deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur b von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 4— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————n————⏑—ͤ— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3 74 — — . 1 8* 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurüuckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganfen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— * —ᷣ—ᷣ——⸗Ü-ÿäñ————— —— Der Vormund. Roman Flygare Carlsn. —x— Aus dem Schwediſchen von 1 G. Fink. b Neuntes bis vierzehntes Bändchen. 4 4. — Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1852. Letzter Theil. Erſte Abtheilung. 1 Eiferſucht. Und ſie ſchlief getroſt wie ein kleines Kind. Ein Heer von Erinnerungen ſchlug ſeinen Schauplatz auf um die Sterbende. Runeberg. Was flüſtert ihr wieder in mein Ohr, Tagſcheue Geſpenſter, Kinder der Finſterniß? Runeberg. Der Vormund. II. 1 4 — I. Einleitung. Es war Sonntag, der erwartete Sonntag. „Jetzt wird man endlich zu hören bekommen, wie es geht,“ flüſterte man von Mund zu Mund, während man ſich drängte, um in die Kirche zu gelangen. Die Predigten des Pfarrers Horner waren immer beſucht, aber niemals ſeit ſeiner Inſtallirung hatte der Tempel von ſo viel Stimmen wiedergellungen, wie heute. Nichts deſto weniger hatte der geliebte Prediger niemals zu undankbareren und ungeduldigeren Zuhörern geſprochen. Man fand den Vortrag ungewöhnlich lang, obſchon er wahrſcheinlich ungewöhnlich kurz war. Und ſtatt der Thränen, die ſich ſonſt in den Nastüchern der Frauen⸗ zimmer zu verbergen pflegten, wurde heute manches halb⸗ unterdrückte Gähnen darin verborgen. Endlich ſagte der Prediger: Amen!— die Gemeinde ein leiſes: Gott ſei Dank! Und jetzt, nach den Gebeten und den üblichen Pau⸗ ſen huſtete der Pfarrer, und ließ dann mit ſeiner tiefen und vollen Stimme vernehmen, daß ein chriſtlicher Che⸗ bund verkündet werde zwiſchen dem ehemaligen Lieute⸗ nant im königlichen D..ſchen Regiment, Herrn Franz Emil Marbin und der hochedlen Jungfrau Johanne Sophie S.,*) wie auch desgleichen ein chriſtlicher Ehebund zwiſchen dem Lieutenant im königlichen F.... Regiment, Herrn Charles Anton Marbin und der wohlgebornen Jungfrau Viola Maria Holſt. Die leere eiskalte Neugierde war zufrieden geſtellt. Sie konnte ſich jetzt frei in Ach und Weh, in Be⸗ kreuzungen und frommen Blicken zum Himmel ergießen, um bald darauf den Gegenſtand zu vergeſſen, der ſie drei Tage lang im Fieber erhalten, während das Fieber der Hauptperſonen(der genannten und ungenannten) erſt recht begann in den Augenblick, wo das der theil⸗ nehmenden Gemeinde ſich legte. „Wie viel Uhr iſt's?“ hörte man eine matte Stimme fragen, und eine matte brennende Hand wurde zwiſchen den Vorhängen vorgeſtreckt, welche das Kranken⸗ bett des Kriegsraths Wendelsköld umgaben. „Drei Viertel auf zwoͤlf, lieber Herr.“ „Gib die Uhr her.“ Der Kriegsrath hielt ſie empor an ſeine unnatürlich glänzenden Augen. 3 „Lars Moritz predigt heute nicht lange.“ Er ließ die Uhr fallen, denn mitten in der Fieber⸗ hitze ſchüttelte ein Schauder ſeinen Schnee über ihn. „Sie hätten es nie ſoweit kommen laſſen ſollen, Herr... Sie wußte ja nicht, was ſie that, was ſie derſprach.“ *) Ein Aufgebot unter ſolchen Umſtänden(wo man wußte, daß der Mann todt war,) hat vor einigen Jahren in einer der weſtlichen Städte des Reiches ſtattgefunden. atte rde en⸗ lich ber⸗ len, ſie nan gen ches —.— „Es war ein Verſprechen, das nicht gebrochen wer⸗ den konnte— es war heilig— ſie wollte es auch nicht brechen und ich... ich... Du haſt ſie wohl niemals zu dieſer Thüre hereinſchauen laſſen?“ „Nein, nein, das verſteht ſich.“ „Sie hat Dich auch nie darum gebeten?“ „Gebeten hat ſie mich genug.“ „Das war grauſam von ihr... Sie mußte feier⸗ lich geloben, ſich nicht vor mir zu zeigen... aber weißt Du, wie es heute Nacht war?“ Ein Fiebertraum zog wieder ſeine Wolken über Severins Seele. „Wie war es?“ „Auf dem Stuhl, wo Du ſitzeſt, ſaß ſie und ſchaute mich an mit ihren lieblichen, mit ihren holden, zärtlichen Augen. Sie trocknete meine Stirne mit ihrer Hand und fächelte über mich mit einem Fächer von Lilien... Still, es regt ſich etwas hinter den Gardinen..warum bewegen ſie ſich?— es iſt doch niemand hier?“ „Niemand, lieber Herr, ich war es, der der Schnur zu nahe kam.“ „Hörſt Du, was der Doktor ſagt? Ich ſehe es ihm an den Augen an, er hoffte, daß dieſes verzehrende Fieber, dieſes Höllenſteber, das meinen Körper und meine 7 Seele zugleich verbrennt, enden würde in... o wie ich dürſte— und nicht einmal einen Tropfen Waſſer von ihrer Hand.“ „Darf ich Sie laben, Herr?“ „Laben— fort, ſage ich, fort! Sehe ich nicht, wer es iſt, dem ſie den labenden Trank reicht?... ihm, ihm... und ihre Lippen... er naht ſich ihnen... ſein, ſein Arm ſchlingt ſich um ihren Leib. O führe ſie hierher, führe ſie beide hierher, damit ich ſie erſticken kann mit meinem Athem... es iſt heiß genug... und meine Thränen, ſie ſind auch heiß genug.“ Ein gewaltſames Schluchzen wurde aus der Bruſt des ſieberkranken Mannes hervorgepreßt. „Der Wahnſinn kommt wieder,“ flüſterte der alte Nicke und blinzelte unvermerkt nach der linken Seite, wo die Gardine ſich bewegt hatte. „Der Wahnſinn— armer ausgetrockneter Greis... er hat vergeſſen, daß es Leiden gibt, die an Wildheit den wildeſten Wahnſinn überbieten. Es iſt Wolluſt im Wahnſinn, aber dieſe Wolluſt naht ſich nicht meinem Hirn... unaufhörlich dieſelben Bilder! Sie, ſie.. und dieſe Jeanne Sophie, die meine Schwelle küßte und ſagte: Es iſt mein Segen, den ich zurücklaſſe— laſſen ſie mich nicht Fluch dafür aufnehmen. „Aber dieſe weltliche Weisheit ſollte ihre Zeit der Herrſchaft haben. Ich war hart, o Viola, meine Braut, meine ſchöne, herrliche Roſe muß ich jetzt an die Bruſt eines andern legen. „Ja, ſie opfert ſich... aber wenn ein Tag kommt, wo es ſich nicht mehr um das Opfern handelt, wenn ſie ihn lieben lernt... Meine Augen verkohlen in ihren heißen Oefen: ich ſehe ſie nicht mehr... Die Frau wird ihren Gatten lieben, dem ſie Treue geſchworen hat.“ „Lieber Herr, bleiben Sie ruhig liegen— es iſt ſo gefährlich, wenn Sie ſich bewegen... Jetzt wird bald der Doktsr kommen.“ „Das iſt gut, ſehr gut— ich fühle mich unver⸗ gleichlich leichter jetzt, ſeit dieſer ſchöne kühle Nachtwind hereingekommen iſt. Ich wußte, daß er kommen würde, wenn alles vorbei wäre... Lars Moritz hat bereits ſeine Predigt beſchloſſen und ſetzt jetzt die Verſammlung in Erſlaunen.. Apropos, alter Freund, wann macht der Bräutigam ſeine Aufwartung— er wird wohl im Salon empfangen?“. Nicke murmelte eine Antwort, die nicht gehört werden konnte. Nachdem Severin noch einige Augenblicke fantaſirt hatte, ſchien er einzuſchlafen......... „** 2*„1*.*..⁴* 2**** 2 te„Er iſt eingeſchlummert,“ flüſterte der Alte, indem te, 5 er ſich aufrichtete; jetzt koͤnnen Sie ſchon ein wenig vorſchauen, mein Fräulein, aber es war gefährlich mit dem Nastuch zu wehen.— Wenn er ſeitwärts aufge⸗ eit ſehen hätte... ich glaube nicht, daß er den Anblick im 4 hätte ertragen können.“ m ½ Ein ſchneeweißes Engelsgeſicht beugte ſich jetzt . vollſtändig vorwärts und ein paar gefaltete Händchen te erhoben ſich zuerſt zum Himmel und ſenkten ſich dann wie zu einem Segen über den Kranken. „Ja, ja, liebes Fräulein, jetzt iſt das Leben qual⸗ er voll, und ich will keinen Vorwurf noch dazu legen,— it, nein, ich will das nicht... aber verweilen Sie nicht iſt länger: der Doktor kommt bald und er findet es nicht gut, wenn er Sie hier ſieht. t,„Ach gönne mir nur einige Augenblicke, ich will an b ſogleich gehen... ich will blos, wie heute Nacht, an en ſeinem Bette knien.“ au. Viola, die mehr einem Geſpenſt als einem Menſchen en glich, ſchlich vor und kniete langſam nieder auf dem 4 weichen Teppich. iſt Mit welchen Blicken betrachtete ſie nicht dieſes vom rd 1 Fieberbrand entſtellte Geſicht! Welche Gewiſſensqualen machte ſie ſich nicht um r⸗ ſeinetwillen! nd O ſie waren ſchrecklich. e, Und dennoch opferte ſie ihn, ihn, den ſie am höch⸗ 13 4 ſten auf Erden liebte, denn er hatte einen Erſatz in der ig 4 Gewißheit, daß ſte alle ſeine Qualen theilte, daß ſie ht tauſendfach litt, während ſie ſelbſt es war, die für beide im ddie Hoͤlle geſchaffen. Und gleichwohl, ungeachtet all des tiefen Weh's, rt das über ihrem Leben lag, hatte ſie nicht einen einzigen Augenblick in den drei Tagen, die zwiſchen ihrer Hand⸗ irt lung und deren Folgen verfloſſen, Reue empfunden. ¹ 4 Im Fall Severin, wie der Pfarrer und der Doktor, 4 ſie durch Ueberredung und Bitten zu veranlaſſen geſucht hätte, eine Verbindung abzubrechen, welche ſie wahnfinnig nannten, ſo würde ſie ihm eben ſo gut widerſtanden haben, wie den andern. 8 Ihr Beſchluß war unveränderlich. Sie hatte blos verlangt, daß Charles verreiſen ſollte bis zu dem Tag, der für ihre Trauung feſtgeſetzt war, und dieſer hatte ſich auch ohne Einwendung dazu verſtanden. Und nichts, weder Vernunft, weder Bitten noch Beweiſe, vermochte die feſte Kraft eines Willens zu brechen, deren blinder Heroismus beſchloſſen hatte, ſich für die Freundſchaft und zur Sühnung eines Fehlers zu opfern, von dem ſie ſich vergebens zu überreden ſuchte, daß er ſich blos in ihrer Fantaſie beſinde.. Ihre einzige Antwort auf alle Einwendungen lautete: „Ich habe mich freiwillig erboten, und ich habe weder das Recht noch den Willen, diejenigen zu belei⸗ digen, die mein Verſprechen empfangen haben.“ Severin würde ſie inzwiſchen nicht— wenn ſie Zutritt erhalten hätte— mit Bitten in Verſuchung ge⸗ führt haben. Er verſtand dieſe ſo poetiſch zärtlich und fein füh⸗ lende Seele, er verſtand ihren grenzenloſen Edelmuth, aber dieß verhinderte nicht, daß die Wunde, welche er empfangen hatte, unheilbar war, und daß er in den klaren Augenblicken zwiſchen den gelinderen Fieberanfällen und dem Delirium ſie ſtark tadelte, ja ſogar verdammte wegen der Schwachheit, welche ſie Stärke nannte. Während des Deliriums erblickte er in ihr ein Opfer, das er mit anbetender Liebe verehrte, aber in den klaren Augenblicken litt er verdoppelt unter den peinigenden, ihn unaufhörlich verfolgenden Gedanken, daß ſie etwas in der Welt— und was? eine eingebil⸗ dete Gewiſſensqual— über ihn geſtellt habe. Wie theuer, wie heilig hatte ſie ihm nicht ihr Vertrauen in allen Dingen gelobt, und gleichwohl erhielt er es niemals, bis ihre Unbedachtſamkeit eine Nothwen⸗ digkeit geſchaffen hatte, der ſie nicht widerſtehen konnte. Wenn ſie ſo ohne allen Gedanken an ihn handeln konnte, ſo war es nicht möglich, daß ſie ihn tief und innig liebte. Sie faßte die Liebe nicht in ihrer wahren Bedeutung auf,— ſie war alſo deſſen nicht würdig, was er ihret⸗ wegen ausſtand, und jetzt wäre, wenn man auch das ganze Verhältniß mit Charles rückgängig gemacht hätte, das Band zwiſchen ihnen zerriſſen geweſen, zu ſehr zer⸗ riſſen, um wieder angeknüpft werden zu können. Viola kannte dieſen graufamſten Theil ihres Schick⸗ ſales nicht. Ihre hoͤchſte Kraft beruhte in der Gewißheit, daß Severin, wenn es ſich darum gehandelt hätte, die Hälfte ſeines Lebens für ihre Freiheit gegeben haben würde. Ach, noch verſtaad ſie den Mann nicht recht, den ſie liebte. Aber ehe ſie das Zimmer verließ, wollte ſie einen noch umfaſſenderen Blick in ſein Herz werfen. Sie lag noch auf den Knieen, ihre Lippen ruhten leicht auf ſeiner Hand. Sie bat Gott, daß ſie beide ſterben möchten, aber nicht eher, als bis er ſie zu ſehen gewünſcht und einige freundliche Worte zu ihr geſprochen habe... die letzten für dieſes Leben. Aber jetzt, da ſie ſich erhoben und fliehen ſollte, ehe ihre heftige Bewegung ihn erweckte, kamen ſchnelle Tritte an die Thüre, und ſie hatte ſich kaum hinter die Vorhänge zu verbergen vermocht, als der Doktor eintrat. Das Geſicht des Ehrenmannes hatte jetzt einen ganz andern Ausdruck als gewöhnlich. Er ſetzte ſich zu den Häupten des Kranken und ergriff ſachte ſeine Hand. Nach einigen Augenblicken ſchlug Severin die Augen auf. Man ſah jetzt einen klaren Gedanken ſich darin fpiegeln, obſchon der Gedanke nicht zu demſelben Ge⸗ genſtand zurückfehrte. 4 „Wie viel Uhr?“ fragte er und ſah den Doktor an.„Es iſt doch jetzt vorüber.“ Es war vorüber. Aber eine Verſuchung, eine Wuth Experimente zu machen, kam über den Doktor. „Noch nicht.“ „Es zieht ſich entſetzlich lang hinaus.“ „Es gibt Dinge, die man nie zu lang hinaus⸗ ſchieben kann. Wenn ſie dem Aufgebot Einhalt thäte, — das iſt auch ſchon erhört worden.“ „Sie hat es wohl nicht gethan, hoffe ich.“ Severin's Augen leuchteten von einer andern Gluth als der der Liebe und des Fiebers. „Du ſagſt das in einem Ton, als wenn Du dieſe Handlung als ein Unglück betrachteteß.“ „Ich würde ſie als entehrend anſehen, und meine Mündel haben Kummer und Schande genug über mich gebracht, daß es nicht auch noch eines weiteren Scan⸗ dals bedarf, der ſowohl in den Augen Gottes als der Menſchen abſcheulich wäre.“ Er ſprach äußerſt leiſe, oft abgebrochen, beinahe unklar, und dennoch drangen die Worte mit qualvoller Klarheit hinter die Gardine. „Bruder, Bruder, Du brauchſt härtere Mittel gegen Dein krankes Herz, als ich gegen Deinen kranken Kör⸗ per gebrauche. Wenn dieſe Verbindung unterbliebe, ſo würdeſt Du den Himmel erreichen, nach welchem Du ſonſt beſtändig ſchmachten und Dich ſehnen mußt. „Nein,“ antwortete Severin mit einer Stimme, in welcher Viola bei der Todesbeklemmung ihres Herzens nichts gemeinſchaftliches mit derjenigen Stimme zu finden glaubte, die in ſeinen Viſionen klagte,„nein, mein Freund, glaube das nicht. Ich kann ſie noch lieben— denn die Liebe läßt ſich nicht befehlen,— aber die Hoch⸗ achtung, dieſes für mich ſo nothwendige Gefühl... Doch genug: wenn ſie auch nicht ihren Ruf durch eine 11 Handlung blosgeſtellt hätte, welche die Kette ihrer Thorheiten vollendete, ſo wäre doch jetzt alles vorbei.“ „Du glaubſt das, aber die Liebe hat auch ihre Mittel, um den verletzten Stolz zu bezwingen.“ „Es handelt ſich hier weder um Liebe, noch um Stolz, ſondern um die Vernunft, welche tödtet, wenn die Verachtung nicht ausreicht.“ Man hörte einen tiefen, beklommenen Athemzug, oder vielmehr den Ausbruch eines gepreßten Athems. Der Kranke fuhr heftig zuſammen— die ſchwere Wolke ſiel wieder über ſeine Seele. 8 „Sie iſt hier, hier innen im Zimmer. Ich hörte einen Geſang— ſie war es, die ſang... einen Todten⸗ geſang bei meiner Beerdigung; und Lars Moritz hielt die Leichenrede. Süperb: noch jung an Jahren, begabt mit einer ausgezeichneten äußern Geſtalt, einer erhabe⸗ nen Seele und einem Herzen, blank wie ein Edelſtein, hätte er ein Herz, das mit Stolz dem ſeinigen entſprach, ſuchen können, er wäre immer ſicher geweſen, es zu finden.. ha, ha, ha, Lars Moritz muß dieſe Stelle da ausſtreichen, wenn man nicht über ſeine Leichenpre⸗ digt lachen ſoll.“ „Fräulein Viola,“ ſagte der Doktor, indem er das junge Mädchen aus ſeinem Verſtecke hervorführte,„wenn man den ungeheuren Muth gehabt hat, das Höchſte zu opfern, ſo muß man wohl auch den kleineren Muth be⸗ ſitzen, ſolche Gelegenheiten zum Lauſchen zu verſchmähen. Sie können zuweilen gefährlich werden. Und jetzt ſage ich: beſuchen Sie das Krankenzimmer nie mehr— ſein Leben hängt an einem ſo ſchwachen Faden, daß es Er⸗ ſchütterungen, wie dieſe, nicht erträgt.“ „Seien Sie unbeſorgt,“ antwortete Viola mit de⸗ müthiger Unterwürfigkeit.„Ich habe jetzt nichts mehr hier zu thun.“ 1 Der Nachmittag deſſelben Tags war beſtimmt für Jeanne Sophie, das doppelte Geheimniß ihres Schickſals zu entſchleiern. Es war Viola's inniger Wunſch geweſen— und Niemand bekämpfte ihn, daß Jeanne Sophie nichts er⸗ fahren ſollte, bevor es unwiderruflich ſeſtſtände, daß ſie als die hinterlaſſene Gattin ihres Emil betrachtet wer⸗ den ſolle. Ihre zunehmende Gleichgültigkeit gegen Alles, was um ſie her geſchah, machte, daß ſie ſich mit Befriedi⸗ gung in die Vorſchrift des Doktors fügte, das Zimmer nicht zu verlaſſen. Er behauptete, daß ſie leide— ſie wußte nicht an was.. das war ihr gleich. Sie nahm ſeine Beſuche an, obſchon ſie keinen körperlichen Schmerz empfand. . Mehrere Male nannte ſie jedoch den Namen des Kriegsraths, und als man ihr erzählte, wie ſehr er mit Geſchaͤften überhäuft ſei, wunderte ſie ſich darüber, daß er ihr nichts zum Abſchrelben ſchicke. An dieſem Sonntag Nachmittag war ſie nicht mehr niedergedrückt als gewoͤhnlich. Sie wartete wie immer auf einen Brief von Emil, ſie las den letzten, den ſie bekommen hatte, noch einmal, und lebte in ihrer eigenen innern Aaſchauung. Die Unterredung mit dem Doktor Livelius hatte keinen ſo andauernden und ſchmerzlichen Eindruck auf ihr Gemüth gemacht, als man hätte glauben ſollen. Wunderbar genug war es ihr geglückt, dieſelbe gänzlich aus ihrer Erinnerung zu verdrängen, um ausſchließlich an ihn zu denken, zu welchem ihre Seele, nach jedem Ausflug in andere Regionen des Schmerzes, ſogleich zurückkehrte.............. Der Pfarrer war es, der den ſchweren Auftrag er⸗ hielt, mit dem jungen Weib zu ſprechen. Der Auftrag wurde inzwiſchen unendlich leichter, als jemand hätte glauben können. Denn kaum hatte Jeanne Sophie die erſten ein⸗ — he — — 13 leitenden Sätze gehört, ſo ſagte ſie mit einer überna⸗ türlichen Ruhe:„Ich habe ſelbſt eine ſichere Ahnung von irgend einem großen Unglück gehabt, aber die Furcht, welche Sie, Herr Pfarrer, in Worten auszuſprechen ſich ſcheuen, wie ich ſehe, nähert ſich meinem Herzen nicht. Wenn Emil todt wäre, ſo würde ich es lange vorher gewußt haben... Erzählen Sie mir jetzt Alles.“ Und nun theilte er ihr Alles mit, die ganze Ge⸗ ſchichte des Schiffbruchs, und wie die kleine Barke, auf welcher Emil mit dem Steuermann und drei Matroſen ſich zu retten geſucht, einige Meilen von dem Platz, wo das Schiff geſcheitert war, umgeworfen gefunden wor⸗ den ſei. Aber ſie ſagte noch einmal mit Feſtigkeit: „Mein Emil iſt nicht todt— er wird zurückkehren — aber er leidet und.. ach o Gott, ich weiß nicht, wo er lebt und leidet.“ Nach dieſer bewundernswürdigen, von Gott und ihrem ſtarken Gemüth eingegebenen Reſignation bei An⸗ hörung dieſer erſten Nachricht, war man überzengt, daß die zweite nicht die Hälfte des Eindrucks machen würde, auf den man gerechnet hatte. Aber ſte machte einen tauſendfach ſtärkeren Ein⸗ druck, als man vorausgeſetzt. Niemals, während ihres ganzen Lebens, wo ſo viele heftige Abwechſelungen ſtattgefunden, war Jeanne Sophie in Wirklichkeit der Grenze, wo Vernunft und Wahnfinn ſich trennen, näher als jetzt, als ſie das Opfer erfuhr, das Viola gebracht hatte, und als man ihr ferner geſtand, was man nicht länger verhehlen konnte, nämlich, daß Severin krank war. „Ich bin von Gott verurtheilt, ich bin aus dem— Himmel ausgeſloßen, ich bin eine der Seelen, die auf die Erde herabgeſandt ſind, um Unglück und Erniedri⸗ gung über andere zu bringen... O verlaſſen Sie mich, verlaſſen Sie mich... was frage ich nach Namen, 14 nach Ehre! habe ich eine Rehabilitation verlangt? Aber in eurer ausgeſuchten Grauſamkeit habt ihr dieß auf meine Seele gewälzt, wie wenn ſie nicht ſchon vorher Qualen genug gehabt hätte... Viola, höre mich an, um meinetwillen, um Emils willen, um des armen Kin⸗ des willen, das vielleicht nie das Tageslicht erblicken wird— laß Alles zurückgehen. „Fluch über den Elenden, der dieſes Geſchenk an⸗ nehmen konnte— er iſt nicht werth, Emils Bruder zu ſein. Und ich ſollte darnach trachten, ſeinen Namen zu tragen, ich ſollte ihn mit blutigen Thränen für mein Kind annehmen. „Es iſt unmöglich, es iſt unmöglich... und dieſe ſtolzen Eltern, die mit der Ehre ihres Sohnes gemark⸗ tet, eine Spekulation daraus gemacht haben, ob dieſelbe ſich in der Ehre ſeiner hinterlaſſenen Geliebten wieder herſtellen laſſe oder nicht? O ich verachte ſie ſo tief, ſo tief, daß ich ſte mit meinen Füßen zertreten könnte. „Nur ein Einziger hatte das Recht, Rechenſchaft von mir zu fordern— und er, der Edle, der Allzuedle, er ſchweigt und leidet... o ich weiß zu gut, wie ſehr er leidet, erſt durch mich, und dann durch ſie, die Alles hätte gutmachen ſollen, und die uns alle jetzt in dieſes bodenloſe Elend geſtürzt hat.......... Wir unterlaßen es, die noch übrigen Theile des Vorſpieles zu dieſer Ehe zu zeichnen, die nicht zu⸗ rückging.* Denn gerade einen Monat nach den hier geſchilderten Creigniſſen, wurden im Namen des Kriegsrath Wen⸗ delsköld die Einladungskarten zum Trauungsakt aus⸗ gefertigt. 3— ¼ —— O z—— 5 1⁵ II. Der zehnte November. Der Morgen. Drei Scenen. Erſte Seeue(wird im Traum geſpielt). Viola, die am vorhergehenden Abend— am Abend vor dem Hochzeitstage— vergeſſen hat, zu Bette zu gehen, iſt gegen Morgen in einem Lehnſtuhl einge⸗ ſchlummert, wo ſie noch jetzt zurückgelehnt liegt, die Thränen halb erſtarrt auf ihren Wangen, und die Maſſe ihrer ſchönen hellen Haare auf die eine Seite geworfen, ſo daß ſie einen üppigen Hintergrund für ihr Geſicht bildet, über welches die matte, laue Herbſtſonne ihre gebrochenen Silberſtrahlen wirft. Auf einem Tiſch neben dem jungen Mädchen liegen eine Menge neuangekommener Pakete, Hochzeitsge⸗ ſchenke, und daneben ein Bouquet von der auserleſen⸗ ſten Schönheit. Ein roſenfarbiges Billet ſchaut aus der Krone des Bouquets hervor. Viola iſt im Begriff fortzureiſen— nota bene im Traum.— Sie hat vor einigen Stunden ihre Hochzeit ge⸗ feiert und folgt jetzt ihrem Gatten, nach einem kleinen, erſehnten Zufluchtsort in einer wunderſchönen Gegend. Es iſt mitten im warmen Sommer. Die Sonne glänzt nicht in Silber, ſondern in Gold, und das Gold beſtrahlt eine Menge entzückender Parke, unter deren ſammtweichem Grün taufend Roſen ihre Köpfchen em⸗ porſtrecken. 4 Alles in der Natur blüht, von den Kirſchen an, auf ihren luftigen Schaukeln, bis zu den zwei Gatten, die in dem ſanftſchaukelnden Wagen nach der neuen Heimath geführt werden. Der Bräutigam bricht zuerſt das Schweigen: „Endlich liegen ſie hinter uns dieſe Tage der Dü⸗ ſterheit, der Irrthümer und der Mißverſtändniſſe. O Viola, mein Leben, wenn Du nicht wiedergekehrt wäreſt, ſo hätte ich ſterben müſſen... fühlſt Du nicht, daß unſere Herzen, unſre Seelen, unſre Gedanken, unſer ganzes Weſen nur Eines ſind, Eines... und Du ſollteſt Dich von mir losreißen können?“ Die Braut: Ich mich von Dir losreißen... laß mich in Deine geliebten Augen ſehen, in Deine ſchönen Augen— es iſt mir Bedürfniß, mein eignes Bild darin zu ſchauen, um mich zu überzeugen, daß ich noch in Deinem Herzen wohne, ich, die... o daß der Wahn⸗ ſinn zu einer ſo beklagenswerthen Höhe ſteigen kann— denn Du weißt ja, mein Herrſcher, daß es eine Zeit⸗ lang mit meinem armen Kopfe nicht richtig ausſah. Er: Es war in der Zeit, wo auch ich, Du erin⸗ nerſt Dich.. Sie: Stl Hörſt Du, wie die beflügelten Chöre auf den Bäumen da oben einander ihre Liebesgeſänge vorzwitſchern! Wie göttlich iſt das Leben, wenn man liebt, wenn man vereinigt iſt und.. Er: Und wenn man einer wolkenloſen Zukunft ent⸗ gegenſieht, friſch und roſig, wie Deine Wangen, meine Viola, ſonnenſcheinwarm wie Dein Blick, verheißungs⸗ reich wie die gemeinſamen Schläge unſrer Herzen— jeder Schlag gibt eine neue Verheißung, und jede Ver⸗ heißung trägt einen neuen Himmel in ſich. Sie: Aber mitten in all' dieſen Himmeln, dieſer warmen Sonne, dieſen duftenden Roſen, mitten in die⸗ ſem ſeligen Rauſch unſerer Liebe, empfinde ich dennoch einen irdiſchen Wunſch. Er: Ich a neugierig zu hören, welcher Wunſch noch übrig ſein kann, nachdem wir Alles erlangt haben. — —— — 17 Sie: Es iſt der, daß Gott in ſeiner unausſprech⸗ lichen Barmherzigkeit mir nicht einmal im Traum die Erinnerung an die ſchauerlichen Dinge zuſchicken möge, die ich verwiſchen möchte..o Severin, mein Herr⸗ ſcher, bete für mich, daß ich erhört werde. Die Lippen des Mannes antworteten nicht mit Worten: ſie antworteten in einer andern Sprache. 4 Aber in dem Augenblick, wo die junge Braut, ver⸗ ſchämt und ſelig, durchbebt von einem lieblichen Schau⸗ der, das ſtille Verſprechen auf ſeinen Lippen hörte, er⸗ wachte ſie und öffnete ihre Augenlieder. Zweite Seene. Monolog der Braut. „Was iſt das hier?“ Viola richtet ſich zur Hälfte aus dem Stuhle auf Sie beginnt zu frieren. Die kühle Atmoſphäre und die dunkle Dämme⸗ rung im Zimmer contraſtiren auffallend gegen die Wärme und die Sonne, worin ſie ſo eben gelebt hat. „Aber, was iſt das hier... wo bin ich... was will das alles beſagen? „Severin, Severin, ich ſehe Dich nicht mehr... o Gott... o Gott... es war blos ein— Traum.“ Mit einer Geberde grenzenloſeſten Entſetzens fällt ſie in den Stuhl zurück und ſchließt die Augen. 4. Aber das liebliche Bilderſpiel iſt verſchwunden... die Sonne, die Blumen, die glühenden Antworten eines Herzens, das dem ihrigen entſprichte Alles iſt dahin, verſtummt, todt. Der Vormund. II, 2 ——— — 1 ———-—ę— f 18 Sie öffget zum zweiten Mal die Augen. Sie ſtarren wie in einem Nebel auf dem Tiſch umher, wo die Hochzeitsgeſchenke, der Blumenſtrauß und das Billet liegen. „Das iſt von meinem zukünftigen Gatten,“ flüſterte ſie,„aber nicht von ihm, der es eben noch war, ſondern von ihm, der heute Abend ſein Recht über mich erhal⸗ ten wird. 4 „Welches Erwachen! „Allmächtiger Vater, wie verbrecheriſch muß ich nicht ſein, daß Du mir dieſe entſetzliche Strafe ſendeſt, daß Du mir eine ſo himmliſche Täuſchung ſendeſt und mich gleichwohl anwehen läſſeſt. „Aber hinweg mit aller Schwachheit. Niemand hat ſie bis jetzt geſehen, niemand hat mich eine Reue be⸗ kennen gehoͤrt, die, weil ſie grenzenlos iſt, weil ſie un⸗ heilbar iſt, auch von keinem andern geſehen werden ſoll, als von Gott. Und er ſtößt ſie zurück! „Bin ich nicht ein Weſen, das er in ſeiner Gnade mit Vernunft begabt hat wie andere... warum ver⸗ ſchließe ich denn meine Ohren, ſo daß ihre Stimme ſich mir niemals naht, außer wenn es zu ſpät iſt?.. „Welche unendliche Schwachheit in meiner Natur, welche Machtloſigkeit, welche Gebrechlichkeit, wenn ge⸗ wiſſe Gefühle berührt werden! „Und welche Gefühle! „Wenn ſie doch von der Liebe kämen, dieſer all⸗ mächtigen Entſchuldigung großer Verirrungen. „Aber nein— ſie fließen aus der unbeſtimmteſten und ſchwankendſten aller Gemüthsbewegungen, aus einem leicht entzündbaren Evelmuth, der es zu keiner Klarheit briagen kann, der aber, wenn er von dem ſchrecklichſten Hauptfehler meines Charakters, der unſeligen Unbedacht⸗ ſamkeit, aufgeregt wird, mich ins Handeln hineinſtürzt, ohne daß ich mich einen Augenblick beſinnen kann, ob dieſes Handeln ins Verderben ſtürzt... hin un ſchlafe iſch und terte dern hal⸗ nicht daß mich dhat e be⸗ 2 un⸗ erden Snade n ver⸗ ee ſich datur, in ge⸗ er all⸗ nteſten einem larheit lichſten edacht⸗ nſtürzt, in, ob 19 „Und ich, die ich Kraft, Stärke... ja einen guten Willen zu beſitzen glaubte... ich... ich, der Gott alles gegeben hat, ich, der eine Seligkeit winkte, die ſchon für den Gedanken zu groß war, ich verlaſſe alles freiwillig, weil der Wahnwitz mich erfaßt, weil ein boͤſer Geiſt den Wahnwitz ſchürt und meine Einbildungs⸗ kraft erhitzt, bis ſie endlich, inſpirirt von den eniſetzli⸗ chen Erſcheinungen des Traumes, ihren Höhepunkt er⸗ reicht hat. „Und dieſes Opfer, das ich in einem ſo goͤttlichen Lichte betrachtete, dieſer Heldenmuth, deſſen noch keine Freundin ſich rühmen konnte, wem hat es Glüͤck ge⸗ bracht? „Sie, für die es gebracht worden iſt, hat es nicht blos verurtheilt, verſchmäht, verachtet: es bereitete ihr einen Schmerz, ſo gewaltſam, daß er ihre ſtarke, ge⸗ duldige Kraft brach und auch ſie auf das Krankenbett darnſederwarſ von welchem ſie ſich noch kaum erhoben hat. „Und er, er der Gott gleichen ſollte, und von dem ich glaubte, daß er ihm gleiche an Milde und Barm⸗ herzigkeit, er, der, wenn er gewollt hätte, allmächtig hätte ſein können, der alles hätte beilegen, alles zurecht⸗ ſtellen, alles wieder gut machen können... o ich fa⸗ ſele: ich vergeſſe, daß ſein Irrwahn nur vom Fieber herkam. Er hat ſich vom Krankenlager erhoben, aber ſeine ſtolze Seele gebot dem Herzen zu ſchweigen, und das Herz verſtummte, und die Vernunft und die Formen und die Convenienz herrſchten wie früher über ſein Le⸗ ben und ſeine Handlungen. „Er vergaß, daß er einen Traum gehabt.. ver⸗ gaß... nein, er wird mich nicht vergeſſen... aber er wird ſich beherrſchen...“ 5 Viola wirft ſich in qualvoller Unruhe im Stuhle hin und her; ſie will Ruhe finden, ſie will wieder ein⸗ ſchlafen... aber vergebens: die Stimmen, denen ſte ——j 20 Schweigen gebietet, laſſen ſich nicht zum Schweigen bringen. „Es find jetzt vierzehn Tage, daß er wieder auf⸗ geſtanden iſt; er iſt ſogar ausgegangen, und dennoch hat er in dieſen vierzehn Tagen mich nicht gerufen: „Aber das hindert nicht, daß er mit Ruhe, mit Ge⸗ ſchmack alle Anordnungen zu meiner Hochzeit trifft. „Er hat Berathungen gepflogen mit denjenigen, die Charles Intereſſen verwalten. Es iſt ihm gar nicht eingefallen, daß möglicherweiſe ſich noch etwas ändern aſſe. „Ach welch ein ſchlechtes Gedächtniß ich beſitze— hat er nicht geſagt: es handelt ſich weder um Liebe noch um Stolz, ſondern um die Vernunft, welche tödtet, wenn die Verachtung nicht ausreicht. „Verachtet von ihm— nun wohl, das iſt es juſt, was mich ſtark macht. Seiner Kraft kann ich wider⸗ ſtehen, ſeine Schwachheit würde mich waffenlos finden. „Aber noch einmal: fort fort mit all dem, was ge⸗ weſen iſt.. ich will die Hochzeitgeſchenke meines Bräu⸗ tigams, ſeine Blumen, ſeinen Morgengruß an unſrem Verbindungstage beſchauen.“ (Sie geht mit heftigen Schritten auf den Tiſch zu, reißt den Umſchlag der Pakete weg, wirft dann aber mechaniſch die bunten und glänzenden Inlagen derſelben untereinander. Zufällig fällt ein irrender Blick auf das Bouquet, ſie ſaugt ſeinen Duft ein, zieht mit gedankenloſer Gleich⸗ giltigkeit das Billet heraus. 4 Aber plötzlich wird ſie von einem andern Gefühl erfaßt.) „„Es iſt meine Pflicht, das Ding da zu leſen,... ich habe jetzt Pflichten, und trotz dieſes brennenden Her⸗ den, trotz dieſes verrätheriſchen Blutes will ich ſie er⸗ füllen. 77 daß ihr noch andue folgen dürften. Meine letzte Unbedachtſamkeit war zu groß, als igen auf⸗ noch Ge⸗ die nicht dern e— Liebe dtet, juſt, bider⸗ nden. s ge⸗ Bräu⸗ nſrem ch zu, aber eſelben uquet, Gleich⸗ 21 „Als ich vor ſechs Monaten mein ſiebzehntes Jahr erreichte, war ich ein Kind— wenn ich in ſechs Mona⸗ ten mein achtzehntes Jahr erreiche, bin ich bereits eine ernſthafte Matrone, welche die poetiſche Schwärmerei ihrer Jugend vergeſſen hat. „Es iſt in all dem keine Verzweiflung: nein, ich empfinde eine Ruhe, die mich ſelbſt in Erſtaunen ſetzt; ich muß der Welt und ihm beweiſen, daß ich Hochach⸗ tung verdiene. „Ich habe Charles bis heute nicht ſehen wollen, aber wenn wir auf den Abend zuſammen treffen, will ich mild, ja freundlich gegen ihn ſein, ich kann dieſe Helden⸗ bräute nicht leiden, die im Geſpenſterſchatten zum Braut⸗ ſtuhl kommen. „Zum Brautſtuhl? Wer führt mich dahin 2 Das hat man mir nicht geſagt... Sollte...(ihr Ge⸗ ſicht wird von düſteren Schatten verhüllt) wir wollen ſehen... ich muß Charles Brief leſen ſel 924 ſetzt ſich, erbricht das Siegel und liest, wie olgt: „Ich lege die ſicherlich verſchmähten Proben meines Geſchmacks zu Deinen Füßen nieder. „Aber verſchmähe nicht auf dieſelbe Weiſe meine Blumen! Wirf ſie nicht mit Abſcheu weg, denn ſie ſind es, denen ich meine Bitte anvertraue. „Geſtatte mir dieſen Vormittag ein Privatgeſpräch von einer halben Stunde. „Iſt dieß zu viel verlangt von demjenigen, der heute Abend die Bekräftigung des feierlichen Verſprechens ent⸗ gegennehmen ſoll, das Du ſeinen Eltern gegeben haſt? „ Ch arles.“ „Gut— dieſes Billet ſtrotzt doch nicht von Liebes⸗ phraſen. Er hat noch mehr Güte und Takt, als ich er⸗ wartete.“. (Sie eilt an den Schreibtiſch und ſchreibt mit feſter Hand die Antwort:)“ 22 „Halb zwölf Uhr werde ich mir ein Vergnügen daraus machen, zu geſtehen, daß ich mich zum Dank verbunden fühle. „Vlola.“ „So dal(Sie legte das Billet zuſammen.) Man muß wohl an der Schrift dieſer Zeilen das Abbild eines älteren Weibes ſehen. „Ich fühle, daß ich alt geworden bin: ich habe weder Fieber noch Ungeduld mehr. Wenn nur der Abend ſchon da... mit welcher unendlichen Ruhe werde ich nicht den Tag in meiner neuen Wohnung begrüßen— die Ruhe des Grabes kann gewiß nicht viel größer ſein.“ Sie klingelt und ſendet ihre Poſt ab. Fünf Minuten ſpäter erhielt ſie auf dem Kaffeebrett ein neues Billet, das mit einer Heftigkeit aufgeriſſen wipd, welche beweist, daß gleichwohl noch ein bischen Fieber im Blute zurückgeblieben iſt. Mit gepreßtem Athem und gedämpfter Stimme flüſterte ſie die wenigen Zeilen. „Aus Veranlaſſung der Feier des heutigen Abends bittet Ihr Vormund um das Vergnügen, um halb zwei Uhr den letzten Beſuch von ſeiner Mündel empfangen zu dürfen. „Severin.“ Der Monolog war zu Ende. Die junge Schauſpielerin, die es nicht länger der Mühe werth fand, ſich ſelbſt etwas vorzuſpielen, ſank auf ihre Knie nieder und beiete, betete wie man in der Stunde der letzten Angſt betet. gen ank tan nes abe end ich n.“ rett ſſſen chen ume ends zwei gen der ſank der — Dritte Scene. Des Bräutigams Aufwartung. Viola ſteht am Fenſter in ihrem großen, ſchönen, mit friſchen Pflanzen geſchmückten Kabinet. Ihre Augen ruhen ſtarr auf einem gewiſſen Platz des gepflaſterten Hofes, auf derjenigen Stelle, worauf ihr armer, lieber Kaktus gefallen war. Die Wange des jungen Mädchens iſt nicht todten⸗ blaß, aber dennoch blaß. Ueber ihrem Weſen liegt eine holde Weiblichkeit, eine anmuthsvolle Würde. Ihr weißes Kleid iſt einfach; die Koketterie hat noch nicht eine einzige Bandroſe daran befeſtigt. Es klopft an die äußere Thüre, und unmittelbar darauf tritt Lieutenant Charles Marbin ein. Auch er iſt einfach und ernſt gekleidet: man konnte ſagen, daß er, wie ſie, es für paſſend gefunden habe, alle Koketterie von ſeiner perſoͤnlichen Erſcheinung zu verbannen, Mit einer Selbſtbeherrſchung, welche verkündete, daß ihr Wille von einer nicht geringen Seelenkraft un⸗ terſtützt ſein werde, ging die Braut dem Bräutigam einige Schritte entgegen, und reichte ihm ihre Hand. Der Lreutenant ergriff ſie ohne Haſtigkeit, mit einer Art von ruhiger, chevaleresker Höflichkeit, aber die Art, wie er fie an ſeine Lippen führte, war ſo rückhaltſam, daß man hätte denken können, er leide an Schüchtern⸗ heit, wofern er nicht eher eine Parthie ſpielte, bei wel⸗ cher er mit mehr Sicherheit hoffen konnte, die Königin wegzufangen, als wenn er ſich im Liebesſtil verſuchte. „Wir ſehen einander zum erſtenmal, ſeit unſere Verbindung beſchloſſen worden iſt,“ ſagte Viola, ohne 24 auch nur zu erröthen,„und daß dleß der Fall iſt, dafür bin ich herzlich dankbar. Alles iſt ſo plötzlich gekommen, daß ich dieſer Zeit bedurfte, um mich an die Neuheit meiner Stellung zu gewoͤhnen.“ „Daſſelbe Verhältniß war es mit mir,“ ſagte der Lieutenant, aber er erröthete dermaßen, daß das Blut ſein Geſicht bis hinauf zu den Schläfen färbte. „Haben Sie die Güte und nehmen Sie Platz, Herr Lieut... entſchuldigen Sie mich: ich werde mich die⸗ ſes Titels nicht mehr bedienen— Hier in Schweden geht das Ceremoniell nicht ſo weit, daß man nach der Verbindung noch die Titel gebraucht.“ „Ich habe mir bereits in meinem Billet“— er ſetzte ſich in einiger Entfernung vom Fenſter, wo Viola ihren Platz einnahm-„die Freiheit genommen, mich deſſen zu erinnern.“ „Ja, das iſt wahr.“ „Aber um auf den abgebrochenen Gegenſtand zu⸗ rückzukommen, ſo hatte ich in dem Monat, der auf das Ende meiner Werbung folgte, ſo vollkommen der Hoff⸗ nung entſagt, daß ich nur mit Mühe an die Wiederkehr derſelben glauben koynte. Die Wendung, die mir end⸗ lich ein ſo innig, obſchon vergebens erſehntes Glück brachte, war auch bitter ſchmerzlich für mich.“ „Die Wendung, oder vielmehr die Veranlaſſung war allerdings bitter, ja mehr als das. Denn trotz dem, daß die arme Jeanne Sophie täglich ihre Ver⸗ ſicherungen wiederholt, daß ihr Geliebter noch lebe, ſieht es nicht ſo aus— aber ich glaube doch nicht, daß Sie ſich ſo beſonders zu verwundern brauchten, als der Vor⸗ ſchlag kam.“ „Mein Fräulein, ach Viola“— ſtammelte der Lieutenant—„ich hatte geglaubt, daß das, was ich gelitten habe, einen Vorſchlag rechtfertigen könnte, der von der Eingebung des Augenblicks gefaßt wurde, von deſſen Verwirklichung ich aber auf Chre nicht eine Se⸗ cunde geträumt habe.“ 43 1 25 „Laſſen Sie uns,“ fuhr ſie fort,„von dieſem Au⸗ genblick an nicht mehr daran denken, daß eine fremde Macht auf unſer Schickſal eingewirkt hat. Wenigſtens werde ich Alles aufbieten, um es zu vergeſſen.“ Ein unbehutſamer Blick ſchoß aus den Augen des Lieutenants, aber er dämpfte ihn und antwortete mit angenehm modulirter Stimme. „Ich war überzeugt, daß meine zwei Wartmo⸗ nate vollkommen verloren wären, und ich bin noch jetzt überzeugt, daß der Gatte nicht mehr Hoffnung hat als der Liebhaber hatte. „Aber ſollte ich mich nach den hochſinnigen Worten, die ich ſo eben hörte, mit der Hoffnung bethören dürfen, daß es mir erlaubt ſein werde, von neuem anzufangen?“ „Möge ein Tag kommen, wo ich eine beſſere und leichtere Antwort geben kann als heute; aber ich halte es für den beſten Anfang, nicht zu heucheln, und ich geſtehe daher aufrichtig, daß der Ton und das Weſen, das ich jetzt ſehe, mir unendlich beſſer gefällt als alles, was ich vorher ſah.“ „Ich will mich alſo bemühen, beides beizubehalten. Und ich werde keine großen Forderungen machen. Aber.., etwas, was mich für die Zukunft gänzlich muthlos ma⸗ chen würde, wäre, wenn meine Braut die Welt heute Abend mehr ſehen ließe, als ſie zu ſehen braucht.“ Viola machte eine Bewegung, that ſich aber wieder Einhalt;„fahren Sie fort,“ ſagte ſie. „Ich bin ein eitler Menſch. Wenn ich nicht im Stande wäre, eine ächte Juwelennadel zu tragen, ſo würde ich eine unächte tragen, und ich köͤnnte noch eine gewiſſe Befriedigung finden in der Ueberzeugung, daß nur ich ſelbſt das Geheimniß meiner Armuth kenne.“ „Eine ſo aufrichtige Bemerkung muß ich mit der gleichen Aufrichtigkeit beantworten. Seien Sie ruhig: auch ich bin ſchwach für den Schein, und kann ich nicht mehr zu Stande bringen, ſo will ich wenigſtens ihn zu wahren ſuchen,“ 26 „Und niemand“ Charles Stimme zitterte... „Niemand ſoll alſo erfahren, was die Braut unter vier Augen dem Bräutigam nicht zu verhehlen braucht, näm⸗ lich den Widerwillen, die Angſt,— womit ſie ſich dem Brautfluhl nähert.“ „Ich habe mich nicht beklagt.“ „Es gibt eine Klage, die ohne Worte gehört wird... aber ich habe keine Antwort erhalten. War das ein berechnetes Ausweichen?“ „Nein, gewiß nicht.“ „Darf ich alſo glauben, daß niemaad, ſelbſt der Brautführer nicht, das Leben der Neuvermählten wird ahnen können.“ „Ich bin jung an Jahren, aber ich habe einen ſtar⸗ ken Willen, und dieſer Wille hilft mir Alles zu beherr⸗ ſchen, ſogar“... Sie hielt inne. Was war ſie im Begriff zu ſagen? „Ich begehre jetzt kein hoͤheres Vertrauen,“ beeilte ſich der Lieutnant zu antworten...„aber wir wollen Freunde ſein, denn ich denke mir, daß ein Mann, wel⸗ cher die Liebe ſeiner Frau nicht beſitzt, am klügſten han⸗ delt, wenn er ihre Freundſchaft zu gewinnen ſucht.“ „Dieß iſt wenigſtens das ſicherſte Mittel, um in Frieden und Vertraulichkeit zu leben... Aber ſagen Sir mir, wie wollen wir unſer Leben einrichten?“ Der Lieutnant ſchaute mit einem halben Seitenblick auf. „Wenn wir heute Abend die Wohnung in Beſitz nehmen, die für uns eingerichtet worden iſt, ſo werde ich dieſelben Worte wiederholen, die ich jetzt ſage: Du, du allein biſt es, die unſer häusliches Leben zu beſtim⸗ men und anzuordnen hat.“ Bei dieſem erſten Du, das ſie ausſprechen hörte, fuhr Viola zuſammen, faßte ſich aber ſchnell wieder und antwortete muthig:. „Da Du dich ſo verbindlich ausſprichſt, ſo trage ich N — dL— ——— 1 27 kein Bedenken, zu fragen, ob wir nicht in den erſten Wochen... reiſen könnten, gleichviel wohin?“ „Reiſen?“ fiel Charles heftig ein,„ich wünſche gar nichts beſſeres.“ „Ich auch nicht.“ „Es iſt alſo ausgemacht, daß wir ſo ſchnell als möglich unſern kleinen Reiſeplan entwerfen müſſen.“ Viola warf jetzt einen Blick auf ihre Uhr. Lieutnant Charles erhob ſich. „Ich vermuthe,“ ſagte er gleichgültig und gleich⸗ ſam vorübergehend,„daß der Herr Kriegsrath ſelbſt ſeine Mündel über die Details gewiſſer Förmlichkeiten unterrichtet haben wird.“ „Ich habe meinen Vormund ſeit dem erſten Anfang ſeiner Krankheit nicht mehr geſehen... aber er hat mir durch den Doktor Livelius die Rathſchläge ertheilt, die er für paſſend hielt, und von deren Trefllichkeit ich um ſo mehr überzeugt bin, als man mir geſagt hat, daß ſte Deinen Beifall beſäßen.“ „Das verſteht ſich... ich tadle die Vorſicht des Herrn Kriegsraths nicht. Wenn ich ſtatt der Hälfte über gar keinen Theil des Vermögens meiner Frau ver⸗ fügen dürfte, ſo würde ich ſie dennoch mit Dankbarkeit in Empfang nehmen.“ Viola verneigte ſich tief. Der Lieutenant verneigte ſich noch tiefer, und nachdem er zum zweitenmal die Hand ſeiner Braut genommen und mit einer Eleganz geküßt, die einem Hofcavalier zu den Zeiten Guſtav's III. angeſtanden hätte, verbeugte er ſich noch einmal, nahm den Hut unter den Arm und ging ſo gut wie rücklings hinaus. 28 III. Der zehnte November. Der Mittag. Der Mündel letzter Beſuch bei dem Vormund. Nach dem Beſuch des Bräutigams war Viola in ihr Schlafzimmer zurückgekehrt, um ſich auf den Beſuch, den ſie ſelbſt abzulegen hatte, von neuem durch die Kraft des Gebetes zu ſtärken. Aber ſie wurde plötzlich unterbrochen und ſie konnte ſich nur noch aus der knienden Stellung aufrichten und eines der Brautgeſchenke ergreifen, als Laura herein kam.. Während dieſes ganzen Monats von der Unterre⸗ dung an, welche ſie an dem Abend gehabt, wo Jeanne Sophiens doppeltes Unglück bekannt wurde, hatten die junge Wittwe und die junge Braut auf geſpannten Fuße gelebt. Sie wichen einander aus, was um ſo leichter ge⸗ 8 82 ſchehen konnte, als jede von ihnen ihr Krankenzimmer beſaß, worin ſie ſich zu bewegen hatte. Viola verpflegte Jeanne Sophie im oberen Stock, Laura ihren Schwager in dem untern. Aber jetzt, wie geſagt, kam Laura, und ihr Anblick war ein Dolchſtoß für Viola's Herz. Laura hatte eine Schuld, eine ſo große Schuld, daß Viola nicht begriff, wie ſie ihr je ſollte verzeihen können. 1 „Ich bin lange nicht bei Dir geweſen,“ ſagte Laura mit einem ſo betrübten, ſo herabgeſtimmten e daß man begriff, daß eine nicht blos erheuchelte Verände⸗ rung mit ihr vorgegangen ſein mußte. Es hätte Dir auch kein Vergnügen machen können, — —,—— 29 zu mir zu kommen. Es gibt Erinnerungen, die man am liebſten vergißt.“ „Du biſt zu meinem Schwager gerufen.“ „Ja.“ „Ich wundere mich nicht, daß Du mir mit dieſer Kälte antworteſt, Du haſt ein Recht zu mehr, denn ich habe gegen Dich nicht gehandelt wie ich ſollte. Und gleichwohl bin ich es jetzt, die Dich um eine Gnade bittet.“ „Um eine Gnade?“ „Du haſt es in Deiner Macht, mich bei Severin zu ſtürzen. Thue es nicht... es kann Dir nichts nützen, mit der erſten böſen That in Deinem Leben an den Altar zu treten.“. „Ich verſtehe Dich nicht.“ „O Du verſtehſt mich ſchon... Wenn Severin nach der Veranlaſſung Deines gewaltſamen Entſchluſſes fragt und forſcht— Du weißt, daß Du ihn auf eigne Fauſt, aus Mitleid für Jeanne Sophie gefaßt haſt— dann wehe über mich, wenn Du ihm erzählſt, daß ich mit meinem unglückſeligen, tauſendmal bereuten Beſuch Deine Fantaſie erhitzt habe.“ „Du geſtehſt alſo wenigſtens, daß Du es gethan 2 haſt „Ja, unter uns, denn wiſſe,“ fügte Laura hinzu und die Thränen ſtürzten ihr aus den Augen,„daß es Gefühle gibt, die uns ſo ſchlecht machen, daß wir uns vor uns ſelbſt fürchten müſſen.“ „Das iſt wahr... und Du.“ „Ich wurde von einem ſolchen beherrſcht... in dieſem Augenblick, wo ich Dich ſo ſanft und geduldig ſehe, im Begriff zu... nein, ich kann nicht davon ſprechen. Aber Dein Edelmuth und Deine Ergebung bei dieſem ganzen Verhältniß, von welchem ich glaubte, daß Du es mit Geſchrei und Verzweiflung ändern wür⸗ deſt, hat mich gerührt. Ich bin beſiegt, und deßhalb ☛η‿‿ ſollſt Du dieſes Haus nicht verlaſſen, ohne daß ich Dir ſage, daß ich... auch ich...“ „Auch Du?“ fragte Viola haſtig. „... ihn geliebt habe.“ „O nein, nein!“ „Ja, ja... aber er betrachtete mich nicht anders denn als ſeine Schwägerin, während ich dagegen ſehen mußte, wie unter meinen Augen ſeine Gefühle für eine Andere immer wuchſen und ſich ſtärkten... Erlaſſe mir's, noch mehr zu ſagen.“ Laura's Reue war aufrichtig. Zuerſt war ſie von den Worten des Doktors erſchüt⸗ tert worden, als ſie an jenem unglückſeligen Morgen in das Arbeitszimmer ihres Schwagers trat, und dann hatte Lars Moritz juſt jetzt am gegenwärtigen Morgen eeine wichtige und ernſte Beſprechung mit ihr gehabt, welche das bereits begonnene Werk der Bekehrung vollendete. Gleichwohl hätte Laura hinzufügen können, daß ſie auch von einem ſtarken Eigennutze geleitet wurde, denn ihre Kinder ſollten den Reichthum erben, deſſen ſie durch die Verheirathung ihres Onkels beraubt wor⸗ den wären. 4. Aber man lonnte nicht verlangen, daß ihre Bekeh⸗ rung ſchon jetzt ſo vollſtändig war. Es war ſogar gut, daß ſie ſich nicht weiter aus⸗ ließ, denn ein größerer Eifer wäre nur eine ſchwache Bürgſchaft für die Dauer ihres Eindruckes geweſen, der in dieſem Augenblick bedeutend geſchärft wurde durch die Furcht, ihrem Schwager Rede ſtehen zu müſſen. Hatte er nicht geſagt: Wehe demjenigen, der ſich zwiſchen mich und mein Glück ſtellt! Aber Viola, welcher blos die Hälfte anvertraut wurde, welche Laura's ſtarke Gemüthsbewegung ſah und alles begriff, was auch in den nicht ausgeſprochenen Worten lag, Viola endlich, die durch die mächtigen, eindringenden Gründe überraſcht wurde, welche Laura — 2———— Dir ers hen ine aſſe üt⸗ in ann gen bt, ng daß de, ſen or⸗ eh⸗ 18⸗ che der die ſch aut ind nen en, ara 31 anführte, konnte nicht länger haſſen, denn jetzt war die herzloſe Bosheit wenigſtens in einem Falle gerecht⸗ ertigt. 3 G. venn geliebt zu haben, ohne je von ihm be⸗ merkt worden zu ſein— ihn für eine andere wachen zu ſehen,— o das war ein zu grauſames Loos, als daß ſie Laura nicht verzeihen ſollte. Und Viola verzieh— in dem nächſten Augenblick lag ihre Hand in der Hand der jungen Wittwe. „Aber mein Gewiſſen verzeiht mir nicht, und Lars Moritz würde mir eben ſo wenig verzeihen, wenn er meine Schuld wüßte.“ „Und du biſt ihm zärtlich genug ergeben, um nichts bei ihm verlieren zu wollen?“ „Ich bin ihm ſo zärtlich ergeben, als ich jetzt noch einem Manne ſein kann; ich habe ihm heute feierlich verſprochen, mich ſeiner würdiger zu machen als bisher.“ „Und Du wirſt das Verſprechen halten?“. „Ich hoffe es... meine Hochzeit wird nicht eher gefeiert, als bis unſere arme Jeanne Sophie, wie ſie ſelbſt fordert, irgend einen einſamen Zufluchtsort gefun⸗ den hat, wo ſie die Rückkehr ihres Emil abwarten kann, und mein Schwager beſtimmt hat, welche Anordnungen er zu treffen gedenkt; aber wenn ich je Lars Moritzens Frau werde, ſo werde ich beſſer ſein als jetzt.“ „Auch ich,“ fiel Viola ein,„werde für meine neuen Pflichten zu leben wiſſen. Charles iſt da geweſen, und Du ſindeſt, wie Du ſiehſt, keine verzweifelte Braut.“ Laura ſchüttelte langſam den Kopf. „Wirſt Du in einer Stunde noch eben ſo ſtark ſein 2 „Wir wollen ſehen.— Verlaß mich jetzt und ſei gutes Muths. Wozu ſollte es dienen, jetzt zu ſprechen, zu Nichts!“ 4 Juſt als die Uhr in des Kriegsraths eignem Zim⸗ mer halb zwei ſchlug, öffnete der alte Nicke die Thür für Viola. Das junge Mädchen trug nicht, wie bei ihrem erſten Beſuche, ihr weißes Morgenkleid mit Spitzen gar⸗ nirt. Sie war heute zu einem förmlichen Abſchiedsbe⸗ ſuch angekleidet. Das ſchwarze, in tiefen Falten hinabfallende Seiden⸗ kleid und der weiße Kreppſhawl, welcher die weißen Wogen verbarg, die ſich unter ihm wölbten, bewies, daß nur die ſtrenge Ceremonie zu Rath gezogen wor⸗ den war. Severin, der jetzt vollkommen von dem Fieber wie⸗ der hergeſtellt war, das ſeine fixe Idee beinahe zu einem neuen Beweis für die Macht der Ahnung erhoben hätte, hatte eine friſchere Farbe auf ſeinen Wangen, einen lebhafteren Glanz in ſeinen Augen.— Die Krankheit hatte an ſeinem Körper die Kur vollendet, welche das Bad begonnen und da dieſer Körper von einer Seele beherrſcht wurde, welche den Schein ſo hoch ſtellte, ſo läßt ſich's begrei⸗ fen, daß er ſich unter den Leiden, die dieſes Herz betra⸗ fen, nicht beugte und auch auf andere Weiſe nicht da⸗ von bedrücken ließ. 1 Er hatte niemals, ſeit er er zum vollen Bewußiſein gekommen war, danach gefragt, ob die Erſcheinungen, die er zu ſehen geglaubt, einen Zuſammenhang mit der Wirklichkeit hatten. Folglich war es ihm unbekannt, wie viel oder wie wenig Viola von ſeinem Zuſtand wußte, aber er hatte feſt beſchloſſen, ihr die Ueberzeu⸗ gung beizubringen, daß er den Verluſt als einen ſolchen anſähe, wie ein Mann ihn ertragen könne. Er ſaß am Tiſch und arbeitete, als der alte Nicke mit lauter Stimme verkündete:„Das Frällein iſt hier!“ „Gut— ſei ſo artig und verlaß uns jetzt, alter Freund.“. Nicht das mindeſte Zucken in ſeinen Nerven, nicht der geringſte Tonfall in ſeiner Stimme war zu bemerken. er 33 Nicke verſchwand wie ein Geiſt. Und Viola, welcher ihr Stolz denſelben Dienſt erwies, den Severin von ſeiner Kraft hatte, trat ohne Verzagtheit vor und ſetzte ſich in den Lehnſtuhl, wel⸗ cher bereits dem Stuhl des Kriegsraths gegenüber ge⸗ ſtellt worden war. Ihre vermeintliche Zuverſichtlichkeit lag in der Ue⸗ berzeugung, daß man von nichts anderem als von Ge⸗ ſchäftsſachen ſprechen würde. Sie meinte blos bei ihrem Vormund auf Beſuch zu ſein. Aber fie täuſchte ſich. Severin betrachtete ſie mit einem durchdringenden Blick. Darauf ſprach er: „Es freut mich aufrichtig zu ſehen, mein Fräulein, daß Sie mit dieſer ruhigen Sammlung und Beſonnenheit den unbekannten Schickſalen entgegengehen, die Ihrer warten. Es ſſt edel, ſich ſeiner ſelbſt würdig zu zeigen und die Gemüthsbewegungen nicht den Meiſter ſpielen zu laſſen.“ „Herr Kriegsrath, ich glaubte... ich vermuthete... daß wir.. andere Gegenſtände als Gemüthsbewegun⸗ gen zu beſprechen hätten.“ „Warum das, mein Fräulein? Warum ſollen wir dieſe ausſchließen? Brauchen wir einander geſchminkte Gefühle aufzutiſchen?“ „O ich bitte... ich bitte... „Haben Sie den Muth, mich anzuhören... Ich habe dieſe Unterredung hinausgeſchoben, bis ich ſie füh⸗ ren konnte. Ich habe gewartet, bis ich mich ſo gründ⸗ lich erforſcht hatte, daß ich Ihnen das Ergebniß dieſer Forſchung ſagen konnte.“ „Muß ich hören?“ „Es iſt nothwendig.“ „So ſprechen Sie.“ „Ich liebte Sie, Fräulein Viola. Es war meine erſte Liebe, und ich bin überzeugt, daß es die Einzige Der Vormund. III. 3 bleibt. Aber in dieſen poetiſchen Feſttagen erkannte ich, daß zwiſchen uns eine Widerſtandskraft obwaltete, die nach verſchiedenen Seiten arbeitete... Die Gefühle nahmen inzwiſchen zu, die Leidenſchaft ging darauf ein und verwirrte, beſtach die Vernunft, welche in andern Augenblicken ſagte: Ihre grenzenloſe Unbedachtſamkeit, ihr Sinn, der ſo beweglich iſt wie der Wind, paßt nicht für dich.“ G Severin hielt einen Augenblick ein. „Ich höre, fahren Sie ſort.“ „Mehrere Male wollte dieſe ſelbe Vernunft laut ſprechen, aber das Bedürfniß nach Glück iſt ein mächti⸗ ges Bedürfniß, wenn es ſpät erwacht. Ich verſchloß die Ohren meiner Seele, bis zu jenem Morgen, wo keine Taubheit, keine Blindheit mehr half.“ „Ich höre noch immer.“ „Eine lange Nacht folgte auf den kurzen Tag. Ich bin über dieſe Nacht nicht klar geworden. Es iſt mög⸗ lich, daß ich während derſelben viele Viſionen hatte und ausdrückte, aber was weit zuverläſſiger iſt, als eine durch das erhitzte Blut regierte Fantaſie, das iſt die geſunde und klare Beſonnenheit, die auf eine große Reak⸗ tion im Körper und in der Seele folgte.“ „ und dazu haben Sie es jetzt gebracht, Herr Kriegs⸗ rath?“ „Ja, dazu habe ich's gebracht. Und da ich mich wohl erinnere, daß wir von morgen an in ein Verhält⸗ niß treten, wo auch nur ein einziges der Worte, die ich jetzt ſpreche, ein Verbrechen wäre, das ich tief verdam⸗ men müßte, ſo ergreife ich dieſe letzte Gelegenheit, um Derjenigen, die ich zu meiner eignen Lebensgefährtin zu machen beabſichtigte, die Worte zu ſagen.“ „Die Worte?“ „ GCott iſt gegen uns Beide barmherzig geweſen. Die Ungleichheit unſerer Charaktere würde ein trauriges Ergebniß herbeigeführt haben, das gewiß noch trauriger 3⁵ geworden wäre, als der Umſtand, daß wir uns jetzt auf verſchiedenen Wegen begegnen werden.“ „Sie dürften Recht haben, Herr Kriegsrath.“ „Ja, aber ſagen Sie das nicht mit der zermalmen⸗ den Kälte, welche, ohne mich zu überzeugen, beweiſen will, daß Sie bereits auf demſelben Punkte angekom⸗ men ſeien.“ „Könnten Sie daran zweifeln?“ „Das iſt erlaubt, wenn ich dieſe geſchraubte, unna⸗ türliche Gleichgültigkeit ſehe, die ſich bei mir nicht vor⸗ findet, und die ſich überhaupt bei keinem Manne vorfin⸗ det, der über einen geliebten Gegenſtand zu ſich ſelbſt geſagt hat: Sie kann mir nie gleichgültig werden, denn meine Liebe war nicht von der Art, welche ſich, nachdem ſie getanſcht worden iſt, in Haß verwandelt.“ Wenn die Leidenſchaft verſtummt iſt, ſo beginnt der Mann nicht Haß zu hegen; er kann eine aufrichtige und dauernde Freundſchaft der Frau widmen, welche die Macht beſaß, ihn aus ſeiner Betäubung zu erwecken, und die in ihm das Bewußtſein hervorrief, daß auch er die Kraft hatte zu leben, zu träumen und— zu vergeſſen.“ Viola erhob auf einige Minuten ihr geſenktes Haupt. Eine mit Gewalt zurückgedrängte Thräne warf ih⸗ ren Dunſt über den klaren Spiegel ihrer Seele; aber trotz dieſes Nebels bahnte ſich ein Strahl ſtolzer Ruhe einen Weg. Sie ſah ihren Vormund mit einem ebenſo prüfen⸗ den und durchdringenden Blick an, wie er auf ſie ge⸗ worfen hatte. Und ſie war genöthigt, ſich ſelbſt zu ge⸗ ſtehen, daß nichts, auch nicht das mindeſte Zeichen auf Unwahrheit deutete. Er hatte alſo wirklich bereits gelebt, geträumt und vergeſſen! Ein kühler Windhauch zitterte durch die Glieder des jungen Weibes— ſie hüllte ſich feſter in ihren Shawl. 36 Wie gerne hätte ſie nicht hinausſtürzen mögen! Wie gerne hätte ſie nicht ihren Thränen freien Lauf ge⸗ laſſen! Aber das durfte nicht geſchehen und darum blieb ſie wie eine Bildſäule auf dem Stuhl ſitzen. „Beſtes Fräulein Viola, ich hätte ſchweigen können— aber wäre das Recht geweſen? Es iſt meine feſte Ue⸗ berzeugung, daß juſt meine Aufrichtigkeit, wenn ſie auch für den Augenblick verletzend iſt, dennoch beſſer, ſchnel⸗ ler als alles andere Sie dahin bringen wird, dieſen Früh⸗ lingstraum zu vergeſſen.“ Viola gab keine Antwort. „Die verantwortungsvollen Pflichten in der Ver⸗ bindung, welche Sie jetzt einzugehen beabſichtigen, wer⸗ den auch dazu beitragen, das Vergangene in den Hin⸗ tergrund zu drängen.“ „Ich hoffe es.“ „Und Sie ſind zu dieſer Hoffnung berechtigt, mein Fräulein: denn obſchon ich mir niemals die Gewalt⸗ ſamkeit des Eindruckes, der Sie leitete, recht erklären konnte, ſo bin ich doch überzeugt, daß Sie, welcher Art auch die Motive waren, wodurch die Heirath zu Stande gekommen iſt, jederzeit ſowohl in Ihren eignen Augen, als in den Augen Ihres Gatten und der Welt Ihre Würde werden zu behaupten wiſſen.“. 3 „Auch das hoffe ich. Ich glaube bereits eine Probe davon bei dem Beſuch abgelegt zu haben, den ich kaum erſt von meinem Bräutigam empfing“ „Um ſo beſſer... erlauben Sie mir, jetzt Ihnen den letzten und wichtigſten Grund dieſer Unterredung zu nennen.“ Viola neigte den Kopf. „Hätte ich einen andern Ton angeſchlagen, hätte ich mit Strenge, mit Verlegenheit, jeder Erinnerung an das Vergangene auszuweichen geſucht, ſo würde zwiſchen uns das romantiſch myſtiſche, aber für Ehre und Gewiſſen ungeſunde Verhältniß zuruckgeblieben ſein, das oft zwi⸗ ſchen einer verheiratheten Frau und dem Manne be⸗ —— ſteht, welchen ſie zunächſt vor ihrer Verheirathung liebte. Jetzt dagegen iſt alles klar zwiſchen uns, und im Fall Sie es erlauben, mein Fräulein, ſo gedenke ich Ihnen den höchſten Beweis zu geben, den ich für den Ernſt meiner Worte zu geben vermag.“ „Und dieſer höchſte Beweis iſt?“ „Daß ich mich der Plflicht nicht entziehe, welche mir als Demjenigen, der an Ihres Vaters Statt und Stelle da iſt, obliegt.“. Viola war trotz aller Anſtrengung unfähig, einen Seufzer zurückzuhalten. „Herr Kriegsrath, Sie wollten ſelbſt... „Wen ſollte ich bitten, an meiner Stelle bei der Ceremonie zu fungiren, ohne daß dieß einen Argwohn erweckte?“ „So mag es ſein. Wir wollen— ſie bolte tief Athem— bis zum letzten Augenblick auf das Ceremo⸗ niell bedacht ſein... und nun..“ Sie machte Miene ſich zu erheben. „Noch einen Augenblick, mein Fräulein. Die öko⸗ nomiſchen Details ſind noch nicht erledigt.“ „ Ach, erlaſſen Sie mir das.“ „Laſſen Sie mich wenigſtens wiſſen; ob Sie meine Anordnung gut heißen; ich hatte das ganze Vermögen von dem Lieutenant unabhängig machen wollen, denn das muß ſein— aber ich mußte theils Ihrer eignen Bitten wegen, theils aus manchen andern Gründen Ruͤckſichten zeigen.“ „Und das war gut— ich ſetze kein Mistrauen in den Mann, der von morgen an mein Gatte ſein wird... jedenfalls gilt mir die Sache ganz gleich.“ „Dieſe Gleichgültigkeit durften Sie in Zukunft min⸗ der klug finden, mein Fräulein; ich will mich von mei⸗ ner Muͤndel nicht trennen, ohne daß ſie das beſtimmte Verſprechen gibt, daß ſie ſich niemals, unter gar keinen Umſtänden, zu einer Unterſchrift überreden laſſen wolle, die ich nicht kenne.“ 8 38 „Ich weiß nicht, ob ich das thun darf. Darf eine Frau ein Verſprechen gegeben haben, das der Mann nicht kennt?“ „Es braucht ganz und gar kein Geheimniß für ihn zu ſein. Aber bedenken Sie, daß ich dieſe Bitte im In⸗ tereſſe Ihrer eigenen Zukunft und Wohlfahrt an Sie richte— bedenken Sie, daß es meine letzte Bitte iſt.“ „So haben Sie hier meine Hand darauf.“ Severin berührte leicht die ausgeſtreckten Finger⸗ ſpitzen. „Dank, mein Fräulein... und jetzt bleibt mir nichts anderes mehr übrig, als zu entſchuldigen, daß ich Ihrem Wunſche, blos eine Trauung und nicht eine ſo⸗ genannte Hochzeit zu haben, nicht nachgekommen bin. Aber die Welt iſt ſo geneigt zu böſen Urtheilen. Man muß ſehen, daß dieſe Heirath, mit welcher die ganze Stadt ſich ſo lange beſchäftigt hat, ebenſo ordentlich vor ſich geht wie alle andern.“ „Ich habe mich auch gefügt. Aber das Nachſpiel, die Einladungen, denen reiſen wir davon.“. „Das iſt eine Neuigkeit, die ich noch nicht gehört habe und auch nicht gut geheißen haben würde, wenn man mich um Rath gefragt hätte.“ „Warum denn?“. „Aus demſelben Grund, aus welchem ich eine große Geſellſchaft bei Ihrer Hochzeit zu ſehen wünſchte: es darf gar nichts da ſein, worüber man ſich verwundern könnte... doch genug!“ Jetzt erhob ſich Viola zum zweitenmal. Der Kriegsrath machte keine Einwendung. Aber von dieſem letzten Beſuch wegzukommen, das war leichter geſagt als gethan, trotz aller Stärke, die ihre Selbſtliebe ſich hier bewahrt hatte. Sit8e trat drei Schritte vorwärts, dann aber unwill⸗ kürlich wieder drei Schritte rückwärts; ihre Füße ge⸗ horchten dem Willen nicht.“ Sie blieb ſtill ſtehen. 39 „Leben Sie wohl, Herr Kriegsrath... man kann ſich einiger Rührung nicht erwehren, wenn... wenn man für immer Gewohnheiten und Verhältniſſen Lebe⸗ wohl ſagt, welche theuer waren. Ich ſchäme mich recht, daß ich... daß ich dieſe Zeichen von Schwachheit ver⸗ rathe— aber glauben Sie gefälligſt, daß es die letzten ſein ſollen.“ „Und glauben Sie gefälligſt, mein Fräulein, daß ich die Macht des Augenblicks vollkommen begreife. Aber die Zeit ſchreitet voran, was heute ein Leiden iſt, wird bald eine Erinnerung ſein,“ Viola lächelte bitter. „Möge jedoch unter allen Ihren Erinnerungen das Verſprechen voranſtehen, das ich jetzt ablege, daß Sie, wenn Sie jemals eines Freundes, eines Rathgebers, eines Bruders, eines Vaters bedürfen, überzeugt ſein können, bei mir all' dieſe Eigenſchaften vereinigt zu finden.“ „Haben Sie Dank! Dieſes Verſprechen wird nicht eine Erinnerung, ſondern eine allzeit lebende Gewißheit ſein. Und laſſen Sie mich ſogleich die Kraft des Ver⸗ ſprechens prüfen.“ „Prüfen?“ „Möge der Freund Nachſicht haben und wie bei meinem erſten Beſuch ſo auch bei meinem letzten mich mit einer Blume beſchenken.“ „Fräulein Viola— die erſte Röthe flammte auf Severins Wangen— dieſer Wunſch kann weder an den Freund noch an den Rathgeber, noch an den Bru⸗ der, noch an den Vater gerichtet ſein: er gilt dem Lieb⸗ haber, der nicht mehr vorhanden iſt, und darum darf, will und kann ich ihn nicht erfüllen.“ „Nein,“ antwortete Viola mit einem klaren, engel⸗ reinen Blick,„das iſt ein Mißverſtändniß; mein Vormund war es, der mir die Blume gab, und mein Vormund, der in dieſem Augenblick noch vorhanden iſt, wird doch wohl ſeiner Mündel das Andenken geben, um das ſie bittet.“ Severin trat an ein Blumenbrett und brach ohne Ueberlegung die kaum erſt ausgeſchlagene Knospe an einem weißen Roſenſtock ab. „Nehmen Sie dieß. Es iſt das Bild Ihres Lebens bis auf den heutigen Tag. Möge es hinfort ein Talis⸗ man ſein, der die junge Ehefrau vor den Verſuchungen bewahrt, denen Ihre Schönheit und Unbedachtſamkeit Sie ausſetzen können.“ 3 „Wenn ſie auf Verſuchungen ſtößt,“... Vilola's Stimme zitterte merklich...„ſo wird ſie ihnen wenig⸗ ſtens nicht durch ihre Unbedachtſamkeit ausgeſetzt ſein. Dieſe weiße Roſenknospe ſoll niemals für ihre Beſitzerin zu erröthen brauchen.“ Nach dieſen Worten entfernte ſie ſich, allerdings etwas ſchneller, als die Form gebot, aber doch mit Ret⸗ tung der Kriegsehre. IV. Der zehnte November. Der Abend. G Die Trauung. „Ihr könntet zu keinem beſſern Nutzen gelebt haben als ſo,“ murmelte der alte Nicke, indem er zornig und mit heftigen Geberden zwei abgeſchälte Myrthenbäum⸗ chen in ſeine eigene Kammer hineinſchleuderte. „Nicke, Nicke!“ rief es von ein Paar Seiten. „Nicke..Nicke... ja.. da ſoll man den aben und ium⸗ . den 41 ganzen Tag, in jeder Ecke auf den Zehen ſtehen... Gott ſteh' mir kei, welch' ein Spektakel bei dieſer Hoch⸗ zeit! Der aufgeblaſene kalekuttiſche Hahn iſt nichts da⸗ gegen... Ja, ſo wäre es, wenn ich ſie zu meiner Herzdame gehabt hätte. Aber es gibt Leute, die, wenn ſie nur große Kirchengeſichter von außen hinhängen können, das in den Kauf geben, was inwendig brennt ... ganz gut... ganz gut... warum denn nicht... jeder hat ſeinen Geſchmack.“ „Nicke, Nicke! hörſt Du nicht, Nicke?“ „So, ſo, das iſt die Frau Sammtpfote... nun, nun, ſie geht jetzt auf ihren letzten Beinen, und darum will ich nicht verdrießlich gegen ſie ſein.. Herr Jeſus, wenn es doch ihre Hochzeit geweſen wäre und wir die Unſrige nachher gehabt hätten”“........ In Jeanne Sophiens Zimmer, in welches wir ſo lange nicht mehr geblickt haben, brannten auf einem mit weißem Tuch belegten Tiſch vier Wachslichter, zwi⸗ ſchen denen ein großer Toiletten⸗Spiegel, umgeben von Blumen, ſeinen Platz erhalten hatte. Auf der einen Seite des Tiſches ſtand ein feines Weidenkörbchen, aus deſſen Mitte eine grüne Erhöhung hervorragte. Es war die Brautkrone mit dem Bittkranze. Als ein Gegenſtück zu dieſen Sinnbildern des Le⸗ bens erſchien auf dem ſchon vorher beſprochenen Sofa mit ſchwarzem Ueberzug ſitzend ein heller Schatten. Es war Jeanne Sophie, nicht im weißen Nacht⸗ gewand, ſondern in einem blaßrothen Seidenkleid. Sie hatte ſeit dem vermeintlichen Tod ihres Ge⸗ liebten nichts anders als Roth ſehen wollen. Aber wenn Jeanne Sophiens Koͤrper einem Schatten glich, ſo bewieſen dagegen ihre großen ſchwarzen Augen, daß die Seele ihre ſtarke Kraft wieder gewonnen hatte, und daß, wenn ſie noch genöthigt war, ſich nach dem Körper zu fügen, und an ihm zu halten, dieß gleichwohl das umgekehrte Verhältniß war, ſo daß der Körper, wenn er ſich nur ein Bischen nach der ſchwülen Kran⸗ kenluft erholt hätte, ſtatt deſſen der Seele Geſellſchaft leiſten mußte. Manche Gedanken bewegten ſich in Jeanne Sophiens Kopf, aber ſie theilte dieſelben nicht mit; deshalb wol⸗ len wir noch nicht in ihre Welt hinein ſchauen. So lange als möglich hatte man Violas Hochzeits⸗ tag geheim gehalten, denn jede auch noch ſo entfernte Andeutung brachte Jeanne Sophiens reizbare Nerven in Aufruhr. Aber ſie hatte die Sache errathen, und endlich in einem ruhigeren Zuſtande zu Viola geſagt: „Nachdem es doch einmal geſchehen muß, nachdem Du meine täglich wiederholten Bitten nicht angehört, ſondern unveränderlich auf Deinem Beſchluſſe beharrt haſt, den Du hätteſt ändern können, ſo darf niemand anders als ich den Kranz auf Dein Haupt ſetzen, Du armes junges Opfer der erhabenſten aller Thorheiten.“ „Wenn ich mein Brautkleid angelegt habe, komme ich zu Dir herein,“ hatte Viola mit einem zärtlichen Lächeln geantwortet,„und Du wirſt dann ſehen, daß es nicht ein Opfer iſt, das man in den Brautſtuhl ſchleppt, ſondern eine beſonnene und ruhige Braut, welche wohl weiß, daß kein Schritt im Leben wichtiger und ver⸗ antwortungsvoller ſein kann als derjenige, den ſie jetzt thut. Und glaube mir, theure Jeanne Sophie, daß der Kranz von Deiner Hand aufgeſetzt, mir leicht erſcheinen wird.“ „Ich habe gehört, daß unſre Schwiegermutter“”“— Jeanne Sophie ſagte jetzt immer ſo, man merkte, daß es ihr angenehm war, als Emils vor der Welt verlobte Braut angeſehen zu werden,—„ich habe gehört, daß unſre Schwiegermutter dieſes Recht in Anſpruch genom⸗ men habe, aber ich glaube, daß Du in dieſem Augenblick einer wärmern Umarmung bedarfſt; und dann trägſt Du ja meinetwegen dieſe Dornenkrone, die mich auch mit Zentnerſchwere drückt.“ So hatten ſie mit einander geſprochen, aber Seve⸗ rins Name wurde nicht erwähnt. Jeanne Sophie ſehnte ſich tief nach dem Augen⸗ blick, wo ſie zu den Füßen ihres Freundes niederſinken dürfte; aber noch hatte ſie dieſe Gnade nicht zu begeh⸗ ren gewagt. Der Kriegsrath hatte ſie inzwiſchen durch den Doktor Livelius unterrichten laſſen, daß er ihr am Tag nach der Hochzeit einen Beſuch machen würde...... Jeanne Sophiens Gedanken, die ſich dieſen Abend von Allem abgezogen hatten, was ſie ſelbſt betraf, ſchweb⸗ ten unaufhoͤrlich von der Braut zum Hochzeitsſaale. Von Allem, was ſich dort befand, war es beſonders Eines, was ſie hätte ſchauen mögen. O hätte ſie nur einen einzigen Augenblick das Geſicht des Kriegsrathes ſehen dürfen!. Sie war überzeugt, daß er ſeine ſchwere Rolle zu Ende ſpielen würde... aber vorher— aber nachher? Jetzt hörte man ein Rauſchen und Raſcheln im Gange. „Ach, meine Viola, mögen meine Gebete brünſtig genug ſein, um Dir zu Liebe dem Throne des Allvaters zu nahen!“ Aber wir wollen der feurigen Verhandlung zwiſchen den beiden Mädchen nicht anwohnen, wobei auf der einen Seite eine tiefe und milde Standhaftigkeit das angſtvoll ſtürmiſche Gefühl auf der andern Seite zu tröſten ſuchte. Die Umarmung einer Mutter, nachdem ſie den Braut⸗ kranz auf das Haupt ihrer Tochter gedrückt, konnte nicht inniger ſein, als die Umarmung Jeanne Sophiens, und einer Mutter Thränen können nicht wärmer über die Stirne der Tochter fließen, als Jeanne Sophiens Thränen in deſen Augenblick über die Stirne ihrer jungen Freundin oſſen.. Ein großes Lichtmeer ſtrömte aus dem Hauſe des Kriegsraths Wendelsköld. In der elegant geſchmückten Wohnung, deren ganze Zimmerreihe heute erſchloſſen war und von Hochzeits⸗ gäſten wimmelte, ging es mit königlicher Pracht zu. Und dieſer Ueberfluß, dieſer Luxus und vor allem dieſer ausgeſuchte Geſchmack in der Anordnung war es, was den Gäſten volle Beſchäftigung gab, bis der Akt begann. Der alte Livellus, der Großonkel aller Hochzeits⸗ marſchälle, der Ritier von 353 Hoſenbandorden, war auch heute der erſte Marſchall. Und in dieſer Eigenſchaft entwickelte er ein ſo viel⸗ ſeitiges Talent, die Gäſte aufzuheitern, daß man ſich gar nicht darüber verwunderte, daß der verehrte Wirth noch nicht ſelbſt ſichtbar geworden. Als man endlich anfing, dieſes Zögern ſeltſam zu finden, erinnerte man ſich gleichzeitig,— auf einen Wink des ſchlauen Doktors, der ſich mitunter kein Ge⸗ wiſſen daraus machte, kleine Geheimniſſe ſeiner Patienten zu verrathen,— daß der Kriegsrath immer eine Schwäche für das Vergnügen, Aufſehen zu machen, gehabt habe, daß er gewöhnlich in alle Geſellſchaften zu ſpät komme, und daß überdieß die unzähligen Geſchäfte, welche er gehabt, ihn dermaßen ermüdet haben, daß der Doktor ihn nolens volens an den Sofa geführt habe, um ein kleines Mittagsſchläfchen zu machen. Dem Doktor ſelbſt war alles recht, was er ſchwatzte, wenn nur die Leute ſich zufrieden gaben und ihn nicht mit der ſchlimmſten aller Fragen, nämlich über Jeanne Sophie, quälten. War ſie oben? hatte der Kriegsrath diejenige noch geſehen, deren unglückliche Abenteuer ihn beinah das Leben gekoſtet? Wird ſie im Brautzuge mitgehen? wird ſie Wittwenkleider tragen? und endlich: wird man ſie Madame nennen? Aber ohne auf dieſe kitzlichen Fragen einigen Be⸗ ſcheid zu geben, gelang es ihm dennoch, die Leute zu-⸗ KEE frieden zu ſtellen, denn er beſaß ein eignes Talent, wenn man ihn um Eines fragte, mit großer Fertigkeit auf etwas Anderes zu antworten. Dieſe Art von Unterhaltung nannte er ſelbſt Zwi⸗ ſchenſtich, und juſt dieſe Zwiſchenſtiche waren es, die den größten Effekt machten. Wir theilen hier ein paar Beiſpiele mit. „St!... Wenn ich das wüßte, meine beſte Ma⸗ dame C. Aber wo im Himmel und auf Erden haben Sie dieſen allerliebſten, dieſen entzückenden Kopfputz her⸗ bekommen— ich werde es Ihrem Mann ins Ohr flü⸗ ſtern, daß er die beſt geſchniegelte Frau in der Stadt beſitze.“ „Gehorſamer Diener, Madame A. Ich will die Sache ſo ſchnell als möglich ins Reine zu bringen ſu⸗ chen... aber erlauben Sie mir in meiner Marſchalls⸗ Eigenſchaft, Ihren Kleinen ein paar Pfund Confect nach Hauſe zu ſchicken.“ „Meine gnädige Frau v. C., laſſen Sie uns ſpäter davon reden— ich habe keine Ruhe, bis ich Ihnen an⸗ vertraut habe, daß der Kriegsrath ganz beſondere Wein⸗ ſorten beſchickt hat, um bei Tiſch nach den ceremoniöſen Toaſten auf die jüngſte Grazie einen Trinkſpruch auszu⸗ bringen, um ſie bei ihrer Ankunft im Leben zu bewill⸗ kommen. Ich und der Tod haben uns tapfer mit ein⸗ ander herumgepaukt, aber als ich ihm ins Ohr flüſterte: drei Leben für dieſes da, du gefräßiger Wolf! da ließ er ab. Selbſt der Tod iſt nicht gefühllos, wenn es ſich darum handelt, einem ſchönen Frauenzimmer eine Ar⸗ tigkeit zu erweiſen.“ „Wo Severin iſt, meine Herrn? Im Vertrauen geſagt, er muß einen letzten Blick in den Keller des holdſeligen Herrn Bacchus werfen. Ich glaube, der Kriegsrath hat im Sinne, uns alle zuſammen, ſo viel wir ſind, unter den Tiſch zu trinken. Vierzig Bowlen, 100 Flaſchen Champagner— auf 100 mehr oder we⸗ niger kommt es nicht an. Aber laſſen Sie uns um Gottes Willen die Sache vertuſchen: die Damen lorg⸗ nettiren mich wie gewöͤhnlich, und fle würden mir die Ohren abſchneiden, wenn ſie hörten, daß juſt ich ihm geholfen habe, die Batterien aufzuſtellen... die lieben holden Geſchöpfe, ſie fürchten, das Gepraſſel des Ge⸗ wehrfeuers möͤchte ihre Männer taub machen, wenn die Zeit zum Aufbruch herankommt.“ Kber jetzt verbreitete ſich plötzlich eine Nachricht, die eine ungeheure Diverſion machte. Es verlautete nämlich, der Commerzienrath Mar⸗ bin habe, juſt als er mit ſeiner Toilette fertig gewor⸗ den und im Begriff geweſen ſei, in den Wagen zu ſteigen, einen Nervenſchlag bekommen und befinde ſich in einem ganz gefährlichen Zuſtand, weßhalb a die Commerzienräthin nicht komme, um der Hochzeit ihres Sohnes anzuwohnen. Die hohen Wogen, welche dieſe Nachricht im Strome der Unterhaltung aufregte, waren noch nicht halb ver⸗ rauſcht, als das bedeutungsvolle Geflüſter:„Siehe, da kommt der Bräutigam!“ durch den Saal ging. Lieutenant Charles in ſeiner Uniform war ein glän⸗ zender junger Mann; aber ſein Geſicht verrieth, obſchon von einer ſtarken Röthe bepurpurt, nicht das mindeſte Zeichen von Freude, und der afefektirt gleichgültige Blick, den er um ſich her warf, ſchien ſagen zu wollen: „Begaffet mich, ſo lange es euch gefällt— ihr habt das Recht dazu— aber verlanget nicht, daß ich heute meine Schmetterlingsflügel anlege, ich bin nicht in der Laune, von ihnen Gebrauch zu machen.“ Unter den Gäͤſten hieß es: „Es iſt ſchön von dem Lieutenant Charles, daß er ſich das Unglück ſeines Vaters ſo tief zu Herzen nimmt.“ trauen ſollen.“ „Es iſt dennoch ſonderbar, daß die Ceremonie nicht aufgeſchoben wird.“ „Das beweist mehr H 9„ als man ihm hätte zu⸗ dara zeit über Kab dige zige hera dige flack ten, Sop vor gleit die Bra begt in i verb 47 „O nein, der Kommerzienrath iſt nicht ſo ſchlecht daran,— er hat auf's beſtimmteſte verboten, die Hoch⸗ zeit ſtören zu laſſen.“ Das Geflüſter ging jetzt in ein tieferes Geſumme üb er. „Die Braut, meine Herrſchaften, die Braut!“ Die Braut ſollte durch das Arbeitszimmer und das Kabinet ihren Weg nehmen. Dieſe Seite war bis jetzt verſchloſſen geweſen. Das Kabinet war in eine kleine Laube von leben⸗ digen Blumen umgewandelt, und blos durch eine ein⸗ zige Lampe erleuchtet, deren Schein von der Decke herabkam. Das Arbeitszimmer dagegen hatte eine vollſtän⸗ digere Beleuchtung, die für den Augenblick durch die flackernden Lichter, welche die wartenden Marſchälle hiel⸗ ten, erhöht wurde. Daſſelbe Geräuſch, das ſich kurz vorher an Jeanne Sophiens Thüre hatte vernehmen laſſen, wurde jetzt vor der des Kriegsrathes gehört. Die Braut ſchwebte herein, ohne eine andere Be⸗ gleitung, als den alten Nicke, welcher das Nastuch vor die allzeit feuchten Augen hielt. Die Mädchen waren nicht in der Geſellſchaft der Braut; ſie erwarteten ſie, wie die Marſchälle. Ein Ausruf der Verwunderung und Ueberraſchung begrüßte die Eintretende. Sie ſchien ſo überirdiſch und dennoch ſo lebendig in ihrem Schmuck von Atlaß und Blonden, daß man verblendet werden mußte. Ihre alabaſterreine Stirne, an deren Rand der 48 grüne Kranz ruhte, war nicht geſenkt, ſondern zeigte ſich ſtolz und frei, und die von himmliſcher Ruhe ſtrah⸗ lenden Augen lächelten freundlich und mild. Als der Doktor mit der vergnügteſten Miene auf ſie zutrat, reichte ſie ihm die Hand, und machte dann vor der kleinen Geſellſchaft ein Compliment, welches von einer vollkommenen Geiſtesgegenwart zeugte. Ein ſuchender Blick ließ inzwiſchen ahnen, daß etwas fehlte. Vielleicht galt dieſes Etwas der Tollette, denn ohne Zweifel, um den Spitzenſchleier zurecht zu ziehen, der ſich irgendwo feſtgehaͤngt hatte, wandte ſie jetzt ihr Geſicht ſeitwärts, als der Doktor leiſe flüſterte: „Der Kriegsrath wartet im Kabinet.“ ſ Aher als er beinahe in demſelben Athemzug hin⸗ zufügte: „Vortrefflich, liebes Fräulein! Alles iſt ſcharmant... ſitzen auch die Roſen feſt auf der Wange, im Fall es im Brautſtuhl Thränen abſetzt?“— Da wandte ſie ihr Geſicht ſogleich zurück, und antwortete mit einem nicht matten, ſondern friſchen und fröhlichen Lächeln: „Seien Ste unbekümmert, ſie ſitzen feſt.“ Und jetzt that ſte einige Schritte gegen das Kabi⸗ net, durch deſſen ſchmale Thüre blos eine Perſon um die andere gehen konnte. Der Doktor hielt ſich dicht hinter der Braut, ſo daß Niemand als er ſelbſt— der ein Paar Minuten auf der Schwelle ſtehen blieb— das Zuſammentreffen zwiſchen der Braut und dem rautführer beobachten ponnte. Severin ſtand, wie es ſchien, kalt und unbeweglich den Arm gegen den andern Thürpfoſten geſtützt, da. Als er Viola ſah, eine himmliſche Erſcheinung, in luftigen Wolken, als ihm deh demüihige, feſte, herrliche Ausdruck auf ihrem ſchöne /, durch die hinten erhobenen Kerzen beleuchteten Geſichte entgegentrat, da verſchloß er ſeine Augenlieder, und die ſtatiliche ſchwarz geklei⸗ * Nen 49 dete Geſtalt, welche den edlen Kopf ſo wohl getragen hatte, war genöthigt, ſich unter einer Gewalt zu beugen, die mächtiger war, als ſeine eigene Kraft. Aber die Minuten eilten beflügelt weiter und im Flug entführten ſie, und verwahrten ſorgſam unker ihren Schwingen die erſte unbeſiegte Schwachheit eines Man⸗ nes, der in ſeiner verletzten Eitelkeit die Welt verlaſſen und ſich vor allen Blicken verborgen haben würde, wenn dieſe Schwachheit von jemand anders, als von ihr geſehen worden wäre. Es ſtand übel genug damit. Aber wer weiß nicht, daß es Gemüthsbewegungen gibt, die unabhängig von dem ſtärkſten Willen wirken? Severins Haupt erhob ſich wieder. Die Geſtalt wurde höher, ſtattlicher, kräftiger als zuvor. Er ging auf die Braut zu, und reichte ihr eine Hand, welche das Zittern in der ihrigen nur ganz ge⸗ lind beantwortete. Aber als ſie die andere Thüre erreichten, ohne daß ein Wort gewechſelt worden war, als ſie ſich zwiſchen den Marſchällen, und den hinter ihnen ſtehenden Braut⸗ jungfern befanden, da flüſterte eine Stimme leiſe wie ein Windhauch in Viola's Ohr: „Suche meinen Blick nicht während des Aktes.“ Viola bewegte blos den Kopf. Jetzt wurden die Doppelthüren geöffnet. Die Lichter, die Menſchen, der Pfarrer, der Bräu⸗ tigam, alles drehte ſich um vor Viola's Augen; aber ſie wurden nicht ſcheu, und die ganze große Geſellſchaft drückte in ihren Blicken und Mienen ihre Bewunderung. ſowohl für die Braut, als für den Vormund aus, den Vormund, der mit der vollendetſten Würde, einer wahren Prachtausgabe von Würde, ſie zu dem Schemel führte, wo des Bräutigams Rechte begannen, und wo dieſe Rechi binnen einigen Minuten für immer bekräftigt wurden................ Der Vormund. III. Wir gehen nicht auf die nähern Umſtände ein, ſon⸗ dern erzählen blos das Nothwendige.. Was war des Pfarrers und des Doktors Rede— nichts, gegen diejenige, welche der Vormund hielt, als er, nachdem er die große Beglückwünſchungs⸗Ceremonie angeführt, und in ſeiner väterlichen Eigenſchaft der Braut eine Umarmung gegeben, bei welcher ſeine weißen Handſchuhe kaum an den Blonden ihres Schleiers vor⸗ beiſtreiften, zurücktrat, ohne alles Huſten, ohne alle Verlegenheit ſeine melodiſche Stimme erhob, und in ſchönen, lieblichklingenden Worten ein Lebewohl an ſeine Mündel ausſprach, ſowie die warmen Wünſche, die er dem Gatten ihrer Wahl widmete. Eine letzte Prüfung war noch übrig: der Abſchied. Die Gäſte verliefen ſich, die Wagen rollten fort. Und jetzt wurde verkündet, daß der Wagen des Braut⸗ paares vor dem Hauſe warte. „Wir müſſen meine Eltern beſuchen— und ſicher⸗ lich fin deſt Du wie ich, daß ſie hereits allzulang auf uns haben warten müſſen,“ ſagte Lieutenant Charles zu ſeiner Frau, als ſie am Fenſter ſtand, und an dem Brautſhawl zog und zog, der nie recht ſitzen wollte. Des Lieutenants Stimme hatte dieſelbe Tonart, deren er ſich den ganzen Abend bedient hatte. Es war eine Stimme, die unter koſenden Toͤnen, eine qualvolle Haſt, eine brennende Unruhe verbarg. „Ich muß,“ antworte Viola...„muß... von Jeanne Sophie Abſchied nehmen... Du ſiehſt ein, daß ich das muß.“ 8 „Sie ſchläft ſicherlich bereits.“ „Dann wectke ich ſie.“ Der Lieutenant war genöthigt zu warten. Und wäͤhrend des Wartens blieb er mit dem Kriegs⸗ rath allein in dem verlaſſenen Salon. Einige Sekunden lang betrachteten ſie einander mit Blicken, die nichts weniger als heiter waren. 4 Sodang naͤherten ſie ſich einander, gleich als wür⸗ 51 den ſie durch einen magnetiſchen Strom zuſammen⸗ geführt. Der Kriegsrath ſprach zuerſt. „Ich habe ſchon an dieſem erſten Abende etwas ge⸗ ſehen, was mir nicht gefiel.“ „Ganz daſſelbe Verhältniß iſt mit mir,“ antwortete Charles, und die Stimme wurde ſcharf, weil ſie die Ueberlegenheit ausgleichen ſollte, welche ſich von Seiten des Kriegsraths nicht gerade in Ton oder Blick, ſondern in ſeinem ganzen Weſen verrieth. „Was hat Ihnen denn mißfallen, Herr Lieutenant?“ „Das will ich hernach ſagen. Sie, Herr Kriegs⸗ rath, haben die erſte Bemerkung gemacht und haben daher zuerſt das Wort.“ „So will ich es dazu benützen, Ihnen zu ſagen, Herr Lieutenant, daß ich mit eben ſo großem Verdruß als Erſtaunen in Ihrem ganzen Weſen eine ſchlecht verborgene Ungeduld, oder vielmehr eine ungeduldige Heftigkeit, um mich nicht eines noch ſtärkeren Ausdruckes zu bedienen, wahrgenommen habe. Dieſe Heftigkeit ver⸗ rieth ſich ganz beſonders in der Art und Weiſe, wie die Braut zur Eile angetrieben wurde— der Ton war nicht der eines zärtlichen Bräutigams.“ „Eines zärtlichen Bräutigams?“ Des Lieutenants Augen funkelten. Er ſchaute ringsum. Sie waren allein. Die Stimmen der Mar⸗ ſchaͤlle wurden von den äußern Zimmern her gehört, wo noch Toaſte und Reden ertönten. „Nun wohl?“ „Nun wohl, Herr Kriegsrath, meine Frau ſteht jetzt unter meiner Obhut, der Obhut ihres Mannes. Die Bekümmerniſſe und Sorgen des Vormundes hören ja auf, ſobald der Prieſter mit ſeinem Handbuch be⸗ ginnt— oder wie?“ „Seine geſetzliche Macht hört da auf,“ antwortete Severin ruhig,„aber keineswegs ſeine Sorgen, ſeine Bekümmerniſſe, ſeien Sie deſſen verſichert⸗“ „Aber im Fall der Ehemann“— Charles Stimme begann wellenartig ſich zu bewegen—„nicht liberal genug iſt, einen Hausfreund haben zu wollen— was dann?“ „Herr Lieutenant“— Severins Augenbrauen run⸗ zelten ſich auf eine Art, die ſeinem ganzen Ausſehen einen veränderten Charakter gab—„ſollten Sie vielleitht zu viele Weinſorten unter einander gemiſcht haben, Herr Lieutenant?“ „Nein, aber ich habe ſtatt deſſen— und das war es juſt, was ich ſoeben ſagen wollte— Gelegenheit ge⸗ habt, mich von einer Sache zu vergewiſſern, wegen deren ich längſt einen Argwohn hegte. Ich habe näm⸗ lich hinter die elegante Vatermaske geſchaut und...