreſſe beſaß, alle Figuran⸗ tinnen des Ballets genießen wollte, wenn er einiges Verdienſt an ihnen fand. Wir ſoupirten im kleinen Kreiſe, und man kann ſich wohl denken, daß mit zwei Genoſſinnen der Couliſſen unſere Reden nicht eben Aphorismen der Moral waren. Die Toscani ſagte mir, ihre Tochter wäre ganz Neuling und ſie ſelbſt entſchloſſen, dem Herzog ihre Berührung nicht zu geſtatten, bevor er die herrſchende Maitreſſe, deren Stelle ihre Tochter ſpäter vertreten ſollte, fortgeſchickt hätte. Dieſe Maitreſſe war die Tänzerin Gardella, die Tochter eines Barkarolen in Venedig, von welchem ich im erſten Bande ſprach; ſie war die Frau des Michel Agata, den ich in München fand, von den fuürchterlichen Bleigefängniſſen entflohen, in denen ich ſelbſt ſo lange Zeit ſchmachtete. Da ich an der Verſicherung der Mutter zu zweifeln ſchien und durch einige ziemlich deutliche Anſpielungen zu verſtehen gab, ich glaubte, die erſte Blume ſei in Paris gepflückt worden, und der Herzog von Würtemberg würde nur die zweite bekommen, miſchte ſich ihre Eitelkeit in die Sache, und da ich ihnen den Vorſchlag machte, mich mit eigenen Augen davon überzeugen zu laſſen, wurde feierlich verabredet, daß dies am nächſten Tage ſtattfinden ſollte. In der That waren ſie ihrem Verſprechen treu, und ich hatte am Morgen des nächſten Tages einen ſehr hübſchen Zeitvertreib, der zwei Stunden dauerte und der mich zwang, bei der Mutter das Feuer zu löſchen, welches die Tochter bei mir entzündet hatte. Obgleich die Toscani noch jung war, würde ſie mich eiskalt gefunden haben, hätte ihre reizende Tochter mich nicht erregt, ohne mich befriedigen zu können, denn die Mutter ſetzte nicht genug Vertrauen in mich, um mich mit dieſem Juwel allein zu laſſen. Sie tauſchte mit ihrer Tochter und befand ſich wohl dabei. Ich entſchloß mich daher, mit dieſen beiden Nymphen die Reiſe nach Stuttgart zu machen, wo ich die Binetti ſehen ſollte, die ſtets von mir mit Enthuſiasmus ſprach. Dieſe Schauſpielerin war die Tochter des Barkarolen Romano. Mit meiner Hülfe war ſie auf die Bühne in eben dem Jahr gekommen, in welchem Frau von Valmarana ſie mit einem franzöſiſchen Tänzer, Namens Binet, verheirathete, der ſeinen zer,. Namen durch die Hinzufügung einer Silbe italieniſirte, im Gegenſatz zu Denen, welche ſich durch die Hinzu⸗ fügung einer andern adeln. Ich ſollte dort auch die Gardelli finden, den jüngeren Baletti, den ich ſehr liebte, die junge Vulcani, die er geheirathet hatte, und mehrere alte Bekanntſchaften, die meiner Meinung nach mir den Aufenthalt in Stuttgart ſehr angenehm machen mußten. Man wird indeß ſehen, wie gefähr⸗ lich es iſt, die Rechnung ohne den Wirth zu machen. Auf der letzten Poſtſtation trennte ich mich von meiner Schauſpielerin und ſtieg in dem„Bären“ ab. —-—— Zweites Kapitel. Das Jahr 1260.— Die Maitreſſe Gardella.— Portrait des Herzogs von Würtemberg.— Mein Diner bei der Gardella und deſſen Folgen.— Unglückſeliges Suſammen⸗ treffen.— Ich ſpiele und verliere vier Cauſend Louisd'or. — Prozeß.— Glückliche Flucht.— Meine Ankunft in Sürich.— Von Jeſus Chriſtus in Perſon geweihte Kirche. Der Hof des Herzogs von Würtemberg war in jener Zeit der glänzendſte Europas. Die großen Subſidien, welche Frankreich dieſem Fürſten für ein Hülfscorps von zehn Tauſend Mann zahlte, das er unter die Befehle dieſer Macht ſtellte, ſetzten ihn in den Stand, die Ausgaben zu beſtreiten, welche ſeinen Luxus und ſeine Ausſchweifungen herbeiführten. Das Corps war ſehr ſchön, allein während des ganzen Krieges zeichnete es ſich nur durch Fehler aus. Der Herzog war prachtliebend in ſeinen Neigungen: ſchöne Gebäude, Jagd⸗Equipagen, prachtvolle Ställe, Launen aller Art. Wofür er aber ungeheure Summen ausgab, waren die großen Feſte, und mehr als Alles ſein Theater und ſeine Maitreſſen. Er hatte ein franzöſiſches Luſtſpiel, eine italieniſche ernſte und komiſche Oper und zwanzig italieniſche Tänzer, von denen Jeder bei einem der großen Theater Italiens einen erſten Rang eingenommen hatte. Nevers war ſein Choregraph und ſein Balletdirektor. Er verwendete zuweilen bis Hundert Figurantinnen. Ein gewandter Maſchinenmeiſter und die beſten Dekorationsmaler arbeiteten wetteifernd und unter großen Koſten daran, die Zuſchauer an Zauberei glauben zu machen. Alle Tänzerinnen waren hübſch und Alle rühmten ſich, wenigſtens einmal das Entzücken des gnädigſten Herrn geweſen zu ſein. Die erſte von ihnen war eine Venetianerin, die Tochter eines Gondoliers, Namens Gardella. Es war Die, welche der Senator Malipiero, den meine Leſer als den Erſten erkennen, welcher mir eine gute Erziehung angedeihen ließ, für das Theater ausbildete, indem er einen Tanzmeiſter für ſie bezahlte. Ich hatte ſie in München nach meiner Flucht aus dem Gefängniß mit Michel Agata verheirathet gefunden; der Herzog fand ſie nach ſeinem Geſchmack, verlangte ſie von ihrem Manne, und dieſer ſchätzte ſich glücklich, ſie ihm abtreten zu können. Allein im Jahre darauf war der Herzog mit ihren Reizen geſättigt und entließ ſie mit dem Titel Madame. Dieſe Ehre hatte alle Tänzerinnen eiferſüchtig gemacht, denn Jede derſelben hielt ſich ebenſo befähigt, erſte Maitreſſe zu werden, um ſo mehr, da die Gardella nur den Rang und die Einkünfte einer ſolchen hatte. Alle intriguirten, um ſie zu verdrängen, allein die Venetianerin beſaß im höchſten Grade die Kunſt, zu feſſeln und hielt ſich, trotz aller Ränke. Weit entfernt, dem Herzoge ſeine fortwährenden Treuloſig⸗ keiten vorzuwerfen, ermuthigte ſie ihn vielmehr zu denſelben, und da ſie ihn nicht liebte, fühlte ſie ſich glücklich, ſich als Zeitvertreib vernachläſſigt zu ſehen. Ihr größter Genuß beſtand darin, die Tänzerinnen, die nach der Ehre des Schnupftuches ſtrebten, zu ihr kommen zu ſehen und ſich ihr zu empfehlen. Sie empfing ſie freundlich, ertheilte ihnen Rathſchläge und ermuthigte — 33 ſie, ſich dem Fürſten angenehm zu machen. Der Fürſt ſeinerſeits fand die Toleranz der Favorite bewunderungswürdig und ſehr bequem und hielt ſich verpflichtet, ihr dafür ſeine Dankbarkeit zu zollen. Er gewährte ihr öffentlich alle die Ehrenbezeugungen, die er einer Prinzeß hätte erweiſen können. Ich bemerkte bald, daß die große Leidenſchaft dieſes Fürſten darin beſtand, von ſich ſprechen zu machen. Gern würde er Eroſtrates nachgeahmt haben, hätte er dies für paſſender gehalten, um eine der Hundert Stimmen der öffentlichen Meinung zu beſchäftigen. Er hätte gewünſcht, daß man in der Welt von ihm ſagte, kein Fürſt beſäße mehr Geſchmack, mehr Erfindungsgabe, mehr Genie, um Luſtbarkeiten zu erfinden, noch mehr Fähigkeit, zu herrſchen. Endlich war er eiferſüchtig darauf, für einen Herkules bei den Arbeiten des Bacchus und des Amor gehalten zu werden, ohne daß die Augenblicke, welche er der Wolluſt widmete, ſeiner Sorgfalt für alle Theile ſeiner Regierung ſchadeten. Er ließ ohne Barmherzigkeit jeden Diener in Ungnade verfallen, dem es nicht gelang, ihn nach drei oder vier Stunden Schlafs zu erwecken, dem er ſich, wie jeder andere Menſch, hinzugeben gezwungen war; er geſtattete ihm aber, alle möglichen Mittel anzu⸗ wenden, um ihn zu zwingen, das Bett zu verlaſſen. Es war geſchehen, daß der Diener, nachdem er ihn ſtarken Kaffee hatte trinken laſſen, gezwungen war, ihn in ein kaltes Bad zu werfen, wo dann der Fürſt erwachen mußte, falls er nicht ertrinken wollte. Sobald der Herzog angekleidet war, verſammelte er ſeine Miniſter und entledigte ſich der laufenden Geſchäfte; dann ertheilte er dem erſten Beſten, der ſich zeigte, Audienz. Nichts war übrigens komiſcher, als dieſe Audienzen, die er ſeinen armen Unterthanen X.[28.] 3 1 8 8 1 —— gewährte. Oftmals waren es Bauern oder Arbeiter der ärmſten Klaſſe, und der arme Menſch ſchwitzte und gerieth außer ſich, um ſie zur Vernunft zu bringen, was ihm nicht immer gelang, denn oft verließen ſie ihn erſchreckt, in Verzweiflung und Wuth. Was die hübſchen Bäuerinnen betrifft, ſo unterſuchte er ihre Klagen unter vier Augen, und obgleich er ihnen gewöhnlich nichts gewährte, verließen ſie ihn getröſtet. Die Subſidien, welche der König von Frankreich ſo einfältig war, ihm zu zahlen, reichten nicht zur Beſtreitung ſeiner Verſchwendungen. Er über⸗ laſtete ſeine Unterthanen mit Abgaben und Frohn⸗ dienſten, ſo daß das geduldige Volk, welches ſeinen Anforderungen nicht mehr genügen konnte, einige Jahre darauf ſeine Zuflucht zu dem Reichskammergericht in Wetzlar nahm, welches ihn zwang, ſein Syſtem zu ändern. Seine Tollkühnheit beſtand darin, nach dem Muſter des Königs von Preußen regieren zu wollen, während dieſer Monarch ſich auf Koſten des Herzogs luſtig machte, den er ſeinen Affen nannte. Er hatte die Tochter des Markgrafen von Baireuth geheirathet, welche die ausgezeichnetſte Prinzeß Deutſchlands war. Sie befand ſich nicht in Stuttgart, als ich dort war; ſie hatte ſich zu ihrem Vater wegen einer blutigen Beleidigung geflüchtet, die ſie von ihrem unwürdigen Gatten empfing. Es iſt ein Irrthum, zu behaupten, dieſe Prinzeß wäre ihrem Gemahl entflohen, weil ſie deſſen Treuloſigkeiten nicht mehr ertragen konnte. Nachdem ich allein auf meinem Zimmer zu Mittag gegeſſen hatte, zog ich mich an und ging in die Oper, welche der Herzog in dem ſchönen Theater, das er hatte erbauen laſſen, dem Publikum gratis gab. Der Fürſt ſtand vor dem Orcheſter, von ſeinem glänzenden Hofe umringt. Ich ſtellte mich in eine Loge des erſten 35 Ranges, allein und ſehr zufrieden damit, ohne die geringſte Zerſtreuung eine Muſik des berühmten Jumella hören zu können, der im Dienſte des Herzogs ſtand. Ich kannte die Gebräuche einiger kleinen Höfe Deutſchlands nicht und ſo applaudirte ich ein Solo, welches ein Kaſtrat, deſſen Namen ich vergeſſen habe, zum Entzücken vortrug. Einige Augenblicke darauf trat ein Individuum in meine Loge und ſprach mit einem unhöflichen Tone zu mir, worauf ich nur ant⸗ wortete:„Nikt verſtand.“ Er ging und bald darauf erſchien ein Offizier, der mir in gutem Franzöſiſch mittheilte, der Herrſcher befände ſich im Theater und es wäre nicht erlaubt, zu applaudiren. „Gut, mein Herr, ſo werde ich zurückkehren, wenn der Herrſcher nicht mehr zugegen iſt, denn wenn eine Arie mir gefällt, iſt es mir unmöglich, mein Wohl⸗ gefallen nicht durch Applaus auszudrücken.“ Nach dieſer Antwort ließ ich meinen Wagen vor⸗ fahren, doch im Begriff, hineinzuſteigen, kehrte der Offizier zurück und ſagte mir, der Herzog wünſchte mich zu ſprechen. Ich folgte ihm. „Sie ſind alſo Herr Caſanova?“ „Ja, gnädigſter Herr.“ „Woher kommen Sie?“ „Von Köln.“ „Sie ſind zum erſten Male in Stuttgart?“ „Ja, gnädigſter Herr.“ „Gedenken Sie ſich lange hier aufzuhalten?“ „Fünf oder ſechs Tage, wenn Ew. Hoheit es mir erlauben.“ „Sehr gern, ſo lange es Ihnen gefällt, und nun ſoll Ihnen erlaubt ſein, ganz nach Belieben in die Hände zu klatſchen.“ 3* ,— 1 f 1 4 6 4 — 8 iſß 1 1 5 3 3 1 1 p 5 f B AIu 1— 1 —— v,—, 36 „Ich werde von dieſer Erlaubniß Gebrauch machen, gnädigſter Herr.“ „Gut.“ Ich nahm Platz auf einer Bank, und alle Welt achtete aufmerkſam auf das Spiel der Schauſpieler. Ein Sänger trug eine Arie vor, der Herzog applaudirte und alle die langohrigen Höflinge ahmten ſeinem Beiſpiele nach. Ich aber fand den Geſang ſehr mittelmäßig und verhielt mich ruhig. Jeder hat ſeinen Geſchmack. Nach dem Ballet ging der Herzog hinauf in die Loge der Favorite, küßte ihr die Hand und entfernte ſich. Ein Offizier, der neben mir ſaß und nicht wußte, daß ich die Gardella kannte, ſagte mir, es wäre Madame, und da ich die Ehre gehabt hätte, mit dem Herzoge zu ſprechen, könnte ich mir auch die verſchaffen, ihr in ihrer Loge die Hand zu küſſen. Ich hatte große Luſt, zu lachen, aber ich hielt an mich und aus einer unbegreiflichen und unüberlegten Laune antwortete ich ihm, ich glaubte mich deſſen entbinden zu können, da ſie meine Verwandte wäre. Kaum war das Wort heraus, als ich mich auf die Lippen biß, denn dieſe ungeſchickte Lüge konnte mir nur Nachtheil bringen; es ſtand indeß geſchrieben, daß ich in Stuttgart nichts als große Thorheiten begehen ſollte. Der Offizier, den meine Antwort zu überraſchen ſchien, grüßte mich und ging in die Loge der Favorite, um ſie von meiner Anweſenheit zu benachrichtigen. Die Gardella wendete den Kopf gegen mich, berief mich mit ihrem Fächer und ich eilte, ihrem Rufe zu folgen, indem ich bei mir ſelbſt über die alberne Rolle lachte, die ich ſpielen mußte. Sobald ich eingetreten war, reichte ſie mir anmuthig die Hand, die ich küßte, indem ich ſie Couſine nannte.—„Haben Sie ſich dem Herzog als meinen Couſin vorgeſtellt?“—„Nein,“ 37 entgegnete ich.—„Nun gut,“ erwiderte ſie,„ſo übernehme ich das und behalte Sie auf morgen zum Eſſen bei mir.“ Sie ging, ich machte Beſuche bei den Tänzerinnen, die ſich verkleideten. Die Binetti, welche eine meiner älteſten Bekannten war, zeigte ſich hocherfreut, mich wieder zu ſehen, und lud mich für jeden Tag zum Eſſen bei ſich ein. Curtz, ein guter Violinſpieler, der mein Kamerad im Orcheſter Saint Samuel geweſen war, ſtellte mich ſeiner ſchönen Tochter vor, indem er mir mit dem Tone des Gebieters ſagte:„Die iſt nicht geſchaffen für die ſchönen Augen des Herzogs; er ſoll ſie nie bekommen.“ Der gute Mann war kein Prophet, denn der Fürſt bekam ſie kurze Zeit darauf und wurde von ihr geliebt. Sie ſchenkte ihm zwei Püppchen, ohne daß dieſe Liebespfänder die unbeſtändige Hoheit zu feſſeln vermocht hätten. Dieſe reizende Perſon beſaß gleich⸗ wohl Alles, was nöthig war, um zu feſſeln, denn mit der vollendetſten Schönheit vereinigte ſie die höchſte Anmuth, den natürlichſten und gepflegteſten Geiſt und eine Güte, eine Leutſeligkeit, die ſie bei aller Welt beliebt machten. Aber der Herzog war blaſirt, und das Vergnügen konnte bei ihm nur in der Unbeſtändigkeit beſtehen. Nach der jungen Curtz ſah ich die kleine Vulcani, die ich in Dresden gekannt hatte, und die mich über⸗ raſchte, indem ſie mich ihrem Manne vorſtellte, der mir um den Hals fiel. Es war Baletti, der Bruder meiner Ungetreuen, ein junger Mann voll Talent, den ich außerordentlich liebte. Ich war von allen dieſen Bekannten umgeben, als der Offizier, dem ich ſo thöricht geweſen war, mich als einen Verwandten der Gardella vorzuſtellen, 38 hinzukam und die Geſchichte erzählte. Nachdem die Binetti ihn angehört hatte, ſagte ſie: „Mein Herr, das iſt eine Lüge.“ „Aber meine Liebe,“ ſagte ich ihr,„Sie können darüber doch nicht mehr wiſſen, als ich.“ Sie antwortete mir durch ein lautes Gelächter, aber Curtz ſagte ſehr ſpaßhaft: „Die Gardella iſt die Tochter eines Gondoliers, wie die Binetti; dieſe findet daher mit Recht, daß Sie ihr den Vorzug bei der Couſinenſchaft hätten einräumen ſollen.“ Am nächſten Tage ſpeiſte ich ſehr heiter bei der Favorite, obgleich ſie mir ſagte, da ſie den Herzog nicht geſehen hätte, wüßte ſie nicht, wie er den Scherz aufnehmen würde, den ihre Mutter ſehr unpaſſend fände. Dieſe Mutter, die in einer elenden Lage geboren war, zeigte ſich ſehr ſtolz über die Ehre, die ihrer Tochter zu Theil wurde, der Liebling eines Fürſten zu ſein, und meine vorgebliche Verwandtſchaft erſchien ihr als ein Flecken. Sie hatte die Unverſchämtheit, mir zu ſagen, ihre Verwandten wären niemals Schau⸗ ſpieler geweſen, ohne zu bedenken, daß, wenn ſie dieſen Stand als unehrenhaft betrachtete, viel mehr Schande darin lag, von ihnen herab⸗ als hinaufzu⸗ ſteigen. Ich hätte mit ihrem Verdruß Mitleid haben ſollen, allein da ich keinen ſehr duldſamen Charakter beſaß, antwortete ich ihr durch die Frage, ob ihre Schweſter noch lebte, eine Frage, über die ſie ein Geſicht ſchnitt, die ſie aber nicht beantwortete. Dieſe Schweſter war eine Blinde, die auf einer Brücke Venedigs um Almoſen bettelte. Nachdem ich den ganzen Tag ſehr heiter bei der Favorite zugebracht hatte, welche die älteſte meiner ——- 39 Bekanntſchaften der Art war, verließ ich ſie, indem ich ihr verſprach, am nächſten Morgen bei ihr zu früh⸗ ſtücken; als ich aber ging, erfuhr ich vom Portier, ich dürfte nie wieder einen Fuß in das Haus ſetzen; er weigerte ſich aber, mir zu ſagen, von wem dieſer freundliche Befehl ausging. Ich fühlte, daß ich beſſer gethan haben würde, meine Zunge im Zaume zu halten, denn der Streich konnte nur von der Mutter herrühren oder vielleicht auch von der Tochter, deren Eigenliebe wahrſcheinlich verletzt war; ſie war eine ſehr gewandte Schauſpielerin, ſo daß ſie wohl verſtanden hätte, ihren Unwillen verbergen zu können. Ich war unzufrieden mit mir ſelbſt und entfernte mich in übler Laune; ich fühlte mich gedemüthigt, ſo durch eine elende, ſchamloſe Schauſpielerin mißhandelt zu werden, während ich bei einem paſſenderen Be⸗ nehmen in der beſten Geſellſchaft mit Auszeichnung hätte empfangen werden können. Ohne das Verſprechen, bei der Binetti am nächſten Tage zu eſſen, würde ich auf der Stelle Poſtpferde genommen haben, und dadurch hätte ich alle die Unannehmlichkeiten beſeitigt, die meiner noch in dieſer unglückſeligen Stadt warteten. Die Binetti wohnte bei dem Geſandten Wiens, der ſie liebte, und der Theil des Hauſes, den ſie inne hatte, ſtützte ſich auf die Stadtmauern. Dieſen Um⸗ ſtand muß man kennen, wie man ſehen wird. Ich aß téte-Aà-téte mit dieſer liebenswürdigen Lands⸗ männin, und wenn ich mich in dieſem Augenblicke fähig gefühlt hätte, verliebt zu werden, ſo würde ich für ſie meine ganze frühere Zärtlichkeit wieder gewonnen haben, denn ſie hatte ſich ſehr gut conſervirt und viel Anmuth und den Gebrauch der Welt gewonnen. Der Geſandte Wiens war liebenswürdig, freigebig und tolerant; ihr Mann war ein ſchlechtes Subjekt, der ſie nicht verdiente und niemals ſah. Ich ver⸗ brachte mit ihr einen köſtlichen Tag, indem wir uns von unſeren alten Erinnerungen unterhielten, und da mich in Würtemberg nichts zurückhielt, beſchloß ich, am zweitnächſten Tage abzureiſen, weil ich der Toscani und ihrer Tochter verſprochen hatte, am folgenden Tage mit ihnen nach Ludwigsburg zu fahren. Wir ſollten um fünf Uhr Morgens aufbrechen; doch mir geſchah Folgendes: Als ich die Binetti verließ, wurde ich auf eine ſehr höfliche Weiſe durch drei Offiziere angeredet, die ich in dem Kaffeehauſe kennen gelernt hatte, und mit denen ich einen Spaziergang machte. „Wir haben,“ ſagten ſie,„eine Partie mit einigen leichtfertigen Schönen, und Sie würden uns ein Vergnügen bereiten, wenn Sie dieſelbe mitmachen wollten.“ „Ich ſpreche nicht ein Wort Deutſch, meine Herren,“ erwiederte ich,„und wenn ich Ihnen nach⸗ gäbe, ſo würde ich mich langweilen.“ „Die Damen,“ entgegneten die Herren,„ſind Italienerinnen, und nichts kann Ihnen daher beſſer zuſagen.“ Ich fühlte einen ganz eigenthümlichen Widerwillen, ihnen zu folgen, allein getrieben durch meinen böſen Genius, an dieſem unglücklichen Orte nichts als Dummheiten über Dummheiten auszuüben, ließ ich mich gegen meinen Willen verlocken. Wir kehrten zurück in die Stadt. Sie führten mich nach dem dritten Stock eines Hauſes von ſchlechtem Ausſehen; hier fand ich in einem mehr als ärmlichen Zimmer die beiden vorgeblichen Nichten Poccini's. Einen Augenblick darauf trat Poccini ſelbſt ein 41 und mit ſchamloſem Weſen fiel er mir um den Hals und küßte mich und nannte mich ſeinen beſten Freund. Seine Nichten überhäuften mich mit Liebkoſungen und ſchienen dadurch das Alter unſerer Bekanntſchaft zu beſtätigen. Ich ließ ſie gewähren und ſchwieg. Die Offiziere überließen ſich dem Zweck dieſes Beſuchs; ich ahmte ihrem Beiſpiele nicht nach, doch meine Zurückhaltung legte ihnen keinen Zwang auf. Aber ich ſah, an welchen ſchlechten Ort ich mich hatte verlocken laſſen. Ich fühlte meinen ganzen Fehler, allein eine falſche Scham hielt mich ab, ſogleich zu gehen. Ich that daran Unrecht, aber ich nahm mir vor, künftig klüger zu ſein. Es wurde ein Garküchen⸗Eſſen aufgetragen; ich aß nicht, doch da ich nicht unhöflich erſcheinen wollte, trank ich zwei oder drei kleine Glas Ungarwein. Nach dem Eſſen, welches nur kurze Zeit dauerte, brachte man Karten und ein Offizier legte eine Pharaobank auf. Ich pointirte und verlor fünfzig oder ſechszig Louisd'or, die ich bei mir hatte. Ich fühlte mich betrunken, der Kopf wirbelte mir; ich wollte aufhören und mich entfernen, aber ich empfand nie eine ſo unbegreifliche Schwäche, als an jenem Tage, ſei es nun die Wirkung einer falſchen Scham, oder die des verfälſchten Getränkes, welches man mir gereicht hatte. Meine edeln Offiziere, die es bedauerten, daß ich ver⸗ loren hatte, wollten durchaus, daß ich Revanche nehmen ſollte, und zwangen mich, eine Bank von Hundert Louis'dor in Marken aufzulegen. Ich gab ihnen nach und verlor. Ich erneuerte die Bank und verlor wieder. Mein Kopf erhitzte ſich, meine Trunkenheit wuchs und der Unwille machte mich blind, ſo daß ich die Bank immer ſtärker auflegte, fortwährend verlor und endlich um Mitternacht meine ehrenwerthen Schelme, die nicht 42 mehr fürchteten, mich aufzubringen, erklärten, daß ſie nicht länger ſpielen wollten. Sie zählten die Marken und es zeigte ſich, daß ich nahe an hundert Tauſend Francs verloren hatte. Ich war, ohne einen Tropfen Wein weiter getrunken zu haben, ſo berauſcht, daß man eine Portechaiſe holen laſſen mußte, um mich nach meinem Gaſthauſe zu bringen. Als mein Bedienter mich entkleidete, ſagte er mir, daß ich weder meine Uhr, noch meine goldene Tabaksdoſe mehr beſäße. „Vergiß nicht,“ ſagte ich ihm,„mich um vier Uhr zu wecken.“ Dann legte ich mich nieder und ſchlief ſehr ruhig. Als ich mich am Morgen ankleidete, fand ich in meiner Taſche etwa Hundert Louisd'or, was mich ſehr überraſchte; denn da meine Betäubung vorüber war, erinnerte ich mich ſehr gut daran, daß ich ſie am Tage zuvor nicht bei mir gehabt hatte; allein ganz be⸗ ſchäftigt mit meiner Luſtpartie, verſchob ich es für ſpäter, an dieſen Umſtand und an den ungeheuern Verluſt zu denken, den ich erlitten hatte. Ich ging aus, um die Toscani aufzuſuchen, und wir fuhren nach Ludwigsburg, wo wir eine vortreff⸗ liche Mahlzeit hielten, während welcher ich ſo unge⸗ zwungen heiter war, daß meine Begleiterinnen nimmermehr das Unglück errathen haben würden, das mich den Tag zuvor getroffen hatte. Am Abend kehrten wir wohlgemuth nach Stuttgart zurück. Als ich in meine Wohnung trat, ſagte mir mein Spanier, in dem Hauſe, in welchem ich den vorigen Abend zugebracht, hätte man keine Kenntniß von meiner Uhr und meiner Tabaksdoſe, und drei Offiziere wären gekommen, um mich zu beſuchen; da ſie mich aber nicht gefunden, hatten ſie ihm aufgetragen, mir zu ſagen, ſie würden am nächſten Morgen zum Früh⸗ — —;, 43 ſtück zu mir kommen. Sie ermangelten nicht, ſich einzuſtellen. „Meine Herren,“ ſagte ich, ſobald ſie bei mir eingetreten waren,„ich habe eine Summe verloren, die ich nicht bezahlen kann und die ich zuverläſſig nicht verloren haben würde, wäre ich nicht durch das Gift, welches Sie mich in dem Ungarwein trinken ließen, berauſcht geweſen. Sie haben mich an einen ſchändlichen Ort geführt, wo man mir auf ſchmach⸗ volle Weiſe Gegenſtände geſtohlen hat, die über drei Hundert Lonisd'or werth ſind. Ich werde mich dar⸗ über gegen Niemanden beſchweren, denn ich muß die Strafe meines thörichten Vertrauens tragen. Wäre ich klug geweſen, ſo würde mir das nicht begegnet ſein.“ Sie brachen in lautes Geſchrei aus und ſprachen von der Rolle, welche die Ehre ſie zwingen würde, zu ſpielen. Alle ihre Worte waren vergeblich, denn ich hatte ſchon den Entſchluß gefaßt, nichts zu bezahlen. Während wir uns noch ſtritten, und als der Zorn ſich in den Streit zu miſchen anfing, kamen Baletti, Toscani, die Mutter, und Binetti hinzu und hörten, um was es ſich handelte. Ich ließ für Alle ein Frühſtück bringen und nach der Mahlzeit entfernten ſich meine Freunde. Als wir wieder allein waren, machten die drei Spieler mir einen Vorſchlag. „Wir ſind zu ehrenhaft, mein Herr, um den Vor⸗ theil unſerer Lage zu mißbrauchen. Sie ſind unglück⸗ lich geweſen, doch das kann Jedermann paſſiren, und wir ſind gern zu einem Abkommen bereit. Wir werden uns mit allen Ihren Effekten, Schmuckſachen, Dia⸗ manten, Waffen und Wagen begnügen, die wir ab⸗ ſchätzen laſſen; wenn die Summe, die Sie uns ſchulden, dadurch noch nicht gedeckt iſt, ſo nehmen wir für das Uebrige Wechſel und bleiben dann gute Freunde.“ „Meine Herren, ich verlange auf keine Weiſe die Freundſchaft von Leuten, die mich ausplündern und kann Sie durchaus nicht bezahlen.“ Bei dieſen Worten brachen ſie in Drohungen aus. „Meine Herren,“ ſagte ich mit der größten Kalt⸗ blütigkeit,„Ihre Drohungen können mich nicht ein⸗ ſchüchtern, und ich ſehe nur zwei Mittel, wodurch Sie ſich bezahlt machen können. Das erſte iſt der Weg der Juſtiz, und darin glaube ich leicht einen Advokaten zu finden, der meine Sache führt; das zweite iſt, Sie mit meiner Perſon zu bezahlen, in allen Ehren und ſehr verſchwiegen, Einen nach dem Andern, mit dem Degen in der Hand.“ Sie antworteten mir, wie ich es erwartete, daß ſie mir die Ehre erzeigen wollten, mich zu tödten, wenn ich es wünſchte, aber erſt, nachdem ich ſie bezahlt hätte. Sie gingen, indem ſie fluchten, und mir die Verſicherung gaben, daß ich es bereuen ſollte. Ich ging wenige Augenblicke darauf aus, um die Toscani zu beſuchen, bei der ich den Tag in einer Heiterkeit zubrachte, welche in meiner Lage an Wahn⸗ ſinn grenzte. Ich ſchrieb dies indeß der Macht der Schönheit ihrer Tochter zu, ſowie dem Bedürfniß, daß meine Seele empfand, ſich aufzuheitern, um ihre Sprungfedern zu kräftigen. Die Mutter, welche Zeugin von der Wuth der drei Banditen geweſen war, machte mich zunächſt darauf aufmerkſam, daß es nöthig ſein würde, mich gegen ihre boshaften Abſichten zu ſichern, indem ich ſie gerichtlich belangte.—„Laſſen Sie dieſe Menſchen den Vorſprung gewinnen,“ ſagte ſie,„ſo könnten ſie trotz Ihres Rechtes große Vortheile über Sie erlangen.“ — 45 Während ich mich den tauſend ſüßen Genüſſen ihrer reizenden Tochter hingab, ſchickte ſie nach einem Advokaten, welcher, nachdem er gehört hatte, um was es ſich handelte, mir ſagte, ich hätte keinen beſſeren Weg, als in der kürzeſten Friſt Alles dem Herzog zu erzählen. „Die Offiziere waren es, welche Sie an den ſchlechten Ort führten; ſie ſchenkten Ihnen den Wein ein, der gefälſcht war, nachdem Sie Ihre Be⸗ ſinnung verloren; ſie verführten Sie zum Spiele, die Verbote des Fürſten verachtend, denn das Spiel iſt ſtreng unterſagt; in ihrer Geſellſchaft ſind Sie Ihrer Schmuckſachen beraubt worden, nachdem Sie eine ungeheure Summe verloren hatten. Der Fall iſt hängenswerth, und der Herzog iſt ſelbſt dabei intereſſirt, Ihnen Genugthuung zu verſchaffen, denn ein Hinter⸗ halt der Art, durch Offiziere in ſeinem Dienſte begangen, muß ihn in den Augen von ganz Europa entwürdigen.“ Ich empfand einigen Widerwillen, dieſen Schritt zu thun, denn obgleich der Herzog ein zügelloſer Lebe⸗ mann war, fühlte ich mich dennoch nicht geneigt, ihm ſolche Nichtswürdigkeiten zu erzählen. Indeß war der Fall ſehr ernſt, und nachdem ich ihn reiflich über⸗ kegt hatte, entſchloß ich mich, den Herzog am nächſten Tage um Audienz zu bitten. Der Herzog, ſagte ich zu mir ſelbſt, giebt dem erſten Beſten Audienz, weshalb ſollte ich nicht ebenſo gut empfangen werden wie ein Tagelöhner? Dieſe Betrachtung beſtärkte mich in dem Glauben, daß es nutzlos wäre, zu ſchreiben, und ich machte mich auf den Weg nach dem Hof; aber zwanzig Schritt von dem Thore des Schloſſes entfernt, begegnete ich den drei Herren, welche mich unhöflich anredeten, undem ſie mir ſagten, daß ich daran denken ſollte, ſie zu bezahlen, wo nicht, ſo würden ſie mir ein ſchlechtes Spiel bereiten. Ich wollte meinen Weg verfolgen, ohne ihnen zu antworten, aber ich fühlte mich heftig beim linken Arme ergriffen. Eine natürliche Bewegung der Selbſt⸗ vertheidigung führte meine rechte Hand an den Degen, und ich zog wüthend die Klinge. Der Offizier der Wache eilte herbei. Ich beklagte mich, daß die Herren mir Gewalt anthäten und mich hindern wollten, mit dem Herzog zu ſprechen. Die Schildwache, welche befragt wurde, erkannte ebenſo wie eine Menge an⸗ weſender Perſonen, daß ich den Degen nur gezogen hätte, um mich zu vertheidigen, und der Offizier ent⸗ ſchied, daß Niemand mich hindern könnte, in das Schloß einzutreten. Man ließ mich ohne Hinderniß bis zu dem letzten Vorzimmer gelangen. Hier wendete ich mich an einen Kammerherrn und bat um eine Audienz. Man gab mir die Verſicherung, daß ich eingeführt werden würde. Allein einen Augenblick darauf erſchien der Unver⸗ ſchämte, der mich am Arme gefaßt hatte, und ſprach deutſch mit dem Offizier, der das Amt eines Kammer⸗ herrn verſah. Er ſagte ihm Alles, was er wollte, ohne daß ich ihm widerſprechen konnte, und ohne Zweifel ſprach er nicht zu meinen Gunſten. Uebrigens war es auch nicht unmöglich, daß dieſer Kammerherr⸗Offizier mit zu der Clique gehörte. Eine Stunde verfloß, ohne daß ich bis zu dem Fürſten gelangen konnte. Der Offizier hatte ſich einen Augenblick entfernt, und der, welcher mir die Verſicherung gegeben hatte, der Fürſt würde mich hören, ſagte mir, ich könnte nach Hauſe gehen; der Herzog wäre von Allem unterrichtet und ohne Zweifel würde Gerechtigkeit geübt werden. — QQQ—Q—⸗—üj—— ——— —— 47 Ich erkannte jetzt, daß ich nichts erlangen würde, und indem ich mich entfernte, dachte ich an das Mittel, mich aus der Verlegenheit zu ziehen, als ich Binetti begegnete, der meine Lage kannte. Er forderte mich auf, bei ihm zu ſpeiſen, mir betheuernd, der Geſandte Wiens würde mich unter ſeinen Schutz nehmen und ich dadurch gegen die Gewaltthaten geſichert ſein, welche dieſe Schelme gegen mich auszuüben trachteten, ungeachtet der Verſicherungen, welche ich von dem Offizier im Vorzimmer erhalten hätte. Ich nahm die Einladung an, und ſeine reizende Gattin, die ſich die Sache zu Herzen nahm, verlor keinen Augenblick, den Geſandten, ihren Liebhaber, von Allem zu unterrichten. Der Diplomat begleitete ſie, und nachdem er mich alle näheren Umſtände hatte erzählen laſſen, ſagte er mir, wahrſcheinlich wüßte der Herzog von nichts. „Schreiben Sie einen kurzen Bericht dieſes Hinter⸗ haltes nieder,“ ſagte er,„ich werde die Schrift dem Herzoge übermitteln, und zweifle nicht daran, daß Ihnen Gerechtigkeit gewährt werden wird.“ Ich ſetzte mich an den Tiſch der Binetti, und als mein wahrhaft getreuer Bericht beendet war, übergab ich ihn offen dem Geſandten, der mir verſicherte, daß meine Angelegenheit noch vor Ablauf einer Stunde dem Herzog bekannt ſein ſollte. Während des Mittageſſens wiederholte meine Lands⸗ männin mir die beſtimmte Verſicherung, daß ihr Ge⸗ liebter mein Beſchützer ſein würde, und wir brachten den Tag ziemlich heiter zu; aber gegen Abend kam mein Spanier, um mir zu ſagen, wenn ich in das Wirthshaus zurückkehrte, würde ich verhaftet werden. „Denn,“ ſagte er,„ein Offizier iſt in Ihr Zimmer gekommen, und da er Sie nicht fand, hat er an die Straßenthür am Ende der Treppe zwei Soldaten aufgeſtellt.“ -—— 48 Die Binetti ſagte mir: „Sie kehren nicht nach Ihrem Gaſthauſe zurück; Sie ſchlafen hier, wo Sie keine Beſchimpfung zu befürchten haben. Laſſen Sie ſich bringen, was Sie bedürfen, und warten wir.“ Ich gab meine Befehle, und mein Spanier ging, um mir die Gegenſtände zu holen, deren ich bedurfte. Um Mitternacht kehrte der Geſandte zurück; ich war noch nicht zu Bett gegangen, und er fand es nicht Unrecht, daß ſeine Schöne mir ein Aſyl gegeben hatte. Er verſicherte mir, daß meine Schrift dem Herrſcher übergeben worden wäre, allein während dreier Tage, die ich in dem Hauſe zubrachte, hörte ich nicht davon ſprechen. Am vierten Tage, während ich alle Welt über das zu Rathe zog, was ich zu thun hätte, empfing der Geſandte von dem Staatsminiſter einen Brief, durch welchen ihn derſelbe im Auftrage ſeines Herrſchers bat, mich aus ſeinem Hauſe zu entlaſſen, da ich einen Prozeß mit den Offizieren Sr. Hoheit zu beendigen hätte, und er dadurch, daß er mich in ſeinem Hauſe behielt, den Lauf der Gerechtigkeit aufhalten würde. Der Geſandte übergab mir den Brief, und ich las darin, daß der Miniſter ihm verſprach, es ſolle ſtrenge Gerechtigkeit geübt werden. Ich mußte mich ent⸗ ſchließen, in mein Gaſthaus zurückzukehren; aber die Binetti war darüber ſo ungehalten, daß ſie Beleidi⸗ gungen gegen den Geſandten ausſprach, der darüber nur lachte, indem er ſagte, er könnte mich nicht gegen den Willen des Herrſchers behalten, da derſelbe nicht Unterthan des Kaiſers ſei. Er hatte Recht. Ich kehrte daher in mein Gaſthaus zurück, ohne Jemanden zu ſehen; nachdem ich jedoch zu Mittag ge⸗ geſſen hatte und in dem Augenblick, als ich ausgehen A. .⏑ ☛⏑—-—ͤ»A — ◻s d 80* — —⁸½— 0 ————— —— ————. 49 wollte, mich mit meinem Advokaten zu berathen, brachte ein Gerichtsbote mir eine Vorladung, die mir durch meinen Wirth verdolmetſcht wurde, und die mir gebot, augenblicklich bei ich weiß nicht welchem Notar zu erſcheinen, der beauftragt wäre, meine Ausſagen zu empfangen. Ich begab mich mit dem Gerichtsboten dorthin; ich brachte zwei Stunden bei dieſem Menſchen zu, der Alles deutſch niederſchrieb, was ich ihm lateiniſch ſagte; als er zu Ende war, forderte er mich auf, zu unterzeichnen. Ich bemerkte ihm, daß ich eine Schrift nicht unterzeichnen würde, die ich weder leſen noch verſtehen könnte. Er beharrte auf ſeinen Willen, aber ich war unerſchütterlich. Er wurde zornig, ſagte, es wäre unpaſſend, daß ich die Glaubwürdigkeit eines Notars in Verdacht zöge. Ich antwortete ihm ruhig, ich verdächtigte ſeine Glaubwürdigkeit keineswegs, allein ich handelte nach dem Grundſatze, den die Klugheit diktirte, und da ich das nicht verſtände, was er geſchrieben hätte, ſo ſchiene es mir ganz natürlich, daß ich meine Unterſchrift verweigerte. Ich verließ ihn und ging zu meinem Advokaten, der mein Be⸗ nehmen lobte und mir verſprach, am nächſten Tage zu mir zu kommen, um meine Vollmacht zu empfangen. „Dann,“ ſagte er,„wird Ihre Angelegenheit die meinige ſein.“ Getröſtet durch dieſen Menſchen, der mir Vertrauen einflößte, kehrte ich nach Hauſe zurück, und nachdem ich gut zu Abend gegeſſen hatte, legte ich mich nieder und ſchlief mit der vollſtändigſten Ruhe; aber bei meinem Erwachen verkündete mir mein Spanier einen Offizier, der ihm folgte und der, indem er ſich in gutem Franzöſiſch ausdrückte, mir ſagte, ich dürfte mich nicht darüber wundern, Stuben⸗Arreſt zu erhalten, denn da ich Ausländer wäre und einen Prozeß hätte, X.[28.] 4 50 ſei es nicht mehr wie billig, daß die Gegenpartei ſich meiner verſicherte, damit ich nicht vor dem Ausgange des Prozeſſes entfliehen könnte. Er verlangte höflich meinen Degen, und zu meinem Bedauern war ich gezwungen, ihm denſelben zu übergeben. Er hatte ſtählerne Faſſung von der ſchönſten Arbeit, war ein Geſchenk der Frau von Urfé und wenigſtens fünfzig Louisd'or werth. Ich ſchrieb ein Billet an meinen Advokaten, um ihn von dem Ereigniß zu unterrichten; er beſuchte mich und verſicherte mich, mein Arreſt würde nur wenige Tage dauern. Gezwungen, zu Hauſe zu bleiben, ließ ich meine Freunde benachrichtigen und empfing die Beſuche der Tänzer und Tänzerinnen, welche die einzigen anſtändigen Leute waren, die ich in dieſem unglücklichen Stuttgart kannte, wohin ich nie einen Fuß hätte ſetzen ſollen. Meine Lage war nicht zum Entzücken: vergiftet durch ein Glas Wein, betrogen, beſtohlen, beſchimpft, ſah ich mich meiner Freiheit beraubt und bedroht, hundert Tauſend Francs bezahlen zu müſſen, zu deren Erſatz ich mich bis auf das Hemd hätte ausplündern laſſen müſſen, weil Niemand wußte, was ich in meinem Portefeuille hatte. Ich war wie vernichtet. Ich hatte an Madame Gardella geſchrieben, doch ohne Erfolg, denn ich erhielt keine Antwort. Die Binetti, die Toscani und Baletti, welche bei mir zu Mittag und zu Abend ſpeiſten, bildeten meinen ganzen Troſt. Meine drei Schelme waren einzeln zu mir gekommen und jeder von ihnen verſprach mir, mich aus der Verlegenheit zu reißen. Jeder hätte ſich mit drei oder vier Hundert Louisd'or zufrieden gegeben; allein ſelbſt wenn ich ſie ihnen gab, wäre ich nicht gewiß geweſen, daß die beiden Anderen zurückgetreten wären. Ich war in gewiſſer Beziehung ihren Anſprüchen — ———— 51 gerecht geworden, das Uebel aber verſchlimmert. Ich ſagte ihnen, ſie langweilten mich, und ich würde es ihnen Dank wiſſen, wenn ſie mich nicht mehr durch ihre Gegenwart beläſtigten. Am fünften Tage meiner Verhaftung reiſte der Herzog nach Frankfurt, und an demſelben Tage ſagte mir die Binetti im Namen ihres Liebhabers, daß der Herzog den Offizieren verſprochen hätte, ſich nicht in die Angelegenheit zu miſchen, daß er daher für mich die Gefahr erblickte, das Opfer eines ungerechten Urtheilsſpruches zu werden. Er rieth mir deshalb, mich aus der Verlegenheit zu ziehen, indem ich alle meine Effekten, Schmuckſachen und Diamanten opferte und dagegen eine Entlaſtung von meinen drei Gegnern erhielte. Die Binetti billigte als verſtändige Frau dieſen Rath nicht, und mir gefiel er noch weniger, als ihr; allein ſie hatte verſprochen, ſich des Auftrages zu entledigen. Ich beſaß Schmuckſachen und Spitzen im Betrage von über hundert Tauſend Francs, aber ich konnte mich nicht entſchließen, ſie zu opfern. Ich ſchwamm in einem Meere von Ungewißheit, als mein Advokat eintrat. Was er mir ſagte, war Folgendes: „Mein Herr, Alles, was ich zu thun vermochte, iſt erfolglos geblieben. Es beſteht eine Clique gegen Sie, eine Clique, die von oben her unterſtützt zu werden ſcheint und die jeder Gerechtigkeit Schweigen gebietet. Es iſt meine Pflicht, Sie zu benachrichtigen, daß Sie verloren ſind, wenn Sie nicht ein Mittel finden, ſich mit den Schelmen zu verſtändigen. Der Urtheilsſpruch des Polizeirichters, eines ebenſo großen Schurken, wie die Herren ſämmtlich ſind, wird rein ſummariſch ſein, denn in Ihrer Eigenſchaft als Aus⸗ länder dürfen Sie nicht erwarten, Ihre Angelegenheit 4* 52 auf den gewöhnlichen Weg der Chikane zu bringen. Dazu wäre erforderlich, daß Sie eine Caution leiſteten. Man hat ſich Zeugen verſchafft, welche beſtätigen, daß Sie ein Spieler von Profeſſion ſind, daß Sie es waren, der die drei Offiziere zu Ihrem Landsmann Peccini lockte, daß es ferner nicht wahr iſt, daß man Sie berauſcht hätte, und daß Sie weder Ihre Uhr noch Ihre Tabatiére verloren, denn man behauptet, daß ſich dieſe Gegenſtände in Ihren Koffern finden werden, wenn man das Inventar Ihrer Effekten aufnimmt. Seien Sie morgen oder übermorgen darauf gefaßt, und beſonders zweifeln Sie nicht an der Wahrheit Alles deſſen, was ich Ihnen ſage; Sie würden dies zu ſpät bereuen. Man wird hierher kommen, um Ihre Koffer, Ihre Caſſette, Ihre Taſchen zu leeren; man wird Alles aufzeichnen und noch an demſelben Tage eine Auc⸗ tion veranſtalten. Wenn der Ertrag die Schuld über⸗ ſteigt, ſo wird der Ueberſchuß zur Bezahlung der Koſten verwendet werden, und was Ihnen zukommt, wird nur ſehr wenig ſein; wenn die Summe nicht genügt, um Alles zu bezahlen, Schulden, Koſten des Prozeſſes, des Arreſtes, der Auction u. ſ. w., ſ. wird man Sie als gemeinen Soldaten in die Truppen Sr. Hoheit einreihen. Ich hörte zu dem Offizier, der Ihr größter Feind iſt, ſagen, man würde die vier Louisd'or, die Ihnen als Handgeld gebührten, mit in Rechnung bringen, und der Herzog würde gewiß hocherfreut ſein, einen ſo ſchönen Mann zum Rekruten zu bekommen.“ Der Advokat ging, ohne daß ich es bemerkte, ſo hatten ſeine Worte mich verwirrt. Ich befand mich in einem ſolchen Zuſtande, daß ich binnen weniger als einer Stunde glaubte, all mein Blut ſollte irgend einen gewaltſamen Ausweg ſuchen. Dahin hatte man mich gebracht, der Soldat eines ſo kleinen Fürſten, wie des K —————— — — 53 Herzogs, zu werden, der nur durch den abſcheulichen Handel mit Menſchenfleiſch beſtand, welchen er nach dem Beiſpiel des Churfürſten von Heſſen betrieb. Ich, durch Schelme ausgeplündert, bedroht mit einem ungerechten Urtheilsſpruch? Nein, das durfte nicht geſchehen. Ich mußte daher irgend ein Mittel aus⸗ findig machen, um Zeit zu gewinnen. Ich begann damit, an meinen Hauptgläubiger zu ſchreiben, ich wäre entſchloſſen, ein vernünftiges Ab⸗ kommen zu treffen, verlangte aber, daß alle drei mit Zeugen bei dem Notar zugegen ſein ſollten, um ihre Verzichtleiſtung zu legaliſiren und mich in den Stand zu ſetzen, abreiſen zu dürfen. Ich berechnete, daß wahrſcheinlich Einer von den Dreien am nächſten Tage auf Wache ſein würde, was mir wenigſtens einen Tag Friſt gewährte. Bis dahin hoffte ich irgend ein Mittel ausfindig zu machen, um mich aus der Ver⸗ legenheit zu ziehen. Dann ſchrieb ich einen Brief an den Polizei⸗ präſidenten, den ich Excellenz und gnädiger Herr nannte und bat ihn um ſeinen mächtigen Schutz. Ich ſagte ihm, ich hätte mich entſchloſſen, meine Effekten zu verkaufen, um den gerichtlichen Verfolgungen, durch die man mich bedrücken wollte, ein Ziel zu ſetzen, und bat ihn, dem Verfahren ein Ende zu machen, deſſen Koſten nur meine Verlegenheit vergrößern müßten. Außerdem bat ich ihn, mir einen rechtſchaffenen Menſchen zu ſenden, der meine Effekten nach ihrem wahren Werthe abſchätzen könnte, ſobald ich mich mit den Offizieren, meinen Gläubigern, verſtändigt hätte, bei denen ich um ſeine Vermittelung bäte. Als ich fertig war, ſchickte ich meinen Spanier mit den Briefen an ihre Adreſſaten. Der Offizier, an den ich geſchrieben hatte und der 54 behauptete, zwei Tauſend Louisd'or fordern zu dürfen, ſuchte mich nach dem Eſſen auf. Er ſprach von ſeinen Gefühlen, und ich empfand darüber Vergnügen, mochten ſie nun wahr oder erheuchelt ſein. Er ſagte mir, er hätte ſoeben mit dem Polizeipräſidenten geſprochen, der ihn meinen Brief hätte leſen laſſen.—„Sie faßten den beſten Entſchluß,“ fügte er hinzu,„daß Sie eine Verſtändigung eingehen wollen; aber wir brauchen nicht alle Drei zugegen zu ſein. Ich werde mir Voll⸗ macht von den beiden Anderen verſchaffen und das wird dem Notar genügen.“ „Mein Herr,“ ſagte ich,„ich bin zu unglücklich, als daß Sie mir die Genugthuung verweigern könnten, Sie alle Drei vereinigt zu ſehen; ich glaube nicht, daß Sie mir dies verweigern können.“ „Nun wohl, Ihr Wunſch ſoll erfüllt werden; aber wenn Sie Eile haben, ſo mache ich Sie darauf auf⸗ merkſam, daß Sie dieſe Genugthuung erſt am Montag haben können, denn Jeder von uns iſt an einem der nächſtfolgenden Tage auf Wache.“ „Das thut mir leid, aber ich werde bis zum Montag warten.— Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß bis dahin jedes gerichtliche Verfahren unter⸗ brochen wird.