Leihbibliothek † deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von. 4 Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.—. —JIS 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 6 den angenommen.—— 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet A wird.— b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ eträgt:— 4 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 11— 1„ 3„,„ 4 7,„— u ſſ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. .1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird Jbeſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— ſW——— — ——— —. — 3. —— ˙88ꝝſſſſſſſͤſſͤſͤſͤſͤſſ“ ſ 3— 4 —— Der Vormund. Roman 4 M von 8 Flggare Carlen. Aus dem Schwediſchen 8 4 von G. Fink. ' Viertes bis achtes Bäudchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. V V 24. N Das Frühſtüch. 4* „Siehe da, meine liebe Viola, heute bekommen wir den Hausherrn an den Tiſch. Er ſagte mir ſoeben, daß er im Speiſeſaal frühſtücken wolle.“ „Ach wie freut es mich, daß er wieder geſund iſt!“ Viola erröthete wirklich vor Freude, als man ihr verſprach, daß ſie ihren Vormund wieder ſehen ſolle, auf deſſen nähere Bekanntſchaft ſie immer neugieriger geworden war. ¹ „Und nun, mein lieber Engel,“ ſagte Frau Laura, „will ich Dir ſagen, daß all Dein Wohlbefinden hier im Hauſe davon abhängt, wie Du Dich im Anfang zu unſrem lieben Original ſtellſt.“) „Ich denke,“ antwortete Viola nicht ohne einen Anflug von einigem Stolz,„mich auf gar keine vorausbe⸗ ſtimmte Art zu ſtellen, ich werde mich ſo geben, wie der Augenblick es mit ſich bringt, und je nach den Ein⸗ drücken, die ich erfahre.“ „Haſt Du es ſo im Sinn, nun dann gratulire ich Dir zu einer angenehmen Zukunſt... Du erlaubſt mir wohl, wenigſtens Dir zu ſagen, daß unter allen Bekann⸗ ten des Kriegsrathes nicht ein einziger iſt, der auf ſeine kleine Eigenheiten ſo wenig Rückſicht nähme, wie Du zu beabſichtigen ſcheinſt.“ „Aber, mein Gott, man kann doch nicht verlangen, Der Vormund.. 1 —, daß man zum Voraus ſeine Handlungsweiſe genau beſtim⸗ men ſoll. Muß dies nicht immer von den Umſtänden ab⸗ 1 hängen und von den Dingen, die geſprochen und gethan werden?“ „Wir wollen in dieſer Sache nicht ſtreiten, meine Liebe, da Du Dich für Deinen eigenen Weg entſchieden haſt. Laß uns bloß eilen, denn in zwanzig Minuten 1 iſt Severin im Speiſeſaal, und ich glaube, daß er eine ſolche Nachläſſigkeit wie die, ihn warten zu laſſen, nie verzeihen würde.“ „Er iſt alſo ſehr ſtreng?“ „Ich ſage nichts. Ich habe den Grundſatz, meine 4 Rathſchläge nicht wegzuwerfen, wenn man ſie von ſich weist... Wir haben heute recht ſchönes Wetter.“ „Gute Laura, kannſt Du es nicht verzeihen, wenn ich Dir in Bezug auf meinen Vormund etwas widerſetzlich erſcheine? Aber irgend etwas ſagt mir, daß ich ihn nicht, wie Du geſtern meinteſt, mit Sturm nehmen oder— was auf daſſelbe herauskommt— durch eine dumm⸗* dreiſte Vertraulichkeit mich auf guten Fuß mit ihm zu ſtellen verſuchen darf.“ „Muß ich wiederholen, daß ich mich über dieſen Gegenſtand nicht weiter äußere!“ „Nein, gewiß nicht. Es betrübt mich jedoch, Dein Mißvergnügen erregt zu haben.“ 1 „O, das hat nichts zu ſagen.“ r „Aber im Fall Du ſelbſt beſſer über die Sache i nachdenkſt, findeſt Du, glaube ich, gewiß, daß ein Mäd⸗ chen, das zu einem Manne von Deines Schwagers Ge⸗ 4 müthsart in ein töchterliches Verhältniß zu treten wünſcht, nicht damit anfangen darf, ihm ein ſolches aufzudrängen.“ „Hm, hm.. wie die kleine Weisheit ſich breit r macht!“ ſ „Ich wollte juſt ſehen, was für ein Geſicht er 1 t “ — — V V machen würde, wenn ich vorſpränge und ihn in meine Arme ſchlöße; er würde mich gewiß verabſcheuen und — denken, daß meine Erziehung zu Hauſe ſehr verwahrlost worden ſei.“ Es gelang hier Frau Laura, das Ausſehen einer ganz beſtürzten Zuhoͤrerin anzunehmen. Aber ihre Antwort beſchränkte ſich blos auf ein Zeichen gegen die Uhr. „Ich kleide mich erſt zum Mittageſſen an,“ verſetzte Viola entſchloſſen. „Jetzt biß ſich die liebe Frau Schwägerin ſo heftig in die Lippen, daß die Roſenfarbe derſelben in Karme⸗ fin überging. Das erſtemal hatte ſie gewünſcht, daß Viola das weiße Morgenkleid anbehalten möchte, um dadurch einen Verdruß hervorzurufen: aber wenn auch — wunderbar genug— dieſer Verdruß ſich nicht in Worten zu erkennen gab, ſo ahnte oder vielmehr ver⸗ muthete Laura doch, daß es eine unerläßliche Pflicht ſei, Viola auf die Schwachheit des Kriegsraths in Etiket⸗ tenſachen aufmerkſam zu machen. „Gütiger Gott,“ rief Viola jetzt mit allen ſicht⸗ baren Zeichen reißender Geduld,„ich habe nie in mei⸗ nem Leben ſo viel Umſtände wegen ſolcher Kleinigkeiten geſehen.“ „Kleinigkeiten?“ „Ja, allerdings. Daheim bei meinem Vater und bei meinen Tanten durfte ich den ganzen Sommer vom Morgen bis zum Abend, wenn es mir ſo beliebte, in meinem weißen Kleide herumgehen. Ueberdieß.“ Aber jetzt ſchlug es zehn Uhr und damit hatten alle Berathungen ein Ende. Frau Laura flog fort. Und nachdem Viola vor dem Spiegel noch einmal ihr Haar glatt geſtrichen; der flatternden rothen Band⸗ roſe auf der Bruſt eine reputirlichere Lage gegeben und ſelbſt unter dem ſchalkhafteſten Lächeln die ernſthafteſte und ehrbarſte Miene angenommen, die ſie in ihrer Ge⸗ walt hatte, eilte ſie mit flammenden Wangen und hef⸗ tigem Herzklopfen die Treppe hinab. — — Wie wird er wohl heute ſein? So lautete die Frage, die ſie beim Eintritt an ſich ſelbſt richtete.. Die Antwort war ein Seufzer aus ihrem ungedul⸗ digen und warmen Herzen. Beim Kachelofen ſtand der Kriegsrath in ſeinem eleganteſten Morgenanzug für einen alten Junggeſellen, d. h. er hatte nicht den Frack angezogen, ſondern den tabaksbraunen Ueberrock, den er zweimal hätte um ſich ſchlagen können. Und mit einer ſo ſteifen und abgemeſſenen Genauig⸗ keit trat er jetzt drei Schritte vor, um ſeine Mündel zu begrüßen, daß dieſe betrübte Mündel ſich beinahe in eine Bildſäule von Eis verwandelte. „Ich nehme mir die Freiheit, die Hoffnung auszu⸗ ſprechen, daß Sie ſich von Ihrer Reiſe vollkommen er⸗ holt haben mögen,“ ſagte er mit ſchleppender Feierlich⸗ keit, welche darauf berechnet war, ſeinen eigenen unglück⸗ lichen Hauptfehler zu verbergen. Viola hätte ſich auch gerne die Freiheit genommen eine Hoffnung in Betreff der Geſundheit ihres Vor⸗ mundes auszuſprechen, aber als er langſam ſeine ſchwarzblauen Augen auf ſie hinabſenkte, meinte ſie, daß dieſelben ihr gleichſam verböten, ihren eigenen Einge⸗ bungen zu folgen. Und ſie antwortete mit einem pflicht⸗ ſchuldigen: „Danke, Herr Kriegsrath, ich bin vollkommen wie⸗ der hergeſtellt.“ g In dieſem Augenblick zeigte ſich ein leichtes Lächeln auf Severins Lippen, und er machte mit der Hand eine einnehmende Geberde. „Mag dieſe mir gelten?“ fragte Viola in ihrem Innern. Aber es war blos ein Signal zum Tiſch. Und dort nahm man die Plätze ſo ein, daß Viola ihrem Vormund gegenüber, Laura an ſeiner Seite ſaß, und der alte Nicke mit der Serviette auf dem Arm hinter dem Stuhle des Hausherrn ſtand. In den erſten zehn Minuten ſprach Niemand auch nur ein einziges Wort. „Das wird in die Länge tödlich!“ dachte Viola. „Dreimal des Tags ein ſolches Beiſammenſein, eine ſolche Langweile— und doch iſt dieß derſelbe Mann, der einen ſo ſanften und innigen Brief ſchrieb.“ „Aber freilich,“ fuhr ſie in ihren ſtillen Betrach⸗ tungen fort,„er hatte damals den zweiten Bericht der Oberſtin noch nicht erhalten... Er hütet ſich, gleich⸗ wohl durch etwas Anderes, als durch ſein Benehmen den Eindruck zu zeigen, den er gemacht hat— eine offene Erklärung wäre um Vieles beſſer.. Ach, ich halte es unter einem ſolchen Zwange nicht aus.“ In demſelben Augenblick— juſt als Frau Laura damit beſchäftigt war, den Haſen zu zerlegen und der Kriegsrath in ſyſtematiſcher Ordnung die Broſamen zuſammenzurechnen— warf Viola zufällig ihre Augen auf den alten Nicke, der jetzt, wie wenn er nur darauf gewartet hätte, ſogleich anfing, alle möglichen Zeichen mit ſeiner Serviette in der rechten Hand zu machen. Unſere Heldin bot ihren ganzen Verſtand auf, um wo möglich dieſe Zeichenſprache zu begreifen, die mit jeder Sekunde lebhafter und bizarrer wurde. Aber als ſie zu verſtehen gab, daß dieſelbe über ihren Horizont gehe, da ſchnitt Nicke eine ſo abſcheu⸗ liche und verdrießliche Grimaſſe, daß Viola, ſelbſt wenn es ein wichtigeres Intereſſe als das gegenwärtige ge⸗ golten hätte, nicht hätte unterlaſſen koͤnnen, das zu thun, was ſie that.. Und was that ſie wohl? — ——— 1 3 Sie brach in ein jugendliches, hellklingendes Ge⸗ lächter aus, ein Gelächter, das die bisherige Stille auf eine eigenthümliche Art unterbrach. Auch ließ Frau Laura das Meſſer, Nicke die Ser⸗ viette und der Kriegsrath ſeine Broſamen fallen. Aber es geſchah etwas noch Schlimmeres. Viola's ſchlecht angebrachte Munterkeit unterbrach auch die ſchöne Periode, womit der Kriegsrath die kleine Bewillkommnungsrede beginnen wollte, die er an ſeine Mündel zu halten beabſichtigte. Ergo war es nicht blos die Vormundswürde und die Schüchternheit des genau berechnenden Mannes, welche verletzt wurde, ſondern auch die Eigenliebe eines Redners. Und wie machte unſer Fräulein ihren doppelten Fehler wieder gut? Nun, als ſie dieſe drei verſtummten, um nicht zu ſagen verſteinerten, Geſichter ſah, fand ſie dieſelben ſo unbeſchreiblich komiſch, daß ſie von Neuem lachen mußte, wie eine ächte kleine Närrin. Während dieſes ganzen letzten Paroxismus, welchen Viola ſelbſt verurtheilte, ohne ihm Einhalt thun zu kön⸗ nen, hatte der Kriegsrath ſeinen Blick auf ſie geheftet, und Gott weiß, daß derſelbe weder Verlegenheit, noch Scham verrieth. „Mein Fräulein,“ ſagte er endlich mit einer flie⸗ ßenden Leichtigkeit, denn der Aerger hatte ſeine letzte Blödigkeit weggenommen,„ich glaube Ihnen ſagen zu müſſen, daß ich einen ganz beſonderen Werth auf eine anſtändige Aufführung lege, und daß es nichts weniger als angenehm iſt, zu ſehen, daß irgend eine Sache oder Perſon in meinem Hauſe Veranlaſſung zu ſo ungezoge⸗ nen Ausbrüchen gibt.“ Bei dieſer ſcharfen Zurechtweiſung ſtrahlten Frau Laura's Augen von einer himmliſchen Seligkeit. Der alte Nicke dagegen ließ eine Thräne auf die wieder aufgehobene Serviette fallen. 7 Aber Viola, die ſich wieder erholt hatte, flog haſtig vom Tiſche auf, und mit der ganzen Heftigkeit und Unbedachtſamkeit, die ihrem Charakter angehörte, ſtürzte ſie zu ihrem Vormund und that... genau daſſelbe, wozu Frau Laura, wie ſie dieſer zum Vorwurf gemacht, ſie hatte verleiten wollen— es verſteht ſich jedoch, daß Viola es ohne Berechnung that. Frau Laura hatte geſagt: „Nimm ihn im Sturm!“ Und Viola nahm ihn im Sturm. Denn ehe der Kriegsrath nur daran hatte denken können, ſich in Vertheidigungszuſtand zu ſetzen, lag Viola's— eines jungen ſchönen Mädchens— Arm um ſeinen Hals und ein bezauberndes Köpfchen ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt; und dann welches Schluchzen, welche Klagen, welche Thränen, welche Bitten! Der unglückliche Severin, der vergebens dagegen kämpfte, glaubte ſich ins Schattenreich ſelbſt verſetzt. Er warf, wand und bog ſich hin und her, und er ſtam⸗ melte unaufhörlich: 3 „Mein Fräulein... in Wahrheit... mein Fräulein..“ „Verzeihung, mein guter, theurer, väterlicher Freund, Verzeihung für meine kindiſche Ausgelaſſenheit! Ich kann mich nicht beruhigen, bevor ich ein„Ja“ auf dieſe Bitte gehört habe.“ Severin war entzückt darüber, daß er endlich eine Wahl hatte. Er ließ nicht lange auf ein Ja warten, er würde auf Alles in der Welt mit Ja geantwortet haben, um nur los zu kommen..... Aber was war die Folge? In den nächſten vierzehn Tagen zeigte ſich Seve⸗ rin nicht mehr beim Frühſtück unb beim Mittageſſen waren immer gleichſam als Schutzwächter entweder der Doktor oder der Pfarrer eingeladen. Was das förmliche Schema betrifft, ſo war es . — —— ——— worden. Aber eines ſchönen Tags ſollte es ſo weit kom⸗ men, nachdem es jetzt an der Hand der Erfahrung ge⸗ hörig aufgeſetzt und verbeſſert worden war. 25. Es wird ein wichtiger Beſchluß gefaßt. Wäͤhrend der genannten vierzehn Tage hatte der Doktor vergebens uͤber die Nothwendigkeit gepredigt, „das Haus zu öffnen,“ wie er es nannte. Viola war noch nicht weiter zur Thüre hinaus⸗ gekommen als bis in den Garten und hatte noch keine anderen Freunde geſehen, als die beiden Hausfreunde. „Ich glaube, Du biſt beſeſſen,“ antwortete der Kriegsrath eines Morgens in nicht geringem Zorn. „Ich werde doch meine Mündel nicht öffentlich ausbie⸗ ten ſollen.“ r „Nein! aber Du darſſt ſte auch nicht hier einge⸗ mauert halten.“ „Eingemauert?“ „Lieutenant Charles und einige andere junge Männer haben unter mehreren vollkommen paſſenden Vorwänden — obſchon immer vergebens— Zutritt zu erhalten geſucht. Warum verweigerſt Du ihnen denſelben?“ „Lieutenant Charles Marbin und die übrigen Her⸗ ren, ſeine guten Freunde, find vorher nicht empfangen worden.“ „Das Vorher will gar nichts beſagen. Du mußt ſelbſt nach Verlauf dieſer Zeit noch nicht übergeben ——;—ÿxℳ:FFL— — ———— 2 e jetzt in vielen Dingen Veränderungen eintreten laſſen. Ein Vormund, der in ſeinem Haus eine Mündel beſitzt, die er je eher, je lieber an den Mann zu bringen ſuchen muß“ „Und warum denn das?“ „Du fragſt noch! Schon ehe ſie hieherkam, warſt Du ja ganz unruhig, wie ſie wohl verſorgt werden könnte.“ Der Kriegsrath erröthete und ließ ſeine Doſe im⸗ mer ſchnellere Kreiſe zwiſchen den Fingern beſchreiben.“ Der Doktor that, als ob er dieß nicht ſähe, und fuhr fort: „Dieſes junge, unerfahrene und verteufelt ſchöne, taubenartige Weſen darf nicht ohne einen Führer in die Welt hinausgelaſſen werden, denn— um in der Bilderſprache zu reden— das Fahrzeug ihres Lebens würde ohne Steuermann gegen einen ganzen Kranz von Liebesbrandungen antreiben.“ Der Kriegsrath erröthete immer tiefer, antwortete aber nichts. „Lars Moritz iſt auch dieſer Anſicht, Bruder.. Du mußt nachgeben.“ „Aber ſo bedenke doch meine Gewohnheiten, mei⸗ nen Abſcheu vor dem Geſellſchaftsleben, meinen Wider⸗ willen gegen dieſes einfältige, nichts ſagende Geſchwaͤtz, womit ſolche junge Fante ſich oft intereſſant zu machen meinen.“ „Das iſt die Sprache der Jugend,“ verſetzte der Doktor mit einem andächtigen Sehnſuchtsſeufzer,„und wir, die wir die Jugend hinter uns haben, müſſen Ge⸗ duld damit tragen. Inzwiſchen brauchſt ja Du nicht darunter zu leiden.“ „Aber ich leide doch darunter, ſage ich Dir.. das weiß ich am beſten.“ „Ja, wie gegenwärtig— aber warum brauchſt Du Dich denn zu zwingen?“ „Wie— Du machſt den Vorſchlag?“ „Ich mache gar keinen Vorſchlag, mein Freund, aber ich weiß, daß man auf einen Mann wie Du biſt, mit kränklichem Körper und in ſich gekehrtem Gemüth für die geſellſchaftlichen Intereſſen nicht rechnet!“ „Hm!.. gewiß. gleichwohl...“ „Du haſt Deine Schwägerin, eine ganz paſſende Führerin für die kleine Viola, und dann bleibt Dir noch die Wahl zwiſchen mir and Lars Moritz, die wir, hoffe ich, ganz vollkommene Repräſentanten Deiner eigenen Perſon abgeben können.“ „Ihr ſeid immer voll Freundſchaft gegen mich.“ „Und wohin Du uns auch ſtellen magſt, ob als Wirthe, um die Honneurs in Deinem Salon zu machen, ob als väterliche Ciceroni auf Spaziergängen, oder als reſpektable Vormünder bei Soireen und Bällen, wir geloben Dir feierlich, Deinen Platz ſo gut auszufüllen, daß Du in Ruhe das Leben fortſetzen kannſt, welches Du liebſt und an das Du gewöhnt biſt.“ „Dank, Bruder— Dank— ich werde nicht er⸗ mangeln, an die Sache zu denken und ſie in Erwägung zu ziehen... wir wollen dann ſpäter ſehen.“ „Später— was haſt Du denn eigentlich in Er⸗ wägung zu ziehen?“ „Ein Vormund, liebſter Doktor, hat immer viel zu überlegen. Sein Beruf iſt voll von Verantwortung... Che ich einen Beſchluß faſſe, muß ich gründlich mit meiner Mündel ſprechen, was ich allerdings ſchon lange hätte thun ſollen.“ „Nun, wann wird das geſchehen?“ „Morgen Mittag zwiſchen fünf und ſechs. Ich gedenke ihr dann zugleich den kleinen Aufſatz zuzuſtel⸗ len, von dem Du weißt.“ „Aha, ſie hat ihn noch nicht erhalten?“ „Nein, es war immer Etwas, das ich noch weiter überlegen mußte— Aber jetzt muß es geſchehen, denn Du erinnerſt Dich ja... um elf Uhr... 11 Der Doktor ſah unſchuldig verwundert d'rein— er ſchien ſich an gar Nichts zu erinnern „Iſt denn nicht mein Zimmer beinahe ein Ge⸗ ſchäftsbureau?“ Auf des Doktors Miene zeigte ſich jetzt ein ſo komiſch einfältiger Ausdruck ſteigender Verwunderung, daß Jedermann außer dem Kriegsrath über ſeine Pan⸗ tomine hätte lachen müſſen. „Nun aber der Garten.. ℳ „Ach, ja der tauſend, jetzt bin ich darauf.. „nichts Leichtes nach elf Uhr”“... Aber, Bruder, Du haſt Dich ja auf die Jalouſten verlegt.“ —„Ja ſchöne Jalouſien— ich weiß nicht, wo Laura ſolch ſpinnewebdünnes Zeug herbekommen hat; man hätte ſie aus Futterleinwand machen ſollen, wie ich verlangte, dann wären ſie nicht ſo bequem wie jetzt.“ Der Doktor mußte ſich abwenden, um ein Lächeln zu verbergen. Er dachte an Frau Laura, die mit der Schönheit der kleinen Mündel nicht ſo mißgünſtig war. „Iſt es nicht impertinent,“ fuhr der Kriegsrath fort,„daß mehrere junge Männer ſich nicht entblödet haben, hier— in dieſem Zimmer, von wo, wie ich hoffte, aller Leichtſinn verbannt ſein ſollte— ſich an's Fenſter zu ſtellen und zwar mit einer Beharrlichkeit, als wären ſie in den Boden feſtgewachſen?“ „So etwas darf wirklich nicht geſchehen, da es Dich verdrießt und jeder Verdruß Deiner Geſundheit ſchadet. Aber da das Kind ſeinerſeits Luft und Be⸗ wegung nicht entbehren kann, ſo beſchließen wir ſtatt deſſen, daß ich jeden Vormittag, wenn ich die Runde bei meinen Patienten vollendet habe, die kleine Viola zu einer Promenade in der neuen Anlage abhole. Dort kann unſere ganze junge Welt ſie ſehen, ohne daß Du damit geplagt biſt, und ich kann Dich verſichern, daß man eine verzweifelte Neugierde hat, das kleine Wun⸗ derthierchen zu betrachten.“ Bei dieſem letzten freundſchaftlichen Vorſchlag des Doktors richtete ſich Severin auf. Der Doktor, deſſen Blick fortwährend auf der Lauer war, bemerkte jetzt ein nervöſes Zucken in den Geſichtsmuskeln des Patienten, darauf in ſeinen Augen einen Blitz wie von zurückgehaltenem Zorn; endlich aber ging Alles in eine allgemeine Schlaffheit über. Dieſes letzte Stadium geſtel dem Doktor nicht. „Heißeſt Du meinen Vorſchlag gut?