“ In dieſem Augenblick hörte man die Braut zurück⸗ kommen. Severin, deſſen Augen ebenfalls zu funkeln begon⸗ nen hatten, beugte ſich haſtig gegen den Lieutenant hin und flüſterte:— „Ha, Sie find eiferſüchtig! Nehmen Sie ſich in Acht— geben Sie mir keine Veranlaſſung zu zeigen, daß ich im Nothfalle noch eine andere Macht beſttze, als die des Vormundes; bedenken Sie, daß Sie, wenn Sie dem Freunde Ihr Haus verſchließen, Ihren Ne⸗ benbuhler auf eine unkluge Art daran erinnern, daß ſeine Ehre beargwöhnt werden kann.“ Charles Zähne knarrten gegen einander. Es war nur noch Zeit zu einem einzigen Blick, aber dieſer entſchleierte Alles, was die Wuth der Eifer⸗ ſucht ausdrücken konnte. Der Abſchied in Gegenwart der wiederkehrenden Marſchälle ging in großem Styl vorüber. Der Kriegsrath war beim Wagen, aber auf der Seite. Der Doktor gab kein Wort von ſich und ließ auch die Hand der Braut nicht eher los, als bis der Wagenſchlag wieder verſchloſſen war. „₰ 53 V. Die Gatten. Einige Tage nachdem die Einladungskarten zur Hochzeit ausgeſandt waren, wurden die Trauerkarten herumgeſchickt, die den Tod des Commerzienraths Mar⸗ bin verkündeten. Die Geſellſchaft und der ſpezielle Freundeskreis klagten laut über ſeinen Verluſt; aber Lieutenant Emils Gläubiger jubelten über ihren Gewinn. In ſeinem Teſtament hatte der Commerzienrath mit väterlicher Liebe das Andenken des Sohnes geſchätzt, und dafür geſorgt, daß nicht blos alle ſeine Schulden gedeckt, ſondern auch eine jährliche Penſion an Emils hinterlaſſene Wittwe,— wie es im Teſtament hieß— ausbezahlt wurde. Charles dagegen kam nach dem Tode des Vaters nur in den Beſitz ſeines geſetzlichen Erbantheils, denn das Hauptvermögen beſtand in dem Landgut, wohin die Commerzienräthin ziehen ſollte, und worüber ſie bis zu ihrem Tode verfügen konnte, worauf der Lieutenant der einzige Erbe war. Charles billigte vollkommen, daß der Vater im Tode den Unterſchied ausgeglichen, den er im Leben zwiſchen ſeinen Söhnen gemacht hatte. Ueberdieß hegte er, was ihn ſpeziell betraf, Inte⸗ reſſe genug für ſeine Schwägerin, daß er ihr nicht un⸗ gern einen Theil abtrat. Die auf einander folgenden vüſteren und feierlichen Gefühle und die damit verbundenen Sorgen, zuerſt am Todtenbett und dann bei der Beerdigung hatten Char⸗ les, der ſeinen Vater innig liebte und den letzten Ehren⸗ tag deſſelben nicht prächtig genug anordnen konnte, der⸗ maßen zerſtreut und in Anſpruch genommen, daß er erſt in der Mitte der dritten Woche anfing, zur vollen Be⸗ ſinnung zurückzukehren, und ſeine eigene Stellung, ſeine ſo unvermuthete Ehe, und ſeine ſo geringe Hoffnung, noch etwas mehr zu gewinnen, als er bereits gewonnen hatte, ins Auge zu faſſen. Und was war das für einen Mann, der wenigſtens ebenſo ſehr, wenn nicht noch mehr, mit den Sinnen als mit dem Herzen liebte, der unſinnig verliebt war, aber deßungeachtet bei dem Gegenſtand ſeiner Liebe kein Leben zu erwecken vermochte, ſondern nur eine paſſive Gleichgültigkeit! Er raste, wenn er ſich allein befand, er raste vor Leidenſchaft, Zorn, Eiferſucht, denn wenn ſie nicht ein allzugefährliches Bild in ihrer Seele trüge, wie hätte ſie dann einem Manne widerſtehen können, dem kein Weib bis jetzt widerſtanden hatte? und er ſollte dieſen erſten Widerſtand bei ſeiner eigenen Frau finden! Nein, dieſes Bild, das ſein Glück verdüſterte, mußte weggeſchafft werden: mit Geduld ging es vielleicht, nur ſo konnte es gehen. Aber Geduld— hatte er nicht bald den ganzen Vorrath erſchöpft, worüber er verfügen konnte? und wenn er, der Vormund, etwas ahnte... wenn er muthmaßte... o Qual— veelleicht geſchah es nur, weil er den glücklichen Ehemann nicht mit ſeinem tri⸗ umphirenden Blick demüthigen wollte, daß er unter dem Vorwand von Geſchäften ſich begnügte, blos zwei Be⸗ ſuche abzuſtatten, einen Gratulations⸗ und einen Condo⸗ lenzbeſuch. 4 n 5⁵ Es war in der Mitte der dritten Woche nach din Hochzeit. Die beiden Gatten, die ſoeben aus dem Trauer⸗ haus zurückgekommen waren, wo ſie mit der Mut⸗ ter zu Mittag, geſpeist hatten, gingen im Salon ihrer eigenen Wohnung miteinander auf und ab. Aber ſie gingen nicht wie zwei glückliche Neuver⸗ mählte, die Arme umeinander geſchlungen, Auge in Auge— nein, ſie gingen jedes für ſich, mit den Armen über die Bruſt gekreuzt, und die Augen geſenkt. Ein flammendes Feuer im Ofen beleuchtete allein die Scene. Charles war den ganzen Tag in einer verzweifelten Stimmung geweſen, und dieſe wurde nicht im mindeſten dadurch verbeſſert, daß er mit ſeinen verſtohlenen Blicken ſeitwärts ſah, wie auf Viola's Wangen eine Roſe um die andere aufblühte und erſtarb. An was dachte ſie? wahiſcheinlich an etwas ſehr angenehmes, da ſchon der Gedanke allein dieſes Spiel in ihrem Blute hervorrief. Ein ſtiller, aber brennender Seufzer, welcher die Lippen der jungen Frau halb öffnete, machte dem Schwei⸗ gen Charles ein Ende. Er trat auf ſeine Frau zu. Sie blieb ſtehen und wartete. „Befiehlſt Du Licht?“ fragte ſie. „O nein, es iſt hell genug, um die Entbehrung zu ſehen, die ich alle Tage ſehe.“ „Was meinſt Du, mein Freund?“ „Daß Du noch nicht bewieſen haſt, daß Du Dei⸗ nen Gatten als Freund betrachteſt, und gleichwohl weißt Du, daß er in Ermangelung eines beſſern, auch für dieſen Titel dankbar ſein würde.“ „Sind wir nicht Freunde?“ 1 „Ja, in ſofern wir noch keine Scene gehabt haben die uns in eine feindliche Stellung zu einander verſetzt taätte. Gott gebe, daß ſolche Scenen niemals vor⸗ rommen!“ „Und warum ſollten ſie vorkommen?“ „Warum!“ „Bisher haſt Du mir keine Veranlaſſung gegeben, anders als gut von Dir zu denken, Charles, und ich... ich habe Dir ja noch in keinem einzigen Fall, weder durch Thränen, noch durch Launen, oder romantiſche Ideen Urſache gegeben, daß Du an meinem aufrichtigen Willen, eine würdige Frau für Dich zu werden, zwei⸗ feln könnteſt.“. „Nein, Du biſt Dir einen Tag wie den andern kec geweſen— Es wäre unrecht, etwas anderes zu agen.“ „Mein Freund, es liegt Hohn in Deinem Tone.“ „Das iſt wahrhaftig nicht möglich. Wie kann ich anders, als zufrieden ſein.Du gähnſt am Morgen, Du gähnſt am Mittag, Du gähnſt am Abend— gra⸗ ziös und würdevoll hinter dem Nastuch, verſteht ſich. Aber das hindert mich nicht, zu finden, daß etwas mehr Gefühl und etwas weniger Würde, mich bei weitem glücklicher machen würde.“ „Wie kannſt Du Dich über etwas beklagen, was zu geben nicht in meiner Macht ſteht? Die Gefühle ſind unabhängig von dem Willen.“ „Nein, nicht ganz! Ein feſter Wille, eine dank⸗ bare Zärtlichkeit, für die Geduld des Gatten, eine beſſere Auffaſſung der Schriftworte: So ſeiet jetzt nicht zwei, ſondern eins, würden, im Fall Du Dich bemühteſt, auch nur ein einziges Verdienfl bei mir zu ſehen, meine un⸗ auſhörlichen Bemühungen, auch nur ein Fünkchen Er⸗ gebenheit von Dir zu gewinnen, unterſtützen.“ „Beſter Charles, es ſchmerzt mich tief, daß Du Dich berechtigt glaubſt, mir Vorwürfe zu machen. Ich kann jedoch verſichern, daß ich, wenn dieſe Worte der Schrift mir vorgeſchwebt hätten, Dir ſicherlich mehr 1b vor⸗ 57 Urſache zu Klagen gegeben haben würde. Bedenke: in einer Ehe wie die unfrige...“ „Gerade darauf ſollten wir ja, das haſt Du an unſerem Hochzeitsmorgen ſelbſt geſagt, nie wieder zu⸗ rückkommen. Aber was wandelt Dich an, meine Freun⸗ din?— Hören Deine Ohren einen Ton, der Deinen Nerven ſchädlich iſt... oder biſt Du unwohl? Viola zog ſich zurück vor dieſem ſcharfen Blick, dieſem ſchneidenden Ton— ſie fühlte, daß in beiden eine Beleidigung lag. In dieſem Augenblick kam der Bediente mit einem Billet, das er ſeiner Gebieterin überreichte. „Vom Herrn Kriegsrath.“ Viola empfing es, und war im Begriff, einem heimlichen Inſtinkt zu gehorchen, und in ihr Schlaf⸗ zimmer zu gehen, als der Lieutenant mit beſtimmter und deutlicher Stimme ſagte: „Lindvall, zünde Lichter an, Du begreifſt doch, daß Madame in der Dämmerung nicht leſen kann.“ Die Lichter wurden angezündet. Der Bediente verließ das Zimmer mit den Worten: „Der Bote wartet.“ Sobald ſie allein waren, äußerte der Lieutenant mit einſchmeichelnder Stimme: „Du genirſt Dich wohl nicht wegen meiner Anwe⸗ ſenheit, liebe Viola? Der gute Vormund zeigt ſich ſo ſelten, daß ich juſt vermuthete, er werde Dir jetzt ſtatt ſeiner früheren Einladungen, ſeine Rathſchläge in ſchrift⸗ licher Form ertheilen.“ Viola wurde blutroth. Dieß war das allererſtemal, daß ihr Mann darauf andeutete, wie er es für möglich halte, daß etwas mehr als eine unſchuldige Freundſchaft zwiſchen dem Vormund und der Mündel beſtehe. uuter allen Umſtänden waren zwei Dinge gewiß: daß ſie ihrem Manne nicht antworten konnte, und daß ſie das Billet öffnen und ſodann ihm geben mußte. Sie nahm ihren Muth zuſammen und erbrach es, ohne nach Rechts oder Links zu ſehen. Der Kriegsrath ſchrieb: „Madame! „Da Ihre Freundin ihre Geſundheit wieder ge⸗ wonnen hat, ſo wuünſcht ſie die Trauerzeit auf dem Lande zuzubringen. „Die Commerzienräthin hat die Güte gehabt, ihr ihr Haus anzubieten; aber da ſie durchaus die Einſam⸗ keit vorzieht, ſo habe ich verſprochen, ſie ſelbſt an ihren Beſtimmungsort zu führen. „Aus Veranlaſſung dieſer Reiſe nehme ich mir die Freiheit, zu fragen, ob Sie, Madame, heute Abend eine Taſſe Thee für Ihren frühern Vormund bereiten wol⸗ len, welcher dann Gelegenheit erhält, Abſchied zu nehmen. „S. Wendelsköld.“ Viola reichte das Billet Charles. Als er es geleſen hatte, fragte er gleichgiltig: „Was antworteſt Du?“ „Was ich antworte— kann es etwas anderes ſein, als ein... oder wie?“ „Nein, mein Engel, ich ſehe das ein.“ „Sieh, da iſt ein Schreibzeug... da iſt Papier... geh' jetzt munter dran, damit die Antwort nicht ſo lange ausbleibt, daß ſie als das Reſultat einer Bera⸗ thung erſcheinen könnte.“. Viola ſah die heftigen Bewegungen ihres Mannes ſehr wohl, ſie ſah, daß der Grundton ſeiner dermaligen Stimmung Heftigkeit war. Aber ſie brauchte ſich ein ſo unſchuldiges Vergnü⸗ gen nicht zu verſagen. Severin durch eine abſchlaͤgige ntwort zu belei das wollte, konnte und wagte. Antwort zu beleidigen 0 it moͤglichſt feſter und dennoch es, ge⸗ dem ihr ſam⸗ hren die eine wol⸗ men. 59 „Der Theekeſſel wird dampfen zu der Zeit, in welcher Sie Ihren Thee zu trinken pflegen, Herr Kriegs⸗ rath, und mit Freude und Dankbarkeit wartet auf dieſen Augenblick, Ihre verbundene „Viola.“ Charles las über die Schulter ſeiner Frau. „Charmant, meine holde Freundin— eine Frau von dreißig Jahren hätte auf Ehre ihre Sache nicht beſſer gemacht.“ „Findeſt Du das?“ Viola biß ſich in die Lippen. „Ja, gewiß... aber was würdeſt Du dazu ſagen, wenn Du den Namen Deines Mannes Deinem eigenen beifügen ſollteſt? Es iſt allerdings, ich gebe es zu, ein einfältiger Brauch, aber da es jedenfalls ein Brauch geworden iſt, und Du weißt, wie ſchwach der Kriegs⸗ rath für die Formen iſt...“ Die junge Frau erwiederte nicht ein Wort. Aber ſie tauchte die Feder wieder ein, und alsbald ſtand, ſtatt des einzigen holden Wörtchens Viola, die ganze zierliche Namensunterſchrift da: „Viola Marbin.“ Man konnte nicht umhin, zu ſehen, daß der letzte Theil des Namens bei einem ſtarken Wellenſchlag der See hinzugekommen war. Das Billet wurde verſiegelt und abgeſandt. „Sieh da,“ ſagte Charles, fortwährend mit derſel⸗ ben höhniſchen Heiterkeit, jetzt bleibt mir nichts mehr übrig, als das Programm für den Abend zu entwerfen— Man kann nicht die ganze Zeit Thee trinken.“ 1„O das Programm erfordert kein Studium. Mit einem alten Freund verplaudert man leicht ein Paar Stündchen, ohne daß man daragadenkt.“ „Du irrſt Dich.“ 14 „Wie ſo?“ „Iſt es nicht der erſte Abend, den der Kriegsrath 60 bei Dir zubringt? und wenn Du aufrichtig ſein willſt, mußt Du geſtehen, daß, was Du auch aus Deinem Manne machſt, er dennoch immer eine exiſtirende, wenn auch überflüſſige Perſon bleibt, und da die geſellſchaft⸗ lichen Vergnügungen zwiſchen drei Perſonen getheilt werden ſollen, zwiſchen dem Mann, der Frau und... und... dem Freunde, ſo kann das Programm nicht ſtreng genug abgefaßt werden.“ „Nun ſo ſetze es auf.“ Mit übellauniger Miene warf ſich Viola in die Sofaecke zurück. „Erſte Scene— wo das Theegebräu als Mitſpieler, oder beſſer geſagt, als der einzige Spieler auftritt— die überhüpfen wir.. Ach, was dieſes Theegebräu doch für eine unſchätzbare Einrichtung iſt; aber nach⸗ dem es abgetreten iſt, beginnt eine verſtändigere Con⸗ verſation...“ „Der Kriegsrath wird es wohl nicht an Stoff dazu fehlen laſſen.“ „Ja, ſofern er noch etwas von dem Repräfenta⸗ tionsconfekt übrig hat, das bei der Hochzeit ausgetheilt Kurdt. Aber wenn der blöde, ängſtliche, alte Jung⸗ geſell..“ „Mein beſter Charles, ich muß Dir ſagen, daß es Dir ſchlecht anſteht, dieſen Ton anzunehmen, den ich ganz unter der Würde eines gebildeten Mannes finde.“ „Nein, wirklich?“ „Sorge dafür, daß Du Dich ſelbſt als ein Wirth von guter Lebensart zeigſt— der Kriegsrath Wendels⸗ köld bedarf keiner Ermahnung, um ſich als ein Gaſt von guter Lebensart zu zeigen.“ ſagte ſoeben, meine beſte Freundin, daß Du eine Frau von dreißig Jahren benommen jetzt muß ich hinzufügen, daß eine Frau 5Jah öglich mit mehr Sicherheit äußern kann: dieſe Vahrlich kein oberflächliches Studium.“ 61 „Ich bin auch 35 Jahre alt geworden, ſeit ich mich verheirathet habe, und wenn Du ſo fortfährſt, mich zu reizen, ſo werde ich ſicherlich 45, ehe der Monat um iſt.“ „Ach, Du biſt gottvoll mit Deiner Naivetät. Ich geſtehe auch aufrichtig, daß dieſe unſre erſte Scene mich wirklich erfriſcht. Es iſt doch ein Bischen Luft darin.“ Viola ſtand auf. „Wohin? verläſſeſt Du mich?“ „Ich habe einige Anordnungen zu beſorgen.“ „Es iſt wahr— und ich Dummkopf habe ganz vergeſſen, daß das Souper zum Programm gehörte... Nun, meine Freundin, um meinen Fehler wieder gut zu machen, gehe ich jetzt und ſuche den alten Livelius und Lars Moritz auf, damit wir doch eine kleine Spiel⸗ partie zuſammen bekommen.“ „Aber...“ Viola hielt inne, ihre Finger ſpielten unruhig in den Falten des Trauerkragens;„aber die Theeviſite galt ja mir allein.“ „Still, ſtill— Du fällſt aus der Rolle: Du fällſt von 35 wieder in 18 zurück. Aber die Unerfahrene muß ich mit Güte zurecht weiſen. Eine Frau, meine Theuerſte, behält ſolche Dinge für ſich: ſie begrenzt ihr Vertrauen, wenn ſie ſich téte-à-téte mit dem Manne befindet.“ Die letzten Worten ſollten ebenfalls ſcherzhaft klin⸗ gen, aber der Blick, der ſie begleitete, war ſo drohend, daß Viola endlich vollkommen begriff, daß Charles alles begriffen hatte. Einen Augenblick betrachteten ſie ſich gleichſam, um ſich zu überzeugen, was ſie zu erwarten hätten. Aber keiner von beiden Theilen war zufrieden. Charles machte eine flüchtige Verbeugung und ging hinaus..’ ichon VI. Eine Theeviſite. Der Lieutenant war fort, Viola allein. Aber ehe wir bei der Frau verweilen, wollen wir ſehen, was der Mann vornimmt. Er geht auf ſein Privatzimmer, nimmt Cigarren und Mütze, und wirft den Mantel über die Schultern. Aber— die Treppe hinabgekommen, bleibt er ſtehen und wendet ſich um, wiewohl nicht mit einem einzigen raſchen Beſchluß, ſondern nach gehöriger Ueberlegung. „Millionen Teufel,(.. eine Treppenſtufe) man kann doch nicht jedesmal, ſo oft er hieher kommt, nach einer Wachmannſchaft ſpringen— das gäbe Veranlaſ⸗ ſung zu einem Gerede(.. zwei Treppenſtufen) zu Spoͤttereien(... drei Treppenſtufen auf einmal); wenn ich droben in meinem Zimmer bleibe, bis er kommt, und dann unvermerkt hereintrete... aber nein, dann trifft er ſie allein, ohne daß ich etwas ſehe(... keine Treppenſtufe). Ah, die Draperie in dem kleinen Salon — eine leichte Idee..(ä.. ſiebente, achte, neunte, zehnte, letzte Treppenſtufe.)......... 2 . Viola blieb einige Secunden an dem Fenſter im Zimmer ſtehen und ſchaute ihrem Mann nach. „Sieh da,“ ſagte ſie endlich,„ein Blatt aus der Geſchichte der Ehe. Und ich, die ich dachte— im Fall⸗ ich wirklich in dieſen 17 Tagen etwas dachte, daß dieß enug wäre, um vor Ueberdruß zu vergehen.“ ging hinaus, ertheilte ihre hausmütterlichen ud kehrte dann zu dem Feuer zurück, vor wel⸗ chem ſie ſich in ei efen Lehnſtuhl ſetzte. „Bin ich nich leichlich?“ fuhr ſie in ihrem Selbſtgeſpräche fort. „Vom erſten Tag an habe ich mich mit dieſer be⸗ n wir arren ltern. ſtehen zigen gung. man nach enlaſ⸗ ) zu wenn mmt, dann keine Salon unte, er im s der Fall dieß lichen wel⸗ hrem 63 ſtimmten, ernſten und ſicheren Art benommen, welche die Dienerſchaft auf die Ueberzeugung bringt, daß die Hausfrau kein Kind iſt, hinter deren Rücken man lä⸗ cheln kann. „Nein, ich will nicht jung oder unerfahren ſcheinen. „Ich habe nicht die Berauſchungen des Honigmo⸗ nats, um mich zu zerſtreuen. Statt deſſen will ich mich alſo mit meinen Obliegenheiten als Hausfrau zerſtreuen ... als Hausfrau.. hab' ich nicht bereits Wunder gethan? und dennoch findet er mich blos mittelmäßig .. wie undankbar! „Kaun ich dafür, daß ich kein Talent zum Heucheln abe? z„Was kann er anders hoffen, als eine Heuchelei? Erräth er nicht, daß, wenn ich länger an ihn denke, als ich ihn vor dem Auge habe, dieß blos geſchieht, um zu mir zu ſagen: Wie lange kann ein gewöhnliches Menſchenleben währen? Fünfzig iſt das Allerhöchſte. Alſo bleiben noch 32 und ein halbes Jahr übrig. Welch' eine ſchöne Ausſicht, wenn man kaum den drit⸗ ten Theil hinter ſich hat! „Meine Schwiegermutter ſagte heute zu mir: Du glaubſt nicht, meine Tochter, welchen Reiz das Leben gewinnt, wenn man Mutter wird... Aber ich will nicht Mutter werden. „Es würde mich ganz in Verzweiflung bringen, wenn ich ein Kind von Charles, eine neue Copie von ihm ſelbſt lieben müßte. „Der gute Gott gebe, daß ich dieſer Verantwort⸗ lichkeit überhoben bleibe, denn dann wäre ich gezwungen, alle Gedanken zu verbannen, die nicht den Familien⸗ banden angehörten. „Eine Frau, welche Mutter iſt, hat Pflichten, mit doppelt ſchwerer Verantwortung. „O nein, nein, es wäre grauſam, nicht einmal im geheimſten Winkel meiner Seele einen Namen ſtammeln zu dürfen, welcher nicht der Name Charles iſt. 64 „Und jetzt, woher weiß er es denn?2.. aber er kann ruhig ſein, ganz ruhig. „Dieſe beiden Beſuche vom. Kriegsrath, bei welchen er ſo fremd, ſo vornehm dreingeblickt hat und Licht e einmal ſeinen Hut ablegte.. dieſe Beſuche— ach. „Aber ſtill, Du unruhiges Herz; ich habe Dir ja jede Aufregung verboten. Du biſt längſt eingehüllt und begraben.. Bleib ſtill liegen in deinem Sarkophag ... 6 dem Staub der Ehe...“— Sie ſtreckte die Hand aus, ergriff die auf dem Stuhl liegende Guitarre und ſang zu der wehmüthigen Bagleitung mit halblauter Stimme Runeberg's ſchönes ied: „Schlaf, unruhig Herz, ſchlaf', Vergiß' der Erde Freud und Leid, Nicht ſtöre Hoffnung deinen Frieden, Nicht ſtören Träume deine Ruh. Armes Herz, o ſchließ dein Außge, Des Tages Roſen ſahſt du j Nur in des Schlafes Uunten Garten Wächst der Stengel, der dich heilet. Da, als Aug in Auge ſah, Als“ hoch flammten die Gefühle, Da, mein Herz, war's Zeit zum Wachen, Doch jetzt ſchlummre nur... vergiß'!“ Die Guitarre ſank ihr in den Schooß, und der Kopf gegen die Bruſt hinab. In dieſer Stellung blieb ſie ſitzen vor dem Feuer⸗ ſchein, der ſeine Flammen über die träumeriſche, mit der ſchwarzen Trauerkleidung ſo wohl harmonirende Schönheit der jungen Frau warf. S ſchon eine heite hattee ſie zwei Zuhörer gehabt. Der Sa lag mitte iſchen zwei Zimmern, und die Draperien, welche die Thüröffnungen bedexten, befanden ſich einander gegenüber. Krie gezo Schl er h beide gleic Seu wie druc gefa Stil den er er bei und ſe— ir ja t und phag dem higen bönes der euer⸗ mit rende jabt. d die nden 65 Auf der Schwelle des großen Zimmers ſtand der Kriegsrath, nicht verdeckt von der Draperie, die hinweg gezogen war. Auf der Schwelle des kleinen Zimmers, welches das Schlafzimmer von Charles Privatzimmer trennte, ſtand er hinter den geſenkten Gardinen. Viola war weit entfernt zu ahnen, daß ſie auf beiden Seiten von Augen beobachtet wurde, welche ſie gleich gut ſehen und gleich gut hören konnten, wie ihre Seufzer das Wiegenlied ablösten. Serverin's Augen hatten, wenigſtens nach der Art, wie der Ehemann die Augenſprache deutete, einen Aus⸗ druck von Entzücken ſowohl als Verzweiflung. Dieſe Augen wollten ſich nicht ſchließen vor der gefährlichen Erſcheinung am Ofen. Und Gott weiß, wie lange der Beſuch in aller Stille fortgedauert hätte, wenn nicht die Guitarre auf den Boden gegleitet wäre. Bei dieſem Ton fuhr Viola zuſammen und ſah nach der Thüre. Mit einem leiſen Freuderuf ſprang ſie auf. „Ach, Herr Kriegsrath, Sie ſind hier geweſen?“ „Nur ein paar Minuten, Madame.“ Die Augen waren bereits verſchleiert, und Viola's vorgeſtreckte Hand kam nur mit Severin's Siegelring in Berührung. Mit einer ſtummen Einladung deutete Viola auf einen Stuhl am Converſationstiſch. Sie hatte ſich einige Secunden der Freude über⸗ laſſen. Aber ſeine abgemeſſene Art und Weiſe ver⸗ ſcheuchte dieſes Gefühl, und nachdem ſie auf der andern Seite des Tiſches Platz genommen, empfand ſie eine ſo tödtliche Verlegenheit, daß ſie nahe daran war, ihre roſenfarbigen Nägel zu verbeißen aus Verdruß darüber, daß ſie trotz alles Hin⸗ und Herfinnens kein inziges natürliches Wort finden konnte. O, was ſollte er jetzt denken? Der Vormund. III. 5 Aben Charles brennende Augen drangen durch die Oeff⸗ nung des Vorhangs. „O dieſe zitternde Unruhe, dieſe ſtumme, allzu be⸗ redte Verlegenheit iſt nur für ihn... wenn ſie mir jemals auch nur einen halben Blick, wie dieſen da ge⸗ ſchenkt hätte... Ich wußte wohl, daß ſie die Kunſt beſaß! aber auch die Blicke ſind für ihn“.... „Jeanne Sophie gedenkt alſo zu verreiſen, Herr Kriegsrath?“ „Ja, ſie gedenkt zu verreiſen.“ „Als ich ſie beſuchte— Sie waren da nicht zu Hauſe, Herr Kriegsrath— fand ich ſie auffallend beſſer .... Sie glaubt noch immer an Emils Wiederkehr?“ „Ich thue daſſelbe, weil ich an die Sympathie eines tiefen Gefühls zwiſchen denjenigen, die es theilen, glaube.“ Viola fingerte an ihrem Schürzenbande. „Ich,“ ſagte ſie mit ſtarker Betonung,„glaube nicht an die Macht der Sympathie.“ „Man iſt immer mißtrauiſch, Madame, in ſolchen Fällen, wo die Erfahrung nicht den Glauben unterſtützt. Die Sympathie iſt ohne Zweifel das Geiſtigſte in un⸗ ſerm Weſen, aber es erfordert eine beſondere Organi⸗ ſation, um ſie zu begreifen.“ „Beklagenswerth ſind diejenigen, denen dieſes Or⸗ gan fehlt.“ „Nein, eher ſind diejenigen zu beklagen, denen es nicht fehlt, bei denen aber das Geheimniß der Sympa⸗ thie unfruchtbar daliegt, weil ſie nicht die nöthige Zeit und Mühe darauf verwenden, ihr Geflüſter zu verneh⸗ men.. Aber dieß wird wirklich etwas zu düſter, da die Sympathie und Geiſtergeſchichten in naher Ver⸗ bindung ſtehen. Iſt der Herr Lieutenant heut nicht zu Hauſe?“ ſuchen. eine Spielparthie...“ kommt bald..Er wollte ein paar Freunde Er äußerte die Vermuthung, daß. daß M Oeff⸗ t be⸗ 2 mir a ge⸗ Kunſt Herr ht zu beſſer ihr?“ dathie eilen, laube olchen ſtützt. n un⸗ gani⸗ Or⸗ nen es ſmpa⸗ Zeit erneh⸗ büſter, Ver⸗ heut eunde daß 67 „Das wäre höchſt angenehm geweſen, wenn die Zeit mir geſtattet hätte, den ganzen Abend dazubleiben. Aber leider habe ich noch eine Maſſe Geſchäfte zu be⸗ ſorgen vor der Reiſe.“ „Beſter Herr Kriegsrath...“ „Madame, handelt es ſich um etwas... kann ich Ihnen auch nur den geringſten Dienſt leiſten?“ „Ich würde mich auf lange Zeit kräftig fühlen, wenn ich— verzeihen Sie, wenn ich da etwas närri⸗ ſches ſage— nur auf zehn Minuten dieſen unleidlichen Zwang los werden könnte. Ich habe ein überwiegen⸗ des Bedürfniß, zu weinen... aber die Form.. dieſe mordende Form“ „Weinen?“ Severin ſetzte ſich auf den nächſten Stuhl, denjenigen, der den ſeinigen von dem Viola's trennte.„Es hat doch nicht ſchon Veranlaſſung zu Thränen gegeben?“ „O Dank für dieſen Ton, für dieſen Blick— es war ein treuer Freundesblick, der mich weit ruhiger macht, als dieſe Eismauer, die ich beſtändig niederreißen möchte.“ „Aber ſo antworten Sie doch...“ Severins Stimme vatriat eine gedämpfte Ungeduld...„dieſe Thränen... at er. „Nein, nein, er hat keinen Theil daran.“ „Keinen Theil?“ „Ganz und gar nicht— er gibt mir nicht die ge⸗ ringſte Urſache zur Klage.“ „Die junge Gattin iſt alſo mit ihrem Gatten zu⸗ frieden? Um ſo beſſer... ſie klagt nicht, ſie fügt ſich mit bewundernswerther Ergebung in all ihre neuen Ver⸗ hältniſſe.“ „Herr Kriegsrath— iſt das eine Frage 74 Viola's Stimme war ſo ſchwach, daß ſie kaum ge⸗ hoͤrt werden konnte, und gleichwohl hoͤrte ſie Charles, der ſich krampfhaft an den Gardinen feſthielt und die Gruppe mit ſeinen Blicken verſchlang. ——a 5 68 „Eine Frage— nein, Madame, es war eine Hoff⸗ nung.“ „Dann habe ich nichts zu antworten— diejenigen, die Hoffnungen beſitzen, können errathen.“ „und diejenigen, die ſie nicht beſitzen...“ „Bedürfen der Aufklärung.“ „Aber es iſt nicht erlaubt zu fragen... nein, blos zu träumen.... Träume haben zuweilen eine Tonendlhegeit, welche den Träumer verzehrt.. gleich⸗ wohl. Severin hatte ſich bereits vorgeneigt, aber plötzlich that er ſich Einhalt und zog ſich zurück. „Ich reiſe übermorgen ab, Madame.“ „Und bleiben Sie lange aus?“ „Das weiß ich ſelbſt noch nicht recht.“ In dieſem Augenblick kam das Theebrett und wurde donſdie junge Frau und ihren Gaſt auf den Tiſch ge⸗ ellt. „Der Lieutenant bleibt lange aus.“ „Sehr lange. Ich hätte geglaubt, er würde früher zurückkommen.“ „Die Sehnſucht... nein, jedenfalls— ich bitte, gießen Sie mir nicht ſo viel ein.“ „Ja, ſeine Sehnſucht— er ſagte mir, als er das Billet las, etwas, das deutlich war.“ „Deutlich— in welcher Beziehung?“ „Herr Kriegsrath!“ „Antworten Sie aufrichtig.“ „Iſt es alſo erlaubt, noch aufrichtig zu ſein 2“. „Ich glaube ſogar, daß es in dieſem Fall eine Pflicht iſt.“ „ Nun wohl— er iſt eiferſüchtig.“ „Ich wußte es und juſt deßhalb wollte ich nicht hieher gehen.“ „Und deßhalb wollen Sie vielleicht auch künftig nicht hieher gehen, Herr Kriegsrath?“ „Es kann jedenfalls nur ſelten geſchehen.“ nicht nftig 69 „O großer Gott, und ich ſoll alſo noch mehr lei⸗ den um ſeinetwillen?“ „Noch mehr? Er gibt Ihnen ja nicht die geringſte Veranlaſſung zu einer Klage.“ „Nein, bis auf den heutigen Tag habe ich kein Recht gehabt, mein Mißvergnügen zu äußern. Aber jetzt, da er ſich zu beklagen anfängt, da ſeine Geduld erſchöpft iſt...“ „Ah... er hat alſo der Geduld bedurft?“ Es zuckte an den Gardinen. Gebrochene, röchelnde Töne wollten ſich den Weg über Charles Lippen bahnen, aber ſte ſtockten alle zu⸗ ſammen in der Kehle, die ſeine wilden Flüche nicht her⸗ vorbringen konnte. O wie ſchwer ſoll ſie für dieſen Augenblick büßen müſſen! Die Worte, die ſich über Severin's Lippen brachen, waren nicht mehr ganz klar, aber ſeine Augen hatten einen Ausdruck, einen Glanz, welcher in Charles Augen Flammen entzündete. Wie verdammte er jetzt ſeinen Wunſch nach ge⸗ naueren Aufſchlüſſen! Hätte er ſich mit denjenigen be⸗ gnügt, die er bereits beſaß, welcher Gewinn wäre das geweſen! Er wäre dann dieſer Tortur entgangen, und der Vormund hätte nichts zu erfahren gebraucht: er hätte ſeine ſeligen Träume fortſetzen können. Und— o Raſerei— er konnte auch nicht hinaus⸗ ſtürzen und eine Scene veranlaſſen. Er mußte warten. Aber wenn die Augen des„Freundes“ nicht bald aufhören, die hölliſch⸗ himmliſche Freude zu zeigen, dann. nein, er mußte in allen Fällen warten. Aber fie.. o... ſie ſollten auch warten müſſen auf eine weitere Zuſammenkunft. Viola ſtand von zehn Morgenröthen übergoſſen da. Ihre geſenkten Wimpern verbargen ihre thränenvollen 70 Augen vor ihm, der bereits in einem Blick die Antwort auf ſeine Frage erhalten hatte. Severin nahm ſeinen Hut. Dieſe Bewegung veranlaßte ſie, aufzublicken. „Schon— ſchon jetzt?“ „Um Gotteswillen nicht ſo.“ „Aber ſagen Sie, wer iſt es, der jetzt Abſchied nimmt: der Freund, der Rathgeber, der Bruder, oder der Vater?“ „Es iſt ein Mann, Madame, der im gegenwärtigen Augenblick keinen von den Titeln verdient, die er ſich in der Allmacht ſeiner Stärke angemaßt hat. Es iſt ein Mann, der ein tiefes Mißvergnügen über ſich ſelbſt empfindet, und der Sie nicht wieder ſehen wird, bevor ſein Blut ruhiger fließt, ein Mann, der ſich verachtet, weil er mit knapper Noth ſeine Ehre von dieſem Be⸗ ſuche mitnimmt, den er niemals hätte machen ſollen.“ „Eine ewige Nacht ſoll alſo über mein Leben fallen, die Sonne erlöſchen, die Blumen ſterben, das Herz ſterben?“ „Beſſer, als daß des Gewiſſens Friede ſtirbt.“ „Und nichts„* 2 nichts. 277 „.... kann ihn erſetzen,— nein, nichts.. Und nun leben Sie wohl.. leben Sie wohl auf lange Zeit! Ich habe eine unwürdige Schwäche gezeigt, ich, der ich mit dem Beiſpiel der Kraft vorangehen ſollte... glauben Sie mir, ſchon dieß wird mir Gewiſſensqualen bringen.“ „Nein, das darf Ihnen keine Gewiſſensqualen ver⸗ urſachen, denn wiſſen Sie, daß das Leiden, das ich jetzt erdulde, eine Wohlthat iſt gegen das, welches ich früher empfand. Ich war gleichſam lebendig begraben von dem Augenblick an, da ich die drei Worte hörte: leben, träumen und vergeſſen! Jetzt dagegen, da ich weiß, daß die Vergeſſenheit nicht zu finden iſt, daß ſie nie gefunden werden kann, jetzt will ich leben, will ge⸗ duldig ſein und hoffen.“ vort 71 „Hoffen— auf was?“ „Auf Deine Rückkehr... o erblaſſe nicht ſo, fürchte nicht, daß ich mich nicht zu beherrſchen wiſſe, obſchon ich dieſen Ausdruck wage und an dieſes Ziel zu denken wage.“ „Unbedachtſame!“ „Bleibe noch einen Augenblick... noch ein paar Augenblicke... Sind wir nicht beide edle, reinherzige, hochſinnige Weſen! Was kann da geſchehen, wenn Du Dich nicht zurückziehſt, wenn Du zu mir kommſt, wenn Du ſogar von Deiner Liebe, von unſrer Liebe ſprichſt? Sie kann ja doch nicht durch Worte, durch Blicke ent⸗ heiligt werden... Und was leidet denn Charles durch dieſe Theilung, dieſe erhabene Vereinigung zweier Seelen.. ſag', welche Gewiſſensqual könnte daraus entſtehen?“ „Frage nicht— denke nicht— träume nicht von einem ätheriſch poetiſchen Paradies, denn hinter dem Paradies verbergen ſich Sünde und Tod.“ „Sünde und Tod ſollten ſich an Deiner Hand mir nähern?— o nie, nie,— Du biſt ja die Ehre ſelbſt.“ „Gefährliches, verführeriſches Weib, halte mich nicht zurück, ich muß gehen...“ „So geh' denn, gehe! Es gibt nichts Großes und Edles im Manne; wenn man das glaubt, läßt man ſich von einer Illuſion bethören— er wagt nicht einmal einen Kampf mit ſich ſelbſt...“ „... weil er in dieſem Kampf unterliegen würde, weil kein Band auf Erden verführeriſcher iſt als das⸗ jenige, das den Liebhaber mit der Frau eines Andern vereinigt. O Viola, Viola, Du kannſt dieſe reine Glorie der Unſchuld und Unwiſſenheit, die das junge Mädchen umgibt, nicht mehr um Dich her verbreiten... Noch einmal, laß mich gehen, ſo lange ich mich noch eines Funkens von Kraft rühmen kann... Gott be⸗ hüte Dich... leb' wohl!“ Er eilte hinaus. 7² Als die junge Frau ſich vernichtet von derjenigen Thür abwandte, durch welche ihr Liebhaber ſich entfernt hatte, gewahrte ſie in der Thüröffnung gegenüber ihres Gatten drohende Geſtalt. VI. Ein Vortrag. Es erforderte keinen geringen Grad von Geiſtes⸗ gegenwart, um bei dem Anblick, der Viola entgegen trat, weder zu ſchreien noch in Ohnmacht zu fallen. Eine Frau, deren Gewiſſen rein geweſen wäre, hätte dadurch zum Tod erſchreckt werden können— wie viel mehr eine Frau, deren Gewiſſen zittern mußte! Aber Viola ſtand jetzt ruhig da, offenbar darauf gefaßt, nicht den Sturm abzuwehren, aber doch ſich nicht zur Erde niederbeugen zu laſſen. Charles war einige Schritte vorwärts gegangen. Sein Geſicht war todesblaß, aber die Feuerflammen aus ſeinen Augen beleuchteten es und zeigten einen Mann, einen Mann, deſſen Wuth ſo außerordentlich war, daß ſie ihn unfehlbar erſtickt hätte, wenn er ihr nicht hätte Luft ſchaffen können. „Ich habe Alles gehört, begreifſt Du— Alles!“ „Ich begreife das, Charles, und ich kann mir den Aufruhr wohl erklären, der in Deinem ganzen Weſen tobt. Aber es war nicht edel von Dir, zu lauſchen.“ „Was— Du antworteſt mir mit einem Vorwurf? Du, die Du zu meinen Füßen im Staub liegen ſollteſt. Du, die ich als ein Urbild der Unſchuld und Reinheit 4 5 4 1 1 73 anſah.. Bei meinem Leben, das war eine Unſchuld, worüber ein Mann ſich zu Tod lachen könnte, wenn er über ſeine eigne Unehre zu lachen vermöchte. Eine voll⸗ endete Kokette, eine Kokette, die fünfzig, hundert, ja tau⸗ ſend Jahre gelebt hat, könnte ihre Rolle nicht gottvoller ſpielen... Man fängt mit einer platoniſchen Verbin⸗ dung an; wem könnte dieſe ſchaden? Dem Ehemann nicht, denn er leidet nicht das Geringſte dabei, wenn die Seele einer Frau ſich mit einer andern Seele auf dem verbotenen Gebiet einer ungeſetzlichen Liebe er⸗ luſtigt. „Charles, biſt Du zu Ende?“ „Nein, ich bin nicht zu Ende, ich werde auch nicht zu Ende kommen mit meiner Erklärung, daß ich mit der tiefſten Verachtung das Weib überſchütte, das kaum drei Wochen, nachdem ſie aus freiem Willen den Namen ihres Gatten angenommen, ihren Liebhaber zu verleiten ſucht, dem bischen Ehre, das er ſelbſt noch beſitzt, zum Trotz ſeine Beſuche fortzuſetzen und ſomit nicht blos die Hoffnungen des Ehemannes auf eine erträgliche Zukunft, ſondern auch ſeine Ehre zu vernichten— denn die Welt wird ſeine Schande nicht verſchweigen.“ „Haſt Du jetzt ausgeſprochen?“ „Nein doch, nein— ich will Dir noch ferner ſagen, daß Du Dich bereit halten kannſt, in mir einen Teufel von einem Mann zu haben, der tauſenderlei Arten auf⸗ finden wird, Dich zu quälen, wenn Du nicht von dieſem Augenblick an und für ewig aller und jeder Gemeinſchaft mit dem Exvormund entſagſt. Weder ſchriftlich noch mündlich darfſt Du mit ihm in Verbindung bleiben, ausgenommen den Abſchiedsbrief, den ich leſen will. Haſt Du mich verſtanden?“ „Ich habe Dich verſtanden, und ich antworte: Thue was Dein Recht iſt— aber wiſſe, daß ich mich mit Trotz weder zu dieſem noch zu jenem bringen laſſe.“ „Wie,— Du weigerſt Dich, die Verbindung mit ihm abzubrechen? Du wagſt es, dieß zu verweigern?“ 74 „Es handelt ſich um keine Weigerung— Du haſt ja gehört, daß er ſelbſt meine Bitte verwarf.“ „Ja, er hat Dich verworfen, und Du vergehſt nicht vor Demüthigung?“ „Sollte ſein hohes Verdienſt mich demüthigen? Al⸗ lerdings halte ich Unrecht in meinem Vorſchlag. Aber wenn Du ruhig biſt, Charles...“ „Wenn ich ruhig bin... ah.. 85 „. Dann wird es mir ſicherlich gelingen, Dich zu überzeugen, daß ich ſelbſt aufrichtig an das glaubte, was ich ſagte... O Du kannſt nicht von mir denken, daß ich Deine Ehre habe verrathen und Schande über den Namen bringen wollen, den ich gemeinſchaftlich mit Dir trage.“ „Nun wohll.. Charles Stimme wurde menſch⸗ licher... wenn ich dieß auch annehmen wollte, ſo weißt Du jetzt, daß das Eden, nach deſſen Blumen Du ver⸗ langteſt, nach ſeinen eignen Worten Sünde und Tod verbirgt. Kannſt Du dennoch danach verlangen?“ „Unter einer ſolchen Vorausſetzung nicht.“ „Auch nicht unter einer andern— unter der un⸗ moöglichen Vorausſetzung, daß deine Verbindung mit ihm, den Du nicht einmal zu nennen das Recht haſt, ſich in der ſtrengſten Reinheit halten könnte— wäre nicht auch unter dieſer Vorausſetzung eine ſolche Verbindung eine abſcheuliche Parodie auf Deine Pflichten als Gattin? Iſt es der verheiratheten Frau erlaubt, Liebesworte von andern Lippen anzuhören, als von denen ihres Gatten, ſelbſt wenn ſie ihn haßt? Iſt es ihr erlaubt, in heißen Seufzern vor einem Andern all' das Gefühl, all' das Sehnen auszugießen, das dem Manne entzogen wird? Kann Gott die Ehe ſo gemeint haben?“ „Nein, nach dem Buchſtaben iſt es nicht ſo. Aber juſt vor Gott, der mein Herz erforſcht und in jeden Winkel meiner Seele ſieht, kann ich betheuern, daß die unſchuldige Seligkeit, ihn manchmal zu ſehen und einen Blick mit dem Manne auszutauſchen, den ich zum Gat⸗ M⸗ haſt gehſt Al⸗ Aber Dich ubte, nken, über ) mit enſch⸗ weißt ver⸗ Tod r un⸗ mit I, ſich nicht ndung attin? te von atten, heißen das wird? Aber jeden aß die Heinen Gat⸗ 7⁵ ten erhalten hätte, wenn nicht dieſe große Kataſtrophe dazwiſchen gekommen wäre, mehr, ja tauſendmal mehr ein gutes Verhältniß zwiſchen Dir und mir befördern würde, als wenn eine wirkliche Trennung zwiſchen mei⸗ nem Vormund und mir zu Stande kommen ſollte.“ „Inzwiſchen... iſt dieß das einzige Mittel, mich zufrieden zu ſtellen, das einzige Mittel, mich wieder ei⸗ nen Schein von Ruhe finden zu laſſen, und endlich das einzige Mittel, wodurch der Friede unſrer Ehe wieder hergeſtellt werden kann.“ „Aber...“ „Aber ſo bedenke doch, daß Du, nachdem Du das hohe, das fabelhafte Opfer gebracht haſt, einen Mann zu heirathen, um welchen zwanzig Frauen ſich riſſen, und deſſen bloßer Blick den Neid von funfzig Weibern entzündete, verpflichtet biſt, auf die Heiligkeit Deines Bandes Rückſicht zu nehmen. Kurz und gut, Du biſt meine Frau, und meine Frau darf mich nicht betrügen.“ Viola ſtand ſtumm da, die Stirne in ihre Hand gebeugt. Charles trat vor und zog ſanft die Hand weg. „Ich bin außer mir geweſen, wie ich auch Urſache hatte. Aber noch kann Alles gut werden. Ich fühle, ich weiß, daß ich verzeihen kann, wenn Du jetzt ſtark und gut biſt, wenn du gerecht biſt gegen Deinen Gatten.“ Sie ſchwieg beharrlich. „Es wäre eine Narrheit, jetzt von meiner Liebe ſpre⸗ chen zu wollen, die Du immer verachtet, mit der Du immer geſpielt, auf eine ebenſo unwürdige als unver⸗ zeihliche Weiſe geſpielt haſt. Aber auch von dieſem letz⸗ tern will ich jetzt ſchweigen. Ich will Dir blos ſagen, daß ich wildeiferſüchtig bin. Steigere dieſe Eiferſucht nicht zu einer noch wahnſinnigeren Höhe, als wozu ſie bereits getrieben iſt... Sei barmherzig... ſei edel... Gott wird Dir die Nachgiebigkeit vergelten, die er ſelbſt von Dir zu fordern mir erlaubt.“ „Charles, darf ich Dir etwas vorſchlagen?“ 76 „Ich hoͤre.“ „Für ein ganzes Jahr— denke Dir für ein gan⸗ zes Jahr— breche ich alle Gemeinſchaft in Wort und Schrift mit ihm ab, für ein ganzes Jahr verſpreche ich Dir feierlich, daß ich ihn gegen Deinen Willen nicht wiederſehen werde. Aber wenn ich am Schluß dieſes Jahres Dich verſichere, oder wenn er mich verſichert, daß keine Gefahr dabei ſei, wieder zuſammenzutreffen, wirſt Du es mir dann bewilligen und mir nicht mehr mißtrauen?“ „Ich gehe darauf ein,“ antwortete Charles bereit⸗ willig,„denn er iſt ein Mann, deſſen Ehrenhaftigkeit ich Ppeinie und deſſen Selbſtbeherrſchung ich geſehen a e.“ Dieſes Lob, das Charles ſeinem Nebenbuhler ſpen⸗ dete— Charles wäͤre mit Entzücken auf jeden Vorſchlag eingegangen, der ihm die Sicherheit auf ein ganzes Jahr verbürgte— trieb ſeine eignen Aktien auf eine erſtaun⸗ liche Höhe. „O Dank, daß Du das erkennſt! Ich werde nicht vergeſſen, daß Du einen ſo ſchönen Zug gezeigt haſt. auf jede Art bemühen werde, Dich für den Schmerz zu entſchädigen, den ich Dir jetzt bereitet habe.“ Charles ſeufzte und preßte die Hände ſeiner Frau an ſeine Lippen. „Die einzige Entſchädigung, die für mich wün⸗ Liebe?“ „Wenigſtens,“ antwortete Viola in zärtlich hinge⸗ bendem Ton,„ſollſt du, wenn Du ſelbſt ſo willſt, das Erkenntlichkeit zu geben vermag. Du ſollſt ſehen, daß Du nicht vergebens appellirt haſt, indem Du mehr zu meinem Herzen als zu meinem Pflichtgefühl ſprachſt.“ Und ſei überzeugt, Charles, daß ich von heute an mich ſchenswerth waͤre, die erhalte ich wohl nie— Deine — Höchſte haben, was ich an Freundſchaft, Vertrauen und und die 2 habe zeige mit? nicht breit es n ſie i deſſe war Erke ſeine keit, daß Tiſe ſtän das im eſehen ſpen⸗ rſchlag 3 Jahr eſtaun⸗ e nicht t haſt. n mich ierz zu r Frau wuͤn⸗ Deine hinge⸗ lſt, das nen und n, daß nehr zu achſt.“ 77 Am folgenden Morgen kam Viola zu ihrem Manne und reichte ihm einen Brief. „Dieß,“ ſagte ſie, mit ſchwankender Stimme,„iſt die Antwort auf ein Schreiben, das ich ſelbſt empfangen habe, und deſſen Inhalt— ich kann ihn Dir zwar nicht zeigen, aber ich verſichere es Dich heilig— vollkommen mit Deinen eignen Wünſchen übereinſtimmt: es iſt darin nicht einmal von einer Zeit des Wiederſehens die Rede.“ „Ach,“ ſagte Charles, und eine warme Roͤthe ver⸗ breitete ſich ſchnell über ſeine Wangen,„iſt es ſo— iſt es wirklich ſo?““ „Lies— dann kannſt Du ſelbſt ſehen.“ Charles wurde gerührt von dem Vertrauen, das ſie ihm nicht zu beweiſen gebraucht hätte, und um ſich deſſelben würdig zu zeigen, ſchob er den Brief zurück. Sobald Charles wieder zur Beſinnung gekommen war, wußte er, welcher Weg am ſicherſten zu Violas Erkenntlichkeit führte, und auf dieſen baute er ſofort ſeine Hoffnung. „Nicht ſo,“ ſagte ſie,„es iſt keine leere Förmlich⸗ keit, wenn ich Dir dieſes Schreiben dalaſſe— ich wünſche, daß Du es kennen ſollſt.“ Mit dieſen Worten legte ſie den Brief auf den Tiſch und verließ das Zimmer. Als Charles allein war, machte er nicht ſoviel Um⸗ ſtände. Mit gewaltſamer Neugierde warf er ſich auf das offne Papier und las die wenigen Zeilen, die wir im nächſten Kapitel wieder finden werden. Aber wir haben zuerſt zwei andere Briefe vorzulegen. —— 78 VII. Briefe. Jeanne Sophie an Viola. „Meine theure, zaͤrtlich gellebte Freundin! Du haſt von mir einen Bericht gefordert über meine Eindrücke bei dem Zuſammentreffen mit dem Freunde, den wir Beide ſo hoch ſchätzen. So empfange denn dieſen Bericht und glaube, daß ich, wenn ich die Maske ablege, die ich vor mich gehal⸗ ten, Dir den höchſten und einzigen Freundſchaftsbeweis gebe, womit ich das Unglaubliche, das Du für mich ge⸗ than haſt, einigermaßen vergelten kann. Ich beginne mit der Erklärung, daß der Charakter meiner Liebe zu Emil von der Art iſt, daß ich mich nicht dazu verſtehen kann, in den Folgen dieſer Liebe ir⸗ gend eine Erniedrigung zu finden. Ich weiß, daß ich Unrecht habe. Ich weiß vor Allem, daß die Art von Ehrenret⸗ tung, die Du mir erkauft haſt, ungefähr ſo zu betrach⸗ ten iſt, wie eine dünne Decke, die man über die Fehler eines Kunſtwerkes wirft, damit des Meiſters eigne Au⸗ gen durch den Anblick derſelben nicht verletzt werden. Die Welt wird endlich Recht haben— und die öffentliche Meinung iſt die Welt des Weibes. Wehe ihr, wenn in ihrem Leben ein Tag kommt, wo ſie für den Lappen danken muß, den man ihr zu⸗ wirft, um ſich damit zu verdecken. Aber wehe ihr noch mehr, wenn ſie den Lappen verachtet und trotzig ſagt: Ich bedarf deſſen nicht, ich mache mir eine Ehre daraus, ihn zu entbehren; denn Derjenige, um deſſentwillen ich 2—— 79 leide, ſteht mir über allem andern: um ſeinetwillen kann ich dem Urtheil und dem Geſpötte der Welt trotzen, kann Allem trotzen. Wie ſie ſich betrügt, die ſtolze, ſtarre Heuchlerin, die das Alles ſagt. Es kann ihr blos auf einige Zeit gläcken, mit ihren Bemühungen ſich ſelbſt zu bethoͤren. Aber früher oder ſpäter kommt ein Augenblick, der ihren Muth zermalmt, ein Augenblick, wo ſie ihr Leben geben möchte für den mindeſten Lappen, womit ſie ſich bedecken könnte— aber dann beſitzt ſie nichts, um ſo ſchlimmer für ſie, denn ihre gleißneriſche Falſchheit ge⸗ gen ſich ſelbſt iſt zu Schanden gemacht. Für mich kam dieſer Augenblick, als am Morgen nach deiner Hochzeit der Kriegsrath mich ſeinem Ver⸗ ſprechen gemäß beſuchte. In meinem ganzen Leben werde ich dieſen Vormit⸗ tag nicht vergeſſen, Mehrere Stunden lang hatte mein Herz heftig ge⸗ pocht. Er, der mir mit einer ſo außerordentlichen Freundſchaft begegnet war, er, der mir ſein Haus, ſein Herz geöffnet, der mir verſprochen hatte, für meine Zu⸗ kunft zu ſorgen— was er auch gethan haben würde, wenn ich mein Verſprechen gehalten hätte, zu warten— dieſer Mann endlich, deſſen ſtrenge Grundſätze ich kannte, und den ich dennoch ſo unerhört beleidigt hatte, er repräſentirte für mich die ganze Welt... er war die öffentliche Meinung, er war noch mehr: er war mein Gewiſſen. Und ich betheure Dir, daß ich, wenn mein Zimmer hätte tauſend Perſonen faſſen können, nicht eine halb ſo ſtarke Erſchütterung erlitten, nicht eine halb ſo ſtarke Scham ausgeſtanden haben würde, wie in dem Au⸗ genblick, als ich ſeine Tritte erkannte. n4 Und er kam allein zu mir— allein— um ſo ſchreck⸗ er. Ich ſaß auf dem Sofa, von welchem ich aufſte⸗ — 80 hen wollte, um meinen Platz im Staub zu nehmen; und aber die Rührung hielt mich wie angefeſſelt. St Ich dachte, ich müßte erſticken— ich wünſchte es und ich glaube, daß nicht einmal Emils Wiederkehr in we dieſem Moment mich dazu gebracht hätte, die Augen aufzuſchlagen.„al „Jeanne Sophie,“ ſagte eine milde Stimme, o ſo ſen mild, ſo mild, daß gewiß irgend ein Engel ihm ſeine ſpr Stimme geliehen haben mußte;„Jeanne Sophie, es iſt reit ja ein Bruder, der ſich Ihnen nähert, eines Bruders len Hand faßt die Ihrige, um Sie zu beklagen, um mit an Ihnen zu leiden.“ „Ein Bruder, den ich verrathen habe, ein Bruder, beg der ſeine Verachtung beherrſcht, weil er mich zu armſe⸗ lig findet, um verachtet zu werden.“ er „Nein, nein, fürchten Sie ihn nicht— er verſteht en die menſchlichen Gefühle.“ wir „Er mag ſie verſtehen— aber er wendet ſich mit Fro Stolz und Ekel ab von aller menſchlichen Schwachheit.“ ſche „O weit entfernt!“ „Er, der ſo ſtark iſt, er, der ſein eignes Herz zer⸗: Wo drücken könnte, ehe er ſich der geringſten Demüthigung in ſeinem Anſehen unterwerfen würde, er..„“ „Still, ſtill— ſprechen Sie von ſich ſelbſt, Jeanne zur⸗ Sophie, nicht von mir.. niemals von mir! ich will Sch Ihnen blos ſagen, daß jedes Menſchen Hochmuth zer⸗ wol drückt werden kann wie Glas, und daß der meinige nicht Ref beſſer gewappnet iſt, als der von Andern.“ Es lag in dieſen Worten eine mannhafte Demuth, 4 riermiih überzeugte, daß er mich zu ſich emporheben wollte. 45 4 Jetzt endlich gewann ich die Kraft, den Platz ein⸗ zunehmen, der mir gebührte. Ich weiß nicht, wie ich ſprach, aber ich weiß, daßs was mein ſtarrer Sinn vor ihm beugſam war wie eine Fe⸗ beri der, und daß ich vergangen ſein würde in meinem Schmerz hmen; chte es kehr in Augen „o ſo m ſeine es iſt ruders n mit ruder, armſe⸗ erſteht h mit heit.“ 3 zer⸗ [igung eanne will zer⸗ nicht nuth, heben ein⸗ „daß 2 Fe⸗ hmerz 81 und meiner Scham, wenn nicht eine Thräne auf meine Stirne gefallen wäre. O welche Tiefe von Edelmuth in dieſem Herzen... weißt Du, was er ſagte, wozu er ſich erbot?“ „Wenn Emil nicht wiederkehrt,“— ſagte er— „aber Ihr eigner feſter Glaube ſcheint mir der grau⸗ ſemen Wahrſcheinlichkeit, die Andre annehmen, zu wider⸗ ſprechen, ſo wollen wir ein anderes Mittel als das be⸗ reits gefundene finden, um Ihre Ehre wieder herzuſtel⸗ len, ein Mittel, um Ihrem Kinde einen Vater zu geben an der Stelle des verlornen.“ Ich konnte ihn ja nicht begreifen, und gleichwohl begriff ich ihn. „Es würde keine ſchwere Verbindung ſein,“ fuhr er fort,„wir kennen beide die Geſchichte unſerer Her⸗ zen, und würden von einander nicht mehr fordern, als wir bereitwillig geben knnten. Ein Mann und eine Frau, die einander ſchätzen, die ihr Vertrauen austau⸗ ſchen könnten— wäͤren ſie zu beklagen?“ Und zu mir, zu mir— höͤrſt Du, ſagte er dieſe Worte... Höre jetzt auch, was ich ihm antwortete. „Wenn Emil todt iſt, wird er aus dem Grabe zurückkommen, um dem Freund zu danken, der ſich des Schickſals ſeiner Geliebten auf ſolche Weiſe annehmen wollte. Wenn er dagegen noch lebt, ſo wird der ganze Reſt ſeiner Tage nicht hinreichen, um die Schuld ſeiner Dankbarkeit abzutragen. Aber, ob er nun lebt oder todt iſt, ſo könnte ich ebenſo wenig den Namen eines andern Mannes tragen, als vergeſſen, daß es eine Perſon gibt, welche, im Fall ich eine neue Treue beſchwöre, Emils Bild aus meinem Herzen zu verwiſchen vermöchte.“ Er verſtand, daß ich ihm das Höchſte ſagen wollte, was ein Weib an Dankbarkeit ausdrücken kann, und er berührte dieſen Gegenſtand nicht mehr. Hernach ſprachen wir von meiner Reiſe, von dieſer Der Vormund. II. 6 Reiſe, nach welcher ich mich mit brennendem Verlan⸗ gen ſehne. O, es wird eine hohe, eine unendliche Wolluſt ſein, dieſem Zwang zu entkommen. Ich werde meinen Emil ruhiger erwarten, wenn ich überzeugt ſein kann, daß ich unaufhörlich, aus⸗ ſchließlich mit meiner ganzen Seele bei ihm ſein darf, ohne die Störungen, denen ich mich jetzt unterwer⸗ fen muß. Fordere nicht, daß ich Dir noch mehr Rechenſchaft ertheile. Emil, Emil, mein Emil— Dieſen Namen will ich den Wäldern, den Bergen zurufen, die letztern werden mir mit ſchöneren Tönen antworten, als die Menſchen, und in den Wäͤldern gibt es keine neugierigen Augen. Ich habe nicht gewagt, von Dir zu ſprechen. Vielleicht habe ich mehr, als übel daran gethan, auf jeder Zeile von ihm zu reden; aber beurtheile ich Dich recht, ſo kannſt Du durch kein einziges Gefühl, das mit dieſem Manne in Verbindung ſteht, auf Irrwege ge⸗ rathen. Gott ſtärke, und erhalte, und tröſte Dich, wie Du auch beten magſt, daß er aufrecht erhalte und tröſte Deine 4 Jeanne Sophie.“ N. S.„Ich ſchrieb dieſen Brief geſtern Abend. Ich wußte da nicht, wo Severin war. Ich habe ihn ſeitdem geſehen. Etwas wichtiges, etwas unſeliges muß ſtattgefunden haben. O Viola, bete, wenn die Verſuchung Liebe heißt. Dieſelbe.“ SR&EͤSOS S. 2 bend. e ihn muß heißt. 8³ Kriegsrath Wendelskoͤld an Frau Marbin. „Viola! Dieſer Brief, der erſte und einzige in dieſem Sinne, den Sie von mir erhalten— wird Sie überzeugen, daß, wenn es auf Erden wirklich etwas gibt, was Seligkeit genannt zu werden verdient, dieſe Seligkeit dann einzig und ausſchließlich da zu finden iſt, wo ſie ohne Vor⸗ würfe genoſſen werden kann. Die Welt hat mich immer als einen von denjeni⸗ gen Menſchen behandelt, die mit einem gewiſſen Pri⸗ vilegium auf ihren Beifall geboren ſind, d. h. als einen Mann, von zugleich feſtem und gutmüthigem Charak⸗ ter, der ſich nicht ihren Vorurtheilen oder Forderungen feindlich gegenüberſtellt, aber auch ſein unbeſtechliches Rechtsgefühl durch keinen Sturm, er wehe, woher er wolle, aus dem Sattel heben läßt. Wie gut paßte ich nicht zuſammen mit dieſer Form, dieſer ſchönen Einfaſſung, worin die Welt das Bild eines Mannes erblickte, der mit einer, auch für die innern Stürme unzugänglichen Seele hätte geboren werden müſſen! Aber, blos in dieſer Beziehung irrte man ſich, in Folge eines verzeihlichen Mißgriffes. Die Seele wartete auf Wind, um in das unbe⸗ kannte, von ihr noch nicht durchſegelte Fahrwaſſer zu ſteuern, aber, während ſie in der Windſtille wartete und wartete, vertrocknete ſie allmälig, und ging jetzt, bang vor den unbekannten Winden und Fahrwaſſern, in den Hafen ein, der ſich ihr darbot, und wo ſie ſich ein⸗ puppte. Und das war gut. Es iſt angenehm, bewundert zu werden, man glaubt zuletzt ſelbſt an ſeine Tugenden, ſeine Verdienſte, ſeine Vollkommenheit. Ich trieb es bis zum Aeußerſten— das hatte nichts ——— “ 82 1 4. 3 ...An Be Nree zu bedeuten; es war eine unſchuldige Manie, die man * verzieh.„ Ich trieb es ſogar kindiſch, Lindem ich mich als 1 alter Mann kleidete, weil ich hoffte, daß der äußere à. nſthe ſein Gepräge auch auf das Herz abdrücken wuͤrde, das unter dem Rocke ſchlug. 1 1 4 An Ihrem Hochzeitstag trug ich dieſe Glorie zum letztenmal.*„* Ich habe jetzt meinen edworbenen Menſchen abge⸗ han und ziehe den natürlichen wieder an. ⸗ Mit ſechsunddreißig Jahren hin ich noch jung; denn ich habe nicht gelebt. Jetzt will ich jung ſein, jetzt will ich leben, wie wenn ich erſt 26 hätte. Ein grenzenloſer Stonz, eine maßloſe Eigenliebe— das ſind die Klippen, an welchen mein irdiſches Glück geſcheitert iſt.. 3 Eine himmliſche Weckerſtimme erhob endlich meine Seele empor und flüſterte:: Jetzt, du müder, junger Greis, iſt deine Zeit ge⸗ kommen. Die unbekannten Fahrwaſſer, die du geahnt haſt, darfſt du jetzt durchſegeln. Spanne deine Segel aus und ſegle hin nach dem paradieſiſchen Land, nach der Heimath der Götter, wo die Liebe die Sonne iſt, und wo die Sonne nie untergeht. nd ich erwachte. 2 uerſt ſcheu, bebend, und voll Angſt, konnte ich das Wunder nicht glauben, das ſo ſpät kam? aber endlich glaubte ich. Da ſiel ich guf meine Kniee⸗ und dankte der Sonne und⸗ Gotta der die Sonne geſchaffen hattz. Aber auch die feurigſte Hymne muß abgebrochen werden. Und wenn der Menſch von ſeiner Himmelfahrt zurückkehrt, nimmt zer ſo viel von dem Irdiſchen wieder an, daß er fühlt, wie der Staub deſſelben ihm wieder anklebt. 33 8. 8 5— fn „ In dem Augenblick, w ar eſinnung über den Schritt kam, dadi⸗ dadaigrd meifen Le⸗ bens und meiner Liebe zermalmt hatte, breitete ſich eine 1 —— 8⁵ ewige Trauerfahne über meine Sonne, und gleichwohl wäre es mir möglich geweſen, Alles zu ändern. Beſaß ich nicht eine Macht, über welche nur we⸗ nige Liebhaber, ja vielleicht kein einziger, verfügen konn⸗ ten— die Macht zu verbieten? Aber der Stolz und die Eigenliebe waren beide ſo entſetzlich tief verletzt, daß ſie in allen meinen klaren Augenblicken ſich zum Herrn und Wächter über die Sonne machten, welche nicht einen einzigen Strahl durch die dicke Trauerfahne ſenden durfte. So war es mit mir beſtellt, als ich erkrankte, ſo als ich zum Leben zurückkehrte, ſo als ich Abſchied von meiner Mündel nahm. Aber in dieſem Augenblick ſah ich erſt die Braut, — die Braut, die ich dem Bräutigam zuführen ſollte— in dem Augenblick, wo ich das größte Bedürfniß hatte, von meinem Stolz aufrecht erhalten zu werden, ſiel er zermalmt, vernichtet in den Staub. Und entblößt von Allem, nur nicht von einer wahnfinnigen Liebe, welche nicht mehr zurücknehmen konnte, was ſie von ſich gegeben hatte, wurde ich von nichts anderm, als den letzten Splittern der Eigenliebe aufrecht erhalten. Sie flüſterte: Soll die Welt einen Ruf zerfleiſchen, dem ſie ſo lange geſchmeichelt und gehuldigt hat? Was ich im ſpätern Verlauf dieſes Abends an Selbſt⸗ beherrſchung entwickelte, war ein ungeheures Beiſpiel von der Macht der Eigenliebe, denn ich habe mich nicht dar⸗ über zu freuen, daß Gott es geweſen, der mich aufrecht erhielt, da ich ihn in jedem Augenblick läſterte, wegen des Böſen, das ich ſelbſt mir zugefügt hatte. Einige Worte, die nach dem Weggang der Gäſte mit dem Bräutigam gewechſelt wurden, vollbrachten das Zerſtörungswerk, das in mir vorging. Ich übergehe dieſe Nacht. Wenn ich einen einzigen Buchſtaben, der die Qualen derſelben beſchriebe, auf's 1 1 8⁶ Papier werfen wollte, das Papier würde zu Kohlen verbrennen. Be Als der Morgen kam, glaubte ich, das einzige Mit⸗ tel gefunden zu haben, das dem weitern Umſichgreifen es meiner Gefühle einen Damm entgegenſetzen könnte: we Ich ſagte zu mir ſelbſt: 1 be Wenn auch Du in die Ehe träteſt, ſo würden die heiligen Pflichten, die du übernähmeſt, dir zum Siege. helfen. die Ich wußte blos nicht, wo ich ein Weib finden w ſollte, das bereit wäre, ſogleich meinem Wunſch zu will⸗ V fahren; aber als ich Jeanne Sophie wieder ſah, die ve vielleicht bald eines Beſchützers bedürfte, da dachte ich, er ſie könnte mir aus dem Fegfeuer helfen, in das ich ge⸗ w kommen war. ur Aber, ob ſie nun meine Beweggründe ahnte oder ſe nicht, ſte ertheilte mir eine abſchlägige Antwort,— dem Himmel ſei Dank dafür geſagt! 3 Wie weit unglücklicher wäre ich nicht geweſen, wenn li ſie mein Anerbieten angenommen hätte! 8 Weiß ich nicht jetzt, weiß ich nicht ſeit geſtern, d daß die Ehe keine Schutzwaffe gegen unerlaubte Ge⸗ füͤhle iſt? d Wie Du mich in Verſuchung führteſt, ohne daß Du ſelbſt, Du armer Engel, die Größe der Verſuchung b ahnteſt, die von Dir ausging! n Was Du mir vorſchlugeſt, hätte möglich ſein kön⸗ 2 nen, wenn ich dieſelben Gefühle, dieſelbe Schüchternheit n beibehalten hätte, wie vor ſechs Monaten. 4 b Aber jetzt— o Du weißt nicht, Du, daß die Glut d des Hekla ein bleicher, ein verkohlter Brand iſt, gegen 1 den Brand, der in meinem Herzen flammt. 1 Wenn ich nicht flöhe, nicht eiligſt flöhe, ſo würde ich Dich mit mir in dieſen brennenden Abgrund reißen, 4 und wir würden ihn auf kurze Zeit für den Himmel nehmen.— 1 len Nit⸗ ffen die tege den ill⸗ die ich, ge⸗ der dem enn rn, Ge⸗ Du ing ön⸗ heit zlut gen rde jen, mel 87 Warum findet ſich kein Bild, das einem hoͤhern Begriff entſpricht, als der Himmel! Ich möchte ein ſolches wählen, denn dann müßte es auch ein Bild geben, das ſtärker iſt, als die Hölle, welche als das Erwachen aus dem oberſten Himmel zu betrachten ift. Höre, was ich ſage: Ich hege eine ſo tiefe und religiöſe Verehrung für die Heiligkeit der Ehe, daß ich in demſelben Augenblick, wo ich zur Gewißheit erwachen würde, mich ſelbſt durch Verletzung aller Geſetze der Ehre und des Gewiſſens verunehrt zu haben, in demſelben Augenblick, wo Du erniedrigt, nach Schutz und Hülfe zu mir auſſchauen würdeſt, in demſelben Augenblick Dich von mir ſtoßen, und meinem eigenen elenden Leben ſelbſt eine Grenze ſetzen würde. Aber dahin ſoll es nicht kommen! Gleichwohl für alle Fälle, wegen der bloßen Mög⸗ lichkeit, daß das Schickſal uns zuſammenführt, ehe mein Blut anders fließt, ſei auf der Hut... ſei wohl auf der Hut. Du haſt keinen groͤßern Feind, als den Mann, der Dich über alle Arten von Abgötterei liebt. Aber erinnere Dich, daß Du, wenn er ſich mit bittenden, ſchmeichelnden Blicken Dir nähert, mit Blicken, wie ſie der Verſucher gebraucht, wenn er eine Seele ins Verderben verlocken will, auf Deiner Hut ſein und ihn wegſtoßen mußt. Kommſt Du in den Bereich ſeines heißen Athems, dann wird er Dich verderben und dann ſiehſt Du in dem ſchmeichelnden Liebhaber ein Ungeheuer, das Deine Hand nicht mehr zu zügeln vermag. Ich kann mit dem gegenwärtigen Elend leben, nicht aber mit der Laſt Deiner und meiner Gewiſſens⸗ qualen.. Lebe wohl, o Viola... ich nannte Dich einmal meine Sonne— aber die Sonne iſt erloſchen. Wenn eiwa ins Gleichgewicht bringen koͤnnte, ſo wäre es die Ge⸗ wißheit, daß Du Dich in Deiner Ehe meiner reinſten Bewunderung, meiner Verehrung würdig machteſt. Werde dem Manne, dem Du angehörſt, eine getreue und edle Gattin. Arbeite mit allen Kräften an Deiner Seele, um die Pflichten zu erfüllen, die Du auf Dich genommen haſt. Jede Tugend, die Du Dir erwirbſt, wird Dich in eine weitere Entfernung von unerlaubten Wünſchen ſtellen, und vielleicht wird der Tag kommen, wo meine Verehrung ſo geläutert, ſo heilig iſt, daß ich Dir na⸗ hen kann. Bis dahin, noch einmal, Lebe wohl! Severin.“ N. S.„Schicke mir nur elne kurze Antwort mit demſelben Boten, mit dem Du mir dieſen Brief zu⸗ rückſchickſt. Ich koͤnnte den Gedanken nicht ertragen, daß Deine Augen, die Augen einer ehrbaren Gattin, oft darauf ruhen ſollten, und er wäre bei Gott, ſo ſchwach ich auch bin, nie geſchrieben worden, wenn ich Dir dadurch nicht klar hätte beweiſen wollen, wie viel Recht ich habe, Dir die Worte zuzurufen: „Sei auf der Hut!“.. *.„.*... * Nach etlichen Stunden eines Zuſtandes, bei welchem alle Elemente, die ein menſchliches Gemüth aufregen können, zuſammenwirkten, ſchrieb Viola wie folgt: „Ich habe geleſen, gebebt und verſtanden. Jedes weitere Wort waäͤre überflüſſig. Schon ehe dieſer Brief kam, hatte ich eine lange Trennung beſchloſſen.— Ich habe ihre Nothwendigkeit eingeſehen und— ſiehe hier das feierliche Verſprechen, das ich ablege: s in der Welt mein Gemüth wieder hole Ste nich hoffe ſtär! Ruh reis! mit tauſe eine einig dieder Ge⸗ inſten treue um haſt. ch in ſchen neine na⸗ Ich werde kein Mittel unverſucht laſſen, um mich in meines Gatten, und meiner eigenen Achtung zu heben, und ich werde ſtets bedenken, daß jede Tugend, die ich erwerbe, mich dem Augenblicke näher führt, wo wir ohne Furcht einander wiederſehen können. Reiſe mit Gott. Auch Charles und ich gedenken zu reiſen. Viola M.“ N. S.„Auch ohne Aufforderung würde ich den Brief zurückgeſchickt haben.“ Als die junge Frau zurückkam, um ihren Brief zu holen, überreichte ihn ihr der Gatte in knieender Stellung. Er konnte ſeine Dankbarkeit, ſeine Zufriedenheit nicht ſtark genug ausdrücken.. „Und Dein Vertrauen,“ ſagte Viola,„darf ich zu hoffen wagen, daß es wieder hergeſtellt iſt?“ „Für ewig!“ Nichtsdeſtoweniger war dieſes ewige Vertrauen nicht ſtärker, als daß Charles weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe hatte, bis er hörte, daß der Kriegsrath abge⸗ reist war. Dieß geſchah zwei Tage ſpäter. Während dieſer ganzen Zeit kämpfte Viola tapfer mit ihrer Liebe und ihrer Heftigkeit, welche beide ihr tauſend Schwachheiten eingaben, die ſämmtlich auf einen Punkt gerichtet waren, auf das Wiederſehen von einigen Augenblicken. Aber ſie wagte es nicht, ſich zu bewegen. Wohin ſie ihre Gedanken richtete, überall glänzten die Augen ihres Mannes in Dunkel und Licht... Und jetzt war es vorüber. Sie brauchte an keine andere Möglichkeit mehr zu denken, als daran, die Verſprechungen und Verpflich⸗ tungen zu erfüllen, die ſie übernommen hatte. Zweite Abtheilung. Nachtſtücke— Sonnenſcheinſtücke und Mondſcheinſtücke.. Ich zieh' zu dir, wie Vögel ziehn gen Süden, Vor ranhen Winters Unbill ſich zu ſchützen. O gönne mir zur Sühne meiner Schmerzen Die ſtille Himmelfahrt nach deinem Herzen. Vitalis. 8— . VIII. Die erſte Nacht. Ein ſchwerer Dezemberwind fuhr mit dumpfen Flügelſchlägen zwiſchen den wogenden Wipfeln einer jener feierlichen Wälder hervor, welche Schweden noch jetzt beſitzt, die an die tiefen Urwälder mit ihrer geheim⸗ nißvollen Zauberbevölkerung erinnern zu wollen ſcheinen. Bei jedem Flügelſchlag, welchen der Wind that, fiel vom Firmament eine Schneemaſſe herab, ſo dicht, daß die Zweige des Waldes demüthig ſich zur Erde hinabbeugten, ohne daß ſie es wagten, ſich wieder auf⸗ zurichten, und bald ſtanden alle Bäume, vom Wipfel bis zur Wurzel, ſo gut in den Schnee eingehüllt, daß jeder einzelne dem Schatten eines in weißes Leintuch gewickelten Rieſen glich. Der Schnee deckte dereits ellenhoch die Erde. Schon begann er, gleich dem Tode, das Hohe und das Niedrige auszugleichen, denn die hohen Abſätze und die niedrigen Thäler kamen mit unglaublicher Schnellig⸗ keit unter ein und daſſelbe Niveau. Und über dieſer ganzen unermeßlichen weißen Welt glänzte auch nicht der armſeligſte Mondſtrahl. Dagegen glänzte mit ſeinem eigenthümlichen Schein ein leichenblaſſer, hochklarer Schimmer jenes unbeſtim⸗ ten, unheimlichen Lichtes, das weder an Sonne, noch an Mond, noch an Sterne erinnert, ſondern, wenn es irgend etwas gleicht, ſein Ebenbild nur unter den Lam⸗ pen im Thale des Todes ſuchen kann. —— ——; ——— — k Ein leiſes Säuſeln, ein tiefgeflüſtertes St! St! durchbebte den Raum. Es war ein Gottesdienſt, der Gottesdienſt des Waldes in der Mitternachtsſtunde. Aber die Mitternachtsſtunde ſchlug auch für Men⸗ ſchen, welche heran kamen und mit ihren ſchneidenden Mißtönen den Sabbath des Waldes entheiligten. Die Rieſengeſpenſter ſtanden jedoch ſtarr, unerſchüt⸗ terlich, und nicht die mindeſte Bewegung der weißen Hülle gab zu erkennen, daß ſie von dem Lärm geſtört wur⸗ den, der ſich in das heilige Sauſen miſchte... Mitten auf einem langen, ſanft aufſteigenden Hügel erſchien ein abgemattetes Pferd, das die Hoffnung, noch hinaufzugelangen, gänzlich aufzugeben ſchien. Es ſchnaubte mit dem unausſprechlich qualvollen und leidenden Ton, welchen Menſchenzungen nicht her⸗ voorrzubringen vermögen, welchen die Thiere als Erſatz für die Sprache der Worte empfangen haben. Und dennoch, gleich als wäre es ſich all der Ver⸗ bindlichkeit bewußt, die auf ihm laſtete, arbeitete es, obſchon es bei jedem zweiten Schritte beinahe umfiel. Der Mann, der den Karren führte— unglücklicher Weiſe war es kein Schlitten: die Reiſenden waren einige Stunden von dieſer Gegend hinweg auf den Einfall gekommen, dieſen gefährlichen Tauſch zu machen— der Mann, ſagen wir, der die ſchwere, beinah unbewegliche Maſchine führte, hatte eine Miene halb verzweifelter Muthloſigkeit. Aber daß dieſe Muthlofigkeit nicht ihm ſelbſt galt, zeigte ſich daran, daß er zwiſchen jedem Schmeichelwort, das er dem Pferd ſagte: Nun, nun, mein Goldſchön, noch ein Bischen, nur noch ein Bischen! einen fragen⸗ den Blick auf den Karren warf und dabei leiſe Worte murmelte, wie z. B.:„das arme kleine Ding, das war die rechte Zeit, es hinauszuthun,“ und,„nein, nein, in 1 St! ſt des Men⸗ denden eſchüt⸗ Hülle wur⸗ . Hügel noch vollen her⸗ Erſatz Ver⸗ te es, fiel. klicher einige kinfall — der gliche ifelter galt, lwort, ſchön, agen⸗ Worte 3 war in, in 9⁵ der Nacht ſollen ſolche kleine Geſchöpfe daheim bleiben— die Nacht hat viele Gefahren.“ „Die Nacht, mein Freund, hat keine Gefahren für diejenigen, die in wichtigen Geſchäften draußen ſind,“ antwortete eine Stimme, ſo feſt und klar, als tönte ſie von dem heimiſchen Herde her. „Keine Gefahren, liebe Madame? Und wenn wir in dem pfadloſen Walde zugeſchneit werden? Ich bin ſchon mehr als hundertmal da gefahren, aber nicht zwei⸗ mal war ich ſo übel dran.“ „Wenn ich früher ſchon zweimal ebenſo übel dran geweſen wäre, ſo würde ich mich noch weniger gefürch⸗ tet haben. Ich komme zum erſten Mal in meinem Le⸗ ben in eine ſolche Lage, und dennoch bin ich ruhig.“ „Aber wenn wir zugeſchneit werden? frag ich noch einmal... Hellauf, Goldſchoͤn, hellauf! „Wir werden nicht zugeſchneit werden.“ „Das iſt ein mächtig ſtarkes Vertrauen— möge Gott Vater fügen, daß es nicht zu Schanden werde!“ „Nein, ſeid überzeugt, daß es keine Gefahr hat— eine Frau, die ihren Mann aufſuchen will, kann un⸗ möglich zu Grunde gehen. „Hm.. hm. Goldſchön, biſt du ganz fertig?“ Goldſchön ſchnaubte, während er rückwärts wich. „Schnauſ' aus, ſchnauf' aus... ich halte, ſo gut ich kann, feſt, das weißt du wohl.. Nein, liebe Madame, jetzt müſſen Sie herab.. der Schnee macht einen ganz blind: ich fürchte, daß das Pferd in die Sand⸗ vikshöhle hinab gerathen könnte.... wir haben fie Lanztnah auf der Seite, obſchon der Schnee alles gleich ma.. Die junge Frau, die auf dem Karren fuhr, war augenblicklich abgeſtiegen. Sie ſtand jetzt im Schnee bis über die Kniee auf der andern Seite des Pferdes, das ſie mit der Hand ſtreichelte und aufmunterte, nachdem es wieder feſten Fuß gewonnen hatte. „Jetzt müſſen Sie, ſo wahr Gott lebt, ein Stück weit gehen,“ ſagte der Fuhrmann.„Wir müſſen das Pferd ſchonen... halten Sie ſich an der Deichſel, dann wollen wir verſuchen, ob es noch einen Zug thut.“ Und die junge Frau— die niemand anders ſein konnte als Jeanne Sophie— ging muthig vorwärts im Schnee und beugte geduldig den Kopf vor jedem Zweig, der ſich über ihr woͤlbte. Nicht eine einzige Klage, nicht ein einziger murren⸗ der Ton entfiel ihren Lippen. Endlich war der ebene Weg erreicht. Der Karren blieb ſtehen. Und während Goldſchön jetzt all den Athem hin⸗ ausſchnaufte, den er noch übrig hatte, ſagte der Bauer zu ſeiner Begleiterin, welche vorausging: „Warten Sie doch, liebe Madame, warten Sie doch — Sie können nicht den ganzen Weg gehen.“ „Ich muß es gleichwohl ſo lange als möglich ver⸗ ſuchen,“ ſagte Jeanne Sophie mit der geſammelten Kraft, die zum Voraus alles zu berechnen ſucht. Wenn ich mich jetzt hinaufſetzte, ſo würde die Näſſe und die Kälte mich krank machen, und ich habe nicht Zeit, mich unterwegs aufzuhalten.“ „Das mag alles ſein, aber Sie koͤnnen doch nicht bis an Ort und Stelle gehen; es iſt noch eine halbe Meile.“ „Ganz gewiß kann ich das— ich bin jung, ich bin ſtark, wenn auch nicht gerade von Körper, ſo doch von Geiſt. Darum will ich mich nicht zu weichlich hal⸗ ten: es könnte mir gar zu theuer zu ſtehen kommen. Fahr zu, fahr zu. „Das iſt mir einmal ein abſonderlich dreiſtes Frauen⸗ zimmer— ich habe früher ſchon manche gefahren... ich möchte doch wiſſen, was das für eine iſt. „Liebe Madame,“ ſagte er darauf laut,„da wir miteinander auf dieſen gefährlichen Weg gerathen ſind, * 97 Stück ſo gehen Sie hier dicht hinter mir. Ich will für Sie 1 das ein ſo quter Bahnſchlitten ſein, als nur möglich iſt.“ ichſel,„Dank, Dank,— das will ich gerne thun. Ich hut.“ kann ein Bischen gehen und nachher wieder einige ſein Schritte fahren.“ ts im„Ja, ſo ſei es... aber wollten Sie jetzt nicht weig, die Gefälligkeit hoben und mir ein wenig ſagen, wie es eigentlich mit Ihnen beſtellt iſt, da Sie ſo ganz al⸗ rren⸗ lein und ohne allen Schutz auf der großen Landſtraße umherfahren?“ „Ich bin mein eigner Schutz— und das macht mir einmal Freude...“ hin⸗„Ja ich verſtehe ſchon... aber wo hält ſich Ihr Zauer Mann auf, zu was für einer Art gehört er? gehört er zu einer Comödianten⸗Geſellſchaft, oder zieht er mit e doch Meerkatzen herum, die er tanzen und ſpielen läßt? Er muß doch wohl ein Menſch ſein, der mit ſo Etwas in ver⸗ der Welt herumzieht.“ ielten Er zieht allerdings in der Welt herum, das weiß Wenn Gott, aber er zeigt weder ſich ſelbſt, noch Meerkatzen, d die er iſt ein Mann, der Schiffbruch gelitten und ſchon mich vielerlei Arten von Noth ausgeſtanden hat.“ „Da ſehe mal Einer. He da! Goldſchön lauf, nicht lauf... jetzt verdienſt du wirklich Lob, ich will dir halbe aber auch ein ſchönes Lager bereiten, wenn wir ankom⸗ men; ein ſchiffbrüchiger Seemann— und Sie ſind , ich ihm zu lieb weit hergefahren... oder iſt er aus der doch Nähe?“ hal⸗„O nein, nein, welt her!“ imen. t4Arwe Frau— da haben Sie viele Sorgen ge⸗ ꝗ 2“ auen⸗„Ihr ſeid ein ſo freundlicher und herzensguter ... Mann, daß ich euch ſagen will, wie es war. Die Leute ſagten, er ſei todt, aber ich wußte, daß er es nicht war. wir Er lebte auch wirklich noch und kam zurück. Aber jetzt ſind, liegt er hülflos und gelähmt in einem Fiſcherort... Der Vormund. III. 7 ich, die ich nicht zu ihm fliegen kann... Gott, mein Gott!“ Das letzte ſagte ſie zu ſich ſelbſt. „Jetzt begreife ich alles zuſammen— es iſt alſo Liebe? Ja freilich, damit hat es ſeine eigene Bewandt⸗ niß. Sucht man ſie mit Gewalt abzubrechen, ſo wi⸗ derſteht ſte faſt wie Eiſen; will man gelind damit ver⸗ fahren, damit ſie vernünftig wird, ſo rumort ſie wie ein Waldgeiſt, wenn er die Augen auf einen jungen Geſellen geworfen hat,— aber jetzt fürchte ich, daß der große Vater im Himmel uns die ganze Welt mit Schnee zudeckt... wir kommen nicht mehr mit heiler Haut hinaus.“ 3 Jeanne Sophie wollte ſich ſelbſt nicht geſtehen, daß ihre Kräfte zu weichen anfingen. „Noch,“ ſagte ſie,„noch muß ich gehen.“ „Hm, hm,. als ich in meiner Jugend war, ich bin juſt noch immer nicht ſo alt— da liebte ich auch auf dieſe Art. Ans Ziel mußte ich gelangen, und ſo warf ich einen Nebenbuhler da und einen andern dort zu Boden und ſah nicht mehr danach, ob ſie wie⸗ der aufſtanden oder nicht. Aber was will man mit dem Schnee und Wald machen, liebe Madame? da kann man ſich an nichts anderes, als an friſche Courage halten; ſo lange die nicht ausgeht, iſt's nicht gefehlt; aber Schnee und Wald rühren ſich nicht vom Platz und leider Gottes kommen auch wir nicht weg.“ „Ewiger Gott und Vater aller Bedrückten, ſei mir gnädig... noch hat die Verzweiflung mich nicht be⸗ rührt; aber wenn ſie kommt.. ach nein, ich bin ſtark: noch habe ich viele Kräfte, viele Wärme im Blut; noch könnte ich für meinen Emil eine ganze Meile gehen.“ Sie konnte ſich kaum einen Schritt weiter bewegen. „Liebe Madame, ſteigen Sie jetzt wieder hinauf und ruhen Sie ſich wieder aus, ſo gut es gehen mag. Sie haben ſich ein Bischen warm gelaufen und da wer⸗ den Sie nicht ſo bald frieren.“ mein t alſo andt⸗ o wi⸗ ver⸗ e wie ingen daß mit heiler daß war, e ich „und adern wie⸗ t dem man lten; aber und mir be⸗ tark: noch n.* egen. nauf nag. wer⸗ 99 „Ach, ich wage es nicht,— ich wage es nicht, ich habe außer meinem eignen Leben noch für ein anderes Rechenſchaft zu geben.“„ „Das iſt gefährlich. Aber Gott Vater iſt gewiß gnädig und ſieht auf Ihren Willen und auf Ihr Stre⸗ ben... ich helfe Ihnen wieder auf den Karren hin⸗ au 744 Noth kennt kein Gebot. Als Jeanne Sophie einige Schritte weiter gehen wollte, ſtrauchelte ſie, richtete ſich auf, ſtrauchelte wie⸗ der und richtete ſich wieder auf. Und immer höher und höher ſtieg der Schnee. „Da kommt mir ein Gedanke, liebe Madame. Mein Gott, was für eine Wohlthat iſt es doch mit den Ge⸗ danken,— ſie kommen daber geflogen akkurat wie die Vögel mit der Aehre im Mund.“ „Und welchen Gedanken habt Ihr denn, guter ehr⸗ licher Alter, den mir Gott in meiner Noth geſandt hat 2“ „Ja, ſitzen Sie jetzt getroſt wieder auf... ganz in der Nähe, linker Hand haben wir einen kleinen Kathen. Das gibt doch ein Obdach und ein Feuer, bei dem man ſich wärmen kann.“ Welche Macht, welche Kraft und welche Lebensluſt liegt in der Hoffnung, in dem bloßen Wort Hoffnung! Jeanne Sophie konnte mit einem Funken von Hof⸗ nung Allem Trotz bieten. Eine Viertelſtunde ſpäter war es im Wald ſo ruhig und ſchweigſam wie vorher. Aber drinnen in der kleinen Käthnerhütte mit ihrer ſchwarzen Decke, ihrer unheimlichen Atmosphäre und dem im Rauchdunkel funkelnden Feuer, ſaß eine Jung⸗ frau warm gekleidet und in Gedanken verſunken auf dem Schemel am Herde. —ᷣ—ᷣᷣᷣᷣᷣᷣᷣÿ’xᷣᷣꝓꝗℳᷣ IX. Fortſetzung der erſten Nacht. Alles um Jeanne Sophie her ſchlief. Ach wie gern hätte nicht auch ſie— deren inſplrir⸗ tes Geſicht ein allzu ſehr eilendes Leben, eine brandheiße Unruhe verrieth— ſchlafen mögen, wenn nur Gott ihr den inſtinktartigen Abſcheu vor ungeſunden und erſticken⸗ den Dünſten benommen hätte, womit verfeinerte Ge⸗ wohnheiten ſich weit weniger leicht vertragen als mit Qualen von tauſendmal größerer Bedeutung. Jeanne Sophie verachtete und verwünſchte ihre überflüſſigen Organe— aber das half nichts. Sie verhinderten ihren müden Körper auszuruhen, und nachdem ihr Blick den Umkreis der Stube gemuſtert hatte, die voll von ſchlafenden Männern, Weibern und Kindern war, deren Geſellſchaft noch überdieß von dem einen und andern kleinen Hausthier vermehrt wurde, ſah ſte die Unmöglichkeit ein, ihre Hoffnung verwirklicht zu ſehen. Um alſo dieſe lange, lange Dezembernacht todt zu ſchlagen,— eine Dezembernacht auf der Grenze des Januars— beſchloß ſie, ihr Schreibzeug hervorzuziehen und durch Verſetzung der Seele in einen thätigeren Zu⸗ ſtand ſich über das Bewußtſein der kleinen Einzelheiten, die ihre Sinne in Beſchlag nehmen wollten, wo möglich zu erheben. 8 Jeanne Sophie ſetzte ſich endlich, um an Viola Folgendes zu ſchreiben: „Ich habe drei Tage lang nicht gelebt. Doch, doch, ich täuſche mich.. Ich habe in dieſen Tagen dreißigmal drei Tage 101 gelebt. Denn jeder Tag hat dreißig Sonnenaufgänge gehabt, und der letzte in jedem Tag hat bis in den er⸗ ſten des folgenden Tags hineingereicht, ſo daß weder Mond noch Finſterniß, noch das geringſte Dunkel mei⸗ nen göttlichen Sonnen nahe gekommen iſt. Es iſt mir ſehr ſchwer, mit der verſtändigen Ruhe zu ſchreiben, welche die Buchſtaben beſitzen müſſen, wenn ſie über das Papier, Zeit und Raum hinweg, zu den⸗ jenigen gehen ſollen, mit denen wir ſprechen wollen. Ruhig bin ich jedoch, ruhig wie ein kleiner Welt⸗ körper, welchen Gott in die unermeßliche Schöpfung hinausgeworfen hat, und der beſtimmt iſt, mit einem andern Weltkörper zuſammenzuſchmelzen— zwei Seelen, zwei Welten, zwei lebendige Lichter, die zu einer Flamme vereinigt werden ſollen. Aber ein Weltkörper, ſo klein er auch iſt, macht eine ganze Kraft aus: er darf ſich nicht aus ſeiner Bahn bewegen, wenn er au's Ziel gelangen ſoll. An's Ziel— ja er ſoll an's Ziel gelangen. Du fürchteſt vielleicht jetzt, daß meine Exaltation einen Flug nehme, der fuͤr mich ſelbſt Böſes verkündet. Du täuſcheſt Dich. Sobald ich in einer Handlung begriffen bin, lebe ich mit allen Sinnen darin, und alle dieſe Sinne ge⸗ horchen meinem Willen. Aber da ich nicht handle, ſondern denke, da ich meiner Seele die Zügel ſchießen laſſe, ſo muß man eine Perſon, deren Seligkeit und Freude nahe daran iſt, zu erſterben, die Art, wie ſie lebt, zu gut halten.... So eben vergleiche ich mich mit einem kleinen Welt⸗ körper. Jetzt will ich mich mit einer Woge vergleichen, einer aufgeregten Woge, die über tauſend andere Wogen hin ihren Weg ſucht. Ach wie herrlich, eine Woge zu ſein.. der Schwall dröhnt um mich her, unter mir, über mir: Sie brauſen gegen die Brandungen, aber ich werde erhoben und über ſie hinweggehoben. Bald bin ich klein, wie ein Strahl im Silberbecken der Nixen, bald erhebe ich mich wetteifernd mit den Waſſerrieſen, die um mich her ſpielen. O ich bin mächtig, mächtig— denn wohin ich gehe, gehe ich über das Haupt des Todes hinweg. Weißt Du, wie dieſer himmliſche Wahnſinn heißt, der in meinem Hirn brennt? Freude! Ach, Du Arme, Du Arme, Du weißt nicht, was Freude iſt! Sie iſt die Gewißheit, den Geliebten im Leben wiederzufinden, den Tempel ſeiner Liebe von den Stürmen unberührt wiederzufinden. Und was iſt die Liebe? Ich glaube, daß ich, obſchon ich es ſonſt verachte, Bilder von Andern zu entlehnen, hier die Worte Jean Pauls entlehnen kann. „Liebe iſt Leben und Tod, und Himmel und Hölle. d⸗ iſt Mord und Gluth, und Tod und Schmerz und Luſt.“ 1 Aber Du ſollſt alles wiſſen. Ich will mein Herz, meine Pulſe, mein ſpielendes Blut in die Formen hineinzwingen, die man ihnen ge⸗ geben hat, denn ſonſt würden ſie alle Form zerſtören und allein regieren wollen. Mein Beſchützer— ich nenne ihn nach all dieſen Dingen ſo ſelten wie möglich vor Dir— ließ mich in dem kleinen, einſamen Pfarrhaus zurück, das wir ge⸗ funden haben. Und ſchon dort fühlte ich mich beſſer, als in der Stadt, denn es lag eine Grabesruhe in der ganzen Umgebung. Damals liebte ich in meinen Gedanken, mit den Sinnbildern des Todes zu ſpielen: Ich wollte mir ſelbſt die Wahrheit nicht geſtehen. Aber die Wahrheit war, daß es mir ſchien, als ob der Ewige ſein Angeſicht ver⸗ hüllt hätte, und ich es nicht wiederſehen ſollte. Der Kriegsrath ſetzte ſeine Reiſe nach der Haupt⸗ a 103 ſtadt fort. Er wollte das Leben verſuchen und ſeinen Champagnerſchaum ſchlürfen. Ich wartete wie gewoͤhnlich. Aber ich fühlte, daß dieſes Warten mich endlich zerſtören würde. Da— ich war blos eine einzige Woche in meiner Freiſtatt geweſen— kehrte der Allmächtige ſein Ange⸗ ſicht wieder derjenigen zu, die zu ihm betete. Ein Brief, ein Brief... Aber ich fürchte, daß meine Sinne ſich verwirren — Du ſelbſt hatteſt ja geſchrieben und ſeinen Brief in den Deinigen eingeſchloſſen. Und Dein Mann ſchrieb auch zierlich und ruhig, und verkündete ſeiner Schwägerin, daß er ſogleich Emil eine genügende Geldſumme zugeſchickt habe, und daß er vermuthlich in einem oder höͤchſtens zwei Monaten kom⸗ men und ſeine Braut zurückfordern werde. Inzwiſchen ſollte ich ruhig ſein— war es nicht ſo— ruhig und geduldig, und warten, bis ihr auf eurer Reiſe hieher kommen würdet, wo wir dann ge⸗ meinſchaftlich nach eurem Wohnſitz fahren ſollten. Dort ſollte ich Emil erwarten. Ich erinnere mich wunderbar gut— wenn auch nicht in der Ordnung— an all' dieſe Worte von Schnee und Eis, die mein heißer Athem wegfegte, ſo⸗ bald ich ſie geleſen hatte. Auch Du ſchriebſt von Beſonnenheit, Geduld und Warten, als ob ich nicht genug gewartet hätte! Der Himmel ſegne euch jedoch dafür, daß ihr mir den Brief mit der ſchnellſten Gelegenheit zuſandtet. Aber wie konntet ihr glauben, daß ich hier ruhig ſitzen und eina oder zwei Monate warten würde? Gibt es außer mir keinen Menſchen, der das Ge⸗ heimniß der Liebe begreift? Eine Stunde, nachdem ich den Brief meines Gatten . geleſen hatte, war ich unterwegs... unterwegs, wie ich es jetzt bin. —— *— 104 In dem armen Pfarrhof gab es kein bequemes ſch Fuhrwerk, über das man verfügen konnte. lie Was bedurfte es auch deſſen? Ich warf alle Einwendungen über den Haufen, als br. wären ſie Staub, was ſie auch wirklich waren, dieſe der lumbigen Einwendungen meiner freundlichen Wirths⸗ vo eute. Und mit der wohlgeſpickten Kaſſe, die der Kriegs⸗ N rath mir zuruückgelaſſen hatte, trug ich keine Sekunde wi lang Bedenken, mich ohne andern Schutz als meinen eigenen auf den Weg zu begeben. Die Worte, die ihr umſtändlich in mehreren Zeilen de ausſpannet: durch ein Wunder Gottes iſt Emil gerettet worden, und nach dieſem und dieſem Unglücksfall iſt er am 8ten December in dem kleinen Fiſcherort B. ange⸗ we langt— dieſe Worte faſſen ſich für mich in die zwei un zuſammen:„er lebt“] Er lebt— ſiehe, das iſt das Geheimniß, das mein ne eigenes Leben feſtgehalten hat, als es in Folge aller dieſer Gemüthsbewegungen auf dem Punkte war, zu fliehen. Er lebt... meine Seele, mein Herz, meine Sinne, meine Gedanken ſind ein einziger Hymnus, ein Lobge⸗ ſang zu Gott. In dieſem Augenblick habe ich drei Tagreiſen zu-⸗ w rückgelegt. Noch drei ſolche, ſo werde ich, da ich auch n noch einen Theil der Nächte dazu nehme— und ich C habe meine Kräfte vernünftig bis auf's Ende geſpart, — an Ort und Stelle ſein. Und wenn ich an Ort und Stelle komme! Ach wie ſchlimm und doch wie gut, daß eure Brieſe ihn ſchon vorher getroffen haben. Ich habe die Robinſonade meines armen Emils nicht mehr als zweimal durchleſen. Welche unerhörten Leiden mußte er zwei Tage lang auf dieſer Klippe erſtehen, ehe das Lootſenboot ihn auf⸗ nahm! Wenn ich das noch einmal leſen ſollte— ob nemes , als dieſe rths⸗ iegs⸗ unde einen eilen rettet ſt er nge⸗ zwei mein aller — zu nne, bge⸗ zu⸗ auch ich dart, riefe nils ang auf⸗ ob⸗ * 10⁵ ſchon er es gemildert hat— ich würde die Kraft ver⸗ lieren, klar zu denken. Er hat ſo vielfache Schmerzen überſtanden, Bein⸗ bruch und Armbruch— und ſechs lange Wochen an dem fremden Küſtenland, von wo aus er keine Nachricht von ſich geben konnte. Und jetzt dieſe Reiſe im November, zuerſt nach Norwegen und dann in dem ſchwediſchen Meer, wo er wiederum in Sturm und Noth war. Ach mein Emil, mein Emil, auch da, wo Du dich jetzt befindeſt, haſt Du es nicht zu gut... die Wun⸗ den ſind aufgegangen— Armuth rings um Dich her — und Du ſelbſt erfroren und hülflos. Vielleicht weiß er jedoch in dieſem Augenblick alles, weiß was der Tod geſühnt, weiß was er ihm genommen, und was er ihm gegeben hat.... Aber ich bleibe hier ſtehen, wo ich von meiner eig⸗ nen Fahrt zu erzählen anfangen ſoll. Mein Kopf wird ſchwer,— eine Betäubung will meine Augen ſchließen... o wenn es Schlaf wäre... ich bedarf deſſen ſo gut!