e deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurüͤckerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:.— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————xN— auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mtk. 50 Pf. 2 Wr.— Pf. „ 3, 7*—„„—„ 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des anzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, iindem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſſ 7 ee e e.Ar wdc⸗ — — ——A— ——— Beſchreibung einer Nriſt in der Kluͤgeriſchen Buchhandlung John Carr EsT. durch Daͤnnemark, Schweden, Norwegen, Rußland und Preußen. Aus dem Engliſchen. . 3 Rudolſtadt 1806. .—+& 8*=ͤg=gꝰ;A‚qn ——“ Erſtes Kapitel. Es war den 14ten May 1804 als der Verfaſ⸗ ſer dieſer Reiſebeſchreibung durch den lebhaften Wunſch uͤber die großen und intereſſanten Wer⸗ ke des Menſchen Betrachtungen anzuſtellen, ver⸗ anlaßt, ſo wie auch durch die Hoffnung, ſeine Geſundheit zu verbeſſern, welche die Bekuͤmmer⸗ niß und muͤtterliche Sorgfalt nur zu oft in Un: ruhe geſetzt hat, jenem Fleck Lebewohl ſagte, worin er den Morgen ſeines Lebens hinbrachte, und der ihm durch tauſend Umſtaͤnde theuer ge⸗ worden war. Ich kann England nicht verlaſ⸗ ſen, ohne einen ſehnſuchtsvollen Blick auf meine kleine Lieblings⸗Stadt Totnes zu werfen, die das charakteriſtiſche hat, daß Familien Verbin⸗ dungen dort ſo ſorgſam erhalten werden, daß ein Todesfall gewoͤnlich die halbe Stadt in Traner ſetzt; auch findet man dort ſo aͤußerſt 1 I„ —— —— geſcheute Leute, und außerdem romantiſche Ge⸗ genden, daß, haͤtte ein gewiſſer Witzling jene nur gekannt, er mit der ganzen Grafſchaft, worin ſie liegt, ſchonender umgegangen ſeyn, und nicht geantwortet haben wuͤrde, als man ihn bat, ſeine Meynung uͤber das gute Volk von Devonshire zu ſagen, er ſey immer mehr uͤberzeugt, je weiter er weſtlich reiſete, die geſcheuten Leute kaͤmen aus Oſten. Der traurige Beſchluß eines neuen Krieges hatte die Eingaͤnge zum Sunde geſperrt; es lag alſo nur der Norden allein offen vor mir; wenn dieſer weniger anziehend iſt, dachte ich, ſo iſt er vielleicht auch weniger bekannt. Man hat ihn bis dahin immer als in Pelzwerk gehuͤl⸗ let betrachtet; ich will jetzt einen Blick dar⸗ auf, in ſeinem Sommergewande, werfen. Es iſt immer einige Verwirrung damit ver⸗ bunden, wenn jemand, der auf dem Punkte ſteht, ſich von ſeinen Freunden fortzuſchleichen, in der Angſt des Einpackens ſich befindet. Mei⸗ ne Seele wandte ſich von meinem Mantelſacke, auf die geliebteſten Erſcheinungen, die mich um⸗ gaben. Und mit aller der Eitelkeit, die gewoͤn⸗ lich einem Reiſenden eigen iſt, beſchloß ich des Zeitpunkts meiner Abreiſe, mittelſt fluͤchtiger Bemerkungen uͤber den Zuſtand meines Vater⸗ 4 ö— D—— 8 —— ☛ — 1. —— landes, Erwaͤhnung zu thun, dieß befand ſich zu d der Zeit in ſolgender Lage: ein großer Mann war einem guten in der Leitung der wichtigen Staatsgeſchaͤfte gefolgt, und ein anderes We⸗ ſen, welches man fuͤr das Wunder des Weſtens anſehen kann, traf Anſtalten unter den vielen glaͤnzenden Verwickelungen, den Thron einer neuen Opynaſtie zu beſteigen; auch drohete die⸗ ſer Mann mit ſeinen Legionen die Kuͤſten von England zu bedecken. Von tauſend Englaͤndern hatten plötzlich neun hundert neun und neunzig eine kriegeriſche Stellung bey jener ſtolzen Dro⸗ hung, angenommen;— der Patriotism verbrei⸗ tete ſich wie ein wildes Feuer uͤber Thaͤler und Berge; die Miniſter wurden auf die Weiſe durch ihre Freunde als durch ihre Feinde in Veriegen⸗ heit geſetzt; und ſo groß auch unſere Feindſchaft gegen die Franzoſen ſeyn mag, ſo haben wir ih⸗ nen wenigſtens die vorige Verbindlichkeit, daß ſie uns in den Stand geſetzt, ein ſolches Schau⸗ ſpiel von Treue und Ergebenheit außzuſtellen. Es iſt wohl ganz paſſend hier anzufuͤhren, wie ich grade zu der Zeit mein Vaterland verließ. Devonshire bot zu ſeiner beſtaͤndigen Ehre zwan⸗ zig tauſend Vertheidiger ſeiner Haͤuſer und Al⸗ taͤre an, wovon man nur neun tauſend annehmen konute oder noͤthig hatte; in die letzteren war „—— ein muthiges Korps meiner Miteinwohner, die mir die Ehre erzeigt, mich zu ihrem Anfuͤhrer zu waͤhlen, nicht mit einbegriffen. Als wir die Kritiken der Militairperſonen, und das Gelaͤch⸗ ter der Maͤdchen ſo lange auszuſtehen gehabt hatten, bis das linkiſche Weſen aufgehoͤrt, und gute Disciplin eingefuͤhrt war, und unſere Fort⸗ ſchritte denen, die uns aufmerkſam betrachteten, Achtung abzwangen, fand ſich's, daß unſere beabſichtigten Dienſte uͤberfluͤßig waͤren; Es ſtand mir daher frey fremde Laͤnder zu bereiſen. Nach einem ruͤhrenden Abſchiede von einer be⸗ tagten und geliebten Mutter, eilte ich nach der Hauptſtadt; und, als ich mich dort mit den nothwendigen Paͤſſen und Empfehlungsſchreiben, an unſern Geſandten von dem Miniſter der auswaͤrtigen Angelegenheiten, und einem Kre⸗ ditbriefe verſehen hatte, ſo wie auch mit guten Privatempfehlungsſchreiben, die durch die Guͤte des ſchwediſchen Konſuls, Herrn Grill, ver⸗ mehrt wurden, und einem, fuͤr Jemand, der Schweden bereiſen will, unumgaͤnglich noth⸗ wendigen Paſſe von dem Baron Silberhjelm, dem geſcheuten, und liebenswuͤrdigen Repraͤſen⸗ tanten einer braven und edeln Nation, fuhr ich nach Harwich ab, und kam um Mitternacht unter dem Bogen ſeines Wachtthurms durch.— —4—— — Des Morgens giengen wir(ich hatte näm⸗ lich einen Reiſegeſellſchafter bey mir) nach dem fuͤr die Paquetboͤte beſtimmten Buͤreau, und bezahlten dort jeder 4 Guineen fuͤr unſere Ue⸗ berfahrt uach Huſum, ein Pf. Strl. 11 Schl. 6 pf. fuͤr Lebensmittel, und nachher 10 Schl. 6 pf. an den Unterſchiffer, 7 S. jeder an das Schiffsvolk und 5 S. dem Koch. Die Fracht fuͤr einen Wagen, der einem meiner Bekann⸗ ten zu Petersburg gehoͤrte, betrug 10 Guineen; als dies in Ordnung gebracht war, konnte ich mich bis um 4 Uhr Nachmittags unterhalten, wo dann die Poſtkutſche von London an⸗ koͤmmt. Der Kirchhof liegt dicht neben dem Wirths⸗ hauſe; an dieſem feyerlichen Ort ſind wir in⸗ deß nicht immer im Stande, uns jedem ernſt⸗ haften Nachdenken zu uͤberlaſſen, welches er uns einfloͤßen ſollte; die Ergießungen des Dorf⸗ ſchulmeiſters und des Kuͤſters, erwecken nur zu oft ein unwiderſtehliches Lachen. Ich war nicht weit vorwaͤrts gegangen, als eine neue ſimple Marmorplatte meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, und mich durch ihre Inſchrift belehr⸗ te, daß ſie zum Andenken des Capitain Cbri⸗ ſtenſen von Krajore in Norwegen errichtet war, der durch den Biß ſeines tollgewordenen 4 1 Hundes umkam; die Geſchichte war uſach und ruͤhrend erzäͤhlt. 1 Kurz nachdem wir das Grab des armen Norwegers verlaſſen, kam die Poſtkutſche an, und um 5 Uhr ſegelten wir mit guͤnſtigem Winde ab. Jetzt, da ich zu jenen ungluͤckli⸗ chen Weſen gehoͤre, die, ſo wie Gonzalo im Sturm, zu jeder Zeit hunderttauſend Meilen des Meeres, fuͤr einen einzigen Morgen un⸗ fruchtbaren Landes hingeben wuͤrden, und es auch weit mehrere giebt, die das Schwanken des Meeres in Ruͤckſicht ihres Appetits aͤußerſt — unangenehm finden werden, ſo ſey es mir er⸗ lanbt, dieſen zu rathen, einige Sardellen, Ci⸗ tronen, Orangen und ein wenig Brandewein mit zu nehmen; und weil denn nun einmal die Rede von den auf einer Reiſe nothwendi⸗ gen Dingen iſt, ſo empfehle ich hier auch ein paar lederne Betttuͤcher, und einen ledernen Ueberzug außer den leinenen einzupacken; jene verhindern, daß die Feuchtigkeit durchdringen tunn; und werden auch das Ungeziefer abhal⸗ Als wir bey dem Schloß von Oxford vargeneanen gieng die Sonne ſehr ſchoͤn un⸗ ter; und verſchiedene Schiffe, die gegen den Wind an arbeiteten, und wechſelsweiſe durch einander fuhren, boten ein herrliches Schau⸗ — ruͤhmten Mannes uͤber denſelben Gegenſtand: ſpiel dar: es war dieß eine ſolche Scene, die der Geiſt von Vernet mit Vergnuͤgen uͤber⸗ ſchwebt haben wuͤrde. Den Tag darauf erblick⸗ ten wir die Stengen unſerer braven Blockade⸗ Schiffe des Texels: es war ſchmerzhaft uͤber die Wirkungen einer harten Nothwendigkeit nachzudenken, die uns zwingt ein Volk zu pla⸗ gen, welches in ſeinem Herzen keine andere Feindſchaft als die, gegen die Tyraͤnney hegt, die es von nus trennt. Eine edle Fregatte von jenem Geſchwader, kam bey uns vorbey unter einem Gewuͤhl von Segeln, die den ho⸗ hen Wogen Trotz boten; ſtolz gieng ſie durch den Schaum des Oceans und erſchien dem Au⸗ ge der Einbildung wie der Pallaſt Neptuns. Ihr Anblick erinnerte mich an die geiſtreichen, Chatham's wuͤrdigen Aeußerungen eines be⸗ zein engliſches Kriegsſchiff iſt dasjenige, was anach allem uͤbrigen kommt: es redet alle „Sprachen; es iſt der beſte Unterhaͤndler, und ader tiefſte Politiker auf dieſer Inſel; es war „DOliver Cromwell's Botſchafter, es iſt ei⸗ 8 aner der ehrlichſten Staatsminiſter, die je da ageweſen ſind, und ſagt niemals eine Luͤge; auch erlaubt es nie dem ſtolzeſten Franzoſen, „Hollaͤnder oder Spanjer, es zu hintergehen, zoder ihm eine unverſchaͤmte Antwort zu ge⸗ aben“ Am dritten Tage zeigte ſich uns ein aͤußerſt ſonderbarer Gegenſtand, naͤmlich Helgoland, ein ſehr großer hoher perpendikulaͤrer Felſen, der ſich aus dem Ocean erhebt, und ohngefaͤhr 45 engliſche Meilen von der naͤchſten Kuͤſte entfernt liegt; er hat nur eine Meile im Um⸗ kreiſe; indeß leben auf ſeinem kalten und blaͤt⸗ terloſen Gipfel nicht weniger als 3000 Men⸗ ſchen in Geſundheit, Wohlſtand, und Gluͤckſe⸗ ligkeit Die kuͤhnen Einwohner naͤhren ſich hauptſaͤchlich vom Fiſchfange und Lootſen, und werden auch durch den zerſtoͤrenden Sturm be⸗ rei ert. Aber zur Ehre der braven Bewohner von Helgoland muß ich bemerken, daß ſie nie die Schrecken des wuͤthenden Elements vermeh⸗ ren. Menſchlichkeit und zu verehrende Theil⸗ nahme treiben ſie an, auf eine tapfere Art dem Sturm ins Geſicht zu ſehen, und den ſinken⸗ den Schiffer, ſo wie die traurigen Ueberbleib⸗ ſel ſeines umhertreibenden Vermögens aus der Tiefe aufzufangen; ſie geben es nie zu, daß die Liebe zum Gewinn irgend einen andern Ausruf als den des Dankes gegen den Him⸗ mel weckt; nicht dafuͤr, daß der Sturm ſtatt gehabt, ſondern dafuͤr, daß der Ocean nicht 1 alle Truͤmmern verſchlungen hat. Wie unähn⸗ lich ſind dagegen jene Barbaren, die das weſt⸗ liche England unſicher machen, das Pluͤndern der Erhaltung des Lebens vorziehen; von de⸗ nen man weis, daß ſie es ſelbſt zerſtoͤrten, waͤh⸗ rend es mit den Wogen kaͤmpfte, einer Klei⸗ nigkeit wegen, und die in dem Fruͤhling jedes Jahrs die Gewohnheit haben, von der letzten Schiffbruchs⸗Jahrszeit als einer ſchlech⸗ ten oder guten zu reden, zufolge der Heftigkeit oder Gelindigkeit des vergangenen Winters!*) Die Bewohner von Helgoland ſind eine ſchoͤne geſunde Race Menſchen; ausgezeichnet huͤbſch; ſie leben in kleinen Huͤtten, und ſchla⸗ fen auf Bretern die uͤber einander gelegt ſind, und werden von einem Chef regieret, den die Daͤniſche Regierung dorthin ſchickt. Sie muͤſ⸗ ſen ihre Inſel von der Kuͤſte aus mit Lebens mitteln verſehen.— Wir ſegelten in den Fluß, woran Huſum liegt, ohngefaͤhr um 4 Uhr des Morgens mit einem ſtarken mit Regen begleiteten Winde; die Wolken waren in Weſten ſchwarz, und ſtuͤr⸗ miſch, und hie und da brachen kupferfarbene *) ich ſpiele hier auf diejenigen an, die bey Hope Cope nahe bey Hingsbridge, Schiffbruch leiden. — 10— Streifen durch; oͤſtlich kam die Sonne freund⸗ lich zum Vorſchein; als ich dieſe pittoreske Erſcheinung betrachtete, und von Zeit zu Zeit auf das aͤngſtliche Auge und die Geberden un⸗ ſers daͤniſchen Piloten Acht hatte, der uns mit⸗ telſt Wahrtonnen und ſchwimmender Pfaͤhle mit bewunderungswuͤrdiger Geſchicklichkeit durch ei⸗ nen engen und den einzigen ſchiffbaren Theil des Fluſſes, der zwiſchen zwey langen hohen Sand⸗ bänken liegt, fuͤhrte, ward die Wirkung dieſer Scene noch durch eine Eule mit gelben Federn erhoͤht, die auf unſer Schiff zu kommen ſuchte; das arme Thier war, wie wir vermutheten, von der Kuͤſte weggewehet worden; ſein Fluͤgel be⸗ ruͤhrte den aͤuſerſten Theil des Baums allein von Anſtrengung erſchöpft, fiel es athemlos ins Waſſer. Als wir weiter herauffuhren, ſah das Ufer niedrig, flach und ſchlammig aus; auf dem⸗ ſelben nahm man hier und da ein einſames Pachthaus und eine Windmuͤhle gewahr, allein der Fluß bot eine recht muntere Scene dar. Bote, die von den kleinen Inſeln kamen, die ſich an jeder Seite des Fluſſes befinden, wa⸗ ren voll von kuͤhnen Maͤnnern, Weibern und Knaben. Die Frauenzimmer trugen große ſchwar⸗ ze polirte pappene Bonnets, die in der Son⸗ — 11— ne glänzen; ſie gingen alle zu der großen Meſ⸗ ſe nach Huſum. Wir legten uns ohngefaͤhr 4 Meilen von dieſer Stadt, deren lange Thurm⸗ ſpitzen uns voͤllig ſichtbar wurden, vor Anker: ein großes mit dieſen guten Leuten angefuͤlltes Boot kam zu uns, und nahm uns und unſere ganze Bagage auf. Als wir den Fluß höher hinauf kamen, der immer enger wurde, je wei⸗ ter wir fuhren, und mehr eine duͤnne Mudde als Waſſer zu ſeyn ſchien, durch die wir nur langſam mittelſt Stangen fortruͤckten, betrach⸗ tete ich, aus langer Weile, meine Mitgeſell⸗ ſchafter, deren die meiſten ſo wie ich ſelbſt mit Schuzbretern bedeckt waren, um das ſtarke Re⸗ genſchauer abzuhalten; ſie waren zuſammen in ihren Sonntagskleidern; die Mannsperſo⸗ nen trugen blaue und braune wollene Kleider, und breite runde Huͤte, die Frauensperſonen grobe geſtreifte kamlottene lange Kleider, wor⸗ in roth die Hauptfarbe war, nebſt jenen gro⸗ ßen glaͤnzenden vorher beſchriebenen Bonnets, und Pantoffeln ohne Hinterleder. Wir waren faſt zum Erſticken zuſammen gepreßt. Unſere Geſellſchaft wurde auch noch mehr vergroͤßert als verbeſſert durch die Schweine und das Fe⸗ dervieh; anßerdem fanden ſich noch manche laͤndliche Produkte, worunter ich herrliche But⸗ = 13— ter gewahr ward. In der Geſellſchaft war auch eine ſchoͤne bluͤhende junge Schottlaͤnde⸗ 2 5... 8 rin, die einen Einwohner von Helgoland ge⸗ heirathet hatte; ihre ausdrucksvollen ſchwar⸗ zen Augen funkelten vor Freude, als ſie fand, ſie ſitze neben einem Englaͤnder; in ihren Blik⸗ ken konnte man die unerloͤſchbare Liebe fuͤr un⸗ ſer Vaterland leſen. Als wir gelandet waren, wurden wir gleich von einer daͤniſchen Schildwache, die auf dem Quay die Wache verſah, und deren Kleidung und Anſehn aͤußerſt armſelig war, angeredet; ſie ſchickte ſofort einen Soldaten mit uns zum Buͤrgemeiſter, um unſere Ankunft anzukuͤndi⸗ gen, und unſere Paͤſſe vorzuzeigen; von dort zu dem Sekretaͤr, damit wir andere zur weite⸗ ren Reiſe erhielten. Ein weniges Geld that hier dieſelben Dien⸗ ſte, wie faſt aller Orten; es brachte unge⸗ woͤhnliche Energie bey den unteren Bedienten der Regierung hervor, ſo daß wir dadurch ein zeitiges Mittagseſſen in einem engliſchen Gaſt⸗ hauſe einnehmen konnten; waͤhrend deſſen hoͤr⸗ te ich nicht ohne Verwunderung einen unſerer Reiſegefaͤhrten, der gleich nach Hamburg abge⸗ hen wollte, oͤfters rufen: iſt mein Wagen fertig?“ Was fuͤr ein Land, dachte ich, muß — 13— dies ſeyn, wo ein Wagen noͤthig iſt, um einen Mann fortzubringen, und noch darzu einen ſol⸗ chen, der etwas groͤßer als ſein Mantelſack war! Als ich ihm mein Erſtaunen zu erken⸗ nen gab, belehrte er mich, das gewoͤhnliche Fuhrwerk dieſes Landes hieße ein Stuhlwagen; wie er nachber vorfuhr, fand ich, daß er auf vier hohen duͤnnen Raͤdern ſtand; er laͤuft ſehr leicht, und paßt ſich fuͤr die Wege, die dort ſehr tief und ſandig ſind, ungemein gut. Gleich nach Tiſch gieng ich auf die Meſſe, die mit Bauern von verſchiedenen Gegenden von Holſtein und Schleßwig angefuͤllt war. Die Frauensleute in ihrem rohen Putz, hatten gerade den entgegen geſetzten Ehrgeiz ihrer ſchoͤ⸗ nen Schweſtern an der andern Seite des Mee⸗ res; ſie waren bis an die aͤußerſte Spitze des Nakkens in Steifleinen eingehuͤllt, und zeigten nicht eine Spur des Buſens; um indeſſen die Haͤrte dieſes ſtrengen Aeuſeren an der Vorder⸗ ſeite einigermaßen wieder gut zu machen, zeig⸗ ten ſie eine ſolche hervorragende Runde hinten, daß ſie ſolchen Augen, die gewohnt ſind, die Symmetrie des engliſchen ſchoͤnen Geſchlechts anzuſtaunen, voͤllig grotesk vorkamen, und vie⸗ les Gelaͤchter erregten. Die große alte Kirche ward bey dieſer Ge⸗ 5 8 —— ———-—j ———————— 6— 8 2 4 ———— —— — 14— legenheit ihres heiligen Charakters beraubt, und in ihren Chorgängen hatte man Buden errichtet, worin Buͤcher und kleine Waaren zu verkaufen waren, und wo ich auch einige gro⸗ be Kupferſtiche nach den Gemaͤlden von Westall antraf. An einigen Orten auf dem feſten Lande war ich mit einem nicht geringen Grad von Stolz Zeuge von der außerordentli⸗ chen Vorliebe fuͤr die Stuͤcke dieſes ausgezeich⸗ neten Kuͤnſtlers. Beynahe jeden Artikel, den man zum Verkauf ausgeſtellt hatte, gab man fuͤr engliſch aus, ob ich gleich uͤberzeugt bin, daß viele derſel ben nie durch engliſche Haͤnde gegangen ſind; allein der Reiz des Namens hat aller Orten Einfluß; der Klang davon iſt anziehend, und ſelbſt der Hauſierer findet ſeine Rechnung bey dieſer Tauſchung. Ein Zollofficiant kam zu uns ins Wirths⸗ haus, um unſer Gepaͤck zu unterſuchen; indeß ward er dadurch, daß man ihm geſchickt einen Thaler in ſeine Hand brachte, in einem Au⸗ genblick durch das bloße Aeuſſere unſerer Kof⸗ fer uͤberzeugt, ſie enthalten gar keine Kontre⸗ bande;— man tadle ihn hieruͤber nicht, denn ſein durchdringender Verſtand hatte bewunde⸗ rungswuͤrdig richtig geurtheilt. Ehe der Fluß, woran Huſum liegt, ſo voll 7 — 15— Schlamm geworden, war die Stadt ein bedeus tender Handelsplatz; jetzt iſt ſie huuptſaͤchlich mit Kraͤmern und Paͤchtern angefuͤllt, und da⸗ durch, daß die Paquetböte von Toͤn ningen hieher verlegt worden ſind, iſt ein bedeutendes Geld unter die Einwohner gekommen. Es iſt vielmehr eine große Stadt; Linden wachſen vor den Haͤuſern, deren Daͤcher ſehr hoch ſind, und das Anſehn von Stufen haben; dieſe ſehr großen Ueberſaͤtze machen eine aͤußerſt unange⸗ nehme Wirkung. Es iſt hier ein Schloß mit Gaͤrten, dem Herzog von Holſtein gehorig, al⸗ lein ſie ſind keiner weitern Bemerkung werth. Dieſer froͤhliche Tag endigte ſich aber mit Unmaͤßigkeit; ich glaube, es waren dort viele vergnuͤgte Herzen, allein nicht eine einzige Per⸗ ſon, die Kopfweh gehabt haͤtte. Des Abends zogen mich eine Violine und eine Trommel in eine Stube, wo die froͤlichen Bauern walzten. Himmel! was fuͤr Bewegungen! Bey einem Franzoſen wuͤrden ſich die Haare in die Hoͤhe gehoben haben, haͤtte er die ſchwere Feyerlich⸗ keit von dieſen Taͤnzern geſehen. Die Frauen⸗ zimmer hatten voͤllig das Anſehen, als waͤren ſie Tonnen, die ſich dreheten, und ihre galan⸗ ten Taͤnzer legten nie die Taba köpleiſen aus ihrem Munde. ———y — 16— Nachdem ich dieſe Scene von phlegmatiſcher Fröhlichkeit verlaſſen, gieng ich nach dem Quay, wo die Bootsleute den Wagen ans Land brachten, den ein huͤbſcher ſtarker engli⸗ ſcher Matroſe ohne Huͤlfe von den vielen rau⸗ chenden Leuten, die ſich dort verſammelt hatten, um die Kutſche zu ſehen, in etwas uͤber eine Stunde zuſammenſetzte; die Geſchwindigkeit die⸗ ſes Matroſen gab einen auffallenden Kontraſt ab, gegen die Schwerfälligkeit der daͤniſchen Seeleute, die um ihn ſtanden. Sobald der Wa— gen nach dem Wirthshauſe kam, giengen wir nach der Poſt, und beſtellten dort 4 Pferde, ob wir gleich nach daͤniſchen Geſetzen nur 3 zu neh⸗ men brauchten; indeß ſahen wir uns durch das Gewicht, und durch die Tiefe der Wege hiezu veranlaßt. Die naͤchſte Poſt war in Flensburg, 5 daͤniſche oder 25 engliſche Meilen weit, wofuͤr wir 3 Thaler und eine Mark bezahlten. Der Muͤnzen und Poſtordnun⸗ gen, werde ich im naͤchſten Kapitel erwaͤhnen. Nachdem auf die Art alles zu unſerer Ab⸗ reiſe des nächſten Morgens in Ordnung ge⸗ bracht war, giengen wir nach dem Wirthshau⸗ ſe zuruͤck. Wir ſaßen dort in einem von den vorderen Zimmern nicht lange, als ein ziemlich blaſſes aber intereſſantes Maͤdchen, welches — 17— ohngefaͤhr 13 Jahr alt ſeyn mogte, mit zittern⸗ den Schritten herein kam, und einem der Her⸗ ren einem Brief uͤberreichte. Sein Inhalt ent⸗ hielt ein Geheimniß, welches ſelbſt den abſcheu⸗ lichſten Wuͤſtling zuruͤck geſchreckt haben wuͤr⸗ de; die Mutter ſelbſt hatte ihn geſchrieben; wir hielten das elende und ſich in ihren Wil⸗ len fuͤgende Kind ſo lange auf, bis von uns einiges Geld fuͤr daſſelbe zuſammen gebracht war, und entließen es mit einem unwillkuͤhr⸗ lichen Ansdruct des Abſcheu's gegen die Mut⸗ ter. Beym erſten Schritt, den ein Englaͤnder aus ſeinem Vaterlande thut, iſt er ſicher, et⸗ was anzutreffen, das ihn uͤberzeugt, er koͤnne kein beſſeres finden. ———— —— — ——— ————————— B——— . Zweytes Kapitel. —— 7 Es giebt nicht leicht etwas unangenehmeres fuͤr den Reiſenden oder Leſer, als die kleinen Details von Geldangelegenheiten, die man auf dem Wege antrifft; und ich will daher mit aller Schnelligkeit jetzt das Nothwendige an⸗ fuͤhren. In Schleßwig und Holſtein iſt die einzige daͤniſche Muͤnze, die man dort annimmt, der daͤniſche Speciesthaler; ferner auch die Bank⸗ noten von Schleßwig und Holſtein, ſo wie die von Norwegen. Der Speciesthaler enthaͤlt 60 Schilling, oder ſo viel engliſche Penie, welche s engliſche Schilling ausmachen. Der Reichs⸗ thaler von Schleßwig und Holſtein enthaͤlt nur acht und vierzig Schillinge, folglich machen 4 Speciesthaler 5 Rthlr. Courant. Das Geld iſt eingetheilt in Schillinge, Marken und Tha— ler; 16 ßl. machen eine Mck., 3 Mckn. einen —— Rthlr. Schleßwigſches und Holſteiniſches Kou⸗ rant, 3 Mck. 12 ßl 1 Spec. Rrhlr. Ich muß rathen nicht mehr Geld mit zu neh⸗ men, als hinreichend ſeyn mag, um damit bis zur Inſel Fuͤnen zu kommen; da das einzige Geld, was man dort annimmt, bis zur Haupt⸗ ſtadt das daͤniſche Kourant iſt. Am paſſendſten wird es ſeyn, Rth. Noten ſtatt baaren Geldes bey ſich zu fuͤhren. In Anſehung der Poſtord⸗ nungen ſo kann man darnach, wenn der Reiſen⸗ den mehr als 3 Perſonen ſind, ſie zwingen 4 Pferde zu nehmen. In Holſtein und Schl eßwig ſo weit bis Ha⸗ dersieben bezahlt man das Pferd die daͤniſche Meile, die 5 engliſche Meilen ausmacht, mit zwanzig Schilling kourant; die andern Koſten betragen ſechzehn Schillinge Schleßw Kour. für den Poſtillion, Stallknechte, das Pferdeholen u. ſ. w. Es iſt indeß gewoͤhnlich, dem Poſtillion die Station einen Reichsthaler zu geben; und zwey Fuhrleute werden dann nur wie einer angeſehen. Als wir von allen dieſen gehörig nnterrich⸗ tet waren, erſchien der Wagen vor der Thuͤr, umgeben von einer Menge gaſfſender Bauern, die ihn anſtaunten, als erwarteten ſie, wir wuͤrden damit in die Luft fahren. Sobald wir aus dem * 20— 7 — — Thore amen, fieng der tiefe Sand gleich an, worin wir 2 x Meilen in einer Stunde zuruͤck⸗ legten, und an beyden Seiten nichts als trau⸗ riges wuͤſtes Land erblickten, nur die ſchoͤnen 3 Sonnenſtrahlen belebten uns den ganzen Weg hindurch. Zwey oder drey Mal jeder Station bat unſer Fuͤhrer um ein kleines Schnapsgeld. Schnaps iſt ein von den erſten und haͤufig— ſten Worten die ein Reiſender in Daͤnnemark lernen wird, im engliſchen bedeutet es ein er⸗ friſchendes Glas Brantwein. Wir fanden indeß immer unſere Rechnung dabey, dieſe Bitte zu gewaͤhren. Der daͤniſche Fuhrmann geht barmherzig mit ſeinen Pferden um; in der Abſicht ihre An⸗ ſtrengung waͤhrend der Station gleich zu machen, wechſelt er die Stelle von jedem derſelben; ein naͤrriſcher Kerl dieſer Art machte uns nicht we⸗ nig Vergnuͤgen, indem er von Zeit zu Zeit in die Kutſche hineinſah, oder wie er es nannte, in den Wagen um wahrzunehmen, ob wir und unſer Gepaͤcke noch unverſehrt waͤren. Wo dieſe Leutethalten um ſi ich zu erfriſchen, fuͤttern ſie ihre Pferde mit großen Scheiben Gerſtenbrod. Wir kamen bey einigen huͤbſchen Pachthaͤuſern vorbey, welche die Scheune mit zwey groſen * an, uͤck⸗ au⸗ nen Veg bat eld. fig⸗ ark er⸗ deß zu rzig An⸗ den, ein we⸗ in nte, und Wo ern od. ern ſen — 21— Fluͤgelthuͤren in der Mitte hatten, und die Ge⸗ baͤude, die zu dem Meyerhofe gehoͤrten, auf einer Seite, und das Wohnhaus auf der andern; alles zuſammen war auf einem Erdgeſtoße be⸗ befindlich und unter einem Dache. Gegen Flensburg hin ward das Land immer ſchoͤner, und wir nahmen die wundervolle Acti⸗ vitaͤt wahr, womit die Natur ſich aller Orten anſtrengte, in einem Klima, welches ſie ſo ſehr in Anſehung der Zeit einſchraͤnkt; wir hatten den zoſten May, und der Boden war noch 3 Wochen vorher mit Schnee bedeckt geweſen, und einige heftigen Winde gaben uns ſehr fuͤhlbar zu erkennen, daß der Winter ſich noch nicht ſehr zuruͤckgezogen habe. In einem Wirthshauſe, wo wir zu Mittag aßen, fanden wir herrliches geraͤuchertes Rind⸗ fleiſch, ſuͤße Butter, gutes Brod, welches wie die engliſchen Tops gebacken war und elenden Landwein. In unſerm Speiſezimmer ſtanden das beſte Porcellaͤn und glaͤſerne Tumler zum Gepraͤnge auf den Betthimmel. Ich freute mich, daß, waͤhrend der Poſtillion fuͤr ſich ſelbſt ſorgte, er auch ſeine Pferde nicht vernachlaͤßigte. Um 8 Uhr Abends kamen wir nach Flens⸗ burg, und hatten 25 engliſche Meilen in 9 Stun⸗ den zuruͤckgelegt; es war dieß eine langwierige — 22— Fahrt, die jeden der an die Geſchwindigkeit ei⸗ ner engliſchen Poſtkutſche gewöhnt iſt, unzufrie⸗ den macht. Die Tiefe der Wege war hieran lediglich ſchuld, denn auf beſſerem Boden liefen die Pferde recht ſchnell. Kurz nach unſerer Ankunft im Wirthshauſe, uͤberreichte uns der Fuͤhrer ein kleines gedrucke⸗ tes Papier welches den Reiſenden anwieß ſeine Meinung uͤber das Fahren des Poſtillions an⸗ zugeben, die nachher dem Poſtmeiſter unterwor⸗ fen wird. Und wenn dann ein Grund zur Kla⸗ ge ſich zeigt, ſo wird der Poſtillion nach einer Verordnung der Regierung beſtraft.. Wenn ein Reiſender auf eine daͤniſche Poſt⸗ ſtation kͤmmt, ſo muß er es als ein Gluͤck an— ſehen wenn ſeine Geduld nicht auf die Probe geſtellt wird, indem er gewoͤhnlich eine Stunde auf Pferde, die ihn weiter bringen ſollen, und zur Zeit ſeiner Ankunft auf einem entfernten Anger graſen, warten muß. Unſer Gaſthof war zugleich das Poſthaus, wodurch man aller Orten die groͤßte Bequemlichkeit erhaͤlt. Flensburg iſt eine groſe Handelsſtadt, dabey reinlich, und hat eine angenehme Lage; es iſt mit herrlichem Waſſer aus Fontainen verſehen; die in gewiſſen Zwiſchenraͤumen im Centro der Hauptſtraße angebracht ſind. Die Haͤuſer glei⸗ = 23— chen denen zu Huſum. Die Ausſicht von dem Quay, dem Fluſſe, und dem gegenuͤber liegen⸗ den Dorfe iſt ſchoͤn; die Sprache bis dahin iſt die dentſche, und die Religion im ganzen Lande die lutheriſche. Der engliſche Wagen gab noch einen Gegenſtand der Bewunderung ab; Schmiede draͤngten ſich in den Hof, um die Federn zu unterſuchen, und die Wagen⸗ macher, um die Naͤder und den Kaſten zu be⸗ trachten. Die Patent⸗Schrauben von jenen erweckten außerordentliches Erſtaunen. An der Ecke des Hofes warfen die Strahlen der un⸗ tergehenden Sonne eine angenehme Farbe auf eine Menge intereſſanter Geſichter, die alle auf Nachrichten warteten— der Freund, der Lieb⸗ haber, der Kaufmaun, denn die Briefpoſt war eben angekommen. Als ich mich auf mein Zimmer zuruͤck ge⸗ zogen hatte, ward mir durch ein beſtaͤndiges Plaͤtſchern der Fontaine, das wiederholte Kraͤ⸗ hen eines heiſern Hahns, zwey Katzen, die ei⸗ ne fuͤrchterliche Liebe gegen einander bezeugten, und durch eine Menge Floͤhe den groͤßten Theil der Nacht der Schlaf entzogen. Des Morgens um 5 Uhr kamen wir auf dem großen Weg nach Koppenhagen, und fuhren laͤngs der Kuͤ⸗ ſten der Oſtſee durch ein ſandiges und trauri⸗ = 24= ges Land; Fuͤnf engliſche Meilen wurden jetzt in einer Stunde zuruͤck gelegt. Wir fanden die Bevoͤlkerung ſehr duͤnn, das Land nur we⸗ nig bebauet; und die einſame Huͤtte, welche mehr das Elend als Induſtrie zu decken ſchien, hatte kaum einen kleinen Garten neben ſich. Die einzigen Vegetabilien, die wir antrafen, wa⸗ ren klein fleckiger Spargel, und Paſtinacken, welche die guten Leute hier in ihrer Suppe ko⸗ chen. Die wenigen Haͤuſer, die ſich auf der Seite der Landſtraße befanden, waren indeß huͤbſch gebauet von hellen Backſteinen und mit Stroh gedeckt. Die Thuͤrme und die eigentli⸗ che Kirche waren aller Orten von einander ge⸗ trennt; woher ihre Trennung in Daͤnnemark entſtanden iſt, kann man wohl eben ſo wenig angeben, als ihre Vereinigung in England. Als ich auf einen von den Kirchhoͤfen gieng, bemerkte ich, daß ihre Monumente hauptſaͤch⸗ lich aus einer Art von oblongem Quadrat ge⸗ macht und durch Querſtuͤcke ſchwarz angeſtri⸗ chenen Holzes getheilt, und die Raͤume dazwi⸗ ſchen mit Steinen ausgefuͤllt ſind. Das Land um Abenraac, eine kleine Fi⸗ ſcherſtadt, wo wir Pferde wechſelten, war ſehr huͤbſch, und hatte viel aͤhnliches mit der ſchoͤ⸗ nen abhaͤngigen Holzung in Lord Borring⸗ etzt den ves che en, ch. ba⸗ 2n, ko⸗ der eß nit tlli⸗ ge⸗ ark nig ig, ch⸗ ge⸗ ri⸗ vi⸗ Fis hr oö⸗ 8 ⁸ — 2595— ton's Park zu Saltram, welche die Heer⸗ Straße nach Plymouth theilt. Das Land von Abenraac nach Hadersleben iſt huͤgelig, holzig, fruchtbar und romantiſch Das Vieh war al⸗ ler Orten angebunden und daher auf einem Zirkel von Weide eingeſchraͤnkt. Waͤhrend das Mittagseſſen zubereitet ward, gingen wir in Hadersleben nach der Bank, um unſer Hol⸗ ſtein⸗ und Schleßwigſches Geld gegen daͤniſches Konrant einzuwechſeln, ehe wir nach der Inſel Funen abfuhren. Hier ſteht der Kours, der von dem von Hamburg geleitet wird, immer zu Gunſten derer, die nach Kopenhagen reiſen. Fuͤr 435 Rthlr. Schleßwigſches Geld erhielten wir 156 Rthlr. Kourant und 6 S., welches 17 Pf. St. auf das hundert, zu unſerm Vor⸗ theil war. Als ich dem Banquier einen der neuen Thaler von Bolton's Muͤnze wies, ſchien er ſich uͤber deſſen Schoͤnheit zu freuen, und bat, wir moͤchten ihm erlauben, ihn ein⸗ zuwechſeln; welches dann auch mit Vergnuͤgen geſchah. Bey unſerer Ruͤckkehr fanden wir ein gutes Mittagseſſen in einem langen blau ausgemalten Zimmer, der Fußboden war darinn mit Sand beſtreut, und drey Fenſter ſah man mit Mußli⸗ nen verziert, einen antiken Kronleuchter, der auf — 26— diejenigen, die darunter durchgiengen, herunter zu fallen drohte, und zwey alte Gemaͤlde von dem König und der Koͤnigin von Daͤnnemark, die einander recht froh anſahen. Ich muß bey dieſer Gelegenheit auch den Leſer in die Kuͤche fuͤhren, in der in Dunenzatt ſowohl als in Deutſchland der Fenerherd Fuß uͤber dem Erdboden erhaben iſt, und der Eſſe eines Schmiedes aͤhnlich ſah; das Fleiſch wird gebacken, oder wie ſie es nennen ge⸗ roͤſtet, auf einer Art von Kaͤſe⸗Roͤſteiſen, nach⸗ dem es vorher gekocht iſt. Der Reiſende wuͤrde uͤberhaupt beſſer thun, ſein Eſſen lediglich auf Brod, Butter und Eyer einzuſchraͤnken, der Wein iſt aller Orten ſehr ſchlecht, und das Bier abſcheulich. Die Landleute ſcheinen alle reinlich und ver⸗ gnuͤgt zu ſeyn, es war angenehm fuͤr mich, fruͤh „Morgens auf unſerer Reiſe Gruppen von jungen Milchmaͤdchen zu ſehen, deren Backen von Ge⸗ ſundheit ſtrotzten, und indem ſie ihre Eymer mit großer Geſchicklichkeit alancitten, ſtrickten, ſan⸗ gen und fortgiengen. Da verſchiedene langweilige Meilen dadurch erſpart werden konnten, daß wir uͤber den klei⸗ nen Belt, da wo er am breiteſten iſt, fuhren, ka⸗ men wir nach Averſund, ſtatt nach Snog⸗ 8⏑ 2 822 S 82 1e — F hoöi, wo das Land ſehr ſchoͤn war, allein die Wege deſto laͤſtiger. Nichts kann huͤbſcher ſeyn als die Lage des Poſthauſes mit ſeinen Gaͤrten, die ſich nach dem Waſſer hinunter ſenken; ſie gewann noch mehr durch die glaͤnzende Sonne, mittelſt welcher die kleine Inſel Arroe ſuͤdlich und die groͤßere Inſel Fuͤnen gegen uͤber, ohngefaͤhr 8 engliſche Meilen weit ganz deutlich wurden. Die Bootsleute hoben mit außerodent: licher Geſchicklichkeit in ohngefaͤhr 10 Minuten mit Stricken unſere ganze Kutſche nebſt dem Ge⸗ paͤck in ein offenes Boot, und da wir guten Wind hatten, fuhren wir in anderthalb Stun⸗ den uͤber den kleinen Belt, und landeten zu Afſens. Ein Fremder muß ſich wundern, wenn er ein Koͤnigreich ſo aus Inſeln zuſammen geſetzt findet. Die Provinz, die wir eben verlaſſen hatten, iſt, ohngeachtet des traurigen Anſehens einiger Theile derſelben von der Hauptſtraße, wegen des unabhaͤngigen Geiſtes der Landleu⸗ te, die ſchaͤtzbarſte der Krone Daͤnnemark. Unſere Ueberfahrt koſtete 3 Rthlr. 