b— 7 — 3 o wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für mchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————Vñ,·:—— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Det. 59 Pf. 2 Mt.— Pf. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines peliehenen Buches wird von ſeden Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe” auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ——————— ———,—yy——;p—— 2— ½ 5* 5 1 ——ue — ————.—— —— —— 2 John Carr, Esq. Veſchriumng einer Naſ durch Daͤnnemat, Schweden, Norwegen, Rußland und Preußen.— Aus dem Engliſchen. Zweyter Theil. Rudolſtadt in der Kluͤger'ſchen Buchhandlung 1808. ——— . 4 — —— —jjj —“ .— 1 1 Stockholm. (Fortſetzung.) As ich das Hauptgefaͤngniß beſah, ſchienen mir die Zimmer viel zu klein und zu enge; auch nſie mit Gefangenen uͤberladen, und die geſun⸗ den varen mit den kranken zuſammen eingeſperrt. Die Gefangenen wurden nicht ſo, wie in Kopenha⸗ gen, zum Arbeiten angehalten; dieſem Umſtande, ſo wie den eben angefuͤhrten Urſachen, kann man wohl ihr kraͤnkliches Anſehen zuſchreiben: zwey⸗ mal taͤglich ſteht es ihnen frey, kurze Zeit fri⸗ ſche Luft auf dem Hofe zu ſchoͤpfen. Es fiel mir ſehr auf, als ich eine eiſerne Stange, von der Laͤnge und Dicke eines großen Schuͤreiſens, an eines jeden Menſchen Beine befeſtigt ſah, welche er, um ſich bewegen zu koͤnnen, mit⸗ feſtigt war und von ſeiner Weſte herabhieng, horizontal erhalten mußte. Einen Gefangenen in Eiſen zu ſchmieden, die von einem großeren Gewicht oder von einer andern Geſtalt ſind, als es die Sicherheit erfordert, dies ſollten die Ge⸗ rechtigkeit, Menſchlichkeit und Politik der Re⸗ gierung nicht zugeben. Die Frauensperſonen befanden ſich in einem beſondern Theile des Ge⸗ baͤudes, indeß nicht in Feſſeln: ihre Zellen wa⸗ ren aber zu enge und zu voll; auch ſie durften ihr Leben in Unthaͤtigkeit hinbringen. Ich muß geſtehen, als ich uͤber den Hang der ſchwediſchen Nation, Gutes zu thun, nach⸗ dachte, war ich erſtaunt zu ſehen, wie wenig Sorgfalt auf dieſes Gebaͤude verwendet; ſeyn ſchien; allein ich hoffe von ganzem Herzen auf das Innigſte, der Augenblick wird nicht mehe fern ſeyn, wo jene ungluͤcklichen Perſonen eine beſſere Lage haben, und dem Staate nicht ſo ſehr zur Laſt fallen werden. Die Nachtwaͤchter von Stockholm rufen ſo, wie jene in Kopenhagen, die Stunden aufs ſtaͤrkſte aus, und ſingen faſt die ganze Nacht Lieder, welches den daran nicht gewoͤhnten Fremden ſehr unangenehm iſt. Dieſe Leute ge⸗ hen des Nachts mit einer ſonderbaren Art Waffe, — ———— 8ꝙ— von der Form einer Heugabel, umher; jede Seite derſelben hat einen hervorſpringenden Wi⸗ derhaken, den man brancht, um einen Dieb im Laufen beym Beine feſtzuhalten. Der Ge⸗ brauch derſelben erfordert einige Geſchicklichkeit und Uebung, und macht einen bedeutenden Theil der ſchaͤtzbaren Kunſt und des Geheimniſſes, Diebe zu fangen, aus. Ehe ich dieſe angenehme Stadt verlaſſe, kann ich nicht umhin, auf eine verdiente Art die dortigen Waͤſcherinnen zu loben, wozu alle Liebhaber reiner Waͤſche einſtimmen werden. Es gewaͤhrt einem Vergnuͤgen, fie in der groͤß⸗ ten Rettigkeit ins Zimmer treten zu ſehen, mit Koͤrben voll Waͤſche, die ſo weiß, als der friſch⸗ gefallene Schnee von Lappland iſt; ihre Rech⸗ nungen ſind dabey außerordentlich maͤßig. Wir fanden die franzoͤſiſche Komoͤdie ziem⸗ lich voll: das Innere des Theaters iſt klein, laͤnglich, kleinlich verziert und ſchlecht erleuchtet: die koͤnigliche Loge befindet ſich in der Mitte der Vorderſeite, die ſie ganz einnimmt. Die Kunſt⸗ ler verdienten Achtung, und wurden vom Publiko auf eine freygebige Art aufgemuntert. Die Buͤhne war ertraͤglich. Die Verſchoͤnerungen dieſes Theaters leiden durch die Verſchwendun: gen, die der Oper zu Theil geworden ſind. ———— — 6— Da die zu unſerer Abreiſe beſtimmte Zeit ſich ſehr naͤherte, mußten wir uns, um durch Rußland zu reiſen, mit einem Paſſe von dem Gouverneur von Stockholm, welcher acht und ei⸗ nen halben Reichsthaler, und mit einem andern von dem am ſchwediſchen Hofe akkreditirten ruſ⸗ ſiſchen Miniſter verſehen, welcher zwey Reichsthaler koſtete. Es iſt nicht die geringſte Unannehmlich⸗ keit damit verbunden, uͤber den bothniſchen Meerbuſen nach Abo zu gehen, ſo wie dies auch keine Koſten verurſacht, indem man von Stock⸗ holm uͤber das baltiſche Meer faͤhrt; wir mie⸗ theten daher ein halbes Packetboot, indem es zur Haͤlfte ſchon verſagt war, fuͤr funfzehn Reichs⸗ thaler. Stockholm liegt von Abo ungefähr drey⸗ hundert und funfzehn engliſche Meilen entfernt, die Schiffe, die man bey dieſer Gelegenheit miethet, ſind einmaſtig, und gleichen einer Schaluppe mit einem erhabenen Verdeck und ei⸗ nem Hintertheil, der weit niedriger als der Vordertheil iſt, und ſich oͤfters unterm Waſſer befindet: ſie koͤnnen das ſtuͤrmiſche Wetter nicht lange aushalten. Den Tag, als wir abreiſeten, aßen wir bey einem der liebenswuͤrdigſten und gaſtfreund⸗ ſchaftlichſten Leute von Stockholm. Wenige Englaͤnder können durch dieſe Stadt kommen, ohne ihn zu kennen und ihn folglich zu ſchaͤtzen; ich meine naͤmlich den Banquier Winnerquier. Aus ſeinem Hauſe gieng ich nochmals nach der St. Catharinenkirche, auf dem Gipfel des Ber⸗ ges Moſes, um von dort das Lebewohl dieſer herrlichen Stadt zuzurufen, die ſo ſchoͤn von der Sonne uͤberſtrahlt unter mir lag. Als wir unſern Vorrath gehoͤrig beſorgt hatten,— ich muß hier einem Reiſenden ſehr empfehlen, eine gute Menge Brod mitzuneh⸗ men, denn man kann dies nicht eher, als in Abo haben— giengen wir nach dem Quay, wo unſer Fahrzeug gerade dem Schloſſe gegenuͤber lag. Indeß ich an der Kuͤſte darauf wartete, daß das große Segel aufgezogen ward, nahm ich einen Zug des Nationalcharakters wahr, der die Wirkung auf mich hatte, daß ich vergnuͤgt abfuhr. Die Mauern des untern Geſchoſſes des koͤniglichen Schloſſes und des Gartens auf dieſer Seite ſind von Granit, ſehr groß, außer⸗ ordentlich breit und lang, und koͤnnen nicht durch Minen genommen werden. Ein Kauf⸗ mann gieng mit einem kleinen Hunde voruͤber; man muß annehmen, das Thier hatte nicht Er⸗ fahrung genug, um zu wiſſen, daß im Norden ſelbſt die Steine, woraus der koͤnigliche Pallaſt beſteht, gegen jede Art Entehrung heilig gehal ten werden, denn es hob den einen Hinterfuß gegen jene konigliche Mauer in die Hohe; eine Schildwache, welche eine kleine Peitſche, ich glaube gerade zu dieſer Abſicht, in der Hand hielt, ſchickte dieſen vierfuͤßigen Entweiher des Schicklichen heulend ſeinem Herrn nach, und machte dieſen tuͤchtig aus, daß er nicht darauf Acht gehabt, ein ſolches reſpektwidriges Beneh⸗ men gegen den Sitz Sr. Majeſtaͤt zu verhindern. Anm ſechſten Jul. fuhren wir um fuͤnf Uhr Abends mit nicht ſtarkem Winde langſam von Stockholm ab. Ehe die Nacht eintrat, hatten wir völlige Windſtille, unſer Kapitain ließ das Schiff an einen Felſen rudern, und befeſtigte es waͤhrend der Nacht an einer Tanne. Hier lan⸗ deten wir dann und beſtiegen die ſparſam mit grauem Mooſe bedeckten Felſen, welche ſich in der edelſten, romantiſchſten und pittoresk'ſten Un⸗ ordnung aus dem Waſſer erhoben. Vor uns die karmeſinrothe Farbe der Sonne, die ſich eben hinter einer ſchwarzen, wellenfoͤrmig ſich be⸗ wegenden Linie von Tannenwaͤldern befand; der als ein See erſcheinende Arm des baltiſchen Meers ward etwas durch die weißen Segel ei⸗ niger Boͤte lebhaft, die an der andern Seite langſam durch die tiefen Schatten der mit Hol⸗ zungen bedeckten Kuͤſten fuhren, waͤhrend ſuͤd⸗ ———— 4 ——⸗—— lich der St. Catharinenthurm, die Haͤuſer, das Schloß und die Thurmſpitzen aus leichten Wol⸗ ken zuſammengeſetzt ſchienen. Die Stille dieſer koͤſtlichen Ruhe der Natur ward nur wenig von dem Laͤrm des Ruders und dem Geſang der entfernten Bootsleute unterbrochen. Auf einem Felſen haben wir dieſe ausgeſuchte Scene lange betrachtet, bis endlich der Hang zum Schlaf uns in die Kajuͤte brachte, wo wir die Einrich⸗ tungeng recht bequem fanden. Beym fruͤhen Son⸗ nenaufgang lichteten wir die Anker, ſegelten indeß nur ſehr langſam; als wir forrtfuhren, zeigte ſich indeß das Elend in einer neuen Ge⸗ ſtalt. Von einer elenden Huͤtte auf einer der Inſeln, die haufenweiſe anfiengen ſichtbar zu werden, welche ganz uͤber dem Waſſer hieng, und faſt das Anſehen hatte, als fiele ſie hin⸗ ein, fuhr ein alter Mann, in Lumpen und bey⸗ nahe blind, in einem kleinen Boote ab, ruderte auf uns zu und flehte auf das Nuͤhrendſte um Almoſen; er ſchien mit der Kleinigkeit, die wir ihm gaben, ſehr zufrieden. Als wir einen kleinen Weg zuruͤckgelegt hatten, legte der Kapitain waͤhrend der Nacht bey einer anderen Inſel an; ich fand, daß dieß gewoͤhnlich wegen der Gefahr und der Schwie⸗ rigkeit der Schifffahrt geſchah. Dieſe Inſel bot — 10— in der That eine ganz bezaubernde Scene dar; auf ihrer romantiſchen Spitze von grauen Fel⸗ ſen fanden wir eine kleine Huͤtte, die ganz mit Tannen, Eſchen und Hohlunderbaͤumen einge⸗ ſchloſſen war, ſo daß man ſie wohl das Baum⸗ neſt haͤtte nennen koͤnnen. Ein Fiſcher, deſſen betagte Mutter, ſeine Frau und ſeine Kinder bewohnten dieſen ſchoͤnen Fleck. Ein kleines Grasfeld, worin ſich eine Kuh naͤhrte, ein ande⸗ res mit Getreide beſaͤet, ein Garten, das Waſ⸗ ſer der Oſtſee, welches das Anſehen eines Sees hatte, gewaͤhrten ihnen alles, was ſie bedurften. Hier ſchien es, als ob das Herz keinen Schmerz mehr haben konnte, als ob der Ehrgeiz das zu ſeyn wuͤnſchte, was wir hier ſahen, um daß die Liebe ohne Quaal uͤber das Vergangene nachſinnen koͤnnte. Das Innere der Huͤtte war reinlich und froͤhlich; die gute alte Frau, um welche die Kinder in ihren Hemden ſpielten, ſaß und knuͤtttete bey einem hellen Feuer, und bot unter weißen Haaren ein gegen die ganze Welt friedliches Geſicht dar. Als der Fiſcher vernahm, wir wuͤnſchten etwas zum Abend⸗ eſſen, ſtieg er mit einem wohl ausſehenden und froͤhlichen Geſicht in eine Bucht, wo die Boͤte lagen, um Barſch zu holen, der dort in ei⸗ nen Behaͤlter eingeſperrt war, waͤhrend ſeine 2—— ——————lã — = 11 1 junge Frau, die ein Paar ſehr huͤbſche aus⸗ drucksvolle Augen hatte, in einem abgeſonderten Zimmer, der Huͤtte gegenuͤber, das Tiſchtuch aufdeckte. Waͤhrend man das Abendeſſen zube⸗ reitete, wanderte ich auf dieſem Paradieſe umher. Die Nacht kam heran, und alle Schoͤnheiten des vorigen Abends, mit einiger Verſchiedenheit neuer Bilder, kehrten wieder zuruͤck. Derſelbe glaͤn⸗ zende Himmel! dieſelbe Heiterkeit! dieſelbe Stille! die nur durch das Rauſchen eines kleinen Stroms von Felſenwaſſer unterbrochen wurde; auf die⸗ ſes paßte wohl, da es aus einem Bette von langem Mooſe floß, und da unſere ſchoͤne Wirthin ihren ſparſam mit Weiden beflochtenen Krug darbot, die ſchöͤne Inſchrift von Bos⸗ quillon an der Fontaine in der Straße Notre Dame des Victoires in Paris: „La nymphe qui donne de cette eau Au plus ceux de rocher se cache: Suives un exemple si beau; Donnes sans vouloir qu'on le sache.“ Gerade einen ſolchen Fleck haͤtte ſich wohl V der poetiſche Geiſt von Cowper gewuͤnſcht; ſein Auge wuͤrde jede Schoͤnheit durchſchauet ha⸗ ben, nur ſeine Feder haͤtte ſie beſchreiben koͤnnen. — 12— Am dritten Tage unſerer Reiſe um die In⸗ ſeln, landeten wir an einer andern, und er⸗ hielten dort einen ganz friſchen Hecht, ſo wie auch einige Eyer. Unſer Schiſſer zuͤndete auf eine geſcheide Weiſe Feuer in ſeinem kleinen Kahn an, indem er auf den Boden deſſelben einen Stein legte, und darauf einige Spaͤne und Stuͤcke von Tannenholz in Brand brachte; hierauf ließ er einen eiſernen Topf, worin ſich der Fiſch befand, von einem queer uͤber die Seiten des Bootes gelegten Ruder herabhaͤn⸗ gen; die Eyer dienten zur Sauce, und auf ei⸗ ner zerbrochenen Unterſchaale, ſtatt eines Tellers, hielten wir ein treffliches robinſon'ſches Mahl. Es bot ſich mir bey dieſer Fahrt ein wi⸗ driges Beyſpiel der Unreinlichkeit der geringern Volksklaſſe dar; der Schiffer, ein Maͤdchen, die mit hinuͤber fuhr, und der Kajuͤtenjunge, kannten wahrſcheinlich den Gebhrauch des Kam⸗ mes nicht, denn ſie bedienten ſich wechſelſeitig zum Kaͤmmen und zur Reinigung ihres Kopfes ihrer Finger. Nachdem wir Aland paſſirt waren, und uns dem Meerbuſen naͤherten, ſo boten die In⸗ ſeln gar keinen mahleriſchen Anblick mehr dar; ſie zeigten ſich nur wenig uͤber dem Waſſer, und waren ſparſam mit duͤnnen Tannen bedeckt, de⸗ ———O———— 3 = 13— ren nackten, von einem Mooſe weiß gewordene Zweige, durch ihre Menge und Gleichfoörmigkeit widrig wurden, gerade wie die melancholiſchen Waldungen, durch welche unſer Weg auf der Kuͤſte fuͤhrte. Als ich durch dieſe Langeweile in Betrach⸗ tungen verſunken war, wurde ich ploͤtzlich dar⸗ aus durch das Rufen:„Da iſt Abo! da iſt Abo!“ geweckt. Ungefähr zwey engliſche Meilen, ehe ich die Stadt erreichte, kamen wir in einen ſehr engen Kanal, nicht uͤber funfzig Fuß breit, worin ſich Pfähle befanden, die nicht weit genug von ein⸗ ander ſtanden, um große Schiffe zuzulaſſen: dieſe ſind dann gezwungen, kurz vor dem Ein⸗ gange deſſelben Anker zu werfen. Linker Hand kamen wir bey dem Schloſſe vorbey, welches aus Backſteinen, die mit Stukko uͤberzogen ſind, gebauet iſt; es iſt ſehr alt, und hat ein mah⸗ leriſches Anſehen; ſonſt war es das Gefaͤngniß des blutdurſtigen Erichs IV., jetzt befindet ſich eine Garniſon darin. Ein wenig weiter an der⸗ ſelben Seite ſteht das Haus des tapfern Ad⸗ mirals Steddynk, der unter der vorigen Re⸗ gierung ausgezeichnete Geſchicklichkeit und Tapfer⸗ keit in verſchiedenen Gefechten mit den Ruſſen an den Tag gelegt hat, und der den Oberbefehl —̃ 14— uͤber die Kanonenboöte fuͤhrt, die in einer lan⸗ gen Reihe von Boothaͤuſern nicht weit von ſeiner Wohnung liegen. Es iſt, zumal jetzt, bemerkens⸗ werth, daß die in den Seetreffen zwiſchen den Ruſſen und Schweden mit ſo vieler Wirkung gebrauchten Kanonenboͤte zuerſt Frankreich die Idee an die Hand gaben, ſich ihrer gegen Eng⸗ land zu bedienen. Im ſiebenjaͤhrigen Kriege wurden ſie dem Herzoge von Choiſeul, dem Miniſter Ludwigs des Funfzehnten, von dem ſchwediſchen Seekapitain Kergvegelin empfoh⸗ len, und waͤhrend der Revolution vom Kapitain Muskein, der als Lieutenant in demſelben Dienſt ſtand. Dieß kleine Fahrzeug iſt wohl im Stande in der Oſtſee wirkſam zu ſeyn, in⸗ dem dort Ebbe und Flut den Wendungen des Schiffes keine Schwierigkeiten in den Weg le⸗ gen; allein man hat ſich nicht nur in Schwe⸗ den, ſondern in jedem andern Theile des feſten Landes, den ich beruͤhrte, gewundert, daß ein Englaͤnder von Nachdenken glauben koͤnne, eine Flotille von Kanonenböten ſey im Stande uͤber ein ſo breites Waſſer zu fahren, als das iſt, welches Boulogne von der Inſel Wight trennt, und der Ebbe und Flut, den Stroͤmungen und den Winden ausgeſetzt iſt, durch die man mehr oder weniger gewiß dort leidet; und daß er noch = 1— alle jene Vertrauen gewaͤhrende Betrachtungen bey Seite ſetze, welche die tapfern Kreuzer und die Kanalflotte natuͤrlich einfloͤßen. Man erin⸗ nert ſich wohl, daß Muskein im Jahre 1791, ohne viel von den vorher angefuͤhrten natuͤrlichen Schwierigkeiten zu fuͤrchten zu ha⸗ ben, der kurzen Entfernung wegen, die Inſel St. Marcou mit funßßzig ſeiner gefuͤrchteten Ka⸗ nonenboͤte angriff; daß die Batterie der mit Wogen umgebenen Feſtung ihre kuͤhnen Feinde vernichtete; und daß ihr Anfuͤhrer nah damit daran kam, beym Direktorio in Ungnade zu fallen. Wenn man nun auch die Ebbe und Flut, die Strömungen, die Winde, die Kreu⸗ zer und die Flotten nicht in Betracht ziehet, ſo ſtehet doch nicht zu laͤugnen, daß St. Marcou nur ſehr klein gegen eine groͤßere Inſel erſcheint. Außer den Haͤuſern fuͤr die Boͤte iſt dort auch noch das Zollhaus; von dieſem kam ein Bedienter am Bord und begleitete uns den Fluß hinauf zur Stadt, die mit der Kathedralkirche das Anſehen hatte, groß und volkreich zu ſeyn. Wir kamen bald an den Quay, und landeten froh in der Hauptſtadt von ſchwediſch Finnland. Auf dem Hofe unſeres Wirthshauſes be⸗ merkte ich zuerſt, daß wir uns in der Naͤhe von Rußland befaͤnden, naͤmlich durch eine ſchwere — 16= Kibitki, das gewöhnliche Fuhrwerk des Landes, welches hier zum Verkauf ſtand. Beym Mit⸗ tagseſſen hatten wir einige ſchoͤne wilde Erdbee⸗ ren, die erſte Frucht, die wir dieſes Jahr genoſſen. Abo, welches auf einer Landſpitze liegt, wo ſich der finniſche und baltiſche Meerbuſen mit einander vereinigen, iſt eine große Stadt und treibt ziemlichen Handel. Viele der dortigen Haͤuſer ſind ſchoͤn: die meiſten von Holz ge⸗ bauet, einige von Backſteinen und daruͤber Stukko; die Anzahl der Einwohner ſoll uͤber zehn tauſend betragen. Die Tanne von Finn⸗ land iſt der von jedem andern Theile von Schwe⸗ den vorzuziehen, vorzuͤglich waͤhlt man ſie zum Bauen; jedes Jahr werden eine große Menge der⸗ ſelben von Abo nach Stockholm geſandt. Die Kathe⸗ dralkirche iſt ein ſehr altes großes Gebaͤnde von Backſteinen, welches aber fuͤr das Auge nichts Anziehendes hat. Das Duͤſtere des Innern wird noch durch eine abſcheuliche blaue Draperie, auf einem bleyfarbigen Grunde, vermehrt: ſie ent⸗ haͤlt die Grabmaͤhler vieler beruͤhmten Familien. Chriſtina, die bey allem ihrem Leichtſinn eine gelehrte Frau war, ſtiftete hier eine Univerſitaͤt, die eine Bibliothek von zehn tauſend geleichguͤlti⸗ gen Baͤnden beſitzt: erſtere befindet ſich nicht in einem bluͤhenden Zuſtande, und letztere verdient keiner ööö =— 17— keiner beſondern Aufmerkſamkeit. Wir beſtiegen die ſchroffen Felſen, die uͤber eine Seite der Stadt hinabhaͤngen, und mit den Windungen des Fluſſes Aura, und den einzelnen hellen Flecken des finni⸗ ſchen Meerbuſens, die durch die Oeffnungen von jenen dunkeln Waͤldern ſcheinen, die deſſen Kuͤ⸗ ſten an dieſer Seite bedecken, einen etwas intereſ⸗ ſanten, aber melancholiſchen Anblick darbieten. Auf meinen Reiſen im Norden hatte ich gewöhnlich das Schickſal, wenn ich eine Nacht in einer Stadt zubrachte, ein Ball; oder ſonſt ein offentliches Kaffeezimmer zu meiner Stube zu bekommen, welches dann gerade, wegen ſeiner Groͤße, die wenigſte Bequemlichkeit zum Schlaf⸗ zimmer gewaͤhrte. In Abo ward mein Bett in einem zum Ballſaal gehoͤrigen Nebenzimmer ge⸗ macht, worin viele finniſche Verzierung angebracht war. Auf die Waͤnde hatte man mit vielem Fleiß flammaͤnder Schwerdter, Violinen, Floͤten und Seraphinenkoͤpfe mit brennenden Farben ge⸗ mahlt; letztere waren gegen die gefraͤßigen und aufgeſperrten Schnaͤbel der Greife durch die dazwiſchen befindlichen Blumenkoͤrbe geſichert; und uͤber dem Ganzen befand ſich eine ſchöne Umgebung von Sphinxen und dem koͤniglich⸗ ſchwediſchen Wappen. Hier verſorgten wir uns mit Vorraͤthen auf die Reiſe, und gingen fruͤh 2r Theil.— 2 2 — 18— Morgens von Abo ab. Die Einrichtung der Poſt, ſo wie auch die Muͤnze, ſind hier dieſelben, wie in andern Theilen Schwedens. So wie wir weiter kamen, fing das Aeußere des Landes an abzuwechſeln. Wir fanden die Haͤuſer von Tannenbaͤumen, die man nur auf eine rohe Art viereckig mit der Art behauen hatte, erbauet; dieſe waren, mit wenigem Moos dazwiſchen, auf einander gelegt, und die Enden ragten durchgehends weit uͤber die Seiten der Gebaͤude hervor, und haben ein rohes und ſchmutziges Anſehen. Das Dach, auch von Tan⸗ nenholz, iſt öͤfters roth angemahlet: die Fenſter werden haͤufig hinein gehauen, nachdem die Seiten des Hauſes errichtet ſind. Diejenigen, welche gehoͤrig vollendet ſind, haben ein gutes Anſehen, und man befindet ſich warm und ge⸗ maͤchlich darin. Unſer Bediente, der die ſchwe⸗ diſche Sprache verſtand, fand ſich bey jeder Meile, die wir zuruͤcklegten, mehr in Verlegen⸗ heit; die Bauernſprache dieſer Provinz iſt ein un⸗ verſtaͤndliches Gemiſch des Ruſſiſchen und Schwe⸗ diſchen. Der Sommer, jetzt der eilfte Julius, brannte ſehr heftig auf uns, und hatte weiter keinen Vorlaͤufer, als das Gras und gruͤne Blaͤtter. Ploͤtzlich erwachten die Fliegen, die in den noͤrdlichen Gegenden laͤnger, als in den == 19— mildern Klimaten Europens, wegen der in jenen uͤblichen Oefen, leben, aus dem Schlaf, worin ſie von der Zeit an bleiben, wo die kuͤnſtliche Waͤrme aufhoͤrt, und das heiße Wetter anfaͤngt, und beluſtigten uns uͤber alle Vorſtellung. Eine Nacht blieben wir in Aljolbollſted, einem einſamen Poſthauſe mitten in einem dun⸗ keln Tannenwalde, der an den Ufern eines Arms des finniſchen Meerbuſens lag. Der Poſtmei⸗ ſter brachte uns in eine elende Stube, in einem höͤlzernen Schuppen, dem Poſthauſe gegenuͤber, indem dieß von ſeiner eigenen Familie beſetzt war. Wir hatten den Troſt, daß uns der Win⸗ kel allein zugehoͤrte; aus welchem wir indeß nie erwarten konnten, wieder emporzukommen, wenn wir nicht der von dem Vorboten an uns began⸗ genen Betruͤgerey ungeachtet, eine große Idee von der ſchwediſchen Moralitaͤt gehabt haͤtten. Die Fenſter, welche in die Tiefe des Wal⸗ des giengen, waren eben ſo unbeweglich, als das Gebaͤude. An den Waͤnden des Zimmers fan⸗ den wir viele Fliegen; Maͤuſe, Hausſchaben und Mehlkaͤfer waren auch darin. In den bey⸗ den Ecken dieſes traurigen Loches ſtanden zwey Krippen; und in jeder war ein von Stroh ge⸗ machtes Bett, worauf ſich ein bronzefarbenes mit Fliegen beſaͤetes Betttuch, und daruͤber eine 4 — 20— ſchmutz zige Bettdecke befand. Krippen ſind oftmals die Bettſtellen im Norden. Ungeachtet uns die Fliegen beſtaͤndig quaͤlten, ſchlief ich endlich ein, und fand beym Erwachen noch zwey Reiſegefaͤhrten, die, nachdem wir uns zur Ruhe begeben, ange⸗ kommen waren, und unter ihrem Wagen ge⸗ ſchlafen hatten; ſie ſtanden eben im Begriffe, nach Abo abzureiſen. Ich muß geſtehen, ſo an⸗ genehm mir auch haͤufig die Einſamkeit iſt, ſo war ich froh, dieſe Art derſelben zu verlaſſen. Als die ſchwuͤle Sonne am meiſten druͤckte, ka⸗ men wir durch einen großen Theil eines Waldes, welcher brannte. Dieß ruͤhrte aber nicht vom Zufall, oder aus einer natuͤrlichen Urſache her, welche in dieſen Gegenden oͤfters die ſchrecklich⸗ ſten Folgen hat, und worauf ich nachher Gele⸗ genheit haben werde, zuruͤckzukommen. Durch einige tuͤchtige Peitſchenhiebe retteten wir unſern Bedienten, die Pferde und den Wagen, daß ſie nicht an der einen Seite etwas verbrannt wur⸗ den. Was wir ſahen, entſtand daher, daß die Paͤchter den Boden reinigten, welche die Flam⸗ men in gehoͤrige Graͤnzen dadurch einzwaͤngten, daß ſie einen Zwiſchenraum von vielen umge⸗ hauenen Baͤumen machten. Des Abends fuhä ren wir in einiger Entfernung bey einem andern 9. „ =Z 21— 2 Walde vorbey, der zu jener Klaſſe gehoͤrte, und uns ein ſchoͤnes und neues Schanſpiel gewaͤhrte. Das Land um Borgo, eine ſchlechtgepfla⸗ ſterte Stadt, worin ſich eine Garniſon befindet, und wo man nach unſern Paͤſſen fragte, zeigt ſich gewellet und iſt fruchtbar; allein die Huͤtten in jenem Theil vom ſchwediſchen Finnland ſind äußerſt elend, und die Bauern ſchlecht bekleidet. Maͤnner, Weiber und Kinder hatten keine an⸗ dere Bedeckung, als zerlumpte Hemde. Ob nun gleich die Sonne zu heftig brannte, um daß man ſie daruͤber haͤtte bedauern duͤrfen, dem Igetter ſo ausgeſetzt zu ſeyn, ſo hatte doch ihr Aeußeres den groͤßten Anſchein vom Mangel. Die Wege waren ſtets trefflich, und wir konn⸗ ten daher mit unſerer gewoͤhnlichen Schnelligkeit unſern Weg fortſetzen. Die Zeit erlaubte es nicht, daß wir die beruͤhmte ſchwediſche Feſtung Sveaborg zu beſehen ſuchen konnten; ſieben In⸗ ſeln im ſinnlaͤndiſchen Meerbuſen gehoͤren dazu, und ſie kann die Flotten Schwedens gegen Ruß⸗ land ſchuͤtzen; die Batterien, Baſſins und Dek⸗ ken ſind aus Granit gehauen, und man ſagt, ſie ſeyen ungehener. Es war mir nachher lieb, es nicht verſucht zu haben, jene Feſtung zu ſe⸗ hen, als ich fand, daß man um dieſelbe Zeit mehrern ſehr achtungswuͤrdigen Englaͤndern die 7 + — —— ——-—— —— = 22— d Erlaubniß, ſie zu ſehen, nicht geſtattet hatte, und dieß dabey mit einer Art von Unhöflichkeit. Ungefaͤhr drey Meilen von Louiſa, einer andern mit einer Garniſon verſehenen Stadt, erreichten wir die Graͤnzen Schwedens, und ſa⸗ hen dort in einem Wacht; und Zollhauſe das letzte jenes Landes. Ein ſchwediſcher Soldat öffnete den Schlagbaum, ſo wie ich ihn in der Reiſe durch Daͤnnemark beſchrieben habe; wir fuhren uͤber eine Bruͤcke, welche uͤber einen Arm des Fluſſes Kymen gehet, und die Schwe⸗ den von Rußland ſcheidet. Das ausſchließ⸗ liche Recht, dieſe kleine Bruͤcke anzumahlen, haͤtte beynahe dieſe auf einander eiferſuͤchtigen Nationen dahin gebracht, alle jene Greuel zu erneuern, die ſo lange und auf eine ſo ver⸗ ſchwenderiſche Weiſe das Blut und die Schaͤtze beyder Nationen aufgeopfert hatten. Dieſer wunderbare Streit ward, nach einer ſtuͤrmiſchen Diskuſſion, mit halbgezogenem Schwerdte, dahin entſchieden: Schweden könne einen ſo großen Pinſel und welche Farben ihm beliebten, brau: chen, um die eine Haͤlfte der Bruͤcke anzumah⸗ len, Rußland hingegen auf der andern diejenigen, die ihm gefielen. Es iſt unnuͤtz, hier von wenigen Pfaͤhlen und Brettern zu reden; ſie dienten nur zum Vorwande; die wahre Urſache ihres Strei⸗ tte, eit. ner adt, ſa⸗ das ldat der wir inen we⸗ eß⸗ len, igen l zu ver⸗ aͤtze leſer chen ahin pßen rau⸗ nah⸗ gen, igen nur trei⸗ 1 tes wird ſtets die Naͤhe der Laͤnder ſeyn, denn ungluͤcklicherweiſe ſind die Nationen, die einan⸗ der nicht ſehen können, immer mehr zu gegen⸗ ſeitiger Zuneigung geneigt. Rußland hat das Privilegium ſeines Pin⸗ ſels nicht nur an der Haͤlfte dieſer Bruͤcke aus⸗ geuͤbt, ſondern auch an allen ſeinen oͤffentlichen Gebaͤuden, indem es ſie mit der Farbe der Aelſter unterſchieden hat. Dieſe Wahl ſoll von den Betrachtungen des verſtorbenen ungluͤcklichen Kaiſers uͤber die Menſchen herruͤhren, die er in die Klaſſen der Guten und Boͤſen theilte, und ohne Zweifel glaubte, der Himmel ſey mit je⸗ nen, die Holle mit dieſen angefuͤllet, und daher den Befehl erließ, alle öffentliche Gebaͤude u. ſ. w. ſollten ſchwarz und weiß angeſtrichen werden. Eine neue Art Menſchen in gruͤner Uniform, ſtark, mit einem Schnurrbart, und von braͤun⸗ licher Farbe, ließ den Schlagbaum von der an⸗ dern Seite der Bruͤcke in die Höͤhe, hielt den Wagen an, und fuͤhrte uns nach dem Wacht⸗ hauſe, einem viereckigten hölzernen Gebaͤude, mit einem hervorragenden Dache, welches auf kleinen hoͤlzernen Pfaͤhlen ruhete, unter deſſen Schatten mehrere Soldaten ſchliefen. Dieß Ge⸗ baͤude war folglich auf die Weiſe, wie die Bruͤcke verziert, und hatte ein furchtbares Anſehen. —— —— 24 Wir wurden in ein kleines, ſchmutziges Zimmer 1 geefuͤhrt, in deſſen Fenſtern ſich einige Blumen⸗ toͤpfe, und auf einem alten Tiſch, Oſſians Ge⸗ dichte in franzöſiſcher Sprache offen befanden. Es trat nun ein alter ruſſiſcher Major herein, 3 in einem weißen leinenen Morgenhabit, und fragte auf Franzoͤſiſch nach unſern Paͤſſen, wo⸗ mit er zufrieden war, und ſogleich den Befehl, uns Poſtpferde zu geben, den man im Ruſſt⸗ ſchen Podagrina nennt, ausfertigte; als er uns “ das Papier uͤberreichte, forderte er ſechs Rubel . und vierzig Kopeken, die, nach ſeiner Aeußerung, einen Theil der Einnahmen Sr. kaiſerlichen Ma⸗ eſtaͤt ausmachten; wir erwiederten, wir haͤtten gar kein ruſſiſches Geld, ſondern boten ihm an, in ſchwediſchen Reichsthalernoten zu bezahlen. „Wenn Sie irgend eine derſelben haben, ſo muß ich ſie wegnehmen,“ war ſeine Antwort, und ging in ein anderes Zimmer; doch ſagte er dieß ohne Haͤrte; vielleicht machte der Ge⸗ danke, daß er mit zweyen Englaͤndern redete, ſeinen Blick und ſeinen Ton ſanfter.— . Unſere Station von dem letzten Poſthauſe in Schweden erſtreckte ſich bis auf ſieben Werſte I im ruſſiſchen Finnland; und wir hatten gar keine Idee, daß es in Rußland ein Geſetz gaͤbe, nponach ſchwediſches Geld, welches man dort „ — —— ——““G“G———⅛ . 4 —ööy—— —— —— q, —— = 25—= faͤnde, konfiscirt werden ſollte, zumal da auf den Graͤnzen von keinem der beyden Laͤnder eine Bank exiſtirte. Der Major kam ſofort mit vie⸗ len Banknoten in den Haͤnden zuruͤck, und rief uns zu:„Sehen Sie, was ich vor eine Menge vor einigen Tagen einem Daͤnen abnahm!“ Wir ſuchten der Unterredung eine Wendung zu geben, wozu ſeine Hoflichkeit die Hand hot, und be⸗ zahlten ihn zuletzt in daͤniſchen Dukaten; ein Be⸗ weis von der Sicherheit und Bequemlichkeit die⸗ ſer ſchaͤtzbaren Muͤnzſorte! Vor unſerm Abfahren bemerkten wir, er habe unſere Namen ſo ein⸗ getragen, als daß wir den 2ten Jul. angekom⸗ men waͤren; dieß uͤberraſchte mich anfaͤnglich, denn nach meinem Tagebuche hatten wir den I4ten; allein ich erinnerte mich ſofort, daß wir in einem Lande waͤren, wo der alte Styl des julianiſchen Kalenders ſtatt hat. Rachdem wir von dem kleinen Major Ab⸗ ſchied genommen hatten, hielten uns die Zollbe⸗ dienten an der entgegengeſetzten Seite des We⸗ ges auf eine beſchwerliche Weiſe auf, ſie durch⸗ ſuchten in einer gewaltigen Waͤrme jeden Theil unſerer Bagage; ſelbſt die geheimen Behaͤltniſſe eines Schreibepults wurden nicht verſchont. Die aͤußerſt genaue Treue, womit ſie ihr Amt verſa⸗ hen, hatte bey dieſer Gelegenheit, ſo wie, ach! —————— bey vielen anderen von groͤßerer Wichtigkeit, dar⸗ in ihren Grund, daß wir die Tugend ihre eigene Belohnung ſeyn ließen: denn ungehalten uͤber die Muͤhe, die ſie uns veranlaßten, erhielten ſie nichts, als einige boͤſe Blicke. Wir fingen nun an, unſere Stationen nach Werſten zu rechnen: eine Werſt macht ungefaͤhr drey Viertheil einer engliſchen Meile; ſie iſt an einem gleich an der Bruͤcke angemahlten Pfahle bezeichnet. Die Schnelligkeit des Fahrens, und die haͤufige Erſcheinung dieſer Zeichen unſeres geſchwinden Fortgehens— dieß war faſt das Einzige, was unſere Reiſe angenehm machte. Auf dem Wege ſahen wir verſchiedene Bauern mit entblößtem Haupte, mit abgeſtutzten Haaren, von heller Geſichtsfarbe, mit geſchornen Baͤrten, welche Stiefeln trugen. Wegen der Pferde fanden wir wenig oder gar keinen Aufenthalt; die Bauern, welchen ſie gehörten, begleiteten uns, um ſie mit zuruͤckzunehmen. Nachdem wir durch das allerfelſigſte und elendeſte Land gekom⸗ men, welches vormals den Schweden von den Ruſſen entriſſen war, und worin die traurige Unfruchtbarkeit nur einmal durch die Waſſerfaͤlle zu Hagerfors, die unſere Anfmerkſamkeit auf ſich zogen, ſo wie auch durch ein Lager von meh⸗ reren ſchoͤnen ruſſiſchen 9 Regimentern, ein heiteres ————- AHA 8 A— —6— l 2 1 Anſehen gewann, erreichten wir um eilf Uhr des Nachts die Zugbruͤcke von Friederichsham, deſ⸗ ſen Thore einige Zeit hindurch geſchloſſen waren. Als wir verſchiedentlich anklopften, zeigte ſich ein hoͤchſt jugendlicher Officier; er bat ſich die Paͤſſe und den Befehl fuͤr die Poſtpferde aus, und verſchwand. Hier warteten wir drey Vier⸗ telſtunden, und verdankten dieß der Rechtſchaf⸗ fenheit des Zollbeamten an der Barriere. End⸗ lich hoͤrten wir, daß einige ſchwere Riegel be⸗ wegt wurden; die Thore oͤffneten ſich, und wir kamen durch einen langen Bogen unter den Waͤl⸗ len in die Stadt, und ſuchten aͤngſtlich ein Wirthshaus; es war ſo hell als am Tage, und es herrſchte eine Grabesſtille. Endlich hielten wir vor einem Hauſe, welches uns der kleine Officier, ſo gut man ihn zu verſtehen vermogte, als das einzige Wirthshaus in der Stadt angab. Hier fanden wir, daß alles ſchlief. Nachdem ich einige Zeit umſonſt die Thuͤr zu öffnen ver⸗ ſucht, guckte ich in das Vorzimmer und erblickte dort ein mir voͤllig neues Schauſpiel, à la mode de Russie. Es befanden ſich naͤmlich neun oder zehn Manns; und Frauensperſonen ange⸗ zogen darin, die durch einander lagen. Ein Officier, der vorbey ging, belehrte uns, dieß ſey ein Privathaus, und das Wirthshaus nebenan, daß es aber zugeſchloſſen waͤre und leer ſtehe, da der Wirth auf einige Tage, um das Ange⸗ nehme der Seeluft zu genießen, verreiſet ſey; dieſer Umſtand bewies mir, daß Reiſende die⸗ ſen Theil Rußlands entweder nicht haͤufig beſu⸗ chen, oder, ſo wie ich es oft fand, ein noch ſo armer Wirth ſich ſehr wenig darum bekuͤm⸗ mert, ob er ihnen irgend Bequemlichkeit ver⸗ ſchafft. Wir waren den ganzen Tag in der heißen Sonne gefahren, mit Staub bedeckt, und aͤußerſt durſtig; unſer Schinken von Abo gluͤhete bis auf den Knochen, unſere letzte Bouteille Claret war ſo warm, als Milch, die eben von der Kuh kommt, und unſere armen erſchöpften Pferde leckten an den Waͤnden eines benachbar⸗ ten Hauſes, um ihre Zungen zu kuͤhlen. In dieſer Lage ſah ich einen eleganten jungen Offi⸗ eier, unbedeckt, in einer dunkelgruͤnen Uniform, nebſt einem aͤltlichen Manne, der zwey glaͤnzende Sterne an ſich hatte, auf uns zukommen. Die Hauptperſon redete uns auf eine ſehr guͤtige und einnehmende Art, franzoſiſch, an. Als wir ihm unſere Lage ſchilderten, erwiederte er:„es thut mir ſehr leid, daß dieſer Menſch nicht zu Hauſe iſt, allein dieß ſoll nichts machen. Wenn Eng⸗ länder nach Rußland komm en, ſo ſollen ſie Gaſt⸗ 2 — — 29— freundſchaft genießen, und nicht Unbequemlich⸗ keit leiden; verlaſſen Sie ſich auf mich, ich will gleich fuͤr Sie ſorgen.“ Er verneigte ſich, er⸗ theilte einen ihm von ferne folgenden Officier Befehle, und gieng weiter. Dieſer liebenswuͤr⸗ dige Mann war der Graf Meriandoff, Gou⸗ verneur vom ruſſiſchen Finnland, der gluͤcklicher⸗ weiſe fuͤr uns, eine Stunde vorher von Wiburg angelangt war. Bald darauf kam ein Officier zu uns, und fuͤhrte uns nach einem ſehr huͤb⸗ ſchen Hauſe, welches einem bemittelten Ruſſen gehörte. Unſer guͤtiger Wirth, der ein wenig Engliſch ſprach, brachte uns in ein großes Aſ⸗ ſembleezimmer, wo wir auf zwey ſchoͤnen, auf Stuͤhlen ruhenden Betten ſchliefen. Unſern ar⸗ men Bedienten ſchaͤtzte der Wirth fuͤr nicht hö⸗ her, als einen treuen Hund, und er durfte ſich daher ein Bett auf dem Boden des Entréezim⸗ mers von unſern großen Roͤcken machen, um ſo die Nacht zuzubringen.. Den Tag darauf beſahen wir die Stadt, die klein, aber huͤbſch iſt. Aus dem Viereck, worein ſich das Wachthaus, ein Gebaͤude von Backſteinen, die mit Stucko uͤberzogen ſind, be⸗ findet, und welches gruͤn und weiß angemahlt iſt, kann man faſt jede Straße ſehen. Hier war es, wo Catharina II. und Guſtav III. 1 2 ₰ — 30— im Jahre 1783 eine Zuſammenkunft hielten. Um bey dieſer Gelegenheit dem ſchwediſchen Mo⸗ narchen eine Idee von dem Glanze des ruſſiſchen Reiches zu geben, und um ihre Unterhaltung weniger einzuſchraͤnken, ward auf Befehl der Kaiſerin fuͤr den Augenblick ein hoͤlzerner Pal⸗ laſt aufgefuͤhrt, worin ſich eine große Reihe Zimmer und ein Theater befanden. Die Stadt ſchien voll vom Militair zu ſeyn; die Ruſſen verachten durchgehends die Fußgaͤnger. Es fiel mir ſehr auf, daß die Officiere nach dem Lager, oder ſelbſt nach der Parade, auf einer Droſchka fuhren. Dieß offene Fahrzeug haͤngt in Federn, ſtehet auf vier niedrigen Rädern, und iſt fuͤr ꝛwey Perſonen beſtimmt, wovon ſich jede an der einen Seite auf einem ausgepolſterten Sitze, der haͤufig mit Atlas uͤberzogen iſt, befindet, ſo daß die Ruͤcken gegen einander ſtehen; der Fuhr⸗ mann hatte einen langen Bart, trug einen großen braunen groben Rock, in der Mitte mit einer rothen Schaͤrpe umwunden, ferner Stiefeln, ſaß vorne, dicht hinter den Pferden, die gewoͤhnlich Trott laufen. Hier verwechſelten wir unſer ſchwediſches Geld bey Herrn Broom, und fanden, daß der Kurs nicht vortheilhaft fuͤr uns war. Nachdem wir ſo lange kein Geld geſehen, waren wir uͤber⸗ 1————„——————— ————— — = = 31— raſcht, einen Schreiber, in einem langen blauen, in der Mitte mit einem Guͤrtel verſehenen Rocke, ins Zimmer treten zu ſehen, der unter dem Ge⸗ wichte eines groben Sackes voll Kopeken ſchwitte; dieſe kupferne Muͤnze iſt ungefaͤhr drey Pfennig Engliſch werth. Es iſt wol hier nicht am unrech⸗ ten Orte, der ruſſiſchen Muͤnzen zu erwaͤhnen. Von Kupfer findet man dort den Viertel⸗Kopek, Poluſchka genannt, allein er iſt wenig im Umlauf; den halben Kopeken, der Deniſchka heißt; ferner zwey, fuͤnf und zehn Kopeken⸗ Stuͤcke— Von Silber ſind dort die fuͤnf Kopeken⸗ Stuͤcke, ſelten; ferner hat man zehn, funfzehn und zwanzig Ko⸗ peken⸗Stuͤcke; einen Viertel⸗Rubel(fuͤnf und zwan⸗ zig Kopeken werth); einen halben und ganzen Rubel. Das Agio zwiſchen Silber und Bank⸗ noten betraͤgt ungefaͤhr fuͤnf und zwanzig Procent. Im Golde hat man den halben Imperial, fuͤnf Rubel werth, einen Imperial von zehn Rubeln. Es giebt dort Noten von fuͤnf, zehn, fuͤnf und zwanzig, funfzig, und hundert Rubeln. Die Ruſſen rechnen immer nach Rubeln; ein Ru⸗ bel betraͤgt jetzt ungefaͤhr zwey Schilling und acht Pfennig Engliſch. Ein Silberrubel ſtehet auf fuͤnf und zwanzig Kopeken hoͤher, als ein vapierner Rubel. 5— 32— Es iſt bemerkenswerth, daß man auf den unter der vorigen und jetzigen Regierung geſchlagenen Silberrubeln weder das Bildniß des vorigen, noch des jetziges Kaiſers findet. Zehntes Kapitel. —.— Hoͤflichkeit der Bauern.— Ein elendes Dorf.— Wiburg.— Griechiſche Religion.— Eine Pre⸗ digt, zur Erweckung der Wohlthaͤtigeeit.— Re⸗ ligion und Erpreſſung.— Ueber Staͤdte und Fe⸗ ſtungen.— Die entkraͤfteten Pferde.— Volon⸗ tair⸗ Uniform.— Anblick von Petersburg.— Der Koſak.— Die beruͤhmte Statue. (Waͤhrend die Bauern unſere Pferde anſpannten, vier neben einander, auf dem Hofe unſers guͤtigen und gaſtfreundſchaftlichen Wirthes, ergoͤtzte es mich, zu ſehen, wie hoͤflich und mit was fuͤr feyerlichen Komplimenten die gemeinſten Ruſſen ſich untereinander gruͤßten; nichts, als ein duͤnner Anzug und leichter Gang fehlte, um ſie dem leicht⸗ ſinnigen, froͤhlichen und gratibſen Weſen der Boulevards des Italiens gleich zu ſetzen: hier war das ruſſiſche Aeußere beſtimmter entwickelt; doch, — 33— doch, ich wuͤnſche eine genauere Beſchreibung deſſelben ſo weit hinauszuſchieben, bis wir zur Hauptſtadt kommen; es reicht hier hin, nur anzufuͤhren, daß die Mannsperſonen, was den Koͤrper betrifft, einem Baumſtamm an Feſtigkeit gleichen, und, daß die Frauenzimmer beſonders haͤßlich ſind: ich ſah nicht eine weib⸗ liche Naſe, die nicht breit und eingebogen ge⸗ weſen waͤre; und der Anzug der letztern, der dem ihres Geſchlechtes in andern Gegenden gar nicht gleicht, war ſchmuzig und zerlumpt. Man reiſet im ruſſiſchen Finnland ſehr wohlfeil; wir bezahlten das Pferd die Werſt mit zwey Kopeken, ausgenommen die letzte Poſtſtation nach Peters⸗ burg, wo man uns dafuͤr fuͤnf Kopeken abnahm. Im ruſſichen Finnland faͤllt die Bequemlichkeit weg, immer Jemand vorauszuſchicken, um die Pferde zu beſtellen. Auf dem Wege begegneten wir mehreren Kibitkis. Als wir Uperla verlaſſen hatten, ſiengen jene außerordentlichen abgeſonderten Felſen und ſehr großen Steine an, womit bis jetzt die Wege an den Seiten bedeckt waren, und die zerſtreuet auf den Feldern lagen; ſie nahmen eine roͤthere Farbe an, zeigten eine weit groͤßere Zerbrech⸗ lichkeit, als die andern, welche wir hinter uns gelaſſen hatten, und verſchwanden endlich im ar Theil. 23 = 34 tiefen Sande. Das Land hatte ein aͤußerſt arm⸗ ſeeliges Anſehen. Wir hielten bey einem Dorfe, welches aus gebrechlichen Huͤtten beſtand, die von kunſtlos uͤber einander gelegten Baumſtaͤmmen aufgebaunet wa⸗ ren, und große Granitfelſen zum Grunde hatten: keine dieſer einſamen Wohnungen ſtand perpen⸗ dikulaͤr, und aus einem kleinen Loche, welches das Licht nicht hell hereinfuͤhrte, gieng der Rauch heraus. Die Einwohner waren beynahe nackend, und hatten das Anſehen von Geſchoͤpfen, die der Himmel im Zorn hervorgebracht hatte. Statt der gruͤnen, friſchen, hervorkeimenden Blaͤtter, der Getreide⸗ und Grasarten, war die Erde mit weiß⸗ lichem verdorrten Mooſe bedeckt; da, wo der klare Bach kleine Wellen haͤtte ſchlagen ſollen, floß ein ſchlammiger Fluß, voll riechenden Waſſers, langſam und der Geſundheit nachtheilig, hin⸗ unter. Nicht ein Banm war zu ſehen, ſelbſt nicht eine melancholiſche Tanne! Die Zeit, die ſonſt der Unfruchtbarkeit der Natur zu tragen gebeut, die den Schaͤfer und deſſen Heerde in Stand ſetzt, reiche Weide in der verwandelten Wuͤſte zu finden, iſt uͤber dieſe Gegenden weggegangen, ohne ihre gewohnte Wohlthaten uͤber ſie auszu⸗ ſchuͤtten. Ich fand, daß dieſe Menſchen, die Fin⸗ nen, ſtets von den eigentlichen Ruſſen in der ————— — 35— Hauptſtadt durch ihr ſchmuziges und ſchwerfaͤl⸗ liges Auſehen zu unterſcheiden waren. Indeß, ſelbſt auf dieſem unfreundlichen Flecke findet man dasjenige, uͤber deſſen Mangel ſo mancher Reiſende in England klagt, naͤmlich, daß jeder abweichende Weg ſorgſam und auf eine ge⸗ ſcheide Weiſe durch einen Pfahl, der die Beſtimmung giebt, angezeigt iſt. Ob nun gleich die Bauern des Landes in dieſen Theilen ſo ſehr elend ſind: ſo ſiehet man doch einen bedeutenden Theil des ruſſiſchen Finnlandes fuͤr ein ſo fruchthares Land an, als irgend einen Theil der Laͤnder gegen den Pol hin. Wir konnten den Tag, als wir von Friedrichsham abfuhren, nicht nach Wiburg kommen, weil uns der Mangel an Pferden zu Terviock, der letzten Station dahin, aufhielt. Es war hier zu warm, um in der Chaiſe ſchlafen zu koͤnnen; wir giengen daher in ein elendes Poſt⸗ haus; in der Stube befand ſich nur eine Krippe mit einem Betttuche, das ſo alt, ſo braun, und ſo ſchmuzig war, wie des Poſtmeiſters Ge⸗ ſicht und Haͤnde; dieſer gab mir zu verſtehen, ich ſollte mich des Bettes bedienen können, wenn er es gebraucht haͤtte, und ſprang dann ganz ru⸗ hig hinein, ohne ſeine Kleider ausgezogen zu ha⸗ ben. Ich war aber aͤußerſt muͤde, nnd ſchlief daher auf meinem Pelze, der mir ſtatt des Bet⸗ — 36— tes diente, und auf dem Mantelſacke, ſtatt des Kopfkiſſens, ſogleich auf dem Boden ein, worauf ſich Fliegen, Floͤhe und Schaaben befanden. Um drey Uhr des Morgens ward ich durch das Klingeln der Glocken unſerer Pferde geweckt, worauf die Bauern froͤhlich bis an die Thuͤr hin gallopirten. Die Sonne war aufgegangen und ſchien die Kuͤhle der Luft bald verdraͤngen zu wollen. Um fuͤnf Uhr paſſirten wir die Bruͤcke und befanden uns an den Thoren von Wiburg, der Hauptſtadt des ruſſiſchen Finnlandes. Es iſt eine große, ſchoͤne, befeſtigte Stadt, worin bedeutender Handel getrieben wird, die ſich ſehr ſeit dem Feuer, welches 1793 darin ſtatt hatte, gehoben hat. Ohne die mindeſte Schwierigkeit ließ man uns in die Thore ein; hielt uns aber nachher neun Stunden auf, um einen neuen Be⸗ fehl wegen der Poſtpferde zu bekommen, der von dem Gouverneur, oder dem Stellvertreter, unter⸗ zeichnet ſeyn mußte. Es war grade an einem Sonntage; und waͤhrend man hieruͤber unter⸗ handelte, beſah ich die griechiſche Kirche, die in einer Ecke eines großen Platzes, worauf Parade gehalten wird, ſtehet; ſie iſt mit Eleganz von Holz erbanet, hellgelb und weiß angeſtrichen, und das Dach, ſo wie der Thurm, ſind mit Kupfer gedeckt und gruͤn angeſtrichen. Sie hat ein — — 37— ſehr leichtes und gefaͤlliges Anſehen. Jeder Ruſſe, der die Treppen hinauf ſtieg, die zu der Thuͤr fuͤhr⸗ ten, hob vorher ſeine Augen gegen das kleine Bild⸗ niß der Jungfrau empor, welches auf den Kranz⸗ leiſten angebracht iſt; nachdem er ſein Haupt entbloͤßt, verneigte er ſich, und machte mit dem Daumen und dem Zeigeſinger vor ſich das Kreuz. Die Jungfrau war mit einer Haube von Silber verzieret. Haͤtte ſie nicht die plumpe und elende Einbildungskraft des Malers geſchaffen: ſo waͤre zu glauben geweſen, daß eine der Nymphen, die wir zwiſchen Friedrichsham und dieſem Orte ſahen, als Modell hiezu geſeſſen haͤtte. Sie war von dunkelbrauner Farbe, und hatte nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit irgend einem Ge⸗ maͤlde von Vandyk’ heiliger Familie. Aus der griechiſchen Kirche ſind Gemaͤlde, muſikaliſche Inſtrumente und Sitze verbannt. Selbſt der Kaiſer und die Kaiſerinn haben hier nicht die Erlaubniß, die man in Verſammlungs⸗ zimmern hat. Es giebt darin keine ausgeſtopfte Kiſſen, keine ausgepolſterte Stuͤhle, die zur Ruhe einladen. Als ich in die Kirche trat, ſeegneten ſich die Leute, buͤckten ſich, und gien⸗ gen dann ſchnell zu einem Diener der Kirche, der ein reiches Kleid trug; dieſem gaben ſie eins von den kleinen Geldſtuͤcken, und erhielten — 38— dafuͤr eine kleine Wachskerze, die ſie an einer Lampe anzuͤndeten, und in einen Armleuchter, vor dem Bilde des Heiligen hinſtellten, den ſie ſich unter den vielen des griechiſchen Kalenders ausgewaͤhlt hatten. Einigen hatte man die Ver⸗ ehrung gegen ſie auf eine glaͤnzende Art be⸗ zeigt, waͤhrend man vor andern nicht ein einzi⸗ ges Licht fand. Mitten in der Kirche ſtanden abhaͤngige Tiſche, worauf ſich Miniaturgemaͤlde einiger dieſer Heiligen in Glaskaͤſten befanden, die mit goldenen, ſilbernen, oder metallenen Hau⸗ ben verziert waren; ſie hatten viel Aehnliches mit einer Sammlung von Medaillen. Der Schirm, der aus doppelten Thuͤren beſtand, im Nuͤcken des Altars, zu dem eine Treppe hinauf fuͤhrte, war reich vergoldet, und mit Figuren von Hei⸗ ligen, beyderley Geſchechts, in Lebensgroße, ver⸗ ziert, die ſehr gut dargeſtellet waren. Waͤhrend des Gottesdienſtes öffnete ſich die Fluͤgelthuͤr und zeigte einen Prieſter in der Sakriſtey, wo das liebenswuͤrdige Frauenzimmer nie hinein⸗ gehen darf, und zwar aus Gruͤnden, die Je⸗ mand, der noch nicht gereiſet iſt, mit Verwun⸗ derung vernehmen wuͤrde, und die ich den Da⸗ men zu entdecken uͤberlaſſe. Der Prieſter legt immer ſeinen Amtsornat an dieſem Orte an, waͤhrend es einen Theil der Rechte des Biſchofs 8ᷣ D NX — 39.— ansmacht, ſich in der Mitte der Kirche anzu⸗ Kurdden Das Prieſterkleid war aus koſtbarer Seide, mit reichen goldenen Treſſen, verfertiget, und derjenige, welcher es trug und in der Bluͤte des Lebens zu ſeyn ſchien, hatte das mildeſte, ausdrucksvolleſte, religiöſeſte Geſicht, welches mir je vorkam, das den beſten Portraits von Karl. etwas glich; ſein dunkelbrauner Bart war be⸗ deutend lang, er fiel ſchöͤn uͤber ſein Gewand hinab, und lief ganz in eine Spitze zuſammen. So, wie ich ihn ſah, nämlich unter der Beguͤn⸗ ſtigung eines von oben herabſallenden Lichtes, wuͤrde er auch ein ſchönes Studium fuͤr den Maler abgegeben haben. Nachdem er das Ritual nicht ſehr laut abgeleſen hatte, waͤhrend deſſen die Zuhorer ſich ſeegneten, und ein Mann, ne⸗ ben mir, in einem langen Kleide von Sacklein⸗ wand, welches er, dem Anſcheine nach, zur Buße trug, wiederholt den Bode n mit ſeine: Kopfe beruͤhrte, ſang die Gemeine das Recita⸗ tiv, und brachte durch ihre maͤnnlichen Stim⸗ men eine ſchoͤne Wirkung hervor. Dieß wird zur Beſchreibung einer griechiſche Kirche hin⸗ reichen; was ihre abſtrakten Myſterien betrifft, ſo ſind ſie unr wenig bekannt, ſelbſt ihre eigene Anhaͤnger nicht an zsgenommen, die lediglich die Autoritat ihrer eigenen Prieſter anerkennen. — 40— und auf die Obergewalt des Pabſtes Verzicht leiſten. Von hier begaben wir uns in eine refor⸗ mirte katholiſche Kirche, wo der Prediger, dem Anſcheine nach, mit vielem Pathos, eine Pre⸗ digt zur Erweckung der Wohlthaͤtigkeit in deut⸗ ſcher Sprache hielt: jeder Zugang war bis zum Erſticken gedraͤngt voll; jedesmal, wenn der Redner eine gluͤckliche Aufforderung gemacht hatte, druͤckten die Zuhorer ihren Beyfall durch wilde Akklamationen aus, und die dazu beſtimmten Diener nahmen dieſe eindrucksvollen Augenblicke wahr, um von der Gemeine die Fruͤchte ihrer wohlthaͤtigen Stimmung einzuſammeln, die ſie in einem kleinen ſeidenen Beutel erhielten, der an dem Ende eines langen Stockes befeſtigt war, von welchem eine kleine Glocke herabhieng, die jedesmal geſchuͤttelt wurde, wenn die Wohl⸗ thaͤtigkeit ihr Scherflein hineinfallen ließ.. 1 Ich hatte gegruͤndete Urſache zu glauben, daß unſer Wirth, ein vollkommner Italiener, hier ein Andaͤchtiger geweſen war, und durch Erpreſſung die Leere wieder anzufuͤllen wuͤnſchte, die ein plötzlicher Impuls zur Wohlthaͤtigkeit in ſeinem Geldbeutel verurſacht hatte; denn der Mann hatte die Unverſchaͤmtheit, uns 10 ¾ Ru⸗ bel fuͤr ein Fruͤhſtuͤck, ein einfaches Mittags⸗ — 41— mahl und fuͤr eine Bouteille rothen Wein abzu⸗ fordern. Meine Herren! ſagte er in ſeiner Antwort auf unſere Vorſtellung, die nach und nach Wirkung hatte; warum machen Sie Ein⸗ wendungen gegen bedeutende Koſten? Sie ſind die unvermeidlichen Folgen der Annaͤherung ge⸗ gen die Hauptſtadt? Es giebt Einige, die mit we⸗ nigerer Achtung, als ich, von den Ruſſen denken, welche geglaubt haben wuͤrden, daß ſie dieſem ſuͤdlichen Fremdling alle Schurkerey inokulirt haͤtten; aber ich war durch ſeinen Ton, durch ſeinen Blick und ſeine Gebaͤrden uͤberzeugt, daß er ſie auf natuͤrlichem Wege gelernt haͤtte; in⸗ dem wir daher wuͤnſchten, nie ſein Geſicht und eine befeſtigte Stadt wieder zu ſehen, ſtiegen wir in den Wagen und fuhren nach dem Thore ab, welches nach Petersburg fuͤhrt, wo wir wieder beym Poſthauſe drey Viertelſtunden aufgehalten wurden, weil es nothwendig war, daß der Stellvertreter des Gouverneurs nochmals ſein eignes Geſchreibe unten auf dem Beſehl, wegen der Poſtpferde, ſehen ſollte. In was fuͤr einer Lage wuͤrden ſich eng⸗ liſche Reiſende in ihrem eigenen Lande befunden haben, mit aller ihrer gewohnten Reizbarkeit und Ungeduld, wenn nicht der richtige Verſtand eines Einzigen uͤber den Wahnſinn eines be⸗ 422— ruͤhmten Ingenieurs, durch Feſtungen England zu ſchuͤtzen, Herr geworden waͤre? Wie viele Gouverneurs, Thore und Wachen wuͤrden nicht tauſendmal verdammt worden ſeyn; Dem Himmel ſey Dank! Wir befinden uns außerhalb der Stadt, obgleich der Weg ſehr ſandig und voll Huͤgel iſt. Wir fuhren die ganze Nacht hindurch, und als wir auf einen langen und ſteilen Huͤgel zu kommen ſuchten, fiengen die Pferde an zu ermuͤden. Es iſt ein bedeutender Unterſchied zwiſchen den ſchwediſchen und ruſſiſch, finniſchen Pferden; letztere ſind weit groͤßer, aber ſehr ſchwach. Als der Bauer das Halten gewahr ward ſtieg er vom Wagen, brach einen Tannenzweig ab, und wuͤrde die armen Thiere ganz erſtaunlich mitgenommen ha⸗ ben, wenn wir uns nicht ins Mittel gelegt haͤt⸗ ten. Aus Hunger und aus uͤbermaͤßiger An⸗ ſtrengung hatten ſie ſich auf den Erdboden ge⸗ worfen, und waren eben ſo unbeweglich, als die Tannen des ſchwarzen und haͤßlichen Wal⸗ des, worin uns dieſer Zufall zuſtieß. Selbſt Hiob wuͤrde wol ſeine Geduld verloren haben, wenn er im ruſſiſchen Finnland mit vier Pferden aus der Hand haͤtte fahren ſollen. Trotz des Scherzes und der heftigen Reden des Herrn Windham im Parlament, war ich ent⸗ N = 43— ſchloſſen zu ſehen, ob eine Volontairuniform wirk, lich weiter gar keinen Werth habe, als nur Spaß zu erregen. Schnell zog ich mein Kammiſol an, und gieng mit dem Bauer bis zum naͤchſten, zwey und eine halbe Meile entfernten Poſthauſe. Es war mitten in einer dunkeln Nacht; wie wir uns dem Hauſe näherten, ſah ich auf einer traurigen Heide ſechs oder ſieben ſtarke Bauern an jeder Seite von einem großen gluͤhenden Tannenbaume feſt ſchlafen. Den Augenblick, als der Poſtmeiſter die Thür oͤffnete, und meine Uniform gewahr ward, ver⸗ neigte er ſich auf das Ehrfurchtsvollſte, und, wie der Bauer ihm den Zuſtand der Pferde geſchildert hatte, weckte er die bey den Tannenbaͤumen ſchla⸗ fenden Bauern, ſandte vier ab, um den Wagen ziehen zu helfen, und die uͤbrigen, um Pferde aus den angränzenden Hoͤtzern fuͤr die naͤchſte Station zu holen; hierauf ſtellte er drey Stuͤhle in eine Reihe, und gab mir ein ziemlich reines Kopfkiſſen, und ſo verſehen, war ich im Begriff mich niederzulegen, als ein Liqueurhändler, aus einem gegenüberſtehenden Hauſe, unbedeckt und mit einem ſtarken Bart, eine große Bouteille Branntwein in der einen, und ein Glas in der andern Hand, in das Zimmer trat; nachdem er ſich geſeegnet und mir eine Verbeugung ge⸗ macht hatte, drang er in mich, zu trinken. = 44— Alle dieſe Auszeichnungen, wozu ich auch noch rechnen darf, vier gute Pferde fuͤr die naͤchſte Station erhalten zu haben, verdankte ich meiner Volontairuniform. Hierauf genoß ich zwey Stun⸗ den ſuͤßen Schlafes, bis das Geklingel der klei⸗ nen Glocken die Ankunft des Wagens und der ganzen Kavalkade ankuͤndigte. Den Tag darauf erblickten wir die leuchtende Kuppel und die Thuͤrme der Hauptſtadt, unge⸗ faͤhr zehn Werſte von uns entfernt, als ſie ſich eben uͤber eine lange Linie von Tannenwaͤldern er⸗ hob. Um zwolf Uhr kamen wir an die Barriere, einem einfachen hohen Bogen von gebrannten Stei⸗ nen mit weißem Stucko uͤberzogen; von jeder Seite deſſelben giengen Palliſaden aus, die einen Theil der Linien dieſer großen Stadt ausmachen. An dieſer Seite giebt es kein Zollhaus; allein wir wurden beynahe eine Stunde aufgehalten, woran, wie wir nachher erfuhren, der wachthabende Of⸗ ficier, ein ſchoͤner junger, wahrſcheinlich tapfe⸗ rer, aber im Leſen oder Schreiben nicht geuͤbter Mann, Schuld war. Unſere Paͤſſe ſchienen ihn in Verlegenheit zu ſetzen, bis der Unterofficier geholt ward, der dann ſeinem Officier und den Englaͤndern ſofort half. Ein doniſcher Koſack, von heller Geſichtsfarbe, eine rothſammtne Muͤtze auf dem Kopfe, mit einem kurzen rothen Man⸗ — 47— tel, einem Guͤrtel, worin ſich zwey Piſtolen be⸗ fanden, einem leichten Gewehre, welches uͤber den Schultern hieng, und einen langen elaſtiſchen Spieß in der Hand, auf einem kleinen elenden hochbeinigen Pferde, erhielt Befehl, uns zu dem Gouverneur der Stadt zu begleiten, und mit die⸗ ſer Ehrenwache eilten wir durch die Wiburgiſche Vorſtadt, und kamen endlich auf des Kaiſers Bruͤcke von Pontons oder Boten; hier hatte ich das ſchoͤnſte und praͤchtigſte Schauſpiel, welches mich eine Zeitlang ganz in Bewunderung und Er⸗ ſtaunen ſetzte. 