“.......... Ihr Kopf ſank auf den Tiſch. Es war jedoch kein Schlaf, ſondern blos ein Wirr⸗ warr von Bildern, aber keine hellen, von dreißig Ster⸗ nen beglänzten, ſondern trübe und düſtere Bilder von Emils Schiffbruch. Nein, dieſer unruhige Zuſtand war nicht gut— ſie riß ſich mit Gewalt heraus. Wußte ſie nicht irgend ein Mittel, das ihre Sinne erfriſchen und ihren Nerven wieder Leben bringen konnte? Doch. Sie ſetzte ſich beſſer zurecht, putzte ſorgfältig das einſame Licht, deſſen trüber Docht ſich auf die eine Seite hinabneigte, und zog dann den Brief ihres Emil hervor. Und glücklich vergaß ſie jetzt die rauchige Stube, *...***⁴ wo ſie ſich befand, mit dem lauten Schnarchen ihrer * 106 vielen Bewohner, mit der unreinen und bedruͤckenden Atmosphäre; ſie vergaß alle Beſchwerden dieſer Nacht, vergaß alles, öffnete den theuern Brief und las zum tauſendſten Mal den letzten Theil deſſelben— auf den erſten wagte ſie nicht zurückzukommen.... 82 „Aber wende Deinen Blick ab von all' dieſem Elend, Du mein holder Stern, meines Lebens guter Engel, Du, deren Gebete allein mir aus dieſer Noth geholfen, deren Bild allein mir die Kraft verliehen hat, all' den Hinderniſſen zu trotzen, die ſich meiner Rückkehr in den Weg ſtellten. Aber wiſſe, Geliebte, daß noch eine andere goͤtt⸗ liche Kraft mich anfrecht gehalten hat. Dieſe Kraft lag in der Gewißheit, daß Du nicht an meinen Tod glaubteſt, deſſen Kunde wohl ſchon läͤngſt in die Heimath gedrungen iſt. Nein, Du konnteſt nicht glauben, daß ich nicht das Unmögliche thun würde, um zurückzukommen, daß ich nicht den Tod ſelbſt überwinden würde, um meine hei⸗ ligen Verpflichtungen gegen Dich zu erfüllen. Ais von der kahlen Klippe hinweg der Sturm zwei meiner Unglücksgefährten in die Tiefe riß, da ſagte ich zu mir ſelbſt: deine Hand muß ſich wie eine Eiſenhand um den Felsblock ſchließen, denn deine Gattin erwartet dich. Wenn dann die Kälte meine Glieder erſtarren machte, ſo erwärmte mich der Gedanke an Dich; wenn der Hunger nagend an mir zehrte, ſo nährte ich mich von dem Ge⸗ danken an Dich. Du— immer Du— glaubſt Du jetzt, Jeanne Sophie, daß ich zu lieben verſtehe? Und wie kann ich, der ich aus der einen Noth nach der andern erlöst worden bin, ich, der ich durch Gottes unmittelbare Gnade die Gelegenheit fand, in das Va⸗ terland zurückzukehren, wie kann ich an dem fortdauern⸗ den Schutz dieſer himmliſchen Vorſehung zweifeln? Ich zweifelte nicht einmal damals daran, als ich, 1 ein Sti als mei fam ken ein Er frer nen daß gro Var ſot Gli als die lich Arr zug arn wir Au⸗ die hal als daß wa⸗ 107 ein kraftloſer und ſchiffbrüchiger Mann, auf dem fremden Strande lag, wo die Barmherzigkeit mich pflegte, und als ich, gänzlich von allem entblöst, nichts mehr als meine Dankbarkeit und meine Uhr der armen Fiſcher⸗ familie zu geben hatte, die den Flüchtling beherbergte. Nein, nein, auch jetzt naht mir kein Zweifel. Ich kenne meines Vaters Herz zu gut, obſchon es unter einer kalten Hülle ſchlägt. Er hat mich vielleicht bereits als todt betrauert. Er wird ſich über meine Wiederkehr zum Leben innig freuen, und dieſe Freude vollendet das bereits begon⸗ nene Verſöhnungswerk. Eine Hoffnung, eine himmliſche Hoffnung ſagt mir, daß wir nicht mehr nöthig haben werden, an unſern großen Reiſeplan zu denken. Ein Sohn, der ſo viel gelitten hat, liegt näher am Vater⸗ und Mutterherzen, und wenn ſie etwas thun, ſo thun ſie Alles. Sie wiſſen, daß es ſür mich kein Glück gibt, außer in einer Vereinigung mit Dir. Die Hütte, wo ich jetzt liege, iſt nicht viel beſſer, als die auf der ſchottiſchen Küſte; aber ich höre doch die Sprache meines Vaterlandes und ich finde eine herz⸗ liche Theilnahme, deren Wirkſamkeit jedoch durch die Armuth verhindert wird. Aber während ich dieſen Brief abſende, ſchicke ich zugleich zu dem Kapellprediger, der mir, wie meine armen Wirthsleute ſagen, nach beſten Kräften helfen wird. Inzwiſchen wage ich noch nicht den geringſten Ausgang zu unternehmen. Meine ſchlechtgeheilten Schäden haben ſich durch die ſtrenge Kälte verſchlimmert. Ich muß mich ſtill halten, d. h. ich bin gezwungen dazu. Aber obſchon ich keine andere ärztliche Pflege genieße, als von einem alten klugen Fiſcher, ſo glaube ich dennoch, daß dieſe gut iſt, und ich meine im Vergleich mit dem, was ich auf der Reiſe ausſtand, Linderung zu empfinden. Die einzige Gemüthsbewegung, der ich wohl kaum 108 werde widerſtehen können, wird diejenige ſein, die mich alle erſchüttern dürfte, wenn ich Deinen Brief empfange... gen einen Brief von Dir, von meiner angebeteten Braut, here einen Brief, welcher verkündet, daß Du lebſt, daß Du wier geſund an Körper, an Seele muthig wie immer, daß ihre Du glücklich biſt, überſelig in dem Bewußtſein, bald wiederzuſehen und umarmt zu werden, millionenmal um⸗ armt von auf Deinem getreuen Be „Emil⸗ va N. S.„Ich hätte hundert Seiten voll ſchreiben mögen, aber ich leide bei jeder Bewegung. wor Ich muß inne halten. Jede verzögerte Minute iſt von ja ein Diebſtahl an Dir, denn der Brief wird dadurch aufgehalten. abe O wenn ich dieſe Blätter auf den Flügeln meiner Ungeduld zu entſenden vermöchte— dann würden ſie ſchnell anlangen.“ Nachdem Jeanne Sophie ihre Lektüre vollendet hatte, ruhten ihre Augen noch lange auf den koſtbaren Buchſtaben.. une „SO,“ flüſterte ſie,„er glaubt die Gemüthsbewegung mef in Folge eines Briefes von mir kaum ertragen zu kön⸗ and nen— wie wird es erſt werden, wenn ich ſelbſt komme. dech „Kommen auf dieſe Art und zwar obſchon... ob⸗ ſchon..“ Sie erroöthete tief und führte untt Seufzern den Brief an ihre Lippen. Sodann von dem Gedanken geſtaͤrkt, daß, „ reiben ute iſt ndurch neiner een ſie llendet ͤbaren degung u kön⸗ komme. 109 alles für ſie ausgehalten, auch ſie alles für ihn ertra⸗ gen wolle, der ſie jetzt mit einer ſo unvergleichlich hö⸗ heren Liebe als früher liebte, bewahrte ſie ihren Schatz wieder auf, und bald hatte Gott Barmherzigkeit mit ihren überreizten Kräften. Sie verſank in Schlaf. Aber als der helle Tag anbrach, da war ſie wieder auf dem Weg mit ihrem ehrlichen und warmherzigen Begleiter, der ſie jetzt, da Goldſchön wieder hergeſtellt war, und man im Wirthshaus einen Schlitten hatte entlehnen können, noch mehre Stationen weiter führte. Als Jeanne Sophie ſich endlich von ihrem neuer⸗ worbenen Freund trennte, da war es ihr, als ob ſie von einem alten Freund ſchiede. Es graute ihr nicht davor, wieder allein zu ſein, aber ſie vermißte den Schutz, den ſie gehabt hatte. X. Die zweite Nacht. Wir befinden uns jetzt draußen auf einer großen, unermeßlichen Haide— wenigſtens erſcheint ſie uner⸗ meßlich, denn ſo weit das Auge reicht, entdeckt es nichts nder, als eine gefrorne Fläche, eine bahnloſe Schnee⸗ decke. Aber der Mond glänzt neu und klar an dem hoch⸗ blaued in wahrhaft nordiſcher Winterpracht ſtrahlenden immel. Es war eine ſo ſchöne Januarnacht, wie nur je eine as menſchliche Auge erfreuen konnte. — 110 Aber wenn der Wald in ſeinem mitternächtlichen Sabbath ſtille daſtand, ſo war dieſe Schneewüſte nicht minder ſchweigſam. Auf dieſem Feld hatte früher eine große Schlacht ſtattgefunden; Trompetenton hatte über die jetzt öde Haide hin geſchallt, Schwerterklang und Schlachtgeſchrei hatten dieſe Räume belebt. Kämpfer waren gefallen, Blutſtröme gefloſſen, und Seelenmeſſen für die todten Helden waren auf der Erde emporgeſtiegen, die man ih⸗ ren Gebeinen geweiht hatte. Auch— ſo erzählt die Sage— findet noch heut zu Ta bei jedem Eintritt des Neumonds eine Schlacht da ſtatt. Dann ſteigen Krieger aus ihren Gräbern mit Pfer⸗ den und Rüſtung, mit bald geſenkten, bald offenen Vi⸗ ſiren, ſo daß man genau die vergilbten Beinknochen ſieht, die früher das Geſicht gebildet, und die tiefen Höhlen, worin vordem Augen geleuchtet, die mancher ſchönen Dirne Herz berückt hatten. Aber ob nun die Kämpfer verſchlafen waren oder nicht, es ſchien, als ſollten Mond und Sterne keine Ge⸗ ſellſchaft bekommen auf ihrer einſamen Wacht. Und die Todtenruhe war hier um ſo vollkommener, als nicht ein einziger Ton ſich hören ließ und nicht ein einziger Baum ſich vorfand, deſſen Säuſeln eine Idee von irgend einer Art von Leben geben konnte. Man glaubte ſich in eine der erſten Nächte nach der Vollendung der Schöpfung zurückverſetzt. Das himmliſche Firmament ſtand feſtlich gekleidet da, aber ein großer Abgrund öden Raumes lag unter ſeinen Füßen. G Wehe dem Menſchenfuß, der vermeſſen herbei kam, ſich durch dieſen bahnloſen Raum einen Weg zu ſuchen! Wehe! Wehe! 4 Es gab dennoch ein Menſchenkind, welches ſich durch nichts ſchrecken ließ, welches das Wort Gefahr nicht länger begriff, als wo Gefahr vorhanden war, welches 111 blind und kalt Allem entgegentrat, was ſich ſeinem Fort⸗ ſchreiten in den Weg ſtellte. Ja, Jeanne Sophie war hier außen... draußen in der großen Wüſte, Jeanne Sophie, die dießmal keinen menſchenfreundlichen und zartſinnigen Begleiter hatte, ſondern ſtatt deſſen einen ſolchen, deſſen gewaltſame, rohe und harte Gemüthsart noch überdieß gereizt war, durch den Aerger, von einem Schmauſe hinweggerufen worden zu ſein, wo Bier und Branntwein ſtrömten.. „Ich bin ganz vom Weg abgekommen,“ ſagte Jeanne Sophie, die mit heimlichem Schreck merkte, daß das Pferd beim Knallen der Peitſche unſicher hin und her kreuzte, während der Fuhrmann bald laut, bald leiſe fluchte. „Vom Weg— wo zum Teufel will ſie, daß man hier einen Weg finden ſoll... ſieht ſie denn nicht, daß er ganz zugeſchneit iſt?“ „Aber Ihr werdet doch wohl wiſſen, wohinzu er liegt.“ „Dem Hexenberg zu liegt er... verdammtes Wei⸗ bervolk, das nicht zu Hauſe bleiben kann— was iſt das für eine Perſon, die hier ſo in der Nacht herumſtreift?“ Jeanne Sophie that, als ob ſie nicht hörte. „Hätte ſie nicht bei ihren Zigeunern bleiben koͤnnen, damit ehrliche Leute vor ſolchem Lumpenpack Ruhe ge⸗ habt hätten?“ „Wißt Ihr denn gar nicht, wohinzu der Weg liegt?“ fragte Jeanne Sophie mit einem Ton unerſchüt⸗ terlicher Ruhe.. „Ei ſo halt ſie doch ihr Maul! Hat ſie ſich auf den Weg hinausgemacht, ſo ſuche ſie auch wieder or⸗ dentlich herauszukommen. Verdammtes Geſchöpf... (jetzt kam die Peitſche wieder ganz garſtig in Gang)— haſt Du nicht ſoviel Geruch, daß Du ſelbſt den Weg finden kannſt, du elende Mähre!“ „Ach, mein Gott, Ihr ſchlagt ja das Pferd zu 112 Tode.. Seid jetzt doch artig und vernünftig, und be⸗ finnt Euch, wo wir etwa ſein mögen— das wird uns mehr nützen.“ „Ei was— muckſe ſie ſich nicht, wenn ſie einen Mann, wie ich bin, neben ſich hat. Darf ich denn etwa mein eignes Pferd nicht ſchlagen? Ich ſchlage es, ſo lang es mir gefällt... dal dal ſchmeckt es gut?... ja bäume Dich nur... und mache ſie mir keine Fa⸗ ren da, ich bin im Stande, ihr auch ein Paar zu ge⸗ ben, wenn es Noth thut.“ „Das glaube ich ſchon von Euch, aber ich bin ein Frauenzimmer, das ſich nicht ſchrecken läßt, müßt Ihr ſehen. Und wenn Ihr Guch nicht verſtändig aufführt, ſo wie ein Reiſender das Recht hat zu erwarten, ſo⸗ ſchreibe ich eine Beſchwerde ins Tagbuch, wenn ich auf die Station komme, und dann wird es Euch ſchlecht er⸗ gehen.“ „Das Satansweib— das fürchtet ſich vor nichts! Aber ſei ſie jetzt nur ſo gut und ſtecke ſie die Pfeife wie⸗ der in den Sack, ſonſt muß ſie wahrhaftig ſelber fahren. „Ich gebe Euch ein dreifaches Trinkgeld,“ ſagte Jeanne Sophie, indem ſie dieſes Beweismittel verſuchte, „ja ich frage nichts danach, was ich bezahle, wenn ich nur bald ins Wirthshaus komme.“ „So, ſo, iſt ſie gut mit Geld beſchlagen... nun ſo zieh fie's einmal hervor, damit ich es ſehen kann; ſie kann doch nicht verlangen, daß ich einer ſolchen Per⸗ ſon auf's Wort hin glaube, was ſie in der Noth ver⸗ ſpricht.“* ich es habe.“ „Aber ich will es jetzt ſehen, ſonſt fahren wir die ganze Nacht da herum— das darf ſie mir glauben.“ „Ich habe geſagt, daß ich Euch ein Trinkgeld geben werde, wenn wir an Ort und Stelle kommen.“ „Und ich habe geſagt, daß ich es auf der Stelle 4 ſehen will, hört ſie.“ „Es iſt nicht nöthig, es zu zeigen— genug, daß 3 Mei näch vori Jah We verd min bere nich hätt hätt ſein weg run 4 1 113 Das junge Weib ſchwieg. „Geſchwind jetzt... Wir ſind ſchon eine halbe Meile im Kreis herumgefahren, und jetzt kommen wir nächſtens an das große Moos, wo mein Nachbar im vorigen Jahr umgeworfen hat Das paſſirt alle Jahre einem..“ Jeanne Sophie überlegte. Sie hatte unglücklicher Weiſe ihre ganze Kaſſe in der Brieftaſche. Sie hervorzuziehen, war ſehr gefährlich, und es zu verweigern, war bei einem ſolchen Reiſegeſährten nicht minder gefährlich. Aber wie hart, wie peinlich auch ihre Lage war, ſie bereute nicht einen einzigen Augenblick ihre Fahrt. Nein nicht einen Augenblick dachte ſie: 4* „Ach ſäße ich doch ruhig in meinem Stübchen, hätte ich mich doch zufrieden gegeben, bis ich bequemer hätte reiſen können.“ Nein, ſie fragte ſich blos: „Welches von beiden iſt hier das klügſte?“ Sie war bald genöthigt, ihren Entſchluß zu faſſen. Der Fuhrmann richtete ſich im Schlitten auf, und ſein garſtiges Geſicht war ſo drohend, daß es einer Be⸗ wegung mit der geballten Fauſt kaum bedurfte, um Jeanne Sophie zu beweiſen, daß eine längere Weige⸗ rung ſchreckliche Folgen nach ſich ziehen könnte. Sie zog jetzt ihre Brieftaſche hervor. „Nun wie groß ſind Eure Forderungen?“ „Das will ich ihr ſagen, wenn ich zuſammen ge⸗ rechnet habe, wie viel ſie in der Taſche hat. „Ich gebe ſie nicht von mir.“ „Nun ſo behalte ſie das Ding bei ſich; ſchon gut, ſchon gut!“ Und jetzt ſchwang er die Peitſche und veranlaßte das Pferd, jeden Augenblick ſich zu bäumen. Sodann trieb er es unter lautem Fluchen in voller Carrière bald rechts, bald links, bald im Kreiſe herum, ſo daß der Korbſchlitten jeden Augenblick umzuwerfen drohte. Der Vormund., II. 8 114 „Nun wie gefällt ihr dieſer Tanz da?“ Jeanne Sophie hatte nicht Athem genug, um ſo⸗ gleich zu antworten. Sie war ganz wirr im Kopfe. „Ich frage, ob ſie zufrieden iſt, oder ob ſie noch mehr von der Art haben will?“ „Wartet!“ „Sol ſo! Ein ſolches Leder muß ſolche Schmiere haben. Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich je ein ſo widerſpenſtiges Weibsbild geſehen habe.. Heraus jetzt mit der Taſche, dann wollen wir wieder gute Freunde werden.“ Jeanne Sophie überließ ihm die Brieftaſche. „Ich weiche jetzt der Uebermacht,“ ſagte ſie,„aber glaubt nicht, daß Ihr mir auch den Verſtand und die Beſinnung rauben koͤnnt. Die Brieftaſche enthält drei große Bankſcheine, nehmet nur die kleinen, ſonſt macht Ihr euch des Raubes ſchuldig.“ „Des Raubs.. mein Seel, ein ganzer Hundert⸗ thalerſchein... Raub und dann... noch ein Hun⸗ dertthalerſchein... ich köoͤnnte auch einen Raub bege⸗ hen, ich... zum Teufel! noch hundert Thaler außer dem Kutter,— weiß ſie was— ſeine Augen bekamen einen grimmigen Ausdruck— ich könnte noch etwas mehr thun.. ich habe ſchon früher einmal Blut unter den Augen geſehn.“ Er drückte die Bankſcheine hart in der Hand zu⸗ ſammen.. Jeanne Sophie ſchloß eine Sekunde lang die Augen. Es war ihr, als ſähe ſte bereits ein langes Meſſer im Mondſchein vor ihren Augen blinken, es war ihr, als ſtreifte bereits deſſen Spitze an ihrer Bruſt vorbei. Aber der Gedanke an Emil, der Gedanke an ihr neugebornes Kind gab ihr ihre ganze Kaltblütigkeit zurück. „Wenn Ihr mich umbrächtet,“ ſagte ſie,„was hät⸗ tet Ihr da für einen Nutzen von dem Geld! Ihr wür⸗ det ſogleich ergriffen werden, und dann käme die Reih an Euch.* jede neh ſie klei kan! miere ein ſo eraus eunde „aber d die drei macht nert⸗ Hun⸗ bege⸗ dem einen mehr r den d zu⸗ ugen. Neſſer e, als n ihr urück. hät⸗ wür⸗ Reih 1 115 „Das würde, glaube ich, nicht geſchehen... aber jedenfalls kann man eben ſo gut das Geld ohne Blut nehmen.“ „So, Ihr glaubt alſo, daß ich es freiwillig hergebe?“ „Das iſt nicht nöthig, da ich es ſchon habe. Wenn ſie je von der Haide hirabkäme, ſo würde ich ihr das kleine Geld laſſen, aber da ſie doch nichts damit thun kann, ſo kann ich es ebenſo gut ſelbſt behalten.“ „Was ſagt Ihr da, abſcheulicher Menſch?“ „Nichts.“ Er ſtieg aus dem Schlitten und ging zum Pferde vor, das er im Augenblick ausſpannte. „Großer Gott, was macht Ihr?“ „Was ich mache? Ich treffe meine Anſtalten, um heim zu reiten.“ „O das iſt unmöglich— Ihr könnt keine ſolche Sünde begehen... Fürchtet Ihr ihn nicht, der Euch vom Himmel herab ſieht?“ „Ha ha, ha, beginnt ſie da zu predigen— begreift ſie nicht, daß ſie da einen Kerl vor ſich hat, der weder Gott noch den Teufel fürchtet... Lebt jetzt wohl, meine Schöne! Sie kann Gott danken, wenn ſie ſtatt meiner nicht eine andre Geſellſchaft bekommt. Ich meine be⸗ reits einige Töne zu hören. Die Wölfe pflegen beim Tag hier herum zu ſtreifen, und ſie haben es nicht un⸗ gern, wenn ſie Frauenzimmer treffen. Aber ſie iſt ja ſo muthig und widerſpenſtig, daß ſie es gewiß mit einem Wolf ſo gut aufnimmt wie mit mir.“ Während er ſprach, hatte er ſich aufs Pferd ge⸗ worfen. Jeanne Sophie ſprang aus dem Schlitten. „Wartet, wartet, bei der ewigen Gnade Gottes! Laßt ein Weib nicht allein mitten in der Nacht auf dieſer Haide erfrieren... nehmt das Geld, behaltet es! Ich ſchwöre, daß ich nichts ſagen will, wenn Ihr mir nur die kleinen Scheine zurückgebt und mich bis ans Wirths⸗ haus führt.“ ⸗ t 116 ſie es ſehen... Lebe ſie jetzt ſchön wohl... Dank für die gute Geſellſchaft, und ſehe ſie mich nicht ſauer an, wenn wir an der Pforte des Himmelreichs einander treffen.“ Mit verhängten Zügeln galoppirte er davon. Dreimal drehte er ſich um. Er ſah eine Frau, die mit ausgeſtreckten Armen und bittenden Geberden nacheilte. Das letztemal, als er ſich umſah, ſank die Frau kraftlos auf ihre Knie nieder. Ein dumpfes und wildes Lachen vermiſchte ſeine Töne mit den tiefen und heiligen Gebeten, die auf den Lippen der Verlaſſenen brannten. Aber ſchnell richtete Jeanne Sophie ſich wieder auf. Sie gedachte ihrer erſten Pflicht, ſich nicht der Ver⸗ zweiflung zu überlaſſen. Ganz ſicher geſtattete Gott alle dieſe Prüfungen, damit ſie ihre ſonſt im Uebermuth ausgeſprochene Ver⸗ ſicherung, daß ihre Liebe ſtärker ſei als Tod und Leben, beweiſen könnte. es nicht, ſich in dem Heu zu betten und einzuſchlafen. Da koͤnnten vielleicht— ſie warf einen angſtvollen Blick um ſich— Woͤlſe, herbeigelockt vom Menſchengeruch, ſie aufſuchen, oder auch könnte ſie während dieſes Schlafs in den ewigen übergehen.. Nein, ſie wollte die ganze Nacht hin⸗ und hergehen, ſo daß ſie das Blut warm erhielte. nen Blick in die unermeßliche Wüſte hinausgeworfen, in welcher ſie allein ſtand. Um ſich allen düſteren Bildern zu entſchlagen, bot ſie den ganzen Reichthum ihrer Fantaſie auf. Sie war bereits beim Lager des Geliebten, ſie fühlte ſeinen heißen Kuß auf ihren Lippen, ſie flüſterte „O das iſt gut zu ſinden— ſuche ſie es, ſo wird 4 Sie kehrte in den Schlitien zurück, aber ſie wagte Und ſie begann ihre Runde, nachdem ſie zuerſt ei⸗— und Frau ſeine f den auf. Ver⸗ ngen, Ver⸗ teben, wagte lafen. Blick ch, ſie chlafs gehen, erſt ei⸗ fen, in n, bot u, ſie lüſterte 117 ihm ihre Triumphe zu und empfand eine Freudenthräne auf ihrer Stirne. Aber plötzlich warf ſich ein nachtſchwarzer Gedanke unter die glänzenden Erſcheinungen ihrer Einbildungs⸗ kraft. l.. een ich in dieſem Zuſtand ſo viele Erſchütte⸗ rungen nicht ertrage... wenn Gott mir das ſchreck⸗ lichſte aller Leiden auferlegt, wenn ich hülflos, verlaſſen, kaum zwei Tagreiſen von meinem Emil ſterben müßte! hu... dieſer Gedanke kam von dem Fürſten der Un⸗ terwelt— er war eine Verſuchung zur Muthloſigkeit. „Eilt von mir, ihr böſen Eingebungen der Nacht, ihr Kinder des Reiches der Finſterniß! „Strahlen nicht über meinem Haupte dieſe Sterne, klar wie Gottes eigne Augen! Sind ſie mir nicht eine Bürg⸗ ſchaft, daß er, der ſie ſo ſchön geſchaffen hat, nicht zu⸗ geben wird, daß ihr Licht eine ſo entſetzliche Scene be⸗ glänzen ſoll! „Ich bin ſtark... ja ich empfinde eine wonnige, innige Stärke... aber wenn das nur keine Betäubung iſt, man ſagt, daß das Erfrieren gar nicht ſo ſchmerz⸗ haft ſei. „Sollte es der Tod ſein, der in meinen Adern ſchlägt? „Zittere ich vor Kälte oder vor Angſt?... Vor keinem von beiden, denn ich zittere gar nicht. Es war blos ein Schaudern in Folge der Nachtkälte. „Noch einmal, hinweg, ihr Verſucher, die ihr meinen Glauben einſchläfern moͤchtet— ihr betrüget mich nicht. „Ha. aber was iſt das.. „O Jeſus, mein Retter, ich wußte, daß du kommen würdeſt... Glöckchen, Glöckchen— Menſchen!,, Sie ſtieß einen lauten, einen durchdringenden, einen weithin über die Haide ſchallenden Ruf aus. Gott hatte ſie erhört. Er hatte ihren feſten Glau⸗ ben geſehen— ihre Prüfung war zu Ende. Ein anderer Karrfahrer nahm Jeanne Sophie auf. ——— 118 Ein paar Stunden ſpäter war ſie unter Dach.. .**..„„„ 7..„*.* 416 2* 4* Zwei Tage nachher fand man in dem großen Mo⸗ raſt die Leiche eines Mannes und eines Pferdes. In der Bruſttaſche des Mannes fand ſich eine Brief⸗ taſche, die zur gehörigen Zeit ihrer wirklichen Beſitzerin zugeſtellt wurde. XI. Die dritte Nacht. Man ſieht ein bergiges Küſtenland, das ſeine lan⸗ gen Arme in's Meer hinaus ſtreckt. Hier findet ſich nicht eine einzige Flocke Schnee. Die Berge ſchließen ſich finſter, ſteil, aber niedrig in einer feſten Kette auf der einen Seite der Landſtraße. Die andere Seite zieht ſich an einer Bucht hin, die mit Klippen beſäet iſt, zwiſchen denen ein weißer Schaum ſeine brauſenden Perlen empor wirft. 3 Dieſe Landſchaft weiß nichts von Stille. Ein dumpfes, ein wildes Getöſe läßt ſich aus den Gemächern der Meerfrau vernehmen. Die Tritonen ſchlagen ihre Inſtrumente mit ſtarkem Klang, und die Waſſernymphen tanzen ſo heftig, daß ihr grüner Schlepp Wellen wirft bis unter den weißen Schaum herauf, welcher den Ballſaal der Meerfrau bedeckt. Von den Bergen her hoöͤrt man ein noch wilderes Getöſe. Und wenn es nicht der Sturm iſt, der ſeinen Man⸗ 3 1¹9 .. tel über die Felsſpalten ausſchüttelt, ſo iſt es ſicherlich .. 17 der Bergkönig, der den Hochzeitstanz mit allen Dirnen .. 888 der Bergkönigin aufführt. Mo⸗ Und der Bergkönig ſtößt ſeinen eiſenbekleideten Schuh in die Decke, ſo daß der Berg erzittert, und die rief⸗ kleinen Dirnen winſeln unter der Umarmung des Berg⸗ erin königs, ſo daß ihre Klagen in langgezogenen Tönen zwiſchen dem dumpfen Gebrauſe hervorſtöhnen. Der Sturmgott ſitzt ruhig auf ſeinem Thron und läßt ſeine Diener mit den Bergen, den Klippen und dem Meere ſpielen. Und die Damen ſpielen luſtig, ſo daß es kracht in des Bergkönigs Palaſt und in dem Pfeilerſaale der Meerfrau. Sogar die Seevögel beben in ihren Winterwoh⸗ nungen und denken an Leichen. Die Leichenlichter brennen jedoch nicht in dieſer Nacht. Das Meer hat einen guten Fang gethan, es be⸗ gehrt nicht mehr. lan⸗ Auf dem kleinen ſich ringelnden Weg kommen zwei Menſchenſchatten hervor. ee. Eine junge Frau und ein junger Knabe gehen edrig ſchweigend und eifrig voran. raße.„Will ſie ſich nicht ein Bischen auf eine dieſer mit Klippen ſetzen?“ ſagte der Knabe. aum„Noch nicht, ich habe heute Abend drei Stunden ausgeruht— mehr bedarf ich nicht.“ „Aber ſie war bisher gefahren. Jetzt gilt es die den Füße zu brauchen.“. onen„Die halten ſchon aus. Ich köͤnnte beinahe fliegen ddie aauf den Fittigen des Sturmes, denn jetzt komme ich im⸗ hleppy mer näher und näher.“ kauf, Jeanne Sophie hatte blos einen Tag fahren köͤnnen von dem Geld, das ſie für einen verſetzten Ring erhal⸗ deres ten hatte,— das einzige Kleinod, das ſie mit ſich ge⸗ nommen,— und als das Geld zu Ende war, beſchloß Nan⸗ ſie, den Reſt des Weges zu Fuß zurück zu legen. 120 Sie, hatte ihren Mantelſack in der Nacht, wo ſie ſelbſt gerettet wurde, nicht mitgenommen. Aber Nie⸗ mand wird ſich verwundern, wenn er hört, daß Jeanne Sophie deſſen ohngeachtet nicht eine einzige Minute daran dachte, ihre Reiſe zu verzögern. Sie konnte ſpä⸗ ter nach ihrem Gepäck ſchicken bei der Perſon, welche ſie zum voraus dafür bezahlt hatte, es von der Haide zu ſchaffen. Und ſolcher Weiſe nur mit ihrem Nachtſack und einigen armſeligen Reichsthalern ausgerüſtet, begab ſie ſich auf die letzte Wanderung. Jeanne Sophies Seele ſchwoll gleichwohl von Stolz und Seligkeit. Gott hatte ſie nicht verlaſſen, er hatte mit Erbar⸗ men in der Stunde der Noth auf ſie geſehen. Jetzt gab es keine Noth, keine Leiden mehr, denn weit entfernt, von dem Gehen beläſtigt zu werden, fühlte ſie ſich vielmehr dabei beruhigter und befriedigter, als ſo lange ſie auf dem ſchleppenden Karren die Minuten hatte zählen müſſen. Von Zeit zu Zeit warf ſie jedoch einen furchtſamen Blick auf die Bucht und hielt ſich gerne unter dem Berge. „O du treuloſes Meer,“ flüſterte ſie,„du hätteſt beinah meinen Liebling von mir geriſſen... aber nein, ich danke dir, du getreues Meer, das ihn mir wieder gab. Du gibſt nicht oft, aber wenn es geſchieht, ſo entſteht hoher Jubel im Herzen der Menſchen.“ Der Sturm blies inzwiſchen ſtarke und raſche Me⸗ lodien. Immer heftiger warf der Bergkönig ſeine Fer⸗ ſen bis an die Decke, und die Waſſernymphen ſchleuder⸗ ten ihren grünen Schlepp hoch empor. „Das peitſcht einem ſo garſtig in's Geſicht,“ ſagte der Junge. „O.Du biſt ein gar zu rüſtiger kleiner Begleiter, als daß Dir das wehe thun könnte,“ meinte Jeanne Sophie aufmunternd. N —— 121 ſie„Ja, aber es iſt doch grauenhaft, ſo in der Nacht Nie⸗ 4 hier zu gehen, das hätte kein anderer gethan als ich.“ mne„Du ſollſt auch gut bezahlt werden: ich gebe Dir zute Geld zu Allem, was Du haben willſt.“ ſpä-„Da kann ſie mir geben zu einem grünen Sturm⸗ Ache hut und einem rothen Halstuch... und einem blauen h aide Hemd... und auch zu einem gelben Nastuch, wie man es nur in der Stadt findet. Das wäre etwas für und mich.“ b ſie„Du bekommſt alles zuſammen, d. h. wenn Du mich bis an's Ende begleiteſt. Sonſt muß ich Dir's hernach btolz ſchicken.“ „O ich begleite ſie ſchon. Aber ſie darf mir bar⸗ glauben, daß es juſt nicht des ⸗Geldes wegen geſchieht.“ „Warum denn?“. denn„Es iſt mir ſo angenehm, pei einer ſolchen Frau öhlte zu ſein, wie ſie iſt. Sie iſt ſo hübſch anzuſehen und als ſo freundlich von Geſicht, dabei ſo keck, das gefällt mir uten ſo gut.“ Jeanne Sophie lächelte zu dem Lob. Dann aber men kehrten ihre Gedanken ſogleich zu dem Wiederſehen zurück. dem Es war auch wirklich Gefahr vorhanden, daß beide in dieſem Augenblick ſterben konnten. itteſt„Will ſie noch nicht ruhen? Ich kenne eine Kluft, hein, die ſo gut und warm iſt. Dort könnten wir uns eine ſeder Weeile ſetzen.“ „ ſo„Nein, nein, wir ſind ja noch nicht ſo lange ge⸗ gangen.“ Me⸗„Ei doch, wir ſind einen ſchrecklich langen Weg ge⸗ Fer⸗ gangen. Der Sturm treibt ſo, daß es iſt, als hätten ider⸗ wir Segel vor uns.“ „Wir haben nicht mehr weit bis zur Hütte der ſagte Hexenvivika.“ „So ſo— nun das iſt gut.“ iter,„Sie hat doch auch ſchon von der Hexenvivika er⸗ anne zählen gehört?“ 8 „Nein, das habe ich nicht.“ 122 „Da muß ſie ſchreckich weit her ſein.“ „Ja, ſehr weit.“ „Die Herxenvivika iſt beinah hundert Jahre alt und ſie hat in dieſer kleinen Hütte, die nicht viel größer iſt, als der Stamm einer alten Eiche, ſeit ihrem ſechszehn⸗ ten Jahre gewohnt. Da wurde ſie von einem Berg⸗ geiſt geraubt, der nicht weit davon wohnt. Aber ich fürchte ihn nicht, da wir zu zwei ſind, und als ſie auf den Berg hinauf kam, da war ſie in geſegneten Um⸗ ſtänden, ſagt man, und ſo bekam ſie vier Söhne auf einmal. Hat ſie je ſo etwas gehört?“ „Nein, niemals.“ „Und die vier Söhne, welche aufwuchſen und ge⸗ waltige Rieſen wurden, wie man wohl begreifen kann, wenn einer den Bergkönig zum Vater hat, hielten ſich hier an der Küſte auf und trieben alle Arten von Ueber⸗ muth mit Seeräͤuberei und ſolchen Dingen. „Aber ihre Mutter war ſo gottesfürchtig und hatte eine ſolche Macht über den Berg, über das Wetter, über Thiere und Menſchen, daß man ihr ihre Söhne zu⸗ ſchickte, um in der letzten Zeit bei ihr Buße zu thun, ais ſie zum Tod verurtheilt waren. Aber von dem Augenblick an, wo ſie zurückkam, nachdem ſie alle ihre Kinder an den Galgen begleitet hatte, ging ſie nie mehr aus ihrer Hütte, ſagt man, ſondern ſitzt da drinnen ganz wie ein ausgetrockneter Vogel in einer Felſenſpalte. Hat ſie ſchon ſo etwas gehört?“ „Nein.“ „Und ſie lebt von dem Wenigen, was die Fiſcher⸗ weiber ihr bringen, und dieſe ſchauen nach ihr von Zeit zu Zeit, ſo daß ſie nicht verhungern muß. Sie ißt für zwei, obſchon ſie beinah 100 Jahre alt iſt und ſo viel geweint hat, daß, wenn man alle dieſe Thränen bei⸗ ſammen hätte, vas Waſſer um eine ganze Elle höher geſtiegen wäre. Nun nun, das kann ſchon ſein in fünf⸗ zig Jahren... ſo lange iſt es her, ſeit die Söhne zum letztenmal zu ihr ſagten: Dank euch, Mutter!“ 8* ⁸% 123 So weit war der kleine Begleiter in ſeiner Erzäh⸗ lung gekommen, als auf einmal der Sturmgott einen ſo großen Windfang öffnete, daß man glaubte, er müſſe Steine und Menſchen in die Tiefe hinabſchleudern. Jeanne Sophie blieb daher plötzlich ſtehen. „Ja, ja,“ meinte der Junge,„das war einmal ein Stoß, der noch ſtärkeren Leuten Angſt machen könnte.“ Aber war es wohl der Sturm allein, der Jeanne Sophie veranlaßte ſtehen zu bleiben? In dem bleichen Mondſchein, der zwiſchen den fin⸗ ſtern Wolken am Firmament hervor ſah, zeigte ſich klar ihr Geſicht: eine unheimliche Angſt hatte ihr Gepräge darauf gedrückt. Ihre kaum noch durch die Bewegung ſtark bepur⸗ purten Wangen waren jetzt weißer als Mondſchein. Ihre Stirne, auf der ſo eben noch der Stolz über die gewonnenen Triumphe geglänzt, war gerunzelt von Körper⸗ und Seelenleiden. Ihre Hände, die ſich feſt umeinander ſchlangen, waren zum Himmel empor ge⸗ hoben, während die Lippen blos die Worte ſtammelten: „Gott! Gott!“ „Iſt ihr etwas böſes zugeſtoßen?“ fragte der Junge mit herzlicher Theilnahme. „Still— gehe, ich weiß nicht.“ „Großer Gott, ſie wird wie eine Leiche.“ Jeanne Sophie ſtrich ſich mit der Hand über die Stirne. Eine ſtumme Verzweiftung ſprach aus ihren Augen. „Kann ſie denn gar nichts ſagen?“ Ihre einzige Antwort beſtand darin, daß ſie einen Blick rings um ſich warf. Und dieſer Blick fiel auf den ſchmalen, ſteinigen Weg, auf die finſteren, kahlen Felſen, auf die Meeres⸗ bucht, auf die Klippen, über welche der Schaum brau⸗ ſend und toſend hin ſchlug. Sodann erhoben ſich die Blicke zum Himmel, aber auch dieſer war finſter und drohend und gab auf das Fragezeichen in ihrem Auge keine Antwort als diejenige, die in den Winden klagte. Als ihr Blick wieder zur Erde ſank, lag eine un⸗ endliche Ergebenheit darin. Thränen brachen aus ihren Augen, und als ihre Hände ſich noch einmal zum Himmel empor ſtreckten, da geſchah es mit einem Ausdruck, als wollte ſie ſagen: „Vater, ich bin bereit— ich demüthige mich vor dem Schlage.“ Der Junge ſtand verſtummt da. „Sage mir,“ ſagte ſie leiſe, aber mit haſtiger Stimme,„Du ſprachſt ja von einer Hütte?“ „Ja, von der Hütte der Hexenvivika.“ „Haben wir weit dabin?“ „Nur noch ein klein Bischen... aber will ſie nicht dahin gehen? Ich kann ihr da nichts helfen.“ „Komm— eile— laß uns eilen.“ Es lag eine ſo befehlende Macht in Jeanne So⸗ phies Geſicht, Stimme und Bewegung, daß der Junge ohne Einwendung voraus ging. Und jetzt ſtanden ſie vor dieſer kleinen, kleinen Hütte, die ſo finſter, ſo kahl, ſo einſam und armſelig war, daß ſie blos einem endloſen Hu, einem Schauder, einer Klage glich. Jeanne Sophie klopfte an die niedrige, ungeſchloſ⸗ ſene Thüre. 4 Aber da niemand kam, um zu öffnen, ſo trat ſie dreiſt und eilig hinein. „Wer kommt und ſtört mich in der Nacht?“ fragte eine hohle Stimme. mit hier weig iſt.” her fälti Alte ſaub Hüt Murn Aug unte und Wei daß in i dern köry gen Beg wen an daß die bere 125 Auge„Eine Hülfsbedürftige,“ antwortete Jeanne Sophie lagte. mit dem mildeſten Ton, den ſie in ihrer Gewalt hatte. un⸗„Ein Schiffbrüchiger?“ „Nein, ein armes Weib, das unterwegs iſt und ihre hier einen Schutz ſucht, welchen Ihr gewiß nicht ver⸗ nien weigern werdet, wenn Ihr erfahret, wie groß ihr Elend gen: iſt.“ ) vor 3„Es iſt ein junges Weib, höre ich... komm nä⸗ her... ich thue Dir nichts zu leide, obſchon die Ein⸗ . fältigen mich fürchten.“ ſtiger„O Dank, Dank!“ Da flammte ſogleich ein Feuer in der Stube: die Alte hatte Zunder und dürres Reiſig neben ſich. Jeanne Sophie ſah jetzt auf einer armſeligen, aber nicht ſaubern Bank— der einen der zwei Bänke, welche die Hütte enthielt— das Skelett eines Weibes, eine gelbe Mumie, die aufrecht ſaß und den fremden Gaſt mit So⸗ Augen anblickte, die man zwiſchen den Runzeln kaum unge unterſcheiden konnte, die aber dennoch einen ſo ſanften und klugen Blick gaben, daß er wohlthuend das junge Weib erwärmte, das bereits ſo nahe gekommen war, daß es ſeine Schmerzen flüſtern konnte. Aber ungeachtet des außerordentlich Schauerlichen in ihrer Lage, beherrſchte Jeanne Sophie mit bewun⸗ dernswerther Kraft ihre zunehmenden moraliſchen und körperlichen Leiden, während ſie ihre letzten Anordnun⸗ . gen traf. einen Es war ihr freundlicher und dienſtfertiger kleiner ſelig Begleiter, der dieſe empfing. uder, Er ſollte ſogleich ſeinen Weg fortſetzen und konnte, wenn er ſeine Kräfte anſtrengte, am folgenden Mittag chloſ⸗ an Ort und Stelle ſein. Aber es wurde ihm aufs Beſtimmteſte aufgegeben, t ſie daß er nicht unmittelbar in den Fiſcherort, ſondern in die Wohnung des Kapellpredigers gehen ſolle. ragte Dort bei dieſem Geiſtlichen, an welchen Emil ſich bereits gewandt hatte, ſollte der Junge eine Haarlocke, 126 die ſie in der Eile abſchnitt, und einen Papierſtreif ab⸗ geben, der ihre und Emil Namenszeichen enthielt, unter welche ſie dieſe Worte ſetzte, die einzigen, die ſie zu ſchreiben vermochte: „Vorſicht, Barmherzigkeit!“ Im Uebrigen ſollte ihr Bote ſagen, was er ſelbſt geſehen hatte. „Sei ſte ruhig, arme, liebe, brave Frau— ſie kann überzeugt ſein, daß ich alles ausrichten werde, ſo gut, wie wenn ſie ſelbſt hingehen würde.“ Und mit einem Nicken, das Vertrauen einflößte, verſchwand der Junge. Jeanne Sophie ſandte ihm ihren theuerſten Se⸗ gen nach. Sodann— nach einem letzten Blick zum Himmel, verſchloß ſie die Thüre dieſer Hütte, die vielleicht in ein paar Stunden ihr Grab werden ſollte. „Sollteſt Du es ſo angeordnet haben, gnädiger Vater— gnädig auch wenn Du züchtigſt, denn ich habe ſehr und viel geſündigt— ſollteſt Du mir erlaubt haben, dem Ziele ſo nahe zu kommen, damit ich dann ſterben muß, bevor ich ihn wieder geſehen? „Wenn dieß Dein Wille iſt, ſo demüthige ich mich und preiſe dich, daß Du mich ſoweit haſt kommen laſſen. Mein Emil wird einſehen, wie innig die Liebe war, die alles das vermocht hat.“ „Komm hieher, junges Weib!“ ſagte die hundert⸗ jährige Stimme,„ich will zu Dir reden und Dich tröſten. Denn ich ſagte Dir ja, daß auch ich gelitten habe, ob⸗ ſchon der Schnee von manchem Winter darauf gefallen iſt. Auch ich wartete einſt auf jemand, der niemals zurückkam.“ Jeanne Sophie näherte ſi ſich, klopfte die Alte auf die Hand und ſah ſich mit einem forſchenden Blick in der beinahe kahlen Hütte um. „Muth, Du armes Würmchenl! ich habe, Gott ſei Dank, noch ſo viel Kräfte, daß ich mein Lager verlaſſen her Kü Fre ver zug lich rön roͤmiſchen Karren hat. 127 kann. Ich hatte wohl daran gedacht, ſie für die letzte Wanderung an den Abhang des Strandes hinab auf⸗ zuſparen, wo er vor achtzig Jahren weggegangen iſt, und wo ich ſterben will. Aber ich gebe Dir meine Kräfte... hoͤrſt Du: Du ſollſt in Deiner Noth nicht umfommen................ Draußen raste der Sturm und pfiff mit ſchneiden⸗ den Tönen durch die morſchen Bretter des Hüttchens. Das Meerr ſchlug an die Klippen— ein düſterer Trauer⸗ geſang. In dem einzigen armen Stübchen, das von dem einzigen Tannenſcheit beleuchtet war, deſſen Flamme ungleich flatterte, ſtiegen tiefe und häufige Seufzer auf. Sie kamen von der Armen, die mit dem Tod im Herzen, ſoeben— wie ſie glaubte— die Thüre ihres eigenen Grabes verſchloſſen hatte. XII. Die Sonne geht auf. Zwei Wochen nach der Epiſode, welche das vor⸗ hergehende Kapitel ſchloß, ſah man auf dem einſamen Küſtenweg eine eigene Art von Karawane heranziehen. An der Spitze erblickte man eine amazonenartige Frau, die auf einem ſonderbaren, mit niedrigen Lehnen verſehenen, blau bemalten Karren fuhr, welcher in Be⸗ zug auf Form, nicht auf die Dekoration, einige Aehn⸗ lichkeit mit den Abbildungen zeigte, die man von den 128 Aber die Frau, hellblond, blauäugig, roſenwangig und kräftig, ſah aus wie eine Walkyre des Nordens, die aus den Sälen Walhallas herabgeſtiegen iſt, um ihre Geſchäfte auf der Erde wieder aufzunehmen— der Erde, die ihre Dienſte nicht entbehren konnte. Statt des ſchönen Mantels und des bezaubernden Schleiers der Römerinnen, trug dieſe Tochter des Nor⸗ dens einen einfachen, dunkelgrauen, groben Tuchrock, und über denſelben eine hellblaue Mannsjacke, zugeknöpft bis ans Kinn, wo ein kleiner Kragen von Haſenpelz ſymmetriſch oder vielmehr hermetiſch ſich um eine runde, hübſch geſtickte Haube von dunkelgrünem Sammet ſchloß, deren einzigen Schmuck ein ſchwarzer Flor bildete, welcher wie eine Feder auf der einen Seite hinausgedreht war, weeill die Beſitzerin, im Fall ſie ſich ſeiner anders bedient hätte, nicht genug geſehen haben würde, um zu fahren. Zunächſt nach dem Karren und der Walkyre, die mit unbegreiflicher Ruhe in Haltung und Blick, bald vor, bald rückwärts ſah, kamen vier Männer, in der Tracht der armen Fiſcher. Dieſe Männer, die nichts zu tragen hatten, bewieſen gleichwohl durch die Geberden, womit ſie ihre Arme ausſtreckten und richteten, daß ſie kaum erſt etwas ge⸗ tragen hatten, und jetzt ein wohlthuendes Gefühl ihrer Freiheit empfanden. Ihre Phyſiognomien zeigten nicht den Charakter von geſammelter Kraft oder friſcher Munterkeit, den man bei den Männern der Bohusländer⸗Scheeren vorfindet; aber ſie hatten doch etwas, das an das Meer und das mühereiche Strandleben erinnerte. Nach dieſem Verſtärkungskorps— man wird bald finden, daß es ein ſolches war kamen vier andere Strandbewohner, die zwiſchen ſich eine Art Transport⸗ maſchine von ganz beſonderer Beſchaffenheit hielten. Im Orient hätte man möglicher Weiſe eine Art von Palankin daraus machen können, worin irgend ein eiferſüchtiger Herr die Perle ſeiner Verehrung einge⸗ angig rdens, „ um — der rnden Nor⸗ hrock, knöpft enpelz unde, chloß, elcher war, edient ahren. „ die bald n der dieſen Arme s ge⸗ ihrer r von man ndet; d das bald ndere port⸗ 1. Art d ein inge⸗ 129 ſchloſſen hätte, während ſie die unſchätzbare Seligkeit einer Reiſe genoß, bei welcher weder Luft noch Wind ihr nahe kam. Oder hätte vielleicht vielmehr dieſer ärmliche Qua⸗ ſipalankin— der natürlich die Beſtimmung hatte, den Werth des Inhaltes deſto beſſer zu verbergen— für die myſtiſche Reiſewohnung gelten können, worin ein Seraillieferant, der lange Fahrten auf Rechnung ſeines Herrſchers gemacht, irgend eine, aus den Bergen Cir⸗ kaſſiens, geholte Houri heimführte. Aber auf einer nackten Küſte der ſcandinaviſchen Halbinſel würde es ſehr ſchwer werden, ſich einen Pa⸗ lankin zu denken, und man muß ſich alſo entſchließen, mit Beſeitigung aller Illuſionen, dieſe unförmlich große Lade mit Gardinen, nicht von Goldbrokat, ſondern von dickem Wollenzeug, in nähere Betrachtung zu ziehen. Bei genauer Forſchung findet man, vielleicht nicht ohne Verwunderung, aber man findet gleichwohl, was man vor ſich hat, nämlich ein halbes Häuschen, oder vielleicht iſt es eine halbe Kabuſe: die eine Hälfte iſt vermuthlich bei einem Schiffbruch über Bord geſpielt worden. Und dieſes grün angeſtrichene Häuschen, das noch immer eine ganze Fenſterſcheibe an dem einen Ende hat, und deſſen offene Seite durch die vorerwähnten dicken Decken verborgen iſt, enthält einen Gegenſtand, der ver⸗ muthlich manchen jungen Neuſeemann auf den Gedan⸗ ken gebracht hätte, Mohamets Paradies habe eine neue Erweiterung erhalten, eine Erweiterung bis ins Schnee⸗ land hinauf. Es war gegen Mittag. Nach einer mehrſtündigen Wanderung hörte man jetzt die Walkyre in dem blau bemalten Karren, mit voller und feſter Stimme befehlen, daß die Karavane Halt machen ſolle. Ihre Unterthanen, die all ihren Winken mit einer Der Vormund. II. 9 130 Bereitwilligkeit gehorchten, welche für die Regierungs⸗ talente der Herrſcherin ein gutes Zeugniß ablegte, anf ſtellten ſogleich den Palankin vor einer Fiſcherhuͤtte nieder. gern Dieſer Platz war ſchon vorher dazu beſtimmt wor⸗ und den, das Bier zu wärmen und einzunehmen, das man mitführte. Wa Die Gardinen wurden von der Beherrſcherin der zeig Karavane aufgezogen, die ſich mit einer heitern und friſchen Betonung der Stimme hineinbeugte und ſagte: „Haſt Du ohne Schmerzen geruht?“ Hoc „Habe ich wohl Schmerzen empfunden, ſeitdem Du, mein tröſtender Engel, zu mir gekommen biſt?⸗ fragte ſter die auf weichen Kiſſen ruhende Frau, die auf dieſe Weiſe geführt wurde. Läch 4„Wir haben nur noch drei Stunden Wegs vor uns,“ antwortete die Tröſterin....„Laß mich Dich aus dem Käfig herausheben, armes Kind.“ „Mich herausheben— nein, das iſt nicht nöthig: 1 9, war ich bin bereits viel kräftiger, als Du glauben wirſt, fen, und in vier Stunden... ach Leonore, was mußt Du liche für ein Schatz ſein für Deinen Mann und für Alle, habe die ſich Deines Wohlwollens erfreuen?“ „Das verſteht ſich— ich bin in meinem Reich nicht aber viel weniger, als die Meerfrau ſelbſt in dem ihrigen... ſich: So, ſo. ſtütze Dich auf mich. Ich ſah meinen Jungen reits an, daß ſie es nöthig haben, ſich eine Stunde zu jetzt ſtrecken.“ als „Und inzwiſchen,“ ſagte mit innig bittenden Blicken Jeanne Sophie(man zweifelt nicht, daß ſie es war), Bitte „theilſt Du mir während unſerer Raſt die Erzählung könne mit, die Du verſprochen haſt.“ Man war in dieſe ſaubere Fiſcherhütte gekommen, wohn wo unſere Walkyre mit der demüthigſten Ehrfurcht, aber an ei zugleich mit Blicken der Liebe und Freude begrüßt wurde. Wie eilig beſchaffte man ihr nicht Feuer, Kü⸗ wohl, chengeſchirr und Alles, was fie bedurfte! unend rungs⸗ blegte, rhuͤtte t wor⸗ 3 man n der 4 und fagte: Du, fragte dieſe 131 Und jetzt hätte man ſehen müſſen, wie flink ſie ſich anſtellte. Die Jacke und die Mütze wurden auf die Seite geworfen, die Rockärmel aufgeſtülpt, das Bierfäßchen und die Pfanne hervorgezogen. Sie hatte gewiß die Haushaltungsgeſchäfte in der Malhalla beſorgt, da ſie eine ſo ausgeſuchte Fertigkeit eigte. Erſt nachdem ſie ſowohl ihren eigenen mitgebrach⸗ ten Leuten, als der Bevölkerung der Hütte, den warmen Hochgenuß geſpendet, der noch mit einem Stück Brod und Käſe verſtärkt wurde, zog ſie ſich an das eine Fen⸗ ſter mit Jeanne Sophie, die juſt während ſie die letzten Tropfen aus einem Weinglas ſchlürfte, mit zärtlichem Lächeln ſagte: „Ich glaube wohl, daß dieß mir Farbe gibt.“ „Kräfte meinſt Du.“ „Nein, denn ich, die früher niemals gefallſüchtig war, hege jetzt einen wahren Schrecken bel dem Gedan⸗ ken, daß dieſe ſo ſchmerzliche, ach ſo entſetzlich ſchmerz⸗ liche Krankheit, mir auch das Bischen Ausſehen geraubt haben könnte, das ich hatte.“ „Sei ruhig— ich habe Dich früher nicht geſehen, aber Dein Verlobter müßte ſehr kitzlich ſein, wenn er ſich nicht zufrieden gäbe. Deine bleiche Wange hat be⸗ reits helle Roſen bekommen, und Deine Augen ſind jetzt ohne allen Vergleich klarer, als vor acht Tagen, als Du fort wollteſt.“ „Ach, welch' ein Glück, daß Du meinen närriſchen Bitten widerſtandeſt! Es hätte mich das Leben koſten können, wenn ſie erhört worden wären.“ „Darum erhörte ich ſie auch nicht. Ich bin ge⸗ wohnt Bitten zu erfüllen und abzuſchlagen. Man muß an einem Platz, wie der meinige, abgehärtet ſein.“ „Sprich jetzt von ihm, gute Leonore! Du begreifſt wohl, daß, obſchon Du mich beruhigt haſt, dennoch eine unendliche Unruhe in mir zurückgeblieben iſt.“ 132 „Mag ſein— mein kleiner Bericht wird gerade u n recht ſein, um Deine Ungeduld während der Raſt zu 3 beſchäftigen.“ „Elle doch.“. „Als mein Mann den Brief des Lieutenants Mar⸗ klein bin erhielt... ach Du weißt nicht, Jeanne Sophie, denn was für einen prächtigen Mann ich habe.“ „Zweifle ich daran?“ „Nur einfältige Leute können meinen, ein Kapell⸗ ſtun prediger ſei etwas Unbedeutendes, weil ſeine Beſoldung klein, und auch ſein Rang in der weltlich⸗geiſtlichen Rangſtufe ein geringer iſt.“ „Laß uns die Einfältigen beklagen, welche nicht Mor begreifen, daß die Mühen des armen Kapellpredigers, ſeine Selbſtentſagungen und ſeine oft unbelohnte Thä⸗ tigkeit ihn eines andern Platzes in der Rangſtufe wür⸗ dig machen.“ „Schmeichlerin— Du wiederholſt, was ich Dir ſelbſt vorher geſagt habe... aber gleichviel: wenn Du Die Franz Blume ſehen wirſt, ſo wirſt Du an die Wahr⸗ konn heit glauben, daß es noch einen Apoſtel von altapoſto⸗ liſcher Einfachheit gibt.“ „Ich glaube es bereits.“ ſuch „Und Du wirſt einſehen, warum ich die Ehre, ſeine ſellſ Frau, die Frau meines früheren Hofmeiſters zu ſein, der Ehre vorzog, als gnädiges Fräulein auf einem ade⸗ ligen Gut, bei meinen adeligen Eltern, zu ſitzen.... Jetz aber jetzt bin ich grauſam: ich vergeſſe, daß Du es nicht übers Herz bringen kannſt, mich zu unterbrechen.“ „Du biſt nicht grauſam, ſondern edel— Du willſt 55 mich abhärten, aber verlaß Dich darauf, daß ich jetzt von alles ertragen kann, denn ich werde ihn treffen.“ ſtar „Ich gehe alſo zu dem Tag zurück, wo mein Mann ſeinen Brief erhielt.“— „Ja, ja 14 1 „Es war ein abſcheuliches Wetter; aber Franz als begab ſich ſogleich auf den Weg, und ſeine letzten Worte gerade aſt zu Mar⸗ Sophie, Napell⸗ oldung ſttlichen nicht digers, Thä⸗ wür⸗ h Dir un Du Wahr⸗ poſto⸗ ſeine ſein, nade⸗ Du es chen.“ willſt jetzt Mann Franz Worte 133 zu mir waren: Wenn der junge. Mann hieher gebracht werden kann, Leonore..“ „O ich weiß ſchon, was Du antworteteſt.“ „So bringe ihn mit, ſagte ich. Du weißt ja, unſer kleines Stübchen, das wir für Schiffbrüchige haben... denn andere Gäſte ſehen wir ſelten.“ „O Leonore, reicht eine halbe Stunde aus?“ „Sei gutes Muths, wir haben noch eine Viertel⸗ ſtunde zuzulegen. „Dein Mann reiste alſo fort?“ „Ja, und er fand den Lieutenant— aber bedenke wohl, daß dieß ſchon lange her iſt, über einen ganzen Monat— in einem höchſt betrübten Zuſtand.“ „Großer Gott.“ „Nur jetzt keinen Farbenwechſel und keine Angſt— denn ſonſt ſchweige ich ſogleich.“ „Fahr fort— ich werde mich beherrſchen.“ „Es war die Kälte, die ihm ſo ſehr geſchadet hatte. Die Füße waren beinahe ganz verdorben, und man konnte an keine Fortſchaffung in den erſten Wochen denken.“ „Mein armer Emil!“ „Er trug ſein Unglück mannhaft. Mein Franz be⸗ ſuchte ihn oft und ich leiſtete Franz ein paarmal Ge⸗ ſellſchaft.“ „Du— ach du gute Seele.“ „O ich habe tauſenderlei ſolche Miſſionsgeſchäfte. Jetzt muß ich Dir ſagen, das dein Bräutigam und ich bald die beſten Freunde wurden, weßhalb er mir auch erzählte, ſein größtes Leiden beſtehe darin, daß ſeine Braut ihn todt glauben könne. Und wie ſprach er dann von dieſer Braut.— Es war rührend und ſchön, einen ſtarken Mann ſo weich zu ſehen.“ Jeanne Sophiens Augen ſtrahlten von himmliſchen Flammen. Dieſe Augen waren jetzt ſanfter, freundlicher, reiner als früher. Ihre neue Freundin fuhr fort: „Endlich erhielt er einen Brief, der ihn ſowohl mit tiefem Kummer, als mit hoher Seligkeit erfüllte. Er war von ſeigem Bruder.“ „Ich weiß, ich weiß.“ Und ſo innig und tief nahm er ſich die Nachricht vom Tode ſeines Vaters und dem Edelmuth, den der⸗ ſelbe auf ſeinem Sterbebett bewieſen, zu Herzen, daß ſein körperliches Uebel ſich wieder verſchlimmerte, dop⸗ pelt verſchlimmerte, weil er außer der Trauer von Un⸗ ruhe über einen andern Brief verzehrt wurde, welcher ausblieb.“ „Ja, er mußte leiden. Er ahnte nicht, warum mein Brief nicht kam.“ „Wir müſſen ihn hieher ſchaffen, ſagte ich zu Franz, denn was er jetzt am meiſten bedarf, iſt eine belebende Geſellſchaft.“ „Ihr edelherzige Menſchen!“ „Die Sache war abgemacht. Der Lieutenant ſelbſt wünſchte ins Pfarrhaus zu kommen, juſt an dem Tag, wo mein Mannſich aufmachte, um ihn in demſelben beque⸗ men Fuhrwerk abzuholen, das Du jetzt benutzeſt und das mein Franz erfunden hat, kam dein kleiner flinker Bote an.“ „ Der vortreffliche Junge— ich habe bereits mit ihm ausgemacht, daß, wenn wir einmal zurückfehren, ihn mit uns nehmen wollen... Uebergab er ſeine Botſchaft Dir ſelbſt?“ „Das verſteht ſich. A dem kleinen Pfarrhaus gibt es keine Bedienung, und deßwegen iſt die Frau immer zu treffen. Du begreifſt, welche Rührung mich über⸗ fam, als ich dieſe Haarlocke, dieſe Namenschiffer erhielt und die an Franz gerichteten Worte: Vorſicht! Barm⸗ berzigkeit! las.“ „Das war alles, was ich vermochte.“ „Aber es war genug. Ein zehn Seiten langer Brief hätte nicht mehr ausdrücken können. Ich wartete die Rückkehr meines Franz nicht ab, um das Apoſtelwerk — öl mit . Er cricht n der⸗ „ daß dop⸗ n Un⸗ belcher varum Franz, ebende ſelbſt Tag, beque⸗ ſt und flinker 8 mit ehren, ſeine 3 gibt immer über⸗ erhielt Zarm⸗ anger artete Alwerk 135 zu vollbringen, für das ich mich vollkommen gewachſen glaubte, ſondern ich ließ blos einige Zeilen zurück, worin ich Franzens Verſchwiegenheit das Geheimniß meiner Reiſe anvertraute.“ In Jeanne Sophiens Augenwimpern hing eine große Thräne. Sie wurde hervorgerufen durch die Erinnerung an den unvergeßlichen Augenblick, wo ſie zum erſtenmal die würdige Gattin des Kapellpredigers geſehen hatte. „Wie mein Herz ſchlug“ fuhr Leonore fort,„als ich mich der kleinen Hütte näherte, wo Du dich befan⸗ deſt! Was war wohl drinnen vorgegangen, nachdem der Junge ſie verlaſſen hatte? Ich mußte außen ſtehen bleiben und mich ſammeln, bevor ich die Thüre zu oͤff⸗ nen wagte.“ „Und als Du ſie öffneteſt, da dachte ich, die ich in eine tiefe Betäubung verſunken auf meinem Strohbette lag, daß Du ein überirdiſches Weſen ſeiſt, von Gott ge⸗ ſandt, um meinen Muth, meine erſchöpften Kräfte und meinen beinah ſchwindenden Glauben aufrecht zu erhal⸗ ten. Ich dachte damals, daß ich beinah zu ſchwer ge⸗ prüft worden ſei.“ „Ja Du warſt allerdings ſchwer geprüft worden; aber dieſer Kampf des Leidens und der Liebe verſöhnte auch die Schuld, die Du beſtändig verwarfſt. Gott gab Dir Kräfte, damit Du wieder auflebteſt und die Selig⸗ keit genießen konnteſt, deines Emils ewigen Dank em⸗ pfangen zu dürfen.“ „O ſprich jetzt wieder von ihm.“ „Als ich zum erſtenmal von Dir nach Hauſe zurück⸗ kam.. „Nachdem Du mir ein kleines Himmelreich im Ver⸗ gleich zu dem frühern Elend geſchaffen; ach Gott möge mich ja doch vor Undank gegen meine alte zärtliche, aber ſelbſt beinahe hülfloſe Pflegerin bewahren— und nach⸗ dem Du geſagt hatteſt: er ſoll allmaͤhlich alles erfahren, was er zu wiſſen bedarf.“ „Ja, aber damals wagte ich nichts zu ſagen, denn 136 ich fand, daß er eine ſo große Gemüthserſchütterung nicht zu ertragen vermochte, bevor ich ihm zu gleicher Zeit eine beſtimmtere Hoffnung geben konnte, als Dein der⸗ maliger Zuſtand geſtattete. Wir begnügten uns alſo, mein Mann und ich, ihm auf alle erdenkliche Weiſe das Leben gut und bequem zu machen, und wir hatten wenigſtens die Freude, daß er unſere Bemühungen ſchätzte, obſchon er fortwährend traurig blieb.“ „Aber Du ſprachſt wohl von mir?“ „Er ſelbſt ſprach von nichts anderem: er ſeufzte und wartete auf Nachrichten, und ich gab ihm tauſend Gründe an, warum ſie ſich verzögern müͤßten.“ „Endlich jedoch?“ „Endlich als ich bei einem neuen Beſuch Dich auf dem entſchiedenen Weg der Beſſerung gefunden hatte, zog ich eines Tags die ſchwarze Haarlocke und die Na⸗ menszüge hervor.“ „Ich wage kaum zu athmen.“ „Du begreifſt, daß es nicht plötzlich und unvorbereitet geſchah; ich hatte ihn ſchon ein paarmal auf die Moöͤg⸗ Lkeit geleitet, daß Du wohl ſelbſt hieher kommen könn⸗ te.44 1 „Und da?“ „Da blitzten ſeine Augen; aber hernach verdunkelten ſie ſich. Wie, ſagte er, hieher reiſen... Vierzig Mei⸗ len mitten im Winter! O nein, meine Jeanue Sophie würde es zwar wollen, aber gewiß find ihre Kräfte durch die großen Gemüthserſchütterungen erſchöpft.“ „Aber die Haarlocke, die Haarlocke.“ „Warte doch, ungeduldiges Ding! Ehe ſie zum Vorſchein kam, mußte ja ein Theil der Wahrheit über meine Lippen zu ſeinem Herzen gedrungen ſein, ſonſt haͤtte er dich todt glauben können.“ 8 „Und Du marterſt mich zu Tode.“ „Ich wünſche, daß Du ihn geſehen hätteſt. Er ver⸗ gaß, daß er noch nicht ohne die äußerſte Schwierigkeit nicht Zeit der⸗ alſo, Weiſe atten ätzte, und fünde auf atte, Na⸗ eitet Nög⸗ önn⸗ lten Nei⸗ phie äfte zum ber ätte ber⸗ keit 137 üͤber den Boden gehen konnte, und dennoch wollte er ſogleich hinaus.“ „O, daß ich das geſehen hätte 1⸗ „Meine Jeanne Sophie, meine Jeanne Sophie! Dieſe Gaben— er drückte die Haarlocken und die Na⸗ menschiffern abwechſelnd an ſeine zitternden Lippen— dieſe Gaben beweiſen, daß Du glaubteſt, das letzte Glied in der Kette unſerer Liebe koͤnnte brechen, und ich würde nicht zu Dir kommen... Aber wer könnte mich hin⸗ dern.... Ich ſage Dir, ich habe noch nie eine ſo wahnſinnige Trauer und Freude zu gleicher Zeit geſe⸗ hen, denn er begriff endlich, daß Du außer Gefahr warſt, daß Du bald kommen würdeſt.“ „Welche egoiſtiſche Seligkeit liegt für mich in ſei⸗ nem Schmerz; und gleichwohl, Leonore, wußte er kein Wort von...“. „Nein nicht ein Wort von der Veranlaſſung Deiner Krankheit. Auch wenn Du es nicht verboten hätteſt, ſo hätte ich nichts davon ſagen können. Ebenſowenig habe ich verrathen, daß Du zu Fuß gegangen warſt, und in welcher elenden Hütte ich Dich gefunden. Nein Du ſollſt ſelbſt den Triumph haben, Deine Abenteuer zu erzählen. Alles, was er weiß, iſt, daß Du dich allein auf den Weg gemacht haſt, um ihn aufzuſuchen, und daß Du nahe am Ziel deiner Reiſe erkrankt bift.“ „Wie muß es ihn gleichwohl geſchmerzt haben, nicht zu mir kommen zu können!“—— „Ich will Dir kein Wort mehr davon ſagen. Nur die Gewißheit, daß eine neue Erkältung ihn unrettbar zum Krüppel machen würde, brachte ihn zur Vernunft. „Aber wie hat er gewartet, wie hat er gefragt, wie hat er Dir gedankt?“ „Unaufhörlich, unaufhörlich... Er weiß nicht, daß wir ſchon vor morgen eintreffen; ich wagte nicht, die Wahrheit zu ſagen, für den Fall, daß Franz wäh⸗ rend meiner Abweſenheit zu einem Kranken geruſen wor⸗ den und der arme Lieutenant allein mit ſeiner Sehnſucht 8 und ſeinen Grillen ſich auf den Weg machen könnte, um Dir entgegen zu gehen... Aber denk' Dir ſeine..“ „Still, ſtill— meine Seligkeit nimmt mir den Athem. In drei Stunden.“ „Jetzt, meine wackere Burſchen,“ ſagte Leonore, in⸗ dem ſie ſich umwandte,„wollen wir uns wieder in Gang ſetzen. Zu Hauſe wartet der Erbſenkeſſel und die Speck⸗ ſchwarten.“ Als Jeanne Sophie zum letztenmal in ihren Palan⸗ kin ſtieg, zitterte ihr Herz vor maßloſer Rührung. Als ſie zum letztenmal herausſtieg, da war es an der Thüre des Hauſes, das ihren Gatten beherbergte. XIII. Das Licht von dreißig Sonnen. Die Dämmerung ſenkte ſich langſam über die Erde. Im Schooße eines kleinen Thales und feſt an den mütterlichen Baſen geſchloſſen, lag das kleine roth an⸗ geſtrichene Pfarrhaus mit drei Fenſtern in einer Reihe. Das Thal, welches ſelbſt zärtlich an den Mutterbu⸗ ſen des Berges angeſchloſſen war, beſaß ſogar mitten im Winter eine wahrhaft hinreißende Anmuth. Man wußte jetzt nicht ſo genau, warum dieß der Fall war. Aber gewiß iſt, daß kein zwiſchen Meer und Klippen liegendes Thal friedſeliger und einnehmender ausſehen konnte. Das kleine rothe Gebäude hatte ein Gärtchen neben ſich, aber das Gärtchen beſaß noch ein Luſthaus, das der „ Erde. den an⸗ eihe. rbu⸗ itten der und nder eben 3 der 13³9 Kapellprediger ſelbſt für ſeine Frau auf der Höhe einer Klippe errichtet hatte. Ferner glänzten an den Fenſtern des kleinen Hauſes die ſchönſten ſchneeweißen Gardinen, zwiſchen welchen grüne Läden mit grünen Pflanzen und einem kleinen grü⸗ nen Vogelkäfig, worin zwei Zeiſtge herumhüpften, vor⸗ ſchauten. Auf der andern Seite des Gebäudes hatte man die Ställe, wo die flinke Hausmutter oft nach ihren kleinen Colonien ſah. Und endlich lag da die rothe Hundehütte, vor welcher ein freundliches koſendes Hündchen, der große Günſtling der Hausfrau, das Bild der Wachſamkeit re⸗ präſentirte, und Beſuche ſowie Zwieback von den Fiſchern entgegennahm, wenn ſie kamen, um ihrem Geiſtlichen die Aufwartung zu machen. Es iſt unangenehm, daß wir dieſes Gemälde in der Dämmerung ſehen, was uns hindert, der Verſchönerung Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, welche es durch ei⸗ nen langen ans Meer ſich anſchließenden Strand erhält, an deſſen äußerſtem Fuß man im Sommer die kleinen Seegelboote des Pfarrers ſich ſchaukeln ſieht, wo aber jetzt nur Reſte von einer Angelleine zu ſehen ſind, welche beweist, daß er den Fiſchfang auf dem Eis auch nicht verſchmäht. Ein Feuer beginnt in einem der Zimmer zu glänzen. Der Zimmer ſind drei an Zahl: ein Saal von pa⸗ triotiſcher Einfachheit, aber außerordentlich geputzt; wahrhaft ſchimmernd von Reinlichkeit, und zwei kleine Schlafzimmer, der Hausfrau vornehmſter Stolz. Das eine deſſelben bildet das Schlafgemach des Kapellpredigers und ſeiner Frau, das andere gegenüber iſt für Gäſte beſtimmt, und juſt aus dieſem Zimmer wirft jetzt das Feuer ſeinen Schein in das Thal hinab. Wir hätten beinahe vergeſſen zu erwähnen, daß das Thal drei ordentliche Bäume und zwei vom Sturme zerſplitterte invalide, ſowie vier Hagedornbüſche beſltzt. Und dieſer Reichthum, der auf einem Bohusländer⸗ ſtrand als königlicher Luxus betrachtet werden kann, em⸗ pfängt auch einen kleinen Schimmer des Glanzes von dem Kaminfeuer. Eine Perſon kommt über den Hof und auf den Weg hinausgegangen, wo ſie ſich aufſtellt, um bei dem Kreuze zu lauſchen. Das Kreuz iſt ein merkwürdiger Platz, notabene in der Sage. Es iſt eine große, auf der einen Seite kahle und glatte Kluft, worin ein großes Kreuz eingehauen iſt, zum Zeichen, daß neben dieſem Sarkophag ein wahrer Chriſt ruht. Das Eigene davon iſt jedoch, daß man glaubt, der Todte ſelbſt habe dieſe Arbeit bewerkſtelligt. Die Legende erzäͤhlt: Ein Mann, der große Verfolgungen wegen ſeines Glaubens zu erlelden hatte, ſah ſich andlich zur Flucht genöthigt, um der Gefangenſchaft und dem Scheiterhaufen zu entgehen. Aber ſeine Prüfungen endigten nicht mit dem zeitlichen Leben; ſeine ſchlimmſte Prüfung traf ihn juſt auf der Schwelle zwiſchen Tod und Leben. Er litt Schiffbruch auf ſeiner Reiſe und war genö⸗ thigt, in die Ewigkeit einzutreten, bevor er den tauſend⸗ ſten Theil des Guten zu vollenden vermochte, das er auf Erden hatte wirken wollen. Selbſt die Freude im Paradies konnte ſeinen Kum⸗ mer nicht mäßigen, hauptſächlich darüber, daß ſeine un⸗ geweihten Beine auf einem Platz ruhten, wo Niemand das Vorhandenſein der Grabſtätte eines Kreuzeskämpfers ahnen würde. 3 Da— erzählt die Legende weiter— hatte der Herr Erbarmen mit ſeinen Schmerzen und Thränen und ließ ihn drei Nächte hindurch zur Erde zurückkehren, und in den drei Nächten vollbrachte er die letzte Arbeit, die er ſich vorgeſetzt hatte, worauf er mit großer Freude in ſein Grab zurückkehrte, überzeugt, daß dieſes Kreuz für ſich allein ſchon eine gewaltige und ernſte Beredtſamkeit 4 4 141 haben werde, ſo oft ein armer Sünder in ſeine Nähe käme. Bei dieſer Kluft ſtand jetzt der Mann, und indem er ſeine Hand in eine Felſenritze legte, ſagte er leiſe, aber ohne alle Bitterkeit; „Vordem ſtritten die Armen unter den Kämpfern des Kreuzes für ihren Glauben, jetzt ſtreiten ſie für einen Biſſen Brod. „Glücklicherweiſe,“ fügte er mit ſchneller Stimme hinzu,„können die Bedürfniſſe den Mitteln angepaßt werden. Die Bedürfniſſe des Menſchen ſind jetzt nicht größer als früher, wenn man diejenigen abzieht, die er ſich ſelbſt ſchafft. Und wo ein reiches Herz vorhanden iſt, da gibt es keine Entbehrung.“ In den letzten Tönen und in den letzten Worten verrieth ſich nicht blos Munterkeit, ſondern die Freude eines friſchen, gffenen Gemüthes, eines Gemüthes, das nichts von Unbehagen, Sehnſucht, fehlgeſchlagenen Hoffnungen oder andern Kümmerniſſen gewußt hat. Ein heller und klarer Himmel, der in dieſem Au⸗ igt uns die Geſtalt eines genblick hervorſchimmert, zei hochgewachſenen, jungen Mannes, der beinah wie ein Seemann oder Fiſcher gekleidet iſt. Nar in der Kirche oder bei Krankenbeſuchen trug der Kapellprediger Franz Blume den prieſterlichen Or⸗ nat und ſonſt war das Wamms im Winter und die baum⸗ wollne Jacke im Sommer ſein ausſchließliches Coſtüm. Das arbeitſame, mühenreiche und harte Leben, das er auf ſeinem Strand mitten unter ſeinen Inſeln führte, die er bei jedem Wetter beſuchen mußte, machte ihn ſelbſt zu einem Sohn des Meeres. Auch konnte er im Nothfall, ſo gut wie einer, Lootſendienſte verrichten, und er zog nicht ſelten, wie andere Strandbewohner, auf's Fiſchen aus. Er wurde ebenſo geliebt und geachtet, wie ſeine Frau angebetet wurde. Ruhig oder barſch, je nach den Umſtänden, ent⸗ ſchloſſen, zugänglich und immer dienſtfertig, war er zu gleicher Zeit Hausherr, Vater und Kirchenhirte, und be⸗ ſonders Schiedsrichter in allen öffentlichen ſowohl als Privatzwiſtigkeiten. „Noch,“ ſagte er, indem er ſein friſches, wetterge⸗ bräuntes und kühn gezeichnetes Geflcht vom Kreuze weg auf den Weg kehrte,„noch kommt meine gute, liebe Leonore nicht mit ihrer Heldin... Heldin— ſeine Lippen verzogen ſich zu einem Lächeln— wer iſt mehr Heldin, als ſie, die vergeſſen konnte, daß es ſchon vor dieſem Leben ein anderes gebe?“ Während der Kapellprediger in Gedanken an ſeine Frau verſinkt, die muntere Walkyre, die ihm ſowohl bei der Fiſcherei als beim Ackerbau, beim Krankenbeſuch und bei der Verwaltung der Gemeinde hilft, wenn ein Sturm in den Scheeren heranzuziehen droht, ja die ihm ſogar, wenn er durch ſchlimmes Wetter aufgehalten, am Sam⸗ ſtag Abend ſpät von irgend einem⸗Krankenbeſuche heim⸗ kehrt, mit der fertig geſchriebenen Predigt entgegenläuft — während, ſagen wir, der Kapellprediger in Gedanken an ſeinen großen Reichthum in der Armuth verſinkt, ſitzt drinnen in der beleuchteten Kammer ein Mann, der in grenzenloſer Ungeduld die Stunden bis zum nächſten Tage zaͤhlt, wo er ſeinen Reichthum empfangen ſoll. Aber man muß ſich fragen: Iſt dieſe Perſon mit den vergilbten eingefallenen Wangen, mit dieſer von Leiden gefurchten Stirne, dieſe Perſon, die ſo kraftlos an die Sofaecke zuruͤckgelehnt daſitzt, die noch kranken Füße auf einer über den Boden gelegten Diele ruhend, iſt dieſe Perſon der mannhaftige, rüſtige Lieutenant Emil? Ja gewiß— das flachsweiße Haar und der flachs⸗ weiße Schnurrbart ſind noch vorhanden, und vor allen Dingen iſt es der ehrliche Geſichtsausdruck und das ehrliche Herz. 1 Und dieſes Herz hat unendlich mehr Bekümmerniſſe, als die gute Leonore kennt.* — 143 Emil hat Charles Brief nicht recht verſtehen können. n Er enthielt eine gar zu große Menge von Neuig⸗ b keiten, als daß der Uneingeweihte ſie zu begreifen ver⸗ als mmochte. rge⸗ Aber nachher waren zwei Briefe von der Mutter weg angekommen, und obſchon ſie in keinem eine recht offene liebe Sprache führte, ſo mußte doch Emil vermuthen, daß ſeine irgend etwas, das ihn berührte, auf Charles Vermäh⸗ nehr. lung, dieſe ihm ganz unbegreifliche Ehe, Einfluß ge⸗ vor habt habe. Er wurde wirr im Kopf, in Folge der Widerſprüche, eine die bei dem öffentlichen Ausruf ſtattgefunden hatten. bei Zuerſt hatte er begriffen, daß der Vater auf dem und Todteubett ſeinen Beifall dazu gegeben, ſovann erfuhr urm ler, daß dieſelbe ſchon vor der Krankheit des Vaters gar vor ſich gegangen war. am⸗ Man muß geſtehen, daß dieſe dunkle Geſchichte,. im⸗ bei der ſo viel ärgerliche Hindernlſſe in den Weg tra⸗ ¹ iuft ten, nicht geeignet war, dem Schiffbrüchigen wieder zur ken Geſundheit zu verhelfen. nkt, Aber jetzt weilten ſeine Gedanken ausſchließlich bei der ben Gegenſtand ſeiner immer tieferen und innigeren tebe. 3 8 Er fragte ſich unaufhörlich, wie er es wohl bis mit zzum morgenden Tage werde aushalten können. von Endlich mußte er ſich bemühen, etwas Anderes zu los denken, denn die Hoffnung auf Seligkeit wurde zuletzt ken eine Qual. nd, Er verſuchte, ſich einen Begriff von ihrem künftigen ant Leben zu bilden. Er rief ſich den Brief ins Gedächt⸗ niß zurück, den er bereits an Lars Moritz wegen der hs⸗ zzu einer Trauung in der kleinen Kapelle nöthigen Pa⸗ len piere geſchrieben hatte. 1 as Und da dieſer Gegenſtand nicht mehr ausreichte, ſo begann er an ſeine Gläubiger zu denken und andie ſe, aangenehme, niemals gekannte Ruhe, die er genießen würde, wenn er bei der Rückkehr in ſein Geburtsort — 4 wohlgemuth uber die Straßen gehen und wohlgemuth ſeine Briefe öffnen könnte, worin nicht mehr blos von Piinrundsurtheilen und Verhaftbefehlen die Rede ſein ollte. Während er ſich unter dem Einfluß dieſer ſo an⸗ genehmen Gefühle befand, und juſt während ſeine dank⸗ baren Seufzer warm und innig dem dahingeſchiedenen Vater geſpendet wurden, glitt die Thüre leiſe auf. Leonore trat ein, jetzt in einem hübſchen Hauskleid von ſeegrünem Boy und mit einem kleinen weißen Kra⸗ gen um den Hals. Emil ſtieß einen Ruf aus, einen einzigen, aber dieſer hatte einen unbeſchreiblichen Klang. Er wollte jetzt aufſpringen, aber Leonore beeilte ſich, ihn wieder auf ſeinen Sitz zu drücken. „Seien Sie jetzt vernünftig,“ ſagte ſie mit ihrer feſten und ruhigen Stimme,„ſonſt geht es nicht gut. Jeanne Sophie iſt noch nicht ſo ſtark, daß ſie allzu hef⸗ tigen Gemüthsbewegungen widerſtehen könnte.“ „Liebe Frau Blume, ſohen Sie mich an, ſehen Sie, wie ich mich beherrſche, laſſen Sie ſie jetzt kommen, denn weder ſie noch ich können dieſe Spannung länger ertragen, das dürfen Sie glauben.“ Leonore trat zurück und verſchwand. Aber ſie verſchloß die Thüre nicht. Obſchon ein dicker Nebel— wahrſcheinlich ein ſtar⸗ ker Sonnenrauch, denn jetzt begannen die dreißig Son⸗ nen zu glänzen— ſich vor Emils Augen ausbreitete, ſo wußte er dennoch, daß Jemand ihm nahe war. Er ſtreckte ſeine Arme aus, er öffnete ſo zu ſagen ſein Herz, und Herz und Arme ſchloſſen ſich in einer engen, feſten und ewigen Umarmung um ein Weſen, das eben ſo wenig, als er ſelbſt ſich erinnerte, daß es eine andere Sprache gab, als Seufzer, Thränen und die Bruſt an Bruſt kämpfenden Gefühle. Endlich vermochten ſie eine andere zu begreifen: die Sprache der Blicke. muth 3 von ſein d an⸗ dank⸗ denen zkleid Kra⸗ aber vollte dieder ihrer gut. hef⸗ Sie, men, nger ſtar⸗ Son⸗ itete, ſagen einer eſen, ß es und ifen: 145 Es war ein äußeres Licht— ein armſeliges Talg⸗ licht, in's Zimmer herein gekommen. Aber war es wohl dieſer elende irdiſche Schein, worin ſie ſich ſpiegelten? Nein, wie zwei himmliſche Flammen ſpiegelten ſie ſich in einander. Sie erſtaunten ſelbſt über den blendenden Glanz, der von ihnen ausging— es waren fortwährend die dreißig Sonnen, die in ihrem Inneren glänzten. Minuten waren vergangen, mehr als zwanzig nach derjenigen Rechnung, die bei den Menſchenkindern ge⸗ bräuchlich iſt— nur eine einzige nach der Berechnung der Engel. Da fanden dieſe beiden in die Vorhöfe des Him⸗ mels verirrten Weſen das erſte Wort. Und es wies ihnen den Weg zurück zur Erde. 1„Warum ſtarben wir nicht?“ flüſterte Jeanne So⸗ phie. Dieſes Wort„Sterben“ war es, das ſie wiederer⸗ weckte.* Ein Verlangen nach dem Tod bewies, daß ſie den Staub noch nicht abgelegt hatten. Und ſie hatten gleichwohl es geglaubt. „Es iſt alſo noch immer das Leben,“ ſagte Emil, indem er die Geliebte noch näher an ſich zog,„das Leben, das mir ſo trübe und kalt war.. wie iſt es möglich— ſprich, wie iſt es möglich?“ „Das ſind meine dreißig Sonnen, die leuchten— ja wenigſtens ſo viele, ſie leuchteten mir während all' meiner Finſterniſſe. Du weißt nichts davon, aber Du wirſt ſagen, daß Deine Gattin Deiner würdig war; und möge mir das kommende Leben reich oder arm werden, wir haben gelebt, wir leben.“ „Aber laß mich, o Du Holde, Holde, Dich von Zug zu Zug wiedererkennen..„Biſt Du ſicher, meine Jeanne Sophie, daß Du nicht geſtorben und blos aus Barmherzigkeit für mich wiedergekehrt biſt?— Deine Der Vormund. II. 10 146 Wange, meine Geliebte, hat einen Schneeduft, den ich jetzt erſt entdecke.“ „Und jetzt erſt, mein Emil, entdecke ich, wie Deine Wange von den Qualen der Schmerzen gelb geworden iſt. Ach mein unausſprechlich theurer Freund, unſre Kämpfe um einander ſind es, die uns ſo verändert ha⸗ ben... zuſammen werden wir wieder aufblühen.“ „Aber dennoch; dennoch’“... Emils Seele vertiefte ſich in den Geheimniſſen, die er zu ahnen begann. „Sprich, ſprich, meine Jeanne Sophie, mich ver⸗ langt nach Deiner Stimme. Dieſe geliebte Stimme ſoll mir alles anvertrauen, was mein Herz zu wiſſen begehrt, denn es betrifft ſeine heiligſten Rechte.“ „Du erträgſt es jetzt nicht— morgen.“ „Nein, jetzt will ich alles wiſſen. Es darf ſich keine Kluft zwiſchen uns befinden, nachdem Gott in ſeiner unendlichen Barmherzigkeit die bisherige Kluft ausgefüllt hat.. Höre... unſre Herzen ſchlagen ſo nahe beiſammen— lege nicht einen Strohhalm da⸗ zwiſchen.“ Jeanne Sophie legte nicht ein einziges dünnes Härchen dazwiſchen. Sie ſehnte ſich nicht weniger, ihr Vertrauen zu ſchenken, als Emil ſich ſehnte, es zu em⸗ pfangen. Und ſo gingen dieſe vertraulichen Mittheilungen eine nach der andern über ihre Lippen. Und Emil, der ihr in das endloſe Labyrinth folgte, das bei ſeiner Abreiſe mit der heldenmüthigen Verſiche⸗ rung von ihrer Seite, daß er ruhig ſein könne, begon⸗ nen hatte, und noch bis zum gegenwärtigen Augenblick fortwährte, wo ſie nach ſo unausſprechlichen harten Prü⸗ fungen einander wieder ſahen. Emil, wiederholen wir, war gleichſam betäubt von allen dieſen Erzählungen. Er kam nicht zur vollen Beſinnung bis zu dem Augenblick, wo Jeanne Sophie ihre Reiſe antrat. „Halte hier einen Augenblick ein, Du heilige, ge⸗ 147 duldige Märtyrin, die Du ſo grenzenlos um Deiner Liebe willen gelitten haſt... Daß Du nicht wahn⸗ ſinnig wurdeſt über ihr Opfer, ihre unſelige, engel⸗ ſchoͤne Verirrung? Wenn ich ſie loskaufen könnte,“ fügte er mit weicher, zitternder Stimme hinzu,„bei Chrſſti Kreuz, ich würde es thun, ſogar auf Koſten unſrer eig⸗ nen Seligkeit.“ „Auch ich,“ flüſterte Jeanne Sophie,„würde es thun können, aber welche Buße wir auch erlegen woll⸗ ten, ſo bleibt es immer unmöglich, ſie frei zu kaufen.“ „Das iſt wahr, und darum, Du unausſprechlich Geliebte, wollen wir ſie in Gottes Schutz laſſen. Kehre jetzt zu dem Augenblick zurück, wo Du mit dieſer Kraft und Entſchloſſenheit, die nur Du beſitzeſt, Dich aufmach⸗ teſt, um Deinen Gatten zu ſuchen.“ „Jeanne Sophie begann mit hochklopfendem Her⸗ zen den letzten Theil ihrer Schilderung, und mit wel⸗ chen Gefühlen folgte er ihr nicht Schritt für Schritt. Es war dem jungen Mann, als er mit ſeinen Au⸗ gen, ſeiner Seele an den Lippen des herrlichen Weibes hing, als ob ſeine eigenen ausgeſtandenen Leiden nur ein Sandkorn im Meer wären gegen diejenigen, die er jetzt in ſeiner Einbildung ausſtand, als er ſie bei ihrer nächtlichen Wanderung durch den Wald begleitete, wo ſie im Schnee voranwatete. Und dennoch, was war dieß gegen das folgende? Jeanne Sophie mußte mehremal abbrechen, ſie machte ſich Vorwürfe, daß ſie in ihren Schilderungen ſo getreu war. Aber ach, es war ein ſo ſchöner Erſatz für die ausgeſtandenen Qualen, Emils Thränen warm auf ihre Hände tropfen zu fühlen, in ſeinen Blicken dieſe abgöttiſche Verehrung zu leſen, ſeinen Angſtruf zu vernehmen und dann zu hören, wie er ein mal um das andere Gott als Zeugen aufrief, ob ſich auf der Erde ein Weib finde, wie ſie, und ob ſich auf der Erde ein Mann finde, der ſo hohe Rechte beſitze, den Gegen⸗ ſtand ſeiner Liebe zu verehren und anzubeten. Und jetzt wußte er Alles, Alles. Jeanne Sophie'’s Geſicht ruhte von Rölhe über⸗ goſſen an ſeiner Bruſt.. Und wiederum wurden die Worte vergeſſen über die mehr himmliſche Sprache, dieſe Sprache, in welcher beide begreifen lernten, daß keine der vorhergegangenen Prüfungen zu theuer ſei, um damit die Wiedervereini⸗ gung zu erkaufen. In der gemüthlichen Wohnſtube gingen inzwiſchen der Hausherr und die Hausfrau hin und her und ſtell⸗ ten ſo freundlich Alles in Ordnung für ihre Gäſte. Er half ihr das Tiſchtuch zurecht legen, wäͤhrend ſie das Brod einſchnitt und für die Grütze ſorgte. „Weißt Du was, lieber Franz,“ ſagte Leonore,„es thut mir eigentlich leid, daß der Lieutenant mir ſo viel Geld aufgedrungen hat, ich wollte lieber, wir hätten ihnen von unſerm Wenigen geben dürfen.“ „Mach Dir deßhalb keine Sorgen, liebes Kind,“ antwortete der Mann.„Erſtens bekommen ſie es auf dieſe Art ziemlich angenehm, und zweitens iſt das We⸗ nige, das wir ſelbſt entbehren können, bei unſern Nach⸗ barn beſſer angebracht. Kann der Lieutenant jemals bezahlen, was Du gethan haſt?“ „Oder was Du gethan haſt? Für einen Fremden ſo manchen ſchweren Schritt zwiſchen unſerm Haus und dem Fiſcherdorfe zu machen!“ „Für Mähnner iſt das blos eine Kleinigkeit.“ „Nein, ſo ſieht er es wahrlich nicht an— er liebt Dich ſo herzlich.“ „Das thut er blos deßwegen, weil er es nicht wagt, Dich ſo zu lieben, wie er moͤchte,“ meinte der Kapellprediger lachend. 3 „Höre, Franz, glaubſt Du, daß wir beide, die wir blos einer kleinen Epiſode in dem Leben dieſer Leute an⸗ gehören, glaubſt Du, daß wir je von ihnen vergeſſen werden könnten?“ „Das kann wohl geſchehen, meine Leonore; aber wenn es geſchieht, ſe tröſten wir uns damit, daß wir nicht von ihnen allein, ſondern auch von der ganzen übrigen Welt vergeſſen ſind. Wir haben juſt nicht viel mit der Welt zu ſchaffen.“ „Das iſt wahr— der Strand iſt unſre Welt und ſie läßt uns kaum ſo wenig Zeit zum Träumen und Philoſophiren übrig, daß wir uns ohne Bedenken in unſer Schickſal fügen, eine Epiſode in ihrem Roman zu verbleiben.“ „Und das um ſo mehr, als wir zur Rache ſie als eine Epiſode in dem unſrigen betrachten wollen, die nie⸗ mals aus unſrem eignen Herzen verſchwinden wird.“ XIV. Noch immer ſo lange die Sonnen ſcheinen. Es war 14 Tage nach Jeanne Sophiens Ankunft im Pfarrhof. Aber da nichts vergeblicher ſein kann als ein Ver⸗ ſuch, eine wolkenfreie Seligkeit zu ſchildern, ſo haben wir ohne Zweifel am beſten gethan, indem wir wäh⸗ rend dieſer Zeit unſer Paar ſich ſelbſt überließen. Heute jedoch iſt ein ſo wichtiger, ein ſo merkwür⸗ diger Tag, daß wir nicht umhin können, zu demſelben zurück zu kehren. Es iſt Emils und Jeanne Sophiens Hochzeitstag. Er hat nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit dem Hoch⸗ zeitstag, von den wir im Hauſe des Kriegsraths einige Schimm in haben. 15⁵0 Nein, dieſes Gemälde gehört einem ganz und gar andern Genre an. Es ſind keine andern Gäſte zu Zeugen geladen, als die acht Fiſcher, die den Palankin trugen, ſie ſind ge⸗ beten worden, ihre Frauen als Chrenmitglieder mitzu⸗ bringen. Leonore hat Alles geordnet. Sie hat das Gaſtzimmer mit allem Schönen ge⸗ ſchmückt, das ſie zuſammentragen konnte. Sie hat des Bräutigams Geſchenke an die armen Leute vertheilt, ſie hat das Hochzeitsmahl angerichtet; ſite hat die Braut angekleidet, und endlich hat ſie für ſich ſelbſt ein ſchwar⸗ zes Seidenkleid hervorgeſucht, das einer andern Abthei⸗ lung ihres Lebens angehörte. Das Einzige, was die kluge Leonore nicht gethan hat, iſt, daß ſie die Hoch⸗ zeitsrede nicht geſchrieben hat— aber ſie hat ſie durch⸗ geſehen und ihrem Mann einen Kuß dafür gegeben, daß ſie nichts darin zu verbeſſern fand. Der Kapellprediger, der ſonſt in ſeinem einfachen Alltagsaufzug mehr einem Schiffer als einem Prieſter gleicht, hat heute zur Feier des Feſtes ebenfalls eine geiſt⸗ liche Würde angenommen, die beinahe ſo gut iſt wie die des Lars Moritz ſelbſt. „Sieh einmal durch's Fenſter,“ ſagte Leonore zu der Braut, die im Schlafzimmer des Ehepaares ſtand, wo ſie angekleidet wurde,„ſchau hinaus und ſieh, ob mein Mann ſich nicht brav ausnimmt? ich habe ihm geſtern ſeinen abſcheulichen Wald beſchnitten. Wie ſchön ich ihn jetzt finde!“ Jeanne Sophie meinte juſt nicht, daß der Kapell⸗ prediger ſich dieſer Eigenſchaft rühmen konnte, aber er hatte ſo viele andere vortreffliche Elgenſchaften, daß Jeanne Sophie, die ſo wenig am Aeußern klebte, nicht einmal an dieſe gedacht hatte. „Dein Mann,“ antwortete ſie,„iſt juſt nach mei⸗ nem Sinn: ein Mann, der Gott fürchtet, aber ſonſt vor nichts Furcht hat, und der ſeine Fe liebt, wie ſte es verdient. Je länger ich um ihn lebe, um ſo meh lar werde ich von ihm eingenommen.“ Leonorens Augen funkelten. als„Das iſt wahr. Er fürchtet nichts, mein Franz; ge⸗ aber er ſelbſt iſt eben ſo gefürchtet als geliebt. Denn u⸗ handelt es ſich, was zuweilen geſchieht, darum, zwei Streitende zu trennen, ſo iſt er ein beſſerer Boxer als alle zuſammen: er braucht ſie nur anzurühren, ſo fällt ze⸗ ein Held da⸗ und ein anderer dorthin. Man kann wirk⸗ des lich von ihm ſagen, daß er ſeine Gemeinde mit Kopf, ſie Herz und Hand zugleich regiert.“ aut„Und Du regierſt ihn.“ 8„Wir regieren einander.“ Ll⸗„Juſt ſo wie mein Emil und ich thun wollen... die O verzeih, daß ich zum zwanzigſten mal ſage: welch' ch⸗ ein Tag, welch' ein Tag! Ich kann nicht genug be⸗ ch⸗ ſchreiben, wie unausſprechlich das Gefühl war, das mich en, ergriff, als ich erfuhr, daß wir hier getraut werden ſollten.“ den„Wie wohl verdienſt Du Dein Glück— Du haſt ter es theuer erkauft.“ iſt⸗„Ja, Gott ſei Dank— um ſo größern Werth hat vie es. Aber ſtille, ich glaube, daß auch er jetzt in den Saal hereingekommen iſt.“— zu„Ja, er war es.“ d;„O jetzt geht es an.“ 9 Jeanne Sophie warf einen unruhigen Blick in den hm Spiegel.“ vn„Glaubſt Du, daß Deine Arbeit gelungen iſt— ell⸗ ſtelle ich etwas vor?“. 3„Ach Du eitles Ding— habe ich Dir nicht ſchon aß Schmeichelworte genug geſagt? Nun wohl, ſo wiſſe cht dennn daß der Lieutenant mir heute früh zugeflüſtert 0„.* 2„Was— ach was?“ ei⸗„Beſte Fruu Blume, ſagte er, machen Sie meine 4 152 Sophie nicht ſchöner, als ſie bereits iſt— mir ſchwin⸗ delt ſchon jetzt davor.“ Wie lieblich empfindet es ſich, nach ſtarkem Sturm⸗ getoſe, fröhlich und vergnügt wieder lachen zu dürfen! 5 iſt der beſte Beweis, daß die Stürme ſich gelegt aben. Jeanne Sophie lachte. Sie hatte kaum noch eine Erinnerung für das Vergangene. — Es war ungefähr eine halbe Stunde ſpäter, als die ehrenwerthen Fiſcher, reputirlich aufgeputzt und be⸗ gleitet von ihren gleichfalls reputirlich aufgeputzten Wei⸗ bern, in den Saal traten, wo Emil und Jeanne So⸗ phie bei dem einfachen Schemel zuſammentrafen. Emil, der jetzt vollkommen hergeſtellt war— das Glück heilt ſchnell— ging mit einem tiefen und feier⸗ lichen Ernſt ſeiner Braut entgegen. Jeanne Sophie dagegen konnte kaum ernſthaft ſein. Sie empfand die Seligkeit auf eine andere Art. Sie hätte alle dieſe armen Freunde umarmen und an ihre Bruſt drücken können, ſie hätte den ganzen Saal umarmen mögen. Ighr Herz erweiterte ſich dermaßen, daß es ihr ſchien, als könnte es die ganze Welt in ſich faſſen. Aber plötzlich ſank die funkelnde Freude in ihren Augen— ſie ſchaute zurück: ſie ſah eine andere Braut, nicht ſchwarz gekleidet wie ſie ſelbſt, ſondern in weißem Opferſchmuck.. em Ach, ach! 4 Es ging ein Stich durch Jeanne Sophiens Herz eine Wolke zog über ihr Geſicht. Aber Emil verſtand und würdigte ihre Gedanken, er wußte, bei wem ſie verweilte..— urm⸗ fen! elegt eine Und ſeine Gedanken verweilten ja auch bei dieſer weißen Taube, die er mit einer heiligen Liebe geliebt hatte, und um deren willen in ſeinem Gewiſſen ein Stachel zurückblieb, den keine Zeit, keine Seligkeit, ſo überſchwenglich ſie auch ſein mochte, weg nehmen konnte. Aber der Menſch iſt doch nie mehr als ein Menſch, und ſo tief er für andere empfinden mag, ſo empfindet er doch am tiefſten für ſich ſelbſt. So auch dieſe beiden. Als der Kapellprediger das Handbuch öffnete, als ſeine Stimme in den erſten Tönen ſich hob, als die Söhne des Strandes ihre Hüte vor die Augen hielten und die Weiber ſo ſchön und andächtig ſich verneigten, da— in dieſem Augenblick, als die Sonne über den Sabbath zu einem neuen Leben, einem an Hoffnungen ſo reichen Leben aufging— da wurde Alles vergeſſen. Und ſie ſtanden jetzt nicht zwei da, ſondern eine Seele, ein Herz. Und hernach, als keine ſteife, förmliche Ceremonien, ſondern kräftige, warme Handſchläge die Getrauten em⸗ pfingen, da war es auch nicht Zeit, an etwas zu denken, das irgendwie an die trüben Stunden erinnerte. Nein, in dem Pfarrhaus glänzte Alles von der ſchimmernden Feſtlichkeit, und die Hochzeitslichter warfen ihren Schein breit und tief in das Thal hinab, wo die drei würdigen Bäume, die zwei Invaliden und die vier Hagedornbüſche mit hoher Verwunderung dieſe unge⸗ wöhnliche Pracht anſchauten, die ſie ſeit Menſchenge⸗ denken nicht geſehen hatten.... . 2 ⸗2***⁴* 2 5* 4 „Und ihr verlaßt uns ſo ſchnell?“ ſagte der Kapell⸗ prediger, als er, nachdem er die wohlgepflegten, ſich verbeugenden und verneigenden Hochzeitsgäſte hinaus begleitet, in den Saal zurückkehrte. Jeanne Sophie eilte, die Hand des würdigen Man⸗ nes zu ergxeifen. 