Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei⸗ Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3. 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mt. 59 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Hanſen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— Leben und Sitte im Morgenlande, auf einer Reiſe von Konſtantinopel durch das griechiſche Inſelmeer, Aegypten, Syrien und Palaͤſtina geſchildert von J. Carne; nebſt einem Anhange uͤber Griechenland. Aus dem Engliſchen überſetzt und mit Zuſätzen begleitet von W. A. Lindau. Dritter Theil. —— Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 1826. * * . — ˖ — Vorworz. Wir begleiten den Verfaſſer in dieſem Theile bis zu ſeiner Abreiſe aus Syrien. Er begab ſich von Beirut uͤber Cypern und Rhodus nach Morea, wo er ſich laͤngere Zeit aufhielt. Seinen Bericht von dieſer Reiſe wird der naͤchſtens er⸗ ſcheinende vierte Cheil liefern. Dresden, im October 1826. —“ — Inhß a l zes dritten Theiles. Seite XVI. Abreiſe von Jeruſale.......... 1 XVII. Damaſchk.... XVIII. Reiſe nach Balbek.. XIX. Der Druſenfürſt. Lady Stanhope. „...„ . 40 ..... 990 Zufätze und Anmerkungen. I. Reiſe nach Palmyra. II. Uber die Araber ⸗ -*.„. *. * 2*.**. 105 III. Bemerkungen über den Islam... 116 „„ IV. Annerkungen zum erſten und zweiten Theile.„129 — 5)) 8&—½———,—’ ₰ᷣ— XVI. Abreiſe von Jeruſalem. — Wi hatten uns vorgenommen, eine Reiſe nach Damaſchk zu machen, aber der Stadtgebieter zu Je⸗ ruſalem, der wegen des, zwiſchen den beiden Statt⸗ baltern ausgebrochenen Krieges die Straße fuͤr zu gefaͤhrlich hielt, legte uns mancherlei Hinderniſſe in den Weg. Nach einem Aufenthalte von drei Wo⸗ chen verließen wir endlich die heilige Stadt, ſchlu⸗ gen wieder die Gebirgſtraße nach Ramla ein, und als wir eine Nacht in dem katholiſchen Kloſter zu⸗ gebracht hatten, erreichten wir am naͤchſten Morgen Jaffa. Der Conſul Damiani nahm uns wieder gaſtfreundlich auf, und zum Gluͤcke fanden wir im Hafen eine Barke, die am folgenden Morgen nach Aka(Aere) ſegeln wollte. Wir ſchifften uns ein, brachten die ganze Nacht auf dem Meere zu und landeten am naͤchſten Vormittage in Aka. Dieſe Stadt iſt jetzt die ſtaͤrkſte Veſte in Syrien und mit III. 1 — — 2— einer neuen Mauer umgeben. Wir mußten hier mehre Tage verweilen, um eine Gelegenheit nach Damaſchk zu erwarten, und hatten haͤufig Veran⸗ laſſung, die Wirkungen des Krieges zwiſchen den beiden Machthabern zu beobachten. Oft wurden an einem Tage vier bis fuͤnf Menſchenkoͤpfe hereinge⸗ bracht, welche die Kriegsvoͤlker des Paſchas feindli⸗ chen Irrlaͤufern, oder wenn es daran fehlte, auch wohl armen Bauern abgeſchnitten hatten. Dieſer Krieg war bloß durch Privatzwiſte veranlaßt und von der Pforte nicht gebilligt worden. Der junge Paſcha von Aka der ſich ſehr toll⸗ kuͤhn und unlenkſam zeigte, widerſetzte ſich mit Hilfe der kriegeriſchen Gebirgwohner vom Libanon dem ſaͤrkeren Paſcha von Damaſchk nacht ohne gluͤckli⸗ chen Erfolg. Er hatte ſich vorgenommen, rings um die Stadt einen tiefen und breiten Graben zu zie⸗ hen, um auf beiden Seiten eine Verbindung mit dem Meere zu eroͤffnen. Dieß war allerdings aus⸗ fuͤhrbar, da die Landſpitze, worauf die Stadt ſteht, ſich ziemlich weit in's Meer erſtreckt, aber waͤre der Graben vollendet worden, ſo haͤtte er zur Verthei⸗ digung der Stadt doch auf keine Weiſe beitragen koͤnnen, da er uͤber eine halbe Stunde entfernt war, und ein angreifender Feind wuͤrde es nicht ſchwer gefunden haben, zur Nachtzeit hinuͤber zu kommen. Der Paſcha meinte jedoch, der Ort wuͤrde unbezwinglich ſein, wenn das Waſſer ihn rings umfloͤſſe, und um —ʒ; — 3— dieſen Zweck zu erreichen, mußten alle Bewohner der Stadt vom Morgen bis zum Abend arbeiten. Man ſah die Soldaten durch die Straßen ziehen, wo ſie die Muͤſſiggaͤnger mit Schlaͤgen antrieben, an der Arbeit beim Graben zu helfen. Die Stadt war beinahe leer, und als wir eines Tages hinaus gingen, fanden wir Leute aus allen Staͤnden, reiche Maͤnner, Kaufleute und Dienſtboten, die mitten unter den Aermern bis an's Kinn im Graben ſtan⸗ den, und deren jeder einen Weidenkorb in der Hand hatte, den er mit Erde fuͤllte, um ſie uͤber den Rand des Grabens zu werfen. Andre mußten gra⸗ ben, und Frohnvoͤgte fuͤhrten die Aufſicht uͤber Alle. Um Mittag wurde Jedem Brot und Waſter gereicht, und bei Sonnenuntergange ließ man Alle in die Stadt zuruͤckgehen. Wir wanderten eine Strecke weit, und ſtanden unter Palmen, um die Arbeiter heimkehren zu ſehen. Die Wohlhabendern kamen zuerſt und die Aermern folgten, und man ſah un⸗ ter beiden Klaſſen mehre Leute ohne Naſen und Oh⸗ ren, die Opfer von Dſchezzars Grauſamkeit gewor⸗ den waren.*) Die Gebirgwohner, die man zu die⸗ ſer Frohnarbeit gezwungen hatte, kamen zuletzt und ſangen froͤhlich ihre heimiſchen Lieder. Man ſchloß die Stadtthore hinter ihnen, um ſie am naͤchſten Morgen wieder zu ihrem Tagwerke zu rufen. *) S. Anaſtaſius, Theil 6. S. 68— 69. 1* — 12— Der Paſcha Selim iſt Dſchezzars zweiter Nach⸗ folger. Man erzaͤhlte unzaͤhlige Beiſpiele von Dſchez⸗ jars Grauſamkeit. Er ſchien ſeine groͤßte Freude im Zerſtoͤren zu finden, hat aber die ſchoͤnſte Moskee und das ſchoͤnſte Badehaus in Syrien gebaut. Bei der Moskee ſieht man viele herrliche Palmen und einen ſchoͤnen Brunnen. Er war ein ſtrenger Anhaͤnger des Islam, ermangelte nie, taͤglich zweimahl die Moskee zu beſuchen, und ſtarb endlich, achtzig Jahre alt, in Frieden auf ſeinem Bette. Die Geſchichte ſeines erſten Miniſters, eines Juden, iſt tragiſch und anziehend. Dieſer Jude war ein ungemein geſchick⸗ ter Mann, und in allen Geſchaͤften der Verwaltung des Landes ſo gut bewandert, daß Dſchezzar einen ſeltenen Schatz an ihm beſaß; aber dennoch ließ er ihm ohne alle Urſache Naſe und Ohren abſchnei⸗ den, wiewohl er ihn fortdauernd als Miniſter behielt. Suleiman, ſein Nachfolger, der nur zwei Jahre herrſchte, konnte die Dienſte des Inden nicht ent⸗ behren, und als Paſcha Selim zur Herrſchaft kam, genoß der Jude mehr Vertrauen als je.„In je⸗ nen Tagen, ſprach Anſelae, der uͤdiſche Kaufmann, der das Schickſal ſeines Freundes beweinte: wagte es kein Tuͤrke, einen Juden in den Straßen der Stadt uͤber die Achſel anzuſehen, oder ihn nur im Mindeſten zu beleidigen; aber alles iſt nun endlich ganz anders geworden.” Der ungluͤckliche Jude hatte dem neuen Paſcha einige Zeit mit ſeiner gewoͤhnli⸗ ——„—— An*e — — 5— chen Redlichkeit und Geſchicklichkeit gedient, als ſeine Feinde die Unwiſſenheit und Schwaͤche des jun⸗ gen Machthabers benutzten, und ihn uͤberredeten, daß der Jude zu lange mit der Pforte in Verbindung geweſen und zu ſehr in Naͤnken geuͤbt waͤre, um ſich nicht leicht verleiten zu laſſen, einen heimlichen Verkehr zu unterhalten und ſeines Gebieters Er⸗ preſſungen zu entdecken. Als der Miniſter wieder vor dem Paſcha erſchien, erhielt er den Befehl, in ſeiner Wohnung zu bleiben und nicht eher den Pa⸗ laſt zu betreten, bis er gerufen wuͤrde. Er gehorchte zitternd und erſtaunt, und lebte ſicher im abgeſchie⸗ denen Kreiſe ſeiner Angehoͤrigen und Freunde. Die Gewohnheit zu herrſchen aber hatte ſich ſeiner Seele zu ſehr bemaͤchtigt und das ruhige, unthaͤtige Leben machte den alten Mann ſo niedergeſchlagen, daß er es endlich wagte, wieder an den Hof zu gehen. Er warf ſich vor dem Paſcha nieder, und bat demuͤthig, ihm zu ſagen, was er verbrochen und warum er ſeine Stelle verloren haͤtte. Selim war ſehr aufgebracht, als er ihn wieder ſah, und befahl ihm, ſich augen⸗ blicklich zu entfernen. Seine Feinde benutzten den Vortheil, den er ihnen durch dieſen Schritt gege⸗ ben hatte. Als er einige Tage nachher mit den Seinigen beim Abendeſſen ſaß, meldete ihm ein Diener, daß zwei Boten aus dem Palaſte angekom⸗ men waͤren. Er wußte ſogleich, was ſie wollten, — 6— ging ruhig in ein anderes Zimmer und als man ihm auf ſeine Bitte einige Augenblicke zum Gebete vergoͤnnt hatte, ward er von den beiden Stummen erwuͤrgt, und ſein Leichnam in's Meer geworfen. „Ich kam an dem naͤchſten Abende ſprach Anſelae, aus Sidon zuruͤck, und ſah einen Leichnam, den das Meer an's Ufer geworfen hatte, und als ich naͤher kam, erkannte ich meinen Freund und Lands⸗ mann, den Miniſter, deſſen grauſamer Tod mir noch unbekannt war.“ Dieſer arme Mann begab ſich mit den Seinigen nach Beirut, unter den Schutz des Conſuls, da er glaubte, der Paſcha moͤchte es ſich einfallen laſſen, eben ſo mit ihm um⸗ zugehen, und ihm ſein Vermoͤgen zu nehmen. Dſchezzar wurde der Schlaͤchter genannt, und zwar auch darum, weil er ein ſehr ſcharfſchneidiges kleines Beil in dem Guͤrtel trug, und er machte ſich zuweilen das Vergnuͤgen, hinter einen Verbre⸗ cher oder auch— was ihm ziemlich gleichgiltig war— einen Unſchuldigen zu treten, und von hin⸗ ten einen Streich zu fuͤhren, der den Armen augen⸗ blicklich von allen Sorgen frei machte. Als Dſchez⸗ zar einſt abweſend war, um die Mekka⸗Karawane durch die Wuͤſte zu geleiten, wußte ſein Neffe, Su⸗ leiman, den Weg in's Harem zu finden. Der Pa⸗ ſcha entdeckte bei ſeiner Nuͤckkehr, was geſchehen war, zog ſeinen Dolch und ermordete mit eigener —— 4 1 — Hand mehre ſeiner Weiber.“) Die Pforte verſuchte mehrmahl, ihn aus dem Wege zu raͤumen; aber keiner der Kapidſchi Baſchi, die in diefer Abſicht entſendet wurden, durfte vor dem Paſcha erſcheinen, da dem Richterſpruche des Sultans, wenn derſelbe einmahl dem Verurtheilten bekannt gemacht worden iſt, ſelbſt die Leibwache nie Widerſtand entgegenſetzt. Er empfing ſehr hoͤflich ihre freundlichen Erkun⸗ digungen nach ſeinem Befinden und nach der Lage ſeiner Statthalterſchaft, und ſorgte dafuͤr, ſie in der Stille durch Gift aus dem Wege zu raͤumen. Wir verließen Aka, als wir endlich einen treff⸗ lichen Fuͤhrer gefunden hatten, der ſich anheiſchig machte, uns auf einem Umwege nach Damaſchk zu bringen. Unſer Weg ging uͤber eine große Ebene und am Abende kamen wir nach Ebilene, einem Dorfe, das ſehr angenehm auf einer Anhoͤhe lag, an deren Abhange viele Schafe weideten. Wir er⸗ hielten ein geraͤumiges und hohes Zimmer in der Dorf⸗ herberge und waͤhrend wir eine Pfeiſe zu unſerm Kaffee rauchten, was nach einer Reiſe die groͤßte Er⸗ quickung gewaͤhrt, warteten wir ruhig auf unſer Abendbrot. Es dauerte ziemlich lange, ehe wir es erhielten, und wie gewoͤhnlich beſtand es aus zwei oder drei Gerichten von klein geſchnittenem Fleiſche *) Man ſehe die lebendige Schilderung dleſer Metzelei bei Anaſtaſius Band z, S. 72 ff. — 8— mit gekochtem Reiß, die auf einen ſechs Zoll hohen Tiſch geſetzt wurden. Es war Nacht. Mitten im Khan ward ein großes Feuer gemacht und mehre ſyriſche Bauern traten herein. Es wurde bald ſehr munter in der Herberge. Sie hatten einige Inſtrumente bei ſich, ein Paar Pfeifen und eine Floͤte, und mehre junge Bauern tanzten ſehr anmuthig im Kreiſe nach ihren vaterlaͤndiſchen Weiſen. Die Gruppen ſetzten ſich in ihrer leichten Tracht unter die Pfeiler, wo der Schein des Feuers ſie hell beleuchtete, oder an die Wand in den Schatten. Es war ein ſehr mahleri⸗ ſcher Anblick, aber die ſpaͤteren Stunden der Nacht ſollten fuͤr uns nicht ſo angenehm ſein. Die Land⸗ leute verloren ſich nach und nach, und ohne daran zu denken, daß wir nun in dem Gebiete der gera⸗ den Abkoͤmmlinge jener Weſen waren, die einſt die Aegypter gequaͤlt hatten, legten wir uns ruhig zum Schlafen nieder. Aber an Ruhe war nicht zu den⸗ ken und alsbald wurden wir an jedem Theile des Leibes angegriffen und gebiſſen. Veraͤnderung der Lage oder des Ortes, alles war vergebens; der alte Fußboden ſchien ſeit Jahrhunderten ihr Erbe gewe⸗ ſen zu ſein. Demetri, G's griechiſcher Diener, ein ſehr launiger und ziemlich wohlbeleibter Mann, war dieſen Angriffen beſonders ausgeſetzt, und als er ſeinen ganzen Vorrath von griechiſchen Fluͤchen und Verwuͤnſchungen erſchoͤpft hatte, floh er auf — das platte Dach des Hauſes; aber weder oben noch unten war Rettung zu finden. Mit großer Freude verließen wir das Dorf fruͤh am Tage, aber muͤde und unerquickt, und kamen bald in ein langes und uͤppiges Thal, wo wir um Mittag eine Stunde verweilten, bis wir endlich nach Tiberias aufbrachen. Einige Meilen weiter zeigt man das Feld, wo die Juͤnger Kornaͤhren abpfluͤckten und aßen. Als wir noch drei Meilen von der Stadt ent⸗ fernt waren, bogen wir eine kurze Strecke links vom Wege ab, und kamen zu dem Berge der Seligkeiten, wo Chriſtus die Bergpredigt hielt. Es iſt ein nie⸗ driger gruͤner Huͤgel, der von allen Seiten allmaͤhlig anſteigt und auf dem Gipfel mit zerſtreuten Felſen⸗ bloͤcken bedeckt iſt. Die Hoͤhe paßte trefflich zu jenem Zwecke, da zahlreiche Zuhoͤrer auf den ſanft abfallen⸗ den Seiten und ſelbſt am Fuße des Berges Platz hat⸗ ten und jedes Wort des Redners deutlich vernehmen konnten. Die Ausſicht auf den See im Thale, auf die Berge Gilboa's und Bethulig's gegen Mitter⸗ nacht, iſt ungemein ſchoͤn. Auf dem Wege nach Tiberias kamen wir auf. eine Stelle zur Linken, wo nach der Ueberlieferung die wunderbare Speiſung der Fuͤnftauſend ſtatt fand. Die Stadt TDiberias, oder Tabarieh, iſt von einer Mauer umgeben; ein ziemlich armſeliger Ort. Man findet hier keine bedeutenden Ueberreſte des Alter⸗ thums. Eine kleine und alte Kirche, zu welcher — 10— mehre Stufen hinabfuͤhren, traͤgt den Nahmen des hei⸗ ligen Petrus. Die einzige Herberge fuͤr Reiſende bietet das Haus eines Sheikh's, das man fuͤrchtet, weil es von unzaͤhligen Floͤhen bewohnt wird. Wir waren ſo gluͤcklich, ihnen zu entgehen. An der Kuͤſte, in einiger Entfernung ſuͤdlich von der Stadt, fſind warme Heilbaͤder, die viel gebraucht und ſehr geſchaͤtzt werden. Am aͤußerſten Ende des nordoͤſtlichen Ge⸗ ſtades ſollen einige Truͤmmer des alten Caper⸗ naum zu ſehen ſein. Die Stadt wird meiſt von Juden und einigen Tuͤrken bewohnt. Wir hatten Empfehlungen von dem armeniſchen Kloſter an einen reichen alten Juden, der uns zum Gluͤcke gaſtfreundlich aufnahm. Die Zimmer waren huͤbſch eingerichtet. Der Tiſch wurde Mittags und Abends mit verſchiedenen Fleiſchgerich⸗ ten und mit Wein beſetzt, und das Fruͤhſtuͤck war auf europaͤiſche Weiſe bereitet. Der alte Jude war ein Kaufmann aus Haleb, wo mehre ſeiner Soͤhne im Ucberfluſſe lebten, er aber hatte ſich in ſeinem ho⸗ hen Alter, im achtzigſten Lebensjahre, dieſes Haus, weit von ſeiner Heimat, gebaut, um am See Tibe⸗ rias zu ſterben. Die Juden haben zuweilen eine ungemein ſarke Anhaͤnglichkeit an die Schaupläͤtze des Ruhmes und der Herrlichkeit ihrer Vaͤter. Als wir laͤngs dem Geſtade wanderten, trafen wir zu⸗ weilen polniſche Juden, meiſt aͤltliche Leute, die ihre 19 oß in der Abſicht verlaſſen hatten, ihre Heimat b — — letzten Lebensjahre am See zuzubringen. Unſer freund⸗ licher Wirth hatte eine Synagoge in ſeinem Hauſe, und einen Rabbi, der ſie bediente, und ſeine Frau, die halb ſo alt war als er, und ſeine ſaͤmmtlichen Dienſtboten wohnten dem Gottesdienſte taͤglich zwei⸗ mahl bei. Am Abende unſerer Ankunft gingen wir auf dem platten Dache des Hauſes umher, um die kuͤhle Luft zu genießen. Es war Mondſchein, und der See mit ſeinem Geſtade bildete ein unbeſchreiblich ſchoͤnes Land⸗ ſchaftbild. Man erinnerte ſich jener, freilich ſo ganz verſchiedenen Nacht, wo Chriſtus auf den Wellen wandelte, ſeine Juͤnger zu befreien. Die Gegend von Tiberias bietet eine Landſchaft dar, wo die Natur noch immer ein ſo erhabenes und liebliches Bild zeigt, als in den Tagen, da der Herr mit ſeiner Gnade ſie heimſuchte. Kein Fluch ruht auf dieſen Geſtaden, wie auf den Ufern des todten Meeres, ſondern eine heilige Stille, eine hehre Schoͤnheit, die unwiderſtehlich reizend ſind. Der See iſt gegen vierzig Meilen lang und fuͤnf Meilen breit. Die Fiſche, die darin leben, ſind von dem herrlichſten Wohlgeſchmacke und haben ziemlich die „Groͤße und Farbe einer Barbe. Die Boͤte, womit man den See befaͤhrt, ſind zu gewiſſen Zeiten ploͤtz⸗ lichen Windſtoͤßen ausgeſetzt, die zwiſchen den Bergen hervorbrechen. Das Waſſer iſt ganz ſuͤß und hell. Man ſieht den Jordan am noͤrdlichen Geſtade einfal⸗ — 12— len und ſein Lauf iſt in der ganzen Ausdehnung des Sees deutlich zu bemerken. Die Bergreihe, die das oͤſtliche Geſtade bildet, iſt ſehr hoch, ihre ſteilen und felſigen Abhaͤnge aber ſind oͤde und nur auf einigen Gipfeln ſieht man zerſtreute Baͤume. Das weſtliche Geſtade, wo die Stadt liegt, iſt niedriger, aber ihre reizenden, von lieblichen Thaͤlern durchſchnittenen Berge ſind mit einem uͤppigen gruͤnen Teppiche be⸗ deckt, wiewohl faſt ganz von Baͤumen entbloͤßt. Ein Ritt an das ſuͤdliche Geſtade, wo der Jordan aus⸗ ſtroͤmt, iſt ſehr angenehm. Eine alte Bruͤcke, von welcher noch einige zertruͤmmerte hohe Boͤgen im Fluſſe ſtehen, erhoͤht die Reize der Landſchaft. Wir badeten hier im Jordan, der als ein etwa funf⸗ zig Fuß breiter Strom aus dem See flieeßt, und ſich durch ein uͤppiges und unbewohntes Thal zieht, das von nackten und hohen Bergen eingeſchloſſen iſt. Der Fluß war hier klar und ſeicht, weiter hin aber ward er bald tief und reiſſend. In der Schrift iſt von dem langen Jordan⸗Thale zwiſchen Tiberias und Jericho wenig die Rede. Es muß ſehr bevoͤlkert ge⸗ weſen ſein, da der Strom ihm eine ſo uͤppige Frucht⸗ barkeit gibt. So reizend aber die Landſchaft iſt, im Sommer iſt doch die Luft um den See truͤbe und ſchwuͤl. Es gibt indeß keine Gegend Pagalaͤſtina's, wo ein Fremdling ſich lieber anſiedeln moͤchte, da man auf den umliegenden gruͤnen Bergen die, an dem Geſtade oft druͤckende Luft nicht fuͤhlt. Wir nahmen Abſchied von dem gaſtfreien alten Juden. Er ſah, wie er uns ſagte, mit Freuden dem juͤngſten Gerichte entgegen, das im Thale Joſaphat gehalten werden ſollte, und der Wunſch, in der Naͤhe dieſes Ortes zu ſein, war eine der Urſachen geweſen, die ihn nach Tiberias gebracht hatten. Nur uͤber ſeine Landsleute ſollte das Gericht gehalten werden, alle uͤͤbrigen Menſchen aber ſollten ausgeſchloſſen ſein; eine ſehr nothwendige Beſchraͤnkung, da ſich nicht wohl begreifen laͤßt, wie ſich alle Juden in das enge kleine Thal zuſammenpreſſen ließen. Eine kleine Ab⸗ theilung tuͤrkiſcher Reiter, die gegen den Paſcha von Aka kaͤmpfen ſollte, lag vor der Stadt in Zelten. Ihre verſchiedenartige Kriegstracht und ihre ſchoͤnen Roſſe gewaͤhrten einen ſehr lebendigen Anblick. Der Nachmittag war angenehm, ohne daß die Hitze druͤckend geweſen waͤre, und wir genoſſen ſehr viel Vergnuͤgen, als wir laͤngs den Felſen amn oͤſtlichen Geſtade des Sees zogen, da die Landſchaft faſt bei jedem Schritte neue Reize zeigte. Die Berge wurden hoͤher, und ei⸗ nige Meilen vom noͤrdlichen Ende zogen ſie ſich vom See ab und umſchloſſen eine uͤppige, zwei bis drei engliſche Meilen breite Ebene. Als wir uns hier zur Linken wendeten, ward es Abend, ehe wir einen Ruheplatz fuͤr die Nacht finden konnten. Conteſini, unſer Fuͤhrer von Aka, wollte uns bewegen, in einem tiefen und feuchten Orte zu ver⸗ weilen; ein Tuͤrke aber, dem wir erlaubt hatten, uns zu begleiten, verſicherte, es waͤre ein Dorf in der Ge⸗ gend und erſtieg einen nahen Berg. Wir hoͤrten ihn bald aus einiger Entfernung rufen, und als wir ihm folgten, fanden wir ihn in einem Doͤrſchen von drei bis vier Huͤtten, die jedoch ein ſo ſchmutziges Anſe⸗ hen hatten, daß wir lieber auf als unter dem Dache ſchlafen wollten. Wir genoſſen ein ſpaͤrliches Abend⸗ brot, aber an Schlafen war nicht zu denken, da wir auf dieſer hohen Stelle eine umfaſſende Ausſicht auf den See und ſeine Ufer in der Tiefe hatten, die nun von dem unbewoͤlkten Monde erleuchtet waren. Am naͤchſten Morgen wehte ein ſehr kalter Wind; aber Kaͤlte und Nachtthau ſind weit geringere Uebel als die naͤchtlichen Quaͤler, die wir jedoch ſonſt nir⸗ gend in Palaͤſting fanden als in Ebilene. Wir ka⸗ men bald in einen wilden, ſteinigen Landſtrich, bis wir gegen Mittag den Berg Bethulia erreichten, den wir auf einem langen und ſteilen Pfade erſtiegen. Den Ruͤcken des Berges bedecken Baͤume. Auf dem Gipfel liegt die neue Stadt Safet, in deren Mitte ein hoher Felſen aufſteigt, auf welchem ſich das Schloß des Befehlhabers erhebt. Der Ort hat ein hoͤchſt romantiſches Anſehen. In mehren Straßen muß man uͤber die Daͤcher der Haͤuſer gehen oder reiten, die auf Felſenabſaͤtzen ſtehen und gleichſam im Klet⸗ tern zu wetteifern ſcheinen. Die Stadt iſt unge⸗ mein veſt, und koͤnnte der Macht des Holofernes und ⅜———öy ſeines Heeres trotzen, ſelbſt wenn die ſchoͤne Judith ihm nicht Beiſtand leiſtete. Sie erinnert lebhaft an die Beſchreibung in den Apokryphen.