4 Am Himmel ſtanden keine Wolken: die Newa von einem brillanten Blau, hell und beynahe ſo breit als die Themſe bey der Weſtmuͤnſter⸗Bruͤcke; ſie floß majeſtaͤtiſch daher, und trug die male⸗ riſchſten Schiffe und praͤchtige, zum Vergnuͤgen be⸗ ſtimmte Barken; da ſich das Auge ſchnell meh⸗ rere Meilen dieſen prachtvollen Strom auf und nieder bewegke, der mit den erſtaunlichſten Ein⸗ faſſungen von Granit geziert iſt: ſo erblickte es laͤngſt den Seiten in einer Linie Pallaͤſte, ſchoͤne Gebaͤude und Gaͤrten, waͤhrend ſich in einiger Entfernung gruͤne Kuppeln und hohe Thuͤrme der griechiſchen Kirchen mit dem feinſten Golde uͤber⸗ zogen, die in der Sonne glänzten, erhoben. Un⸗ mittelbar vor uns dehnte ſich das prachtvolle Ge⸗ — 46— länder der Sommergaͤrten aus, mit ſeinen ſchoö⸗ nen Säulen und Granitvaſen; ein Werk ohne Gleichen, von kaiſerlichem Geſchmack und Glanz. In den breiten Straßen dieſer wunderbaren Stadt begegneten wir einer Menge Waͤgen, die von vier Pferden, der Laͤnge nach geſpannt, gezogen wurden, mannichfaltigen reichen Equipagen, und Leuten aus allen Theilen der Welt in ihrem ver⸗ ſchiedenen und bunten Koſtume. In dem Buͤreau des Gouverneurs gaben wir unſere Paͤſſe ab, und der Koſack verließ uns. Die Koſacken haben ein ſonderbares Anſehen auf ihren kleinen elenden Pferden, die indeß in dem Rufe ſtehen, aͤußerſt muthig und dauerhaft zu ſeyn; der Reiter haͤlt feinen Spieß, der oft funfzehn bis achtzehn Fuß lang iſt, ſo, daß er vertikal auf dem Steigbuͤgel ruhet. Man ſagt, ſie waͤren im Stande, nach dem Anſehen des getretenen Graſes, die Zahl von Menſchen und Vieh, die daruͤber gegangen iſt, und ſogar die Zeit, wenn dieß geſchah, zu beſtimmen. Die Koſacken werden nie abgerichtet, Eskadronsweiſe anzugreifen: ſie werden ſtets in die Arriergarde der Armee geſtellt, und fechten nur auf eine fluͤchtige Art bey einem Nuͤckzuge der Armee. Der Officier, der beym Gouverneur den Dienſt hatte, fragte uns nach der Urſach unſrer Reiſe, nach den Namen u. ſ. w.; eine 4,= Beſchreibung ſeines Zimmers wird dazu dienen, einen allgemeinen Begriff von den Einrichtungen zu geben, die man ſtets in ruſſiſchen Haͤuſern antrifft. Das Zimmer war getheilt durch einen holzernen Verſchlag, der den vierten Theil nie⸗ driger, als das Zimmer, oben ausgezackt, und mit kleinen halben Monden verziert war; hinter demſelben befand ſich ſein Bett, und in einer Ecke, nahe an der Decke, war das Gemaͤlde ſeines Lieblingsheiligen in einem Rahmen und unter Glas, wovor eine brennende Lampe ſtand; dieſe Oekonomie des Raums gewahrte ihm die Bequemlichkeit von zwey Zimmern. Mitten in dieſem Taumel von Ideen, welche die Scenen um uns her erzeugten, fuhren wir in den Hof von Demut h's Hotel, welches, wie ich glaube, in Petersburg das beſte iſt. Einige höfliche Deutſche halten es, und es ſtehet an der Seite der Moika, eines ſchoͤnen Kanals, den ein reiches eiſernes Gelaͤnder und eine Einfaſſung von Granit umgeben. Der Reiſende muß ſich wegen des freyen Gebrauches des Newawaſſers in Acht nehmen, da dieß, gleich dem aus der Seine, ſehr abfuͤhret. 1— Unſer Hotel ſtand ganz im Verhaͤltniſſe zu den uns umgebenden Gegenſtaͤnden, und war ſehr beſetzt: nur mit vieler Schwierigkeit erhiel⸗ = 48— ten wir zwey bequeme Zimmer, die wir, nach der Gewohnheit des Ortes, auf eine Woche ge⸗ wiß miethen mußten. Eins derſelben war auf die eben beſchriebene Art abgetheilt, und gewaͤhrte einen Platz, wo der Bediente ſchlafen konnte. Die Waͤnde waren gaͤnzlich mit Fliegen bedeckt, die um dieſe Zeit, in Rußland, der Seuche in Egypten nicht viel nachſtehen. Als wir uns vom Staube gereinigt und ein Mittagsmahl ein⸗ genommen hatten, wobey uns zum erſten Mal, nachdem ich Stockholm verlaſſen, Vegetabilien aufgetragen wurden, gieng ich aus; aber der Tag war ſchon weit vorgeruͤckt. Nachdem ich einige Zeit von ſo vieler neuer Pracht verblendet, anſtand, auf welchen Ge⸗ genſtand ich meine Aufmerkſamkeit zuerſt richten wollte, beſchloß ich, die Statüͤe Peters des Großen zu beſehen. Jedermann hat von die⸗ ſem koloſſaliſchen Komplimente gehört, welches die Freygebigkeit von Katharina II. und das Genie Falconet's dem Andenken jenes wun⸗ dervollen Mannes machte, welcher Rußland zu dem Nange einer europaͤiſchen Macht erhob. So ſehr ich nun auch voll Bewunderung fuͤr dieß herrliche Kunſtwerk war: ſo mußte ich doch bedauern, daß der Kuͤnſtler den Granitfelſen, der nach einer großen Idee zum Piedeſtal der Statue —· —————,———· =— 429— Statue dient, ſo ſehr verkleinert und polirt hat. Das Pferd, im Akt die Steile des Felſens zu erklimmen, ſoll die Schwierigkeiten darſtellen, welche Peter aufſtießen, um ſein unaufgeklaͤrtes Volk zu civiliſiren. Haͤtte dieſer Felſen die Groͤße und Geſtalt behalten, die er hatte, als er, gleich⸗ ſam wie durch eine gewaltige Erſchuͤtterung der Natur hervorgeſtoßen, zuerſt auf ſeinen jetzigen Platz kam, ſo, daß man ihm die wenigſten ſeiner Rauheiten genommen haͤtte, dann wuͤrde er die Wuͤrde des Pferdes und des Reiters erhöhet, und jeden Anſchauer der erſtaunlichen Arbeit und Unternehmung, die, ſeit dem Umſturze des roͤmi⸗ ſchen Reiches, ihres Gleichen nicht hat, in Er⸗ ſtaunen geſetzt haben. Jemand, der dieſen Fel⸗ ſen, ehe er hieher kam, in Carelien ſah, bezeugt, er ſey damals vierzig Fuß lang, zwey und zwan⸗ zig breit, und zwey und zwanzig Fuß hoch gewe⸗ ſen. Er beſteht aus Granit und Onyx,*) und iſt weiß, grau und ſchwarz; wenn ich nach einem Petſchaft, das mir der gelehrte D. Guthrie, daraus verfertigt, ſchenkte, urtheile, ſo iſt er einer ſehr feinen Politur faͤhig. In ſechs Mona⸗ *) Dieſe ganze Steinmaſſe iſt blos, ein vielfar⸗ biger, ſehr harter Granit. Anmerk. des Ueberſ. 2† Theil. 4 „ = 50— ten ward der Felſen aus ſeinem natuͤrlichen Bette an den Ort, wo er nun ſtehet, theils zu Lande, theils zu Waſſer, gebracht, eilf Werſte weit, oder ein und vierzig tauſend zwey hundert und funfzig engliſche Fuß; und dieß koſtete vier hundert vier und zwanzig tauſend ſechs hundert und zehn Ru⸗ bel. Die Arbeit des Meiſels an dieſer ungeheuern Maſſe und rauhen Bedeckung war ſo unermuͤd⸗ lich, daß deren Geſchichte am meiſten zu bewun⸗ dern ſtehet. Der Geiſt von Falconet war of⸗ fenbar neidiſch auf die rohen, aber ungeheuern Kraͤfte der Natur, und fuͤrchtete, ihr Felſen möchte mehr die Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen, als ſeine Statue; deshalb verkleinerte er ihn ſo ſehr, bis er nicht in gehoͤrigem Verhaͤltniſſe ge⸗ gen die koloſſaliſchen Figuren ſtand, die er trug; allein er iſt dadurch dahin gelangt, das Werk dem Auge des Anſchauers naͤher zu bringen Haͤtte er ſich damit befriedigt, die Huldigung mit der Natur zu theilen: ſo wuͤrde er dabey nicht verloren haben. Der Kopf von Peter iſt ſehr ſchoͤn; er ward von Madame Collot, der Mai⸗ treſſe Falconets, modellirt. Die Figur und Draperie ſind bewunderungswuͤrdig, und das Pferd verdienet naͤchſt denen von Venedig, jenen Werken der Kunſt ohne Gleichen, zu ſtehen, die jetzt die Thore der Thuillerien ſchmuͤcken. Der ☛☛ ◻●&⏑☛ — eee ee ehe A r) — 51— Fleck, worauf ſich dieſe Statue befindet, iſt ſtets voll Menſchen, da er in der Mitte liegt, und nach einer der Bruͤcken hinfuͤhrt. Ich ſtieg auf eine Droſchki; mein Fuhr⸗ mann, der eine ganz verpeſtete Luft von Knob⸗ lauch um ſich verbreitete, hatte eine zinnerne Platte auf dem Ruͤcken, worauf ſeine Nummer, und das Stadtviertel, wohin er gehoͤrte, ſtanden; er fuhr mich mit außerordentlicher Geſchwindigkeit; ſein Pferd hatte einen hohen Bogen von Eſchenholze, der ſich von dem Hals aus erhob, mehr zum Zierrath, als des Nutzens wegen. Ich war ganz erſtaunt uͤber die außerordentliche Laͤnge und Breite der Straßen, ſo wie auch uͤber die Groͤße und Pracht der Haͤuſer, die in italieniſchem Styl gebauet ſind, von Backſteinen mit Stucko uͤber⸗ zogen, und ſo angeſtrichen, als waͤren ſie von Stein. Meiſtens ſind ſie von vier Stockwerken, das Erdgeſchoß mit gerechnet, in deſſen Mitte ſich durchgehends ein großer Thorweg fuͤr die Kutſchen befindet; das Dach ſchießt ſanft herab, und iſt aus Platten von gegoſſenem Eiſen oder Kupfer, gruͤn oder roth angemalt, verfertiget; und hinterwaͤrts iſt ein großer Hof, worin ſich die Nebengebaͤude, die Eishaͤuſer und ungeheuere Vorraͤthe Holz befinden. Die ſehr große Anzahl Waͤgen, jeder von vier Pferden gezogen, und — 72— die Fuhrleute in großer Entfernung von den Deichſelpferden, erhoͤheten die Wirkung ungemein. Der Poſtillion iſt ſtets ein kleiner Junge, der einen runden Hut, einen langen groben, geraͤum⸗ lich braunen Rock, durch einen rothen Guͤrtel in der Mitte befeſtigt, traͤgt, und, unſerer Gewohn⸗ heit zuwider, beſtaͤndig auf dem Pferde rechter Hand reitet, und die Peitſche in der linken Hand haͤlt. Der Kleine iſt aͤußerſt geſchickt und ſorg⸗ ſam, und es iſt angenehm, ihn jedesmal, wenn er um eine Ecke kehrt, oder Jemand vor ſich im Wege ſiehet, ausrufen oder vielmehr ſingen zu hoͤren:*Paddi! paddi! paddi! Der Kutſcher, oder wie man ihn nennt, der Iſchvoſchick, iſt auf gleiche Weiſe angezogen, und traͤgt einen langen, ehrwuͤrdigen Bart. Hinten auf dem Wagen ſte⸗ hen ein oder zwey Bedienten mit großen mit Borten beſetzten dreyeckigen Huͤten, laͤrmmachen⸗ den Livreen und Militairſtiefeln mit Spornen. Was fuͤr eine Eqnipage fuͤr die St. James⸗ Straße an einem Geburtstage! Der Bart des ruſſiſchen Fuhrmannes wuͤrde hier eine eben ſo ſtarke Senſation hervorbringen, als dieß der Fall mit der huͤbſchen, feyerlichen, kleinen Stutz⸗ peruque von Lord Whitworth's Kutſcher in den Straßen von Paris war. Die die Herr⸗ ſchaft bedienenden Kutſchen ſtehen den groͤßten FCheil des Tages in den Höfen oder vor den Haͤuſern ihrer Herren; die Pferde werden im Geſchirre gefuͤttert, und der kleine Poſtillion iſt oͤfters vier und zwanzig Stunden im Steigbiegel, iſſet, trinkt und ſchlaͤft aufm Pferde, und der Kutſcher thut dieß gleichfalls aufm Bock. Ein Fremder muß unmittelbar nach ſeiner Ankunft, wenn er einigermaßen angeſehen zu ſeyn wuͤnſcht, eine Kutſche mit vier Pferden miethen, wofuͤr er monatlich zwey hundert Rubel zu zahlen hat. Ohne eine ſolche Eguipage kommt er in Peters⸗ burg in gar keinen Betracht. —ns— 1 1 54 Eilftes Kapitel. Vorzuͤge der Kaiſerſtadt.— Die Sommergaͤrten.— Das Kuͤſſen.— Pferde mit falſchen Haaren.— Das Sanfte der ruſſiſchen Sprache.— Bärtige Modehaͤndler.— Die Unvergaͤnglichkeit des ruſ⸗ ſiſchen Bartes.— Große Reichthuͤmer, von ge⸗ meinen Ruſſen zuſammengebracht.— Der Grund der Menſchlichkeit und Gerechtigkeit.— Muſik und Gruͤnde, beſſer, als die Peitſche.—— Skla⸗ verey.— Die Knute. Petersburg verdienet die Hauptſtadt eines Rei⸗ ches von der Größe von halb Aſien, worin vier⸗ zig Millionen Menſchen wohnen, zu ſeyn. Der Umkreis erſtreckt ſich auf beynahe zwanzig eng⸗ liſche Meilen; aber der Umfang des Bodens, der wirklich darin bebauet iſt, betraͤgt bedeutend weniger. Durch den großen Raum ſeiner Straßen und die leeren Plaͤtze wird dieſe Stadt vor jeder andern europaͤiſchen den Vorzug be⸗ haupten; aber die Hauptſchönheit liegt darin, duß ſie das Reſultat eines großen Plans iſt. Faſt in jeder andern Stadt nimmt man an den Gebaͤnden die Fortſchritte ihrer Wohlfahrt und ihres Geſchmackes wahr. In einer kleinen, dunkeln Gaſſe erhebt ſi ch ein Pallaſt, oder in einer ſchönen Straße wird das Auge plotzlich durch die ſchmuzige Wohnung eines Brannt⸗ weinhaͤndlers beleidigt. In der Hauptſtadt Rußlands hat man die Zeit eifrig und thaͤtig dazu angewandt, eine große aͤußere Linie auszufuͤllen. Was wegen des Todes Peters des Großen nicht aus⸗ gefuͤhrt wurde, haben die auf ihn folgenden Regenten, hauptſaͤchlich Katharina II. und der jetzige Kaiſer mit vielem Geſchmack und großer Ermunterung beynahe zu Stande gebracht. Dieſe Stadt hat ſich ſo ſchnell erhoben, daß ein Reiſender glauben könnte, ein Geiſt haͤtte den Plan zum Ganzen entworfen, und eine Hand haͤtte ihn ausgefuͤhrt. Sehr wenige der alten hoͤlzernen Haͤuſer ſind noch uͤbrig; und die, welche noch kein Raub der Zeit geworden ſind, verlieren ſich in dem Glanze der Gebaͤude, die ſie umgeben. Ueber die magiſche Geſchwindigkeit, womit Haͤuſer in Petersburg erbauet worden, kann der Leſer dadurch urtheilen, wenn er hoͤrt, daß fuͤnf hundert ſchöne Gebaͤude das vergangene Jahr er⸗ richtet wurden; indeß, ob nun gleich das Bauen in der Stadt ſo ſchnell zunimmt, ſo ſcheint es doch, nach der letzten Schaͤtzung der Population, — 56— als habe ſie abgenommen, waͤhrend die des Landes zugenommen hat. Schon vorher iſt an⸗ gefuͤhrt, ſie betruͤge vierzig Millionen, wobey zwey Frauenzimmer gegen eine Mannsperſon gerechnet werden. Sowohl der Genius des kandes, als die Re⸗ gierung, beguͤnſtigen alle große Nationalwerke. Unbeſchraͤnkte Macht gewaͤhret einem Kaiſer von Rußland Aladin's Lampe: auf ſeinen Wink erhebt ein Tempel von Eis ſeine kryſtallene Fronte, oder ein Felſenberg fließet auf dem Waſſer daher.*) In Petersburg hat man kein Publikum um Rath zu fragen, die öffentlichen Gebaͤude find daher das Reſultat des Willens eines Mannes. In England iſt hingegen das Publikum alles, und die Ab Bwechslung von deſ⸗ ſen Geſchmack wird in der Mannigfaltigkeit ſei⸗ ner Gebaͤude ſichtbar. Petersburg iſt in drey Sektionen durch die Newa und einen Arm derſelben getheilt, der aus dem Ladoga⸗See kommt, und ſich in den Golf von Kronſtadt ergießet. Dieſe Theilung gleicht der von Paris, mittelſt der Seins die 849) Das piedeftal von BPeter dem Grogen. weiches auf Waſſerfloͤßen auf der Newa fortge⸗ bracht ward. „»„„——·/·——, d& —— = erſte Sektion nennt man das Quartier der Ad⸗ miralitaͤt, welches an der Suͤdſeite des Fluſſes liegt, und den groͤßten und ſchoͤnſten Theil der Stadt in ſich begreift; hier iſt die Reſidenz der kaiſerlichen Familis, des Adels, und der bedeu⸗ tendſte Theil der großen Kaufleute und des Mittelſtandes, ſo wie faſt das Ganze der Kauf⸗ mannſchaft wohnt hieſelbſt: dieſer Theil iſt in eine Menge von Inſeln getheilt, mittelſt des Moika, des Fontanka⸗, des Katharinen;, und Nicolai⸗Kanals. Die zweyte Sektion heißet Vaſſili Oſtrof; ſie liegt an der Nordweſtſeite des Fluſſes, und es giebt darin viele offentliche Gebaͤude und ſchoͤne Straßen. Dieſer Theil ſtimmt hier mit dem der Faux Boury, St. Ger⸗ maine von Paris, uͤberein; und den dritten Theil nennt man die Inſel von St. Petersbung⸗ auf der Nordſeite des Fluſſes, der ſich durch die Feſtung und einige ſchoͤne Straßen beſonders unterſcheidet. Das Land um die Stadt iſt ſehr flach und unfruchtbar; allein die Gaͤrten in den Vorſtaͤd⸗ ten ſind durch große Quantitaͤten vegetabiliſcher Gartenerde, die aus entfernten Theilen des Lan⸗ des hergebracht iſt, ſo wie auch durch Schiffs⸗ ballaſt, bedeutend verbeſſert. Der Morgen nach unſerer Ankunft gieng damit hin, unſere Em⸗ = 8— pfehlungsbriefe abzuliefern: und ſo groß iſt der Geiſt der Gaſtfreundſchaft hier, den man ſo oft und ſo gerechter Weiſe erhoben hat, daß es nothwendig wurde, die Einladungen, die aus allen Theilen der Stadt an uns ergiengen, chronologiſch niederzuſchreiben. Auf dem Spatziergange, bey dieſer Gelegen⸗ heit, bemerkten wir mit Erſtaunen, daß die Ein⸗ faſſung und das Pflaſter von gehauenem Granit war, und ſahen dieß zuerſt in der engliſchen Linie im Galeerhof: denken Sie ſich eine Bruſt⸗ wehr und einen Fußſteig vom haͤrteſten Felſen, den die Natur nur hervorbringt, von der groͤß⸗ ten Breite und Dicke, womit die ſuͤdliche Seite des Fluſſes geſchmuͤckt wird, und die parallel mit einer Linie herrlicher Pallaͤſte und ſplenditer Wohnungen, beynahe zwey engliſche Meilen hinablaufen! Des Abends beſuchte ich die Sommergär⸗ ten, die der Newa gegenuͤber liegen, deren Paliſade, ganz gewiß die größte in Europa, aus ſechs und dreyßig maſſiven doriſchen Saͤu⸗ len von feſtem Granit gebildet iſt, woruͤber ſich Labwechſelnd Vaſen und Urnen befinden; das Ganze iſt, vom Boden gerechnet, ungefaͤhr zwan⸗ zig Fuß hoch, und durch ein ſehr ſchoͤnes Gelaͤnder verbunden, welches aus Speeren von getriebe⸗ = 59— nem Eiſen beſtehet, deren Spitzen mit dem fein⸗ ſten Golde vergoldet ſind. Die Verzierungen uͤber drey großen Eingaͤngen ſind auch außeror⸗ dentlich gearbeitet„und eben ſo trefflich vergol⸗ det. So weit ich es durch meine eigenen Schritte beſtimmen konnte, mußte die Länge dieſer herrlichen Balluſtrade ungefaͤhr 700 Fuß betragen. Die Pfeiler wuͤrden dadurch gewiß ſchöner ſeyn, wenn ſie duͤnner oder kanelirt waͤren. Es iſt gewöhnlich, daß man bey dieſer Promenade mehr als ſonſt auf den Anzug ſiehet, da die kaiſerliche Familie hier haͤufig zu gehen pflegt. Die Gaͤnge ſind ſehr breit, ſchattig und ſchoͤn, obgleich ein wenig zu regulaͤr: man verdankt ſie zuſammen dem Geſchmack und der Liberalitaͤt von Katharina II. Hier hoͤrt man nur das Zwitſchern des Sperlinges; nicht eine Droſſel, einen Haͤnfling, oder einen Stieglitz findet man in Rußland. Unter den Frauenzim⸗ mern, alle à la mode de Paris gekleidet, wa⸗ ren einige ſchoͤne Geſichter; indeß muß ich be⸗ merken, damit kein Weihrauch auf den unrech⸗ ten Altar geſtreuet werde, daß es polniſche Schönheiten waren. Ein junger Officier von den kaiſerlichen Garden naͤherte ſich einer derſelben, kuͤßte ihr die Hand, und ſo wie er ſeinen Kopf in die — 60— Höhe hob, kuͤßte ihn die Dame auf die Backe: dieß iſt die Gewohnheit in Rußland. Iſt es moöglich, dachte ich, daß dieſer Fleck in nicht ſehr entfernten Zeiten einem ſchwediſchen Herrn unterworfen war? Kann eine kleine elende Bruͤcke dieſen Unterſchied zwiſchen den Schönen dieſer beyden Laͤnder hervorbringen? Doch, ich will dieſen Punkt unentſchieden laſſen. Dieſem ſey nun, wie ihm wolle, die Begruͤßung war die gracidſeſte, die ich je ſah; es war Büflichkee durch die einnehmendſte Gallanterie erhöhet; Verbeugungen ſind Eiszapfen dagegen. Wah, rend uns Frankreich mit Hauben und Muͤtzen, und Egypten mit dunkeln Theebretern verſehen, moͤgen die Ruſſen auf immer die allgemeine Art feſtſetzen, wie ſich die beyden Geſchlechter freund⸗ ſchaftlich einander begegnen! Dieß bezaubernde Charakteriſtiſche, und, beym Untergang der Sonne, der reizende Ton der Liebhaber, die im Schatten fluͤſtern, ſo wie die Schoͤnheit des Fleckes, berechtigen die Som⸗ mergaͤrten zu dem Namen des nordiſchen Para⸗ dieſes. Wenn die Parthien nicht auf einem ſehr bekannten Fuße ſtehen, da verneigt fi ch das Frauenzimmer, macht nie einen Knicks, die Stellung iſt aͤußerſt gracibs. Da ich grade beym Küſſen bin, ſo bitte ich noch um Erlaub⸗ — 61— niß, anfuͤhren zu duͤrfen, daß jeder Ruſſe, ſey ſein Rang noch ſo niedrig, und ſein Bart noch ſo lang, breit und borſtig, wenn er ein Ey uͤberreicht, das liebenswuͤrdigſte Frauenzimmer, dem er begegnet, von ſo hohem Stande ſie auch iſt, kuͤſſen darf; man ſagt, die Allgewalt dieſer Gewohnheit ſey von der Art, daß waͤhrend die⸗ ſes herrlichen Feſtes die Backe der liebenswuͤrdi⸗ gen Kaiſerin ſelbſt, wenn man ſie auf der Straße ſaͤhe, hiervon nicht ausgenommen ſeyn wuͤrde. Als ich mich den Sommergaͤrten naͤherte, wohin viele Equipagen eilten, war es intereſ⸗ ſant, die ungeheuere Fülle der Maͤhnen und Schweife der Pferde zu beobachten, die nie ab⸗ geſchnitten werden: erſtern bezeigen die Ruſſen eine religiöſe Aufmerkſamkeit; ſie treiben es ſo⸗ gar ſo weit, ſie mit falſchen Haaren auszu⸗ ſchmücken, wie dieß auch viele engliſche Schoö⸗ nen thun. Wie ſich doch die verſchiedenen Vor⸗ urtheile der Menſchen zeigen; nur erſt ſeit kur⸗ zem reitet man hier auf Stuten. Als ſich einer meiner Freunde vor einigen Jahren auf einer Stute zeigte: ſo gaben die Maͤnner ihr Erſtau⸗ nen zu erkennen, und die Frauenzimmer lachten heimlich darüͤber. Wallachen ſiehet man als unnuͤtze Thiere an.— In den Straßen iſt es etwas ſehr Gewöhnliches, Paare von Ruſſen zu — 62— ſehen, die in ihrem Anzuge den Knaben des Chriſtushoſpitals aͤhnlich ſind, welche Hand in Hand, nie Arm im Arme gehen. Die ruſſiſche Sprache klang meinen Ohren aͤußerſt ſanft, und hauptſaͤchlich aus dem Mun⸗ de der Madame Khremer, von engliſcher Ab⸗ kunft. Es iſt etwas ſehr Muſikaliſches in fol⸗ gendem Ausdruck:„Pazar vleita, padeta suda,“ ich bitte Sie, mein Herr, kommen Sie und laſſen ſich neben mir nieder. Franzoͤ⸗ ſiſch wird hauptſaͤchlich unter den gut erzogenen Ruſſen geſprochen, die ihre eigene Sprache nur unvollkommen reden ſollen: dieß iſt eine der thoͤrichten Wirkungen der Mode. Die Ruſſen fuͤgen immer den Vornamen ihres Vaters zu ihrem eigenen, mit der Endigung ivitsch oder evitsch, welches den Sohn bedeutet; ſo wie ovna oder eona, die Tochter. 2 Es erfordert einiges Intereſſe, einige Zeit und Bemuͤhung, ehe ein Fremder die Pallaͤſte und öffentlichen Gebaͤude zu ſehen bekommt; ich empfehle ihm daher, mittelſt ſeines Geſandten, ſchnelle Einrichtungen zu dieſer Abſicht zu tref⸗ fen. Waͤhrend man dieſe Angelegenheiten fuͤr uns in Ordnung zu bringen ſuchte, beſchloß ich meine Zeit am beſten zu nutzen, um dasienige zu ſehen, was fuͤr mich offen ſtand. Dem zu ͤ—e—r, Sͤ— ͤ ͤ — 63— Folge gab einer meiner Freunde ſeinem ruſſiſchen Bedienten den Befehl, uns nach der Fortreſſe zu fahren; als der Menſch dieſen Befehl erhielt, kraͤuſelte er ſeinen Bart, nahm den Hut ab, ſchuͤttelte den Kopf, und druͤckte durch ſeine Manier einen Widerwillen, ein Straͤuben aus, welches, wie wir nachher fanden, durch den Abſcheu entſtanden, womit die gemeinen Ruſſen die Citadelle anſehen, weil ſie die Staatsge⸗ faͤngniſſe in ſich faßt, und wegen der abſcheu⸗ lichen Geſchichten, wozu ſie Veranlaſſung gege⸗ ben hat. Da wir den ganzen Weg in Gallopp, dem in Petersburg gewöhnlichen Schritt, zuruͤck⸗ legten, ſo kamen wir bald uͤber die Bruͤcke des Kaiſers, paſſirten die Zugbruͤcke, und den aͤußern Hof dieſes melancholiſchen Ortes, der von maſſiven Mauern von Backſteinen erbauet, und mit gehauenem Granit von derſelben Art, wie die fuͤnf Baſtionen, die ihn vertheidigen, eingefaßt iſt. Wir wurden an der Thuͤr der St. Peters⸗ und St. Paulskirche abgeſetzt; dieſe iſt beruͤhmt als Begraͤbnißort der Regenten von Rußland, und wegen des ſchönen, zweyhundert und vierzig Fuß hohen, reich mit Dukatengold vergoldeten Thurmes, das Innere der Kirche war dumpfig und traurig, und hatte keine Schonheiten der Baukunſt zu ihrer Empfehlung. = 64— In laͤnglich viereckigen Grabmählern von Stein, die in einer Linie an der rechten Seite des Al⸗ tars ſtehen, und mit reich mit Gold und Silber eingefaßten Sammet bedeckt ſind, ruhen die Gebei⸗ ne Peters des Großen, der Kaiſerin Katha⸗ rina, der beruͤhmten Bauerin von Liefland, von Alexis, von Anna, Eliſabeth, Peter III. und Katharina II.; und an der andern Seite der Kirche, in einiger Entfernung, iſt das Grabmahl von Paul, dem letzten Kaiſer, einem Gemälde gegenuͤber von dem Heiligen ſei⸗ nes Namens, in ganzer Figur, welches, gleich den andern, bedeckt iſt, indeß nur koſtbarer und mit mehr Pracht. Eine Inſchrift in Ku⸗ pfer benachrichtigt uns, daß der ungluͤckliche Monarch am eilſten oder zwoͤlften Maͤrz 1801 ſtarb. An jeder Seite der Kirche ſind, ohne alle Sorgfalt, Kriegsfahnen, Kommandoſtaͤbe, Schluͤſ⸗ ſel von Staͤdten, und Waffen, welche die Ruſ⸗ ſen in den Schiachten erobert hatten, aufge⸗ ſtellt. Unter erſtern befanden ſich einige tuͤr⸗ kiſche Fahnen, welche von dem Grafen Orlow, oder vielmehr, wenn das Verdienſt ſeinen ge⸗ rechten Anſpruch hat, von den brittiſchen Ad⸗ miraͤlen Greigh und Dugdale, in der beruͤhmten Schlacht von Tcheſme genommen wur⸗ den, als die ganze tuͤrkiſche Flotte, mit Aus⸗ nahne = 67— nahmte eines Kriegsſchiſſes und einer Fregatte⸗ verbrannten. Die Ausſicht von den Glockenthume iſt eine der ſchönſten, die mir je vorgekommen ſind: un⸗ ten fließet die Newa dahin; vor uns lag die ganze Stadt, von dem Damenſtift bis an das Ende des Galeerenhofes, eine Reihe von Pal⸗ laͤſten und ſehr ſchoͤnen Haͤnſern, die ſich beynahe ſechs engliſche Meilen weit erſtreckt; uns grade gegenuͤber der Marmorpallaſt, der Pallaſt Pe⸗ ters des Großen, die Heremitage, der Win⸗ terpallaſt, mit einer Menge von Statuen und Pfeilern; die Admiralitaͤt, deren Kirche, und der Dom der Marmorkirche; in der Feſtung konnten wir, in dieſer Höhe, eine große Menge dumpfer Gefaͤngnißhöfe und die Gitter der Gefaͤngniſſe wahrnehmen, und nichts konnte trauriger aus⸗ ſehen; ferner die Muͤnze, die ein ſchoͤnes Ge⸗ baͤnde zu ſeyn ſchien, wo das Gold und Silber aus den ſibiriſchen Minen gereinigt und in Geld verwandelt wird. Hier hatten wir auch eine ſchoͤne Anſicht des Landes jenſeits der wiburgi⸗ ſchen Vorſtaͤdte; und in einem entfernten Theile der Citadelle ward uns der Hof des Gefaͤngniſ⸗ ſes gewieſen, worin die ungluͤckliche Prinzeß um⸗ gekommen ſeyn ſoll, die durch die Liſt von Or⸗ low gefangen wurde, und nachher an dieſem 29 Theil. 5 =— 66— Orte ein geſperrt ſaß. Die Geſchichte dieſer jun⸗ gen Perſon iſt noch in einige Dunkelheit gehuͤllet: Nachdem die tuͤrkiſche Flotte bey Tcheſme ver⸗ brannt war, erſchien eine ſchoͤne junge ruſſiſche Dame, von einer andern aͤlteren begleitet; ob ſie ſich nun gleich ohne vielen Pomp zeigte, oder auch ohne Mittel, Aufwand machen zu koͤnnen: ſo ſuchte man ihre Geſellſchaft doch ſehr, wegen ihres ſanften Betragens, wegen der Vorzuͤge ih⸗ res Verſtandes und des Anziehenden ihrer Per⸗ ſon, ſo wie auch eines gewiſſen Airs von Maje⸗ ſtat halber, welches ſie beſonders auszeichnete. Einigen ihrer vertrauteſten Freunde theilte ſie ihr ungluͤckliches Geheimniß mit, ſie ſey die Tochter der Kaiſerin Eliſabeth aus einer Heirath mit einer Privatperſon, und ihre Anſpruͤche auf den ruſſiſchen Thron waͤren weit ſtarker, als die von Katherina II., deren argwöhniſchem Ohr dieſe Nachricht auf das Schnellſte mitgetheilt wurde. Durch die liſtigen wiederholten Bemuͤhungen eines ruſſiſchen Officiers, eines Agenten des Grafen Orlow, der ihre Sache zu unterſtuͤtzen und den Grafen auf ihre Seite zu bringen verſprach, angelockt, kam ſie im Anfange des Jahres 1775 nach Piſa, wo Alexander Orlow, waͤhrend die Flotte ausgebeſſert wurde, in großer Pracht lebete. Bey ihrer Ankunft bezeigte ihr der Graf — 67— alle die Ehrerbietung und beobachtete alle jene Ceremonien, die nur einem regierenden Haupte zukommen, gab ſich das Anſehen, ihre Geſchichte zu glauben, und verſprach, ihre Anſpruͤche zu unterſtuͤtzen. Endlich, nachdem er an jedem an⸗ ſtaͤndigen Orte mit ihr waͤhrend des Karnevalls erſchienen war, und ihr die groͤßte und ſchmei⸗ chelhafteſte Auszeichnung bezeigt hatte, geſtand HJer auf die ehrerbietigſte Art, eine zaͤrtliche Leiden⸗ ſchaft fuͤr ſie zu empfinden, und ſtellte ihr die glaͤnzende Ausſicht vor, mit ihm den Thron von Rußland, wozu ſie berechtigt waͤre, zu beſteigen. Trunken von dieſer Idee, gab ſie ihm ihre Hand. Einige Tage nach der Hochzeit kuͤndigte der Graf ein glaͤnzendes Gaſtmahl auf den Schiffen, dieſer Verheyrathung zu Ehren, an. Die junge Dame begab ſich in allem moͤglichen Pomp nach ſeinem Schiffe; ſobald ſie in die Kajuͤte trat, guͤtiger Himmel, was fuͤr eine Taͤuſchung entwickelte ſich da in Hinſicht ihrer! Orlow warf ihr vor, ſie waͤr' eine Betruͤgerin, und, um ſie noch grau⸗ ſamer herunter zu ſetzen, befahl er, daß ihren zarten Haͤnden Schellen angelegt wurden, die zu dieſer Abſicht ſchon da waren, und verließ das Schiff; dieß ſegelte ſogleich nach Cronſtadt ab, von wo ſie in einer bedeckten Barke nach der Feſtung gebracht wurde, und dort umkam, ſo, — 68— daß man alſo nie weiter etwas von ihr hoͤrte. Man glaubt, ſie ertrank in dem tiefen Gefaͤng⸗ niſſe, waͤhrend einer der Ueberſchwemmungen der Newa. In einem Theile dieſer Feſtung be⸗ findet ſich ein kleines Boot, welches der Vater der ruſſiſchen Marine geweſen iſt, indem Peter der Große, als er noch ein Kind war, die Anfangsgruͤnde der Schiffsbaukunſt dadurch er⸗ lernte, die er nachher ſo leidenſchaftlich zu Sar⸗ dam weiter ſtudirt hat. Es ward von Moskau gebracht, hier mit großem Pomp im Jahr 1723 zur Aufbewahrung hingegeben, und von Peter „der kleine Großherr“ genannt. Nach unſerer Ruͤckkehr aus der Fortreſſe nahm ich die beruͤhmte Straße, die große oder Newski Perſpektive, in Augenſchein: ſie lauft in grader Linie von der Admiralitaͤtskirche, aus welcher die Hauptſtraßen des Admiralitaͤtsvier⸗ tels, ſo wie Radii, nach dem Alexander⸗ Newski⸗Kloſter ausgehen. Die Länge betraäͤgt ungefaͤhr vier Meilen, und ihre Breite iſt beynahe die von Orford⸗Street; ſie hat an den Seiten ſehr ſchone Haͤuſer, und was den liberalen und nachdenkenden Beobachter das meiſte Vergnuͤgen gewaͤhren wird, huͤbſche Kirchen, worin der Gottesfuͤrchtige ſeinen Gott anbeten mag, wie es ihm Gewohnheit oder Ueberzeugung vorſchreibt 1 — 69— G Hier entſtellet nie Sektenwuth den Tempel des Allmaͤchtigen: der Grieche und der Proteſtant, der Armenianer und der Katholik, gehen hier ruhig zu den Pläͤtzen ihrer Andacht, und ver⸗ einigen ſich darin, zum Throne des Himmels die geweiheten, wenn gleich verſchiedenen, Töne ihrer dankbaren Anbetung hinauf zu ſchicken. Der ſelige Kaiſer hat der Schönheit dieſer Straße weſentlich Schaden gethan, indem er die Fußſteige, die ſich ſonſt an jeder Seite befan⸗ den, wegnehmen, und, ſtatt deren, einen ſehr breiten Weg in der Mitte anlegen ließ, der mit Linden beſetzt, und von einem niedrigen Gelaͤn⸗ der umgeben iſt. Die Idee iſt offenbar von dem herrlichen Lindengang in Berlin genommen, den der ausgeſuchte Geſchmack und das Genie Fried: richs ſchuf, welchen man mit ſo vielem Recht den Großen nennt. Die Bäͤume haben ein ſehr kraͤnkliches Anſehen, koͤnnen nie, aus Mangel an Erdreich und Feuchtigkeit, blühen, und fuͤr die Verletzung, die der Geſchmack erdulden muß, nicht ſchadlos halten. Schaffte man das Ganze wieder weg: ſo wuͤrde dieß eine der ſchoͤnſten Per⸗ ſpektiven Europens ſeyn. Der große Bienenſtock der Stadt, den man Gostinnoi dvor nennt, befindet ſich in dieſer Straße; er iſt ein ſehr großes Gebaͤnde, lediglich fuͤr den Handel beſtimmt, — 70— enthaͤlt zwey ſteinerne Stockwerke, und bietet drey ungleiche Seiten dar, wovon die laͤngſte ungefaͤhr 900 Fuß haben mag: unter dieſem Dache befindet ſich eine ungeheuere Menge Laͤden und Waarenvorraͤthe; die Nettigkeit der Laͤden, und die Thaͤtigkeit derer, die ſie halten, muͤſſen Eindruck auf einen Fremden machen. Die Kraͤ⸗ mer ſind hier, ſo wie in England, huͤbſche vigou⸗ reuſe Menſchen, die aber ihr athletiſches Anſehen nooch durch einen erſtaunlich ſtarken⸗ buſchichen Bart vermehren. Der ruſſiſche Bart ſchreckte Peter den Großen; er wagte es daher nicht, ihn anzu⸗ greifen. Auch Katharina hatte Reſpekt fuͤr ihn. Der Ruſſe hat die großte Anhaͤnglichkeit daran, wie auch aus folgender authentiſchen Anekdote zu erſehen iſt: Ein Edelmann bat ei⸗ nem ſeiner Sklaven, einem Ruſſen, die Freyheit um zwey tauſend Pfund Sterling an, wenn er den Bart ablegen wolle; worauf der arme Teu⸗ fel antwortete:„Lieber will ich mein Leben ver⸗ lieren.“ Doch, wieder zu den Laͤden zuruͤckzu⸗ kommen: Vor der Thuͤr von jedem ſieht man einen Ladenburſchen, deſſen Geſchaͤft es iſt, je⸗ den Voruͤbergehenden einzuladen, hineinzutreten und zu kaufen: dieſer kleine Menſch ſcheint ganz denſelben Geiſt zu haben, der ſeine Bruͤder auf fP— — etet gſte ſem den den, ſeen raͤ⸗ ou⸗ hen hen den zu⸗ fuͤr keit hen ei⸗ heit er beu⸗ ver⸗ kzu⸗ nan je⸗ eten anz auf — 71— eine ſo unermuͤdbare Art in Bewegung ſetzt, die vor den alten Kleider⸗ und vor den Trinkbuden in Monmounth Street ſtehen. 8 Der Scharfſinn, die Frugalitaͤt und Aus⸗ dauer dieſer Leute, wodurch ſie unſehlbar be⸗ deutend reich werden, iſt zu bewundern. Die meiſten ſolcher Kanfleute ſind Hauſſirer mit klei⸗ nen Waaren geweſen, die durch das Zuſammen⸗ halten des Geldes, und, indem ſie ſich von etwas ſchwarzem Brode und ein wenig Quaß*) lebten, Modehaͤndler wurden. Dieſe neue Art Handel betrieben ſie gewoͤhnlich auf eine gluͤckliche Weiſe; in kurzem ſetzt das Prinzip des Lyarnes ſie in den Stand, Haͤnſer zu kaufen, und Geldmaͤkler und Geldverleiher zu werden, wodurch ſie dann als ungeheuer reiche Leute ſterben. Die vollkommne Kenntniß, die der ruſſiſche Ladenhaͤndler von dem zuſammengeſetzten Kalkul hat, ſetzt gaͤnzlich in Erſtaunen. Wenn er nicht zu ſchreiben verſteht: ſo nimmt er zu einem klei⸗ nen hölzernen Rahm ſeine Zuflucht, worauf ſich Reihen von Bohnen oder von kleinen hoͤlzer⸗ nen Kugeln, auf Drath aufgezogen, befinden; und mit dieſer einfachen Maſchine wuͤrde er ») O naß, ein gemeines antiſcorbutiſches Getraͤnk, welches aus uͤber Reis oder Gerſte gegoſſenen und zur Gaͤhrung gebrachten heißen Waſſer beſtehet. — 72— Neckers Verſtande Trotz bieten. Es iſt unter den Reiſenden Mode geweſen zu verſichern, und ſie ſcheinen wechſelſeitig dieſes Vorurtheil ange⸗ nommen und ſich mitgetheilt zu haben, ohne ſich die Muͤhe zu geben oder ſo gerecht zu ſeyn, ei⸗ gene Bemerkungen anzuſtellen, daß die ruſſiſchen Ladenhaͤndler die großten Betruͤger der Welt ſind; indeß ſtehen ihnen die von London, Pa⸗ ris u. 5 w. wol eben nicht nach. Gewohnt, Reichthuͤmer im Detail zu gewinnen, und ihre Gefaͤße tropfenweiſe angefuͤllet zu ſehen, ſpielen ſie dieſe Rolle ſo, wie man ſie in allen andern Eindenn unter aͤhnlichen Unſtaͤnden ſiehet. Man erzaͤhlt von Peter dem Großen, daß, als eine Depntation der Juden ihm anfwartete und um die Erlaubniß nachſuchte, ſich in Petersburg niederlaſſen zu duͤrfen, er antwortete:„Gute „Freunde, ich ſchaͤtze euch zu ſehr, um dieſe „Beguͤnſtigung zuzugeſtehen; denn mein Volk „wuͤrde euch uͤberliſten.“ Der Ruſſe hat eine Entſchuldigung fuͤr ſeine Liſt; die Natur giebt ſie ihm; er iſt ein dop⸗ pelter Sklave; nemlich der ſeines unmittelbaren Herrn, und der des Kaiſers. Es iſt daher die Politik des armen Menſchen, den Betrag ſeines Gewinnes nicht ſowol gegen letztern mit ſo vie, ler Vorſicht, als möglich, zu verheimlichen; denn 4 er iſt der guͤtige Vater ſeines Volkes, obgleich, der Verfaſſung nach, der vorzuͤglichſte Glaͤubiger, ſondern gegen ſeinen unmittelbaren Herrn: er thut daher, was, wie ich gehoͤrt habe, in einem andern Lande auch geſchehen ſeyn ſoll, wo, dem Himmel ſey Dank, geſezlich beſtaͤtigte Tyranney noch keinen Zoll breit Grund gefaßt hat! er entwirft einen unakkuraten Bericht uͤber ſeine Einnahme, um eine auf ſeinen Gewinn gelegte höͤhere Abgabe zu vermeiden. Dieſe quaͤ⸗ lende und verderblichſte Sklaverey gehet dort ſo weit, daß es nichts Ungewoöhnliches iſt, wenn ein Bauer gegen ein Pferd, oder ſelbſt gegen einen Lieblingshund vertauſcht wird. Eine ge⸗ wiſſe ruſſiſche Graͤfin ließ ſich von ihren kalmuͤck⸗ ſchen Maͤdchen ſo lange etwas vorleſen, bis ſie einſchlief, und befahl, unter der Strafe heftig gepeitſcht zu werden, dieß fortzuſetzen, um zu 8 verhindern, daß ſie nicht durch ein ploͤtzliches Stillſchweigen aufgeweckt werden moͤchte. Einſt ſah ich einen Ruſſen, der nur durch das ſchönere Tuch ſeines langen Roͤckes von der gemeinſten Klaſſe unterſchieden war, welcher 15,000 Pfund Sterling fuͤr ſeine Freyheit be⸗ zahlte, und durch unaufhörliche Thaͤtigkeit ein Vermögen von 100, 000 Pfund Sterling zuſam⸗ mengebracht hatte, und nicht weit von meinem = 74= Hotel wohnte; ein Anderer, welcher ſich in der kurzen Zeit von zwölf Jahren, ungeachtet ſeines bekannten rechtlichen Charakters, beynah eine Million Pfund Sterling erwarb. Ich gebe gern zu, daß die kleine Liſt des Rechners nicht zu ver⸗ theidigen ſteht, und daß der Hang zur Verheim⸗ lichung ſie noch vergrößern mag. Je mehr man die Moralitaͤt angreift, deſto groͤßer iſt ihr Triumph, wenn ſie dieſen Angriffen widerſtehet. Auf den Mauſoleen von wenigen Perſonen kann man die ſchoͤne Inſchrift wiederholen, welche man auf dem Grabmahl des braven und edlen Philipp von Villiers PIsle d'Adam, im kaiſerlichen Muſeo in Paris, lieſet: „Hier liegt die Tugend, welche alle Gluͤcks⸗ umſtaͤnde beſtegte.“ Man glaube aber nicht, daß der Ruſſe ſchlimmer ſey, als ſeine Bruͤder in andern Thei⸗ len der Erde. Der Himmel hat unſere Schwaͤ⸗ chen ſo ziemlich gleich uͤber die Welt verbreitet; und ich muß nochmals wiederholen, daß unſere nordiſchen Bruͤder einige Beſchönigung ihrer liſtigen Streiche in Geſetzen finden, welche die Fruͤchte ihres Fleißes nicht ſichern, ſondern ſie der Geißel einer abſcheulichen Unterdruͤckung Preis geben.. ——p,. — 77.— Die ſelige Katharina glaubte, daß der Ruhm ihrer Regierung nicht lediglich in militairi⸗ ſchen Triumphen beſtaͤnde; ob ſie nun gleich durch die fuͤrchterlichen Stuͤrme der franzoͤſiſchen Revo⸗ lution geſchreckt war: ſo hatte dieß dennoch keinen Einfluß auf ſie; denn es gieng der Zweck und Wunſch ihrer vieljaͤhrigen glaͤnzenden Regierung dahin, ihr Volk zu civiliſiren, indem ſie ihm das glorreiche Licht der Freyheit nach und nach leuchten ließ. Ihr eindringender Geiſt lehrte ſie, wie ſich Cowper ſo treffend ausdruͤckt, daß „——— all contraint Except what wisdom lays on evil men, Is evil; hurts the faculties, impedes Their progress in the road of science; blinds The eye— sight of discovery; and begets In those that suffer it, a sordid mind Bestial, a meagre intellect, unſit To be the tenant of man's noble form.“ jeder Zwang, nur der nicht, den die Weisheit dem Boͤſewicht auferlegt, böſeiſt; alle Faͤhig⸗ keiten ſchwaͤcht, ihren Fortgang auf dem Wege der Wiſſenſchaften hemmet, den Blick der Ent⸗ deckung blendet, und in denen, welche ihn lei⸗ den, eine ſchmuzige thieriſche Seele, einen ſchwa⸗ chen Verſtand erzeugt, unfaͤhig das Erhabene des ganzen Menſchen darzuſtellen. Die Semiramis unſerer Zeiten that einige, indeß nicht ſehr bedeutende, Schritte, um jene verhaßte Sklaverey abzuſchaffen, und hielt, ſo lange ſie fortdauerte, die großen Mißbraͤnche durch heilſame Beſtrafungen einigermaßen Schranken. Derſelbe weiſe und wohlthaͤtige Wunſch lebt in der Bruſt des jetzt regierenden Kaiſers.*) Indeß ſind die Arbeiten einer ſo edlen Unternehmung unermeßlich, großes Genie und Geduld, Feſtigkeit und Ausdauer, unbe⸗ graͤnzten Enthuſiasm und heroiſche Philantropie muß derjenige beſitzen, welcher ein ſo glorreiches Werk ausfuͤhrt. Ach! der Stolz der Barone, ererbtes Vorurtheil und jene unbeſiegbare An⸗ haͤnglichkeit des Menſchen am Eigenthum, haben ſich dieſer ſo ſehr gewuͤnſchten Erfuͤllung wider⸗ ſetzt, und werden ſich ihr widerſetzen. Erſt dann, wenn der ruſſiſche Edelmann von ſeinen *) Wie unendlich mehr hat ſich dieſer edle Mo⸗ narch ſeit der Zeit(1804) nicht nur um die Er⸗ leichterung jenes Druckes, ſondern um die Civi⸗ liſation aller Voͤiker ſeines grßen Neiches ver⸗ dient gemacht. Anm. des Ueberſ. ——— = 7 Guͤtern nach ihret Quantitaͤt und Qualitaͤt ſpre⸗ chen wird, und nicht mehr nach der erniedrigenden Aufzaͤhlung ſo vieler Köpfe von Bauern rechnet, kann die Civiliſation große Fortſchritte in die⸗ ſem wuͤſten Reiche machen. Wenn man ſagt, die Natur ſelbſt habe den Ruſſen unwiderruflich dazu verurtheilt, ein Bar⸗ bar zu ſeyn: ſo iſt dieß eine eben ſo entehrende als ungerechte Behauptung, der die Natur ſelbſt widerſpricht. Unter allem Druck, der ihn ganz zur Erde niederbeugt, der ihn halb den Baͤren ſeines Waldes aͤhnlich macht; und voll von der ihm beygebrachten Idee, ſein Zuſtand könne ſich nie verbeſſern, hat dieſer nordiſche Sklave die heldenmaͤßigſte Tapferkeit auf dem Schlachtfelde bewieſen, wie auch Maͤßigung beym gluͤcklichen Erfolg, und ruhig duldende Philoſophie im Lei⸗ den, die ſelbſt einem Römer Ehre gemacht haben wuͤrde. Um ſich zu uͤberzeugen, ob das Gefuͤhl je die Bruſt des Ruſſen erweicht hat: ſo habe man nur auf die Zeugniſſe Acht, die uns die nach den ſibiriſchen Wildniſſen Verbanneten hier⸗ uͤber abgelegt haben. Laßt uns nicht nach den Geſetzen des Kli⸗ ma's ſchließen, um deſſen Rauhigkeit in der Bruſt des Menſchen wieder aufzufinden. Nein! der Nuſſe iſt allerdings eindrucksfahig; der Granit — 78— ſeiner wilden Gegend iſt hart und eckigt; allein unter ſeiner rauhen Oberflaͤche trifft man zu Zei⸗ ten den Edelſtein, und Zeit und Bearbeitung haben bewieſen, daß er einer hohen Politur fäͤ⸗ hig iſ. 8 Keiner, der mit Freymuͤthigkeit den Ruſſen beobachtet, der nachdem urtheilt, was er ſiehet, und nicht nach dem, was er lieſet oder hoͤrt, wird Anſtand nehmen, ihn fuͤr einen der gut⸗ muͤthigſten Menſchen, die es giebt, zu halten. Mit Sanftmuth erträgt er das Fluchen und die Verachtung, ja ſogar die Schlaͤge ſeines Herrn. Rache, die durch Beleidigungen faſt ſanktionirt iſt, wird nie ſein Blut in Wallung ſetzen, und da er weiß, wie hart es iſt, leiden zu muͤſſen, ohne Widerſtand zu leiſten: ſo wird man ihn faſt nie das Thier, woruͤber er Gewalt hat, ſchlagen ſehen. Sein Pferd wird ſelten anders, als durch einige liebkoſende und angenehme Toͤne angetrie⸗ ben, wenn dieſe Aufmunterung ſeinen Schritt nicht beſchleunigt: ſo peinigt er, obgleich voll wilder Wuth, das arme Thier nicht mit der Peitſche; nein, der geduldige Treiber faͤngt an zu ſingen, und die Ruſſen ſind beruͤhmte Saͤnger, wie ich dieß nachmals anfuͤhren werde; haben die Reize der Muſik keine Wirkung darauf: ſo ſucht er es durch ein Geſprach zu ermuntern. Indeß hat ſich dann f—„ — „ͤ 21 e— —— gewöhnlich das Thier in Trott geſetzt. Sein Pferd iſt der Gegenſtand ſeines Stolzes und ſei⸗ nes Vergnuͤgens; er nimmt auf das ruſſiſche Sprichwort Ruͤckſicht:„Nicht das Pferd, ſon dern der Hafer bringt mich fort;“ ſo lange das Thier freſſen will, wird er es fuͤt⸗ tern; und deſſen Anſehen macht durchgehends der Menſchlichkeit ſeines Herrn Ehre. In der Aufwallung der Leidenſchaft begehet der Ruſſe wol eine wilde That, aber nie eine boͤsartige. Kein Weſen der Welt uͤbertrifft ihn in Anſe⸗ hung der Froͤhlichkeit des Herzens. Sein kleiner Nationalgeſang heitert ihn uͤberall auf, wo er nur gehet. Statt daß ein Deutſcher zum Ver⸗ gnuͤgen raucht, wird ein Ruſſe ſingen. Nur das Klima iſt kalt bey ihm; wo er irgend re⸗ det, geſchieht es mit Frohſinn und Munterkeit, die dann von den lebhafteſten Bewegungen des Koͤrpers begleitet werden; und was den Tanz betrifft: ſo wuͤrde er es darin in Hinſicht der Kraft und der Leichtigkeit mit irgend einem der agilſten jungen Herren in den Champs Elysées aufnehmen. In Ruͤckſicht religiöſer Begriffe: ſo kennt der Ruſſe nicht den Sinn von Bigotterie, und, was noch beſſer iſt, von Toleranz. Er glaubt, Jeder wird in den Himmel kommen, nur wuͤrde der Ruſſe die beſſere Stelle darin erhal⸗ ten. Wenn dieſe Kinder der Natur ſich einan⸗ der anreden, ſo geſchieht dieß ſtets in den zu⸗ neigungsvollen Ausdruͤcken: mein Vater! meine Mutter! mein Bruder! meine Schweſter! je nachdem das Alter oder das Geſchlecht. Zu dieſen guten Eigenſchaften des Herzens fuge man nun noch das guͤnſtige und maͤnnliche Aeußere des eigentlichen Ruſſen hinzu: waͤhrend meines Auf⸗ enthalts in der Hauptſtadt ſah ich keinen Lah⸗ men, keinen Hinkenden oder ſonſt Fehlerhaften: dabey haben ſie ausgezeichnet ſchoͤne Zaͤhne. Ihr einfacher Anzug beſtehet in einem langen tuche⸗ nen Rocke, der bis an die Knie reichet, ſich vorne zuſammenſchließet, in der Mitte durch einen Guͤrtel befeſtigt iſt, worin gewoͤhnlich ſeine ſtarken ledernen Handſchuhe und haͤufig eine Axt ruhen, die langen Beinkleider ſind von demſelben Zeuge, wie der Rock; gewöhnlich traͤgt er ſchwere Stiefeln, wenn anders die Beine nicht in Binden gewickelt ſind; denn ſelten ſiehet man an ihm Struͤmpfe, und ſtatt der Schuhe traͤgt er grobe Sandalen von Tuch und geflochtener Linden⸗ oder Birkenrinde; das Haar iſt ſtets rund geſchnit⸗ ten. Der Anzug der gemeinen Frauen ſchien mir nicht ſehr von dem derſelben Klaſſe bey uns verſchieden zu ſeyn; er beſteht nemlich aus einer Tunika — 81— Tunika von auffallender Farbe, ſo, daß die Aermel des Hemdes ſichtbar ſind. Die Milch⸗ weiber haben ein recht hübſches Anſehen in ihrer Tracht; und die Art, wie ſie einen eſchenen Bogen tragen, an deſſen Enden kleine irdene Gefaͤße, mit geflochtener Birkenrinde bedeckt, haͤngen, indem er nur auf einer Schulter ru⸗ het, giebt ihnen ein ſehr gracibſes Anſehen. Wenn Kaufmannsfrauen ausgehen, ſo tragen ſie gewoͤhnlich um das Aeußerſte ihrer Muͤtzen ein großes reiches ſeidenes Tuch, welches hinten herunterhaͤngt; dieg ſcheint ein lieblingsſchmuck zu ſeyn. In Ruͤckſicht des Charakters der Ruſſen, ſo verdankt er dasjenige, was er Gutes hat, ſich ſelbſt: ſeine Schwaͤchen, und deren ſind wenige, entſtehen anders woher; er iſt der völ⸗ lige Sklave ſeines Herrn, der ihn, wie eine Erd⸗ ſcholle ſeiner Beſitzungen, anſieht, und deſſen De⸗ ſpotism oͤfters haͤrter, als die Strafe in Sibi⸗ rien iſt. Dieſem unterdruͤckten Menſchen, der durch keine Erziehung aufgeklaͤrt, der auf eine unedle Weiſe ganz zerſchlagen wird, haͤufig das Opfer der Raubſucht eines Gutsbeſitzers, wird das gewoͤhnliche Recht verſagt, ſich dahin zu be⸗ geben, wo er ſeinen Zuſtand verbeſſern kann; man eſlaltet ihm nur in einem entfernten Theile 2r Theil. 6 — 82— des Landes, unter dem Schutze des ſchimpflichen Zeichens der Sklaverey, eines Certifikats des Urlaubs, zu arbeiten, und nach ſeiner Ruͤck⸗ kehr kann er gezwungen werden, die geringen Fruͤchte ſeines Fleißes zu den Fuͤßen ſeines Herrn nieder zu legen; auch wird ihm das gewoͤhnliche Privilegium, welches die Natur den Voͤgeln und den wilden Thieren giebt, ſeine Ehegenoſſin waͤh⸗ len zu duͤrfen, verſagt; er muß naͤmlich dasjenige befolgen, was ſein Herr uͤber die Zeit und die Perſon beſtimmt, welche er heyrathen ſoll. Und ungeachtet alles dieſes Druckes, der da hinrei⸗ chen wuͤrde, um die außerordentliche Elaſticitaͤt eines Franzoſen zu vernichten, iſt der Ruſſe doch noch der, wie ich ihn beſchrieben habe. Wenn dem Leſer das Gemaͤlde deſſelben nicht gefaͤllt: ſo liegt es an dem, der es entworfen hat. 0— — Q„ 82ͤ4., ———³— —. 2 2 Zwoͤlftes Kapitel. — Fußgaͤnger, wie man ſie anſiehet.— Das Geruͤſt der neuen kaſan'ſchen Kirche.— Erfindungskraft der gemeinen Ruſſen.— Der Markt.— Grau⸗ ſamkeit der Kaiſerin Katharina.— Die Knute.— Beſtrafung zweyer liebenswürd'gen Frauenzimmer. Da ich den Brennpunkt des Handels, den Gostinnoi dvor, beſchrieben habe: ſo kann ich nicht umhin, anzufuͤhren, daß in der Perſpektive weiter hiunter, gegen die Admiralitaͤt hin, ein Englaͤnder, Namens Owens, einen erſtaunlich großen Handel, hauptſaͤchlich mit engliſchen Ma⸗ nufakturwaaren, treibt; ſein Haus, welches aͤußerſt prachtvoll iſt, enthaͤlt eine Reihe von fuͤnf und zwanzig Zimmern, die mit den aller⸗ ſchoͤnſten Waaren angefuͤllet ſind, jedes Zimmer bildet einen beſondern Laden, und wird von Leu⸗ ten bedient, die lediglich dazu gehoͤren; der Spatziergang durch Magazine von Muſik, von Buͤchern, von Juwelen, von neuen Moden ꝛc. iſt aͤußerſt intereſſant, und ich glaube, voͤllig neu. Der achtungswerthe und unternehmende Eigenthuͤmer ſoll oͤfters taͤglich tauſend Pfund Sterling einnehmen; es iſt die beſtaͤndige und gedraͤngt volle Reſourçe von der ganzen modi⸗ ſchen Welt von Petersburg. In den Straßen ſah ich ſelten einen Ruſ⸗ ſen, wenn er nicht zu der niedrigſten Klaſſe gehoͤrte, zu Fuß; ſelbſt der Schneider be⸗ ſteigt ſeine Droſchki, um Maaße zu nehmen:; und viele Officiere fahren nach der Parade; dieß mag nun auch von dem großen Umfange der Stadt und der Entfernung eines Ortes von dem andern herruͤhren. Wenn man einen anſtaͤndi⸗ gen Mann zu Fuß ſiehet: ſo haͤlt man ihn ſo⸗ gleich fuͤr einen Englaͤnder, der die Stadt zu be⸗ ſehen wuͤnſcht; durch dieſe Betrachtung allein ge, ſchuͤtzt, wird er mit Höflichkeit behandelt, wenn ein ruſſiſcher Großer in ſeiner Chaiſe mit vier Pferden neben ihm vorbey galloppirt. Ein Eng⸗ laͤnder iſt der einzige privilegirte Fremde, der mit Sicherheit ſeiner eigenen Wuͤrde die Straßen durchgehen, und die Gebaͤude von Petersburg beſehen kann. Als ich den Lindenfußweg der großen Per⸗ ſpektive hinunter gieng, ſiel es mir auf, wie bey⸗ nah jeder Voruͤbergehende, ſo eilig er auch ſort⸗ zuſchreiten ſchien, kurz vor einer Kirche an der reechten Hand, etwas unter den Laͤden, ſtill ſtand, —f„ ☛ 1 8 1— — 85— den Hut abnahm, ſich verneigte, ſeinen Vor⸗ kopf und jede Seite ſeiner Bruſt berüͤhrte, und dann wieder fortgieng. Dieß war die Kirche der Mutter Gottes von Kaſan, die, obgleich ein geringeres Gebaͤude, dennoch, in religioͤſer Ach⸗ tung, die wichtigſte der griechiſchen Kirchen iſt, indem ſie das Bild der Jungfrau enthaͤlt. Bey allen oͤffentlichen Gelegenheiten wohnen der Kai⸗ ſer und der Hof in großem Glanze der Feyer des Gottesdienſtes bey. Hinten zeigte ſich ein großes Geruͤſte, welches in der Abſicht aufgebauet war, um eine prachtvolle Metropolitankirche an die Stelle der jetzigen aufzufuhren. Dieſes Gotteshans wird, wenn es beendigt iſt, an Groͤße und Glanz jedes andere Gebaͤude in der Reſidenz uͤbertreffen, und, wenn ich nach dem Modell urtheilen darf, unſerer St. Pauls⸗Kirche an Groͤße und Glanz wenig nachgeben. Der Kaiſer hat zu ihrer Vollendung eine große Summe beſtimmt; alle heiligen Gefaͤße ſollen mit den ſchoͤnſten Diamanten beſetzt, und das Altarblatt mit koſtbaren Steinen geziert werden. Das Geruͤſte dieſes koloſſaliſchen Tempels iſt ſehr groß und aͤußerſt genievoll gezeichnet und aus⸗ gefuͤhrt, und wuͤrde allein hinreichen, um das Talent und die unermeßliche Arbeit der Ruſſen 40 4 82. zu beweiſen; die meiſten Maurer, wodurch die — 86— neue kaſan'ſche Kirche errichtet ward, ſo wie auch diejenigen, welche man die Stadt in an⸗ dern Theilen verſchoͤnern ſiehet, ſind Bauern aus den Provinzen. Die Axt macht des Zimmer⸗ manns Handwerkszeug aus; mit ihr verfertigen ſie alle ihre Arbeiten. Man erſtaunet, wenn man ſiehet, mit was fuͤr bewunderungswuͤrdiger Beurtheilung und Genanigkeit, dieſe, nicht ange⸗ leiteten, Bauern arbeiten, und was fuͤr gracioͤſe Sachen aus ihren rohen Haͤnden hervorgehen, und man muß ihnen die Gerechtigkeit wieder⸗ fahren laſſen, daß ſie in der Nachahmung, und ſeibſt in der Erſindungskraft, von dem kultivir⸗ teſten Volke nicht uͤbertroffen werden; als ich durch die Straßen gieng, habe ich ihnen mein Lob innerlich oftmals nicht verweigern koͤnnen. Waͤhrend ich die neue kaſan'ſche Kirche in Augenſchein nahm, deren Grund, ſo wie auch die Piedeſtale der Saͤulen, man bereits ſiehet, flogen ploͤtzlich alle Huͤte um mich her ab, um der verwittweten Kaiſerin und ihren liebenswuͤr⸗ digen Toͤchtern, den Großfuͤrſtinnen, Reſpekt zu bezeigen, welche mit ihrer Begleitung in zwey einfachen dunkelgruͤnen Waͤgen vorbeyfuhren; jeder war mit vier Pferden beſpannet, und hin⸗ ten auf ſtanden zwey Bedienten in Livreen von derſelben Farbe, mit einem rothen Kragen und — 87— ſteifen Stiefeln; auf den Seiten der Kutſche befand ſich bloß der Buchſtabe E und der ſchwarze Adler. Dieſe hohe Famlie, ſo wie die unſeres Souverains in England, indeß noch mit wenigerm Aufwand, faͤhret haͤufig in der Stadt umher, um freundſchaſtliche Beſuche abzuſtatten. Als ich bis gegen das Ende der Perſpektive hinabgieng, fand ich mich auf dem Marktplatze, und ſah unweit die großen Marktleitern liegen, woran die Delinquenten gebunden werden, wenn ſie die Knute aushalten ſollen, jene ſchreckliche Strafe, welche Peter der Große und Eli⸗ ſabeth haͤuſig ihren Unterthanen ausſtehen lieſen, die aber, durch die Gnade des jetzigen Kaiſers nur allein den Verbrechen von der ab⸗ ſcheulichſten Art vorbehalten iſt. Der letzte, der dadurch umkam, war ein Mann, welcher in ein kleines Haus, worin ſich eine Familie von fuͤnf Perſonen befand, in einer dunkeln Nacht ein⸗ brach, und ſie zuſammen mit einem Beil ermor⸗ dete. Eine Handlung von ſo ungewoͤhnlicher Grauſamkeit, die dem ruſſiſchen Charakter ſonſt ſo fremd iſt, erregte natuͤrlich das höchſte Ent⸗ ſetzen. Nach einer unpartheyiſchen Unterſuchung, ward der Moͤrder zweymal geknutet; und war, als er die letzte Strafe erhalten hatte, in der Sprache des ruſſiſchen Henkers, fertig, indem — 88— ihm verſchiedene Schlaͤge mit den Riemen ge⸗ ſchickt auf die ſchon offen ſtehenden Nieren (Loins) angebracht wurden; der Elende ward dann aufgehoben, und man riß ihm die Naſen⸗ locher mit Zangen aus; indeß erhohete dieſer letzte Theil der Strafe, wie mir Jemand ver⸗ ſicherte, der zugegen war, ſeine beiden gar nicht, denn der letzte Schlag der Peitſche fiel ſchon auf einen todten Koͤrper. Wenn ein Verbrecher die Knute aushalten ſoll, ſo hat er das Recht, wenn er es wuͤnſcht, auf Koſten der Regierung in einem Trinkhauſe eine Quantitaͤt. Brannt⸗ wein zu ſich zu nehmen. Sogar Frauenzimmer von Stande ſind in Ruß⸗ land mit der Knute beſtraft worden. Der Abbé Ghappe d'Auteroche fuͤhrt die Umſtaͤnde einer Exekution dieſer Art an, die unter der Regie⸗ rung der grauſamen Eliſe abeth ſtatt hatte. Wie er erzaͤhlt, ſey die Graͤfin Lapouchin, eins der liebenswuͤrdigſten Frauenzimmer des Hofes, in genauer Verbindung mit einem fremden Geſand⸗ ten geweſen, der an einer Verſchwoͤrung gegen Eliſabeth Theil genommen haͤtte; ſie waͤre hierauf, als Mitverſchworne, angeklagt, und zur Knute verurtheilt worden. Das Wahre der Sache lief aber dahin aus: daß die Graͤfin Lapouchin ſo unvorſichtig geweſen war, ſich uͤber einige der — 89— unendlich vielen Liebſchaften ihrer kaiſerlichen Beherrſcherin auszulaſſen. Die ſchöne Schul⸗ dige beſtieg das Geruͤſt in einem eleganten Morgenanzuge, welcher ihre Reize und das In⸗ tereſſe an ihrer Lage nur erhoͤhete. Durch das Einnehmende ihres Geiſtes und ihrer Perſon ausgezeichnet, war ſie das Idol des Hoſes, und wo ſie ſich nur blicken ließ, von Anbetern um⸗ geben: jetzt ſah ſie die Henker um ſich; mit Er⸗ ſtaunen blickte ſie auf dieſe hin, und ſchien zu zweifeln, daß ſie der Gegenſtand ſolcher grau⸗ ſamen Zubereitungen ſeyn koͤnnte. Einer der⸗ ſelben riß ihr ein Tuch ab, welches ihren Bu⸗ ſen bedeckte, woruͤber, gleich der Charlotte Corday, als ſie ſich zu der Guillotine berei⸗ tete, ihre Beſcheidenheit unruhig ward, ſie zu⸗ ruͤck fuhr, blaß wurde, und in Thraͤnen zerſloß. Sie ward bald voͤllig bis zur Mitte des Leibes entkleidet, vor den gierigen Augen einer unge⸗ heuern Menge von Leuten, unter welchen eine vollkommene Stille herrſchte.