deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für Wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 4 Mr.— Pf. 1 Wer. 59 Pf. 2 Met.— Pf. „ 3 4„—„ 5„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Wanen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * 21 —— —— . .— . 5—— —————ö—— .— — 6 34 8 21 1—— 2 „* 2 — 2.— 8 Leben und Sitte im Morgenlande, auf einer Reiſe von Konſtantinopel durch das griechiſche Inſelmeer, Aegypten, Syrien und Palaͤſtina geſchildert 3 von 1 1 J. Carne; nebſt einem Anhange uͤber Griechenland.— 1 4 Aus dem Engliſchen überſetzt und mit Zuſätzen begleitet 4 von 3 W. A. Lindau. 6 Erſter Theil. Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 132 6. 8* 3— 8* —————y 2 „ 6 * 5 4.. L — Vorwort. Die lebendigen Schilderungen aus dem Morgenlande, deren Verteutſchung ich hier gebe, erſchienen zuerſt in den Jahrgaͤngen 1824 und 1825 des New Monthly Maga- zine, unter dem Titel: Letters from the East, und dann, mit einem Anhange uͤber Griechenland, in einem beſondern Abdrucke. Der Verfaſſer hat, ſelbſt auf einem oft be⸗ ſuchten Reiſewege, Gelegenheit zu anziehen⸗ den Beobachtungen gefunden, und vorzuͤg⸗ lich in Syrien und Palaͤſtina viele neue Farben zu dem Gemaͤhlde des Landes und des Volkes geſammelt, die er in der Fri⸗ ſche, wie er ſie empfing, auf ſeine Palette ſetzte. Dem dritten, naͤchſtens erſcheinen⸗ den Theile ſollen einige Zuſaͤtze angehaͤngt werden, welche beſonders die Bemerkungen des Verfaſſers uͤber Aegypten erlaͤutern oder ergaͤnzen koͤnnen. Dresden, im Februar 1826. — I. Konſtantinopel. Wa erreichten Pera bei Konſtantinopel nach ei⸗ ner gluͤcklichen Fahrt von achtzehn Tagen. Das Schlimmſte, was uns unterwegs begegnete, war eine Windſtille von vier Tagen, die eintrat, als wir Sardinien aus dem Geſichte verloren hatten. Waͤhrend dieſer langweiligen Zeit ſaßen wir mißmu⸗ thig und krank auf dem Verdecke, und ſahen nichts als den Himmel und die Waſſerwuͤſte. Am fuͤnften Tage erhob ſich ein angenehmer Wind, und Krank⸗ heit und Langweile waren voruͤber. Morea lag vor uns, und ſeine hohen Kuͤſten zogen unſere Blicke an; dann zeigten ſich die Inſeln Cerigo und Milo. Der Himmel hat auf dem mittellaͤndiſchen Meere nicht jenes ſchoͤne Blau eines Sommertages in Eng⸗ land, er iſt von graulicher Farbe, die nach dem Nande hin ſehr hell wird, und nie habe ich einen ſo ſchoͤnen Sonnenuntergang geſehen, als ich de⸗ ren einige in England ſah. Einen lieblichen Abend aber genoſſen wir. Die Inſel Zia lag auf der ei⸗ naen Seite; eine ſehr huͤbſche griechiſche Stadt von 1 8 1 4 11 H. 11 h — 2— weißen Haͤuſern mit platten Daͤchern am Abhange der Kuͤſte, und unten am Fuße der Anhoͤhe eine Kirche, unſern Dorfkirchen aͤhnlich; auf der andern Seite die hohe romantiſche, aber nackte Kuͤſte Grie⸗ chenlands, uͤber welcher die Sonne mit unbeſchreib⸗ licher Pracht unterging. Die Daͤmmerung iſt hier von weit kuͤrzerer Dauer als bei uns, und der Far⸗ benglanz des Abendrothes bleibt nicht ſo lange am Himmel, wiewohl er milder und zarter iſt. Das ſehr bohe griechiſche Kuͤſtenland mit ſchoͤn bewalde⸗ ten Bergen lief bis zu den Vorgebirgen Colonna und Negroponte, und im fernen Hintergrunde er⸗ hoben ſich Schneegebirge. Die Inſeln Mitylene, Ip⸗ ſara und endlich Tenedos erſchienen, und es zeigte ſich die Kuͤſte von Troja. Unſre Blicke aber wurden von dem oͤſtlichen Lande angezogen, dem wir uns nun ſchnell naͤherten. Der Eingang der Dardanel⸗ len oͤffnete ſich uns und einigen Schiffen, die vor uns her ſegelten, als das Geſchuͤtz der Veſte uns ankuͤndigte, daß nicht friedliche Zeit war. Eine tuͤrkiſche Fregatte befahl uns, der Kaͤſte nahe zu kommen. Unſer Kapitaͤn verbarg ſein Geld. Zwei Boͤte mit Kriegsvolk und mehren Offtzieren waren auf beiden Seiten unſeres Schiffes; ſie wollten aber nur wiſſen, ob wir etwa den Griechen Kriegsbe⸗ darf zufuͤhrten, und erlaubten uns endlich, unſere Fahrt fortzuſetzen. ————— K& . A ——-yuu 3 —————— 5— — —-—— * — — 3— Nach einem Aufenthalte von einigen Stunden fuhren wir in die Dardanellen hinauf. Europa lag auf der einen, Aſien auf der andern Seite, und bald oͤffneten ſich uns die lieblichſten Landſchaf⸗ ten der Tuͤrkei. Es iſt ſchwer, dieſe Landſchaften zu ſchildern, welche von allen, die man in Europa ſieht, ſo ganz verſchieden ſind. Die tuͤrkiſchen Staͤdte und Doͤrfer erhalten dadurch einen eigenen Reiz, daß ſie ganz von Baͤumen beſchattet ſind, die immer das lebhafteſte Gruͤn ſchmuͤckt, und die uͤber die meiſten Haͤuſer herabhangen. Die Haͤuſer ſind ziemlich niedrig und meiſt hoͤlzern, mit ſanft abhaͤngigen Daͤchern, und entweder roth, weiß oder bleifarbig angeſtrichen. Mitten in jedem Dorfe ragt das huͤbſche weiße Minaret der Moskee empor. In der umliegenden Gegend war die reiche Ernte eben unter der Sichel gefallen. Ein kuͤhler Kiosk lag un⸗ ter uͤppigen Schatten. All dieß reizte nur meine Ungeduld, Stambul zu ſehen, und dieſes Ge⸗ fuͤhl ſtieg noch hoͤher, als die Nacht anbrach. In den letzten Tagen unſerer Fahrt war der Himmel ſchoͤner geworden, und glaͤnzte im zarteſten Blau, das am Rande des Horizontes von weißen Wolken eingefaßt war, und beſonders war der letzte Tag unſerer Reiſe ſehr anmuthig, als uns ein ſanfter Wind zu der tuͤrkiſchen Hauptſtadt brachte. Bei dem erſten Anblicke derſelben fuͤhlt man ſich in der Erwartung getaͤuſcht, und man moͤchte ſich fragen, ——— — 4— ob dieß das praͤchtige Konſtantinopel ſei. Kommen wir aber in den Kanal, und ſegeln wir um die Spitze, wo das Serai ſteht, ſteigt die Sonne uͤber die Abhaͤnge empor, wo Haͤuſer uͤber Haͤuſer ſich erheben, und liegen Pera und Galata mit den gro⸗ ßen dunklen Cypreſſenwaͤldern, welche die Begraͤb⸗ nißplaͤtze auf den Huͤgeln beſchatten, vor unſern Blicken, ſo ergreift uns Bewunderung. Die ooͤl⸗ zernen Haͤuſer, woraus die Stadt groͤßtentheils be⸗ ſteht, haben freilich kein großartiges Anſehen, und drei Viertheile der Vorderſeite ſind mit Fenſtern be⸗ deckt, aber die uͤberall zwiſchen den Gebaͤuden ſich erhebenden Baͤume, die zahlloſen Minarete, deren einige mit vergoldeten Spitzen in der Sonne glaͤn⸗ zen, und die vornehmſten, alle Gebaͤude uͤberragen⸗ den Moskeen, all dieß erregt Gefuͤhle in dem Ge⸗ maͤthe eines Fremden, die keine andere europaͤiſche Stadt einfloͤßen kann. Unſer Schiff, das nach Odeſſa beſtimmt war, ſegelte aufwaͤrts in dem Fluſſe, nach dem einige Meilen entfernten Dorfe Bujukdere, das wegen ſeiner ſchoͤnen Lage beruͤhmt iſt. Dieß gab uns eine guͤnſtige Gelegenheit, die Landſchaft zu betrachten, und wer ſie einmahl geſehen hat, kann ſie nie ver⸗ geſſen. Beide Ufer des breiten Stromes waren mit Gebaͤuden bedeckt. Hier ſahen wir eine Moskee vom reinſten weißen Marmor, reich verziert und vergol⸗ det, und von dunkeln Cypreſſen umgeben. Links — — — — lag ein Sommer⸗Serai des Sultans mit einem klei⸗ nen Luſtgarten an der Kuͤſte. Die, auf der europaͤi⸗ ſchen Seite faſt bis an den Strom hinab laufenden, anmuthig bewaldeten, aber ſehr niedrigen Huͤgel, und die kleinen tuͤrkiſchen Haͤuſer, die bald vom Strome beſpuͤlt wurden, bald uͤber denſelben her⸗ abhingen, bald ſich in das Gehoͤlz zuruͤckzogen, er⸗ innerten an ſineſiſche Landſchaften und Wohnungen. Oft ſchweiften meine Blicke entzuͤckt uͤber die aſia⸗ tiſche Kuͤſte, als den Schauplatz kuͤnftiger Genuͤſſe. Endlich legten wir bei Bujukdere vor Anker, und der Kapitaͤn verſchaffte uns ein Boot, das uns nach Konſtantinopel brachte. Ein einziger tuͤrkiſcher Ruderer mußte uns gegen den ſtarken Wind einige Meilen weit fahren, eine ſchwere Arbeit, ſo gut wir ihn bezahlen mußten. Es war zur Zeit des Ramadan, und der arme Kerl zeigte ſehr ausdruck⸗ voll auf ſeinen Magen, um anzudeuten, daß er den ganzen Tag noch nichts gegeſſen haͤtte. Abends kamen wir in den Hafen von Konſtantinopel. Wir waren wie bezaubert. Das Serai eine Reihe wei⸗ ßer Gebaͤude mit hangenden bleifarbigen Daͤchern, aber ohne alle Pracht in der Bauart, ſtand dicht am Ufer, und hinter demſelben praͤchtige nie be⸗ wegte Cypreſſenwipfel. Links lag Seutari, eine der Vorſtaͤdte auf der aſiatiſchen Seite, mit ihren wei⸗ ßen Moskeen, und als wir uns dem Landeplatze näͤherten, fuhren große Bote mit Tuͤrken von allen Staͤnden und in allen Trachten ſchnell an uns vor⸗ uͤber. Wir bedachten nicht, daß Konſtantinopel einige Zeit vorher der Schauplatz von Unruhen und Metze⸗ leien geweſen, und es fuͤr einen Europaͤer gefaͤhr⸗ lich war, ohne einen Janitſcharen durch Pera und Galata zu gehen. Als wir in der letztgenannten Vorſtadt landeten, gingen wir in ein Kaffeehaus; die Tuͤr⸗ ken aber wieſen uns mit ausdruckvoll warnenden Gebehrden weg. Nicht allein die Krieger, ſondern auch die niedern Volksklaſſen trugen Waffen, ſelbſt Knaben fuͤhrten Piſtolen und Dolche, und hatten ihre Haͤnde in Blut tauchen gelernt. Faſt taͤglich fielen ſchreckliche Graͤuelthaten vor. Ein Grieche fand kein Erbarmen, wo man ihn entdeckte, und nirgend Schutz, als in den Wohnungen der Ge⸗ ſandten. Die Fenſter des hohen Zimmers, wo wir wohnten, ſahen auf einen mit Cypreffen be⸗ pflanzten Begraͤbnißplatz. Gleich nach Anbruche der Dunkelheit wurden rings umher Flinten und Piſto⸗ len abgefeuert, und ſo ging es mit kurzen Unter⸗ brechungen die ganze Nacht hindurch fort. Von den griechiſchen Bojaren oder Edelleuten iſt kaum noch einer uͤbrig. Diejenigen, welche nicht bei den Metzeleien umkamen, ſind aus ihrer Heimath ent⸗ flohen, und haben ihre Angehoͤrigen und Beſitzungen in der Gewalt der Tuͤrken gelaſſen. Das Dorf The⸗ am Bosporus war wegen der Schoͤnheit ſei⸗ — ☛— — 7— ner Weiber und der Anmuth ſeiner Lage beruͤhmt. Es war ein entzuͤckender Anblick fuͤr den Fremdling, wenn er hier an einem kuͤhlen Abende die grie⸗ chiſchen Frauen und Fuͤrſtinnen wandeln ſah, de⸗ ren faſt feſſelloſe Rabenlocken aus dem ſeitwaͤrts aufgeſchlagenen Schleier hervorblickten, und deren edle Zuͤge und ſchoͤne Geſtalten mit der umliegenden herrlichen Landſchaft ſo gut uͤbereinſtimmten. Aber jetzt iſt jeder Pfad veroͤdet und ihre Palaͤſte ſind ver⸗ laſſen. Als ich eines Tages unter der Vorhalle des Palaſtes der Janitſcharen zu Konſtantinopel ſaß⸗ wurden zwei Griechen hoͤheren Standes mit Wache hereingefuͤhrt. Man konnte ſich bei dieſem Anblicke der Ruͤhrung nicht erwehren. Beide waren aͤltliche Maͤnner; aber waͤhrend ſie mit beſtem Schritte vor⸗ angingen, ſah man Ruhe und Ergebung in ihren Dung n Ihr Schickſal war unwiderruflich beſtimmt. Man hatte ſie in ihrem Zufluchtorte entdeckt, und ihren Angehoͤrigen ſie entriſſen, um ſie zum Tode zu fuͤhren. Die an Gleichgiltigkeit graͤnzende Er⸗ gebung, womit die Griechen gewoͤhnlich ihrem Schick⸗ ſale entgegen gingen, war in der That auffallend. Einer dieſer Ungluͤcklichen hatte ſich durch die Flucht gerettet, aber die Sehnſucht, ſeine Angehoͤrigen zu ſehen, war ſo ſtark, daß er nach einigen Wo⸗ chen zuruͤckzukehren wagte. Am Abende deſſelben Tages ward er in Galata entdeckt und fortge⸗ — — 8— ſchleppt. Der Grieche kniete nieder und faltete ru⸗ hig ſeine Arme auf der Bruſt, ohne daß ſich die mindeſte Veraͤnderung in ſeinen Zuͤgen gezeigt haͤt⸗ te, und wurde auf der Stelle erſchoſſen. Ich ging ngchher zweimahl an dem Leichname dieſes Man⸗ nes voruͤber. Die Tuͤrken hatten, wie ſie es oft nach ſolchen Hinrichtungen thun, den Kopf in aufrechter Stellung zwiſchen die Kniee geſetzt, und der Voruͤbergehende konnte daher dem graͤß⸗ lichen Anblicke nicht gut ausweichen. Die Tuͤr⸗ ken ſind Meiſter in der Kunſt, mit einem Hiebe einen Kopf abzuhauen. Ich wollte ſpaͤterhin in Smyrna einſt am fruͤhen Morgen Zeuge einer Hin⸗ richtung ſein, wobei drei und zwanzig Griechen geopfert werden ſollten, aber alles war voruͤber, als ich auf dem Richtplatze ankam, wo die Leichname auf einem Haufen lagen. Die Weiber kamen in dieſer Hinſicht beſſer davon, aber wehe allen, die nur einige Reize hatten! Sie mußten immer in's Harem wandern, um den Luͤſten der Tuͤrken zu die⸗ nen, waͤhrend man die Haͤßlichen gewoͤhnlich laufen ließ. Eine junge ſehr liebenswuͤrdige Griechinn ward in Konſtantinopel von einem armeniſchen Kaufmann fuͤr 20,000 Piaſter, uͤber 4000 Thaler, ausgeboten. Ein Paſcha, der ihm ſo viel ſchul⸗ dig war, ſchickte ihm die Griechinn, die ſeine Ge⸗ fangene war, an Zahlungſtatt, mit der Weiſung, . ſie nicht wohlſeiler zu verkaufen. Als Hivaly, eine 7 — 3. 2 —————õÿõÿõ griechiſche Stadt auf der Kuͤſte von Klein⸗Aſien, durch Sturm uͤberging, ließen die Tuͤrken alle Maͤnner uͤber die Klinge ſpringen, ſparten aber die wenigen ſchoͤnen Weiber fuͤr ihr Harem auf, und verkauften die uͤbrigen fuͤr 50 Piaſter, etwa⸗ 10 Thaler. Mehre Waarenhaͤuſer der engliſchen Kauf⸗ leute zu Smyrna waren gedraͤngt voll von Weibern aller Staͤnde, die ſo gluͤcklich geweſen waren, den Tuͤrken zu entrinnen, und es nie wagten, ihre Zufluchtoͤrter zu verlaſſen, wo ſie von ihren groß⸗ muͤthigen Beſchuͤtzern Nahrung erhielten. Kehren wir nach Konſtantinopel zuruͤclk! Wel⸗ cher Abſtich gegen das freie und froͤhliche Leben in Frankreich, das wir vor Kuriem verlaſſen hatten! Die Weiber, welchen man begegnet, haben das wi⸗ drigſte Anſehen; ein ungeheurer Mantel laͤuft bis auf die Fuͤße hinab, und ein dicker Schleier hedeckt den obern Theil ihres Geſichtes. Die bleiche Farbe des ſichtbaren kleinen Theiles, und die ſchwarzen uͤher den Schleier ernſt hinwegſehenden Augen, ga⸗ ben ihnen das Anſehen von Leichen. Die verſchiedenen Trachten der Tuͤrken ſind fuͤr den Fremden ungemein anziehend. Sie ſind unſtreitig das ſchoͤnſte Volk in Europa, und der praͤchtige Anzug hebt ihre ſchoͤne Geſtalt. Am Beiramfeſte, wo jeder, vom Vornehmſten bis zum Bauer, ſeine ſchoͤnſten Kleider anlegt, gewaͤhren die Mannigfal⸗ tigkeit und Pracht ihrer Anzuͤge den auffallendſten — Anblick. Die Schoͤnheit der Tuͤrken hat etwas Be⸗ ſonderes; ihre Zuͤge haben eine gewiſſe Abrundung, durchaus ohne Ecken und Winkel. Die dicken her⸗ abhangenden Augendrauen uͤberſchatten ein volles, rundes und dunkles Auge; die Naſe iſt gerade, das Kinn rund, der Mund ſehr huͤbſch. Die Tuͤrken gehen ſehr aufrecht, und ihre kraͤftigen Glieder, ihr langſamer Gang und ihre fliegenden Gewaͤnder ge⸗ ben ihnen ein ſehr majeſtaͤtiſches Anſehen. Sie ſitzen oft waͤhrend der meiſten Stunden des Tages auf Baͤnken, die mit weichen Teppichen bedeckt ſind, unter freiem Himmel, und wenn man ſie zuweilen faſt unbeweglich, den Kopf und den langen weißen Bart auf die Bruſt ſenkend, in ein leichtes, roͤth⸗ liches oder weißes Gewand gekleidet, ſitzen ſeht, ſo denkt man an die roͤmiſchen Senatoren, in wek⸗ chen die, auf das Forum dringenden Barbaren an⸗ kaͤnglich Bildſaͤulen zu ſehen glaubten. Nichts aber geht uͤber ihre Traͤgheit. Sie haben eine Schnur von bunten Glaskuͤgelchen in der Hand, womit ſie waͤhrend des Rauchens aus bloßer Gedankenleerheit wie die Kinder ſpielen. 1 Bei der Ruhe und Regelmaͤßigkeit ihrer Lehe⸗ weiſe, und bei ihrer Freiheit von heftigen Leiden⸗ ſchaften iſt Gemuͤthskrankheit etwas ſehr ſeltenes un⸗ ter ihnen. Wir beſuchten einſt das Irrenhaus, das einzige in Konſtantinopel. Es hat einen geraͤumigen Hof mit einem Syringbrunnen und mit Baͤumen in ——.,„„ —— — der Mitte. Die Zellen ſind rings umher. Wir fan⸗ den nur wenige Irren, und die Geiſteszerruͤttung eines jeden war ruhig und ſinnend, wenn man ſo ſagen kann. Nirgend zeigte ſich Heftigkeit oder leb⸗ hafte Regung irgend einer Art. Ein alter Mann fand ſeine Freude darin, die Guitarre zu ſpielen und jeden Beſucher anzuſingen. Liebe kann wenig Gewalt unter einem Volke aus⸗ uͤben, wo den freien Umgang beider Geſchlechter die herrſchende Sitte verbietet. Ehrgeiz, oder der unruhige Wunſch, in der Welt zu Reichthum oder Ruhm zu gelangen, bewegt den Tuͤrken weniger als irgend Jemand. Familienſtolz, oder die Sorge, das An⸗ fehen ſeines Stammes zu erhalten, iſt ihm gleich⸗ falls fremd, da man keinen Adel kennt. Gibt man ihm ſein arabiſches Pferd, ſeine praͤchtigen Waffen, ſeine Pfeife, und ſeinen Kaffee, ſeinen Sitz im Schatten, ſo iſt er zufrieden mit der Lage, die Allah ihm zugetheilt hat. Die Freuden der Ta⸗ fel haben wenig Reiz fuͤr ihn; denn unter keinem Volke ſindet man ſo viel Maͤßigkett im Eſſen. Sein Abgott, ſeine herrſchende Leidenſchaft aber iſt die Schoͤnheit, und fuͤr ſie bezahlt er jeden Preis. Er ſucht ſie unter allen Voͤlkern. Hat ſeine erſte Frau ihre friſchen Reize verloren, ſo hohlt er ſich eine ſchoͤnere, ſei es aus Perſien, oder aus Cirkaſ⸗ ſiſen, Griechenland oder Armenien. Wie trefflich hat der Profet ſein Paradies den Leidenſchaften ——ᷣ—ꝛ—xꝛx ——„—* —— 9 ‿ zeiner Landsleute angepaßt! Die Roſenbaͤnke, wor⸗ auf der wahre Glaͤubige niederfinkt, die Palmen, die Pomeranzenbaͤume und die duftenden Zweige, deren ewige Schatten uͤber ihm wehen, die Spring⸗ brunnen, die mit melodiſchem Geplaͤtſcher hinab⸗ fallen, alles wuͤrde ſchal und nichtig ſein, ohne die Maͤdchen von unvergaͤnglicher Schoͤnheit, die ihn dort erwarten. Das Bairamfeſt hatte angefangen, und wir gingen, das beruͤhmte Dſcherrid, oder Werfen ſtumpfer Wurfſpieße, zu ſehen. Es waren unſer ſechs, und drei Janitſcharen begleiteten uns. Ne⸗ ben einem der vorſtaͤdtiſchen Kaffeehaͤuſer, die oft ſehr angenehm liegen, ſahen wir eine Menge klei⸗ ner bunt bemahlter, bedeckter und inwendig mit Deppichen belegter Karren, worin die Tuͤrken ge⸗ maͤchlich ſaßen, und die von Nenſchen geiogen wurden. Es war ein ſehr heißer Tag. Unſer Weg ging uͤber einen großen Begraͤbnißplatz, der auf dem Gipfel eines Huͤgels lag, und von herrli⸗ chen Cypreſſen beſchattet war. Die Grabſteine waren hoͤchſtens fuͤnf Fuß boch, und jeder hatte oben ſei⸗ nen Turban und verſchiedene, oft reich vergoldete Inſchriften. Wir konnten nicht umhin, dieſen Be⸗ graͤbnißplatz mit dem ſchoͤnen Kirchhofe des Paters la Chaiſe zu Paris zu vergleichen. Dort alles geſchmackvoll, ſchoͤn und zart; Blumenbeete und Blumengewinde um die zierlichen Grabſteine von wejüem Marmor, ——— d/ 2=·ù 2———,·ͤ„ »»„„„„——/ welche die Strahlen der Sonne beleuchten, oder dunklere Denkmaͤhler unter Cypreſſenſchatten; aber alles ſo reinlich und heilig gehalten, daß der Ueber⸗ lebende gern der Trauer nachhangt. Hier aber herrſcht tiefe undurchdringliche Finſterniß, und eine Stille, die dazu paßt. Man ſieht nur hier und da eine weibliche Geſtalt auf der Erde ſitzen, und auf dem Grabe ihres Mannes oder Sohnes trauernd; aber ihr Kummer iſt lautlos, und ihr halb verhuͤll⸗ tes bleiches Geſicht ſo wenig reizend als der Tod ſelbſt. Wir verließen dieſen unermeßlichen Begraͤb⸗ nißplatz, ſtiegen den Huͤgel hinab und traten in ein Waͤldchen, wo Tuͤrken im Schatten oder unter Schirmdaͤchern ſaßen, rauchend und plaudernd, oder an einem Poſſenſpieler ſich ergetzend. Der Schauplatz bot einen echt morgenlaͤndiſchen Anblick dar. Er beſtand aus einer Art von Amphitheater, deſſen ſteiler Abhang mit zahlloſen Zuſchauern be⸗ deckt war, die in Reihen auf der Erde ſaßen, und Turbane von allen Farben ſtiegen bis zum hoͤchſten Gipfel hinan. Oben auf dem Ruͤcken des Huͤgels waren Zelte aufgeſchlagen, neben welchen verſchiedene offene Wagen ſtanden, worin verſchleierte Tuͤr⸗ kinnen ſaßen. Der Sultan befand ſich in einem das Feld uͤberſehenden Kiosk, vor welchem ſeine Leibwache aufgeſtellt war. Mehre ſchoͤne arabiſche Renner, praͤchtig angeſchirrt und von Reitknechten gehalten, belebten das Schauſpiel. In einem klei⸗ —— nen tiefer liegenden Thale waren die Dſcherid⸗Wer⸗ fer. Die rauſchende tuͤrkiſche Muſik erſcholl und das Kampfſpiel begann. Die Gewandtheit der Kaͤm⸗ pfer war bewundernswuͤrdig. Nach allen Richtungen laufend warfen ſie das Dſcherrid mit außerordent⸗ licher Geſchicklichkeit, und wehrten des Gegners Wurfſpieß ab, und ergriffen ihn im Fluge.*) Es gibt hier keine Wagen, aber die tuͤrkiſchen Boͤte, worin man ſchnell laͤngs der Kuͤſte des Bos⸗ porus faͤhrt, verurſachen großen Aufwand. Sie ſind ſehr leicht, inwendig mit Schnitzwerk verziert, und nicht ſelten vergoldet, ſo oft man ſich am Ufer zeigt, wird man von allen Seiten mit Einladungen beſtuͤrmt. Die Schiffer ſind vortreffliche Ruderer. Es gibt unter ihnen ſo viele, die auf das Vor⸗ recht der Verwandtſchaft mit dem Profeten An⸗ ſpruch haben, daß der gruͤne Turban unter ih⸗ nen ſehr gewoͤhnlich iſt. Wir ſchifften uns an ei⸗ nem ſchoͤnen Morgen ein, um die Inſeln Chalce, Prinkipo und einige andere zu beſuchen, die gegen ſieben engliſche Meilen von der Stadt entfernt ſind. Herrliche Eilande! Jedes hat ein Kloſter, und ein Einſiedler koͤnnte ſich keinen ſchoͤnern Zufluchtort wuͤnſchen. Einige. Eingeborene ſaßen unter dem ————— *) Siehe Anaſtaſlus, Bd. 1. S. 2½0 der teutſchen Ueberſepung. 2 1 Schatten eines großen Baumes, frauchend und Kaffee ſchluͤrfend. Ich moͤchte wohl wiſſen, in wie fern ein Tuͤrke Sinn fuͤr mahleriſche Landſchaften hat. Wahrlich, der ſchoͤnſte Theil der Erde iſt ſeine Heimat. Es gewaͤhrt einen luſtigen Anblick, ihn unter der Vorhalle eines Kaffeehauſes ſitzen zu ſehen, wo ſich eine herrliche Landſchaft uͤberſchauen laͤßt, wie er eine kleine Schaale mit Kaffee oder Scher⸗ bet haͤlt, wovon er zuweilen ſchluͤrft, dann in ſtil⸗ les Hinbruͤten verſinkt, oder mit kindiſcher Luſt Zu⸗ ckerwerk ißt, waͤhrend ſein ernſtes feierliches Ausſe⸗ hen, ſeine furchtbaren Waffen, ſein hochmuͤthiges Benehmen einen ſeltſamen Gegenſatz bilden. Als wir in Prinkipo landeten, wurden wir von vielen ungluͤcklichen Griechen umringt, deren Lage das tiefſte Mitleid erweckte. Sie hatten keinen Theil an dem Aufſtande genommen, aber da ſie doch nicht ganz unverdaͤchtig waren, ſo hatten die Tuͤrken ſie auf die Inſel gebracht, wo ſie ihr Schickſal erwar⸗ ten ſollten. Sie wußten nicht, welches Loos ihnen bevorſtand, und beſtuͤrmten uns mit Fragen. Die tiefe Niedergeſchlagenheit, die wir in ihren Zuͤgen laſen, verrieth uns, in welcher peinlichen Erwart⸗ ung ſie waren, und wir konnten ihnen keinen Troſt geben. Eines Tages brachen wir ſehr fruͤh auf, einen Gang um die Mauer von Konſtantinopel zu machen. Es waren unſer ſechs. Die Luft war ſehr warm, — 13— der Himmel unbewoͤlkt, aber ein ſolcher Gang be⸗ lohnte jede Ermuͤdung. Die alten Mauern haben ein ſehr ehrwuͤrdiges Anſehen. Sie ſind an mehren Stellen gegen vierzig Fuß hoch, und ihre Thuͤrme ganz mit Epheu bewachſen. Wir ſuchten vergebens die Stelle der Sturmluͤcken, wo einſt die Tuͤrken eindrangen. Der Umfang der Mauer betraͤgt acht⸗ zehn engliſche Meilen, laͤngs der Kuͤſte aber ſind ſie nicht ſo hoch. Etwa eine Meile weit, nach der Ebene hin, erhebt ſich die Anhoͤhe, wo Moham⸗ med II, als er zuerſt die Stadt erblickte, ſeine Standarte aufpflanzte, und von dem Anblicke ent⸗ zuͤckt, bei dem Profeten ſchwur, nicht zu wei⸗ chen, bis er Herr von Konſtantinopel waͤre. Der — —+— ͤ2 ₰—ͤrͤ 2Sͤ— 1 Huͤgel liegt gerade dem Thore Tophkani gegenuͤber, aus welchem der ungluͤckliche Konſtantin ſeinen letz⸗ ten Ausfall machte, bis er toͤdlich verwundet wur⸗ de, worauf man ihn an einen nahen ſchattigen Ott brachte, wo er ſtarb. Auf dieſer Stelle war V ein armeniſches Kaffeehaus außerhalb der Mauer. Wir gingen hinein und fuͤhlten bald den Einfluß morgenlaͤndiſcher Ueppigkeit. Wenn man von Hitze 2 und Mattigkeit erſchoͤpft, neben einem Springbrun⸗ 13 nen ſich auf weichen Kiſſen niederlaͤßt, arabiſchen Aaffee und Scherbet trinkt, und den Tabackrauch —— 2ͤͤ aus einem weichen gekruͤmmten Rohre, das durch ein Gefaͤß mit Waſſer geht, kuͤhl in den Mund bekommt, werden die Sinne in der That von ei⸗ * ·„f nem maͤchtigen Zauber ergriffen. Wir kamen ſpaͤter zu den Truͤmmern einer unlaͤngſt zerſtoͤrten kleinen griechiſchen Kirche, die man wegen eines heiligen Fiſches, der dort in einem Teiche mit beſonderer Sorgfalt gepflegt wurde, hoch verehrt hatte. Der Theil der Stadtmauer, in deſſen Naͤhe jenes Kirch⸗ lein ſtand, galt fuͤr unbezwinglich; und als Moham⸗ med ſtuͤrmte, war ein griechiſcher Prieſter, auf die ſchuͤtzende Mauer vertrauend, ruhig beſchaͤftigt, Fi⸗ ſche zu backen. Da kam ein Bote mit der Nachricht, die Tuͤrken waͤren in die Stadt gedrungen.„Eher wollte ich glauben, ſprach der Prieſter: daß dieſe Fiſche aus der Pfanne ſpringen und in der Stube herumſchwimmen köoͤnnten, als eine ſo unmoͤgliche Sache“ Seltſam genng, das Wunder geſchah, und jene heiligen Fiſche wurden bis in die neueſten Zeiten aufbewahrt, bis auch ſie mit ihren Waͤrtern unter den Haͤnden der Tuͤrken umkamen. Waͤhrend wir hier waren, naͤherten ſich zwei arme Griechen mit großer Ehrerbietung, und einer von ih⸗ nen vergoß Thraͤnen bei dem Anblicke der Truͤm⸗ mern. Wir nahmen ein Boot, und landeten nicht weit vom Atmeidan, dem Hauptylatze der Stadt. Hier ſteht Sultan Mohammeds praͤchtige Moskee; aber es wurde zu jener Zeit keinem Europaͤer er⸗ laubt, die Moskee zu betreten, und wir konnten nur die Außenſeite des Sophientempels beſchauen. 