*) Die Hitze war druͤckend, und wir ſetzten uns unter den Schatten eines breitlaubigen Baumes in der Mitte der zerſtreuten Haͤuſer, an der Seite eines ſchoͤnen Brunnens, wo die Staͤdterinnen Waſſer hohlten, aber wir ſahen keine unter ihnen, die der Beſchreibung ihrer heldenmuͤthigen Ahnfrau geglichen haͤtte. Es war Markttag. Die Schluchten und die platten Daͤcher des Ortes waren mit Menſchen aus dem Gebirge und aus den Thaͤlern angefuͤllt, und als unſere Diener Fleiſch herbeigeſchafft hatten, ge⸗ noſſen wir unſre Mahlzeit nach altvaͤterlicher Sitte unter dem Baume an der Quelle, gegen die Hitze ge⸗ ſchuͤtzt. Der See, der wie ein ſchoͤnes Geſpenſt den Wanderer oft und lange auf ſeinem Wege verfolgt, war durch eine Oeffnung in den Bergen ſichtbar und glaͤnzte unten in der Sonne. Der Ort ſoll treffli⸗ chen Wein haben, und wir verſchafften uns auch et⸗ was, um eine Erquickung auf unſrer weitern Reiſe genießen zu koͤnnen; aber das Aufſuchen war ſehr ergetzlich, da wir zu einem Hauſe uͤber das Dach ei⸗ nes andern kommen, oder auf einem ſeeil abfallenden Wege in ein Gemach ſteigen mußten, deſſen Fenſter uͤber ſenkrechte Abſtuͤrze hinabſahen. *) Buch Judith. Gegen Abend ſtiegen wir den Berg hinab, ka⸗ men an einigen koͤſtlichen Quellen voruͤber und nach wenigen Stunden erreichten wir in einer reichen Ebene die Graͤnze zwiſchen Syrien und Palaͤſtina. Wir kamen nun auf den Schauplatz des Krieges, und es war vorſichtig zu erwaͤgen, welche Wege wir einſchlagen ſollten. Waͤhrend wir unſchluͤſſig hielten, ritten zwei wohlgekleidete Tuͤrken voruͤber, die uns verſicherten, daß der vor uns liegende Pfad bis auf eine gewiſſe Entfernung ſicher waͤre. Bald nach Anbruche der Dunkelheit kamen wir an das Ufer eines Stromes, wo eine einſame Huͤtte ſtand, die ein alter Mann mit ſeinem Sohne be⸗ wohnte. Die Nacht war kalt, und ſo ſchmutzig das einzige Gemach in der Huͤtte ausſah, wir haͤtten doch gern unſre Ruheſtaͤtte hier genommen, aber der Bauer war nicht zu bewegen, uns auftunehmen, was wir ihm auch anbieten mochten. Wir waren genoͤthigt, eine unangenehme Nacht am Ufer des Fluſſes zuzubringen, und bei anbrechendem Tage zo⸗ gen wir erkaͤltet und niedergeſchlagen uͤber die Ebene. Unſre Vorraͤthe waren erſchoͤpft, und wir hatten keine Ausſicht, unterwegs Bewirthung zu finden. Nicht weit von dem Gipfel der Berge zur Linken ſtanden einige zerſtreute Araber⸗Zelte, aber ſie lagen zu weit vom Wege ab, und es war zu zweifelhaft, ob wir eine gute Aufnahme finden wuͤrden, als daß wir ei⸗ nen Verſuch haͤtten machen moͤgen. —— ———— Nach vier bis fuͤnf Stunden erblickten wir ein arabiſches Lager, das unweit eines Baches mitten in der Ebene aufgeſchlagen war. Heerden zogen durch die reichen Weiden. Das große Zelt des Scheikh's in der Mitte zeichnete ſich aus, und wir faßten den Entſchluß, auf ihre Gaſtfreundſchaft zu bauen. Laͤngs der Reihe der Zelte kamen wir zu der Wohnung des Haͤuptlings, ſtiegen am Eingange ab und traten hinein. Die Araber nahmen uns wohlwollend und freundlich auf. Wir ſetzten uns auf einen Deppich, der den Fußboden bedeckte, und kaum war eine halbe Stunde vergangen, als gekochter Reiß, Brotkuchen und koͤſtliche friſche Butter vor uns ſtanden. Dieſe Araber ſind ein ganz anderer Menſchenſchlag als die Beduinen in der Wuͤſte, reicher, geſitteter, friedli⸗ cher, und wenn ſie mit ihren Heerden eine Zeitlang auf einer der uͤppigen und oͤden Ebenen Syriens ge⸗ wohnt haben, brechen ſie auf, und ziehen weiter, um eine friſche Weide zu ſuchen. Ihre Lager und ihre Wanderungen moͤgen ein lebendiges Bild von dem Leben der Patriarchen geben, die mit ihren Heer⸗ den, Knechten und Kamehlen wanderten, bis ſie ihre Zelte an einem Orte aufſchlugen, der Waſſer und reiche Weide hatte. Waͤhrend wir im Zelte des Haͤuptlings waren, kam ein Offizier des Druſenfuͤr⸗ ſten, der von den Arabern Kriegshilfe fodern ließ, da ſie innerhalb der Graͤnzen ſeines Gebietes wohn⸗ ten. Dieß ſchien ihnen gar nicht zu gefallen, und III. 2 ——————————— ————— ———OꝛõFUmꝛreꝛõõöyůůyÿyÿ—-——,————— — 18= ſte beſprachen ſich daruͤber, waͤhrend der Offtzier Er⸗ friſchungen zu ſich nahm. Als er ihre Antwort er⸗ halten hatte, ſtand er auf und ritt weg. Wir nah⸗ men Abſchied von den freundlichen Arabern, die es fuͤr eine Beleidigung angeſehen haben wuͤrden, wenn wir ihnen eine Vergeltung haͤtten anbieten wollen. Unterwegs hoͤrten wir oft die Pfeife der ſyri⸗ ſchen Schaͤfer auf den Bergen. Sie ſpielten die ein⸗ fachen rohen Weiſen ihrer Heimat, die ſehr lieblich klangen. Die Gegend aber, die wir durchzogen, hatte keine Reize. Gegen Abend kamen wir wieder an den Jordan, nicht weit von ſeiner Quelle, wo er nicht uͤber einen Fuß breit war. Der Lauf dieſes Fluſſes iſt faſt uͤberall ganz gerade. In der Ebene, wo man die Graͤnze zwiſchen Syrien und Palaͤſtina ziehen will, fließt er in einen kleinen See, dann in den See Tiberias und in das todte Meer, und hat kaum eine Kruͤmmung in ſeinem Laufe. Wir mußten nun einen ſteilen Berg erſteigen, auf deſſen Gipfel die Stadt Hasbeia liegt. Hier ſteiat wieder Straße uͤber Straße empor. Es iſt ein alter volkreicher Ort und das alte Schloß des großen Scheikhs ſteht in der Mitte. Wir kehrten bei einem Syrier ein, und da wir aͤußerſt muͤde waren, freuten wir uns bei dem Anblicke eines guten Feuers und der eifrigen Vorbereitungen zum Abendbrote. In dieſem Hauſe wohnten vier Bruͤder mit ihren Wei⸗ bern eintraͤchtig beiſammen. Waͤhrend der Nacht ſiel ein ſtarker Regen, der die Wege in einen furcht⸗ baren Zuſtand ſetzte. Wir brachen am naͤchſten Vor⸗ mittage wieder auf und nach einigen Stunden wurde das Wetter heller. Die Gegend, die wir durchzogen, zeigte Spuren des verheerenden Krieges. Das ſchoͤne Dorf Raſcheig, das an unſerem Wege lag; war zerſtoͤrt. Dieß war das Ergebniß eines Gefechtes, das einige Wochen vorher ſtatt gefunden hatte, und worin— fuͤnf Mann geblieben waren. Die Kriegs⸗ macht, wozu ſie gehoͤrten, ergriff die Flucht, und die Sieger verbreiteten Verheerung auf ihrem Zuge. In der großen Schlacht, die wenige Tage nach un⸗ ſerer Durchreiſe zwiſchen dem Heere des Paſcha's von Damaſchk und der Kriegsmacht des, mit den Heer⸗ haufen des Paſcha's von Aka vereinigten Druſenfuͤr⸗ ſten in der Ebene hinter uns vorfiel; ſtanden zehn⸗ tauſend Mann auf beiden Seiten, die aus der Ferne mit Flinten feuer gegen einander kaͤmpften. Als Sech⸗ zig aus Damaſchk auf dem Wahlplatze geblieben wa⸗ ren, nahm das Heer die Flucht, und haͤtten die Sieger aus Aka ihren Vortheil verfolgt; ſo wuͤrden ſie ohne große Schwierigkeit in die Stadt gedrun⸗ gen ſein. Wir brachten die Nacht in einem andern großen Dorfe zu, das gleichfalls zum Theil zerſtoͤrt war. Die Syrier erwieſen ſich immer ſehr hoͤflich gegen uns, und zeigten ſich bereit, uns alle Bequemlich⸗ 2* —ÿ — —— — ́ 8 V V keiten zu verſchaffen, die ſie geben konnten. Tritt der Reiſende in die Huͤtte eines Bauers, ſo wird alsbald ein Feuer auf dem Boden angezuͤndet. Eier ſind immer zu haben, zuweilen auch Huͤhner. Der Reiſende breitet ſeine Matratze auf dem Boden aus, und ſeine Wirthe ſind dankbar fuͤr eine kleine Be⸗ lohnung. Am naͤchſten Morgen mußten wir uͤber die Gipfel einiger Berge ziehen, welche, wie zum Theil auch ihre Abhaͤnge, mit Schnee bedeckt waren. Der ſchneebedeckte Berg Gibl Scheikh war zwei bis drei Tage lang zu unſerer Rechten ein erhabener Gegen⸗ ſtand in dem Landſchaftbilde geweſen. Am folgen⸗ den Tage brachen wir fruͤh auf, ungeduldig, die be⸗ ruͤhmte Ebene von Damaſchk zu ſehen. Ein hoher kuppelformiger Berg vor uns entzog uns ihren An⸗ blick, bis ſie ploͤtzlich, als wir um eine Felſenecke bogen, zu unſern Fuͤßen lag. Vielleicht machte der Gegenſatz der oͤden und unfruchtbaren Berge, die wir waͤhrend einige Tage geſehen hatten, die Ebene doppelt ſchön; aber wir waren von dieſem Anblicke ſo gefeſſelt, daß wir nicht ſogleich weiter ziehen konn⸗ ten. Die Kuppeln und Minarete der heiligen Stadt ſteigen aus dem gruͤnen Schooße eines Waldes von Gaͤrten und Baͤumen empor, der gegen ſechs Stun⸗ den im Umfange hat. Vier bis fuͤnf kleine Fluͤſſe durchſtroͤmen den Wald und die Stadt, hier und 1— 21— da im Sonnenlichte ſchimmernd, und um den auf⸗ fallenden Gegenſatz zu vollenden, wodurch aſiatiſche Landſchaftbilder ſich ſo ſehr uͤber europaͤiſche erheben, + war die Ebene auf drei Seiten von nackten Felſen⸗ bergen eingeſchloſſen. ——;ÿ———— —ꝛ—ꝛ—x:ꝛ3: — ———— — —— 3—„, —————— —õy-—ꝛ—x⸗⸗⸗⸗⸗⸗—⸗—⸗—xxxx————— — —— 4 1 1 1 3 —⸗—ꝛ—xꝛꝛxxxxxxꝛꝛ:PU———-õ—õ—— — 9 XVII. Damaſchk. — As wir den Berg hinabgeſtiegen waren, zogen wir eine Zeitlang durch Baumpflanzungen und Gaͤrten, ehe wir in die Stadt kamen. Wir gingen am Tage unſerer Ankunft in das ſpaniſche katholiſche Kloſter, deſſen wenige Bewohner ein ſehr bequemes Leben fuͤh⸗ ren; aber wir waren nicht nach Damaſchk gekommen, um in Kloͤſtern zu wohnen, und nach zwei bis drei Tagen verſchafften wir uns treffliche Zimmer im Hauſe eines Kaufmannes, eines Spriers, der zur griechiſchen Kirche gehoͤrte. Wir mußten uns buͤcken, um in die niedrige Hausthuͤre zu kommen, und tra⸗ ten in einen huͤbſch gepflaſterten Hof, wo wir Po⸗ meranzen⸗ und Citronenbaͤume und in der Mitte ei⸗ nen ſchoͤnen Brunnen ſahen. Zur Rechten des Brun⸗ nens war eine Woͤlbung in der Mauer, auf deren Fußboden ein Polſterſitz lag. Wir erquickten uns hier mit Kaffee und Pfeife. Aus dem Hofe kam man in ein geraͤumiges und hohes Gemach, deſſen unterer Theil mit ſchoͤnem Marmor getaͤfelt war und einen kleinen Springbrunnen in der Mitte hatte; der obere Theil war mit Teppichen und Polſtern bedeckt. Un⸗ ſer Wirth hatte ſieben liebliche Kinder, und ſeine Frau, ein junges ziemlich huͤbſches Weib, beſtand zu⸗ weilen darauf, uns bei Tiſche zu bedienen, ſo drin⸗ gend wir es verbaten. Damaſchk hat ſieben engliſche Meilen im Um⸗ fange, aber ſeine Breite ſteht nicht in gehoͤrigem Verhaͤltniſſe zur Laͤnge, die uͤber zwei engliſche Mei⸗ len betraͤgt. Die Mauern der Stadt, der aͤlteſten Stadt in der Welt, ſind niedrig und umſchließen nur zwei Drittheile ihres Umfanges. Die Straße, die noch immer„die richtige“ heißt,*) und wo, nach der wahrhaften Ueberlieferung, der Apoſtel Paulus wohnte, betritt der Reiſende, der von Jeruſalem kommt. Sie iſt gerade wie ein Pfeil, eine Meile lang, breit und gut gepflaſtert. Ein hohes Fenſter in einem der Thuͤrme auf der Morgenſeite, zeigt man als den Ort, wo der Apoſtel in einem Korbe hinab⸗ gelaſſen wurde.** Auf dem Wege nach Jeruſalem iſt die Stelle, wo das Licht vom Himmel ihn auf ſeinem Wege nach der Stadt aufhielt. Chriſten duͤr⸗ fen nicht anders als in tuͤrkiſcher Tracht in Da⸗ maſchk ſich aufhalten. Die hier wohnenden Tuͤrken, *) Apoſtelgeſch. 9, 11. **) Ebendaſ. 9, 25- die blindglaͤubigſten Muhamedaner, ſind aber in ei⸗ nigen Gewohnheiten nicht ſo ſtrenge als in andern. 3 Die Weiber genießen viel Freiheit, und man ſieht 4 ſie jeden Abend auf den ſchoͤnen Auen um die Stadt— bald geſellig umhergehen, bald am Fluſſe ſitzen. Vor⸗ nehme Frauen aber ziehen ſich mehr zuruͤck, und ſitzen, von einigen ihrer Waͤchter begleitet, in Gruppen un⸗ 6 ter den Baͤumen, um der Muſik zuzuhoͤren. Die meiſten Frauen trugen einen fliegenden weißen Schleier, den ſie aber oft von der Seite aufhoben, um ſich † Kuͤhlung zu verſchaffen, oder einem Voruͤbergehenden einen fluͤchtigen Blick ihrer Zuͤge zu goͤnnen. Wir ſahen auf vielen Geſichtern eine friſche geſunde Farbe, bei ſchwarzem Auge und Haar, uͤbrigens aber 4 keineswegs ſchoͤne Zuͤge. Weiber gewiſſer Art reiten 4 oft, wohl gekleidet und unverſchleiert, auf guten Pfeer den munter und laͤrmend durch die Straßen, unter dem Geleite eines Mannes, der ſie gegen Beleidig⸗ ungen beſchuͤtzen muß. Die umliegende Ebene liefert Fruͤchte mannig⸗ faltiger Art und von herrlichem Geſchmacke. Alles, was zur Nahrung gehoͤrt, iſt wohlfeil, und nirgend im Morgenlande findet man feineres Brot, das an jedem Morgen in kleinen leichten und ſehr weißen Kuchen verkauft wird, und beſſer als ſelbſt in Paris iſt Dieſe Kuchen mit Zuckerrahm, den man an je⸗ dem Morgen friſch in den Straßen kauft, der koͤſt⸗ lichſte Honig und arabiſcher Kaffee waren unſer taͤg⸗ — liches Fruͤhſtuͤck. Das uͤppige Damaſchk iſt nicht der Ort, wo man Buße thun kann. Die durch Wald und Obſtpflanzungen ſich windenden Pfade laden taͤg⸗ lich zu angenehmen Ritten und Wanderungen ein. Ueberall findet man Luſthaͤuſer, die zum Theil auf ei⸗ nen Tag vermiethet werden koͤnnen, zum Theil aber dem Wanderer offen ſtehen, der ausruhen, oder ſich erfriſchen will. Er ſetzt ſich unter die Obſtbaͤume oder auf den Divan, wo er die Ausſicht in den Garten genießt. Fuͤhlt er ſich geſaͤttigt, ſo darf er nur aus dem Waldſchatten hervortreten und die nack⸗ ten und romantiſchen Gipfel einiger umliegenden Berge beſteigen, wo er den heißen Strahlen der Sonne ausgeſetzt iſt, und er wird bald mit neuer Freude zu den Schattengaͤngen und Springbrunnen im Thale zuruͤckkehren. Unter den Fruͤchten, die Damaſchk er⸗ zeugt, gibt es Pomeranzen, Citronen und Aprikoſen verſchiedener Art. Man macht hier die köoͤſtlichſten Zuckerfruͤchte, worunter es auch getrocknete Roſenku⸗ chen gibt. Die beruͤhmte Roſenaue, aus deren Er⸗ zeugniſſen man den koͤſtlichen Wohlgeruch bereitet, liegt gegen anderthalb Stunden von der Stadt; ſie iſt ein Theil der großen Ebene und dicht mit Roſen⸗ buͤſchen bepflanzt, die ſehr ſorgfaͤltig gepflegt werden. Eine der beßten Torten, die ich je gegeſſen habe, be⸗ ſtand bloß aus Roſenblaͤttern. Es gibt mehre große Begraͤbnißplaͤtze in der Um⸗ gegend der Stadt. Hier ſieht man die Weiber oft in 4. 1 den Morgenſtunden, um die Todten zu betrauern. Der verſchiedenartige Ausdruck ihres Kummers war auffallend und zuweilen ſehr ruͤhrend. Eine Witwe kam, von ihrer kleinen Tochter begleitet, und als beide vor dem Grabe knieten, weinien ſie lange und bitterlich. Andere waren laͤrmend in ihren Klagen; aber der Jammer dieſer Mutter war leiſe und zerriß das Herz. Einige warfen ſich mit gellendem Geſchrei nieder, und Andere beugten ſich uͤber die Graͤber, ohne ein Wort auszuſprechen. Auf einigen Begraͤb⸗ nißplaͤtzen ſahen wir oft Blumen und Brotſtuͤcke auf den Graͤbern liegen, neben welchen ſchweigend die Verwandten ſaßen. Der große Bazar zur Aufnahme der nach Da⸗ maſchk kommenden Karawanen iſt ein edles Gebaͤude. Die ſehr hohe Decke wird von Saͤulen getragen und hat in der Mitte eine Kuppel. Ein ungeheurer Springbrunnen ziert den ſteinernen Fußboden im In⸗ nern, und ringsum ſieht man Niederlagen fuͤr ver⸗ ſchiedene Waaren. Ein daruͤber befindlicher kreisfoͤr⸗ miger Gang fuͤhrt zu mehren Kammern fuͤr die Kauf⸗ leute. Die große Moskee iſt ein ſchoͤnes und geraͤumiges Gebaͤude, aber der Reiſende darf nur im Voruͤberge⸗ hen in die Thuͤre blicken. Ihre ſchoͤne und hohe Kuppel und ihr Minaret bilden auffallende Gegen⸗ ſtaͤnde in jeder Anſicht der Stadt. Mehre Wohnhaͤu⸗ ſer ſind im Innern praͤchtig eingerichtet, aber die, gegen die Straße gerichtete Seite iſt nichts weniger als ſtattlich. Die Stadt erhaͤlt durch die zwei bis drei, ſie durchſtroͤmenden Fluͤſſe eine große Annehmlichkeit. — Die Ufer derſelben ſind meiſt mit Baͤumen bepflanzt, und leichte Bruͤcken fuͤhren hinuͤber, wo Polſerſitze fuͤr die Voruͤbergehendeu ſich befinden. Nirgend im Morgenlande gibt es ſo angenehme und kuͤhle Ver⸗ kaufplaͤtze als in Damaſchk. Man findet hier die reichſten Seidenzeuche und Goldſtoffe, Saͤbel, Mekka⸗ 9 balſam und die Erzeugniſſe Indiens und Perſiens. Nur einen Genuß, der nach Wortley Montague 1 allein fehlt, um das Leben eines Muhamedaners rei⸗ zend zu machen, kann man in Damaſchk kaum ſin⸗ den, guten Wein. Die Moͤnche im ſpaniſchen Klo⸗ ſter haben ſtarken und trefflichen weißen Wein, aber wenn ihre Guͤte den Reiſenden nicht damit verſorgt, ſo muß er ſich den Genuß verſagen. Die zahlreichen Scherbet⸗Laͤden in den Straßen geben bei ſchwuͤlem Wetter eine willkommene Erquickung. Die Verkaͤufer ſind wohl gekleidet, reinlich und ungemein höfſich. Zwei bis drei große Gefaͤße ſind ſtets mit dieſem Tranke angefuͤllt, und uͤberdieß hat man immer viel Eis zur Hand. Der Verkaͤufer fuͤllt eine Schale mit 4₰ Scherbet, der mit irgend einem Fruchtſafte gefaͤrbt iſt, ſchlaͤgt ein Stuͤck Eis oder Schnee hinein und reicht den Trank ſchnell dar. Unſere Wohnung war nicht weit von dem Thore, das zu den beſuchteſten und reizendſten Luſtgaͤngen in — — ——————— —— — — — der Umgegend fuͤhrte. Hier vereinigen ſich vier bis fuͤnf Fluͤſſe, und bilden, nicht weit von der Stadt⸗ mauer, einen großen und ſchaͤumenden Waſeerfall. Einige Kaffeeſchenke hatten hier ihre Buden aufge⸗ ſchlagen und brachten kleine Sitze unter den Baͤumen an, wo ſie uns ihren Trank und die Pfeife reichten. Wir beſuchten oft das angenehme Dorf am Fuße des Berges Salahieh. Es wurde von einem der Fluͤſſe durchſtroͤmt; beinahe jedes Haus hatte ſeinen Garten, und mitten im Dorfe ragte die Moskee mit ihrer Kuppel und ihrem Minaret uͤber dichtbelaubte Wipfel empor, hinter welchen die grauen und nackten Felſen⸗ klippen ſich erhoben. Rechts von dieſer Stelle hat man die ſchoͤnſte Anſicht der Stadt. Am Abhange des Berges erhebt ſich ein leichter Kiosk. Er ſteht dem Wanderer offen, und aus dem kuͤhlen Oberzim⸗ mer hat man eine unbeſchreiblich reiche und ange⸗ nehme Ausſicht auf die Stadt, ihre Haine, die Ebene und die Berge. Die vorliegende Ebene iſt ohne alle Einzaͤunungen und erſtreckt ſich gegen Morgen in eine unabſehbare Ferne. Der Ort, den man den Zuſammenfluß der Ge⸗ waͤſſer nennt, liegt gegen dritthalb Stunden nord⸗ weſtlich von der Stadt. Der Fluß Barrady, viel⸗ leicht der Abana der Alten, in welchen etwa eine Stunde weiter ein anderer Fluß faͤllt, theilt ſich hier in mehre Stroͤme, welche durch die Ebene fließen. Die Theilung wird durch kuͤnſtliche Vorrichtungen am — 4 ₰ ₰ — 29— Fuße einiger Felſenberge bewirkt, wo ſich dem Auge ein reizender Anblick darbietet. Die ſechs bis ſieben Fluͤſſe werden abgeleitet, um die Obſtpflanzungen und Gaͤrten, ſowohl in den hoͤhern als tiefern Gegenden, zu bewaͤſſern, bis ſie ſich endlich alle unwett der Stadt vereinigen und den ſchoͤnen Waſſerfall bilden. Die Straßen der Stadt, ausgenommen die richtige, ſind enge, aber alle gepflaſtert, und der nach Salahieh fuͤhrende, einige engliſche Meilen lange Weg hat ein nettes Pflaſter von flachen glatten Steinen und einen guten Fußpfad. Auf beiden Sei⸗ ten fließen Baͤche, die mit Baͤumen bepflanzt ſind, unter welchen man hier und da Baͤnke zur Bequem⸗ lichkeit des Wanderers angebracht hat, der zuweilen auch bei einem wandernden Kaffeeſchenk Erquickung finden kann. Die Haͤuſer der Stadt ſind einige Fuß hoch vom Boden von Mauerſteinen, uͤbrigens aber von Ziegeln gebaut. Die Bewohner kleiden ſich praͤchtiger als in irgend einer andern tuͤrkiſchen Stadt und waͤrmer als in ſuͤdlichen Gegenden, denn die Luft iſt hier im Winter oft kalt, und die vielen Waſſerſtroͤme, ſo ſehr ſie den Boden befruchten, ſollen doch die Luft zu feucht machen. Ein europaͤiſcher Arzt wuͤrde ſich hier ſehr wohl befinden, und der Franzoſe Chaboiceau, der ſeit vierzig Jahren hier lebt und nun achtzig Jahre alt iſt, ſcheint in ſehr guten Umſtaͤnden zu ſein, hat viel zu thun und iſt ſehr geachtet. Der hohe ſchneebedeckte Berg Scheikh iſt ein ſchoͤ⸗ ner und erquickender Anblick von der Stadt her .‿ Man bringt von ſeinen Abhaͤngen oft große Schnee⸗ maſſen fuͤr die Scherbetbuden und fuͤr den uͤppigen Genuß der reichern Bewohner. Jedes anſehnliche Wohnhaus hat ſeine Brunnen und in einigen Kaf⸗ feehaͤuſern gibt es Springbrunnen, die fuͤnf bis ſechs Fuß hoch ſteigen, und mit Polſterſitzen umgeben ſind. Wir verlebten hier unſere Zeit ſehr angenehm. In den Abendſtunden kamen einige Freunde unſeres Wirthes, die ſich zu uns ſetzten und ſchwatzten, und zuweilen machten wir einen Ritt in die Ebene bis an den aͤußerſten Saum der Baumpflanzungen. Man rechnet die Zahl der hier anſaͤſſigen Chriſten auf zehn⸗ tanſend, unter welchen die Anhaͤnger der griechiſchen Kirche die zahlreichſten ſind, es gibt aber auch viele Katholiken und Armenier. Die Chriſten ſcheinen hier ſehr angenehm und in ungeſtoͤrter Ausuͤbung ihres Glaubens und ihrer Gebraͤuche zu leben. Die Un⸗ duldſamkeit der Tuͤrken iſt mehr ein Wortſchall als Wirklichkeit. Wir fanden ſie im Verkehre mit ihnen immer hoͤſlich, freundlich und gaſtfrei, und nie hatten wir in ihrem Gebiete, weder in Staͤdten noch in Doͤrfern, oder ſelbſt in abgelegenen Gegend irgend eine Urſache, faͤr unſere Sicherheit beſorgt zu ſein. Sie ſind großmuͤ⸗ thig und ehrlich; Rachgier und Betrug liegen nicht in ihrem Weſen. Die Lage der Juden in Damaſchk war zu dieſer Zeit beſonders guͤnſtig. Einer aus ih⸗ — — — rem Volke war der Miniſter des Paſcha's, und ſle genoſſen die vollkommenſte Freiheit und allen Schutz. Man ſah ſie jeden Abend vor der Stadt, wo ſie ſich allerlei Zeitvertreib machten, und die Glaͤubigen ſa⸗ hen ihnen mit dem groͤßten Wohlgefallen zu. Eines Tages, als wir in den Morgenſtunden durch die Stadt gingen, hoͤrten wir mehre Kanonen⸗ ſchuͤſſe, welche die Enthauptung der beiden Anfuͤhrer ankuͤndigten, die einige Tage fruͤher in der Schlacht gegen die Kriegsvoͤlker von Aka und vom Libanon mit ihren Heerhaufen entflohen waren. Bei unſerer Ankunft in Damaſchk hatten wir die Abſicht, uns bei einem Stadtbewohner einzumie⸗ then, und man wies uns an einen ziemlich reichen Tuͤrken, der einige unvermiethete Haͤufer beſaß. Er war ein Barbier, und auch ein Beweis von der Achtung, welche Leute dieſer Art im Morgenlande genießen, wie man aus den arabiſchen Nachtmaͤhrchen erſieht. Der ſehr anſtaͤndig gekleidete alte Mann, mit einem langen Barte, ſaß immer behaglich auf ſeinem Sitze, und rauchte oder plauderte mit einem Freunde. Er wollte uns ein praͤchtiges Zimmer auf dem flachen Dache vermierhen, das reich vergoldet, mit Wurneen Nüſeſhen geziert war und eine herrliche Ausſicht auf die Stadt und die Berge hatte. Die Frau des Barbiers aber war weit eifriger im Glauben und betheuerte mit lautem Geſchrei, kein Unglaͤubiger ſollte je ihre reinen und ſchoͤnen Polſter⸗ ſitze beſudeln, und mit Bedauern erklaͤrte er uns, daß er nach einem lebhaften Streite endlich haͤtte nachgeben muͤſſen. Er erzaͤhlte dabei, daß er zur Zeit des feindlichen Einfalles der Franzoſen unter Bona⸗ parte mit vielen Andern aus Damaſchk die Waffen ergriffen haͤtte und in weite Ferne gezogen waͤre„ um zur Ehre des Profeten mit den Dſchaur zu kaͤmpfen. „Alle waren ſehr eifrig, ſprach der alte Mann, und es kam bald zum Kampfe; aber wir wurden geſchla⸗ gen und ich erhielt eine gefaͤhrliche Wunde. Als die Andern mich auf dem Nuͤckzuge mitnahmen, rief ich unter der Folter des Schmerzes aus: Was hatte ich mit den Dſchaur zu thun! Zur Hoͤlle mit der gan⸗ zen Welt!“ Die Kaffeehaͤuſer gehoͤren zu den groͤßten An⸗ nehmlichkeiten der Stadt. Mehre derſelben ſind auf eingerammte Pfaͤhle im Fluſſe gebaut. Der Fußboden eines ſolchen, auf allen Seiten offenen Kaffeehauſes erhebt ſich nur einige Zoll uͤber die Waſſerflaͤche. Das Dach wird von ſchlanken Saͤulen getragen. Auf dem Fußboden liegen unzaͤhlige kleine Sitze, die jeder an eine beliebige Stelle bringt, und ſchnell rauſcht der Fluß, deſſen Ufer mit Wald bedeckt ſind, vor unſern Fuͤßen dahin.— gibt es einige Waſſerfaͤlle, die mehre Fuß hoch hinabſtuͤr⸗ zen. Neben ihnen wachſen einige Baͤume am Ufer empor, und das ſtete Rauſchen des Waſſerſturzes und die rings umher verbreitete Kuͤhlung ſind eine koͤſtliche —; ——ᷓʒ́ᷓèn Erquickung an einem ſchwuͤlen Tage. Wenn zur Nachtzeit die Lampen an den ſchlanken Saͤulen an⸗ gezuͤndet werden, und Tuͤrken aus allen Staͤnden in aller Mannigfaltigkeit ihrer praͤchtigen Tracht auf dem Fußboden uͤber der Waſeerflaͤche ſitzen, welche, wie die ſchaͤumenden Waſſerfaͤlle, vom Mondlichte beleuchtet wird, und nun die Toͤne der Muſik er⸗ ſchallen, waͤhnt man, daß hier, wenn irgendwo, die Zauber der arabiſchen Nachtmaͤhrchen verwirklicht werden muͤſſen. Dieſe kuͤhlen und angenehmen Oerter waren taͤg⸗ lich unſer liebſter Aufenthalt. Man beſucht ſie zu allen Stunden des Tages. Einige Kaffeehaͤuſer ha⸗ ben cine etwas andere Einrichtung. Eine niedrige Galerie trennt die Flaͤche des Bodens von dem Waſſer, Springbrunnen ſpielen auf dem Fußboden, wo man Polſterſitze findet, und nie fehlt es an Mu⸗ ſik und Tanz. Außer der Pfeife und dem Kaffee bringt man dem Gaſte einige koͤſtliche Scherbet⸗Arten, und legt auch Obſt in das dargereichte Gefaͤß. Mit⸗ ten in dem Fluſſe, der um ein ſolches Kaffeehaus rauſchte, lag ein gruͤnes und baumreiches kleines Ei⸗ land, wo man ſtundenlang ſitzen koͤnnte, ohne ſeinen Platz veraͤndern 3 en. Die Maͤhrchenerzaͤhler kommen oft in dieſe Kaffeehaͤuſer. Sie pflegen ihre Erzaͤhlungen mit der Guitarre zu begleiten. Die Ausgezeichnetſten unter ihnen ſind Araber. Es gibt auch einige kleine Kaffeehaͤuſer von höherem Range, III. 3 wo vornehme Tuͤrken oft nach Gaſtmahlen den Tag zubringen. Wir beſuchten das katholiſche Kloſter an einem Tage, wo ein Sohn des Paſcha's mit zahlreichem Gefolge kam. Er beſah die wenigen Merkwuͤrdig⸗ keiten des Ortes, und als er ſeine Blicke auf zwei große ſilberne Becher warf, waren die Moͤn⸗ che lebhaft beſorgt, er moͤchte Gefallen daran fin⸗ den. Einer ſeiner Begleiter, ſein Lehrmeiſter, machte Stegreif-Verſe zum Lobe des Kloſters, die er dem Vorſteher uͤberreichte, aber ſie waren albern genug. Unter den Moͤnchen war ein ſehr wohlbeleibter und eifriger alter Mann, der ungemein viel Luſt hatte, Michael zu einem guten Katholiken zu machen. Er lud ihn eines Abends in ſeine Zelle ein, und als er eine koͤſtliche Herzſtaͤrkung auf den Tiſch geſtellt hatte, begann er mit großem Eifer uͤber die Irrthuͤmer der griechiſchen Kirche zu ſprechen, in welcher Michael aufgewachſen war. Mit großem Beifall hoͤrte Mi⸗ chael zu, und als die Flaſche faſt zu gleicher Zeit mit dem Geſpraͤche erſchoͤpft war, machten beide den MNiͤnch nicht wenig ſtolz auf ſeine Beredſamkeit, da Michael es nicht an Thraͤnen bun fehlen laſſen. Der Paſcha von Damaſchk war mild und men⸗ ſchenfreundlich, und das Volk ſchien unter ſeiner Re⸗ gierung ſehr gluͤcklich zu ſein; bei dem herrſchenden Grundſatze der Pforte aber, dieſe Beamten nach Verlauf von drei Jahren abzurufen, konnen die gu⸗ ten Wirkungen der beßten Verwaltung unmoͤglich dauernd ſein. Es gibt keine Schauſpiele, keine oͤf⸗ fentlichen Vergnuͤgungen irgend einer Art in Da⸗ maſchk. Die Pilgerfahrt nach Mekka muß ſchon in dieſem Leben eine Wohlthat fuͤr die Tuͤrken ſein, wenn ſie ihrem Geiſte auch nur eine lebhafte An⸗ regung und ihnen Veranlaſſung gaͤbe, in ihrem gan⸗ zen ſpaͤtern Leben daran zu denken und davon zu ſchwatzen. Es iſt ein auffallender Beweis ihres Ge⸗ horſams und ihrer Achtung gegen das Geſetz des Profeten, daß ſie bei einem ſo unthaͤtigen Leben, wovon ſo viele Stunden den Andachtuͤbungen ge⸗ weiht ſein muͤſſen, doch zwoͤlfhundert Jahre haben beſtehen koͤnnen, ohne die mindeſte Neigung zur Ab⸗ goͤtterei zu verrathen und ohne daß ihnen ihr Glaube den mindeſten Sinnenreiz gegeben haͤtte. Welcher Gegenſatz zwiſchen der Gemuͤthsart und den Lebens⸗ gewohnheiten des Tuͤrken und des Juden! Der Eine beſaß die Kenntniß des wahren Glaubens, der Andere nur eine Nachbildung deſſelben; beide aber zogen mit dem Erobererſchwerte unter abgoͤttiſche Voͤlker, beide erhielten die feierliche Warnung, dem Beiſpiele der⸗ ſelben nicht zu folgen— und wie verſchieden war der Erfolg! Es gibt mehre milde Stiftungen in Damaſchk, die den Armen Nahrung und den Kranken Arzneien reichen. Eine dieſer Anſtalten iſt ein geraͤumiges und praͤchtiges Gebaͤude.