*) Sie erhielt die Knute, ihr ward die Zunge ausgeſchnitten, und ſie wurde nach Sibirien verbaunet. *) Wir verſchonen die Leſer mit dem weitern Detail dieſer verjahrten Grauſamkeit. Anm. des Ueberſ. * — 90— Unmoͤglich kann man an dieſe grauſame Scene, wobey die Kaiſerin die groͤßte Unbarm⸗ herzigkeit zeigte, ohne Abſcheu denken. Die Ge⸗ ſchichte ſtellet Eliſabeth als die Trägſte und Sinnlichſte ihres Geſchlechts vor, welches die Gemaͤlde von ihr auch voͤllig beſtaͤtigen. Fole gende Anekdote zeigt noch mehr ihr Ungefuͤhl: Eine der Damen, die die Aufwartung hatten, fiel ermattet und Alters halber in Ohnmacht. Eliſabeth, die ihren Zuſtand wahrnahm, fragte um die Urſache und antwortete kalt, als ſie ſie vernahm:„Oh, wenn dieß der Fall iſt, ſo lehnen Sie ſich ein wenig gegen jene Kommode, und ich will das Anſehen haben, als ſaͤhe ich Sie nicht.“ Die vorige Kaiſerin Katharina üͤbte ihre Nache bey einer aͤhnlichen Gelegenheit mit mehr Sanftheit, aber auf eine kraͤnkende Art aus. Ein liebenswuͤrdiges junges Frauenzimmer, die den Grafen M—, einen ihrer geweſenen Fa⸗ voriten geheyrathet hatte, erhielt von ihrem Manne einige Nachrichten in Betreff ſeiner ſonſt ſtatt gehabten genauen Verbindung mit der Kai⸗ ſerin, die ſie auf eine unweiſe Art verſchiedenen Freundinnen in Moskau, wo ſie wohnten, mit⸗ theilte. Nicht lange nachher, grade als die Dame nehſt ihrem Manne ſich des Abends zur 4 1 A die Fa⸗ yrem ſonſt Kai⸗ enen mit⸗ die zur — 91— Ruhe begeben hatten, wurde ſtark an die Kam⸗ merthuͤr geklopft; der Graf oͤffnete ſie, und ein Policeybedienter trat, mit einer großen Ruthe in der einen Hand und dem kaiſerlichen Befehl in der andern, herein. Dem Ehemann gebot er, an der einen Seite des Bettes niederzuknien, keinen Widerſtand zu leiſten, noch Lerm zu ma⸗ chen, indem ſich in dem daran ſtoßenden Zim⸗ mer einige ſeiner Gehuͤlfen befaͤnden. Die Dame mußte ſo, wie ſie war, aus dem Bette ſteigen, und ſich auf den Boden niederlegen; der Poli⸗ ceybediente band ihr Haͤnde und Fuͤße, und hieb ſie derb; hierauf machte er ſie los, hob ſie auf⸗ und ſagte ihr:„dieß iſt die Strafe, welche die Kaiſerin uͤber Plauderer verhaͤngt; das naͤchſte Mal gehen Sie nach Sibirien.“ Dieſe Geſchichte ward bald in der Stadt bekannt, und die arme junge Frau konnte eine Zeitlang nicht in Mos⸗ kau erſcheinen, ohne zum Gelaͤchter zu dienen. Glaubte ſich nun gleich Katharina, als Souveraine, in Anſehung ihres Vergnuͤgens uͤber Manches hinwegſetzen zu koͤnnen: ſo muß man ihr doch Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, daß ſie jeden Verſtoß gegen die Sittlichkeit an ihrem Hofe mit wirklicher Strenge beſtrafte, und den beſſern Theil ihres Charakters ſtets als ein Exem⸗ pel aufzuſtellen ſuchte. — 92— An der jetzt verwittweten Kaiſerin nmmt man auffallende Spuren einer vorzuͤglichen Schoͤn⸗ heit wahr. Sie hat ein volles Geſicht, eine ſchoͤne Farbe, braune Augen, die ſanft und ausdrucksvoll ſind; ihre Figur iſt etwas ſtark, aber ſehr majeſtaͤtiſch. Ihre Manieren ſind in einem ausgezeichneten Grade ſanft und einneh⸗ mend. Sie widmet ſich ganz der Erziehung der juͤngern Glieder ihrer hohen Familie, der Auf⸗ ſicht und Ermunterung wohlthaͤtiger Inſtitute, und einer aͤußerſt geſchmackvollen Befoͤrderung der Kuͤnſte. Eine ihrer Lieblingsbeſchaͤftigungen hat etwas Auffallendes; ſie iſt ein trefflicher Medailleur. Ich habe verſchiedene ihrer Arbei⸗ ten in dieſem eleganten Theile der Kunſt geſe⸗ hen, ſo wie auch von denen in Gold zu gravi⸗ ren, welche jedem Kuͤnſtler zur Ehre gereichen wuͤrden. Ihre Stickerey iſt außerordentlich ſchöͤn, und muß auch die Bewunderung desje⸗ nigen erregen, der die vorzuͤglichen Arbeiten ei⸗ ner Linwood geſehen hat. Der jetzige Kaiſer iſt ohngefaͤhr 29 Jahr alt; er hat ein volles, ſehr ſchoͤnes Geſicht, von etwas blaſſer Farbe; blaue Angen, die zugleich jene wohlthnende Milde ausdruͤcken, welche ein her⸗ vorſtechender Zug in ſeinem Charakter iſt. Von Figur iſt er groß, ſtark und gut proportionirt: mmt choͤn⸗ eine und tark, d in meh⸗ der Auf⸗ kute, rung ugen icher rbei⸗ geſe⸗ avi⸗ chen klich sje⸗ ei⸗ alk: vas jene her⸗ Von irt; dern ſehr gewogen, wovon ſich eine Menge im — 93— da er aber ſchwer hoͤrt: ſo neigt er ſich deshalb zu dem Sprechenden herab. Bey der Vollbrin⸗ gung ſeiner hohen Pflichten legt er große Thaͤtig⸗ keit und Scharfſinn an den Tag, indeß ohne Prunk und Lerm; Hauptzuͤge bey ihm ſind Klug⸗ heit und Menſchlichkeit, welche ein Land nicht anders, als bluͤhend, und ein Volk gluͤcklich ma⸗ chen muͤſſen. Er iſt allem Gepraͤnge ſo ſehr feind, daß man ihn, in ſeinen Regimentsmantel einge⸗ huͤllet, in der Stadt allein auf einer kleinen ge⸗ woͤhnlichen Droſchki umherfahren ſiehet; und auf dieſe Weiſe hat er der Noth der Armen abgeholfen. Er wuͤnſcht, daß, wenn ihn Jemand in dieſer Lage des Privatmannes erkennet, keiner den Hut abnehmen ſolle; aber unwillkuͤrlich ſiehet man ſich hingeriſſen, dieſer edeln Beſcheidenheit zu⸗ wider zu handeln. Oft habe ich ihn in einem einfachen dunkelgruͤnen Wagen mit vier Pferden geſehen, den ein baͤrtiger Kutſcher und ein klei⸗ ner Poſtillion fuhren, und nur von einem Be⸗ dienten begleitet. Soldaten geben ſtets auf ihn Acht, um ſeine Annaͤherung der Wache zeitig zu melden; ohne dieſe Vorſicht waͤr' es, bey der Menge Kutſchen, welche man in der Reſidenz ſie⸗ het, unmöglich, ihm die ihm zukommende aͤußere Ehre zu bezeigen. Der Kaiſer iſt den Englaͤn⸗ == 94— ruſſiſchen Reiche niedergelaſſen, und unter dem Schutz der Regierung eine Art Kolonie gebildet hat. Oft hat man den Kaiſer ſagen hoͤren: „Der Menſch, in deſſen Gewalt es am meiſten „ſtehe, ſein Leben gluͤcklich zu machen, ſey, ſei⸗ „ner Meynung nach, ein engliſcher Gutsbeſitzer.“ Ob der Kaiſer gleich nie in England gewe⸗ ſen iſt: ſo kenner er doch vollkommen den Cha⸗ rakter und die Sitten der Bewohner dieſes Lan⸗ des, ſo wie deren Sprache. Ein aͤußerſt lie⸗ benswuͤrdiger und ſchaͤtzungswerther Englaͤnder, Herr G—, bey der Schatzkammer, ward, nach dem Wunſche der Kaiſerin, mit ihm auferzogen, und ſein Spielgefaͤhrte und Geſellſchafter in frůͤ⸗ hern Jahren. Die Umſtaͤnde von den Zeiten der Kindheit her, die fuͤr jedes fuͤhlende und edle Herz ſo theuer ſind, ließen ihren gewoͤhn⸗ lichen Eindruck im Herzen Alexanders zuruͤck; und ob ihn gleich die Zeit unermeßlich uͤber ſei⸗ nen Jugendgefäͤhrten erhoben: ſo hat er nie auf⸗ gehoͤrt, ihn mit der gnaͤdigſten Achtung zu beeh ren; und bey Bezeigung derſelben legte der Kai⸗ ſer nur die großmuͤthigſten Beweiſe ſeiner Freund ſchaft an den Tag. Man erzaͤhlte mir auch ein anderes Beyſpiel von der großen Zuneigung Alexanders gegen England. Als ein Englän⸗ der, der, kurz vor dem Tode Pauls, haͤufig * - . dem ildet ren: iſten ſei⸗ ger.“ ewe⸗ Cha⸗ Lan⸗ lie⸗ er, nach gen, fruͤ⸗ eiten und oͤhn⸗ uͤck; ſei⸗ auf⸗ beeh⸗ Kai⸗ und⸗ ein zung laͤn⸗ ufig — 9— Duetts auf der Floͤte mit dem Großfuͤrſten ge⸗ ſpielt hatte, im Begriff ſtand, Rußland zu ver⸗ laſſen, um nach ſeinem Vaterlande zuruͤck zu kehren, einer plötzlichen Antipathie halber, die der Kaiſer gegen unſere Landsleute gefaßt hatte, ſagte Alexander beym Schluſſe des letzten Males, als ſie zuſammen ſpielten, mit ſo vielem Gefuͤhl zu der Floͤte deſſelben, indem er ſie in der Hand hielt:„Adieu, ſuͤßes Inſtrument! „das mir ſo manche ſorgenvolle Stunde ver⸗ „trieben hat; oft und tief werde ich die Abweſen⸗ „heit deiner angenehmen Toͤne bedauern; aber „du geheſt nun, um ſie in dem gluͤcklichſten „ Lande hoͤren zu laſſen. 7„ Dies ſind nur geringe Anekdoten, aber ſie enthuͤllen dem Leſer das Herz. Wie ſehr und mit wie vielem Rechte der Kaiſer von ſeinen Voͤlkern geliebt iſt, dieß wird ſich in dem Maaße, wie ich weiter in dieſer Schilderung fortgehe, zeigen. Die Ruſſen, welche ſo viele fremde Fuͤrſten zu Regenten gehabt haben, ſehen mit enthuſiaſtiſcher Freude auf einen in Ruß⸗ land gebornen Kaiſer hin. Das Geſicht der jetzt re⸗ gierenden Kaiſerin iſt aͤußerſt ſanft und ausdrucks⸗ voll; ſie iſt von Figur ſchlank, aber aͤußerſt zierlich, und von der gewoͤhnlichen Groͤße der Frauenzim⸗ mer: ſie iſt ausgezeichnet liebenswuͤrdig, aber etwas 7 7. — 96— ſchuͤchtern. Ihr Verſtand iſt hoch ausgebildet, und ihre Manieren ſind ſanft, aͤußerſt anmuths⸗ voll und hinreißend. Die Koͤnigin von Schwe⸗ den, ihre Schweſter, muß, wenn nur die min⸗ deſte Treue in Sergell's Meiſel herrſcht, ein Modell weiblicher Schoͤnheit ſeyn. Die Kaiſerin hat keine Kinder.*) Sie und der Kaiſer wur⸗ den ſehr jung mit einander verbunden, indem Katharina noch ſo viele Nachkommen, als moglich, vor ihrem Tode zu ſehen wuͤnſchte. Die beyden erwachſenen Großfuͤrſtinnen machen der Sorgfalt ihrer kaiſerlichen Mutter Ehre, und wecken die Zuneigung und die Bewunderung al⸗ ler derer, die ſich ihnen naͤhern. Die juͤngſte derſelben ward, waͤhrend meines Aufenthaltes in Petersburg, an den Erbprinzen von Weimar verheyrathet; da die Ceremonien bey dem Bey⸗ lager einen Begriff von den Gewohnheiten und Sitten der Ruſſen geben wird: ſo will ich ſie nachher kurz beſchreiben. —VTon dem Exekutionsplatze auf dem Markte, nahm ich meinen Weg nach dem St. Alexander⸗ Newsky⸗Kloſter, am Ende des öſtlichen Theiles der 1 *) Bekanntlich iſt dieß jetzt nicht mehr der Fall. Anm. des Ueberſ. — — 97— der Stadt. In den Straßen ſtanden mehrere Karren voll Erbſen in Schaalen, nebſt ihren Wurzeln, grade wie ſie aus der Erde kamen, an den Staͤngeln, welche die Armen zu Zeiten fuͤr ſich ſelbſt oder fuͤr ihre Pferde kauften; beyden ſchienen dieſe Vegetabilien, die mit Stumpf und Stiel verzehrt wurden, ein Leckerbiſſen. Das Klo⸗ ſter, welches einen großen Raum einnimmt, iſt mit einem Waſſergraben umgeben, und enthaͤlt eine ſehr ſchoͤne Kirche mit einem mit Kupfer bedeckten Thurm, eine Kapelle, die Zellen, die Refektorien und Schlafſtuben fuͤr ſechzig Moͤnche, ein Semi⸗ narium und die Reſidenz des Metropolitan⸗Erz⸗ biſchofs. Die Fronte des untern Stockwerks der Gebaͤude, die mit einander verbunden ſind, iſt dunkelkarmoiſin angemalt, und hat, wegen der ungeheuern Menge und der Groͤße der Fen⸗ ſter, das Anſehen von einer Sammlung koloſſali⸗ ſcher Treibhaͤuſer. In der ſehr huͤbſchen Kirche ſah ich den Schraien oder Sarg des Heiligen Alexander Newsky, des Schutzheiligen von Rußland, ſonſt eines ſeiner Beherrſcher, der zu jener ausgezeich⸗ neten Ehre gelangte, indem er aufs Tapferſte die Schweden oder die Finnen, einige Jahrhunderte vorher, an den Ufern der Rewa zuruͤckgeſchlagen hatte. Das Monument und die militairiſchen 2· Theil. ä. — 98— Trophaͤen, womit er gezieret iſt, ſo wie auch die Pfeiler und der Himmel, worunter es ſtehet, ſind von maſſivem Silber und zwar von dem erſten Metall dieſer Art, was in Rußland entdeckt iſt. Eine der Saͤulen, welche den Hintertheil des fuͤr die kaiſerliche Familie beſtimmten Raumes bildet, iſt ein gut gearbeitetes Portrait der verſtorbenen Kaiſerin, in Lebensgroͤße. Der Altar, das Blatt, und die Verzierungen ſind ſehr ſchoͤn. Rund um die Gebaͤunde ſind Kloſter, die beynahe gaͤnzlich doppelte Fenſter haben, wodurch in Rußland jedes nur einigermaßen anſtaͤndige Haus gegen die ſehr heftige Kaͤlte geſchuͤtzt wird; die Fugen und alle andere Zugaͤnge der Luft werden entweder mit Papier verklebt oder mit Filz verſtopft. Jeder Theil des Kloſters ſchien ſehr huͤbſch und reinlich, und die Wohnung des Erzbiſchofs ſchoͤn zu ſeyn. Der Geſang einiger trefflichen tiefen Stimmen zog mich in die Kapelle, wo die Moͤnche, von dem Popen unterſtuͤtzt, ihren Gottesdienſt ver⸗ richteten. Der Anzug von jenen war beſonders ———— traurig, auf dem Kopfe trugen ſie einen hohen Hut mit ſchwarzem Krepp bedeckt, der hinten hinunterhieng; das Kleid, welches unter die Knoͤchel herab gieng, war von ſchwarzem Tuche, mit einem dunkeln, ſchwarzblauen Zeuge gefuͤt⸗ tert; ſie hatten ſehr lange Baͤrte, und jeder oo— die ſind eſten iſt. fuͤr ldet, enen latt, um zlich edes ſehr alle mit teder lich, ſeyn. men von ver⸗ ders ——,— ohen nten die uche, efuͤt⸗ jeder — 99— Moͤnch trug einen Roſenkranz von braunen oder ſchwarzen Kügelchen. Als ich zuruͤckkehrte, zogen verſchiedene ſchoͤne Monumente des Kirch⸗ hofes meine Aufmerkſamkeit auf ſich; ſie ſchie⸗ nen eben ſo, wie in England, gebauet und geordnet. Die Ruſſen begraben ſtets, vernuͤnf⸗ tiger Weiſe, ihre Todten in den Vorſtaͤdten. Die vorige Kaiſerin geſtattete nie Begraͤbniſſe am Tage; ſie glaubte, mit Bezug auf das Volks⸗ vorurtheil, das Traurige des Anblickes muͤſſe, ſo viel möglich, auf die Anverwandten des Verſtor⸗ benen eingeſchraͤnkt werden, und, ich glaube, ihre Ukaſe, welche dieſe Ceremonie anordnet, dauert noch fort; denn waͤhrend meines Aufenthaltes in Rußland ſah ich nie ein Leichenbegaͤngniß. Meiner Ueberzengung nach, werden dem Leſer folgende Stanzen gefallen, die einen Theil des Liedes ausmachen, welches uͤber dem Koͤr⸗ per, ehe man ihn begraͤbt, abgeſungen wird. „9! was iſt das Leben? Eine Bluͤthe! „ein Dunſt oder Thau des Morgens! Man „naͤhere ſich und betrachte das Grab: Wo iſt „nunn die reizende Geſtalt; wo die Jugend? Wo „die Organe des Geſichts; und wo der ſchoͤne „Teint? 5 „Was fuͤr Jammer, Klagen und Trauer; „was fuͤr ein Kampf bey der Trennung der Seele — 100— „vom Koͤrper! Das menſchliche Leben ſcheint nur „Eitelkeit, der Schlaf des Irrthums, die ver⸗ „gebliche Arbeit eines eingebildeten Daſeyns! „Laſſet uns daher jede Verderbniß der Welt flie⸗ „hen, um das Himmelreich zu ererben. „Mutter der Sonne, die nie untergehet! „Mutter Gottes! wir bitten dich, mit deinem „göttlichen Sohne dich dahin zu verwenden, „daß der, welcher von hier geſchieden iſt, Ruhe „mit den Seelen der Gerechten genießen möge. „Unbefleckte Jungfrau! Mag ſich der Verſtor⸗ „bene des ewigen Erbes des Himmels in den „Wohnungen der Gerechten zu erfreuen haben!“ Der Aberglaube der Ruſſen gehet ſehr weit. Bey der Ceremonie, das Waſſer im Win⸗ ter zu weihen, wozu eine große Oeffnung in das Eis der Newa gemacht wird, bat eine Frau einen Popen, ihr neugebornes Kind unterzutau⸗ chen. Dieſer willigte hierein; aber, indem er das kleine leidende Weſen ins Waſſer ließ, erſtarre⸗ ten ſeine Finger ſo ſehr, daß es unwiederbring⸗ lich unter das Eis hinabſank. Die Mutter rief hierauf mit einem Laͤcheln voll Vergnuͤgen aus: „ Es iſt gen Himmel gegangen!“ In einer der Kirchen ſah ich eine Frau, die folgenden Verbrechens halber Buße that: Kurz nach ihrer Verheyrathung ward das Bett — „.„ ☛— nur ver⸗ ons! flie⸗ het! nem den, ruhe öge. ſtor⸗ den n!“ ſehr Bin⸗ das Frau tau⸗ das arre⸗ ing⸗ rief sus: rau, hat: Bett — 101— ihres Ehemannes von ihr entweihet, waͤhrend ſie dieſen in einem beſtaͤndigen Zuſtande von Trunkenheit zu erhalten pflegte. Eines Tages, als ſie grade im Ehebruche begriffen war, er⸗ ſchien unerwartet der Mann, und zwar vollig nuͤchtern. Hieruͤber von Eiſerſucht ergriffen, ſprang er auf ſeinen ſchuldigen Nebenbuhler, und ſtach ihm das Meſſer ins Herz. Die Ge⸗ ſetze Englands wuͤrden den Ungluͤcklichen ge⸗ ſchuͤtzt haben; aber nach den ruſſiſchen mußte er die Knute erleiden, und ward nach Sibirien ver⸗ bannet; ſeiner Frau, der Urheberin dieſes blu⸗ tigen Auftritts, wurde von ihrem Popen der Befehl ertheilt; zwey Jahre hindurch ſich ſechs⸗ hundert Mal taͤglich vor der heiligen Jungfrau niederzuwerfen. Ihr Gewiſſen und ihr Bigot⸗ tism erzwangen eine puͤnktliche Beobachtung der vorgeſchriebenen Strafe. Wenn ein Ehemann von einer tyranniſchen und heſtigen Gemuͤthsart ſſt: ſo ſtehet es, nach ruſſiſchen Geſetzen, einer Frau frey, Ehebruch zu begehen. Die Ruſſen haben auf eine fanatiſche Weiſe ſelbſt zu den Steinen, dem Holze und dem Pfla⸗ ſter ihrer Kirchen eine Zuneigung. Ueberhaupt denken die Ruſſen bey dem Bau ihrer Staͤdte erſt auf die Errichtung der Kirchen, und nach⸗ gehends erſt an die ihrer Wohnhaͤuſer, waͤhrend die Englaͤnder nie an einen Tempel denken, bis ſie ihre eignen Wohnungen errichtet haben. Es iſt auffallend, daß die Ruſſen, un⸗ geachtet ihres nicht geringen religiöſen Enthu⸗ ſiasmus, ihre Popen ſchlechter, als wir unſere unterſte Geiſtlichkeit, bezahlen; dieß ruͤhrt aber vielleicht von der außerordentlichen Unwiſſenheit derſelben her. Nach Reichthum und Geburt er⸗ wecken Kenntniß Hochachtung, und vielleicht würde ſich der ruſſiſche gemeine Mann bey der Idee empoͤren, die Popen unabhaͤngig zu ma⸗ chen, ehe ſein Geiſt aufgeklaͤrt waͤre; ſeinen Heiligen wuͤrde er ſein Leben aufopfern, und die Popen muͤſſen ſich mit ſchwarzem Brode be⸗ gnuͤgen. Folgende Anekdote wird beweiſen, daß der griechiſche Glaube eine Konfeſſion geſtattet: Ein Pope kam, um die Beichte eines Großen anzu⸗ hoͤren:„Heiliger Vater! ſagte der Graf, ha⸗ ben Sie ein gutes Gedaͤchtniß?„Ja! „Dann werden Sie ſich deſſen erinnern, was ich Ihnen bey meiner letzten Beichte ſagte; ſeit der Zeit habe ich dieſelben Verſuchungen von außen, dieſelben Schwaͤchen von innen gehabt; und hier nehmen Sie dieſelbe Anzahl Rubel.“ Ein anderer Grund, den man angab, war⸗ um Paul die Aelſterfarhe, deren ich ſchon er⸗ —,—„— ☛ bis un⸗ ithu⸗ nſere aber nheit t er⸗ leicht der ma⸗ einen und be⸗ der Ein nzu⸗ ha⸗ 1 ¹ 77 was ſeit von abt; — 7 =— 103— waͤhnt, einfuͤhrte, ſoll der geweſen ſeyn: daß die Soldaten, die rohen Nekruten und Bauern, welche fuͤr die Regierung gebraucht wurden, ſchneller die ihr gehorenden Gebaͤnde unterſchei⸗ den möchten. Als ich uͤber die Zugbruͤcke des Ligovakanals gieng, war er mit Barken von außerordentlicher Länge voll gepfropft, die mit kleinen Stuͤcken Birkenholz beladen waren, zum unmittelbaren Gebrauche der Kuͤche und zur Feurung waͤhrend des Winters; dieß und die Hausmiethe, die nothwendigen Equipagen und Brod, machen die koſtbarſten Artikel der Haushaltung in Peters⸗ burg aus, die ſonſt, in manchen andern Ruͤck⸗ ſichten, nicht uͤbermaͤßig theuer iſt. Die Schiffe, welche nicht nur Holz, ſondern auch Steinkohlen, von den Kuͤſten der naͤchſten Flüſſe, oder des Ladogaſees bringen, kehren nie zuruͤck, ſondern werden zerſchlagen und zur Feurung verkauft, oder um Häͤnſer für die Armen daraus zu bauen, Dieſe unumgaͤnglich nothwendigen Barken ent⸗ ſtellen die ſchöuen Kanäle— der Stolz und die Beguemlichkeit dieſer Hauptſtadt— ungemein: und hier, ſo wie an den Uſern der Seine, ſind die Waͤſcherinnen die hauptſächlichſten Waſſer⸗ nymphen. Die meiſten Kanaͤle ſind ſchon mit Granit eingefaßt, und haben ein reiches eiſernes — 104 2 Gelaͤnder, welches an jeder Seite herunter laͤuft. Der Fontankakanal iſt vorzuͤglich ſchoͤn. Dieſe Durchſchnitte von Waſſer machen Petersburg einigermaßen Venedig aͤhnlich. Als ich durch die große Perſpektive zuruͤckkehrte, nahm ich den Theil derſelben in Augenſchein, welchen man Naemskoi nennt, und der Long Acre in London entſpricht, wo man eine lange Reihe von Kutſchen⸗ macherlaͤden ſiehet; hier finden ſi ch Droſchka's Kaleſchen, Waͤgen, Schlitten, alle Arten Kut⸗ ſchen, wovon viele ſehr huͤbſch, einige ſchwer, und nicht ſehr dauerhaft ſind; indeß herrſcht doch Dabey keine Betruͤgerey. Diejenigen, welche ſie verfertigen, gebrauchen dazu die beſten Materia⸗ lien, die das Land darbietet, und in Betreff der Geſtalt und der Facon ahmen ſie, in ſo fern es der Wagen geſtattet, uns ſehr genau nach. Eine aͤußerſt bequeme Kaleſche, die ungefaͤhr fuͤnfhun⸗ dert Nubel koſtet, wuͤrde in England, indeß wol etwas eleganter und feſter gebauet, tauſend Ru⸗ bel zu ſtehen kommen, wenn man ſich deren dort uͤberhaupt bediente. Dieſe Niederlage der Kut⸗ ſchenmacher, unter welchen ſich auch ein Engläͤn⸗ der, in der zweyten Linie des Galeerenhofes, be⸗ findet, iſt fuͤr einen Fremden der beſte Ort, um einen Wagen zu kanfen, wenn er k Nußzland zu verlaſſen gedeukt. —— — „ 1A — 1075— Als ich weiter gieng, fielen mir an jeder Seite der Straßen verſchiedene Staͤnde auf; in jedem befand ſich ein ehrwuͤrdig ausſehender lang⸗ baͤrtiger Ruſſe, der Pirophi, oder kleine Fleiſch⸗ Paſteten, verkaufte; in einem andernnbat er Eyer und geſalzene Gurken feil, welche die Ruſſen be⸗ ſonders gern eſſen; in einem dritten Pyramiden von Beeren, die den Maulbeeren ſehr aͤhnlich, aber von hellgelblicher Farbe waren und Mo⸗ roſchki heißen, Kromsbeeren, Glukoi genannt, wilde Erdbeeren, Heidel: und Zwergmaulbeeren, die trefflich gegen den Scorbut ſeyn ſollen. Viel kann ich nicht von der anziehenden Reinlichkeit und Delikateſſe des Paſtetenbaͤckers ſagen; aber der Magen des Nuſſen iſt nicht ekel, und fuͤr wenige Kopeken kann er, nach ſeiner Meynung, vollkom⸗ men und auf eine nahrhafte Weiſe geſaͤttigt wer⸗ den. Bey den Ruſſen giebt es viele Feſttage, und ſie beobachten ſie ſtreng. Da ein Feſttag in England mich ſtets an ein Feſt erinnert: ſo will ich hier nur eine Idee von einem ruſſiſchen Mittagsmahl geben, wel⸗ ſches ſelten ſpaͤter, als um drey Uhr, ſtatt hat: auf einem Seitenbret eines Tiſches, im Em⸗ pfangzimmer, findet man Fiſche, Fleiſcheſſen, eingeſalzene, eingepockelte und geraͤucherte Brat⸗ wuͤrſte, Brod und Butter, und Liqueurs; dieß — 106— zuſammen iſt nur der Vorlaͤufer des Mittags⸗ mahls⸗ welches folgendermaßen genoſſen wird: ein kaltes Gericht, gewoͤhnlich ein Stoͤr oder ein anderer Fiſch, gehet voran; dann die Sup⸗ pe, eine Menge komponirter Effen, ein Ueber⸗ fluß an gekochten und gebratenen Fleiſcharten, unter denen das Rindfleiſch der Ukraine ſich aus⸗ zeichnet, und eine Menge Zugemuͤße; hierauf⸗ Paſteten, und ein Deſſert von ſehr ſchoͤnen Me⸗ lonen, und ſaurem unſchmackhaften Spalierobſt; der Tiſch iſt mit vielen Sorten Weinen, treff⸗ lichem Oele und Bier bedeckt. Der Herr des Hauſes oder der Koch zerſchneidet, und Schei⸗ ben jedes Gerichtes werden umhergegeben. Et⸗ was aͤußerſt Angenehmes, wel lches ich auf jedem Tiſche bemerkte, war ein großes Gefaͤß mit zer⸗ ſtuͤckeltem Eiſe, womit die Gaͤſte das Bier oder den Wein abkuͤhlen. In dem Hofe jedes ruſ⸗ ſiſchen Hauſes befinden ſich zwey Keller; der eine, welcher den Winter hindurch warm iſt, und der zweyte, der den Sommer mit Eis an⸗ gefuͤllet iſt. Die Suppe, der Kaffee, die Cho⸗ kolade, werden oͤfters durch Eis gekaͤltet. Ei⸗ nes Tages ſaß ich neben einer liebenswuͤrdigen— ruſſiſchen Dame, von deutſchen Eltern. Dieſe aͤußerſt ausgebildete Frau, welche Engliſch ſo ſchön, als es nur von meinen Landsleuten ge⸗ ———I—2 —, y— — . 5.— — 107— ſprochen werden kann, redete, bat mich um das Salz; als ich es ihr uͤberreichte, ſagte ſie: „wenn Sie je das Salz praͤſentiren: ſo unter⸗ laſſen Sie nie, dabey zu laͤcheln; es iſt dieß ein aberglaͤubiſcher Gebrauch in Rußland.“ Ein Laͤcheln wird hier als ein Zauber gegen das Gift angeſehen. Nach einigen wenigen Glaͤſern herrlichen Wein, Champagner mit eingeſchloſſen, ſtehet die Dame vom Hauſe auf, und die Ge⸗ ſellſchaft begiebt ſich ins Aſſembleezimmer. In guten Haͤuſern befinden ſich nie Papiertapeten, wo aber die Wande nicht mit Seide oder Kat⸗ tun uͤberzogen ſind, findet man ſie brillant und ſchoͤn bemalt, ſo, daß ſie das Anſehen von Pa⸗ piertapeten erhalten. In dieſer Arbeit ſind die Eingebornen aͤußerſt geſchmackvoll und ſchnell. Die Gaſtfreundſchaft kann nicht hoͤher ge⸗ trieben werden, als man ſie hier findet: ſobald ein Fremder eingefuͤhrt wird, giebt die Familie die Tage der Woche an, wo ſie ihre Freunde empfaͤngt, und erwartet, er werde ſich zu der Zahl derſelben rechnen. Die Einladung iſt offen und herzlich, und wird ſelten wiederholt; in⸗ dem man glaubt, es ſey keine Veranlaſſung dazu da. Die Formalitaͤt von erzwungenen und haͤufig taͤuſchenden Ceremonien kennt man hier nicht. — 15 Hinter dem großen Kanfhofe(Gostinnoi- maͤrkte in einer Straße von höoͤlzernen Boutiquen, gleich den auf einem Markte in England. Aepfel, Birnen, Himbeeren, Johannisbeeren, Pfirſchen, herrliche Melonen und Ananas, werden dem Auge auf eine verfuͤhreriſche Art dargeboten, und die Haͤlfte des verlangten Preiſes kauft, denn die Gewohnheit, das Doppelte desjenigen, was man zu nehmen gedenkt, zu fordern, herrſcht in dieſer ganzen Nachbarſchaft; da man dieß aber weiß, ſo erreichen die Verkaͤufer ſelten ihre Abſicht. In dem Theile, wo die Voͤgel feil ſind, befanden ſich Tauben, Sperlinge, Ha⸗ bichte, Birkhuͤhner, und wenige andere, in groͤßerer Menge, als Mannichfaltigkeit; an einer Stange ſiehet man das Bild des Lieblingsheili⸗ gen mit einer vor ihm brennenden Lampe. In dem Theile, wo das Gefluͤgel verkauft wurde, waren ſehr ſchoͤne Gänſe, Enten und Huͤhner im Ueberfluſſe. Die Bank feſſelte zunaͤchſt meine Aufmerkſamkeit. Sie iſt ein großes, ungemein ſchönes Gebaͤude, von Backſteinen mit weißem Stucko uͤberzogen, welches ein Zentrum und zwey Fluͤgel hat, und deſſen Fronte mit einem ſehr eleganten eiſernen Gelaͤnder geziert iſt. Hier dvor) ſind die Frucht⸗, Voͤgel⸗ und Gefluͤgel⸗ ſind uͤbermaͤßig theuer, ſelbſt, wenn man ſie um ——— -——,—₰ àν„ — = 109— in der ganzen Nachbarſchaft findet man Wirths. haͤuſer, wo zu Mittage geſpeiſet wird, und Bier, Meth und Branntwein zu haben ſind. Am Ende der großen Perſpektive zeigt ſich die Admiralitaͤtskirche mit ihrem hohen Thurme, der mit dem feinſten Golde vergoldet iſt, und einen Wetterhahn, in der Geſtalt eines Schiffes, hat; er ſcheint ſich mit Verachtung uͤber die lange dunkele Linie der kleinen, von gebrannten Steinen gebaueten Haͤuſer zu erheben, die, nebſt den Hoͤfen hinterwaͤrts, die Admiralitaͤt aus⸗ machen, und dieſen Theil der Hauptſtadt ent⸗ ſtellen. Die Zeit hat es bewieſen, wie klug Peter handelte, als er dieſe Lage zu ſeiner Stadt waͤhlte. Die Untiefe der Newa bietet ein unuͤberwindliches Hinderniß gegen die Flotten Schwedens dar; und ein ſchöner Fluß, ſo klar, daß man daraus, ohne das Waſſer durchzulaſſen, trinkt, theilt die Stadt in Quartiere, und be⸗ reichert ſie mit dieſem reinen Waſſer; aber bey der außerordentlichen Leichtigkeit, Schiffe in Cronſtadt— eine betraͤchtliche, unuͤberwindliche Inſel, an der Muͤndung der Newa, im finnlaͤn⸗ diſchen Meerbuſen, zugleich das große Schiffs⸗ arſenal von Rußland— zu bauen, muß ich, nach meiner geringen Meinung, geſtehen, daß er ſich nicht gleich blieb, als er die Admiralitaͤt — 110— in Petersburg ſelbſt anlegte. Das Waſſer hat hier eine ſo geringe Tiefe, daß, wenn ja ein Kriegsſchiff vom Stapel gelaſſen wird, es auf Kameelen nach Kronſtadt herunter geſchafft wer⸗ den muß. Der Leſer kann ſich von der Arbeit und den Koſten eines ſolchen Transports einiger⸗ maßen einen Begriff machen, wenn er hoͤrt, daß ich dieß erſtaunliche Maſchinenwerk auf tauſen⸗ den von bötzernen 8 Keilen(Wedges) fand, auf einer Wieſe ungefaͤhr eine halbe Stunde von irgend einem Waſſer, worin es heruntergefloͤßt werden kann. Man denke ſich das Gehaͤuſe eines größern Schiffes, als je eins je gebauet iſt, in zwey Theile(der Laͤnge nach) geſchnitten, und jeden Theil in einen Kaſten gelegt, aber ſo von einander entfernt, daß durchgehends ein hoh⸗ ler Raum von acht bis zehn Fuß gelaſſen wird: dieß war das Anſehen der Kameele.*) Wie *) Nach einem richtigern und beſtimmtern Begriffe, beſtehet ein Kameel aus zwey ungeheuern Kaſten (etwa von hundert und ſieben und zwanzig Fuß Laͤnge), wovon die innern Seiten eine ſolche Figur haben, daß ſie, gegen einander geſtellt und mit ſtarken Tauen verbunden, das groͤßte Schiff mit ſeiner bauchigen Hoͤhlung, der Laͤnge nach, ge⸗ nau umfaſſen. Das Inwendige dieſer Kaſten iſt in große waſſerdichte Fachwerke getheilt, in welche man einzeln durch eigene Oeffnungen me = 1I111— man ſie aber von dem Orte, wo ſie gewohn⸗ lich liegen, fortbewegt, wenn man auch irgend eine Anzahl von Menſchen annimmt, die dabey gebraucht wurden, dieß gehet uͤber meine Be⸗ griffe; indeß, ſo wie alles Andere in Rußland, erſcheinen ſie ſo, wie man ihrer bedarf, und begeben ſich zu der Admiralitat, wenn ſie ge⸗ rufen werden, wo jedes ſeine Stelle an den Seiten des Schiffs, das nach Cronſtadt ge⸗ bracht werden ſoll, einnimmt. Mittelſt ſehr großer beweglicher Gewichte, und indem man ver⸗ ſchiedene Oeffnungen in den aͤußern Seiten die⸗ ſer maͤchtigen Sektion eines Schiffes aufmacht, um Waſſer hineinzulaſſen, werden ſie herunter⸗ geſenkt, dicht zuſammen unter den Bauch des Schiffs gezogen, und mit Fabeltaden zuſammen das Waſſer ab⸗ und zulaſſen kann. Man legt die Kameele an die Seiten des Schiffes, da dann die Abtheilungen mit Waſſer gefuͤllt werden. Wird aus dieſen ſodann das Waſſer ausgepumpt: ſo ſteigen die Rameele, durch ihre dadurch er⸗ wachſene Leichtigkeit, von ſelbſt in die Hoͤhe, he⸗ ben dann das Schiff ſelbſt mit empor, und tra⸗ gen es auf dieſe Weiſe uͤber Untiefen und ſeichte Stellen; von dieſem Heben oder Laſttragen ruͤhrt der Name Kameel her. Eine Abbildung davon findet ſich in Roͤding's allgemeinem Woͤrterbuche der Marine. kig. 488. 1 112— gebunden; eine wahre Nieſenarbeit! Die Admi⸗ ralitaͤt bildet ein ſehr großes oblonges Quadrat; die Seite gegen den Fluß hin iſt offen und weit davon entfernt, eine Zierrath fuͤr die an⸗ graͤnzenden Pallaͤſte zu ſeyn; die gegen die Stadt iſt durch Erdwaͤlle geſchuͤtzt, mit Kanonen ver⸗ ſehen, und durch Zugbruͤcken geſichert. Die Vorrathshaͤuſer ſchienen wohl geordnet: es la⸗ gen zwey Schiffe fertig, das eine von vier und ſiebenzig, das andere von ſechszig Kanonen, um vom Stapel gelaſſen zu werden. Ein Eng⸗ länder muß uͤber die ungeheure Verſchwendung erſtaunen, die er auf den Docken antrifft, und die daher rührt, daß die Zimmerleute ihre Ayt ſtatt der Säͤge gebrauchen, um das Holz zu ſpalten. Die Spaͤne machen die Accidenzien der Arbeitsleute aus; allein die Regierung wuͤrde eine ungeheuere Quantitaͤt nutzbaren Holzes ſpa⸗ ren, wenn ſie den Werth bezahlte und auf den Gebrauch der Saͤge beſtaͤnd. In der Verfaſ⸗ ſung der ruſſiſchen Marine giebt es eine Ein⸗ richtung, welche laut um Abhuͤlfe ruft; dieß iſt das Ballotiren um den Rang, und das Recht der ſchwarzen Kugel: Ausdruͤcke, die da hin⸗ laͤnglich die Natur und die Mißbraͤuche einer Anordnung andeuten, die fuͤr das Verdienſt ſo herabwuͤrdigend iſt, und dem Dienſte ſo ſehr zum zmi⸗ eat; und an⸗ tadt ver⸗ Die la⸗ und nen, eng⸗ ung und Axt zu zien irde ſpa⸗ den faſ⸗ Ein⸗ dieß echt hin⸗ iner ſo ſehr zum — 113— zum Nachtheile gereicht. Auch ſcheint es nicht klug, einen jungen Marinekadet nach England mit einem jaͤhrlichen Gehalte von hundert und achtzig bis zweyhundert Pfund Sterling zu ſchicken, oder ihn uͤberhaupt dorthin zu ſenden. Ueber die neuen Gewohnheiten und Moden er⸗ ſtaunt, vernachlaͤßiget er ſeine Studien, nimmt die Sitte, Aufwand zu machen, an, und kehrt unzufrieden nach ſeinem Vaterlande, mit einem Gehalte von zwanzig Pfund jaͤhrlich, zuruͤck. Im kaiſerlichen Dienſte befinden ſich mehrere engliſche Officiere. Der Kaiſer Paul machte dem beruͤhmten Paul Jones Anerbietungen, das Kommando eines ſeiner Schiffe anzunehmen; ſohald die ruſſiſchen Officiere dieß erfuhren, baten ſie um ihren Abſchied. Daß ſich ſo viele Englaͤn⸗ der in den Marine⸗ und Handelsdepartements be⸗ finden, welches dieſen ſo vortheilhaft iſt, und folglich auch dem allgemeinen Intereſſe des Rei⸗ ches ſo ſehr zum Nutzen gereicht, dieß muß im⸗ mer eine guͤnſtige Stimmung in dieſem Lande lur die engliſche Nation erhalten. 2u Theil. 8 — — 114— Dreizehntes Kapitel. —— 2 1 Eine Vorſicht.— Das Haus Peters des Gro⸗ ßen.— Beſondere Anekdote.— Policey— Die Pflicht eines Reiſenden.— Brittiſcher Kri⸗ minal⸗Gerichtshof.— Laͤrmende Glocken— Fruͤchteverkaͤufer.— Eis.— Trunkenheit.— Kaiſerliches Theater.— Die Großen des Nor⸗ dens.— Es ſetzte mich ſehr in Verlegenheit, einen Kof⸗ fer, der meine Buͤcher und Kleider enthielt, von Stockholm nach Petersburg zu Schiffe abgeſandt zu haben. Er ſollte, wie man verſicherte, zu⸗ gleich mit mir dort ankommen; allein, er langte nur eben vor meiner Abreiſe an. Ich empfehle hiemit jedem Reiſenden, dieſe Art, etwas hieher zu ſenden, zu vermeiden; nicht nur wegen der Unſicherheit, die ſtets ein Bye⸗Boot waͤhrend der Reiſe auszuſtehen hat, ſondern auch der Schwie⸗ rigkeit halber, Beſitz von ſeinem ſo hergeſandten Eigenthume zu erhalten, nachdem es auf das Zollhaus in Petersburg gekommen iſt. Finden ſich Buͤcher darunter: ſo muͤſſen ſie der Cenſur unterworfen werden, und der Eigenthuͤmer be⸗ uu f—f„ß Bro⸗ y.— Kri⸗ T— 1.— 2 Nor⸗ Kof⸗ von ſandt „zu⸗ angte pfehle dieher n der d der hwie⸗ ndten das inden enſur er be⸗ 1 — 115— zahlt dreyßig Procente von dem Werthe der Sa⸗ chen. Waͤhrend meines Aufenthalts in Petersburg wurden die geheimen Memoires des Petersburger Hofes dort verboten. Der Verfaſſer war vom Hofe ſehr gut behandelt worden, deſſen geheime Intriguen er, ſo ſehr vergroͤßert, der Welt vor⸗ gelegt hat. Er war kurz nachher dreiſt genng, den Kaiſer um die Erlaubniß anzugehen, nach Petersburg zuruͤckzunkehren. Mit ſeinem gewohn⸗ lichen richtigen Verſtande und ſeinem Edelmuthe ließ dieſer ihm hierauf antworten:„Seine Laͤn⸗ „der ſtuͤnden Jedermann frey; er ſey aber nicht „ſo ſehr ſein Feind, um ihm die Ruͤckkunft wie⸗ „der anzuempfehlen.“ Das Haus, oder vielmehr die Huͤtte, worin Peter der Große waͤhrend der Zeit wohnte, da er den Grund zu Petersburg legte, das in etwas mehr als einem Jahrhunderte ſeine jetzige Groͤße erreicht hat, ſtehet an der linken Seite der Kaiſersbruͤcke, auf dem Wege nach der Feſtung. Dieß, den Ruſſen ſo heilige Haus, ward von der verſtorbenen Kaiſerin mit einem ſteinernen Gee baͤude mit Arkaden, zum Schutz gegen die Ver⸗ wuͤſtungen der Zeit, bedeckt. Es beſtehet nur aus einem Stockwerke, worin drey ſehr niedrige Zimmer ſind; hier war es, daß ſich eine naͤr⸗ riſche Scene, waͤhrend die Feſtung gebauet = 116— wurde, zutrug. Ein holläͤndiſcher Schiffer, der davon hoͤrte, Petersburg wuͤrde erbauet, und der Kaiſer habe große Leidenſchaft fuͤr Schiffe und den Handel, beſchloß, da ſein Gluͤck zu verſuchen und langte daher mit dem erſten Kauffahrer, der je auf der Newa ſegelte, dort an; er uͤberbrachte ein Empfehlungsſchreiben an den Hafenkapitain von einem ſeiner Freunde in Holland, worin die⸗ ſer ihn bat, ſich fuͤr ihn zu verwenden, daß er eine Ladung jerhielte. Peter der Große arbeitete, gleich einem gemeinem Arbeitsmanne, in der Admiralitaͤt, als das Schiff vorbey⸗ fuhr, das mit zwey oder drey Schuͤſſen gruͤßte. Der Kaiſer empfand hieruͤber ganz ungemein viel Vergnuͤgen, und da er von den Geſchaͤf⸗ ten des Hollaͤnders unterrichtet worden, ſo be⸗ ſchloß er, einigen Spaß mit ihm zu haben, und beorderte den Hafenkapitain, zu dem Schiffer zu gehen, ſobald er gelandet waͤr', ihn zum Kaiſer, als einem Kaufmanne, zu weiſen, der ſich eben niedergelaſſen haͤtte, und deſſen Rolle er dann ſpielen wollte. Um den Spaß noch beſſer aus⸗ fuͤhren zu koͤnnen, begab ſich Peter in die Huͤtte, nebſt der Kaiſerin, die ſich wie eine Buͤr⸗ gers⸗ oder Kaufmannsfrau anzog. Der Hollaͤn⸗ der ward zu dem Kaiſer gefuͤhrt, der ihn mit beſonderer Guͤte aufnahm; ſie ſaßen zuſammen, — — —&☛— — 117— aßen Brod und Kaͤſe, und rauchten; waͤhrend deſſen blickte der Hollaͤnder in dem Zimmer um⸗ her, und ſieng an zu glauben, daß Jemand, der auf ſolche Weiſe lebte, ihm eben nicht von Nutzen ſeyn koͤnne. Hierauf kam die Kaiſerin herein, und der Schiffer wandte ſich an ſie, und ſagte ihr, er habe einen beſſeren Käͤſe, als ſie ihn je gekoſtet, mitgebracht, wofuͤr ſie ihm dann auf eine affektirt⸗ linkiſche Manier dankte. Als er ſich ſehr uͤber ihr Anſehen ergoͤtzte, holte er unter ſeinem Rock ein Stuͤck Leinewand hervor, und bat, dieß zu Hemden fuͤr ſich anzunehmen. „O, Katharina! rief der Kaiſer aus, indem er „die Pfeife aus dem Munde legte; jetzt wirſt Du „ ſchoͤn und ſo ſtolz wie eine Kaiſerin ſeyn! „Nun bi iſt Du eine gluͤckliche Frau, in Deinem „Leben hatteſt Du auch ſolche ſchoͤne Hemden „nicht!“ Der Fremde bat ſie hierauf um einen Kuß, den ſie ihm auch auf eine zuruͤckhaltende Weiſe zugeſtand. In dieſem Augenblicke trat, mit den Orden geſchmuͤckt, der Fuͤrſt Menzikof, der Favorit und Miniſter Peters des Großen⸗ welcher ihm die Staatsangelegenheiten vortrug, herein, und ſtand unbedeckt vor dem Kaiſer. Der Schiffer ſieng an zu ſtaunen, waͤhrend Peter, durch Winke und geheime Zeichen, den Prinzen vermogte, ſich ſogleich zuruͤckzuziehen. Der ver⸗ = 118— wunderte Hollaͤnder ſagte:„Wie es ſcheint, „haben Sie große Bekannte hier!“„Ja, er⸗ „wiederte Peter;„dieſe koͤnnen Sie aber leicht „erhalten, wenn Sie nur zehn Tage hier blei⸗ „ ben; es giebt eine Menge ſolcher duͤrftigen „Edelleute, wie Sie deren eben einen ſahen, ſie „ſtecken ſtets in Schulden und ſind ſehr froh, „von irgend Jemand Geld zu borgen, und haben „ mich ausgefunden; aber, Herr! nehmen Sie „ſich vor ſolchen Leuten in Acht; widerſtehen „Sie ihrer Zudringlichkeit, ſo ſchmeichelhaft ſie „auch ſeyn mag, und laſſen Sie ſich durch die „Sterne und Baͤnder und durch dergleichen Be⸗ „truͤgerey nicht blenden.“ Dieſer aufklaͤrende Rath beruhigte den Fremden ein wenig, der aͤußerſt vergnuͤgt forttrank und rauchte, und mit ſeinem kaiſerlichen Kaufmann den Kontrakt uͤber eine Ladung abſchloß; grade als er dieſen Punkt, ſeinen Wuͤnſchen gemaͤß, berichtigt hatte, trat der Officier der Garde, die eben abgeloͤſet war, her⸗ ein, um die Befehle zu empfangen, ſtand mit tiefem Reſpekt unbedeckt, und redete, ehe Peter ihn hindern konnte, ihn mit dem Titel, Ew. Kaiſerliche Majeſtaͤt, an. Der Hollaͤnder ſprang hierauf von ſeinem Stuhl auf, warf ſich dem Kaiſer und der Kaiſerin zu Fuͤßen, und bat um Vergebung wegen der Freyheit, die er ſich genom⸗ ————.— ͤ— ͤ ͤ ͤbö—,.—,,â,— — ⏑* —⅓—·—·˖,:·—— — 119— men habe. Peter ergoͤtzte ſich ſehr an dieſer Scene, lachte herzlich, hob den erſchreckten Sup⸗ plikanten auf, ließ ihn die Hand der Kaiſerin kuͤſ⸗ ſen, ſchenkte ihm funfzehn hundert Rubel, gab ihm eine Ladung, und ertheilte den Befehl, daß⸗ ſo lange die Planken ſeines Schiffs zuſammen⸗ „ hielten, es in alle Haͤfen von Rußland ohne Zoll hineingelaſſen werden ſollte. Dieß Privilegium machte das ſchnelle Gluͤck des Eigenthuͤmers. Einer meiner Freunde ſahe das Schiff haͤufig in Cronſtadt. An der rechten Seite der Huͤtte be⸗ findet ſich ein Boot, welches Peter mit eigener Hand erbauet hat. Es gleicht einem Themſen⸗ Boote, und macht ſeinem füͤrſtlichen Erbauer Ehre. Als ich im Wagen ſaß, um auf meine Gefaͤhrten zu warten, entwarf ich eine Zeichnung von dem Hauſe, dem Boote, der Droſchka und einer Gruppe Ruſſen und Amerikaner, die dort wa: ren. Bey unſerer Ruͤckkehr war der Abend ſchon weit vorgeruͤckt und die Nachtwache hatte angefangen: wir begegneten dem Poli⸗ ceydirektor auf einer Droſchka in vollem Gal⸗ lop; ihm folgten zwey Leuteſ von der Policey zu Pferde, die hellgruͤn gekleidet und mit Saͤbeln bewaffnet waren; ſie machten ihre Runden in der Stadt, um zu ſehen, ob Ordnung erhalten wuͤrde, und ob die Nachtpoſten, welche ſich — 120 auf fuͤnfhundert belaufen, ſich auf ihren reſpek⸗ tiven Plaͤtzen befaͤnden. Kurz nachher ſtießen wir auf einen patroullirenden Trupp Koſacken zu Pferde. In keiner Stadt wird Ruhe und Si⸗ cherheit beſſer erhalten, als in Petersburg; es iſt zu dieſer Abſicht in zehn Departements ge⸗ theilt; jedes derſelben hat wieder Unterabthei⸗ lungen, und hiezu einen Chef und Unterbediente, die durch eine aͤußerſt einfache Organiſation die Hauptſtadt, zu allen Stunden des Nachts, in einer bewunderungswuͤrdigen Ordnung erhalten. Jene verachtungswuͤrdigen Agenten einer Regie⸗ rung, Spione, findet man in Petersburg gar nicht; ohne ihre verderbliche Huͤlfe, iſt die Poli⸗ ſey ſo außerordentlich und ſo kraͤftig verbreitet, daß, gleich einem Spinngewebe, alles was mit ihr in Beruͤhrung kommt, von dem Mittelpunkte bis an die Extremitaͤten gefuhlt wird. Die kom⸗ mandirenden Policeybedienten haben nicht den Rang der Officiere der Armee; auch werden ſie in Geſellſchaften nicht mit großer Auszeichnung aufgenommen. Eines Abends war ic Zeuge eines Bey⸗ ſpieles von Haͤrte, welches mich in Erſtaunen ſetzte und mir Widerwillen einfloͤßte; aber viel⸗ leicht ſollte es Schrecken einjagen, und die Ar⸗ beit der Policey abkuͤrzen, indem es eine augen⸗ ——ͤS,—— — 121— — blickliche Unterwerfung gegen ihre Angeſtellten * gebot.“ Ein Paar Leute hatten ſich in einer Straße, durch welche mich mein Weg fuͤhrte, gezankt, und ehe ſie zum dritten Male gegen einander fluchten, erſchienen zwey Policeybediente, und hießen dieſe Friedensſtoͤhrer vor ihnen nach dem naͤchſten Sieja oder Wachthauſe zu gehen; einer derſelben weigerte ſich, worauf ein Officier den Saͤbel zog und ihn ins Geſicht hieb. Dieſer Menſch, gleich einem wahren Ruſſen, der bey dem Anblick des Blutes mehr geruͤhrt war, als durch die Schmerzen der Wunde, unterwarf ſich dem Geſetze und folgte ohne weitern Verzug. Fuͤr die Sicherheit und Ruhe der Einwoh⸗ ner von London, und beſonders fuͤr ſeine Um⸗ gebungen, wuͤrde es gut ſeyn, wenn die Poli⸗ cey ausgebreiteter, ſchneller und kraftvoller waͤr'. In dieſer Hinſicht ſtehen wir gewiß den meiſten Nationen nach. Ueberhaupt finde ich, daß un⸗ umſchraͤnkte Regierungen die vollkommenſten Po⸗ liceyſyſteme bey ſich aufgeſtellet haben; iſt dieß aber ein Grund, warum der Genius und die Berfaſſung einer freyern Regierung nicht zu⸗ laſſe, daß ſie haͤuslichen Schutz auf ihre Unter⸗ thanen ausdehnen kann? Iſt buͤrgerliche Frey⸗ heit nicht mit der verhuͤtenden Policey vertraͤg⸗ — 122— lich? Iſt die Freyheit des Landes dahin, wenn Raͤuber und Moörder aufhoͤren frey zu ſeyn? Heißt es unſere auf Freybriefe ſich gruͤndende Privilegien erhalten, wenn ganz alte Nachtwaͤch⸗ ter, in flanellenen Nachtmuͤtzen mit einer Schnarre und einer Laterne ausgeſchickt werden, um das Leben und das Eigenthum der Einwohner der volkreichſten und wohlhabendſten Stadt der Welt zu bewachen? Fehler aufzuſuchen, iſt eine leichte aber unangenehme Arbeit. Aber ein Reiſender, gleich einer Biene, ſollte nie auf einem Fluge begriffen ſeyn, ohne den Bienenſtock ſeines Va⸗ terlandes zu bereichern. Weder des Nachts, noch bey Tage, werden in Petersburg die Straßen durch oͤffentliche Perſonen beunruhigt; ſie leben in einem Theile der Stadt zuſammen, und ihre Anzahl iſt, wie ich glaube, nicht groß; einige darunter ſind Polinnen, daher huͤbſch; einige Teutſche, folglich bezaubernd, und die meiſten ſind huͤbſche und leichtſinnige Wanderer von den obern Gegenden von Finnland, welches, ob⸗ gleich der Theil, den wir ſahen, alles deſſen, was Schönheit heißt, beraubt war, viele nied⸗ liche Geſichter und artige Figuren unter den Frauenzimmern beſitzen ſoll. Iſt es gegründet, was Herrn Colguhoun's Verzeichniß angiebt, daß die Freudenmaͤdchen von London ſich auf za 8ͤA& SS eS = 123— funffigkauſend belaufen: ſo ſollte ich, nach al⸗ lem, was man mir ſagte, nicht glauben, daß deren ungluͤckliche Schweſtern in Petersburg mehr als ein Zehntel jener betruͤgen. Wenn ſich dieſe Weſen in großer Menge irgendwo aufhalten: ſo iſt dieß ſtets ein Kompliment fuͤr die Keuſchheit des reinern Theiles des andern Geſchlechts. Es lag einige Scharfſichtigkeit in der Bemerkung, die eine kleine Nachtwanderin an einem Orte auf dem feſten Lande machte, als ein Reiſender, der ihr Elend bedauerte und linderte, bemerkte: er wundere ſich, ſo wenige ihres Gleichen in ſolch' einer Hauptſtadt zu finden.„Ach! mein Herr! erwiederte die Ungluͤckliche; wir koͤnnen wegen des tugendhaften Theiles unſers Ge⸗ ſchlechts nicht leben.“ Eines Morgens bat ſich ein ganz ſonderbares Schauſpiel dar. Eine An⸗ zahl gut angezogener Frauenzimmer begaben ſich paarweiſe und an den Armen mit Stricken an einander befeſtigt, ihre Pappkaſten in den Haͤnden, und jedes Paar von einem Policeybe⸗ dienten begleitet, ruhig und anſtaͤndig nach den Kattun, und Baumwollenmuͤhlen des Kaiſers, welche Zucht, und Arbeitshäuſer für die eben beſchriebene Klaſſe Frauenzimmer ſind. Man ward keinen unwilligen Blick gewahr, es gab keine Zuͤrnende unter ihnen; ſo groß iſt allge⸗ 1 4 8 2 3 = 124— mein die konſtitutionsmaͤßige Unterwuͤrſigkeit ge⸗ gen das Geſetz im Norden. Als ich mich er⸗ kundigte, hoͤrte ich, es ſey ein Mann außeror⸗ dentlich ſchlecht in den Hohlen dieſer idealiſchen Goͤttinnen behandelt, und daß, nachdem die Sache dem Kaiſer vorgeſtellt worden, er beſoh⸗ len habe, dreyhundert ſollten auf einige Monate dorthin abgefuͤhrt werden. Wie die Liſte aus⸗ gefuͤllet worden iſt, ob durch Ballottiren oder ohne Unterſchied, dieß weiß ich nicht. Ich gieng beym Senat voruͤber, woſelbſt ſich die Edelleute verſammeln, um uͤber ſolche Geſetze zu berath⸗ ſchlagen, die der Kaiſer beliebt ihrem Gutachten zu unterwerfen; hier zog das Bild der Gerech⸗ tigkeit, welches die rechte Seite des großen Einganges gegen die Statue Peters des Großen hin ziert, meine Aufmerkſamkeit auf ſich; ihr waren, wie gewoͤhnlich, die Augen ver⸗ bunden, aber das Gleichgewicht ihrer Waag⸗ ſchaalen war zerſtöͤrt; ein Schalk, der einige Zeit vorher ſeinen Proceß verloren, und zwar, ſeiner Meynung nach, durch die Beſtechlichkeit der Nichter, hatte, auf eine geſchickte Weiſe, aus Spaß und aus Aerger, einen Kopeken in eine derſelben geworfen, ſo, daß auf dieſe Art der Balken auf die eine Seite hinausgegangen war. 8 —.— t ge⸗: er⸗ teror⸗ ſchen die efoh⸗ onate aus⸗ oder gieng leute rath⸗ chten rech⸗ oßen des auf ver⸗ gaag⸗ inige war, hkeit aus eine der = 125— Es wuͤrde unbillig ſeyn, den jetzigen Zu⸗ ſtand der Geſetze Rußlands unterſuchen zu wol⸗ len; der Kaiſer iſt von ihren Radikalfehlern uͤberzeugt, und hegt die Abſicht, mit aller mög⸗ lichen Schnelligkeit dem ruſſiſchen Reiche das Gluͤck eines neuen Geſetzbuches zu Theil werden zu laſſen. Auf den glaͤnzenden Entwurf zu ei⸗ nem Geſetzbuche, den Katharina II. mit dem höchſten Pomp und der groͤßten Feyerlichkeit den Deputirten aus allen Theilen des Reiches unter⸗ warf, und worin ſie behauptete, allen ihren Un⸗ terthanen billige Geſetze zu geben, von Lappland bis zum kaſpiſchen Meere, und von der baltiſchen See bis an die chineſiſche Mauer, dem die Hul⸗ digung von Friedrich, und, was ſie noch hoͤ⸗ her ſchaͤftzte, die von Voltaire, zu Theil wurde, hat man nie beſtimmt Ruͤckſicht genommen. Bey dieſer Verſammlung trug ſich folgender ſonderba⸗ rer Zufall zu: Zwey ſamojediſche Deputirte wur⸗ den von der Kaiſerin angewieſen, jene Geſetze anzugeben, wovon ſie glaubten, daß ſie fuͤr ihre eigene Nation die paſſendſten waͤren. Einer der⸗ ſelben erwiederte:„Unſerer Geſetze ſind wenige, wir gebrauchen aber nicht mehr.“„Wiel rief die kaiſerliche Geſetzgeberin aus; werden denn unter euch der Diebſtahl, der Mord und Ehebruch nicht begangen?“„Wir haben dergleichen Verbrechen, — 126—= war des Deputirten Antwort, und ſie werden be⸗ ſtraft: Derjenige, welcher einem Andern auf eine ungerechte Art das Leben nimmt, wird mit dem Tode beſtraft.“—„Aber welches ſind, unter⸗ brach ihn Ihro Majeſtaͤt, die Strafen, die auf dem Diebſtahl und dem Ehebruche ſtehen?“„Wie! ſagte der Samojede mit großem Erſtaunen; ſind ſie nicht hinlaͤnglich durch die Entdeckung be⸗ ſtraft?“ Viele Begebenheiten haben dazu beyge⸗ tragen, die Vollendung des großen Planes zu ver⸗ hindern; und aͤußerſt druͤckend wuͤrden wirklich die jetzigen Geſetze Rußlands ſeyn, wenn dem ge⸗ ringſten Unterthan des Kaiſers nicht die Appel⸗ lation an ihn frey ſtuͤnde. Die Hoͤfe des großen Policey⸗Bureau's, der Admiralitaͤt gegenuͤber, ſind alle Tage ſehr voll, wo die Geſetze, nach dem Gutduͤnken der dazu beſtimmten Richter, gehandhabt werden. Waͤh⸗ rend England einige Ideen von der ruſſiſchen Po⸗ licey borgen koͤnnte, iſt es dagegen im Stande, das hoͤchſte Schauſpiel von Gerechtigkeit darzu⸗ bieten. Wir wollen uns einen Augenblick durch den Haufen Zuſchauer in einen brittiſchen Ge⸗ richtshof der Kriminaljuſtiz draͤngen; man ſiehet da einen ausgemergelten zerlumpten Ungluͤcklichen an den Schranken; Geld und Freunde gehen ihm ab; er kann keinen Zeugen vorbringen; er kann mbe⸗ eine dem nter⸗ dem Wie! ſind be⸗ eyge⸗ ver⸗ rklich n ge⸗ ppel⸗ „der voll, dazu Waͤh⸗ 1 Po⸗ ande, arzu⸗ durch Ge⸗ ſiehet lichen ihm kann = 127— 1 keinen Anwald bezahlen. Wie nun! Iſt dann die ganze Kraft des Geſetzes und der Beredtſam⸗ keit gegen ihn? Man hoͤre, der Richter, vor welchem er ſtehet, iſt ſein Vertheidiger! Man gebe auf die an den Zeugen gerichteten ſcharffin⸗ nigen und guͤnſtigen Fragen Acht, der dem Schuldigen nach dem Leben ſtrebt; man ſehe auf die guͤtige Auseinanderſetzung; der Ungluͤckliche wird gerettet: Thraͤnen rollen aus ſeinen Augen: er faͤllt auf die Knie, und in gebrochenen Worten ſeegnet er den Himmel, in einem Lande geboren zu ſeyn, deſſen Geſetze den, der keine Freunde hat, und den Verfolgten, beguͤnſtigen! Ich habe bis dahin vergeſſen, die ſchreckliche Plage der Glocken der griechiſchen Kirchen, der tieftoͤnendſten, die ich je gehoͤrt habe, zu erwaͤhnen. Eine derſelben, in der Naͤhe meiner Kammer, pflegte ſtets noch den Schlaf ſehr abzukuͤrzen, welchen die unendlich vielen Fliegen mir ließen. Fuͤr einen Fremden iſt das abwechſelnde Raſſeln und Geklingel, das da eine Stunde hinter ein⸗ ander dauert, aͤußerſt ermuͤdend. Man ſagt, die ruſſiſchen Heiligen lieben dieſe Morgenmuſik ſehr, und oftmals habe ich gewuͤnſcht, ſie moͤchte blos ihren Ohren hoͤrbar ſeyn. Unter andern fruͤhzeitigen Toͤnen des geſchaͤf. tigen Morgens, die uns begruͤßten, ſind einige — 128—r einem Englaͤnder voͤllig fremd, andere hingegen ihm ſehr bekannt; unter den letztern ergoͤtzte ich mich zumal an dem Rufen der Fruͤchteverkaͤufer, die, mit einem ehrwuͤrdigen Bart, auf ihrem Kopfe ein laͤnglichtes Bret trugen, worauf ſich, in kleinen Koͤrben von Birkenrinde, ſehr nett und reinlich, die ausgeſuchteſten Sommerfruͤchte von Rußland befanden. Nichts konnte angeneh⸗ mer ſeyn, als ein jeden Morgen hineingebrachtes Stuͤck Eis, um das Newawaſſer, womit wir uns wuſchen, zu kaͤlten. Ich begreife nicht, wie die Bewohner der Tropenlaͤnder ihren heißen Som⸗ mer ohne Eis hinbringen konnen. Bald nach un⸗ ſerer Ankunft ſpeiſeten wir zu Mittag auf dem ſchoͤnen und gaſtfreundſchaftlichen Landhauſe des Herrn B., welches auf dem Wege nach Peter⸗ hof liegt; nach dem Kaffee giengen wir in die Gaͤrten, wozu kleine romantiſche Inſeln umge⸗ ſchaffen waren, die ſich aus einem kleinen Teiche erhoben; das Ganze war mit einem Holze umge⸗ ben. Als es kein Vergnuͤgen mehr gewaͤhrte, auf einigen Boͤten herumzurudern, woran ſich die Ruſſen beſonders ergoͤtzen, kehrten wir nach dem Hauſe zuruͤck, und brachten den uͤbrigen Theil des Abends mit Kartenſpiel und Walzen zu. Den Tag darauf wurden wir durch ein Mitglied des engliſchen Clubs J dahin geführt, wo die ausge⸗ ſuch⸗ ———.,— 2 8 — 129— ſuchteſte Geſellſchaft aus ruſſiſchen und polniſchen Edellenten, Fremden von Anſehen, und engli⸗ ſchen Kaufleuten beſtand. Das Mittagseſſen iſt ſtets trefflich, und ganz in engliſcher Manier; Billiard, und Leſezimmer, wo man die vorzuͤg⸗ lichſten Zeitungen ſindet, ſind ebenfalls dort; das Gebaͤnde iſt von Außem nicht ſchoͤn, allein die Zimmer ſind gut, zumal ein hoher geraͤumiger Speiſeſaal; im Ganzen ſtehet das Aeußere ſehr ge⸗ gen die Clubhaͤuſer von Stockholm zuruͤck. Um zwey Uhr wird hier geſpeiſet, wo man dann den Hof mit Equipagen angefuͤllet ſiehet. Da gluͤcklicher Weiſe einige Perſonen das Ho⸗ tel verließen: ſo konnte ich mein Zimmer gegen ein anderes, angenehm gelegenes, vertauſchen; der Preis war derſelbe, naͤmlich ſieben Rubel woͤ⸗ chentlich. Dieß Zimmer war nach ruſſiſcher Ma⸗ nier, mittelſt einer ſpaniſchen Wand, getheilt, hinter welcher ſich mein Bette befand. Die Fen⸗ ſter giengen auf den Moikakanal hinaus, wo die gemeinen Leute der Barken, oder zu Zeiten die Ruderer der zum Vergnuͤgen gewaͤhlten Schiffe, des Abends Muſik zu machen pflegten. Vom Geſang der Ruſſen, ſo wie von deren Muſik, werde ich ſogleich reden; indeß glaube ich, daß Unciviliſirte von Natur keinen guten Geſchmack fuͤr Muſik und Geſang haben. Eines Abends, 2r Theil. 