2 Als wir an dem Serai voruͤber kamen, ſiand ein Thor offen, und gewaͤhrte uns einen Blick in ſeine praͤchtigen Gaͤrten, aber dieß war verbote⸗ ner Boden. Vor dem Thore lagen viele Koͤpfe un⸗ gluͤcklicher Griechen, welche die Gaſſenbuben wie Baͤlle fortſchoben. Nicht weit davon war ein reich vrrzierter Springbrunnen, mit Schnitzwerk und Vergoldung auf allen vier Seiten, der mehre Waſ⸗ ſerſtrahlen ausgoß. Die Sorgfalt der Tuͤrken, den Wanderer mit friſchem Waſſer zu erquicken, iſt al⸗ les Lobes werth, und uͤberall im Morgenlande ge⸗ woͤhnlich. Laͤngs den Landſtraßen findet man in abgemeſſenen Entfernungen, ſo wie auch in den Staͤdten, zierliche ſteinerne Springbrunnen, die wo moͤglich unter Banmſchatten angebracht werden, und an einer Kette haͤngt ein ſteinernes Trinkgefaͤß. Wir kamen alsdann auf den großen Bazar, den man Bezeſtan nennt. Es iſt ſehr anziehend, auf ſolchen Plaͤtzen ſich herumzutreiben. Jede Waare hat ihre eigene Gaſſe. Das kreisfoͤrmige Dach, wo⸗ durch das Licht einfaͤllt, ſchuͤtzt ſie gegen die Son⸗ ne. Es iſt ein hoher Genuß, neben einem Kauf⸗ mann auf ſeiner erhoͤhten Bank zu ſitzen, und ſo viele durch Stand und Tracht verſchiedene Menſchen zu beobachten, die auf und abgehen. Perſiſche, arme⸗ niſche, nubiſche und tatariſche Kaufleute, die mit Karavanen aus den entlegenſten Theilen Aſiens kommen; Pilger aus Mekka mit gruͤnem Turban, — à 1— 8— — — 19— in deren Zuͤgen bei allen Spuren erduldeter Be⸗ ſchwerden der Stolz noch ſichtbar iſt, da jeder die⸗ ſer Andaͤchtigen den Kopf nach ſeiner Wallfahrt oͤher traͤgt; Derwiſche, die alle Gegenden des Reiches, bald halb nackt, bald auf mancherlei Art geputzt, durchſtreichen. Der tuͤrkiſche Kaufmann tritt fruͤh am Tage in ſeinen kleinen Laden, ſitzt da in ſeinen weichen Pantoffeln, mit der Pfeife in der Hand, und laͤßt ſich von Zeit zu Zeit von dem Wirthe in der Nachbarſchaft Kaffee bringen, lockt aber nie Kunden an, ſondern erwartet ſie ru⸗ hig, unb bleibt bis zu Sonnenuntergange. Wir brachten ſehr angenehm einige Tage in Therapia bei Herrn L. zu, wo uns ein ſeltſames Abenteuer begegnete. Nach Sonnenuntergange machten wir mit ihm und ſeiner Frau einen langen Spazirgang, und erſtiegen den Berg uͤber dem Dorfe. Als wir eine Zeitlang die weite und herr⸗ liche Ausſicht genoſſen hatten, die ſich hier uͤber den ganzen Kanal des Bosporus, das ſchwarze Meer, und die Siebenhuͤgelſtadt in der Ferne aus⸗ breitet, wollten wir auf dem naͤchſten Wege heim⸗ kehren; Frau L. aber wuͤnſchte an's Ufer hinabzu⸗ ſteigen, um auf einem angenehmern Umwege nach Hauſe zu gehen. Die Zelte der tuͤrkiſchen Sol⸗ daten, eines vor Kurzem aus Kleinaſien angekom⸗ menen wilden Kriegsvolkes waren rings umher zer⸗ ſtreut, und allerdings war es unvorſichtig genug, 2„ in ſo ſpaͤter Tagſtunde ohne Wache ſpaziren zu ge⸗ hen. Wir waren kaum am Fuße des Huͤgels, als wir von einer Schildwache, die hoͤher am Abhange ſtand, angerufen wurden, und alsbald kamen an⸗ dere Soldaten hinzu, uns aufzuhalten. Sie fuͤhr⸗ ten uns zu ihrem Anfuͤhrer, der in ſeinem Zelte auf einem Teppiche ſaß. Aber bei der Unkunde unſerer beiderſeitigen Sprachen, war die Zuſammen⸗ kunft fruchtlos. Ein auffallender Anblick bot ſich uns dar. Die Zelte ſtanden auf einem hohen Ufer⸗ rande; die vor jedem derſelben lodernden Wach⸗ feuer verbreiteten einen hellen Glanz, und das ganze Lager war von ſchoͤnen Baͤumen beſchattet, durch deren dichtes Laub kaum die Strahlen des Mondes drangen. Man fuͤhrte uns auf einen Platz außerhalb des Zeltes, wo ausgeſpannte Seile Schranken bildeten. Wahrſcheinlich hielt man uns fuͤr Griechen, da nicht lange nach unſerm Aufbruche von Therapia ein Haufen Kriegsvolk angekommen war, um zwei Griechen und eine Griechinn aufzu⸗ ſuchen, und der Anzug unſerer Begleiterinn, die einen hellblauen Turban und einen ſchwarzen Schleier trug, beguͤnſtigte dieſe Vermuthung. Der Anfuͤh⸗ rer ließ uns endlich wieder in ſein Zelt kommen, und verſuchte noch einmahl, uns aucszuforſchen. Er war ein Mann von keckem Ausſehen, mit ei⸗ nem ſchoͤnen ſchwarzen Barte und hatte eine ſehr gefaͤllige Haltung. Eine große Lampe von feinem α— 2S—„, ͤ + 2 22z 5 — geoͤlten Baumwollenzeuge erleuchtete matt das Zelt, und mehre Kriegsleute, wild ausſehende Menſchen, die Waffen verſchi edener Art trugen, bildeten einen Kreis. Endlich brachte man Kaffee und Pfeifen, als Friedepfaͤnder, unſere Begleiterinn aber, die in den Augen dieſer Morgenlaͤnder ein geringeres Weſen war, obgleich ſie nicht einen Augenblick ihre Kaltbluͤtigkeit und ihre Geiſtesgegenwart verlaͤugnet hatte, erhielt zuletzt ihren Antheil. Wir hatten nun keine andere Ausſicht, als die ganze Nacht unter den Soldaten zuzubringen, und ſie war nichts weniger als angenehm. Herr L. ſiel endlich auf den Gedanken, einen Diener, der turkiſch ſprach, aus Therapia hohlen zu laſſen. Der An⸗ fuͤhrer ward indeß freundlicher gegen uns. Er zog unter ſeinem Polſter ſeinen ſchoͤnen Damascener⸗ Saͤbel hervor, deſſen Klinge bis auf die Haͤlfte zweiſchneidig und mit Spruͤchen aus dem Koran be⸗ ſchrieben war, und zeigte ihn uns. Nach langer Zoͤgerung kam der Diener und gab Auskunft, wer wir waren; der Bei aber beſtand dennoch darauf, uns zu dem Paſcha brengen zu laſſen, der mit ſeinem Heere in dem ſchoͤnen Tha⸗ le von Bujukdere, etwa eine Stunde weit, ge⸗ lagert war. Vier Soldaten begleiteten uns. Das Lager bot einen ungemeim anziehenden Anblick dar. Die meiſten Zelte waren an einer Stelle dicht am Rande eines Armes des Bosporus aufgeſchlagen, — und der Schein ihrer Wachfeuer, der ſich weit uͤber das Waſſer verbreitete, verſchmolz mit dem milden Mondlichte, daß ein wolkenloſer Himmel herabgoß. Als wir in den Wald kamen, ſahen wir zahlreiche Kriegerhauſen rauchend unter den Baͤumen ſitzen, deren dunkle Schatten ſie beinahe ganz verbargen. Weiter hinauf im Thale war dieſes Lager, wo 7000 Mann ſtanden, von zahlloſen Wachfeuern, oder durch lodernde Kienfackeln, die an den Baͤu⸗ men hingen, erleuchtet. Endlich kamen wir zu dem Zelte des Paſcha's, der in's Lager gegangen war, aber ſein Stellvertreter, der Kiaja Bei, und zwei andere Ober⸗Offiziere waren zugegen. Das Zelt war mit rother Seide ausgeſchlagen und der Boden mit einem praͤchtigen Teppiche bedeckt. Der Kiaja Bei war ſehr hoͤflich, und bat um Entſchuldigung, daß ſeine Leute uns angehalten hatten, rieth uns aber, in ſo unruhigen Zeiten nie ſpaͤt am Tage ohne Wache auszugehen, da er fuͤr das Betragen der unregelmaͤßigen Kriegsvoͤlker nicht buͤrgen wollte. Es wurde uns nun koͤſtlicher arabiſcher Kaffee in kleinen Porzellantaſſen gereicht, die nach morgen⸗ laͤndiſcher Sitte in andern ſilbernen Schalen von getriebener Arbeit ſtanden. Der Anblick, der ſich uns darbot, war wahrhaft barbariſch. Einige große, an Baͤumen aufgehaͤngte Kienfackeln loderten vor dem Zelte, und beleuchteten die bunten und glaͤn⸗ zenden Trachten zahlreicher Krieger, die rings um⸗ —— „ her ſichtbar waren, waͤhrend in geringer Entfern⸗ ung unter den Baͤumen die rauſchende aber ange⸗ nehme tuͤrkiſche Muſik, von Geſang begleitet, erſcholl. Der Kiaja Bei ließ uns unter einem Geleite von ſechs Soldaten nach Therapia bringen, wo wir ſpaͤt in der Nacht ankamen. In der Moskee der drehenden Derwiſche ſahen wir waͤhrend des Beirams ein ſonderbares Schau⸗ ſpiel. Wir zogen unſere Schuhe am Eingange aus, und traten unter die Tuͤrken, die auf dem Boden ſaßen. Das Innere des Gebaͤudes war ſehr einfach und zierlich. Ein Gelaͤnder ſchloß einen großen Kreis in der Mitte ein, wo ſich ungefaͤhr zwanzig Derwiſche befanden. Oben war eine Galerie mit einem Gitterwerke, wo viele Zuſchauer ſowohl als Spielleute ihren Platz hatten. Zuerſt ſang ein Der⸗ wiſch auf der Galerie mit immer lauterer Stimme einige Stellen aus dem Koran, und die Derwiſche unten fingen an, mit gefalteten Armen langſam in dem innern Kreiſe umherzugehen. Endlich wurde die Muſtk lebhafter, und einer derſelben trat in die Mltte des Kreiſes, und drehte ſich wie ein Kreiſel. Jeder warf nun ſein Oberkleid ab, und drehte ſich in ſeiner weißen Weſte um, waͤhrend er beide Arme in gleicher Linie mit dem Kopfe ausge⸗ ſtreckt hielt, und die Augen verſchloß. Es iſt un⸗ begreiflich, wie ſie ſo lange dieſe unaufhoͤrliche Be⸗ wegung aushalten konnten, die uͤber eine Stunde dauerte, wobei ſie nur etwa dreimahl einige Minu⸗ ten ausruhten. Sie kamen nie in Beruͤhrung mit einander, obgleich ihrer ſo viele in einem kleinen Raume ſich drehten, und ihre Weſten wie Fallſchir⸗ me ausgebreitet waren.. An demſelben Tage ſahen wir den Sultan im feierlichen Aufzuge in die Moskee gehen. Er lan⸗ dete in ſeiner praͤchtigen Barke am Eingange der Veſte, und ritt langſam auf einem herrlichen Pfer⸗ de voran, umgeben von ſeiner Leibwache und von ſeinen vornehmſten Ofſizieren zu Fuße. Zuerſt ka⸗ men die roth gekleideten Janitſcharen, dann die Soldaten, die praͤchtige weiße Federbuͤſche in Ge⸗ ſtalt eines halben Mondes auf ihren vergoldeten Helmen trugen, und reich verzierte Streitaͤxte hat⸗ ten. Den Sultan umgab zunaͤchſt ſeine Leibwache, ungemein ſchoͤne Leute, deren Turban und ganzer Anzug von dem blendendſten Weiß war. Er iſt ein ſehr huͤbſcher Mann, von ſanftem und ſchwermuͤ⸗ thigem Ausſehen, und etwa vierzig Jahre alt. Wir fuhren einmahl am Nachmittage mit zwei Englaͤndern in einem Bote nach Seutari hinuͤber, um die heulenden Derwiſche zu ſehen. Als wir in der Galerie der ſehr ſchlichten Moskee Platz genommen hatten, mußten wir eine Zeitlang war⸗ ten, waͤhrend die Derwiſche ſich durch Trinken zu dem ſeltſamen Schauſpiele, daß wir ſehen ſollten⸗ ——— — .— 4 — . —:—* — — aufzureizen ſuchten, wie uns unſer Fuͤhrer, ein Janitſcharenhauptmann, ſagte. Ein junger Derwiſch ſtieg dann auf eine Treppe außerhalb des Gebaͤudes, und rief, beinahe eine halbe Stunde lang, mit ei⸗ ner lauten und traurigen Stimme die Glaͤubigen herbei. Alle Derwiſche traten herein, ſetzten ſich in eine lange Reihe, und fingen an, ſich gleich⸗ zeitig hin und her zu wiegen. Dieſe Bewegung aber wurde bald ſchneller, und die anfaͤnglich langfam und traurig ausgeſprochenen Ausrufungen: Allah und Mohammed, kamen endlich ungeſtuͤm hervor. Alle warfen alsdann ihre Oberkleider ab, ſprangen vom Boden auf, und ſchleuderten ihre Arme wuͤ⸗ thend umher. Als ihre Seele mehr erhitzt war, zo⸗ gen ſich einige faſt nackend aus, waͤhrend Andern der Schaum vor dem Munde ſtand; ein paar alte Maͤnner ſanken erſchoͤpft zu Boden, und das Ge⸗ ſchrei: Allah und der Profet! war weit zu hoͤren. Es war ein ſeltſames Schauſpiel von Schwaͤrmerei und Heuchelei in Verbindung, was aber folgte, war noch widriger; denn ſie brannten ſich einan⸗ der mit gluͤhenden Eiſen an Beinen, Fuͤßen und andern Theilen des Leibes, und riefen dabei heu⸗ lend den Nahmen Gottes aus, dem zu Ehren, wie ſie der leichtglaͤubigen Verſammlung einbilden woll⸗ ten, ſie all dieß ertrugen. Viele Derwiſche ſind bekannte Taugenichtſe und luͤderliche Menſchen, wie die beſſer unterrichteten Tuͤrken ſie oft nennen. Sie bilden verſchiedene Orden. Einige wohnen in Kloͤſtern; andere ſchweifen unſtet in verſchiedenen Theilen des Reiches umher, und leben meiſt von der Gaſtfreiheit der Glaͤubigen. Auf der Inſel Cy⸗ pern fand ich einen jungen Derwiſch der Art; ſeine Zuͤge waren mehr weibiſch, und ſein langes Haar wallte in Locken um den Hals und auf die Bruſt hinab, die mit mehren Stuͤckchen gefaͤrbten Glaſes ſeltſam geſchmuͤckt war, und in ſeinem ganzen We⸗ ſen ſah man nichts von Andacht. Andere ſchwei⸗ fen mit dichtem zerzauſten Haare, wilden Blicken und halb nackt umher, tragen Armuth und Selbſt⸗ verlaͤugnung zur Schau, und ſtehen bei dem Volke in hoher Achtung. Viele dieſer Leute aber ſind aufrichtige Lehrer und Muſter ihrers Glaubens, le⸗ ben als Pilger, oder haben ſich in der Einſamkeit angeſiedelt, wo ſie enthaltſam leben und die gerin⸗ gen Gaben des Volkes mit gutem Rathe bezahlen. Die Ausgezeichneten unter ihnen heißen Santon, und man ſieht auf ihren von Baͤumen beſchatteten Graͤbern, die in hoher Verehrung gehalten werden, huͤbſche Denkmahle. Die Ramadan⸗Faſten gingen vor einigen Ta⸗ gen zu Ende. Die Tuͤrken beobachten ſie ſo ſtrenge als die Juden, und es wird ihnen ſchwer genug, von einem Sonnenuntergange bis zum andern kei⸗ nen Biſſen zu ſich zu nehmen, waͤhrend ſie kein an⸗ deres Labſal als Kaffee und Pfeife haben, die er⸗. — 27— laubt ſind. Welche laͤrmende Freude war unter den Glaͤubigen in einem Kaffeehauſe nicht weit vom eugliſchen Geſandtſchaftpalaſte! Sie tanzten in wil⸗ den Gruppen zu den Toͤnen der Guitarre und des Tamburins, und umarmten ſich einander, als ſie von der bevorſtehenden Nacht ſprachen, wo mit dem Eintritte des Neumondes der Ramadan zu Ende ging, und der Beiram ſeinen Anfang nahm. End⸗ lich kam die Nacht. Die Minarete der großen Moskeen waren vom Gipfel bis zur Grundflaͤche mit zahlloſen Lampen bedeckt, man unterſchied deutlich die Moskeen Achmed, Sulejmanieh und den So⸗ phientempel. Es war ein ſonderbares herrrliches Schauſpiel, und die Stadt und ihre Bewohner ſchienen in mitternaͤchtiger Stille begraben zu ſein, das Zeichen zum Anfange des Feſtes zu erwarten. Auf den Gipfeln der hoͤchſten Minarete ſtarrten die Imam den Himmel an, um den erſten Anblick des Neumondes zu erwarten. Sobald man ihn ſah, verkuͤndigte ein lautes und freudiges Geſchrei, wel⸗ ches ſich uͤber die ganze Stadt verbreitete, daß die Stunde gekommen war, die vollen Erſatz fuͤr alle Entbehrungen geben ſollte. Man bemerkte am naͤchſten Tage mit Vergnuͤgen, wie einer den an⸗ dern mit Wohlwollen, faſt mit bruͤderlichen Gefuͤhlen anſah. Der Arme faßt zu dieſer Zeit oft die Hand des Reichen und Stonzen und kuͤßt ihn auf die Wange, und dieſer erwidert den Gruß wie gegen “ 8 — 28— einen Bruder im glorreichen Glauben an den Pro⸗ feten, wie gegen einen Miterben an den Vorzuͤgen des Paradieſes. Freude glaͤnzte in jedem Geſichte. Jeder zog ſeine beßten Kleider an, und uͤberall hoͤrte mman Muſik mit Geſaͤngen zu Ehren des Profeten. Wir pflegen den Tuͤrken leicht die baͤuslichen Tugenden abzuſprechen, und doch muß jeden ihre Zaͤrtlichkeit gegen ihre Kinder uͤberraſchen, die aber zu den holdeſten Weſen gehoͤren, die man nur fin⸗ den kann. In Damaſchk blieb ich oft auf den Stra⸗ ßen ſtehen, um ſchoͤne Kinder von ſechs bis acht Jahren zu bewundern. Ich kann nicht vergeſſen, wie ſpaͤter in Tripolitza die Liebe einer Tuͤrkinn ge⸗ gen ihre beiden juͤngſten Kinder ihr, ihres Sohnes, ihrer Tochter, und ihrer liebſten Freundinn Leben in Gefahr ſetzte. Man hat die Volksmenge in Konſtantinopel zu hoch angeſchlagen. General Sebaſtiani rechnete, als er Geſandter war, nicht uͤber 400,000, und die Vor⸗ ſaͤdte Pera, Galata, Skutari, und die Reihe der Doͤrfer laͤngs den Kuͤſten des Bosporus, hatten 300,000 mehr. Ein großer Theil des Flaͤchenraums der Stadt iſt mit Gaͤrten bedeckt. Die Hoͤfe der Moskeen ſind gewoͤhnlich mit Baͤumen bepflanzt, und ein zuweilen reich geſchmuͤckter Springbrunnen ſteht am Eingange; denn ſelten teitt ein Tuͤrke hinein, ohne zuvor ſeine Fuͤße gewaſchen zu haben, worauf er ſeine Schuhe bei Seite legt und in ſeine weichen Pantoffeln tritt. Die Feierlichkeit der Tuͤr⸗ ken bei ihren Andachtuͤbungen iſt auffallend. Sei es in der Moskee, oder unter freiem Himmel, uͤberall ſcheinen ſie ganz von der Außenwelt abge⸗ zogen zu ſein, und nach dem Ausdrucke ihrer Zuͤge zu ſchließen, ſind Geiſt und Sinn ganz der heiligen Pflicht hingegeben. Gewoͤhnlich ſind ſie ſtill, und man hoͤrt nur oft das Wort Allah, mit leiſem und demuͤthigem Tone ausgeſprochen. Die Moskeen ſind gewoͤhnlich ohne Verzierungen, und von ſehr einfacher Bauart. Auf den Waͤnden ſieht man den Nahmen Gottes, und Stellen aus dem Koran in goldenen Buchſtaben. Ein ho⸗ her Gang laͤuft um das innere des Gebaͤudes. Der kreisfoͤrmige Raum in der Mitte, wo der Imam ſteht, wird durch eine Kuppel erleuchtet. Die Verſammlung ſetzt ſich in dem Gange auf Mat⸗ ten und Teppiche, meiſt immer mit Gebet be⸗ ſchaͤftigt. Die Lebeweiſe der Morgenlaͤnder iſt ſehr ein⸗ fach. Bei dem Mangel an allen oͤffentlichen Ver⸗ gnuͤgungen und Zerſtreuungen, und bei ihrer ſtren⸗ gen Anhaͤnglichkeit an die Gebraͤuche ihrer Vaͤter, gleicht ein Tag dem andern. Ein Tuͤrke von Stande ſteht mit der Sonne auf, und da er auf weichen Kiſſen ſchlaͤt und nur wenig von ſei⸗ nen Kleidern ablegt, ſo braucht er nicht viel Zeit zum Ankleiden. Er verrichtet ſein Gebet, und genießt dann zum Fruͤhſtuͤck Kaffee mit etwas Zu⸗ ckerwerk, und raucht ſeine Pfeife. Zuweilen ließt er im Koran, oder auch die gluͤhenden Dichtungen des Haſiz und Sadi, da die Kenntniß des Perſi⸗ ſchen unter beiden Geſchlechtern der hoͤhern Staͤnde gewoͤhnlich iſt. Alsdann laͤßt er ſein arabiſches Pferd vorfuͤhren, und reitet einige Stunden, oder aͤbt ſich im Dſcherrid⸗Werfen, und haͤlt um Mit⸗ tag ſeine Mahlzeit bei ſtark gewuͤrztem Pilau. In den Nachmitagſtunden beſucht er am liebſten die Kaffeehaͤuſer, wo man die Maͤrchenerzaͤhler findet, oder ſitzt in ſeinem kuͤhlen Kiosk am Ufer des Bos⸗ porus, und aͤberlaͤßt ſich ſeiner traͤgen, aber ange⸗ nehmen Beſchaͤftigung des traͤgen Hinbruͤtens. Mit dem ſinkenden Tage ſindet der Tuͤrke ſeine hoͤchſten Freuden. Er ſpeiſet von verſchiedenen gewuͤrzten Gerichten, trinkt ſein Eisſcherbet, genießt die Ge⸗ ſellſchaft ſeiner Freunde, und beſucht dann ſein Harem, wo man ihm ſeine geliebten Kinder bringt, und ſein Weib oder ſeine Weiber, wenn er mehr als eine hat, mit ihren Dienerinnen und Sklavin⸗ nen alles aufbieten, ihren Herrn zu bezaubern. Die Nubierinn bringt ihm die köͤſtlichſten Wohlgeruͤche, die liebliche Cireaſſierinn reicht ihm wuͤrzigen Kaffee und Zuckerwerk, das ſie mit eigener Hand gemacht hat, und ſtimmt ihre Guitarre oder Laute an, de⸗ ren Toͤne mit dem Murmeln des Springbrunnens Jauf dem marmornen Fußboden ſich vermiſchen. Wir ſehen taͤglich Beiſpiele von der ſchrecklichen Lage der ungluͤcklichen Griechen. Das geraͤumige Fanar, ihr Wohnſitz, iſt jetzt ganz verlaſſen. Das angenehme Schauſpiel, das der Bosporus in den Abendſtunden darbot, wenn grier, iſche Schoͤnheit und Froͤhlichkeit in den Luſtkaͤhnen ihn belebten, iſ gaͤnzlich verſchwunden. Zwei ſchoͤne Palaͤſte am Ufer waren ſonſt von zwei Bruͤdern bewohnt, die in der Finanzverwaltung angeſtellt waren. Man hatte Verdacht auf ſie geworfen, und ihnen die Koͤpfe an demſelben Tage abgeſchlagen, als wir voruͤber fuh⸗ ren. Ihre Wohnungen waren veroͤdet. In den anmuthigen Schattengaͤngen um die Doͤrfer und Huͤtten an der Kuͤſte, wo dieſes einſt gluͤckliche Volk zur Mandoline tanzte, und Lieder in ſeiner Mutterſprache ſang, herrſcht nun Schweigen. Geht man laͤngs den Ufern des Bosporus, ſo ſieht man zuweilen einen ungluͤcklichen Griechen vor ſeinen Verfolgern fliehen, oder einen Leichnam am Ufer ſchwimmen. Ich trat einſt zu einem Haufen gemei⸗ ner Tuͤrken, die mit dem groͤßten Vergnuͤgen auf den Leichnam eines ihrer Opfer blickten. Einer von ihnen faßte den Leichnam mit einem Haken, um ihn in's Meer zu werfen, als ein anderer hin⸗ zukam, und ihn erſt gaͤnzlich entkleidete, worauf man ihn nackt in's Waſſer warf. Als wir einen — 32— ſchoͤnen Khan*) in der Naͤhe des Fanar beſuchten, wo man ſonſt die reichen griechiſchen Kaufleute fand, fanden wir nur zwei perſiſche Kaufleute, die mit blaſſen ruhigen Geſichtern und langen ſchwarzgefaͤrb⸗ ten Baͤrten, rauchend auf dem Boden ſaßen. Man ſah noch immer viel Habſeligkeiten der gefangenen oder getoͤdteten Eigenthuͤmer in den Zimmern um⸗ herliegen⸗ Wie viele graͤßliche Geſchichten aus dieſem Ver⸗ tilgungkriege ließen ſich erzaͤhlen. Kurz vor unſerer Landung in den Dardanellen war ein großes Dorf auf der gegenuͤber liegenden Kuͤſte von einem Hau⸗ fen tuͤrkiſcher Soldaten zur Nachtzeit angefallen worden, die Maͤnner, Weiber und Kinder, meh⸗ re Hunderte an der Zahl, uͤber die Klinge ſpringen ließen. Bei der grauſamen Raͤumung von Parga, als die ungluͤcklichen Bewohner nicht wußten, wo ſie Zuflucht finden ſollten, und jede Familie in der groͤßten Bedraͤngniß war, boten ein Vater und ei⸗ ne Mutter— ich bin genau davon unterrichtet— ihre einzige ſchoͤne Tochter einem engliſchen Offizier an.„Rettet ſie aus dieſem Elende, ſprachen ſie, rettet ſie vor Ali Paſcha. Behandelt ſie gut, und ſie ſoll immer bei Euch bleiben.“ Die junge Grie⸗ chinn lebt noch bei ihm, aber ihre Aeltern ſind 2) Herberge. wahrſcheinlich umgekommen. Trennungen wie dieſe kann man noch gluͤcklich nennen, wenn man ſie mit den Auftritten vergleicht, wo man Aeltern vor den Augen ihrer Kinder niedermetzelte, die dann entfuͤhrt wurden, um den Luͤſten ihrer Raͤu⸗ ber zu dienen. Nach der erſten Metzelei in den Straßen zu Smyrna, verſchloſſen ſich die Griechen in ihre Haͤuſer, und machten dann verſchiedene Verſuche, in Boͤten zu entfliehen. Als ſie keine Feinde am uUfer bemerkten, eilten ſie mit den Ih⸗ rigen in die Fahrzeuge, um ein neutrales Schiff im Hafen zu erreichen. Die tuͤrkiſchen Soldaten ſammelten ſich alsbald am Ufer und feuerten auf ſie. Man hoͤrte das Jammergeſchrei in den Boͤ⸗ ten, und ſah die ungluͤcklichen Fluͤchtlinge, von den Kugeln getroffen, uͤber Bord fallen. Wir machten einen angenehmen Spazierritt zu Juſtinians Waſſerleitung, und zu dem Waͤldchen von Belgrad in der Naͤhe von Konſtantinopel. Wir brachen fruͤh von Pera auf, begleitet von dem ehrlichen Janitſcharen Muſtafa, der allen Reiſenden bekannt iſt, und weite Reiſen mit ihnen zu ma⸗ chen pflegt. Bald erreichten wir den Palaſt des fuͤhen Waſſers, eine beliebte Sommerwohnung des Sultans. Durch eine anmuthige Gegend kamen wir zur ſtolzen Waſſerleitung Juſtinians, und bald nachher zur Waſſerleitung von Bourgas. Die klei⸗ nen Seen mitten im Walde, und ihre hohen dun⸗ § tel beſchatteten Ufer, bieten ungemein reizende Landſchaftbilder dar. Wir ſtiegen in einem, von wenigen Griechen bewohnten Dorfe ab, und gingen in ein aͤrmliches Kaffehaus, um Erfriſchungen zu nehmen. Man brachte uns ein Gericht von Ham⸗ melfleiſch nebſt etwas Obſt und, was uns noch will⸗ kommner war, ſehr guten weißen Wein. Waͤhrend wir bei Tiſche ſaßen, naͤherten ſich einige tuͤrkiſche Reiter, die ſich mit Dſcherrid⸗Werfen beluſtigten. Die erſchrockenen Griechen verbargen ſogleich den Wein, und brachten ſtatt deſſelben ein Gefaͤß mit Waſſer. Wir wuͤnſchten die Tuͤrken, die unſere Mahlzeit ſtoͤrten, weit weg. Sie traten herein, thaten einige ſcharfe Fragen, die aber Muſtafa ge⸗ nuͤgend beantworte, und als ſie ſich einige Erfriſch⸗ ungen hatten reichen laſſen, entfernten ſie ſich. Wir begaben uns in den kuͤhlen Tagſtunden nach Bujukdere. Die Ausſicht von der Hoͤhe auf das Dorf und in das Thal, wo das turkiſche Lager noch immer ſtand, auf das ſchwarze Meer in der Ferne, und den unten fließenden Strom, der Eu⸗ ropa und Aſien ſcheidet, war uͤber alle Beſchreib⸗ ung herrlich. Bei Anbruche des Abends gingen wir nach Therapia hinab, und als Herr L. uns freundlich einlud, ein paar Tage bei ihm zu bleiben, ſchickten wir den Janitſcharen mit den Pferden in die Stadt zuruͤck. Am naͤchſten Tage, einem Sonntage, bot uns der Garten des franzoͤſiſchen Geſandtſchaft⸗Palaſtes mit ſeinen langen Baumgaͤn⸗ gen auf den Hoͤhen, einen kuͤhlen und angenehmen Spaziergang. Herr M., ein Kaufmann, der in der Naͤhe wohnte, ſpeiſte bei uns. Er war ein aͤlt⸗ licher unverheiratheter Mann, der ſeine Heimat, Schottland, ſchon lange verlaſſen hatte. Er ſprach mit inniger Freude von ſeinem Vaterlande und ſei⸗ ner Jugendzeit. Sonderbar, hier, als die Sonne auf das herrliche Geſtade des Bosporus ſich ſenkte, das wie ein Feenland uns umgab, von laͤngſt ent⸗ ſchwundenen Zeiten und ihren theuern Erinnerungen zu ſprechen! Ein Glas Whisky, ein hochlaͤndiſches Lied, und der Anblick eines bunten hochlaͤndiſchen Schurzes, oder ſeines Liebchens, wuͤrden ihm lie⸗ ber geweſen ſein, als der arabiſche Kaffee, den wir ſchluͤrften, der Ruf zum Abendgebete von der Moskee, oder die verhuͤllten ſtummen Gekalten der voruͤberſchleichenden Weiber. Der Zuſtand der Weiber in der Tärkei hat wenig Aehnlichkeit mit Sklaverei, und das Mitleid, womit die Europaͤer ſie betrachten, deruht auf Ein⸗ bildung, und hat keinen Grund in der Wirklich⸗ keit. Bei ihrer natuͤrlichen Neigung zur Abgeſchie⸗ denheit und Traͤgheit, liegt ihnen weniger an Be⸗ wegung im Freien, als uns. Sie lieben ſehr die Baͤder, wo ſich oft zahlreiche Geſellſchaften einfin⸗ den, um den groͤßten Theil des Tages daſelbſt zu⸗ zubringen, ihre koſtbaren Kleider ſehen zu laſſen, 3* —— — 36— ſich mit Geſpraͤchen zu unterhalten und Erfriſch⸗ ungen zu nehmen. Bei dieſer Lebeweiſe, und ſelten der Sonne ausgeſetzt, haben die uͤrkinnen oft eine ungemein zarte Haut. Sie fahren haͤufig in ihren Luſtkaͤhnen auf dem Bosporus, beſuchen verſchleiert und von ihren Dienerinnen begleitet, ihre Liebling⸗ gaͤnge in der Naͤhe des Begraͤbnißplatzes, oder die Gaͤrten von Dolma Baktſche. Zuweilen gehen ſie auch verſchleiert und unbemerkt durch die Straßen der Stadt. Die Tuͤrkinn hat eine ganz unbeſchraͤnkte Herrſchaft uͤber ihr Hausweſen, und der Mann be⸗ kuͤmmert ſich faſt gar nicht darum. Bei einer Scheidung erhaͤlt ſie immer ihren Brautſchatz zuruͤck. Die Sitte des Opium⸗Eſſens ſcheint unter den Tuͤrken nicht ſo allgemein zu ſein, als man gewoͤhn⸗ lich glaubt. Es gibt eine gewiſſe Menſchenklaſſe in Konſtantinopel, die ſich dieſem Genuſſe hingibt. Dieſe Theriaki⸗), wie man ſie nennt, haben ein hohles ſchwarzgelbes Anſehen„ und bald einen ſtarren daͤmiſchen Blick, bald einen unnatuͤrlichen Glanz im Auge, lauter Zeichen jener verderblichen Gewohnheit. Sie werden ſelten uͤber 30 Jahre alt, verlieren alle Eßluſt, und da ihre Kraͤfte immer mehr aufgerieben werden, ſo waͤchſt die Begier 8 1 ** 8—jjjjjy 5 *²) Man leſe die rebendige Schilderung im A naſta⸗ ſius Bd. I. Kap. X. ———„— 1— ²4 22———,——— ——. x☛— 3— — 2☚☛ nach der heftigen Reizung, die ihnen das Opium gibt. Vergebens warnt man den Theriaki, daß er das Ende ſeines Lebens nicht beſchleunige. Er be⸗ ſucht Vormittags ein großes Kaffeehaus, wo die Opium⸗Eſſer ſich verſammeln, unweit der praͤchti⸗ gen Moskee Suleimanieh. Hat er ſeine Pille ver⸗ ſchluckt, ſo ſetzt er ſich in den beſchatteten Portico, Er mag ſeine Stellung nicht verlaſſen, denn jede Bewegung wuͤrde ſein Gluͤck ſtoͤren, das nach ſei⸗ ner Verſichernng unbeſchreiblich iſt. Die ſeltſamſten und angenehmſten Traͤume beſuchen ihn. Er heftet ſeine Blicke auf den unten fließenden Strom, den die Schiffe aller Laͤnder bedecken, auf die gegenuͤber liegenden praͤchtigen Kuͤſten Aſiens, oder blickt gedankenlos zu Sulejmanieh's hohen vergoldeten Minareten hinauf, und wenn aͤußere Gegenſtaͤnde, wie man ſagt, die angenehmen Traͤume des Opi⸗ um-Eſſers erhoͤhen, ſo iſt der Tuͤrke ein hochbe⸗ gluͤckttes Geſchoͤpf. Er ſieht die Schoͤnheiten Circaſ⸗ ſiens, die ſich wetteifernd beſtreben, ihm zu gefal⸗ len; er fuͤhrt als Kapudan-Paſcha die osmaniſche Flotte, oder ſitzt im Divan, wo die Koͤpfe mit Tur⸗ banen ſich vor ihm beugen, und laute Stimmen den Guͤnſtling Allah's und des Sultans preiſen. Aber der Abend kommt, und erwachend fuͤhlt er ſein Elend und feine Hilfloſigkeit; es quaͤlt ihn ein nagender Hunger, die Folge ſeiner Ausſchweif⸗ ung, und er eilt nach Hauſe, wo er leidet, bis ihn der Morgen wieder in ſein Paradies ruft. Man kann nicht weit in Konſtantinopel gehen, ohne die große Anzahl von Kaffeehaͤuſern und Zuk⸗ kerwerkladen zu bemerken. In den Kaffeehaͤuſern findet man Gaͤſte von Sonnenaufgange bis in die Nacht. Jeder bringt ſeinen kleinen Tabakbeutel mit, den er gern jedem Fremden anbietet, der nicht verſehen iſt. In jeder Wohnung, die der Reiſende beſucht, im Fuͤrſtenpalaſte wie in der Bauernhuͤtte, bewillkommet man ihn mit Kaffee und einer Pfeife. Der Kaffee wird ohne Milch getrunken, und der Tabak iſt ſehr fein und leicht. Ein Janitſchar, ein ſtaͤmmiger Kerl von wildem Ausſehen, der in den Straßen Konſtantinopels mein Begleiter war, und ſehr kaltbluͤtig von den vielen Griechen ſprach, die er gemordet hatte, blieb oft zu meiner Beluſtig⸗ ung vor einem Znckerwerkladen ſtehen, wo er kauf⸗ te, was in England nur einem Kinde gefallen wuͤrde, und gierig verſchlang. Ddie Lage der hier angeſiedelten engliſchen Kauf⸗ leute iſt nicht ſehr beneidenswerth. Sie ſind auf ihren eigenen engen Kreis beſchraͤnkt, und haben, mit etwa zwei Ausnahmen, keinen weiblichen Um⸗ gang, und ohne oͤffentliche Vergnuͤgungen, ohne Buͤcher, ohne Mufik, fuͤhren ſie ein traurig einfoͤrmiges Leben. Sie find ſehr gaſtfrei gegen Fremde, und laſſen es nicht an Aufmerkſamkeit N” —— A—'— fehlen, ihnen das Leben angenehm zu machen. Lord Strangford's Haus bietet dem Reiſenden die mei⸗ ſten Annehmlichkeiten. An ſeiner Tafel, oder in ſeinen Abendgeſellſchaften, fand man Fremde aus allen Laͤndern, beſonders Franken und Armenier; aber es war ein Mangel an Lebhaftigkeit und An⸗ theil fuͤhlbar, der aus dem Zwange entſtand, wozu die ungluͤckliche Lage der oͤffentlichen Angele⸗ genheiten und der geſtoͤrte Verkehr zwiſchen den uͤbrigen Geſandten Anlaß gab. Im Geſandtſchaft⸗ Palaſte wohnte zu jener Zeit Lady G. T., eine juͤngere Schweſter der Lady Eſther Stanhope, und eben ſo unternehmend und muthvoll als dieſe, aber minder romantiſch und minder morgenlaͤndiſch ge⸗ ſtimmt. Sie war eben aus Perſien uͤber Georgien angekommen, und hatte ihre Reiſe meiſt zun Pferde gemacht. In Tabris machte man ihr den Antrag, ſie in das Harem des perſiſchen Kronprinzen zu fuͤh⸗ ren. Sie lehnte es ab. Die ſchoͤne Verfaſſerinn der Briefe aus der Tuͤrkei*) wuͤrde ein ſo ſeltenes Anerbieten mit Vergnuͤgen angenommen haben; ſie war ein Liebling der Morgenlaͤnderinnen, und kein ſpaͤterer Reiſender hat je wieder aͤhnliche Gelegenheit gehabt, dieſelben kennen zu lernen und zu beſchrei⸗ ben. Was kann trefflicher ſein, als ihre Schilder⸗ ) Lady Wortley Montagu. 4 8 — — 40— derung Fatima's, der Braut des Pafcha's von Adria⸗ nopel, die jene freundliche Wuͤrde und Anmuth be⸗ ſaß, welche man ſo oft bei den Tuͤrkinnen findet. 8 Ehe ich Stambul verlaſſe, muß ich billiger Weiſe von der ungemeinen Ehrlichkeit der Tuͤrken reden. Als ich in Galata landete, wurde mein Gepaͤck von einem Laſttraͤger getragen. Waͤhrend wir durch das Gedraͤnge einer Stra loren wir ihn aus dem Geſi muthung, er haͤtte ſich aus dem nahmen wir unſern Weg Der ſchwediſche Kapi ße gingen, ver⸗ chte, und in der Ver⸗ Staube gemacht, zu einem Kaffeehaufe. taͤn aber, der ſchon fruͤher hier geweſen war, verſicherte uns ſo etwas waͤre un⸗ erhoͤrt. Wir ſahen au Straße hinab kommen Seiten umſehen. nicht ſelten weg, Waaren offen, ohne die mindeſte Beſo gen. In dem Verkehr der Tuͤrken un ch bald den armen Kerl die „ und ſich unruhig nach allen Im Bazar geht ein Kaufmann und laͤßt ſeinen Laden mit allen rgniß zu he⸗ ter einander findet ſelten Betruͤgerei Statt, und nie habe ich, auf meiner Reiſe durch verſchiedene des Reiches, wo ich oft in den ten und in den abgelegenſten Gegend auch nur die mindeſte Herr R., der bei teuer. Er hatte, als er Seeoffizier war, ein Bein Theile ſchlechteſten Huͤt⸗ en Herberge fand, Kleinigkeit eingebuͤßt.