— Die vornehmen Tuͤrken 3* ——⁴,⁴ äü ———Q—x—xxx:— — 9 — 36— machen ſehr gern Ritte in ihren herrlichen Ebenen, die gegen Morgen ſich in eine ſchoͤne Aue ausdeh⸗ nen. Luſtwandeln iſt hier weit gewoͤhnlicher als in den Hauptſtaͤdten Aegyptens und der europaͤiſchen Tuͤrkei, ohne Zweifel weil die Spaziergaͤnge um die Stadt ſo reizend ſind. Gegen Nordweſt erhebt ſich der ſchoͤne und einſame Berg Aſchlun. An ſeinem Fuße laͤuft die Straße nach Palmyra, deſſen Truͤm⸗ mer wir gern beſucht haͤtten, wenn wir nicht durch einige wichtige Hinderniſſe waͤren abgehalten worden. Viele hohe Palmen und Cypreſſen verſchoͤnern die Ebene um Damaſchk, beſonders im Dorfe Salahieh, wo wir einige Stunden in einem ſchoͤnen Hauſe zu⸗ brachten, das der reiche Eigenthuͤmer auf einen Tag an Fremde vermiethete. Der große Saal war ſchoͤn eingerichtet und oͤffnete ſich in einen reizenden klei⸗ nen Garten, wo ein reißender Strom Kuͤhlung ver⸗ breitete. Die Fenſter hatten die Ausſicht auf die Ebene und die Stadt. Einige Haͤuſer haben einen ſolchen Ueberfluß von Waſſer, daß in den Gaͤrten ſchoͤne kleine Behaͤlter gefuͤllt werden koͤnnen, deren RNand zierlich ummauert und beſchattet iſt, und in welchen Springbrunnen hinabplaͤtſchern. Ein Reiſender kann hier ein gutes und huͤbſches Haus fuͤr einen geringen Zins miethen, und er wird finden, daß ihm dieß den bequemſten und angenehm⸗ ſten Aufenthalt verſchafft. Die groͤßte Unannehmlich⸗ keit aber iſt hier, wie in den meiſten morgenlaͤndi⸗ . . „ ſchen Staͤdten, der Mangel an Geſellſchaft. Bei ei⸗ nem Beſuche von einigen Wochen mag man dieß nicht fuͤhlen, bei einem jahrelangen Aufenthalte aber, wovon es einige Beiſpiele gibt, muß ein Menſch an Leib und Seele ganz morgenlaͤndiſch werden. Aber wer koͤnnte das herrliche Klima und die Landſchaft⸗ bilder des Morgenlandes verlaſſen, ohne in die be⸗ redten und gerechten Klagen einzuſtimmen, die Ana⸗ ſtaſius ausſtieß, als er den letzten Blick auf ſie warf, ehe er nach Europa abſegelte, um ſie nie wie⸗ der zu ſehen.) Auch moͤgen jugendliche Eindruͤcke dazu beitragen, daß eine Reiſe im Morgenlande im⸗ mer ſo lebhafte, ſo romantiſche Erinnerungen zu⸗ ruͤcklaͤßt. Der Uebergang aus einem Garten in die Wuͤſte; die Ruhe im Schatten eines Zeltes mitten in einer traurigen und brennenden Ebene; die ein⸗ ſame Quelle und Palme; der freundliche Empfang in der Wuͤſte, und die Gebete, welche ihre Bewoh⸗ ner in der ſtillen Landſchaft zum Himmel ſenden— dieß ſind die warmen lebendigen Bilder, die unſere junge Seele erfreuten, und die einzigen, welche die Natur in der Urzeit dem Menſchen und den Guͤnſt⸗ lingen des Himmels, den Patriarchen und Profeten, darbot. Die Araber, die Damaſchk beſuchen, baben ein mahleriſches Anſehen. Wir begegneten einſt einem 9) S. Band z, S. 189— 1¹90. Zuge von Haͤuptlingen, die aus den Wuͤſten gekom⸗ men waren, um dem Paſcha einen feierlichen Beſuch zu machen. Sie waren gut beritten und meiſt ſchlanke Menſchen, mit ausdruckvollen Zuͤgen und durchdrin⸗ genden ſchwarzen Augen. Sie trugen Maͤntel von Baum wollenzeuche mit bunten Streifen, und leichte gelbe Turbane, aber ſie ſchienen nicht ganz in ihrer Rolle zu ſein, und ſahen aus, als ob ſie lieber ei⸗ nen Angriff auf die Stadt gemacht als dem Paſcha einen feierlichen Beſuch abgeſtattet haͤtten. Man ſieht die Weiber oft auf dem Bazar. Alle tragen einen weißen Mantel, der zugleich den Ober⸗ theil des Kopfes wie eine Kappe bedeckt, und Schuhe mit Pantoffeln. Wie bei den Maͤnnern, iſt es auch bei ihnen Sitte, die Pantoffeln in den Schuhen zu tragen, die man immer vor der Thuͤre eines Zimmers auszieht; zuweilen aber haben ſie auch kleine Stie⸗ feln von gelbem Leder. Sie ſehen in den Straßen nicht ſo ſcheußlich aus, als die Weiber in Stambul und Kahira. Das kurze Unterkleid iſt oft reich ge⸗ ſtickt, und im Winter von Tuch mit einer Pelzein⸗ faſſung, ſelbſt um die Handgelenke. Die Beinklei⸗ der, die ohne Ausnahme zum weiblichen Anzuge ge⸗ boͤren, ſind von Seide, und ſeltſam verziert oder mit Flittern beſetzt. Eine Binde beveſtigt ſie um das Unterkleid, das vom Obergewande bedeckt wird, Blaue Augen findet man nie bei den Tuͤrkinnen. Gewoͤhnlich laſſen ſie einige ihrer rabenſchwarzen Locken —— — — 39— unter dem Turban hervorfallen. Sie haben reizend kleine und weiße Haͤnde, die mit Ringen geſchmuͤckt ſind, und tragen auch um die Handgelenke Armbaͤn⸗ der. Der Buſen wird nie gehoben. Ihr Anzug ver⸗ birgt zwar viel von dem Ebenmaße und der Schoͤn⸗ heit der Geſtalt, gibt aber ein großartiges und hehres Anſehen, beſonders der zierliche Kaſchmir⸗Turban, deſſen Wirkung die europaͤiſchen Frauen, wenn ſie einen beſitzen, gewoͤhnlich ſtoͤren, weil ſie ihn nicht aufzuſetzen wiſſen. Wir entſchloſſen uns endlich, Damaſchk zu ver⸗ laſſen, um Balbek's Truͤmmer zu beſuchen, und als wir von dem gaſtfreundlichen Hauſe, dem wir ſo viele angenehme Stunden verdankten, Abſchied ge⸗ nommen hatten, brachen wir mit einem Wegweiſer und Pferden in einer fruͤhen Morgenſtunde auf, und nahmen unſern Weg zu den Bergen auf der Nord⸗ feit der Stadt. 1 b ——— —————:’—————— XVIII. Reiſe nach Balbek. — Wr verweilten auf dem Gipfel des Berges, um einen Abſchiedblick auf die beruͤhmte Ebene zu werfen, die zu unſern Fuͤßen lag, und zogen dann durch ei⸗ nen oͤden Landſtrich voran, bis wir zu einer Stelle kamen, die von zwei Stroͤmen bewaͤſſert und von Baͤumen beſchattet war. Die Bewohner der Stadt begeben ſich oft in dieſe uͤppigen Zufluchtoͤrter. Nach⸗ her wand ſich der Weg durch wilde und felſige Berg⸗ ſchluchten, und am ſteilen Ufer eines reißenden Stro⸗ mes, bis wir gegen Abend in eine Ebene kamen, und die Nacht in einer Bauerhuͤtte zubrachten. Der naͤchſte Tag war ungemein ſchoͤn, und wir ſetzten unſern Weg froͤhlich fort. Das Land bot eine an⸗ genehmere Anſicht dar, als am vorigen Tage, und zahlreiche Huͤtten waren in den Landſchaften zer⸗ ſtreut. Bald nach Sonnenuntergange kamen wir nach Zibolane, einem großen ſchoͤn gelegenen Dorfe, das 2 von Waͤldchen umgeben war und von einem Fluſſe durchſtroͤmt wurde. Wir nahmen wieder bei einem Landmanne unſer Nachtlager. Man breitete die beßte Matte fuͤr uns auf dem Fußboden aus. Das Feuer brannte hell und luſtig mitten im Gemache. Huͤhner und Eier waren eine gute Abendmahlzeit, worauf Kaffee und Pfeife folgten, und die uͤppigen Genuͤſſe in Damaſchk hatten uns nicht ſo verwoͤhnt, daß wir gegen dieſe einfache und freundliche Be⸗ wirthung gleichgiltig geweſen waͤren. Demetri, G's Diener, war ein blindglaͤubiger Grieche, und ſeinem Vaterlande treu, obgleich ein ziemlich arger Schelm und ein großer Luͤſtling. Er betete jeden Abend zu der heiligen Jungfrau, wobei er viele Kreuze machte, die nach griechiſcher Sitte vom Kinn nach der Mitte des Leibes gezogen wur⸗ den. Es war der ſtete Inhalt ſeiner Gebete, daß die heilige Jungfrau ihm Eſſen und Trinken in Fuͤlle geben und eine gluͤckliche Heimkehr zu den Seinigen verleihen moͤchte. Am dritten Tage kamen wir zu den Truͤmmern Balbek's, die der Reiſende, der von Damaſchk kommt, nicht eher ſieht, bis er vor ihnen ſteht. Das nahe Dorf iſt ſehr armſelig, und hat nur einige hun⸗ dert Bewohner, aber doch eine Moskee und ein Mi⸗ naret. Dieſer Ort lag gerade auf der Graͤnze der Gebiete der beiden ſtreitenden Machthaber, und war keinem von beiden unterworfen. Wir gingen zu der elenden Wohnung eines griechiſchen Prieſters, der ein wahres Jammerbild war und in dieſem abgelege⸗ nen Orte die Seelſorge uͤber etwa hundert und funf⸗ zig Chriſten fuͤhrte. Er zog einen Schluͤſſel aus der Taſche und oͤffnete ein oͤdes und dunkles Zim⸗ mer, das einige Schritte von ſeiner Wohnung ent⸗ fernt war. Wir wollten den Tempel beſuchen, als wir auf halbem Wege von dem Scheikh des Dorfes angehal⸗ ten wurden, der uns nicht weiter gehen laſſen wollte, ehe er wuͤßte, wer wir waͤren. Wir gingen zuruͤck, und bald nachher kam er mit einem bewaffneten Kriegs⸗ manne in des Prieſters Wohnung, um welche ſich viele Landleute verſammelt hatten. Der Scheikh fo⸗ derte Geld fuͤr die Erlaubniß, die alten Bauwerke zu ſehen, und nach langem Gezaͤnke und heftigen Drohworten von ſeiner Seite wurde die Summe auf zwanzig Piaſter herabgeſetzt. Als er ſein Geld er⸗ halten hatte, ging er weg und beunruhigte uns nicht mehr. Die Sonne ging hinter dem maͤchtigen Tempel und den umliegenden Bergen mit unbeſchreiblicher Herr⸗ lichkeit unter. Die Kette des Anti⸗Libanon vor uns war mit Schnee bedeckt, und die wilde und ſchoͤne Ebene lief bis zu ſeinem Fuße in eine unabſehbare Ferne. Buntgefiederte Tauben flogen in Schaaren um das verfallene Gemaͤuer, an deſſen Fuß allerlei Baͤume und Blumen emporwuchſen, zwiſchen welchen —— —— *— 1 ein klarer und reißender Strom floß. Die aͤußere Mauer, welche den großen Hof des Gebaͤudes gegen Mitternacht einſchließt, iſt unermeßlich hoch, die weſtliche Mauer niedriger, weil ſie mehr verfallen iſt und in der Mitte ihrer Hoͤhe ſieht man drei unge⸗ henre, gegen ſechzig Fuß lange und zwoͤlf Fuß breite teine. Der Tempel ſelbſt iſt ungefaͤhr 180 Fuß lang, halb ſo breit, und von einer einzigen Reihe von Saͤulen umgeben, vier und vierzig an der Zahl, die gegen ſechzig Fuß hoch ſind und gegen ſechs und zwanzig Fuß im Umfange haben. Sie ſind, wie der Tempel, von einem feinkoͤrnigen hellrothen Granit, und ihre Knaͤufe korinthiſch, von trefflicher Arbeit und ſo wenig beſchaͤdigt, daß man ſich uͤber die Erhaltung dieſes praͤchtigen Tempels wundern muß. Der Hauptbalken und die Kranlleiſte ſind ſchoͤn mit Schnitzwerk verziert. Drei bis vier, vom Dache getrennte Saͤulen lehnen ſich an die Tempel⸗ mauer und auf der Morgenſeite iſt eine herrliche Saͤule in ein kleines Waſſerbecken, das aus einer Quelle neben dem Tempel gefuͤllt wird, herabgeſtuͤrzt, und nur ihr oberer Theil mit dem praͤchtigen Knauf ſtuͤtzt ſich noch an die Tempelmauer. Man kann ſich die Pracht dieſes Ganges kaum denken. Auf der Abendſeite iſt er gegen die Ebene gekehrt, und der Reiſende ſieht zu ſeinen Fuͤßen zer⸗ truͤmmerte Saͤulen, Knaͤufe und Frieſe liegen, uͤber welche er ſich dem Tempel naͤhern muß. Auf der — — 44— Nordſeite blickt man in den weiten Hof innerhalb der Mauern hinab, an deſſen Seiten man eine Neihe verfallener, ſchoͤn verzierter Gemaͤcher ſieht und zahlreiche, aber nun leere Niſchen fuͤr Bildwerke. Der ſuͤdliche Theil neigt ſich uͤber die Ouelle und das Waſſerbecken, in deſſen klarer Flaͤche e⸗ ſpiegelt. Das Innere des Gebaͤudes iſt vo⸗ Fuß lang, aber ſchmal im Verhaͤltniß zur Lange. An den Seiten der Waͤnde ſteht eine doppelte Reihe von Pfeilern, zwiſchen welchen ſich zahlreiche Niſchen befinden, wo vor Zeiten Bildwerke ſtanden. In meh⸗ ren Theilen des Tempels, rings um den Eingang und auf dem Dache des Ganges ſieht man heidni⸗ ſche Gottheiten, einen Adler mit ausgebreiteten Fluͤgeln und andere Gegenſtaͤnde trefflich gearbeitet. Die innere Decke iſt gaͤnzlich verfallen. Ohne Zweifel haben die Umwohner hier große Verwuͤſtungen angerichtet. Der Druſenfuͤrſt Fakred⸗ din*) zerſtoͤrte oder beſchaͤbigte mehre Theile dieſes Bauwerkes, als er aber ſpaͤterhin Italien beſucht und Geſchmack an der Baukunſt gewonnen hatte, beklagte er ſchmerzlich die in Balbek begangenen Entweih⸗ ungen. Die Tuͤrken haben den Tempel ohne Zwei⸗ fel als Veſte benutzt, da ſie den Mauern manche Theile angebaut und viele Spuren ihrer rohen Bau⸗ *) Siehe Theil II, S. 76. „8ͤ. , =b kunſt mit den maͤchtigen Truͤmmern des Tempels ne verbunden haben. ht Gegen hundert Fuß von dieſem Gebaͤude ſieht 8 e. man eine Reihe korinthiſcher Saͤulen, die hoͤher und d ſchlenker als die Saͤulen an der großen Tempelhalle Die ſtehen allein auf einer Anhoͤhe und ihre. . naaͤufe und Hauptbalken ſind noch unbe⸗ e. iidd jetzt nur noch ſechs Saͤulen uͤbrig, he die einen ungemein ſchoͤnen Anblick darbieten. Auf en ihnen ruht der letzte Blick der Sonne, wenn ſie h⸗ hinter den Truͤmmern untergeht; und ſieht man die g ſchlanken dunkelrothen Schaͤfte aus einiger Entfern⸗ i⸗ ung in dem purpurnen Lichte auf der einſamen en Hoͤhe, ſo haben ſie ein feierliches geiſterhaftes An⸗ 1. ſehen, als ob ſie auf dem Grabe gefallener Groͤße ſtaͤnden. ße Auf der Suͤdoſt-Seite, dem Dorfe naͤher, ſteht d⸗ ein kleines kreisfoͤrmiges Gebaͤude von Marmor, reich es mit Bildwerk verziert, und von Saͤulen getragen. nd Es iſt ziemlich verfallen, ſcheint aber mit den uͤbri⸗ te gen Bauwerken gar nicht in Verbindung geweſen h⸗— zu ſein. Das kuppelfoͤrmige Dach ſteht noch, wie⸗ ei⸗ wohl ſehr beſchaͤdigt. he Ungefaͤhr eine halbe Stunde weiter in der Ebene liegt u⸗ der Steinbruch, wo die ungeheuren Steinmaſſen fuͤr Balbek's Bauwerke zugehauen wurden. Man ſieht hier einen groͤßtentheils behauenen Stein, der an ei⸗ ner Seite noch mit dem Stammfelſen zuſammen⸗ —yõ————— —.— — haͤngt. Er iſt von grobkoͤrnigem Granit, und weit groͤßer als einer der drei Steine in der Mitte der Tempelmauer. Es muß unermeßliche Arbeit gekoſtet haben, ſolche ungeheure Maſſen wegzuſchaffen und ſie auf eine ſo anſehnliche Hoͤhe zu heben, und es iſt zu verwundern, wie man dieß hat moͤglich machen koͤnnen. Einige kleinere Saͤulen ſchienen aus einen. einzigen Stuͤcke groben Marmors zu beſtehen; die groͤßeren Saͤulen aber ſind aus drei bis vier Stein⸗ maſſen zuſammengeſetzt. Unter dem Tempel ſind bedeckte, mehre hundert Fuß lange Gaͤnge mit ungeheuer dicken Mauern. Das Innere des Tempels beſtand aus drei Abtheil⸗ ungen; die meiſten Saͤulen aber, welche dieſelben bildeten, ſind zerſtoͤrt. Am obern Ende fuͤhren einige Stufen zu dem Altare oder Heiligthum; das Goͤtter⸗ bild aber, das einſt hier angebetet ward, iſt nicht mehr auf ſeinem Platze, der jedoch mit vielen ſchoͤ⸗ nen Bildwerken geziert iſt. Man muß ſich wundern, daß in dieſem, ſeit ſo vielen Jahrhunderten den Stuͤrmen ausgeſetzten, unbedeckten Tempel die Ver⸗ zierungen nicht mehr gelitten haben; die Schaͤfte ei⸗ niger aͤußern, gegen Nordweſt gekehrten Saͤulen aber ſind zerriſſen und in einigen Theilen ausgehoͤhlt. Der Reiſende muß in Balbek, wie unter andern Truͤmmern im Morgenlande, bei den Genuͤſſen der Einbildung ſchwelgen, da er kraͤftigere Genuͤſſe ent⸗ behren muß. Die Wohnung des guten geiſtlichen X — 47— Herrn war ſehr finſter und armſelig. Seine Haare hingen lang und ſtruppig herab, wie bei einem San⸗ ton,*) und ſein ganzer Anzug, ja der ganze Mann ſah aus, als ob er lange Zeit mit Waſſer nicht in Beruͤhrung gekommen waͤre. Er hatte große Furcht vor dem tuͤrkiſchen Machthaber. Vor Sonnenaufgange waren wir unter den Truͤmmern. Ein praͤchtiger Anblick! Als das Pur⸗ purlicht die Schneeberge beleuchtete, glich der Nebel, der ſich um ihren Fuß zog, ſo ganz einem Neere, daß wir uns eine Zeitlang uͤberredeten, es waͤre keine Taͤuſchung. Die Beſchreibung der Ebene und der Truͤmmer in Moore's Lalla Rukh iſt ungemein treu. Das Minaret ſteht am nahen Abhange, und es fehlte nur der Ruf des Muezzin's, um die Stille zu un⸗ terbrechen. Das goldene Morgenlicht verweilte nun auf den ſechs einſamen ſchoͤnen Saͤulen, bis es all⸗ maͤhlig auch auf den Tempel, ſeine Eingaͤnge und die zertruͤmmerten Maſſen fiel, welche auf der umlie⸗ genden Flaͤche aufgehaͤuft waren. Wir verließen Balbek gegen Abend, und zogen uͤber die ausgedehnte Ebene, wo wir nach einigen Stunden freundliche Doͤrfer mit umliegenden ange⸗ bauten Feldern fanden. Wir ſtiegen dann wieder bergan. Der Weg wurde oͤde und wild, und ſchon war die Nacht angebrochen, als wir die zerſtreuten *) Türkiſcher Mönch. — 48— Haͤuſer eines langen Gebirgdorfes erreichten, deſſen Bewohner ſehr hoͤflich und freundlich waren. Wir fanden ein Nachtlager in einer ſehr reinlichen Huͤtte mit geweißten Waͤnden. Der Wein, den uns die guten Kloſterbruͤder in Damaſchk gegeben hatten, war ſchon lange ausgeleert, und wir waren froh, in ei⸗ nem elenden Getraͤnke, weiches die Dorfbewohner uns lieferten, einen Erſatz finden zu koͤnnen. Das Volk draͤngte ſich um uns, und der Dampf ihrer nie er⸗ kaltenden Pfeifen fuͤllte das Gemach. Viir verließen das Dorf vor Sonnenaufgange, und erſtiegen einige der hoͤchſten Nuͤcken des Liba⸗ nons. Die Wolken ſammelten ſich um uns, die Luft wurde ſehr kalt, und gegen Mittag erreichten wir ein einſames Haus auf der felſigen Straße, und waren froh, ein munter loderndes Feuer und den Kaffee bereit zu ſinden. Wie konnten jene Menſchen leben vor der Entdeckung dieſes Trankes, dieſes Lebens⸗ elixirs, dieſer allgemeinen Erquickung, dieſes Cham⸗ pagners der Morgenlaͤnder? In der oͤdeſten Her⸗ berge wird er dem Reiſenden dargeboten, und man findet es ſeltſam, wenn er ihn ausſchlaͤgt. Als die Wolken ſich hier und da zerſtreuten, warfen wir einen Blick auf wilde und abwechſelnde Landſchaftbilder, auf eine Welt von Felſen und Ab⸗ gruͤnden, aus welcher auch Doͤrfer und uͤppiges Gruͤn hervorblickten. Am Abende kamen wir zu einer klei⸗ nen und armſeligen Herberge, die kurz vor unſerer ———,—,—ͤ—— △₰ Gͤ8 8 8☛ 2 Ti N Ankunft eine Karawane in Beſitz genommen hatte, Nach langem Streite und vielen Schwierigkeiten erhielten wir ein Gemach, wo wir uns zum Schla⸗ fen niederlegen konnten, und mit Freuden begruͤßten wir das Morgenlicht, das uns erweckte, um unſere Reiſe nach Beirut fortzuſetzen. Der Weg zog ſich nun durch eine uͤppige und gruͤne Gegend, und als wir einen ſteilen und ſchmalen Pfad hinabgeſtiegen waren, erfreute uns der Anblick des Hafens und der lieblichen Gaͤrten der Start unten im Thale. Wir gingen in das Haus des Conſuls, Herrn A., der uns mit herzlicher Gaſtfreundſchaft aufnahm, und verlebten einige ſehr angenehme Tage bei ihm. Noch immer hatten wir den Gedanken nicht aufge⸗ geben, Palmyra zu beſuchen; aber der Krieg zwiſchen den Statthaltern wuͤthete heftiger als je. Wir hat⸗ ten mehrmahl Kriegerhaufen im Dienſte des Druſen⸗ fuͤrſten auf dem Wege zum Kampfplatze getroffen. Sie waren gut bewaffnet, zogen aber in wilder Un⸗ ordnung voran. Der ganze Krieg war nur eine Poſſe, ſeine Wirkungen aber fielen ſchwer auf die armen Landleute, und wir ſahen einſt gegen zweitauſend Schafe, die man auf Befehl des Paſcha's von Aka den Landleuten geraubt hatte. Man behauptete, daß die Pforte, der Ausſchweifungen des jungen Wuͤth⸗ richs muͤde, den Kapidſchi Baſchi geſchickt haͤtte, ſeinen Kopf zu hohlen; aber wie ſein Vorfahr Dſchei⸗ III. 4 — 350— zar, war er auf ſeiner Hut und weigerte ſich, den Boten vorzulaſſen. Mitten in dieſen Unordnungen lebte Lady Stanhope“) in vollkommener Sicherheit. Nie⸗ mand wagte es, ihre Ruhe zu ſtoͤren oder ihr den leiſeſten Vorwurf zu machen. Die Miſſionarien hoff⸗ ten, ſie fuͤr ſich zu gewinnen und allerdings wuͤrde der Beiſtand dieſer Frau ſehr wichtig geweſen ſein; aber ein ungluͤcklicher Zufall oder ein Mißverſtaͤndniß erbitterte ſie unverſoͤhnlich gegen einen Judenbekehrer. Ihre Gunſt iſt in dieſen Gegenden mehr als das Laͤ⸗ cheln der Fuͤrſten, aber nicht ſo ihr Zorn. Sie ließ den Diener des Bekehrers durch ihren Dolmetſch tuͤchtig durchpruͤgeln, und ſchrieb dem Miſſionar ei⸗ nen Brief, der mit den Worten anhob:„Ich bin erſtaunt, daß Sie ſich haben erdreiſten koͤnnen, mei⸗ ner Wohnung nahe zu kommen, Sie, ein Mann, der einen erhabenen, wenn auch mangelhaften Glau⸗ ben mit einem andern vertauſcht hat, der nur ein Schatten iſt.”