“ fragte er gleichgültig. „Nun ja... das heißt, ich bin mit mir ſelbſt noch nicht einig, ob er paſſend iſt.“ „Paſſend?— Du erweiſeſt mir doch wohl nicht die Ehre, mich für einen gefährlichen Verführer anzu⸗ ſehen? Aber es ſieht freilich aus, als ob Du meinen fünfundſechzig Jahren ein Compliment machen wollteſt (obſchon ich immer von 70 rede, ſo muß ich doch wohl nach einem ſolchen Lobe hier geſtehen, daß ich wirklich nicht mehr als 65 habe).“ „Ich meine natürlich die Sache ſelbſt.“ „Nun denn— kann es unpaſſend ſein, in den ſchönen Anlagen der Stadt ſpazieren zu gehen? Unſere ganze Geſellſchaft promenirt ja da.“ „Juſt deßhalb... es könnte ausſehen, als ob man mit Berechnung... „Beunruhige Dich darüber nicht, Bruder. Alle Menſchen ſehen ein, daß die Luft, der Frühling, das Gras und die Blumen für Deine Mündel ebenſo noth⸗ wendig ſind, wie für alle anderen geſchaffenen Weſen. Und da alſo Deine letzte Einwendung entkräftet iſt, ſo komme ich morgen ganz beſtimmt und hole das kleine Fraͤulein um ein Uhr ab.“ „Ich ſollte wohl eigentlich... eigentlich... ich ſollte doch eigentlich auch einmal dieſe Anlage ſehen, die im letzten Jahr mehrere Verſchönerungen erhalten haben ſoll... vielleicht könnte ich's verſuchen, mich frei zu machen.“ 13 des„Du, mein Freund?“— der Doktor nahm eine bedenkliche Miene an,—„glaubſt Du, daß Du ſo weit der ſpazieren gehen könneſt?“ den„weifelſt Du daran? Räthſt Du mir ab? Dann gen iſt es freilich etwas anderes.“ lich„Nein, wahrhaftig nicht, wenn Du ſo willſt. Aber Du haſt Dich ja ſonſt immer ſo hartnäckig ſelbſt gegen den kleinſten Spaziergang geſperrt.“ er„Dieſer da kann verſuchsweiſe unternommen wer⸗ den.“ „A la bonne heure! Und gelingt der Verſuch, lbſt ſo mußt Du täglich Deinen Spaziergang bis dorthin icht ausdehnen— Du kannſt es in Ruhe thun, denn, auf⸗ zu⸗ richtig geſprochen, ſelbſt der delikateſte Menſch dürfte den ſich keine Bemerkung darüber erlauben, daß Du das teſt Kind in meiner Obhut läſeeſt.“ ohl„O das verſteht ſich, das verſteht ſich. Gleich⸗ lich wohl iſt es immer ein wichtiger Beſchluß— der Spa⸗ ziergang, meine ich.“ „Schieb die Schuld auf den Rathgeber, wenn die Sache ſchlecht ausfallen ſollte.“ th⸗ 26. ſ Winke eines Deichtvaters. ich Waͤhrend das im letzten Kapitel mitgetheilte Ge⸗ ſpräch eines Nachmittags bei dem Kriegsrath geführt wurde, ſaß Viola mit dem Pfarrer im Salon, und auch ihre Unterhaltung nahm eine vertrauliche Form 3 an. 4 Frau Laura, der es gar nicht darauf ankam, ihre Pflegbefohlene aus den Augen zu laſſen, wenn nur der Vormund in eigner Perſon nicht zugegen war, war juſt auf ihr Stübchen gegangen, um einen Brief an ihre geliebten kleinen Liebesgötter zu ſchreiben. „Meine liebe kleine Fräulein Viola,“ ſagte der Pfarrer in ſeiner gemüthlichen und aufmunternden Art, „wenn nicht die Eigenliebe mich täuſcht, ſo haben Sie ein kleines Geſpäch unter vier Augen gewünſcht— haben Sie jetzt nur die Güte, mich als einen Vice⸗Vor⸗ mund, einen Freund und nothigenfalls als einen Beicht⸗ vater zu betrachten.“ „Als Beichtvater— wahrhaftig, das iſt es juſt, was ich brauche.“ „Um ſo beſſer.“ „Ach Herr Pfarrer, wie bin ich— in allem Ernſt geſprochen— ſo dankbar und vergnügt! ich habe jetzt drei würdige Freunde, denen ich Alles ſagen kann, was ich fühle und denke, obſchon, wie ſich von ſelbſt ver⸗ ſteht, der Beichtvater immer den Vorrang hat.“ „Ja, mein Fraulein, Sie haben wirklich drei Vor⸗ münder, ſtatt eines einzigen.“ „So habe ich's nicht gemeint.“ „Nicht ſo?“ „Meinem würdigen Vormund darf ich gewiß nicht Alles ſagen, was ich denke— nicht einmal die Hälfte — nein, nicht einmal ſo viel.“ „An wen denken Sie denn, Fräulein?“ „An den alten Nicke.“ „Ja, ja, es iſt wahr: er iſt eine treue und auf⸗ richtige Seele, ein wohlmeinender Freund: aber wie dem auch ſein mag, liebes Fräulein, ich glaube, daß juſt ſeine gute Meinung einen kleinen Wirrwarr ver⸗ urſacht hat.“ „Ja, das weiß Gott: aber es war meine Dumm⸗ heit, nicht zu begreifen, daß er mit dem Zeigefinger Buchſtaben auf die Serviette zeichnete.“ && APDSͤE&& — œ H 15⁵ „Und was wollte er damit ſagen?“ „Daß das Schweigen des Kriegsraths bei Tiſch— ein Schweigen, das mich, wie Nicke ſah, verſtimmte— daher komme, daß er eine längere Anrede an ſeine Mündel beabſichtige; aber ich... o wie unverſtändig.. ich närriſches Ding, konnte des alten Nickes Verſuche in der Zeichenſprache nicht anſehen, ohne in ein Gelächter aus⸗ zubrechen, und als ich endlich aus dieſem Parorismus herauskam, verſiel ich unglücklicherweiſe in einen neuen, da ich auf allen Geſichtern Beſtürzung ſah. Gott tröſte mich, Herr Pfarrer, das war ſchrecklich ſchlimm.“ „Ja, ja, liebes Fräulein, recht war es nicht. Aber— und der Pfarrer ſah ſchalkhafter aus, als dieß einem Beichtvater eigentlich zukommt— war es nicht auch noch etwas mehr?“ Mit einer hohen Röthe antwortete Viola: „Ja, vielleicht etwas tauſendfach Schlimmeres, als das vorhergehende. Ich bin doch begierig, ob ich je lernen werde, meinen Handlungen ein Nachdenken vor⸗ angehen zu laſſen.“ „Das werden Sie thun, ſobald Sie ſich einmal daran gewoͤhnen, Ihre Gedanken ſich äußern zu laſſen, bevor Sie handeln.“ „Das iſt nicht leicht...“ zs„Aber nothwendig... inzwiſchen war es wahr, aß...“ „... daß ich, nachdem ich das Zartgefühl meines Vormundes durch eine unentſchuldbare Luſtigkeit verletzt hatte, ihn noch ſchrecklicher durch meine Zudringlichkeit verletzte... ja, das iſt wahr.“ „Armes, liebes Fräulein!“ „Ja gewiß, man muß die Unerfahrenheit beklagen in meiner Herzensangſt fühlte ich bloß das Be⸗ dürfniß Reue zu zeigen und Verzeihung zu gewinnen, ich hätte den Kriegsrath bereits gut genug kennen ſol⸗ len, um zu wiſſen, daß juſt dieſe Art in ſeinen Augen mehr ſchaden mußte als alles Andere.“ „Ich glaube, daß Sie hier zu ſtreng urtheilen, Fräulein Viola. Severin beſitzt Gefühlsinnigkeit und Menſchenkenntniß genug, um Ihre freundliche Handlung nicht zu mißkennen, aber.“ „Ja, halten Sie ein, mein guter Beichtvater, dann will ich fortfahren. Und die Fortſetzung lautet ſo: „Aber dieſe Art von Gefühlsausbrüchen paßt auf keinerlei Art in das Syſtem, das er von einem ver⸗ nünftigen Zuſammenleben im Familienkreis entworfen hat, und nach welchem Syſtem ſeiner Anſicht nach die Ge⸗ fühle des Weibes ſich bewegen ſollen.“ „Mein Fräulein Sie ſind wirklich in der Kunſt, die Zeichenſprache zu deuten, nicht ſo ganz unerfahren. Ich zatene gleichwohl den Ausdruck bedeutend gemildert haben.“ „Und wozu hätte das gedient? Wir brauchen uns ja nur an die Folgen zu halten. Es ſind vierzehn Tage, ſeit ich mich ſo ungeſchickt benommen habe, und in dieſen vierzehn Tagen iſt er nie mehr zu einem Früh⸗ ſtück gekommen.“ „Es war immer ſeine Gewohnheit, dieſe Mahlzeit auf ſeinem eignen Zimmer einzunehmen.“ „Ja, aber jetzt hatte er die Abſicht gehabt, das Frühſtück zu einer Art von Familienzuſammenkunft zu machen, und er hat nicht blos ſeinen Beſchluß nicht ausgeführt, ſondern auch beim Mittageſſen immer nur höchſt abgemeſſene Worte zu mir geſprochen, die von der Nothwendigkeit bedingt waren.“ „Ob ſie nun von der Nothwendigkeit oder ſonſt von etwas Anderem bedingt waren, ſo waren ſie doch wohl immer freundlich?“ „Aber ſagen Sie ſelbſt, haben ſie jemals auch nur eine Spur von Vertraulichkeit, auch nur ein Zei⸗ chen von Wohlwollen enthalten?“ „Das kommt wahrhaftig darauf an, wie man ſie auffaſſen will.“ „Nein, ſuchen Sie das Ding nicht zu vergolden. 17 Es liegt immer etwas Fremdes, elwas Gezwungenes in ſeinem Weſen.. ach, er thaut niemals auf.“ „Ich bin dem Gang Ihrer Gedanken genau ge⸗ folgt, mein Fräulein, und ich ſollte nicht glauben, daß ich mich ſehr täuſche in der Vermuthung, daß in Ihren Gefühlen mehr Verdruß als Widerwillen liegt.“ „Nein, nein, wahrhaftig nicht, ich empfinde mehr Widerwillen als Verdruß, obſchon ich nicht leugnen will, daß ich auch Eindrücke des Kummers erfahren habe; ich glaube, daß ich mit Recht erwarten durfte, er würde mich in ſechzehn Tagen wenigſtens einmal mit Herzlichkeit anreden, und käme dieſe Herzlichkeit auch nur von der Nothwendigkeit, mir Vorwürfe zu machen.“ „Jetzt ereifern Sie ſich, mein Fräulein.“ „Nun ſo laſſen Sie mich es thun,“ rief Viola mit ihrer alten Heftigkeit.„Ich glaube wohl, daß ich bei ſeinem Benehmen ein Recht dazu habe.“ „Weit eher— im Fall Sie mir erlauben wollen, Ihnen einen Wink zu ertheilen— weit eher haben Sie ein Recht, mit ſich ſelbſt nicht ganz zufrieden zu ſein; glauben Sie denn etwa mit den Waffen des Mißver⸗ gnügens und Verdruſſes einen ſo ſanften und zugleich ſo feſten Mann, wie Severin iſt, beſtegen zu können? Seien Sie ſelbſt gegen ihn, wie es recht iſt, treten Sie ihm entgegen, ohne ihm allzu nahe zu kommen, und dann wird ſeine Scheu weichen.“ „Aber man erlaubt mir ja nicht, Vertrauen zu ihm zu faſſen— man erlaubt mir ſogar nicht, über die Gren⸗ zen dieſes Gartens hinauszugehen. Ich bin nicht ge⸗ wohnt, eingeſperrt zu leben, obſchon ich verſichere, daß ich dies ganz gut könnte, wenn zu hoffen wäre, daß neine Geſellſchaft irgend einem Menſchen ein Vergnü⸗ en machte.“ „Nun, mein liebes Beichtkind, ſeien Sie jetzt ruhig wir wollen die Sachen ſchon ins Reine bringen.. der Vormund. IH. 2 mein Vetter, der Lieutenant Charles, und ich haben bereits eine Luſlparthie zu Waſſer ausgemacht, und der Doktor hat, Gott weiß es, allerlei Vorſchläge einzu⸗ bringen.“ „Lieutenant Charles Marbin, er iſt doch der Bruder des Lieutenants Emil?“ „Allerdings! haben Sie ihn vielleicht ſchon durch das Fenſter geſehen?“ „Ich glaube wohl,“ antwortete Viola, und eine leichte Roſenfarbe glitt über ihr Geſicht.„Er iſt gewiß derjenige, der ſchon mehrmals vorbeigegangen iſt und heraufgeſehen hat.“ „Ich vermuthe, daß mehrere vorbeigegangen ſind und heraufgeſehen haben.“ „Das verſteht ſich. Aber ich meine einen großen, ſchlanken Militär mit ſchwarzen Locken; er ſieht dem Lieutenant Emil juſt nicht gleich, doch iſt eine Familien⸗ ähnlichkeit vorhanden.“ „Ah, jetzt höre ich wohl, daß Sie ihn wieder kennen.“ „Wenn man am Fenſter ſitzt und eigentlich nichts hat, auf was man ſehen, und ebenſo Niemand, mit dem man reden kann— wie dieß zuweilen geſchieht, wenn Laura ausgeht— dann...“ Viola vollendete ihren Satz nicht, denn jetzt trat der alte Nicke herein, und meldete, der Kriegsrath laſſe das Fräulein bitten, ihn auf ſeinem Arbeitszimmer zu beſuchen. „Sehen Sie da, Fräulein Viola,“ ſagte der Pfar⸗ rer lächelnd,„klagen Sie jetzt darüber, daß er ſich nii vertraulich zeige.“ „Wir haben das ja noch nicht geſehen.“ „Aber ich ahne etwas. Erinnern Sie ſich j von den Gedanken weghüpfen ſollen.“ „Seien Sie ruhig—; es wird nichts für nächſte Beichte abfallen.“ nur, daß die kleinen ungeberdigen Gefühle nicht zu w. V haben ad der einzu⸗ Zruder durch bheine gewiß iſt und n find roßen, t dem nilien⸗ wieder nichts , mit ſchieht, zt trat h laſſe ner zu Pfar⸗ hniir — —S= 27. Der Vormund und die Muündel. Sobald der Doctor das Zimmer verlaſſen hatte, begann Severin zu überlegen, ob er wohl nicht am beſten thäte, wenn er ſogleich den großen Entſchluß faßte, mit ſeiner jungen Mündel allein zu ſprechen. Es iſt wohl wahr, daß etwas Widriges ſchon in dem Gedanken lag, den Tag und die Stunde zu ver⸗ ändern, aber des Doctors Promenadevorſchlag ſiellte ſich der Zeit, die der Kriegsrath zuerſt gewählt hatte, in den Weg, und er konnte ſich auf nichts Neues ein⸗ laſſen, bevor er den erſten Punkt ins Reine gebracht hatte.— Um ſich keine Zeit zu weiterer Beſinnung zu laſſen, beeilte er ſich, Nicke zu klingeln. Und erſt nachdem der Alte auf ſeine Botſchaft aus⸗ gegangen war, begann Severin, ſich zu beſinnen und ſich darüber zu wundern, daß er ohne alle nähere Ueber⸗ legung eine ſolche Maßregel habe treffen können. Nach der Verwundernng kam Unruhe, und nach der Unruhe die Befürchtung, er möchte in Folge dieſer nicht reiflich erwogenen Handlung in irgend einer Beziehung ſein Vormundsanſehen blos ſtellen. Glücklicherweiſe tauchte ein beruhigender Gedanke in ihm auf. Viola konnte unmöglich wiſſen, daß er im Sinn gehabt hatte, eine andere Stunde zu wählen, ja ſie konnte ſich um ſo weniger darüber Gedanken machen, als es juſt heute der vierzehnte Tag, das Ende der zweiten Woche nach ihrem Verſehen, war. In allen Fällen wurde es jetzt eine Pflicht, eine Ehrenſache, väterlich zu ſein, verſteht ſich mit Beibehal⸗ tung der Förmlichkeit, die ihrer beiderſeitigen Stellung zukam.— Seve rin ſetzte ſich im Schreibſtuhl zurecht, legte ſeine Stirne in tiefe Greiſenrunzeln, ſchob ſeine Brille hinauf und begann darauf in ſeinen Papieren zu blättern. Aber es war auch nichts weiter als ein Blättern, denn ſein Ohr erfaßte leichte Tritte, die bald eilend, bald zögernd ſich ſeiner Thüre näherten. „Sie will dem Vormund gehorchen, aber ſie fürchtet ihn,“ murmelte der Krie i Und bei dieſer Betrachtung auf der Stirne „Sie hat bei Gott Angſt,“ fügte er leiſe hinzu, als eine Hand gegen das Schloß zitterte geöffnet wurde.. ſo ſtreng, ſo kalt!— oder gib . will thun als ob ich ſie nicht ſähe, wenn ſie hereintritt, mehr Muth.“ Und er wandte ſich wie jola trat ganz behutſam herein. Sie trug an dieſem Tag ein Kleid von einem ge⸗ ſchmeidigen ſchwarzen Zeug, das die b lendende Weiße ihrer Schultern und ihres wohlgeformten Halſes, gegen welchen die glänzenden Locken ſanft zitterten, noch be⸗ deutend erhöhten. Unglücklicherweiſe fiel ihr erſter Blick auf den Spiegel. reſpekt C winden C ihrige auf ſei V Wunſch Seele Severi laden k Al den Mi geſproch 21 und auf ſeinem Flug drei andere Gedanken mit ſich nahm.— „Werde ich ihm denn beſtändig dadurch Verdruß machen, daß ich die Regeln vergeſſe, auf deren Beob⸗ achtung er, wie ich weiß, ſo viel hält? Wahrhaftig er wird bald glauben, ich zeige dieſe Mißachtung ſeiner Wüͤnſche aus Trotz. Es wäre beſſer geweſen, ich hätte mich mit Sonnenſchirm, Ridikule und Handſchuhen ver⸗ ſehen, als daß ich ſo ℳ Aber bei dem Gedanken, in einer ſolchen Ausſtaffi⸗ rung zu ihrem Vormund zu kommen, fühlte ſich Viola ſo luſtig geſtimmt, das ſte beinahe vorangeſprungen wäre.— Die grübelnde Haltung des Kriegsraths hielt ſie Nachdem ſie ſich ihm inzwiſchen bis auf zwei Schritte genähert hatte, ohne daß er darauf zu achten ſchien, legte ſie ſchüchtern zwei Finger auf ſeinen Arm. Bei dieſer Berührung konnte Severin nicht umhin, Und als er ſich umwandte und Violas zu gleicher Zeit freundlich bittenden und forſchenden Augen begeg⸗ nete, da koſtete es ihn eine unerhörte Anſtrengung, ſeine reſpektable Runzeln beizubehalten. Er bekam einen Wunſch, der unmoͤglich zu über⸗ winden war, und er überwand ihn auch nicht. Er reichte ihr die Hand, und indem er ſanft die ihrige drückte, ſpielte ein ſonnenſcheinwarmes Lächeln auf ſeinen Lippen. Viola, die ſchon dadurch verſöhnt war, daß er den Wunſch geäußert hatte, ſte zu ſehen, nahm in ihrer Seele dieſes Lächeln auf und ſah es noch immer, als Severin ſie bereits durch eine förmliche Geberde einge⸗ laden hatte, Platz zu nehmen. Als man ſoweit gekommen war, trat eine Pauſe in den Mienen ein— denn noch hatte man nicht in Worten geſprochen. 3 Viola ſaß wartend, mit niedergeſchlagenen Augen da. Der Kriegsrath ſchob ſeine Brille auf und ab, während er ſorgfältig die Tabakskörner wegblies, die ſich niemals auf ſeiner Hemdkrauſe vorfanden. Endlich ſagte er: „Es thut mir leid, ungemein leid, daß ich nicht bereits offenherzig mit Ihnen geſprochen habe, mein Fräulein; aber ſeien Sie überzeugt, das, was mich bis jetzt davon abgehalten hat, war.. war.. 4 „.. meine eigne Unbedachtſamkeit;“ ſiel Viola mit Engelsdemuth ein. „Mag ſein. Es iſt edel von Ihnen, daß Sie das annehmen, aber ich muß jedenfalls hinzufügen, daß ich ein Schweigen mißbillige, welches Sie zu dem Glauben verleiten könnte, daß ich irgend ein eigentliches Mißver⸗ gnügen empfinde.“ „Ach mein Gott, es wäre alſo nicht ſo? Sie haben alſo eingeſehen, daß meine Kühnheit blos aus dem Verlangen entſtand, zu verſöhnen und..“ „Still, ſtill, mein Fräulein,“ rief der mißverſtan⸗ dene Mann, indem er noch mehr erröthete, als Viola ſelbſt.„Wenn ich ſage, daß ich nicht mißvergnügt war, ſo iſt dieß eine Redensart, die vielleicht ebenſogut paßt wie irgend eine andere... eigentlich...“ „Bloß eine Redensart? Dann war es alſo doch ſo, wie ich glaubte und wußte, daß die toͤchterliche Art, wie ich in der Heftigkeit meiner Gefühle die Strenge meines Vormundes zu mildern ſuchte, in der Wirklichkeit ſelbſt Verdruß und Mißvergnügen hervorgerufen hat.“ „Wenn ich nicht unterbrochen worden wäre, ſo würde ich meine Gedanken bereits vollendet haben.“ „Entſchuldigen Sie, ich höre jetzt!“ „Eigentlich wollte ich ſagen, muß man ſich nicht ſo genau an ein Wort halten, ganz beſonders wenn gewiſſe Gedanken ſich nicht leicht mit Worten ausdrücken laſſen. Und wenn ich in Bezug auf einen gewiſſen Morgen nicht unzufrieden bin, ſo kommt dies daher, daß ich zum Vor Gen daß ger ſtieg mer war ches ten, laſſe Bed Pat ſprie Stel den ten, werd der liche Bin mir man Acht nicht Sie Beſſ 23 Voraus von der Haſtigkeit und Unbedachtſamkeit Ihrer Gemüthsart unterrichtet war und deßhalb auch einſah, daß eine Uebertretung des Schicklichen bei Ihnen weni⸗ ger bedeutet als bei Andern.“ Waͤhrend dieſer langen und geſchraubten Erklärung ſtiegen bittere Thränen in Violas Augen. „Alſo,“ ſagte ſie leiſe und ihre Lippen zitterten merklich,„alſo finden Sie, daß der Ausbruch eines warmen, ungeſuchten Gefühls wirklich etwas Unſchickli⸗ ches enthält?“ „Ei, ſo bedenken Sie doch. „Ich bedenke, daß Sie Beterſielle an mir vertre⸗ ten, und daß ein armes, einſames, beinahe gänzlich ver⸗ laſſenes Weſen, wie ich jetzt bin, ein unwillkürliches Bedürfniß empfindet ſich verſtanden zu ſehen.. eines Vaters Arme ſind ja offen, wenn er Verzeihung aus⸗ ſpricht.“ Als Viola ſo ſprach, war ſie blendend ſchön. Der Stolz und der Schmerz paßten wohl zu der Stellung, die ſie unbewußt angenommen hatte, und von den vorwurfsvollen Blitzen, die aus ihren Augen flamm⸗ ten, mußte Severin ſich abwenden, um nicht beſtegt zu werden. „Nein, nein, nicht ſo!“ fuhr ſie in immer ſteigen⸗ der Bewegung fort,„.. legen Sie einmal dieſe förm⸗ liche Kälte bei Seite— ich fühle, daß ſie mich tödtet. Bin ich nicht bei einem Vater, der mich lieben, der mit mir Geduld haben will, und dem ſein Herz ſagt, daß man ſich vertrauensvoll nähern kann, ohne gegen die Achtung zu verſtoßen?