9 1 — 130— als ich mich an einem jungen Baͤren in dem Hofe des Hauſes eines meiner Freunde ergötzte, wurde ich auf eine angenehme Weiſe durch einige Toͤne uͤberraſcht, die von einem Inſtrumente her⸗ kamen, worauf ein Eingeborner von Archangel ſehr ſanft ſpielte; das Zaͤrtliche der Scene er⸗ hoͤhte die Muſik. Unter Thränen ſpielte der arme Mann, um ſeiner tödtlich; kranken Frau ihre Leiden zu mildern; ſie ſaß an einem offenen Fenſter im unterſten Stock, den Kopf auf die Hand gelehnt, um friſche Luft einzuziehen. Der rohe und kummervolle Muſiker, und ſeine blaſſe, intereſſante Frau, haͤtten einen Gegenſtand zum Malen dargeboten. Hier erzeugten die Eisgegen⸗ den des Nordens jenes ſchoͤne Gefuͤhl, welches der Reiſende in den liebeathmenden Waͤldern Ita⸗ liens anzutreffen gewohnt iſt. Die Eingebornen von Archangel werden von ihren ſuͤdlichern Bruͤ⸗ dern als civiliſirter angeſehen, und Bediente aus dieſem Theile Rußlands wegen ihrer Rechtſchaf⸗ fenheit, ihrer Einſicht und Aktivitaͤt vorgezogen. Ob ich nun gleich meine Anhaͤnglichkeit an die Ruſſen ausgedruͤckt und dieſe Menſchen voll Frohſinn gern habe: ſo muß ich freylich zugeben, daß ſie zu Zeiten ihre Ideen von irdiſcher Gluͤck. ſeligkeit durch einen kleinen Rauſch zu erhoͤhen ſuchen. In dem Hauſe, wo ich den Abend zu⸗ — dem tzte, nige her⸗ ngel er⸗ der Frau enen die Der laſſe, zum egen⸗ lches Ita⸗ drnen Bruͤ⸗ aus ſchaf. gen. it an voll eben, Zluͤck: hen d zu⸗ 131— brachte, hatten wir vor dem Eſſen Ale getrun⸗ ken, welches hier ſehr geſchaͤtzt wird, ſowol weil es ſehr gut, als auch da es verboten iſt; es blie⸗ ben einige Bouteillen halb voll auf dem Tiſch, als das Abendeſſen angekuͤndigt wurde. Der Herr befahl hierauf einem Bedienten mit einem langen Barte, der ſehr geſetzt ausſah, und hinter meinem Stuhle ſtand, ſie herein zu brin⸗ gen. Dieſer erwiederte aber, nach einiger Zoͤge⸗ rung:„es thue ihm ſehr leid, er habe, indem „er durch das Zimmer gegangen waͤre, bloß zu faͤllig die Bouteillen geleert.“ Die Natur bewieß dann auch bald einen Theil ſeiner Anfuͤh⸗ rung. Dieſer Hang wird durch die außerordent⸗ liche Menge Feſttage, die hier ſtatt haben, zu⸗ mal am Ende der Faſtnacht, ſehr ermuntert; ihrer ſind faſt eben ſo viele, als die der Buͤr⸗ gerkorporation von London, die, wie man ſagt, wenn ſie gehoͤrig beobachtet wuͤrden, beynahe jeden Tag ein Feſt und noch einige daruͤber haͤtte. Als der Kaiſer, waͤhrend meines Aufenthalts in Petersburg, an einem ſehr warmen Tage von Cronſtadt zuruͤckkehrte, verweilte er etwas in einem kleinen Dorfe, ungefaͤhr zwanzig Werſte von der Hauptſtadt, indem die Pferde zum An⸗ ſpannen nicht gleich da waren. Ein engliſcher Kaufmann, der ein Landhaus in der Naͤhe beſaß, — 132— lief heraus und uͤberreichte mit der Waͤrme des Herzens, welche alle Ceremonien vergißt, und ſie auch bei weitem hinter ſich laßt, dem Kaiſer, der ſehr große Hitze auszuſtehen und mit Staub bedeckt zu ſeyn ſchien, ein Glas Burton Ale, wofuͤr Se. Majeſtaͤt mit der Ihnen eigenen Leut⸗ ſeligkeit dankten. Sowol der Kaiſer, als der Kaufmann, vergaßen, daß dieſes Getraͤnk verbo⸗ ten iſt. Ein dabey befindlicher Deutſcher bezeigte ſeine Freude uͤber das Herzliche und Freye, wo⸗ mit der Kaiſer das Glas ſchnell austrank. Bey folgender Gelegenheit bewieß der Kai⸗ ſer abermals die angeborne Guͤte Seines Her⸗ zens: Ein Englaͤnder hatte Porter, auf Bouteil⸗ len gezogen, fuͤr ſeine kranke Frau, der er von den Aerzten empfohlen war, aus ſeinem Vater⸗ lande kommen laſſen. Kaum langte er von Cron⸗ ſtadt zu Petersburg an, als die Zollbedienten ſich deſſen bemaͤchtigten. Wie der Kaiſer dieß erfuhr, ſchickte er nach dem Zollhauſe, deklarirte, das Bier ſey ſein Eigenthum(und dieß war es durch das Geſetz der Konfiskation), und ließ es ſo fort, mit einigen guͤtigen Ausdruͤcken, zu der ſchoͤnen Kranken bringen. 8 Der fuͤrſtliche Aufwand, womit einige der ruſſiſchen Großen leben, iſt ungeheuer. Ich hatte Gelegenheit, eine Perſon kennen zu lernen, die des und aiſer, Staͤub Ale, Leut⸗ 8 der herbo⸗ zeigte „ wo⸗ Kai⸗ Her⸗ outeil⸗ r von Vater⸗ Cron⸗ ienten e dieß arirte, ar es ließ es zu der ige der h hatte n, die — 133— eine Reihe Zimmer in einem der großen Stadt⸗ hoels des Grafen Scheremetoff, des ruſſi⸗ ſchen Herzogs von Bedford, bewohnt, und beſah daher dieß ungeheure Gebaͤude, worin eine große Anzahl angeſehener Familien wohnt, und der davon aufkommende Zins, welcher gegen zwanzigtauſend Rubel betraͤgt, wird von dem großmuͤthigen Beſitzer zur Unterſtuͤtzung der Ar⸗ men verwandt. Außer einem andern ſehr ſchoͤ⸗ nen Gebaͤude in Petersburg, beſitzt der Graf auch noch eine Stadt auf dem Wege nach Mos⸗ kau, Namens Paulowa, die zweytauſend fuͤnf⸗ hundert Haͤuſer und fuͤnf Kirchen enthaͤlt. Die⸗ ſer Ort iſt das ruſſiſche Birmingham; alle Ein⸗ wohner ſind Sklaven, die einen großen Handel auf dem kaſpiſchen Meere treiben. In der Nach⸗ barſchaft deſſelben hat er einen Pallaſt, der mit Verſailles an Groͤße und an Pracht zu verglei⸗ chen iſt. Viele ſeiner Sklaven, die ihn zuſam⸗ men anbeten, haben ſehr großes Vermögen er⸗ worben, und auf ihren Tiſchen ſiehet man koſt⸗ bare Silberſervice und jede Art von hohem Lu⸗ xus; ſie halten fremde Lehrer, um ihre Kinder zu unterrichten. Ob der Graf gleich ungeheuere Einnahmen hat, ſo iſt er doch haͤufig, durch ſeine fuͤrſtlichen Wohlthaten, in Verlegenheit; indeß fuͤllet er ſeinen erſchoͤpften Schatz nie durch das ihm zuſtehende Recht der Kopfſteuer von ſeinen Bauern. Was fuͤr Seegen konnte nicht ein ſolcher Edelmann uͤber ſein Vaterland verbreiten, wenn er ſeine Sklaven in Paͤchter verwandelte! Wie groß und unmittelbar wuͤrden nicht der Einfluß und das Beyſpiel eines ſo liberalen Geiſtes ſeyn! Welche Macht hat ihm der Himmel verliehen, um die Kultur ſeines Landes zu befördern! Einer der Sklaven des Grafen ſuchte, waͤhrend meines Aufenthalts in Petersburg, in einem oͤf⸗ fentlichen Blatte einen Hauslehrer, und bot ihm zwey tauſend Rubel jaͤhrlich, und ſechs Rubel taͤg⸗ lich fuͤr den Tiſch, nebſt einem Koch. Zu der Zeit litt der Graf außerordentlich durch den Ver⸗ luſt ſeiner liebenswuͤrdigen Gemahlin; ſie war ehemals eine ſeiner Sklavinnen geweſen, und hinterließ ihm zu ſeinem Troſt einen Sohn, den der Kaiſer in den Adelſtand erhob; dieſe Maaß⸗ regel war wegen der ungleichen Geburt noth⸗ wendig, damit das Kind kuͤnftig die Reichthuͤ⸗ mer und den Rang ſeines Vaters ererben könnte. Der Graf Scheremetoff, Herr von hundert und vierzig tauſend Sklaven, verlor in einer Nacht achtzig tauſend Rubel im Spiel. Da er nicht gleich ſo viel baar Geld vorraͤthig hatte, ſo bot er dem Gewinner an, ihm ein Gut mit Sklaven von jenem Werth abzutreten; ſo bald — 137—= die ungluͤcklichen Unterthanen von dieſer beab⸗ nen cher ſichtigten Uebertragung hörten, und einen andern eenn Herrn zu erhalten fuͤrchteten, brachten ſie das Wie Geld unter ſich zuſammen, und ſchickten es an fluß Scheremetoff. Viele der Adelichen haben yn! hundert Bedienten; und einer derſelben ſoll drey⸗ hen, zehn tauſend zu beſtändiger Bedienung gehabt ern! haben. 3 rend Der ruſſiſche Adel hat in ſeinen Manieren oͤf, ſehr viel von dem von Frankreich, und uͤbertrifft ihm ihn vielleicht noch an Komplimenten. Er iſt ein raͤg⸗ genauer Beobachter der menſchlichen Natur, und der da er weiß, ſeine Hoͤflichkeit werde, wegen der Ver. nordiſchen Lage, etwas bezweiflet: ſo giebt er ſich deſto mehr Muͤhe, ſie an den Tag zu legen. war und Ebenfalls iſt er ausgezeichnet gaſtfrey und zuvor⸗ den kommend gegen Fremde. Eheliches Gluͤck dauert aaß⸗ ſelten laͤnger, als ein Jahr, unter den hoͤhern ooth⸗ Staͤnden, wo ſich beyde Theile küſſen, unter thuͤ⸗ einander ſchmollen, ſich trennen, und nachher inte. gluͤcklich ſind. Auf Eheſcheidung wird, nach ruſ⸗ ndert ſiſchen Geſetzen, nicht erkannt. Der Weg nach einer Moskau bietet haͤufig ein ſonderbares Schauſpiel a er von Herren und deren Damen dar, die alle 2, ſo halbe Jahr einen Blick auf einander werfen, ſo mit wie ſie ſich treffen, indem ſie ihren Wohnort bald in den beyden Reſidenzen, zu wechſelſeitiger — 1236— Bequemlichkeit und zum Vergnuͤgen, vertauſchen. Die Erziehung des jungen Adels leidet oͤfters durch die freye und unachtſame Art, womit ſie jeden duͤrftigen Abendtheurer in der Eigenſchaft als Hofmeiſter, zumal wenn er ein Englaͤnder iſt, aufnehmen: engliſche Schneider, Bediente, die keine Lipree tragen, oder Reiſekammerdiener, werden haͤuftg Lehrer und Hofmeiſter der Kinder. Ein Menſch dieſer Art ſagte einſtens:„Im „Sommer bin ich Schreiber bey einem Fleiſcher „in Cronſtadt, und im Winter lehre ich die Kin⸗ „der des ruſſiſchen Adels das Engliſche.“ Ich kannte eine Dame, deren Kammerdiener von ihr in Petersburg deshalb gieng, weil er die Aufſicht uͤber die Kinder bey einem ſehr angeſehenen ruſ⸗ ſiſchen Edelmann erhalten hatte, mit tauſend Ru⸗ bel jaͤhrlich, den Tiſch, und zwey Sklaven. Der ruſſiſche Adel iſt gewoͤhnlich aͤußerſt verſchwen⸗ deriſch, und daher haͤufig in Verlegenheit: Ver⸗ ſchreibungen oder Noten verlieren daher zu Zei⸗ ten ſechszig bis ſiebenzig Procent. BZald nach unſerer Ankunft beſuchten wir das große kaiſerliche Theater oder Opernhaus, das ſteinerne Theater genannt, welches auf ei⸗ nem offnen Platze ſtehet, heynahe in der Fronte des Gebaͤudes fuͤr die Seeſoldaten, ehemals des neuen Stadtgefaͤngniſſes, und des Nikolai⸗ = 137 kanals. An den vier Ecken dieſes großen Raums befinden ſich vier eiſerne Pavillons, die von vier Pilaren von demſelben Metall getragen wer⸗ den, und auf einem cirkelförmigen Grunde von Granit ruhen; hierin wird im Winter großes Feuer von Tannenholz angemacht; den Wind haͤlt man durch cirkelſoͤrmige bewegliche eiſerne Laden ab, um die Bedienten derer zu waͤrmen und zu ſchuͤtzen, die das Theater beſuchen. Ehe dieſe Einrichtung getroffen wurde, kamen viele jener unglucklichen Menſchen vor Kaͤlte um. Die Regierung, die ſehr achtſam auf das Leben der Unterthanen iſt, hat die Oper bey ungewoͤhnlich heftiger Kaͤlte verboten. Ein ſchoͤner Portikus, von doriſchen Saͤulen, bildet die Fronte; das Innere iſt ungefaͤhr von dem Umfange von Coventgarden, von eifoͤrmiger Geſtalt, und koſtbar, aber nur zu ſchwerfaͤllig verziert. Die untere Reihe Logen ragt vor den Seiten hervor; hinterwaͤrts befin⸗ den ſich Pilaſtren mit paſſenden Verzierungen und reich vergoldet; hieruͤber drey Reihen Lo⸗ gen, von korinthiſchen Saͤulen getragen; jede derſelben, ſo wie auch die unten, faſſen neun Perſonen. Man muß ſtets eine ganze Loge neh⸗ men. Es erei ignet ſich haͤufig, daß Bedienten hinter ihren Herren und Damen in den Logen, „ waͤhrend der Vorſtellung, ſtehen; dieß hat dann — 138— ein drollichtes buntes Anſehen. Die kaiſerliche Loge beſindet ſich im Centro der erſten Reihe; ſie ragt ein wenig hervor, iſt klein, und ſehr einfach verziert. Das Parterre hat ſieben oder acht Reihen Sitze mit Lehnen, worin ein beque⸗ mer Raum fuͤr jeden Zuſchauer durch kleine me⸗ tallne Platten abgetheilt, und oben am Ruͤcken numerirt iſt; dieſen Theil nennt man die Fau- teuils. Die Ordnung, die hier herrſcht, iſt ſo groß, daß, wenn ein Stuͤck auch noch ſo ge⸗ liebt ſeyn mag, ein Zuſchauer waͤhrend der gan⸗ zen Vorſtellung ſeinen Sitz in dieſem Theile des Theaters ohne Schwierigkeit erreichen kann. Hin⸗ ten, jedoch nicht abgeſondert, beſindet ſich das Parquet und das Parterre. Die Entree in die Loge und die Fauteuils koſtet zwey Silberrubel. Eine Gallerie findet man dort nicht. Die ſchwe⸗ ren Girandolen, wovon einer an jedem Pilaren angebracht iſt, werden nie angezuͤndet, als bey der Anweſenheit der kaiſerlichen Familie; bey welcher Gelegenheit ein prachtvoller Cirkel von großen Patentlampen gebraucht wird, der aus dem Centro des Daches herunterſteigt; zu an⸗ dern Zeiten wird deſſen Stelle durch einen von kleinern Dimenſionen erſetzt, wo dann des nicht hellen Lichts wegen die Damen durchgehends nicht im Putz erſcheinen. —& 8A S h — 139— Ob nun gleich dieſe Finſterniß vor dem Vor⸗ hang, fuͤr die Wirkung der Vorſtellung vor⸗ theilhaft ſeyn ſoll: ſo wird indeß das Auge trau⸗ rig, da es vergebens nach ſchönen Formen um⸗ herſchweift. Dieß Theater hat eine große Menge Thuͤren und Durchgaͤnge, Waſſerbehaͤlter, eine Feuerſpritze und verborgene Röhren und Oefen, um ihm im Winter die Sommerwaͤrme zu Theil werden zu laſſen. Es wird ſtets von einer Ab⸗ theilung der Garde und von Policeybedienten ſcharf bewacht; dieſe erhalten die genaueſte Ord⸗ nung unter den Waͤgen und Bedienten. Es iſt ganz angenehm, nach der Oper ſich noch an den Thuͤren aufzuhalten, um dort wahrzunehmen, mit was fuͤr einer ungemeinen Geſchicklichkeit und Schnelle die mit vier Pferden beſpannten Waͤ⸗ gen zu dem großen Eingang unter dem Portiko gefuͤhrt werden, ihre Geſellſchaft einnehmen, und dann in vollem Gallop wieder davon jagen; ſelten werden die Taſchen geleert, und von un⸗ gluͤcklichen Vorfäaͤllen hört man eben nicht. Wegen der Groͤße und Menge von Verzie⸗ rungen, und der weitlaͤuftigen Logen, glaube ich kaum, daß das Theater uͤber zwoͤlfhundert Perſonen in ſich faſſen koͤnne. Die Einnahme hat nie mehr als tauſend achthundert und achtzig Rubel betragen. Was fuͤr ein Unterſchied gegen — — 140— ein vondner Theater, welches, wenn eine Sid⸗ dons oder Lichtfield das zahlreiche Publikum ergotzen, ſo angefuͤllet iſt, daß ſelbſt die Wände zu athmen das Anſehen haben! Die erſte Oper, die ich von Kalieriſchen Schauſpielern auffuͤhren ſah, war Blaubart, wo⸗ von der Gegenſtand nur wenig von der Vorſtel⸗ lung in England abwich; ausgenommen, daß die letzte Frau des Blaubarts einen Liebhaber hat, der im letzten Akte den blutduͤrſtigen Tyrannen mit ſeinem Schwerdte erlegt. Die Kataſtrophe ward gut vorgeſtellt, und erhielt hintereinander enthuſtaſtiſchen Beyfall von den Ruſſen. Bewei⸗ ſen dieſe Geſinnungen von Zaͤrtlichkeit, dieſe ed⸗ len Begriffe von vergeltender Gerechtigkeit eine umwandelbare Barbarey? Die Proceſſionen wa⸗ ren aͤußerſt präͤchtig, die Anzuͤge und Verzierun⸗ gen ſehr ſchoͤn, und es iſt nicht ungewöhnlich, bey dieſen Gelegenheiten tauſend Mann, die, des Ausdrucks ihrer Geſichter und der Symmetrie ihrer Figuren halber, unter den Garden ausgeſucht wer⸗ den, aufs Theater zu bringen, um die Sceue des Pompes zu erhoͤhen. Das Orcheſter fand ich ſehr beſetzt, und dabey von den erſten Muſikern. Die Scenen waren huͤbſch, auch waren ſie gut gefuͤhrt. Ein Zimmer war aus ganzen Waͤnden gebildet, gut meublirt, und ein Garten mit allem, was hen wo⸗ ſiel⸗ die hat, nen phe der pei⸗ ed⸗ eine wa⸗ un⸗ ich, des brer ver⸗ des ſehr Die hrt. det, vas — 141— dazu gehort, vorgeſtellt. Der Kaiſer unterſtuͤtzt das Theater aufs Freygebigſte, und da alle Maſchini⸗ ſten und Arbeitsleute ſeine Sklaven ſind: ſo wird eine bewunderungswuͤrdige Ordnung unter ihnen erhalten. Emen Baum in einem Studirzimmer anzubringen, oder den Gipfel eines Waldes mit einer reichen Vergoldung zu umgeben, Fehler, die auf der engliſchen Buͤhne haͤufig vorfallen, wuͤrden die ruſſiſchen Maſchiniſten mit dem Ruͤ⸗ cken bezahlen. Dieß Theater hat eine ſehr ſchone Abwechslung von Dekorationen, die nur dann gebraucht werden, wenn die kaiſerliche Familie es mit ihrer Gegenwart beehrt. Die Stille und der Anſtand des Publikums muͤſſen auf jeden einen Eindruck machen, der Zeuge des entſetzlichen Laͤrms der Zuſchauer in England geweſen iſt. Genau um ſechs Uhr rollt der Vorhang auf. Kein Nach⸗ ſtuͤck, ſo wie bey uns, ſondern nur zuweilen ein Ballet, folgt auf die Oper, die durchgehends um neun Uhr beendigt iſt, wo die Geſellſchaft in die Sommergaͤrten gehet, in der Stadt umherfaͤhrt, ſich an den Kartentiſch und zum Eſſen ſetzt. Dieß Theater iſt eben ſo ſehr den ruſſiſchen Muſen, als denen des waͤrmern Klima's gewei⸗ het. In dieſer Hinſicht verfolgte Katharina II. denſelben Plan haͤuslicher Politik, den Guſtav III. ſo weiſe angenommen hat; aber der Plan iſt, — 142— nach ihrem Tode, nie von den hoͤhern Klaſſen er⸗ muntert. Ein ruſſiſches Stuͤck hat dieſelbe Wir⸗ kung in Rußland, welche Georg Barnwell*) auf dieſelbe Klaſſe in England aͤußert. In jenen ruſſiſchen Schauſpielen ſind einige unuͤbertreff⸗ liche Akteurs, grade ſo, wie ſich Herr Charles Kemble in dem Helden des letztern, einer der vollkommenſten nnd ruͤhrendſten Nachahmungen * der Natur, die je auf einem Theater vorgeſtellt wurden, zeigt. In Geſellſchaft meines liebenswuͤrdigen und tapfern Freundes, des Kapitains Elphinſtone, gieng ich eines Abends in eine ruſſiſche Oper: „Die Schule der Eiferſucht.“ Man haͤlt nicht viel darauf. So wie ſie vorgeſtellt wurde, er⸗ klaͤrte ſie mir der Kapitain. Die Gedanken waren haͤufig gemein und ſchluͤpfrig. Die Akteurs, ge⸗ borne Ruſſen, ſchienen mit großer Geſchicklichkeit zu ſpielen. Die Heldin des Stuͤckes ward von einem ſehr ſchoͤnen und intereſſanten Maͤdgen vor⸗ geſtellet, die man aus dem Fuͤndelhauſe genom⸗ men hatte; Grazie und eine bezaubernde Naivitaͤt waren ihr nicht abzuſprechen, und ſie ſpielte und ſang aufs Angenehmſte. Es thut mir leid, ih⸗ ren Nameu vergeſſen zu haben; ſie iſt die ruſſi⸗ *) In dem Kaufmann von London. D. nr, = 143= ſche Hauptaktrice und aͤußerſt beliebt. Zu mei⸗ nem Erſtaunen kam in dem Stuͤcke das Innere eines Irrenhauſes von Petersburg vor, worin, unter vielen entſetzlichen, grotesken Figuren, ein verruͤckter Friſeur eine Handvoll Puder einem tollen Maͤdchen ins Geſicht wirft, das auf dem Theater mit zerſtreuten Haaren umherlaͤuft; hie: durch entſtand dann großes Gelaͤchter. Mir war dieß Schauſpiel und der Beyfall ſo ſehr zuwider, daß ich wuͤnſchte, dieß waͤre nicht vor⸗ gekommen. Ob ein engliſches Publikum ſich gleich an dem Tanze der Leichenbeſorger ergötzt, uͤber die Feſte der Skelette in den Pantomimen lacht, und im Hamlet große Freude daruͤber ausdruͤckt, wenn es einem Todtengraͤber, als Bauffon, menſchliche Knochen auf dem Thea⸗ ter herumrollen, und ſie mit ſeinem Spaden ſchlagen ſiehet: ſo wuͤrde ihm doch der Anblick unertraͤglich ſeyn, worin ihnen Gegenſtaͤnde, welche das Mitleiden und jedes zarte Gefuͤhl ge⸗ heiligt haben, laͤcherlich vorgeſtellt werden. Ich will aber hier nicht unbemerkt laſſen, daß Toll⸗ heit weit ſeltuer in Rußland, als in den mildern Regionen, vorkommt; und daher kennet das Volk, welches ſonſt dieſelben Gefuͤhle beſitzt, die dem civiliſirteſten Menſchen Ehre machen wuͤr⸗ den, ſie weniger, und iſt durch den Anblick nicht = 144— ſo ſehr geruͤhrt; wird ſie nun auf eine luſtige Art auf das Theater gebracht: ſo erſcheint ſie unter der Maske von Poſſen. Weit mehr gefiel mir die ruſſiſche Oper, die Donau Nymphe, die ſo beliebt und anzie⸗ hend iſt, daß die beſſern Plaͤtze immer beſetzt ſind. Sie hat hauptſaͤchlich zum Zweck, das alte Koſtum und die Muſik Rußlands darzuſtel⸗ 2 Die Geſchichte iſt ſehr einfach: Ein Prinz hat einer Nymphe ewige Beſtaͤndigkeit geſchwo⸗ ren, die ihm ſehr zugethan iſt; ſein Vater, ein maͤchtiger Koͤnig, wuͤnſcht, er ſolle eine Prinzeſ⸗ ſin eines alten Hauſes heyrathen; der Prinz willigt hierein, allein die Hochzeit ſelbſt wird durch mannigfaltige Liſt der neidiſchen Nymphe unterbrochen, die in verſchiedenen Verkleidungen erſcheint. Die erſte Scene war beſonders ſchoͤn: ſie ſtellte einen Fluß, deſſen Ufer, und ſchwim⸗ mende Nymphen vor; die Art, wie ſie ſich aus dem Waſſer erheben, iſt bewunderungswuͤrdig natuͤrlich; die Muſik der alten ruſſiſchen Arien, worin die beruͤhmte Koſakka vorkommt, zeich⸗ nete ſich ganz beſonders aus; die Vorſtellungen waren ungemein huͤbſch, und boten eine Menge pantomimiſcher Veraͤnderungen dar. Der ruſſiſche Adel liebt das Drama: bey⸗ nahe jedes Landhaus hat ein Priyattheater. Die⸗ ——— — 145— Diejenigen unter dem Adel, die aus Mißvergnuͤ⸗ gen uͤber den Hof, oder aus irgend einer an⸗ dern Urſach, in Moskau und in der benachbar⸗ ten Gegend wohnen, leben in wolluͤſtiger Pracht orientaliſcher Satrapen; nach dem Mittagseſſen begeben ſie ſich haͤufig in eine ſehr große Ro⸗ tunda, und ſchluͤrfen dort den Kaffee hinunter, waͤhrend einer Hetze von Hunden, Woͤlfen und wilden Baͤren; von dort gehen ſie in ihre Pri- vattheater, wo ſelbſt ihre Sklaven haͤufig große Geſchicklichkeit an den Tag legen, ſowol als Schauſpieler, als im Orcheſter. Franzoͤſiſche Akteurs, die von dem Adel freygebig hezahlt werden, ziehen jene Leute zu. Vierzehntes Kapitel. —.— Eine traurige Kataſtrophe. Mit tiefem Bedauern naͤhere ich mich dem me⸗ lancholiſchen Gegenſtande dieſes Kapitels. Die Menſchlichkeit wuͤrde ihn gern mit dem Mantel der Vergeſſenheit bedecken; aber die dem An⸗ denken eines ungluͤcklichen Monarchen und des Hauptes der hohen Familie in Rußland ſchul⸗ 2r Theil. 10 — 146— dige Gerechtigkeit, erfordert eine unpartheyiſche, aber ſorgfaͤltige Entwickelung der Begebenheiten, welche dem Falle des letzten Kaiſers vorangien⸗ gen. Ich erhielt meine Nachrichten von Jemand, der ſelbſt Zuſchauer der Kataſtrophe war, den ich aber eben ſo wenig nennen, als in deſſen Wahrheitsliebe Zweifel ſetzen darf. Die Ur⸗ ſachen, welche jene bekannten Vorurtheile von Katharina ll. gegen ihren Sohn erzeugten, ſi nd mit ihr ins Grab gegangen; aber Jedermann weiß, daß viele Jahre verſtrichen zwiſchen der Mannbarkeit des Großfuͤrſten und ſeiner Thron⸗ beſteigung, in welchen die Kaiſerin ihn nie An⸗ theil an ihrer Gewalt nehmen ließ, ſondern ihn in einem Zuſtande von niederſchlagender Tren⸗ nung vom Hofe, und in faſt gaͤnzlicher Unwiſſen⸗ heit der Reichsangelegenheiten, hielt. Obgleich Paul, ſeiner Geburt nach, der oberſte Befehls⸗ haber der Armeen war, ſo hatte er nie die Er⸗ laubniß, ein Regiment anzufuͤhren; eben ſo we⸗ nig durfte er Cronſtadt beſuchen, obwol ſeine Stelle, als Großadmiral, ihm hiezu das Recht gab. Dieſen ſchmerzhaften Entziehungen kann man noch beyrechnen, daß, als man ihm em⸗ pfahl, auf Reiſen zu gehen, waͤhrend ſeiner Ab⸗ weſenheit einer ſeiner geliebteſten Freunde nach Sibirien verbannet wurde, weil man entdeckte, „2 v— 46 ꝙ—,—— ¾½ — —&⏑ ſche, ten, en⸗ and, den iſſen Ur⸗ von gten, nann der ron An⸗ ihn rren⸗ ſſen⸗ leich ehls⸗ Er⸗ we⸗ ſeine decht kann em⸗ Ab⸗ nach eckte, = 147 er habe ihn von einer unbedeutenden Staats⸗ zangelegenheit benachrichtigt. Auf die Weiſe ſah ſich Paul nicht nur von derjenigen Perſon ge⸗ trennet, die ihm das Leben gab, ſondern auch der gewohnlichen Gluͤckſeligkeiten des Lebens be⸗ raubt. Der Haͤndedruck von ſeiner Seite erregte Argwohn; Gefahr war dabey, wenn er ſich Jer mand zugethan bezeigte, und etwas Schuldiges oder Verraͤtherey lag darin, wenn er Zutrauen ſchenkte. Jemand, der mit mir ehemals in genauer Verbindung ſtand, ein Mann von Talenten, von ſcharfſinniger Beobachtung und Wahrheitsliebe, hatte vor einigen Jahren die Ehre, eine kurze Zeit an dem kleinen abgeſonderten Hofe von Gatſchina zuzubringen. Hievon konnte er dann ein deſto genaueres Bild entwerfen, je weniger die Strahlen der kaiſerlichen Gunſt vermögend waren, ihn zu blenden. Um dieſe Zeit zeigte ſich Paul's Geiſt, ohne grade einen brillanten Verſtand zu verrathen, in hohem Maaße kul⸗ tivirt, unterrichtet, frey, edel, brav und groß⸗ muͤthig. Hiebey hatte er ein zaͤrtliches, zuge⸗ thanes Herz, und eine ſehr ſanfte, aber außer⸗ oordentlich reizjbare Seele; von Figur war er nicht ſchoͤn, aber ſein Auge hatte etwas Durch⸗ dringendes, und ſeine Manieren bewieſen den 148— ganz vollkommenen Mann von Stande. In ſeiner Jugend ſah man ihn an der Seite des Bettes des ſterbenden Panin's, des grauen, geſchickten Miniſters von Katharina, und ſeines Gou⸗ verneurs, demſelben die Haͤnde kuͤſſen, und mit Thraͤnen benetzen. Als Beweis ſeines Verſtan⸗ des kann man die vorzuͤgliche Ukaſe anſehen, worin die Precedenz und Verſorgung ſeiner kai⸗ ſerlichen Familie feſtgeſetzt wird, und die der⸗ ſelbe, außer Zweifel, ſelbſt und ohne Huͤlfe aus⸗ gearbeitet hat. Er liebte ſeine treffliche Ge⸗ mahlin und ſeine Kinder mit der größten und innigſten Zaͤrtlichkeit. Paul beſaß einen hohen kriegeriſchen Geiſt; und da er glaubte, kuͤnftig den Thron eines militairiſchen Reiches zu beſtei⸗ gen, ſo machte er die Kriegskunſt zum Haupt⸗ gegenſtand ſeiner Studien; aber weder dieſe in⸗ tereſſante und vielzweigige Wiſſenſchaft, noch die Liebkoſungen derer, die ihn umgaben, konn⸗ ten ſeinem Herzen das Gefuͤhl des erlittenen Unrechts benehmen. Katharina ſchien es zu ahnden, daß ihr Sohn den Thron nicht lange nach ihrem Tode beſitzen wuͤrde. In dieſem prophetiſchen Geiſte verwandte ſie alle ihre Sorgfalt auf die Erzie⸗ hung ihrer Enkel, Alexander und Con⸗ ſtantin. 3 4 ier tes ten ou⸗ nit an⸗ en, fai⸗ der⸗ us⸗ Ge⸗ und hen ftig ſttei⸗ apt⸗ in⸗ noch onn⸗ nen ihr Vode eiſte rzie⸗ on⸗ = 149— Kurz vorher, ehe Katharina ſtarb, uͤber⸗ gab ſie ihrem letzten Guͤnſtling, dem F— 3—, den ſie ſehr ſchaͤtzte, eine Deklaration ihres Wil⸗ lens, an den Senat gerichtet, des Inhalts, daß Paul in der Thronfolge uͤbergangen werden, und der Großfuͤrſt Alexander den Thron be⸗ ſteigen ſollte. Sobald als der Favorit den plotz⸗ lichen Tod der Kaiſerin vernahm, eilte er nach Paulowks, ungefaͤhr fuͤnf und dreyßig Werſte von Petersburg, wo Paul zu Zeiten reſidirte, welchem er auf dem Wege begegnete; und, nach einer kurzen Erklaͤrung, uͤberreichte er ihm dieß wichtige Aktenſtuͤck. Paul, uͤber ſeine Treue und ſeinen Eifer erfreuet, ließ ihm alle ſeine Ehrenſtellen und ſein Vermögen. Der Kaiſer beſtieg den Thron ohne Schwierigkeit, aber er kannte ſeine Unterthanen nicht. Eine der erſten Maaßregeln ſeiner Regierung zeigte auf eine äußerſt ausgezeichnete Art die natuͤrliche Guͤte ſeines Herzens. Er ließ naͤmlich die Gebeine Peters III. von der Alexander⸗N Newskykirche, nachdem ſie in großem Gepraͤnge oͤfſentlich ge⸗ zeigt waren, in das Grab von Katharina II., in der St. Peter⸗ und Pauls⸗ Kathedralkirche, bringen. Bey dieſer Feyerlichkeit ſtanden der Graf Alexis Orlow, und der Prinz Ba⸗ ratynski an jeder Seite des Koͤrpers, ſo wie — 170— er zur Parade lag, und folgten ihm zum Grabe. Kurz nach dieſer Begebenheit nahm man an ſeinem Verſtande die ahndungsvolleſten Sym⸗ ptome von Zerruͤttung wahr; aber der ungluͤck⸗ liche Kaiſer ſuchte, ſobald ſeine Vernunft zuruͤck⸗ kam, mit dem ruͤhrendſten Gefuͤhl alles dasjenige wieder gut zu machen, was in jener Zeit geſchehen ſeyn mogte. Der abgeſetzte Koͤnig von Polen, Stanislaus, empfand auf dieſe Weiſe abwech⸗ ſelnd ſeine Guͤte und ſeine Haͤrte; aber mit was fuͤr Bezeigung von Verehrung und tiefſter Nie⸗ dergeſchlagenheit begleitete der Kaiſer den Leichen⸗ zug dieſes letzten Königs der Sarmaten? Bey dieſer traurigen Gelegenheit kommandirte er die bey dem Leichenbegaͤngniſſe befindlichen Garden in Perſon; und gruͤßte, indem er ſein Haupt entblößte, unter den ruͤhrendſten Bewegungen den Sarg, ſo wie er vorbeykam. Dem Anden⸗ ken des grauen und heroiſchen Suwarow's hat er, in den Augenblicken der reuvollen Ueber⸗ legung, eine koloſſaliſche, bronzene Statue, auf dem großen Platz hinter Benskoi's Pallaſt, gegen Romanzow's Monument uͤber, ſetzen laſſen; und pflegte an den Tagen, wenn er Revuͤe uͤber die Truppen dort hielt, dieſe in offnen Reihen marſchiren und ſich der Statue en face ſtellen zu * ge — 151— laſſen, wobey er ihnen ſagte, ſie ſey das Bild eines der großten und bravſten Generaͤle ſeines und jedes andern Zeitalters. Ungeachtet des wichtigen Dienſtes, den ihm — Z— leiſtete, erinnerte ſich der Kaiſer ſtets ſeiner vorigen Lage, und er ward ihm bald zu⸗ wider; er ſprach mit vieler Rauhigkeit von ihm gegen ſeine Freunde, gab ihm hierauf Schuld, er habe die Guͤte von Katharina zu einer Raͤuberey gemißbraucht, und dem kaſſerliche Schatz eine halbe Million entzogen; von der Ge⸗ rechtigkeit ſeiner Angabe uͤberzeigt, ſchritt er ſo⸗ fort dazu, die großen, ihm und ſeinen beyden Bruͤdern gehöͤrigen Guͤter einzuziehen. Durch dieß Benehmen zur Verzweiflung getrieben, gieng der zweyte Bruder auf der Parade dreiſt zum Kaiſer, und ſtellte ihm mit maͤnnlicher Beredt⸗ ſamkeit die Ungerechtigkeit ſeiner Maaßregeln vor. Paul nahm ihn ohne Zorn auf, hoͤrte ihn ohne Unterbrechung an, dachte daruͤber nach, und gab das Eigenthum zuruͤck: da aber der ur⸗ ſpruͤngliche Widerwille ſchnell wiederkehrte, ſo befahl er dem P— 3— auf ſeinen Guͤtern zu wohnen; und dieſem unterwarf er ſich auch eine bedeutende Zeit. Aber der Geiſt des Verbannten war zu heftig, um dieſe Ausſchließung zu ertra⸗ gen; als ein ehrgeiziger, kuͤhner, thäͤtiger und — 172— unternehmender Mann, beſchloß er, ſich von der ungerechten Einſchraͤnkung zu befreyen. Eine Aktrice war dazu beſtimmt, den Kaiſer von ſei⸗ ner Familie zu entfernen, und eine augenblick⸗ liche Veraͤnderung in den Angelegenheiten dort hervorzubringen. Madame Chev.— hatte eine Phyſiognomie, die, ohne grade regelmaͤßig ſchoͤn zu ſeyn, mehr ſanft, ausdrucksvoll und einneh⸗ mend war. Ihre Figur war klein, zart, hatte aber dabey en Bonpoint; ihre Manieren wa⸗ ren die der feinſten Welt, und bezanberten je⸗ den, der ſich ihr zu nähern Gelegenheit hatte. Der Kaiſer liebte die Muſik: Madame Chev.— ſpielte beſonders ſchoͤn die Harfe, und ſang dazu angenehme Verſe, von ihr ſelbſt in Muſik geſetzt, die ſich auf die Kenntniſſe im Kriegsweſen, die Ta⸗ pferkeit und den Edelmuth des Kaiſers bezogen. Kurz, nachdem ſie den Monarchen ſehr einge⸗ nommen hatte, ward ein Abend zu einem Privat⸗ konzert fuͤr denſelben angeſetzt. Sie ward das Idol ſeiner Seele— P— Z— beſchloß, ſich ihres Einfluſſes zu bedienen, und wandte ſich mit alle dem an ſie, was ſeine Perſon, ſeine Manie⸗ ren, ſein Verſtand und Vermoͤgen Anziehendes haben konnten; als er ihre Gunſt gewonnen hatte, machte er ſie mit dem Grafen K— be⸗ kannt, der anfaͤnglich die Stelle als Kammerdie⸗ ☛ ☛ ☛ a A e — 8½ 2 1ʃ &%—— — 173— ner bey Paul bekleidet, dem er aber ſehr zu⸗ gethan wurde, und ihm ausgezeichnete Ehre und große Reichthuͤmer zu Theil werden ließ. Um K— feſter in ſein Intereſſe zu ziehen, heuchelte er eine ehrenvolle Leidenſchaft fuͤr ſeine Tochter, der, gleich allen plötzlichen Emporkömmlingen, ſehr uͤber die Ausſicht einer Verbindung mit einer ausgezeichneten Familie erfreuet war. Graf K— und Madame Chev.— entwarfen viele Plane, um Se. Majeſtaͤtz dahin zu vermͤgen, 3— wieder in Gunſt zunehmen. Endlich eines Abends, als ſie die Seele des Kaiſers beruhigt, und in ihm eine Art Fröhlichkeit durch ihren lebhaften Witz und einige ihrer ſchoͤnſten Arien erweckt hatte, gab ſie ihm fein zu verſtehen,— Z— ſey der ungluͤcklichſte Sterbliche, da er der Gnade des Kaiſers, ſo wie auch der Macht beraubt waͤre, das Intereſſe eines der größten Genies, die je den ruſſiſchen Thron beſtiegen, zu beför, dern, dem er aufs Innigſte ergeben waͤre. Der Kaiſer dachte nach, und druͤckte dann einigen Zweifel uͤber die Richtigkeit der Anfuͤhrung aus; da ſie ihm aber von neuem die Wahrheit hie⸗ von, mit einigen Schmeicheleyen verbunden, die keine Frau ſo vollkommen inne hatte, als Mada⸗ me Chev.—, bekraͤftigte, ſo gewaͤhrte ihr Paul die Bitte, und rief Z— in die Reſidenz zuruͤck, = 14 ü= wohin er mit der Schnelligkeit eines Couriers flog, ſich zu den Fuͤßen des Kaiſers warf, der ihn gnaͤdig aufnahm; von ihm gieng er ſogleich zu ſeiner ſchoͤnen Vertheidigerin, mit der feſt⸗ geſetzten Belohnung, naͤmlich einer praͤchtigen Aigrette von Diamanten, die man auf ſechzig tauſend Rubel ſchaͤtzte. Wenn Z— auch Privat⸗ haß gegen ſeinen kaiſerlichen Herrn haben mogte, ſo glaub' ich, verlor ſich der in der Anſicht der allgemeinen Angelegenheiten. Z— eroͤffnete, nach und nach, vorſichtig ſeine Geſinnungen ge⸗ gen K—, der eben ſo behutſam in ſeine Abſich⸗ ten hineingieng, bis ihr Vertrauen gegenſeitig gegruͤndet war. Das Reſultat ihrer Berathſchla⸗ gungen gieng dahin, es ſey nothwendig, den Kaiſer zu entfernen. Hierauf uͤberredeten ſie den Grafen P—, den Gouverneur der Stadt, hier⸗ an Theil zu nehmen, und den Grafen P—, einen ſehr jungen Mann, deſſen Familie zu den bedeu⸗ tenden gehoͤrt, den Sohn des im Tuͤrkenkriege ſo beruͤhmt gewordenen Generals, Grafen P— p—, wie auch den Fuͤrſten N—, und einige andere Perſonen von großem Stande und Anſehen. In den Konferenzen, welche dieſe Verſchwo⸗ renen hielten, ward der Tod Paul's beſchloſſen, und feſtgeſetzt, er ſolle, gleich Caͤſar, in den 2 nc = 1— Tagen des Maͤrz, an dem Feſte, Maslainda ge⸗ nannt, umkommen. Ich glaube die Stimme der Menſchlichkeit ausrufen zu hoͤren:„Warum entfernte man nicht den ungluͤcklichen Monarchen von dem Throne?“ Es iſt vollkommen uͤberfluͤſſig, zu bemerken, daß die hohe Familie nicht das Mindeſte von dem, was vorgieng, erfuhr! Da der Kaiſer die Palais nicht leiden mogte, welche Katharina zu ihrem Lieblings⸗ aufenthalt gewaͤhlt hatte, beſchloß er, ſich ein Schloß zu bauen. Er haßte die glaͤnzende Pracht voon Zarsko Zelo und des Winterpallaſtes, ſo wie alles Orientaliſche der Heremitage, und zwar in dem Grade, daß er ſie niederreißen laſſen wollte. Sein Schickſal naͤherte ſich mit ſchnellen Schrit⸗ ten und verhinderte die Ausfuͤhrung ſeines Plaus. Der Kaiſer und deſſen Familie reſidirten zu der Zeit, als die Verſchwornen auf ſeine Entfernung ſannen, in dem neuen Pallaſte des heiligen Mi⸗ chael. Dieß iſt ein ungeheures viereckiges Ge⸗ bäͤude von rothen hollaͤndiſchen Ziegeln, das ſich aus einem maſſiven Grunde von gehauenem Granit erhebt; es ſtehet am Ende der Sommer⸗ gaͤrten, und der hohe Thurm von der dazu ge⸗ hoͤrigen griechiſchen Kapelle, welcher mit dem — 176 feinſten Golde vergoldet iſt, und uͤber die Baͤume hinwegragt, hat ein ſchoͤnes Anſehen. Da Paul ſehr wuͤnſchte, dieſen Pallaſt ſo ſchnell, als möglich, nach ſeiner Kroͤnung zu be⸗ wohnen, ſo arbeiteten Maurer, Zimmerleute und verſchiedene Kuͤnſtler am Tage und beym Fackel⸗ ſchein, in der brennendſten Sonne und in der heftigſten Kaͤlte daran; ſo ward denn in drey Jahren dieß ungeheure, prachtvolle Gebaͤude voll⸗ endet. Das Ganze iſt mit einem Graben um⸗ geben, und wenn ein Fremder die Baſtionen von Granit und die vielen Zugbruͤcken uͤberſiehet, ſo kommt er natuͤrlich auf den Gedanken, es ſey ein Zufluchtsort eines Fuͤrſten, der ſich mit ſei⸗ nen Unterthanen im Kriege begriffen befinde. Derjenige, der die dicken Mauern und die Größe und Abwechſelung der Zimmer geſehen hat, wird geſtehen, daß man leicht Gewaltthaͤtigkeiten in dem einen Zimmer begehen koͤnnte, ohne daß dieß in dem daran ſtoßenden vernehmbar waͤre. Paul nahm von dieſem Schloſſe, wie von einem feſten Orte, Beſitz, und betrachtete es mit Ent⸗ zuͤcken. Waͤhrend ſeine Familie ſich nun mittelſt Anwendung aller Zaͤrtlichkeit bemuͤhete, ſeine Seele zu beruhigen, ſuchten Andere dagegen ſie durch jede Liſt aufzubringen. Dieſe Perſonen fluͤ⸗ ſterten ihm ſtets zu, jede Hand ſey gegen ihn 1,= bewaffnet. Hiedurch ward er veranlaßt, eine geheime Treppe anlegen zu laſſen, die von ſeinem eigenen Zimmer aus, unter einem falſchen Ofen, in das Vorzimmer, und durch eine kleine Thuͤr auf die Terraſſe fuͤhrte. Deer Kaiſer ſchlief gewoͤhnlich in einem Ne⸗ benzimmer, dem der Kaiſerin zunaͤchſt, auf ei⸗ nem Sopha, in Uniform und Stiefeln; und der Großherzog nebſt der Großherzogin, ſo wie die uͤbrigen Glieder der kaiſerlichen Familie, bewohn⸗ ten, in verſchiedener Entfernung, die Zimmer unter dem Stockwerk, welches er inne hatte. Am 10ten Maͤrz, alten Styls, 1801, den Tag vor der ungluͤcklichen Nacht, ließ Paul— es iſt nicht bekannt, ob ihn Furcht, oder eine anonyme Nachricht, die Idee angab— da er merkte, es wuͤrde ein Sturm gegen ihn losbre⸗ chen, den Grafen P—, den Gouverneur der Stadt, einen der Verſchwornen, holen, und ſagte ihm:„Ich bin benachrichtigt,—, daß „eine Verſchwoͤrung gegen mich angezettelt iſt; „halten Sie es irgend fuͤr nöthig, Vorſichts⸗ „maaßregeln zu treffen?“ Ohne die mindeſte Unruhe zu verrathen, erwiederte der Graf: „Sire! laſſen Sie nicht dergleichen Furcht ſich „Ihrer bemaͤchtigen; wenn Plane gegen die Per⸗ „ſon Ew. Majeſtaͤt ſtatt faͤnden: ſo muͤßte ich — 178— 1 „gewiß davon unterrichtet ſeyn.“„Dann bin „ich zufrieden;“ erwiederte der Kaiſer, und der Gouverneur gieng fort. Ehe ſich Paul zur Ruhe begab, druͤckte er unerwartet die allerzaͤrt⸗ lichſte Aengſtlichkeit fuͤr die Kaiſerin und die Kinder aus, kuͤßte ſie mit einer Waͤrme und Innigkeit, als naͤhme er Abſchied, und verweilte laͤnger, als gewöhnlich, bey ihnen. Nachdem er die Schildwachen auf den verſchiedenen Poſten viſitirt hatte, begab er ſich in ſein Zimmer, wo er nicht lange geweſen war, als, unter einem zu entſchuldigenden Vorwande, der den Soldaten hinreichend guͤltig vorkam, dieſe von den Offtzie⸗ ren, welche die Wache hatten, und an der Ver⸗ ſchwoͤrung Theil nahmen, abgeloͤſet wurden. Ein Huſar, den der Kaiſer vorzuͤglich mit ſeiner Auf⸗ merkſamkeit beehrt hatte, ſchlief ſtets in dem Vor⸗ zimmer. Unmoͤglich war es, dieſen treuen Sol⸗ daten auf irgend eine gute Art zu entfernen. In dieſem wichtigen Augenblicke herrſchte Stille in dem ganzen Pallaſte, außer, wo die Schild⸗ wachen auf; und abgiengen, ſo wie auch in eini⸗ ger Entfernung durch das Geraͤuſch der Newa, und nur einzelne Lichter ſchimmerten weit von einander durch die Fenſter des koloſſaliſchen Ge⸗ baͤudes. Mitten in der Nacht giengen 3— und ſeine Freunde, acht bis neun Perſonen, uͤber die — 5 2 SSͤS— e— bin der zur zaͤrt⸗ die und eilte n er oſten wo nem aten fizie⸗ Ver⸗ Ein Auf⸗ Vor⸗ Sol⸗ nen. tille hild⸗ eini⸗ ewa, von Ge⸗ und die — 159= Zugbruͤcke, ſtiegen ohne Schwierigkeit die Treppe hinauf, welche zu Paul's Zimmer fuͤhrte, und ſtießen auf kein Hinderniß, bis ſie in das Vor⸗ zimmer kamen, wo der treue Huſar, durch den Laͤrm geweckt, ſie anrief, und auf ſie anlegte. So ſehr ſie nun auch die muſterhafte Treue deſſelben bewundert haben muͤſſen: ſo geſtatteten doch weder Zeit noch Umſtaͤnde, einen Zug von Edel⸗ muth, der den ganzen Plan haͤtte vereiteln kön⸗ nen. Z3— zog den Saͤbel, und hieb den armen Menſchen nieder. Paul, durch dieſen Laͤrm geweckt, ſprang vom Sopha auf; in dieſem Augenblicke ſtuͤrzte die ganze Geſellſchaft in das Zimmer; der ungluͤckliche Monarch, der ihre Ab⸗ ſicht vorempfand, ſuchte ſich zuerſt zwiſchen Stuͤhlen und Tiſchen zu verſchanzen; als er wieder zu ſich kam, nahm er einen hohen Ton an, ſagte, ſie ſeyen ſeine Gefangene, und rief ihnen zu, ſich zu ergeben. Wie er fand, daß ſie feſt und kuͤhn ihre Augen auf ihn richteten, und ihm naͤher traten, bat er ſie, ſeines Lebens zu ſchonen, erklaͤrte, er wolle ſofort den Thron verlaſſen und jede Bedingung, die ſie ihm vor⸗ ſchrieben, annehmen. In der Angſt bot er ih⸗ nen vorher Guͤter, Titel, Orden u. ſ. w. an. Jetzt drangen ſie ſtaͤrker auf ihn ein, wo er dann alles anwandte, um das Fenſter zu errei⸗ 160— chen. Hiebey ſchnitt er ſich heftig durch die Fenſterſcheibe, und als ſie ihn zuruͤckzogen, ergriff er einen Stuhl, warf einen der Angreifenden zu Boden, und es fand ein entſetzlicher Widerſtand ſtatt. Der Laͤrm war ſo groß, daß, ungeachtet der maſſiven Mauern, und der dicken doppelten Thuͤren, welche die Zimmer von einander ſchieden, die Kaiſerin unruhig wurde und Huͤlfe zu rufen anfteng, als eine Stimme ihr zufluͤſterte, ſie mögte ſich ruhig verhalten, wenn ihr das Leben lieb waͤre. Waͤhrend der Kaiſer den letzten Ver⸗ ſuch machte, ſchlug ihn der Fuͤrſt Y— mit der Fauſt auf die Schlaͤfe, ſo, daß er niederfiel: Paul, der ſich von dem Schlag erholte, bat von neuem um ſein Leben; in dieſem Augenblicke ward das Herz des Fuͤrſten Z— erweicht, und da man wahrnahm, daß er zu zittern und un⸗ ſchluͤſſig zu ſeyn anfieng, rief ein Hannoveraner entſchloſſen aus:„Wir haben den Rubicon paſ⸗ „ſirt, wenn wir ihm nicht das Leben nehmen, „ſo werden wir, ehe die Sonne morgen unter⸗ „gehet, ſeine Schlachtopfer ſeyn!“ worauf er ſeine Schaͤrpe abnahm, ſie um den nackten Hals des Kaiſers zweymal wickelte, und nachdem er das eine Ende an Z— gab, und das andere ſelbſt hielt, zogen ſie eine bedeutende Zeit mit aller Kraft, bis der ungluͤckliche Monarch nicht mehr 7 — 161— mehr war; ohne die geringſte Beunruhigung giengen ſie hierauf aus dem Schloſſe nach ihren eigenen Wohnungen. Dasjenige, was ſich nun zutrug, laͤßt ſich beſſer empfinden, als beſchrei⸗ ben: aͤrztliche Huͤlfe ward zwar angewandt, in⸗ deß ohne Erfolg, und auf den todten Koͤrper des Kaiſers ſielen die Thraͤnen der verwittweten Kaiſerin, der Kinder und der Leute des Schloſ⸗ ſes; innigſte Traurigkeit konnte keiner ſtaͤrker ausdruͤcken, als der, auf deſſen Haupt dieſe un⸗ gluͤckliche Begebenheit die Krone geſetzt hatte. So gieng dieſe Schreckensnacht voruͤber. Die Sonne leuchtete auf eine neue Ord⸗ nung der Dinge. Um ſieben Uhr verbreitete ſich die Nachricht von dem Hintritt Paul' in der Stadt. Der Zwiſchenraum von der erſten Mit⸗ theilung, bis ſie ganz Petersburg vernahm, war kaum zu merken. Auf der Parade zeigte ſich Alexander zu Pferde, wo die Truppen, de⸗ nen die Thraͤnen uͤber ihre rauhen und von der Sonne verbrannten Geſichter herunter rolleten, ihm durch lauten Zuruf Gluͤck wuͤnſchten. Dieß uͤberwaͤltigte den jungen Kaiſer, und in dem Au⸗ genblicke, wo er den Thron des groͤßten Reiches beſtieg, ſah man ihn von dem ruͤhrenden Schau⸗ ſpiele ſich wegwenden, und weinen. 2r Theil. I11 — 162— Was hierauf folgte, iſt von geringerer Be⸗ deutung; aber vielleicht wird man begierig fra⸗ gen: wie weit verfolgte die Gerechtigkeit diejeni⸗ gen, die das Verbrechen begangen hatten? Gnade, die glaͤnzendſte Juwele jeder Krone, hinderte ſie, Rache zu nehmen. Nie ſah man auf dem Theater der Welt eine Scene von ruͤhrenderer Großmuth. Anſtand, nicht Rache, beſtimmte das Urtheil.— Z— erhielt die Weiſung, ſich der kaiſerlichen Reſidenz nicht zu naͤhern, und der Gouverneur der Stadt ward nach Riga verſetzt. So wie Madame Chev.— den Tod ihres kaiſerlichen Beſchuͤtzers vernahm, bereitete ſie ſich, unter dem Schutz ihres Bru⸗ ders, eines Taͤnzers, mit faſt einer Mil⸗ lion Rubel, zur Flucht. Ein Policeybedien⸗ ter ward zu ihr geſandt, um ihr Eigenthum in Augenſchein zu nehmen, und daruͤber zu be⸗ richten; unter einer Menge Sachen von Werth, entdeckte er auch ein diamantenes Kreuz, wel⸗ ches nicht koſtbar, aber von Peter dem Großen einem Gliede der kaiſerlichen Fa⸗ milie verehrt, und deßhalb ſehr geſchaͤtzt war: um dieß wieder zu bekommen, ſchickte man den Policeybeamten zu ihr, und er erhielt es auch, nach ſehr großem Widerſtande, von ihrer Seite. Nun wurden der Madame Chev.— und ih⸗ rem end reic E it bur ohn fuͤhl aus. fand Fret henn loſe var: den auch, Seite. d ih⸗ = 163= rem Bruder Paͤſſe zugeſtanden. Auf die Weiſe endigte ſich dieſe anßerordeniche und wirkungs⸗ reiche Tragoͤdie. Funfzehntes Kapitel. V⸗—— Sir John Borlaſe Warren.— Die Pa⸗ rade.— Die ſchaͤdliche Wirkung der Leiden⸗ ſchaft.— Der Kaiſer.— Ein Taſchendieb.— Zwey Schlaͤger.— D. Guthrie.— Der tau⸗ riſche Pallaſt.— Der beruͤhmte Saal.— Die Wintergärten.— Das Feſt.— Prinz Potem⸗ kin.— Rohe Mohrruͤben.— Wandelnde Gaͤr⸗ ten.— Das Haus Karl's XII. wird bey Bender entdeckt. Ein Engläaͤnder konnte ſich unmoͤglich in Peters⸗ burg zu der Zeit, als ich da war, aufhalten, ohne einen zu rechtfertigenden Nationalſtolz zu fuͤhlen, daß er ſein Vaterland durch einen der ausgezeichnetſten Seehelden dort repraͤſentirt fand, welcher mit der ſeinem Charakter eigenen Freymuͤthigkeit und Aufrichtigkeit das Anzie⸗ hendſte der feinſten Sitten verband. Der furcht⸗ loſe Miniſter und ſeine huͤbſche, geſcheide Ge⸗ — 164— mahlin erwieſen mir alle die Höoflichkeit und Aufmerkſamkeit, welche ihr Benehmen ſo ſehr auszeichneten, und ſie dem ruſſiſchen Hofe und ihren Landsleuten ſo theuer machten. Oft hat der Kaiſer in ſeinen Privatcirkeln die Kenntniß im Seeweſen und die unerſchrockne Tapferkeit von Sir Borlaſe Warren erhoben, und er beehrte ihn mit ſeiner Freundſchaft. In keiner Periode der politiſchen Stuͤrme hat das ruſſiſche Kabinet eine guͤnſtigere und aufrichtigere Nei⸗ gung fuͤr die Sache und das Intereſſe Groß⸗ britanniens gezeigt, als waͤhrend der tapfere Admiral Ambaſſadeur dort war. Das GeſandtſchaftsHotel, eine ſchoͤne Wohnung, in der engliſchen Linie, war mit großem Geſchmack aufgeputzt, und wahre ruſ⸗ ſiſche Gaſtfreundſchaft herrſchte darin. Die Geſellſchaften, die ſich dort verſammelten, waren auserleſen und angenehm. Unter den Perſonen, die ich haͤufig beym Miniſter traf, befand ſich der Herzog von Polignac und mehrere von deſ⸗ ſen Familie, die der Revolution wegen nach dem Norden giengen, wo ſie bey dem Kaiſer Schutz fanden. Der Sonntag iſt in Petersburg ſtets ein Tag großer Frölichkeit, die ſich indeß nur nach dem Gottesdienſte aͤußert. Auch ſiehet ſodann 4 2 Rei ſon der 2.n faͤn zwi den Pal der hat gen eine der wei ſo, leib Brr eng mer beſt zwe auß dem befe dun Drd Bei glei und ſehr und hat tniß rkeit d er einer iſche Nei⸗ roß⸗ pfere hoͤne mit ruſ⸗ Die aren nen, ſich deſ⸗ nach aiſer ein nach dann — — 1 67— der Fremde die vorzuͤglich ſchöne Parade; ſie faͤngt um zehn Uhr an, auf dem großen Platze zwiſchen der einen Seite des Winterpalais und dem präͤchtigen halben Monde, dem ſonſtigen Palais des Favoriten Lanskoi; die Zahl der Truppen betief ſich auf vier tauſend; ſie hatten ein ſehr edles kriegeriſches Anſehen, tru⸗ gen runde Huͤte mit einem Rande vorne, und einer gruͤnen Feder, einen kurzen gruͤnen Rock, der dicht am Koͤrper zugeknuͤpft war, lange weiße Beinkleider, die ſehr hoch hinauf giengen, ſo, daß die Weſte unnöthig wird. Der Unter⸗ leib des Soldaten iſt knapp umgeben, um der Bruſt eine kuͤnſtliche Breite zu geben. Die engliſchen und die Konſulargarden ausgenom⸗ men, habe ich nie ſchoͤnere Leute, noch groͤßere Reinlichkeit im Anzuge und in Hinſicht der Per⸗ ſon, geſehen. Der Kaiſer kam vom Schloſſe, beſtieg ein ſchoͤnes graues Pferd, und war von zwey bis drey Osicieren begleitet; er trug einen außerordentlich großen dreyeckigen Hut, nuter dem Kinn mit einem ſchwarzen ledernen Niemen befeſtigt. Sein uͤbriger Anzug beſtand in einem dunkelgruͤnen kurzen Rocke mit einem kleinen Orden und dem blauen Bande, weißen ledernen Beinkleidern und großen Stieſeln. Bey der⸗ gleichen Gelegenheit iſt dort ſtets ein großer Zu⸗ = 166=— ſammenlauf von Menſchen, und eine Menge Officiere, um dem Kaiſer ihre Verehrung zu be⸗ zeugen, der in kleinem Gallop die Linie hinab ritt. So wie er paſſirte, ward ich ſehr uͤber⸗ raſcht, jede Kompagnie ihn in tiefem Tone be⸗ gruͤſſen zu hoͤren; und ungemein freuete es mich zu vernehmen, der Gruß bedeute:„Guten Tag „unſerm Kaiſer.“ Dieſe Worte ſchienen das Harte der ſtrengen militairiſchen Disciplin zu mindern und die Herzen der Soldaten dem Kai⸗ ſer naͤher zu bringen. Nach ſeiner Ruͤckkunft ſtieg er ab, und ſtellte ſich in die Mitte, wo dann die Regimenter in offenen Reihen vor dem Kaiſer paſſirten, der unbedeckt ſtand, die Hautboiſten ſpielten und die Officiere gruͤßten. So wie die kaiſerlichen Fahnen vorbey kamen, welche Zeit oder Krieg, oder beyde, in einige ſeidne Laͤppchen verwandelt hatten, verneigten ſich alle Officiere und Zuſchauer. Als die letzte Kompagnie von dem Platze at marſchirte, wurde ein ſchmaler Weg bis zum Palais durch das Volk gebildet, welches mit enthuſiaſtiſchem Ver⸗ gnuͤgen auf den jungen Kaiſer hinſah. Das Ganze war ein aͤußerſt intereſſanter Anblick, er waͤre mir aber beynahe theuer zu ſtehen gekom⸗ men. Ich glaubte mich naͤmlich von den ſchnell⸗ fingerigen Schuͤlern Londons weit entfernt, oder, Nenge zu be: hinab uͤber⸗ ne be⸗ mich 1 Tag n das lin zu n Kai⸗ kkunft „ wo r dem „ die uͤßten. amen, einige neigten e letzte wurde h das Ver⸗ Das ck, er gekom⸗ ſchnell⸗ oder, — 167= was noch wahrſcheinlicher iſt, ich dachte gar nicht daran, und brachte unvorſichtigerweiſe mein Ta⸗ ſchenbuch mit auf die Parade: ein gemeiner Nuſſe hatte mich, wie es ſchien, ſehr genau beobachtet, und in dem Augenblicke, wo der Kaiſer bey mir voruͤber gieng, gab er ſich das Anſehen, mich von dem Draͤngen des gemeinen Mannes zu be⸗ freyen, ſuchte mir aber zugleich meinen Cre⸗ ditbrief, einiges Papiergeld, und die Notizen, wonach ich geſchrieben habe, zu nehmen. Der deutſche Bediente eines Herrn, der mit mir war⸗ ergriff ihn ſofort bey der Gurgel, ehe er ſeine Hand aus meiner Taſche zuruͤckziehen konnte, wo er dann ſchnell ſeine Beute im Stiche ließ. Der Verſuch war mit geſcheider Kenntniß Gelegen⸗ heiten wahrzunehmen, wodurch einige Leute ſehr reich werden, gemacht; und der Geſchick⸗ lichkeit und Leichtigkeit ſeiner Finger wuͤrde eine Medaille in Barington's*) Akademie zuer⸗ kannt worden ſeyn. Indeß, da ich durch den Menſchen nichts verlor, befahl ich dem Bedienten, ihn loszulaſſen; der erſchrockene Ruſſe verlor ſich ſchnell aus meinem Geſicht, in dem großen Haufen. 1 4 *) Einer der beruͤchtigten nach Botany Bay ge⸗ brachten Miſſethaͤter. D. U. — 168— Der Ruſſe iſt von Natur der Dieberey nicht er⸗ geben: ſelten ſiehet man, daß er Jemand nach dem Leben ſtehet, um ſich deſſen Eigenthums zu be⸗ maͤchtigen. Ein ausgezeichnetes Beyſpiel von Anfwallung der Leidenſchaft zeigte ſich auf der letzten Parade. Ein Officier ward ſeines ganz ungeziemenden Betragens halber in Arreſt ge⸗ ſetzt; im Schmerze ſeines beleidigten Stolzes ſchlug er die Schildwache, die an ſeiner Kammer⸗ thuͤr ſtand; der Kaiſer, ſtatt ihn zum Tode zu verurtheilen, erließ den Befehl: ihm fuͤnf und zwanzig Schlaͤge mit der Knute zu geben, an der Stirn das Wort Vor(Schurke) einzubren⸗ nen, und ihn nach Sibirien zu bringen. Als ich das Gedraͤnge verließ, fiengen zwey etwas betrunkene Leute Streit an; nach heftigem Schimpfen kamen ſie, im Fortgehen, zum Hand⸗ gemenge. Sie zeigten aber dabey keine Klopp⸗ fechterkunſt; es erfolgte keine ſehr ſtarke Quet⸗ ſchung. Ein Policeybedienter erſchien bald, nahm einen Strick aus der Taſche, band die beyden Ruͤcken der Streitenden aneinander, und nach⸗ dem er ſie auf eine Droſchka geſetzt, fuhr er im Gallop nach der naͤchſten Sieja davon. Die engliſche Policey wuͤrde ſehr wohl thun, mit demſelben Geiſte, und mit der naͤmlichen Schnel⸗ ligkeit gegen die gkademiſchen Unruhſtifter zu —„——„—=„ = 169— Werke zu gehen, die der Autoriaͤt des Geſetzes Trotz bieten. Kurz nach meiner Ankunft hatte eine An⸗ gelegenheit, die einigermaßen den Ruſſen cha⸗ rakteriſirt, große Theilnahme geweckt. Ein bra⸗ ver engliſcher Kaufmann, der ſich im Theater von einem ruſſiſchen Officier, einem Adjutanten des Kaiſers hart behandelt ſah, ſchickte ihm eine Herausforderung zu. Der Officier lehnte den Zweykampf ab, und appellirte an den Kaiſer, welches er, der Sitte ſeines Landes zufolge, thun konnte, ohne daß dieß ſeinem Muth irgend nach⸗ theilig war. Jene Begriffe, die man in Eng⸗ land und Frankreich in der Hinſicht ſo allge⸗ mein ſindet, herrſchen in dem Maaße dort nicht. 