“ „Ich gebe es Ihnen. Hier meine Hand, Sie dürfen beſtimmt darauf rechnen. Meinerſeits bitte ich Sie aber auch, mir ein Vergnügen zu machen. Ihre Poſtchaiſe gefällt mir und ich erbitte ſie mir von Ihnen für den Preis, den ſie Ihnen gekoſtet hat.“ „Sehr gern.“ „Seien Sie ſo gütig, den Wirth rufen zu laſſen und ihm in meiner Gegenwart zu ſagen, daß der Wagen mir gehört.“ Ich ließ den Wirth kommen und that, was der 5⁵ Schurke verlangte; aber der Wirth ſagte ihm, er könne darüber verfügen, ſobald er ſelbſt bezahlt wäre. Dann wendete er ihm den Rücken und ging. „Ich bin überzeugt, den Wagen zu bekommen,“ ſagte der Offizier lachend. Darauf umarmte er mich und ſchied von mir. Dieſe Unterhaltung war mir ſo erfreulich geweſen, daß ich mich neu belebt fühlte. Vier Tage lagen vor mir! Das war ein wahrer Glücksfall. Einige Stunden ſpäter kam ein Mann von gefälligem Ausſehen, der gut italieniſch ſprach, zu mir und ſagte mir im Auftrage des Polizei⸗Präſidenten, meine Gläubiger würden am nächſten Montag ſich mit einander einfinden, und er ſelbſt ſei damit beauf⸗ tragt worden, meine Effekten abzuſchätzen. Er rieth mir, bei meinem Abkommen die Bedingung zu ſtellen, daß meine Sachen nicht verſteigert würden, ſondern daß meine Gläubiger ſich an den Preis ſeiner Ab⸗ ſchätzung zu halten hätten. Nachdem ich ihm geſagt hatte, daß er ſeinerſeits mit mir zufrieden ſein würde, ſtand ich auf, indem ich ihn bat, meine Koffer und meine Caſſette, in denen ich meine Schmuckſachen hatte, beſichtigen zu wollen. Er that dies und ſagte mir, meine Spitzen wären allein zwanzig Tauſend Francs werth.—„Sie haben Gegen⸗ ſtände, mein Herr,“ fügte er hinzu,„die mehr als hundert Tauſend Francs werth ſind. Allein ich gebe Ihnen mein Wort, ohne Beſorgniß, dasſelbe bei Ihren Gegnern zu gefährden, daß ich insgeheim den Offizieren das Gegentheil verſichern werde. Trachten Sie, dieſelben dadurch dahin zu bringen, daß ſie ſich mit der Hälfte deſſen begnügen, was Sie ihnen ſchuldig ſind, und Sie werden dann mit der Hälfte Ihrer Sachen abreiſen können.“ 1 6 6 ſp 56 „Für dieſen Fall, mein Herr, verſpreche ich Ihnen fünfzig Louisd'or; einſtweilen nehmen Sie hier dieſe ſechs auf Abſchlag.“ „Ich nehme ſie mit Dank und Sie dürfen auf meine Ergebenheit rechnen. Die ganze Stadt weiß, daß Ihre Gläubiger Schelme ſind, und der Herzog weiß es ebenſo gut, aber er hat ſeine Gründe, um ſich zu ſtellen, als wüßte er von ihren Räubereien nichts.“ Ich athmete freier auf und dachte nur noch daran, meine Zeit zu benutzen, um meine Flucht mit meinem ganzen Gepäck zu ſichern, ausgenommen meinen nied⸗ lichen, kleinen Wagen. Ich hatte eine ſchwierige Aufgabe, aber ich befand mich nicht unter den Blei⸗ dächern, und die Erinnerung an meine große Flucht hob meinen Muth. Ich machte den Anfang damit, die Toscani, Baletti und den Tänzer Binetti zum Abendeſſen ein⸗ laden zu laſſen; denn ich mußte mich mit Leuten berathen, die nichts von dem Zorn meiner drei Schelme zu fürchten hatten und auf deren Freundſchaft ich rechnen durfte. Nachdem wir gut zu Abend gegeſſen hatten, ſetzte ich meine Gäſte von allen Umſtänden meiner Lage in Kenntniß, ſowie von meinem Entſchluß, mich zu retten, ohne irgend letwas von meinen Sachen aufzugeben. „Jetzt, meine Freunde,“ ſagte ich,„ertheilt mir Euren Rath.“ Nach einem Augenblick des Schweigens ſagte Binetti, wenn ich das Wirthshaus verlaſſen und mich zu ihm begeben könnte, ſo wäre es mir möglich, durch ein Fenſter ſeines Hauſes hinabzuſteigen. Auf den Erdboden gelangt, wäre ich dann außerhalb der Stadt und hundert Schritte von der großen Landſtraße ent⸗ 0 — 57 fernt, von wo ich mit der Poſt die Staaten des Herzogs noch vor Tagesanbruch verlaſſen könnte. Bei dieſen Worten ſtand Baletti auf, öffnete das Fenſter und fand, daß ich es nicht unternehmen dürfte, dort hinaus zu entfliehen, weil ſich hier ein Bretterdach über einem Verkaufsladen befände. Ich ſah ebenfalls hinaus und erkannte, daß er Recht hatte. Ich ſagte daher, ich würde irgend ein anderes Mittel ausfindig machen, das Wirthshaus zu verlaſſen; aber was mich in Verlegenheit ſetzte, wäre mein Gepäck. Die Toscani ſagte mir hierauf:„Sie müſſen Ihre Koffer aufgeben, denn es iſt nicht möglich, dieſe fortzuſchaffen, ohne geſehen zu werden. Ihre Sachen müſſen Sie dann zu mir ſchaffen. Ich verpflichte mich, Ihnen Alles, was Sie mir anvertrauen, an den Ort nachzuſenden, an den Sie ſich begeben. Ich kann Alles zu ver⸗ ſchiedenen Malen unter meinen Kleidern mit forttragen und kann damit gleich dieſen Abend beginnen. Dieſer Gedanke ſchien Baletti gut und er ſagte mir, ſeine Frau würde ebenfalls kommen, um die Ausführung zu beſchleunigen. Wir blieben bei dieſem Gedanken ſtehen, und ich verſprach Binetti, mich in der Nacht vom Sonntag zum Montag pünktlich um Mitternacht zu ihnen zu begeben, müßte ich dazu auch die Schildwache erdolchen, die ſtets während des Tages vor meiner Stubenthür ſtand, die ſich aber mit Anbruch der Nacht wieder entfernte, nachdem ſie mich eingeſchloſſen hatte, und dann erſt am Morgen wieder zurückkehrte. Baletti verbürgte ſich für einen zuver⸗ läſſigen Diener und verpflichtete ſich, daß ich auf der großen Landſtraße eine Poſtchaiſe finden ſollte, auf welcher ſich meine Effekten, in anderen Koffern ver⸗ packt, befänden. Um die Zeit zu benutzen, begann die Toscani ſich zu beladen, und befeſtigte zwei Anzüge 58 unter ihren Kleidern. Die folgenden Tage dienten mir die drei Frauen und meine beiden Freunde ſo vortrefflich, daß Sonnabend um Mitternacht meine beiden Koffer, meine Chatoulle und mein Reiſebeſteck vollkommen leer waren; die Schmuckſachen behielt ich zurück, um ſie in meinen Taſchen mitzunehmen. Am Sonntag brachte die Toscani mir die Schlüſſel von zwei Koffern, in welche ſie forgfältig alle meine Sachen gepackt hätte, und Baletti kam, um mir mit⸗ zutheilen, daß alle Maßregeln getroffen wären und eine gute Poſtchaiſe unter Aufſicht ſeines Bedienten mich auf der großen Straße gleich nach Mitternacht erwarten würde. Befriedigt durch das Alles, traf ich nun die folgende Veranſtaltung, um mein Wirthshaus zu verlaſſen. Der Soldat, der mich bewachte, hielt ſich in einem kleinen Vorzimmer auf, in dem er auf und nieder ging, ohne je bei mir einzutreten, ich müßte ihn denn rufen, und ſobald er mich im Bett wußte, verſchloß er meine Thür und entfernte ſich bis zum nächſten Morgen. Außerdem war er gewöhnt, an einem kleinen Tiſche in einer Ecke des Vorgemaches von dem Deſſert, welches ich ihm ſchickte, zu Abend zu eſſen. Nach dieſen Gewohnheiten, die ich genau beobachtet hatte, gab ich meinem Spanier folgende Weiſung: „Statt nach dem Abendeſſen zu Bett zu gehen, werde ich mich bereit halten, mein Zimmer zu ver⸗ laſſen und dies thun, ſobald ich draußen kein Licht mehr ſehe; ich werde dafür ſorgen, daß auch mein Licht ſo geſtellt iſt, um weder meinen Schatten zu zeigen, noch irgend einen Schein auf die Thür zu werfen. Habe ich einmal mein Zimmer verlaſſen, ſo werde ich ohne Schwierigkeit die Treppe erreichen und Alles iſt dann beendet. Ich begebe mich zu Binetti und von ihm ver⸗ laſſe ich die Stadt und erwarte Dich in Fürſtenberg. 59 Niemand kann Dich hindern, am nächſten oder am darauf folgenden Tage abzureiſen. Wenn Du mich alſo in meinem Zimmer bereit ſiehſt, und das wird geſchehen, während die Schildwache ißt, löſcheſt Du das Licht aus, das auf dem Tiſche ſteht. Du kannſt dies leicht beim Putzen thun. Du wirſt es ſogleich er⸗ greifen, um es wieder anzuzünden, und ich benutze dieſen Augenblick, wo Du bei mir eintrittſt, um mich unter Begünſtigung der Dunkelheit zu retten. Wenn Du vermuthen darfſt, daß ich das Vorgemach ver⸗ laſſen habe, kehrſt Du dann zu dem Soldaten mit dem angezündeten Lichte zurück und leerſt langſam mit ihm ſeine Flaſche. Dann werde ich ſchon in Sicherheit ſein, und wenn Du ihm ſagſt, daß ich zu Bett bin, wird er eintreten, mir eine gute Nacht wünſchen und, nachdem er die Thür verſchloſſen und den Schlüſſel in die Taſche geſteckt hat, mit Dir ſich entfernen. Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß er mit mir ſprechen will, wenn Du ihm ſagſt, daß ich im Bett liege.“ Da es indeß doch möglich war, daß der Soldat Luſt verſpürte, mich zu ſehen, legte ich auf das Kopf⸗ kiſſen einen Perrückenkopf mit einer Nachtmütze und ordnete das Deckbett ſo, daß es auf den erſten Blick täuſchen mußte. Alles das gelang vortrefflich, wie ich ſpäter von meinem Spanier erfuhr. Während dieſer mit meinem Wächter trank, ſtand ich in meinen Pelz gekleidet, meinen Hirſchfänger an Seite, denn ich hatte keinen Degen mehr, und z0ei geladene Piſtolen in den Taſchen, wartend da. Sobald die Dunkelheit mir zeigte, daß Le Due das Licht gelöſcht hatte, ging ich leiſe hinaus und gelangte ohne das geringſte Knarren der Dielen zu der Treppe. Von hier aus war das Uebrige leicht, denn die Stiege führte unmittelbar auf 60 einen Vorgang und die Straßenthür war immer bis gegen Mitternacht geöffnet. Ich ging mit großen Schritten die Straße ent⸗ lang und um elf und drei Viertel Uhr trat ich bei Binetti ein, wo die Frau mich am Fenſter erwartete. Als ich in dem Zimmer war, aus welchem die Flucht bewirkt werden ſollte, verloren wir keine Zeit; ich warf meinen Pelz durch das Fenſter Baletti zu, der in dem Graben ſtand, bis zum halben Bein in dem Kothe verſunken, und nachdem ich ein ſtarkes Seil feſt um meinen Körper geſchlungen hatte, umarmte ich die Binetti und die kleine Baletti, die mich mit Hülfe des Seiles, das um das Fenſterkreuz gewunden war, leiſe hinabgleiten ließen. Baletti fing mich mit ſeinen Armen auf, ich durchſchnitt den Strick und nachdem ich meinen Pelz wieder genommen hatte, folgte ich meinem theuern Baletti. Dem Kothe trotzend, in den wir bis an die Knie einſanken, und mit vieler Mühe durch die Hecken kriechend, gelangten wir ſehr ermüdet auf die Land⸗ ſtraße, obgleich dieſelbe in gerader Linie nicht über vier Hundert Schritt von dem Hauſe entfernt war. In geringer Entfernung von dort, an der Thür eines kleinen Wirthshauſes, fanden wir den Wagen, in welchem der Diener Baletti's ſaß. Er ſtieg aus und ſagte uns, der Poſtillon wäre ſoeben in das Wirths⸗ haus gegangen, um ein Glas Bier zu trinken und ſeine Pfeife anzuzünden. Ich belohnte den treuen Diener reichlich. Nachdem ich ſeinen Platz eingenommen und ſeinen Herrn umarmt hatte, bat ich ſie, zu gehen und mir die Sorge für alles Weitere zu überlaſſen. Ich war ſeit ungefähr zwei oder drei Minuten in dem Wagen, als der Poſtillon mich fragte, ob wir noch lange warten würden. Er glaubte mit derſelben — —— — —.—„, ——————„ 2„— 5f 61 Perſon zu ſprechen, die er in dem Wagen zurück⸗ gelaſſen hatte, und ich hütete mich wohl, ihn ſobald aus ſeinem Irrthume zu ziehen. „Fahre ab,“ ſagte ich,„und geradenwegs nach Tübingen, ohne in Waldenbuch die Pferde zu wechſeln.“ Er gehorchte und wir fuhren raſch zu, aber ich hatte große Luſt, in Tübingen über die Miene zu lachen, die er machte, als er mich ſah. Der Bediente Baletti's war jung und klein; ich war groß und ein gereifter Mann. Nachdem er die Augen weit aufgeriſſen hatte, ſagte er, ich wäre nicht derſelbe Herr, mit dem er abgefahren.—„Du warſt betrunken,“ ſagte ich, indem ich ihm ein Trinkgeld in die Hand drückte, welches vier Mal ſo groß war, als er es für gewöhnlich empfing, und der arme Teufel entgegnete mir kein Wort. Wer hat nicht ſchon oft erfahren, daß es häufig das beſte Mittel iſt, Recht zu behalten, wenn man das Geld nicht ſchont! Ich fuhr ſogleich weiter und machte erſt Halt, als ich mich in dem Lande Fürſtenberg befand, wo ich in vollkommener Sicherheit war. Ich hatte während des Weges nichts genoſſen, und als ich in das Gaſthaus kam, ſtarb ich beinahe vor Hunger. Ich ließ mir ein gutes Abendeſſen ſerviren, legte mich dann nieder und ſchlief ruhig. Bei meinem Erwachen ließ ich mir Papier bringen und ſchrieb an meine drei Schelme einen Brief zu dreifacher Expedition. Ich verſprach, ſie drei Tage an dem Orte, an welchem ich mich befand, zu erwarten, und forderte ſie auf die härteſte Weiſe zum Duell heraus, indem ich ihnen bei meiner Ehre ſchwur, daß ich ihre Feigheit veröffentlichen würde, wenn ſie ſich weigerten, ſich mit mir zu ſchlagen. Dann ſchrieb ich an die Toscani, an Baletti und an die reizende Geliebte des öſterreichiſchen Geſandten, indem ich ihnen Le Duc empfahl und ihnen für ihren freundſchaftlichen Beiſtand meinen Dank ausſprach. Die drei Schelme kamen nicht, aber die beiden Töchter des Gaſtwirths, eine ſo hübſch wie die andere, ließen mich die drei Tage der Erwartung auf die angenehmſte Weiſe verleben. Am vierten Tage gegen Mittag hatte ich das Vergnügen, meinen treuen Spanier mit Courierpferden, ſeinen Mantelſack hinter ſich auf dem Sattel, an⸗ kommen zu ſehen.—„Herr,“ ſagte er,„alle Welt in Stuttgart weiß, daß Sie hier ſind, und es ſteht zu fürchten, daß die drei Offiziere, zu feig, um ein Duell anzunehmen, Sie ermorden laſſen. Wenn Sie klug ſind, ſo brechen Sie ſogleich nach der Schweiz auf.“ „Du biſt alſo wohl ſehr feig, mein armer Junge?“ ſagte ich.„Sei für mich unbeſorgt und erzähle mir Alles, was ſeit meiner Abreiſe vorgegangen iſt.“ „Mein Herr,“ ſagte er,„ſobald Sie fort waren, that ich, was Sie mir geſagt hatten. Ich half dem armen Teufel ſeine Flaſche leeren, eine Sache, die er wohl auch allein vollbracht haben würde, und ſagte ihm, Sie lägen zu Bett. Er ſchloß die Thür wie gewöhnlich und ging, indem er mir die Hand drückte. Als er fort war, legte ich mich ſchlafen. Am nächſten Tage war der ehrliche Menſch um neun Uhr auf ſeinem Poſten und um zehn Uhr kamen die drei Offiziere; dieſen ſagte ich, Sie ſchliefen noch. Sie entfernten ſich, indem ſie mir befahlen, ſie aus dem benachbarten Kaffeehauſe zu holen, ſobald Sie auf⸗ geſtanden ſein würden. Da ſie lange warteten, ohne mich kommen zu ſehen, kehrten ſie am Mittag zurück und befahlen dem Soldaten, die Thür zu öffnen. Da hatte ich denn einen ſehr unangenehmen Auftritt, 8 K&———— 63 ungeachtet der Gefahr, der ich in der Mitte dieſer drei Schurken ausgeſetzt war. Sie traten ein, ſahen den Perrückenkopf, hielten ihn für den Ihrigen und näherten ſich, indem ſie Ihnen einen guten Morgen wünſchten. Da Sie nicht antworteten, trat Einer von ihnen hinzu, um Sie zu ſchütteln, und nun rollte der Perrückenkopf auf den Fußboden. Ich brach in lautes Gelächter aus, das ich nicht zu unterdrücken vermochte, als ich ihr Er⸗ ſtaunen erblickte. Du lachſt, Schurke? Du wirſt uns ſagen, wo Dein Herr iſt!“— Und dieſe wüthenden Worte wurden mit einem Stockſchlage begleitet. Da ich nicht der Menſch dazu war, dieſe Be⸗ handlung zu dulden, ſagte ich ihnen mit einem kräftigen Fluche, wenn ſie fortführen, würde ich mich ver⸗ theidigen, und da ich nicht der Hüter meines Herrn wäre, ſo ſollten ſie nur die Schildwache fragen. Dieſe ſchwur bei allen Heiligen, daß Sie nur durch das Fenſter entflohen ſein könnten, aber un⸗ geachtet dieſer Verſicherung rief man einen Korporal, und der arme Burſche wurde, ſo unſchuldig er auch war, in das Gefängniß abgeführt. Bei dem Lärmen, den man in dem Zimmer machte, kam der Wirth herauf, öffnete die Koffer, und da er ſie leer erblickte, ſagte er, Ihre Poſtchaiſe würde ihn reichlich bezahlen. Auf die Behauptung des Offiziers, daß Sie ihm dieſelbe abgetreten hätten, antwortete er nur durch ein geringſchätziges Lächeln. Inzwiſchen kam ein höherer Offizier hinzu und entſchied, Sie könnten nur durch das Fenſter entflohen ſein; er befahl daher, daß die Schildwache ſogleich auf freien Fuß geſetzt werden ſollte. Nun aber erlaubte man ſich gegen mich die abſcheulichſte Ungerechtigkeit, 3 — —— 1 4 — —õ—— 64 denn da ich mich nicht enthalten konnte, zu lächeln und auf alle Fragen antwortete:„Ich weiß nichts,“ erlaubten die Herren ſich, mich in das Gefängniß zu ſchicken, indem ſie ſagten, man würde mich zurück⸗ halten, bis ich erklärte, wo Sie wären und in Er⸗ mangelung Ihrer Perſon wenigſtens Ihre Sachen angäbe. Am nächſten Morgen kam Einer von ihnen zu mir in das Gefängniß und ſagte, wenn ich hartnäckig darauf beſtände, das Schweigen zu bewahren, ſo würde ich unfehlbar zu den Galeeren verurtheilt werden.„Auf Spanierwort,“ ſagte ich ihm,„ich weiß nichts, allein ſelbſt wenn ich etwas wüßte, ſo würden Sie doch niemals das Geſtändniß von mir erlangen, denn kein Menſch kann einem rechtſchaffenen Diener zumuthen, den An⸗ geber ſeines Herrn zu machen.“ Bei dieſen Worten befahl der Schurke dem Gefängnißwärter, mir den Steigriemen zu geben und darauf verließ man mich. Mein Rücken war ein wenig zerfleiſcht, aber ſtolz darauf, meine Pflicht gethanzu haben, und ſo gut davon zu kommen, ging ich nach dem Gaſthauſe, um dort zu ſchlafen, und wurde recht gut empfangen. Am nächſten Tage wußte ganz Stuttgart, daß Sie hier ſeien und den drei Betrügern eine Herausforderung geſchickt hätten; allein Jedermann ſagt, Sie würden nicht wahnſinnig genug ſein, um mit Ihrer Perſon ein⸗ zuſtehen. Indeß läßt Madame Baletti Sie beſchwören, ſich von hier zu entfernen, weil dieſe Leute wohl im Stande wären, Sie ermorden zu laſſen. Der Wirth hat Ihren Wagen und Ihre Koffer an den öſterreichiſchen Geſandten verkauft, der Sie, wie man ſagt, durch die Fenſter der Zimmer hinausgelaſſen hat, welche von ſeiner Geliebten bewohnt werden. Was mich betrifft, ſo bin ich ohne Hinderniß hierher gelangt.“ Drei Tage nach der Ankunft Le Ducs nahm ich — Ich träumte ohne Zweifel, aber in meinem Traume ſchien es mir, als träumte ich nicht. Da wurde ich durch ein plötzliches Erwachen mit Tagesanbruch auf eine peinliche Weiſe Lügen geſtraft. Ich war durch mein eingebildetes Glück zu ſehr ergriffen, um nicht zu verſuchen, es zu verwirklichen. Ich ſtand auf, kleidete mich haſtig an und ging nüchtern aus, ohne zu wiſſen wohin. Nachdem ich eine Stunde weit gegangen war, ver⸗ ſunken in die Betrachtung meines Traumes, fuhr ich ſo zu ſagen aus dem Schlafe empor, indem ich mich in einer Schlucht zwiſchen zwei hohen Bergen erblickte. Ich ging weiter und kam auf eine Ebene, die von Bergen umgeben war; hier ſah ich zu meiner Linken in der Ferne und in einer ruhigen Lage eine große Kirche, die an ein mächtiges Gebäude von regelmäßiger Architektur ſtieß. Ich errieth, daß das ein Kloſter ſei, und lenkte meine Schritte dahin. Ich fand die Thür der Kirche offen, trat ein und war über den Reichthum an Marmor, über die Schön⸗ heit der Altarverzierungen verwundert, und nachdem ich die letzte Meſſe angehört hatte, begab ich mich nach der Sakriſtei, wo ich eine Menge Benediktiner fand. Der Abt, den ich unter ſeinen Mönchen an dem Kreuz erkannte, das er um den Hals trug, trat auf mich zu und fragte mich, ob ich wünſchte, daß man mir Alles, was das Kloſter und die Kirche an Sehens⸗ würdigkeiten enthielte, zeigen möchte. Ich antwortete ihm, das würde mir großes Ver⸗ gnügen bereiten. Er erbot ſich ſelbſt, mit zwei anderen Brüdern mein Führer zu ſein. Ich ſah ſehr reiche Verzierungen, Reliquienkäſten, mit Gold und Perlen geſchmückt, Heiligengefäße, beſetzt mit Diamanten und anderen Edelſteinen, reiche Baluſtraden ꝛc. Da ich das Deutſche ſehr wenig verſtand und das —— 67 Schweizer Platt gar nicht— eine Sprache, die meiner Meinung nach ſehr ſchwer iſt und in demſelben Ver⸗ hältniſſe zum Deutſchen zu ſtehen ſcheint, wie das Genueſiſche zum Italieniſchen— ſo fing ich an, Lateiniſch zu ſprechen, und fragte den Abt, ob die Kirche ſchon vor langer Zeit erbaut wäre. Darauf erzählte der Reverendiſſimus mir eine lange Geſchichte, die mich meine Neugierde würde haben bereuen laſſen, hätte er nicht zuletzt geſagt, es wäre die einzige Kirche der Welt, die Jeſus Chriſtus in eigener Perſon eingeweiht. Das hieß ihre Begründung ziemlich weit hinaus⸗ ſchieben, und ohne Zweifel ſprach mein Geſicht einige Ueberraſchung aus, denn um mich von dem zu über⸗ zeugen, was er mir ſagte, forderte der Abt mich auf, ihm in die Kirche zu folgen, wo er mir auf einem Marmorſtein des Fußbodens den Eindruck von dem Fuße zeigte, den Jeſus hier im Augenblick der Weihe zurückgelaſſen hatte, um die Ungläubigen zu überzeugen und den Superior der Verlegenheit zu entreißen, den Diözeſanbiſchof zu der Einweihung der Kirche zu berufen. Der Superior hatte dies Wunder durch eine gött⸗ liche Offenbarung erfahren, die ihm im Traume wurde, und ſich nach der Kirche begeben, um die Thatſache zu erhärten, ſah er die Vertiefung, die der göttliche Fuß hervorgebracht hatte, und dankte dem Herrn. 5* ——— —— 8— —— 3 1 1 Drittes Kapitel. Ich faſſe den Entſchluß, Mönch zu werden.— Ich beichte. Vierzehntägige Verzögerung.— Ginſtiniani, Kapuziner⸗ Apoſtat.— Ich ändere meine Anſicht; was mich dazu bringt.— Muthwilliger Streich in dem Gaſthauſe.— Mittageſſen mit dem Abbé. Die überzeugende Redeweiſe, mit welcher der Abbé mir dieſe Poſſen erzählte, flößte mir eine Lachluſt ein, welche die Heiligkeit des Ortes und die Geſetze der Höflichkeit nur mühſam unterdrückten. Indeß hörte ich ihm mit einem ſo ehrerbietigen Schweigen zu, daß der ehrwürdige Hene mich voll Entzücken fragte, wo ich wohne.—„Nirgends,“ entgegnete ich ihm,„denn ich bin zu Fuße von Zürich gekommen, und mein erſter Beſuch galt Ihrer Kirche.“ Ich weiß nicht, ob ich dieſe Worte mit dem Tone der Salbung ſprach, allein der Abt faltete die Hände, erhob ſie gen Himmel, wie um Gott zu danken, daß er mein Herz gerührt hatte und mich auf meiner Pilgerſchaft führte, um bei ihm das Gewicht meiner Sünden zu erleichtern. Die Sache erſchien mir ganz natürlich, denn ich weiß, daß ich immer das Ausſehen eines großen Sünders gehabt habe. Der Abt ſagte mir, es wäre beinahe Mittag und er hoffe, ich würde ihm die Ehre geben, mit ihm zu ſpeiſen. Ich nahm dies ſehr gern an, denn außerdem, — —.,— ——ꝛꝛx; 69 daß ich nüchtern war, wußte ich, daß man an einem ſolchen Orte in der Regel eine ſehr gute Koſt findet. Ich wußte nicht, wo ich war, und wollte es auch nicht erfahren, ſehr zufrieden damit, ihn glauben zu laſſen, ich hätte eine Pilgerſchaft in der bſicht angetreten, meine Sünden zu büßen. Auf dem Wege ſagte mir der Abt, ſeine Mönche faſteten, wir aber würden nicht mager eſſen, in Folge eines Dispenſes, den er von Benedikt XIV. empfangen hätte, welcher ihm geſtattete, das ganze Jahr hindurch mit ſeinen Gäſten Fleiſch eſſen zu dürfen. Ich antwortete ihm, ich würde um ſo lieber dieſes Vorrecht mit ihm theilen, da der heilige Vater mir dieſelbe Gnade zu erzeigen geruht hätte. Das ſchien ihn neugierig nach meiner Perſon zu machen. Als wir in ſeinem Gemache waren, das in nichts der Zelle eines Büßers glich, beeilte er ſich, mir das Breve des Dispenſes zu zeigen, das in einem ſchönen, mit Glas bedeckten Rahmen dem Speiſeſaale gegen⸗ über an der Wand hing, damit die Neugierigen und die Gewiſſenhaften ſich davon überzeugen könnten. Die Tafel war nur für zwei Perſonen gedeckt, doch ein Bedienter in guter Livrée legte ein drittes Couvert auf, was dem beſcheidenen Abt Veranlaſſung gab, mir zu ſagen, er ſpeiſe gewöhnlich mit ſeinem anzler,„denn,“ fügte er hinzu,„ich muß einen Kanzler haben, weil ich in meiner Eigenſchaft als Abt unſerer ieben Frau von Einſiedel Fürſt des römiſchen Reiches bin.“ Ich athmete auf, denn ich wußte endlich, wo ich mich befand, und war darüber entzückt, denn ich hatte ſchon viel von unſerer lieben Frau zu Einſiedel ſprechen hören und lief nun nicht mehr Gefahr, bei unſerer Unterhaltung als unwiſſend zu erſcheinen. — * ——————ᷣ—ÿ’ꝛ: 70 Dieſes Kloſter war das Loretto jenſeits der Berge, denn es war berühmt durch die Zahl der dahin unter⸗ nommenen Pilgerfahrten. 1 Während der Mahlzeit fragte mich der Fürſt⸗Abt, woher ich wäre und ob verheirathet, auch ob ich alhe ſchünen Gegenden der Schweiz zu beſuchen beab⸗ ichtigte. Zugleich bot er mir Empfehlungsbriefe für alle Orte an, wohin ich gehen wollte. Ich ſagte ihm, ich wäre Venetianer, unverheirathet und würde mit Dank die Briefe annehmen, die er die Güte haben wollte, mir zu geben, nachdem ich ihm zuvor in einer geheimen Unterredung, die ich mit ihm zu haben hoffte, geſagt haben würde, wer ich wäre; denn ich wünſchte ihm das anvertrauen zu dürfen, was mein Gewiſſen beträfe. So übernahm ich ohne eine vorüberlegte Abſicht und ohne eigentlich zu wiſſen, was ich ſagte, die Ver⸗ pflichtung, dem Abte zu beichten. Das war eine beſondere Laune von mir. Sobald ich einem plötzlichen Gedanken folgte, irgend etwas zu ſagen, das ich nicht vorher beabſichtigt hatte, ſchien es mir, als folge ich den Geſetzen meines Geſchickes, als gäbe ich einem höhern Willen nach. Als ich ihm ſo auf eine deutliche Weiſe geſagt hatte, daß er mein Beichtvater ſein ſolle, hielt er ſich für verpflichtet, voll Salbung zu mir zu ſprechen, und ſeine Reden langweilten mich keineswegs, wie dies auch während der Dauer eines ausgezeichneten und leckern Mahles natürlich war; denn wir hatten ſogar Schnepfen und Bekaſſinen, wodurch ich zu dem Aus⸗ ruf veranlaßt wurde: „Ei, ehrwürdigſter Herr, in dieſer Jahreszeit der⸗ artiges Wild?“ „’Das iſt ein Geheimniß, welches ich Nhhen gern mittheilen werde,“ ſagte er mit dem Lächeln der Be⸗ friedigung. —————— ——õ — 71 Der Herr Abt war ein Feinſchmecker erſter Art und ein Kenner, denn obgleich er ſich für ſehr nüchtern ausgab), hatte er die köſtlichſten Weine und die vor⸗ züglichſten Speiſen. Man trug eine Lachsforelle auf, die ihm ein Lächeln entlockte, und indem er die Speiſe mit einer feinen Neckerei würzte, ſagte er mir in gutem Latein, es würde lächerlich ſein, davon nicht zu koſten, weil es ein Fiſch ſei, und ſeine Sophiſterei färbend, fügte er hinzu: „Man muß doch ein wenig faſten, um die Fleiſch⸗ ſpeiſen zu mildern.“ Indem der Herr Abt plauderte, beobachtete er mich, und da mein Aeußeres ihn überzeugte, daß ich ihn um nichts bitten würde, ſprach er mit Zuverſicht und ſogar mit einer gewiſſen Hingebung. Als die Mahlzeit beendigt war, verbeugte ſich der Kanzler ehrerbietig und ging. Einen Augenblick darauf führte der Abt mich über⸗ all in dem Kloſter umher und endlich auch in die Bibliothek, wo das Portrait des Churfürſten von Köln hing. Einen Augenblick darauf führte der Abt mich überall in dem Kloſter umher und endlich auch in die Bibliothek, wo das Portrait des Churfürſten von Cöln hing. Ich ſagte ihm, das Portrait wäre ähnlich, aber zu häßlich, und dann aus der Taſche die Tabatière ziehend, die ich von dem Fürſten erhalten hatte, zeigte ich ſie ihm, indem ich ſagte, das Portrait wäre ch. Er beſah das Bild mit Wohlgefallen und lobte die Laune Sr. Hoheit, ſich als Großmeiſter malen zu aſſen. Ich ſah indeß, daß die Schönheit der Tabaksdoſe dem Begriffe keinen Nachtheil brachte, den der Herr Abt ſich von mir gemacht hatte. Was die Bibliothek betrifft, ſo würde ich, wenn —— y—— —— — — ͦ-— — — ich allein geweſen wäre, in lautes Geſchrei aus⸗ gebrochen ſein. Sie enthielt nichts als Foliobände und die neueſten waren ein Jahrhundert alt; dieſe ſämmtlichen Bücher handelten von nichts als von Theologie und religiöſen Kontroverſen, Bibeln, Kommentatoren, Kirchenvätern, mehrere deutſche Rechts⸗ gelehrte und der große Diktionnair von Hoffmann. „Ohne Zweifel, ehrwürdigſter Herr,“ ſagte ich ihm, „haben Ihre Mönche ihre beſonderen Bibliotheken, in denen,nn Bücher über Phyſik, Geſchichte und Reiſen indet?“ „Nein,“ entgegnete er mir,„meine Mönche ſind ehrliche Leute, die ſich nur darum kümmern, ihre Pflicht zu thun und in ſüßer Unwiſſenheit das Leben in Frieden zu verbringen.“ Ich weiß nicht, was mir in dieſem Augenblick durc den Kopf fuhr, allein ich hatte den unbegreiflichen Einfall, Mönch zu werden. Ich ſagte zunächſt dem Abte nichts davon, allein ich bat ihn, mich nach ſeinem Kabinet zu führen. „Ich wünſche, ehrwürdiger Herr,“ ſagte ich hier, „Ihnen eine Generalbeichte meiner Sünden abzulegen, um, gereinigt von allen meinen Verbrechen, das heilige Abendmahl empfangen zu können.“ Ohne mir zu antworten, führte er mich nach einem hübſchen Luſthauſe, wo er mir, ohne zu wollen, daß ich niederknieen ſollte, ſagte, er wäre bereit, mich an⸗ zuhören. Ihm gegenüber ſitzend, unterhielt ich ihn drei Stunden hintereinander von einer Menge ärgerlicher Geſchichten, die ich indeß ohne Würze erzählte, weil ich mich in einer ascetiſchen Stimmung befand und verpflichtet fühlte, den Ton der Reue und Bußfertig⸗ keit anzunehmen, die ich indeß in Wirklichkeit gar nicht empfand; denn indem ich meine luſtigen Streiche wiederholte, war ich weit entfernt, die Erinnerung unangenehm zu finden. Deſſenungeachtet glaubte der ehrwürdige Abt 73 wenigſtens an meine Zerknirſchung, denn er ſagte mir, wenn ich durch ein regelmäßiges Leben die Gnade wieder gewonnen hätte, würde meine Zerknirſchung vollſtändig ſein. Nach dem Abte und beſonders nach mir ſelbſt iſt die Jhertdirinud ohne die Gnade unmöglich. achdem er die Worte ausgeſprochen hatte, welche die Macht beſitzen, das ganze Menſchengeſchlecht unſchuldig zu machen, rieth er mir, mich in ein Zimmer zurückzuziehen, wohin er mich führen ließ, dort den übrigen Theil des Tages in Gebeten zuzubringen und zeitig ſchlafen zu gehen, doch erſt, nachdem ich zu Abend gegeſſen hätte, falls es meine Gewohnheit wäre, meinen Tag durch eine Mahlzeit zu beendigen. Er ſagte mir, daß ich am folgenden Tage bei der erſten Meſſe kommuniziren ſollte. Dann trennten wir uns. Ich erwachte mit einer Fügſamkeit, die ich ſeitdem nie habe begreifen können, woran ich aber damals nicht dachte. Allein in einem Zimmer, das zu prüfen ich mir die Mühe nicht nahm, überließ ich mich dem Gedanken, den ich vor meiner Beichte gehabt hatte, und überredete mich bald, daß der Zufall oder viel⸗ mehr mein guter Stern mich an eben den Ort geführt hätte, wo das Glück meiner wartete und wo ich bis an das Ende meiner Tage gegen die Spiele des Miß⸗ geſchickes geborgen ſein würde. „Es hängt nur von mir ab,“ ſagte ich mir ſelbſt, „hier zu bleiben, denn ich bin überzeugt, daß der Abt mir das Ordensgewand nicht verweigern würde, wenn ich ihm zehn Tauſend Thaler zahlte, um mir dafür eine Leibrente zu gewähren.“ Mir ſchien, als wäre, um glücklich zu ſein, für mich weiter nichts nöthig, als eine Bibliothek nach meiner Wahl, und ich zweifelte durchaus nicht, daß der Abt mir erlauben würde, alle Bücher zu haben, die ich wünſchen könnte, wenn ich ihm perſprach, die⸗ ſelben nach meinem Tode dem Kloſter zu ſchenken, ſo⸗ —õʒõmõööömäü ————; ꝗͦ’’—— —— bald ich während meines Lebens den freien Gebrauch davon hätte. Die Geſellſchaft der Mönche einte in ſich die Uneinigkeit, den Neid und alle die Plackereien, die von dergleichen Genoſſenſchaften unzertrennlich ſind. Ich war aber überzeugt, daß ich dieſelben niemals zu fürchten haben würde, da ich nichts verlangte und keiien Ehrgeiz beſaß, der ihre Eiferſucht erwecken onnte. Meiner Art von Betrachtung ungeachtet erblickte ich dennoch die Möglichkeit der Reue und erbebte dar⸗ über; aber ich ſchmeichelte mir, dagegen ein Hülfs⸗ mittel zu finden. „Indem ich das Gewand des heiligen Benedikt fordere,“ ſagte ich zu mir,„werde ich ein zweijähriges Noviziat verlangen; tritt die Reue während dieſer zwei Jahre nicht ein, ſo iſt es unmöglich, daß ſie ſpäter kommt.“ Ueberdies wollte ich förmlich erklären, daß ich nach keinem Amte, keiner kirchlichen Würde ſtrebte. Ich verlangte nichts, als den Frieden mit hinreichender Freiheit, um nach meinen neuen Neigungen handeln zu können, ohne das geringſte Aergerniß zu erregen, und ich glaubte die Schwierigkeit, welche die Zeit, die ich zu meinem Noviziate verlangen wollte, erregen könnte, zu beſeitigen, indem ich, im Falle meine An⸗ ſichten ſich änderten, die zehn Tauſend Thaler hingab, die ich im Voraus zahlen wollte. Dieſen ganzen ſchönen Plan ſchrieb ich nieder, ehe ich mich zur Ruhe begab, und da ich am nächſten Tage ebenſo entſchloſſen war, als am vorhergehenden, über⸗ gab ich, nachdem ich kommunizirt hatte, die Schrify dem Abte, der mich in ſeinem Zimmer zur Chokolade erwartete. Er las ſogleich meine Schrift, legte ſie auf den Tiſch, ohne mir ein Wort zu ſagen, und als er ſie nach dem Frühſtück durchgeleſen hatte, indem er dabei —— 75 umherging, ſagte er mir, daß er mir nach dem Mittag⸗ eſſen eine Antwort geben würde. Ich erwartete die Mittagszeit mit der Ungeduld eines Kindes, dem man zu ſeinem Namenstage ein Spielwerk verſprochen hat, ſo ganz kann die Verblen⸗ dung den Menſchen verändern, indem ſie ſeinem Geiſte ein ganz neue Richtung verleiht. Wir aßen ſo gut als den Tag vorher zu Mittag, und als wir von der Tafel aufgeſtanden waren, ſagte der würdige Abt: „Mein Wagen wartet hier an der Thür, um Sie nach Zürich zurückzubringen. „Reiſen Sie und geben Sie mir vierzehn Tage Bedenkzeit, um meine Antwort vorzubereiten. „Ich werde ſie Ihnen ſelbſt überbringen. Hier ſind einſtweilen zwei verſiegelte Briefe, die ich Sie perſönlich zu überreichen bitte.“ Ich antwortete, ich würde ihm gehorſam ſein und pünktlich ſeinen Auftrag vollziehen, ihn auch in der Hoffnung erwarten, daß er meinen Wunſch erfüllte. Dann ergriff ich ſeine Hand, die er ſich küſſen ließ, und ſchied. Sobald mein Spanier mich ſah, brach der Schelm in lautes Gelächter aus. Seine Gedanken errathend, ſagte ich: „Worüber lachſt Du?“ „Ich lache darüber, daß ich ſehe, wie Sie, kaum in der Schweiz angelangt, ſchon ein Mittel ausfindig machten, ſich zwei Tage lang zu unterhalten, ohne nach Hauſe zurückzukehren.“ „Es iſt gut. Sage dem Wirth, ich wolle einen guten Wagen vierzehn Tage lang zu meiner Verfügung haben, und ebenſo einen Lohndiener, für den er mir jedoch Bürgſchaft leiſten müßte.“ Mein Wirth, welcher Ote hieß, Kapitain geweſen war und in Zürich in großer Achtung ſtand, kam, um ———————— ————— mir zu ſagen, daß in der ganzen Umgegend nur offene Wagen zu finden wären. Ich begnügte mich damit in Ermangelung von etwas Beſſerem, und er ſagte mir, ich dürfte dem Diener, den er mir geben wollte, vertrauen. Gleich am nächſten Morgen überbrachte ich die Briefe des Herrn Abbé, der eine war an einen Herrn Orelli und der andere an Herrn Peſtalozzi adreſſirt. Ich fand weder den Einen noch den Andern zu Hauje allein im Laufe des Nachmittags beſuchten mich Beide und luden mich zum Eſſen ein, Jeder zu einem beſtimmten Tage, indem ſie mich aufforderten, ſie noch an demſelben Abend in das Stadtkonzert zu begleiten, der eineigen Unterhaltung, die man in Zürich fand und welcher nur die Perſonen beiwohnen konnten, welche Mitglieder der Geſellſchaft waren, ſowie die Fremden, die dafür einen Thaler bezahlten, ungeachtet der Ehre, durch eines der Mitglieder vorgeſtellt zu werden. Dieſe beiden Herren ſprachen wetteifernd das Lob des Abtes von Einſiedel aus. Ich fand das Konzert ſchlecht und langweilte mich. Die Männer waren ſämmtlich auf der rechten, die Frauen auf der linken Seite. Das verdroß mich, denn ungeachtet meiner kürzlichen Bekehrung ſah ich drei oder vier hübſche Damen, die mir gefielen und welche oft die Augen nach mir wendeten. Ich hätte ihnen gern Liebenswürdigkeiten geſagt, um die mir noch bleibende Zeit zu genießen. Als das Konzert beendigt war, verließ man bunt untereinander gemiſcht den Saal, und die beiden Bürger ſtellten mich ihren Frauen und ihren Töchtern vor. Dieſe Töchter waren die liebenswürdigſten Damen des Ortes und gehörten zu denen, welche ich bemerkt hatte.— Auf der Straße ſind die Ceremonien kurz; ich 77 ſchlug daher auch, ſobald ich den beiden Herren ge⸗ dankt hatte, den Weg nach dem Wagen ein. Am nächſten Tage aß ich bei Herrn Orelli und hatte hier Gelegenheit, dem Verdienſte ſeiner Tochter Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ohne indeß den Eindruck zu zeigen, den ſie auf mich gemacht hatte. Am folgenden Tage ſpielte ich dieſelbe Rolle bei Herrn Peſtalozzi, obgleich deſſen reizende Tochter ſi leichter für den Ton der Galanterie hätte ſtimmen önnen. Aber zu meiner höchſten Verwunderung war ich vollkommen verſtändig, und vier Tage darauf hatte ich dieſen Ruf in der ganzen Stadt erworben. Ich fand es überraſchend, daß ich auf den Pro⸗ menaden mit einem Weſen der Achtung gegrüßt wurde, an das ich nicht gewöhnt war. Allein in der frommen Stimmung, in welcher ich mich zu befinden glaubte, diente es dazu, mich in dem Gedanken zu kräftigen, daß meine Abſicht, die Kutte zu nehmen, eine wahre göttliche Eingebung ſei. Indeß langweilte ich mich; allein ich glaubte, das wäre unvermeidlich bei einem ſo nahen Wechſel der Sühne und das würde verſchwinden, wenn ich mich an die Tugend gewöhnt hätte. Um mich ſobald als möglich auf die Höhe meiner zukünftigen Brüder zu erheben, brachte ich jeden Monden drei Stunden damit zu, das Deutſche zu ernen. Ich hatte dazu einen ſonderbaren Lehrer gewählt, der aus Genua gebürtig war, einen ehemaligen Kapuziner, Namens Giuſtiniani, welcher aus Ver⸗ zweiflung Apoſtat geworden war. Der arme Menſch, dem ich jeden Morgen ein Sechsfrancsſtück gab, betrachtete mich als einen Ab⸗ geſandten des Himmels, während ich ihn nach dem Beginn meiner Bigotterie für einen Teufel hielt, der aus der Hölle käme, denn er ergriff jede Gelegenheit, mit der ich meine Lehrſtunde unterbrach, um mir 78 Böſes von ſämmtlichen religiöſen Orden zu ſagen. Die, welche in dem beſten Rufe ſtanden, waren ſeiner Meinung nach die verderbteſten, weil ſie die ver⸗ führeriſcheſten wären. Er bezeichnete alle Mönche mit dem Titel gemeine Eanilhan und ſchmerzhaften Wunden des Menſchen⸗ geſchlechts. „Aber,“ ſagte ich eines Tages,„unſere liebe Frau zu Einſiedel würde Ihnen zuſagen?“ „Wie!“ entgegnete mein Genueſer, ohne mich das Geſpräch enden zu laſſen,„glauben Sie denn, daß ich von dem allgemeinen Tadel einer Verſammlung von vierzig unwiſſenden, böſen, laſterhaften, heuchleriſchen, ſchmutzigen Schandbuben auslaſſen könnte, die in dem Laſter und dem Stolze unter dem Schutze eines Ge⸗ wandes der Demuth leben und das Gut der armen Thoren verzehren, die ſich ihretwegen ausplündern, während ſie durch die Arbeit ihrer Hände genügend leben könnten?“ „Aber Se. Hoheit der ehrwürdigſte Abt?“ „Ein Emporkömmling von einem Bauern, der die Rolle eines Fürſten ſpielt, und die Geckenhaftigkeit ſo weit treibt, ſich für einen ſolchen zu halten.“ „Aber er iſt es doch in Wirklichkeit?“ „Ebenſo wenig als ich, der ich nichts bin. Das iſt eine Maske, die ich nur wie eine Poſſenreißerei betrachte.“ „Was hat er Ihnen gethan?“ „Nichts, aber er iſt nur Mönch.“ „Er iſt mein Freund.“ „In dieſem Falle nehme ich nichts zurück, aber ich bitte Sie um Entſchuldigung.“ Dieſer Giuſtiniani übte auf mich einen großen Einfluß, doch ohne mein Wiſſen; denn ich glaubte ihn nicht zu fürchten, da ich mich überzeugt hielt, daß mein 79 Beruf vollkommen ſei. Indeß zerſtörte Folgendes den Eindruck von unſerer lieben Frau zu Einſiedel. Am Tage vor dem Beſuch des Abtes ſtand ich gegen ſechs Uhr Abends an meinem Fenſter, das auf die Brücke hinausging, und unterhielt mich hier da⸗ mit, die Vorübergehenden zu betrachten. Da ſah ich plötzlich einen mit vier Pferden be⸗ ſpannten Wagen in großem Trabe herankommen und vpor der Thür des Wirthshauſes anhalten. Er war ohne Diener, folglich öffnete der Kellner den Schlag, und ich ſah vier wohlgekleidete Damen ausſteigen. An den drei erſten fand ich nichts Beſonderes, allein die vierte, die als Amazone gekleidet war, fiel mir durch ihre Eleganz und ihre Schönheit auf. Sie war eine junge Brünette mit ſchönen Augen, überragt von zwei gewölbten Augenbrauen, hatte einen Teint von Lilien und Roſen und trug ein Häubchen von blauem Atlas mit einer ſilbernen Quaſte, die ihr auf das Ohr herabſiel und die ihr das Anſehen einer Siegerin gab, der ich nicht zu widerſtehen vermochte. Ich bog mich ſo viel als möglich zu dem Fenſter hinaus und ſie hob den Kopf empor, als ob ich ſie gerufen hätte. Meine gezwungene Haltung nöthigte mich, ſie eine halbe Minute lang anzuſehen; das war zu viel für ein beſcheidenes Frauenzimmer und mehr als nöthig, um mich zu entzünden.— Ich eilte an das Fenſter, das auf die Treppe hin⸗ ausging, und bald ſah ich ſie laufend vorüberkommen, um ihre Reiſegefährtinnen einzuholen. Als ſie dem Orte, an welchem ich mich befand, gegenüber war, drehte ſie ſich zufällig um, und als ſie mich erblickte, ſtieß ſie einen Schreckensſchrei aus, als wäre ihr ein Geſpenſt erſchienen. Allein ſobald ſie ſich erholte, lief ſie weiter, während ſie ausgelaſſen lachte, und 80 kam ſo zu den drei Damen, die ſich ſchon in ihrem Zimmer befanden. Sterbliche, verſetzt Euch an meine Stelle und über⸗ treibt, wenn Ihr könnt, ein ſo unerwartetes Zu⸗ ſammentreffen. Und Ihr, Fanatiker, beſteht, wenn Ihr den Muth dazu habt, auf dem albernen Gedanken, Euch in ein Kloſter einzuſperren, nachdem Ihr das geſehen habt, was ich damals am 23. April in Zürich ah. Ich befand mich in einer ſolchen Aufregung, daß ich mich auf das Bett werfen mußte, um mich zu beruhigen. Einige Minuten danach ſtand ich wieder auf und ging beinahe unwiſſentlich zu dem Fenſter des Ganges. Bie ſah ich einen Kellner, der aus dem Zimmer der amen kam. „Garçon,“ rief ich ihm zu,„ich werde in dem Saale mit allen Gäſten diniren.“ „Geſchieht es, um die Damen zu ſehen, ſo iſt es uurgin denn ſie haben ihr Abendeſſen auf ihr Zimmer efohlen. „Sie wollen früh zu Bett gehen, um mit Tagesan⸗ bruch wieder abzureiſen.“ „Wohin gehen ſie?“ „Nach unſerer lieben Frau von Einſiedel, um dort ihre Andacht zu verrichten.“ „Woher ſind ſie?“ „Aus Solothurn.“ „Wie heißen ſie?“ „Ich weiß es nicht.“ Ich legte mich nieder, indem ich an die Mittel dachte, mich der ſchönen Amazone zu nähern. Sollte ich nach Einſiedel gehen? Ja; aber was ſollte ich dort thun? Die Damen gingen hin, um ſu beichten; ich konnte mich nicht in einen Beichtſtuhl ſetzen! Welche Figur mußte ich unter dieſen Mönchen und dieſen 81 Damen der Anbetung ſpielen! Und wenn ich auf dem Wege dem Abte begegnete, wie konnte ich es dann vermeiden, mit ihm umzukehren? Hätte ich einen ver⸗ trauten Freund gehabt, ſo würde ich mich mit ihm in einen Hinterhalt gelegt haben, um die Zauberin zu entführen; das wäre leicht geweſen, denn ſie hatte keinen Vertheidiger. Und wenn ich keck ſie um ein Abend⸗Eſſen bat? Ja, aber die drei Betſchweſtern flößten mir Furcht ein; ich wäre zurückgewieſen worden. Es ſchien mir, als könnte die ſchöne Amazone nur zum Schein fromm ſein, denn ihre Phyſiognomie verrieth die Liebe zum Vergnügen, und ſeit langer Zeit ſchon bin ich daran gewöhnt, die Weiber nach dem Spiele der Phyſiognomie zu beurtheilen. Ich wußte nicht, welchem Heiligen ich mich weihen ſollte, als mir der glücklichſte Gedanke von der Welt ken Ich ſtellte mich in das Fenſter des Ganges, blieb hier, bis der Kellner vorüber kam, rief ihn in mein Zimmer, und meine Anrede durch ein Goldſtück, welches ich ihm in die Hand drückte, einleitend, bat ich ihn, mir ſeine grüne Schürze zu leihen, weil ich die Damen während ihres Eſſens bedienen wollte. „Du lachſt?