154 „Wir müſſen in einer Woche abreiſen,“ ſagte ſie, „weil mein Emil es ſeiner Mutter nicht verſagen kann, jetzt auch an ſie zu denken, aber wir vergeſſen niemals, o niemals die Freunde, die wir hier zurück laſſen.“ „Wie auch wir, meine Leonore und ich, niemals die Unterbrechung vergeſſen werden, die ihr in unſerer Ein⸗ ſamkeit gemacht habt...“ „Und worüber wir uns gleichwohl nie beklagen,“ fiel Leonore ſchnell mit einem zärtlichen Lächeln ein. „Ich ſchwöre,“ ſagte Emil,„daß wir einmal einen Sommer hieher kommen und baden werden. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, daß unſere Trennung für die ganze Lebenszeit gelten ſollte. Bei euch, ihr redli⸗ chen und theuern Freunde, habe ich meinen Himmel ge⸗ funden— und welche Wolken künftig auch an ihm auf⸗ ſteigen mögen, ſo war es doch in eurem Hauſe immer freundlich blau. Und Frau Blume iſt es, der ich nächſt Gott meine Braut, das heißt mein Leben in verdoppel⸗ tem Maße zu verdanken habe.“. So ergoſſen ſie ſich gegen einander, bis der Abend gekommen war, die Lichter erloſchen und die Sterne auf⸗ gingen. Es war nun die Stunde, wo Alles in der Natur Erlaubniß hat, zu ſprechen. Die vier Hagedornbüſche, die dicht unter den Fen⸗ ſtern der Neuvermählten ſtanden, begannen zu lächeln und auf die ungenirteſte Art zu plaudern. „Du, der Du der höchſte biſt,“ ſagte der eine,„ſag mir, was Du da drinnen ſiehſt?“ „Stl.. ich ſehe zwei Menſchen herankommen— ſie halten einander bei der Hand... ſie gehen nicht: ſie ſchweben über dem Boden.“ „Ach, daß ich ſo entſetzlich klein ſein muß,“ ſagte ein anderer Hagedornbuſch;„wenn ich im letzten Som⸗ mer nicht ſo abgenommen hätte, ſo könnte ich ſelbſt ſe⸗ hen.. aber jetzt wünſche ich, daß Du mir ſagſt, was S Du ſiehſt.“ 4 54 4 — wenn aber ihre aber einat gen drinn war Dur Licht ich 1 imm komn — 1⁵⁵ zulte„Die zwei Menſchen fallen auf die Knie und beten.“ mals,„Ach, wie ſchön,“ meinte der dritte Hagedornbuſch, 9e, wenn zwei zuſammen beten, danken und Gott preiſen.. ls die aber was ſiehſt Du weiter?“ Ein⸗„Ich ſehe ihre Herzen in den Augen ſtrahlen und ihre Seelen auf den Lippen ſitzen und lächeln.“ Die drei Hagedornbüſche ſeufzten, fragten dann 74 den 4 aber wieder ihren glücklichen Bruder: einen„Was ſiehſt Du noch mehr?“ öunte„Jetzt ſtehen ſie auf und oͤffnen die Arme gegen einander... jetzt... ſtill... hört ihr, was ſie ſa⸗ g für gen? Nein, man höͤrt es nicht: ſie ſprechen ſo leiſe da dedn⸗ drinnen, daß kein Wort heraus kömmt.“ auf⸗„Siehſt Du nichts mehr? gar nichts?— das da mmer war ſo angenehm.“ nächſt„Nicht das mindeſte ſehe ich jetzt— aber nicht der Dunkelheit wegen, ſondern weil ein ſolches Meer von ppzl⸗ Licht und Wärme aufflammt, daß ich blind werde, wenn ich noch einmal dahin ſchaue.“ Aent„Und wir ſtehen hier außen und frieren, wie wir 1 4 immer gethan haben. Natur„Und wie wir thun werden, bis unſre Sonne kommt— aber es iſt noch lange bis dahin.“ Fen⸗ 8 icheln ſag n— XV. nicht: Ein Mondſcheinſtück. ſagte Bom⸗ Eines Abends am Ende April hatte man wieder ſt ſe⸗ großen Ball auf dem Rathhauſe in der uns wohlbe⸗ was kannten Stadt gehabt. Frau Charles Marbin, der Stern des Winters —— 156 und des Balles, hatte noch nicht die Hälſte der ihr auf⸗ wartenden Cavaliere angehört, als ihr Mann, welcher ſtatt zu tanzen mit eiferſüchtiger Aufmerkſamkeit auf der Schwelle geſtanden und alle Bewegungen ſeiner Frau beobachtet hatte, plötzlich hervor kam und erklärte, daß die Pferde warten. Die junge Frau hatte fragen wollen, warum man ſchon um zehn Uhr nach Hauſe fahren ſolle, aber ſie fand es nicht der Mühe werth, eine Frage zu ſtellen, ſondern verließ den Ballſaal mit dem beneideten Triumph, die Geſichter der Herren über alle Maßen lang zu ſehen. Als man ins Garderobzimmer hinauskam, daſſelbe wo Viola an einem gewiſſen Abend, an jenem unglück⸗ ſeligen Abend, von Lieutenant Emil ſich zu dem Aben⸗ teuer bereden ließ, das ſpäter ſo viele andere nach ſich gezogen hatte, ſagte Charles mit kurzer Stimme: „Sei ſo gut und begnüge Dich mit meiner Hülfe.“ Er riß den Mantel herab. Viola antwortete nichts. 1 Sie war etwas verdrießlich über die Laune ihres Mannes, würde es aber für unrecht gehalten haben, auch nur durch ein einziges Wort ein Gemüth, das, aus welchem Grunde es nun immer ſein mochte, ſchon jetzt aufgereizt genug ſchien, noch mehr zu reizen. Binnen weniger Minuten ſaß die Herrſchaft in dem Wagen. Lieutenant Charles, der ſich nicht anmerken laſſen wollte, daß er ſich über den Verluſt— ein gehoffter Gewinn, iſt ein gegebener Verluſt— des halben Ver⸗ mögens ſeiner Frau im mindeſten bekümmere, Lieutenant Charles, ſagen wir, hatte ſein Haus auf einen gewiſſen prächtigen Fuß eingerichtet, der zu ſeinen Mitteln, nach⸗ dem er ſeine Schulden bezahlt hatte, nicht auſ's ge⸗ naueſte paßte; und man hatte alſo Wagen und Pferde (Pferde vor allem: auf dieſem Luxus beſtand er haupt⸗ ſächlich), Kutſcher und Bedienung, wie es einem reichen Mann anſteht. 157 „Ich kann mir das wohl erlauben,“ pflegte er zu ſeiner Frau zu ſagen, wenn ſie eine Einwendung ver⸗ ſuchte,“ wir haben's ja— und ſpäter erbe ich meine Mutter allein.“ Die Mutter ſah jedoch aus, als ob ſie noch dreißig Jahre leben wollte. Aber wir kehren zu unſrem Paare zurück. Es war ein herrlicher Mondſchein, eine milde Luft, mit einem Wort, ein wahrhaft entzückender Abend, ſo weit es die äußere Welt betraf. Aber ſo ganz harmo⸗ niſch war das Verhältniß nicht für diejenigen, die im Mondſchein dieſe Spazierfahrt machten. „Vielleicht willſt Du mir jetzt die Veranlaſſung ſagen, beſter Charles?“ „Die Veranlaſſung— zu was?“ „Zu unſerem frühen Aufbruch.“ „Früh? Ich begreife, daß Du das früh findeſt, aber für mich gehen die Stunden im Gedräng und Staub nicht ſo ſchnell herum.“ „Du hatteſt gewiß einen andern Grund.“ „Und dann?“ „Und dann!“ „Ja ich ſoll wohl gar über meine Gründe Rechen⸗ ſchaft geben. Darf ich das Heimfahren nicht beſtellen, wann es mir beliebt?“ „Bis jetzt, mein Freund, haſt Du Dich nicht ſo despotiſch gezeigt. Und nicht wahr, Du haſt dabei nichts verloren?“ „Bei Gott, ich habe auch nichts gewonnen, ſollte ich glauben— nein gar nichts.“ „Das iſt ungerecht, Charles.“ „Findeſt Du das?“ „Du haſt mir ja ſelbſt ſo manchmal erklärt, daß Du mehr gewonnen habeſt, als Du hoffteſt.“ „Im Anfang, ja. Aber weder die Hoffnung noch die Wünſche blieben auf einem Punkte ſtill ſtehen. Ver⸗ ſtehſt Du das?“ 1⁵58 „Ich verſtehe blos, daß man nicht Alles erſtürmen kann... wir leben ja recht glücklich?“ „Ha, ha, ha, ich wünſche meinem ſchlimmſten Feind ein ſolches Glück nicht.“ „Charles, Charles!“ „Eine Frau aus Pflichtgefühl, aus Vorſatz, ja ſogar mit der armſeligen Berechnung, die Achtung eines andern Mannes, als ihres Gatten, zu gewinnen, bis auf's kleinlichſte die ihr obliegenden Pflichten erfüllen zu ſehen, zu ſehen, wie dieſe Frau dieſem Gatten allen möglichen ſogenannten Comfort im Hauſe bereitet, und dennoch zu wiſſen, daß nicht eine einzige Handlung aus ihrem Herzen entſprungen iſt, nicht eine einzige Bewe⸗ gung von der Liebe kommt— daß.. daß. Charles Stimme erſtickte. Viola empfand den Stich, der in den Vorwürfen ihres Mannes lag, wohl; aber was konnte ſie mehr thun, als ſie that? „Du ſchweigſt, Du verſchmähſt es, mir zu wider⸗ ſprechen— ja, ſo wahr iſt Alles.“ „Mein Fraͤund!“ „Was für eiskalte Phraſen! Unterlaß es, mich Deinen Freund zu nennen— ich habe keine Freundin: ich habe blos die Gewißheit, der unglücklichſte Mann zu ſein, der jemals die Kette der Che auf ſich genom⸗ men hat.“ „In dieſem Falle..“ „.. ſollte ich ſie vielleicht zerbrechen, meinſt Du? Nein, mein holder Engel, ſchmeichle Dir damit nicht. Der unglücklichſte Mann kann zu gleicher Zeit der aller⸗ geduldigſte ſein, und ich habe eine unſägliche Geduld, wenn es darauf ankommt, meine Rechte zu behaupten.“ „Aber*. 27 „Still doch— derjenige, der nichts anders als Rechte hat, muß wohl damit hauszuhalten verſtehen; er darf wahrhaftig nicht verſchwenderiſch damit umgehen, wie ein reicher Mann.“ * 6 türmen Feind tz, ja g eines in, bis 159 „Ich wollte Dir nicht den Vorſchlag machen, Dich von Deinen Rechten zu befreien: ich wollte Dich blos fragen, was das Alles bedeute.“ „Nun ja, weil Du mich nicht aufgebracht geſehen haſt, als wir unſre große Scene aus Veranlaſſung Dei⸗ ner kleinen hübſchen Freiheitsideen hatten.. ℳ Viola richtete ſich aus der gleichgiltigen Stellung, worin ſie in dem Wagen verſunken gelegen hatte, auf. „Charles, weißt Du auch, daß Du jetzt unpolitiſch und unedel zugleich handelſt?“ „Ah, wahrhaftig— ich ſoll mich aſo in Acht neh⸗ men und meine Meinung dahin ändern, weil Du mich nicht aufgebracht geſehen haſt, als wir unſre kleine Er⸗ klärung aus Veranlaſſung meines ungerechten Verdach⸗ tes hatten, ſo glaubſt Du, ich könne es auch künftig nicht werden?“ „O, was das betrifft...“ „Ja, was das betrifft, ſo habe ich ſchon lange das Sinnbild der Geduld auf meinem eigenen Grabe vor⸗ geſtellt. Die Ehe mit Dir wurde das Grab meiner Laune, meines Friedens, meines Glückes.“ Viola hatte ſich vorgenommen, eine wahre Geduld zu beſitzen, und ſie beſaß ſie auch. Aber ob ſie dabei immer die volle Herzensgüte be⸗ wies, welche ſie für andere beſaß, das wagen wir nicht zu behaupten. „Habe ich vielleicht deßhalb, damit Du mir das ſagen konnteſt, was Du mir ein paar Stunden ſpäter ebenſo gut hätteſt ſagen können, den Ball verlaſſen müſſen, als er juſt am lebhafteſten war?“ „Vortrefflich— die Frau ſpricht von dem Ball und dem Verluſt einiger elenden Tänze, während der Mann von ſeinem verlorenen Frieden ſpricht. Du machſt Dir nicht laͤnger die Mühe, die Edelmüthige zu ſpielen.“ „Ich habe niemals geſpielt; aber ich will nicht edelmüthig ſein, wenn Du mir eine Wunde um die an⸗ — 160 dere verſetzeſt... Sage jetzt lieber auf einmal heraus, W was es iſt.“ 6 „Erſtens: was war das für eine Haſt mit dem nicht Ballkleid? ich mußte allein zu Mittag ſpeiſen, weil Du zur Nähterin fuhrſt.“ iſt- „Bat ich Dich nicht deßhalb um Entſchuldigung? Wenn ich das Kleid nicht dort hätte anprobiren können, ſo wäre es nicht fertig geworden.“ deach „Und dieß war ſchlechterdings nothwendig, weil es ſo ſpät beſtellt wurde, daß ein beſonderer Umſtand die Veranlaſſung dazu gab.“ gebe „Kein anderer Umſtand als der, daß ich den Zeug ganz früher nicht geſehen hatte, und daß er mir anſtand.“ laſſen Charles betrachtete ſeine Frau mit einem ſchar⸗ fen Blick. Seine Brauen runzelten ſich. gedi „Beginnſt Du Dich zu ſchminken, meine Freundin, wür weil Du nicht roth wirſt?“ Der Blick, den Viola ihrem Manne zurückſchickte, drückte nur Verwunderung aus. habe „Biſt Du jetzt eiferſüchtig auf ein armes Kleid? verg Das iſt ungefähr ebenſo lächerlich, wie Deine Zumu⸗ thung, daß ich den alten Livelius nicht ſo unaufhörlich empfangen ſolle.“ zum „Und warum? geſchah dieß etwa des alten Livellus wegen, oder deßhalb, weil Du ſeine Abendbeſuche zum Vorwand nahmſt, um zu gleich er Zeit die jungen Herren ſchei aus der halben Stadt zu empfangen?“ Siel „Steht es Dir nicht frei, alle Perſonen abzuweiſen, die Du nicht in Deinem Hauſe ſehen willſt?“ Cha⸗ „Ja, wenn ich Luſt habe, mich auslachen zu laſſen.. will meiner Frau dagegen, die meine Gedanken kennt, wäre es ein Leichtes, dieſe dummen und langweiligen Beſuche iſt n abzuwehren.“ zu v „Das will ich auch thun, da ſie Dir mißfallen.“ „Aha, jetzt willſt Du die Abendbeſuche abwehren. D⸗ —— 1 161 Weißt Du, daß das nicht beſonders fein war— ich hätte etwas Beſſeres erwartet.“ „Du quälſt mich immer mit Anſpielungen, die ich nicht verſtehe.“ „Du gibſt wohl zu, daß Dein Ballkleid charmant iſt— Du haſt niemals beſſer ausgeſehen.“ „Das ſchmeichelt mir.“ „Und alle dieſe Tänzer, die Dir auch ſchmeicheln, dachten gewiß daſſelbe.“ „Es iſt möglich.“ „Wie ſchade jedoch, daß Du all dieſe Mühe ver⸗ gebens gehabt haſt; denn Du haſt Dich all dieſe Ele⸗ ganz doch wohl nicht Deinem Manne zu lieb koſten laſſen?“ „Jetzt erwidere ich kein Wort mehr.“ 3 „Das iſt ganz natürlich, weil wir zu dem Punkt gediehen ſind, wo jede Antwort Dich comprommitiren würde.“ Viola ſchwieg. „Wie große Anſtrengung mag es Dich gekoſtet haben, Deinen Verdruß über die Heimfahrt zu ver⸗ bergen.“ Keine Antwort. „Ich danke Dir auch für Deinen Takt, obſchon ich zum Voraus wußte, daß Du ihn zeigen würdeſt.“ Daſſelbe Stillſchweigen. „Nun da dieſer Gegenſtand Dir nicht zu behagen ſcheint, ſo will ich Dir die Fortſetzung erſparen.... Siehſt Du, ich habe juſt eine neue Idee bekommen. 4 „Da Du eine neue Idee bekommen haſt, lieber Charles, ſo will ich Dich nach dieſer fragen, denn ich will mich nie launiſch zeigen.“ „O ſo ganz neu war die Idee dennoch nicht. Es iſt mich blos angekommen, unſer Leben mit demjenigen zu vergleichen, das Emil und Jeanne Sophie führen.“ Viola ſeufzte. Dar Vormund. II. 11 — — 162 „Sie rollen nicht in einem bequemen Wagen vom Balle heim, aber um ſo beſſer, ſte quälen einander auch nicht mit kalten Worten und ſcharfen Blicken. Nach einem Tag voll Arbeit, Ruhe und Aufmerkſamkeit ſchla⸗ ſle fen ſie jetzt lieblich.“ Scht „Ach, ja!“ wuß „Glaubſt Du nicht, daß es für mich beneidens⸗ werth wäre, die kleine Anſtellung zu beſitzen, die Emil geſt erhalten hat, nota bene wenn ich eine ſolche Frau zůck beſäße, wie er?“ „Ja gewiß, wenn Du denſelben Charakter hätteſt, Sch wie Dein Bruder.“ „Jeanne Sophie hält keine Sozietäten, ſie fragt nicht darnach, ob Bälle unterwegs ſind oder nicht, ſie fragt nach nichts Anderem, als nach den Wünſchen und der Freude ihres Mannes, nach ihrer Haushaltung, ihrer Arbeit— und zwar thut ſie dieß nicht aus Pflicht und zu r Politik, ſondern aus wahrer Liebe.“ Viola ſchwieg wieder. mir, „Welchen mährchenhaften Beweis hat ſie ihm nicht klein von dieſer Liebe gegeben... und Emil, Emil ſollte an, eine ſolche Liebe erweckt haben, während ich, mitten im Ueberfluß des Reichthums vor Armuth verg ehe?“ Geft „Und vollends ich! antwortete Viola mit unvor⸗ letzte ſichtigem Tone.“ u n Dieß war der erſte Vorwurf, den ſie ſich je er⸗ 1 laubte. und „Klingt es ſo?“ geſtic „Ich meinte es nicht ſo böſe, Charles.“ unſer „Jedenfalls keine Entſchuldigungen; warum können wir nicht ebenſo gut eingeſtehen, daß wir Beide unſern Kopf drauf geſetzt haben, zu verhungern?“ In dieſem Augenblick hielt der Wagen an. nnen nſern — 163 Wir finden jetzt die Herrſchaft im Schlafzimmer. Viola ſteht vor dem großen Toilettenſpiegel. Sie kann ſich eines Erröthens nicht erwehren, als fle bemerkt, wie ſehr das glänzende Ballkleid ihre Schönheit erhöht. Sie hatte dieß nicht ſo genau ge⸗ wußt, bis ihr Mann ſeine Bemerkung gemacht hatte. Charles, der, den Ellenbogen auf eine Chiffoniere geſtüzt, daſteht, betrachtet ſie mit Blicken, die von Ent⸗ zücken und Raſerei zugleich leuchten. Man merkte wohl, daß nach dem Prolog jetzt der Schluß kommen würde. Viola nahm ihren Kopfputz ab. „Weine, mein Engel, weine.“ „Warum ſollte ich weinen?“ „Das erleichtert Dich.“ „Ich finde, wie Du weißt, kein Vergnügen daran, zu weinen.“ „Aber eine ſo entſetzliche Verrechnung... Verzeih mir, meine arme Freundin, ich war hart. Jetzt, da meine kleine Rache befriedigt iſt, kommt es mich nicht ſchwer an, es einzugeſtehen.“ In dieſem Augenblick ging Viola, einem ſchönern Gefühl gehorchend, als dasjenige war, das ſie in der letzten halben Stunde beherrſcht hatte, auf ihren Mann zu und legte ihre Hand an ſeinen Arm. „Ich verſichere Dich feierlichſt, Charles, daß ich ganz und gar nicht verſtehe, auf was Du die ganze Zeit über geſtichelt haſt. Sei jetzt aufrichtig gegen mich, damit unſer Mißverſtändniß aufhören kann.“ „Und dieſe unſchuldige Miene kannſt Du annehmen?“ „Ich bin ja doch unſchuldig.“ „Ja das verſteht ſich, in Bezug auf alles andere, als eine gewiſſe Kenntniß.“ „Kenntniß, von was?“ „Liſtige— deine Heuchelei geht zu weit. ja, auf Chre, gar zu weit. Glaubſt Du, Du ſeieſt im Stande, * 7 die Aufmerkſamkeit eines ei leiten? Du wußteſt, daß... „Was in Gottes Namen wußte ich 2“ „Daß der Kriegsrath nach Hauſe kommen würde, daß er eine Stunde ſpäter ankam, und daß er beſchloſ⸗ ſen hatte, ſeine Freunde durch einen Beſuch auf dem Ball zu überraſchen.“ Viola ſetzte ſich oder ſiel vielmehr auf den Stuhl. Der Ausdruck in ihrem Geſicht zeigte eine ſolche Miſchung von Erſtaunen, Freude und Schreck, daß man unmoͤglich glauben konnte, daß ſie ſich nicht beſſer zu beherrſchen vermocht haben würde, wenn ſie das Min⸗ deſte gewußt hätte. Charles bedurfte nur eines einzigen Blickes auf ſie, um ſich augenblicklich zu ihren Füßen zu werfen. „Verzeih, o verzeih meine verrückte Eiferſucht. Ue⸗ berall ſehe ich Schatten... ich erfuhr ſeine unvermu⸗ thete Ankunft und... und... Viola, ſprich zu mir... o Viola, ſprich... nur ein Wort... ich habe nicht gewußt, was ich ſagte— meine ganze Anklage iſt un⸗ gerecht geweſen.“ Viola hielt die Hände vor das Geſicht. Charles machte dieſe Hände los, und jetzt ſah er nicht Thränen, wie er erwartet hatte, wohl aber einen Blitz zornigen Stolzes, der ihm entgegen funkelte. „Du haſt mich des Bruches meines Gelübdes ver⸗ dächtigt, einer Niederträchtigkeit, einer heimlichen Ver⸗ bindung mit...“ „Bei Gott, nein! Ich habe Dich niemals bearg⸗ wöhnt, wenn ich meinen vollen Verſtand hatte. Aber bedenke, daß ich nicht darüber zu verfügen vermag, wenn die Dämonen mir zu nahe kommen.“ „Was forderſt Du für deine Ruhe? Ich gehe auf jede Bedingung ein.“ „Ich fordre nichts, nicht das allergeringſte, außer, daß Du mir verzeihſt.“ 8 ferſüchtigen Mannes irre zu irre zu würde, eſchloſ⸗ if dem Stuhl. ſolche ß man ſſer zu Min⸗ uf ſie, t. Ue⸗ vermu⸗ Ir... 2 nicht ſt un⸗ ſah er 5 einen — 8 ver⸗ Ver⸗ bdearg- Aber* wenn ſe auf nußer, 4 165 „Nun und wenn er einen Beſuch mocht— und er kann dieß doch aus Konvenienz nicht unterlaſſen.“ „Wenn er nicht käme, ſo müßte ich ihn darum bit⸗ ten, ſonſt wäre ja die ganze Stadt in das Vertrauen eingeweiht... Aber, daß er jetzt nach Hauſe kam, das war unerwartet.“ „Er kam ſicherlich in Geſchäften und wird wohl nicht lange bleiben.“ „Und Du ſagſt das in einem Ton, wie wenn Du wünſchteſt, daß er nicht bliebe?“ „ Ich bin auch weit entfernt, das zu wünſchen. Sei ruhig, Charles— Du ſollſt zufrieden geſtellt werden 3 ich verſpreche es Dir, weder er wird mich ſchwach ſe⸗ hen, noch Du.“ „Ach wie herrlich Du jetzt biſt— wie ich Dich anbete„.. und wenn... wenn er ſich anmelden läßt, wenn Du allein biſt?“ „Allein,— wann ſollte er ſich da anmelden laſ⸗ en?“ Charles beugte ſeine Stirne in ihren Schooß hinab. „Ich weiß wohl, daß ich allzu zudringlich bin, daß ich mir ſeibſt dadurch ſchade— aber ich ſchwöre Dir, daß ich jetzt..“ „Nein, nein, Du ſollſt mich in dieſen Tagen nicht verlaſſen: ich will, daß Du mich ſeheſt.“ Ja ungefähr auf dieſelbe Art, wie der Gefangene ſeinem Schließer erlaubt, einer wichtigen Zuſammenkunft anzuwohnen. Der Gefangenwärter ſoll beruhigt wer⸗ den, aber zwiſchen dem Gefangenen und dem Beſucher findet eine gewiſſe Freimaurerei ſtatt, welche nur ſie verſtehen.“ „Und dieß juſt jetzt!“ Viola zog ſich kalt zurück. Charles konnte keinen freundlichen Blick mehr er⸗ halten. 7 Seeine Betheurungen, ſeine Bitten, ſein Schluchzen, alles war vergebens— er erhielt kaum einen bloßen Blick. . — 4 3 1 1 XVI. Noch glänzt der Mond. gottvollerer Mondſchein, und er ſpielte mit ſeinen ſchön⸗ ſten Strahlen über zwei Frauenköpfen, welche ſich dicht und vertraulich in einer Fenſtervertiefung zu einander neigten. „Ach nein, auf Dich iſt er nicht eiferſüchtig... ſprich, geliebte Jeanne Sophie, denn einen ganzen Tag dageſeſſen und gewartet zu haben— Du verſtehſt doch?* Jeanne Sophie drückte die Hand ihrer Freundin. „Iſt er denn unaufhörlich ſo auf und ab, ſo aus und eingegangen, meine Liebe 2 „Unaufhoͤrlich. Und ſein Fieber legt ſich nicht, bis dieſer Konvenienzbeſuch abgeſtattet iſt.“ Jeanne Sophie ſeufzte. „Nein, ſeufze nicht um mich. Es iſt wohl wahr, daß mein häusliches Leben bläſſer iſt als der Mond⸗ ſchein, aber es iſt noch lange nicht unglücklich. Sein Argwohn kommt ja aus einem Gefühl, deſſen Gewalt⸗ ſamkeit ich beurtheilen kann.“ „Er iſt abgeſchmackt; aber es iſt deanoch ſchade um ihn, denn ich fürchte, daß ſich in Deinem Herzen noch nicht ein einziger Funke für ihn entzündet hat.“ Violas tiefer Seufzer war beredter als ein Nein. ein einziger Gedanke, den er nicht ſehen konnte, hat ſich durch deine Seele geſchlichen.“ „Du darfſt mich auch für keine Heilige halten.“ „Haͤtte der Mond die Wärmegluth der Sonne ge⸗ habt, ſo würde der Mond die heiße Farbe verſchuldet Am folgenden Abend war ein wo möglich noch „Aber Du biſt ſtark und edel, meine Viola: nicht noch ſchön⸗ dicht ander Tag ch 244 in. aus „ bis dahr, ond⸗ Sein valt⸗ um noch in. nicht ſich 74 ge⸗ aldet 167 haben, die auf Violas Wange ſich erhob; aber jetzt fühlte ſich ſtatt deſſen dieſer keuſche Vertraute ſo verletzt, daß er eine dichte Wolke über ſein Geſicht fallen ließ. „Siehſt Du,“ fuhr Viola fort, als Jeanne Sophie ſchwieg,„ſiehſt Du, wie der Mond ſich verbirgt, um mir nicht zu zeigen, wie Dein Blick ſich verfinſterte?“ „Du täuſcheſt Dich.“ „Ich täuſche mich nicht— aber ſei ruhig. Wenn ich auch nicht immer ſo ſchneeweiße Gedanken habe, daß ich ſie meinen Mann ſehen laſſen möchte, ſo werden gleichwohl meine Handlungen niemals anders ſein, als daß ſein Auge ihnen folgen kann. Erzähle jetzt von dem Mittageſſen bei Lars Moritz und Laura.“ „Es war Niemand dort als er, wir und der alte Livelius.“ „Nun?“ 8 „Er ſah ſo wenig ſchwindſüchtig aus als Du.“ „Das glaube ich wohl— blos in früheren Tagen gehörte es zur Mode, gewiſſe Gefühle in Hektik über⸗ gehen zu laſſen.“ „Du wirſt ihm doch auch nicht,“ ſagte Jeanne Sophie lächelnd,„ſo etwas wünſchen?“ „O nein, weit entfernt. Er iſt ja ein Mann nach der jetzigen Mode und in der Mode, wie man ſagt.“ „Allerdings, aber nichts Pedantiſches. Alles ge⸗ ſchmackvoll, einfach, gerade recht.“ „Aber vermuthlich äußerſt prächtig?“ „Das verſteht ſich— prachtliebend war er ja ſchon als alter Junggeſelle; Du begreifſt alſo wohl, daß er jetzt.. „O vollkommen... nun, ſein Benehmen?“ „Ruhig, wie immer, obſchon etwas freier und offe⸗ ner. Im übrigen nichts, was ſich nicht mit ſeiner an⸗ gebornen Würde vereinigen ließe.“ „Aber die Veranlaſſung zu ſeiner Reiſe?“ „Ja, er erzählte ſogleic„h... Ich glaube, daß die Tritte deines Mannes näher zu uns kommen.“ — — —-õ—— „»Er hat wieder umgekehrt... er erzählte, ſagſt „Daß ihm ein Poſten angeboten worden ſei, der einträglich und ehrenvoll genug ſei, um ihn zu beſtim⸗ men, ſein zurückgezogenes Leben wieder aufzugeben und ch wenigſtens auf ein Paar Jahre in Stockholm nie⸗ derzulaſſen.“ „Auf ein Paar Jahre?“ Jetzt haͤtte man glauben ſollen„ der Mond habe Viola einen Schneeſchleier geliehen, damit ſie ihre kaum noch ſo blühenden Wangen darin verbergen könnte. „Und er iſt hieher gekommen,“ fuhr Jeanne Sophie fort,„um ſeine Angelegenheiten hier zu beſtellen, ſein Haus zu vermiethen und den alten Nicke abzuholen.“ „Ach, auch e r.“ Viola konnte ja für ihn die Thräne vergießen, die ſie bisher zurückzuhalten vermocht hatte. „Du haſt viel Freude an dem Alten?“ „Unbeſchreiblich viel. Er iſt jede Woche ein oder zweimal gekommen, um mir ſeine Aufwartung zu machen, und ſeine freundlichen Worte, die immer ſo gemülhlich tönen, haben mir wohlgethan.“ „Nein, meine Viola, ich glaube eher, ſie haben Dir geſchadet. Es iſt beſſer, wenn Erinnerungen, die zerſtört werden müſſen, keine Nahrung erhalten.“ „Biſt Du es, die ſo ſpricht?“ Jeanne Sophie rückte hin und her an dem Fen⸗ ſterpoſten. „Ich verſtehe Dich,“ ſuhr Viola fort,„Deine Liebe war keine unerlaubte Liebe! aber Diejenigen, denen Gott Glück gegeben hat, müſſen Andere, denen er ſol⸗ ches nicht verliehen hat, mild beurtheilen.“ „Aber eine Freundin, meine liebe Viola, welche dieſen Namen verdient, muß zur Stärke aufmuntern und nicht zur Schwachheit.“ „Gut— laß uns zu unſerm erſten Gegenſtand b V Traumkabinet, denn hier war es 1o ſie, unter dem 169 zurückkehren.. Sprach er davon, wann er hieher kommen wolle?“ „Ja ganz ungenirt. Er ſagte ſogar zu Laura, als er gegrüßt und ſich umgeſchaut hatte: „Meine liebe Schwägerin, haſt Du nicht alle un⸗ ſere Freunde hier?“ „Das ſagte er?“ „Und nachdem er einige Worte zu mir geſprochen,“ fügte er hinzu.„Morgen oder vielleicht ſchon heute Abend werde ich meine andere Mündel aufſuchen.“ „Ach, er äußerte ſich ſo leger— da hoffe ich auch, daß ihm das Wiederſehen dieſer Mündel kein Leiden be⸗ reiten wird.“ „Ich wage nichts zu beurtheilen. Inzwiſchen kannſt Du dich darauf gefaßt machen, daß Du auf morgen oder übermorgen ins Pfarrhaus zum Mittageſſen einge⸗ laden wirſt.“ „Eine ſolche Einladung werde ich ablehnen, denn ich will nicht pochen mit einer Stärke, die vielleicht nicht allzugroß ſein dürfte.“ „O da haſt Du Recht... wie wird er dieß bil⸗ ligen!“ „Und vollends Charles— bia ich nicht verpflich⸗ tet, ihm eine Bürgſchaft für ſeine Ruhe zu geben... aber höre.. ſtl“ „Es kommt Licht in den Salon hinauf— Dein Mann ſpricht mit Jemand.“ „Das iſt er.“ Viola faßte Jeanne Sophiens Arm hart an. „Meine geliebte, beſte Freundin: „Können wir nicht hier ohne Licht bleiben? Dieſer Mondſchein iſt mir vortheilhafter, als die Sonne und die Lichter.. Laß uns hier bleiben.“ Die beiden Frauenzimmer befanden in einem kleinen Stübchen mit einem einzigen r, Violas Leſekabinet und— wir müſſen es wohl ſagen— ihr 170 Vorwand zu leſen und zu ſchreiben, auf dem Sofa zu⸗ ſammengekauert lag und ihre Erinnerungen ſammelte. „Aber,“ wandte Jeanne Sophie ein,„glaubſt Du, daß Dein Mann das billigt... o ſie kommen bereits hieher Charles dürfte es ſelbſt gerne ſehen, wenn Du dich im Mondſchein präſentirſt.“ Die Tritte kamen ganz nahe. Viola ſah ihre Freundin mit einem Blick ſo tiefer Angſt an, daß Jeanne Sophie zitternd flüſterte: „Du biſt viel ſchwächer, als ich glaubte. Vergiß nicht, daß ſeine Achtung an dem Strohhalm einiger Se⸗ kunden hängt.“— „Weiß ich das nicht... aber Du ſollſt ſehen!“ „Liebe Viola“— es war der Ehemann, der ſprach— wich bringe hier einen alten lieben Freund mit... ach meine Damen, ihr fantaſirt im Mondſchein, ſehe ich.“ Der Kriegsrath Wendelsköld trat eiligſt auf die junge Wirthin zu, die ſich eben ſo eilig umwandte. Severins Ausſehen war ſo jung, ſo ſtolz, ſo zwang⸗ los und friſch, ſeine Toilette ſo ausgeſucht und elegant, daß Viola, im Fall das Pochen ihres Herzens ſie nicht anders berichtet hätte, einen Fremdling zu ſehen geglaubt haben würde, nicht aber ihren früheren Vormund mit dem breitſchöſſigen Frack, dem ſteifen Halskragen, der Brille, der Schnupftabaksdoſe und dem ganzen Zubehör. Sie glaubte den Kriegsrath wenigſtens ſo zu ſehen, wie er vor zehn Jahren ausgeſehen haben mußte. Aber. die erſten Toͤne ſeiner ſanften, wohl⸗ klingenden Stimme hörte, da zerſchmolzen das Neue und das Alte, und das Ganze wurde doppelt qualvoll, doppelt unſeſig. — 171 „Welch ein unausſprechliches Vergnügen, nach ſo vielen Monaten einen theuren Freund um den andern wiederzuſehen... ich hatte gehofft, daß ich ſchon ge⸗ ſtern Abend auf dem Ball die Ehre haben würde, Ihnen mein Compliment zu machen, Frau Marbin.“ „Wenn ich von Ihrer Ankunft gewußt hätte, und daß Sie die Abſicht hätten, den Ball mit Ihrer Gegen⸗ wart zu beehren, ſo hätte ich mich von meinem Mann nicht überreden laſſen, ſo frühzeitig aufzubrechen. Aber ich wußte, daß ich blos ein Paar Tänze aufopferte, und zu dieſem Opfer konnte ich mich leicht entſchließen.“ Dieſe Worte floßen merkwürdig ruhig über Violas Lippen. In ſeinem Entzücken war Lieutenant Charles nahe daran, ein Knie vor ihr zu beugen, und es hätte ko⸗ ſten mögen, was es wollte, er konnte es nicht unterlaſ⸗ ſen, die Hand ſeiner Frau zu ergreifen und zu küſſen. Severin hatte natürlich dieſe Hand weder geküßt, noch im mindeſten gedrückt, obſchon er die ſeinige mit aller Ungezwungenheit vorſtreckte. „Frau Jeanne Sophie und ich haben uns bereits getroffen“ fuhr der Kriegsrath fort, indem er ſchein⸗ bar ganz unbekümmert ſich in einen Emma ſetzte, welchen Viola etwas auf die Seite geſchoben hatte—„aber nichts deſtoweniger werde ich morgen meine frühere Mündel beſuchen, um mir einen Freundſchaftsdienſt von ihr zu erbitten.“ „Ehe wir davon zu hören bekommen— im Fall die Sache für unſre Ohren beſtimmt iſt,“— ſagte Char⸗ les„ſo glaube ich, wir ſollten uns in den Salon zu⸗ rückverfügen. Du läſſeſt gewiß Deinen Gaſt nicht ziehen, ehe er verſprochen hat, daß er uns den Reſt des Abends ſchenken wolle.“ „Laſſen Sie uns jedenfalls da bleiben, wo wir ſind. Hier iſt es ſo ruhig, ſo comfortabel und vertraulich in dieſer magiſchen Mondbeleuchtung.“ „Eine kleine Weile mag es angehen, aber wenn Sie uns die Freude machen wollten, die Bitte zu be⸗ willigen, mit welcher mein Mann mir zuvorgekommen ſt... „Entſchuldigen Sie, meine beſte Frau Marbin, aber ich kann ſchlechterdings weder über dieſen, noch ſonſt über einen einzigen Abend verfügen. Nur mit knapper Noth werde ich in der Woche, welche ich hier bleibe, meine Sachen in Ordnung zu bringen vermögen.“ „Herr Kriegsrath,“ verſetzte Viola,„Sie beabſich⸗ tigen alſo im Ernſt, ſich in Stockholm niederzulaſſen? — Ich habe es ſoeben von Jeanne Sophie vernommen.“ „Ja, man iſt ein Bischen eitel, man fühlt ſich ein Bischen geſchmeichelt, für nützlich gehalten werden zu können. Es war auch viel zu früh, ſich auf die faule Haut zu legen.“ — Charles Stimmung wurde immer heiterer... welche Ausſichten für die Zukunft! „Ich will mich edelmüthig zeigen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Und ſo ging er in's andere Zimmer hinaus, um die Heizung zu beſorgen. 3 Aber wie ſehr er ſich auch während dieſes Manö⸗ vers umſah, bald ſeitwärts, bald nach der Thüre und bald in den Spiegel, ſo war nichts zu bemerken. Sogar als Jeanne Sophie ſich auf ein paar Augen⸗ blicke umwandte, ſaßen der Kriegsrath und Viola eben ſo ungezwungen da und ſprachen von der Niederlaſſung in Stockholm. Juſt in Bezug auf dieſen Umzug will ich mir von Frau Jeanne Sophie eine Gunſt ausbitten,“ ſagte Severin mit einem behaglichen Lächeln. „Eine Gunſt von mir— es wird mir ſehr ſchwer werden, bis morgen früh darüber nachdenken zu müſſen, welcher Art dieſe wohl ſein könnte.“ „Ich nehme mir die Freiheit, mein Geſuch ſogleich vorzutragen, damit Lieutenant Emil und ſeine liebens⸗ würdige Frau Bedenkzeit haben, bis ich die Antwort hole.“— 173 „Ach laſſen Sie hören.“ „Nun die Sache iſt die: es bleibt immerhin eine Möglichkeit, daß ich meiner neuen Wirkſamkeit über⸗ drüffig werde, und dann iſt es wenigſtens angenehm, einen Zufluchtsort zu haben, wo man ſich nicht gar zu fremd findet. Vermiethe ich nun mein ganzes Haus, ſo iſt dieß grade ſo, wie wenn ich es nicht beſäße, und es ganz ohne Aufſicht ſtehen zu laſſen, das wäre noch ſchlimmer.“ 1 „Herr Kriegsrath...“ „Darum habe ich gedacht, wenn eine meiner ver⸗ ehrteſten Freundinnen von dem unteren Stock und dem Garten Beſitz ergreifen wollte, ſo könnte ich immer auf eine heitere und gemüthliche Heimath rechnen.“ „Aber... aber...“ „Glauben Sie, Frau Jeanne Sophie“— der Kriegsrath bediente ſich gegen Frau Emil Marbin immer des vertraulichen Titels—„daß ich es wagen darf, auf eine ſolche Gunſt zu hoffen?“ „Erlaſſen Sie mir, ſchon jetzt zu ſagen, was ich von dieſem Vorſchlag denke,“ antwortete Jeanne So⸗ phie, angenehm überraſcht und gerührt.„Morgen, wenn Sie meinen Emil und mich in unſrem kleinen Häuschen unten an der Ecke der alten Zollgaſſe beſuchen, werden wir erklären, welche Gefühle uns derſelbe eingefloͤßt hat.“ Der Kriegsrath, der während des ganzen Beſuches ſeinen Hut nicht weggelegt hatte, erhob ſich jetzt, nach⸗ dem er zuvor noch einige weitere Worte mit dem Wirth und der Wirthin geſprochen. Weder Charles noch Viola machten den mindeſten Verſuch, ihn zurückzuhalten. „Ich hoffe,“ ſagte die junge Frau,„daß wir Sie wenigſtens vor Ihrer Abreiſe noch einmal zu ſehen be⸗ kommen.“ „Ganz gewiß, Madame, könnte ich unmoͤglich ab⸗ reiſen, ohne Ihnen Lebewohl geſagt zu haben... Wenn 174 ich einmal wiederkomme“— es verrieth ſich eine ganz leichte Brechung in ſeiner Stimme—„dann wer⸗ den wir, hoffe ich, alle zuſammen en famille leben.“ Viola war allein geblieben. Sie kniete auf dem Fenſterſchemel, den Kopf in einem der Kiſſen des Geſimſes verborgen. Was ſie ausgeſtanden, was ſie über ſich vermocht, hätte beinah alle menſchliche Kraft überſtiegen; wenig⸗ ſtens ſchien es ihr, als ob ſie jetzt ein Recht beſäße, ſo ſchwach zu ſein, als ſie wollte. Und gewiß war ſie ſchwach. Als ſie einmal ihr Geſicht erhob, konnte ſich der Mond in den großen, klaren Thränen ſpiegeln, die auf das Purpurkiſſen gefallen waren. Ein Arm ſchmiegte ſich um ihren Leib. Aber ſie entwand ſich. War es recht, war es zartfühlend, war es möglich, daß er jetzt, juſt jetzt... jetzt.. Die Bruſt war zuſammengepreßt. Sie mußte ja ſchluchzen, um nicht zu erſticken. Und wer war es, der dieſes Schluchzen hörte? „Du leideſt alſo entſetzlich? Deine Rolle koſtete Dich eine unerhörte Anſtrengung.“ Viola ſchwieg.. „Ich war ſoeben noch voll von Dankbarkeit und Freude— jetzt finde ich, daß ich weder zum Einen noch zum Andern Veranlaſſung habe.“ „Sei barmherzig, Charles... laß mich allein! Morgen iſt es vorüber.“ „Dich allein laſſen, damit Du ungeſtört Gelegen⸗ heit haſt, ſeinetwegen zu ſchluchzen,— o das iſt zu ſtark. Ich möchte doch wiſſen, wie manche Frauen ſich er⸗ kühnen würden, eine ähnliche Bitte an ihren Gatten zu ſtellen.“ „Höre,“ verſetzte die junge Frau, und ihre Augen, in welchen noch Thränen zitterten, nahmen einen Aus. druck bitteren Verdruſſes an,„glaubſt Du, daß ich ſk⸗ mals einen Mann werde lieben können, deſſen Edelmuth, wenn er auch von Zeit zu Zeit zum Vorſcheig koömmt, nie eine Minute überdauert?“ „Du drohſt alſo, Du drohſt, mich niemals zu lieben?“ „Ich drohe nicht,— ich ſage blos, daß Du ſelbſt es mir zur Unmoͤglichkeit machſt.“ Der Mond verlor ſich in einer Wolke. Er wollte nicht ſehen, wie dieſer Abend noch bitterer und hoffnungs⸗ loſer wurde, als der vorhergegangene. XVII. Die letzten Mondſcheinſrenen. 1. 8 Im Garten des Kriegsraths.. Die neu aufgeworfene Erde liegt wie eine Reihe von Gräbern da, und zwiſchen dieſen hingeſtreckten Dieſer Mann, der acht Tage hindurch bewieſen hat, zu welcher Höhe die Selbſtbeherrſchung getrieben werden kann, läßt jetzt, allein mit Gott, dem Monde und ſich ſelbſt, die elegante Maske fallen. Und wie erſcheint er in ſeiner nackten Armuth! Wir wollen kein Wort davon ſagen. Er iſt ja ſo eiferſüchtig in Bezug auf ſeine äͤußere * Gräbern ſpaziert ein Mann mit langen und feſten Tritten. Erſcheinung, und deßhalb beweist ſogar der Mond das Zartgefühl, daß er thut, als ob er nichts ſehe. Aber ſtatt deſſen ſchauen wir, wie er aus der Brieftaſche ein Billet hervorzieht, betrachtet und wieder niederlegt. „Soll ich es abſenden, oder nicht?“ ſagt er zu ſich ſelbſt.„Soll ich mich noch einem Wiederſehen aus⸗ ſetzen?... War es nicht genug mit dem erſten? „Ja wohl! „Aber ich muß noch einmal ſehen, wie es ſich aus⸗ nimmt!“ Er öffnete das Billet. Es war hell genug um zu leſen, was er auswendig wußte: „Meine gnädigſte Frau Marbin! Ich hatte nicht das Vergnügen, Sie bei meinem Abſchiedsbeſuch heute Vormittag zu treffen... (Es war auch nicht beſonders leicht, unterbrach er ſich, da ich ſie ausfahren geſehen hatte.) Und da meine ſo bedauerlich in Anſpruch genom⸗ mene Zeit, mir keinen Beſuch mehr geſtattet, ſo muß ich mir den Zwang auferlegen, blos durch dieſe Zeilen mein Lebewohl auszuſprechen. Mit den aufrichtigſten und herzlichſten Wünſchen für Ihr Glück, habe ich die CEhre mich zu zeichnen als 8 Ihr alter Freund und gehorſamer Diener Severin Wendelsköld.“ 5„Das lautet trivial, dumm, gar zu kalt— aber gleichviel, es iſt doch beſſer als...“ Er unterbricht ch: „Ich will es ſogleich abſenden.“ „Severin, tauſend Teufel, Bruder— botaniſirſt Du ſchon im April?“ Bein 177 Es war der alte Livelius, der eiligſt durch den Gar⸗ ten gerauſcht kam, auf den Ferſen gefolgt von Lars Moritz, welcher, gleich dem Doktor und dem Mond, Takt genug zeigte, um Severins auffallende Verwirrung nicht zu bemerken. „Meine liebe Laura ſtirbt vor Verlangen nach Dir. Wir ſind den letzten Abend allein, und jetzt ſind wir gekommen, um Dich abzuholen.“ „Sogleich, meine Freunde, ſogleich...(das Billet war alsbald verſteckt worden); ich gehe nicht da herum, um zu botaniſiren, ſondern ich mache eine Berechnung für Jeanne Sophie. Sie darf nicht mein ganzes Roſen⸗ beet in einen Kohlgarten verwandeln.“ „Das wird ſite auch, beim Henker, nicht wollen,“ rief der Doktor.„Ich ſtelle mich als Obergärtner bei ihr an: Emil hat zu gute Augen, als daß ich hoffen dürfte, etwas mehr zu werden. Aber ohne Scherz, Bru⸗ der, ſoll mich der Teufel holen, wenn ich nicht ſo das Heimweh' nach Dir habe, daß ich, wenn ich Deine eigne Geſellſchaft nicht genießen kann, mich ſchon unter Deinen Blumen wohl befinde. Verdammt dumme Zeiten, wenn Freunde ſich trennen müſſen!“ „Es kommen andere,“ meinte Lars Moritz,„wo...“ „Wenigſtens jetzt noch nicht.“ Severin reichte jedem von ihnen eine Hand, und damit war das ganze Vertrauen gegeben und empfangen. 2. 7„* 4A A„* Beim Abſchied im Pfarrhaus. Tète-à-téte zwiſchen Schwager und Schwägerin. Der Doktor war bereits unten auf dem Markt. Lars Moritz war nach ſeinem Hut gegangen, um Severin nach Hauſe zu begleiten. „Meine liebe, gute Laura, es iſt alſo alles wahr, Der Vormund. III. 12 — S — — 5 178 was ich geſehen habe? Ganz und gar kein ſalſcher Schimmer?“ „Keine Spur davon, mein theurer Schwager! Ich bin vergnügt, glücklich und dankbar.“ „Gott ſei Dank! Und Dein Charakter— verzeih', wenn ich zu aufrichtig werde— iſt er jetzt fügſamer ge⸗ worden, als er vorher war?“ „Hat Lars Moritz es Dir nicht geſagt?“ „Ja, er hat feierlich erklärt, daß Du die beſte Frau ſeiſt, die ein Mann wünſchen kann, aber er würde etwas anders nie zugeſtehen... ich weiß da noch eine zuver⸗ läſſigere Autorität.“ „Welche— den Doktor vielleicht?“ „Nicke,“ „O, er und ich ſchmollen noch immer mit ein⸗ ander.“ „Ja, aber der Alte iſt gerecht. Er ſagte mir neu⸗ lich eines Nachmittags...“ „Was? ich moͤchte es gerne hoͤren.“ 8 —„Ich will ihn wortgetreu zitiren: Sie dürfen mirs glauben, Herr, ſagte er, daß der Pfarrer eine wahre Ehre mit ſeiner Erziehung einlegt: er hat ſie ſo gut unter den Daumen bekommen, daß es mich von Herzen freut, und geht das ſo fort, ſo will ich wetten, daß er binnen zehn Jahren ein wahres Muſter von einem Weibs⸗ bilde aus ihr gemacht hat.“ „Da ſehe man— der alte Währwolf ſchmeichelt mir, obſchon er freilich eine ziemlich lange Zeit für meine höchſte Vervollkommnung feſtſetzt... Aber, geliebter Schhwager, haſt Du vergeſſen.“ „Ach, meine beſte, liebe Laura, erinnere mich an nichts anders, als daß Du mich liebteſt und mir Behagen bereiteteſt in der Zeit, als ich zu blöde und zu gemüths⸗ kranf war, um mir ſelbſt welches zu bereiten.“ Sch men; gewi Athe und Schl nur zu de Die vollz Frau etwas uver⸗ ein⸗ neu⸗ mirs vahre gut derzen aß er heibs⸗ ichelt meine lebter ch an hagen üths⸗ 4 8* ** Am Schlüſſelloch von Frau Charles Marbins Schlafzimmer. (Der Mann auf der einen Seite der Thür, die Frau auf der andern.) Der Mann: Aha, es iſt ſein Billet, was ſie liest — ſein zärtlicher Abſchied... ja drücke es, küſſe es, — bete deinen Abgott an, ſchwaches Weib, das ſich blos ſtark ſtellt, um ſich in ſeiner Achtung zu erhöhen. O wenn der Tag käme, wo ich dich nicht mehr liebtel Wie ſchaudere ich bereits bei dem Gedanken an Freiheit! Wie werde ich mich da rächen, wie werde ich dich quälen für all die Qualen, die du mich haſt aus⸗ ſtehen laſſen! Aher ich habe jetzt ein ganzes Jahr ohne Hoffnung, ohne Gegenliebe geliebt. Und noch raſ't das Feuer ſtärker als vorher.. dieſe acht Tage, dieſe verdammten acht Tage. Ha! ſie nähert ſich— auch ſie gedenkt durch das Schlüſſelloch zu ſehen... ich ſehe es an ihrem Zuſam⸗ menzucken, daß ſie an mich denkt... ſie will ſich ver⸗ gewiſſern, ob ſie allein iſt. Sie(von innen): Ich meinte, ich hörte ſeinen Athem hier in der Nähe... vielleicht ſteht er draußen und ſpionirt mich aus? (Sie beugt ſich hinab und legt das Auge an das Schlüſſelloch.) Gott ſei Dank, er zeigt ſich nicht. Ach welcher Himmel, welche Wolluſt, wenn auch nur auf einige armſelige Minuten dieſem Zwang entgehen zu dürfen! 3 Mein Gott, mein Gott, und alles war vergebens! Die beiden, um derenwillen ich dieſen unſeligen Beſchluß vollzog, haben einander gefunden, ſind glücklich, während ich mein Leben mit einem Manne verbringe, deſſen Eiferſucht und Argwohn mich ſchlimmer als in Eiſen gefeſſelt hält. O du alter lieber Mond—(ſie wendet ſich wieder zum Fenſter)— nur du allein ſiehſt die Größe meiner Qual, die Tiefe meiner unheilbaren Reue, nur du ſiehſt meine Seligkeit im Schmerz..... Dieſe Zeilen von ihm— kann ihre Kälte mich täuſchen? Da er nicht konnte, ſo geſchieht es deßhalb, weil er noch.. Sie küßte den Brief abermals mit leidenſchaftlichem Entzücken. Draußen rang Charles in ſtürmiſcher Verzweiflung ſeine Hände. Er hörte und ſah, denn jetzt war er es wieder, der am Schlüſſelloch ſtand. 4 4. In Frau Jeanne Sophie Marbins Schlafzimmer. Es iſt ein etwas großes Zimmer, das ſowohl Schlafzimmer als Wohnſtube bildet, ſo einfach, ſo dürftig, aber im Inneren doch ſo fein und reich an allen Arten häuslichen Behagens. Der Mann und die Frau ſtehen Arm in Arm vor dem Spiegel und lächeln ſchalkhaft ihre gegenſeitigen Bilder an, die vom Mondſchein beglänzt ſind. . O, mein Emil, wir müſſen uns wohl vor der 2 Welt verbergen und ſie nicht einmal den tauſendſten Theil unſres Glückes ahnen laſſen.“ 3 „Ja, Du haſt Recht, Geliebte. Laß uns daſſelbe verbergen, denn die Thoren würden nur über uns lä cheln... und denk' Dir jetzt, wenn wir in den erſten V Frühlingstagen dorthin ziehen,— dieſer Garten, ach, wie lieb' ich ihn!“ 6 8 4 2 „Still, ſtill, laß uns Gott danken, der ſo über alle Erwartungen gnädig gegen uns geweſen.“ „Und dann der Kriegsrath? Unſer vortrefflicher, unſer edler und hochverehrter Freund!“ „Und unſre Freunde in dem lieben freundlichen Kapellhaus.“ 1 „Und den kleinen Bohn, dem wir einen Platz auf der See verſchafft haben, und für den wir als einen wahren Pflegſohn ſorgen wollen. Ihm wenigſtens konnten wir unſre Dankbarkeit beweiſen.“ „Aber für meine hundertjährige Freundin konnten wir nichts thun... Gott hat ihr ſtatt deſſen ihren Lohn gegeben, indem er ihre Augen ſchloß und ſie nach einer achtzigjährigen Sehnſucht mit demjenigen, den ſie liebte, ſich vereinigen ließ... o wie viel war ich ihr nicht ſchuldig.“ „Und meine weiße Taube... es ſind ſo viele, denen wir Dank ſchulden; aber ſie iſt es zuerſt und zuletzt. Ach, wie leide ich um ſie! Möge ſie nicht ſterben mit dem Gram. den ſie nicht einmal zu verhüllen ver⸗ mag!“ „Nein, nein, ſie iſt ſtark.“ 5. An Olena's Grab. Der alte Nicke ſitzt auf der kleinen Bank. Sein Nastuch reibt unaufhörlich die hervorrollen⸗ den Thränen ab, und dennoch halten ſie nicht ein. „Daß dieſer Tag kam, Du Theuerſte meines Her⸗ zens, wo ich Dich verlaſſen ſollte... aber ich ſage Dir für gewiß, daß Du keine lange Trennung zu fürch⸗ ten brauchſt.“ Er beugt ſich hinab und kost mit zärtlicher Liebe die noch kahlen Blumenſtengel. „Wenn ich da oben ſterbe, ſo tröſte Dich damit, meine Olena, daß der Herr verſprochen hat, meine Ge⸗ beine hieher führen zu laſſen, um neben den Deinigen zu ruhen. Ja bei den Deinigen ſollen ſie ruhen, das ſagt Nicke Wadell, welcher weiß, was es heißt, ſein Wort und ſein Verſprechen zu halten. „Aber mein Gott, mein Gott, der Herr! „So ſtolz und ſtattlich er auch für fremde Augen iſt, ſo klein iſt er für mich, denn ich weiß, daß er nicht großer und ſtärker iſt, als ein anderer ſündhafter Menſch, welcher erfahren hat, was Herzeleid beſagen will und Abſchied... „Abſchied.. Herr Jeſus, er dauert gewiß nicht lang. Olena, hörſt Du, meine verwelkte Blume, ich glaube nicht, daß ich noch ein.. „Wer mag Muth in die Bruſt und Mark in die Beine geben, wenn es einmal dahin iſt.“ Er ſchluchzte leiſe. „Und jetzt, Du ſchöner Mond, leuchte mild auf Olena's Grab. Einmal, wie lang es auch anſtehen mag, wirſt Du wohl auf uns beide herableuchten. N Dritte Abtheilung. Neue Zeiten, neue Sitten. Adonis, jetzt ein Sohn des Glücks. Vergaß bald die Aſtarte, Man flüſterte an Babels Hof⸗ Daß Prinz Adonis ohne Scham Nach Abenteuern ſuchte. Stjernſtolpe. — N 1 — XVIII. Die Herrſcherin und der Sklave. Wir befinden uns an einem ſonnenklaren Frühlings⸗ vormittag in einem kleinen hübſchen Speiſeſaal, wo ein Tiſch mit Chokolade und kalten Speiſen, für zwei Per⸗ ſonen ſervirt, auf ſeine Gäſte wartet. Es iſt im Anfang des Maimonats, ein Jahr nach den letzten Mondſcheinſcenen. Ein lautes ſchallendes Lachen klingt vom inneren Zimmer her. Bald darauf tritt ein Frauenzimmer heraus, das ſich noch lachend in den auf der einen Seite des Tlſches ſtehenden Lehnſtuhl wirft. Der fraglichen Dame— deren Morgenkleid eine vertraute Bekanntſchaft mit den feineren Myſterien der Toilette verräth— folgt ein junger Cavalier, den wir vermuthlich kennen. Und dieſer Cavalier, welcher juſt keine Luſt zum Lachen zu haben ſcheint, legt ſich an⸗ muthig auf ein Kiſſen zu den Füßen der Herrſcherin und ſervirt ihr in knieender Stellung die Chokolade, welche endlich die vollen Rubinenlippen verſchließt. „Setz' Dich, Charles,“ ſagte die Dame, nachdem ſie gemächlich ihre Taſſe geleert hatte.„Ich erlaube Dir⸗ mein Frühſtück zu theilen.“ .„Ach was kümmere ich mich um das— es befrie⸗ digt mich ſo wenig, als Deine übertriebene Munterkeit.“ Die Herrſcherin machte eine ſchnippiſche Miene. „Kann man denn unaufhöͤrlich lachen und eſſen?“ „Kann man unaufhörlich ſchwärmen, ſeufzen und Liebesverſicherungen wiederholen?“ 186 „Ich für meinen Theil bin ihrer noch lange nicht überdrüſſig.“ „Geh' und iß.“ „Ich habe bereits gefrühſtückt.“ „So ſetz' Dich wenigſtens.. Du kannſt mich betrachten... wie findeſt Du mich heute?“ „Willſt Du, daß ich Dein Portrait entwerfe?“ „Ja, aber— das iſt eine recht hübſche Beſchäfti⸗ gung, ſo lange ich meine Butterbemmen expedire.“ „Ein Weſen wie Du ſollte von Aether und Confekt leben: Wenn ich Dich da mit dieſen gemeinen Genüſſen beſchäftigt ſehe, ſo iſt das wahrlich ein abſcheulicher Schmerz.“ „Plattheiten, eitel Plattheiten!“ „Wahrheit, eitel Wahrheit!“ „So ſei ſo gut und komm— weniger früh am Vormittag— ich liebe weder den Aether, noch das Confekt.“ „Jetzt täuſcheſt Du Dich gewiß ein wenig.“ „Ja ich ſehe, daß eine Berichtigung nöthig iſt: Das Confekt iſt gut, wenn ich ſatt bin, und aber den⸗ noch einer kleinen Zerſtreuung für den Gaumen bedarf, und der Aether, wenn Du mich geärgert haſt.“ „Das heißt, meine innig Angebetete, wenn Du dich ſelbſt geärgert haſt.“ „Gleichgut... nun, wie ſteht es mit dem Por⸗ trait? Ich liebe am meiſten das unbeſtimmte Genre.“ „Vermuthlich darum, weil dieß Dein eigenes iſt. Ich könnte bei meinem Gewiſſen Dein Alter nicht ſa⸗ gen. Es ſchwebt unbeſtimmt zwiſchen ſechszehn un zweiunddreißig.“ 8— „Das Alter iſt ein Geheimniß, das überſprungen werden kann.“ „Dein Wuchs iſt ebenfalls unbeſtimmt und heute hoch, ſtolz und elegant, morgen zuſammengeſunken, ver⸗ wahrlost und ein Bischen, ein kleines Bischen ſchief.“ „Dummkopf, d. h. karrikiren, nicht portraitiren.“ 8 4 1 5 f. 187 icht„Eines Künſtlers höchſte Aufgabe iſt die Wahr⸗ eit.“ 1„Ja, aber ein Künſtler iſt kein Künſtler, wenn er 1 die Wahrheit nicht ſchön macht.“ lich„Wenn man ein Portrait von Dir macht, ſo iſt das Wort ſchön das niederſte Wort in der niederſten Neihe im Wörterbuch. Wenigſtens ſcheinſt Du mir in fti⸗ Deinem Negligé eben ſo ſchön, wie in Deinem großen Staal.⸗ fekt„Das iſt gut... gib jetzt die Porterflaſche da ſen her.“ her—„Wenn Du Butterbemmen iſſeſt und Porter trinkſt, biſt Du gleichwohl am wenigſten göttlich.“ „Het Korzieher liegt daneben.“ 77 am„Ach!(die Herrſcherin hat mit anziehender Schalk⸗ das heit den Ton des Liebhabers nachgeäfft.) In Frank⸗ reichs alten fröhlichen Tagen verſtand man ſich darauf, die Liebe und die Gaſtronomie mit einander zu vereini⸗ 6 iſt: gen. Ich würde mich bei einem kleinen Souper gar en⸗ nicht übel ausgenommen haben.... aber wir kehren arf, zu meinem Portrait und unſerem nicht gaſtronomiſchen Frühſtück zurück.“ Du Dein Geſicht iſt noch unbeſtimmter als alles andere. Deine Augen ſind bald ſchwarz wie die Nacht, bald or⸗ blau wie des Himmels Azur, bald grau wie ein Schat⸗ .4 ten, und bald grün wie die Oberflaͤche des Meeres.“ iſt.„Alles, wo das Gefühl, der Gedanke, oder die ſa⸗ Galle mit ins Sptiel kommt, das iſt natürlich.“ und„Deine Farbe iſt bald klarer, friſcher als der Pur⸗ pur an dem Shawl, der ſo orientaliſch Deine Marmor⸗ gen ſchultern bedeckt, bald weiß wie das Zeug an Deinem 1 Kleide.“ ute„Eine dumme und einfältige Vergleichung. Aber er⸗ was wird von meiner Stirne geſagt?“ ·f.“ 1„Sie iſt bald majeſtätiſch wie die einer Königin, —— 188 bald niedrig, unbedeutend und ſo gedankenleer wie die einer fröhlichen Viehmagd.“ „Dank— das war brav.. Du weißt, daß ich einen gemüthlichen Scherz als Variation zwiſchen die Uiebesphraſen hinein liebe.“ „Scherz?“ „Scherz oder Ernſt, das gilt mir ganz gleich, das Geheimniß beruht darin, wie ich mein Haar ordne— aber kannſt Du mir die Farbe meiner Haare ſagen?“ „Nein, laß mich hier inne halten. Ihr goldner Glanz blendet meine Augen. Ich bin nicht im Stand zu ſagen, ob die Natur ſelbſt oder Du es biſt, die ihre Farbe zuweilen in's braune überſpielen läßt.“ „Das war das ſchlechteſte Kompliment, das meinem Haar je gemacht worden iſt. Schneid mir ein Stück⸗ chen Käſe ab.“ „Wenn ich das ihue, ſo will ich verdammt werden — ein ſo poetiſches Weſen, wie Du, Käs eſſen!“ „So muß ich wohl ſelbſt abſchneiden.“ „Mit Deinen eignen, feinen Fingern? Nein, da will ich lieber gehorchen... welch eine entſetzliche Sclaverei, Sclave zu ſein!“ „Willſt Du, daß ich die Kette löſe 2“ „Nein, nicht für zehn Jahre meines Lebens— ich küſſe ſie... aber ich bitte jetzt nur, daß wir dieſes unerträgliche Zimmer verlaſſen.“ „Sogleich und um ſo lieber, als ich eine Bitte an Dich zu ſlellen habe, mein guter Charles.“. „Welch eine bezaubernde Güte— aber ich fürchte, daß meine Zeit juſt jetzt, wo ich ſo viele Geſchäfte we⸗ gen meiner Reiſe habe...“ „Du fürchteſt immer die Unzulänglichkeit Deiner Zeit, ſo oft es ſich um eine Bitte handelt... aber komm jetzt, mein Held— Du kannſt mich nicht ſo ſchnell verlaſſen.“ Sie zog ihn eilig in das Zimmer, aus welchem ſie gekommen waren, ein großes Kabinet, das ſich mehr durch Luxus als durch Geſchmack auszeichnete. die ich die das 2u dner tand ihre inem tück⸗ erden „ da lliche — ich dieſes te an rchte, 2 we⸗ Zeit, 1 jetzt, ſen.“ :m ſie mehr — — 189 „Was liegt da auf dem Sofa?“ ſagte der Liebha⸗ ber und ſtürzte über einen Brief her. „Nimm ihn nicht, Charles!“ rief die Dame und ſprang mit gutgeſpielter Beſtürzung gegen den Sofa vor. Sie kam jedoch zu ſpät, um Charles zu verhindern, daß er laut folgendes las: 3 „Wohlgeborne und verehrte Frau! Wenn ich zum allererſtenmal mir die Freiheit nehme, an Sie zu ſchreiben, ſo geſchieht dieß in der demüthigen Hoffnung, daß meine Freiheit nicht gar zu ſehr beleidigen möge. Ich habe in den wenigen Malen, die wir uns trafen, offen meine Bewunderung gezeigt und mein Ent⸗ zücken darüber, daß es Gott gefallen hat, etwas ſo un⸗ ausſprechlich vollendetes und liebenswürdiges und ſchö⸗ nes und... und... mit einem Wort, unvergleich⸗ liches zu ſchaffen. Ich will mit all' der Aufrichtigkeit ſprechen, die ehrlichen Abſichten zukommt. Ihr Mann, wohlgeborne Frau, war zu ſeinen Zei⸗ ten Lieutenant im Dienſt. Ich bin Kapitän mit Ab⸗ ſchied. Alſo kann in Bezug auf den Rang keine Schwie⸗ kigtei ſtattfinden, obſchon ich mit keinem„von“ prangen ann. Dagegen habe ich Ihnen einen ehrlichen und ge⸗ achteten Namen zu bieten, wohlgeborne Frau, und wenn ich Ihnen einen Rath ertheilen dürfte, ſo ginge er da⸗ hin, daß Sie je eher, je lieber dieſen bürgerlichen an⸗ nehmen ſollten. Die Bosheit treibt offenbar ihr Spiel, und wenn der Name eines ſchönen Frauenzimmers ein Bischen in Decadence gekommen iſt, ſo kann ſie gar nichts beſſeres thun, als daß ſie ſich einen neuen anſchafft. Ich geſtehe, daß es ihr möglich iſt, mit dem andern Namen das Gleiche zu thun; aber ich geſtehe es ferner, daß der Name es ſich ſelbſt zuzuſchreiben hat, wenn dieß geſchieht. 3 82 ————— 190 Ich habe mit der vollen Offenheit eines alten Sol⸗ daten und mit der vollen Herzlichkeit eines ehrlichen Mannes geſprochen. Ich bin dermaßen in Sie verliebt, wohlgeborne Frau, daß ich den Teufel danach frage, ob ich auf die Un⸗ wahrheit des Gerüchtes, welches umgeht, ſchwören kann oder nicht. Ich kann ſtatt deſſen jeden beohrfeigen, der es wagt, einen Finger gegen meine zärtlich geliebte Ehe⸗ hälfte auszuſtrecken. Ich habe es verdammt eilig, eine Antwort zu er⸗ halten. Mein Haus nebſt elnem kleinen, runden, jährlichen Einkommen von zweitauſend Reichsthalern Banko er⸗ wartet diejenige, die ſich entſchließt, zu beglücken Pehr Jonas Kronander.“ N. S.„Wenn Sie Bedenkzeit wünſchen, begehren oder fordern, wohlgeborne Frau von H., ſo iſt es mein letzter Entſchluß, vierzehn Tage zu bewilligen.“ Der Liebhaber drückte mit einer heftigen Geberde den Brief zuſammen und ſchleuderte ihn von ſich. „Du haſt Bekanntſchaften, die ich nicht kenne.“ „Während Du in Stockholm warſt, lernte ich den Kawetan kennen— man kann wohl ſchlimmere Wahlen treffen.“ „Malvina, Malvina, Du haſt alſo dieſen dummen, erbärmlich dummen Brief bereits beantwortet?“ Ihro Gnaden, Wittfrau Malvina v. H., eine von der Natur vollendete Künſtlerin in der Koketterie, nahm eine Miene bitterer Niedergeſchlagenheit an.— „Nachdem Du dieß geſehen haſt, kann ich Dir wohl ſagen, daß all die Unbeſtimmtheiten, die Du in meiner Natur bemerkſt, juſt von dem in die em Brief ſo wohligeinend berührten Umſtand herrühren, daß meine Stellang im Leben mehr als alles andere unbe⸗ ſtimmt iſt. ode zw fan es ach Fre Au ein nich zu da ches lun gen zu Ge zu der den mut farl Gü eine und Sti ihre 191 „Fehlt Dir etwas, was Dir durch Liebe, Geld oder Beharrlichkelt verſchafft werden könnte?“. „Fehlt nicht Alles, nachdem mein Name in einen zweideutigen Ruf gekommen iſt?.. Als ich im An⸗ fang des verfloſſenen Sommers in das Luſtlager kam— es ſind jetzt eilf Monate— wie anders war ich nicht da?“ „Nicht ſchöner als jetzt.“ „Wer ſpricht von Schönheit?“ Sie machte eine meiſterhafte Geberde der Ver⸗ achtung. „Ich, der ich, obſchon ich damals in meine eigene Frau vernarrt war, beim allererſten Blick aus Deinen Augen, meine unſinnige Liebe aufgab, aber leider, um einer noch weit unſinnigeren zu huldigen.“ „Das hab' ich ſchon ſo oft gehört, daß es ſich nicht der Mühe lohnt, deßhalb einen ernſten Gegenſtand zu unterbrechen.“ „Ei, ei... da haben wir die Herrſcherin... und da liegt der Sklave zu Deinen Füßen! Befiehl— wel⸗ ches Opfer wird verlangt?“ „Ich ſagte: wie verſchieden war nicht meine Stel⸗ lung vor einem Jahre— damals hatte noch Niemand gewagt, von einer unerlaubten Flamme in meine Ohren zu flüſternn O dieſe unſelige Reiſe ins Lager!“ Ihro Gnaden Malvina, die eine eben ſo große Geſchicklichkeit in der Kunſt beſaß, ein Spitzennastuch zu führen, wie die früheren franzöſiſchen Hofdamen in der Kunſt, mit dem Fächer zu manöpvriren, Ihro Gna⸗ den, Malvina, ſagen wir, ſank mit gottvoller An⸗ muth auf die eine Seite des Sofa's, wobei ihr purpur⸗ farbiger Shawl ſich von ſelbſt gehorſam beinahe wie der Gürtel einer Bajadere drapirte, während ihr Nastuch— eine Wolke von Spitzen— bald über ihr Geſicht auf⸗ und abwogte, bald leicht und gedankenlos um ihre Stirne gewunden wurde, ſo daß man eine Odaliske in ihrem weißen Turban zu ſehen glaubte. „O bleib ruhig ſitzen.. ſo... jlſſt ſo... nein, es gibt kein Weib, das Dir gliche auf Erden. Wie kannſt Du es übers Herz bringen, zu bereuen, daß Du mich erhörteſt und das Land verließeſt, um Dich hier niederzulaſſen. Bereue ich wohl irgend etwas?“ „Aber ich werde ewig bereuen. Auf dem Land war ich geachtet— wer bekümmert ſich hier um mich, außer Du und einige andere Männer von demſelben Schlag? Hat ein einziges Frauenzimmer meine Beſuche erwie⸗ dert? Bin ich in den neun Monaten, ſeit ich hieher ge⸗ zogen bin, irgend wohin eingeladen worden? Werde ich nicht ſogar auf öffentlichen Bällen durch kurze Antwor⸗ ten beleidigt, wenn ich irgend eine dieſer ſpröden Damen anrede?“ „Sie ſind neidiſch, weil die Männer zu Deinen Füßen liegen. Bekommen nicht all' dieſe Damen nur diejenigen Tänzer, die Du verſchmähſt?“ „Wenn ich wie ein ſeltener Stern auf die Stadt⸗ bälle in meiner eigenen Heimath kam, da hatte ich einen Schlepp von Cavalieren; aber das verhinderte nicht, daß ich von den Frauenzimmern meiner Bekanntſchaft mit Achtung und Wohlwollen behandelt wurde.. kurz: ich will und muß Frauenzimmergeſellſchaft haben, oder ich befolge die Rathſchläge, welche dieſer ehrliche Frreier mir ertheilt hat.“ Das Nastuch, das jetzt in einen Fächer verwandelt war, beſchrieb ſeine Zirkel ſo haſtig, daß nur ein Blitz aus den in verſchiedenen Farben ſpielenden Augen, bei jeder Schwenkung, den Liebhaber traf. 3 „Erkläre Dich näher, meine Herrſcherin.“ „Für's Erſte habe ich eine Leidenſchaft dafür ge⸗ faßt, im Sommer auf dem Lande zu wohnen; die Frauen⸗ zimmer auf dem Lande find einfacher und ungekünſtel⸗ ter.. das kleine Stjernwik gefällt mir ganz be⸗ ſonders.“ Der Liebhaber erröthete. „Es gefällt Dir wahrſcheinlich deßhalb, weil Du weißt, daß meine Frau es zu pachten beabſichtigt.“ 193 „Ich frage nicht darnach, wer es zu pachten beab⸗ ſichtigt. Ich ſage, daß ich es haben will.. ſofern ich nicht auf das ſchöne Gut des Kapitäns ziehe.“ „Aber ſo bedenke doch, angebetete Malvina, daß dieſe Beleidigung gegen meine Fran...“ „Wenn Du hieher gekommen biſt, um die Rechte Deiner Frau zu vertheidigen, ſo laß uns abbrechen.“ Ihro Gnaden Malvina's Augen bekamen jetzt zu⸗ ſehends einen grünen Farbenton. „Wenn ich nur wüßte, wie ich es anſtellen ſollte! Sie hat es bereits zu mir geſagt.“ „Was?— wieder Deine Frau. Gib den Brief des Kapitäns her: er verdient tauſendmal den Vorzug vor dieſer faden Converſation.“ „Unwiderſtehliche Malvina, ſchicke mir einen einzi⸗ gen Deiner Roſenfinger, ſo werde ich Dir mit meinem Kuß den Miethvertrag von Stjernwik ſchicken.“ „So etwas läßt ſich hoͤren... aber Stjernwik, das ich in der Miethe bewohne, hilft mir meine Rech⸗ nungen nicht bezahlen; ich kann kaum die Treppen hinab⸗ gehen, ohne daß ich irgend einem Ladenſchwengel mit einem Papierwiſch in der Hand begegne.“ „Aber wie iſt das möglich, da ich Dir unauf⸗ hörlich..“ „Siehe da, geliebter Charles, jetzt darfſt Du mei⸗ nen andern kleinen Finger küſſen, ohne einen Tribut zu erlegen... ich verſichere Dich, daß ich ſo wenig als möglich depenſire.“ „Glaubſt Du das, mein Engel?“, „Ich habe mich bisher noch nie eines ſolchen Shawls bedient, wie Frau Viola Marbin das letzte Mal im Theater trug. O ich konnte die ganze Nacht nicht ſchlafen. Am Morgen mußte ich zu Stelander ſchicken und einen gleichen holen laſſen. Die Rechnung liegt auf dem Toilettentiſch— ſieh einmal, ob er neunzig oder hundert koſtete.“* Der Vormund. III. 13 — ͦ——; „Ich will darnach ſehen, wenn ich gehe.“ „Jetzt fällt mir ein, daß noch eine andere ſolche Lumperei zu bezahlen iſt— aber im Fall es Dich ge⸗ nirt, ſo kann ich auch meine geringen Kleinode ver⸗ ſetzen.“ „Davon iſt keine Rede— ich werde Alles zuſam⸗ men bezahlen.“ Ein halber Seufzer des Liebhabers wurde unter der Hand der Geliebten erſtickt, die ſich graziös auf ſeine Lippen legte. „Was für ein einnehmender Mann Du biſt, Char⸗ les! Wenn Du mich um den Verſtand gebracht haſt, wenn ich Deinetwegen meine Ehre, meinen Ruf, meinen Gewiſſensfrieden aufgeopfert habe, ſo iſt das ganz na⸗ türlich— wenigſtens ſcheint es mir ſo, wenn ich Dich anſehe.“ „Du liebſt mich alſo noch, überirdiſche Malvina? Manchmal biſt Du unnatürlich munter, manchmal iſt Dein Blick ſo zerſtreut, daß ich fürchtete... aber nein, ich habe nichts zu fürchten gewagt.“ „Vermuthlich liebe ich Dich noch mehr als je, da ich dem Kapitän nicht bereits geantwortet habe. Es iſt wahr, daß noch acht Tage Bedenkzeit übrig find, aber ich ſollte glauben, daß dieß nichts bedeutet.“ „Warum unaufhörlich auf dieſen infamen Brief zurückkommen?“ „Darum, weil meine Antwort lediglich davon ab⸗ hängen wird, ob ich, ehe acht Tage vergehen, mich in einer ehrenfeſten und angeſehenen Frauenzimmergeſell⸗ ſchaft habe zeigen können. Ich lege großes Gewicht darauf.“ Den Liebhaber überkam ein Schauer. „Wo gibt es ein groößeres Tugendmuſter, als Deine Frau?“ „Ach ja, ſie iſt brav: ich ſage nichts anderes, ob⸗ ſchon ich ihrer gänzlich uberdruſſig bin.“ „Vorwürfe vielleicht?“ — 195 „Das iſt es nicht. Sie hat mir wirklich niemals einen gemacht.“ „Warum biſt Du dann ihrer überdrüſſig?“ „Ihre ganze Perſon iſt mir entleidet. Ich begreife nicht, wie ich mich je in einen ſolchen Halbmenſchen verlieben konnte.“ „Halbmenſch— o Du böſer Mann!“ „Kein Geiſt, kein Leben, keine Anmuth, nicht die geringſte hoͤhere Regung in ihrem Gemüth— Tugend, nichts anders als Tugend... Geduld, nichts anders als Geduld!“ „Sie geht doch heute Abend ins Theater?“ „Das weiß ich nicht.“ „Aber ich weiß es. Die Billete wurden ſchon ge⸗ ſtern geholt, das hat mir der Einnehmer ſelbſt geſagt.“ „Möglich— Doktor Livelius iſt meiſtens ihr Ca⸗ valier.“ „Eine untadelhafte Wahl. Ich gehe heute Abend auch ins Theater und habe mir ein Billet in dieſelbe Loge genommen.“ „Meine theure Malvina— dieß— „Fügt ſich ganz vortrefflich. Du biſt zugegen und präſentirſt mich Deiner Frau, als eine Dame, deren Bekanntſchaft Du in der Provinz gemacht haſt.“ „Malvina, verlange was Du willſt, nur dieß nicht. Dieſe Frau hat, ſo jung ſie iſt, ein Air, was mir allen Muth benimmt, wenn ich ſie beleidigen will.“ „So, ſo, es wäre alſo eine Beleidigung der Frau, Malvina v. H. vorgeſtellt zu werden? Gut, jetzt ſehe ich erſt, was ich bin, ſogar in Deinen Augen.. Welcher Mann auf Erden, außer Dir, hat je auch nur einen halben Blick von mir erhalten? Mein Gott, mich nicht vorſtellen!— Haben Sie die Güte, mich zu ver⸗ laſſen, mein Herr— ich bedarf der Einſamkeit... die Thränen erſticken mich...“ Sie begann zu weinen.— Man konnte Niemand reizender weinen ſehen. In 196 jeder Thräne war ein artiſtiſcher Geſchmack, ein rüh⸗ rendes Gefühl, eine heilige Melancholie. „Nein, bei Gott, das halte ich nicht aus.. Höre mmiich an, meine Malvina, höre mich an.“ „O geh', geh'... ich bin ein verworfenes We⸗ ſen, aber ich danke Gott, daß ſich ein Mann vorfindet, ein Mann, für den ich nichts geopfert habe, und der mich deßungeachtet würdig glaubt, ſeinen ehrlichen Na⸗ men zu tragen— aber ich werde auch eine ehrliche, getreue und ergebene Genoſſin für ihn ſein.“ „Du durchbohrſt mich mit tauſend Stichen.... wenn ich meiner Frau auch nur den geringſten Vor⸗ wurf zu machen hätte!“ „Haſt Du mir nicht geſagt“— Malvina begann jetzt die rollenden Perlen wegzuſtreifen—„daß ſie einen andern liebt.“ „Geliebt hat— wenigſtens liebt er ſie nicht mehr: deſſen bin ich gewiß.“ .„Woher weißt Du das? Ein Ehemann iſt leicht zu betrügen, zumal wenn er Deine Eigenliebe hat.“ „Nein, nein, ich habe es in dem Winter, wo ich in Stokholm war, deutlich bemerkt... Du weißt, daß ich ein Geldgeſchäft bei ihm zu machen verſuchte. Die⸗ ſer dumme Vertrag hindert mich, den ſchönen Ritterſitz Löflunda zu kaufen, auf den ich ſo lange ſpekulirt hatte. Meine Frau wäre nicht abgeneigt geweſen, wenn er die Summe bewilligt hätte, die mir fehlt.“ „Nun wohl, wie ging es da zu?“ „Er war hart und kalt wie Stahl. Nicht einen Schilling— und zwar, obſchon ich mich ſo weit ernie⸗ drigte, ihn zu fragen, ob er auf den Sommer nicht nach Hauſe zu kommen gedenke.“ „Das war nicht dumm... er antwortete?“ „Nichts. Dieſer Kerl iſt mir immer das unerträg⸗ lichſte Geſchöpf geweſen, das ich kenne. Aber jetzt, nach⸗ dem er Nordſternritter und aller Wahrſcheinlichkeit nach Liebhaber einer jungen verwittweten Graäfin geworden — u— —— N R iſt, welche ihm zu Liebe tauſend Thorheiten begehen ſoll, kurz, ſeit all dieſes Glück ihm zugefallen iſt, da iſt er noch unerträglicher geworden.“ „Ach ja, Frau Charles Marbin beſitzt kein Ta⸗ lent— ich wundere mich nicht, daß ſie aufgegeben wor⸗ den iſt.“ „Ewiger Gott, wie ſelig würde mich das noch vor einem Jahr gemacht haben!“ „Dieß Geſchwätz ermüdet mich... Konnteſt Du aus dem Exvormunde gar nichts herausbekommen?“ „Unmöglich, obſchon ich die elende Schwachheit hatte, die ich nicht genug bereuen kann, eine Wette an ihn zu verlieren.“ „Sie galt wohl keinem Frauenzimmer?“ „O nein, aber was ich nächſt dieſen am höchſten ſtelle, nämlich meine ſchöne Sirene.“ „Aha, ich erinnere mich, daß Du im Hochmuth Deine Pferde mitbrachteſt, um bei dem Wettrennen in Brunnsvik zu glänzen. Das war wirklich ſehr einfältig. Nun, Du verloreſt Deine Wette an den Kriegsrath?“ „Ich ließ ſie ihn nehmen,“ antwortete Charles mit einer Röthe, welche dieſe Artigkeit in ein zweideu⸗ tiges Licht ſtellte. „Genug jetzt, mein Freund— ich muß Deiner Geſellſchaft entſagen und an meine Toilette denken; es bleibt alſo dabei, daß Du mich Deiner Frau vorſtellſt?“ „Ja ſofern... inſofern ſie hinkommt.“ „Wenn ſie nicht hinkommt, ſo geſchieht es deßhalb, weil Du es nicht haben willſt, und für dieſen Fall bitte ich Dich, Deine Zeit nicht zu vergeuden und mir mor⸗ gen früh keinen Beſuch machen zu wollen, denn ich bin dann eben ſo wenig zu Hauſe wie übermorgen.“ Blick und Ton der Herrſcherin waren von der Art, daß man ſich in Betreff ihrer Gewalt über den Scla⸗ ven nicht täuſchen konnte.“ 198 XIX. Eine Viſitenkarte. „Nein, mein beſter Doktor Livelius, es iſt wirklich nicht ſo ſchlimm, noch hat er mich niemals durch irgend eine Andeutung auf ſein Verhältniß beleidigt. Ich ſage natürlich nichts, und er wahrt den äußeren Schein auf alle Arten.“ „Den äußern Schein— Dank ihm der Teufel da⸗ für... aber Sie haben gar zu viel Geduld.“ „Was könnte ich thun, ohne meine eigne Würde zu vergeben? Sie koͤnnen doch nicht verlangen, Doktor, daß ich dieſe Dame, die ihn jetzt vollkommen beherrſcht, anflehen ſoll, ſie moͤchte mir gütigſt meinen Mann zu⸗ rückgeben.“ „Eine Frau, die ihren Mann liebt, hat ſchon mehr gethan, um ihn zu ſeinen Pflichten zurückzuführen.“ „Das wäre gleichwohl mehr Entſagung, als ich zu begreifen vermag. Ich vermuthe aber, daß, wenn ich dieſe armſelige Rolle ſpielen wollte, Frau v. H. mir mit einem lauten Gelächter antworten würde.“ „Das vermuthe ich auch, weil dieſe Dame durch⸗ aus keine ſonderlich zarte Gefühle haben ſoll. Aber eine Frau mit Ihren Waffen könnte etwas ganz anderes thun, als daß ſie ſich ſchweigſam fügt.“ „Lieber Doktor“— die junge Frau ließ eine Ma⸗ ſche um die andere in ihrer Stickerei fallen—„ich habe keine Waffen, deren ich mich in einem ſolchen Kampf bedienen könnte. Wahrhafiig, ich erinnere mich kaum, ob es eine Zeit gab, wo ich etwas von Koketterie und Gefallſucht an mir verſpürte. Aber das weiß ich, daß, wenn ich dieſe Waffen gegen meinen Mann verſuchen wollte, dieß gänzlich vergebens ſein würde.“ —— —ſ ☛ ⏑☛— N 199 „Mit welchem Grund ſagen Sie das?“ „Mit dem Grund,“ antwortete ſie mit einem offe⸗ nen Blick,„weil ich beim Anfang dieſer Verbindung, die ich ahnte, ſchon ehe ſie hieher zog, ſchon damals, als er aus dem Luſtlager nach Hauſe kam, alles that, was eine vernünftige und, ich darf es wohl ſagen, zärt⸗ lich geſinnte Frau thun konnte.“ „Wirklich?“ „Auf Gewiſſen, Herr Doktor, denn ich ſagte zu mir ſelbſt, daß ich vielleicht eine Schuld haben könnte, aber ſeine flüchlige Flamme war gänzlich ausgebrannt, und je freundlicher ich mich zeigte, um ſo ſchneller be⸗ werkſtelligte er ſeinen Rückzug.“ „Und es kam nicht zu einer einzigen Erklärung?“ „Niemals! Unſer gegenſeitiges Benehmen iſt freund⸗ lich und höflich, aber es iſt die Lauigkeit des Thee⸗ waſſers.“ Sie neigte ihren Kopf in die Hand hinab und fügte leiſer hinzu:„Das ganze Leben iſt lau für mich.“ Doktor Livelius, der neben ſeiner Wirthin ſaß— der alte ehrliche Doktor war noch immer gleich jung an Seele— ergriff haſtig ihre Hand und blickte ihr in die Augen. „Sollten wir nicht jetzt vielleicht wieder ein Bischen weinen, da wir uns ganz allein mit einem alten Ver⸗ trauten befinden? Ich ſehe, wie die ſchönſten Thränen von der Welt ſich bereit halten, dem Befehl zu ge⸗ horchen.“ „Ganz und gar nicht... Sle ſollen jetzt ſehen, daß nichts daraus wird.“ Sie ſchlug ihre ſchönen Augenlider wieder auf. Die Thränen, die ſich wirklich bis an den Rand vorgedrängt hatten, waren vertrocknet... Gott weiß durch welche Macht. „Um ſo beſſer— wahrlich er verdient auch keine Thräne.“ „Wer? 2 —— 200 „Charles, meine ich.“ „Das iſt wahr.“ Der Doktor trommelte auf ſeinem Hut und fand ſeinen Spaß daran, zuzuſehen wie unglücklich Viola's Stickerei vor ſich ging. „Nichts neues, Herr Doktor?“ „Wir leiden Mangel an dieſem Artikel.“ „Was macht Laura und ihr kleiner Junge? ich bin in acht Tagen nicht dort geweſen.“ „Sie befinden ſich vortrefflich, und Frau Jeanne Sophie nnd ihr Töchterchen gleichfalls.“ „Ach, dieſe Jeanne Sophie— welch ein Leben!“ (Zwei Seufzer.) „Man kann ſich kein angenehmeres denken. Emil arbeitet wie ein Knecht und iſt glücklich wie ein Gott. Es gibt kein Haus in der Stadt, wo ich mich ſo wohl befinde, und ich glaube, daß es noch vielen andern eben ſo geht. Eine Einladung zu einer Taſſe Thee und But⸗ terbemmen bei Frau Emil Marbin iſt ein Vergnügen, das man höher ſtellt als Soireen und Bälle.“ „Das iſt ganz natürlich. In ihrem Hauſe wohnt ein Geiſt der Freude und Gemüthlichkeit, wie man ihn nicht in vielen wieder findet. „A propos— ſie bekamen geſtern Briefe vom Kriegsrath.“ „So?“ „Er kommt im Juni.“ „Wie— hieher?“ „Nun ja, er wird wohl auch einmal nach ſeinen Sachen hier ſehen wollen... Ich bekam auch einen Wiſch von ihm.“ „Vielleicht eine Beſtätigung der Nachrichten, die wir im Winter hörten?“ „Bloße Dummheiten!“ „Warum ſollten es Dummheiten ſein? des Herrn Kriegsraths Erfolge ſind ja bekannt.“ 2 er alle errn „Wenn es Ihnen Vergnügen macht zu ſehen, was er ſchreibt, ſo leſen Sie.“ Der Doktor nahm den Brief und übergab ihn ihr. „Wirklich— Sie erlauben es?“ 8 „Verſtändigen Patienten— ich zähle Frau Viola, geſund oder krank, immer zu meinen Patienten— wird alles erlaubt.“ Pochte wohl Violas Herz jetzt weniger ſtark als vor einem Jahr, als ſie ein anderes Billet las? Das gegenwärtige lautete ſo: „Redlicher Bruder! Jetzt will und muß ich hinabkommen und nach allem ſehen. Ich fürchte, dieſer leichtſinnige und ſchlechte Menſch iſt bereits nahe daran, ſich zu ruiniren. Hier lebte er wie ein Narr und verlor bedeutende Summen mit Rennfahrten und Wetten. Er hält ja einen Stall, wie wenn er ein Magnat wäre. Was ſein erſter Luxusartikel ihn koſtet, iſt vermuth⸗ lich unberechenbar. Und dieß nach einer anderthalb⸗ jährigen Ehe oder vielmehr nach einer Ehe von acht Monaten, denn ich glaube, daß ſeine ſchimpfliche Ver⸗ bindung ſchon beinah ein ganzes Jahr währt, und wenn ſie fortdauert oder eine andere in ihrem Gefolge hat, un ſo wird er mit dem Geld ſeiner Frau bald fertig ein. Er präſentirte ſich mir mit einer erſtaunlichen Keck⸗ heit und hielt große Reden von den Vortheilen eines Gutskaufes.— 5 Es begreift ſich leicht, wie angenehm es für ihn wäre, ein Gut einzeichnen zu koͤnnen. Freund und Bruder, wache über ſie und ihre In⸗ tereſſen, damit ſie ſich keiner Schwäche ſchuldig macht, ich lege Dir dieß warm und ganz beſonders an's Herz. Es würde mich tief grämen, wenn ſie ſelbſt meine Bemühungen ſcheitern machte: Wie ſehr ſie ihn auch ————õu————u—ööö 202 verachten mag, ſo könnte es doch geſchehen, daß er ihren Edelmuth anzuregen und zu wecken vermöchte. Nein, Bruder, ich habe keine Spekulation auf meine Gräfin, wie Du ſie nennſt. Ich wurde gerufen, um als Schiedsrichter im Sterbe⸗ haus zu fungiren— das iſt alles. Oder iſt es wirklich ein Bischen mehr, ſo iſt es doch nichts anders als eine Laune von der Art, die ganz und gar nichts zu bedeu⸗ ten hat. Dein Severin.“ Viola gab den Brief mit hochflammender Röthe zurück. Von allem zuſammen— obſchon der ganze Ton ihr mißfiel und ſie wirklich pikirte— war es doch nur n einziger Punkt, der ihr recht klar vor den Augen and. Dieß war der letzte Punkt. „Nun aber, was bedeutet dieſes Fieber, dieſer Eifer? — ich glaubte wahrhaftig, ein ſo theilnehmender Brief müßte angenehmere Gefühle erwecken.“ „Angenehm— warum das? Dem Herrn Kriegs⸗ raih ſtehen ſeine alten Vormundsregeln, daß er das Geld ſeiner Mündel ſparen müſſe, noch in treuer Er⸗ innerung. Ich finde nicht, daß er ſich fütz irgend etwas anderes intereſſirt, und ich glaube wirklich, das er in Bezug auf den Gutskauf, den Charles beabſichtigte, Unrecht hat.“ „Die Weiber, die Weiber!“ „Die Weiber ſind ganz recht, Herr Doktor, wenn nur die Männer ſie gebührend zu ſchäͤbe wüßten.“ „Sagen Sie lieber: wenn ihr nur zu würdigen wüßtet, wie ihr geſchätzt würdet.... Kanng man je wiſſen, woher der Wind im nächſten Augenblick blaſen wird? Aber laſſen Sie um Gotteswillen keinen ſo gün⸗ ſtigen Wind für Charles blaſen, daß Sie ſelbſt Ihre —. ganze zur H. ſtehen 5 Erinn untre und Mar laſſe ich i gen, find, Stje thur öthe Ton nur ugen fer? Brief jegs⸗ das Er⸗ twas er in igte, wenn 74 digen an je laſen gün⸗ Ihre —. 203 ganze Jugend hindurch bis in's bleiche Alter hinein ſich zur Hungerkur bequemen müſſen. Seine Angelegenheiten ſtehen bereits viel ſchlechter, als der Kriegsrath weiß.“ Viola hatte nichts gehört; ſie wiederholte in der Erinnerung: „Aber iſt es wirklich ein Bischen mehr, ſo iſt es doch nichts anders als eine Laune von der Art, die ganz und gar nichts zu bedeuten hat.“ Der Doktor ſtand auf. 4 Er hatte Viola, die ſein Liebling und ſeine Augen⸗ luſt war, eine große Freude zu machen gewünſcht und gehofft, aber er vergaß, daß die Liebe— beſonders die hoffnungsloſe und unerlaubte— ſelbſt auf eine Laune eiferſüchtig iſt, und er verließ ſie etwas verdrießlich darüber, daß ſie den rechten Ton im Brief des Kriegs⸗ raths nicht aufzufaſſen verſtanden hatte. 2. Als ſie wieder allein war, drückte Viola die Hände gegen ihr Herz. Warum ſollte es jetzt ſo bange ſchlagen und ſich ſo verwundert anſtellen? Hatte er ihr nicht ſchon vorher geſchrieben, daß er leben wolle, wie er's mit ſechs und zwanzig Jahren hätte thun ſollen? „Eine Laune, die ganz und gar nichts bedeutet, iſt vermuthlich der elegante Name für eine flüchtige In⸗ trigue... ach, ach, ach! „Und ich, die ich nicht einmal in einem Gedanken untreu geweſen bin... „Aber, fügte ſie hinzu, juſt das iſt mein Verbrechen und zu gleicher Zeit meine Strafe. Hätte ich meinen Mann lieben können, ſo häite auch er mich nicht ver⸗ laſſen, wenigſtens nicht ſo früh. Aber darüber klage ich nicht, ich werde nie mit einem Worte darüber kla⸗ gen, auch nicht über ſeine Reizbarkeit, wenn wir allein ſind, denn außer mir weiß Niemand davon... „Wie angenehm wird es mir ſein, in das friſche Stjernwik hinaus zu kommen, wie wohl wird es mir thun, dort wieder aufathmen zu dürfen! —— 204 f „Er ſoll ſehen, der glänzende Mann aus der Haupt⸗ 1 fißt. ſtadt, daß ich auf's Land ziehen konnte, obſchon ich von ſiift geſchrieben: „Den erſten September 183...“ „Ah... ſag, der Herr möchte gefälligſt ſogleich als di in den Salon kommen.“ Der Bediente entfernte fich. v von 3 „Das kommt juſt gelegen.“ 4 Sie überſah ihre Morgentollette und machte einige ſteigen kleine Verbeſſerungen. ſeiner Ankunft wußte.. Ich bin begierig, ob Charles ma die Sache ſchon in's Reine gebracht hat, ich habe früher pus d keine Ruhe.“ 3 p G In dieſem Augenblick ging jemand durch das äußere; lichem Zimmer. 6 en S „Was iſt das jetzt wieder?“ en Die junge Frau bekam dieſe Miene, ärgerlicher 21 ſei Ungeduld, welche ſich einſtellt, wenn wir darauf gerech⸗ net haben, mit gewiſſen Gedanken allein zu ſein, die, ſagte: wenn ſie uns auch kein Vergnügen machen, doch voll⸗ gie: kommen unſere Seele ausfüllen. fes 5 Es war niemand anders als der Bediente, der eine ſo leie Viſitenkarte brachte. 4 Gedäͤc „Lege ſie da hin,“ ſagte Viola, ohne daß ſie es F der Mühe werth fand, einen Blick auf die Karte zu wir he werfen. wenig „Der Herr, der drunten iſt, läßt Sie erſuchen, Sie moͤchten ſo gütig ſein und das Ding anſehen.“ auf mn „Ich habe ja geſagt, daß ich heute nicht empfange.“ däͤchtn. —„Er fragt, ob er morgen wieder kommen darf.“ Ste m „So gib her!“ zu em Viola las einen ihr gänzlich unbekannten Namen: vorrſtel Leopold Svabert, mein g Kapitän. verſuch Sie ſchüttelte den Kopf und kehrte die Karte um. Kapita Auf dem Rand ſtanden folgende Worte mit Blei⸗ es hat * Haupt⸗ 3 9 ich von Charles früher äußere erlicher gerech⸗ n, die, h voll⸗ er eine e um. Blei⸗ ogleich einige — Albs die junge Wirthin in ihren Salon trat, wo ſie nicht ſelten Geſellſchaft empfing— ſie wollte nicht, daß, man ſagen ſolle, der Leichtſinn ihres Mannes mache ſie melancholiſch— begegneten ihre Augen dem ächten Ty⸗ pus der Melancholie. Ein hagerer, ſchwarz gekleideter Mann mit kränk⸗ lichem Ausſehen, wachsgelber Farbe und beinah ſchwar⸗ zen Schattirungen unter tiefliegenden ſchmachtenden Au⸗ gen, auch ſonſt einen leidenden Ausdruck im Geſicht und in ſeinen Bewegungen, repräſentirte dieſen Typus. Der Himmel weiß, warum Viola zu ſich ſelbſt agte: ien„Dieſem Manne kann man anſehen, daß er ein tie⸗ fes Herzeleid gehabt hat— aber es gibt Herzeleid, das ſo leicht iſt, daß es nicht einmal die mindeſte Spur im Gedäͤchtniß hinterläßt.“ Frau Viola Marbin machte eine einnehmende und, wir hätten beinahe geſagt, theilnehmende Verbeugung,... wenigſtens enthielt dieſelbe eine große Güte. „Ich weiß nicht, Madame, ob das Datum, das ich auf meine Karte zu ſchreiben gewagt habe, Ihrem Ge⸗ dächtniß entfallen iſt, aber ich glaube das nicht, weil Sie mir die ausgezeichnete Ehre erwieſen haben, mich zu empfangen. Eigentlich hätte mein Freund Emil mich vorſtellen ſollen, aber ich hatte die kleine Schwachheit, mein gewöhnlich ſchlechtes Glück zuerſt auf eigne Fauſt verſuchen zu wollen.“ „Das Datum, an das Sie erinnert haben, Herr Kapitän, wird meinem Gedächtniſſe nie entfallen, denn es hatte eine Reihe von Ereigniſſen zufolge, die damit in Verbindung ſtanden.“ Während ſie noch ſprach, nahmen ſowohl der Gaſt, als die Wirthin ihre Plätze ein. „Wie, Madame, auch für Sie war alſo dieſe Nacht von Wichtigkeit. Ich würde niemals,“ fügte er ha⸗ ſtig hinzu, als er eine Röthe auf Violas Wangen auf⸗ ſteigen ſah,„unſre ſo myſtiſch eingeleitete Bekanntſchaft zu erneuern gewagt haben, wenn nicht Sie ſelbſt beim ſolch Abſchied verſprochen hätten, daß das Werk, an welchem woöh wir beide Theil nahmen, als Eintrittskarte gelten ſoli⸗ im Fall. ſtehe „Daran,“ unterbrach ſie,„erinnere ich mich wohl, den und ich habe mein Verſprechen bereits erfüllt... aber, ging Herr Kapitain, Sie haben ſoeben ein Wort auf eine Aufn Art betont, welche beweist, daß Sie ſelbſt von dieſem Zeitpunkt an eine bittere Erinnerung haben.“ keine Kapitain Leopold Svaberts ſehnſuchtskranke Augen welch feuchteten ſich plötzlich. Clvit Man ſah deutlich, daß er einer beſondern Schule des männlichen Geſchlechts angehöorte. ner Er war einer von den Männern, die, nachdem die Hang Welt oder der Kummer etwas unſanft mit ihnen ver⸗ zum fahren, im wirklichen Leben unverzeihlich widerlich wer; einer den, obſchon ſie im Roman eine gute und geachtete Geſch Stellung inne haben. Ein ſolcher Mann hat— ſei es nun in Folge der er an Schlaffheit ſeiner Nerven oder in Folge des beſtändigen hatte. Reizes ſeiner Erinnerungen— eine außerordentliche Leichtigkeit, zu weinen. I Couſt Bei der geringſten Anſpielung auf ſeine eigne Lei⸗ bald den badet ſich ſein Auge in einem romantiſch klaren nate Waſſer, und da er keinen lieberen Gegenſtand weiß als dieſe Leiden— die er indeß ſelbſt nur mittelſt einer⸗ niema maßloſen Anſtrengung berühren zu können glaubt— ſo genſta bekommt er oft Gelegenheit mit ſeiner Melancholie, ſei⸗ ner Weisheit und ſeinen düſtern Gefühlen, welche nicht Verbi ſelten die Eympaiße der Frauenzimmer erwecken, zuf gewiß entzücken. Kapit Ganz beſonders tritt dieſer Fall ein, wenn man gering weiß, daß der Mann im Uebrigen kein ſo armer Tropf iſt, ſondern daß die Diſterkeit, die Schwindſucht, die auch Weisheit blos auf ſeinem Gemüthe liegen. Wer hat nicht unter ſeinen kannten einmal eluen 2 6 Mina . ſt beim velchem ſollte, hwohl, . aber, uf elne dieſem Augen V Schule dem die n ver⸗ ch wer⸗ lachtete lge der indigen entliche 207 ſolchen Typus getroffen, deſſen Lieblingsgegenſtand ge⸗ wöhnlich mit den Worten beginnt: „Ich war von Kindheit auf ein verlaſſenes, allein ſtehendes Weſen. Immer verkannt und zurückgeſetzt von den Menſchen, die mich weder liebten noch verſtanden, ging ich meinen eignen einſamen Weg, wo niemals eine Aufmunterung, eine Roſe blühte, bis u. ſ. w.