“ Er war der Sohn eines Rabbi, aber zum Chriſtenthume uͤbergegangen. Die Griechen haben in dem Kriege zwiſchen den beiden Machthabern ſehr gelitten. Mehre Fluͤchtlinge aus Morea und die im Lande anſaͤſſigen Griechen hatten ihre Habe in einige Kloͤſter im Gebirge ge⸗ bracht, um ſie zu ſichern. Der Paſcha von Aka und *) S. Theil II, 68 ff. der Druſenfuͤrſt, die Nachricht davon erhielten, ſchick⸗ ten Kriegsleute aus, die trotz der Vorſtellungen der Moͤnche die reiche Beute wegnahmen. Einer unſerer Bekannten, der engliſche Kauf⸗ mann J. aus Smyrna, kam in große Verlegenheit. Sein Diener, ein ſehr junger Grieche und ein huͤb⸗ ſcher Burſche, war der Guͤnſtling einiger Maͤdchen und auch einiger verheiratheten Frauen in Beirut geworden, und um ſeinen Aufwand zu beſtreiten, hatte er ſeinen Herrn, der eben nach Damaſchk ge⸗ reiſet war, gepluͤndert, und nach Herzensluſt ver⸗ ſchwendet. Bald nachher ward er ergriffen und ein⸗ geſperrt. Einige Muhamedaner uͤberredeten ihn, ſei⸗ nen Glauben zu aͤndern. Er nahm den Turban und erhielt ſeine Freiheit. In ſeiner neuen Tracht zog er nun durch die Straßen und ſeine Ausſichten wa⸗ ren glaͤnzender als je. Die ſeit undenklichen Zeiten herrſchende Sitte der Frauen auf dem Libanon, ein ſilbernes Horn auf dem Kopfe zu tragen, erſtreckt ſich nicht bis Beirut. Auf dieſem Horn, das zuweilen anderthalb Fuß hoch iſt, ſieht man allerlei ſeltſame Figuren und es wird mit einer ſeidenen Schnur veſtgebunden. Gewoͤhnlich werfen die Frauen einen Schleier daruͤber, der auf der Seite des Geſichtes herabfaͤllt, was einen mahle⸗ riſchen Anblick gewaͤhrt. Ein Vorfall, der ſich waͤhrend unſeres Aufent⸗ haltes in Beirut ereignete, machte uns viel Vergnuͤ⸗ — 4* — gen. Ein gebildeter junger Sckweizer, der aber ein etwas ſchwaͤrmeriſches Anſehen hatte, kam eines Ta⸗ ges in das Haus des Conſuls. Er ſchien ſehr er⸗ muͤdet und abgehaͤrmt zu ſein, und da er eben vom Gebirge kam, verrieth er viele Freude, eine Zuflucht gefunden zu haben. Die Geſchichte dieſes armen Mannes war ein auffallender Beweis, wie weit Glau⸗ benſchwaͤrmerei fuͤhrt, wenn ſie den hoͤchſten Punkt erreicht hat. Er war, wie er ſagte, in ſeiner Hei⸗ mat ſehr ausſchweifend geweſen, aber durch die Pre⸗ digten der beruͤhmten Frau von Kruͤdener bekehrt, hielt er es fuͤr ſeine Pflicht, das Evangelium in den Laͤndern zu predigen, wo es zuerſt war verkuͤndet worden, und die Araber und die Morgenlaͤnder uͤber⸗ haupt zum Chriſtenthume zu bringen. Er landete in Alexandria, und da ſein Geld erſchoͤpft war, gab ihm der Conſul Lee eine kleine Unterſtuͤtzung. Mit dieſem neuen Zufluſſe kam er zur See nach Aka, und wan⸗ derte dann, nach dem Gebirge ziehend, im Lande hinauf. Er fand Niemand, der auf ſeine Ermahn⸗ ungen hoͤren oder ihm Gaſtfreundſchaft erweiſen moch⸗ te, und zwar aus zwei Gruͤnden, weil es mit ſeinem Vermoͤgen ſchlecht ſtand, und weil er kein Wort von der Sprache des Landes wußte, die er jedoch ſchnell zu lernen ſich vornahm. An einem ſchoͤnen Nach⸗ mittage kam er in ein Waͤldchen auf dem Libanon, wo ein Maͤdchen auf einem Baume Fruͤchte pfluͤckte, Sie mochte huͤbſch ſein, oder ihr Anzug ſeine Auf⸗ — 58— merkſamkeit reizen, und da er ſehr kurzſichtig war, ſo blieb er mit der Brille auf der Naſe unter dem Baume ſtehen und ſah begierig aufwaͤrts. Das Maͤd⸗ chen hatte noch nie eine Brille geſehen, und ſchrie laut in ihrer Angſt. Zwei junge Maͤnner, die in ei⸗ niger Entfernung arbeiteten, kamen herbei und be⸗ ſchuldigten ihn, er haͤtte Zauberkuͤnſte gegen das Maͤd⸗ chen angewendet, da ſie ſeine Brille und ſeinen Starrblick bemerkt hatten. Sie pruͤgelten ihn un⸗ barmherzig, raubten ihm alles, was er von Gelde noch bei ſich hatte, und in dieſem Nothſtande kam er in das Haus des Conſuls zu Beirut. Wir uͤber⸗ redeten ihn, von ſeinem Vorſatze, die Morgenlaͤnder zu bekehren, lieber abzugehen und ohne Zögerung den Ruͤckweg in ſeine Heimat zu ſuchen, und als man ihn wieder mit etwas Geld verſehen hatte, brach der junge Schwaͤrmer am naͤchſten Tage auf. Er war, wie wir ſpaͤter erfuhren, in Alexandria angekommen, ob er aber nach der Schweiz zuruͤckgekehrt ſei und ſeine Entwuͤrfe aufgegeben habe, iſt uns nicht be⸗ kannt geworden. Dieß war ein voreiliger und ungluͤcklicher Ver⸗ ſuch; aber man kann bei den jetzt ſo allgemeinen und ſo bewunderten Bemuͤhungen, die Morgenlaͤnder von ihren Irrthuͤmern und aberglaͤubigen Meinungen ab⸗ zubringen, nicht zu vorſichtig ſein. Die Einfalt des Glaubenspredigers wird gegen die Liſt und Buͤberei der Syrier nicht leicht auffommen. Pater T. in — 54— Jeruſalem kann zum Beweiſe dienen. Zwei Bruͤder vom Libanon, anſtellige und kuͤhne Burſchen, wollten ſich taufen laſſen und nuͤtzliche Werkzeuge werden, als man ihnen zweihundert Pfund Sterling verſprach, die ein reicher und eifriger Goͤnner des Bekehrge⸗ ſchaͤfts ihnen bezahlen wollte. Der bekannte Biſchof Euſebius vom Libanon kam vor etwa ſechs Jahren nach England, um die traurige und bedraͤngte Lage der ſyriſchen Chriſten zu ſchildern. Er wurde in vie⸗ len Collegien zu Oxford herumgefuͤhrt und geehrt, und von einigen Miniſtern ausgezeichnet, wiewohl Andere ihm nicht trauten. Sein kurzer Wuchs, ſein rothes Haupt⸗ und Barthaar waren nicht eben ein⸗ nehmend; aber er wußte durch ſeine ruͤhrenden Schil⸗ derungen der ungluͤcklichen Lage ſeines Landes die Gefuͤhle und Hoffnungen vieler Menſchen zu erregen, und endlich reiſte er mit einer trefflichen Preſſe, die fuͤr den Druck ſyriſcher Bibeln beſtimmt war, und ungefaͤhr achthundert Pfund Sterling in ſeine Heimat zuruͤck. Waͤhrend unſeres Aufenthaltes in Saida er⸗ fuhren wir, daß der morgenlaͤndiſche Biſchof nicht weit von der Stadt ungemein angenehm und wie es ſein Herz nur wuͤnſchen konnte, lebte. Mit dem ge⸗ ſammelten Gelde, das im Morgenlande ein Schatz war, hatte er ein huͤbſches Haus mit einem Garten gekauft; nicht ein Heller aber war je angewendet worden, den Zuſtand der Chriſten im Morgenlande zu verbeſſern, und die Druckerpreſſe, oder einige Theile 8n 8⏑⏑——— 1 derſelben, hatten, wie man wußte, ihren Weg nach Alexandria gefunden. Ein roͤmiſcher Graf kam in Beirut an, und hatte ſeine Heimat bloß in der Abſicht verlaſſen, Balbek zu ſehen. Der ſiebzigjaͤhrige Greis, der ohne alle Begleitung war, brauchte wohl ſeine ganze Be⸗ geiſterung, um die Beſchwerden der Reiſe zu ertra⸗ gen. Er war zuerſt in Cypern gelandet, wo er gleich nach ſeiner Ankunft von einem Fieber ergrif⸗ fen ward, das ihn zwei Monate an das Bett feſ⸗ ſelte. Nach ſeiner Geneſung begab er ſich nach Bei⸗ rut, wo er gluͤcklich ankam. Er ſprach mit Kraft und Feuer, ſobald auf die Truͤmmer des Tempels die Rede kam, und er blickte mit eben ſo viel Freude und Hoffnung auf dieſes Ziel ſeiner Reiſe, als der Wanderer in der Wuͤſte auf das heilige Haus zu Mekka. Er reiſte nach einigen Tagen ab, wir aber verließen Beirut zu bald, als daß wir haͤtten erfah⸗ ren koͤnnen, ob ſeine Reiſe gluͤcklich geweſen waͤre oder nicht, oder ob einer der umherſtreifenden Krie⸗ gerhaufen ihn aufgefangen haͤtte. Mein alter Bekannter W. war nicht ſo neugie⸗ rig. Er lebte drei Wochen in Kahira, ohne je die Pyramiden zu beſuchen; aber ſeine Begeiſterung und ſein Eifer hatten eine andere Richtung. Eines Mor⸗ gens, als es in Stroͤmen regnete, verließ er Beirut, trotz unſerer Abmahnungen, und erſtieg die Hoͤhen des Libanons, wo er es verſuchen wollte, den Dru⸗ ſenfuͤrſten zu einem guten Chriſten zu machen. Der Fuͤrſt, der Allen alles iſt, empfing ihn ſehr hoͤflich, hoͤrte aufmerkſam auf W.'s begeiſterte Rede, und mit einem ernſthaften und weiſen Blicke raͤumte er die vollkommene Wahrheit aller Behauptungen ein. Er trank mit ſeinem Gaſte Kaffee, rauchte mit ihm und ließ ihm ein Mittageſſen machen. W. verließ den Palaſt des Druſenfuͤrſten, hoͤchſt entzuͤckt uͤber den gluͤcklichen Erfolg ſeines Beſuches, und wanderte lange uͤber die felſigen Pfade und durch die Schluch⸗ ten des Gebirges, bis er endlich ſich verirrte. Es war ein Januarabend, und die Dunkelheit brach bald an. Der Regen ſtroͤmte und der Wind wehte ſehr heftig, als der Fuͤhrer das Licht einer einſamen Huͤtte mitten im wilden Gebirge erblickte. Muͤde und durch⸗ naͤßt, fand W. eine freundliche Aufnahme bei dem Eigenthuͤmer des Hauſes, einem Maroniten, der ihm alsbald grobe Koſt vorſetzte. Ein anderer Reiſender, ein griechiſcher Moͤnch, kam bald nachher, und alle drei ſetzten ſich eintraͤchtig um das Feuer, das auf dem Fußboden luſtig brannte. Das Geſpraͤch fiel zufaͤllig auf Glaubensangelegenheiten und auf den Zu⸗ ſtand der Kirchen im Morgenlande. Das war ein Fehdehandſchuh. Der Maronit behauptete die vorzuͤg⸗ liche Reinheit ſeiner Lehre; der Grieche behandelte ihn nicht viel beſſer als einen Abtruͤnnigen, und W., der auf einen Augenblick ſeine Muͤdigkeit und Er⸗ ſchoͤpfung vergaß, ſprach ſehr ernſthaft uͤber die un⸗ — 57— gluͤcklichen Irrthuͤmer, worin beide befangen waͤren. Der Sturm, der draußen wuͤthete, ſeoͤrte ſie nicht, und eine Stunde entfloh nach der andern, bis der Morgen daͤmmerte, ehe ſie daran dachten, ſich zur Ruhe zu begeben. Nach ſeiner Ruͤckkehr klagte W., daß ſeine Reiſegefaͤhrten ſo hartnaͤckig und ſo unzu⸗ gaͤnglich gegen Ueberzeugung geweſen waͤren. Der Schnee lag noch auf den Gipfeln des Liba⸗ nons, um welche die Luft ſehr kalt war und nur we⸗ nige Wohnungen ſich fanden. Die Waͤlder und die Cedern, die Herrlichkeit des Libanons, wie die Schrift ſagt, ſind groͤßtentheils verſchwunden, um unzaͤhligen Rebenpflanzungen Platz zu machen. Kein Berg in oder um Palaͤſtina hat mehr von ſeiner ehemahligen Schoͤnheit behalten als der Carmel. Man findet da zwei bis drei Doͤrfer und einige zerſtreute Huͤtten; nur wenige, aber uͤppige Waͤlder; keine Klippen und Abgruͤnde, keine Gemſenfelſen, aber der Ruͤcken des Berges iſt mit reichem und uͤppigem Gruͤn bekleidet. Als wir ihn einſt beſuchten, hatten wir den ganzen Tag gewandert, bis wir in ſpaͤter Abendſtunde ermuͤ⸗ det eine Huͤtte erreichten, welche nur die groͤbſte Koſt und die duͤrftigſte Herberge verſprach. Wir ſahen uns angenehm getaͤuſcht, als der ſchmutzige Fußboden der nackten Stube mit einem kleinen aber huͤbſchen Teppich und Polſtern bedeckt wurde, und eine Mahl⸗ eit von köͤſtlichem Honig und Zuckerrahm, wie man ihn in Weſt⸗England findet, nebſt Kaffee und Pfeife uns labten, und der freundlichſte Willkommen die Erquickung wuͤrzte. Ein uͤberzeugender Beweis, daß im Lande der Verheißung noch nicht Alles veroͤdet war, und daß des Wanderers Fuß nicht zuruͤckgewie⸗ ſen wird vor ungaſtfreundlichen Thuͤren. —ʒ—ÿ—,— XIX. Der Druſenfuͤrſt. Lady Stanhope. — Unſer zweiter Aufenthalt in Beirut war angenehmer als der erſte, und das Wetter nun beſtaͤndig ſchoͤn und hell, ohne druͤckende Hitze. In Italien und Griechenland iſt das Klima bei weitem nicht ſo ſchoͤn als auf den Kuͤſten Syriens, wo man nicht die em⸗ pfindlichen und haͤuſigen Abwechſelungen des italie⸗ niſchen Klima's, noch die heftige Winterkaͤlte kennt, die man oft in Griechenland ſindet. Die Regenzeit, die aber nur wenige Wochen dauert, iſt die einzige Unannehmlichkeit, die der Reiſende auf der Kuͤſte Syriens zu erdulden hat, und gewiß wuͤrde jaͤhrlich manches Menſchenleben gerettet werden, wenn ein Theil der Schwindſuͤchtigen, die man gewoͤhnlich nach Suͤd⸗Frankreich und Italien ſchickt, wo die oft ſchneidenden Winde ſie ſchnell in's Grab fuͤhren, in dieſem geſunden Lande ihre Zuflucht ſuchten. Die einſamen Bewohner der zahlreichen Kloͤſter auf dem Libanon haben urſache, ihr Loos zu ſegnen. — ———— 5———— Sie haben in der Wahl vieler dieſer Wohnſitze einen ſeltenen Geſchmack gezeigt. Weit gedehnte praͤchtige Landſchaftbilder liegen zu ihren Fuͤßen und das Meer zeigt ſich ſo herrlich als das Land. Die große An⸗ zahl alter Maͤnner, die man in dieſen Gegenden ſieht, iſt ein Beweis fuͤr die geſunde Luft. Unter den Druſen beſonders findet man viele ſchoͤne und ehrwuͤrdige Geſtalten, welche den bewundernden Blick des Reiſenden feſſeln. Der Druſenfuͤrſt, Emir Buſchir, hat den Erfolg des Kampfes zwiſchen den beiden Statthaltern ent⸗ ſchieden, da er ſo viele kuͤhne Kriegsvoͤlker in's Feld ſandte. Dieſer liſtige und ehrgeizige, wiewohl nun bejahrte Mann behauptet ſich durch ſeine Verbrechen und ſeine Klugheit im Beſitze einer ausgebreiteten und willkuͤhrlichen Gewalt. In den Kaͤmpfen zwi⸗ ſchen den tuͤrkiſchen Statthaltern bewarben ſich beide Theile eifrig um ſeinen Beiſtand. Der junge Paſcha von Aka hatte ihn durch einen ſchoͤnen Saͤbel, deſſen Griff mit Demanten beſetzt war, und durch Geld gewonnen, ihm zehntauſend ſeiner gebirgiſchen Krie⸗ ger zum Beiſtande zu ſenden. Wir trafen oft ein⸗ zelne Abtheilungen dieſer Kriegsvoͤlker, bald Fußvolk, bald Reiterei, die zum Schlachtfelde zogen. Sie gruͤß⸗ ten uns hoͤflich, und wir begegneten ihnen lieber als den Kriegsvoͤlkern von Aka, die immer ausſahen, als ob ſie Luſt haͤtten, uns zu pluͤndern. Wo die Menſchen ſo gewoͤhnt ſind, nach der Launé ihres Ge⸗ — 8ε— A — bieters Naſen, Ohren und Koͤpfe abzuſchneiden, kann eine Neigung zu Gewaltthaten freilich nicht Ver⸗ wunderung erwecken. Waͤhrend unſeres Aufenthaltes in Aka hoͤrten wir eines Morgens ſelbſt, wie eine Frau den Keiegsleuten, die mit den Koͤpfen einiger Ungluͤcklichen hereinkamen, die Feigheit und Grau⸗ ſamkeit vorwarf, ungluͤckliche Bauern zu ermorden, und die Koͤpfe derſelben als die Ueberreſte erlegter Feinde vorzuͤzeigen, um den verheiſſenen Lohn zu er⸗ halten. Ohne Zweifel ſprach ſie die Wahrheit. Die runde Summe von Piaſtern, die der Prets fuͤr jeden feindlichen Kopf war, brachte manchen unſchuldigen Huͤttenbewohner um den ſeinigen. Der Druſenfuͤrſt hatte die Englaͤnder ſehr gern, und ſo oft wir ihn beſuchten, ſprach er viel von Sid⸗ ney Smith, in deſſen Schiffe er mehre Tage geweſen war, als es einen Kreuzzug machte. Er war ganz entzuͤckt uͤber das freimuͤthige und edle Weſen des Befehlhabers, und die Neuheit des Kriegszuges hatte einen unausloͤſchlichen Eindruck in ſeiner Seele zu⸗ ruͤckgelaſſen. Gegen Lady Stanhope hegt er die groͤßte Bewunderung. In fruͤheren Zeiten beſuchte ſie ihn zuweilen, und von ihrem Araber ſpringend, trat ſie ohne Umſtaͤnde in's Schloß, in ihrer Mameluken⸗ tracht, mit der Reitgerte in der Hand. Der alte Mann empfing die Koͤniginn des Morgen⸗ landes, wie man ſie genannt hat, mit Freuden. „Beſucht mich immer, mein Kind, ſprach er, ſo oft es Euch beliebt, und macht keine Umſtaͤnde mit mir; mein Schloß iſt euer Haus, und eure Gegen⸗ wart iſt fuͤr mich wie das Licht der Sonne.“ Alle morgenlaͤndiſche Haͤuptlinge, alte und junge, maͤch⸗ tige und geringe, begegnen ihr mit unwandelbarer Achtung und Ehreerbietung. Der Kadi in Beirut ſprach von ihr mit einer Ehrfurcht, wie er ſie naͤchſt dem Profeten und dem Sultan Niemanden bewieſen haben wuͤrde. Der junge Paſcha von Aka, ein ver⸗ wegener und wilder Krieger, der das umliegende Land durch Metzeleien und Erpreſſungen aller Art quaͤlt, beweiſet einem Briefe von ihr augenblicklichen Ge⸗ horſam. Nicht durch Reichthum erwarb ſie ſich dieſe Bewunderung, denn ihre Einkuͤnfte betrugen nicht uͤber 1500 Pfd. Sterl. jaͤhrlich, ehe ſie vor etwa drei Jahren ein anſehnliches Vermaͤchtniß erhielt. Eben ſo wenig iſt es der Zauber der Schoͤnheit, was ſo maͤchtig auf die Morgenlaͤnder wirkt. Sie iſt nichts weniger als reizend und hat ein maͤnnliches Anſehen, aber ihr Ruf iſt rein und makellos. Fragt man ei⸗ nen Tuͤrken uͤber ihr Betragen, ſo erhebt er die Hand und preiſet ſie als die edelſte, tugendhafteſte und trefflichſte Frau. Schon im Herbſte des Lebens und noch im jungfraͤulichen Stande, kann ſie das Gluͤck einer haͤuslichen Verbindung nicht mit Gleich⸗ muth anſehen, und wie unſere jungfraͤuliche Koͤniginn glorreichen Andenkens, hat ſie den hoͤchſten Wider⸗ willen gegen diejenigen ihrer Anhaͤnger oder Diener, ————᷑—ÿ—ꝛ—x—ꝛ—ꝛ:˖:— die ſich in's Joch der Ehe begeben. Ein junger Mann in Beirut, den wir kannten, Namens Maſſad, diente ihr als Dolmetſch. Er war ſehr anſtellig, hatte ſich in England aufgehalten und ſprach das Engliſche gut. Lady Stanhope ließ alle Auftraͤge in den benachbarten Staͤdten durch ihn ausrichten, und mit den Schelmereien ſeiner Landsleute bekannt, war er ihr ſehr nuͤtzlich. Er hatte eine angenehme Geſtalt, war gebildet, und bei einem anſehnlichen Lohne, wofuͤr er wenig zu thun hatte, war er ſehr zufrieden mit ſeiner Lage. Die einzige Europaͤerinn in Marilius war Fraͤulein W., die Geſellſchafterinn der Lady Stanhope. Alle engliſche Dienſtboten wa⸗ ren kurz zuvor ohne weitere Umſtaͤnde verabſchiedet worden, da ihre engliſchen Neigungen und Gewohn⸗ heiten mit den arabiſchen ſo unvertraͤglich waren, und ihrer Gebieterinn ſo viel Beſchwerde machten, daß ſie ſich entſchloß, alle heim zu ſenden und nie wieder engliſche Diener zu nehmen. Es war nichts natuͤrlicher, als daß der junge Maſſad und das junge Fraͤulein ſich gefielen, und in ihrer Abgeſchiedenheit fand das gute Kind kein Weſen, das ſie haͤtte anzie⸗ hen koͤnnen, außer dem arabiſchen Scheikh und den vornehmen Tuͤrken, die zuweilen nach Marilius ka⸗ men, um ihrer Gebieterinn aufzuwarten; aber ſie ſprachen eine fremde Sprache, und ihre Sitten wa⸗ ren zu morgenlaͤndiſch fuͤr ihre engliſchen Gefuͤhle. Maſſad und das Fraͤulein rechneten zu ſehr auf die — Nachſicht ihrer Gebieterinn, und wagten die unvor ſichtige Bitte, ihre Neigung zu billigen und ihner nach ihrer Verbindung ihre Stellen zu laſſen. Dieſt Verbindung regte den Unvillen der Gebieterinn auf. Der zu leichtglaͤubige Dolmetſch mußte ſeinen Saͤbel abgeben, den ſie ihm geſchenkt hatte, und wurde auf der Stelle verabſchiedet und aus dem Hauſe verwie⸗ ſen, und die ungluͤckliche Geſellſchafterinn war nun noch weniger in ihrer Lage zu beneiden als vorher. Bleich und niedergeſchlagen, alles Umgangs beraubt, der ihren Wuͤnſchen und Gefuͤhlen zuſagte, fuͤhlte ſie ſich beklagenswerth genug; kaum aber war ein Jahr verfloſſen, ſo war es wieder munterer in Marilius; die alten Beſchwerden waren vergeſſen, der Dol⸗ metſch war wieder in ſeinem Amte, und der Unmuth hewoͤlkte nicht mehr die Stirne der Gebieterinn. Der Wunſch, Lady Stanhope zu ſehen, war bei manchen Reiſenden ſo lebhaft, daß ſie es auf die Ge⸗ fahr einer abſchlaͤgigen Antwort ankommen ließen. Ein teutſcher Baron, der wegen ſeiner Pferdekunde beruͤhmt war, womit er ſich viel wußte, bat ſie um die Erlaubniß ſie zu beſuchen. Statt aller Antwort befahl Lady Stanhope dem Neitknechte, ihre Pferde ihm vorzufuͤhren. Ein ungluͤcklicher Zwiſt mit einem ausgezeichneten Englaͤnder, der einige Wochen in ih⸗ rem Hauſe lebte, wird vielleicht mit Recht als die urſache ihres Entſchluſſes angegeben, ihren Lands⸗ leuten ihre Thuͤre zu verſchließen. Er hatte nach dem — 2222————, Abſchiede ſeine Meinung uͤber ihre Lebeweiſe zu ruͤck⸗ ſichtlos ausgeſprochen, und da ſeine beißenden Be⸗ merkungen ihren Weg nach England fanden, und von hier nach Marilius kamen, ſo nahm Lady Stan⸗ hope ſich vor, keinen ihrer unbedachtſamen Lands⸗ leute wiederzuſehen. Es war bloß das Werk des Zufalles, daß ſie ih⸗ ren Aufenthalt in Syrien nahm. Ihr Schiff ſchei⸗ terte an der Kuͤſte; die Reize des Landes und des Klima's feſſelten ſie, und ſie faßte den Entſchluß, ſich anzuſiedeln. Haͤtte ſie vorausgeſehen, daß ſie nach wenigen Jahren ihre ruͤſtige Kraft und ihren kuͤhnen Geiſt verlieren wuͤrde, und kraͤnklich und niederge⸗ ſchlagen in das einſame Marilius ſich einſperren muͤßte, ſo wuͤrde ſie gewiß nie ihre Zuflucht hier ge⸗ ſucht haben. Welcher Ruheplatz kann ein ſolcher Ort fuͤr eine Frau von ihrem kraͤftigen Geiſte ſein, die einſt, als ſie bei ihrem Oheim*) wohnte, an den wichtigſten Staatsangelegenheiten Theil nahm, und wie man behauptet, nicht wenig Einfluß auf Euro⸗ pa's Schickſale hatte? Vielleicht war es die, durch den Tod des großen Staatsmannes verurſachte gaͤnz⸗ liche Veraͤnderung ihrer Lage, der Uebergang aus ſeinem vertrauten Umgange in die Geſellſchaft ande⸗ rer Geiſter, die mit ihrem maͤnnlichen und eigenſin⸗ nigen Geiſte wenig gemein hatten, auch wohl der *) Pitt. Umſtand, daß ſie mit mehren ihrer Angehoͤrigen nicht in gutem Vernehmen ſtand, und endlich ihre Neig⸗ ung zu kuͤhnen Unternehmungen und ihre Reiſeluſt, was ſie bewog, ſich aus einer Welt zuruͤckzuziehen, deren freundliche Blicke ſich zum Theil in Kaͤlte und Gleichgiltigkeit umgewandelt hatten. Sie macht ſich zuweilen das Vergnuͤgen, uͤber die Geſellſchaft, wor⸗ in ſie fruͤher lebte, und die geiſtreichſten und ausge⸗ zeichnetſten Zeitgenoſſen ſah, bald mit ſcharfem Spotte, bald mit unbedingtem Lobe zu reden. Sie iſt ſehr beredt im Geſpraͤche, wenn der Gegenſtand ſie aufregt, wiewohl ihre Stimme weder wohllautend noch weiblich iſt, und wenn ſie, was ſelten geſchieht, zum Unmuthe ſich reizen laͤßt, koͤnnte man mit morgenlaͤndiſchem Ausdrucke ſagen, ihr Zorn ſei furchtbar. w Ein Englaͤnder, den wir in Beirut kannten, war ſo gluͤcklich ſie beſuchen zu duͤrfen, weil er ei⸗ nen reichen Tuͤrken, der ihr Gaſtfreund war, ſehr genau kannte. Der Tuͤrke bat fuͤr ſeinen Freund um die Erlaubniß, und erhielt ſie ſogleich. Der Englaͤnder kam am naͤchſten Tage ganz entzuͤckt nach Beirut zuruͤck. Er war am Abend in Marilius an⸗ gekommen und von einer zaͤhlreichen Dienerſchaft beim Eſſen bedient worden, wo er nach engliſcher Sitte Tiſch, Meſſer, Gabeln und dergleichen fand. Sein Turban wurde von dem Haushofmeiſter nach der Mamlukenſitte zurecht gelegt und um elf Uhr —— — Abends fuͤhrte man ihn zur Herrinn. Sie ſaß auf einem Sofa, ſehr gut, aber einfach nach tuͤrkiſcher Sitte gekleidet, trug einen rothen Schal⸗Tur⸗ ban auf dem Kopfe, Pantoffeln, eine ſchoͤne Schaͤrpe um den Leib und daruͤber ein fliegendes Gewand. Sie ſprach ſehr freundlich und ſagte viel uͤber den Zuſtand des Landes, welches der Krieg zwiſchen den Befehlhabern von Aka und Damaſchk zu jener Zeit mit Zwietracht und Metzeleien heimſuchte. Ihre Aeußerungen verriethen Beſorgniß und Unruhe; ſie rieth dem Englaͤnder ſeine Reiſe nach der Haupt⸗ ſtadt Syriens nicht fortzuſetzen, und aͤußerte die Meinung, daß das tuͤrkiſche Reich ſeinem Unter⸗ gange entgegen eilte; aber ſie gab oder verſchaffte ihm doch Briefe an den Paſcha von Damaſchk, die ihm ſpaͤter ſehr nuͤtzlich waren. Es kann wohl nichts trauriger ſein, als ihre Ausſicht, den Reſt ihres Le⸗ bens in einem Lande zuzubringen, das ſtets von Un⸗ ruhen, Naͤubereien und grauſamen Thaten verheert wird, und kein befreundetes Herz zu haben, dem ſie vertrauen, und wo ſie Troſt oder Theilnahme ſuchen koͤnnte. Es verſteht ſich, daß ein Bewohner dieſes Landes allen ehriſtlichen Glanbensuͤbungen ganz entſagen muß. In ihrem Geſpraͤche mit dem Eng⸗ laͤnder verrieth ſie die genaueſte Kenntniß der mor⸗ genlaͤndiſchen Regierungen und ihrer verkehrten Po⸗ litik. Die Unterredung dauerte mehre Stunden, zu⸗ letzt blieb der Gaſt ganz ſtumm, da das Geſpraͤch — 68— auf Englands Politik unter ihrem angebeteten Oheim fiel. Sie entwarf ſogleich mit Begeiſterung eine le⸗ bendige und anziehende Schilderung jenes Mannes, die niemand haͤtte unterbrechen moͤgen. Man braucht nur dieſen Gegenſtand in ihrer Geſellſchaft zu be⸗ ruͤhren, und kann ſtundenlang mit unterſchlagenen Armen und geſpannter Aufmerkſamkeit zuhoͤren, waͤh⸗ rend ſie mit einem feurigen Erguſſe ihrer Beredt⸗ ſamkeit die Abſichten, die Geiſteskraft und die Tu⸗ genden des ausgezeichneten Mannes ſchildert. Sie bringt den groͤßten Theil ihrer langen Naͤchte, da ſie nie vor fuͤnf Uhr fruͤh zu Bette geht, mit Leſen und fleißigem Briefſchreiben zu; denn wie allen Einſied⸗ lern, ſind die Neuigkeiten aus der Welt, wovon ſie ſich geſchieden hat, ihr doch theuer. Sie hoͤrt oſt ſelbſt die Nachrichten und die unbedeutenden Bege⸗ benheiten der Umgegend mit lebhaftem Antheile. Wie Chriſtina von Schweden blickt ſie, im Be⸗ wußtſein der maͤchtigen Hilfmittel ihres eigenen Gei⸗ ſtes, ohne viel Bedauern auf vergangene Freuden und vergangene Hoheit, und ſieht eben ſo verachtend als jene auf die Sitten und Neigungen ihrer meiſten Schweſtern herab, da ihr Geſchlecht, nach ihrer An⸗ ſicht, zu abhaͤngig, zu ſchwach und unbedeutend im geſellſchaftlichen Zuſtande iſt. Allerdings beſitzen we⸗ nige ihrer Schweſtern ſo viel koͤrperliche Ruͤſtigkeit, ſo viel Faͤhigkeit, Beſchwerden zu ertragen. Sie iſt eine treffliche Reiterinn, und es dauerte lange, ehe ——,— ——.,.