“ „Ja, mein Herr, wegen Ihres Einfalles, deſſen Grund ich errathe.“ „Du biſt erfahren.“ „Wie ein Anderer, mein Herr, und ich werde Ihnen eine ſchöne neue Schürze holen. Die Hübſche hat mich gefragt, wer Sie ſind.“ „Was haſt Du geantwortet?“ „Sie wären ein Italiener, weiter nichts.“ „Sei verſchwiegen, und ich werde das Geſchenk verdoppeln.“ „Mein Herr, ich habe Ihren Spanier öeten. X[29.] mir bei der Bedienung Hülfe zu leiſten, denn ich bin allein und muß zugleich bei der Tafel unten ſerviren.“ „Sehr gut; aber er darf nicht in das Zimmer kommen, denn der Schelm könnte das Lachen nicht unterdrücken. Er ſoll in Deine Küche gehen, Du überreichſt ihm die Schüſſeln und er händigt ſie mir auf der Thürſchwelle ein.“ Der Kellner ging und kehrte einen Augenblick darauf mit einer Schürze und Le Due zurück, dem ich mit allem Ernſt erklärte, was er zu thun hätte. Er lachte wie ein Narr, allein er gab mir die Verſicherung, daß ich mit ihm zufrieden ſein ſollte. Ich ließ mir ein Tranchirmeſſer geben, ordnete meine Haare, ſchlug den Hemdenkragen zurück und band eine Schürze über eine ſcharlachrothe, mit Gold geſtickte Weſte. Dann beſah ich mich in dem Spiegel und hatte die Be⸗ friedigung, mein Ausſehen gemein genug zu finden, um die beſcheidene Perſon, die ich ſpielen wollte, repräſentiren zu können. Ich war voller Freude, denn da ſie aus Solothurn ſind, ſagte ich zu mir, müſſen ſie franzöſiſch ſprechen. Le Due benachrichtigte mich, daß der Kellner her⸗ aufkommen würde. Ich begab mich in das Zimmer der Damen, und indem ich auf den Tiſch ſah, ſagte ich: „Meine Damen, ich werde ſerviren.“ „So beeilen Sie ſich,“ ſagte die Häßlichſte,„denn wir wollen vor Tagesanbruch aufſtehen.“ Ich ſetzte Stühle und blickte nach der Schönen, die mich anſah und darüber verſteinert zu ſein ſchien. Der Kellner war gekommen und ich half ihm, die Schüſſeln auf die Tafel ſetzen. Dann ſagte er:„Bleibe Du hier, denn ich muß unten bedienen.“ Ich nahm einen Teller und ſtellte mich hinter einen Stuhl, meiner ſchönen Amazone gerade gegenüber —— ———— —————— 83 wo ich, ſcheinbar ohne ſie zu betrachten, ſie vollkommen frei ſehen konnte, oder vielmehr nur ſie allein ſah.— Die Anderen beehrten mich nicht einmal durch einen einfachen Blick. Das war das Beſte, was ſie thun konnten. Nach dem Souper wechſelte ich ſchnell ihren Teller; ich that das auch bei den Anderen, und dann bedienten ſie ſich ſelbſt mit dem Fleiſche. Während ſie aßen, bemächtigte ich mich eines Kapauns und tranchirte ihn mit wahrer Meiſterſchaft. „Der Kellner tranchirt ſehr gut,“ ſagte meine ſchöne Amazone.„Dienen Sie ſchon lange in dieſem Wirthshauſe?“ „Seit einigen Wochen.“ „Sie bedienen vortrefflich.“ „Madame ſind ſehr gütig.“ Ich hatte in meinem Aermel meine Manſchetten von prachtvollen engliſchen Spitzen verſteckt. Aber mein dazu paſſendes Jabot ſah ein wenig aus meiner Weſte hervor, die ich nicht ſorgfältig genug zugeknöpft hatte. Sie bemerkte dies und ſagte: „Warten Sie! warten Sie!“ „Was wünſchen Sie?“ „Laſſen Sie mich doch das ſehen!— Das ſind prachtvolle Spitzen!“ „Ja, Madame, das hat man mir auch ſchon geſagt; aber ſie ſind alt. Ein italieniſcher Herr, der hier wohnte, hat ſie mir geſchenkt.“ „Sie haben auch die Manſchetten dazu?“ „Ja, Madame.“ Während ich dies ſagte, ſtreckte ich die Hand aus, um die Weſte aufzuknöpfen.— Sie zog die Manſchette langſam hervor und ſchien ſich mit Vergnügen dabei ſo zu halten, daß ich berauſcht durch Alles das werden mußte, was ſie mir von ihren Reizen zeigte, obgleich ſie ziemlich eng geſchnürt war. 6* 1 84 Welch ein köſtlicher Augenblick! Ich wußte, daß ſie mich erkannt hatte, und da ich ſah, daß ſie das Geheimniß bewahrte, empfand ich eine wahre Qual, indem ich daran dachte, daß ich dieſe Maskerade nur bis zu einem gewiſſen Punkte treiben könnte. Als ſie die Spitzen ziemlich lange betrachtet hatte, ſprach ihre Nachbarin: „Aber, meine Liebe, welch eine Neugierde! Es könnte ſcheinen, als hätteſt Du noch nie Spitzen geſehen!“ Meine liebenswürdige Neugierige erröthete. Als das Souper beendigt war, zogen die drei Häßlichen ſich Jede in eine Ecke zurück, um ſich zu entkleiden, indem ich den Tiſch abdeckte, und meine Heldin ſchrieb. Ich geſtehe, daß wenig daran fehlte und ich war albern genug, zu glauben, ſie ſchriebe an mich. Ich hatte indeß eine ſo gute Meinung von ihr, daß ich dieſen Gedanken wieder aufgab. Nachdem die Tafel abgedeckt war, ſtellte ich mich in achtungsvoller Haltung an die Thür, getreu der Rolle, die ich übernommen hatte. „Auf was warten Sie?“ fragte meine Schöne. „Auf Ihre Befehle, Madame.“ „Ich danke Ihnen; ich brauche nichts.“ „ Sie haben Stiefelchen an, Madame; und wenn Sie nicht mit Stiefeln zu Bett gehen wollen—“ „ Sie haben meiner Treu Recht; aber ich möchte Ihnen dieſe Mühe nicht machen.“ „Bin ich nicht hier, um Sie zu bedienen, Madame?“ Indem ich dies ſagte, war ich vor ihr nieder⸗ gekniet und ſchnürte langſam ihre Stiefelchen auf, während ſie fortfuhr zu ſchreiben. Ich ging höher. Ich band die Strumpfbänder ihrer Beinkleider auf und entzückte mich durch den Anblick und noch mehr 8⁵ durch die Berührung ihrer köſtlich gerundeten Waden; aber ſich zu ſchnell für meine Wünſche unterbrechend, wandte ſie den Kopf und ſagte: „Genug ſo. Ich bemerkte nicht, daß Sie ſich zu viel Mühe geben. Gehen Sie; wir werden uns morgen Abend wieder ſehen.“ „Sie werden alſo hier ſoupiren, meine Damen.“ „Ja gewiß.“ Ich nahm die Stiefelchen mit fort, indem ich ſie fragte, ob ſie wünſchte, daß ich die Thür verſchließen möchte. „Nein, mein Herr,“ entgegnete ſie mit einer wahren Sirenenſtimme.„Stecken Sie den Schlüſſel in⸗ wendig an.“ Indem Le Due die Stiefelchen der Zauberin nahm, lachte er wie ein Narr und ſagte: „Sie hat Sie angeführt.“ „Wie?“ „Ich ſah Alles; Sie haben Ihre Rolle wie der beſte Schauſpieler in Paris geſpielt und ich bin über⸗ zeugt, daß ſie Ihnen morgen früh einen Louisd'or Trinkgeld in die Hand ſtecken wird; aber wenn Sie mir denſelben nicht geben, ſo verrathe ich die Sache.“ „Da nimm ihn, Schurke, im Voraus, und laß mir ſchnell etwas zu eſſen bringen.“ Das, mein theurer Leſer, ſind Vergnügungen, die ich mir in meinem Alter nicht mehr verſchaffen kann, allein deren ich doch noch genießen darf, indem ich ſie mir zurückrufe. Es giebt Ungeheuer, welche die Reue predigen, und Philoſophen, welche unſere Vergnügungen als reine Eitelkeiten betrachten. Man laſſe ſie ſprechen. Die Reue ziemt ſich nur für Verbrecher und Ver⸗ gnügungen ſind Wirklichkeiten, die unglücklicher Weiſe nur zu ſchnell vergehen. 86 Ein wohlthätiger Traum ließ mich die Nacht mit meiner Amazone verleben, ein Irrthum ohne Zweifel, aber ein köſtlicher Irrthum. Weshalb kann ich mich nicht noch jetzt in dieſen ſüßen Illuſionen wiegen, welche die Nächte ſo köſtlich machen! Am nächſten Morgen mit Tagesanbruch war ich an ihrer Thür, die Stiefelchen in der Hand, gerade in dem Augenblick, in welchem der Kutſcher ihnen ſagte, ſie möchten aufſtehen. Ich fragte ſie, ob ſie früh⸗ ſtücken wollten, und ſie antwortete mir lächelnd, ſie hätte zu gut zu Abend gegeſſen, um ſo früh ſchon wieder Appetit zu verſpüren. Ich ging, um ihnen Zeit zu laſſen, ſich anzukleiden; aber die Thür war halb offen geblieben, und durch einen Spiegel, vor welchem meine Amazone ſich ankleidete, berauſchten meine Blicke ſich durch einen Alabaſterbuſen. Als ſie ſich geſchnürt und ihr Kleid übergeworfen hatte, rief ſie nach ihren Stiefelchen. Ich bat ſie um Erlaubniß, ſie ihr an⸗ ziehen zu dürfen; ſie geſtattete dies voll Anmuth, und da ſie Beinkleider von hellgrünem Sammt trug, gab ſie ſich ein männliches Anſehen, wie ein Kavalier. Lohnt übrigens auch ein Kellner der Mühe, daß man ſich Zwang auflegt? Schlimm für ihn, wenn er es wagt, wegen der Kleinigkeit, die man ihm ſorglos gewährt, Hoffnung zu hegen. Er wird dafür beſtraft werden; denn wie kann man ihn für kühn genug erachten, um weiter zu gehen? Was mich betrifft, der ich unglücklicher Weiſe alt geworden bin, ſo beſitze ich gegenwärtig einige ehrerbietige Vorrechte dieſer Art und ich genieße ſie, indem ich mich ſelbſt verachte, aber noch weniger, wie ich Die verachte, die ſie mir ge⸗ währten. Nach ihrer Entfernung legte ich mich ein wenig verwirrt, aber voll Hoffnung, ſie am Abend wieder 87 zu ſehen, ſchlafen. Bei meinem Erwachen erfuhr ich, daß der Abt von Einſiedel in Zürich ſei und Herr Ote ſagte mir, die Hoheit würde in meinem Zimmer mit mir allein ſpeiſen. Ich antwortete ihm, da ich den Abt bewirthen wollte, ſollte er mir die beſte Mahlzeit auftragen, die ihm zu beſchaffen möglich wäre. Am Mittag ließ der gute Prälat ſich melden und machte den Anfang damit, mir zu dem guten Rufe Glück zu wünſchen, den ich in Zürich gewonnen hatte und der ihn glauben ließe, daß mein Beruf noch fort⸗ dauerte.„Hier,“ fügte er hinzu,„iſt ein Diſtichon, das Sie über die Thür Ihres Gemaches anbringen laſſen können.“ Inveni portum. Spes et fortuna, valete; Nil mihi vobiscum est, nubile nunc alios.*) „Das iſt die Ueberſetzung von zwei Verſen des Euripides,“ ſagte ich;„aber gnädigſter Herr, ſie werden für eine andere Zeit gut ſein, denn ſeit geſtern habe ich meine Anſicht geändert.“ „Ich wünſche Ihnen Glück dazu,“ ſagte er,„und mögen alle Ihre Wünſche in Erfüllung gehen. Unter uns will ich Ihnen ſagen, daß es viel leichter iſt, ſein Heil zu begründen, indem man in der Welt bleibt, wo man ſeinem Nebenmenſchen nützlich ſein kann, als wenn man ſich in ein Kloſter einſperrt, wo man weder für ſich, noch für Andere, noch zu irgend Etwas gut iſt.“ Dieſe Sprache ſchien nicht die eines Heuchlers zu ſein, wie Giuſtiniani ihn mir geſchildert hatte, ſondern die eines verſtändigen Ehrenmannes. Das Eſſen war fürſtlich, denn Herr Ote hatte *) Ich habe den Hafen gefunden, Hoffnung und Glück, Lebet wohl; ihr ſeid für mich nichts mehr; heftet euch an ndere. 88 die drei Gänge auf das ſorgfältigſte ausgewählt. Die Mahlzeit wurde gewürzt durch eine intereſſante Unter⸗ haltung, bei welcher der feine Scherz auch ſeinen Platz fand. Nach dem Kaffee und indem ich ihm meinen ehrerbietigſten Dank abſtattete, begleitete ich ihn bis zur Thür ſeiner Caroſſe, wo der ehrwürdigſte Herr mir auf die offenſte Weiſe das Anerbieten ſeiner Dienſte wiederholte; dann trennten wir uns, gegen⸗ ſeitig ſehr zufrieden miteinander. Dieſe Anweſenheit und die Unterhaltung dieſes liebenswürdigen Geiſtlichen hatte meine Gedanken für einen einzigen Augenblick von dem liebenswürdigen Geſchöpf abgewendet, das ſie beſchäftigte. Sobald daher der Abt fort war, ſtellte ich mich auf die Brücke des Gaſthauſes, um hier den wohlthätigen Engel zu erwarten, der abſichtlich von Solothurn gekommen zu ſein ſchien, um mich von der teufliſchen Verſuchung, Mönch zu werden, zu befreien. Bis zu ihrer Ankunft baute ich die ſchönſten Luftſchlöſſer, und gegen ſechs Uhr hatte ich das Glück, meine ſchöne Reiſende zu erblicken. Ich verbarg mich ſo, daß ich ſehen konnte, ohne geſehen zu werden. Meine Ueberraſchung war groß, als ich alle Vier den Kopf nach meinem Fenſter erheben ſah. Dieſe Neugierde zeigte mir, daß die ſchöne Amazone das Geheimniß offenbart hatte, und ein wenig Zorn miſchte ſich in meine Ueberraſchung. Dieſes Gefühl war ganz natürlich, denn ich ſah mich getäuſcht, nicht nur in der Hoffnung, das Abenteuer weiter zu treiben, ſondern ich fühlte auch mein Ver⸗ trauen, meine Rolle gut zu ſpielen, im Abnehmen begriffen. Ungeachtet meiner Liebe würde ich um nichts in der Welt eingewilligt haben, den drei häß⸗ lichen Gefährtinnen zum Gelächter zu dienen. Ich entſchloß mich, augenblicklich ihre Erwartung zu —-— —— 89 täuſchen, um dadurch ſie ſelbſt zu dem Gegenſtande einer Myſtification zu machen. Hätte ich die ſchöne Amazone intereſſirt, ſo war es klar, daß ſie ſich wohl gehütet haben würde, mein Geheimniß zu verrathen. Aber ſie hatte Alles geſagt und ich erblickte in ihrer Schmatzhaftigkeit den überzeugenden Beweis, daß ſie den Scherz nicht weiter treiben wollte, oder daß es ihr an jenem Geiſte mangelte, der nothwendig iſt, um eine Intrigue mit Erfolg beenden zu können. Wären die Begleiterinnen meiner Zauberin einiger Aufmerkſamkeit würdig geweſen, ſo hätte ich die Sache vielleicht, aller ungünſtigen Ausſichten ungeachtet, weiter getrieben; aber ebenſo, wie ein ſchönes Weib mich anſpornt, ſtößt ein häßliches mich ſtets zurück. Um den Verdruß zu verjagen, den ich vorausſah, ging ich in der Abſicht aus, mich zu zerſtreuen, und da ich Giuſtiniani begegnete, erzählte ich ihm mein Mißgeſchick, indem ich ſagte, ich würde nicht bös ſein, wenn er mich mit irgend einer kindlichen und käuflichen Schönheit während einiger Stunden entſchädigen würde. „Ich will Sie zur Thür eines Hauſes führen,“ ſagte er,„wo Sie Ihre Rechnung finden werden. Sie gehen in den zweiten Stock hinauf und werden von einer Alten gut aufgenommen werden, wenn Sie ihr meinen Namen in das Ohr flüſtern. Ich wage es nicht, Sie zu begleiten,“ fügte er hinzu,„denn man würde das in der Stadt erfahren und das möchte mir einen böſen Handel mit der Polizei bereiten, die in dieſem Artikel lächerlich ſtreng iſt. Ich rathe Ihnen ſelbſt, nur dann in das Haus einzutreten, wenn Sie gewiß ſind, nicht geſehen zu werden.“ Nach dem Rathe meines Ex⸗Kapuziners erwartete ich die Dämmerung. Ich wurde gut aufgenommen, aber ich aß ſchlecht zu Abend und langweilte mich mit G 90 jungen Arbeiterinnen bis Mitternacht. Die beiden Nymphen waren zwar ziemlich hübſch, allein ein⸗ genommen von meiner boshaften Amazone und unge⸗ achtet ihrer Friſche und Sauberkeit, mangelte es ihnen an jener Anmuth, welche dem Vergnügen ſo viel Reiz verleiht. Meine Freigebigkeit, die in dieſem Lande unbekannt iſt, gewann mir die Freundſchaft der Alten, welche mir verſprach, mir Alles zu verſchaffen, was es Beſtes in der Stadt gäbe. Sie bat mich aber, alle mögliche Sorgfalt zu beobachten, um nicht geſehen zu werden, wenn ich ſie öfter beſuchen würde. Nach Hauſe zurückgekehrt, ſagte mir Le Due, ich hätte wohl daran gethan, mich zu flüchten, denn meine Maskerade wäre verrathen und alle Welt, ſelbſt Herr Ote, würden ſich ergötzt haben, mich die Rolle des Kellners ſpielen zu ſehen. „Ich,“ fügte er hinzu,„habe Ihre Stelle ein⸗ genommen. Die Schöne, welche Sie feſſelt, heißt Frau von**r, und ich geſtehe, daß ich nie ſolche Schönheit geſehen habe.“ „Hat ſie gefragt, wo der andere Kellner iſt?“ „Nein; aber ihre Begleiterinnen haben dieſe Frage mehrmals an mich gerichtet.“ „Und Frau von re hat nichts geſagt?“ „Sie hat den Mund nicht aufgethan. Sie ſah ſehr traurig aus und ſchien ſich für nichts zu inter⸗ eſſiren, bis ich ihr ſagte, Sie wären nicht gekommen, weil Sie krank wären.“ „Das iſt eine Albernheit; weshalb haſt Du ihr das geſagt?“ „Ich mußte doch irgend etwas ſagen.“ „Das iſt wahr. Haſt Du ihr die Stiefelchen auf⸗ geſchnürt?“ „Nein, ſie wollte es nicht.“ — — * 91 „Wer ſagte Dir ihren Namen?“ „Der Kutſcher. Die DameV iſt erſt kürzlich mit einem Manne von vorgerücktem Alter verheirathet.“ Ich ging ſchlafen, ohne recht zu wiſſen, was ich von der Schmatzhaftigkeit und der Trauer dieſer Schönen denken ſollte. Ich konnte dieſe einander entgegengeſetzten Dinge nicht mit einander in Ueber⸗ einſtimmung bringen. Da ich wußte, daß ſie früh⸗ zeitig abreiſen würden, ſtellte ich mich am nächſten Morgen in mein Fenſter, um ſie in den Wagen ſteigen zu ſehen, allein ich ordnete den Fenſtervorhang ſo, daß ich nicht geſehen werden konnte. Frau von* ſtieg zuletzt ein, und indem ſie ſich ſtellte, als wollte ſie ſich überzeugen, ob es regnete, nahm ſie ihre Atlasmütze ab und erhob den Kopf. Ich zog ſogleich den Vorhang mit der einen Hand zurück, nahm mit der andern meine Mütze ab und grüßte ſie, ihr mit den Fingerſpitzen einen Kuß zuwerfend. Sie erwiderte denſelben darauf mit dem anmuthigſten Weſen von der Welt und belohnte meine Küſſe durch das liebens⸗ würdigſte Lächeln. ————————————— ——————————.—— Viertes Kapitel. meine Abreiſe von Zürich.— Komiſches Abenteuer in Baden.— Solothurn.— Herr von Chavignvy.— Herr und Frau von***.— Ich ſpiele Komödie.— Ich mache mich krank, um mein Glück zu befördern. Herr Ote ſtellte mir ſeine beiden Söhne vor, junge Leute, die fürſtlich erzogen waren. In der Schweiz iſt ein Gaſtwirth nicht immer ein Mann ohne Wichtigkeit, und man ſieht viele, die ihr Haus ſo gut machen, wie es anderwärts ein Mann von dem beſten Tone könnte; aber jedes Land hat ſeine Sitten; er macht die Honneurs bei Tafel und glaubt ſich nicht zu erniedrigen, indem er Die bezahlen läßt, die bei ihm geſpeiſt haben. Er hat Recht; das Laſter allein erniedrigt. Ein Schweizer Gaſtwirth nimmt den erſten Platz bei Tafel nur ein, um darüber zu wachen, daß alle Gäſte gut bedient werden. Hat er einen Sohn, ſo ſetzt ſich derſelbe nicht gleich dem Vater mit an den Tiſch, ſondern er bedient mit der Serviette über dem Arm. In Schaffhauſen ſtand der Sohn meines Wirthes, welcher Kapitän im Dienſte des Kaiſerreiches war, hinter meinem Stuhle, um meinen Teller zu wechſeln, während ſein Vater die Honneurs bei Tafel machte. Ueberall ſonſt würde er ſich haben bedienen laſſen; bei ſich zu Hauſe aber glaubte er ſich —————— . 3 3 — 3 — ˖— Qeddde 93 3 ehren, indem er ſich ſelbſt bediente, und er hatte echt. So ſind die Begriffe der Schweiz, über welche einige oberflächliche Köpfe ſich, doch gewiß mit Unrecht, luſtig machen. Indeß hindert die ſo viel gerühmte Ehre und Redlichkeit der Schweizer ſie nicht, die Frem⸗ den ebenſo gut zu übervortheilen, als in Holland; aber die Unbeſonnenen, die ſich übervortheilen laſſen, lernen bald, daß ſie ihren Akkord im Voraus treffen müſſen, und dann wird man gut behandelt und hat vernünftige Preiſe zu zahlen. Durch dieſe Vorſichtsmaßregel ſicherte ich mich in Baſel gegen den berüchtigten Gaſt⸗ hofsbeſitzer Inhoff im Gaſthauſe zu„den drei Königen.“ Herr Ote beglückwünſchte mich über meine Verkleidung als Kellner und ſagte mir, es thäte ihm leid, daß er mich nicht bei dem Dienſte geſehen hätte; er lobte mich aber, den Scherz bei dem zweiten Souper nicht wiederholt zu haben. Nachdem er mir für die Ehre gedankt hatte, die ich ſeinem Hauſe erzeigt hätte, bat er mich, ihm die nicht zu verſagen, vor meiner Abreiſe wenigſtens ein Mal an ſeinem Tiſche zu eſſen. Ich antwortete ihm, ich würde das mit Vergnügen noch an demſelben Tage thun, und ich that es auch wirklich und wurde wie ein großer Herr aufgenommen und bedient. Der Leſer kann ſich wohl denken, daß der letzte Blick meiner ſchönen Amazone das Feuer nicht ver⸗ löſcht hatte, welches ihr erſter Anblick in meinem Herzen entzündete. In der That ſteigerte er meine Flamme, indem er mir die Hoffnung einflößte, daß es mir gelingen würde, ſie näher kennen zu lernen. Ich faßte daher den Entſchluß, nach Solothurn zu gehen, um das Abenteuer zu einem glücklichen Ende zu leiten. Ich nahm einen Kreditbrief auf Genf und ſchrieb an Frau d'Urfé, ſie möchte mir einen dringenden Empfehlungsbrief für Herrn von Chavigny, den Geſandten Frankreichs, ſchicken, indem ich ihr ſagte, um ſie zu beeilen, ich hätte das größte Bedürfniß, dieſen Diplomaten in dem Intereſſe unſeres Ordens näher kennen zu lernen; ich ſchloß mit der Bitte, mir ihre Briefe poste restante nach Solothurn ſenden zu wollen.— Ebenſo ſchrieb ich auch an den Herzog von Württemberg, der mir niemals geantwortet hat; in der That aber mußte er meinen Brief ſehr bitter finden. Ich erſtattete in Zürich noch einige Beſuche bei der Alten, mit der Giuſtiniani mich bekannt gemacht hatte; aber obgleich ich Urſache hatte, in phyſiſcher Beziehung befriedigt zu ſein, unterhielt ich mich ſchlecht, denn meine Nymphen ſprachen nur den Schweizer Dialekt, der weiter nichts iſt, als eine harte Corruption des Deutſchen. Ich habe immer gefunden, daß ohne das Vergnügen der Worte das Vergnügen der Liebe den Namen eines Vergnügens kaum ver⸗ dient; ich könnte mir keinen alberneren Genuß denken, als den, den man bei einer Stummen ſuchen wollte, wäre ſie übrigens auch ſchön wie die Göttin von Amatunt. Kaum hatte ich Zürich verlaſſen, als ich gezwungen war, in Baden Halt zu machen, um hier den Wagen ausbeſſern zu laſſen, den ich mir durch Herrn Ote verſchafft hatte. Ich hätte mich gegen elf Uhr wieder auf den Weg machen können, allein da ich erfahren hatte, daß eine junge Polin, die ihre Andacht in unſerer lieben Frau von Einſiedel verrichten wollte, an der table d'hôte ſpeiſen würde, blieb ich aus Neugierde länger; ich wurde für meine Mühe nicht belohnt, denn ich fand an ihr nichts, was dieſes Opfers würdig geweſen wäre. &ᷣ—— 95⁵ Nach dem Eſſen, während man meinen Wagen anſpannen wollte, kam die Tochter des Gaſtwirths, eine ziemlich hübſche Perſon, in den Saal und forderte mich auf, mit ihr zu walzen. Es war ein Sonntag. Plötzlich trat der Vater ein, und die Tochter entfloh. „Mein Herr,“ ſagte der tölpelhafte Schelm,„Sie ſind zu einem Louisd'or Strafe verurtheilt.“ „Weshalb?“ „Weil Sie an einem Feſttage getanzt haben.“ „Machen Sie, daß Sie fortkommen; ich werde nicht bezahlen.“ „Sie werden bezahlen,“ ſagte er, indem er mir ein großes Plakat zeigte, das ich nicht leſen konnte. „Ich appellire.“ „An wen, mein Herr?“ „An den Ortsrichter.“ Er ging hinaus, und eine Viertelſtunde darauf verkündete man mir, der Richter erwartete mich in einem benachbarten Zimmer. Ich dachte bei mir, in dieſem Lande wären die Richter ſehr höflich; als ich aber in das Zimmer trat, ſah ich meinen Schelm mit einer Perücke und einem Mantel bekleidet. „Mein Herr,“ ſagte das Chamäleon,„ich bin der Richter.“ „Richter und Partei, wie ich ſehe.“ Er ſchrieb, beſtätigte den Spruch und verurtheilte mich noch zur Zahlung von ſechs Francs für die Koſten des Rechtsſpruches. „Aber,“ ſagte ich,„wenn Ihre Tochter mich nicht verführt hätte, ſo würde ich nicht getanzt haben. Sie iſt ebenſo ſtrafbar als ich.“ „Das iſt ganz richtig, mein Herr; hier iſt ein Louisd'or für ſie.“ 96 Indem er dies ſagte, zog er einen Louisd'or aus der Taſche, legte ihn neben ſich auf den Schreibtiſch und ſagte dann: „Jetzt den Ihrigen.“ Ich lachte, bezahlte und verſchob meine Abreiſe bis auf den folgenden Tag. Bei meiner Abreiſe durch Luzern ſah ich den apoſtoliſchen Nuntius, der mich zum Diner einlud, und in Freiburg die Gemahlin des Grafen d'Affri, die jung und galant war und bei der ich einige Augenblicke zubrachte; aber etwa zehn Stunden von Solothurn entfernt, war ich Zeuge eines ſonderbaren Zufalls. In einem Dorfe, in welchem ich die Nacht zu⸗ bringen ſollte, hatte ich mich eines Wundarztes, den ich in dem Gaſthauſe fand, bemächtigt und machte mit ihm in Erwartung des Abend⸗Eſſens, zu dem ich ihn einlud, einen Spaziergang. Es war bei Anbruch der Nacht, als ich, nachdem wir etwa hundert Schritte gemacht hatten, einen Menſchen bemerkte, der an der Mauer eines Hauſes in die Höhe kletterte, und als er zu einem Fenſter des erſten Stockwerks gelangt war, verſchwand. „Sehen Sie,“ ſagte ich zu dem Chirurg,„das iſt ein Dieb.“ Er lachte und ſagte dann: „Dieſer Gebrauch muß Sie überraſchen, allein er iſt in mehreren Kantonen der Schweiz üblich.— Der Menſch, den Sie ſoeben ſahen, iſt ein junger ver⸗ liebter Bauer, der die Nacht allein mit ſeiner Geliebten zubringen will. Morgen früh verläßt er ſie verliebter als je, denn ſie gewährt ihm ſicher nicht die letzten Gunſtbezeugungen. Hätte ſie die Schwäche, ſeinen Wünſchen Folge zu leiſten, ſo wäre es wahrſcheinlich, 8 3s 8 u — ₰ 97 daß er ſie nicht heirathen würde, dann fände ſie ſchwer einen andern Mann.“ Ich fand in Solothurn auf der Poſt einen Brief der Frau d'Urfé und in dieſem einen zweiten des Herzogs von Choiſeul an den Geſandten, Herrn von Chavigny. Er war verſiegelt, der Name des Miniſters, der ihn geſchrieben hatte, ſtand jedoch unter der Adreſſe. Ich nahm einen Miethswagen, legte einen Hof⸗ Anzug an und ging zu dem Geſandten. Se. Excellenz war nicht zu ſprechen, und ich ließ meinen Brief und meine Karte zurück. Es war ein Feſttag; ich begab mich in die große Meſſe, aber weniger, wie ich geſtehe, um dort Gott aufzuſuchen, als in der Hoffnung, meine Amazone zu finden. Ich wurde indeß in meiner Erwartung getäuſcht. Als ich die Kirche verließ, machte ich einen Spaziergang und kehrte dann in das Hotel zurück, wo ich einen Offizier fand, der mich im Namen des Ge⸗ ſandten zum Diner einlud. Madame d'Urfé ſagte mir in ihrem Briefe, ſie wäre ausdrücklich nach Verſailles gegangen und hätte durch Vermittelung der Frau von Grammont einen Empfehlungsbrief erhalten, der gewiß all meinen Wünſchen entſpräche. Ich freute mich deſſen, denn ich nahm mir vor, in Solothurn eine wichtige Perſon zu ſpielen. Ich hatte viel Geld, und es war mir nicht unbekannt, daß man mit dieſem glücklichen Metall die blödeſten wie die glänzendſten Augen blendet. Herr von Chavigny war dreißig Jahre zuvor Ge⸗ ſandter in Venedig geweſen. Ich kannte eine Menge Anekdoten, in denen er eine Rolle geſpielt hatte, und mich verlangte danach, ihn kennen zu lernen, um zu ſehen, inwiefern er mir nütz⸗ lich ſein könnte. Ich folgte zu der bezeichneten Stunde der Ein⸗ ladung und fand alle Leute des Geſandten in großer X.[29.] 7 Livrée; das war mir ein günſtiges Vorzeichen. Man meldete mich nicht und ich bemerkte, daß mir, ſobald ich erſchien, ein Page beide Flügel der Thür öffnete. Ein ſchöner Greis kam mir entgegen und redete mich mit den höflichſten Worten an, indem er mich allen den Perſonen, die zugegen waren, vorſtellte. In Folge jenes feinen Zartgefühls, wie es am Hofe herrſcht, that er dann, als erinnerte er ſich nicht an meinen Namen, zog aus der Taſche den Brief des Herzogs von Choiſeul und las mit lauter Stimme den ganzen Satz, in welchem dieſer Miniſter ihm empfahl, mir alle nur möglichen Auszeichnungen an⸗ gedeihen zu laſſen. Er bot mir einen Armſeſſel zu ſeiner Rechten und richtete mehrere Fragen an mich, die ſämmtlich geeignet waren, mich darauf antworten zu laſſen, daß ich nur zu meinem Vergnügen reiſte, und daß die ſchweizeriſche Nation in mehreren Beziehungen allen anderen Nationen vorzuziehen ſei. Es wurde ſervirt und Se. Excellenz ließen mich wieder an ihre rechte Seite ſetzen. Wir waren unſerer Sechszehn bei Tiſche und hinter jedem Gaſte ſtand ein Lakai in der großen Livrée des Geſandten.. Im Laufe der Unterhaltung ergriff ich eine paſſende Gelegenheit und ſagte ihm, daß man in Venedig noch immer mit der innigſten Zuneigung von ihm ſpräche. „Ich werde mich ſtets der Güte erinnern,“ ſagte er,„welche man während der ganzen Zeit meines Aufenthaltes in jener Stadt mir erwieſen hat; aber ich bitte Sie, mir die Perſonen zu nennen, die noch von mir ſprechen; ſie müſſen ſehr alt ſein.“ Das war es, was ich erwartete. Ich hatte von Herrn von Malipiero Dinge erfahren, die ihm während der Regentſchaft begegneten, welche ihm vielen Verdruß bereiteten, und Herr von Bragadin hatte mich ——A————— — ————— 99 von ſeiner Liebſchaft mit der berühmten Stringhetta unterrichtet. Der Koch Sr. Excellenz war ausgezeichnet, aber das Vergnügen, den Geſandten zu unterhalten, ließ mich das Eßfen vernachläſſigen. Ich würzte Alles, was ich ihm erzählte, ſo gut, daß das Vergnügen, welches ich ihm bereitete, ſich in allen ſeinen Zügen malte, und indem er von dem Tiſche aufſtand, ſagte er, indem er mir die Hand drückte, ſeit ſeinem Aufenthalte in Solothurn hätte er noch nie eine ſo angenehme Mahlzeit gehabt. „Meine Galanterien in Venedig,“ fügte der liebenswürdige Greis hinzu,„haben mich verjüngt, indem Sie mich an ſo ſüße Augenblicke erinnerten.“ Er umarmte mich, indem er mich bat, mich während der ganzen Zeit, die ich in Solothurn bleiben wüirde, als ein Mitglied ſeiner Familie betrachten zu wollen. Nach dem Eſſen ſprach er viel von Venedig, lobte die Regierung und ſagte zuletzt, es gäbe keine Stadt in der ganzen Welt, wo man beſſer ſpeiſen könnte, vorausgeſetzt, daß man ſich gutes Oel und fremde Weine verſchaffte. Gegen fünf Uhr forderte er mich auf, mit ihm eine Spazierfahrt in ſeinem Vis-à-vis zu machen, in den er zuerſt ſtieg, um mich dadurch zu verpflichten, den Sitz im Fond einzunehmen. Wir ſtiegen in einem hübſchen Landhauſe ab, wo man Gefrorenes ſervirte. Indem wir uns entfernten, ſagte er mir, er ver⸗ ſammle jeden Abend eine zahlreiche Geſellſchaft bei ſich, und wenn es mir angenehm wäre, hoffte er, daß ich ihm die Ehre erzeigen würde, derſelben beizu⸗ wohnen, indem er mir die Verſicherung gab, er würde ſein Möglichſtes thun, mich gegen Langeweile zu ſchützen. Ich war ungeduldig, ſeine Geſellſchaft zu beſuchen, denn es ſchien mir unmöglich, daß meine 7* 100 ſchöne Amazone nicht dort ſein ſollte. Das war indeß eine eitle Hoffnung, denn ich ſah mehrere Damen kommen, von denen einige alt und hochbejahrt waren, einige leidlich, doch nicht eine hübſch. an vertheilte Karten und ich kam an einen Tiſch mit einer jungen Blondine und einer ziemlich häßlichen ältern Frau, die aber äußerſt viel Geiſt zu erkennen gab. ſpielte und langweilte mich, indem ich fünf oder ſechs Hundert Marken verlor, ohne die Lippen zu öffnen. Als man die Verluſte zählte/ ſagte mir die Häß⸗ liche, ich wäre drei Louisd'or ſchuldig. „Drei Louisd'or, Madame?“ „Ja, mein Herr, denn die Marke gilt zwei Sous. Sie glaubten vielleicht, wir ſpielten um Liards?“ „Im Gegentheil, Madame, ich glaubte, man ſpielte um Francs, denn ich ſpiele niemals niedriger.“ Sie erwiederte nichts auf meine Großthuerei, aber ſie ſchien verletzt zu ſein. Als ich nach meiner langweiligen Partie in den Saal zurückkehrte, ließ ich einen korſchenden Blick über alle anweſenden Damen gleiten, doch da ich die nicht entdeckt hatte, die ich ſuchte, wollte ich mich entfernen, als mein Blick auf zwei Damen fiel, die mich auf⸗ merkſam betrachteten; ich erkannte ſie auf den erſten Blick. Es waren zwei von den Gefährtinnen meiner ſchönen Amazone, die ich die Ehre hatte, in Zürich zu bedienen. Ich entſchlüpfte, ohne zu thun, als ob ich ſie erkenne. Am nächſten Tage meldete mir ein Beamter des Geſandten den Beſuch Sr. Excellenz. Ich ſagte ihm, ich würde nicht ausgehen, ehe ich die Ehre gehabt hätte, ihn zu empfangen. Allein ich nahm mir ſogleich vor, mich bei ihm nach dem zu erkundigen, was mir das Wichtigſte war. Er erſparte mir die Mühe, wie man ſehen wird. 101 Ich empfing Herrn von Chavigny ſo zuvorkommend, wie es mir möglich war, und nachdem er vom Regen und vom ſchönen Wetter geſprochen hatte, ſagte er lächelnd, er wollte mir die einfältigſten Worte ſagen; allein er bäte mich, überzeugt zu ſein, daß er nichts davon glaubte. „ höre, Ew. Excellenz.“ „Zwei Damen, die Sie geſtern Abend bei mir ſahen, ließen ſich in meinem Kabinet melden, als Sie ſich entfernt hatten, und ſagten mir, ich möchte auf meiner Hut ſein, denn Sie wären ein Kellner aus dem Wirthshauſe, in welchem ſie in Zürich logirt ätten. Sie verſicherten, Sie hätten ſie am Abend ihrer Durchreiſe bei Tafel bedient. Sie fügten hinzu, geſtern wären ſie dem andern Kellner jenſeits der Aar begegnet, und wahrſcheinlich wären Sie mitein⸗ ander durchgegangen, Gott weiß, weshalb! Auch hätten Sie ſich geſtern bei mir aus dem Staube gemacht, ſobald Sie ſie bemerkten. Ich antwortete ihnen, wenn Sie mir auch nicht einen Brief des Herzogs von Choiſeul übergeben hätten, würde ich überzeugt ſein, daß ſie ſich irrten, und daß ſie noch heute mit Ihnen bei mir ſpeiſen würden, wenn Sie mir die Whr⸗ erzeigen wollten, meiner Einladung Folge zu leiſten. Ich ſagte ihnen ebenſo, es wäre wohl möglich, daß Sie ſich als Kellner verkleidet hätten, in der Hoffnung, bei Einer von ihnen Ihr Glück zu machen. Aber ſie entgegneten mir, dieſe Vermuthung wäre ab⸗ geſchmackt, Sie wären nur ein Kellner, der mit großer Geſchicklichkeit einen Kapaun tranchiren und die Teller wechſeln könnte, und wenn ich es ihnen geſtattete, würden ſie Vöhnen in meiner Gegenwart darüber ein Kompliment machen. „Thun Sie das, meine Damen,“ entgegnete ich ihnen,„er und ich werden darüber lachen.“— Wenn 102 nun an der Sache irgend etwas Wahres iſt, ſo haue Sie die Güte, mir ohne Rückhalt dasſelbe zu agen.“ „Ja, ohne Rückhalt, gleichwohl aber mit Ver⸗ ſchwiegenheit, denn dieſe Poſſe könnte eine Perſon kompromittiren, die mir theuer iſt; und ich würde lihes ſterben, als daß ich ihr das geringſte Ungemach zufügte.“ „Die Sache iſt alſo wahr? Das intereſſirt mich lebhaft!“ 3 „Wahr, gnädiger Herr, bis auf einen gewiſſen Punkt, denn ich hoffe, daß Sie mich nicht für einen Kellner aus dem„Degen“ anſehen werden.“ en. gewiß nicht; aber Sie haben deſſen Rolle geſpielt?“ „Allerdings.„Haben ſie Ihnen geſagt, daß ſie ihrer Vier waren? „Ich weiß es, die ſchöne Frau von rwar mit ihnen. Das erklärt mir das Räthſel. Ich weiß Alles. Aber Sie haben Recht; Verſchwiegenheit rhwenig, denn ſie genießt eines fleckenloſen ufes.“ „Das wußte ich nicht. Die Sache iſt übrigens ganz unſchuldig, aber man könnte ſie ſo ausſchmücken, daß ſie ärgerlich und nachtheilig für die eine Perſon würde, deren Schönheit mich feſſelte.“ Ich erzählte ihm nun Punkt für Punkt Alles, was vorgegangen war, und ſagte dabei, ich wäre nach Solothurn nur in der Hoffnung gekommen, ihr meinen Hof machen zu können. „Wäre das nicht möglich,“ fügte ich hinzu,„ſo würde ich in drei oder vier Tagen abreiſen, aber nachdem ich meine häßlichen Schwätzerinnen lächerlich gemacht hätte, da ſie genug Verſtand beſien müßten, um einzuſehen, daß der Kellner nur eine Maske war. Sie können ſich nur in der Hoffnung, mir Schaden zu thun und ihrer ſchönen Reiſebegleiterin Nachtheil zuzufügen, ſo ſtellen, als wüßten ſie das nicht. 103 Uebrigens war es von der Schönen Unrecht, ſie in das Geheimniß zu ziehen.“ „Sachte, ſachte, ſtürmiſche Jugend! Sie erinnern mich an meine ſchönen Tage.. Laſſen Sie mich Sie umarmen, denn Ihre Geſchichte macht mir ein außerordentliches Vergnügen. Sie werden nicht reiſen, mein theurer Freund, und werden Ihrer ſchönen Amazone den Hof machen. Laſſen Sie mich lachen; ich war jung und die ſchönen Augen haben mich mehr als einmal ähnliche Maske⸗ raden vornehmen laſſen. Heute bei Tafel werden Sie zwei boshafte Geſchöpfe perſifliren, aber ſcherzend. Die Sache iſt ſo einfach, daß der Herr von*— ſelbſt darüber lachen wird. Seiner Fran kann es nicht un⸗ bekannt ſein, daß Sie ſie lieben, und ich kenne die Weiber hinlänglich, um im Voraus verſichert zu ſein, daß Ihre Metamorphoſe ihr nicht mißfallen hat. Weiß ſie, daß Sie ſie lieben?“ „Ohne Zweifel.“ Er fuhr lachend davon und an der Thür ſeines Wagens umarmte er mich zum dritten Male. Ich konnte nicht daran zweifeln, daß meine Zauberin ihren drei Begleiterinnen Alles erzählt hatte, als ſie von Einſiedel nach Zürich zurückkehrten, und das ließ mir den Schritt bei dem Geſandten als beißend erſcheinen; ich fühlte indeß, daß meine Eigen⸗ liebe verlangte, ihre Bosheit als geiſtvoll hinzu⸗ nehmen. Ich trat um ein und ein halb Uhr bei dem Ge⸗ ſandten ein, und nachdem ich ihm meine Verbeugung gemacht hatte, grüßte ich die Geſellſchaft und bemerkte die beiden Damen. Sogleich ging ich mit artigem, leichten Weſen auf die zu, welche mir am boshafteſten auszuſehen ſhien⸗ und die ich vielleicht dafür hielt, weil ſie inkte. Ich fragte, ob ſie mich wieder erkenne. 104 „Sie geſtehen alſo, daß Sie der Kellner aus dem „Degen“ ſind?“ „Nicht gerade das, Madame; aber ich geſtehe, daß ich es für eine Stunde war, und daß Sie mich dafür beſtraften, indem Sie mich nicht eines kleinen Wortes würdigten, obgleich ich nur dort war, um des Glückes zu genießen, Sie dort zu ſehen. Ich hoffte indeß, hier ein wenig glücklicher zu ſein und von Ihnen die Erlaubniß zu erhalten, Ihnen meine Huldigungen dar⸗ bringen zu dürfen.“ „Das iſt erſtaunlich! Sie haben Ihre Rolle ſo ut geſpielt, daß der Beſtunterrichtete ſich dadurch bätte fangen laſſen! Wir werden jetzt ſehen, ob Sie ebenſo gewandt ſind, Den, welchen Sie jetzt vorſtellen, ebenſo gut zu ſpielen. Wenn Sie mir die Ehre erzeigen wollen, zu mir zu kommen, ſo ſollen Sie freundlich empfangen werden.“ Nach dieſem Kompliment wurde die Geſchichte öffentlich und die Geſellſchaft ergötzte ſich daran, als ich das Glück hatte, Herrn und Frau von** eintreten zu ſehen. „Das,“ ſagte ſie zu ihrem Manne,„iſt der liebens⸗ würdige Kellner von Hürich. Der brave Mann kam auf mich zu und dankte mir anmuthig dafür, daß ich ſeiner Frau die Ehre erzeigt hätte, ihr die Stiefelchen auszuziehen. Dieſe Schmeichelei zeigte mir, daß ſie ihm Alles mitgetheilt hatte, und ich war darüber entzückt. Man ſervirte.— Herr von Chavigny wies ihr den Platz zu ſeiner Rechten an, und ich wurde zwiſchen meine beiden Ver⸗ leumderinnen geſetzt. Gezwungen, mein Spiel zu verbergen, vbgleieh ſie mir außerordentlich mißfielen, gewann ich es über mich, ihnen Schmeicheleien zu ſagen, ohne die Augen von Frau von**f abzuwenden, die ihr neuer Schmuck 105⁵ reizend machte. Ihr Mann ſchien weder eiferſüchtig zu ſein, noch ſo alt, als ich es mir gedacht hatte. Der Geſandte lud ihn ein, für den Abend mit ſeiner Frau zu einem improviſirten Balle zu bleiben; dann ſagte er, damit ich dem Herzog von Choiſeul berichten könnte, ich hätte mich in Solothurn gut unterhalten, würde er hocherfreut ſein, wenn man Komödie ſpielte, vorausgeſetzt, daß Frau von** Fübilligte, wieder die Rolle der ſchönen Schottin zu geben. Sie antwortete, ſie würde das zwar gern thun, aber es fehle an Schauſpielern. „Nun wohl,“ ſagte der liebenswürdige Greis,„ſo übernehme ich die Rolle des Monroſe.“ „Und ich,“ ſagte ich,„die Murray's.“ Meine Lahme, die über dieſe Anordnung bös war, weil ihr nur die häßliche Rolle der Lady Alton übrig blieb, konnte ſich nicht enthalten, mir einen Brocken zuzuſchleudern. 3 „Schade,“ ſagte ſie,„daß in dem Stücke nicht die Rolle eines Kellners iſt! Sie ſpielten ſie ſo gut!“ „Ihre Bemerkung iſt vortrefflich, aber ich tröſte mich damit, daß Sie mich unterrichten werden, die des Murray noch beſſer zu ſpielen.“ Am nächſten Tage empfing ich meine kleine Rolle, und der Geſandte verkündete, daß der Ball mir zu Ehren ſtattgefunden hätte. Nach dem Diner kehrte ich in mein Gaſthaus zurück, und nachdem ich elegante Toilette gemacht hatte, erſchien ich wieder in der Mitte einer glänzenden Geſellſchaft. Der Geſandte bat mich, den Ball zu eröffnen. Ich ſtellte mich der Dame vor, die durch ihre Geburt, wenn auch nicht durch ihre Schönheit, am aus⸗ gezeichnetſten war. Dann tanzte ich mit Allen ohne Unterſchied, bis der gefällige Greis mich mit dem Gegenſtande meiner Wünſche für die Contretänze engagirte, und das auf 106 eine ſo natürliche Weiſe, daß Niemand dagegen etwas einwenden konnte. „Lord Murray,“ ſagte er,„darf nur mit Lindane tanzen.“ Bei der erſten Pauſe ergriff ich die Gelegenheit, ihr zu ſagen, daß ich nur ihretwegen nach Solothurn gekommen wäre, daß ich mich für ſie in Zürich traveſtirt hätte und daß ich hoffte, ſie würde mir das Glück gewähren, ihr den Hof machen zu dürfen.— „Ich habe Gründe,“ ſagte ſie,„welche mich verhindern, Sie bei mir zu empfangen, aber die Gelegenheit, uns zu ſprechen, wird nicht fehlen, wenn Sie einige Zeit hier bleiben. Ich bitte Sie aber, mir öffentlich durchaus keine beſondere Aufmerkſamkeit zu beweiſen, denn man würde nicht ermangeln, uns zu beobachten, und man zuyß es vermeiden, Veranlaſſung zum Geſchwätz zu geben.“ „Vollkommen zufrieden, verſprach ich ihr, Alles zu thun, was ihr angenehm ſein könnte, und ſelbſt die Augen irre zu leiten, die am meiſten geneigt ſein würden, uns zu beobachten. Ich fühlte, daß das Geheimniß die Glückſeligkeit, die dich in der Perſpektive ſchon genoß, noch erhöhen würde. Ich hatte mich als Neuling in der Kunſt des Roscius bezeichnet und bat meine Lahme, mich unter⸗ richten zu wollen. Ich ging daher am Morgen zu ihr, aber ſie hielt ſich nur für einen Reflexionsſpiegel, denn ich hatte bei ihr die Gelegenheit, der ſchönen Amazone den Hof zu machen, und wie groß auch ihre Eigenliebe ſein mochte, beſaß ſie doch zu viel Verſtand, um nicht ein wenig die Wahrheit zu argwöhnen. Dieſe Frau war Wittwe, zwiſchen dreißig und vierzig Jahren, hatte eine gelbliche Geſichtsfarbe, ein ſchwarzes lebhaftes Auge, einen durchbohrenden Blick 1 ———— 2—— — 107 und eine boshafte Miene. Da ſie die Ungleichheit ihrer Beine verbergen wollte, zeigte ſie ein geziertes Weſen, und ein alberner Anſpruch, Geiſt zu beſitzen, machte ſie zur Schwätzerin und dadurch ſehr lang⸗ weilig. Eines Tages, als ich fortfuhr, ihr auf ſehr ehr⸗ erbietige Weiſe den Hof zu machen, ſagte ſie mir, nachdem ſie mich als Kellner verkleidet geſehen, hätte ſie mich nie für ſo ſchüchtern gehalten. „Worin, Madame,“ fragte ich ſie,„halten Sie mich für ſchüchtern?“ S ionnt⸗ das leicht errathen, aber ſie antwortete mir nicht. Ich war ermüdet durch meine Rolle und nahm mir vor, mit ihr zu ſprechen, ſobald wir die Schottin geſpielt haben würden. Die beſte Geſellſchaft Solothurns wohnte unſerer erſten Vorſtellung bei. Die Lahme war entzückt, in ihrer Rolle Abſcheu einzuflößen, indem ſie ſich einbildete, ihre Perſon hätte mit der hervorgebrachten Wirkung nichts zu ſchaffen gehabt. Herr von Chavigny lockte Thränen hervor. Man ſagte, er hätte beſſer geſpielt, als der große Voltaire. Was mich betrifft, ſo erinnere ich mich, daß ich nahe daran war, ohnmächtig zu werden, als in der dritten Scene des fünften Aktes Lindane mir zurief: „Wie! Sie! Sie wagen, mich zu lieben?“ Sie ſprach dieſe Worte mit einem ſo entſchiedenen und ſo wahren Tone der Verachtung und doch ſo ganz in dem Geiſte ihrer Rolle, daß alle Zuſchauer bei dieſen Worten in einen donnernden Applaus aus⸗ brachen. Ich war verletzt und ſogar verwirrt, denn es ſchien mir, als hätte ſie in die Worte ein Gewicht gelegt, welches meine Ehre kränkte. Ich faßte mich indeß in dem Augenblick der Ruhe, welche der Applaus mir gewährte und antwortete, indem ich ſo zu ſagen den Geiſt meiner Rolle ſteigerte: 108 „Ja! Ich bete Sie an, und ich muß es!“ Ich legte ſo viel Zärtlichkeit und einen ſolchen Ausdruck in dieſe Worte, daß Applaus und Bravo's in dem Saale ertönten und das„bis! bis!“ von vier Hundert Perſonen mich zwang, dieſe Worte zu wieder⸗ Folen, die jetzt aus dem Innerſten meines Herzens amen. Ueauen der Beweiſe der Befriedigung, die wir von den Zuſchauern empfangen hatten, fanden wir während des Soupers, daß wir unſere Rolle nicht gut gelernt hätten, und der Herr von Chamign rieth uns, olg eine zweite Vorſtellung auf den nächſtfolgenden Tag zu verſchieben. „Wir wollen,“ ſagte er,„morgen eine Probe in merem Landhauſe dodalten, wohin ich Sie zum Diner einlade.