“ Kapitain Leopold Svabert hatte in ſeiner Jugend keine größeren Widerwärtigkeiten erlitten als diejenigen, welche bei den langſamen Beförderungen ſowohl im Clvil⸗ als im Militärſtand ziemlich gewöhnlich ſind. Er hatte einige Verdrießlichkeiten gehabt wegen ſei⸗ ner reizbaren und empfindlichen Laune, wegen ſeines Hanges zur Einſamkeit und ſeines eingebildeten Hanges zum Nachdenken, was alles eher von Geiſtesarmuth und einer gewiſſen heimlichen Wichtigthuerei, als von gutem Geſchmak herkam. Aber weiter war es nichts mit ſeinen Leiden, bis er am Tag, nach dem Dienſte, den er Emil erwieſen hatte, durch eine heftige Krankheit ſeine Braut verlor. Er war von früher Jugend auf mit einer ſeiner Couſinen verlobt geweſen und wollte ſie heirathen, ſo⸗ bald er das Kapitainspatent hätte, das er einige Mo⸗ nate ſpäter in Folge von Emils Abſchied erhielt. Kapitain Svaberts übertriebene, maßloſe Liebe hatte niemals vor fremden Ohren wiedergetönt, bis der Ge⸗ genſtand dieſer großen Leidenſchaft ihm entrückt wurde. Früher pflegte er mit möglichſter Ruhe von ſeiner Verbindung zu ſprechen, als von einer Sache, die ſo gewiß war wie der Tod, und beinah ſo ſicher wie ſeine Kapitainsbeförderung, auf die er jedoch damals noch geringe Hoffnung hatte. „Ich betrüge meine liebe Couſine Mina nicht, wenn auch ihre kleinen Reize total werblühen ſollten, bevor ich im Stande bin, zu heirathen.“ Und des Kapitains ehrliche Treue— denn Couſine Minas kleine Reize waren bereits ſo ziemlich verblüht— 208 war ſprüchwörtlich geworden unter den Kameraden, welche ihn liebten, nachdem ſie ihn kennen gelernt hatten. Aber wie dieß nun gehen mochte— ob der Mann eine angeborne Anlage zur Milzſucht hatte, die blos einer Anregung bedurfte, um zum Ausbruch zu kom⸗ men, oder(das wußte nur Gott und er ſelbſt) ob er einige Gewiſſensqualen erlitt wegen der Geduld, die er zu Couſine Minas Schmerz in der Kunſt des Wartens bewieſen hatte— genug, ſein Kummer über die Ver⸗ lorne war ſo tief, daß ſowohl ſein Körper als ſeine Seele einen, wie es ſcheinen wollte, unverwiſchbaren Eindruck davon empfing. Nach dieſem Zeitpunkt— es waren mehr als an⸗ derthalb Jahre verfloſſen— hatte ſeine Unterhaltung und ſein Benehmen dieſe einförmige Färbung angenom⸗ men, auf welche wir angedeutet haben. Nachdem wir uns wegen dieſer nothwendigen Ab⸗ ſchweifung entſchuldigt haben, kehren wir jetzt zu dem Augenblick zurück, wo wir die ſchmachtenden Augen des Kapitains bei Violas Frage ſich feuchten ſahen. „Ach, Madame, ob ich eine bittere Erinnerung an dieſes Abenteuer habe? O allzu bitter!“ Viola ſah ihn ſo aufmunternd und theilnehmend an, daß er hinzufügte: „Juſt während ich mit Emil fort war, hatte ich von den Eltern meiner Braut eine Botſchaft erhalten und was für eine Botſchaft! Meine Geliebte, meine Angebetete, meine ewig Beweinte... aber ver⸗ zeihen Sie, verzeihen Sie, wir ſind ſo unbekannt mit einander.“ „Bitte, fahren Sie fort— wir ſind ja nicht un⸗ bekannt... Hat irgend ein Unglück Ihre Braut betrof⸗ fen, Herr Kapitain?“ 3 3„Nicht ſie— ich war ohne Zweifel nicht würdig,. 8 das Glück eines ſolchen Engels zu ſchaffen: darum war aden, lrnf Nann blos kom⸗ ob er die er artens Ver⸗ ſeine baren s an⸗ ltung enom⸗ Ab⸗ t dem n des ig an d an, te ich jalten liebte, c ver⸗ gt mit t un⸗ etrof⸗ irdig, war daß ſie einen ſo edlen Beruf ausüͤbte!) K 209 es nur ich, der von dem Unglück betroffen wurde. Als ich ankam, fand ich ſie... todt.“ Der Kapitain machte eine Geberde, die den größ⸗ ten Schauſpieler zur Verzweiflung gebracht hätte, wenn er ſie ihm hätte nachmachen ſollen, und der Ton, womit er das Wort todt ausſprach, hätte eine noch groͤßere Verzweiflung verurſachen müſſen. Und gleichwohl war Kapitain Leopold Schauſpieler ohne Wiſſen und Willen. Gott weiß, daß kein Menſch von der Tiefe eines ſo unheilbaren Grames mehr überzeugt ſein konnte, als er, der an ſeinen Gram ſo feſt glaubte, wie er an Gott glaubte. „Und nach einer ſo langen Zeit?“ ſagte Viola langſam. Ihre Augen folgten beſtändig der Mimik des Ka⸗ pitains und ſeinen Augen, worin die unaufhörlich zu⸗ rückgedrängten, aber beſtändig wieder hervorbrechenden Thränen zitterten.. „Lange Zeit,“ ſagte er mit einer weichen Betonung, „ſind ein und drei viertel Jahre, eine lange Zeit, wenn es ſich um Kummer und Liebe handelt.“ „Es iſt eine ſchoͤne Zeit— mancher wird ſchneller geheilt.“ Der Kapitain zuckte die Achſeln. „Dann,“ ſagte er, iſt es blos eine Fantaſte gewe⸗ ſen, die mit dem Herzen nichts zu ſchaffen hatte. Dieß war für Viola ein Stich ins Herz. „Vielleicht,“ fuhr der Kapitain fort,„empfinde ich dieſe Gefühle tiefer als andere, denn ſchon von meiner Kindheit auf war ich ein verlaſſenes, allein ſtehendes Weſen. Immer zurückgeſetzt und mißverſtanden, beſaß ich in der Welt nur ein einziges Weſen, das mich ver⸗ ſtand und tröſtete über all die Wunden, welche das Schickſal ſchlug.“ (Arme beſcheidene Mina— ſie wußte ſelbſt niemals, Der Vormund. II. 14 — 210 Viola konnte nicht umhin, ihre eigne Rührung— D zum Vorſchein kommen zu laſſen. V de „O Madame, wie viel Güte verbirgt Ihre Seele, da ſie dieſe Theilnahme einer fremden zu beweiſen geru⸗ ſer hen... aber es iſt in Wahrheit unpaſſend, daß ich bei dieſem erſten Beſuch von mir ſelbſt zu ſprechen wage. ie Dieß kommt daher, daß ſchon früher ein gewiſſes Ver⸗ zu bindungsglied zwiſchen uns ſtattfand.“ 7 he „Die Gefuͤhle, welche den Gegenſtand unſerer Un⸗ terhaltung bilden, machen Ihnen zu viel Ehre, Herr ne Kapitain, als daß Sie einer Entſchuldigung bedürften. Erlauben Sie mir jetzt die Frage, ob Sie dießmal ei⸗ pa nen längern Beſuch beabſichtigen, als das letztemal.“ „Ich gedenke, einen Theil des Januars hier zuzu-⸗ bringen, denn mein ſchwacher Geſundheitszuſtand überhebt Vi mich der Verpflichtung, den Exercitien anzuwohnen.“ Ka „Das iſt eine angenehme Nachricht für die Bekann⸗ ner ten, welche Sie bereits hier haben, Herr Kapitain. als und wenn ich mich in der Stimme nicht täuſche, die ich abe vom Vorgemath her höre, ſo darf ich Sie jetzt der Wir⸗ unl! thin eines unſerer angenehmſten Häuſer vorſtellen.“ har Ab Pe He den nig XX.* fee Ein Glückstreffer. hat Kapitain Svabert hatte kaum ſeine demüthige Ver⸗ eine beugung machen koͤnnen— er beſaß juſt nichts würde⸗ volles; aber ein melancholiſcher Mann, der intereſſant ausſieht, hat immer eine gewiſſe Würde— als der Thürvorhang auf die Seite gerückt wurde und eine 4 ———— 211 Dame eintrat mit dem leichten und ungenirten Gange, der nahen Bekannten angehört. „Pfarrerin Horner.. Kapitain Svabert“ prä⸗ ſentirte die Wirthin. „Wo ums Himmelswillen,“ flü Laura, indem ſie ſich hinabbeugte, um Viola einetalbe umarmung zu geben,„haſt Du dieſe neue Ausgabe von Werther her bekommen?“ Viola ermunterte den Scherz nicht einmal mit ei⸗ nem zweifelhaften Lächeln. Sie hielt die Bemerkung Lauras für höͤchſt un⸗ paſſend. 8 Der Kapitain nahm ſogleich ſeinen Hut. „Noch einen Augenblick, Herr Kapitain,“ ſagte Viola.„Siehſt Du, meine beſte Laura, ich habe dem Kapitain Svabert ſoeben verſprochen, daß ich mich ſei⸗ ner hier ein wenig annehmen wolle. Emil's Haus iſt als ein bereits bekanntes das angenehmſte; nach dieſem aber erkläre ich, daß das Eurige den Preis gewinnt, und ich erbitte mir die Ehre, den Kapitain im Pfarr⸗ haus vorzuſtellen.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt. Wer am Dienſtag Abend bei mir einſpricht, iſt immer willkommen. Aber Perſonen, die eine ſolche Empfehlung haben, wie der Herr Kapitain, ſind es zu jeder Zeit. Mein Mann denkt wie ich. Die geiſtliche Obrigkeit muß wohl we⸗ nigſtens des Scheines wegen zuſammenhalten.“ Dieſes Genre war dem Kapitain Svabert gänzlich fremd, worüber man ſich nicht verwundern darf, da er chr wantig Monate lang nur von ſeinen Leiden genaͤhrt atte. Er begnügte ſich alſo nur damit, ſeine Augen auf eine höchſt beredte Art aufzuſchlagen oder zu ſenken. „Meine Liebe,“ ſagte Laura,„haſt Du die Billete genommen, wegen welcher wir übereingekommen ſind? Ich würde wirklich krank werden, wenn ich unſeren gött⸗ lichen Feodor nicht im Hamlet ſehen dürfte.„. Haben — 212 Sie von unſerem Theater ſchon Notiz genommen, Herr Kapitain? Es wird gewiß in der Provinz nicht viele beſſere geben.“ „Ich bin immer gar zu kurz hier geweſen. Ueber⸗ dieß iſt das Theater— das muß ich geſtehen— kein Zufluchtsort, den zu wählen ich mich jetzt geſtimmt fühle.“ „Aber Hamlet zu ſehen,“ wendete Viola ein,„das kann nicht unangenehm ſein, ſelbſt wenn die Mittel ei⸗ ner reiſenden Provinzialtruppe nicht ſo graß ſein könken!“ „Mache keine Entſchuldigungen— ſſie ſind uͤber⸗ flüſſig,“ erklärte die Pfarrerin,„haben wir nicht Herrn Feodor, Herrn Feodor und Herrn Feodor?... Aber wie viel Billete haſt du genommen? Du erinnerſt Dich doch, daß Lars Moritz verhindert iſt?“ „ Ich nahm, wie man mich gebeten hat, zwei für Emil, eines für Dich und eins für mich ſelbſt, im Ganzen vier.“ „Und da die Loge ſechs Plätze enthält, ſo bleiben vielleicht die zwei andern übrig... Geht Charles nicht hin?“— „Ich glaube nicht,“ antwortete Viola mit einem leichten Erröthen;„aber es wäre angenehm, bekannte Perſonen dorthin zu bekommen.“ Sie ſah ihren männlichen Gaſt nicht unzweideutig an „Ich will's verſuchen, ob ich eins dieſer Billete erhalten kann,“ ſagte der Kapitain ergebungsvoll. „Nun, das wäͤre hübſch.“ „Und geſchieht dieß, ſo werde ich die Ehre haben, mit Emil und ſeiner Frau zu erſcheinen, welche die Güte gehabt hat, mich zum Mittageſſen einzuladen.“ uunnd wenn Du das ſechſte Billet nehmen wollteſt, womit Du mir wirklich ein Vergnügen machen würdeſt...“ 213 Sobald der Kapitain fort war, machte ſich's Laura in der Sofaecke bequem, um mit ihrer guten Freundin Viola zu plaudern, denn jetzt, nachdem Laura eine an⸗ genehme Hausfrau geworden, waren die Damen gute Freundinnen. Aber ſie konnte nicht anfangen, bevor Charles her⸗ einkam, was am Vormittag etwas ſeltenes war. Er grüßte galant, ſowohl Laura als ſeine Frau. „Ei wie Schade, daß Du nicht ein paar Minuten früher gekommen biſt, ich hätte Dir dann einen von Emils Freunden vorſtellen können.“ „Und vermuthlich einen von Deinen eignen Freun⸗ den, da er empfangen worden iſt, obſchon ich Dich heute früh ſagen hörte, daß Du niemand empfangen wolleſt.“ Es lag blos Scherz in Charles Ton. Er war nicht mehr eiferſüchtig; ſeinetwegen hätte Viola jetzt empfangen köͤnnen, wen ſie wollte. „Warum gehſt Du heute Abend nicht mit in's Theater?“ ſragte Laura. „Ich kann dieſen faden Hampelmann von Feodor nicht ausſtehen. Nur Frauenzimmer können bei einem— Schauſpieler alles Talent entbehren Ihnen genügt es, wenn er ein Paar dumme Augen ſo oß wie Theetaſſen im Kopfe hat, und ein Paar friſche rothe Wangen, ſo aufgeblaſen wie ein Trompeter.“ 8 „Aber wenn Du mitgehen wollteſt, Charles, ſo wären wir in der Loge ſo gut, wie en famille.“ „En famille,“ wiederholte Charles, und ſeine Wangen wurden mindeſtens ebenſo hochroth, wie er dieß ungerechter Weiſe von Herrn Feodor behauptet hatte. „Vielleicht ahnt er, daß Kapitain Werther mitgeht,“ dachte Laura,„ach wie gut wäre es, wenn ein Bischen Eiferſucht ihn aus dem Schlaf rüttelte!“ „Es verhält ſich ſo, Charles, daß Kapitain Svabert ſoeben fortgegangen iſt, um das fünfte Billet zu holen, ——— „Nun, wenn es Dir ein Vergnügen macht, ſo gehe ich mit, obſchon ich zum Voraus weiß, daß ich ungeheuer viel werde gähnen müſſen.“ „Dank, Charles, das iſt recht ſreundlich von Dir.“ Sie ſah ihn gut und herzlich an und eilte ſelbſt an die Thüre, um Auftrag zu ertheilen. Aber Charles eilte, ſie zurückzuhalten. Er wollte durchaus nicht vor dem Kapitain an⸗ kommen. Dagegen wollte er ſelbſt hingehen. Malvina mußte ſich dann überzeugen, daß er das Billet hatte haben wollen, aber nicht bekommen können. „Welch ein Glückstreffer!“ dachte er weiter.„Jetzt kann ſie nicht gar zu boͤs werden... aber ſollte auch das Billet noch übrig bleiben, ſo waͤre ich doch, und wenn es mein Leben gälte, nicht im Stande vor einem anzen Publikum zwiſchen meiner Frau und meiner Geliebten zu ſitzen, wahrhaftig das wäre gar zu ſehr en famille. Und dann die gegenſeitige Vorſtellung! nein, nein!“ „Warum hältſt Du mich zurück, Charles,— haſt Du Deine Abſicht ſchon wieder verändert 2 „Im Gegentheil, meine Freundin, ich gehe ſelbſt, um vollkommen ſicher zu ſein... Gehorſamer Diener, meine Herrſchaften“........... *...*.*.*.*.....*. 2. 3„Er iſt wahrhaftig noch in Dich verliebt,“ ſagte aura. „Daran habe ich nie gezweifelt;“ antwortete Viola mit einer etwas ſtolzen Miene;„Männer von Charles Gemüthsart können für Andere eine Laune haben, aber dieſe Launen hindern die wirkliche Treue nicht.“ „ Ich wollte wenigſtens ſeiner Ehrwürden nicht rathen, ſolche Launen zu bekommen,“ ſagte Laura lachend, .*.. ·**.* ⸗* „und frage Jeanne Sophie,— ſie wuͤrde Emil augen⸗ 4 gehe euer 215 Pcklich todtſchießen, wenn er einmal eine Laune be⸗ äme.“ „Aber ich bin nicht ſo heftig, ich. Mit Geduld überſteht man alles.“ „Auch ſagt man allgemein, daß Du eine exempla⸗ riſche Hausfrau ſeieſt.“ „Das kannſt Du meinem ehemaligen Vormund er⸗ zählen, wenn er im Sommer hieher kommt. Er hat noch immer die Güte, ſich für ſeine Mündel zu in⸗ tereſſiren.“ LZaura wurde beinah' ein wenig verlegen: ſie hatte ſelbſt dieſe Neuigkeit mitzutheilen gedacht, und jetzt kam man ihr auf eine ſo zwangloſe Weiſe zuvor. „Ja, ſei überzeugt, daß ich meinem Schwager all' das Gute ſagen werde, was ich von Dir weiß, und das iſt nicht wenig. Ueberdieß wird er wohl ſelbſt ſehen.“ „Ich glaube, daß wir einander ſehr wenig ſehen werden. Ich beabſichtige, wie Du vielleicht gehört haſt, den Sommer auf dem Lande zu wohnen. Das ſchoͤne Stjernvik ſoll mein Sitz ſein.“ „Aber, meine Liebe, Stjernvik liegt ja ein Paar Meilen von der Stadt.“ „Juſt darum hab' ich es gewählt. Das Land ſoll Land ſein. Ich gedenke da draußen ein wahres Noma⸗ denleben zu führen.“ „Ziehſt Du wirklich dahin?“ „Ganz beſtimmt. Ich glaͤube, daß ich Charles nicht verzeihen würde, wenn er dieſe Sache verſäumte... Nun ſieh, da iſt er bereits zurück... Jetzt wirſt Du wohl hören, ob ich nicht noch einen Mann habe, der ſich eine Freude daraus macht, meine Wünſche zu er⸗ füllen!“ „Meine Damen,“ ſagte Charles, indem er mit ſtrahlender Miene entgegen ging,„es ſind keine Billete mehr übrig! Ihr müßt die Hoffnung auf meine Geſell⸗ ſchaft aufgeben.“ „Ci wie verdrüßlich,“ verſetzte Viola, welche ſehr 216 gerne der Stadt gezeigt hätte, daß ihr Mann ſie nicht immer vernachläſſige. „Aber weißt Du was?“ fügte ſie in beinah' ein⸗ ſchmeichelndem Ton hinzu,„jetzt mußt Du Laura über⸗ zeugen, daß Du ein galanter Ehemann biſt.“ „Wie bekomme ich dazu Gelegenheit?“ Man kann nicht ſagen, daß in Charles Ton etwas beſonders aufmunterndes lag. „Laura weiß, daß ich Dich erſucht habe, den Pacht von Stjernvik zu beſorgen. Ich habe jetzt ein wahres Fieber gleich im Frühling hinauszuziehen. Wann zeigſt Du mir den Contrakt?“ „Zum Henker,“ dachte Charles,„daß beide juſt daſſelbe Fieber bekommen müſſen! Wie ſtellt man's jetzt an... o Malvina, bezaubernde Malvina, Du biſt boshaft wie ein Teufel.“ Laut hieß es: „Den Contrakt, meine Liebe?“ „Ja, mein Freund.“ „Du ſprichſt, wie wenn die Sache von mir allein abhinge.“ „Ja, von wem denn ſonſt?— wenigſtens höcte ich nicht, daß es ſich um etwas andres handelte, als wir das letztemal darüber ſprachen.“ „Aber Du begreifſt wohl, daß der Eigenthümer in erſter Linie entſcheidet. Man kann ja nicht beſtimmt wiſſen, ob nicht irgend ein anderer uns zuvor gekom⸗ men iſt.“ „Charles,“— es lag keine Schärfe, aber doch eine gewiſſe ſchmerzliche Beſtimmtheit in dem Worte,—„ich glaube nicht, daß jemand Dir zuvor gekommen iſt, und ich lege großes Gewicht darauf, daß Du mir den Ort verſchaffft, damit ich hinziehen kann, ehe Du zu den Erereitien reiſeſt.“ „Meine Liebe, ich kann nichts beſtimmtes verſprechen, aber Du weißt wohl, daß Deine Wünſche...“ „Ja, ich weiß wohl, daß Du alles thuſt, um fi —— . 5—“ nicht ein⸗ iber⸗ was Zacht ihres eigſt juſt jetzt biſt llein e ich wir er in mmt kom⸗ eine „ich und Ort den chen, n ſie * — — 217 zu erfüllen. In dieſer Beziehung jhege ich auch gar keinen Zweifel.“ „Da iſt's nicht ganz ſauber,“ dachte Laura,—„ich will doch ſehen, ob es ſich nicht ſo verhält.“ Und unter dem Vorwand, noch mehrere Beſuche zu machen, überließ ſie das Ehepaar ſich ſelbſt. Charles wollte zugleich gehen. „Verzeih', daß ich Dich aufhalte,“ ſagte Viola, welche bereit war, ihre letzte Mine ſpringen zu laſſen. „Ich habe mich zum Mittageſſen verſagt, und ich habe vorher noch. „Du ſollſt nicht lange aufgehalten werden. Alles, was ich Dir ſagen will, iſt das: der Kriegsrath kommt zu Anfang des nächſten Monats hieher,— Du biſt dann fort.“ „Und dann, meine Liebe?“ „Du haſt wohl das frühere nicht ſo gänzlich ver⸗ geſſen, um nicht einzuſehen, wie paſſend es wäre, wenn ich während Deiner Abweſenheit anderswo wohnte.“ „O, das ſind ja blos Kindereien.“ „Ich glaube ganz und gar nicht.“ „Aber ich habe Dir ja geſagt, daß des Kriegsraths gegenwärtiger Lebenswandel beweist, daß er gethan hat, vaf ein Mann von Ehre thun mußte, nehmlich ver⸗ geſſen.“ „Du willſt mich alſo mit aller Gewalt blosſtellen? ... Weißt Du auch, Charles, daß Dein jetziges Be⸗ nehmen einem Manne von Ehre nicht beſonders anſteht? .. doch genug,— verſchaffe mir Stjernvik!“ „Ich habe geſagt, daß ich es verſuchen will. Im Uebrigen beweiſen meine Worte, daß ich Dir das Ver⸗ trauen ſchenke, das Du verdienſt, weiter nichts.“ „Sage mir, ob Du weißt, wer ſonſt noch auf den Platz ſpeculirt.“ „Das weiß ich nicht. Ich ſage blos, daß wahr⸗ ſcheinlich noch mehrere ihn werden haben wollen.“ „Charles,“— Viola ſtand auf und trat vor ihren 218 Mann hin,—„Du weißt, daß ich geduldig bin, aber bringe mich nicht zum Aeußerſten.“ „Was iſt das für eine Sprache? Was will das heißen?“ „Das will heißen, daß Du Dich beſinnen ſollſt, bevor Du Dich entſchließeſt, Deine Frau auf eine Art zu beleidigen, welche ſie, das muß ich Dir mit Beſtimmt⸗ heit erklären, niemals verzeihen würde.“ „O, meine Freundin, das ließe ſich wohl gewiß noch ausgleichen. Ich glaube, daß ich noch hinreichend im Vorſchuß bin, im Fall etwa Vorwürfe nöthig ſein ſoll⸗ ten. Aber ich halte dafür, daß jede Frau wohl daran thut, dem Beiſpiel zu folgen, das Du bisher gegeben haſt und das wirkiich das klügſte iſt.“ Er ging heftig hinaus. „Ha, ſollte es möglich ſein, daß er das wagt,— ſollte er ihr auch in einer ſolchen Sache den Vorzug geben?“. Viola's Wangen prangien in Scharlach, im blut⸗ rotheſten Purpur. „Und dann dieſe Art, mich mir ſelbſt zu überlaſſen; dieſe Gleichgültigkeit... ſollte es möglich ſein, daß er nicht blos leichtſinnig, ſondern wirklich ein Elender iſt? „Nein, ich thue ihm Unrecht,— gewiß thue ich das. „Er hat Vertrauen zu mir— und hatte er Urſache zu etwas anderem? Ueberdieß handelt er wahrſcheinlich nothgrdrungen ſo. „Er gehorcht dem leiſeſten Wink dieſes gefährlichen Weibes... aber ich kann juſt nicht ſagen, daß ich ſie haſſe. „In jedem Fall war die Gefahr, von der ich ſprach, nur ein Einfall, um Charles Gedanken zu er⸗ forſchen... die Zeit der Gefahren iſt, Gott ſei Dank, vorbei.“ aber das ollſt, Art imt⸗ noch b im ſoll⸗ aran eben . rzug Blut⸗ ſen; ß er iſt? ich ſache nlich chen ich ich er⸗ ank, erhält. 219 XXI. Das ſechste Logenbillet. Wir treten jetzt in ein Haus, das uns ſchon ſeit alter Zeit beſonders genau bekannt iſt. Aber wir verweilen nicht in dem Salon, bei deſſen flatterndem Feuer wir die erſte Bekanntſchaft mit dem in ſeine Filze eingewickelten und auf den Tod wartenden alten Junggeſellen machten, welchem der Pfarrer Lars Moritz ſeine Leichenpredigt vorlas, die den erſten Schritt zur Beſſerung des Lebendigtodten verurſachte. Ebenſowenig verweilen wir in dem Arbeitszimmer, von welchem der Vormund ſeine Citationen an ſeine Mündel ausgehen ließ, wo er ſeine Tagesordnung auf⸗ ſetzte— nichts leichtes nach elf Uhr— und wo er Ge⸗ eenheit zu ſo manchen phyſiologiſchen Entdeckungen erhielt. Noch weniger halten wir uns in dem Schlafzimmer auf, wo er mit den Viſionen des Irrthums und den Qualen der Wirklichkeit kämpfte. Und am allerwenig⸗ ſtenbleiben wir in dem Kabinet, wo der Brautführer die Wraut empfing, um ſie dem Bräutigam zu über⸗ geben. Nun, alle dieſe Zimmer ſind verſchloſſen und werden von den Perſonen, die jetzt das Haus bewohnen, blos als Heiligthümer betrachtet, die man in gutem Stand Drei ſchöne und angenehme Zimmer, die früher von der Schwägerin: Frau Laura und ihren Liebes⸗ göttern— die Liebesgötter beſinden ſich noch immer in der Penſion— bewohnt wurden, bildeten jetzt die Wohnung des Lieutenant Marbin und ſeiner Frau. 220 Keines von beiden hatte das Anerbieten des Kriegs⸗ raths, den ganzen Stock zu benutzen, annehmen wollen. Nein, ſie waren zu klug, um ſich zu verwöhnen. Sie wollten durchaus nichts auf großem Fuß haben. Wie hätte ſich das mit ihren Einkünften vertragen? „Gott ſei Dank,“ hatte Jeanne Sophie geſagt, als ſte einen Stock mit drei Zimmern in der Reihe, ein beſonderes Stübchen für Emil abgerechnet, bezog,„Gott ſei Dank, das wird ja ein wahrer Staat.“ „Und gewiß war es ein wahrer Staat in dieſer kleinen heiteren Wohnung, wo Jeanne Sophie alles ſo vernünftig, ſo paſſend und zierlich zugleich anſtellte, daß Emil beſtimmt glaubte, dieß alles müſſe doppelt ſo viel gekoſtet haben, als es koſtete. Erſparniſſe waren Jeanne Sophie's höchſter Triumph, und deßhalb glaubte auch Emil, daß es in der ganzen Stadt keine ſolche Haushälterin mehr gebe; und wirk⸗ lich gab es auch keine ſolche Hausfrau oder Hausmutter mehr, wie ſie, und jetzt erſt als Mutter war ſie ganz unübertrefflich. Der gute ehrliche Emil war über alle Beſchreibung glücklich. Er hatte ein Aemtchen beim Zollweſen, aber das beſchäftigte ihn nicht ſo ſehr, daß er nicht vollkommen Zeit gehabt hätte, ſeinen Garten zu beſorgen und zu⸗ gleich ſeinen galanten Pflichten obzuliegen, welche nie⸗ mals verſäumt wurden, denn ſonſt legte der alte Live⸗ lius Hand ſowohl an die letzteren als an den Garten. Natürlich hatte man auch ſeine kleinen Soupers, denn ſowohl Emil als Jeanne Sophie waren gaſt⸗ freundlich. Aber klein waren dieſe Soupers, das muß man geſtehen, und Gäſte bekamen nie mehr als eine Taſſe Thee nebſt Butterbemmen. Deßungeachtet kamen immer mehr Gäſte, als die hausgeräthſchaftlichen Mittel der Wirthin wünſchens⸗ werth machten. legs⸗ llen. hnen. aben. 2 als ein Gott ieſer es ſo daß viel mph, nzen virk⸗ utter ganz bung das umen d zu⸗ nie⸗ Live⸗ ten. pers, gaſt⸗ man Taſſe s die hens⸗ 221 Man war ſo herzlich gemüthlich und ungenirt in dieſer kleinen Abtheilung des kriegsräthlichen Hauſes. Und Jeanne Sophie erröthete nicht, wenn man auf die Theelöffelchen warten mußte. Es iſt am Nachmittag deſſelben Tages, wo Kapi⸗ tain Leopold Werther Svabert ſeinen Beſuch bei Frau Charles Marbin gemacht hat.— Bemeldter Kapitain war juſt für den Augenblick beſchäftigt, Frau Emil Marbin zu erzählen, wie er immer allein im Leben dageſtanden, und Jeanne Sophie konnte ebenfalls den Leiden des milzſüchtigen Mannes ihr Mitgefühl nicht verſagen. „Aber,“ ſagte Emil, der ganz häuslich den Wie⸗ genfuß trat, wähend er Stäbchen zu den Leitern ſchnitzte, deren Jeanne Sophie für ihre Blumen bedurfte— „aber, lieber Leopold, ich kann mich nicht erinnern, daß Du früher ſo niedergedrüͤckt warſt.“ „Was weißt Du oder ſonſt Jemand von meiner Gemüthsſtimmung?“ ſagte der Kapitain, indem er die Thräne hinwegſtrich, die ſein eignes, vorhergegangenes Raiſonnement hervorgerufen hatte. Niemand hatte ſich die Mühe genommen, mich zu verſtehen— ich war ein allzu unbedeutender Menſch, als daß es ſich der Mühe lohnte. Indeſſen lernte ich frühzeitig meine Eindrücke verbergen. Meine männliche Würde— dieß war eine der Lieblingsphraſen des Kapitains— geſtattete mir nicht, mich auslachen zu laſſen, wenn ich nicht geliebt werden konnte.“ 2 „Mein Seel, liebe Jeanne Sophie, ſagt er jetzt nicht eine Unwahrheit(ſtill... ſtill... wir dürfen nicht ſo laut ſprechen), er wurde immer geliebt, und das wird er ſicherlich auch jetzt noch...(ſtill... ſtill...)“ „Nein,“ verſetzte der Kapitain,„ich wurde blos ein einziges Mal in meinem Leben geliebt, und Gott ſei Dank, das Glück erſetzte alles, was die Menſchen mir verweigerten.“ Und jetzt ſchwammen ſeine Augen wieder. „Das war ſehr gut,“ bemerkte Jeanne Sophie, „daß Sie ſich entſchloſſen haben, hieher zu reiſen. Hier in der Stadt, beſonders in unſerem kleinen Hausweſen, gedeiht keine Melancholie.“ „Dieſes kleine, poetiſche Hausweſen hat in meinen Augen gleichwohl einen Fehler.“ „Wirklich— und wir ſehen keinen darin!“ „Es hat den Fehler, daß es mich erinnert, was ich ſelbſt hätte beſitzen können, wenn ich würdig gewe⸗ ſen wäre... 4 Jetzt mußte der Kapitain aufſtehen; und während er von ſeiner vollkommen aufrichtigen Rührung beinah erſtickt wurde, flüſterte Emil ſeiner Frau, die jetzt vor⸗ ham⸗ um nach dem Schlaf des Kleinen zu ſehen, in's hr: „Gott verdamm' mich, wenn dieß nicht eine Fan⸗ taſtetrauer iſt. Bäschen Mina kann nur als todt den Gegenſtand einer ſolchen Liebe bilden: zu ihren Lebzei⸗ ten war ſie mittelmäßig, wie eine Hausmannskoſt, und noch ein Bischen drunter.“ „Er leidet ſehr viel, der arme Mann.“ „Ja, das ſieht man wohl... ſchnell, gib mir einen Kuß, mein Engel, während er uns noch den Rücken kehrt, denn ſieht er es, ſo“— Emil nahm ſich drei bis vier Küſſe,—„ſo bildet er ſich ſogleich ein, die ſelige Mina habe eben ſo ſchöne und friſche Lippen gehabt, wie Du, und dann erregt ihm dieß neue Sehnſucht.“ „Ich glaube wirklich, daß ich Dich wegen Leichtſinns und Mangels an Theilnahme ſchelten muß.“ „Das ſollſt Du nicht. Ich will mein Beſtes thun, um den Kameraden zu heilen; aber ich weiß nicht, warum ich mich nicht ſo theilnehmend fühle, wie ich ger run ſich Ein Be kan es Bil bin hät vor ſcha Leon zu! nige aber dem wie Ein nehr Jea gehe pfar unge ter Her; ihm bleit 223 gerne möchte... ja zum Teufel, jetzt habe ich's: da⸗ rum, weil ich mich deutlich erinnere, wie manchmal er ſich davon ſchlich, wenn die ſelige Mina ihm ihre kleinen Einladungsbillete zuſchickte.“ „Ach, Emil, das, was Du jetzt ſagſt, beweist am Beſten, daß er ſie nach dem Tod noch wärmer lieben kann, als er im Leben that. Erinnerſt Du Dich, daß es eine Zeit gab, wo auch Du juſt daſſelbe mit meinen Billeten thateſt— und wäre ich damals geſtorben, ſo bin i, überzeugt, daß Du mich jedenfalls tief betrauert hätteſt.“ „Ich glaube, ich hätte mich zum Narren getrauert vor Gewiſſensqual darüber, daß ich Dich nicht zu ſchätzen wußte. Und jetzt verſtehe ich auch den armen Leopold. Dieſe poetiſch überirdiſche Liebe, die er erlebt zu haben glaubt, iſt ein Traum, in welchen ſeine we⸗ niger freundlichen Erinnerungen ſich gekleidet haben... aber jetzt wendet er ſich zurück.“ „Nun, liebſter Bruder, ſehnſt Du Dich nicht nach dem Abend, wo Du meine allerliebſte kleine Schwägerin wieder zu ſehen bekommſt? Du mußt geſtehen, daß es Einem innerlich wohl thut, ſie nur zu betrachten.“ „Sie iſt eine unendlich liebenswürdige und ein⸗ nehmende Dame, und ſie war ſo gut gegen mich.“ „Da kommen Lars Moritz und Laura!“ ſagte Jeanne Sophie haſtig.„Seid ſo gut, meine Herrn, und gehet in den Salon, ich komme bald nach.“ Im Salon gab es neue Vorſtellungen. Seine Ehrwürden Lars Moritz hatte mit ſeiner pfarrherrlichen Würde auch an Fleiſch zugelegt und ſah ungemein würdig aus. „Dabei ſah er aber auch noch immer wie ein gu⸗ ter und heiterer Geſellſchafter aus und behielt dieſe Herzlichkeit, dieſes einnehmende Wohlwollen bei, das ihm ſo gut ließ... Aber wir wollen jetzt nicht länger in Emils Salon bleiben. Lars Moritz hat ſeine Frau blos hieher begleitet, um ſie in guter Geſellſchaft zu laſſen, und während Seine Ehrwürden ſpäter am Abend ſich damit beſchäf⸗ tigten, eine wirkliche Leichenpredigt zu ſchreiben, ſehen wir ſeine Frau in Begleitung von Lieutenant Marbin und Kapitain Svabert in das ſchöne Theater der Stadt treten, wo ſie die Loge einnehmen, zu welcher Frau Charles Marbin die Billete hat holen laſſen. „Unſre liebe Viola iſt noch nicht gekommen,“ ſagte Laura, indem ſie einen langen Blick im Salon umher⸗ warf. Und der Salon war ganz geſchmackvoll und wohl beſetzt, denn Herr Feodor, der erſte Liebhaber der Truppe, hatte ſein Benefiz, und da Herr Feodor— er führte vermuthlich einen andern Namen, aber Niemand be⸗ kümmerte ſich um etwas andres, als um das, was auf dem Anſchlagzettel ſtand— das Entzücken aller Damen war, ſo waren nur ſehr wenig Blllete übrig geblieben. „Wir wollen ſehen, ob das ganze nicht zu einer bloßen Parodie herabſinkt,“ ſagte Emil und berührte Kapitain Leopold's Arm. Was denkſt Du davon, hier den Hamlet zu geben? Die Mittel des Theaters ſind gering, aber die Talente der Schauſpieler ſtehen außer Zweifel.“ 4 Der Kapitain ſah aus, wie wenn er ſelbſt Hamlet geweſen wäre. Emil bekam keine Antwort. „Er iſt verdammt langweilig geworden, der liebe Leopold,“ dachte Emil; aber hernach dachte er an die unglückliche Melancholie ſeines Freundes, und beſchloß nachſichtig zu ſein. „Ich begreife nicht, daß Viola nicht kommt,“ be⸗ merkte Jeanne Sophie verwundert. — Q⏑—— ⏑— eitet, hrend ſchäf⸗ ſehen arbin Stadt Frau ſagte mher⸗ wohl ‚uppe, führte d be⸗ is auf DHamen lieben. einer rührte , hier s ſind außer Hamlet r liebe an die eſchloß „“ be⸗ 225 Und ſchon war der Vorhang aufgegangen und Viola hatte ſich noch nicht gezeigt. Das Geſpenſt konnte ganz ruhig ſeinen Eintritt halten. Kein Geräuſch an den Bogenthüren, auch kein Geräuſch im Salon, bis Hamlet ſelbſt auftrat. 3 Aber nun entſtand ein ſo heftiger Applaus, ja ſo heftig, daß die Handſchuhe aller Frauenzimmer in den Nähten ſprangen, denn die Damen dieſer Stadt hatten ſich von dem dummen Brauch, die Gefühle der Damen durch die Herren ausdrücken zu laſſen, emancipirt. Hamlet verbeugte ſich wenigſtens zehn Minuten ang. Und allerdings war er eine hübſche Erſcheinung, obſchon man zugeben mußte, daß ſein Genre mehr diejenige Parthie war, wo er mit Hülfe eines wehen⸗ den Helmbuſches, eines blitzenden Schwerdtes demon⸗ ſtriren konnte, als diejenige, die er jetzt zu ſpielen hatte. Aber es ſtand gleichwohl zu hoffen, daß er auch ſeinen gegenwärtigen Platz ausfüllen würde, denn wenn er auch ein etwas ſchlechtes Gedächtniß hatte, ſo daß er länger, als für den Effekt dienlich war, am Souffleur⸗ kaſten ſtehen blieb, und wenn er auch etwas ſteifere und weniger vornehme Manieren beſaß, als der Hamlet des königlichen Theaters, mein Gott, wer wollte ihm das verargen, wenn die Damen riefen:„ach wie entzückend, der holdſelige, der göttliche, der unübertreffliche Feodor!“ Sogar die Herren machten wenig Einwendungen, denn es war eine gute Stadt, wo die Männer noch dem ſchönen alten franzöſiſchen Wahlſpruch:„Gott, Ehre und die Damen“ huldigten. Herr Feodor hatte juſt ſein ſchönes Geſicht erhoben, er hatte juſt mit der ausgeſuchteſten Eleganz all die Bouquette aufgeleſen, die üͤber ihn herabgeregnet, und er bereitete ſich juſt mit einem Ausdruck unglaublich behaglicher Selbſtzufriedenheit, ſeinen Bückling für die dritte Handſalve abzulegen, als— während Jedermann Der Vormund. II. 15 226 Blick und Aufmerkſamkeit auf die Scene heftete,— die Thüre einer gewiſſen Loge aufging und eine Dame mit lautem Geraſchel eintrat. Diejenigen, die in der Loge ſaßen, bemerkten es inzwiſchen ſehr gut. Man hatte gehört, daß Jemand vor der Logen⸗ thüre ſtehen blieb, und da hatten alle geſagt:„Jetzt kommt ſie.“ Niemand dachte an das ſechste Billet. Aber wir wünſchten, unſre Leſer hätten den Ge⸗ ſichtsausdruck unſrer Damen geſehen, als nicht Viola, ſondern Frau Malvina von H. in der prachtvollſten Toilette ſich zeigte. Sie war nicht eigentlich burlesk ausgeſtattet, denn ſie trug ein hochhalſiges, ſchwarzes Sammtkleid, dabei aber eine ſolche Menge von Juwelen, daß man verſucht war zu glauben, man habe eine Negerin vor ſich, die bei einem Maskenball die Maske abgenommen. Sie war in einen Shawl gehuͤllt, der nicht zu dem Kleide paßte. Er war zu noch weiterem Verdruß unſrer Damen demjenigen ähnlich, den Frau Charles Marbin das letztemal im Theater getragen hatte. Aber wenn das Geſicht der Damen eine erröthende Verwunderung ausdrückte, ſo zeigte ſich dagegen auf Lieutenant Emils Geſicht blaſſer Zorn. Wie ein Blitz war er auf die erſte Bank hinüber gegangen. Sie enthielt drei Plätze, wie die zweite. „Um Gottes willen,“ flüſterte er dem Kapitain zu, „warte an der Thüre der Loge, und wenn meine Schwä⸗ gerin kommtt ℳ 3 „Es war ganz recht, daß Du ihren Platz be⸗ legteſt.“ „Ihr Platz iſt heute Abend nicht hier.. Lieb⸗ ſter Bruder, Du thuſt mir den groͤßten Gefallen, wenn Du dich einen Augenblick im Gange aufhältſt. Ich würde ſelbſt gehen, wenn es nicht unmöglich wäre, die 227 Frauenzimmer allein zu laſſen; und wenn ſie kommt, ſo... ſo...“ Lieutenant Emil rieb ſich an der Stirne,— die Ordre für den Kapitain wollte nicht herauskommen. „Was denn?“ „Sage ihr, daß etwas dazwiſchen gekommen ſei, und daß ich ſie erfuche, umzukehren.“ Der Kapitain begriff kein Wort. Nichts beſto we⸗ niger nahm er den Auftrag mit ſehr vielem Vergnü⸗ en an. 3 Das kleine Geſpräch hatte nicht mehr Zeit eingenom⸗ men, als Ihro Gnaden Malvina gebraucht haben, um ihren Hut aufzuhängen, den Shawl zu drapiren, ihr Kleid glatt zu ſtreichen, und ſich gehörig in Ordnung zu ſetzen. 3 Sie beſaß zu viel Takt, um ſich den Anſchein zu geben, daß ſie Lieutenant Emils Platzveränderung be⸗ merkt hätte. 8 Sie zog jetzt ihre brillantenbeſetzte Lorgnette her⸗ vor und begann die Logenreihe zu überſchauen. Zur ſelben Zeit ſingen auch die Nachbarn rings umher an, ihre Augen zu öffnen. Eine Menge Operngucker richteten ſich auf die Loge von Lieutenant Emil Marbin. Malvina beugte ſich vor, um beſſer zu beobachten, und legte ihren weißen Arm beinah förmlich auf die Mantille der Pfarrerin. Aber, mein Gott, mit welchem Blick die Pfarrerin ſich umdrehte! Es war ein Wunder, daß Ihro Gnaden Malvina nicht auf der Stelle zu Boden ſanken. Jeanne Sophie war eben ſo bleich wie ihr Mann. Sie ahnte, daß dieß ein verabredeter Schimpf war, den man Viola zugedacht hatte. „Wollen wir nicht gehen?“ flüſterte Laura. Emil ſchüttelte unmerklich den Kopf: man konnte nicht zeigen, daß man etwas begriff. 228 „Aber laß uns nur nach Hauſe kommen,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen, doch ſo laut, daß ſeine Frau es hören konnte,“ ſo ſoll er einen Beſuch von mir er⸗ die halten. Ich werde...“ rüh „Um Gotteswillen, beruhige Dich... Sieh, jetzt bin ich ganz ruhig. Ich bemerke weder Blicke, noch ſie lächelnde Mienen... Der Abſcheuliche!“ Kan Welche gute Haltung die Herrſchaft auf der erſten Bank aufzeigen mochte, ſo wurde ſie doch von Malvina wol hierin übertroffen. zu! Sie zeigte ſich nicht im mindeſten genirt. ſfehe Ihre Augen, die ſpielendſten und intereſſanteſten nen Augen, die man ſehen konnte, wandten ſich beinahe nie von der Scene ab, und einmal, als Hamlets Augen einen dann ziemlich langen Beſuch bei ihr abſtatteten, erröthete ſie V Geſ ein wenig, was deßhalb aufſiel, weil man glaubte, dieſe ſtim Dame habe das Erröthen längſt verlernt. b „Der arme Leopold— ich glaube wahrlich, er iſt gelen noch immer draußen,“ ſagte Emil. letzte Und der Kapitain ließ ſich wirklich erſt gegen das letzte Ende des dritten Aktes wieder erblicken. ſee i Wie inzwiſchen ſeine Botſchaft ausfiel, erſehen wir Tag aus dem nächſten Kapitel. Geſe und Krum „ hatte unter XXII. gedu Boöſe Das Glück eine nachläſſige Kammerjungfer zu haben. 8 Thea Laßt uns jetzt ſehen, was Viola's Ausbleiben ver⸗ urſachte, ein höchſt glückliches Ausbleiben, weil es ihr iſt g⸗ die Widerwärtigkeit erſparte, Gegenſtand der Bemer⸗ kungen des Publikums zu werden. ein L ſtellu 229 Wäre ſie gekommen, ſo würde ihre Loge wenigſtens die Hälfte der Aufmerkſamkeit des Salons, von dem be⸗ rühmten Herrn Feodor abgezogen haben. Die Sache war ganz einfach die, daß Viola, als ſie ihre Toilette zu machen anfing, vergebens nach ihrer Kammerjungfer klingelte und wieder klingelte. Dieſer Umſtand— Jungfer Karoline konnte nicht wohl ſo weit entfernt ſein— häͤtte nicht ſonderlich viel zu bedeuten gehabt, wenn nicht die Toilette, ſchon abge⸗ ſehen von dieſem Hinderniß, ungewöhnlich ſpät begon⸗ nen hätte. Zuerſt hatte der von dem Doktor gezeigte Brief, dann der Beſuch des Kapitains Svabert und endlich das Geſpräch mit ihrem Manne Viola gänzlich herabge⸗ ſtimmt. Sie hatte auf der Cauſeuſe im„Traumkabinet“ gelegen und an den Mondſcheinabend gedacht, wo ſie zum letzten Mal Severin ſah, oder vielmehr, wo ſie zum letzten Mal mit ihm geſprochen— denn geſehen hatte ſie ihn hinter der Gardine, unglücklicher Weiſe, an jedem Tag der Woche, wo er in der Stadt war, und„ſeiner Geſchäfte wegen“ dieſe Straße heraufkam. Und unter Gedanken, worin Kapitain Svaberts tiefe und poetiſche Melancholie mit Severins Art, ſeinen Kummer zu ertragen, verglichen wurde(der Kapitain hatte keiner„Laura“ zu ſeiner Zerſtreuung bedurft), unter ſolchen Gedanken, wozu ſich Seufzer, Angſt, Un⸗ geduld, Eiferſucht, Verdruß und alles mögliche Garſtige, Böſe und Störende geſellte— zumal wenn man noch die wirkliche und geahnte Beleidigung ihres Gatten dazu nimmt— war es nicht zu verwundern, daß die Theaterſtunde vergeſſen wurde. „Nein, jetzt muß ich etwas anderes denken— es iſt gewiß ſchon lange Zeit.“ Und als ſie jetzt auf die Uhr ſah, war es bereits ein Viertel auf ſieben. Um halb ſieben begann die Vor⸗ ſtellung. ——y———— 230 Jeetzt begann auch das Geklingel und währte fort, bis es halb ſieben geſchlagen hatte. Viola hatte im Allgemeinen viel Geduld für kleine Nachlaͤſſigkeiten ihrer Bedienung, und ſie hätte gerne auch eine größere Verſäumniß, als die gegenwärtige, verziehen, aber juſt dieſe konnte ſie durchaus nicht ent⸗ ſchuldigen, weil ſie ihrer Jungfer geſagt hatte, daß ſie auf ſechs Uhr Alles in Ordnung haben ſolle. Da nun jetzt, wie geſagt, eine Viertelſtunde ver⸗ gangen war und der Wagen wartete, ſo wollte ſie eben ihre Haushälterin um Beiſtand anrufen, als Karoline— eine der ſchönſten, ſchlankſten und eleganteſten Kammer⸗ jungfern, die man ſehen konnte— hereingeſprungen kam und unter den demüthigſten Betheuerungen, daß ſie ſich in der Zeit getäuſcht habe, ihre Abweſenheit entſchuldigte. „Aber wie,“ fragte die junge Gebieterin mit Strenge, „kannſt Du Dirs herausnehmen, ohne Erlaubniß fortzu⸗ gehen, und zwar zu einer ſolchen Zeit?“ „Meine verheirathete Schweſter hat nach mir ge⸗ ſchickt, weil ſte ſchwer krank geworden iſt.“ Viola fand wohl, daß das Mädchen ihr jetzt ein Mährchen vorſagte; aber da ſie an dem keuchenden Athem und den ſchwebenden, unſicheren Bewegungen ſah, daß Jungfer Karoline haſtig geſprungen und in Angſt war, ſo fügte ſie blos in ernſthaftem Tone die Worte hinzu: „Laß dieß das letzte Mal ſein, daß Du Dich einer ſolchen Verſäumniß ſchuldig machſt, denn es iſt das letzte Mal, daß ich ſie verzeihe.“ Sofort ging die Ankleidung in möglichſter Haſt vor ſich, aber die Eile macht, daß Alles nur noch lang⸗ ſamer geht.. Karoline wurde noch einmal wegen Gedankenloſig⸗ keit ausgeſcholten. 5 Endlich war unſere Heldin— ſchön wie ein Mor⸗ genſtrahl— fertig, und jetzt eilte ſie nach dem Wagen. 4 4. 2*.8 7. 4„. 2**⁴.*.* 3...„„*4 3 4 2 . K 231 Charles, der in ſeinem eigenen Zimmer auf⸗ und abſpazierte, hörte es, als ſie über den Salon ging. Einmal hatte er einige Schritte gegen die Thüre gethan— vielleicht um ſie zu verhindern. Aber dieſe Schritte wurden bald wieder rückwärts gemacht. Die Ehre in ſeiner Bruſt wurde von der Furcht gelähmt. Wenn feines von beiden, weder er ſelbſt, noch ſeine Frau käme, was würde dann aus Malvina's Zorn werden? Er ſank auf das Sofa nieder, aber ob er auf dem⸗ ſelben Ruhe genoß, das wiſſen wir nicht. Als Viola vor dem Theater ausſlieg, war man im Anfang des zweiten Aktes. „Du kannſt mit dem Wagen wieder nach Hauſe,“ ſagte ſie zum Bedienten. Es iſt im Korridor ſo hell, daß ich allein gehen kann.“ Und während ſie allein die Treppe hinaufging, hörte ſie den Wagen fortrollen. Ganz unbekümmert darüber, daß ſie ſich beim Ein⸗ tritt auf eigene Fauſt präſentiren ſollte— ſie war daran ziemlich gewöhnt— ſchwebte ſie leicht, wie eine Syl⸗ phide, über den Korridor. Aber jetzt kam eine Perſon im Halbdunkel auf fie zu und verſperrte ihr beinahe den Weg. Sie ſah mit verwundertem Blicke auf. „Kapitain Svabert?“ „Auf der Wacht, Madame!“ „Auf der Wacht?“ „Wie ich ſage.“ 23²2 „Und der Zwiſchenakt iſt wohl ſchon aus?“ „Ja ſchon eine gute Weile. Aber die Sache iſt die, daß Emil mich herausgeſchickt hat, um mit Ihnen zu⸗ ſammenzutreffen. Er würde ſelbſt gekommen ſein, wenn er ſeine Frauenzimmer hätte verlaſſen können.“ „Was in Gottesnamen ſind das für unnöthige, ich hätte beinahe geſagt, überflüſſige Artigkeiten! Ich bin doch nicht ſo unerfahren, daß ich mir nicht ſelbſt helfen könnte.“ Viola beabſichtigte auf die Logenthüre zuzu⸗ gehen. Der Kapitain wagte es, durch eine leichte Bewegung mit der Hand ſie zurückzuhalten. „Ich verſtehe nicht recht, aber ich fürchte, es han⸗ delte ſich nicht um eine bloße Artigkeit.“ „Was iſt es denn?“ Der Ton der jungen Frau verrieth zugleich Neu⸗ gierde und Ungeduld. „Eine Dame iſt in die Loge getreten, und es ſchien mir, als habe ſie eine Revolution in den Gemüthern verurſacht.“ „Ah, der ſechſte Platz!“ Unſere Heldin trat ſogleich ein paar Schritte zurück. „Und dieſe Dame— ſie war.“ „Schwarz gekleidet, äußerſt prächtig aufgeputzt... und es iſt wahr, Emil fügte noch hinzu: Sag' meiner Schwägerin, daß etwas in dem Weg iſt.“ „Dieß genügt vollkommen, Herr Kapitain, um mich zu überzeugen, daß ich heute Abend den Hamlet nicht mit Intereſſe anſehen kann.“ „Wenn ich geahnt hätte..“ Er kam nicht weiter. „Darf ich Sie jetzt bitten, Herr Kapitain, Ihre Artigkeit noch dadurch zu vermehren, daß Sie mir den Arm reichen und mich nach Hauſe begleiten, denn un⸗ uütlicher Weiſe iſt ſowohl der Wagen als der Bediente ort.„ — — e. täns entfe ſal aber dank für und eine Aben ders Wor ein ſa habe tigke fühle bean fortf den wirkl Frem der b ſeine ſchäft 233 Sie ſprach ſchnell, aber vollkommen klar, waͤhrend fte, ohne eine Antwort abzuwarten, den Arm des Kapi⸗ täns ergriff und ſich mit beinahe eilenden Schritten entfernte. „Madame, ich wollte mich ſoeben über das Schick⸗ ſal beklagen— es iſt mir ſo oft ungünſtig geweſen, aber jetzt möͤchte ich ihm für eine ſo ausgeſuchte Gunſt danken, wenn ich nicht ahnte, daß etwas Unangenehmes für Sie mein Glück veranlaßt hat.“ „Nein, glauben Sie mir, ich bin bei guter Laune und ich bin Ihnen tief verbunden für Ihre Güte.“ „Welche Güte?“ „Daß Sie Schildwache ſtanden.“ „Das war nicht das Erſtemal.“ Kapitain Svabert Werther wagte es, in ſeinen Ton eine gewiſſe verehrungsvolle Vertraulichkeit zu legen. „Ganz richtig: unſere Bekanntſchaft ſcheint für Abenteuer gemünzt zu ſein— ſie kann alſo nicht an⸗ ders als ſchnell vorangehen.“ „Bedenken Sie, Madame, welche Dankbarkeit dieſe Worte mir einflößen. Ich, der ich ſo ſelten auf meinem einſamen Lebenswege ein Gemüth, ein Herz getroffen habe, das etwas anderes als Selbſtſucht und Gleichgul⸗ tigkeit in ſich geſchloſſen hätte...“ „Ja dieß ſind meiſtens die vorherrſchenden Ge⸗ fühle,“ ſiel Viola mit einem halben Seufzer ein. Er wurde mit einem ganzen von dem Kapitain beantwortet, der in tiefem und ausdrucksvollem Tone fortfuhr: „Wenn man, wie Sie, Madame, von allem Glänzen⸗ den und Schönen im Leben umgeben iſt, ſo beweist dieß wirklich einen großen Edelmuth, einige Augenblicke einem Fremdling, einem armen kranken Manne, zu widmen, der blos in ſeinen Erinnerungen lebt, und den überdieß ſeine männliche Würde verhindert, durch affektirte Ge⸗ ſchäftigkeit das gewinnen zu wollen, was zu ſuchen er —— 2 234 V kein Recht hat, weil er leider keine Anſprüche darauf beſitzt, nur ein erträglicher Geſellſchafter zu ſein.“ Wir müſſen geſtehen, daß es zweifelhaft iſt, ob Kapitän Svabert auch wirklich dieſen Glauben hegte. Er war dafür bekannt, daß er unter der Oberfläche Pur der Anſpruchsloſigkeit ungemein hohe Gedanken über ſich au ſelbſt beherbergte. hre „Ich kann Sie verſichern,“ ſagte Viola,„daß ich d mich auf kein anderes Urtheil, als mein eigenes ver⸗ roh laſſe. Und im Fall Sie, Kapitaln Svabert, es angenehm 3 ſinden, zuweilen mit einer Perſon zu plaudern, die es Pem gerne anhören wird, wenn Sie ſich in Ihren Erinne⸗ ew rungen ergehen, ſo kommen Sie an den Vormittagen b zu mir. Abends empfange ich nicht, außer wenn wir eſi beſondere Geſellſchaften haben.“ 5 In Folge dieſer Delikateſſe verfloſſen Biolas meiſte lich Abende in langweiliger Einſamkeit, denn jetzt war Char⸗ 8 8 les beinahe niemals um dieſe Zeit zu Hauſe.. ut Man war an die Thüre des Marbin’ſchen Hauſes müß gekommen, und nachdem Kapitain Svabert noch einmal 1 ſeine Dankbarkeit ergoſſen und die Einladung erhalten ſo hatte, ſchon am folgenden Vormittag ſeine Beſuche zu beginnen, eilte Viola hinauf. imm Sobald ſie mit deeies Karolinens Hülfe die Ober⸗ Fur kleider abgelegt hatte, ging ſie ohne eine Minute Ver⸗ ſein zug durch den kleinen Salon nach dem Zimmer ihres den Mannes. zwa — „ aus Charles, der von einem ſolchen tétera⸗téte durch⸗ de aus keine Ahnung hatte— ſonſt würde er ſich wohl aus dem Staub gemacht haben— noch auf dem Soſa und ſann darüber nach, wie d ienz am fol⸗ ſlan genden Morgen bei ſeiner Herrſcherin ausfallen möchte. arauf „ ob hegte. fläche r ſich aß ich 3 ver⸗ enehm die es rinne⸗ ftagen n wir meiſte Char⸗ Hauſes einmal halten che zu Ober⸗ 2 Ver⸗ ihres durch⸗ h wohl uf dem am fol⸗ möchte. 235 Bei Violas Ankunft ſprang er haſtig auf. „Ei wie— ſchon...“ Viola ſchaute zurück, ob es im Vorzimmer leer ſei, darauf ſchloß ſie die Thür und kam mit feſten Schritten auf ihren Mann zu. In ihren Augen brannten Verdruß und Verachtunng, ihre Brauen waren gerunzelt und ihre Stirne voll von drohenden Wolken. Die junge Frau war entzückend in ihrem ſtarken Zorn, aber ihr Ton verrieth keine Spur von Gemüths⸗ bewegung: er war ſtolz und kalt. „Ich komme,“ ſagte ſte,„um zu fragen, wie Du dich befindeſt.“ „Wie ich mich befinde 2 „Ja, ich dachte mir, daß ein Mann, der die ſchänd⸗ liche Niederträchtigkeit gehabt hat, das zu thun, was Du thateſt, einige Regungen von Gewiſſensqual haben müßte.“ Charles wollte antworten, aber ſeine Lippen bebten ſo heftig, daß er blos unartikulirte Töne hervorbrachte. „Niederträchtig iſt noch zu gelind,“ fuhr ſie mit immer eiskälterem Ton fort.„Deine Handlung iſt die eines ehrloſen Mannes, denn kein Mann, der noch einen Funken Ehre beſitzt, kann ſich ſo weit vergeſſen, daß er ſeine Gattin durch ſeine eſſe beſchimpfen läßt, und zwar vor einem ganzen Publikum.“ „Nimm Dich in Acht!“ „Wie— Du drohſt?“ „Du gebrauchſt zu ſtarke Ausdrücke.“ „O nein, ſie können mir weder zu ſtark, noch zu ausdrucksvoll ſein... aber wiſſe, daß der Zufall mir ieutenant begann zu athmen.. waß alſo wenigſtens kein äußerer Sturm ent⸗ ſtanden. Er bekam jetzt wieder Muth und Kraft. 236 „Was iſt das für ein Lärm und für einfältige Be⸗ ſhaldigungen Wahrhaftig, man muß ſehr viel Geduld aben.“ „Ich bin es, die eine ganz grenzenloſe Geduld hatte— aber jetzt iſt ſie zu Ende, und darum muß auch das Le⸗ ben aufhören, das Du führſt.“ „Meine liebe Freundin, Du nimmſt einen Ton an, der... wirklich vielleicht ein Bischen lächerlich iſt.* „Wie mein Ton iſt, weiß ich nicht, aber was ich mit voller Beſtimmtheit weiß, iſt, daß ich Dein Haus ver⸗ laſſe und mir eine eigne Haushaltung einrichte, wenn Du nicht auf das eingehſt, was ich fordre.“ „Schwatze kein ſolches Zeug.“ „Es iſt kein leeres Geſchwatze,“ ſagte Viola, und es funkelte von den Blitzen, die ihre Augen ausſandten. „Es iſt das erſtemal, daß ich mich herabgelaſſen habe, in dieſer Sache zu ſprechen; aber wenn es geſchehen iſt, ſo geſchah es darum, weil es unvermeidlich war, und ebenſo unvermeidlich iſt es, daß ich nunmehr meiner Würde Rechnung trage. Ich habe Dir geſagt, was ich thue, und iſt Deine Verbindung nicht gaͤnzlich abgebro⸗ chen, bis Du von den Exercitien kommſt, ſo geſchieht es bei Gott, wie ich geſagt habe. Du weißt, daß ich Wort halte.“ 1— „Und Du weißt, wer es ſo weit zwiſchen uns ge⸗ trieben hat. Wäͤreſt Du nicht immer kaltfinnig geblieben, wäreſt Du nicht im Anfang unſrer Ehe mit einem ſo ſchönen Beiſpiel von Treue vorangegangen, ſo hätte es nicht zu dieſer Erklärung kommen müſſen. Alles zu⸗ ſammen iſt Deine eigene Schuld, ganz und gar Deine Schuld.“ Viola hätte der Achtung, die ſie ſich ſelbſt ſchuldig war, zu vergeben geglaubt, wenn ſie darauf etwas er⸗ wiedert hätte. 4 Ohne ein Wort zu ſprechen, verließ ſte das Zimmer „Malvina aufopfern?“ ſagte Chatles.„Niemals gnäd mit k mit allen Man eigne läßt, Mor ——õ—́— 237 ... Aber woher die Mittel, all' ihre Ausgaben zu beſtreiten... und jetzt wie ein Verbrecher vor dieſem Weib daſtehen müſſen, das einſt mein Höchſtes war... „Ich hätte ihr keine Vorwürfe machen ſollen,— das war dumm, das war Unrecht, das war unpolitiſch und vor allen Dingen unwahr. Hätte ſie auch die Liebe, die ich für ſie hegte, noch ſo ſehr erwiedert, ſo würde ich ſie dennoch um Malvina aufgegeben haben. „Ich muß ſie beſänftigen, denn Malvina braucht Geld.— Ich begreife nicht, was ſie mit all dem Geld macht, das ſie fordert. Ich ſelbſt brauche Geld und ich bekomme nichts ohne die Unterſchrift meiner Frau. Baimdeines Mutter will ich lieber gar keinen Verſuch machen.“ XXIII. Der Herrſcher und die Sklavin. Wir befinden uns wieder in dem Speiſeſaal der gnädigen ⸗Frau Malvina. Aber dießmal handelt es ſich nicht um ein Frühſtück mit kalten Speiſen, ſondern um ein wohlbeſtelltes Souper mit ausgeſuchten Weinen, Kerzenſchein, Blumen und allem andern Luxus. An der einen Seite des Tiſches ſitzt ein junger Mann, der mit wohlbehaglicher Verehrung für ſein eignes Ich ſich von der gottlichen Malvina bedienen läßt, welche genau auf demſelben Kiſſen kniete, wo am Morgen Ejee gelegen hat. „Trink, mein geliebter Hamlet,“ ſagte ſie zärtlich, 238 indem ſie mit ihrer weißen Hand die Flaſche umſchließend ſelbſt ſein Glas füllte.„Wie entzückend Du heute Abend warſt! ich hätte mich von der Loge hinab zu Deinen Füßen werfen und ſie küſſen mögen.“ Herr Feodor leerte ſein Glas in der größten Ruhe und aß dann mit erſtaunlichem Heißhunger, während Malvinas vergötternde Blicke ihm folgten. Wäahrend dieſer tiefen Vergötterung vergaß ſie einige Augenblicke die Pflicht, die ihr oblag. „Du forderſt mich auf zu trinken, aber Du verſäumſt es einzuſchenken,“ ſagte Herr Feodor mit ſtrengem Herr⸗ ſcherton. „Ach verzeihe mir— wenn ich Dich anſehe, ver⸗ wirren ſich alle meine Gedanken.“ „Arme Kleine!“ Herr Feodor ſtreckte gemächlich die Hand aus und zog einen Hummerſalat an ſich. „O ſo wild zu lieben wie ich und nur eine ſo kühle Erwiederung zu finden!“ „Kühl... was willſt Du wohl, daß ich thun ſoll? Wo ich mich zeige— Herr Feodor gähnte— überſchüttet man mich mit Liebe. Man wird am Ende des Dings ganz überdrüſſig!“ „Nichts iſt natürlicher,— alle Weiber der Welt müſſen Dich anbeten, wenn Du ſie auch alle mit Füßen träteſt.“ „Nun ja(der Hummer da iſt alt), mit der Ver⸗ ehrung geht es ſchon an, aber ſie hilft mir nicht viel. Ich habe hier ungefähr 4000 Reichsthaler Schulden, freilich blos Spielſchulden, und man nimmt es nicht ſo genau mit dem Ehrenwort eines Schauſpielers.... etwas anders iſt es natürlich mit dem eines Militärs.“ .„SO mein angebeteter Hamlet, ſollte es ſich ſo gluck⸗ lich fügen, daß Du eiferſuͤchtig biſt?“ Hamlet machte eine ſo grimmige Bewegung, daß er das Weinglas unſtieß. Der Inhalt floß über den koſtharen Shawl; aber * Mald Bode Telle ſchon währ mein ich ſo Die die i nicht bereit ander reicht „ſehr drei ich n einzig Plack man Auf ben 4 ſchwe Herr ja me halbe eine Beder 239 Boden, um mit eilfertigem Eifer den Platz vor dem Teller ihres Geliebten wieder in Ordnung zu bringen. „Nun, mach' Dir nicht ſo viel Mühe. Ich kann ja ſchon trinken, wenn auch der Wein auf dem Tiſche fließt, während ich ſelbſt die Kehle feuchte. Ich ſprach von meinen Spielſchulden. Auch habe ich kein Reiſegeld; ich ſollte wenigſtens fünfhundert Thaler Reiſegeld haben. Die Einnahme deckt mit knapper Noth die Vorſchüſſe, die ich bei dem Direktor aufgenommen habe.“ „ Aber, mein zärtlich geliebter Feodor, es ſind noch nicht mehr als vierzehn Tage, ſeit Du mir die Seligkeit bereiteteſt..“ „. die Summe anzunehmen, die Du Deinem andern Liebhaber abzwangſt? Was, zum Teufel— ſie reichte nicht hin.“ „Sie war aber doch,“ wagte Malvina einzuwenden, „ſehr anſehnlich.“ „Anſehnlich... ha, ha, ha,.ich habe ſie in drei Abenden verſpielt. Ich kann Dir wohl ſagen, daß ich nicht gewöhnt bin, knickerig zu leben und mir die einzige Zerſtreuung zu verſagen, die mir für all' die Plackereien, Widerwärtigkeiten, Aerger und Neid, was man hinter den Couliſſen hat, einigen Erſatz bietet. Auf der Scene wird man applaudirt, um hinter derſel⸗ ben Haß zu ernten.“ „Aber, mein Geliebter, Du lebſt auch ſo ver⸗ ſchwend.“ „Aha, will man mit Vorwürfen herausrücken?— Herr Feodor ſtieß die Teller weg— nun, da kann ich ja meines Wegs gehen.“ 8 „Nein, nein, es handelt ſich nicht einmal um einen halben Vorwurf.“ „Gut... aber Du hatieſt mir ja verſprochen, eine Intrigue ſo anzuſtellen, daß Du dem Narren etwas Bedeutenderes auf einmal abpreſſen köͤnnteſt.“ „Die Intrigue iſt auch bereits in vollem Gange. Malvina warf Charles Geſchenk gleichgültig auf den 240 Ich hatte ihn überredet, heute Abend mit ſeiner Frau ins Theater zu kommen und mich ihr dort vorzuſtellen, deßhalb bat ich Dich, mir das Billet in dieſelbe Loge zu geben.“ „Nun, und wie iſt es abgelaufen? Sie waren jeden⸗ falls nicht da, das haſt Du wohl geſehen,“ „Ich hatte es erwartet.“ Herr Feodor blickte etwas dumm drein. „Ich ſagte zu mir ſelbſt: er kann doch kein ſo ſchwa⸗ cher Tropf ſein, daß er dieſes Verſprechen erfüllt. Er würde ſich auch dadurch, wie er wohl weiß, dem allge⸗ meinen Spott blos ſtellen, der auf ihn wirken muß, wenn er auch nicht Ehre genug hat, ſich vor ſeiner Frau zu ſchämen.“ „Weiter!“ „Weiter? Da er das Verſprechen nicht erfüllt, auf das ich ſo großes Gewicht gelegt habe, ſo fällt er in Ungnade.“ „Aber dann verſiegen ja unſre Quellen gänzlich.“ „Weit entfernt— ſie beginnen jetzt erſt recht zu fließen.“ „Aha, ich bemerke einen Lichtſchimmer,.. ein ver⸗ dammt feines Vögelchen, das!“ „Zuerſt bin ich unbeweglich und drohe mit meinem Frreier und einem Bruch auf ewig.“ „Wenn er Dich nur nicht beim Wort nimmt?“ „Hat keine Gefahr— er iſt ganz verrückt.. nun endlich läßt man ihn Verzeihung hoffen; aber ich bin wegen einer alten Schuld von meinem ſeligen Manne her genirt. Verſtehſt Du jetzt, Undankbarer!“ „Ich verſtehe, meine holde Malvina, daß Du wirk⸗ lich die einzige Geliebte biſt, bei der es ſich der Mühe lohnt, treu zu ſein. Du biſt auch, hol' mich der Teu⸗ fel— ich kann es Dir jetzt wohl ſagen, da Du es zu hören verdienſt— die ſchönſte, die ich je gehabt habe, obſchon ich wenigſtens fünfzig hatte. 4 ſchwa⸗ . Er allge⸗ muß, Frau t, auf er in zlich.“ echt zu n ver⸗ neinem 2“ t... ber ich Manne wirk⸗ Mühe r Teu⸗ es zu habe, 241 „O Ou ſchmeichelſt mir— Du machſt mich ſchwind⸗ lig vor Seligkeit.“ „Und dieſe alte Schuld von Deinem ſeligen Manne her muß nothwendig ſo groß ſein, daß ſte für das Rei⸗ ſegeld ausreicht.“ „Aber warum ſprichſt Du von Reiſegeld? Als ob wir nicht unſern gottvollen Plan, unſre feſte Ueberein⸗ kunft hätten?“ „Ach ja, unſre Uebereinkunft.“ „Haſt Du vielleicht vergeſſen“— Malvina wurde blutroth—„daß Du Dich krank melden und der übri⸗ gen Truppe nachreiſen ſollteſt? Haſt Du nicht verſpro⸗ chen, haſt Du nicht geſchworen, eine Molkenkur in der Nähe von Stijernvik zu machen, wäaͤhrend der Argus bei den Exrercitien iſt? Habe ich nicht blos Deinetwegen das ſehr gute Anerbieten des Kapitäns ausgeſchlagen?“ „Das iſt ja wahr.“ Herr Feodor begann auf eine weniger feine Art zu lachen. „Ich hätte beinah vergeſſen, daß meine Bruſt an⸗ gogriffen war— aber die Molkenkur wird mich ſchon heilen.“ „Welche Wochen, mein Hamlek!“ „Welche Schwäaͤrmereien, o meine Ophelia! Nym⸗ phe, ſchließe alle meine Sünden in deine Gebete ein.“ „Aber wenn der Tag kommt, wo Du mich ver⸗ läſſeſt, da fürchte ich, daß auch ich einen Strohkranz flechten oder heirathen werde, wenn ich noch einen Mann finde, der ſo rechtſchaffen denkt, wie derjenige, der ſich jetzt anbietet.“ Herr Feodor war grauſam genug, nichts zu ver⸗ ſtehen. Er fuhr fort zu deklamiren: „Geh' in's Kloſter... lebe wohl! Oder wenn Du durchaus heirathen willſt, ſo heirathe einen Narren, denn vernünftige Männer wiſſen nur zu gut, was für Ungeheuer ihr aus ihnen machet.. Geh' in's Kloſter, ſage ich.“— Der Vormund. I. 16 242 „Kloſter— ja wenn es noch ſolche gäbe, ſo würde ich, ernſtlich geſprochen, den Schleier nehmen an dem Tage, wo ich Dich verlöre, mein Feodor.“ „Sorge nicht für den kommenden Tag... aber, um auf unſere Angelegenheiten zurück zu kommen— ich halte das ſentimentale Weſen nicht länger aus— wie glaubſt Du, daß die des Lieutenants ſtehen?2“ „Ich fürchte, daß ſie erbärmlich ſtehen. Ich hatte einen ganzen Haufen wirkliche Schulden, die er bezahlen mußte, bevor ich hieher ziehen konnte— ich war arm wie eine Kirchenmaus. Dann kam die häusliche Ein⸗ richtung, dann meine Toilette, und endlich dieſer letzte Poſten. Wahrhaftig, wenn der unerträgliche Exvor⸗ mund ihn nicht ſobald als möglich Geld aufnehmen läßt, ſo weiß ich nicht, wie wir beſtehen ſollen.“ „Aber wenn ein Vertrag gemacht iſt, ſo wird ſeine Frau nicht ſo verrückt ſein, eine Unterſchrift von ſich zu geben.“ „O ſie iſt ein gutes Schäfchen, das er gänzlich in ſeiner Gewalt hat, und wenn er nur nicht in ſeiner ungeheuren Dummheit ſie gereizt hat.. aber.. ſt... wahrhaftig, da ſteht er draußen im Gang. Gott ſei Dank, daß die Fenſter nicht auf die Straße hinaus ſehen.“ men.“ Herr Feodor erhob ſich mit der Serviette in der Hand. Man ſah ihm wohl an, daß es nicht das erſtemal in ſeinem Leben war, daß er in einer behaglichen Mahl⸗ zeit geſtört wurde. G „Geh' durch den Salon, geliebter Feodor, ſobald Du uns über den Gang nach dem Kabinet ſchreiten hörſt. Er hat einen ſo großen Abſcheu vor dem Speiſe⸗ „Hinaus oder nicht, ſo wird er wohl hieher kom⸗ ſaal, daß er gar nichts böſes dabei denkt, wenn ich ihn nicht hier durchführe.“ Und ſchneller als ein Gedanke war Malvina draußen und öffnete ſelbſt. würde n dem aber, nen— ius— 74 hatte zahlen ar arm 2 Ein⸗ rletzte Exvor⸗ nehmen 4 d ſeine don ſich zlich in : ſeiner r... . Gott hinaus er kom⸗ r Hand. erſtemal Mahl⸗ ſobald ſchreiten Speiſe⸗ ich ihn draußen 243 Charles, der nach dem Sturme mit ſeiner Frau beſchloſſen hatte, zu gleicher Zeit auch den Sturm bei ſeiner Geliebten auf ſich zu nehmen, wunderte ſich natür⸗ lich nicht über Malvina's glühende und verwirrte Miene. Die gnädige Frau Malvina hatte abſichtlich die Maske verſchmäht und ſie um ſo ſicherer verſchmäht, als von Eiferſucht gar nicht die Rede ſein konnte. Charles glaubte ſich angebetet— natürlich mit Aus⸗ nahme derjenigen Augenblicke, wo Malvina zur Befe⸗ ſtigung ihrer Gewalt einen andern Ton anſchlug. Ohne ein Wort wurde Charles nach dem Kabinet geführt. Aber hier ſtellte ſich die Herrſcherin mit einer ſo zornigen und höhniſchen Miene ihm gegenüber auf, daß der Sklave ſogleich zu ihren Füßen niederfiel. „Haben Sie die Güte und ſtehen Sie auf, mein Herr. Ein ſo verachtetes und ſo verworfenes Weſen wie ich, beſitzt keine Anſprüche auf Kniefälle.“ „Malvina, Malvina, ich hatte das Billet nehmen wollen, obſchon es eine Schändlichkeit von mir war. Aber Dir zu liebe könnte ich..“- „Du hatteſt gewollt, ja!“ „Es gab keine Billete mehr.“ „Und das von Deiner Frau,“ verſetzte Malvina mit ſteigender Aufregung,(ſie ſpielte gut)„war das vielleicht auch verkauft?“ 1 „Meine Frau kam hin, aber nicht weiter als in den Corridor. Sie hatte erfahren.“ „Gar zu gut, gar zu gut— ich bin jetzt öffent⸗ lich an den Pranger geſtellt; aber ich hoffe, daß mein ehrenwerther Freier den Muth haben wird, ſich darüber wegzuſetzen.“ „An den Pranger geſtellt, meine Angebetete,— nimm doch Vernunft an.“ „Wenigſtens werde ich mich ſelbſt zu beſchützen wiſſen Von dieſer Stunde an, Lieutenant Marbin, iſt unſere Verbindung abgebrochen— ich gehe und ver⸗. 244 berge mich“— Malvina begann hier zu ſchluchzen— „in irgend einem einſamen Winkel der Welt, verberge mich mit meinem verwundeten Herzen, meiner Unehre, meinem verlornen Gewiſſensfrieden.“ „Wie, abbrechen? Nein, Malvina, wenn Du mich verſtößeſt, ſo überlebe ich Deinen Verluſt nicht. Du machſt aus mir was Du willſt.... nur ſprich nicht von einem Bruche.“ „Was“— Malvina zeigte mitten in ihrem Schmerz eine ſchreckliche Verwunderung—„Du könnteſt glau⸗ ben, daß ich nach einer ſolchen Beleidigung verzeihen ſollte?... Weiß die Welt vielleicht etwas anderes, als daß Du mein Liebhaber warſt? beſaßeſt Du alſo das Recht, mir Deinen Schutz zu verweigern und mei⸗ nen Namen gleichſam mit Koth zu bewerfen, dadurch, daß Du meine Vorſtellung bei Deiner Frau unter⸗ ließeſt?“ „O Geliebte... o Malvina!“ „Bin ich ein feiles Weib, das man für ſeine Liebe bezahlt, oder bin ich Dir gleichgeſtellt in der Welt? Du verſprachſt mir, als Du mich durch Deine falſchen Vor⸗ ſpiegelungen hieher lockteſt, eine geſicherte Stellung, eine geachtete Exiſtenz— o Du bereiteſt mir alles andere.“ „Aber ſo höre doch, daß ich unſchuldig bin.“ „Das bekümmert mich nicht. Ich bin an den Pran⸗ ger geſtellt... Wenn Du geſehen hätteſt, wie man mich betrachtete! Ein Thier, das man um Geld zeigt, kann nicht ärger begafft werden.“ Malvina rang ihre ſchönen weißen Hände. „Aber ℳ* „Verlaß mich, unnatürlicher Mann... das iſt keine paſſende Stunde, zu welcher Du kommſt. Juſt durch ſolche Unvorſichtigkeiten von Deiner Seite iſt mein Name preisgegeben worden.“ „Nur ein Wort, nur ein einziges Wort— aus Barmherzigkeit!“ „Nein, nicht einen Buchſtaben! Ich ſterbe, wenn urch, 245 zch nicht ſogleich allein gelaſſen werde— ſo aufgeregt, ſo erſchüttert bin ich.“ „Geſtatteſt Du mir wenigſtens die Hoffnung, mor⸗ gen Vormittag wieder kommen zu dürfen! Sprich, daß ich das darf— ſonſt bekümmere ich mich um nichts; ich trotze Allem— und bleibe heute Nacht vor Deiner Thüre liegen.“ Malvina ſchien erſchüttert. Sie ſpielte die Unentſchloſſene. Es galt ihren weib⸗ lichen Stolz, wenn ſie nur um ein Haarbreit nachgab. „Nun wohl,“ ſagte ſie endlich,„es ſcheint, daß Deine Verzweiflung aufrichtig iſt. Ich werde Dir mor⸗ gen früh ein Billetchen ſchicken.“ „O Dank, Dank und Segen— das war doch ein Tropfen Troſt.“..Sn. 4* 2.**⁴*..⁴* 2** 2* 7**.* 4 *. 4** 4 Als die gnädige Frau Malvina nach dem Speiſe⸗ ſaal zurückkam, in der Hoffnung, daß ihr erſter Gelleb⸗ ter ſich irgendwo verborgen haben möchte, fand ſie je⸗ doch, daß ſte gänzlich allein gelaſſen war. Daß Herr Feodor inzwiſchen das Feld nicht gar zu ſchnell geräumt hatte, zeigte der halb aufgegeſſene Sulz⸗ pudding und die vollkommen geleerte Flaſche. „Ich will ſehen,“ ſagte ſie, indem ſie ſich ſelbſt an den Tiſch ſetzte— vorher hatte ſie blos ihren Geliebten bedient—„ich will ſehen, wie ich ihn morgen bekom⸗ men kann. Etwas muß ich für mich ſelbſt behalten.. Er iſt ſehr verſchwenderiſch, mein Feodor... und über⸗ dieß brauchen wir eine Maſſe Geld zu unſrer Jdylle auf dem Lande.“ Während Malvina ihre Berechnung machte und Charles die ſeinige— denn er wußte wohl, daß er den Frieden ungemein theuer erkaufen mußte— gab es zwei andere Perſonen, die ebenfalls ihre Berechnungen mach⸗ ten, welche mit denen Charles zuſammenhingen. 246 „Ich habe wegen dieſes ſchlechten Menſchen ſchon ſo viel Verdruß gehabt, daß ich ihm die Thüre gar nicht offen halten ſollte,“ ſagte eine zornige Stimme, die wir dieſen Abend ſchon einmal gehört haben, ob⸗ ſchon in einer andern Tonart. Es war Jungfer Karoline, Viola's ſchöne, feine Kammerjungfer, die ihrem Geliebten öffnete, mit wel⸗ chem ſie jetzt in der Hausflur ſtand und plauderte. „Laß mich um Gottes willen nur auf fünf Minu⸗ ten in Deine Kammer.. wir können doch nicht hier ſtehen bleiben.“ „In meine Kammer— ich, die ich einen Bräuti⸗ gam habe! Nein, ich danke!“ „Auf Ehre, liebe Karoline, Du biſt ſieben Millio⸗ nenmal verführeriſcher und weit mehr werth als alle dieſe zudringlichen und ſchwindſüchtigen Damen.“ „O ich bin wie der liebe Gott mich geſchaffen hat, aber Sie hätten mich nicht in die Garderobe hinauf verlocken ſollen; Sie waren zwar ſehr ſchön im Koſtüm, Herr Feodor, das läugne ich nicht, aber jedenfalls hatte ich meine Madame nicht aſfeſen wollen, die ſo gut iſt.“ „Höore mich an: Du käuſcheſt mich doch wohl nicht? Du biſt ſo ſtörriſch, Du kleiner Satan, daß man Wun⸗ der was von Dir glauben koͤnnte.“ „Ich laſſe mich nicht täuſchen: Ich gehe mit der Truppe, wie ich verſprochen habe— ich würde den Dienſt jedenfalls verlaſſen haben— aber ich ſetze keinen Schritt über das Zollhaus hinaus, ſo viel iſt gewiß, bevor ich die zweitauſend Reichsthaler, über welche wir einig geworden ſind, für meine Rechnung hier angelegt habe. Ich habe ſchon mehr ſolche Dinge geſehen, und ich weiß, wie es endet für diejenigen, welche nicht Ver⸗ ſtand genug haben, um zu wiſſen, wie ſie ſich anſtellen müſſen.“ „Aber an dieſem Verſtand fehlt es Dir mein Seel nicht. Du biſt klug und legſt ſicherlich auch etwas zu⸗ rück auf dem Platz, den ich Dir als Garderobaufſeherin — 247 verſchafft habe. Aber wir können nicht beſtändig von Geſchäften ſprechen... einen Kuß wenigſtens, einen einzigen Kuß... ei, ei... hol mich der Teufel, wie feſte Hände Du haſt, mein kleiner Diamant— ja Du beſitzeſt die Kunſt, einen Mann gänzlich zu verzaubern.“ „Wird etwas aus der Eivlage? So viel ſteht feſt, daß ich, wenn ich nicht meine Ausſteuer ſicher hier liegen habe, alles zwiſchen uns als abgebrochen erkläre. Wenn ich zurückkomme, heirathe ich meinen Bräutigam, wenn ich nur die zweitauſend Reichsthaler habe.“ „Ich ſchwoͤre, daß Du ſie haben ſollſt. Sie hat mir erſt heute Abend Geld verſprochen.“ „Pfui, wie gemein das alles iſt! Wenn ich meinen Bräutigam, den guten artigen Albert, der aber leider nicht mehr beſitzt als ich ſelbſt, nicht ſo herzlich lieb hätte, ſo hätte ich niemals von einer Reiſe etwas hören wollen Der Lieutenant verputzt das Geld ſeiner Frau, die gnädige Frau Malvina, wie Du ſie nennſt, perputzt das Geld des Lieutenants; Du, von dem ſie glaubt, daß Du ſie über alles Andere liebeſt, verputzeſt das ihrige und... und.“ Jungfer Karoline hielt es für paſſend, den Satz mit einer naiven Pauſe zu ſchließen. „Und Du verputzeſt das meinige: das geht Alles in verdammt guter Ordnung von ſtatten.“ „Ja, aber dann geht es nicht weiter ſo. Mein Bräutigam verputzt das meinige nicht, wir wollen uns heirathen und das, was wir bekommen, als einen Spar⸗ pfennig für die Zukunft anlegen.“ „Das heißt, daß Du, mein ſchönes Kind, am Ende das Vermoͤgen Deiner Gebieterin behältſt.“ „Ja die elenden Broſamen, die übrig bleiben, nach⸗ dem es durch ſo viele Hände gegangen iſt. „O wie hold Du biſt, wie hold Du biſt, kleine Hexe!“ „Und das ſage ich, daß ich ſo viel Kleider bekom⸗ men will, daß ich wenigſtens für zehn Jahre genug 248 habe; und das ſage ich, daß ich die Kammerjungfern in den Komödien ſpielen will— eine roſenrothe Jacke und ein grünes ſeidenes Schürzchen ſteht mir ſo gut.. und dann ein kleines Häubchen...“ „Du wirſt ſogar die Prinzefſfinnen ſpielen, ſtumm nota bene und in Schleier gehüllt.“ „Prinzeſſinnen, ja— wie artig Sie ſind, Herr Feo⸗ dor. Aber ich will durchaus den Schleier lüften, was würde es ſonſt helfen, daß man ſchön iſt. Aber... bſt. ſtill... da kommt der Lieutenant.“ 8„So, tauſend Teufel, ſtört er mich jetzt auch hier?“ Der Lieutenant ging zum zweitenmal in derſelben Stunde an ſeinem nicht geahnten Nebenbuhler vorbei. „Wer iſt das, der hier ſo im Dunkeln ziſchelt und flüſtert?“ rief er. „Das bin blos ich,“ ſagte Jungfer Karoline in einem ziemlich vertraulichen Tone,„ich habe meinen Bräutigam hinab begleitet.“ „So ſo, Du biſt's, meine liebe Freundin... hach die Frau ſich jetzt gelegt?“ „Ja, das hat ſie gethan, aber Ihr Bruder, Herr Lieutenant, ſitzt im Beſuchzimmer und wartet.“ „Verdammt!“ murmelte Charles. XXIV. Das äußerſte Glied in der Kette. Am folgenden Morgen hatte Charles einige Symp⸗ tome von Reue, hervorgerufen durch die ernſte Buß⸗ predigt, die Emil ihm gehalten. Aber dieſe Symptome ver! Inhb ich den Kat mich behe dene flüch ſo if Frö jetzt, gang einer unge gfern Jacke ut„ umm Feo⸗ was 4 2 er?“ elben bei. und ne in einen hac Herr 249 verdunſteten bald, als er Malvina's Billet folgenden Inhalts erhielt: 4 4 „Verabſcheuter Mann, den ich haſſen ſollte und den ich dennoch nicht aus meinem Herzen zu reißen vermag. „Du biſt der Erſte, der meinem Willen widerſtan⸗ den hat und vor dem ich mich beugen muß. „Was ſage ich da? ich mich beugen! „Ach, unglückſelige, unverzeihliche Schwachheit! Kann ich denn denjenigen nicht mehr entbehren, der mich verläugnet hat, der mich mit derſelben Verachtung behandelt hat, wie man dieſe Unglücklichen behandelt, denen man nur ein flüchtiges Gefühl ſchenkt! „Aber ich will erforſchen, ob Dein Gefühl nicht flüchtig iſt, ob es eine wirkliche Liebe iſt; und wenn es ſo iſt, ſo will ich dieſe Liebe auf eine Probe ſtellen. „Du haſt mich nach der Veranlaſſung der falſchen Fröhlichkeit gefragt, die ich zeigte. Nun wohl, höre jetzt, was eine wahre Liebe vermochte. „Wäͤhrend Du ſelig warſt, bin ich vor Unruhe ver⸗ gangen. „Man hält ſich an mich, eine arme Wittwe, wegen einer Schuld von meinem verſtorbenen Mann her, einer ungeheuern Schuld von viertauſend Banko. „Woher ſoll ich dieſe nehmen? „Mittlerweile wird man mich vermuthlich waͤhrend Deiner Abweſenheit pfänden. „Ich bin weit entfernt, dieſe Summe von Dir be⸗ gehren zu wollen, Du haſt bereits ſo viel von meinen Schulden bezahlt. Aber ich kann nicht umhin, Dir zu ſagen, daß, wenn ich meine Ruhe wieder fände, wenn ich nicht länger von der Furcht gequält würde, das Bischen, das ich habe, öffentlich verſteigert zu ſehen, daß dann meine ganze Fröhlichkeit neu und friſch er⸗ wachen würde, und Du brauchteſt dann nicht über den Mangel dieſer warmen und lieblichen Gefühle zu klagen, welche im Verein mit dem Kummer nicht wohl gedeihen können— wenigſtens nicht bei dem Weibe. 250 „Komme nicht zurück, wofern Du mir nicht Dein Chrenwort gibſt, daß Du mir binnen drei Tagen be⸗ wieſen haſt, daß Du nicht blos der zärtlichſte, ſondern auch der ſplendideſte Liebhaber biſt. „Es ſind noch acht Tage bis zu Deiner Abreiſe, folglich noch fünf Tage eines himmliſchen Lebens.⸗ „Malvina.“ Charles ſchrieb augenblicklich folgende Antwort: „Ich weiß nicht, woher ich dieſe viertauſend Thaler Banko nehmen ſoll. „Die Reiſe nach Stockholm, die dümmſte Speku⸗ lation, die ich je gemacht habe, hat mich ganz auf's Trockene geſetzt. Aber es mag gehen wie es will, Du ſollſt das Geld haben, und wenn ich genöthigt bin, meine Ehre zu verpfänden. Ich würde meine Seele für Dich verpfänden. „Und da ich Dir alſo hiemit bereits mein Ehren⸗ wort gebe, ſo habe ich noch acht Tage ein himmliſches Leben zu genießen. „O Malvina, wenn Du mich je verließeſt.... nein, dieſer Gedanke iſt zu grauſam, zu unmöglich! „Du einen andern lieben, auch nur den mindeſten Blick auf einen andern werfen! nein, Du biſt ewig mein„ich wiederhole: tauſendmal mein. „Dein getreuer „Charles.“ Drei Tage ſpäter empfing Charles einen andern Brief. Er kam von ſeiner Mutter. „Mein lieber Sohn! „Es iſt mir ſehr unangenehm, daß ich Deinen Wunſch nicht zu erfüllen vermag. Aber Du hätteſt zum voraus begreifen ſollen, daß ich auf Deinen Vor⸗ ſchlag, eine Einzeichnung auf Sorsby zu nehmen, nicht eingehen konnte. Fra legen Du von nehm durch nicht tigſte Frau Du verbr allem noch Bene höchſt leiſten gäbe, Du it zu ihr und h Theils 2 unterl beredt fhren⸗ liſches andern Deinen hätteſt Vor⸗ „nicht 251 „Es war nicht ſehr delikat von Dir, daß Du eine ſolche Frage auch nur anregteſt. „Du kannſt unmoglich in einer ſo qualvollen Ver⸗ legenheit ſein, wie Du behaupteſt. „Du hatteſt fünftauſend Reichsthaler Schulden, als Du Dich verheiratheteſt. Dieſe Schuld bezahlteſt Du von Deinem väierlichen Erbe, und wenn wir nun an⸗ nehmen, daß Du die übrigen fünftauſend Reichsthaler durchgebracht haſt, und alſo von dem ſeligen Papa her nichts mehr beſäßeſt, ſo haſt Du ja noch das allerwich⸗ tigſte: die fünfundzwanzigtauſend Bankthaler Deiner Frau. „Sollte es ſo übel ſtehen, wie Emil ſchreibt, daß Du nicht blos die Zinſen, ſondern auch das Kapital verbraucht haſt und im gegenwärtigen Angenblick von allem ſo gut wie nichts mehr beſitzeſt, ſo kann ich den⸗ noch weder Deine noch ſeine Bitten erfüllen, denn Dein Benehmen wäre dann ſo tadelnswerth, daß es von mir höchſt Unrecht wäre, Deinen Thorheiten Vorſchub zu leiſten, was ich wirklich thäte, wenn ich Dir die Mittel gäbe, ſie fortzuſetzen. „Ich beklage Deine Frau im hohen Grade. Wenn Du inzwiſchen, wie Pflicht und Ehre von Dir fordern, zu ihr zurückkehrſt, ſo dürfte ſie Dir vielleicht verzeihen und helfen. Sie verfügt ja über den Zins des andern Theils vom Kapital. 1 „Ich hätte Dir Vorwürfe machen ſollen, aber ich unterlaſſe es in der Ueberzeugung, daß mein Schweigen beredt genug iſt. „Deine betrübte Mutter „Eliſabeth Marbin.“ Lieutenant Charles Marbin an ſeine Frau. „In drei Tagen haſt Du mir nicht einen einzigen Blick geſchenkt, der mir nicht die Größe Deiner Gleich⸗ gültigkeit, Deiner Verachtung gezeigt hätte. „Nun wohl, ich geſtehe, daß ich beides verdient habe. „Meine Ehre verbietet mir, auf Dein Herz, Deinen Edelmuth einwirken zu wollen, und es waͤre vermuth⸗ lich auch vergebensz aber wenn Du nicht willſt, daß es mir ebenſo gehe, wie es Emil beinah einmal gegan⸗ gen iſt, ſo ſetze Deinen Namen unter die beifolgende Verſchreibung von viertauſend Bankthalern. —„ Ich bin noch nicht ruinirt, und wir werden es auch nicht werden, hoffe ich, nachdem wir einige ver⸗ nünftige Einſchränkungen werden getroffen haben; aber mein Kredit geht verloren, wenn ich dieſe Summe nicht erhalte. „Es wäre hier unwürdig, Bitten gebrauchen zu wollen, Verſprechungen will ich nicht geben, aber Dein Benehmen im vorliegenden Fall wird ernſtlich auf mich einwirken. „Charles.“ Viola an ihren Mann. „Ich beſitze noch fünfundzwanzigtauſend Reichsthaler Banko. Ohne die Vorſorge meines Vormundes würde 5 vermuthlich nach kaum anderthalb Jahren nichts mehr eſitzen. „Welche Thorheit wäre alſo größer als die, wenn ich durch Unterzeichnung der in Frage ſtehenden Obligation unſre letzte Hülfsquelle um eine ſo bedeutende Summe verkleinerte! „Von den Zinſen können wir noch leben und zwar anſtändig leben. „Ich bin neunzehn Jahre alt— ich will nicht ein ganzes Leben in der Armuth zubringen. 3 Viola.“ Lieutenant Emil Marbin an ſeinen Bruder. „Nachdem Du mir Dein Wort gegeben— das Du hoffentlich noch reſpektirſt, daß Du mit dieſen viertauſend rdient deinen nuth⸗ daß gegan⸗ lgende den es e ver⸗ aber nicht hen zu r Dein f mich 2 sthaler würde s mehr enn ich ligation Summe nd zwar nicht ein a 44 das Du ertauſend 2⁵³ Bankthalern Dich für ewig von dieſem gefährlichen Weibe losmachen wolleſt, ſo habe ich die Sache ſo betrieben, daß der alte Livelius und Lars Moritz ſich zur Bürg⸗ ſchaft entſchließen. Wir drei ſtehen alſo Einer für Alle und Alle für Einen. „Vielleicht habe ich weder gegen dieſe beiden Männer, noch gegen mich ſelbſt recht gehandelt; aber es ſoll da⸗ bei bleiben, ſofern Du nicht blos mit Reue, ſondern mit ernſtlichen Vorſätzen zu Deiner engelgleichen Frau und den Pflichten, die Du gegen ſie haſt, zurückkehrſt. „Emil.“ Ihro Gnaden Malvina an den Liebhaber Numero zwei. „Jetzt, mein herrlicher Feodor, habe ich Deine drei⸗ tauſend Bankthaler(da es doch mit weniger nicht abge⸗ hen konnte) in Berettſchaft. „In einigen Tagen ziehe ich nach Stjernvik hinaus... denke Dir, welch' ein Leben! „Ich wage es nicht, Dich zu empfangen, mein Ham⸗ let, bevor der Argus abgereist iſt. „Wie unerträͤglich läſtig er iſt, und wie ich in meinem Innern gähne unter der Laſt des Entzückens, das ich ausdrücke, um ihn für all die Widerwärtigkeiten zu trö⸗ ſten, die er meinetwegen hat! „Der arme Dummkopf glaubt, er habe ſeinen guten Verwandten blos ein Maͤhrchen aufgebunden, indem er ihnen feierlich erklärte, daß er ſich durch dieſe dreitau⸗ ſend Bankthaler für immer von mir losmache. „Er ahnt nicht, daß ich auf die Seite ſeiner Ver⸗ wandten zu treten beabſichtige; er ahnt nicht, daß er mit der fraglichen Summe ſich wirklich von mir los⸗ macht, und daß ich, wenn wir(Du und ich) unſern göttlichen Traum ausgelebt haben, ihn und die ganze Gegend verlaſſen. „Es würde ſich nicht der Mühe lohnen, ſeine Seuf⸗ zer länger anzuhören. „Deine Malvina.“ 254 Hamlet an Ophelia. „Seit der Zeit, wo man anfing, Liebesbillete zu ſchreiben, iſt keines mit leidenſchaftlicherem Entzücken aufge⸗ nommen worden, als das Deinige, meine himmliſche Ophelia. „Wenn Du ahnteſt, welch maßloſe Seligkeit Deine Hingebung mir bereitet. „Aber eines Tages wirſt Du es ahnen und den gan⸗ zen Umfang meiner Dankbarkeit begreifen. „Sei überzeugt, daß ich, wenn ich auch, wie Du zu⸗ weilen behaupteſt, ein ſtrenger Herrſcher bin, auch ein milder Herrſcher ſeinkann— Du wirſt es ſelbſt ſehen, wenn wir einmal unſer Eldorado in Beſitz genommen haben. „Ich bin ein großer Freund von Hühnchen(dieſem unſchuldigen Gewürme) und vom Champagner, laß es bei unſerm erſten Souper an dieſen Dingen nicht fehlen. „O wie die ſauſenden Perlen munden ſollen, geboten von der ſchneeweißen Hebehand meiner Ophelia! „Hamlet.“ N. S.„Wir müſſen auf die Geſundheit des Narren, der den Schmaus bezahlt, eins trinken. „An welchem Tag und zu welcher Stunde kann ich das Geld holen? Ich will mich ſchon bei Dir einſchmug⸗ geln, ohne geſehen zu werden. 7„Derſelbe.“ Herr Feodor an Jungfer Caroline. „Halte Dich bereit, geliebte Satansbrut! In ein Paar Tagen kann ich mein Verſprechen erfüllen. „Ich bin ſo froh, daß ich mir heute Abend einen dreifachen Rauſch antrinken werde, und Dich werde ich nicht mit fünfundzwanzig ſeufzenden Damen vertauſchen. „Eine kleine hübſche Ohrfeige von Deiner raſchen Hand entzückt mich weit mehr und erwärmt mein Blut weit mehr, als ihre ſeidenweichen Händedrücke. „Ein Kuß von Dir, Du zärtlicher, verdammt bezau⸗ bernder kleiner Engel, ach! ach! b mit ich rekto ber, wiß haſt ner men wen ſo p und Abre Aber ſen, Cha⸗ 2⁵⁵ „Heute Adend laſſe ich mich herab, die Augen auf Malvina zu werfen, weil ſie es iſt, die mir den einzigen Schatz geſchenkt hat, nach dem ich ſtrebe. „Es verſteht ſich, daß ich den Schatz nicht aufgege⸗ ben habe. Die gute Seele glaubt an meine Spielſchulden; „Ein Provinzialſchauſpieler mit ſo reſpectablen Spiel⸗ ſchulden! „Ehre der Gutmüthigkeit des Weibes! „Du wirſt als eine Ausnahme anerkannt von Deinem Feodor. Jungfer Caroline an ihren Brautigam. „Mein guter lieber Junge! „Jetzt iſt es klar und eingeſchlagen und alles fertig mit Herrn Feodor. „Er bekam das Geld von ſeiner Frau, und ſo bekam ich es von ihm— nicht juſt ich ſelbſt, ſondern der Di⸗ rektor hinterlegt es für meine Rechnung bei dem Magiſtrat. „Und wenn ich wieder nach Haufe komme, mein lie⸗ ber, holder, feiner und prächtiger Albert, ſo biſt Du ge⸗ wiß ſo treu geweſen, daß Du keine Andere geheirathet haſt; aber haſt Du das gethan, ſo bekomme ich mit ei⸗ ner ſo großen Ausſteuer doch noch einen Mann. „Herr Feodor ſagt, daß er ſelbſt mich zur Frau neh⸗ men wolle, aber ich glaube nicht, daß ich das thun werde, wenn es einmal Ernſt wird. „Es wird mir ſehr ſchwer fortzuziehen, da der Weg ſo weit von Dir wegführt; „Du glaubſt gar nicht, wie angenehm Herr Feodor und ich es bei der gnädigen Frau gehabt haben. „Sie reiste geſtern ab, das war der Tag nach der Abreiſe des Lieutenants zu den Exercitien. Und morgen Abend, wenn wir, die wir zur Truppe gehoͤren, fortrei⸗ ſen, da ſitzt ſie mit ihren gebratenen Hühnlein und ihrem Champagner da, und wartet auf ihren geliebten Hamlet. „O ſie wird ganz raſend werden. Lieutenant zum Narxen gehalten, und dem Lieutenant geſchieht es auch ganz Recht, denn er hat ſeine Frau zum Narren gehalten. „Es gab keinen Auftritt zwiſchen ihnen, als er ab⸗ reiste, ſondern alles ging ganz erbaulich und ordentlich zu. Ich ſah, da ich die Thüre ein wenig auflehnte, daß er ſie wirklich umarmte und freundlich mit ihr ſprach— der falſche Kerl— pfui über die Maͤnner! „Ich glaube jedoch nicht, daß ſich Madame zu Tode grämen wird. Sie hat einen Kapitain, der jeden Vor⸗ mittag hieher kommt, aber ich glaube nicht, daß ſie viel Vergnügen an ihm haben kann, denn er ſieht noch feier⸗ „Aber das geſchieht ihr Recht, denn ſie hat den licher und betrübter und ſchwärzer aus, als Feodor in ſeinem Aufzug als Hamlet. „Es iſt gewiß ein armer Schlucker, dieſer Kapitain, denn er hat immer Thränen in den Augen; aber ich glaube nicht, daß Madame noch viel Geld auszuleihen hat, wenigſtens würde ich einem ſolchen Menſchen keines leihen, wenn ich Geld hätte. „Nein, jetzt muß ich Dir ein wirkliches Lebewohl ſa⸗ gen, mein vortrefflicher und geliebter Albert. „Mein Gott, es war doch recht ſchlimm von Deinem Meiſter, daß er Dich juſt jetzt, wo wir Abſchied nehmen ſollten, aufs Land hinaus geſchickt hat. „Aber in dieſem Brief verſichere ich Dich aufrichtig, daß ich Dich immer über alles in der Welt lieben werde, und ferner verſichere ich Dich aufrichtig, daß Du Ver⸗ trauen zu mir haben kannſt, denn ich werde niemals ei⸗ nem andern angehören, als dem Herrn Feodor und Dir. Noch etwas will ich Dir aufrichtig ſagen, nemlich daß ich keine Vorwürfe und Naſenrümpfen haben will, wenn ich wiederkomme, denn ſiehe, was einmal abgemacht iſt, das iſt zwiſchen uns zwei Beiden abgemacht. „Immer Deine zärtliche, holde und getreue Braut „Caroline Akerberg.