3 Mit vielem Vergnuͤgen benutzte ich eine Gelegenheit, die Bekanntſchaft des verehrungs⸗ wuͤrdigen Doktor Guthrie zu machen; er iſt Arzt beym adelichen Landkadettenkorps, ein Mann von den liebenswuͤrdigſten Manieren, ein Philo⸗ ſoph, der der Welt durch ſeine verſchiedenen litte⸗ rariſchen Produkte und hauptſaͤchlich als Heraus⸗ geber, wie er ſich beſcheiden nennt, der Briefe ſeiner verſtorbenen Frau aus der Krim bekannt iſt, die dort, ihrer Geſundheit halber, indeß ohne Erfolg, hingieng. Man glaubt allgemein, daß = 170— der Arzt ſehr vielen Antheil an dem Werke habe; er wuͤnſcht aber, daß man es fuͤr von ihr ſelbſt herruͤhrend anſehen moͤge, indem er ſie ſehr liebte. Ich fand, daß Doktor Gut hrie durch ſei⸗ ne Kenntniſſe gegen die groͤßte Hitze, die ich je ausgeſtanden, geſchuͤtzt war. In einer kleinen von Holz erbaueten Studirſtube, auf Pfaͤhlen in einer Wieſe errichtet, hielt er ſich auf. Statt daß ſeine Sommerfenſter aufſtehen ſollten, damit die Luft eindringen könnte, ſind ſie alle gut ver⸗ ſchloſſen und von auſſem zugemacht; ſein Bedien⸗ ter befeuchtete von Zeit zu Zeit die Zweige der Baͤume, die uͤber dem Gebaͤude verbreitet waren, mittelſt einer Garten⸗Waſſerſpritze; und, damit die Fliegen, ſo viel möglich, abgehalten werden moͤchten, ſo war der Eingang durch eine Thuͤr von außen, und eine innere von Gaze, und in der Mitte des Zimmers ſtand ein Tubben von Eis; auf dieſe Weiſe genoß er, waͤhrend Jeder⸗ mann vor, Hitze verſchmachtete, eine kuͤhle ange⸗ nehme Luft. Seine ſibiriſchen Mineralien, Edel⸗ und andere koſtbare Steine(woranter ſich ein ſehr ſchoͤner bunter Agat befindet) aus verſchie⸗ denen Theilen des ruſſiſchen Reiches, und man⸗ nichfaltige Seevoͤgel aus dem ruſſiſchen Archipe⸗ lagus, ſind ſehr merkwuͤrdig und intereſſant. = 1= Ich ſah hier eine Probe der Enkauſtik oder Wachsmalerey, wovon die Kunſt vor einigen Jahren im Herkulanum von einem Soldaten ent⸗ deckt ward, der zufaͤllig eine Fackel gegen eine, dem Anſcheine nach, nackte Mauer hielt, wo, zu ſeinem Erſtaunen, die Wirkung der Hitze eine ſchöne Landſchaft ſchuf, indem die enkauſtiſche Farbe, womit es gemalt war, belebt wurde. Auf eine zuvorkommende Art zeigte mir der Dok⸗ tor auch eine von der verſtorbenen Kaiſerin ver⸗ fertigte Oper, worin ſie mit vielem poetiſchen Geiſt und Genie die Gruͤndung von Moskau und die Sitten und Gewohnheiten der Ruſſen ſchildert. Die Worte vieler Geſaͤnge waren den alten ruſſi⸗ ſchen Volksliedern angepaßt, und andere hatte Sarti in Muſik geſetzt. Nur vier Exemplare ſind von dieſem kaiſerlichen Werke gedruckt; ſo⸗ bald man ſie abgezogen hatte, wurde die Preſſe, deren Typen in Paris gegoſſen waren, zerbrochen. Außer ſeinem gegruͤndeten Ruf, iſt der Doktor Guthrie noch in einer andern Ruͤckſicht gluͤcklich; er iſt naͤmlich Vater von zwey liebenswuͤrdigen Toͤchtern; die aͤlteſte, die Lady Gascoigne, welche mit den Reizen der Jugend und Schoͤn⸗ heit die vorzuͤglichſten Talente und feinſte Le⸗ bensart verbindet, ſtehet in ſo großem Rufe, daß es mir ſehr leid that zu erfahren, ſie ſey —ꝑ auf einer Reiſe nach Schottland begriffen; die andere Tochter iſt ein liebenswuͤrdiges Maͤdchen, die in dem Damenſtift erzogen wird. Vegen der langen treuen Dienſte, hat der Kaiſer Paul den Doktor in den Adelſtand er⸗ hoben, der eine große Anhaͤnglichkeit fuͤr ihn ſelbſt in der Zeit behielt, als er ſonſt ſeinen Landsleuten nicht hold war: er iſt mit einem Hut mit Federn, und dem Range eines Gene⸗ rals beehrt worden. Es iſt kaum nöthig, hier anzufuͤhren, daß in einer Militairregierung wie Rußland, der Militairrang jedem andern vor⸗ gehet. Von des Doktor Guthrie's kuͤhler, ſchat⸗ tiger Wohnung begaben wir uns nach dem tau⸗ riſchen Pallaſte, den Katharina II. bauete, und ihn an den Favoriten, den Fuͤrſten Po⸗ temkin ſchenkte, dem ſie ganz außerordentliche Ehre und Schaͤtze zu Theil werden ließ. Sie gab ihm den Namen, den Taurier, ſeiner Er⸗ oberung der Krim zu Ehren, und nannte dieß Gebaͤude nach ihm. Nach dem Tode des Fuͤr⸗ ſten kaufte ſie es der Familie um eine ſehr hohe Summe wieder ab. Die große Fronte deſſel⸗ ben, von Backſteinen mit weißem Stucko uber⸗ zogen, liegt gegen die Straße, welche nach dem Damenſtifte fuͤhrt, im oͤſtlichen Theile der Stadt eͤ e, 22,——— — 22—,—,+ ͤSͤe— —— — — 173— ſte beſtehet in einem Centro, das mit einem von Saͤulen getragenen Portiko, ſo wie auch it einer großen gruͤn angemalten kupfernen Kuppel geziert iſt, und aus großen Fluͤgeln. Verſchiedene Nebengebaͤude, Orangerien und Treibhaͤuſer erſtrecken ſich von dem linken Fluͤ⸗ gel ſehr weit; in der Fronte befindet ſich ein Hof, von der Straße durch ein ſchönes Gelaͤn⸗ der getrennt. Das Aeußere dieſes Gebaͤudes iſt ſehr groß, aber niedrig; und ob es gleich ein fuͤrſtliches Anſehen hat, ſo erregt es doch die Bewunderung nicht, die ein Fremder empfindet⸗ wenn er hineintritt. Die Höͤflichkeit meines Landsmannes, des Hrn. Gould, des kaiſerlichen Gaͤtners, der eine ſehr ſchoͤne Einnahme, und ein huͤbſches Haus an der Weſtſeite der Gaͤrten hat, gewaͤhrte mir oͤfters das Vergnuͤgen, jenen herrlichen Fleck zu beſuchen. Der Kuͤchen:, der Fruchtgarten und die Gaͤrten zum Spatzie⸗ rengehen, ſo wie die Treibhäͤuſer, nehmen ei⸗ nen großen Strich Landes ein, und werden durch verſchiedene Kanaͤle bewaͤſſert; uͤber einem derſelben befindet ſich das beruͤhmte Modell ei⸗ ner fliegenden bedeckten Bruͤcke von einem ein⸗ zigen Bogen, welches ein unbekannter roher Ruſſe in der Abſicht bauete, um die beyden Seiten der Newa, der Statue Peters des 174= Großen gegenuͤber, zu verbinden; es iſt unge⸗ faͤhr ſiebenzig Fuß lang, und beweiſet ein außer⸗ ordentliches mechaniſches Genie. Dieſer bewun⸗ derungswuͤrdige Bauer hat deutlich die Moͤglich⸗ keit eines ſo großen Bogens dargethan: das Modell iſt im Stande, verhaͤltnißmaͤßig mehr Gewicht zu tragen, als die Bruͤcke ſelbſt. Die ungeheuern Ausgaben, welche mit einem ſolchen Unternehmen verknuͤpft ſind, werden es wahr⸗ ſcheinlich noch auf eine bedeutende Zeit unausge⸗ fuͤhrt laſſen. Dieſer talentvolle Kuͤnſtler erhielt von der ſeligen Kaiſerin eine huͤbſche Penſion, und hatte zugleich die Genugthuung zu zeigen, mit was fuͤr großen Faͤhigkeiten die ſimple Natur den Verſtand des Ruſſen begabt hat. In dieſem Theile der Gaͤrten pflegte Katharina II. des Morgens, von einem Freunde begleitet, des Abends hingegen mit ihrem Hofe eine Promenade zu machen. Die Spatziergaͤnge ſind tlein, aber ſchoͤn von Herrn Gould, dem Schuͤler des beruͤhmten Browne, angelegt; im zwey und ſiebenzigſten Jahre ſiehet er dieß kleine Paradieß, welches er aus einem mephitiſchen Sumpfe ſchuf, bluͤhend, ſo daß es die Bewunderung der Fremden erregt, und daß in deſſen Schatten, Potemkin, Ka⸗ tharina die Große, und zwey aufeinander = 175= folgende Kaiſer von Rußland, Erholung nach den druͤckenden Sorgen fuͤr das öffentliche Wohl 3 geſucht haben. Dieſer ſchaͤtzungswerthe Englaͤnder, der ſich ein huͤbſches Vermoͤgen erworben hat,— die Fruͤchte kaiſerlicher Belohnung fuͤr lange Dien⸗ ſte— haͤlt einen guten und gaſtfreundſchaftlichen Tiſch, und wird von Leuten vom erſten Stande beſucht. Der verſtorbene ungluͤckliche Köͤnig von Polen, fuͤhlte, waͤhrend ſeines letzten Aufenthalts in Petersburg, ein melancholiſches Vergnuͤgen, das Phantom von Königthum abzulegen, welches ihn in dieſem Pallaſte von ſibiriſchem Marmor nicht troͤſten konnte, um die Leiden ſeiner betruͤb⸗ ten Seele in die Bruſt des offenen, aufrichtigen, und geſcheiden Engländers, in ſeiner Privatwoh⸗ nung auszuſchuͤtten. Als wir auf den ſchoͤnen Spatziergaͤngen vor einer kleinen gruͤnen Paliſſade vorbey kamen, welche ſie von dem Kuͤchengarten ſcheidet, betrach⸗ teten wir mit Vergnuͤgen den Lieblingsſitz von Katharina der Großen: es war ein lan⸗ ger geſchmackvoller eiſerner Gartenſopha, gefloch⸗ ten, gruͤn angemahlt, unter den Zweigen einer Eiche. Hier pflegte ſie Kaffee zu trinken und auf dieſem naͤmlichen Sitze gab ſie dem vorigen Koͤnige von Schweden Privataudienz. Ich bin, = 176— nach einer glaubwuͤrdigen Quelle, zu verſichern im Stande, daß Katharina bey ihrem Tode fuͤnf und ſiebenzig Jahr alt war, obgleich im Ka⸗ lender drey Jahr weniger angegeben ſind. Beym Herabgehen von einem kleinen Ab⸗ hange von Katharinens Sitze, paſſirten wir bey zwey Birken, die von aberglaͤubiſchen Ruſſen verehrt werden, weil ſie, nebſt einer dritten, un⸗ geachtet der Moraſt, worin ſie wuchſen, in einen Garten verwandelt ward, nicht ausgiengen; ganz im Ernſt ſagte man uns, daß, als Paul ſtarb, die eine, welche fehlt, aus zu großem Gefuͤhl umkam. Das erſte Zimmer, in welches wir aus dem Garten traten, war der beruͤhmte Saal, worin der Fuͤrſt Potemkin das glaͤnzendſte und köͤſt⸗ lichſte Feſt gab, deſſen man ſich ſeit der Ver⸗ ſchwindung der Roͤmer nur erinnert: ich bin außer Stande, meinen Leſern die Gedanken mitzuthei⸗ len, die dieß ungeheure Zimmer weckt. Ein Heide, im Schlaf dahin gebracht, wuͤrde beym Erwachen glauben, es ſey eine Verwandlung mit ihm vorgegangen, und er waͤre in das Banquet⸗ Zimmer vom Iupiter verſetzt. Es ward nach dem von Potemkin ohne Huͤlfe entworfenen Plane gebauet, und vereinigt mit einer ſehr großen Ides alle Grazie des feinſten Geſchmackes. Dieß vo h, Dieß ungeheuere Zimmer ruhet auf doppelten Reihen von koloſſaliſchen doriſchen Pilaren, und gehet auf der einen Seite in einen ſehr großen Pavillon, der den Wintergarten ausmacht, den ich fuͤr den Kaiſer in Ordnung gebracht fand, welcher jedes Jahr kurze Zeit, grade ehe ich Petersburg verließ, hier reſidirt. Dieſer Gar⸗ ten iſt von einem bedeutenden Umfange: die Baͤume, vorzuͤglich die Orangenbaͤume, ſind von einer ungeheuern Groͤße; ſie ſtehen in ihren Kufen in der Erde, und ſind gaͤnzlich mit ſcho⸗ ner Gartenerde bedeckt; die Gaͤnge findet man mit Sand beſtreuet, auf eine ſehr huͤbſche Art gewunden, nett beraſet, und an den Seiten mit Roſen und andern Blumen beſetzt; der ganze Pavillon erhaͤlt durch hohe Fenſter ſein Licht; von der Decke haͤngen mehrere der prachtvolle⸗ ſten Luſtres von dem ſchoͤnſten geſchliffenen Glaſe. Waͤhrend hier der Winter des Pols wuͤthet, der die Welt in Schnee huͤllet, und die Erde in Marmor verwandelt; waͤhrend das Waſſer als Eis herahfaͤllt, ſiehet man das Laubwerk eines arabiſchen Luſtwalds, und athmet den Wohlgeruch deſſelben in dem ſanften und herrli⸗ chen Klima eines italieniſchen Fruͤhlings ein. Das Neue und das Ueppige dieſes gruͤnen er⸗ friſchenden Anblicks, den man durch eine Ko⸗ 2r Theil. 12 =— 178=—= lonnade von maſſiven weißen Pilaren hat, wel⸗ cher durch ſehr große Spiegel vervielfacht wird, iſt ohne Gleichen. Zwiſchen den Saͤulen ſiehet man nun nicht mehr, wie ehemals, Logen fuͤr Zuſchauer, ſondern eine große Menge ſchoͤner Statuen und koloſſaliſcher Abguͤſſe: die beyden beruͤhmten Vaſen von karraiſchem Marmor, die größten der Welt, nehmen das Centrum des Zimmers ein, welches nach dem Wintergarten fuͤhret. Der ſterbende Fechter, Cupido und Pſyche, ein liegender Hermaphrodit, und viele ndere ausgeſuchte Stuͤcke der Bildhauerkunſt, gewäͤhren dem Manne von Geſchmack großes Vergnuͤgen. Unter den Buͤſten befindet ſich die von Ch. James Fox, von Nollekens, welche dieſem großen Redner ſehr aͤhnlich iſt. Waͤhrend der Zeit, daß Paul den Englaͤndern nicht zugethan war, befahl er, daß ſie in den Keller gebracht werden ſollte. Sein erhabner Nachfolger ließ ſie an den jetzigen Ort hinſtellen, wo, neben großen Griechen und Röͤmern, ſie von der hellen Sonne beſchienen wird. Dem Wintergarten gegenuͤber befindet ſich ein ſchoͤner Salon, von jenem herrlichen Zimmer durch eine Kolonnade getrennt, worin man ſeltene An⸗ tiquen, hauptſaͤchlich Buͤſten ſiehet. Unter die⸗ ſen werden ein Achilleskopf und ein kleiner Silen 2 2 wel⸗ öird, lehet ner yden die des rten und viele unſt, oßes die ns, iſt. dern den bner llen, ſie Dem ner durch Au⸗ die⸗ Silen fuͤr — 179— mit Recht als die koſtbarſten angeſehen. Paul verwandelte in der letzten Zeit dieſen Pallaſt in ein Wachthaus, und das große Zimmer, den Pavillon und den Salon in eine Reitbahn fuͤr die Truppen. Die uͤbrigen Zimmer im untern Stockwerk, ſind ſehr huͤbſch, aber einfach, von dem jetzigen Kaiſer meublirt, und alle prachtvolle Tapeten, Sachen und Verzierungen in Magazine gebracht. In einem der Zimmer befindet ſich eine Reihe koſtbarer Kronleuchter; jeder Glastropfen der⸗ ſelben kann durch ein im Centro verborgenes Uhrwerk in Bewegung geſetzt werden, und hier⸗ durch erſcheint dann gleichſam eine Art kleiner Kaskade. Das zwar ſehr verkleinerte Theater iſt doch noch geraͤumig und ſehr huͤbſch. Ich glaube, es wird meinen Leſern einiges Intereſſe gewaͤhren, wenn ich das vorher be⸗ ruͤhrte Feſt kurz beſchreibe, grade ſo, wie es mir Herr Gould ſchilderte, der durch ſeine Talente dazu beytrug, die reiche Mannichfaltigkeit deſ⸗ ſelben zu vermehren. Kurz, nachdem der Fuͤrſt Potemkin von der Eroberung der krimmiſchen Tartarey zurückkehrte, beſchloß er, gleichſam mit einem dunkeln Vorgefuͤhl, dieß ſey das letzte Mal, daß er es in ſeiner Gewalt habe, ſeiner kaiſerlichen Wohlthaͤterin die ſchuldige --—————“‧%—%ͤ⁄ͤ⁄ͤſ⁄ſ⁄ſ⁄ſ⁄ſ⁄ſdſdſſ — 180— Ehre zu erzeigen, ein Feſt zu geben, das im neuen Europa und in Aſien nie ſeines Gleichen gehabt habe. Wie hoch ſich die Koſten beliefen, iſt nie bekannt geworden, aber ſie muͤſſen un⸗ geheuer geweſen ſeyn. Mehrere Monate vorher wurden die ausgezeichnetſten Kuͤnſtler aus ent⸗ fernten Laͤndern eingeladen, um zu deſſen Ver⸗ vollkommnung beyzutragen. Der große Plan ward von dem Fuͤrſten entworfen, und die ein⸗ zelnen Theile waren ſo mannichfaltig und unge⸗ heuer, daß keiner derer, die ihm halfen, ſich eine Idee von dem Ganzen machen konnte. Bey der allgemeinen Eilfertigkeit der Zubereitung erzaͤhlt man folgende Anekdote; ſie giebt einen Beweis von Potemkin's natuͤrlichem Geſchmacke. Er hatte eine Statue von Katharina von Alabaſter beſtellt, die auf einem Piedeſtal, in einem Tempel von koſtbaren Steinen, im Win⸗ tergarten ſtehen ſollte; zur Inſchrift derſelben beſtimmte er folgende Worte:„Der Mi meines Vaterlandes, und der Gnaͤdigſten it Hinſi icht meiner.“ In dem Entwurfe hatte der Kuͤnſtler die Hand ausgeſtreckt und das Scepter in die Höhe gehoben, in der Art, wie die Kö⸗ nigin Anna von England in Wachs vorgeſtellet wird. Das kritiſche Auge des Prinzen, ob er gleich, und in einigen Beyſpielen mit Recht, —————— — 181— der prachtvolle Barbar genannt wird, ward den Mangel an Grazie in der Stellung in einem Augenblick gewahr, und beſahl, das Scepter ſollte nicht ausgeſtreckt, ſondern in geneigter Lage vorgeſtellt werden; der Kuͤnſtler begab ſich in ein anderes Zimmer, und rief voll Verdruß aus:„Dieſer große Wilde beſitzt mehr Ge⸗ ſchmack, als ich, der ich doch im Schooße der Kunſte auferzogen bin.“ Als er ihm eine andere Weiſung gab, ſtutzte der Kuͤnſtler, und machte wegen der ungeheuren Summe, die dieß koſten wuͤrde, Vorſtellungen:„Wie! ſagte Potem⸗ kin, glauben Sie die Groͤße meines Schatzes zu kennen? Seyn Sie uͤberzeugt, es bedarf Ih⸗ rer Theilnahme in der Hinſicht nicht.„ Hierauf gehorchte man ſeinen Beſeheu⸗ ohne Prgend der Koſten zu achten. Nichts gieng uͤber die zfentliche Senſation, welche dieß Feſt hevorbrachte. Endlich kam der Abend heran, wo der Prinz in alle ſeinem Pomp vor der angebeteten Sonverain ge erſchei⸗ nen ſollte. Die Waͤnde dieſer koſtbaren Zimmer waren reich und ſchön illuminirt, und mit man⸗ nichfaltigen ausgeſuchten Trausparents geſchmuͤckt, und die Treppen, der Saal, die Zugaͤnge, und die Seiten der Zimmer waren voll Diener des Ho⸗ fes des Prinzen, und Bedienten, in den koſt⸗ ˙— — 182— barſten Anzuͤgen und den prachtvollſten Livreen. Das Orcheſter beſtand aus mehr als ſechs hun⸗ dert Vokal⸗ und Inſtrumentelſtimmen, und kuͤn⸗ digte die Ankunft der Kaiſerin und ihres reich geſchmuͤckten Hofes, mittelſt einer großen Ouver⸗ ture und eines Chors an, welche durch die Ko⸗ lonnaden und Saͤle wiederhalleten. Potemkin fuͤhrte Ihro kaiſerliche Majeſtaͤt auf einen er⸗ hoͤheten Sitz, der von Gold und Diamanten ſtrahlte; in der Mitte zwiſchen den Saͤulen be⸗ fanden ſich Logen, die mit blaſſem Golde vergol⸗ det, und mit gruͤner Seide ausgeſchlagen waren, voll Zuſchauer in Gallakleidern. Das Feſt fieng mit einem Tanz junger Leute von beyden Geſchlech⸗ tern an, die weiß gekleidet und mit Perlen und Juwelen bedeckt waren, an deren Spitze ſich der jetzige Kaiſer und der Großfuͤrſt Conſtantin befanden. Nach dem Tanze und den köͤſtlichſten Erfriſchungen gieng die Geſellſchaft in das Thea⸗ ter an der andern Seite des Pallaſtes, wo ein Stuͤck, welches bey dieſer Gelegenheit zu Ehren der Kaiſerin verfertigt ward, aufgefuͤhrt wurde, worin ſich alle Kunſt des Geſangs, des Agirens, des Tanzes, des Anzuges, der Verzierung der Buͤhne und der Dekorationen vereinigt zeigte. Nach dem Schluſſe des Dramas erhob ſich die Geſellſchaft, und die Baͤnke, die durch Federn ͤSͤͤAAGASᷣͤGGᷣͤ G A&ᷣ ↄO=A& U een. hun⸗ uͤn⸗ eeich ver⸗ Ko⸗ kin er⸗ nten be⸗ gol⸗ ren, ieng lech⸗ und der tin sſten hea⸗ ein ören rde, ens, der igte. die dern — 183— beruͤhrt wurden, gleichſam wie durch magiſche Kuͤnſte, bewegten ſich und bildeten Tiſche und kleine Sitze, die faſt in einem Augenblicke mit den ſchönſten Fleiſchſpeiſen, auf Gold und Sil⸗ ber, beſetzt waren. Der Vorhang rollete wieder in die Hoͤhe, und es zeigte ſich ein Saal voll Spiegel, woraus kugelförmige kryſtallene Luſtres hinunter giengen, und eine Tafel erſchien mit den Seltenheiten faſt jeder Gegend bedeckt, auf goldenen Schuͤſſeln; und obenan auf einem vergoldeten Thron, der von koſtbaren Steinen glaͤnzte, ſaß die Kaiſerin, umgeben von ihrem Hofſtaate, dem prachtvolleſten in Europa. Dieß waren die Einrichtungen in dieſem Pallaſte, ſo, daß ein Jeder ſehen, und geſehen werden konnte. In dem koloſſaliſchen Saale waren Tiſche um⸗ hergeſetzt, worauf ſich die feinſten Delikateſſen und die köoͤſtlichſten Weine im Ueberfluß befanden; obenan ſtand eine ungeheuere maſſiv ſilberne Ci⸗ ſterne mit Sterlet⸗*) Suppe, die allein mehr als zehn tauſend Rubel gekoſtet haben ſoll. Wäh⸗ rend dieſes ſplendiden Gaſtmahles hoͤrte man die ſanfteſte Muſik, welche die Unterhaltung noch mehr belebte. Anſtand und Froͤhlichkeit herrſchten all⸗ gemein; man kam jedem Wunſche zuvor, und jeder Sinn ward befriedigt. *) Acipenser ruchenus Lin. —— —— V = 184— Auf das Eſſen folgte eine Reihe herrlicher Vorſtellungen, und die Kaiſerin zog ſich nicht vor Mitternacht zuruͤck. Wie ſie ſich zu ihrem Wagen begab, bemerkte man, daß die ihr be⸗ zeigte Huldigung ſie aͤußerſt geruͤhrt hatte, und als ſie ſi ich umwandte, um dem Fuͤrſten Adien zu ſagen, e Machee ſie kaum ſich aufrecht zu er⸗ halten; in dieſem ruͤhrenden Augenblicke fiel Potem in auf die Knie, und bedeckte ihre Hand mit ſeinen Thraͤnen und Kuͤſſen; es war beſtimmt, daß er ſie nie mehr unter dem Dache erblicken ſollte, und ſeine Seele ſchien von der Idee ganz durchdrungen zu ſeyn. Bald darauf, als er von Naſſy nach Nicolaief gieng, ward er von einer heftigen Kolik befallen, wovon man glaubt, er habe ſie ſich durch ſeine beſondern Un⸗ regelmaͤßigkeiten zugezogen: er ſtieg aus ſeinem Reiſewagen, von ſeinen Niegen unterſtuͤtzt, er⸗ reichte mit Schwierigkeit eine Bank an der Seite des Weges, und ſtarb in ihren Armen. Sein Körper ward mit großem Pomp, in Cherſon, an den Ufern der Donau beerdigt, und ein Mauſo⸗ leum, zu ſeinem Andenken, auf Befehl der Kaiſe⸗ rin errichtet. Der Widerwille, den Paul immer gegen Potemkin hegte, hauptſaͤchlich weil er der Favorit der verſtorbenen Kaiſerin geweſen war, — — 187 1—— bewog ihn, den Befehl zu erlaſſen, der Körper des Fuͤrſten ſolle wieder herausgenommen, und aus⸗ geſetzt, und das Mauſoleum zerſtort werden. Eine Dame, die in jener Zeit genöthigt war, nach der Krimm zu gehen, ſah die Ruinen des Grabmahles, und die Ueberbleibſel des Fürſten den Raubvoͤgeln Preis gegeben. 4 Was fuͤr Kleinigkeiten verdanken mehrere Perſonen ihre Erhebung: Potemkin erhielt alle ſeine Ehrenſtellen und Neichthuͤmer durch eine Feder. Bey der Revolution, welche der Kaiſerin den alleinigen Beſitz des Thrones gab, erſchien ſie an der Spitze der ismailovſchen Garde; als Potemkin⸗ damals ein junger Kavallerieoffizier, bemerkte, daß ihr die Feder auf dem Hute bey der Uniform fehle, ritt er auf ſie zu, und uͤberreichte ihr die ſeinige. Dieſer außerordentliche Mann hatte Ungluͤck in der Liebe, welches ſo haͤuſig die Seels aus ihrer ei⸗ genthuͤmlichen Sphaͤre, und zwar auf immer, bringt. Potemkin ſtuͤrzte ſich in den Krieg, und erndtete Ruhm ein, wo er den Tod ſuchte. Die grauſame Schöne ſchlug ihn, un⸗ geachtet ſeiner Narben und Ehrenſtellen, doch noch aus, verliebte ſich aufs Heftigſte in einen alten haͤßlichen Mann, den ſie heyrathete, und nachher ſtets haßte. = 186— Potemkin weigerte ſich ſehr oft, ſeine Kaufleute zu bezahlen. Man erzaͤhlt, ein ſehr be⸗ rühmter Profeſſor der Thierarzneykunde ſey aus Wien nach Petersburg in der Abſicht gekommen, um ein ungemein ſchoͤnes Pferd zu heilen, wel⸗ ches der Kaiſer Joſeph II. dem Fuͤrſten ver: ehrt hatte; es war ſo krank, daß die Petersbur⸗ ger Thieraͤrzte es aufgegeben hatten. Der Pro⸗ feſſor bauete fuͤr dieß Thier einen Stall von ganz beſonderer Art, und war ſo gluͤcklich, es nach der angeſtrengteſten Sorgfalt wieder herzuſtellen. Als der Pferdearzt Potemkin aufwarten wollte, um die angenehmen Nachrichten zu uͤberbringen, und in der Erwartung ſtand, er wuͤrde reichlich fuͤr die großen verwandten Summen belohnt werden, ſo wie auch fuͤr ſeine Zeit und Muͤhe, ward er nie vor den Prinzen gelaſſen, und auch nicht be⸗ zahlt: indeß, dieſer gelegentlichen ſchlechten, geizi⸗ gen Handlungen ungeachtet, und ob man gleich ſein Vermoͤgen auf neun Millionen Rubel baares Geld, fuͤnf und vierzig tauſend Bauern ſchaͤtzte, außer zweyen Penſionen, die eine von ſiebenzig, die andere von dreyßig tauſend Rubel fuͤr ſeine Tafel, ſo war ſeine Verſchwendung doch ſo groß, daß er ſich haͤufig in Verlegenheit befand. Im Winter pflegte er einen Muff von ſechs tauſend Thalern an Werth zu tragen. —— -— Sͤ GAeeeeee — ſeine be⸗ aus nen, wel⸗ ver⸗ bur⸗ Pro⸗ ganz nach llen. ellte, gen, fuͤr den, der be⸗ eizi⸗ leich ares tzte, zig, eine roß, Im ſend = 187— Auf einer der Reiſen, die der Fuͤrſt nach der Krimm unternahm, begleitete ihn Herr Gould, der zugleich ſein Hauptgaͤrtner war, welchem einige hundert Gehuͤlfen vorauf gien⸗ gen. Da wo der Prinz ſich, wenn auch nur einen Tag aufhielt, fand er ſeinen Reiſepavillon errichtet, umgeben von einem Garten von Baͤu⸗ men und Stauden in engliſchem Geſchmack, mit Gaͤngen, die mit Sand beſtreuet waren, der immer vorwaͤrts gebracht wurde, gerade ſo, wie die Reiſe weiter gieng. Indeß, ſonderbar genug, mitten unter dieſem aſiatiſchen Pomp, wo alle die untern Begleiter jeden Leckerbiſſen genoſſen, den der Reichthum nur gewaͤhren konnte, war der arme Englaͤnder oft genoͤthigt, wenn der Prinz ihn einlud, in ſeinem Wagen zu fahren— und dieß geſchah haͤufig— mit dem einfachſten Eſſen vorlieb zu nehmen, wel⸗ ches Potemkin, ſtets unregelmaͤßig und ex⸗ centriſch, durchgehends vorzog. Man weiß, daß er bey einem koſtbaren Mahle, wo nur die größten Delikateſſen den Appetit wecken konnten, ſich eine rohe Mohrruͤbe oder eine Ruͤbe bringen ließ und ſie aß. Folgende Anekdote muß ich noch von dem Fuͤrſten anfuͤhren: Eines Tages machten ſie auf ihrer Reiſe in Bender in Beßarabien alt; wah⸗ 188= rend daß der Prinz am Tiſche ſaß, ſtreifte Herr Gould in der Nachbarſchaft in der Abſicht um⸗ her, um die Lage oder die Ueberbleibſel des Hauſes von Karl XII. zu entdecken, worin er und einige wenige der Seinigen, den 12ten Februar 1713 auf eine thorichte Weiſe der gan⸗ zen ottomanniſchen Armee Trotz bot, nachdem er wiederholt und dringend gebeten ward, das Reich des Großherrn zu verlaſſen. Nach einer genauen Nachforſchung, in Verbindung mit eini⸗ gen Eingebornen, entdeckte der engliſche Gaͤrt⸗ ner die Ruinen, welche der excentriſche Geiſt die⸗ ſes Koͤnigs ſo intereſſant gemacht hat, und kehrte vergnuͤgt zu dem Fuͤrſten mit der Nachricht zu⸗ ruͤck. Der Fuͤrſt begab ſich unter dem freudigen Ausruf:„die Englaͤnder entdecken doch Alles!“ dorthin; nachdem er die Ruinen mit dem leb⸗ hafteſten Gefuͤhl in Augenſchein genommen, be⸗ fahl er, als Monument ſeiner Verehrung fuͤr den Eroberer von Narwa, ſolle das Haus aus⸗ gebeſſert, zum Theil wiederhergeſtellt, und ein Garten umher angelegt werden; und dieß ward ſofort ausgefuhrt. ei — 189— Hita zzehntes 8 apitel. Engtiſcher Boden in Ruaßland— Nationalbäͤder.— Eine neue Sekte.— Wie die Sitten verſchie⸗ den ſind.— Der Elephant.— Wilde Hunde.-— Die marmorne Kirche.— Kunſtakademie.— Eine Waſſerfahrt nach Kamennor⸗Oſtrow.— Delikat ſſe und Dankbarkeit.— Kuͤhnheit und Edelmuth Guſtavs 1II. gegen ſeinen Boots⸗ mann.— Nuſſi ſche Muſt k.— Deren Wirkung aauf italieniſche Damen.— Der Wald im Feuer. Waͤhrend meines Aufenthalts in Petersburg war ich zum Beſuch auf verſchiedenen Landhaͤu⸗ ſern engliſcher Kaufleute, auf dem Wege nach Peterhoff, wo ſie mit großer Eleganz leben. In den Gaͤrten eines derſelben trat ich mit Vergnuͤ⸗ gen auf engliſchen Boden; heftige Liebe zu ſei⸗ nem Vaterlande hatte nemlich den gaſtfreund⸗ ſchaftlichen Beſi tzer veranlaßt, mit großen Koſten eine Quantitaͤt engliſcher Erde, als Ballaſt, in brittiſchen Schiffen dorthin bringen zu laſſen, um damit ſeine Gaͤnge zu bedecken. Jeder Gar⸗ ten hat einige große Schwingen, die zwey Per⸗ =— 190— ſonen, welche ſtehen und eine die ſitzt, enthalten können. Die Ruſſen halten ſehr viel auf dieß Vergnuͤgen. Als ich in den verſchiedenen Thei⸗ len des Gartens umher ſtreifte, hoͤrte ich einige Jagdhunde in einem benachbarten Hundeſtalle eines ruſſiſchen Edelmanns bellen. Der Adel liebt die Feldjagd ſehr. Die zur Faktorey ge⸗ hoͤrigen Englaͤnder haben ein regelmaͤßiges Kup⸗ pel⸗ und Jagd: Etabliſſement zu Garcella. Nachdem wir ſchlechte Kleider angelegt, um zu der herannahenden S Scene paſſend zu ſeyn, bega⸗ ben wir uns nach dem großen Nationalbade, den Sonnabend, welcher der Reinigungstag aller Orte zu ſeyn ſcheint. Wir giengen uͤber einen erhabenen hölzer⸗ nen Weg an der Seite einer langen hoͤlzernen Wand, und blieben bey einem von demſelben Material gebaueten Hauſe, welches den großen Eingang bildete. Als hier jeder fuͤnf Kopeken durch ein Loch in einen dunkeln Schuppen oder ein Magazin von Birkenruthen, woran ſich die Blaͤtter noch befanden, erlegt, erhielt jedweder einen Zweig, ohne zu wiſſen, zu was fuͤr einem Gebrauche. Beym Eingang an jeder Seite ſah man Tiſche mit ſchwarzem Brode, kleinen Paſte⸗ ten mit Quaß und Liqueur. In dem erſten Zim⸗ mer erblickten wir Maͤnner und Weiber durch · ei 1 = 191— einander, entkleidet. Sie befanden ſich auf Baͤnken, eine Reihe uͤber der andern, wo ſie ihre Baͤrte ausrangen, ihre Haare kaͤmmten und floch⸗ ten. Mitten im Hofe zeigte ſich eine Fontaine, deren Waſſer in eine große hoͤlzerne Ciſterne fiel; ſo wie die Badenden aus dem Dampfzimmer ka⸗ men, roth und rauchend vor Hitze, liefen ſie zu dieſem Waſſerbehaͤlter, fuͤlleten einen Eimer mit kaltem Waſſer, hoben ihn in die Hoͤhe und goſſen es uͤber ihren Kopf. Befinden ſich dieſe Baͤ⸗ der in der Naͤhe eines Fluſſes, ſo ſpringen ſie hinein, und im Winter rollen ſie ſich im Schnee. Ich oͤffnete die Thuͤr des Dampfzimmers, worin ich nicht uͤber eine Minute aushalten konnte und in dieſem Augenblicke gerieth ich in ſtarken Schweis. Die Stube war groß; Maͤn⸗ ner und Weiber waren amphitheatraliſch uͤber einander gehaͤuft; die Ausduͤnſtung, welche das Zimmer anfuͤllete, und die ihm die Atmoſphaͤre eines Digeſtors gab, entſtand dadurch, daß man Waſſer auf heiße Steine goß, wovon einige vor Hitze gluͤheten. Um die Ausduͤnſtung und das Waſchen zu befoͤrdern, reiben ſich hier die Leute und ſeifen ſich einander ein. Die Ruſſen haben hierin, ſo wie in vielen andern Gewohnheiten, eine große Aehnlichkeit mit den Griechen. So — 192— groß iſt die Wirkung der Gewohnheit, daß dieſe Scenen ſelten Liederlichkeit nach ſich ziehen, ſelbſt nicht unter den Eingebornen; jedem Fremden koͤnnen ſie nicht anders, als ſehr zuwider ſeyn. Wenn ein Maler eine Venus oder irgend einen Theil dieſer Figur zu zeichnen wuͤnſcht: ſo muß er nicht in ein ruſſiſches Bad, des Modelles we⸗ gen, gehen. Meine Neugierde ward bald befrie⸗ digt; ich beſah keinen der uͤbrigen Theile des Ge⸗ baͤudes, und war recht vergnuͤgt, dieſe widrige Scene zu verlaſſen. Indeß beweiſen dieſe Baͤder, welche man in jedem Dorfe antreffen kann, daß die Ruſſen reinlich ſind. Nach dieſen Abſpuͤlungen werden des Sonntags reine Hemden angezogen. Es iſt aͤußerſt intereſſant, zu beobachten, wie Nationen von einander in ihren Sitten verſchie⸗ den ſind, und wie haͤufig ſie ſich veraͤndern. Da hier die Rede vom Baden iſt, ſo muß ich noch anfuͤhren, daß, als ich mit einigen Damen eines Abends in den Sommergaͤrten ſpatzieren gieng, ich ungefaͤhr ſechszig Maͤnner und Weiber er⸗ blickte, die ſich in einem kleinen Kanal, der von der Newa nach dem Michaelskipallaſt fuͤhrte, er⸗ goͤtzten. So öffentlich dieß Schauſpiel auch war, ſo ſchien doch die groͤßte Unſchuld unter der gan⸗ zen Geſellſchaft zu herrſchen. Einer derſelben forderte mich auf, ich moͤchte ſehen, wie gut ſeine Frau Frau ſchwäͤmme; und ein polniſcher Bedienter, der uns aufwartete, ſagte zu einer der engliſchen Damen(einer aͤußerſt liebenswuͤrdigen Frau, in deren Dienſt er ſtand): Madam, dort iſt ein reecht ſchoͤner Sitz, indem er auf einen an der Seite des Waſſers hinwieß, wo Sie eine treff⸗ liche Ausſicht haben, und die Art, wie die Ruſ⸗ ſen ſchwimmen, beobachten koͤnnen. Dieſe Art hat etwas Sonderbares; ſie ſchwimmen, als wenn ein Hund es ſie gelehrt haͤtte. Als ich eines Tages an der Seite des Kanals, der vor dem Opernhauſe hinlaͤuft, vorbey gieng, ſah ich zwey junge, und ich mag hinzufuͤgen, beſcheidene Maͤdchen, die Schutz vor der Sonne in dem lauen Strome ſuchten. Die Formen derſelben machten ihrem Geſchlechte mehr Ehre, als irgend eine, die ich vorher geſehen hatte. Die Ruſſen machen die ganze Medizin zu Schande. Sie haben eine einfache Kur fuͤr jede Art Krankheit, naͤmlich zwey Glaͤſer Brand⸗ wein, Geißeln und Einſeifen in dem Dampf⸗ bade, und dann in der Newa oder im Schnee umherwaͤlzen. Ich beſah den ſchoͤnen Etephanten; er iſ mindeſtens eilf Fuß hoch, und hat ein majeſtaͤ⸗ tiſches Anſehen. Ein treuer Perſer bedie⸗ net innh. ar Theil. 13 — 194— Auf dem Platze hinter dem Zimmer des Elephanten ſahen wir einige kalmuckſche Schaafe graſen, die ſich von den Arten in andern Laͤn⸗ dern durch einen großen Sack von hartem Fette, der ihnen vom Numpfe herabhaͤngt, unterſchei⸗ den. Bey meiner Nuͤckkehr wieß einer meiner Freunde auf einen Ruſſen hin, der uͤber eine Bruͤcke gieng, und ſagte mir, er waͤr' einer der Chefs jener Hauptſekte, deren Saͤtze ewiges Gluͤck denjenigen verſpraͤchen, die ſich ſelbſt zu dem vom Schoͤpfer beſtimmten Zwecke der Fort⸗ pflanzung unfaͤhig machten. Dem Ueberhand⸗ nehmen des Fanatism dieſer abſcheulichen Vi⸗ ſionairs, die auf die gaͤnzliche Zerſtoͤrung des Menſchengeſchlechts ausgiengen, ſetzte Katha⸗ rina II. aber ſchnell ein Ziel. Diejenigen be⸗ truͤgeriſchen elenden Anhaͤnger derſelben, die man kennet, werden aller Orte, wo ſie ſich ſehen laſ⸗ ſen, mit allgemeinem Gelaͤchter gebrandmarkt. Katharina erſtickte eine noch weit furcht⸗ barere Sekte. Es kamen naͤmlich waͤhrend der Revolution Emiſſarien dorthin, die voͤllige Gleich⸗ heit zu predigen ſuchten. Sie wußte, das Laͤ⸗ cherlichmachen ſey in geſchickten Haͤnden eine maͤchtige Waffe, und beſchloß, ſich ihrer bey dieſer Gelegenheit zu bedienen. Eines Abends erhielten Policeybedienten den Befehl, alle dieſe ——— — 197— Apoſtel zu ergreifen, und ſie in das Irrenhaus zu bringen, wo, nach dem Willen der Kaiſerin, ihre Köpfe geſchoren, ihre Koͤrper durch eroͤff⸗ nende Mittel gereinigt wurden, und ſie magere Diaͤt halten mußten; dieſe Lebensweiſe ward vierzehn Tage fortgeſetzt, wo man ſie wieder losließ. Die gemeinen Ruſſen hatten ihr Schick⸗ ſal vernommen, und da man ſie in der That fuͤr verruͤckt hielt, wurden ſie von ihnen verlaſſen, als ſie ſich von neuem mit geſchornen Köpfen, mit hohlen Augen, zuſammengeſchrumpften Backen, und allen jenen auffallenden Zeichen ei⸗ nes verwirrten Geiſtes zeigten. Haͤtte dieſer milde und geſcheide Plan keine Wirkung gehabt, ſo wuͤrde Katharina ihre ganze Gewalt ange⸗ wandt haben, und in dieſer Abſicht hatte ſie je⸗ nes große Gebaͤude ſchnell auffuͤhren laſſen, wel⸗ ches jetzt als Barracke fuͤr die Marine gebraucht wird, und vorher zum Staatsgefängniß beſtimmt war. Der Uebergang von dieſer Art Menſchen zu wilden Hunden iſt ſehr einfach und natuͤrlich. Ungefaͤhr drey Werſte an der linken Seite auf dem Wege nach Zarsko Selo iſt ein Holz voll dieſer Thiere. Hier werden alle todte Pferde, und die Eingeweide, die fuͤr den ruſſiſchen Ma⸗ gen nicht paſſen, hingebracht. Man ſiehet nie, =— 196— daß die Hunde je uͤber die Granzen des Holzes hinaus gehen. Als wir unſere Badekleider abgalegt, gien⸗ gen wir nach dem Pallaſte des heiligen Michae⸗ lis, wo, wie ſchon angefuͤhrt iſt, der vorige Kaiſer ſtarb. Da Paul ſo großen Widerwillen gegen die kaiſerlichen Wohnungen hegte, woran ſeine Mutter Vergnuͤgen fand, ſo war ich neu⸗ gierig, den von ihm ſelbſt erbaueten Pallaſt ge⸗ nau zu beſehen. Zu dem, was ich ſchon vorher daruͤber bemerkt, kann ich noch hinzufuͤgen, daß ein Italiener dieß ungeheure Gebaͤude von rothen hollaͤndiſchen Backſteinen auffuͤhrte, daß es in der Entfernung ein ſehr lebhaftes Anſe⸗ hen hat, und auf einem Grunde von gehauenem Granit ruhet, der wie ein Fels ausſi ehet. Der große Eingang von der Perſpektive durch die Reitſchule und die Zimmer zum innern Haus⸗ halt, iſt ſehr huͤbſch. Auf dem Architrab ſte⸗ het Ruſſiſch das Motto:„Mag mein Haus aus⸗ dauern, gleich dem des Herrn.“ Die Ruſſen bemerken, bey ihrem gewöhnlichen Aberglauben, daß die Anzahl der Buchſtaben dieſer Inſchrift mit der Zahl von Paul's Jahren uͤbereinſtim⸗ me, und daß man daraus ein Anagramm zu⸗ ſammenſetzen konne, welches bedeute, der Er⸗ bauer des Gebaͤudes werde eines ploͤtzlichen To⸗ —— lzes gien⸗ hae⸗ brige illen oran neu⸗ ge⸗ rher gen, von daß lnſe⸗ nem Der die aus: ſte⸗ aus: iſſen ben, hrift tim⸗ zu⸗ Er⸗ To⸗ — 197— des ſterben. Das Innere iſt ſehr groß, aber ſehr dunkel. Den Zimmern, welche gezeigt wurden, fehlten die Meublen, und faſt alle be⸗ wegliche Verzierungen, die man in ein Juwe⸗ lenkabinet gebracht hatte; die noch zuruͤckgeblie⸗ benen bewieſen aber einen Styl von koſtbarer Pracht; die Thuͤren, wovon einige von verſchie⸗ denfarbigem Glaſe und reich vergoldet waren, hatten eine außerordentliche Schoͤnheit. Wir ſahen das von dem vorigen Kaiſer gewoͤhnlich bewohnte Zimmer, und die ſchon erwaͤhnte darin angebrachte geheime Treppe. Alle Zimmer, die⸗ jenigen ausgenommen, die zum Staat gebraucht werden, ſind von denen zum Hofe gehoͤrigen Perſonen bewohnet. Unter andern hat der kai⸗ ſerliche Architekt, Herr Cameron, deren eine ſehr ſchoͤne Reihe inne, die ſonſt der jetzige Kai⸗ ſer, nebſt deſſen Gemahlin, bewohnten, ehe ſie den Thron beſtiegen; in einem derſelben befindet ſich ein mit Juwelen beſetzter Kamin. Dem Ge⸗ ſchmacke und Genie dieſes Mannes verdankt Rußland viele ſeiner ſchoͤnen Gebaͤude. Von dem St. Michaels, Pallaſte begaben wir uns, auf beſondere, mit vieler Muͤhe er⸗ langte Erlaubniß, in die Akademie der Kunſte, und hielten uns bey der Marmorkirche des hei⸗ ligen Iſaak, die von der vorigen Kaiſerin an⸗ = 198— gefangen, aber nicht beendigt wurde, auf; mit ungeheuren Koſten iſt ſie gaͤnzlich von ſibiriſchem Marmor, Porphyr und Jaſpis erbauet; ſie hat eine kupferne vergoldete Kuppel, und iſt das prachtvolleſte Gebaͤude zur Gottesverehrung in Petersburg; indeß hat es doch von anßen ein aͤußerſt duͤſteres Anſehen. Das Innere iſt wahrlich koſtbar; es be⸗ ſtehet naͤmlich aus dem ſchönſten ſibiriſchen Mar⸗ mor. Neben dem Altar befindet ſich eine herr⸗ liche Kanzel, die einzige, welche ich in irgend einer griechiſchen Kirche erblickte; ſie ward auf Befehl der vorigen Kaiſerin erbauet, die ihr Volk in ſeinem Glauben durch andaͤchtige Re⸗ den aufzuklaͤren ſuchlhte. Die Akademie der Kuͤnſte iſt ein ungeheu⸗ res viereckiges Gebaͤude von Backſteinen in Waſ⸗ ſili⸗ Oſtrowv. Man zeigte uns in dem Ver⸗ ſammlungszimmer eine ſchoͤne goldene Medaille von Pauls Kopfe, von der verwittweten Kai⸗ ſerin verfertigt, die ſowol ihren Geſchmack, als auch die große Zuneigung ihres Herzens bewieß. In dem Saale der Statuen befand ſich eine bedeutende Anzahl herrlicher Abguͤſſe, nach An⸗ tiken, zumal ein vorzuͤglicher von dem Apoll von Belvedere: das Original in dem kaiſerli⸗ chen Muſeum in Paris gewaͤhrte mir den hoͤch⸗ ——— wir einige ausgeſucht ſchöne Modelle; viele von — 199=— ſten Genuß, den ich je beym Betrachten von Kunſtwerken hatte. Unter den Gemaͤlden befand ſich ein vollkommnes und koſtbares Stuͤck en fresco, aus dem Herkulanum. Beym Beſehen der Zimmer, worin die luͤngſte Klaſſe der Stu⸗ 3 denten vom achten oder neunten Jahre an zeich⸗ nete, die zuſammen, ſo wie auch die uͤbrigen Schuͤler, auf Koſten der Krone gekleidet, erzogen und unterhalten werden, fanden wir einige viel⸗ verſprechende Kunſtarbeiten; aber ſonderbar ge⸗ nug, dieſe ſchraͤnkten ſich faſt nur lediglich auf die juͤngern Kuͤnſtler ein. Die meiſten erwachſe⸗ nen Schuͤler waren beſchaͤftigt, den Kaiſer halb und ganz in Lebensgröße, in Uniſorm, zu malen. Der Allmaͤchtige hat Nationen ſowol als Indi⸗ viduen auf einen gewiſſen Theil ſeiner Wohltha⸗ ten eingeſchraͤnkt. Die ſchoͤne Traube von Tyrol erſtreckt ſich nicht bis zum Eismeer; und der Malerey ſcheint die Natur ebenfalls ein milderes Klima angewieſen, und vom Norden ausgeſchloſ⸗ ſen zu haben. Der Himmel iſt zwar ſehr guͤtig gegen den Ruſſen geweſen, allein Rußland hat der Welt noch keinen beruͤhmten Maler gegeben, indeß waͤr' es zu anmaßlich, zu behaupten, daß es nie der Fall ſeyn koͤnnte. In dem Zimmer fuͤr die Baukunſt ſahen Kork von röͤmiſchen Ruinen; die vorzuͤglichſten waren ein ſehr großes von der St. Peterskirche in Rom, welches allein ein anſehnliches Zimmer einnahm; es hatte eine ſolche Dimenſion, daß zwey von uns unter der Kuppel ſtehen konnten; das andere war von der kaſanſchen Kirche. In dem Saal der Bildhauerkunſt fanden wir ver⸗ ſchiedene Schuͤler mit Arbeiten beſchaͤftigt, die ſehr viele Geſchicklichkeit an den Tag legten: auch wa⸗ ren hier mehrere ſchone Abguͤſſe von Canova's Statuen, wovon ſich viele in der Gallerie des Fuͤrſten Yuſupoff befinden. Die hieran ſtoßen⸗ den Zimmer waren fuͤr Kupferſtecher und Me⸗ dailleurs beſtimmt. Die vorige Kaiſerin verwandte ſehr große Summen auf dieſes Inſtitut; wenn es nun grade nicht die hohe Vollkommenheit aͤhnlicher Etabliſ⸗ ſements in genialiſchern Klimaten erreicht, ſo wird ihm mindeſtens das Verdienſt nicht abzu⸗ ſprechen ſeyn, einige Fortſchritte gemacht zu ha⸗ ben. Nach der großen Pracht von Katharina und der Verſchwendung des kaiſerlichen Schatzes ihres Nachfolgers, hat ſich Alexander ſehr weiſe in ſeinen Ausgaben eingeſchraͤnkt. Ruß⸗ land verdankt in der That dem Genie und dem Geiſte der verſtorbenen Kaiſerin ungemein viel; aber unmoͤglich konnte eine verbreitete Civili⸗ — 201— ſation die Frucht ihrer koſtbaren Kultur ſeyn. Indem ſie prachtvolle Pallaͤſte errichtete, ſetzte ſie ihrem Andenken eben ſo viele Monumente, die den gemeinen Ruſſen zuerſt uͤberraſchten, aber ihn nicht belehrten; auf ſolche Weiſe vernach⸗ laͤßigte ſie zu ſehr die Huͤtte. Wenn ich es wa⸗ gen darf, den Fleck anzudeuten, wo in einem ſolchen Lande der Geiſt der Civiliſation ſeine Wir⸗ kung zuerſt aͤußern ſollte, ſo wuͤrde ich auf die von gefaͤlleten Baͤumen erbauete Kabane hinzei⸗ gen, wo der Nauch durch dieſelbe Oeffnung ge⸗ het, in welche das Licht dringt: Man verbeſ⸗ ſere die haͤusliche Oekonomie der ro⸗ hen Natur; man trage Sorgfalt fuͤr den Bauernſtand; die höhern Staͤnde ſind ſich beynahe durchgehends in der Welt gleich. Der entgegengeſetzte Plan wird ſtets das wider⸗ ſtehende Schauſpiel eines wolluͤſtigen und laſter⸗ haften Adels, und eines Volkes darbieten, das verdorben iſt, ehe es zur Reife gelangte. So weit ſich meine Beobachtungen und Belehrungen erſtrecken, ſollte ich glauben, die Civiliſation von Rußland wuͤrde ſchnell beföͤrdert werden, nachdem jenes furchtbare und maͤchtige Hinderniß, die Skla⸗ verey, aus dem Wege geraͤumt waͤre; durch Ver⸗ beſſerung der Meyerhöfe, durch Errichtung von Kol⸗ legien zur Erziehung der kuͤnftigen Prieſter, durch — — 2092— lohnungen der Rechtlichkeit des Geſindes am Ende einer gewiſſen Periode, und endlich dadurch, daß man die Eltern verhindert„ ihre Toͤchter zu fruͤh⸗ zeitig und gegen ihren Willen zu verloben. Den Tag, als wir die oben benannten Orte beſuchten, war das Wetter ausgeſucht ſchoͤn; der Kapitain Elphinſtone, von der ruſſiſchen Marine, ſchlug mir daher vor, in ſeinem Boote nach Kamennoi⸗Oſtrow, einem kleinen Landſitze, dem Lieblingsaufenthalte des Kaiſers, ungefaͤhr ſieben Werſte von der Stadt, zu fahren. Die Bootsleute waren recht huͤbſche Leute, raſirt und in reine Hemde gekleidet. Als wir um die In⸗ ſeln ruderten, welche die Petrovka, ein Arm der Newa, bildet, ergötzte mich mein tapferer Freund durch die Mittheilung folgender Anekdote, welche die Feinheit und Staͤrke von Katharinens Geiſte beweiſet. Nach der Schlacht zwiſchen den ruſſiſchen und ſchwediſchen Flotten bey Kronſtadt, im Jahre 1790, ſandte der Onkel des Kapitain Elphinſtone, der Admiral Creuſe, ihn, damals einen ſehr jungen Mann, an Katha⸗ rina, die ſich um die Zeit in dem Pallaſt Zarsko Selo befand, mit dem Bericht der gluͤcklichen Manoeuvres ihrer Flotte ab. Vier Tage und vier Naͤchte vorher hatte die Kaiſerin keine Ruhe ge⸗ * —— η ⁹“!ẽ mͤQ! ͤͤͤ 454 —— — 203— habt, nur wenig Erfriſchungen genoſſen, und den größten Theil der Zeit auf der ſchoͤnen Terraſſe von Porphyr, in der Naͤhe der Baͤder, zugebracht, wo ſie mit der größten Unruhe den entfernten Kanonendonner hörte, der ſo furchtbar war, daß verſchiedene Fenſter in Petersburg durch die Erſchuͤtterung zerſprangen. Man ſagt, daß, um dem aͤußerſten Ungluͤck zu entgehen, ihre Pferde und Wagen bereit ſtanden, um ſie nach Moskau zu bringen. Der junge Elphinſtone langte ſpaͤt des Abends bey dem Palais, in den Kleidern, die er im Gefechte trug, mit Staub und Pulver bedeckt, und außerordentlich ermuͤdet, an. Seine Depeſchen wurden ſofort der Kaiſerin uͤberbracht, die den aufwartenden Pagen befahl, dem Ueberbringer Erfriſchungen, ſo wie auch ein Bett zu geben, und zugleich bat, er moͤchte auf keine Weiſe geſtoͤrt werden. Deer tapfere Ueberbringer nutzte dieſe Gnade, und ruhete durch einen langen Schlaf aus, waͤhrend deſſen Katharina dreimal hinſandte, um zu höoren, ob er ſchon aufgewacht waͤr'. Endlich ward der Kapitain E lphinſtone in ſeinem ganzen Deshabillé zu der Kaiſerin von ihrem Sekretair gefuͤhrt, wo ſie eine aͤußerſt einnehmende Un⸗ terredung anſieng, in welcher ihm viele Kom⸗ plimente uͤber die Heldenthaten ſeiner Familie — 204—2 gemacht wurden; nachdem ſie ſich uͤber ver⸗ ſchiedene Gegenſtaͤnde ungefaͤhr eine halbe Stun⸗ de mit ihm unterhalten, ſagte ſie, indem ſie ihn„mein Sohn“ anredete:„Jetzt wollen „wir zu den Geſchaͤften ſchreiten: ich habe die „Depeſchen empfangen; ſie gewaͤhren mir un⸗ „endliches Vergnuͤgen; ich danke Ihnen fuͤr „Ihren Eifer und Muth; ich bitte Sie, mir „die Stellung der Schiffe zu beſchreiben;“ wie der Kapitain ſie ihr auseinanderſetzte, zeichnete ſie ſie auf einem Blatte aus ihrem Taſchenbuche auf, und nachdem er von ihr die Orden an den Hauptanfuͤhrer erhalten, machte ſie ihm mit ei⸗ ner Rolle Dukaten, ſo wie mit einer ſchönen kleinen franzoͤſiſchen Uhr, ein Geſchenk, und beförderte ihn, ſo jung er auch war, zum Ka⸗ pitain. Waͤhrend dieſer Schlacht benahm ſich der ſchwediſche Monarch mit ſeiner gewoͤhnlichen aus⸗ gezeichneten Tapferkeit: als er in ſeinem Boote ruderte und die Befehle im dickſten Gefecht er⸗ cheilte, nahm ein Schuß dem Voormann im Boote die Hand weg; in dieſem Augenblick entdeckte ein kleines ruſſiſches Kriegsſchiff den Koͤnig, und ſtuͤrzte auf ihn los; der brave und edelmuͤthige Monarch, der das Unguͤck wahrnahm, welches ſein Bootsmann erlitten hatte, ſo wie auch ſeine — 207— eigene perſoͤnliche Gefahr, zog ruhig ſein Schnupf⸗ tuch aus der Taſche, und band es uͤber die Wunde. Hierauf ſprang er in eines von ſeinen Kanonenboͤten auf eine wundervolle Art durch je⸗ nes Gluͤck, welches kleine Seelen nie beguͤnſtigt, in dem Augenblick, als die Feinde in eine Barke ſprangen, deren Kiſſen in dem Zimmer des Kapitains Elphinſtone, in den Marine⸗ Barracken, als Trophaͤen des Krieges und der Menſchlichkeit, aufbewahrt werden. Kurz nachdem ſich die ſchwediſche Flotte zu⸗ ruͤckgezogen hatte, bezeugte der tapfere und ver⸗ ehrungswuͤrdige Admiral Creu ſe der Souveraine ſeinen Reſpekt. Durch die Korpulenz des Admi⸗ rals ward der Fußboden des Peaͤſentirzimmers erſchuͤttert, welches der Held auf eine luſtige Art der Kaiſerin bemerklich machte, worauf ſie dieſen geringfuͤgigen Umſtand zu folgendem ſchoͤnen Kom⸗ plimente nutzte:„Wo Sie auch gehen, mein bra⸗ ver Creuſe, erſchuͤttern Sie die Erde unter ſich und bringen Ihre Feinde zum Zittern.“ Beym Weiterrudern paſſirten wir verſchiedene Nationalbaͤder, wo die gemeinen Leute ploͤtzlich in vollem Schweis herauseilten, und ſich in den Fluß ſtuͤrzten. Man haͤlt dieſe Uebergaͤnge von außerordentlicher Hitze zur äußerſten Kaͤlte fuͤr eine Staͤrkung des menſchlichen Koͤrpers. 206 1 Als wir uns die kleine Newka hinauf wandten, erblickten wir verſchiedene ſchoͤne Land⸗ haͤuſer und Gaͤrten. Das Schloß des Grafen Narishkin gehoͤrt zu denen dieſer Art; es hatte ein Centrum, woruͤber ſich eine große kupferne gruͤnangemalte Kuppel befand, und anſehnliche Fluͤgel auf dem Erdgeſchoß. Eine Treppe fuͤhrt in den Haupteingang, der gegen die Sonne durch eine weit hervortretende Decke von grober Leinewand geſchuͤtzt iſt; das ganze Gebaͤude war von Holz, und hellgelb angeſtri⸗ chen. Wehrere huͤbſche Jachten und Boͤte zum Vergnuͤgen, mit glaͤnzenden Flaggen, ſchwim⸗ mende gruͤne Haͤuſer und Baͤder, lagen davor vor Anker: das Ganze hatte ein aſiatiſches An⸗ ſehen. Ein ſehr ſchönes Luſtſchiff mit zwölf Ru⸗ derern, mit einer reichen Decke, die vom Vor⸗ ſteven bis zum Hintertheil gieng, fuhr vor uns voruͤber; es befanden ſich eine Dame von Stande und eine kleine gelbe buckelichte Zofe darin, die das Gluͤck hatte, ihr Liebling zu ſeyn. Der ruſſiſche Adel macht, ob aus Sonderbarkeit, aus wirklichem Mitleide, oder aus Aberglauben, weiß ich nicht, aus dieſen kleinen, kraͤnklichen, geſtaltloſen, verdorbenen Weſen außerordentlich viel. Das kaiſerliche Schloß iſt nicht groß, hat in der Fronte gegen das Waſſer hin eine Ter⸗ — 207— raſſe, und hinten ein Holz. Da ſich der Kaiſer hier aufhielt, ſo konnten wir es nicht im Innern beſehen; man ſagte mir aber, daß die meiſten Zimmer nur zum Gebrauch und zur Bequem⸗ lichkeit beſtimmt waͤren. Die Kaiſerin, eine der liebenswuͤrdigſten Damen, die je eine Krone trugen, ziehet ſich mit Vergnuͤgen aus dem großen Tumulte des Hofes in den ruhigen Schat⸗ ten dieſes abgeſonderten Ortes zuruͤck; und der Kaiſer laͤßt die naͤmliche Liebe zur Haͤuslichkeit blicken. Liegt nicht wahre Moral in dieſer Wahl? Fuͤhret ſie nicht zu wirklicher Güüc. ſeligkeit? Wir begaben uns am Bord einer kaiſer⸗ lichen Jacht, eines ſchoͤnen Schiffes, deſſen * Prachtzimmer auf das Eleganteſt ke ausgeſchmuͦct war. Kurz, nachdem wir Kamennoi⸗Oſtrow ver⸗ ließen, gieng unſer Weg vor den Gaͤrten des Grafen Stroganoff vorbey; ſie ſind ſehr huͤbſch angelegt, und durch die gewöhnlichen Verzierungen, Huͤgel, laͤndliche Tempel, kuͤnſt⸗ liche Felſen und Waſſerfälle verſchönert. Auf eine freygebige Weiſe laͤßt der Graf den Garten des Sonntags oͤffnen; die Promenaden ſind dann ſehr voll, und gleichen denen von Ken⸗ ſington's Gaͤrten, jedoch nur im Kleinen. Auf unſerer Ruͤckkehr ruderten wir eine bedeu⸗ tende Strecke ſtroman, und ſchwammen damit wieder hinunter; die Bootsleute waren auf die Weiſe im Stande, die Ruder hereinzunehmen, und eine ruſſiſche Vokalmuſit anzuſtimmen. Sie ſetzten ſich zuerſt dichte nebeneinander, und ein⸗ ander gegenuͤber; auf ein gegebenes Zeichen, ſang der Anfuͤhrer ein Lied allein, und in dieß ſtimmte die ganze Geſellſchaft ein, ſobald jener auf das Tambourin ſchlug; ob nun gleich ihre Stimmen in einer Entfernung eine angenehme Harmonie hervorbringen, ſo war doch das Gel⸗ len bey dieſer Gelegenheit ſo groß, daß ich in der That froh war, wie der Geſang aufhöͤrte. Als der Kapitain Elphinſtone in ſeiner Fre⸗ gatte vor einigen Jahren bey Palermo vor Anker lag, lud er eine Geſellſchaft, worunter ſich zwey italieniſche Prinzeſſinnen befanden, zu einem Fruͤhſtuͤck ein; bey dieſer Gelegenheit baten dieſe, ſie durch einen ruſſiſchen Nationalgeſang zu er⸗ götzen, wovon das Geruͤcht bis zu ihnen ge⸗ drungen waͤre. Die um die Kajuͤte verſammelten Matroſen ſiengen ihren Geſang eher an, als die ſchönen Damen es erwarteten; ſie wurden aber dermaßen durch die ſchreyenden Stimmen ge⸗ ſchreckt, daß ſie ſofort die Haͤnde vor die Ohren hielten, und den Kapitain erſuchten, ſeine Leute auf⸗ 209— aufhören zu laſſen; aber vom Lachen uͤberwaͤl⸗ tigt, ſo wie auch durch den Schall des Chors, vermochte er dieß nicht. Als ſie inne hielten, ſagte Elphinſtone:„Nun, meine Damen, iſt ihnen noch etwas mehr gefaͤllig?“ Nein, theurer Kapitain, nicht um die Welt, wir ſind vollkom⸗ men zufrieden; 66 war die allgemeine Antwort. Bey einem Beſuch auf dem Landſitze meines ſehr geſchaͤtzten Freundes, John Vinning, Esg. pflegte ich durch den Kuhhirten aufgeweckt zu werden, der das Vieh mittelſt einer langen Pfeife ſammelte, auf der er einige nicht unange⸗ nehme Toͤne hervorbrachte; Anzug und Stellung dieſes Menſchen glichen einigen der Figuren, die ich auf etrusciſchen Vaſen geſehen habe. Zwey oder drey Tage hindurch, waͤhrend der Wind aus Norden bließ, wurden wir in der Stadt ſehr durch einen dicken Rauch in der Atmoſphaͤre beſchwert; er ruͤhrte von einem großen Walde her, der, ungefaͤhr dreyßig Werſte von Peters⸗ burg, verſchiedene Tage hintereinander gebrannt hatte; um dem Weiterumſichgreifen der Flam⸗ men Einhalt zu thun, begaben ſich zwey Regi⸗ menter an den Ort, die endlich, nach großer Anſtrengung, durch Faͤllung von Baͤumen, und Ziehung von Graͤben, dieſen Zweck erreichten. 2r Theil. 14 = 210— Man ſchreibt dergleichen Zufaͤlle der Reaktion der innern Hitze von dem Felſen auf das trockne Moos, welches ſich haͤuſig darauf fin⸗ det, zu. 8 Siebenzehntes Kapitel. — Hofuhr.— Winterpallaſt.— Heremitage.— Schauſpieler und Gouvernementswaͤgen.— Da⸗ menſtift.— Das Schwankende des Gluckes.— Edelmuth eines Kindes.