8 ßl., und daß der Wagen ins Boot gebracht wurde, zwoͤlf Schilling. Als des Morgens die Pferde vorgelegt wur⸗ den, zog eine ſonderbare Prozeſſion bey uns voruͤber: ein junges geputztes Frauenzimmer, deren Haare mit Puder und Pomade ſo ſteif gemacht waren, daß ſie faſt die Feſtigkeit von Stukatur Arbeit hatten, worauf dann eine ho⸗ he Muͤtze von Spitzen angebracht, und mit ei⸗ ner Menge kuͤnſtlicher Blumen verziert war; ſie trug auch ein großes Bouquet natuͤrlicher und kuͤnſtlicher Blumen an ihrem Buſen, und ein Buch in der Hand, unb drehete beym Ge⸗ hen ihre Zehen auf eine abſcheuliche Art ein; drey junge Maͤdchen gingen ihr voran in Muͤ⸗ tzen, die mit kleinen Stuͤcken ſilberner und gol⸗ dener Borten beſetzt waren, und in rothe Jak⸗ ken gekleidet; jede hielt ein Buch in der Hand, und auf dieſe folgten zwey alte Frauen, die auch Buͤcher trugen. Die ſchoͤne Heldin die⸗ ſandendeden Gruppe neigte ſich gegen mich, s ſie voruͤber gieng; ſie begab ſich nach der San. wo ihr Braͤutigam ihrer mit Sehnſucht wartete. Mark und 6 Mck einen Reichsthaler daͤniſches Kourant. Und auf einen holſtein⸗ und ſchles⸗ wigſchen Schilling gehen zwey von dem eigent⸗ lich daͤniſchen Kourant. Nach der Poſt⸗Ord⸗ nung, muß man fuͤr das Pferd die daͤniſche Meile zwey Mark daͤniſches Kourant bezahlen, Auf dieſer Inſel machen 16 Schillinge eine — 29— und an den Stallknecht und fuͤr das Holen der Pferde zehn Schillinge. Wir aßen in der großen und ſchoͤnen Stadt Odenſee. Sie iſt der Sitz eines Biſchoffes, die reichſte in Daͤnnemark naͤchſt Koppenhagen, und die erſte auf der Inſel. Man findet hier eine öffentliche Schule, wo eine kleine Anzahl Knaben frey erzogen und unterhalten werden, und ein Gymnaſium fuͤr Studenten von 16 Jahren. Die Kathedral⸗ Kirche, ein alter Haufen Steine, iſt nur des⸗ halb merkwuͤrdig, daß ſie die Gräber von Jo⸗ hann und dem blutduͤrſtigen Chriſtian IIten 4 enthaͤlt, der den Töron von Schweden durch Eroberung beſtieg, und in einem Blutbade 600 junge Edelleute dem Schwerte uͤberlieferte— Dieſe Mordſcene iſt außerordentlich ſchoͤn vor⸗ geſtellt in der von Herrn Heinrich Brooke 1738 herausgegebenen herrlichen Tragoͤdie. Das Strohdach der Huͤtte, auf dieſer In⸗ ſel, ſo wie in den meiſten Gegenden des Nor⸗ dens, iſt mit hoͤlzernen Kreuzklammern verſehen, um es zuſammen zu halten, und hat ein weit ſchlechteres Anſehn, als das warme feſte huͤb⸗ ſche engliſche Dach; der Weg von hier nach Nioborg iſt gut, zum Theil gepflaſtert, und das Land an allen Seiten maleriſch. Den Laͤm⸗ — 30— mern hatte man, in allen den Heerden die wir ſahen, einen Fuß an den Koͤrper mit Bindfa⸗ den gebunden. Eine fuͤr dieſe armen Thiere ſo ſchmerzhafte Gewohnheit iſt dazu beſtimmt, ſie naͤher an die Muͤtter zu halten, und da⸗ durch, daß ſie weniger Bewegung haben, ſie fett in machen. Ich war erſtaunt, weder in Daͤnnemark, noch in irgend einem andern Theil des Nor⸗ dens, den ich bereiſete, das aͤußerſt nuͤtzliche und ſo ſchlecht behandelte Thier, den Eſel an⸗ zutreffen. Um 9 Uhr des Abends langten wir zu Nio⸗ borg, einer kleinen huͤbſchen befeſtigten Stadt von ohngefaͤhr 900 Einwohnern an, und be⸗ ſchloſſen, da der Wind gut war, dieſelbe Nacht uͤber den großen Belt zu fahren. Dort muß⸗ ten wir unſere Paͤſſe vorzeigen. Der Kapitän des Ueberfahrtsboots legte, da es ſchon ſo ſpaͤt war, unſerer Entſchließung viele Schwierigkei⸗ ten in den Weg, indeß wußten dieſe die zaͤrt⸗ lichen Blicke und die Beredſamkeit eines fran⸗ zoſiſchen Maͤdchens im Wirthshauſe wuͤrklich zu beſeitigen. Hier mußten die Raͤder des Wa⸗ gens abgenommen werden⸗ und nach einer an⸗ genehmen Fahrt von 22 2 Stunden hatten wir unſern Weg zuruͤck gelegt, der 20 engliſche Mei⸗ —=— 31— len betrug, und landeten bey Corſoer, der Handeinen von Seeland. Als ich uͤber dieſes bedeutende Waſſer fuhr, konnte ich mein Erſtaunen daruͤber nicht ber⸗ gen, daß es im Februar 1658 zu einer Eis⸗ bruͤcke fuͤr die ſchweren Truppen des kriegeri⸗ ſchen und ehrgeizigen Carls des X. diente, der, gegen die Weiſung ſeines Kriegsraths, hinuͤber marſchirte, um den Daͤnen eine Schlacht zu liefern. Waͤhrend dieſes fuͤrchterlichen Ueber⸗ gangs brach ein Theil des Eiſes, und eine gan⸗ ze Escadron der Garden ward das Opfer da⸗ von; und nicht ein einziger gerettet, indem vorher der Befehl erlaſſen war, d aß kein ein⸗ ziger unter Todesſtrafe es wagen ſollte, in ei⸗ nem ſolchen Falle ſeinem Nachbar huͤlfreiche Hand zu leiſten. Nachdem Guſtav Adolph uͤber den kleinen Belt auf die naͤmliche Weiſe ge⸗ gangen war, zwang er die Daͤnen, den Ro⸗ ſchilder Frieden zu ſchließen. Dieſe Unterneh⸗ nungen kann man unter die bewunderungs⸗ wuͤrdigſten Heldenthaten rechnen. Um Mitternacht verließen wir das Schiff, der Wind war recht friſch, und der Mond, welcher von Zeit zu Zeit in vollem Glanze durch ſchwarze Wolken ſchien, erleuchtete die Vorderſeite eines alten Schloſſes von nicht = 32— großer Feſtigkeit, neben dem Quay, wel⸗ ches gelegentlich zur Reſidenz des Kronprinzen 8 6 dient. Auf den Waͤllen hielt eine im Mantel gehuͤllte Schildwach die Wache. 1 1 3³3 wel⸗ inzen antel Drittes Kapitel. Es iſt kaum nothwendig zu bemerken, daß die daͤniſche Regierung unbeſchraͤnkt iſt. Der Dä⸗ ne iſt gutmuͤthig und fleißig, er liebt die hitzi⸗ gen Getraͤnke, iſt aber ſelten betrunken; die Strenge des Klimas macht dieſen Hang ſehr natuͤrlich, indeß iſt ſein Betragen dann, wenn er ſich dieſem uͤberlaͤßt, nicht beleidigend. Beym Fruͤhſtuͤck zu Corſoer kam ein Dä⸗ ne von Anſehn in das Zimmer; die Wirthin, eine erſtaunlich unbehuͤlfliche aufgeraͤumte Per⸗ ſon, in Stiefein, oͤffnete ohne ein Wort zu ſa⸗ gen ihren Schenktiſch, und nahm eine Bou⸗ teille Branntwein heraus, uͤberreichte ihrem Gaſt ein großes Weinglas voll, dieſes trank jener hinein, als wenn es eben ſo viel Kokos⸗ milch geweſen waͤre, und ging darauf gleich fort. Man ſagt, die Inſel Seeland habe ein ſehr uͤppiges Anſehen, und an pitoresken Scenen 324— einen Ueberfluß; die Kuͤſten derſelben ſind mit huͤbſchen Staͤdten, ſchoͤnen Schloͤſſern und gro⸗ ßen holzreichen Domainen beſetzt, indeß nah⸗ men wir auf der Hauptſtraße bis nahe an der Hauptſtadt gar kein Zeichen von einer ſolchen Fuͤlle und Schoͤnheit gewahr; ob es gleich da⸗ mals ſchon den 3ten Junii war, ſo hatten doch die Stachelbeer⸗ und Johannisbeerſträͤuche eben erſt Beeren bekommen. Auf der erſten Poſtſtation dieſer Inſel tra⸗ ken wir den in Daͤnnemark von uns noch nie geſehenen Schlagbaum, der am Ende jeder daͤ⸗ niſchen Meile errichtet iſt. Da die Wege er⸗ traͤglich gut ſind, ſo iſt wider die Abgabe nichts einzuwenden; ſie betrug fuͤr den Wagen und 4 Pferde 6 ßl. daͤniſch Kourant. Nach einer neueren Verordnung wird dieſer Zoll dem Poſt⸗ meiſter bezahlt, ehe der Reiſende abfäͤhrt, wel⸗ * ches dann die Unbequemlichkeit zu halten er⸗ ſpart. Der Schlagbaum iſt ſo wie alle andere Barrieren in Norden einfach von einer langen Gtange gemacht. Die Meilenſteine, die wir hier zum erſten Male im Lande wahrnahmen, ſind aus Gra⸗ nit in Geſtalt eines ſchönen Obelisks gemacht; ſie zeigen die Meilen und halbe Meilen, und enthalten die Namen von Chriſtian, und zu mit gro⸗“ nah⸗ der chen da: doch uche tra⸗ nie daͤ⸗ er⸗ chts und iner oſt⸗ wel⸗ er⸗ dere gen ſten Bra⸗ ht; und zu — 37— Zeiten von Friedrich dem Vten Auf unſerem Wege ſahen wir verſchiedene Stoͤrche, die dann, wenn wir uns ihnen naͤherten, keine andere Zeichen der Unruhe von ſich gaben, als daß ſie ſich von uns entfernten. Das Land von Sla⸗ gelſe e nach Ringſtaͤdt iſt ſehr maleriſch. Die aͤlteſte Kirche in Daͤnnemark befindet ſich in dieſer Stadt; ſie iſt aus Backſteinen gebaut, mit drey niedrigen Thuͤrmen: es giebt hier einige ſehr alte koͤnigliche Grabmaͤhler, die hauptſaͤchlich mit der Aſche der Abkoͤmmlinge Sweyn II. angefullt ſind, und mit dem Pfla⸗ ſter gleiche Hoͤhe haben. Wir kamen durch vie⸗ le Buchen⸗ und Eichenwaͤlder, die die Kuͤſten verſchiedener großen und ſchoͤnen Seen bedekten. Als wir uns der Hanptſtadt naͤherten, erſtaun⸗ ten wir daruͤber, daß alles wohlfeiler wurde, und die Pferde und Poſtillions, elender und ſchlech⸗ ter ausſahen. Ich muß hier zur Ehre des ſchoͤnen Geſchlechts anfuͤhren, daß ob wir gleich zu Zeiten verlegen waren, uns wegen unſerer Unwiſſenheit in der daͤniſchen Sprache verſtaͤndlich zu machen, und alle Gebaͤrden bey den Maͤnnern erſchoͤpft hat⸗ ten, ſo fanden wir immer, daß die Frauenzim⸗ mer uns mit einem Drittel unſerer pantomimi⸗ ſchen Sprache beſſer verſtanden; und bis ans = 36—r Ende meines Lebens werde ich dankbar ſeyn, und nach meiner Erfahrung fuͤr die groͤßere Geſchwindigkeit der weiblichen Faſſunoarraft ſtreiten. Wir kamen des Sonntags nach Roskild, welches, Holberg zufotge, ſonſt eine Stadt war, die innerhalb ihrer Waͤlle 27 Kirchen, und ei⸗ ne aͤhnliche Zahl Kloͤſter enthielt, ob es gleich jetzt ein Ort von ſehr weniger Bedeutung iſt. Wir gingen nach der Kathedralkirche, einem großen Gebaͤnde von Backſteinen, mit Kupfer gedeckt und mit zwey Thuͤrmen, deren aͤlteſter Theil unter Harold, Großvater von Kanut dem Großen, König von England und Daͤnne⸗ mark, gebauet wurde. Das Innere dieſes Ge⸗ baͤudes iſt dadurch, daß es einen ſo großen Umfang hat, beruͤhmt; die Decke iſt mit klei⸗ nen Blumen in einem ſchlechten Geſchmack ge⸗ malt; ſie ſind ganz und gar nicht mit jenen ausgeſuchten Einflechtungen geziert, welche die Hauptſchoͤnheit der Gothiſchen Architektur aus⸗ macht. Die Orgel iſt nach einem ungeheuren Maaßſtabe, und der Ton ſehr ſchön Die Klap⸗ pen werden von den Fuͤßen des Organiſten be⸗ wegt. In einer großen achtekkigten Kapelle, die von der eigentlichen Kathedralkirche durch ein eiſernes, ſo fein gearbeites Gitter getrennt die ſo a erre C Frat man Unt 13tel Hau den dens wund ihr orden res eyn, pere raft ild, var, ei⸗ ſeich iſt. nem pfer eſter nut nne⸗ Ge⸗ ßen klei⸗ ge⸗ nen die aus⸗ eren lap⸗ be⸗ elle, rch nnt = 37— iſt, daß es in der Entfernung einer ſchwarzen Gaze gleicht, ſo wie auch in einem unterirdi⸗ ſchen Gewoͤlbe ruhen die Ueberbleibſel der koͤ⸗ niglichen Familie von Daͤnnemark, in verſchie⸗ denen erhobenen ſteinernen Saͤrgen; dieſe ſind mit ſchwarzem Sammet bedeckt, der mit klei⸗ nen goldenen Kronen beſetzt iſt, und bis auf den Boden hinabhaͤngt. Es iſt meiner Abſicht nicht angemeſſen, die Grabmaͤhler aufzuzäͤhlen. Das ſchoͤnſte, iſt das der Juliane Marie, deren blutgieriges Beneh⸗ men gegen die huͤlfloſe Königin Mathilde und die ungluͤcklichen Grafen Struenſee und Brand ſo allgemeine Senſation vor mehreren Jahren erregte. Ich darf das Grabmahl der wundervollen Frau Margaretha von Waldemar, oder wie man ſie zum Spaß nennt, des Koͤnigs im Unterrock, nicht uͤbergehen. Sie lebte im 13ten Jahrhunderte, und vereinte auf ihrem Haupte die Kronen von Daͤnnemark, Schwe⸗ den und Norwegen. Die Semiramis des Nor⸗ dens war dazu beſtimmt, die Welt durch ihre wundervollen Thaten in Erſtaunen zu ſetzen; ihr Eintritt in dieſelbe ward dadurch außer⸗ ordentlich, daß ſie die rechtmaͤßige Tochter ih⸗ res Vaters und ihrer Mutter war; jener wur⸗ = 38— de ihre Mutter uͤberdruͤßig, und ſperrte ſie da⸗ her in ein Schloß ein; um dieſelbe Zeit ver⸗ liebte er ſich aufs heftigſte in eine ihrer Dames d'honneur, und bewarb ſich um ihre Gunſt⸗ bezeigungen, das gut geſinnte Frauenzimmer hatte das Anſehn, ſeine Wuͤnſche erfuͤllen zu wollen, theilte aber der ungluͤcklichen Königin die Uebereinkunft mit, und war dazu behuͤlflich, ſie verkleidet an den Ort zu bringen, und Mar⸗ garetha war die Frucht dieſer ſonderbaren In⸗ trigue. Wir freuten uns ſehr, in einer der Kapel⸗ len die reichen und ſchoͤnen Mauſoleen Frie⸗ derichs II. und Chriſtians III. zu ſehen; ſte waren in Iralien gezeichnet und verfertigt mit ungeheuren Koſten, auf Befehl Chriſtians des 1V Dieſe Souveraͤns ſind liegend, in Le— bensaroͤße, vorgeſtellt unter einem ſteinernen Baldachin, der von corinthiſchen Säulen ge⸗ tragen wird; die Basreliefs, die das Grab Friedrichs II. ſchmuͤcken, ſind ausgeſuchte Stuͤk⸗ ke der Bildhauerkunſt. Hier liegen auch viele große Helden begraben, die den Ruhm ihres Landes befoͤrderten, und in der Geſchichte fort⸗ leben. Ich erinnerte mich hiebey folgender ſchoͤnen Ideen Addiſon's:—„wenn ich ſehe, daß 2 da⸗ ver⸗ ames unſt⸗ imer n zu nigin -lich, Nar⸗ In⸗ apel⸗ rie⸗ hen; rtigt ians 1 Le⸗ rnen ge⸗ Brab tuͤk⸗ piele hres fort⸗ dnen daß =— 39— „Könige neben denen liegen, die ſie abſetzten; „wenn ich die geſcheuten Menſchen, die Neben⸗ „buhler waren, und ſich neben einander befin⸗ „den, betrachte, oder die heiligen Perſonen, die adie Welt durch ihre Streitigkeiten und Dis⸗ puͤte uneinig machten, dann ſehe ich mit Mit⸗ aleiden und Erſtaunen auf die kleinlichen Mit⸗ bewerbungen und Debatten der Menſchen; wenn ich die verſchiedenen Angaben der Graͤ⸗ „ber derjenigen leſe, wovon einige geſtern und gandere vor 600 Jahren ſtarben, ſo ziehe ich azugleich jenen großen Tag in Betracht, wo wir zuſammen Zeitgenoſſen ſeyn, und mit ein⸗ zander erſcheinen werden.“ Als wir uͤber den Kirchhof nach dem Wirths⸗ hauſe zuruͤckkehrten, wurden wir durch die Er⸗ ſcheinung einer jungen intereſſanten Frau aufge⸗ halten, die mit vieler Traurigkeit in ihrem Ge⸗ ſicht ſpaniſchen Flieder und halb aufgebluͤhte Tulpen, und ſchoͤnen Sand aus einem kleinen Korbe, den ſie in der Hand hielt, auf ein friſches Grab ſtreuete, welches, wie ich nach ſeiner Grö⸗ ße und ihren Blicken vermuthete, das ihres Kindes war; es iſt dies eine ruͤhrende Gewohn⸗ heit des Landes. Wir ſtießen auf nichts, was die Annaͤherung der Hauptſtadt bewießen haͤtte, bis wir nach — 40— Friedrichsberg, einem der Landſchloͤſſer des Kö⸗ nigs ohngefaͤhr zwey engliſche Meilen von Ko⸗ penhagen, kamen. Das viele Geraͤuſch und die herumtreibenden Laquaien in Scharlach und Silber zeigten an, daß ſich der Hof hier auf⸗ hielt Als wir von der ſchoͤnen Anhöhe, auf deren Gipfel der Pallaſt ſteht, herabfuhren, bo⸗ ten die Stadt mit ihrem in Ruinen ſtehenden Pallaſt, der Sund und das herumliegenee Land eine ſehr ſchoͤne Ausſicht dar. Der Weg war ganz voll von Leuten in Sonntagskleidern und mit froͤhlichen Geſichtern, die da eilten um den Abend in den Gaͤrten von Friedrichsberg zu zu bringen, der mit Eriaubniß ſeiner Maje⸗ ſtaͤt, der Lieblingsverſammlungsort des Volks iſt. Man hielt uns einige Minuten bey dem Zoll⸗ hauſe, welches an die erſte Zugbruͤcke ſtößt, auf, uͤber dieſe und eine innere kamen wir nach den Thoren der Hauptſtadt, und fuhren hinein durch einen langen Bogen, der einen Theil der Waͤlle ausmacht. Gegen Lubels Hotel zu, welches man uns empfohlen hatte, kamen wir an den Mauren des Koͤniglichen Pallaſtes vorbey, die die koloſſa⸗ liſche Groͤße und Pracht bewießen, die ihn ſo lange ausgezeichnet haben, bis er im Jahr 1794 ein Raub der Flammen ward. Wie wir dies — 41— prachtvolle Gebaͤude nach Tiſche beſahen, fand ſich eine unverſehrt gebliebene Inſchrift, wonach es aus der Privatkaſſe von Chriſtian dem Ylten errichtet worden war, und ihm aus ſeiner Privatkaſſe, ohne daß er ſeine Unterthanen druͤck⸗ te, ſechs Millionen Thaler koſtete: es ſteht auf einer von dem Kanal gebildeten Inſel, und hat verſchiedene Thore; der Haupteingang iſt von Eiſen, und macht eine ſehr ſchöne Wirkung. Die Vorderſeite hat 25 ſehr große Fenſter in einer Linie, und beſteht aus ſechs Etagen, wo⸗ von 3 nach einem großen und die uͤbrigen nach einem kleinen Maasſtabe eingerichtet ſind. Die Fronte iſt 367, jede der Seiten 389 Fuß lang⸗ und die Höhe betraͤgt 114 Fuß. Alle großen Staatszimmer waren in der vierten Etage; der Hof iſt mit zwey Fluͤgeln von gewölbten Gäͤn⸗ gen 12 Fuß tief umgeben, und an jeder Seite befinden ſich gewölbte, Staͤlle fuͤr Reit⸗ und Kutſchpferde; dieſe ſind der Wuth der Flam⸗ men entgangen, und in der That prachtvoll; die Krippen desjenigen, der 48 Pferde enthaͤlt, ſind von Kupfer, und die Pillern, welche die Staͤlle von einander trennen, von Backſteinen, als Stucko gearbeitet. Bey einem andern fanden wir die Saͤulen von norwegiſchem Mar⸗ mor; der Boden der Staͤlle iſt von Stein, = 42— und die Breite eines jeden betraͤgt ſechs Fuß. Der Hof hat 390 Fuß Laͤnge und 340 in der größten Breite; die Pilaſtern ſind von der zu⸗ ſammen geſetzten Ordnung und die Saͤulen von der joniſchen; man findet auch noch zwey Sei⸗ tenhoͤfe, die mit Gebaͤuden von 245 Fuß Laͤn⸗ ge und 106 Fuß Breite eingefaßt ſind. Der Stall linker Hand iſt von einem Reithauſe ge⸗ theilt, welches 76 Fuß lang und 56 Fuß breit iſt, von 15 Fenſtern das Licht erhaͤlt, mit einer Gallerie fuͤr die koͤnigliche Familie und Zu⸗ ſchauer verſehen iſt, und ebenfalls ein recht gro⸗ ßes Anſehn hat. Hier wohnten ſonſt alle Sei⸗ tenverwandten des königlichen Hauſes: das Feuer war aber ſo heftig, und der dadurch er⸗ zeugte Schrecken ſo groß, daß nur wenig von den ſchaͤtzbaren Gemaͤlden, von den Meubeln und den praͤchtigen Dekorationen gerettet wer⸗ den konnte. Von der inneren Pracht dieſes Palais kann man ſich durch folgende Beſchrei⸗ bung des Ritterſaals eine Idee machen. Er hatte eine Laͤnge von 118 Fuß und 383 in die Breite; erhielt ſein Licht durch 9 Fenſter und des Nachts durch 3 Luͤſtre, die von mehr als 1200 Wachslichtern erleuchtet wurden: an je⸗ der Seite befand ſich eine reich vergoldete Gal⸗ lerie, die von vier und vierzig Kolonnen von = 43= ß. Zimmtholz getragen wurden; die Baſen und die er Kapitaͤle waren ebenfalls reich vergoldet: ein uu Kuͤnſtler, Namens Abilgaad, erhielt den Auf⸗ on b trag, den Saal mit 23 großen Gemaͤlden von Ge⸗ i. genſtaͤnden aus der daͤniſchen Geſchichte zu ver⸗ . ſchoͤnern. Die Bibliothek des Koͤnigs, die durch er das Feuer ſehr litt, enthielt 130000 Baͤnde, und e⸗ 3000 Manuſcripte. Ihre Größe iſt fuͤr dieſe eit Stadt und das Reich zu ungeheuer, und macht er einen auffallenden Kontraſt mit der jetzigen Re⸗ u ſKddenz der koͤniglichen Familie. o⸗ Als ich dieſe erſtaunlich großen Ueberbleib⸗ ei⸗ ſel betrachtete, fuhr ein ſchoͤnes engliſches Vis⸗ as a⸗Vis voruͤber; weſches von ein paar herrlichen r grauen Vferden gezogen wurde, die nebſt den on vielen goldnen Treſſen auf den Roͤcken des Kut⸗ lu ſchers und Bedienten, die Aufmerkſamkeit der r guten Kopenhagner Einwohner auf ſich zog, es die nie ſelbſt ihren geliebten Kronprinzen in ſol— ei⸗ chem Staate geſehen hatten: es war dies der Er Wagen eines fremden Quakſalbers, der das ie. Glück gehabt hatte, in England in dem Zeital⸗ 1˙d ter der Pillen zu leben und beruͤhmt zu ſeyn. 3 ls 4 Kopenhagen iſt eine kleine aber ſehr huͤb⸗ ee ſche Stadt; der Umfang derſelben betraͤgt zwi⸗ 1l. ſccen 4 und5 engliſchen Meilen; die Straßen ſind breit und ſchön; die Haͤuſer, deren es ohngefaͤhr = 44= 4000 giebt, außer dem Quartier, das fuͤr die Matroſen und zur Garniſon von 3 Regimentern beſtimmt iſt, ſind allgemein von Backſteinen, die mit Stucko uͤberzogen ſind, um das Anſehn von Steinen zu haben und einige ſind von Qua⸗ derſteinen in einem eleganten Stil der italieni⸗ ſchen Baukunſt. Die Laͤden findet man im un⸗ terſten Stockwerk, und dadurch daß ſie nicht hervorragen, entſtellen ſie die Schoͤnheit des uͤbrigen Theils des Gebaͤndes nicht Dies iſt der Fall auf jedem Theil des feſten Landes, den ich bereiſt bin. In England iſt jeder Kauf⸗ mannsladen der Raritaͤtskaſten der Straße, und vielleicht kommt es daher, daß unſere Nach⸗ baren auf der andern Seite des Kanals ſagen, wir waͤren die Nation der Ladenhaͤndler. Die Straßen werden durch Kanaͤle getheilt, die den Transport der Guter ſehr erleichtern, allein ſie haben enge und unbequeme Wege fuͤr Fußgaͤnger. Die Bevoͤlkerung rechnet man auf§2000 Menſchen; la Rue de Gorbs iſt ei⸗ ne ſchoͤne Straße, und ohngefaͤhr drey viertel einer engliſchen Meile lang; das Kongens nye Tow, oder der Koͤnigsplatz, der auch zugleich zum Marktplatz dient, iſt eine edle große irre⸗ gulaͤre mit vielen ſchoͤnen Haͤuſern gezierte Flaͤ⸗ che; einige derſelben ſind erſt ſeit dem letzten = 4— Feuer aufgefuͤhrt. Das einzige Theater in der Stadt befindet ſich hier; es wurde nicht waͤh⸗ rend unſers Aufenthalts geoͤffnet. Dies Ge⸗ baͤude iſt abgeſondert, klein, aver huͤbſch außer⸗ halb, und im Innern ſehr elegant dekorirt. In der Saiſon ſpielen die Schauſpieler vier⸗ mal die Woche abwechſelnd Oper und Schau⸗ ſpiel, wegen der ſehr großen Zahl der Perſo⸗ nen, die freyen Zutritt dazu haben, unter welr chen ſich alle See⸗ und Landofftziere befinden, ſind die Einnahmen nur ſehr gering, und das⸗ jenige, was abgeht, und von dem Koͤnig erſetzt wird, betraͤgt 100000 Reichsthlr. jaͤhrlich. Im ganzen iſt der Hof kein großmuͤthiger Beſchuͤz⸗ zer des Drama; und die Schauſpieler gehen ſelten uͤber die mittelmaͤßigen hinaus. In der Mitte des Marktplatzes ſteht eine Statüe zu Pferde von Bronze von Chriſtian V. ſie iſt aber zu ſchlecht, um die Aufmerkſamkeit des Reiſenden zu wecken. Eins von den großen Gebaͤuden iſt das Schloß Charlottenburg, deſ⸗ ſen einer Theil der koͤniglichen Akademie der Mahlerey, der Baukunſt und Bildhauerey ge⸗ widmet iſt; ſie hat acht Profeſſoren und vier Meiſter. Der fuͤr die jaͤhrliche Vertheilung der Preiſe beſtimmte Tag iſt der zu1te Maͤrz, der Geburtstag des Prinzen Friedrichs, ihres = 46— Schutzpatrons. Diejenigen Zoͤglinge, die die goldne Medaille erhalten, werden auf Koſten der Krone auf Reiſen geſchickt. Die Arbeiten der Zöglinge und Profeſſoren, weiche ich Gele⸗ genheit hatte zu ſehen, erregten in mir keine hohe Meinung von den Kuͤnſten in Daͤnnemark. Kein angeſehner Fremder kann in Kopenha⸗ gen ſeyn, ohne bald der Gegenſtand ſeiner offe⸗ nen und edelen Hospitalitaͤt zu werden. Den Tag nach unſerer Ankunft nahmen wir an ei⸗ nem herrlichen Mittagseſſen Theil; es war in dem Landhauſe eines der anſehnlichſten Einwoh⸗ ner gegeben, und in folgender Ordnung aufge⸗ kragen: Suppen oben und unten, norwegiſches gekochtes Rindfleiſch, ſtark geſalzener Schinken, friſche Tauben, Huͤhner, Spinat und Spargel, das Fleiſch wird allemal durch den Herrn vom Hauſe in Scheiben geſchnitten und durch die Bedienten umhergegeben. Die Ordnung ver⸗ bietet es, irgend ein Gericht auſer wenn es um⸗ hergeht auzuruͤhren, obgleich der Tiſch von dem, womit er bedeckt iſt, brechen moͤchte; dieſe Zere⸗ monie iſt von Zeit zu Zeit ein wenig peinigend: hierauf folgten Creme, Konfekt und getroknete Fruͤchte. Die Weine waren trefflich und man⸗ nigfaltig. Unſere Geſellſchaft beſtand aus Eng⸗ laͤndern, Norwegern, Flammaͤndern, Schwei⸗ ne zern, Ruſſen, Daͤnen und Franzoſen; wollte der Himmel, daß ihre reſpektiven Nationen eben ſo vergnuͤgt und vertraut ſeyn koͤnnten, als es dieſes bunte Gemiſch ihrer froͤhlichen Eingebohr⸗ nen war. Das Mahl danerte erſtaunlich lange. Der Appetit der dabey gegenwaͤrtigen Schoͤnen war ſehr weit davon entfernt, gering zu ſeyn, ſondern nach einem bey uns uͤblichen Ausdrucke that ihnen das gut, was ſie genoſſen. Die daͤniſchen Damen ſind fleiſchicht, und haben ein offenes und edles Geſicht, welches den Augenblick da das Auge es ſieht das Herz verſteht und liebt; ſie gleichen ſehr der hoͤhern Klaſſe von Wonvermanns Figuren und ha⸗ ben viel von jenem vergnuͤgten guten Humor, den man allgemein bey ſtarken Perſonen findet. Jetzt habe ich ſo viel zu ihren Gunſten geſagt, welches ſie auch in einem hohen Grade verdie⸗ nen; dagegen muß ich aber hier anfuͤhren, daß ſie nicht ſo aufmerkſam auf die Reinlich⸗ keit ihres Anzugs ſind, als ihre Nachbaren; ſie beduͤrfen eines Addiſons, um ſie mit ſeinem feinen Witz uͤber ihr ſchmuziges Kleid durch zu nehmen; ſie ziehen naͤmlich, wenn ſte Zeug kau⸗ fen, einen dunklen Kattun faſt immer vor, weil er nicht braucht gewaſchen zu werden. Das daͤniſche Franenzimmer wuͤrde gleich die — 48— Stärke des Ausdrucks fuͤhlen, ohne uͤber die 8 genommene Freyheit ihn zu aͤußern, beleidigt de zu ſeyn. Sie ſprechen engliſch mit dem gehoͤrie ſa gen Accent, eben ſo wie franzoͤſiſch und deutſch 1 recht fließend. Die engliſche Sprache macht te einen großen Theil der weiblichen Erziehung aus. Als ich einem daͤniſchen Frauenzimmer uͤber die genane Kenntniß des Engliſchen ein Kompli⸗ 2 ment machte, erwiederte ſie,„wir ſind genot 4 ./ un athigt es zu lernen, ſo wie auch das Franzoͤ⸗ aſiſche und Deutſche zu unſerer eigenen un Vertheidigung, ſonſt muͤßten wir haͤnfig. 21 „ſtumm ſitzen, welches, wie Sie wiſſen, eine aͤu⸗ I „ßerſt unangenehme Lage fuͤr ein Frauenzimmer ge iſt, denn jenſeits der Inſeln, naͤmlich Seeland ih nund Fünen, verſtehet man unſere Sprache, die lis ein Dialekt der Teutoniſchen iſt, nicht.“ Dies T fand ich nachher auch beſtaͤtigt; auf meinem er Ruͤckwege von Preußen nach Holſtein mußte jer ein daͤniſcher Unterofficier, als er einen Rekru⸗ de ten aus dieſer Provinz unterrichtete, in deut⸗ le ſcher Sprache mit ihm reden. a1 Hier, ſo wie in Frankreich ſteht die Geſell⸗ e ſchaft mit der Dame vom Hauſe vom Tiſch be auf, und zieht ſich auch ſo wie ſie zuruͤck. Im te Garten fanden wir Kaffee und einen naͤrriſchen.1 Kerl, nemlich einen wandernden norwegiſchen 3 igt ri⸗ ng li⸗ 154 zu⸗ ber = 49— Bettler, der ohne Umſtaͤnde einen der Sitze des Gartens einnahm, und durch ſeine baͤuri⸗ ſche Guitarre die jungen Leute der Familie um ſich herum verſammlet hatte, die darnach tanze ten. Auf unſerm Ruͤckwege nach der Stadt, ohn⸗ gefaͤhr eine Meile davon, zog ein mit Raſen bedeckter Huͤgel mit kleinen Pappeln bepflanzt, unſere Aufmerkſamkeit auf ſich: es war das National⸗Grabmahl der Helden, die in der merkwuͤrdigen Schlacht von Kopenhagen den zten April 1801 fielen, und ſtand in einer Wieſe ohngefaͤhr 200 Ellen weit vom Wege, gegen die Kronbatterie gekehrt. Als wir uns ihm naͤherten, fanden wir einen kleinen Obe⸗ lisk, der zum Andenken des Kapitain Albert Thurah vom Kronprinzen errichtet war. Es ergab ſich aus der Inſchrift, daß in der Hitze jenes blutigen Gefechts ein Zeichen von einem der Blockſchiffe gemacht wurde: es waͤren al⸗ le Officiere getoͤdtet; der Kronprinz, der eine ausgezeichnete Beurtheilung und Faſſung waͤh⸗ rend dieſes ſchrecklichen und aͤngſtlichen Tages bezeigte, und ſeine Befehle an der Kuͤſte ertbeil⸗ te, rief aus;„wer will den Befehl uͤberneh⸗ men?