“ „Davon handelt es ſich nicht... ganz und gar nicht, mein Fräulein.“ Severin war heute höchſt unglücklich als Redner. „Nun, um was handelt es ſich denn?.. Seien Sie aufrichtig gegen mich, ich verlange ja nichts Beſſeres.“ „Es handelt ſich darum, daß.„daß.. ein Vor⸗ —— —, mund allerdings an des Vaters Stelle da iſt, aber. wenn dieſer Vormund noch nicht das Alter erreicht hat, wo er es wagen kann„meine Tochter“ zu ſagen, ſo wagt er es auch nicht, alles zu ſein, was ein zaͤrtlicher Vater ſein kann und ſein darf.“ Es lag eine ſanfte, beredte Einfachheit in dieſem aufrichtig gegebenen Bekenntniß, und die Beredſamkeit wurde noch erhöht durch den bittenden Ausdruck in ſeinen Augen. Zum erſtenmal warf Piola ihren Blick auf den Mann, nicht auf den Vormund, und ohne daß ſie be⸗ griff, warum, fühlte ſie, daß, wenn der Kriegsrath ſeine gewöhnliche Tracht ablegen und ſich ſo kleiden würde, wie die Männer ſeines Alters zu thun pflegen, es ihr nie mehr einfallen würde, ſich in ſeine Arme zu werfen, um Verzeihung zu erlangen. Und nie, nie würde ſie es gethan haben, wenn ſeine Augen wie jetzt ſie gebe⸗ ten hätten, daß ſie endlich begreifen möchte, was wirk⸗ lich undaſſend war. In Folge aller dieſer durch ihre Seele eilenden Wenn und Aber kam die Reihe, verlegen zu ſein, jetzt an Viola, und gleichwohl, wie gerne hätte ſie nicht ihren jungen Vormund nach der Veranlaſſung fragen mögen, warum er alt zu ſcheinen wuͤnſche. Aber ſie hatte nicht den Muth zu fragen. „Laſſen Sie uns jetzt von etwas Andrem ſprechen,“ fuhr Severin mit einem gewiſſen ungezwungenen Tone fort; denn jetzt, da er überzeugt war, daß nichts Unan⸗ genehmes mehr vorfallen konnte, fühlte er ſich wunder⸗ bar beruhigt. „Von was?“ fragte Viola leiſe. „Ich habe überlegt, wie wir unſre Tage eintheilen ſollen, und ich habe für paſſend gefunden, ein kleines Promemoria darüber aufzuſetzen.“ „Geſchriebene Verhaltungsregeln?“ ſiel das junge Maͤdchen ein, und ein Anflug feinen Spottes nahm auf eſem nkeit k in den be⸗ ſeine irde, ihr rfen, ſie ebe⸗ virk⸗ nden jetzt nicht igen e2n,“ one an⸗ der⸗ ilen nes nge auf 25 ihren Lippen die Stelle ein, wo ſo eben noch ſchönere Gedanken gelächelt hatten. „Ja, ſie ſind geſchrieben,“ antwortete der Vormund mit Würde,„und zwar aus dem Grund, weil ſie ſich dem Gedächtniß leichter einprägen, wenn ſie wiederholt werden.“ Viola fand, daß jetzt etwas Scharfes in der Stimme des Kriegsraths lag. Ohne ein Wort zu ſprechen, nahm ſie den Aufſatz und begann hinanzu⸗ blicken. 3 Aber beinahe hätte es auch jetzt wieder ein übles Ende genommen. Sie gab jedoch lieber ihre ſchönen Lippen preis, indem ſie derb auf dieſelben einbiß, als daß ſie den Kriegsrath durch ein neues Lachen beleidigte, wozu ſie doch die größte Luſt von der Welt empfand. Als ſie die Lektüre vollendet hatte, blickte ſie auf, und der tiefe Ernſt in dem Geſichte des Vormundes nöthigte ſie jetzt, ihre Anſtrengungen zu verdoppeln. Aber vermuthlich gelang es ihr nicht vollkommen, denn der Kriegsrath begann jetzt: „Ich glaube, mein Fräulein, daß dieſe Art zu Werke zu gehen, andere Gefühle erweckt, als diejenige, welche ich zu finden wünſchen möchte. Aber glauben Sie mir, ich habe es gut gemeint. Meine in Anſpruch genommene Zeit geſtatten keine häufige Beſprechungen; darum habe ich es fürs Richtigſte gehalten, ſo zu han⸗ deln, wie ich gethan habe, und welche Gefühle immer meine Wünſche hervorrufen mögen, ich zweiſle nicht daran, daß ſie befolgt werden.“ „Warum ſagen Sie nicht ebenſogut Befehle?“ „Weil es keine ſolche waren.“ „Gut— dann will ich es prüfen.“ „Wie ſo?“ „Die Wünſche meines Vormundes brauche ich nicht nothwendig zu erfüllen; ſeinen Befehlen dage⸗ gen bin ich verpflichtet zu gehorchen.“ „Weiter!“ „Nun, da ich keine Befehle erhalten habe, ſo ſcheint es mir nicht nöthig, Wünſche zu berückſichtigen, die mei⸗ nen eigenen Anſichten widerſtreiten.“ „Mein Fräulein..“ „Ich gebe gerne zu, daß ich jetzt naſeweis bin, aber da mir die Convenienz das Lachen und der Stolz das Weinen verbietet, ſo nehmen die armen Gefühle denjenigen Ausbruch, der ihnen am nächſten liegt... Hat ein Vormund das Recht, ſich in die Kleidung ſeiner Mündel zu miſchen? Ich verſichere Sie, daß mein eigener Vater mir in dieſer Beziehung nicht den min⸗ deſten Zwang auferlegte.“ „Und gleichwohl. „Nein, ſagen Sie nicht gleichwohl“— Viola wurde trotz der Rathſchläge ihres Beichtvaters immer ärger⸗ licher—„denn trotz allem dem laſſe ich keinen Glocken⸗ ſchlag für meine Toilette gelten. Zum Mittageſſen kleide ich mich an und damit Punktum.“ „Das will alſo beſagen, daß“ „ Daß ich ſowohl vor, als nach elf Uhr mein Morgenkleid anbehalte.“ „Erlauben Sie mir zu ſagen, mein Fräulein, Sie ſprechen jetzt mehr wie ein.. ein..“ „... ein eigenſinniges Kind, als eine verſtändige Mündel... ja, das mag wahr ſein, aber es iſt nun einmal ſo, daß jede Ungerechtigkeit mich aufreizt und in Harniſch bringt.“ „Aber im Fall ich Sie jetzt ganz beſonders darum bitte, dieſen Umſtand zu berückſichtigen?“ „Dann, Herr Kriegsrath, antworte ich: Verlan⸗ gen Sie Etwas, was Sie zu verlangen das Recht haben, dann werde ich augenblicklich Ja ſagen. Sonſt... „Sonſt „.. vertheidige ich meine Rechte!“ „In dieſem Falle,“ verſetzte Severin, indem er einen tiefen und ernſten Blick auf unſer eigenwilliges 27 Fräulein warf,„ſehe ich mich zu meinem Leidweſen ge⸗ nöthigt, meinen Wunſch in einen Befehl zu verwan⸗ deln.“ „Wie ſo 24 „Auf Ihren Zimmern können Sie ſich kleiden, wie Sie wollen, aber ich erlaube nicht, daß Sie ſich im Garten nach elf Uhr im Morgenkleide zeigen.“ „So ſagen Sie mir doch wenigſtens warum?“ „Ich halte das nicht für nöthig, und überhaupt ſcheint es mir, als ſei unſer Verhaͤltniß ſchon eine gute Weile ein umgekehrtes.“ „Iſt die Audienz jetzt zu Ende?“ fragte Viola, indem ſie aufſtand und eine kalte Verbeugung machte. „Nur noch einige Worte, mein Fräulein... Sie ſind an ein Leben mit mehr Zerſtreuungen gewöhnt, als das gegenwärtige, und da ich weder ein Recht, noch die Abſicht habe, Sie in einem ſo beſchränkten Raume, wie das Gebiet ihres Vormundes iſt, zu halten, ſo wollen wir jetzt mit Hülfe des Doktors und des Pfar⸗ rers an einige paſſende Zerſtreuungen denken.“ „Ich danke— aber ich glaube nicht, daß ich be⸗ ſonders dazu aufgelegt bin. Es wäre etwas anderes geweſen, wenn der Herr Kriegsrath ſelbſt... Doch verzeihen Sie mir: jetzt habe ich ganz einfältig heraus⸗ geſchwatzt: ich weiß ja, daß Sie an keinerlei Art von Zerſtreuungen Theil nehmen.“ „Und würde wohl Fräulein Viola im mindeſten etwas vermiſſen, wenn der anſpruchsvolle Vormund zu Hauſe bliebe?“ „Ich werde immer etwas vermiſſen, wenn ich nicht an meiner Seite den Freund habe, den ich auch künf⸗ tig da zu ſehen zwar nicht mehr erwarten kann, aber immer wünſchen werde.“ „Dank, Dank. ich wlll jetzt wirklich meinen Widerwillen gegen gewiſſe Dinge zu überwinden ſuchen. Um den Anfang zu machen, begleite ich Sie morgen — 4 *—— —— * 8 auf einen S Stadt.“ „O iſt's moͤglich?“ Aus Viola's Geſicht ver⸗ ſchwand jede Spur von Verdruß.„Ich hatte juſt jetzr ſo viel Güte nicht verdient, nein, weit entfernl. Aber ſe will ich auch in Bezug auf die andere Frage artig ein.“ „Dann wlll ich's auch nicht unterlaſſen, Ihnen den Grund zu erklären. Sehen Sie hier...“ er führte ſie an's Fenſter und fügte mit einer gewiſſen Haſt in ſeinem Tone hinzu:„Jeden Vormittag iſt dieſes Zimmer voll von Beſuchern, und dieſe finden ein ganz beſonderes Vergnügen darin, vom Fenſter aus ihre Beobachtungen anzuſtellen.“ paziergang in dem ſchönen Luſtpark der Faunen. In der Nacht, welche den vorhergehenden Abend vom Morgen trennte, konnte Viola im Ganzen kaum eine Stunde ſchlafen. Jedesmal, ſo oft der Schlaf ihre müden Augen⸗ lider zuſammenküſſen wollte, ſtand ihr Vormund vor ihr, und ſeine unbedeutendſten Worte beim Auftritt des Abends wurden von ihrem Gedächtniß ohne die min⸗ deſte Mühe wiederholt. Das Ergebniß all dieſes Nachdenkens war ein nicht ganz geringer Widerwillen gegen Denjenigen, den ſie ſowohl zu lieben, als zu verehren beabſichtigt hatte, der aber blos des letzteren Gefühles zu bedürfen ſchien der er⸗ tzr er en er 2n iſt in 18 29 und im Nothfall Gehorſam befehlen konnte, wenn er verweigert wurde. Man dürfte dieſe Stimmung nicht ganz im Ein⸗ klang mit derjenigen finden, welche ſich zu bilden ſchien, als wir das Fräulein das letzte Mal verließen. Dieß kam von einer Sache, die wir nicht kennen, nunmehr aber erforſchen wollen. Der Kriegsrath hatte ihr einen Beweis von Ach⸗ tung zu geben geglaubt, als er Viola in demſelben Augenblicke, wo er die im vorigen Kapitel mitgetheilte Erklärung machte, durch die Jalouſien blicken ließ. Aber wer hat noch erfahren, daß wohlwollende Abſichten immer mit Dankbarkeit belohnt werden? Viola fand, daß die Jalouſien den Namen von Spinngeweben nicht verdienten, und es verdroß ſie überdieß,— Notabene heimlich— daß ihr Vormund ſeinen Clienten die unſchuldigſte aller Zerſtreuungen mißgönnen wollte, nämlich die, auf ſeine Bäume und Blumen hinabzuſehen. Und die nächſte Folge dieſer Verſchiedenheit in den Anſichten des Vormunds und der Mündel war die, daß in Viola der gute Eindruck, den ſte ſoeben empfan⸗ gen hatte, abgeſchwächt wurde. Wir wiſſen nicht, ob der Kriegsrath etwas davon merkte, aber ſo viel wiſſen wir, daß er das Fräulein bis an die Thüre begleitete, ohne ein Wort zu ſprechen „Ach, mein Herr Vormund,“ hieß es jetzt im Mor⸗ genmonolog,„ich glaube nicht, daß ein Bischen Oppo⸗ ſition mir eine ſonderliche Gewiſſensqual bereiten wird. „Laßt ſehen, was ich thue, denn ich muß jeden⸗ falls irgend etwas ausſinnen, wenn ich nicht vor lan⸗ ger Weile vergehen ſoll. „Erſtlich und vor allen Dingen geh ich heute nicht zum Frühſtück hinab, obſchon ich weiß, daß es durch die Gegenwart des Beherrſchers verherrlicht wird. Das ————=8IÍ1Z—eIſſnnnnnnnn 2 —— 30 wird ihn ſicherlich verdrießen. Ah, wie luſtig, er kann mir doch nicht befehlen, Hunger zu haben.“ Das junge Maͤdchen hüpfte, gänzlich beherrſcht von einer übermüthigen Luſtbarkeit, im Zimmer herum. Aber bald darauf dachte ſie mit wirklichem Schreck: „Mein Gott, ich glaube, daß ich im Ernſt böſe werde. Ich habe niemals Freude daran gehabt, einen Menſchen zu reizen, am allerwenigſten ältere Perſonen. Uebrigens iſt mein Vormund auch nur zur Hälfte ein alter Mann. „Ich habe Reſpekt vor ihm, wenn er betrübt aus⸗ ſieht oder eine grandioſe Miene annimmt; aber in⸗ zwiſchen... „Folglich bin ich nicht hungrig. „Demnächſt die auf ein Uhr feſtgeſetzte Promenade. „Gut, gut... aber ich habe in der Nacht nicht geſchlafen— was die reine Wahrheit iſt— und darum habe ich keine Luſt, ſpazieren zu gehen(unglücklicher⸗ weiſe eine große Unwahrheit, denn es wäre mir ver⸗ dammt angenehm, aber ich kann auf keine andere Weiſe meinen eigenen Willen zeigen).“ In dieſem Augblicke kam der Bote, welcher das Frühſtück ankündete. Viola gab eine abſchlägige Antwort, ſtellte ſich aber an die Thüre, um zu lauſchen. Ganz ſicher mußte noch ein Bote kommen, um nach der Veranlaſſung ihres Wegbleibens zu fragen: ob ſie unwohl ſei oder ob ihr ſonſt etwas fehle... Wer weiß, vielleicht könnte der Kriegsrath ſelbſt ſich an der Thüre einfinden. „Ja, das weiß ich gewiß,“ widerlegte ſie ſich ſelbſt, als ſie keine ſich nahernden Tritte hörte:„wie wird er ſich um etwas Anderes bekümmern, als um das, was er ſelbſt feſtgeſetzt hat? Es ſtand ja nicht in der Tagesordnung, zu welcher Stunde ich Erlaubniß erhalten könnte, krank zu ſein.“ Hier ergoß ſich eine leichte Röthe über Viola's 8 — e d 31 Stirn: es näherte ſich Jemand in der Entfernung und — war es ein Irrthum oder Wirklichkeit? ſie meinte, daß der Gang dem des Kriegsraths gleiche. „O was bin ich für ein kleines Ungeheuer!“ hieß es jetzt.„Kann ein Vater auch zärtlicher und beſorg⸗ ter ſein?.. Wie gut, nachſichtig und edel er iſt! ich will auch ſelbſt die Thür öffnen und nicht thun, als ob ich ihn nicht hörte.“ Und Viola öffnete ſelbſt die Thüre für— den alten Nicke, deſſen ſonſt trippelnder Gang ſich in einen würde⸗ vollen und feſten verwandelt hatte und zwar in Folge des ziemlich ſchweren Tellers, den er auf dem Arme trug. „Der Tauſend... ſo, ſo... biſt Du's, guter Nicke?“ „In eigner Perſon, Fräulein! Madame wollte zie Annamina ſchicken, aber ich nahm das Geſchäft auf m ch.“ „Ja, Nicke, Du biſt immer freundlich... aber was ſehe ich?“— Viola's Blick erhielt wieder Leben⸗ digkeit—„ein ſo göttlich ſchönes Bouquet, ſo herrliche Roſen.. iſt das für mich?“ „Ich möchte es wohl glauben, da es neben dem Teller liegt.“ „Ich hoffe,“ verſetzte das junge Mädchen, indem ſie mit ſchneller Bewegung das Bouquet über ihr Ge⸗ ſicht hielt—„ich hoffe, der Kriegsrath hat es nicht übel genommen, daß— daß ich dieſen Morgen nicht hinabkam.“ „Nein, das hat er gewiß nicht gethan; er nimmt es darin nicht ſo genau.“ „Nun, das freut mich... aber wo, wie und wann ſind dieſe Blumen da gepflückt worden?“ „Gott ſteh' mir bei, Sie werden doch wohl nicht. glauben, daß ich ſie von des Kriegsraths eigenen Roſen genommen, die er im Saale hat und beinahe ſo ängſt⸗ lich hütet, wie ſeine Augen. Nein, nein, aber ſeien ———ſſ 2 3— 1— 2 32 Sie ganz ruhig, liebes Fräulein— ich habe meine eigene Abtheilung, ich.“ Viola ſtand jetzt noch röther, als die rötheſte Roſe da. „Sie hätte ſo herzlich gern Nicke gedankt, und gleichwohl fühlte ſie zugleich ein beinah unüberwind⸗ liches Verlangen, dieſes dumme Bouquet zu zerreißen, das ſie einige Augenblicke für eine väterliche Aufmerk⸗ ſamkeit, für die zartſinnige Huldigung eines Vormunds gegen ſeine Mündel gehalten hatte. „Guter Nicke, Du verwöhnſt mich,.. aber hör' einmal.* Sie war bereit, eine Gegenordre wegen der Pro⸗ menade abzuſchicken. Aber ſie hielt es für beſſer, wenn ſie damit wartete, bis der Kriegsrath ſeine Beſucher entlaſſen, ſeine Toilette gemacht hätte und ihr ſagen ließe, daß er fertig ſei. In der gewiß nicht unſchuldigen Freude darüber, ihn durch eine abſchlägige Antwort in Erſtaunen ſetzen zu können, fand Viola einen Erſatz für die Beleidigung, die ſie erlitten zu haben ſich einbildete. Natürlich nahm ſie es dem Kriegsrath übel, daß er ſie nicht hinab zu nöthigen geſucht, daß er nicht die Blumen geſchenkt hatte, ſtatt Nickes, und daß er nicht einmal nach ihren Geſundheitsumſtänden hatte fragen laſſen. „Sie wollen noch Etwas ſagen, Fräulein?“ „Ja, aber ich habe mich anders beſonnen. Es war Nichts.“ „Gut, ſo leben Sie denn wohl, liebes Fräulein. Proſit Mahlzeit!“ Viola aß auch mit gutem Appetit. Und dazwiſchen hinein tanzte ſie einmal über den Boden hin, beim Ge⸗ danken an ihren unausbleiblichen Triumph. Bei all' dieſen kindiſchen Launen ſpielte blos Ein Gefühl die Hauptrolle, nämlich der Stolz. Durch eine Bitte, einen Beweis von Zärtlichkeit eine jeſte und ind⸗ gen, erk⸗ nds hör' Pro⸗ enn cher gen ber, tzen ing, daß die nicht igen war lein. chen Ge⸗ Ein hkeit 33 wurde Viola in einen ſeidenen Faden verwandelt, den man um einen Finger wickeln konnte. Jede Art von Autorität dagegen erweckte in ihr das Bedürfniß, ſich, wo ſie nur konnte, zur Gegenwehr u ſetzen. 1 Dieß hinderte jedoch nicht, daß ſie ſich jeden Augenblick lieber als Seide denn als Stahl fuͤhlen wollte; aber es war nicht ihre Schuld, wenn ſie keine Gelegenheit erhielt, weich zu werden. So verging die Zeit, ohne daß ihre Gedanken eine andere Zerſtreuung bekamen, als ſich da und dort das Bild des jungen Offtziers zurückzurufen, den ſie mehrere Male, ja ſchon oft am Salonzimmer vorbeigehen ge⸗ ſehen, und der ſie jedesmal mit einem Blick angeſchaut hatte, welcher zwar an Lieutenant Emil's ehrliche Augen erinnerte, dabei aber etwas ausdrückte, was ſich bei dieſem nicht vorfand. Als Viola ſich dieſes Etwas klar zu machen ver⸗ ſuchte, empfand ſie eine gewiſſe Unruhe. Lieutenant Charles Augen hatten, beſonders das letzte Mal, als ſie ihn ſah, eine Bewunderung an den Tag gelegt, hinter welcher ſich beinah eine Art von Ver⸗ traulichkeit verbarg; es ſchien, als hätte er ſagen wol⸗ len:„Warte nur, ich werde ſchon noch weiter kommen, als bis hieher.“ Hernach ärgerte ſich Viola darüber, daß ſte ſo etwas Närriſches habe denken können. Warum ſollten nicht die Augen des einen Bruders dieſelbe ſchoͤne Ehr⸗ furcht beweiſen, wie die des andern? Warum ſollte Lieutenant Charles ſich ſo etwas einbilden, wie wenn ſie eine leichte Eroberung wäre? Nein, nein— obſchon es im Salon keine anderen Jalouſien gab, als diejenigen, die von grünen Blättern zebemeet wurden, ſo hatte ſie doch ganz ſicherlich falſch geſehen. Der Vormund. II. 3 —— — Dreißigſtes Aapitel. Der Spaziergang. Während unſere Heldin mit ihren Betrachtungen beſchäftigt war, hing, wie man ſich wohl vorſtellen kann, auch Frau Laura den ihrigen nach. Die gute liebe Frau Laura, die ſeit Viola'’s An⸗ kunft im Hauſe ein vollkommen unſchuldiges und bei⸗ nahe unbedeutendes Weſen geworden war, fand jetzt Urſache, ſich ein wenig zu regen, mit einem Wort, ſich nicht länger ſelbſt zu vergeſſen, denn unter dieſen Um⸗ ſtänden mußte wohl ihr geliebter Schwager ſelbſt die Erinnerung an die Zeit vergeſſen haben, wo ſie in al⸗ len Spielen die Vorhand haben wollte. In Folge des Wegbleibens Viola's befanden ſich Severin und Laura zu Zwei am Friühſtücktiſche. Es iſt eine Sache, die außer Frage ſteht, daß Schwägerinnen keine überflüſſigen Prätentionen haben ſollenz auch wird Niemand behaupten, daß Frau Laura— jetzt noch— adergleichen hatte. Aber gleich⸗ wohl ſchien es ihr ſchwer zu verſchlucken, daß ihre Fra⸗ Fen trotz dreimaliger Wiederholung ohne Antwort lieben. „Mein lieber Severin,“ hieß es jetzt, und die ſanfte Piccoloflöte verwandelte ſich von ſelbſt in das Ge⸗ kreiſche einer ungeſtimmten Geige,„mein lieber Severin, Du biſt ſehr zerſtreut geworden.“ „Zerſtreut?“ Severin blickte auf, zuerſt auf ſeine unberührte Kalbscotelette und dann auf ſeine Schwägerin. „Warum ſchmeckt Dir das Eſſen nicht?“ „Ei es ſchmeckt mir ſchon; es iſt ausgezeichnet gut, wie Alles, was Du bereiteſt.“ Das Compliment verfehlte ſeine Wirkung, denn 1 bli der Kriegsrath konnte ja nicht wiſſen, wie eine Speiſe ſchmeckte, die er nicht berührt hatte. „Severin, Severin!