“ at den tenant Frau er ab: entlich te, daß ach— Tode Vor⸗ ſie viel feier⸗ dor in pitain, ber ich uleihen keines ohl ſa- Heinem nehmen richtig, 8 werde, 1 Ver⸗ als ei⸗ d Dir. Vierte Abtheilung. Die Nebenbuhler. Das ſind die Blicke, die das Herz erwecken. O nur zur Hälfte hatt' ich ſie geahnt, Doch dieſe Ahnung hatte keine Zunge. Ridderſtad. Oer Vormund. III. XXV. Eine Promenade. „Juni, Juni, Du ſchöne Sommerbraut, Du herr⸗ lichſter von allen herrlichen Sommermonaten.“ So ſeufzte Viola, als ſie ganz allein in der uns wohlbekannten Anlage einen Spaziergang machte. Viola ſpazierte zu Fuß: Sie wollte ſich ihrer Pferde nicht bedienen, ſeit ſie von den Angelegenheiten ihres Mannes Kenntniß erhalten hatte. Es war zwiſchen ihr und Charles abgemacht, daß alles zuſammen, als mit ihren Mitteln nicht verträglich, verkauft werden ſolle. Und Emil, der dieſe Angelegenheiten beſorgte, hatte juſt an dieſem Morgen ſeiner Schwägerin mitgetheilt, daß der Landeshauptmann die Wagenpferde kaufen wollte, ein Adjutant wollte Charles Reitpferd nehmen, und auch für den Wagen und den Gig fanden ſich Liebhaber vor. Aber wie man aus Viola's Worten entnehmen konnte, dieſe Details waren es nicht, welche den Gegen⸗ ſtand ihrer Gedanken bildeten. Sie konnte, Gott ſei Dank, ſowohl gehen als fah⸗ ren, je nach den Umſtänden, und Niemand hatte je ge⸗ hört, daß ſie ſich nur mit einem Wort beklagte, oder Charles auch nur einen einzigen Vorwurf machte. Dieſes verſtändige Benehmen Viola's war juſt nichts beſonderes. Aber nichts deſtoweniger wurde ſie als ein Wunder von Charakterſtärke, Edelſinn und Muth ge⸗ prieſen. 260 Welche unſägliche Widerwärtigkeiten ertrug ſie nicht, dieſe ſchöne und liebenswürdige junge Frau! Sie ſind höchſt eigenthümlich, dieſe Urtheile der Welt, wenn man ſie genau betrachtet. Wie manche wahrhaft heldenmüthige Opfer, von Weibern dargebracht, welche nicht zu der Zahl der all⸗ gemein geſehenen gehören, werden nicht mit Stillſchwei⸗ gen übergangen! Wie viel Charakterſtärke, Entſagung, Geduld und außerordentlicher Verſtand geht nicht ſtill ſeinen ewigen Gang, ohne auch nur zu einer Betrachtung Anlaß zu geben! Trifft man dagegen eine junge, ſchoͤne, bezaubernde Frau, die irgendwie eine ſchwierige Lage zu ertragen weiß, gleich iſt ſie exemplariſch oder vielmehr über jedes Erempel erhaben. Ihre Leiden erwecken das Mitge⸗ fühl derſelben Welt— man weiß nichts, was mehr Hochachtung, Liebe und beinah Verehrung verdiente. Zu Viola's Ehre müſſen wir ſagen, daß ſie ſelbſt über den ollgemeinen Beifall erröthete, den man ihr als einer verlaſſenen und ruinirten Frau ſpendete. Sie hatte zuweilen ein kleines téte-Aà-tête mit ih⸗ rem Gewiſſen, und dieſes ſagte ihr, daß ſie mit allzu großar Ruhe das grenzenloſe Unglück ertrage, verlaſſen zu ſein. Und ihr ökonomiſcher Ruin— ſie konnte ſich ja ihrer kleinen Füßchen bedienen, ſtatt ſich beſtändig in einem weichen Wagen zu ſchaukeln— dürfte auch nicht gerade zu den großen Stürmen gezählt werden, da ſie noch immer die Hälſte ihres Vermoͤgens beſaß und die⸗ ſes Vermögen von ihrem Manne nicht angetaſtet wer⸗ den konnte. Aber Viola hätte eine grenzenlos unglückliche Frau ſein können, wenn ſte, wie manche andere Frauen, ihren Mann zaͤrtlich, innig geliebt hätte und neben dem Schmerz, ſobald vergeſſen zu ſein, die Qualen der Eiferſucht hätte erleiden müſſen, und wenn noch überdieß ihr Vermögen 261 icht, der Verwaltung ihres Mannes übergeben worden wäre — wie dieß bei den armen Frauen gewöhnlich iſt— der ſ„o daß ſie die nackte Armuth unier den Augen und bald auch unter den Füßen gehabt hätte. von Auf derſelben Linie wie der Ruin durch das Spiel, all⸗ ſteht der Ruin durch die Art, die Charles gewählt hatte, wei⸗ und es war nicht zu vermuthen, daß er beſſer geheilt werden würde, als der Spieler gewöhnlich geheilt wird, und ſo lange es noch etwas zu verſpielen und zu verſchleu⸗ vigen dern gibt. aß zu Aber Dank ſei es der Klugheit des Vormunds, Viola ſollte wenigſtens in pekuntärer Beziehung nicht ernde eines der beklagenswerthen Opfer der leichtſinnigen Ver⸗ ragen ſchwendung ihres Gatten werden. jedes Sie begriff auch den Werth der Handlungsweiſe ditge⸗ des Kriegsrathes, und wenn ſie einen Blick auf all die mehr Frauen warf, welche demüthig und ergebungsvoll von te. den Broſamen des weit größeren Reichthums leben, den ſelbſt ſie ihren Männern zugebracht haben, und Gott dafür )r als danken, ſo lange dieſe Brooſamen ausreichen, ſo war ſie 1 noch mehr geneigt, ihren Vormund zu ſchätzen. it ih⸗ Aber wenn ſie mit einer lieblichen Rührung an allzu Severin in dieſer Eigenſchaft dachte, ſo empörten ſich laſſen gleichwohl ihre Gefühle, ſobald ſie bei dem Liebhaber verweilte, was— wir müſſen es geſtehen— weit öfter ſich ja der Fall war. dig in Der melancholiſche Anſtrich, den ſeine„Laune“ ihr nicht gab, machte, daß die Welt an ihre Leiden glaubte, und da ſie ugleich war es derſelbe melancholiſche Anſtrich, der ihr d die⸗: den Umgang mit dem Kapitän Leopold Svabert ſo an⸗ t wer⸗ genehm machte. Wenn Laura ſagte:„Wie kannſt du es bei dieſem Frau langweiligen Menſchen aushalten— ich habe zehnmal hihren ggegähnt, oder war wenigſtens im Begriff, es zu thun, 7 ehe er zehn Worte geſagt hat,“ ſo antwortete Viola ge⸗ hätte, wöͤhnlich: ſaßt h mögen 8 262 „Aber ich gähne nicht. Die ganze Sache iſt die, daß ich ihn verſtehe,— das thut ihr nicht.“ Jeanne Sophie erzählte ihr, was Emil von der Couſine Mina und ihrem kleinen unſchuldigen Liebreiz geſagt hatte. Aber da half nichts. Kapitän Werther Svabert bekam einen um ſo größeren Werth in Viola's Augen. Es war etwas wirklich poetiſches und romantiſches in dieſer Verehrung für ein Fantaſiebild, das ſein empfindſames und ſchwär⸗ meriſches Gefühl ſelbſt geſchaffen hatte. Und Viola verzog nicht ein einzigesmal den Mund, wenn ſie den Kapitän mit ſchwärmeriſcher Wehmuth und in ausſchweifenden Phraſen die himmliſchen Augen und entzückenden Blicke— um allen übrigen Liebreiz zu ver⸗ ſchweigen— ſeiner verewigten Braut beſchreiben hörte. Nein, ſie lächelte nicht einmal, wenn er mit dem tiefſten Ernſt, dem vollkommenſten Glauben ihre bren⸗ nende Sehnſucht bei jeder, wenn auch noch ſo flüchtigen Trennung beſchrieb. Er erinnerte ſich gut, wie manch⸗ mal er als Jüngling Arreſt bskam, weil er die freie Zeit, wo er zu ſeiner Geliebten fliegen durfte, nicht abwarten konnte. Der alte Livelius, der alte Schalk, hatte dem Ka⸗ pitän den Namen Frau Viola's Patient gegeben. „Gemäß der allgemein anerkannten Regel,“ ſagte er,„daß alle ſchöne Frauenzimmer Königinnen ſind, gibt es keinen Grund, warum nicht Frau Viola wie Anna von Oeſterreich ihren eignen Patienten haben ſoll. Und wenn ſie Svabert nicht die Penſion von fünfzehnhun⸗ dert Franken gibt, welche Scarron von ſeiner Königin erhielt, ſo hinterläßt ſie ihm ſtatt deſſen eine Penſion von fünfzehnhundert koſtbaren Erinnerungen— das i auch aller Ehre werth, man kann von weniger wieder geſund werden“............. —yy—— lichf mert ein hellg die ſiej aufſ ande als ſeuft etwe wen 2 plät daß Not weif Beſe tere habe nich Pfa kleir zurü Tag friſe ſich hatt als die, der breiz n ſo twas rung wär⸗ Rund, und und ver⸗ pörte. dem bren⸗ htigen anch⸗ freie nicht Ka⸗ ſagte ſind, Auna Und nhun⸗ önigin enſion das iſt wieder * 2 263 „Juni, Juni, Du ſchöne Sommerbraut, Du herr⸗ lichſter aller herrlichen Sommermonate!“ So ſeufzte Viola, während ſie mit einem ſchwär⸗ meriſchen Blick— Gott weiß, ob nicht der Patient ſie ein wenig angeſteckt hat— zu den ſchönen, mit ihrem hellgrünen Kleid geſchmückten Laubbäumen aufſchaute, die ſo friſch um ſie her dufteten. Und wem begegnet ſie jetzt ebenfalls allein, ebenfalls zu den Baumwipfeln aufſchauend, ebenfalls in Gedanken poetiſirend? wem anders als der neuen Auflage von Werther? Unglücklicherweiſe traf Laura's Gleichniß beſſer zu, als das des Doktors. Denn unſer Kapitän vermag zwar wie Werther zu ſeufzen, aber von Scarron hatte er kaum Hoffaung, etwas zu entlehnen, außer etwa ſeinen Krankenſtuhl— wenigſtens hatte der Kapitain ein beſonderes Lieblings⸗ plätzchen in Viola's Salon. Wir wollen uns deßhalb nicht dafür verbürgen, daß nicht Kapitain Svabert ſelbſt glaubte, er könate im Nothfall den geniebegabten Dichter repräſentiren. Man weiß zum Voraus, woxan man ſich in Bezug auf die Beſcheidenheit des Kapitäns zu halten hat, und das wei⸗ tere werden wir wohl ſehen. „Guten Morgen, Kapitain Svabert!“ „Ach, ſehe ich recht... nein, ich muß Unrecht haben; das Glück, das mich immer verfolgt hat, kann nicht ſo oft und auf einmal die Sonne über meinen Pfad leuchten laſſen.“ „Beſter Kapitain Svabert, es iſt... wirklich eine kleine Untugend, beſtändig zu den entflohenen Wolken zurückzukehren. Kann man an Wolken denken an einem Tag mit ſolchem Sonnenſchein, und wenn nach ſo er⸗ friſchendem Regen die Birken ſo unausſprechlich ſchön ſich zeigen wie heute!“ „Madame, dieſer Vorwurf war unverdient. Ich hatte ja zum Voraus geſagt, daß ich nie etwas andres als ein langweiliger Geſellſchafter werden könnte.“ Viola verwunderte ſich: des Kapitäns gelbliche Wange nahm eine ſcharfe Röthe an— er war offen⸗ bar verletzt worden durch den kleinen Scherz, welcher vielleicht unter der Oberfläche einer ſchalkhaften Frei⸗ heit dennoch einen Rath enthielt. Aber war Viola blos verwundert? Nein, der Kapitän intereſſirte ſie bereits ſo ſehr, daß ſie Urſache fand, noch weiter den Mann zu ver⸗ wöhnen, den ſie bereits verwöhnt hatte, und der ſich ſelbſt ſo gut verwöhnen konnte. „Mein guter Kapitain, wie ſteht es heute mit Ihnen? gewiß ſchlechter als gewöhnlich, da ein ſo un⸗ ſchuldiger kleiner Scherz..“ „Scherz“... jetzt wurde der Kapitain carmoiſin⸗ roth.„Ja, Madame, man hat oft verſucht, Scherz mit mir zu treiben. Und einer Dame gegenüber, die ich verehre, kann ich blos eine ſchmerzliche Reſignation zeigen; aber ſeien Sie überzeugt, daß ich, wenn irgend ein Mann mich zum Gegenſtand eines Spottes macht, meine eigene männliche Würde zu vertheidigen weiß.“ „Aber jetzt wird es ja immer ſchlimmer und ſchlimmer.“ „Ja es ſieht wahrhaftig aus, als ob mein altes Unglück wieder anfangen wollte, mich zu verfolgen.“ „Und doch war es geſtern ſo gut?“ „Und auch vorgeſtern— ach Sie waren da ſo gütig.“ Viola lächelte. Sie war heute ſo außerordentlich ſchön in ihrem hell⸗ braunen, luftig garnirten Neſſelkleid, ihrer veilchenfarbi⸗ gen Sommtmantille und ihrem roſenfarbigen Seidenhüt⸗ chen mit weißem Fliederkranz. In dieſem letzten Jahr hatte ſie ſich zu einer prächtigen Schönheit entwickelt, und ſie wußte das ſchon lange, ehe der Blick, welcher jetzt den verletzten Ausdruck in Kapitain Svaberts Au⸗ gen milderte, ihr erzählte, daß ihr Lächeln ihn entwaff⸗ net hatte. bliche offen⸗ elcher Frei⸗ ſehr, ver⸗ r ſich mit un⸗ oifin⸗ Scherz „ die nation 265 „Hoͤren Sie, Herr Kapitain, ſollten wir nicht bei dieſem unſrem erſten kleinen Zwiſt..“ „Himmliſcher Gott, nennen Sie nicht mein neues Unglück einen Zwiſt.“ „Was für ein neues Unglück?“ „Das: Ihnen mißfallen zu haben.“ „Ach, wenn Sie eine ſolche Kleinigkeit unter Ihre Unglücksfälle rechnen..“ „Verzeihen Sie mir, meine Gnädigſte, aber ich kann wirklich niemand anders, als mir ſelbſt ein Urtheil darüber geſtatten, was für mich ein Unglück iſt oder nicht.“ „Mein Gott, Kapitain, ſind Sie jetzt ſchon wieder beleidigt— das kommt gar zu heſtig. Wir hatten uns ja noch nicht einmal nach unſrem erſten Mißverſtändniß recht verſöhnen können. „Ich geſtehe, Madame, daß ich in einem gewiſſen Genre ſehr ſchwach bin. Ich bin freilich in allem ſchwach, aber auf Scherz verſtehe ich mich am aller⸗ wenigſten.“ „Aber dann müſſen Sie ſich darauf verſtehen lernen, Kapitain Spvabert.“ „Ich ſollte glauben, daß es unmöglich iſt.“ „O nein, ich gebe die Hoffnung nicht auf, und um jetzt auf das zurückzukommen, was ich zu ſagen beab⸗ ſichtige, ſollten wir nicht bei dieſem unſrem erſten kleinen Zwiſt— einen Wortwechſel kann man es beſtimmt nen⸗ nen— dahin übereinkommen, unſer Hab' und Gut mit einander zu theilen? Auf dieſe Art würde niemals ein Streit entſtehen.“ „Wenn ich nur ein einziges Wort begriffe!“ „Sie werden ſogleich begreifen, Herr Kapitain.“ „Ach, wie neugierig bin ich!“ „Bisher, Kapitain Svabert, haben Sie mich alle Tage ein bischen wehmüthig, ein bischen halb melancho⸗ löc gefunden.— Juſt eine paſſende Geſellſchaft für Sie.“ „Ich habe in Ihnen, Frau Marbin, einen Engel an Barmherzigkeit gefunden.“ „Ich bin immer ein Engel, auch wenn ich nicht barmherzig bin.“ „Das heißt alſo heute.“ „Ja, und alle Tage, wenn der Frühling, die Sonne und die Blumen mich beleben. Aber jetzt wollen wir dahin übereinkommen, daß wir an denjenigen Tagen, wo ich melancholiſch bin, von Herzensgrund ſchwärmen und poetiſiren wollen. Dann, Herr Kapitain, können Sie mir, ſo viel Sie wollen, von Ihren Leiden erzählen, — ich weiß wohl, daß ſie tief ſind,— aber juſt, um ſie zu heilen...“ „Nun wohl, um ſie zu heilen...“ I „.. ſollen Sie ſich die Pönitenz auferlegen, Kapitain Svabert, daß Sie, wenn ich in meiner Selig⸗ keit über all das Schöne, das Gott in ſeiner Natur uns geſchenkt hat, mich ſo muthig fühle, daß ich den Himmel ſelbſt auf die Erde herabreißen moͤchte, mir hübſch helfen ſollen, die ganze Laſt meiner Freude zu tragen, die zu⸗ weilen nicht leichter iſt, als der Kummer.“ Der Kapitain fühlte ſich wirklich gehoben durch die Freudigkeit und Friſche in Violas Ton, die Leichtigkeit und Grazie in ihren Bewegungen. Er ſah das Grab der ſeligen Mina immer mehr entfernt, er vergaß für einen Augenblick ſeine wirklichen ſowohl als eingebildeten Bekümmerniſſe, er vergaß voll⸗ ſtändig, daß er ein„verlaſſenes, im Leben alleinſtehendes Geſchöpf“ war. Aber Thränen mußten natürlich dennoch dabei ſein. Und es nahm ſich hübſch aus, wie der feuchte Glanz in ſeinen dunklen Augen ſich in einem freundlichen Freudeſtrahl brach. Ja, Kapitain Leopold Werther würde noch ein bischen hochmüthiger geworden ſein, als er ſchon war, wenn er ſich ſelbſt hätte ſehen können, wie er zu Viola die Worte ſagte: „Ach, Madame, ich ſchaͤme mich meiner Weichheit— lich. die gen, more Idee kran glau zu k einer neigt werd etwa berei Ihre ſam zu w mein an E die A Stüc ſagte gel an nicht Sonne n wir Lagen, ärmen können zählen, um ſie rlegen, Selig⸗ ur uns dimmel helfen die zu⸗ rch die htigkeit ——ę—;— er mehr rklichen ß voll⸗ ehendes zei ſein. e Glanz ndlichen Werther ein, als können, hheit— 267 ſie iſt jedoch kein Zeichen von Unmännlichkeit. Aber ich bin für die Freude wie für den Schmerz gleich empfäng⸗ lich. Jetzt iſt es jedoch vollſtändig die Freude, denn die intereſſante Uebereinkunft, welche Sie mir vorſchla⸗ gen, beweist, daß Sie mir nicht, wie ich ſo eben fürchtete, morgen Ihre Thüre verſchließen werden.“ „Gott bewahre, wie kommen Sie auf eine ſolche Idee?“ „Ihre Worte erſchienen mir ſpöttiſch. Ein armer kranker Mann wie ich... ach verzeihen Sie... und glauben Sie gefäͤlligſt, daß ich, obſchon ich über nichts zu klagen wage, was Sie thun, dennoch den Schmerz einer Verbannung enſetzlich empfunden haben würde.“ „Seien Sie ruhig. Wenn mein Vorſchlag ein ge⸗ neigtes Gehör findet, ſo werden Sie niemals verbannt werden, Herr Kapitain.“ „Aber, Madame, ich erbitte mir die Ehre, Sie an etwas erinnern zu dürfen..“ „Sehr gern.“ „Daran nehmlich, daß, da dieſer Beſuch für mich bereits eine ſo koſtbare Gewohnheit geworden iſt, daß ich Ihre Gnade unter allen Bedingungen annehme, es grau⸗ ſam von Ihnen wäre, alle Tage den Himmel ſtürmen zu wollen.“ „Fürchten Sie nichts— ich denke, daß ich bald meine Ohnmacht empfinde, und dann kommt die Reihe an Sie.“ Während der Fortſetzung des Geſprächs hatten fle die Anlage durchgemacht und befanden ſich jetzt ein gutes Stück auf dem Heimweg. „Ich will ein wenig bei Jeanne Sophie einſprechen,“ ſagte Viola. Es mußte wohl ſo ſein, daß der Spaziergang ihr bereits ſo viel Wärme und Roͤthe gegeben hatte, daß eine kleine Vermehrung nichts mehr bedeutete, ſonſt würde Kapitain Leopold jetzt geſehen haben, daß eine Ver⸗ mehrung wirklich vorhanden war. „Frau Emil Marbin hat heute alle Hände voll zu thun,“ theilte der Kapitain mit.„Sie erwartet am Ende der Woche einen Gaſt.“ „Ach ja, ich habe gehört, daß... nun dann wollen wir zuſehen, wie ſie alles anrichtet. Man muß immer etwas von ihr lernen, denn ſie iſt die klügſte Frau in der Stadt.“ „Wenigſtens behauptet das ihr Mann.“ „Jedermann iſt darüber einig. Ah, ſiehe, da haben wir ſie am Fenſter.“ Viola und der Kapitain traten raſch ein. „Um Gotteswillen, meine Herrſchaften, ſehen Sie mich nicht einmal an,— ich habe weder Zeit zu ſehen noch zu ſprechen: der Kriegsrath kommt ſchon morgen.“ Es erwachte in Violas Herzen. Wußte ſie wohl, warum ſie, die früher am Morgen vom Doktor die Nachricht erhalten hatte, in ihrer freu⸗ digen Stimmung des Himmels Veſte hatte ſtürmen wollen? „Geht in den Garten hinab,“ fügte Jeanne Sophie hinzu.„Und da wir dennoch Zeit genug haben werden, um zu Mittag zu eſſen, ſo könnt ihr ja mit uns eſſen, wenn ihr ſo lange bleiben wollt, bis wir den Tiſch in der Laube gedeckt haben.“ „Es wird am beſten ſein, wir eilen ſogleich hinun⸗ ter,“ ſagte Viola und trippelte an der Seite des Ka⸗ pitains in den ſo innig geliebten Garten hinab. „Ach, Madam, wie glücklich Sie heute ausſehen! Ich ollte mich wahrhaftig von Ihnen entfernen, und ich fürchte, daß ich es wirklich thun muß.“ „Nein, daraus wird nichts,— wer würde mir dann Geſellſchaft leiſten? Sie müſſen wiſſen, mein Herr, daß, wenn Sie Ihre Erinnerungen zu unterhalten lieben, 1 1 auch verba 8 ohne batte 1 der e dring Sie zeihu lacher nicht, ich ſi den( zu w raſcht einer ergrif auf e Couſt 269 zaauch noch andere Leute da ſind, welche ihre eigenen zu verbannen lieben.“ Viola ſprach mit warmer und freudiger Stimme, ohne aufzuſchauen, denn ſie ſah die Blumen in den Ra⸗ batten an. Bei jeder erwachte in ihr eine Erinnerung. „Aber, Madame,“ flüſterte der Kapitain,„wer iſt der elegante Herr dort, der Sie mit ſo naſeweiſer Zu⸗ dringlichkeit betrachtet? Sehen Sie da rechts!“ „Gott im Himmel, der Herr Kriegsrath!“ „Ach, ich glaube, ich habe das Unglück gehabt, Sie zu erſchrecken,— ich bitte tauſendmal um Ver⸗ zeihung.“ * XXVI. Feindliche Stellungen— Falſche Rückzüge. „Es war auch eine ſtarke Ueberraſchung,“ rief laut lachend Jeanne Sophie, die jetzt nachkam.„Sie wiſſen nicht, Herr Kriegsrath, wie unſchuldig ich ausſah, als ich ſte bat, mit unſerm Freund, Kapitain Svabert, in den Garten hinab zu gehen, und auf das Mittageſſen zu warten.“ „Ach die Frauenzimmer— es muß immer Ueber⸗ raſchung geben,“ ſagte der Kriegsrath, indem er mit einer ganz freundſchaftlichen Vertraulichkeit Violas Hand Reergriff und ſie küßte, nicht ceremoniös, ſondern zweimal aauf einmal, ungefähr wie ein Vetter ſeine ſchöne junge Couſine begrüßt oder etwas von der Art. Welchen Namen der Gruß immer verdienen mochte, 270 ſo war er doch für Viola neu. Vor einem Jahr hatte er kaum gewagt, ihre Hand zu berühren. „Welche Gewalt,“ dachte ſie,„Launen haben müſſen, ſie heilen alles. Man iſt nicht mehr ſcheu, wenn man nicht von einer heimlichen Unruhe gequält wird. Aber Gott ſei Dank, ich will nicht minder freund⸗ ſchaftlich ſein! Und mein Patient iſt auch nicht ſo uneben.“ Wir brauchen wohl nicht daran zu erinnern, daß dieſe Gedanken kaum eine Sekunde in Anſpruch nahmen. Auch hatte der Kriegsrath kaum ſeine Handküſſe geendigt, als Viola ſeinen Arm ergriff und mit einem ſchalkhaften Lächeln ſagte: „Die kleine Mündel hat den Vorzug. Ich trete Dir nichts ab, Jeanne Sophie, Du kannſt den Vormund jeden Tag treffen.“ „Darauf dürfen auch Sie ſich gefaßt halten, Frau Marbin. Ich bin dießmal nicht in Geſchäftsſachen ge⸗ kommen, ſondern um mich zu amüſiren, und obſchon unſre Stadt weder eine Brunnen⸗, noch eine Badkur bietet, ſo gedenke ich Alles ein wenig unter einander zu bringen.“ „Ei der Tauſend, wir vergeſſen, den Kapitain vor⸗ zuſtellen,“ erinnerte die Wirthin. „Liebe Jeanne Sophie, Du weißt, daß Kapitain Svabert mir gehört.. Sieh' da, jetzt ſpringt ſie ihres Wegs. Um ſo gewiſſer muß ich jetzt meinem ehe⸗ maligen Vormund meinen Freund, Patienten und dienen⸗ den Cavalier, den Kapitain Leopold Svabert, vorſtellen, der zur Förderung ſeiner Geſundheit ſein Karlsbader Waſſer hier trinkt.“ „Gehorſamer Diener, Herr Kapitain. Wir wollen gute Freunde werden... ich hätte beinah' geſagt, daß wir es bereits ſind, denn der Freund der Frau Marbin iſt auch der meinige. Und der Karlsbader Trunk bringt mich auf eine lichte Idee: Wir können alle zuſammen Karlsbader, Marienbader, was weiß ich, in der neuen tellen, bader vollen , daß arbin bringt mmen neuen 271 Anlage trinken, dann bekommen wir bald eine Badſaiſon in Schwung.“ „Ich möchte mir inzwiſchen die Freiheit nehmen,“ antwortete der Kapitain mit einer ceremonioͤſen und kalten Vornehmheit, wie er immer in Brauch hatte, wenn er ſich einbildete, Gegenſtand einer ungehörigen Vertrau⸗ lichkeit zu ſein,„Sie zu erinnern, daß hier der Unter⸗ ſchied obwaltet, daß ich das Karlsbader Waſſer wegen meiner Geſundheit trinke.“ „Das hindert uns übrige nicht, Ihnen zu unſerem Vergnügen Geſellſchaft zu leiſten, Herr Kapitain. Aber was mich ins Beſondere betrifft, ſo iſt es die reine Wahrheit, daß ich eine ganze Ladung Pyrmonter bei mir habe, die ich hier unten ausleeren muß.“ Der Kapitain verbeugte ſich ſteif. „Und ich,“ ſiel Viola munter ein,„habe geſtern die Verordnung erhalten, Selterſerwaſſer zu trinken.“ „Ei wie, meine liebe Gnädige, belieben Sie Ihrem Arzt ſeine Verordnungen zu diktiren? Es war der alte Livelius, der jetzt kam, begleitet von Emil, Laura und Lars Moritz, die alle mit jubeln⸗ den Willkommrufen auf den hochgeachteten und geliebten Freund zueilten. Und jetzt entſtand ein Grüßen, ein Schwatzen, ein Murmeln, ein Stürmen, kurz ein ſolcher Lärm, daß Ka⸗ pitain Svabert ſich mit ſeiner Uhr in der Hand hinter eine Baumgruppe ſtellte, um zu berechnen, wie lange er überſehen, d. h. verunglimpft, beleidigt, hintangeſetzt wurde. Seine höchſt unglückliche Lage und ebenſo unglück⸗ liche Phyſiognomie wurde zuerſt von dem Doktor entdeckt. „Zum Henker, Madame,“— er zupfte Viola ſachte an der Mantille,—„ſehen Sie doch nach Ihrem Patien⸗ ten. Ich moͤchte wiſſen, wie oft ſein Puls in der Se⸗ kunde ſchlägt. Der Mann hat das Fieber, weil die Königin ihn nicht anſieht.“ „Was iſt das für ein curioſer Patron?⸗ 272 Es war der Kriegsrath Wendelsköld in alten Zeiten, der ceremoniöſeſte aller Ceremonienmeiſter, der ſich dieſes zwangloſen Ausdrucks bediente. Aber man muß geſtehen, daß es ein großer Unter⸗ ſchied war zwiſchen der verbindlichen und eleganten Ceremonienmanier des Kriegsraths und der ſteifen, ab⸗ ſtoßenden und unfreundlichen des Kapitains. „Das iſt Frau Violas Patient,“ antwortete der Doktor. „Eine neue Auflage von Werther,“ erklärte Laura. „Das iſt ganz einfach ein milzſüchtiger Querkopf,“ bemerkte Lars Moritz, der mit dem Kapitain niemals zu Stande kam. „ Ja, aber er iſt mein Freund und von Herzens⸗ grund ein vortrefflicher Menſch,“ entſchied Emil; und ihr dürft ihn— hört ihr das, meine Herrſchaften— nicht beleidigen. Er hat einen großen Fantaſiekummer, der arme Mann... aber großer Gott, meine arme Jeanne Sophie, die ich ganz vergeſſe. Sie iſt ja ganz allein mit ihren Zubereitungen. Mein Seel, ich kann mir ſchon denken, was ſie uns auftiſchen wird.“ „Still, bekümmre Dich nicht um das, ſondern komm jetzt und hilf mir,“ rief Jeanne Sophie, indem ſie jetzt ſelbſt heraustrat und eine große Schüſſel mit ungeſchäl⸗ ten dampfenden Kartoffeln brachte. „Aber der Tiſch und das Tiſchtuch, mein Engel?“ „Alles ſteht fertig in der Laube. Bei Ueberraſchun⸗ gen muß man ſich nach den Umſtänden fügen. Aber je⸗ denfalls hat es juſt keine Noth. Ich habe drei Rahm⸗ milchen, einen halben Schinken und zwei Carotten mit Rahmkuchen. Wollt ihr was beſſeres verlangen?“ „Nein, um Gotteswillen, wir ſterben ſonſt vor Ue⸗ berfülle,“ meinte der Kriegsrath,„aber wir wollen uns hüten, unſre Brunnenkur überflüſſig zu machen.“ „Liebe Frau Jeanne Sophie, geben Sie auch ein Paar Häringe dazu, damit ich einen Vorwand bekomme, iten, ieſes nter⸗ nten ab⸗ der nura. opf,“ ls zu zens⸗ und en— amer, arme ganz kann komm jetzt ſchäl⸗ gel?“ ſchun⸗ er je⸗ tahm⸗ n mit r Ue⸗ n uns ch ein ymme, 273 mir ein Gläschen zu Gemüth zu führen,“ flüſterte der Doctor. 5 „Sei ruhig, Onkel,“ verſicherte Emil.„Es ſoll nicht gar zu nuͤchtern hergehen, und ein Bier ſollt ihr bekommen, meine Freunde, das Jeanne Sophie ſelbſt gebraut hat: keine Frau in der ganzen Stadt bringt ein ſolches zu Stande.“ Emil eilte fort, um ſeiner Frau zu helfen. „Was iſt das für eine Brunnenkur, von der ihr ſprachet?“ fragte der Doktor.„Wer wagt es, ſich in meine Geſchäfte zu legen?“ „Es ſcheint.“ fiel Lars Moritz ein,„Severin wolle neue Moden einführen. Aber ſeht da den Kapitain— bald hat ſeine Ungeduld den höchſten Gipfel erreicht... Laura, Laura, ſei nicht böſe. Ich muß Dir ſagen, meine liebe Alte, daß Du ein gar zu großes Talent haſt, die Geberden anderer nachzuahmen.“ „Ich.. Seine Ehrwürden ſprechen gewiß von der ſeligen gnädigen Frau Laura Wendelsköld? Die Pfar⸗ rerin Horner ſtudirt noch immer die Memoiren eines Engels, obſchon dieſe Broſchüre ſchon längſt die Tage der Mode überlebt hat.“ Inzwiſchen hatte der Kriegsrath zu Viola geſagt: „Aber ſagen Sie mir, was bedeutet dieſer Titel: Ihr Patient, Frau Viola?“ „Fragen Sie den Doctor.. aber jetzt muß ich gehen und den guten Kapitain beſänftigen— ſonſt wäre er im Stand. mich aufzugeben.“ „Der Himmel bewahre uns vor einem ſolchen Un⸗ glück, da würde ich mich nicht tröſten fönnen.“ „Ich noch weniger,“ antwortete ſie lachend. Und jetzt ging Viola ſanft wie ein Sonnenſtrahl zu der Baumgruppe, wo der Kapitain ſtand. Mit einem ſtarken Erröthen ſteckte er die Uhr wie⸗ der in die Bruſttaſche. „Sind Sie ſo haushälteriſch mit Ihrer Zeit, Ka⸗ pitain Svabert, daß Sie dieſelbe berechnen müſſen?⸗ Der Vormund. III. 18 . 274 „Ich ſah blos deßwegen auf die Uhr, weil ich ſpä⸗ ter am Tag ein Rendezvous habe, vielleicht nuch deß⸗ wegen, weil ich ganz beſchäftigungslos war, während die Herrſchaften die Freuden des Wiederſehens genoſſen. Fremde ſind bei Familienfeſten immer überflüſſig.“ „Fremde?— ich ſehe keinen ſolchen. Hörten Sie nicht, Herr Kapitain, was der Kriegsrath ſagte?“ „Der Herr Kriegsrath beliebte wirklich viel Herab: laſſung zu zeigen. Es iſt nur zu beklagen, daß ich mich nicht verſucht fühle, ebenſo zu ſprechen, wie er.“ „Wie— Sie füͤhlen ſich nicht verſucht zu ſagen, daß der Freund der Frau Marbin auch Ihr Freund ſei?“ „Ich kann das wirklich nicht.“ „O ihr Götter, das wird ja eine förmliche Kriegs⸗ erklärung.“ „Gegen wen denn?“ „Gegen mich natürlich.“— „Ah wirklich— ich konnte nicht ahnen, daß Sie die Sache des Kriegsrathes als Ihre eigene betrachten, Frau Marbin.“ 1 „Dann kennen Sie mich noch ſchlecht— ich nehme die Sache meiner Freunde immer als meine eigene auf.“ Der Kapitain verbeugte ſich wie ein Automat. .„Wenn alſo der Kriegsrath Wendelsköld zu mir daſſelbe geſagt hätte, was Sie ſo eben geſagt haben, Herr Kapitain, ſo würde ich behaupten, er habe mir den Krieg erklärt.“ „Damit wollen Sie ſagen, Madame..“ „Weder mehr noch weniger, als daß wir von dieſem Augenblick an einander feindlich gegenüberſtehen, ſofern Sie nicht verſprechen, ein guter Bundesgenoſſe bei dem angenehmen Leben zu werden, das wir zu führen beab⸗ ſichtigen.“ „Bei dieſer improviſirten Brunnenkur 2 „Ja, warum denn nicht? Seien Sie überzeugt, daß, wenn der Kriegsrath bei Etwas den Ton angeben will, dieß auch in die Mode kommt. Seine Stimme iſt hier 4 5*. 4 3 — 275 .,* i. aumachtig, und Sie werden ſchen, ab nicht⸗nach acht ihrend Tagen die Anlagd ſo beſucht iſt, daß es an einem wirk⸗ noſſen. lichen Bruanenort nicht Jebhafter zugeht.“. .*„Und ſomehr Grund für mich, mein Karlsbader an Sie irgend einem einſamen Plätzchen zu trinken, wo mein 1 unheimliſhes Ausſehen die Freude nicht ſtört.“„ Herab⸗„Jeßt⸗ Herr Kapitain, werden Sie um den gelin⸗ hmich deſten Ausdruck zu gebrauchen..“. „Unerträglich?“— ſagen„Ja, etwas der Art.“. 5 ſei ꝛ„Weil ichzmich nicht wie eine Drahtpuppe nach den 1 Püffen hewege, die ich bekomue.“ eriegs⸗„Kapitain Svabert!“ g„Madamt ich ſehe, daß meine Geſellſchaft beläſtigt. Es iſt unangenehm, daß ich nicht einer der Bewunderer des Herrn Kriegsraths werden konnte; aber aufrichtig Sie die geſtandfn, ich glaube, daß er keinen Mangel an Vereh⸗ Frau rung leidet— er kann alſo die meinige enkbehren.“ Der Kapitain machte eine großartige Verbeugung nehme und ging den Gang hinab. e auf.“ 3 Viola ſchättelte ihr Kopfchen, während ſie ihm nach⸗ ah.— 8 mir„Vielleicht kommt jetzt die Reihe an mich,“ ſagte— zhaben Severju, der von der andern Seite herkam. Ich ver⸗ . ſprechs zum Voraus nicht ſo zu pochen, wie dieſer Herr nir den gethau zu haben ſcheint.“ „Ach ſeien Sie nicht böſe auf ihn.“ dieſem„Böſe— nein, heut zu Tag gehört mehr dazu, um ſofern mich boͤſe zu machen. Es iſt ſchade um den Mann, daß zei dem er ſeine Eindrücke nicht beherrſchen kann.“ n beab⸗„Er iſt in ſeiner Einbildung ſo krank, der gute Ka⸗ pitain. Er hat einen Fantaſtekummer, der jedoch ſo aufrichtig iſt, wie ein ietlicher Kummer ſein ſoll.“ „Schon zum zzweitenmal hörte ich dieſe Phraſe— 2 d4 wie erklärt ſie ſich⸗aigentlich?“ iſt hier„Damit, daß der Kapitain ſeine Braut verloren hat.“ „In der Fantaſie— nun, das iſt immer noch beſ⸗ 276 ſer, als wenn er einen wirklichen Kummer erlitten hätte, meine ich.“ „Er verlor ſie durch den Tod.“. „Da braucht er ſich am wenigſten zu beklagen. Ich glaube, wie Mancher würde Gott danken, wenn er an ſeiner Stelle wäre.“ „Das heißt, wenn er ſeine Braut durch den Tod verloren hätte?“: Viola konnte die Sonne nicht verhindern, ihre blü⸗ hende Wangen noch blühender zu brennen.. „Ja gewiß— der Tod iſt ſanft. Die Schmerzen, die er hinterläßt, ſind zuweilen ſogar lieblich.“ Die junge Frau horchte, als ob ſie einen bekannten Ton in der Ferne gehoͤrt hätte. „Sehen Sie z. B. meinen alten Nicke an. Wir waren kaum aus dem Wagen geſtiegen, ſo begab er ſich an ſeiner Olena Grab und weinte da, nicht aus Kum⸗ mer, ſondern aus Freude darüber, daß er den Raſen wiedergefunden, unter welchem ſein koſtbarſtes Gut auf Erden ruht.“ „Ja, es weht ein poetiſcher Geiſt in der Ergeben⸗ heit des lieben alten Nicke, in ſeinem ganzen Herzen. Die gute Seele— wie wird es mich freuen, ihn wie⸗ derzuſehen... Aber um auf die todte Braut des Ka⸗ pitains Svabert zurückzukommen, ſo.. doch jetzt ver⸗ rathe ich ein kleines Geheimniß.“ Viola hatte ſogleich ihre ſchalkhafte Miene wieder zur Hand.. „Meine Herrſchaften,“ rief Emil,„das Eſſen iſt aufgetragen, die Kartoffeln und die Rahmmilch warten.“ „Kommen Sie, kommen Sie,“ ſagte Severin, in⸗ dem er Violas Hand ergriff und mit ihr über den Gras⸗ platz eilte. Severin war jetzt ſieben und dreißig und ein halbes Jahr alt. Wie Mancher wäre nicht froh geweſen, mit ſteben und zwanzig ſo jung auszuſehen wie er! * Und dennoch fand ſich in ſeinem ganzen Weſen nicht häͤtte, 1. Ich er an 1 Tod e blü⸗ erzen, nnten Wir er ſich Kum⸗ Raſen it auf geben⸗ erzen. wie⸗ 3 Ka⸗ t ver⸗ vieder en iſt rten.“ n, in⸗ Gras⸗ halbes n, mit mnicht 277 das allergeringſte vor, was affeektirt oder künſtlich er⸗ ſchien, nicht das Mindeſte, von dem nicht Jedermann geſagt hätte, daß es ganz am Platz ſei. Er war ernſt, jung, gut, heiter, ein froͤhlicher Le⸗ bemann oder ein Mann der Ceremonien, alles nach den Umſtänden. Man dachte, er könne niemals anders ge⸗ weſen ſein, ſo vollſtändig hatte er ſich in einen neuen Menſchen hineingelebt. „Glauben Sie nicht,“ flüſterte er Viola zu, indem er bereit ſtand über die grün angeſtrichene Bank zu ſtei⸗ gen, um die Wirthin und ihre Schwägerin, die ſich be⸗ reits geſetzt hatten, zu trennen,„glauben Sie nicht, daß ich für den Kapitain den Dienſt umſonſt verſehe: ſobald das Mittageſſen fertig iſt, kommt die Reihe wieder an mich: ich habe den Schluß des Geheimniſſes noch nicht erfahren.“ Viola winkte dem Kapitain, der mit einigem Son⸗ nenſchein auf der Stirne jetzt kam und ſich unter vielen Umſtänden zwiſchen einem Syrengenbuſch und ſeiner Ehr⸗ würden, welche denſelben Platz einzunehmen babſichtigt hatte, eindraͤngte. „Weh mir!“ rief Lars Moritz. „Drücken Sie mich nicht zu tod,“ ſchrie der Doktor, „es ſchickt ſich nicht, daß ſolche Patienten da.“ Glücklicher Weiſe verſchlang der Doktor den Reſt und hatte die Hälfte bereits vergeſſen. Ganz blutroth im Geſicht, kam der Kapitain endlich neben Viola zu ſitzen, die auf ihrer andern Seite den Wirth hatte. Und ſo lange das Mittageſſen währte, ſo lange der Kriegsrath in die Kreuz und Quer mit den Herrn und Damen ſchwatzte, ſo lange Jeanne Sophie und Emil die Mahl⸗ zeit ſo unendlich würzten mit ihrem herzlichen und gut⸗ müthigen Gerede, ihren lebhaften Toaſten und dem ſchmack⸗ haften Bier, ſo lange war alles gut, und der Kapitain kam ſo weit, daß er ſeinen halben Rückzug als eine Narrheit erklärte. 278 Aber all dieſes Gute, dieſe herrliche Stunde, in welcher Viola beinah ausſchließlich ihn allein anhörte, nahm plötzlich ein Ende, als, nachdem man den Kaffee im grünen Gras eingenommen, der Kriegsrath ſich auf Violas Seite begab, entſchloſſen, wie es ſchien, von ih⸗ ren Sonnenſcheinblicken auch ein wenig zu proſitiren. Jetzt wollte Laura den Kapitain unterhalten, der kerzengrade vor ihr ſtand. Aber ſeine Augen ſandten unaufhörlich ihre irrende Blicke nach dem Platze, wo der Kriegsrath ſaß, und... Aber hat man je etwas ſo Impertinentes geſehen! Er nahm den Sonnenſchirm, der neben der jungen Frau lag, ſpannte ihn auf und hielt ihn auf die Seite. Dieß natürlich der Sonne wegen, welche ſtark hie⸗ her brannte, der Sonne, welche Viola genirte, die eifrig mit einer Stickerei beſchäftigt war. Was der Kapitain von der Sache dachte, das wollen wir ins Feld der Muthmaßungen geſtellt ſein laſſen. Die Hauptſache war inzwiſchen, daß ſeine Augen nicht durch den grünen Schirm dringen konnten. „Sehen Sie da, jetzt habe ich ſowohl die Sonne, als den Mond beſeitigt,“ ſagte Severin lachend;— „laſſen Sie uns jetzt den Schluß hören.“ „Sie haben in einem gewiſſen Genre eine Praxis gewonnen, Herr Kriegsrath, das merkt man ſehr gut.“ „Man lebt, um zu lernen, Madame... jetzt zum Kapitain.— Aber ſagen Sie mir gleichwohl zuerſt, wel⸗ ches Verhältniß zwiſchen ihm und meiner ehemaligen Mündel ſtattfindet?“ 1 „O es iſt blos eine Laune.“ Aber jetzt klang der Scherz ein wenig falſch. „Welcher von beiden Theilen hat die Laune?“ „Ich.“ „Aber erlauben Sie mir weiter zu fragen, was für einen Sinn enthält die Laune?“ „Weiß ich das, ich! Wir armen einfältigen Frauen⸗ zimmer entlehnen oft Ausdrücke von den Männern und „ in zörte, Laffee Hauf n ih⸗ en. der nditen o der hen! ngen Seite. hie⸗ eifrig ollen m. ugen onne, ) raxis gut.“ zum wel⸗ ligen 3 für auen⸗ und 279 wollen dann damit glänzen. Ich meine, den Ausdruck irgendwo gehoͤrt oder geleſen zu haben, und da frappirte er mich.“ Ueber Severins Stirn flog eine flüchtige Wolke. Er erinnerte ſich, wo und wann er das Wort ge⸗ braucht hatte, und obſchon er nicht glauben konnte, daß der alte Livelius ihr dieſen Briefwiſch gezeigt habe, ſo begriff er doch alles ganz vollkommen. „Vielleicht, Frau Marbin, haben Sie das in mei⸗ nem letzten Brief an den Doktor geleſen?“ „Ich kann unmöglich mit Gewißheit ſagen, wo— aber da wir einmal auf das Wort gekommen ſind, ſo geben Sie mir eine Definition davon.“ „Eine Definition von einer Laune zu geben, iſt bei⸗ nah unmöglich. Es kommt vor Allem darauf an, in welchem Sinn man den Ausdruck nehmen will.“ „Ja, das verſteht ſich. Ich ſetze den Fall, Herr Kriegsrath, Sie hätten eine Laune z. B. für irgend eine Dame.“ „Da würde ich das Wort Laune in einer ſehr deli⸗ katen Bedeutung nehmen.“ „Erklären Sie das näher, ich bitte Sie.“ „Eine Dame beehrt mich mit ihrer Aufmerkſamkeil. Ich fühle mich geſchmeichelt und verpflichtet, ihr wieder Aufmerkſamkeit zu erweiſen.“ „Und dieſe Aufmerkſamkeit beſteht in was 2“ „Darin, daß ich bereit ſtehe, ſobald ſie winkt. Ich halte in der Geſellſchaft ihren Shawl und ihre Mantille bereit, ich erzähle ihr alles Neue und Angenehme, was ich gehört habe; ich verſchaffe ihr Conzert⸗ und Thea⸗ terbillete, wenn für Geld keine mehr zu haben ſind und ſie daher um hundert Prozent im Werth ſteigen; ich warte ihr mit Blumen auf, wenn ein Bouquet fünf bis acht Reichsthaler koſtet— und durch all dieſe vereinig⸗ ten kleinen Artigkeiten, welche die Welt deuten kann, wie es ihr beliebt, verſchaffe ich ihr die Freiheit, all die fa⸗ 280 den Sachen zu überhöreu, welche ſie ſonſt ermüden müß⸗ ten, zumal wenn ſie Wittwe iſt..“ „Aber— verzeihen Sie, daß ich Ihnen ins Wort falle— ſteht es ihr nicht frei, ebenſo zu denken wie die Welt?“ „Es ſteht ihr allerdings frei, im Fall ſte nicht Ur⸗ theilskraft genug beſitzt, klarer zu ſehen, als die Welt. Aber in ſolchen Dingen hüten ſich die Frauenzimmer wohl, fehl zu greifen. Eine Frau von guter Erziehung ſtellt ſich einem verdrießlichen Fehlgriff nicht blos.“ „Auf ſolche Act ſchwindet ja zuletzt eine Laune zu nichts herab.“ „Kann eine Laune zu etwas anderem beſtimmt ſein? Ich habe ihrer in dieſem Jahre wenigſtens fünf bis ſechs gehabt, und immer für Wittwen.“ „Da ſehe man!“ Dieſe Launen ſind erfriſchend für das Gemüth, denn der Umgang mit gebildeten Frauenzimmern iſt immer er⸗ friſchend, ſobald man ſich einmal daran gewöhnt hat. Aber noch habe ich nicht eine einzige Laune gehabt, welche gedroht hätte, in eine gefährliche Laune überzugehen, was etwas ganz anderes heißen will.“ War wohl Viola je— ſie glaubte es wenigſtens— ſo glücklich geweſen, als in dieſem Augenblick? Sie war auf eine delikate Art beruhigt worden, und doch merkte man nichts Gefährliches. Alles war ruhig und lieblich um ſie her. „Um jetzt auf meine Laune zurückzukommen,“ ſagte ſte haſtig,(ſie wollte zeigen, welche Gewalt ſie über ſich ſelbſt beſat) ſo kann ich ſagen, daß dieſe viel Aehnlichkeit mit der Ihrigen hat, nur mit dem Unter⸗ ſchied, daß ich empfange, ſtatt zu geben, und daß das, was ich gebe, eigentlich weiter nichts iſt, als ein bischen Krankenpflege, die ich meinem armen Patienten widme.“ „Wir ſind alſo jetzt bei dem großen Fantaſiekummer angelangt.“ „Allerdings. Er ſoll ſeine Braut während ihrer Lebzeiten nie ſonderlich geliebt haben; aber jetzt hinten nach erblickt er in ihr eine Vollkommenheit, der er eine leidenſchaftliche Verehrung widmet. Es iſt ihm nie wohl, außer ſo lange er von ſeinen Leiden ſprechen darf, er grämt ſich auf eine ſolche Art, daß ſeine phyſiſche ſowohl als ſeine geiſtige Geſundheit dadurch erſchüttert worden iſt.“ In dieſem Augenblick nahte ſich die Perſon, von welcher man ſprach. „Ich komme, um Abſchied zu nehmen, Madame.“ Der arme Kapitain hatte Thränen in den Augen. „Wie— Abſchied nehmen?“ „Ich habe den übrigen Damen bereits mein Com⸗ pliment gemacht.“ „Aber warum verlaſſen Sie uns ſo ſchnell?“ Der Kapitain erröthete ſtark. „Es wäre allerdings zu viel verlangt, Madame, wenn Sie ſich an das erinnern ſollten, was ich Ihnen vor kaum anderthalb Stunden geſagt habe, nemlich, daß ich auf den Abend ein Rendezvous habe.“ „O ich glaubte, dieß wäre blos ein Scherz.“ „Aber ich habe ja erklärt...“. „Es iſt wahr, daß Sie niemals ſcherzen. Nun, wir treffen uns doch morgen Vormittag?“ „Wo denn?“ „Zu Hauſe bei mir, das verſteht ſich.“ „Ich würde es ohne beſondern Befehl nie gewagt haben.“ 4 „Dieſer wird hiermit ausgeſtellt,“ ſagte Viola und reichte dem Kapitain mit ausgeſuchter Anmuth die Hand zum Abſchied. „Zu welcher Stunde des Tags empfangen Sie ihn?“ fragte der Kriegsrath, als Kapitain Werther Svabert verſchwunden war. „Er kommt gewöhnlich um ein Uhr.“ „Würden Sie da vielleicht um zwölf Uhr für Ih⸗ ren Geſchäftsführer zu Hauſe ſein, der einige ernſte Sa⸗ chen mit Ihnen zu ſprechen hat?“ Viola lächelte blos. „Iſt es jetzt aus mit dem téte-à-tète?“ ſagte der Doktor..„Seht, da kommt Emil wie ein Kellner mit Serviette und Punſchbowle, und Seine Ehrwürden mit den Cigarren. Laßt uns jetzt einmal recht luſtig ein.“ 1„Laßt uns erſt ausathmen,“ rief Laura froͤhlich. „Du weißt nicht, mein Schwager, welchen Unfrieden Ka⸗ pitain Werther anrichtet— ausgenommen bei ſeiner Gönnerin.“ Und nachdem der Kapitain jetzt fort war, zog ſich der Kreis dichter zuſammen, und man machte ſich aus Herzensgrund luſtig. XXVII. Etwas Apartes zwiſchen dem Herrn und dem getreuen Diener. „Ja, lieber Herr, ſo ſteht es— akkurat, weder beſ⸗ ſer noch ſchlimmer.“ Der Kriegsrath, der noch in ſeinem Morgenrock auf dem Sofa lag und rauchte, machte eine Geberde des Zornes und Abſcheus zugleich. „Es war ſo,“ fuhr Nicke fort,„daß, als ich von Olenas Grab kam... aber ich kann— hier kam das blaugewürfelte Nastuch zum Vorſchein— unſrer lieben kleinen Dame, dieſem Engel Gottes, nicht genug dan⸗ ken, daß ſie nach den Schwerdtlilien und den andern Roſe nicht ſtreu wo b der reich ich f mein die haar iſt 2“ chen jungf daß nicht nant ihrerf häͤtte die E dieſer eine mer doch den 2 Schn 283 Roſen geſehen hat, und zwar ſo gut, daß ich ſelber es nicht beſſer hätte machen können.“ „Hat ſie das gethan?“ „Ja, und ſie hat den kleinen Gang mit Sand be⸗ ſtreuen und die Bank mit Raſen belegen laſſen.“ „Sie hat Dich alſo ſehr lieb.“ 2 „Ihr Herz neigt ſich nach dieſer Seite... aber wo bin ich ſtehen geblieben? Ja, als ich von dem Grab der ſeligen Olena kam— Gott erfreue ſie im Himmel⸗ reich— da begegnete ich einem alten Freund, mit dem ich früher manchmal ein Glas zu trinken pflegte: ich meine den Gärtner auf Stjernvik, und der erzählte mir die ganze Geſchichte vom Anfang an bis zum Ende haarklein.“ „Und man kann ſich darauf verlaſſen, daß es wahr 2 iſt? „Das will ich meinen. Wer koͤnnte in ſolchen Sa⸗ chen klarer ſehen als er, der von der eigenen Kammer⸗ jungfer dieſer gnädigen Lumpenherxe, alles erfahren hat.“ „Dieſe doppelte Intrigue ſollte alfo wirklich.. „Doppelt, ſagen Sie?— Sie ging wohl ſo weit, daß man ſie vierfach neanen könnte; ich habe noch gar nicht alles erzählt.“ „Kann es wohl weiter kommen, als daß der Lieute⸗ nant ſich in die Arme einer Sirene wirft, welche ſich ihrerſeits in die Arme eines Schauſpielers wirft?“ „Als ob nicht der Schauſpieler auch ſeine Syrenge hätte! Aber ſonſt muß ich Ihnen ſagen, Herr, daß ich die Syrenge für viel zu gut halte, als daß man ſie mit dieſer Krauſemünze da vergleichen dürfte Es ſteht eine Syrenge auf Olena's Grab, und Olena war im⸗ mer ein ehrliches und ehrbares Weib. Das empört mich doch ein Bischen, daß Ihnen gerade nichts anderes in den Mund gekommen iſt.“ „Entſchuldige, alter Freund, es iſt mir in der Schnelligkeit ſo herausgefahren,“ ſagte der Kriegsrath, 284 der nicht Zeit hatte, eine weitläufige Erklärung abzuge⸗ en. „Nun, mein Herr, ich verlange das nicht,“ ant⸗ wortete der Alte, angenehm geſchmeichelt von dem Ge⸗ danken, daß der Kriegsrath dem Syrengenbaum auf Olenas Grab eine Entſchuldigung gemacht habe. Aber ſonſt ſteht die Sache ſo, daß der Schauſpieler ſeine Lieb⸗ ſchaft mit Frau Violas eigener Kammerjungfer hatte, welche ihm und keinem andern zu Lieb mit der Truppe fortgelaufen iſt, und ihr Geld für ihren Bräutigam aufbewahrt, den ſie heirathen will, wenn ſie zurückkommt. Dieſe Dirne da hat ſich wohl vorgeſehen, und alles zu ihrem eigenen Beſten eingerichtet.“ Der Kriegsrath fuhr mit dem Nastuch über ſein immer ſtärker erröthendes Geſicht. „Alſo auf dieſe Art iſt das Geld unſrer kleinen Dame htnausgegangen. Und dieſe letzte ungeheure Summe, welche Ihro Gnaden, die Krauſemünze ihm abgequält hat, iſt dem Schauſpieler in die Taſche ge⸗ wandert, der ihr weiß machte, daß er draußen auf Stjern⸗ vik Molken trinken würde, daß ſie dann zuſammen über den Lieutenant lachen könnten.“ „Welche Schändlichkeiten!“ „Aber ſie ſoll ſich auch gerade wie eine erzürnte Jägerin geberdet haben, als ſie den Brief von Herrn Feodor erhielt; denn ſehen Sie, er hatte ihr einen Wiſch geſchrieben, worin er ſich gerade zu von ihr los⸗ ſagte und für die gute Bekanntſchaft und die gute Hülfe dankte— denn nur ihr und keinem andern Menſchen hatte er es zu verdanken, daß er mit ſeiner Duleinea ſeines Wegs weiter ziehen konnte.“ „Und was iſt hernach geſchehen?“ „Nun, da hat ſie geweint, gerast und alles, was im Hauſe war, zuſammengeſchlagen; hernach hat ſie Pferde beſtellt, und iſt ihm nachgereist.“ „Aha, ſie iſt fortgereist?“ „Ja, und jetzt wird man wohl hören, wie es zu⸗ zuge⸗ ant⸗ Ge⸗ auf Aber Lieb⸗ hatte, uppe igam mmt. s zu ſein einen heure ihm e ge⸗ tjern⸗ über ürnte Herrn einen los⸗ Hülfe aſchen lein ea „was at ſie es zu⸗ 28⁵ gehen wird, wenn der Lieutenant, dieſer Narr, erfährt, daß ſein Taͤubchen nicht länger daheim ſitzt und auf ihn wartet. Sie müſſen wiſſen, Herr Kriegsrath, daß ſein Verſprechen, das er ſeinem Bruder gegeben hat, ſoviel als nichts galt. Die Jungfer, die mit dem Gaͤrt⸗ ner redete, ſagte, ſie habe ſelbſt gehört, wie er und Ihro Gnaden die Krauſemünze über eine ſolche Einfalt lach⸗ ten. Aber Ihro Gnaden lachte blos des Scheins hal⸗ ber, ſie wußte ſchon, daß ſie dem Lieutenant den Rücken kehren wollte, ſobald nichts mehr bei ihm zu holen war.“ „Das iſt ein abſcheuliches Gewebe von Gemeinhei⸗ ten.. aber laſſen wir jetzt das alles.“ „Wollen Sie alſo etwas anderes, Herr?“ „Ja, mein ehrlicher Alter, ich gebe Dir den Auf⸗ trag, das Haus auf eine ſolche Art zu verſehen, daß unſre liebe kluge Hausmutter nie in Verlegenheit kommt, da ſie jetzt die Gute gehabt hat, die Wirthin an mei⸗ nem Tiſch machen zu wollen. Du haſt doch wohl Deine alten Hausmeiſterpflichten noch im Kopf?“ „Ja, darauf können Sie ſich verlaſſen und Sie dürfen ganz ohne Furcht ſein, obſchon wir jetzt auf einem unregelmäßigen Junggeſellenfuß gelebt haben, ſo kann ich doch alles wieder regelmäßig machen.Wer⸗ den wir viel Gäſte haben?“ „Das verſteht ſich. Ich gedenke jetzt all die Artig⸗ keiten zurückzubezahlen, die ich früher empfangen habe. In den zwei Monaten, die wir hier ſind, will ich, da die ganze Stadt von meiner Gaſtfreundſchaft reden ſoll. „Nun, nun, Herr Kriegsrath, Sie habens ja. Wenn einer Junggeſell iſt, und ſich nicht einmal von einer ſchönen Graͤfin in Verſuchung führen läßt, fo.. „Haſt du meinen Morgenfrack hergerichtet?“ „Ja, Herr, den hellgrauen Hut und alles andere. Ja jetzt iſt das ein ganz anderer Aufzug als damals, wo Sie alt waren, und ans Abſcheiden dachten. Herr Jeſus, wie viel erlebt man nicht hier in der Welt!“ Der Kriegsrath lächelte, aher es lag eine tiefe Wehmuth in ſeinem Lächeln. „Geh jetzt, Alter, und ſtelle Dich der Frau Jeanne Sophie und dem Lieutenant zur Verfügung.“ „Gut, Herr... ich denke, wir werden uns beſſer vertragen, als ich mich mit der Schwägerin vertragen habe... aber wahrhaftig, auch ſie iſt jetzt ganz brav geworden.“ XXVIII. Der Geſchäftsmann und die Clientin. Frau Charles Marhin— aus delikater Erinnerung an alte Zeiten nicht in luftigen weißen Mouſſelin ge⸗ kleidet, ſondern in einen dunklen Seid enrock mit einem hübſchen Morgenhäubchen, beſtehend aus Spitzen und Roſabandſchleifen— ging von Zimmer zu Zimmer und ſpiegelte ſich dabei in jedem Spiegel... letzteres na⸗ türlich nur zufälliger Weiſe; Ihre eigentliche Abſicht war zu ſehen, welches Zimmer ſich am Beſten für den Pnfän eignen würde, der um zwolf Uhr ſtatthaben ollte. Der Salon paßte nicht dazu: er erinnerte an eine gewiſſe gefährliche Theeviſite, bei welcher ſie ihn auch allein empfing. Das Leſekabinet hinwiederum erinnerte an den langweiligen und förmlichen Beſuch, den ſie im vorigen Jahr bekommen hatte. Es war alſo am Beſten, ihn im äußeren großen Zimmer zu empfangen. Wenn man dort ſäße, ſo wäre man auch... zugänglich für alle, welche kamen und gingen.— e tiefe ſeanne beſſer tragen brav nerung lin ge⸗ einem en und ner und es na⸗ Abſicht ür den tthaben an eine )n auch einnerte fle im Beſten, Wenn lich fin 287 Es war natürlich, daß Viola zu dieſem Schlußſatz nicht gelangen konnte, ohne daß das verrätheriſche Far⸗ benſpiel wieder in raſchen Gang kam...... Die junge Wirthin ſah ungemein häuslich aus, als ſie ſo an ihrem Nähtiſche ſaß, und alle ihre Fadenknäul unter einander mengte. Es fehlten noch zehn Minuten zu zwölf, als Seve⸗ rin eintrat. „Jetzt,“ dachte Viola,„wird man ja ſehen,“ und das arme Herz pochte ſo gewaltig, daß der Doktor, wenn er ihre Bangigkeit gewahrt haben würde, ihr be⸗ ſtimmt ein kaltes Bad verordnet hätte. Aber obwohl niemand außer ihm die Wirkung des kalten Waſſers ahnte? Ohne Zweifel doch; denn die Perſon, die ſich prä⸗ ſentirt, beſitzt nicht den mindeſten Anſtrich von dem hei⸗ teren, vertraulichen, freundſchaftlichen und ſcherzhaften Vetter von geſtern. „Meine beſte Frau Marbin, erlauben Sie mir, daß ich mir heute wieder einen Theil meiner alten Vor⸗ mundsprivilegien aneigne. Ein Geſchäftsmann hat kein Recht, von andern Dingen als Geſchäften zu reden, aber ich möchte, wenn ich es wagen dürfte, auch in einigen andern Angelegenheiten ein paar Worte ſprechen. „Herr Kriegsrath“— wie dankte Viola Gott für den glücklichen Inſtinkt, daß ſie das dunkle Seidenkleid angezogen hatte, wie würde die weiße Luft mit all ihren Erinnerungen ſich gegen dieſen ſchweren Ernſt ausge⸗ nommen haben—„Herr Kriegsrath, ich kenne keine Perſon in der ganzen Welt, die ich mit größerem Ver⸗ gnügen anhören würde, als meinen alten Vormund.“ „Tauſend Dank für dieſe Worte. Um alſo den Anfang zu machen: Sie haben wohl Ihren Namen nicht unter ein Papier geſetzt, das einer Schuldver⸗ ſchreibung gleich ſieht?“ „Nein... ich wurde allerdings in Verſuchung 288 geführt, Charles vor ſeiner Abreiſe zu helfen, als er für 4000 Thaler Banko meines Namens bedurfte. Aber ich ahnte den Zweck, wozu dieſes Geld verwendet wer⸗ den ſollte, und deßhalb weigerte ich mich.“ „Das war gut. Er iſt gänzlich zu Grunde ge⸗ richtet.“ „Nein, nein, nicht gänzlich. Wenn wir einige Ein⸗ ſchränkungen treffen...“ „.. ſo find dieſe paſſend und klug, das gebe ich zu, aber...“. „Es bleibt uns alſo nichts, als die Zinſen von der letzten Hälfte meines kleinen Kapitals. O, Herr Kriegs⸗ rath, wie weiß ich jetzt zu ſchätzen...“ „Laſſen Sie uns jetzt nicht davon ſprechen. Ich würde mich glücklich ſchätzen an dem Tag wo ich den Grundſatz, daß man das Eigenthum der Frau ſchützen muß, allgemein zur Geltung gebracht ſähe. In Bezug auf die erſte Frage, welche Sie betrifft, iſt der Schluß⸗ ſatz richtig.“ „Und dann noch die bedeutende Schuld, für welche Emil, Lars Moritz und Doktor Livelius Bürgſchaft ge⸗ leiſtet haben.“ „Sie können nichts verlieren. Denn erſtens wird die Schuld durch den Erlös für die verkauften Luxus⸗ artikel bedeutend gemindert, und dann beſitzen ſie eine Sicherheit in Forsby, das ihm einmal zufällt. Aber Forsby iſt nicht groß, und wenn es zum Voraus be⸗ laſtet wird”“... „Ich verſtehe. Es ginge ja immer noch an, und ſtände noch ganz gut, wenn nur er nicht... nicht...“ „Ich weiß alles zuſammen und vielleicht mehr als Sie ſelbſt, Frau Marbin.“ „Wie— ſollte vielleicht die fragliche Summe die Angelegenheit in dieſer Beziehung nicht ins Reine ge⸗ bracht haben?“ „Ei, Madame, haben Sie wirklich geglaubt, daß 7 erlauk 7 7 ziemlie / behutf die uB ihm nes V mernde ohne d Fall e viel an ſöhnt Kraft den hil als er Aber et wer⸗ ide ge⸗ ſe Ein⸗ ebe ich don der driegs⸗ . Ich ich den chuͤtzen Bezug ſchluß⸗ welche aft ge⸗ 3 wird Luxus⸗ 289 er unter dem ſchändlichen Einfluß einer ſolchen Gewalt die Perſon, die ihn ausübte, ſo leicht aufgeben könnte?“ „Es geſchah nicht leicht, Herr Kriegsrath, nein, weit entfernt. Es iſt verſchiedenes vorgefallen, ich ſprach nur ein Einziges Mal in dieſer Beziehung mit ihm, und da bildete ich mir ein, daß er von ihr laſſen würde.“ Der Kriegsrath ſchüttelte den Kopf. „Jedenfalls beſitzt er ja nichts, um ſie zu unter⸗ halten.“ „Er kann Schulden machen und das thut er wohl auch, im Fall er wieder Nachricht von ihr erhält.“ „O ſie iſt ja blos auf Stjernvik.“ Es kam Viola hart an, dieſen Namen auszuſprechen. Severin verſtand ſie. Er hatte die Geſchichte von Stjernvik ſowohl, als von der Loge gehört. Aber natürlich that er, als ob er nichts wüßte. „Dieſe würdige Dame,“ ſagte er,„iſt einem andetn Liebhaber nachgezogen, dem Schauſpieler Feodor.“ „Iſt's möglich... und“— Viola's Wangen flammten,—„wie wird dieß auf Charles wirken?“ „Juſt darauf wollte ich kommen, wenn man mir erlaubt, hier einen Rath zu geben.“ „Recht gern, denn ich geſtehe aufrichtig, daß ich ziemlich rathlos bin.“ „Er ginge dahin: Schrelben Sie ihm ſanft und behutſam in der Sache, ſuchen Sie ihm zum Voraus die unſeligen Folgen eines Rückfalles vorzuſtellen— ihm gegenüber müſſen Sie natürlich an den Ernſt ſei⸗ nes Verſprechens glauben— ſuchen Sie auf ſein ſchlum⸗ merndes Ehrgefühl einzuwirken. Sagen Sie ihm, aber ohne die mindeſte Spur von einem Vorwurf, daß, im Fall er es hiebei bewenden laſſe(worauf ſo unendlich viel ankommt) alles noch verziehen, gut gemacht, ver⸗ ſöhnt werden könne, und vielleicht wird in ihm eine Kraft erwachen, welche ihm die Verſuchungen überwin⸗ den hilft.“ Der Vormund. II. 19 290 „Welcher edle und würdige Rath! Ich hatte nicht V V im Sinne, mich ſo zu demüthigen— aber es ſoll ge⸗ ſchehen.“ Gatten vom Nand eines Abgrundes zurückzuführen ſucht. „Nein, ſie erhebt ſich im Gegentheil, denn die De⸗ müthigung, die Erniedrigung trifft nicht ſie.“ „Aber, Herr Kriegsrath, Sie dürfen nicht von mir glauben, daß ich mich bisher wie eine thoͤrichte und gleichgültige Frau benommen habe.“ „Ach, ſagen Sie nichts mehr. Ich weiß vollkom⸗ men, wie viel Geduld und Verſtand Sie in Ihrer ſchwierigen und qualvollen Lage bewieſen haben. Aber jetzt handelt es ſich um den Verſuch, durch eine noch „Eine Frau demüthigt ſich nicht, wenn ſie ihren V hoͤhere Güte, einen noch ſcharſſinnigeren Verſtand und ein noch edleres Gefühl den Sieg zu erringen. Wie dankbar wird er nicht eines Tags ſeiner Gattin für ihre Nachſicht ſein!“ „Nachſicht— aber muß es nicht auch für ſie eine Grenze geben?“ Der Kriegsrath ſah ſie an. Seine Antwort be⸗ ſtand blos in einem fragenden Blick. „Ich ſagte Charles,“ fuhr ſie mit unſicherer Stimme fort,„daß ich, wenn er nicht von dieſem Weib abließe, das mich öffentlich beſchimpfen wollte“— ihr Athem wurde immer kürzer—„ſein Haus verlaſſen und.. mit einem Wort, ihn gänzlich aufgeben würde.“ „Dieſe Worte, die natürlich nur unter dem Einfluß eines aufgeregten Gefühls geſprochen wurden, in einem Augenblick, wo Sie die größte Veranlaſſung hatten, ihn die ganze Schwere der Würde einer beleidigten Gattin empfinden zu laſſen, waren gleichwohl, glaube ich, nicht ganz an ihrem Platz. Wenigſtens iſt es meine neber⸗ zeugung, daß Sie weit edler, weit anbetungswürdiger handeln würden, wenn Sie ihn zurückführten. Er wird daſſelbe ſagen, wenn er zurückkommt mit dem feſten Ent⸗ ſchlu brech War gegen Gefüͤ Kraf gen d vibrit man man Juge lebha Und dem zens oder eigne das ſt L Richte er ſich G gemeit 2 Fraue e nicht oll ge⸗ 2 ihren ſucht. ie De⸗ on mir te und llkom⸗ Ihrer Aber he noch nd und Wie in für e eine rt be⸗ timme bließe, Athem ... influß einem n, ihn Gattin nicht Ueber⸗ rdiger wird Ent⸗ 291. ſchluß, ſeine heiligen Verſprechungen nicht mehr zu brechen.“ Viola ſenkte den Kopf. Eine allzutiefe Bewegung arbeitete in ihrer Bruſt. War wohl dieſes Ziel ſo ſchön? Sie wagte es nicht laut zu geſtehen, daß ſie die gegenwärtige Zeit beſſer finde. Man konnte wohl behaupten, daß Severin ihre Gefühle las, und daß ein warmer lebhafter Wunſch, ihr Kraft einzuflößen es war, was ihm folgende Aeußerun⸗ gen diktirte: „Glauben Sie mir,“ ſagte er, und ſeine Stimme vibrirte jetzt ein wenig wie ehemals,„glauben Sie mir, man feiert keine ſchöneren Siege als diejenigen, die man über ſich ſelbſt gewinnt. „Ich habe Frauen gekannt, die, obſchon ſie ihre ugenderinnerungen bewahrten, gleichwohl von dem lebhafteſten Gefühl ihrer Pflichten durchdrungen waren. Und dieſe Frauen würden vor Gott, vor ſich ſelbſt und dem Bild, das ſie in irgend einem Winkel ihres Her⸗ zens verwahrt haben, erröthet ſein, wenn ſie geahnt oder gefürchtet hätten, daß die Mangelhaftigkeit ihres eignen Willens ſie verhindere, das Werk zu vollbringen, das ſie auf ſich genommen haben.“ Viola ſaß zitternd da. Ein ſo ſtrenger und milder Richter konnte nichts anders als das Ziel erreichen, das er ſich vorgeſetzt hatte. Sie erhob langſam ihre Augen. Es war wohl kaum moͤglich, daß er ſich ſelbſt gemeint haben konnte. Dieſe vollkommene Ruhe, dieſer zärtliche, getreue und brüderliche Blick— welchen vollkommnen Sieg mußte er errungen haben, und doch lebte gewiß etwas von dem Vergangenen noch in ihm. „Ich,“ ſagte ſie, indem ſie es wagte, in ſeine ſee⸗ lenvollen Augen zu blicken,„ich mochte gern dieſen. Frauen gleichen, die Sie mir als Muſter vorſtellen, Herr Kriegsrath— und ich werde ihnen gleichen. Schon morgen ſchreibe ich an Charles.“ „Und da es für den Mann ſchwer iſt, von der Frau alles anzunehmen, beſonders unter den gegenwärtigen Verhältniſſen, ſo ſagen Sie ihm, daß ich, wenn er deſſen bedürfe, mich anbiete, ſein Banquier zu werden. Wir wollen dann ſehen, wie wir die Rechnung ins Reine bringen, wenn er entweder Forsby angetreten, oder ſeine Privatſachen auf eine andere Art geregelt hat.“ „Herr Kriegsrath, ich möchte Ihnen gerne ſagen, was ich denke, aber ich glaube, es iſt am Beſten nichts zu ſagen.“ „Ach, Madame, bedenken Sie doch, daß ich der Ge⸗ ſchäftsmann des Hauſes bin. Was im übrigen die innere Oekonomie betrifft, ſo will ich mit Emil davon ſprechen, bis ich mich ſpäter mit Lieutenant Charles berathen kann. Für den Augenblick braucht man ihn mit dieſen Details nicht zu beläſtigen.“ „Das iſt wahr... aber eine Sache beunruhigt mich.“ „Welche denn? Wenn es ſich um Geld handelt, ſo wiſſen Sie, wo Sie Ihren Banquier haben.“ „Nein, es handelt ſich... es handelt ſic.“ „ um den Kapitain vielleicht? Sehen Sie, das iſt juſt ein Gegenſtand, den ich auch zu berühren beab⸗ ſichtigte.“ „Ich dachte wahrhaftig jetzt nicht an den Kapitain. — aber laſſen Sie mich wiſſen, was Sie von ihm ſagen wollen, Herr Kriegsrath.“ „Nur ſo viel, daß ich geſtern ſogleich die Entdeckung machte, daß er trotz ſeines großen Fantaſiekummers im Begriff ſteht, ſich einen nenen und zwar wirklichen Kum⸗ mer zu bereiten, der ſich wohl nicht ſo ſchnell in eine Fantaſie verwandeln laͤßt.“ „Wie, Herr Kriegsrath, Sie koͤnnen glauben?“ „Ja, auf Ehre, ich glaube, daß er auf gutem Weg iſt, noch unglücklicher zu werden, als er ſich bereits glau Rech Ihre dieſe pen deren beſtät halb die 2 oder ſteht. Glau wegg mache meine Theil § Erwi ja all Das treu i 7 kann Frau, muß 2 verſag haben ſchen 3 ichen. Frau tigen deſſen Wir Reine oder t.“ agen, nichts r Ge⸗ unere echen, athen dieſen Kum⸗ neine 2 Weg ereits 293 glaubt. Und ich ermahne Sie, Madame, mit all dem Recht, welches der älteſte und ohne Zweifel intereſſirteſte Ihrer Freunde beſitzt, ſeien Sie äußerſt vorſichtig mit dieſem Manne.“ „Aber mein Gott, er betet ja die ſelige Mina an.“ „Der Name der ſeligen Mina mag auf ſeinen Lip⸗ pen ſchweben— er beginnt jedoch diejenige anzubeten, deren Patient er genannt wird, diejenige, deren Ohren beſtändig ſeinen Klagen geöffnet ſind. Haben Sie deß⸗ halb Barmherzigkeit mit ihm. Er iſt kein Mann, der die Bedeutungsloſigkeit einer nichts ſagenden Koketterie zuhr Rines unſchuldigen Scherzes zu beurtheilen ver⸗ eht. „Oh 14 „Setzen Sie kein Mißirauen in meine Rathſchläge. Glauben Sie nicht, daß dieſelben von irgend einem Be⸗ weggrunde herrühren, der ſie weniger vertrauenswürdig mache. Ich wage zu verſichern, daß einzig und allein meine warme Freundſchaft für Sie ſelbſt und meine Theilnahme für den Kapitain ſie diktirt haben.“ Viola war nicht im Stand, ein einziges Wort der Erwiederung zu finden. Dieſe Verſicherungen mußten ja alle Aber zum Schweigen bringen. „Iſt nicht überdieß Lieutenant Charles eiferſüchtig? Das kann er ganz gut ſein, obſchon er ſelbſt un⸗ treu iſt.“ „O nein, er iſt jetzt nicht mehr eiferſüchtig. Ich kann leben wie ich will.“ „Um ſo ſchlimmer, bei meiner Ehre! Eine junge Frau, die ganz allein für ihren Ruf zu ſorgen hat, muß demſelben eine doppelte Aufmerkſamkeit widmen.“ „Aber, mein Gott, ſoll ich mir denn alle Freude verſagen— ſoll ich nicht die geringſte Zerſtreuung haben?“ „Der ernſtliche Verluſt der Gemüthsruhe eines Men⸗ ſchen iſt eine allzu theuer erkaufte Zerſtreuung, Madame, bereits allzu kühn geweſen“ „Nein, nein, laſſen Sie uns von dieſem Gegenſtand nicht abgehen, bevor wir ihn ins Klare geſetzt haben. Ich kann nicht hart und kalt gegen den armen Kapitain werden, nachdem.“ „Nachdem?“ „Nachdem ich ihn habe glauben laſſen, daß ich Freundſchaft und Theilnahme für ihn hege.“ „Das ſage ich nicht. Aber laſſen Sie die Theil⸗ nahme von der Art ſein, daß er genau einſehen muß, daß ſeine Hoffnungen hiebei ihr Bewenden haben... Frau Jeanne Sophie hat eine ſo freundliche und an⸗ muthsvolle Art, mit ihm umzugehen.“ „Jeanne Sophie hat ihre Art, und ich habe die meinige.“ „Das iſt wahr. Aber für ihn iſt die erſte Art beſſer. Und dieſe tägliche Beſuche... doch es iſt wahr, ich habe ja noch nicht erfahren, was Sie beun⸗ ruhigt, Frau Marbin?“ Viola begriff ſehr wohl das Kitzliche an der Sache, aber ſie antwortete blos auf die letzte Frage. „Ich will ganz aufrichtig ſein... die Welt, welche ziemlich oberflächlich urtheilt, möchte mich gerne zu einer Art von Märtyrerin machen, und man erwartet wohl, daß ich daheim ſitzen und mich wie die wahrhaftige Be⸗ trübniß ſelbſt gebeberden ſoll.“ „Wahrhaftig, manche Frau würde Urſache dazu zu haben glauben.“ „Ja das verſteht ſich und mag wohl ſo ſein. Aber ich bekäme von all dem die Schwindſucht. Ich will alles thun, was in den Kräften eines Weibes ſteht, um meinen Mann zurückzuführen; aber es wird mir ſchwer, zu heucheln, und ich habe ſo viele Unannehmlichkeiten gehabt, daß es wohl verzeihlich iſt, wenn ich jetzt bei denjenigen zu ſein wünſche, welche ein vergnügtes Leben führen wollen.“ .. Aber laſſen Sie uns davon abbrechen. Ich bin men ben.“ einer ch bin nſtand haben. pitain aß ich Theil⸗ muß, n.... nd an⸗ abe die ie Art es iſt beun⸗ Sache, welche u einer twohl, ge Be⸗ dazu zu Aber ſch will eht, um ſchwer, ichkeiten jetzt bei s Leben ——õ—y——— 295 „Und das ſollen Sie allerdings, Frau Marbin, denn die Welt hat nichts über eine Frau zu ſagen, die in ihrem ganzen Wandel untadelhaft iſt und nur im Kreiſe ihrer Freunde eine unſchuldige Zerſtreuung ſucht.“ „Nun gut— ich begann wirklich zu fürchten, daß ich... doch ſtill, da haben wir wahrhaftig den Ka⸗ pitain.“ „Keine plötzliche Veränderung, dieſe machen alles nur ſchlimmer. Das verſtehen die Frauen. Sie haben einen angebornen Takt.“ Severin nahm ſeinen Hut. „Und Sie gehen jetzt ſogleich, Herr Kriegsrath?“ „Ich habe mit den Anordnungen für unſere Brun⸗ neneinrichtung alle Hände voll zu thun... Pyrmon⸗ ter zu trinken, iſt in keinem einzigen Falle verboten.“ Er lächelte, verbeugte ſich und öffnete die Thüre dem Kapitain, von welchem er mit einer höͤflichen Be⸗ grüßung und einem fröhlichen„gehorſamer Diener“ ſo⸗ gleich Abſchied nahm. XXIX. Wie gute Rathſchläge wirken. „Willkommen, lieber Kapitain Svabert! Wie kom⸗ men Sie ſo erwünſcht?“ 3„Erwünſcht, Madame, o das kann ich kaum glau⸗ en. „Aber ich glaube es, denn ich befinde mich juſt in einer Laune, welche mit der Ihrigen übereinſtimmt: ich Luſt, des Himmels Feſte zu ſtürmen.“ „Und dennoch hatten Sie ſoeben eine Geſellſchaft, welche Sie, wie ich weiß, ſehr hoch ſchätzen.“ „Allerdings, aber das hindert nicht, daß mein Ge⸗ ſchäftsmann mich gelangweilt hat. Ach, welches wi⸗ derwärtige Gewirre! Ich gehöre juſt nicht zu denen, die einen Kummer all zu hart nehmen, aber man hat ſeine Stunden, und Gott weiß— Viola ſeufzte tief und andächtig— ſie können ſchwer genug ſein.“ Der Kapitain kannte die Verhaältniſſe des Hauſes zu gut, um nicht zu begreifen, auf was die junge Frau anſpielte; aber was er nicht begriff, war, daß ſie ab⸗ ſichtlich einen Gegenſtand andeutete, dem ſie bisher ſorgfältig auszuweichen geſucht hatte. Indem Viola dieſen Ton anſchlug— und vielleicht hatte ſie ſich, ohne daran zu denken, aus dem Kapitain eine kleine Zerſtreuung gemacht— konnte ſie gegen den milzſüchtigen Mann ebenſo freundſchaftlich und vertrau⸗ lich ſein, als ſie früher geweſen, aber dennoch derjeni⸗ gen Art von Vertraulichkeit ausweichen, die bei dem geſtrigen Spaziergang ſtattgefunden hatte. Der Kapitain ſeinerſeits, der, wie man weiß, mit hohen Gedanken von ſich ſelbſt begabt war, ſah in dieſer Anſpielung auf Privatverhältniſſe einen der größten Be⸗ weiſe von Achtung, eine wirkliche Annäherung zu einer vertraulicheren Freundſchaft. „Ach, wie das Leben ſo voll von Gegenſätzen iſt,“ ſagte er, indem er ſich verehrungsvoll der ſchönen Frau näherte und ſich in einiger Entfernung von ihr ſetzte. „Das Leben iſt unerträglich, Herr Kapitain— be⸗ ſonders zuweilen iſt es bleiſchwer.“ „Aber die Gegenſätze, von denen ich ſoeben ſprach, machen es in andern Augenblicken wieder federleicht.“ 8 „Ja, aber dieſe Augenblicke ſind blos Parodien auf das große Ganze. Ich moöͤchte wie Sie, Herr Kapi⸗ tain, meine ganze Welt hinter mir haben.“ bin die Melancholie ſelbſt und habe wahrhaftig keine V einzig o wie fühle wecke aber noch pitän. 2 auf di dieſem keine chaft, n Ge⸗ 3 wi⸗ denen, n hat tief auſes Frau e ab⸗ disher lleicht ditain n den trau⸗ rjeni⸗ dem „mit dieſer — — 297 „O Madame!“ „Ich möchte ein Grab in meiner Nähe haben, um daran zu ſchwärmen.“ „Nein, danken Sie Goit, daß Sie das nicht müſſen.“ „Das Grab eines geliebten Verſtorbenen iſt ein Heiligthum, wo alle irdiſchen Bekümmerniſſe verſtum⸗ men. Ich wiederhole, daß ich eines meiner Geliebten Gräber hier zu haben wünſchte. Ich würde mir ein⸗ bilden, eine liebe Stimme zu hören, die aus ihm em⸗ porſtiege. Und den Ermahnungen, den NRathſchlägen, die man von dahingeſchiedenen Freunden erhält, muß Glücklich ſei, die ſo betrauert wird: Sie werden ihr nicht einmal in der Erinnerung untren, Herr Kapitain.“ „Theure Mina, unvergleichliches Weſen,“ ſagte der Kapitain, gleichſam in Gedanken..„vielleicht hielt ich dich hauptſächlich deßhalb ſo werth, weil du das einzige Weib warſt, das mich bisher zu verſtehen ſuchte, o wie lieblich iſt es, verſtanden zu werden, ſeine Ge⸗ fühle ausdrücken zu koͤnnen, ohne daß ſie Antipathien er⸗ wecken. Ich ſtand immer allein und verlaſſen im Leben, aber mein Herz, das vielleicht einigen Stolz beſaß und noch beſitzt, verſtand zu entbehren..“ „Bis Sie Ihre Mina kennen lernten, Herr Ka⸗ pitän.“ „Noch lange vorher: das ganze Leben hindurch bis auf dieſen Augenblick und das ganze Leben nachher von dieſem Augenblick an.“ 298 „Ja, aber wenn man das Schlimmſte überlebt hat, ſo iſt es doch ein Troſt, zu ſich ſelbſt, ſagen zu können: das Schwerſte iſt vorüber.“ „Ich habe mich nie ſo geäußert, denn jeder Tag hat ſeine Leiden, und mitunter iſt das nachfolgende bitterer als das vorhergegangene.“ „Das verſteht ſich: in Folge der Sehnſucht. Aber der Schlag ſelbſt, der empfindet ſich nur ein einziges⸗ mal.“ „Ich hoffe es. Aber was weiß doch der Menſch? nichts, o nichts, außer daß er, wenn er auf der Wan⸗ derung in der Wüſte in eine grünende Oaſe kommt, um die Gnade bittet, daß er nicht allzu ſchnell wieder in die Wüſte hinausgetrieben werden möge.“ Viola war nicht recht ſicher, ob es das erſtemal war, daß die Melancholie des Kapitains dieſe Richtung nahm; aber ſie fühlte die Bedeutung der Rathſchläge, welche ſie ſo eben empfangen hatte. Alle andern hatten über ſie und ihren Patienten gelacht. Ein einziger hatte klarer geſehen als die an⸗ dern. Beſaß er alſo einen eigenthümlichen Scharffinn, ein Ahnungsvermögen?— denn bis jetzt hatte man dem Kapitain juſt nichts anmerken können. „Aber,“ ſagte ſie mit ihrem ſchmerzlichen Lächeln und gleichwohl mit einer ernſten Würde,„wie freund⸗ lich und angenehm dieſe kleinen Oaſen immer ſein mö⸗ en, ſo können hier dennoch Umſtände eintreten, wo der Wanderer... Sie konnte nicht weiter reden. Er ſiel ihr haſtig in's Wort. „Wußte ich das nicht— hatte ich nicht eine Ah⸗ nung davon, daß mein grauſames, hartes Schickſal be⸗ reit ſein würde, die armſeligen Grashalme abzumähen, die auf meinem Weg emporſproſſen wollten? Ach, Ma⸗ dame, Madame, ſoll ich wieder in die Wüſte hinaus⸗ getrieben werden 2 Er konnte ſeine Thränen nicht unterdrücken. — — ſo ein von Fre an ſeln her, Thi cher Lag Bri Ruf Zei Mã beko meit emp Ann ſchlo früh — 2————— 299 „Um Gotteswillen, ſeien Sie doch nicht ſo heftig, ſo weich! Laſſen Sie uns ohne alle Gleichniſſe ganz einfach reden. Ich will mit der größten Aufrichtigkeit von dem ſprechen, was ich zu ſagen beabſichtigte.“ „O ich weiß das ja zum voraus. Das Bischen Freundſchaft, das mir zugeſichert worden iſt, kann nicht an einen Unwürdigen verſchwendet werden.“ „Nein, ſo war es ganz und gar nicht.“ „Wirklich— wirklich?“ Es lag ein allzu wenig zweideutiges Entzücken in ſeiner Stimme. „Die Sache iſt die, daß ich, wenn ich Sie wie bis⸗ her, jeden Vormittag ſehe, auch dem Kriegsrath meine Thüre nicht verſchließen kann.“ „Nun, gibt es wohl irgend einen Menſchen, wel⸗ cher daran denkt, ihm die Thüre zu verſchließen?“ „Ganz gewiß, und ſolche, die ſich in einer ähnlichen Lage befinden wie ich.“ „Wie ſo?“ „Darf ich zu Ihnen vertraulich reden wie zu einem Bruder?“ „Großer Gott, begehre ich etwas beſſeres?“ „Ich bin noch ſehr jung. Bisher habe ich meinen Ruf unbefleckt erhalten. Aber wenn ich während dieſer Zeit, wo ich allein lebe, täglich die Beſuche zweier Männer empfinge, ſo koͤnnte die Welt etwas zu ſagen bekommen, etwas, das moͤglicher Weiſe in den Ohren meines Mannes ſchlecht klänge.“ „Aber... aber vorher.. als Sie mich allein empfingen.“ „Das war ja ſchon eine Gewohnheit während der Anweſenheit meines Mannes.“ Kapitain Werther ſeufzte tief. „Soviel iſt indeſſen gewiß, daß ich, da ich be⸗ ſchloſſen habe, nicht einmal mehr die Beſuche meines frühern Vormundes anzunehmen, außer bei beſondern 300 Gelegenheiten oder in Geſellſchaft mit andern, deßhalb auch nicht..“ Der Kapitain erlitt eine gewaltige Gemüthserſchüt⸗ terung bei dem Gedanken, wieder einmal in die Wüſte hinaus zu kommen, zugleich aber lag auch eine innige Befrledigung in dieſem Leiden. Er konnte nicht umhin, die ſtrengen Grundſäͤtze der jungen Dame höchlich zu billigen. „Wenn ich,“ ſagte er,„doch wenigſtens überzeugt ſein könnte, daß ich meinen Platz in Ihrer Freundſchaft nicht verliere. Wenn ich wenigſtens die Hoffnung be⸗ ſäße, daß Sie mit Barmherzigkeit des Verlaſſenen ge⸗ denken wollen, der einſam ſeinen Weg weiter wandert.“ „Ja, ſeien Sie überzeugt, Kapitain Svabert, daß meine Freundſchaft, wenn ſie einmal erworben iſt, ſich nicht leicht in Gleichgültigkeit verwandelt.“ Die Augen des Kapitains begannen zu ſtrahlen. „Ich ſage jedoch offen— nun ich glaube, das wiſſen Sie, Herr Kapitain, daß ich niemals dieſen ver⸗ traulichen Ton gegen irgend einen andern angenommen haben würde, als gegen einen Mann, von dem ich die Ueberzeugung hege, daß er außer Stands wäre, mich mißzuverſtehen.“ „Madame,“— ſeine Stimme wurde auffallend un⸗ ficher—„auf was deuten Sie jetzt hin?“ „Auf nichts mehr oder weniger als was ich ſage. Nur ein gemüthskranker oder lebensmüder Mann wie Sie, ein Mann, der ganz und gar von dem Bilde er⸗ füllt iſt, welches er im Leben verehrt hat und noch nach dem Tode verehrt, kann in einem ſo herzlichen Verhält⸗ niß zu einer verheiratheten Frau ſtehen.“ „War dieß nothwendig, Madame?“ fragte der Ka⸗ pitain erbleichend. „Es iſt immer nothwendig, ſeine Verhältniſſe in's Klare zu ſtellen. Und da wir juſt einen ernſten Tag hatten, ſo ſiel es mir ein, offenherzig zu ſein bis zum. 1 wür habe gen, habe Er l ob e ſichtt einer jetzt habe zeihlt wand gen Kapi um m Ihre ßhalb ſchüt⸗ Wüſte nnige mhin, h zu 301 „Ueberfluß?“" ergänzte der Kapitain mit Stolz. „Ich war überzeugt, daß Sie es ſo nehmen würden, aber ich wollte nichts auf meinem Gewiſſen haben.“ „Waren Sie eben ſo offenherzig gegen Denjeni⸗ gen, deſſen Beſuch ich durch meine Ankunft geſtört habe?“ „Nein, denn das wäre noch überflüſſiger geweſen. Er kennt die Gemüthsart meines Mannes, und er weiß, ob es juſt jetzt nicht für mich das Allerklügſte iſt, vor⸗ ſichtig zu ſein.“ „JIuſt jetzt vorſichtig?“ „Dieſe Worte find ſo zu erklären: mein Mann hat einen unausſprechlichen Hang zur Eiferſucht, und juſt jetzte, wo ich meinen Kopf voll von Eroberungsplanen habe, um ihn für immer zu fangen, wäre es unver⸗ zeihlich, wenn ich ihn auch nur den geringſten Vor⸗ wand zu Vorwürfen finden ließe.“ „Ah, Sie Sie..„ beabſichtigen..“ „Ja ich beabſichtige einen Kampf zu verſuchen ge⸗ gen... aber hier muß mein Vertrauen inne halten. Kapitain Svabert, Sie ſind jedoch edelſinnig genug, um mich zu verſtehen und mein Benehmen zu billigen.“ „Madame, ich bin tief gerührt von dieſem Beweis Ihrer Hochherzigkeit.“ „Aber verlaſſen Sie mich jetzt. Ich habe ein Be⸗ dürfniß allein zu ſein. Wenn wir uns das nächſtemal wieder treffen, ſo iſt es gewiß Sonnenſchein.“. „Gott gebe das, denn für den Kranken iſt die Sonne von doppeltem Werth.“ „Und, Herr Kapitain, Sie gehen doch ohne Ver⸗ druß, Sie fühlen ſich doch nicht beleidigt und glauben ſich nicht hintangeſetzt?“ „Wie könnte ich unbedeutender Menſch es wagen, mich beleidigt zu fühlen? Muß ich nicht Ihrem ganzen Benehmen eine verehrungsvolle Bewunderung zollen? 30² Bin ich nicht überdieß geboren, um zu leiden und zu ent⸗ ſagen? Leben Sie wohl, Madame.“ „Leben Sie wohl, mein lieber Kapitain... aber übertreiben Sie jetzt die Sache nicht. Wenn ich es nicht wage, täglich Beſuche zu empfangen, ſo wage ich es doch ein paarmal in der Woche.“ „Ach ich dürfte alſo?“ Ein freundlicher Blick war die Antwort der Wirthin. Kapitain Leopold Svabert verſchwand. —x— „Ich wünſche,“ ſagte die junge Frau zu ſich ſelbſt, „daß ich nicht eine meiner alten Unbedachtſamkeiten be⸗ gangen habe, indem ich mich ſo dem Vergnügen hin⸗ gab, dieſen guten Kapitain ganz in meiner Hand zu haben, und daß ich nicht ferner eine Unbedachtſamkeit begangen habe, indem ich ihm zu verſtehen gab, daß die Welt ſchlecht iſt. „Aber wie hätte ich wohl ſonſt ſeine Beſuche be⸗ ſchränken können? „Ich fürchte, ja ich fürchte wirklich, daß die ſelige Mina eine doppelte Pſeudonyme iſt. Er hatte heute durchaus keine Luſt, von ihr zu ſprechen. „Warum?“ fragte ſie ſich, und in dieſem Augen⸗ blick verbarg ſie ihr Geſicht in ihren Händen,„warum laſſe ich mir's heute ſo angelegen ſein, blos an den Kapitain zu denken? Brauche ich den Gedanken an den⸗ jenigen zu fürchten, der mir einen ſo ehrenhaften und würdigen Beſchluß eingeflößt hat? „Und dieſer Beſchluß ſoll Früchte tragen. Ich will mich ſogleich niederſetzen, um an Charles zu ſchreiben.“ Und ſie ſetzte ſich ſogleich nieder und ſchrieb folgen⸗ den Brief an ihren Mann: tent⸗ aber h es ge ich rthin. 303 „Mein guter Charles! Wenn Du dieſen Brief zu leſen anfängſt, ſo denke Dir, daß mehr eine Schweſter als eine Frau ihn ſchreibe, denn ſonſt würdeſt Du vielleicht ſchon bei den erſten Zeilen Unwillen empfinden. Ach, wenn ich Dir alles das recht klar machen könnte, wovon ich wünſche, daß Du es recht klar ſehen möchteſt! Zuerſt iſt es mir ein Bedürfniß, Dir zu geſtehen, daß ich übereilt handelte an dem Abend, wo ich Dir ſagte, daß ich Dein Haus, unſer Haus verlaſſen würde.. Nein, das thue ich nie— ſei deſſen überzeugt, Charles, — nie Aber nicht genug, daß dieſe Gedanken jetzt verbannt ſind, gleich den Veranlaſſungen, die ſie hervorgerufen haben, ich fühle auch das Bedürfniß, Dir zu ſagen, daß ich es weiß, ja vollkommen davon überzeugt bin, daß Du in dieſem Augenblick das Glück oder Unglück unſerer Zukunft in Deiner Hand hältſt. Ich habe ein feſtes Vertrauen auf das Verſprechen, das Du Emil gegeben haſt, aber ich fürchte gleichwohl die Macht der Verſuchung über Dich. Iſt das Gerücht ſchon zu Deinen Ohren gekom⸗ men? Haſt Du gehört, daß dieſes Weib, nicht um Dich in Deinen Pflichten zu erleichtern, ſondern um eines An⸗ dern Willen ihre Wohnung verlaſſen hat? O Charles, bedenke, wie es jetzt in Deiner Macht ſteht, Dich in der Achtung Deiner Frau zu heben. Be⸗ denke, wie wir in Freundſchaft, Zärtlichkeit und Ver⸗ träglichkeit uns aneinanderſchließen können, wenn Du jetzt inne hältſt. Ach, halte alſo inne, halte inne. Ueberlaß dieſe Delila der Verachtung, die Du ihr gewiß jetzt widmen mußt. Doch— wenn Du ſie nicht verachten kannſt, wenn Du ſie beweinen mußt, ſo weine doch lieber vor meinen Augen, als vor den ihrigen. Du warſt einmal ſtolz, Charles— biete jetzt Dei⸗ nen ganzen Stolz auf, damit er mich in meiner Bemü⸗ hung unterſtütze, Deinen Sinn von ihr abzulenken. Komm zurück zu mir! Nicht einen einzigen Vorwurf, nicht eine einzige Andeutung auf das Vergangene ſollſt Du in meinem Blick, in meinem Benehmen leſen, und noch weniger werden meine Lippen Dich daran erinnern. So komm alſo, komm ſobald die Erereitien zu Ende find. Du verſprichſt mir doch feierlich in dem Brief, den ich mit Unruhe erwarte, daß Du Deine Reiſe nicht nach einer andern Richtung nimmſt, daß Du diejenige nicht aufſuchſt, die ſicher Dein Unglück machen würde, wenn Du Dich noch einmal in ihre Gewalt gäbeſt. Du liebſt Deine Frau nicht mehr, Charles, aber Du achteſt ſte, und Du haſt doch wohl noch ein Bis⸗ chen Freundſchaft für ſie. Glaube mir, dieſes Bischen Liebe werde ich Dir ſelbſt zu einer wärmeren und dauern⸗ den Ergebenheit ausbilden helfen, als die flüchtige Flamme war, die Du mir früher widmeteſt. Ueber unſere Umſtände kann man ſich noch nicht beklagen. Mit dem Zins von 25000 Thalern Banko, und mit der Ausſicht auf Forsby, können wir ruhig leben. Inzwiſchen hat der Kriegsrath, welcher geſtern an⸗ langte, mich auf's Freundlichſte erſucht, Dir zu ſagen, daß Du ihn, bis auf weiteres, als Deinen Banquier betrachten dürfteſt. „Ich hoffe, Du denkſt nicht ſo gering von mir, daß Du glaubſt, daß die kleinen Entſagungen, denen wir uns unterwerfen müſſen, mich ſchwer ankommen könnten; aber Dein Reitpferd, Charles, das darfſt Du nicht ver⸗ kaufen: das iſt nicht nöthig. Es würde mich ſchmerzen, wenn Du hierin eigenſinnig wärſt. Lebe wohl, mein Freund— ich gebrauche dieſes nzige einem niger en zu 30⁵ Wort nicht als eine kalte Phraſe, ſondern ich begrüße Dich damit von Herzen. Wenn Du einiges Intereſſe an dem früheren Ver⸗ hältniß hätteſt, ſo würde ich ſagen: Sei getroſt! Jetzt ſage ich: ſei überzeugt, daß ich mit freudigem und offenem Blick Dich empfangen werde. Viola.“ N. S.„Du kommſt auf Johannis; aber da wir noch ſechzehn Tage bis dahin haben, ſo erwarte ich die ſchriftliche Antwort lange vor der mündlichen.“ Als unſere Heldin dieſen Brief beendigt hatte, em⸗ 33 ſie eine tiefe und herzliche Zufriedenheit mit ſich elbſt. Es iſt möglich, daß eine gewiſſe poetiſche Schwär⸗ merei ſie umduftete, aber ebenſo ſicher iſt, daß ſie mit voollem und ſtarkem Willen wirklich dachte, was ſie ſagte.. g Gott weiß, ob ſie nicht ſogar dachte, es könnte in Zukunft noch ſo weit kommen, daß ſie ihrem Gatten eine poh beſſere Liebe widme, als ſie ihm verſprochen hatte Ihr Herz überfloß von Dankbarkeit gegen Gott dafür, daß er geſtattet hatte, daß ſo gute Gedanken ſich ihr näherten. Sie glaubte vollkommen und feſt, daß es ein Eden auf Erden gäbe, das man ohne Vorwürfe genießen önne- Trotz ihrer feſtlichen Gefühle ging ſie gleichwohl bald an ihre Toilette, denn auf den Abend war ein Sou⸗ per im Pfarrhaus. Der Vormund. III. XXX. Die Brunneneinrichtung. Wer hat nicht geſehen, mit welcher unglaublichen Haſtigkeit eine Idee, welche das Vergnügen betrifft, zu Stande kommt! Es iſt dieß ein Fieber, eine Mode, die noch haſti⸗ ger um ſich greift, als irgend ein Fieber, denn in der Mode zu ſein, das bedeutet in gewiſſer Beziehung guten Ton zu haben, und in dieſer Stadt, deren Namen wir jetzt weniger, als je, nennen dürfen, obſchon er gewiß manchem von unſern Leſern wohl bekannt iſt, war und iſt man noch bis auf den heutigen Tag ſchwach für neue Moden. Es wurde alſo eine wahre Raſerei in der Anlage Selterſer, Marienbader, Carlsbader, Pyrmonter, Soda⸗ waſſer, ja ſogar reines unvermiſchtes Waſſer zu trinken. Man verſammelte ſich Morgens um ſechs Uhr un⸗ ter Anführung des Kriegsrathes und des Doktors. Der Doktor, der niemals eine gute Sache verderbte, ſchlug ſogleich eine beſondere Bude auf, wo er unter allen möglichen komiſchen Verkleidungen Geſundheits⸗ waſſer, Schönheitswaſſer und Zaubertränke an die Da⸗ men verkaufte, und in welcher Rolle man den alten Spaßmacher ſehen mochte, ſo wurde er immer mit Ap⸗ plaus empfangen, denn nie hatte man eine anſehnlichere Perrücke, eine reſpektablere Naſe und ehrwürdigere War⸗ zen geſehen, als diejenigen, womit er glänzte. Des Doktors Bude machte ordentlich Furore und das Beiſpiel trug Früchte. Bald entſtand draußen in der Anlage ein ganzer kleiner Bazar. Allerliebſte kleine Marketenderinnen boten theil das gleich 4 kleine ſich d voriti blichen fft, zu haſti⸗ in der guten en wir gewiß ar und ch für Anlage Soda⸗ rinken. hr un⸗ 3. derbte, unter dheits⸗ ie Da⸗ alten ait Ap⸗ alichere War⸗ rte und ganzer boten abwechſelnd, wenn die Zeit dazu gekommen war, Kaffee, Mandelmilch, Chokolade und Butterbemmen. Und niemals fand ſich wohl ein Markt, wo der Handel friſcher von Statten ging. Die Armen in der Stadt hatten wirkliche Tage der füßen Brote, denn die Brunneneinrichtung warf für ſie weit mehr ab, als die Liebhabertheater das ganze Jahr hindurch. Inzwiſchen gab es auch Einladungen, den Damen zu Ehren, bei dieſen beſonders ſtand der Kriegsrath an der Spitze. Man muß aber auch ſagen, daß er bei den Damen der Brunnengeſellſchaft nicht blos gerne geſehen war, ſondern wirklich von ihnen verehrt wurde. „Der Kriegsrath hat es beſorgt! Der Kriegsrath wird es beſorgen! Der Kriegsrath hat, Gott ſei Dank, ſowohl den Willen, als die Macht, alles herzuſtellen, was er will!