— ſie ihre engliſche Geſellſchafterinn bewegen konnte, nach Amazonenart zu reiten, obgleich ſie ihr ver⸗ ſicherte, man koͤnnte ſich nur auf dieſe Weiſe gegen die Gefahr ſichern, auf den rauhen Bergpfaden den Hals zu brechen. Dieß waͤre in der That eines Ta⸗ ges beinahe geſchehen, und ſeit Fraͤulein W. kaum der Gefahr entging, in einen Abgrund zu ſturzen, hat ſie ſich nach der morgenlaͤndiſchen Sitte bequemt. Ein arabiſcher Kaͤnptling, der ihr einſt auf einer Reiſe durch die Wuͤſte funfzehn Stunden lang mit ſeinem Gefolge, faſt ohne zu raſten nacheilte, konnte ſie nicht einhohlen. Der Streit zwiſchen dieſem Stamme und demjenigen, der Lady Stanhope auf einer neuen Reiſe fuͤhrte, wurde ſpaͤter ausgeglichen, und beide trafen ſich wieder in der Wuͤſte. Sie ritt ſogleich auf den Scheikh zu und fragte mit gebieteri⸗ ſchem Tone, wie er ſie fruͤher zu verfolgen ſich haͤtte erdreiſten, oder ſich einbilden koͤnnen, ſie zu fangen. Der Haͤuptling antwortete, ihr Rang waͤre ihm wohl bekannt, und wenn eine ſo erlauchte Gefangene in ſeine Gewalt gekommen waͤre, haͤtte er auf ein an⸗ ſehnliches Loͤſegeld rechnen koͤnnen, aber ihre Schnel⸗ ligkeit haͤtte ſeine Hoffnung gaͤnzlich getaͤuſcht. Als ſie in Palmyra ſich aufhielt, gab ſie eines Tages den Beduinen ein Feſt. Der große Scheikh der Araber von Palmyra wohnt ſtets unter den Truͤmmern, wo die Wohnungen in der Naͤhe des großen Tempels ſtehen. Sie ſind gut geſinnt und — 70— hoͤflich, und die jungen Weiber ſchoͤner als in allen andern Staͤmmen. Es war ein ſchoͤner Tag. Juͤng⸗ linge und Maͤdchen ſaßen in ihren beßten Kleidern in Reihen auf den Ueberreſten der Saͤulen, Frieſe und anderer Truͤmmer, die den Boden bedeckten. Lady Stanhope ging in ihrer morgenlaͤndiſchen Tracht umher, ſprach ſehr niebreich mit ihnen und ließ je⸗ dem ein Thalerſtuͤkk geben. Als ſie mitten in dieſen arabiſchen Umgebungen unter den Saͤulen des gro⸗ ßen Sonnentempels ſtand, war der Anblick mahle⸗ riſch und ergreifend, und die Beduinen begruͤßten in ihrer Begeiſterung ſie als die Koͤniginn Palmy⸗ ra's, als die Koͤniginn der Wuͤſte. Sie wuͤrden in ihrer Begeiſterung noch weiter gegangen ſein und durch noch entſchiedenere Zeichen ihre Oberherrlichkeit anerkannt haben, wenn Lady Stanhope ſie nicht ab⸗ gelehnt haͤtte. Die Beduinen ſprechen mit der groͤß⸗ ten Verehrung von ihr. Sie haben noch einen an⸗ dern Beweis ihres Wohlwollens erhalten, den Lady Stanhope, aus Ruͤckſicht auf ihre Landsleute, ſich wohl haͤtte erſparen koͤnnen. Der große Scheikh er— hielt von ihr eine eigenhaͤndige Schrift, worin ſie ihn anweiſet, von jedem Reiſenden, der die Truͤmmer beſucht, tauſend Piaſter zu fodern. Der Scheikh er⸗ mangelt auch nie, dieſen Nath zu benutzen, und zeigt die Schrift vor, mit dem Zuſatze, die große Frau, die Koͤniginn, haͤtte geſagt, die reiſenden Eng⸗ laͤnder waͤren reich und muͤßten billig fuͤr das Vor⸗ ☛ —--— 8 2 28883& 2p Me———,—— X8— recht, Palmyra zu ſehen, gut bezahlen. Dieſe unge⸗ heure Abgabe, der man unmsglich entgehen kann, veranlaßt viele Reiſende, aus Syrien abzureiſen, ohne die ſchoͤnſten Truͤmmer in der Welt geſehen zu haben. Ein ſehr ausgezeichneter Mann weigerte ſich durch⸗ aus, die Abgabe zu bezahlen, und ſagte dem Scheikh, der den Freibrief aus dem Buſen zog, die große Frau haͤtte gar kein Recht auf ſeinen Geldbeutel, und es waͤre ſehr unklug von ihr geweſen, ihm ei⸗ nen ſolchen Befehl zuruͤckzulaſſen. Er verweilte vier Tage in Palmyra, und wuͤrde wahrſcheinlich ſo klug wieder abgereiſet ſein, als er gekommen war, wenn er ſich nicht endlich mit dem Haͤuptlinge verglichen haͤtte, die Haͤlfte der verlangten Summe zu bezahlen. Die Araber thaten ihm zwar nichts zu Leide, ließen ihn aber nicht aus der Huͤtte gehen, und legten endlich Holz und Reißig an die Waͤnde, das ſie an⸗ ſteckten, wodurch die Wohnung des Reiſenden mit ſo dicken Dampfwolken angefuͤllt wurde, daß er we⸗ der athmen noch ſehen konnte und zuletzt nachgeben mußte. Dieſer unkluge und uͤberflͤſſige Befehl der erlauchten Gaſtfreundinn wird ohne Zweifel von ei⸗ nem Scheikh auf den andern durch viele Geſchlecht⸗ folgen hinabgehen, und Jahrhunderte lang werden kuͤnftige Reiſende verurtheilt ſein, ſich den unſeligen Papierſtreif vorzeigen und tauſend Piaſter abfodern zu laſſen, mit der Erklaͤrung, die große Frau jenſeit des Meeres haͤtte ihren Vaͤtern die Schrift gegeben. Deer alte arabiſche Wahrſager oder Zauberer, der zuweilen nach Marilius geht, iſt ein ſonderbares We⸗ ſen. In ſeinem langen Barte und bei ſeinem feier⸗ lichen und ehrwuͤrdigen Anſehen, ſieht er faſt zwei⸗ deutig aus. Er taͤuſcht entweder ſich ſelber oder ſeine Goͤnnerinn, oder vielleicht beide, denn ſeine Profezeihungen uͤber Hoheit und Herrſchaft im Mor⸗ genlande ſind nicht ſelten beifaͤllig aufgenommen worden Es iſt wohl kaum zu bezweifeln, daß ihr raſtloſer und nach Abenteuern ſtrebender Geiſt zuwei⸗ len gern bei dem Gedanken verweilte, im Morgen⸗ lande eine Hetrſchaft zu gruͤnden, mit Hilfe zahlrei⸗ cher Schiffe, die aus der Ferne kommen ſollten, die Eroberung zu vollenden, und ruhmvoll das Zepter zu fuͤhren, wie Zenobia, die Palmyra vertheidigte. Der arabiſche Wahrſager hat ſich ſehr in Anſehen ge⸗ ſetzt, da er Aleppo's Zerſtoͤrung durch ein Erdbeben zwoͤlf Monate vor dem Ungluͤcke verkuͤndigte. Dieſe Weiſſagung iſt vor einigen Monaten in einer reli⸗ gioͤſen Schrift in den eigenen Worten des Wahrſa⸗ gers bekannt gemacht worden. Sie iſt ſo nachdruͤck⸗ lich, und droht ſo ernſt mit dem Zorne und den Schreckniſſen des Himmels, daß ein Miſſionar, der um jene Zeit in Aleppo ſich aufhielt, von ihrer Wahrheit ergriffen wurde. Aberglaube iſt ja oft eine Schwachheit kraͤftiger Gemuͤther. Sollen doch die beiden ausgezeichnetſten Schriftſteller unſerer Zeit an die Wahrheit der Erſcheinungen glauben, deren ſich die ſchottiſchen Seher ruͤhmen. Der Glaube an den Einfluß der Geſtirne aber, dem Lady Stanhope erge⸗ ben iſt, moͤchte wohl noch unſicherer und unbefrie⸗ digender ſein. Sie beſchaͤftigt ſich ſehr eifrig mit Unterſuchungen der Art, und widmet ihnen bei Tage und bei Nacht manche einſame Stunde. Sie hat ſich mit lebhafter Theilnahme erkundigt, unter wel⸗ chem Sterne einige ihrer Freunde geboren wurden, und einer derſelben, der zu jener Zeit in ziem licher Entfernung von ihr eine hohe geſandtſchaft⸗ liche Stelle im Morgenlande bekleidete, erzaͤhlte mir, ſie haͤtte ihn in einem Briefe gebeten, ihr das Ge⸗ ſtirn zu nennen, unter deſſen Einfluß er geboren waͤre. Die ruhige und hohe Lage ihrer ſchoͤnen Wohn⸗ ung, die einſt ein Kloſter war, iſt in einer hellen und reizenden Nacht, wie man ſie oft im Morgen⸗ lande genießt, nicht wenig zu beneiden. Die Ge⸗ ſtirne, die mit ungemeinem Glanze leuchten, ſchei⸗ nen faſt die einzigen lebendigen und wachenden Ge⸗ genſtaͤnde ringsum zu ſein. Keine Menſchenwohnung iſt in der Naͤhe; die Stadt Saida(Sidon) liegt unten in der Ferne, und kein Fuß naͤhert ſich der Wohnung, außer Boten, die einen beſondern Auf⸗ trag auszurichten haben. Eine Dienerſchaſt von drei und aeadeben ſaſt nur Maͤnner, bilden frei⸗ lich eine fuͤrchtbare Schutzwache, womit ſich nicht ſpaßen laͤßt, und rechnet man einen wohlbeſetzten NIL CTEEèZ Marſtall von Arabern dazu, ſo hat ſie ein Gefolge, deſſen kein Paſcha ſich ſchaͤmen duͤrfte. Dieſe Pferde hat ſie theils gekauft, theils von den arabiſchen Haͤuptlingen zum Geſchenke erhalten. Ein ſolches Geſchenk iſt fuͤr den Geber nicht unvortheilhaft, da der Beduine, der das Roß bringt, mit tauſend Pia⸗ ſtern beſchenkt wird. Lady Stanhope kennt in ihrer Freigebigkeit keine Graͤnzen, und die Araber, die darin eine Haupttugend ehren, bewundern ſie eben darum ungemein. Sie lebt ſehr enthaltſam, nimmt nur etwas Thee und Brot zum Fruͤhſtuͤcke, und Suppe mit einem gekochten Huhne iſt der uͤppigſte Genuß, den ſie ſich zu Mittage erlaubt; aber ihr Haus enthaͤlt einen Vorrath erleſener Weine und Leckerbiſſen fuͤr ihre Gaͤſte. Mit dem arabiſchen Haͤuptlinge ſchluͤrft ſie Kaffee und raucht eine Pfeife, waͤhrend ſie, auf dem Teppiche ſitzend, mit morgen⸗ laͤndiſcher Lebendigkeit ſich unterhaͤlt. Die koſtbaren Waffen, welche die arabiſchen Haͤuptlinge zuweilen zum Geſchenke erhalten, ſind ſehr willkommen. Sie ziehen die engliſchen den einheimiſchen Arbeiten vor, ſchaͤtzen aber nur ſolche, die mit Gold oder Silber ausgelegt ſind. Zuweilen kommen große Kiſten mit reich verzierten engliſchen Piſtolen und andern Waf⸗ fen nach Marilius, und einige Monate fruͤher fanden wir eine, zum Einſchiſfen bereit ſteh Ladung in Alexandrien, wobei zugleich eine Kaffeetaſſen ſich befand, da der alte Vorrath beinahe erſchoͤpft war. Lady Stanhope verſchließt ihre Thuͤre oft den Reichen und Neugierigen, nie aber den Armen und Bedraͤngten. Ich wuͤrde nicht Raum genug haben, wenn ich alle edle Handlungen der Einſiedlerinn er⸗ zaͤhlen wollte. Sie verſorgt die Kranken mit Arz⸗ nei, und der duͤrftige Nachbar geht nie mit leerer Hand von ihr. Fragt man jedoch, ob der Aufent⸗ halt der großmuͤthigen Frau den Morgenlaͤndern in Hinſicht auf Bildung oder Sittenveredlung Vortheil gebracht habe, ſo muß man verneinend antworten. Man ſagte einmahl, ſie waͤre darauf bedacht, einen Beduinenſtamm zu unterrichten, zu bilden, und dieſe Kinder der Sonne waͤren unter ihrer Leitung ſchnell in der Geſittung vorgeſchritten. In Schmeichelei, in eingewurzelter Verehrung gegen Gold, und die Hand, die es reichlich ſpendet, ſtehen dieſe Syrier Kiemanden auf der Welt nach, aber in jeder andern Beziehung ſind ſie und werden immer ſein, wie die Profezeihung ſie ſchildert, ein wildes und ſorglofes Volk, und liſtig wie der Vater der Luͤge. Der Dru⸗ ſenfuͤrſt nahm von einem Miſſionar, der ihn be⸗ ſuchte, eine Bibel mit Dank an, und einige Tage nachher ſandte er Kriegsvoͤlker aus, einige griechiſche Kloſter pluͤndern u laſſen. Duldſam in ihren Glau⸗ aheeaindfen hun von wenigſtens fuͤnf bis ſechs verſchiedenen Chriſtenſekten umgeben, ohne Muham⸗ — 76— medaner und Druſen zu rechnen, gibt Lady Stan⸗ hope keiner einen beſondern Vorzug, ſonſt wuͤrde Marilius bald von tuͤrkiſchen Heiligen und Prieſtern, maronitiſchen, griechiſchen oder armeniſchen Geiſtli⸗ chen uͤberſchwemmt ſein. Die Miffionen haben neu⸗ lich ihren maͤchtigen Beiſtand zu gewinnen geſucht, aber vergebens. Fuͤr die Sache der ungluͤcklichen Griechen iſt ſie feurig und eifrig eingenommen, und mehr als ein⸗ mahl iſt ſie geſetzloſer Unterdruͤckung entgegen getre⸗ ten, um die Opfer zu retten, die dem Verderben geweiht waren. Noch lange wird ihr Andenken dem engliſchen Nahmen hoͤhere Verehrung im Morgen⸗ lande verſchaffen, und waͤre die Thuͤre ihrer Wohnung fuͤr ihre Landsleute offen, ſo wuͤrde man hier den herrlichſten Aufenthalt haben, und ihr Einfuß die ſicherſte Schutzwache im Morgenlande ſein. Die Krrenge Sitte, die in ihrem Hauſe gilt, iſt beſonders fuͤr das ſchoͤne Geſchlecht hart. Zwei junge Frauen, mit deren Vater, einem Englaͤnder, ſie fruͤher be⸗ freundet geweſen war, wurden eingeladen, einige Wochen bei ihr zuzubringen. Der Gedanke an einen ſo ſelten gewaͤhrten Vorzug entzuͤckte ſie, und mit lebhafter Ungeduld traten ſie die Reiſe an. Sie wurden ſehr liebreich und freundlich aufgenommen. Die erſten Tage verfloſſen angenehm; aber da ſie der Hilſmittel ermangelten, womit der Geiſt ihrer Wirthinn begabt war, ſo ſchlichen ihnen die Stun⸗ — 77— den bald traͤge dahin. Keine Unterhaltungen, kein Wechſel des Schauplatzes, oft ſelbſt kein Ton als der Wind, der durch die wenigen Baͤume auf dem Gipfel des Berges heulte. Waͤhrend der meiſten Stunden des Tages ſahen ſie weiter nichts als ara⸗ biſche Geſichter, und erſt gegen Anbruch der Nacht erhielten ſie Zutritt zu ihrer Wirthinn, die in ihrer Mamtukentracht nach tuͤrkiſcher Sitte ſaß, ſich freund⸗ lich mit ihnen unterhielt und ſie zuweilen wegen ih⸗ rer Verweichlichung und Schwaͤche verſpottete. Sie waren nicht im Stande, auf den feurigen arabiſchen Pferden uͤber Bergpfade zu reiten, wo eine, mit der Gegend unbekannte Frau ohne eine geſckickte Hand leicht den Hals brechen koͤnnte. Zeigte ein vornehmer Tuͤrke oder Araber ſein baͤrtiges Angeſicht und ſeinen beturbanten Kopf vor der Hausthuͤre, ſo wurde es den fremden Frauen nicht geſtattet, ihre Neugier zu befriedigen, ſondern ſie mußten ſich in ihr Zimmer verſchließen und ſollten nicht aus dem Fenſter ſchauen, damit der Anhaͤnger des Profeten nicht etwa ihre Zuͤge erblickte und die ſtrenge Sitte des Hauſes verletzt wuͤrde. Sie nahmen endlich Ab⸗ ſchied, und wie ſie nachher ſagten, mit dem Ge⸗ fuͤhl einer Nonne, welche die Mauern ihres Kloſters verlaͤßt. Der andere Wohnſitz der Lady Stanhope heißt Mar Abbas, und liegt tiefer im Innern des Lan⸗ des. Im Winter gewaͤhrt er, durch Wald geſchuͤtzt⸗ — —— eine angenehmere Wohnung als Marilius. Sie geht immer dahin, wenn die Seuche an der Kuͤſte herrſcht. Auf ihrer Reiſe durch Palaͤſtina brachte ſie mehre Tage am See Tiberias zu, und gebrauchte die be⸗ ruͤhmten warmen Baͤder, die etwa eine halbe Stunde von der Stadt liegen. Die Bewohner der Gegend ſahen ſie mit Erſtaunen laͤngs dem Geſtade des Sees auf ihrem ſchoͤnen arabiſchen Pferde reiten, das ſie mit der groͤßten Geſchicklichkeit lenkte. Haͤtte ſie in den Tagen des Ritterthums gelebt, ſo wuͤrde das Morgenland den Ruhm mehr als einer Clorinda kennen.„Was vermag die Staͤrke ihres Armes oder ihrer Nerven? ſprach ſie zu einer jungen Frau meiner Bekanntſchaft, die ihr einen Beſuch machte. Koͤnnte ſie die brennende Glut und die Beſchwerden der Wuͤſte ertragen wie ich?“ Es iſt auffallend, daß ihr forſchender Geiſt ſie nie nach Mecca gefuͤhrt hat, und man moͤchte zweifeln, ob die Tuͤrken, bei der hohen Verehrung, die ſie genießt, ihr den Zu⸗ tritt verweigern, oder wagen wuͤrden, das Geſetz zu vollziehen, das dem Unglaͤubigen, der das heilige Ge⸗ biet betritt, den Tod drohet. Ein Tuͤrke oder Ara⸗ ber in der Umgegend wuͤrde in eine peinliche Ver⸗ legenheit gerathen, wenn man ihn fragte, ob die „edle Frau“ in das Paradies kommen koͤnnte, deſſen Pforten das Geſetz des Korans den Weibern verſchließt.)) Er wuͤrde wahrſcheinlich den Bart ſtrei⸗ » S. Zuſätze III. -— * 8 2— 89 11 n f chen und dann mit ernſter Miene antworten, daß der Profet, der das Geſetz gegeben, auch die Macht beſaͤße, bei beſonderen Veranlaſſungen es zu bre⸗ chen— oder wie der Befehlhaber von Beirut zu uns ſagte,„wir wuͤrden bald Alle wahre Glaͤubige ſein. Das Dorf Antura, wo ſie nach ihrer erſten An⸗ kunft in Syrien eine Zeitlang wohnte, liegt mit ſeinem Kloſter ſehr reizend auf dem Abhange des Li⸗ banon und muß bei ſeiner Lage ſehr geſunde Luft haben. Der beruͤhmte Wortley Montague wohnte hier, als er Syrien beſuchte, und war entzuͤckt uͤber die Gegend, wiewohl die Abſicht ſeines Aufenthaltes weder loͤblich noch ehrenvoll war. Seine ſchoͤne Mut⸗ ter wuͤrde bei dem Anblicke der Lage des Hauſes auf dem Marilius gelaͤchelt, und ſich gewundert ha⸗ ben, was einen ſolchen Aufenthalt angenehm ma⸗ chen koͤnnte— ohne Geſellſchaft und ohne Liebe. Es gibt nichts, womit man die Abgeſchiedenheit vergleichen koͤnnte, welche Lady Stanhope gewaͤhlt hat. Es hat zwar wohl Frauen gegeben, die den Sitten und Annehmlichkeiten ihres Geſchlechts ent⸗ ſagten, aber dagegen den hoͤhern Umgang— wie ſie es nannten,— des andern Geſchlechts eifrig ſuchten; andere, die ſich in eine andaͤchtige Einſam⸗ keit begruben, haben ihren Lohn in der Schwaͤr⸗ merei gefunden, welcher ſie ſich in der Abgeſchieden⸗ heit uͤberließen, und in den glaͤnzenden Hoffnungen, die dort erweckt wurden; aber es muß ein kraͤftiger Geiſt ſein, der hier, ohne Nahrung fuͤr die Eitel⸗ keit, unter unwiſſenden und geiſtloſen Statthaltern und Haͤuptlingen, fern von der geſitteten Welt, auf einem ſolchen Wege ſeine Freude finden, und ihn bis zuletzt ruhig und ohne einen Stußzer„ ohne Be⸗ dauern verfolgen kann. . — — — ———O:B·Öů:.ỹᷣᷓ— Q 9 V, ,— ²82—-——— ð&—' ⏑ ————;—— — 17 J. Reiſe nach Palmyra. Von einem Freunde des Verfaſſers. — War hatten oft lebhaft gewuͤnſcht, Palmyra zu ſehen, und als die Schwierigkeiten, die uns anfaͤnglich im Wege ſtanden, endlich groͤßten Theils weggeraͤumt waren, ſo entſchloſſen wir uns, die Reiſe zu unter⸗ nehmen. Wir erkundigten uns nach einem arabiſchen Scheikh, der uns als Fuͤhrer und Schutzwaͤchter die⸗ nen ſollte. Dieſe Haͤuptlinge, die vielleicht mit mehr als einem Stamme in Verbindung ſtehen, ſichern dem Reiſenden Schutz gegen jede Beunruhigung auf ſeinem Wege zu, aber ſie verſprechen leicht mehr, als erfuͤllt wird. Der Araber foderte tauſend Piaſter fuͤr das Geleite und ſchwatzte viel von den wahr⸗ ſcheinlichen Gefahren der Reiſe und von dem großen Nutzen ſeiner Begleitung. Es waren einige Zeit vorher Streitigkeiten zwiſchen dem Paſcha von Da⸗ maſchk und einigen Araberſtaͤmmen in der Wuͤſte vor⸗ 6* — — — — 84— gefallen, deren Haͤuptlinge zum Theil ſchwere Strafe erlitten hatten, und der Reiſende, der unter ihre Anhaͤnger fiel, durfte ſich vielleicht nicht die beßte Aufnahme verſprechen. Eine Stunde etwa vor Sonnenaufgange verließen wir Damaſchk und zogen uͤber die Ebene nach dem Berge Aſchlun. Der angenehme Weg fuͤhrte uͤber Stroͤme und durch den Wald von Gaͤrten, welcher Damaſchk auf viele Meilen weit umgibt. Die zahl⸗ reichen Minarete der Stadt glaͤnzten nun in den Strahlen der aufgehenden Sonne, beſonders die Mi⸗ narete der großen Moskee, die man beinahe von je⸗ dem Standpunkte erblickt. Nirgend im Morgen⸗ lande wird der Reiſende ſo lebhaft an europaͤiſche Landſchaften erinnert, als in der Umgegend von Da⸗ maſchk. Das ſtets durch die Gaͤrten und Haine ſtroͤmende Waſſer, und das friſche lebendige Gruͤn, das ſie ſchmuͤckt, ſind eigenthuͤmliche Zuͤge eines ſo heißen Klima's. Nach wenigen Stunden kamen wir aus dem Kreiſe der Waͤldchen und zahlreichen Doͤrfer, und be⸗ traten die weitausgedehnte nackte Ebene. Unſere Reiſegeſellſchaft beſtand aus zwei Beduinen, die fuͤr ſechs Kamehle und das Gepaͤck Sorge tragen ſollten, uns ſelbſt, einem Diener, drei Pferden und dem Wegweiſer. Wir zogen nur mit dem gewoͤhnlichen Karawanen⸗Schritte voran, drei bis vier engliſche Meilen in einer Stunde. Als wir uns in kurzer jer —— —— ,— Zeit links wendeten, verloren wir die Stadt und ihre liebliche Ebene aus dem Geſichte, und vor uns oͤffnete ſich die Wuͤſte. Die Profeten Iſraels ſchil⸗ dern die Wuͤſte, in allen Anſpielungen auf die⸗ ſelbe, als einen furchtbaren Wohnſitz, und in ihren Weiſſagungen von den kuͤnftigen Schickſalen ihrer Landsleute drohen ſie ihnen mit der heulenden Wuͤſte, mit dem oͤden, muͤhſeligen, unbewohnten Lande, als einem der haͤrteſten Drangſale. Die Ue⸗ berlieferung von dem vierzigjaͤhrigen Aufenthalte in der Wuͤſte war vermuthlich eine Urſache davon. Mo⸗ hammed aber hat ſich ſolcher Beſchreibungen enthal⸗ ten, weil er vielleicht als Araber wußte, daß auch die Wildniß ihre Reize hatte und daß ſein Volk ſie liebte. Der Boden des Landes, das wir durchzogen, war unfruchtbar. Nur hier und da ſah man eine Huͤtte. Das Gruͤn war noch nicht ganz verſchwun⸗ den, ſondern zuweilen liefen noch einige Oelbaͤume und andere Baͤume uͤber den Weg. Die Sonne ſchoß gegen Mittag ſehr heiße Strah⸗ len, und wir mußten uns mit Regenſchirmen da⸗ gegen ſchuͤtzen. Ehe wir Karitin nach zwei Tag⸗ reiſen erreichten, konnten wir nicht darauf rechnen, eine ertraͤgliche Herberge zu finden; wir hatten uns jedoch beſſer als auf fruͤheren Reiſen mit Vorraͤthen verſehen. Auch der Weg war ganz anders. In den arabiſchen Wuͤſten beſtand er ſtets aus weichem oder hartem Sande, wo nur ein Kamehl fortkommen konnte; hier aber war veſter Boden, der zuweilen mit grobem Gruͤn bedeckt war, worauf unſere Pferde ſehr gut gehen konnten. Achmed, unſer Wegweifer. war ein munterer und ſchlauer Burſche, ſehr geſpraͤ⸗ chig, zumahl wenn von dem Anſehen und den an⸗ ſehnlichen Beſitzungen ſeines Stammes die Rede war. Geldgierig, wie alle Araber, verrieth er deut⸗ lich, daß ihm die Ausſicht auf die ihm zugeſagten tauſend Piaſter ſehr angenehm war. Dieſe Menſchen ſind zwar ſehr gaſtfrei, wenn man ſich an ihre Groß⸗ muth wendet, aber es iſt immer leichter, mit einem Tuͤrken als mit einem Araber zu handeln, der nach dem letzten Para die Hand ausſtreckt. Bald nach Mittage ſtiegen wir ab, und nahmen unſern Platz unter einigen Baͤumen, die uns ſpaͤrli⸗ chen Schatten boten. Wir hatten einige kalte Spei⸗ ſen aus Damaſchk mitgenommen und mit Hilfe des trefflichen und ſtarken weißen Weines vom Libanon, den uns die Moͤnche im ſpaniſchen Kloſter geſchenkt hatten, genoſſen wir eine leidliche Mahlzeit. Weit umher breitete ſich eine wilde Gegend aus, und der ſchoͤne Berg Aſchlun hemmte die Ausſicht zur Linken. Ungefaͤhr nach zwei Stunden ſetzten wir unſere Reiſe fort, und die Dunkelheit war beinahe angebrochen, als wir Halt machten und unſer Zelt an einer Quelle aufſchlugen. Die Nacht war ſehr kalt. Trotz des Zeltes und unſerer Kleider waren wir in der ſcharfen Luft beinahe vor Kaͤlte erſtarrt, und wir fanden am — 87— nachſten Morgen vor unſerem Aufbruche ein munteres Feuer und den Kaffee ſehr angenehm. Wir kamen an dieſem Tage durch zwei bis drei Doͤrfer und wa⸗ ren noch nicht weit gezogen, als wir auf der vor uns liegenden Ebene eine unermeßliche Anzahl von Arabern mit ihren Heerden und Kamehlen ſahen. Aus weit entlegenen Ebenen, die ſich bis Babylon und Bagdad erſtrecken, waren ſie gekommen, da die Weiden in dieſem Jahre entweder duͤrftig oder zum Theil erſchoͤpft waren. Sie waren mit ihren ſaͤmmt⸗ lichen Heerden hierher gereiſet, um die beſſere Weide zu ſuchen, welche die Ebenen Syriens darbieten. Ihre Zelte breiteten ſich auf der unermeßlichen Flaͤche vor uns aus. In den groͤßten wohnten die Haͤupt⸗ linge. Man ſah hier und da Gruppen von Kameh⸗ len, neben welchen ihre Herren ſtanden. Heerden von Rindvieh, Ziegen und Pferden waren uͤberall auf der Ebene jerſtreut, und unter ihnen Araber, die ſie bewachten und warteten. Wir konnten es nicht vermeiden, mitten durch dieſes große und volkreiche Lager zu ziehen. Einige Araber waren ſehr hoͤflich, ohne uns im mindeſten zu ſtoͤren oder zu beleidigen; andere aber ſahen ver⸗ daͤchtig und unmuthig aus, als ob ſie Luſt gehabt haͤtten, uns zu pluͤndern. Sie luden uns mehrmahl ein, bei ihnen zu verweilen und Erfriſchungen zu nehmen; da aber in dieſem Falle bald neugierige und beobachtende Gruppen uns umringt haben wuͤrden, — — 88— ſo lehnten wir die Einladung ab, und zogen weiter. Es dauerte jedoch einige Zeit, ehe wir uns von den zahlreichen zerſtreuten Abtheilungen dieſes ſonderba⸗ ren Volkes losgemacht hatten, das in vollkommener Freundſchaft unter einander lebt, und das Beſitz⸗ thum eines Jeden fuͤr unverletzlich haͤlt, ſo ſehr das Eigenthum der Gefahr ausgeſetzt und unter einander gemiſcht iſt. In ihrer Tracht glichen ſie den Ara⸗ bern, die wir in Damaſchk geſehen hatten. Sie waren von Mittelgroͤße, oft auch daruͤber, aber ma⸗ ger und wohlgebaut. Ihre Heerden waren zahlreich genug, ihre Tafel zu verſorgen, und viele Zelte ſchienen auf morgenlaͤndiſche Weiſe ſehr gut verſehen zu ſein. Wir ſetzten unſere Reiſe fort, ohne Halt zu ma⸗ chen und ohne viel Abwechſelung auf dem Wege zu finden, bis wir das große Dorf Karitin erreichten. Der Scheikh, unſer Fuͤhrer, ließ ein kleines Schaf ſchlachten und zum Abendeſſen fuͤr uns zurichten. Wir nahmen unſere Herberge in einem der Haͤuſer des Dorfes, und als man ein großes Feuer auf dem Boden gemacht hatte, ſetzten wir uns mit unſerm Fuͤhrer und unſerm Wirthe geſellig um die Flamme. Nach dem Eſſen ließen ſich einige Bewohner des Dorfes ſehen. Wir hatten noch ein Paar Flaſchen des ſtarken Kloſterweines uͤbrig, und ſo begierig der Scheikh und unſer Wirth auf den verbotenen Trank zu blicken ſchienen, ſo wagten ſie es doch nicht, we⸗ — 129— 19⁹ 2 1* ρ N 12 8△—*. nigſtens nicht vor Zeugen, das Geſetz des Profeten zu verletzen, wiewohl ihr Benehmen verrieth, daß der Wein nicht immer ihren Lippen fremd geblieben war. Niemand trinkt ihn mit innigerem, wenn auch aͤußerlich verhehltem Behagen, als ſehr viele Bekenner des Islam, die ohne Zweifel mit Wortley Montague einſtimmig ſind, der nach dem Uebergange zu ihrem Glauben ſagte, es fehle dem Leben der Tuͤrken nur etwas, um ganz gluͤcklich zu ſein, die Erlaubniß, guten Wein zu trinken. Unſere Ruheſtaͤtte war in dieſer Nacht weit an⸗ genehmer als in der vorigen, da wir gegen den ſcharfen Wind geſchuͤtzt waren. Am naͤchſten Mor⸗ gen verließen wir Karitin, und zogen durch eine oͤde und ſandige Gegend, wo weder Baum noch Schatten, noch eine wohlthaͤtige Quelle uns Er⸗ quickung bot. Wir mußten, ehe wir das Dorf ver⸗ ließen, uns mit einem reichlichen Waſſervorrathe verſorgen. Das Wetter war ſehr ſchwuͤl und die Gegend bot nichts Anziehendes dar, das unſere Auf⸗ merkſamkeit haͤtte reizen koͤnnen. Keine tiefen und einſamen Thaͤler, deren hohe Waͤnde uns gegen die Strahlen der Sonne geſchuͤtzt haͤtten, keine praͤchtigen Berge, oder durch Erinnerungen geheiligte Gegenden, wie wir ſie auf dem Wege zum Sinai immer ſa⸗ hen, ſondern eine oͤde, nackte Ebene, die auf beiden Seiten in einer Entfernung von vielen Meilen von unfruchtbaren, niedrigen und elenden Bergen einge⸗ faßt war. Wir