— Das Findelhaus. Um puͤnktlich an den Orten zu erſcheinen, wo man dieß verſprochen hat, muß der Reiſende ſeine uhr nach der im Winterpallaſte ſtellen; hiernach richtet man ſich in Petersburg noch mehr, als in London nach der der Garde zu Pferde(Horse-Gaäuards). Ich hörte dieſe wich⸗ tige Nachricht, als ich mich mit einer Geſellſchaft meiner Freunde nach der Heremitage begab. Sie iſt nicht etwa eine geflochtene Celle eines Einſiedlers, ſondern ein prachtvolles, neumodi⸗ ſches, von der verſtorbenen Kaiſerin aufgefuͤhrtes Gebaͤude, welches eine ſchoͤne Gallerie mit einem ungehenern Pallais verbindet, das den Namen - ͤS8S=SA S —4ꝑ — eit tre — 211— des Winterpallaſtes fuͤhrt; es iſt aus Backſteinen erbauet, mit Stucko uͤberzogen, und beſtehet aus einem untern Stockwerk, einer kleinern und großern Etage, von doriſchen Saͤulen getragen, und mit Balluſtraden und einer ungeheuern Men⸗ ge Statuen geſchmuͤckt; mehrere derſelben ſollen vorzuͤglich ſchön ſeyn; allein da ſie mit den Ka⸗ minen verbunden ſind, ſo iſt ihre Schoͤnheit fuͤr diejenigen nicht ſichtbar, die ſie von unten an betrachten. Dieß Gebaͤude iſt von der Kai⸗ ſerin Eliſabeth aufgefuͤhrt; es hat durch ſeine Groͤße etwas Erhabenes, zugleich auch etwas ſehr Schwerfälliges: innerhalb ſeiner Mauern ſindet man viele Hoͤfe, Gallerien, Durchgaͤnge und Treppen ohne Ende. Im Winter ſind darin funfzehn hundert Oefen eforderlich, im Ruſſi 4 G Pitſchkas genannt. Was Katharina veranlaſſen konnte, ei⸗ nen der eleganteſten Pallaͤſte Europens eine Heremitage zu nennen, kann ich nicht begreifen; es wuͤrde eben ſo zweckwidrig ſeyn, das Schloß von Windſor eine Nußſchaale zu heißen. Die Lage deſſelben an den Ufern der Newa iſt ſehr ſchoͤn; die Zimmer ſind noch prachtvoll, obgleich ein großer Theil ihrer herrlichen Meublen weg⸗ gebracht iſt, und mit Houghton's und andern trefflichen Sammlungen geziert; zu letztern ha⸗ — 212— ben die Kuͤnſtler freyen Zutritt zum Kopiren. Ein Zimmer war lediglich voll der ſchoͤnſten Stuͤcke von Vernet; auch findet man dort eine große Menge Teniers. Auf derſelben Flur, wo ſich die Gemaͤldegallerien beſinden, welche, nebſt den Staatszimmern, die zweyte Etage ein⸗ nehmen, iſt ein großer bedeckter Wintergarten, voll von Orangenbaͤumen und auslaͤndiſchen Singvögeln, der in einen Sommergarten, oben auf dem Pallaſte, gehet, worin man einen ſcho⸗ nen langen, mit grobem Sand belegten Gang ſiehet, und an deſſen Seiten Stauden und große ſchöne Birken, deren Wurzeln, wie ich glauben ſollte, ſchon ſeit einiger Zeit durch die Decke des Aſſembleezimmers zu dringen gedrohet haben muͤſſen. Des Ganze iſt mit Statuen, ſchoͤnen Gartenſophas und Tempeln geziert, und an je⸗ der Seite beſinden ſich herrliche Gallerien. In dem Kabinet von Seltenheiten geftel mir beſon⸗ ders ein treues und vorzuͤgliches Model eines ruſſiſchen Bauerpaͤchterhauſes von Wachs. In dem daran ſtoßenden Muſikzimmer ſind einige große, bewunderungswuͤrdige Gemaͤlde von Schneider, welche Fiſche, Voͤgel und Fruͤchte vorſtellen. Im Juwelenkabinet ſiehet man alle Arten ſehr ſchoͤner Edelſteine, und unter einem großen Glaskaſten befinden ſich der beruͤhmte me⸗ —— chaniſche Pfau, die Eule, ein Hahn, eine Heu⸗ ſchrecke, in Lebensgroͤße, die mit außerordentlichen Koſten in England verfertigt, und von Potem⸗ kin der vorigen Kaiſerin geſchenkt ſind. Dieß Maſchinenwerk hat Schaden gelitten; der Hahn, der ſich auf einem goldenen Baume befand, kraͤ⸗ het nicht mehr, eben ſo wenig ruft die Eule, auch breitet der Pfau ſeine Federn nicht aus, nachdem die Stunde verfloſſen iſt; die Heuſchrecke huͤpft aber umher, um die Zeittheile anzuzeigen. Dieß Thier hat faſt die Groͤße, wie deſſen lebende Brüͤ⸗ der im ruſſiſchen Finnlande, die da nie einen hal⸗ ben Zoll lang ſeyn ſollen. Auch ſahen wir einige der elfenbeinernen Becher, Arbeiten Peters des Großen, der wahrſcheinlich mit gleicher Leich⸗ tigkeit von der Gruͤndung der Staͤdte, von der Anfuͤhrung der Armeen, von der Lieferung der Schlachten, dazu uͤbergieng, Boͤte zu bauen, hoͤl⸗ zerne Löffel und Schuͤſſeln zu drechſeln, und in Elfenbein zu ſchnitzeln. Naphael's Saal, eine der Gallerien, die parallel mit dem Garten laufen, iſt ſehr ſchoͤn angemalt und verziert; er enthaͤlt eine treffliche Mineralienſammlung; der eingelegte Fußboden iſt vorzuͤglich huͤbſch. Umſonſt ſuchte ich nach Sir Joſhua Reynold's beruͤhmten jungen Herkules, den die verſtorbene Kaiſerin fuͤr die Heremitage ge⸗ — 214— 1 kauft hatte. Als ich mich erkundigte, erfuhr ich, er waͤr' in ein Privatzimmer unten hingebracht, und wuͤrde ſelten gezeigt. Man fuͤhrte dabey als Grund an, die Ruſſen haͤtten einen aberglaͤubi⸗ ſchen Schrecken vor dem Tode, und da die Schlan⸗ ge von dem jungen Gotte erwuͤrgt wuͤrde, ſo ſey das Gemaͤlde deßhalb nicht beym Volke beliebt. Nach unſerer Ruͤckkehr durch die Zimmer, gien⸗ gen wir nach dem Hoftheater; es iſt mit der Heremitage durch eine Gallerie verbunden, die uͤber einen Bogen eines Kanals laͤuft, der die Newa mit der Moika verbindet. Der Raum vor dem Vorhange enthaͤlt Sitze, die ſich amphitheatraliſch erheben, und das Ganze iſt, ohne groß zu ſeyn, ſchön. Die Schauſpieler hielten grade Probe: als wir fortgiengen, ward meine Neugierde durch eine Menge kaiſerlicher Kutſchen geweckt; einige waren ziemlich gut, andere nicht beſonders, einige ſehr alt und ſchlecht, wozu noch ein großes mit vier Pferden beſpanntes Behaͤltniß kam, wor⸗ in man in England wilde Thiere zu verſchicken pffegt; ſie ſtanden vor demjenigen Theile des Pal⸗ laſtes, wo das Theater liegt. Beym Schluſſe der Probe kamen die Komödianten herunter; die vorzuͤglichſten ſetzten ſich in die beſten Waͤgen, die ſchlechtern in die aͤltern Kutſchen, und die Saͤnger des Chors, ungefaͤhr dreyßig, ſtiegen in —— ich, ht, als bi⸗ an⸗ ſey Dt. en: der ber wa em ſch P, be:. rch ige rs, zes or⸗ ken al⸗ iſſe er;. el, die in — 215— den langen Kaſten und wurden nach ihren Woh⸗ nungen gefahren. Dieſe Waͤgen ſind lediglich zum Gebrauche der Schauſpieler beſtimmt. Nicht weit von der Heremitage, in derſel⸗ ben Linie, iſt der prachtvolle Pallaſt, den Ka⸗ tharina II. fuͤr Gregor Orlow hatte auf⸗ fuͤhren laſſen, und den der vorige Kaiſer dem letzten Koͤnige von Polen zugeſtanden hat; er iſt von grauem ſibiriſchen Marmor erbauet, und mit Pilaſtern und Kolumnen von demſelben Stein von brauner und röthlicher Farbe ge⸗ ſchmuͤckt. Die Balluſtraden der Balkons und die Fenſtereinfaſſungen ſind von reich vergolde⸗ tem Meſſing. Alle prachtvollen Meublen und beweglichen Verzierungen hat man weggebracht, und das ganze Gebaͤude wird von Leuten, die zum Hofe gehören, bewohnt. G Zufolge der von der verwittweten Kaiſerin ertheilten gnaͤdigen Befehle, beſahen wir das unter deren unmittelbarem Schutze ſtehende Da⸗ menſtift. Dieſe kaiſerliche Anſtalt, welche in Europa ihres Gleichen nicht hat, enthielt drey hundert zwey und ſiebenzig junge adliche, und zweyhundert vierzig buͤrgerliche Frauenzimmer. Es befindet ſich unter demſelben Dache noch ein anderes Inſtitut, das den Namen der heiligen Katharina fuͤhret; hierin zaͤhlet man hundert — 216— zwey und achtzig Kinder des geringern Adels. Wenn ſie ſechs Jahr alt ſind, werden ſie auf⸗ genommen. Man unterrichtet die jungen adli⸗ chen Frauenzimmer in der deutſchen, franzo⸗ ſiſchen, italieniſchen Sprache, im Zeichnen, in der Muſik, im Tanzen, in der Geographie, im Sticken, und in jeder andern edlen Arbeit; den Töchtern der Buͤrgerlichen bringt man alles bey, was nur nuͤtzlich iſt, und ſie zu guten Hausfrauen kleiner Kaufleute ausbildet, u. dergl. Man ſiehet bey dem, was ſie lernen, ſehr auf ihr Genie, auf ihre Neigung. Das Gebaͤude gleichet einer großen Stadt; ſonſt bewohnten es die Mönche von Smolnoi, ſie ſind aber ent⸗ fernt worden, um nuͤtzlicheren und liebenswuͤr⸗ digeren Gliedern der Societaͤt einen Wohnort zu gewaͤhren. Im Centro befindet ſich eine große vernachlaͤſſigte Kirche, mit einer Kuppel in der Mitte von vier kleinen Kuppeln, zuſam⸗ men von vergoldetem Kupfer. Dieß Gebaͤude macht in der Stadt ein reſpektables Anſehen. Einige zu dem Inſtitut gehoͤrige Perſonen em⸗ pfiengen Uniform; dieſe wird von allen maͤnnli⸗ chen Bedienten, die zu kaiſerlichen Anſtalten ge⸗ hören, getragen, indem die Regierung militai⸗ riſch iſt. Zuerſt fuͤhrte man uns in die Kuͤche, wo wir das Mittagseſſen koſteten, welches aus — 217— ſehr guter Suppe, gekochtem Fleiſch, Gemuͤßen und Kuchen beſtand. Die jungen Frauenzim⸗ mer werden nach dem Alter in Klaſſen getheilt, und durch braune, blaue, grüne und weiße Anzuͤge unterſchieden. In der erſten Klaſſe wurden wir der Frau von Adlerberg Erxcel⸗ lenz praͤſentirt; ſie ſtehet der ganzen Anſtalt vor, und erſchien mit dem St. Katharinenor⸗ den geſchmuͤckt; eine Dame von großer Schoͤn⸗ heit, die ſich trefflich benimmt; ihre Seele und ihr Charakter offenbarten ſich durch das Laͤcheln und die Blicke von Zuneigung, die ſie aller Or⸗ ten hinbegleiteten, wo wir durch die Klaſſen giengen. Im Krankenzimmer befanden ſich nur drey Patientinnen, die aufs Zaͤrtlichſte von den gehörigen Waͤrterinnen bedient wurden; der Na⸗ me, das Alter, die Krankheit und die Behand⸗ lung derſelben, werden auf eine Tafel, die uͤber ihrem Kopfe an dem Hintertheile des Bet⸗ tes angebracht iſt, bemerkt. Die Schlafzimmer waren außerordentlich rein und ſelbſt ſchoͤn. Ei⸗ nige der kleinen Maͤdchen uͤberraſchten uns durch die Vollkommenheit, wozu ſie es im Zeichnen gebracht hatten. In der zu dem Stifte gehoͤri⸗ gen griechiſchen Kirche wurden wir von dem Prieſter in ſeinem ganzen Ornate begleitet; er zeigte uns einen prachtvollen, mit Juwelen be⸗ —— b b — 218— ſetzten goldenen Kelch, der bey dem Gottesdienſte gebraucht wird; es war dieß eine Arbeit der „verivitkwelen Kaiſerin. Die Sterblichkeit unter den jungen gindern iſt gar nicht groß; im Durchſchnitte ſterben nur jaͤhrlich zwey von achthundert, wofern nicht Kin⸗ der nach den verſchiedenen Vakanzen, die zu⸗ gleich ſtatt haben, aus den Provinzen aufge⸗ nommen werden, welche Krankheiten mitbrin⸗ gen. In der blauen Klaſſe ſahen wir ein Bey⸗ ſpiel von der Veraͤnderlichkeit des Schickſals, an einem kleinen Maͤdchen von ungefaͤhr eilf Jahren, der Prinzeſſin S—, der Enkelin des verſtorbenen Koͤnigs von Polen. Bey der Zer⸗ ſtreuung der Familie blieb ſie in gaͤnzlicher Duͤrf⸗ tigkeit zuruͤck. Ihre Mutter warf den Sohn, im Wahnſinn— eine Folge der Entthronung ihres Vaters— von dem Balkon auf die Straße, und zerſchmetterte ihm das Gehirn. Dieſes Kind einer ungluͤcklichen Familie, ward vom höchſten Elende durch die Menſchlichkeit und das Gefuͤhl der Prinzeſſin Biron, mit de⸗ ren Tochter ſie in dem Damenſtift erzogen wird, gerettet. Die junge Prinzeß Biron, in dem blauen Anzuge ihrer Klaſſe, ſtand in unſerm Beyſeyn ein Examen im Franzoͤſiſchen und im Schreiben aus, und beſtand ganz ungemein gut. 1— 219— In den gruͤnen und weißen Klaſſen, worin ſich die aͤlteſten Frauenzimmer befinden, wurden wir mit einigen ſehr angenehmen ruſſiſchen und fran⸗ zoͤſiſchen Arien und Choͤren, mit Harfenſpiel be⸗ gleitet, unterhalten. In dem St. Katharinen: Inſtitut, unter der Leitung von Madam Bredkoff, einer Dame von gewiſſen Jahren, die außerordentliche Ta⸗ lente und ſehr viel Sanftmuth beſitzt, ereignete ſich folgender kleiner Umſtand, der da beweiſen wird, daß die ruſſiſche Seele, was auch in der Hinſicht geſagt ſeyn mag, des Gefuͤhles und Edelmuthes faͤhig ſey. In dieſe von der ver⸗ wittweten Kaiſerin unterſtuͤtzte Anſtalt, wird ei⸗ ne gewiſſe Anzahl junger Frauenzimmer, ohne Koſten, durch das Ballottement, aufgenommen; andere erhalten indeß, mittelſt Bezahlung einer Penſion, auch Zutritt. Bey der letzten Aufnah⸗ me praͤſentirten ſich zwey kleine Maͤdchen, wo⸗ von die älteſte nicht uͤber zehn Jahr alt war, die Töchter eines Kapitains der Marine, der in Rußland adlich iſt, und Vater einer zahlreichen Familie war; die eine zog einen Gewinn, die andere eine Niete. Obgleich noch ſo jung, wuß⸗ ten ſie, das Schickſal habe auf dieſe Weiſe ihre Trennung beſchloſſen; ſie fuͤhlten dieß und wein⸗ ten. Ein anderes junges Frauenzimmer, an und als ſie die Traurigkeit der beyden Schweſtern wahrnahm, lief ſie, ohne vorher mit ihren Aeltern oder ſonſt mit Jemand Verabredung getroffen zu haben, zu dem ungluͤcklichen kleinen Maͤdchen, ſchenkte ihr das Billet, und ſagte, indem ſie ſie zu der Vorſteherin fuͤhrte:„Sehen Sie, Ma⸗ dam, ich erhielt einen Gewinn, aber mein Va⸗ ter vermag es, die Penſion zu bezahlen, und ich bin uͤberzeugt, er wird dieß auch fuͤr mich thun: ich bitte, laſſen Sie eine andere, die nicht ſo gluͤcklich iſt, des Guten genießen, was mir zu Theil ward.“ Dieſe huͤbſche Anekdote kam ſo⸗ gleich an die verwittwete Kaiſerin; ſie bezeugte hieruͤber die groͤßte Freude, und bezahlte aus ih⸗ rer Kaſſe die Penſion der kleinen Wohlthaͤterin. Es hat ſich eine Idee verbreitet, daß, wenn die Zeit koͤmmt, wo die ſchoͤnen Zoͤglinge das Stift verlaſſen, um auf das große Theater der Welt zu treten, ſo vieljaͤhrige Entfernung davon ſie voͤllig linkiſch macht, und ſie dann eben ſo viel Erſtaunen aͤußerten, als ein Blindgeborner, der plötzlich das Geſicht erhielt. Aber dieſe Be⸗ merkung wird gaͤnzlich durch die gute Erziehung und die feinen Manieren widerlegt, wodurch ſich die jungen Frauenzimmer auszeichnen; man kann noch hinzufuͤgen, daß man ihnen jeden Monat, welches nun die Reihe kam, zog einen Gewinn, oder öfterer, einen öffentlichen glaͤnzenden Ball giebt, der ſtets von der ausgeſuchteſten Geſell⸗ ſchaft, ihren Anverwandten und Freunden, wo⸗ mit ſie ſich bey ſolchen Gelegenheiten ganz frey unterhalten, beſucht wird. An Oſter, und an andern Feſttagen fahren ſie auf Befehl der ver⸗ wittweten Kaiſerin um die Stadt, des Vergnuͤ⸗ gens halber, das Herabglitſchen von den Eishuü⸗ geln mit anzuſehen, ſo wie auch die uͤbrigen Ver⸗ gnuͤgungen, die dieſe Gelegenheit und die Jah⸗ reszeit darbieten. Die verwittwete Kaiſerin macht recht viel daraus, dieſe Anſtalt zu beſuchen, und wenn ſie erſcheint, verſammeln ſich die jungen Frauenzimmer in Menge um ſie her, um ihre Haͤnde zu kuͤſſen, grade als waͤre ſie die Mutter. In andern Laͤndern mag es Anſtalten dieſer Art geben, aber keine von derſelben Groͤße; dort glaubt der Souverain, ſeine Pflicht ſey aufs Voll⸗ kommenſte erfuͤllet, wenn er eine Summe Gel⸗ des zur Unterhaltung anweiſet, ohne auf deſſen Anwendung Acht zu haben, oder ohne das Inſti⸗ tut durch ſeine Gegenwart zu pflegen; hier hin⸗ gegen helfen die verwittwete, die regierende Kai⸗ ſerin und die andern Glieder der kaiſerlichen Fa⸗ milie perſönlich und mit Thaͤtigkeit. Als Madam Bredkoff nach Moskau geſandt wurde, um dort ein dem St. Katharinen⸗Inſtitut aͤhnliches — 222— anzulegen, nahm die verwittwete Kaiſerin in der Abweſenheit ihre Stelle ein, und verſah alle ihre Dienſte. Mit großem Vergnuͤgen erwaͤhne ich hier ei⸗ nes andern Beyſpieles der Freygebigkeit dieſer edelmuͤthigen Fuͤrſtin bey einem Etabliſſement, welches den Namen Marien's Inſtitut fuͤhret; es wird bloß aus ihrer Privatkaſſe erhalten, und koſtet neun tauſend Thaler jaͤhrlich. In dieſem Seminario, das unter der geſchickten Leitung der Madam Lu ky ſtehet, werden ſechs und funfzig Maͤdchen gekleidet, unterhalten, im Franzöͤſi⸗ ſchen, Deutſchen, Ruſſiſchen, in der Arithmetik, im Zeichnen und Sticken unterrichtet. In letz⸗ term haben die jungen Zoͤglinge eine ſolche Voll— kommenheit erreicht, daß die Staatskleider der kaiſerlichen Familie haͤuſig von ihnen verfertigt werden. Im achtzehnten Jahre erhalten die ſchoͤ⸗ nen Eleven gute Stellen in wohlhabenden Fami⸗ lien, oder verheirathen ſich, wenn ihnen eine Ausſteuer als Geſchenk zu Theil wird. Die zu der Aufnahme erforderliche Qualifikation einer Schulerin beſtehet nicht darin, daß ſie Freunde, die ſich fuͤr ſie intereſſiren, haben ſollte, ſondern vielmehr, daß ſie arm und ohne Freunde iſt. Das Ganze hatte das Anſehen einer großen, wohlerzogenen und gluͤcklichen Familie. Wird ————, ͤͤ ———ÿy— 8———— ☛—, — = 223— das Geld eines Reiches auf ſolche Weiſe ver⸗ wandt, ſo iſt dieß grade, als wenn die Sonne die Ausduͤnſtungen der Erde an ſich ziehet, um ſie in erfriſchendem Thau und Regen wieder zu⸗ ruͤckzugeben. Mittelſt derſelben gnaͤdgen Ordre der ver, wittweten Kaiſerin erhielten wir den Zutritt zu dem Findelhauſe, einem der groͤßten und ſchön⸗ ſten Gebaͤude der Hauptſtadt. In dieß Inſtitut werden ſechs tauſend Kinder— Kinder der un: ehre und des Elendes— aufgenommen, und ge⸗ ſchuͤtzt. Eine erhabene Idee! Wir wollen nun unterſuchen, in wie fern dieſer große und wohl⸗ thaͤtige Zweck erreicht wird. Die Kinder ſind nach ihrem Alter in Klaſſen getheilt. In dem erſten Zimmer befanden ſich verſchiedene kleine 4 Geſchoͤpfe, die ein, zwey, drey, vier Tage vorherin dem Zimmer der Verſchwiegenheit zuruͤckgelaſſen waren, wo eine ungluͤckliche Mutter des Nachts, wenn es die Natur geſtattet, klingelt, das Kind dem Thuͤrhuͤter uͤbergiebt, ein Billet, worauf ſich deſſen Nummer befindet, dafuͤr empfaͤngt, und in Todesangſt wieder weggehet. In einem großen Zimmer fanden wir Ammen, die Kinder ſaͤugten; das Reſultat unſerer Erkundigung, wobey ich einer ſehr geſcheiden Frau viel verdanke, die ſelbſt Mut⸗ ter war, und uns begleitete, gieng dahin, daß, = 224— obgleich die Ammen gewöhnlich von Chirurgen unterſuchte Bauerfrauen waren, und auf ihre Erlaubniß Baͤder nahmen, ſo zeigten doch viele die Wirkung unbeſiegbarer Gewohnheit, naͤmlich aͤußerſt ſchmuzig zu ſeyn, ungeachtet der groͤßten Sorgfalt und Aufmerkſamkeit, ſie rein zu erhal⸗ ten, und da von manchen ihre eigenen Kinder ſieben Monate vorher, bey ſchlechter Nahrung, ge⸗ ſtillet waren, ſo hatten ſie weder beſonders gute, noch viel Milch; letzteres bewieß auch das magere und ungeſunde Anſehen der Saͤuglinge. Die Schwierigkeit, eine angemeſſene Anzahl Ammen zu erhalten, iſt in der That groß, und mit einer hinreichenden Menge Milch, iſt es ganz unmoͤglich. Die Sterblichkeit iſt ſehr groß: von zwey tauſend fuͤnf hundert Kindern, die vergangenes Jahr auf⸗ genommen wurden, ſtarben fuͤnf hundert! Der Schluß iſt deutlich: Waͤhrend daß der Grundſatz, wonach dieſer Zufluchtsort angelegt iſt, die Aus⸗ ſchweifung befoͤrdert, iſt deſſen Einrichtung und Oekonomie der Bevoͤlkerung nicht zutraͤglich.*) Waͤre .) Jede menſchliche Einrichtung hat ihre Maͤngelz nur darauf kommt es an, daß das beabſichtigte Gute die Oberhand behalte. Hier iſt z. B. un⸗ läugbar, daß alle Urſachen zum Abortiren, ſo viel moͤglich, weggeraͤumt werden. In Ruͤckſicht der dem Inſtitute vorgeworfenen großen Mortali⸗ tät = 227= Waͤre die Anſtalt nach einem kl einern Maaß⸗ ſtabe unternommen, ſo koͤnnte ſie wol dem Zwecke entſprechen; aber ſo groß, ſcheint ſie durch einen zu weiten Schritt uͤber die Abſicht hinauszugehen, und der Meynung Gewicht zu geben, als werde die Sache der Menſchheit und der Politik wirk⸗ ſamer befördert, wenn dem Kindermorde nichts, als die Natuͤr und die Geſetze, entgegengeſtellet wuͤrden. Mehrere Male waren wir veranlaßt, die Bemerkung zu machen, daß die Knaben kein ſo geſundes Anſehen, als die Maͤdchen, hatten; dieß kann man dem beymeſſen, daß ihre Arbeit tät der Kinder, ſo iſts ja bekaant, daß ſie in den erſten Jahren am meiſten herrſcht. Eben ſo fal⸗ len bey dieſer Einrichtung die Beſchwerden, die bey den Kinderkrankheiten in duͤrftigen Familien ſo haͤufig ſtatt haben, weg. Ueberhaupt ſcheint es unbegreiflich, wie man es in einer ſo großen und luxurioͤſen Hauptſtadt in ſeiner Gewalt ha⸗ ben will, alle Ausſchweifungen zu verhuͤten. Der Regent thut alles, wenn er die ſchaͤdlichen Folgen derſelben, ſo viel möͤglich, zu verhindern, ja ſie ſelbſt, ſo weit es thunlich iſt, zum Wohl des Staats zu benutzen ſucht, und dieß ſcheint hier der Fall zu ſeyn, ob es gleich vielleicht zweck⸗ maͤßiger ſeyn moͤchte, dieſe große Anſtalt in meh⸗ rere kleine aͤhnliche zu vertheilen. Anmerk. des Ueberſ. 2r Theil. 15 226— laͤnger dauert und ſchwerer iſt; in der That, acht Stunden zu arbeiten iſt zu viel fuͤr Knaben von zartem Alter. Die Gaͤrten ſind ſehr groß: wir waren dort Zeugen eines Vergnuͤgens, das die jungen Ruſſen am meiſten lieben. Eine breite flache Bohle, ungefaͤhr acht Fuß lang, ward im Mittelpunkt uͤber eine andere von derſelben Ge⸗ ſtalt und Groͤße gelegt; ein Maͤdchen von vier⸗ zehn bis funfzehn Jahren ſtand an der einen Seite am Nande, und zwey kleinere befanden ſich an dem entgegengeſetzten Ende, die, indem ſie abwechſelnd auf⸗ und abſprangen, einander fuͤnf oder ſechs Fuß hinaufſchleuterten, und dann mit ungemeiner Geſchicklichkeit und Feſtigkeit her⸗ abſtiegen. Jemand von unſerer Geſellſchaft ver⸗ ſuchte an dieſem Zeitvertreibe Theil zu nehmen, haͤtte aber beynahe den Hals dabey gebrochen. Wir erblickten aus den Fenſtern des Findelhau⸗ ſes, in einem abgeſonderten Theile der Stadt, die Spitze eines Privathauſes, zu Niederkuͤnften be⸗ ſtimmt, worein nur Patientinnen und Ammen Zutritt haben, und alle Dienſte der Zaͤrtlichkeit und Menſchlichkeit ohne Nachfragen oder weitere Erkundigungen geleiſtet werden. Ich war ſo gluͤcklich, mich grade in Peters⸗ burg waͤhrend der großen Veranlaſſungen zur Nationalfroͤhlichkeit aufzuhalten, naͤmlich an dem —— 3 — 227— Namenstage der verwittweten Kaiſerin, und bey der Verheirathung einer ihrer Töchter, der Groß⸗ fuͤſtin Maria, einer ſchoͤnen und liebenswuͤrdi⸗ gen Prinzeſſin von ungefäͤhr ſiebenzehn Jahren mit dem Erbprinzen von Sachſen⸗Weimar. Der Wunſch der verwittweten Kaiſerin gieng dahin, beydes moͤchte an demſelben Tage gefoyert wer⸗ den. Dieſer Heirath war ſtete Aufmerkſamkeit und Zäͤrtlichkeit die Zeit hindurch vorausgegan⸗ gen, welche ſich der Prinz bey der verwittweten Kaiſerin aufhielt, die mit Shakes peare weiſe dachte: ** Marriage is a matter of more worth Than to be dealt in by attorneyship. For what is wedlock forced, but a hell; An age of discord, and continual strife? Whereas the contrary brings forth bliſs, And is a pattern of celestial peace.“ (Viel zu erhaben iſt die Ehe für die Ein⸗ miſchung eines Anwalds; was iſt gezwungene Heirath? eine Hoͤlle, ein Jahrhundert von Un, einigkeit, ein ewiger Streit. Aber das Gegen⸗ theil gewaͤhrt Heil, und iſt ein Muſter des himm⸗ liſchen Friedens.) Den dritten Auguſt begab ich mich, in Ge⸗ ſellſchaft meiner Freunde, nach dem Winterpallaſte; = 228— der vaſte Platz davor war mit Kutſchen bedeckt; bey unſerer Ankunft giengen wir die große mar⸗ morne Treppe hinauf, durch eine Reihe pracht⸗ voller Zimmer, nach dem Appartement der frem⸗ den Miniſter, die koſtbar gekleidet waren. Da⸗ ſelbſt befand ſich auch die Frau des brittiſchen Geſandten, die in ihrem Anzuge und in ihrer Perſon Großbrittanien Ehre machte. Alle Zim⸗ mer waren mit Leuten in vollem Galla außer⸗ ordentlich angefuͤllet, und ungefaͤhr um ein Uhr gieng eine Proceſſion von dem Zimmer der ver⸗ wittweten Kaiſerin aus; nach einer langen Reihe von Marſchaͤllen und Staatsdienern, die im Glanz ihrer Bekleidungen mit einander wetteiferten, er⸗ ſehien der Kaiſer in einer ſimplen Uniform, und fuͤhrte die verwittwete Kaiſerin bey der Hand; die regierende gieng in einem prachtvollen An⸗ zuge mit Diamanten bedeckt an ſeiner Seite Cerſtere hat ſtets den Vorrang vor der letztern, nach einem von Paul erlaſſenen Ukas); hierauf folgte die ſchoͤne Großfuͤrſtin zwiſchen dem Erb⸗ prinzen von Weimar und dem Großfuͤrſten Kon⸗ ſtantin, in einem Glanze von Juwelen: auf ihrem Haupte trug ſie eine diamantene Krone; ihre Schultern bedeckte eine lange Robe von kar⸗ moiſinenem Sammt mit Zobel beſetzt, wovon die Schleppe von einigen Leuten von hohem ——— = 229— kt. Stande getragen ward, und am Buſen hatte ar⸗ ſie ein koſtbares Bonquet von Blumen von Dia⸗ cht⸗ manten. Hierauf folgte die uͤbrige kaiſerliche em⸗ Familie, und ein Zug von Herren und Damen Da⸗ vom Stande beſchloß das Ganze. Als ſie durch hen das Gartenzimmer giengen, wo in einer Linie rer ein Detaſchement gigantiſcher Garden ſtand, — war es luſtig zu ſehen, wie dieſe Koloſſe ihren zer⸗ ſteifen Backenbart mit Vergnuͤgen aufrolleten, ahr als ihr Kaiſer durchgieng. Sobald der Zug in ver⸗ die griechiſche Kirche in dem Pallaſte trat, ſtimm⸗ ihe ten die Prieſter und das Chor einen Hochgeſang anz an: das junge Paar ſtand auf einem Stucke er: Scharlach mit Gold geſtickt, wäͤhrend zwey und Staatsbediente eine Krone uͤber jedem von ih⸗ nd; ren Haͤuptern hielten; dieſer Theil der Ceremo⸗ An, nie wird bey den gemeinſten Ruſſen beobachtet; eite dann gieng das Paar dreymal vor den Altar; en, beyde hielten zwey angezundete Wachskerzen; auf ſie wechſelten die Ninge, und tranken dreymal rb⸗ aus einem fuͤr das heilige Abendmahl beſtimm⸗ on— ten Kelche, worauf ſie der Metropolitan ermahn⸗ auf ee; als er aufgehoͤrt hatte, gruͤßte die Braut ne; den Erzbiſchof nebſt ihrer Familie, und der Zug ear⸗ gieng wieder zuruͤck. Beym Schluſſe der Cere⸗ von monie ſtieg eine Rakete von der Terraſſe von dem Granit in der Fronte des Pallaſts gegen die ——— = 230 ·= Newa, wo dann Kanonenſchuͤſſe die gluͤcklichen Neuigkeiten dem Volke bekannt machten. Unge⸗ faͤhr zwey Stunden nachher ward ein prachtvol⸗ les Mahl fuͤr den ganzen Hof in dem großen Marmorſaale aufgetragen; dieß Zimmer iſt nach meinen Schritten zwey hundert funfzig Fuß lang und vierzig Fuß hoch, und hat ge⸗ wolbte Gallerieu zur Bequemlichkeit der Zuſchauer an dem Ende und an der Seite, den Fenſtern gegenuͤber: die kaiſerliche Tafel war mit golde⸗ nen Vaſen, voll der ſeltenſten Blumen, mit Py⸗ ramiden von Ananas, und mit den ſchoͤnſten elegant arangirten Fruͤchten bedeckt. Bald nach⸗ her, als ſich der Adel an den Tiſchen niederge⸗ laſſen hatte, die mit jeder Art Delikateſſen be⸗ deckt waren, erhob der Großceremonienmeiſter ein Gefluͤſter, worauf ſogleich eine große Stille erfolgte, die Fluͤgelthuͤren ſich öffneten, und die kaiſerliche Familie hinein trat, begleitet mit einem Gefolge von Staatsbeamten, und ihre Stellen einnahm; die reich angezogenen Pagen, wovon jeder auf der rechten Hand eine Serviette hatte, warteten bey dem kaiſerlichen Mittagsmahle auf: eine ſchoͤne Bande Muſiker ſpielte, und vorzuͤg⸗ liche Saͤnger ſangen die ausgeſuchteſten Arien, die man indeß, der Groͤße des Zimmers und der vielen Kanonenſchuͤſſe halber, nicht dentlich hoͤrte. — — 231— Als der Kaiſer aufſtand und auf das Gluͤck des jungen Paars aus einem goldenen Gefaͤße trank, ſo kamen, wenn ich mich nicht irre, Thraͤnen aus den Augen der ſchönen Braut. Waͤhrend des Eſſens ließ einer der Pagen, indem er zu ſchnell war, etwas Suppe auf ihre Robe fallen, welches ſie unter einem aͤußerſt gnaͤdigen Laͤcheln bemerkte. In dem großen Zimmer befanden ſich mehrere Laufer, die das Privilegium haben, zu jeder Zeit und an allen Orten ihre Helme und Federn zu tragen. Mit vieler Schwierig⸗ keit kamen wir wieder zu unſerm Wagen, durch die Zimmer zuruͤck, welche mit Koͤchen angefuͤllet waren, ſo wie auch mit einer großen Menge Ma⸗ troſen in ihren beſten Kleidungen, die bey dieſer Gelegenheit Dienſte als Kuͤchenjungen thaten. Als wir in unſerm Hotel bey Tiſche ſaßen, ſchickte uns der engliſche Ambaſſadeur eine Note, der Kaiſer habe halb ſechs Uhr des Abends zu unſerer Vorſtellung bey Hofe, ehe der Ball an⸗ gienge, feſtgeſetzt; man ſagte uns, daß dieſe Ehre zu einer ſolchen Zeit und bey dieſer Gelegenheit gegen die eingefuͤhrte Hofetiquette und deshalb deſto ſchmeichelhafter ſey. Kurz vorher, ehe die kaiſerliche Familie erſchien, verließ der Adel das Zimmer, wo die Praͤſentation ſtatt finden ſollte; die Namen nnſerer Geſellſchaft, die aus ſechs — 232— Perſonen beſtand, wurden dem Kaiſer vom Gra⸗ fen Sheremetow, der uns praͤſentirte, uͤber⸗ bracht. Als ſich die Fluͤgelthuͤren öffneten, begann ein dem des Morgens aͤhnlicher Zug; wie der Kaiſer ſich uns naͤherte, hielt das Ganze ſtill, und der Graf, der jeden bey ſeinem Namen nannte, praͤſentirte uns dem Kaiſer, der verwitt⸗ weten Kaiſerin und der Kaiſerin, die uns aͤußerſt 1 gnaͤdig aufnahmen. Ein italieniſcher Edelmann, der mit uns vorgeſtellet ward, fiel vor dem Kai⸗ ſer nieder, und ſuchte die Knie deſſelben zu um⸗ faſſen, wogegen der Kaiſer mit einem Blicke zu⸗ ruͤcktrat, der da zu verſtehen gab, wie wenig einer maͤnnlichen edlen Seele dergleichen Unterwuͤrfig⸗ keit gefallen konnte. Nach dieſer Ceremonie gieng die Proceſſion, der wir folgten, nach dem St. Georgs Saal; dieſes prachwvolle Zimmer, reicher, aber nicht ſo groß, als das von Potemkin, iſt gaͤnzlich mit verſchiedenartigem, couleurten Golde vergoldet, und durch eine Menge reich vergoldeter Luſtres erleuchtet: an jeder Seite waren Galle⸗ rien mit einer großen Menge Zuſchauern; an bey⸗ den Seiten des großen Einganges befanden ſich zwey ungeheuere Spiegel, die ſich uͤber zwey aus⸗ geſucht ſchoͤnen Statuen von Alabaſter erhoben, und zuletzt ſtand der Thron, zu dem man auf einer Treppe hinauf gieng. 3 ☛ 8& 8☛ W A ++ X2 — — 233— Kaum war die kaiſerliche Familie hereinge⸗ treten, ſo ward eine ſchoͤne Polonaiſe geſpielet, die eher eine Promenade, als ein Tanz war, indem das Wetter fuͤr dieſen zu warm war. Der Kai⸗ ſer fuͤhrte die Braut; die uͤbrigen der kaiſer⸗ lichen Familie und des Hofes betrugen ungefaͤhr vierzig Paare. Dieß Vergnuͤgen dauerte eine Stunde; kurz vorher, ehe es ſich endigte, ward ich durch die Guͤte der Madam B— in das Zimmer der Braut und des Braͤutigams gefuͤhrt. Dem Bette gegenuͤber, unter Glasdeckeln, befan⸗ den ſich die Juwelen der Braut und ein goldenes Service, welches ihr die erhabene Familie ver⸗ ehrt hatte, ſo wie ein goldenes Salzfaß, das ein Brod und Salz enthielt; nach ruſſiſcher Sitte, ſchenkte die verwittwete Kaiſerin dieß ihrer Tochter am Abende der Heyrath, grade ehe ſie ſich auskleidete: es ſoll dieß ihre Wuͤnſche ausdruͤcken, daß, da die Verbindung zwiſchen der Mutter und dem Kinde durch die Heyrath au ſgelöſet iſt, ihr nie die Beauuticheeiten des Lebens abgehen moͤgen. Ich fand dort ein Prachtbett, die Nacht: kleider der Prinzeſſin lagen auf einem Stuhle rechter Hand, und die Pantoffeln des Prinzen ſtan⸗ den auf der linken Seite. Was fuͤr ein ſonder⸗ bares Land! die Poſtillione reiten an der un⸗ rechten Seite, und die Ehemaͤnner ſchlafen an der linken Seite; letztere Bemerkung ward indeß eben ſo bald widerlegt, als gemacht: es ſtimmt naͤmlich nicht mit der Wuͤrde des Reiches uͤberein, daß irgend ein Fuͤrſt ſich an der rechten Seite einer Großfuͤrſtin von Rußland befinden ſoll. Hymen hatte die Kerzen mit ſeiner Fackel an⸗ gezuͤndet, und eine Geſellſchaft froͤhlicher junger Maͤdchen, die weiß gekleidet und mit Blumen geſchmuͤckt waren, wartete, um die gluͤckliche Braut zu empfangen. Des Abends war die Stadt prachtvoll er⸗ erleuchtet; das Haus des brittiſchen Ambaſſadeurs erſchien in einem Glanze und in einer Schönheit 1 ohne Gleichen. Als wir die Newa nach dem Abendeſſen hinauffuhren, gewaͤhrte es uns un⸗ gemein viel Vergnuͤgen, die ganze Fortreſſe bis an den Nand des Waſſers erleuchtet zu erblicken; es bot mir dieß das ſchönſte und ein voͤllig neues Schauſpiel dar. Unſere Bootsleute ergötz⸗ ten uns mit einem Geſange, deſſen Wirkung deſto ſtaͤrker war, indem zwey Tambourins aufs Ge⸗ rathewohl dazu geſchlagen wurden. Des Abends nach der Vermaͤhlung begab ſich die kaiſerliche Familie nach der Oper, wo das Theater außer⸗ ordentlich ſchoͤn illuminirt war, und die Hof⸗ dekorationen gezeigt wurden, vwelche Proben der & Q Z& 8—,„, — ¶. — = 235= ſchoͤnſten Dekoratiosmalerey darſtellen, die ich je geſehen habe. Als der Kaiſer aus ſeiner Loge gehen wollte, gruͤßte ihn das Volk mit dem enthuſiaſtiſchſtem Beyfall, der ihn aufs Siehtzarſer ruͤhrte. Achtzehntes Kapitel. Das Aepfelfeſt.— Hundetöoͤdter.— Ein Mittel gegen Betruͤgerey.— Feſte von Peterhof.— Hornmuſik.— Deutſches Theater.— Reiſe nach Kronſtadt.— Geſaͤngniß.— Militair⸗ Strafe.— Das Wirthshaus.— DOranien⸗ baum.— Die fliegenden Berge.— Der Werth eines blutigen Bartes.— Feſtigkeit. Den ſechſten Auguſt a. St. beginnet das Aepfel⸗ feſt, wobey ſich die gemeinen Ruſſen haͤufig ſol⸗ chen Ausſchweifungen uͤberlaſſen, daß der Tod die Folge der Unmaͤßigkeit iſt. Um dieſe Zeit gehen die Hundetoͤdter, Furnantſchiks genannt, umher, und bringen alle Hunde um, die nicht durch ein Halsband, das den Namen des Herrn enthaͤlt, geſchuͤtzt ſind. Dieſe, dem Anſcheine nach grauſame, Maaßregel iſt aͤußerſt nothwen⸗ — 236— dig; einige Winter vorher, ehe dieſe Einrich⸗ tung getroffen wurde, verſammlete ſich eine An⸗ zahl wilder und gefraͤßiger Hunde in der dun⸗ keln Gegend, welche die Admiralitaͤt umgiebt, und hatte des Nachts Voruͤbergehende angefallen und zerriſſen. 3 Da ſich die Zeit zu meiner Abreiſe von Petersburg naͤherte, ſo ſchickte ich mein erſtes Avertiſſement, worin mein Name, Alter, und mein Gewerbe angegeben waren, an das Bu⸗ reau der kaiſerlichen Zeitung; hierin mußte es dreymal abgedruckt werden, ehe ich den Befehl fuͤr die Poſtpferde erhalten konnte, ohne welchen man nicht abreiſen kann. Die Abſicht hiebey gehet dahin, Leute, die in Schulden ſtecken, vom Weggehen abzuhalten, indem die Glaͤubi⸗ ger zeitig Nachricht bekommen; hat Jemand große Eile, ſo kann er doch abreiſen, wenn zwey angeſehene Hausvaͤter in dem gehoͤrigen ureau alles, was er ſchuldig ſeyn mag, zu bezahlen ſich anheiſchig machen. Ein Fremder kann einen Monat nach Verlauf der erſten Be⸗ kanntmachung dort noch bleiben; haͤlt er ſich aber laͤnger auf, ſo muß er ſeine Abreiſe von neuem in die Zeitungen ſetzen laſſen. Gleich nach der Vermaͤhlung begab ſich der Hof nach Peterhof, einem Luſtſchloſſe, ungefaͤhr dreyßig 3 —— eͤ e e —————³ x⏑—˙—2 — 237— Werſte von der Reſidenz, an den Kuͤſten des Meerbuſens von Cronſtadt, welches von le Blonde erbauet iſt, wo ein prachtvoller Ball und eine Illumination, der Vermaͤhlung zu Ehren, ſtatt hatten; hierbey war faſt ganz Petersburg gegenwaͤrtig. Als wir in einer mehrere Meilen langen Reihe von Kutſchen, die mit vier Pferden ne⸗ ben einander und zweyen davor beſpannt waren, fortfuhren, gieng unſer Weg bey einem kleinen, aber merkwuͤrdigen Wirthshauſe vorbey, unge⸗ faͤhr acht Werſte von Petersburg, das Krasnoi Cabac, d. i. die rothe Schenke, genannt wird. Hier war es, wo die verſtorbene Kaiſerin ſtill hielt, als ſie gegen ihren Gemahl gieng; ſie ſchlief hier eine kurze Zeit auf den Kleidern ih⸗ rer Officiere in einem kleinen Zimmer. Von ih⸗ rer enthuſiaſtiſchen und intimen Freundin, der Fuͤrſtin Dashkoff unterſtuͤtzt, ſchrieb ſie hier eine große Menge Briefe. Wir paſſirten auch bey der heiligen Dreyeinigkeits⸗Heremitage des St. Sergius, einem kleinen Kloſter von vier⸗ eckigen Kloͤſtern umgeben, das eine Kirche und drey Kapellen hatte, vorbey. Indem Gebaͤude iſt nichts Bemerkungswerthes. Ein wenig weiter erblick⸗ ten wir den Pallaſt Strelna, ein großes Ge⸗ baͤude von Backſteinen mit Stucko uͤberzogen; — 238— er iſt auf Saͤulen gebauet und mit ſich ſchlaͤn⸗ gelnden Holzungen und Gaͤngen umgeben, und gehoͤrt dem Großfuͤrſten Konſtantin. V Bey unſerer Ankunft fanden wir die Zim⸗ mer, welche in einem Styl von altem Glanz aufgeputzt und herrlich erleuchtet waren, mit Leu⸗ ten von allen Staͤnden in ihren ſchoͤnſten Kleidun⸗ gen angefuͤllet; das Ganze glich einer ungemein vollen Masquerade, wobey Vieles von dem Ko⸗ ſtum des Reiches ſi chtbar wurde. Hauptſaͤchlich fielen mir die Frauen der baͤrtigen Kaufleute auf, die geſchminkt waren, und einen Kopfputz von Mouslin trugen, der einem Zuckerhute aͤhnlich ſah, ganz mit großen Perlen beſetzt, womit ſie auch ihre Kleider, ſo wie ihre Laͤtze geputzt hatten. Die Illuminationen waren uͤber alles ſchoͤn; vor dem Pallaſte fiel eine Kaskade uͤber Lampen von mancherley Farben, die eine außerordentliche Wirkung thaten, in einen großen Teich hinab, der das Anſehen hatte, als ſtaͤnde er in einem flam⸗ menden Lichte, ſeitwaͤrts und im Centro warfen Gruppen von Statuen Saͤulen von Waſſer weit in die Höhe; ein mehr als eine Meile langer Ka⸗ nal, an deſſen Seiten man verſchiedenfarbige Lampen wahrnahm, eine Glorie am Ende, und die kaiſerlichen Jachten, die an dem ganzen Rumpf, an den Maſten und am Tauwerk erleuchtet wa⸗ —y— 8228SASS — 10 24—9 2— — 239— l ren, und ſich in einiger Entfernung von dem Meere befanden, dieß zuſammen gewaͤhrte einen herrlichen Anblick. Jeder Zugang, und jeder Theil dieſer großen Gaͤrten, ſtand in Flammen. An einem ſtillen Orte befand ſich ein großer Baum von Kupfer und Blumen von demſelben Metalle, nach der Natur gemalt, und wo von jedem Blatte Waſſer hinab troͤpfelte, und eine aͤußerſt huͤbſche Wirkung that. In einem andern Theile der Gaͤrten hoͤrten wir die beruͤhmte Hornmuſik. Jeder Muſiker vermag nur einen einzigen Ton auf ſeinem Inſtrumente hervorzubringen, folglich muß es eine ſehr große Geſchicklichkeit und Auf⸗ merkſamkeit erfordern, um ein Conzert zu ſpie⸗ len. In einer kleinen Entfernun g war die Wir⸗ kung aͤußerſt angenehm. Die Hornmuſik fehlt bey den Hochzeiten von einiger Bedeutung nie. In Rußland werden Heirathen gewoͤhnlich mittelſt einer dritten Perſon geſchloſſen. Waͤh⸗ rend der Kindheit der Tochter beſtimmen die El⸗ tern ihr einen Mann, ein Frauenzimmer, ihre beyderſeitige Freundin, wird an denſelben mit Vorſchlaͤgen abgeſchickt: werden ſie angenommen, ſo erhaͤlt die ſchoͤne Unterhaͤndlerin, der Sitte gemaͤß, einen Pelz von ihm zum Geſchenk. Viele der geringern, gegen ihre Wuͤnſche verheyrathe⸗ ten Nuſſen(und dieß iſt haͤufig der Fall), ma⸗ — 240— chen ſich kein Gewiſſen daraus, ihre Frauen zu einem Feſte, wie das vorherbeſchriebene, mit zu nehmen, und dann andern um einen Preiß zu uͤberlaſſen. In einer Ecke des großen Saals, im Centro des Pallaſtes, erblickte ich den Hof von Georgien, der aus dem Fuͤrſten, zweyen Prinzeſſinnen und dem Gefolge beſtand. Der Fuͤrſt war gezwungen, ſein Land, eine Provinz von Aſien, die ſonſt an Perſien und die Tuͤrkey gehoͤrte, an das ruſſiſche Reich abzutreten, wofur er eine Penſion erhaͤlt. Ich nahm gar keine Spuren von cirkaſſiſcher Schönheit an den Prinzeſſinnen wahr; die eine war alt, korpulent und einfach, die andere blaß. hohläugig und mager; der Fuͤrſt hatte ein ſehh ſchönes und edles Anſehen. In einem der Zimmer befanden ſich vier be⸗ ruͤhmte Gemälde, von Hackert auf Befehl des Grafen Alexis Orlow gemalt, die den Sieg der ruſſiſchen Flotte uͤber die vom Kapitain Paſcha angefuͤhrte turkiſche vorſtellt, den ſich jener, wie ich ſchon erwaͤhnt, mit Unrecht zuſchreibt. Als der Maler bemerkte, nie ein Schiff brennen ge⸗ ſehen zu haben, befahl Orlow, ein ruſſiſches Linienſchiff von vier und ſiebenzig Kanonen ſolle ausgeraͤumt und dann verbrannt werden, um ihn in ——j = 241— in Stand zu ſetzen, den Gegenſtand mit mehr Treue auszufuͤhren. Nachdem die kaiſerliche Familie, die von Juwelen ſtrotzte, mehrere Polonaiſen getanzt, wobey die Kaiſerin von einem kleinen tuͤrkiſch ge— kleideten Zwerge begleitet ward, ſtieg ſie in ihre Lanika's— offene Gartenwaͤgen— und fuhr in den Gaͤrten umher; hierauf ließ ſie ſich unter einer Decke zu einem koſtbaren Abendeſſen nieder, an der Ecke des einen Fluͤgels des Pallaſts; hie⸗ bey hatte ich die Ehre gegenwaͤrtig zu ſeyn. Den Gaͤſten wurde von ungefaͤhr zweyhundert Bedien⸗ ten in voller kaiſerlicher Lipree aufgewartet. Um fuͤnf Uhr kehrten wir ſehr zufrieden nach Peters⸗ burg zuruͤck. Die Haͤuſer und Gaͤrten an den beyden Seiten des Weges nach Peterhof ſind ſehr ſchoͤn. Da ich etwas ermuͤdet war, ſo freuete ich mich, einen Theil des Tages auszuruhen. Des Abends begab ich mich ins deutſche Theater, hin⸗ ter Lanskoy's Palais, das jetzt zu der Masque⸗ rade dient. Es war duͤſter und ſchlecht erleuch⸗ tet, mittelſt eines kleinen runden Luſtre, der von oben herabgelaſſen ward, und einer ſonderbaren transparenten Uhr im Centro des Kranzleiſtens uͤber der Buͤhne. Das Kanapee der kaiſer⸗ lichen Loge war mit ſchwarz⸗ dunkelgruͤnen Fe⸗ 2r Theil. 16 — 242— dern bedeckt, und hatte ein wahres leichenhaftes Anſehen. Es ward Pizarro, oder, wie man es nennt, Rolla's Tod, aufgefuͤhret. Wenn der alte blinde Soldat auf das Theater kam, und die ganze Zeit, die er darauf verweilte, hört⸗ man die entfernte Schlacht, welches eine herr⸗ liche Wirkung that. In allen den treuen Nach⸗ ahmungen der Natur bey den Dekorationen, die zu einer großen Wirkung ſo unumgaͤnglich noth⸗ wendig ſind, haben die Theater auf dem feſten Lande bey weitem den Vorzug. Der groͤßte Schauſpieler unſerer Zeit, Kemble, hat bey Gelegenheit, daß er die verſchiedenen Laͤnder Europens beſuchte, die Richtigkeit dieſer Bemer⸗ kung auch gefunden, und wendet in England Alles an, um dieß Mangelhafte zu verbeſ⸗ ſern. Den folgenden Morgen fuͤhrte unſere Geſell⸗ ſchaft den ſchon lange entworfenen Plan aus, nach Cronſtadt zu fahren, nachdem wir uns vor⸗ her Empfehlungsſchreiben an einige angeſehene Perſonen auf der Inſel hatten geben laſſen. Der Tag war ungemein ſchoͤn; nachdem wir vor einigen Landhaͤuſern vorbey gekommen, wovon eins einen laͤndlichen Sitz in Geſtalt eines Erd⸗ ſchwammes vor ſich hatte, verließen wir um eilf Uhr bey einem kleinen engliſchen Wirthshauſe in dem unſe bur. gege acht ſteh⸗ Mei Seit jung war auf geha um vera dig rufen zuſan es, Revr den in e noch Vera digen Bort verla erhal = 243— dem Dorfe, wo das Schloß Oranienbaum det unſere Waͤgen, ungefaͤhr 35 Werſte von Peters⸗ burg, und begaben uns nach dem dem Schloſſe gegenuͤber gelegenen Kanal, mietheten dort ein achtruderigtes Boot, welches uns acht Rubel zu ſtehen kam, und fuhren nach der ſieben bis acht Meilen von der Kuͤſte entfernten Inſel. An den Seiten des Kanals badeten ſi ch Mannsleute und junge Frauensperſonen: das Waſſer des Golphs war ſo friſch, wie das der Newa. Wir wurden auf dem Quay der Kaufleute bey Cronſtadt an⸗ gehalten; ein junger ruſſiſcher Officier fragte uns um die Namen, er ward uns ſehr laͤſtig; dieß veranlaßte einen jungen Deutſchen, der ungedul⸗ dig zu werden anfieng, aufzuſpringen und auszu⸗ rufen:„Was T= haͤlt uns der kleine Ruſſe zuſammen fuͤr Spione?“ An dieſem Fleck war es, wie ich nachher hoͤrte, wo Peter III. in der Revolution, welche der Kaiſerin Kat harina den alleinigen Beſitz des Thrones verſicherte, ſich in einer Jacht voll geſchreckter Frauenzimmer, noch mehr erſchrocken, als dieſe, zeigte; und auf Veranlaſſung des tapfern und verehrungswuͤr⸗ digen Generals Muͤnich, der gleichfalls am Bord war, in Cronſtadt eingelaſſen zu werden verlangte; haͤtte der ungluͤckliche Monarch dieß erhalten⸗ ſo wuͤrden die Angelegenheiten wol 1 * — 244— ſchnell eine andere Wendung haben nehmen koͤn⸗ nen.„Wer ſind Sie?“ rief die Schildwach. „ Ich bin euer Kaiſer.“—„Wir haben keinen Kaiſer, wenn Sie nicht abfahren, ſo werden wir Ihr Fahrzeug zerſtoͤren; war die Antwort. „Springen Sie mit mir ans Land, rief der treue loyale Gudowitch; man wird nicht auf Sie feuern!“ Der ſchwache unentſchloſſene Mo⸗ narch kehrte nach Oranienbaum zuruͤck und ward bald entthront. Endlich erhielten wir Erlaub⸗ niß zu landen. Cronſtadt, eins der geſundeſten Flecke Rußlands, empfieng ſeinen Namen von Peter dem Großen; es bedeutet Krone der neuen Stadt, und hat eine Laͤnge von ſieben Werſten. Deſſen Bevoͤlkerung, einen jaͤhrlichen Ueberſchlag der Fremden mit eingerechnet, betraͤgt ſechſig tauſend Seelen. An der ſuͤdlichen Seite derſelben liegt eine kleine Inſel, die Cronslot heißt. Schiffe, die tiefer als acht Fuß im Waſ⸗ ſer gehen, muͤſſen ihre Ladungen in Cronſtadt ausladen, die dann in Lichtern nach Petersburg geſandt werden. Die Stadt iſt eine Werſt lang und ſehr gut ausgetrocknet durch die talentvolle Auſtrengung des Commodore Greig; man findet dort meh⸗ rere Kirchen und darunter eine engliſche, das Zollhaus, nebſt einigen andern oͤffentlichen Ge⸗ — 247— baͤuden. Nachdem wir ein gutes Mittagse eſſen im Wirthshauſe beſtellet, deſſen Aeußeres mit der vorzuͤglichen Bewirthung im Widerſpruch ſtand, gaben wir unſere Briefe ab, und ein ungemein einſichtsvoller Mann begleitete uns in die Stadt. Auf den ſehr großen und mit Granit eingefaßten Werften ſahen wir verſchiedene Schiffe, vorzuͤglich eins, das ein Englaͤnder erbauet hatte, welchem die Ruſſen den Vorzug gaben. In den Straßen begegneten wir mehrern Gruppen Miſſethaͤter, die von den öffentlichen Arbeiten nach ihren Woh⸗ nungen zuruͤckkehrten, ſchlecht gekleidet waren, und ſchwere Ketten trugen. Viele derſelben hat⸗ ten eiſerne Halsbaͤnder mit langen Griffen um den Nacken; dieſe Ungluͤcklichen erhalten ſchwar⸗ zes Brod, Waſſer, und einen halben Kopeken taͤglich. In den Freyſtunden verfertigen ſie Do⸗ ſen und andere nüuͤtzliche Sachen; durch den hier⸗ aus zu ziehenden Gewinn erleichtern ſie ſich dann ihren Zuſtand etwas. Die Nacht ſchlief ich in einem Privathauſe, worin der Bediente ein geſcheider, kleiner, ver⸗ unſtalteter Grieche war; Kopf und Körper hat⸗ ten die gewöhnliche Groͤße, ſeine Beine und Schenkel waren nicht hoͤher, als die eines Kin⸗ des, wodurch er dann das Anſehen eines Man⸗ nes erhielt, der auf Rollen lief. Dieſer Zwerg — 246— war ein lebendiges Monument des Stolzes, der uͤber die Trunkenheit den Sieg davon traͤgt, ſo wie ein Gift oft das Gegengift eines andern iſt; da man ihn haͤufig betrunken geſehen hatte, ſo pflegten ihn die Matroſen und Einwohner auf⸗ zuziehen; dieß fuͤhlte er dann und aͤnderte ſeine Lebensweiſe. Dieß Haus, ſo wie jedes andere in Rußland, war warlich gaſtfreundſchaftlich, und wurde von einigen ſehr wilden Hunden bewacht, welche die Ruſſen beſonders fuͤrchten. Den folgenden Morgen beſuchten wir die Quays der Kriegs; und Kauffartheyſchiffe, die eben wie die Kanaͤle mit Granit eingefaßt, und nach einem Plan angelegt ſind, den man uns, als von Peter dem Großen herruͤhrend, zeigte. Unter den Kriegsſchiffen befand ſich eins, das groͤßte, welches ich je geſehen habe, auf hun⸗ dert und vierzig Kanonen gebohrt; es uͤbertraf alle uͤbrigen Schiffe der ruſſiſchen Marine an Groͤße; der Große und des Bruches halber, die ſich an ihm beym vom Stapel Laufen zeigte, iſt es zum Dienſt unbrauchbar. Es iſt ſo plump, daß eine Stunde zur Wendung erfordert wird. Eine kleine Strecke aus der Stadt ſahen wir ein Gefaͤngniß fuͤr Kriminalverbrecher, wel⸗ ches nicht abſcheulicher ſeyn konnte. Es beſtand aus einem oblongen Viereck von hoͤlzernen Haͤu⸗ „ der , ſo ndern hatte, auf⸗ ſeine re in und hacht, die die und uns, eigte. das hun⸗ rtraf e an lber, eigte, ump, vird. ahen wel⸗ tand Haͤu⸗ — 2 47— ſern auf Pfeilern gebauet, und mit einer hohen hölzernen Mauer umgeben, und ſchien nicht ein⸗ mal fuͤr das allerſchlechteſte Thier paſſend zu ſeyn. Als wir uͤber eine Ebene giengen, fan⸗ den wir ſie eine große Strecke hindurch mit Nu⸗ then bedeckt, die, nach naͤherer Erkundigung, zur Züchtigung der Soldaten gebraucht worden waren. Wir kehrten nach Oranienbaum zuruͤck, und beſahen den Pallaſt, ſo wie auch die Gaͤr⸗ ten. Erſterer ward von dem Fuͤrſten Menchi⸗ koff im Jahre 1727 zu ſeiner eigenen Reſidenz erbauet, nach deſſen Fall er an die Krone kam. Er iſt auf Terraſſen gebauet, und beſtehet aus einem kleinen mittlern Gebaͤude von zwey Stock⸗ werken, und zwey großen, mittelſt Kollonaden verbundenen Fluͤgeln: letztere ſind mit einem Gitter bedeckt, und bilden im Sommer einen ſchönen Spaziergang. Die Zimmer ſind ſehr huͤbſch und bequem; eins iſt mit einem duͤnnen, blaßlilla und weißſeidenem Zeuge ausgeſchla⸗ gen und canelirt; auf aͤhnliche Weiſe iſt auch das Dach beſchaffen, und that eine ſchoͤne Wir⸗ kung. Am Ende der Fluͤgel beſinden ſich zwey Thuͤrme, in einem eine griechiſche Kirche und in dem andern ein Muſeum von chineſiſchem Porcellain. Der ungluͤckliche Peter III. bauete — 248= hier eine lutheriſche Kapelle, wo er, nebſt ſeinen holſteiniſchen Truppen, zu beten pflegte, ſtatt in die griechiſche Kirche zu gehen; dieß gab der vo⸗ rigen Kaiſerin eine furchtbare Waffe in die Haͤnde.— In den Gaͤrten ſahen wir die beruͤhmten fliegenden Berge, ein großes Ganzes von drey ſich ſtufenweiſe vermindernden hölzernen Anhoͤhen, auf backſteinernen Boͤgen ruhend, welche von der Terraſſe eines hohen und geraͤumigen Pa⸗ villons anfangen, und bis auf den Boden hin⸗ untergehen; von der Spitze bis in die Tiefe dieſes ſonderbaren Baues befinden ſich parallel laufende Ninnen, worin Triumphbögen, die auf Rollen laufen, ſtehen; wenn die Perſon, welche dieß Vergnuͤgen genießen will, bereit iſt, wird der Bogen losgelaſſen, und laͤuft mit einer ſol⸗ chen Schnelligkeit hinunter, daß er dadurch uͤber die auf einander folgenden Huͤgel hinab⸗ faͤhrt. Dieß kaiſerliche Spielzeug iſt mit einer offnen Kollonade umgeben, die mehr als eine halbe Meile im Umfange hat, auf deren Ter⸗ raſſe einige tauſend Zuſchauer Platz haben. Das Ganze iſt vernachlaͤſſigt und im Verfall. Bey dieſem Flecke wuchs die Liebe, welche die Kai⸗ ſerin gegen den Grafen Orlow hegte, indem er ihr das Leben rettete; ihr Wagen war durch O = 249= Zufall aus einer der Rinnen gekommen, und lief mit ungemeiner Schnelligkeit hinunter, als der herkuliſch⸗ ſtarke Graf ihn im Lauſe aufhielt, und hierbey den Arm brach, wofuͤr dann das blaue Band eine der angebrachten Bandagen war. 1 In einem andern Theile der Gaͤrten, der tief im Walde lag, zeigte man uns einen klei⸗ nen, einſam gelegenen Pallaſt; er enthielt eine Reihe Zimmer an der Erde; die Kaiſerin hatte ihn erbanet, und an Eteganz und Geſchmack uͤbertraf er Alles, was ich geſehen habe. Ein Zimmer war mit kleinen Gemaͤlden weiblicher Koͤpfe in Rahmen behangen, die auf das Aus⸗ geſuchteſte die Fortſchritte der Liebe von der Hoff⸗ nung zur Begeiſterung darſtelleten. Alle Sta⸗ tuen, Gemaͤlde und Verzierungen waren darauf berechnet, dieſe herrliche Flamme zu entzuͤnden und zu naͤhren.. In der Nachbarſchaft hatte man Laͤger fuͤr dreyßigtauſend Mann zu den jaͤhrlichen Reyvuen aufgeſchlagen, und es hielt ſchwer, Betten zu erhalten; unſere Bedienten, welche von den Wirthen fuͤr nichts mehr, als Schweine und Huͤhnervieh angeſehen wurden, mochten auf der Flur fuͤr ſich ſelbſt ſorgen. Nach unſerer An⸗ kunft in der Hauptſtadt begaben wir uns in das = 2o= Lager, um den erſten Manoeuvres beyzuwoh⸗ nen, die aber fruͤh Worgens kontremandirt wa⸗ ren: hier ſahen wir eine Scene, die ich nicht unberuͤhrt laſſe, da ſie den geringen Ruſſen ei⸗ nigermaßen charakteriſirt. Jvan, einer der Kutſcher unſerer Geſellſchaft, ein außerſt ernſt⸗ hafter und ehrwuͤrdig ausſehender Mann, mit einem ſehr langen ſchoͤnen Barte, fand ſich dar⸗ uͤber beleidigt, was die Bedienten, ein Deut⸗ ſcher und ein Pole, Namens David und Ro⸗ minski geſagt hatten, die hinter dem erſten Wagen ſtanden, worin ich mich mit Andern be⸗ fand; Ivan hatte ſich ſchon fruͤh Morgens ſehr muͤrriſch bezeigt— etwas ganz Ungewöhn⸗ liches bey den Ruſſen— jetzt erwiederte er ih⸗ ren Scherz, indem er die Deichſel ſeines Wa⸗ gens gegen die Fuͤße der Bedienten zu fahren ſuchte, die, uͤber ſein Benehmen erzuͤrnt, hin⸗ unter ſprangen, und ſich bemuͤheten, ihn zu faſſen; dieſer pruͤgelte ſie aber tuͤchtig von dem Kutſchbocke: endlich gelang es indeß dem Polen, der den Ruſſen von Natur haſſet, ihn von ſei⸗ nem Sitze herunterzureiſſen;; er wand ſeine Haa— re um die Hand, ſchlug ihm ein Bein unter, warf den armen Ivan an die Erde, und hieb in dieſer Stellung den Kutſcher mit ſeiner eige⸗ nen Peitſche, unter dem Ausruf:„er ſoll es uA 271—r doch erfahren, daß ich ein Pole bin!