“ Der tapfere Thurah erwiederte: ich, mein Prinz,“ und ſprang darauf in das 3 ———õ——nyn——— —————— —ÿʃ — 50— Boot; indem er aber das Verdeck des Block⸗ ſchiffes beſtieg, ward er von einer engliſchen Kugel erſchoſſen. Er war ein junger Mann von den groͤßten Hoffnungen. Da dieſe Schlacht mit allen ihren Umſtaͤn⸗ den eben ſo furchtbar als ruͤhrend wie irgend eine in der engliſchen und daͤniſchen Geſchichte iſt, ſo glaube ich wird der Leſer nicht ungern jenes groͤßere Grabmal welches zuerſt unſere Aufmerkſamkeit auf ſich zog, genauer betrachten. Es iſt ein pyramidenfoͤrmiger Huͤgel den man ſehr huͤbſch mit Raſen belegt, und mit eben ſo vielen jungen Pappelbaͤnmen bepflanzt hat, als Offiziere umgekommen ſind. An der Baſis der Hauptfronte befinden ſich Leichenſteine, die die Namen jedes dieſer Offiziere und ihrer reſpektiven Schiffe angeben. Ein wenig dar⸗ uͤber trifft man einen Obelisk von grauen nordi⸗ ſchen Marmor an, der auf einem Piedeſtall von Granit errichtet iſt, und folgende Inſchrift hat: Zum Andenken derjenigen, diee fuͤr das Vaterland fielen, errichteten ih⸗ re dankbaren Mitbuͤrger dieſes Mo⸗ nument am 2ten April 1801. Und unten auf einer weiſen Marmortafel findet man unter einem Kranze von Lorbeeren, Eichen und Zypreſſenblaͤttern folgende Inſchrift: —— Der Kranz, den das Vaterland er⸗ theilt, welkt nie uͤber dem Grabe des gefallenen Kriegers. Das Ganze iſt von einer viereckigen Pali⸗ ſade eingeſchloſſen: als National⸗Monument iſt es zu klein. Den Tag darauf beſah ich den Platz wo ſo viel Blut vergoſſen worden war. Ein jun⸗ ger daͤniſcher Offizier auf der Kronbatterie mach⸗ te mir auf eine ſehr hoͤfliche Art die Verthei⸗ lung der Schiffe bemerklich, und ſprach von der Schlacht mit großer Unpartheiligkeit. Durch die Stellung der brittiſchen Flotten ehe das Geſchwader unter Lord Nelſon durch drang, und ſeine Abſicht nicht mehr bezweifeln ließ, waren die Daͤnen feſt uͤberzeugt, der engliſche Befehlshaber wollte entweder nach Karlskrona oder Reval ſegeln, und bereiteten ſich daher gar nicht zur Vertheidigung vor; ih⸗ re Schiffe lagen wie gewoͤhnlich, und ſie ver⸗ ließen ſich lediglich auf ihre Blockſchiffe und Batterien. An jenem Tage fuͤhrte der Held des Nils jene großen Thaten aus, die immer in den Annalen der brittiſchen Marine ohne Nachah⸗ mung ſeyn werden, ſo wie ſie auch ohne Bey⸗ ſpiel geweſen ſind. Von einem guͤnſtigen Win⸗ = 532— de und einer außerordentlich hohen Fluth, die in dem Augenblick hoͤher ſtand, als ſich derer die Daͤnen ſeit langer Zeit erinnerten, beguͤn⸗ ſtigt, ſtellte er ſein ununterſtuͤtztes Geſchwader, indem er, wie man ſagt, mit einem unbemerk⸗ ten Zeichen des Ruͤckzuges auf die Maſtſpitze des Hauptſchiffes flog, in eine der vortheilhaf⸗ ten und ſtaͤrkſten Lagen. Die Buͤrger von Ko⸗ penhagen waren in einem Augenblicke auf ihren Poſten; aller Unterſchied der Staͤnde verlor ſich durch die Liebe zu dem Vaterlande; Vor⸗ nehme und Geringe, gut erzogene Leute, und Ladenwaͤrter eilten in großen Haufen nach den Quays; die Kranken krochen aus ihren Bet⸗ ten, und die Lahmen wurden nach der Seeſeite gefuͤhrt, indem ſie baten, in die Boͤte genom⸗ men zu werden, die immerfort mit vielen Men⸗ ſchen nach den Blockſchiffen abgiengen. Ein ſchreckliches Blutbad diente nur dazu, ihren Enthuſiasm' zu erhoͤhen. Was fuͤr ein trauri⸗ ger Augenblick! Die gereizte Rache der britti⸗ ſchen Nation fiel mit der Wuth und Schnel⸗ ligkeit des Blitzes mit entſetzlicher Verwuͤſtung auf ein tapferes Volk in ſeiner eigenen Haupt⸗ ſtadt, deſſen Koͤnige einſt auf dem Thron von England ſaßen, und in deſſen Fuͤrſten⸗Adern das Blut der koͤniglich engliſchen Familie floß. = 53= Die Natur muß geſchaudert haben, als ſie el⸗ nen ſolchen Krieg von Bruͤdern anſah: der Kampf war kurz, aber blutig ohne gleichen; mitten in dem Gefechte ſchickte der heroiſche Nelſon eine Stillſtandsflagge an die Kuͤſte mit einer an den Kronprinzen gerichteten Note, worin er den Wunſch aͤußerte, dem weiteren Blutvergießen moͤchte Einhalt geſchehen, um auch die Zerſtoͤrung des daͤniſchen Arſenals und der Hauptſtadt abzuwenden, welche, wie die Daͤnen ſehen muͤßten, ganz von ſeinem Willen abhiengen. Er ſchlug nochmal vor, ſie moͤch⸗ ten ſich von der Triple⸗Allianz trennen, und die Obergewalt der engliſchen Flagge anerken⸗ nen. Sobald des Prinzen Antwort ankam, hoͤrten die Feindſeligkeiten auf, und Lord Nel⸗ ſon verließ ſein Schiff, um ſich an die Kuͤſte zu begeben. Wie er auf dem Quay anlangete, fand er dort eine Kutſche, die Herr D., ein ſehr angeſehener Kaufmann, hingeſchickt hatte, weil die Verwirrung zu groß war, als daß der Prinz ihm eine von den koͤniglichen Kutſchen haͤtte ſenden koͤnnen; in jener fuhr der tapfere Admiral nach dem Pallaſte im Achteck durch ganze Haufen Menſchen, deren Wuth bis zum Wahnſinn ſtieg, und unter welchen ſeine Per⸗ ſon ſich in drohenderer Gefahr befand, als durch — 54= die Kanonen der Blockſchiffe; indeß vermag nichts die Seele eines ſolchen Mannes zu er⸗ ſchuͤttern. Als er in dem Pallaſte im Achteck angekommen, ſtieg er aus ſeiner Kutſche ruhig unter dem Gemurre und den Seufßern der wuͤ⸗ thenden Menge, welche ſelbſt nicht die Geaen⸗ wart der daͤniſchen ihn begleitenden Officiere im Zaum halten konnte. Der Kronprinz em⸗ pfieng ihn im Saal, fuͤhrte ihn die Treppen hinauf, und ſtellte ihn dem Koͤnige vor, deſſen zerruͤtteter Zuſtand ihm bey dieſer Gelegenheit nur wenig Empfindung zu zeigen erlaubte. Man kam uͤber die in dieſer Zuſammenkunft vorkom⸗ menden Gegenſtände bald zur vollkommenſten Zufriedenheit von Lord Nelſon und ſeinem ihm Beyfall gebenden Vaterlande uͤberein; als dies vollendet war, nahm er die Froͤhlichkeit und gute Laune eines, der einen Beſuch abſtattet, an, und genoß einige Erfriſchungen mit dem Kronprinzen. Waͤhrend des Eſſens redete Lord Nelſon mit Entzuͤcken von der Kuͤhnheit der Daͤnen, und bat beſonders den Prinzen, ihn mit einem ſehr jungen Officier bekannt zu machen, wovon er ſagte, er haͤtte waͤhrend der Bataille Wunder gethan, indem er ſein eigenes Schiff unmittel⸗ bar unter ſeinen niedrigern Kanonen angegrif⸗ — 77— ag fen. Es zeigte ſich, daß dies der tapfere fun⸗ er⸗ ge Welmoes, ein Juͤngling von 17 Jahren, eck war. Der engliſche Held umarmte ihn mit ig dem Enthuſiasm' eines Bruders, und gab dem uͤs Prinzen fein zu verſtehen, er muͤſſe ihn zum en⸗ Admiral machen, worauf der Prinz ſehr gluͤck⸗ ere lich erwiederte:„Wenn, My Lord, ich alle mei⸗ m⸗ ane braven Officiere zu Admirals erheben ſoll⸗ en aeke, ſo wuͤrde ich keine Capitains und Liente⸗ en mants in meinen Dienſten haben.“ Dieſer eit heroiſche Juͤngling hatte freywillig das Kom⸗ an mande einer Prame uͤbernommen, einer Art m⸗ Floß, die 6 kleine Kanonen träͤgt, und mit en 24 Leuten bemannt iſt, die von der Kuͤſte ab⸗ m gingen und ſich mitten in dem vollen Gefecht es unter das Hintertheil von Lord Relſons Schiff nd ſtellten; ſie griffen dies ſehr gluͤcklich an, in⸗ et, deß, ob ſie gleich von den Jaͤgern des Hinter⸗ m theils nicht getroffen werden konnten, ſo richte⸗ ten doch die brittiſchen Seeleute ein ſchreckli⸗ it ches Blutbad unter ihnen an: 20 dieſer tapfe⸗ nd ren Menſchen ſielen durch ihre Kugeln; indeß hr fuhr ihr junger Anfuͤhrer auf ſeinem Poſten, er knietief unter den Todten, fort, bis der Waf⸗ er fenſtillſtand angekuͤndigt wurde. Er iſt, wie el⸗ er dies auch auf die ausgezeichneteſte Art ver⸗ diente, mit der dankbaren Erinnerung ſeines Vaterlandes und ſeines Fuͤrſten beehrt worden; dieſer ſchenkte ihm zum Zeichen ſeiner Achtung eine Medaille, die ſeine tapfere That beſchreibt, und ernannte ihn zum Befehlshaber ſeiner Nacht, worin er jaͤhrlich nach Holſtein geht. Der Erfolg dieſer Schlacht war glorreich und entſcheidend; konnte dies aber anch anders ſeyn, da ihr Schickſal Nelſon anvertraut wurde? Um zu zeigen, wie ſchwach die Bande der Bpelntgu⸗ von Maͤchten ſeyn muß, deren Neid und Abneigung immer ungluͤcklicher Wei⸗ ſe im Verhaͤltniß zu ibrer Naͤhe ſtehen, ſahen die Schweden das Gefecht von ihren Huͤgeln ganz ruhig an, und ſchienen alles Gefuͤhl von Theilnahme an ſeinem traurigen Ende, indem ihr Nebenbuhler erniedrigt wurde, berloven zu haben. La plage Frederic oder das Okragon, welches die Palaͤſte der koͤniglichen Familie enthaͤlt, und wo Lord Nelſon, wie ich eben anfuͤhr⸗ te, Audienz erhielt, beſtehet aus vier kleinern gleichförmigen Pallaͤſten, deren jeder zwey Fluͤ⸗ gel hat: vier ſehr ſchöne Straßen, die der Adel hauptſaͤchlich bewohnt, fuͤhren zu dieſem Platz: der groͤßte Eingang gehet durch ein Thor, wel⸗ ches aus doppelten Reihen von Korinthiſchen — Pilaren mit einem reichen Gebaͤlk beſtehet: ei⸗ ne der Straßen endigt ſich mit einem Hafen, und die andere mit der Friedrichskirche die lan⸗ ge Zeit hindurch, unbeendigt blieb; ſie hat das Anſehn eines eleganten Plans und erinnerte mich ſowohl durch ihr Aeußeres als durch ih⸗ ren Styl von Architektur an die Eglise de Ma- delaine. Im Centro des Oktagons befindet ſich eine bronzene Statuͤe zu Pferde von Friedrich Vten von Saly; ſie ward 17609 von der daͤniſch oſtindiſchen Kompagnie errichtet, und ſoll 80000 Pf. St gekoſtet haben Ein Engländer kann das unreinliche Anſehn des Graſes nicht unbe⸗ merkt laſſen, welches hier durch die Steine, und hauptſaͤchlich innerhalb des Gitters der Statuͤe aufſchießen darf. Die Soldaten die ſich immer um die Palaͤſte herum treiben, wuͤr⸗ den dieſem ſehr leicht abhelfen können. Viertes Kapitel. Es iſt angenehm uͤber die unbedeutendſten Hand⸗ lungen, ſelbſt uͤber den kleinen Spaß großer Leute Betrachtungen anzuſtellen. Ich vergaß in dem letzten Kapitel der guten Laune zu er⸗ waͤhnen, die Lord Nelſon kurz nach der Bataille auf der Kopenhagner Rhede zeigte. Mit dem Schiffe welches ſeine Depeſchen nach England brachte, ſchickte er eine Note an eini⸗ ge bedeutende Weinhaͤndler, die von ihm fuͤr Wein zu fordern hatten, worin er ſcherzhafter Weiſe ſagt: er hoffe, ſie wuͤrden es ihm vergeben enicht eher ſeine Rechnung gefordert zu haben, indem er vor kurzem ſehr engagirt geweſen ſey. 8* (engaged) In einem der Fluͤgel des abgebrannten Schloſſes, wohin ſich die Flammen nicht ver⸗ breiteten, findet man die Gemaͤlde⸗Gallerie ſtu ein ſen gef ſon ter trif die rul rer we vol Ja um ren Au nor ner fol = 595=— und das Muſeum der Seltenheiten. In jener ſahen wir einige herrliche Gemaͤlde und merk⸗ ten hauptſaͤchlich an, Jeſus der verrathen wird, von Michael Angelo; eine nackte Venus in einer ſehr ſonderbaren Stellung von Titian; eine gute Frau von Leonardo Da Vinci; die heilige Familie von Raphael; ein todter Chri⸗ ſtus am Kreuze von Rubens; neben dieſen iſt ein unſchaͤtzbares Gemählde, nach einem gro⸗ ſen Maasſtabe, der Gegenſtand davon, die gefallenen Engel; der Kuͤnſtler hat aus einer ſonderbaren Grille ſtatt Feigenblätter Schmet⸗ terlinge angebracht. In dem Kabinet der Sehenswuͤrdigkeiten trift man eine ſehr geniereiche Erfindung um die Furcht der eiferſuͤchtigen Ehemaͤnner zu be⸗ ruhigen; einen ausgeſtopften Hirſch der meh⸗ rere Jahrhunderte gelebt haben ſoll, einen Lö⸗ wen und einen Baͤren; ebenfalls einen Globus von Tycho Brahe, den ſein Vater im 16ten Jahrhunderte nach Kopenhagen geſchickt hatte, um dort die Rhetorik und Philoſophie zu ſtudi⸗ ren, allein die große Sonnenfinſterniß am 21. Auguſt 1562 veranlaßte ihn ſich auf die Aſtro⸗ nomie zu legen. Er war der Entdecker eines neuen Weltſyſtems, und hatte mehrere Nach⸗ folger, allein ſeine Gelehrſamkeit ſoll ihn aber⸗ — 60— * glaͤubiſch, und ſeine Philoſophie zu ſolch einem Grade, reizbar gemacht haben, daß in einem philoſophiſchen Streite die Beweiſe eine ſolche Hohe von perſoͤnlicher Heftigkeit erreichten, daß er ſeine Naſe verlor, die er durch eine bewun⸗ derungswuͤrdig verfertigte goldne und ſilberne erſetzte; er liebte auch ſehr die Automaten und erhielt den Ruf eines Zauberers. 1 Ich freute mich ſehr uͤber den Geſellſchafts⸗ becher der beruͤhmten Margaretha von Waldemar, er hat zehn Lippen, die mit den reſpektiven Namen derjenigen bezeichnet waren, die ſie mit ihrer Freundſchaft beehrte, welche die Geſellſchafter ihrer Tafel waren, und die Erlaubniß hatten, toskaniſchen Wein aus dem⸗ ſelben Gefäͤße zu trinken. Es giebt hier auch einiges herrliches Schnitzwerk in Holz, welches ein norwegiſcher Paͤchter mit einem gewoͤhnli⸗ chen Meſſer gemacht, mehrere ſchlecht aufbe⸗ wahrte Mumien, ein Stuͤck Bernſtein von mehr als 27 Pfunden, welches in Juͤtland gefunden iſt; Kronleuchter von Bernſtein; mehrere Mo⸗ delte von Schiffen in Bernſtein, in Elfenbein und Perlenmutter; ſchoͤne Stuͤcke von Elfen⸗ bein; eine bewunderungswuͤrdig gearbeitete Toilette von Bernſtein; einen großen Kron⸗ leuchter davon, von 24 Armen, von Spengler — 61 22 verfertigt; ein vollſtaͤndiges Kabinet mit Holg⸗ ſtuͤckchen angefuͤllt, welches norwegiſche Bauern, die in dieſer Arbeit ſehr erfahren ſind, geſchnitzt haben; ein Portrait von Denner; ein Stuͤck Elfenbein, huͤbſch gearbeitet von der Koͤnigin Louiſe, Mutter des jetzigen Koͤnigs; andere von derſelben Art von Peter dem Großen; die Kaiſer Leopold und Rudolph der II. ꝛc. Jeſus am Creuz, in Holz geſchnitzt, von ſo aus ßerordentlich feiner Arbeit, daß man ſie durch ein Vergroͤßerungsglas anſehen muß, die von Albert Durer verfertigt ſeyn ſoll; eine Kutſche mit ſechs Pferden, unbegreiflich klein, ein großer Krug von Elfenbein, mit einem Triumph des Bachus, ſehr fein gearbeitet von Jacob Hollander, einem Norweger; das Abſteigen vom Creuz, ein herrliches Stuͤck von Magnus Berg; verſchiedene Figuren in fremden Zeugen, näͤmlich in indianiſchen und chineſiſchen u. ſ. w. gekleidet; große Vaſen von Gold und Silber; eine Flaſche von Bergkry⸗ ſtall, die ſehr ſchoͤn geſchliffen iſt; ein golde⸗ nes Horn, welches in Juͤtland 1630 gefunden wurde, und deſſen Inſchrift die Gelehrten in Verlegenheit geſetzt hat; eine Buͤſte von Bru⸗ tus in Bronze; viele koſtbare Antiquitaͤten des Landes; ein Portrait von Carl Xu.; den — 62— Schädel des Erzbiſchoffs Abſalon nebſt ſeiner Kleidung; man findet hier auch noch außerdem einige merkwuͤrdige religioͤſe Utenſilien, deren ſich die alten Eingebohrnen des Nordens be⸗ dienten. Dies iſt eine Ueberſicht der daͤniſchen Gallerie und des Muſeums, die der Aufmerk⸗ ſamkeit eines Reiſenden werth ſind. Um die Stadt beſſer zu uͤberſehen, beſtieg ich als ich von den Muſeum weggegangen war, mittelſt einer aͤußern Windeltxeppe die Spitze der Kirche in Chriſtianhaven, einem der Quartiere von Kopenhagen, von dieſer Anhoͤhe war die Ausſicht herrlich; die Stadt, ihre Pal⸗ laͤſte, Kirchen, Werften, Arſenaͤle und die kleine hollaͤndiſche Stadt die ohngefaͤhr zwey Meilen weit entfernt iſt; die Wege, die Kuͤſten von Schweden und der durch Schiffe verſchoͤnerte Sund, lagen wie eine Karte unter mir Gleich darauf ſahen wir unterwaͤrts eine Leichenprozeſ⸗ ſton eines bedeutenden Mannes; der Sarg, mit einem Leichentuche behangen, ſtand auf einer Bahre und daruͤber ein Traghimmel der ſich auf vier kleinen breiten Raͤdern fortbewegte, und von ein paar Pferden gezogen wurde; ich bedauerte zu ſehen, daß die Daͤnen eben die⸗ ſelbe boͤſe Gewohnheit befolgen, die in Eng⸗ land ſtatt hat, naͤmlich ihre Toden in der Stadt — 63— zu beerdigen. Es wohnen Leute in dem Kirch⸗ thurme, um, im Fall Feuer ausbrechen moͤch⸗ te, Zeichen zu geben; die Däͤnen haben große Furcht davor, allein kein Volk hat auch leicht mehr dadurch gelitten. Eine Warnung fuͤr die Einwohner um ſich mit Feuer und Licht in Acht zu nehmen, und eine lange Reihe von Se⸗ genswuͤnſche fuͤr die Wohlfahrt der koͤniglichen Familie von Daͤnnemark machen den Inhalt von des Nachtwaͤchters Anmerkungen aus, wenn er die Zeit angegeben hat; nichts kann fuͤr ei⸗ nen ermuͤtheten Fremden unangenehmer ſeyn, als ſein lermendes und melancholiſches Lied je⸗ de halbe Stunde; allein die Polizey iſt treff⸗ lich, und die Stadt zu jeder Stunde der Nacht ſicher. Dieſe Kirche war die einzige die der Bemerkung werth geweſen waͤre. Die luthe⸗ riſche Religion ſucht ſelten den Wanderer nach ihrem Tempel durch die Eleganz der Baukunſt, des Mahlers und des Bildhauers hinzuziehen. Die Boͤrſe iſt ein groſes altes Gebaͤude von Backſteinen; inwendig befinden ſich kleine Bö⸗ den, die denen in Exeter Change in London ſehr aͤhnlich ſehen, allein bequemer und huͤbſcher ſind. Bey dem Eingange naͤchſt dem abge⸗ brannten Pallaſte, verſammeln ſich die Kaufleu⸗ ke, in dieſem Theile der Stadt giebt es einige 4 — 64— herrliche Paſtetenlaͤden, wo man engliſche und andere auslaͤndiſche Zeitungen leſen kann. Der ſchoͤne Abend zog uns nach Friedrichsburg, wovon das Schloß klein iſt und auf einer An⸗ hoͤhe ſteht; die Gaͤrten ſenken ſich von der Terraſſe herunter, ſie ſind nicht ſehr groß, aber mit Geſchmack eingerichtet; der Kronprinz theilt das Vergnuͤgen welches ſie gewaͤhren mit dem geringſten ſeiner Unterthanen. Da der Koͤnig zu dieſer Zeit in dem Schloſ⸗ ſe wohnte, ſo konnten wir es nicht ſehen; doch nach allen was ich daruͤber hoͤrte, hatte ich nicht große Urſache, dies zu bedauern; er bringt einen großen Theil ſeiner Zeit hier zu, und zwar mit dem Billiard, Floͤtenſpielen und Ro⸗ manleſen; indeß iſt ſein Verſtand ſo ſchwach, daß ſich ſeine koͤniglichen Funktionen gewoͤnlich auf das Unterzeichnen der Staatsſchriften be⸗ ſchraͤnken. Es that mir ſehr leid nicht die Eh⸗ re haben zu koͤnnen den Kronprinzen vorgeſtellt zu werden; er befand ſich naͤmlich zu der Zeit mit dem geſchickten und berrlichen Miniſter Grafen Bernstorf in Holſtein. Der Prinz iſt wirklich der Regent des Koͤnigreichs, da ſein Herr Vater viele Jahre nur das Phantom eines Koͤnigs vorgeſtellt hat. Die Ungluͤcksfaͤlle der erhabnen Mutter des Prinzen, ſeine Tugen⸗ -——— — =— 65— den und ſeine Weisheit verbunden, machen ihn einem Englaͤnder ſehr intereſſant. Man ſagte mir, er ſey von Figur kurz und duͤnn, habe hellblaue Augen, eine gebogene Naſe, ein ſehr ſchoͤnes Geſicht und faſt weißes Haar. Er hat einen ſehr faͤhigen ausgebildeten und thaͤtigen Geiſt, iſt ſehr liebenswuͤrdig und in der Ent⸗ ledigung ſeiner hohen Pflichten unermuͤdbar; er iſt ein Feind von Verſchwendung und Prunk, und vermeidet letzteren bey allen, außer bey nothwendigen Gelegenheiten; ſeine Tugenden dienen ihm zur Ehrengarde, und wecken aller Orten, wo er ſich blicken laͤßt, Auszeichnung und Verehrung; in ſeiner Jugend war er ein Prinz von großer Hoffnung, und jede Bluͤthe iſt auch wirklich zur Reife gekommen; als er ſechszehn Jahr alt war, bewirkte er eine Re⸗ volution in den Konſeils, vernichtete den er⸗ ſtaunlichen Ehrgeiz der blutduͤrſtigen Juliane Marie, und verwies ihren intriguevollen und unruhigen Geiſt nach Friedensbuug. Wenn man dem Prinzen irgend etwas zur Laſt legen koͤnnte, ſo moͤchte dies wohl darin beſtehen: daß er auf den Genius ſeines Lan⸗ des, der mehr kaufmaͤnniſch als militaͤriſch iſt, nicht genng Acht hat. Von einem kriegeriſchen Enthuſiasm' hingeriſſen, ſcheint er das Empor⸗ 4. — 3— — 66— bringen des Handels als einen Gegenſtand an⸗ zuſehen, der ſeiner Achtſamkeit weniger wuͤrdig iſt, als die Disciplin und die vielleicht uͤber⸗ fluͤßige Vermehrung ſeiner Truppen, deren Kraft, aller menſchlichen Wahrſcheinlichkeit nach, auf defenſive Operationen eingeſchraͤnket werden wird; indeß hat dieſer Prinz auf eine andere Art geſcheut das Intereſſe ſeines Landes und die Gluͤckſeligkeit ſeines Volkes um Rath ge⸗ fragt, indem er ſich von irgend einer wirkli⸗ chen Theilnahme an jenen Streitigkeiten zuruͤck⸗ gehalten hat, die ſo lange die uͤbrigen Theile Europens ungluͤcklich machen. Klein an Aus⸗ dehnung und an Hulfsquellen, hat Daͤnemark alles zu verlieren und nichts zu gewinnen. Haͤt⸗ te es ſich, als ein Zwerg zwiſchen Rieſen, in der allgemeinen Verwirrung geregt, ſo wuͤrde es durch irgend einen muͤchtigen Feind zerdruͤckt ſeyn, oder ein maͤchtiger Alliirter haͤtte es un: ter die Fuͤße getreten. Die Tochter des Koͤ⸗ nigs iſt mit dem Prinzen von Auguſtenburg verheyrathet, und man beſchreibt ſie als eine ſehr ſchoͤne und voͤllig ausgebildete Dame. Die Toͤchter des Prinzen Friedrichs, Bruders des Koͤnias, und der Lieblingsſohn von Juliane Maria, werden auch ſehr geliebt und bewun⸗ dert. Der Hoftage ſind im Sommer wenige; 2 Koͤ⸗ zurg eine Die des ane Daͤne nahm eine andere Art an, um dieſe Sa⸗ = 6— im Winter iſ alle 14 Tage eine Lever; an die⸗ ſen Taͤgen werden Abendeſſen gegeben, wo man dann Fremde, unter der Vorausſetzung, daß ſie den Rang eines Oberſten haben, einladet. Bey dieſer Geſellſchaft iſt die Anzahl der Manns⸗ perſonen und Frauenzimmer gleich, und al⸗ ler Vorrang, außer der der koͤniglichen Fami⸗ lie wird ſo, wie auf einem engliſchen Ball, durch Looſe beſtimmt. Im Winter, wo die Nothwendigkeit die Leute mit einander verbin⸗ det, ſollen die geſellſchaftlichen Zuſammenkuͤnfte in Koppenhagen recht haͤufig und angenehm ſeyn. Die Miniſter ſind ſehr zuvorkommend gegen gut empfohlene Fremde. Die Schlacht vom 2ten April war von kurzer Dauer, und er⸗ regte daher im Lande einen ba ld voruͤber ge⸗ henden Zorn; und zugleich zeigte ihm die Be⸗ gebenheit jenes Tages das Unpolitiſche und die Gefahr, von einem Zuſtand unzweydeutiger Neu⸗ tralitaͤt abzugehen, und zu gleicher Zeit bewieß ſie der Welt, was nie bezweifelt worden war, die Tapferkeit und den enthuſtaſtiſchen Patris⸗ tism' der Daͤnen. Man wird es indeß als et⸗ was Sonderbares anſehen, daß ſie zwey Jahre hinter einander die Wiederkehr dieſes Tages als einen Siegestag feyerten. Ein naͤrriſcher — 68— che etwas zu mindern; er bemuͤhte ſich nän⸗ lich, zu beweiſen, wie dies ſeine eigene unabän⸗ derliche Ueberzeugung war, Lord Nelſon ſey daͤntſcher Abkunft. Jetzt hingegen beſchraͤnken ſie ſich auf den Ruhm eines tapferen, aber un⸗ nuͤtzen Widerſtandes, und in kurzem wird ihre Liebe fuͤr die Englaͤnder wieder zuruͤckkehren. Rußland und Schweden brachten auf die Weiſe Daͤnemark in die nordiſche Konfoͤdera⸗ tion gegen die Obergewalt der brittiſchen Flag⸗ ge, und Lord Nelſon zuͤchtigte letzteres fuͤr die Vermeſſenheit aller derer in dem Bunde be⸗ griffenen Maͤchte. Dänemark hat die Fruͤchte ſeiner Neutralitaͤt geaͤrntet; und ohne hier den deſer durch eine lange Vergleichung ſeiner Aus⸗ und Einfuhr⸗Artikel zu ermuͤden, ſo iſt doch nichts einleuchtender, als daß ſein Gewinn meh⸗ rere Jahre hindurch immer bedeutender gewor⸗ den iſt. Die voͤllige Freylaſſung ſeiner Bauern hat ihm die verdiente Belohnung, die Liebe ei⸗ enes freyen Volks, und die uͤbrigen gluͤcklichen Folgen dieſes Unternehmens zu Theil werden laſſen. Man hat dieſe Wohlthat nicht nur ge⸗ fuͤhlt, ſondern ſie auch ausgedruͤckt. Einniigge wenige Meilen von der Hauptſtadt ſindet ſich auf der einen Seite der Landſtraße ein einfaches Monument, welches den Zuſtand die ein den ſchl Sol brin den ſoll laul = 69— naͤnn derjenigen angiebt, die es errichteten; nämlich bän: die Bauern des ſeeligen Grafen Bernstorf, mſey aus Dankbarkeit fuͤr ihre Freylaſſung. inken Die Neugierde brachte mich eines Tages b r un: in den Hauptgerichtshof; es war dies ein ſchoͤ⸗ ihre naes großes Zimmer in einer Reihe von Gebaͤu⸗ b ren. den, worin der Gouverneur der Stadt reſidirt; f die der Thron befand ſich an der Vorderſeite; zwoͤlf derat Riichter in reichem Koſtuͤm hatten den Vorſitz; Flag⸗ es waren nur 3 Advokaten gegenwaͤrtig, in fuͤr blauen ſeidenen Kleidern mit geſticktem Kragen. debe Die Geſetze von Daͤnemark, mit Ausnahme uͤchte derer fuͤr das Forſtweſen, ſind einfach und gut, rden unnd werden unpartheyiſch gehandhabt, obgleich Aus⸗ d der Konig despotiſch iſt. Die Gerechtigkeit er⸗ doch ſcheint nicht ſo, daß die Beſtechung vordus meh⸗ geht, und die Hungersnoth ihr folgt. Es giebt ewor⸗ ein Geſetz in Daͤnemark, welches, indem es auern die Tyranney der Eltern gegen ihre Kinder be ei⸗ eeinſchraͤnkt, beſonders verdient bemerkt zu wer⸗ lichen den: kein Vater kann nach ſeinem eigenen Be⸗ erden ſchluß ſein Kind enterben; glaubt er, daß ſein er ge Sohn ihn entehren und ſein Vermoͤgen durch⸗ bringen wird, ſo kann er den gewoͤhnlichen Gang, tſtadt V den ſein Eigenthum, der Regel nach, nehmen traße ſollte, nicht veraͤndern, ohne ſich wegen der Er⸗ ſtand laubniß an den Souveraͤn zu wenden, der im = 70— Konſeil die Anfuͤhrungen und Antworten vorr m ſichtig in Ueverlegung zieht; und auf die Art J iſt die abſchlaͤgige Antwort oder die Erlaubniß A das Reſultat eines öffentlichen Prozeſſes. So K 6 bewunderungswuͤrdig die Geſetze von England m 6 ſind, ſo waͤre es doch ſehr gut, wenn ein Geſetz; w wie dieſes, dem Genius der Konſtitution ange⸗ V ri paßt, eingefuͤhrt werden koͤnnte. Ach! wie oft ſe wird in England das Gluͤck eines herrlichen g0 Kindes dem unnatuͤrlichen Eigenſinn oder Stolz fo eines zornigen, thoͤrigten oder geizigen Vaters ſaͤ aufgeopfert!. ge Die Milde der daͤniſchen egierung iſt ſo V re groß, daß, wenn der Koͤnig und der Unterthan mit einander im Streit begriffen ſind, wie dies de haͤufig der Fall iſt, in Hinſicht der Anſpruͤche C auf Laͤnderey, ſo wird es, wenn der Punkt be Gunſten der Unterthanen ihr Urtheil zu faͤllen. zweifelhaft iſt, den Richtern anempfohlen, zu V in Kurz vor unſerer Ankunft war eine Frauens. perſon des Mordes ſchuldig befunden, und das ſe Urtheil gegen ſie gieng nur auf vierjaͤhrige ein⸗ n ſame Gefangenſchaft Der Kronprinz ſieht as li Schwert der Gerechtigkeit nicht gern mit Menn li ſchenblut befleckt, er iſt faſt zu barmherzig. g Ddie innern Abgaben werden erhoben, oder 2 vermindert, nach Gefallen des Koͤnigs, die b 4 = 71— mit den Akziſen und Zoͤllen auf Exporten und Importen nebſt denen von Fremden bezahlten Abgaben, und ſeine eigenen Domainen und Konfiskationen, die Einnahme der Krone aus machen. Die Landtaxe ad valorem iſt be⸗ wunderungswuͤrdig gut in Daͤnemark einge⸗ richtet; indem der Boden dadurch, zu Folge ſeiner Fruchtbarkeit, Abgaben traͤgt; jene wird geſchaͤtzt nach der Quantitaͤt des Korns, die er⸗ forderlich iſt, ein gewiſſes Stuͤck Land zu be⸗ ſäen. Dieſe Abgabe iſt in verſchiedene Klaſſen getheilt. Die Bauern haben kein beſtimmba⸗ res Eigenthum, wie in England, ſie kontrahi⸗ ren mit ihren Herren ſo vieles Land, auf die, durch die in Hinſicht des Ackerbaues erlaſſenen Geſetze, vorgeſchriebene Art zu beſtellen, und bezahlen ihren Pacht entweder in Geld oder in Lebensmitteln. Das Geſetz iſt jetzt von der Art, daß ſie keinen Druck leiden koͤnnen. Die Gaſtfreundſchaft der zahlreichen und der ſehr verehrenswerthen Familie der De Co⸗ nincks, der erſten Kaufleute von Kopenhagen, ließ es nicht zu, daß wir die Hauptſtadt ver⸗ ließen/ ohne ihren ſchoͤnen Landſitz Dronnin⸗ gaard, oder der Köͤnigin Pallaſt zu ſehen. Als fuͤr dieſe kleine laͤndliche Tonr ein Sonntag beſtimmt war, erfuhren wir, gerade nicht ohne * = 272— Unannehmlichkeit, daß die Daͤnen beſonders ſtrenge in der Beobachtung der Stunden des Gottesdienſtes ſind. An dem Tage darf waͤh⸗ rend des Gottesdienſtes, niemand die Stadt verlaſſen, oder hinein gehen, als durch ein einzi⸗ ges Thor. Gleich nachdem wir die unrechte Zuge bruͤcke paſſirt waren, ſchlug es 11 Uhr, und das Thor wurde geſchloſſen: dieſer ungluͤckliche Um⸗ ſtand zwang uns, um die Waͤlle zu fahren, und einen Umweg von mehreren Meilen zu ma⸗ chen. Ob ich gleich von der Nothwendigkeit uͤberzeugt bin, die Heiligkeit des Sabats zu hal⸗ ten, ſo ſehe ich doch den Nutzen nicht ein, die Thore zu ſperren, um die Religion darin zu er⸗ halten. Im Sommer werden die Thore um 12, im Winter um 7 Uhr geſchloſſen. Dronningaard iſſt der ſchoͤnſte Privat⸗ Landſitz in Daͤnemark, er liegt ohngefaͤhr 16 engliſche Meilen von der Stadt; die Gruͤn⸗ de, die ſehr ausgedehnt ſind, und die man mit Geſchmack benutzt hat, ſenken ſich gegen einen ——⸗—⸗—-—— ſchoͤnen See hinunter, von 12 engliſchen Meilen im Umkreis, der mit ſchoͤnen Holzungen und ro⸗ mantiſchen Landhaͤuſern umgehen iſt. Am Ende 1 eines herrlichen Weges fiel mir das Aeußere ei⸗ ner eleganten marmornen Saͤule auf; an einer daran befeſtigten Tafel fand ich folgende In⸗ 2 = 73 ſchrift: Dies Monument iſt aus „Dankbarkeit fuͤr eine milde und wohlthätige Regierung, unter de⸗ aren Schutz ich den Seegen genieße, der mich umgiebt, errichtet.“ In einem andern Theile der Gruͤnde, ſahen wir die Ruinen einer Einſiedeley, wovor ſich der Kanal eines kleinen damals ausgetrockneten Baches befand, und ein wenig weiter in ei⸗ nem Winkel ein offenes Grab und ein Grabſtein. Die Geſchichte dieſes einſamen Fleckes ver⸗ dient angefuͤhrt zu werden. Die Zeit hat vieler Winter Schnee auf die romantiſchen Schöͤnhei⸗ ten von Dronningaard fallen laſſen, ſeit⸗ dem jemand, der des Pomps des Hofes und des Tumults der paͤger uͤberdruͤßig war, in der Bluͤthe ſeines Lebens, mit Ehre und Reichthum bedeckt, bey ſeinem gaſtfreundſchaftlichen Eigen⸗ thuͤmer um die Erlaubnis nachſuchte, eine ab⸗ geſonderte Zelle errichten zu duͤrfen, worin er den uͤbrigen Theil ſeiner Tage mit aller der Strenge und Entbehrung eines Einſiedlers hin⸗ bringen wollte. Dieſer ſonderbare Mann hatte ſich vor der Revolution in Holland lange an der Spitze ſeines Regiments ausgezeichnet, al⸗ kein in einem ungluͤcklichen Augenblicke bemaͤchtig⸗ te ſich die Liebe zur Vergroͤßerung ſeines Herzens, und fiel an der Spitze ſeines Regiments. Die —— —— . und da er unter dieſem Einfluſſe heirathete, folg⸗ te das Elend, und hier, in einem kleinen Walde von ſchlanken Tannen, legte er dieſes einfache Gebaͤude an. Moos waͤrmte es inwendig, und die Rinde der Birke vertheidigte es außerhalb; ein Strom von Felſenwaſſer ſammelte ſich einſt in einem Bette von Kieſeln vor der Thuͤr, woe rin die junge Weide ihre Blaͤtter taucht; in ei⸗ ner kleinen Entfernung von wilden Roſen erho⸗ ben ſich auf eine reizende Art gelbe Blumen; er waͤhlte einen angrenzenden Fleck zum Aufbe⸗ wahrungs⸗Ort ſeiner Ueberbleibſel, nachdem der Tod alle ſeine Leiden hier geendigt haben wuͤr⸗ de. Taͤglich grub er einen kleinen Theil an ſei⸗ nem Grabe, bis er es zu Stande gebracht hatte. Hierauf verfertigte er ſein Epitaphium in franzoͤſtſcher Sprache, und grub dieſe in ei⸗ nen Stein ein.* In dieſer ſonderbaren Einöoͤde brachte er mehrere Jahre zu, als die Plane ſeines Lebens plötzlich durch ein Zuruͤckberufungsſchreiben von ſeinem Fuͤrſten, welches in den ſchmeichelhaf⸗ teſten Ausdruͤcken der Hochachtung abgefaßt war, umgeſtoßen wurden. Die Wuͤnſche ſeines Souverains und ſeines Landes waren fuͤr ihm Befehle; er flog daher nach Holland, und focht olg⸗ alde nche und ilb; inſt wos ei⸗ eho⸗ hen; fbe⸗ der zuͤr⸗ ſei⸗ acht ium ei⸗ er ens von haf⸗ faßt nes ihm ocht Die ——— * Nacht vor ſeiner Abreiſe ſetzte er noch ein Lebe⸗ wohl fuͤr jene bezaubernde Gegend, worin er Ruhe gefunden, auf, welches man als Andenken an jenen ungluͤcklichen Eremiten, auf einer in ei⸗ nem kleinen Walde, nicht weit von der Einſiede⸗ ley errichteten Marmortafel, als Inſchrift findet. Die Schnelligkeit, mit welcher die Natur ihre Vegetationen in dieſen Klimaten bewirkt, iſt erſtaunlich; vollen Blaͤttern ſteht, vot vor vierzehn Tagen nichts als nackte Zweige dar. Ich verließ Dronningaard mit faſt eben ſo viel Bedauren, als jener Eremit. Die Kronbatterie zu beſehen, hatte wirklich ſehr großes Intereſſe. Ein junger daͤniſcher Offizier, der bey der Schlacht vom zweyten April gegenwaͤrtig war, gab uns die reſpekti⸗ 8 liſche Meile von der Kuͤſte entfernt; ven Stellungen der Flotten und Blockſchiffe an, und beſchrieb mit großer Offenheit und Frey⸗ muͤthigkeit die Umſtaͤnde dieſes Gefechts. Dieſe furchtbare Batterie iſt ohngefaͤhr eine halbe eng⸗ ſie macht ein Quadrat aus, und das Waſſer fließt in die Mitte derſelben; man vergroßert ſie jetzt ſehr und bringt ſolche Veraͤnderungen daran an, aß ſie ein Feſtungswerk von großer Stärke werden wird. Es wird jetzt auch in Ueberle⸗ dieſer ſchoͤne Fleck, der jetzt in = 76= —= gung gezogen, ob eine neue Batterie ſudwaͤrts hin zu der, welche man Lunette nennt, noch an⸗ zulegen iſt. Der Hafen iſt ſehr groß und ſicher. Der Holm, oder das Arſenal, werden nicht ohne Erlaubniß des Admirals gezeigt. Die Schiffe liegen gewoͤhnlich in ſehr guter Ordnung, und gewaͤhren einen ſchoͤnen Anblick; eine Gallerie oder eine Bruͤcke, die auf Pfeilern ruht, geht uͤber jede Seite der Linie fort, und Tag und Nacht ſind Patrouillen darauf. 