mußten unſeren Waſſeerſchlaͤuchen oft zuſpre⸗ chen, da die Hitze den brennendſten Durſt erweckte. Wenn die beiden Beduinen durch das Gehen im heißen Sande ermuͤdet waren, ſetzten ſie ſich auf die Kamehle. Mein Reiſegefaͤhrte ertrug die Beſchwerden des Weges mit ungemeiner Heiterkeit. Er hatte ſchon lange den lebhaften Wunſch gehegt, Palmyra zu ſehen, die einzigen maͤchtigen Truͤmmer in der Welt, die er, wie er ſagte, noch nicht beſucht hatte. Wir waren froh, als die Sonne ſich am weſtlichen Himmel herabſenkte, und nach der ſchwuͤlen Hitze des Tages der kuͤhle Abendwind wehte. Zwei bis drei Stunden nach Sonnenuntergange machten wir mitten auf der Ebene va da wir zu ermuͤdet wa⸗ ren, weiter zu reiſen. as Feuer loderte bald im Sande, und Kaffee und Pfeife waren ſchnell bereit. Nicht auf einem koſtbaren Teppiche, oder in einem praͤchtigen Kiosk genießt man dieſe Erquickungen mit dem innigſten Wohlbehagen. Wer ſie je nach einem brennend heißen Tage, und nach ermuͤdenden Be⸗ ſchwerden, auf dem Sande der Wuͤſte ſitzend, genoſ⸗ ſen hat, wird ſagen, daß ſie ihm dort ſuͤßer ſchmeck⸗ ten, als wenn ſie von ſchoͤnen Haͤnden, oder in Koͤ⸗ nigsburgen ihm dargereicht wurden. Es wurde bald dunkel, wenn man unter dieſem Himmel von Dunkelheit reden kann, denn die Sterne —,— — ,— glaͤnzten ungemein ſchoͤn. Das Zelt ward aufgeſchla⸗ gen, aber wir ſaßen noch laͤnger um das muntere Feuer, da die Luft ſchon ſehr kuͤhl wurde. Die Nacht in der Wuͤſte, zumahl eine ſo ruhige ſtille Nacht als dieſe, macht einen außerordentlich feier⸗ lichen Eindruck. Kein Laut ſtoͤrte die Stille; kein plaͤtſcherndes Waſſer, keine ſaͤuſelnden Baumwipfel, keine Stimme eines lebendigen Weſens! Die Beduinen hatten ſich nach ihrem ſpaͤrlichen Abendbrote in ihre Maͤntel gehuͤllt, und ſuchten ihre Ruheſtaͤtte im Sande, neben ihren Kamehlen. Wir mußten aber bald die freie Luft mit einem angeneh⸗ mern Obdach vertauſchen und Zuflucht in dem Zelte ſuchen. Das Klima iſt in dieſen Gegenden zur Nachtzeit weit ſtrenger als in den Wuͤſten Paran und Sinai, und die Abwechſelung der ſchwuͤlen Hitze des Tages und der durchdringenden Nachtkaͤlte kann nur ein Araber ertragen. Man findet hier beſtaͤtigt, was Jakob zu ſeinem Schwiegervater ſagt, der in dieſem Lande wohnte, des Tages waͤre er vor Hitze ver⸗ ſchmachtet und des Nachts vor Froſt. Dieß iſt mehr oder weniger waͤhrend des ganzen Jahres der Fall. Am folgenden Morgen beſchleunigten wir unſere Abreiſe, weil wir hoͤrten, daß wir gerade den gefaͤhr⸗ lichſten Weg vor uns haͤtten, und nicht eher Waſſer finden konnten, bis wir die Truͤmmer Palmyra's er⸗ reichten. Wir fanden die Geſtalt des Landes wie am vorigen Tage; nackte Berge, welche die Ebene — — — 92— auf beiden Seiten begraͤnzten. Es zeigte ſich nicht ein einziger Wanderer, der die Landſchaft belebt haͤtte, die ziemlich langweilig und eintoͤnig war. Als wir bei Anbruche der Nacht wieder Halt in der Ebene machten, waren wir nicht wenig erfreut, da der lang⸗ weilige Ritt von drei Meilen in einer Stunde un⸗ ausſprechlich laͤſtig war. Am naͤchſten Tage verließen wir woßlgemuthet unſer Nachtlager, da wir wußten, daß wir in weni⸗ gen Stunden die beruͤhmten Truͤmmer ſehen ſollten, nach deren Anblicke wir uns ſo lebhaft geſehnt hat⸗ ten. Die Ebene ward immer mehr begraͤnzt, je wei⸗ ter wir kamen; die Berge ruͤckten auf allen Seiten enger zuſammen, und wir kamen in ein kleines Thal, an deſſen Ende ploͤtzlich eine Ebene vor uns lag, wo wir die herrlichen Truͤmmer, die es bedeckten, nun deutlich erblickten. Wie der erſte Anblick von Da⸗ maſchk, uͤberraſchte uns dieſes Schauſpiel um ſo mehr, da wir es nach einer Reiſe durch oͤde und widrige Gegenden ploͤtzlich vor uns ſahen. Als wir ein wenig weiter zogen, kamen einige in der Umge⸗ gend wohnende Araber uns entgegen, die uns nach hoͤflicher Begruͤßung zu dem großen Scheikh fuͤhrten. Dieſer Mann und ſeine Stammgenoſſen hatten ſich in einem Theile des großen Tempels oder Palaſtes angeſiedelt, wo ſie weit beſſer wohnten, als in den rohen Zelten und roheren Huͤtten ihrer Stammge⸗ noſſen. Der Scheikh ließ uns Kaffee und Pfeifen 9 ——— ——+ↄł/ ——ß,— reichen, und uns eine, der ſeinigen aͤhnliche Wohnung in einem Theile der Truͤmmer anweiſen. Dieſe wilden geſetzloſen Menſchen, die mitten unter den praͤchtigſten Truͤmmern in der Welt ihre Heerden weiden, und ſich als die Waͤchter derſelben betrach⸗ ten, bilden bei ihrer mahleriſchen Tracht und Be⸗ waffnung einen ſchoͤnen und auffallenden Gegenſatz mit der umliegenden Landſchaft. Alles iſt in voll⸗ kommener Haltung. Sobald wir unſer Gepaͤcke in unſere neue Wohn⸗ ung gebracht hatten und die Araber auf einige Zeit los waren, ſingen wir an, dieſe ungeheuern Ueber⸗ reſte des Alterthums zu unterſuchen und zu durch⸗ wandern. Es gehoͤrt freilich Zeit dazu, da ſie eine ausgedehnte Flaͤche bedecken, und mehre ſchoͤne Truͤmmer, die jetzt mit keinem Gebaͤude zuſammen⸗ hangen, uͤberall dem Blicke begegnen. Einige ein⸗ ſam ſtehende Saͤulen, die letzten Ueberreſte eines praͤchtigen Bauwerkes, das um ihren Fuß aufgehaͤuft iſt; ein herrliches Thor mit den Ueberbleibſeln reicher Verzierungen, das nur zu Truͤmmern und Veroͤdung fuͤhrt, und leere Graͤber, die ſich an einander draͤn⸗ gen— dieß ſind die Hauptzuͤge dieſer herrlichen Ein⸗ ſamkeit. Palmyra iſt in dieſer Beziehung den Truͤm⸗ mern von Theben in Ober-Aegypten aͤhnlicher als andern Ueberreſten alter Bauwerke; es uͤbertrifft dieſe aber ſehr an Regelmaͤßigkeit und Schoͤnheit, wie⸗ wohl nicht an Groͤße; da die korinthiſchen und jo⸗ . * niſchen Knaͤufe dieſer langen Saͤulenreihen das Auge mehr erfreuen, als die rieſenhaften und unverzierten Saͤulen Karnaks. Der graue Marmor, woraus ſie beſtehen, erhoͤht ihre Schoͤnheit, obgleich er, dem Einfluſſe der Witterung ausgeſetzt, oft mit einer roͤthlichen Farbe bedeckt iſt. Der erſte Abend, den wir hier zubrachten, war ſehr angenehm, und die hinter den Truͤmmern des großen Tempels untergehende Sonne gewaͤhrte einen herrlichen, faſt wehmuͤthigen Anblick. Von allen Vorraͤthen entbloͤßt, kauften wir eine Ziege von den Arabern, die hier eine Heerde von dieſen Thieren haben, und wir genoſſen unſer Abendbrot in unſerer neuen Wohnung, in einer Huͤtte unter den Truͤm⸗ mern von Palaͤſten! Am naͤchſten Tage fuhren wir fort, die Truͤmmer mit unverminderter Theilnahme zu beſehen. Es iſt nicht leicht, den Raum, welchen ſie einnehmen, genau zu ſchaͤtzen; aber es kann ein Flaͤchenraum von ungefaͤhr drei engliſchen Meilen im Umfange ſein, mehr als der Flaͤcheninhalt des heutigen Jeruſalems. Dieſe ganze Flaͤche iſt mit zahlloſen Saͤulenreihen, Hoͤfen, Boͤgen, zerſtreuten Pfeilern und unzaͤhligen Marmorbruchſtuͤcken bedeckt, die uͤberall umher liegen. Der große Tempel nimmt den anſehnlichſten Raum ein, die Saͤulen aber, wor⸗ aus er beſteht, ſind keineswegs hoch, da ſie nur drei⸗ ßig bis vierzig Fuß lang ſind, und fe ſind in Ver⸗ gleichung mit andern morgenlaͤndiſchen Truͤmmern * ——O—O—O——ↄ—ↄ—ę—Q—CQO—C—Q.·ℳ V— — 95— ſchlank, und haben kaum acht Fuß im Umfange. Dieſe Saͤulen ſind theils gerieft, theils glatt. Alle haben ko⸗ rinthiſche Knaͤufe, deren Schoͤnheit jedoch durch die Zeit und durch die verſtuͤmmelnden Haͤnde der Araber faſt ganz entſtellt worden iſt. Das Laubwerk und die Verzierungen der Knaͤufe ſind oft gaͤnzlich zerſtoͤrt. Einige joniſche Saͤulen haben beſſer erhaltene Knaͤufe. Es iſt der Wirkung der praͤchtigen Saͤulenreihe in der großen Halle ſehr nachtheilig, daß die Saͤulen ein wenig uͤber dem dritten Theile ihrer Hoͤhe einen Vorſprung haben, auf welchem vielleicht vor Zeiten Bildwerke ſtanden. Man hat die ſchoͤnſte Anſicht des Tempels außerhalb des Bogens, wo man die langen Saͤulenreihen mit den Hallen und Graͤbern in ſchoͤner Perſpektive ſieht. Es wuͤrde das ſchoͤnſte Panorama in der Welt geben. Die Verzierungen des Thorgewoͤlbes, die, nach den Ueberreſten zu urtheilen, ſehr ausgearbeitet und praͤchtig geweſen ſein moͤgen, ſind ſehr beſchaͤdigt. Der Durchmeſſer der Saͤulen iſt zwar gewoͤhnlich zwei bis drei Fuß, einige aber ſind vierzig Fuß hoch, in einer kleinen Reihe beinahe funfzig, viele andere da⸗ gegen nicht uͤber ſechs und zwanzig Fuß. Keine der⸗ ſelben aber iſt an Schoͤnheit, Groͤße und guter Er⸗ haltung mit den herrlichen Saͤulen in der Halle des Tempels zu Balbek zu vergleichen, den wir ſpaͤter ſahen. Das Gekaͤlk und ein Theil der Verzierungen ſind auf vielen Saͤulenreihen noch zu ſehen; unter 8 den zahlloſen Bruchſtuͤcken aller Art aber, womit der Boden bedeckt iſt, findet man keine Ueberreſte von Bildwerken, und von den vielen, die einſt im Tem⸗ pel ſtanden, iſt jede Spur verſchwunden. Liegen dieſe Truͤmmer, wie man ſtillſchweigend annimmt, auf derſelben Stelle, wo Salomo die Stadt Tadmor(Thamar) in der Wuͤſte baute, ſo iſt es zu verwundern, wie jener Koͤnig eine Stadt in einer ſo abgelegenen Gegend bauen konnte, die einzige, die er je in ſo weiter Entfernung vom Sitze ſeiner Herrſchaft gegruͤndet haben ſoll. Damaſchk muß zu jener Zeit in ſeinem Beſitze geweſen ſein, ſonſt haͤtte er nicht eine Stadt bauen koͤnnen, die fuͤnf bis ſechs Tagreiſen jenſeit lag; aber einige Jahre nachher heißt es*) weiter, Reſo ſei Iſraels Widerſacher geweſen, ſo lange Salomo lebte, und habe zu Damaſchk gewohnt und uͤber Syrien ge⸗ herrſcht. Vielleicht lag die Stadt Thamar in der Wuͤſte in einer andern Gegend, naͤher bei Judaͤa. Die Beduinen nennen ſie jedoch einſtimmig Thed— mor, und der hier wohnende Araberſtamm glaubt zuverſichtlich, es ſei die von Salomo, dem großen Koͤnige, gebaute Stadt. ¹ Die Berge um die Truͤmmer waren vor Zeiten wahrſcheinlich mit Palmbaͤumen**) bedeckt, wie die *) ⁊ Kön. 10, 23— 23. **) Auch der griechiſche Nahme Palmyra, Patmen⸗ ſtadt, deutet darauf. L. —ù„ ͤ„e. —— —— ⏑ — eo HbS—ͤS gZ —— N—— m⸗* — Berge um Palaͤſtina's Hauptſtadt; jetzt ſieht man jedoch nicht einen einzigen; einige Oehlbaͤume aber, die aus den herabgeworfenen Truͤmmern hervorwach⸗ ſen, haben ein ſehr romantiſches Anſehen und beleben die Landſchaft. Zahlreiche Grabmaͤhler ſind rings umher zerſtreut. Einige derſelben liegen in Truͤm⸗ mern, andere beſſer erhaltene ſind ſehr groß und hoch, beſtehen aus verſchiedenen Stockwerken und Gemaͤchern, und die Großartigkeit dieſer Bauwerke erinnert an die Graͤber des alten Thebens. In fruͤ⸗ heren Zeiten wurden hier viele Mumien gefunden; die Araber haben ſie jedoch auch hier, wie in Ae⸗ gypten, zerſtoͤrt, um die Maſſe zu gewinnen, womit man dieſelben gebalſamt hatte. Man findet in die⸗ ſen Graͤbern zwar Bruchſtuͤcke von Mumien und Stuͤcke von der, beim Balſamen gebrauchten Lein⸗ wand, aber ſonſt nichts, was die Muͤhe des neu⸗ gierigen Forſchers belohnen koͤnnte, obgleich es in einigen Graͤbern offenbar Plaͤtze gibt, wo einſt Todtenurnen ſtanden, und noch einige, aber leere Sarkophage zu ſehen ſind. Ein Reiſender unſerer Zeit will eine wohl erhaltene Hand in einer dieſer oͤden Todtenkammern gefunden haben. Sie erſtrecken ſich uͤber den Umfang der Mauern hinaus, ſelbſt bis in das kleine Thal, durch welches wir auf die Ebene kamen, und ſie beweiſen die Neigung der ehemahli⸗ gen Bewohner fuͤr praͤchtige Todtendenkmaͤhler. Ei⸗ nige haben die Geſtalt veſter Thuͤrme, und werden III. 7 — 5 ————— — 98— auch von den Tuͤrken dazu benutzt; andere ſind mit einer Vorhalle geziert, wo die Graͤber vor dieſer oder an den Seiten derſelben ſich befinden, einige einfachere Denkmaͤhler aber haben nur ein kleines Thor, mit einer halbrunden Saͤule an jeder Seite und einigen Stufen vor dem Eingange. Alle ſind von Marmor gebaut und mit Marmor gepfaaſtert. Sie haben gleiches Schickſal mit den, im Innern des Berges ausgehoͤhlten Koͤnigsgraͤbern zu Theben, oder mit den, aus den ſteilen Felſen gehauenen Graͤ⸗ bern Judaͤa's gehabt, und ſind beinahe unverſehrt geblieben, waͤhrend die Aſche ihrer ehemahltgen Be⸗ wohner in alle Winde zerſtreut wurde. Der Berg, auf welchem das Schloß ſteht, hat eine umfaſſende Ausſicht auf die Stadt und auf die unten ſich ausbreitende Ebene. Die alte Stadt in ihrer Herrlichkeit, mit ihren Hainen und Stroͤmen, muß wie ein Eiland mitten im Meere ausgeſehen haben; denn auf allen Seiten oͤffnet ſich eine weite Wuͤſte, die in aͤlteren Zeiten ohne Zweifel dieſelbe Geſtalt hatte, und man findet hier weder Waſſer, noch Schatten, noch Gruͤn, bis man in die Ebene von Palmyra kommt, wo Waſſer in Ueberfluß, ſelbſt aus den Felſen quillt. Das Schloß iſt ein ſehr rohes Bauwerk, von weit ſpaͤterem Urſprunge als die, in der Ebene liegenden Gebaͤude, und wahr⸗ ſcheinlich von den Saracenen erbaut. Die angraͤn⸗ zenden Berge ſind mit Gebaͤuden von aͤlterem und ehrwuͤrdigerem Anſehen gekroͤnt, und Denkmaͤhler der Bewohner Palmyra's, die auf den hoͤchſten Gipfeln, wie in den Thaͤlern, Todtengemaͤcher er⸗ bauten. Einige Meilen von der Stadt liegt das ſoge⸗ nannte Salzthal, das die Gegend ſein ſoll, von welcher es heißt:„David machte ſich einen Nahmen, da er die Syrer ſchlug im Salzthal.“ Dieſer Um⸗ ſtand beweiſet, wie wenig die Geſtalt des umliegen⸗ den Landes ſich ſeit jenen Zeiten geaͤndert hat, denn Damaſchk und einige andere Oerter ziehen ihr Salz noch jetzt aus dieſem Thale. Der Boden hat hier ein ſehr unfruchtbares Anſehen, und iſt ziemlich tief unter der Oberflaͤche mit Salz geſchwaͤngert, das die Araber, beſonders nach Regenguͤſſen, wie in gewoͤhn⸗ lichen Salzgruben ſammeln. Sobald die Feuchtig⸗ keit verdunſtet iſt, findet man viel Salz auf der Oberflaͤche. Einer der merkwuͤrdigſten Gegenſtaͤnde in der Ebene iſt das Schweſelwaſſer, das man an meh⸗ ren Stellen findet. Die ſchoͤnſte dieſer Quellen fin⸗ det man am Fuße eines felſigen Berges, wo ſie ſich in ein klares Becken ergießt, und dann eine Strecke weit uͤber die Ebene ſtroͤmt, bis ſie ſich im Sande verlierc. Das Waſſer iſt ſehr warm, und ſoll gegen einige Krankheiten heilſam ſein, wenigſtens haben die Araber eine hohe Meinung von ſeinen Tugenden. Es gibt noch einige andere aͤhnliche Quellen, keine aber iſt ſo reichlich als jene. Am Fuße eines hohen 7* — Felſens unweit des rothen Meeres findet man vier bis kuͤnf ganz aͤhnliche Quellen, die aber heißer ſind. Nur den Arabern ſind ſie bekannt, wie wir von den⸗ jenigen erfuhren, in deren Geſellſchaft wir ſie beſuch⸗ ten, und ſie trinken das Waſſer ſeiner Heilkraͤfte we⸗ gen, ſo oft ſie in jene Gegend kommen. Dieſe Quel⸗ len ſtroͤmen aus dem Felſen in den Sand, bilden ei⸗ nige kleine Becken und fließen dann durch einen klei⸗ nen Kanal in's Meer. Am Abende kehrten wir in unſere Wohnung zu⸗ ruͤck, die zwar nicht geraͤumig, aber doch weit rein⸗ licher als die Zelte der Araber war. Unſer Abend⸗ eſſen beſtand aus denſelben Leckerbiſſen, die wir am vorigen Tage genoſſen hatten, da Ziegenfleiſch die einzige Nahrung war, die ſich ſinden ließ. Der Abend war ſo ſchoͤn, daß wir unſere Mahlzeit im Freien genießen wollten. Wir hatten die Vorſicht gehabt, einen kleinen Branntweinvorrath von Da⸗ maſchk mitzunehmen, welcher, mit Waſſer gemiſcht, ein ſehr geſundes Erſatzmittel der Weine vom Liba⸗ non war. Die Beduinen, die ſich um uns ſammel⸗ ten, verſchmaͤhten es nicht, dem Branntwein kraͤftig zuzuſprechen, der nicht zu den verbotenen Getraͤn⸗ ken gehoͤrt. Sonderbar, daß der Profet ihnen den Branntwein erlaubt und den Traubenſaft verbo⸗ ten hat! Der Araberſtamm, der hier unter dem großen Scheikh wohnte, war nicht ſehr zahlreich. Der „— l.„„—— „„„„„„f„„„ͤ ₰—A,£—42 ——„— — 101— Haͤuptling war in mittlen Jahren, nicht eben allzu hoͤflich, und ſtolz auf ſeine Wuͤrde, beſonders auf das Vorrecht, dem Paſcha von Damaſchk auf der Pilgerfahrt nach Mekka das Geleite zu geben. Er war betruͤgeriſch und raubſuͤchtig, und trachtete gie⸗ rig nach Allem, was er von den DOſchiaur erlan⸗ gen konnte, wie wir bald Gelegenheit hatten zu er⸗ fahren. Die Weiber in Palmyra verdienen den Preis der Schoͤnheit, den ihnen das ganze Morgenland zuerkennt. Kein Araberſtamm in Syrien hat ſchoͤ⸗ nere Frauen; ihre Hautfarbe iſt nicht ſehr dunkel, und viele unter ihnen haben die ſchoͤne und bluͤ⸗ hende Farbe der Bewohnerinnen noͤrdlicher Gegenden. In ihren Sitten ſind ſie nicht ſo ſtrenge als die Weiber anderer Staͤmme, die vor keinem Franken⸗ zelte voruͤb ergehen wuͤrden, ohne aͤngſtlich ihre Zuͤge zu verhuͤllen, und waͤre es mitten in der Wuͤſte. Sie ſind munter und lebhaft, und obgleich ſie den Schleier nicht ablegen, ſo verſieht er doch nicht ſehr ſorgfaͤltig ſeinen Dienſt. Sie haben einen gefaͤlligen, ziemlich ſchlanken Wuchs, da das Leben in der Wuͤſte die Wohlbeleibtheit nie beguͤnſtigt; aber ihre Arme und Haͤnde ſind ſchoͤn gebildet, und ihre Zuͤge regelmaͤßig. Wie andere Morgenlaͤnderinnen faͤrben ſie die Fin⸗ gerſpitzen und das Innere der Hand roth, und tra⸗ gen goldene Ohrringe. Das pechſchwarze Hennah fuͤr die Augenbrauen wird nie vergeſſen, weil ſie glau⸗ *½ —— — 102— ben, und vielleicht nicht mit Unrecht, daß dieſe Schwaͤrze das Auge ſchmachtender und anziehender mache. Dieſe Araber weichen von andern Beduinen darin ab, daß ſie ihren Wohnſitz nie veraͤndern, ſondern Jahr aus Jahr ein ganz zufrieden hier bleiben, und allerdings nicht ohne Grund, da es kein geſunderes Klimg geben kann. Auch ihre Wohnungen ſind beſſer, als man ſie ſonſt bei ihren Stammgenoſſen findet. Reich ſind ſie nicht, und haben nicht viele Heerden, da es an Weide fehlt. Es kommen nur wenige Reiſende zu ihnen, und ſelten haben ſie eine ſo gute Bezahlung erhalten, als vor einigen Jahren von der großen Frau,)) deren Beſuch ein wich⸗ tiges Ereigniß in der Geſchichte dieſer Beduinen war. Die Abgabe, welche ſie den Reiſenden fuͤr die Erlaubniß, die Truͤmmer der Bauwerke zu ſehen, abfodern, iſt ungeheuer; aber ſie haben die Gewalt in Haͤnden, die Bezahlung zu erzwingen. Die Schuld liegt nicht ganz an ihnen; es iſt jedoch traurig, daß ſpaͤtere Reiſende fuͤr die Thorheit ihrer Vorgaͤnger buͤßen ſollen. Am letzten Tage unſeres Aufenthaltes in Pal⸗ myra ſchweiften wir wieder in den Hoͤfen und Hallen des Sonnentempels umher. Die Pracht dieſes Bau⸗ werkes, ſo ſehr es entſtellt und verſtuͤmmelt iſt, laͤßt *) Lady Stanhope. S. Theil II. ——— —— 2——————-—+— — ————— —,— — 103— ſich mit keinem andern vergleichen, aber es iſt nicht ſowohl die Schoͤnheit einzelner Theile, als der all⸗ gemeine Eindruck deſſelben, was Bewunderung er⸗ weckt. Das Wetter war uns waͤhrend unſeres Aufent⸗ haltes ſehr guͤnſtig geweſen, und wir ruͤſteten uns zur Abreiſe; aber es war leichter, einen Entſchluß zu faſſen, als ihn auszufuͤhren. Alles war am Mor⸗ gen zum Aufbruche bereit, und das Gepaͤcke auf die Kamehle geladen, als wir zu dem Scheikh gingen, um Abſchied zu nehmen. Er ſah ſehr muͤrriſch aus, und foderte mehr als wir ihm ſchon gegeben hatten, wobei er es auch an Grobheiten nicht fehlen ließ. Einige ſeiner Stammgenoſſen folgten ſeinem Beiſpiele, und um einen unangenehmen Zank zu vermeiden, mußten wir einen Theil unſeres Gepaͤckes zuruͤcklaſſen, um ihre Habgier zu befriedigen. Wir verließen dann gern dieſe ungaſtfreundliche Gegend, und ritten lang⸗ ſam auf dem Wege voran, der uns in die Ebene gefuͤhrt hatte. Die unangenehmen Umſtaͤnde, die mit einer Reiſe nach Palmyra verbunden ſind, ver⸗ mindern nicht wenig das Vergnuͤgen, das der Rei⸗ ſende bei dem Anblicke dieſer Denkmahle des Alter⸗ thums fuͤhlt. Iſt er ſo gluͤcklich, den Gefahren des Weges zu entgehen, die zuweilen groß ſind, ſo wird ihn die Unverſchaͤmtheit und Raubgier der Araber ſehr belaͤſtigen. Als wir den Weg durch das Thal zuruͤckgelegt hatten, kamen wir wieder in die weite, von Bergen 104— begraͤnzte Ebene, und es begegnete uns nichts Wich⸗ tiges, bis wir in Karitin anlangten. Hier brachten wir eine Nacht zu, und kamen am Abende des fol⸗ genden Tages in die herrliche Ebene von Damaſchk, deren Gaͤrten, Stroͤme und Palaͤſte uns, nach der ermuͤdenden Reiſe durch die Wuͤſte, wie ein Zauber⸗ land erſchienen. ———.,—— ———:—— II. Ueber die Araber, — Naͤhſtehende Bemerkungen entlehne ich aus dem Berichte einer Englaͤnderinn, der im 9ten Stuͤcke des Westminster Review(S. 203 ff.) mitgetheilt wird. Die Verfafferinn, welche, wie es ſcheint, aus Indien kam, hielt ſich vor 4 bis 5 Jahren am per⸗ ſiſchen Meerbuſen auf, beſonders in Maskat, wo ſie vielfache Gelegenheit hatte, auch die Sitten der dort angeſtedelten Araber zu beobachten, und das haͤusliche Leben derſelben kennen zu lernen. Dieſe Araber, die unter einem Imam ſtehen, gehoͤren, wie die Ungenannte ſagt, zu den Geſittetſten und Ge⸗ bildetſten ihrer Stammgenoſſen. Mehre Zuͤge, die ſie mittheilt, koͤnnen zur Erlaͤuterung der Beobachtungen unſeres Reiſenden dienen. L. „Ich machte einſt meinem Freunde, dem Imam, einen Beſuch. So neu und ſonderbar ein ſolcher Beſuch ihm vorkommen mußte, es war ſehr anzie⸗ hend zu bemerken, wie angeborne Hoͤflichkeit ihm jede Aufmerkſamkeit eingab, die der hoͤflichſte Europaͤer nur immer haͤtte erweiſen koͤnnen. Es war unter ſolchen Umſtaͤnden ſchwer, ein linkiſches Benehmen zu vermeiden, aber er verrieth ſtets eine Selbſtbe⸗ herrſchung und eine Artigkeit, die man bewundern mußte. Will man die Schwierigkeit der Aufgabe er⸗ meſſen, ſo muß man ſich erinnern, was ein Mann fuͤhlen mochte, dem, ſo lange er lebte, Weiber auf⸗ gewartet hatten, und der wahrſcheinlich nie vorher war aufgefodert worden, irgend einer Frau die ge⸗ ringſte Aufmerkſamkeit zu beweiſen. Als ich ſpaͤter von einigen Frauen in Maskat gefragt wurde, wer bei meinem Beſuche der Angehoͤrigen des Imams mein Begleiter geweſen waͤre, und ihnen antwortete, Seyd Said— ſo nennt man den Imam gewoͤhn⸗ lich— haͤtte mich begleitet, brachen ſie in lautes Gelaͤchter aus, ſo ſeltſam kam ihnen die Sache vor. Der Imam empfing uns an der Thuͤre ſeines Hau⸗ ſes, das einſt ein portugiſiſches Kloſter geweſen war, und fuͤhrte uns in ein Zimmer, wo wir auf beiden Seiten Reihen von Stuͤhlen fanden. Ich ſetzte mich auf den zweiten Stuhl in der Reihe, der Imam aber verrieth den Wunſch, daß ich meinen Platz zu⸗ naͤchſt an der Thuͤre nehmen moͤchte, welcher der Ehren⸗ platz zu ſein ſcheint, wie in England der am weite⸗ ſten von der Thuͤre entfernte Platz. Man reichte N — ᷣ—ꝙ 1 —yꝛ — 1072— Kaffee und dann Scherbet in ſilbernen Schalen her⸗ um, und endlich eine andere Art von Scherbet, mit Roſenwaſſer gewuͤrzt. Der Imam ſprach waͤhrend unſerer kurzen Unterhaltung mit vielem Gefuͤhle uͤber die nachtheiligen Folgen der Vielweiberei, welche, wie er ſagte, Parteiungen und Streitigkeiten in das Haus bringt, und ſchlug mir endlich vor, ſein Ha⸗ rem zu beſuchen. Ich war auf dieſen Beſuch vor⸗ bereitet, da man mir zu verſtehen gegeben hatte, daß die Frauen ſehr neugierig waͤren, mich zu ſehen; es uͤberraſchte mich jedoch ein wenig, als ich ſah, daß der Imam ſich anſchickte, mich zu begleiten. Er fuͤhrte mich uͤber eine breite Treppe in den Obertheil des Hauſes, wo ſeine Frau in einem kleinen, mit einem ſehr ſchoͤnen perſiſchen Teppiche bedeckten Ge⸗ mache ſaß. Ihre Sklavinnen, Weiber aus allen Voͤlkerſchaften und von allen Farben, umgaben ſie. Die Herrinn ſtand auf, uns zu empfangen; uͤber ihre Schoͤnheit aber ließ ſich nicht urtheilen, da eine geſtickte Larve ihr Geſicht verbarg und viele beſchwer⸗ liche Kleider ihre ganze Geſtalt bedeckten. Vom Kinn bis auf den Guͤrtel war ſie buchſtaͤblich in Edelſteine eingehaͤuſet. Ihre Gewaͤnder waren reich mit Golde geſtickt. Sie hatte einen bernſteinfarbigen Kaſchmir⸗ Schal uͤber den Kopf geworfen, welchen ſie, als es heißer wurde, mit einem ſehr ſchoͤnen purpurfarbigen Muslintuche vertauſchte, das einen reichen goldenen Rand hatte. Das Zimmergeraͤthe beſtand aus dem erwaͤhnten Teppiche, einigen Stuͤhlen und Polſtern, und einem Tiſche, der dem Anſcheine nach von den Portugiſen ſtammte, und vermuthlich nur einſtweilen zu meiner Bequemlichkeit hier ſeinen Platz erhalten hatte. Er war mit einem weißen Tuche bedeckt, worauf ein Fruͤhſtuͤck ſtand, bei deſſen Anordnung der Imam ſelbſt beſchaͤftigt war. Es war trefflich und beſtand aus gebratenem Gefluͤgel, Pillau, vie⸗ lem Zuckerwerke und Obſt und zwei bis drei Scher⸗ bet⸗Arten. Taſſen und Schuͤſſeln waren von ſchoͤ⸗ nem engliſchen Porzellan, aber von aller Art und Groͤße; die Loͤffel von Silber, Meſſer und Gabeln neu und huͤbſch. Dieſe eben genannten Geraͤth⸗ ſchaften ſind in einer arabiſchen Familie unnuͤtz, da Araber von allen Staͤnden beim Eſſen ſich nur ihrer Finger bedienen. Nach dem Fruͤhſtuͤcke, woran außer mir und meinem kleinen Sohne Niemand Theil nahm, entfernte ſich der Imam und ſagte, er wollte mich in einigen Stunden wieder abhohlen. Die Frauen ſtanden auf und blieben ſtehen, waͤhrend er aus dem Zimmer ging, und ſetzten ſich dann wieder nieder, und mit einem Anſcheine von Ungezwungen⸗ heit und Behaglichkeit, der von ihrem fruͤheren ſtei⸗ fen Benehmen ſehr verſchieden war, ſchwatzten ſie mit großer Gelaͤufigkeit. Eine alte Perſerinn, die in der Geſellſchaft war, legte alsbald ihren Schleier ab; die Araberinnen aber behielten ihre Larven, ſo ſehr ich ſie bat, mir den Anblick ihrer Geſichter zu — 109— goͤnnen. Sehr neugierig unterſuchten ſie meinen An⸗ zug, und ich fuͤrchtete, die alte Perſerinn haͤtte mich entkleiden wollen. Sie luden mich zu einem Bade ein; eine unerwartete Hoͤflichkeit, die vermuthlich nur in dem Wunſche, meine Kleider genauer zu un⸗ terſuchen, ihren Grund hatte. Als ich es ablehnte, brachte man ein goldnes Buͤchschen mit Spießglas, woran an einem Kettchen ein goldener Draht hing. Man bat mich, mir wenigſtens die Augen bemahlen zu laſſen, was nach ihrer Verſicherung mein Aus⸗ ſehen ſehr verbeſſern wuͤrde. Die Alte verſuchte es, mir die Wirkung zu beſchreiben, welche meine ver⸗ zierten Augen auf die Maͤnner machen wuͤrden, wenn ich wieder in ihre Mitte kaͤme. Eine Sklavinn, die hinduſtaniſch ſprach, diente als Dolmetſchinn. Ich fragte ſie, womit die Frauen waͤhrend des ganzen Tages ſich beſchaͤftigten, ob ſie laͤſen oder arbeiteten. Sie gab zur Antwort:„Nein, ſie ſetzen ſich nieder, das iſt Alles.