“ Es fehlte uns indeß nicht an Lobſprüchen als Schauſpieler. Die Lahme ſagte mir, ich hätte gut geſpielt, aber doch nicht ſo gut, wie meine Rolle als Kellner, die mich vortrefflich gekleidet hätte. Dieſer Ausfall brachte die Lacher auf ihre Seite, allein ich änderte dies, indem ich ihr ſagte, ich hätte dieſe Vollendung nur mit Anſtrengung erreicht, während ſie, um in der Alton zu excelliren, nur ihrer Natur zu folgen brauchte. Herr Chavigny ſagte der Frau von, die Zuſchauer hätten Unrecht gehabt, bei der Stelle zu applaudiren, wo ſie ſich darüber wundert, daß ich ſie liebte, denn ſie hätte dieſe Worte mit dem Tone der Geringſchätzung geſprochen, und es wäre unmöglich, daß Lindane nicht Achtung für Murray hegte. Der Geſandte holte mich am nächſten Tage in ſeinem Wagen ab, und als wir nach ſeinem Landhauſe kamen, fanden wir dort alle Schauſpieler verſammelt. Er wandte ſich zunächſt an Herrn von*»* und ſagte demſelben, er glaubte ſeine Sache befördert zu haben und würde nach dem Eſſen mit ihm davon ſprechen. ————VOO;———— — ————— 109 Wir ſetzten uns zu Tiſch und probirten dann das Stück, ohne eines Souffleurs zu bedürfen. Gegen Abend verkündete der Geſandte der ganzen Geſellſchaft, er erwartete uns zum Abendeſſen in Solothurn, und alle Welt fuhr ab, ausgenommen wir Beide und Herr und Frau von*r.. Im Augenblicke der Abfahrt, welche einige Zeit währte, wurde ich ſehr angenehm überraſcht. „Mein Herr,“ ſagte der Geſandte zu Herrn von***,„ſteigen Sie in meinen Wagen, wir können dort ganz ungeſtört mit einander uns unterhalten. Herr Caſanova wird die Ehre haben, Ihrer Frau Gemahlin in Ihrer Equipage Geſellſchaft zu leiſten.“ Ich reichte ehrerbietig meine Hand der Schönen, die ſie mit dem Weſen der vollkommenſten Gleich⸗ gültigkeit annahm; allein als ſie auf den Wagentritt ſtieg, drückte ſie mir die Hand mit aller Kraft. Mein Leſer kann ſich die Wonne denken, welche dieſer Druck in meinem Herzen nachzittern ließ. So ſaßen wir Seite an Seite, die Knie zärtlich aneinander gepreßt. Eine halbe Stunde verfloß wie eine Minute, aber wir verloren ſie nicht durch eitle Ziererei; unſere Lippen blieben aufeinander gepreßt bis zehn Schritt von dem Hötel, das wir zehn Stunden weit entfernt gewünſcht hätten. Sie ſtieg zuerſt aus, und ich erſchrak über das Feuer, welches aus ihrem ganzen Geſicht ſtrahlte; dieſe Röthe war nicht natürlich. Sie mußte Alles verrathen und die Quelle unſerer Glückſeligkeit dadurch vertrocknen. Das forſchende Auge der neidiſchen Lahmen hätte ſich darin nicht getäuſcht, und ſie würde durch dieſe Entdeckung mehr triumphirt haben, als gedemüthigt worden ſein. Ich war außer mir. 1 Die Liebe und das Glück, die mir in dem Laufe meines Lebens ſo oft günſtig geweſen waren, entriſſen 110 mich dieſer grauſamen Verlegenheit. Ich hatte in der Taſche eine kleine Doſe mit Nießwurz. Ich öffnete ſie wie inſtinktmäßig und forderte ſie auf, eine ganz kleine Priſe zu nehmen. Sie that dies und ich folgte ihrem Beiſpiel; aber die Doſis war zu ſtark und die Wirkung begann ſchon mitten auf der Treppe. Wir fuhren eine Viertelſtunde lang fort zu nießen. Man war dezwunden⸗ die Aufregung ihres Geſichts dieſem ununter rochenen Nießen zuzuſchreiben, wenigſtens durfte Niemand ſeinen Argwohn laut werden laſſen. Als der Anfall vorüber war, ſagte die Frau, die nicht minder geiſtreich als ſchön war, ihr Kopfſchmerz wäre vorbei, allein ein anderes Mal würde ſie ſich wohl hüten, als Heilmittel eine ſo ſtarke Doſis zu nehmen. Ich blickte verſtohlen nach der boshaften Lahmen, die nichts ſagte, aber ernſthaft in Gedanken verſunken zu ſein ſchien. Die Probe meines Glückes beſtimmte mich, in Solothurn ſo lange zu bleiben, als nöthig ſein würde, um vollkommen glücklich zu werden, und ich entſchloß mich, auf der Stelle ein Landhaus zu miethen. Ich zweifle nicht, daß meine Leſer, wenn ſie ſich in meiner Lage befänden und reich, jung, unabhängig, voll Liebesgluth wären und keine andere Beſchäftigung hätten, als ſich Vergnügen zu verſchaffen, ſehr ſchnell einen ähnlichen Entſchluß faſſen würden. Ich befand mich einer vollendeten Schönheit gegen⸗ über; ich war raſend verliebt und überzeugt, daß ſie meine Liebe erwiedern würde; ich beſaß Geld und war mein eigener Herr. Ich fand dieſen Plan verſtändiger als den, Mönch zu werden, und ſtand über dem Ge⸗ danken: Was wird man davon ſagen? Sobald der Geſandte ſich zurückgezogen hatte, was wegen ſeines hohen Alters immer ziemlich früh geſchah, ließ ich alle Welt bei Tiſche und ſuchte ihn in ſeinem 111 Zimmer auf. Ich konnte mit gutem Gewiſſen dieſen Ehrenmann nicht einer vertraulichen Mittheilung berauben, die er ſo ſehr verdiente. Sobald er mich ſah, ſagte er:„Nun, haben Sie das téte-à-téète, welches ich Ihnen verſchaffte, benutzt?“ Ich umarmte ihn zuerſt und antwortete dann: „dch darf Alles hoffen.“ ls ich zu der Geſchichte mit dem Nießwurz kam, ſagte er mir endloſe Schmeicheleien,„denn,“ fügte er hinzu,„Ihre außerordentliche Röthe würde einen Kampf haben errathen laſſen und das wäre Ihren Abſichten gewiß nicht dienlich geweſen.“ Nach meiner vertraulichen Mittheilung machte ich ihn mit meinem Plane bekannt. „Ich darf nichts übereilen,“ ſagte ich,„denn ich muß die Ehre dieſer Frau ſchonen und kann die Er⸗ füllung meines Wunſches nur von der Zeit erwarten. Ich bedarf eines hübſchen Landhauſes, einer ſchönen Equipage, zweier Lakaien, eines guten Kochs und einer Haushälterin. Ich empfehle mich Ew. Excellenz in allen dieſen Beziehungen. Sie ſind meine Zuflucht und mein Schutzengel.“ „Gleich morgen werde ich mich mit Ihren An⸗ gelegenheiten beſchäftigen, und ich denke, es wird uns gelingen, Ihnen zu dienen und Sie mit Solothurn vollkommen zufrieden zu ſtellen.“ Am nächſten Tage ging unſere Vorſtellung vor⸗ trefflich und am Tage darauf ſagte der Geſandte zu mir: „Ich ſehe, mein theurer Freund, daß bei dieſer Intrigue Ihr Glück darin beſteht, Ihre Wünſche zu befriedigen, ohne dem Rufe der Dame zu ſchaden.— Ich glaube ſogar, die Art Ihrer Liebe für dieſe reizende Perſon ſo richtig erkannt zu haben, daß ich überzeugt bin, Sie würden Solothurn ſofort verlaſſen, wenn ſie Ihnen ſagte, daß Ihre Abreiſe ihrer Ruhe ein Bedürfniß wäre. Sie ſehen, daß ich Sie hinlänglich 112 errathen habe, um im Stande zu ſein, Ihnen in dieſer Angelegenheit zu dienen, die viel wichtiger und viel folgereicher iſt, als die meiſten diplomatiſchen Ange⸗ legenheiten, von denen man ſo viel Lärm macht.“ „Ew. Excellenz ſcheinen kein großes Gewicht auf eine Laufbahn zu legen, die Sie mit ſo vieler Aus⸗ zeichnung zurückgelegt haben.“ „Das kommt daher, weil ich alt bin, mein theurer Freund, weil ich den Roſt und Staub der Vorurtheile abgeſchüttelt habe und die Dinge ſo ſehe, wie ſie ſind und nach dem beurtheile, was ſe gelten. Doch kommen wir zurück auf Ihre Liebe. Wenn Sie unerforſchlich ſein wollen, ſo müſſen Sie ſich den geringſten Schritt verſagen, der den mindeſten Argwohn in den Augen der Perſonen wecken könnte, die nicht an gleichgültige Handlungen glauben. Das kurze téte-à-téte, welches ich Ihnen vorgeſtern verſchaffte, kann ſelbſt Dem, der im Geiſte geneigt iſt, zu läſtern, nur als die Wirkung eines einfachen Zufalles erſcheinen, und das Nießen leitet die Ver⸗ muthungen irre, welche die ſcharfſinnigſte Bosheit an⸗ ſtellen könnte.. Denn ein Liebhaber, der das Glück bei den Haaren erfaſſen will, macht nicht den Anfang damit, dem Gegenſtande ſeiner Liebe Unannehmlichkeiten zu bereiten. Man wird nicht verrathen, daß Ihre Nießwurz nur als ein Mittel ungemenfat wurde, eine Röthe zu ver⸗ bergen, die durch Liebkoſungen entſtand.. Denn wie oft hinterläßt ein verliebter Kampf, bei dem beide Parteien ſich einander verſtehen, Spuren dieſer Art zurück. Wie könnte man auch übrigens vermuthen, daß Sie dieſe Entzündung des Geſichts in dem Grade vorausgeſehen hätten, um ſich mit dem Heilmittel zu verſorgen? Was geſchehen iſt, genügt alſo nicht, Ihr Geheimniß zu enthüllen. Herr von**n, der, obgleich er Anſpruch dar⸗ —— —— 113 auf macht, nicht für eiferſüchtig zu gelten, gleichwohl nicht ganz ohne Eiferſucht iſt, Herr von*** ſelbſt kann in dem Schritte, den ich that, als ich ihn aufforderte, mit mir nach Solothurn zurückzukehren, nur etwas ganz Natürliches erblicken, da ich ihn von einer ſehr wichtigen Sache zu unterrichten hatte und er nicht argwöhnen konnte, daß ich geneigt bin, Ihrer Liebe bei ſeiner Frau zu dienen. Außerdem würde die Pöfüchlet mir unter allen Umſtänden geboten haben, ſeiner Gemahlin den Platz anzubieten, den ich ihm in meinem Wagen antrug, und da er ſich der Artigkeit befleißigt, hätte er ſich der Annahme durch ſeine Gattin nicht widerſetzen können; auf jeden Fall alſo wäre er von ihr getrennt worden. Freilich bin ich alt und Sie ſind jung, ein Umſtand, der in den Augen eines Ehemannes von großer Bedeutung iſt.— Nach dieſer Anrede,“ fuhr der ehrwürdige Geſandte lachend fort,„einer Anrede, die ich Ihnen wie ein Staatsſekretär an den Miniſterrath halte, laſſen Sie uns zum Schluß kommen. Zwei Dinge ſind erforder⸗ lich, um zu Ihrem Glück zu gelangen. Das Erſte, und das geht Sie beſonders an, iſt, Herr von**r zu zwingen, Ihr Freund zu werden, ſonſt könnte er argwöhnen, daß Sie Ihre Augen auf ſeine Frau geworfen haben; dazu werde ich Ihnen nach meinen beſten Kräften beiſtehen. Das Zweite betrifft die Dame; ſie muß dafür ſorgen, nichts zu thun, was der Beobachtung unterworfen werden kann, ohne daß der Grund aller Welt bekannt ſei. So, mein Herr, ſtehen Sie alſo unter meiner Vor⸗ mundſchaft, und folglich werden Sie ein Landhaus erſt dann nehmen, wenn wir einen wahrſcheinlichen Vor⸗ wand aufgefunden haben, allen Beobachtern Sand in die Augen zu ſtreuen. Tröſten Sie ſich indeß, der Vor⸗ wand iſt bereits gefunden. Hören Sie, Sie müſſen ſich krank ſtellen, aber an einer ſolchen Krankheit, daß X.[29.] 8 114 Ihr Arzt gezwungen iſt, Ihnen auf das Wort zu glauben. Ich kenne zum Glück einen Arzt, deſſen Leidenſchaft darin beſteht, für alle möglichen Uebel die Landluft zu verordnen. Dieſer Arzt, der nicht mehr noch weniger weiß, als ſeine gelehrten Confratres, der aber ebenſo wie der geſchickteſte tödtet und heilt, muß mir nächſter Tage den Puls fühlen. Sie bitten ih dann um eine Conſultation, und für ein Paar Louisd'or wird er Ihnen ein gutes Rezept verſchreiben, wobei ohne Zweifel die Landluft in erſter Reihe ſteht. Dann wird er aller Welt erzählen, Ihr Fall ſei ſehr ernſt; er bürge indeß für Ihre Geneſung.“ „Wie heißt er?“ „Es iſt der Doktor Herrenſchwand.“ „Wie kommt es, daß er hier iſt? Ich habe ihn in Paris bei der Gräfin du Rumain kennen gelernt.“ „Das iſt nicht er, ſondern ſein Bruder. Beſinnen Sie ſich auf eine Krankheit von gutem Ton, damit Ihnen in der öffentlichen Meinung durch dieſelbe kein Nachtheil gebracht wird. Dann wird das Landhaus leicht gefunden ſein, und ich werde Ihnen einen vortrefflichen Koch zuweiſen, um Ihnen Tränke zu bereiten.“ Die Wahl einer Krankheit war eine Sache der Verlodenheit Ich mußte ernſthaft darüber nach⸗ enken. Noch denſelben Abend fand ich Gelegenheit, meinen Plan der Frau von*** mitzutheilen; ſie billigte ihn, und nachdem ich ſie gebeten hatte, an ein Mittel zu denken, mir ſchreiben zu können, verſprach ſie es mir. „Mein Mann,“ ſagte ſie,„hat die beſte Meinung von Ihnen. Er fand es durchaus nicht unrecht, daß wir in ſeinem Coupé mit einander gefahren ſind. Sagen Sie mir jetzt, ob es zufällig oder abſichtlich ge⸗ ——6 8* 115 ſchah, daß Herr von Chavigny meinen Mann zurück⸗ hielt und daß wir uns allein mit einander be⸗ fanden?“ „Abſichtlich, mein Herz.“ Sie erhob ihre ſchönen Augen zum Himmel und biß ſich auf die Lippen. „Sind Sie darüber bös?“ „Ach— nein!“ Drei oder vier Tage darauf— es war der Tag, an welchem wir die Schottin wieder aufführen ſollten — ſpeiſte der Arzt bei dem Geſandten und blieb zum Abend, um das Schauſpiel zu ſehen. Bei dem Deſſert ſagte er mir eine Schmeichelei über meine gute Geſundheit; ich ergriff dieſe Gelegen⸗ heit, um ihm zu verſichern, der Schein wäre trügeriſch, und ich bäte ihn, mir für den nächſten Tag eine Stunde zur Berathung zu beſtimmen. Ohne Zweifel entzückt darüber, ſich getäuſcht zu aüen, antwortete er mir, daß er zu meinem Befehl tände. Er ſtellte ſich pünktlich ein; ich ſagte ihm Alles, was mir durch den Kopf fuhr, unter Anderem aber auch, daß ich in meinen Träumen gewiſſen Auf⸗ reizungen unterworfen wäre, die mich außerordentlich erſchöpften und eine große Schwäche zurückließen. „Ich kenne das, mein Herr; das iſt eine ſchlimme Krankheit, aber ich werde Sie durch zwei Mittel kuriren. Das erſte, welches Ihnen vielleicht nicht gefällt, iſt, daß Sie ſechs Wochen auf dem Lande zubringen, wo Sie nicht der Gefahr ausgeſetzt ſind, Gegenſtände zu ſehen, die auf Ihr Gehirn den Eindruck machen, der auf das ſiebente Nervenpaar wirkt und eine Errecun verurſacht, die bei Ihrem Erwachen ein Gefühl der Traurigkeit zurück⸗ laſſen muß.“ „Ja, mein Herr, das iſt es wirklich, was ich empfinde.“ 8* 116 „Ich wußte es ja! Das zweite Mittel beſteht in ſehr angenehmen, kalten Bädern.“ „Sind dieſe weit von hier?“ „UNeberall, wo Sie ſie wünſchen, denn ich ſchreibe Ihnen das Rezept dazu auf, und der Apotheker beſorgt dann die Sache.“ Ich dankte ihm, und nachdem er einen Doppel⸗ louisd'or empfangen hatte, den ich ihm freundlich in die Hand gleiten ließ, ging er mit der Verſicherung, ich würde bald die Wirkung ſeiner Mittel bemerken. Am Abend wußte die ganze Stadt, daß ich krank ſei und einige Zeit auf dem Lande zubringen müßte. Herr von Chavigny neckte mich bei dem Diner, indem er lachend zu dem Doktor ſagte, er ſolle mir vorſchreiben, mich weiblicher Beſuche zu enthalten, und die Lahme fügte hinzu, beſonders müßte er mir ver⸗ bieten, gewiſſe Portraits zu beſehen, die ich in meiner Caſſette aufbewahrte. Ich lachte, indem ich aller Welt Recht gab, und ſchloß damit, öffentlich Herrn von Chavigny zu bitten, für mich ein hübſches, kleines Landhaus und einen guten Koch ausfindig zu machen, weil ich es nicht liebte, allein zu eſſen. Ueberdrüſſig, eine Rolle zu ſpielen, die mir ſchwer wurde, hörte ich auf, die Lahme zu beſuchen; ſie machte mir bald Vorwürfe über meine Unbeſtändigkeit und ſagte mir, ich hätte ſie verſpottet. „Ich weiß Alles,“ ſagte die boshafte Dame,„und ich werde mich rächen.“. „Sie können ſich für nichts rächen,“ ſagte ich, „denn ich habe Sie nie beleidigt. Wenn Sie indeß die Abſicht haben, mich ermorden zu laſſen, ſo werde ich um Schutzwachen bitten.“ „Man ermordet hier nicht,“ ſagte ſie mit mür⸗ riſchem Tone;„ich bin keine Italienerin.“ — 2 117 Sehr zufrieden, mich von dieſer Häßlichen befreit zu haben, wurde Frau von*** der Gegenſtand, der alle meine Gedanken beſchäftigte. Herr von Chavigny, der glücklich darüber zu ſein ſchien, mir zu dienen, machte den Mann glauben, ich wäre der Einzige, der den Herzog von Choiſeul, den General⸗Oberſt der Schweizer, bewegen könnte, einem ſeiner Neffen, der in der Garde ſtand, Gnade wegen eines Duells zu gewähren, das er gehabt hatte und bei dem er ſo unglücklich geweſen war, ſeinen Gegner zu tödten. „Das iſt das ſicherſte Mittel,“ fügte der liebens⸗ würdige Greis hinzu,„die Freundſchaft und das Ver⸗ trauen des nebenbuhleriſchen Gatten zu gewinnen. Können Sie die Sache übernehmen?“ „Es iſt nicht gewiß, daß es mir gelingt.“ „Ich habe vielleicht zu viel verſprochen; aber ich ſagte ihm, daß Sie durch die Herzogin von Grammont Alles bei dem Miniſter auszurichten Lerheherdenf Sie paher, nit igen ſrafen. S „J arf Sie daher ni ügen ſtrafen. übernehme mit Freuden die Sache.“ 4 Demzufolge ſetzte Herr von*** mich in Gegen⸗ wart des Geſandten von der Anrgelegenheit in Kenntniß und überbrachte mir dann alle Papiere, die ſich auf die übrigens ſehr einfache Angelegenheit ſeines Neffen bezogen. Ich verwendete die Nacht dazu, der Herzogin von Grammont zu ſchreiben. Ich bot in meinem Briefe den ganzen pathetiſchen Ton auf, den ich für geeignet hielt, zunächſt ihr Herz und dann das ihres Vaters zu erweichen. Darauf ſchrieb ich meiner guten Frau von Urfé, indem ich ihr ſagte, das Glück des hohen Ordens der Roſenkreuzer hinge von der Begnadigung ab, die der König dem Schweizer⸗Offizier gewähren würde, welcher das Königreich in Folge eines Duells hätte ver⸗ laſſen müſſen, bei dem unſer Orden ſehr intereſſirt wäre. 118 Am Morgen, nachdem ich eine Stunde geruht und mich dann eiligſt angekleidet hatte, ging ich zu dem Geſandten, um ihm den Brief zu zeigen, den ich der Herzogin geſchrieben hatte. Er fand ihn ganz vor⸗ trefflich und wollte, daß ich ihn dem Herrn von d S r vorleſen ſollte. Ich fand dieſen Herrn in der Nacht⸗ uhe und tief gerührt von Dankbarkeit für das In⸗ tereſſe, welches ich für eine Sache bewies, die ihm ſo ſehr am Herzen lag. Er ſagte mir, ſeine Frau wäre noch nicht aufgeſtanden, aber er forderte mich auf, zu warten, bis ſie bereit ſein würde, mit uns zu früh⸗ ſtücken. Der Vorſchlag war ſehr verlockend, allein ich dankte ihm, indem ich ihn bat, mich bei ſeiner Ge⸗ mahlin zu entſchuldigen, unter dem Vorwande, daß der Courier bald abgehen ſollte, und daß ich daher meine Briefe beendigen müßte, um ſie ohne Zögern abſenden zu können. War er eiferſüchtig, ſo machte ich ihn durch den geringen Eifer irre, den ich zeigte, mit ſeiner Frau zuſammenzutreffen. Ich aß allein mit Herrn von Chavigny, der meine Politik ſehr lobte, mich verſichernd, es wäre unmöglich, daß Herr von ***⁸ nicht jetzt mein beſter Freund würde. Dann zeigte er mir den Brief Voltaire's, in welchem dieſer be⸗ rühmte Mann ihm ſeine Dankbarkeit für die Rolle des Monroſe ausſprach, die er in der Schottin geſpielt hatte, und einen andern des Marquis von Chauvelin, der ſich bei dem Philoſophen von Fernay befand. Er verſprach ihm einen Beſuch, bevor er ſich nach Turin begeben würde, wohin er als Geſandter abreiſte. Fünftes Kapitel. Mein Landhaus.— Madame Dubois.— Böſer Streich, den mir die nichtswürdige Lahme ſpielt.— Mein Kummer. Es war Geſellſchaft und Souper am Hofe. So nannte man das Hötel des Herrn von Chavigny, oder vielmehr das des Geſandten des Königs von Frank⸗ reich in der Schweiz. Indem ich in den Saal trat, bemerkte ich meine Zauberin in einer Ecke, einen Brief leſend. Ich trat zu ihr und entſchuldigte mich, nicht zum Frühſtück geblieben zu ſein. Sie ſagte mir aber, ich hätte daran ſehr wohl gethan, und fügte dann hinzu, wenn ich noch kein anderes Landhaus gewählt hätte, bäte ſie mich, das anzunehmen, welches ihr Mann mir wahrſcheinlich noch an demſelben Abend vorſchlagen würde. Weiter konnte ſie nichts ſagen, denn man rief ſie ab, um eine Quadrille zu ſpielen. Ich entſagte für dieſen Abend dem Spiel und trat abwechſelnd an alle Spieltiſche heran. Während des Abendeſſens ſprach alle Welt mit mir von meiner Geſundheit und von meinem bevor⸗ ſtehenden Aufenthalt auf dem Lande. Das bot dem Herrn von*** Veranlaſſung, mit mir von einer reizenden Wohnung an der Aar zu ſprechen. „Aber,“ fügte er hinzu,„man will ſie nur auf ſechs Monate vermiethen.“ 120 „Wenn ſie mir gefällt,“ entgegnete ich ihm,„und ich ſie verlaſſen kann, wann es mir beliebt, werde ich gern den Miethpreis für ſechs Monate voraus⸗ bezahlen.“ „Das Haus hat einen prachtvollen Saal.“ „Deſto beſſer; ich werde dort einen Ball geben, um der guten Geſellſchaft von Solothurn meine Dankbarkeit für die wohlwollende Aufnahme zu beweiſen, die ich hier gefunden habe.“ „Wollen Sie dieſelbe morgen mit mir be⸗ ſichtigen?“ „Sehr gern.“ „Nun wohl! Wenn Sie es zufrieden ſind, ſo werde ich Sie gegen acht Uhr abholen.“ „Sie ſollen mich bereit finden.“ Als ich nach Hauſe zurückkehrte, beſtellte ich eine vierſpännige Berline und vor acht Uhr fuhr ich zu Herrn von***, den ich bereit fand und der ſich geſchmeichelt fühlte, daß ich ihm zuvorgekommen war. 1 „Ich habe meine Frau aufgefordert, uns zu be⸗ gleiten,“ ſagte er,„aber ſie iſt eine Langſchläferin, die einem Spaziergange das Vergnügen vorzieht, im Bett zu bleiben.“ Nach weniger als einer Stunde gelangten wir an unſer Ziel und ich fand ein köſtliches Haus, groß genug, um den ganzen Hof eines Fürſten des heiligen Reiches unterzubringen.. Außer dem Saal, der prachtvoll war, was ich mit vielem Vergnügen bemerkte, fand ich noch ein Kabinet, das als Boudoir eingerichtet und mit ſchönen Kupfer⸗ ſtichen geſchmückt war, einen herrlichen Garten mit verſchiedenen Springbrunnen, ein Badezimmer und mehrere vornehm möblirte Gemächer, ſowie eine ſchöne Küche. Mit einem Worte, Alles gefiel mir und ich bat Herrn von***, den Handel ſo abzuſchließen, daß ich gleich am nächſten Tage einziehen könnte. — 121 Nach Solothurn zurückgekehrt, äußerte Frau von *** mir ihre Zufriedenheit darüber, daß das Haus mir gefallen hätte, und dieſe Aeußerung auffaſſend, ſagte ich ihr, daß ich hoffte, ſie würde mir die Ehre erzeigen, oft dort bei mir zu diniren. Sie gab mir das Verſprechen. Dann nahm ich aus meiner Taſche eine Rolle von Hundert Louisd'ors und übergab ſie dem Herrn von***, um den Miethzins für ſechs Monate zu bezahlen. Ich umarmte ihn, und nachdem ich ſeiner ſchönen Gemahlin ehrerbietig die Hand geküßt hatte, begab ich mich zu Herrn von Chavigny, der es billigte, daß ich das Haus miethete, weil es meiner Schönen gefiel; indeß fragte er: „Iſt es wahr, daß Sie dort einen Ball geben wollen“ ⸗ „Sehr wahr, wenn ich nämlich Alles finde, was erforderlich iſt, um ihn glänzend zu geben, und die Sache Ihre Billigung hat.“ „Davon iſt nicht die Rede, mein Lieber, und was Sis am Orte nicht finden, das werden Sie bei mir inden. „Nun, ich ſehe ſchon, Sie wollen Geld aus⸗ geben, und das iſt ganz gut, damit beſeitigt man viele Hinderniſſe. Einſtweilen werden Sie zwei Be⸗ diente haben, einen vortrefflichen Koch, die Haue⸗ hälterin und alle Dienerſchaft, die Sie brauchen. Mein Haushofmeiſter wird ſie bezahlen, und Sie berechnen ſich dann mit ihm. Er iſt ein ehrlicher Menſch. 8 werde zuweilen bei Ihnen eine Suppe eſſen, und belohnen mich für meine Ausflüge, indem Sie mi in Ihre Erfolge einweihen. Ich achte dieſe reizende Perſon ſehr; ihre vortreffliche Aufführung iſt über ihr Alter erhaben, und die Beweiſe, die ſie Ihnen von ihrer Liebe giebt, müſſen Ihnen ſo viel werth ſein, ch 1 9 12² daß Sie ihren Ruf achten. Iſt ihr bekannt, daß ich Alles weiß?“ „Sie weiß, daß ich Ihnen ſagte, wir liebten uns, und ſie iſt darüber nicht bös, denn ſie rechnet auf Ihre Verſchwiegenheit.“ „Sie darf darauf zählen. Sie iſt ein köſtliches Weib, und vor dreißig Jahren würde ich ver⸗ ſucht haben, bei ihr mein Glück zu machen.“ Ein Apotheker, den der Doktor mir empfohlen hatte, ging noch an demſelben Tage ab, um die Bäder vorzubereiten, die mich von meiner vor⸗ geblichen Krankheit heilen ſollten, und am zweiten Tage begab ich mich ſelbſt hin, nachdem ich Le Duc befohlen hatte, mit meinen Sachen mir nach⸗ zukommen. Als ich die Zimmer betrat, die ich ſelbſt bewohnen ſollte, war ich ſehr überraſcht, eine hübſche Perſon zu finden, die ſich mir mit beſcheidenem Weſen näherte, um meine Hand zu küſſen. Ich verhinderte ſie daran und ſie erröthete über mein ſichtliches Erſtaunen. „Gehören Sie zu dem Haushalt, Mademoiſelle?“ „Der Haushofmeiſter des Herrn Geſandten hat mich zu Ihrer Haushälterin angenommen.“ „Entſchuldigen Sie meine Ueberraſchung. Führen Sie mich nach meinem Zimmer.“ Sie folgte meiner Aufforderung, und als ich auf dem Sopha ſaß, forderte ich ſie auf, ſich neben mich zu ſeben „Das iſt eine Ehre,“ ſagte ſie mit dem ſanfteſten und beſcheidenſten Tone,„die ich mir nicht geſtatten darf. Ich bin nur Ihre Magd.“ „Wie Sie wollen, Mademoiſelle; aber ich hoffe, daß Sie, falls ich allein bin, mir bei Tiſche Frſeuſchaft leiſten werden, denn ich eſſe nicht gern allein.“ „Ich werde Ihnen gehorchen, mein Herr.“ — , 123 „Wo iſt Ihr Zimmer?“ „Hier iſt das„welches der Haushofmeiſter mir bezeichnete; allein Sie haben mir zu befehlen, wenn ich ein anderes wählen ſoll.“ „Nein, keineswegs. Hier werden Sie ganz gut aufgehoben ſein.“ Ihre Stube lag hinter meinem Alkoven. ch betrat ſie mit ihr und war ganz verwundert über eine Maſſe von Kleidern, und in einem hübſchen anſtoßenden Kabinet über alle Gegenſtände einer Toilette für Wäſche, Hauben, Schuhe und geſtickte Pantoffeln.. Stumm vor Erſtaunen ſah ich ſie an und fand ſie in ihrer Haltung vollkommen anſtändig und an⸗ gemeſſen. Gleichwohl hielt ich es für zweckmäßig, ſie einem ſtrengen Verhör zu unterwerfen, denn ſie kam mir zu intereſſant und zu wohl ausgeſtattet vor, um nichts weiter zu ſein, als eine Kammerfrau. Ich dachte, das könnte wohl ein Streich ſein, den der Geſandte mir ſpielen wollte; denn eine ſchöne, wohlerzogene, höchſtens vier⸗ bis fünfundzwanzig Jahre alte Perſon ſchien mir weit mehr dazu geeignet, meine Liebſte als meine Haushälterin zu ſein. Ich fragte ſie daher, ob ſie den Geſandten kenne, und welchen Gehalt man ihr verſprochen habe. Sie ſagte, ſie kenne Herrn von Chavigny nur von Anſehen, und ſein Henahufmelſter hätte ihr monatlich zwei Louisd'ors und freie Station verſprochen. „Woher ſind Sie? Wie heißen Sie?“ „Mein Herr, ich bin aus Lyon, bin Wittwe und heiße Dubois.“ „Ich bin zufrieden, Sie in meinem Dienſt zu haben. Wir werden uns wiederſehen.“ Sie ließ mich allein, und ich konnte nicht umhin, ſie ſehr unterhaltend zu finden, denn ihre Aus⸗ 124 drucksweiſe ſtand in vollkommener Uebereinſtimmung mit alle dem, was ich von ihr geſehen hatte. Ich ging hinab in die Küche und fand dort einen Koch, der mir gefiel und der mir ſagte, daß er Roſier eiße. Ich hatte ſeinen Bruder im Dienſte des franzöſiſchen Geſandten in Venedig gekannt. Er ſagte mir, um neun Uhr ſollte mein Souper bereit ſein. „Ich eſſe nie allein,“ ſagte ich. „Ich weiß das, mein Herr, und die Tafel ſoll demgemäß auch ſervirt ſein.“ „Wie viel erhalten Sie?“ „Vier Louisd'ors monatlich.“ Von dort ſchritt ich zur Inſpektion meiner übrigen Dienerſchaft. Ich fand zwei Diener von entſprechendem Ausſehen, und der erſte derſelben ſagte mir, er würde mir alle Weine beſorgen, die ich verlange. Dann beſichtigte ich auch mein Badegemach, das ſehr gut eingerichtet war, und fand einen Apotheker⸗ gehülfen, damit beſchäftigt, verſchiedene Dinge zu bereiten, die zu meiner vorgeblichen Heilung erforder⸗ lich waren. Dann machte ich einen Gang durch den Garten, und ehe ich in das Haus zurückkehrte, ging ich zu dem Thürhüter, in welchem ich eine zahlreiche Familie fand und einige Mädchen, die nicht zu verachten waren. Erfreut darüber, alle Welt franzöſiſch ſprechen zu hören, unterhielt ich mich längere Zeit mit ihnen. Als ich in mein Zimmer zurückkehrte, fand ich Le Duec damit beſchäftigt, meine Koffer auszupacken, und nachdem ich ihm befohlen hatte, meine Wäſche an Madame zu übergeben, ging ich in ein anſtoßendes Kabinet, in welchem mein Schreibtiſch und das nöthige Schreibgeräth ſich befanden. Dies Kabinet hatte nur ein einziges Fenſter gegen Norden; allein es gewährte eine Ausſicht, welche die glücklichſten Gedanken erregen 125 konnte. Ich ergötzte mich an dem ööſtlichen Anblicke; dann hörte ich an meine Thür klopfen. 3 Es war meine ſchöne Haushälterin mit einem beſcheidenen und lachenden Weſen, über das man ſich durchaus nicht hätte beklagen können. „Was wünſchen Sie, Madame?“ „Mein Herr, ich bitte Sie, ſo gütig ſein zu wollen, Ihrem Kammerdiener zu befehlen, ſich artig gegen mich zu benehmen.“ „Das iſt in der Ordnung; worin hat er Sie verletzt?“ „Seiner Meinung nach vielleicht in nichts. Er wollte mich küſſen, und da ich ihm dies verweigerte, glaubte er das Recht zu haben, etwas unverſchämt zu werden.“ „Und auf welche Weiſe?“ „Indem er mich verſpottete. Sie werden mich entſchuldigen, gnädiger Herr; aber ich liebe die Spötter nicht.“ „Sie haben Recht, meine Liebe; denn ſie ſind entweder einfältig oder boshaft. Beruhigen Sie ſich. Le Duec ſoll wiſſen, daß er Sie zu achten hat. Sie werden mit mir zu Abend eſſen.“ Le Duc trat einige Augenblicke darauf ein und ich befahl ihm, Madame Dubois mit Achtung zu behandeln. „Sie iſt ein Zieraffe,“ erwiderte der Schelm. „Sie wollte mir nicht einen Kuß erlauben.“ „Du biſt ein Halunke!“ „Iſt ſie Ihre Kammerfrau oder Ihre Liebſte?“ „Vielleicht iſt ſie meine Frau.“ „Das ändert die Sache, gnädiger Herr und es genügt. „Madame Duböois ſoll geehrt werden, und ich werde anderwärts mein Glück ſuchen.“ Ich hatte ein köſtliches Abendeſſen. Ich war zu⸗ frieden mit meinem Koch, mit meinem Kellermeiſter, meiner Haushälterin und ſelbſt mit meinem Spanier, der die Dame bei Tiſche wie ein verſtändiger Burſche und ohne allen Spott bediente. Nach dem Eſſen ließ ich den Bedienten und Le Due hinausgehen, und als ich allein mit meiner allzu ſchönen Haushälterin war, die ſich bei Tiſch wie eine Frau benommen hatte, welche die Welt kennt, bat ich ſie, mir ihre Geſchichte erzählen zu wollen. „Meine Geſchichte, mein Herr,“ ſagte ſie,„iſt ebenſo kurz, als unintereſſant. Ich wurde in Lyon geboren; meine Eltern brachten mich nach Lauſanne, wie ich von ihnen erfuhr, denn ich war damals noch zu jung, um die Erinnerung bewahrt zu haben, und mein Vater, der im Dienſte der Gräfin von Ermance ſtand, ließ mich in dem Alter von vierzehn Jahren als Waiſe zurück. Die Dame liebte mich, und da ſie wußte, daß meine Mutter ohne Mittel war, nahm ſie mich zu ich. Ich hatte mein ſiebenzehntes Jahr erreicht, als ich in den Dienſt der Lady Montague als Kammerfrau trat, und einige Zeit darauf wurde ich die Frau von Dubois, ihrem alten Kammerdiener. Wir reiſten nach England, und drei Jahre nach meiner Verheirathung verlor ich meinen Mann in Windſor. Die Luft jenes Landes bedrohte mich mit der Schwind⸗ ſucht, und ich ſah mich dadurch gezwungen, Mylady u bitten, mich aus ihrem Dienſte zu entlaſſen. Als ie gute Dame meinen kränklichen Zuſtand ſah, zahlte ſie mir die Reiſekoſten und überhäufte mich mit reichen Geſchenken. Ich kehrte nach Lauſanne zu meiner Mutter zurück, und hier erholte ſich meine Geſundheit bald wieder, und trat dann in den Dienſt einer eng⸗ liſchen Dame, die mich ſehr lieb gewann und mich nach Italien mitgenommen haben würde, hätte ſie nicht Arg⸗ — ⸗—8s-——— 127 wohn wegen des jungen Herzud⸗ von Rosdury ehegt, den ſie liebte und den ie in mich verliebt glaubie. Sie hatte den Verdacht, daß ich insgeheim ihre Neben⸗ buhlerin ſei; doch ſie täuſchte ſich darin. Sie entließ mich, indem ſie mir ſchöne Geſchenke machte und mir ſagte, wie ſie es bedauerte, mich nicht bei ſich behalten zu können. Ich kehrte wieder zu meiner guten Mutter zurück, wo ich zwei Jahre lang von der Arbeit meiner Hände lebte. Vor vier Tagen kam Herr Lebel, der Haushof⸗ meiſter des Geſandten, um mich zu fragen, ob ich unter den Ihnen bekannten Bedingungen als Haus⸗ hülkerin in den Dienſt eines italieniſchen Herrn treten wolle. Ich willigte in der Hoffnung ein, in Italien leben zu können, und dieſer Hoffnung muß ich meine Unbeſonnenheit zuſchreiben.— So bin ich hier.“ „Und von welcher Unbeſonnenheit wollen Sie ſprechen, Madame?“ „Daß ich in Ihren Dienſt getreten bin, ohne Sie zu kennen.“ „Ihre Freimüthigkeit gefällt mir. Sie wären tm nicht gekommen, wenn Sie mich gekannt ätten?“ „Nein, gewiß nicht; denn ich werde keine Stelle mehrbe Damen finden, nachdem ich Ihnen gedient abe.“ „Und weshalb nicht?“ „Ei, mein Herr, glauben Sie ſo auszuſehen, daß Sie eine Haushälterin, wie ich bin, gehabt haben können, ohne daß man im Allgemeinen glaubt, ich wäre Ihnen etwas Anderes geweſen?“ „Nein, dazu ſind Sie viel zu hübſch, und ich ſehe eben nicht aus wie ein Cyklop; aber ich amüſire mich darüber.“ „Daß Sie das thun, iſt ganz gut, und ich an Ihrer Stelle würde es ebenfalls thun; allein als Frau und in einer abhängigen Lage, glauben Sie da, daß ich mich ohne Vorurtheil über gewiſſe Dinge hinweg⸗ ſetzen könnte?“ „Das heißt, Madame Dubois, es würde Ihnen lieb ſein, nach Lauſanne zurückkehren zu können?“ „Gegenwärtig nicht, denn das würde Ihnen ſchaden.“ „Wie das?“ „Man würde nicht ermangeln, zu ſagen, Sie hätten mir durch allzu freie Aeußerungen oder Handlungen mißfallen; und Sie Ihrerſeits würden Käfaleicht über mich ein nicht ſehr günſtiges Urtheil ällen.“ „Aber welches Urtheil ſollte ich über Sie fällen können?“ „Vielleicht, daß ich Sie gewinnen will.“ „Das könnte wohl ſein; denn Ihre Entfernung, ebenſo ungerechtfertigt als plötzlich, würde mich ſehr verletzen. „Deſſenungeachtet bin ich Ihretwegen in Ver⸗ legenheit, denn bei Ihrer Art, die Sachen anzuſehen, können Sie weder gern gehen, noch gern bei mir blelhen, gleichwohl müſſen Sie irgend einen Entſchluß aſſen.“ „Er iſt ſchon gefaßt; ich bleibe und bin beinahe überzeugt, daß ich das nicht bereuen werde.“ „JIhre Hoffnung gefällt mir; aber es findet dabei eine Shwierikeit ſtatt.“ „Wollen Sie mir dieſe mittheilen?“ „Ich muß es, meine theure Dubois! Keine Trauer und beſonders nicht gewiſſe Zweifel.“ 5 „Sie werden mich nie traurig ſehen, das darf ich Ihnen verſprechen. Allein haben Sie die Güte, ſich darüber zu erklären, was Sie unter dem Worte Zweifel verſtehen?“ „Ganz vortrefflich. Bei der gewöhnlichen An⸗ 129 nahme bedeutet das Wort Zweifel, eine abergläubiſche Bosheit, die eine Handlung für laſterhaft hält, die im Grunde vollkommen unſchuldig ſein kann.“ „Wenn eine Handlung mir zweifelhaft erſcheint, fühle ich mich nie geneigt, ſie übel zu deuten. Ueber⸗ dies gebietet meine Pflicht mir nur, über mich ſelbſt zu wachen.“ „Ich ſehe, daß Sie viel geleſen haben.“ „Das iſt mir Bedürfniß. Ohne Lektüre würde das Leben mir läſtig erſcheinen.“ „Sie haben alſo Bücher?“ „Viele. Verſtehen Sie Engliſch?“ „Kein Wort.“ „Das thut mir leid, denn die engliſchen Bücher würden Sie unterhalten.“ „Ich liebe die Romane nicht.“ „Ich auch nicht. „Aber glauben Sie denn, daß es in der engliſchen Literatur nur Romane giebt? Das gefällt mir! „Ich bitte, ſagen Sie mir, weshalb Sie mich für ſo romanſüchtig halten?“ „Das gefällt mir auch. Dieſes Schmollen eines hübſchen Weibes iſt ganz nach meinem Geſchmack, und ich bin erfreut darüber, Sie zum Lachen zu bringen.“ „Entſchuldigen Sie, wenn ich lachte, denn—“ „O kein denn, meine Theure. „Lachen Sie über Alles der Kreuz und der Quere. Sie werden nie ein beſſeres Mittel beſitzen, mit mir Alles anzufangen, was Sie wollen. „Ich finde wahrlich, daß Sie ſich für viel zu wenig gebunden haben.“ „Mein Herr, darüber muß ich wieder lachen, denn ezsdingt, nur von Ihnen ab, meinen Gehalt zu ver⸗ größern.“ „Ich werde ihn gewiß vergrößern.“ X.[29.] 9 130 Ich ſtand vom Diſche auf, nicht etwa gefeſſelt, aber doch überraſcht durch die Unn Frau, die ganz das Anſehen hatte, als würde ſie mich bei meiner ſchwachen Seite faſſen. Sie urtheilte ſcharf, und bei dieſer erſten Unter⸗ haltung hätte ich beinahe den Kürzeren gezogen. Jung, ſchön, elegant, geiſtreich und von ausgezeich⸗ netem Benehmen, konnte ich nicht vermuthen, wohin ſie mich bringen würde. Ich trug das Verlangen, mit dem Herrn Lebel zu ſprechen, um ihm eine Artigkeit darüber zu ſagen, daß er mir dieſes Wunder verſchafft hatte, und noch mehr, um mich mit ihm über Pran Dubois zu unterhalten. Nachdem der Tiſch abgedeckt war, fragte ſie mich, ob ich Papilotten anlegen wollte. „Das iſt eine Angelegenheit, die Le Duc angeht,“ ſagte ich. „Wenn Sie aber wollen, werde ich Ihnen gern den Vorzug geben.“ Sie entledigte ſich der Sache wie eine erfahrene Perſon. „Ich ſehe es kommen,“ ſagte ich,„daß Sie mich ſo bedienen werden, wie Lady Montague.“ „Nicht ganz ſo; aber da Sie die Traurigkeit nicht lieben, muß ich Sie um eine Gnade erſuchen.“ „Verlangen Sie, meine Theure.“ „Daß Sie von mir nicht verlangen, Sie im Bade zu bedienen.“ „Bei meiner Ehre, daran habe ich nicht gedacht, meine Liebe. „Das wäre ja abſcheulich. Das iſt die Sache Le Duc's.“ „Verzeihen Sie mir und gewähren Sie mir eine zweite Gnade.“ „Sprechen Sie frei aus, was Sie verlangen.“ „Erlauben Sie, daß ich eine der Töchter des Thür⸗ hüters bei mir ſchlafen laſſe.“ 131 Als ich am Morgen Le Due klingelte und er darauf eintrat, ſagte er mir, er hätte nicht gehofft, dieſe Ehre zu genießen. „Du biſt ein Schelm,“ ſagte ich;„ſorge dafür, daß leſch nach dem Bade zwei Taſſen Chokolade bereit in 77 Nachdem ich mein erſtes kaltes Bad genommen hatte, das ich köſtlich fand, legte ich mich wieder ſchlafen. Madame Dubois trat in einem ſehr eleganten Negligé ein, das Lächeln auf den Lippen. „Sie ſehen ſehr heiter aus, meine ſchöne Haus⸗ hälterin.“ „Ich bin es, weil ich mich glücklich ſchätze, bei Ihnen zu ſein. „Ich ſchlief gut und ich habe in meinem Zimmer ein Mädchen, das ſchön iſt wie ein Engel und das bei mir ſchlafen wird.“ „Laſſen Sie ſie zu mir kommen.“ 9* 13² Sie rief ſie, und ich ſah ein häßliches Geſchöpf mit ſcheuem Weſen, ſo daß ich den Kopf abwendete. „Sie haben ſich keine Nebenbuhlerin beilegen wollen, meine Theure,“ ſagte ich.„Allein wenn ſie Ihnen zuſagt, finde ich ſie ganz paſſend. Sie werden jetzt mit mir frühſtücken und ich fordere Sie auf, jeden Morgen eine vortreffliche Taſſe Chokolade mit mir zu genießen.“ „Ich bin darüber ſehr erfreut, denn ich trinke ſie außerordentlich gern.“ Der Nachmittag verging ſehr angenehm; Herr von Chavigny brachte mehrere Stunden bei mir zu. Er war zufrieden mit Allem und beſonders mit meiner ſchönen Haushälterin, von welcher Lebel ihm nichts geſagt hatte. „Das iſt ein vortreffliches Mittel, Sie von der Liebe zu heilen, die Frau von*** Ihnen eingeflößt hat,“ ſagte er. „Sie täuſchen ſich,“ entgegnete ich;„ſie könnte mir Liebe einflößen, ohne mich von der zu heilen, die ich für meine Zauberin empfinde.“ Am nächſten Tage, als ich eben mit meiner Haus⸗ hälterin zu Tiſche gehen wollte, fuhr ein Wagen auf den Hof und meine abſcheuliche Lahme ſtieg aus. Ich war darüber ſehr verdrießlich, indeß forderte doch die Höflichkeit, ſie zu empfangen. „Madame,“ ſagte ich,„ich war weit entfernt, die Ehre zu vermuthen, die Sie mir erzeigen.“ „Das wundert mich nicht. „Ich komme, Sie um einen Dienſt und um ein Mittageſſen zu bitten.“ „So treten Sie ein, denn es iſt ſoeben aufgetragen worden. b „Ich ſtelle Sie der Madame Dubois vor.“ Mich darauf zu meiner reizenden Wirthſchafterin wendend, ſagte ich ihr, daß Madame mit uns ſpeiſen in en 133 würde. Madame Dubeis ſpielte die Hausfrau und verſah vortrefflich die Honneurs der Tafel, und die Lahme benahm ſich, ungeachtet ihrer mürriſchen Laune, ſehr gut gegen ſie. 3 Ich ſprach während der ganzen Mahlzeit nicht zwanzig Worte und nahm auf die verabſcheuungswerthe Perſon keine Rückſicht.. Allein ich war ungeduldig, zu wiſſen, welcher Art der Dienſt ſein könnte, den ſie von mir erwartete. Sobald Madame Dubeois ſich entfernt hatte, ſagte ſie mir ohne alle weitere Umſtände, ſie wäre gekommen, um von mir für drei Wochen oder höchſtens einen Monat zwei Zimmer zu erbitten. Ueberraſcht durch eine ſolche Unverſchämtheit, ent⸗ gegnete ich ihr, das wäre ein Dienſt, den ich ihr un⸗ möglich leiſten könnte. „Sie können ihn mir nicht abſchlagen, denn die ganze Stadt weiß, daß ich ausdrücklich deshalb zu Ihnen gefahren bin, um Sie darum zu erſuchen.“ „Nun, meiner Treu, ſo ſoll die ganze Stadt auch wiſſen, daß ich ihn abgeſchlagen habe. „Ich will allein ſein, durchaus allein und meine volle Freiheit genießen. Die geringſte Geſellſchaft würde mir im Wege ſein.“ „Ich werde Ihnen nicht im Wege ſein, und es ſoll nur von Ihnen abhängen, es unbeachtet zu laſſen, daß wir unter demſelben Dache leben. „Ich werde es nicht übel nehmen, wenn Sie ſich nicht nach meiner Geſundheit erkundigen, und ich werde ebenſo wenig nach der Ihrigen fragen, ſelbſt wenn Sie wirklich krank ſein ſollten. „Ich werde mein Eſſen durch mein Mädchen in der kleinen Küche zubereiten laſſen und in dem Garten nur ſpazieren gehen, wenn ich überzeugt bin, daß Sie nicht dort ſind. „Sagen Sie mir nur, ob die gewöhnlichſte Artig⸗ keit Ihnen geſtattet, meine Bitte abzuſchlagen.“ 134 „Wenn Sie mit den Anforderungen der Schick⸗ lichkeit nur im geringſten vertraut wären, Madame, würden Sie nict darauf beharren, von mir dieſen Dienſt zu verlangen, nachdem ich Ihnen meine ent⸗ ſchiedene Weigerung wiederholentli ausgeſprochen abe. Sie blieb ſtumm und gleichgültig. Ich erſtickte. Ich ging mit großen Schritten in dem Zimmer umher und dachte daran, ſie wie eine Verrückte zur Thür hinauswerfen zu laſſen. Dann überlegte ich, daß ſie Verwandte hatte, die einen Rang in der Geſellſchaft einnahmen; daß ich ſie, wenn ich ſie ohne Schonung behandelte, mir zur Feindin machen könnte, welche fähig wäre, eine fürchter⸗ liche Rache auszuüben; daß endlich Frau von wer vielleicht den Entſchluß mißbilligen würde, den ich gegen dieſe Megäre faßte. Ich ſagte daher: „Nun wohl, Madame, Sie ſollen die Zimmer haben, die Sie mit ſolcher Zudringlichkeit fordern, aber ſofort nach Ihrem Einzuge kehre ich zurück nach Solothurn.“ „Ich nehme die Zimmer an und werde übermorgen einziehen. Ihre Drohung, nach Solothurn zurückzu⸗ kehren, iſt ohne Wirkung, denn Sie würden der ganzen Stadt zum Gelächter dienen.“ Indem ſie dieſe unverſchämten Worte beendete, ſtand ſie auf und ging, ohne mich zu grüßen. ließ ſie gehen, ohne mich von der Stelle zu rühren. Ich war ganz betäubt. 4 Einen Augenblick darauf bereute ich, nachgegeben zu haben, denn ihr Schritt und ihre Unverſchämtheit waren ohne Gleichen. Ich fand, daß ich lächerlich gehandelt hatte und werth war, verſpottet zu werden. Ich hätte die Sache als Scherz aufnehmen und ſie ablaufen laſſen können, indem ich ſie myſtifizirte; ich hätte ihr ſagen können, ‿„ 135 ſie wäre verrückt und ſie zwingen, ſich zu entfernen, indem ich das ganze Haus als Zeugen rief. Als meine theure Dubois kam, erzählte ich ihr die Sache; ſie war darüber ganz verdutzt. „Ein Schritt der Art iſt ganz abſonderlich,“ ſagte ſie,„und Ihre Zuſtimmung zu einer ſolchen Gewalt⸗ that iſt es ebenſo, Sie müßten denn Gründe zu ihrer Rechtfertigung vorbringen können.“ Da ich einſah, daß ſie ſehr richtig urtheilte und ihr doch nichts anvertrauen wollte, hielt ich es für klüger, zu ſchweigen, und ging aus, um meine Galle verdampfen zu laſſen. Ich kehrte ermüdet zurück, denn ich hatte einen an⸗ ſtrengenden Spaziergang gemacht. Ich aß mit ihr zu Abend und wir blieben bis Mitternacht bei Tiſche. Ihre Unterhaltung gefiel mir immer mehr; ſie hatte einen gebildeten Geiſt, eine gewandte Sprache, erzählte eine Menge Anekdoten und Wortſpiele mit reizender Anmuth. Sie war ohne Vorurtheile, hatte aber Grundſätze. Ihre Sittſamkeit war mehr Syſtem als Tugend; aber wenn ſie keine Ehre beſeſſen hätte, würde ihr Syſtem ſie nicht gegen die Verirrungen der eidſehaften und die Verführung des Laſters geſchützt aben. Mein Abenteuer mit der unverſchämten Lahmen hatte mich ſo aufgeregt, daß ich mich nicht enthalten konnte, es am nächſten Tage bei guter Zeit dem Herrn von Chavigny zu erzählen. Ich ſagte Madame Dubois, das ſie nicht auf mich warten ſollte, wenn ich nicht zur Eſſenszeit zurück wäre.