“ Vielleicht mag die Entthronung des Königs Poniatowsky zu dem Haſſe der beyden Nationen mit Veran⸗ laſſung geben. Als Jvan die Strafe ausge⸗ ſtanden hatte, und er ſich wieder auf den Bei⸗ nen befand, zeigte es ſich, daß er bey dem Herabfallen auf die Erde ſeine Naſe durch einen Stein verletzt hatte, die daher blutete. Ivan kannte den Werth dieſes Zufalles, ſuchte jeden Tropfen Blut zu ſparen, und indem er es ſich auf den Bart ausbreiten und dick werden ließ, erhob er ein abſcheuliches Geſchrey, und brachte bey einem großen Piket doniſcher Koſacken ſeine Klage an, das uns zuſammen arretirte, und einen Kammeraden an ihren Oberſten mit dem Bericht von dem, was ſich innerhalb zugetragen, abſandte; die darauf ertheilte Antwort war dieſe, daß er ſich in die Sache nicht miſchen wolle, und wenn Unrecht geſchehen waͤre, dieß in der er⸗ ſten Stadt zu unterſuchen und zu beſtrafen ſey. Ivan, uͤbrigens ein ſehr gewandter Kerl, hatte ſich in der Abweſenheit des Koſacken auf dem Bo⸗ den niedergelegt, und ahmte ziemlich natuͤrlich die heſtigſten Schmerzen eines Sterbenden nach: ſo⸗ bald er aber die Antwort vernahm und bemerkte, daß wir ohne ihn wegfahren wuͤrden, war das Todesſchrecken nicht mehr bey ihm, ſondern er — 252— ſprang cugenblicklich auf den Bock, und er hatte ne ein beſſeres Anſehen und fuhr auch nie raſcher, als jetzt, bis wir in die Stadt Peterhof kamen, welche, da ſich eben der Hof auf dem Schloſſe befand, ſehr populoͤs war, hier fieng er ein abſcheuliches Geſchrey an, zerriß ſein Haar, zeigte den blutigen Bart, und rief den Policeybedienten, um uns zu arreti⸗ ren und ihm Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen. In Kurzem wurden wir von großen Haufen um⸗ geben; die Policeybedienten, welche hörten, wir ſeyen Englaͤnder, hoͤrten den Klaͤger, ſchienen aber keine Neigung zu haben, uns aufzuhalten; es ge⸗ ſchah daher der Vorſchlag, in den Gaͤrten des Pallaſtes auszuruhen, und in einem der abgele⸗ genen Theile das kalte Eſſen zu genießen, was wir bey uns hatten. Als wir aus der Kutſche ſtiegen, fluͤſterte unſer Kutſcher Ivan etwas zu, der mit einem liſtigen Blick unſerm Bedienten ſagte, daß, wenn wir ihm fuͤnf und zwanzig Rubel gaͤben, er die Angelegenheit freundſchaft⸗ lich beylegen wolle. Dieß verweigerten wir aus zwey Gruͤnden; erſtlich, weil er ſein Schickſal verdienet hatte; und angenommen, es komme ihm auch einiger Erſatz zu, ſo waren doch funf und zwanzig Nubel zu viel, indem man uns in Cron⸗ ſtadt ſagte, mit drey und zwanzig ſey der Ver⸗ luſt eines Anges bezahlt. — x⏑ = 253= Ruhig ſetzten wir uns zu Tiſche an einem herrlichen, gegen die Sonne ſchoͤn beſchatteten Flecke; waͤhrend wir uns am Eſſen labten, naͤ⸗ herte ſich ein zerlumpter, kleiner Junge, dem wir etwas Fleiſch anboten; ob er gleich halb verhungert ausſah, ſo konnten wir ihn nicht be⸗ wegen, es anzuruͤhren, da es Faſttag war. In einem der Guͤnge begegneten wir einer Dame von Stande, von einer Zwergin begleitet, die außerordentlich haͤßlich, mißgeſtaltet, und ſo wie eine Schaͤferin an ihrem Hochzeittage gekleidet war. Waͤhrend wir uns pflegten, machte Jvan von ſeiner Zeit den beſten Gebrauch bey der Wache und den Policeybedienten; als wir wie⸗ der einſteigen und fortfahren wollten, ward der Schlagbaum niedergelaſſen, und unſern Pferden hielt man die Bajonette entgegen; wir ſtiegen hierauf aus, und begaben uns, begleitet von einem großen Haufen Wache und Policeybedienten, nach der Wohnung des Unter⸗Policeymeiſters, der in ſeiner Stube, im Hemde, einem im Winkel haͤngenden Heiligen etwas auf der Geige vorſpiel⸗ te; dieſer Mann redete uns deutſch an, worauf einer der Geſellſchaft, ſelbſt ein Deutſcher, ant. wortete, waͤhrend Jvan ſein Blut zeigte, aber nicht verſtand, was geſprochen ward. Im Laufe der Unterhaltung bemerkte die obrigkeitliche Per⸗ — 274— 1 ſon:„daß der Kutſcher gepeitſcht zu werden verdiente; wann wir ihn zu Gallerte geſchla⸗ gen haͤtten, doch ſo, daß kein Blut erfolgt waͤre, ſo wuͤrde Alles gut gegangen ſeyn; aber— nach einer langen Pauſe ſagte er gut aufgereimt: wir ſollten nicht laͤnger aufgehalten werden; und gebot dem zu Folge den Soldaten, uns gehen zu laſſen. Nichts gieng über die Traurigkeit des armen Ivans, als er den Ausgang der Klage vernahm: beym nachherigen Weiterfahren hielt er bey jeder Schenke, um ſich durch Brantwein ſchadlos zu halten. Neunzehntes hpne — * Die Newa ſchwiller an.— Akademie der Wiſſen⸗ ſchaften.— Die Revue.— Das Kadetten⸗ korps.— Pelze.— Zareko Zelo.— Eine an⸗ dere Buͤſte des brittiſchen Demoſthenes, nicht an ihrem Orte.— Ggrahmählet fuͤr Hunde.— Kaiſerlicher Spaß. Gatſchina.— Pau⸗ lowsky.— Feſttage zu Ehren eines Lieblings⸗ hriligen.— Mehrere Zwerge. Karz vorher, ehe ich Petersburg verließ, fuͤrch⸗ teten die Einwohner eine ſchreckliche Ueberſchwem⸗ ͤ A — 255— mung der Newa, indem der Wind ſo ſtark aus Suͤdweſten bließ, wodurch das Waſſer des finni⸗ ſchen Meerbuſens gegen den Fluß getrieben, und der Strom verhindert wurde, ſeine gerade Rich⸗ tung zu nehmen. Man feuerte die Kanonen der Admiralitaͤt ab, und des Abends wurden vier Fackeln auf dem Kirchthurm angezuͤndet; dieß iſt die gewoͤhnliche Warnung bey ſolchen Gele⸗ genheiten, um fuͤr Perſonen und Eigenthum Sorgfalt zu tragen; eine allgemeine Beſtuͤrzung verbreitete ſich in der ganzen Stadt. Ungefaͤhr um acht Uhr Abends ſtand ein Theil des Galee⸗ renhofs fuͤnf Fuß unter Waſſer, und die Bruͤcken der Pontons hoben ſich ſo hoch, daß die Breter, wodurch ſie mit den Kuͤſten verbunden waren, ei⸗ ne furchtbare Steile darboten, uͤber welche Waͤ⸗ gen jeder Art durch außerordentliche Geſchicklich⸗ keit und Kraft der Fuhrleute gebracht wurden. Um dieſe faſt perpendikulaͤren Hoͤhen zu erklim⸗ men, ſetzten ſie in einer bedeutenden Entfernung die Pferde durch Schlaͤge in vollen Gallop, auch befindet ſie ch alsdann ſtets eine große Anzahl Sol⸗ daten und Policeybeamten auf den Bruͤcken, um Ungluͤcksfaͤlle abzuwenden; ſie laufen hintennach, ſchieben den Wagen fort, oder ſuchen ihn zu ret⸗ ten, daß er nicht zerſchmettert werde, indem er die Hoͤhe nicht zu erreichen vermag. Gluͤcklicher⸗ ————————— — 255— weiſe geſchah indeß, ungeachtet aller Furcht, gar kein Schade. Durch die Veraͤnderung war unſere Geſell⸗ ſchaft im Stande, die Akademie der Wiſſenſchaf⸗ ten zu beſehen, ein ſchoͤnes Gebaͤude, das auf der noͤrdlichen Seite der Newa in Waſſili⸗Oſtrow liegt. Nachdem wir durch die Bibliothek gegan⸗ gen, deren dumpfige Mauern von oben ſchwach erleuchtet waren, und wo ſich nur einige tarta⸗ riſche Manuſcripte befinden, die die Aufmerkſam⸗ keit des Fremden verdienen, traten wir in das Naturalienkabinet. Man findet hier verſchiedene Theile des menſchlichen Koͤrpers, Abortus⸗ Fötuſſe von der erſten Befruchtung bis zur vollkommnen Geburt; Monſtres von Thieren und Menſchen in Spiritus. Die Haut des Heiducken oder Lieb⸗ lingsbedienten Peter des Großen, iſt hier uͤber ein hoͤlzernes Bild von ſeiner Größe gezo⸗ gen; hiernach muß der Mann ſechs und einen halben Fuß hoch geweſen ſeyn, und eine faſt eben ſo dicke Haut, als ein Rhinoceros gehabt ha⸗ ben. In der Gallerie oben beſinden ſich ein lapplaͤndiſcher Hundeſchlitten; die Kleider eines ſiberiſchen Zauberers, ſie beſtehen hauptſaͤchlich aus einer Menge eiſerner Ringe und Glocken; mehrere Geſchenke von dem furchtloſen und unnternehmenden Kapitain Cook, und man⸗ nich⸗ 2,= nichfaltige ausgeſtopfte Vögel und Quadrupe⸗ den. In dem Zimmer Peters des Großen befand ſich, in vollem Anzuge, deſſen Wachsfigur in Lebensgroͤße, uͤber ſechs Fuß hoch, die ihm in Anſehung der Geſtalt und des Geſichts glich; auf einem daneben ſtehenden Tiſche ſahen wir ſeinen von einer Kugel bey Pultawa durchbohrten Hut, deſſen Beinkleider und Struͤmpfe. In einem andern Zimmer befanden ſich ſeine Drech⸗ ſelmaſchinen, womit er ſich zu zerſtreuen pflegte; Schenktiſche, worauf metallene Teller lagen, die er mit erhabener Arbeit verzieret, und Loffel und Schuͤſſeln, die er gedrechſelt hatte; kurz, alle Neugierde, welche die groͤßten Kleinigkeiten eines großen Mannes erwecken, iſt hier durch ihre Menge vernichtet. Man ſiehet in jedem öffent⸗ lichen Garten oder Gebaͤude eine Anzahl ſeiner Kleider, Waffen oder Kuͤchengeraͤthe: wuͤrde der zwanzigſte Theil davon verbrannt, ſo haͤtte das Uebrige einen deſto hoͤhern Werth. Wie ſonder⸗ bar iſt es, daß ein mit uns zugleich lebendes Genie unſre Aufmerkſamkeit nie in dem Maaße auf ſich ziehet, als jenes, welches nicht mehr exiſtirt! Wenn ich einen großen Mann betrachte, ſo kehret das Auge des Verſtandes die Geſetze des Sehens um, indem es den Gegenſtand in dem Verhaͤltniſſe vergroͤßert, worin es davon ent⸗ 2† Theil. 17 ———————,——— = 278— fernt iſt. Im unterſten Stockwerke beftndet ſich ein aͤußerſt ſonderbares Schreibepult, von Roent⸗ gen; Katharina hat es der Akademie zum Geſchenk gemacht, und mit fuͤnf und zwanzig tauſend Rubeln bezahlt. Wenn man eine Feder anruͤhret, ſo fliegen mehrere Auszuͤge heraus, ein Schreibepult ſtellet ſich dar, und Kaſten fuͤr Briefe und Papiere entſtehen. Ein Theil des Maſchinenwerkes kann ſo aufgeſtellet werden, daß, wenn es Jemand wagen wollte, einen von den verborgenen Behaͤltern anzuruͤhren, die zum Gelde oder zu geheimen Papieren beſtimmt ſind, von einem ſchoͤnen Tone uͤberraſcht ſeyn wuͤrde, der dem Eigenthuͤmer gehoͤrig Nachricht gaͤbe. Man ſagte uns, in der Akademie waͤren Mond⸗ ſteine oder Bloͤcke von natuͤrlichem Eiſen zu ſehen, die, nach der Muthmaſung der Gelehrten, aus dem Vulkan irgend eines Planeten ausgeworfen ſeyn ſollen: ſie wuͤrden uns nicht gezeigt; man trifft mehrere dieſer Erſcheinungdn in verſchiede⸗ nen Theen Rußlands an. Es ſcheint gegen die Geſetze der Gravitation zu laufen, daß ſich ein einziger Atom von ſeinem Planesen verirren koͤnne. Neben der Akademie beftndet ſich ein Pavil⸗ lon, der den Gottorpiſchen Globus, von eilf Fuß im Diameter, enthaͤlt. An dem innern Ge⸗ 3 Il⸗ he⸗ 279— wölbe deſſelben befinden ſich die Sternbilder, und er kann mehrere Perſonen enthalten; da einige Damen von unſerer Geſellſchaft hinein⸗ giengen, ſo erhielten wir, indem der Aufſeher den Globus um ſeine Axe drehete, auf eine ſinn⸗ lichere Art einen Begriff von der Veuigung der Himmelskoͤrper. Des Abends nach der Oper fuhr ich, nebſt meinen Freunden, nach dem Lager, und wir brachten einen Theil der Nacht im Wagen zu, um bey der Revue gegenwaͤrtig zu ſeyn, die den Tag darauf um acht Uhr anfieng. Nachdem wir ein gutes Fruͤhſtuͤck in einer Koſackenhuͤtte eingenom⸗ men, begaben wir uns an den Fleck. Die Ma⸗ noeuvres fiengen in einem ungefähr drey Meilen weit entfernten Dorfe an, wo eine ſtarke Kano⸗ nate erfolgte. Die ſtreitenden Armeen, jede von funfzehn tauſend Mann, die eine vom Kaiſer, die andere vom General— angefuͤhrt, ſetzten ſich in einem großen Thale in Bewegung, und machten innerhalb einer halben Meile von ein⸗ ander Halt; es fieng ein entſetzliches Artillerie⸗ feuer an, und dieß dauerte die ganze Zeit in einer Entfernung von fuͤnf bis ſechs Meilen fort. Hier endigten ſich die Manoeuvres dieſes Tages, und wir kehrten nach Hauſe zu einem iten Mittagseſſen zuruͤck. — 260— Es war nun der zweyte September n. St., und der Sommer nahm jetzt ſehr ſchnell ab: die Lampen erſetzten nur ſchwach das Licht, wel⸗ ches, wenige Tage vorher, dem Abend den Cha⸗ rakter eines milden Mittags gab. Ein ſehr großes Vergnuͤgen gewaͤhrte es uns, auf beſondern Befehl, eine Pflanzſchule der kuͤnftigen Helden, die das zweyte kaiſerliche Kadet⸗ tenkops heißet, zu beſehen; hierin werden ſieben hundert Kinder zum Kriege, auf Koſten des Rei⸗ ches, erzogen und unterhalten. Der Gouverneur, ein Mann von großem Stande, und mehrere bey dem Inſtitut Angeſtellete, begleiteten uns durch die verſchiedenen Klaſſen. Jedes Kind gehet dort ſeiner Religion nach, und man hat in der Abſicht unter demſelben Dache eine lutheriſche und eine griechiſche Kirche errichtet; dieſe iſt ungemein huͤbſch. Die Schlafzimmer, ſo wie auch alle uͤbrigen Theile des Etabliſſements, wa⸗ ren aͤußerſt reinlich und gut eingerichtet; jeder der Schuͤler hat ſein eigenes Bett. In den Zimmern, wo ſich die Vorraͤthe befanden, ſahen wir die Waͤſche und die Kleidungsſtuͤcke eines jeden Knaben huͤbſch zuſammen gelegt, und deſ⸗ ſen Name war auf einer Tafel daruͤber be⸗ merkt. An einer der Thuͤren fanden wir, daß einige dieſer Miniaturſoldaten die Wachen ab⸗ St., ab: — 261— löſeten. In den Klaſſen lehrt man Mathema⸗ tik, Feuerwerkskunſt, Planzeichnen, Franzoͤſiſch, Deutſch, Ruſſiſch, Fechten und Tanzen, ſo wie auch jede andere Wiſſenſchaft und was ſonſt den Sol⸗ daten und den anſtaͤndigen Weltmann auszubilden vermag. Beym Mittagseſſen, welches halb eins aufgetragen wird, waren wir gegenwaͤrtig. Das Speiſezimmer iſt zwey hundert Fuß lang, und vierzig Fuß breit. An einem Tiſche befanden ſich ſtets zwey und zwanzig junge Leute; jeder hatte Suppe und einen Teller mit Fleiſch, eine ſilberne Gabel und Meſſer, eine Serviette und ein Stuͤck Brod: und an jedem Ende ſtanden zwey große ſilbernen Becher mit dem beſten Quaß angefuͤllet; dreymal die Woche erhalten ſie vier nahrhafte Gerichte, und drey an den uͤbrigen Tagen. Nachdem alle junge Leute in gehöriger Ordnung aus ihren verſchiedenen Klaſſen wegmarſchiert waren, erſchienen ſie, ihre Hauptleute an der Spitze, an den Thuͤren des Eßſaals; als die Trommel ge⸗ ruͤhrt wurde, giengen ſie langſam an ihre Tiſche und bildeten drey Kompagnien, jede von zwey hundert: die Fuͤſilier⸗ Kompagnie, die aus Sol⸗ datenſoͤhnen beſtand, aß erſt nachher; wie man die Trommel zum zweytenmal hoͤrte, machten ſie Halt, ſtellten ſich einander gegenuͤber und ſetzten ſich nieder; ihr Eſſen ſchien zuſammen ſehr gut — 262— zu ſeyn; ihre Uniform war dunkelgrun und roth aufgeſchlagen. Sie mußten eine beſonders gute Erziehung erhalten haben, wie man dieß aus ihrem Anſtand und ihrer Höflichkeit bey Tiſche abnehmen konnte, die Kuͤchen fuͤr die Suppe, fuͤr die Braten u. ſ. w. waren ungemein reinlich, ob wir ſie gleich, ſo wie das Mittagseſſen aufge⸗ tragen war, beſahen. Es giebt hier noch meh⸗ rere Kadettenkorps, die eben ſo fuͤrſtlich eingerich⸗ tet ſind, und dem Fremden eine hohe Idee von dem Reichthum und dem patriotiſchen Geiſte des Reiches geben. Ein Reiſender ſollte Petersburg nicht ver⸗ laſſen, ohne die Juwelen und das Pelzwerk in einem ſehr ſchoͤnen Gebaͤude auf der großen Per⸗ ſpektive geſehen zu haben: hier findet man alle Uhren, die vergoldeten und bronzenen Verzierun⸗ gen des St. Michaelspallaſts aufbewahrt, die zu⸗ ſammen ſehr ſchoͤn ſind; ſo wie ganze Balluſtra⸗ den und Tiſche von Silber. Unter den Juwe⸗ len geſielen mir mehrere herrliche Uhren unge⸗ mein; aunf der umgekehrten Seite befanden ſich einige kleine Figuren, mehrere ſo vorgeſtellet, daß ſie angelten und Fiſche hinaufzogen; andere wie ſie Fleiſch kochten, Wiegen hin und her dre⸗ heten; auf einigen wurden kleine Glaskaskaden in Bewegung geſetzt. In großer Menge ſahen — 263— wir dort prachtvolle Schnupftobacksdoſen, Ster⸗ ne u. ſ. w. mit Diamanten beſetzt, die zu kai⸗ ſerlichen Geſchenken beſtimmt waren. In den untern Zimmern befand ſich die Sammlung von Peltereyen, wo wir mehrere aus den kleinen Ruͤckenſtuͤcken des ſchwarzen Fuchſes gemachte Pelze ſahen, wovon jeder auf zehn tauſend Pfund Sterling geſchaͤtzt wird. Dieß Thier, das in Sibirien zu Hauſe gehört, iſt ſo ſelten und ſo klein, daß einer dieſer Pelze erſt in zehn Jahren fertig werden kann; und die verſchiedenen Nationen uͤberreichen ſie dann dem Kaiſer ſtatt des Geldes. Sie dienen ge⸗ wöhnlich als Geſchenke bey großen Gelegenheiten fuͤr gekroönte Häupter. Es giebt dort auch ſchoͤne Sammlungen von Zobeln und andern Peltereyen, wovon man jaͤhrlich viele ver⸗ kauft. Da ich der Abgaben erwaͤhnt habe, ſo mag es ganz paſſend ſeyn, hier zu bemerken, daß die kaiſerlichen Einnahmen hauptſächlich erhoben wer⸗ den mittelſt der Kopfſteuer, der Abgaben von Ex⸗ und Importen, des Gewinnes aus der Muͤnze, der Salzacciſe, aus den Kron, und Kirchenlaͤnde⸗ reyen, dem Verkaufe geiſtiger Getraͤnke, aus den Poſtbureaus und den Poſtfuhren. Hauseigen⸗ thuͤmer, Eingeborne oder Fremde, bezahlen ſtatt — 264— aller andern Abgaben, und um ſich von der un⸗ angenehmen Laſt, Soldaten zu unterhalten, zu befreyen, der ſie ſich ſonſt unterwerfen mußten, ein halbes Procent von dem Werthe des Hauſes, und eine Grundſteuer von jeder Quadratklaf⸗ ter, die nach den Lokalvortheilen verſchie⸗ den iſt. 1 Ich konnte von Petersburg nicht abreiſen, ohne Zarsko Selo, das ſchoͤnſte Luſtſchloß, unge⸗ faͤhr vier und zwanzig Werſte von der Haupt⸗ ſtadt, geſehen zu haben. Der Eingang dahin fuͤhret durch ein Holz, unter einem hohen Bogen eines kuͤnſtlichen Felſens, und daruͤber befindet ſich ein chineſiſcher Wachtthurm; hierauf kamen wir vor der chineſiſchen Stadt vorbey, wo ſich das ungeheuere kaiſerliche Gebaͤude von drey Stockwerken, tauſend zwey hundert Fuß lang, uns praͤſentirte. Katharina I. ließ es erbauen, Eliſabeth verzieren und plump vergolden, und die vorige Kaiſerin ſehr verſchonern und in einem neuern Geſchmack einrichten. Unter den vielen Zimmern, die in dem Styl alter Größe aufge⸗ putzt ſind, befindet ſich das große Zimmer, wel⸗ ches gaͤnzlich mit Bernſtein austapeziret iſt; Friedrich I. machte Peter dem Großen hiemit ein Geſchenk; der Bernſtein ward indeß erſt unter der Regierung von El iſabeth auf⸗ , * . „ — A—-n+ 8—. ⏑—,f d geſtellet. Eins dieſer Stuͤcke zeigte mit rohen Buchſtaben, mittelſt der Adern, das Jahr, worin es geſchenkt wurde. Die von Katharina aufgeputzten und ver⸗ zierten Zimmer beweiſen den hoͤchſten Geſchmack und wie wenig man die Koſten dabey geſcheuet habe: der Fußboden des einen Zimmers iſt mit Perlmutter ſo ausgelegt, daß mannichfaltige Blumen und ſchoͤne Figuren dargeſtellet ſind; am meiſten ergöͤtzten mich aber die beyden beruͤhmten ganz glaͤſernen Stu⸗ ben, die ihrer Neuheit und Schönheit halber alle Beſchreibung uͤbertreffen. Die Seiten und Decken dieſer Zimmer waren aus dicken Glasſtuͤcken, von ungefaͤhr einem Quadratfuß, weißlich und hellblau gebildet, durch ſchöne meſſingene, reich vergoldete Rahmen mit einander verbunden. In der Mitte, auf Glasſtufen, erhob ſich ein Divan, woruͤber man einen ſehr großen Spiegel wahr⸗ nahm, und an jeder Seite duͤnne Pfeiler von hellblauem Glaſe, die ein ſchoͤnes Kanapee tru⸗ gen. Hinter dem Spiegel befand ſich ein reiches Staatsbett. Sogar Thuͤren, Sophas, und Stuͤhle waren von gefaͤrbtem Glaſe, von elegan⸗ ter Form und ſehr leicht. Aus den Zimmern kamen wir auf eine ſehr große Terraſſe unter einer Kolonnade, und be⸗ gaben uns in die Bäder, dauernde Monumente — 266— von dem Geſchmacke des kaiſerlichen Architekten, Herrn Cameron. Sie enthalten eine Reihe von prachtvollen Zimmern, wovon eines ganz von den ſchönſten Agaten und Porphyr zuſam⸗ mengeſetzt iſt; in dieſem Saal findet man zwey Stücke in Moſaik, die ſchönſten, die ich je ge⸗ ſehen habe. Nicht weit von den Baͤdern zeigt ſich eine große Terraſſe auf Bögen, mit einer ſehr langen bedeckten Gallerie in der Mitte, die zu jeder Zeit entweder eine kuͤhle, oder gegen rauhes Wetter geſicherte Promenade darzubieten im Stande iſt. Auf dieſer Terraſſe ſtehet eine bedeutende Zahl ſchoͤner Buͤſten von ausgezeich⸗ neten Maͤnnern; unter andern ſah ich auch eine Kopie von der des Herrn Fox, in Bronze, die an der linken Seite von Cicero ſtand. Als ich den Kopf dieſes beruͤhmten Redners be⸗ trachtete, proteſtirte ich heimlich gegen ſeine Stelle, und ſuchte ihm ſeinen wahren Platz zu geben, als ein erſchreckter Bedienter und deſſen Begleiter auf mich zuliefen und verhinderten, daß ich dieſe Handlung der Geretznigkei voll⸗ brachte. In den Gaͤrten, die ſehr groh. und mit ungemein vielem Geſchmacke von dem verſtorbe: nen und dem jetzigen Herrn Buſch, Vater und Sohn, angelegt ſind, denen die Sorge fuͤr dieſe — — 267 ee⸗ Gaͤrten und Treibhaͤuſer anvertrauet wurde, ſa⸗ hen wir die Heremitage, in deren erſtem Stock⸗ werke die verſtorbene Kaiſerin und eine auser⸗ waͤhlte Geſellſchaft ihrer Freunde ohne Bedien⸗ ten zu ſpeiſen pflegte; zu dieſer Abſicht hatte ſie einen Tiſch mit großen Koſten verfertigen laſſen, woran ein aͤußerſt komplicirtes Maſchinenwerk angebracht war, mittelſt deſſen das Gedeck hin⸗ abgieng, und ſich durch eine große centrale Fall⸗ thuͤr wieder in die Hoͤhe hob, ſo wie dieß mit den Tellern, mittelſt Cylindern, der Fall war. Auf. ſolche Weiſe wurde die Geſellſchaft mit allen De⸗ likateſſen verſehen, ohne daß man ſie ſah oder hörte. Das ganze Maſchinenwerk unten nahm ein großes Zimmer ein, und veranlaßte mich zuerſt zu glauben, ich ſey unter der Buͤhne eines Theaters; es war dieß ein anderes Spielzeug von Katharina. Als wir durch die Gaͤnge giengen, fiel uns eine Roſtral⸗Saͤule auf, die Feodor Orlow, wegen deſſen Eroberung von Morea, errichtet ward; ferner ein marmorner Obelisk fuͤr Romanzow, wegen ſeiner Siege nicht weit von Kagal; ein marmorner Pfeiler, auf einem Piedeſtale von Granit, zu Ehren Or⸗ low's Tehesminskoi; und die Palladiſche Bruͤcke, die in Siberien verfertigt und hier uͤber einen Arm des Teiches geſetzt iſt; ſie gleichet der — 268— des Lords PBembroke. In einem abgelegenen Theile befindet ſich eine egyptiſche Pyramide, und dahinter mehrere Grabmaͤhler, die die verſtorbene Kaiſerin zum Andenken einiger ihrer Lieblings⸗ hunde ſetzen ließ; von den darauf befindlichen Inſchriſten ſchrieb ich folgende, von K ath arina ſelbſt entworfene. ab: Cigit Duchesse, la fidèle Compagne Sir Thom. Anderson. Elle le suivit en Russie Tan 1776. Aimé et respecté par sa nombreuse posterité elle décéda en 1782, agée de 15 ans, laissant 115 descendants tant levriers que levrettes. Ungefaͤhr zweyhundert Ruthen von Zarsko Selo liegt ein kleiner prachtvoller Pallaſt, den die verſtorbene Kaiſerin fuͤr ihren Enkel Alexan⸗ der hat erbauen laſſen. Einige der Zimmer ſind von Marmor und ungemein ſchoͤn. Es giebt in Zarsko Selo keine Wirthshaͤuſer, allein die Gaſtfreundſchaft des Herrn Buſch, engliſchen — 269— Gaͤrtners, verhindert, daß ein ihm gehoͤrig em⸗ pfohlner Fremder hierdurch im Geringſten leidet. Mittelſt eines Briefes von unſerm Geſandten, wurden wir ſehr guͤtig von ihm aufgenommen; in deſſen Hauſe ereignete ſich zu ſeines Vaters Lebzeiten folgendes: Als der Kaiſer Joſeph II., dem aͤußerer Prunk ſehr zuwider war, ſeine Ab⸗ ſicht, Katharinen einen Beſuch abzuſtatten, geaͤußert hatte, bot dieſe ihm Zimmer in ihrem Schloſſe an; er lehnte dieß aber ab. Ihro Ma⸗ jeſtaͤt, die wohl wußten, er liebe den aͤußern Lerm nicht, hatten Herrn Bu ſch's Haus, als ein Wirthshaus, mit dem Schilde: Katharinens Spinnrad, einrichten laſſen, und hierunter ſtand mit deutſchen Buchſtaben:„Falkenſteins Wa⸗ pen,“ bekanntlich nahm der Kaiſer dieſen Na⸗ men an. Se. Majeſtaͤt erfuhren nichts von die⸗ ſer ſinnreichen und aufmerkſamen Taͤuſchung, bis ſie Rußland verlaſſen hatten; eine Menge aͤußerſt laͤcherlicher Vorfälle ereigneten ſich. Als der Kai⸗ ſer von Wien nach Moskau fuhr, gieng er vor allen kaiſerlichen Waͤgen voraus, um die Pferde, wie ein Courir, zu beſtellen; auf ſolche Weiſe ver⸗ mied er den Pomp und die Ceremonien, die mit Angebung ſeines Standes verbunden geweſen ſeyn wuͤrden. — 270— Von Zarsko Selo fuhren wir nach einer Stadt, dicht beym Schloſſe Gatſchina, unge⸗ fähr achtzehn Werſte von jenem, wo wir um eilf uhr des Nachts anlangten: ungeachtet der Naͤhe der Hauptſtadt, waren doch drey von uns genoͤthigt, im Wirthshauſe auf Stroh zu ſchla⸗ fen, indem nur ein Sopha da war: indeß ga⸗ ben uns der Pallaſt und die Gaͤrten Erſatz fur dieſe kleine Unbequemlichkeit. Gregor Orlow bauete jenen auf, und bey ſeinem Tode kaufte ihn die verſtorbene Kaiſerin. Die Zimmer wa⸗ ren prachtvoll; unter dieſen befanden ſich zwey von halbmondfoͤrmiger Geſtalt mit herrlichen Meublen und Verzierungen; und ein Zimmer, deſſen Sopha, Bette, Kanapee, Decke und Waͤnde man mit weißem Kaliko, letztere aber noch außerdem mit einem breiten Netzwerke von dem⸗ ſelben Zeuge, mit Roſen in der Mitte jeder Ab⸗ theilung, uͤberzogen hatte. Die Wirkung hier⸗ von war einzig und außerordentlich ſchon. Die Gaͤrten waren romantiſch und huͤbſch. Auf einem kleinen Teiche befanden ſich viele praͤchtige Gon⸗ deln und Böte zum Spatzierenfahren, und auf einem großen Waſſer eine Fregatte von zwey und zwanzig Kanonen, die man urſpruͤnglich dazu er⸗ baut hatte, um Paul in ſeiner Jugend einen Be⸗ griff r von einem Kriegsſchiffe beyzubringen. Mit = 271— gutem Winde iſt ſie im Stande, hundert Ru⸗ then zu ſeegeln. Sie wird in guter Ordnung erhalten, um eine ſchoͤne Scene hervorzubringen, und bey einigen feyerlichen Gelegenheiten er: lenchtet Von Gatſchina begaben wir uns nach Pan lowsky, einem kaiſerlichen Schloſſe, welches Paul 1780 erbauet hat; dieß, nebſt jenem, ma⸗ chen die Hauptluſtſchloͤſſer der verwittweten Kai⸗ ſerin, und der juͤngern Zweige der kaiſerlichen Familie aus, die ſich dort grade aufhielten, als wir hinkamen. Einen ſo vollen Hof habe ich nie geſehen; jedes Fenſter ſchien mit Geſich⸗ tern angefuͤllet, jeder Zugang von Leuten, die zur Hofhaltung gehoͤrten, mit Bedienten, Kö⸗ chen u. ſ. w. voll zu ſeyn; das Ganze glich ei⸗ nem großen Bienenſtocke. Wir warfen nur ei⸗ nen ſchnellen Blick auf die Staatszimmer, die in einem Styl von ſtrotzender Pracht meublirt waren. An den Waͤnden des einen Zimmers ſiehet man treffliche Kopien von den herrlichen indiſchen Ausſichten der Herren Daniels. In dem Kabinet der verwittweten Kaiſerin war ein aͤußerſt eleganter Schreibtiſch; ſein Gipfel war an jeder Seite mit chineſiſchen bluͤhenden Roſen umgeben; dieſe ſtanden in Vaſen, die bis an de Oberflaͤche hineingeſenkt waren. — 272— Den eilften September befinden ſich der Hof und alle Einwohner von Petersburg, die zu gehen im Stande ſi ind, in großem Pomp bey der Feyer des Jahrestages des Schutzheiligen St. Alexander Newsky gegenwaͤrtig. Nachdem der Hof dem Gottesdienſt in der kaſanſchen Kirche beygewohnt, begab er ſich in großer Pro⸗ ceſſion in Staatskutſchen nach der Thuͤr des Kloſters, deſſen ich vorher ſchon erwaͤhnt habe. Hier empfiengen ihn der Metropolitan, alle Bi⸗ ſchoͤfe in vollem Ornate, mit Perlen und Diaman⸗ ten geſchmuͤckt, die Mönche und Choriſten, die der kaiſerlichen Familie vorausgiengen; letztere ſangen, auf einer mit Scharlach uͤberzogenen Er⸗ hoͤhung, bis nach der Kirche Hymnen ab; der Eintritt in dieſelbe hatte etwas ſehr Erhabenes. Hierauf gieng er nach dem ſilbernen Sarge des Heiligen, den er, nach vielen Gebeten und Ge⸗ ſaͤngen, kuͤßte, wie man mir ſagte, denn der un⸗ geheuern Menge Menſchen halber war ich nicht im Stande, dieſe Ceremonie ſelbſt zu ſehen; nun kehrte der Hof zuruͤck, und nahm im Hauſe des Erzbiſchofs einige Erfriſchungen ein. Kaum hatte er die Kirche verlaſſen, ſo flogen Tauſende von Leuten nach dem Sarge des heiligen Alexanders, und nach einem andern, der heiligen Jungfrau, dicht daneben, um ſie mit ihren Lippen zu beruͤhren. So So wie die verwittwete Kaiſerin voruͤber⸗ gieng, ſagten die Muſchiks oder gemeinen Bauern zu einander:„Dort gehet unſere Mutter!“ Alle maͤnnliche Nuſſen von gleichem Stande reden ſich „Bruder!“ an; dieſes Worts bedient man ſich ſelbſt gegen Niedere. Der Kaiſer nennet ſeine Unterthanen auch ſo. Einer meiner Freunde hoͤrte Paul zu einem Arbeiter ſagen:„Mein Bruder! nimm dich in Acht, das Eis iſt zu duͤnn, um dich zu tragen.“ Spricht der Nie⸗ dere aber mit dem Höhern, ſo ſagt er:„Ba⸗ tuſchka moia!“ mein Vater! In der Naͤhe des Kloſters befindet ſich die Glashuͤtte, worin die ſehr großen Spiegel, weßhalb Rußland beruͤhmt iſt, gegoſſen werden. Das ganze Etabliſſement gleichet einer kleinen Stadt; beynahe alle Kuͤnſt⸗ ler dabey ſind Ruſſen, und legten, jeder in ſei⸗ nem Fache, großen Geſchmack und viel Genie an den Tag. 1 Von hier aus begaben wir uns nach dem Hotel des Prinzen Uſupoff, einem Gebaͤude in einem edlen Styl, es zeigte, ſo wie alle großen Haͤuſer des Adels, beſondere Vernachlaͤſ⸗ ſigung und vielen Schmuz an der Fronte und im Hofe; ſo waren z. B. mehrere zerhrochene Fenſter in dem unterſten Stockwerke mit Heu ausgefullet, und im Hofe lag der Abfall von Fleiſch, Knochen, 2r Theil. 18 — 274— Schaalen, Pferdeduͤnger, hie und dort vom Gras bedeckt, welches uͤber die Steine hervorgeſproßt war. Der Prinz beſi tzt eine ſchone Gemaͤlde, und Statuenſammlung, die er mit außerordentlichen Koſten in Italien zuſammengebracht hat; die mei⸗ ſten Gegenſtaͤnde ſind im hoͤchſten Grade wolluͤſtig. Ueber einem Gemaͤlde befindet ſich ein Ueberzug; wie wenig kennt der Prinz die menſchliche Natur, wenn er glaubt, der Beſcheidenheit zu huldigen, indem er die Neugierde weckt; ich wag' es zu ſagen, es lag in der Bedeckung weit mehr Un⸗ anſtäͤndiges und Gefahr, als in dem Gemaͤlde ſelbſt. In der trefflichen Bibliothek fuͤhrte uns ein ſehr haͤßlicher, aͤrgerlicher Zwerg, ungefaͤhr vierzig Jahr alt, umher; ein polniſcher Bedien⸗ ter faßte ihn bey ſeiner kleinen runzelichten Hand, und, indem er ihn ſanft auf den Kopf ſchlug, verſicherte er, auf einer kleinen Inſel im mittlaͤn⸗ diſchen Meere viele dergleichen kleine Zwerge vor⸗ gefunden zu haben; dieß hies uns wol etwas aufheften wollen! Wenige Tage vor meiner Abreiſe gieng ich mit meinem Freunde zum Nachrichter, um eine Knute von ihm zu kaufen, die ich mit nach Eng⸗ land zu bringen dachte; als wir nach ſeinem Hauſe kamen, welches ſehr bequem zu ſeyn das Anſehen hatte, war er nicht da, wol aber ſeine — ras roßt und hen mei⸗ ſtig. zug; atur, gen, 3 zu Un⸗ aͤlde uns fäͤhr dien⸗ and, hlug, tllaͤn⸗ vor⸗ was ich eine Eng⸗ inem das ſeine — 275— Frau, die einen von dieſen Riemen in die Hand nahm, und auf eine ſanfte Art die Theorie und Praxis dieſes Tortur⸗Inſtruments auseinander zu ſetzen anfieng; dabey dann bemerkte, es ſey nicht aus der Haut des wilden Eſels verfertigt, wie man behaupte, denn wenn man die wenigen, die in Sibirien von dieſem Thiere exiſtirten, aus⸗ naͤhme, ſo faͤnde man keine weiter im ganzen Reiche, ſondern aus Ochſenhaut in Milch einge⸗ weichet und getrocknet; ihr Mann waͤre ſo ge⸗ ſchickt, ein Stuͤck Fleiſch, das ganz die gehoͤrige Groͤße habe, von dem Ruͤcken herunterſchneiden zu koöͤnnen. Dieſe Handhaber der Gerechtigkeit verabſcheuet man in dem Grade, daß, obgleich dieſer naͤmliche Nachrichter, als Mitgift, ſeiner Tochter vier tanſend Rubel an einen gemeinen Droſchkafuhrmann geben wollte, dieſer ſie doch mit Verachtung ausſchlug. Die unbarmherzige Kaiſerin Eliſabeth ſtand in dem Ruf, die Todesſtrafe abgeſchafft zu haben; ſie verdientè aber dieſ Huldigung ſehr wenig, die ihr zu Theil ward; da ſie wußte, wie ſehr dem Nuſſen das Aeußere des Todes zuwider waͤre, befahl ſie, ein Kapitalverbrecher ſollte bis zu dem Grade geknu⸗ tet werden, daß er nur lebendig wieder zum Ge⸗ faͤngniſſe zuruͤckkaͤme, wo dann ſein zerriſſener Koͤr⸗ per auf ein Bett von Bretern geworfen, und = 276— ohne medieiniſche Hülfe gelaſſen ward, ſo, daß ſich der kalte Brand einſtellete: dieß war die geruͤhmte Menſchlichkeit von Eliſabeth Außer der aberglaͤubiſchen Furcht, einen rLeich⸗ nam zu ſehen, die dem Ruſſen eigen iſt, will ich hier noch deſſen unuͤberwindlichen Abſcheues, irgend etwas als Geſchenk anzunehmen, was eine ſcharfe Spitze hat, anführen: Ein wohlge⸗ zogener Mann ſchenkte einer jungen ruſſiſchen Dame ein ſehr huͤbſches Frauenzimmertaſche en⸗ buch, worin ſich Nehnadeln befanden; mit Be⸗ dauern nahm ſie eine Silbermuͤnze aus ihrem Geldbentel und uͤberreichte es dem Schenker als das Kaufgeldd. Es blieben mir noch viele merkwuͤrdige Ge⸗ genſtaͤnde zu beſehen uͤbrig; allein meine Zeit und eine Veraͤnderung in meiner Abſicht, nach Italien zu gehen, machten es nothwendig, eine Stadt zu verlaſſen, deren ich mich nur mit Be⸗ wunderung erinnern werde, ſo wie mir auch die⸗ jenigen Einwohner, welchen ich die Ehre hatte bekannt zu ſeyn, vorzuͤgliche Hochachtung einge⸗ floßt haben.— Bey der Abnahme des Sommers war das Wetter ſich ſo ſehr ungleich, daß auf einen aͤußerſt heißen Tag ein kalter folgte, und ich innerhalb dreyßig Stunden, wo ich anfaͤnglich kau mic eine land der wie ſiſch kam frag woh aber Herl anfe von let, die die kuͤrz chen dern leute lich, zu n klein Pfer durckh gierd gierde, in andern hingegen Gelaͤchter; daher, kaum meinen Puderrock an mir leiden konnte, mich freuete, vor einem ſtarken Feuer in einem engliſchen Ofen— ein Wunder in Ruß⸗ land— zu ſitzen; allein die Veraͤnderungen der Atmoſphaͤre ſind gewis dort nicht ſo groß, wie bey uns. Dieß mag auch wol einen ruſ⸗ ſiſchen Bedienten, der eben aus England zuruͤck⸗ kam, zu ſagen veranlaßt haben, als man ihn fragte, ob er ſich bald an das Klima habe ge⸗ wohnen koͤnnen:„Ich verſtand dort alles bald, aber das Klima blieb mir unbegreiflich.“ Der Herbſt, der ſonſt allgemein den 10ten Auguſt n. St. anfaͤngt, hatte ſich in den Provinzen nicht weit von der Hauptſtadt ſeit einem Monat eingeſtel⸗ ſchwarze Wolken verfinſterten den Himmel, die Winde fiengen an, ſehr heftig zu wehen, die Blaͤtter fielen ſchnell ab, und jeder Tag ver⸗ kuͤrzte ſich ſichtbar: dieß waren hinlaͤngliche Zei⸗ chen fuͤr die Zugvögel, um ihren Weg nach mil⸗ dern Regionen zu nehmen. Da einige Lands⸗ leute nach Berlin reiſeten, ſo war ich ſo gluͤck⸗ lich, von ihnen zu der Geſellſchaft mit eingeladen zu werden; ich fuͤgte zu ihrem Wagen noch ein kleines ſchwediſches Fuhrzeug, welches nur ein Pferd erforderte, hinzu; in einigen Gegenden, durch welche wir kamen, erregte es große Neu⸗ und weil es zugleich große Bequemlichkeiten hatte, verdient es hier wol einer kurzen Anzeige. Ein mit einem Gelaͤnder verſehener kleiner Koͤrper, worauf ſich ein Sitz fuͤr zwey Perſonen befindet; der vordere Theil beſtehet aus Segeltuch, zu⸗ letzt eine Abtheilung fuͤr die Bagage; dieß zu⸗ ſammen auf zwey ungefaͤhr drey Fuß hohen Nä⸗ dern; vor dem Fuhrwerk war eine Deichſel fuͤr ein Pferd. In Rußland muß ſich jeder Rei⸗ ſende einen Reiſewagen anſchaffen, wenn er ſich nicht ausſetzen will, in einer Kibitka umgeworfen zu werden. Zwanzigſtes Kapitel. Abreiſe von Petersburg.— Der kleine Schwede.— Aventuren in Strelna.— Narwa.— Bäͤ⸗ ren.— Betten.— Dorpat.— Deutſche Ritter.— Das Peitſchen der Bauern.— Kurland.— Polen.— Memel. Es iſt viel werth, eine große Stadt, woran man ſich durch einen langen Aufenthalt ſehr ge⸗ feſſelt fuͤhlet, an dem zur Abreiſe beſtimmten Tage zu verlaſſen, die Stunde mag auch ſeyn, —— 1—— welche ſie wolle, und kann man ſelbſt nur eine Station zuruͤcklegen. Nach einem Aufenthalte von vier Stunden, den die Dummheit des Poſt⸗ meiſters veranlaßte, kuͤndigten uns um acht Uhr des Abends, den neunzehnten September n. St., die Bedienten unſers trefflichen Freundes, Herrn Vennings, die vorher jeden Winkel des Wa⸗ gens mit Wein und Eßwaaren gefuͤllet hatten, an, es ſeylalles zur Abfahrt bereit. Mein Freund, Kapitain Elphinſtone, beſtand darauf, mich in dem kleinen Schweden, wie er das Fuhr⸗ werk nannte, bis an die Bruͤcke zu begleiten, wo wir uns mit innigem Bedauern von einander trenneten. Der Mond ſchien ſehr chön. Der kleine ruſſiſche Poſtillion, der gegen die Deichſel hin ſaß, war, ungluͤcklicher Weiſe fuͤr meine Ohren, ein großer Saͤnger: ſeine ſchreyende Stimme ließ nicht eher nach, bis wir auf der erſten Station in Strelna, wo wir die Nacht zuzubringen die Abſicht hatten, angelangt waren. Bey unſerer Ankunft vor einem huͤbſchen Wirthshauſe, welches ſein ſchoͤnes Aeußere der Naͤhe eines Luſtſchloſſes des Großfuͤrſten Kon⸗ ſtantin verdankte, ſagte der Wirth unſerm Bedienten, er habe keine Zimmer mehr fuͤr uns; worauf ſich eine Stimme von oben herun⸗ 1 = 280— ter ſehr laut folgendermaßen horen ließ:„Bey Gott! es iſt Platz hier, die Herren ſollen Zim⸗ mer haben, oder der Großfuͤrſt Konſtantin wird euch alle morgen Abend zum T— ſchicken.“ Man machte uns dieß gleich verſtaͤndlich, und ein ruſſiſcher Officier kam herunter, und kuͤßte jeden von uns, nach der herrſchenden Sitte. Als wir dieſe abſcheuliche Ceremonie ausgehal⸗ ten hatten, fuͤhrte, oder vielmehr trieb er uns die Treppe hinauf, ſchimpfte in ſchlechtem Fran⸗ zoſiſch den Wirth auf alle moͤgliche Art aus, ordnete ein gutes Abendeſſen, ſo wie alle Sor⸗ ten Wein an, druͤckte uns die Hand, und ſchwur, die Englaͤnder ſeyen die beſten Men⸗ ſchen der Welt, und wiederholte ſeine guͤtige Begruͤßung nochmals; als einer von uns ſich hierbey etwas zuruͤckzog, drehete er ſich um, zuckte die Achſeln und rief auf die bedeutungs⸗ volleſte Art aus:„Mein Gott! er kuüͤſſet nicht wie ein Mann!“ Nachdem wir ein froͤhliches Abendeſſen eingenommen hatten, v verlangten wir unſere Rechnung, aber der Officier ſchwur, er wuͤrde den Wirth ermorden, wenn er uns irgend eine uͤberreichte, befahl ihm, das Zimmer zu ver⸗ laſſen, ſagte: wir ſeyen ſeine Gaͤſte, und ſang hierauf mehrere ruſſiſche Lieder. Jetzt baten wir, den Namen dieſes ſonderbaren Mannes zu erfah⸗ = 281r— ren, und gaben ihm ein Stuͤck Papier und eine Bleyfeder; nach vielen unwirkſamen Bemuͤhun⸗ gen ſahen wir aber deutlich, daß er nicht zu ſchreiben verſtand. Wir konnten keine Betten erhalten, beſtellten deßhalb Pferde, fuhren die ganze Nacht auf guten Wegen, und kamen den naͤchſten Morgen zum Fruͤhſtuͤck in Koskowa an. Alle Poſthaͤuſer jenſeits Strelna werden von Deut⸗ ſchen gehalten; fuͤr jedes Pferd bezahlten wir zwey Kopeken die Werſt. Dieſer Theil von Ingermannland gehoͤrte ehemals den Schweden. Die Baͤuerinnen tragen darin eine platte Muͤtze von rothem ſeidnen Zeuge mit goldenen Treſſen beſetzt, große Ohrringe, eine Jacke ohne Ermel, und Tuch um ihre Fuͤße: ehe ſich die Maͤdgen verheirathen, tragen ſie die Haare geflochten und herunterhaͤngend: die Mannsperſonen ſind einfach in Schaaffellen, ſo daß die Wolle einwaͤrts iſt, gekleidet. Jedem Reiſenden wuͤrde ich anempfehlen, in Jarnburg, eine Station vor Narwa, zu uͤber⸗ nachten. Dort ſagte uns zwar der Poſtmeiſter, er habe keine Pferde; aber die Wunderkraft ei⸗ nes Silberrubels entdeckte deren ſofort ſechs, die ihr Heu ruhig im Stall fraßen; ſie brachten uns ſchnell uͤber einen hoͤlzernen Damm, um neun Uhr Abends, nach einem bequemen Wirthshauſe „ 222— in Narwa. Hier faͤngt der ruſſiſche Charakter an aufzuhoͤren, die meiſten Bauern reden Deutſch. Des Morgens hatten wir viel Vergnuͤgen eine Stadt zu ſehen, die der Heldenmuth Karls XII. von Schweden auf immer beruͤhmt gemacht hat. Wir fuhren uͤber das Schlachtfeld, wo Karl den zoſten November 1700 hundert tauſend Ruſſen mit achttauſend Schweden ſchlug. Es iſt aus der Geſchichte bekannt, daß, als der Feind zuerſt feuerte, eine Kugel die linke Schul⸗ ter des Koͤnigs traf; hiervon nahm er aber in dem Augenblick keine Notiz: nun ward ſein Pferd getödtet, und einem zweyten durch eine Kanonen⸗ kugel der Kopf weggenommen; als er ſchnell das dritte beſtieg, ſagte er:„Dieſe Menſchen machen mir viel zu ſchaffen!“ Scharfſinn und Menſchlich⸗ keit legte er bey der Anordnung wegen der Gefan⸗ genen, die fuͤnfmal ſo ſtark waren, als er ſelbſt, an den Tag; nachdem ſie die Waffen geſtreckt, gab der Koͤnig ihnen ihre Fahnen, und den Of⸗ ficiers die Degen zuruͤck, ließ ſie uͤber den Fluß gehen, und ſandte ſie nach Hauſe. Man erzaͤhlte mir einſt Folgendes von der menſchlichen Politik eines brittiſchen Generals, der nach einer Schlacht fand, die Gefangenen uͤberrräfen bey weitem an der Zahl ſeine eigenen Truppen, und dabey jene örtliche Bequemlichkeit nicht hatte, die den — ͤ ͤͤͤ u——4 — 2 — ũQũ— —— = 283— ſchwediſchen Sieger beguͤnſtigte; er ließ jedem Gefangenen, um den uͤbeln Folgen zuvorzukom⸗ men, die aus einer ihn ſo in Verlegenheit ſetzen⸗ den Lage entſpringen konnten, eine gute Portion Jalappe hinunterſchlucken, und dann die Hoſen⸗ halter aufſchneiden; auf dieſe Weiſe ſtellte er vier Leute unter die Aufſicht eines Menſchen. Die Waſferfaͤlle ſind eine engliſche Meile weit von der Stadt. In einer Entfernung wa⸗ ren die Baͤume, welche uͤber dem Thale hiengen, durch welches die Waſſer laufen, in Nebel gehuͤl⸗ let; ich ſollte glauben, dieſe Faͤlle waͤren unge⸗ faͤhr dreyhundert Fuß breit, und die Hoͤhe des Sturzes betruͤge ſiebenzehn. Das Wetter war um dieſe Zeit angenehm, und glich unſern ſchoͤnſten Tagen im Monat May. Des Abends beſuchten wir das Theater, worauf eine herumz ehende deut⸗ ſche Truppe ſpielte: der Held des Stüͤckes war ein junger engliſcher Kaufmann, auf der linken Bruſt mit einem Sterne geſchmuͤckt, die zweyte Hauptperſon aber eine betrunkene dame. Um ſieben Uhr den naͤchſten Morgen ver⸗ ließen wir Narwa, und kamen in die Provinz Liefland. Die Wege waren trefflich, und das Land ſchöͤn: unſere Pferde klein, fleiſchig und ſtark; dabey ſang die Lerche unter einem völlig unbevoͤlkerten Himmel. Unſere Fuhrleute trugen — 284.— Huͤte mit Wachstaffet uͤberzogen und wollene Handſchuhe; hier fieng man an eine Pfeife zu rauchen. Mein kleines Fuhrwerk weckte Staunen und Bewunderung bey den lieflaͤndiſchen Bauern, die dergleichen nie geſehen; des Abends hatte das Ganze nicht mehr ein ſo gefaͤlliges Aeußere: ſo wie wir uns dem Peipusſee naͤherten, wurden die Wege ſehr ſandig, und das Land erhielt ein trauriges Anſehen. An dem Poſt thauſe in Klein⸗ bringern ſahen wir Baͤrenhaͤute haͤngen, um zu trocknen; wir unterhielten uns mit einer Parthey Jaͤger, die grade auf dieß Thier auf die Jagd giengen, denn ſowol mit Baͤren, als mit Wölfen, ſind hier die Holzungen angefuͤllet. Ich empfehle jedem Reiſenden, hier mehr Pferde vorhaͤngen zu laſſen, ſonſt wird ihm die Unannehmlichkeit be⸗ gegnen, die wir erlitten, ehe wir nach Renna⸗ pungen, der naͤchſten Station, kamen. Zwey Pferde waren naͤmlich vor dem kleinen Fuhrwerke und ſechs vor dem Wagen; zuſammen magere elende Thiere, ſchlecht angeſchirret; in ſolcher Lage fuhren wir des Abends neun Uhr ab, und legten, bis an die Achſe im Sande, zwey eng⸗ liſche Meilen in einer Stunde zuruͤck; endlich blieb das arme Vieh, nachdem es wiederholt ausgeruhet, im dunkeln Walde ſtecken, deſſen Stille nur durch das ferne Heulen der Baͤren = 285— unterbrochen wurde; als die Fuhrleute heftig ge⸗ ſchrien hatten, um, wie wir nachher erfuhren, die Thiere in Gang zu bringen, ließen ſie ihre Köpfe auf der Pferde Nacken fallen und ſchliefen ganz ruhig ein: eine angenehme Lage fuͤr uns ungeduldige Englaͤnder! Wie ich fand, daß die Pferde vor dem kleinen Fuhrwerke, nach drey⸗ viertelſtuͤndiger Ruhe, die Ohren zu ſpitzen an⸗ fiengen, weckte ich den Poſtillion auf und befahl, fortzufahren. Zu unſerer Ueberraſchung gieng es ziemlich ſchnell vorwaͤrts; wir kamen in ungefaͤhr vier Stunden nach Rennapungen, und ſandten unſern Freunden andere Pferde, ſo, daß ſie um fuͤnf Uhr des Morgens bey uns anlangten. Als ich an dieſem Ort ins Wirthshaus kam, hatten zwey ruſſiſche Edelleute alle Betten inne; ich legte daher meinen Mantelſack unter den Kopf und ſchlief ein, bis die Reiſenden, die ſehr fruͤh abfuhren, weggiengen, wo ich dann eines ihrer Betten noch warm erhielt. Dieſer Um⸗ ſtand erinnert mich an die Antwort eines Stuben⸗ maͤdgens in einem Wirthshauſe in Exeter, die mir ſagte, als ich ſie um ein gutes Bette bat: „Sie koͤnnen wirklich kein beſſeres erhalten, als ich Ihnen aufgehoben habe, und zur Empfehlung hinzufuͤgte: Lord B—, der ungefaͤhr vor zehn 286— 1 1 Tagen aus Portugal kam, iſt vor zwey Nüäͤchten darin geſtorben.“ Den Tag darauf kamen wir e durch ein Land, welches ohne Zweifel fuͤr Manche ein Paradieß ſeyn mag, denen ich es aber gern unbeneidet ließ, um ein gutes Mittagseſſen in Nonal, der naͤchſten Station, einzunehmen, indem wir uns in Narwa mit Lebensmitteln verſehen hatten. Nach einer kleinen Fahrt laͤngſt dem Peipusſee, der achtzig Werſte breit und hundert und ſechs⸗ zig lang iſt, kamen wir in Dorpat an, das an einem kleinen Fluſſe liegt, der mit dem See in Verbindung ſtehet. Die Stadt iſt groß, hat verſchiedene ſchoͤne Straßen und Haͤuſer, und iſt ihrer Univerſität halber beruͤhmt; es ſtehen hier⸗ an vier und zwanzig Profeſſoren, und hundert und funfzig junge Leute, worunter ein Dritttheil Adeliche, ſtudieren hieſelbſt. Auf der Spitze des Huͤgels, der die Stadt beherrſcht, befinden ſich die Ueberbleibſel einer ſehr große alten Abtey, die von dem deutſchen Orden gegruͤndet wurde, und nun zur Aufnahme der Bibliothek ausgebeſſert wird. Der Pallaſt des Großmeiſters ſtand auf Orden ward im zwoͤlften Jahrhunderte geſtiftet. In einem Kreuzzuge gegen Saladin, der zur Eroberung des gelobten Landes unternommen 1 dem Flecke, wo man jetzt bauet. Der deutſche eines langſamen Todes. Im Namen der Gerech⸗ wurde, begleitete eine große Zahl deutſcher Frey⸗ williger den Kaiſer Barbaroſſa; nach deſſen Tode waͤhlten ſeine Begleiter, die ſich an dem Flecke ausgezeichnet hatten, wo mehrere Jahr⸗ hunderte nachher Sir Sidney Smith, mit beyſpielloſem Muthe, die brittiſche Fahne vor Acre aufpflanzen ſollte, neue Anfuͤhrer, worun⸗ ter ſie ſolche Thaten ausfuͤhrten, daß der Koͤnig Heinrich von Jeruſalem, der Patriarch und die andern Prinzen, ihnen zu Ehren einen Orden ſtifteten, und ſie zuletzt unter den Schutz der heiligen Jungfrau Maria geſetzt wurden; dieſer widmeten ſie mehrere von ihnen errichtete ſehr ſchöne Gebaͤude in Marienburg, nicht weit von Danzig. Als ſie nachmals reich wurden, waͤhl⸗ eeen ſie einen Großmeiſter, der die Praͤrogative eines Souverains erhielt. In den zu ihren Gunſten erlaſſenen Bullen ſtellte man ſie als Leute vor, die Maͤßigkeit und Enthaltſamkeit beſaͤßen.— Das Gefaͤngniß von Dorpat, das eine Menge Ungluͤcklicher in ſich faßt, iſt ein dum⸗ pfiges, dunkeles, enges Gewoͤlbe, worin ſich Krankheiten erzeugen. Darein geſetzt zu werden iſt ſchlimmer, als das Schaffot zu beſteigen; denn gewoͤhnlich ſtirbt der hier Eingekerkerte — 288— tig; und Menſchlichkeit hat Hanway dieß Ge⸗ faͤngniß angeklagt: dem jetzigen Kaiſer ſind hier⸗ uͤber von neuem Vorſtellungen gemacht; ſie wer⸗ den nicht umſonſt an einen ſo edlen Monarchen gerichtet ſeyn, der auf die Stimme des Elendes in dem Verhaͤltniß, daß ſie von fern kommt und ſchwach ſich hoͤren laͤßt, aufmerkſamer horcht. Eine Kleinigkeit hatte einige Tage vor unſe⸗ rer Ankunft ſehr den Frieden und die Harmonie geſtoͤrt, die einſt in den akademiſchen Wohnun⸗ gen von Dorpat herrſchten. Zwey Profeſſoren⸗ frauen geriethen beym Kartenſpiel heftig in Streit: eine derſelben gebot an einem hellen Tage ihrem Maͤdgen, einer braunen dicken Lieflaͤnderin, waͤh⸗ rend der ernſte und ehrwuͤrdige Eheherr der Geg⸗ nerin aus dem Fenſter gukte, zum Zeichen ihrer* Verachtung, ſich gegen ihn in ihrem Zimmer von hinten gaͤnzlich zu entbloͤßen. Ganz Dorpat vergieng in Lachen, mit Ausnahme der Partheyen und deren Freunde. Man zog die gelehrteſten Civiliſten zu Rath, und nach langer Ueberlegung ward eine Klage gegen die Frau und das Maͤd⸗ gen erlaſſen; gern haͤtte ich das Ende dieſes merkwuͤrdigen Proceſſes hier mit beygebracht. Ich trat um die Ecke einer Straße, und 1 hatte einen entſetzlichen Anblick an einem Haufen Knochen und Schaͤdel der einſt ſo furchtbaren und — 289— und ehrgeizigen deutſchen Ritter. Man brach einige Kirchhöfe auf, die zur Grundlage eines neuen Univerſitaͤtsgebaͤudes dienen ſollten, und brachte dieſe Ueberreſte der einſt beſederten und glaͤnzenden Krieger hieher. Die hieſigen Studenten haben etwas Mili⸗ tairiſches im Aeußern; ſie tragen auch einen ledernen Helm mit einem eiſernen Helmbuſch. Die Baͤuerinnen dieſer Provinz haben ein ſehr gewoͤhnliches Anſehen, und große zinnerne Bruſt⸗ ſchnallen an den Halstuͤchern. Auf der erſten Station Uttern fanden wir, daß der Gouverneur der Provinz alle Poſtpferde fuͤr ſich und ſein Gefolge beſtellet hatte, und jeden Augenblick von einem ſonderbaren Geſchaͤft zuruͤck erwartet wurde. Es ſchien, daß ein Ukas erlaſſen war, der den Zuſtand der Bauern in Liefland ungemein verbeſſerte; da aber drey oder vier Dörfer in der Nachbarſchaft des Poſt⸗ hauſes ihn nicht richtig verſtanden, ſo revoltir⸗ ten ſie. Zwey Kompagnien Infanterie mar⸗ ſchirten dagegen, und nachdem ſie ein halbes Dutzend der Hauptpaͤchter abgepeitſcht, ward die Ruhe wieder hergeſtellt, und wir begegneten den bereits zuruͤckkehrenden Soldaten. Dieſer Geiſt von Abneigung veranlaßte, daß wir die Nacht, der fehlenden Pferde wegen, im Poſthauſe zubrachten. 2r Theil. 19 C—— ⅓ Des Nachts kam ein Ruſſe an, dem An⸗ ſehen nach ein Mann von Stande, von einem majeſtaͤtiſchen Aeußern, und von feinen Silten: nach einer ungemein angenehmen Unterhaltung beym Fruͤhſtuͤck, reiſete er fruͤh Morgens nach Moskau ab, und gab uns dorthin eine herzliche Einladung; es fand ſich, daß der Fremde der — 3— war, bekanntlich der Anfuͤhrer bey ader traurigen Kataſtrophe im St. Michaels⸗ Hallaſte. In allen Poſthaͤuſern findet man eine uit einem Rahmen und Glaſe verſehene Tafel, Taxe genannt, worauf der Preis der Lefenami tel, der Pferde und Waͤgen, gedruckt angegeben iſt. Man reiſet um einen wohlfeilen Preis, naͤmlich acht Pferde koſten eine engliſche Meile zehn Pfennig Engliſch; aber es iſt ſchmerzlich zu ſehen, wie ausgedorret dieſe armen Thiere ſind. Die Wege waren immer entſetzlich ſan⸗ dig, ſo, daß wir ſelten mehr als drey Werſte in einer Stunde zuruͤcklegen konnten. Mein klei⸗ nes Fuhrwerk, das unbarmherzig im Sande nicht weit von Wollemar, wo wir zu Mittag aßen, umwarf, blieb ſtets beliebt; und ſo wie oft das beſcheidene Einfache uͤber anmaßende Pracht den Sieg davon tragt, zog es alle Auf⸗ merkſamkeit der Eingebornen, des ſchoͤnen Reiſe⸗ — 29 I— wagens ungeachtet, auf ſich. Auf der letzten Station nach Riga holten wir eine ganze Reihe kleiner Karren wieder ein, die ungefaͤhr ſo hoch wie ein Schubkarren, und mit Heu oder Ge⸗ fluͤgel beladen waren; es befanden ſich Bauern dabey, die große niedergeſchlagene Huͤte und blaue Jacken trugen, und jenes zu Markte brach⸗ ten. Die Vorſtaͤdte ſind ſehr groß. Der Ort iſt befeſtigt, enthaͤlt uͤbrigens gar keine Merk⸗ wuͤrdigkeiten. Es war nothwendig, hier andere Muͤnze zu haben; wir giengen deshalb in einen Wechs⸗ lerladen: der Dukaten galt drey Rubel und ſechs⸗ zig Kopeken. Vier Ortens oder kurlandiſche Gul⸗ den giengen auf einen Feinfer, ſechszehn Fein⸗ fers auf eine Mark, vierzig Mark auf einen Fer⸗ dinger, achtzig Ferdinger auf einen Reichsthaler, und zwey Reichsthaler und zwölf Verdeger auf einen Dukaten. Als wir durch das letzte Thor von Riga ka⸗ men, wo wir eine langwierige Unterſuchung der Paͤſſe ausſtehen mußten, paſſirten wir uͤber die Duͤna, einen Fluß, der eine große Strecke in Polen hineingehet, und dieſe Gegenden mit den natuͤrlichen Schaͤtzen des Landes verſiehet; ein Theil der von Tannen gebaueten Bruͤcke, fließet auf dem Waſſer, ein anderer ſtehet auf dem — 292— Sande in den untiefen; ſie iſt eben und ſehr lang. 3 Das platte Land von Riga nach Mietau, eine Strecke von acht und zwanzig Meilen, iſt außerſt uͤppig und ſchoöͤn. Da man dieſe Route haͤufig reiſet, ſo giengen wir mit einem Pferde⸗ verleiher in Riga einen Akkord ein, uns durch ſechs ſehr gute Pferde und zwey Fuhrleute bis nach Memel bringen zu laſſen. Nun iſt zwar dieſer Theil des alten Polens und die Provinz Liefland, die Kornkammer des Nordens, indeß fanden wir doch das Brod ungemein ſchlecht; es ſchien, als waͤr' unter zwey Pfund Roggen ein Pfund Sand gebacken. Des Abends lang⸗ ten wir in Mietau, der Hauptſtadt von Kurland, an; das Erſte, wodurch ſich dieſe Stadt an⸗ kündigte, war das außerordentlich große ge⸗ ſchmackloſe, vernachlaͤſſigte Palais der vorigen Herzöge von Kurland; es iſt von Backſteinen erbauet, mit weißem Stucko uͤberzogen, und ſtehet auf einer traurigen Anhöhe, die weder Baͤume noch Geſtraͤuch belebt. Ein großer Theil dieſes ſchwerfäͤlligen Gebaͤudes brannte vor eini⸗ gen Jahren ab, und man gieng mit einem hol⸗ laͤndiſchen Officier einen Kontrakt zum Wieder⸗ aufbau ein; er betrank ſich taͤglich von dem Gewinne, den er aus dieſer rohen plumpen Ar⸗ = 293— beit zog, ſtarb daher, und hinterließ den ſuͤd⸗ lichen Theil des Ganzen als ſein eigenes Monu⸗ ment. Kurland iſt vor nicht langer Zeit Ruß⸗ land inkorporirt; dieſe Vereinigung ward durch Schlauheit und Gewalt zuwege gebracht. Die verſtorbene Kaiſerin ſpann einen Zwiſt unter den Kur; und Lieflaͤndern, wegen eines Kanals an, worauf die Waaren von Kurland nach Liefland gehen ſollten; hieruͤber revoltirten die Kurlaͤnder, und ſuchten um Katharinens Schutz nach; ſie ließ nun den regierenden Herzog kommen, um mit ihm hieruͤber in Petersburg zu berath⸗ ſchlagen; kaum war er uͤber die Bruͤcke von Mie⸗ tau gegangen, als der Adel ſich verſammelte und den Entſchluß faßte, das Land der Fuͤrſorge von Katharina zu uͤbergeben. Bey dieſer Ver⸗ ſammlung entſtanden Streitigkeiten, aber die Gegenwart des Generals Pahlen legte ſie bald bey: der Herzog erfuhr die Revolution in Pe⸗ tersburg. Mietau iſt eine lange, ſchlechtgebauete Stadt, mit einem abſcheulichen Pflaſter. Am Abend unſerer Ankunft fanden wir dort eine große Meſſe, und ſpaͤt brannten in einer Entfernung von ungefaͤhr einer Meile einige herrliche Feuer⸗ werke ab; den folgenden Morgen verließen wir Mietau, und kamen durch bezaubernde Waldpar⸗ thien von Fichten, Eſpen, Eichen, Nuß⸗ und — 294— Lerchenbaͤnmen; ziemlich weit von uns wurden wir, queer uͤber dem Wege, einen Wolf gewahr. Als wir die ſtrotzenden Felder und die reichen vergnuͤgten Bauern des ſonſtigen Herzogthums Kurland im Ruͤcken hatten, kuͤndigten eine Men⸗ ge hölzerne, mit hohen ſchraͤgen Daͤchern ver⸗ ſehene Huͤtten, woran ungefaͤhr funfzehn FJuß hohe Kreuze an der Seite der Straße zu ſehen waren, und Bauern mit Pelzmuͤtzen und kurzen Pelzen an, wir befaͤnden uns in dem an Ruß⸗ land in der letzten Theilung gefallenen Diſtrikte Polens; es iſt dieß nur ein kleiner Schnitt Lan⸗ des, zehn engliſche(etwa zwey deutſche) Mei⸗ len breit. Da wir nicht tief in das Land dran⸗ gen, entgieng mir die Gelegenheit, mich zu uͤberzeugen, ob ſich die Polen, nachdem nun der erſte Schlag der Trennung und des Erlö⸗ ſchens als Nation voruͤber war, jetzt fuͤr gluͤckli⸗ cher, als vor ihrer Zerſtuͤckelung, halten. Indeß verſicherte mich ein einſichtsvoller Freund, der vor Kurzem im Herzen von Polen geweſen war, daß ſich der Zuſtand der Unterthanen, ſo wenig auch die Mittel zu rechtfertigen ſtünden, in ho⸗ hem Grade verbeſſert haͤtte. Man darf dieſer Verſicherung um ſo willfaͤhriger Glauben beymeſ⸗ ſen, wenn man erwaͤgt, daß die Verfaſſung der Nation urſpruͤnglich ſchlecht, und deren politiſche — 297— Atmoſphaͤre nie von Stuͤrmen frey war. Man ſagt, der große Patriot und letzte Vertheidiger Polens habe, ſeit der Entſcheidung des Schick⸗ ſales deſſelben erklaͤrt, es ſey fuͤr ſein Vater⸗ land beſſer, auf ſolche Weiſe getheilet zu ſeyn, und unter dem Schutze verſchiedener großer Maͤch⸗ te zu ſtehen, als ſtets die Beute aller Schrecken einer Wahlmonarchie, der Tyranney des Adels, und des innern Kampfes zu werden. Bey Po⸗ langen, das, des in der Naͤhe gefundenen Bern⸗ ſteins wegen, beruͤhmt iſt, erreichten wir die Graͤnze des ruſſiſchen Reiches; ein doniſcher Ko⸗ ſack, der in einem cirkelförmigen Schilderhauſe an der Seite von zuſammengelehnten langen Spießen ſtand, ließ die Kette in die Hoͤhe; der Baum öͤffnete ſich, und wir kamen in tiefen Sand, und hielten anderthalb engliſche Meilen davon, um die Demarkationspoſten, woruͤber ſich die ſchlecht gemalten preußiſchen und ruſſi⸗ ſchen Adler befanden, in Augenſchein zu nehmen; nachdem wir uns dem Vergnuͤgen uͤberlaſſen, ei⸗ nige Zeit zugleich auf zweyer Herren Laͤndern zu ſtehen, vertraueten wir uns dem Fluͤgel des preußiſchen Adlers an, und erreichten ſpaͤt zum Mittagseſſen Memel. Hier fanden wir ein treffliches Wirthshaus. Memel, eine große Handelsſtadt, an den Kuͤſten ͤͤͤͤͤ —— —— — 296— der Oſtſee, iſt ſehr ſchlecht gepflaſtert, und ſtets mit Schmuz bedeckt; ungeachtet deſſen giengen die Frauenzimmer in nankinenen Schuhen und ſeidnen Struͤmpfen, und ließen manchen huͤbſchen Fuß ſehen. In der Citatelle, die einen ſchönen Anblick der Stadt gewährt, ſahen wir die Ge⸗ faͤngniſſe in einem nicht ſonderlichen Zuſtande. Manns, und Frauensperſonen trugen Eiſen, die zwiſchen dem Knie und der Wade von jedem Fuße befeſtigt waren. Da ich dem Gefangenen⸗ waͤrter, der ein wenig Engliſch redete, das un⸗ nöͤthige Grauſame und ſelbſt das Unanſtaͤndige vorſtellte, die weiblichen Gefangenen auf ſolche Weiſe zu behandeln, ſo bemerkte er verdrießlich: „Er habe mehr von den Frauen, als den Maͤn⸗ nern zu fuͤrchten, jene ſeyen im Grunde an al⸗ lem Ungluͤck ſchuld, und man muͤſſe ſich daher vor ihnen am meiſten huͤten.