“ Ich ſah eine Probe ihres Zeitver⸗ treibes, als ſie eine kleine Sklavinn hereinkommen ließen, die niederkauerte und in dieſer Stellung um⸗ her huͤpfte, um einen großen Kakadu zur Nach⸗ ahmung ihrer Bewegungen zu reizen. Nach einiger Zeit trat der Imam wieder herein, und als ich den Wunſch aͤußerte, mich zu entfernen, ſagte er, daß ein Pferd und ein Palankin bereit waͤren, unter wel⸗ ichen ich waͤhlen koͤnnte. Seine Frau brachte ein goldenes Buͤchschen mit Roſen⸗Atar, womit ſie meine — Kleider durchduͤftete, und als ſie mich mit Roſen⸗ waſſer beſprengt hatte, nahm ſie Abſchied. Der Imam fuͤhrte mich die Treppe hinab, ſetzte mich in den Palankin, deſſen Thuͤren er verſchloß, um mich gegen die Sonne zu ſchuͤtzen, und bewies mir alle Aufmerkſamkeiten eines fein gebildeten Eurvpaͤers.“ „Den angenehmſten Beſuch machte ich, als ich genauer mit einigen Araberinnen bekannt war. Ich bewog ſie bei dieſer Gelegenheit, mir den Anblick ih⸗ rer Geſichter zu goͤnnen. Sie wollten ihre Larven nicht ſelber ablegen, aber ſie erlaubten ihren Geſell⸗ ſchafterinnen, hinter ſie zu treten und das Band außzuloͤſen. Wie nun Verſchaͤmtheit und Beſcheiden⸗ heit ſich verriethen! Sie bedeckten ſich das Geſicht mit den Haͤnden, und Einige warfen ſich ſogar auf die Erde nieder. Es zeigte ſich jedoch keine beſon⸗ dere Schoͤnheit, die all dieß haͤtte noͤthig machen koͤnnen. Meine geſpannte Erwartunzg ſah ſich klaͤg⸗ lich getaͤuſcht. Sie hatten eine dunkle Hautfarbe, große Adleraugen, und ihr Haar war kurz und ge⸗ rade uͤber der Stirne abgeſchnitten.“ „Der Abſtich zwiſchen den freien Arabern und den geknechteten Perſern, und die natuͤrlichen Fol⸗ gen ihrer verſchiedenen Lage geben ein auffallendes Bild. Selbſt die aͤußeren und ſichtbaren Zeichen der Sklaverei und Herabwuͤrdigung auf der einen, und der Freiheit und Gleichheit auf der andern Seite, — 111— ſind merkwuͤrdig und anziehend. Leſe man die Schil⸗ derungen, welche uns die Reiſenden von dem Despo⸗ ten und ſeinem Hofe geben, von den Huldigungen und Anbetungen, von dem Schmeicheln und Schmie⸗ gen der Sklaven, die ſich erheben, wenn man ſie getreten hat, um ihren Fuß wieder auf Geringere zu ſetzen, und blicke dann zu den Arabern hinuͤber, und ſehe, wie ich es geſehen habe, den Haͤuptling in der Mitte ſeiner Stammgenoſſen, die er mit ei⸗ ner patriarchaliſchen umarmung empfaͤngt, und in deren Kreis er ſich ſetzt, ohne eine andere Auszeich⸗ nung zu erhalten, als die freiwilligen Zeichen der Ehrerbietung, welche die Zuneigung und Achtung ſeiner Untergebenen ihm gewaͤhren. Einer der auf⸗ fallendſten Zuͤge in den Sitten der Araber iſt jene Gleichheit, die in dem Verkehr zwiſchen allen Staͤn⸗ den herrſcht. Fuͤrſt und Unterthan, Herr und Knecht ſitzen beiſammen, eſſen und ſprechen mit einander in der vollkommenſten Herzlichkeit, und doch werden, wie es ſcheint, Ordnung und Unterwuͤrfigkeit ſo gut behauptet, als ob ſie durch die ſtrenge Sitte bewacht wuͤrden, die man anderswo zu ihrer Bewahrung noͤ⸗ thig achtet. Dieſe volkthuͤmliche Eigenheit iſt be⸗ ſonders auf einem arabiſchen Schiffe auffallend, da ſie in einem ſcharfen Gegenſatze mit den Seegebraͤu⸗ chen der Europaͤer ſteht. Man zsent hier nicht die ſteife Sitte eines europaͤiſchen Kreuzers, ſondern al⸗ les iſt gleich, alles gemeinſchaftlich. Offiziere und — — — 112— Matroſen eſſen, rauchen und beten zuſammen, und dennoch ſah ich auf den Schiffen, wo ich geweſen bin, nie Mangel an bereitwilligem Gehorſam, oder eine Verletzung der noͤthigen Kriegszucht, und es iſt ein merkwuͤrdiger Umſtand, daß ich nie von einer Beſtrafung etwas gehoͤrt habe.”“ „Wenn ich einmahl von den Tugenden der Ara⸗ ber ſpreche, muß ich auch ihrer Freundlichkeit und Gutherzigkeit gedenken. Ich habe beſonders auf der See haͤufig unter Arabern gelebt, und bin oft allein unter ihnen geweſen, aber in allen Lagen und unter allen Umſtaͤnden habe ich ſtets die groͤßte Hoͤflichkeit und Guͤte erfahren. Ich erinnere mich, wie ich einſt waͤhrend der unruhigen Geſchaͤftigkeit, die ein ploͤtz⸗ licher Sturm verurſachte, auf dem Verdecke einer arabiſchen Fregatte war, und denke noch mit freund⸗ lichen und dankbaren Gefuͤhlen daran, daß ich bei allem Geraͤuſche, bei aller wilden Haſtigkeit, die auf dem Schiffe herrſchte, ſelten an einem Matroſen vor⸗ uͤberging, der mir nicht ein aufmunterndes und troͤ⸗ ſtendes Wort zugeſprochen haͤtte. In Hafenoͤrtern hatte ich gewoͤhnlich Abendgeſellſchaften von arabi⸗ ſchen Offizieren, die ungemein gern Thee tranken. Theologie und Zauberei waren, wie ich glaube, die gewoͤhnlichſten Gegenſtaͤnde der Unterhaltung. Seyd Salymin, der ſehlhaber des Schiffes, war mein ſehr guter Freund und als ich ſeine Fregatte ver⸗ ließ, nahmen wir herzlichen Abſchied. Er wollte — 118— mir, ſagte er, in ſeinem Gedaͤchtniſſe einen Platz geben, und ſo oft er Jemanden von der trefflichen Arznei(ſpaniſchem Lakritzenſaft), die ich ihm ge⸗ ſchenkt hatte, etwas reichte, wollte er immer von mir ſprechen. Er ſchloß ſeine Artigkeiten mit der Verſicherung, ich waͤre maͤchtiger in Kaantniſſen als drei Maͤnner. Er war ein gutmuͤthiger, mun⸗ terer alter Mann, der nach muhamedaniſcher Sitte viel von Schickſal und Vorherbeſtimmung ſprach, aber doch nie verſaͤumte, ein neues Kabeltau hinab⸗ zulaſſen, wenn der Wind heftig war.„Fuͤrchte dich nicht, ſprach er einſt bei einer ſolchen Gelegenheit zu mir: Gott iſt maͤchtig, und ich habe vier Anker.⁰ Er ſprach gern von ſeinem Vater, deſſen Andenken er in hohen Ehren zu halten ſchien. Sein Vater, ſagte er, waͤre ſtets darauf bedacht geweſen, vier Weiber zu haben, und dennoch haͤtte man nie Zank in ſei⸗ nem Hauſe geſehen. Das Geheimniß dieſer Ein⸗ tracht, ſagte er, haͤtte in der gleichen Gerechtigkeit gelegen, womit ſein Vater alle behandelt haͤtte. Er ließ es ſich angelegen ſein, alle in jeder Beziehung ganz gleich zu behandeln, und ſelbſt wenn er fuͤr die Eine neue Schuhe kaufte, erhielten ſie die An⸗ dern auch und zwar zur ſelbigen Zeit. Er fuͤgte hinzu, ſein Vater haͤtte durch Scheidungen und ſonſt nach und nach vierzig Weiber gehabt. 4 „Die Wahabi ſahen wir nur als Beſucher und als Beſiegte, und konnten daher uͤber ihre wahre III. 8 Stimmung ſo wenig urtheilen, als aͤber einen Loͤwen im Kaͤfig. Betrachtet man die guten Eigenſchaften dieſes Volkes, ſo kann man nicht in Verſuchung kommen, ihr Lob zu uͤbertreiben. Man muß nicht vergeſſen, daß ſie roh, wild und blindglaͤubig ſind. Unter den geringen Anſtoͤßen iſt auch Mangel an Reinlichkeit zu erwaͤhnen. Wenn Niebuhr die Rein⸗ lichkeit der Araber ruͤhmt, ſo muß er ſich durch die Meinung haben verleiten laſſen, daß Reinlichkeit eine nothwendige Folge haͤufiger Abwaſchungen ſei. Haͤtte er genauer nachgeforſcht, ſo wuͤrde er gefunden ha⸗ ben, wie ſinnreich ſie es einzurichten wiſſen, den Buchſtaben des Geſetzes zu erfuͤllen und doch den Geiſt deſſelben zu umgehen. Dieſer Vorwurf trifft jedoch in vollem Umfange nur die Wahabi. In Maskat ſind die vornehmen Araber reinlich genug. Die Wahabi ſind klein, mager, von gelber Farbe, ausgedoͤrrt und haben harte Zuͤge. In ihrem An⸗ zuge ſehen ſie beinahe wie alte Weiber aus, die Dolche in die Schuͤrzenbaͤnder geſteckt haben.““ „Die Beduinen haben ein ſonderbares und wildes Anſehen, und weichen in ihren Zuͤgen von al⸗ len andern Arabern ganz ab. Einige ſind ſehr huͤbſch, und zarte Zuͤge ſcheinen zu ihren Eigenheiten zu gehoͤren. Sie ſind von kleiner Geſtalt. Ihre einzige Kopfbedeckung beſteht aus einem engen leder⸗ nen Netze, und ihr ſchwarzes glaͤnzendes Haar haͤngt in geringelten Locken auf die Schultern herab. Weiße, — 115— regelmaͤßige, ſehr kleine Zaͤhne erhoͤhen das zarte und weibiſche Anſehen ihrer Zuͤge, und dieſe eigenthuͤm⸗ lichen Geſichtszuͤge ſind um ſo auffallender, da ſie von dem gewoͤhnlichen groben und breiten Geſichte der Araber ſich unterſcheiden. In ihrem Benehmen ſind ſie ſehr liebreich und freundlich, und ſehr ver⸗ ſchieden von der derben Kuͤhnheit der andern Ara⸗ ber. Statt des Oberkleides tragen ſie ein, um die Huͤften beveſtigtes Gewand, das bis auf die Waden hinabreicht, und einen Beutel, worin ſie ihre Pa⸗ tronen bewahren. Ihre Augen ſind ſchwarz. Von Kopf bis zu Fuͤßen beſtreichen ſie ſich mit einem Oehle, das mit einem ſchwarzen Pulver gemiſcht iſt. Dieß ſind die Araber, die man Tahta Suhf— oder unter Wolle nennt, weil ſie wollene Zelte haben. Die andern heißen Arab ul Beit oder Hausmaͤnner.— ——Hx::: 2.2 4..—— III. Caun⸗ hat ſich in einigen Stellen ſeiner Briefe durch die gewoͤhnliche Anſicht des mohammedaniſchen Glanbens zu Irrthuͤmern verleiten laſſen, und um einzelne Berichtigungen uͤberfluͤſſig zu machen, moͤgen hier einige allgemeine Bemerkungen uͤber den Geiſt des Islams aus dem oben erwaͤhnten Aufſatze im 3 Westminster Review mitgetheilt werden, die einen guten Beobachter und Forſcher verrathen. „Man hat uͤber nichts ſo viele Schmaͤhungen aus eſtoßen, als uͤber Mohammed's Paradies, und doch beſteht die einfache Thatſache darin, daß er dem Menſchen die Wiedererlangung des moſaiſchen Edens verſprach. Wo es aber ſo viele Adame ge⸗ ben ſollte, mußten unvermeidlich auch viele Even ſein, obgleich dieſe Anſicht ſich nicht zu der Höhr und Reinheit der ehriſtlichen erhebt.„Die Gaͤrten Edens ſollen ihnen gehoͤren,“ wiederhohlt er oft(z. B. Koran, Sure XIII, 25, XVIII, 32, XXXVIII, — 117— 52) und zaͤhlt dann die Fluͤſſe und Baͤume, und vor allen Dingen die Gehilfinnen auf. Es iſt eine der Luͤgen, die ſeine Feinde gegen ihn aufgebracht haben, daß er die Weiber vom Paradieſe ausſchließe. Er ſagt mehrmahl(z. B. Koran, S. XVI, 97, XL, 41, XLVIII, 5, LVII, 12) auddruͤcklich: „Wer Gutes thut, ſei es Mann oder Frau, wird in's Paradies kommen.“ Beiden Geſchlechtern wird gleiche Herrlichkeit verſprochen, und um alle Zweifel 2 entfernen, ob die Weiber der Glaͤubigen ihnen Geſellſchaft leiſen ſollen, ſagt er(Koran, XIII, 25) von den Frommen ausdruͤcklich, daß ſie mit ihren Vaͤtern, Weibern und Kindern in's Paradies kommen ſollen. An einer andern Stelle(Koran, XXXVI, 55) ſagt er:„Sie und ihre Weiber wer⸗ den in ſchattigen Hainen ruhen.“ In ſeiner Be⸗ ſchreibung der Weiber des Paradieſes findet man nichts, das wolluͤſtige Gedanken erwecken koͤnnte. Sie ſollen Jungfrauen ſein, wie die jungfraͤuliche Tochter Bethuels, und wie andere Gl aͤubige, werden auch ſie wieder in die Bluͤte jugendlicher Schoͤnheit zuruͤcktreten, in welcher die Menſchen aus den Haͤn⸗ den des Schoͤpfers kamen. Die Braͤute, die er den Glaͤubigen gibt, ſchlagen ihre ſchwarzen Augen ſitt⸗ ſam in Gegenwart ihrer Gatten nieder, wie Perlen, die ſich in ihren Schalen verbergen, und ſelbſt die . patriarchaliſche Vielweiberei ſcheint vergeſſen zu ſein, als etwas, das auf Erden ertraͤglich, aber nicht gut genug fuͤr den Himmel war. Die ſeligen Paare ruhen an den nie verſiegenden Quellen Edens, in un⸗ ſchuldigen Genuͤſſen, welche zum haͤuslichen Gluͤcke und zum Glanze im Morgenlande gehoͤren, und wenn ſie zuweilen ihren Becher mit einem kraͤſtigern Tranke fuͤllen, ſo wird geſagt, er ſei unſchuldig und un⸗ ſchaͤdlich, und habe nicht die Gewalt, den Verſtand zu ſtoͤren oder das Gemuͤth zu beunruhigen. Ihre Unterhaltung iſt unirdiſch und rein, und verraͤth das freudige Bewußtſein einer Seele, die der Erde entflohen und ſicher im Himmel iſt.„Man hoͤrt keine unnuͤtze Rede— heißt es im Koran, LVI, 27, 28— keine Reizung zur Suͤnde, ſondern nur das Wort: Friede! Friede!4 „ Auf gleiche Weiſe hat man andere Satzungen des Islams in ein falſches Licht geſtellt. So iſt es eine allgemein verbreitete Meinung, Mohammed habe gelehrt, daß die Weiber keine Seele haben, und doch hat er ſich gerade uͤber dieſen Punkt ſo beſtimmt er⸗ klaͤrt, als ob er die Laͤſterung vorausgeſehen haͤtte. Man behauptet ferner, er habe Unduldſamkeit einge⸗ ſchaͤrft, und er ſpricht uͤber die Duldung mit Wor⸗ ten, die jedem Freigeſinnten in Europa die Blitze der Prieſter zuziehen wuͤrden.„Haͤtte es dem Herrn gefallen— ſagt er, Koran, II, 257— ſo wuͤrden alle Menſchen auf Erden daſſelbe geglaubt haben, und Du wollteſt die Menſchen zwingen, Glaͤubige zu zu ſein?“ Er ſagt ferner, Koran X, 98:„Laß — — 119— Niemanden zum Glauben zwingen, denn man kann den rechten Weg deutlich vom falſchen unterſchei⸗ den.“ Und weiter, Koran, II, 62:„Die Mos⸗ lemin und die Juden und die Chriſten und die Sa⸗ baͤer, die an Gott und das Weltgericht glauben, und Gutes thun, werden Lohn bei dem Herrn finden, und Fe haben nichts zu fuͤrchten und werden keine Drangſale ausſtehen.“ Sein Kriegsgeſetz iſt nichts als der alte Grundſatz, nie einen nachtheiligen Frie⸗ den zu ſchließen.„Kaͤmpfe— heißt es, Koran II, 191 f.— in Gottes Wegen mit denjenigen, die mit dir kaͤmpfen, aber ſei nicht ein Angreifer, denn Gott liebt nicht die Angreifer. Und toͤdte ſie, wo du ſie findeſt, und vertreibe ſie, wo ſie dich vertrieben ha⸗ ben. Aber wenn ſie ſich ergeben, ſo iſt Gott verzei⸗ hend und barmherzig. Und ſicht mit ihnen, bis des Strettes ein Ende iſt, und bis der Glaube Gottes herrſcht. Aber wenn ſie ſich unterwerfen, ſei keine Feindſchaft mehr, außer gegen die Verraͤther.”“ Der Koran(LX, 8) ſagt ferner:„Was diejenigen be⸗ trifft, die nicht mit dir wegen des Glaubens ge⸗ kaͤmpft, oder dich aus deinen Wohnungen getrieben haben, ſo hat Gott dir nicht verboten, wohlwollend gegen ſie zu ſein, und ihnen Gerechtigkeit zu erwei⸗ ſen, denn Gott liebet diejenigen, ſo gerecht handeln. 4 Welchen ſchroffen Abſtich machen dieſe Vorſchriften gegen diejenigen, wovon ihm die juͤdiſche Geſchichte Muſter gab! Mohammed's Verdienſt bei dieſer Maͤ⸗ — — — 120— ßigung war um ſo groͤßer, da er in allen Buͤchern die er fuͤr goͤttlich hielt, ganz andere Dinge fand! Die Meinung, daß die Mohammedaner unguͤnſtig ge⸗ gen Fremde geſtimmt find, iſt nur der Widerſchein der Gefuͤhle, welche dieſe Fremden gegen ſie hegen. Selbſt die Ehen juͤdiſcher und chriſtlicher Weiber mit Mohammedanern geſtattet Mohammed(Koran, V, 6), und verbietet nur, ſie als Kebsweiber zu nehmen. „Seine Anſicht der reinen und unverdorbenen Religion kann ſich neben die Erklaͤrung des ehriſtli⸗ chen Apoſtels ſtellen, wie eine in der Fremde ge⸗ borne Schweſter, die gleiche Zuͤge, wenn auch eine verſchiedene Farbe hat.„Es iſt nicht Religion— ſagt der Koran, II, 178— dein Geſicht gegen Mor⸗ gen oder gegen Abend zu kehren; aber die Frommen ſind diejenigen, ſo an Gott glauben und an das Weltgericht, an die Engel und an das Buch und die Profeten, und die ihren Reichthum um ſeinetwillen hingeben ihren Verwandten und den Waiſen und den Aen und dem Wanderer, und denjenigen, die um Erbarmung bitten, und zur Erloͤſung der Gefan⸗ genen; und diejenigen, die ihre Gebete verrichten, und Almoſen geben, und die Verpflichtungen halten, die ſie ſich aufgelegt haben, und die Geduldigen un⸗ ter Ungluͤck und Widerwaͤrtigkeiten und in der Zeit der Truͤbſal. Dieſe ſind es, ſo die Wahrheit beſitzen, und dieſe ſind die Frommen.“ Er laͤßt die Almoſen — 121— nicht im Angeſichte der Menſchen geben.„Laßt ihr eure Almoſen ſehen, ſagt er(Koran II, 272), ſo iſt es gut, wenn ihr ſie aber verhehlet und den Armen gebet, wird es beſſer fuͤr euch ſein.“ In ſeinem Verbote des Weines liegt kein Schwaͤrmer⸗ wahn.„Man wird dich fragen Cheißt es, Koran II, 219) wegen des Weines und der Gluͤckſpiele. Antworte, es ſei in beiden viel Boͤſes und auch et⸗ was Gutes fuͤr die Menſchen, aber das Boͤſe ſei groͤßer denn das Gute.Ä Mohammed war ſo ehrlich, ſich die Wundergabe abzuſprechen(Koran, XXIX, 50), was in einem finſtern Zeitalter beiſpiellos iſt. Er gibt ſtets Zeugniß Cz. B. Koran, IV, 169, XIX, 20) von der goͤttlichen Sendung des Stifters der ehriſtlichen Religion, nennt ihn den Meſſias Jeſus, den Sohn Maria's, den Geſandten Gottes und ei⸗ nen Odem Gottes. Die Mohammedaner ſind auch keineswegs bitter gegen die Lehren des Chriſtenthums, wenn man ſie ihnen in ihrer Einſachheit vortraͤgt, und ihre Angriffe ſind hauptſaͤchlich gegen das Ver⸗ derbniß deſſelben gerichtet. Sagt man ihnen z. B., daß nach der Lehre der ehriſtlichen Buͤcher Gott in Chriſtus ſei, und daß er der Sohn Gottes genannt werde, weil er nicht der Sohn eines Menſchen ſei, ſo ſagen ſie, es ſei muſchkil d. i. ſchwer zu be⸗ greifen, aber ſie erklaͤren es nicht fuͤr unmoͤglich. Sie geſtehen, daß die Worte ihres Lehrers, der Chriſtus einen Odem Gottes nennt, die Meinung beguͤnſtige, — — 122— daß er eine Menſchwerdung des einzigen Gottes ſei, und nach ihren Anſichten von Gottes Allgegenwart und Unendlichkeit, erkennen ſie die Moͤglichkeit einer ſolchen Gegenwart ohne Schwierigkeit an.— Moham⸗ med's Anhaͤnger ſind ſo weit entfernt zu glauben, daß er die Gelehrſamkeit verboten, oder gewuͤnſcht habe, ſeine Juͤnger moͤchten ſich von ihr abwenden, daß es vielmehr einer der Spruͤche iſt, welche die Ueberlieferung ihm in den Mund legt:„Die Dinte der Gelehrten iſt beſſer als das Blut der Maͤr⸗ terer. z „Es iſt eine ganz irrige Anſicht, daß der Islam die Urſache der Herabwuͤrdigung einiger mohamme⸗ daniſchen Reiche, wie z. B. Perſiens ſei. Auch Mo⸗ hammed ſprach, wie der Stifter des chriſtlichen Glau⸗ bens, kraͤftig gegen Ungerechtigkeit, ohne Anſehen der Perſonen, und wenn irgend etwas einen morgen⸗ laͤndiſchen Despoten zuweilen in Schranken haͤlt, mag es ein dreiſter Vers aus dem Koran ſein, wodurch ein kuͤhner Mann ſeinen Vorſtellungen Gewicht gibt. Das ganze Buch enthaͤlt nicht eine einzige Vorſchrift, welche die politiſche Knechtſchaft im Mindeſten be⸗ guͤnſtigte. Es entſtand ja im Lande der ungebunden⸗ ſten Freiheit, und konnte nicht eine Richtung haben, die man nicht kannte. Wo man herabgewuͤrdigte mohammedaniſche Staaten findet, liegt die Urſache des Uebels in der unumſchraͤnkten Monarchie naͤher vor Augen.“ —— ——jj—— „Nur in Beziehung auf ſeine eigene Sendung nahm Mohammed den Glauben ſeiner Anhaͤnger ſehr in Anſpruch; aber dieß iſt eben die Frage, uͤber wel⸗ che der Stifter eines Glaubens immer mit allen, außer ſeinen Juͤngern, in Zwieſpalt ſein wird. Hier muß man den menſchlichen Leidenſchaften und der Selbſttaͤuſchung etwas zu gut halten, die den lebhaf⸗ ten Wunſch, einer geliebten Meinung Anhang zu verſchaffen, gewoͤhnlich begleitet. Mohanmed nennt ſich in dem Glaubensbekenntniſſe, das er vorſchreibt, einen Geſandten C(resul) Gottes, nicht einen Profeten Gottes, wie man es zuweilen uͤberſetzt, auch nicht den Geſandten; denn das Wort Pro⸗ fet wird nicht gebraucht, und der beſtimmte Artikel iſt ausgeſchloſſen durch Mohammed's Erklaͤrung, es gebe viele Geſandte, deren Zahl unbekannt ſei.— Will man wuͤrdigen, was Mohammed leiſtete, ſo muß man den Zuſtand der Religionen zur Zeit ſeiner Er⸗ ſcheinung betrachten. Den juͤdiſchen Glauben kannte er kaum anders als aus den Buͤchern, die er nicht wenig benutzte, und was er ſonſt davon gekannt ha⸗ ben koͤnnte, wuͤrde den Bekennern deſſelben nicht guͤn⸗ ſtig geweſen ſein. Die ehriſtliche Welt war in Bil⸗ der⸗ und Reliquiendienſt und in aberglaͤubige Abgoͤt⸗ terei verſunken. Die reine Lehre, welche die Bewoh⸗ ner abgelegener Thaͤler als einen Funken bewahrten, der in ſpaͤteren Zeiten wieder leuchten ſollte, konnte Mohammed nicht kennen. Abgeſehen von ſolchen rei⸗ — 124.— nen Anſichten, darf man fragen, ob Mohammed's ein⸗ fache Lehre von Belohnung und Beſtrafung nach dem Tode, von Buße und goͤttlicher Barmherzigkeit, die Ehre Gottes und die Wohlfahrt der Menſchen nicht beſſer befördern konnte, als das mißverſtandene Chri⸗ ſtenthum, das er ausuͤben ſah. Er fuͤhrte Millionen von der Anbetung ſtummer Goͤtzen zur Verehrung eines einzigen Gottes, und haͤtte er darin geirrt, was wird man von denjenigen ſagen, die dem Chriſten⸗ thume eine ganz entgegengeſetzte Richtung gaben. Bei der Ausfuͤhrung ſeiner Abſicht rechnete er auf. die Vorzuͤge ſeines Glaubens vor den verdorbenen For⸗ men, die er im Kreiſe ſeiner Beobachtung erblickte, und er ſuchte ſich nicht durch das Bollwerk einer Hierarchie zu ſichern, obgleich die juͤdiſchen Einricht⸗ ungen ihm ein verfuͤhriſches Beiſpiel gaben. Der Mann, der Abwaſchungen und Faſten vorſchrieb, aber von Zehnten nichts wiſſen wollte, muß wohl gute Einſichten und redliche Abſichten gehabt haben.“ „Ein Punkt aber in Mohammed's Einrichtungen hat allerdings ſehr nachtheilig auf den Zuſtand ſei⸗ ner Anhaͤnger gewirkt, die Fortdauer der Viel⸗ weiberei und die damit zuſammenhangende Scheid⸗ ung. Er verurtheilte dadurch eine Haͤlfte der Volks⸗ menge zu ſteter Rohheit, und die andere Haͤlfte zu allen Uebeln, die von einer ſolchen Verbindung un⸗ zertrennlich ſind. Hierin zeigten ſich zuerſt die Vor⸗ zuͤge europaͤiſcher Einrichtungen, und waͤhrend der — -·-— ½ — — 125— Abendlaͤnder ſeine Neigung einem Gegenſtande weihte, der durch kuͤhne Thaten und Anfopferung gewonnen werden mußte, verſchwendete der Moslem ſeine Kraft unter Sklavinnen. Er konnte ſich zwar erheben, wenn ſeine Thatkraft aufgerufen ward„aber er ver⸗ lor die Gewohnheit, die Gelegenheit zu ſuchen. Die Meinungen von der Vorherbeſtimmung, die einiger⸗ maßen im Koran gegruͤndet ſind, haben zwar zuweilen den Muth des Moslems in der Schlacht erhoͤht, aber auch die unvermeidliche Folge gehabt, ihn von der Gewohnheit abzulenken, menſchliche Zwecke durch menſchliche Mittel zu erſtreben„ und ſie ſind auch Urſache geworden, daß er in Staats⸗ und Kriegs⸗ kunſt zuruͤckgeblieben iſt.