“ „Wie intereſſant er iſt! Wie liebenswürdig er iſt!“ „Wie Alles ihm ſo gut ſteht... wenn er doch jedes Jahr kommen wollte!“ „Ach warum war er nicht ſo, als er noch hier wohnte!“ „Mein Gott, kann das wirklich derſelbe Mann ſein, der ſich damals kaum getraute, ein Frauenzimmer nur anzuſehen?“ „Dieſer alte Junggeſell...“ „Er, der auf den Herbſt ſterben ſollte „Gott ſei Dank, daß er wieder aufgelebt hat!“ as inzwiſchen am meiſten dazu beitrug, das Ur⸗ theil über den Kriegsrath ſo übereinſtimmend zu machen, das war der Umſtand, daß er allen Damen mit der gleichen Zuvorkommenheit begegnete. er war eine oder die andere da, die ſich eines kleinen Vorzuges zu rühmen hatte, ſo wunderte man ſich dennoch nicht darüber, denn es war ſeine alte Fa⸗ voritin, Frau Emil Marbin, welche bei den kleinen 308 Mahlzeiten, die er der Geſellſchaft gab, ebenfalls als Wirthin fungirte, bald in ihrem eigenen Garten, bald auf dem See, und bald auf dem eigentlichen froͤhlichen Lande ſelbſt. In den fünf erſten Tagen hielt der Kapitain Sva⸗ bert ſeinen Vorſatz, ſein Karlsbader hinter irgend einer einſamen Hecke zu trinken. Aber, eines ſchoͤnen Morgens entdeckte man den⸗ noch ſeine betrübte Phyſiognomie in dem Brunneneta⸗ bliſſement. Es war am erſten Tag, wo die Damen ihre Mar⸗ ketenderbuden eröffneten. Der Kapitain glaubte, als er all dieſes Gewimmel ſah, als er dieſes Geſumme, Geſchwätz, Geſchrei und Springen hin und her beobachtete, die Leute ſeien alle zuſammen verrückt geworden. Der Doktor, der ſich ſtellte, als ſei er ſehr ärger⸗ lich über die Frauenzimmer, weil ſie ihm ſeine Idee mit der Bude nachgeäfft hatten, was ihm jedoch ſehr ſchmeichelte, erſchien an dieſem Tage in einem beinah ebenſo närriſch, wie er ſelbſt, ausgeſtatteten Fuhrwerk, das mit allen Arten von Geſundheitswaſſern gefüllt war. Und die Frauenzimmer, welche haufenweiſe dem großen und weiſen, mit ſchwarzem Sammetmantel und hoher ſchwarzer Sammetmütze geſchmückten Magier folg⸗ ten— er präſentirte ſich unter dieſer verehrungswürdi⸗ gen Geſtalt, während er allerlei kleine egyptiſche Zau⸗ berkünſte machte— die Frauenzimmer, ſagen wir, er⸗ laubten ſich mit ihm tauſend luſtige Späſſe, welche die Fröhlichkeit auf's Höchſte ſteigerten. Sobald der Doktor den Kapitain anſichtig wurde, ſchlug er mit ſeinem Zauberſtab um ſich her und befahl, den Patienten der Königin alsbald vor ihn zu führen. Aber, o Himmel, wie ſchief nahm unſer ärmſter Ka⸗ pitain dieſen Scherz auf! Er machte einen Sprung auf die Seite, und zwar ſo haſtig, daß er an drei Frauenzimmerkleidern die Gar 2 309 idigt, hintangeſetzt und gräßlich beſchimpft fühlte er ſich jetzt, weil man es wagte, mit ihm wie mit einem andern Sterblichen zu uft gemacht haben, welche die Vergnügungen der Geſellſchaft hätte „Nimm meinen Arm,“ ſagte Emll, der ſich zu dem betäubten Kapitain vordrängte,„Du mußt wiſſen, Her⸗ zensbruder, daß man, wenn man am Morgen den erſten Theil der Brunnenkur beendigt hat, in einer Geſell⸗ ſchaft⸗ wie dieſe da, immer ein wenig mitgenommen wird.“ „Laß uns an einen andern Platz gehen— es muß ſich doch wohl noch irgend ein Fleck finden, wo man einander hören kann...(Selterſer⸗Waſſer, Pyrmon⸗ ter, Marienwaſſer, Roſenwaſſer, Quellenwaſſer, Riech⸗ waſſer! ſo lärmte ein ganzer Haufen von Menſchen, die ſich mit leeren Krügen umhertrieben). Bei Gott, das iſt abſcheulich..“ Hier kam wieder eine Unterbrechung. Kaum waren unſere beiden Wanderer eine kleine Strecke vorwärts gekommen, als ein neues Gewimmel hin⸗ nnd herwogte und liebliche, einnehmende Stimmen riefen: „Herr Kapitain!“ „Was befehlen Sie, Herr Kapitain!“ „Haben Sie die Güte, hier einzutreten, Herr Ka⸗ pitain!“ „Nein, kommen Sie hieher, Herr Kapitain! Dieſe Stimmen ließen ſich von verſchiedenen kleinen Zelten aus vernehmen, und bei der Einladung von der letzten Stimme, riß ſich der Kapitain los, ließ Emils Arm fahren und eilte in ein gewiſſes kleines Zelt, wo die zierlichſte Marketenderin, die man je ſehen konnte, 310 in ihrem kurzen Röckchen, ihrem rothen Mieder und ihrem netten Häubchen mit aller möglichen Flinkigkeit und Grazie ſich bewegte. Der Platz war voll von Herren und Damen. Es war ein kleiner Markt für ſich, und deßhalb war die ſchöne Marketenderin genothigt geweſen, ſich einen Ge⸗ hülfen zu nehmen, der ihr bei dem großen Kaffeekeſſel an die Hand ging. Aber, wer anders hätte wohl dieſen Ehren⸗ und Vertrauenspoſten erhalten, als ein alter Bekannter? „Nein, das iſt nichts für mich,“ ſagte der Kapitän, indem er einen langen Blick um ſich her warf. Er ergriff Emils Arm wieder. „Aber,“ ſagte dieſer herzlich vergnügt,„es iſt ja doch ſehr luſtig.“ —„Hml man muß ſehr geiſtesarm ſein, um ſo etwas luſtig zu finden.“ „Und überdieß iſt es nützlich— glaubſt Du nicht, daß der Erlös, den unſere Damen zweimal in der Woche für das Behagen haben, das ſie uns bereiten, manchem armen Schlucker, der ſich ſonſt über die Vergnügungen der Reichen geärgert haben würde, große Frende ma⸗ chen wird?“ „Ohne dieſe Beſtechung könnten ſie jedoch ein Recht haben, ſich über ſolche Dummheiten zu ärgern, das iſt ja ein Narrenhaus und keine Brunneneinrichtung.“ „O Du biſt langweilig, wie ein Perrückenſtock. Sieh nur wie allerliebſt meine kleine Schwägerin iſt, und wie die Herren um ſie her ſchwärmen, Kratzfüße machen und ſich verbeugen, und wie flink der Kriegsrath ihr hilft! Morgen lommt die Reihe an Jeanne Sophie; ich denke, ihr Zelt wird nicht weniger beſucht ſein.“ „Kapitain Svabert,“ rief eine helle, angenehme Stimme,„kommen Sie hieher... wollen Sie nicht Ihre Uhr herausziehen und ſehen, ob die Zeit eine Taſſe Kafe geſtattet. Ich meine, es ſei ungefähr dieſe Zeit.“ inner ſo ur zunel hinar koſten Nach gehen in Il tunge begeg dieß welch Bisch 7 Taſſe 7 2 komm Wort 2 delmil Der Kapitain fühlte ſich tief verletzt durch die Er⸗ innerung an die Uhr. Es war ſo unedel, ſo unerwartet, ſo unbegreiflich, daß ſie— die Güte, die Feinheit ſelbſt — ſich einen ſolchen Scherz erlauben konnte. Es war unmöglich, die Einladung zum Kaffee an⸗ zunehmen; der Kapitain ging rücklings zur Zeltthüre hinaus, ohne zu antworten. „SSehen Sie da, jetzt wird es uns ſchreckliche Mühe koſten, ihn zu beſänftigen,“ ſagte Severin zu ſeiner Nachbarin. „O das würde bald geſchehen ſein, wenn ich weg⸗ gehen könnte, aber ich wage es nicht, das ganze Geſchaͤft in Ihren Händen zu laſſen, Herr Kriegsrath.“ „Und ich würde es nicht wagen, ein ſo verantwor⸗ tungsvolles Vertrauen anzunehmen. Es könnte mir begegnen, daß ich alles untereinander würfe. Ueber⸗ die„...— „Eine Taſſe Kaffee.. ah, welch ein Kaffee und welch ein Rahm!... darf ich wagen, noch um ein Bischen Rahm zu bitten!“. „Ueberdieß, Herr Kriegsrath...“ „Dürfte man es wagen, ſeine Hoffnung auf eine Taſſe Chocolade zu erſtrecken?...“ „Ueberdieß finde ich ihn ſehr.“ „ Mit Zwieback?“ „Was ſehr?“ „Um Entſchuldigung, ich habe keinen Zwieback be⸗ kommen.“ „Ich bin nicht im Stande, Madame, meine eignen Worte zu hören— ich fürchte..“ „Ein Jahr von meinem Leben für ein Glas Man⸗ delmilch!“ „Was fürchten Sie, Herr Kriegsrath?“ „Mein Leben auch für ein Glas!“ „Ich fürchte, daß, ſobald ich erfahren habe, daß er es war, der...“ 31² „Nein, da ſehe man— meine Mandelmilch iſt um⸗ geworfen worden.“ „Der. der. weiter?“ „... an einem gewiſſen Abend im Wagen ſaß...“ „Herr Kriegsrath, Herr Kriegsrath,“ hörte man mehrere Stimmen von der Thüre her,„da handelt es ſich um eine Sache— aber wenn eine Sache auf die Beine kommen ſoll, muß ſie zuerſt einen Kopf haben.“ Bei einer ſo ſchmeichelhaften Aufforderung mußte der Kriegsrath ſeinen Platz einem andern Cavalier über⸗ laſſen, der mit vielem Stolz bei dem Kaffeekeſſel Hand anlegte. Inzwiſchen ging der Kapitain,— jetzt ein vollkomm⸗ ner Einſiedler im Leben,— in der allerſchlimmſten Laune an den entlegenſten Platz, den er ſinden konnte, und wo das Geſumme nur noch wie die Muſik aus einigen Bie⸗ nenkörben gehört wurde. „Sie treibt offenbar ihren Spaß mit mir! Sie ſieht mich nicht mehr..o die Weiber, o die Weiber! Bei dem Pfarrer am Abend war ſie holdſelig wie ein Stern, der dem Armen ſowohl wie dem Reichen leuchtet... aber jetzt— und hatte ſie mich auch nur gebeten, hier⸗ her zu kommen? „Und ich kam dennoch, kam blos ihretwegen. Wol⸗ len Sie nicht Ihre Uhr herausziehen, Herr Kapitain, und ſehen, ob die Zeit eine Taſſe Kaffee geſtattet! und dieß zu mir, deſſen Empfindlichkeit ſie kennt, deſſen Wunde noch blutet! „Aber ich will ihr keine Gelegenheit laſſen, zu triumphiren. „Sie ſoll mich nicht mit Füßen treten, um ihrem Geſchäftsmanne einen Spaß zu machen. Ich habe einen tiefen Abſcheu vor dieſem Manne. Ich begreife nicht, was die Leute ſo merkwürdiges an ihm finden. Gewiſſe Naturen ſind geboren, um geſehen zu werden, andere um in ihrem Dunkel dahin zu leben. „Und das Leben iſt im Ganzen ſo lumpig, daß es 313 ſich nicht der Mühe lohnt, die Verdienſte zweier unglei⸗ chen Naturen abzuwägen. „Aber das gehöͤrt nicht hieher... Mag ſie in ihren unſinnigen Vergnügungen leben— ich kann ent⸗ behren.“ Er ging mit Strumſchritten auf und ab. Er hörte und ſah nichts. Aber jetzt ſagte eine Stimme dicht an ſeiner Seite: „Muß man der Welt nicht verzeihen, daß ſie froͤh⸗ lich iſt, wenn auch wir ſelbſt keine Luſt haben, es zu ſein?“ Der Kapitain fuhr zurück. Viola ſtand da, lächelnd und entwaffnet, einen Sammtmantel über das verführeriſche Kleid geworfen. „Ach, Madame!“ Des Kapitains Kälte und Mannhaftigkeit ſchmolz augenblicklich. „Nun wohl, Herr Kapitain, ich habe meine Bude verlaſſen. Die Geſellſchaft bricht bald auf, und deshalb bin ich gekommen, um Ihnen ein paar freundliche Worte zu ſagen, denn unter Freunden darf man nicht an Be⸗ leidigungen denken.“ „Wer hätte Veranlaſſung dazu gehabt?“ „Ich, das verſteht ſich, da ich meinen armen Kaffee vergebens ausbieten mußte.“ „Aber, mein Gott,“ ſagte der Kapitain ganz äͤngſt⸗ lich,„ſoll es alle Tage hier ſo zugehen? Wenn nur nicht alle zuſammen verrückt werden!“ „O nein, nicht alle Tage. Aber an gewiſſen Tagen in der Woche haben wir Frauenzimmer beſchloſſen, unſer kleines Handelsgeſchäft zu treiben, uns ſelbſt zum Ver⸗ gnügen, und Andern zum Gewinn.“ „Iſt es morgen Frieden hier?“ „Frieden wage ich für keinen Tag zu verſprechen; wenn auch der Bazar nicht offen iſt, ſo trifft man doch andere Inſtige Unternehmungen: es iſt ein ordentlicher Carneval, mein lieber Kapitain.“ 314 „Ich bin höchſt unglücklich, Madame. Ich darf Sie nicht öfter als zweimal in der Woche mit Beſuchen be⸗ läſtigen. Hier außen iſt es ſchlimmer, als es in Babylon ausgeſehen haben muß, und wo wir uns immer im Ueb⸗ rigen treffen, ſo befinden Sie ſich jeder Zeit in einer Stimmung, welche mir ſagt, daß ich überfuͤſſig bin, wenn ich mich voran wagen will.“ „Das alles kommt von Ihrem beſtändigen Miß⸗ trauen und Mißmuth her, Herr Kapitain. Werden Sie denn nie wieder aufleben, Herr Kapitain?“ „Ich könnte wohl wieder zum Leben gebracht wer⸗ den.. ich fühle bereits den Anhauch des Lebens... aber wozu ſollte es dienen, zu leben, da nur die Fröh⸗ lichen es ſind, die das Leben genießen dürfen?“ „Jetzt verzweifle ich gaͤnzlich an Ihnen.“ „Grade das thue ich ſelbſt.„. aber ſehen Sie da, Madame, man kommt, um Sie zu ſuchen. Ich überlaſſe den Platz einer angenehmeren Geſellſchaft.“ Und wieder zog der Kapitain im Sturmſchritt aus und legte ſeine große tragiſche Miene an, die jedoch bei ihm ganz Natur war. „Warum, in Gottes Namen, ſuchen Sie ſelbſt die⸗ ſen Menſchen da auf? Sie find wirklich gar zu ſchwach für ihn.“ Es war Severin, der mit elligen Tritten Viola nachgekommen war und mit heftiger und unſicherer Stimme ſprach. Im Fall jemand, der das Verhältniß nicht kannte, dieſe Scene betrachtet hätte, würde er ſich zu dem Glau⸗ ben verſucht gefühlt haben, daß es ein Chemann ſei, der e Liebh man Der miſch durch Nunz den 2 der 3 den d lichen Wan daß eine es ei an di Ihre denker Stim gewif 8 6 ſie be gehab geber ihrem rath Art d K der ein Rendez⸗vous ſeiner Frau mit einem begünſtigten Miar Liebhaber ausſpionirt. 1 Ueb⸗ Severin war ſo warm, ſo friſch und roth; aber einer man konnte ſich in Betreff der Röthe nicht täuſchen. bin Der Zorn hatte ſeinen ſchönſten Carmoiſin darein ge⸗ 4 miſcht, und während er den Hut abnahm und ſeine Hand Miß⸗ durch das ſchöne kaſtanienbraune Haar zog, ſah man rden Nunzeln auf ſeiner Stirn und ein unruhiges Feuer in den Augen. wer⸗„Aber, Herr Kriegsrath, er iſt ja ſo unglücklich.“ „Werden Sie ſich denn für jeden Narren blosſtellen, 6⸗ der zufällig zu tief in Ihre Augen blickt? Was wer⸗ den die Leute nicht alles ſagen, von einem ſo ungewöhn⸗ lichen Beweis Ihrer Gunſt?“ Viola bekam jetzt ihrerſeits Carmoiſin auf den laſſe Wangen. „Ich verſichere,“ ſagte ſie,„daß ich nicht glaube, daß auch nur ein einziger Menſch über den Kapitain eine böſe Bemerkung machen könnte. Alle ſehen, daß es ein Bischen Edelmuth von Seiten derjenigen bedarf, an die er ſich wendet.“ „Habe ich das in dem Sinn zu verſtehen, daß Sie Ihre einmal begonnene Methode nicht aufzugeben ge⸗ denken?“. Es lag juſt keine demüthig bittende Milde in der Stimme, welche dieſes äußerte,— eher verrieth ſich eine gewiſſe Zuverſicht, daß man ſie anhöͤren müſſe, darin. Vlolas Herz pochte wie das eines gejagten Vogels. wach Sie wußte nicht, ob ſie davon ſprechen ſollte, daß ſie bereits eine ernſthafte Erklaärung mit dem Kapitain gehabt hatte. Sie wußte nicht einmal, ob er ein kluger Rath⸗ geber, oder ein eiferſüchtiger Liebhaber war, der vor ihrem Patienten warnte. 1 In der erſten Cigenſchaft glaubte ſie, daß der Kriegs⸗ Frath unrecht hätte. In der letztern hatte er auf gewiſſe Art Recht, denn die Eiferſucht hat beinah' immer Recht. 316 Aber um ſo genauer mußte ſie ſich vorſehen.. ſollte der Kapitain ohne weitere Umſtände aufgeopfert werden, auf einen bloßen Wink von... Sie wußte nicht, wie ſie einem Machtſpruch des Mannes widerſtehen ſollte, dem ſie in allen ſeinen Er⸗ ſcheinungsweiſen huldigte, er mochte nun als Vormund, als Freund, als Rathgeber, als Geſchäftsmann oder als Liebhaber auftreten. Aber ſie wußte noch weniger, wie ſie ihre Schwachheit mit ihrem eigenen weiblichen Stolz in Einklang bringen ſollte, welcher ihr ſagte, daß ſie, nachdem ſie einmal aufmerkſam gemacht worden, wohl ſehſ auch ohne Erinnerung wiſſe, wie ſie zu handeln abe. Das unruhige Feuer in Severins Augen hatte eine ſchärfere Klarheit angenommen. Dagegen war der Ton weicher, als er hinzufügte: „Sie antworten nicht? Madame. Sie könnten mich auf den Glauben bringen, daß..“ „Was?“ „... daß Sie ein tiefes Mitleid mit ihm hätten.“ „Das habe ich auch.“ Ein kleiner Geiſt des Trotzes erwachte in ihr. Severins Blick, worin eine ſchnellere Gemüthsver⸗ änderung ſtattfand, ſenkte ſich jetzt in ihre Blicke. Es war eine Freimaurerei in dieſem Blick. Violas Trotz verſchwand. Sie begann leiſe zu zittern.. „Sie werden alſo fernerhin nicht mehr unporſichtig ſein? Sie werden— verſprechen Sie mir das— nicht gleichgültig ſolche Brennſtoffe auswerfen, die von ſelbſt Feuer fangen.. Mir gefällt dieſer Mann nicht— und er kann mich nicht ausſtehen.“ „Aber, Herr Kriegsrath,“— wie ſie kämpfte, um mit einem Schein von Faſſung zu ſprechen—„haben vie dicht ſelbſt geſagt, daß nichts übereilt werden dürfe!“ 3 „Als ich das ſagte, wußte ich nicht, daß er ein S * einen empfa C. unerw 317 alter Bekannter von Ihnen war, daß Sie eine wirk⸗ ſollte liche Laune für ihn hatten.“ derden,„O daß Sie es ſind, der.. der* Viola konnte nicht mehr ſagen, aber ihr Blick, ihr ch des ſo beredtes Neigen des Kopfes ſprach. in Er⸗„Seien Sie ruhig, Madame— Sie haben nichts mund, von demjenigen zu befürchten, der Ihre Ehre über alle er als Güter der Welt ſetzt“... , wie Die Geſellſchaft näherte ſich jetzt der Seite, wo Stolz Viola und der Kriegsrath ſich befanden. ß ſie, Und nach einem flüchtigen, beinah kalten Abſchieds⸗ wohl gruß hatten ſich beide bald in die wechſelnden Gruppen andeln gemiſcht. hatte ar der mich tten.“ Nach ihrer Wohnung zurückgekehrt, brach Viola in en. einen heftigen Thränenſtrom aus. Sie war trunken vor Freude, und deßungeachtet 4 empfand ſie eine unbeſchreibliche Beklommenheit. sver⸗ Das Vorgefallene war ſo über alle Beſchreibung 3 unerwartet. „Ach mein Gott, wenn er nicht geſprochen hätte,. ſe zu dann hätte ich nur muthmaßen koͤnnen.“ Aber jetzt dankte ſie Gott, daß es Vieles gab, was 1 ſchtig noch himmliſcher war, als Muthmaßungen. nicht„Was,— was mag wohl das Ende von all dem ſelbſt ſein?“ fragte ſie ſich ſelbſt. t—- Sie konnte ſich nur mit einer Reflexion antworten. „Wie kurz doch dieſe zuverſichtliche Ruhe war! 8 um„Er ſagte zwar: ſeien Sie ruhig! aber ich ſah Zorn haben und Verdruß und... und... alles andere, nur nicht erden Ruhe, in ihm kämpfen... und dieſer Ton, ſo beſtimmt und dann ſo weich....o ich begriff wohl, was er mit r ein 318 dieſem Brennſtoff meinte, obſchon ich es nicht zu begrei⸗ fen wagte. „Wenn er mich nur nicht allein beſucht! „Nein, er ſetzt meine Ehre über alles andere in der Welt. Es war blos die Eiferſucht, die ihn ſoweit trieb, ſich zu vergeſſen. „Und in dieſem Brief, den meine Augen nicht mehr ſehen dürfen, den ich aber deßungeachtet Wort für Wort kenne, was ſagte er da? „Nun, es ſei ferne von mir, daß ich jetzt noch nöthig hätte, mich daran zu erinnern. Ach er iſt nicht ſo. Es handelte ſich wahrhaftig nicht um koſende Blicke.. „Und gleichwohl bin ich ſo voll Angſt, daß ich an nichts zu denken wage— an gar nichts. „O gütiger Vater im Himmel, beſchütze mich vor ihm, beſchütze mich vor mir ſelbſt!“ XXXI. Eine unzufriedene Zufriedenheit. Was ein Schriftſteller vor dreißig Jahren geſagt haben würde. Waͤhrend der ganzen vorigen Woche geſchah nichts, b was Viola beängſtigen oder auf den Glauben bringen konnte, daß Gott die innigen Gebete, die ſie emporge⸗ ſandt, nicht erhört habe. 4 Severin hatte in der Brunnengeſellſchaft ſo viele verſchiedene Geſchäfte, er war ſo eifrig für das Ver⸗ gnügen Aller, daß er an die Einzelnen nicht zu denken ſchien. Ueberdieß empfing er jetzt manche Einladungen, 3 ſchon die ſen ohn eina gun ſie troff gem ſich eine part Dier erinn ſich ſchie ligke rung geno zu k Miß nicht Gege weilit und denn ſtung ſich d run begrei⸗ in der trieb, t mehr r Wort özt noch icht ſo. cke... ich an ch vor tſteller nichts, ringen porge⸗ viele Ver⸗ denken ngen, 319 die ihm zu liebe veranſtaltet wurden, zu Mittagsſchmäu⸗ ſen, Abendgeſellſchaften u. ſ. w., wo die Herren ſich ohne die Damen gütlich thaten, ſo daß er und Vlola einander nicht öfters, als bei den allgemeinen Vergnü⸗ gungen ſahen. In den erſten Tagen nach ſeiner Ankunft hatten ſie einander Abends bei Lars Moritz oder bei Emil ge⸗ troffen, aber ſeit der Morgenſcene im Park nahmen dieſe gemüthlichen Kotterien gänzlich ein Ende. Und fand ſich je einmal eine freie Abendſtunde, ſo kam entweder eine Einladung vom Landeshauptmann zu einer Whiſt⸗ parthie, oder war es ein alter Freund, der ſich an die Dienſtfertigkeit des Kriegraths in Geſchäftsſachen zu erinnern wagte. Aber fühlte ſich Viola jetzt glücklicher, da alles ſich nach dem ſtrengſten Maßſtab der Pflicht zu arten ſchien? Wir erröthen, die Wahrheit zu ſagen, aber die Hei⸗ ligkeit der Wahrheit geht über alles bei der Zergliede⸗ rung der Charaktere, deren Schilderung wir uns vor⸗ genommen haben. Viola war nicht glücklich. Es wäre eine große Befriedigung, wenigſtens hoffen zu können, daß ihr Mißvergnügen über alles von einem Mißvergnügen über ſich ſelbſt herkäme, aber wir können nicht hinzufügen, daß dieß der Fall war. Sie befand ſich im Aufruhr gegen die unſchuldigſten Gegenſtände. Erſtlich entleidete ihr das lebhafte und doch lang⸗ weilige Carnevalstreiben in der Brunneneinrichtung, und ſie konnte weder Frau A. noch Frau B. begreifen, denn dieſe waren ja ganz närriſch mit ihren Zurü⸗ ungen. Aber waren es juſt nicht dieſe Damen, mit denen ſich der Kriegsrath wegen der Anordnungen in Berüh⸗ rung ſetzte? Hatte nicht ſogak eine von ihnen eine ſchöne Tochter, welche nicht zu wiſſen ſchien, daß es 320 mehr als einen einzigen Herrn in der Brunnengeſell⸗ welch ſchaft gab? men Zweimal war Viola durch Kopfweh verhindert, an den Luſtparthien Theil zu nehmen, aber ſie gingen den⸗ Spa noch vor ſich.. tenſt Die eine Luſtparthie— in einer mitk einem Zelt Leb 4 verſehenen Schaluppe, wo der Kriegsrath für Muſik kde und Erfriſchungen geſorgt hatte— ging unter Jubel und freudigem Geſang in die See hinaus. Mn Die andere fand in ſeinem eigenen Garten ſeatt, 5 und es war von gar keinem Aufſchub die Rede, obſchon man von Frau Charles Marbin eine abſchlägige Ant⸗ ſich b wort erhalten hatte.. Bei dieſen beiden Fällen war Viola's Traumkabi⸗ Feur net Zeuge einer ganzen Menge von Thränen. Sie konnte doch nicht wohl weinen vor dieſen hei⸗ habe teren Menſchen, die in ihrer gemüthlichen Fröhlichkeit ſich durch keine Urſache zu Hauſe zurückhalten ließen. und Alles das wiſſen wir nicht. tionen Aber wir wiſſen, daß es einen Gegenſtand gab, gegen welchen ihr innerer Aufruhr losbrach. Und dieſer Gegenſtand, der für all das Böſe, das die junge Frau ſich ſelbſt anthat, herhalten mußte, war unſer guter Mada Kapitain, der niemals ſo beleidigt, ſo verletzt, ſo zurück⸗ Kag ** 4.⁴ geſetzt worden, ſo über alle Beſchreibungen leidend war, 6 aber deßungeachtet ſich niemals mehr zur Unterwürſig⸗ arte keit geneigt fühlte. nicht“ Es iſt gar zu ſchlimm, daß ſelbſt die edelmüthigſten und zartfühlendſten Frauen eine Neigung haben, die⸗„ jenigen zu tyranniſiren, deren Liebe ſie kennen, aber ſichere nur äußerſt mäßig erwiedern. Krank Dieſe zärtlichen und milden Weſen würden ſich dieſen don ſehr verwundern, wenn ſie ihre Bosheit ſelbſt be⸗ kans f griffen. Sie ſind ſo freundſchaſtlich, ſo aufrichtig, ſo wohl, Glück meinend und unverſtellt gegen diejenigen, die ſie wohl die un leiden können, Aber Gott tröſte und ſtärke diejenigen, Hol 7 er eſell⸗ t, an den⸗ Zelt Nuſik zubel ſtatt, ſſchon Ant⸗ rkabi⸗ hei⸗ chkeit gen. gab, dieſer Frau guter rrück⸗ war, ürſig⸗ igſten die⸗ aber ſich ſt be⸗ wohl⸗ wohl nigen, 1 321 welche ſie wirklich„ein Bischen lieb haben,“ dieſe bekom⸗ men etwas zu erzählen. Es iſt unſern Leſern nicht entgangen, daß Kapitain Svabert, mit Wiſſen oder ohne Wiſſen, wegen der Prä⸗ tenſionen der heiligen Mina in Betreff einer Trauer auf Lebenszeit ſich gerne auf einen Vergleich eingelaſſen hätte. Sein Leiden hatte ihn zum Günſtling einer ſchö⸗ nen jungen Frau gemacht: er wurde ein Bischen lieb gehabt— und jetzt mußte er die maßloſe Schwere einer ſolchen Fortuna empfinden. „Es wäre nicht recht,“ ſagte die junge Frau zu ſich ſelbſt,„den Kapitain einem bloßen Einfall des Herrn Kriegsraths aufzuopfern. Ich glaube nicht, daß hier ſonderlich viel Brennſtoff vorliegt... überdieß habe ich Freundſchaſt für den Kapitain.“ Und ſo durfte der Kapitain ſeine Beſuche fortſetzen und dieſe Freundſchaft in größeren und kleineren Por⸗ tionen genießen...... *.***⁴***»**.*******⁴*⁴ *.*..* 2 . 4.⁴ „Werden Sie nicht zur féte des Kriegsraths gehen, Madame?“ Dieſe Frage wurde von dem Kapitain an demſelben Tag geſtellt, wo die Brunnengeſellſchaft in Severin's Garten eingeladen war. „Ich kann ja vor unerträglichem Kopfweh gar nicht aus den Augen ſehen.“. „Aber kann man da gar nichts thun? Ich ver⸗ ſichere Sie, daß ich, wenn ſich noch ein Talisman für Krankheiten vorfände, baarfuß nach Rom gehen und dieſen Talisman aus dem heiligſten Zimmer des Vati⸗ kans ſtehlen würde, wenn er dort verwahrt läge.“ „„Sie ſind ſehr gut, Kapitain, das iſt wahr. Zum Glück für die Männer ſind ihre Opfer gewöhnlich auf die unſicheren Füße der Fantaſie geſtellt. Es klingt wohl ſchön, aber es bringt keinen ſonderlichen Nutzen, Der Vormund. IlI. 21 322 ſich ſolcher Sachen und Zeiten zu bedienen, die bereits verſchwunden ſind.“ „Aber wenn ich auch ein ſchlecht gewähltes Gleich⸗ niß gebrauchte, ſo zweifeln Sie doch gewiß nicht daran, daß ich gerne alles nur mögliche thun würde, um Ihnen Geſundheit oder Vergnügen zu verſchaffen.“ „Sie wiſſen, Kapitain Svabert, daß ich aufrichtig bin gegen diejenigen, die ich meine Freunde nenne. Ich will Ihnen deßhalb etwas ſagen.“ „Ach ſprechen Sie.“ „Es fehlt etwas in unſerem Umgang, ſeit Sie nicht mehr von Ihrer ſeligen Braut ſprechen. Ich liebte dieſes Frauenzimmer wirklich. Es that mir wohl zu hören, wie vertraulich und lieblich Ihr Leben mit ihr dahin floß.“ „Madame.. ich habe geglaubt, daß ich den für mich ſo ſchmerzlichen Erinnerungen eher entfliehen ſollte.“ „Aha, Kapitain, ſprechen Sie jetzt ſo?“ Viola nahm eire beleidigte Miene an. „Was habe ich jetzt wieder für eine Sünde be⸗ gangen? Es kann ja Sie doch nicht glücklich machen, mich beſtändig leiden zu ſehen.“ „Doch, denn ich glaubte bisher, daß es wenigſtens einen Mann auf Erden gäbe, der es verſtände, treu zu ſein.“ „Und um Ihnen dieſe Befriedigung zu gewähren ... ach, Madame, wie tief verletzen Sie mich! Bis jetzt bin ich.“ 3 „.... ein verlaſſenes, einſames Geſchöpf im Leben geweſen— lieber Kapitain, das wiſſen wir.“ „Sie ſpotten meiner!“ ſagte er, und die Thränen fielen in großen Tropfen aus ſeinen Augen.„Ich gräme mich fortan mehr um Sie als um mich. Sie waren ſo edel. Es war lieblich und wohlthuend für mein Herz, Sie anzuſehen.“ mein was ſo fir ſo zu Anfich Luft geſag Sie keiten mit r 8 Hoffn bereit er ni verſch 5 4 einric der. behren ereits leich⸗ aran, ihnen ichtig henne. Sie liebte hl zu it ihr in für liehen de be⸗ achen, gſtens treu dähren Bis Leben hränen gräme waren mein — 323 „Ich werde mich ein andermal verſtellen, da ich meine kleinen Launen nicht ſo zeigen darf, wie ſie find.“ „Nein, um Gotteswillen, ſagen Sie lieber alles, was Sie wollen... aber wenn Sie es jetzt überlegen, ſo finden Sie, daß Sie, obſchon Sie mich auffordern, ſo zu werden, wie ich geweſen bin, gleichwohl meine Anſichten und die Ausdrücke, worin ich Ihnen unbewußt Luft verſchaffte, verhöhnen.“ „Ach, ich meinte es nicht halb ſo böſe; aber wie geſagt, ich weiß juſt nicht, was ich heute will. Gehen Sie jetzt in die Geſellſchaft und ſammeln Sie Neuig⸗ keiten für mich. Der Doktor, der mich gewöhnlich da⸗ mit verſieht, kommt heute Abend nicht wieder.“ „Darf ich alſo wieder kommen?“ „Mit dem größten Vergnügen.“ Aber als der Kapitain zurückkam, überſelig in der Hoffnung, der jungen Frau einen kleinen Zeitvertreib bereiten zu können, denn für ſeine eigne Rechnung fragte er niemals nach Neuigkeiten, da fand er die Thüren verſchloſſen. Madame empfing nicht. Als man ſich am andern Morgen in der Brunnen⸗ einrichtung traf— der Kapitain war jetzt leider ſo ge⸗ feſſelt, daß er ſeine eigene kleine Hecke gänzlich aufge⸗ geben hatte— wagte er es in aller Demuth, ſich zu beklagen. Aber da lachte Vilola und ſagte, ſie hätte geglaubt, der Kapitain werde einmal einen Scherz verſtehen lernen. „Wenn ich das verſtehen lernen ſoll, ſo müßten Sie die Güte haben, ſo zu ſcherzen, daß ich den Scherz nicht als Ernſt nehme.“ In dieſem Augenblick kam der Kriegsrath galant und lebhaft, und äußerte ſowohl ſeinen eigenen als der Geſellſchaft Verdruß darüber, daß man zum zweitenmal Frau Marbin bei dieſen kleinen Feſtlichkeiten habe ent⸗ behren müſſen. 324 „O der Verluſt war blos auf meiner Seite... aber ich bin eben daran, dem Kapitain Vorwürfe zu machen, und behaupte, daß es unverzeihlich von ihm war, nicht zu kommen und mich zu unterhalten, während ich ſo allein ſaß.“ „Aber, Madame, Sie äußerten ja im Gegentheil, daß dieſe Einladung blos ein Scherz geweſen ſei.“ „Sie erklären ſich ganz unbeholfen, Kapitain Sva⸗ bert. Wiſſen Sie, Herr Kriegsrath, daß ich ihm ge⸗ rathen habe, Trappiſt zu werden. Ach wie verehre ich dieſen Orden!“ „Dieſer Rath war ſo boshaft, Frau Marbin, daß man Sie ſelbſt dafür verurtheilen ſollte, in ein Kloſter von bußfertigen Schweſtern zu treten— oder was mei⸗ nen Sie, Herr Kapitain?“ Der Kapitain hatte bereits ſeine vornehme Miene angenommen und ſich in ſeine männliche Würde gehüllt, und dieſe konnte ihm nicht geſtatten, den Gegenſtand für Jemandens Scherz zu bilden. Er verbeugte ſich kalt und wollte ohne Antwort ſich zurückziehen. Aber jetzt kamen Laura und Jeanne Sophie. Und da der Kriegsrath fortgehen mußte, um an⸗ dere Damen zu bekomplimentiren, ſo blieb der Kapitain allein, bis eine noch bitterere Erinnerung ſich zu den übrigen fügte. Mit ihrer mildeſten Stimme flüſterte Viola ihm zu: „War etwas Böſes in dem, was ich ſagte? Ein Trappiſt iſt beinah ein Heiliger. Bedenken Sie, welche Entſagung.“. „Und bedenken Sie, daß ein ſo grauenhaftes Elend, ein ſo vollkommner Tod alles Lebens, etwas zu Heiliges und Großes iſt, um als Stichblatt für meinen kindiſchen Scherz zu dienen.“ „Wie ſo?“ Man haätte Viola verwundertes Geſichtchen ſehen müf Opp ich: unbe eine ich ſtern Sie Geſe Pati Dorn ging derd⸗ wenn ander Scen deutli 1 komm 8 ſterlic 1 duldig 7 außer 4 meiner 2 ſeine fe zu n ihm hrend theil, Sva⸗ n ge⸗ re ich , daß eloſter mei⸗ Miene hüllt, iſtand twort n an⸗ pitain u den n zu: Ein velche Flend, iliges iſchen ſehen 325 müſſen, als der Kapitain ſich unterſtand, eine ernſthafte Oppoſition zu erheben. „Ja, Madame, ich habe das zu ſagen gewagt, und ich muß ſagen, daß ich, ſo unglücklich, verſtoßen und unbedeutend ich auch bin, gleichwohl es unter der Würde eines Mannes glaube, als Zerſtreuung zu dienen.“ „Lieber Kapitain Svabert, ſehen Sie mich an— ich bin bereits in den Verein der bußfertigen Schwe⸗ ſtern getreten, und ich bleibe da bis zu meinem Tod, wenn Sie fortfahren, mich ſo mißzuverſtehen. Die ganze Geſellſchaft weiß, welche Freundſchaft ich für meigen Patienten hege.“ „Aber er ſelbſt weiß, daß die Freundſchaft nur Dornen hat— die Roſen blühen für Andere.“ „Die Roſen“— über Viola's lächelndes Geſicht ging eine trübe Wolke—„ich habe keine Roſen zu vergeben, und derjenige, der der Dornen überdrüſſig j..ℳ „... kfüßt ſie wieder mit demüthiger Ergebung, wenn er mit dem Verluſt derſelben bedroht wird.“ Laura und Jeanne Sophie, die inzwiſchen mit ein⸗ ander ſprachen, ohne jedoch etwas von dieſer kleinen Scene zu verlieren, wechſelten jetzt einen Blick, der deutlich ſagte: „Der arme Patient hat eine neue Krankheit be⸗ kommen.“ Auf dem Heimweg äußerte Jeanne Sophie ſchwe⸗ ſterlich gegen Viola: „Sieh Dich vor mit dem Kapitain.“ „Aber was wollt ihr denn?“ antwortete ſie unge⸗ duldig,„es iſt ja nichts.“ „Warum ſagſt Du ihr? hat ſonſt noch Jemand außer mir zu Dir geſagt, daß Du vorſichtig ſein ſollſt?“ Kannſt Du daran zweifeln, daß die Ermahnungen meines Vormundes ſchon vorangegangen ſind?“ „Wirklich! Dann mußt Du ſie auch beachten, denn ſeine Rathſchläge fließen ſicherlich aus keiner andern 326 Quelle, als einer aufrichtigen und ehrenvollen Theil⸗ nahme für Dich.“ 3 „Das weiß ich,“ antwortete Viola erröthend. „Und gewiß dankſt Du Gott dafür?“ „Ich hoffe es... ich habe Gott ſo innig um dieſe große Sicherheit gebeten; und ich bin zufrieden.“ Die kleine Heuchlerin glaubte ſelbſt nicht, daß ſie heuchle. Nein, ſie bildete ſich ein, daß ſie zufrieden ſei, aber es lag nicht innerhalb der Grenzen menſchlicher Kraft, die Unzufriedenheit zu verhindern, daß ſie ſich dicht zur Rechten neben die Zufriedenheit ſetzte. Vor dreißig Jahren würde ein Romanſchreiber, der daſſelbe Stadium im Leben eines Weibes verzeichnet hätte, ſich ſo geäußert haben: „Die Tugend und der Irrthum kämpften in dieſer jungen Seele. Der Irrthum hatte noch nicht gewagt, ſein Haupt über das in edler Glorie ſtrahlende Haupt der Tugend zu erheben. Aber die Genien der Tugend bebten und fürchteten, es moͤchte eine trübe Stunde kommen, wo ſie mit Kummer entfliehen müßten.“ Die Wahrheit zu ſagen, wir glauben, daß die Ge⸗ nien der Tugend immer Grund zu ihren Bekümmer⸗ niſſen haben, und Gott bewahre uns davor, daß wir gleich gewiſſen ungeprüften Tugendmuſtern mit hoch⸗ müthigem Trotz die Naſe rümpfen ſollten, wenn man blos von dem Worte Furcht ſpricht. Wir geſtehen im Gegentheil, daß wir ſehr unruhig ſind, und daß wir mitunter zuſehen müſſen, wie die lie⸗ ben majeſtätiſchen Genien bis zum Schluß der Vorſtel⸗ lung ganz ruhig ſitzen bleiben......... 3. „Hoͤr einmal, liebe Biola,“ ſagte Jeanne Sophie, „Du könnteſt jetzt gerade kommen und mit mir zu Mit⸗ tag eſſen. Der Kriegsrath ißt beim Bürgermeiſter und bleibt dort bei einer Spielparthie, ſo daß wir ſo recht ver auch „E für — 327 vertraulich plaudern können. Emil iſt heute Mittag auch fort.“ „Ich komme mit Vergnügen,“ antwortete Viola. »Es muß wirklich herrlich ſein, auch einmal einen Tag für uns allein zu haben.“ XXXII. Die Genien beginnen Geſichter gegen einander zu ſchneiden. Bei ihrer Heimkehr traf Viola folgenden Brief von ihrem Mann: „Ich danke Dir für die unglaubliche Mühe, welche Du Dir nehmen willſt. Ich weiß den ganzen Edelmuth in Deinem Beneh⸗ men zu ſchätzen— es iſt nur zu beklagen, daß ich auf der andern Seite das ſchöne Büßerleben nicht genug zu ſchätzen weiß, deſſen Seligkeit wir, wie Du mir vorſpie⸗ gelſt, erſtreben ſollen. Aber es hilft zu nichts, wenn ich mit dieſen gezwun⸗ genen und dummen Phraſen meinen wirklichen Seelen⸗ zuſtand zu verhüllen ſuche. Ich will Dir ganz einfach die Wahrheit ſagen: Ich haſſe denjenigen, der dieſe Intrigue angeſtellt hat, und ich werde verrückt, wenn ich das einzige Weib nicht wiederfinden und beſchwichtigen kann, das ich aus beſinnungsloſer Leidenſchaft geliebt habe und beſinnungs⸗ los muß dieſe wohl ſein, da ich zu Dir ſagen kann: Ich werde mich mit ihr in's Klare ſetzen, wohin ſie auch ihren Weg genommen haben mag. „ 328 Aber, wie abſcheulich war nicht das von Dir— wie wahrhaft verächtlich? Was haſt Du dem ſtolzen Weibe gethan, was haſt Du zu ihr geſagt? Gewiß etwas, das Deine eigene Würde Dir hätte verbieten ſollen, da Du ſie ſoweit brachteſt, daß ſie den Ort verließ, wo ſie lebte, ohne Dich zu beunruhigen. Wiſſe, daß keine Frau durch dergleichen Mittel je⸗ mals ihren Mann zurückführt. Indem ſie diejenige, die er über Alles andere an⸗ betet, beleidigt, betrübt und verächtlich behandelt, ſo er⸗ niedrigt ſie ſich ſelbſt und verdient die Verachtung des Mannes, ſeinen Abſcheu, ſeinen Haß ſtatt ſeiner Reue. Ich weiß nicht, was ich hätte thun können, wenn Du mich mir ſelbſt überlaſſen und kluger Weiſe die milde Nachſicht gezeigt haͤtteſt, die Du vorher hegteſt. Aber nach dieſer Revolution, die nach Deiner Mei⸗ nung alles wieder ins Geleiſe bringen ſollte, ſage ich Dir offen, daß Du alle Moͤglichkeit zu einem freundli⸗ chen Vergleich für immer abgeſchnitten haſt. Ich ſtelle Malvina über Alles und Du haſt es Dir ſelbſt zuzuſchreiben, wenn Du ſolche Worte zu hören bekommſt. Merke Dir: ſo lange eine Frau nichts merkt, oder ſo lange ſie thut, als ob ſie nichts merke, ſo hütet ſich der Mann wohl, ſie zu beleidigen. Er kann das nicht. Er beobachtet deßhalb die Schicklichkeitsgeſetze der Welt; aber, wenn die Mauer der Delikateſſe einmal niederge⸗ riſſen iſt, ſo bekümmert er ſich um nichts mehr. Wenn die Frauen wüßten, wie heilſam es für ſie ſelbſt iſt, manchmal nichts zu ſehen, ſo würden ſie ſich nicht einfallen laſſen, ihre Blicke hinter die Geheimniſſe zu werfen, die man vor ihnen verſchließen will. Was ſollte ich unter ſolchen Verhältniſſen zu Hauſe machen? 4 Und wie ſoll ich es dort aushalten? Die Erde, dieſe verdammt heiße Erde, brennt unter bewerkf ben Ge gen preo Mündel „2 aus nie — 329 meinen Füßen— meine Sinne brennen. Mein Herz brennt, mein Hirn brennt.. und doch ſoll ich es noch zehn Tage hier aushalten. O wie elend bin ich... Dieſe Fabel hat, juſt weil ſie ſo unerhört war, bei mir nicht verfangen. Sie ſollte mit einem andern ent⸗ flohen ſein, entflohen oder noch beſſer einem andern nachgelaufen ſein! Welcher Hoͤllengeiſt hat Dir dieſe Idee eingegeben? Aber höre: Wenn Du willſt, daß ich Dlr verzeihen, wenn Du willſt, daß ich Dich ſegnen ſoll, ſo ſage, wohin ſie ge⸗ flohen iſt— ſage das und ich werde Dir auf meinen Knieen danken. Charles.“ „Ja, ja, meine lieben Kinderchen, jetzt ſteht ihr wieder unter der rechten Pflege— ihr ſpürt euren alten Meiſter wieder.“ So ſchwatzte der alte Nicke, während er einen Blu⸗ menſtock hier, einen andern dort aufband, daran ſchnitt und zurecht machte, und bewunderungsvoll die lieben theuren Blumen betrachtete, welche die Freude ſeines Lebens ausgemacht hatten, ſo lange er ihnen nahe war, und nächſt Olena ſeine liebſte Erinnerung bildeten, wenn er von ihnen getrennt wurde. Während Nicke ſchmunzelnd ſeine Verbeſſerungen bewerkſtelligte, kamen Jeanne Sophie und Viola denſel⸗ ben Gang her, auf welchem Violg an dem erſten Mor⸗ gen promenirte, als der Vormund vom Fenſter aus ſeine Mindel betrachtete. „Aber, meine theure Viola, willſt Du denn durch⸗ aus nicht ſagen, was an Dir iſt? Gewiß iſt ſeit dem 3 4 4 8 330 Vormittag etwas vorgegangen... betrifft es den Kapitain?“ „Wollte Gott, ich müßte nicht immer von dem Ka⸗ pitain ſprechen hören!“ ſagte Viola zornig oder wenig⸗ ſtens ganz heftig.„Gibt es denn keinen andern, der mir Kummer machen kann?“ „Jetzt begreife ich. Du haſt einen Brief von Char⸗ les erhalten und. „Sage nichts, rathe nichts!“ Viola's Wangen glühten, wie der dunkelſte Caktus, beſtrahlt von der heiterſten Sonne. „Ich muß Dir gleichwohl ſagen,“ fügte ſie hinzu, „daß der Kriegsrath mir gerathen hat, alles zu thun, was eine zärtliche, nachſichtige Gattin thun könnte, um ihren verbrecheriſchen Mann wieder zu gewinnen, und daß ich durch Befolgung dieſes edelmüthigen Rathes mir eine entehrende Beleidigung zugezogen habe... ein Mann würde ſagen, eine blutige Beleidigung, aber wir Weiber haben blos Stillſchweigen und Geduld.“ Jeanne Sophie drückte die Hand ihrer Freun⸗ din feſt. Sie war zu zartfühlend, um nach den näheren De⸗ tails zu fragen, aber daß dieſe grauſam, ja mehr als grauſam ſein mußten, zeigte ſich an dem unnatürlichen Glanz in Viola's Augen und an dem ſchmerzlichen, nie⸗ dergeſchlagenen Ausdruck in ihrem Geſichte. „Und er, Severin war es, der Dich aufmunterte? Weißt Du auch, Viola, daß Du in Deinem Schmerz einen hohen Troſt beſitzeſt? Nur wenige Männer wür⸗ den in demſelben Fall ſo redlich gehandelt haben. Gleich⸗ wohl...“ „Nun, gleichwohl...“ „Ja... ich wollte ſagen, daß... aber ich werde das ein andermal ſagen— jetzt ſind wir ſo nahe bei dem alten Nicke, daß Du nothwendig mit ihm ſprechen mußt.”“ bekü gand mög unte Fure geſat ſchlee wieſe rend ſehe. theilt . Bank würde Pfing 2 geſtim 0 währe men l deren des do C Stirne Art v geſpan Duft reun⸗ De⸗ r als lichen nie⸗ erte? hmerz wür⸗ leich⸗ werde e bei rechen Viola war zu aufgeregt, um auf Jeanne Sophiens bekümmertes Geſicht zu achten. Was Jeanne Sophie hatte hinzufügen wollen, war ganz einfach das: „Und gleichwohl wünſchte ich, daß er ſobald als möglich abreiſen moͤchte, denn ich merke, daß das Feuer unter der Aſche glüht, und ich habe eine entſetzliche Furcht, daß dieſes Feuer losbrechen könnte.“ Später war Jeanne Sophle froh, daß ſie nichts geſagt hatte, denn ſie hätte Viola ohne Zweifel einen ſchlechten Dienſt mit der Mittheilung einer Sache er⸗ wieſen, die ſie vielleicht nicht einmal ahnte. „Ich laſſe Dich hier in Nicke's Geſellſchaft, wäh⸗ rend ich hinauf gehe und nach meinem kleinen Mädchen ſehe. Beim Thee nehmen wir unſre vertraulichen Mit⸗ theilungen wieder auf.“ Die jungen Frauen nickten einander zu. Jeanne Sophie eilte nach dem Hauſe. Viola ging auf den Alten zu. „Setzen Sie ſich hieher, liebe Madame, auf dieſe Bank da: es iſt ſo kühl da, meint der Kriegsrath... würden Sie mir vielleicht erlauben, Ihnen eine ſchöne Pfingſtlilie anzubieten?"²4) „Dank, guter Nicke.“ Viola ſetzte ſich auf die Bank unter den hellgrünen Birken.... aber ſite war nicht zur Geſprächigkeit geſtimmt. Ihr kleiner Fuß zeichnete Figuren in den Sand, während ihr Kopf, von welchem ſie den Hut abgenom⸗ men hatte, auf die eine Schulter hinabgeſunken war, deren Marmor gegen den ſchwarzen Grund des Tafftklei⸗ des doppelt weiß glänzte.* Einen hellblauen Netzſhawl, zur Hälfte über die Stirne gezogen, hielt ſie mit der einen Hand, wie eine Art von Schirm gegen die Sonne und die Mücken aus⸗ geſpannt; die andere Hand umſchloß die Pfingſtlilie deren Duft ſie inzwiſchen einſog. 334 der gute Kapitain ohne Zweifel von jedem Spaziergang, als ungeſund bei der gegenwärtigen Nervenſpannung des Kriegsraths abgerathen haben würde. Aber weder Kapitain Svabert, noch irgend ein an⸗ deres Hinderniß kam dazwiſchen, ſondern Severin konnte eiligen Schrittes ſeinen Weg über die weichen Gänge fortſetzen. Und da ſteht er jetzt gerade vor Viola, die noch immer in derſelben Haltung daſitzt, worin der alte Nicke ſie vor einigen Minuten verlaſſen hatte. Welcher Anblick für die Augen, die ſie jetzt be⸗ trachteten! Severin wurde von einem Zittern berührt. Er hatte einige unklare Gedanken an Umkehr, aber dieſe wurden immer weniger feſt, je länger er Viola's ſchönes Geſicht und ihre ganze unter dem blauen Him⸗ mel ſo entzückende Perſönlichkeit anſah. Es war eine jener Stunden, welche die Aſtrologen zweifelhaft nannten, eine Stunde, die ſowohl Gutes als Böſes bringen kann. Sie bebte, wie das Laub beim Kuſſe des Windes bebt, ſie ließ den Shawl fallen, hüllte ſich ein und ſtand auf, um zu grüßen. Es war eine äußerſt gezwungene Begrüßung, aber es lag darin nicht das mindeſte Zeichen von holder Ver⸗ wirrung. Dazu hatte ſie ſich während der verfloſſenen Wo⸗ chen nur allzu oft Glück wünſchen koͤnnen. „Sie ſind heute betrübt, Madame— erlauben Sie mir, Ihren Kummer zu theilen.“ Er ſetzte ſich neben ſie.. „Ich glaube nicht,“ ſagte ſie ziemlich kalt,„daß ich hich der Theilnahme irgend einer Perſon zu erfreuen a e.“* „Im Fall Sie Urſache haben, der meinigen zu miß⸗ trauen, ſo geſtehe ich, daß Sie am beſten daran thun, ſie abzuweiſen.“ er ge 4 ſowo wort könn könne ſchim allzu Gehe ſolche darf. vor verg aber verbe er g bes zurü⸗ flam umfe wag liebe verd ſem ang, nung an⸗ aunte änge nmer vor Sie ß ich reuen miß⸗ thun, —x*————— 335 Seine Stimme war leiſe, unſicher, allzu gefährlich. „Mein Mann will nicht nach Hauſe kommen; er... er gedenkt. Viola nußte abbrechen— es lag etwas Drückendes ſowohl in der Luft als in der Nachbarſchaft. „Was gedenkt er denn zu unternehmen? „Ich hatte gedacht, daß der Brief, den ich zur Ant⸗ wort erhielt, von der Art ſein würde, daß ich ihn zeigen könnte: aber dieſer Brief iſt voll von Schimpf und..“ „Wie haben Sie auch nur eine Sekunde glauben können, daß ich etwas zu leſen vermöchte, was für Sie ſchimpflich oder ſchmerzlich wäre? Nein, Sie ſind ein allzu edles und ſtolzes Weib, um nicht die grauſamen Geheimniſſe für ſich allein behalten zu wollen, welche ſolche Details berühren, in die kein fremdes Auge blicken darf.“ „Dank.. ich moͤchte wünſchen, daß ich ſie auch vor mir ſelbſt verbergen könnte.“ „Wenn Sie ruhiger ſind, ſo werden Sie dieſelben vergeſſen, als unwürdig, ſich damit zu beſchäftigen... aber die Hauptſache brauchen Sie doch wohl nicht zu verbergen.“ „Sie beſteht darin, daß er alles mißverſtanden hat... er glaubt, ich allein ſei ſchuld an der Flucht dieſes Wei⸗ bes und... und ſeine Abſicht iſt, nicht zu ſeiner Frau zurückzukehren, ſondern ſeine Geliebte aufzuſuchen.“ Viola hatte ſchnell, mit keuchendem Athem und mit flammenden Augen geſprochen. Severins Farbe war dagegen bleich. „Dieſe Sache,“ ſagte er,„iſt von zu großer und umfaſſender Wichtigkeit, als daß ich es im Augenblick wagen könnte, einen Rath zu ertheilen. Laſſen Sie uns lieber verſuchen, heute Abend die unruhigen Gefühle zu verdrängen, die ſich in Ihrer Seele bewegen.“ „Wenn es nur moͤglich wäre.“ „Kommen Sie— wir wollen ein Paarmal in die⸗ ſem Garten umhergehen, wo wir früher ſo oft unſere 332 „Mein Gott, wie ſie in tiefen Betrachtungen da⸗ ſitzen muß, das arme Kind, da ſie mich vergeſſen kann, mit dem ſie doch ſonſt ſo gerne plaudert. Aber ich werde ihr mit einem Wörtichen in der Naſe kiz⸗ zeln, das wieder Leben in ſie bringen ſoll. Man kann's an den Fingern herzählen, daß dieſer verdammte Lieute⸗ nant ihr wieder neue Verdrießlichkeiten gemacht hat.“ „Liebe Madame, richten Sie doch den Kopf empor und ſehen Sie ein Bischen hieher, ſo erzähle ich Ihnen eine kleine Geſchichte aus unſerm Jugendleben. Seien Sie ſo gütig und hören Sie mich ein Bischen an, es iſt juſt nichts ſo unangenehmes. Wir haben eine ſchöne Gräfin, wir, bei der wir den gehorſamen Diener machen, da droben in Stockholm.“ Viola war bereits ſo roth, daß ſie nicht röther wer⸗ den konnte, und dabei ſo erzürnt, ſo beleidigt und ver⸗ zweifelt, daß ſie ſich in dieſem Augenblick nicht darum bekümmert haben würde, wenn die droben in Stockholm zehn Gräfinnen gehabt hätten. „Heute,“ ſagte ſie, ohne auch nur den Kopf aufzu⸗ richten,„bin ich nicht im Stande, luſtig zu ſein, und deßhalb will ich nichts anhören, wos zu lachen geben könnte. Wenn es etwas anders wäre, ſo würdeſt Du, herzensgute Seele, es mir nicht erzählen wollen.“ „Wahrhaftig, es iſt die reine, lautere Wahrheit. Und dagich ſo viel Verſtand heſitze, wie irgend einer, ſo will 8 meine Geſchichte auf ein ander Mal ſparen und nach den Blumen in der linken Rabatte ſehen. Ich weiß wohl, wie gut es zuweilen iſt, in ſchöner Ruhe mit ſeinen tiefen Gedanken da zu ſitzen.“ „Lieber Nicke, wenn Du wüßteſt, wie gut ich Dir bin— Da biſt für mich ganz das Alte. Ach, ich habe Dich ungemein lieb.“ „Still, liebe Madame— wir müſſen nicht in dem ferntigen Schnee waten; man muß in dieſer leidigen Welt Hartes und Weiches hinnehmen, aber der Herr iſt gnädi das tl ( weite! 2. 7 bis ad als ſi Hauf heim chen, ſchön laſſen weg. mehr einer mert, der 8 von i gehen beſtin ſo hä anzub 5 in Be Seve ſen C deckun 9 Svab ander 333 gnädig und wirft einen Sonnenſtrahl dazwiſchen— ja das thut er.“ Der Alte ging nickend mit der Waſſerkanne am Arm weiter......... „Ah, ſieh da, Herr Kriegsrath, Sie ſind alſo nicht bis auf den Abend geblieben,“ ſagte Jeanne Sophie, als ſie mit ihrer Kleinen auf dem Arm dem Herrn des Hauſes begegnete. „Es war ſo ſchwül dort, daß ich auf eine Stunde heimgehen wollte, um im Garten eine Cigarre zu rau⸗ chen, bevor ich den Muth gewänne, mich an einem ſo ſchönen Sommerabend an den Spieltiſch bannen zu laſſen.“ „Viola iſt im Garten,“ ſagte Jeanne Sophie leicht⸗ weg.„Sie hat mit mir zu Mittag gegeſſen, oder viel⸗ mehr zugeſehen, wie ich aß. Sie befindet ſich heute in einer unglücklichen Laune.“ „Vielleicht,“ meinte der Kriegsrath ganz unbeküm⸗ mert,„hat ihr Patient ihr einen Verdruß bereitet.“ „Sie vermuthen daſſelbe, was ich vermuthete, aber der Kapitain iſt ganz unſchuldig. Sie hat einen Brief von ihrem Manne erhalten.“ „Da ahne ich das ganze Verhältniß und will hinab⸗ gehen, um mit ihr zu ſprechen.“— Der Ton des Kriegsraths war zugleich einfach und beſtimmt. Wenn Jeanne Sophie auch gewollt hätte, ſo hätte ſie nicht den Muth gehabt, ihre Geſellſchaft anzubieten... ** 4**** Wir wagen uns auf keine Unterſuchung einzulaſſen, in Betreff der größern oder geringeren Heftigkeit, womit Severins Herz ſchlug, als er die Treppe hinab in die⸗ ſen Garten ging, wo er ſo manche pſychologiſche Ent⸗ deckungen beobachtet hatte. Aber ſoviel können wir ſagen, daß, wenn Kapitain Svabert die Uhr in der einen Hand gehalten, und die andere auf das Herz ſeines Nebenbuhlers gelegt hätte, 336 Gedanken ausgetauſcht haben. Morgen ſtatte ich einen Vormitkagsbeſuch ab: ich habe Ihnen nicht mehr als einen einzigen gemacht.“ „Nein, nein, ich wage es nicht... ich glaube es nicht.„. es iſt am beſten...“ Severin verfinſterte ſich. „Was iſt es, das Sie erſchreckt?“ „Habe ich denn geſagt, daß ich Angſt habe?“ Violas Augen leuchteten von einem ſtolzen Verdruß. „Wenn Sie nicht ängſtlich ſind, warum dann dieſe Vorſicht, die noch etwas anderes als Bangigkeit in ſich ſchließt?“ „Und was denn?“ „Ein tiefes und unverzeihliches Mißtrauen... aber wie können Sie mir mißtrauen, der..o Viola!“ Sie lauſchte voll Entzücken. Violal Es war ſchon lange her, daß ſie dieſen Kiang ihres Namens nicht mehr gehöoöͤrt hatte. Es lag eine Zauberformel darin und der Zauber begann ſogleich zu wirken. „Nein, ich habe kein Mißtrauen— weiß ich nicht, daß dieß unwürdig wäre? Weiß ich nicht, daß ich allein mit Ihnen ſo ruhig ſein kann, daß ich nicht ruhiger wäre, wenn der Mann, der mich ſo ſchändlich mir ſelbſt überläßt, mich ſo beſchützte wie er ſollte?“ „So, ah juſt ſo wollte ich Sie ſehen, denn ſo ſind Sie würdig, daß ich all dieſes Unausſprechliche für Sie gelitten habe. Sehen Sie nicht wieder ängſtlich auf. Begreifen Sie nicht, daß ich, nachdem ich andert⸗ halb Jahre lang gekämpft, endlich einen ſolchen Sieg über mich ſelbſt gewonnen habe, daß ich es wagen konnte, hieher zu kommen, um Sie zu tröſten, zu beſchü⸗ tzen und zu erfreuen?“ 4 „Es ſollte alſo deßwegen geſchehen ſein?“ So ſchnell Viola ihre Augen ſenkte, ſo drangen doch die Strahlen hindurch. „Nur deßwegen. Ich habe mich ſtreng geprüft und ich ſa ihr je nen C bleibe 7 gehegt „ ich we daß werfer umgek der ſe „ beſeelt nigen und m 74 eiferſü ſüchtig Gatten 7* jetzt b Der einen r als aube druß. dieſe ſich aber la!“ dieſen uber nicht, allein higer ſelbſt ſind Sie ſtlich dert⸗ Sieg hagen ſchü⸗ doch und 337 ich ſagte zu mir ſelbſt: Sie hat ſoviel gelitten. Es iſt ihr jetzt Bedürfniß, den Anhauch eines heiligen und rei⸗ nen Glückes zu empfinden, und bei Gott, es ſoll rein ver⸗ bleiben.“ „Betheuern Sie nichts— habe ich wohl Zweifel gehegt?“— „Nein, das können Sie nicht haben. Hören Sie... ich wollte Ihnen auch eine Zerſtreuung bereiten, ohne daß Jemand auch nur den mindeſten Schatten auf Sie werfen könnte, und deßhalb habe ich die ganze Stadt umgekehrt, denn dadurch konnten wir alle Tage einan⸗ der ſehen. Aber mein erſter und letzter Wunſch war, Ihre häusliche Stellung zu verbeſſern und vor allen Dingen zu veredeln; und wenn mir das gelungen wäre, ſo würde ich nie mehr gegen Sie dieſe unverhüllte Sprache geführt haben, deren ich mich jetzt zu bedienen wage.“ „Aber was wird es morgen, was wird es übermor⸗ gen ſein?“ „Daſſelbe wie heute: ein volles und warmes Ver⸗ trauen: kann es künftig anders ſein? Wenn ich Sie verlaſſe, ſo werden wir correspondiren, denn ſo wie Ihre Stellung jetzt iſt, finde ich mein Gewiſſen ganz und gar nicht beſchwert durch eine ſo edle Verbindung, wie ich Ihnen jetzt vorſchlage.“ „Aber ſagen Sie mir“— ein wehmüthiges Lächeln beſeelte Violas Lippen—„iſt nicht dieſer Bund demje⸗ nigen ähnlich, den ich einſt ſo unbedachtſam vorſchlug, und wofür Sie mich mit Recht beſtraften?“ „Nein, das nicht, damals wurden Sie von einem eiferſüchtigen Gatten geliebt und von einem ebenſo eifer⸗ ſüchtigen Liebhaber angebetet. Jetzt iſt der Schutz des Gatten verſchwunden. Sie ſtehen blos unter.“ „Um Gottes willen, nichts mehr!“ „Und warum ſollte ich es nicht ſagen, daß Sie jetzt blos unter dem Schutz des Liebhabers ſtehen. Wiſ⸗ Der Vormund, UII. 22 338 ſen Sie nicht, daß die Verantwortung, die er auf dieſe Art übernimmt, ein beſſerer Schutz für Sie iſt, als die Eiferſucht des Ehemannes.“ „Ich ſehe die ganze Wahrheit dieſer Worte ein und ich verſchmähe es, ſie zu läugnen, ich verſchmäͤhe es ſo⸗ gar, zu läugnen, daß ich mich ſelig und dankbar dafür fühle, daß ſie ausgeſprochen worden ſind.“ In dieſem Augenblick blieben Beide zugleich ſtehen. Sie betrachteten einander mit Blicken, welche einen un⸗ beſchreiblichen Ausdruck des Höchſten, des Reinſten in der Liebe beſaßen. Nicht ein einziger Funke von irdi⸗ ſcher Leidenſchaft flammte darin. „Dieſe Stunden,“ ſagte Viola langſam,„müſſen ſparſam kommen.“ „Aber die Sparſamkeit darf nicht übertrieben wer⸗ den Siehe, über was haſt Du Dich zu beklagen 27 wage ich es, auch nur Deine Hand zu ergreifen?“ „Dieſes Du verbiete ich. Ich fühle, daß es ge⸗ fährlich iſt.“ „Es war auch unrecht von mir, es zu ſagen: Was bewunf ich anderes als dasjenige Du, das in dem Auge eht?“ Vlola wandte ſich zur Hälfte um. „Geh jetzt, geh! Ich fühle mich ſo aufgeregt, ſo verwirrt, ich kann Niemand anſehen.“ „Aber...“ „O kein Wort mehr... ſei barmherzig, geh!“ Und er ging, aber nicht bevor ſie ein Wiederſehen auf den folgenden Vormittag verabredet hatten. ——— Jnich macht 5 4 Anal mach voller betäu fährli ( den,! 8 Gefül lich n 7 cken iſt, at erröth C zwiſch Liebhe noch l 3 lich a hatte„ unmög worfen dG 1 es ſo⸗ dafür tehen. an un⸗ en in irdi⸗ lüſſen wer⸗ gen? es ge⸗ Was Auge t, ſo 1* rſehen b nicht hinters Licht führen. XXXIII. Charles Vertreter. Es iſt ſehr ſchwer, wo nicht ganz unmöglich, eine Analyſe von der Gemüthsſtimmung urſrer Heldin zu machen, als ſie am Morgen nach dieſem Geſpräch zum vollen Bewußtſein deſſen, was vorgefallen war, erwachte. Noch in der Nacht, als ſie ſchlummerte, war ſie ſo betäubt, als hätte ſie ſich auf ein ungeheures, von ge⸗ fährlichen Wohlgerüchen angefülltes Blumenfeld verirrt. Sie konnte weder den Ein⸗ noch den Ausgang fin⸗ den, bevor die gefährlichen Düfte ſle einſchläferten. Aber wenn es lieblich iſt in einer berauſchenden Gefühlswallung einzuſchlafen, ſo iſt es nicht ganz ſo lieb⸗ lich mit dem Gedanken zu erwachen: „Du biſt auf einem Weg, der, Du magſt ihn ſchmü⸗ cken ſo ſchön Du willſt, immer ein gefährlicher Weg iſt, auf welchem Du keinen Schritt thun kannſt, ohne zu erröthen.“ In der Zeit, als Viola ſich einen platoniſchen Bund zwiſchen einer verheiratheten Frau und ihrem frühern Liebhaber dachte, hatte ihre Seele wie auch ihr Ohr noch keine andere Deutung aufgefaßt, als ſie ſich ſelbſt machte. Aber jetzt wußte ſie aus Erfahrung, und nament⸗ lich aus Severins Abſchiedsbrief, daß ſie ſich getäuſcht hatte, und daß dieſes Verhältniß, wenn nicht geradezu unmöglich, gleichwohl ſo gefährlichen Lockungen unter⸗ worfen war, daß er ſelbſt davor floh und ihm entſagte. Sie konnte ſich auch in Bezug auf die Gefahren 340 Aber wer begreift nicht, daß ihre aufkeimenden Ein⸗ wendungen lebhaft bekämpft und überwunden wurden? Wie, ſagte einer dieſer kleinen zärtlich geſinnten dienenden Geiſter, kannſt Du es wagen, der jetzt ſo ge⸗ läͤuterten Flamme Deines Liebhabers zu mißtrauen Wie kannſt Du etwas Verletzendes, etwas Unedles von einem Manne ſeines Charakters denken, nachdem er ſelbſt geſagt hat, daß Du jetzt unter ſeinem eignen Schutze ſtehſt! Ach, Dir mangelt das Vertrauen zu ihm. Aber juſt Dein Mißtrauen wird ſeine Empfindlichkeit reizen und vielleicht die Gefahren hervorrufen, die ſich ſonſt nicht vorfinden würden. Und dann— für wen ſollteſt Du das Opfer dieſer unſchuldigen Seligkeit bringen, die Du einige ſchnell enteilende Wochen hindurch genießen könnteſt? Für ei⸗ nen Mann, der, nachdem er mit den ſchmählichſten Ver⸗ gnügungen Dein Vermögen verſchleudert hat, ſich nicht entblödet, zu geſtehen, daß er nicht zu ſeiner Frau zurück⸗ kehren will, einen Mann, der Dich mit der tiefſten Gleich⸗ gültigkeit kämpfen oder ſiegen läßt, wie es Dir nur ge⸗ fällt. Nein, das wäre mehr, als Gott von einem Men⸗ ſchenherzen fordert, wenn Du dieſe einzige, knospende Freude, die Dir noch übrig bleibt, opferteſt. Aber, antwortete ſchüchtern und leiſe der kleine gute dienſtbare Geiſt, der bei ihrem Erwachen ſprach, aber berechtigen die Fehler des Mannes die Frau zu weniger Strenge gegen ſich ſelbſt? Iſt es nicht ihre eigene Ehre, ihres Herzens Reinheit und Unſchuld, die ſie zu beſchü⸗ tzen hat? Und ſind ſie ſicher verwahrt unter dem Schutz, den Du erhalten haſt? Sie weinte leiſe. Es war ihr unmöglich, ſich zu einem Bruch zu ent⸗ ſchließen— wie geduldig hatte ſie nicht gelitten; hatte ſie nicht einen Schimmer von Seligkeit verdient? Ja, aber unglücklicherweiſe war es noch unmöͤglicher, dieſe Anf matt 341 Ein⸗ Seligkeit in Ruhe zu genießen, denn ſie konn te nicht den? ohne Beben, Unruhe und Kampf genoſſen werden. inten„Ich bin keine Heldin an Tugend und Entſagung,“ ge⸗ ſagte ſie mit einem tiefen Seufzer,„aber ich bin gewiſ⸗ 12 ſenhaft und reinherzig genug, um das Band in Chren edles zu halten, das mich an einen unwürdigen Mann feſ⸗ m er ſelt.. ich will mit Achtung vor mir ſelbſt ſterben— ignen und das werde ich.“ ihm. Ihre Thränen floſſen heftig. cchkeit„Sch bin zugleich die glücklichſte und unglücklichſte e ſich der Frauen.“. Wie qualvoll dieſer Zuſtand iſt! Ich bekomme bei⸗ dieſer nah Angſt vor mir ſelbſt. chnell„Wie kommt es, daß ich, obſchon ich ſoeben ſtolz r ei⸗ ſfagte: Ich werde mit Achtung vor mir ſelbſt ſterben! Ver⸗ gleichwohl nicht die Kraft habe, zu beten?. nicht„Ach wie glücklich, wie beneldenswerth ſind nicht urück⸗ Diejenigen, die ihr Leben in einer unveränderlich fried⸗ lleich⸗ lichen Einförmigkeit dahin bringen, ohne Verſuchungen, er ge⸗ ohne Stürme, ohne Sünde... „Sünde— woher bekam ich dieſes Wort... bin Men⸗ ich nicht himmelweit entfernt davon? pende„O Severin, mein Herrſcher, mein Beſchützer, Dein Blick war ſo heilig, ſo rein, ſo beruhigend... verzeih gute mir all das Närriſche, das ich gedacht habe! Du wachſt „aber ja ſelbſt über mich.“ eniger Ehre, eſchü⸗— Schutz, u ent⸗ Es war zwölf Uhr am Tag. Whatts Viola hatte ſich nie geſchminkt, und da ſie heute den * Ig, Anfang nicht machen wollte, ſo hatten ihre Wangen jene dieſe matte Blaͤſſe, die aus einer ſchlafloſen Nacht entſteht. Auch die Augen waren matt und trübe, bekamen 342 jedoch zuweilen einen Schimmer, welchen die Erinnerung und die Erwartung abwechſelnd in ihr hervorrief. An dieſem Morgen hatte ſie die improviſirte Brun⸗ neneinrichtung der Stadt nicht beſucht. Sie fühlte, daß es ihr gänzlich an Muth fehlte, Severin in ſo großer Geſellſchaft wieder zu ſehen, obſchon juſt das ohne Zwei⸗ fel das Beſte geweſen wäre. An den armen Kapitain Spabert, der ſie Tags zu⸗ vor zweimal geſucht hatte, dachte ſie gar nicht. Wohl hatte ſie genug an ihren eignen Leiden, aber dieſe waren nicht ſo beſchaffen, daß ſie jetzt ein Bedürf⸗ ziß empfunden hätte, die Laſt mit einander zu thei⸗ en..... Sie ging jetzt im Salon auf und ab, denn, um die Wahrheit zu ſagen, ſie war zu unruhig, um ſitzen zu bleiben. Schon am Morgen hatte ſie erklärt, daß ſie empfan⸗ gen würde, wenn der Pfarrer, Kapitain Svabert, ihr Schwager oder eine Perſon käme und ſie beſuchen wollte. Und als jetzt im Vorgemach eine Bewegung ent⸗ ſtand, da war es wirklich ihres Schwagers Stimme, welche ſie nebſt einer andern hörte. Ach das Gewiſſen, das Gewiſſen! Viola's Athem war wie gehemmt. Sie glaubte, Emil müßte ſehen, was vorging. Emil trat in Geſellſchaft des Kriegsrathes ein. Immer bleicher beugte ſich Viola gegen die Rück⸗ lehne des Stuhles vor, an welchem ſie ſtand. „Wie ſteht es mit Dir, meine liebe Schwägerin?“ rief Emil, indem er voreilte und die Hand der jungen Frau ergriff.„Severin hat mir den Vorſchlag gemacht, heraufzugehen und nach Deinem Befinden zu ſehen, da Du heute nicht in die Anlage gekommen biſt.“. „Dieſer unglückſelige Brief,“ ſagte der Kriegsrath mit vollkommen ſicherer Stimme,„hat einen ſtarken Eindruck gemacht.“ Er ſah zu gleicher Zeit Viola an und in ſeinen rung Brun⸗ „daß roßer Zwei⸗ 3 zu⸗ aber dürf⸗ thei⸗ um ſitzen pfan⸗ ihr ollte. ent⸗ nme, ubte, kück⸗ in 2“ ngen acht, „ da rath urken inen 343 Augen lag ein Vorwurf, ernſter als Worte zu geben vermochten. „Unendlich kindiſch!“ ſagte dieſer Blick.„Brauchteſt Du etwas anderes zu empfinden als Stolz und Zuver⸗ ſicht?... Siehſt Du,“ ſagte er weiter(denn es war ein langer Augenwurf),„ich habe Deine ungerechte Furcht geahnt und deßhalb eine Geſellſchaft mit mir genommen.“ Viola wurde ſogleich ruhig wie ein ängſtliches und aufgeſchrecktes Kind, wenn es aus der Finſterniß in das Sonnenlicht kommt. Emil küßte und ſtreichelte ihre kleinen Hände mit der Freiheit eines zärtlichen Bruders. „Hol' mich der Teufel, meine Liebe, wenn er es verdient, daß Du ihm Schlaf, Nachtruhe oder Thränen opferſt. Ich bin ſo aufrichtig betrübt über die Sache, daß ich es gar nicht ausdrücken kann, und ich ſehe nichts anders, als daß ich Seyerin's klugen Rath be⸗ folgen muß.“ „Zu was hat denn der Herr Kriegsrath gerathen? Setzen Sie ſich, meine Herren, ſo wollen wir ſprechen.“ „Er hat mir gerathen, ganz einfach zu ihm zu fahren und ihn nach dem Schluß der Exercitien wohl oder übel mit mir nach Hauſe zu nehmen. Soviel iſt gewiß, daß, wenn er dieſem Geſchöpf nachreist, die Aktien immer noch ſchlechter zu ſtehen kommen.“ „Der Rath iſt von der Art, wie man ihn vom Herrn Kriegsrath erwarten konnte, und Du biſt der freundlichſte aller Schwäger, daß Du ein ſolches Ge⸗ ſchäft auf Dich nehmen willſt, aber Du wirſt ſchlecht empfangen werden und ſicher kein Gehör finden. Dir, Dir allein kann ich Charles Brief zeigen, dann wirſt Du als ein Bruder und wahrſter Freund ſehen, was zu thun iſt.“ Sie nahm das letzte Schreiben ihres Mannes aus einer auf dem Tiſch ſtehenden Schatulle und händigte 344 es Emil ein; ſodann verließ ſie das Zimmer auf eine Viertelſtunde. Als ſie zurückkam, glaubte ſie aus der flammenden Geſichtsfarbe der beiden Männer die Vermuthung ſchö⸗ pfen zu koͤnnen, daß Emil, welcher das größte Ver⸗ trauen in Severins Urtheil ſetzte, das Verbot über⸗ ſchritten habe. Sie ließ ſich jedoch nichts anmerken. „Es iſt ſo, meine liebe Schwägerin,“ ſagte der biederherzige Emil,„daß ich vor Zorn kaum ſprechen kann. Jetzt entſteht nicht mehr der geringſte Zweifel an meiner Reiſe. Er iſt ja als ein Wahnſinniger zu betrachten.“ „Unter allen Umſtänden,“ fügte der Kriegsrath hinzu,„bedarf es jetzt eines feſten Freundes, der ſeinen wahnſinnigen Ideen ſowohl Geduld als Ruhe entgegen⸗ zuſetzen vermag.“ „Ich will mein Gemüth zu ſtählen verſuchen,“ antwortete Emil...„aber jetzt drängt es mich mit Gewalt, heimzugehen und mich mit meiner lieben Alten zu berathen. Ich bin ganz confus... lebe wohl, liebſte Viola! Severin wird alles aufbieten, um Dich zu ermuntern.“ Und im Nu war Emil fort... *⁴*.* 2.*..⁴.³ 4 Eine gute Weile, nachdem ſie allein gelaſſen worden, ſaßen Severin und Viola ſchweigend einander gegenüber, ſie mit niedergeſchlagenen Augen, er mit offenen Augen betrachtend, wie das Blut auf ihre Wangen kam und wieder verſchwand, und wie die Verwirr ung von neuem ihres ganzen Weſens ſich zu bemächtigen anfing. Als ſie endlich gar nicht aufſehen zu wollen ſchien, machte er Miene zu gehen. Das half. Aber ihr ſchüchterner Blick erinnerte deutlich an die 2 erſten abrei der 4 beide Gefi ſo w den Mut ich d ſo en o ſo und leben Stur für d eine als verb⸗ und ſchwe welch vorfi zu, den? Vert zu, der Wir ſich rden, äber, ugen und euem hien, h an 345 die Zeit, wo das junge Mädchen, hingeriſſen von ihren erſten Ahnungen, vor ihrem Vormund ſtand. „Soll ich gehen? Ich bin bereit dazu. Soll ich abreiſen? Ich bin auch dazu bereit; denn ich finde, daß der Augenblick, den wir geſtern erlebten, in einem der beiden Herzen, welche damals blos durch ein einziges Gefühl ſchlugen, nur Schmerz hinterlaſſen hat.“ „Wenn ich den Muth beſäße zu ſagen: Reiſen Sie! ſo würde ich hoch in der Meinung des Mannes ſteigen, den ich am hoͤchſten verehre. Aber da ich nicht den Muth beſitze, ein ſolches Wort auszuſprechen, ſo ſinke ich dagegen in ſeiner Achtung, und das iſt's, was ich ſo entſetzlich bitter empfinde.“ „Wenn es blos das iſt, was Ihre Unruhe vermehrt, o ſo ſeien Sie ruhig. Ich bin es ſo müde zu leiden und falſche Rollen zu ſpielen, daß ich mit tiefer und lebendiger Dankbarkeit eine freie Stunde annehme, eine Stunde, in welcher ich tauſende lebe und zum Erſatz für diejenigen, wo das Leben entweder ein Poſſenſpiel, eine Mühe oder ein Begräbnißakt iſt.“ In dieſen wenigen Worten lag mehr Melancholie als in Kapitain Svaberts ſämmtlichen Litaneien von verborgenen Leiden, und trotz der kraftvollen Haltung und friſchen Farbe Severins, glaubte Viola mit über⸗ ſchwenglicher Freude an dieſe Offenbarungen einer Natur, welche ihr immer neu war. Sie wurde kühn in demſelben Maß, wie ihre Un⸗ vorſichtigkeit zunahm— und nahm wohl dieſe je ſchneller zu, als wenn die edelſten ihrer Inſtinkte geweckt wur⸗ den?.. und dieſe wurden jetzt geweckt. Ohne Beſinnung— ſie wollte die ganze Höhe ihres Vertrauens zeigen— ging ſie raſch auf ihren Liebhaber zu, ergriff ſeine Hand und ſagte mit einem Ausdruck der Demuth, des Entzückens und des Stolzes: „Komm und lebe dieſe tauſend Stunden in einer! Wir werden über die Schwärmereien, welche ſie mit ſich führen, nie zu erröthen brauchen, denn mit der 346 größten Zuverſicht, die ein Menſch dem andern widmen kann, ſtelle ich mich freiwillig blos.“ Wie ſah es im folgenden Augenblick aus? Viola ſaß im Ruheſtuhl, ſtrahlend in ihrer lieblich⸗ ſten und vollſten Schönheit, den Kopf zurückgebeugt und die Augen auf ihn geheftet, der zu ihren Füßen ſaß und ſie mit einer abgöttiſchen Verehrung betrachtete. „Wie meine Seele gebrannt und nach der Kühlung eines Augenblicks verlangt hat— und wie himmliſch gut und ſchön ſie ſich jetzt in Deinen Blicken, Deinem Lächeln badet.. ſieh, ob ich mich beherrſchen kann, ob ich Deines Vertrauens würdig bin; ich verlange nicht einmal eine Deiner Fingerſpitzen berühren zu dürfen. Du biſt für mich zu gleicher Zeit eine Heilige, zu welcher ich kaum aufzublicken wage, und ein warmes lebendiges Weib, dem ich mit meinem bloßen Athem zu naben fürchte, denn ich ſelbſt bin es, der meiner Liebe keuſches Heilig⸗ thum bewahrt.“ „Wie Deine Worte mich entzücken und ſelbſt den letzten Hauch von Mißtrauen aus meiner Seele ver⸗ bannen! Und ich, die ich glaubte, die ich fürchtete, die ich darüber weinte, daß Deine Gefühle dort droben ab⸗ gekühlt ſein möchten.“ Beide hatten die geſtrige Uebereinkunft, ſich des Wortes Du nicht zu bedienen, gänzlich vergeſſen. „Ihr Frauen,“ ſagte er,„glaubt immer, daß die Leidenſchaft nicht anders als in Geſellſchaft mit körper⸗ lichen Leiden, hektiſchen Wangen und nachtſchwarzer Laune gedeihe. Ach, das ſind blos Effekte, nach welchen die ſtarke und ernſte Liebe wenigſtens nicht haſcht.“ „Aber bei einem Theil...“ „Du darfſt nicht an Deinen ſogenannten Patien⸗ ten denken— Du denkſt gar zu viel an ihn. Glaube mir, es macht die Männer blos lächerlich, wenn ſie vor der Welt ihre Schwachheit zeigen. Der Mann ſoll ſich nicht feig der Gewaltſamkeit ſeiner Gefühle über⸗ laſſen, ſondern durch nützliche Wirkſamkeit und würdige Anſt zerſtt ſten in de bers Läche in ir gerne Du Dich lich danke Jetzt mals Kapi es C entſet hätte ( im m wie j⸗ in ſei 9 Und ſchlen verzag delt h gehab 347 Anſtrengungen das Uebel zu verringern ſuchen, das ihn zerſtören will. Und ſo großen Kampf es ihn auch ko⸗ ſten mag, ſo ſoll er lieber in jeder andern Geſtalt als in der eines unglücklichen und ſehnſuchtkranken Liebha⸗ bers zu erſcheinen ſuchen, „Alſo lieber in der eines glücklichen Liebhabers?“ Vlola's Augen waren voll von einem ſchalkhaften Lächeln. „Ja, tauſendmal lieber das! Und hätte ich mich in irgend eine andere verlieben koͤnnen, ſo würde ich's gerne gethan haben, denn Dein Bild tyranniſirte mich, Du regierteſt mit eiſernem Scepter.“ „Und jetzt, wenn wir Abſchied nehmen, wirſt Du Dich vielleicht wieder in eine andere verlieben wollen?“ „Nein, jetzt nicht mehr. Jetzt lebe ich ausſchließ⸗ lich für Dich. Fern oder nahe, meine Seele, meine Ge⸗ danken, meine Gefühle wagen es, bei Dir zu verweilen. Jetzt verletzen wir kaum eine Form. Wie anders da⸗ mals, als er Dich liebte und verehrte!“ „Steh auf, ſchnell; um Gotteswillen... da iſt Kapitain Leopold.“ Hätte Viola ſich ängſtlicher geberden können, wenn es Charles ſelbſt geweſen wäre?— Hätte ſie einen entſetzlicheren Ton annehmen können, wenn ſie geſagt hätte: es iſt mein Mann! Der Thürvorhang hatte ſich inzwiſchen noch nicht im mindeſten bewegt, als der Kriegsrath— ſo zierlich wie je ein Cavalier, der auf Beſuch iſt, bereits wieder in ſeinem Lehnſtuhl dem gegenüber der Wirthin ſaß. Aber es ging Severin ein Stich durch's Herz. Was hatte der Kapitain beſtändig hier zu thun? uund jetzt nannte ſie ihn gar Kapitain Leopold und ſchien ſo gänzlich verzagt, daß ſie gewiß nicht halb ſo voeerzagt geweſen wäre, wenn es ſich um Charles gehan⸗ delt hätte. „Ich... ich... fürchte, daß ich das Unglück ggeehabt habe, zur ungelegenen Stunde zu kommen,“ ſagte der Kapitain, dunkelroth und halb ärgerlich, ehe er noch recht wußte, über was er ſich zu ärgern hatte. „Ich glaube das Gegentheil,“ verſetzte der Kriegs⸗ rath verbindlich.„Lieutenant Emil und ich haben uns vergebens bemüht, Frau Marbins üble Laune zu zer⸗ ſtreuen— wir wollen ſehen, ob es Ihnen nicht beſſer gelingt, Herr Kapitain.“ Kapitain Svabert fühlte ſich zugleich gereizt und geſchmeichelt. Er war feſt entſchloſſen, ſeine männllche Würde nicht vor den Artigkeiten des Kriegsraths bloszuſtellen, aber zugleich ſchmeichelte ihm die Hoffnung, daß dieſer ſeine Macht fürchte. „Ich glaube,“ verſetzte Viola, indem ſie ihren zu⸗ letzt angelangten Gaſt einlud, näher zu kommen,„ich glaube, daß Sie ſich nicht als einen läſtigen Gaſt anzu⸗ ſehen brauchen, Kapitain Svabert.“ Es lag etwas Gewinnendes und zugleich Unruhiges in Violas Stimme. Man hätte glauben können, ſie wolle das Urtheil des Kapitains beſtechen. „Madame, dieſe Auszeichnung iſt gänzlich unver⸗ dient, und meine Laune iſt leider allzu kalt und un⸗ regelmäßig, um eine Dame aufmuntern zu können.“ „Ich habe im Gegentheil,“ fiel Severin ein,„nie eine regelmäßigere Laune geſehen als die Ihrige, Herr Kapitain.“ „Darf ich mir die Frage erlauben, Herr Kriegs⸗ rath“— Kapitai Leopold Werther Svabert nahm ſeine ſtolze beleidigte Miene an—„ob Sie ſich die Mühe genommen haben, meine Laune zu ſtudiren 2“ „Ich habe mich nicht darauf gelegt, ſie zu ſtudi⸗ ren: ich habe ſie blos im Vorbeigehen geſehen und be⸗ merkt.“ Den Kapitain Svabert im Vorbeigehen zu bemer⸗ ken, das war ohne Zweifel ſchlimmer als alles Andere. Der gute Kapitain wurde abwechſelnd roth und blaß, aber bevor er ein einziges ſeiner Gefüͤhle ſich ſelbſt rath das. 1 ſprach komm 2 mir„ Wend Offen 7 ren e richtig Sie meine ren E ſo ele tet vo den b 1 1 denn! nen 2 ewige 5 letzten 8 den · ſie ſel entſetz Sie 1 die O niſſe alſo i daß e noch legs⸗ uns zer⸗ eſſer und bürde ellen, dieſer zu⸗ „ich anzu⸗ higes „ ſie nver⸗ d un⸗ 44 *⁴ „nie Herr riegs⸗ ſeine Mühe ſtudi⸗ Id be⸗ emer⸗ ndere. z und e ſich 349 ſelbſt klar machen und ausdrücken konnte, war der Kriegs⸗ rath bereits aufgeſtanden, hatte Abſchied genommen und das Zimmer verlaſſen. Und auch jetzt war immer noch nicht er es, der ſprach— es ſchien handgreiflich, daß er eine Idee be⸗ kommen hatte, die in ihm arbeitete. „Beſter Herr Kapitain,“ ſagte Viola,„ſagen Sie mir, warum Sie ſich in Geſellſchaft des Kriegsraths Wendelsköld immer nicht wohl befinden.“ „Warum,“ antwortete der Kapitain mit einfacher Offenheit,„weil Sie, Madame, ſich ſo wohl darin befinden.“ „Dieſe Antwort war juſt ungefähr, was ich zu hö⸗ ren erwartete. Aber ſagen Sie mir auch ebenſo auf⸗ richtig, was Sie zu einer ſolchen Mißgunſt berechtigt? Sie haben hoffentlich nicht vergeſſen, daß Sie ſelbſt meine Warnung für überflüſſig erklärten?“ „Iſt dieß mein Abſchied,“ ſagte er heftig,„ſo fah⸗ ren Sie nur ohne Umſchweif fort, Madame. Ich bin ſo elend, ſo zerriſſen, ſo gequaͤlt und zu Grunde gerich⸗ tet von dieſen Martern, daß ich halte, meine Leiden wer⸗ den bald ihr Ende erreichen.“ „Aber um Gotteswillen, von was handelt es ſich denn? Herr Kapitain, haben Sie nicht blos Ihre eige⸗ nen Bande, die Sie vor noch nicht langer Zeit als ewige betrachteten, ſondern auch die meinigen vergeſſen?“ Wir wollen nicht verhehlen, daß Viola bei dem letzten Wort ſtark erröthete. Man begreift wohl, daß es ſo ſein mußte, da ſie den Kapitain bat, ſich einer Sache zu erinnern, welche ſie ſelbſt zu vergeſſen im Begriffe ſtand. „Was das iſt, Madame? Es iſt das, daß ich leide, entſetzlich leide unter der fortwährenden Marter, welche Sie mich ausſtehen laſſen. Aber Sie wiſſen ja, daß die Qualen zuweilen dem armen Sünder mehr Bekennt⸗ niſſe ablocken, als man erwartet hat. Laſſen Sie mich alſo unter meinen Martern meinen Glauben bekennen, daß es glücklich für Sie waͤre, wenn jedermann ſich ſo 1 4 3⁵0 genau wie ich an Ihre Bande erinnerte und ſie re⸗ ſpektirte.“ „Kapitain, Kapitain!“ „Aber ſeien Sie überzeugt,“ fuhr er fort,„daß Sie von nun an einen zuverläſſigen Wächter an mir haben werden. Sie haben mir die Ehre erwieſen, mich Ihren Patienten zu nennen, fortan können Sie mich, wenn Sie wollen, Ihren Ehrenwächter nennen; denn bei Gott(wenn ich einmal das ſage, und ich ſage es ohne Erröthen) ich liebe Sie zu innig, um mehr als ein einziges Auge zuzudrücken.“ Nach dieſen Worten eilte der Kapitain fort und ließ Viola in der grenzenloſeſten Beſtürzung zurück. XXXIV. Die Genien der Tugend werden durch Kapitain Svaberts eigenmächtige Beaufſichtigung beleidigt und zeigen, was ſie ohne Hülfe vermögen. Hätte Lieutenant Charles noch ſo innig geliebt wie früher, ſo hätte er während ſeiner Abweſenheit keinen würdigeren Vertreter wählen können, als Kapitain Werther Svabert. Er würde ſicherlich deſſen eigene ſichtbare Leiden⸗ ſchaft überſehen haben, blos um die unglaubliche Kunſt⸗ fertigkeit und die ganz unerklärliche, ja rein fabelhafte Vorſicht zu würdigen und zu bewundern, womit der Kapitain alle Bemuͤhungen des Kriegsraths, um Viola ſogar nur einige Augenblicke allein treffen zu können, zu nichte machte. Der Kapitain hatte ſeine Empfindlichkeit gänzlich abgelegt: er war nach allen Richtungen hin unnahbar. Wenn Viola Morgens vom Hauſe wegging, um Jean Anla Kapi zierg wer Frau oder unter allen Kapit behrli gaſt i in die Wohr hinde fühl wechſ ( den; und2 5 Fall komm ſer R. heit u ſich in er ſie 2 ſpreche ſeine C habe fungir 351 Jeanne Sophie abzuholen, in deren Geſellſchaft ſie die Anlage beſuchte, wer ſtand da und wartete auf ſie? der Kapitain. 3 Bei dem fröͤhlichen Treiben draußen auf den Spa⸗ ziergängen, bei den kleinen Mahlzeiten unter den Zelten, wer war beſtändig dienſtfertig an der Seite der jungen Frau? der Kapitain. Nachmittags in der Geſellſchaft— ſie mochte klein oder groß ſein— wer drängte ſich da zu der Schönſten unter den Schönen vor und hielt den Platz frei von allen heimlichen und vertraulichen Mittheilungen? der Kapitain. Er hatte ſich ſogar für Jeanne Sophie ſo unent⸗ behrlich gemacht, daß er eingeladen wurde, als Alltags⸗ gaſt in ihren kleinen Theil des Hauſes zu kommen, und in dieſem Theil mußte Viola ſein, wenn ſie ſich in der Wohnung ihres frühern Vormundes befand. Etwas war es inzwiſchen, was der Kapitain nicht hindern konnte, aber juſt das verbot Severins Zartge⸗ fühl und Klugheit am meiſten, nämlich ein Brief⸗ wechſel. Ein Brief konnte fehlgehen und aufgefangen wer⸗ den; Briefe waren Kontrebande, beſonders ſo lange er und Viola ſich ſo nahe bei einander befanden wie jetzt. Aber inzwiſchen vergingen die Tage. Im beſten Fall konnte Emil in Geſellſchaft des Ehemannes zurück⸗ kommen, und dann hatte Viola ihre Pflichten nach die⸗ ſer Richtung hin; Pflichten, welche ſie mit Treue, Fein⸗ heit und Verſtand erfüllen mußte, denn je würdiger ſie ſich in ihrer ſchweren Lage benahm, um ſo mehr mußte er ſie anbeten... Wir wollen nichts von den freundlichen Gefühlen ſprechen, welche Severin dem Kapitain zum Lohn für ſeine Dienſtfertigkeit widmete. Endlich kam er auf den Gedanken, der Kapitain habe Violas eigne Erlaubniß, als ihr Ehrenwächter zu fungiren, ein Argwohn, in welchen der alte Livelius 35² lachend einſtimmte, denn er fand ſich jetzt ſo gut wie überflüſſtg. Ach wie weit war inzwiſchen Viola entfernt, einen ſolchen Vorwurf zu verdienen! Sie zeigte dem Kapitain mehr als oft die aller ungnädigſten und ſauerſten Geſichter, die noch je eine Duenna erhalten hat. Aber der Kapitain läͤchelte und wies mit vieler Grazie ſeine großen Zähne. „Ich verſichere Sie, Herr Kapitain,“ ſagte ſie eines Morgens, daß Sie mich in der That blosſtellen, was wird die Welt von einer ſolchen Zudringlichkeit ſagen?“ „Sie wird entweder ſagen:— was die Wahrheit iſt— daß ich ein geborner Finne bin, und daß die Halsſtarrigkeit der Finnen weltkundig iſt; oder wird man ſagen, daß ich ein armer Narr bin und vergebens meine Kohlen verbrenne. Ich habe meinen Beſchluß zum Voraus gefaßt. Dießmal laſſe ich die Welt auf meine Koſten lachen.“ „Aber Ihre männliche Würde köoͤnnte dadurch verletzt werden, Kapitain Svabert?⸗ „Welche zärtliche Fürſorge, Madame! Die Theil⸗ nahme, die Sie mir beweiſen, wird die Wunde heilen.“ „Theilnahme— nein, ich glaube nicht, mein guter Kapitain Svabert, daß eine ſolche ſtattfindet.“ .„Dann muß ich ohne ſie leben, ſo gut ich kann.“ „Nun, Herr Kapitain, wenn Sie mich durch dieſe Zudringlichkeit reizen und ermüden...“ „. ſo tröſte ich mich mit der Ueberzeugung, et⸗ was beſſeres verdient zu haben.“ „Aber,“ ſiel Viola jetzt ernſtlich gereizt ein,„wenn ich Ihnen verböte, ſich bei mir zu zeigen?“ „In dieſem Fall“— der Kapitain betonte etwas ſtark—„würde ich erzählen, warum Sie es gethan 2 buhler hätten, Frau Marbin.“ einſylt die He T Parke der m Allee A zu En Liebha 9 Stund zur w K den T nicht traulie 5 Du a Hältſt wecken Der — einen aller eine 353 „Das heißt, Sie würden einen andern Vorwand erfinden, als denjenigen, den ich ſelbſt angebe, nämlich: daß ich müde bin.“ „Ich glaube, ſo gut gekannt zu ſein, daß niemand mir eine ſolche Erfindung zutraut.“ „Sagen Sie mir wenigſtens den Grund dieſer Ver⸗ folgung?“ „Sie wiſſen ihn ja, Frau Marbin.“ „Es iſt alſo der, daß Sie ſich verhaßt machen Polleie Herr Kapitain?“ 77 a.“ Es lag ſo viel Heldenmuth und Edelmuth in dieſem einſylbigen Ja, daß Viola ſchnell beſiegt war und ihm die Hand reichte. Das Geſpräch fand auf einem Spaziergang im Parke ſtatt und wurde von dem Kriegsrath beobachtet, der mit ein paar andern Damen in der parallellaufenden Allee ſpazierte........................ An demſelben Abend— denn jetzt war alle Geduld zu Ende— erhielt Viola das erſte Billet von ihrem Liebhaber: „Was ſoll ich glauben? Nicht genug, daß Du mit ihm eine ganze halbe Stunde allein ſpazieren geheſt, Du reichſt ihm auch noch zur weitern Aufmunterung die Hand. Du thuſt, als ob Du nichts ſäheſt, wenn mein Blick den Deinigen ſucht: Du ziehſt Dich ſcheu zurück, als ob nicht zwiſchen uns ein Augeablick göttlich reiner Ver⸗ traulichkeit ſtattgefunden hätte. Viola, Viola, bei Gott, ich glaube nächſtens, daß Du abſichtlich dieſem ganzen Treiben ſeinen Gang läſſeſt. Häͤltſt Du es etwa für noͤthig, meine Eiferſucht zu wecken? Ich kann nicht eiferſüchtig werden auf den Neben⸗ buhler, den Du mir gegeben haſt, aber 15 verliere die Der Vormund. II, 3⁵4 Geduld, und wenn man dieſe verliert, ſo iſt allen Thor⸗ heiten ein freies Feld geöffnet. Ich muß Dich treffen. Erſinne ein Mittel, dann werde ich ſogleich ruhig und geduldig. G,4 Violas Antwort: „Wie kannſt Du ſo verächtlich von mir denken? Ich ſollte eine ſolche Berechnung haben? Aber ich muß das Benehmen des Kapitains achten. Es iſt zwar höchſt unangenehm, aber außerordentlich edel. Wo ſoll ich dieſes Mittel finden, das Du verlangſt? Ich kann mir nichts denken. Ich zerbreche mir den Kopf darüber ſo ſehr— o ſo ſehr! Gott muß es nicht wollen⸗............... Am folgende Tage kam ein neues Billet, das alſo lautete: „Deine Antwort hat mich heftig aufgeregt. Sie war kalt, klug, berechnend. Bekomme ich vor heute Abend keinen beſſeren Be⸗ weis Deiner Gefühle, ſo treffe ich morgen Anſtalten zu meiner Abreiſe auf übermorgen”“........ Rathlos, voll Kummer, voll Seligkeit, voll Schmerz und Angſt kam Viola denſelben Nachmittag zu Jeanne Sophie, wo ſich wenigſtens eine Möglichkeit vorfinden mußte, ein paar beruhigende Worte zu wechſeln. Die beiden jungen Frauen ſaßen mit ihren Arbeiten im Garten. Der Kapitain war gewiß durch irgend ein beſonde⸗ res Ereigniß aufgehalten worden, denn noch war er nicht angekommen. Jeanne Sophie, welche Severins Benehmen Tag für Tag genau ins Auge gefaßt, hatte nicht das mindeſte entdeckt, was ihren Kummer wecken konnte. und als e genir daß Freu einig weiſe welch läſtig vorh rathe ſeher Alte: Neu bis einen mit Mal very es 1 ſelbf Kap ich, Thor⸗ ruhig 74 . achten. dentlich enken? langſt? lir den 3 nicht as alſo en Be⸗ lten zu .*. chmerz Jeanne prfinden . rbeiten eſonde⸗ var er en Tag nindeſte Er beſaß eine außerordentliche Selbſtbeherrſchung, und deßhalb wagte ſie an keine Nebenabſicht zu denken, als er jetzt auf die Frauenzimmer zukam und ganz un⸗ genirt ſagte: „Meine beſte Frau Jeanne Sophie, erlauben Sie, daß ich Sie auf eine halbe Stunde der Geſellſchaft Ihrer Freundin beraube— ich habe ihr unter vier Augen einige Worte zu ſagen, im Fall ſie mir die Ehre er⸗ weiſen will, meinen Arm anzunehmen.