1 Die Magazine, die Schmiede und die Werk⸗ ſtaͤtte ſind von einem bewunderungswuͤrdigen Bau; jedes Schiff hat ſein eigenes Magazin, welches alle Materialien; zu ſeiner ſchnellen Be⸗ mannung enthaͤlt. Dieſes Depot iſt mit nor⸗ wegiſchem Eiſen, rigaiſchem Hanf, ruſſiſchem und hollaͤndiſchem Tuche und pommerſchem Hol⸗ ze verſehen.. Die Anzahl der Kauffartheyfahrer, welche wir bey dem Quay ſahen, beſtaͤtigte dasjeni⸗ ge, was wir von der Groͤße des daͤniſchen Han⸗ dels gehoͤrt hatten. Die Natur, welche das Reich in Inſeln getheilt, hat die Daͤnen inſtinkt⸗ maͤßig zu Kaufleuten und Matroſen gemacht; ihr Haupt auslaͤndiſcher Handel iſt mit Frankt reich, Portugal, Italien, Oſt⸗ und Weſtin⸗ dien; ihr hauptſaͤchlicher innerer Handel wird ☛—& 2ͤ2——ͤ——ᷣ+&△̃ 77= hin mit Norwegen getrieben, und ſelbſt mit Island, an- woeelches, fuͤr alle uͤbrigen Menſchen, außer fuͤr der. ſeine patriotiſchen und zufriedenen Einwoh⸗ yne ker, ein aͤußerſt elendes Land iſt. Die See⸗ iffe leute ſind in ein Regiſter eingetragen und in ind zwey Klaſſen getheilt, naͤmlich die ſtehenden rie Matroſen, die ſich immer im Dienſt der Krone eht beſinden, und die uͤbrigen, welche in Friedenszei⸗ nd ten auf Kauffahrer gehen duͤrfen, im Fall des V Krieges aber zuruͤckgerufen werden koͤnnen, be⸗ rk; kommen nur ein kleines jaͤhrliches Gehalt. gen Die Akademie der Seekadetten beſindet ſich— in, in einem der Palais im Oktagon; ſie ward ze⸗ von Friedrich V. gegruͤndet. Hier und in or⸗ leinem dazu gehoͤrigen großen Gebaͤude, werden m V ſechzig junge Leute unterhalten, und in den ol⸗ Grundſaͤtzen der Schifffahrtskunde auf koͤnigli⸗ che Koſten unterrichtet. Man erlaubt auch ei⸗ he nigen anderen jungen Leuten den Zutritt in die⸗ i ſe Schule, allein ſie werden dort nicht unter⸗ n. halten. Jedes Jahr kreuzen einige von die⸗ 18 ſen tapfern Zoͤglingen in einer Kriegsbrigg da⸗ t mmit ſie das Praktiſche mit der Theorie verbin⸗ t; I den. Die Akademie der Landkadetten iſt faſt k; aauf dem naͤmlichen Fuße eingerichtet; funfzig n⸗ Knaben werden dort erhalten, und zum Mi⸗ 2 litär von der Krone erzogen, andere haben — 28— den Eintritt in die Schule, muͤſſen aber auf ihre eigene Koſten leben. Jene werden ſehr gut genaͤhrt, duͤrfen aber nie Thee trinken. In der Akademie befindet ſich auch eine Reitſchu⸗ le, und in den anſtoßenden Staͤlien werden acht Pferde gehalten, damit die Zogade r rei⸗ ten lernen. Bey meinen Wanderungen beſah ich uuch die Citadelle, die nicht groß iſt, und ſich am Ende der Stadt befindet; es liegen zwey Ba⸗ taillons darin; ſie hat zwey Thore; das eine gegen die Stadt zu, das andere gegen das Land hin; dieſes iſt mit fuͤnf Baſtionen aut befeſtigt. Dicht an der Kapelle ſieht man das Gefuaͤngniß, worin Graf Struenſee ſaß; es iſt warlich ein elendes Loch. Hier war es, wo er das Gewicht ſeiner Ketten, und die Schrek⸗ ken der Einkerkerung durch ſeine Flöte zu lin⸗ dern ſuchte; da er ſo wenig das ihm drohen⸗ de Geſchick fuͤrchtete, ſo war ſeine Lieblings⸗ arie, aus dem Deſerteur, die, welche mit den Worten anfaͤngt: Mourir, l'est notre dernier reffort“. Als wir dieſen melancholiſchen Ker⸗ ker verlaſſen, baten wir den Soldaten, der uns fuͤhrte, uns jenen des ungluͤcklichen Brandt zu zeigen; er brachte uns daher durch einen dunklen ſteinernen Gang, und nachdem er ein Bekuͤn he, woraufter franzoͤſtſch erwiederte: aach, mein = 79= gewaltig großes Thor aufgeſchloſſen, und die Riegel davor zurückgeſchoben hatte, fuͤhrte er uns auf einer ſteinernen Windeltreppe in dieſe Zelle, worin zu meiner Ueberraſchung, ein Son⸗ nenſtrahl quer durch ein kleines gegittertes Fen⸗ ſter, uns die Figur eines Mannes von ehrwuͤr⸗ digem Anſehn, von mittlerem Alter, der durch langes Gefaͤngniß mager geworden, und durch teunn nieder gebeugt war, ſichtbar machte. Bey unſerer Annaͤherung verbreitete ſich eine ſchwache Roͤthe uͤber ſeine bleichen Wangen, und eine Thrane ſtand in ſeinen Au⸗ gen, die er durch ſeine Hand zu bedecken ſuch⸗ te, und mittelſt einer Verbeugung ſich von uns gegen einen kleinen Vogelbauer wendete, wel⸗ chen er zuſammenſetzte. Wir machten unſere Entſehuldigung fuͤr unſere Zudringlichkeit, und als wir uns ſchnell gegen die Thuͤr wandten, ſahen wir einen ſchoͤnen Knaben von ohngefaͤhr acht Jahren daneben ſtehn; ſein Blick zeigte es gleich, daß der Gefangene ſein Vater war; das Geſicht dieſes kleinen Kindes des Kum⸗ mers, war das Kunſtloſeſte und das Ausdrucks, vollſte, das ich je ſah. Als wir hinabſtiegen, folgte es uns, und unten an der Treppe frag⸗ ten wir den Knaben, woher er ſo blaß ausſaͤ⸗ — 80— „Herr! ich ſehe ſo aus, weil ich eben von aeinem Fieber wieder aufſtehe; ich habe nnicht immer dies Anſehen gehabt, und werde bald wieder wohl ſeyn, aber mein armer Vater wird dies nie werden.“ Wir legten ihm Geld in die Hand, und baten ihn, es ſeinem Vater zu bringen, allein er gab es gleich mit folgenden Worten zuruͤck: nein, mein Herr! „wirklich, ich darf es nicht, mein Vater „de mit mir zuͤrnen.“ Alle unſere Bemuͤhungen waren vergeblich; es war dies eine ruͤhrende Scene. Der Soldat nahm das Kind auf, und kuͤßte es, und indem er ihm gebot zu ſeinem Vater zuruͤck zu kehren, verſchloß er die Thuͤr. Er ſagte uns, der Gefangene ſey des Handnach⸗ machens uͤberfuͤhrt, bemerkte aber zugleich, es fänden ſich viele wichtige Umſtaͤnde zu ſeinen Gunſten vor. O! wie ſehr wuͤnſchte ich, daß der gnaͤdige Fuͤrſt, deſſen Ohren immer weit mehr fuͤr die Toͤne des Jammers, als der Schmeicheley, offen ſind, gehoͤrt häͤtte, was wir hoͤrten! Die Blicke und die Sprache des kleinen Schwaͤtzers wuͤrden den unanückſichen Gefangenen vertheidigt haben. Das kleine alte Schloß Roſenburg, welches von Inigo Jon es gebaut ſeyn ſoll, zog unſere Aufmerkſamkeit auf ſich, weil die —— —— — 81— dazu gehoͤrigen Gaͤrten der Hauptverſammlungs⸗ ort von den Schoͤnen und den modiſchen jun⸗ gen Herren in Kopenhagen iſt. Die in dieſen Gaͤrten befindlichen Statuͤen ſind keiner Auf⸗ merkſamkeit werth, obgleich viele Einwohner von Kopenhagen ſie den Reiſenden als bemer⸗ kungswerth empfehlen. In der daran ſtoßen⸗ den Straße beſinden ſich die Baracken fuͤr die Fuß⸗Garde, und ein bedeckter Sgal von vierhundert Fuß Laͤnge fuͤr die militairiſchen Uebungen. Dies gothiſche Gebaͤnde iſt haupt⸗ ſächlich merkwuͤrdig, weil man darin das Zim⸗ mer antrifft, in welchem der Koͤnig ſeinen jaͤhr⸗ lichen Gerichtstag haͤlt, und wegen der Juwelen⸗ Kammer. Jenes iſt ein langes niedriges Zim⸗ mer; es hat die ganze Laͤnge des Gebaͤudes; vor dem Thron ſtehen drey Löwen von maſſt⸗ vem Silber in verſchiedenen Stellungen in Lebensgroͤße. Die Waͤnde ſind mit großen Stuͤcken von alten Tapeten hehangen, welche die Heldenthaten der militaikiſchen daͤniſchen Mo⸗ narchen, in ihren Kriegen mit den Schwe⸗ den vorſtellen. In einem kleinen anſtoßenden Zimmer befinden ſich mehrere plattirte Servir ce, Vaſen, Wein⸗ und Bierglaͤſer von Kryſtall, welche Venedig Friedrich IV. zum Geſchenk gemacht hatte. Die Sammlung iſt ſehr ſchaͤtz⸗ 6 — 82— bar, und mit Geſchmack aufgeſtellt. In ei⸗ nem andern kleinen Zimmer ſahen wir den Sattel von Chriſtian IV., der mit Perlen be⸗ deckt iſt, und dreyſt grauſend Pfund Sterling werth ſeyn ſoll; er brauchte ihn einſt an ei⸗ nem großen Gallatage in Kopenhagen. In dem Juwelenkabinet trifft man die Kroͤnungsſtuͤhle, Kronen und verſchiedene andere wichtige und ſonderbare Zuſammenſetzungen von Juwelen; allein, ich freute mich am meiſten uͤber ein herr⸗ liches Service daͤniſches Porcellain, welches in der neuen Fabrik verfertigt, und worauf die Flora Danica, oder die botaniſchen Pro⸗ dukte von Daͤnemark und Norwegen ſehr ſchoͤn gemahlt waren. Es hielt ſchwer, dieſen Ort beſehen zu duͤrfen, weil, wie wir hoͤrten, der Obermarſchall des Hofes immer die Aufſicht uͤber den Schluͤſſel fuͤhrte. Ein alter Obriſt zeigte die Merkwuͤrdigkeiten, und durch die Haͤnde eines Begleiters erhielt er einen Duea ten fuͤr ſeine Bemuͤhung. Von dem Schloſſe begab ich mich nach dem Obſervatorio, einem ſchoͤnen runden Thurm, hundert und zwanzig Fuß hoch, worin ein ſchneckenförmiger Weg von Backſteinen beyna⸗ he bis an die Spitze fuͤhrt, ſo daß ſo weit je⸗ der mit voͤlliger Leichtigkeit und Sicherheit faſt hi ei⸗ den be⸗ ing ei⸗ dem hle, ind en; err⸗ in die gro⸗ ooͤn Drt der cht iſt die kan em m, ein la⸗* je⸗ aſt — 33— hinauf und herunter reiten koͤnnte; auf der Spiz⸗ ze befindet ſich das Obſervatorium des beruͤhm⸗ ten Tycho de Brahe. Die Inſtrumente ſind gut und in einer herrlichen Verfaſſung. Un⸗ ter den Teleſkopen ſieht man eins von zwoͤlf⸗ hundert daͤniſchen Fuß Laͤnge, welches acht⸗ hundertmal vergroͤßert, und von Alh in Ko⸗ penhagen verfertigt iſt. Kurz vorher, ehe wir dieſen Thurm ſahen, ſtuͤrzte ſich ein junger Daͤ⸗ ne davon herunter, und wurde gaͤnzlich in Stuͤcken zerſchmettert: in der Schule war der Lehrer uͤber ſeine Verdienſte weggegangen, um, wie er zu unbeſonnen glaubte, einem Knaben von hoͤherem Stande, der ihm aber im Wiſſen nachſtand, Komplimente zu machen. Das ver⸗ wundete feine Gefuͤhl brachte ihn zur Raſerey, und veranlaßte die eben erwaͤhnte melancholi⸗ ſche Kataſtrophe. Nicht weit von dem Obſer⸗ vatorio iſt die Univerſitaͤtsbibliothek; ſie ent⸗ haͤlt ohngefaͤhr viertauſend Baͤnde, hauptſaͤch⸗ lich aus der Theologie und Rechtsgelehrſam⸗ keit; es ſind dort ebenfalls beynahe zweytau⸗ ſend Manuſcripte; unter den ſeltenſten derſel⸗ ben trifft man eine Bibel mit Runenſchrift. Dieſe Bibliothek hat eine jaͤhrliche Einnahme von achthundert Kronen, blos um Buͤcher da⸗ fuͤr zu kaufen, und ſteht dem Publiko offen. 4 =— 384— Das Gebaͤude, worin die Chirurgie gelehrt wird, iſt klein, reinlich, huͤbſch und modern. de Hierin trug ſich ein außerordentliches Beyſpiel E von heftigem Gefuͤhl vor einigen Jahren zu, at wovon jetzt noch viel geredet wird: Als naͤ⸗ ſit lich der beruͤhmte anatomiſche Lehrer, Kruͤger, 6 ſeine Zuhoͤrer anredete, erhielt er einen Brief, lie der ihm den Tod eines ſeiner ſehr theuern br Freunde zu Paris ankuͤndigte; man bemerkte, ih daß er hiervon ſehr erſchuͤttert wurde, und dann ſch ausrief: ich habe eben eine Nachricht erhal⸗ ei ten, die ich nicht lange uͤberleben werde; ich he kann mich von dieſem Stoß nicht erholen!“ de Seine Zoͤglinge, die ihn ſehr liebten, trugen D ihn in ihren Armen nach Hauſe, wo er eini: di ge Stunden darauf ſeinen Geiſt aufgab. Das al Hoſpital fuͤr heimliche Niederkuͤnfte iſt ein lie ſchoͤnes Gebaͤude: ſchwangere Frauenzimmer, er 1 die Urſache zur Verheimlichung haben, werden ni hier aufgenommen, und bezahlen nur ein Gerin⸗ te ges; ſie kommen des Nachts in Masken her⸗ N ein; nur diejenigen ſehen ſie, die zu ihrer Un⸗ 5 ra terſtützung nothwendig ſind, und nach ihrem ſel Namen wird nie gefragt. Dies iſt eine herre ſaͤ liche Anſtalt, die eine ſichtbare Verringeruug des Verbrechens des Kindermords hervorge:n d' 8 bracht haben ſoll. — 85— Ein Fremder wundert ſich anfaͤnglich an den Tables d'hote in Kopenhagen uͤber die Edelleute mit ihren glänzenden Sternen, die an demſelben Tiſche mit den uͤbrigen Leuten ſitzen. Dies iſt indeß nur ſelten, außer im Sommer, wo die Haͤupter der adelichen Fami⸗ lien, die dieſe Jahreszeit in ihren Schloͤſſern zu⸗ bringen, gelegentlich in die Stadt kommen, wo ihre Haͤuſer durchgehends bis zum Winter ge⸗ ſchloſſen ſind. An einem dieſer Orte traf ich ein außerordentliches Beyſpiel von Unwiſſen⸗ heit, worin ein Eingebohrner eines Landes mit den Sitten eines andern bleiben kann. Ein Daͤne machte die Bemerkung, er habe gehoͤrt, die engliſchen Frauenzimmer ſeyen ſehr huͤbſch, allein er halte ſich uͤberzeugt, er koͤnne ſie nie lieben. Da wir ihn um die Urſache fragten, erwiederte er, weil man, wie er vernehme, ſie nie ohne Pfeife im Munde erblicke! Wir ſag⸗ ten ihm, ſie haͤtten ſehr haͤufig Pfeifen im Munde, und ſogar ſehr angenehme, allein ſie rauchten niemals, ſie verabſcheuten dies ſo ſehr, daß ſte einen Mann mit Widerwillen an⸗ ſaͤhen, der ſich dieſer Gewohnheit ergaͤbe. In Kopenhagen hatte ich an der Table d'hote Gelegenheit zu bemerken, daß ein Tuͤrke 8s— in einem lutheriſchen Lande ſich eben ſo in Port⸗ wein betrinkt, als ein Chriſt. Als ich die Beſchreibung durchgeleſen, wel⸗ che Reiſende von den Beſitzungen und dem Hauſe des Grafen Bernstorf gemacht ha⸗ ben, fand ich mich, wie ich ſie nachher ſah, et⸗ was getaͤuſcht; jene ſind wirklich ſchoͤn behoͤlzt und geben einen herrlichen Anblick des Sunds, allein ſie ſind nicht mit vielem Geſchmack ge⸗ nutzt; dies iſt auf keine Weiſe ſplendide. Der Park des Koͤnigs, der ſehr groß und mahle⸗ riſch iſt, gefiel mir weit mehr, als die Beſitzung und die Gaͤrten des Prinzen Friedrichs, Bruders des Königs. Jener Fleck iſt aͤußerſt angenehm, und wegen der bunten Haufen von Menſchen, die ſich dahin draͤngen, zwar ſehr im Kleinen, zugleich der Berſailler und Green⸗ wicher Park von Daͤnemark. Die Geſetze Daͤnemarks geſtatten das Ver⸗ gnuͤgen des Schießens nicht; ein junger Daͤ⸗ ne, der ſich lange in England aufgehalten, machte mir einſt, aͤußerſt ernſthaft, die Bemer⸗ kung: nichts gehe uͤber die Dreiſtigkeit der Habichte, welche ſich uͤber die Geſetze wegſetz⸗ ten, in die Stuben floͤgen, und ſeine Kanarlen⸗ vöͤgel toͤdteten. Die Neugierde fuͤhrte uns nach dem Naspei I 4 87— hauſe, wo große Verbrecher auf Zeitlebens eine geſperrt ſind. Die maͤnnlichen Miſſethaͤter, deren einige Eiſen tragen, raspeln und ſaͤgen Braſilienholz und Rennthier⸗Hörner, ſo zube⸗ reitet werden dieſe zu der Suppe gebraucht. Die Frauensperſonen ſpinnen. Die Gefange⸗ nen ſind von einander getrennt, eingeſperrt; Das Zuchthaus iſt an der rechten Seite, hier werden Verbrecher von beyden Geſchlechtern in demſelben Zimmer eingeſchloſſen; viele derſele ben waren jung und geſund, aber ſonderbar iſt es, ich fand nur ein einziges kleines Kind bey ihnen; ſie ſahen alle ſehr reinlich und nett aus, und muͤſſen durch ihre Arbeit zu ihrer Unterhaltung mit beytragen. Oefters hat es mich gewundert, daß die letztere Einrichtung in den Haupt⸗Gefaͤngniſſen von England nicht angenommen iſt; es iſt dies warlich ein der Aufmerkſamkeit der Staatsmaͤnner wuͤrdiger Gegenſtand. Wir haben Hunderte von elenden Schelmen, die, außer daß ſie in einigen Zucht⸗ haͤuſern Taufaͤden ziehn, und dies dabey auch noch auf eine fluͤchtige und unvortheilhafte Art, nur immer verdorbener werden. Die Gerech⸗ tigkeit verlangt, daß ihre Dienſte, wo moͤglich, ihre Verbrechen ausſoͤhnen ſollten; die Poli⸗ eik, daß ſie helfen ſollten ſich ſelbſt zu erhalten⸗ = 88=— und die Menſchlichkeit, daß ihre Geſundheit durch ihre Arbeit befördert wuͤrde. Das Admiralitaͤts⸗Hoſpital, das Buͤrger⸗ Hoſpital, das Waiſen Hoſpital, und das Fried⸗ richſche Hoſpital, ſind zuſammen herrliche Stiftungen, die gut unterhalten werden; es iſt uͤbrigens darin nichts einer beſonderen Be⸗ ſchreibung werth. Einem Englaͤnder ſind ſolche Einrichtungen, und jede andere, wodurch das Ungluͤck vermindert, das Elend erleichtert, und ſchwache Menſchen unterſtutzt werden, et⸗ was Gewoͤhnliches; ſie machen die Hauptſchoͤn⸗ heit jeder Stadt und jeder kleinen Stadt ſeines Landes aus. Obgleich die Manufakturen des Nordens weit denen von Suͤden nachſtehn, ſo muß ich doch hier des Vergnuͤgens erwaͤhnen, welches ich bey der Beſichtigung der Fabrik des Porcelains gehabt habe; dies iſt ſehr ſchoͤn, und obgleich erſt in ſeiner Kindheit, ſo glaubt man doch, daß es dem von Dresden, Berlin und Wien gleich kömmt. Aus dieſer Fabrik war auch das ſchoͤne Service, welches wir in dem Schloſſe Roſenburg ſahen. Die Fa⸗ brik ſteht unter der Aufſicht einer Direktion, die mit vielem Zuvorkommen und vieler Höflich⸗ keit, das Ganze dieſes merkwuͤrdigen und ſchoͤ⸗ nen Etabtiſſenents zeigt. Freunden Abſchied, um die Reiſe nach Schwe⸗ 89— Vor meiner Abreiſe von Kopenhagen beſah ich noch das zwey engliſche Meilen von dort entfern⸗ tee hollaͤndiſche Staͤdtchen auf der Inſel Amak; es wohnen darin ungefaͤhr viertauſend Leute, Ab⸗ kömmlinge einer oſtfrieſiſchen Kolonie, die von ei nem der vorigen Koͤnige von Daͤnemark, unter gewiſſen Privilegien eingeladen wurden, ſich hier in der Abſicht niederzulaſſen, um die Stadt mit Milch, Kaͤſe, Butter und Vegetabilien zu verſehen. Die Nettigkeit und Ueppigkeit ihrer kleinen Gaͤrten kann nicht groͤßer ſeyn; ſie tra⸗ gen ſich nach hollaͤndiſcher Art, und werden nach ihrem eigenen Geſetze regiert. Der Weg von dieſem Orte nach der Hauptſtadt iſt beſtaͤn⸗ dig mit jenen unermuͤdbaren Leuten angefuͤllt, die durch ihr Getöſe und durch ihre Thaͤtigkeit ihm das Anſehn eines großen Ameiſenhaufens ge⸗ ben. In Daͤnemark ſieht⸗man kein anderes Geld, als das des Landes, wovon der Umlauf durch Strafe geſchuͤtzt iſt; doch muß ich hollaͤndiſche Dukaten ausnehmen, die in ganz Europa gehen, und ſelten unter ihrem Werth ſtehen. Man findet hier einen großen Mangel an Gold: und Silbergeld, hingegen Ueberfluß an Kupfergeld. Da wir die meiſten Merkwuͤrdigkeiten von Kopenhagen geſehen, nahmen wir von unſern — 90— —— den anzutreten. Es war eine nothwendige Maasregel, unſer daͤniſches Geld gegen ſchwe⸗ diſche kleine Banknoten umzuſetzen; dies ge⸗ ſchah ohngefaͤhr zu 3 Procent zu unſerm Vor⸗ theil. Durch dieſe Vorſicht ward die Schwie⸗ rigkeit vermieden, große ſchwediſche Noten zu verwechſeln, und die warlich nicht geringe Unbequemlichkeit, Geld mit uns zu fuͤhren. Wir nahmen auch einen Bedienten an, der Schwe⸗ diſch redete, und kauften Stricke und Quer⸗ ſtangen, um daraus ein neues Geſchirr zu ver⸗ fertigen, welches ſich für. die Art dort zu reiſen paßt. Wir nahmen den Weg nach Helfingoͤr; einige unſerer Kopenhagener Freunde begleite⸗ ten uns nach Friedrichsburg, wo wir eſſen und uns alsdann trennen ſollten. Alles iſt in Daͤne⸗ mark faſt eben ſo theuer, wie in England. Fuͤnftes Kapitel. —— „ Der Weg von Kopenhagen nach Friedrichs⸗ 5 burg, ohngefaͤhr ſechszehn engliſche Meilen lang, iſt ſehr ſchoͤn, und bietet eine uͤppige Anſicht von Seen, Holzungen, Kornfeldern, Buchen⸗ Eichen- und Tannen⸗Waldungen dar. Auf dem Wege nach der Stadt paſſirten wir durch ei⸗ nen Wald, worin ſich wilde Pferde befanden, wovon wir einige ſahen; ſie hatten ein edles, rohes Anſehn, und boten fuͤr einen Pinſel, wie der von Gilpin, ein ſchoͤnes Studium dar. In der Zeit, daß man unſer Mittagseſſen be⸗. reitete, beſah ich das Schloß, ein ſchweres, nicht uͤbereinſtimmendes plumpes Gebaͤude, worin man ſchwarzen Marmor mit bunten rothen Backſteinen, und das edle Schoͤne der griechiſchen Ordnung, mit allen den kleinen Verworrenheiten des gothiſchen Styls verbun⸗ den findet. Das Ganze iſt mit Kupfer gedeckt, und ward von Chriſtian IV. gebaut. Es ſteht — 9 2— in einem See, und ſcheint ſich fuͤr die Reſidenz der Fröſche zu paſſen; es beſinden ſich nur zwey alte Aufſeher darinne. Der Ritterſaal iſt ein ſehr langes Zimmer voll Gemaͤhlde, die ſchlecht zuſammen geſtellt ſind, und durch Duͤnſte und Schimmel verderben. Einige derſelben ſchienen ein beſſeres Schickſal zu verdienen. Auf den Pfeilern, die die Kranzleiſten des Kamins in die⸗ ſem Zimmer tragen, befanden ſich einſt ſilberne Kapitaͤle, welche die Schweden bey einem ih⸗ rer Ueberfaͤlle mit fort nahmen. In der Kapel⸗ le ſahen wir den Thron, worauf ſonſt die Koͤ⸗ nige von Daͤnemark gekroͤnt wurden; die De⸗ cke iſt auf das Herrlichſte vergoldet und verzie⸗ ret, und die Waͤnde ſind mit den Wappen der Ritter der erſten Klaſſe bedeckt. Als wir durch eine der alten Gallerien gingen, ſchuͤttelte der Sturmwind die zerbrechlichen Fenſter, und die ggroße Glocke ſchlug langſam ihre Stunde. Es wäre dies auch ein Platz, der fuͤr die Thaten des Ritters Bertrand paßte. In den Laͤndereyen dieſes Schloſſes fanden wir unſern alten Freund, den Storch, wieder. Er verläßt durchgehends im Oktober Daͤne⸗ mark und kehrt im Fruͤhling, und was das anderbaſe iſt, immer zu ſeinem eigenen Ne⸗ ſte zurück. — 22— — 93— Von hier giengen wir nach der koͤniglichen Stuterey, die eine halbe Meile entfernt liegt, wohin der Weg ausgeſucht maleriſch war. Der Koͤnig hat dort zweytauſend Pferde, die alle dadurch verunſtaltet ſind, daß man ſie auf der einen Huͤfte mit einem großen Buchſtaben und auf der anderen mit dem Jahre der Geburt des Thieres gezeichnet hat. Es giebt hier eine ſchoͤne und ſehr ſeltene Race von milch⸗ weiſen Pferden; ſie weiden immer zuſam⸗ men; und nie geben die Stuten zu, daß ſich die Hengſte einer andern Race ihnen naͤhern duͤrfen. Man hat mir geſagt, daß es eine aͤhnliche Gattung auf der Inſel Ceylon gaͤbe. In der Erlaubniß, welche der Koͤnig von Daͤne⸗ mark allen Paͤchtern ertheilt, daß ihre Stu⸗ ten von ſeinen ſchoͤnſten Hengſten belegt werden duͤrfen, liegt eben ſo viel Gutartigkeit, als Po⸗ litik; daher dann die ſchoͤne Race von Pferden, deren Pflege gluͤcklicher Weiſe fuͤr jenes edle Thier noch das einzige Wohlfeile im Koͤnig⸗ reiche iſt. Dieſer Theil des Landes, ſoll größe⸗ ren Ueberfluß von Wild haben, als irgend ein anderer Ob nun zwar die Forſtgeſetze mit aller Strenge in dem eigentlichen Daͤnemark herrſchen, ſo daß indeß doch die Todesſtrafe in ewige Gefangenſchaft verwandelt iſt, ſo findet = 94— man dort doch nur wenig Wild; die Hirſche vermehren ſich auch nicht viel. Nach einem herrlichen Glaſe Burgunder„ welches, da es als Zeichen des Abſchieds, die Haͤlfte ſeines Wohlgeſchmacks verlor, druͤckten wir unſeren guten Freunden die Hand, und reiſeten nach Helſingoͤr ab. Es iſt eine von den Strafen des Reiſens und zwar eine recht ſchmerzhafte, hin und wieder Jemand anzutreffen, der uns Vergnuͤgen macht, der uns feſſelt, und den wir doch nie wiederſehen, ſo war es der Fall, als ich hier fortfuhr. Es war ein junger ausgebildeter, anſtaͤndiger, bra⸗ ver und edelmuͤthiger Mann; er kam eben aus der Gebirgs- und Katarackten⸗Gegend, naͤm⸗ lich aus der nordlichen Schweiz, wo der Win⸗ kerſchnee auf die nackte Bruſt des kuͤhnen und gluͤcklichen Bauern niederfaͤllt. Mit großem Vergnuͤgen werde ich mich immer des Namens Knudtzon erinnern. Die Zeit wollte es nicht erlauben, daß wir nach Friedrichsvaark, welches der naͤchſte Ort iſt, kamen. Die Kanonengießerey und nufakturen wurden vom General Clauſſen angelegt, der die größten Schwierigkeiten des Lokals durch ſeine Geſchicklichkeit und Ausdau⸗ ern beſtegte. Das Ganze ſtehet jetzt unter der 'ſche nem es nes eren ach ens der ct, en, Es = 97— Aufſſcht unſers geſcheuten Landsmanns, Herrn Engliſh. Man ſagt, dieſe Anlage koͤnne ein Schiff von funfzig Kanonen in zwey Monaten voͤllig mit allen Kanonen, Pulver und Vorraͤthen verſehen. Die Landhaͤuſer, deren wir viele ſahen, ſind gewoͤhnlich von Holz ge⸗ baut, und roth und hellgelb angemahlt. Sie haben nicht mehr als zwey Stockwerke, und oͤfters nur eine Suite von Zimmern an der Erde, gewaͤhren aber weit mehr Benue lichkeiten innerhalb, als ſie aͤußerlich huͤbſch ſind; zu Zeiten findet man ſie aus Backſkeinen gebaut; wo auch die Rahmen und das Bauholz ſichtbar werden, und haben dann ein ſehr unan⸗ ſehnliches Anſehn. Die Gaͤrten ſind allgemein ſteif angelegt, und die Gartenthuͤr iſt merkwuͤrt dig, weil ſie aus einem Rahm beſtehet, der mit einem feinen Netze von Drath uͤberzogen iſt, durch welches die dahinter liegenden Laͤndereien, wie durch einen mouſelinenen Schleyer, ſichtbar werden, und das Gartengelaͤnder iſt durchge, hends plump und geſchmacklos. viele Baͤume das Anſehn von goldenen Pfeilern hatten, kamen wir nach dem Schloß Friedens⸗ burg; es ſteht in einem Thale; hieher zog ſich urch einen Wald von ſchoͤnen Buchen, welchen die Sonne herrlich durchſchien, wodurch = 96= die grauſame Juliane Marie zuruͤck, nachdem der junge Kronprinz Beſitz von der Regierung ge⸗ nommen, die ſie mit Blut befleckt, vergebens zu behalten ſuchte. Hier gab ſie in Einſamkeit ihren Geiſt auf. Ohne Zweifel ſind ihre letzten Augen: blicke durch die Gewiſſensbiſſe uͤber das Unrecht geaͤngſtigt, welches ſie der ungluͤcklichen Ma⸗ thilde und Grafen Struenſee und Brandt hatte wiederfahren laſſen. Das Gras wuchs in dem Hofe und auf den Treppen. Das Gebaͤude iſt ein großes Quadrat, worauf ſich eine Kuppel beſindet, nebſt großen halbmondfoͤrmigen Sei⸗ tengebaͤuden. Das Ganze iſt von Backſteinen, die das Anſehen von weißem Stucko haben. Die Fenſterlaͤden ſind zugemacht, und die Glaͤſer an einigen Stellen zerbrochen; uͤberhaupt ſah alles traurig und oͤde aus; nachdem wir lange an die Thuͤr geklopft hatten, machte man uns auf. Die Zimmer waren ſchoͤn, und enthielten ei⸗ nige flämmiſche Gemählde. Der Aufwaͤrter zeigte uns mit großer Freude das Zimmer, worin der Kronprinz dem Prinzen von Gloncester ein großes Mittagsmahl, vor ohngefaͤhr zwey Jah⸗ ren, gegeben hatte. Die Daͤnen erwaͤhnen im⸗ mer dieſes Prinzen mit dem Ausdrucke der Ach⸗ tung und Bewunderung. Dies bewieß, wie guͤn⸗ ſtig die Eindruͤcke waren, die er durch ſein lie⸗ — — — — benswuͤrdiges Betragen und ſein einnehmendes Weſen waͤhrend ſeines Beſuchs in Daͤnnemark gemacht hat. Die Gaͤrten und Holzungen ſind ſehr ſchoͤn, aber vernachlaͤßigt, und ſenken ſich ſanft herunter, gegen den großen Eſſerommer⸗ ſee. Als wir uns ſo herum trieben, kuͤndigten die Voͤgel mit klagenden Melodien die Annaͤhe⸗ rung des feuchten Abends an, und da es unſere Zeit erlaubte, beſahen wir und zwar mit wahrem Vergnuͤgen eine große Menge Statuͤen, die in einem Zirkel in einem offenen von Straͤuchern umgebenen Raum aufgeſtellt ſind, und die das verſchiedene Koſtuͤm der norwegiſchen Bauern vorſtellen; einige derſelben ſchienen ſehr ſchoͤn gearbeitet zu ſeyn. Als wir nach Helſingoͤr hinunter giengen, boten uns die Stadt, der Sund, der durch Schiffe am Anker, und in vollen Seegeln ein lehhaftes Anſehn erhielt, ſo wie die Kuͤſten von Schweden eine bezaubernde Ausſicht dar; dieſe konnte ich bey dem waͤhrend dieſer Jahres⸗ zeit in den nordiſchen Klimaten ſo ſehr hellen Himmel bis um Mitternacht betrachten. Den Morgen darauf, als ich aus meinem Hotel gieng, um eine andere Wanderung vorzunehmen, reiſte der Gouverneur von Kopenhagen Prinz W. nebſt den Prinzeſſinnen und Geſolge, die den verganger 7 = 28= nen Tag in Helſi ingoͤr zugebracht hatten, nach der Hauptſtadt ab; ſie waren zuſammen in eine Kutſche gepreſſet. Es iſt außerordentlich, wie ſelten man auf dem feſten Lande einen huͤbſchen Reiſewagen antrifft. Die Stadt, die haupt⸗ ſaͤchlich von Backſteinen gebant iſt, bat ein ſehr gutes Anſehen. Die Gaͤrten von Marie Lyst, die inner⸗ halb einer halben engliſchen Meile von Helſingoͤr ſich befinden, muͤſſen fuͤr jeden Bewunderer un⸗ ſeres unſterblichen Shakespeare ſehr intereſ⸗ ſant ſeyn. Ich trat hier auf den nämlichen Fleck, wo, mit aller der Ungewißheit des Al⸗ terthums, die Sage angiebt, daß der Vater von Hamlet ermordet worden waͤre: dies ruͤhrende Drama iſt mir doppelt theuer. Seine Schoͤnheiten ſind uͤber alles Lob erhaben. Ei⸗ nen ſchönern Fleck konnte man fuͤr eine ſolche ſchreckbare Zuſammenkunft nicht waͤhlen. Die Gaͤnge von dieſer beruͤhmten Scene nach dem Thurm, der uͤber dem Abhang haͤngt, und von won man die ſchoͤne Ausſicht des Schloſſes Kronsburg hat, ſind bezaubernd. Es iſt hier ein kleines Schloß nahe bey Hamlets Obſt⸗ garten, welches dem Kronprinzen gehoͤrt, der einem ſeiner Kammerherrn die Erlanbniß er⸗ theilt, hier zu wohnen. — 99— Die Thuͤrme der Feſtung Kronsburg, die gleich unter mir ſichtbar wurden, und die Zin⸗ nen, worauf man der ungluͤcklichen Mathilde geſtattete, waͤhrend ihrer Gefangenſchaft in jenem Kaſtell umher zu gehen, weckte einen unwiderſtehlichen Wunſch, dem Leſer einige der ruͤhrendſten Umſtaͤnde zu erzaͤhlen, die ſich unter ſeinem dunkeln Dache zu der Zeit zu⸗ trugen. 6 * Es iſt hinlaͤnglich bekannt, wie viel Ver⸗ nachlaͤſſigung, und wie große Leiden die Koͤni⸗ gin in der Bluͤte ihrer Jugend und Schoͤnheit durch die Verſtandes ⸗Schwaͤche des Koͤnigs, und durch den Haß und Neid von Sophia Mag⸗ dalena, der Großmutter, und Juliana Maria, der Stiefmutter ſeiner Majeſtaͤt auszuſtehen hatte. Die Wuth dieſer ward dadurch noch groͤßer, daß Mathilde einen Prinzen gebar; hiedurch fand nämlich Juliana die Hoffnung vereitelt, ihren Lieblingsſohn, den Prinzen Friederich, auf dem Thron zu ſehen. Die Koͤnigin ward um dieſe Zeit, 1769, von ihrem Verderben bloß dadurch gerettet, daß ſie den Grafen Struenſee zu ih⸗ rem Vertrauten machte, der geſcheut, durch⸗ dringend, kuͤhn, unternehmend und ſchlau war, ohne die Anſpruͤche auf die Geburt zu haben, eine unumſchraͤnkte Macht uͤber den Willen des *⁴ bewachte wie eine Tygerkatze ihre Schlachtopfer — 100— Souverains erlangt, und die Zuͤgel der Regie⸗ rung an ſich gebracht hatte. Mit faſt beyſpiel⸗ loſer Geſchwindigkeit und unerſchuͤtterlicher Fe⸗ ſtigkeit war er vorwaͤrts gegangen, die großen Mißbraͤuche abzuſchaffen, welche ſich in die Finanzen, die Geſetze, die Handhabung der Juſtiz, die Polizey, die Marine, die Armee, die Schatzkammer, kurz uͤberall eingeſchlichen hatten. Struenſee brachte die Koͤnigin ganz zu ihrem Souverain zuruͤck, umgab, mit Huͤlfe ſein nes Freundes, des Grafen Brandt, den Koͤnig, und machte ihn fuͤr jede andere Perſon unzu⸗ gaͤnglich. Se. Majeſtät fanden zu der Zeit großes Vergnuͤgen an der Geſellſchaft eines Negerknaben und eines kleinen Maͤdchens von ungefaͤhr zehn Jahren, die ihn damit zu ergoͤtzen pflegten, daß ſie die Fenſter des Schloſ⸗ ſes zerbrachen, die Moͤbeln beſchmutzten und ſonſt verdarben, Miſt und Torf auf die Statuen im Garten warfen. Struenſee hatte das gewoͤhn⸗ liche Schickſal aller Reformatoren, er ward nämlich von denen verabſcheuet, die er auf einen andern Fuß ſetzte, und mußte Argwohn und Gleichguͤltigkeit desjenigen Volkes ertragen, welchem er Dienſte geleiſtet hatte. Er jagte ein Neſt von Horniſſen auseinander. Juliana 1 — 101— von dem dunkeln Schatten von Friedensburg, wo ſie und ihre Parthey, nämlich die Grafen Ranzau, Koͤller und andere, den ſiebenzehn⸗ ten Januar 1772 dazu beſtimmten, um der Laufbahn ihrer gehaßten Nebenbuhler ein Ende zu machen; ihr wilder Entſchluß ward noch durch die letzten ungluͤcklichen Maasregeln von Struenſee, der zu ſpaͤt das Unvernuͤnftige uͤber⸗ eilter Syſteme von Reformen einſahe, erleich⸗ tert: er drang in den Koͤnig, ein Edikt zu er⸗ laſſen, welches dem Glaͤubiger die Macht ver⸗ lieh, ſeinen Schuldner ohne Ruͤckſicht auf Ge⸗ burt und Rang, arretiren laſſen zu koͤnnen: der Adel eilte auf ſeine Guͤter, mit Rache im Her⸗ zen; er ſchreckte und beleidigte heftig die fried⸗ lichen Buͤrger von Kopenhagen, indem er die dortige Polizey der von Paris ahnlich mach⸗ te, und die aus Norwegern beſtehenden Fußgar⸗ den entließ, um ſie unter andern Regimentern zu vertheilen. Seine Tage, ſeine Stunden wurden nun gezaͤhlt: in der Nacht des ſechs⸗ zehnten Januars ward ein herrlicher Ball Pare auf dem Schloſſe gegeben, welches, wie ich ſchon geſagt, ſeitdem abgebrannt iſt. Die jun⸗ ge Koͤnigin ſah nie liebenswuͤrdiger aus; ſie war die wahre Seele dieſer Scene fröͤhlicher Größe. Um drey Uhr herrſchte eine Todten⸗ — 102 ſtille in dem ganzen Schloſſe; die Verſchwor⸗ nen nebſt einigen Garden gingen uͤber die Bruͤcke des Kanals, und umgaben die Zugaͤn⸗ ge. Juliane, Prinz Friedrich und Ran⸗ z au begaben ſich an die Thuͤr von des Koͤnigs Zimmer, welches anfaͤnglich ein treuer Page, der den Dienſt hatte, nicht aufſchließen wollte; ſie ſchreckten den Monarchen mit, den Vorſtel⸗ lungen eines im Werke ſeyenden Komplotks, und legten die Befehle, die Koͤnigin, Struen⸗ ſee und Brandt zu arretiren, zum Unterzeich⸗ nen in ſeine Haͤnde. Als er den Namen Ma⸗ thilde auf dem Befehl fand, bemaͤchtigten ſich Liebe und Vernunft auf einen Augenblick der Seele des Königs, und er warf das Papier von ſich, indeß da man ihm ſehr heftig zu⸗ ſetzte, unterzeichnete er es, legte ſeinen Kopf auf das Kuͤſſen, zog die Betttuͤcher uͤber ſich, und vergaß in Kurzem dasjenige, was er ge⸗ than hatte. Köller gieng in das Zimmer von Struenſee; da er ein ſtarker Mann war, er⸗ griff er letzteren bey der Kehle, und ſchickte ihn und Brandt mit einiger Huͤlfe in einer verſchloſ⸗ ſenen ſtark bewachten Kutſche nach der Cita⸗ delle. Ranzau und der Obriſt Eichſtaͤdt oͤffne⸗ ten die Thuͤr von dem Gemach der Königin, und weckten ſie aus einem tiefen Schlaß⸗ Sie 7 — 103— oollen ſi ſie, als ſie ſich zur Wehr geſetzt hat, geſchlagen haben; indeſſen kann man kaum das unanſtaͤndige und Unwuͤrdige dieſer Scene glau⸗ ben. Nachdem die Koͤnigin in ihre Kleider ge⸗ ſchluͤpft war, ward ſie in einen Wagen gebracht, der, mit einer Eskadron Dragoner begleitet, ſie nach der Feſtung Kronsburg fuͤhrte. Nach ihrer Ankunft war ſie nach ihrem Schlafzimmer, einem kalten dumpfigen Zimmer mit Waͤnden ohne Tapeten getragen. Als ſie das Bett be⸗ merkte, rief ſie aus:„nehmt fort, nehmt fort! „Ruhe iſt nicht fuͤr einen unsläͤcklichen; es giebt keine Ruhe fuͤr mich.