“ „Was meinſt Du? „Daß Du nicht hörſt. Ich habe Dich drei Mal gefragt, ob es wahr ſei, was mir der Doktor geſtern ungen geſagt hat.“ tellen„Was hat er denn geſagt?“ „Daß Du heute mit Viola in der neuen Anlage An⸗ ſpazieren gehen wollteſt.“. bei⸗„Ja, und auch mit Dir.“ jetzt„Eine ſolche Artigkeit haſt Du mir früher nie an⸗ „ ſich geboten.“ Um⸗ Severin ſchwieg. t die„Dürfte ich wohl wagen, eine Sache zu erwähnen, al⸗ ich, die ich Dich ſchon lange nicht um das Geringſte mehr gebeten habe?“ n ſich„Wenn du mich um Etwas zu bitten haſt, ſo er⸗ fülle ich es gern— ſofern es ſich nicht darum handelt, daß die Jungen wieder nach Hauſe zu nehmen.“ haben„O nein, in dieſem Punkte bin ich, wie in vielen Frau anderen, gänzlich willenlos geworden. Ich begehre leich⸗ nichts für mich ſelbſt, meine Bitte betrifft nur Dich.“ Fra⸗„So ſage es frei heraus— Du weißt ja, daß twort Du mich nicht öfters vergebens gebeten haſt,“ „Deine Worte mahnen mich an Aufrichtigkeit... anfte Gehe heute nicht aus, mein Freund. Ich, die ich Dich Ge⸗ mehr liebe, als irgend Jemand gethan hat und noch verin, thun wird, ich habe ein Gefühl, welches mir ſagt, daß Du dieſe Idee bereuen wirſt.“ .„Du glaubſt alſo, daß meine Geſundheit einen ſo ührte weiten Ausflug nicht geſtatte?“ „Das auch vielleicht— aber nicht allein.“ „Was denn noch mehr?“ ichnet„Erlaß mir es zu ſagen.“ „ Unmöglich! Es waͤre ja, wie wenn ich mich denn blindlings leiten ließe, wenn ich Ja ſagte, ohne Deine —Dòö¶ͤꝝ3ÿXMOpm .* ————— 36 anderen Gründe zu wiſſen. Der erſte widerlegt ſich von ſelbſt, da Du weißt, daß der Doktor meinen Wunſch gebilligt hat.“ di „Gut— ich ſehe ſehr wohl, daß ich bei Dir ſe jetzt weniger als Nichts gelte.“. 3 „Liebe Laura, das iſt, um den gelindeſten Ausdruck F zu gebrauchen, kindiſch.“ „Ja, das verſteht ſich.. aber wenn ich doch endlich gezwungen bin, den wahren Grund zu ſagen, warum ich Dich zu Hauſe zu behalten wünſche, ſo iſt es der Umſtand, daß ich mit Recht fürchte, Du möch⸗ un teſt Dich bei Deinem Spaziergang einer Gemüths⸗ bewegung ausſetzen, welche der Seele mehr ſchadet, V als dem Körper.“ ro „Du ſprichſt in Räthſeln.“ „Ich will mich klarer ausdrücken...Wer kennt beſſer we als ich Deine Strenge in Bezug auf Sitten und Formen?“ G „Nun denn— wie gehört das hieher?“— fragie der Kriegsrath beinahe heftig. ale „Ach mein Gott“— Frau Laura nahm eine jäm⸗ ge merliche Miene an—„wenn ſchon die bloße Vorſtel⸗ To lung von irgend etwas weniger Paſſendem Dein Blut in eine ſolche Aufregung verſetzen kann, was..“ der „Laura, Du biſt boshaft.“ „Ich merke es an Deinem Blick, daß Du das glaubſt Fr .. Aber, was ſagſt Du, wenn wir unterwegs dem ein Lieutenant Charles Marbin begegnen— verſteht ſich wo ganz zufällig—? Was ſagſt Du, wenn er Viola be⸗ rät grüßt, wie wenn ihre Bekanntſchaft nicht erſt heute Ro begonnen hätte? Was ſagſt Du, wenn ſie erröthet, wif oder ſonſt durch ein Zeichen verräth, daß ſie weiß, wer ihn er iſt, noch ehe er ihr vorgeſtellt iſt? Glaubſt Du jetzt, daß ich Grund habe zu dem, was ich ſage?“ Unſere erfahrene Dame hatte ſich einen ziemlich lücklichen Erfolg von dieſen kleinen unſchuldigen Ein⸗ lüſterungen verſprochen, aber derjenige, deſſen ſie ſich zu erfreuen hatte, überſtieg alle ihre Hoffnungen weit. ga af Severins Augenbrauen runzelten ſich, ſo wie ſie die ſelben nie gerunzelt geſehen hatte; die Sanftheit in ſeinen Zügen hatte dem Ausdruck eines concentrirten Zornes Platz gemacht, und ſeine Stimme erſchreckte Frau Laura ordentlich, als er die drei Worte ſagte: „Wir wollen ſehen.“ Es war ein lieblich friſcher Tag mit milder Luft und klarem Sonnenſchein. Der Zufall wollte, daß der Kriegsrath im ganzen Vorrath ſeiner Coſtüme nicht einen einzigen Promenade⸗ rock für den Frühling beſaß. Entweder waren ſeine Röcke ſtark wattirt, oder waren ſie von dünnem Sommerzeug; der blos für den Garten berechnet war. Unter ſolchen Umſtänden blieb keine andre Wahl, als daß er einen der eleganten kurzen und knapp anlie⸗ genden Morgenröcke nahm, deren er ſich vor der großen Toilettenreform bediente. Der beſtimmte Rock hatie inzwiſchen einen Fehler, der ſeinen Gebrauch beinahe unmöglich machte. Die Sache war die, daß Severin ſchon früher im Frühling bei ſeinem ehemaligen Schneider in Stockholm einen Paletot beſtellt hatte, der ihm auch zugeſchickt worden. Aber mit dieſem doppelt gefütterten und ge⸗ räumigen Kleidungsſtücke folgte zugleich ein moderner Rock, von welchem der aufmerkſame Schneider mit Ge⸗ wißheit glaubte, daß ſein alter Kunde, der Kriegsrath, ihn nicht zurückſenden würde. Er that es auch nicht. Der Kriegsrath ſann nach und ſagte zu Nicke: „Dieſer Rock wird ſich leicht hier verkaufen laſſen.“ Und Nicke antwortete: „Ja Herr, damit hat es keine Noth.“ Und ſo wurde der Rock bis auf Weiteres in den Kaſten gehängt. —y— Aber heute hatte Nicke ihn wieder hervorgezogen,. weil in die frübere Garderobe des Kriegsraths unglück⸗ Nij licherweiſe die Motten gekommen waren. „Nein, ich kann ja auch zu Hauſe bleiben, bis ich ent einen paſſenden Rock fertig habe,“ verſetzte Severin, während er den Rock probirte, wobei er über ſeine eigne und Iugendlichkeit erſchrak und ſich wirklich daran ſchämte. das „Aber der ſitzt Ihnen ja wie angegoſſen.“ Der alte Nicke lächelte aus freudigſtem Herzen. Der arme Severin dagegen fühlte ſich verzweifelt. beklommen. mir Man wäre unbedingt nie darauf gekommen, dieſen ſo feinen Rock zu gebrauchen, wenn nicht Frau Laura's Worte ein unausloͤſchliches Verlangen nach dieſer Pro⸗ unb menade erweckt hätten. ner „Nun, was thun Sie, Herr Kriegsrath?“ ſchr „Ich muß gehen... aber..“ Er ſagte nichts mehr und wollte auch an nichts denn mehr denken, denn es war ja unmöglich, daß ſeine noc Mündel ihm bereits einen loſen Streich hatte ſpielen koͤnnen. auf — daß Um drei Viertel auf ein Uhr lag Viola eigenfinnig nut auf dem Sopha und erwartete die Botſchaft. Endlich kam dieſe Botſchaft durch Nicke, der außen vor der Thür meldete,„der Herr iſt fertig, der Doktor ch 5 iſt angekommen.“ 8 „Sei ſo gut, lieber Nicke, und ſag' dem Herrn, wüß daß ich nicht mit gehen kann. Ich habe heute Nacht B nicht geſchlafen und ich befinde mich gar nicht wohl.“ Be „Nein, meiner Treu, Fraͤulein, das iſt unmöglich! 15 Der Kriegsrath liebt ſo etwas nicht.“ Jetzt ſtreckte der Alte den Kopf herein. wi „Es iſt recht unangenehm,“ antwortete das kleine finn Fräulein,„aber es bleibt dennoch dabei.“ dun „Bei was bleibt es?“ ließ ſich die Stimme des nahr Doktors vernehmen. Und ſiehe, da ſtand er ſelbſt drei Schritte hinter Nicke. „Ich will heute nicht ausgehen,“ verſetzte Viola entſchloſſen. „Freund Nicke,“ ſagte der Doktor ruhig,„geh hinab und ſage der Anna Mina, daß ſie herauf kommen und das Fräulein ankleiden ſoll.“ 1 Nicke eilte fort wie ein Weſtwind. „Aber Herr Doktor, was bedeutet das?* „Daß meine Patienten immer thun müſſen, was mir gefällt.“ „Aber ich bin kein Patient, ich.“ „O das iſt außer aller Frage; man bekommt ſolche unberufene Einfälle nicht, ohne daß ſie ſich von einer nervöſen Unordnung in unſrem materiellen Weſen her⸗ ſchreiben.“ „Aber das Alles hier halte ich nicht aus. Soll ich denn jedem Menſchen gehorchen? Ich verſichere, daß man noch beſſere Leute überdrüſſig werden kann, als...“ „Als ſeines Arztes; ja das wird zugegeben. Aber auf der andern Seite müſſen Sie zugeben, Fräulein, daß man ſich ſputen muß, wenn man nur fünfzehn Mi⸗ nuten zu ſeiner Toilette hat. Ich höre Anna Mina auf der Treppe. Gehorſamer Diener, mein Fräulein.“ „Aber,“ rief Viola auf's äußerſte gebracht,„wenn ich mich nun beſtimmt nicht ankleide?“ „Dann kleide ich ſie an, Fräulein. Wenn Sie wüßten, wie geſchickt ich mich dabei anlaſſe!“ Und der Doktor gab in der Haſt einen ſo großen Beweis von ſeiner Geſchicklichkeit, daß es ihm gelang, Viola zum Lachen zu bringen. Es war vorüber mit dem Verdruß. „Verzeihen Sie mir,“ ſagte ſie zärtlich und gut, wie gewöhnlich,„ich verſichere Sie, daß ich nie eigen⸗ ſinnig war, ehe ich hieher kam. Das kommt gewiß daher, daß ich mich an die Art und Weiſe meines Vor⸗ munds nicht gewöhnen kann.“ „Ei, ei, laſſen Sie uns die Sache vertuſchen, denn ſie beweist nichts gutes... und nun adieu, adieu, — willkommen nachher“.......... Frau Laura und Viola, die beinah zu gleicher Zeit in den Salon traten, hätten um ein Kleines beide zu⸗ gleich einen bedeutungsvollen Ruf ausgeſtoßen, als ſie ſahen, daß des Kriegsraths breitſchoßiger Frack mit den großen blanken Knöpfen einer ſo ausgeſuchten Morgen⸗ toilette Platz gemacht hatte. Zum Glück für Severin rettete ihn die ſtarke Röthe auf ſeinem Geſichte und die ſichtliche Gezwungenheit in ſeinen Bewegungen vor den beabſichtigten Ausrufungen der Verwunderung. Bei Frau Laura bemerkte man blos ein merkwür⸗ diges Wiegen mit dem Körper, und man kam in den Thorgang hinab, ohne daß irgend ein Menſch außer dem Doktor ein einziges Wort geſprochen hätte. „Hört einmal,“ ſagte er, als man ſo weit gekommen war,„wie wollen wir uns jetzt rangiren? Darf ich mir mit der Ehre ſchmeicheln, die ſchöne Laura zu führen? Wenn ich ein moderner Petrarke wäre, ſo wüßte ich ſchon, wozu ein ſolches Glück mich begeiſtern müßte... Der Vormund führt ja doch ſeine Mündel?“ „Ich weiß nicht genau,“ ſtammelte Severin— und die Stimme klang höchſt verſchieden von derjenigen, mit welcher er den Befehl ertheilt hatte,—„ich weiß nicht, ob es ſo ſein ſoll.“ Unglücklicherweiſe meinte er ſelbſt, daß ſowohl ſeine perſönliche Würde, als ſeine Vormundsglorie mit dem Rock, der Brille und der Tabacksdoſe verſchwunden ſeien. Er hatte hierin Unrecht. Aber wer ſollte ihm das beweiſen? Viola glaubte, daß ſie eine wirklich gute That ver⸗ richte, wenn ſie ihn von ihrer Perſon befreite, und wie immer ihren erſten Regungen gehorchend, ergriff ſie den Arm des Doktors. — 1——— -db*-eͤ——,— — d. Der Kriegsrath ſagte natürlich kein Wort darüber, und im Fall er ſich verletzt fühlte, ſo bemerkte dies nie⸗ mand anders als Laura, die jetzt mit vertraulichem Lächeln ihren Arm unter den ſeinigen ſteckte. Und ſo wanderte die promenirende Geſellſchaft über den Markt und die Straßen, und Severin ſah, wie alle Menſchen ſich umwandten, um Viola anzugaffen, welche leicht und anmuthsvoll mit dem Doktor voranſchritt. Aber wären Severins Gedanken nicht ſo ſehr von dieſem Gegenſtande in Anſpruch genommen geweſen, ſo hätte er ſehr leicht bemerken können, daß man auch ihn angaffte, und zwar nicht blos mit kurzen Blicken,— — nein ſolche Senſation erregte er durch ſeine wieder⸗ gewonnene Jugendlichkeit. „Bemerkſt Du,“ ſagte Laura,„was für ein Auf⸗ ſehen Deine Mündel erregt? Armer Severin, mein guter Schwager, wie viele Muͤhe wirſt Du haben, bevor Du ſie unter die Haube bringſt?“ Der Vormund murmelte etwas von ſeiner Pflicht ſich nicht zu übereilen, und da Viola in demſelben Au⸗ genblicke den Kopf zurückbeugte und lächelnd ihn an⸗ ſchaute, ſo konnte Frau Laura nicht umhin zu bemerken, daß dieſer Arm, der mehr von ihr geſtützt wurde, als ſte ſtützte, gelind zitterte. Bei dieſer Entdeckung ging die Bläſſe von zehntau⸗ ſend Lilien über Frau Lauras Geſicht. Sie blickte ihrem Schwager durch die Augen hin⸗ durch in die Seele. Aber ob es nun der Inſtinkt oder der Zufall that, genug, die unruhige Schwägerin bemerkte nicht das mindeſte. Sie that einen tiefen Athemzug. Ihre Bruſt war von einer unermeßlichen Laſt befreit worden. Am Ende der Stadt begann die Anlage, ein hüb⸗ ſcher Luſtgarten, der mittelſt drei oder vier Brücken über einen ſchmalen Strom die zwei Ufer mit einander verband. „Wie ſchoͤn das iſt,— wie freue ich mich, dieſen herrlichen Promenadeplatz zu ſehen! Ich muß alle Tage hieher gehen.“ So lautete es von Viola's Lippen, als man über die erſte Brücke auf die andere Seite kam. Der Kriegsrath nickte und freute ſich vermuthlich über die Freude ſeiner Mündel,— gleichwohl ſchien er etwas zerſtreut zu ſein. „Ich glaube, Du ſpähſt nach etwas?“ ſagte ver Doktor ſich verwundernd. 29„Ich?— nein gewiß nicht,— ich ſehe mich blos „Aber ſoviel iſt wahr, daß der Herr Kriegsrath nicht ſonderlich auf mich hört,“ ſiel Viola ein und ſchnitt das ſchnippigſte und dabei reizendſte Geſichtchen, das man nur zu ſehen wünſchen konnte. Aber nun erinnerte ſie ſich plötzlich, daß dieſe kleine eigenmächtige Freiheit der Gemüthsart ihres Vormunds nicht zuſagte, und ſie wurde auf einmal ſo ernſthaft, daß ihr roſenfarbiges Geſicht, das ſo eben noch lächelnd und friſch unter dem weißen Seidenhut hervorgeſehen, den Ausdruck eines wahren Magdalenenbildes erhielt. „Hier,“ ſagte der Doktor,„treffen wir mein Seel unſern Lars Moritz, und ſehe ich recht, ſo iſt es der ſaubere Charles, der ſeinen profanen Arm unter den ſeines ehrwürdigen Vetters geſteckt hat.“ „Gib Acht!“ flüſterte Frau Laura. „Fräulein Viola,“ verſetzte der Vormund,— und jetzt war es der Vormund, der Gott weiß aus wel⸗ chem Winkel hervorkam,—„betrachten Sie einmal die⸗ ſen Hügel dort, über welchen Lars Moritz jetzt eben hingeht. Iſt er nicht ſchön?“ „Ja, ah ja!“ Viola ſah auf den Hügel, zugleich aber auch den jungen Offizier. Und da ſeine Augen gleichſam ein Aeich von Bekanntſchaft ausſprachen, ſo erröthete ſie ark. Vielleicht hätte ſie dieß auch ſonft gethan, juſt weil 5 ſich unter den forſchenden Blicken ihres Vormundes befand. „Haben Sie den Lieutenant Charles Marbin ſchon früher geſehen, mein Fraͤulein?“ fragte der Kriegsrath ganz einfach. „Ich... es iſt allerdings möglich, daß..“ Die Antwort wurde in Folge der Vorſtellung un⸗ terbrochen. Aber kaum war die kleine Formalität vorüber, als Lieutenant Charles mit einer, wie man jedoch bemerkte, etwas erzwungenen Heiterkeit ſich die Freiheit nahm, das Fräulein zu erinnern, daß ſie alte Bekannte ſeien. „Was in aller Welt will das beſagen?“ fragte Frau Laura mit dem gutmüthigſten Lächeln. „Das will ſoviel beſagen,“ fuhr der Lieutenant fort, „daß ich am Tag nach der Ankunft des Fräuleins das Glück hatte, ſie von einem der Fenſter im Salon des Kriegsrathes aus zu ſehen, und im Fall Fraͤulein Holſt ſeitdem mein Geſicht vergeſſen hat, ſo iſt dieß wenigſtens nicht meine Schuld, denn mein Weg hat mich inzwiſchen alle Tage nach derſelben Richtung geführt.“ Ein ſolches Bekenntniß würde aus dem Munde ir⸗ gend einer andern Perſon, als des Lieutenants Charles Marbin— des privilegirten Stutzers und Hofmachers der Stadt— als eine freche Beleidigung aufgenommen worden ſein, aber ihm ließ man es blos als einen über⸗ müthigen Ausbruch ſeiner freien Laune gelten. Aber wenn der Kriegsrath dennoch dieſes Urtheil dahin ſchärfte, daß er den Lieutenant Charles für den widerwärtigſten aller Lieutenants der Welt anſah, ſo muß man ihm das nicht ſo ſtreng anrechnen. Viola ſah eine leichte, aber doch merkliche Wolke auf der Stirne ihres Vormund's aufſteigen, und indem ſie ſogleich das Geſpräch ablenkte, das der Pfarrer mit ihr einzuleiten im Begriff ſtand, wandte ſie ſich an Se⸗ Verin und ſagte in einem freundlichen und bekümmerten one: „Iſt es nicht wahr, daß der lange Aufenthalt in der Luft zu ſtark auf Sie gewirkt hat, Herr Kriegsrath? Sollten wir nicht umkehren?“ Der Kriegsrath gab zu, daß das Fräulein vielleicht Recht habe; der Pfarrer meinte, nachdem er mit dem Doktor einen ſchnellen Blick gewechſelt, juſt dasſelbe, und der Doktor erklärte lächelnd, daß er, da Fräulein Viola ſein Amt auf ſich genommen, nichts dagegen habe, ſeinen Patienten in ihren Händen zu laſſen. „Was für eine Art von Patient?“ rief der Lieute⸗ nant, indem er einen beinah herausfordernden Blick auf den modernen Rock des Kriegsrathes warf;„ich bin überzeugt, daß heute nicht ein einziger Menſch erräth, wer der Vormund des Fräuleins iſt.“ „In dieſem Fall,“ antwortete Severin ohne alle Empfindlichkeit, aber mit der ruhigen Ueberlegenheit, die er ſo gut anzunehmen wußte,„duͤrfte es alſo am beſten ſein, das zu zeigen, was nicht geſehen werden kann.“ Und mit einer höchſt ſtattlichen Bewegung reichte er dem jungen Mädchen ſeinen Arm, indem er Frau Laura dem Pfarrer überließ, welcher höflich hervoreilte. Lieutenant Charles, der durchaus keine Luſt hatte, ſich mit den Sticheleien des Doktors zu begnügen, aber bei ſeiner Keckheit es doch nicht wagte, ſeinen Platz auf der andern Seite des Fräuleins zu nehmen, Lieutenant Charles, ſagen wir, wußte ſich, nachdem er Frau Lauras Nastuch aufgehoben und dafür einen zugeflüſterten Dank erhalten hatte, nicht anders zu helfen, als daß er die Geſellſchaft verſicherte, blos eine bereits beſchloſſene Parthie mit einigen Kameraden könne ihn verhindern, noch länger das angenehme Vergnügen zu genießen, das ihm ſo unvermuthet in den Weg gekommen ſei. „Ich verlaſſe Sie auch, meine Freunde,“ erklärte der Doktor,„denn ich entdecke dort meine Patientin, erten lt in ath? eicht dem elbe, tlein abe, ute⸗ auf bin äth, alle die eſten 1. e er nura atte, aber auf nant ras HDank die ſene ern, das ärte tin, deren geſchwungener Sonnenſchirm mir zu verſtehen gibt, daß ich ſelbſt ſchon längſt entdeckt bin.“ Der Lieutenant und der Doktor gingen nach ver⸗ ſchiedenen Richtungen ab. „Nun, Madame,“ begann der Pfarrer, indem er ſich bemühte, Frau Lauras Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen,„wie ſtehen meine Aktien?“ „Was für Aktien denn?“ „Wiel— Sind dieſelben ſo hoffnungslos, daß Sie meine Freiwerbung auf das nächſte Fruͤhjahr gänzlich vergeſſen haben?“ Sie begann zu lachen. „Ich glaube beinah, daß es mit meiner Hoffnung nichts wird; denn wenn ich mich recht erinnere, würde ich die Ehre mit einer Unmöglichkeit bezahlen;— be⸗ denken Sie, ich müßte ein ganzes Jahr lang ebenſo einnehmend ſein, wie ich an einem gewiſſen Abend war.“ „Nun, waͤre das eine Unmoglichkeit?“ „Ich vermuthe es, denn ſchon heute finde ich mich bei andern Erinnerungen zu allem eher geſtimmt, als mich angenehm zu machen.“ Er ſprach die einfache Wahrheit. Ihre Wangen flammten vor Verdruß darüber, daß der Pfarrer ſie durch ſeinen langſamen Gang verhinderte, zu hören, was der Kriegsrath zu ſeiner Mündel ſagte. Und hätte ſie das gehört, ſo würden ihre Wangen gewiß noch von etwas mehr als von Verdruß geflammt haben. „Fraͤulein Viola,“ ſagte Severin, und ſeine Stimme konnte nicht ermangeln Vertrauen einzuflößen, denn es lag darin etwas Neues, Warmes und Freundſchaftliches, „Fraͤulein Viola, verſprechen Sie mir jetzt im Anfang unſrer Bekanntſchaft, daß Sie mir nie etwas verheim⸗ lichen wollen,— geben Sie mir in dieſer Beziehung keine Veranlaſſung zu Klagen.