— Herr von Chavigny hatte von der Lahmen erfahren, daß ſie mich beſuchen wollte; allein er brach in lautes Gelächter aus, als er erfuhr, wie ſie ſich benommen hatte, um das zu erlangen, was ſie wollte. 136 „Ew. Excellenz,“ ſagte ich,„finden das komiſch, ich aber nicht.“ „Das ſehe ich wohl; allein folgen Sie meinem Rathe und thun Sie, als wenn Sie darüber lachten. Handeln Sie ganz ſo, als wüßten Sie nicht, daß ſie ſihre Nachbarin iſt, und ſie wird hinlänglich beſtraft ein. „Man wird nicht ermangeln, zu ſagen, ſie ſei in Sie verliebt und Sie verachteten ſie. „Erzählen Sie dieſe unterhaltende Geſchichte dem Herrn und der Frau von*rr und bleiben Sie ohne alle Umſtände zum Eſſen bei ihnen. ſuedg habe mit Lebel über Ihre ſchöne Haushälterin geſprochen. „Der gute Menſch hat es damit nicht boshaft gemeint. Als er nach Lauſanne fuhr, hatte er meinen Auftrag, eine Wirthſchafterin für Sie ausfindig zu machen, erſt vor einer Stunde empfangen; er erinnerte ſich daran während des Weges, dachte an Madame Dubois, die ihm bekannt war, und die Sache wurde ohne alle Ueberlegung abgemacht. „Das iſt ein wahrer Fund, ein Edelſtein für Sie, denn wenn Sie ſich in ſie verlieben ſollten, ſo glaube ich nicht, daß ſie Sie wird ſchmachten laſſen.“ abdn iſt nicht gewiß; ſie ſcheint Grundſätze zu aben. 180 denke, Sie werden ſich dadurch nicht täuſchen aſſen. „Ich werde Sie morgen um ein Diner zu Dreien hiten„und dann mit Vergnügen die Frau ſchwatzen ören. Herr von err empfing mich auf das Freundſchaft⸗ lichſte; er wünſchte mir Glück zu der ſchönen Er⸗ vberung, die meinen Aufenthalt auf dem Lande zu einem Aufenthalte des Entzückens machen mußte; ich nahm den Scherz auf, wie ich wußte, um ſo mehr, da ſeine reißende Gattin, obgleich f die Wahrheit errieth, ſich em Glückwunſche ihres Mannes anſchloß; 137 ich wandte aber bald ihre liebenswürdigen Neckereien ab, bidem ich ihnen die näheren Umſtände der Geſchichte erzählte. Sie wurde vor Unwillen darüber blaß, und Herr von er ſagte, wenn ſie mir wirklich zur Laſt wäre, ſo brauchte ich mich nur an die Regierung zu wenden, die ihr den Befehl ertheilen würde, keinen Fuß wieder zu mir zu ſetzen. „Dieſes Mittels,“ ſagte ich,„will ich mich nicht bedienen, denn außer, daß ich ſie dadurch blamiren würde, zeigte ich auch Schwäche, da Jeder wiſſen muß, daß ich Herr meiner ſelbſt bin und daß es ihr ohne meine Zuſtimmung unmöglich ſein würde, ſich 6 kinem Orte einzurichten, deſſen alleiniger Gebieter ich bin.“ „Das glaube ich auch,“ ſagte Madame,„und ich binige⸗ daß Sie ihrer Zudringlichkeit nachgegeben haben. „Das beweiſt Ihre Artigkeit, und ich werde ihr einen Beſuch machen, um ihr dazu Glück zu wünſchen, daß ſie freundlich aufgenommen worden iſt; denn ſie ſetzte mich von dem Erfolge ihres Schrittes in Kenntniß.“ Ich ſprach nicht mehr von der Geſchichte und nahm ihre Einladung zu einem Mittageſſen in der Familie an.— Ich benahm mich wie ein Preund aber mit jener ausgeſuchten Höflichkeit, die keinen Verdacht erregen kann; der Mann faßte daher auch keinen. Die liebenswürdige Zauberin fand einen Augen⸗ blick, um mir zu ſagen, daß ich wohl gethan hätte, den unbeſcheidenen Anforderungen der Megäre nachzu⸗ geben; wenn Herr von Chavigny, den man erwartete, ich wieder entfernt haben würde, könnte ich ihren Mann einladen, einige Tage bei mir zuzubringen, an welcher Einladung ſie dann ohne Zweifel mit Theil nehmen würde. „Die Frau Ihres Schließers,“ fügte ſie hinzu, w„iſt meine Amme; ich habe ihr Gutes erwieſen und im 138 Nothfalle könnte ich Ihnen durch ſie ſchreiben, ohne mich einer Gefahr auszuſetzen.“ Nachdem ich zwei italieniſchen Jeſuiten, die durch Solothurn kamen, einen Beſuch gemacht und ſie für den nächſten Tag zum Mittageſſen eingeladen hatte, kehrte ich nach Hauſe zurück, und meine liebenswürdige Dubois unterhielt mich bis Mitternacht durch philo⸗ ſophiſche Fragen. Sie liebte Locke. Sie ſagte, die Fähigkeit zu denken, wäre kein Beweis für die geiſtige Anlage unſerer Seele, denn es läge in der Macht Gottes, unſerer materiellen Organiſation die Fähigkeit des Denkens zu verleihen, und ich würde nicht das Gegentheil behaupten können. Sie brachte mich zum Lachen, indem ſie mir ſagte, es wäre ein großer Unterſchied zwiſchen Denken und Urtheilen, denn das machte mich ſo kühn, ihr zu ſagen: „Ich denke, Sie urtheilen richtig, indem Sie ſich überreden laſſen, bei mir zu ſchlafen, und Sie glauben ſehr richtig zu urtheilen, wenn Sie nicht einwilligen.“ „Glauben Sie mir, mein Herr,“ ſagte ſie,„zwiſchen der Vernunft des Mannes und der des Weibes beſteht derſelbe Unterſchied, als zwiſchen den phyſiſchen Eigen⸗ ſchaften beider Geſchlechter.“ Am nächſten Morgen um neun Uhr tranken wir unſere Chokolade, als die Lahme anlangte.— Ich hörte den Wagen, aber ich machte nicht die geringſte Bewegung. Das häßliche Geſchöpf ſchickte den Wagen fort und ging mit ihrer Kammerfrau auf ihr Zimmer. Ich hatte le Due nach Solothurn geſchickt, um dort Briefe von der Poſt zu holen. Ich mußte deshalb meine Wirthſchafterin bitten, mir das Haar zu ordnen, und ſie that dies mit der größten Geſchicklichkeit, während ich ihr ſagte, daß wir zum Mittageſſen den Herrn Geſandten und die beiden Jeſuiten bei uns ſehen würden. 139 Ich dankte ihr, indem ich ſie zum erſten Male auf die Wange küßte, denn ſie geſtaltete mir nicht, ihre hübſchen Lippen zu berühren. Wir fühlten, daß die Liebe uns aus allen Poren drang, aber wir fuhren fort, uns zu beherrſchen. Das wurde ihr weniger ſchwer als mir, und zwar wegen der natürlichen Koketterie des ſchönen Ge⸗ ſchlechts, einer Eigenſchaft, die oft mächtiger iſt, als die Liebe. Herr von Chavigny kam um zwei Uhr; ich hatte die Jeſuiten nur mit ſeiner Zuſtimmung eingeladen und ihnen meinen Wagen geſchickt. In Erwartung der Herren machten wir einen Spaziergang, und Herr von Chavigny bat meine Wirth⸗ ſchafterin, ſich uns anzuſchließen, ſobald ſie ſich der kleinen häuslichen Sorgen entledigt haben würde, die ſie für den Augenblick zurückhielten, auszugehen. Herr von Chavigny war einer jener Männer, welche Frankreich bewahrte, um ſie zu gelegener Zeit und je nach den Umſtänden zu den fremden Mächten zu ſenden, die es verführen oder in ſein Intereſſe ziehen wollte. Zu ihnen gehörte auch Herr von L'Hospital, der das Herz der Kaiſerin Eliſabeth Petrowna zu gewinnen verſtand; ebenſo der Graf von Nivernois, der 1762 das Kabinet von St. James ſo leitete, wie es ihm beliebte. Madame Dubois kam zu uns, unterhielt uns ſehr angenehm, und Herr von Chavigny ſagte mir, er fände, daß ſie alle Eigenſchaften beſäße, die einen Mann glücklich machen könnten. Bei Tafel bezauberte ſie ihn vollſtändig, und durch die feinſten und geiſtreichſten Neckereien trieb ſie die beiden Jeſuiten in die Enge. Am Abend ſagte mir der vortreffliche Greis, er hätte einen ſehr glücklichen Tag verlebt, und nachdem er mich für die Zeit, welche Herr von Chauvelin 140 anweſend ſein würde, zum Diner zu ſich eingeladen hatte, verließ er mich nach einer herzlichen Umarmung. Henr von Chauvelin, den ich die Ehre gehabt hatte, in Verſailles bei dem Herzog von Choiſeul kennen zu lernen, war ein äußerſt liebenswürdiger Menſch. Er langte zwei Tage darauf in Solothurn an, und da der Herr Geſandte mich zuvor benachrichtigt hatte, beeilte ich mich, ihm meinen Hof zu machen. Er erkannte mich und ſtellte mich ſeiner Gemahlin vor, die ich zu kennen noch nicht die Ehre hatte. Da der Zufall wollte, daß ich bei Tafel neben meiner Schönen ſaß, wurde ich ſehr heiter geſtimmt und erzählte eine Menge unterhaltender Dinge, welche alle Welt in die beſte Laune brachte. Herr von Chauvelin ſagte, er wüßte mehrere hübſche Geſchichten über mich. Herr von Chavigny aber ſagte, er kenne die ſchönſte zach nicht und erzählte ihm dann mein Abenteuer von ürich. Herr von Chauvelin ſagte, die Frau von*er zu bedienen, würde er ſich gern in einen Bedienten ver⸗ wandeln, und Herr von es ergriff darauf das Wort, um ihm zu ſagen, mein Geſchmack wäre zartſinniger geweſen, denn die, für welche ich zum Kellner wurde, wohnte in meinem Landhauſe unter demſelben Dache mit mir. „Nun wohl, Herr Caſanova,“ ſagte Herr von Chauvelin,„ſo werde ich Ihnen von dort meinen Beſuch abſtatten.“ Ich wollte antworten, als Herr von Chavigny mir zuvorkam, indem er ſagte: „Ja, ohne Zweifel, denn ich hoffe, daß er mir ſeinen ſchönen Saal leihen wird, am nächſten Sonntag dort einen Ball zu geben.“. So verhinderte dieſer liebenswürdige Höfling mich ſelbſt, einen Ball zu geben, und entband mich des prahleriſchen Verſprechens, das mir Nachtheil gebracht haben würde; denn ich hätte Eingriffe in das Recht 141 gemacht, welches der Geſandte hatte, dieſen aus⸗ gezeichneten Fremden während der fünf oder ſechs Tage, die ſie in Solothurn bleiben wollten, allein zu gewähren. Außerdem hätte meine Ruhmredigkeit mir eine beträchtliche Ausgabe verurſacht, die zu meinem Zweck ganz ohne Nutzen geweſen wäre. Bei Erwähnung Voltaire's ſprach man auch von der Schottin und lobte meine Nachbarin, die er⸗ röthete und ſchön wurde wie ein Stern, was zu neuen Lobſprüchen Veranlaſſung gab. Nach dem Diner lud der Geſandte uns ſämmtlich zu dem Balle auf nächſten Sonntag ein. Ich kehrte nach meinem Landhauſe zurück, ver⸗ liebter in meine bewundernswürdige Amazone als je, die der Himmel hatte geboren werden laſſen, um mir den größten Kummer zu bereiten, den ich je in meinen Leben erduldete, wie der Leſer bald ſehen wird. Ich fand meine Wirthſchafterin ſchon zu Bett und war darüber ſehr froh; denn das Zuſammenſein mit meiner Schönen hatte mich ſo entflammt, daß mein Verſtand wahrſcheinlich nicht fähig geweſen ſein würde, mich in den Grenzen des Anſtandes zu bewegen. Am nächſten Tage fand ſie mich traurig und machte mir darüber den Krieg in einer Weiſe, die die Heiter⸗ keit in mein Gemüth zurückrief. Während wir die Chokolade tranken, ließ die Kammerfrau der Lahmen ſich anmelden und übergab mir ein Billet. Ich ſchickte ſie fort, indem ich ihr ſagte, mein Bedienter würde ihrer Herrin meine Antwort bringen. Hier, was das Billet enthielt: „Der Herr Geſandte hat mich für den Ball am Sonntag eingeladen. Ich ließ ihm antworten, ich befände mich nicht wohl, allein wenn mir gegen Abend beſſer ſein ſollte, würde ich erſcheinen. Ich 142 glaube, da ich bei Ihnen wohne, muß ich entweder durch Sie eingeführt werden, oder darf gar nicht kommen. „Wenn Sie alſo nicht Luſt haben, mir das Vergnügen zu bereiten, mich auf den Ball zu führen, ſo bitte ich, mir das zu gewähren, daß Sie ſagen, ich ſei krank. G „Entſchuldigen Sie, wenn ich glaubte, in dieſem beſondern Falle gegen unſern Vertrag fehlen zu dürfen; denn es handelte ſich darum, wenigſtens den Schein eines guten Einvernehmens zu be⸗ wahren.“ „Nein!“ rief ich außer mir vor Unwillen, und die Feder ergreifend, ſchrieb ich ihr:. „Ich ſinde Ihr Auskunftsmittel vortrefflich, Madame. „Man wird daher ſagen, daß Sie krank ſind; denn getreu den Bedingungen, die Sie ſelbſt auf⸗ geſtellt haben, und da ich meine Freiheit genießen will, werde ich nicht die Ehre haben können, Sie bei dem Balle einzuführen, den der Herr Geſandte in meinem Saale geben wird.“— Ich ließ meine Haushälterin den unverſchämten Brief und meine Antwort leſen, und ſie fand ſie ſo, wie dieſe zudringliche Perſon ſie verdiente; darauf ſchickte ich das Billet an ſeine Adreſſe. Ruhig und köſtlich verbrachte ich die beiden folgen⸗ den Tage bei mir, ohne irgend Jemanden zu ſehen, doch die Geſellſchaft meiner theuern Dubois genügte mir.— Am Sonnabend erſchienen ſchon bei guter Zeit die Leute des Geſandten, um Alles vorzu⸗ bereiten, was zu dem Balle und dem Souper nöthig war. Lebel kam, um mir ſeine Ehrfurcht zu bezeigen, während ich bei Tiſche ſaß. Ich ließ ihn ſich ſetzen und dankte ihm für das ſchöne Geſchenk, welches er mir gemacht hatte, indem er mir eine ſo ausgezeichnete Wirthſchafterin verſchaffte. Lebel war ein ſchöner Mann von 143 mittlerem Alter, von gebildetem Geiſte und aus⸗ gezeichnet in ſeinem Stande, obgleich er ein durchaus rechtſchaffener Menſch war. „Wer von Ihnen Beiden,“ ſagte er,„iſt am meiſten angeführt?“ „Keines mehr oder weniger,“ ſagte meine liebens⸗ würdige Wirthſchafterin,„denn wir ſind Beide gleich zufrieden mit einander.“ Zu meiner großen Befriedigung war das erſte Paar, welches an dem Abend erſchien, Herr und Frau von* Sie zeigte ſich ſehr liebenswürdig gegen Madame Dubois und äußerte nicht die geringſte Ueberraſchung, als ich ihr dieſelbe als meine Haushälterin vorſtellte. Sie ſagte mir, ſie könnte mich nicht entbinden, ſie zu der Lahmen zu führen, und meines Widerwillens ungeachtet mußte ich ihr Recht geben. Wir wurden mit dem Scheine der herzlichſten Freundſchaft empfangen, und ſie ging mit uns, um einen Spaziergang durch den Garten zu machen, wobei ſie ihren Arm dem Herrn von**r gab, während meine Zauberin ſich verliebt auf den meinigen ſtützte. Als wir einige Zeit in dem Garten umher gegangen waren, bat mich Frau von**r, ſie zu ihrer Amme zu begleiten. Da ihr Mann in unſerer Nähe war, fragte ich ſie: „Wer iſt Ihre Amme, Madame?“ „Die Frau Ihres Aufſehers,“ beeilte ſich ihr Mann mir zu antworten;„wir werden Sie bei Madame erwarten.“ „Sagen Sie mir, mein Freund,“ fragte ſie mich auf dem Wege,„ob Ihre hübſche Wirthſchafterin nicht bei Ihnen mehr Vorrechte genießt?“ 1 Bndein. das ſchwöre ich Ihnen; ich kann nur Sie ieben.“ 144 „ Ich will Ihnen glauben, obgleich die Sache mir ſehr verfänglich erſcheint; aber wenn Sie die Wahrheit ſagen, ſo haben Sie Unrecht, ſie zu behalten, denn Niemand wird Ihnen Glauben ſchenken.“ „Es genügt mir, wenn Sie davon überzeugt ſind, daß ich ſie nicht berühre. „Ich laſſe dieſer jungen Frau Gerechtigkeit wider⸗ fahren und begreife, daß wir zu jeder andern Zeit nicht unter demſelben Dache wohnen könnten, ohne intimer zu werden; aber bei dem Zuſtande, in welchen Sie mein Herz verſetzt haben, kann ich nicht in ſie derlicdr minden Fh it T ber ich find „Ich glaube Ihnen mit Vergnügen; aber ich finde die Frau ſehr hübſch.“ ir traten bei der Amme ein, welche ſie meine Tochter nannte und tauſend Liebkoſungen an ihr ver⸗ ſchwendete; dann ging ſie, um ein Glas Limonade zu bereiten. Sobald wir allein waren, hefteten unſere Lippen ſich auf einander und meine Hände berührten tauſend Schönheiten, welche nur durch ein leichtes Taffet⸗ kleid bedeckt wurden; allein ich konnte dieſelben nicht ohne dieſes Hinderniß genießen, was um ſo tückiſcher war, da es mir die Reize des bezaubernden Weſens nicht verbergen konnte. Ich bin überzeugt, daß die vortreffliche Amme uns würde haben warten laſſen, hätte ſie errathen, wie ſe wir es wünſchten, einige Augenblicke länger allein zu ſein. Leider aber wurden zwei Gläſer Limonade nie ſchneller bereitet. „War ſie denn ſchon fertig?“ rief ich, indem ich die Amme wieder eintreten ſah. „Neinaug9s⸗ mein Herr; aber ich bin ſchnell.“ — e r“ Dieſe doppelte Naivetät machte, daß meine reizende Freundin in ein lautes Gelächter ausbrach, welches ſie ¶᷑—2& H dA —, N([ — 80 n ☛ ¶.¶☛ ο 145 mit einem bedeutungsvollen Blicke begleitete. Bei unſerm Gehen ſagte ſie mir, da die Zeit uns noch immer den Krieg erklärte, müßten wir, um glücklich zu ſein, warten, bis ihr Gatte ſich entſchlöſſe, einige Tage bei mir zuzubringen. Die abſcheuliche Lahme bot uns Confituren an, die ſie ſehr lobte, beſonders eine Quittenmarmelade, und ſie bat uns dringend, davon zu koſten. Wir lehnten es ab und Frau von*** ſtieß mich mit dem Fuße an. 3 Als wir gegangen waren, ſagte ſie mir, ich hätte wohl daran gethan, nichts zu genießen, denn man hielte die Frau im Verdachte, ihem Mann vergiftet zu haben. Der Ball, das Abendeſſen, die Erfriſchungen und die Gäſte waren glänzend. Ich tanzte nur ein einziges Menuett mit Frau von Chauvelin, indem ich beinahe die ganze Nacht damit zubrachte, mit ihrem Gemahl mich zu unterhalten. Ich ſchenkte ihm eine Ueberſetzung ſeines kleinen Gedichtes, die ſieben Todſünden, welche er mit vielem Vergnügen empfing. ſagt 8 werde Ihnen einen Beſuch in Turin machen,“ agte ich. „Werden Sie Ihre Haushälterin mitnehmen?“ „Nein.“ „Sie thun darin Unrecht, denn ſie iſt eine reizende Perſon.“ Alle Welt ſprach von meiner theuren Dubois ebenſo wie Herr von Chauvelin. Sie zeigte einen ausgezeichneten Takt und wußte üic in Reſpekt zu ſetzen, ohne ſich je zu über⸗ eben. Man forderte ſie vergebens auf, zu tanzen, und ſie ſagte mir ſpäter, ſie würde ſich den Haß all der Damen zugezogen haben, hätte ſie den Bitten nachgegeben. Gleichwohl wußte ſie, daß ſie ausgezeichnet tanzte. Herr von Chauvelin reiſte am zweiten Tage dar⸗ X.[29.] 10 146 auf ab, und gegen Ende der Woche empfing ich einen Brief der Frau von Urfé, die mir verkündete, daß ſie zwei Tage in Verſailles zugebracht hätte, um meine Angelegenheit zu ordnen. Sie ſchickte mir eine Abſchrift von der Begnadigung, welche der König zu Gunſten des Verwandten des Herrn von*** unterzeichnet hatte, und gab mir dabei die Verſicherung, das Original wäre an den Oberſt des Regiments adreſſirt worden, in welches der junge Mann mit demſelben Grade zurückkehren ſollte, den er vor ſeinem Duell eingenommen hatte. Ich ließ meinen Wagen anſpannen und beeilte mich, hieſe gute Nachricht Herrn von Chavigny zu über⸗ ringen. Ich ſchwamm in Freude und verhehlte dies dem Geſandten nicht, der mir Komplimente machte, weil Herr von***, nachdem er durch mich und ohne daß es ihn eine Obole koſtete, erlangt hätte, was ihm ſonſt ſehr theuer zu ſtehen gekommen ſein würde, hätte er es durch Geld durchſetzen wollen ſich glücklich ſchätzen nffe⸗ mir ein ſo großes Vertrauen geſchenkt zu aben. Um der Sache noch mehr Wichtigkeit zu verleihen, bat ich den edeln Herrn, es zu übernehmen, ſelbſt die Begnadigung dem Herrn von*** mitzutheilen, und demzufolge ſchrieb er ihm ſogleich ein Billet, um ihn zu bitten, zu ihm zu kommen. Sobald der Herr erſchien, händigte der Geſandte ihm die Abſchrift ein, die ich erhalten hatte, und theilte ihm dabei mit, daß er mir allein dafür verpflichtet wäre. In dem Uebermaß der Freude fragte mich der brave Menſch, wie viel er mir ſchuldig wäre. „Nichts mein Herr, ausgenommen Ihre Freund⸗ ſchaft, die ich viel höher ſchätze, als alles Gold der Welt, und wenn Sie mir davon einen großen Beweis geben wollen, ſo geben Sie mir die Ehre, einige Tage bei mir zuzubringen, denn ich vergehe vor Langeweile. 147 „Die Angelegenheit, mit der Sie mich beauf⸗ tragten, muß unbedeutend ſein, denn Sie ſehen wohl, mit welcher Schnelligkeit man Ihnen gedient hat.“ „Unbedeutend, mein Herr! Ich habe derſelben ſeit einem Jahre alle meine Mittel geopfert; ic habe Himmel und Erde aufgeboten, ohne einen Erfolg zu erzielen, und binnen vierzehn Tagen haben Sie die Sache durchgeſetzt. Verfügen Sie über mein Leben!“ „Umarmen Sie mich und kommen Sie auf Be⸗ ſuch zu mir. „Ich bin der glücklichſte aller Menſchen, wenn ich Perſonen, wie Sie ſind, Dienſte leiſten kann.“ „Ich will dieſe gute Nachricht meiner Frau mit⸗ theilen, die Sie ebenſo lieben wird, wie ich.“ „Ja, gehen Sie,“ ſagte der Geſandte,„und kommen Sie morgen zum Diner unter uns zu mir.“ Als wir allein waren, ſtellte der Marquis von Chavigny, ein alter Höfling und ein Mann von Geiſt, ſehr philoſophiſche Betrachtungen über den Hof eines Monarchen an, an dem an und für ſich nichts leicht oder ſchwer iſt; denn in jedem Augenblick wird das Eine zu dem Andern, und man verweigert oft der Gerechtigkeit, was man der Gunſt und ſelbſt der Zudringlichkeit gern zugeſteht.— Er hatte Frau von Urfé gekannt und ihr ſelbſt zu der Zeit, als der Regent ſie liebte, insgeheim den Hof gemacht. Er war es geweſen, der ihr den Beinamen Egeria gab, denn ſie ſagte, ſie hätte einen Genius, der ſie begeiſterte und der alle Nächte, die ſie allein ſchliefe, bei ihr zubrächte. Er ſprach dann von dem Herrn von***, der für, nich die größte Freundſchaft gefaßt haben müßte. „Das Beſte, einen eiferſüchtigen Mann zu krönen,“ ſagte er,„iſt, ſeine Zuneigung zu gewinnen, 10* —N———————— 148 denn die Freundſchaft macht die Eiferſucht beinahe unmöglich.“ Am nächſten Tage, während unſeres Diners zu Vieren, gab Frau von***, berechtigt durch die Dank⸗ barkeit, mir kauſend Beweiſe einer Freundſchaft, die mein Herz mit neuer Liebe erfüllte. Sie, ſowie ihr Mann, verſprachen mir, die nächſte Woche drei Tage bei mir in meinem Landhauſe zuzubringen. 1 Sie hielten Wort, ohne mich zuvor von ihrer Ankunft benachrichtigt zu haben; allein ich wurde dennoch nicht überraſcht, denn ich hatte Alles vor⸗ bereitet, um ſie würdig zu empfangen. Mein Herz bebte vor Freude, als ich meine Niennöin aus dem Wagen ſteigen ſah; allein dieſe reude war nicht ohne Beimiſchung, denn Herr von*** verkündete mir, daß er durchaus am vierten Tage nach Solothurn zurückkehren müßte, und ſeine Frau ſagte, es wäre unerläßlich, daß wir die abſcheuliche Wittwe beſtändig zu unſerer Unter⸗ haltung zögen. Ich führte meine Gäſte nach den Zimmern, die ich für ſie hatte in Stand ſetzen laſſen und die ich zu meinen Abſichten am paſſendſten hielt. Sie lagen im Erdgeſchoß, in dem Theile, welcher meiner Wohnung gegenüber lag. Das Schlafzimmer hatte einen Alkoven mit zwei Betten, welche durch einen Verſchlag mit einer Ver⸗ bindungsthür von einander getrennt waren. Man betrat ſie durch zwei Vorzimmer, von denen das erſte eine Thür nach dem Garten hatte.— Ich beſaß die Schlüſſel zu allen dieſen Thüren, und die Kammerfrau ſollte in einem Kabinet jenſeit des Vorzimmers ſchlafen. Um meiner Angebeteten geharſan zu ſein, gingen wir zu der Lahmen, die uns ſehr freundlich empfing; aber unter dem Vorwande, uns in Freiheit zu laſſen, 149 weigerte ſie ſich, während der drei Tage Theil an unſerer Geſellſchaft zu nehmen. Sie gab indeß nach, als ich ihr ſagte, unſere Bedingungen hätten nur Gültigkeit, wenn wir allein wären. Meine theure Dubois, welche den Anſtand beobachtete, bedurfte keines Wortes von mir, um ſich in ihrem eigenen Zimmer das Abendeſſen ſerviren zu laſſen, und wir hatten unter uns Vier eine köſtliche Mahlzeit, denn nach meinem Befehl war meine Tafel ausdeſucht beſetzt. ach dem Souper führte ich meine Gäſte nach ihren Zimmern und konnte mich nicht enthalten, die ittwe nach dem ihrigen zu begleiten. Sie wollte, daß ich ihrer Nachttoilette beiwohnen fonte alein ich verweigerte dies, mich vor ihr ver⸗ eugend. Sie ſagte mir mit boshaftem Weſen, nachdem ich mich ſo gut benommen hätte, verdiente ich es, meine Wünche gekrönt zu ſehen. Ich entgegnete ihr kein ort. Als ich am nächſten Tage einen Gang durch den Garten machte, ſagte ich meiner Schönen, daß ich alle Schläſſel hätte und zu jeder Stunde zu ihr kommen nnte. „Ich erwarte,“ entgegnete ſie mir, neinen Beſuch meines Mannes, denn er hat gewiſſe Liebkoſungen ausgetheilt, die ihm in einem ſolchen Falle gewöhnlich ſind; Sie müſſen daher Ihren Beſuch bis auf die folgende Nacht verſchieben, was dann keine Schwierig⸗ keiten haben wird, denn es iſt noch nie geſchehen, daß vonſene Beſuche zwei Nächte hintereinander wieder⸗ olte. Gegen Mittag bekam ich einen Beſuch des Herrn von Chavigny, der ſich zum Eſſen einlud. Er chlug Lärm, als er ſah, daß meine Haushälterin in ihrem Zimmer aß. Die Damen ſagten, er hätte Recht, und wir gingen alle miteinander hin⸗ um ſie zu zwingen, ſich mit uns zu Tiſche zu ſetzen. Sie mußte ſich —— 15⁵0 dadurch geſchmeichelt fühlen und ihre Laune zeigte dies, denn ſie unterhielt uns durch eine Menge witziger Einfälle und pikanter Anekdoten über Lady Montague. Als wir vom Tiſche aufgeſtanden waren, ſagte Frau von*** zu mir: „Es iſt unmöglich, daß Sie in dieſe junge Frau nicht verliebt ſind, denn ſie iſt wirklich reizend.“ „Ich werde Ihnen beweiſen, daß ich es nur in Sie din, wenn ich dieſe Nacht ein Paar Stunden in Ihren Armen zubringen darf.“ „Das iſt wieder unmöglich, denn mein Mann hat ſich daran erinnert, daß der Mond heute wechſelt.“ „Er bedarf alſo der Erlaubniß des Mondes, um ſo ſüße Pflichten bei Ihnen zu erfüllen?“ „Allerdings. Das iſt ſeiner Aſtrologie nach das Mittel, ſich geſund zu erhalten und einen Sohn zu bekommen, den der Himmel ihm gewähren möge, denn ohne deſſen Vermittelung iſt es nicht ſehr wahrſchein⸗ lich, daß ſeine Wünſche ſich erfüllen werden.“ „Ich hoffe, daß ich das Werkzeug des Himmels ſein werde,“ entgegnete ich ihr lachend. „Daß Sie die Wahrheit ſprächen!“ Ich war gezwungen, zu warten. Am nächſten Tage beim Spazierengehen ſagte ſie mir: „Dem Mondwechſel iſt ſein Recht geworden, und um jedenfalls gegen alle Furcht geſichert zu ſein, werde ich ihn dieſen Abend, ſobald er zu Bett gegangen iſt, zwingen, das Opfer zu wiederholen. Danach wird er ohne Zweifel in feſten Schlaf verſinken. Sie können daher um Ein Uhr nach Mitternacht kommen und die Liebe wird Sie erwarten.“ Meines Glückes gewiß, gab ich mich der Freude hin, die eine ſo ſüße Verſicherung in einem brennen⸗ den Herzen entzünden kann. Das war die einzige Nacht, — 88 u——& 1⁵¹1 auf die ich hoffen durfte, denn Herr von ½ hatte entſchieden, daß ſie den nächſten Tag nach Solothurn zurückreiſen würden. Nach dem Eſſen führte ich die Dame nach ihrem Zimmer, ging darauf nach dem meinigen und ſagte meiner Wirthſchafterin, ich müßte viel ſchreiben und ſie könnte ſich zu Bett legen. Einen Augenblick vor Ein Uhr verließ ich mein Zimmer, und da die Nacht ſehr dunkel war, taſtete ich mich um das halbe Haus herum und fand gegen meine Erwartung die Thür offen; dieſer Umſtand erregte indeß meine Aufmerkſamkeit nicht. Ich öffnete die Thür des zweiten Vorgemaches, und in dem Augenblick, als ich ſie wieder ſchloß, fühlte ich mich von einer Hand ergriffen, während eine zweite mir den Mund verſchloß. Ich hörte nur ein leiſes„Still,“ welches mir Schweigen gebot. Ein Sopha ſtand nahe, wir benutzten es, und augenblicklich lag ich in den Armen meiner Geliebten! Wir waren der Tag⸗ und Nachtgleiche nahe; ich hatte nur zwei Stunden vor mir und verlor keine Minute, denn da ich glaubte, in meinen Armen das vollendetſte Weib zu halten, für welches ich ſchon ſeit ſo langer Zeit ſeufzte, gab ich mich meiner glühenden Liebe hin. In dem Uebermaße meines Glückes fand ich es bewundernswerth, daß ſie mich nicht in ihrem Bett erwartet hatte, denn das Geräuſch unſerer Küſſe und das, welches die Lebhaftigkeit unſerer Bewegungen verurſacht haben würde, hätte den läſtigen Ehemann erwecken können. Ihre zärtliche Gluth kam der meinigen gleich und verdoppelte mein Glück, indem ſie mir in meinem verderblichen Irrthume bewies, daß ſie von allen Eroberungen die war, auf die ich am ſtolzeſten ſein durfte. Die Uhr verkündete mir zu meinem großen Be⸗ f 152 dauern, daß es Zeit ſei, mich zurückzuziehen. Ich bedeckte ſie mit den zärtlichſten Küſſen, eilte dann auf mein Binmner, und in der größten Freude meines Herzens überließ ich mich dem Schlafe. Ich wurde um neun Uhr durch Herrn von*** geweckt, der mir mit dem Ausdrucke des Glückes den Brief zeigte, den er empfangen Patee und durch den ſein Verwandter mir für ſeine Wiedereinführung in ſein Regiment Dank ſagte. Dieſer Brief, den die Dankbarkeit diktirt hatte, machte mich zu einem Gott. „Ich bin glücklich, mein Freund,“ ſagte ich,„daß ich Ihnen habe dienen können.“ „Und ich,“ entgegnete er,„ich würde es ſein, wenn ich Ihnen meine Dankhbarkeit beweiſen könnte. Kommen Sie mit uns zum Frühſtück. Meine Frau iſt noch bei ihrer Toilette. Kommen Sie.“ Ich ſtand haſtig auf und in dem Augenblick, als ich ausgehen wollte, erblickte ich die abſcheuliche Wittwe, die mit munterm Weſen ſagte:„Ich danke Ihnen, mein Herr, ich danke Ihnen von ganzem heen Ich hehe Ihnen die Freiheit wieder und ahre nach Solothurn.“ „Warten Sie noch eine Viertelſtunde, Madame; wir frühſtücken mit Frau von***.“ „Keinen Augenblick zögere ich. Ich habe ihr eben guten Morgen gewünſcht und fahre ab. Leben Sie wohl. Erinnern Sie ſich meiner.“ „Adieu, Madame.“ Kaum war ſie hinaus, als Herr von*s mich fragte, ob die Frau verrückt wäre. „Man könnte es glauben,“ ſagte ich;„denn da ſie nur Artigkeiten von mir empfangen hat, hätte ſie wohl bis zum Abend warten können, um mit Ihnen zu fahren.“ 153 Wir gingen zum Frühſtück und machten unſere Kommentare über dieſe plötzliche Abfahrt. K Dann gingen wir aus, um einen Spaziergang in dem Garten zu machen, wo wir Madame Dubois fanden, deren Herr von*** ſich bemächtigte. Seine Frau ſchien etwas niedergeſchlagen zu ſein, und ich fragte ſie, ob ſie gut geſchlafen hätte. „Ich bin erſt um vier Uhr eingeſchlafen,“ er⸗ widerte ſie,„nachdem ich Sie, in meinem Bette ſitzend, bis zu dieſer Stunde vergeblich erwartet hatte. Welch ein Mißgeſchick hat Sie denn abgehalten, zu mir zu kommen?“ Ich konnte eine ſolche Frage nicht erwarten und war dadurch wie verſteinert. Ich ſah ſie ſtarr an, ohne ihr zu antworten. Ich konnte mich von meinem Staunen nicht erholen. Endlich klärte eine furchtbare Ahnung mich über das Unglück auf, welches mir begegnet ſein konnte, zwei Stunden in den Armen der abſcheulichen Megäre zugebracht zu haben, welche ich die Schwäche gehabt hatte, bei mir aufzunehmen. Ich wurde von einem krankhaften Zittern ergriffen und mußte hinter ein Gebüſch treten, um mich von der Unruhe zu erholen, die Niemand ahnen konnte. Ich war nahe daran zu ſterben und würde unfehl⸗ bar zu Boden geſtürzt ſein, hätte ich nicht meinen Kopf an einen Baum gelehnt. Der erſte Gedanke, der ſich meinem Geiſte bot, ein abſcheulicher Gedanke, den ich bald verwarf, war, daß Frau von***, zufrieden über den Genuß, den⸗ ſelben verleugnen wollte; denn das iſt ein Recht, deſſen jede Frau genießt, die ſich an einem dunkeln Orte hingiebt, weil es unmöglich iſt, ſie der Lüne zu über⸗ führen; aber ich kannte das göttliche Weib zu gut, das ich zu beſitzen geglaubt hatte, um ſie einer ſo niedrigen Heuchelei für fähig zu halten, und fühlte, daß 154 ſie das Zartgefühl verletzt haben würde, hätte ſie, nur um ſich zu unterhalten, mir geſagt, daß ſie mich ver⸗ gebens erwartete, denn in einem ſolchen Falle genügt der geringſte Zweifel, um das edelſte Gefühl herab⸗ zuwürdigen. Ich konnte daher den entſetzlichen Gedanken nicht zurückweiſen, daß ſie durch die unwürdige Wittwe vertreten worden wäre. 4 Wie hatte ſie das angefangen? Wie hatte ſie Alles erfahren? Das konnte ich mir nicht erklären, und ich verlor mich in meinen Vermuthungen. Das Urtheil wird, wenn es in Folge eines Gedankens, der den Geiſt bedrückt, getrübt worden iſt, erſt wieder klar, wenn der Druck ſeine Heftig⸗ keit verloren hat. Ich überredete mich daher, daß ich zwei Stunden mit einem verabſcheuungswürdigen Ungeheuer zuge⸗ bracht hatte, und was meinen Schmerz vergrößerte und mich mit Ekel und Verachtung gegen mich ſelbſt erfüllte, war, daß ich mir nicht verhehlen durfte, voll⸗ kommen glücklich geweſen zu ſein. Dieſer Irrthum war unverzeihlich, denn der Unterſchied zwiſchen den beiden Perſonen war wie Schwarz und Weiß, und obgleich ich durch die Finſterniß des Sehens und das Schweigen des Ge⸗ hörs beraubt worden war, hätte doch das Gefühl allein mir genügen müſſen, um mich aufzuklären, wenigſtens nach dem erſten Sturme; aber meine Ein⸗ bildungskraft war im Delirium geweſen. Ich verwünſchte die Liebe, die Natur und beſonders die unbegreifliche Schwäche, bei mir eine Schlange beherbergt zu haben, die mir den Beſitz eines Engels geraubt hatte und die mich zwang, mich wegen des Gedankens an die Beſudelung, welche die Berührung mit ihr mir aufgedrückt hatte, zu verabſcheuen. J faßte den Entſchluß, zu ſterben, aber erſt nachdem ich mit meinen Händen die abſcheuliche Megäre zerriſſen hätte, die mich ſo unglücklich machte. 15⁵ Während ich mich in dieſem Entſchluſſe befeſtigte, näherte ſich Herr von**£*ꝙ† mir theilnahmvoll und fragte mich, ob ich krank wäre. Er erſchrak, indem er mich leichenblaß und von Schweiß triefen ſah.— „Meine Frau,“ ſagte der brave Mann,„iſt ſehr beſorgt und hat mich zu Ihnen geſchickt.“ Ich antwortete ihm, ich wäre gezwungen geweſen, ſie wegen eines Schwindels zu verlaſſen, der mi plötzlich erfaßte; ich finge aber an, mich wohler zu fühlen. „So gehen wir zu ihr.“ Madame Dubois brachte mir ein Glas Karmeliter⸗ waſſer und ſagte ſcherzend, ſie wäre überzeugt, die plötzliche Abreiſe der Wittwe hätte mich ſo lebhaft ergriffen. Wir ſetzten unſern Spaziergang fort, und als wir weit genug von dem Manne entfernt waren, der mit meiner Haushälterin ging, ſagte ich ihr, ich wäre ganz verwirrt durch das, was ſie mir ohne Zweifel nur geſagt hätte, um zu ſcherzen. „Ich habe nicht geſcherzt, mein Freund,“ ſagte ſie mit einem Seufzer;„ſagen Sie mir daher, was Sie verhindert hat, zu kommen.“ Ich war erſtarrt. Ich konnte mich nicht entſchließen, ihr eine Thatſache mitzutheilen, die mich verwirrte, und ich wußte nicht, was ich erfinden ſollte, um mich zu rechtfertigen. Ich ſchwieg ganz betäubt, als die kleine Magd meiner Wirthſchafterin ihr einen Brief übergab, den die unwürdige Lahme ihr durch einen expreſſen Boten überſchickte. Sie öffnete ihn und über⸗ gab mir einen an mich adreſſirten Einſchluß. Ich ſteckte ihn in die Taſche, indem ich ſagte, ich wollte ihn mit Muße leſen. Man drängte mich nicht, aber Herr von*** ſagte ſcherzend, es wäre ein Liebes⸗ briefchen. Ich war nicht geneigt zum Lachen und antwortete nichts. Man meldete uns, daß ſervirt ſei, 1⁵6 aber mir war es unmöglich, einen Biſſen anzurühren. Man ſchrieb meine Enthaltſamkeit meinem Unwohl⸗ ein zu. Mich verlangte danach, den Brief zu leſen; aber dazu mußte ich allein ſein, und das war ſchwer. Ich wollte die Partie Piquet verweigern, die wir gewöhnlich jeden Nachita ſpielten, nahm eine Taſſe Kaffee und ſagte, ich glaubte, die friſche Luft würde mir gut thun. Frau von*** unterſtützte mein Verlangen, indem ſie mich errieth, und forderte uns auf, einen Spaziergang in einer ſchattigen Allee des Gartens zu machen. Ich bot ihr den Arm; ihr Mann führte meine Haushälterin und wir gingen.. Sobald Madame bemerkte, daß man uns nicht ſehen konnte, ſagte ſie: „Ich bin überzeugt, mein theurer Freund, daß Sie die Nacht mit dieſem boshaften Weibe zubrachten, und ich fürchte ſehr, kompromittirt zu ſein. Sagen Sie mir Alles, mein Freund, vertrauen Sie mir ohne Rückhalt; es iſt meine erſte Intrigue und wenn ſie mir zur Lehre dienen ſoll, ſo dürfen Sie mich mit nichts unbekannt laſſen. Ich bin überzeugt, daß Sie mich geliebt haben; ich bitte Sie, handeln Sie ſo, daß ich nicht glauben muß, Sie wären nun mein Feind geworden.“ 8 S 7,herechter Himmel! Was ſagen Sie? Ihr eind?“ „So ſagen Sie mir die ganze Wahrheit und be⸗ ſonders, ehe ſie den Brief dieſes abſcheulichen Geſchöpfes leſen. „Ich beſchwöre Sie im Namen meiner Liebe, mir nichts zu verhehlen.“ „Nun wohl, göttliches Weib, Sie ſollen befriedigt werden.— Ich bin um Ein Uhr zu Ihnen gekommen, und in dem zweiten Vorgemache, in dem Augenblicke, als ich eintrat, ergriff ein Weib mich bei dem Arme 157 und legte mir die Hand auf den Mund, um mir Stillſchweigen zu gebieten; ich glaubte Sie in meinen Armen zu halten und legte ſie antt auf das Sopha. Fühlen Sie, daß ich mich überzeugt halten mußte, mit Ihnen, ohne ein einziges Wort zu ſprechen, die heiden köſtlichen Stunden meines Lebens zugebracht zu haben. „Verflucht ſeien die beiden Stunden, deren grau⸗ ſame Erinnerungen mein ganzes Leben mich quälen werden. Ich verließ ſie um ein Viertel auf vier Uhr. Das Uebrige wiſſen Sie.“ „Wer kann dieſem Ungeheuer geſagt haben, daß Sie mich um Ein Uhr beſuchen wollten?“ „Ich weiß es nicht, und das ſetzt mich eben in Verwirrung.“ „Erkennen Sie, daß ich von uns Dreien am meiſten zu beklagen bin, und ach, vielleicht die einzige Unglückliche!“ „O, wenn Sie mich lieben, ſo beſchwöre ich Sie im Namen des Himmels, das nicht zu glauben; denn ich bin entſchloſſen, ſie zu erdolchen und mich zu tödten, nachdem ich ſie gezüchtigt habe.“ „Haben Sie überlegt, daß die Oeffentlichkeit dieſer Handlung mich zum unglücklichſten Weibe machen würde? „Mäßigen wir uns, mein theurer Freund; Sie ſind nicht ſtrafbar und ich liebe Sie, wenn es möglich iſt, nur noch mehr. Geben Sie mir den Brief, den ſie Ihnen geſchrieben hat. Ich will mich entfernen, um ihn zu leſen; Sie leſen ihn ſpäter; wenn man ſähe, daß wir ihn zuſammen leſen, ſo müßten wir beichten.“ „Hier iſt er.“ Ich ging wieder zu ihrem Gatten, der über die Aeußetmgen meiner Haushälterin laut lachte. Die Unterredung, die ich gehabt, hatte mich etwas be⸗ ruhigt. Das Vertrauen, mit welchem ſie den Brief 158 von mir verlangte, that mir wohl. Ich brannte vor Verlangen, den Inhalt zu kennen, und gleichwohl hegte ich einen unbeſchreiblichen Widerwillen, ihn zu leſen denn er konnte nur meinen Zorn reizen, und ich fürchtete die Wirkungen davon. Frau von*** kam wieder zu uns, und nachdem wir uns abermals entfernt hatten, gab ſie mir den verhängnißvollen Brief zurück, indem ſie mir ſagte, ic ſollte ihn nur allein und mit ruhiger Ueberlegung eſen. Sie nahm mir das Ehrenwort ab, in dieſer Angelegenheit nichts zu unternehmen, bevor ich ſie zu Rathe gezogen hätte, und ihr alle meine Pläne durch die ſichere Vermittelung ihrer Amme zukommen zu laſſen. „Wir haben nichts zu fürchten,“ fügte ſie hinzu, „daß die unwürdige Megäre die Thatſache veröffent⸗ licht, denn ſie würde ſich dadurch zuerſt proſtituiren. Für uns iſt das Sicherſte, uns zu verſtellen. „Uebrigens, mein Freund, giebt das abſcheuliche didis Ihnen einen Rath, den Sie nicht verachten ürfen.“— Was mir während dieſer Unterhaltung vollends das Herz zerriß, war, daß ich große Thränen der Liebe und der Betrübniß ihren ſchönen Augen ent⸗ ſtrömen ſah, obgleich ſie ſich bemühte, zu lächeln, um meinen Schmerz zu mildern. Ich wußte zu gut, wie ſehr ſie auf ihren Ruf hielt, um nicht zu errathen, daß ſie durch die Gewiß⸗ heit gequält wurde, die nichtswürdige Wittwe kenne unſer Einverſtändniß, und das verdoppelte meine eigene Marter. Die liebenswürdige Familie verließ mich um ſieben Uhr, und ich dankte dem Manne durch ſo viele auf⸗ richtige Freundſchaftsverſicherungen, daß es ihm un⸗ möglich war, daran nicht zu glauben; in der That ſprach ich auch nur aus, was ich fühlte. Zuverläſſig verhindert nichts, daß die Liebe, die man für eine * 8 * 159 Fran empfindet, ſich mit der aufrichtigſten Freundſchaft ür deren Gatten, wenn ſie einen beſitzt, vereinigt. Das entgegengeſetzte Gefühl iſt ein gehäſſiges Vor⸗ urtheil, welches Philoſophie und Natur gleich ſehr bekämpfen. Nachdem ich ihn umarmt hatte, wollte ich ſeiner reizenden Gattin die Hand küſſen; aber er bat mich, ſie ebenfalls zu umarmen, und ich that dies mit eben ſo großer Achtung als großem Gefühl. Sobald ſie fort waren, trieb mich die Ungeduld, den abſcheulichen Brief zu leſen; ich eilte daher auf mein Zimmer und ſchloß mich dort ein, um von Niemand unterbrochen zu werden. Hier iſt der Brief: „Ich verließ Ihr Haus, mein Herr, hinlänglich befriedigt, zuverläſſig darüber, daß ich zwei Stunden mit Ihnen zubrachte, denn Sie ſind nicht anders, wie die übrigen Männer, wohl aber dadurch, daß ich mich für die öffentlichen Beweiſe der Ge⸗ ringſchätzung, die Sie mir bewieſen, gerächt habe. Ich bin übrigens nicht ſehr empfänglich für die Verachtung, die Sie mir unter uns bezeugten, und verzeihe es Ihnen. Ich habe mich gerächt, indem ich Ihre Abſichten und die Heuchelei Ihrer ſchönen Prüden entlarvte, die mich jetzt nicht mehr mit jenem beleidigenden Weſen der Ueberlegenheit wird anſehen können, welches ſie unter dem Mantel einer falſchen Tugend zur Schau trug. Ich habe mich dadurch gerächt, daß ſie Sie die ganze Nacht erwartet hat, und ich würde Alles auf der Welt dafür geben, um den komiſchen Dialog anhören zu können, der jedenfalls dieſen orgen zwiſchen Ihnen Beiden ſtattfinden wird, wenn ſie erfährt, daß ich mich aus Rache und nicht aus Liebe eines Genuſſes bemächtigt habe, der ihr beſtimmt war. Ich habe mich dadurch gerächt, daß Sie ſich jetzt nicht mehr als 160 ein Wunder betrachten können, denn da Sie mich für ſie nahmen, muß der Unterſchied zwiſchen ihr und mir nur ein unbedeutender ſein; ich habe Ihnen aber einen wichtigen Dienſt geleiſtet, denn dieſe Gewißheit muß Sie von Ihrer thörichten Leiden⸗ ſchaft heilen. Sie werden ſie nicht mehr vor allen anderen Frauen anbeten, die weder mehr noch weniger werth ſind, als dieſe Schöne. Habe ich Sie alſo enttäuſcht, ſo ſind Sie mir wegen einer Wohlthat verpflichtet; aber ich entbinde Sie Ihrer Dankbarkeit und geſtatte Ihnen ſogar, mich zu haſſen, vorausgeſetzt, daß Ihr Haß mich in Ruhe läßt; denn wenn in Zukunft Ihr Verfahren mir beleidigend erſchiene, ſo erkläre ich Ihnen, daß ich fähig bin, die Thatſache zu veröffentlichen, da ich für mich ſelbſt nichts zu fürchten habe, weil ich eine unabhängige Wittwe und Herrin meiner Perſon bin. Da ich Niemanden brauche, kann ich mich über alle Welt luſtig machen. Ihre Schöne dagegen befindet ſich in der Nothwendigkeit, ſich Zwang aufzuerlegen. Uebrigens noch eine Warnung, die Sie von meiner Großmuth überzeugen muß. Seit zehn Jahren leide ich an einem kleinen Uebel, welches jeder ärztlichen Behandlung widerſtanden hat. Sie haben ſich gewaltig bemüht, um mir Ihre Liebe zu be⸗ weiſen, und es iſt unmöglich, daß Sie dabei nicht durch mein Uebel angeſteckt ſind. Ich rathe Ihnen daher, ſogleich einen Arzt zu nehmen, um die Macht des Giftes zu verringern. Aber ich mache Sie darauf beſonders aufmerkſam, damit Sie dieſes Ge⸗ ſchenk nicht Ihrer Schönen darbringen, die es aus Unwiſſenheit ihrem Manne mittheilen würde, und viel⸗ leicht auch Anderen, was ſie dann unglücklich ma⸗ 161 chen müßte; das ſollte mir leid thun, denn ſie hat mir nie etwas Böſes zugefügt. Es ſchien mir un⸗ möglich, daß Sie nicht beide den ehrlichen Ehemann betrügen und ich wollte mich davon überzeugen; in dieſer Abſicht habe ich Sie gezwungen, mich bei ſich aufzunehmen und die Anordnung der Wohnung, die Sie ihr anwieſen, würde genügt haben, alle meine Zweifel zu beſeitigen; allein ich verlangte noch eine vollſtändigere Ueberzeugung. Ich bedurfte kei⸗ ner Beihülfe, um meinen Zweck zu erreichen, und es erſchien mir pikant, Sie ſo zu myſtifiziren, wie ich es gethan habe. Nachdem ich auf dem Sopha zwei Nächte vergebens zugebracht hatte, entſchloß ich mich, auch die dritte Nacht dort zu bleiben, und meine Beſtändigkeit wurde durch Erfolg belohnt.