— dem Geſandten wohnte, beſtand waͤhrend unſeres Aufenthaltes ein ſeltſames Aben⸗ — 41— verloren, und da er gern den großen Bazar ſehen wollte, ſo ritt er hindurch, ein Vorrecht, das nur den Tuͤrken zuſteht, und das in dieſen unruhi⸗ gen Zeiten ſich Niemand ohne Gefahr anmaßen durfte. Ein Boſtandſchi Baſchi“) bemerkte es, und verſetzte in ſeiner Wuth R's hoͤlzernem Beine ei⸗ nen Saͤbelhieb. Der Tuͤrke war nicht wenig er⸗ ſtaunt, als er kein Blut fließen ſah. Er ſchwung ſeinen Saͤbel und hieb aus allen Kraͤften in das Bein, als aber alles vergebens war, zog er ſich zu⸗ ruͤck, ohne ein Wort zu ſagen, und ſtarrte den Franken an. Die Janitſcharen, deren man jetzt 50,000 in und um Konſtantinopel zaͤhlt, ſind ungemein ſchoͤne Leute. Wollten ſie ſich an europaͤiſche Kriegszucht und den Gebrauch des Bajonets gewoͤhnen, ſo haͤtten ſie ſchwerlich Urſache, den Kampf mit den Ruſſen zu fuͤrchten, gegen welche ſie einen toͤdli⸗ chen Haß hegen. Dem ungluͤcklichen Selim koſtete der Entſchluß, dieſe ſtolzen Krieger an ſtrenge Zucht zu gewoͤhnen, ſeinen Thron. Etwa zwei Jahre nach der Thronbeſteigung ſeines Neffen Mahmud, bereuten die Janitſcharen Selim's Abſetzung, der ſich eben ſo ſehr durch ſeine angenehmen Eigen⸗ ſchaften, als ſeine Schoͤnheit auszeichnete. Ein ———— *) Pollzei⸗Beamter, 4 zahlreicher Haufe ſammelte ſich um den Palaſt, und verlangte mit lautem Geſchrei Selim. Der ent⸗ thronte Sultan, der in harter Gefangenſchaft leb⸗ te, hoͤrte mit der lebhafteſten Bewegung den Ruf der Janitſcharen. Mahmud gab ſogleich dem Kis⸗ lar⸗Aga, dem Oberſten der ſchwarzen Verſchnitte⸗ nen, und zwei Stummen den Befehl, den Ge⸗ fangenen zu ermorden. Dieſer Kislar⸗Aga, das Werkzeug der Verbrechen und Vergnuͤgungen des Sultans, iſt entſetzlich haͤßlich, und ſoll viel Ein⸗ fluß auf ſeinen Herrn haben. Als er mit ſeinen Gehilfen in's Gefaͤngniß kam, ahnete Selim ſogleich die Abſicht. Mit großer Staͤrke begabt, warf er die beiden Stummen zu Boden, und wollte zur Thuͤre hinaus, um uͤber die Mauer unter die Ja⸗ nitſcharen zu ſpringen, die ihn alsbald auf den Thron geſetzt haben wuͤrden; aber der Kislar⸗Aga verſetzte ihm eine ſo ſchwere Wunde, daß Selim ohnmaͤchtig wurde, worauf man ihn mit der Schnur erwuͤrgte, und ſeinen Leichnam unter die Soldaten warf. Die Janitſcharen ſtießen ein lautes Klagge⸗ ſchrei aus, und um den Leichnam knieend, wein⸗ ten ſie bitterlich; aber ſein Tod ſetzte ſie ſo ſehr in Schrecken, daß ſie ſich entfernten, ohne noch etwas zu wagen. II. Reiſe nach Smyrna. Wa verließen endlich den Stolz des Mor⸗ genlandes, bei deſſen Anblicke der Profet mit weit mehr Grunde haͤtte laͤcheln koͤnnen, als bei dem Blicke auf Kahira. Wir waren an Bord ei⸗ nes engliſchen Schiffes, das nach Smyrna beſtimmt war. Als wir unweit des Dardanellen⸗Schloſſes Anker geworfen hatten, gingen wir am folgenden Morgen an's Land, um die Stelle des alten Aby⸗ dos zu ſehen, die etwa eine Stunde entfernt iſt. Ein hoher Huͤgel mit einigen Mauertruͤmmern an der Seeſeite bezeichnet ſie. Die Entfernung bis zur Stelle jenſeit der Meerenge, wo Seſtos gelegen ha⸗ ben ſoll, betraͤgt kaum eine engliſche Meitle, und ein ſtarker und geuͤbter Schwimmer kann ohne große Anſtrengung hinuͤber kommen. Wenige Wochen ſpaͤ⸗ ter ſollte dieſer Verſuch einem jungen ſehr liebens⸗ wuͤrdigen Manne verderblich werden, der Leander und Lord Byron nachahmen wollte, und ſich ein heftiges Fieber zuzog, weil er ſich zu ſehr ange⸗ — 44— ſirengt hatte, und zu lange im Waſſer geblie⸗ ben war. Es war eine ſchoͤne mondhelle Nacht, als wir die Kuͤſten der Dardanellen aus dem Geſichte ver⸗ loren, und ein guͤnſtiger Wind trieb uns nach Seio. Waͤhrend der Unruhen und Metzeleten in Konſtantinopel hatte ich das beſondere Gluͤck gehabt, meinen abenteuerliebenden und unſchaͤtzbaren Die⸗ ner, Michael Milovich, einen Slavonier, zu ge⸗ winnen; und waͤre ich ein Moslem geweſen, ſo wuͤrde ich den Profeten auf immer dafuͤr geſegnet haben, daß er dieſen Tag mir hatte aufgehen laſ⸗ ſen. Er ſprach ſieben Sprachen, hatte viel geleſen und war noch mehr gereiſet, war ſehr tapfer, und durch neue Erdgegenden zu reiſen, war ſeine Lei⸗ denſchaft.„Sie gehen nach Aegypten, wie ich ge⸗ hͤrt habe, redete er mich an, und ich wuͤrde Sie ſehr gern begleiten. Ich bin faſt durch die ganze Welt gereiſet, aber ich kann nicht puhig ſterben, ehe ich nicht die Pyramiden und die Truͤmmer von Theben geſehen habe.“ Er war mein einziger Ge⸗ faͤhrte in ſo mancher Einſamkeit, in ſo manchen Bedraͤngniſſen, mehr als einmahl der Retter mei⸗ nes Lebens, immer anhaͤnglich, immer treu, und wie koͤnnte ich je ohne Wohlwollen an ihn den⸗ ken, je die Thraͤnen vergeſſen, die er beim Ab⸗ ſchiede vergoß. 7. Als am vierten Morgen die Sonne aufging, waren wir in der Naͤhe der Inſel Seio. Sie hat ein ſonderbares Anſehen. Drei bis vier Stunden von der Kuͤſte erhebt ſich eine hohe Kette nackter purpurner Felſen, die den Blick in das Innere der Inſel hemmen, und der Raum zwiſchen ihnen und der Kuͤſte iſt mit reizenden Gaͤrten und Pflanzungen bedeckt, welche die Stadt uͤberall, ausgenommen auf der Landſeite, einfaſſen. Die Reiſenden gaben dieſer Inſel wegen ihres angenehmen Klima's und ihres Reichthumes an koͤſtlichen Fruͤchten, wegen der Schoͤnheit ihrer Frauen und der Freundlichkeit und Gaſtfreiheit ihrer Bewohner, den Vorzug vor allen griechiſchen Eilanden. Wenn die untergehende Sonne die Felſenberge und die uͤppigen Gaͤrten an ihrem Fuße beleuchtet, waren die Kuͤſten und die ſchattigen Gaͤnge um die Stadt mit den griechiſchen Bewohnern angefuͤllt, unter welchen man viele der muntern und reizenden Weiber ſah, die ſich durch ihr ungezwungenes und angenehmes Betragen aus⸗ zeichneten. Nach der Landung gingen wir zum Conſul, der aus Scio war und uns ſehr höoͤflich aufnahm. Seine Frau und ſeine Tochter, beide ohne alle Reize, ließen ſich ſehen, und Zuckerwerk, Obſt und Kaffee wurden herumgereicht. Es war ein ſchwuͤ⸗ ler Tag, und vir fanden die Waſſermelonen und Pomeranzen, deren es in Ueberfluſſe gab, ſehr er⸗ — 46— friſchend. Die ungluͤcklichen Bewohner von Scio waren die weichlichſten und unentſchloſſenſten unter allen Griechen. Die Kaufleute lebten ſehr uͤppig und mehre hatten praͤchtig eingerichtete Haͤuſer. Seit dem Anfange der Umyaͤlzung hatten die In⸗ ſelbewohner eine ſtrenge Unparteiſamkeit zu beobach⸗ ten geſucht, und obgleich oft von ihren Stammge⸗ noſſen angefleht und bedroht, ſich doch ſtets ge⸗ weigert, fuͤr Griechenlands Freiheit zu fechten, oder ſich in die Gefahr zu ſetzen, die Rache der Tuͤrken ſich zuzuziehen. Sie hatten den Schein ſo gut zu bewahren gewußt, daß die tuͤrkiſchen Schiffe ſie nie beunruhigten, bis zum Ungluͤcke einſt ein griechi⸗ ſcher Anfuͤhrer mit einigen Schiffen in den Hafen einlief, wo er einen Haufen Kriegsvolk an's Land ſetzte, um die Veſte anzugreifen, die eine kleine tuͤrkiſche Beſatzung hatte. Die Bewohner der Inſel glaubten die Stunde der Freiheit zu ſehen, erho⸗ ben ſich ungeſtuͤm und vereinigten ſich mit dem Kriegsvolke. Die Veſte wurde genommen, und die Beſatzung und alle tuͤrkiſche Bewohner der Stadt mußten uͤber die Klinge ſpringen. Kaum war dieß geſchehen, als das Geſchwader des Kapu⸗ dan⸗Paſcha's in den Hafen lief. Die griechiſchen Kriegsvoͤlker, die aus Samos gekommen, aber zu ſchwach waren, es mit den Tuͤrken aufzunehmen, ſchifften ſich ſogleich wieder ein, und die Inſel ih⸗ rem Schickſale uͤberlaſſend, eilten ſie davon. Die — 47.— Bewohner der Inſel, die ſich zu ihnen geſellt hat⸗ ten, gehoͤrten meiſt zu den untern Volksklaſſen. Zweihundert der angeſehenſten Kaufleute und Be⸗ amten begaben ſich auf das Schiff des Kapudan⸗ Paſcha's, betheuerten feierlich ihre Unſchuld, und erklaͤrten ihre unbedingte Unterwerfung. Der Ad⸗ miral empfing ſie ſehr hoͤflich, verſicherte, alles Vorgefallene vergeſſen zu wollen, und ließ Kaffee und Erfriſchungen reichen. Kaum aber war der Paſcha mit ungefaͤhr ſechstauſend Mann gelandet, als er das Zeichen zur Metzelei gab. Die Nachrich⸗ ten, die ich ſpaͤter von entflohenen Inſelbewohnern erhielt, zerriſſen meine Seele. Waͤhrend der Metze⸗ lei ſteckten die ermuͤdeten Tuͤrken zuweilen ihre blu⸗ tigen Saͤbel in die Scheide, ſetzten ſich unter die Baͤume an der Kuͤſte, rauchten zu ihrem Kaffee und ſchwazten oder ſielen unter dem Schatten in Schlaf. Nach einigen Stunden ſtanden ſie munter wieder auf, und mordeten ohne Unterſchied alles, was ihnen in den Weg kam. Vergebens flehten die Ungluͤcklichen um Erbarmen. Die jungen mun⸗ tern Seiotinnen, wenige Tage zuvor der Stolz der griechiſchen Inſeln, wurden nun ſelbſt durch ihre Liebenswuͤrdigkeit nicht geſchuͤtzt, ſondern vor den Augen ihrer Muͤtter getoͤdtet, oder wenn ſie in die Gaͤrten flohen, bei ihren langen Haarflechten ge⸗ faßt, und alsbald ermordet. Das wilde verwirrte Geſchrei des Schmerzes und der Todesangſt ver⸗ miſchte ſich mit dem Rufe der wuͤthenden Tuͤrken, die Rache ſchrieen. Hier ſah man Griechen knieend um Erbarmung flehen, oder mit der Eile der Ver⸗ zweiflung fliehen, dort tuͤrkiſche Soldaten, die mit rauchenden Waffen voruͤberflogen, oder ein bluttrie⸗ fendes Haupt in der Hand hielten. Mit der an⸗ brechenden Nacht kam nur kuͤrzer Aufſchub. Der Mond beleuchtete die Stadt, die Kuͤſte, die Obſt⸗ haine, und machte Flucht oder Verbergung faſt unmoͤglich. Aber zuweilen ruhten doch die ermuͤde⸗ ten Moͤrder, und die lauten Toͤne des Entſetzens, die in der Metzelei ſich erhoben, wurden zu leiſeren ſchmerzlichern Jammerlauten. Die herzzerreißende Klage der Aeltern an der Seite ihres ſterbenden oder geſchaͤndeten Kindes, die haſtigen ſchaudernden Toͤne der Verzweifluung der Ungluͤcklichen, die dem unvermeidlichen Tode entgegenſahen, das Geſchrei der Waiſen und Witwen bei den verſtuͤmmelten Leichnamen ihrer theuerſten Angehoͤrigen— all dieſe Toͤne ſtiegen mit Verwuͤnſchungen der Moͤrder zum Himmel empor. Der Trauer war nur eine kurze Pauſe vergoͤnnt. Die Stille der Nacht unterbrach ploͤtzlich Waffengeklirr und das furchtbare Kriegsge⸗ ſchrei der Osmanen:„Tod— Tod den Griechen! Den Feinden des Profeten! Allah il Allah!“ Und der Kapudan⸗Paſcha ſtand lin der Mitte ſeiner Schaaren und trieb ſie mit wuͤthenden Gebehrden zum Gemetzel. Jedes Haus, jeder Garten war N K&— N N NM.☛ X NN VNV ☛82+fsNs V—n A.— V— mit Leichen bedeckt. Unter den Pomeranzenbaͤumen, an den Springbrunnen, auf den koͤſtlichen Teppi⸗ chen und auf den Marmorboden lagen bluͤhende Juͤnglinge und Moͤdchen neben Greiſen mitten in ihren geliebten uͤppigen Wohnungen. Ein Tag verging nach dem andern, und ſie blieben liegen, wie ſie gefallen waren, allein oder in Gruppen, und keine Hand begrub ſie, ſo lange es noch Ueber— lebende gab, die das Schwert verderben konnte. Endlich als alles vorbei war, ſchleppte man alle zuſammen, und warf ſie in große Gruben. Man rechnet, daß in den wenigen Tagen, wo die Metzelei dauerte, zwanzigtauſend Menſchen um⸗ gekommen ſind. Gluͤcklich die Wenigen, die uͤber die Felſenberge entkommen konnten, hinter welchen ſie eine Zeitlang ſicher waren, oder ein Fahrzeug an der Kuͤſte fanden, das ſie ihrem Schickſale ent⸗ riß. Ich traf ſpaͤter mehrmahl ſolche ungluͤckliche Fluͤchtlinge, die eine Zuflucht ſuchten. Bleich, er⸗ ſchoͤPt und verzweifelnd, waren ſie ein Bild des groͤßten Jammers; junge Maͤdchen zu Fuße, unter der Hitze und den Beſchwerden des Weges erliegend, ſtrengten ſich dennoch an, den Pferden zu folgen, welche die Kranken und Entkraͤfteten trugen; Muͤt⸗ ter mit ihren Kindern, die ſie gerettet hatten, waͤhrend ihre Maͤnner und Soͤhne umgekommen wa⸗ ren. Eine einſt in ihrer Heimat angeſehene Frau weinte bitterlich, als ſie mir erzaͤhlte, wie alle ihre Kinder, fuͤnf ſchoͤne Juͤnglinge, gefallen wa⸗ 8 ren. Man ſah manche junge Sciotinn, die fuͤr immer ihre uͤppige Heimat verloren hatte, ihrer Reize und ihrer Munterkeit beraubt, hager und entſtellt, in fremden Laͤndern Freunde ſuchen, die ſie vielleicht nie fand. Wenn man zwei bis drei Stunden laͤngs der Kuͤſte wandert, kommt man zu der ſogenanten Schule Homer's. Es iſt ein Felſen, wo man noch Ueberreſte ausgehauener Sitze ſieht. Der Dichter haͤtte ſich allerdings keinen ſchoͤnern Platz waͤhlen koͤnnen. Herrliche Baͤume ſtehen in der Naͤhe, und unter ihrem Schatten ſprudelt ein Quell des reinſten Waſſers. Der ſchoͤne Hafen brei⸗ tet ſich vor uns aus, Huͤtten ſtehen in anmuthi⸗ gen Gaͤrten, und hinter uns ſteigen die nackten purpurnen Felſen empor. Die Tuͤrken lieben dieſen kuͤhlen ſchattigen Platz, und die Anhaͤnger des Pro⸗ ſeten rauchen und machen ihre Abwaſchungen, wo der Maͤonide begeiſtert ward. Nicht weit von der Stadt fuͤhrt ein ſchroffer Pfad zu dem großen Kloſter Nehamonce. Die Ka⸗ pelle iſt reich verziert, und die Kuppel, die aus verſchiedenen Marmorarten beſteht, zwiſchen welchen glaͤnzend gefaͤrbte Glasſcheiben zu ſehen ſind, hat ein ſonderbares Anſehen. Die Prieſter der griechi- ſchen Kirche leben in einer weit guͤnſtigern Lage als — 1— wa⸗ die katholiſchen. Sie duͤrfen heirathen, wenn ſie fuͤr 3 nicht die Prieſterweihe erhalten haben; ſie ſcheinen hrer ein froͤhliches Leben zu fuͤhren und ſind offener und und hoͤflicher in ihrem Benehmen als ihre roͤmiſchen die Brider, und ihre Kloͤſter weit reinlicher und netter. In dem Kloſter Nehamonce ſindet jeder Reiſende fuͤr mehre Tage eine gaſtfreie Aufnahme, ein bequemes der immer und einen guten Tiſch; denn gibt es gute ten Weine und Lebensmittel in der Gegend⸗ ſo haben naa ſie die Moͤnche gewiß. Der Der rothe Wein, den die Inſel erzeugt, wird Blatz beſonders geſchaͤtzt, aber nur in geringer Menge der aausgefuͤhrt, weil die Griechen ſelber ihn gern trin⸗ ein ken. Der Tuͤrke kann die verachteten unglaͤubigen drei Grriechen nicht eben mit freundlichen Gefuͤhlen be⸗ thi⸗ rachten, wenn er ſieht, wie ſie mit innigem Be⸗ kten gagen den koͤſtlichen Traubenſaft ſchluͤrfen, und ſich eſen ungebundener Froͤhlichkeit hingeben, waͤhrend er, bro⸗ deer arme durch Verbote beſchraͤnkte Anhaͤnger des wo alams, ſich ernſthaft bei klarem Quellwaſſer, ma⸗ gerem Scherbet oder hoͤchſtens bei Mocha⸗Kaffee öffer troͤſten muß. Einige Meilen weiter im Innern der Ka⸗ Inſel findet man die Landſttze der reichen Griechen aus 5 und Tuͤrken; ſehr huͤbſche ſteinerne Gebaͤude, von chen ppigen Gaͤrten begraͤnzt, und oft in anmuthigen hat Lagen. Das Land iſt mit einer ſolchen Menge wuͤr⸗ chi zigen Geſtraͤuche bedeckt, daß die Luft durchduftet it. Hier waͤchſt der Maſtixbaum, deſſen Gummi 42 Griechinnen und Tuͤrkinnen gebrauchen. Die Grie⸗ chinnen erhoͤhen ihre Reize auch durch Schminke; ſie tragen keine Schleier und ſind bunt und reich gekleidet. Aber keine Nachhilfe, kein Schmuck, ſelbſt nicht der ſchwache Ueberreſt der angebeteten Zuͤge des Alterthumes, kann der Griechinn jene Wuͤrde in ihrer Haltung, jene Zartheit und An⸗ muth in ihrem Benehmen geben, die der Tuͤrkinn eigen ſind. Ungern verlaͤßt man eine griechiſche Inſel. Sollte ich unter allen Gegenden, die ich mit Ver⸗ gnuͤgen beſucht habe, mir einen Aufenthalt waͤhlen, wuͤrde ich nicht die Geſtade des Bosporus vorziehen, wo Europas und Aſia's Gebirge mit Hainen, Doͤr⸗ fern und lieblichen Schattengaͤngen ſich erheben, und an ihrem Fuße tiefe und anmuthige Thaͤler ſich oͤff⸗ nen, die den Moslem an das Paradies eriunern; ich wuͤrde nicht die herrliche Ebene um Damaſchk vorziehen, wo rauſchende Stroͤme und die uͤppig⸗ ſten Gaͤrten die heilige Stadt umſchließen, ſondern eine Inſel wie Scio oder Rhodus, wo ein reines und beſtaͤndiges Klima herrſcht, wo Schattengaͤnge durch Waͤlder von Pomeranzen⸗Mandel? und Cit⸗ ronbaͤumen laufen, uͤber welche purpurne Felſen⸗ berge emporragen, in deren wilden Schluchten tau⸗ ſend wuͤrzige Geſtraͤuche wachſen, die mit ihren Wohlgeruͤchen die Luft erfuͤllen, wo die Sonne glaͤnzend in die Wogen ſinkt, und die Spitzen —444— — —— 8.&⏑ ——————.:— — — 53— 8 anderer Eilande vergoldet, die am Himmelsran⸗ de ſich zeigen, wo das Mondlicht eine liebli⸗ chere Landſchaft, und die Toͤne der Guitarre, die ſuͤßen Inſelgeſaͤnge, und das Wellengemurmel am Geſtade mitbringt. Endlich verließen wir Scio und erreichten Smyrna am folgenden Abende. Der Hafen iſt von großem Umfange, und man ſegelt lange zwi⸗ ſchen den ſchroffen Felſen des Geſtades, um deren Fuß ſich uͤppiges Gruͤn und Baͤume ziehen, ehe man die Stadt erreicht, die am Ende der großen Bucht liegt. Sie iſt ſehr volkreich, und hat einen ausgebreiteten Handel. Ihre Straßen ſind enge; die Stadttheile aber, wo die abendlaͤndiſchen Kauf⸗ leute und die Conſuln wohnen, hat viele treffliche Haͤuſer mit platten Daͤchern, wo ſich's angenehm luſtwan delt. Viele Europaͤer heirathen in griechi⸗ ſche Familien, und die Frauen, die morgen⸗ laͤndiſche und abendlaͤndiſche Sitten mit einan⸗ der verbinden, haͤlt man fuͤr ungemein anziehend. Ein Kopf mit einem Turban, der auf eine Harfe oder ein Pianoforte ſich niederbeugt, oder ſchotti⸗ ſche und irlaͤndiſche Lieder an den Kuͤſten Aſiens, ſind nicht wenig bezaubernd. Der tuͤrkiſche Begraͤbnißplatz liegt am Abhange eines Berges nicht weit von der Stadt, nahe am Begraͤbnißplatze der Juden, und iſt von einem dich⸗ ten Cypreſſenhaine eingefaßt. Kein Baum paßt ſo -— 54— gut zur Beſchuͤtzung oder Beſchattung eines Begraͤb⸗ nißplatzes, als die edle Cypreſſe, deren bewegung⸗ loſe trauernde Belaubung ein wahres Sinnbild der Sterblichkeit iſt. Die Morgenlaͤnder umgeben die Wohnungen der Todten gern mit traurigen, das Ge⸗ muͤth ergreifenden Gegenſtaͤnden, und naͤhern ſich ihnen immer mit der groͤßten Ehrerbietung. Oft ſieht man ſie zu ganzen Stunden in einem Kiosk am Bosporus ſitzen, und mit ſchwermuͤthiger Freu⸗ de nach Aſiens Kuͤſte hinuͤberſchauen, wo die Aſche ihrer Vater ruht; denn der reiche Tuͤrke in Stam⸗ bul wuͤnſcht, nach ſeinem Tode auf die aſiatiſche Seite gebracht zu werden, welche nach ſeiner Mein⸗ ung dazu beſtimmt iſt, der letzte Ruheplatz und Herrſcherſitz ſeiner Landsleute zu ſein, wenn einſt— wie die Tuͤrken ſagen— die blonden Maͤnder aus dem Norden ſie aus Euro⸗ pargetrieben haben werden. Die Geſellſchaft in Smyrna, die aus den eu⸗ ropaͤiſchen Kaufleuten und ihren Angehoͤrigen be⸗ ſtand, welche auf dem freundlichſten. Fuße mit ein⸗ ander lebten, war ſehr angenehm. Die ſchoͤn ein⸗ gerichteten Zimmer des ſogenannten Caſinv's waren taͤglich um acht Uhr abends offen, und es gehoͤrte auch ein Leſezimmer dazu. Reiſende und Fremde aus al⸗ len Erdgegenden verſammelten ſich hier, um Erfri⸗ ſchungen zu genießen und geſellige Unterhaltung zu ſuchen, und zuweilen gab es auch Baͤlle. Alles aber ͤͤ——h————— war ganz anders zur Zeit unſers Aufenthaltes. Das Caſino war geſchloſſen; es war wenig Verkehr zwi⸗ ſchen den europaͤiſchen Familien, und die reizen⸗ den Spaziergaͤnge um die Stadt waren leer, da alle angeſehene griechiſche Familien entflohen waren; die Marktplaͤtze ſtill und veroͤdet, und die zahlrei⸗ chen Karavanen aus dem Innern des Landes blie⸗ ben aus. Das Dorf Burnabat, das meiſt aus den huͤbſchen Landhaͤuſern der europaͤiſchen Kaufleute be⸗ ſteht, liegt nicht weit von der Stadt, und iſt ein angenehmes Ziel eines Spazierrittes. Die Umge⸗ gend iſt gut ungebaut, nnd mit Waͤldchen von Oehlbaͤumen und andern Pflanzungen bedeckt. Zu gewiſſen Jahrzeiten ſieht man um Smyrna und Burnabat viele Stoͤrche, die ſehr zahm ſind, und von den Tuͤrken mit aberglaͤubigen Gefuͤhlen betrach⸗ tet werden. Man ſieht ſie zuweilen in den Truͤm⸗ mern von Tempeln und Doͤrfern; ſie paſſen aber wenig zu dem Bilde der Veroͤdung und des Verfal⸗ les, das ſich uns darbietet. Die buntgeſiederten Tauben, welche um den Sonnentempel zu Balbek flogen und darin niſteten, waren mehr in Ueber⸗ einſtimmung mit den herrlichen Ueberreſten, und der umliegenden Landſchaft, die in Lalla Rookh ſo wahr und ſchoͤn geſchildert werden. Wir wohnten in Smyrna in einem Wirths⸗ hauſe, das einem Italiener gehoͤrte, und eine ſchöne Ausficht auf die Bai und ihre reigenden Ge⸗ f— — 56— fade hatte. An der Wirthstafel ſahen wir mehre griechiſche Prieſter und Kaufleute, die ſehr bekum⸗ mert und argwoͤhniſch ausſahen, und freilich hat⸗ ten ſie dazu alle Urſache, da ſie kaum ausgehen konnten, ohne Gefahr ermordet zu werden. Eines Morgens, als ich auf der Straße ſtand, wurde ein griechiſcher Dienſtbote, der ſich weigerte, in dem nicht weit entfernten Laden eines Fleiſchers aus Candia Fleiſch zu kaufen, von dem Verkaͤu fer mit ſeinem langen Meſſer verwundet, und ſtuͤrzte blutend nieder. Gegen funfzig Griechen befanden ſich auf einem Schiffe aus Raguſa, um zu ent⸗ fliehen, und der Schiffhauptmann hatte bereits eine anſebnliche Summe von ihnen erhalten. Trotz der Warnungen des Conſuls ſegelte er nicht ſogleich ab, ſondern verweilte im Hafen, bis er endlich zur Nachtzeit von drei tuͤrkiſchen Schiffen umringt wurde. Die Tuͤrken nahmen alle gefangen. Der Hauptmann und die Mannſchaft wurde gehaͤngt, und die Griechen bei Sonnenaufgange auf einem kleinen Platze in Smyrna enthauptet. Dieß geſchah waͤhrend unſeres Aufenthaltes. Der franzoͤſiſche Con⸗ ſul hat zu ſeinem unvergaͤnglichen Ruhme mehre hundert Griechen durch ſeine eifrige und muthige Vermittelung gerettet, und ſie aus den Haͤnden der Soldaten befreit, die im Begriffe waren, ſie zu toͤdten. Ging man durch die Stadt, ſo ſah man die Ungluͤcklichen uͤber die Mauern, oder aus —— ͦ— —— den halb geoͤffneten Hausthuͤren hervorblicken, und auf jeden voruͤbergehenden Laut horchen. Bei jedem ploͤtzlichen Geraͤuſche auf der Straße, ſah man Weibergeſichter, und zuweilen ſchoͤne Geſichter, aus den Fenſtern der hohen Haͤuſer ſchauen, wo ſie Zu⸗ flucht gefunden hatten, und obgleich ſie ſich neuer Gefahr ausſetzten, konnten ſie doch ihre Unruhe und Neugier nicht bezwingen. Ich habe nur eine Griechinn geſehen, in deren Zuͤgen und Geſtalt ich das ſchoͤne Ideal des Alterthumes einiger Maßen wiederfand. Ich ſah ſie an der Thuͤre eines arm⸗ ſeligen Hauſes am aͤußerſten Ende der Stadt. Ihre ſchoͤne hohe Geſtalt lehnte ſich an die Mauer des Hauſes; ſie beugte ihr Haupt zu einigen ungluͤckli⸗ chen Landsmaͤnninnen hinab, mit welchen ſie ſprach, und dieſe Stellung machte das vollkommene Eben⸗ maß ihrer edlen und klaſſiſchen Zuͤge noch anzie⸗ hender. Es iſt fuͤr die Griechen in ihrer gegenwaͤr⸗ tigen Lage ein Gluͤck, daß ihre Gemuͤthsart ſo leicht und geſchmeidig iſt. Kein Gluͤckswechſel ſcheint ſie zu uͤberraſchen oder in Verzweiflung zu ſetzen; thaͤ⸗ tig, unternehmend und unermuͤdet, beſitzen ſie alle Eigenſchaften, die treffliche Krieger bilden. Sie ſind ungemein eitel und immer leichtglaͤubig in ih⸗ ren Hoffnungen und Unternehmungen, und als ſie aus Tripolitza zogen, um die Tuͤrken anzugreifen, hoͤrte ich ſie ausrufen:„Wir haben ſie wohl eher mit Stoͤcken geſchlagen, und ſollten ſie jetzt nicht ——— —,———————————x— —’’;9yö-H—-—— 5 4 ———— 5.———— mit dem Schwerte in der Hand vor uns her trei⸗ ben?“ Fodre man einen Griechen auf, dem To⸗ de entgegen zu gehen, und er wird, dem Anſcheine nach, unbewegt und unerſchrocken von der Welt Abſchied nehmen; bringe man ihm eine Guitarre und Wein, und er wird tanzen, mit unendlicher Froͤhlichkeit ſchwatzen, und die ganze Nacht hin⸗ durch moreotiſche Lieder ſingen. Auf einer griechiſchen Inſel ereignete ſich um dieſe Zeit ein ſehr ruͤhrender Vorfall. Mehre Be⸗ wohner derſelben, durch die Annaͤherung griechiſcher Schiffe erſchreckt, eilten zu einem großen Boote und ſtießen vom Ufer ab. Die junge und ungemein liebenswuͤrdige Frau eines dieſer Fluͤchtlinge, die ihren Mann abreiſen ſah, ſtand am Ufer, ſtreckte ihre Arme nach dem Boote aus, und bat mit den ruͤhrendſten Worten, ſie einzunehmen. Der Grie⸗ che blieb bei ihrem Rufe gleichgiltig und unbarm⸗ herzig, und ohne ihr zur Flucht behilflich zu ſein, trieb er ſeine Gefaͤhrten zur Eile. Die Ungluͤckliche, die ſchutzlos mitten unter ihren Feinden zuruͤckblieb, hatte gegen Noth und Gefahr, Beſchimpfungen und Leiden zu kaͤmpfen, bis ſie, von Krankheit er⸗ ſchoͤpft, mit gebrochenem Herzen auf ihr Sterbe⸗ bett ſank. Nie hatte ſie von ihrem Manne gehoͤrk, und wenn ſie durch Gebirge wanderte, oder in ei⸗ ner elenden Huͤtte lag, oder von Ermuͤdung ſchmerzlich erſchoͤpft, ihre Flucht beſchleunigen mußte, war es allein ihre Zuneigung gegen ihn, und die Hoffnung, ihn wiederzuſehen, was ihren Muth auf⸗ recht erhielt. Endlich, als die Feinde ſich entfernt hatten, und die Griechen in ihre Heimat zuruͤck⸗ kehrten, kam auch er wieder. Die Nachricht von ihrer Lage erweckte in ihm die bitterſten Vorwuͤrfe. Aber alle Hoffnung auf Geneſung war erloſchen; ihre Seele hatte die haͤrteſte Pruͤfung beſtanden, ihre Liebe ſich in Abſcheu verwandelt, und ſie wei⸗ gerte ſich, ihn zu ſehen, ihm zu verzeihen. Man hat bei mehr als einer Gelegenheit bemerkt, daß in dem Charaeter der Griechinnen eine Staͤrke und ein Ernſt ſich finden, die merkwuͤrdig ſind. Ihre Schweſtern und Verwandten ſtanden um ihr Bett, und nie war ihnen die Ungluͤcktiche in den Tagen der Geſundheit und Liebe ſo ruͤhrend ſchoͤn erſchie⸗ nen, als in jener Stunde; ſie heftete ihr ſchoͤnes dunkles Auge mit einem Blicke auf die Umſtehen⸗ den, als ob ſie nicht ihren Tod beklagt, ſondern noch immer das erlittene unrecht tief gefuͤhlt haͤtte. Eine krankhafte Roͤthe belebte ihre bleichen Wangen und die Flechten ihrer Haare hingen aufgeloͤſt um ihre Schultern. Weinend baten ſie ihre Freun⸗ de, mit ihrem Mann zu ſprechen, und ihm zu ver⸗ zeihen. Sie wandte ihr Geſicht ab, und winkte ihm mit der Hand, ſich zu entfernen. Als bald nachher der letzte Kampf kam, ſiegte die alte Zu⸗ neigung; ſie drehte ſich ploͤtzlich um, warf einen — 60— Blick der Vergebung auf ihn, legte ihre Hand in die ſeinige und ſtarb. Wir beſtiegen ein nach Alexandrien beſtimmtes franzoͤſiſches Schiff, und hatten drei Tage lang guͤn⸗ ſtigen Wind gehabt, als wir auf eine Abtheilung der griechiſchen Seemacht ſtießen. Man noͤthigte uns, beizulegen, und ließ ein bewaffnetes Boot abfahren, um nach unſerer Beſtimmung und Ladung Erkundigung einzuziehen, und alle Nachrichten zu empfangen, die wir etwa geben koͤnnten. Die Grie⸗ chen benahmen ſich ſehr hoͤflich. Ihre beßten Schiffe waren Kauffahrer, die man in Kriegſchiffe umge⸗ wandelt hatte, und die zwanzig Kanonen fuͤhrten. Sie waren von der Inſel Hydra, deren Bewohner die beßten und kuͤhnſten Seelcute der Griechen ſind. Es trat Windſtille ein, und wir mußten uns, ſo gut wir konnten, die Zeit vertreiben; aber auf einem franzoͤſiſchen Schiffe hat der Reiſende bei un⸗ guͤnſtigem Winde weniger als auf einem andern ge⸗ gen Langweile zu kaͤmpfen, da die Mannſchaft ſel⸗ ten ihre Froͤhlichkeit und ihren Muth verliert. Der Unterſchiffer, der den Befehl zu fuͤhren ſchien, war ein ſchoͤner und munterer junger Franzoſe, der eine kleine Sammlung guter Buͤcher hatte, der Kapi⸗ taͤn aber, ein fettes Maͤnnchen, war ernſt und truͤb⸗ ſinnig. Taͤglich vor dem Fruͤhſtuͤcke und Abendeſ⸗ ſen mußte die Mannſchaft ſich auf dem Deck ver⸗ ſammeln, und der Kapitaͤn ſprach mit einem trau⸗ — 6— rigen und deutlichen Tone Gebete vor, worauf Alle antworteten. Die Reiſegeſellſchaft war ſehr bunt. Ein dicker junger Teutſcher, der nach Kahira reiſ⸗ te, um unter den Tuͤrken und Arabern den Arzt zu machen, obgleich er nicht ein Wort von ihrer Sprache verſtand, und ſeine Begleiterinn, eine muntere Italienerinn, die ihre liebe Heimat ver⸗ laſſen hatte, um mit dieſem traͤgen Geſellen am Ufer des Nils zu leben. Er nahm die Pfeife faſt nie aus dem Munde, und waͤhrend er nach mor⸗ genlaͤndiſcher Sitte mit entbloͤßter Bruſt auf dem Verdecke ſaß, erzaͤhlte er Wundergeſchichten. Fer⸗ ner ein Schneider aus Italien, ein bleicher hagerer Menſch, der ſein Gewerbe in Alexandria treiben wollte. Er erinnerte uns an den Knopfmacher aus Sheffield, der mit einer Ladung ſeiner Waare nach Konſtantinopel kam, wo er fand, daßf die Tuͤrken nie Knoͤpfe tragen. Dann ein Hundehaͤndler, auch ein Italiener, mit ſeiner Frau, der ſehr ſchoͤne Hunde bei ſich hatte, die er in Aegypten an die