“ „Niemals,“ antwortete Viola heiter,„in ſofern. „Sie machen einen Vorbehalt?“ er jung iſt.“ „Ich habe nicht den Muth zu ſagen, an was ich dachte, denn es war etwas ganz und gar Kindiſches.“ „So ſprechen Sie dennoch.“ „Nun wohl,— ich werde es nie an Vertrauen fehlen laſſen, im Fall Sie, Herr Kriegsrath, ſich immer an dieſelbe Tracht halten, die ich bis heute an Ihnen geſehen habe.“ Severin erröthete ſtark. „Das heißt, daß.. daß...“ „Da ſehen Sie, ich wußte es doch, daß Sie mich mißverſtehen würden. Geſtern wollte ich in meinem Vormund durchaus einen Vater ſehen, heute kommt er mir wie ein Bruder vor.“ „Gut, gut, mein Fräulein,— ich werde immer die väterliche Rolle übernehmen, da ſie diejenige iſt, die Ihnen am meiſten zuſagt.“ „Das behaupte ich nicht. Blos weil ich das Ver⸗ trauen hege, daß ich von meinem Vormund allerlei kleine Vorleſungen zu erwarten habe, liebe ich es am meiſten, mich an die väterliche Eigenſchaft zu erinnern,“ Severin lächelte, und als in demſelben Augenblick ſeine großen dunkeln Augen ſich gegen Viola aufſchlu⸗ gen, ſo ſtand auch in ihren ein Lächeln, aber eingehüllt in einen feuchten Schleier. Ein lieblicher Gedanke regte ſich in ſeiner Seele, ein Luftgebilde, eine Erinnerung an die Zeit, wo er jung war an Jahren und Herzen. Dieſe Zeit war vorüber. Das Jugendfeuer hatte ausgebrannt und es lag blos ein geringer Troſt in der Sehnſucht, ſich ſelbſt zu⸗ flüſtern zu können: laff„Der Herbſt wird nicht ſo lange auf ſich warten aſſen.“ Das junge Mädchen dachte: „Mein Vormund bildet im Ganzen zwei Perſonen, und ohne Frage iſt er am aller liebenswuͤrdigſten, wenn hierte Abtheilung. Eine Wette. Vergeſſen möcht' ich, o wie gern! Die Knechtſchaft, möchte wiederum Den Scheitel kränzen Noch zu wag Stagnelius. en Treibt mich der Muth. Stagnelius. din ange Gar bewe aufg War Mon Kält tigen ſetzt müdt ben. aber Gefü zu be ſelbſt fühle, bliebe leiden Einunddreißigſtes Kapitel. Jeanne Sophie. Wir wollen jetzt einen Blick auf unſre andere Hel⸗ din zurückwerfen. Es iſt eine laue Frühlingsnacht. Jeanne Sophie, die nicht ſchlafen kann, ſteht noch angekleidet an dem offenen Fenſter, und ſieht auf den Garten hinaus, deſſen alte Bäume ſachte vom Wind bewegt werden, während der Mond zwiſchen den friſch aufgebrochenen Blättern hervorſchaut. Jeanne Sophie's glühende und ſtark erröthende Wange iſt ſehr merklich erblaßt, und wenn es nicht der Mond iſt, welcher ihr dieſen Wiederſchein von Ruhe und Kälte geliehen hat, ſo darf man glauben, daß die hef⸗ tigen Leidenſchaften, welche dieſe Seele in Flammen ver⸗ ſetzt haben, ausgeſtorben ſind, und blos eine laue Er⸗ müdung, eine ſchleppende Mattigkeit zurückgelaſſen ha⸗ ben Aber es iſt weder das eine noch das andere. Der Mond ſpielt über einem beinahe todten Geſichte, aber der todte Ausdruck kommt nicht davon her, daß die Gefühle vorher geſtorben find. Nein— aber ſie haben einen ſo verzweifelten Kampf zu beſtehen gehabt, daß er zuweilen in den Verſtand ſelbſt Unordnung brachte, und während die armen Ge⸗ fühle, verwundert über ihre eigene Stärke, ſtehen ge⸗ blieben ſind, um zurückzuſehen und ſich ſelbſt zu bemit⸗ leiden, ſind ſie wie in einer Form erſtarrt. Aber auf wie lange? Jeanne Sophie empfand die Liebe, wie andere ein Der Vormund. II. 4 ——— ⁰————— 6 50 Hirnſieber, eine Entzündung empfinden, d. h. bis zum abe Wahnſinn— und dennoch vermochte ſie zu entſagen. ſole Hätte ſie in der Zeit gelebt, wo heroiſche oder viel⸗ mehr mäͤhrchenhafte Opfer um der Liebe willen dargebracht den — wurden, ſo wäre ſie ohne Frage eine mit Bewunderung 1 genannte Heldin geworden. eine Eine Amazone an Leib und Seele, würde ſie mit Anl ihrem Liebhaber ins Feld gezogen ſein, um ihn gegen ihre ſichtbare Feinde mit ihrem Arm, gegen heimliche mit als der Kraft ihres Inſtinktes zu vertheidigen. Und zu ihre gleicher Zeit die zärtlichſte Geliebte und die aufopferndſte Sklavin würde ſie in Glück, wie in Unglück lieber dieſe ſich getödet, als ihn verlaſſen haben. ſelb Aber in dieſem paſſiven Alltagsleben, das ſich ſchwer und bedrückend auf ſie legte, fand ſich keine Ausſicht auf irgend etwas Außerordentliches. verz 1 Nicht als ob das Außerordentliche ſich jetzt mehr gerit als früher von der Erde abgezogen hätte, nicht als ob die Myſterien aus dem Privat⸗ oder öffentlichen Leben veren verſchwunden wären— denn ſie kommen in den allernied⸗ rigſten Kreiſen noch immer ebenſo gut vor, wie in den wißl höchſten— aber ſie treiben ihren Spott mit dem Suchen⸗ unſc den und ſtellen ſich eher bei denjenigen ein, die nicht an d ſuchen. Jeanne Sophie's Seele, welche Eckel empfand vor Opfe dieſem beſchäftigungsloſen und einfoͤrmigen Leben, das der unverheiratheten Frau zufällt, wenn ſie ſich nicht Und am Küchenheerd oder Stickrahmen tröſten will, ſuchte klein 6 eifrig nach etwas, was dieſe Windſtille ablenken, ver⸗ abgen ändern oder umſtürzen könnte. So kam ihr ein Mann in den Weg, der ſie zu Sopl lieben ſchien. Das war zu gering. Sie mußte mit der ſelbſt D Haſtigkeit eines Lavaſtroms ihn in ihre Flammen ein⸗ getho hüllen. beſcht Aber ſo etwas ließ ſich nicht ertragen. aufge Der Mann war weder von Stein noch von Eis, vorru aber er beſaß ruhige Leidenſchaften, wenn er überhaupt ſolche beſaß. Wir haben ihn den Kampf gegen die heftigen Lei⸗ denſchaften ſeiner Geliebten beſtehen geſehen. Als die ſtolze junge Dame beſchloß, lieber mit einem Schlag ihr Herz zu opfern, als es beim eiſigen Anhauch des ehrenden, aber farbloſen und lauen Gefühls ihres Geliebten an der Schwindſucht ſterben zu laſſen; als ſie ſich dazu entſchloß, wollte ſie das Opfer auch ihrer eignen Würde würdig machen. Denn was auch die Welt glaubte, ſie wußte, daß dieſelbe niemals von irgend einem andern, als von ihr ſelbſt verletzt worden war. Und wirklich beſtand ſie ihre Kämpfe. Niemand ahnte die zerſtörenden Qualen, welche ſie verzehrten und unter denen die der Eiferſucht nicht die geringſten waren. Aber dieſes Leiden wirkte auf Jeanne Sophie mehr veredelnd als erniedrigend. Sie konnte niemals ungerecht ſein. Und die Ge⸗ wißheit von Violas Unſchuld, die Gewißheit, daß Viola unſchuldig um ihretwegen gelitten, gab ihr die Kraft, an den Kriegsrath ſo zu ſchreiben, wie ſie gethan hatte. Aber jetzt war alles vorüber: es wurden keine Opfer mehr gefordert. Emil ſchrieb nicht weiter. Es war vorbei, vorbei. Und Viola ſchrieb auch nicht mehr, ſeit ſie ihren erſten kleinen Bericht über ihren Empfang bei dem Vormund abgeſandt hatte. Bei all dieſem äußern Schweigen mußte Jeanne Sophie ihren ganzen Reichthum an Qualen in ſich ſelbſt verſchließen, und dieß hatte ſie in allen Fällen gethan, denn ſie würde ſich einer verächtlichen Feigheit beſchuldigt haben, wenn ſte Viola durch Beſchreibungen aufgeregt hätte, die bloß ein vergsbliches Mitleid her⸗ vorrufen konnten. Ueberdieß: konnte Viola wohl mit ihrem kindlichen ungeprüften Gemüthe auch nur das mindeſte von dem begreifen, was im Herzen ihrer Freundin brannte? Nein, wiederholte Jeanne Sophie täglich und ſtünd⸗ lich, ſie würde bloß leiden, ohne das zu verſtehen, was für ſie ein Geheimniß iſt. Jeanne Sophie hatte— wle man ſich erinnert,— ihrem Vormund von elnem Plan geſchrieben, den ſie im Sinne habe. Aber ſie kam nie dazu, ihn mitzu⸗ theilen, denn ſie entwarf bald einen neuen, welcher dem erſten ſeine Kraft benahm, und den Sieg davon trug. Man ſehe hier die beiden Pläne. Entweder wollte ſie bei der königlichen Oper an⸗ geſtellt werden— ihr Ausſehen, ihre Figur, ihre be⸗ bezaubernde Singſtimme und ihr angenehmes Redeorgan mußten ihr immer einen Erfolg ſichern— oder ſie wollte es verſuchen, in Danvik als Aufſeherin der Wahnſin⸗ nigen ihres eigenen Geſchlechtes angenommen zu wer⸗ den, und auch auf dieſen Platz glaubte ſie Hoffnung zu haben wegen ihrer Körperkraft, ihrer Energie und vor allem, weil es ein mahnendes Herzensbedürfniß für ſie war, ſich dieſer Unglücklichen anzunehmen, welche vor ihr gelitten hatten, aber das moraliſche Lelden nicht mehr kannten. Ihre raſtloſe Einbildungskraft ließ ſie ſich tauſend⸗ mal als die einzige Vertraute dieſer armen Weſen be⸗ trachten. Sie war ihre Vorſehung, ihr Engel ihre Gott⸗ heit. Wann die jungen Weiber— ihnen beſonders galt ihre Miſſton— ſie zu ſehen bekämen, ſo würden ſie ſtill werden. Ihre Augen würden ihnen Ruhe zuleuchten, ihre Lippen die eingebildeten Gewiſſensqualen, die raſt⸗ loſen Phantaſſen in den Schlaf lullen. Alles wurde ſtill und ruhig, wenn ſie ihre liebkoſende Hand aus⸗ ſtreckte. In Wahrheit, ſie waren farbenreich, dieſe Träume Jeanne Sophies. Gruppirt zwiſchen eine Kindsmörderin, welche be⸗ ſtändig von einem kleinen, weißſchimmernden Lichte ver⸗ folgt wurde, und einem unſchuldigen Opſer der Liebe ihres Betrügers— einem Opfer, das nicht mehr an ſein Unglück glaubte, ſondern beſtändig den Geliebten erwartete,— glaubte ſich die junge Wärterin unter lauter verwandte Weſen verſetzt.— Zuweilen war ſie auch ſelbſt wahnſinnig, aber dann war ſie die Königin über alle andern. Und wenn die Königin in den Arbeitsſtunden ihre Hofdamen um ſich verſammelte, ließ ſie jede von ihnen durch die Erzählung ihrer beſonderen Schickſale ſich unterhalten. Sie war jedoch eine milde Herſcherin und darum verſprach ſie allen, die ihr ihre Thränen ſchenkten, zur Vergeltung einen Tropfen des lieblichſten Balſams. Aber warum ſammelte die Königin dieſe Thränen, wovon ſie nie genug bekam? Nun, ſie beſchäftigte ſich mit einer großen Perlen⸗ ſtickerei für ihren Liebhaber(eine wahre Kloſterarbeit), aber da ihr die Perlen fehlten— ihre eigenen Augen waren ſo trocken und im Irrenhaus kann man keine anderen Perlen als Thränen bekommen, ſo fing ſie mit Begierde die Thränen ihrer Mädchen auf. Und die Mädchen gaben ihren Schatz und glaubten an ihre troſtreichen Verſprechungen, denn wie konnten ſie daran zweifeln, daß eine Königin mächtig genug ſei, mit ihrem Balſam die Wunden zu heilen, welche die Thränen ſchon vorher gemildert hatten. Zuweilen ſah Jeanne Sophie auch auf dem Hofe der Wahnſinnigen einen Mann, der ſie heimlich anbetete. Sie wollte nicht mit dieſem kokettiren, denn ſie ſah ganz gut, daß ſeine ſtarken Gefühle, und ſein heißes Blut gegen ein ſolches Verfahren nicht lange Stand halten würden, aber ſie that juſt daſſelbe, was ihr elge⸗ ner Liebhaber that: Sie gab ihm eine kleine blaue Flamme ließ ihn daran ſich ernähren, zwiſchen jeder Zuſammen⸗ kunft, wozu ſie ſich, obſchon im Allgemeinen höchſt zu⸗ rückgezogen, bewegen ließ. Und wenn ſie erwachte, verwunderte ſie ſich uͤber ſich ſelbſt. Ja ſie ſtaunte nicht bloß, ſie ſchauderte bei dem Gedanken, ſich näher als ſie ſelbſt ahnte, bei dem Ab⸗ grunde zu befinden, welcher ſie ſo zauberhaft lockte mit ſeinen fantaſtiſchen Spiegelbildern. Vielleicht findet man es ſchwer zu begreifen, daß ein ſo ſtarker und entſchloſſener Charakter, wie der die⸗ ſes jungen Weibes, eine ſo unglückliche Schwachheit in ch verbergen konnte. Aber die Kraft zerbricht leicht, die Zähigkelt dage⸗ gen hält zuſammen. Und gleichwohl befand ſie ſich mitten in dieſer höchſt materiellen Welt. „Großer Gott,“ pflegte ihre Stiefmutter zu ſagen, „warum ſiehſt Du ſo närriſch aus, Jeanne Sophie? Ich verſichere Dich, daß Du mich zum Lachen bringſt. Und das ſagte ſie, wenn Jeanne Sophies Gefühle ſich gegen alle Gefangenſchaft empörten, wenn ſie ſich am liebſten auf irgend eine Weiſe hätten ergießen mö⸗ gen und dazu bereit waren. Wenn dann die unglückliche Jeanne Sophie ſo bit⸗ ter verletzt wurde, empfand ſie in ihrem Innern die Wuth einer Löwin. Sie brauste auf. Es war ihr ein Bedürfniß, die Mücke zu zermalmen, welche ſie hatte ſtechen wollen. Im Geſellſchaftsleben wo ſie nach der Werbung des Lieutenants Emil Marbin ihren unbeſtrittenen Platz wieder gewann— ging es ihr nicht beſſer. Man ſagte zu ihr, d. h. die Freundinnen ſagten: „Liebe Jeanne Sophie, kein Menſch verſteht Dich. Du biſt nie wie wir andern, und zuweilen ſiehſt Du wirk⸗ lich ein wenig aberwitzig aus. Ei was, wenn Du Deinen Schritt bereuſt, ſo kannſt Du ja im ſchlimmſten Fall den Lieutenant wieder kommen laſſen.“ Sie wandte ſich von Allem und Allem ab. Hätte ſte die bizarren Dinge geſagt, welche ſie dachte, ſo würde man ſie wirklich für wahnſinnig gehalten haben. Und Viola fort— Viola, die Einzige, die ſich wenigſtens erboten haben würde, ſie zu begreifen. Es war eine grauſame Marter, die Jeanne Sophie täglich erlitt, und Gott weiß wie es geendet haben würde, wenn ſie nicht auf einmal einen kühnen friſchen Entſchluß gefaßt hätte, dahin gehend, wo nicht die ſchwe⸗ ren Feſſeln abzuſchütteln, die ihre unglückliche Leiden⸗ ſchaft ihr auferlegt hatte, doch wenigſtens ihren Gedan⸗ ken eine vernünftige und edle Richtung zu geben, mit einem Wort, das Chaos zu zerſtreuen, das ſie umnachtete. Aber bevor wir ſagen, worin dieſer Entſchluß be⸗ ſtand, wollen wir einen Brief vorlegen, durch welchen er hervorgerufen wurde. Der Brief war von Viola, wenige Tage nach dem Shhohietans geſchrieben, womit die dritte Abtheilung oß. ——————IWI3ö1Z1Iſſſſͤöͤöͤͤn ſ“ 56 Imeiunddreißigſtes Kapitel Das Vertrauen. Wir übergehen die Schilderung der Verhältniſſe, die wir bereits kennen, und beginnen da, wo wir ſelbſt „Ich kann Dir nicht ſagen, meine gellebte Jraune Sophie, welchen wohlthätigen Einfluß dieſes Stündchen der Vertraulichkeit zwiſchen mir und dem Kriegsrath „Ich empfand, als ich ſo an ſeinem Arme ging, eine Freude, einen Stolz und eine Sicherheit, die ich früher nie gekannt hatte. und gleichwohl iſt es ge⸗ „Aber es hat keine Gefahr, meine Beſte. „Ich hatte, als wir uns bei Tiſche trafen, durchaus keinen Grund, zu erſchrecken, oder vielmehr im Gegentheil ich erſchrak wirklich im Ernſt, als ich ihn geſtützt auf den Arm ſeiner Schwägerin gebeugt, müde und herab⸗ geſtimmt eintreten ſah. „Und nicht ein Hauch von etwas Anderem als Ver⸗ drießlichkeit. „Eine ſtarke Kälte hat mir immer mehr gefallen, als ein nebeliger grauer Himmel mit drohenden Wolken. „Vielleicht täuſchte ich mich: vielleicht war es blos ein Nervenleiden, was ſein Geſicht, ſein Weſen verän⸗ derte. „Aber verändert war Alles zuſammen, und ein Paar⸗ mal meinte ich ſogar, daß er mich mit einem ſchmerzli⸗ chen Unwillen betrachtete. „Wo her konnte dieſe kommen? „Man ſagt, Laura habe eine große Gewalt über ihn, aber ſie iſt ſelbſt gut gegen mich— und dann was konnte ſie wohl geſagt haben... was, was? „Dennoch während ich dieſes ſchreibe,— drei Tage ſpäter,— kann ich weder vor Dir noch vor mir ſelbſt läugnen, daß der Kriegsrath mir mit bloßer Höoͤflichkeit begegnet, und einer Höflichkeit, die drückender iſt als Vorwürfe ſein würden, im Fall er es noͤthig fände, mir welche zu machen. „Ich habe den Doktor und den Pfarrer, unſre taͤg⸗ lichen lieben Gäͤſte, ich habe den alten Nicke um die Urſache der Veränderung meines Vormunds gefragt. Sie wiſſen von Nichts, ſie ſehen nichts und behaupten, daß ich mich mit bloßen Einbildungen quäle. „Ich kann inzwiſchen dieſe Einbildungen nicht von mir ſelbſt bekommen haben. Wenn ich nur den Muth beſäße, mit dem Kriegs⸗ rath zu ſprechen, ſo bin ich überzeugt, es würde ſich be⸗ ſtätigen, daß irgend etwas in der Luft liegt. Aber er führt eine Barrikade von Eis um ſich her auf, und es iſt mir unmöglich, dieſe zu überſteigen. „Laura dagegen iſt niemals ſo freundlich gegen mich geweſen, wie jetzt. „Sie ſcheint meinen Verdruß zu ahnen, und wenn fie mich zuweilen umarmt, ſagt ſie mit ſchweſterlicher Zärtlichkeit: „Mein armer kleiner Engel, der Du von der gan⸗ zen Welt das Gute glaubſt! „Ah, antwortete ich ihr geſtern, ich habe mich be⸗ reits überzeugt, daß es auch ſehr viel Böſes gibt. „Weißt Du, was ſie da zu mir ſagte? „Nun, Folgendes— und ich mag darüber nach⸗ grübeln, ſo lang ich will, ſo kann ich doch nicht begrei⸗ fen, was ſie meinte. Wenn Du weißt, daß es auch Böſes in der Welt —uuu——:¶Wömnmꝝſnſſſſe⸗“ 58 gibt, mein liebes Kind, ſo ſollteſt Du Dir Deine Er⸗ fahrung zu Nutze machen. „Ich bat ſie innig, mir den Sinn dieſer Worte zu erklären, aber ſie entzog ſich dem auf eine Weiſe, die mich weder verdrießen noch beleidigen konnte... „Doch genug jetzt von unſern Wolken im Hauſe. „Laß mich Dir ſtatt deſſen erzählen, daß Lieutenant Charles Marbin, deſſen ich im Anfang meines Briefes gedachte, geſtern von ſeinem Vetter dem Pfarrer Gor⸗ ner hier vorgeſtellt wurde. „Wir ſaßen Abends im Salon,— Laura und ich — der Kriegsrath war noch nicht hereingekommen— als die Herren uns überraſchten. Ich kann wohl ſagen überraſchten, denn der Lieutenant Charles war der ein⸗ zige junge Mann, den ich hier noch geſehen habe. „Er entſprach— wenigſtens bei dieſer Gelegenheit — nicht ſeinem Ruf unbedachtſamer Keckheit, der ihm überall vorangeht. „Aber der Zwang, der ſich in ſeinem ganzen We⸗ ſen verrieth, kam, wie ich vermuthete, daher, daß der Pfarrer ſich die Freiheit genommen hatte, auf eigene Fauſt zu handeln. „Der Kriegsrath wußte nichts von dem beabſichtig⸗ ten Beſuche. „Mit ſeiner guten, fröhlichen, gemüthlichen, Art zu ſein, brachte uns jedoch der Pfarrer bald in die beſte Stimmung, und ich bin überzeugt, daß der Abend ent⸗ zückend angenehm geworden waͤre, wenn nicht mein Vor⸗ mund bei ſane Ankunft den Lieutenant auf eine Art empfangen hätte, die, ich kann beinahe ſagen, Verach⸗ tung ausdrückte.— „Dieß war um ſo unbegreiflicher, als der Kriegs⸗ rath durch ſeine Feinheit und Hoͤflichkeit gegen Jeder⸗ mann bekannt iſt. Du kannſt nicht glauben, welche Mühe unſer liebenswürdiger Pfarrer ſich gab, um die übl⸗ Laune des Wirthes zu bemaͤnteln.„„ „Aber vergebens. „Das unbegreiflichſte von Allem war inzwiſchen, daß der Kriegsrath am Ende des kurzen Beſuchs des Lieutenants mit einer ſteifen Verbeugung ſagte: „Darf ich mir an den Herrn Lieutenant die Bitte erlauben, mich morgen um dieſelbe Zeit auf meinem Pri⸗ vatzimmer zu beſuchen? „Lieutenant Charles beantwortete die Einladung mit einem kurzen Dank und einer höchſtflammenden Röthe. „Es ſchien, als hätte der Kriegsrath ſowohl Zorn als Unruhe bei ihm geweckt. Und ſein Rücktritt geſchah auf eine Art, die ſeinen Ruf als eleganter Weltmann nur mit Mühe aufrecht erhielt. Auch war er ſeit dem Eintritt des Kriegsraths in's Zimmer mehr mit der Kokarde an ſeiner Mütze, als mit irgend etwas Anderem beſchäftigt geweſen. „Als er fort war und der Pfarrer mit ihm, hüllte ſich mein Vormund, wenn ich ſo ſagen darf, in den Mantel ſeiner Kränklichkeit ein. „Darunter haſt Du zu verſtehen, daß er ſich, den Kopf in die Hand gelehnt, in eine Sophaecke ſetzte, und ob er bei dieſer Gelegenheit am Körper oder an der Seele leidet, wagt Niemand zu ſagen— wenn man es auch wagen wollte, ſo hätte man doch weder Luſt noch Muth dazu. „Es verdroß mich, daß dieſer Abend, der ſo ange⸗ nehm hätte werden koͤnnen— wie gut hatte er ſich nicht angelaſſen, eh' der Kriegsrath kam und alle Freu⸗ den in die Flucht jagte?