— Niemand hat mich geſehen und ſelbſt meine Kammer⸗ frau kennt den Zweck meiner nächtlichen Ausflüge nicht; überdies iſt ſie an das Schweigen gewöhnt. Sie ſind daher vollkommen Herr, dieſe Geſchichte in ein Geheimniß zu hüllen, und ich rathe Ihnen, es zu thun. „Bedürfen Sie eines Arztes, ſo empfehlen Sie ihm Verſchwiegenheit, denn man weiß in Solothurn, das ich an dieſem kleinen Uebel leide, und man könnte ſagen, Sie hätten es von mir bekommen.— Das würde mir nachtheilig ſein und Ihnen ebenfalls.“ Ich fand die Unverſchämtheit dieſer Unglücklichen ſo übermäßig, daß ich beinahe Luſt hatte, darüber zu lachen. Ich wußte wohl, daß ſie mich nach meinem Benehmen gegen Sie nur haſſen konnte; allein ich hätte nie geglaubt, daß ein Weib die Verderbtheit ſo weit treiben würde. Sie hatte mir ein Uebel eingeimpft deſſen Symptome ich noch nicht erkennen konnte, allein ich zeifel nicht, daß ſie ſich wohl zeigen würden, [30.) 11 162 und empfand ſchon Trauer darüber, daß ich es an⸗ derwärts würde heilen laſſen müſſen, um das Ge⸗ rede der böſen Zungen zu vermeiden. Ich überließ mich dem Nachdenken, und nachdem ich die Dinge zwei Stunden lang in Erwägung gezogen hatte, faßte ich den verſtändigen Entſchluß, zu ſchweigen, indem ich jedoch bei dem Gedanken beharrte, mich zu rächen, ſobald ſich die Gelegenheit dazu bieten würde. Da ich nichts zu Mittag gegeſſen hatte, mußte ich mich durch das Abend⸗Eſſen ſtärken, um mir einen guten Schlaf zu verſchaffen. Ich ſetzte mich mit meiner Wirthſchafterin zu Tiſche; allein als ob ich mich meiner ſelbſt ſchämte, wagte ich es nicht ein einziges Mal, meine Blicke auf ihr liebliches Geſicht zu richten. Sechstes Kapitel. Fortſetzung des vorhergehenden Kapitels.— Meine Ab⸗ reiſe von Solothurn. Als die Bedienten ſich entfernt hatten und wir uns allein befanden, war es nicht natürlich, daß wir re⸗ gungslos wie zwei Grenzſteine blieben. In der trau⸗ rigen Gemüthsſtimmung, in welcher ich mich befand, fühlte ich mich indeß nicht ſehr geneigt, das Schwei⸗ gen zu brechen. Meine theure Dubois, die mich zu lieben begann, weil ich Sie glücklich machte, und die nur durch die Rückwirkung traurig ſein konnte, be⸗ mühte ſich, mich zum Schwatzen zu bringen. „Ihre Traurigkeit,“ ſagte ſie,„iſt Ihnen nicht natürlich und erſchreckt mich. Sie könnten ſich jedoch Elleichterung verſchaffen, indem Sie mir Ihre Angelegen⸗ heiten anvertrauen; glauben Sie mir indeß, daß ich nur wegen der Theilnahme, die Sie mir einflößen, neugierig danach bin, und weil es möglich wäre, daß ich Ihnen nützlich ſein könnte. Zweifeln Sie nicht an meiner vollkommenen Verſchwiegenheit, und um Sie zu ermuthigen, frei ſich gegen mich auszuſprechen, und Ihnen das Vertrauen einzuflößen, welches ich zu verdienen glaube, will ich Ihnen Alles erzählen, was ich von Ihnen weiß und was ich erfahren habe, ohne mich danach zu erkundigen und ohne das Ge⸗ ringſte zu thun, um es zu wiſſen.“ 11* 164 „Gut, meine Liebe,“ ſagte ich,„Ihre Erklärung gefällt mir. Ich ſehe, daß Sie Freundſchaft für mich hegen, und ich bin Ihnen dafür dankbar. Sagen Sie mir alſo Alles, was Sie über die Angelegen⸗ heit wiſſen, die mich in dieſem Augenblick betrübt; aber verbergen Sie mir nichts.“ „Sehr gern. Sie ſind der geliebte Liebende der Frau von***. Die Wittwe, die Sie ſehr ſchlecht be⸗ handelt haben, hat Ihnen irgend einen Verdruß be⸗ reitet, der Sie beinahe mit ihrer Geliebten entzweite, und dann iſt die boshafte Perſon gegangen, wie man aus einem anſtändigen Hauſe nicht fortgehen darf.— Dadurch wird ihr Geiſt erregt. Sie fürchten irgend eine böſe Folge und befinden ſich in der grauſamen Nothwendigkeit, einen Entſchluß zu faſſen. Ihr Herz kämpft mit Ihrem Verſtande; die Leidenſchaft und das Gefühl liegen mit einander in Streit. Ich täuſche mich vielleicht, aber das, was ich weiß, iſt, daß Sie geſtern das Ausſehen eines Glücklichen hatten und daß Sie heute unglücklich zu ſein ſcheinen. Ihr Zu⸗ ſtand rührte mich, weil Sie mir die zärtlichſte Freund⸗ ſchaft eingeflößt haben.— Ich habe mich heute an⸗ geſtrengt, um den Mann zu unterhalten, damit Sie frei mit der Frau ſprechen können, die mir würdig zu ſein ſcheint, Ihre Liebe zu beſitzen.“ „Das Alles iſt wahr. Ihre Freundſchaft iſt mir theuer und ich ſchätze Ihren Verſtand ſehr. Die ab⸗ ſcheuliche Wittwe iſt ein Ungeheuer, welches mich un⸗ glücklich gemacht hat, um ſich für meine Gering⸗ ſchätzung zu rächen, und ich meinerſeits kann mich nicht an ihr rächen. Die Liebe verbietet mir, Ihnen mehr zu ſagen und überdies iſt es unmöglich, daß Sie mir, ebenſo wenig wie irgend ein Anderer, einen Rath geben können, der fähig wäre, mich von den — G ⏑8-— 8²⁸— N N — u U ◻ 03. ——— ðN 8 n —--———— 3Z 8380 8 165 niederdrückenden Schmerzen zu befreien. Ich werde vielleicht daran ſterben, meine theure Dubois, einſt⸗ weilen aber bitte ich Sie, mir Ihre Freundſchaft zu bewahren, und ich beſchwöre Sie, fortzufahren, in allen Fällen mit unbedingter Aufrichtigkeit zu mir zu ſprechen. Ich werde Sie ſtets aufmerkſam anhören, und auf dieſe Weiſe werden Sie mir ſehr nützlich ſei. Undankbar kann ich nicht ſein.“ Ich verbrachte eine grauſame Nacht, wie ich es erwarten mußte, denn der Zorn, die Mutter der Rachſucht, hat mir ſtets den Schlaf geraubt, eine Wirkung, die zuweilen bei mir auch die Nachricht eines unverhofften Glückes machte. Schon ſehr früh klingelte ich Le Duc, doch ſtatt ſeiner kam die kleine häßliche Magd herein und ſagte mir, mein Kammerdiener wäre krank und meine Haus⸗ hälterin würde mir die Chocolade bringen. Sie kam einen Augenblick darauf, und ſobald ich die Choco⸗ lade getrunken hatte, wurde ich von einem heftigen Erbrechen befallen, der Wirkung des Zorns, der in ſeinem Paroxismus den Menſchen tödtet, welcher ihn nicht befriedigen kann. Mein verbiſſener Zorn ver⸗ langte Rache für die Beleidigung der abſcheulichen Wittwe; die Chocolade trieb ihn glücklich aus, und ohne dieſe Ausleerung würde er mich getödtet haben. Aber die Anſtrengungen hatten mich erſchöpft.— Ich warf einen Blick auf meine Wirthſchafterin, und da ich ſie weinen ſah, fragte ich ſie: „Weshalb weinen Sie?“ „Großer Gott! Was werden Sie von mir denken!“ „Seien Sie ruhig, meine Freundin; ich denke, daß mein Zuſtand Sie intereſſirt. Verlaſſen Sie mich, ich hoffe, daß ich werde ſchlafen können.“ 166 Ich ſchlief in der That ein und erwachte erſt nach ſiebenſtündiger Ruhe. Ich fühlte mich dem Leben zurückgegeben. Ich klingelte, meine Haushälterin trat ein und meldete mir den Beſuch eines Chirurgs des benachbarten Dorfes. Sie war ſehr traurig herein⸗ gekommen, als ſie mich aber näher anſah, zeigte ſich Heiterkeit auf ihrem hüb ſchen Geſicht. „Wir werden zuſammen eſſen, meine Theure,“ ſagte ich ihr;„zuvor aber ſchicken Sie mir den Chi⸗ ds herein, denn ich will hören, was er mir zu ſagen at.“ Der brave Menſch trat ein, blickte ſorgfältig um⸗ her, und als er überzeugt war, mit mir allein zu ſein, näherte er ſich meinem Ohr und flüſterte mir zu, Le Due hätte eine ekelhafte Krankheit. Ich brach in lautes Gelächter aus, denn ich hatte irgend eine Abſcheulichkeit erwartet. „Mein lieber Doktor,“ ſagte ich ihm,„ſparen Sie nichts, um ihn zu heilen und ich werde Sie reichlich belohnen; ein anderes Mal aber machen Sie mir Ihre vertrauten Mittheilungen mit etwas weniger finſterem Geſicht. Wie alt ſind Sie?“ „Bald achtzig Jahre.“ „Gott erhalte Sie!“ Ich war um ſo mehr geneigt, Mitleid mit mei⸗ nem armen Spanier zu haben, als ich einen ähnlichen Zuſtand meinerſeits befürchten mußte. Wer weiß nicht, daß das Unglück zur Sympathie geneigt macht! Nicht bei dem Menſchen, den das Glück mit allen ſeinen Gunſt⸗ bezeugungen überhäuft, findet der Arme eine innige Theilnahme; die Hülfe, die er von ihm empfängt, ver⸗ dankt er mehr der Prahlſucht, als dem Wohlwollen; der Betrübte darf keinen Troſt bei dem ſuchen, der den Kummer nie kannte, wenn es dergleichen Menſchen 4 167 auf Erden giebt. Uebrigens war Le Duc bei ſeinem erſten Verſuche, während ich denſelben ſchon längſt hinter mir hatte. Ich war außerdem auch vierzehn Jahre älter als er, aber bei ſeinen Neigungen hatte er das Zeug dazu, mich einzuholen. Meine Haushälterin war zurückgekehrt, um mich anzukleiden, und fragte mich, was der Arzt beabſichtigte. „Um Sie zum Lachen zu bringen, muß er Ihnen etwas ſehr Lächerliches geſagt haben.“ „Das iſt wahr, und ich will es Ihnen mitthei⸗ len; ſagen Sie mir aber zuvor, ob Sie wiſſen, was man unter Venusübel verſteht.“ „Ich weiß es, denn der Laufer der Lady Mon⸗ tague ſtarb daran, während ich bei dieſer Dame war.“ „Nun gut denn, meine Liebe! Aber thun Sie, als wüßten Sie nicht, was es iſt. Sie werden darin vielen ſchönen Damen nachahmen, die wohl daran thun, eine Unwiſſenheit zu zeigen, die das ſchöne Geſchlecht gut kleidet. Der arme Le Duc leidet an dieſer Krankheit.“ „Der arme Burſche! Ich beklage ihn. Und dar⸗ über haben Sie gelacht?“ „Nein, ſondern über das geheimnißvolle Weſen, mit dem der gute Greis mir die Sache mittheilte.“ „Mein Herr, ich habe Ihnen auch eine große Mit⸗ theilung zu machen, und wenn das geſchehen iſt, müſſen Sie mir entweder verzeihen, oder mich fortjagen.“ „Wieder etwas Unangenehmes? Was zum Teu⸗ fel können Sie denn gethan haben? Sprechen Sie ſchnell!“ „Mein Herr, ich habe Sie beſtohlen.“ „Wie! Beſtohlen? Wann? Auf welche Weiſe? Können Sie das Geſtohlene zurückgeben? Ich hielt Sie deſſen nicht für fähig. Ich verzeihe nie einem Diebe oder einem Lügner.“ 168 „Mein Gott, mein Herr, wie heftig Sie ſind! Nun wohl, ich will Sie zum Lügner machen, denn ich bin überzeugt, daß Sie mir verzeihen werden, weil ich Sie erſt vor einer halben Stunde beſtohlen habe und ich Ihnen auf der Stelle den geſtohlenen Gegenſtand zurückgeben werde.“ „Meine Theure, Sie ſind ein ſonderbares Ge⸗ ſchöpf. Nun, vollſtändige Nachſicht; aber geben Sie nir ſchnell zurück, was Sie unrechtmäßiger Weiſe be⸗ itzen.“ „Hier iſt mein Diebſtahl!“ „Wie? Den Brief des Ungeheuers? Haben Sie ihn geleſen?“ „Hätte ich außerdem einen Diebſtahl begangen?“ „Sie haben mir alſo mein Geheimniß geſtohlen, und dieſen Gegenſtand können Sie mir nicht zurück⸗ geben. „Sie kleines Ungeheuer, Sie haben ein großes Verbrechen begangen!“ „Ich beichte es. Dieſer Diebſtahl iſt um ſo grö⸗ ßer, da ich ihn nicht erſtatten kann. Indeß darf ich Ihnen verſprechen, daß ich davon nie in meinem Leben ein Wort verrathen werde, und das muß mir Ihre Verzeihung eintragen. Schnell! Schnell!“ „O, Sie Zauberin! Schnell! Schnell! Ich ver⸗ zeihe Ihnen, und hier iſt das Pfand meiner Verzei⸗ hung.“ Indem ich dies ſagte, preßten meine Lippen auf ihren ſchönen Mund heiße Küſſe. „O, ich glaube an eine Verzeihung, denn ſie wurde doppelt und dreifach gegeben.“ „Ja, aber in Zukunft unterlaſſen Sie es nicht nur, meine Papiere zu leſen, ſondern auch, ſie zu be⸗ rühren, denn ich beſitze Geheimniſſe, über die ich nicht Herr bin.“ 169 „Das mag ſein; wenn ich nun aber verlorene fände, wie dieſes hier?“ „Dann müßten Sie ſie aufheben, doch nicht leſen.“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Gut, meine Liebe; doch vergeſſen Sie die Ab⸗ ſcheulichkeit, die Sie geleſen haben.“ „Hören Sie mich wohl an und geſtatten Sie mir, mich daran zu erinnern; Sie werden vielleicht dabei gewinnen können. Sprechen wir von dieſer abſcheulichen Angelegenheit, bei der ſich mir die Haare ſträuben. Dieſes ſchamloſe Ungeheuer hat Ihrer Seele einen tödt⸗ lichen Schlag verſetzt und Ihrem Körper einen andern; doch das iſt noch nicht das Schlimmſte, denn ſie glaubt auch die Frau von*** zu entehren und dieſes Ver⸗ brechen überſteigt in meinen Augen die anderen noch bei weitem; denn ungeachtet dieſes Streiches muß ihre gegenſeitige Liebe noch beſtehen, um das Uebel, welches die Nichtswürdige Ihnen mitgetheilt, wird vorübergehen; wenn dagegen dieſes boshafte Weib thut, was es denkt, dann iſt die Ehre der reizenden Frau von*er rettungslos verloren. Verlangen Sie daher nicht, daß ich die Sache vergeſſe; ſprechen wir im Gegentheil davon, um ein Mittel ausfindig zu machen. Ich verdiene ihr Vertrauen, das dürfen Sie mir glauben, und ich bin überzeugt, Ihre Achtung ge⸗ winnen zu können.“ Ich glaubte zu träumen, indem ich eine junge Frau ihres Standes mit größerer Weisheit urtheilen hörte, als Minerva gegen Telemach äußerte; mehr brauchte ſie nicht, um meine Achtung und ſogar meine Ehrfurcht zu gewinnen. „Ja, meine theure Freundin,“ ſagte ich,„denken wir daran, eine Frau, welche der Huldigungen aller Ehrenleute würdig iſt, aus einer drohenden Gefahr zu 170 retten, ich weiß es Ihnen Dank, daß Sie glauben, die Sache ſei möglich. Denken wir daran und ſpre⸗ chen wir Tag und Nacht davon. Lieben Sie Frau von***, verzeihen Sie ihr eine erſte Verirrung, ſchützen Sie ihre Ehre und haben Sie Mitleid mit meinem Zuſtande; ſein ſie von nun an meine theure Freun⸗ din; vergeſſen Sie gegen mich den unwürdigen Titel eines Herrn, um mir den eines Freundes zu geben. Ich werde der Ihrige bis zum Tode bleiben, das ſchwöre ich Ihnen. Ihre verſtändigen Worte haben mein Herz gefeſſelt. Umarmen Sie mich.“ „Nein, nein, das iſt nicht nöthig; wir ſind jung und das Gefühl könnte uns leicht irre leiten. Ich verlange, um glücklich zu ſein, nur Ihre Freundſchaft; aber ich verlange ſie nicht umſonſt. Ich werde ſie durch unwiderlegliche Beweiſe verdienen, die ich Ihnen von der meinigen gebe. Inzwiſchen will ich ſerviren laſſen und ich hoffe, daß Sie ſich nach dem Eſſen wieder vollkommen wohl befinden werden.“ Ich war über ſo viel Tugend erſtaunt. Sie konnte nicht erheuchelt ſein, denn um zu verführen, brauchte dieſe reizende Perſon nur die Regeln der Verführung zu kennen. Darüber aber machte ich mir keine Sor⸗ gen; ich ſah mich nahe daran, in ſie verliebt, und in Gefahr, durch ihre Moral getäuſcht zu werden. Denn ihre Eigenliebe würde nicht zugegeben haben, zu ſchwei⸗ gen, ſelbſt wenn ſie aufrichtig meine Liebe getheilt hätte. Das war meine Anſicht und ich beſchloß, mein Feuer nicht zu ſchüren, da ich überzeugt war, daß es aus Mangel an Nahrung erlöſchen würde. Indem ich meine Liebe in der Kindheit ließ, mußte ſie ver⸗ ſchmachten, wie die Langeweile, welche die Kinder tödtet. Ich urtheilte wie ein Narr; ich vergaß, daß es nicht möglich wäre, ſie auf bloße Freundſchaft mit einer — — 8 H 8 7 E Frau zu beſchränken, die man ſchön findet, mit der 171 man ſich jeden Augenblick unterhält, mit der man zwan⸗ zig Mal täglich in die nächſte Berührung kommt, und beſonders wenn man ſie für verliebt hält. Die Freund⸗ ſchaft wird auf ihrem höchſten Gipfel zur Liebe, und das Heilmittel, welches man anwenden muß, um ſie einen Augenblick zum Schweigen zu bringen, reizt ſie nur noch mehr. Ein Platoniker, welcher behauptet, man könnte nur der Freund einer hübſchen Frau ſein, die gefällt, und mit der man zuſammen lebt, iſt ein Vi⸗ ſionär, der nicht weiß, was er ſagt. Meine Haus⸗ hälterin war zu jung, zu ſchön und beſonders zu lie⸗ benswürdig; ſie hatte einen zu gebildeten Geiſt, als daß ich nicht allein dieſen Eigenſchaften zuſammen hätte Gerechtigkeit widerfahren laſſen; ich mußte daher nothwendiger Weiſe raſend verliebt in ſie werden. Wir ſpeiſten ruhig, ohne die Angelegenheit, die uns am Herzen lag, zu erwähnen; denn nichts iſt gefährlicher, als in Gegenwart boshafter oder unwiſ⸗ ſender Dienſtboten zu ſprechen, die falſch hören, etwas hinzuſetzen oder weglaſſen und das Vorrecht zu haben glauben, die Geheimniſſe ihrer Herren zu enthüllen, um ſo mehr, da ſie dieſelben kennen, ohne daß man ſie ihnen anvertraut hat. Sobald wir allein waren, fragte mich meine theure Dubois, ob ich hinreichende Beweiſe von der Treue Le Ducs hätte. „Meine Liebe,“ engegnete ich,„er iſt zuweilen ein Schelm, ein großer Wüſtling, keck bis zur Unver⸗ ſchämtheit, voll Geiſt, unwiſſend, ein ſchamloſer Lüg⸗ ner, den Niemand, mich ausgenommen, von allen die⸗ ſen Fehlern befreien kann. Gleichwohl hat dieſer Tauge⸗ nichts ſehr ſchätzbare Eigenſchaften: er thut blindlings Alles, was ich ihm befehle, trotzt Allem, um zu ge⸗ —————— ——— 172 horchen, und würde ſelbſt dem Galgen trotzen, wenn er ihn nur von fern ſähe. Bin ich auf der Reiſe und wir müſſen durch die Fuhrt eines Fluſſes, ſo ent⸗ kleidet er ſich, ohne daß ich es ihm ſage, wirft ſich in das Waſſer, durchſchwimmt es und prüft, ob ich ohne Gefahr hindurch kann.“ „Das iſt genug. Dieſer Burſche iſt unter den gegenwärtigen Umſtänden ein wahrer Schatz. Ich ver⸗ künde Ihnen zunächſt, mein theurer Freund, da Sie wollen, daß ich Sie ſo nennen ſoll, daß die Ehre der Frau von*es vollkommen geſichert iſt. Thun Sie, was ich Ihnen rathen werde, und wenn die abſcheuliche Wittwe nicht klug iſt, ſo wird ſie allein proſtituirt wer⸗ den. Aber wir brauchen Le Duc; ohne ihn iſt nichts zu thun. Vor Allem müſſen wir die Geſchichte ſeiner Krankheit kennen, denn mehrere Umſtände könnten mei⸗ nen Plan ſtören. Erkundigen Sie ſich daher ſchnell bei ihm ſelbſt nach Allem, was ſeine Krankheit be⸗ trifft, und erfahren Sie beſonders, ob er von ſeinem Zuſtande mit den übrigen Dienſtboten geſprochen hat. Wenn Sie Alles gehört haben, legen Sie ihm das ſtrengſte Schweigen über die Theilnahme auf, die Sie an ſeinem Uebel nehmen.“ Ohne das Geringſte zu erwidern, und ohne zu verſuchen, ihren Plan zu errathen, ſuchte ich Le Duc auf. Er war allein, ausgeſtreckt auf ſeinem Bett liegend. Ich ſetzte mich lachend zu ihm und begann damit, ihm zu verſprechen, daß ich ihn würde heilen laſſen, jedoch unter der Bedingung, daß er mir alle näheren Umſtände erzählte, wie er zu ſeiner Krankheit gekommen wäre. „Sehr gern, gnädiger Herr. Hören Sie. An dem Tage, an welchem Sie mich nach Solothurn ſchickten, um dort Ihre Briefe abzuholen, ſtieg ich auf der 173 Hälfte des Weges vom Pferde, um in einer Milch⸗ wirthſchaft Milch zu trinken. Ich fand eine junge Bäuerin, die mir gefiel. Ich küßte ſie und ſie ließ mich gewähren; nach einer Viertelſtunde hatte ſie mich in den Zuſtand verſetzt, in dem Sie mich jetzt ſehen.“ „Haſt Du irgend Jemandem davon Etwas geſagt?“ „Ich habe mich wohl gehütet, denn man würde mich verſpottet haben. Der Arzt allein iſt von mei⸗ ner Krankheit unterrichtet, allein er verſprach mir, daß die Geſchwulſt noch heute vorüber gehen würde, und ich hoffe, daß ich Sie morgen bei Tafel bedienen kann.“ „Das iſt gut: erinnere Dich daran, daß ich Dir die größte Verſchwiegenheit befehle.“ Ich erſtattete meiner Minerva Bericht von dieſer Unterhaltung und ſie erwiderte:„Sagen Sie mir, ob die Wittwe, ſtreng genommen darauf ſchwören könnte, mit Ihnen die beiden Stunden auf dem So⸗ pha zugebracht zu haben?“ „Nein; denn ſie hat mich nicht geſehen, und ich ſprach nicht eine Silbe.“ „Sehr gut. Setzen Sie ſich alſo ſogleich an Ih⸗ ren Schreibtiſch und antworten Sie der Unverſchäm⸗ ten, daß ſie gelogen hat, weil Sie ihr Zimmer nicht verlaſſen haben, und ſagen Sie ihr, daß Sie in Ih⸗ rem Hauſe die nöthigen Nachforſchungen anſtellen werden, um zu entdecken, wer der Unglückliche iſt, den ſie verpeſtet hat, ohne ihn zu kennen. Schreiben Sie Ihr und Ihr Brief gehe in 5 Minuten ab. Nach anderthalb Stunden ſchreiben Sie einen zweiten Brief oder kopiren Sie vielmehr bloß das, was ich nieder⸗ ſchreiben werde.“ „Meine reizende Freundin, ich errathe Ihre Ab⸗ ſicht. Der Plan iſt ſinnreich, aber ich habe der Frau von*** auf Ehrenwort verſichert, keinen Schritt in A— 174 dieſer Angelegenheit zu thun, ohne ſie zuvor davon zu benachrichtigen. „Die Sache verlangt, daß Sie ihr Ehrenwort der Nothwendigkeit opfern, die Ehre der Frau zu ret⸗ ten. Die Liebe verhindert Sie, ſo weit zu gehen, wie ich, aber hier hängt Alles von dem raſchen Entſchluſſe und dem Zwiſchenraume zwiſchen dem erſten und dem zweiten Briefe ab. Ich beſchwöre Sie, meinem Rathe zu folgen; das Uebrige werden Sie durch den Brief erfahren, den ich ſchreiben will. Schreiben Sie ſchnell den erſten.“ Ich handelte wie unter dem Einfluſſe eines Zau⸗ berers und geſtattete mir nicht einmal, darüber nach⸗ zudenken; überzeugt, daß der Plan dieſer liebenswür⸗ digen Haushälterin der beſte ſei, der möglich war, gehorchte ich ihr, und hier iſt das billet doux, wel⸗ ches ich an das ſchamloſe Weib ſchrieb: „Die Schamloſigkeit Ihres Briefes iſt in voll⸗ kommener Uebereinſtimmung mit den drei Nächten, die Sie zubrachten, um die Gewißheit einer That⸗ ſache zu erlangen, die keine andere Wirklichkeit hat, als in ihrer verderbten Einbildungskraft. Erfahren Sie, verabſcheuungswürdiges Weib, daß ich mein Zimmer nicht verlaſſen habe und deshalb die Schmach nicht zu beklagen brauche, zwei Stunden bei einem Geſchöpf Ihrer Art zugebracht zu haben. Sie ha⸗ ben die zwei Stunden mit Gott weiß wem ver⸗ lebt, aber ich werde es erfahren, wenn nicht die ganze Sache eine Schöpfung Ihres fanatiſchen Er⸗ findungstalents iſt; ich werde Sie ſpäter davon benachrichtigen. „Danken Sie dem Himmel, ſchamloſes Weib, daß ich Ihren Brief erſt nach der Entfernung des Herrn und der Frau von xEs eröffnete. Ich em⸗ 175 pfing ihn in deren Gegenwart; allein, da ich die Hand verachtete, die ihn ſchrieb, ſteckte ich ihn in die Taſche, nicht neugierig danach, zu wiſſen, was für Nichtswürdigkeiten er enthalten könnte. Wenn ich zu ihrem Unglück neugierig genug geweſen wäre, ihn in Gegenwart meiner Gäſte zu leſen, und dieſe hätten ihn geſehen, ſo dürfen Sie nicht zweifeln, daß ich Ihnen nachgeeilt wäre, und in dem Augenblicke, in welchem ich dies ſage, würden Sie dann nicht mehr im Stande ſein, neue Nichtswürdigkeiten zu erſinnen und auszuüben. Ich befinde mich vollkom⸗ men wohl und fürchte auch keineswegs, krank zu werden; ich werde mich aber nicht in dem Grade erniedrigen, Sie davon zu überzeugen, denn Ihre Augen würden mir ebenſo einen Flecken einprägen, wie die Berührung Ihres Gerippes.“ Ich zeigte den Brief meiner theuern Dubois, welche die Ausdrücke etwas ſtark fand, ſie aber dennoch bil⸗ ligte. Dann ſchickte ich ihn an das abſcheuliche Ge⸗ 4 ſchöpf, welches mich ſo unglücklich gemacht hatte, und 4/ eine halbe Stunde darauf ſendete ich ihr den folgen⸗ den Brief, den ich ſchrieb, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulaſſen.“ „Eine Viertelſtunde nach der Abſendung meines Briefes kam der Chirurg des Dorfes, um mir zu ſagen, daß mein Kammerdiener ſeiner Pflege be⸗ durfte, um ihn von einer ſchmachvollen Krankheit zu heilen, die er ganz kürzlich bekommen hätte. Ich befahl ihm, für den Menſchen Sorge zu tragen, und als er fort war, ſuchte ich den Kranken auf, der nicht ohne einige Schwierigkeiten mir eingeſtand, daß er das ſchöne Geſchenk von Ihnen empfangen hat. Ich fragte ihn, wie er zu ihnen gekommen wäre, und er ſagte mir, er hätte Sie ganz allein und im 176 Dunkeln in die Wohnung des Herrn von** ſchleichen ſehen. Da er gewußt hätte, daß ich ſchliefe und nichts mehr von ihm verlangen könnte, hätte die Neugier ihn getrieben, zu ſehen, was ſie dort ſo heimlich wollten. Denn wenn Sie zu der Dame gegangen wären, die zu dieſer Stunde im Bett lie⸗ gen mußte, ſo würden Sie nicht durch die Garten⸗ thür eingetreten ſein. Er hatte Ihnen Anfangs böſe Abſichten zugetraut und eine Stunde gewartet, um zu ſehen, ob Sie nicht etwas forttrügen und Sie dann feſtzuhalten; als er aber ſah, daß Sie nicht heraus kamen, und er auch kein Geräuſch hörte, bekam er Luſt, ebenfalls hinein zu gehen, als er bemerkte, daß Sie die Thür hinter ſich offen gelaſſen hätten. Er hat mir zugeſchworen, daß er nicht die geringſte Abſicht gehabt, ſich den kleinſten Genuß zu ver⸗ ſchaffen, und ich glaube ihm das ohne Mühe. Er gab mir die Verſicherung, er hätte auf dem Punkte geſtanden, nach Hülfe zu rufen, als Sie ſich ſeiner bemächtigten, indem Sie ihm die Hand auf den Mund legten; aber er änderte ſeine Abſicht, indem er ſich leiſe nach dem Sopha gezogen und mit Küſſen be⸗ deckt fühlte, überzeugt, daß Sie ihn für einen An⸗ dern hielten, und er ſagte mir:„Ich habe ſie ſo be⸗ dient, daß ich wohl eine andere Belohnung, als die von ihr erhaltene, verdient zu haben glaubte.“— Er hat ſie verlaſſen ohne ein Wort zu ſprechen, ſobald der Tag anbrach, denn er fürchtete, erkannt zu werden. Es iſt begreiflich, daß Sie meinen B⸗ dienten für mich gehalten haben, denn in der Nacht ſind alle Katzen grau, und ich wünſche ihnen Glück dazu, daß er ihnen ein Vergnügen verſchaffte, wel⸗ ches Sie ſicher von mir nicht erlangt haben wür⸗ den, denn an Ihrem riechenden Athem und an Ihren 177 verwelkten Reizen würde ich Sie augenblicklich erkannt haben, und das wäre Ihnen ſchlecht bekommen. Zum Glück für mich wie für Sie iſt das nicht geſchehen. Uebrigens mache ich Sie darauf auf⸗ merkſam, daß der arme Burſche wüthend und feſt entſchloſſen iſt, Ihnen einen Beſuch abzuſtatten, den Sie nicht verhindern dürfen, wie ich glaube. Ich rathe Ihnen, ſich ſanft, geduldig und freigebig gegen ihn zu benehmen, denn er iſt ein Spanier und würde die Sache veröffentlichen; die Folgen, die entſtehen werden, fühlen Sie wohl. Er wird Ihnen ſeine Anſprüche ſelbſt mittheilen und Sie werden klug genug ſein, ſie zu bewilligen.“ Eine Stunde nach der Abſendung dieſes Briefes erhielt ich ihre Antwort auf meinen erſten. Sie ſagte, meine Ausflucht wäre ſehr ſinnreich, würde aber zu nichts dienen, denn ſie wäre ihrer Sache gewiß. Sie forderte mich auf, ihr in einigen Tagen zu beweiſen, daß ich mich einer vollkommenen Geſundheit erfreute. Während des Abendeſſens ſtrengte meine theure Dubois ſich an, um mich aufzuheitern. Allein das war vergebliche Mühe, denn ich war zu betrübt, um mich der Munterkeit überlaſſen zu können. Es han⸗ delte ſich nun um den dritten Schritt, der das Werk krönen und die Schamloſe mit Schmach überhäufen ſollte. Da ich die beiden erſten Briefe ſo geſchrieben hatte, wie meine Wirthſchafterin es wollte, fühlte ich, daß ich mich auch bis zu Ende nach ihren Rathſchlägen richten mußte. Sie ſchrieb mir in der That die Wei⸗ ſungen vor, die ich Le Due am nächſten Morgen ertheilen ſollte, und da ſie neugierig danach war, den Verſtand meines Abgeſandten kennen zu lernen, bat ſie mich, ihr zu geſtatten, Alles mit anzuhören, indem ſie ſich hinter dem Vorhang meines Bettes verborgen hielt. X.[30.] 12 178 Als Le Duc am nächſten Morgen zu mir kam, frug ich ihn, ob er im Stande wäre, das Pferd zu beſteigen und einen Auftrag in Solothurn auszurichten. „Ja, gnädiger Herr,“ entgegnete er,„aber der Arzt verlangt durchaus, daß ich morgen anfange, Bäder zu nehmen.“ „Gut. Sobald Dein Pferd bereit iſt, begieb Dich zu der Madame F., aber laß Dich nicht in meinem Namen melden; denn ſie darf weder wiſſen, noch auch nur vermuthen, daß ich Dich ſende. Laß ihr ſagen, Du müßteſt mit ihr ſprechen. Weigert ſie ſich, Dich zu empfangen, ſo erwarte ſie auf der Straße; aber ich denke, ſie wird Dich empfangen, und ſogar ohne Zeugen. Du wirſt ihr ſagen: Sie haben mir die Krankheit, an der ich leide, gegeben, ohne daß ich Sie darum bat; ich verlange daher von Ihnen das Geld, das mir nöthig iſt, um mich behandeln zu laſſen.— Du wirſt dann hinzufügen, ſie hätte Dich zwei Stunden lang im Dunkeln arbeiten laſſen, ohne Dich zu kennen, und Du würdeſt ohne das verhängniß⸗ volle Geſchenk, das ſie Dir gemacht, nie etwas ge⸗ ſagt haben. Da Du aber im Stande wäreſt, ihr den Beweis zu liefern, dürfte ſie ſich über Deinen Schritt nicht wundern. Widerſteht ſie, ſo drohe ihr, ſie bei Gericht zu verklagen. Das iſt Alles; doch ſage kein Wort von mir. Komm dann ohne Zeit⸗ verluſt zurück, damit ich erfahre, wie Alles ge⸗ gangen iſt.“ „Sehr gut, gnädiger Herr; aber wenn das Weib mich zum Fenſter hinauswerfen läßt, kann ich nicht ſo ſchnell wieder kommen.“ „Das iſt gewiß; doch Du haſt nichts zu fürchten, dafür ſtehe ich Dir.“ „Das iſt ein ſonderbarer Auftrag.“ — 179 „Du biſt der Einzige auf der Welt, ihn gut aus⸗ zuführen.“ „Ich bin bereit, zu gehen, allein ich habe Ihnen noch einige weſentliche Fragen vorzulegen. Hat die Dame wirklich das gewiſſe Uebel?“ „Zuverläſſig.“ „So beklage ich ſie. Aber wie ſoll ich denn be⸗ haupten, daß ſie mich angepfeffert hat, während ich doch niemals mit ihr ſprach?“ „Tölpel, bekommt man ſo etwas etwa durch das Sprechen?“ „Nein, aber man ſpricht, um es zu bekommen, oder indem man es bekommt.“ „Du haſt zwei Stunden mit ihr im Dunkeln zu⸗ gebracht, ohne daß Eins von Euch ein Wort ſprach; ſie wird erfahren, daß Du es biſt, dem ſie das ſchöne Geſchenk machte, indem ſie es einem Andern zu geben glaubte.“ „Jetzt, würdiger Herr, fange ich an, die Sache deutlicher zu betrachten. Wenn wir aber im Dunkeln waren, wie kann ich denn wiſſen, daß ſie es geweſen iſt, mit der ich Geſchäfte hatte?“ „Sieh: Du haſt ſie durch die Gartenthür ein⸗ treten ſehen und erkannt, ohne von ihr bemerkt zu werden; aber ſei überzeugt, daß ſie dieſe Fragen nicht an Dich richten wird.“ „Jetzt bin ich im Klaren. Ich gehe ſogleich und bin ſehr neugierig, was ſie mir antworten wird. Aber noch eine weſentliche Frage. Es iſt möglich, daß ſie wegen der Summe handelt, die ſie mir geben ſoll, um mich heilen zu laſſen. Darf ich mich in dieſem Falle mit drei Hundert Francs begnügen?“ „Das iſt zu viel für die Schweiz. Die Hälfte genügt.“ 12* „Aber das iſt ſehr wenig für zwei Stunden eines ſo ſchönen Vergnügens und für ſechs Wochen der Leiden.“ „Ich werde Dir das Uebrige geben.“ „Dann iſt es gut. Sie hat die zerbrochenen Töpfe zu bezahlen. Ich bilde mir ein, Alles zu wiſſen, aber ich werde nichts ſagen. Hören Sie, gnädiger Herr, ich bin überzeugt, daß die ſchändliche Perſon Ihnen das ſchöne Geſchenk gemacht hat, daß Sie ſich deſſen ſchämen und daß Sie ſie jetzt irre leiten wollen.“ „Das iſt möglich, doch ſei verſchwiegen. Mache, daß Du fort kommſt.“ „Wiſſen Sie wohl, mein Freund, daß der Schelm einzig iſt?“ ſagte meine theure Dubois, indem ſie aus dem Alkoven trat.„Ich habe Mühe gehabt, nicht laut zu lachen, als er ſagte, wenn ſie ihn zum Fenſter hinauswerfen ließe, könnte er nicht ſo ſchnell zurück⸗ kommen. Ich bin überzeugt, daß er ſich ſeiner Sendung beſſer entledigen wird, wie der beſte Diplomat. Wenn er nach Solothurn kommt, wird die abſcheuliche Wittwe ihre Antwort auf Ihren zweiten Brief ſchon abgeſchickt haben. Wie neugierig bin ich darauf!“ „Ihnen, meine theure Freundin, gebührt die Ehre dieſes komiſchen Ereigniſſes. Sie haben dieſe In⸗ trigue wie eine Perſon eingefädelt, die in der Kunſt ausgezeichnet iſt. Man würde nimmer glauben, daß das Ganze das Werk einer jungen Novize iſt.“ „Gleichwohl iſt es nur mein erſter Verſuch und ich hoffe, daß es auch der letzte ſein wird.“ „Vorausgeſetzt, daß ſie mich nicht zwingt, den augenſcheinlichen Beweis zu liefern!“ „Aber bis jetzt befinden Sie ſich wohl, glaube ich?“ „Ja, ſehr wohl.“ „Es wäre ſcherzhaft, wenn Sie ſich für krank 181 hielten, ohne es zu ſein, oder daß ſie mit der Furcht davon kämen.“ „Vielleicht hat ſie auch nur Leucorrhoe. Mich verlangt danach, die Entwickelung des Stückes zu er⸗ fahren, damit mein Gewiſſen beruhigt wird.“ „Sie werden Alles der Frau von*x** ſchreiben?“ „Ohne Zweifel, und Sie fühlen wohl, daß ich Ihnen bei ihr nicht die Ehre beilegen kann.“ „Ich bin eiferſüchtig darauf, in Ihren Augen das Verdienſt davon zu haben.“ „Sie dürfen nicht zweifeln, daß es mir ſehr groß erſcheint, meine Theure, und ganz gewiß werde ich Sie der Belohnung, die Ihnen zukommt, nicht berauben.“ „Wenn ich eine Belohnung wünſche, ſo iſt es nur die, daß Sie keine Zurückhaltung gegen mich zeigen.“ „Das iſt zum Erſtaunen, meine Freundin; aber ſagen Sie mir, wie iſt es möglich, daß meine An⸗ gelegenheiten Ihnen eine ſolche Theilnahme einflößen? Es widerſtrebt mir, Sie Ihrem Charakter nach für neugierig zu halten.“ „Sie würden Unrecht thun, bei mir einen Fehler zu vermuthen, der mich in meinen eigenen Augen ent⸗ würdigen würde. Seien Sie überzeugt, daß Sie mich nur neugierig ſehen werden, wenn Sie traurig ſind.“ „Aber was kann Ihnen gegen mich ſo großmüthige Gefühle einflößen?“ „Nur Ihr ehrenwerthes Benehmen gegen mich.“ „Ich bin dadurch wahrhaft ergriffen, meine achtungswerthe Freundin, und ich verſpreche, Ihnen in Zukunft Alles anzuvertrauen, was Sie über mich beruhigen kann.“ „Sie werden mich dadurch glücklich machen!“ Le Duc war kaum ſeit einer Stunde fort, als mir ein Bote einen zweiten Brief der Wittwe überbrachte. 182 Er händigte mir auch ein Päckchen ein, indem er ſagte, er hätte Befehl, auf meine Antwort zu warten. Ich ſagte ihm, er ſolle dies draußen thun, und gab dann den Brief der Madame Dubois, damit ſie Kenntniß davon nehme. Während deſſen ſtützte ich mich auf das Fenſter, denn mir klopfte das Herz ſo, daß ich kaum noch athmen konnte. „Alles geht vortrefflich, mein Freund!“ rief meine Haushälterin,„Alles geht vortrefflich! Da leſen Sie.“ „Sei es, daß Alles, was Sie mir ſagen, wahr iſt, ſei es, daß ich das Opfer einer Fabel bin, die Ihre fruchbare Einbildungskraft ſchnell geſchmiedet hat, eine Einbildungskraft, welche zu Ihrem Unglück in Europa ſchon zu bekannt iſt, ſo nehme ich doch als wahr das an, deſſen Wahrſcheinlichkeit ich nicht leugnen kann. Ich bin in Verzweiflung, einem Unſchuldigen, der mich nie beleidigte, Böſes zu⸗ gefügt zu haben, und erdulde gern die Strafe da⸗ für, indem ich ihm eine Summe gewähre, die mehr als hinreichend iſt, ihn von dem Uebel zu befreien, das er durch mich empfing.— Ich bitte Sie, ihm die beifolgenden fünfundzwanzig Louisd'ors zu überreichen; ſie werden ihm dazu dienen, ſeine Geſundheit wieder zu erlangen und ihn die Bitterkeit des Vergnügens vergeſſen zu laſſen, das ich gewährt zu haben doppelt bereue; aber werden Sie auch großmüthig genug ſein, um Ihre Autorität als Herr aufzubieten, daß er das ſtrengſte Stillſchweigen bewahrt? Ich hoffe es, denn ſo wie Sie mich kennen, müſſen Sie ſich gegen meine Rache ſichern. Bedenken Sie, daß es mir, wenn dieſer ſchlechte Spaß dem Publikum bekannt werden ſollte, leicht ſein würde, ihm eine Wendung zu geben, die Ihnen durchaus nicht angenehm ſein könnte, und die den 183 Ehrenmann, den Sie betrügen, zwingen würde, die Augen zu öffnen; denn ich laſſe es mir nicht aus⸗ reden, daß zu viele Beweiſe Ihr Einverſtändniß mit ſeiner Frau verrathen. Da ich übrigens wün⸗ ſchen muß, daß wir einander nicht mehr begegnen, ſchütze ich eine Familien⸗Angelegenheit vor, um mich zu meinen Eltern nach Luzern zu begeben. Zeigen Sie mir den Empfang dieſes Briefes an.“ „Es verdrießt mich,“ ſagte ich zu meiner Freundin, „daß ich Le Due fortgeſchickt habe, denn dieſes böſe Weib iſt heftig und ich fürchte, daß ihm irgend ein Unglück zuſtößt.“ „Seien Sie ohne Beſorgniß,“ erwiderte ſie,„es wird nichts Aergerliches geſchehen und es iſt beſſer, daß ſie ſich ſehen; ſie hat dann mehr Gewißheit. Schicken Sie ihr das Geld ſogleich zurück; ſie mag es ihm ſelbſt einhändigen und Ihre Rache iſt dann vollſtändig. Sie kann an der Thatſache nicht zweifeln, beſonders wenn Le Duc ſie durch den Augenſchein überzeugt, und in zwei bis drei Stunden haben Sie das Vergnügen, Alles aus ſeinem Munde zu erfahren. Schätzen Sie ſich glücklich, denn die Ehre der reizen⸗ den Frau, die Ihre ganze Zärtlichkeit beſitzt, iſt gegen jeden Angriff geſchützt. Es kann Ihnen kein anderer Verdruß von der Sache zurückbleiben, als die Er⸗ innerung, eine Beute der Liebkoſungen dieſer Meſſa⸗ line geweſen zu ſein, und die Gewißheit, durch dieſe Proſtituirte eine Krankheit bekommen zu haben. Indeß hoffe ich, daß dieſe Krankheit unbedeutend und leicht zu heilen ſein wird. Die Leucorrhoe iſt nicht gerade eine ſchmachvolle Krankheit und ich hörte in London ſagen, ſie wäre ſelten anſteckend. Wir müſſen übrigens ſehr zufrieden ſein, daß ſie nach Luzern reiſt. Lachen Sie, mein theurer Freund, ich beſchwöre Sie darum, denn unſer Glück iſt ganz entſchieden komiſch.“ „Leider iſt es tragi⸗komiſch. Ich kenne das menſch⸗ liche Herz und muß das der Frau von*** verloren aben.“ h„Es iſt wahr, daß— doch denken wir nicht weiter daran. Schnell, antworten Sie ihr wenige Worte und ſchicken Sie ihr die fünfundzwanzig Louisd'ors zurück.“ Hier meine Antwort: 3 „Ihr unwürdiger Verdacht, Ihr abſcheulicher Plan der Rache und der ſchamloſe Brief, den Sie mir ſchrieben, ſind die einzige Urſache Ihrer gerechten und ohne Zweifel ſchmerzlichen Reue. Ich wünſche, daß es Ihnen gelingen möge, Ihr Gewiſſen zu beruhigen. Die Boten haben ſich gekreuzt; das iſt nicht meine Schuld. Ich ſchicke Ihnen die fünf⸗ undzwanzig Louisd'ors zurück, die Sie ſelbſt über⸗ geben können. Ich konnte meinen Bedienten nicht abhalten, Ihnen einen Beſuch zu machen, allein Sie werden ihn diesmal nicht zwei Stunden bei ſich behalten und ihn leichter befriedigen können. Ich wünſche Ihnen eine glückliche Reiſe und ver⸗ ſpreche Ihnen, jede Gelegenheit, Ihnen zu begegnen, zu vermeiden, denn meine Gewohnheit iſt, das zu fliehen, was mir abſcheulich erſcheint. Dann müſſen Sie auch wiſſen, boshaftes Geſchöpf, daß die Welt nicht von Ungeheuern bevölkert iſt, welche der Ehre Derer, denen ihr Ruf theuer iſt, Netze ſtellen. Wenn Sie in Luhzern den apoſtoliſchen Nuntius ſehen, ſo ſprechen Sie mit ihm von mir, und Sie werden erfahren, welchen Ruf ich in Europa genieße. Uebrigens kann ich Ihnen die Verſicherung geben, daß Le Duc von ſeinem Mißgeſchick nur mit mir geſprochen hat, und daß er, wenn Sie ihn gut ——— 185 behandeln, das Schweigen bewahren wird, um ſo mehr, als er auf das, was ihm begegnet iſt, nicht eitel ſein kann. Leben Sie wohl.“ Dieſer Brief fand die Billigung meiner theuern Minerva und ich übergab ihn mit dem Gelde dem Boten.—„Das Stück iſt noch nicht zu Ende,“ ſagte meine Freundin;„es bleiben noch drei Scenen zu erwarten.“ „Und welche ſind das?“ „Die Rückkehr Ihres Spaniers, das Erſcheinen Ihres Uebels und das Erſtaunen der Frau von***, wenn ſie die ganze Geſchichte erfährt.“ Ich zählte die Augenblicke der Abweſenheit Le Duc's, aber vergebens. Er erſchien nicht. Ich war in großer Angſt, obgleich meine theure Dubois mich zu überreden ſuchte, daß er nur ſo lange zögern könnte, weil die Wittwe nicht zu Hauſe geweſen wäre. Es giebt Charaktere, die glücklich genug ſind, um die Möglichkeit eines Unglücks nicht vorausſehen zu können. So war auch ich bis zu dem Alter von dreißig Jahren, als man mich in die Bleikammern brachte. Jetzt fange ich an, Alles ſchwarz zu ſehen, ſelbſt bei einer Hochzeit, zu der man mich einladet, und als ich in Prag bei der Krönung Leopold II. war, ſagte ich: Nolo coronari. Verwünſchtes Alter! Würdig, die Hölle zu bewohnen, wohin Andere es ſchon vor mir brachten: tristisque Senectus! Gegen neun ein halb Uhr erblickte meine Haus⸗ hälterin bei dem hellen Scheine des Mondes Le Duc, der im raſchen Trabe zurückgeritten kam. Das gab mir neues Leben. Ich war ohne Licht, und meine Freundin eilte, ſich in dem Alkoven zu verbergen, denn ſie wollte kein Wort von dem Berichte verlieren, den der Spanier mir erſtatten würde. „Ich ſterbe vor Hunger, gnädiger Herr,“ ſagte er, indem er eintrat.„Ich habe bis ſechs ein halb Uhr auf die Frau warten müſſen. Als ſie nach Hauſe kam, fand ſie mich auf der Treppe und ſagte, ich ſolle gehen, ſie hätte mir nichts zu ſagen.—„Das iſt wohl möglich, meine ſchöne Dame,“ entgegnete ich ihr,„aber ich habe Ihnen zwei Worte zu ſagen und ich bin ſchon ſchrecklich lange Zeit hier.“—„Warten Sie,“ entgegnete ſie mir. Dann ſteckte ſie ein Päckchen und einen Brief in ihre Taſche, auf dem ich Ihre Schrift zu erkennen glaubte.—„Folgen Sie mir,“ fügte ſie hinzu. Als wir in ihrem Zimmer waren und ich Niemand weiter dort ſah, theilte ich ihr mit, ſie hätte mich vergiftet und ich wäre gekommen, um von ihr das Geld zur Bezahlung des Arztes zu verlangen. Da ſie nichts ſagte, wollte ich ſie auf der Stelle überzeugen; aber ſie wendete den Kopf ab und rief:—„Warten Sie ſchon lange Zeit auf mich?“ —„Seit elf Uhr, ohne etwas im Leibe zu haben.“ — Bei dieſen Worten ging ſie hinaus, und nachdem ſie von dem Bedienten, den ſie hierher ſchickte, erfahren hatte, zu welcher Stunde er zurückgekehrt war, kam ſie wieder zurück, ſchloß die Thür und gab mir dies Päckchen, indem ſie ſagte, ich würde darin fünfund⸗ zwanzig Louisd'ors finden, um mich heilen zu laſſen, wenn ich krank wäre; wenn ich aber auf mein Leben hielte, ſo ſollte ich mich hüten, gegen irgend einen Menſchen von der Sache zu reden. Ich gelobte ihr Schweigen und ging und ſo bin ich hier. Gehört das Päckchen mir? „Ganz gewiß. Iß zu Abend und lege Dich ſchlafen.“ Meine theure Dubois kam aus dem Alkoven, um⸗ armte mich mit dem Ausdruck des Triumphes und wir brachten den Abend ſehr vergnügt mit einander zu. —— ————.,—+ 8 187 Am nächſten Tage bemerkte ich die erſten Zeichen des Uebels, welches mir die abſcheuliche Wittwe beigebracht hatte. Allein nach drei oder vier Tagen erkannte ich, wie unbedeutend es ſei, und ſchon nach acht Tagen war ich völlig geheilt. Mein armer Spanier dagegen befand ſich in dem bejammernswertheſten Zuſtande. Den ganzen nächſten Morgen brachte ich damit hin, der Frau von*** zu ſchreiben. Ich erzählte ihr mit allen näheren Umſtänden, was ich gethan hatte, ungeachtet des Verſprechens, ſie zu Rathe zu ziehen, und ſchickte ihr eine Abſchrift von allen Briefen, um ſie zu überzeugen, daß unſere Feindin nach Luzern gereiſt wäre, überzeugt, ſich nur in ihrer Einbildung gerächt zu haben, ſo daß zum Glück ihre Ehre gegen jeden Angriff geſichert wäre. Ich endete meinen langen Brief, indem ich ihr geſtand, ich hätte ſoeben die erſten Symptome meiner Krankheit erkannt; wäre aber überzeugt, binnen wenigen Tagen davon befreit zu ſein. Meinen Brief übergab ich heimlich ihrer Amme und am zweiten Tage darauf empfing ich einige Zeilen von ihrer Hand, durch die ſie mir verkündete, daß ich ſie im Laufe der Woche mit ihrem Manne und Herrn von Chavigny ſehen würde. Ich Unglücklicher! Ich mußte auf jeden Gedanken an Kebe verzichten! Allein meine Dubois, die während der Krankheit Le Duc's den ganzen Tag bei mir verbrachte, fing an, mir Erſatz für Alles zu bieten. Je mehr ich dabei beharrte, in ihr nur eine Freundin zu ſehen, um deſto verliebter wurde ich in ſie; ver⸗ gebens ſchmeichelte ich mir, daß ſie das Gefühl, welches ſie mir eingeflößt hatte, vernichten würde, wenn ich mich zwänge, ſie ohne alle Bedeutung zu betrachten. Ich hatte ihr einen Ring geſchenkt, indem ich ihr ſagte, wenn ſie Luſt bekommen ſollte, ſich desſelben zu ent⸗ äußern, würde ich ihr hundert Louisd'ors dafür geben; dieſe Abſicht konnte ſie aber nur haben, wenn ſie ſich in Noth befand, und das war nicht möglich, ſo lange ich ſie bei mir behielt. Der Gedanke aber, ſie fort⸗ zuſchicken, kam mir albern vor. Sie war unerfahren, aufrichtig, ſcherzhaft, geiſtreich und beſaß ein ſehr richtiges Urtheil. Sie hatte nie geliebt und nur ge⸗ heirathet, um der Lady Montague zu gefallen. Sie ſchrieb nur an ihre Mutter, und um mich ihr gefällig zu erweiſen, las ich ihre Briefe. Dieſe athmeten kindliche Frömmigkeit und waren ausgezeichnet geſchrieben. Eines Tages bat ich ſie, die Briefe ihrer Mutter leſen zu dürfen. „Sie antwortet mir nicht,“ ſagte ſie. „Und weshalb nicht?