“ „Die Keime des Verderbniſſes, die der Islam, ungeachtet ſeiner Einfachheit, in ſeinem Schoße hatte, blieben nicht unentwickelt, und wie die menſchliche Natur uͤberall dieſelbe iſt, ſo kann man ſich nicht wundern, daß jenes Verderbniß hier eben ſo wirkte, als es bei allen Glaubensformen der Fnll war. Die⸗ ſelbe Verſuchung auszuſchmuͤcken und zu erweitern, derſelbe Hang der ſiegreichen Rechtglaͤubigkeit, dem Glauben ſo viel als moͤglich, ſtatt ſo wenig als moͤglich anzuſinnen, brachten in Mekka und Rom gleiche Wirkungen hervor, und fuͤhrten zu derſelben Entſcheidung. Um das Jahr 1747 ging aus einem Kloſter in der Wuͤſte Abd ul Wahab hervor, ein — 126— Mann, der weder Brot aß, noch Wein trank, ſon⸗ dern ſich in ein grobes Gewand von Kamehlhaaren kleidete, einen ledernen Guͤrtel trug und buchſtaͤblich von Heuſchrecken und wildem Honig lebte. Wie der Reformator im Abendlande, ſuchte er die Richtſchnur des Glaubens allein in dem geſchriebenen Buche. Die Verehrung verſtorbener Heiligen— die Ver⸗ ehrung der Neliquien und Graͤber— der Aberglaube, der Mohammed ſelbſt, wie die Jungfrau im Abend⸗ lande, zu einem Mittler, ja zu einem Gefaͤhrten der Gottheit erhoben hatte— der erſchlaffte Gehor⸗ ſam gegen den Geiſt ſeiner Gebote, unter dem Vor⸗ wande, den Buchſtaben derſelben zu befolgen: dieß waren die Punkte, woruͤber der hartnaͤckige Schuͤler gegen Mufti, Ulema, Sultan und Imam ſtritt. Seine Lehren moͤgen nur in gewiſſer Beziehung wahr ſein, aber die Behauptungen ſeiner Gegner waren entſchieden falſch, da ſie eine geſchriebene Regel fuͤr Dinge anfuͤhrten, die dem Inhalte derſelben durchaus entgegen waren. Wie die Einſicht jeder Wahrheit einen maͤchtigen Einfluß auf das Gemuͤth der Men⸗ ſchen hat, ſo fand auch er bald eine weltliche Macht, die gern ſeine Sache verfechten wollte. Ibn Saud, das Haupt eines Araberſtammes in der Gegend von Derejah, wurde ſein Jaͤnger, und ſeine Anhaͤnger nahmen die reinere Lehre an. Ibn Saud's Nach⸗ folger, Abd ul Aziz, fuhr fort, ſeine Partei durch ———,——,,———·——,—„ —— &—9 & 2 2&— ——— — 127— Bekehrungen oder Eroberungen zu verſtaͤrken*) und im Jahre 1801 war er im Stande, bis in die Ge⸗ gend von Bagdad vorzuruͤcken. Man darf nicht ver⸗ hehlen, daß er auf dieſem erſten Kriegszuge eine Grau⸗ ſamkeit zeigte, wozu ſich die Menſchen oft haben verleiten laſſen, in dem Wahne, daß Feindſeligkeit gegen den Irrthum zu Haͤrte gegen die Irrenden be⸗ rechtigen koͤnnte. Im Jahre 1802 ſchickte er ſeinen Sohn Saud gegen Mekka, das nach geringem Wi⸗ derſtande erobert wurde. Der Verſuch gegen Medina und Dſchidda aber mißlang, und die Eroberer muß⸗ ten ſich nach Derejah zuruͤckziehen. Abd ul Aziz ſiel im Jahre 1803 durch Moͤrderhand. Sein Nachfolger Saud unterwarf den Imam von Maskat und eroberte Medina im Jahre 1804. Zu Anfange des Jahres 1807 war der Haͤuptling der Wahabi Herr von ganz Arabien, bis auf Mocha und andere, mit Mauern verſehene Staͤdte im Innern, und beherrſchte das Land zwiſchen Damaſchk, Bagdad und Basra. Die an der Kuͤſte wohnenden Anhaͤnger der Wahabi waren ſo unbeſonnen, die Englaͤnder zu reizen, die mehre Hauptoͤrter zerſtoͤrten und mit den maͤchtigen Feinden der Wahabi, den Tuͤrken, gemeinſchaftliche Sache machten. Der Paſcha von Aegypten, der ſich um *) Ueber die frühere Geſchichte und die Sitten der Wa⸗ habi findet man ſchätzbate Nachrichten aus den betzten Quellen im Aten Theile des Anaſtaſius. L. — 1238— dieſe Zeit erhob, richtete ſeine ganze Macht gegen die Wahabi, und es gelang ihm, ſie von Mohammed's Grabe zu vertreiben und die alten Gebraͤuche wieder herzuſtellen. Meinungen aber laſſen ſich weder durch Geſchuͤtz noch durch das Schwert ansrotten, und noch immer lebt die Lehre Abd ul Wahab's im Her⸗ zen des Reiters in der Wuͤſte, und ſtaͤrkt ſich durch die Nahrung, die volkthuͤmliche Erbitterung geben kann. Man eoͤnnte die Partei der Wahabi den Auf⸗ ſtand Arabiens gegen Tuͤrkenherrſchaft nennen, und in dieſer Beziehung iſt ſie ein Theil des großen Freiheitkampfes, der ſich in verſchiedenen Formen und Abſtufungen durch die Welt zieht. ℳ IV. Anmerkungen. Zum erſten Theile. Seite 5. Der Ramadan der Tuͤrken entſpricht der Faſtenzeit, wie der Beiram den Oſtern der Abendlaͤnder. Waͤhrend des Monats Ramadan legen ſich die Mohammedaner die ſtrengſte Ent⸗ haltſamkeit auf, und vermeiden ſelbſt den Tabak, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Sie eſſen waͤhrend dieſer Zeit in den Stunden der Nacht und ſind daher bei Tage ſchlaͤfrig. Es iſt um ſo ſchwerer ſie zu ermuntern, da ſie ſich ge⸗ woͤhnlich mit Opium berauſchen. S. 12. Das Dſcherrid⸗Werfen iſt ein ſehr altes Spiel der Morgenlaͤnder. Es hat den Nah⸗ men von der Waffe Dſcherrid, im Arabiſchen der blaͤtterloſe Zweig eines Palmbaumes. S. 50. Clarke(Travels through vnrious Coun- tries of Europe, Asia and Africa— 4th Edi- III. 9 — 130— tion. London 1817. 8 Bde. 8.— Bd III, S. 240) nennt das hier erwaͤhnte Kloſter Neamone. Der Marmor, womit die Kirche verziert iſt, wird auf der Inſel gefunden. S. 51. Die Tuͤrken nennen die Inſel Seio: Sa⸗ kihs d. i. Maſtix. Die Frauen in der Tuͤrkei kauen dieſes Gummi, dem ſie verſchiedene Kraͤfte zuſchreiben. Es ſtand der Tod darauf, wenn eine einzige Unze verkauft wurde, ehe der Sultan den ihm gebuͤhrenden Antheil hatte einſammeln laſſen. S. 54. Ueber die Pompejusſaͤule ſ. Clarke's Reiſe(V, 347 ff.), wo die Hoͤhe des Schaftes, der aus einem Stuͤcke beſteht, zu 68 Fuß angegeben wird. Der Schaft iſt nach Clarke aͤlter als der Knauf und der Fuß. Ueber den Nahmen derſelben iſt in neueren Zeiten viel geſtritten worden. Wahr⸗ ſcheinlich wurde ſie von einem Statthalter Aegyp⸗ tens, Nahmens Pompejus, zu Ehren des Kaiſers Diolletian errichtet. Einige arabiſche Schrift⸗ ſteler nennen ſie Amuhd el Sawary d. i. ben Plailer der Saͤulengaͤnge, eine Anſpielung auf die Hallen, wovon ſie noch im 12ten Jahrhunderte um⸗ geben war. S. 6o0 und 114. Die Taͤnze der Almeh haben eben ſo wenig Anmath els Anſtand, und beſtehen bloß aus dem roheſten Ausdrucke der Geſchlechtluſt. Bei keinem Feſte duͤrfen dieſe Taͤnzerinnen fehlen. Sie — 131— tragen auf den Fingern kleine Schellen, welche ſie wie die Italiener und Spanier die Caſtagnetten gebrauchen. Auch haben ſie Handtrommeln ver⸗ ſchiedener Art, deren Geſtalt von dem, in Aegyp⸗ ten gewoͤhnlichen Kuͤrbiß entlehnt zu ſein ſcheint. Sie pflegen den Tanz auch mit Geſang zu beglei⸗ ten, wenn man die ſtete Wiederkehr eines gellenden Tones ſo nennen will, den ſie durch Anſchlagen der Zunge an den Gaumen hervorbringen, ohne ein deutliches Wort dabei hoͤren zu laſſen. S. 91. Chriſten und Franken durften nicht auf Pfer⸗ den reiten, und wenn ein vornehmer Moslem vor⸗ uͤberritt, wurden ſie gezwungen abzuſteigen, bis er ſich entfernt hatte. S. 92. Ueber Caviglia's wichtige Unternehmungen und Entdeckungen gibt der 19te Band des Quar⸗ terly Review S. 395 ff, nach den Mittheilungen des britiſchen Conſuls Salt in Alexandria, um⸗ ſtaͤndliche Nachricht. Nach des Verfaſſers Ver⸗ muthung iſt Caviglia der Eigenthuͤmer eines, im mittellaͤndiſchen Meere handelnden Schiffes. Er war uͤberzeugt, daß unter den Alterthuͤmern Ae⸗ gyptens noch manche Entdeckungen zu machen waͤ⸗ ren, die neues Licht auf die Gebraͤuche und Ge⸗ wohnheiten der ehemahligen Bewohner des Landes werfen koͤnnten, beſonders aber reizten die Pyra⸗ miden von Oſchiſeh ſeine Aufmerkſamkeit, und er 9* faßte den Entſchluß, Alles aufzubieten, das ge⸗ heimnißvolle Dunkel aufzuhellen, worin noch im⸗ mer der eigentliche Zweck der zahlreichen Gaͤnge und inneren Kammern jener Bauwerke gehuͤllt iſt. Im December 1816 reiſte er von Alexandria nach Kahira, und verband ſich mit zwei Fremden, Nah⸗ mens Kabitziet und La Fuentes, die ihn begleiten ſollten. Seine erſte Unternehmung war, den Brunnen in der Kammer der großen Pyramide zu unterſuchen, und er fand beſtaͤtigt, was 58 Jahre fruͤher der engliſche Conſul Daviſon, deſ⸗ ſen Bericht in Walpole's Memoirs relating to European and Asiatic Turkey(London 1817. 4.) ſteht, hier beobachtet hatte. Spaͤter gelang es ihm, den verſchuͤtteten Haupteingang der Pyra⸗ mide aufzugraben, und einen Gang zu finden, der zu dem Brunnen fuͤhrte, und andere Kammern und Gaͤnge zu oͤffnen, Die von Caviglia angenommene Meinung, daß es eine unterirdiſche Verbindung zwiſchen den Pyramiden von Dſchiſeh und Sak⸗ kara und den Ueberreſten von Memphis gebe, ſuchte ſchon de Pauw wahrſcheinlich zu machen, der vermuthete, daß der Serapis⸗Tempel, welcher nach Strabo auf der Abendſeite von Memphis lag, der Haupteingang aller unterirdiſchen Gaͤnge der Pyramiden von Dſchiſeh und der Denkmahle zu Sakkara und Daſchur geweſen ſein koͤnnte. Der ganze Raum zwiſchen den Ufern des Sees Moͤris —— — — und Dſchiſeh ſcheint ganz aus unterirdiſchen Ka⸗ takomben beſtanden zu haben und eine unermeß⸗ liche Grabſtaͤtte geweſen zu ſetn. Spaͤter gelang es dem unermuͤdeten Caviglia, den der Conſul Salt thaͤtig unterſtuͤtzte, mehre verfallene Bauwerke zu oͤffnen, welche in unzaͤhliger Menge die große Pyramide umgeben. Er fand mehre Bildwerke, die eine gute Meinung von der Geſchicklichkeit der aͤgyptiſchen Kuͤnſtler geben, und ſchoͤn ausgefuͤhrte, wohl erhaltene Gemaͤhlde. Vorzuͤgliche Kunſtfertig⸗ keit bemerkt man in den vierfuͤßigen Thieren und Voͤgeln, in den menſchlichen Geſtalten aber ſind zwar die Verhaͤltniſſe ſehr verletzt, doch iſt die Handlung immer klar und oft kraͤftig ausgedruckt. Merkwuͤrdig iſt es, daß man bei allen jetzt geoͤffne⸗ ten Pyramiden zu Dſchiſeh und Sakkara den Ein⸗ gang ziemlich in der Mitte der noͤrdlichen Anſicht fand, und daß dann der abwaͤrts laufende Gang ſich regelmaͤßig unter demſelben Winkel neigte. Belzoni fand dieſen Winkel in der Pyramide des Cephrenes 26 Grad, Caviglia in der Cheops⸗ Pyramide 27 Gr. Dieſe Uebereinſtimmung iſt ge⸗ wiß nicht zufaͤllig, aber auf welchen Zweck ſie ſich bezog, iſt ſchwer zu beſtimmen, wenn ſie nicht mit aſtronomiſchen Beobachtungen in Verbindung ſtand. War der Eingang immer genau gegen Mitternacht gekehrt, ſo mußten die Oeffnungen, die ſich unter einem Winkel von beinahe 27° gegen den Horizont eE —— — — 134— neigten, in einer Linie liegen, deren Verlaͤngerung ziemlich genau auf den Punkt traf, wo der noͤrd⸗ liche Polarſtern durch den Meridian geht, und man konnte die Sternzeit genau meſſen, wenn man aus dem Innern der Oeffnung den Durchgang ir⸗ gend eines Sternes durch jenen Theil des Meri⸗ dians beobachtete. Caviglia's wichtigſte Entdeckung war die muͤhſame Aufgrabung der großen Sphinx vor der Pyramide des Cephrenes. Die Zeich⸗ nungen, die Norden und Denon von dieſem bewunderten Bildwerke geben, koͤnnen nur einen ſehr unvollkommenen Begriff von ſeinen Vorzuͤgen erwecken; aber deſto wahrer iſt Denon's Beſchreib⸗ ung: L'expression de la téte est douce, gra- cieuse et tranquille, le caractère en est afri- cain; mais la bouche, donc les Ièvres sont épaisses, a une molesse dans le mouvement et une finesse d'ex écution vraiment admirables;. c—'est de la chair et de la vie. Salt ſtimmt dieſem Urtheile voͤllig bei. Er hatte beſſere Gele⸗ genheit als fruͤhere Reiſende, das Kunſtwerk zu betrachten, nachdem es bis auf die Unterlage auf⸗ gegraben war. Denon ſah nur den Kopf und den Hals, da die Franzoſen waͤhrend ihrer Anweſenheit in Aegypten nur den Ruͤcken aufgedeckt hatten.— Eine Pyramide zu Sakkara wurde von dem Grafen Minutoli geoͤffnet, wie er in ſeiner Reiſe(Berlin 1814) erzaͤhlt. —— — —,— — — 135— S. 92. Man ſehe uͤber den Joſef's Brunnan und Joſef's Halle oder Palaſt, Clarsc's Reiſe, Bd IV, S. 120 ff. Nach den Segen der Araber wurden beide unter Saladin's Herrſchaft er⸗ baut, ſind aber wahrſcheinlich weit aͤlteren Un⸗ ſprunges. S. 98. Die Steine ſowohl des flachen Gipfels als der Seitenflaͤchen der Pyramiden ſind ein weicher grauweißer Kalkſtein, der die Eigenheit hat, daß er bei einem ſtarken Schlage mit dem Hammer den faulichten Geruch von ſich gibt, den man bei dem dunkelgefaͤrbten Kalkſtein am todten Meere ſindet, und der von der Entbindung eines Schwefelwaſſer⸗ ſtoffgaſes entſteht. S. Clarke's Reiſen, V. 181. S. 100. Clarke ſucht ſeine Meinung, daß der Sarkophag in der großen Pyramide zu Dſchiſeh Joſefs Gebeine enthalten habe, im 5ten Bande ſeiner Reiſen(S. 252 ff.) zu begruͤnden. Er glaubt, daß man beim Auszuge der Iſrageliten aus Aegypten die Pyramide geoͤffnet habe, und auf dieſe Anſicht baut er ſeine Vermuthungen uͤber das Alter der Pyramiden. Gruͤndlichere Unterſuchungen uͤber dieſen Gegenſtand findet man in Heeren's Ideen ꝛc. 2ter Th. 2te Abth. S. 75, 118, 198. Dieſe Denkmaͤhler waren wahrſcheinlich Nachbildungen der Pyramiden auf Meroe und die Werke der aͤthio⸗ piſchen Pharaonen vor Geſoſtris. — 136— S. 100. Belzoni gibt uͤber ſeine Entdeckungen Be⸗ richt in dem Narrative of the operations and re- cent discoveries within the Pyramids, temples, tombs, and excavations in Egypt and Nubia, and of a journey to the coast of the Red Sea, in search of the ancient Berenice„ and another to the Oasis of Jupiter Ammon. London 1820. 4. mit einem Heft von 44 colorirten Tafeln in Folio. Er begann ſeine Arbeiten zur Eroͤffnung der Cephrenes⸗Pyramide im„Februar 1818. Eine Inſchrift in der großen Kammer ſagt, daß die Araber Mohammed El Agar und Otman ſie eroͤffnet haben, und der Sultan Ali Mohammed der Erſte Ugloch mit ihnen darin geweſen ſei. Der Sarkophag von Granit, den er im Innern fand, war mit Gebeinen gefuͤllt, die man fuͤr menſchliche hielt, bis man in London entdeckte, daß ſie von einer Kuh waren. S. 125. Carne hat hier und S. 144 nur einen fluͤchtigen Blick auf die herrlichen Denkmaͤhler The⸗ bens geworfen, weil die umſtaͤndlichen und durch treue Abbildungen erlaͤuterten Beſchreibungen die man in Denon's Reiſe in Unter⸗ und Ober⸗ Aegypten(Paris 1802), in der 2ten und 3ten Lie⸗ ferung der Description de lEgypte(1815), in Hamilton's Remarks on several parts of Tur- key, Vol. I. Aegyptiaca(1809) und in Bel⸗ — 132— zoni's Reiſeberichte findet, dieſe Ueberreſte der Vorwelt aufgeſchloſſen haben. Die Reiſe des Generals Grafen Minutoli, velche die Alterthuͤmer Thebens in den genaueſten Abbildungen wiedergibt, und ſich den Leiſtungen des Auslandes wuͤrdig zur Seite ſtellt, hat dazu einen neuen treff⸗ lichen Beitrag gegeben. Eine, aus den neueſten Entdeckungen und Forſchungen hervorgegangene Ue⸗ berſicht der Denkmaͤhler Thebens gibt die neueſte Ausgabe der 2ten Abtheil. des 2ten Theiles der Ideen uͤber die Politik, den Verkehr und den Handel der vornehmſten Voͤlker der alten Welt, von Heeren, im 14ten Theile ſ. hiſtoriſchen Werke. Um Carne's zerſtreute Beſchreibungen verbinden zu koͤnnen, muß man ſich daran erin⸗ nern, daß die Denkmaͤhler der alten Koͤnigſtadt Theben auf dem weſtlichen und oͤſtlichen Ufer des Nils liegen. Auf der Weſtſeite ſind vorzuͤglich zu bemerken: die Alterthuͤmer von Medinet Abu (S. 132 ff.); der Memnon⸗Koloß; das ſoge⸗ nannte Memnonium, das Andere den Palaſt und das Grab des Oſymandyas nennen; die Truͤmmer des Palaſtes von Kurnu, und endlich die Grotten, Katakomben und Koͤnigsgraͤber (S. 144 ff.), die ſaͤmmtlich auf dem weſtlichen Ufer in den Kalkſtein⸗Felſen der ſteilen lybiſchen Bergkette ſich befinden. Auf der Oſtſeite des Stro⸗ mes liegen die Truͤmmer des Tempels von Lu xor, — 138— die Hamilton trefflich beſchreibt, und die noͤrd⸗ lich von jenen befindlichen großartigen Ueberreſte des Palaſtes und des großen Tempels zu Karnak. S. 129. Belzoni wurde von dem Conſul Salt und dem trefflichen Burckhardt veranlaßt, jene Buͤſte, der man den unpaſſenden Nahmen des juͤngern Memnon gab, von Theben nach Ka⸗ hira zu bringen. Sie kam ſpaͤter in das britiſche Muſeum. S. 135. Der ſuͤdliche, ganz aus einem Stuͤcke Sand⸗ ſtein beſtehende Koloß(Chama genannt) iſt das Standbild, welches das Alterthum, nach dem Zeug⸗ niſſe der vielen, daran beſindlichen Inſchriften fuͤr das Bild des Memnon hielt. S. 140. Nach den neueſten Unterſuchungen gehoͤren die meiſten Denkmaͤhler auf der Inſel Philaͤ in das griechiſch⸗roͤmiſche Zeitalter. S. 144. Das Thal, worin die Koͤnigsgraͤber liegen, heißt Biban el Moluk d. i. die Graͤber, oder eigentlich die Pforten der Koͤnige. Belzoni oͤfnete einige derſelben, und gibt in dem angefuͤhr⸗ ten Werke Bericht uͤber den Erfolg ſeiner Unter⸗ nehmungen. In einem fand er einen ſchoͤnen Sar⸗ kophag von orientaliſchem Alabaſter, der nach England gebracht wurde. Alle Figuren und Hiero⸗ glyphen in dieſem Grabe, das Belzoni in ſ. — 1389— Werke S. 234 ff. umſtaͤndlich beſchreibt, ſind in den Felſen gehauen und bemahlt, ausgenommen in einer Kammer, wo man nur Umriſſe ſieht. Man hat ſehr auf Genauigkeit der Umriſſe ge⸗ ſehen. Es finden ſich mehre roth gezeichnete Skizzen an den Waͤnden, die ſpaͤter mit Verbeſſerungen ſchwarz gezeichnet waren. Rings um dieſe ſchwar⸗ zen Linien wurde der Stein weggehauen, wodurch die Figuren einen halben Zoll, oder mehr nach Verhaͤltniß ihrer Groͤße, hervortraten. Alsdann wurden ſie weiß uͤbertuͤncht, worauf der Mahler die Farben auflegte, die nach 2000 Jahren noch ihre urſpruͤngliche Friſchheit haben. Unter den vielen Darſtellungen iſt beſonders eine merkwuͤrdig, wor⸗ in man die Voͤlker verſchiedener Menſchenarten, braune, ſchwarze und weiße, unterſcheidet. Die eigenthuͤmlichen Zuͤge der Aethiopier oder Nubier, der Juden, der Neger und der weißen Aſiaten ſind nicht zu verkennen. S. 152. Merkwuͤrdig iſt die von Clarke(Bd V, S. 86) gegebene Nachricht, daß einige Brahminen, die mit dem indiſchen Heere unter Hutchinſon nach Aegypten kamen, in Denderah Abbildungen des Gottes Wiſchnu zu ſehen glaubten, und ſich kaum abhalten ließen, die Araber fuͤr die Vernach⸗ laͤſſgung des Tempels zu zuͤchtigen. Light(Tra- vels in Egypt, Nubia etc. London 1818. 4.) —*& 8 5— — 140— ſagt gleichfalls, die indiſchen Soldaten haͤtten in den Truͤmmern zu Denderah ihre Tempel zu ſehen geglaubt. Es iſt allerdings eine auffallende Aehnlichkeit zwiſchen den maͤchtigen Bauwerken Indiens und Aegyptens, ja ſelbſt die geringeren Zubehoͤrungen, der Phallus, die Lotusblume, die Schlange findet man hier wie dort; aber dagegen bemerkt man auch eben ſo große Verſchiedenheiten, welche die Gruͤnde fuͤr eine gemeinſchaftliche Ab⸗ ſtammung widerlegen, und betrachtet man den phy⸗ ſiſchen, moraliſchen und religioͤſen Charakter beider Voͤlker, ſo haben ſie nichts gemein. Nie ſcheinen die Indier unterirdiſche Graͤber, Mumien, Fresko⸗ gemaͤhlde oder Hieroglyphen gehabt zu haben. Die enge Verbindung der Voͤlker des Morgenlandes zu einer Zeit, wo ſie noch derſelbe Glaube vereinte, moͤchte jene Aehnlichkeiten erklaͤren. Man koͤnnte aber vielleicht fragen, ob nicht die Baumeiſter und Kuͤnſtler bei den Indiern, wie bei den Aegyptern, von fremder Abſtammung geweſen ſein moͤchten, die ſich in den Verzierungen ihrer Werke nach den An⸗ ſichten und Vorurtheilen der Laͤnder richteten, wo ſie ſich angeſiedelt hatten. Zum zweiten Theile. S. 58. Man vergleiche, was O. Fr. von Rich⸗ ter(Wallfahrten im Morgenlande, S. 129 ff.) —, 8—½*m ⏑ο—— — 141— von ſeinem Beſuche bei Lady Stanhope erzaͤhlt. Zu jener Zeit ſah er noch reiſende Englaͤnder, wie es ſcheint. S. 62. Vielleicht derſelbe Franzoſe, deſſen O. F. von Richter(S. 130) unter dem Nahmen Bautin erwaͤhnt. S. 63. Nach Richter hat Beirut doppelt ſo viel Einwohner als Carne angibt. Außer Seide iſt auch Baumwolle eine Stapelwaare. Ueberhaupt iſt der Handel ſehr lebhaft. S. 66. Die Druſen ſind den Tuͤrken zinsbar, und ſtehen unter mehren Emirn, uͤber welche ein Groß⸗ Emir herrſcht. Ihre Glaubensmeinungen ſind ein Gemiſch von ſadducaͤiſchen, ſamaritaniſchen und mo⸗ hammedaniſchen Lehren. Sie haben eine Religion der Weiſen oder Eingeweihten und der Weltlichen oder Uneingeweihten. S. 85. Nach dem Plane, den Scholz in den Wiener Jahrbuͤchern(1826 Julius bis Septbr.) mit⸗ theilt, heißen die Thore von Weſten nach Oſten: Das Sionsthor— Bab el Chalil; das Mi ſt⸗ thor— Bab el Moggrebi; das Stephans⸗ thor— Bab ſette Mariam; das Herodesthor — Bab Eſſachre; das Damascener⸗Thor— Bab el Amud. — 142— S. 86. Der Thurm David's, ein gothiſches Gebaͤude, auch der Piſaniſche Thurm genannt, vielleicht weil er in den Kreuzzuͤgen von den Piſanern erbaut wurde. S. 88. Profeſſor Scholz, deſſen gehaltreiche Reiſe in die Gegendzwiſchen Alexandria und Paraͤtonium, die lybiſche Wuͤſte, Si⸗ wa, Aegypten, Palaͤſtina und Syrien in den Jahren 1820— 21(Leipzig 1822. 8.) auch uͤber Jeruſalem ſchaͤtzbare Aufklaͤrungen enthaͤlt, hat in den Wiener Jahrbuͤchern der Literatur, Band 35(Julius bis September 1816), S. 22 ff. darzu⸗ thun geſucht, daß die alte Meinung, welche den Golgatha und das Grab des Heilands in der Kirche des heiligen Grabes findet, trotz der Ein⸗ wuͤrfe neuerer Schriftſteller, gegruͤndet ſei. Er glaubt aus der Vergleichung der alten Nachrichten mit der Oertlichkeit den Schluß ziehen zu koͤnnen, daß der Richtplatz, der nach juͤdiſchen und roͤmi⸗ ſchen Geſetzen außerhalb der Stadt ſein mußte, in dem Stadttheile geweſen ſei, der zwiſchen Mitter⸗ nacht und Abend liegt, wo ſonſt Graͤber waren. Er will noch Spuren der Mauer gefunden ha⸗ ben, welche den Richtplatz und das in deſſen Naͤhe gelegene Grab von der Stadt ausſchloß. Alle Schriftſteller ſagen, der Golgatha habe weſt⸗ lich von der Stadt und noͤrdlich vom Sion außer⸗ halb der Stadtmauer gelegen. Hadrian, der das eil — 143— unter Titus zerſtoͤrte Jeruſalem wieder herſtellen ließ, gab der Stadt auf dieſer Seite eine ſo an⸗ ſehnliche Erweiterung, daß der Golgatha und das heilige Grab in die Ringmauer kamen.— Was ſich gegen dieſe Anſicht ſagen laͤßt, hat Clarke in ſ. Travels(Band 4, S. 309 ff.) zuſammen⸗ geſtellt. Er glaubt(ſ. ebendaſ. S. 321 ff.) das Grab des Heilands in einer der Grabhoͤhlen gefun⸗ den zu haben, die man an den Seiten eines, dem Berge Sion gegenuͤber liegenden Berges ſieht. Man vergleiche ſeinen Brief aus Jeruſalem, der ſich in The Life and remains of the Rev. E. D. Clarke(London 1824. 4.) S. 467 ff. findet. Er glaubt, daß hier, wo die Karaiten, unter allen Juden die ſtandhafteſten Anhaͤnger alter Gebraͤuche, ſtets ihre Todten begruben, auch der fromme Jo⸗ ſef von Arimathia ſeine Grabſtaͤtte gehabt haben muͤſſe, und die oͤrtliche Lage eines jener Graͤber ſcheint ihm mit den Worten der Evan⸗ geliſten uͤbereinzuſtimmen. S. 96. Auch Schultz(ſ. Leitungen des Hoͤchſten, Bd V, S. 100 f.) ſpricht von dem muthwilligen Laͤrm der Pilger, beſonders beim Anzuͤnden des heiligen Feuers. Ende des dritten Theiles. — 48 — 79 — 100 — 101 Theil III.— 102 Druckfehler. Theil I. Seite 17 Zeile 7 v. u. l. Truͤmmer — — 7 v. u. l. unterbrachen — 11 v. u. I. an ſt. in — 9 v. u. l. Aegypterinn G — 7 v. u. l. Palmbaͤume — 15 l. Clarke's ſt. Caviglig's — al. große Anmerkung l. Theil III. S. 71. Gedruckt bei Carl Gottlob Gärtner.