Franken und an die Glaͤubigen verkaufen wollte. Dieſe drei wackern Leute und ihre lieben Ehehaͤlften — auch der Schneider hatte ſeine Gefaͤhrtinn bei ſich— lebten in dem beßten Vernehmen, und mach⸗ ten uns nicht wenig Spaß, ſo lange der unguͤnſti⸗ ge Wind uns aufhielt. Endlich naͤherten wir uns der niedrigen und ſandigen Kuͤſte bei Alex andria. g Mit welcher Freude man nach einer langen Fahrt das Land erblickt, weiß jeder Reiſende. Die Pompejus⸗ Saͤule auf der Anhoͤhe uͤber der Stadt, der Nil⸗Ca⸗ nal nicht weit davon, nnd tauſend Erinnerungen, die an Cleopatra's Wohnſitz ſich knuͤpften, mach⸗ ten den Anblick, der vor uns lag, ſehr anziehend. A—2 III, Reiſe von Alexandria nach Kahira. Nach wenigen Stunden ſtiegen wir an's Land. Es war ein ſehr heißer Mittag, und wir ſahen nur wenige Leute in den Straßen. Bald ſollten wir fuͤhlen, was eine Reihe aͤgyptiſcher Plagen genannt werden konnte. Fliegenſchwaͤrme ſetzten ſich ſo veſt auf Geſicht und Augen, daß wir kaum unſern Weg finden konnten, und immer mit den Taſchentuͤchern wehen mußten. Als wir in ein Kaffeehaus gegan⸗ gen waren, ſahen wir das Scherbet oder die Limo⸗ nade augenblicklich mit einer ſchwarzen Maſſe von Fliegen bedeckt, wenn wir etwa den zinnernen Dek⸗ kel abnahmen, womit man die Trinkgefaͤße gegen die Inſekten ſchuͤtzt. Wir gingen in den Okkal, und beſtellten Eſſen. Das Zimmer war mit Leuten in verſchiedenen Trachten angefuͤllt. Ein Tuͤrke hatte Luſt, ſie mit Geſang zu unterhalten. Er ſteckte ſeine beiden Vorderfinger hinter die Ohren, und indem er ſich, mit gekreuzten Beinen ſitzend, vor⸗ waͤrts beugte, ließ er ſcheußliche Naſentoͤne hoͤren⸗ die ruͤhrend ſein ſollten. Wir konnten es nicht aus⸗ halten, und ſuchten in einem kleinen Oberzimmer unſere Zuflucht. Man brachte uns eine koͤſtlich zu⸗ bereitete Ziege, und einen Nachtiſch mit Obſt, und als trefflicher Kaffee darzukam, waren wir nach dem Hungerleben auf dem Schiffe herrlich erquickt. Wir mietheten eine Wohnung in einem Privathauſe, die wir an demſelben Abende bezogen. Die Fliegen plagten uns entſetzlich. Vergebens wollten wir die Augen ſchließen, und wurden alsbald durch ſcharfe Biſſe an verſchiedenen Theilen des Leibes wieder aufgeweckt. Sie ſetzten ſich beſonders gern auf das Geſicht, das am andern Morgen nicht eben bleich und reizend ausſah. Am naͤchſten Morgen mietheten wir einige Eſel, die gewoͤhnlichen Reitthiere in Aegypten, und einen Fuͤhrer. Wir beſuchten zuerſt die Pompejus⸗„Saͤule, Sie iſt von korinthiſcher Ordnung; der Schaft et⸗ wa neunzig, der Fuß fuͤnf Fuß hoch, beſteht aus drei Granitſtuͤcken und iſt, da ſie auf einer kleinen Anhoͤhe ſteht, weit umher ſichtbar. Die Kleopatra⸗ Saͤule, nicht weit davon, iſt gegen ſiebzig Fuß hoch, beſteht aus einem einzigen Stuͤcke deſſelben Steines und iſt mit Hieroglyphen bedeckt, von wel⸗ chen einige beinahe erloſchen ſind. Mein Fuͤhrer war ein huͤbſcher aͤltlicher Aegyy⸗ ter, eine hohe Geſtalt mit einem weißen Barte. Er trug ein langes blaues berkleid, das Bruſt und Arme nackt ließ, und ging oder lief in den heißeſten Stunden des Tages neben unſern edlen Reitthieren. Von dem alten Alexandria ſieht man nichts als ungeheure unfoͤrmliche Truͤmmerhaufen, und es gibt keinen traurigern und betruͤbenderen Aufenthalt, als die neue Stadt. Sandflaͤchen brei⸗ ten ſich auf allen Seiten aus, und ſind nur hier und da durch ein gruͤnes Plaͤtzchen oder Palmen⸗ gruppen belebt. Nicht ein einziger Gegenſtand, nicht ein einziger angenehmer Gang in der flachen und einfoͤrmigen Umgegend, ausgenommen das Kloſter Manudieh und der Garten des engliſchen Conſuls. Die Haͤuſer, wenigſtens im europaͤiſchen Stadt⸗ theile, ſind gewoͤhnlich hoch und weiß getuͤncht. Die Kaufleute wohnen in huͤbſchen wohl verſehenen Haͤuſern, die gut fuͤr das Klima eingerichtet ſind, welches nirgends in Aegypteu kuͤhler iſt, da regel⸗ maͤßig in jedem Tage ein angenehmer Seewind weht. Man findet mehre von Franken gehaltene Kaffeehaͤu⸗ ſer, und das angenehmſte derſelben, wo Kaufleute und Reiſende aus allen Laͤndern ſich einfinden, war der einzige angenehme Ort, den man beſuchen konnte. Die Beveſtigungen, die der Paſcha von Aegyp⸗ ten rings um ſeine Stadt angelegt hat, ſind von großem Umfange und ſtark. Mahmud Ali iſt ganz vorzuͤglich dazu geeignet, ſich im tuͤrkiſchen Reiche auf eine hohe Stufe zu ſchwingen. Er iſt von grie⸗ 5 chiſcher Abkunft, mit ausgezeichneten Faͤhigkeiten be⸗ gadt, ein verſchlagener Staatsmann, aber kuhn und grauſam in der Ausfuͤhrung ſeiner Entwuͤrſe, wie die Metzelei der dreihundert Mamlucken beweiſet, die er zu einem Gaſtmahle eingeladen hatte. Die Zeit wird bald kommen, wo er der Pforte den Ge⸗ horſam aufkuͤndigt, und Aegypten zu einem unab⸗ haͤngigen Reiche erhebt. Er iſt den Europaͤern ſehr gewogen, deren er viele in ſeine Dienſte genom⸗ men hat, und da er nichts weniger als ein dumm⸗ glaͤubiger Anhaͤnger des Profeten iſt, ſo verlangt er nie Abfall vom Glauben. Er wuͤnſcht lebhaft, den Zuſtand ſeines Landes zu verbeſſern, und hat neu⸗ lich eine Zuckerſiederei am Nil und mehre Kattun⸗ fabriken in Kahira angelegt. Er ſehnte ſich ſehr nach Eis, und da es in Aegypten keines gibt, ſo ließ der britiſche Conſul Salt eine Vorrichtung zur Verfertigung deſſelben aus England kommen. Man brachte die Maſchine in den Palaſt des Paſcha's. Er beobachtete die ganze Vorkehrung mit der ge⸗ ſpannteſten Neugier, und als nach mehren Fehlſchlag⸗ ungen ein großes Stuͤck Eis hervorgebracht wurde, nahm er es begierig in die Hand, tanzte vor Freu⸗ den im Zimmer wie ein Kind, und eilte dann in's Harem, um es ſeinen Weibern und Freundin⸗ nen zu zeigen. Seitdem iſt Eis ſeine beliebteſte Erfriſchung. 1 —sr GQ„ ——— 2— 2————— „———„. Der große Kleopatra⸗Kanal, den er neulich angelegt, oder vielmehr erneuert hat, verbindet in einer Ausdehnung von ungefaͤhr zwanzig Stunden den Nil mit dem Meere bei Alexandria, und iſt ein außerordentliches Werk. Waͤhrend einer langen Zeit waren hundert und funfzigtauſend Menſchen, meiſt Araber aus Ober-Aegypten, bei der Arbeit angeſtellt, von welchen gegen zwanzigtauſend ſtar⸗ ben, ehe das Werk vollendet mar. Als wir eines Tages in den Fruͤhſtunden ausgeritten waren, und in der Naͤhe der Stadt das Innere eines huͤbſchen Hauſes beſahen, das Ali fuͤr ſeinen Sohn hat er⸗ bauen laſſen, hoͤrten wir ploͤtzlich Muſik, nnd ſa⸗ hen bald, daß es der Paſcha mit ſeiner Leibwache war, der eben von Kahira eintraf. Er war zu Fuße und ſtand auf dem hohen Ufer eines neuen Kanals, den er anlegen ließ, waͤhrend er eifrig die zahlloſen, unten beſchaͤftigten Arbeiter beobach⸗ tete. Er war von Mittelgroͤße, und ſehr einfach gekleidet, etwa funfzig bis ſechzig Jahr alt; ſeine guten Zuͤge verriethen ein ſtilles, nachdenkendes Gemuͤth, und ſein langer grauer Bart ſiel auf die Bruſt hinab. Das Bett des Kanals bot ein neues Schauſpiel dar. Man ſah darin unzaͤhlige Araber von verſchiedenen Farben, die in den heißen Stun⸗ den des Tages arbeiteten, waͤhrend ihre aͤgyptiſchen Treiber mit Peitſchen in der Hand den Fortgang der Arbeit beobachteten. Es war ein treues und 5* — 68— lebendiges Bild der Kinder Iſrael, die von ihren harten Gebietern zur Arbeit gezwungen wurden. Mahmud gab dieſen Ungluͤcklichen, die er ihrer Heimat und ihren Angehoͤrigen in Ober⸗Aegypten entriſſen hatte, um dieſes Werk vollenden zu laſſen, taͤglich nur ungefaͤhr einen engliſchen Penny*) und einen Antheil Brot. Aber die Araber haben einen ſo lebhaften Geiſt, daß ſie ihre muͤhſame Arbeit froͤhlich und munter verrichteten. Ich ging bei Mondſcheine um den Platz, wo ſie ihr Lager hat⸗ ten. Sie ſaßen unter ſchlechten Zelten, oder lagen in Reihen unter dem Obdache des Himmels, und aßen ihr grobes Brot, aber man hoͤrte uͤberall nichts als ihre heimiſchen Geſaͤnge, die freilich nichts weniger als wohllautend waren, und dazu ein lautes gemeinſchaftliches Haͤndeklatſchen, was bei ihnen immer ein Zeichen der Freude iſt. Roſetta iſt ungefaͤhr drei Tagreiſen von Alexandria entfernt. Aber was fuͤr eine ganz an⸗ dere Landſchaft! Sie liegt mitten in einem Haine von Dattelbaͤumen und Gaͤrten, wo Bananen, Pomeranzen und Citronen wachſen, am Ufer des Nils und iſt wohl der angenehmſte Aufenthalt in Aegypten. Der Handel iſt hier jetzt ſehr in Verfall, wogegen Damiette ſich erhoben hat, obgleich es 2 ungefähr 3 Pfennige. — 69— wenig einfoͤrmigere und langweiligere Oerter gibt, als dieſe Stadt, die in einer nackten Ebene liegt. Eine Hochzeit, die waͤhrend unſerer Anweſenheit gefeiert wurde, machte uns viel Vergnuͤgen. Der Conſul, ein Einheimiſcher, deſſen Tochter ſich ver⸗ heirathete, lud alle anweſende Fremden zu der Fei⸗ erlichkeit und dem Gaſtmahle ein. Die Braut war in ihrem bunten Schmucke; ſie hatte ihr Haar ſchoͤn geflochten, Augenlieder und Augenbrauen mit Sur⸗ meh gefaͤrbt. Alle Verwandten und viele Freunde waren zugegen, und wurden verſchwenderiſch und aͤppig bewirthet. Die Geſellſchaft ſaß auf Polſtern laͤngs den Waͤnden. Die Gerichte, nach tuͤrkiſchem und griechiſchem Geſchmacke bereitet, wurden den Gaͤſten mit verſchiedenen Weinen und einem Ueber⸗ fluß von Zuckerwerk und Scherbet nach einander ge⸗ reicht. Als endlich die Muſik kam, und die Lichter das Zimmer hell erleuchteten, wurde die Geſellſchaft munter und lebendig. Mehre Almeh⸗MNaͤdchen be⸗ gannen ihre uͤppigen Taͤnze zu dem Laͤrm der Handtrommel und der Handklapper. Viele Gaͤſte beiderlei Geſchlechts nahmen an dem Tanze Antheil, waͤhrend andere ſich in Gruppen ſammelten, um zu ihrem Kaffee zu rauchen. Braut und Braͤutigam ſtanden neben einander und verriethen nichts weni⸗ ger als Waͤrme und Leidenſchaft. Die Braut, ein albernes Ding, aber ganz huͤbſch, ſchien ihre mor⸗ genlaͤndiſche Gleichgiltigkeit durch nichts ſtoͤren zu wollen. Als Beide ſich entfernt hatten, wurde die Geſellſchaft noch lauter, und blieb lange beiſam⸗ men. Der Conſul hatte eine ſehr huͤbſche Frau, die er ſehr liebte und ſo freundlich, ja freundlicher be⸗ handelte, als ob er ein europaͤiſcher Gemahl gewe⸗ ſen waͤre. Er kam nie in ihre Geſellſchaften, wenn er nicht eingeladen war, wie es die morgenlaͤndiſche Umgangſitte fodert, da die Frauen, die ein Ha⸗ rem beſuchen, immer gegen Stoͤrung ſicher ſind. Er fuͤhrte einſt zwei reiſende Englaͤnder, die nach Damiette kamen, bei ihr ein. Sie lag auf weichen Polſtern, und trug ein huͤbſches gruͤnes Kleid, aber keinen Turban. Ihr Auge war groß und ſchwarz, ihr Blick ſchmachtend, ihre Haut durch⸗ aus farblos. Im Geſpraͤche verrieth ſie lchs ei⸗ nen einzigen Gedanken. Wir nahmen einen Platz in einem aͤgyptiſchen Schiffe, das nach Kahira fuhr, und ſegelten den Kanal hinauf, deſſen Kuſten nur Sandflaͤchen und ein unfruchtbares Gelaͤnde zeigten. Aber wie angenehm hatte ſich das Landſchaftbild veraͤndert, als wir am naͤchſten Morgen auf das Verdeck kamen, und unſer Fahrzeug langſam auf dem Nil gleiten ſahen. Es war kurz vor Sonnenaufgang, und die zarteſten Farben hatten ſich uͤber den Himmelsrand verbreitet. Die Geſtade waren mit Palmenhainen bedeckt, zwiſchen welchen zahlloſe Doͤrfer hervorblick⸗ ten, waͤhrend hier und da ein ſchlankes weißes — 7z1— Minarct in die Luft emporſtteg. Ueberall herrſchte Stille. Wir konnten die lebhafteſten Regungen nicht interdruͤcken, als wir uns zum Erſtenmahl auf dem beruͤhmten Fluſſe ſahen. Das Boot legte auf einige Stunden bei Four an. Ich badete mich im Fluſſe und ging dann durch die Stadt. Es war noch truͤh am Tage, aber jeder Laden ſchon offen, und Obſt in den Straßen feil. Mancher ehrliche Moslem, eben erſt aufgeſtanden, ſaß ſchon vor ſei⸗ ner Thuͤre mit dem Koran in der Hand, und las die glaͤnzenden Verheißungen des Profeten, oder ehrte ſein Kind beten. Es gab ſelbſt in dieſer klei⸗ nen Stadt zwölf Moskcen. Der Muezzim rief eben von der Spitze des Minarets zum Gebete. Hoͤrt man dieſen Ruf in einem ſo ſtillen Lande als Ae⸗ gypten bei der Morgendaͤmmerung oder bei Anbruche der Nacht aus der Ferne, ſo iſt der Eindruck unglaublich ſchoͤn und feierlich. Man waͤhlt ge⸗ wöhnlich Leute mit der kraͤftigſten und wohllautend⸗ ſten Stimme zu dieſem Amte. Oft hoͤrten wir zwi⸗ ſchen den ſtillen Nilgeſtaden in Ober-⸗Aegypten den Ruf aus der Ferne kommen:„Es iſt nur ein Gott— Gott allein iſt groß und ewig, und Moham⸗ med iſt ſein Profet,“ wie die Stimme eines unſterb⸗ lichen Weſens in der Oberwelt. Der Nil iſt im Ganzen ein ſtiller und ſchoͤner Fluß, ungefaͤhr funfzehnhundert bis dreitauſend Fuß breit, oft noch ſchmaler, aber bei Ueberſchwemm⸗ ————————— — —--— ungen waͤchſt er nicht ſelten bis auf anderthalb Stunden in der Breite. Als ich wieder an Bord kam, glaubte ich nur etwas Reiß und ein Stuͤck Buͤffelfleiſch als ein aͤgyptiſches Eſſen zu finden, ſah aber, daß ein Reiſender auch hier ſo gut als in geſitteten Laͤndern einen leckeren Genuß haben kann, da mein Fruͤhſtuͤck aus friſchem Brote, eben gemolkener Milch, arabiſchem Kaffee, koͤſtlichen Trauben und friſchem Kaͤſe beſtand. Es waren Rei⸗ ſende verſchiedner Art im Schiffe. Unter ihnen war ein angeſehener Janitſchar, der in ſeine Heimat Kahira zuruͤckkehrte. Er war ein kleiner Mann, wohl gekleidet und gut bewaffnet, und fand ſein Vergnuͤgen daran, die Araber zu beleidigen. Als er ſeinen ſchoͤnen Teppich auf dem Verdecke ausge⸗ breitet hatte, lagerte er ſich, und mit ſeiner Pfeife im Munde, ſah er ſich um, vie ein gebietender Herr. Er hatte drei bis vier Weiber bei ſich. Auf dem Verdecke unter einem Himmel, ſaß eine vor⸗ nehme Aegyptierinn, von ſchwarzen Sklaven bedient. Sie ließ uns zuweilen etwas von ihren Zuͤgen ſe⸗ hen, aber obgleich ſie gewoͤhnlich allen Blicken ver⸗ borgen war, ſo wußte ſie doch alles, was auf dem Verdecke vorging, ſehr gut zu beobachten, wie uns das laute Gelaͤchter verrieth, das von Zeit zu Zeit hinter dem Vorhange erſcholl. Sie ſchickte uns auch einmahl oder zweimahl Zuckerwerk zum Ge⸗ ſchenke. In einer kleinen anſtoßenden Kajuͤte waren — — —————— 222☛⏑ 2 S2. , 73— zwei Franzoſen, die lachten und ſchwatzten, als ob ſie in Paris geweſen waͤren, à la française aben, ihr dejeuné à la fourchette um elf nahmen, und aller morgenlaͤndiſchen Sitte zum Trotze, um ſechs Uhr ihre Hauptmahlzeit hielten. Ich ſchweige von mehren geringern Reiſenden. Unſer Fahrzeug kam nur langſam weiter; die Mannſchaft ſchien nicht ſonderlich geſchickt zu ſein. Nichts war reizender, als in der Nacht bei ſtillem unbewoͤlkten Mond⸗ ſcheine zu fahren, und niemand haͤtte bei dem An⸗ blicke eines ſolchen Landſchaftbildes die Augen zum Schlafe ſchließen koͤnnen. Auffallend iſt der nach⸗ theilige Einfluß des Mondlichtes auf die Augen in dieſem Lande. Man raͤth jedem Fremden, beim Schlafen in freier Luft immer die Augen zu bedek⸗ ken. Eben dieß wurde mir ſpaͤter in Arabien ge⸗ rathen. Man noͤchte ſich wundern, daß die Stelle in den Pſalmen:„Die Sonne ſoll dich bei Tage nicht treffen, noch der Mond bei Nacht,“ noch nicht durch dieſen Umſtand erklaͤrt worden iſt, wor⸗ auf ſie doch offenbar anſpielt. Der Mond greift das Geſicht, wenn man ſeinen Strahlen im Schlafe ausgeſetzt iſt, weit mehr an als die Sonne. Ich ſelber machte einſt dieſe unangenehme Erfahrung, und war ſpaͤterhin auf meiner Hut. Wer mit offe⸗ nem Geſichte im Mondſcheine ſchlafen wollte, wuͤrde ſeine Sehkraft gaͤnzlich ſchwaͤchen oder voͤllig zer⸗ ſtoͤren. 3 Am zweiten Tage hatten wir einen ſehr trauri⸗ gen Vorfall. Unſer Reis oder Hauptmann, ein wackerer und ehrwuͤrdiger Greis, war ſehr andaͤch⸗ tig, und da das Schiff mit Reiſenden uͤberfuͤllt war, begab er ſich am Nachmittage in ein kleines Boot, um ſeine Andacht ganz ungeſooͤrt zu verrich⸗ ten. Er kniete, ſein Geſicht nach Mekka kehrend, und war ganz in Andacht verloren, waͤhrend ſein langer weißer Bart, ſeine ruhigen Zuͤge und ſeine Stellung ein treues Bild morgen! laͤndiſcher Fröm⸗ migkeit gaben, bis er auf einmahl, als er bei ei⸗ ner Niederbeugung zu tief ſich buͤckte, das Gleichge⸗ wicht verlor, und in den Nil irzne. Es wurde ſogleich Laͤrm.„Der Reis iſt in's 2 Jaſſer gefallen!“ rief es von allen Seiten. Das Sc chiff ſegelte ſchnel⸗ ler und wir ſahen, wie der Strom den alten Mann fortriß, der mit den Wellen kaͤmpfte, und ein ſchwaches Geſchrei ausſtieß. Vergebens ſuchten drei Araber, gute Schwimmer, ihn einzuhohlen. Sein Sohn, ein ſchlanker junger Aegypter, ging am jenſeitigen Ufer auf und nieder, ſtieß laute Jammerklagen aus, und rief traurig: Ali! Ali! den Nahmen des alten Mannes. AmK vierten Morgen ſtieg ich mit Michael aus, und wir gingen lange am uſer hinauf, bis wir zu einem arabiſchen Dorfe kamen, das einige Dattel⸗ baͤume umgaben. Es war wie alle Doͤrfer in Aegyp⸗ ten, von ungebrannten Ziegeln gebaut. Die Häu⸗ „„————„ ³— ſer haben nnr ein Geſchoß; der Fußboden iſt zum Theil mit Binſenmatten bedeckt, und Sitze von Erde, ein Paar Fuß hoch, lehnen ſich an die Wand, und haben Matten, wie ein Divan. Wir fanden in einer dieſer Huͤtten koͤſtliche friſche Milch und einige auf dem Heerde gebackene ungeſaͤuerte Kuchen. Michael hatte in einer andern Huͤtte einige Huͤhner gefunden, und wollte eines davon zuberei⸗ ten, da wir nicht wußten, wann wir wieder auf unſer Schiff kaͤmen. Eine Araberinn uͤbernahm es, das Huhn zu kochen, und ging damit in das Hei⸗ ligthum ihres Hauſes, das wir durch uuſere Gegen⸗ wart nicht beſudeln durften. Der Sultan haͤtte ſein Harem nicht beſſer bewachen koͤnnen, als dieſe Weiber ihre Wohnung, obgleich ſie die beßte Schutz⸗ wache ihrer Ehre gehabt haben wuͤrden, wenn ſie eines ihrer Geſichter haͤtten ſehen laſſen, ſo entſetz⸗ zich haͤßlich waren ſie. Dieſe Araber ſind von ſehr dunkler Hautfarbe, und ſchreiben ihren Nahmen mit arabiſchen Buchſtaben auf die Handwurzel. Die Weiber machen mit gruͤner Farbe ein aͤhnliches un⸗ ausloͤſchliches Zeichen, das von der Unterlippe nach dem Kinne laͤuft. Wir ſaßen unter dem Schatten einer Mauer mit mehren Arabern, von welchen einige nackt, andere bekleidet waren, als endlich das Huhn erſchien, wie ein Froſch in einem Nap⸗ fe mit heißem Waſſer ſchwrimmend. Wir mußten es mit den Fingern zerreißen. Dieſe Araber ſind ſehr traͤge; man ſieht ſie ſelten im Felde arbeiten, und ſie nehmen ſich nicht einmahl die Muͤhe, die Fiſche zu fangen, die der Nil in Ueberfluß dar⸗ bietet. Am Montage fruͤh erreichten wir Bulak, den Hafen von Kahira. Unſer Gexpaͤck ward auf ein Kamehl geladen, und als wir uns mit Eſeln ver⸗ ſehen hatten, begaben wir uns zu der, drei Viertel⸗ ſtunden entfernten Wohnung des Conſuls. Ehe wir zur Stadt kamen, zogen wir durch eine ausgedehnte unbewohnte Gegend, eine Sandflaͤche, die mit un⸗ geheuern Schutthaufen, den Truͤmmern der alten Stadt, bedeckt war. Am vorigen Tage waren wir bei dem Dorfe voruͤber gekommen, wo die Angehoͤ⸗ gen des verungluͤckten alten Schiffers wohnten. Sein Sohn landete, und wurde von vielen Verwandten begruͤßt, die ihm entgegen kamen. Als ſie die un⸗ gluͤckliche Nachricht erfuhren, brachen ſie in laute Klagen aus, und uͤberließen ſich ziemlich lange der Trauer, waͤhrend ſie ſich an die Bruſt ſchlugen und die Haͤnde rangen. Ich habe bei mehren Gelegen⸗ heiten bemerkt, daß die Morgenlaͤnder die lebhaf⸗ tern Regungen des Gemuͤthes, Kummer, Freude, oder die Wonne des Wiederſehens nach langer Trennung, mit großer Kraft und Einfachheit aus⸗ druͤcken. Die Abreiſe einer tuͤrkiſchen Familie in Griechenland, zu einer Zeit, wo jedes Glied der⸗ ſelben vom Tode bedroht war, und die Begegnung 77— zweier befreundeten Araberſtaͤmme in der Wuͤſte, waren Auftritte, die ich nie vergeſſen werde. Der engliſche Conſul, Herr Salt, den wir bei unſerer Ankunft in Alexandria fanden, hatte uns freundlich angeboten, waͤhrend unſers Aufent⸗ haltes in Kahira in ſeinem Hauſe zu wohnen, das in einem abgelegenen Stadttheile lag, zu welchem enge Straßen und Gaͤnge fuͤhrten. Es war im Auguſt, und trotz der ſchwuͤlen Luft fand ich die Hitze doch nlcht druͤckend, ausgenommen wenn ich in den Mittagſtunden ausging. Die Luft iſt in dieſem herrlichen Klima in den Fruͤhſtunden und am Abend ungemein rein und angenehm; man ſieht faſt keine Wolken am Himmel, oder wenn man ſie ſieht, ſind ſie von dem reinſten Weiß. Vergebens ſucht man in Kahira die Gegenſtaͤnde der praͤchtigen Schilderungen der morgenlaͤndiſchen Schriftſteller; aber freilich kann man nach dem ge⸗ genwaͤrtigen Zuſtande der Stadt, nicht von ihrer ehemahligen Herrlichkeit urtheilen. Die großen Schutthaufen rings umher, die ſeit Jahrhunderten aufgehaͤuft wurden, und durch den Zuwachs, den Maulthiere taͤglich aus Kahira bringen, noch immer zunehmen, deuten auf die ungemeine Groͤße der al⸗ ten Stadt hin. Sieht man hingegen auf die Haͤu⸗ b ſermaſſen uͤberhaupt, ſo iſt die neue Stadt vielleicht † noch eben ſo glaͤnzend, als das beruͤhmte Masr der Vorzeit. Die Palaͤſte der Kalifen und einige andere öffentliche Gebaͤude mochten freilich ihre Zier⸗ e den ſein; aber die meiſten Straßen Kahira's haben ſ ein ſehr alterthuͤmliches Anſehen, und zeigen uns S in Bauart und Bauſtoffen unſtreitig ein Bild des n fruͤhern Zuſtandes. Die Stadt hat einen meit ge⸗ ringern Umfang als Konſtantinopel, und etwa 250,000 Bewohner, waͤhrend aber der Flaͤchenraum 1 der tuͤrkiſchen Hauptſtadt zu einem großen Theile aus 1 Gaͤrten beſteht, entbehrt Kahira dieſe Annehmlich⸗ f keil faſt ganz. Die Haͤuſer beſtehen aus Ziegeln von 1 6 ſchmutziger Farbe, und ſind hoͤher als in Konſtanti⸗ nopel, ſo wie die Straßen breiter. Die Fenſter von hoͤlzernem Gitterwerke ſpringen oft mehre Fuß aus der Mauer vor, und gewaͤhren eine unbeſchraͤnkte Ausſicht in die Straßen, waͤhrend ſie zugleich gegen neugierige Blicke geſchuͤtzt ſind. In dieſen Erkern ſitzen die Bewohner gern. Das Innere der Haͤuſer iſt, wegen der Einrichtung und Lage der Fenſter, dem Sonnenlichte faſt ganz verſchloſſen, und man ſieht vorzuͤglich darauf, ſich Kuͤhluug und Schatten zu verſchaffen. Die Straßen ſind ungepflaſtert aber hart, und um den Staub zu daͤmpfen, und Kuͤhl⸗ ung zu verbreiten, werden ſie mit Waſſer begoſſen. Man ſieht faſt immer Kamehle mit Schlaͤuchen durch die Straßen ziehen, und das Waſſer fließt auf den Weg, waͤhrend ſie vorangehen. Der Reiſende be⸗ merkt bald, daß die Morgenlaͤnder mit verſtaͤndiger Berechnung ihren Hauptſtaͤdten enge Straßen geben; ——ÿÿõÿõÿõÿõʒõÿõüäõõ“ — — ——— —— — —: —— 79 es iſt in dieſem Klima ein wahrer Genuß, in eine ſolche Straße zu treten. Sie ſind bei der Hoͤhe der Haͤuſer und wegen der vorſpringenden obern Stock⸗ werke immer kuͤhl und ſchattig, und gegen die ſen⸗ gende Sonne geſchirmt. Kahira erhaͤlt ſein Waſſer meiſt aus dem Nil, und es wird taͤglich eine ſehr große Anzahl von Ka⸗ mehlen gebraucht, es in die Wohnungen zu ſchaf⸗ fen. Alle Haͤuſer haben flache Daͤcher. Die Wohn⸗ ung des Conſuls beherrſcht eine umfaſſende Aus⸗ ſicht uͤber die Stadt. Sehr angenehm iſt es, waͤh⸗ rend der Nacht bei glaͤnzendem Mondſcheine hier umherzugehen. Es iſt hell wie bei ruhigem ſchoͤnen Taglichte, und man kann bequem leſen. Man uͤber⸗ ſieht alle Daͤcher der umliegenden Haͤuſer, wo viele Menſchen im Schlafe begraben liegen. Waͤhrend der meiſten Nachtſtunden hoͤrt man keinen Laut in der großen Stadt, ſelbſt nicht die Tritte eines vor⸗ uͤberziehenden Reiſenden, oder eines heimatloſen Arabers, und die Ruhe der ernſten Stunden wird ſo wenig geſtoͤrt, daß die Seele ſich ergriffen fuͤhlt. Die einſamen Palmenbaͤume, die in Zwiſchenraͤu⸗ men umher zerſtreut ſind, und hoch uͤber die Haͤu⸗ ſer ſich erhehen, ſind die einzigen Gegenſtaͤnde, welche die Ausſicht unterbrechen. Die in Kahira angeſiedelten Europaͤer fuͤhren ein ſehr regelmaͤßiges Leben. Man findet hier Spanier, Franzoſen, Ita⸗ liener, Teutſche, und viele dieſer fremden Anſiedler — 80— leben auf einem guten Fuße, und geben zuweilen huͤbſche Gaſtmahle. Auf die Annehmlichkeiten eines engliſchen Fruͤhſtuͤckes muß man in Kahira verzichten. Kaffee und ein Stuͤck Brot kann jeder in den fruͤ⸗ hen Morgenſtunden finden. Zu Mittage kommt eine uͤppige Mahlzeit von auslaͤndiſcher Kochkunſt, mit europaͤiſchen Weinen und morgenlaͤndiſchen Fruͤch⸗ ten, um ſieben Uhr Abends wieder eine Mahlleit, doch nicht ſo reichlich als am Mittage, und um zehn Uhr geht die Familie gewoͤhnlich zu Bette. Dieſe Art zu leben, paßt nicht gut zu dem Klima. Man ſollte waͤhrend der ſchwuͤlen Stunden des Ta⸗ ges nur eine leichte Erfriſchung nehmen, und die Hauptmahlzeit bis zu den kuͤhlen Tagſtunden aufſpa⸗ ren. In Kahira iſt der Markt nicht gut verſehen. Treffliches Hammelfleiſch findet man immer, ande⸗ res Fleiſch aber iſt nicht leicht zu haben. Man fin⸗ det nur auslaͤndiſche Weine, die aber ſehr theuer und nicht gut ſind. Die Pomeranzen und Bana⸗ nen, die von Roſetta kommen, friſche Feigen, Mandeln, Nuͤſſe und Granataͤpfel geben einen koͤſt⸗ lichen Nachtiſch. Ein Leckerbiſſen in Kahira, wie uͤberall im Morgenlande, iſt der Kaimack, oder Zuckerrahm, den man eben ſo als in Devonſhire und Cornwall bereitet. Man hat ihn an jedem Mor⸗ gen friſch in den Straßrn feil, und verkauft ihn auf kleinen Tellern. Er iſt ein willkommener Erſatz +—. — 31— fuͤr die Butter, welche man in jenen Gegenden vergebens ſucht. Man findet in Kahira Frauen aus verſchiedenen Laͤndern Europa's, die an abendlaͤndiſche Kaufleute verheirathet ſind. Es iſt merkwuͤrdig, daß man in den morgenlaͤndiſchen Staͤdten Europaͤerinnen aus allen geſitteten Voͤlkern antrifft, nur nicht Englaͤn⸗ derinnen. Faſt nie wird man Englaͤnderinnen in Erdgegenden finden, die in Klima und Sitten ih⸗ rer Heimat ſo unaͤhnlich ſind, obgleich die meiſten engliſchen Kaufleute aus eben dieſem Grunde un⸗ verheirathet leben. Wahrſcheinlich bleiben unſere Frauen lieber in ihrem Vaterlande, weil es ihnen an unternehmendem Geiſte fehlt, und ſie zu ſehr an den heimiſchen Bequemlichkeiten hangen; und aus eben dieſem Grunde wuͤrden ſie im Auslande nicht gluͤcklich ſein. Ich kannte zwei Englaͤnderin⸗ nen, die im Morgenlande angeſtedelt waren, aber ſich immer nach der Heimat zuruͤckſehnten. Der 16. Auguſt war zu dem beruͤhmten Durch⸗ ſtechen des Nildammes beſtimmt; ein großes Freu⸗ denfeſt in Aegypten, da die Ueberſchwemmung dann ihre groͤßte Hoͤhe erreicht hat. Viele Menſchen aus verſchiedenen Laͤndern verſammeln ſich nach her⸗ koͤmmlicher Sitte, und bringen die Nacht in der Naͤhe des Dammes zu. Wir wollten nicht dabei fehlen, in der Meinung, es muͤßte etwas Merkwuͤrdi⸗ ges zu ſehen ſein. Gegen 8 Uhr Abends kamen wir bes 5 dem Damme an, der nicht viel uͤber eine Stunde von der Stadt entfernt war. Es wurde Geſchuͤtz abgefeuert; es gab Erleuchtungen nach ihrer Art, und Feuerwerk. Die Geſtade des Nils waren in einer langen Strecke abwaͤrts von Bulak mit Men⸗ ſchen beſetzt. Einige ſaßen rauchend unter breitlau⸗ bigen Maulbeerfeigenbaͤumen, andre ſammelten ſich um Araber, welche mit ungemeiner Froͤhlichkeit und Luſt tanzten, und lautes Freudengeſchrei aus⸗ ſtießen; ein unterhaltender Gegenſatz gegen das lei⸗ denſchaftloſe Benehmen und die ruhigen Zuͤge ihrer tuͤrkiſchen Unterdruͤcker. Nach einiger Zeit gingen wir auf das jenſeitige Ufer uͤber, wo ſich ein weit anziehenderes Schauſpiel darbot. Mehre Reihen von Zuſchauern ſaßen auf den abhaͤngigen Geſtaden des Nils, und hinter ihnen ſah man Leute, die aller⸗ lei Fruͤchte und Eßwaaren verkauften. Weiter links nuter zerſtreuten Baͤumen ſtanden Zelte und mehre fuͤr die Dauer des Feſtes eingerichtete Kaffeehaͤuſer, die mit Lampen erleuchtet waren. Das glaͤnzendſte Mondlicht beleuchtete den Schauplatz, den Fluß und die Ufer mit ihren Gruppen von Palmbaͤu⸗ men, und uͤberall bewegten ſich albaniſche Kriegs⸗ leute in ihren heimatlichen Trachten, Nubier und Ober⸗Aegypter, Mamluken, Araber und Tuͤrken. In mehren Huͤttchen, deren jedes ſein Licht oder kleines Feuer hatte, fand man Fleiſchſpeiſen oder Fiſche gleich zubereitet. Wir traten in eines der ſer, dſte lluß aͤu⸗ egs⸗ und ken. oder oder der A4 —— — * — — erleuchteten großen und vorne offenen Kaffeezelte, wo wir den erfriſchenden Trank ſchluͤrften, und zu⸗ gleich das muntere Schauſpiel am Stromufer ge⸗ nießen konnten. Sehr ermuͤdet huͤllte ich mich in meinen Mantel, und legte mich auf eine Binſen⸗ matte, die den Boden bedeckte. Ich ſchlief einige „Stunden ſo veſt, daß ich den lauten und heftigen Streit einiger Araber und Arnauten in demſelben Zelte nicht hoͤrte, aber ich haͤtte in keiner Lage Ur⸗ ſache zu Beſorgniſſen haben koͤnnen, ſo lange ich meinen treuen Michael bei mir hatte, der die Sittten dieſer Leute kannte, und ſo ungemein viel Beſonnenheit beſaß. Die Nacht ging ſchnell voruͤber, und als wir das Zelt verließen, miſchten wir uns wieder unter die Menſchen, die im Schatten der Baͤu⸗ me oder am uUfer ſaßen, hier zechten und tanzten, dort in Schlaf begraben lagen. Auf der andern Seite des ſchoͤnen Fluſſes, der wie ein Spiegel in der glaͤnzenden Beleuchtung ſtrahlte, ſah man immer ein munteres Leben. Lichter bewegten ſich unter den Baͤumen; Boͤte mit neuen Ankoͤmmlingen fuhren uͤber den Strom, man hoͤrte lruhſiche Laute und Gewehrfeuer. Endlich brach der Tag an, und ein Kanvnen⸗ ſchuß verkuͤndigte, daß die erſehnte Feierlichkeit be⸗ ginnen ſollte. Wir gingen zu dem Damme, wo⸗ hin alles ſtroͤmte. Die hohen und abhaͤngigen Ufer des Kanals, in welchen der Nil gelaſſen werden 6* — 84— follte, waren mit Zuſchauern bedeckt. Ein zum IZLlam uͤbergegangner Schottlaͤnder, Nahmens Os⸗ min, ein ſehr achtbarer Mann, und ein vertrau⸗ 3 ter Diener des Conſuls Salt, verſchaffte uns 5 einen ſehr bequemen Platz. Der Kiaja Bei, der 1 erſte Miniſter des Paſcha's, erſchien bald mit ſei⸗ ner Leibwache, und nahm ſeinen Platz auf der Hoͤ⸗ he des jenſeitigen Ufers. Mehre Araber ſingen an, den Damm abzugraben, der den Nil hemmte, deſ⸗ 3 ſen Spiegel mehre mit Menſchen angefuͤllte Luſt⸗ b 5 kaͤhne bedeckten, die den Augenblick erwarteten, wo. ſee auf dem Kanale durch die Stadt fahren konn⸗ ten. Schon war der Damm zum Cheil zerſtoͤrt, V 1 als die zunehmende Feuchtigkeit und das Schwan⸗ 6 ken der Erde die Arbeiter vertrieben. Mehre 2 Araber ſuͤrzten ſich in den Strom, und ſtreng⸗ ’ ten alle Kraͤfte an, den uͤbrigen Theil des Dammes zu zerſtoͤren. Endlich waren einige Oeff⸗ nungen gemacht; der Strom brach mit unwiderſteh⸗ licher Gewalt hervor, und brauſte einige Zeit wie ein Waſſerfall. Der Kiaja warf nach hergebrachter Sitte ziemlich viel Geld in das Bett des Kanals hinab, wo viele Menſchen, alt und jung, ſich 9 darum ſtritten. Mehre hatten eine Art von Netz, das an eine Stange beveſtigt war, um das aus⸗ I geworfene Geld aufzufangen. Es war luſtig anzuſe⸗ 4 t 4 hen, wie ſie, als das Waſſer ſchnell auf ſie her⸗ einbrach, mit den Wellen kaͤmpften, um die Gella — 35— 1 ſtuͤcke zu erhaſchen; aber das Ungeſtuͤm des Stro⸗ ⸗ mes riß ſie bald fort, und waͤhrend ſie ſich durch ⸗ 1 Schwimmen zu retten ſuchten, ſtrebten ſie noch im⸗ 8„* mer gegen die Wogen an, und ſuchten das hinab⸗ er regnende Geld aufzufangen, oder tauchten unter, 1. wenn es verſchwunden war. Gewoͤhnlich kamen ei⸗ ⸗ nige Menſchen dabei um das Leben, und auch an n/ dieſem Morgen ertrank ein junger Mann. Ehe das 5 Waſſer des Nils voͤllig hinabgelaufen war, fuh⸗ ſt⸗ ren mehre Fahrzeuge, deren Verdecke mit Neugieri⸗ T gen angefuͤllt waren, in den Kanal, und kamen n⸗ mit lautem Freudengeſchrei in die Stadt. Die Ue⸗ tt, berſchwemmung iſt der herrlichſte Segen, den der n-⸗ Himmel den Aegyptern gewaͤhren kann, und waͤh⸗ 1 re 4 rend der Strom allmaͤhlig die Stadt und die Uum⸗ 2 gegend uͤberſchwemmt, draͤngen ſich die Bewohner es hinzu, das Waſſer zu trinken, ſich zu waſchen, und ff⸗ ſich uͤber die wachſende Flut zu freuen. Der große h⸗ Freiplatz, Birket genannt, der bei unſerer An⸗ die kunft als eine oͤde Flaͤche ſich zeigte, bot nun ein ter neues anziehendes Schauſpiel dar, und br mit ei⸗ ls nem Waſſerſpiegel bedeckt, aus welchem die ſchoͤnen ch Maulbeerfeigenbaͤume hervorragten. Auf der einen 6/ Seite dieſes Platzes liegt ein Palaſt des Paſcha's, 4 gegenuͤber der von den Kopten bewohnte Stadt⸗ e theil, und auf der andern Seite ſieht man den r⸗ armſeligen Palaſt des Oberhauptes der Mamluken, V nebſt einigen Haͤuſern, Beveſtigungen und Truͤm⸗ — — 6 mern. Wenn man um die Staͤdt geht, und ſo viele flache und nackte Stellen ohne allen Pflanzenwuchs ſieht, die von Truͤmmerhaufen umgeben ſind, ſo begreift man nicht, wie das Waſſer ſie je erreichen koͤnnte; aber es iſt anziehend, nach dem Durch⸗ ſtechen des Dammes zu ſehen, wie ſich unmerklich eine Stelle nach der andern aus einer oͤden unnüͤtzen Wuͤſte in einen froͤhlichen Waſſerſpiegel verwandelt, der Geſundheit und Ueberfluß mitbringt. Man hoͤrt nun uͤberall freudige und feſtliche Toͤne, Muſik und Geſang, in der Stadt, und der Ruf: Allah! Al⸗ lah! dankt dem Himmel fuͤr den unſchaͤtzbaren Segen. *— — IV. Kahira. Die Pyramiden. Nicht weit von der Stadt, auf dem Wege nach der Wuͤſte, liegt der Begraͤbnißplatz der Mamluken, der praͤchtigſte in Aegypten. Hier ruhen ſeit vielen Menſchenaltern die aͤgyptiſchen Machthaber mit ih⸗ ren Anhaͤngern. Man ſieht Grabmaͤhler von vet⸗ ſchiedenen und ſeltſamen Geſtalten. Ueber ſen Graͤbern woͤlben ſich Kuppeln, die von ſchlanken, und zum Theil ſchoͤn gearbeiteten Marmorſaͤulen ge⸗ tragen werden. Die Graͤber der Kalifen liegen drei Viertelſtunden weiter in einer andern Gegend, mitten in der Sandwuͤſte; ſchoͤne Denkmahle des zierlichen und ſeltſamen Stils der arabiſchen Bau⸗ kunſt, die ſich ſehr gut erhalten haben. Es ſind hohe viereckige Gebaͤude von feinem Kalkſteine, mit Kuppeln und Minareten, und einige dieſer letzten ſind von trefflicher Arbeit. Eines Tages traf ich einen hochzeitlichen Aufzug in den Straßen, der eine junge aͤgyptiſche Braut ———— — — ͦ— —— —-—— — — —— . zu ihrem Gatten fuͤhrte. Sie ging unter einem diereckigen ſeidenen Himmel. Voran zogen mehre Freundinnen und Sklavinnen, und drei Maͤnner folgten mit Handtrommeln und Pfeifen. Zwei weibliche Verwandten, die zur Seite der Braut gingen, trugen den Himmel. Sie war vom Kopfe bis zu den Fuͤßen ſo dicht und anmuthlos verhuͤllt, daß nicht der mindeſte Reiz ihrer Geſtalt zu ſehen war, und ihre Zuͤge verbarg ein dichter weißer Schleier mit zwei Loͤchern, durch welche ihre ſchwar⸗ zen Augen ſahen. Oft werden unter dieſer un⸗ gefaͤlligen Huͤlle die koſtbarſten Kleider getragen; aber alles iſt heilig, Geſtalt und Anzug, bis die Braut in das Harem kommt, wo die Huͤlle auf einmahl abgelegt wird, und die ungeduldigen Blicke des Gatten mit peinlichen oder angenehmen Em⸗ pfindungen auf ſeine theure Unbekannte ſich heften. Der Zug bewegte ſich ſehr langſam bei den Toͤnen der Handtrommel und dem lebhaften Freudengeſchrei der Weiber. Kahira iſt von einer ſehr alten Mauer umge⸗ ben, die gegen fuͤnf Stunden im Umfange hat. Der Berg Mokatam uͤberſieht die nahe Stadt und die ganze Umgegend. Er iſt von gelblicher Farbe und ganz oͤde. Am Abhange deſſelben liegt die Veſte, die einen großen Umfang hat, aber in vielen Thei⸗ len ſehr verfallen iſt. Sie iſt jetzt hauptſaͤchlich nur wegen der Metzelei der Mamluken⸗Haͤuptlinge —— —õ——õ—ég— ——— — 89— merkwuͤrdig. Die Mamluken⸗Macht in Kahira be⸗ ſteht aus fuͤnf bis zehntauſend erleſenen Kriegern, die unter den Befehlen ihrer Haͤupter ſtehen. Fuͤr einen Fremden war es ein neues und glaͤnzendes Schauſpiel, die kriegeriſchen Uebungen, die koſt⸗ baren Anzuͤge und die ausgezeichnete Reitkunſt der Mamluken zu ſehen, die taͤglich auf dem großen Platze der Stadt ihren Aufzug hielten. Die Mam⸗ luken⸗Haͤuptlinge und Mahmud waren immer eifer⸗ ſuͤchtig auf einander. Der Paſcha wuͤnſchte ihre Macht zu beſchraͤnken oder zu vernichten, und ſte fuͤrchteten ſeinen ſtrafbaren Ehrgeiz. Dieſe Lage der Dinge hatte eine ziemlich lange Zeit gedauert, und ſich bald in offenen Feindſeligkeiten, bald in fal⸗ ſcher Freundſchaft gezeigt, als der Paſcha ſeine Bereitwilligkeit zu einer gaͤnzlichen und herzlichen Verſoͤhnung betheuerte; und nach Verabredung des Freundſchaftbundes lud er die Haͤuptlinge zu ei⸗ nem glaͤnzenden Gaſtmahle, das er ihnen in der Veſte geben wollte. Man muß uͤber die Verblend⸗ ung dieſer Ungluͤcklichen erſtaunen, die den Be⸗ theuerungen eines Mannes trauten, deſſen treuloſe Geſinnungen ſie ſo gut kannten. Es war ein ſchoͤ⸗ ner Tag, als die dreihundert Haͤuptlinge auf ihren praͤchtigen Pferden und in ihren koſtbarſten Anzuͤgen auf dem langen Pfade zogen, der ſich zur Veſte windet. Der Pfad war ſo ſchmal, daß nur fuͤr ei⸗ nen Reiter Platz war, und zerriſſene ſchroffe Fel⸗ 1 ſen ſtiegen auf beiden Seiten empor. Das maͤch⸗ tige Thor am Eingange des Engpaſſes ſchloß ſich hinter dem letzten Mamluken, und die lange Reihe der Haͤuptlinge zog in ihrem Stolze und Glanze, wiewohl getrennt, durch die Windungen des Pfa⸗ des zu dem Thore der Burg, das veſt verſchloſſen war. Ploͤtzlich kam hinter den Felſen von oben her⸗ ab ein ſo heftiges und moͤrderiſches Gewehrfeuer, daß die ungluͤcklichen Haͤuptlinge von Verzweiflung ergriffen wurden. Sie zogen ihre Saͤbel; die ver⸗ wundeten Pferde baͤumten ſich wild, und einer der Haͤuptlinge nach dem andern ſtuͤrzte mit einem wuͤ⸗ thenden Schmerzgeſchrei, bis in kurzer Zeit alles ſtill war. Mahmud hatte aus ſeinem Zimmer in der Veſte den Laͤrm und das Geſchrei angehoͤrt, und ſein Ohr nie willkommenere Toͤne vernommen. Dieſe Metzelei brach voͤllig die Macht der Mamlu⸗ ken. Nach dem Untergange ihrer Haͤupter flohen die Kriegsvoͤlker aus Kahira. Eine andere Verraͤ⸗ therei dieſer Art wurde ſpaͤter von Ibrahim, des Paſcha's aͤlteſtem Sohne, ausgefuͤhrt, als er jene Fluͤchtlinge durch die freundſchaftlichſten Ver⸗ ſprechungen bewogen hatte, ihre Zuflucht in den Gebirgen Ober⸗Aegyptens zu verlaſſen und zu ihm in die Ebene herabzukommen. Einer jener Mam⸗ luken; ein ungemein huͤbſcher junger Mann, der ſpaͤter Befehlhaber zu Ramla in Palaͤſtina wurde, erzaͤhlte uns, als er unſern Beſuch annahm, die * Geſchichte jener verraͤtheriſchen Metzelei. Auf allen Seiten von Ibrahim's zahlreichen Kriegsvoͤlkern ein⸗ geſchloſſen, gelang es ihm und einigen Wenigen, als die meiſten ſeiner Gefaͤhrten gefallen waren, ſich durchzuſchlagen und gluͤcklich zu entkommen. Die grauſame Ermordung der Mamlukenhaͤupter in Ka⸗ hira, war fuͤr Mahmud freilich das einzige Mittel, ſeine Macht zu beveſtigen, welche durch die Ver⸗ ſchwoͤrungen und die Eiferſucht ſeiner Widerſacher ſtets geſtoͤrt wurde. In einer Straße der Stadt findet man taͤglich eine große Anzahl von Eſeln, die vermiethet wer⸗ den. Sobald man ſich ſehen laͤßt, wird man von allen Seiten belagert und aufgehalten, und jeder Treiber ſucht ſein Thier zu empfehlen. Es ſind huͤbſche Thierchen und von ganz anderer Zucht als die europaͤiſchen, alle mit netten Saͤtteln und Zaͤumen verſehen. Einige ſind ganz weiß oder ganz ſchwarz. Sie laufen ſehr ſchnell, und Leute von allen Staͤnden bedienen ſich ihrer. Man bezahlt ei⸗ nen beſtimmten Miethpreis fuͤr die Stunde. Der arabiſche Treiber laͤuft mit einem langen Stocke hinten oder zur Seite. Es iſt ſehr unterhaltend, auf dieſe Weiſe ſchnell durch die gewuͤhlvollen Stra⸗ ßen Kahira's zu reiten, wo man durch die Geſchick⸗ lichkeit des Arabers bald einem großen Kamehle, bald einem Kriegsmanne auf einem ſchoͤnen Pferde ausweicht, bald an Fußgaͤnger oder andere Eſelrei⸗ ter anſtoͤßt, waͤhrend der Treiber mit ungemeiner Gewandtheit alle Hemmungen abzuwenden weiß, und immer mit lauter Stimme ruft, den Weg frei zu laſſen. In der Veſtung iſt ein beruͤhmter Brunnen, der Joſef's Nahmen fuͤhrt. Er iſt gegen dreihundert Fuß tief, und hat dreißig bis vierzig Fuß im Umfange. Man geht auf einem langen Schnecken⸗ wege hinab, und bei jeder Wendung des We⸗ ges begegnet man Menſchen und Laſtthieren, die Waſſer hinauftragen. Das Waſſer wird mittels großer Raͤder geſchoͤpft, die von Buͤffeln in Beweg⸗ ung geſetzt werden. Das Werk muß eine erſtaunli⸗ che Arbeit gekoſtet haben, da der Gang und der Brunnen ſelbſt aus dem Felſen gehauen ſind. Auch zeigt man Joſef's Halle in der Veſte, aber die Saͤulen, auf welchen ſie ruht, ſind offenbar arabi⸗ ſche Arbeit. Die Kornkammer des Patriarchen, wo er das Getreide der Aegypter aufbewahrte, konnten wir nicht ſehen, da der Paſcha ſie zu einem Vor⸗ rathhauſe benutzt hat./ Der Conſul gab mir Briefe an Herrn Cavig⸗ lia, einen Franzoſen, der ſich eine Zeitlang in der Naͤhe der Pyramiden aufgehalten hatte, und mit großem Eifer auf Entdeckungen ausgegangen war. Er kam eines Tages aus ſeiner Wohnung in der Wuͤſte nach Kahira, und lud mich dringend ein, ihn auf dem Ruͤckweege zu begleiten. An einem ſehr heißem Tage brachen wir nach zwei Uhr auf. Wir gingen uͤber den Nil zu dem Dorfe Dſchiſeh. Der gerade Weg zu den Pyramiden iſt nur gegen fuͤnf Stunden, wir mußten aber, der Ueberſchwemm⸗ ung wegen, einen ſo großen Umweg nehmen, daß wir doppelt ſo viel Zeit brauchten. Der Weg war uͤbrigens ſehr angenehm, und Waͤlder von Palmen und Dattelbaͤumen unterbrachen die oͤden Sandflaͤ⸗ chen, wo man keine menſchliche Spur fand. Von Hitze und Duſſt erſchoͤpft, kamen wir zu einigen Huͤtten in einem Palmenwalde, und verweilten, um aus einer Quelle koͤſtlichen Waſſers zu trinken. Man kann es ſich in unſern noͤrdlichen Gegenden gar nicht denken, welche herrliche Erquickung ein Trunk in Aegypten iſt. Nach Speiſe ſehnt man ſich ſelten; aber wenn man nach einer Wanderung uͤber gluͤhende Sandflaͤchen in die uͤppigen Waͤlder am Ufer des Nils kommt, friſche Citronen pfluͤckt und ihren Saft mit aͤgyptiſchem Zucker und dem milden Nilwaſſer vermiſcht, und mehre Naͤpfe voll Limonade trinkt, ſo fuͤhlt man, daß jeder andere Sinnengenuß nichts dagegen iſt, und begreift die Schoͤnheit und Kraft jener Gleichniſſe in der Schrift, welche die ſuͤßeſten Regungen des Herzens mit dem Loͤſchen des Durſtes in einem heißen Lande verglei⸗ chen. Der Nil hatte in ſeiner Ueberſchwemmung viele Doͤrfer mit ihren Baumgruppen eingeſchloſſen, und ſammelte ſich langſam um Huͤtte, Wald und die ein⸗ ſame Palme. Sein Strom bot einen ſeltſamen Anblick dar. Viele gruͤne Inſeln von allen moͤgli⸗ chen Geſtalten bedeckten ſeinen Spiegel. Hier ſchie⸗ nen die Wellen ein Doͤrfchen zu tragen, uͤber wel⸗ ches das Laub und die Fruͤchte verſchiedener Baͤume herabhingen, da die Staͤmme unten verborgen wa⸗ ren; dort kaͤmpften ſie mit der Wuͤſte, deren Sand⸗ huͤgel, Felſen und Tempeltruͤmmer wie eben ſo viele traurige Baken in der Waſſerwuͤſte ausſahen. Wir gingen uͤber viele lange Dammwege, die man im Flachlande erbaut hat, um bei Ueberſchwemm⸗ ungen die Verbindung zu erhalten, und die Sonne ging eben unter, als wir in die große, mit wei⸗ chem Sande bedeckte Flaͤche kamen, in deren Mitte die Pyramiden ſich erheben. Das rothe Licht der ſinkenden Sonne, das eine Zeitlang ihre unge⸗ heuren Seiten beleuchtete, machte eine ſchoͤne Wirkung. Es daͤuchte uns lange, als ob wir gar nicht weit mehr entfernt waͤren; aber die taͤuſchen⸗ de Anſicht ihrer Hoͤhe auf der Ebene der Wuͤſte fuͤhrte uns lange irre, und es war dunkel, ehe wir ankamen. Als wir uns naͤherten, bewillkom⸗ mete uns die laute Stimme der Araber, die aus den Gemaͤchern in dem Felſen kamen, auf welchem die Pyramiden ſtehen, und alle umringten uns. Wir ſtiegen auf einem ſchmalen Pfad hinab, der ſich zu einer langen und niedrigen Felſenkammer —᷑—;————V—V—ꝛ—x:—— windet, die vor Zeiten ein Grab war. Hier ſetzte ich mich mit Caviglia und ſeinem Gehilfen, einem Teutſchen, auf den Boden nieder. Gekoch⸗ tes Gefluͤgel und Nilwaſſer waren unſer Abendeſ⸗ ſen. Wir waren ſehr muͤde, und meine Geſellſchaf⸗ ter ließen mich bald allein. Ein Araber ſetzte ein kleines Licht in die Mauer dieſer alterthuͤmlichen Wohnung, und als ich mich auf mein hartes Bin⸗ ſenlager geworfen hatte, ſuchte ich den Schlaf her⸗ beizurufen; aber die Neuheit meiner Lage, und der Gedanke, daß ich endlich in einer Gegend war, um welche meine Fantaſie ſo lange mit innigem Ver⸗ langen geſchwebt hatte, verſcheuchten den Schlaf lange von meinen Augen. Am naͤchſten Morgen tranken wir unſern Kaffee an einem der natuͤrlichen Fenſter der Hoͤhle, wel⸗ ches die Ausſicht auf die Ebene hatte. Mein Die⸗ ner, der am vorigen Tage mit dem Zelte uns ge⸗ folgt war, hatte ſich verirrt, und traf erſt um Mitternacht ein. Als er weder Wohnungen noch Bewohner entdecken konnte, ging er um die Pyra⸗ miden, rief mit lauter Stimme und feuerte ſeine Piſtolen ab, bis er ſich endlich in eine tiefe Sand⸗ grube legte, wo er bis zu Sonnenaufgange Schutz fand. Wir beſuchten waͤhrend dieſes Tages mehre Aufgrabungen, die Caviglia unternommen hatte. Unter andern ſahen wir eine kleine ſchone Pforte von feinem weißen Steine, die mit Hieroglyphen — bedeckt war. Die Farben waren ſo friſch, als ob das Werk erſt neulich waͤre gemacht worden. Als wir gegen ſechzig Fuß hinabgeſtiegen waren, kamen wir in drei unterirdiſche Gemaͤcher, deren eines zwei große aus dem Felſen gehauene Saͤrge enthielt, die neben einander ſtanden. Man fand nichts als einige kleine Goͤtzenbilder darin. Auch ſahen wir ein von Herrn Salt entdecktes viereckiges Grabgemach, deſ⸗ ſen Waͤnde mit Figuren bemahlt waren. Caviglia iſt jetzt mit einem Unternehmen beſchaͤftigt, das man fuͤr unausfuͤhrbar halten moͤchte. Er glaubt, es gebe eine unterirdiſche Verbindung zwiſchen den Ppyramiden bei Dſchiſeh, den aͤhnlichen Denkmah⸗ len bei Sakkara, und den Ueberreſten von Mem⸗ phis. Die Pyramiden bei Sakkara ſind ungefaͤhr ſieben Stunden von DOſchiſeh entfernt, Memphis aber liegt etwas naͤher. Er rechnet ziemlich ſicher auf das Gelingen, und iſt mit ſeinen Nachgrab⸗ ungen im Sande ſchon einige hundert Ellen vorge⸗ ruͤckt; aber freilich hat er noch eine Arbeit von meh⸗ ren Jahren vor ſich, ehe er ſein Ziel erreichen kann. Wahrſcheinlich wird er bei ſeinem Unterneh⸗ men wenigſtens einige merkwuͤrdige Entdeckungen machen. Es gehoͤrt in der That kein geringer Grad von Begeiſternng dazu, den Entſchluß zu faſſen, in einer ſo oͤden Gegend zu wohnen, und entfernt von allen Annehmlichkeiten des geſitteten Lebens, ☛&— ͤ Sͤ—— —₰½ 22 ͤ— —2— SG 8 8ARK N — mit vierzig bis funfzig Arabern vom anbrechenden Morgen bis zu Sonnenuntergange unter Felſen und in ſengender Hitze, wie ein Sklave zu arbeiten. Ungefaͤhr ſechshundert Fuß von der großen Py⸗ ramide liegt die Sphinyx mit weiblichem Geſichte und Weiberbruſt und einem Thierleibe. Zwiſchen den Vorderfuͤßen hielt ſie fruͤher einen Altar. Das Geſicht iſt ſehr verſtuͤmmelt, der Ausdruck der Zuͤ⸗ ge aber offenbar nubiſch. Dieſe ungeheure Geſtalt iſt aus dem Felſen gehauen, und 25 bis 30 Fuß hoch. Der Raum zwiſchen dem Ohre und dem Kinne mißt gegen 16 Fuß. Die Maße der uͤbrigen Theile laſſen ſich nicht beſtimmen, da die Figur faſt ganz mit Sande bedeckt iſt. Caviglia hat ſich durch ſeine unermuͤdeten Anſtrengungen das Ver⸗ dienſt erworben, die Bruſt und den Leib der Sphinx vom Sande zu befreien. Dieſe Arbeit be⸗ ſchaͤftigte ihn und ſeine Araber ſechs Wochen, und war mit großen Beſchwerden verbunden, da der Wind, der gerade in dieſer Richtung wehte, den Sand beinahe eben ſo ſchnell als ſie ihn wegge⸗ ſchafft hatten, wieder zuruͤcktrieb. Caviglia iſt jetzt bemüht, die ganze Geſtalt aufzudecken. Der Abend war angebrochen, und da wir un⸗ ſer Tagwerk geendigt hatten, ſetzten wir uns am Ein gange des viereckigen Grabgemaches zu unſerm einfachen Abendbrote. Tiefe Stille herrſchte in der Einſamkeit rings umher. Die Araber waren 7 — ————— ———— in ihre Heimat, in die entfernten Dorfer, znruͤck⸗ gekehrt, und der Santon“), der ein hohes Grab⸗ gewoͤlbe in der Naͤhe bewohnte, war außer uns der einzige Anſiedler in der Wuͤſte, und er betete im⸗ mer leiſe. In ſolchen Lagen iſt eine Stunde des Lebens ſo viel werth, als Jahre in der Heimat verlebt, und laͤßt Erinnerungen zuruͤck, die weder Abwechſelung noch Entfernung ſchwaͤchen oder aus⸗ loͤſchen kann. Am naͤchſten Morgen erſtieg ich die große Py⸗ ramide. Die aͤußere Seite beſteht aus rauhen Stei⸗ nen von hellgelber Farbe, welche ungleiche Stufen ringsum von der Grundflaͤche bis zum Gipfel bil⸗ den. Dieſe Stufen ſind zwei, drei bis vier Fuß hoch, und das Erſteigen ſſt ziemlich muͤhſam, aber gar nicht gefahrvoll und ohne empfindliche Beſchwerde. Welche unermeßliche und außerordentliche Ausſicht oͤffnet ſich auf dem Gipfel! Auf der einen Seite eine furchtbare und traurige Einoͤde, bald faach, bald von wilden ſeltſam geſtalteten Sandhuͤgeln und „ Felſenhoͤhen durchſchnitten; auf der andern ein fruchtbares ſchoͤnes Gelaͤnde an beiden Ufern des Nils, deſſen Lauf das Auge bis nach Ober⸗Aegyp⸗ ten verfolgen konnte. Abwaͤrts aus dem uͤberflute⸗ ten Gebiete ſtiegen zahlloſe Doͤrſchen und Haine *) Mohammedaniſcher Andächtiger. —„—,˖. — —————. — 8—„2 — hervor, die wie liebliche Inſeln aus dem Waſſer blickten. In weiter Ferne ſah man die Rauchſaͤu⸗ len Kahira's, und ſeine hohen Minarete mit dem oͤden Berge Mokattam, der ſich uͤber die Stadt er⸗ hebt. Wer koͤnnte auf einem ſolchen Schauplatze ſeinen Blick verweilen laſſen, und, wie weit er auch die Welt durchſtreift haben moͤge, noch hoffen, etwas Aehnliches zu ſehen! Die große Pyramide iſt fuͤnfhundert Fuß hoch, ihre Grundflaͤche auf jeder Seite ſſebenhundert acht und ſiebzig Fuß lang, was einen Umfang von mehr als dreitauſend Fuß gibt. Der Gipfel hat acht und und zwanzig Fuß im Gevierte. Voͤllig gegruͤndet iſt die Bemerkung eines beruͤhmten Reiſenden, daß man beim erſten Anblicke der Pyramiden ſich ſehr getaͤuſcht ſieht, da ſie mitten in einer flachen, end⸗ loſen Wuͤſte ſich erheben, und keine Hoͤhe in der Umgegend iſt, mit welcher man ſie vergleichen koͤnnte. Es iſt nicht leicht, ihre wahre Groͤße zu bemerken, und erſt nach wiederhohlten Beſuchen und Beob⸗ achtungen erfuͤllt ihre ungeheure Hoͤhe die Seele mit Erſtaunen. In der dritten Nacht gingen wir mit Lichtern in die große Pyramide. Wir ſtiegen einen allmaͤhlich ſich ſenkenden, gegen hundert Fuß langen Pfad hinab, und folgten dann einem lan⸗ gen Gange von Marmor, der in einer Strecke von hundert und funfzig Fuß ſehr ſteil anſteigt, und in die große Kammer fuͤhrt. In der Decke dieſes ho⸗ . 7* — 100— hen Gemaches ſſeht man achtzehn Fuß lange Gra⸗ nitbloͤcke. Es iſt ſchwer zu begreifen, auf welche Weiſe man dieſe Maſſen in dieſe Lage gebracht, und noch weniger, zu welchem Zwecke man dieſe unge⸗ heuern Bauwerke errichtet habe, da das Innere groͤßtentheils mit Steinmaſſen ausgefuͤllt iſt. Die wenigen bis jetzt entdeckten Gemaͤcher, ſtehen in einem Verhaͤltniſſe zu dem ungeheuern Umfange des Innern. Der Bau iſt ſo außerordentlich ſtark, und ſcheint im Laufe von mehr als dreitaufend Jahren ſo wenig gelitten zu haben, daß man bei dem Anblicke dieſer Werke ſich des Glaubens nicht erwehren kann, ſie muͤſſen bis zu Ende der Welt dauern. Der beruͤhmte Sarkophag, der nach Caviglia's ſonderbarer Vermuthung Joſefs Gebeine enthalten haben ſoll, ſteht in dem großen Gemache, iſt aber durch viele davon abgeſchlagene Stuͤcke ſehr beſchaͤ⸗ digt worden. Die Pyramide des Cephrenes, deren Inneres Belzoni oͤffnete, ſteht unweit der Cheops⸗ Pyramide, iſt aber nicht erſteiglich. Die Pyrami⸗ den ſtehen auf einem Felſenlager, das hundert Fuß äber der Wuͤſte liegt, und eben dieſe hohe Lage traͤgt dazu bei, daß ſie in ſo weiter Entfernung ſichtbar ſind. Waͤhrend meines Aufenthaltes blies eines Tages der Wind ſehr heftig, und der Sand erhob ſich, wiewohl nicht in Wolken, doch in ſol⸗ cher Menge, daß er alles durchdrang, und es ſehr 8 ——ę—„ uꝗꝑ2— ͤ 2— —ö— „„ — —.—. — 101— ſchwer war, ihm zu widerſtehen. Mein Zelt, das in der Ebene unter den Pyramiden aufgeſchlagen war, wurde umgeworfen, und ich mußte meine Wohnung in den Grabgemaͤchern nehmen. Die gro⸗ ſte in den Felſen gehauene Kammer, die Belzoni waͤhrend ſeines ſechsmonatlichen Aufenthaltes be⸗ wohnte, liegt in der Naͤhe der Cephrenes⸗Pyra⸗ mide, iſt ſehr hoch und bequem, aber außerordent⸗ lich warm. Als wir in das Thor traten, die ein⸗ zige Oeffnung, die Licht einlaͤßt, flog uns ein Schwarm von Fledermaͤuſen entgegen. Alle verfal⸗ lene Gemaͤcher und Tempel in Aegypten ſind von dieſen Thieren bewohnt. Belzoni half ſich durch Anzuͤndung großer Feuer, deren Rauch ſie ver⸗ ſcheuchte. Wir beſuchten eines Abends den arabiſchen Santon oder Derwiſch, der unweit der großen Pyramide in einer netten und geraͤumigen Kammer wohnt, die in den Felſen gehauen iſt, und vor Zeiten vielleicht ein Grab war. Wir fanden einen aͤltlichen Mann, von einem freundlichen und an⸗ genehmen Aeußern, mit einem ſchwarzen Barte. Seine einſame Wohnung war in zwei Raͤume ein⸗ getheilt. Er ſaß mit gekreuzten Beinen in dem aͤuſ⸗ ſeren Gemache, und ſchien in Betrachtungen ver⸗ ſunken zu ſein. Bei unſerem Eintritte ſtand er ſogleich auf, und bat uns um Erlaubniß, uns mit Kaffee zu bewirthen. Kaffee, von einem frommen Santon gekocht, in einem Grabe, das die Ueber⸗ reſte von Konigen enthalten mochte, in der Naͤhe der Pyramiden! Ein ſolches Vorrecht werde ich in dieſer Sterblichkeit nie wieder genießen. Schade, daß der Profet nie Kaſtee gekoſtet hat, und die Tuͤrken haben Urſache dieß zu bedauern; denn ſonſt wuͤrde er ihm gewiß eine Stelle unter den Genuͤſ⸗ ſen, die den Glaͤnbigen im Paradieſe erwarten, gegeben haben. Dieſer Trank ſcheint ja fuͤr ſie in Freude und Leid, in der Einſamkeit oder in Ge⸗ ſellſchaft, eine ſtete Labung, ein ſieter Troſt zu ſein. Dem frommen Manne ſchienen zwar nur wenige Sinngenuͤſſe zugaͤnglich zu ſein, aber er war doch nichts weniger als hager, und ſeine dunklen Augen ſehr ausdruckvoll. Fuͤr einen Alter⸗ thuͤmler konnten wir ihn nicht halten, und es war ſchwer zu begreifen, warum er in dieſe Sinſamkeit gewandert war. Er muß ſehr aufrichtig in ſeinem Glauben geweſen ſein, da er in der unbewohnten umgegend keine Gelegenheit finden konnte, die Kuͤnſte und die Heuchelei der Derwiſche zu uͤben. Die Araber aus den entlegenen Doͤrfern beſuchten ihn zuweilen, und brachten ihm Brot und Fruͤchte zu ſeinem Unterhalte. Unweit der Pyramiden ſieht man eine kleine merkwuͤrdige Baumgruype, die heiligen Baͤu⸗ me der Araber genannt. Kein Araber wagt es — 103= je ihnen ein Blatt zu rauben. Es ſind zwet Maulbeerſeigenbaͤume und einige Palmen, die al⸗ lein in einer Sandwuͤſte ſtehen. Die Blaͤtter ſind jedoch nicht welk, ſondern von einer lebhaften gruͤ⸗ nen Farbe, und eine liebliche Erquickung fuͤr das Auge. Den letzten Abend brachte ich in der Naͤhe der Pyramiden ſehr angenehm zu. Ich ſaß mit Cavi⸗ glia am Eingange ſeiner Felſenwohnung, als die Sonne uͤber der, vor uns liegenden unermeßlichen Landſchaft langſam ſich zum Untergange neigte, und ihre rothen Strahlen auf den Pyramiden, auf der Wuͤſte und ihren nackten Felſen und Einoͤden verweilten. Nirgend habe ich einen ſo ſchoͤnen Son⸗ nenuntergang geſehen, als in Aegypten; die feu⸗ rige, faſt blutfarbige Roͤthe, die uͤber den ganzen Himmelsrand ſich ergießt, und dann in die zar⸗ teſten Farbenabſtufungen von Gelb, Gruͤn und Blau verſchmilzt, macht ihn oft zu einem ſonder⸗ baren Neturſchauſpiele. Etwa eine halbe Stunde weiter rechts hatte ein eben angekommener kleiner Beduinenſtamm ſeine Zelte aufgeſchlagen. Die Ka⸗ mehle ſtanden ſeitwaͤrts, die Feuer waren angezuͤn⸗ der, und die Araber gingen in ihren fremdartigen und mahleriſchen Trachten umher. Es war das ein⸗ zige Bild des Lebens in der unermeßlichen Wuͤfte. Wir wollten mit anbrechendem Tage nach Kahira zuruͤckkehren, und als ich von Caviglia und ſeinem Ge⸗ — — — — — 104— faͤhrten Abſchied genommen hatte, legte ich mich zum Letztenmahl auf mein Binſenlager im Grabge⸗ mache nieder. Vergebens rief ich den Schlaf her⸗ bei. Tauſend unruhige Gedanken draͤngten ſich in meiner Seele; Ereigniſſe der Vergangenheit kamen zuruͤck, aber in dunklen und entſtellten Farben, und meine bevorſtehende Reiſe ſchien mit abſchreckenden Beſchwerden und Gefahren verbunden zu ſein. Ohne Zweifel war dieſe Aufregung durch die druͤckende Hitze, durch die Beſchwerden des Tages, durch die Einſamkeit meines wilden Nachtlagers, und die warmen Ausduͤnſtungen