“ „Aus dem guten Grunde, weil ſie nicht ſchreiben kann. Ich hielt ſie für todt, als ich aus England zurückkehrte, und wurde angenehm überraſcht, als ich bei meiner Rückkehr nach Lauſanne ſie vollkommen geſund fand.“ „Wer begleitete Sie aus England?“ „Niemand.“ 1 „Das iſt unglaublich. Jung, ganz geſchaffen, um lebhafte Begierden einzuflößen, gut gekleidet und in zufälliger Geſellſchaft ſo vieler Leute, verſchieden an Charakter und von Sitten, junger Männer, Wüſt⸗ linge— denn die giebt es überall— wie konnten Sie ſich denn vertheidigen?“ „Mich vertheidigen? Ich brauchte dies nie. Das große Geheimniß beſteht für eine junge Perſon darin, nie Jemanden anzublicken, zu thun, als ob ſie nichts hörte, auf gewiſſe Fragen nichts zu antworten und allein in einem Zimmer zu übernachten, das man feſt verriegelt, oder in den Wirthshäuſern bei den — r 189 wenn eine junge Perſon auf Reiſen Abenteuer hat, ſo darf man ſagen, daß nur ſie dazu nicht ſelten ſelbſt Veranlaſſung gab; denn es iſt leicht, überall tugend⸗ haft zu ſein, wenn man nur die redliche Abſicht hat.“ Sie urtheilte richtig. Sie gab mir die Verſiche⸗ rung, ſie hätte nie irgend ein Abenteuer gehabt und ſich auch nie von dem Wege ihrer Pflicht verirrt, weil ſie das Glück gehabt hätte, niemals verliebt geweſen zu ſein. Ihre unbefangenen Huldigungen, die ohne alle Ziererei waren, und ihre geiſtreichen und ſcharfen Ausfälle unterhielten mich vom Morgen bis zum Abend und zuweilen nannten wir uns Du. Das hieß weit gehen und ungefähr das Ziel bezeichnen, wohin die Macht unſerer Verhältniſſe uns führen mußte. Sie unterhielt mich leidenſchaftlich von den Reizen der Frau von*** und hörte mir mit der lebhafteſten Theilnahme zu, wenn ich ihr meine ver⸗ ſchiedenen Abenteuer erzählte. Kam ich zu den kitze⸗ ligen Punkten und machte Miene, ſie der Schilderung ſchlüpferiger Dinge zu berauben, dann bat ſie mich ſo anmuthig und dringend, ihr nichts zu verbergen, ſo daß ich mich gezwungen ſah, ſie zufrieden zu ſtellen; wenn aber die allzu treue Ausmalung nahe daran war, uns in Feuer zu ſetzen, brach ſie in lautes Ge⸗ lächter aus, legte mir die Hand auf den Mund und entfloh wie ein gehetztes Reh, um ſich in ihr Zimmer einzuſchließen. Ich fragte ſie eines Tages, weshalb ſie ſich einſchlöſſe.—„Es geſchieht,“ ſagte ſie,„um Sie daran zu verhindern, in ſolchen Augenblicken von mir zu verlangen, was ich Ihnen unmöglich ver⸗ weigern könnte.“ Am Tage vor dem, an welchem Herr von Cha⸗ vigny, ſowie Herr und Frau von*** mich uner⸗ wartet um ein Mittageſſen baten, fragte mich meine Wirthinnen zu ſchlafen, wenn es zu ermöglichen iſt; ——— 190 Haushälterin, ob ich irgend ein verliebtes Abenteuer in Holland gehabt hätte. Ich erzählte ihr, was mir mit Eſther begegnet war, und als ich zu der Beſich⸗ tigung des kleinen Zeichens kam, verſchloß meine reizende Neugierige mir den Mund, indem ſie vor Lachen beinahe erſtickte. Ich zog ſie ſanft zu mir, und da ſie ſich auf mich niederſinken ließ, konnte ich dem Verlangen nicht widerſtehen, bei ihr ein ähnliches Zeichen zu ſuchen; ſie vermochte mir nur einen ſchwachen Widerſtand entgegen zu ſetzen. Mein unglücklicher Zuſtand verhinderte mich, mein Opfer auf dem Altar der Liebe zu weihen, und wir beſchränkten uns auf ein Scheingefecht, das nur eine Minute währte; aber unſere Augen ſpielten, und das war nicht geeignet, uns abzukühlen. Als wir zu Ende waren, ſagte ſie lachend, aber dennoch mit geſetztem Weſen:„Mein theurer Freund, wir lieben uns; wenn wir uns nicht vorſehen, ſo werden wir nicht lange mehr bei den bloßen Scherzen ſtehen bleiben.“. Bei dieſen Worten, die ſie mit einem Seufzer be⸗ gleitete, ſtand ſie auf, und nachdem ſie mir eine gute Nacht gewünſcht hatte, ging ſie, um ſich mit ihrer häßlichen Schlafgefährtin niederzulegen. Dies war das erſte Mal, daß wir uns durch die Gewalt unſerer Sinne fortreißen ließen, aber der erſte Schritt war gethan. Ich legte mich vollkommen verliebt ſchlafen und ſah die ganze Herrſchaft voraus, welche dieſe liebenswürdige Frau über meine Seele gewinnen würde. Herr und Frau von***† überraſchten uns auf eine freundliche Weiſe am nächſten Morgen mit Herrn von Chavigny und wir gingen bis zur Stunde des Mittageſſens ſpazieren. Meine theure Dubois machte bei Tiſche die Honneurs und ich ſah mit Vergnügen, daß ſie meine beiden männlichen Gäſte entzückte, denn 191 ſie verließen ſie während unſeres Spazierganges am Nachmittag nicht einen Augenblick, was mich in den Stand ſetzte, mit aller Gemächlichkeit meiner göttlichen Amazone Alles das mündlich zu wiederholen, was ich ihr geſchrieben hatte. Indeß ſagte ich ihr kein Wort von dem Antheil, den meine Haushälterin an der Angelegenheit genommen hatte, denn ſie würde ge⸗ demüthigt worden ſein, hätte ſie erfahren, daß ihre Schwäche derſelben bekannt wäre. „Das Leſen Ihres Briefes,“ ſagte die reizende Frau,„hat mir das größte Vergnügen gewährt, denn die häßliche Perſon darf ſich nun nicht mehr des Glückes ſchmeicheln, zwei Stunden mit Ihnen ver⸗ bracht zu haben. Doch ich bitte Sie, wie war es Ihnen möglich, dieſe bei ihr zuzubringen, ohne, unge⸗ achtet der Dunkelheit, den Unterſchied zu bemerken, der nothwendiger Weiſe zwiſchen uns beſtehen muß! Sie iſt viel kleiner als ich, viel magerer und wenig⸗ ſtens zehn Jahre älter. Ueberdies hat ſie einen ſehr übelriechenden Athem, und Sie haben ſchon bemerken können, daß ich dieſen Fehler nicht habe. Sie waren des Geſichtes und des Gehörs beraubt, aber Ihnen blieb doch das Gefühl, und das Alles entging Ihnen? Das iſt unglaublich!“ „Und dennoch iſt es unglücklicher Weiſe nur zu wahr. Ich war trunken vor Liebe, und da Sie allein alle Fähigkeiten meiner Seele in Anſpruch nahmen, konnte ich nur Sie ſehen.“ „Ich begreife die ganze Gewalt der Einbildungs⸗ kraft in dem erſten Augenblicke, allein dieſe Gewalt mußte nach dem erſten oder zweiten Sturme verſchwin⸗ den, und beſonders durch den Mangel einer Sache, die ich nicht verbergen kann und welche die ganze Kunſt der Koketterie bei ihr nicht nachahmen konnte.“ „Sie haben Recht! den Buſen einer Venus! Und wenn ich bedenke, daß ich nur welkes Fleiſch berührte, fühlte ich mich unangenehm berührt!“ „Sie haben das bemerkt und ſind dadurch nicht abgeſchreckt worden?“ „Konnte ich abgeſchreckt werden, konnte ich ſelbſt nur überlegen, als ich gewiß zu ſein glaubte, Sie in meinen Armen zu halten? Sie, für die ich mein Leben geben würde! Nein, eine rauhe Haut, ein übelriechen⸗ der Athem und alles Andere konnten meine Gluth nicht dämpfen.“ „Das glaube ich! Abſcheuliches und unwürdiges Weib! Ich kann mich von meinem Staunen noch gar nicht erholen! Und das Alles konnten Sie mir ver⸗ zeihen?“ „Ich wiederhole Ihnen, daß der Gedanke, Sie zu beſitzen, mir nicht die Fähigkeit zum Denken ließ; Alles erſchien mir göttlich.“ „Sie hätten mich wie ein verlorenes Weib be⸗ handeln, ſelbſt mißhandeln ſollen, indem Sie mich ſo fanden.“ „Ach, köſtliches Weib, wie ungerecht ſind Sie in dieſem Augenblick!“ „Vielleicht, mein theurer Freund, denn ich bin gegen dieſes Ungeheuer ſo aufgebracht, daß der Zorn mein geſundes Urtheil irre leiten kann. Doch jetzt, wo ſie glauben muß, ſich einem Bedienten hingegeben zu haben, und nach dem erniedrigenden Beſuche, den ſie von ihm empfing, muß ſie vor Scham und Wuth vergehen. Wie konnte ſie denn auch glauben, daß ein Bedienter ſich ſo gut benehmen würde wie Sie? Das iſt gar nicht glaublich! Ich bin überzeugt, daß ſie in dieſem Augenblick in ihn verliebt iſt. Fünfundzwanzig Louis⸗ d'ors! Er würde mit zehn zufrieden geweſen ſein.— Welch ein Glück, daß der arme Burſche gerade zur 193 rechten Zeit krank war! Aber Sie müſſen ihn von Allem in Kenntniß geſetzt haben!“ „Durchaus nicht. Ich ließ ihn glauben, ſie hätte mir wirklich in jenem Zimmer ein Rendezpous ge⸗ geben und ich wäre zwei Stunden mit ihr zuſammen geweſen, ohne, aus Furcht, gehört zu werden, ein Wort zu ſprechen. Er dachte über das nach, was ich ihm zu thun befahl, und glaubte, ich hätte meine Krankheit ſogleich entdeckt, wäre dadurch von Ekel ergriffen worden und hätte die Gelegenheit wahr⸗ genommen, mich ihrer zu entledigen und mich zu rächen, indem ich die Sache leugnete.“ „Das iſt vortrefflich und die Unverſchämtheit dieſes Spaniers iſt wirklich fabelhaft. Ueberraſchender aber als Alles iſt die Krankheit der Nichtswürdigen. Aber wenn das Weib ſich nur aus Prahlerei für krank erklärt hätte, um Ihnen Furcht zu machen, welcher Gefahr war der Schelm dann ausgeſetzt!“ „Ich hegte wirklich dieſe Furcht, denn noch hatte ich kein Zeichen der Krankheit bemerkt.“ „Aber jetzt müſſen Sie Heilmittel brauchen, und ich bin die Urſache davon. Das bringt mich zur Ver⸗ zweiflung!“ „Mein Engel, beruhigen Sie ſich, mein Uebel iſt von ganz geringer Bedeutung. Ich trinke nur Schwefelwaſſer und in acht Tagen bin ich vollkommen wieder hergeſtellt. Ich hoffe dann—“ „Ach, mein theurer Freund!—“ „Was!“ „Ich beſchwöre Sie, laſſen Sie uns nicht mehr daran denken.“ „ Dieſer Widerwille kann ſehr natürlich ſein, wenn die Liebe nicht ſtark iſt. Ich bin ſehr unglücklich!“ „Ich bin es mehr als Sie. Ich liebe Sie, und X.[30.] 13 194 Sie würden undankbar ſein, wenn Sie aufhörten, mich zu lieben. Lieben wir uns, doch trachten wir nicht, uns darnach Beweiſe zu geben, denn dieſe könnten uns ins Verderben bringen.— Verwünſchtes Weib! Sie iſt fort und in vierzehn Tagen reiſen wir eben⸗ falls nach Baſel, wo wir bis Ende November bleiben.“ „Der Streich iſt gefallen und ich muß mich Ihren Geſetzen unterwerfen, oder vielmehr meinem Schickſal, denn Alles, was mir in der Schweiz begegnet, iſt mir verderblich. Was mich tröſtet, iſt, daß ich Ihre Ehre gegen jeden Angriff ſicherte.“ „Sie haben die Achtung und die Freundſchaft meines Mannes gewonnen; wir werden ſtets gute Freunde bleiben!“ „Wenn Sie reiſen, ſo erkenne ich es als meine Pflicht, vor Ihnen zu reiſen. Das wird die Urheberin meines Mißgeſchicks noch mehr überzeugen, daß unſere Freundſchaft nicht ſtrafbar war.“ 1 „Sie denken wie ein Engel und überzeugen mich immer mehr von Ihrer Zärtlichkeit. Wohin wollen Sie ſich begeben?“ 5 2ha Italien. Aber zuvor beſuche ich Bern und enf./ „Sie werden alſo nicht nach Baſel kommen? Das freut mich, ungeachtet des Vergnügens, das ich empfunden haben würde, Sie dort zu ſehen.— Man machte darüber ohne Zweifel ſeine Gloſſen und das würde mir nachtheilig ſein.— Aber wenn es Ihnen während der wenigen Tage, die Sie hier noch zu⸗ bringen, möglich iſt, ſo zeigen Sie ſich heiter; die Traurigkeit kleidet Sie nicht gut.“ Wir kehrten zu dem Geſandten und Herrn von *** zurück, welche keine Zeit gehabt hatten, an uns zu denken, ſo erheiterte meine theure Dubois ſie durch — ⁰— 195⁵ ihre Unterhaltung. Ich machte ihr den Geiz ihres Geiſtes in Beziehung auf mich zum Vorwurf, und Herr von Chavigny ergriff dieſe Gelegenheit, um uns zu ſagen, das käme daher, weil wir verliebt in ein⸗ ander wären und weil die Verliebten ſehr gut die geiſtreiche Unterhaltung entbehren könnten. Aber meine Dubois war nicht verlegen um eine Antwort; ſie beſchäftigte die Herren ganz ausgezeichnet und das gewährte mir Gelegenheit, den Spaziergang mit Frau von*** fortzuſetzen, welche mir ſagte:„Ihre Wirth⸗ ſchafterin, mein theurer Freund, iſt ein Meiſterſtück. Sagen Sie mir eine Wahrheit, und ich verſpreche Ihnen noch vor Ihrer Abreiſe einen Beweis der Dankbarkeit zu geben, der Ihren Beifall haben ſoll.“ „Sprechen Sie, was wollen Sie wiſſen?“ „Sie lieben ſie, und Ihre Liebe wird vergolten?“ „Ich glaube es; aber bis jetzt—“ „Weiter will ich nichts wiſſen, denn wenn es noch nicht geſchehen iſt, ſo wird es geſchehen, und das iſt dasſelbe. Hätten Sie mir geſagt, daß Sie dieſe Frau nicht lieben, ſo würde ich Ihnen nicht geglaubt haben, denn ich begreife nicht, wie ein Mann Ihres Alters mit einer ſolchen Frau zuſammen leben kann, ohne ſie zu lieben. Sie iſt ſehr hübſch, hat den Geiſt eines Engels, Heiterkeit, Talente, einen vortrefflichen Ton und ſpricht ausgezeichnet; das iſt mehr als nöthig, um zu bezaubern, und ich bin überzeugt, daß Sie ſich nur ſchwer von ihr trennen werden. Lebel hat ihr einen ſchlechten Dienſt erwieſen, indem er ſie zu Ihnen brachte, denn ſie genoß eines ſehr guten Rufes, während ſie jetzt bei keiner verſtändigen Dame mehr eine Stelle finden wird.“ „Ich werde ſie nach Rom bringen.“ „Sie werden wohl daran thun.“ 196 Im Augenblick ihrer Abfahrt ſagte ich ihnen, ich würde bald nach Solothurn kommen, um Abſchied von ihnen zu nehmen und ihnen für ihren ausgezeich⸗ neten Empfang zu danken; denn ich hatte mir vor⸗ genommen, in einigen Tagen abzureiſen.— Der Gedanke, Frau von*** nicht mehr zu ſehen, war mir ſo peinlich, daß ich mich niederlegte, ſobald ich in das Haus zurückgekehrt war, und meine Wirth⸗ ſchafterin ehrte meine Traurigkeit und zog ſich eben⸗ fuu zurück, nachdem ſie mir eine gute Nacht gewünſcht atte. Zwei oder drei Tage darauf empfing ich ein Billet von meiner Zauberin, die mir mittheilte, ich ſollte am nächſten Tage gegen zehn Uhr zu ihr kommen und mich zum Mittageſſen bei ihr einladen. Ich führte ihren Befehl buchſtäblich aus. Herr von**ᷣ* empfing mich ſehr freundlich, allein er ſagte mir, er wäre gezwungen, auf das Land zu fahren, und könnte erſt in einer Stunde zurück ſein. Er bäte mich da⸗ her, nicht bös zu werden, wenn er ſeiner Frau den Auftrag gäbe, mich bis dahin zu unterhalten. So geht es mit einem armen Ehemann! Frau von er ſtickte mit einem jungen Mädchen; ich nahm ihre liebenswürdige Geſellſchaft an, aber unter der Bedingung, daß ſie ſich dadurch nicht von ihrer Arbeit abhalten ließe. Das junge Mädchen ging vor Mittag fort, und ſogleich genoſſen wir der friſchen Luft auf einer Terraſſe, die an das Haus ſtieß und auf welcher ein hübſches Kabinet lag, aus deſſen Hintergrunde man, ohne geſehen zu werden, alle Wagen bemerken konnte, die aus der Ferne kamen. „Weshalb, meine göttliche Freundin, haben Sie mir dieſes Glück nicht verſchafft, als ich vollkommen geſund war?“ 197 „Weil mein Mann damals argwöhnte, Sie hätten ſich nur meinetwegen in einen Kellner verwandelt und könnten mir nicht gleichgültig ſein. Ihr geſetztes Be⸗ nehmen hat ſeinen Argwohn verbannt, mehr als Alles aber Ihre Haushälterin, die er für Ihre Frau hält und die er ebenfalls liebt, und zwar ſo ſehr, daß ich glaube, er würde, wenigſtens für einige Tage, gern einen Tauſch eingehen. Wären Sie damitzufrieden?“ „Ach, weshalb kann er nicht ſtattfinden!“ Da ich nur eine Stunde vor mir hatte und ein⸗ ſah, daß dies die letzte ſein würde, die ich das Glück hätte, bei ihr zuzubringen, ſank ich ihr zu Füßen.— Voll Zärtlichkeit ſetzte ſie meinen Wünſchen kein Hin⸗ derniß entgegen; doch zu meinem großen Bedauern mußte ich mich darauf beſchränken, meine Begierden zu täuſchen, denn ich liebte ſie zu aufrichtig, um ein⸗ zuwilligen, ihre Geſundheit in Gefahr zu ſetzen. Ich that Alles, um mein Glück ſo vollſtändig als möglich zu machen. Aber bei dem, was ich ihr ſelbſt ver⸗ ſchaffen konnte, that ohne Zweifel das Vergnügen, mich zu überzeugen, ſie wäre bei weitem mehr werth, als die abſcheuliche Wittwe, das Meiſte. Als wir den Wagen des Mannes kommen ſahen, eilten wir an das andere Ende der Terraſſe, und dort fand uns der ehrliche Mann. Er machte mir tauſend Entſchuldigungen, daß es ihm nicht möglich geweſen wäre, früher zurückzukommen. Wir aßen ſehr gut, doch bei Tiſche unterhielt er mich beinahe ausſchließlich von meiner Dubois, und er ſchien betrübt zu ſein, als ich ihm ſagte, ich beab⸗ ſichtigte, ſie nach Lauſanne zu bringen, um ſie ihrer Mutter zurückzugeben. Um fünf Uhr nahm ich ſchweren Herzens von ihnen Abſchied und begab mich zu Herrn von Chavigny, dem ich Alles mittheilte, was mir be⸗ 198 gegnet war. Ich hätte geglaubt, die Dankbarkeit zu verletzen, wenn ich den liebenswürdigen Greis der Schilderung dieſes Luſtſpieles beraubte, das ihm ohne Zweifel ebenſo unterhaltend erſchien als mir noch heute. Er hatte darauf ein Recht, denn er trug weſentlich zu dem Erfolge eines Planes bei, der nur durch ein beiſpielloſes Verhängniß mir mißglückte. Als Bewunderer des Geiſtes meiner theuern Du⸗ bois— denn ich verhehlte ihm den Antheil nicht, den ſie an der Intrigue gehabt hatte— ſagte er mir, ſo alt er auch wäre, würde er ſich doch glücklich ſchätzen, eine Frau wie ſie bei ſich zu haben, und er war ſehr zufrieden damit, als ich ihm anvertraute, daß ich in ſie verliebt wäre.—„Erſparen Sie ſich die Mühe, mein lieber Caſanova,“ ſagte der liebenswürdige Herr, „in allen Häuſern Solothurns ſich zu verabſchieden. Sie können ſich dieſer Höflichkeitspflicht in meiner Geſellſchaft entledigen, ſelbſt ohne zum Souper zu bleiben, wenn Sie nicht ſpät nach Hauſe kommen wollen.“— Ich befolgte dieſen Rath; ich ſah Frau von*er und glaubte, ſie zum letzten Male zu ſehen. Ich täuſchte mich. Ich ſah ſie zehn Jahre ſpäter, und der Leſer wird an Ort und Stelle erfahren, wo, wann und in welcher Lage dies geſchah. Ehe ich ging, folgte ich dem Geſandten in ſein Zimmer, um ihm, wie er es verdiente, zu danken und ihn um einen Brief nach Bern zu bitten, wo ich vier⸗ zehn Tage zu verleben beabſichtigte. Zugleich bat ich ihn, mir Lebel zu ſchicken, um meine Rechnung mit ihm zu ordnen. Er ſagte mir, er würde mir durch ihn auch einen Brief an Herrn Muralt, Schultheis in Thours, ſchicken. Nach Hauſe zurückgekehrt, fühlte ich mich traurig, den Vorabend meiner Abreiſe aus einer Stadt erreicht — 199 zu haben, wo ich nur ſchwache Siege errang, in Ver⸗ gleich zu den Verluſten, die ich dort machte.— Ich dankte meiner Haushälterin herzlich für die Gefällig⸗ keit, die ſie gehabt hatte, mich zu erwarten, und in⸗ dem ich ihr eine gute Nacht wünſchte, ſagte ich ihr, wir würden in drei Tagen nach Bern abreiſen und ſie möchte ihre Sachen packen. Am nächſten Tage, als wir ziemlich ſchweigſam mit einander das Frühſtück eingenommen hatten, ſagte ſie mir: „Sie nehmen mich alſo mit ſich, mein theurer Freund?“ „Ja, gewiß, wenn Sie mich genug lieben, um gern mit mir zu kommen.“ „Sehr gern, bis an das Ende der Welt, um ſo mehr, da ich Sie traurig ſehe, und gewiſſermaßen krank, während Sie heiter und wohl waren, als ich bei Ihnen in Dienſt trat. Müßte ich Sie verlaſſen, ſo würde ich mich darüber nur tröſten, wenn ich Sie glücklich ſähe.“ Der Chirurg kam in dieſem Augenblick, um mir zu ſagen, mein armer Spanier wäre ſo krank, daß er das Bett nicht verlaſſen könnte. „Ich werde ihn in Bern heilen laſſen,“ ſagte ich;„theilen Sie ihm mit, daß ich übermorgen reiſe, um dort zu Mittag zu ſpeiſen.“ „Mein Herr, ich muß Sie darauf aufmerkſam machen, daß es ihm unmöglich ſein wird, die Reiſe zu machen, obgleich ſie nur ſieben Stunden in An⸗ ſpruch nimmt, er iſt am ganzen Leibe gelähmt.“ „Das betrübt mich, Herr Doktor.“ „Das glaube ich wohl, mein Herr, doch iſt es eine Thatſache.“ „Von der ich mich mit eigenen Augen überzeugen muß.“ 200 Ich ging zu Le Duc und fand in der That den armen Schelm unfähig, ſich zu rühren. Nur ſeine Zunge und ſeine Augen waren frei. „Du biſt ſchön zugerichtet,“ ſagte ich ihm. „Sehr übel, gnädiger Herr, obgleich ich mich im Uebrigen ganz wohl befinde.“ „Das glaube ich, aber Du kannſt Dich nicht kähren und übermorgen will ich in Bern zu Mittag eſſen. „Laſſen Sie mich tragen und mich dort heilen.“ „Du haſt Recht; ich werde Dich in der Sänfte hinbringen laſſen.“ „Ich werde ausſehen wie ein Heiliger, der ſpazieren getragen wird.“ Ich gab einem der anderen Diener Befehl, für Le Due zu ſorgen und Alles zu der Abreiſe bereit zu halten. Dann ließ ich Le Duc durch zwei Pferde, welche eine Sänfte trugen, nach dem Wirthshauſe „zum Falken“ bringen. Lebel kam am Mittag und übergab mir den Brief eines Herrn für Herrn Muralt. Er händigte mir ſeine Quittungen ein, und ich bezahlte ihn ohne Ein⸗ rede, denn ich fand ihn in allen Punkten billig, und behielt ihn und Madame Dubois zum Eſſen bei mir. Ich war nicht redſelig und ſah mit Vergnügen, daß meine beiden Tiſchgenoſſen meine Unterhaltung nicht ver⸗ mißten; ſie plauderten wetteifernd mit einander und auf eine ſehr unterhaltende Weiſe. Es mangelte Lebel nicht an Geiſt. Er ſagte mir, er wäre entzückt, daß ich ihm die Gelegenheit geboten hätte, die Bekanntſchaft der Haushälterin zu machen, die er mir verſchaffte, denn vor dieſem Tage hätte er nicht ſagen dürfen, daß er ſie kenne, weil er ſie in Lauſanne nur drei oder vier Mal auf der Durchreiſe geſehen. Indem er vom Tiſche aufſtand, bat er mich, ihm zu erlauben, 201 ihr zu ſchreiben; ſie aber ergriff das Wort und forderte ihn auf, ſein Verſprechen zu erfüllen. Lebel war ein kiebenswürdiger Mann, nahe den Fünfzigen, und ſein Aeußeres zeigte den rechtſchaffenen Menſchen. In dem Augenblick der Trennung um⸗ armte er ſie, ohne mich um Erlaubniß zu bitten, und ſie gab ſich ihm freundlich hin. Sie ſagte mir, ſobald er fort war, daß die Be⸗ kanntſchaft dieſes redlichen Menſchen ihr nützlich ſein könnte, und daß ſie entzückt darüber wäre, mit ihm in Briefwechſel bleiben zu können. Wir brachten den nächſten Tag damit zu, Alles zu unſerer kleinen Reiſe in Ordnung zu ſetzen, und Le Duc brach in der Sänfte auf, um vier Stunden von Solothurn zu übernachten Um ein Uhr Morgens fuhr ich, nachdem ich den Aufſeher, den Koch und die Lakaien, die ich zurückließ, reichlich bezahlt hatte, in meinem Reiſewagen mit meiner reizenden Dubois ab und um elf Uhr erreichte ich das Wirthshaus, in welchem Le Duc ſchon einige Stunden vor mir ein⸗ getroffen war. Ich ſchloß zunächſt meinen Akkord mit dem Wirthe, denn ich kannte den Gebrauch in den Wirthshäuſern der Schweiz; dann beauftragte ich den Bedienten, den ich behalten hatte und der aus Bern gebürtig war, für Le Duc zu ſorgen, ihm einen guten Arzt zu empfehlen und denſelben aufzufordern, nichts zu ſeiner vollſtändigen Geneſung unverſucht zu laſſen. Darauf aß ich mit meiner Begleiterin in ihrem Zimmer, denn ſie hatte eine eigene Wohnung, und nachdem ich meinen Brief dem Portier des Herrn Muralt übergeben hatte, machte ich einen Spaziergang. Hiebentes Kapitel. Bern.— Die Mate.— Frau von La Saone.— Sarah.— Meine Abreiſe.— Ankunft in Baſel.— Herr Haller. Auf dem Gipfel einer Höhe, von welcher aus meine Augen eine weite Ebene überſehen konnten, durch die ſich ein kleiner Fluß ſchlängelte, bemerkte ich einen Fußpfad, dem ich folgte und der mich zu einer Art von Treppe führte. Ich ſtieg etwa hundert Stufen hinab und fand einige fünfzig Kabinets, die ich für Badegemächer hielt. Während ich den Ort in Augen⸗ ſchein nahm, kam in der That ein Mann mit an⸗ ſtändigem Weſen auf mich zu und fragte mich, ob ich ein Bad nehmen wolle. Ich antwortete ihm bejahend, und er öffnete mir ein Kabinet und ſogleich eilten eine Menge junger Mädchen auf mich zu. „Mein Herr,“ ſagte der Bademeiſter,„jedes dieſer Mädchen ſtrebt nach der Ehre, Sie in dem Bade zu bedienen; Sie brauchen nur zu wählen. Mit einem kleinen Thaler bezahlen Sie das Bad, das Mädchen und Ihren Kaffee.“ Dem Sultan nachahmend, ließ ich meine Augen über den Schwarm der ländlichen Schönen gleiten u Warf der mein Taſchentuch zu, die mir am beſten gefiel. Als wir in mein Kabinet eingetreten waren, ver⸗ 203 ſchloß ſie die Thür von innen; mit dem ernſthafteſten Weſen, ohne ein Wort zu ſprechen und ſogar ohne mich anzuſehen, entkleidete ſie mich, brachte meine Haare unter eine baumwollene Nachtmütze, und ſobald ſie mich in dem Waſſer ſah, entkleidete auch ſie ſich wie eine daran gewöhnte Perſon und kam, ohne ein Wort zu ſprechen, ebenfalls in mein Bad. Hier begann ſie mich überall abzureiben, ausgenommen an einem gewiſſen Orte, den ich mit beiden Händen bedeckt hielt. Als ich genug bearbeitet war, verlangte ich Kaffee. Sie trat aus dem Bade, öffnete die Thür, und nach⸗ dem ſie beſtellt hatte, was ich verlangte, kehrte ſie ohne den geringſten Zwang wieder in das Bad zurück. Als der Kaffee gekommen war, ſtieg ſie wieder hinaus, um ihn zu nehmen, ſchloß die Thür und kam nochmals in das Bad; ſie hielt mir den Präſentir⸗ teller, während ich meine Taſſe leerte, und als ich damit fertig war, blieb ſie neben mir ſitzen. Obgleich ich das Mädchen nicht genauer angeſehen hatte, bemerkte ich doch, daß ſie Alles beſaß, was ein Mann an einem Weibe zu finden wünſchen kann: ein hübſches Geſicht, lebhafte, wohlgeformte Augen, einen ſchönen Mund, gute Zähne, eine geſunde Geſichtsfarbe, einen vollen Buſen, wohlgerundete Hüften und alles Uebrige. Freilich hatte ich gefühlt, daß ihre Hände hätten zarter ſein können, allein ich ſchrieb dies ihrer ſchweren Arbeit zu. Uebrigens war meine Schweizerin erſt achtzehn Jahre alt, und doch blieb ich kalt. Wo⸗ her kam das? Dieſe Frage richtete ich an mich, und antwortete mir darauf, es geſchähe vielleicht, weil ſie zu natürlich wäre und nicht jene Anmuth, jene Ko⸗ ketterie, jene Ziererei beſäße, welche die Frauen mit ſo vieler Kunſt anwenden, um uns zu verführen. Lieben wir denn aber nur Falſchheit und Argliſt? 204 Vielleicht iſt auch zu der Aufreizung unſerer Sinne ein Bedürfniß, daß wir die Reize durch den Schleier der Schamhaftigkeit errathen. Wenn aber bei unſerer Gewohnheit, uns zu bekleiden, das Geſicht, das man aller Welt zeigt, das iſt, was am wenigſten zu unſerer vollſtändigen Befriedigung beiträgt, wie kommt es denn, daß das Geſicht die erſte Rolle ſpielt? Und wie kommt es, daß wir durch das Geſicht verändert werden? Wie kommt es, daß wir auf deſſen alleiniges Zeugniß über die Schönheit eines Weibes ein Urtheil fällen? Und weshalb verzeihen wir es ihr, wenn die übrigen Theile, die ſie uns verbirgt, nicht in Harmonie mit ihrem hübſchen Geſicht ſtehen? Wäre es nicht natür⸗ licher und beſonders vernünftiger und vortheilhafter, das Geſicht zu bedecken und den übrigen Körper nackt zu zeigen? Wenn wir in einen Gegenſtand verliebt wurden, brauchten wir auf dieſe Weiſe, um unſere Flamme zu krönen, nur ein Geſicht zu wünſchen, welches den Reizen, von denen wir ergriffen ſind, entſpräche. Ohne Zweifel wäre das vorzuziehen, denn wir würden dann nur durch eine vollkommene Schön⸗ heit verführt und würden es leicht verzeihen, wenn wir nach dem Ablegen der Maske ein häßliches Geſicht fänden, wo wir ein ſchönes erwarteten. Dann würde eine häßliche Frau, die glücklich wäre, durch die Schönheit ihrer Formen zu verführen, die Einzige ſein, welche nie einwilligte, ihr Geſicht zu zeigen, während die Schöne ſich nicht lange bitten ließ, dies zu thun; die häßlichen würden uns nicht lange ſeufzen laſſen und gefällig ſein, um nicht gezwungen zu wer⸗ den, ſich zu zeigen, und wenn ſie einwilligten, ſich zu demaskiren, ſo geſchähe es erſt, nachdem ſie uns durch den Genuß überzeugt hätten, daß der Menſch ohne die Schönheit des Geſichts auch glücklich ſein kann. 20⁵ Uebrigens iſt es augenſcheinlich und ſogar unbe⸗ ſtreitbar, daß die Unbeſtändigkeit in der Liebe nur durch die Verſchiedenheit der Geſichter beſteht. Wenn man ſie nicht ſähe, würde man immer beſtändig und ſelbſt verliebt in das erſte Weib ſein, das man liebte. Ich weiß wohl, daß viele Narren dieſes ganze Urtheil als thöricht betrachten, aber ich werde ihnen darauf nichts antworten können. Als ich das Bad verlaſſen hatte, nahm ſie Servietten, trocknete mich ab, warf mir mein Hemd über und ordnete mir dann, ſo wie ſie Gott erſchaffen hatte, das Haar. Während ich mich ankleidete, that ſie dies eben⸗ falls, was bald geſchehen war. Dann ſchnallte ſie mir meine Schuhe. Ich gab ihr darauf einen kleinen Thaler für das Bad und ſechs Francs für ſich ſelbſt; aber den Thaler behaltend, gab ſie mir die ſechs Fr. mit geringſchätzigem Weſen zurück, ohne ein Wort zu ſprechen. Das kränkte mich. Ich ſah, daß ich ſie verletzt hatte und daß ſie ſich werth fühlte, nicht ver⸗ achtet zu werden. Ich entfernte mich ziemlich übler Laune. Nach dem Abendeſſen konnte ich mich nicht enthalten, mein Abenteuer vom Nachmittag meiner theuern Dubois mitzutheilen; ſie machte Bemerkungen über alle die Einzelheiten. „Das Mädchen muß nicht hübſch ſein, mein Freund,“ ſagte ſie,„denn wenn ſie es wäre, würden Sie ſicher nicht der Verlockung dieſes Vergnügens widerſtanden haben. Ich möchte ſie wohl ſehen.“ „Wenn Du neugierig danach biſt, führe ich Dich hin.“ „Das würde mir ein großes Vergnügen machen.“ „Aber Du müßteſt Dich als Mann kleiden.“ Sie ſtand auf, ging hinaus, ohne mir etwas zu agen, und eine Viertelſtunde nachher kam ſie in dem 206 Anzuge Le Duc's zurück, doch ohne Hoſen, denn ihre Formen waren an gewiſſen Orten zu ſehr ausgeprägt. Ich forderte ſie auf, eines von meinen Beinkleidern zu nehmen, und wir beſchloſſen die Partie für den nächſten Tag. Um ſechs Uhr weckte ſie mich. Sie war in Männer⸗ kleidung mit einem blauen Ueberrocke, der ihre Formen verbarg. Wir ſtanden auf und gingen nach der Mate. So hieß jener Ort. Aufgeregt durch das Vergnügen, welches die Partie ihr verſprach, war meine theure Dubois ſehr munter. Unmöglich konnten Die, welche ſie ſahen, trotz ihrer Verkleidung, ihr Geſchlecht nicht errathen: ihre weib⸗ lichen Formen ſprangen zu ſehr hervor; ſie zog daher auch den Rock zu, ſo gut ſie konnte. Sobald wir an Ort und Stelle waren, kam der Bademeiſter auf mich zu und fragte mich, ob ich ein Gemach für vier Perſonen begehrte. Ich antwortete bejahend und ſchon waren wir von allen Bademädchen umgeben. Ich zeigte meiner Begleiterin die, welche mich nicht verführt hatte und die gleichwohl ſehr hübſch war. Sie wählte ſie für ſich. Ich warf meine Blicke auf eine Schelmin von ſehr entſchloſſenem Aus⸗ ſehen, und wir begaben uns alle Vier in das Bade⸗ gemach. Sobald ich entkleidet war, ging ich mit meiner derben Schweizerin in das Waſſer; meine Dubois war ſehr langſam; die Neuheit der Sache ſetzte ſie in Verwunderung und Etwas in ihrer Miene verrieth mir ihre Reue, ſich ſo weit eingelaſſen zu haben; allein ſie machte gute Miene zum böſen Spiel und lachte endlich laut, als ſie ſah, wie mein weib⸗ licher Grenadier mich derb abrieb. Sie zögerte, ihr Hemd auszuziehen, allein da nur der erſte Schritt ſchwer wird und eine Scham die anderebeſiegt, ließ ſie es herab⸗ ο— 8 u 8 — 8O 8C-— 8 N U fallen, und ungeachtet ſie ſich mit beiden Händen be⸗ deckte, enthüllte ſie mir wie gegen ihren Willen die ganze Schönheit ihrer Formen. Ihre Dienerin wollte ſie ſo behandeln, wie mich am Tage zuvor, doch ſie bat ſie, ſie in Ruhe zu laſſen; ich ahmte ihrem Bei⸗ ſpiele nach, indem ich meine Dienerin ebenfalls fort⸗ ſchickte und ſie mußte ſich nun wohl entſchließen, ſich durch mich bedienen zu laſſen. Die beiden Schweize⸗ rinnen, die ohne Zweifel oft in ähnlicher Lage ge⸗ weſen waren, gaben uns nun ein Schauſpiel, das mir wohl bekannt, meiner theuern Dubois aber etwas ganz Neues war. Die beiden Bacchantinnen machten den Anfang damit, die Liebkoſungen nachzuahmen, die ich an meiner Begleiterin verſchwendete, während dieſe ſich von ihrem Staunen nicht erholen konnte, als ſie die Wuth ſah, mit welcher meine Dienerin bei der ihrigen die Rolle eines Mannes ſpielte, abgeſehen, daß ich darüber ſelbſt ein wenig überraſcht war, un⸗ geachtet deſſen, was meine ſchöne Nonne in Venedig mich ſechs Jahre zuvor bei meiner ſchönen C. C. ſehen ließ. Ich hätte nimmermehr geglaubt, daß etwas der Art mich zerſtreuen könnte, während ich zum erſten Male eine Frau, die ich liebte und die alle Reize beſaß, welche die Sinne feſſeln können, in meinen Armen hielt; aber der eigenthümliche Kampf der beiden jungen Menaden beſchäftigte ſie ebenſo wie mich.„Das Mädchen, das Sie genommen hatten, muß ein junger Burſche ſein,“ ſagte meine Haushälterin. „Aber, meine Liebe,“ ſagte ich,„Sie ſehen ja ihren Buſen und alle ihre Formen.“ „Ja, aber das hindert nichts.“ Meine dicke Schweizerin, die ſie gehört hatte, wendete ſich um und zeigte mir Etwas, daß ich für eine Unmöglichkeit gehalten hätte. 208 Ich erklärte meiner theuern Dubois die Sache; doch um ſie zu überzeugen, genügte für ſie nicht der Anblick, ſondern nur die Berührung des Gegenſtandes. Dadurch fühlte ſie ſich ſo aufgeregt, daß ſie der Natur nachgab und mir Alles gewährte, was ich wünſchen konnte. . Dieſes Feſt dauerte zwei Stunden und machte, daß wir ſehr zufrieden mit einander in die Stadt zurückkehrten. Als wir das Bad verließen, gab ich jeder der beiden Bacchantinnen einen Louisd'or und ging mit dem feſten Entſchluß, nicht mehr darin zurückzukehren. Man fühlt wohl, daß nach der Probe, die wir angeſtellt hatten, nichts mehr uns hindern konnte, uns unſerer ganzen Liebe hinzugeben. Meine theure Dubois wurde daher auch meine Maitreſſe und wir machten uns während der ganzen Zeit, die wir in Bern zubrachten, gegenſeitig glücklich. Ich war vollſtändig hergeſtellt von meinem Abenteuer mit der abſcheulichen Wittwe und machte die Erfahrung, daß zwar die Freuden vergänglich ſind, die Leiden aber ebenfalls. Ich gehe ſogar noch weiter und be⸗ haupte, daß, wenigſtens in der Liebe, die Freuden dauernder ſind, als die Leiden, weil ſie Erinnerungen zurücklaſſen, von denen man noch im Alter zehrt, während man ſich der Leiden auf eine ſo geringe Weiſe erinnert, daß ſie keinen Einfluß auf das Glück ausüben. Um zehn Uhr meldete man mir den Schultheis von Thours. Er trug ganz ſchwarze franzöſiſche Kleidung und hatte ein. Weſen, das zugleich ſanft, ernſt und höflich war und mir ſehr gefiel. Er hatte ein gewiſſes Alter und gehörte zu den Beamten der Regierung. Er wollte mir durchaus den Brief vorleſen, den Herr von Chavigny ihm über mich geſchrieben 209 hatte. Er war höchſt ſchmeichelhaft, und ich ſagte ihm, wenn er nicht verſiegelt geweſen wäre, würde ich es nicht gewagt haben, ihm denſelben zu überbringen. Er bat mich, für den nächſten Abend an einem Eſſen theilzunehmen und für den Tag darauf an einem Souper von Herren und Damen. Ich ging mit ihm fort und wir begaben uns auf die Bibliothek, wo ich Herrn Felix ſah, einen ehemaligen Mönch, mehr Literat als gelehrt, und einen jungen Mann, Namens Schmidt, der ſehr viel ſprach und in der literariſchen Welt ſchon vortheilhaft bekannt war. Ich hatte auch das Unglück, an dieſem Orte einen ſehr langweiligen Gelehrten zu finden. Er kannte die Namen von zehn Tauſend verſchiedenen Muſcheln und Schnecken aus⸗ wendig, und ich war zwei Stunden lang gezwungen, ihn anzuhören, obgleich dieſe Wiſſenſchaft mir voll⸗ kommen fremd war. Er ſagte mir unter Anderem, daß die Aar, der bekannte Fluß des Kantons, Gold führe. Ich antwortete ihm, das hätte ſie mit allen großen Flüſſen gemeinſchaftlich, allein nach ſeinem Achſelzucken zu urtheilen, ſchien es mir, als wäre er davon nicht überzeugt.— Ich aß bei Herrn von Muralt mit vier oder fünf Damen, welche im beſten Rufe ſtanden. Ich fand ſie hübſch, beſonders eine Frau von Saconnai, die ſehr liebenswürdig und ſehr unter⸗ richtet war.— Ich würde ihr den Hof gemacht haben, wäre ich länger in dieſer Hauptſtadt der Schweiz geblieben, wenn die Schweiz nämlich eine Hauptſtadt haben kann. Die Damen Berns kleiden ſich gut, doch ohne Luxus, weil die Geſetze dieſen verbieten. Sie haben ein gefälliges Weſen und ſprechen das Franzö⸗ ſiſche ſehr geläufig. Sie genießen die größte Freiheit, mißbrauchen dieſelbe aber nicht, ungeachtet der Galanterie, welche die Geſellſchaften belebt, denn der Anſtand ſteht X. [30.] 14 hier in Achtung. Die Männer ſind nicht eiferſüchtig, allein ſie verlangen, daß ihre Frauen um neun Uhr zu Hauſe ſind, um in der Familie zu Abend zu eſſen. Ich brachte in dieſer Stadt drei Wochen zu, nur beſchäftigt mit meiner Dubois und einer alten Dame von fünfundachtzig Jahren, die mich durch ihre Kennt⸗ niſſe in der Chemie ſehr unterhielt und mein Intereſſe in hohem Grade in Anſpruch nahm. Sie war näher vertraut mit dem berühmten Boerhave geweſen und zeigte mir einen Goldbarren, den er in ihrer Gegen⸗ wart gemacht hatte und der vor der Verwandlung Kupfer geweſen war. Ich hielt davon, was ich wollte, allein ſie gab mir die Verſicherung, jener Gelehrte hätte den Stein der Weiſen beſeſſen, indeß doch nur das Geheimniß entdeckt, das menſchliche Leben etwas über ein Jahrhundert hinaus zu verlängern. Boerhave hatte indeß dies Geheimniß nicht für ſich ſelbſt zu benutzen verſtanden, denn er war an einem Herzpolyp vor dem Alter der Reife geſtorben, welches Hippo⸗ krates zwiſchen das ſechzigſte und das ſiebenzigſte Jahr ſetzt. Die vier Millionen, die er ſeiner Tochter hinter⸗ ließ, bewieſen zwar nicht unbedingt, daß er das Ge⸗ heimniß der Goldmacherei beſaß, aber auf eine entſchiedene Weiſe, daß ihm das Talent eigen war, es zu häufen. Die gute Alte ſagte mir, er hätte ihr ein Manuſkript geſchenkt, in welchem das ganze Ver⸗ fahren beſchrieben wäre, das ſie aber ſehr unverſtänd⸗ lich fände. „Sie müſſen es veröffentlichen,“ ſagte ich. „Gott behüte mich davor!“ „So verbrennen Sie es.“ „Dazu habe ich den Muth nicht.“ Herr von Muralt kam, mich abzuholen, um die Uebungen der Berner Bürgerwehr zu ſehen, die ſämmtlich Soldaten ſind, und ich fragte ihn, was der 211 Bär bedeute, den man über dem Stadtthore erblicke. Er gab mir die Erklärung, daß von dem deutſchen Namen dieſes Thieres, Bär, die Stadt und der Kanton Bern ihren Namen erhalten hätten. In Be⸗ ziehung des Ranges iſt Bern der zweite Kanton der Republik, in Beziehung auf Reichthum und Ausdehnung aber der erſte. Er iſt eine Halbinſel, welche durch die Aar gebildet wird, die nahe dem Rhein entſpringt. Herr von Muralt ſprach von der Macht ſeines Kantons, ſeinen Herrſchaften, ſeinen Landvogteien und erklärte mir die Bedeutung und Functionen eines Schultheißen; dann ſprach er von Politik und ſchilderte mir die verſchiedenen Syſteme der Regierungen, welche die helvetiſche Republik bilden. „Ich verſtehe ſehr gut,“ ſagte ich,„daß jeder der dreizehn Kantone, welche den Verein bilden, eine eigene Regierung hat.“ „Das glaube ich,“ entgegnete er, indem er mich unterbrach,„aber was Sie nicht ebenſo gut begreifen und ich auch nicht, iſt, daß mancher Kanton vier Regierungen hat.“ Ich ſoupirte ganz ausgezeichnet mit vierzehn oder fünfzehn Senatoren. Anfangs herrſchte keine Heiter⸗ keit, kein leichtfertiges Geſpräch, keine Unterhaltung über Literatur; man ſprach von dem öffentlichen Recht, von den Staatsrechten, dem Handel, der Oekonomie, der Speculation, der Vaterlandsliebe und der Pflicht, die Freiheit dem Leben vorzuziehen. Ich fühlte mich wie in einem neuen, aber gleichartigen Elemente; ich genoß des Vergnügens, Menſch inmitten eines Kreiſes zu ſein, in welchem Alles die Menſchheit adelte. Aber gegen das Ende der Mahlzeit fingen alle die ſtrengen Republikaner an, ſich gehen zu laſſen; die Reden waren weniger gemäßigt; es gab ſogar lautes Gelächter, 14* 212 eine Folge von den Wirkungen, die der Wein auf das Gehirn ausübt. Ich flößte ihnen Mitleid ein, und obgleich ſie die Nüchternheit lobten, fanden ſie die meinige übermäßig. Indeß ehrten ſie meine Freiheit und zwangen mich nicht zum Trinken, wie es ſehr unpaſſend die Ruſſen, die Schweden, die Polen und im Allgemeinen alle Völker des Nordens thun. Man trennte ſich um Mitternacht, einer in der Schweiz unpaſſenden Stunde, und indem man mir eine gute Nacht wünſchte, bat mich Jeder, ohne zu lügen, auf ſeine Freundſchaft zu rechnen. Während des Abendeſſens und ehe er berauſcht war, hatte Einer von ihnen die Republik Venedig deshalb verurtheilt, weil ſie die Graubündner verbannte; als er indeß durch den Geiſt des Bacchus aufgeklärt war, ent⸗ ſchuldigte er ſich bei mir darüber. „Jede Regierung,“ ſagte er,„muß ihre eigenen Intereſſen beſſer verſtehen, als die Ausländer, welche ihre Unternehmungen tadeln. Jeder muß bei ſich ſelbſt Herr ſein, zu thun, was ihm gut dünkt.“ Als ich nach Hauſe kam, hatte ich das Vergnügen, meine Dubois auf meinem Platze liegen zu finden. Ich bewies ihr meine Freude darüber durch hundert Lieb⸗ koſungen und ſetzte ſie in den Stand weder an meiner Zärtlichkeit, noch an meiner Dankbarkeit zu zweifeln. Ich betrachtete ſie wie meine Frau, wir ſchätzten uns gegenſeitig und konnten nicht vorausſehen, daß wir uns je wieder trennen würden. Wenn zwei Liebende ſich ohne Zwang lieben, ſo wird der Gedanke, ſich jemals zu trennen, in das Reich der Unmöglichkeit verwieſen. Ich empfing am nächſten Tage von meiner guten Frau d'Urfé einen Brief, durch den ſie mich bat, Auf⸗ merkſamkeiten für Frau La Saone zu haben, die Gattin eines ihr befreundeten General⸗Lieutenants. 