“ Nach einigen heftigen Konvulſi onen kamen ihr Thraͤnen zu Huͤlfe.„Gott ſey gedankt, ſagte die arme Koͤ⸗ nigin, für dieſes Gute, deſſen mich doch mei— ane Feinde nicht berauben koͤnnen.“ Als ſie die Stimme ihres Kindes, der Prinzeſſin Loui⸗ ſe, hoͤrte, die man ihr in einem andern Wagen nachgeſchickt hatte, druͤckte ſie ſie an ihren Bu⸗ ſen, kuͤßte ſie mit der heftigſten Liebe, und ba⸗ dete ſie mit Thraͤnen.„Ach, biſt du hier, ſag⸗ te ſie,„armes ungluͤckliches unſchuldiges Kind, dies iſt in der That noch einiger Balſam fuͤr deine traurige Mutter.“ In der Hauptſtadt folgte nun eine Scene von Schrecken, Tumult und erzwungener Froͤhlichkeit. Um zwoͤlf Uhr 8½ —— — 104— am andern Tage, paradirten Juliane und ihr Sohn nebſt dem Koͤnig, der mit den Inſignien der koͤniglichen Wuͤrde geſchmuͤckt war, in ſei⸗ nem Staatswagen durch die Hauptſtraßen, in⸗ deß hoͤrte man nur hie und da ein einſames Freudengeſchrey. Drey Tage hinter einander weigerte ſich die Königin, Nahrung zu ſich zu nehmen, und man verſichert, daß der Koͤnig nicht ein einziges Mal nach ihr gefragt habe; er wurde nun ganz das Eigenthum der abſcheu⸗ lichen Juliana, die ihren Schatz mit den Augen eines Baſilisken huͤtete. Der grosbrittaniſche Hof machte eine ſanfte, aber feſte Vorſtellung in Hinſicht der perſoͤnlichen Sicherheit der Koͤni⸗ gin. Neun Kommiſſaͤre wurden ernannt, um die Gefangenen zu vernehmen; folgende waren die Hauptanklagen gegen Struenſee: 1) Ein abſcheulicher Plan gegen das Leben ſeiner geheiligten Majeſtaͤt; 2) Ein Verſuch, den Koͤnig zu noͤthigen, die Regierung niederzulegen; 3) Eine ſtrafbare Verbindung mit der Königin; 4) Die nicht gehbrige Art, womit er den Kronprinzen erzogen haͤtte; 5) Die große Macht und der entſheidende Einfluß, die er in Anſehung der Regierung des Staats erlangt habe; u ☛ „ 6) Die Art, womit er dieſe Ge alt und die⸗ ſen Einfluß bey der Verwaltung der An⸗ gelegenheiten brauchte. 1 Unter den Anklagen, die gegen den Grafen Brandt angebracht wurden, war folgende laͤcherliche:„wäͤhrend der Koͤnig auf ſeine gewoͤhnliche Art mit dem Grafen Brandt ſpielte, biß der Graf ſeine Maleſtät in den „Finger.“ Vier Kommiſſäre ſchritten jetzt dazu, die Koͤnigin zu vernehmen. Ihre Antworten waren beſtimmt, deutlich und mit Wuͤrde. Sie leug⸗ nete auf das feyerlichſte jede ſtrafbare Ver⸗ bindung mit Struenſee. 8——, ein Staats⸗ rath, ſagte der Koͤnigin ganz kurz, Struenſee haͤtte ſchon ein Bekenntniß unterzeichnet, wel⸗ ches der Ehre und Wuͤrde ihrer Majeſtaͤt im hoͤchſten Grade nachtheilig waͤre.„Unmoͤglich! rief die erſtaunte Koͤnigin aus, Struenſee „konnte nie ein ſolches Bekenntniß ablegen: und wenn er dies gethan haͤtte, ſo nehme ich aden Himmel zum Zeugen, daß das, was er ſagte, falſch war.“ Der kunſtvolle 8—— ſpielte ein Meiſterſtuͤck von Feinheit, welches dem Teufel Ehre gemacht haben wuͤrde: NRunm „gut, ſagte er, da Ihre Majeſtaͤt gegen die Wahrheit dieſes Bekenntniſſes proteſtiren, ſo fA ε — „verdient er zu ſterben, da er auff ſo eine ver⸗ raͤtheriſche Art den heiligen Charakter der Koͤ⸗ anigin von Dänemark beſchmutzt hat.“ Durch dieſe Bemerkung fiel die arme Brinzeſſin ſinn⸗ los in ihren Stuhl; nach einem ſchrecklichen Kampf zwiſchen Ehre und Menſchlichkeit, ſagte ſie blaß und zitternd, und ſo, daß ſie von Zeit zu Zeit ſtockte: und wenn ich es geſtehe, daß adas, was Struenſee geſagt hat, wahr iſt, darf her dann auf Gnade hoffen?“ Welche Worte ſie mit der ruͤhrendſten Stimme, und mit allem, was die Jugend, Schoͤnheit und in Trauer verſetzte Majeſtaͤt nur feſſelndes haben kann, ausſprach. 8—— winkte, gleichſam um ihr auf dieſe Bedingungen die Sicherheit Struen⸗ ſees zuzugeſtehen, und ſchrieb ihr Bekenntniß in dieſer Abſicht gleich nieder, und uͤberreichte es ihr zur Unterzeichnung. Hierauf zeigte ſie die allerheftigſte Bewegung; ſie nahm die Feder und fing an, ihren Namen zu ſchreiben, und kam auch damit bis Carol—, als ſie die boshafte Freude in den Augen von 8—— bemerkte, ward ſie uͤberzeugt, daß das Ganze eine niedrige Liſt waͤre, und indem ſie die Fe⸗ der wegwarf, rief ſie aus: ich bin hintergan⸗ „gen, Struenſee klagte mich nie an, ich kenne zihn zu gut; er haͤtte ſich nie eines ſo großen = 107— Verbrechens ſchuldig machen koͤnnen. Sie bemuͤhte ſich wieder aufzuſtehen, aber die Kraft mangelte ihr, ſie ſank zuruͤck, ohnmaͤchtig in ihren Stuhl. In dieſem Zuſtande legte der barbariſche und kuͤhne 8—— die Feder zwi⸗ ſchen ihre Finger, die er hielt, und leitete, und ehe die ungluͤckliche Koͤnigin wieder zu ſich kam, die Buchſtaben— ina Mathilde hin⸗ zufuͤgte. Die Kommiſſaͤre giengen ſogleich ab, und ließen ſie allein: als ſie wieder zu Sin⸗ nen kam, und jene nicht mehr fand, vermu⸗ thete ſie gleich das ganze Schreckliche ihrer Lage. Um doch der nachfolgenden Schein⸗Unter⸗ ſuchung einen Anſtrich zu geben, wurde der Ad⸗ vokat Uhldal zu ihrem Vertheidiger beſtimmt: ſeine Rede in Hinſicht der Koͤnigin, war im hoͤchſten Grade paſſend, pathetiſch und uͤber⸗ zeugend. Uhldal entledigte ſich ſolcher Pflich⸗ ten, wie mehrere Jahre nachher der beredte Malsherbes, und zwar mit gleicher Wir⸗ kung: die erhabenen Klienten beyder, wurden verurtheilt. Es diente dies Gepraͤnge von Ge⸗ rechtigkeit nicht zur Unterſuchung, ſondern um ihrem Schickſale Glanz, aber einen unaͤchten zu geben. Wie verſchieden war dieſer Gerichts⸗ hof gegen den, welchen Sheridan in dem Feuer ſeiner Beredtſamkeit bey dem Prozeß von Warren Haſtings anredete. Von einer ſolchen niedrigen Karrikatur von Gerechtigkeit, rief der Redner aus, wende ich meine Augen afort, ich ſchlage ſie hier auf das wuͤrdige und hohe Tribunal, wo die Majeſtät der wah⸗ ren Gerechtigkeit ihren Thron hat; hier er⸗ „Llicke ich ſie in ihrem paſſenden Gewande von „Wahrheit und Gnade, rein und einfach, zu⸗ „gaͤnglich und geduldig, furchtbar ohne Haͤrte, unterſuchend, ohne Niedertraͤchtigkeit; in ih⸗ „rem lieblichſten Attribute erſcheint ſie, wenn aſie ſich buͤckt, um die Unterdruͤckten in die „Hoͤhe zu heben und die Wunden der Gekraͤnk⸗ atan zu ver binden.“. Das große Tribunal ſchied die Koͤnigin, trennte ſie von dem Könige auf immer, und ſchlug vor, die Geburt der Prinzeſſin Louiſe durch ſeinen Beſchluß zu beflecken, und die kleine unſchuldige in den Zuſtand der Verwai⸗ ſung zu bringen,„die nicht durch das Grab gentſtehet;“ indeß ward dieſer grauſame Plan nie ansgefuͤhrt. Uhldal wandte ebenfalls alle ſeine Kraft der Beredtſamkeit fuͤr die beyden ungluͤcklichen Grafen an. Die Menſchlichkeit empoͤrt ſich bey ihrem Urtheile, welches der ungluͤckliche König mit gedankenloſer Freude unterzeichnet haben ſoll. Sie waren am ſieb⸗ ner eit, gen dige ah⸗ er⸗ von zu⸗ te, ih⸗ nn die nks in, nd die — 109— zehnten Januar eingeſperrt, und wurden den acht und zwanzigſten März um eilf Uhr in zwey verſchiedenen Wagen, auf einem nicht weit von dem Oſterthore der Stadt befindlichen Felde zur Exekution gefuͤhrt. Brandt beſtieg zuerſt das Schaffot, und bezeigte die unerſchrockenſte Furchtloſigkeit; nachdem ihm das Urtheil vor⸗ geleſen, und ſein Wappen zerbrochen war, betete er ruhig einige wenige Minuten, und ſprach dann mit großer Sanftmuth zu dem Volke. Als der Henker ihm huͤlfreiche Hand leiſten wollte, ihm ſeinen Pelz abzunehmen, ſagte er,„ haltet euch entfernt, und vermeſſet zeuch nicht, mich anzuruͤhren,“ er ſtreckte hier⸗ auf ſeine Hand aus, die, ohne daß er vor dem Streiche zuckte, abgeſchlagen wurde, und faſt zu gleicher Zeit war ſein Haupt von ſeinem Koͤrper getrennt. Struenſee ſtand waͤhrend dieſer blutigen Scene an dem Fuße des Schaf⸗ fots, in zitternder Todesangſt, und ward ſo ſchwach, als ſeines Freundes Blut durch die Breter lief, und die Stufen herunter troͤpfelte, daß er gehalten werden mußte. Als er ſie hinauf ſtieg, verließ ihn ſein Muth gaͤnzlich, verſchiedenemale zog er ſeine Hand zuruͤck, die auf eine ſchreckliche Weiſe zerſtuͤmmelt wurde, ehe ſie abgeſchlagen ward, und endlich mußte = 110— 2* er gehalten werden, ehe der Henker ſein letz⸗ tes Geſchaͤft zu Stande bringen konnte. Kopen⸗ hagen war an dem Tage dieſer grauſamen Aufopferung leer an Menſchen, indeß, obgleich Juliane und ihre Theilnehmer auf das Gefüͤhl der großen Menge, welche das Schaffot um⸗ gaben, mit Kunſt gewirkt hatten, ſo ſahen ſie doch dieſe Blutsſcene mit Abſcheu an, und giengen in dumpfer Stille nach ihren Haͤuſern zuruͤck. Nichts als das muthige Benehmen unſers damaligen Geſandten, des Ritters Ro⸗ bert Keith, verhinderte, daß die Koͤnigin zu gleicher Zeit hingeopfert wurde. Am ſieben und zwanzigſten May legte ſich ein Geſchwader von zwey engliſchen Fregatten und einem Kutter, unter dem Kommando des braven Capitains Macbride, vor Helfing: fors vor Anker, und am dreyſigſten deſſelben Monats war alles zur Abreiſe der Koͤnigin in Oednung gebracht; als man ihr die Barke ankuͤndete, druͤckte ſie ihre kleine Tochter an ihre Bruſt, und ließ viele Thraͤnen auf ſie fal⸗ len. Die Koͤnigin ſank dann in eine ſcheinbare Erſtarrung; als ſie wieder zu ſich kam, berei⸗ tete ſie ſich zu, ſich fort zu reißen, allein die Stimme, das Lächeln, und die Liebe weckenden Bewegungen des kleinen Kindes, feſſelten ſie an — 111— den Fleck; und endlich raffte ſie ſich zuſammen, nahm es noch einmal in ihre Arme, und druͤckte mit allen dem Feuer und der Angſt der heftigſten Liebe die letzten Kuͤſſe auf ſeine Lipe pen, und rief, indem ſie es der Waͤrterin zu⸗ ruͤckgab: Fort! Fort! jetzt beſitze ich hier nichts 4—.. amehr,“ ſie ward nach der Barke in einem Zu⸗ ſtande gebracht, der ſich nicht beſchreiben laͤßt. Als ſich die Königin der Fregatte naͤherte, be⸗ gruͤßte das Geſchwader ſie als die Schweſter ſeiner brittiſchen Majeſtaͤt; und wie ſie an Bord kam, zog Capitain Macbride die daͤni⸗ ſchen Flaggen auf, und zwang das Fort Krons⸗ burg, ſie als die Koͤnigin von Daͤnemark zu begruͤſſen, welchen Gruß er mit zwey Schuͤſſen weniger erwiederte. Das Geſchwader ging dann nach Stade im Hannoͤvriſchen unter See⸗ gel, indeß ward es durch widrige Winde den ganzen Tag hindurch, nicht weit von dem Schloſſe zuruͤckgehalten, ſo daß man noch am folgenden Morgen ſeine Thuͤrme ſehen konnte:; und bis ſie ſich endlich durch die Entfernung gaͤnzlich verloren, ſaß die Koͤnigin auf dem Verdeck, ihre Augen auf ſie gewandt, in ſtum⸗ mer Angſt. Sollen wir der ungluͤcklichen Mathilde noch etwas folgen? Als ſie in Sta⸗ de gelandet war, begab ſie ſich nach einem klei⸗ ℳ nen entfernten Landſitze, an den Ufern der El⸗ be, bis man das Schloß zu Zelle, welches zu ihrer kuͤnftigen Reſidenz beſtimmt war, in Ord⸗ nung gebracht hatte. Sie gieng dort im Herbſt hin; hier zeichnete ſich ihr kleiner Hof we⸗ gen ſeiner Eleganz und Ausbildung, wegen ſeiner Guͤte fuͤr die Bauern, und der muntern Heiterkeit, die durchgehends herrſchte, aus. Die Königin brachte einen großen Theil ihrer Zeit allein zu; und als ſie Portraits ihrer Kin⸗ der aus Daͤnemark erhalten, ſtellte ſie ſie in einem abgeſonderten Zimmer auf, und redete ſie haͤufig auf die ruͤhrendſte Weiſe an, als ob ſie gegenwaͤrtig waͤren; ſo vergieng die Zeit dieſer Verbannung bis zum eilften May 1775, wo ein ſchnelles hitziges Fieber ihre Leiden im vier und zwanzigſten Jahre endete. Ihr Sarg ſtehet zu naͤchſt bey denen der Herzoͤge von Zelle. 1 Sechstes Kapitel. 2*—— 8 Ein Reiſender wird ſehr gut thun, Empfeh⸗ lungsſchreiben an Herrn Fenwick, unſern Konſul zu Helſingoͤr zu erhalten, ſie werden dazu dienen, ihn mit einer liebenswuͤrdigen und hoͤchſt verehrungswerthen Familie, deren Sit⸗ ten Belehrung, und Gaſtfreundſchaft Vergnuͤ⸗ gen gewaͤhren, bekannt zu machen. Des Abends nahmen wir ein Boot, ſchifften uns und unſere Bagage darin ein, und giengen mit einem gu⸗ ten Winde uͤber den Sund, der ungefaͤhr vier engliſche Meilen breit iſt; in drey Viertel⸗ ſtunden befanden wir uns in Schweden. Wir kamen dichte beym Schloß Kronburg vorbey, welches auf einer halbinſelichen Spitze, der naͤchſten gegen Schweden zu, ſteht. Ich ward erſtaunt uͤber das einer Abtey aͤhnliche Anſehen dieſes Gebaͤudes. Es dient jetzt zur Reſidenz des Gouverneurs von Helſingoͤr, und iſt mit drey hundert fünf und ſechszig Kanonen verſe⸗ 8 A = 114— hen; die Stuben unter der Erde koͤnnen ein ganzes Regiment enthalten. Die Sage leg⸗ te ihm einſt den Charakter einer nicht einnehm⸗ baren und nicht zu paſſirenden Feſtung bey. An dem beruͤhmten zweyten April ſegelten die Admirale Parker und Nelſon mit vollkomm⸗ ner Sicherheit voruͤber, und wuͤrdigten gar nicht einmal einen Schuß zu erwiedern. Zwey Kriegs⸗ ſchiffe von vier und ſiebzig Kanonen, geſcheut geſtellt, wuͤrden alle Baſtionen und Verſchan⸗ zungen bald zuſammenſchießen. Niemand darf ohne beſondere Erlaubniß des Gouderneurs, die ſelten ertheilt wird, ſeinen Fuß auf die Zug⸗ bruͤcke ſetzen; wozu alle dieſe Vorſicht, weiß ich nicht, vielleicht um das Geheimniß der Un⸗ beſiegbarkeit aufrecht zu erhalten. Was mich betrifft, ſo bin ich ſo völlig uͤberzeugt, daß die Politik der Kraft, die iſt, ohne zu prahlen, ſich zu zeigen, daß, haͤtte ich aus meinem kleinen Bote eine Papierkugel in jenes furchtbare Schloß ſchicken koͤnnen, ich darin folgenden Spruch mit eingeſchloſſen haben wuͤrde:„wo Ver⸗ heimlichung ſtatt findet, iſt Furcht vorhanden.“ Dieſer Platz war fuͤr jedermann offen, bis am zweyten April der Zanberſtab gebrochen wurde. Die Kronbatterie iſt ein Platz von wahrer Staͤr⸗ ke, und ſelbſt Englaͤnder haben die Erlaubniß, 1 — 2—— 2—— 2—,—— — = 115— ihn ohne die geringſte Schwierigkeit zu⸗ hes ſehenen 4 Wir ſtiegen an den ſteilen Ind. felgen Kü⸗ ſten i von Heiſingborgn einer kleinen Süadte Schwierigkeit gelandet Putden und ich warne alle diejenigen, welche allhier reiſen, gehoͤ⸗ rige Sorge zu tragen, daß ſie bey ſtillem Wetter uͤber den Sund fahren, da er bloß durch die Staͤrke der Haͤnde aus dem Boote gebracht werden kann. Als wir landeten, fragte ein ſchwediſcher Huſar, ein huͤbſch aus⸗ ſehender Menſch, in blauen langen weiten Beinkleidern und einem Kamiſol, und mit ge⸗ flochtenen Seitenhaaren, die mit kleinen bleier⸗ nen Gewichten befeſtigt waren, ſehr hoͤflich nach unſern Paͤſſen; waͤhrend er damit zu dem Kommandeur ging, bezahlten wir unſern Boots⸗ leuten in daͤniſchem Gelde fuͤnf Thaler adrey Mark fuͤr das Boot, die Fracht, u. ſ. w. ſe Vir begaben uns nach einem ſehr huͤbſchen, Wirtöshauſe nicht weit von der Küſte, wo man ſehr gute Anſtalten antrifft, die, wie ich vermuthe, durch die Nachbarſchaft von Ra me. los, wo der Adel dieſer Provinz ſich jedes Jahr zum Brunnentrinken verſammelt, auf ſolchen Fuß gebracht wurden. Als wir uns durch — = 116— heerlichen Kaffee erfriſcht hatten, gingen wir ſogleich an unſere Abend⸗Geſchaͤfte, deren es recht viele gab, denn wir wollten um fuͤnf Uhr Morgens nach Stockholm abfahren, und we⸗ gen der Schnelligkeit, womit unſere Reiſe vor ſich ging, figurirten wir dann in der Stoakhol⸗ mer Zeitung einige Tage nachher als ein paar eben gelandeter Couriers. In ſchwediſchen Silber⸗Gelde machen zwoͤlf Runſtycks einen Schilling; 48 Schillinge einen Silber oder Bankothaler, und ein Sil⸗ berthaler hat den Werth von fuͤnf engliſchen Schillingen. Das ſchwediſche Papiergeld i in Ploten, Riiccksgalds⸗ und Bankothalern zertheilt. Ein Plote macht ſechszehn Schillinge, ein Drittheil eines Silberthalers aber 1 Schill. 8 D. Eng⸗ liſch, und dies kleine Papier iſt fuͤr Reiſende ſehr nuͤtzlich. Beym Ricksgalds Thaler iſt ein Agio von 50 P. C., ſo daß ein Silberthaler ein und einen halben Ricksgalds⸗Thaler ausmacht. Ein Bankothaler macht fuͤnf engliſche Schil⸗ linge aus, ſo wie der Silber Thaler. Das Bankgeld iſt ſoroht in Kupfer als in Papier. Dem ſchwediſchen Acciſe, Einnehmer zahl⸗ ten wir fuͤr Taxen und Quay. Geld 2 thl. ——,—„„—„ e,.—.—· 9„ AQ———82 à a „łmꝗ = 117—r⸗ 12 Mark und fuͤr Traͤgerlohn 12 thl. 12 Mark. Auch gaben wir dem Zollhausoffizianten, der unſere Sachen nur obenhin viſitirte, eine Kleinigkeit. Indeß dieſe Sachen in Ordnung gebracht wurden, praͤſentirte ſich ein junger Menſch, nach deſſen Geſicht man die Ehrlichkeit haͤtte malen koͤnnen, der außerdem zu ſeiner Empfe⸗ lung noch einen militaͤriſchen Hut, eine Kokarde und eine Feder in der Art, wie ein Unteroffi⸗ zier trug, machte eine große Verbeugung und einen Antrag, den man erſt genauer verſtehen wird, wenn der Leſer erfaͤhrt, daß in Schwe⸗ den, ein Reiſender, der nicht gern anderthalb Stunden auf Pferde bey jeder Station warten will, beſondere Sorgfalt tragen muß, einige Stunden vorher, ehe er abfaͤhrt, einen Courier, hier Vorbote genannt, abzuſchicken, der bis ans Ende der Reiſe fuͤr eine Kleinigkeit fuͤr jede ſchwediſche Meile, die ſechs und drey vier⸗ tel engliſche Meilen ausmacht, anordnet, daß die Pferde in dem eigentlichen Poſthauſe zu den ihm angegebenen Stunden bereit ſtehen. Die Bauern ſind nach dem Geſetze verbun⸗ den, die nahen Poſthaͤuſer mit einer gewiſſen Anzahl Pferde zu verſehen, zufolge des Werths 8 ihres Pachtauts, und ſtehen in dieſer Hinſicht unter dem Poſtmeiſter. Die Pferde muͤſſen vier und zwanzig Stunden beym Poſthauſe bleiben: ihre Eigenthuͤmer werden fuͤr ihre Zeit und Muͤhe bezahlt, wenn ein Reiſender ankoͤmmt; koͤmmt er aber nicht, ſo verlieren ſie Beydes. Dieſe Einrichtung muß fuͤr den Bauer druͤckend und dem Ackerbau nachtheilig ſeyn, und fordert nothwendig eine Verbeſſerung. Der Preis des Pferdes fuͤr die ſchwediſche Meile betraͤgt auf der Poſt zwoͤlf Schilling, oder acht engliſche Penie. Wenn ſich das Poſthaus in einer Stadt befindet, ſo iſt der Preis doppelt. Der vorher erwaͤhnte Mann kam in der Abſicht zu uns, uns anzuzeigen, er gienge nach Feltja auf dem Wege nach Stockholm, und wenn wir die Miethe eines kleinen Wagens und eines Pferdes bezahlen wollten, ſo wolle er unſer Vorvote ſeyn, und etwas von unſerem Gepaͤck mitnehmen. Dieſe Bedingung gingen wir bald ein; er legte ſich ſchlafen, um gegen zwey Uhr des Morgens wegzufahren. Unſer Bedienter, der vorher in Schweden geweſen war, und ſeine Ehrlichkeit kannte, vertraute ihm einen Koffer an, und wir gaben ihm noch einen zweyten darzu. Unſere naͤchſte Sorge ging nun dahin, unſer Geſchirr von Stricken zu verferti⸗ &᷑ 2 2 —„ 10 11 —ſͤIͤͤ 8 1 11= gen, da das ganze Zeug von einer voͤllig anden ren Einrichtung ſeyn mußte, um Vorrath fuͤr den folgenden Tag einzupacken, wovon das Beſte einige Stuͤcke geroͤſtetes Hammelfleiſch war, das wir nach unſerer Manier gekocht hat⸗ ten; aber ach! als wir des Morgens aufſtan⸗ den, war unſer Korb, worin wir es mit großer Sorgfalt gelegt hatten, von einem ſchaͤndlichen Hunde gepluͤndert. Der Reiſende, der keine Lebensmittel bey ſich fuͤhrt, erwartet umſonſt irgend etwas unterwegs zu finden, ſogar Eyer ſind in dieſem Theile des Landes ſelten. Da ich die Idee hatte, den Winter in Venedig oder Rom zu zubringen, ſo ſah ich mich mit Bedauern genöthigt, geradezu nach Stockholm zu reiſen, ſtatt Carlskrona zu beſe⸗ hen, das beruͤhmte ſchwediſche Arſenal; man ſagte uns, dieſer Ort habe ſich nach dem ſchrecklichen Brande von 1790 ſehr verbeſſert; die neuen Docken ſind aus Felſen von Granit gehauen, und ſo weit man ſie fertig ſieht, zu bewundernde Monumente von Arbeit und Unter⸗ nehmung. Aus demſelben Grunde mußte ich auch auf das Vergnuͤgen Verzicht thun, Go⸗ thenburg, die zweyte Stadt Schwedens, zu ſehen, ſo wie auch die erſtaunlichen Faͤlle und Werke von Trolhaͤtta. Auf dieſen Wegen, — 120— hat man mir geſagt, fände man beſſere Lebens⸗ mittel und Einrichtungen, eine gluͤckliche Ent⸗ deckung unſers gut aufgereimten Wirths in ſei⸗ ner Speiſekammer, fuͤllte die traurige Leere unſers Korbes, mit einem herrlichen Stuͤcke kalten gedaͤmpften Rindfleiſchs, und ſo verſe⸗ hen, traten wir unſere Reiſe an. Unſer Be⸗ diente fuhr uns, begleitet von zwey Bauern, denen die Pferde gehoͤrten; einer ſaß anf dem Bocke, und der andere ſtand hinten auf dem Wagen; ungeachtet des Gewichts, brachten uns unſere vier kleinen Pferde mit der groͤßten Schnelligkeit weiter; ſie liefen faſt immer im vollen Galop fort, bis wir an das Ende der Station kamen. Die Bauern fahren ſehr geſchickt, und es iſt nicht ungewoͤhnlich, daß ein junges Maͤdchen faͤhrt. Die Wege, die aus Felſen gemacht, und mit groben Sande und Erde bedeckt ſind, ſollen, und ich glaube dies in der That, die ſchoͤnſten in der Welt ſeyn; wir legten mehrere Stationen zuruͤck, daß wir dreyzehn und ſelbſt vierzehn engliſche Meilen in einer Stunde machten. Am Ende einer jeden Station, wird dem Reiſenden ein Buch uͤberreicht, welches Dagbok heißt, um darin ſeinen Namen, ſein Alter, woher er kommt, wohin er geht, die Zahl der Pferde, — — und ob er mit dem Fuͤhrer zuftieden iſt, ein⸗ zutragen. Den Fruͤhling bemerkt man hier kaum, und ob wir gleich ſchon den 17. Junii hatten, ſo war doch die Morgenluft ſehr kalt und ſchnei⸗ dend. Unſer Weg gieng durch Schonen, eine der ſchoͤnſten Provinzen Schwedens. Nur ſel⸗ ten ſoll man die Nachtigall uͤber dieſer Provinz hinaus antreffen, und ſelbſt hier hoͤrt man nur wenig ihre lieblichen Toͤne. Weiter noͤrdlich findet man blos Aelſtern, Baumhacker, Kraͤ⸗ hen und Felſenvoͤgel. Wir kamen durch Bu⸗ chen⸗ und Tannenwaͤlder; viele von dieſen hat⸗ ten ein ſehr maleriſches Anſehen. Die erſte Station war ſechszehn engliſche Meilen lang, waͤhrend welcher wir keine andere Thiere, als eine Gruppe tanzender Ziegen, und einen Kna⸗ ben mit einer Flöte antrafen, der zur Meſſe gieng. Zwiſchen Astrop und Lynngby iſt eine der beſten Faͤhren, die ich je angetroffen habe; wir fuhren darin ohne die geringſte Un⸗ bequemlichkeit, und waren gleich an der entge⸗ gengeſetzten Seite. Beym erſten Poſthauſe, wo wir anhielten, wunderte ich mich nicht wenig, daß die Bauern uns fragten, wo ſich Dör ge⸗ liebter Koͤnig aufhieſte, 3 Den erſten Tag aßen wir zu Mittag zu Orke Ginga, unter dem bedeckten Gange einer kleinen Huͤtte: die Gegend umher war ſehr einſam und traurig. Als wir am Rande von einigen Seen umhergingen, deren es in Schweden eine große Menge gibt, fanden wir Baͤuerinnen, die ein halbes Knie tief im Waſ⸗ ſer ihre Hemden wuſchen; ſie ſahen ſtark und vergnuͤgt aus. Der Baumeiſter muß immer durch die Natur in Anſehung der Beſchaffenheit der Geſtalt, und der Materialien ſeines Gebaͤu⸗ des geleitet werden. Schweden iſt ein fort⸗ laufender Granitfelſen mit Tannen bedeckt: daher dann die Huͤtten von einem Stockwerk, und mehrere der beſſern Gebaͤude von Holz gebaut ſind; die Breter derſelben werden in einander in eine Lage Moos gelaſſen; die Außen⸗ Seite iſt mit rother Farbe angeſtrichen; das Dach wird von Birken⸗Rinde gemacht, und mit Raſen gedeckt, auf welchen gewöhnlich ſo hohes Gras ſtehet, daß es abgemaͤhet werden kann. Die Fußboͤden ſind mit jungen Tannen⸗ ſtengeln beſtreut, die ihnen ein unordentliches Anſehn geben, und der Geruch iſt gar nicht angenehm. Nichts kann trauriger ſeyn, als die krummen Gaͤnge in den Waldungen, welche 1 hie und da dem muden Auge kleine Flecke von / — leerem Grund zeigen, wo man die Tannen durch Feuer gefaͤllt, und die Stumpfen bis zu einer bedeutenden Hoͤhe im Boden gelaſſen hat, und die in einer Entfernung Aehnlichkeit mit großen Steinen haben. Unerſchöͤpflicher Ueber⸗ fluß an Holz, macht, daß es der Bauer fuͤr verlorne Muͤhe haͤlt, ſie auszuwurzeln, und ſie vermehren daher noch die allgemeine Waaurig⸗ keit des Ganzen. Die Bevölkerung in den Provinzen Scho⸗ nen und Smaland iſſt ſehr geringe: außer in den ſehr wenigen Staͤdten zwiſchen Flensburg und Stockholm, erheitert ſich ſelten das Auge des Reiſenden durch die Wohnung des Men⸗ ſchen. Vom Anfang des Tages an, ſo wie den ganzen Tag hindurch, faͤhrt er nur im Walde, und des Nachts ſchlaͤft er auch darin. Die einzigen Voͤgel, die wir ſahen, waren Baum⸗ hacker. Die Bauern haben ſchlechte Haͤuſer, ſind eiend gekleidet, indeß iſt ungeachtet dieſes niederſchlagenden Aeußern ihre Wange voll Ge⸗ ſundheit, und ihr Laͤcheln voll Zufriedenheit, ihre Kleider und Struͤmpfe ſind allgemein von leichtem Tuch; ihre Huͤthe ſind im Boden groͤßer und gegen oben zu ſpitz, mit einem großen breiten Rande, um ihre Weſten tragen ſie haͤufig einen Guͤrtel, worin zwey Meſſer in ,3— 124— einem ledernen Futteral befeſtigt ſind. Das Land ſcheint in dieſen Provinzen recht unfrucht⸗ bar zu ſeyn, nur kleine Strecken ſeiner felſig⸗ ten Oberflaͤche waren mit Vegetabilien bedeckt. Eines Tages, als wir durch die ewige Wie⸗ derholung von Tannenwaͤldern ermuͤdet waren, ſahen wir uns, ohne es im mindeſten zu ver⸗ muthen, plötzlich durch die Töne einer militai⸗ riſchen Muſik uͤberraſcht, und eine Oeffnung in dem Walde zeigte uns gleichſam wie durch Zau⸗ berey das Lager eines ſchönen Regiments der Lindkopinger, oder wie man es ausſpricht, der Lindſchippinger Infanterie; die Uniform, die national iſt, iſt blau mit gelben Aufſchlaͤgen. Der ſchnelle Uebergang von der Stille und dem Dunkel der Waͤlder zur Froͤhlichkeit und dem Laͤrm des Lagers, war äaͤußerſt angenehm. Bey der naͤchſten Poſtſtation von dieſem letzten Fleck, ward unſer Bedienter, waͤhrend wir die Pferde wechſelten, wieder von einem ehrwuͤrdigen Bauren angeredet, und mit ernſt⸗ hafter Miene gefragt, da er ein Fremder waͤ⸗ re, ſo moͤchte er doch ſo guͤtig ſeyn, ihm zu ſa⸗ gen, in welchem Theile der Welt ſich ſein ge⸗ liebter König befaͤnde. Gott! dachte ich, wie ſonderbar iſt es, daß dieſe vortrefflichen Men⸗ ſchen, die ihrem Souverain ſo ſehr ergeben — 127— ſind, nicht wiſſen ſollten, wo er ſich aufhaͤlt; und wie gluͤcklich muß der Fuͤrſt ſeyn, nach welchem mit ſo vieler Zuneigung und Bekuͤm⸗ merniß gefragt wird! Wir aßen zu Mittag zu Johnkoppig, oder wie die Schweden es nennen John⸗ ſchipping; dies iſt eine huͤbſch gebaute Stadt von hoͤlzernen Haͤuſern, die an dem aͤußerſten Theile des Weltern liegt, der hundert eng⸗ liſche Meilen lang iſt. Beym Mittagseſſen fan⸗ den wir hie und dort in Schweden, daß das Brod und Kaͤſe eine erſtaunliche Menge Feld⸗ Kuͤmmel⸗Koͤrner enthielt, wodurch ſie nicht beſ⸗ ſer wurden. Anf unſerm Wege znach Grangas famten wir am Fuße ſehr großer herabhaͤngender Fel⸗ ſen vorbey, von wo man eine ſehr ſchoͤne An⸗ ſicht jenes Sees hatte, auf welchem wir eine zwoͤlf engliſche Meilen lange Inſel wahr nah⸗ men. Auf dem Weller See, der weiter nach Nord⸗Weſten liegt, fuhren zwey hundert Kaufmannsſchiffe, wovon einige von bedeuten⸗ der Groͤße ſind; ſeine Kuͤſten ſind ſo weit von einander, daß man die Schiffe oͤfters gar nicht ſieht. Ich erwaͤhnte vorher, das Gras wüͤchſe zu Zeiten ſehr hoch auf den Haͤuſern; ein ſonder⸗ — 126— bares Beyſpiel hievon ſah ich kurz vorher, ehe ich nach Nordkoping kam Wir nahmen näͤmlich ein Schaaf wahr, welches auf dem Dache eines niedrigen Schmiedehauſes graſete; mittelſt eines angraͤnzenden Ferkelſtalls war das Thier leicht hinaufgeſtiegen, und es ſchien dort mit eben ſo vielem Vergnuͤgen zu freſſen als wenn es in einer ſchoͤnen gut hewaſerten Wir⸗ ſe geweſen waͤre. Nordkoping liegt in Octgothland es iſt eine große huͤbſche Stadt, und kommt gleich nach der Hauptſtadt; indeß giebt das Aeußere von ſo vielen mit Gras bedeckten Haͤu⸗ ſern eine Idee von Armuth und Elendigkeit, die das Innere dagegen gleich wegnimmt. Die Hauptſchoͤnheit dieſes Orts entſteht durch die Waͤſſer des Fluſſes Motala, der, an dem Theile, wo ſich die Hauptmanufakturen befin⸗ den, in ſich brechenden Waſſern mit erſtaun⸗ licher Gewalt berabgeht, und das Anſehn ei⸗ nes ſchoͤnen Waſſerfalles hat. Es iſt völlig ein Handelsort; in ſeinen Haupt Fabriken und Manufakturen werden maſſive Waaren, Tuch, Papier und Kanonen verfertigt. Wir verſielen hier in einen naͤrriſchen Irrthum. Als wir naͤmlich des Abends nach unſerer An⸗ kunft nach dem Thee, in den Straßen umher — 127.— gingen, waren wir uͤberraſcht, dieſe ſo todt, 3 und dem Anſchein nach verlaſſen zu finden; wir ſahen naͤmlich nur ſehr wenige Leute, die ſich ganz langſam zu Haus begaben; endlich uͤberzeugte uns eilf Uhr, die es ſchlug, doß die Einwohner zuſammen ſchliefen. Um dieſe Zeit war das Licht dem, eines ſchoͤnen Tages in London gleich, welches, da wir die Zeit nicht wuſten, und eben Thee getrunken hatten, als wir hätten zu Abend eſſen ſollen, unſern Irr⸗ thum veranlaßte. Man drang in uns, den naͤch⸗ ſten Tag mit einem verehrungswerthen Ein⸗ wohner hinzubringen! allein wir mußten ſeine Hoflichkeit ablehnen, indem wir anfuͤhrten, un⸗ ſere Pferde waͤren beſtellt. Da das Kompli⸗ ment, welches er uns machte, die gaſtfreund⸗ ſchaftliche Hoͤflichkeit der gut erzogenen Leute dieſes Landes charakteriſirt, ſo ſey es mir er⸗ laubt, hier zu ſagen, daß unſer liebenswuͤrdiger Freund erwiederte: es iſt das erſte Mal, daß zein Schwede je die Worte eines Englaͤnders bezweifelt, daher muß ich Sie bis zum Wirths⸗ hauſe begleiten, um zu ſehen, ob Ihre ange⸗ „gebene Urſach wirklich dieſe iſt, damit ich zmeine Anſpruͤche auf Sie wieder geltend ma⸗ ache, wenn es ſich nicht ſo verhaͤlt; und wenn es aſo iſt, damit ich Sie noch zuletzt ſehe.