der Mauern veranlaßt worden. Ich verließ meine ſinſtere Wohnung und ging ins Freie. Die oͤde Ebene und der weite Waſ⸗ ſerſpiegel der Flut glaͤnzten im hellſten Mondlichte. Welche anziehende Wanderung! Die ungeheuern Geſtalten der Pyramiden ſtiegen in deutlichen Um⸗ riſſen empor, und von der Sand⸗Ebene angeſehen, wo ſie an den blauen mitternaͤchtlichen Himmel ſich zu lehnen ſchienen, war ihr Anblick wahrlich pracht⸗ voll. Man ſieht die Pyramiden von Sakkara in ei⸗ ner Entfernung von ſechs Stunden. Und rings umher war ein ſo tiefes ernſtes Schweigen. Nie wird mein Gedaͤchtniß die Landſchaftbilder Aegyp⸗ tens vergeſſen, auf dieſem aber der Blick meiner Seele verweilen, wenn alle andern verbleichen ſoll⸗ ten. Als ich uͤber den weichen Sand weiter ging, kam ich bald zu dem naͤchſten Arme des ausgetrete⸗ nen Stromes, und bei der ſchwuͤlen Nacht badete ich mich noch einmal im Nil, ein Genuß, der den Schlaf wohl erſetzen konnte. Am naͤchſten Morgen machten wir uns auf den Weg nach Kahira. Als wir die Einoͤde hinter uns hatten, wurde der Ritt ſehr angenehm. Die Palmen waren reich mit Dat⸗ teln beladen. Dieſe Frucht iſt das Manna der Ae⸗ gypter, und wird allgemein genoſſen. Reif hat ſie einen ſuͤßen ſchalen Geſchmack, wenn ſie aber nach herausgenommenem Steine getrocknet und in zuſam⸗ mengedruͤckten Maſſen aufbewahrt wird, iſt ſie un⸗ gemein gut. Es iſt anziehend, die verſchiedenen, bei den Aegyptern uͤblichen Bewaͤſſerungarten zu beobachten. Zuweilen ſetzt ein Buͤffel ein großes Rad in Be⸗ wegung, das in ſeinem ganzen Umfange mit Schoͤpf⸗ kannen beſetzt iſt, die das unten geſchoͤpfte Waſſer beim Umdrehen des Rades in einen kleinen Erd⸗ graben ausgießen, aus welchem es in verſchiedene andere Kanaͤle fließt, um die Felder zu bewaͤſſern. Auch ſieht man wohl einen nackten Aegypter den ganzen Tag in der gluͤhenden Sonnenhitze am Ufer bei einer einfachen hoͤlzernen Vorrichtung ſtehen, an welcher einige Eimer haugen, die er unablaͤſſig in den Strom taucht, und dann in die kleinen Kanaͤle gießt, die den Boden durchſchneiden. Die Ueberſchwemmung breitet ſich nicht uͤber das ganze Flachland aus, und es iſt daher noͤthig, durch — õ — 4 — 106— dieſe Mittel das Waſſer nach allen Richtungen zu vertheilen. Iſt die Flut abgelaufen, und von der Erde aufgeſogen worden, ſo bleibt eine fruchtbare ſchwarze Dammerde zuruͤck, die wenig Bearbeitung verlangt. Pfluͤge kennt man hier nicht. Man zieht mit einem Stocke eine kleine Furche in die Erde, wirft das Saatkorn hinein, und wie durch Zauber⸗ kraft ſchießen bald die uͤppigſten Saaten hervor. Es wird zweimahl geerntet, im Maͤrz und im Oktober. Auf dem Wege nach Kahira begegneten wir ei⸗ nem grabiſchen Leichenzuge. Ungefaͤhr zwanzig Per⸗ ſonen, Freunde der Verſtorbenen, zogen unter ei⸗ ner Reihe von Palmbaͤumen heran, und ſangen mit traurigem Tone, waͤhrend ſie die Leiche trugen. Sie gingen, ihrer zwei oder drei neben einander, an ihrer Spitze ein Prieſter, und als ſie uͤber einen Arm des Stromes gegangen waren, kamen ſie dicht an uns vorbei. Die Leiche war ſauber in ein wei⸗ ßes Gewand gehuͤllt; und wurde auf einer offenen Bahre getragen, uͤber welcher ein kleiner Schirm von rother Seide war. Der Marktplatz zu Kahira, wo die Tſcherkaſ⸗ ſierinnen verkauft werden, muß fuͤr einen Fremden anziehend ſein, obgleich ſein Gefuͤhl bei dem An⸗ blicke empoͤrt werden mag. Dieſe ungluͤcklichen Weiber, wie wir ſie nennen, wiewohl es zu bezwei⸗ feln iſt, ob ſie ſich ſelbſt fuͤr ungluͤcklich halten, werden urſpruͤnglich durch armeniſche oder andere N 1 e — 107— Kaufleute, die Georgien und Cſcherkaſſien berei⸗ ſen, von ihren Aeltern, meiſt Bauern, erkauft. Ihre Herren laſſen ſie erziehen, das heißt in Mu⸗ ſik und Singen unterrichten, und verkaufen ſie dann einzeln an reiche Tuͤrken, oder bringen ſie auf den Markt zu Kahira, wo jedoch das Ge⸗ ſchaͤft mit ziemlich viel Anſtand abgemacht wird. Die Sklavinn, huͤbſch und kleidſam angezogen, und mit einem Schleier bedeckt, ſteht an der Seite des Kaufmanns, deſſen Eigenthum ſie iſt, und je⸗ der Kaufluſtige kann ſie anſehen. Der Schleier wird aufgehoben, und ihre Schoͤnheit den Blicken ent⸗ huͤllt. So iſt es doch beſſer als bei einer Tuͤrkinn, die am Hochzeitabende, vielleicht zum Erſtenmahl, ihre Reize vor ihrem Braͤutigam enthuͤllt, und ſich in ſeine Arme wirft, waͤhrend er wohl gar mit Entſetzen vor ſeinem Beſitzthume zuruͤckfaͤhrt, wenn er die blendende Lieblichkeit, die er erwartete, in ein haͤßliches, gelbes, welkes Geſicht verwandelt ſieht. Aber die georgiſche Schoͤnheit iſt uͤppig und froͤhlich. Und welche ſchwarze Augen! Solche Augen gibt's nicht in der ganzen Welt. Der Fremde wirft dann einen Blick auf Geſicht, Hand und Fuß; denn ei⸗ ne kleine und zarte Hand wird bei den Morgenlaͤn⸗ dern ſehr geſchaͤtzt, und ſelbſt Maͤnner ſind ſtolz darauf. Er fragt nach den Kunſtfertigkeiten der Schoͤnen, und wenn ſie ſingt, oder ein Inſtrument ſpielt, ſteht ſie weit hoͤher im Preiſe. Man zahlt — 103— zuweilen tauſend bis funfzehnhundert Pfund fuͤr eine ſchoͤne hochbegabte Sklavinn. Eines Tages beſuchte ich in Geſellſchaft eines andern Reiſenden einen reichen Juden, einen der erſten Kaufleute in Kahira. Er empfing uns in ei⸗ nem huͤbſchen Zimmer, zu welchem einige Stufen hinanfuͤhrten. Der Fußboden war mit einem koſt⸗ baren Teppich belegt, und der einige Fuß erhoͤhte Divan mit weichen Polſtern bedeckt, und zu uͤppi⸗ gem Genuſſe eingerichtet. Eine hohe Glaskuppel er⸗ leuchtete das Zimmer. Wir nahmen unſern Platz auf dem Divan neben dem Hausherrn. Nicht weit von uns war eine andere anziehendere Geſellſchaft; ſechs Morgenlaͤnderinnen, alle unverſchleiert und koſtbar gekleidet, ſaßen in einem Kreiſe auf weichen Polſtern, um einen niedrigen, etwa einen Fuß hohen Tiſch, worauf ihr Mittageſſen ſtand. Die Hausfrau, jung und huͤbſch, war eben von einer Krankheit geneſen, und empfing zum Erſtenmahl wieder den Beſuch ihrer Freundinnen. Sie aßen und plauderten recht behaglich, und ſchickten uns Zuckerwerk, und ein angenehmes Getraͤnk, das wie Scherbet ſchmeckte. Der Mann erzaͤhlte uns, er und ſeine Frau waͤren im vierzehnten Jahre verhei⸗ rathet worden. Sie waren nun ſechs und zwanzig Jahre alt, und hatten ein ganzes Haus voll Kin⸗ der. Bismillah! Der Profet ſei geſegnet! wuͤrde ein Tuͤrke mit einem andaͤchtigen Blicke geſagt ha⸗ „ 3Z3 ¶ ———,— — ben; aber da er ein Jude war, rief er niemanden an, uund ſah ganz ergebungvoll dazu aus. Als die Frauen ihre Mahlzeit geendigt hatten, erhielt je⸗ de eine beinahe fuͤnf Fuß lange tuͤrkiſche Pfeife. Sie nahmen eine bequeme Stellung, ſteckten das Mundſtuͤck von Bernſtein zwiſchen die Lippen, und waͤhrend der Pfeifenkopf auf dem Teppiche ruhte, ſingen ſie an zu rauchen und Kaffee zu ſchluͤrfen, und ſchwatzten auch mitunter. Das Rauchen iſt im Morgenlande von unſerer Sitte ganz verſchieden. Der Tabak iſt ſo milde und ſuͤß, daß er den Zaͤh⸗ nen oder dem Athem nicht nachtheilig iſt, und er wird oft ſelbſt von den Weibern als uͤppiger Genuß geſucht. Die ſchoͤne Bernſteinſpitze wuͤrde keine Lippe entſtellen, und ein ſchoͤner Arm erſcheint zu ſeinem Vortheile, wenn er die lange Pfeife haͤlt. v. Theben. Wi mietheten ein Kandſchia fuͤr die Reiſe nach Ober⸗Aegypten, und verließen Bulak an einem ſchoͤnen Auguſtabende. Das Schiff war ſehr bequem eingerichtet. Es hatte ein niedriges Gemach auf dem Decke mit mehren Fenſtern, und ein kleines fuͤr meinen Diener; wir nahmen aber unſere Mahl⸗ zeiten lieber unter freiem Himmel auf dem offenen Verdecke. Die Mannſchaft beſtand aus ſieben arabi⸗ ſchen Schiffern und ihrem Reis. Waͤhrend der erſten zwei bis drei Tage hatte die Kuͤſte und das Bin⸗ nenland ein oͤderes Anſehen als unterhalb Kahira; aber allmaͤhlig wurde der Fluß breiter. Am drit⸗ ten Tage erreichten wir Beniſuef. Wir ſahen in dieſer Stadt, die einen leidlichen Bazar hat, viele Arnauten in Baracken. Unſere Fahrt wurde immer angenehmer, je weiter wir kamen. Das Schiff legte gewoͤhnlzch an jedem Morgen und Abende bei einem Dorfe an, oder ſonſt in einer Gegend, wo — 111— wir uns einen angenehmen Spaziergang verſprechen konnten, und wir gingen dann ans Land, um Milch und Fruͤchte zu kaufen, und uns einige Ab⸗ wechſelung zu verſchaffen. Im Morgenlande hat man den unſchaͤtzbaren Vortheil, den Fortgang der Reiſe genau berechnen zu koͤnnen. Bei Tage erleuchtet immer die Sonne, zur Nachtzeit der Mond glaͤn⸗ zend den Weg des Reiſenden, und weder Regen, noch Nebel oder truͤbe Wolken werden ſelten ſeine Erwartungen vereiteln, da der Himmel beinahe im⸗ mer rein iſt, und die entfernteſten Gegenſtaͤnde deut⸗ lich zu ſehen ſind. Eines Abends, als wir zu ei⸗ nem arabiſchen Dorfe gegangen waren, das in ei⸗ niger Entfernung vom Ufer, in einem Palmenwaͤld⸗ chen lag, und uns bei dem Lichte der untergehen⸗ den Sonne auf einen Baumſtamm ſetzten, kam ein tuͤrkiſcher Anfuͤhrer zu uns, und lud uns hoͤflich zum Kaffee ein. Er fuͤhrte uns auf einen gruͤnen Huͤgel, wo man alsbald einen Teppich vor der Thuͤre ſeiner Wohnung ausbreitete; man reichte uns Scherbet und die Zeit ging ſehr angenehm vor⸗ uͤber. Seine Einladung, am naͤchſten Tage auf morgenlaͤndiſche Art mit ihm zu ſpeiſen, mußten wir ablehnen, weil wir uns nicht ſo lange aufhal⸗ ten konnten. Auffallend war es, daß der Mann ſeinen Leuten nicht erlaubte, ein Geſchenk von uns anzunehmen, und als er ſah, daß wir aufbrechen wollten, begleitete er uns eine ziemliche Strecke — 112— auf unſerem Wege zu dem Schiffe, und nahm wohl⸗ wollend und hoͤflich Abſchied. Die Landſchaft am Geſtade ward immer reicher und mannigfaltiger und hatte am naͤchſten Abende ein ungemein ſchoͤnes Anſehen. Die Sonne, die mit ungewoͤhnlichem Glanze unterging, warf ihre gluͤhenden Strahlen durch lange Reihen von Palmenbaͤumen, die dicht am Ufer ſtanden, und verweilte lange auf einer Kette nackter grauen Felſen am jenſeitigen Geſtade. Am Fuße dieſer Felſen lief ein Saum von Baͤumen und dem lebhafteſten Gruͤn mit einigen angebauten Feldern, zwiſchen welchen man hier und da einen einſamen Aegypter ſah. 1— Wir erreichten dann die Stadt Miniet, die nicht ſo groß als Beniſuef iſt. Ein Tuͤrke von acht⸗ barem Anſehen wuͤnſchte einen Platz in unſerem Schiffe bis Siout, und wir gewaͤhrten ſein Geſuch. Spaͤt am Abende kamen wir zu der Wohnung ei⸗ nes Englaͤnders, Nahmens Brine, der einer, von dem Paſcha angelegten Zuckerfabrik vorſteht. Er iſt aus Devonſhire; ein ſehr gaſtfreier Mann, und je⸗ der reiſende Englaͤnder kann auf den herzlichſten Empfang in ſeiner Wohnung rechnen. Sein Haus hat ein halb aͤgyptiſches, halb engliſches Anſehen, und der Garten iſt ſehr huͤbſch auf engliſche Art angelegt. Als wir am naͤchſten Morgen Kaffee ge⸗ trunken hatten, beſahen wir die Fabrik, wo im⸗ mer gegen zweihundert Araber fuͤr geringen Tag⸗ ſtand unter der Aufſicht eines Tuͤrken. — 113— lohn arbeiten; aber, wie Brine uns ſagte, iſt es oft unmoͤglich, dieſe Afrikaner ohne Schlaͤge zur Arbeit anzutreiben, obgleich er, nach ſeiner Ver⸗ ſicherung, nur ſehr ungern zu gewaltſamen Maaß⸗ regeln ſchritt. Es laͤßt ſich, wie es ſcheint, mit Nachſicht und Guͤte bei dieſen Leuten allerdings nichts ausrichten; ſie mißbrauchen eine ſolche Be⸗ handlung immer, und der Hang zur Bequemlich⸗ keit und Traͤgheit iſt bei einem Afrikaner ſo einge⸗ wurzelt, daß er ſich lieber mit dem Nothduͤrftig⸗ ſten behelfen, als ſich durch groͤßere Thaͤtigkeit ein gemaͤchlicheres Leben verſchaffen will. Wir nahmen fruͤh am Tage eine reichliche Mahlzeit bei unſerm Wirthe ein, und labten uns an einem Genuſſe, der am Nil ziemlich ſelten iſt, bei einer Flaſche Champagner. Als wir auf unſer Schiff zuruͤck⸗ kamen, fanden wir zwei Ziegen und viel Ge⸗ fluͤgel, Geſchenke unſeres gaſtfreien Wirthes. Er lebte hier von dem Fette des Landes, und war un⸗ beſchraͤnkter Gebieter der Umgegend; aber die Un⸗ gewißheit irdiſcher Freuden ſcheint man in Aegyp⸗ ten wie in der Heimat zu fuͤhlen, denn als wir zwei Monate ſpaͤter aus Nubien zuruͤckkehrten, war Brine todt, und ſeine liebe Freundinn, eine Ita⸗ lienerinn, ohne Beſchuͤtzer, ſeine Gehilfen und Diener waren verabſchiedet, und die ganze Fabrik — 114— Als wir Radamuni hinter uns gelaſſen hatten, kamen wir am naͤchſten Tage nach Monfalut, eine Stadt, die nach dem Anſehen ihrer Mauern ein hohes Alter hat. Wir fanden einen guten Bazar, und wie gewoͤhnlich, viele Arnauten. Dieſe Krie⸗ ger, die ſich in ihrer Heimat durch ihr ſchoͤnes und geſundes Ausſehen anszeichnen, ſcheinen in dieſem heißen Lande hinzuwelken, und eine bleiche kraͤnk⸗ liche Farbe zu erhalten. Wir hatten hier Gelegen⸗ heit, den beruͤhmten Tanz der Almeh⸗Maͤdchen zu ſehen, die in Ober⸗Aegypten ſehr zahlreich ſind. Von ihrer Kindheit an, werden ſie durch ihre Ael⸗ tern zu ihrem Berufe erzogen. Sie kleiden ſich bunt und ſeltſam, und tragen auf beiden Seiten des Kopfes lange Reihen von Goldſtuͤcken, die mit⸗ tels eingebohrter Loͤcher in die Haarflechten gehaͤngt werden. Man ſieht oft ſchoͤne Geſtalten unter ih⸗ nen, aber ihre Zuͤge ſind im Ganzen ohne Reiz, und Weiber von fuͤnf und zwanzig Jahren ſehen im⸗ mer wie vierzigjaͤhrige aus. Sie tanzten, ihrer fuͤnf oder ſechs, zu den Toͤnen der Handtrommel und Guitarre, und ihre Gebehrden waren wolluͤſtiger, als man es ſich denken kann; denn in der Art und Abwechſelnng derſelben ſchien die ganze Kunſtfer⸗ tigkeit dieſer Taͤnzerinnen zu beſtehen, die uns ſehr widrig war. Am naͤchſten Tage mietheten wir Eſel, um Siout, die zweite Hauptſtadt Ober⸗Aegyptens, zu ————— 1 — 115— beſuchen, die einige Meilen landeinwaͤrts liegt. Sie hat in der Naͤhe ein freundliches Anſehen, und wird von den Armen des Nils umgeben, am Fuße der felſigen Berge Lybiens. Wir erreichten alsdann Dſchirdſche, eine gute aͤgyptiſche Stadt, die ein ſo trauriges und finſteres Anſehen hat, als alle uͤbrigen. Die Haͤuſer ſind ſchlecht, finſter und armſelig; die beſſern aber gleichen Veſtungen, und haben klei⸗ ne und verſchloſſene Fenſter von hoͤlzernem Gitter⸗ werke, und Mauern von ſchmutzigen Ziegeln. Die Straßen, wenn man ſchmale Gaͤnge ſo nennen darf, ſind immer ungepflaſtert. Ein griechiſcher Arzt kam hier zu uns an Bord, und muͤnſchte eine kleine Strecke weit mitzufahren. Er kam von Ibrahim's, des jungen Paſcha's Heere in Sennaar, um Branntwein und andere Waaren zu hohlen, und war nun auf dem Nuͤckwege. Er war ein echter Grieche, eine runde geſchmeidige Geſtalt, mit ſcharfen und ſchlauen ſchwarzen Au⸗ gen, die Allen alles ſagen konnten, und obgleich es ſich in Sennaar's gluͤhenden Wuͤſten nicht ganz ſo ſchoͤn wohnen mochte, als in ſeiner Heimat Attika, ſo ſchien er doch ſehr vergnuͤgt zu ſein, und die Dinge zu nehmen, wie ſie kamen. Er war ein ganzer Weltmann und ungemein hoͤflich. Wie er es vor ſeinem chriſtlichen Gewiſſen verantworten konnte, bei einem unglaͤubigen Heere zu bleiben, das in Sennaar nichts anders that, als die un⸗ 8 X△ 2 — 116— ſchuldigen Bewohner zu vertreiben und niederzumetzeln, iſt ſchwer zu begreifen; aber ein Haktm oder Franken⸗ Arzt wird von den Glaͤubigen in hohen Ehren gehalten, und er kann ſie zu jeder Zeit leicht in's Paradies befoͤr⸗ dern, da ſie ſelbſt bei vollkommener Geſundheit im⸗ mer bereit ſind, Arzenei in jeder Geſtalt und auf jede Weiſe zu verſchlucken. Der Grieche begleitete mich in einige Moskeen. Es war der erſte Tag des zweiten Bairamfeſtes. Alle Tuͤrken und Aegypter, die ſich in den Straßen begegneten, reichten ſich die Haͤnde, kuͤßten ſich als Bruͤder im Glauben ein⸗ ander auf die Wange, legten dann mit dem Aus⸗ drucke beſonderen Wohlwollens und Vergnuͤgens die rechte Hand auf die Bruſt, und verriethen ihre Freude uͤber die Wiederkehr des gluͤcklichen Tages. Es war ein allgemeiner Feſttag. Wie Knaben, wenn ſie aus der Schule entlaſſen ſind, ſtanden die Araber auf den Freiplaͤtzen in Haufen beiſammen, und tanzten und ſangen nach Herzensluſt. Wir gingen darauf in das Kopten⸗Kloſter, ein hohes duͤſteres Gebaͤude von Ziegeln, worin nur ein ein⸗ ziger Moͤnch lebte. Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren, hatte ein freundliches und huͤbſches Geſicht, ein einnehmendes Betragen, und ſchien von aufrichtiger Froͤmmigkeit beſeelt zu ſein. Unver⸗ heirathet, und der einzige Bewohner des großen ſtillen Kloſters, mochte er ein ziemlich einſames und oͤdes Leben fuͤhren. Er hatte einen kleinen Garten ——— —————————.,—— 2 —-—— — 117— auf dem flachen Dache ſeiner Wohnung angelegt, deſſen Wartung ſein groͤßtes Vergnuͤgen zu ſein ſchien. Er lebte von den Beitraͤgen der Leute, die ſeiner geiſtlichen Pflege anvertraut waren, etwa dreihundert Seelen. Haͤtte der Profet ſeinen Die⸗ nern das Heirathen verboten, ſo wuͤrde niemand Luſt gehabt haben, ein Imam, Santon oder Der⸗ wiſch zu werden, und er haͤtte ſeinen Glauben durch Feuer und Schwert, aber nie durch das Wort der Menſchen ausbreiten koͤnnen. Nie wuͤrde ein Glaͤubiger ſich entſchließen, ehelos zu bleiben, und wenn er ſich den Weg in's Paradies bahnen koͤnnte. Die Geſtade des Nlis auf dem jenſeitigen Ufer waren ſchroffe unermeßliche Hoͤhen, die faſt ſenk⸗ recht in's Waſſer abſtuͤrzten. Am naͤchſten Tage verließ uns der griechiſche Arzt, und wir fuhren nach Furſchut. Am Abende erreichten wir Keneh, wo wir herrliche Citronen und Melonen im Ueber⸗ fluß fanden. Die, Lebensmittel ſind hier zu Lande ungemein wohlfeil; zwanzig Eier fuͤr einen Pen⸗ ny, ein Huhn fuͤr drei Pence,*) Brot und Ge⸗ muͤſe fuͤr eine wahre Kleinigkeit. Das Thermometer ſtand im Schatten auf 93, ſtieg aber in wenigen Tagen auf 100 Grad**). Wir fanden in Keneh *) Gegen 2 gr. ) 30, 22 Reaumur. — 118— einen ſehr unterhaltenden tuͤrkiſchen Barbier. Dieſe Leute ſtehen im Morgenlande in hoͤherem Anſe⸗ hen, als bei uns, und darin mag auch wohl zum Theil der Grund liegen, daß ſie ſo haͤufig in den arabiſchen Nachtmaͤhrchen vorkommen. Er war ein gewandter Mann, und ichien viel Weltkenntniß zu haben. Seine Zuͤge waren huͤbſch, er war wohlgekleidet, und hatte ein paar furcht⸗ bare Piſtolen im Guͤrtel. Er gehoͤrte zu einem beſondern Derwiſch⸗Orden, der das Haar wach⸗ ſen laͤßt. Er ſchien, dem Aeußeren nach, wie die uͤbrigen Glaͤubigen geſchoren zu ſein, aber wenn er ſeinen Turban abnahm, ſiel ſein langes uͤppiges Radenhaar auf Schultern und Bruſt. Es kam uns vor, als ob er die Offenbarungen ſeines Profeten in manchen Stuͤcken verſpottet haͤtte. Nach ſeiner Meinung hatten die Anhaͤnger jedes Glaubens glei⸗ che Hoffnung in den Himmel zu kommen. Dieſer zweifelſuͤchtige Derwiſch war ein aufgeraͤumter Mann und trank gern, ſelbſt in Geſellſchaft von Unglaͤu⸗ gigen, ein begeiſterndes Glas. Er trug mehre glaͤn⸗ zende Ringe, und nahm mit dem Anſtande eines Franzoſen ſeine Priſe Taback. Als wir einige Zeit nachher aus Ober⸗Aegypten zuruͤckkamen, waren wir kaum gelandet, als unſer Derwiſch mit ſeinem Stabe in der Hand ans Ufer kam, und uns herz⸗ lich bewillkommete. — — . — 119— In den Nachmittagſtunden machten wir uns auf den Weg, den Tempel Denderah zu beſuchen, der ungefaͤhr eine Stunde vom jenſeitigen Ufer land⸗ einwaͤrts liegt, wo man hier und da einſame Pal⸗ men ſieht. Dieſer ſchoͤne Tempel iſt beſſer erhalten, als faſt alle aͤhnliche Denkmahle Aegyptens. Er iſt der erſte Gegenſtand, der die Reiſenden anzuziehen pflegt, und bei ſeiner Groͤße und Schoͤnheit erweckt er ein Erſtaunen und eine Bewunderung, wie kein anderes verfallenes Denkmahl des Alterthumes. Die Halle beſteht aus achtzehn Saͤulen, deren Knaͤufe, mit dem Iſiskopfe auf jeder Seitenflaͤche, eine edle und großartige Wirkung machen. Man ſieht dieſe Art von Saͤulenknaͤufen nur noch an einem andern kleinen Tempel, und ſie ſcheinen der aͤgyp⸗ tiſchen Baukunſt eigen geweſen zu ſein. Die Waͤn⸗ de und die Decke des Tempels ſind mit Hierogly⸗ phen in halb erhobener Arbeit bedeckt, die ſinnbild⸗ liche oder geſchichtliche Gegenſtaͤnde, oder auf den Ackerbau ſich beziehende Beſchaͤftigungen vorſtellen. Man ſieht darunter Geſtalten, die Fruͤchte der Erde⸗ der landwirthſchaftliche Werkzeuge tragen, nebſt manchen ſeltſamen Menſchenbildungen und Thier⸗ koͤpfen aller Art.. Die Hieroglyphen auf der Decke ſind mit ver⸗ ſchiedenen Farben gemahlt, die ſich zum Theil gut erhalten haben. Die Zeichen des Thierkreiſes ſind die Hauptzierde. Von hier tritt man in ein inne⸗ ——. ——————— — 120— res Gemach, das eine Saͤulenreihe ſtuͤtzt, und an deren Ende die Thuͤre in's Heiligthum fuͤhrt, wo man das in jedem Tempel befindliche Sinnbild ſieht, ausgebreitete Fluͤgel oder Federn, und Lichtſtrahlen, die wie aus Gottes Herrlichkeit herabkommen. Man geht mit einer Fackel aus dem Hefligthume in ver⸗ ſchiedene Kammern und Gaͤnge im Innern des Tem⸗ pels. Die Waͤnde ſind mit trefflich gearbeiteten Hieroglyphen bedeckt, welche halbe Lebensgroͤße ha⸗ ben, und zwei bis drei Zoll aus den Waͤnden her⸗ vorſtehen. Der Tempel iſt zum Theil noch verſchuͤt⸗ tet. In der Halle liegt noch viel Schutt, und der untere Theil vieler Saͤulen ſcheint mehre Ellen tief begraben zu ſein. Die Lage iſt herrlich fuͤr ei⸗ nen Tempel. Vorne die weite Ebene, die jetzt mit uͤppigem Gruͤn bekleidet iſt; gleich dahinter die ewi⸗ gen Graͤnzen der lybiſchen Berge, der Nil etwa drei Viertelſtunden weit zur Rechten, und die end⸗ loſe Wuͤſte zur Linken. Der Reiſende hat hier oft Veranlaſſung, uͤber die praͤchtigen Lagen zu erſtau⸗ nen, welche die Aegypter fuͤr ihre Tempel waͤhlten. Unweit des Tempels iſt ein kleines Gebaͤude in Py⸗ ramidenform, das dem Anſcheine nach ein Begraͤb⸗ nißplatz war. Man muß ſich huͤcken, um in den niedrigen und engen Eingang zu kommen, und das Licht faͤllt von oben durch eine Kuppel ein. Es muͤſſen viele Todte hier begraben liegen, da man noch immer einen Leichengeruch bemerkt. Etwa — 121— zweihundert Fuß vom großen Tempel ſieht man die Ueberreſte eines kleineren. Die Figuren auf den Waͤnden ſind hier groͤßer als in den andern Ge— baͤuden; das Laub an den Knaͤufen iſt ungemein ſchoͤn gearbeitet, aber die am meiſten vorkommende Menſchengeſtalt war vermuthlich einer der von den Aegyptern verehrten Gegenſtaͤnde, eine Art von Bacchus oder Priapus, und nicht von der zarte⸗ teſten Art. Die Ueberſchwemmung des Nils iſt in dieſem Jahre weit unter dem gewoͤhnlichen Waſſerſtande geblieben, und die armen Aegypter beobachteten mit großer Unruhe, wie das Waſſer Zoll auf Zoll ſtieg, bis es die gehoͤrige Hoͤhe erreicht hatte. Vor fuͤnf und zwanzig Jahren hatte ein aͤhnlicher Unfall in noch hoͤherem Grade ſtatt gefunden, und es entſtanden daraus große Bedraͤngniſſe, da eine duͤrftige Ernte folgte. Man fuͤrchtet auch jetzt eine unzureichende Ernte, und die Landleute arbeiten Tag und Nacht/ um die mangelhafte Ueberſchwemmung zu erſetzen, indem ſie alle moͤgliche Mittel verſuchen, das Waſ⸗ ſer hoͤher zu heben, um es auf ihre Felder zu brin⸗ gen. Waͤhrend wir hoͤher ins Land hinauf kommen, finden wir den Waſſerſtand des Stromes oft mehre Zoll unter der Flaͤche des Ufers. Am Abende dieſes Tages kamen mehre arabiſche Knaben an's Ufer, und ſangen eine Zeitlang eine Art von Chor, der angenehmer lautete, als es ge⸗ 3 I ——— ——n— — 122— woͤhnlich bei ihren Kunſtleiſtungen der Art der Fall iſt. Dann erſchien ein Mann zu Pferde, in ſelt⸗ ſamer Tracht, um einen Narren vorzuſtellen, und beluſtigte mehre Araber, die ihn zu Fuße begleite⸗ ten, durch allerlei ſpaßhafte Gebehrden. Dieſer Auf⸗ zug dauerte einige Zeit, und es gab dabei viel Geſchrei und Haͤndeklatſchen; ein alter Gebrauch, wie man uns ſagte, um vom Himmel das Anſtei⸗ gen des Nils zu der gewoͤhnlichen Hoͤhe zu erbitten. Wir verließen Keneh gegen neun Uhr abends, und mußten beinahe den ganzen folgenden Tag we⸗ gen Windſtille in der Naͤhe eines angenehmen, uͤppig beſchatteten Dorfes ſtill liegen. In der Mitte der meiſten Doͤrfer ſieht man breitwipfelige Baͤume, ge⸗ woͤhnlich Maulbeerfeigenbaͤume, die vielen Menſchen Schatten geben koͤnnen. Hier nehmen die Araber gern ihren Platz, um ihre Zeit traͤge bei Geſpraͤchen und der ewigen Pfeife hinzubringen. Der Boden unter den Baͤumen iſt oft nichts als dicker Staub oder leichte Erde ohne das mindeſte Gruͤn. Hier ruhen ſie mit großer Behaglichkeit, obgleich es we⸗ nig Muͤhe koſten wuͤrde, durch Beywaͤſſerung ſich ei⸗ nen gruͤnen Ruheplatz zu verſchaffen. Die Aelteſten des Dorfes mit ihren langen Baͤrten ſaßen froͤhlich im Schatten einiger ſchoͤnen Baͤume am Ufer. Es wehte kein Luͤftchen, und die Hitze war zu druͤckend, als daß man unſer Fahrzeug mittels einer Leine aufwaͤrts haͤtte ziehen koͤnnen, wie es gewoͤhnlich bei Wind⸗ Nͤ& α ⏑— N ⏑̈ᷣ— 1 3 AN 2ꝙ———— 12— N ⏑‿& N— — 123— ſtille geſchieht. Unter dieſen Umſtaͤnden entſchloſſen wir uns, die Stelle zu deſuchen, wo man in ei⸗ nigen weit umher zerſtreuten Truͤmmern die Ueber⸗ reſte des alten Koptos finden will. Wir mietheten ein Boot und fuhren uͤber den Strom, an deſſen jenſeitigem Ufer einige Meilen landeinwaͤrts die Stelle liegt. Unter großen Schutthaufen ſieht man Ueberreſte von Mauern, die einige Fuß hoch ſind, und Saͤulen⸗Bruchſtuͤcke von ſchoͤnem Granit. Auf dem Ruͤckwege kamen wir durch ein Dorf, das am Abhange eines Huͤgels lag, und eine große Moskee hatte, die wir beſuchten. Die Stunde des Abend⸗ gebetes war eben gekommen, und die Landleute aus der Umgegend, theils ſchoͤne kraͤftige Maͤnner, theils ehrwuͤrdige Greiſe, verſammelten ſich ſchnell zur Andacht. Die Vorhalle wurde von ſchoͤnen Saͤulen getragen, unter welchen zwei bis drei Granit⸗ ſaͤulen waren, die man in Stuͤcken aus den Truͤm⸗ mern von Koptos gehohlt hatte, um das Bethaus zu ſtuͤtzen. In einem kleinen anſtoßenden Gebaͤude ſah man mehre kuͤhle und beſchattete Waſſerbehaͤlter, wo die Glaͤubigen ſich ſorgfaͤltig und andaͤchtig die Fuͤße wuſchen, ehe ſie die Moskee betraten. Die Andachtuͤbungen machen hier eine eben ſo kraͤftige als mahleriſche Wirkung. Gleich nach Sonnenunter⸗ gange, wenn ſich der letzte und zarteſte Farbenglanz uͤber die ſtille aͤgyptiſche Landſchaft ergießt, oder oͤf⸗ ter, wenn der Mond ſein glaͤnzendes Licht auf — 124— Strom und Geſtade wirft, kommen Tuͤrken und Ara⸗ ber an den Fluß, und ohne auf den Reiſenden in der Naͤhe zu achten, breiten ſie ihr Oberkleid am Ufer aus, und ihr Geſicht nach Mekka wendend, bald knieend bald ſtehend, ſind ſie eine Zeitlang ganz in Andacht verſunken, gleichgiltig gegen alles, was um ſie her vorgeht, und wie es ſcheint von ei⸗ nem innigen und ernſten Gefuͤhle der Pflicht be⸗ ſeelt, die ſie ausuͤben. In dem Dorfe Koft kam ein Leichenzug voruͤber, als wir neben der Moskee ſtanden. Der Begraͤb⸗ nißplatz war am Abhange eines Berges von Pal⸗ men beſchattet, wo ſich eine weite Ausſicht uͤber die Umgegend darbot. Alle Graͤber waren von glei⸗ cher Geſtalt, nur wenige Fuß hoch und weiß ge⸗ tuͤncht. Wir hoͤrten bei dieſer Gelegenheit kein Klaggeſchrei, da es die Leiche eines Kindes war. Als ein Araber die Leiche zum Theil bedeckt hatte, warf jeder Verwandte mit der Hand die Erde leiſe ins Grab, waͤhrend er die Worte wiederhohlte: Sei gluͤcklich! Die aͤgyptiſchen Landſchaften haben zwar eine gewiſſe Einfoͤrmigkeit, die aber von einer Art iſt, wie man ſie in keinem andern Lande findet. Die ganz nackten lybiſchen und arabiſchen Bergketten laufen auf beiden Seiten des Nils bis zum erſten Waſſerfalle, gewoͤhnlich in einer Entfernung einiger engliſchen Meilen, zuweilen aber auch dicht am K * 2&— Strome, oder bilden ſelbſt das Ufer. Am Fuße dieſer nackten hellfarbigen Felſen ſieht man oft das lebhafteſte nnd ſchoͤnſte Gruͤn, Palmen und Maul⸗ beerfeigenbaͤume, die eine einſame Huͤtte beſchat⸗ ten, eine Heerde von Ziegen und Buͤffeln, die ent⸗ lang zieht, oder ein einſam graſendes Kamehl. Die Unfruchtbarkeit und Veroͤdung, die oft das frucht⸗ barſte und ſchoͤnſte Gelaͤnde umgibt, das Grab des Santons mit ſeinen duͤrftigen Schatten, das weiße Minaret mit ſeinen Palmen und Cypreſſen an der Graͤnze einer endloſen Wuͤſte, oder in der Mitte einer gluͤhenden Sandflaͤche, ſind faſt Aegypten al⸗ lein eigen. Oft