213 Dieſe Dame war in der Hoffnung nach Bern gekommen, dort von einer abſcheulichen Krankheit geheilt zu werden, die ſie auf eine unglaubliche Weiſe entſtellte. Frau von La Saone war dringend an alle Perſonen von Auszeichnung in der Stadt empfohlen. Sie gab täglich Soupers, hatte einen vortrefflichen Koch und lud nur Männer ein. Sie hatte erklärt, daß ſie keinen Beſuch machen würde, und ſie that Recht, ſo zu handeln. Ich eilte, ihr meine Achtung zu beweiſen, aber mein Gott, was für ein trauriges, verhängnißvolles Schau⸗ ſpiel hatte ich! Ich ſah eine Frau, die mit der größten Eleganz gekleidet war, nachläſſig auf einer Ottomane ruhen. Sobald ſie mich erblickte, ſtand ſie auf, machte mir die anmuthigſte Verbeugung, ſetzte ſich dann und lud mich ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen. Ohne Zweifel mußte ſiemeine Ueberraſchung bemerken; allein wahrſcheinlich an die Wirkung gewöhnt, die ſie auf den erſten Blick hervorbrachte, ſprach ſie ſehr liebenswürdig mit mir, ſo daß ſie dadurch den Wider⸗ willen mildern mußte, den ſie einflößte. Hier ihr Portrait: Frau von La Saone war ſehr gut gekleidet; ſie hatte die weißeſte, fleiſchigſte Hand, die feinſten, rundeſten Arme, die man ſich nur denken kann. Ihr tief ausgeſchnittenes Kleid zeigte eine ſchöne Büſte von blendender Weiße; ihr Wuchs war fein, ihr Fuß der kleinſte, den man ſehen kann. Alles an ihr würde Liebe eingeflößt haben; allein wenn die Blicke gezwungen waren, einen Augenblick auf ihrem Geſichte zu haften, dann wich jedes andere Gefühl dem Mit⸗ leid und dem Abſcheu. Sie war entſetzlich. Das, was ein Geſicht hätte ſein ſollen, war nichts als eine einzige, ſchwarze und ekelhafte Rinde. Es war —— — ꝗᷣ⁴o——— 214 unmöglich, einen einzigen Zug zu erkennen, und dieſe Häßlichkeit wurde noch durch zwei ſchöne ſchwarze, feurige Augen und einen lippenloſen Mund, den ſie halb geöffnet hielt, als wollte ſie zwei Reihen Zähne von blendender Weiße zeigen, geſteigert und bei weitem erhöht. Sie konnte nicht lachen, denn der Schmerz, den ihr die Zuſammenziehung der Muskeln verurſacht haben würde, hätte ihr ſicher Thränen entlockt. Gleich⸗ wohl ſchien ſie zufrieden zu ſein. Die Unterhaltung war köſtlich, ihre Scherze fein, zartſinnig, voll Geiſt und Schärfe und ſie verrieth dabei den Ton der beſten Geſellſchaft. Sie konnte höchſtens dreißig Jahre alt ſein und hatte in Paris drei Kinder von zartem Alter zurückgelaſſen, die ſämmtlich ſehr hübſch waren. Ihr Gemahl war ein ſehr ſchöner Mann, der ſie zärtlich liebte und nie ohne ſie war. Es iſt wahrſcheinlich, daß wenige Soldaten ſeinem Muthe gleich gekommen wären, und ebenſo wahrſcheinlich iſt es, daß er trotz ſeiner ehelichen Unerſchrockenheit die Tapferkeit nicht ſo weit trieb, ſich die Süßigkeit eines Kuſſes zu ge⸗ ſtatten, denn ſchon bei dem bloßen Gedanken daran mußte man zittern. Zurückgetretene Milch nach ihrem erſten Wochenbette hatte die arme Frau in dieſen traurigen Zuſtand verſetzt, den ſie ſeit Jahren ertrug. Alle berühmteſten Aerzte Frankreichs hatten ſich vergeblich bemüht, ſie von dieſer Peſt zu befreien, und ſie war nach Bern gekommen, um ſich hier den Händen zweier berühmter Doktoren anzuvertrauen, die verſprochen hatten, ſie zu heilen. Verſprechungen dieſer Art ſind allen Empirikern gewöhnlich; ſie heilen oder heilen nicht, und wenn man ſie nur reichlich bezahlt, mangelt es ihnen nie an Gründen, um die Schuld ihrer Un⸗ wiſſenheit auf die armen Kranken zu wälzen, die ſie betrogen haben. 215 Der Arzt kam, während ich bei ihr war und ihre geiſtreiche Unterhaltung anfing, mich ihr Geſicht ver⸗ geſſen zu machen. Sie hatte ſchon angefangen, ſeine Mittel zu gebrauchen. Es waren Tropfen, zu denen auch Merkur mit verwendet wurde. „Mir ſcheint,“ ſagte ſie,„als hätte das Jucken ſich geſteigert, ſeitdem ich Ihre Arznei nehme.“ „Es wird,“ erwiderte der Aeskulap,„bis zum Ende der Kur fortdauern, welche drei Monate währen wird.“ „So lange ich mich kratze,“ entgegnete ſie,„bin ich in derſelben Lage und die Kur endet dann nie.“ Der Doktor antwortete ausweichend. Ich ſtand auf, um Abſchied zu nehmen, und indem ſie mir die Hand reichte, lud ſie mich ein für alle Mal zum Abendeſſen ein. Ich ging noch an demſelben Abend zu ihr. Ich ſah die arme Frau von Allem eſſen und Wein trinken, denn der Arzt hatte ihr nichts verboten. Ich ſah voraus, daß ſie niemals geneſen würde. Ihre gute Laune und ihre reizenden Einfälle unter⸗ hielten die ganze Geſellſchaft. Ich begriff, daß man ſich an ihr Geſicht gewöhnen und ohne Ekel mit ihr leben könnte. Am Abend war ſie der Gegenſtand der Unterhaltung mit meiner Begleiterin, die mir ſagte, ungeachtet der Häßlichkeit ihres Geſichtes könnten die Schönheit ihres Körpers und die Vorzüge ihres Geiſtes ihr wohl Anbeter verſchaffen. Ich gab dies zu, ob⸗ gleich ich weit entfernt war, für mich ſelbſt die Mög⸗ lichkeit zu fühlen. Drei oder vier Tage darauf befand ich mich bei einem Buchhändler, bei welchem ich die Zeitung las; ein junger Mann von einigen zwanzig Fahren redete mich ſehr höflich an, indem er mir ſagte, Frau von La Saone bedauerte es, nicht mehr das Vergnügen zu haben, mich zum Abendeſſen bei ſich zu ſehen.— „Sie kennen dieſe Dame?“ 216 „Ich hatte die Ehre, mit Ihnen bei ihr zu ſpeiſen.“ „Das iſt wahr; ich beſann mich nicht gleich auf Sie.“ „Ich beſorge ihr die Werke, die ſie gern lieſt, denn ich bin Buchhändler, und ich eſſe nicht nur jeden Abend bei ihr, ſondern wir frühſtücken auch jeden Morgen miteinander, ehe ſie aufgeſtanden iſt.“ „Ich mache Ihnen darüber mein Kompliment, aber ich wette, daß Sie in einander verliebt ſind.“ „Sie ſcherzen; doch iſt ſie liebenswürdiger, als Sie glauben.“ „Ich ſcherze keineswegs, aber ich wette, daß Sie nicht den Muth haben würden, den Scherz bis zu Ende zu treiben.“ „Sie könnten wohl verlieren.“ „Wirklich? Ich würde das gern thun.“ „Wetten wir.“ „Aber wie wollten Sie es anfangen, mich zu überzeugen?“ „Wetten wir einen Louisd'or und verſprechen Sie mir Verſchwiegenheit.“ „Es gilt einen Louisd'or.“ „Kommen Sie dieſen Abend zum Souper zu der Dame und ich werde Ihnen dann etwas ſagen.“ „Sie ſollen mich dort ſehen.“ Als ich nach Hauſe kam, theilte ich meiner Be⸗ gleiterin das Geſpräch mit, das ich gehabt hatte.— „Ich bin neugierig,“ ſagte ſie,„zu erfahren, wie er ſich benehmen wird, um Sie zu überzeugen.“— Ich verſprach, ſie davon in Kenntniß zu ſetzen und das verurſachte ihr viel Vergnügen. Ich war pünktlich bei dem Rendezvous. Frau von La Saone machte mir liebenswürdige Vorwürfe und gab mir ein vortreffliches Souper. Mein junger 217 Buchhändler war zugegen, allein da ſeine Schöne kein Wort an ihn richtete, ſagte er nichts und blieb wie unbemerkt. Nach dem Abendeſſen gingen wir mit einander fort und während des Weges ſagte er mir, wenn ich wollte, ſo würde er mich am nächſten Morgen um acht Uhr zufrieden ſtellen.—„Die Kammerfrau wird Ihnen ſagen, daß ihre Gebieterin nicht ſichtbar iſt, allein Sie brauchen ihr nur zu entgegnen, Sie würden warten, und gehen dann bis in das Vorzimmer. „Dieſes Vorzimmer hat eine Glasthür, die dem Bett der Dame gegenüber liegt. Ich werde dafür ſorgen, den Vorhang, der die Scheibe bedeckt, zurück⸗ zuſchieben, ſo daß Sie Alles wahrnehmen können, was zwiſchen ihr und mir vorgeht. Wenn die Sache beendigt iſt, entferne ich mich durch eine andere Thür; ſie wird rufen und Sie können ſich melden laſſen. Wenn Sie es mir geſtatten wollen, bringe ich Ihnen dann Mittags einige Werke in den„Falken“, und wenn Sie glauben, daß ich meinen Louisd'or gewonnen habe, bezahlen Sie ihn mir.“ Ich verſprach ihm das und wir trennten uns. Neugierig auf die Sache, die ich indeß nicht für un⸗ möglich hielt, ging ich um acht Uhr zu der Dame, und die Kammerfrau ließ mich eintreten, ſobald ich ihr geſagt hatte, daß ich warten würde. Ich fand in einer kleinen Ecke der Glasthür den Vorhang zurück⸗ geſchoben, und da ich meine Augen an die Oeffnung legte, ſah ich meinen jungen Schweizer auf dem Bett, ſeine Eroberung in den Armen haltend. Eine gewaltige Nachthaube verbarg vollſtändig ihr Geſicht, eine ſehr verſtändige Vorſicht, welche der Schwatzhaftigkeit des Buchhändlers vortrefflich zu Statten kam. Als der Schelm bemerkte, daß ich auf dem Poſten ſei, ließ er 218 mich nicht warten; er ſtand auf und enthüllte meinen Blicken nicht nur alle verborgenen Schätze ſeiner Schönen, ſondern auch ſeine eigenen. Er war von kleinem Wuchs, doch in dem, was die Dame intereſſiren konnte, gebaut wie ein Herkules, und der Schelm ſchien damit Parade zu machen, als wollte er meine Eiferſucht erregen. Er wendete ſein Opfer ſo, daß er es mir von allen Seiten zeigte, benahm ſich als kräftiger Ahlet und ſie ſchien ſeinen Eifer aus allen Kräften zu unterſtützen und zu fördern. Phidias hätte keinen ſchönern Körper zum Modell ſeiner Venus wählen können; die gerundeten weichen Formen ver⸗ einigten ſich mit der Weiße des ſchönen Marmors von Paros. Ich war lebhaft ergriffen und entfernte mich noch vor Beendigung des Kampfes. Ich kehrte in das Hötel zurück und war ſo voll Feuer, daß ich es im Bade der Mate hätte löſchen müſſen, wäre meine theure Dubois nicht zugegen geweſen, um mir zu helfen. Als ich ihr die Geſchichte erzählt hatte, war ſie neu⸗ gierig danach, den Helden kennen zu lernen, und dieſe Befriedigung wurde ihr am Mittag zu Theil. Der junge Buchhändler brachte mir einige Werke, die ich bei ihm beſtellt hatte, und indem ich ſie ihm bezahlte, gab ich ihm auch den Preis unſerer Wette und noch einen Louisd'or mehr als Zeichen meiner Befriedigung. Er nahm ihn lächelnd, als wollte er ſagen, ich müßte ſehr zufrieden damit ſein, verloren zu haben. Meine Gefährtin ſah ihn ziemlich lange an und fragte ihn dann, ob er ſie kenne. Er antwortete mit Nein. „Ich ſah Sie als Kind,“ ſagte ſie,„Sie ſind der Sohn des Herrn Mignard, des Geiſtlichen. Sie waren damals etwa zehn Jahre alt.“ „Das iſt wohl möglich, Madame.“ „Sie wollten alſo der Laufbahn Ihres Vaters nicht folgen?“ 219 „Nein, Madame; ich fühle mich viel mehr geneigt für den Kultus des Geſchöpfes als des Schöpfers und hielt dieſen Stand für mich nicht geeignet.“ „Sie haben Recht; denn ein Geiſtlicher muß ver⸗ ſchwiegen ſein und die Verſchwiegenheit wird zuweilen läſtig.“ Dieſe kleine Lehre machte den jungen Menſchen erröthen, allein wir gewährten ihm nicht die Zeit, den Muth zu verlieren. Ich bat ihn zum Eſſen, und ohne daß weiter die Rede von Frau von La Saone war, erzählte er uns feine Liebesabenteuer und eine Menge galanter Geſchichten von den ſchönſten Frauen Berns. Nach ſeiner Entfernung ſagte meine Gefährtin, einen jungen Menſchen der Art könne man nur ein⸗ mal ſehen. Ich theilte ihre Anſicht und empfing ihn nicht mehr bei mir.— Ich erfuhr, daß Frau von La Saone ihn mit nach Paris nahm und dort ſein Glück machte. Manches Glück hat keinen andern Urſprung und bei Vielen iſt der Urſprung noch minder edel. Ich kehrte zu Frau von La Saone nur zurück, um mich bei ihr zu verabſchieden, wie ich bald erwähnen werde.— Ich lebte glücklich mit meiner reizenden Frau, die mir tauſend Mal wiederholte, daß ich auch ſie glücklich mache. Keine Furcht, kein Zweifel an der Zukunft trübte ihre ſchöne Seele; ſie hielt ſich ebenſo, wie ich ſelbſt es war, überzeugt, daß wir uns nie verlaſſen würden, und ſagte mir, ſie würde mir jede Untreue verzeihen, deren ich mich gegen ſie nicht ent⸗ halten könnte, nur müßte ich niemals unterlaſſen, ſie davon in Kenntniß zu ſetzen. Ich geſtehe, daß dies der weibliche Charakter war, deſſen ich bedurfte, um in Frieden und befriedigt zu leben; allein zu einem ſo großen Glücke war ich nicht geboren. Nach Verlauf von vierzehn Tagen oder drei 220 Wochen unſeres Aufenthaltes in Bern empfing meine Gefährtin einen Brief aus Solothurn. Er war von Lebel. Da ich ſie denſelben mit großer Aufmerkſam⸗ keit leſen ſah, fragte ich ſie, was er enthielte. „Da, leſen Sie ihn ſelbſt,“ ſagte ſie. Sie ſetzte ſich zu mir, um in meinen Zügen zu leſen, was dabei in meiner Seele vorgehen würde. Lebel fragte ſie in einem ſehr entſchiedenen Tone, ob ſie ſeine Frau werden wolle. „Ich habe,“ ſchrieb er,„meinen Vorſchlag nur ver⸗ ſchoben, um meine Angelegenheiten zu ordnen und mich zu überzeugen, ob ich Sie heirathen könnte, ſelbſt wenn der Herr Geſandte nicht einwilligen ſollte. Ich habe gefunden, daß ich reich genug bin, um in Bern oder irgendwo anders gut leben zu können, ohne ferner dienen zu müſſen; indeß hätte ich dieſe Maßregel nicht zu treffen gebraucht, denn bei der erſten Mittheilung, die ich Herrn von Chavigny von meinem Plane machte, gewährte er mir mit der größten Freundlichkeit ſeine Einwilligung.“ Er fuhr fort, ſie bittend, ihn nicht zu lange auf eine Antwort warten zu laſſen, und ihm in dieſer zu⸗ nächſt zu ſagen, ob ſie ihn annähme, dann aber, ob ſie wünſche, in Bern zu bleiben, wo ſie in jeder Be⸗ ziehung ihre eigene Herrin ſein ſollte; oder ob ſie es vorzöge, nach Solothurn zurückzukehren, um dort bei dem Geſandten zu bleiben, was ihr Vermögen ver⸗ größern könnte. Er ſchloß damit, ihr zu ſagen, daß Alles, was ſie mit ſich brächte, ihr freies Eigenthum bleiben ſollte, und daß er ihr außerdem ein Witthum bis hundert Tauſend Francs ſichern würde. Von mir ſchrieb er kein Wort. „Meine theure Freundin,“ ſagte ich ihr,„Du biſt vollkommen freie Herrin Deines Willens, aber ich kann N— 2 mir die Trennung von Dir nicht denken, ohne zu glauben, daß ich dadurch der unglücklichſte Menſch werden würde.“ „Und ich das unglücklichſte Weib, mein Freund, wenn ich das Unglück hätte, Dich zu verlieren; denn wenn Du mich nur liebſt, ſo kümmere ich mich nicht darum, durch die Ehe mit Dir verbunden zu werden.“ „Ganz gut, aber was wirſt Du ihm antworten?“ „Du ſollſt morgen meinen Brief leſen. Ich werde ihm artig und ohne Umſchweife ſagen, daß ich Dich liebe, daß ich Dein bin, daß ich mich glücklich ſchätze, und daß es mir daher unmöglich iſt, das vortheil⸗ hafte Anerbieten anzunehmen, das er mir macht. Ich werde ihm ſelbſt ſagen, daß ich ſeine Großmuth würdige und daß ich ſeinen Antrag annehmen ſollte, wenn ich mir nur durch die Klugheit rathen ließe, daß ich aber, beherrſcht durch meine Liebe zu Dir, nur meine Neigung befragen könnte.“ „Ich finde dieſe Wendung Deines Briefes vor⸗ trefflich. Um dergleichen Anerbieten abzuſchlagen, kannſt Du nur die vernünftigen Gründe haben, die Du anführſt; und dann wäre es auch lächerlich, ihn glauben machen zu wollen, daß wir nicht als glücklich Liebende einander angehören, denn das iſt eine augen⸗ ſcheinliche Sache. Dennoch, mein Herz, muß ich Dir bekennen, daß dieſer Brief mich ſehr betrübt.“ „Weshalb denn, mein theurer Freund?“ „Weil ich nicht über hundert Tauſend Francs verfügen kann, um ſie Dir ſogleich anzubieten.“ „Ich verſtehe, mein Freund, und wenn Du ſie mir gäbeſt, ſo würde ich ſie nur annehmen, um ſie Dir in demſelben Augenblicke zurückzugeben. Du biſt ganz ſicher nicht dazu geſchaffen, um arm zu werden, aber wenn das dennoch geſchehen ſollte, ſo darfſt Du 222 überzeugt ſein, daß ich mich glücklich ſchätzen würde, Deine Noth zu theilen.“ Wir ſanken einander in die Arme und die Liebe ließ uns alle ihre Süßigkeiten genießen; gleichwohl bemächtigte ſich, unſeres Glückes ungeachtet, eine gewiſſe Traurigkeit unſerer Seelen. Die ſchmachtende Liebe ſcheint ihre Kräfte zu verdoppeln, aber das iſt nur eine Täuſchung: die Trauer erſchöpft viel ſchneller, als der Genuß. Die Liebe iſt ein junger Trotzkopf, der durch Spiele genährt ſein will und jede andere Nahrung bringt ihm die Auszehrung. Am nächſten Tage ſchrieb meine Freundin an Lebel in dem Sinne, den ſie den Tag zuvor beſchloſſen hatte, und ich hielt mich verpflichtet, an Herrn von Chavigny einen Brief zu ſchreiben, der ein Gewebe der Liebe, des Gefühls und der Philoſophie war.— Ich verhehlte ihm nicht, daß ich das Weib, nach welchem Lebel ſtrebte, leidenſchaftlich liebe; aber ich ſagte ihm zugleich, daß ich als rechtſchaffener Menſch lieber ſterben, als meine reizende Freundin eines ſichern Glückes beraubt ſehen würde. Mein Brief freuete meine Freundin ſehr; denn ſie wollte gern wiſſen, was der Geſandte von dieſer Angelegenheit dächte, die in der That wohl geeignet war, darüber nachzudenken. Nachdem ich an demſelben Tage die Empfehlungs⸗ briefe empfangen, um die ich Frau d'Urfé gebeten hatte, beſchloß ich, nach Lauſanne zu reiſen, und meine theure Dubois war darüber entzückt. Doch hier muß ich etwas zurückgehen. Wenn man wahrhaft von einem Gegenſtande ergriffen wird, entdeckt man an demſelben alle Verdienſte; der Verſtand, der durch das Gefühl getäuſcht wird, glaubt, daß alle Welt auf ſein Glück eiferſüchtig iſt. — “ 8 223 Ein Herr von F., Mitglied des Rathes der Zwei⸗ hundert, den ich bei Frau von La Saone kennen gelernt hatte, war mein Freund geworden. Er beſuchte mich, ich ſtellte ihm meine theure Dubois vor und er be⸗ handelte ſie mit derſelben Auszeichnung, als ob ſie meine Frau geweſen wäre. Er hatte uns auf der Promenade ſeiner Gemahlin vorgeſtellt und uns dann mehrmals mit derſelben und ſeiner Tochter Sarah beſucht. Sarah war erſt dreizehn Jahre alt, aber für ihr Alter ſehr ausgebildet; ſie war eine ſchöne Brünette, voll Geiſt und fand Gefallen daran, tauſend unſchuldige Aeußerungen zu machen, deren Tragweite ſie ſehr gut kannte, obgleich man ſie bei ihrem Anblick für vollkommen unwiſſend hätte halten ſollen. Sie war ausgezeichnet in der Kunſt, von ihrem Vater und ihrer Mutter unſchuldig gehalten zu werden und hatte dadurch größere Freiheit. Sarah hatte erklärt, daß ſie in meine Freundin verliebt ſei, und da ihre Eltern darüber lachten, über⸗ häufte ſie ſie mit allen möglichen Liebkoſungen. Sie kam oft zum Frühſtück zu uns, und wenn ſie uns im Bett fand, küßte ſie meine Freundin, die ſie ihre Frau nannte, fuhr mit ihrer Hand unter die Decke, um ſie zu kitzeln, und ſagte, ſie wäre ihr kleiner Mann und wollte ihr das zeigen. Meine Freundin lachte dar⸗ über und ließ ſie gewähren. Eines Tages lachte ich auch über ihre Kindereien und ſagte, ſie würde mich eiferſüchtig machen, denn ich glaubte wirklich, ſie wäre ein junger Mann, und ich wollte mich davon überzeugen.— Indem ich dies ſagte, ergriff ich ſie und that, als ob ich wirklich meine Unterſuchung anſtellen wollte. Die kleine Schelmin ſagte mir lachend, ich täuſchte mich, allein ihre Hand ſchien die meinige viel mehr zu leiten, als 224 derſelben Widerſtand entgegen zu ſetzen. Das machte mich neugierig und ich konnte mich bald überzeugen, daß ſie ihr Geſchlecht nicht verhehlte. Da ich bemerkte, daß ich von ihr hintergangen wurde, weil ſie offenbar das wünſchte, zog ich meine Hand zurück und theilte meinen Argwohn meiner Geliebten mit, die mir ſagte, daß ich mich nicht täuſche. Da die Kleine mir indeß kein Verlangen einflößte, trieb ich die Sache nicht weiter. Zwei oder drei Tage darauf trat das junge Mädchen in eben dem Augenblicke ein, als ich aufſtand, und ſagte mit ihrer gewöhnlichen Naivetät:„Nun Sie wiſſen, daß ich kein Mann bin, können Sie nicht eiferſüchtig und nicht bös darüber ſein, daß ich Ihren Platz bei meiner kleinen Frau einnehme, wenn ſie es mir geſtattet.“ Meine Freundin, welche Luſt hatte, zu lachen: ſagte ihr: „Komm!“— In einem Nu war ſie entkleidet und lag in den Armen ihrer kleinen Frau, die ſie wie ein verliebter Gatte behandelte. Meine Freundin lachte, und Sarah, die in ihrem Feuer das Mittel gefunden hatte, ſich ihres Hemdes zu entledigen und die Decke abzuwerfen, zeigte ſich meinen Augen ohne den geringſten Schleier, während ſie zugleich alle Schönheiten meiner Freundin enthüllte. Dieſes Schauſpiel entflammte mich. Ich verſchloß die Thür und machte die kleine Schelmin zur Zeugin der Liebe mit meiner Dubois. Sarah verhielt ſich bis zum Ende ruhig und aufmerkſam und ſpielte vollkommen die Ueberraſchte. Als ich aber fertig war, ſagte ſie mit dem unſchuldigſten Weſen:„Thun Sie das noch einmal.“ „Ich kann nicht, meine Liebe, Du ſiehſt wohl, daß ich matt bin.“ „Das iſt komiſch!“ rief ſie, und mit dem Scheine der vollkommenſten Unſchuld unternahm ſie meine Wieder⸗Auferweckung. Als es ihr gelungen war, mich in den Zuſtand zu verſetzen, den ſie zu ſehen wünſchte, ſagte ſie:„So, 1 jetzt gehen Sie,“ und ohne Zweifel würde ich ihr gefolgt ſein, doch meine Freundin ſagte:„Nein, meine 3 4 Theure; da Du ihn zu neuem Leben erweckt haſt, iſt es auch an Dir, ihn wieder zu tödten.“—„Das möchte ich wohl,“ entgegnete die Kleine,„aber ich würde nicht genug Platz dazu haben.“— Indem ſie ſo ſprach, ließ ſie es ſich angelegen ſein, mich von der Wahrheit ihrer Worte zu überzeugen und mir zu beweiſen, daß es nicht an ihr liegen würde, wenn ſie mich nicht umbrächte. Ich ahmte ihre Gefälligkeit nach und näherte mich ihr wie Jemand, der wohl eine Gefälligkeit ausüben will, doch ohne Abſicht, weiter zu gehen. Da ich aber keinen Widerſtand fand, erfüllte ich ihren Willen, ohne daß ſie das geringſte Zeichen der Neuheit gab; im Gegentheil, ſie ſchien den vollkommenſten Genuß gehabt zu haben. Obgleich ich von dem Gegentheil überzeugt war, 4 beherrſchte ich mich ſo, daß ich meiner Freundin ſagte, Sarah hätte mir gewährt, was ſich nicht zwei Mal gewähren läßt, und ſie ſchien es zu glauben. Als die Operation beendigt war, hatten wir einen andern Auftritt, über den wir vor Lachen beinahe erſtickten. Sarah bat uns flehentlich, Papa und Mama nichts davon zu erzählen, denn ſie würden ſie ſonſt auszanken, wie ſie dies gethan hätten, als ſie ſich ohne Erlaubniß die Ohrlöcher ſtechen ließ. Sarah wußte wohl, daß wir durch ihre ſcheinbare Einfalt nicht getäuſcht wurden, allein ſie that, als glaubte ſie das nicht, um daraus Nutzen zu ziehen. 4 X.[30.]. 15 9 21„— *8—A— ⁸ 0 8 2‿= 3 — — ☚ 226 Wer konnte ſie in dieſer Kunſt unterrichtet haben?— Niemand. Das iſt ein natürlicher Verſtand, ſeltener in der Kindheit, als in der Jugend, aber immer ſelten und überraſchend. Ihre Mutter nannte ihre Naivetät den Vorläufer des Geiſtes und ihr Vater das Zeichen der Albernheit. Aber wenn Sarah albern geweſen wäre, würde unſer Gelächter ſie verwirrt haben und ſie hätte dann geſchwiegen, während ſie ſich im Gegen⸗ theil nie zufriedener zeigte, als wenn ihr Vater ihre Dummheit beklagte. Sie äußerte Staunen, und als wollte ſie eine Dummheit gut machen, ließ ſie eine noch größere darauf folgen. Sie richtete an uns Fragen, auf die wir unmög⸗ lich antworten konnten, und wir lachten darüber, obgleich wir, wenn wir die Sache überlegt hätten, leicht entdeckt haben würden, daß ſie dieſe Fragen nur ſtellen konnte, weil ſie ſelbſt ſehr richtig darüber urtheilte. Sie hätte uns leicht beweiſen können, daß die Dummheit auf unſerer Seite ſei, aber ſie wäre dann aus ihrer Rolle gefallen.— Lebel antwortete meiner Freundin nicht, aber Herr von Savigny ſchrieb mir einen vier Seiten langen Brief. Er ſprach als weiſer Philoſoph und als ein durch lange Erfahrung gereifter Weltmann. Er zeigte mir, daß, wenn ich ſo alt geweſen wäre, wie er, und im Stande, nach meinem Tode meiner Freundin ein glückliches und unabhängiges Loos zu ſichern, ich ſie um keinen Preis abtreten dürfte, bis zwiſchen uns eine vollkommene Gleichgültigkeit der Neigungen und der Wünſche ſtattfände; da ich aber jung wäre und nicht die Abſicht hätte, mich durch unauflösliche Bande mit ihr zu vereinigen, ſo müßte ich nicht nur in eine Ver⸗ bindung willigen, die ihr das Glück verhieße, ſondern auch als rechtſchaffener Menſch meinen Einfluß über — —— 227 ſie aufbieten, um ſie zur Einwilligung zu bewegen. —„Bei Ihrer Erfahrung,“ ſagte der liebenswürdige Greis,„müſſen Sie fühlen, daß die Zeit unfehlbar kommen wird, wo Sie Beide es bereuen, dieſe Ge⸗ legenheit unbenutzt gelaſſen zu haben; denn es iſt un⸗ möglich, daß Ihre befriedigte Liebe nicht Freundſchaft werde und Sie müſſen bedenken, daß eine andere Liebe dann an die Stelle der jetzigen tritt, die Ihnen in dieſem Augenblickſo feſt erſcheint, wie der Gott Termus; denn Ihre reizende Dubois kann in der Eigenſchaft als Ihre Freundin nur Ihre Freiheit vermehren und Ihre Reue würde Sie dann unglücklich machen. Lebel,“ fügte er hinzu,„hat mir ſeine Abſicht zu erkennen gegeben, und weit entfernt, ſie nicht zu billigen, habe ich ihn ermuthigt, denn Ihre reizende Freundin hat während der fünf oder ſechs Mal, die ich das Ver⸗ gnügen hatte, ſie bei Ihnen zu ſehen, meine ganze Freundſchaft gefeſſelt. Ich würde mich daher glücklich ſchätzen, ſie bei mir zu ſehen, wo ich ihre liebens⸗ würdige Unterhaltung genießen könnte, ohne in irgend etwas den Anſtand zu verletzen. Sie fühlen aber wohl, daß ich in meinem Alter nicht wahnſinnig genug ſein kann, um irgend eine Hoffnung zu hegen, die ich überdies nicht verwirklichen könnte, ſelbſt wenn ich den Gegenſtand meinen Wünſchen fügſam fände.“— Er ſchloß damit, mir zu ſagen, daß Lebel nicht ver⸗ liebt wäre, wie ein junger Mann; daß er ſeinen Ent⸗ ſchluß wohl überlegt hätte und folglich ſie nicht drängen würde, wie ſie dies aus der Antwort entnehmen könnte, mit der er beſchäftigt wäre.„Eine Ehe,“ ſagte er zuletzt,„darf nie anders als mit Ueberlegung geſchloſſen werden.“ Ich gab meiner Geliebten dieſen Brief; ſie las 15* ihn mit Aufmerkſamkeit und gab ihn mir dann mit vollkommener Gleichgültigkeit zurück. „Was denkſt Du davon, meine theure Freundin?“ „Ich denke, wir folgen dem Rath des Geſandten. Er ſagt, wir hätten nicht nöthig, uns zu beeilen, und das iſt Alles, was wir wollen. Lieben wir uns und denken wir nur daran. Dieſer Brief iſt ſehr ver⸗ ſtändig geſchrieben, allein ich kann mir nicht denken, daß wir einander gleichgültig werden würden, obgleich ich ſehr wohl weiß, daß die Sache zu ermöglichen iſt.“ „Gleichgültig? Nimmermehr! Du täuſcheſt Dich.“ „Nun wohl denn, Freunde, was nicht viel beſſer iſt, nachdem wir Liebende waren.“ „Aber die Freundſchaft, mein Herz, iſt niemals gleichgültig. Die Liebe kann freilich mit daran Theil nehmen; das wiſſen wir, weil es ſo ſeit Anfang der Welt geweſen iſt.“ „Alſo hat der Geſandte Recht. Die Reue kann unſere Seelen quälen und uns unglücklich machen, wenn die Liebe der allzu ruhigen Freundſchaft gewichen iſt.“ „Wenn Du das für möglich hältſt, anbetungs⸗ würdiges Weib, ſo wollen wir uns morgen heirathen und ſo die Vergehungen der menſchlichen Natur beſtrafen.“ „Ja, wir wollen uns heirathen, mein Freund, aber übereilen wir nichts; fürchte, daß Hymen die Verbannung Amors beſchleunigen würde und genießen wir unſeres Glückes, ſo wie es iſt.“ „Du biſt anbetungswürdig, mein Engel, und würdig des glücklichſten Looſes.“ „Ich wünſche mir kein größeres Glück, als das, welches Du mir giebſt.“ Wir legten uns nieder, indem wir unſer Geſpräch fortſetzten, und nach mehrfacher ernſter Berathung 229 trafen wir ein Abkommen, das wir ſehr ſchön und ſehr weiſe fanden.—„Lauſanne,“ ſagte ſie,„iſt eine kleine Stadt, wo Du, wie ich mir denke, ſehr gefeiert werden wirſt, und vierzehn Tage lang hätteſt Du nur die Zeit, Viſiten zu machen und zu den Soupers und Abendgeſellſchaften zu gehen, zu denen Du von allen Seiten eingeladen werden wirſt. Ich bin dem ganzen Adel bekannt und der Herzog von Rosbury, der mich mit ſeiner Liebe beläſtigte, befindet ſich noch dort. Mein Erſcheinen mit Dir würde das Geſpräch für alle Geſellſchaften abgeben, und das würde Dir ebenſo läſtig werden, als mir.— Meine gute Mutter iſt dort; ſie würde nichts ſagen, allein im Grunde fühlte ſie ſich gewiß nicht befriedigt dadurch, mich als Haus⸗ hälterin bei einem Manne, wie Du biſt, zu wiſſen, denn der gewöhnliche Verſtand reicht hin, um aller Welt erklärlich zu machen, daß ich nur Deine Geliebte ſein kann.“ Ich fand, daß ſie Recht hatte und daß man den Anſtand beobachten müſſe. Wir entſchieden daher, daß ſie allein nach Lauſanne reiſen und dort bei ihrer Mutter bleiben ſollte, während ich zwei oder drei Tage ſpäter mich ebenfalls hinbegab und allein dort wohnte und ſie ohne Zwang bei ihrer Mutter ſo oft ſehen konnte, als es mir Vergnügen machen würde. „Wenn Du Lauſanne verläſſeſt,“ ſagte ſie,„treffen wir uns in Genf und von dort reiſen wir überall hin, wohin Du willſt, und ſo lange als wir uns lieben.“— 8 Am zweiten Tage darauf reiſte ſie früh Morgens ab, überzeugt von meiner Beſtändigkeit und ſehr zu⸗ frieden darüber, einen verſtändigen Plan ausführen zu können. Ich war ſehr traurig über ihre Abreiſe, aber die Abſchiedsbeſuche dienten als Zerſtreuung für 230 meinen Schmerz. Ich wünſchte, den berühmten Haller kennen zu lernen, ehe ich die Schweiz verließ, und der Schultheiß Muralt gab mir für ihn einen Brief, was mich ſehr erfreute. Herr Haller war Landvogt in Roche. Als ich Abſchied von Frau von Saone nahm, fand ich ſie im Bett und war gezwungen, eine Viertel⸗ ſtunde mit ihr im téte-à-téte zu bleiben. Sie ſprach natürlich nur von ihrer Krankheit und wußte das Geſpräch ſo zu lenken, daß ſie mit aller Schieklichkeit mir beweiſen konnte, das Uebel, welches ſie entſtellte, hätte ihren ganzen Körper verſchont. Dieſer Anblick überzeugte mich, daß Mignard weniger Tapferkeit nöthig hatte, als ich vermuthete, denn ich war nahe daran, ihr denſelben Dienſt zu leiſten. Man konnte ſie, ſtreng genommen, nur dort anſehen, und es wäre ſchwer geweſen, etwas Schöneres zu erblicken. Ich ſehe voraus, daß mehr als eine Betſchweſter, mehr als ein Rigoriſt, eines Tages, wenn man jemals dieſe Memoiren lieſt, nicht ermangeln wird, über dieſe arme Dame zu ſchreien! Aber indem ſie ſich mit ſolcher Leichtigkeit zeigte, rächte ſie ſich für das Un⸗ recht, welches die Natur ihr anthat, indem ſie ſie ſo entſtellte. Vielleicht wollte ſie auch aus Herzensgüte den Ehrenmann, der den Widerwillen, welchen der Anblick ihres Geſichts in ihm erregen mußte, bezwang, dadurch aus Artigkeit entſchädigen, daß ſie ihm zeigte, auf welche Weiſe die Natur ſie mit Schönheit über⸗ häuft hatte. Ich bin überzeugt, meine Damen, daß ſelbſt die tugendhafteſte Prüde unter Ihnen, wenn Sie ſämmtlich das Unglück hätten, durch das Geſicht ſehr häßlich zu ſein, keine Schwierigkeit dabei machen würde, die Mode einzuführen, die Häßlichkeit zu ver⸗ bergen und Parade mit den Schönheiten zu machen, welche Sie die Gewohnheit haben, unſeren Blicken nicht zu zeigen. Ohne Zweifel würde auch Frau von La Saone geiziger mit der Schönheit ihres Körpers geweſen ſein, wenn ſie gleich Ihnen durch ihr Geſicht hätte glänzen können. Am Tage meiner Abreiſe ſpeiſte ich zu Mittag bei Herrn F., wo die niedliche Sarah mir Vorwürfe darüber machte, daß ich ihre kleine Frau vor mir hätte abreiſen laſſen. Man wird ſehen, wie ich ſie drei Jahre ſpäter in London wieder antraf.— Le Duc war noch in der Kur und ſehr ſchwach; gleichwohl nahm ich ihn mit mir, denn ich hatte viele Effekten und konnte nur ihm vertrauen. Ich verließ Bern mit einem ſehr natürlichen Ein⸗ druck der Trauer. Ich war in dieſer Stadt glücklich geweſen und denke nie an ſie ohne ein Gefühl des Vergnügens zurück. Ich ſollte den Doktor Herrenſchwand für Frau von Urfé zu Rathe ziehen und that dies, indem ich in Murten anhielt, wo er wohnte; Murten liegt nur vier Stunden von Bern. Der Doktor behielt mich zum Eſſen zurück, weil ich über die Vortrefflichkeit der Fiſche des See's ein Urtheil abgeben ſollte, die ich in der That ausgezeichnet köſtlich fand. Ich hatte die Abſicht, ſogleich nach dem Eſſen weiter zu reiſen, allein als ich in mein Wirthshaus zurückkehrte, ent⸗ ſchloß ich mich, den Reſt des Tages hier zu bleiben, weil ich eine Neugierde empfand, die der Leſer mir mitzutheilen geſtatten wird. Nachdem der Doktor Herrenſchwand zwei Louisd'ors für eine ſchriftliche Conſultation empfangen hatte, forderte er mich auf, einen Spaziergang auf dem Wege von Wifflisburg zu machen, und wir gingen bis zu dem berühmten Beinhauſe von Murten. „Dieſes Beinhaus,“ ſagte der Doktor,„iſt mit 232 einem Theile von den Gebeinen der Burgunder aus⸗ geführt worden, die hier in der berühmten Schlacht fielen, welche Karl der Kühne verloren hat.“ Ueber die lateiniſche Inſchrift mußte ich lachen. „Dieſe Inſchrift,“ ſagte ich zu ihm,„enthält einen beleidigenden Scherz, der komiſch wird, denn der Ernſt einer Inſchrift geſtattet einer Nation nicht, Die, welche dieſelbe leſen, zum Gelächter zu bringen.“ Als guter Schweizer wollte der Doktor dies nicht zugeſtehen, allein ich glaube, es geſchah aus falſcher Scham. Hier dieſe Inſchrift; der unparteiiſche Leſer möge darüber urtheilen: Deo Opt. Max. Caroli, inclyti et fortissimi Burgundiae ducis, exercites Nuratum obsidens, ab Helvetiis coesus, hoc sui monumentum reliquit, anno MCCXXVI. Ich hatte bisher von Murten einen hohen Begriff gehabt. Sein ſiebenhundertjähriger Ruf, drei große Belagerungen, die ausgehalten und abgeſchlagen worden waren— Alles flößte mir eine erhabene Anſicht ein. Ich erwartete etwas zu finden und fand nichts. „Murten,“ fragte ich den Doktor,„iſt alſo ver⸗ nichtet, der Erde gleich gemacht worden?“ „Keineswegs! es iſt ſo, oder doch ziemlich ſo, wie es ſtets war.“ Ich glaube, daß der Menſch, der ſich unterrichten will, zunächſt leſen und reiſen muß, um dann zu berichten, was er gelernt hat. Etwas ſchlecht zu wiſſen, wäre ſchlimmer, als es nicht zu wiſſen, und Montague ſagt, daß man richtig wiſſen muß. Doch hier das komiſche Abenteuer, welches mich bewog, die Nacht in Murten zu bleiben. „Ich fand in dem Wirthshauſe ein junges Dienſt⸗ mädchen, welches romaniſch ſprach. Sie fiel mir durch —— — ihre außerordentliche Aehnlichkeit mit meiner ſchönen Strumpfhändlerin in Paris auf. Sie hieß Raton, ein Name, den ich zum Glück im Gedächtniß behielt. Ich bot ihr ſechs Francs als Preis für eine Gefällig⸗ keit, allein ſie lehnte ſie mit einer Art von Stolz ab und ſagte, ich hätte mich an die Unrechte gewendet, denn ſie wäre ein tugendhaftes Mädchen.—„Das iſt möglich,“ ſagte ich und befahl, meinen Wagen anzu⸗ ſpannen. Als die tugendhafte Raton mich im Begriff ſah, abzureiſen, ſagte ſie mit halb lachendem, halb ſchüchternem Weſen, ſie brauche zwei Louisd'or, und wenn ich ſie ihr geben und die Nacht bleiben wolle, würde ich zufrieden ſein. „Ich bleibe; aber ſei Du fügſam.“ „Ich werde es ſein.“ Als alle Welt zu Bett gegangen war, kam ſie auf mein Zimmer und zeigte dabei ein ängſtliches Weſen, das ganz geeignet war, meine Gluth zu verdoppeln; in Folge eines eigenthümlichen Glückes aber fühlte ich ein dringendes Bedürfniß, nahm das Licht und eilte an den Ort, wo ich es befriedigen konnte. Während meiner Beſchäftigung unterhielt ich mich damit, die tauſend Albernheiten zu leſen, die man an ſolchen Orten an Wänden und Thüren findet. Da fielen meine Blicke auf die Worte: „Am 10. Auguſt 1760 hat die unwürdige Raton mich angeſteckt. Wink für den Leſer.“ Ich war beinahe geneigt, an Wunder zu glauben, denn ich konnte nicht denken, daß zwei Ratons in dem Hauſe ſein ſollten. Ich kehrte ſehr heiter in mein Zimmer zurück und fand die Schöne ſchon im Bett und ohne Hemd. Ich ging nach der Ecke, wo ſie es ab⸗ gelegt hatte, und da ſie bemerkte, daß ich es aufnahm, flehte ſie mich mit Schrecken an, es nicht zu berühren, weil es unrein wäre. Sie hatte Recht, denn es trug zahlreiche Beweiſe der Krankheit, an der ſie litt. Man kann ſich wohl denken, daß meine Gluth abgekühlt war und daß ich ſie augenblicklich fortjagte; zugleich aber fühlte ich einen aufrichtigen Dank für das, was man Zufall nennt, denn nimmer würde es mir ein⸗ gefallen ſein, ein junges Mädchen einer Prüfung zu unterwerfen, welches eine Haut wie Lilien und Roſen hatte und höchſtens achtzehn Jahr alt. Am nächſten Tage begab ich mich nach Roche, um den berühmten Haller zu beſuchen. Herr Haller war ein Mann von ſechs Fuß Länge, im Verhältniß ſtark und hatte ein ſchönes Geſicht. Er war eine Art Koloß in phyſiſcher wie in geiſtiger Beziehung. Er empfing mich mit großer Höflichkeit, und als er den Brief von Muralt geleſen hatte, zeigte er ſich ſehr freundlich; dies bewies mir, daß eine gute Empfehlung niemals überflüſſig iſt. Der Gelehrte öffnete mir alle Schätze ſeines Wiſſens, ant⸗ wortete mit Beſtimmtheit auf alle meine Fragen, und beſonders mit einer ſeltenen Beſcheidenheit, die mir beinahe übertrieben erſchien, denn während er mir die ſchwierigſten Gegenſtände auseinanderſetzte, zeigte er das Weſen eines Schülers, der ſich belehren will. Wenn er dagegen wiſſenſchaftliche Fragen an mich richtete, geſchah dies mit einer ſo zartſinnigen Kunſt, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, daß er mich zwang, die paſſendſte Antwort zu finden Herr Haller war ein großer Phyſiolog, ein großer Arzt, ein großer Anatom. Er nannte Morgagni ſeinen Lehrer, obwohl er gleich ihm zahlreiche Ent⸗ deckungen in dem Mikrokosmus gemacht hatte. Während meines Aufenthaltes bei ihm zeigte er mir eine Menge Briefe von Morgagni, und von Pontedera, Profeſſor der Botanik, einer Wiſſenſchaft, in der Haller ſelbſt 23⁵ Ausgezeichnetes geleiſtet hat. Da er mich von dieſen großen Männern ſprechen hörte, bei denen ich die erſte Milch der Wiſſenſchaft eingeſogen hatte, beklagte er ſich über Pontedera, deſſen Briefe unleſerlich und in einer ſehr unverſtändlichen Latinität geſchrieben wären. Er zeigte mir auch einen Brief von einem Akademiker Berlins, deſſen Namen ich vergeſſen habe und der ihm ſagte, ſeitdem der König ſeinen Brief geleſen hätte, dächte er nicht mehr daran, die lateiniſche Sprache zu unterdrücken. Haller hatte an Friedrich den Großen geſchrieben, daß ein Herrſcher, dem die unglückliche Unternehmung gelänge, die Sprache Cicero's und Virgils aus der Republik der Wiſſenſchaften zu ver⸗ bannen, ſeiner eigenen Unwiſſenheit ein unſterbliches Denkmal ſetzen würde. Wenn die Gelehrten eine gemeinſchaftliche Sprache haben müſſen, um ſich gegen⸗ ſeitig ihre Entdeckungen mitzutheilen, ſo iſt dazu unter allen todten Sprachen die lateiniſche zuverläſſig am geeignetſten, denn die griechiſche und die arabiſche ſind weit entfernt, ſich gleich ihr dem Geiſt der modernen Völker anzupaſſen. Haller war ein guter pindariſcher Dichter; ſeine Verſe athmen Kraft und Schönheit; er war auch ein vortrefflicher Politiker und leiſtete ſeinem Vaterlande große Dienſte; ſeine Sitten waren ohne Makel.— Ich erinnere mich, daß er mir ſagte, das einzige gute Mittel, Vorſchriften zu machen, wäre, ſie durch das Beiſpiel zu veröffentlichen. Da er ein guter Bürger war, mußte er ein vortrefflicher Familien⸗ vater ſein; denn welches ſichere Mittel giebt es, ſeine Liebe für das Vaterland zu beweiſen, als das, ihm in ſeinen Kindern Unterthanen zu geben, die befähigt und tugendhaft ſind, was nur der Erfolg einer guten Erziehung ſein kann? Seine Frau, die er in zweiter Ehe geheirathet hatte, war noch jung und trug in 236 ihrem ſchönen Geſicht den Stempel des Wohlwollens und der Tugend; er hatte eine reizende Tochter von ungefähr achtzehn Jahren, von beſcheidenem Weſen, und ſie öffnete den Mund bei Tiſche nur, um zuweilen leiſe mit einem jungen Manne zu ſprechen, der neben ihr ſaß. Nach dem Eſſen befand ich mich allein mit Herrn Haller. Ich fragte ihn, wer der junge Mann ſei. Er ſagte mir, es wäre der Lehrer ſeiner Tochter. „Ein ſolcher Lehrer und eine ſo hübſche Schülerin könnten leicht ein Liebespaar werden.“ „Wie Gott will!“ Dieſe ſokratiſche Antwort machte mir begreiflich, wie unüberlegt meine Bemerkung geweſen war, und ich gerieth darüber in einige Verwirrung. Da ich ein Buch unter meiner Hand fand, öffnete ich es, um mich zu ſammeln. Es war ein Oktavband ſeiner eigenen Werke und ich las: Utrum memoria post mortem dubito.*)„Sie glauben alſo nicht,“ ſagte ich ihm, „daß das Gedächtniß ein weſentlicher Theil der Seele iſt?“ Was ſoll man darauf antworten? Herr Haller wich mir aus, denn er hatte ſeine Gründe, um an ſeiner Orthodoxie nicht zweifeln zu laſſen. Während des Eſſens fragte ich ihn, ob Herr von Voltaire ihn oft beſuche. Statt aller Antwort zitirte er die Verſe des Dichters: Vetabo qui Cereris sacrum Vulgarit arcanum sub iisdem Sit trubibus.**) *) Ich zweifle an der Fortdauer des Gedächtniſſes nach dem Tode. **) Ich werde verhindern, daß Der, welcher die heiligen Myierien der Ceres enthüllte, unter demſelben Dache mit mir lebe. e. 237 Ich brachte drei Tage bei dieſem berühmten Manne zu, allein ich glaubte, nicht die geringſte Frage über die Religion an ihn richten zu dürfen, wie große Luſt ich auch dazu hatte, denn es wäre mir erwünſcht geweſen, das Urtheil ſeines Geiſtes in einem ſo ſchwierigen Punkte kennen zu lernen; ich vermuthete aber, davon genug zu wiſſen, um zu glauben, daß Herr Haller in ſolcher Angelegenheit nur nach dem Herzen urtheilte. Ich ſagte ihm gleichwohl, daß ich es mir zur Ehre machte, Herrn von Voltaire zu beſuchen, und er ant⸗ wortete mir, ich hätte Recht. Er fügte ohne die geringſte Bitterkeit hinzu:„Herr von Voltaire iſt ein Mann, der gekannt zu werden verdient, obgleich, un⸗ geachtet der Geſetze der Phyſik, viele Leute ihn aus der Ferne größer gefunden haben, als in der Nähe.“ Die Tafel des Herrn Haller war gut und reich⸗ lich beſetzt, obgleich er ſelbſt ſehr nüchtern war, denn er trank nur Waſſer. Beim Nachtiſch geſtattete er ſich indeß ein kleines Glas Liqueur, das er in ein großes Glas Waſſer goß. Er ſprach viel mit mir von Boerhave, deſſen Lieblingsſchüler er geweſen war. Er ſagte mir, nach Hippokrates wäre Boerhave der größte Arzt geweſen und der größte Chemikker, der je gelebt hätte. „Wie kommt es,“ fragte ich,„daß er nicht zur vollen Reife gelangte?“ „Weil gegen den Tod kein Kraut gewachſen iſt. Boerhave war ein gekborener Arzt, wie Homer ein geborener Dichter, außerdem würde der große Mann vor dem Alter von vierzehn Jahren an einem giftigen Geſchwür geſtorben ſein, das der Behandlung der beſten Aerzte jener Zeit widerſtanden hatte. Er heilte ſich ſelbſt, indem er ſich häufig mit Salz, aufgelöſt in ſeinem eigenen Urin, einrieb.“ 238 —— „Man ſagte mir, er hätte den Stein der Weiſen beſeſſen.“ „Man hat es geſagt, doch ich glaube es nicht.“ „Halten Sie es für möglich?“ „Ich arbeite ſeit dreißig Jahren daran, die Ueber⸗ zeugung vom Gegentheil zu erlangen. Ich bin noch nicht ſo weit gekommen, allein ich habe mich über⸗ zeugt, daß Niemand ein guter Chemiker ſein kann, wenn er nicht für die Phyſik die Möglichkeit des großen Werkes anerkennt.“ Als ich von ihm Abſchied nahm, bat er mich, ihm mein Urtheil über den großen Voltaire zu ſchreiben, und dies war der Anfang unſeres Briefwechſels in franzöſiſcher Sprache. Ich beſitze zweiundzwanzig Briefe von dieſem mit Recht berühmten Manne, und der letzte iſt ſechs Monate vor ſeinem allzufrühen Tode geſchrieben. Je älter ich werde, um deſto mehr dauern mich meine Papiere. Sie ſind der wahre Schatz, der mich an das Leben feſſelt und der mir den Tod haſſenswerth macht. ——³—— Ende des zehnten Theiles. ————— Inhalt des zehnten Theiles. Erſtes Kapitel. Fernere Erlebniſſe auf dem Sai Ball in Bonn.— Empfang bei dem Churfürſten von Köln.— Frühſtück in Brühl.— Erſte Ver⸗ traulichkeit.— Abendeſſen ohne Einladung bei dem General Kettler.— Ich bin glücklich.— Meine Abreiſe von Köln.— Die kleine Toskani. — Der Schmuck.— Meine Ankunft in Stuttgart Zweites Kapitel Das Jahr 1760.— Die Maitreſſe Gardella.— Portrait des Herzogs von Würtemberg.— Mein Diner bei der Gardella und deſſen Folgen.— Unglückſeliges Zuſammen⸗ treffen.— Ich ſpiele und verliere viertauſend Louisd'or.— Prozeß.— Glückliche Flucht.— Meine Ankunft in Zürich.— Von Jeſus Chriſtus in Perſon geweihte Kirche...... Drittes Kapitel. Ich faſſe den Entſchluß, Mönch zu werden.— Ich beichte.— Vierzehn⸗ tägige Verzögerung.— Giuſtiniani, Kapuziner⸗ Apoſtat.— Ich ändere meine Anſicht; was mich dazu bringt.— Muthwilliger Streich in dem Gaſthauſe.— Mittageſſen mit dem Abte 698 31 240 Viertes Kapitel.— Meine Abreiſe von Zürich. — Komiſches Abenteuer in Baden.— Solothurn. — Herr von Chavigny.— Herr und Frau von***.— Ich ſpiele Komödie.— Ich mache mich krank, um mein Glück zu befördern. Fünftes Kapitel. Mein Landhaus.— Madame Dubois.— Böſer Streich, den mir die nichts⸗ würdige Lahme ſpielt.— Mein Kummer. Sechstes Kapitel. Fortſetzung des vorher⸗ gehenden Kapitels.— Meine Abreiſe von Solothurn Siebentes Kapitel. Bern.— Die Mate.— Frau von La Saone.— Sarah.— Meine Ab⸗ reiſe.— Ankunft in Baſel.— Herr Haller.. Seite 92 119 163 202 —.— —,,—