— am Ende ſo langweilig wurde, daß ich mich beinahe zu Tode gähnte. „Ich muß geſtehen, daß ich für den Lieutenant Charles im höchſten Grad eingenommen bin: ſogar ſeine verlegene Schüchternheit kleidete ihn in meinen Augen nicht ſchlecht, weil ſie mir bewies, daß er doch nicht egens lauter Eigenliebe und Uebermuth zuſammen⸗ geſe ———ꝛÿ —“ 60 „Alles das mit dem Lieutenant hat ſich geſtern zu⸗ getragen. „Heute habe ich meinen Vormund den ganzen Tag nicht geſehen, denn von Geſchäften überhäuft, hat er ſowohl Frühſtück als Mittageſſen in ſeinem Arbeitszim⸗ mer eingenommen. „Juſt während ich dieſes ſchreibe, beſorgt er viel⸗ leicht ſein letztes Geſchäft für heute, ich meine die An⸗ gelegenheit mit dem Lieutenant Charles. „O wenn ich mich in einen kleinen Schmetterling verwandeln und an die Fenſterſcheibe ſetzen koͤnnte! „Es iſt unrecht, neugierig zu ſein, aber eine Stimme fat mir, daß ich einen kleinen Theil an dem Geſpräch abe. „Doch ich bin ja eine wahre Närrin— welche Stelle kann mir darin zukommen? „Keine, nein gewiß, gar keine! „Aber ich breche hier ab, denn ich höre den alten Nicke nach der Thüre zu trippeln....... „Jeanne Sophie, Jeanne Sophie, jetzt weiß ich Alles Mein Gott, bin ich denn beſtändig verur⸗ theilt für die Fehler Anderer zu leiden? „O verzeih, verzeih!— Ich betheure Dir, daß ich dieſen unedlen Ausdruck gerne ausmärzen möchte, wenn ich die Kraft beſäße den Brief umzuſchreiben. „Aber ich bin ganz aufgeregt... was ſage ich, aufgeregt?— ich bin aufgebracht, ja außer mir vor Schmerz und dem gerechteſten Verdruß, den je ein Menſch erfahren hat. „Ich weiß nicht, ob ich den Vorfall mit wenigen Worten erzählen, oder ihn Dir durch Mittheilung des De⸗ tails noch begreiflicher machen ſoll. „Ich will das Letztere verſuchen. „Wie unglücklich ſind wir nicht, ſowohl Du als ich, meine Jeanne Sophie, daß wir nicht eine Mut⸗ ter beſitzen, irgend eine erfahrne Freundin, auf die komn ler iſ die, rene die i ſeher theid ich d die Laut ich m gerit ich d ſchne Thee dem betre über mir er, gew eine irge rn zu⸗ n Tag hat er tszim⸗ viel⸗ e An⸗ erling e! timme ſpraͤch Stelle alten iß ich eerur⸗ ß ich wenn ich, vor enſch nigen De⸗ als Mut⸗ f die wir uns ſtützen können? denn oft wenn wir fehlen, kommt es bloß daher, daß wir nicht wiſſen, was ein Feh⸗ ler iſt. ſtauſendmal glücklich ſind die jungen Mädchen, die, wenn ſie deſſen bedürfen, eine zärtliche und erfah⸗ rene Freundin um Rath fragen können, eine Freundin, die ihnen nöthigenfalls erklären kann, was ſie ſelbſt nicht ehen. ies„Es iſt hart mit ſiebzehn Jahren ſeine eigene Ver⸗ theidigung führen zu müſſen..Ich ſagte Dir, daß ich den alten Nicke kommen hoͤrte; ich glaubte, es gelte die Einladung zum Thee, und ſo war es auch. „Aber im Salon befand ſich nicht wie gewöhnlich Laura, ſondern blos der Kriegsrath. „Mit einem gewiſſen gedämpften Tone bat er mich, ich moͤchte die Güte haben, zu ſerviren, weil ſeine Schwä⸗ gerin fort ſei. „Ich ſollte die Dummheit gar nicht erwähnen, daß ich die heiße Theetaſſe über mein Kleid ausgoß, als er ſchnell ſagte: Der Lieutenant iſt bei mir geweſen. „Was in Gottesnamen brauchte ich deßhalb meine Theetaſſe umzuwerfen?— habe ich irgend etwas mit dem Lieutenant zu ſchaffen? „Mein Vormund dachte vielleicht anders, denn er betrachtete mich ſcharf. „Darauf beeilte er ſich— während ich verlegen über meine Tölpelhaftigkeit nach dem Nastuche ſuchte— mir das ſeinige zu reichen. „Warum dieſe Verlegenheit, dieſe Röthe?“ fragte er, nachdem ich den Reſt meines Thees vollends hinab⸗ gewürgt und die Taſſe weggeſtellt hatte. „Darum,“ antwortete ich muthig,„weil Sie ſich eines Tones bedient haben, wie wenn die Sache in irgend einer Weiſe mich berührte.“ „Nun wohl, wenn dem ſo wäre..?2“ „Dann begriffe ich ganz und gar nichts davon.“ ——õ—⸗—;jjj———— 62 „Iſt das ſicher, mein Fräulein?... Haben Sie die üte, ſich zu erinnern, daß es nicht blos der Vormund iſt, der ſein Mündel fragt, ſondern daß es zugleich der⸗ ſelbe Freund iſt, dem vor ein Paar Tagen, ein vollkom⸗ menes Vertrauen verſprochen wurde.“ „Dieſes Letztere ſagte er ſo innig, daß ich mit dem erzen auf den Lippen antwortete: „Sobald ich weiß, daß ich ein Vertrauen, ſei es nun in großen oder kleinen Dingen, zu beweiſen habe, werde ich mich ſelbſt auf das Recht berufen, das Sie mir gütigſt ertheilt haben, Herr Kriegsrath.“ „Gut... ich werfe meine Urtheile über die Men⸗ ſchen nicht leichtſinnig hin, aber nach demjenigen, das ich mir über den Lieutenant Charles Marbin gebildet habe, iſt er ein Menſch von ſo leichtſinnigem Wandel, daß ein junges Mädchen ſich genau vorſehen muß, bevor ſie ihm den geringſten Grad von Aufmun..“ „Aber,“ unterbrach ich ihn, außer Stand meine Verwunderung zurückzuhalten,„was in Gottes Namen habe ich denn gethan, das dieſe Bemerkungen rechtfer⸗ tigen könnte?“ „Was Sie gethan haben, mein Fräulein, weiß ich nicht, aber was er gethan hat, das weiß ich, und es wird mir ſchwer, Ihnen zu ſagen, daß ich mir's kaum vorſtellen kann, wie er einen ſo außerordentlichen Grad von Keckheit hätte zeigen ſollen, wenn er nicht wenig⸗ ſtens einen eingebildeten Grad von Aufmunterung ge⸗ habt hätte. „Ich konnte von meiner Beſtürzung nicht zurück⸗ kommen. „Als Lieutenant Marbin mir auf dem Spazier⸗ gang vorgeſtellt wurde,“ ſagte ich,„war er mir beinahe gänzlich unbekannt. „Erlauben Sie mir Ihnen zu erklären, verſetzte jetzt mein Vormund, daß es ganz gut ſtände, wenn die⸗ ſes beinahe nicht nöthig geweſen wäre. Denn da er nicht vorgeſtellt war, ſo durfte er Ihnen gar nicht be⸗ kannt ſein.“ „Das mag ſein, aber ich konnte doch nicht umhin ihn wieder zu erkennen. Er war ja alle Tage hier vor⸗ beigegangen.“ „Und alle Tage hat ſich das Fräulein am Fenſter befunden, um ihn zur Uebertretung des Schicklichen auf⸗ zumuntern.“ „Herr Kriegsrath.. „Das Blut begann in mir zu kochen, ich glaubte unſchuldig zu ſein,... aber Du ſollſt hören:“ „Ich ſehe,“ fuhr er fort,„daß Sie ſich beleidigt fühlen, mein Fräulein, und Sie werden es vermuthlich noch mehr ſein, wenn ich Ihnen ſage, daß der Lieute⸗ nant ſelbſt Ihrer Unvorſichtigkeit die für ihn wünſchens⸗ wertheſte Deutung gegeben hat.“ „Deutung gegeben?“. „Allerdings. Und der Beweis iſt, daß er an dem Mittag, wo wir ihn in der Anlage trafen, ſtatt, wie er ſagte, durch ein Verſprechen an einige Freunde ge⸗ bunden zu ſein, einen Rückweg nach der Stadt einſchlug, ſich in meinen Garten ſchlich, und ſich erfrechte, ein Billet in das Buch zu legen, das Sie, mein Fräulein, in der Laube gelaſſen haben.“ „Nein, nein,“ rief ich aufſpringend,„das iſt un⸗ möglich— wie konnte er es wagen, mich ſo zu be⸗ leidigen?“ „Dieſe Frage müſſen Sie beſſer beantworten kön⸗ nen als ich aber ohne Zweifel haben Sie ihm bei irgend einer Gelegenheit einen Gruß oder ein anderes Erkennungszeichen erwiedert.“ „Ach, Jeanne Sophie, wie litt ich! Ich erinnerte mich jetzt, daß er die zwei letzten Male gegrüßt, und daß ich, ohne dabei an was Unrechtes zu denken, den Gruß erwiedert hatte. „Aber wenn ich mich ſchon jetzt vor Scham ver⸗ nichtet fühlte, wie wurde mir erſt, als mein Vormund ——— ein kleines Billet hervorzog, das er, nachdem er es ei⸗ 5 nige Mal bedeutungsvoll in dreht, öffnete und mir vorlas. „Es lautete wie folgt: „Ich habe Sie in der Nähe geſehen, ich habe Ihre engelliebliche Stimme gehört, und in einem Anfall von wahnſinnigem Entzücken ſtammle ich eine Bitte an Sie. Ich gehe morgen um zwölf wieder an Ihren Fenſtern vorbei, meine Seele verwellt Tag und Nacht dort. Wenn Sie da die Güte hätten, ſich blos eine halbe Sekunde zu zeigen, ſo werde ich das als ein Zeichen betrachten, daß Sie mir den Eintritt zu geſtatten ge⸗ ruhen, den man mir ſo hartnäckig verweigert. „Verzeihen Sie, verzeihen Sie! „Zürnen Sie nicht... aber Sie ſind ſchon zwei Mal vorher gütig gegen denjenigen geweſen, deſſen einzige Entſchuldigung bei dieſem Schritt die verzeh⸗ rende und brennende Unruhe iſt, die er unter der Maske eines fröhlichen Leichtſinns verbirgt. der Hand hin⸗ und herge⸗ 2 Ch.“ „Dieſe ſo entſetzliche Anklage gegen mich verlas mein Vormund mit einer Deutlichkeit, und ich darf wohl ſagen, mit einer Gemüthsaufregung, welche zur Folge hatte, daß jedes einzelne Wort mich brannte. „Du, theure Jeanne Sophie, weißt vielleicht eben ſo gut wie ich, daß es nichts ſchrecklicheres gibt, als wenn wir die Folgen unſerer Fehler von andern Per⸗ ſonen in feierlichem Tone verkünden hoͤren. „Ich konnte nicht weinen, aber ich konnte leiden, und vermuthlich ſah der Kriegsrath, daß es ſich ſo ver⸗ hielt, denn nach einer Pauſe von einigen Augenblicken kam er zu mir und ſagte mit einer Stimme, die meinen Schmerz um ein Gutes milderte:“ „Ich bin ſtreng geweſen, aber erinnern Sie ſich, mein Fräulein, wie bereitwillig man mir Vertrauen verſprochen hat. Hätte ich alſo nicht ſogleich erfahren 65 ſollen, daß Lieutenant Marbin täglich am Fenſter vor⸗ beiſtrich?“ „Aber er hat es ja ſelbſt geſagt, Herr Kriegsrath.“ „Allerdings, aber nicht in einem Ton, der mich zu der Aufforderung berechtigte, daß er meine Mündel in Frieden laſſen ſolle; überdieß wußte ich damals nicht, daß Sie, Fräulein Viola, zwei Mal freundlich gegen ihn geweſen waren. „Sicherlich war der Kriegsrath mit meiner Ein⸗ wendung nicht zufrieden, denn dieſe letzte Bemerkung klang nicht ſehr liebreich. „Aber weißt Du auch, Jeanne Sophie, daß, ſo ſtolz ich auch in dieſem Augenblick hätte ſein mögen, dennoch mein Stolz durch das Bewußtſein niedergeſchla⸗ gen wurde, daß meine Unbedachtſamkeit vielleicht nie⸗ mals ſich werde heilen laſſen. „Ich ergriff die Hand meines Vormunds. Er zog ſie nicht weg, ich fühlte, wie in dem ſanften Druck, welcher den der meinigen erwiederte, eine Verzeihung ſich ausſprach.“ „Dieſe Frechheit war durch keine andere Aufmun⸗ terung, als durch zwei Grüße gerechtfertigt, nicht wahr?“ agte er. „Ja ich verſichere, daß dieß mein einziger Fehler iſt. Und darum weil dieſer leichtſinnige Menſch ſich unterſteht mich zu beleidigen, werden nun auch andere Leute an meine Schuld glauben. „Es iſt immer ſo mit uns Weibern, daß unſer Muth wächſt, wenn wir hören, daß die Anklagen er⸗ matten. „Der Kriegsrath ging gleichwohl nicht ſo weit, ſich zu vertheidigen, aber er beſprach den ganzen Vorfall. „Der Lieutenant hatte ſich, wie Du bereits gehört haſt, in den Garten des Kriegsrathes eingeſchlichen; die Hecke iſt auf der Seite der einen Laube niedrig, und in dieſer ſelben Laube lag das von mir vergeſſene Buch. Der Vormund. I. 5 Vermuthlich hatte er dieß ſchon früher ausgeforſcht, und da er dachte, daß ich am Abend das Buch wieder holen würde, ſo hielt er es für paſſend, es als Briefkaſten zu benützen. „Aber bevor ich in den Garten kam, waren zwei andere Perſonen dort geweſen. „Ich glaube, daß Laura die erſte war. Die andere war ſicherlich der Pfarrer, welcher das Billet wegnahm und ſodann ſeinem Vetter eine ſolche Vorleſung hielt, daß ich ihn in meinem Herzen dafür ſegnen muß. „Der Kriegsrath, der, wie er ſagte, das Billet von dem Pfarrer erhielt— vielleicht aber auch von Laura— verſicherte, daß Lieutenant Charles tiefe Reue über ſeinen Fehler an den Tag gelegt habe. „Unter Anderem hat er geſagt, er bedaure die Beleidigung, die er mir in einem Augenblick der Auf⸗ wallung ſeiner Gefühle angethan, ſo ſchmerzlich, daß blos die Gewißheit, daß ich die Sache nicht erfahren habe, ihm den Muth verleihe, ſeinen Beſuch hier abzu⸗ ſtatten. Seine Verlegenheit bewies jedoch am beſten, daß er ſich ſelbſt nicht verziehen hatte. „Aber, fragte ich, als mein Vormund mit ſeiner redlichen Offenheit mir das Alles mitgetheilt hatte, iſt er noch immer überzeugt, daß ich von ſeiner Dreiſtig⸗ keit nichts wiſſe?“ „Das verſteht ſich. Für ihn muß es fortwährend ein Geheimniß bleiben, daß Sie auch nur das Mindeſte in dieſer Sache erfahren haben.“ „Billigen Sie dieſes Schweigen in allen Thellen, Herr Kriegsrath? „Vollkommen, mein Fräulein! Sie würden ſich ja ſonſt einer Erklärung bloß ſtellen, und er hat von mir bereits eine ſolche erhalten, die ernſtlich genug war— oder müßte ihm das Haus verboten werden, und ich habe Lars Moritz verſprechen müͤſſen, das nicht zu thun. Ueberdieß..“ „Er verſtummte. hereit tung. ten a Mien teres kling ſeinen dieß gut d nieder abge erfort aus Geda des 67 „Ueberdieß.. wiederholte ich.. „.. Wäre es vielleicht nicht recht von mir, Sie eines Vergnügens zu berauben.. Sie werden ver⸗ muthlich an ſeinem Umgang Vergnügen finden, mein Fraͤulein?“ „Alſo geſchieht es zu meinem Vergnügen, daß er empfangen wird?“ „Bei dieſer Frage warf mir der Vormund einen Blick zu, welchen zu deuten ich ein großes Verlangen empfand— aber ich vermochte es nicht.“ „So viel iſt wahr,“ antwortete er,„daß es nicht zu dem meinigen geſchieht.“ „Ich hätte ihm jetzt ſagen mögen, daß ich Lieute⸗ nant Charles nach ſeinem unpaſſenden Benehmen un⸗ gerne ſehe, und ich hatte hinzufügen wollen, daß der Beifall meines Vormunds mir tauſendmal theurer ſei; aber bevor ich ein Wort äußern konnte, kam Laura herein und nun nahm das Geſpräch eine andere Rich⸗ tung. „Nach der Mahlzeit, als wir wieder einige Minu⸗ ten allein waren, ſah der Kriegsrath mich mit einer Miene an, als ob er fragen wollte, ob ich nichts wei⸗ teres hinzuzufügen habe. „Aber ich dachte, daß es hintendrein ſo ſonderbar klingen müßte, wenn ich nun anfinge zu ſagen, daß ich ſeinen Beifall zu erwerben wünſche. Vielleicht hätte dieß wie Schmeichelei ausgeſehen oder... kurz und gut die Zeit verging und nun war es zu ſpät. „Beſte Jeanne Sophie, während ich dieß Alles niederſchreibe, hat die Heftigkeit meiner Gefühle ſich abgekühlt und gelegt. „Ich gebe mir jetzt alle Mühe meine Eindrücke zu erforſchen, aber ich bin nicht im Stande, Dir zu ſagen, aus welchem Grunde ich nicht den Muth beſaß, meine Gedanken vor dem Kriegsrath auszuſprechen. „Sollte ich vielleicht trotz der unedlen Uebereilung des Lieutenants Charles— die er gleich wohl ſo innig — * —ꝛ—;ꝙ 68 bereut hat— nicht wünſchen, daß er aus dem Hauſe verwieſen würde? „Alles, was ich ſelbſt mit Gewißheit. ſagen kann, iſt, daß ich im höchſten Grad gegen ihn aufgebracht bin, und mein einziger Troſt iſt, daß er nie eine Ahnung davon haben wird, daß ich von ſeiner Kühnheit Kennt⸗ niß erhalten habe. „Gleichwohl, liebe Jeanne Sophie, nennt man in⸗ unſerm Lande vieles kühn, was man in andern Ländern, wo die Liebe raſch gedeiht, nicht ſo nennt. „Wie dem auch ſein mag, ich glaube nicht, daß ich ſo entſetzlich aufgebracht bin. Ich vergeſſe beinahe den ganzen Lieutenant Charles, um mich ausſchließlich mit meinem originellen Vormund zu beſchäftigen. „Er iſt wirklich ſo intereſſant und bei all' ſeiner Einſeitigkeit, ſo vielſeitig, daß er immer vor mir ſteht, ob er abweſend oder gegenwärtig iſt. „Aber vermuthlich findet er, daß ich noch ein eigent⸗ liches Kind bin, mit welchem es ſich nicht der Mühe lohnt, öfter zu ſprechen, als wenn Verweiſe ertheilt werden ſollen. „Ich bin nicht eiferſüchtig auf Laura, aber ich wollte, daß auch ich vertraulich mit ihm reden dürfte, zumal da er krank oder verdrießlich ausſieht. „Wenn er im Herbſt ſterben ſollte, woran er, wie man ſagt, ſelbſt glaubt!... „Nein ich will gar nicht daran denken... aber ich bin in wahrer Verzweiflung darüber, daß das kleine Cactusbäumchen, das ich von ihm erhalten, abſterben will— es ſcheint mir die Schwindſucht zu haben... doch jetzt gute Nacht..... . „ 46 44 2 59 4 „Guten Morgen, theure Jeanne Sophie! „Ich bin auch dieſen Morgen nicht bei Laune, denn das Bäumchen ſtirbt wirklich ab. „Draußen iſt es ſonnenhell, aber im Hauſe iſt es wolkig und trübe. Hauſe kann, bracht hnung dennt⸗ an in⸗ dern, daß inahe eßlich ſeiner ſteht, gent⸗ Mühe theilt r ich ürfte, „wie er ich kleine erben 1... „Der Kriegsrath blieb auch heute ſowohl vom Früh⸗ ſtück als von der Promenade weg. „Es iſt ausgemacht, daß ich allein mit dem Doktor gehen muß. „Laura lächelt und der alte Nicke ſieht böſe aus. Ich habe dieſe Barometer verſtehen gelernt und fühle mich deßhalb doppelt unbehaglich. „Aber jetzt leb wohl, meine geliebte Jeanne Sophie! Ich habe es nicht gewagt, von Deinen eigenen Ange⸗ legenheiten zu ſprechen, aber Du weißt wohl, daß Dein Andenken unaufhörlich friſch iſt bei Deiner „Viola.“ Dieſer Brief erweckte im höchſten Grad Jeanne Sophie's Unruhe über die Stellung ihrer jungen Freun⸗ din. Sie ſah ein, daß Frau Laura ein Geiſt des Un⸗ friedens war, der Niemand neben ſich dulden konnte, ſondern durch Neid, Eiferſucht und andere Gefühle vor⸗ ausſichtlich in Vlola's Leben eingriff. Und dieſe Details zuſammen rüttelten Jeanne So⸗ phie aus ihren eignen Träumen auf und riefen in ihr ein Verlangen hervor, derjenigen zu nützen, die ihr ein ſo großes Opfer gebracht hatte. „Ich will hingehen, ich werde und muß in das Haus des Kriegsraths kommen.“ Das war ihr feſter Entſchluß. Aber wie ſollte die Sache bewerkſtelligt werden? wie ſollte man den Kriegsrath zu einer ſolchen Erlaub⸗ niß vermögen? Wir wollen nicht verſchweigen, daß Jeanne Sophie's mattklopfendes Herz auch noch durch ein ſelbſtſüchtiges Motiv belebt wurde. Aber dieſe Selbſtſucht wurde dennoch von einer edleren Kraft bewacht. Gegen Johannis war Lieutenant Emils Dienſtzeit in Marſtrand zu Ende, und vielleicht konnte er hernach 9 ——õ———j in ſeine väterliche daß ſein Gefühl ſie das ihrige für ewig in ihrer Bruſt be wenn die Morgendämmrung, die ſie in ſe entdecken gemeint worden wäͤre. Aber nahte e 70 Heimath zurückkehren. Sah ſte dann, vollkommen erſtorben war, ſo wollte graben, ſelbſt iner Seele zu hatte, für eine Andre zum Tag ge⸗ r ſich ihr wieder getreu, wie früher, wärmer als früher... raths Gott o Gott. .. ſie mußte ins Haus des Kriegs⸗ Breiunddreißigſte⸗ Kapitel. Die Wette. „Nein, das kommt niemals zu Stande, Du kannſt mirs wohl glauben.