kommt man von den uͤppigen Ufern des Nils, wo unter Palmen und Citronenbaͤumen Morgenlaͤnder behaglich im Schatten ſitzen, in eine weite furchtbare Wuͤſte, wo alles, ſelbſt die zerbro⸗ chenen Denkmahle vergangener Zeiten, nur Trau⸗ rigkeit und Kummer einfloͤßen. Der Abend war angebrochen, ehe wir Luxor erreichten, ein armes aber volkreiches Dorf, das zum Theil zwiſchen den Truͤmmern des großen Tem⸗ pels erbaut iſt. Dieſes Gebaͤude liegt dicht am Ufer, und ſeine hohen gelben Saͤulen, deren jede dreißig Fuß im Umfange hat, und die in langen Reihen ſtehen, feſſeln alsbald die Aufmerkſamkeit. Als wir landeten, ſahen wir auf dem Sande ein Dut⸗ zend ſcheußliche aͤgyptiſche Geſtalten in Lebensgroͤße, aus grobkoͤrnigem Granit gehauen, im Stile des — 126— großen Memnon-Bildes. Sie waren in ſitzender Stellung, dicht am Waſſer, das ihren Fuß beſpuͤlte. Jedes dieſer Standbilder hat ein ungeheures Ge⸗ wicht, und moͤchte ſich ſchwer wegſchaffen laſſen, ſonſt koͤnnte ein Reiſender in Verſuchung kommen, eines derſelben einzuſchiffen, da ſie, wie es ſcheint, niemanden gehoͤren. Vor dem Eingange ſtehen zwei ſehr ſchoͤne Obeliske, die ſich ſiebzig Fuß hoch er— heben, aber eigentlich weit hoͤher ſind, da ein be— traͤchtlicher Theil ihres Fußes in Schutt begraben iſt. Die Hieroglyphen auf denſelben ſind tief einge⸗ graben und feiner gearbeitet, als man es bei den andern aͤgyptiſchen Obelisken findet. Hier wohnte ein Franzoſe, ein verſtaͤndiger Mann, der fuͤr den Conſul Drouetti beſchaͤftigt iſt, und uns viel Hoͤf⸗ lichkeit erwies. Er war arabiſch gekleidet, und hat⸗ te ſich feit ſechzehn Jahren in verſchiedenen Gegen⸗ den Aegyptens aufgehalten. Sein Geſellſchafter, Moris Bonnet, war nach Kahira gegangen, um Wein und andere Erquickungen zu hohlen, und unſer Wirth ſehnte ſich in ſeiner Einſamkeit ſehr nach der Nuͤckkehr ſeines Gefaͤhrten. Er beſaß eine kleine Sammlung von Mineralien und anderen Sel⸗ tenheiten, und hatte aus dem Safte des Palm⸗ baumes einen kuͤhlenden und angenehmen Wein be⸗ reitet, der uns an dem ſchwuͤlen Tage ſehr willkom⸗ men war. Ein ſechzehnjaͤhriger Aufenthalt in Ae⸗ gypten iſt wahrlich eine Pruͤfung fuͤr eines Menſchen N———— N8ͤ8 8 N N 8= N NR — 127— Geduld und Begeiſterung, und zumahl fuͤr zwei Franzoſen. Sulejmann Aga, der die Mamluken des Paſcha's in der, zwei Stunden weit entfernten Stadt Esneh befehligte, war nicht ſo ergebungvoll. Er war unter Bonaparte Oberſt geweſen, und hat⸗ te nach dem Sturze ſeines Gebieters dem Paſcha von Aegypten ſeine Dienſte angeboten, wobei er aber betheuerte, er wuͤrde ſich nie zum Abfalle von ſeinem Glauben bewegen laſſen. Mahmud antwor⸗ tete lachend, er kuͤmmerte ſich gar nicht um den Glauben des Franzoſen, wenn er ihm nur gut dienen wollte, aber er muͤßte ſich einen tuͤrkiſchen Nahmen geben, und die Landestracht anlegen. Su⸗ leimann lebt nun auf großem Fuße als Befehlhaber von Esneh, und empfaͤngt Reiſende ſehr gaſtfrei; aber unter den aͤgyptiſchen Schoͤnheiten ſehnt ſich ſeine Seele nach einer paſſenden Gefaͤhrtinn, und er bat einen meiner Reiſegefaͤhrten und Freunde, ihm eine engliſche oder italieniſche Frau zu ſchicken. Er wollte nach ſeiner Verſicherung, dem Rathe ſei⸗ nes Freundes unbedingt folgen, und die Braut gleich nach ihrer Ankunft heirathen. Die aͤgypti⸗ ſchen Weiber, ſagte er, waͤren ſo einfaͤltig, und er wollte gern zufrieden in dieſem Lande leben, wenn er nur eine Frau faͤnde, mit welcher er ſich unterhalten, und die durch Lebhaftigkeit und Verſtand ſeine einſamen Stunden erheitern koͤnnte. — 128 ₰ Es iſt ſchwer, die wunderſamen und edlen Ue⸗ berreſte Theben's zu beſchreiben. Vor allen andern geben ſie uns das Bild einer verfallenen und doch unvergaͤnglichen Stadt, und ihr Umfang iſt ſo uner⸗ meßlich, daß man lange Zeit beſtuͤrzt und verwirrt um⸗ herwandelt und bei jedem Schritte einen neuen und merkwuͤrdigen Gegenſtand entdeckt. Die Tempel von Luxor und Karnak ſind nur drei Viertelſtunden von einander entfernt, und waren vor Zeiten durch einen langen Gang von Sphinxen verbunden, deren verſtuͤmmelte Ueberreſte noch den ganzen Weg ein⸗ faſſen, die meiſten aber ſind ohne Koͤpfe. Am Ende dieſes Ganges kommt man zuerſt unter den ſehr ſchoͤn gewoͤlbten Bogen eines Thorweges, der ſieb⸗ zig Fuß hoch iſt, und ganz vereinzelt ſteht. Unge⸗ faͤhr hundert Fuß weiter tritt man in einen Tem⸗ pel von geringerem Umfange, den Drouetti aufzu⸗ graben ſich die Muͤhe gegeben hat. Alsdann gelangt man auf eine geraͤumige, mit zerbrochenen Saͤu⸗ len bedeckte Flaͤche, die von ungeheuern und ho⸗ hen Truͤmmerhaufen umgeben iſt; alles Theile des großen Tempels. Ein wenig weiter rechts erbebt ſich die praͤchtige Halle von Karnak, die einen ſo lebhaften Eindruck auf den Beſchauer macht, daß niemand ſie vergißt, der ſie einmahl geſehen hat. Ihre zahlreichen Saͤulenreihen von rieſengroßer Ge⸗ ſtalt und Hoͤhe ſind trefflich erhalten, aber ohne Verzierung. Die Decke und die Waͤnde der Halle ——— —— ⁸△̈ ————— N X — 129— ſind zerſtoͤrt; der mit Verzierungen verſehene Archi⸗ trav aber, verbindet noch eine Saͤulenreihe, und wenn man ihn mit den noch daran beveſtigten we⸗ nigen Ueberreſten des Gebaͤudes von unten betrach⸗ tet, ſcheint er in den Wolken zu hangen. Geht man weiter, ſo kommt man unter Obeliske, und Hallen und Bildſaͤulen, die weder gefaͤllig noch ſchön, aber meiſt rieſengroß ſind. Erſteigen wir einen Schutthuͤgel, um uns umzuſehen, ſo erbli⸗ cken wir in der Ferne einen Thorweg, der aber nur in die Wuͤſte fuͤhrt, einzeln ſtehende Saͤulen ohne Gebaͤlke, andere, die zerbrochen auf dem Boden lie⸗ gen, die Buͤſten rieſengroßer Standbilder, die aus der Erde hervorſchauen, waͤhrend die uͤbrigen Theile noch begraben ſind, oder Ruͤmpfe mit abgebrochenen Kopfen, andere, die umherliegen oder in Bruch⸗ ſtuͤcke zertruͤmmert ſind. Zur Linken breiten ſich die oͤden Wuͤſten der Thebais aus, bis zu deren Sau⸗ me die Stadt ſich erſtreckt. Vorne erhebt ſich eine Reihe ſpitziger und oͤder Berge. Der Nil beſpuͤlt den Fuß des Tempels von Luxor, aber die Truͤm⸗ mer gehen weit auf das jenſeitige Ufer hinaus, bis zu dem Fuße jener furchtbaren Felſen und bis in die Sandwuͤſten. Man kann nichts Schoͤneres ſe⸗ hen, als die Landſchaft um Theben. Die Ueber⸗ reſte des Standbildes, deſſen ſchoͤne Buͤſte Belzoni in das britiſche Muſeum ſchickte, ſind noch hier; es war ſchon lange vorher herabgeſtuͤrzt und zerbro⸗ chen. Man kann es gar nicht entſchuldigen, das Drouetti einen der beiden ſchoͤnen Obeliske am Eingange des Tempels von Karnak niederreißen und zerſchlagen ließ, um den obern Theil wegzuſchaffen; es iſt eine wahre Entweihung. Hoͤchſt wahrſchein⸗ lich iſt in dieſer Truͤmmerwelt auf beiden Seiten des Stromes noch Vieles zu entdecken, aber das Unternehmen wuͤrde eine unablaͤſſige und ungetheilte Aufmerkſamkeit fodern. Ein Reiſender muͤßte dar⸗ auf gefaßt ſein, hier ſechs Monate zuzubringen, um mit Hilfe einer Anzahl von Arabern, die ſehr wohlfeil arbeiten, mit Nachgrabungen ſich zu be⸗ ſchaͤftigen, und viele Entbehrungen erdulden, ehe er hoffen koͤnnte, reichen Lohn fuͤr ſeine Muͤhe zu ünden. unſer zweiter Beſuch in Karnak war fuͤr uns noch anziehender. Der Mond war aufgegangen, und wir kamen auf unſerem Wege durch einige arabiſche Doͤrfer, wo Feuer unter freiem Himmel brannten, um welche die Maͤnner nach vollbrachtem Tagwerke rauchend und munter ſchwatzend in Gruppen ſaßen. Es iſt ſonderbar, daß in den heißeſten Gegenden des Morgenlandes die Bewohner zur Nachtzeit im⸗ mer gern ein gutes Feuer haben, und der Reiſende dieſe Gewohnheit leicht annimmt. Die Luft war noch ſehr warm. Man hatte bei der Unterſuchung der Truͤmmer keine Stoͤrung zu beſorgen. Die Ara⸗ her fuͤrchten ſich, nach Anbruche der Dunkelheit hier⸗ —————— her die ſper iſt. die Na bel der erh St zen um in — 131— am dieſe Bauwerke errichtet, und der Glaube an Ge⸗ und ſpenſter bei den meiſten Morgenlaͤndern herrſchend das her zu kommen, da ſie glauben, der Teufel habe een; iſt. Wir beſuchten noch einmahl mit Vergnuͤgen ein⸗ die große Halle. Es war eine ungemein ſchoͤne iten Nacht. Kein Luͤftchen wehte, und der Mond das beleuchtete glaͤnzend einige Saͤnlen, waͤhrend an⸗ eilte dere ſo in Schatten ſtanden, daß ihre Groͤße eher dar⸗ erhoͤht als vermindert wurde. Die Obeliske, die igen, Standbilder, die einſamen Saͤulen auf der angraͤn⸗ ſehr zenden Ebene, warfen ihre langen Schatten auf die be⸗ umliegenden Truͤmmerhaufen, und der Anblick war ehe in der That ungemein ſchwermuͤthig und ſchoͤn. be iu uns „und—— biſche nten, werke ſaßen. enden it im⸗ iſende war ichung e Ara⸗ t hier⸗ VI. Dſchirdſche. An naͤchſten Tage fuhren wir auf das jenſeitige Ufer, um die Ueberreſte von Kurnu zu beſuchen. Alle Hieroglyphen ſind hier von kriegeriſcher Art; die Saͤulen ſchlicht und ohne Verzierungen, die Knaͤufe ganz einfach und der Doriſchen Ordnung aͤhnlicher als einer andern, ganz wie die Bauwerke von Kar⸗ nak und Luxor. In der Naͤhe von Kurnu liegen die Bruchſtuͤcke eines ungeheuern Standbildes. Die Buͤſte iſt fuͤnf und dreißig Fuß lang; die Schultern ſind fuͤnf und zwanzig Fuß breit, und das Ganze muß gegen achtzig Fuß hoch geweſen ſein. Es be⸗ ſtand aus einem einzigen Granitblocke. Das Bild iſt auf das Geſicht gefallen deſſen Zuͤge ganz ver⸗ wiſcht ſind. Gegen drei Viertelſtunden weiter ſahen wir die Truͤmmer von Medinet Abu, wahrſchein⸗ lich Ueberreſte eines Tempels und eines Palaſtes. Wir traten durch einen kleinen und ſehr ſchoͤnen Thorweg hinein. Die Halle des Tempels fuͤhrt auf einen großen Freiplatz, deſſen vier Seiten von ho⸗ hen Gaͤngen umgeben ſind. Die Saͤulenknaͤufe ſind reich verziert und die Decken, welche von ihnen ge⸗ tragen werden, glaͤnzend bemahlt. Die verſchiede⸗ nen Bildwerke in halb erhobener Arbeit haben noch ihren lebhaften Farbenglanz, meiſt hellblau und roth⸗ Dieſer verfallene Palaſt hat ein beſonders friſches und froͤhliches Anſehen, ganz wie eine Fuͤrſtenburg, welche, ihrer Zierlichkeit wegen, die Zeit ge⸗ ſchont haͤtte. Medinet Abu muß bei ſeiner Lage am Ufer des Nils einſt ſeine kuͤhlen Einſamkeiten, ſei⸗ ne Springbrunnen, ſeine ewig gruͤnenden Haine ge⸗ habt haben; aber die Natur hat hier jetzt ein gand oͤdes Anſehen, und obgleich der Palaſt nach dem Verlaufe ſo vieler Jahrhunderte noch immer ſchoͤn in ſeinem Innern iſt, ſo hat ſich doch in ſeiner Umgebung jede Spur des Pflanzenwuchſes verloren, und er iſt von einer furchtharen Wuͤſte eingeſchloſſen. Wir gingen uͤber den Flugſand, und ſtiegen bei ſehr ſchwuͤlem Wetter zwiſchen den Huͤgeln hinan. Hier liegt der Begraͤbnißplatz des alten Thebens, und in dieſem Theile der Wuͤſte bis an den Fuß der ſteilen Felſengebirge, ſind unzaͤhlige Graͤber und Gewoͤlbe zerſtreut. Raubgierige Haͤnde haben die Mumien ohne Schonung aus ihren Graͤbern hervor⸗ gezogen. Wir fanden auf dieſem weiten Begraͤbniß⸗ platze keine Gegenſtaͤnde, wie man ſie um die Ue⸗ berreſte der Todten erwartet, nichts als eine Ein⸗ poͤde von glaͤnzendem und gluͤhendem Sande, zwi⸗ ſchen ſchwarzen unh nackten Felſen. Die meiſten Leichen der armen Aegypter waren aus ihren tiefen Graͤbern und veſten Gewoͤlben hervorgehohlt worden. Viele dieſer Gewoͤlbe, zu welchen Treppen fuͤhrten, hatte man nach der Pluͤnderung wieder verſchloſſen, bis neue Beſuche wieder zu neuen Entdeckungen fuͤhren koͤnnen, andere waren ganz leer und aus⸗ gepluͤndert. Die Haupturheber dieſer Verheerungen waren die Araber, welche die Leichname aufriſſen, um das, beim Balſamen gebrauchte Harz in ge⸗ winnen, das ſie in Kahira theuer verkauften; aber Reiſende und Gelehrte und ihre Werkzeuge hatten auch Antheil an dieſer Entweihung, wenn man es ſo nennen will. Es iſt ein trauriger widriger An-⸗ blick. Die Sandflaͤche und die Raͤnder der Graͤber ſind hier und da mit muthwillig umhergeworfenen Gebeinen und Fleiſchuͤberreſten der Mumien bedeckt. Man iſt mit den armen Aegyptern, die Jahrtau⸗ ſende in Frieden geruht hatten, unbarmherzig um⸗ gegangen, und die Gebeine von Kriegern, Buͤr⸗ gern und Weiſen liegen hier unter einander, in der brennenden Sonne; kein Ruheſlaͤtte, kein Hei⸗ ligthum der Todten iſt unentweiht geblieben. Ich fand einen Fuß mit einem Stuͤcke des Beines, ſo klein und zart, als ob es die Ueberreſte einer Ae⸗ gypteeinn geweſen waͤren. Sie hatten wenig von der gen us⸗ gen ſen, ge⸗ aber tten n es An⸗ aͤber enen eckt. tau⸗ um⸗ Buͤr⸗ „in Hei⸗ Ich „ ſo — 135— der Zeit gelitten, ausgenommen, daß ſie zuſam⸗ men geſchrumpft waren; denn das ganze getrockne⸗ te Fleiſch hing noch immer an dem Knochen, hatte aber einen ſtarken Mumiengeruch. Nicht weit von hier, in der tiefer liegenden Ebene, ſieht man die beiden rieſengroßen Mem⸗ non⸗Bilder, jedes aus einem einzigen Granit⸗ blocke gehauen. Sie ſind in einer ſitzenden, be⸗ quemen und ruhigen Stellung, und ihre rieſengro⸗ ßen Haͤnde liegen auf den Knieen. Ihre Hoͤhe be⸗ traͤgt gegen ſechzig Fuß, und ſie ſind aus weiter Entfernung ſichtbar. Die Ueberſchwemmung hatte ſich um dieſe ungeheuren Steinbilder verbreitet, und beſpuͤlte ihre ſteinernen Sitze. Der Anblick der Bilder in dieſer Inſellage war hoͤchſt ſonderbar; ſie ſchienen wie die ernſten alten Geiſter der Ebene da zu ſitzen, uͤber welche Zeit und Verheerung keine Macht hatten. Der Nil war in den letzten Tagen ſchmaler ge⸗ worden, und ſeine Ufer zeigten ſich nun wilder und ſchroffer. Das Klima ſchien reiner zu werden, e hoͤher wir hinauf kamen, und in Esneh, wo wir am zweiten Tage anlangten, war die Hitze ſehr ſtark, und wuͤrde unertraͤglich geweſen ſein, wenn uns nicht taͤglich zweimahl, bei Sonnenaufgange und am Abende, ein Bad im Nil erqutckt haͤtte. Die Truͤmmer des Tempels befinden ſich mitten in der Stadt, und ſeine Halle, die ſchoͤnſte und — 136— unverſehrteſte, die man in Aegypten findet, wird durch einen Schutthaufen verdunkelt. Die Saͤulen⸗ knaͤufe ſind meiſt von einander verſchieden, und dieſe Mannigfaltigkeit macht, wie bei der Halle in Etfu, eine angenehme Wirkung. Sie ahmen die Blaͤtter, Blumen, Staͤmme von Pflanzen und Baͤumen nach, wie von Reben, Lotus und Palmen. Je mehr wir uns den Waſſerfaͤllen naͤherten, deſto dunkler ward allmaͤhlig die Farbe der Dorf⸗ bewohner, bis ſie ganz ſchwarz wurde. Endlich er⸗ reichten wir Etfu, die alte Apollinopolis Magna. Der Tempel in dieſem Orte iſt ein herrlicher Ueber⸗ reſt von großem Umfange, und hat eine weite Aus⸗ ſicht auf den Fluß und die Ebene oberhalb und un⸗ terhalb der Truͤmmer. Die Pfeiler des Thorweges ſind fuͤnf und achtzig Fuß hoch, und die Laͤnge der aͤußern Tempelmauer betraͤgt gegen hundert und zwanzig Fuß. Man tritt in einen ſehr großen Hof, um welchen ein hoher Gang laͤuft, den eine ein⸗ zige Saͤulenreihe ſtuͤtzt, und am Ende deſſelben liegt die Halle mit drei Saͤulenreihen. Die Knaͤufe der Saͤulen ſind wie im Tempel zu Esneh. Dieſer große und praͤchtige Tempel iſt trefflich erhalten. Die Dorfbewohner haben einige armſelige Huͤtten in den Höfen und auf dem Dache des Gebaͤudes er⸗ baut. Viele Menſchen waren in den Gaͤngen be⸗ ſchaͤftigt, und der Laͤrm ihrer Arbeiten wiederhallte im ganzen Gebaͤude. Die elenden Huͤtten und ihre ſchmutzigen Bewohner, die das Auge in jedem Zu⸗ gange zu den praͤchtigen Truͤmmern beleidigen, ſtoͤ⸗ ren ſehr die Wirkung dieſes Bauwerkes. Man konnte ſich des ernſtlichen Wunſches nicht erwehren, daß es, wie Theben und Denderah, mitten in ei⸗ ner oͤden Wuͤſte ſtehen moͤchte, die der Fuß des Menſchen ſelten betritt. Das naͤchſte Dorf, das wir erreichten, lag anmuthig in einem Palmen⸗ waͤldchen, und ſeine Gaͤrtchen hatten ein ſehr net⸗ tes einladendes Anſehen. Wir trafen hier einen Griechen, der ſehr weit gereiſet war, und, wie es ſchien, von ſeinem Witze lebte. Er hatte ein junges abyſſiniſches Maͤdchen bei ſich. Sie war nicht lange vorher aus ihrer Heimat gekommen, und ohne Zweifel hatte dieſer Mann ſie gekauft, um ſie eine Zeitlang fuͤr ſich zu behalten und dann zu verkaufen. Wir ſahen ſie unter einem Baume ſitzen. Sie hatte eine dunkle Farbe, und war nicht ſo huͤbſch, als ihre Landsmaͤnninnen ſein ſollen. Wir landeten fruͤh am Tage, und fanden die Bewohner eines koptiſchen Dorfes, wohin wir un⸗ ſern Weg nahmen, ungemein hoͤflich. Der Scheikh lud uns ſehr dringend ein, ſeine Wohnung zu be⸗ ſuchen, und mit ihm zu eſſen. Die meiſten Be⸗ wohner umringten uns, und wir fanden unter ih⸗ nen einige der ſchoͤnſten Weiber, die wir in Ae⸗ gypten geſehen hatten. Die ſehr fruͤhen Heirathen ſind ihren Reien aͤußerſt nachtheilig, und die Wirk⸗ ung der brennenden Sonne traͤgt auch dazu bei, daß ſie im dreißigſten Jahre haͤßlich ausſehen. In einem Orte ſahen wir ein verheirathetes zwoͤlfiaͤhri⸗ ges Weibchen, mir einem Kinde auf dem Arme. Die Macht der Gewohnheit iſt ſo groß, daß die Baͤuerinnen, ſelbſt in den abgelegenſten Gegenden, wo niemand als ihre Nachbarn ihnen begegnen moͤch⸗ ten, wenn ſie Waſſer aus dem Nil hohlen, dicht verſchleiert ſind, und man bloß ihre Augen ſehen kann. Wir kamen dann nach Eſſuen, in deſſen Naͤhe man die wenig merkwuͤrdigen Ueberreſte der alten Stadt Syene findet. Sie liegen auf dem ſteilen Ufer des Stromes, und gleichen hier und da zertruͤmmerten Schloßthuͤrmen. Am Nachmit⸗ tage fuhren wir nach der Inſel Elephantine hinuͤber. Denon's lebendige Schilderungen dieſer Inſel ſind ein wenig uͤbertrieben. Sie iſt gegen eine halbe Stunde lang, und etwa eine Viertel⸗ ſtunde breit, und allerdings ein bezaubernder Ort. Der noͤrdliche Theil des Eilandes iſt eine Wuͤſte im Kleinen, nichts als Felſen und Veroͤdung, mit den ſchoͤnen Ueberreſten eines kleinen Tempels auf dem erhabenſten Punkte; der uͤbrige Theil aber iſt mit Gaͤrten, Huͤtten, Palmenhainen und Obſt⸗ baumwaͤldchen bis an den Rand des Fluſſes bedeckt. Man kann nichts Auffallenderes und Schoͤneres ſe⸗ hen, als das Landſchaftbild, das wir bei Sonnen⸗ — 139— untergange vom hoͤchſten Punkte der Inſel uͤber⸗ ſchauten. Der Strom war oberhalb am hohen Ufer mit mebhren kleinen SEilanden bedeckt; links ſah man die Truͤmmer Syene's, rechts beſtand das Geſtade aus hohen Huͤgeln von hellgelbem Sande, die ſich in unermeßlicher Ausdehnung in das Bin⸗ nenland erſtreckten. Die ſchwarzen und nackten Fel⸗ ſenreihen unterhalb Eſſuen, waren von den Strah⸗ len der untergehenden Sonne geroͤthet, und alles ſchien unfruchtbar und oͤde zu ſein, bis auf den anmuthigen Punkt, wo wir ſtanden. Wer nie ei⸗ nen beſchwerlichen Weg durch lange und gluͤhende Sandwuͤſten gemacht hat, kann ſich das Entzuͤcken kaum denken, womit man Baͤume, oder ein glaͤn⸗ zendes gruͤnes Fleckchen begruͤßt, kaum die Wolluſt nachempfinden, die man fuͤhlt, wenn man wieder unter Huͤtten, Brunnen und kuͤhlen Schatten wandelt. Palaͤſtina war ohne Zweifel ein frucht⸗ bares und ſchoͤnes Land, aber das Entzuͤcken, wel⸗ ches die Iſraeliten fuͤhlten, als ſie es erblickten und betraten, und die feurigen Schilderungen, die ſie uns davon geben, hatten ihren Urſprung viel⸗ leicht eben ſo ſehr in der Erinnerung an den Weg durch die oͤde und unfruchtbare Wuͤſte, als in den Reizen der Landſchaften ſelbſt. Am naͤchſten Morgen beſuchten wir die Inſel Phila. Der ⸗Weg ging durch eine Sandwuͤſte, wo ſich Felſen in ungeheuern und hohen Maſſen auf⸗ — 140— thuͤrmten. Ungefaͤhr auf halbem Wege fanden wir einen Brunnen, den ein hoher Bogen von Ziegeln gegen die Sonnenſtrahlen ſchuͤtzte. Unter dem Bo⸗ gen ſaßen zwei arme Weiber, die uns in der Hoff⸗ nung auf ein kleines Geſchenk Waſſer anboten. Als wir einige Meilen mehr zuruͤckgelegt hatten, kamen wir an das Geſtade, der Inſel Philaͤ gegen⸗ uͤber, und ein Boot brachte uns dahin. Ein Arm des Nils machte hier einen Umweg, als ob er die⸗ ſes merkwuͤrdige Eiland haͤtte bilden wollen. Es iſt nicht halb ſo groß als Elephantine, und hat nichts Gruͤnes, als einige zerſtreute Palmen am Ufer; aber ſeine felſige und reizende Oberflaͤche iſt ganz mit prachtvollen Truͤmmern bedeckt. Sie beſtehen aus den Ueberreſten mehrer Tempel, deren nur ei⸗ ner gut erhalten iſt. Man ſieht hier zwei große Thorwege. Die Saͤulen in einem Gange haben dieſelben Knaͤufe, die man in Denderah ſieht, Iſis⸗ köpfe. Die Familie eines Arabers bewohnte einige Gemaͤcher des Tempels. Er wurde ſehr wild, als er merkte, daß wir die Abſicht hatten, in ſein Ha⸗ rem eiuzudringen, und zog ſein langes Meſſer, mit der Betheurung, er wollte den Verſuch raͤchen. Man tritt hier bei jedem Schritte auf ein Bruch⸗ ſtuͤck alter Denkmahle. Die Inſel muß einſt ein heiliger Boden und andaͤchtiger Abgeſchiedenheit be⸗ ſonders geweiht geweſen ſein. Keine Lage konnte beſſer dazu paſſen, da ſie von einem Arme des — 141— Nils umgeben, und auf allen Seiten von furcht⸗ barer Veroͤdung eingeſchloſſen iſt. Vorne breitet die Wuͤſte ihre Einoͤden und Berge aus; die dunk⸗ len, ſeltſam geſtalteten Klippen der benachtarten Felſen und Inſeln ſahen aus, als ob ſie durch ei⸗ ne Erſchuͤtterung waͤren zerriſſen worden, und wenn man ſie durch die langen Saͤulengaͤnge ſieht, wel⸗ che die Felſen bis an den Rand des Waſſers bede⸗ cken, iſt die Wirkung panoramiſch. Dann die Einſamkeit und Stille rings umher, die nur das Rauſchen der Waſſerfaͤlle in der Ferne unterbricht, und ein immer reines Klima, das ſelbſt die Naͤchte bezaubernd mild und hell macht. Wer der Welt uͤberdruͤſſig iſt, und nur mit der Natur und der Vergangenheit Gemeinſchaft haben will, gehe hin, und ſchlage ſeine Wohnung in Philaͤ auf. Das Boot, das wir gemiethet hatten, wurde von zwei Knaben zu der nahen Inſel gerudert, als ein Barabra,*) der ein durchtriebener Geſell war, mit anſcheinend lebhaftem Unmuthe verlangte, ihn an Bord zu nehmen. Seine Abſicht war, von dem gewoͤhnlichen Geſchenke ſeinen Antheil zu erhalten, und er machte uns ungemein viel Spaß. Er hatte *) Nahme der Nubier in der Landesſprache. Siehe: Mémoire sur la Nubie et les Baràbras in der Pe. scription de Egypte— état moderne T. I. 142— wie alle ſeine Landelente, ſehr ausdrurkvolle und belebte Zuͤge; eine Adlernaſe, hell ſtrahlende Au⸗ gen, die in jedem Blicke ſeine Meinung beſſer als in Worten ausſprachen. Sein Haar war in dicke Flechten getheilt, und ſeine gewandte kraͤftige Ge⸗ ſtalt war kaum mit Fleiſch bekleidet. Er war ganz ſchwarz. Seine Blicke und Gebehrden waren eine vollſtaͤndige Pantomime, und er ſang ein lebendige⸗ res Schifferlied als wir noch gehoͤrt hatten; denn die Araber haben alle einen eintoͤnigen Geſang, wo⸗ mit ſie den Takt zu dem Ruͤderſchlage angeben. Als wir wieder aufbrachen, umringte uns ein klei⸗ ner Schwarm, und quaͤlte uns um ein Bak⸗ ſchiſch, oder Trinkgeld. Unſer Barabra ſpielte dabei ſeine Rolle trefflich. Er ſuchte die andern von Bitten abzuſchrecken, ließ ſeine Stimme am ſicht draͤngte ſich vor, obgleich er mehr als jeder andere erhalten hatte. Der Ritt nach Eſſuen durch die Wuͤſte war ſehr angenehm. Die Sonne neigte ſich zum Unter⸗ gange, und nachher im Nil ſich zu baden— welche koſtliche Erquickung! Als die ſtarke Hitze ſich abge⸗ kuhlt hatte, wehte die Luft balſamiſch, kuͤhl und milde, ohne zu erkaͤlten. Am naͤchſten Tage ließen wir unſer Fahrzeug in Elephantine bleiben. Die Inſel war fuͤr uns eine angenehme Zuflucht, eine Heimat und ein ſchattiges Obdach in einem oͤden — 143— * Lande. Ermuͤdet und erſchoͤpft nach einer Wan⸗ derung durch Sand⸗ und Felſenwuͤſten, blickt man auf die uͤppigen Haine und das friſche Gruͤn dieſer Inſel, wie auf eine Kuͤſte nach einer Fahrt uͤber ein ſtuͤrmiſches Meer. Wie oft bin ich in den hei⸗ ßen Stunden des Tages unter ihren Schatten um⸗ hergewandelt! Beſonders war mir ein Plaͤtzchen lieb, wo eine Baumgruppe am Ufer ſtand, abge⸗ ſondert von den Wohnungen. Auf der jenſeitigen Kuͤſte erhob ſich eine hohe Reihe von Sandhuͤgeln; aus dem zwiſchenliegenden Arme des Stromes blick⸗ ten einige ſchoͤne Felſen hervor und ein kleines gruͤ⸗ nes Eiland, auf welchem einige Huͤtten ſtanden, und links ſah man die Truͤmmer zweier Tempel. Es war ein Genuß, hier ſtundenlang zu ſitzen, und die Sonne hinter der reizenden Landſchaft unterge⸗ hen zu ſehen. Die Waſſerfaͤlle, einige Meilen oberhalb Eſſuen, ſind ſehr unbedeutend. Der Fall ſtuͤrzt ſich nur einige Zoll hoch uͤber eine Felſenſchicht, welche beinahe die ganze Breite des Strombettes einnimmt, obgleich das Geraͤuſch in einiger Entferung hoͤrbar iſt. Wir waren nun am Ziele unſerer Reiſe. Am naͤchſten Morgen fuhren wir den Strom hinab, und kamen bald wieder nach Esneh und Luxor. In Esneh fanden wir einige hundert Mamluken des Paſcha's, deſſen Sklaven ſie ſind; Tſcherkaſſier und anderen Aſiaten, die er als Kinder gekauft hat. Es ſind meiſt noch junge Leute und ſchoͤn gekleidet. Sie werden von Sulejman Aga, dem ehemahligen franzoͤſiſchen Oberſten befehligt, der ſie an europaͤi⸗ ſche Kriegszucht gewoͤhnt hat. Eines Tages, als wir auf unſerer Nuͤckkehr von Windſtille uͤberfallen wurden, landeten wir am Eingange eines kleinen, von hohen Ufern eingeſchloſſenen Thales. Wir gin⸗ gen in der anmuthigen Landſchaft hinauf, und ka⸗ men zu einem kleinen Kloſter, deſſen Kirchhof in der Wildniß lag. Der Eingang war verſchloſſen, und da wir auf unſern wiederhohlten Ruf keine Antwort erhielten, ſtiegen wir durch ein Fenſter hinein, und fanden alle Gemaͤcher ſtill und veroͤdet. Sie mochten ſchon ſeit einiger Zeit ſo verlaſſen ſein. Auf dem Begraͤbnißplatze ſahen wir viele Grabſteine mit Inſchriften, zum Andenken der Moͤnche, die ihr Leben in dieſer Einoͤde zugebracht hatten, welche nie ein menſchlicher Fuß betreten haben mochte, ausgenommen wenn ein launiſcher Wanderer ſeinen Weg dahin nahm. Es war in der That ein Ort, wo ſich dieſe kleine Kloſtergemeinde in der Selbſtverlaͤugnung uͤben konnte, und ſie haͤtte mit mehr Recht als die meiſten ihrer Beruf⸗ genoſſen ſagen koͤnnen, daß die Freuden der Welt ihr fremd waͤren. Auf der NRuͤckreiſe nach Theben machten wir uns in den fruͤhen Morgenſtunden auf den Weg, um die Koͤnigsgraͤber zu beſuchen, und als wir — Al 8 S. „n 8 — 145— wieder in die Naͤhe von Kurnu waren, ſuchten wir die Wohnung des Arabers Osmin, der die Schluͤſ⸗ ſel aufbewahrt. Wir mußten zwei Stunden auf ſeine Ankunft warten. Er ſetzte uns ein Paar Huͤh⸗ ner und einige Brotkuchen auf einer Matte unter freiem Himmel vor, da wir einen ermuͤdenden Weg zu machen hatten. Unſer Pfad ging zuerſt durch ei⸗ ne Sandflaͤche, und ſtieg dann beſchwerlich bergan, bis wir in die Naͤhe der Graͤber kamen. Sie liegen in einer Art von Amphitheater, das von nackten und ſpitzigen Felſenbergen gebildet wird. In der Mitte deſſelben geht eine ſteile Kluft hinab, in de⸗ ren Tiefe der Eingang zu dieſen Wohnungen der Todten iſt. Als wir eine Treppe hinabgeſtiegen waren, oͤffnete ſich die Pforte des groͤßten Grades, und ein allmaͤhlig abſteigender Gang fuͤhrte uns in mehre Gemaͤcher. Es iſt unmöͤglich, das Erſtaunen und Vergnuͤgen zu ſchildern, womit man dieſe wun- derſamen Begraͤbnißplaͤtze ſieht, und es gibt keinen aͤhnlichen Anblick in der Welt. Es ſind der Ge⸗ maͤcher vierzehn, und alle in den Felſen gehauen. Alle Waͤnde und Decken ſind mit Verzierungen in hald erhobener Arbeit geſchmuͤckt, die ſich auch dar⸗ um ſehr gut erhalten haben, weil ſie gegen Beſchaͤ⸗ digungen und die Einwirkung der aͤußern Luft ge⸗ ſchuͤtzt waren. Die Mahlerei hat ein ſo friſches Anſehen, als ob ſie erſt wenige Jahre alt waͤre. Die ſchoͤn und tief in den Felſen gearbeiteten Fi⸗ 10 383 — 146— guren find von verſchiedenen Farben, einige hell und tief blau, gelb oder roth, und mit Weiß auf⸗ gehoͤht; bald ſind ſie im verjuͤngten Maaßſtabe, bald drei bis vier Fuß hoch. Die Gruppen ſtellen hier die Fortſchritte der Kuͤnſte oder die Erzeugniſſe des Ackerbaues vor; dort ſieht man einen langen andaͤchtigen Aufzug, dort einen Monarchen, der in glaͤnzendem Schmucke auf dem Throne ſitzt, und ſeinen Unterthanen Gehoͤr gibt, oder eine Todten⸗ feierlichkeit, wo eine Leiche, von Trauernden um⸗ geben, auf der Bahre liegt. Auch ſieht man ver⸗ ſchiedene Thiere in Lebensgroͤße, und mehre Schlan⸗ gen, deren verſchiedene Farben und Windungen ſchoͤn dargeſtellt ſind, beſonders eine in der Groͤße der Rieſenſchlange. Die Zuͤge der Weiber in die⸗ ſen Darſtellungen ſind ganz neu⸗aͤgyptiſch, ein ova⸗ les Geſicht, eine ziemlich dunkle Hautfarbe, volle Lippen, ein ſanfter, milder, durchaus afrikaniſcher Ausdruck. In einigen Gemaͤchern ſind die Bild⸗ werke an den Waͤnden und an den Decken nur zum Theil ausgefuͤhrt, und offenbar iſt die Arbeit unvoll⸗ endet geblieben. Der Ehrgeiz eines Koͤnigs, der ſein Andenken verewigen, oder ſeine Gebeine gegen jede Stoͤrung bewahren wollte, haͤtte keinen Ort waͤhlen koͤnnen, der paſſender geweſen waͤre, und das Gemuͤth lebhafter ergriffen haͤtte. Wir verließen Theben in derſelben Nacht, und hielten erſt bei Keneh wieder an. Unterwegs ſahen — — — 17— wir ein anſehnliches Lager tuͤrkiſcher Kriegsvoͤlker, die zu dem Heere in Senaar zogen, das Ibrahim Paſcha, Mahmud Ali's aͤlteſter Sohn, befehligte. Es befanden ſich einige Renegaten in dem Heere des Paſcha's, unter andern ein junger Amerikaner von guter Herkunft, der nicht ohne Kopf war. Er hatte in Aegypten den Islam angenommen nnd ei⸗ ne Anſtellung erhalten, wurde aber bald des Feld⸗ zuges in den Wuͤſten von Senaar uͤberdruͤßig. Er verließ das Lager in Geſellſchaft eines jungen Schott⸗ laͤnders, der in demſelben Heere gedient hatte, und erreichte nach einer beſchwerlichen Reiſe Kahira. Als ich ihn dort kennen lernte, war er mit einem geringen Gehalte als Schreiber im Dienſte des Pa⸗ ſcha's angeſtellt. Wenn es ſeine Abſicht geweſen waͤre, in tuͤrkiſcher Ueppigkeit zu leben, haͤtte er eine Pilgerreiſe nach Mekka machen ſollen, um de⸗ rrenwillen es allein der Muͤhe werth iſt, Muham⸗ medaner zu werden; aber er war nicht reich genug, und in Aegypten wie in Europa muß man Mittel haben, wenn man dem Vergnuͤgen leben will. In Kahira hatte er haͤufigen Umgang mit einem Ju⸗ denbekehrer, einem trefflichen Manne, deſſen Unter⸗ redungen ihm uͤber die Thorheiten des Islam die Augen offneten, obgleich er eine Schrift zur Ver⸗ theidigung deſſelben geſchrieben hatte. Er bereute nun ſeinen Abfall, wurde heimlich auf dem Nil nach Alexandria geſchafft, und als er nach Europa 10* 1— zuruͤckkam, ging er wieder zum Chriſtenthume uͤber. Sein Gefaͤhrte, der Schottlaͤnder, war nicht ſo gluͤcklich. Er ging in den Straßen Kahira's um⸗ her, und hatte nicht viel mehr als ein Betttuch zu feiner Bedeckung. Er ſprach mich zuweilen um Unterſtuͤtzung an.