“ In Memel vergiengen uns zwey Tage in ſtuͤndlicher Erwartung, der Wind werde ſich aͤn⸗ dern, um zu Waſſer nach Koͤnigsberg zu gelan⸗ gen, ſtatt uͤber eine Strecke von bergigem San⸗ de zu fahren, die achtzig Meilen lang und drey Meilen breit iſt, die kuriſche Nehrung genannt, die bis eine halbe Meile von Memel gehet und die Oſtſee von einer großen Waſferflaͤche ſcheidet, welche bis eine Station von Koͤnigsberg hinlaͤuft. 4 — 297— In dieſer Zeit wohnte ich der Parade und dem Exerciren bey, und erſchrack uͤber die derben Schlaͤge, die den Soldaten nicht mit einem düͤn⸗ nen Rohr, ſondern mit dicken Stocken, bey un⸗ bedeutenden Gelegenheiten gegeben wurden. Der⸗ gleichen Strenge ward ich in Rußland nicht ge⸗ wahr, wo man einige der ſchönſten Truppen der Welt ſiehet. Der Fluß, der von der Oſtſee nach der Stadt hinauff fuͤhrt, lag ganz voll mit Schiß fen; die Marktböte ſahen wir mit Butter, Kuͤr⸗ biſſen, rothen Zwiebeln und Fiſchen aus der Oſt⸗ ſee, in Waſſerkuͤbeln, angefuͤllet. Ein und zwanzigſtes Kapitel. — Traurige Scene.— Ein engliſcher Matroſe, der Schiffbruch gelitten hatte.— Koͤnigsberg.— Die Wege.— Die beruͤhmten Ruinen von Ma⸗ rienburg.— Danzig.— Geringe Gaſtfreund⸗ ſchafr. Der Wind aͤnderte ſi ch nicht, wir ſchifften uns daher mit Pferden und Wagen in den Faͤhren ein, um auf dem kuriſchen Haff weiter zu kom⸗ men: indem wir die Raͤder an der rechten Seite, — 298— ſo viel möglich im Waſſer gehen ließen, kamen wir nach dem erſten Poſthauſe, welches mitten unter Sandbergen liegt. Hier erſu hren wir, daß ſich einige vor uns angekommene Reiſende aller Pferde bedient hatten; unſere Wirthin em⸗ pfahl daher, uns mit den Fuhrwerken in einem Boote einzuſchiffen, welches zu dergleichen Faͤllen beſtimmt iſt, und auf dem See bis zur naͤchſten Station zu fahren; wir befolgten dieſen Rath, und ein fettes, junges, zum Poſthauſe gehöriges Maͤdgen, das ins Waſſer gieng und uns den Ruͤcken zudrehete, ſchob das Boot vom Ufer ab. Wir ſegelten mit einem kleinen guͤnſtigen Winde fort, der aber, nachdem wir ungefaͤhr ſieben eng⸗ liſche Meilen zuruͤckgelegt, gaͤnzlich nachließ; wir fuhren daher auf einem Fluͤßchen nach einigen elenden Fiſcherhütten, und brachten unter deren Daͤchern, mit Haͤhnen, Huͤhnern, Enten, Schweinen und Hunden eine unangenehme Nacht hin: grade als wir uns niedergelegt, trat ein engliſcher Ma⸗ troſe mit einem etwas ernſthaften, aber doch kei⸗ nem troſtloſen Geſichte, hinein, um, wie er ſich ausdruͤckte, einige ſeiner Landsleute zu ſehen, welches, wie er hoffe, uns nicht beleidigen werde. Der arme Menſch erzaͤhlte, wie er vor einigen Naͤchten an der Kuͤſte dieſer traurigen Gegend Schiffbruch gelitten. Nachdem wir ſeine Ge⸗ ſchichte angehoͤrt, und eine kleine Kollekte fuͤr ihn angeſtellet, uͤberließen wir uns dem Schlafe, ſo viel es die Fliegen erlaubten. Des Morgens waren keine Poſtpferde zu bekommen, da der Wind gegen uns, und das Poſthaus noch acht Meilen entfernt war. Wir warteten nun mauf eine gluckliche Ver⸗ aͤnderung, und ich faßte den Entſchluß, etwas in der Gegend umherzuſtreifen, und beſtieg, nach einer bedeutenden Anſtrengung, einen jener Sand⸗ huͤgel, die dieſen traurigen Theil des Erdbodens charakteriſiren. Von der Spitze erblickte ich an der einen Seite die Oſtſee, und an deren Ufern die Maſten ohne Taue und den Rumpf eines ge⸗ ſtrandeten Schiffes; auf der andern den See, auf welchem wir bis hieher gekommen, und vor und hinter mir eine Kette von Sandbergen; meh⸗ rere derſelben hielt ich hundert Fuß hoch, auf deren glaͤnzenden Oberflaͤche das Auge ſich nicht zwey Minuten fixiren kann, ohne dieſelben ſchmerz⸗ haften Empfindungen zu haben, als wenn es auf Schnee ruhet; unten in einem Thale ohne Blaͤt⸗ ter ſtanden zwey elende Pferde, beynahe Skelette. Die Eingebornen dieſer Sandwuͤſte, wie wir nach⸗ her aus einer glaubwuͤrdigen Quelle erfuhren, eſſen lebendige Ahle in Salz getunkt, und ver⸗ ſchlingen ſie, ſo wie ſie ſich mit Angſt um ihre —— ——— — ͦ— 1— ꝗ 8———— = 30oo— Haͤnde winden. Das Ganze dieſer abſcheulichen Wuͤſteney hatte das Anſehen der Negion des Hungers. Da ſich der Wind anderte, wagten wir uns von Neuem auf den See, und nachdem wir ein wenig geſegelt waren, wurden wir in unſerm kleinen offnen Boote, worin ſich kaum Platz fuͤr den Steuermann fand, ſo weit fortgetrieben, daß uns das Land außerm Geſichte lag; der Wind nahm zu, und es fiel ſtarker Regen: endlich, als wir alle Hoffnung aufgegeben hatten, je ans Land zu kommen, zeigte ſich ein guͤnſtiger Wind, und um zehn Uhr Abends erreichten wir den Quay des Poſthauſes Nidden. Nach einge⸗ nommenem Abendeſſen wieß man uns in einem großen Zimmer unſere Krippen an; hier waren wir von vierzehn ſchlafenden angekleideten Frauen⸗ zimmern umgeben, die wol paſſende ſchöne Lon⸗ doner Kohlentraͤgerinnen haͤtten abgeben koͤnnen. Am folgenden Morgen, als wir im Begriff ſtan⸗ den abzufahren, uͤberreichte man uns eine erſtaun⸗ liche Rechnung. Dieſer Betruͤgerey widerſetzten wir uns, unter vielem Streit, gluͤcklich. Das Land gewaͤhrte, je mehr wir uns Koͤ⸗ nigsberg naͤherten, einen angenehmen Anblick: in den Wirthshaͤuſern wurden wir beſſer bedient: auch fanden wir hier— etwas Koöſtliches fuͤr uns— treffliche Kartoffeln: dieß Vegetabil iſt erſt ſeit zwanzig Jahren in dem Norden einge⸗ fuͤhrt. Man kann ſich kaum eine Idee von den abſcheulichen Wegen, von der letzten Station Mulſen an, machen; ſie war eine Reihe von Löchern. Den zehnten Oktober zeigten ſich die Thuͤrme von Koͤnigsberg, und nachdem wir uͤber den Exekutionsplatz gekommen waren, worauf ſich drey Pfaͤhle mit Rädern daruͤber befanden, langten wir in der Hauptſtadt des eigentlichen Preußens an. Der Weg nach Dilchen's Hauſe fuͤhrte uns vor einem ſehr großen antiken und duͤſteren Gebaͤude von rothen Backſteinen vorbey; es war dieß das Schloß, worin der Gouverneur wohnte; in der daneben liegenden Kirche ward Friedrich der Große gekrönt. Die Stadt wurde 1255 gegruͤndet; ſie iſt groß, und hat vierzehn Kirchſpiele; die Straßen ſind enge, ſehr ſchlecht gepflaſtert, und haben keine Seitengaͤnge fuͤr Fußgaͤnger; beynahe jedes Frauenzimmer, dem ich begegnete, war huͤbſch, und trug große dicke Stiefeln. Auf der Parade ſahen wir drey ſchöne Regimenter; ehe ſie die Linie formirten, fielen uns wieder einige Beyſpiele von Strenge beym Exerciren auf. Der Handel iſt ſehr beden⸗ tend: tauſend Schiffe liefen vergangenes Jahr in den Hafen ein. Die Pregel, die hier nicht — 302— tief iſt, war mit Marktböten voll Butter, Fi⸗ an ſchen, Brod, Pflaumen und Bergamotten be⸗ w⸗ deckt. Ich wohnte der ſehr einfachen Ceremonie La einer Trauung in einer Kirche bey. an Bey unſerer Nuͤckkehr nach dem Wirths: de hauſe, wo ich, nebſt meiner ganzen Geſellſchaft, fuͦ wieder in einem Ballſaale ſchlafen mußte, traf nn ich einen kleinen Herrn mit einer huͤbſchen Stutz⸗ ni peruͤcke, und einem Streifen von einem Barte, ne die nebſt ſeinen Zuͤgen hinreichten, um zu bewei⸗ be ſen, er ſey ein Mitglied der Synagoge; ſein Be⸗ di ſuch bey uns gieng dahin, unſer Geld gegen T dortiges umzuſetzen. Das Poſtgeld betraͤgt zehn gute Gro ſchen ve auf die deutſche Meile 7 Da ein Conrir angelangt war, um ſundert zu Poſtpferde fuͤr das neu verheirathete Paar, die me Großfuͤrſtin von Rußland und den Erbprinzen ge von Weimar, zu beſtellen„ſo verloren wir kei⸗ es nen Augenblick, um uns in Bewegung zu ſetzen; 0 unſer Fuhrwerk war wieder ausgebeſſert, wir in giengen daher gleich ab, und erreichten den naͤch⸗ ge ſten Abend Frauenburg; der Wagen hielt hir au am Fuße eines faſt perpendikulairen Huͤgels, auf un deſſen Spitze man ein ſehr großes Gebaͤude von rothen Backſteinen wahrnahm, das ein Kloſter an und eine katholiſche Kirche in ſich faßt. Es ſien S6 = 303— an zu daͤmmern, als ich die Anhöhe beſtieg, von wo wir einen ſehr ſchoͤnen Anblick des herrlichen Landes genoſſen, durch welches wir paſſirten, und unmittelbar unter uns war das weit ſich dehnende Ufer und die See. Einer der Mönche fuͤhrte uns in die ſehr große Kirche; wir hatten nur ſo viel Zeit, das Grabmahl von Coper⸗ nicus zu ſehen, deſſen Gebeine hier unter ei⸗ ner einfachen Marmorplatte ruhen, die man uns beym Pflaſter zeigte. Zu meinem großen Be⸗ dauern entſchloß ſich auf der letzten Station ein Theil der Geſellſchaft, nach Danzig zu gehen. Einem Englaͤnder, der nie ſein Vaterland verlaſſen hat, iſt es unmöglich, ſich eine Idee von den preußiſchen Wegen uͤberhaupt, und vor⸗ zuͤglich von dem, der nach Elbingen fuͤhrt, zu machen. Eigentlich kann ich nicht beſtimmt ſa⸗ gen, ob wir zu Lande oder zu Waſſer giengen, fes geſchah vielmehr auf beyde Arten zugleich; wir wadeten naͤmlich bis an die Axe uͤber die in ungleichen Entfernungen queer uͤber einander gelegten Baͤume; Klagen war ganz unnüͤtz, da außerdem die ſchrecklichſten Stoͤße jede Minute uns mit voͤlligem Umwerfen droheten. VWir langten in Elbingen zum Fruͤhſtuͤck an: es iſt eine recht niedliche Stadt, die einem Schwalbenneſte gleichet: im Innern laͤßt man = 304— ſich's wohl ſeyn, außerhalb ſiehet man nichts, als Stoͤcke und Mudde. Hier wird bedentender Han⸗ del getrieben: die Leute haben ein Achtung ein⸗ flößendes, wohlhabendes gluͤckliches Anſehen. Die gruͤne Waare⸗ und Obſthaͤndler tragen ihre Sachen in kleinen Koͤrben, die an den Enden von krummen Stöcken haͤngen, umher, grade wie die Milchfrauen in London. Die Hauſer fallen ſehr auf, da ſie aber denen von Danzig gleichen, ſo wird eine Beſchreibung genuͤgen. Von Elbingen nach Marienburg giebt es eine furchtbare Station von neunzehn engliſchen Meilen; in der That eine Reiſe von einem gan⸗ zen Herbſttage auf ſolchen Wegen, die genau ſo wie die vorigen waren, ausgenommen, daß wir die Abwechslung einer langen Reihe elender gehauener Weidenbaͤnme hatten. Unſere armen Pferde hielten verſchiedenemal ſtill, wo ſie dann reichlich mit Waſſer getraͤnkt wurden— weiter bekamen ſie aber nichts. Um die Poſtillions auf⸗ zuheitern, gaben wir ihnen von einer Zeit zur andern ſehr guten Brandtwein, den wir mit uns fuͤhrten. Des Abends langten wir in Marienburg, einer kleinen Stadt, ehemals beruͤhmt als der Hauptſitz der deurſchen Ritter, an, die, wie ſchon erwaͤhnt, dort ein Schloß und mehrere andere = 305= andere Gebaͤude auffuͤhrten, in einem Styl go⸗ thiſcher Pracht, ohne Gleichen. Dieſen heiligen Ueberbleibſeln, die fuͤr den nachdenkenden Geiſt ſo ſchaͤtzbar ſind, bezeigte Friedrich der Große, obgleich ein ſo bekannter Bewunderer der Alter⸗ thuͤmer und der Kunſt, keine Verehrung. Das graue Gebaͤude iſt niedergeriſſen, um Barracken, Hoſpitaͤler und Magazine aus den Materialien zu bauen, und kaum bleibt noch eine Spur von dem Stolze vergangener Zeiten, außer der Ka⸗ pelle, uͤbrig; in deren Fenſter befindet ſich eine koloſſaliſche hölzerne, ein wenig entſtellete Jung⸗ frau; ihrer Größe und Geſtalt nach koͤnnte ſie darauf Anſpruch machen, mit Gog und Magog in Guildhall in London verglichen zu ſeyn. In dreyzehn Stunden legten wir den Weg von Danzig nach Marienburg, dreyßig engliſche Meilen, zuruͤck, durch ein Land, das an Korn⸗ feldern einen Ueberfluß hat; in einem derſelben zaͤhlten wir neun Trappen, wovon jede groͤßer, als ein Puter, war. Unſer Weg fuͤhrte uns vor mehrern, ſchoͤn mit Baͤumen eingefaßten, Klöſtern voruͤber, und ſodann gelangten wir durch die Vorſtaͤdte von Danzig, die ſich beynahe zwey Meilen weit erſtrecken, an die Zugbruͤcke, und traten in die Hauptſtadt von Pomerellen des Abends ein. Recht froh waren wir im Hotel 2r Theil, 20 = 06— de Lion blanc, da es mit Fremden ganz ange⸗ fuͤllet war, unſere vorigen Zimmer wieder zu er⸗ halten, auf die wir ein beſonderes Reiſerecht zu haben ſchienen. Nichts gehet uͤber das fantaſtiſche Aeußere 4 der Haͤuſer; ſie ſind naͤmlich ſehr hoch, haben große abſchuͤſſige Dächer, uͤber deren Fronten ſich Löwen, Engel, Sonnen, Greife u. ſ. w. befin⸗ den. Die Fenſter ſind groß und viereckig; die Außenſeiten derſelben gewoͤhnlich braun und gruͤn angeſtrichen: in den ſehr ſchlecht gepflaſterten, engen, und bey einer naſſen Atmoſphaͤre mit tie⸗ fem Schmuze bedeckten Straßen, findet man ſchoͤne Kaſtanien⸗ und Wallnußbaͤume. An dem Rathhauſe, einem ſchonen gewundenen ſteinernen Gebaͤude, ſind viele herrliche Verzierungen ange⸗ bracht. Das Gefaͤngniß iſt gut eingerichtet. An der einen Seite befinden ſich die Miſſethaͤter, und an der andern liegt das Zuchthaus, wo man die Frauens⸗ und Mannsperſonen von ein⸗ ander getrennet hat. Jene, unter welchen ſich viele Dienſtmaͤdgen befanden, die von ihren Herren und Frauen, ſchlechten Betragens halber, dorthin geſchickt wurden, um Zuͤchtigung auszu⸗ ſtehen, mußten Wolle kraͤmpeln und ſpinnen, und am Ende jeder Woche eine gewiſſe Quanti⸗ taͤt Arbeit abliefern; war dieſe nicht vollſtaͤndig, — — 307— ſo wurden ſie gezuͤchtigt. Die Gefangenen hat⸗ ten ein geſundes und reinliches Anſehen. Die lutheriſche Kirche iſt ein ſchönes Ge⸗ baͤude; in einem der Thuͤrme befindet ſich eine dunkele Hoͤhlung, worin man vor vielen Jahren diejenigen, ſo gegen den katholiſchen Glauben geſuͤndigt hatten, hinunter zu laſſen pflegte und ſie umkommen ließ; man wieß uns noch die Steigbuͤgel und Ketten, mittelſt deren ſie hinun: terſtiegen. Die Boͤrſe iſt auf eine ſeltſame Art mit einer marmornenen Statue von Au guſt III. Könige von Polen, Modellen von Schiffen, plum⸗ pem hoͤlzernen Schnitzwerk und großen Gemaͤl⸗ den verzieret. Die Weichſel, der breiteſte und laͤngſte Fluß in Polen, entſpringt in dem karpa⸗ tiſchen Gebirge, an den Graͤnzen von Schleſien, lauft durch Polen und Preußen, beſpuͤlt die Mauern von Danzig, und ergießet ſich in die Oſtſee. Auf dieſem Fluſſe muß einem Fremden das Sonderbare der polniſchen Kornböte auffal⸗ len, die die Geſtalt eines Kahnes haben; viele derſelben ſind achtzig Fuß lang und vierzehn breit, ſind ohne irgend ein Verdeck, und nur mit einem elaſtiſchen Maſte verſehen, der gegen die Spitze hin immer ſchmaͤler zulaͤuft, und funf⸗ zig oder ſechszig Fuß hoch iſt; hieran befeſtigt man ein kleines leichtes Segel⸗ das erhoben —— — — 1 — — = 308— oder hinunter gelaſſen wird, um den Wind auf⸗ zufangen. Wir ſahen mehrere Vorrathshaͤuſer von Salz. Die Ausfuhr des Korns aus dieſer Stadt iſt außerordentlich groß, und man kann ſie mit Recht als das Kornmagazin Europens anſehen. Dieſe Ausfuhr betrug im vergangenen Jahre 34,149 Laſten und die des Jahres zuvor 52,416. Die Einwohner ſcheinen endlich mit dem Verluſt ihrer hanſeatiſchen Souverainitaͤt ganz zufrieden zu ſeyn, und unterwerfen ſich, da es kein Mittel dagegen giebt, ohne Murren dem preußiſchen Scepter. Mirabe au ſagte:„Die Danziger, die, dem Anſchein nach, annaͤhmen, Könige ſeyen Kobolte, waͤren ſo entzuͤckt, einen zu treffen, der ihre Kinder nicht aͤße, daß ſie in ihrem hohen Enthuſiasm ohne Zwang die Re⸗ gierung von Preußen willig annahmen.“ Den Sonntag beſuchten wir das Theater, eine ſchone Rotunda, wo das große Favoritſtůck der deutſchen, die Königin Maria von Schott⸗ land, gegeben wurde, zwiſchen welcher und der blutgierigen Eliſ abeth der Verfaſſer eine Zu⸗ ſammenkunft ſtattfinden ließ: es folgte, wie ge⸗ woͤhnlich, kein Nachſtuͤck. Das Theater ſchien mir vor dem Vorhange drey Viertel vom Cirkel auszumachen; Vorſtellung, Anzug und Dekora⸗ tionen waren ſchoͤn. Der große Vorhang, mit —— suf⸗ ſer eſer ann ens nen vor mit itaͤt da dem Die nen, inen e in Re⸗ ater, ſtuͤck hott⸗ der Zu⸗ ge⸗ hien irkel kora⸗ mit —— 309— gigantiſchen Köpfen bemalt, hatte ein ſonderbares Anſehen. Nichts uͤbertrifft die Aufmerkſamkeit, welche das Publikum der Buͤhne bezeigte: wenn irgend Jemand nur fluͤſterte, ſo wandten ſich aller Augen dorthin, und ein Geſummſe von allgemeiner Mißbilligung brachte ihn gleich zum Schweigen. In Danzig athmet alles den kleinlichen Geiſt, der ſo oft durch den Handel unter den kleinen Innungen von Handelsleuten erzeugt wird. Der Himmel nehme den in Schutz, der dieſe Stadt ohne einen kaufmaͤnniſchen Auftrag beſucht! Beym Voruͤbergehen vor der Böoͤrſe bat ich einen deut⸗ ſchen Juden, der das Aeußere eines angeſehenen Mannes hatte, uns den Weg nach einem Wech⸗ ſelhauſe zu zeigen; worauf er ſich erbot, uns zu begleiten.„Wir haben gar die Abſicht nicht, Sie zu belaͤſtigen, mein Herr!“ ſagte mein deut⸗ ſcher Freund.„Ol erwiederte jener, ich bitte Sie, dieſen Punkt nicht zu beruͤhren; Sie wer⸗ den mich fuͤr meine Muͤhe belohnen, und ich will Sie mit Vergnuͤgen begleiten.“ So bald ich mich von meinem Freunde, der nach Berlin reiſete, getrennet, gieng ich nach Fahrwaſſer, um mich nach Koppenhagen einzu⸗ ſchiffen, wodurch meine Reiſe nach Huſum bedeu⸗ tend abgeküͤrzt ſeyn wuͤrde; der Wind war uns aber immer entgegen, es bließ ein ſtarker Sturm, ———— 2 ——— — 310— und mehrere engliſche Kapitains, die ſich dort befanden, verſicherten, dieſer halte oͤfter drey Wochen, auch wol einen Monat, an; nach meh⸗ reren traurig dort hingebrachten Tagen, in der Hoffnung, es wuͤrde eine Veraͤnderung ſtattfin⸗ den, kehrte ich nach Danzig zuruͤck; ohne hier Jemand zu kennen, denn dieſer Ort lag nicht auf dem uns vorgezeichneten Wege, gieng ich nach dem Wechſelhauſe eines ſchon bejahrten Englaͤnders, erzaͤhlte ihm in Gegenwart einer Menge Schreiber meine Geſchichte, mit der Bitte, er wolle guͤtigſt einem derſelben, der Engliſch verſtuͤnde, erlauben, mich auf einige Minuten nach dem Poſthauſe zu begleiten, um meine Freunde wieder einzuholen. Der Kaufmann mit grauen Haaren, ohne das Geſicht zu veraͤndern, ſah kalt auf mich hin und antwortete kurz:„Es iſt heute Poſttag!“ und ohne ein Wort hinzuzu⸗ fügen, kehrte er zu ſeinen Rechnungen zuruͤck. Dieſer Englaͤnder war im Handel von Dan⸗ zig alt geworden, und der edle Geiſt ſeines Va⸗ terlandes hatte ſich in Selbſtſuͤchtigkeit, um zu⸗ ſammenzuhaͤufen, verwandelt. Mein kleines Fuhrwerk war jetzt ganz her⸗ unter gekommen; der Poſtmeiſter hielt es nicht mehr fuͤr wuͤrdig, und weigerte ſich, ein Pferd davor zu ſpannen; zugleich bot er mir einen uU 9ö = u— ot Dukaten dafuͤr. Viel lieber wuͤrde ich es ver⸗ ey brannt haben, als mir dieſen Preis gefalen lf eh⸗ ſen. Der Gort des Goldes ſcheint dieſen Fleck der zu ſeinem Favorittempel, einen Kornſack zu ſei⸗ in⸗ nem auserwaͤhlten Altar erhoben, und ſeine ier Orakelſpruͤche in einem Hauptbuche aufbewahrt 4 cht zu haben. Die Waͤlle der Stadt ſind wol nur ich dazu beſtimmt, Gaſtfreundſchaft und Edelmh ten davon abzuhalten. ner An dieſem Orte, wo ſo viele meiner Lands⸗ te, leute anſaͤßig ſind, machte mich der Zufall mit ſch einem jungen liebenswuͤrdigen Hollaͤnder bekannt. ken„Wie ſonderbar, ſagte ich ihm, daß unter ſo ine vielen Einwohnern dieſes Orts Sie allein einem nit uugluͤcklichen verlaſſenen Englaͤnder zu dienen en, wuͤnſchen, und dieß dabey zu einer Zeit, wo 9 Es unſere Laͤnder gegeneinander im Kriege begriffen 4 zu⸗ ſind.“„Es iſt dieß richtig, erwiederte er, die 6 Nationen fuͤhren Krieg; allein, was gehet das an⸗ uns an? Jeder, dem ich dienen kann, iſt mein 6 za. Landsmann.“ zu Er war auch ſo gefaͤllig, mir einen Fuhr⸗ mann, der mich ganz nach Berlin brachte, zu er⸗ miethen, um nicht mit Extrapoſt zu fahren, cht und den dabey vorfallenden Betruͤgereyen zu ent⸗ erd gehen. Den Tag vor meiner Abreiſe erzaͤhlte jen mir der Hollaͤnder folgende Geſchichte: Als er 4 ——— = 312— eines Sonntags in Alkmar dem Gottesdienſte beygewohnt, um die Heit, da die engliſchen Trup⸗ pen dieſe Stadt inne gehabt haͤtten, betete der Geiſtliche, ehe die Predigt angieng, eifrig fuͤr das lange Leben Georgs III. und das Wohl von England. Kaum hatte er dieſe Worte aus⸗ geſprochen, ſo trat ein Einwohner hinein, und kuͤndigte an, die Engläͤnder zögen ſich zuruͤck, und ihre Feinde wuͤrden dieſen Ort beſetzen; wie der Geiſtliche dieß vernahm, erklaͤrte er ſei⸗ nen Zuhoͤrern, die Bitte, welche ſie eben von ihm gehoͤrt, ſey nur erzwungen; jetzt aber, da er ſeinen wahren Geſinnungen folgen duͤrfe, lade er ſie ein, ſich mit ihm zu vereinigen, den Him⸗ mel anzuſlehen, die Feinde der Eſpländer in Sehut zn B nehinen:— — ——— Z wey und wwaniiſes Rapitt Eußnwagen.— Arenßiſce Doͤrfer.— Manoeu⸗ vres.— Irländiſcher Rebell.— Berlin.— Wohlfeile Lebensweiſe.— Der Pallaſt— Das Kadettenkorps. Alls der Stuhlwagen, der mich dac Berlin, das dreyhundert(engliſche) Meilen weit entfernt lag, in acht Tagen bringen ſollte, vor der Thuͤr ankam, bemerkte ich, es giengen ihm Spring⸗ federn ab, und ich wuͤrde daher tuͤchtig zuſam⸗ mengeſtoßen werden. Mit unendlichem Vergnuͤ⸗ gen paſſirte ich uͤber die Zugbruͤcke dieſes Sitzes der Erpreſſung und der Inhoſpitalitäͤt; und uͤber die Vorſtaͤdte hinaus kamen wir in einen tiefen ſandigen Weg. Ob nun gleich die rothen Blaͤt⸗ ter des verſchwindenden Herbſtes in Menge von den Baͤumen fielen, ſo gewann das Land doch ein ſehr maleriſches, reiches Anſehen. Wir ka⸗ men vor der Stadt und der Abtey Oliva vor⸗ bey; dieſe iſt beruͤhmt, weil ſich in einem ihrer Zimmer der Tiſch befindet, worauf der Friedens⸗ vertrag, der den Namen von ihr fuͤhret, zwiſchen den gekroͤnten Haͤuptern von Deutſchland, Polen und Schweden gezeichnet wurde. Die Ungewiß⸗ = 314— heit einer deutſchen Meile muß einen Reiſenden verwirren; es giebt näͤmlich eine lange und eine kurze; erſtere iſt ſo unbeſtimmt, wie die von York⸗ ſhire, welche, wie ich glaube, von einem Kirch⸗ thurm zum andern laͤuft, und dfters funf⸗ ſechs ſieben Meilen lang iſt. Die preußiſchen Pachthaͤuſer ſi nd entweder mit Ziegeln, oder ſehr huͤbſch mit Stroh gedeckt; einige derſelben ſah ich von Backſteinen erbauet, andere von einem hellbraunen Lehme— die Lieb⸗ lingsfarbe iſt aber die vom lebendigen Fleiſch— waren ſehr nett; der Boden deutete auf hohe Kultur, und die Paͤchter hatten ein wohlhaben⸗ des, bedeutendes Aeußere, grade wie die eng⸗ liſchen. Ob nun gleich der Boden ſandig iſt, ſo gedeihen doch alle Arten von Gemuͤßen ſehr gut darin; von vier Kornern ausgeſaͤeten Roggens gehet, nach der Berechnung der Ackerleute, nur eins auf. Der Weg nach Berlin gewäht in einer Hin⸗ ſi cht einen großen Vortheil, naͤmlich eine beſtaͤn⸗ 8 dige Abwechslung von Städten und Döͤrfern, dagegen wird man keine zerſtreuete Huͤtten ge⸗ wahr: auf jeder Anhoͤhe ſiehet der Reiſende ſechs oder ſieben Thuͤrme, die ſich aus kleinen Haufen von Baͤumen oder von Haͤuſern erheben; der Weg nach jeder dieſer Gemeinheiten iſt ungefaͤhr + o,=———,,=„.–*˙⁵ —— — 31 eine Viertelmeile mit großen Steinen gepflaſtert. Haͤufig kamen wir durch die ſchoͤnſten Alleen von majeſtaͤtiſchen Eichen, herrlichen Linden, Buͤchen und Birken. Die Wirthshaͤuſer fand ich ſchlecht. Der S Staͤdte, wo Garniſonen liegen, giebt es viele. Die Soldaten hatten ein vortheilhaftes Anſehen; ſie haben ein Lieblingsmanoeuvre, das ſehr bewundert wird, naͤmlich hohle Quadrate durch Sektionen zu bilden, das ſich auf den preußiſchen Dienſt einſchraͤnkt; und mittelſt einer hohlen Kruͤmmung am Ende des Flintenlaufes, die in die Pfanne durch ein großes Zuͤndloch fuͤh⸗ ret, bedarf es des Aufſchuͤttens des Pulvers nicht, oder vielmehr, das Laden ſchuͤttet auch das Pulver auf, wodurch dann verſchiedene Be⸗ wegungen erſpart werden. Durch dieſe Verbeſ⸗ ſerung und einen ſihweren Ladeſtock, iſt ein genb⸗ ter preußiſcher Soldat im Stande, ſelbſt mit preußiſchem Pulver, welches dem engliſchen bey weitem nachſtehet, zwoͤlfmal in einer Minute zu laden und zu feuern. Ein erſt ſeit Kurzem ange— worbener Soldat vermochte dieß zehnmal in die⸗ ſer Zeit, nach meiner Uhr. Wie ich in Koͤnigsberg bey Tiſche ſaß, kam ein wohlausſehender Soldat in preußiſcher Uni⸗ form in die Thuͤr, und redete mich Engliſch an. Auf eine artige und reſpektvolle Art wandte er — 316— ſich unter dem erlanbten Vorwand, als haͤtte ich meinen Namen bey der Barriere nicht leſerlich geſchrieben, an mich; ich fand bald, er gehoͤre zu jenen Irlaͤndern, die ſich die Unzufriedenheit der engliſchen Regierung zugezogen hatten, aus dem Schooße ihrer Familien geriſſen, und aus ihrem Vaterlande verbannt waren, um die preußiſche Militairdiſciplin zehn Jahre hindurch zu ertragen, wovon er ſchon fuͤnf zuruͤckgelegt hatte. Der arme Menſch betheuerte ſein Schick⸗ ſal, und nahm mit Vergnügen eine Unter⸗ ſtuͤtzung an. Wir hatten nun Freyenwalde verlaſſen, und unſer Weg gieng hierauf durch dicke Waͤl⸗ der und den tiefen brandenburgiſchen Sand, den Friedrich der Große fuͤr eine Natio⸗ nalſchutzmauer gegen einen ſich naͤhernden Feind hielt. Von deſſen Tiefe und Furchtbarkeit kann man nur aus Erfahrung urtheilen; wir ließen ihn mit Freuden hinter uns, um uͤber einen neu angelegten koͤniglichen Weg, zehn engliſche Meilen lang, der mit jungen Linden beſetzt iſt, fortzufahren; fruͤh Morgens am achten Tage nach der Abreiſe aus Danzig, langten wir in Berlin im Hotel de Ruſſie an. Ich nahm nun einige Erfriſchungen ein und gieng in die Lindenallee, die ſehr breit iſt, aus 1 —,———„————„—— ☛— 41u—„— ☛——⏑— —,— = 317— einer dreyfachen Reihe der ſchoͤnen ſchattigen Baͤume, wovon ſie den Namen fuͤhret, beſte⸗ het, mitten in der Straße liegt, und Fahr⸗ wege an jeder Seite hat, gegen die ſie aber durch eine ſchoͤne Linie von Granitpfoſten ge⸗ ſchuͤtzt iſt, die durch eiſerne Stangen mit einander verbunden ſind; des Abends wird ſie durch große wiederſcheinende Lampen erleuchtet, die in der Mitte an Stricken haͤngen, welche an zwey einander gegenuͤberſtehenden eiſernen Traͤgern be⸗ feſtigt ſind; ſie iſt ungefaͤhr eine engliſche Meile lang, und man erblickt an dem einen Ende den reichen Portiko des Opernhauſes und den Pallaſt, und an dem andern das beruͤhmte bran⸗ denburger Thor, welches Herr Langhans nach dem Propylaͤum von Athen gezeichnet hat, und das 1780 errichtet iſt. Dieß prachtvolle Monument geſchmackvoller Architektur beſtehet in einer ſteinernen Kolonnade, von einer leichten roͤthlich⸗ gelben Farbe; es enthaͤlt zwoͤlf große kanelirte korinthiſche Saͤulen, vier und vierzig Fuß hoch, und fuͤnf Fuß ſieben Zoll im Diameter, ſechs an jeder Seite; indem ſie einen Raum laſſen, wozwiſchen ſich die Thore ſchließen, ſtel⸗ len ſie fuͤnf koloſſaliſche Portale dar, durch wel⸗ che man den Park in einer ſchoͤnen Perſpektive wahrnimmt. Die Fluͤgel, welche die Zoll, und 4 1 2 1 8 5 1 ſ — 318— Wachthaͤuſer ausmachen, ſind mit achtzehn klei⸗ nern Saͤulen geſchmuͤckt, neun und zwanzig Fuß hoch, und drey Fuß im Diameter; das Ganze iſt durch die koloſſaliſche Figur des Engels des Friedens geziert, der mit vier Pferden nebenein⸗ ander in einem Triumphwagen faͤhret, unter wel⸗ chem ſchöne Basreliefs angebracht ſind. Dieß hoͤchſt elegante Monument der Kunſt, ſo wie auch die Lindenallee, ſind einzig, und wuͤrden Jeden fuͤr die Fatiguen einer achttaͤgigen Reiſe belohnen. Ob nun gleich das Wetter kalt war, giengen doch mehrere Damen ohne Hauben, an⸗ dere ritten wie Mannsperſonen, in einem lan⸗ gen Reithabit, in Pantalons u. ſ. w. Auf der Gallerie der praͤchtigen Kuppel der nicht groß, meiner Meynung nach, nicht groͤßer, als die von Bath, ſchienen; da ſie aber das Re⸗ ſultat eines Plans, und großtentheils unter einer Regierung erbauet iſt, ſo hat ſie den Vortheil der Regelmaͤßigkeit. Einige huͤbſche Bruͤcken zie⸗ ren die ſich dadurch ſchlaͤngelnde Spree. Die Straßen ſind breit, und woruͤber ſich der Fremde wundern muß, fuͤr die Waͤgen und Fußgaͤnger dort befinden. Dieſem Mangel hat die Politik Armenanſtalt hatte ich die Ausſicht uͤber die Mauern der Stadt, wovon die Dimenſionen gut gepflaſtert, ob ſich gleich gar keine Steine =* * —6 KN ——‿ N△ —,— — 319— Friedrichs des Großen zu erſetzen gewußt, indem alle Schiffe, welche die Elbe, die Havel und die Spree hinauffuhren, in Magdeburg eine gewiſſe Quantitaͤt Steine einladen, und ſie nach Berlin unenigeldlich bringen mußten. Die Haͤu⸗ ſer ſind durchgehends von Backſteinen erbauet und mit Stucko uͤberzogen; man ſiehet deren einige von Quaderſteinen im Styl der italieni⸗ ſchen Baukunſt, z. B. das Palais des noch nicht lange verſtorbenen Prinzen Heinrich: es gewaͤh⸗ ret aber, des Mangels von Verz zierung wegen, dem Auge wenig Anziehendes. Das koͤnigliche Schloß iſt ein ungeheuer großes, viereckiges Ge⸗ baͤude von demſelben Material, worin der regie⸗ rende Monarch einigen Hofleuten Wohnungen angewieſen, nachdem er fuͤr ſich ſelbſt ein klei⸗ nes Wohnhaus, dem Gießhauſe gegenuͤber, ge⸗ waͤhlt hat. Mon⸗Bijon, die Reſidenz der ver⸗ wittweten Koͤnigin,*) ein Palais oder vielmehr eine lange Gallerie, faſt das Ganze nur von ei⸗ ner Etage, am Ufer der Spree gelegen, iſt mit einem Gehoͤlze und Gaͤrten umgeben. Die Ro⸗ tunda oder katholiſche Kirche, wozu zum Theil der Kardinal Alberoni den Plan entworfen, hat ein edles Anſehen; der in Nom verfertigte *) Die bekanntlich ſeitdem verſtorben iſt. A. d. u. — 3 20— Altar iſt, ſeiner Schoͤnheit halber, beruͤhmt. Kurz nach Friedrichs Thronbeſteigung faßte er die erhabene Idee, ein ſehr großes Pantheon zu bauen, worin jede Art von Gottesdienſt gehal⸗ ten werden ſollte. Politik, oder wirkliche chriſt⸗ liche Liebe, veranlaßte den weiſen Monarchen zu glauben, Toleranz ſey ſowol fuͤr das Intereſſe, als die Wuͤrde eines Staats, nothwendig; und er wuͤnſchte nicht nur ſeine Unterthanen und Fremde ihren Gott auf ihre Weiſe anbeten zu ſehen, ſondern daß ſie ſich auch in demſelben Tem⸗ pel, gleich Bruͤdern, vor ihm niederwerfen moͤch⸗ ten. Wegen des Zuſtandes des Schatzes rieth man aber dem Monarchen, dieſen wohlthäͤtigen Plan aufzugeben, und er ward auch nachher nicht wieder in Anregung gebracht. Am Abend meiner Ankunft gieng ich in das neue Theater, ein ſehr ſchoͤnes Gebaͤude, auf deſſen Gebaͤlke man im Deutſchen folgende In⸗ ſchrift wahrnimmt:„Durch Laͤcheln verbeſſern wir die Sitten.“ Die ganze Fronte inwendig nahm die königliche Loge, in Geſtalt eines Saa⸗ les ein; von der Decke hieng ein reicher Luſtre herab, und an den Seiten befanden ſich alaba⸗ ſterne Vaſen. Die Logen waren nett und huͤbſch eingerichtet. Ueber dem Vorhange ſiehet man eine große transparente Uhr; die Schauſpieler agir⸗ dit 1 = 321— hmt. agirten trefflich; das Orcheſter war vollſtaͤndig faßte und herrlich, und die Dekorationen, hauptſaͤch⸗ heon lich aber den Vorhang, fand ich ſehr ſchön. ehala Die Statue des beruͤhmten Generals Zie⸗ hriſt: then, des Lieblings Friedrichs des Großen, n zu und einer der groͤßten und bravſten preußiſchen reſſe, V Generale, verdient ſehr die Aufmerkſamkeit des und Reiſenden. Sie ſtehet auf dem Wilhelmsplatz, und auf einem Piedeſtal, an deſſen drey Seiten ſich nin Basreliefs befinden, die den Helden zu Pferde Lem, in einigen der beruͤhmteſten Bataillen vorſtellen, noch⸗ von einem geſchmackvollen Gelaͤnder umgeben; rieth der General ſtehet in Lebensgröße in einer Huſa⸗ tigen V renuniform; ſeine Hand iſt gegen das Kinn hin nicht in die Höhe gehoben; dieß war ſeine gewoͤhnliche Stellung, wenn er nachdachte. Das Ganze das V ſoll ihm ſehr aͤhnlich ſehen, und iſt ein ſchoͤnes auf Stuͤck der Bildhauerkunſt. Auf dieſem vier⸗ In- eeckigen Platze waren noch mehrere andere Sta⸗ ſſern tuen, ohne Inſchrift, von preußiſchen Gene⸗ ndig ealen, die ſich im ſiebenjaͤhrigen Kriege ausge⸗ Saa⸗ zeichnet haben. Einige Soldaten, die ich um uſtre die Namen der Helden fragte, wußten mir keine aba⸗ Auskunft daruͤber zu geben. übſch Als wir beym Opernhauſe voruͤber giengen, man exercirte die Kavallerie; ich wunderte mich uͤber ieler die ſchlechten Pferde; dieſelbe Bemerkung drang agir⸗ 2r Theil. 25 322— ſich mir auf bey den Regimentern Kavallerie, die ich noch ſonſt Gelegenheit hatte zu ſehen. Das Opernhaus, das nur waͤhrend des Karnevalles gehffnet wird, iſt ein ſchoͤnes, elegantes Ge⸗ baͤude Friedrächs des Großen. Die Zu⸗ ſchauer haben freyen Zutritt mittelſt Billets, die auf Autoritaͤt des Köonigs vertheilt werden; in das Parterre ſchickt jedes Regiment der Garni⸗ ſon eine gewiſſe Anzahl Soldaten. Zu Fried⸗ richs Zeiten ſoll es nichts Ungewoͤhnliches ge⸗ weſen ſeyn, daß die Soldaten ihre Frauen auf den Schultern hineingetragen haben; die innern Verzierungen ſind, wie ich hoͤre, ungemein prachtvoll. 1 Berlin iſt mit Recht, ſeiner trefflichen Ho⸗ tels wegen, beruͤhmt; in meinem Wohnzimmer, welches auf die Lindenallee gieng, fand ich jedes Stuͤck von nuͤtzlichen und ſchönen Meublen; das Schlafzimmer, das Sopha und die Waͤſche wa⸗ ren ſehr nett, und beyde Stuben durch Oefen, die man draußen heizte, ſo erwaͤrmt, als wenn es im Sommer geweſen waͤre. Man glaubt, der Englaͤnder ſey ſo ſehr daran gewoͤhnt, beym Kamin zu ſitzen, daß er ſich nicht erwaͤrme, wenn er nicht das Feuer ſaͤhe: hieruͤber muß ich nur bemerken, daß mir die Atmoſphaͤre des Zimmers ſo angenehm war, daß ich weder an — ——„++ ☛—;·— &9 Serͤe uꝙu — 323— Hitze, Kaͤlte, noch an Kamine dachte. Das Berliner Porcellain iſt ungemein ſchön. Beym Entſtehen der Fabrik geſtattete Friedrich der Große den Inden die Erlaubniß, ſich inner⸗ halb ſeines Reiches zu verheyrathen, wenn ſie eine gewiſſe Quantität von dieſem Porcellain kauften; auf ſolche Art brachte er es in Auf⸗ nahme. Auf der Spree ſiehet man viele Boͤte voll der ſchoͤnſten Birnen und Aepfel. Man lebt grade nicht theuer in Berlin, und im Lande iſt es ſehr wohlfeil.. In dem Andienzzimmer des großen Schloſ⸗ ſes wieß man uns den kryſtallenen Leuchter, der 4, 200 Pfund Sterling zu ſtehen kam; un⸗ ter den Gemaͤlden, deren wir nicht viele ſahen, zeichnete ſich das des Herzogs von Ferrara, von Correggio aus, welches zehn tauſend Dukaten koſtetes auch ſiehet man dort eine ſchoͤne Sta⸗ tue von Marc Aurel, die vor ungefaͤhr funfzig Jahren aus der Diber gezogen wurde; verſchie⸗ dene merkwuͤrdige theure Uhren und Schreib⸗ tiſche, trefflich gearbeitet; einer derſelben wuͤrde denjenigen, welcher ihn auf eine unerlaubte Weiſe oͤffnen wollte, durch einen Ton verrathen, der ſich wie in jenem in der Akademie der Wiſ⸗ ſenſchaften in Petersburg hoͤren ließ; auch zeigte man uns ein cirkelfoͤrmiges Zimmer in einem — 324— Thurme, woraus Friedrich im Alter auf die Leute in den Straßen hinunter zu ſehen pflegte. Das Kadettenkorps iſt eine herrliche An⸗ ſtalt, die denen in Petersburg gleichet; wir wa⸗ ren auf der Parade von ungefaͤhr vierhundert jungen Leuten, die, da ſie nicht nach dem Al⸗ ter den Nang hatten, ein auffallendes Beyſpiel von den Fortſchritten des Verdienſtes an den Tag legten, indem ganz kleine junge Menſchen Kompagnien von Knaben kommandirten, die größer, als ſie ſelbſt, waren. Aus dem Kadet⸗ tenkorps begaben wir uns in eine Ausſtellung der preußiſchen Kunſt, und Manufaktur⸗Sachen; ſie waren in einer Reihe Zimmer aufgeſtellet. Die Buͤſten, Modelle und Decken hatten ein ſchönes Anſehen, einige der Zeichnungen waren huͤbſch, aber die Gemaͤlde ſchlecht. ——ÿÿÿõÿõͤͤ „ 1 1 Drey und zwanzigſtes Kapitel. Die Potsdamer Diligence.— Potsdam.— Sans⸗Souci.— Voltaire.— Der Koͤnig und die liebenswürdige Koͤnigin von Preußen.— Mecklenburg.— Ruͤckkehr. Den dritten November ſetzte ich mich, nebſt einem geſcheiden Begleiter, um ſieben Uhr des Morgens in die Potsdamer Diligence, die aber lange die Bequemlichkeiten der Pariſer nicht gewaͤhret; ihr gehen Springfedern ab, und ſie iſt ſo ſchlecht zuſammengefugt, daß die kalte Luft hinein drang; hoͤlzerne Panele, die ſich ſchie⸗ ben ließen, nahmen die Stelle von Glasruthen ein. Wir kamen durch Kornfelder und Tannen⸗ waldungen, und erreichten um eilf Uhr die Bar⸗ riere von Potsdam. Nachdem wir etwas Suppe zur Erwärmung 2 genoſſen, mietheten wir einen kleinen Phaͤton, und fuhren ſofort nach dem zwey Meilen weit entlegenen Sans⸗Souci, das, ſo wie die uͤbri⸗ gen Luſtſchloͤſſer, die Fruͤchte des feinen Ge⸗ ſchmackes Friedrichs des Großen ſind. Um — 326— in die Gemaͤldegallerie zu gehen, fuͤhrte uns der Weg vor deſſen Treibhaͤuſern vorbey, die er mit vieler Sorgfalt unterhalten ließ. Wir traten in die Gallerie, von dem Wege aus, durch eine völlig laͤndliche Thuͤr: dieß zwey hundert acht und funfzig Fuß lange, ſechs und dreyßig Fuß breite, und funſzehn Fuß hohe Zimmer wird von Pfeilern von karrariſchem Mar⸗ mor getragen, und iſt ſehr ſchön vergoldet und verzieret. Die Sammlung fand ich ausgeſucht koſtbar; unſere Aufmerkſamkeit zogen beſonders auf ſich: die Gracien, von Dominichino; Ver⸗ tumnus und Pomona, von Leomar do da Vinci; Titian, nebſt ſeiner Frau, von ihm ſelbſt; Danae und Cupido, von demſelben Kuͤnſtler; Venus im Bade, von Correggio; drey verſchiedene Style der Malerey, von Guido; die heilige Familie, von Raphael, die vierzehn tauſend Dukaten koſtete; eine Hölle der Teufel„ von Teniers, worin ſeine Mutter und Frau, als Glieder der Hoͤllenfamilie, ſein Vater, als der heilige Anto⸗ nius, vorgeſtellet werden, und er ſelbſt mit einer rothen Muͤtze, wie er über die Gruppe lacht; ein Chriſtustopf, von Vandyke; Unwiſſenheit und Weisheit, von Correggio; ein Chriſtuskopf auf Blattgold, von Raphael, wofuͤr Friedrich der Große ſechs tauſend Dukaten bezahlte; verſchie⸗ der 1 327= dene Gemäͤlde vom demſelben Meiſter, auf dem naͤmlichen Grunde; eine Jungfrau, nebſt dem Kinde, von Rubens; und mehrere andere aus⸗ erleſene Werke der Kunſt. Ehedem war hier auch eine ſchöne Magdalena, von Raphael, die Friedrich an den Kurfuͤrſten von Sachſen ge⸗ gen eine Kompagnie zu Pferde vertauſchte; der⸗ gleichen Tauſch ſcheint hier aber nicht ungewoͤhn⸗ lich geweſen zu ſeyn, Auguſt II.,„Kurfuͤrſt von Sachſen, erhielt acht und vierzig große Porcellain⸗ Vaſen von König Friedrich Wilhelm I. von Preußen fuͤr ein ſchönes Dragonerregiment. Von der Gallerie ſtiegen wir eine Treppe hinauf, und betraten eine Terrafſe; hier bot ſich eine ſchoͤne Anſicht des Fluſſes und der Umgebun⸗ gen dar. Als wir nach dem Palais oder dem Pavillon, der aus einer langen Reihe Zimmern an der Erde beſtehet, kamen, zeigte man uns die Grabmaͤhler von Friedrichs Hunden, zu wel⸗ chen der König große Zuneigung hegte. Es iſt bekannt, daß er ſich dem ſonderbaren Glauben uͤberließ, dieſe Thiere vermöchten es, den Cha⸗ rakter zu unterſcheiden, und daß er diejenigen nicht leiden mochte, die ſie anbelleten; die mei⸗ ſten dieſer Guͤnſtlinge haben eine königliche Grab⸗ ſchrift. Man erzaͤhlt, daß, wenn er in den Krieg gieng, er ſtets ein kleines italieniſches Windſpiel — 328= mit ſich nahm; und daß, wie er im ſiebenjaͤhri⸗ gen Kriege von einem rekognoſcirenden Haufen Oeſtreicher verfolgt wurde, er unter einem trock⸗ nen Bogen einer Bruͤcke Schutz ſuchte, mit ſeinem Favoriten im Arm; ob nun gleich die Feinde mehrere Male uͤber die Bruͤcke giengen und zuruͤckkehrten, ſo lag doch dieß von Natur unbaͤndige Thier ganz ſtill, und athmete kaum. Wir beſahen das Zimmer, worin Friedrich ſchlief und ſeinen Geiſt aufgab; es war ſehr ein⸗ fach; auf dem Kamin ſtand eine ſchöne Antique von Julius Caͤſar, als Knabe. Nachdem ich durch verſchiedene Apartements gegangen, trat ich in das Eßzimmer. Man weiß, Friedrich der Große liebte ſehr das Vergnuͤgen der Ta⸗ ffel, und daß Koͤche von verſchiedenen Nationen in der königlichen Kuͤche angeſtellt waren. In dem Zimmer von Voltaire konnte ich mich nicht zuruͤckhalten, mich in den Stuhl vor deſſen Schreibepult niederzulaſſen, der ganz mit Tinten⸗ flecken beſchmuzt war. In Voltaire'’s Leben wird man den Triumph der Wiſſenſchaften gewahr. Die ver⸗ ſtorbene Kaiſerin von Rußland ſuchte deſſen Freundſchaft durch jede einladende Kunſt zu ge⸗ winnen, der ſchon von geſcheiden Frauen von niederem Range nichts zu widerſtehen vermag; — —————2·„ TX = 329= ſie unternahm nichts, ohne das Anſehen zu ha: ben, ſeinen Rath zu hören; ſie lud ihn nach Pe⸗ tersburg ein, und ſtellte das Modell ſeines Hau⸗ ſes zu Ferney in die Heremitage. Friedrich ſuchte ihn mit Begierde auf. Warum gaben ſich die beyden ausgezeichnetſten Potentaten ihres, und vielleicht jedes andern Jahrhunderts, ſo viel Muͤhe um ihn? Weil ſie wol wußten, daß die Feder eines ſolches Genies ihren Handlungen jede Farbe leihen, ihren Ruhm abmeſſen, oder erhoͤhen konnte. Die Gaͤrten von Sans⸗Souci ſchienen ſehr huͤbſch eingerichtet zu ſeyn; aber es war keine Zeit dazu, blaͤtterloſe Lauben und Alleen, denen das ſchoͤne Gruͤn abgieng, zu betrachten. Die Fagade von Sans Souci gegen die Ebenen hin iſt ſehr huͤbſch; gegen die Terraſſe hat ſie ein ſchwerfälliges Anſehen, ſie ſcheint hier mehr einem großen geſchmackloſen Gewaͤchshauſe, als einer koͤniglichen Reſidenz, anzugehoͤren. Von Sans⸗Souci fuhren wir durch einen herrlichen Park nach dem ungefaͤhr anderthalb engliſche Meilen weit entfernten neuen Pallaſte. Wir gien⸗ gen durch zwey große Neben, und Haushaltungs⸗ gebaͤude, durch eine elegante halbeirkelföͤrmige Kolonnade von acht und achtzig Saͤulen mit ein⸗ ander verbunden, und traten hierauf in den Pal⸗ — 330— laſt; ſeine Fronte iſt mit korinthiſchen Saͤulen geſchmuͤckt, und das Hauptgebaͤude von rothen hollaͤndiſchen Backſteinen erbauet: der Saal war eine prachtvolle gewolbte Grotte, die aus Kry⸗ ſtallen, Korallenzweigen und Muſcheln beſtehet, und Quellen enthalt, die mit gleicher Eleganz und Neuheit eingerichtet ſind. In Betreff des Baues dieſes außerordentlichen Zimmers hatte der Konig mit ſeinem Lieblingsarchitekten einen heftigen Zwiſt; dieſer beſtand naͤmlich darauf, es ſollte ein Vorſaal werden, jener hingegen, daß es eine Grotte wuͤrde; die uͤbrigen Zimmer waren ungemein huͤbſch. Von hier begaben wir uns nach dem zwey Meilen weit entlegenen kleinen Marmorpallaſte, den Friedrich der Große von ſchleſiſchem Marmor und hollaͤndi⸗ ſchen Backſteinen hatte auffuͤhren laſſen; er ge⸗ fiel mir mehr, als Petit Trianon bey Ver⸗ ſailles. Der Weg nach dem Pavillon iſt an den Seiten mit kleinen laͤndlichen Wohnungen beſetzt, die mit Stauden umgeben ſind; links ſiehet man eine große elegante Orangerie, mit einem anſehnlichen Ballzimmer im Centro; die Waͤnde ſind mit Spiegeln bekleidet, und an je⸗ der Seite befindet ſich ein Ausgang, der in Al⸗ leen von Orangen: und Citronenbaͤumen fuͤhret; rechts liegen die Kuͤchen, die das Anſehen der — — — 331— Nuinen eines athenienſiſchen Tempels haben; ein See mit ſchoͤnen Baͤumen, Spaziergaͤngen, Huͤt⸗ ten und Muͤhlen eingefaßt, beſpuͤlt die Terraſſe des kleinen Pallaſtes, deſſen Zimmer zwar nicht groß, aber ausgezeichnet huͤbſch und mit einigen ganz vorzuͤglichen Antiquen geziert waren. Bey unſerer Nuͤckkehr ins Wirthshaus ſchlug es vier Uhr; grade als wir uns mit etwas Suppe auf⸗ thaueten und ein Harfeniſt zu ſpielen anſieng, ſtimmten wir dahin uͤberein, daß, waͤren die Pal⸗ laͤſte mit Rubinen bedeckt geweſen, und haͤtten die Baͤume der koniglichen Gaͤrten Perlen getra⸗ gen, ſo wuͤrden wir doch mißvergnügt nach Berlin zurückgekehren, wofern wir nicht die lie⸗ benswuͤrdige Koͤnigin von Preußen ſaͤhen; in der That, ſie war es, warum wir die Luſtreiſe unternahmen; der Sohn unſers Wirthes lief ins Zimmer, um uns die Ankunft des Wagens der Köonigin anzukuͤndigen. Sie kam aus einer kleinen Thuͤr, auf den Arm eines Pagen ge⸗ lehnt, und ward von einer bejahrten Hofdame begleitet; als ſie uns gewahr wurde, ſtand ſie ſtill und neigte ſich gegen uns hin auf die 3 gnaͤdigſte und bezauberndſte Weiſe. Sie hat einen ſehr ſchoͤnen Teint, ihr Geſi cht iſt ſanft, huͤbſch und aus druskspol ——————.———. 33²— Sie iſt blond von Haaren, ihre Figur aus⸗ geſucht ſchoͤn; und als ſie in den Wagen ſtieg, zeigte ſie einen Fuß, der uns auf einmal von der vollkommenen Symmetrie uͤberzeugte, die in dem Ganzen herrſchte. Ihre Reize wurden durch die Lage, worin ſie ſich befand, erhöhet; man erwartete naͤmlich, daß ſie in wenigen Ta⸗ gen das beruͤhmte Haus Brandenburg vermehren wuͤrde. In einer Geſellſchaft beym engliſchen Geſandten, Herrn Jackſon, unterhielt man mich von ihren trefflichen Eigenſchaften; man braucht ſie aber auch nur zu ſehen: „There's nothing ill can dwell in such — a temple.“ — (um ſich zu uͤberzeugen, daß in einem ſolchen Tempel nichts, als Gutes, wohnen koͤnne.) Sie liebt die Eingezogenheit ſehr, und wid⸗ met ſich gaͤnzlich der Erziehung ihrer Kinder. Mein Aufenthalt in Berlin war zu kurz, um vorgeſtellet zu werden; ich freuete mich daher ungemein, eine Prinzeſſin zu ſehen, von der Jeder mit Entzuͤcken redet. Die Art, wie ihre Verhey⸗ rathung ſtatt hatte, iſt intereſſant: bey einer großen Revue bey Frankfurt am Mayn lud Herr Bethmann, einer der reichſten Bankiers auf t dem feſten Lande, Se. Majeſtaͤt zu einer — ——— — —— großen Féte ein, die er den Abend zu geben ge⸗ dachte; der Koͤnig nahm die Einladung an, und traf dort die liebenswuͤrdige Prinzeſſin von Meck⸗ lenburg⸗Strelitz. Sie erblicken und ſie lieben war Eins. Achtzehn Monate nach der Vermaͤh⸗ lung kamen beyde zu Herrn Bethmann; und als ſie in das Zimmer traten, wo ihre erſte Zu⸗ ſammenkunft ſtatt hatte, umfaßte der Koͤnig ſeine Gemahlin, kuͤßte dieſelbe, und ſagte unter den ge⸗ fuͤhlvolleſten Thraͤnen:„Es war in dieſem naͤm⸗ lichen Zimmer, daß ich den Schatz meines Gluͤckes fand!“ Das koͤnigliche Paar iſt ungemein haͤus⸗ lich und genießt in hohem Maaße jene gluͤcklich⸗ machenden, ruhigen Freuden, die man ſonſt ſo ſelten in der Naͤhe des Thrones wahrnimmt. Das große Schloß in Potsdam, worin die koͤnigliche Familie hauptſaͤchlich reſidirt, hat einige wenige ſehr ſchoͤne Staatszimmer; in ei⸗ nem derſelben befindet ſich ein Portrait von dem franzoͤſiſchen Kaiſer in halber Figur. Die Kö⸗ nigin hat mit vielem Geſchmack eins ihrer klei⸗ nen Kabinete mit den ausgezeichnetſten Stuͤcken von Weſtall verzieren laſſen. Den naͤchſten Morgen wohnten wir zben Paraden bey, die zwey Stunden nach einander ſtatt hatten; hier waren, ſo ſchien es, wol 10,000 Mann beyſammen; ſie hatten ein ſehr ed⸗ = 334— les Anſehen. Der Koͤnig, von einigen Officieren begleitet, war zugegen. Bey unſerer Ruͤckkehr ſtieg ein Soldat auf den Bock der Diligence am Thor von Berlin, und da wir dicht vor unſerm Hotel vorbeyfuh⸗ ren, riefen wir dem Poſtillion zu, uns ausſtei⸗ gen zu laſſen, aber der Soldat wollte dieß nicht zugeben, und als wir es dennoch verſuchten, ſprang er herunter, zog ſein Bajonet, und rief die Wache, worauf wir uns, nicht ohne Ueber⸗ raſchung, unterwarfen, nach dem Poſthauſe am andern Ende der Stadt gefuͤhrt zu werden, wo man uns ruhig ausſteigen ließ. Ich gieng den fuͤnften November von dort mit der Poſt ab, die ich aber nicht ſo gut, als die Potsdamer Journaliere fand, nahm daher Extrapoſt und kam uͤber Perlberg nach Schwerin, im Herzogthum Mecklenburg. In dieſem kleinen kornreichen Lande iſt die Extrapoſt ſehr theuer, denn fuͤr fuͤnf deutſche Meilen mußte ich ſieben Thaler und zwey gute Groſchen bezahlen. Ich rathe Jedem, in Perlberg einen Fuhrmann bis nach Luͤbeck zu miethen, man wird bedeutend da⸗ bey gewinnen. Ein wenig jenſeits Grabow kam ich vor einem ſchönen Luſtſchloſſe des regierenden Herzogs vorbey, welches von einem ſehr huͤb⸗ ſchen Dorfe umgeben iſt. Schwerin iſt eine an⸗ 2₰ ——— — 337— —— ſehnliche, mit guten Wirthshaͤuſern verſehene Stadt; das Schloß iſt ein großes, ſehr altmodi⸗ ſches Gebäude; es hat die Geſtalt eines laͤngli⸗ chen Vierecks, mit einer Menge Gallerien, Bal⸗ kons und Thuͤrme. Die wachthabenden Solda⸗ ten hatten ein gutes Anſehen; der Herzog haͤlt vierzehn hundert Mann. Der Mallaga iſt hier ſehr gut und nicht uͤbermaͤßig theuer. Auf einem trefflichen, mit ſchoͤnen Linden beſetzten Wege, von vier engliſchen Meilen, gelangte ich nach Luͤbeck; dieſer Ort hat ein wohlhabendes Aeußere, und ſoviel ich von den Umgebungen ſehen konnte, ſind ſie huͤbſch. In jedem Ort aufm Wege nach Huſum, mußte ich Namen und Stand an⸗ geben. Ein drolligter Englaͤnder, der, kraft ſei⸗ nes Freyguts, eine Stimme zur Wahl eines Par⸗ lamentsglieds in einer Grafſchaft hatte, erwie⸗ derte, als man ihn am Thore einer deutſchen Stadt um ſeinen Stand u. ſ. w. fragte:„Je Sülis un Electeur de Middlesex!“ worauf die Wache zuſammen ins Gewehr trat, und ihm fuͤrſtliche Ehre erwieß. Ich ſchiffte mich nun auf einem Packetboot ein, das beynahe am Ge⸗ ſtade eingefroren waͤre; wir fuhren hierauf in ſechs und vierzig Stunden uͤber die Nordſee, und ſtiegen an der Kuͤſte jenes geliebten Landes aus, welches in den Wiſſenſchaften, in den Waffen = 336—= und den Künſten keinem andern nachſtehet, im Handel, im Ackerbau*) und an Reichthum ſeines Gleichen nicht hat, an Rechtſchaffenheit, Freyheit und Bequemlichkeit des Lebens jedes andere hunte ſich laͤßt. 5 Ende des zweyten und letzten Theiles. *) Ob man nun zwar nicht in Abrede ſeyn kann, wie es ſich aus den engliſchen landwirthſchaftli⸗ chen Schriften ergiebt, und wovon uns die Selbſt⸗ anſicht in England uͤberzeugt, daß die Kultur des Landbaues dort eine hohe Stufe erreicht hat, ſo ſcheint es in der That deſto unverzeihlicher, daß der Handels⸗ und Spekulationsgeiſt bis jetzt den Anbau der großen unkultivirt liegenden Strecken Landes nicht hat geſtatten wollen. Hierdurch hat ſich dann das Land bey unguͤnſtiger Erndte, vor⸗ zuͤglich in Hinſicht des erſten Beduͤrfniſſes des Menſchen, des Korns, in den neueſten Zeiten in groͤßter Verlegenheit befunden. — BR w — dnlp! 11l