“ So ſprach Frau Laura, indem ſie am Rande von Viola's Bett ſitzend die b Mädchens unterbra eredten Bitten des jungen ⸗2 Viola hatte am Abend zuvor einen Brief von Jeanne Sophie erhalten, worin dieſe ihre Gründe für den Plan entwickelte, Jeanne Sophie hatte auch an den Krie den wir bereits kennen. gsrath ge⸗ ſchrieben, und dieſen Brief beabſichtigte Viola ihm ſelbſt nach dem Mittageſſen Frau Laura's b zu übergeben. eſtimmte Antwort mißſiel unſrer Heldin ſo ſehr, daß ſie mit einem gewiſſen Anflug von Schaͤrfe in ihrer Stimme ſagte: „Und warum ſoll das nicht zu Stande kommen?“ „Darum, weil es nicht blos unmöglich iſt, das 3 dann, wollte ſelbſt ele zu ig ge⸗ rüher, riegs⸗ nnſt von gen von für ge⸗ bſt rer on 2 as 71 ganze Haus mit jungen Frauenzimmern zu füllen, ſondern auch, weil dieſe abgefeimte Mamſell Jeanne Sophie ſicherlich ihre Nebenabſichten bei dieſem Projekte hat.“ „Ihre Freundſchaft für mich iſt, glaube ich, bekannt.“ „Ja, wie auch ihre Liebe zu dem Lieutenant Emil Marbin; eine ſolche Intrigantin taugt nicht in unſer einfaches Haus.“ „Aber im Fall der Kriegsrath die Vormundſchaft übernimmt, um was ſie ihn bittet— wenn er ſeinen Beiſaſ dazu gibt, daß ich Jeane Sophie's Geſellſchaft habe?“ „So wiſſe denn, meine liebe Freundin,“ rief Laura gereizt,„daß es eine Narrheit iſt, dieſe Sache auch nur zu erwähnen. Und da es zu Nichts hilft, ſo iſt es weit beſſer, ihr den Brief zurückzuſchicken.“ „Das thue ich nicht.“ „Freilich, es iſt angenehmer, eine abſchlägige Ant⸗ wort zu erhalten. Nun, nun, jeder Menſch hat ſeinen eigenen Geſchmack.”“ „Ich habe dieſe abſchlägige Antwort noch nicht er⸗ halten.“ „Nein, da hoͤre man doch— ich glaube wahrhaf⸗ tig, Du bildeſt Dir ein, einige Gewalt über meinen Schwager zu beſitzen.“ „Gute Laura, ereifre Dich nur nicht ſo. Habe ich nicht wenigſtens eben ſo viel Recht, wie jede andere Perſon, dem Kriegsrath eine Bitte vorzutragen 2 4 „Ja, das verſteht ſich; aber ich glaube, daß mein Recht etwas älter und vielleicht auch ein wenig ſicherer begründet iſt. Darum ſollteſt Du nachgiebig ſein, wenn ich abrathe.“ „Soll das ſo zu verſtehen ſein, daß Du ein Recht habeſt, über die Handlungsweiſe des Kriegsraths zu verfügen?“ „Ich ſage das nicht. Aber jedenfalls gilt mein Wort mehr, als das von jeder andern Perſon, und ich dächte, Severins Benehmen in den letzten acht Tagen — 72² ſei nicht ſonderlich aufmunternd geweſen für Leute, die ziel ihn blos in den Geſellſchaftsſtunden geſehen haben.“ ſeh „Ich für meinen Theil habe nichts anderes, als Milde und Wohlwollen in ſeinem Weſen gefunden.“ Viola ſagte dieß bloß, um Laura zu ärgern. Sie wö 7 wußte recht gut, daß es nach dem Blillet des Lieute⸗ nich nants Charles noch immer nicht ganz richtig war, ob⸗ ein 1 ſchon eine Zeitlang nicht viel dazu gefehlt hatte. ſo Der Kriegsrath war allerdings in den drei Aben⸗ den, wo der Lieutenant ſeinen Beſuch erneuert hatte, da da geweſen und empfing noch überdieß andre junge Männer, welche den Zutritt ia ſein Haus ſuchten; aber B. bei all' dem ſah man wohl, daß er— trotz ſeiner höf⸗ lichen Bemühungen, ſich als guter Wirth zu erweiſen, — dieſes ganze Geſellſchaftsleben ſo weit als möglich vo von ſich entfernt wünſchte. eir Laura war aufgeſtanden. „Es iſt alſo ausgemacht, daß Du Deine Ueberre⸗ Za dungskunſt zu verſuchen beabſichtigſt?“ de „Das iſt ausgemacht.“ ko „Und vermuthlich willſt Du ſie in ihrem höchſten Grad aufbieten?“ „Ich kann es nicht verhehlen.“ „Gut, gut, liebes Kind... ich biete die meinige gleichfalls auf, und kannſt Du Dir da einbilden, Du . unbedachtſames, kleines Ding, daß der Sieg in Deinen Händen bleiben werde?“ n „In dieſer Beziehung bilde ich mir gar Nichts ein — wir werden ſchon ſehen.“ „Höc' einmal— willſt Du eine Wette mit mir eingehen? Diejenige, die verliert, muß ſich überwunden 5 bekennen, und für die Zukunft von allen ähnlichen Ver⸗ D ſuchen abſtehen... Gehſt Du darauf ein?“ „Nein, es würde mir ſchlecht anſtehen, einen ſolchen Schritt zu wagen.“ gö „Ha, ha, ha!“ rief Laura, und ihr Lachen glich dem in Trompetenklang eines bereits gewonnenen Sieges.„Du th 73 „die ziehſt Dich alſo zur rechten Zeit zuruͤck, und das war 4 ſehr gut.“ als Viola erröthete ſtark. 4 Sie war ein Kind, ein durch Schmeicheleien ver⸗ Sie wöhntes und verhätſcheltes Kind. Sie fühlte wohl, daß eute⸗ nichts für ein junges Mädchen unpaſſender wäre, als ob⸗ eine ſolche Wette einzugehen; aber es verletzte ſie auch ſo tief, daß ſie Laura's Uebermuth nachgeben ſollte. ben⸗„Wie ſteht's?“ wiederholte dieſe mit einem Lächeln, atte, das Viola's halben Entſchluß vollends zur Reife brachte. inge„Ich nehme an,“ ſagte ſie...„jedoch unter einer aber Bedingung.“ höf⸗„Welcher denn?“ ſen,„Daß ich den Brief übergeben darf, ohne daß Du lich vorher mit einem einzigen Wort auf den Kriegsrath einwirkſt.“ „Du kannſt den Brief übergeben und all' Deine e Zauberkugeln gegen ſein Herz abſchießen— er thut dennoch keinen Schritt, ohne mich zu fragen, und dann kommt die Reihe an mich.“ ten„Es gilt!“ Geſagt und beſchloſſen. Die Damen trennten ſich. ige Du en ein nr Vierunddreißigſtes Kapitel. 8 Violas Zauberkugeln. en Der Kriegsrath hatte ſein Nachmittagsſchläſchen gemacht, oder vielmehr er hatte mit geſchloſſenen Augen m in einem Ruheſtuhl gelegen und nachgegrübelt, und das du that er auch noch jetzt, als Nicke eintrat. —————õ———————— ͦᷣ—— 74 „Iſt auch heute Empfangtag?“ fragte der Haus⸗ herr, indem er mit einem ängſtlichen Blicke auf die Uhr ſah. „Nein, Herr Kriegsrath, Sie haben ja den Dien⸗ ſtag und Freitag Abend für dieſes Satanszeug beſtimmt. Heute haben wir Samſtag.“ „Gut, alter Freund. Sind die Frauenzimmer im Salon?“ „Nur das Fräulein— Sie iſt dort lang auf und abgegangen, wie wenn ſie Jemand erwartete. „Wo iſt denn Madame?“ „Sie iſt auf den Kaffee bei einer Nachbarin.“ „Ohne das Fräulein mit ſich zu nehmen?“ „Das Fräulein liebt ſolche Einladungen nicht.“ „Nein, nein— blos Frauenzimmer.“ Der Kriegsrath hielt inne. „Das Fräulein iſt gegen Jedermann gleich: ſie iſt ſchön, ſanft und lieblich, ſowohl von Ausſehen, als von Herzen. Und jetzt geht ſie da immer herum und läuft ſich wohl ihre kleinen Füßchen müde.“ „Glaubſt Du, daß Laura lange ausbleiben wird?“ „Gehen Sie denn nicht hinein, Herr Kriegsrath, ehe ſie kommt?“ „Ich habe nicht Zeit; ſpäter am Abend vielleicht. Jetzt muß ich in den Garten hinab und nach ein paar Roſenſtöcken ſehen, die mir geſtern ganz und gar nicht: gefielen.“....„„.......„... Der Himmel war dieſen Abend blau und rein, die Sonne beglänzte die grünen Blätter und die Blumen neigten ihre feinen Kronen hin und her. Severin ging gedankenvoll von Stock zu Stock und beugte ſich mit zärtlich koſendem Wohlbehagen zu ſeinen Lieblingen hinab. Eine tiefere Bläſſe als ſonſt ruhte auf ſeinem mil⸗ den und edlen Geſicht, und ſo oft er an einen Stock kam, wo zwei Blumen ſich vertraulich zu einander hin⸗ 75⁵ neigten, wie wenn ſie ſich gegenſeitig ſtützen wollten, bebte er leiſe zuſammen, und es ſchien, als ob etwas ſchmerzliches ſich in ſeinem Inneren regte. „Herr Kriegsrath!“ ließ ſich eine zitternde Stimme hinter ihm vernehmen. Er wandte ſich haſtig um. Die luftigen, glänzenden Locken nachläßig unter dem Strohhut zurückgeworfen, der loſe gebunden, ſich auf die eine Seite des Kopfes neigte, ſtand Viola ne⸗ ben ihm. Ihre Augen drückten ſo viel aus, ſo viel, daß Se⸗ verin, obſchon er mit dem Stock ſeine Vormundswürde wieder angenommen zu haben meinte, ſeine Mündel nicht ſehen konnte, ohne zu erroͤthen. „Warum das?“ Die Frage lautete beinah herb. „Ach ich bitte ſehr: ſprechen Sie in einem andern Tone mit mir. Iſt es nicht überdieß Samſtag, der Tag, an welchem mir das Recht auf eine halbſtündige Unterre⸗ dung zugeſichert worden iſt?“ „Es iſt wahr. Ich erinnere mich... ich entſinne mich wirklich...“ „Und ich erinnere mich um ſo mehr dieſes Umſtan⸗ des, als ich Ihnen eine recht angelegentliche Sache vor⸗ zutragen habe... Laſſen Sie uns einige Schritte in die Allee hinabgehen.“ Und bevor Severin ſich die Möglichkeit einer ſo großen Unmoglichkeit hatte danken können, hatte Viola ſich ganz ungenirt an ſeinen Arm gehängt, ohne im mindeſten auf ſeine verlegene, beinahe betrübte Miene zu achten. „Sie haben mir alſo etwas beſonderes vorzutragen, mein Fräulein?“ „Ich habe eine Bitte— tauſend Bitten in einer einzigen.“ Und ſie ſah ihn mit ſchalkhaften Blicken an, in denen ein ſchönes zauberiſches Laͤcheln ſtrahlte. Ehe ſie hinabgegangen war, hatte ſie ſich beſtimmt vorgenommen, in Jeanne Sophie's Intereſſe alle ihre Kraft und Talente zu entwickeln und ſich durch gar nichts abſchrecken zu laſſen. Glücklicherwelſe— und dieß erkannte ſie auch als ihr Glück und als einen großen Vortheil— traf ſie den Vormund in ſeiner verlegenen Stimmung.. In die⸗ ſer war er weit weniger feſt verſchanzt, als in der ſtrafenden, ſteifen oder feierlichen... f„Tauſend Bitten in einer— und was ſoll ich dazu agen?“ „Verſteht ſich, nichts anderes als ja 1 „Sollte es ſich bereits um Freiwerbung und Hei⸗ rath handeln?“ Der Kriegsrath zog, ohne daß er ſelbſt darauf achtete, ſeinen Arm zurück. „Ach!“ rief Viola mit einem herzlichen Lachen— ſie begann bereits die Annehmlichkeit der Sicherheit zu empfinden—„wenn die Frage ſonſt nichts beträfe, ſo wäre ich ja doch Ihres Jaworts ganz ſicher.“ „Keinen Scherz, mein Fräulein, in ſo ernſten An⸗ gelegenheiten. „Ich ſcherze ganz und gar nicht. Ich ſtelle mir blos vor, daß Sie ſich mit Freuden von der Verant⸗ wortung für ein ſo unbedachtſames Weſen, wie ich bin, befreit ſehen würden.“ „Habe ich denn bewieſen, daß dieſe Verantwortung mich belaͤſtigt?“ „Das zeigt ſich alle Tage.“ „Wie ſo?“. „Mein Gott, ich kann doch auch nicht blind ſein. Auch flehe ich jeden Morgen und Abend in meinen Ge⸗ beten um einen ſolchen Freier, der ſowohl meinem Vor⸗ mund, als mir ſelbſt gefällt.“ „Fräulein Viola— wenn Sie weiters nichts thun wollten, als mir dieſen Beweis von Mißachtung geben..“ „O, handelt es ſich ſchon wieder um Mißachtung 7 —— 8A— 77 — Werde ich denn niemals die Erlaubniß erhalten, auch ein wenig ſcherzhaft und vertraulich zu ſprechen?“ „Allecdings bis auf einen gewiſſen Grad. Aber den Scherz bis auf eine Beleidigung gehen zu laſſen...“ „Beleidigt denn eine Mündel ihren Vormund, wenn ſie Gott um einen braven und verſtändigen Mann bittet? Viola war ſo aufgeräumt, ſo voll von fröhlichen, kühnen Hoffnungen, daß ſie ſich den kleinen, ſchnippiſchen und freien Eingebungen des Augenblicks hingeben mußte. „Ein junges Mädchen, mein Fräulein, ſpricht— glaube ich— nicht ſo frei von dieſen Gegenſtänden.“ „O wenigſtens ſolang keine anerkannte Werbung auf dem Tapet iſt, kann ſie ganz wohl ſcherzen.“ „Inzwiſchen iſt es vor allen Dingen ihre Pflicht, aufrichtig zu ſein, wenn es zum Ernſte kommt.“ „Dieſe Bemerkung kann mich eigentlich ebenſogut abſchrecken, als aufmuntern. Die Summe iſt jedoch, daß Sie, mein Vormund, noch durchaus gar keine Hoff⸗ nung haben, mich los zu werden.“ „Iſt das ſicher?“ „Was ſehe ich 2.. täuſche ich mich?.. Flammte nicht ein Freudenſtrahl in dieſem Blicke? „Mein Fräulein...“ „O ich weiß recht gut, daß es unanſtändig iſt, gewiſſe Fragen zu ſtellen, aber zuweilen überkommt mich ein Geiſt der Aufrichtigkeit oder vielmehr Offenherzig⸗ keit, dem ich nicht zu widerſtehen vermag. Sagen Sie mir alſo, Herr Kriegsrath, ob Sie wirklich nicht aus guten Gründen und von ganzem Herzen wünſchen, daß ich fort wäre.“ „Nein, bei Gott, ich wünſche das nicht,— eher.“ „Cher.“ „. Das Gegentheil!“ Viola ſchlug mit einem ſo ungekünſtelten und wah⸗ ren Ausdruck des Entzückens ihre Hände zuſammen, daß 78 es ſehr ſchwer geweſen wäre, ihr nicht ein Lächeln zu ſchenken. „Jetzt fragt es ſich,“ fuhr Severin fort, während das Lächeln noch auf ſeinen Lippen ruhte,„warum Sie ſo innig darum baten, der Vorſorge Ihres alten Vor⸗ mundes überhoben zu werden.“ 3 „Warum ich ſo innig darum gebeten habe, der Vorſorge meines alten Vormundes überhoben zu wer⸗ den,“ berichtigte ihn Viola.„Natürlich um ſeines eignen Beſten Willen... Aber da wir noch Sonnenſchein haben, ſo möchte ich gern eine Frage ſtellen, bevor ich mit der Bitte herausrücke.“ Severin machte blos eine beifällige Geberde mit dem Kopf. „Ich möchte gerne fragen... warum... warum .. mein junger Vormund ſich ſo ſehr bemüht, für alt angeſehen zu werden. Ich reſpektire dieſen antiken Rock, ich verehre dieſe uralte Mütze, und ich beuge mein Knie vor der Schnupftabaksdoſe, der Brille und dem ganzen Zubehör, wodurch der originellſte aller alten Vormünder zu Stande gekommen iſt, aber ich begreife von allem dem Nichts.“ Bei dieſem etwas allzukühnen Ausflug wurde der Kriegsrath bald blaß, bald roth, und dennoch fühlte er ſich in ſeiner Hauptſchwäche geſchmeichelt. Er fand es vielleicht nicht ſo ſchlimm, daß Viola ſeinen Charakter nicht begriff, ſondern darüber forſchte und nachſann. Aber bei allem dem fühlte er ſich dennoch verletzt, und er antwortete ausweichend: „Mein Fräulein, es gibt Dinge, welche fortzuſetzen die Delikateſſe von ſelbſt verbietet.“ „Verzeihen Sie, verzeihen Sie,“ bat Viola, indem ſie haſtig ſeine Hand ergriff,„ich betheure, daß ich, ob nun Ihre Seele in einem jungen oder einem alten Körper wohnt, dennoch immer mich unter denjenigen beuge, der edel zu mir ſpricht.“ 79 Severin's Blick verrieth, daß er eine vollſtändige Genugthuung erhalten zu haben glaubte. „Beliebt es Ihnen, jetzt zur Hauptſache zu kommen, mein Fräulein?“ „Mit Vergnügen... ich begehre nichts geringe⸗ res, als alle gute Ordnung über den Haufen zu werfen.“ Trotz der von Neuem herannahenden Wolke fühlte Viola inſtinktmäßig, daß ſie niemals höher in der Gunſt ihres Vormunds geſtanden, als eben jetzt. „In dieſem Fall,“ antwortete er,„fürchte ich, daß Sie ſich keine große Hoffnungen auf Erfolg machen dürfen.“ „Wer weiß— ich beabſichtige bloß, auf eine ein⸗ zige Minute Ihre Macht zu borgen, Herr Kriegsrath...“ „Meine Macht?“ „Um ein Ja oder Nein zu ſagen.“ „Und wenn Sie dieſe Macht borgen könnten, ſo verſteht es ſich, daß es für ein Ja geſchieht?“ „Richtig errathen! Und ſeien Sie überzeugt, Herr Kriegsrath, daß ich, im Fall Sie eine Bitte an mich hätten, mich beeilen würde, ſie im Voraus zu errathen.“ „Hm m „Auf Mittel zu ſinnen, ihr zu entſprechen...“ „Hm! hm!“ „Kurz, ſie ganz und gar zu erfüllen.“ „So laſſen Sie hören, was ich für Sie thun kann, mein Fraulein.“ „Mein beſter Vormund, leſen Sie zuerſt dieſee. „Was iſt das— ein Brief von Mam... Mam . Mamſell S.“ Der Kriegsrath erkannte kaum die Handſchrift wieder, als er auch die Ueberzeugung hatte, wieder auf die freien Anſichten zu ſtoßen, worüber er bereits ſeiner Mündel wegen erröthet war. Inzwiſchen ſprach er kein Wort, nahm den Brief in Empfang, las ihn von Viola abgewandt. —ꝛ—ꝛꝛℳm Fünkunddreißigſtes Kapitel. Fortſetzung des Zaubers. Jeanne Sophie's Schreiben war nicht lang. Ihr Aufgeregter Seelenzuſtand geſtattete ihr keine lange Ein⸗ eitung. „Herr Kriegsrath! „Verzeihen Sie, daß ich noch einmal ſchreibe, ver⸗ zeihen Sie, daß ich zugleich mit kühner Vertraulichkeit ſchreibe, und vor Allem verzeihen Sie, daß ich dieſen Brief nicht mit der Pünktlichkeit ordnen kann, den er haben ſollte. „ Ich habe vor Violas Ankunft in Ihrem Hauſe— mit dem Recht, das ihre Freundſchaft, ihre Opfer für mich mir verliehen haben,— ihr Glück ihrem Vormund zärtlich und innig ans Herz gelegt. „Sie iſt leider nicht recht heimiſch in ihrer gegen⸗ wärtigen Stellung. „Ich wage nichts zu ſagen. Aber wenn eine fremde Einwirkung ſich zwiſchen Viola und ihren edelmüthigen Vormund legt, ſo iſt es ohne Zweifel ſie, die leiden muß. „Und ſie hat gelitten. „Sie mag fehlen aus Heftigkeit, aus Unbedacht⸗ ſamkeit, aus kindiſchem Sinn,— niemals fehlt ſie aus Mangel an Zartfinn, noch weniger aus Mangel an würdigen und ehrenhaften Gefühlen. „Viola bedarf an ihrer Seite außer ihrem Vor⸗ mund eines weiblichen Weſens; und obſchon ich nicht als ein paſſendes Muſter für jüngere Frauenzimmer, als ich ſelbſt bin, angeſehen werde, ſo habe ich doch die Gewißheit in mir, daß ich Viola nützlich zu werden vermag. Ihr Ein⸗ ver⸗ hkeit ieſen n er fe— für nund gen⸗ emde higen eiden acht⸗ aus el an Vor⸗ nicht amer, h die erden 81 „Ich war.. nicht leichtſinnig, wie man geglaubt hat, ſondern gleichgültig gegen das allgemeine Urtheil. „Ich weiß jetzt, daß man kein Recht hat, dieſem zu trotzen oder daß man ihm wenigſtens nicht unge⸗ ſtraft Trotz bieten darf; und darum erbiete ich mich in der Eigenſchaft, als Violas Freundin und Geſellſchaf⸗ terin in Ihr Haus zu kommen, Herr Kriegsrath....“ Severin machte eine Geberde der tieſſten Verwun⸗ derung. 3 Darauf ſetzte er ſeine Lektüre fort. „Aber ich geſtehe, daß ich auch in einer andern Eigenſchaft da zu ſein wünſchte. „Mein Vormund, der Rathsherr Lenke, hat mir dieſer Tage wenigſtens zum fünfzigſten mal erklärt, daß er meiner und meiner Angelegenheiten im höchſten Grade überdrüſſig ſei. Ich weiß nicht, ob der Fehler an ihm oder an mir liegt, aber ich weiß, daß ich keinen höhe⸗ ren Wunſch hege, als ihn von Leiden befreien zu kön⸗ nen. „Die allgemeine Meinung bezeichnet Sie, Herr Kriegsrath, als den wohlwollendſten und rechtſchaffen⸗ ſten unter den Männern, Sie werden von allen Seiten mit Vertrauen überhäuft. „Mancher erhält ein ſolches Vertrauen blos in Folge ſeines Rufes. Aber ſo iſt das Verhältniß hier nicht, und darum richte ich ohne Umſchweife,— über⸗ zeugt, verſtanden zu werden,— folgende Bitte an Sie: „Legen Sie Hand an mich; ich bin nicht zur Un⸗ mündigkeit geſchaffen, aber ich werde meinen Stolz da⸗ rein ſetzen, zu beweiſen, daß ich eine würdige Mündel ſein kann, wenn ich einen würdigen Vormund erhalte. „Das Uebrige überlaſſe ich der Fürſorge meiner Freundin. „Mit Verehrung und Hoffnung „Jeanne Gophi⸗ S.“ Der Vormund. IHI. —— 1— ——— 82 2 L—y — 82 Jetzt wandte ſich der Kriegsrath um. „Wie viele Nein bekomme ich?“ fragte Viola mit klagender Stimme. eie ihr e Zauberkugeln ſchienen jetzt zurückgeprallt zu ſein. „Beſtes Fräulein.. glauben Sie mir... aber ſehen Sie doch vor allen Dingen nicht ſo betrübt aus.