“ = 128= Beym Heranſteigen der Huͤgel, die Nord⸗ koping umgeben, fanden wir die Gegend un⸗ ten äußerſt maleriſch und ſchoͤn, und ſie ſoll denen der Schweiz gleichen, die ungeheure Felſen, Seen, Tannenwaͤlder und einzeln lie⸗ gende Huͤtten enthalten; dies war bey weitem die ſchoͤnſte Ausſicht, die ich in Schweden ge⸗ habt. Es iſt ſonderbar, daß Schweden einen ſolchen Ueberfluß an Seen und Fluͤſſen hat, waͤhrend es in Daͤnemark, einem benachbarten Lande, ſo ſehr daran mangelt. Waͤhrend auf der folgenden Poſtſtation unſere Pferde gewech⸗ ſelt wurden, ging ich voraus, und war von der aͤußerſt romantiſchen Gegend bezaubert, die eine huͤbſche kleine Bauernhuͤtte umgab. Sowohl fuͤr die Landleute als fuͤr den Rei⸗ ſenden wuͤrde es ein Gluͤck ſeyn, wenn ich dieſe Huͤtte als ein Bild der ſchwediſchen Huͤtten an⸗ geben koͤnnte. In dem Innern dieſer Wohnun⸗ gen der Simplicitaͤt, faͤllt einem Fremden das hirtenhafte Anſehn von Reihen runder Brod⸗ kuchen auf, die aus Roggen und Hafer gebak⸗ ken und ſo groß wie ein gewoͤhnlicher Teller, und einen Finger dick ſind, in der Mitte ein Loch haben, durch welches ein Strick geht, und an der Decke haͤngen. Dies Brod iſt ſehr hart und ſuͤß. Die Bauern backen nur ein, hööͤch⸗ — 129— ſtens zweymal im Jahre; und in der Zeit, wo ſie an Getraide Mangel leiden, fuͤgen ſie noch gut zerſtoßene Birkenrinde hinzu, welches dann ſehr hart zu eſſen iſt. Die Familie bitet eine Scene von dauerndem Fleiß dar; ſie beſchaͤf⸗ tigt ſich nämlich mit Weben der groben Tuͤcher, mit Spinnen und mit Reinigung des Flachſes. Dieſe Leute trinken ein elendes Bier; indeß findet der Reiſende in den meiſten Poſthaͤuſern herrlichen Kaffee und Zucker. Unter den Baͤne⸗ rinnen ſahen wir mehrere mit ſchwarzen krep⸗ penen Schleyern; im Winter ſchuͤtzen dieſe die Augen gegen den blendenden Schnee, und im Sommer gegen den heftigen und funkelnden Wiederſchein der Sonne auf die Felſen. Ich wunderte mich, daß faſt lediglich Papiergeld im Lande circulirte. Ich ſah nie, ob man mir gleich ſagte, das Geld habe ſich vermehrt, ein einziges Silberſtuͤck auf unſerer gZanzen Reiſe in Schweden. Als wir nach Feltja kamen, der letzten Poſtſtation vor Stockholm, nahm unſer Vorbote von uns Abſchied, und druͤckte recht herzlich ſein Bedauern aus, mit unſerer Ba⸗ gage nicht weiter fahren zu koͤnnen. Wir hat⸗ ten Urſache, mit ſeiner Hoͤflichkeit auf dem We⸗ ge ſehr zufrieden zu ſeyn; er uͤbernachtete mit 9 4 = 130= uns immer in demſelben Wirthshauſe, und reißte jeden Morgen drey oder vier Stunden vor uns aus, um unſere Pferde auf den ver⸗ ſchiedenen Poſtſtationen zu beſtellen; wirklich ſah ich nie einen offnern, ehrlicher ausſehenden Menſchen. Wir kamen in die Vorſtäͤdte von Stock— holm uͤber eine lange ſchwimmende Bruͤcke un⸗ ter einem Thore durch, und hielten bey dem Zollhauſe, welches daneben liegt, eine ſtarke Unterſuchung aus; dieſe war weder durch Geld, noch durch Ueberredung zu vermindern. Nur den Aufenthalt fuͤrchteten wir; indeß brachte uns die Viſitation zur Entdeckung eines ſehr intereſſe anten Geheimniſſes. Gerade wie ich auf einem der Koffer ſaß, und etwas vortheilhaftes in mein Tagebuch uͤber die einfache Treue un⸗ ſers jungen Schweden eingeruͤckt hatte, entdeckte ich, warum er ſo ſehr bedauerte, nicht weiter als Feltja mit uns reiſen zu koͤnnen: er hat⸗ te naͤmlich waͤhrend ſeiner Bewachung die Schlöſſer unſerer Koffer geoͤffnet, und einen Ueberrock, nanquinne Beinkleider, einige Hem⸗ den und Schnupftuͤcher herausgenommen; al⸗ lein, was unſer armer Bedienter am meiſten bedauerte, ob ich gleich nie eine groͤßere Phi⸗ loſophie in der Betruͤbniß wahrgenommen ha⸗ „ — — — 131— be, war ein goldnes, ihm gehoͤriges Armband. Unſer Ungluͤck war indeß nicht mit dem zu ver⸗ gleichen, welches einem engliſchen nach Peters⸗ burg reiſenden Kaufmann auf dem naͤmlichen Fleck einige Tage vorher wiederfuhr; da es zur Warnung dienen kann, will ich es hier an⸗ fuͤhren. In ſeinem Gepaͤck befanden ſich eini⸗ ge engliſche Hauben, Handſchuhe und Schuhe für ſeine geliebten Schweſtern; das Geſetz be⸗ maͤchtigte ſich aber aller dieſer Sachen, und verurtheilte den ungluͤcklichen Ueberbri inger in eine Strafe von hundert und dreiſig Pfund Strl. Nachdem wir unſer Gepaͤck wieder in Ordnung gebracht, fuhren wir fort, und kamen durch ei⸗ ne Vorſtadt, die mehr als eine engliſche Meile lang, und mit großen plumpen und unebenen 8 Steinen gepflaſtert war, in die Stadt. Wir kehrten im Hotel frangois ein, welches vielleicht ſo hieß, weil nicht eine einzige Perſon franzoͤ⸗ ſiſch darin ſprach; nachdem wir eine dunkle ſteinerne Windeltreppe mit Muͤhe hinauf gekom⸗ men, erhielten wir nicht ohne Schwierigkeit mehrere huͤbſche Zimmer. Es iſt zu bewun⸗ dern, daß es der Hotels in Stockholm ſo wenige giebt, und daß dieſe dabey ſo ſchlecht ſi nd. 5 Siebentes Kapitel. —— Des Morgens ward unſer Schlaf ſanft durch eine Muſik geſtoͤrt. Zufolge der Gewohnheit des Landes, ſpielten einige Muſici, die, ſo wie ich glaube, zum Militair gehoͤrten, einige aus⸗ geſuchte ſanfte Nationalarien vor unſerer Kam⸗ merthuͤr. Nach dem Fruͤhſtuͤck beſtiegen wir eine felſigte Anhoͤhe, der Berg Moſes genannt, in der ſüdlichen Vorſtadt, von wo wir von oben hinab, dieſe ſonderbare und ſchöne Stadt ſahen, die etwas größer als Bristol zu ſeyn ſcheint; ſie liegt 59° 20 noͤrdlicher Breite, und ſtehet auf einem kleinen Theil von zwey Halbinſeln, und ſieben Inſeln von grauem Granit, und wird von einem Arm der Oſtſee, dem See Mäler, und den daraus kommenden Stroͤmen beſpuͤlt. Das. Schloß, ein weitlaͤuf⸗ tiges viereckiges Gebaͤude, welches Eleganz mit Groͤße verbindet, erhebt ſich im Centro der 4 — 133— Stadt, die man von dort aus, in allen Richtun⸗ gen uͤberſieht: Ich werde es nachher genauer beſchreiben. Die Haͤuſer, die ſich in der ſuͤdli⸗ chen Vorſtadt beſinden, laufen mit dem großen Quay parallel, und liegen den Schiffen gegen uͤber, die dicht vor dieſen ankern; ſie ſind hoch und in einem geſchmackvollen Styl der italie⸗ niſchen Baukunſt. Die meiſten Gebaͤude, die ſich amphitheatraliſch eins uͤber das andere er⸗ heben, ſind entweder von Steinen, oder von Backſteinen gebauet, und haben das Anſehen von Stucko; ſie ſind von einer weißen oder hellgelben Farbe und die Daͤcher mit ſchwarzen oder braunen Ziegeln gedeckt, und bieten mit den umherliegenden zerſtreuten halb bedeckten Felſen, den lichten Tannenwäldern, dem See, und den Kruͤmmungen des baltiſchen Meers eine aͤußerſt romantiſche und bezaubernde An⸗ ſicht dar; die Straßen ſi ſind ſehr ſchlecht ge⸗ pflaſtert. Der Ruf des Bildhauers Sergell, brach⸗ te uns bald nach ſeiner Wohnung, wo wir ſeinen ſchoͤnen Cupido und die Pſyche in Au⸗ genſchein nahmen, welche erſt nach ſeinem To⸗ de verkauft werden ſollen. Dieſe Stuͤcke le⸗ gen die feinſten Begriffe von Gefuͤhl, Grazie und Eleganz an den Tag, und ich freute mich = 4= herzlich, dies hier in dem Lande zu finden, * welches, wie ich glaube, nie zugeben wird, daß dieſe Statuͤen in die Fremde gehen. In einem nur fuͤr Augenblicke gebaueten Hauſe, hatten wir auch das Vergnuͤgen, eine koloſſa⸗ liſche Statuͤe von Gustav III., in Bronze, die eben gegoſſen war, und die man damals polirte, zu ſehen; es iſt dies ein Geſchenk der Buͤrger von Stockholm, und wird, wenn ſie fertig iſt, vierzig tauſend Pfund Sterling koſten; ſie ſoll den Sieg zu Waſſer verewi⸗ gen, den jener beruͤhmte Fuͤrſt uͤber die Ruſ⸗ ſen im Jahr 1790 erhielt. Der Koͤnig mit ei⸗ ner milden, aber unerſchrocknen Miene, die, wie ich hoͤrte, er wirklich hatte, wird vorgeſtellt, daß er ein Ruder in der einen Hand haͤlt, und einen Oelzweig mit der andern ausdehnt; er iſt in einem ſehr gratidſen Koſtuͤm, welches er einfuͤhrte, und dem alten ſpaniſchen aͤhnlich ſieht, wo die Fuͤße mit Sandalien verſehen ſind. Es iſt dies ein edles Kunſtwerk, und kann nach aller Wahrſcheinlichkeit als das letzte dieſes großen Kuͤnſtlers angeſehen werden; ein Fußge⸗ ſtell von einem feſten Block⸗Poͤrphyr iſt dazu ſchon nahe bey dem Schloſſe aufgerichtet, da⸗ mit ſie auf dein Quay, der in dieſem Theile . 1 4 “ „8 137— wie ein halber Mond gebildet iſt, darauf auf⸗ geſtellt werden ſoll. Derr ſchon ſo lange, und mit ſo vielem Recht beruͤhmte Sergell wird ploͤtzlich alt, und ob er gleich geehrt und reich iſt, ſo hat ſich eine Melancholie, die ſonſt wohl ihren Grund in Ver⸗ nachlaͤſſigung und Armuth haben kann, ſeiner bemaͤchtigt, und benimmt ſeiner ſchoͤnen Be⸗ ſchaͤftigung allen Reiz, und macht ihn mit ſich ſelbſt und der Welt unzufrieden. Man ſagt es wohl mit ſehr vielem Recht, daß ein einzi⸗ ges ſehr großes innerliches Ungluͤck Jemanden gegen den Beyfall ſeiner Mitmenſchen gleichgul⸗ tig machen kann. Dies iſt der Fall mit dem großen, aber huͤlfloſen Sergell; die Freunde ſeiner Jugend haben keinen Reiz fuͤr ihn, ſo ſo wie auch die Bewunderung ſeiner Landsleu⸗ te und der Fremden, ihm keine Aufheiterung gewaͤhrt. Nur fuͤr ſeine Arbeitsleute ſichtbar, und dies noch mit Widerwillen, ſinkt der be: ruͤhmte Kuͤnſtler in eine melancholiſche Miſan⸗ thropie; dann, wenn ſeine Hand nicht mehr ſei⸗ ne Geſchicklichkeit an den Tag legen kann, wird der Geſchmack den Stein verehren, und der Reichthum ihn zu erhalten ſuchen, den ſie be⸗ ruͤhrt hat, und die Zeit wird ſeinen Namen unſtablän machen. — 136— In der Malerey machen die beyden Gebruͤ⸗ der Martins ihrem Vaterlande große Ehre; einer von ihnen, ich glaube der juͤngſte, hat eine Reihe von Vuen von Stockholm mit gro⸗ Fer Treue und Schönheir gemalet und ge⸗ ſtochen. In der Akademie der Bankunſt und der Ma⸗ lerey, die Adolph Friedrich geſtiftet hat, befinden ſich einige ſchoͤne Formen, die erſten Abdruͤcke von den Modellen, die je erlaubt worden ſind, von den Antiken zu Rom zu neh⸗ men: ſie wurden Karl XI. von Ludwig XIV. gegeben; dort ſieht man auch einige Proben von den Basreliefs von Trajans Saͤule. Die Kinder der Handwerker werden hier umſonſt im Zeichnen unterrichtet, damit ſie Ideen von Geſchmack erhalten, und dies bey denen Arten von Gewerben, welche deren faͤhig ſind, anwen⸗ den koͤnnen. Alle Zoͤglinge liefern ihre eigenen Bleyſtifte und Papier; aus den Fonds der Aka⸗ demie wird eine gewiſſe Anzahl in fremde Laͤn⸗ der geſandt, um ſich dort weiter auszubilden. Die Fonds wuͤrden aber hiezu nicht groß ge⸗ nug ſeyn; allein die Freygebigkeit der fuͤr das allgemeine Beſte geſinneten Individuen, die in ganz Schweden ſehr groß iſt, hat bis zahin das Mangelnde erſesz. — 137— Die Akademie der Wiſſenſchaften ward 1739 gegruͤndet, und beſtehet aus hundert Mit. gliedern und fremden Aſſociirten. Ihre Unter⸗ ſuchungen, die wegen ihrer großen Gelehrſam⸗ keit beruͤhmt ſind, kommen alle drey Monate in ſchwediſcher Sprache heraus. Das Kabinet der Naturgeſchichte, iſt mit mehrern ſeltenen Sammlungen bereichert, hauptſaͤchlich mit Stuͤk⸗ ken, die man auf einer von Capitain Cooks Weltumſegelungen ſammelte, und die Herr Sparmann in der Akademie niederlegts. Die meiſten der lebenden Kuͤnſtler in Schwe⸗ den, verdanken ihr Emporkommen und ihren nachherigen Ruhm dem Schutze des ſeeligen Koͤnigs Gustav III., eines Fuͤrſten, der mit der Kraft und der Einſicht eines beruͤhmten Kriegers, alle jene feinen Kenntniſſe des aus⸗ gebildetſten Mannes verband. Sein thaͤtiger Geiſt hatte nie Ruhe; zu einer Zeit, ſah ihn die Welt in den ſchrecklichſten Schwierigkeiten und Gefahren ſeine Flotte in den ſtuͤrmiſchen Wellen der Oſtſee zum Ruhm fuͤhren; zu einer anderen, wie er mitten in den Ruinen von Italien mit einem Forſcherange und einer ver⸗ ſchwendriſchen Hand die reichen Materialien anfſuchte, um den Geſchmack und das Genie⸗ ſeines eigenen Landes zu verbeſſern. Was 1 8 = 4138=— Friedrich der Große fuͤr Berlin war, war Gustav II. fuͤr Stockholm: beynahe jedes Schoͤne, welches dieſe herrliche Stadt ziert, verdankte ſeinem Schutze ſeine Entſtehung; haͤu⸗ ſig war es nach ſeinen eigenen Entwuͤrfen gemacht, und wird ein dauerndes Denkmal faͤhigen Verſtandes abgeben, der, wenn ihn nicht der Tod aufgehalten haͤtte, durch zu große Freygebigkeit das Land verarmt haben wuͤrde, deſſen Zierde er war. Dieſer Fuͤrſt erhielt, was er am erblichen Talent beſaß, von ſeiner Mutter Ulrika, die durch ihren hoch kulti⸗ virten Geiſt bewieß, daß ſie wuͤrdig war, die Schweſter Friedrichs des Großen zu ſeyn. Ein Reiſender wird viel Vergnuͤgen haben, wenn er von Zeit zu Zeit den Klub der Kauf⸗ leute beſucht, worin Fremde durch die unter⸗ ſchriebenen Mitglieder eingefuͤhrt werden; hier fanden wir die Mittagseſſen trefflich, in einem guten Styl, und zu billigen Preiſen; die Zim⸗ mer ſind elegant, beſtehen aus einem herrlis chen Eßzimmer, einem Vorzimmer, einem Bil⸗ lardzimmer und einem Leſezimmer, wo man die auslaͤndiſchen Zeitungen findet. Die Ausſicht aus den Zimmern uͤber den Maͤhlerſee auf die felſigten Abhaͤnge, die mit Theilen der Vor⸗ ſtädte beſetzt ſind, iſt ſehr ſchoͤn; Es giebt hier noc hdh deu wu ſetz Kat Kir The und der Kir Blu wu und um zur wel ſolll die ohn Art ſam mit ſind ver ar des ert, aͤu⸗ fen nal ihn oße de, elt, ner llti⸗ die n. hen, auf⸗ ter⸗ Hier em im⸗ erlis Bil⸗ die icht die Bor⸗ hier = 1239— noch einen anderen Klub, wo es auf einem hoͤhern Fuß hergeht, und die Koſten auch be⸗ deutender ſind, allein da die Zimmer reparirt wurden, ſo waren die Zuſammenkuͤnfte ausge⸗ ſetzt. Eines Nachmittags, als ich den Klub der Kaufleute verließ, um nach der Ritterholmer Kirche zu⸗ gehen, bot der Quay in dieſem Theile der Stadt ein außerordentlich froͤhliches und lebhaftes Anſehen dar; der kleine Kanal, der unter der Bruͤcke durch laͤuft, und nach der Kirche fuͤhrt, war mit Boͤten bedeckt, die mit Blumenkraͤnzen und kleinen mit Blumen um⸗ wundenen Stangen angefuͤllt waren. Junge und Alte, Lahme und Geſunde, draͤngten ſich, um dieſe laͤndlichen Verzierungen zu kaufen, die zur Feyer des Feſtes des heiligen Johannis, welches den andern Tag ſiatt hatte, dienen ſollten. Die National⸗Religion der Schweden iſt die Lutheriſche; indeß ſehen ſie recht gern und ohne Eiferſucht, daß ein Jeder, Gott auf ſeine Arn verehrt. Das Schloß verdient wohl ainige Aufmerk⸗ ſamkeit; es iſt aus Backſteinen gebaut, die mit Stucko uͤberlegt, und hellgelb angeſtrichen ſind; die vier Seiten deſſelben ſteht man in den verſchiedenen Stadtauartieren. Dies aͤußerſt — 140— elegante Gebäude ward von Carl Xl. angefan⸗ gen, und von Gustav III. beendigt; es be⸗ ſtehet aus vier Stockwerken, nämlich drey großen und einem kleinen; in der Vorderſeite nimmt man drey und zwanzig ſchoͤne Fenſter wahr; zehn doriſche Säͤulen tragen eine glei⸗ che Anzahl von joniſchen Kariathiden, woruͤber ſich zehn Korinthiſche Pilaſtern befinden; es hat ein italieniſches Dach. An jedem Ende des großen Eingangs, der den noͤrdlichen Vor⸗ ſtäͤdten gegen uͤber liegt, beftndet ſich ein bron⸗ zener Löwe. Das Grundſtockwerk iſt von Granit, und der Bogen der Thore, gegen den Quay hin, auch von großen Maſſen jenes Ge⸗ ſteins; auf dieſer Seite befinden ſich Blumen⸗ ſtuͤcke uͤber zwey vorragenden Galarien und ein Garten; die Kapelle iſt in einem ſehr reichen Styl; und ihr gegen uͤber ſieht man das Zim⸗ mer fuͤr die Verſammlung der Staͤnde, wo die Sitze amphitheathraliſch eingerichtet ſind. Die von den Adelichen befinden ſich an der rechten Seite des Thrones, und die der Geiſtlichkeit, der Buͤrger und Bauern an der linken; es laͤuft eine Gallerie rund herum, und das Ganze thut große Wirkung. Da nur die Senatoren und ihre Damen das Vorrecht haben„in den großen Hof am Hoftage hinein zu fahren, ſo an⸗ be⸗ rey eite ſter gei⸗ ber es nde Vor⸗ ron⸗ von den Get nen: ein chen zim⸗ die Die hten keit, es anze oren den 5* — 141— ſind diejenigen, die dieſen Rang nicht beſitzen, dem ſchlechten Wetter preis gegeben, gerade wie die engliſchen Damen vom Stande, wenn ſie Ihro Majeſtaͤten zu St. James ihren Reſpekt bezeugen, wo manche, in einem großen Reifrock, nach dem Winde laviren muß. Vor einigen Jahren ward eine große, ſchoͤne, ver⸗ wittwete Herzogin, als ſie nach ihrer Kutſche kommen ſuchte, voͤllig vom Winde nieder deworfen. Ich war ſo gluͤcklich, das koͤnigliche Muſeum gerade nach der Eröffnung einiger Ballen ſehen zu können, die fuͤnf hundert ſchätzbare Gemaͤhl⸗ de und antike Statuͤen aus Italien enthielten, wo ſie Gustav III. vor ohngefaͤhr eilf Jahren gekauft hat; die aber wegen der franzöſiſchen Revolution und der daraus entſtandenen Krie⸗ ge nicht eher nach Stockholm kommen konnten. Sie lagen in großer Unordnung umher, und waren ſehr beſchaͤdigt. Unter den antiken Sta⸗ tuͤen, waren die von Cicero und Caracal⸗ la außerordentlich ſchoͤun. Die Staatszimmer befinden ſich in dem dritten Stockwerk, wozu man einen aͤußerſt langweiligen Aufgang unter Arkaden von Pophyr hat. Die Zimmer des Prinzen Karl die zuerſt kommen, ſind ſehr ſchoͤn; ſein kleines Vorzimmer verdient, daß man darauf Acht hat; die Sitze deſſelben ſind in der Form eines Divans; in ihrem Hinter⸗ theile beſindet ſich ein ſehr ſchöner horizontaler Spiegel, wovon der Rahm gelb, und purpur⸗ roth gefäͤrbtes Glas iſt; der regierende Kaiſer von Rußland machte ihn zum Geſchenk. Die Zimmer der Königin ſind elegant, allein die Fen⸗ ſter nicht modern, plump, ſehr groß und ſehr weit vom Boden, und gehen dabey auf eine viereckigen Hof hinaus; ob ſie nun zwar keine ſchoͤne Ausſichten im Sommer gewaͤhren, ſo ſind ſie dafuͤr im Winter deſto waͤrmer, welches in einem ſolchen Klima noch beſſer iſt. Man fin⸗ det dort verſchiedene kleine huͤbſche Zimmer, Sprechzimmer genannt; nichts kann niedlicher und angenehmer, oder beſſer fuͤr den Genuß un⸗ eingeſchraͤnkter Unterhaltung eingerichtet ſeyn, als dieſe. Die Zimmer des Koͤniss ſind ſehr ſchoͤn, und einige mit Gobelins Tapeten geſchmuͤckt. Das Zimmer, welches uns das meiſte Intereſ⸗ ſe gewaͤhrte, war dasjenige, worin Gustav Ill. ſeinen Geiſt aufgab. Wir ſahen das Bett, worauf er lag, ſeitdem er verwundet von der Masquerade aus dem Opernhauſe nach dem Schloſſe gebracht wurde, bis er ſtarb. In die⸗ ſem Zimmer war es, wo der ſterbende Fuͤrſt per⸗ ſoͤnlich ſeinen Moͤrder Ankerſtroͤm vernahm, wo 1 143 er geſtand, er ſey ſchuldig, und ihm dann gleich ſich zu entfernen befohlen wurde. Die allgemei⸗ 1 nen Umſtäͤnde dieſer melancholiſchen Cataſtrophe ſind bekannt, vielleicht indeß nicht, daß Anker⸗ ſtroͤm eine ſolche entſchloſſene Kaͤlte, zur Zeit der Ausuͤbung der That behielt, daß, um ſeiner Sache ſicher zu ſeyn, als der Koͤnig, der in ei⸗ nem leichten Domino gekleidet, und ohne Maske war, ſich der Hitze wegen, gegen eine der Sei⸗ tenkouliſſen zuruͤckzog, er ſeine Häͤnde auf den Ruͤcken des Souverains legte, der, da er dies fuͤhlte, ſich ſchnell umdrehete, als der Koͤnigs⸗ moͤrder feuerte. Der Koͤnig hielt ſich fuͤr ein Opfer franzoͤſiſcher Machinationen, und rief das her aus, als er ſiel: mein Mörder iſt ein Fran⸗ oſe!”“ Der Held, der Freund, das Idol der Schweden, kam aber durch die Hand eines Schweden um; ſo bald dieſe verruchte That be⸗ kannt wurde, eilten die beruͤhmteſten Wundaͤrz⸗ te zu ſeiner Huͤlfe herbey; die erſten Worte, die der Koͤnig aͤußerte, enthielten die Bitte, ſie möchten ihm ihre wahre Meinung uͤber ſeinen Zuſtand ſagen, indem er mit großer Heiterkeit hinzuſetzte, daß, haͤtte er nur noch einige Stun⸗ den zu leben, ſo wolle er ſie zu den Angelegen⸗ heiten des Staats und ſeiner Familie anwen: den, und daß es in ſolchem aͤußerſten Falle un⸗ = 144— — nütz waͤre, ſeine Schmerzen zu vermehren, und die Zeit damit hin zu bringen, die Wunde zu verbinden. Nachdem der Chirurgus die Wunde unterſuchte, verſicherte er ſeiner Majeſtaͤt, ſie ſey nicht gefaͤhrlich; dieſem Ausſpruche zufolge, ließ der Koͤnig ſie verbinden, und ſich nach dem Schloße bringen. Den Tag darauf hatte eine intereſſante und ruͤhrende Scene ſtatt. Die Graͤfin Ferſen, der Graf Brahe, und der Baron De Geer, die ſich ſeit langer Zeit vom Hofe entfernt hatten, waren die erſten, die ſich nach der Geſundheit des Koͤnigs erkundig⸗ ten. Dieſer bat ſie, in das Zimmer zu kommen, worin er ſich befand, und empfing ſie mit der ruͤhrendſten Guͤte, indem er ſein inniges Vergnuͤ⸗ gen ausdruͤckte, auf dieſe Weiſe ihre Feindſelig⸗ keiten vergeſſen zu ſehen, und ſich mit folgenden merkwuͤrdigen Worten daruͤber aͤußerte: mei⸗ ane Wunde iſt nicht ohne einen Segen, indem 1f je mir meine Freunde wieder giebt.“ Er litt achtzehn Tage an großen Schmerzen. Man hatte allgemein geglaubt, daß der boshafte Geiſt der Politik Einfluß auf dieſe ruchloſe That gehabt habe; aber der König war das Opfer einer Privatrache und Vereitelung. Ei⸗ nige junge deute, die ſich durch die Vernach⸗ laͤſſigung ihres Fuͤrſten gekraͤnkt glaubten, wa⸗ verliebte. Als er ihren Tod vernahm, ſoll er — 147— ren in dieſer Verſchwoͤrung begriffen, allein es war ſeine Bitte im Augenblick des Todes, wel⸗ che auch befolgt wurde, daß nur Ankerſtroͤm umkommen ſollte. Auf das Grabmahl dieſes braven, redneriſchen und großmuͤthigen Fuͤrſten, ſollte man die ſchoͤne und wohlthaͤtige Stelle ein⸗ graben, die in der neuen Regierungsform ſich findet, welche er den Schweden, zur Zeit der merkwuͤrdigen Revolution, uͤbergab:„Ich ſe⸗ zhe es als die groͤßte Ehre an, der erſte Buͤr⸗ ager unter einem freyen Volke zu ſeyn.“ Man hat verſichert, und ich glaube dies auch mit Wahrheit, daß ſein Gefuͤhl fuͤr das andere Ge— ſchlecht nicht ſehr lebhaft geweſen waͤre, er ſchlief ſelten bey der Koͤnigin; ſonderbar war es, daß dieſer ſo vollkommene Fuͤrſt, der ſo hef⸗ tiges Gefuͤhl und eine ſo lebhafte Einbildungs⸗ kraft beſaß, und von einer ſchoͤnen Frau her⸗ ſtammte, ein Beyſpiel von ſaſt moͤnchiſcher Ent⸗ haltſamkeit abgab. Indeß hatte ſich die Liebe nicht ganz aus ſeinem Herzen entfernt; dies koͤnnen wir aus einer Anekdote eines kleinen Gemaͤhldes ſchließen, welches eins der Zimmer des Schloſſes ziert: es iſt das Portrait eines liebenswuͤrdigen jungen Frauenzimmers, in die ſich der Koͤnig waͤhrend ſeiner Reiſe in Italien 10 = 146— Thräͤnen vergoſſen, und die Leidenſchaft eines betruͤbten Liebhabers zu erkennen gegeben ha⸗ 4 1 ben. Die koͤnigliche Bibliothek iſt ſehr ſchaͤtz⸗ bar; ſie enthaͤlt zwanzig tauſend Baͤnde, und vier hundert Manuſcripte. In der Sammlung befinden ſich einige koſtbare Buͤcher, hauptſaͤch⸗ lich eins, der Codex Aureus genannt, wegen der großen Menge vergoldeter Buchſtaben, wel⸗ che es enthaͤlt; man findet darin auch zwey erſtaunlich große lateiniſche Manuſcripte, wo⸗ von die Pergamentblaͤtter von Eſelshaͤuten ge⸗ macht, und von einer außerordentlichen Groͤße ſind. Der Kronprinz, oder der unſtreitige Er⸗ be, ein Kind zwiſchen ſechs und ſieben Jahren, bewohnte einen Theil dieſes Schloſſes, welches, ſtatt, daß man dort den froͤhlichen Laͤrm des Hofes haͤtte wahrnehmen ſollen, ganz das An⸗ ſehn hatte, verlaſſen zu ſeyn. Dies erklaͤrte ſich folgender Maßen: Das ſchwediſche Volk ſah es nicht gern, daß ſein junger Souveraͤn, und ſeine ſchoͤne Koͤnigin, denen es uͤbrigens aufs aͤußerſte und auf eine verdiente Art zuge⸗ than iſt, waͤhrend einer langen Zeit nebſt dem Hofe, nach den Laͤndern des Markgrafen von Baaden, Vaters der Koͤnigin von Schweden, gegangen war. Die Wirkung dieſer Abweſen⸗ = 14,= heit, fuͤhlte und bedauerte man aller Orten. Ohne Zweifel werden die tugendhaften Empfin⸗ dungen des Herzens des Koͤnigs von Schwe⸗ den, ihn bald ſeinem Volke wiedergeben, und ein anderer Reiſender wird alsdann das Ver⸗ Fnuͤgen haben, welches mir nicht gewaͤhrt ward, ihn in dem Schooſe ſeines eigenen Landes zu ſehen, wo ein Fuͤrſt immer zu ſeinem groͤßten Vortheil erſcheint. Man ſagt, der König ſoll einen liebenswuͤrdigen Geiſt beſitzen, und auf ſeinen beruͤhmten Vorfahren mit enthuſtaſtiſcher Verehrung hinſehen. Ich ſah einen großen Be⸗ weiß davon an einem Obelisk von einem feſten Blak Porphyr, vierzig Fuß hoch, der zugleich zum Monnument ſeines Geſchmacks und ſeiner kindlichen Liebe dient. Das von Gustav III. gebaute Opernhaus, iſt ein geſchmackvolles vier⸗ eckigtes Gebaͤude; auf dem Architrav findet man die Inſchrift:„Patriis Muſis.“ Die Vorderſeite iſt mit korinthiſchen Saͤulen und Pilaſtern geziert, das Innere, welches klein iſt, und nicht uͤber neunhundert Perſonen enthalten kann, iſt in der Form einer gebrochnen Ellipſe; und ſelbſt am Tage(denn wir haben keine Vorſtellung waͤhrend unſers Aufenthalts geſehen) ſchien es außerordentlich ſchoͤn verziert. Die Anzuͤge und der Schmuck der Operiſten, die allein der Kro⸗ ne gehoͤren, find, wie wir hoͤrten, von ſehr gro⸗ ßem Werth, und in dieſer Ruͤckſicht ſoll die ſchwediſche Oper alle uͤbrigen in Europa uͤber⸗ treſſen. Die koͤniglichen Sitze ſind im Parterre. Es werden hier ſchwediſche Stuͤcke vorgeſtellt, die der außerordentliche Gustav III. verfer⸗ tigte, deſſen Geſchmack in dieſer Art von Kom⸗ poſition ausgezeichnet war. Es war eine be⸗ wunderungswüͤrdige Politik, und eines Genius von Gustav wuͤrdig, eine Nation an ihre eigene Sprache zu feſſeln, indem er ſie zur Sprache des Theaters erhob; ſie war dabey ſehr ſicher, weil ſie die ſchmeichelhafteſte Art war, ſie zu ihrer hoͤchſten Verfeinerung zu brin⸗ gen. Die erſte ſchwediſche Oper, welche vorge⸗ ſtellt wurde, war Thetis und Peleus; das Lieb⸗ lings⸗Nationalſtuͤck iſt Gustav Waſa. Nach dem Tode von Gustav III. verlor die Oper viel von ihrem Reiz. Wenn man in Betracht ziehet, daß das Ballet neunzig Perſonen vom leichten Tanz beſchaͤftigt, und achtzig Kleider⸗ macher, ſo war es wohl nothwendig, hierin Einſchraͤnkungen vorzunehmen. In dieſem Ge⸗ baͤude findet man einige ſehr huͤbſche Zimmer, fuͤr des Koͤnigs Privatparthien. Die Frauensperſon, welche mir das Ganze zeigte, war aͤußerſt geruͤhrt, als ſie an den Fleck 2ͤaA dae A r = 149= kam, wo Ankerſtroͤm die blutige That vollfuͤhr⸗ te. Ach! wie unerforſchlich ſind die Wege des Himmels! Als der beruͤhmte Fuͤrſt dies ſchoͤ⸗ ne Gebaͤude von Grund aus errichtete, dachte er wenig an die Rolle, welche er in der Bluts⸗ ſcene vom ſiebzehnten Maͤrz 1792 zu ſpielen ha⸗ ben wuͤrde. Dies, nebſt dem gegenuͤber liegen⸗ den Schloß der Prinzeſſin Sophia Alber⸗ tina, Tante des Koͤnigs, welches mit dem vo⸗ rigen eine gleiche Form hat, bilden die Seiten eines ſchoͤnen Quadrats, welches man la Place du Nord nennt, und iſt in der Mitte mit ei⸗ ner herrlichen bronzenen Statuͤe zu Pferde von Gustav Adolph geziert, den man, mit Aus⸗ nahme ſeines mit Lorbeeren gezierten Hauptes, in voͤlliger Ruͤſtung findet, und der in ſeiner rechten Hand einen gebogenen Kommandoſtab halt; das Pferd hat ſehr viel Lebhaftigkeit, und der Reiter große Eleganz. Dieſe koloſſa⸗ liſche Statuͤe iſt nach den Zeichnungen von Archeveque, einem ſehr beruͤhmten franzoͤſi⸗ ſchen Bildhauer, der, ehe ſie beendigt wurde, ſtarb, und ihre Vollendung der meiſterhaften Hand Sergells uͤberließ, zu Stande ge⸗ bracht; ſie ward 1790 aufgerichtet. Letzterer hat die Figuren der Geſchichte darin angebracht, welche ſich auf eine Inſchrift auf dem Piedeſtal — 1750— beziehen, und die des Kanzlers Oxenſtiern. Das aus Granit verfertigte Piedeſtal, iſt mit den Medaillons der Haupt Lieblinasgenerale Gustav Adolphs geſchmuͤckt, naͤmlich mit denen von Torſtenſon, Baner, Jacob de la Gardie, Horn und dem Herzog von Sachſen⸗Weimar, die zuſammen Sergell verfertigt hat. Die unbegraͤnzte Freundſchaft und das Vertrauen, welche zwiſchen dieſem Fuͤr⸗ ſten und dem biedern Oxenſtiern herrſchten, machen das Thema dieſer hiſtoriſchen Arbeit aus, und durch das edle Entgegenarbeiten ih— rer wechſelſeitigen, oder vielmehr entgegengeſetz⸗ ten Charaktere, wurde jener das Idol und der Wohlthaͤter des Landes. Man ſagt, daß, als Gustav bey einer Staatsangelegenheit ihm geſagt habe, er ſey kalt und phlegmatiſch, und halte ihn in ſeiner Laufbahn auf, der Kanzlar ihm darauf erwiederte:„Sire, in der That, zeich geſtehe, daß ich kalt bin; allein, wenn ich elicht von Zeit zu Zeit Ihre Hitze gemäßigt „haͤtte, ſo wuͤrden Sie ſchon längſt aufgebracht ſeyn“”“ Gustav Adolph fing nie eine Schlacht an, ohne vorher an der Spitze ſeiner Truppen gebetet zu haben; wonach er auf ei⸗ ne energiſche Art, einen deutſchen Geſang an⸗ zuſtimmen pflegte, welchen dann ſeine ganze . ͤ—,&☛ ☚ 11— Armee mitſang. Die Wirkung hievon, von dreyſig oder vierzig tauſend Leuten, war wun⸗ dervoll und ſchrecklich. Er pflegte zu ſagen, daß der Menſch gerade in dem Maaß ein beſ⸗ ſerer Krieger waͤre, als er ein beſſerer Chriſt wuͤrde, und es war keiner ſo gluͤcklich, als der⸗ jenige, der in der Verrichtung ſeiner Pflicht ſtarb. Von dem Tode dieſes großen Helden ſagte man: aer ſtuͤrbe mit ſeinem Schwert ein der Hand, mit den Worten des Komman⸗ do's in ſeinem Munde, und dem Siege in ſei⸗ aner Einbildung.