„unter den Tuͤrken geht's mir ſchlecht, ſprach er einſt zu mir, ich werde wieder Chriſt.¹ Auf dem Wege nach Oſchirdſche hatten wir ei⸗ nige Tage unguͤnſtigen Wind, und mußten anle⸗ gen. Eines Tages machte ich zum Zeitvertreibe eine Wanderung zu einem etwas entfernten Dorfe, und als ich mich unter eine Palme geſetzt hatte, las ich in einem Bande der arabiſchen Nachtmaͤhr⸗ chen. Es naͤherten ſich alsbald zwei Araber und ſetzten ſich an meine Seite. Aus dem Buche konn⸗ ten ſie nicht klug werden, aber das Bild einer ſchoͤnen morgenlaͤndiſchen Prinzeſſinn vor dem Ti⸗ tel war fuͤr ſie ungemein anziehend. Einer von ihnen, ein baͤrtiger Alter, ſprach ſeine Be⸗ wunderung in den ausdruckvollſten Zeichen aus, und ſeine Augen funkelten vor Freude. Sie baten mich, in das Dorf zu kommen, und als ich mich in einer Huͤtte niedergeſetzt hatte, bewirtheten ſie mich mit Datteln und Milch, und mehre neugie⸗ rige Weiber verſammelten ſich vor der Thuͤre. Ihre Sitte, das Geſicht meiſt ganz iu verhuͤllen, iſt ſehr loͤhlich; denn es iſt auffallend, da die Weiber, — — — —x — 149— in Aegypten in der Regel ſo haͤßlich find, waͤhrend man unter den Arabern ſo viele ſchoͤne junge Maͤn⸗ ner findet. Ein nackter Knabe trat in die Huͤtte. Er ſchien ſehr in Gunſt zu ſtehen, da er ein Marabet, das iſt von Kindheit an beſtimmt war, ein Fakir, oder arabiſcher Prieſter zu werden. Der kleine Schalk war recht rund und fett, und ich glaube ganz mit Oehl beſtrichen. Ploͤtzlich ließ ſich Muſik hoͤren, und ein ſeltſamer Aufiug erſchien. Ein Knabe trug eine rothe und weiße Fahne; ein langer Araber von ehrwuͤrdigem Anſehen ſchlug die Handtrommel, ein junger Mann eine große Trom⸗ mel, und ein anderer ließ ein Paar Handklappern erſchallen. Alle ſangen mit leiſer Stimme, und in der Mitte der Gruppe war ein Fakir, dem der ganze Aufzug galt. Er ſah gut aus, hatte ein volles bluͤhendes Geſicht, einen ſchwarzen buſchichten Bart, und dickes, wild zerſtreutes Haar. Er be⸗ wegte ſein Haupt zum Takte der Muſik auf und nieder und ſtimmte in den Geſang ein. Nach ei⸗ niger Zeit trat er in die Huͤtte, wo ich war, und benahm ſich ungezwungen und hoͤflich. Er war of⸗ fenbar eher ein Weltmann, als ein Heiliger voll Selbſtverlaͤugnung. Das Bild der ſchoͤnen Frau im Buche, das die Araber mit lebhaftem Antheil gekuͤßt hatten, ſchien der Fakir mit Widerwillen zu betrachten, da — 150— der Koran verbietet, an Gemaͤhlden Gefallen zu ha⸗ ben. Der Profet hatte vielleicht recht, ſeinen Juͤngern Gemaͤhlde und Bilder zu verbieten. Die elenden Abbildungen der Jungfrau und der maͤnn⸗ lichen und weiblichen Heiligen in den griechiſchen Kirchen, moͤgen auf die Fantaſie, wenn ſie anders durch ſolche Dinge angeregt werden kann, wohl eben ſo viel Eindruck machen, als die ſchlechten Bildſaͤulen der Katholiken. Die einzige Menſchen⸗ geſtalt, die ich in Griechenland der Anbetung, wenn ich ſo ſagen darf, wuͤrdiger fand, als die Haͤlfte der wunderthaͤtigen Heiligen in ihrem Kalender, war ein junges Maͤdchen in Tripolitza. Sie lag im Tode, aber ihre Geſtalt war das ſchoͤnſte Eben⸗ maß ſelbſt. Ihr Vater war ein Prieſter, und ih⸗ re Mutter eine wahrhaft koͤnigliche Frau, eine hohe, kraͤftige, edle Geſtalt, ganz unaͤhnlich ihrer Doch⸗ ter, die ſo klein war, als es ſich mit weiblicher Schoͤnheit nur immer vertrug. Sie lag in einem Gange, um friſche Luft zu athmen. Sie ſprach nicht, aber ihre zarten, wiewohl abgemagerten Eliedmaßen, die ein leichtes Gewand kaum ver⸗ huͤllte, bewegten ſich zuweilen im Todeskampfe, waͤhrend ein haſtiger Ausruf ihr entfuhr und ihr Geſicht von den langen Locken ihres ſchoͤnen Haares verhuͤllt war. Nie zieht ein Weib das Gefuͤhl ſo unwiderſtehlich an, als unter der Gewalt hoffnung⸗ loſen Kummers, und wenn es noͤthig geweſen ͤͤ,——y 9—— — 151— waͤre, dieß durch Erfahrungen unter den ungluͤck⸗ lichen Griechen und Tuͤrken zu beſtaͤtigen, ſo haͤtte man ſie leicht finden koͤnnen. Ich hoͤrte die Kla⸗ gen einer Mutter uͤber alle ihre ermordeten Kinder, die Klagen einer Witwe uͤber den Gatten, der aus ihren Armen geriſſen und ermordet wurde, ich ſah, den Abſchied einer Mutter von einem Sohne, deſ⸗ ſen Vater verwundet vor ihr lag, aber in ruͤhren⸗ dem und leidenſchaftlichem Ausdrucke des Grames muß der Chriſt dem Tuͤrken weichen. Der Mann traͤgt ihn ruhig und gleichmuͤthig, aber die Tuͤrkin⸗ nen— ſie zeigen die wahre Seele des Kummers und der ZFaͤrtlichkeit. VII. Ruͤckkehr nach Kahira. Während unſers Aufenthaltes in Keneh, beſuch⸗ ten wir noch einmahl den Tempel zu Denderah. Die Saͤulen der Halle ſind von einem feinen wei⸗ ßen Steine, und haben drei und zwanzig Fuß im Umfange. Hat man die Tempel in Theben, Esne und Etfu geſehen, ſo betrachtet man noch immer mit Vergnuͤgen dieſe praͤchtigen und ſchoͤnen Ueber⸗ reſte, die gewiß unter allen den tiefſten Eindruck machen. Die Franzoſen haben den ſchoͤnen Thier⸗ kreis von der Decke eines der innern Gemaͤcher ganz abgenommen und nach Paris geſchafft. Mar⸗ mor findet man ſelten in den aͤgyptiſchen Gebaͤu⸗ den, die gewoͤhnlich aus einem feinen weißen oder hellgelben Steine, oder ans grobkoͤrnigem Granit beſtehen. Als wir Oſchirdſche verlaſſen hatten, er⸗ reichten wir fruͤh am Tage die Stadt Abutidſche. Es war eben ein arabiſches Leichenbegaͤngniß. Voran gingen mehre Maͤnner, drei bis vier neben einan⸗ der, mit langſamen Schritten, und ſangen mit —jj—— —=ꝛ— —— — 158— trauriger Stimme. An ihrer Spitze war der Prie⸗ ſter. Ihnen folgte die Leiche, die ſechs Maͤnner anf den Schultern trugen. Sie lag ganz bedeckt auf einer offenen Bahre. Mehre Weiber folgten, und ließen von Zeit zu Zeit lautes Geſchrei und Wehklagen hoͤren, um ihren Schmerz zu zeigen. Ich miethete ein Paar Eſel, und machte eintn Ritt ins Binnenland nach Monfalut. Ein jun⸗ ger Araber von unſerem Fahrzeuge war mein Be⸗ gleiter. Wir durchzogen eine Ebene, und gingen uͤber eine Faͤhre, die man der Ueberſchwemmung wegen angelegt hatte, und als wir an einigen huͤb⸗ ſchen, faſt ganz in Palmenwaͤlder begrabenen ara⸗ biſchen Doͤrfern vorbeigekommen waren, deren eines eben Jahrmarkt hielt, betraten wir eine Sandwuͤſte, die links von einem Theile der lybiſchen Gebirgkette begraͤnzt war. Nach einiger Zeit kamen wir zu ei⸗ ner hohen Mauer, die einen viereckigen Raum um⸗ ſchloß. Wir waren neugierig, das Innere kennen zu lernen, und fanden ein koptiſches Doͤrfchen, das aus fuͤnf bis ſechs Huͤtten beſtand. In der Mitte erhob ſich eine einſame hohe Palme. Die armen Leute fuͤhrten uns in ein ſchlichtes kleines Gebaͤude, das ſie ihre Kirche nannten. Das Innere deſſelben war matt erleuchtet, und ein Vorhang bedeckte den Eingang eines Gemaches, welches das Allerheiligſte bildete, und woraus ſie zwei armſelige Oehlgemaͤhl⸗ de, die heilige Jungfrau und den Heiland vorſtel⸗ — 154— lend, und ein anderes, das irgend ein ehrwuͤrdiger Heiliger oder Apoſtel ſein mochte, hervorhohlten und mit nicht geringem Stolze uns zeigten. Auf unſere Frage, ob ſie Buͤcher haͤtten, brachten ſie uns drel große alte und ziemlich abgenutzte Werke, die mit koptiſchen Buchſtaben geſchrieben waren. Dieſe kleine, in der Abgeſchiedenheit der Wuͤſte lebende Gemeinde zeigte in ihren Sitten und in ihrem ganzen Weſen viel Unſchuld und Einfalt. Ein ſtarkes Thor ver⸗ wahrte ihre Einſamkeit. Der Aelteſte der Gemeinde, ein ehrwuͤrdiger Greis, gab uns beim Abſchiede mit frommer Inbrunſt ſeinen Segen. Wir ſetzten un⸗ ſern Weg fort, und der naͤchſte merkwuͤrdige Ge⸗ genſtand, den wir ſahen, war ein ſehr huͤbſcher arabiſcher Begraͤbnißplatz mitten in der Sandwuͤſte. Die Graͤber waren drei bis vier Fuß hoch und weiß getuͤncht. Die Morgenlaͤnder hatten zeigen wollen, daß ſie bei ihrer Sorgfalt fuͤr die Todten, die Le⸗ bendigen nicht vergeſſen, und ein Waſſerbehaͤltniß hier angebracht, das aus einem Brunnen Zufluß erhielt. Es hatte ein Dach, unter welchem es im⸗ mer kuͤhl blieb. Gegen Abend ſahen wir Siout's Minarete; ein ſehr willkommener Anblick. Der Fuͤhrer und Eigenthuͤmer unſerer Eſel war ein Aegypter, und er trabte zu Fuße neben ihnen her. Dieſe Thiere waren alles, was er in der Welt beſaß. Er hatte ſeine zwei Kinder verloren, deren Tod dem armen Manne alle Ausſichten auf ein ru⸗ ———— — 155— higes Alter raubte. Er brach in Thraͤnen aus, als er mit leidenſchaftlichem Ausdrucke des Kummers ſeine verlaſſene Lage ſchilderte. Nach Sonnenunter⸗ gange ſprach er eine halbe Stunde lang laut ſeine Gebete, indem er durch die Wuͤſte uns folgte. Un⸗ gemein auffallend war, bei dem Eintritte in die Stadt, die ploͤtzliche Abwechſelung der Gegenſtaͤnde, die lauten Toͤne und die raſchen Bewegungen der Menſchen in den Straßen nach der tiefen Einſam⸗ keit des Weges durch die Wuͤſte. Araber, Tuͤrken, Nubier und Arnauten hemmten beinahe den Weg.: Auf den Marktplaͤtzen war Gedraͤnge. Mein Fuͤh⸗ rer verſchaffte mir eine ſchlichte Wohnung bei Haſ⸗ ſan, einern Araber. In einer tuͤrkiſchen Stadt iſt eine Mah lzeit bald bereit. Derwiſch, der junge Schiffer von unſerem Fahrzeuge, ging aus, und brachte bald Kaffee, Milch, Brot und gebratenes Fleiſch, alles trefflich in ſeiner Art. Das Fleiſch beſtand aus kleinen, wohl gewuͤrzten Hammelſchnit⸗ ten, die an einen eiſernen Spieß geſteckt, ſchnell uͤber dem Feuer umgedreht werden und in wenigen Minuten fertig find. Der Abend war angebrochen, und der Gebetruf der Muezzim erſcholl von den Mi⸗ nareten. Eine Moskee, in welche ich einen Blick warf, war ſehr huͤbſch. Den Fußboden bedeckte ein netter Teppich, und durch eine kleine Kuppel in der Mitte ſiel ein mattes Licht hinein. Man glaubt 2— 156— im Morgenlande, eine balbe und ſchwache Beleucht⸗ ung ſei andaͤchtigen Betrachtungen guͤnſtig. Nach Anbruche der Dunkelheit kehrten wir in unſer kleines Gemach zuruͤck, wo eine Binſenmatte auf dem Boden mein einziges Lager war. Derwiſch und Achmet ſchliefen auf der Erde im Freien Der Mond ſchien hell wie Taglicht. Ich hatte noch nicht lange geſchlafen, als ich durch Muſik und Geſang in der Straße, dicht bei meiner Nacht⸗ herberge, aufgeweckt wurde, waͤhrend alles umher ſtil war. Die Toͤne waren ungemein lieblich, und verhallten langſam. Gleich nach Anbruche des Ta⸗ ges hoͤrten wir Achmet mit lauter Stimme Allah anrufen. Wir ſtanden ſchnell auf, und nach einem Fruͤhſtuͤcke von Kaffee und tuͤrkiſchen Pfannkuchen, die man in den fruͤhſten Morgenſtundun in den Straßen baͤckt, machten wir uns wieder auf den Weg. Als wir die fruchtbare Umgegend von Siout verlaſſen hatten, und in eine große Sandflaͤche ge⸗ kommen waren, erblickten wir nach wenigen Stun⸗ den eine zahlreiche Karawane, die in der Wuͤſte Halt gemacht hatte. Es waren Araber aus den entlegenern Theilen Aegyptens, die ſchwarze Skla⸗ ven zum Verkaufe nach Kahira brachten. Das Zelt des Anfuͤhrers zeichnete ſich durch ein Stuͤck blaues Tuch aus, das von der Spitze herabhing. Die uͤbrigen Zelte waren rings umher ohne Ordnung aufgeſchlagen. Die Kamehle gingen frei auf der *ε o A Nͤd d†nr —.— — 157— Sandebene umher, und die Araber hatten ſich in Haufen neben einander geſetzt, um ſch mit Rau⸗ chen und Geſpraͤch die Zeit zu vertreiben, waͤhrend mehre ungluͤckliche Sklaven um die Zelte gingen, oder ihre aͤrmliche Mahlzeit bereiteten. Der Anfuͤh⸗ rer, der ohne Zweifel einen Kundmann in mir zu finden hoffte, fuͤhrte mich mit bedeutſamen Ge⸗ behrden und laͤchelnden Blicken in ein großes Zelt, das mit halb nackten ſchwarzen Maͤdchen angefuͤllt war, die in Kahira ihre Herren finden ſollten. Wir nahmen bald Abſchied von der Karawane, und ⸗ 4 kamen wieder in eine bewohnte Gegend, wo wir eine Geſellſchaft von Landleuten, Maͤnner und Weiber, kanden, die froͤhlich ſingend ſich nahten. Sie wollten, wie es ſchien, ein Gefecht mit kur⸗ zen Knitteln beginnen. Achmets Herz freute ſich bei dieſem Anblicke, und ſeinen Kummer vergeſ⸗ ſend, war er bald in ihrer Mitte, und zeigte große Gewandtheit, als er mit einem langen Stocke mehre Hiebe anstheilte und abwehrte. Nach Son⸗ nenuntergange erreichten wir Monfalut und gingen wieder in unſer Schiff. Nach unſerer Ankunft in Radamuni beſuchten wir den Tempel zu Hermo⸗ polis. Es ſteht davon nur noch die Halle. Ihre Saͤulen ſind von groͤßerem Umfange als an irgend einem andern aͤgyptiſchen Tempel; ſie meſſen drei und dreißig Fuß im Umkreiſe, und ſind ſechzig Fuß hoch, aber nicht ſo hoch als die Saͤulen des Tempels zu Karnak. Wir brachten den Tag angenehm zu, und fuhren in der Abendkuͤhle in einem Boote auf das jenſeitige Ufer des Nils, um die Ueberreſte Antinoe's zu beſuchen, das Kaiſer Hadrian baute. Es ſtehen nur noch wenige Saͤu⸗ len; ſie ſind von Granit, ſehr ſchlank, gegen vierzig Fuß hoch und haben korinthiſche Knaͤufe. Wir ſetzten unſere Fahrt fort, und gingen wie⸗ der ans Land, um die Pyramiden von Sakkara zu beſuchen. Die groͤßte derſelben iſt ſchwerer zu er⸗ ſteigen, als die Pyramide von Dſchiſeh. Man kann nicht anders hinaufkommen, als wenn man uͤber Bloͤcke und Bruchſtuͤcke von verſchiedener Groͤße klettert, da die Außenſeite einer Ecke der Pyra⸗ mide vom Gipfel bis zum Fuße zertruͤmmert iſt. Die Ausſicht von der Hoͤhe iſt zwar von andrer Art als auf der Pyramide zu Dſchiſeh, aber eben ſo erhaben und umfaſſend. Die Ueberſchwemmung des Nils hatte nun ab⸗ genommen, und das fruͤher verbrannte und duͤrre Flachland Aegyptens war weit umher mit einem ſchoͤnen gruͤnen Teppiche bedeckt. Die Hitze war auch merklich geringer, und dieſe Jahrzeit, das Ende des Oectobers, vermuthlich eine der kuͤhlſten. Es iſt in den meiſten Monaten des Jahres, waͤhrend der heftigen Hitze, beinahe unmoͤglich, in Ober⸗Aegypten zu Lande zu reiſen. Die Fahrt auf ——— 159— dem Nil iſt der einzige rathſame Weg, da auf dem Fluſſe die Luft immer friſcher und kuͤhler iſt, und die Naͤchte gewoͤhnlich angenehm und lieblich ſind. Auf dem Ruͤckwege von Sakkara gingen wir uͤber eine weiche Sandflaͤche, und vor Durſt ver⸗ ſchmachtend, haͤtten wir jeden Preis fuͤr einen Trunk Waſſer gegeben, als unerwartet ein Derwiſch, als ob er aus den Wolken gefallen waͤre, mit ei⸗ ner ungeheuren Waſſermelone uns entgegen kam, die wir als himmliſches Manna empfingen. Er war ein langer, kraͤftiger Mann, mit einem huͤbſchen Geſichte, einer der ſchoͤnſten Maͤnner, die man ſe— hen konnte, eine Muſtergeſtalt, die ein Kuͤnſtler gern nachgebildet haben wuͤrde. Seine einſame Wohnung mit einem kleinen Garten war nicht weit entfernt, und er hatte ſich abſichtlich mit ſei⸗ ner Melone auf den Weg gemacht, weil er uͤber⸗ zeugt war, ſie gut verkaufen zu koͤnnen. Als wir nach Kahira zuruͤckkehrten, nahmen wir unſere Wohnung in dem Hauſe eines Franzoſen, Nahmens Aſſelin, der mit Chateaubriand durch Ae⸗ gypten reiſete, und ſeitdem immer hier geblieben iſt. Er war nicht ohne Kenntniſſe, und hielt ſich faſt den ganzen Tag in ſeinem Zimmer auf. Er trug europaͤiſche Kleidung und einen ungemein lan⸗ gen Bart, der ihm ein ſeltſames Anſehen gab. Man ſieht zuweilen mehre franzoͤfiſche Mamluken in —— den Straßen Kahira's. Es ſind ungefaͤhr funfzig Franzoſen, die ihren Glauben veraͤndert haben und im Dienſte des Paſcha's ſtehen. Sie genießen ſeine beſondere Gunſt und werden gut bezahlt. Als die Kriegsvoͤlker des Paſcha's vor etwa vierzehn Jahren ſich empoͤrten, weil ſie ihren Sold nicht erhielten, war er in großer Gefahr; aber die Franzoſen, die ſich in einer engen Straße vor ihn ſtellten, foch⸗ ten ſo tapfer, daß ſie ſeinen Gegnern widerſtan⸗ den, und ihn in Sicherheit brachten. Das Grab des ungluͤcklichen Burckhardt iſt auf einem tuͤrkiſchen Begraͤbnißplatze außerhalb der Stadt. Dieſer treffliche Reiſende war ein ungemein liebens⸗ wuͤrdiger Mann, und hatte bei ſeinem langen Auf⸗ enthalte unter den Arabern ganz das Anſehen und die Sitten eines Beduinen angenommen. Die Ara⸗ ber ſprechen haͤuſg von dem Scheikh Ibrahim. Man ſah ihn oft in der Wuͤſte auf einem gu⸗ ten arabiſchen Pferde, ſchlicht gekleidet, mit ſei⸗ ner Lanze, und einem Sacke voll Mehl hinter ſich, zu ſeiner Nahrung. In welchem Theile der Stadt er wohnte, war nie einem Europaͤer in Kahira be⸗ kannt, obgleich er zuweilen zu ihnen kam, um mit einem Unglaͤubigen Wein zu trinken oder Schinken zu eſſen, aber er wollte nicht gern Gegenbeſuche von ſeinen Landsleuten empfangen, damit die Tuͤr⸗ ken ſeine Bekanntſchaft mit ihnen nicht gewahr wer⸗ 8 — X AKub ũð ⏑⏑* N* — 161— den ſollten. Der Paſcha ſah ihn gern und ließ ihn oft hohlen, um ſich mit ihm zu unterhalten. Die einzigen Vergnuͤgungoͤrter in Kahira ſind die Kaffeehaͤuſer, wo man gewoͤhnlich viele Gaͤſte findet, aber ſo zahlreich die Geſellſchaft ſein mag, ſobald der Maͤhrchenerzaͤhler ſeine Geſchichte anhebt, iſt alles augenblicklich ſtill. Die Araber verrathen viel Fantaſie und Gedaͤchtniß in dieſen Erzaͤhlun⸗ gen, die ganz trefflich dazu geeignet ſind, ein traͤ⸗ ges und leichtglaͤubiges Volk zu unterhalten. Mit ſeiner langen Pfeife in der Hand, kann ein Tuͤrke ſtundenlang einer wunderbaren Zaubergeſchichte mit innigem Antheile zuhoͤren, waͤhrend er nur zuweilen ſein Allah! ausruft, ohne ſonſt den Erzaͤhler zu unterbrechen. Dieſe uͤberall im Morgenlande ver⸗ breitete Sitte iſt eben ſo nuͤtzlich als angenehm; denn die Geſchichten enthalten oft eine treffliche Sittenlehre, aber es iſt etwas ganz anderes, ſich in Europa eine Geſchichte erzaͤhlen zu laſſen, als ſie hier zu hoͤren. Die ſeltſame und reiche Bilder⸗ ſprache des Morgenlandes wuͤrde fuͤr unſere kaͤltern Erdgegenden eben ſo wenig paſſen, als das oft lei⸗ denſchaftliche und lebhafte Gebehrdenſpiel des Er⸗ zaͤhlers, oder ſeine Genien, ſeine boͤſen Geiſter, ſeine Ghol.*) Viele dieſer Maͤhrchenerzaͤhler durch⸗ * Weibliche Dämonen, die Relſende verlocken und mit den Klauen zerreiſſen. 2 11 —! ‧—— Hauſe des ſchwediſchen Geſchaͤftfuͤhrers, Herrn Bok wandern das Land, und ſuchen ihren ungewiſſen Unterhalt in Doͤrfern und Flecken, die vorzuͤglich⸗ ſten aber findet man in den Staͤdten. Ihre Geſchich⸗ ten ſind theils eigene Erfindungen, theils aus den arabiſchen Nachtmaͤhrchen und andern morgenlaͤndi⸗ ſchen Schriften entlehnt. Eine neue und gute Ge⸗ ſchichte bringt hier, wie ein nenes Buch in Euro⸗ pa, dem, Erfinder Nuhm, unb wenn ſie beliebt wird, wandert ſie von Stadt zu Stadt, wird ſchnell von den Arabern auswendig gelernt, und in allen Kaffeehaͤuſern des Landes wiedererzaͤhlt. Wenn eine Karawane am Abende Halt macht, und die Reiſen⸗ den um das Feuer vor den Zelten ſitzen, iſt ein Maͤhrchen, das einer aus der Geſellſchaft erzaͤhlt, immer eine beliebte Unterhaltung. Bei ſolchen Ge⸗ legenheiten unterbrechen Leute aus verſchiedenen Voͤlkern ihr Geſpraͤch, und horchen aufmerkſam auf jedes Wort, das von des Erzaͤhlers Lippen kommt. Die Weiber ſind von dieſer Unterhaltung ausgeſchloſ⸗ ſen; in Kahira aber gibt es eine hoͤhere Klaſſe von Almeh⸗Maͤdchen, welche zu den vornehmen Frauen gerufen werden, um ſie mit Tanz, Geſang und Muſik zu unterhalten. Wahrſcheinlich war es ein uͤppiger Tanz dieſer Art, den Herodias auffuͤhrte, um Herodes und ſeine Hofbeamten zu unterhalten, und der im Morgenlande ſehr beliebt iſt. Ich hatte einen ſehr angenehmen Abend im —--— 4 —4-— n 6 iſt. Seine ſchoͤne Tochter wurde vor einigen Jah⸗ ren von einem betrunkenen Tuͤrken erſchoſſen, als ſie zwiſchen ihrer Mutter und Schweſter durch die Straße ritt. Ein gruͤner Schleier, den ſie trug, war, wie man glaubt, die Veranlaſſung dieſes Fre⸗ vels. Die heilige Farbe des Profeten iſt den Chri⸗ ſten durchaus verboten, und ſelbſt einen gruͤnen Re⸗ genſchirm hier ſehen zu laſſen, wuͤrde gefaͤhrlich ſein. Der Zug der Karawanen, die auf ihrem Wege aus dem innern Afrika durch Kahira nach Mekka ziehen, gewaͤhrt ein anziehendes Schauſpiel. Sie beſtehen aus vielen Voͤlkerſchaften, die alle ihre ver⸗ ſchiedenen Fahnen haben.— Man ſieht hier ziem⸗ lich viele Hadſchi oder Pilger aus Mekka. Dieſe Leute muͤſſen die Vorrechte, die ſie erwerben, theuer erkaufen, denn die Pilgerfahrt iſt mit unge⸗ meinen Beſchwerden und Muͤhſeligkeiten verknuͤpft. Die Wallfahrt eines Chriſten nach Jeruſalem iſt ein Spaß gegen die Pilgerreiſe eines Moslim, der oft aus dem innern Afrika kommt. Er muß durch unermeßliche Sandwuͤſten wandern, Durſt und Hit⸗ ze im Uebermaaß ertragen, und nichts als eine gluͤhende, wiewohl mißverſtandene fromme Schwaͤrme⸗ rei kann ſeinem Leibe oder ſeinem Gemuͤthe Kraft dazu geben. Die Kaufleute, welche dieſe Reiſe hauptſaͤchlich des Gewinnes wegen unternehmen, zie⸗ 11* ty, der ein ſehr verſtaͤndiger und gebildeter Mann hen mit ihren Knechten, ihren Kamehlen und vie⸗ len Genußmitteln aus, aber die zahlloſen Schaa⸗ ren der armen Andaͤchtigen, die zu Fuße reiſen, mit dem Entſchluſſe, die Heimat ihres Profeten zu ſehen, muͤſſen ſich auf furchtbare Leiden gefaßt machen. Viele ehrwuͤrdige Greiſe, die ihre Hei⸗ mat und ihre Angehoͤrigen verlaſſen, um durch brennende Sandwuͤſten zu ziehen, haben wenig Hoffnung, die Ruͤckkehr zu erleben, und eine heim⸗ ziehende Karawane gleicht zuweilen einem Heere nach der Schlacht. In den Straßen Kahira's ſieht man oft eine beſondere Beluſtigung. Zwei leicht gekleidete fette Maͤnner mit breiten lachenden Geſichtern, umkrei⸗ ſen ſich einander, und ſo oft ſie ſich treffen, ver⸗ ſetzen ſie ſich derbe Hiebe in's Geſicht, waͤhrend ſie ein luſtiges Lied ſingen, das ſie mit ſpaßhaften Ge⸗ behrden und Verzerrungen begleiten. Fuͤr den Poͤ⸗ bel iſt dieß ein angenehmes Schauſpiel. Wir beſuchten eines Tages den Palaſt des Pa⸗ ſcha's in Schubra, der angenehm am Ufer des Nils liegt. In einigen Gemaͤchern ſieht man die ganze Pracht des Morgenlandes. Der Saal war ſehr einladend; koſtbare Ottomanen und Polſter, Springbrunnen und kuͤhle Winkel, alles lockte zu uͤppiger Ruhe und zum Genuſſe. Der Garten war huͤbſch und nach europaͤiſcher Art angelegt. In der Mitte ſtand ein reizender Kiosk unter Baumſchat⸗ — 4 —-——— .— — — ten. Der Paſcha iſt ein großer Luͤſtling, wiewohl maͤßig im Eſſen und Trinken, aber wie alle vor⸗ nehmen Tuͤrken benutzt er unbeſchraͤnkt die Erlaub⸗ niß des Profeten, mehre Weiber zu nehmen. Wir ſahen eines Tages die Frauen ſeines Harems ausreiten. Es waren ihrer acht, aber alle ſo dicht verſchleiert und eingehuͤllt, daß es unmoͤglich war, ihre Zuͤge zu erkennen. Ein Reiſender, der aͤrztliche Kenntniſſe beſitzt, hat im Morgenlande Vorrechte vor allen Andern. Er hat Zutritt in je⸗ dem Serai, darf den ſchoͤnſten Weibern in's Geſicht ſehen, und ſich lange mit ihnen unterhalten. Es iſt merkwuͤrdig, wie neugierig die Morgenlaͤnderin⸗ nen ſind, einen Frankenarzt zu ſehen. Tritt er mit feierlich ernſtem Geſichte herein, ſo zeigen ſich ſelbſt die Haͤmlinge freundlich gegen ihn, und jede Frau ſtreckt ihre ſchoͤne Hand aus, gibt ſich ein ſchmach⸗ tendes Anſehen, laͤßt die Farbe ihrer Augen beſe⸗ hen, und ſpricht ohne Zuruͤckhaltung mit ihm. Selbſt eine unbedeutende Kenntniß der Arzneikunſt iſt von großem Nutzen, wie wir ſpaͤterhin erfuhren, als wir eben dieſem Umſtande unſere Befreiung aus der Gefangenſchaft verdankten. Wenn ich mit Os⸗ min, dem ſchottiſchen Renegaten, der ſich fuͤr ei⸗ nen halben Arzt ausgab, durch die Straßen ging, ward er von mehren Weibern beſtuͤrmt, die ihm ihre oder ihrer Angehoͤrigen Leiden klagten. Die Umgebungen Kahira's haben ſich ſeit dem — — 166— Ablaufe des Waſſers wunderbar verſchoͤnert; der einzige angenehme Aufenthalt aber iſt Alt⸗Kahira am Ufer des Nils. Es iſt ein verfallener Ort, wo jedoch einige Kaufleute Haͤuſer haben, die am Waſfer unter dichten Schatten liegen, und die Aus⸗ ſicht auf die Inſel Rhoda und das Dorf DOſchiſeh am jenſeitigen Ufer genießen. Auf dem Wege zu die⸗ ſem Orte ſieht man oft unter dem Schatten der großen Baͤume an der Straße leicht gekleidete Weiber einer gewiſſen Klaſſe ſitzen, die ſich Kaffee kochen, und durch Worte und lockende Gebehrden die Vor⸗ uͤbergehenden einladen, aber ihr Aeußeres iſt nicht ſehr anziehend. Man findet in Kahira verſchiedene warme Baͤ⸗ der, auf welche im Morgenlande Maͤnner und Frauen leidenſchaftlich erpicht ſind. Fuͤr einen Eu⸗ ropaͤer iſt es anfaͤnglich eine furchtbare Pruͤfung, ſich dieſer Baͤder zu bedienen. Hat man ſich ent⸗ kleidet, ſo kommt man zuerſt in das Dampfbad, wo man ſo lange bleibt, bis der Schweiß in Stroͤ⸗ men hervorbricht. Alsdann geht man in das war⸗ me Bad, und ſtreckt ſich nachher auf einen, einige Fuß hohen Sitze aus, wo man ohne Erbarmen von einem tuͤrkiſchen Badeknechte gerieben wird, der endlich jedes Gelenk knacken laͤßt, daß man's im ganzen Zimmer hoͤren kann. Hat man ein leichtes Gewand angelegt, ſo geht man ins Vorzimmer, wo man ſich auf Teppichen und Polſtern ausſtreckt, — — 167— und ſich Pfeife, Kaffee und Scherbet bringen laͤßt. Eine angenehme und wolluͤſtige Empfindung verbrei⸗ tet ſich uͤber den ganzen Leib. Jedes Glied, jedes Gelenke iſt leicht und frei, und nach allem Durch⸗ kneten der Muskeln und Ausduͤnſten fuͤhlt man ſich leichter als je zuvor.* Wir hatten beſchloſſen, den Sinai zu beſu⸗ chen, und mietheten Kamehle zu der Reiſe. Die Geſellſchaft beſtand aus Herrn C., einem Englaͤnder, Herrn W., einem Teutſchen, der von Cambridge zur Bekehrung der Juden ausgeſandt war, ſeinem Diener, einem teutſchen Pinſel, meinem Michgel, der ein unſchaͤtzbarer Begleiter war, und ſechs Ara⸗ bern, die unſere acht Kamehle warteten und uns als Fuͤhrer dienten. Die Reiſe verſprach uns einen großen Genuß und wir erwarteten ungeduldig den Augenblick des Aufbruches. Ende des erſten Theils. er 28 — — — —2 5 — — — — — ₰ — — — —2 — — — — „ 5** 6—. —————— 2 8 —* ——— —————= 1*☛ — ¼ —+ “ heneſere de“—