“ Viola erhob ſich, glühend wie die Camelie, mit welcher ſte ſpielte. Aber ohne ein Zeichen von einer be⸗ läſtigenden Unruhe— obſchon ſolche, Gott weiß es, vorhanden war— legte ſie ihre Hand in des Kriegs⸗ raths Arm. Jeanne Sophie hatte Violas Röthe nothwendig ſehen müſſen, aber ſie dachte dabei: „Armes Kind, ihre Erinnerungen haben ſie zu dem Alten zurückgeführt.“ Jeanne Sophie wußte nicht, daß ſich bereits ein Neues vorfand. Keine der ſpazierenden Perſonen ſprach ein Wort, bis ſie zu der entlegenſten Laube gekommen waren. Aber die halben Blicke hatten ſchon zum Voraus einen ganzen Band geſprochen. „Setz' Dich hier zu mir und laß mich frei und offen mit Dir reden, wie ich reden muß, oder aber zum letzten Mal dieſe Feſſeln zerbrechen.“ „Wenn nur... wenn nur Jeanne Sophie ſich nicht verwundert.“ „Ach, Du denkſt alſo an Jeanne Sophie, während es uns gelungen iſt, einen einzigen Augenblick für uns ſelbſt zu gewinnen— denkſt Du nicht auch an den Kapitain?“? „Warum das? O Severin, Du weißt wohl, daß ich, wenn ich für mich ſelbſt fürchte, zugleich für Dich 3⁵⁶ fürchte. Wie würdeſt Du mich betrachten, wenn meine Ehre in den Augen der Welt litte!“ „Habe ich je Deine Chre blosgeſtellt? Bin ich nicht himmelweit von jedem Gedanken daran entfernt? Kann eine ſo einfache Sprache, wie ich ſie mir ſoeben erlaubte, verkannt werden? Suchen nicht juſt unreine Abſichten das Dunkel?“ Seine Fragen ſtürzten über einander, und während er fragte, beugte er ſich immer mehr vor, um in Violas Geſicht die Antwort zu leſen. Und die Antwort war in eine andere Frage zuſam⸗ mengefaßt, die unter einem ſtillen Seufzer ausgeſprochen wurde: „Was forderſt, was wünſcheſt Du?“ „Deine Liebe— eine tiefe, unermeßliche, heilige und dennoch verſengende Liebe, eine ſolche, wie meine eigene iſt..“ Die junge Frau begann mit ängſtlicher Scheu ſich umzuſehen. Welcher Art waren die Blicke, welche die ihrigen ſuchten? Hatten ſie eine Aehnlichkeit mit den milden, vollkommen reinen Blicken, die ſie vorher geſehen hatte, oder hatten ſie nicht beinah mehr Aehnlichkeit mit jenen koſenden, bittenden Blicken, vor denen er ſie ſo zärtlich gewarnt, und von denen er ſelbſt geſagt hatte, ſie glei⸗ chen denjenigen, welche der Verſucher gebrauche, wenn er eine Seele ins Verderben locken wolle? „Meine Viola, meine Angebetete, meine Innig⸗ geliebte, ſag', warum Deine Augen ſo ſorgfältig den meinigen ausweichen? Fürchteſt Du ſo ſehr die Gefühle zu ſehen, die ich ſonſt ſo gut zu verbergen vermag?“ „Ja ich fürchte... ich fürchte... ich glaube . daß... Ihre Furcht verband ſich mit der ſchrecklichen Erin⸗ nerung an ſeinen Brief. „Was glaubſt Du?“ „Daß wir umkehren müſſen; komm, Severin, laß 3⁵⁷ meine uns gehen... wir müſſen uns begnügen, einander in 1 Geſellſchaft zu treffen.“ nicht„Und Du ſollteſt lieben?“ brach er verdrießlich los. Kann„Dein Herz ſollte einen einzigen der Schläge erwiedern, aubte, welche das meinige in Bewegung ſetzen? O nein, ich ſichten ſehe es wohl: ich habe geträumt! Ein eiſiger Hauch hat meine himmliſchen Selbſttäuſchungen entführt. Aber ührend woher iſt dieſer Hauch gekommen— antworte... Biolas antworte!“ „Es iſt ein Geheimniß, das ich nicht verſtehe, aber uſam⸗ das iſt ſicher... ja das iſt ſicher, daß ich eine Ciskälte rochen empfinde, welche...“ Severin betrachtete ſie mit Angſt. „Eine Eiskälte, und Deine Hand brennt heiß in heilige der meinigen, Viola!“ meine„Ach Du haſt mich betrogen: Du ſollteſt meine Hand nicht ergreifen und jetzt...4 eu ſich„Jetzt bedecke ich ſte mit meinen Küſſen, und Du wendeſt Dich ab, und Du haſſeſt mich, und Du weinſt hrigen über mich!“. nilden,„Ja, ich weine, denn jetzt iſt meine himmliſche Zu⸗ hatte, verſicht zu Ende.“ jenen„Und gleichwohl verlange ich jetzt einen Beweis artlich derſelben— einen unermeßlichen Beweis.“ e glei⸗„Was denn?“ ſtammelte die junge Frau. wenn„Daß Du den Muth haſt, zu geſtehen, daß das, — was Du ſoeben ſagteſt, eine jener ſublimen Unwahrhei⸗ Innig⸗ ten war, welche das Weib zum Range einer Heiligen ig den erheben.“ defühle Viola ſchüttelte den Kopf mit einer verneinenden ag?« Geberde. glaube„Dieſe Kälte, dieſe Eiskälte, ſie kann nicht...“ 4„Severin, was forderſt Du! Biſt Du es, der edelſte Erin⸗ und feinfühlendſte aller Menſchen, der dieſen grauſamen Egoismus zeigt?“. „Es iſt ganz einfach der Mann, der Dich mit der n, laß Fyoͤchſten Reinheit ſeiner Seele liebt, zugleich aber mit ä⅛⅓— 358 der hoͤchſten Gluth der Sinne, und der nicht aus grau⸗ ſamem Egoismus fordert, ſondern in Demuth um die Wahrhelt bittet. Iſt es für Dich ein ſo hohes Opfer zu geben? Was opfert nicht er Dir?“ „Entſagſt Du dem Gedanken, uns je wieder allein zu treffen?“ „Werden wir nicht Abſchied nehmen?“ „O ewiger Vater— Abſchied... nein, Severin .. Du gedenkſt doch nicht abzureiſen?“ „Was ſoll ich ſonſt thun? Ich kann hier nicht leben, wenn ich Dich nicht einmal ohne andere Zeugen, ols Gott und unſer Gewiſſen, treffen darf... aber Du willſt, daß ich abreiſe.“ „Gott, Gott, das iſt ein ſchrecklicher Augenblick... o Du ſollſt nicht reiſen.“ „Soll ich denn vergehen?“ Viola antwortete nicht. Aber ſie ſah ihn an. „Ah, ich merke an Deinem Blick, daß Dein Mitleid zu erwachen beginnt. Wann empfängſt Du mich? Mor⸗ gen... ja morgen... aber wie.. ſehe ich wieder dieſe Verwirrung, die mich zu gleicher Zeit entzückt und tödtet. Sei barmherzig, mein Engel, mein herrlicher, mein holder Engel!“ Ein heftiger Kampf ſtand auf dem Geſicht der jungen Frau zu leſen. So entſetzlich war ſie noch nie geprüft worden. Aber ein Blitz— es war ein Gedanke an ihre ge⸗ liebten Tanten, die milden Pflegerinnen ihrer Jugend — theilte plötzlich dieſes Dunkel, das ſie umſpinnen wollte. Sie mußte einen großen Entſchluß faſſen. Denn fortwährend war es der Verſucher, der in dieſen ſchönen bittenden Augen auf der Lauer ſtand. Sie ſchauderte und ſtieß ihn zurück. „Höoͤre mich an,“ flüſterte ſie. „Ich höre Dich wohl— Deine Worte geben mir das L Tod i 7 von m Beken mache 7 aber eben vor d trenn ich. gleich erhal Sinn einer edlen ſprur blick Mut liebe uns den Höh wenn als der Vat aufſ track hina geſte rau⸗ die pfer llein derin eben, ols Du ... tleid Nor⸗ eder und cher, igen rüft ge⸗ gend inen in mir das Leben oder den Tod! Das Leben iſt bei Dir, der Tod iſt fern von Dir.“ „Nein, grade das Gegentheil: das Leben iſt fern von mir, der Tod iſt nahe. Du verlangteſt ſoeben ein Bekenntniß, von welchem ich glaubte, daß ich es nie machen könnte.“ 1 „Ach, Du geſtehſt alſo!“ „Ja, ich geſtehe, daß ich eine Unwahrheit ſagte, aber da ich zu gleicher Zeit eingeſehen habe, daß ich eben ſo ſehr vor meiner eigenen Schwachheit bebe, wie vor der Deinigen, ſo ſchwöre ich feierlich, daß wir uns trennen werden, und was ich geſchworen habe, das halte ich. Dieß iſt unſere letzte Zuſammenkunft. Du ſollſt gleich Morgen abreiſen und Gott wird uns beide aufrecht erhalten.“ „Und ich,“ rief Severin, von deſſen ſchwindelnden Sinnen die brennende Wolke ſich ſchnell wegzog, um einer geläuterten Flamme Platz zu machen, die in ſeiner edlen, jetzt von heiligen Gefühlen belebten Seele ent⸗ ſprungen war, nich ſchwöre, daß Du von dieſem Augen⸗ blick an mir ſo heilig biſt wie die Erinnerung an meine Mutter. O wie ſegne ich Deine erhabene Wahrheits⸗ liebe, wie ſegne ich Deine Stärke! Ja wir werden uns trennen, für immer trennen, meine Viola, wir wer⸗ den uns freiwillig trennen, durch uns ſelbſt, durch die Höhe unſrer Liebe, die vielleicht geſtorben ſein würde, wenn man ſie mit dem Staub der Erde beſchmutzt hätte .. und ich begehre von Dir keinen andern Abſchied als dieſen.“ Er beugte ſich hinab und drückte auf die Stirne der jungen Frau einen Kuß, ſo mild und rein wie ein Vater ihn ſeiner Tochter gegeben haben würde. „Ach ich wußte es wohl,“ ſagte Viola, indem ſie aufſtand und ihn mit Blicken namenloſen Entzückens be⸗ trachtete,„ich wußte wohl, daß Du nie von der Höhe hinabſinken würdeſt, auf welche meine Verehrung Dich geſtellt hat. Auch iſt mein Herz trotz der Qualen, welche —x— 360 es erwarten, erfuͤllt von Seligkeit Wie werde ich meine Dankbarkeit gegen Gott zeigen können, der uns gerettet hat, gegen Gott, der uns nicht mehr verläßt!“ „Ich kenne eine unglückliche Familie, unglücklich juſt weil die Gattinn nicht Deine Kraft, nicht Deinen hohen Werth beſaß. Dieſe Familie, die auf dem äußer⸗ ſten Rand des Elends ſteht, werde ich mit all' meiner Macht zu beſchützen und in ihrem innerſten Leben zu verſöhnen ſuchen. Siehe da meine Dankbarkeit gegen Dich,— ſiehe da das Verſprechen, welches Dir meine ewige Treue zuſichert“...4. *,*.** 24*..2*.⁴.*.*** **...* In dieſem Augenblick kam Kapitain Svabert ganz athemlos gegen die Laube herangeſprungen. Er konnte kaum reden, der gute Kapitain, als er neben ihm ſland. Severin ſtreckte ſeine Hand aus und drückte die des Kapitains mit einer Treuherzigkeit, von der er früher keine Spur gezeigt hatte. „Der Herr Kriegsrath,“ ſagte Viola ſchnell,„hat mir mitgetheilt, daß unvermuthete Angelegenheiten ihn ſogleich nach Stockholm zurückriefen.“ „Was.. wie... Sie reiſen ab, Herr Kriegs⸗ rath... das iſt ja eine recht...“ „... angenehme Neuigkeit?“ fiel Severin ein. „Ich will ſo ehrlich ſein, es nicht zu läugnen. Und,“ fügte er mit ſeinem alten melancholiſchen Ton hinzu, „ich glaube nicht, Herr Kriegsrath, daß Sie Urſache haben, irgend einen Neid zurückzulaſſen.“ Am folgenden Tag erſcholl ein allgemeines Seuf⸗ zen und Wehklagen in der Stadt. Der Kriegsrath Wendelsköld war unvermuthet auf ſeinen Poſten in der Hauptſtadt zurückgerufen worden, und mit ihm ging die glänzende Periode der improvi⸗ ſirten Brunneneinrichtung zu Ende. at Fünfte Abtheilung. ganz. Die letzten Akte des Dramas. ls er 1 die 5 6 küher Wehe dem, der mit dem Leben ſpielt! Die Zeit nimmt Rache, und der Hoffnungsſtern „hat Verfinkt in blutbeſpriztem Grabesdunkel, 1 ihn Ob er auch kaum noch ſtrahlenhell gefunkelt. Der Lebensglocke letzter Ton verhallt, Mit Sturmes Haſt in oͤden Raum verweht. Carlen. “ — 4 warf 5 wegte nach Komn ( zum blaſen 7 XXXV. Ein entſchleiertes Geheimniß. Die Mittagsfonne ſtand blutroth am Himmel und warf ihre verſengenden Strahlen über eine große Ebene. Auf dem afrikaniſch heißen Boden der Ebene be⸗ wegte ſich eine Menge Menſchen hin und her, nicht nach eigenem Behagen, ſondern nach dem Takt des Kommandowortes. Gewehre blitzen, Federn wehen, der Staub ſteigt zum Himmel empor, Trommeln wirbeln, und Hoboiſten blaſen friſche Melodien, während ſie vor Mattigkeit bei⸗ nahe zuſammenſinken. Es iſt eine Scene voll von glänzendem Leben, wo⸗ bei jeder Seele zu Muth iſt wie im Fegfeuer. Der Platz bildet eine Exercierhaide. Und da es Sonntag iſt, ſo wird Gottesdienſt ge⸗ eiert. Aber die armen Soldaten ſehen mitunter aus, wie gottserbärmliche Sänder. Um was ſie vermuthlich am eifrigſten beten, das iſt ein gutes Ende dieſer Andacht. Und ohne Zweifel verrichten die Officiere daſſelbe Ge⸗ bet— wentlgſtens ſchwebt es mit aller Sicherheit auf den Lippen eines der Lieutenants.. Und jetzt iſt mit Gottes Hülfe der Pſalm zu Ende. Die regelmäßigen Bewegungen bringen wieder Leben in die Bildſäulen, die Märſche beginnen, und auf der Seite — ihre Degen, die kommandirenden Offciere. 1 der ſchweißtropfenden Parade gehen, ſteif und grade wie Einer von ihnen beißt und ſaugt an ſeinem Schnurr⸗ bart mit einer Energie, welche beweist, daß er nicht blos durch die Einwirkung der Sonne, ſondern auch durch eine verzehrende Unruhe leidet. Wie göttlich, endlich ausruhen zu dürfen in den kleinen, weißen, mit Segeltuch bedeckten Zelten, welche reihenweiſe auf dem Felde glänzen! Und wie irdiſch göttlich endlich, den armen Leib mit einfacher irdiſcher Nahrung und den Säͤften irdiſcher Trauben erfriſchen zu dürfen! Aber dieſer Officler, von dem wir geſprochen haben, unſer Freund Charles, empfindet kein Bedürfniß nach etwas anderem, als nach der Einſamkeit, denn ſeine Sinne befinden ſich unaufhörlich in einem ſolchen Gäh⸗ rungsprozeß, daß er bereit iſt, mit jedem Kameraden, der ihn zufällig anſieht, Händel zu ſuchen. In dieſem Augenblick verfügte er allein über die luftige Wohnung, da ſeine Zeltkameraden ſich's angele⸗ gen ſein ließen, ihr Leben auf eine andere Art zu ge⸗ nießen. Wir ſehen alſo die Ebene jetzt leer, mit Ausnahme der einen und andern Gruppe, welche nach dem Wirths⸗ hauſe zuſtrömt; aber durch dien Zelttücher hindurch dringen muntere Töne, blitzende Einfälle, ſchläfrige Ein⸗ fälle, alles durcheinander. Wir haben gleichwohl keinem andern folgen können als Charles, der in dem Augenblick, wo er in ſein proviſoriſches Haus eintrat, ſogleich einen Gegenſtand entdeckte, welcher ſeine Aufmerkſamkeit dermaßen feſſelte, daß er ſich kaum Zeit nahm, Tſchako, Degen und Rock abzuwerfen, bevor er den bezeichneten Gegenſtand an ſich riß, einen Brief, mit welchem er ſich haſtig auf⸗ das Feldbett niederwarf. Aber welche dienſtbare Geiſter hatten mit ſeiner Einbildungskraft ihr Spiel getrieben, daß er nicht merkte, daß die Aufſchrift von einer ihm gänzlich unbe⸗ kannten Hand warr nurr⸗ nicht auch n den velche irdiſch diſcher liſchen jaben, nach ſeine Gäh⸗ raden, er die ngele⸗ zu ge⸗ nahme zirths⸗ ndurch 2 Ein⸗ önnen n ſein nſtand eſſelte, d Rock nd an ig auf. ſeiner nicht unbe⸗ 36⁵ Er hatte ein ſolches Bedürfniß, an eine Widerle⸗ gung des Briefes ſeiner Frau zu glauben, daß er blind⸗ lings vorausſetzte, dieſer Brief komme von Malvina, Malvina, gegen welche man ſo erbärmlich intriguirt habe, Malvina, die er mit einem an Narrheit grenzen⸗ den Wahn liebte, Malvina, die, obſchon in der Ferne, alle ſeine Martern begriffen habe, und von ſeiner Angſt gerührt, ihm einen Beweis ihrer treuen Liebe ſandte, einen Beweis, der ihn überzeugen müßte, daß ſie nie⸗ mals die Opfer vergeſſen könne, die er ihr gebracht, um deren Willlen er noch mehr opfern wollte. Es war einige Tage, nachdem er die Antwort an Viola geſchickt hatte, und noch flammte ſein Herz von glühendem Verdruß gegen ſie, und von glühendem Ver⸗ druß gegen dieſe unſelige, abſcheuliche Subordination, die ſeinen Körper hieher feſſelte, während ſeine Seele ſich auf weiten Irrfahrten nach der verführeriſchen Mal⸗ vina befand. Einige Male hatte der Höllengeiſt des Zweifels ſein Gehirn heimgeſucht, aber es war dann ein ſolches Chaos geweſen, daß er in dieſem Wirrwar zu vergehen glaubte, der ſich bis auf ſein Herz erſtreckte, welches vor Entſetzen über ſeine eigene wirren Ahnungen bebte. Manchmal ſagte er: „Ich habe meine Frau ſchimpflich beleidigt, aber ſie hat ſich mit einer beiſpielloſen Grauſamkeit gerächt, wofür ich ſie auch haſſen werde, ſo lange ich lebe. „Kann man ſich Qualen denken, die denjenigen glei⸗ chen, welche ſie in meine Seele hinein geworfen hat— und dabei dieſer ruhige, zärtliche, verſöhnliche Ton, der den Verirrten zurückführen will. Ha, die Weiber! juſt während ſie mit vergifteten Pfeilen ihre Opfer ver⸗ wunden, ſprechen ſie von Barmherzigkeit, Verzeihung und Verſöhnung. „Und Viola, die Reinherzige und Edle— denn früher war ſie das— wie hat ſie ſich zu einer ſolchen Rolle verſtehen können? —— „Sie geht zu Malvina, ſie treibt ſie mit Hohn und Uebermuth fort— aber das war noch nicht genug: ſie mußte ein nachtſchwarzes Mährchen erfinden, um ihre Nebenbuhlerin in meinen Augen zu beſudeln, und dieß zu einer Zeit, wo ſie vielleicht ſelbſt ihre Pflicht ver⸗ gaß... nein, das hat ſie nicht: ich will ihr nicht Un⸗ recht thun.“ Dieß waren die Gedanken, die er gehabt hatte. Jetzt wollen wir diejenigen belauſchen, die er ge⸗ genwärtig hat. Juſt als er im Begriff ſtand das Siegel aufzu⸗ reißen, bemerkte er, daß es von einer eigenthümlichen, ganz verdächtigen Beſchaffenheit war. Statt der Taube mit einem Olivenblatt im Schna⸗ bel, womit Malvina ihre Briefe zu ſiegeln pflegte, ſah er einen groben Knopf abgeprägt. Wer mochte ſich wohl eines ſolchen Siegels bedle⸗ nen? Und das ganze Aeußere des Briefes, als er ihn jetzt umwandte, erſchien ihm immer ſonderbarer. Ein grobes Papier, eine nachläſſige und ganz eigen⸗ thümliche Art des Zuſammenlegens, eine große, un⸗ gleiche, ungeübte Frauenzimmerſchrift an der Adreſſe, und ſein Name folgendermaßen geſchrieben: „Her Leitnamt Scharles Marrbin.“ Der Brief konnte nicht von Malvina ſein. Und da er nicht von ihr war, was bekümmerte er ſich alſo um dieſen garſtigen Brief, der ſtatt deſſen viel⸗ leicht von irgend einer älteren, zweideutigen Bekannt⸗ ſchaft kam?— Er ſtand im Begriff, das verachtete Geſchreibſel in eine Ecke zu werfen; aber jetzt kam ihm eine neue Idee. Um ſich beſſer zu verbergen, hatte Malvina viel⸗ leicht dieſe Form gewählt. Ja, ſo war es... und im Nu fühlte er ſich verſucht, das abſcheulich grobe Knopfſiegel zu küſſen. iſt ur gänz! eine ſie m ſer 2 bekon dor 1 die b juſt einen unſer geher wiſſe n und g: ſie ihre d dieß t ver⸗ t Un⸗ te. er ge⸗ nufzu⸗ lichen, öchna⸗ , ſah bedle⸗ er ihn eigen⸗ „ un⸗ dreſſe, erte er ; viel⸗ kannt⸗ reibſel e neue a viel⸗ und grobe 367 Aber wie wird ihm, als der Brief endlich geoffnet iſt und drei Papiere herausgleiten! Was liest er in dieſen Papieren, da ſeine Geſtalt gänzlich zuſammenzufallen ſcheint und uns zeigt, wie eine lebendige Leiche ſich bewegen würde, wenn man ſie mit dem Galvanismus in Verbindung brächte! Es iſt etwas Schreckliches, Charles beim Leſen die⸗ ſer Briefe zu beobachten. Von zwei von ihnen haben wir bereits Kenntniß bekommen, nämlich von Malvina's Brief an Herrn Feo⸗ dor und Herrn Feodor's Brief an ſeine andere Geliebte, die berechnende und vorſichtige Jungfer Karoline. Und juſt ſie iſt es, die dieſen dritten Brief geſchrieben hat, einen Brief an ihren früheren Herrn. Wir legen ihn hier vor. „Guter Her Leitenamt. ¹ Sie wiſſen, daß ich mich bei der Druppe, die in unſer Stadt ſpielt, engaſchirt habe. Und ich darf Ihnen wohl ſagen, daß es recht gut gehen könnte, wenn nicht gewiſſe leute die Ruhe ge⸗ wiſſer anderer leute zerſtörten und ſich zu einem leben⸗ digen Spektakel für diejenigen machten, die ſchon Spek⸗ takel genug im Theater haben und daheim auf dem eignen Zimmer keinen Spektakel mehr brauchen. Her Leitenamt, Sie werden ſich wohl gräulich verwundern, einen Brief von mir zu bekommen, aber ſie waren immer ſo ungeheuer ordentlich gegen mich, daß ich bartu nicht dulden kann, daß ſie die Spiel⸗ puppe einer gemeinen Lumpendirne ſein ſollen, welche nicht einmal werth iſt, daß ſie ihre Stiefel an ihr abbutzen. Aber ſie können das gewiß nicht begreifen, wenn ich ihnen nicht genauer ſchreibe. Sie können ſich von den beiden inliegenden Brie⸗ fen vieles erſehen. Der eine iſt mein eigener Brief und den andern habe ich aus Hern Feodors Schadulle genommen, und dann brauchen Sie, um alles zu er⸗ — 368 fahren, weiter nichts mehr als dieſen letzten, worin ich ihnen die Sache erzählen will, denn ich will nichts von den Schikanen und Unflättereien vor meinen Augen wiſſen, ſondern ihnen ein Ende machen. Ich habe immer meine ſchwachen Seiten für die Anſtendigkeit gehabt, und anſtendig will ich ſein, ſo lang ich lebe. Aber das war es nicht, von was ich ſprechen wollte. Als ihro Gnaden Malvina auf eine ſo ehrenrih⸗ rige Weiſe ſie drankriegte, daß ſie ihr die große Geldſumme gaben, welche ſie dann Feodor gab und Feodor hernach mir gab, worauf ich ſie als Ausſteuer für meinen Bräutigam aufhob, ſo hätte ſie ruhig auf Stjernvik ſitzen und ſich, wie ſie glaubte, in Geſell⸗ ſchaft mit Feodor luſtig machen mögen. Aber als Feodor ihr einen liſtigen Brief ſchickte, worin er ihr für gute Geſellſchaft und ihre große Zärt⸗ lichkeit, ihn mit guter Kaſſe zu verſehen, dankte, da muß ſie wohl den Verſtand verloren haben, glaube ich, denn ſie hatte nicht mehr viel übrig, als ſie hier an⸗ gefahren kam. Ja ſo hätte ich mich nie heruntergeben mögen, ich ſchäme mich, daß es ſo elende Menſchen und dazu noch Frauenzimmer auf der Welt gibt. Sie weint, droht und dann bettelt ſie wieder. Sie will mit der Druppe fortgehen, nur um Feodor zu ſehen, und er kann ſie mit Füßen treten, wenn er will, und das thut er auch, denn eine Perſon, die ſich nicht beſſer auffihrt, verdient auch nichts beſſeres. Nicht weil ich Feodor liebe, denn Gott ſei Dank, ich bin meinem Bräutigam getreu, ſondern weil andere ſehen, daß er mich liebt, ſo kann ich nicht dulden, daß andere kommen und ſich dazu machen und mit der Druppe gehen wollen, ja vielleicht will ſie gar eine Prinzeſſin machen, welche ſpricht, während ich blos eine ſtumme Prinzeſſin ſein darf. in ich 3 von lugen ir die 1, ſo rechen enrih⸗ große und ſteuer g auf zeſell⸗ hickte, Zärt⸗ „ da e ich, r an⸗ n, ich noch Sie or zu will, 2 ſich 3. Dank, andere , daß it der cw eine 3 eine Sein ſie jetzt ſo gut Her Leitenamt und thun ſie, was ſie wollen, wenigſtens hoffe ich für gewiß, daß ſie dieſer Perſon ſagen, was Sie von ihrer hohen Niederträchtigkeit denken. Es thut mir ſehr leid, wenn ich ſie betrübt habe, Her Leitenamt, aber ich kann nicht anders als ährlich gegen einen Mann handeln, der mir ein ſo guter Her geweſen iſt. Ihre gehorſame Dienerin Caroline Akerberg.“ N. S.„Sie brauchen wahrhaftig nicht zu denken, daß Feodor ſich auch nur ein Bischen um Sie beküm⸗ mere. Die gemeine Schlampe hat ihn zwar ein paar⸗ mal zu ſich gelockt, aber da iſt er aus bloßem Mitleid hingegangen!............. Und dieſer gemeine Brief war es, den Charles jetzt las; ſodann las er noch Malvinas Liebesäußerungen an ihren Liebhaber, worin ſie ſo unbarmherzigen Spott mit dem einfältigen Narren trieb, welcher ihr Ehre, Treue und Vermoͤgen geopfert hatte, und weiter las er Feo⸗ dors Brief an Caroline, womit die erſte Abtheilung der ganzen ſchändlichen Intrigue geſchloſſen war. Bei der zweiten hatte man den Schluß noch nicht geſehen. Wir haben geſagt, daß Charles ſchrecklich anzuſehen war. Seine wilde Leidenſchaft für die ſchlechte und un⸗ würdige Dirne hatte ſich zu einer ſolchen Höhe geſtei⸗ gert, daß man nicht glauben konnte, es ſeien noch mehr Grade übrig Aber unglücklicher Weiſe fanden ſich noch mehrere. Und mitten in ſeinem grabähnlichen, entſetzten Ver⸗ ſtummen, während er mit leichenblaſſen Wangen, gläſer⸗ nen Augen und mit Geſichtszügen, die gleichſam im Der Vormund. II. 24 370 Krampfe des Todeskampfes erſtarrt waren, daſaß, wäh⸗ rend alles deß arbeitete in ihm zuerſt langſam, dann immer ſtärker und ſtärker, eine ſiedende Fluth, und dieſe Fluth begann zuletzt mit ſo gewaltſamer Haſt zu brau⸗ ſen, daß man glauben konnte, ſie wolle ſich durch die blutunterlaufenen Augen oder durch die ſchwer arbei⸗ tende Bruſt einen Auslauf ſuchen. Er rauſchte vom Bette auf. Die leichenblaſſe Farbe auf ſeinen Wangen hatte einer ſchwarzrothen Platz gemacht. Er ſprang drei oder viermal im Zelt umher, ohne zu wiſſen, was er ſuchte; aber etwas ſuchte er. Endlich war er nahe daran, über ſeinen auf den Boden gefallenen Degen zu ſtolpern. Er hob ihn auf und während er ihn in der einen Hand hielt, legte er die andere auf die Stirne, gleich als hätte er ſich zwin⸗ gen wollen, einen klaren Begriff zu bilden. „Ja, ſogleich... ſogleich!“ wiederholte er. Und ſo kleidete er ſich haſtig um und ging mit ei⸗ nem Schein ſeines gewöhnlichen Stolzes aus dem Zelte, um den Chef zu ſuchen. XXXVI. Bei dem erſten Major. Diejenigen, die den Lieutenant Charles vorbeigehen ſahen, dachten, er ſei von einem heftigen Fieber ergriffen. Aber das Fieber, das in ihm brannte und häm⸗ merte, war unglücklicher Weiſe blos ſeine bis zur voll⸗ kommenſten Bewußtlofigkeit geſteigerte Leidenſchaft. brau⸗ ch die arbei⸗ hatte ei oder ſuchte; uf den hn auf egte er zwin⸗ mit ei⸗ 1 Zelte, wäh⸗ dann d dieſe Weit entfernt, daß die unverwerflichen Beweiſe, die er von Malvinas ſchändlicher Gemeinheit erhalten, ſie aus ſeinem Herzen geſtrichen hätten, fühlte er ſeine Lei⸗ denſchaft zehn⸗, ja zwanzigfach vermehrt durch die Stürme der Eiferſucht und durch die Gewißheit der grenzenloſen Erniedrigung, worein dieſe Liebe ihn geſtürzt hatte, eine Erniedrigung, für welche er den einzigen Erſatz nur bei ihr finden konnte, die er aus den Armen ſeines Neben⸗ buhlers reißen mußte, und wenn es ihn ſein Leben ko⸗ ſtete. Als Charles in ſeinen Gedanken das Wort Leben ausſprach, war dieß keine bedeutungsloſe Phraſe. Es war für ihn eine abgemachte, eine unumſtöß⸗ liche Wahrheit, daß er dieſes Weib wieder gewinnen müßte, und wenn er genöthigt wäre, zuerſt ihren Lieb⸗ haber, dann ſie und endlich ſich ſelbſt zu tödten. Dieſes Weib hatte ihn um ſeinen Verſtand gebracht, und juſt ihre Frechheit und Niederträchtigkeit trugen dazu bei, eine Gewalt zu befeſtigen, welche den verwirr⸗ ten Charles jetzt alle Rückſichten oder Hinderniſſe über⸗ ſehen ließ, die ſich zwiſchen ihn und ſeine einmal gefaßte Abſicht ſtellen konnten. Wie groß ſein eigenes Verbrechen war, braucht wohl hier nicht beſonders angedeutet zu werden. Sicherlich gibt es viele Frauen, welche mehr leiden und beklagens⸗ werther ſind als Viola, viele, die blutige Thränen über die unglaubliche, ja grenzenloſe Gewalt geweint haben, welche eine unerlaubte Verbindung auf Männer mit noch größeren Anſprüchen an Ehre und Rechtſchaffenheit ausübt. Charles war von Natur ſtolz, und gleichwohl wurde er nicht geheilt, obſchon er ſich verachtet und aufgegeben ſah. 372 Als Lieutenant Marbin in das Zelt des erſten Ma⸗ jors trat— der Regimentschef war durch Krankheit ver⸗ hindert, ſeinen Dienſt zu verſehen,— lag der Major nach einem guten Mittageſſen da und rauchte ſeine Ci⸗ garre; dieſer Genuß beſchäftigte ihn ſo gänzlich, daß er das Auge blos zur Hälfte öffnete und daher die verſlörte Miene des jungen Lieutenants nicht ſah. Außer dem Dienſt waren der Major und der Lieu⸗ tenant wie Kameraden mit einander umgegangen, doch war in den letzteren Zeiten eine bedeutende Kälte zwi⸗ ſchen ihnen eingetreten, und zwar darum, weil der Ma⸗ jor, ein durchaus rechtſchaffener und ritterlicher Mann, Charles zeigen wollte, daß er durch die Oeffentlichkeit, die ſein heimlicher Skandal erhalten hatte, in der Ach⸗ tung ſeines Vorgeſetzten geſunken ſei. 6 Rih dieſes Gefühl des Majors wurde allgemein ge⸗ eilt. Es gab nicht einen einzigen Offizier beim ganzen Regiment, der nicht Frau Charles Marbin bewunderte und für ein ſo einnehmendes und liebenswürdiges We⸗ ſen gerne einen kleinen dummen Streich gemacht hätte. Deßhalb hatte auch der Schimpf, den der Lieute⸗ nant ſeiner ſchönen jungen Frau im Brief zufügte, eine eben ſo große Sympathie für ſie als Antipathie gegen den Lieutenant hervorgerufen, welcher früher ſo ziemlich gewohnt geweſen war, von ſeinen Kameraden auf den Händen getragen zu werden. Ob er ſich auf das alte Verhältniß ſtützte, oder viel⸗ leicht auch weil er jetzt außer Stande war, Betrachtun⸗ gen in Betreff der Dienſtgrade anzuſtellen, genug, Char⸗ les ſchien ſich nicht viel um Regiment und Ceremoniel zu bekümmern, als er auf das Bett des Majors vor⸗ ſtürzte und mit athemloſer Stimme ſagte: „Ich muß Urlaub haben— eine wichtige Angele⸗ genheit ruft mich fort. Ich bin genöthigt, in einer Stunde abzureiſen.“ „Warum nicht gar?“ ſagte der Major mit einer Ma⸗ ver⸗ ajor Ci⸗ ß er lörte eieu⸗ doch zwi⸗ Ma⸗ ann, hkeit, Ach⸗ n ge⸗ unzen derte We⸗ hätte. jeute⸗ „eine gegen emlich if den viel⸗ chtun⸗ Char⸗ noniel 3 vor⸗ ngele⸗ einer einer 373 vornehmen und ſpottenden Kälte, indem er beide Augen zu ihm aufſchlug. Er wurde jetzt beſtürzt über Charles Ausſehen und ſagte ſich mit Recht, der junge Mann müſſe ſich erlich ein wenig verrückt geworden ſein. Inzwiſchen hatte die kurze Antwort Charles Galle aufgeregt, und da der Zorn und, wie er in ſeinem Irr⸗ wahn meinte, die Beleidigung ſich zu allem übrigen ge⸗ ſellte, ſo kann man leicht denken, daß Charles von ſei⸗ nem Thun und Weſen nicht viel mehr wußte, als wenn er einen Weinrauſch gehabt hätte, ſtatt des Sinnenrau⸗ ſches, der ihn zu gleicher Zeit aufſtachelte und betäubte. „Ich finde,“ verſetzte er mit unklarer Heftigkeit, „daß Sie ſich ein Vergnügen daraus machen, Ihre Macht zu zeigen; aber ich bin juſt in einer ſolchen Gemüths⸗ verfaſſung, wo man geneigt iſt, ſelbſt den kitzlichen Be⸗ denken eines Vorgeſetzten Trotz zu bieten. Ich kann ohne Urlaub reiſen— und ich werde beweiſen, daß ich das thue, wenn ich auch zwanzigmal Arreſt bekomme für die unverzeihliche Freiheit, weiche ich mir hier unter vier Augen herausnehme.“ „Juſt, weil wir uns unter vier Augen befinden,“ antwortete der Major mit ruhiger und milder Stimme,“ „rathe ich Ihnen, Herr Lieutenant, ſogleich zu gehen und nach dem Bataillonsarzt zu ſchicken, ſtatt daß Sie an Urlaub denken.“ „Nein, Herr Major, ich bin ſo wenig krank als Sie ſelbſt, aber ich habe geſagt, daß ich fort muß. Kann ich Urlaub erhalten?“ „Zu was für einem Zweck?— ſagen Sie mir es aufrichtig. Sie wiſſen ja, daß es nicht der Brauch „Herr, Barmherzigkeit zu haben— das weiß ich wohl. Aber wenn ich flehentlich bitte, wenn ich Ihnen ſage, daß meine ganze Wohlfahrt, ja mein Leben von dieſer Reiſe abhängt, dann... dann..“ „Iſt etwa Ihrer Frau ein Unglück zugeſtoßen? 374 Oder werden Sie ans Todtenbett Ihrer Mutter ge⸗ rufen 2 Charles machte eine Geberde kaum verhehlten Zor⸗ h nes. Er meinte in den Worten des Majors eine neue Beleidigung, einen neuen Hohn zu finden. 6„Ich ſtehe über nichts Rede— ich begehre blos Urlaub.“ „Und ich antworte Ihnen, Herr Lieutenant, daß Sie, um Ihr Begehren in ſolchen Ausdrücken vorzubrin⸗ gen, entweder..“ „... entweder toll oder verrückt ſein müſſen!“ „Nein, krank, wie ich ſoeben ſagte... gehen Sie jetzt und laſſen Sie es damit ſein Bewenden haben.“ „Herr Major, bei Gott, bei meiner Ehre, bei mei⸗ ner Seligkeit, ich werde abreiſen. Es gilt diejenigen Intereſſen, die für mich die höchſten ſind.“ „Aha... jetzt fang ich an zu verſtehen.“— Hier verlteß den Major ſeine Ruhe. Er ſtand auf und ging ein Paar Schritte auf Charles zu.„Ich fange an zu verſtehen, daß irgend eine ehrenvolle Veranlaſſung mit im Spiel iſt, wahrſcheinlich ein Ruf von einer Behörde, die Ihnen mehr gilt, als Ihre Vorgeſetzten.“ „Herr Major!“ Charles begann an allen Gliedern zu zittern und legte mit unzweideutigen Geberden die Hand an ſein Degengefäß. Aber der Major verzog verächtlich die Lippen. „Glauben Sie vielleicht, Herr Lieutenant, daß der Name der Frau Malvina v. H. zu rein ſei, um in ei⸗ nem Offizierszelt genannt zu werden? Ich für meinen Theil betrachte den Namen dieſer Dame als einen ſol⸗ chen, von dem es mich nicht verwundern würde, wenn ich ihn in den Baracken der Soldaten ausſprechen hörte.“ Was ſich im nächſten Augenblick zutrug, war von der Art, daß es das ganze Lager in Aufruhr verſetzte und wie ein Lauffener von Mund zu Mund ging. Charles, der ſich durch den Schimpf gegen ſeine Geliel fühlte nen V wache glückſe gen, Span 5 lung nehme Geliebte bis zum höchſten Grad von Wahnſinn gereizt fühlte, hatte den Degen gezogen und war blind auf ſei⸗ nen Vorgeſetzten eingedrungen, dem er einen Hieb mit der Klinge verſetzte, in dem Augenblick, wo der Vorhang des Zeltes auf die Seite geſchoben wurde und mehrere Offiziere, durch die lauten Stimmen herbeigelockt, mit Entſetzen in ihren Zügen ſich zeigten. Welch' ein Augenblick, als Charles, auf einmal nüchtern geworden, aus ſeinem Sinnenrauſch erwacht, ſich umſah und auf allen Geſichtern ſein in düſterem Entſetzen, in tiefer, ſchmerzlicher Theilnahme ausgeſpro⸗ chenes Verwerfungsurtheil las. Der Major deutete mit ſchneeweißen Wangen auf die Waffe, die dem Lieutenant entfallen war. Aber Charles eilte, ſeinen Degen ſelbſt aufzuheben und demjenigen ſeiner Kameraden zu übergeben, der auf den Wink des Majors vortrat, um ihn zu verhaften, ihn, der ein Verbrechen begangen hatte, welches nach den allgemein geltenden Kriegsgeſetzen nur auf eine einzige Art geſühnt werden konnte. Nicht ein Wort ging über die Lippen des unglück⸗ lichen jungen Mannes, aber ſein Geſicht wurde auch nicht durch eine unmännliche Feigheit entſtellt: er war ebenſo ruhig und kalt geworden, als er ſich ſoeben auf⸗ geregt und glühend gezeigt hatte, und ſeine entſchloſſene Miene, ſeine feſte Haltung contraſtirte gleichfalls gegen die ſchwankenden Gemüthsbewegungen, die ihn kaum vor⸗ her durchzuckt hatten. Als er aus dem Zelt des Majors auf die Haupt⸗ wache geführt wurde, hatte die Nachricht von dem un⸗ glückſeligen Ereigniß bereits ſich zu verbreiten angefan⸗ gen, ſo daß jeder Blick, dem er begegnete, ihm mit Spannung und Unruhe folgte. Aber wir verlaſſen jetzt Charles, um die Entwicke⸗ lung ſeines Schickſales an einem anderen Orte zu ver⸗ nehmen. — — ꝗᷣ—— — XXXVII. Ein Abſchied. An dem Tag, nach welchem der Kriegsrath Wendels⸗ köld die Stadt und die Brunneneinrichtung verlaſſen hatte, wurden die Wehklagen über die plötzliche Abreiſe des angenehmen Gaſtes durch einen jener elektriſchen Schläge unterbrochen, welche eine ganze Stadt in Stau⸗ nen und Aufregung verſetzen. Man erinnert ſich wahrſcheinlich noch, welcher Auf⸗ ruhr bei der ſchmerzlichen Nachricht von Emil Marbins Schiffbruch und muthmaßlichem Tode entſtand. Man mag alſo beurtheilen, welche Wirkung es machen mußte, Norni. weit unheimlicheres Gerücht herumzuſchleichen anfing.— Wir gebrauchen abſichtlich das Wort herumſchlei⸗ chen, denn aus Furcht, das Gerücht könnte ſich bewahr⸗ heiten, wagte man nur flüſternd von der ſchrecklichen Sage zu ſprechen, daß Lieutenant Charles Marbin aus einer hoͤchſt lumpigen Urſache den Degen gegen ſeinen Vorgeſetzten gezogen, und daß er hernach um dem kriegs⸗ rechtlichen Urtheil zu entgehen, ſich ſelbſt verurtheilt und erſchoſſen habe. „Es iſt nicht wahr— nein, es kann nicht wahr ſein,“ verſicherte man. Aber Jeanne Sophie, welche den Brief ihres Man⸗ nes in der Hand hatte, ſie wußte, daß es nur allzu⸗ wahr war. Dieſer Brief enthielt die entſetzliche Nachricht von Charles erſtem Unglück, demjenigen, bei welchem wir zugegen waren; aber er enthielt auch die noch ſchauer⸗ lichere Kunde, daß Emil bei ſeiner Ankunft ſämmtliche dels⸗ aſſen reiſe ſchen btau⸗ Auf⸗ bins Man ußte, ichen chlei⸗ vahr⸗ ichen aus einen iegs⸗ und wahr Man⸗ allzu⸗ t von n wir auer⸗ tliche Kameraden Charles mit trauerumwoͤlkten Geſichtern ge⸗ funden habe. Der arme Emil war ſechs Stunden zu ſpät gekommen. Man übergab ihm ein kleines Packet, welches mit der Poſt deſſelben Tages hätte abgehen ſollen, und das man neben dem beklagenswerthen jungen Mann, der mit eigner Hand ſein Leben geendet, gefunden hatte.. „Ich weine über ihn, wie eine Mutter über ihr Kind weint,“ ſchrieb Emil an ſeine Frau. „Warum kam ich nicht ſechs Stunden früher? War⸗ um durfte ich nicht ſeine Hand drücken... aber, großer Gott, was hätte ich vermocht? War nicht das entſetzliche Ereigniß bereits eingetroffen? Nichts konnte ihn retten. Ich würde mit all dem Bischen Kraft, das Gott mir verliehen hat, ihn ermahnt haben, das Kreuz zu tragen, das er ſich ſelbſt bereitet hat... aber ich weiß dennoch nicht, ob ich nicht in ſeiner letzten Lage das⸗ ſelbe gethan hätte, was er that. Ach, mein armer Charles! Jung, edel, voll Geiſt und Kraft, fällt er als Opfer der erbärmlichſten Leidenſchaft, der Leidenſchaft für eine ſo ganz abſcheuliche und niederträchtige Kokette.... und gleichwohl hatte er ſo viel Gutes neben ſeinen großen Fehlern. Gott ſei Dank, daß er tief bereute und ſich bis zum letzten Augenblick mannhaft und ſtark zeigte. Du wirſt mit Thränen der Befriedigung ſeinen Brief an mich leſen, wenn ich nach Hauſe komme; jetzt kann ich mich nicht davon trennen. Und Mutter und Gattin... ach, achl es fand ſich für jede von ihnen ein Brief vor. 4 Den an Viola ſende ich Dir. Ich brauche Dir nicht beſonders Zartſinn anzuempfehlen. Den andern muß ich ſelbſt bringen. Armes, ſtolzes Mutterherz, wie angſtvoll wirſt Du jetzt ſchlagen in deiner Armuth! Charles, dein gelieb⸗ teſter Sohn, geſtorben, auf dieſe Weiſe geſtorben. Das allerſchauerlichſte iſt, daß der herbſte Schmerz, der Schmerz über ſeinen Selbſtmord, nicht ſo qualvoll ſein kann, wie er ſollte, denn man mag das Unglück be⸗ trachten wie man will, ſo wäre Tod oder die Feſtung immer ſicher für ihn geweſen. So grenzenlos ich mich nach dem Frieden bei Dir ſehne, ſo muß ich doch auf dem Heimwege zuerſt zu meiner Mutter. Sie bedarf meiner am meiſten.“... 4⁴**.***⁴****.***⁴„* — „ Noch an demſelben Abend las Viola ihren Trauer⸗ brief, und mitten unter ihren ſtrömenden Thränen, welche die Buchſtaben beinahe verwiſchten, flog ein dank⸗ darer Seufzer zu Gott dafür, daß ſie ihn leſen konnte, dafür, daß ſie das Recht beſaß, den letzten Brief ihres Gatten zu leſen, und über ihn zu weinen. O, wenn es anders gekommen wäre— dann wäre es ebenſo gut geweſen, ihm nachzufolgen. Jetzt nahm ſie ſich vor, in der abgeſchiedenſten Einſamkeit, im Gebet für ihn zu leben, ihren dahingegangenen Gatten, der jetzt ihr Herz beinahe ungetheilt beſaß. Der Tod ebnet mit ſtarker Hand, was im Leben vorher uneben geweſen war. Man ſehe hier den Abſchied, welchen der unglück⸗ liche Charles ſeiner jungen Wittwe zuſchickt. „Meine Viola! Eine unermeßliche Umwälzung iſt in mir vorge⸗ gangen. Ich bin wahnſinnig geweſen, aber die Höhe meines Wahnſinnes hat mich zum Verſtand zurück geführt, zum Gefühl meiner Erbärmlichkeit, hat mich zu Dir zurück⸗ geführt, Du Holde und Anbetungswürdige, die Du für Deine edlen Ermahnungen eine ſo grauſame Antwort erhielteſt. in die worin andere veräch 9 gen ſi 3 mir n 2 Ernied über d verzeih Milde E vorgeh Augen O find— innerur der un machte. Jetzt kann ich zurückſchauen, jetzt vermag ich mich in dieſes Gewebe von Niederträchtigkeiten hineinzudenken, worin ich leichtgläubiger und verbrecheriſcher Thor nichts anderes als der verächtliche Spielball war, mit dem ein verächtliches Weib ſich beluſtigte. Aoe ich hege nicht einmal ein Rachegefühl ge⸗ gen ſie. Ich bin ſo vollkommen erwacht, daß ich finde, es bleibt mir nichts auf Andere zu ſchieben übrig. All' der Abſcheu, all' die Verachtung und all' die Erniedrigung, die ein Menſchenherz umfaſſen kann, laſet auf dem meinigen und kehrt ſich gegen mich eibſt. Wie über alle Beſchreibung erbärmlich iſt nicht jetzt in meinen Augen dieſes Geſchöpf, vor dem ich im Staube kroch! Ich betrachte ſie ſo, weil ich endlich meine eigene Erbärmlichkeit erkenne. Und ich, der ich Dich beſaß, Du ſchneeweißer En⸗ gel, die Du Dich beſtändig ſo hold zeigteſt— ich konnte ſo tief ſinken. 1 Nein, nach all' dem würde ich nie mehr leben können, ſelbſt wenn mir eine Art von Gnade angeboten würde. Ich bin zufrieden, ja bei der ewigen Barmherzig⸗ keit, ich bin zufrieden, ſo wie es iſt. Du meine einzige, reine und heilige Liebe, wirſt über den ſchuldbeladenen Gatten weinen, und Du wirſt verzeihen, denn Dein Herz kennt nichts anderes als Milde und Verzeihung. Es iſt ein unbegreifliches Wunder, das mit uns vorgeht, wenn die Binde der Blindheit von unſeren Augen geriſſen wird. Du ſiehſt die Thränen, die auf dieß Blatt gefallen ſind— weißt Du, was ſie mir entlockt hat? Die Er⸗ innerung an den Augenblick, wo in meinem Kopf zuerſt der unſelige Plan entſtand, der Dich zu meiner Gattin machte. 3 6 herabruft. ich Dich mit einer höheren, ten zu haben meine. Er Ratte folgen⸗ noch Zeit war. erwarten. Glaube mir, meine Viola, daß ich unter alle ſchlechten Handlungen dieſe für d iſt ſie diejenige, die ich am meiſten bereue. Aber eines Tages wirſt Du glücklich werden, u doppelt glücklich, denn obſchon ich weiß, ner Nähe iſt, ſo wage ich meine arme ie ſchlechteſte halte; Seele— die ich noch vor Abend demjenigen zurückgeben mir gegeben hat— an die Gewißheit, meines Leichtſinnes, nicht auf Deine Vorſt achten, ohne Vorwurf einer Stunde en welche kommen wird, und über welche Dein, dahingegangener Gatte, jetzt, ſo lange no warm in ſeinen Adern fließt, den Segen des daß Du trotz Niemals, meine theure und verehrte Gat reineren und wärmeren undenen Tage, Liebe geliebt, als jetzt, wo all' dieſe entſchw an denen Du eine unendliche Geduld, eine Barmherzigkeit übteſt, an mir vorübergehen. Und dieſer zärtliche, koſtbare Brief, zeigte, daß Du mit feſtem Muth Dich berei ganzes Leben hindurch an meinem Glück zu a ich küſſe und ſegne dieſen Brief, den ich erſt jetzt erhal⸗ ſoll mir zu meiner letzten Ruhe⸗ Dank, Dank ſür Deine Bemühen? D mich nach meinem Tod nicht dafur verachten, mich Deiner nicht würdig zu machen wußte, ſo lang es Ich eilte in wilder Gedankenloſigkeit auf einen Es bereitet mir ein ſeliges Deine Gebete für mich unwürdigen werden, der ich bereit ſtehe, größern... ich kann mein 31 mer C das U J gen ur viele Leben hat m ſprechl mir a ſo vo Verbit ſtört, ſein. bezahl ren o C ſchmü Gewi zum den e ſich i was Aller die 2 ich v Dich ſtattt einen auch und Dei⸗ ie ich er ſie trotz n zu annſt, längſt Blut amels habe meren Tage, ndliche r mir eſt, ein ten— erhal⸗ Ruhe⸗ ꝛ ſollſt daß ich ang es f einen jetzt— ſen, daß erglühen zu ver⸗ il nicht 381 Wenn Du dieſes Schreiben erhältſt, ſteht Dein ar⸗ mer Charles vor dem höchſten Richter. Wie wird wohl das Urtheil lauten, das ihn dort erwartet? Ich habe manche Stunde auf meinen Knieen gele⸗ gen und gebetet— ich, der leichtſinnige Menſch. O wie viele verſchiedene Farben der Strahlenbrechung dieſes Leben erhält, wenn wir uns dem Tode nähern... Es hat mir geſchienen, als ob der Herr in ſeiner unaus⸗ ſprechlichen Barmherzigkeit ſein Auge nicht gänzlich von mir abgewandt hätte. Er weiß, daß meine Reue glühend iſt. Würde fle ſo von jedem empfunden, der durch eine unerlaubte Verbindung das reine Heiligthum ſeines Glückes zer⸗ ſtört, ſo würden dieſe Verbindungen weniger zahlreich ſein. Wohl ſind es wenige, die ihre Schuld ſo ſchwer bezahlen, wie ich, aber alke bezahlen ſte mit einem größe⸗ ren oder kleineren Theil ihres Gewiſſensfriedens. Im Anfang, ſo lange die Blumen die Sünde ſchmücken, gleitet ſie leicht vorbei am Richterſtuhle des Gewiſſens. Aber das Unerlaubte wird zuletzt nicht blos zum Eckel, es wird unſer Untergang. Goit trifft uns, den einen heut, den andern morgen. Aber meine Zeit neigt ſich zu Ende. Der Tag neigt ſich in doppelter Beziehung zu Ende. O Viola, meine Gattin... verzeih mir Alles, Alles, was ich gegen Dich verbrochen habe. Verzeih mir vor Allem dieſes Letzte! Ich ſegne Dich. Ich danke Dir für die Zärtlichkeit, die Du mir gewidmet haſt— ſie war weit mehr, als ich verdiente. Gott erhalte Dich aufrecht und laſſe mich Dich dort wiederſehen, wo keine Theilung, keine Eiferſucht ſtattfindet. Bete, bete für Deinen reuevollen Charles.“ 382 hört Eine Woche ſpäter kam Emil nach Hauſe, aber nur Liebe um eine neue Reiſe anzutreten. ſie e Dießmal war er jedoch nicht allein. men Er hatte in ſeiner Geſellſchaft eine bleiche ſchwarz gekleidete und verweinte junge Frau. Und ihre Fahrt ſie k war nach demjenigen Theile des Landes gerichtet, wo ie Emll ſich vorher aufgehalten hatte. hatte Auch der Leſer hat ſich dort aufgehalten. Wir erinnern uns des einfachen Strandes und Maꝛ Thales mit dem kleinen Kapellgebäude in ſeinem Schooß. bew Wir erinnern uns ja auch der drei armen Hagedorn⸗ Kun büſche, welche frierend vor einem gewiſſen Fenſter ſtanden. all' Jetzt ſtehen jedoch die Hagedornbüſche in dem fri⸗ knüß ſcheſten und reichſten Schmuck des Lebens gekleidet da: und ihre Blätter glänzen von Grün, und ihre Knospen ſchwel⸗ len in der Wärme des Sonnenlichts. Aber wenn ſie in den Nächten noch ebenſo neu⸗ gierig wie früher in das wohlbekannte Gaftſtübchen hineinblicken, ſo ſehen ſie da nichts mehr, was der Freude und Trunkenheit gleicht. Sie ſehen nur eine in Trauer gekleidete Frau, mit demüthig gebeugtem Haupte, gefalteten Händen und thränenvollen Augen. Aber, erinnern wir uns nicht auch der freundlichen Inſaſſen dieſer Wohnung— des kräftigen Kapellpredi⸗ gers und der muntern Walkyre, die noch immer gleich vergnügt, gleich glücklich ſind... ja noch glücklicher ein als früher, denn ſie waren jetzt zu drei. ang Dieſe vortrefflichen Menſchen nahmen den Gaſt, es welchen Lieutenant Emil ihnen anvertraute, in ihre zärt⸗. lichſte Obhut. Und Leonore hatte verſprochen, Alles zu ber thun, was ein Menſch thun kann, um Frieden und Le⸗ mar bensmuth in eine andere Menſchenbruſt zurückzubringen. ken, ****.** 4.*** 4..⁴ 2* 4*. war eine Nie hätte ich geglaubt,“ ſagte Emil, als er zu ſeiner Jeanne Sophie heimkam,„daß ſie ſich ſo uner⸗ er nur hwarz Fahrt „ wo s und chooß. edorn⸗ anden. m fri⸗ et da: chwel⸗ pneu⸗ üͤbchen s der u, mit n und olichen [predi⸗ gleich klicher Gaſt, e zärt⸗ les zu nd Le⸗ ingen. * er zu uner⸗ hört grämen würde. Wenn ſie ihn mit der hoͤchſten Liebe geliebt hätte, einer ſolchen Liebe, wie Du und ich ſie empfinden, ſo hätte ſie ſich nicht mehr um ihn grä⸗ men können.“ Jeanne Sophie verſtand Viola's Kummer ſehr gut: ſie begriff, daß er juſt darum ſo tief, ſo ernſt war, weil fee gibien Gatten nicht mit der höchſten Liebe geliebt hatte. Die Weiber ſehen das ein. Sie wiſſen, daß ein Mann, der ſeiner Frau nicht würdig war, ebenſo heftig beweint werden kann, wie der würdigſte, und dieſer Kummer iſt bitterer, weil er nicht gemildert wird von all' den ſchönen Erinnerungen, die ſich an das Frühere knüpfen; wenigſtens iſt er ſo lange bitterer, bis Zeit und Nachdenken ſeine Gewalt gebrochen haben XXXVIII. Das Wittwenjahr. Wie gern möchte man nicht im wirklichen Leben ein Jahr wegſchieben, in der Hoffnung, daß es dann angenehmere Zeit würde? In jeder Beziehung müßte es anders ſein. Was iſt alſo natürlicher, als daß der Romanſchrei⸗ ber in ſeinem Buch ein Privilegium benützt, das Nie⸗ mand übel deuten kann, beſonders wenn die Trauerwol⸗ ken, welche den Himmel verdunkelt haben, von der Art waren, daß ſie aller guten Ordnung gemäß eines Tags einem helleren Farbenton Platz machen mußten. Wir wollen auch nicht verhehlen, daß die Trauer⸗ 384 wolken am Himmel unſrer Heldin lange vor Jahresſchluß ſich zu verdünnen anſingen. Nachdem ſie ſechs bis ſieben Monate Charles un⸗ glücklichen Tod beweint und ſeinem Andenken einen tiefen Schmerz gewidmet, und nachdem ſie ſich ſo gewiß hundertmal als einmal vorgenommen, im Fall Severin ihr ſchriebe, den Brief unerbrochen zurückzuſchicken, über⸗ raſchte ſie ſich endlich auf einer Art von Verwunderung darüber, daß von dieſer Seite her kein Brief kam. Ihr nächſtes Gefühl war, ſchon der bloßen Erinne⸗ rung an eine ſolche Verwunderung zu entfliehen, und das beſte Mittel hiezu war, daß ſie ſich mehr, als ſie bisher gethan, ihren Wirthsleuten zu einer angenehmen Geſellſchafterin zu machen ſuchte. Als ſie zum erſtenmal in die Kapellwohnung kam, ſtand das Meer blau, das Thal grün, und die Hage⸗ dornbüſche voll von weißgläͤnzenden Knospen. Aber als ſie wieder Wurzel im Leben zu ſchlagen anfing, lag das Meer gebunden, das Thal grau gefroren, und die Hage⸗ dornbüſche befanden ſich ſo kahl und arm, wie zur Zeit, als wir ſie zum allererſten Mal begrüßten. Aber Franz Blume und ſeine Frau waren gleich warm, und es war ein Wunder, daß die fröhliche Leonore in dieſer langen Zeit nur für kurze Augenblicke den ſchweren Geiſt zu bannen vermocht hatte, der Violas Seele gefangen hielt. Wie herzlich froh war aber nicht Leonore, als ſte fand, daß ihre eifrigen Bemühungen endlich mit Erfolg gekrönt wurden! Man muß ſie entſchuldigen, wenn ſie Violas er⸗ wachende Neigung zur Mittheilung für ihr eigenes Ver⸗ dienſt hielt. Es war nicht gut wiſſen, daß die junge Wittwe darum Geſellſchaft ſuchte, weil ſie gleichſam vor ihrer eignen ein wenig erſchrack. . Emil und Jeanne Sophie ſchrieben ihrer abweſen⸗ den lieben Schwägerin oft, was ſie ſelbſt und die übrigen Freunde berührte, und auch der alte Livelius ſchrieb luß un⸗ nen viß erin her⸗ ung ne⸗ und ſie men am, age⸗ als das age⸗ Zeit, leich nore den iolas 3 ſie rfolg s er⸗ Ver⸗ junge n vor veſen⸗ brigen ſchrieb lange Epiſteln. Aber vom Kriegsrath war nicht mehr die Rede geweſen, nachdem man ein einziges Mal er⸗ wähnt hatte, daß er ſeinen Aufenthalt in der Hauptſtadt noch weiter zu verlängern gedenke. Dagegen ſprach ſeder Brief von Kapitain Werther Svabert, und wie er jetzt gänzlich aufgehört, habe über den Verluſt der ſeligen Mina zu klagen... Er klage vielmehr jetzt darüber, daß ſein Schickſal vollendet ſei, ſo daß ſeine Leiden auf dieſer Seite des Grabes ihre Grenzen nicht erreichen. Man erhielk jedoch keine Kennt⸗ niß davon, worin dieſe neuen Leiden beſtanden. Oft ſagte Viola zu ſich ſelbſt: „Der ehrliche Kapitain— ich glaube, daß ich ihm im Ganzen viel Dank ſchulde!“ Und als jetzt eines Tags ein Brief von ihm ſelbſt ankam, da öffnete ſie ihn mit wirklichem Vergnügen. Wir legen hier dieſen Brief vor, der Viola noch mehr Vergnügen machte, als ſie ihn geleſen hatte. „Verehrte Frau! Ich habe ſagen gehoͤrt, daß es im Winter da drun⸗ ten in den Scheeren unerträglich öde ſei. Würden Sie deßhalb einem Mann, welcher eine Unwahrheit gänzlich unter ſeiner männlichen Würde glaubt, geſtatten, daß er Ihnen, da er es ohne Gefahr für ſich ſelbſt thun kann, einen Beſuch machte? Obſchon ſelbſt fröhlicheren Gefühlen fremd, würde er ſich glücklich ſchätzen, zu Ihrem Vergnügen ſeinen guten Willen zei⸗ gen zu können, um Ihnen ſolche zu verſchaffen. Wenn Sie dieſen meinen demüthigen Wunſch zu bewilligen geruhen, werde ich darin eine kleine Erleich⸗ terung mitten unter den langwierigen Leiden erblicken, die mich von meiner erſten Jugend an verfolgt haben: Ich habe inzwiſchen keine verſchwundene Hoffnung zu beweinen, denn ich habe nie eine ſolche beſeſſen. Ich habe blos mein bitieres Schickſal zu beweinen, welches, Der Vormund. III. 25 386 als es dieſes Götter Geſchenk allen Sterblichen verlieh, mich allein unter allen hoffnungslos werden ließ. Ich hätte Ihnen keinen Schmerz durch die Erinne⸗ rung daran bereiten wollen, wenn es nicht meine Abſicht eweſen wäre, Sie zu überzeugen, daß Ihre Güte,— falls Sie Ihrem früheren Patienten erlauben, Ihnen die Aufwartung zu machen,— niemals ein ſo thörichtes Gefühl wie die Hoffnung in ihm erwecken könnte. Was ich in der Welt am meiſten erſtrebe, das iſt das Glück, Sie wiederzuſehen, unter Ihre näheren Freunde gezählt zu werden, und vor allen Dingen täglicher Gaſt in Ihrem künftigen Wohnſitze zu werden, wo Sie nach Belieben über mich verfügen können. Darf ich an Ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort kommen? Ich beſchwöre Sie, zu glauben, daß ich zu ſtolz bin, um mich einer andern abſchlägigen Antwort auszuſetzen, als derjenigen, welche hier in Frage kommen kann... ach, daran wäre es bereits genug. — Ihr ergebener und verehrungsvoller Diener Leopold Svabert.“ Nachdem ſie dieſen Brief geleſen hatte, war Viola ſogleich bereit, ſich niederzuſetzen und zu ſchreiben: „Kommen Sie!l unter dieſen Bedingungen ſind Sie mehr als willkommen.“ Aber es fiel ihr glücklicher Weiſe ein, ſich mit der klugen und bedachtſamen Leonore zu berathen. Und Leonorens Entſcheid lautete alſo: „So unangenehm es immer ſein mag— und Gott ſei Dank, daß Du lange Weile empfindeſt— ſo bitte gleichwohl den Kapitain, nicht hieher zu kommen, denn das köͤnnte einen andern Beſuch verhindern, der vielleicht ſpäter eintrifft.“ Man kann ſich Violas Röthe und Verlegenheit vorſtellen. 4 387 „Ich ſagte nicht, daß ich hier lange Weile habe, meine beſte Leonore: d nein; bei Euch beſinde ich mich ſo wohl, daß ich wünſchte, ich möchte mein ganzes Leben hindurch Eure Geſellſchaft haben können. Aber.“ aber Du willſt doch mehr Geſellſchaft „Ich würde den Kapitain Svabert gerne wieder⸗ ſehen, das läugne ich nicht, und in meiner gegenwärti⸗ gen Stellung bin ich gänzlich unabhängig.“ „Das verſteht fich, wenn Du gänzlich unabhängig ſein willſt. aber um aufrichtig zu ſprechen, ich meinte, Du hätteſt keine ſo große Eile, die Welt glau⸗ ben zu laſſen, daß Du bereits jemand beſonders aus⸗ zeichneſt.“ „Das iſt auch ferne von mir.“ „Aber die Welt wird anders glauben, und dafür hat ſie ihre guten Gründe, wenn ſie hört, daß ein Mann die Erlaubniß erhält, vierzig Meilen herzureiſen, um Dich zu tröſten.“ „Pfui, Du biſt ja wirklich ein wenig boshaft.“ „Nur ein wenig vorſichtig. Und weißt Du, wenn ich meinen Mann frage— er hat ein feines Gefühl für ſolche Dinge— ſo wird er ſagen, daß...“ „Daß— was?“ „Daß, im Fall ſich außer dem Kapitain noch einer fände, der Dich in der angemeſſenen Zeit tröſten wollte, hieſes eine vielleicht ſeine Reiſe für überflüſſig halten dürfte.“ Viola ſchwieg. Sie konnte es nicht⸗über ſich brin⸗ gen Leonoren ihren unwillkührlichen Verdruß darüber anzuvertrauen, daß der Kapitain es war, der zuerſt ſchrieb, er, der nicht einmal an Hoffnung zu denken wagte. Aber was Viola ihrer Freundin nicht anvertrauen wollte, das errieth dieſe, die durch Jeanne Sophie einen deutlichen Wink uͤber das Alte empfangen hatte, und 388 deßhalt ſagte ſie mit ihrem eigenthümlichen, entſcheiden⸗ en Ton: „Wenn ich an Deiner Stelle wäre, ſo würde ich eine ſtarke Antwort auf eine ſolche Zumuthung ſchreiben. Eine Reiſe hieher könnte blos bei einem Freier entſchul⸗ digt werden; aber auch einen ſolchen würde ich entſchie⸗ den abweiſen, wenn er ſo wenig Zartgefühl zeigte, daß er die Unterhandlung vor Jahresſchluß eröffnete.“ Viola lächelte, erröthete noch friſcher und fühlte ſich mitten im Winter von dem klarſten inneren Son⸗ nenſchein übergoſſen. Am nächſten Poſttag wurde dem ehemaligen Patien⸗ ten folgende Antwort zugeſandt: „Mein beſter Kapitain! Es war in der That ſehr freundſchaftlich, daß Sie mich hier außen in meiner Einſamkeit mit einem Brief überraſchten. Aber dieſe Einſamkeit iſt mir jetzt noch nothwendig. Ich bin ſo entſchieden gegen die Welt geſtimmt, daß ich auf lange Zeit keine Gemeinſchaft mit ihr haben will. Und hier einen männlichen Beſuch zu empfangen— wäre es auch der theuerſte Freund— das würde ein ſolches Aufſehen erregen, daß ich nicht einmal daran denken kann. Aber wenn ich eine abſchlägige Antwort gebe, ſo thue ich das mit aufrichtigem Bedauern. Und ich füge ebenſo aufrichtig hinzu, daß ich niemand weiß, deſſen Geſellſchaft ich jetzt angenehmer finden würde, als die Ihrige, Herr Kapitain. Dank für das Vertrauen, das Sie mir ſchenkten. Ich ſchäme mich nicht, zu geſtehen, daß es mir eine innige Befriedigung gewährt, denn es ſtellt uns für die Zukunft in ein freundſchaftliches und ungenirtes Verhältniß zu einander. Eines Tags, wenn ich zum Geſellſchaftsleben zurück⸗ kehre könn⸗ die j ihren lege. läche entſte Feſt bis Stre die zum ſeine Beft unſr kehre, wird es wenige Gäſte geben, die ſich rühmen können, ſo willkommen zu ſein wie Sie, Kapitain, bei Ihrer gehorſamen Dienerin Viola Marbin.“ „Du bereuſt es doch nicht?“ fragte Leanore, als die junge Wittwe mit unentſchloſſener Miene den Brief ihrem Wirth übergab, damit er ihn in das Poſtfelleiſen lege. 6„Nicht juſt das...“. „Nein ganz und gar nicht,“ ſiel der Kapellprediger lächelnd ein.„Ich verſichere, daß ein Unglück daraus entſtanden wäre, wenn wir noch mehr Garniſon in die Feſtung bekommen hätten; meine Frau und ich müſſen bis auf Weiteres genügen.“ „So ſei es denn!“ XXXIX. Neue Briefe. Wieder tanzten die Wellen frei ſpielend um den Strand herum, wieder war der Himmel frühlingsklar, die Erde grün und die Sonne warm. Jeden Tag begab ſich Viola mit ihren Wirthsleuten zum Fiſchen. Das einfache Strandleben hatte vermöge ſeiner Neuheit einen unnennbaren Reiz für ſie. Aber das Unnenn)are iſt ganz und gar nicht das Befriedigendſte. Und alſo können wir behaupten, daß unſre Heldin, nachdem ſie zehn Monate ihres Wittwen⸗ 390 ſtandes gerechnet hatte, eine läſtige Ungeduld zu empfin⸗ den anfing, welche dem Glück beim Fiſchen ſehr hinder⸗ lich in den Weg kam. Bereits ſchrieben Emil und Jeanne Sophie Briefe um Briefe, um zu fragen, wann ſie kommen und Viola abholen dürften. Aber ſie antwortete, daß ſie bis auf Weiteres bei ihren gemeinſchaftlichen Freunden bleibe. „Doch was iſt das für ein Verdienſt,“— ſo ſagte ſte bei ſich—„Emil und Jeanne Sophie zu wider⸗ ſtehen, und was iſt das für ein Verdienſt, noch länger Laura und Seiner Ehrwürden zu widerſtehen, ſowie den Verſicherungen des alten Doktors, daß man ſich unglaub⸗ lich nach mir ſehne... O, es wird wohl nicht ſo arg ſein.“ Und auf ſchlimmere Proben war ſie nicht geſetzt worden, ſeit der Brief des Kapitains Svabert angelangt war. Aber eines Tags, als ſie mit dem Kapellprediger draußen geweſen war und ſein neues Fiſchergeräthe ge⸗ prüft hatte, begegnete ihr Leonore noch am äußerſten Strand mit einem Brief in der Hand. „Von Stockholm!“ rief unſre Walkyre ſchalkhaft. Viola hätte gern etwas geantwortet, was bewieſen hätte, daß ſie ſich ganz und gar nicht aufgeregt fühle; aber wie es nun war, ſie konnte nicht einmal ein ein⸗ ziges Wort ſtammeln. Der Kapellprediger nahm ſie auf ſeine Arme und hob ſie auf's Land, denn ſo viel war klar, daß ſie nicht wußte, wohin ſie den Fuß ſetzte. Einige Minuten ſpäter las ſie in ihrem einſamen Stübchen Severins Brief: „Madame!— Vielleicht erzürnen Sie ſich darüber, daß... Nein, dieſe Sprache iſt unmöglich... Theure Viola! Ich hatte den Sieg über mich zu gewinnen gehofft, dieſen Brief nicht abzuſchicken, bevor das Jahr um — er⸗ iefe ola auf igte der⸗ ger den -ub⸗ t ſo ſetzt angt iger ge⸗ rſten aft. ieſen ihle; ein⸗ und nicht amen — 391 wäre. Aber ich habe viel gekämpft, viel— um es ſo lange auszuhalten. Du magſt alſo dieſe Verſicherung als eine Entſchul⸗ digung gelten laſſen, im Fall Du Dich über mich er⸗ zürnſt, weil mein Zartgefühl nicht ſo groß iſt, wie Du mit Recht fordern konnteſt. (Gott weiß, ob Viola, die jetzt ſtrahlend, blühend und voll von Ahnungen daſaß, nicht dachte, daß ſie mit weniger hätte zufrieden ſein können.) Während der letzten drei Monate iſt kein Tag ver⸗ gangen, wo ich mich nicht unzählige Mal mit dieſem Brief beſchäftigt hatte. Ich mußte alſo ein mehr als vollſtändiges Concept haben. Aber ich habe alles vergeſſen, was ich vorher gedacht hatte, und beſonders habe ich vergeſſen, daß der Brief mehr im Ceremonienſtyl gehalten ſein ſollte. Ich beſitze kaum einen recht klaren Gedanken, die Gefühle wollen allein in mir vorherrſchen. So darf es jedoch nicht ſein. Dieſe Botſchaft iſt von ernſter Wichtigkeit, ſie darf nicht den Fehler haben, Dein warmes und edles Herz zu beſtechen; aber bevor ich ein Wort weiter ſchreibe, ſo laß uns gemeinſchaft⸗ lich— ich weiß, daß Du, wie ich, es ſchon lange gethan haſt— aus der innerſten Tiefe unſrer Seelen Gott preiſen und ihm dafür danken, daß wir ohne Reue, ohne ſchmerzliche Erinnerungen, ohne Vorwurf auf das Vergangene zurückblicken können. O Preis ſei auch Dir, daß unſere Seligkeit jetzt grenzenlos werden kann! Ich bin beinahe überzeugt, daß ich mich niemals vollkommen glücklich mit dem Weibe gefühlt haben würde, dem ich den mindeſten Vorwurf zu machen ge⸗ habt hätte. Ja, meine Uagerechtigkeit iſt in dieſer Beziehung ſo groß, daß ich ſie ſtrenger beurtheilt haben würde, als ich andere beurtheile. Denke Dir alſo, wie mir jetzt zu Muthe iſt, wenn 392 ich mir jetzt ein Wiederſehen, eine Vereinigung vor⸗ ſpiegle, wo nicht einmal ein Schatten, ein verhüllter Gedanke zwiſchen unſere Seelen tritt, wo nicht der mindeſte Anhauch von Furcht oder Mißtrauen ſich ein⸗ ſchleicht... Aber wie— habe ich es bereits gewagt, das hei⸗ lige Wort Vereinigung niederzuſchreiben? Iſt es wohl ſicher, daß Du die früheren Gefühle beibehältſt? Und wenn Du ſie beibehältſt, wird nicht das, wovon ich zu ſprechen gedenke, ſie zurückhalten? O holde, holde, herrliche Viola, meine ſchöne Blume, die ich ſchon früher einmal für meinen Herbſt zu gewinnen hoffte, wirſt Du nicht ſchaudern, wenn Du dieſes Wort hörſt, an welches Du nicht gedacht haſt, weil der Herbſt noch nicht und vielleicht noch lange nicht ſichtbar iſt? Aber er wird dennoch kommen, ſo lange Du noch jung biſt. Ich habe bereits 38 Jahre hinter mir, Du haſt noch nicht einundzwanzig. So viel iſt jedoch wahr, daß ich als 24jähriger Jüngling nicht die Hälfte der Jugend beſaß, die meine Seele jetzt belebt. Und mit Dir an meiner Seite... Aber was iſt das— gehe ich nicht juſt jetzt dar⸗ auf aus, Dein Herz zu beſtechen? Ich merke es deutlich und Du weißt es auch, daß ich in der Rolle eines edelmüthigen und entſagenden Freiers kein Glück habe; mag ich Dir alſo lieber grade heraus ſagen, daß Dein Verluſt jetzt zum zweiten⸗ mal... Doch... das iſt Unrecht, mehr als Unrecht, ich habe keine Erlaubniß, zu ſchwärmen, und gleichwohl iſt es vergebens, wenn ich mir ſelbſt wiederhole: Nimm Dich in Acht, Du könnteſt noch einmal getäuſcht werden. In zehn Tagen weiß ich mein Schickſal— in zehn Tagen... großer Gott, wie ertrage ich's, dieſe zehn Tage zu leben! 393 Um eines bitte ich Dich, meines Lebens holder En⸗ gel— ich wage es noch nicht, einen wärmeren Titel zu gebrauchen, und ohne Zweifel iſt dieſes der edelſte— um eines bitte ich Dich, laß in Deiner Antwort alle Umſchweife weg. Ich weiß zum voraus alles, was Du in Bezug auf Deinen Wittwenſtand, Deine erſte Ehe und den dauernden Eindruck, den ihre ſo tragiſche Auflöſung auf Dein Gemüth gemacht hat, denken und ſagen kannſt; aber eben ſo gewiß iſt, daß Du— ſofern Du den Mann noch liebſt, der zuerſt Dein Gefühl gewann— bereits mit Beſtimmtheit weißt, ob Du an ſeinem Her⸗ zen das Vergangene vergeſſen willſt und vergeſſen kannſt, um ein neues Leben anzufangen. Wenn Du mir das göttliche Verſprechen in dieſer Bezlehung gibſt, o ſo laß uns eilen, damit wir nicht einen einzigen Tag unſrer Seligkeit vergeuden! Die Zeit entflieht uns und das Warten iſt ſo lang. Auf Johannis kann ſowohl das Aufgebot als die Trauung ſtattgefunden haben. Willſt Du nicht als meine Frau dieſes kleine Ka⸗ pellhaus verlaſſen, das ich bereits ſo innig liebe? Wir brauchen keinen weitern Pomp. Derjenige, der Emils und Jeanne Sophiens Bund geſegnet, wird auch über den unſrigen ſeinen Segen ſprechen. Dann ziehen wir an ein poetiſches Plätzchen, das ich Thor in meinen ſchwindelnden Träumen bereits am Strande des Mäͤlar geſchaffen habe, und wir würden, denke ich, erſt im Herbſt zu unſern Freunden ia der al⸗ ten Heimath zurückkehren, dieſer Heimath, wo ich gehofft und gelltten habe, und wo ich vielleicht eines Tags all die unausſprechlichen Freuden empfinden werde, wofür der Ewige in einer Menſchenbruſt Raum geſchaffen hat. Nein, jetzt breche ich ſogleich ab. Dieſer Brief iſt wahrlich all zu kühn. Und ſtatt daß er eine ruhige, eine vernünftige Zärtlichkeit aus⸗ drücken ſollte, iſt er voll von handgreiflichen Beweiſen, 394 daß ich keiner ruhigen Vernunft fähig bin, bevor Du geantwortet haſt, daß Du im Leben und im Tod ange⸗ hören wolleſt Deinem Severin.“ 9 A. S.„Da kommt Nicke und ſteckt ein Zettelchen inein. Ich habe den Alten ſtark im Verdacht, daß er ſich auf's Freiwerben verlegen will. Und da er gute Talente beſitzt, ſo bin ich weit entfernt, fie zu verſchmähen. Die Poſtſtunde ſchlägt bald. Von dem Augenblick an, wo ſie vorüber iſt, beginne ich bereits die Stunden zu zählen.“ Brief des alten Nicke. „Wohlgeachtete und ehrenreiche Frau, meiner zaͤrtlich geliebten zukünftigen Gebieterin zu Dienſten. Da ich im Anfang des Briefs zukünftige Gebieterin ſchreibe, ſo iſt dieß gleichſam eln großes und breites Siegel auf meine Hoffnung, daß Sie in Bezug auf das Alte, was zwiſchen Uns ſtattgefunden hat, mich nicht täuſchen werden. Gott ſteh' uns bei, wie viel Mühe es dem Herrn gekoſtet hat, dieſes ganze ewige Jahr lang Rechnung mit der Zeit zu halten! So oft der erſte im Monat kam, haben Wir einen Schmaus gehabt und Uns luſtigen Muth geholt, aber am folgenden Tag haben Wir wieder weit in die Ferne hinaus ſehen müſſen. Unſre Gräfin hat gar nicht nach Uns geſehen. Aber jetzt möchte ich unterthänigſt um Erlaubniß bitten, meine Meinung zu ſagen, welche dahin geht, daß die neuen Roſen, welche wir in unſerm neuen Luſt⸗ garten haben, ganz blaß vor Verdruß würden, wenn wan ihnen ſagte, daß ſie ohne Nutzen daſtehen, duften und blühen ſollten. 66 Ich will von einem ſolchen Gedanken gar nichts hören... weg damit, es wird mir übel, wenn er mir nur von weiter Ferne in die Naſe ſticht. Glaubſt du, ſagte der Herr geſtern, daß ſie in ſechs Wochen hier iſt? Ja, ſagte ich, dafür ſtehe ich. Aber Herr, ſie kön⸗ nen es wohl bleiben laſſen, beſtändig in ihren Ruhe⸗ ſtühlen zu ſitzen und an den Quaſten zu reißen, denn ſie iſt ein ſo ordnungsliebendes Frauenzimmer, daß ſie ſich einbilden könnte, ſie habe es mit zwei unordentlichen Junggeſellen zu thun. Dieß wurde geſagt um ihn aufzumuntern, denn er iſt in der letzten Zeit etwas kleinmüthig im Glauben geworden. Jetzt ein fröhliches Lebewohl und viel Glück! Ich bleibe daheim, ich, während der Herr fortreist, um... Bitte unterthänigſt um Verzeihung— Ehre, wem Ehre gebühret. Wir müſſen wohl zuerſt das Jawort haben, bevor wir davon ſprechen, als Bräutigam auf⸗ zutreten. Mit ewiger Freundſchaft, Liebe und Demuth. Nicke Wadell.“ N. S.„Ich ſollte dieſen achtungswerthen Brief nicht mit einem gewiſſen Namen beſchmutzen, aber um, doch zu ſagen, daß der Herr thut, was Recht iſt, ſo will ich erwähnen, daß ihre Gnaden, die Krauſemünze, bereits einen Theil ihres Lohnes bekommen hat. war jetzt im Frühling auf Rechnung des Herrn in S. und da ſah ich ſowohl ſte als die ganze Sippſchaft. Sie reist mit der Bande oder vielmehr mit Herrn Feodor herum, und der walkt ſte ſo tüchtig durch, daß ſie mehr Schläge als Brod bekommt. Und alles, was ſie mit Unrecht beſaß, hat ſie für dieſen Gutedel verkauft, welcher alles, was ſie in Geld verwandelt, verſauft und verſpielt. Als ſie ausging, war ſte bereits akkurat wie ein Gaſſenmenſch... Bitte gehorſamſt um Verzeihung, daß ich dieſes Wort gebraucht habe. Karoline iſt bereits nach Hauſe gereist und hat ihren Bräutigam geheirathet, und man ſagt, daß er ſie bereits ebenſo warm halte, wie Herr Feodor ſeine Dame. Bitte gehorſamſt um Verzeihung, daß ich auch das erzählt habe.“ XXXX. Erinnerungen und Lebenspläne. Am Morgen von Violas erſtem Hochzeittag finden wir ſie, die in der Nacht vergebens Ruhe geſucht hatte, beglänzt von der blaſſen Herbſtſonne, in einem Ruhe⸗ ſtuhl eingeſchlummert liegen. Und während ſie, umgeben von einer grauen kalten Atmosphäre, ſchlief, träumte ſie einen glänzenden und warmen Traum, welchen die Sonne mit ihrem reichſten Schein begoß. Sie träumte, daß ſie durch ſchöne warme Gegen⸗ den reiſe mit ihrem Gatten, dem Manne, den ihr Herz gewählt. Ais unſre Heldin mit dem Schreckensruf:„O Gott, es war blos ein Traum!“ erwachte, da glaubte ſie nicht, daß dieſer Traum ſich eines Tags in eine entzückende Wirklichkeit verwandeln ſollte. Aber wenn wir in dieſen Wagen hineinſehen, der an dem ruhigen und lieblichen Juniabend fortrollt, wenn auch nicht durch paradieſiſche Gegenden, ſo doch wenig⸗ 397 ſtens durch die allerfriſcheſten, ſo ſinden wir ein neuver⸗ mähltes Paar, das nach ſeiner Heimat zieht, einer Hei⸗ math, wo aller menſchlichen Berechnung zufolge das Leben lange mit grünenden Blättern und glühenden Roſen voll ſtehen wird. Der Vormund hat endlich ſeine kleine Mündel ge⸗ wonnen. Auch denkt er an alles andere, als an Tod und Leichenrede, indem er jetzt, den Arm um ſeine junge Gattin geſchlungen, betrachtet, wie das Blut auf ihrer Wange ſpielt, während er ihr von ſeinen Sehnſuchts⸗ träumen in dieſem Jahrhundert langen Jahre erzählt. „Und auch ich, habe nicht auch ich geträumt, ob⸗ ſchon ich es mir lange vorwarf? Aber ach, es war ein Pihbie welchem abzuhelfen nicht in meiner Macht and.“ „Ein Fehler, den ich ſegne... und jetzt, da Du meine Frau biſt— Gott— iſt es wirklich wahr, meine Frau— jetzt können wir geſtehen, daß es ein Wunder war, daß ich mich jemals erholen konnte, nach jenem Morgen, als Du, die ich damals bereits als meine Braut betrachtete, und der ich noch an demſelben Tag dieſen Namen geben wollte, zu mir hereintrateſt, o ſo entſtellt, ſo entſtellt, daß Dein blaſſes Ausſehen mein Blut er⸗ ſtarren machte, und mir verkündeteſt, daß Du freiwillig einem Andern angehören wolleſt.“ „Ums Himmelswillen, laß uns dieſe ſchauerliche Zwiſchenzeit zu vergeſſen ſuchen.... aber ſage mir, mein theurer Severin, ob Du volles Vertrauen zu einer Frau haben kannſt, die, ohne leichtſinnig zu ſein, gleich⸗ wohl bis zum Verbrechen unbedachtſam war, denn es war verbrecheriſch und vor allen Dingen unnatürlich, aus mißverſtandenem Heldenmuth ſowohl Dein als mein Lebensglück zu opfern.“ „Alles das habe auch ich gedacht. Und ohne Zwei⸗ fel war mein Leiden das größte, weil ich glaubte, doß Du niemals ſo handeln könnteſt, wie Du thateſt, im Fall Du ſo liebteſt wie ich.“ ———— 398 „Nein, jetzt beginnſt Du wahrhaftig ein Leiden zu improviſiren,“ antwortete Viola mit ihrer ganzen be⸗ zaubernden Schalkhaftigkeit aus früheren Zeiten.„Ich glaube nicht, daß ich Dir beſonders große Urſache gab, an Deinem Erfolg zu zweifeln.“ „Kind, Du ſtiehlſt mir die Vernunft mit dieſem Blick... ja iuſt dieſer Blick war es— jetzt erkenne ich ihn wieder— der mich zuerſt zum Leben erweckte.“ „Meinſt Du an jenem Mittag, wo ich meinem ver⸗ ehrungswürdigen Vormund die Aufwartung machte, und Du beſchloſſeſt, jene intereſſante Tagesordnung zu er⸗ laſſen: Nichts leich..“ „Still, ſtill, jetzt vergiſſeſt Du allen Reſpekt, meine Mündel. Gottes Wunder, wie habe ich nachher ſo⸗ wohl gelacht als geweint bei der Erinnerung an dieſe ſowohl glückliche als qualvolle Zeit, wo Du Tag für Tag Dich immer mehr in meine Seele einſtahlſt, ohne daß ich Deine Siege ahnte, ohne daß ich die Zauber⸗ macht begreifen konnte, die Du mit Deinen Blicken, Deinem Lächeln, Deinem anmuthigen kindiſchen Trotz und hernach Deinem kleinen Stolz ausübteſt.“ „Du ſagſt mir ſo viele ſchöne Dinge über die ver⸗ gangene Zeit, daß ich neidiſch darauf werde. Bedenke, vielleicht findeſt Du mich ebenſo... ebenſo..“ „O ſpare Deinen Neid— die arme Vergangenheit iſt ja nichts gegen dieſe gottvolle Gegenwart... höre, wie die Vögel uns antworten... ſiehe, wie die Natur gleich unſern Herzen ſich erfreut... war Dein Traum, meine Einziggeliebte, mein ſchöner klarer Lebensſtern, ſeliger als dieſe Wirklichkeit?“. „Nichts kann je damit verglichen werden, alſo auch nicht mein ſchöner Traum; aber Du antworteſt nicht auf dieſe Frage, die ich ſoeben an Dich ſtellte.“ „Welche Frage? Ich bin ſo beſchäftigt, Dich an⸗ zuſehen, zu wiederholen, daß Du mein biſt, daß ich auf nichts anderes geachtet habe.“ „Aber jetzt ſollſt du mir antworten, ernſtlich, auf⸗ 4 — =ͤAESVSZS — ——+&— —— 4 — 399 richtig— ob Du volles Vertrauen zu mir haben kannſt, wie wohl Du ſo manche Beweiſe meiner Unbedachtſam⸗ keit geſehen haſt 2 „Ich verſichere Dich, meine Viola, daß kein Mann ein höheres Vertrauen zu ſeiner Frau haben kann, als ich. Haſt Du nicht eine Schule von Prüfungen durch⸗ gemacht, welche Du, zwar allerdings nicht wie eine Heilige, aber doch wie ein edles und muthiges Weib, ein gutes Weib überſtanden haſt? Und wenn Du Dich in Zukunft einiger kleinen Unbedachtſamkeiten ſchul⸗ dig machſt, ſo können ſie mich meine Ruhe nicht koſten, denn Du wirſt ja auch immer Vertrauen zu mir hegen, und nicht das geringſte Geheimniß vor Deinem Gatten haben?“ „Das wollte ich auch vor dem Vormund nicht haben. Aber die dummen Unbedachtſamkeiten kamen immer ſo ſchnell, daß ich Dich nicht aufſuchen konnte.“ „Auch ein Umſtand, der jetzt aufhört... nicht auf die Art, daß ich Dich wie viele verheirathete Män⸗ ner mit einer ewigen Gegenwart und beſtändig ſpioni⸗ renden Blicken zu umgeben gedenke; nein, unſre Ehe ſoll von der Art werden, daß Du nicht zu vergeſſen vermagſt, daß Du die Hälfte Deiner Seele und die Hälfte Deines Willens vermiſſeſt, wenn ich nicht bei Dir bin.“ *„Warte, warte— iſt das nicht Despotismus?“ „Ja, allerdings. Aber Du darfſt Deinerſeits den⸗ ſelben Despotismus üben, und Du wirſt es wahrlich thun.“ „Das glaube ich auch... aber laß uns jetzt in Betreff meines Patienten ein Uebereinkommen treffen: Seine Anſprüche ſind ſo gering, daß Du mir doch er⸗ lauben wirſt, ihn zu behalten.“ „Das magſt Du thun... ich verlaſſe mich jetzt und immer auf Deinen Takt, daß Du ihm dieſes„Gna⸗ denrecht“ zukommen läſſeſt, das keine Worte wiederzuge⸗ ben vermögen; aber inzwiſchen bin ich dennoch entzückt 400 darüber, daß er nicht kommt und die erſten Monate unſerer häuslichen Glückſeligkeit ſtoͤrt... Ach dieſe poetiſche, kleine Sommerwohnung. Du weißt nicht, wie jeder Platz Dir geweiht worden iſt... dort wird ſie ſitzen... hier wird ſie ruhen... ach die Liebe macht auch den klügſten Mann zum Narren. Aber Gott ſei Dank, Niemand außer Dir wird all dieſe Narr⸗ heit, all dieſe Abgötterei ſehen.“ 9 Er zog das geliebte Weib immer näher an ſein erz 1 „Wie wenig ich gleichwohl das Höchſte ahnte!“ flüſterte ſie. „Und ich? ahnte ich es?“ „Aber ſprich: was meinteſt Du damit, daß nur ich ſelbſt wiſſen dürfe, wie lieb Du mich habeſt? Du kannſt doch jetzt keine Scheu mehr hegen, die Welt Deine Liebe ahnen zu laſſen?“ „Ahnen mag ſie dieſelbe immerhin. Die Welt be⸗ griff wohl, daß ein Mann, der ſo lange dem Jungge⸗ ſellenleben gehuldigt hat, ſich nicht ohne wirkliche Liebe vermählt. Aber ich will nicht, daß ſie etwas von die⸗ ſem holden himmliſchen Leben ſehe, welches ein Myſte⸗ rium zwiſchen den zwei Perſonen bleiben muß, die ihre Treue und ihre Herzen ausgetauſcht haben.“ Er ſchaute ſie mit einem Fragezeichen in ſeinem Blicke an. „Ich liebe Dich ſo innig, ſo grenzenlos, meine Viola, daß es mir ſcheint, unſre Gefühle würden ent⸗ weiht, wenn wir die mindeſte Aeußerung derſelben den Blicken Anderer Preis geben. In Gegenwart von Frem⸗ den wäre ich nie im Stand, Dir die mindeſte Liebkoſung zu widmen. Ich glaube kaum, daß ich Deine Hand zu ergreifen wage, denn man würde einſehen, daß ich ſie dann in der meinigen drücke.“ „In allem dem gebe ich Dir tauſendmal Recht. Und fürchte keine Verſuchungen— ich verſtehe Dich wohl... aber im Uebrigen darf die Welt doch wohl „ 22 gehöre ſehen, biſt.“ Priyat Die onate dieſe nicht, wird Liebe Aber Narr⸗ n ſein nte!“ 401 ſehen, daß Du ein zärtlicher und aufmerkſamer Gatte biſt.“ „Sei ruhig— die Artigkeit und Aufmerkſamkeit gehören dem Geſellſchaftsleben an, der Himmel dem Priyatleben.“ XXXXI. Die Kriegsräthin Viola Wendelsköld an Frau Jeanne Sophie Marbin. „Da ihr nicht kommen und unſern dritten Hochzeits⸗ tag mit eurer Gegenwart beehren konntet, ſo ſetze ich mich jetzt nieder, um Dir ſtatt der mündlichen Details einige ſchriftliche zu geben. Aber laß mich Dir vor allen Dingen ſagen, daß ich mich mit eurem Wegzug nach Forsby nicht recht verſöhnen kann. Ich weiß, daß ihr recht handelt, da Mama es ſo innig wünſcht, daß ihr bei ihr leben ſollt. Aber unſre Herzen murren, denn wir vermiſſen die eurigen. Gott ſei Dank— das iſt auch das einzige, was wir vermiſſen. Ich dachte während der poetiſchen Monate, die wir auf Severins Villa verlebten, daß unſer großes Glück gewiß einen Schaden nehmen würde, wenn das gelbe Laub uns erinnerte, daß es Zeit ſei, nach einer wär⸗ meren Winterwohnung zu ziehen. Und von dieſer Furcht äußerte ich auch etwas ge⸗ gen meinen Mann. Aber das Lächeln, womit er mi Der Vormund. UI. 26 40² antwortete, war ſo zuverſichtlich, daß ich in meinen Hoff⸗ nungen noch ein paar weitere Monate, eben ſo reich wie die vorhergehenden, den bisherigen zufügte.„Aber man kann doch nicht ein ganzes Jahr lang ſo hier bleiben?“. „Woher,“ ſagte er jetzt,„bekommſt Du dieſe Furcht vor der Vergänglichkeit unſers Glückes? Forſche in Deinem Herzen— beginnſt Du mich weniger zu lieben, oder bin ich Deiner Zärtlichkeit weniger werth?“ „O nein!“ rief ich.„Aber ich glaubte, daß Gott dem Menſchen nicht erlaube, über eine gewiſſe Grenze hinaus glücklich zu ſein. Eine Ehe wie die unſrige iſt ja ein Leben, worin Wünſche keinen Raum ſinden.“ „Jetzt übertreibſt Du auf Koſten der Wahrheit. Ach wenn Du den Blick geſehen hätteſt, womit er in meine Augen ſchaute! Haſt Du keine Wünſche? haben wir nicht beide ſolche?“ Jetzt ſind dieſe erſten Wünſche längſt verwirklicht. Ich bin Mutter eines Kindes, das ich mit einer unver⸗ nünftigen Liebe anbete, weil es das ſeinige iſt, das ich mit einer vernünftigen Liebe erziehen will, damit es ſeiner würdig werden möge. Du warſt bei mir am erſten Jahrestag meiner Ver⸗ bindung mit Severin. Du ſahſt damals, daß meine Zweifel unbegründet waren, und daß dieſe Verbindung von der Art war, daß ſie allen anderen Gatten, die unſer Glück betrachteten, ein Verlangen einflößen mußte, ein gleiches zu erringen. Nun wohl, heute find es zwei Jahre, daß ich mich verheirathet habe, und dennoch findet ſich keine Veränderung in unſern Gefühlen vor. Heute wie vor zwei Jahren iſt meine hoͤchſte Freude meines Gatten fröhlicher, zufriedener und dankbarer Blick. Und wie er ſich wohl befindet in ſeinem Heim⸗ weſen! Wie er ſich ſehnt, daß die Stunde, wo die Beſucher ſich entfernen, zu Ende eilen möge. Mehr als je iſt er mit Vertrauens⸗ und Ehren⸗ poſten er do zurück genüt leneig führe mehr 5 Dich beſche Char kleine mein Nicke betra der d Frau häus mals beſſer in il Geſe imme Stö Ande Lebe Glei auß bis anzu recht Fein 40³ Hoff⸗ poſten überhäuft. Und er ſagt ſich nicht davon los, weil reich er doppelt glücklich zu ſeiner Frau und zu ſeinem Kinde Aber zurückkehrt, wenn er Andern mit ſeiner Arbeit etwas bhier genützt hat. Ich fürchtete im Anfang, ſeine alten Junggeſel⸗ Furcht leneigenheiten koͤnnten einige Schwierigkeiten herbei⸗ he in führen. Aber jetzt beſitzt er gar keine Eigenheiten ieben, mehr außer der, daß er ſeine Frau niemals betrübt. Aber Du kannſt Dir wohl auch denken— da Du Gott Dich auf ſolche Dinge verſtehſt— ob ich mich damit Brenze beſchäftige, ſeine Wünſche, ſeine Launen und ſeinen ge iſt Charakter zu ſtudiren. 4 Der alte Nicke ſagt manchmal, ich müſſe einen rheit. kleinen Zaubergeiſt haben, der zwiſchen meinem und er in meines Mannes Herzen herumſpringe, und der gute haben Nicke hat Recht— dieſer Zaubergeiſt iſt die Liebe. Wenn ich mitunter andere Ehen, als meine eigne klicht. betrachte, werde ich tief betrübt über den Anblick, daß nver⸗ der Fehler ſo oft auf der Seite der Frau liegt, die as ich Frau weiß ſelten ſelbſt, daß ſie fehlt,— ſie iſt in ihren ſit es häuslichen Verhältniſſen ſo gleichgültig, daß ſie nie⸗ mals daran denkt, ob es nicht auf eine andere Weiſe Ver⸗ beſſer ſein würde. meine Die Männer fühlen ſich auf ſo ungleiche Art wohl dung in ihrem Heimweſen. Der eine, der ein unſchuldiges , die Geſellſchaftsleben liebt, hat eine Frau bekommen, die nußte, immer ſchreit, über Schmerzen klagt und von keiner Störung in ihrer Bequemlichkeit etwas wiſſen will. z ich Andere, welche die Ruhe lieben und für das häusliche keine Leben geſchaffen ſind, beſitzen Frauen, die beſtändig ee vor„Gleichgültigkeit und Kälte zeigen, weil ſie das Leben Zatten außer dem Hauſe lieben und es nicht erwarten koͤnnen, hbis ſie hinaus kommen. Wie ſchmerzlich iſt das alles Heim⸗ anzuſehen, und es wird nie beſſer, bevor die Frauen do die recht begreifen, daß die Gleichgültigkeit der ſchlimmſte Feind ihres häuslichen Glückes iſt. thren⸗ Da ich gerade von Eheangelegenheiten ſpreche, ſo muß ich Dir anvertrauen, daß Kapitain Svabert jetzt angefangen hat, über Hymensthema nachzuſinnen. Seit einigen Wochen ſteht er im Begriff, von mei⸗ ner Fahne zu deſertiren. Die ſelige Mina iſt wieder aufgenommen worden und macht jetzt großes Furore in ſeinen vertrauten Beſprechungen mit Mamſell B., einer von den neuen Mündeln meines Mannes, und ſiehe, ich glaube, daß ſie guten Willen genug entwickeln wird, um ihn noch an die Exiſtenz von etwas anderem als ſeinem alten Leiden glauben zu machen. Severin lacht über meine niedergeſchlagene Miene, wenn ich ſehe, wie Kapitain Leopold, der zwei Jahre lang der Nachfolgerin der ſeligen Mina ſeine Auf⸗ wartung gemacht hat, dieſe jetzt verläßt, um einer neuen Laune zu folgen. Die Männer— ſelbſt diejenigen, die ſich ewig grämen— grämen ſich nur eine kurze Ewig⸗ keit. Nur mein alter Doktor iſt getreu. Seine Ehrwürden und die Pfarrerin Laura befin⸗ den ſich vortrefflich... wie iſt nicht Laura in ihrem Werthe geſtiegen! Sie hat mir vor einiger Zeit an⸗ vertraut, daß ſie nicht mehr als ein einziges Mal in Ohnmacht gefallen ſei, als ſie erfahren habe, daß Se⸗ verin ſich verheirathen und dadurch ihre Jungen um ſeine Erbſchaft bringen würde... Ich ſchließe jetzt. Die Fortſetzung folgt Morgen. A hahe noch einige Geſchäfte für unſer Feſt heute end"................ „„ 9„„-*.**„** .. ⁴ Nachſchrift des Kriegsraths. „Ich habe über die Schultern meiner holden Viola hinweg ein Paar Reflexionen in ihrem Briefe geleſen, und obſchon ich ihr vollſtändig Recht gebe, ſo muß ich dennoch hinzufügen, daß es ebenſo ſchmerzlich iſt, die Gleichgültigkeit der Männer für die Launen ihrer Frauen zu ſehen, für Launen und Liebhabereien, welche oft im genaue ten ſte U wenn Einkla 4 viele d zu ſeit 2 . Hoͤchſ 405 genauen Zuſammenhang mit früheren Lebensgewohnhei⸗ ten ſtehen. Unzählige Male iſt es der Männer eigener Fehler, wenn dieſe Neigungen ſich nicht mit den ihrigen in Einklang bringen laſſen. Soviel iſt indeß ſicher, daß viele deßhalb unglücklich ſind, weil ſie nicht gluͤcklich zu ſein vermögen. Aber ihr Beide und wir laſſen das Beſte, das Höchſte nicht von uns gehen. S. W.“ —ͤͤͤͤſ- 1— —xqZEA 3 — — 4 8