“ Nur das Gute von folgen⸗ dem witzigen Epigramm, welches auf eine Sta⸗ tüͤe zu Pferde von Ludwig XIII. gemacht war, die ſonſt auf dem Siegesplatze in Paris ſtand, mit den vier Haupttugenden umgeben, wuͤrde auf die von Gustav Adolph An⸗ wendung finden: O le beau Monument! O le beau Pédestal? Les vertus ſont à pied, et le Vice est à cheval. Dieſer Statuͤe gegenuͤber, nach Suͤden zu, ſieht man mit Vergnuͤgen eine ſchoͤne ſteinerne Bruͤk⸗ ke, die noch nicht ganz geendigt iſt, und uͤber einen reiſſenden Strom des Maͤler geht; an dem Ende deſſelben ſtellet das Schloß eine ma⸗ jeſtaͤtiſche und hoͤchſt reizende Hinterſcene dar; = 172= auf dieſem Flecke findet man die ſchanſ⸗ Archi⸗ tektur der Stadt. Der Reiſende wird ſich ergoͤtzen, wenn er auf die herrliche Kolonnade von feſtem Porphyr ſieht, die zum Eingang zu der großen Treppe des Schloſſes der Prinzeſſin Sophia Alber⸗ tina dient. Ein Beobachter, der einigen Ge⸗ ſchmack hat, muß es bedauern, daß dieſe herr⸗ lichen Saͤulen ſo ſehr verſteckt ſtehen. Die Straßen der Königin und der Regierung in dem noͤrdlichen Theile der Stadt, ſind bey wei⸗ tem die ſchoͤnſten, und machen die Reſidenz der Leute nach der Mode aus. Der Thurm und romantiſchen Schoͤnheiten der umherliegenden Gegend. Das Innere dieſes Gebaͤudes, wel⸗ ches groß und plump iſt, iſt nur deswegen be⸗ merkungswerth, weil es die Aſche ſolcher be⸗ ruͤhmten Perſonen, wie Gustav Adolph, und des ihm in der Bravour, aber nicht in der Klugheit oder Gerechtigkeit gleichkommen⸗ den Karls XlI. enthaͤlt, der das Syſtem zu wagen, ziemlich bis aufs aͤußerſte gebracht hat, und an ſeinem Ende die Worte des großen Dramatikers bewahrheitet hat: 1 die Ritterholmer Kirche, die ſich aus dem Cen⸗ tro der Hauptinſel erheben, vermehren noch die 1 — 13— Glory is like a cirele in the water „Which never ceaseth to enlarge iiſelf, «Till, by broad ſpre ading, it dispirse to - nought." (Der Ruhm iſt gleich einem Cirkel im Waſ⸗ ſer, der nie aufhoͤrt, ſich zu vergroͤßern, bis, indem er ſich weit ausdehnt, er ſich in Nichts verliert.) Das Grabmal des letzteren, iſt ſehr einfach und charakteriſtiſch; nämlich von ſchwarzem Mar⸗ mor, worauf eine Loͤwenhaut und Keule, von hellgelber Bronze, geworfen ſind. In einem anderen Theile des Gebaͤudes, befindet ſich die Aſche eines Generals, der weit mehr Anſpruch auf die Bewunderung der Nachkommenſchaft machen kann, nemlich die des beruͤhmten Jo⸗ hann Baner, der verdienter Weiſe der Lieb⸗ ling des großen Gustav Adolphs war, und der nach einer Reihe von glaͤnzenden Siegen, den zehnten May 1641 ſtarb. Achtes Kapitel. Durch eine Einladung auf das Land, konnten wir einige Betrachtungen uͤber den Karakter der ſchwediſchen Landleute anſtellen. Auf unſe⸗ ren Wegen kamen wir bey dem Obſervatorio vorbey, welches ſich auf einer unbedeutenden Anhoͤhe in den noͤrdlichen Vorſtaͤdten befindet: der Horizont iſt zu ſehr beſchraͤnkt, wegen der Fel⸗ ſen, womit es umgeben iſt; und da die kuͤnſt⸗ liche Hitze der Oefen, die Glaͤſer in den Win⸗ ternaͤchten, wo man am beſten obſerviret, truͤbt, ſo iſt es von wenigem Nutzen. Der Weg zu unſern Freunden, war von Zeit zu Zeit ſehr ſchoͤn, allein die Tannenwaͤlder, die ſich aller Orten fanden, machten uns melancholiſch. Das Schloß, wohin wir geladen waren, war von Holz, klein, aber ſehr geſchmackvoll aufgeputzt; die ſehr großen Laͤndereyen hat man ſehr ſchon genutzt, und an der einen Seite ſpielte das be we gil = 155= Waſſer des Maͤler daran, der durch die Schiffe verſchiedener Groͤße, die darauf ganz ruhig fuh⸗ ren, noch ſchoͤner war. Kurz vorher, ehe man das Mittagseſſen ankuͤndigte, ward uns ein Tiſch mit Brod, Butter, Kaͤſe und Liqueur hin⸗ geſtellt, alle dieſe guten Sachen, ſieht man in dieſer gaſtfreundſchaftlichen Gegend, blos als Vorbereitungen zum kommenden Mittagsmahle an; unter der hoͤhern Klaſſe iſt dieſe Gewohn⸗ heit allgemein. Unſer Mittagseſſen kam in fol⸗ gender Ordnung auf den Tiſch: gepoͤkelte Fi⸗ ſche, Fleiſcharten, Suppen, Fiſche, Paſteten, Eis und getrocknete Fruͤchte, eingemachte Sta⸗ chelbeeren dienten zur Suppe beym Hammel⸗ fleiſch, und der Fiſch ſchwamm in einem neuen Element, nemlich in Honig. Ein Fremder wundert ſich vielmehr, ſo wenig Seefiſche in einem Lande zu treffen, welches ſo von Meeren beſpuͤlt wird. Die Heringsfiſcherey, die bis dahin von ſo großer Bedentung fuͤr Schweden war, iſt faſt gaͤnzlich verſchwunden. Bey un⸗ ſerem Mittagseſſen war jede Schuͤſſel zerſchnit— ten und gerade wie in Daͤnemark umhergege⸗ ben; eine wirklich herrliche Einrichtung. Der Geiſt der franzoͤſiſchen Mode, nur ein wenig eingeſchraͤnkt, herrſcht in Schweden, und gibt dem Anzuge Leichtigkeit und Eleganz. — 156— Auf das Eſſen, die Moͤbeln und ſelbſt auf die Sitten hat er Einfluß, außer nicht auf die Ge⸗ wohnheit, daß, ſo bald unſere liebenswuͤrdige und angenehme Wirthin aufſtand, wir auch aufſtanden, uns feyerlich einer den anderen eine halbe Minute anſahen, und dann tiefe Ver⸗ beugungen machten. Als dies voruͤber war, bot jeder der Herren einer Dame den Arm, und ging zum Kaffee in das Nebenzimmer; den uͤbri⸗ gen Theil des Tages hatten wir weiter gar keine Ceremonien. Gerade, als wir dieſen Fleck herzlicher Gaſt⸗ freundſchaft verlaſſen wollten, wurden wir durch zwey Baͤuerinnen aus der entfernten Provinz Dalekarlien aufgehalten, ſie haben vieles von dem wandernden Geiſt unſerer Maͤdchen aus Wallis; den ganzen Tag waren ſie gegan⸗ gen, um ſich zum Heumachen anzubieten; ihre Nahrung auf dem Wege war ſchwarzes Brod und Waſſer, und ihre Reiſegarderobe beſtand nur in einem Hemde, welches ſie, wie es die Reinlichkeit erforderte, wuſchen, wenn ſie bey Baͤchen vorbey kamen, und auf ihrem geſunden und feſten Köoͤrper, der ei⸗ ne ſehr huͤbſche Geſtalt hatte, trockneten. Die Roͤthe ihrer Backen mit Gruͤbchen, war nicht wenig durch die Sonne erhoͤht; ihre = 157= Augen waren blau, groß, ſanft und ausdrucks⸗ voll; ihr Anzug war ſonderbar; er beſtand aus einer Jacke und einem kurzen Rocke von verſchiedenen Farben, ſie trugen hoͤlzerne Schu⸗ he, mit erſtaunlich hohen Hacken, mit Eiſen beſchlagen. Man fand ſo etwas reinliches, unſchuldiges, niedliches an ihnen, und dabey hatten ſie ſolch eine gute Laune, daß ſie jemand, der verdrießlich geweſen waͤre, und ſie angeſehen haͤtte, vergnuͤgt gemacht haben wuͤrden. Un⸗ auslöſchliche Treue, große Staͤrke des Koͤr⸗ pers, Zufriedenheit, Sanftmuth des Gemuͤths, Schoͤnheit des Geſichts und Symmetrie der Perſon, ſollen die Dalekarlier charakteriſiren, die auf immer in der Geſchichte eines der groͤß⸗ ten Maͤnner Schwedens, nemlich Gustav Waſas, beruͤhmt geworden ſind. Von Gustav Waſa geleitet, gaben ſie ihrem Lande die Freyheit wieder, und vertrie⸗ ben den blutigen Tyrannen Chriſtian ge⸗ nannt. Dieſe waren es auch, die, als ſie in ihren Minen und Waͤldern hoͤrten, ihr Koͤnig Karl XIlI. ſey ein Gefangener in der Tuͤrkey, eine Deputation an die Regentſchaft abſandten, und ſich erboten, auf ihre eigenen Koſten, zwan⸗ zig tauſend Mann ſtark, dorthin zu gehen, um ihren koͤniglichen Herrn aus den Haͤnden ſeiner * = 158= Feinde zu befreyen. Ihre Regenten haben ſie immer als unbeſtechbare und enthuſtaſtiſche Be⸗ ſchuͤtzer des Throns gefunden; ihr Koͤnig, der mit Verrath und Gefahr umgeben war, hat ſie treu unter den Treuloſen getroffen, und ihre Huͤlfe nie umſonſt geſucht. Zufolge des ſchrecklichen Mangels, der ſich bey der ſchwediſchen Armee in dem Feldzuge des Jahrs 1788 gegen die Ruſſen zeigte, als durch die Machinationen des ſchwediſchen Verraͤthers Sprengporten, der im Solde der Kaiſerin Katharine ſtand, die ſchwediſchen Offiziere, obgleich des Sieges gewiß, ſich weigerten, zu marſchiren, weil GustavllI. den Krieg angefangen haͤtte, ohne die Staͤnde zu befragen, ſahe ſich der Koͤnig gezwungen, nach Stockholm zu gehen, wo die Inſolenz und Intriguen des Adels ſeine koͤniglichen Vor⸗ rechte auf ein bloſes Schattenbild von Souve⸗ rainitaͤt zu bringen drohten. Mit Aufruhr und Mord verfolgt, erreichte dieſer große Fuͤrſt, mit einem einzigen Bedienten begleitet, insgen heim die Berge von Dalekarlien, den unbeweg⸗ lichen Sitz der ſchwediſchen Treue, wo er mit aller der kuͤhnen, ruͤhrenden und unwiderſteh⸗ lichen Beredtſamkeit, die ihn mit ſo vielem Recht beruͤhmt machte, auf demſelben Felſen, auf welchem in aͤlteren Zeiten, ihr Idol Gus⸗ * = 19— tav Waſa ſie angeredet hatte, ſie aufforderte, ſich um den Thron zu vereinigen, und ihren Souverain gegen die Kabalen des Verraths zu ſchuͤtzen. Bey dem Ton ſeiner Stimme bilde⸗ ten ſie ſich in Bataillone, mit elektriſcher Ge⸗ ſchwindigkeit, und indem ihre Anzahl immer wuchs, ſo wie ſie vorwaͤrts gingen, kamen ſie unter dem Befehl des Baron Armfeld nach Drotningholm, und hielten dort die Aufruͤhrer in Furcht. Um dieſe Zeit, machte ein uner⸗ wartetes Ungluͤck neue Forderungen an die un⸗ erſchoͤpflichen Huͤlfsmittel von Gustav Wa⸗ ſas Geiſt, der, je mehr Unannehmlichkeiten er zu uͤberwinden hatte, deſto mehr Muth zeigte. Der Prinz von Heſſen, an der Spitze von zwoͤlf tauſend Mann, marſchirte von Norwegen nach Gothenburg, an deſſen Thoren der Koͤnig ſpat, nachdem er große Schwierigkeiten auf ſeinem Wege durch Wermeland ausgeſtanden, ſich zeigte, und den Morgen darauf den daͤni⸗ ſchen Herold uͤberraſchte, indem er ſelbſt ihn von den Waͤllen unterrichtete, daß, ehe ſich der Platz ergaͤbe, die Garniſon unter den Ruinen 3 begraben werden ſollte; er erließ dem zufolge den Befehl, die Bruͤcke uͤber den Fluß Go⸗ thael ſolle abgebrannt werden. Es iſt hin⸗ laͤnglich bekannt, daß die weiſe und thaͤtige — 160— 8 Vermittelung des Herrn Elliot, unſers dan maligen Geſandten in Kopenhagen, den Prinzen von Heſſen veranlaßte, ſich zuruͤckzuziehen. Aber wir wollen wieder zu unſern Dalekarliern zuruͤckkehren: der Anzug dieſer Leute iſt immer von einem grauem oder ſchwarzen groben Tu⸗ che, und wegen der vielen Dienſte, die ſie der Regierung geleiſtet haben, und ihres erprobten Patriotismus wegen, genießen ſie des ſchmei⸗ chelhaften und gnaͤdigen Vorrechts, den Koͤnig, wo ſie ihn immer treffen, bey der Hand zu faſſen; dieſer Haͤndedruck muß immer fuͤr beyde Parthien angenehm ſeyn. Auf den Gebuͤrgen der Geſundheit und Freyheit ſuchte Gus⸗ tav III. die Amme des jetzigen Koͤnigs aus, damit er mit der Milch ihre Staͤrke und ihre Liebe zum Vaterlande einſaugen möchte. Dieſe Perſon war die Frau eines dalekarliſchen Bauern, der geradezu von dem braven und ehrlichen Andreas Preston abſtammte, der Gustav Waſa gegen die Möoͤrder ſchuͤtzte, die von Chriſtian zu ſeiner Verfolgung abge⸗ ſchickt wurden. Die Haͤuſer der dalekarliſchen Bauern ſind eben ſo einfach, als ihre Eigen— thuͤmer tugendhaft. Sie haben nur ein Loch in dem Dache, nach Mittag hin, welches zu⸗ gleich zu einem Fenſter und zu einer Uhr dient. ſie = 161— Ihr Mittagseſſen wird durch die Sonnenſtra⸗ len beſtimmt, die auf eine Kiſte, welche unter dieſem Loche an der einen Seite ſteht, oder die auf den Ofen fallen, womit alle ſchwediſchen Haͤuſer erwaͤrmt werden, und der ſich an der. andern Seite beſindet. Wir ergoͤtzten uns ſehr uͤber das Schloß Drotingholm. Nach einer an⸗ genehmen Fahrt, von ohngefaͤhr zehn Meilen, kamen wir nach der Inſel, worauf es ſich in dem Maͤler⸗See beſindet; der Weg dahin ging uͤber Felſen, die mit Tannenbaͤumen bedeckt waren, und uͤber zwey breite ſchwimmende Bruͤcken. Das Gebaͤude iſt groß, aber leicht aus Backſteinen gebaut, die das Anſehn von weißem Stucko haben. Der Saal und die Treppe ſind in einem ſchlechten Geſchmack; ihre Verzierungen weiß auf ſchwarzbraunem Grun⸗ de. Die Staatszimmer ſind ſehr reich und ele⸗ gant; und ein Englaͤnder wird mit Vergnuͤgen in der Bibliothek eine ſehr große und ausge⸗ ſuchte Sammlung engliſcher Werke finden. Man ſieht hier auch ein ſchoͤnes Gemaͤlde einer wei⸗ nenden Ariadne, von einem ſchwediſchen Kuͤnſt⸗ ler Wertmuller, der, ungluͤcklicher Weiſe fuͤr ſein Vaterland, es auf immer verlaſſen, und ſich in Amerika anſaͤſſig gemacht hat. Wenn ich an einen zuruͤckgeſetzten Kuͤnſtler 11 — — 162— von Verdienſt denke, erinnere ich mich einer huͤb⸗ ſchen kleinen Anekdote, die man von Franzl. erzaͤhlt. Als dieſer Souverain ein Gemaͤlde des heiligen Michael von Raphael d'Ur⸗ bino erhalten hatte, welches er ſehr zu bekom⸗ — men wuͤnſchte, ſo belohnte er Raphael weit mehr, als deſſen Beſcheidenheit zu erhalten hoff⸗ te: der edle Kuͤnſtler machte ihm nun ein Ge⸗ ſchenk mit einer von ihm ſelbſt gemalten heili⸗ gen Familie, die der gefaͤllige Monarch mit den Worten annahm: Perſonen, die in den Kuͤn⸗ ſten ſo beruͤhmt waͤren, naͤhmen an der Unſterb⸗ lichkeit der Fuͤrſten Theil, und waͤren mit ih⸗ nen in einer Lage. In dieſem Schloſſe findet man einen Kopf einer perſiſchen Sybille in Moſaik, der aus⸗ geſucht ſchoͤn iſt, und zwey koſtbare und herr⸗ liche Geſchenke, von der ſeeligen Kaiſerin Ka⸗ tharina ll. naͤmlich Tiſche von lapis lazuli, und ſibiriſchem Agat. Auch ſieht man hier ei⸗ nige ausgeſuchte Statuͤen von Alabaſter und Marmor, und etruſciſche Vaſen, die Gustav III. auf ſeiner Reiſe in Italien gekauft hat. Die etruſciſchen Vaſen ſind ſehr ſchoͤn; allein in Anſehung der Farbe, des klaſſiſchen Reich⸗ thums, der Eleganz und der Verſchiedenheit der Geſtalt, kommen ſie denen nicht gleich, wel⸗ = 163= che ich porher in England in Gillwel Lod⸗ ge, auf dem Landſitze von William Chin⸗ nery Esq., der ohne Zweifel die ſchoͤnſte Pri⸗ vatſammlung dieſer Art in England, und viel⸗ leicht in Europa beſitzt, geſehen habe. Hier iſt auch ein Portrait der excentriſchen Koͤnigin Chriſtina, welche die Regierung Schwedens im Jahr 1660 niederlegte, und ih⸗ rem Nachfolger, Carl X.„ die koſtbare Ent⸗ deckung hinterließ, daß ſie bey allen ihren Ein⸗ faͤllen, gehoͤrig dafuͤr geſorgt hatte, die meiſten Schloͤſſer ihrer koſtbarſten Sachen zu berauben, ehe ſie ſich nach Rom zuruͤckzog, und ſelbſt die Juweelen aus der Krone nahm, ehe ſie ihr ent⸗ ſagte. So gaͤnzlich hatte ſie ſich jede Sache von Werth zugeeignet, daß Carl X. mehrere nothwendige Stuͤcke zu ſeiner Kroͤnung borgen mußte. Dieſer Verluſt iſt hinlaͤnglich durch den Geſchmack und die Freygebigkeit von G us, tav II. erſetzt worden. In dem Staats⸗ Schlafgemach war das königliche Panier hell⸗ blau und ſilber, am Fuß des Bettes angemacht, dies hatte ein recht rittermaͤßiges Anſehn. In dem Garten befindet ſich ein langes und ſchoͤ⸗ nes Theater; allein ſeit dem Tode Gustav III., der ſehr an dieſem Schloſſe hing, und es zum Sitz der brillanteſten Feten machte, iſt es we⸗ — 4 164— nig gebraucht worden. In den Gaͤrten iſt ei⸗ ne Reihe kleiner Haͤuſer in chineſiſchem Ge⸗ ſchmack, allein weder die vorderen noch die hin⸗ teren ſind beſonderer Aufmerkſamkeit werth. Nach unſerer Ruͤckkehr von Drotningholm, erhielten wir mit vieler Schwierigkeit Erlaub⸗ niß das Arſenal zu ſehen. Dieſes Depot der militairiſchen Triumphe iſt ein Gebaͤude von Backſteinen, und enthaͤlt nur ein Stockwerk; es ſteht an dem Ende des koͤniglichen Gartens, der einzigen Mailbahn von Stockholm, und hat das Anſehn von einem großen Gewaͤchs⸗ hauſe. Die Artillerie, die davor aufgepflanzt iſt, hat die laͤcherliche Wirkung, als wenn ſie davor geſtellt waͤre, um die koſtbarſten aus⸗ ländiſchen Baͤume gegen alle aͤußere Feinde zu vertheidigen. Das Innere verdient ſehr die Aufmerkſamkeit des Reiſenden und des Antiquairs. Man findet hier eine ungeheure Sammlung von Trophaͤen und Standarten, die den Feinden Schwedens abgenommen ſind; ſo wie auch eine lange Reihe ausge⸗ ſtopfter Koͤnige, in der wirklichen Ruͤſtung, die ſie trugen, auf hoͤlzernen Pferden, aͤhnlich gemalt, in Lebensgroͤße, und nach der Zeit⸗ ordnung aufgeſtellt. Mir fiel beſonders der An⸗ zug Carls XlII. auf, den er bey der Belage⸗ * 1 = 165 — tung von Friedrichshall, wo er ſeinen Tod fand, trug; naͤmlich ein langer ſchlechter blauer Rock von gewoͤhnlichem Tuche, mit brei⸗ ten Klappen, und metallenen Knoͤpfen; ein klei⸗ ner ſchmutziger, niedrig aufgezaͤunter Hut; ein paar ſchoͤne Handſchuhe, die dazu paßten, die zarten Haͤnde der Graͤfin Koͤnigsmark beruͤhrt zu haben; ein paar ſteife hochhakige militairi⸗ ſche Stiefel; vielleicht war es einer von dieſen, den er drohte an den Senat zu Stockholm zu ſenden, an welchen er ſich wenden ſollte, um Befehle bis zu ſeiner Zuruͤckkunft zu erhalten, als er ſich ungeduldig uͤber ſeine Abweſenheit in der Türkey bezeigte. Da es natuͤrlich iſt, daß man glaubt, große Seelen befaͤnden ſich gewoͤhnlich in großen Koͤrpern, ſo war mein Erſtaunen nicht gering, nachdem ich den Rock dieſes Mannes uͤber meine duͤnne Figur geknoͤpft hatte, mich außerordentlich eingezwaͤngt zu fuͤhe len. Man wird es mir zu gut halten, folgen⸗ den Auszug aus einer Nachricht uͤber dieſen ſonderbaren Mann hier anzufuͤhren, die Je⸗ mand, der ihn geſehen, in folgenden Worten von ihm gegeben hat:„Sein Rock iſt von ein⸗ afachem Tuch, und darauf gewoͤhnliche metalle⸗ ane Knoͤpfe; die Schoͤſe ſind hinten aufgeſchla⸗ zagen, wodurch Ihrer Majeſtaͤt alte lederne We⸗ = 166—2 aſte und Beinkleider ſichtbar werden, die zu Zei⸗ braten werden; als ich aber den Koͤnig ſah, „waren ſie faſt neu, denn er war kurz vorher aſehr artig geweſen, und hatte die Gemahlin ades Koͤnigs Auguſt, auf ihrer Ruͤckreiſe von Leipzig, beſucht; um dort ſchoͤn zu ſeyn, legte anicht uͤber drey Worte mit ihr, ſondern unter⸗ cehielt ſich mit einem naͤrriſchen Zwerg, den ſie zbey ſich hatte, eine Viertelſtunde, und ging adann von ihr. Sein Haar iſt hellbraun, ſehr . ſchmutzig und ſehr kurz; es iſt nie anders, als emit ſeinen Fingern gekaͤmmt. Zu Mittag aß anen Daumen darauf ausbreitete.Ä”“ Man denke ſich alles dieſes, angewandt „Jeſus verehren; auf den Abhelfer des Un⸗ rechts und der Ungerechtigkeit, auf den Be⸗ Aſchuͤtzer des Rechts in den Haͤfen und Republi⸗ aken des Suͤden und des Norden; der in „Majeſtaͤt glaͤnzt, in der Liebe der Ehre, Koͤnig von Schweden, deſſen Unternehmun⸗ aagen Gott mit gluͤcklichem Erfolg krönen moͤge.“ Die erwaͤhnten, mit Blut beſpruͤtzten Hand⸗ aten ſo, voll von Fett ſind, daß ſie koͤnnten ge⸗ zer neue lederne Beinkleider an, ſprach aber Ler ein Stuͤck Brod mit Butter, die er mit ſei, auf den Maͤchtigſten unter den Koͤnigen, die des Ruhms und der hohen Pforte— Carl, 167—. ‚I1. ſchuhe, und der mit Schuͤſſen durchlöcherte Huth, ſind große Quellen heftiger Streitigkei⸗ ten geweſen: Seiten, ſogar ganze Baͤnde, ſind daruͤber geſchrieben, ob der Tod von Carl ſchoͤn oder grauſam geweſen iſt. Von was fuͤr einer Hand der Schuß nun auch gekommen ſeyn mag, ſo hat Schweden Urſache, ihn zu ſegnen, und gluͤcklich ſind diejenigen, welche in Zeiten leben, die nur wenig von ſolchem Stoff zur Geſchichte, wie Carl darbietet, geben. 1 Ob gleich Carl große Kaͤlte des Charakters beſeſſen haben ſoll, ſo wird doch folgende Anek⸗ dote beweiſen, daß er der Schmeicheley faͤhig war: Waͤhrend die Batterien der Citadelle von Friedrichshall, heftig auf die Laufgraͤben des Feindes ſchoſſen, ließ ein junges Frauenzimmer, welches aus einem benachbarten Hauſe auf den Koͤnig ſah, ihren Ring auf die Straße fallen; als Carl dies bemerkte, ſagte er ihr:.Ma⸗ „dam, macht das Geſchuͤtz dieſes Orts immer eine ſolche Verwirrung?“ Nur dann, antwor⸗ wortete die junge Perſon, wenn uns ſolche be⸗ uͤhmte Fremde, wie Ihro Majeſtaͤt, beſu⸗ achen.“ Dem Koͤnig geſiel dies ſehr, und er befahl einem von den Soldaten, den Ring wie: der zuruͤck zu bringen. Dieſer außerordentliche 4 — — * Mann muß zu Zeiten das Lachen erweckt haben, ſo wie die Thraͤnen der Menſchen oft durch ihn floſſen. Nachdem die Tuͤrken, die uͤber ſeine Weigerung, wegzugehen, aufgebracht waren, ſich gezwungen ſahen, ſein Haus uͤber ſeinem Kopfe zu verbrennen, und ihn mit Gewalt nach Bender zu ſchicken, ſchrieb Carl Xli. als ein Fluͤchtling, von einigen wenigen Begleitern umgeben, ruinirt, und ſo, daß ſeine Koffer voͤl⸗ lig erſchoͤpft waren, an ſeinen Geſandten bey Ludwig XIV., ihm das genaue Ceremoniel des brillanten und prachtvollen franzoͤſiſchen Hofes zu ſchicken, damit er es eich einfuͤhren koͤnnte. Von Königen, Schloͤſſern und Statuen fortgeriſſen, bin ich zu meiner Schande ſo lange in Stockholm geweſen, ohne von denjenigen et⸗ was angefuͤhrt zu haben, ohne die, eine Krone nicht zu beneiden, die ſchoͤnſte Wohnung freu⸗ denleer, und wovon die reizendſten Bilder der Kunſt nur nunvollkommene Nachahmungen ſind. Die ſchwediſchen Damen ſind allgemein ſchoͤn gebildet, etwas ſtark, und haben eine herrliche feine Farbe; indeß, obgleich ſo von der guͤti⸗ gen Natur beguͤnſtigt, muß man es doch als etwas ſonderbares von ihnen anfuͤhren, daß ſie eher ihre Reize zu verbergen ſuchen, welche in anderen Laͤndern die ſchoͤne Beſitzerin, mit jeder moͤglichen Huͤlfe, dem bezaubernden Auge zu ihrem groͤßten Vortheil zeigt; ein langes duͤſteres ſchwarzes Kleid, bedeckt die ſchöͤne Schwedin, wenn ſie geht, und macht allen den Unterſchied der Symmetrie oder der Haͤß⸗ lichkeit unſichtbar; und ſelbſt ihre Fuͤße, die ſo niedlich und ſo huͤbſch ſind, wie die einer Franzöſin, ſieht man ſelten ohne Huͤlfe eines guͤnſtigen Windes. Der ſchwuͤle Sommer hat zwar keinen Einfluß darauf, daß ſie dieſes melancholiſche Kleid ablegen; indeß hoͤre ich, man trage es jetzt weniger, als ſonſt; oft haͤtte ich gewuͤnſcht, daß der Seidenwurm zu dieſer quälenden Bedeckung, beyzutragen ſich gewei⸗ gert haͤtte; von Zeit zu Zeit ſieht man in den Straßen von Stockholm einige Perſonen, die dadurch bezauberten, daß ſie dieſen abſcheuli⸗ chen Anzug nicht trugen. Die Gewohnheit koͤmmt daher, weil die Geſetze des Luxus den Gebrauch der farbigen Seidenzeuge verbienn. Die ſchwediſchen Damen ſind durchgehends ſehr gebildet, und reden gelaͤufig engliſch, fran⸗ zoͤſiſch und deutſch. Ihre Zaͤrtlichkeit und ihr Gefuͤhl haben gar nichts gemein mit der Rauh⸗ heit des ſchwediſchen Klimas; indeß zeigen ſie doch zwey auffallende charakteriſtiſche Eigens —— =— ſchaften von Sproͤdigkeit. Wenn nämlich ein ſchwediſches Frauenzimmer auf der Straße geht, ſieht ſie ſich niemals um, noch brgluͤkt ſie Je⸗ mand, der ſich ihr naͤhert, oder von ihr geht, durch einen Kuß. Dieſe kalte Gewohnheit iſt wirklich ſonderbar, wenn man in Erwaͤgung zieht, daß dieſer Gruß, ſelbſt unter Maͤnnern, faſt uͤberall auf dem feſten Lande herrſcht. Ich war ſehr neugierig, den Gerichtshö⸗ fen, oder, wie man ſie hier nennt, Kämners- rätter, beyzuwohnen, deren es vier in Stock⸗ holm giebt; allein ich fand ſie alle verſchloſ⸗ ſen, und daß nur die Richter, die Partheyen und die nothwendigen Angeſtellten Zutritt er⸗ halten. Was fuͤr ein Kontraſt gegen die un⸗ eingeſchraͤnkte Offenheit, womit man in Eng⸗ land die Geſetze in Anwendung bringt. Indem man die Thuͤren der Gerechtigkeit oͤffnet, und ſie in ihrer ehrwuͤrdigen Majeſtaͤt zeigt, wer⸗ den ihre Verordnungen weit mehr verbreitet, und die Achtung, die man ihrem Befehl er⸗ zeigt, vergroͤßert ſich durch die Verehrung, wel⸗ che ſie durch ihre Gegenwart weckt; ihr Sitz iſt nicht blos der Verwahrungsort des Geſetzes, ſondern aller Art von Gelehrſamkeit; die Schu⸗ le der Beredtſamkeit, worin die Landesſprache ihre hoͤchſte Verfeinerung erreicht. Von was 2= ͤ=ͤSͤ * A d. — 171— fuͤr einer National⸗Wichtigkeit, die Talente ei⸗ nes beruͤhmten Advokaten werden koͤnnen, ſind diejenigen im Stande zu ſagen, welche Zeugen des brillanten Genies, der hohen Ueberredung, und der tiefen Kenntniß eines Erskine wa⸗ ren, und können die wichtigen Folgen davon einem Lande auseinander ſetzen, welches ſie zu ſchaͤtzen weiß. Manu ſteht die Geſetze Schwe⸗ dens als einfach, milde, deutlich und gerecht an; und ſeit den Bemuͤhungen Gustavs IHI., ſie auf dieſen Fuß zu bringen, ſind ſie auch mit Unpartheilichkeit gehandhabt. In Civil⸗ prozeſſen bezahlt jede Parthey ihre eigenen Ko⸗ ſten; dies muß haͤufig ungerecht ſeyn; indeß, waͤhrend Schweden etwas von der Art anneh⸗ men koͤnnte, wie die Geſetze in England ver⸗ waltet werden, bietet es unſerer Bewunderung einen Geiſt dar, den wir wohl bey uns nach⸗ ahmen ſollten; derjenige naͤmlich, der einen Verbrecher verfolgt, traͤgt gar keinen Thenn der dazn aufzuwendenden Koſten. In England giebt es eine ſehr wichtige Ge⸗ ſellſchaft, die erſt durch den beruͤhmten Ritter John Fielding errichtet iſt, und deren Abſichten, Miſſethaͤter zu verfolgen, geſchickt von ihrem Sachwalter und Sekretair S. S. Hunt Esq. erreicht werden. Ihr Zweck iſt — — näͤmlich: das Nicht⸗beſtraft werden zu verhin⸗ dern; dieſes folgt nur zu häͤufig auf das Pluͤn⸗ dern, wegen der außerordentlichen Koſten, die mit der Entdeckung, Ergreifung und Unter⸗ ſuchung der Delinquenten verbunden ſind; es wird jaͤhrlich ein Fond durch Subſcription zu⸗ ſammengebracht, um die leidende Perſon zu entſchaͤdigen, welche im Namen der Krone ver⸗ folgt. Eine gewiſſe Art von ſolchen Koſten kann ein engliſcher Richter nach Gutduͤnken zugeſtehen, wenn man ihn darum angeht. Ein achtungswerther brittiſcher Unterthan, welchem dergleichen Ausgaben ein Objekt ſind, ſollte aber nicht bey der Vollbringung einer großen oͤffentlichen Pflicht, wobey es auf die Ruhe der Nation ankömmt, und der Koͤnig folglich der eingetragene und anerkannte Verfolger iſt, des⸗ halb ſo wie ein Armer bitten muͤſſen. Dieſe ſehr gerechte Entſchaͤdigung mußte einen Theil der Landesgeſetze ausmachen. Mittelſt einer andern, ſehr guten Einrichtung, iſt Schweden im Stande, alle drey Jahr ſeine Bevoͤlkerung genau zu wiſſen; naͤmlich durch die periodi⸗ ſchen Nachrichten der Geiſtlichen und Magi⸗ ſtraͤte, von den Geburten, Todesfaͤllen, Heira⸗ then und der Anzahl der Einwohner, die in den verſchiedenen Diſtrikten leben; dieſe Maas⸗ = 173— regel verdiente ſehr in England eingefuͤhrt zu werden. Von den Geſetzen Schwedens, fallen die⸗ jenigen einem Englaͤnder am meiſten auf, wo⸗ durch die Erſtgeburt derjenigen ausſchließlichen Rechte beraubt iſt, die ſonſt in andern Laͤndern damit verbunden ſind. Alle maͤnnlichen Kinder eines Edelmanns ſind naͤmlich gleich adlich; um aber die Verwirrung wegen der Menge zu verhindern, ſtellt der aͤlteſte Sohn allein nach dem Tode des Vaters die Familie auf dem Reichstage vor, und alles Erbgut geht in glei⸗ cche Theile; allein erworbenes Eigenthum iſt dem Willen des Vaters unterworfen. Die Arten der Strafen ſind in Schweden das Koͤpfen, Haͤngen, das Peitſchen und das Gefängniß; erſtere drey werden auf dem Mark⸗ te vollzogen. Das Inſtrument des Geißelns iſt eine Ruthe von zaͤhen Birkenzweigen. Es herrſcht hier eine ſchreckliche Gewohnheit, die eben ſo abſcheulich iſt, als die in England, die Miſſethaͤter in Ketten zu haͤngen; naͤmlich, die nackten Koͤrper der Delinquenten, die den Tod ausgeſtanden, zur Schau zu ſtellen, ſo daß ih⸗ re Glieder an Baͤumen feſtgemacht werden, bis ſie verfaulen. Zwey oder drey von dieſen graͤulichen Anblicken ſetzen einen auf dem We⸗ — — — — —— —ÿ — 174— ge von Rothenburg nach Stockholm in Schrek ken, da er haͤufiger befahren iſt, und dort mehr Naͤubereyen begangen werden. Die Kriminal⸗ geſetze Schwedens, kann man als milde an⸗ ſehen, und die Todesſtrafe wird ſelten verhaͤngt. Ich fand mich in meinen Erwartungen ge⸗ taͤuſcht, als ich das Haus der Edelleute beſah; es enthaͤlt den Saal und das Zimmer, welche fuͤr dieſen Theil des Reichstags beſtimmt ſind, und den man, wie es jetzt nach dem Willen des Souverains beſtimmt iſt, als ein bloſes Schattenbild von Macht anſehen kann. Waͤre die Autoritaͤt der Staͤnde nicht lediglich nomi⸗ nal, ſo wuͤrden die Landbeſitzer Urſache haben, ſich zu beklagen, da ſie gänzlich von aller Theil⸗ nahme an der Geſetzgebung ausgeſchloſſen ſind, indem dieſe ſchattenmaͤßige Repraͤſentation, ſelbſt zu der Zeit, als ſich der Reichstag, in voller Macht befand, und den Souverain in Abhaͤn⸗ gigkeit hielt, auf den Adel, die Geiſtlichkeit, die Buͤrger und die Bauern eingeſchraͤnkt war. Das Aeußere dieſes Gebaͤudes iſt einfach, aber ſchoͤn. In dem davor liegenden Quadrat ſieht man die Statuͤe zu Fuß von Gustav Wa⸗ ſa, von Meyer verfertigt, die der Adel mit großen Koſten hat errichten laſſen; indeß iſt ſie nach meiner geringen Meynung des unſterb⸗ V — 177— lichen Mannes, deſſen Andenken ſie verewigen ſoll, nicht wuͤrdig. Ein angenehmer Morgen Kog mich nach Haga hin, welches nur eine und eine halbe Meile von dem noͤrdlichen Thore der Stadt entfernt liegt. Da Gustav Ill. mit Huͤlfe von Masrelier dieſes kleine Schloß nach ſeinem Plan hatte bauen, und die Gaͤrten ein⸗ richten laſſen, und es ſein Lieblingsaufenthalt war, ſo hielt ich mich uͤberzeugt, ich wuͤrde dort Vergnuͤgen haben. Wenn man ſich der Villa naͤhert, kommt man durch einen ſich win⸗ denden Gang von luxurirenden Straͤuchen, die bluͤhendſten und ſchoͤnſten von allen, die ich im Norden ſah. In einer kleinen Entfernung davon, erblickt man eine Reihe maleriſcher Felſen, mit Tannen beſetzt, und im Grunde einer ſchoͤnen Wieſe an der Seite des Wihler⸗ Sees, eines ſchoͤnen Waſſers, mit Tannenwaͤl⸗ dern umgeben, ſtehet das von Holz gebaute Schloß, gemalt, als ſey es von Stein; es enthaͤlt eine kleine Fronte von drey Stockwer⸗ ken, und zwey langen Fluͤgeln mit Gallerien. Die Laͤndereyen und Verzierungs Gebaͤude’ er⸗ innerten mich an Petit Trianon der un⸗ gluͤcklichen Koͤnigin von Frankreich, zu Ver⸗ ſailles. Die Zimmer waren kiein, aber ge⸗ * 4 7 — 44 — — = 17s— ſchmackvoll eingerichtet. Gustav brachte hier einen großen Theil ſeiner Zeit hin; man ſagt, daß dieſer Fleck ihm beſonders theuer war, weil er heimlich mit ſeinen Freunden in den Ein⸗ ſamkeiten dieſer Felſen, die eine von den groͤß⸗ ten Schoͤnheiten des Ganzen ausmachen, uͤber die Revolution von 1772 berathſchlagt hatte. Dieſer Umſtand veranlaßte ihn, auf ſeinen Rei⸗ ſen den Titel eines Grafen Haga anzuneh⸗ men. Daneben auf einer Anhoͤhe, liegt der Grund zu einem großen Schloſſe, welches Gustav III. im Jahr 179:1 zu errichten an⸗ fieng, das aber ſeit ſeinem Tode nicht weiter fortgebaut iſt. Das Unternehmen war zu groß und zu koſtbar fuͤr das Land, und iſt mit vie⸗ ler Klugheit von dem jetzigen Regenten auf⸗ gegeben. Es gewaͤhrte mir vieles Vergnuͤgen, als ich in der Bibliothek verſchiedene Zeichnungen und Riſſe von dem großen Koͤnig ſahe, die von vielem Geſchmacke und Genie zeigten. Die Freundſchaft und das Vertrauen, womit die⸗ ſer Fuͤrſt den Helden Sir Sidney Smith beehrte, iſt bekannt. Der Koͤnig ſoll zuerſt eine Zuneigung fuͤr ihn durch die Aehnlichkeit erhalten haben, welche, wie er glaubte, und dies auch haͤuſig bemerkte, zwiſchen dem Ge⸗ 1 7 l = 177 ſichte des Helden von Acre und Cart XlI. ſtatt faͤnde. Da Sir Sidney einer von mei en dieb⸗ iings⸗ Helden iſt, ſo ſey es mir vergoͤnnet, hier einen Augenblick von dem ſonderbaren Vor⸗ gefuͤhl zu reden, welches er, als ein junger Menſch, von ſeinem Ruhm und von ſeiner kuͤnf⸗ tigen glorreichen Laufbahn empfand. Als er vor mehreren Jahren mit einem andern Offi cier, der jetzt verdienter Weiſe eine bedeuten⸗ de Stelle in der Marine bekleidet, an die ir: ländiſche Kuͤſte geſchickt wurde, um einige von ihren Schiffen entwichene Leute aufzuſuchen, nahmen ſie nach einer langen, ermuͤdenden und fruchtloſen Verfolgung in einem kleinen Wirths⸗ hanſe Erfriſchungen ein. Nach dem Eſſen ward Sir Sidney auf einmal ſtill, und ſaß ganz in Gedanken vertieft.„Woran denken Sie, fragte ſein Freund, und ſchlug ihn ſanft auf die Schulter,„was fuͤr ein Projekt, Sidney, „hat ſich Ihrer jetzt bemaͤchtigt?“„Mein „Beſter! erwiederte der junge Krieger, Sie „werden gewiß glauben, daß es nicht ganz rich⸗ ztig mit mir ſteht; allein, ich habe eben ge⸗ „dacht, daß, ehe zwoͤlf Jahre verfloſſen ſeyn „werden, die engliſchen Waffen im gelobten „Lande triumphiren ſollen. Wir brauchen die 123 178 Franzoſen nicht zu fragen, mit wie vielem Ruhm er jene Prophezeihung in n Erfuͤllung ge⸗ bracht t hat.. Des Nachmittags nach unferer Rüͤckkunft von Haga fuhren wir uͤber die Oſtſee nach dem Park, der an der Oſtſeite der Stadt, drey engliſche Meilen weit liegt, um eine Revite, und. ein blindes Gefecht von ohngefaͤhr vier uſend Mann, die dort im Lager ſtanden, zu fer ben. Der Park iſt bey ſchoöͤnem Wetter der große Verſammlungsort, gerade wie der Hyde⸗ Park in Londen. Unſere Waſſerfahrt war aͤu⸗ ßerſt angenehm. Die Manbvres ſiengen um fuͤne ühr des Abends an, als der Kronprinz, ein kleines kraͤnktn ches Kind von ohngefahr ſechs Jahren, der bey dieſer Gelegenbeit ſeinen Va⸗ ter vorſtellte, erſchien. Er fuhr die Linie her⸗ ab, in einem offenen fechsſpaͤnnigen Wagen, von einigen Officiers und zwey Pagen ſeines Hofſtaats begleitek; hinter ihm war eine Es⸗ korte von Garden zu Fuß. Nachdem die Pa⸗ gen, im ſpaniſchen Anzuge, der aus einer Jacke von ſteinfarbigem Tuche beſtand, mit aufge⸗ ſchlitzten Aermeln und einer kurzen Nobe, ih⸗ ren kleinen Muͤndei auf einen Felſen geſetzt hat⸗ ten, der auf einem ſich erhebenden Lande hex⸗ vorragte, ſiengen die Regimenter ihre Bewe⸗ —— —2„„„ͤ„ ——— An e“ gungen an; die Mannſchaft hatte ein ſtarkes, kriegeriſches Anſehen, und war gut disciplinirt. Als dieſe blutloſe Bataille beendigt war, paſ⸗ ſirten die Regimenter vor dem Prinzen vorbey, der waͤhrend dieſer Ceremonie ſeinen kleinen Hut in die Hoͤhe hielt, dann wieder in ſeinen Wagen gepackt wurde, und zu ſeiner Aufſehes rin zuruͤckkehrte. Der Anzug der beyden Pa⸗ gen, war das einzige Ueverbleibſel, welche ich noch von der fantaſtiſchen Veraͤnderung, die Gustav II. in der Keidung ſeiner Untertha⸗ nen einfuͤhrte, fand. dan ſagt, Kathari⸗ na l!, habe ihm fglan das Schwierige und Gefahrvolle hiebey zu verſtehen gegeben, als er ſie in Petersburg beſuchte, um dadurch noch mehr ſeinen Stolz und ſeinen Muth an⸗ zuſppornen, dieſe Veraͤnderung vorzunehmen, von welcher ſie hoffte, ſie wuͤrde die Schweden n zur Unzufriedenheit bringen, und ſie vermögen, die Wiedererlangung der Privilegien der Staͤnde zu verſuchen, die durch die beruͤhmte Revolu⸗ tion verloren giengen, welche der Koͤnig durch ſeine Staͤrke, große Gewandtheit und Bered⸗ ſamkeit zu Stande brachte. Es war eins der unteeſcheidenden Kennzeichen von Kathari⸗ neus Politik, ihre königlichen Nachbarn un⸗ ter einander, oder mit ihren Unrerthanen in 1 ooöoöͤoͤöoſb— — 180— ewiger Fehde zu erhalten. Die Schweden wa⸗ ren zu treu, zu gut geſinnt, zu weiſe, um mit ihrem Fuͤrſten Streitigkeiten anzufangen, und zumal mit einem Fuͤrſten, wie Gustav II., aͤhnliche im Norden gab, und die ſie dem An⸗ — ſcheine nach, einem Volke aͤhnlich machte, wel⸗ ches keine Analogie mit ihnen hat, außer in . 8 f Racanage Ehre, naͤmlich die Unterthanen e. kaſtiliſchen Majeſtaͤt. SiDat Militair von Schweden iſt in regu⸗ laire oder Garniſon⸗Regimenter, und in Na⸗ tional⸗Militz getheilt: nur die letztere wird einer Eroͤrterung beduͤrfen. Die Aushebung zu dieſer, geſchiehet auf den der Krone gehoͤri⸗ gen Laͤndern; die Paͤchter derſelben tragen nicht nur zur Unterſtuͤtzung der Truppen, ſon⸗ dern auch zu der, der Geiſtlichkeit und der Civilbedienten bey. Die Laͤndereyen werden Hemmans genannt, und in Rotten getheilt, jede Rotte iſt in einem beſtimmten Verhaͤltniß lerie, und die uͤbrigen die Infanterie unterhal⸗ ten. Die Leute, die man auf die Weiſe mitten aus den Bauern waͤhlt, ſind faſt alle geſund, ſtark, und gut proportionirt. In Kriegs⸗ und des Schnittes eines Kleides wegen; allein ſie nahmen ungern eine Mode an, deren es keine beſteuert; die vorzuͤglichſten muͤſſen die Kaval: ſe große konſtitutionelle Heeresmacht„ dieſe Friedenszeiten koͤnnen diejenigen, die Laͤnde⸗ reyen von der Krone haben, gezwungen werden, umſonſt dieſe ausgehobenen Leute und ihre Ba⸗ gage zu ihren reſpektiven Regimentern zu trans⸗ portiren, eine Huͤtte und Scheune, und ein kleines Stuͤck Land zu bewilligen, und dies, waͤhrend der Soldat im Dienſt abweſend iſt, zur Unterhaltung ſeiner Familie zu bebauen, und ihn ebenfalls mit groben Kleidern, zwey Paar Schuhen und einem kleinen Jahrgelde zu verſehen. Im Frieden verſammlen ſi ſich, da wo die Diſtrikte an einander graͤnzen, die Sol⸗ daten Kompagnienweiſe nach dem Gottesdienſt, um dort von ihren Officieren und Sergeanten exerziert zu werden. Vor und nach dem Herbſt, ruͤckt das Regiment aus, und ſteht drey Wo⸗ chen in ſeinem Diſtrikt im Lager. Jedes drit⸗ te oder vierte Jahr, werden von verſchiedenen Regimentern, Laͤger in einer Provinz gebildet, die gewoͤhnlich das Centrum von vielen Di⸗ ſtrikten ausmacht; waͤhrend der uͤbrigen Zeit, haben dieſe kriegeriſchen Landwirthe, die ihr ganzes Leben hindurch Dienſte thun, die Er⸗ laubniß, als Tagelöoͤhner fuͤr die Landbeſit ttzer um den gewoͤhnlichen Preis zu arbeiten. Dies iſt ein kurzer Abriß von der Art, wie die⸗ e — 182— — wohlfeile Vertheidigung der Nation“ orga niſirt iſt.— Nach unſerer Rückkehr von der Revue, machte es uns vieles Vergnuͤgen, die Kanonem böte von der Admiralitaͤts⸗Inſel manovriren zu ſehen Dieſe Schiffe werden auf dem Maͤ⸗ kerſee gebraucht, zwiſchen den Felſen und an der finnlaͤndiſchen Kuͤſte; ſie ſind aber nicht im Srande, der hohen See und ſtarken Win⸗ den zu widerſtehen; einige derſeiben haben vier und vierzig Ruder, und ſind mit vier und zwanzig Pfuͤndern verſehen. Db wir gkeich ſchen den acht und zwanzig⸗ Junti hatten, war es doch noch ſo kalt, ich anſteng der Bemerkung 6 auben bey⸗ i n der Norden habe zwey Winter, naͤm⸗ . ſer lich einen weißen, und einen gruͤ nen. Wir machten nun Anſtalten zu einer kleinen Reiſe nach Upſata und den Minen von Danne: mor, die ohngefait Ir fuͤnf und achtzig engli⸗ ſche Meilen enfernt liegen. In dieſer Abſicht mietheten wir ein kteines leichtes Phaeton fuͤr eiſen Miofen und ſechszehn Schilling taͤglich; es erferderte unr zwey Pferd de. und paßte ſehr gut fuͤr die Querwege. Das Fut örwerk, deſſen ſich der vorzuͤglichſte Theil der Einwohn er be⸗ dient, iſt ein Kabriolet, mit einem kleinen Sitze — 1 83— 8 hinten fuͤr den Bedienten, der in der Entfer⸗ nung das Anſehn hat, als hielte er ſich am Zopfe ſeines Herrn; dies macht eine aͤußerſt naͤrri⸗ e Wirkung. Der Reiſende, dem es ſeine Zeit erlaubt, ſellte billig die Gießereien von Sahlahutta, die Silberminen von Sahlberg, und von „Herſtenbotten beſehen, ſo wie auch Af⸗ wead, wo das Kupfer gereinigt wird; Nor⸗ berg, welches wegen ſeiner außerordentlichen mi neratiſchen Prodkte ſo ſehr bemerkenswerth iſt; Fahlun, die Hauptſtadt’ der beroiſchen Da⸗ lekarlier, die beruhmten Silberminen von Kop⸗ parberg, die Waſſerfaͤlle von Elfscarlaby, Herren Grilts Anukerſchmiede zu Suder⸗ fors; au allen dieſen Orten, ſo wie auch zu Dannemorna, zeigen ſich aufs intereſſanteßte And pruchtvollfte die natuͤrlichen Schaͤtze Schwe⸗ dens. Um Zutritt zu den meiſten von dieſen DOrten zu erhalten, rathe ich Empfehlungsſchrei⸗ ben an die Eigenthuͤmer oder Aufſeher zu er⸗ halten zu ſuchen. Da ich aber eiten mußte, ſo eutſchloß ich mich, nur die Minen von Dau⸗ nemora und Upſala zu beſehen. Das Land, durch welches wir kamen, war reich und maleriſch, und an vielen Orten hatte es einen Ueberfluß an Kornfeldern, allein als — — = 184= wir uns Upſala und nachher Dannemora naͤherten, erhielt die Gegend ein trauriges An⸗ ſehn. Die erſte Nacht, ſchliefen wir in Upſa⸗ la, und ſehr fruͤh den andern Morgen, fuhren wir nach Dannemora; wir langten dort ſo zeitig an, um das Schieſſen zu hoͤren, welches je⸗ den Tag genau um zwoͤlf Uhr anfaͤngt. Als wir in die Hauptoͤffnung der Mine ſahen, die einen ungeheuern, furchtbaren Schlund mit einer un⸗ durchdringlichen Finſterniß, darbot, hoͤrten wir einen tief toͤnenden Donner von der Exploſton unten, der ſich durch die erſtaunlich großen und dunkeln Hoͤhlen dieſes Abgrundes auf die erha⸗ benſte und fuͤrchterlichſte Weiſe verbreitete. Oef⸗ ters werden ungeheure Felſenmaſſen durch die Heftigkeit des Losgehens herausgeworfen. In dieſen gewaltigen Hoͤhlungen, hat die Menſchen⸗ hand drey Jahrhunderte gearbeitet. Man zieht aus dieſen Minen eine ſehr große Menge herrli⸗ ches Metall, das viel in den engliſchen Stahl⸗ fabriken gebraucht wird. Da ich gar keine Nei⸗ gung empfand, in einem Eimer in die Haupt: grube hinunter zu fahren, ſo ſtiegen wir in einen anderen Abgrund, ohngefaͤhr vier hundert Fuß tief, auf gebrechlichen Leitern, die beinahe per⸗ pendikulaͤr ſtanden, hinunter; dies war aber mit vieler Muͤhe und großer Gefahr verbunden: — 185— ich fand den Boden mit unaufloͤslichem Eiſe be⸗ deckt. Unſere Neugierde war ſchnell befriedigt, und wir erreichten froh wieder die Hoͤhe. Was die Gewohnheit doch nicht vermag! Zwey aͤltli⸗ che Bergleute ſtiegen von der Erde auf den Rand eines Eimers, der uͤber dieſer Schwindel erregen⸗ den Tiefe hieng, und indem ſie das Strick hiel⸗ ten, fuhren ſie hinab, der eine ſang, und der andere nahm Tabak. Die hydrauliſchen Ma⸗ ſchinen, wodurch die Minen trocken erhalten werden, bewegen eine Kette von ſechstauſend Fuß, die, nachdem ſie das Waſſer aus der Mine gezogen, es durch einen Aquedukt von fuͤnftauſend Fuß zwingt; dieſe Mine wird das Peru von Schweden genannt. Von den Mi⸗ nen giengen wir nach Herrn Tanners Zinn⸗ hammer in Oſterby, ohngefaͤhr eine engli⸗ ſche Meile weit, wo tauſend Perſonen arbei⸗ ten. Das Metall wird ſo, wie es aus der Mine kommt, auf Schichten von Nadelholz ge⸗ legt, und zum Theil geſchmolzen: es wird hier⸗ auf von ſehr großen, durch Waſſer bewegten Haͤmmern zerſtoßen, dann in einem Ofen mit Holzkohlen in Fluß gebracht; hieraus läuft es in eine lange Form von Sand. So wie es hart wird, thut man es heraus und legt es in Haufen an die freye Luft. Dieſe ſehr gro⸗ 186— ßen rohen Stuͤcke, werden wieder geſchmolzen, und hieraus Stangen zur Ausfuhr gemacht. Die Stadt Oſterby iſt klein, aber nied⸗ lich, und hauptſaͤchlich von Leuten bewohnt, die bey den Minen beſchaͤftigt ſind. In dem ſehr huͤdſch und romantiſch gelegenen Wirthshauſe aßen wir ungemein gut, und kehrten dann nach Upſala zuruͤck. In dieſer Stadt, dem Sitze eines Erzbiſchofs, hat ſich die chriſtliche Reli⸗ gion in Schweden mit dem fruͤheſten ausge⸗ breitet; ſie liegt in einer großen Ebene, deren große Unfruchtbarkeit hie und da durch einige wenige Kornfelder und Wieſenflecke ein beſſeres Auſehen gewinnt. Einige von den Privathaͤu⸗ ſern, und die Kollegiengebaͤnde ſind huͤbſch, und gewöhntich mit Stucko uͤberlegt, und gelb ange⸗ ſtrichen, indeß iſt der großere Theil der Haͤuſer von Holz gebant, roth angemalt, und außerdem befinden ſich dahinter kleine Gärten voll Aepfel und andere Früchte tragende Baͤume. Der Fluß Sala, der mit dem Maͤler⸗See in Ver⸗ bindung ſteht, theilt die Stadt. Ich ſah das Gras nie ſo hoch und ſo gruͤn auf den Daͤchern der Haͤuſer, als hier. Als ich aus meinem Schtafzimmerfenſter im Wirthshauſe ſah, konn⸗ te ich verſchiedene derſelden von dem grünen Huͤgel, auf deſſen Spitze das alte Schloß ſteht, ö,———&̃— G 0O=12 — 187 nicht unterſcheiden. Wie wir in das Hofthor dirſes Gebaͤndes traten, welches aus Backei⸗ nen gebant iſt, und einen großen runden Thurm mit einer kupfernen Kuppel hat, wurden viele Bagagewagen in Stand geſetzt, dem Herzog von Suͤdermannland zu folgen, der eben die Zimmer, welche er hier bewohnt, verlaſſen hatte, um ſich zu ſeinem Regimente zu begeben. Dieſer Fuͤrſt beſitzt große Talente; ungluͤck⸗ licherweiſe berrſcht jetzt eine Kaͤlte zwiſchen ſeiner koͤniglichen Hoheit und ſeinem erhabenen Reveu. Man ſieht jetzt nur noch einen Theil des Schloſ⸗ ſes, indem der andere im Feuer aufgegangen iſt. Von der Höhe, worauf es liegt, kann man die Lage der alten Stadt Upſala, ehemals der Hauptſtadt Schwedens, ſo wie auch die Re⸗ ſidenz des hohen Prieſters von Oden unterſchei⸗ den. Unſere Zeit wollte es nicht geſtatten, den beruͤhmten Moraſteen, oder den Stein von Mora zu beſehen, worauf die vorigen Beherr⸗ ſcher Schwedens gekroͤnt wurden; der letzte im Jahr 1512. Er wird mit andern merkwirrdi⸗ gen Steinen in einer Huͤtte, ohngefaͤhr 7 Mei⸗ len von Upſala, aufbewahrt. Unter einem Schutthaufen, der ſonſt einen Theil des Schloſ⸗ ſes ausmachte, ſollen ſich die Ueberbleibſel ven einigen Staatsgefaͤngniſſen befinden, und in einem derſelben trug ſi 3 fulgende ruͤhrende Scene zu: Im Jahr 1567 bemächtigte ſich Ehrich iv, der blutgierigſte Tyrann, der je auf dem ſchwe⸗ diſchen Thron ſaß, der beruͤhmten Familie der Sture, die ſeine Eiferſucht geweckt hatte. Er ſtieg in einem Augenblick des Zorns in den Ker⸗ ker hinab, worin der Graf Sture eingeſchloſſen war, und ſtach ihn in den Arm. Der junge Gefangene fiel auf die Knie, bat um Gnade, und indem er den Dolch aus der Wunde zog, kuͤßte er ihn, und uͤberreichte ihn ſeinem grauſamen Herrn; dieſer ließ ihn aber gleich umbringen. Die Scene wuͤrde einen ſchönen Gegenſtand n einem Gemaͤlde abgeben. Die Kathedralkirche iſt ein nußerordentlic großes, plumpes Gebaͤude von Backſteinen, mit zwey viereckigen Thuͤrmen am weſtlichen Ende, im gothiſchen Styl, die vor kurzem mit einem doriſchen Architrav geſchmuͤckt ſind, worauf ſi ch zwey kupferne Kuppeln befinden, die von eiſer⸗ nen doriſchen Pfeilern getragen werden. Als ich dieſe fremdartige Verbindung von Architektur, gerade an einem Orte, der den Wiſſenſchaften geweiht iſt, betrachtete, hatte ich Muͤhe, mei⸗ nen Augen zu trauen, allein der ſchlechteſte Wein wird immer in den Weinbergen getrunken. Die ſich ein großes Medaillon von dem beruͤhmten 189— jetzige Kathedralkirche iſt auf dem Fleck gebauet, wo die vorige ſtand, die vor ohngefaͤhr 150 Jah⸗ ren abbrannte. Das Innere iſt huͤbſch, und mit einer herrlichen Orgel geſchmuͤckt, worauf bey unſerm Eintritt geſpielt wurde. Als ich den Boden betrachtete, fand ſichs, daß ich auf einer Marmorplatte ſtand, welche die Aſche des unſterblichen Linneus, und ſeines Sohns be⸗ deckte, wie dies folgende einfache Inſchrift an⸗ deutet;. Ossa Caroli a Linne equitis ausati marito optimo filio unico Carolo a Linne patris successori et . sibi Sara Elizabeta Moraea. Die große Verehrung der Schuͤler dieſes ausgezeichneten Naturforſchers, und das Talent ſeines beruͤhmten Freundes Sergell, haben an einem kleinen ſtillen Ort, ſtatt jenes ein⸗ fachen, ein beſſeres Monument von ſchwedi⸗ ſchem Porphyr zu Stande gebracht, worauf = 190—2 Naturaliſten befindet, welches ihm ſehr ähnlich ſeyn ſoll, und darunter ſieht man folgende In⸗ ſchrift: Carolo a Linné Botanicorum prmeibi Amici et discipuli, 1798. Ob dieſes Monument nun gleich ſeiner mehr wuͤrdig iſt, ſo ſteht es doch weit hinter dem zuxuͤck, was ein Reiſender in dem noͤrdlichen Sittze der Wiſſenſchaften, und an dem Gevurts⸗ orte von Linné erwartet haben wuͤrde. Sein Geiſt ſcheint noch auf dieſem beruͤhmten Ort zu rutzen; der Reiſende hoͤrt jede Bemerkung mit Linné's Namen verbunden.„Dort, ſagt ein Schwede mit einem raͤcheln voll Nationalſtolz, und einem Auge voll Vergnuͤgen, aiſt das „Haus, worin er lebte, und die Laube, worin aer ſtudirte; uͤber jene Felder pflegte er zu gehen, ſohald die Sonne ihre Strahlen dar⸗ vanf fallen lies, begleitet von einer großen „Menge ihm ſehr zugethaner Studenten, um „die Schoͤnheiten der Natnr zu erforſchen, und deren Geheimniſſe zu entfalten; dort, wenn einer von dem Haunfen eine ſonderbare Pflan⸗ ze, oder ein Inſekt entdeckte, verſammelte der n e 10 — — ns —ͦ—— — — 191— Ton eines Horns die ganze Geſellſchaft, die 6‿ ſich dann um ihren Lehrer ſtellte, ſeine Weis: heit zu vernehmen.“ In einer Privatkapelle dieſer Domkirche be⸗ findet ſich das Grabman des beruͤhmten Gu⸗ stav Waſa, deſſen 2 Bildniß zwiſchen denen ſeiner beyden Gemahlinnen, Katharine und Margaretha, ſtehr; und in einer andern das der Sture, deren ich vorher erwaͤhnte. Die in dieſem Monumente angebrachte lateini⸗ ſche Inſchrift ſchließt auf folgende ruͤhrende Weiſe:„Alles, was edel und grosmuͤthig war, konnte das eiß ſerne Herz ihres Regenten nicht Lerweichant! Leſer, wenn du nicht eben ſo un⸗ gefuͤhlvoll biſt, ſo beklage das unverdiente „Schickſal ſolcher Tugend.“ An einem der we⸗ niger bemerkten Plaͤtze ſahen wir eine kleine lie⸗ gende Statuͤe von Johann III.; das Schiff, welches ſie aus Italien, wo ſie verfertigt war, nach Schweden brachte, ſank nicht weit von Danzig, und die Statuͤe blieb hundert und funfzig Jahr unter dem Waſſer; ſie ward dann aufgeſiſcht, von den Buͤrgern von Danzig zum Geſchenk uͤberreicht, und in der alten Kathedral⸗ kirche aufgeſtellt. Hier ruhen auch die Ueber⸗ bleibſel des beruͤhmten Kanz lers Orenſtierg. s iſt zu bewundern daß man weder dieſem = 192— großen Mann, noch Chriſtian IV. von Daͤnee⸗ mark, beyde die Zierde und die Wohlthaͤter ih⸗— res Landes, irgend ein Monument errichtet hat. V. Dem Leſer wird folgende Nachricht uͤber den V Kanzler Oxenſtiern, aus der Feder der ex⸗ V 3 centriſchen Königin von Schweden, Chriſtina, die waͤhrend ihrer Minderjaͤhrigkeit unter ſei:. ner Aufſicht ſtand, angenehm ſeyn. Dieſer außerordentliche Mann beſaß ſehr viel Gelehr⸗ Kamkeit, da er in ſeiner Jugend aͤußerſt fleißig 71 „geweſen war; er laß ſelbſt mitten in ſeinen 7 wichtigſten Geſchaͤften. Er hatte eine große V h „Kenntniß der Angelegenheiten der Welt: er ſ kannte die Schwaͤche und die Staͤrke der Staa⸗ ten Europens; er beſaß große Talente, außer⸗ 8 ordentliche Klugheit, erſtaunliche Faͤhigkeit, 1 und eine edle Seele; er war unermuͤdlich, 1 chatte eine unglaubliche Unverdroſſenheit und t „Arbeitſamkeit in Geſchäften; er macht ſie zu 1 ſeinem Vergnuͤgen und zu ſeiner einzigen Be⸗ ſchaͤftigung; er war ſo maͤßig, als irgend Je⸗ mand in einem Lande, und in einem Zeitalter, f wo man dieſe Tugend nicht kannte. Er hatte V jeinen geſunden Schlaf, er pflegte zu ſagen: nichts hinderte ihn am Schlaf, noch weckte ihn „daraus, waͤhrend ſeines ganzen Lebens, als der „Tod meines Vaters Gustav, und der Ver⸗ 7 — 193— Auſt der Bataille von Nördlingen. Er hat amir oͤfters geſagt, daß, wenn er zu Bett gien⸗ ge, ſo lege er alle Sorgen mit den Kleidern ab, und ließe ſie ruhen bis zum naͤchſten Mor⸗ agen. In andern Ruͤckſichten, war er ehrlich „und unbeſtechbar, und ein wenig zu langſam aund hlegmnatiſch. 1 Als wir nach dem Hollegio: der Botanik, und den Gaͤrten kamen, ſiel es uns auf, die Profeſſoren der Philoſophie in Stiefeln zu ſe⸗ hen. Alles geſchieht in Schweden in Stiefeln: ſobald ein Kind gehen kann, ſieht man es in Stiefeln: vielleicht iſt der geringe Preis des Leders die Urſache hievon. Das Kollegium ward unter dem Schutze des vorigen Koͤnigs mit dem Geſchmack und der Pracht errichtet, die ihm eigen waren. Der Profeſſor der Che⸗ mie, Aftzelius, der uͤber das Mineralien⸗ kabinet die Aufſicht fuͤhrt, begleitete uns mit vieler Hoͤflichkeit; er iſt vor kurzem von einer ſehr intereſſanten, aber gefahrvollen Entdek⸗ kungsreiſe in Hinſicht der Naturgeſchichte des Inneren von Afrika nach Schweden zuruͤckge⸗ kommen, und hat das Departement, wovon er auf eine ſo paſſende Art der Chef iſt, mit meh⸗ reren koſtbaren, von dort mitgebrachten, Ge⸗ 13 194— genſtänden bereichert. Man ſchäßt ſeine Mi neralien⸗Sammlung ſehr. Wir redeten unter andern uͤber die Aecht⸗ heit vieler von Mungo Parke's wunderbaren Geſchichten; in Hinſicht dieſer verſicherte er uns, er hielte deſſen Erzaͤhlung fuͤr voͤllig gegruͤn⸗ det, und fuͤgte hinzu, er habe in jener entfern⸗ ten und nicht beſuchten Gegend ſo außerordent⸗ V liche Dinge wahrgenommen, und es haͤtten ſich dort Begebenheiten zugetragen, daß viel Muth dazu gehoͤrte, davon zu reden. Seit meiner Nuͤckkunft nach England habe ich einige ſchoͤne auf der Stelle von einem aͤußerſt genievollen und unternehmenden Kuͤnſtler, Samuel Da⸗— niel, aufgenommene Zeichnungen geſehen, wel⸗ che die Sitten, und hauptſaͤchlich die laͤndliche Oekonomie der inneren Afrikaner vorſtellen, wodurch die Bemerkung des gelehrten Profeſ⸗ ſors vollig beſtätigt wird, und die durch ihr uͤberredendes Zeugniß ſeine Furcht vermindern könnten. In Hinſicht der Abſchaffung des Skla⸗ venhandels, machte der Profeſſor eine Bemer⸗ kung, die, da ſie aus Lokalkenntniß und von langem Verkehr herruͤhrte, großen Eindruck auf mich machte; er jehnte naͤmlich jede andere, als eine ſtufenweiſe Abſchaffung ab, zu welcher die Neger vorbereitet werden muͤßten, und gab — * ,—— 6—-—y— 2 1 149)= . . auf eine ſehr emphatiſche Art ſeine Bollkonnmene 8 Ueberzeugung zu erkennen, eine ploͤtzliche Be⸗ t⸗ freyung wuͤrde dieſe große Angelegenheit der Kmn Maeenſchheit in Gefahr ſetzen. er 0 Es machte mir ſehr viel Vergnuͤgen, in ei⸗ n⸗ 5 nem Zimmer einige ſchoͤne bluͤhende Dattelbaͤu⸗ n⸗ me und Platanus zu ſehen, ſo wie einige ſelte⸗ t⸗ ne Pflanzen von den Suͤdſeeinſeln, die an ei⸗ ch nem gruͤnen Lattenwerk wuchſen, welches ſich th nach allen Seiten des Zimmers verbreitete; er 4 dies hatte man in Gaͤnge eingerichtet, und ge⸗ ne waͤhrte einen ſehr angenehmen Anblick. en 1 Unter den Merkwuͤrdigkeiten dieſes Zim⸗ as mers, nahm ich auch den Papagey wahr, der el⸗ uͤber hundert Jahr alt ſeyn ſoll; man fand al⸗ he le Kennzeichen eines hohen Alters an ihm; ein 1 n, Theil ſeiner Federn war gäͤnzlich ausgefallen, eſ. und eine Schwaͤche zeigte ſich in ſeinen Augen. hr nunnd an ſeinem Schnabel; indeß lebt er doch rn wahrſcheinlich noch einige Jahre fort. Die la⸗ Waͤrme des Zimmers bietet den Pflanzen die er⸗ Temperatur ihres wahren Klimas dar, und man on ſah mit Vergnuͤgen, wie die Kunſt der Natur uf in einer ſo kalten Gegend zu Huͤlfe kam. re, Das eben beendigte Treibhaus iſt ein praͤch⸗ her I tiger Saal, der auf doriſchen Pfeilern ruhet, und von vierzehn Oefen und neun Roͤhren, die — 196m— . in den Saͤulen verborgen ſind, erwaͤrmt wer⸗ den wird. Es waren zu der Zeit keine Pflan⸗ zen hier. Das Zimmer zu dem Muſeum iſt noch nicht fertig; der Plan dazu iſt aber treff⸗ lich. Das Zimmer zu Vorleſungen iſt ſehr ge⸗ raͤumig, huͤbſch, und geht in den Theil des Gar⸗ tens, der fuͤr die Studenten in Ordnung ge⸗ bracht iſt, unter einem gewölbten Gange. Die Pflanzen in dieſem Garten, ſind nach dem Lin⸗ neiſchen Syſtem geordnet. Die Univerſitaͤts⸗ bibliothek ſoll jetzt nicht mehr den großen Ruf verdienen, den ſie ſonſt hatte: man hat ſie in drey Zimmer vertheilt, wovon das erſte fuͤr die ſchöͤnen Wiſſenſchaften, die Geſchichte, und Ra⸗ turgeſchichte beſtimmt iſt; das zweyte fuͤr Mis⸗ cellaneen, ward der Univerſitaͤt von dem vori⸗ gen Köͤnige eingeraͤumt; und in dem dritten befinden ſich die Schriften der Theologie, In⸗ risprudenz und Medicin. Dieſe Bibliothek iſt zu verſchiedenen Zeiten durch die literariſchen Sammlungen derjenigen Laͤnder, deren ſich die ſchwediſchen Truppen bemaͤchtigt hatten, ver⸗ mehrt worden. Der Bibliothekar, der einige Jahr bey Sir Joſeph Banks in gleicher Eigenſchaft gelebt hatte, zeigte uns ein ſehr koſtbares Manuſkript einer gothiſchen Ueber⸗ ſetzung der vier Evangeliſten, die aus dem vier⸗ 7 .* „— 2——— 2 n—. = 197— „ ten Jahrhundert herruͤhren ſoll, auf Pergament, V ⸗ mit vielen ſilbernen und goldenen Buchſtaben,. t die mit dem Pinſel gemahlt ſind; jene ſind ver⸗ f V blichen, dieſe aber ſehr gut erhalten. Dies Buch e⸗ V machte einen Theil der literariſchen Beraubung r. von Prag, im Jahr 1648 aus, und ward vom e⸗ Grafen Koͤnigsmark an Chriſtina ge⸗ ie ſchickt; ein Hollaͤnder entwandte es dieſer Prin⸗ „. zeſſin, nach deſſen Tode es von einem guten pa⸗ . rriotiſchen Schweden fuͤr zwey hundert funfzig uf Pfund Sterling gekauft, und der Univerſitaͤt in zum Geſchenk gemacht wurde. ie Man zeigte uns einige Merkwuͤrdigkeiten, a⸗ wovon ich zur Rechtfertigung derjenigen, die 8: G ſie uns vorwieſen, ſagen muß, daß ſie ſich des⸗ ri⸗ halb ſchaͤmten, z. B. die Pantoffeln der heili⸗ en gen Maria u. ſ. w. u⸗ In einem kleinen Zimmer der Bibliothek⸗ it ſahen wir einen großen Kaſten, der doppelt en zugeſchloſſen und verſiegelt war, und die Manu⸗ 1 ie ſkripte des ſeligen Konigs enthielt; nach ſei⸗ er⸗ nem Befehl ſoll er nicht eher, als funfzig Jahr ge nach ſeinem Tode, geöffnet werden. Vermu⸗ er thungen und Erwartungen ſchweben oͤfters uͤber hr dieſem Kaſten, der ohne Zweifel eines Tages den er⸗ Schweden Memoiren von vielem Intereſſe, und einen literariſchen Schatz in die Haͤnde geben wird. Man wies uns auch einige isländiſche Manuſkripte, die uͤber acht hundert Jahr alt ſeyn ſollen, und mehrere lapplaͤndiſche Abhand⸗ lungen. Wie wunderbar, daß Literatur in Ge⸗ genden gebluͤhet haben ſollte, welche die Sonne ſelten erwaͤrmt. In einer der mineralogiſchen Sammlungen, die von der des Herrn Aftzelius getrennt war, gewaͤhrten uns einige durchſichtige Agate, die Fliegen enthielten, viel Vergnuͤgen, ſo wie auch elaſtiſche Sandſteine; unverbrennbarer Beutel von Asbeſt; ein Mineral, welches man in den Eiſenminen von Dannemora gefunden; ei⸗ nige ſchoͤne Cryſtalle und andere ſeltene Stuͤcke, die man uns mit der groͤßten Hoͤflichkeit zeigte, und Aufklaͤrungen daruͤber gab. Die Anzahl der Studenten betraͤgt gegen tauſend, die nach ihrer Lage und Neigung in der Stadt wohnen und ſich in die Koſt geben; gewoͤhnlich haben ſie einen ſchwarzen Anzug ohne Aermel. Wir vergaßen durch ein nicht erklaäͤrbares Mißverſtaͤndniß, Empfehlungsbriefe an die Uni⸗ verſitaͤt mitzubringen, die man uns in Stockholm anbot; da indeß ein Profeſſor, der mit uns in der Domkirche war, bemerkte, wir waͤren Eng⸗ länder, ſo machte er auf das hoͤflichſte, daß wir ee * —— 199— 8 alles dasjenige ſahen, was unſerer Aafmerkfame keit werth war. Die Einnahme dieſer Univerſitaäͤt, der erſten. 2 im Rorden Europens, iſt nicht groß; ein Gluͤkk pvuͤrde es fuͤr dieſe gelehrte Anſtalt ſeyn, wenn es mehr Mode waͤre, ihrer Fuͤrſorge die Soͤhne von wohlhabenden Leuten und Adlichen anzuver⸗ trauen; ein ſolcher Schutz fehlt ihr. Die Auf⸗ merkſamkeit, womit man uns dort aufnahm, und die durch unſere eigne Vergeſſenheit zufaͤllig wurde, hat bey mir ejnen immerwährenden Ein: 4 druck der Achtung hinterlaſſen, die man den Englaͤndern erzeigt. Nur dadurch, daß wir unſer Vaterland ver⸗ laſſen, ſind wir am beſten im Stande, den Werth deſſel ben zu ſchaͤtzen; jeder Englaͤnder, der aus ehrenvollen Beweggruͤnden heraus gehet, wird 3 in untergeordneter Repraͤſentant deſſelben, und ſollte ſich davor entſetzen, einen Namen zu be⸗ . ſchmutzen, der aller Orten in Achtung ſteht. Die Bevoͤlkerung Schwedens, Finnland mit eingeſchloſſen, nimmt ſchnell zu; man verſichert, ſie ſoll uͤber drey Millionen Seelen betragen. Schweden zieht ſeine Einnahmen aus der Kopf⸗ ſteuer, ungefaͤhr einen Schilling drey Pfennig zahlt jede Perſon, mit gewiſſen Ausnahmen; ferner aus den koniglichen Domainen, von den 8 —— ſchwediſchen Poſtpferde auch gegen Haͤrte und — 200— Fenſtern, Pferden, Waͤgen, uͤberfluͤſſigen Be⸗ dienten, Uhren, vom Rauch: und Schnupftabak, von den Abgaben auf Exporten und Importen und abgezogenen Waͤſſern, von den Minen und den Schmieden, von einem Theil der großen Zehnten, von Abzuͤgen von Gehaͤltern, von Pen⸗ ſionen und Stellen, ſo wie auch aus dem Mo⸗ nopol des Salpeters. Man ſagt, die Herings⸗ fiſcherey ſey ſehr in Abnahme. Das Tuch aus⸗ genommen, fanden wir in Schweden alles wohlfeil. Neuntes Kapitel. Die ſchwediſchen Bauern„gehen warlich nicht ſo barmherzig mit ihren Pferden um, als ihre Nachbarn, die Daͤnen. Allein die fuͤrſorgende und edelmuͤthige Natur, die die Grauſamkeit des Menſchen gegen den Eſel vorausſah, ſeine Seiten daher mit dem dickſten Felle verſah, ſein Temperament geduldig machte, und ihn zufries, den ſich von Diſteln zu naͤhren lehrte, ſcheint die — 201= Vernachlaͤſſigung ausgeruͤſtet zu haben. Oef⸗ ters habe ich wahrgenommen, daß, nachdem ſie uns eine lange Station gezogen hatten, ſie nur hie und da mit einigen kleinen Stuͤcken harten Brods gefuͤttert wurden, welches der Fuͤhrer von einem Zirkel abbricht, der ihm gewoͤhnlich uͤber ſeinen Schultern haͤngt. Waͤhrend dieſer Reiſe, als auch gleich bey den erſten Schritten, die ich in dieſem Lande that, freute ich mich oöͤfters uͤber die große Aehnlichkeit des ſchwe⸗ diſchen und engliſchen, z. B. in folgenden Wor⸗ ten: god dag, good day; farvel, farewell; ef- ter, after; go, go; vel, well; hott, hat; long, long; eta, eat; fisk, fish; peppar, pepper; salt, salt; vinn, wine; liten, little; tvo, two; 86 out, go out; Streum, river; rod, red u. ſ. w. Die ſchwediſche Sprache, die von der go⸗ thiſchen abſtammt, hat zwey verſchiedene Aus⸗ ſprachen; eine naͤmlich, worin jeder Buchſtab ſo gehoͤrt wird, wie er geſchrieben iſt, wird bey Reden angewandt; die andere, welche die Ge⸗ wohnheit zum gewoͤhnlichen Gebrauche beſtimmt hat, hat viele Abkuͤrzungen, und weicht, wie nir ein unterrichteter Schwede ſagte, von den Regeln der Grammatik ab. Die Sprache iſt ſehr wohl lautend; ſie ſetzt, ſo wie die daͤniſche, den Artikel an das Ende des Nennworts, ſo wie dies der Fall in den meiſten ältern Spra⸗ chen iſt, nicht aber im engliſchen und deutſchen, z. E. the man, der Mann, ſchw. Mannen. Einige National⸗ Lieder ſollen ſehr angenehm ſeyn, und wahren poetiſchen Geiſt enthalten. In Anſehung der neuern Dichter redet man in Schweden mit Entzuͤcken von Dalin; und unter den aͤltern von Stiernhielm, der un⸗ ter der Regierung von Gustaph Adolph bluͤhete, und, was wunderbar genug iſt, der groͤßte Mathematiker und⸗ Dichter ſeiner Zeit war. Vielleicht war es das Leben jenes ſon⸗ 8 derbaren Mannes, welches zu dem naͤrriſchen ſatyriſchen Gedichte„die Liebe der Triangel 1 Veranlaſſung gegeben rhat. Die hoͤhern Stände ſind in Schweden ſehr unterrichtet und gebildet. Da man in jedem Kirchſpiel eine öffentliche Schule findet, ſo lie⸗ ſet beynahe jeder Bauer, und viele Bauern⸗ ſoͤhne werden aus dieſen Schulen auf die Uni⸗ . verſ zu Upſala geſandt. s ich in den Straßen von Stockholm unal ging, gerade nach meiner Ruͤckkunft von Upſala, war ich Zeuge von einem Vorfall, der deutlich zeigte, daß das augeborne Gefuͤhl der Unterwuͤrſigkeit gegen die Geſetze, die Auf⸗ ſicht uͤber ihre Uebertreter mehr ſichern wird, — “ — als Wachen und Kerkermeiſter; und man muß geſtehen, daß die Schweden ſich mehr als ir⸗ gend ein anderes Volk unter dem Einfluß deſ⸗ ſelben beſinden. Als ich um eine Ecke ging, holte mich ein roher flachskoͤpſiger Landmann ein, der, wie es ſich nachher zeigte, nie vorher in der Stadt geweſen, und auf einem Bauer⸗ wagen, einen recht ſtarken vergnuͤgt ausſehen⸗ 4 den Kerl fuhr, an deſſen Haͤnden ſich ein paar große ſchwere Handſchellen befanden, und deſ⸗ V ſen Bein’ an einige kleine Stuͤckchen von dem 5 Holze des Bodens des Fuhrwerks angekettet war. Es ſchien, daß ſich ſowohl der Fuhrmann als der Verbrecher auf dem Wege an Brandte⸗ wein guͤtlich gethan hatten; und keiner derſel⸗ ben war weder ganz nuͤchtern noch traurig. Der Gefangene, der wegen ſeiner beſondern Groͤße und Staͤrke, leicht, nach meiner Ueber⸗ zeugung, den Bauer mit ſeinem an den Haͤn⸗ den befindlichen Eiſe en haͤtte niederſchlagen, wenn er dies gewollt haͤtte, und auf dieſe Art ent⸗ fliehen koͤnnen, ſaß ganz behaglich und machte ſich ein Vergnuͤgen daraus, von Zeit zu Zeit ſeinen Fuhrmann zu kneifen, worauf dann im⸗ mer ein Spaß und herzliches wechſeltiges Ge⸗. läͤchter folgte. Auf ſolche Weiſe fuhren ſie durch die Stadt, und der Dieb wieß dem Fuhr⸗ „ ————— — —õ—õ— —— — 8 3 f = 204=— mann den Weg nach dem Gefängniſſe ſo ver⸗ gnuͤgt, als wenn er nach einem Hauſe gegan: gen waͤre, wo ein Gaſtmahl gegeben wuͤrde. Ich habe verſchiedene Gefangene geſehen, die von einer Stadt zur andern gebracht wurden, in einer aͤhnlichen Lage von offenbarer Unge⸗ wißheit: Sie hatten aber alle das Anſehen, ſehr wenig deshalb bekuͤmmert zu ſeyn, wenn ſie nicht ſelbſt froͤh Aich waren. Ende des erſten Theils. — ———— ——. ———— ——jn—,—