“ „Nicht betrübt ausſehen, wenn ich Jeanne Sophie abweiſen ſoll, die ich ſo innig liebe?... Aber ich habe ja noch gar nichts gethan, um mir Ihren Beifall zu erwerben, Herr Kriegsrath. Schreiben Sie mir irgend eine Bedingung vor, etwas recht Schweres, was es auch ſein mag; ich gehe darauf ein.“ „Wenn die Erfüllung Ihres Wunſches moͤglich wäre, ſo würde es keiner Bedingung bedürfen; aber...“ „Worin liegt das Unmögliche?“ „Sie muüſſen ſelbſt finden, daß das Haus eines Junggeſellen keine paſſende Penſionsanſtalt für junge Mädchen iſt.“ „Als ob man einen genaueren, ich hätte beinahe geſagt pedantiſcheren Mann finden koͤnnte.“ „Sie haben eine eigenthümliche Art, Complimente zu ſagen, mein Fräulein.“ „Und Sie, mein Vormund, haben eine eigenthüm⸗ liche Art, etwas zu thun, was kein anderer Junggeſelle als Sie wagen koͤnnte. „Was will das heißen?“ „Das will heißen, daß Sie, wenn Sie ſich nicht auf eine ſolche Höhe zu ſtellen gewußt hätten, daß kein Tadel Ihnen zu nahen wagt, nicht allein mit Ihrer jungen Schwägerin hätten leben koͤnnen, ohne daß man ſich für berechtigt gehalten hätte, allerlei darüber zu äußern.“ „Mit meiner eigenen Schwägerin?“ „Allerdings; eine dreißigjährige Wittwe, lebhaft und ſchön, wie Laura!“ „Fräulein, Fräulein!“ 4 mit rallt aber us.“ pphie habe 83 „Und ferner hätten Sie ohne den genannten Vor⸗ theil nicht einem ſiebzehnjährigen Mädchen Ihr Haus öffnen können, ohne daß deßhalb ein Tadel laut wird.“ „Die Umſtände. der Zwang... Sie waren ja meine Mündel.“ „Nun, will Jeane Sophie es nicht auch werden? Hat ihr gegenwärtiger Vormund einen höheren Wunſch, als ſeinem Amte entſagen zu dürfen?“ „Aber Gott bewahre mich, kann ich denn alle meine Mündeln beherbergen?“ „Das verlange ich wahrlich nicht. Aber ein Mann in Ihrer Stellung, Herr Kriegsrath, kann viel thun, und da Sie ſchon vorher zwei junge Frauenzimmer haben, ſo bedeutet ein drittes auch nichts mehr. Was wird man anders ſagen, als daß der Kriegsrath Wen⸗ delsköld ſich viel erlauben dürfe, weil er, als ein allen andern unähnlicher Mann, nicht nach der gewoͤhnlichen Ordnung qualiſicirt werden kann?“ Jetzt drang Violas Zauberkugel geradezu in den am wenigſten bewachten Theil von Severins Schwachheit ein. „Ich läugne allerdings nicht, daß Mamſell Jeanne Sophie eine Wahrheitsliebe und Rechtſchaffenheit ver⸗ räth, die ehrenvoll für ſie zeugt, aber...“ „Guter Gott, ich glaube, er fängt an, ſich zu einer Capitulation anzulaſſen! O mein verehrter Vor⸗ mund, ich falle aus lauter Dankbarkeit in den Staub, wenn ich Jeanne Sophie hierher bekomme.“ „Nicht ſo ellig, mein Fräulein, ich habe nichts ge⸗ ſagt, was eine ſolche Vermuthung rechtfertigt.“ „Aber ich leſe ſie in Ihren Augen.“ „In meinen Augen?“ „Ja, allerdings— da ſteht: Wenn ich mich nur darauf verlaſſen könnte, daß dieſe junge Dame da mei⸗ nem kleinen Mündel nicht gänzlich den Kopf verrücken würde, ſo.. wer weiß.“ „Sie leſen nicht ſchlecht, mein Fräulein.. aber † 84 bedenken Sie auch, was ich, wenn ich nach dem Ge⸗ ſchehenen urtheilen will, zu fürchten berechtigt bin.“ „Wie wollen Sie nach der Vergangenheit auch die Zukunft beurtheilen, Herr Kriegsrath? Erſtens war ich ja noch ganz unerfahren, als ich zur Oberſtin kam; zweitens konnte Jeanne Sophie ſich damals verſchiedenes erlauben, was ſie ſich jetzt nie erlauben wird; und drittens beſaß ich damals nicht, was ich jetzt beſitze: einen Freund, der zugleich die Stimme meines Gewiſſens und der Richter meiner Handlungen iſt. Und zweifeln Sie nicht daran, daß ich mich niemals der Gefahr ausſetzen moͤchte, dieſen Freund auf irgend eine Weiſe in ſeinen empfind⸗ lichſten Gefühlen zu verletzen.“ Dieſe Worte ſprach ſie mit einem ſo gerührten und innigen Ton, daß Severins Herz zitterte von einer unbeſtimmten, aber lieblichen Bewegung. Alle Steifheit verſchwand von ſeinem Geſicht, wie von ſeiner Seele. „Fräulein Viola,“ ſagte er ſchnell, wie wenn die Worte einander hätten jagen müſſen:„Dank, meinen freundlichen Dank für dieſe edle Denkungsart. Sie ſind das erſte Frauenzimmer, das ſo befriedigende Worte gegen mich ausgeſprochen hat. Darf ich glauben, daß dieſelben aus aufrichtigem Herzen gekommen ſind.?“ „Seien Sie deſſen gewiß. Ich bin kindiſch, ge⸗ dankenlos, heftig, aber nie, nie kann ich eine Unwahr⸗ heit ſgen zu...“ Sie erröthete tief und warm und wandte ihren Kopf auf die Seite. Auch Severin erröthete; aber er wandte ſeine Au⸗ gen nicht ab: ſie ruhten mit einer Art von verwunder⸗ tem Entzücken auf dem bezaubernden Weſen, das in un⸗ ausſprechlicher Schönheit verwirrt, beinahe zitternd, vor ihm ſtand....... 4 Elne au enblickliche Pauſe war eingetreten. „Darf ich an Jeanne Sophie ſchreiben, daß ihr * und, der nicht chte, find⸗ arten einer wie n die einen ſind Vorte daß ge⸗ vahr⸗ ihren e Au⸗ ander⸗ in un⸗ d, vor * ß ihr 8⁵ Wunſch gewährt wird?“ fragte das junge Mäͤdchen mit ſanfter Stimme. „Thun Sie das... auch ich will an ſie und an ihren Vormund ſchreiben, und mag ſie als Ihre Freun⸗ din hieherkommen, Viola.“ Es war das erſte mal, daß der Kriegsrath den Ti⸗ tel wegließ, und ſo viel iſt ſicher, daß Viola nie früher geglaubt hatte, ihren Namen aus ſeinem Munde vernom⸗ men zu haben. „Ich ſage nichts von meiner Dankbarkeit,“ verſetzte ſie freimüthiger, als ſie ſo eben noch geweſen,„aber ich geſtehe, daß ich ſo glücklich bin, wie ich es ſeit dem Tode meines Vaters und meiner Tante nie mehr war.“ „Darum, weil Ihnen ein lieber Wunſch erfüllt worden iſt?“ „Nicht allein darum. Es iſt etwas zwiſchen uns, was mir wohl thut. Nicht wahr.. es iſt etwas.. etwas was für mich wirken wird, wenn andere Um⸗ ſtände gegen mich wirken?“ „Ja, ſeien Sie deſſen verſichert... aber verlaſ⸗ ſen Sie mich jetzt, damit ich über dieſen neuen Plan nachdenken kann, welchem Laura ihre Beiſtimmung ge⸗ ben muß, bevor er als abgemacht betrachtet werden darf.“ Bei Lauras Namen ergoß ſich nicht eine Röthe, ſondern eine ganze Gluthwolke über Violas Geſicht. Mit ihrer ganzen unbedachten Heftigkeit rief ſie: „Wie— ſoll das, was wir beſchloſſen haben, kei⸗ nen Beſtand beſitzen, ohne daß Laura ihm Sanktion er⸗ theilt hat?“ Wenn man die ganze Verwunderung und die Mannig⸗ faltigkeit des Sinnes, der in dieſem wie lag, ausdrü⸗ cken könnte, ſo könnte man möglicher Weiſe auch die Angſt des Kriegsraths anſchaulich machen.“ „Er fühlte, daß— von dieſem Augenblicke an,— zwei Gewalten, ſtatt einer einzigen ſich ſeines Willens zu bemächtigen ſuchten, und gleichwohl war er allein es —.,———————— 8 8 2 L——KK 86 der die Macht beſaß. Aber auf Violas ſchoͤnem Geſicht eine Wolke der Ungewißheit zu ſehen, ſie von neuem unruhig, bittend ihre Augen auf ihn heften zu ſehen und den Wiederklang dieſes wie zu hören... Nein, Laura, es war unmöglich, die Worte zu wie⸗ derholen, daß alles von dir abhänge, und gleichwohl wäre es eine Handlung unverzeihlicher Schwachheit, zu⸗ zugeſtehen, daß Laura's— der Schwägerin— Gewalt hinter eine neue zurücktrete. Glücklicherweiſe befreite Viola ihn ſelbſt von die⸗ ſer qualvollen Alternative, welche ſie hervorgerufen hatte. Sie bedurfte blos eines ganz kurzen Nachdenkens, um zum Bewußtſein deſſen, was ſie ſelbſt im Ver⸗ glich mit Laura war, zurückzukommen, und ſich des Punk⸗ tes zu erinnern, auf welchem ſie zu Anfang dieſes Ge⸗ ſprächs geſtanden hatte. Sie war beſtürzt über die Kühnheit ihrer Aeußerung, ſie glaubte, ſie müſſe gefaſelt haben, und nichts konnte einnehmender ſein, als die Demuth, die ſie jetzt an den Tag legte. „Ich wundere mich nicht über Ihr Schweigen, Herr Kriegsrath,“ ſagte ſie.—„Es ſtraft mich ſtrenger als Worte, aber glauben Sie doch, daß meine fehler⸗ hafte Haſtigkeit nur aus der Befürchtung entſtand, meine Hoffnung möochte zu Nichte werden. Jetzt war der Sieg in den Händen des Kriegsraths, aber er nahm gleichwohl keinen feierlichen Ton an, ſon⸗ dern ſagte ganz einfach: „Ein ſolches Bekenntniß erfordert hinwiederum eine Nachgiebigkeit von meiner Seite und dieſe liegt in der Verſicherung, die ich Ihnen hiemit gebe, daß ich die Sache bei meiner Schwägerin ſo betreiben werde, daß ſie gewiß darauf eingeht.“ Sechsunddreißigſtes Kapitel. Eine Zuſammenkunft. Zur ſelben Zeit, wo der Kriegsrath und ſeine Mündel im Garten ſpazierten, ſaß Frau Laura.. nicht bei einer Nachbarin, um Kaffee zu trinken, ſondern bei einem jungen Mann in einer der entlegendſten Grotten, welche die Anlagen der Stadt zu bieten hatten. Das Geſpräch war lebhaft, ſo lebhaft, daß man wohl ſah, es wurde nicht zwiſchen einem liebenden Paare geführt. Aber dieß hinderte nicht, daß die Liebe der Gegen⸗ ſtand deſſelben ſein konnte. Es war Lieutenant Charles, der— aus Zufall oder auch ohne Zufall— Frau Laura auf ihrer einſamen Wanderung getroffen hatte. In dem Augenblicke, wo wir ſie entdecken, iſt er es, der ſpricht. „Nein, ſagte er eifrig, nein, meine Gnädige, ich mache mich nie mehr eines ſolchen Fehlers ſchuldig; wie verdammt mußte ich nicht meine Einfalt mit dem Billet bezahlen.“ Die junge Wittwe gab Zeichen der Ungeduld von ch. „Später,“ fuhr er fort,„war ich— das geſtehe ich— außer Standes, anzuſehen, wie ein Frauenzim⸗ mer von ſo feinem Takt mir dazu hatte rathen können.“ Lauras Ungeduld ſchien jetzt in Mitleid überzu⸗ gehen. „Nun,“ antwortete ſie,„wenn Sie wollen, daß man Sie als einen Lehrling anſehen ſoll, als ein Kind, das noch am Alphabet iſt,— und ich geſtehe, daß nie⸗ —-———D——— 88 mand mehr als ich das Recht hat, dieß zu glauben— ſo laſſen Sie uns unſre kleinen Rechnungen durchgehen, Sie werden dann finden, wer am meiſten bei dem andern in der Schuld ſteht.“ „Nun wohl!“ „Ja wohl. Das erſte Mal, als Sie unſre kleine Hebe am Salonsfenſter ſahen, wurden Sie ſo betreten, daß Sie noch mitten auf der Straße ſtanden und gafften, als ich gewiß zehn Minuten ſpäter vortrat, um Ihnen zu verſtehen zu geben, daß Sie mit Ihrer Rekognos⸗ cirung aufhören müſſen.“ „Das iſt wahr.“ „Das zweitemal, als Sie ſie ſahen— ich hatte da der Luftveränderung wegen das Fenſter geöffnet— wur⸗ den Sie verliebt, bis.“ „ Zum Wahnfſinn, meinen Sie? Ja ich bin wahnſinnig verliebt, und ſoll das ſo fortgehen, ſo werde ich verrückt, wenn ich ſie nicht bekomme.“ „Sie treiben das Ding gar zu raſch, mein Herr... aber gleichviel... ich übergehe das dritte und vierte Mal, das, wie ich glaube, gleichwohl den Eindruck nicht ſchwächte, und ich meine, es war das fünfte Mal, als Sie in Folge eines aufmunternden Blicks von mir ſie zu grüßen wagten.“ „Ja ja, und ſie grüßte wieder. Es war der holde Gruß eines Engels. Ich wäre beinah niedergefallen und hätte die Straße geküßt, auf der ich ſtand, ſo heilig erſchien mir der Platz, den zu bemerken ſie der Mühe werth gefunden hatte.“ Frau Laura brach in ein lautes Lachen aus. „Mein Gott, Sie brauchen ja nicht erſt närriſch zu werden, mein lieber Lieutenant Charles; Sie ſind es bereits ſo vollſtändig, als man nur wünſchen kann. Ich verſichere Sie, daß Niemand an dieſer faden und verzagten Sprache den Mann wieder kennen wird, der durch ſeine Kühnheit ſo großes Glück bei den Frauen⸗ 4 zimmern gemacht hat.“ 89 „Aber hier wäre dieſe Kühnheit ſchlecht angewandt, ja ſie hat bereits meinen Angelegenheiten ſo geſchadet, daß...“ 1„Leeres Gerede... haben Sie den Charakter des Mädchens vergeſſen? Sie iſt ein unbeſchreiblich einneh⸗ mendes, liebenswürdiges kleines Ding... natürlich hat das nichts zu bedeuten, daß ſie daneben die aller⸗ unſchuldigſte kleine Kokette iſt.— Erinnern Sie ſich nur an die Geſchichte mit Ihrem Bruder.“ „Dieſe kann ich nicht anders auslegen, als daß man ſie beſchwatzt hat, ſich dabei zu betheiligen.“ „Gleichviel... laſſen Sie uns jetzt auf unſre Rechnung zurückkommen.“ „Ja laſſen Sie uns darauf zurückkommen.“ „Nachdem Sie zwei Grüße erhalten hatten, trug die Erde Sie nicht länger,— Sie wollten in den Himmel. Mit Händen und Füßen oder wenigſtens mit Ihrem ganzen Kopf arbeiteten Sie daran, in unſerm Hauſe vorgeſtellt zu werden, und da Ihr verehrungswürdiger Vetter Lars Moritz Ihnen nicht länger helfen konnte, ſo ſuchten Sie mich für Ihre Angelegenheiten zu ge⸗ winnen und fanden an mir eine wohlwollende Helferin.“ „Unter Bedingungen, ja, meine Gnädigſte.“ „Ja das verſteht ſich— aber dieſe waren zu Ihrem eigenen Vortheil.“ „Das haben wir noch nicht geſehen—“ „Undankbarer!— Wer hat dem Doktor und ihr ſelbſt die Idee in den Kopf geſetzt, daß ſie ſich nach längeren Spaziergängen ſehnte, daß ſie die Gegend zu beſehen wünſchte, daß ſie ſich daheim langweilte?“ „Sie— das weiß ich... aber wer rieth mir einen Ton unvorſichtiger, um nicht zu ſagen unverſchämter Vertraulichkeit anzunehmen, als ich ſie im Park begrüßte? wer rieth mir offen und in einer leichtſinnigen Art, meine Wanderungen unter den Fenſtern des Kriegsraths ein⸗ zugeſtehen?“ „Gott behüte mich, was Sie da ſchwatzen! Hatten 90 Sie Urſache, ſich über die Art zu beklagen, wie ſie die Bekanntſchaft erneuerte? Ccröthete ſie nicht?“ „Ja, vermuthlich aus Verdruß, denn ſie nahm ſo⸗ gleich den Querkopf von Vormund unter dem Arm.“ „Wie einfältig!— dazu war ſie ja gezwungen.“ „Und hernach,— wer ließ da das Schnupftuch fallen, um mir zuzuflüſtern: Eilen Sie, ergreifen Sie den Augenblick im Fluge: zu Hauſe im Garten in der Laube rechts liegt ein Buch, das ſie heute Abend holt. Stecken ſie ein Billet hinein. Und als ich zögerte, wer fügte da hinzu: Sie wird von einer heftigen Leiden⸗ ſchaft entzückt ſein und einen unbedachtſamen Ausbruch derſelben verzeihen.“ „Nun, welches Unglück hat denn das Billet ge⸗ ſtiftet?“ „Welches Unglück? Hab ich nicht vor Reue beinah den Verſtand verloren? Zuerſt hält mir Lars Moritz und dann der vornehme und pedantiſche Vormund eine Predigt, ſo daß ich mir vor Scham und Wuth den Schnurrbart hätte ausreißen moͤgen, und das Schlimmſte daran war, daß mein Zorn ſich gegen mich ſelbſt kehrte. Einem ſo überirdiſch reinen Weſen auf dieſe Art zu be⸗ gegnen; welche glückliche Fügung hat ſich doch der Sache erbarmt! Wenn ſie das Billet geleſen hätte.. 4 „Nun, wenn ſie es auch geleſen hätte, was dann?“ „Dann würde ihr Blick ſich⸗ für immer mit Ver⸗ achtung von mir abgewandt haben.“ „Armer Narr!“ „Madame, ich mag in Betreff meiner Liebe ſchwach ſein, aber im Uebrigen...“ „Ei der tauſend, Herr Lieutenant, wollen Sie mich vielleicht fordern?“ „Ich will blos ſagen, daß mir vor Ihren Rath⸗ ſchlägen beinahe bangt.“ „Laſſen Sie uns weiter gehen... Wer gab Lars Moriß einen Wink, Sie ohne eine weitere als meine Erlaubniß vorzuſtellen? Wer überredete den Kriegsrath, 9 91 zwei Empfangtage in der Woche feſtzuſetzen? und wer hat bei dieſen Beſuchen alles ſo eingerichtet, daß Sie Gelegenheit bekamen dem Fräulein auf eine ungeſuchte Art Ihre Aufmerkſamkeit zu beweiſen?“ „Für alles das, meine Gnädigſte, ſtehe ich bei Ihnen in Schuld. Aber bedenken Sie, daß Sie nichts vermocht hätten, wenn das Satansbillet, auf das ich immer zurückkomme, in ihre Hände gefallen wäre.“ „Iſt es weiter nichts als das? Und wenn ich Ihnen jetzt erzählte, mißtrauiſcher Menſch, daß ſie es ſchon vor zehn Tagen geleſen hat? und dennoch iſt ſie freundlich gegen Sie geweſen. Nicht wahr, ſtreng iſt ſie nicht?“ „Wie? ach ſprechen Sie.. Sagen Sie, iſt es wahr?. Sie ſollte die wahnſinnigen Zeilen, die ich ſchrieb, geleſen und doch verziehen haben... Verziehen, nein, das iſt nicht möglich.“ „Ob ſie verziehen, haben Sie ſelbſt geſehen, und daß ſie das Billet geleſen hat, iſt um ſo ſicherer, als ich ſelbſt mit meinen eignen Ohren— natürlich ganz ver⸗ ſlohlener Weiſe— meinen würdigen Schwager es ihr vordeklamiren hörte.“ „Ihn ſelbſt?“ „Ja und zugleich erhielt ſie eine ſehr ſcharfe Zu⸗ rechtweiſung, wegen der Aufmunterung, die ſie Ihnen gegeben haben moͤchte, bevor Sie geſchrieben.“ Lieutenant Charles ſtand ſchweigend da. Er fühlte ſich außer Stands, ſeine Gedanken zu ent⸗ wirren; es war ihm, als hätte er zu gleicher Zeit den Himmel und die Hölle in ſeinem Herzen. Wegen ſeines Ausſehens und ſeiner freien Manieren von den Frauenzimmern verwöhnt, war Lieutenant Char⸗ les Marbin leichtſinnig aus Gewohnheit, aus Beſchäf⸗ tigungsloſigkeit, aus einem angebornen ſowohl als an⸗ erworbnen Charakter. Zum erſten Mal trat er jetzt aus ſeinem eigentlichen Weſen heraus, denn es war das erſte Mal, daß er die les er gen⸗ hen⸗ ung atte daß ſein der heit, ein⸗ olle, ngte, von I die e vor ſchla⸗ 2 Er⸗ getra⸗ viel⸗ dum⸗ talität darten, hatte enigen geines, ſechs⸗ wöhnt, heſelben Lieute⸗ 93 nant Viola als eine Eroberung von mäßigem Werth betrachtet haͤtte. Aber ehe ſie, Laura, die kleine Mündel länger behalten wollte, die ihr vielleicht noch mehr Böſes zufügen konnte, als ſie ſich ſelbſt zu geſtehen wagte, da ſollte lieber Lieutenant Charles dieſes naſeweiſe Ding, das ſich unterſtanden hatte, eine ſo gewagte Wette mit Frau Laura ſelbſt einzugehen, als eine Eroberung von außerordentlicher Qualität betrachten. „Höoͤren Sie einmal,“ ſagte unſre Dame mit einer Miene unbeſchreiblicher Gutmüthigkeit, indem ſie die allerſanfteſten Sammtpfötchen hervorſtreckte,„hören Sie einmal, mein beſter Lieutenant Charles, ich glaube, Sie ſind durch meine Mittheilung ſo verwirrt geworden, daß Sie Etwas ganz vergeſſen.“ „Was denn?“ „Daß Violas Stolz— ich meine ihr jungfräulicher Stolz— ſich nicht zu einem Verſtoß gegen die Würde, die ſie ſich ſelbſt ſchuldig iſt, herablaſſen konnte.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Aber ich verſtehe darunter, daß Viola ganz gewiß ſich niemals dazu verſtehen wird, einen Mann ahnen zu laſſen, ſie glaube, daß er ſie habe beleidigen kön⸗ nen. Sehen Sie nicht ein, daß ſie ſich durch die min⸗ deſte Andeutung in dieſem Sinn ſelbſt am tiefſten verletzt haben würde?“ „Bei Gott, das iſt wahr! Sie hat zugleich mit der großten Feinheit und mit dem größten Edelmuth gehandelt... oder auch mit der großten Gleich⸗ gültigkeit.“ „O nein, ſo weit brauchen wir nicht zu gehen. Ich glaube wirklich, daß der Edelmuth ihr begreifen half, daß Ihre Reue ſo aufrichtig ſei, wie mein Schwa⸗ ger in ſeiner Chrlichkeit ihr erklärte. Sie beſitzt ein zu gutes Herz, um nicht einen Fehler zu verzeihen, der durch Ihr ſpäteres Benehmen ſo vollkommen geſühnt worden iſt, und zu viel natürlichen Verſtand, um nicht 3 6 4 1 B 6 ½ 9 h 1 —— einzuſehen, daß die Liebe zu mancherlei Mitteln greifen kann, ohne mit Willen zu beleidigen.“ „O Dank, tauſend Dank, beſte Frau Wendelsköld, für all' dieſe freundlichen Erinnerungen! Ich geſtehe aufrichtig, daß Sie mir eine ſchwere Laſt von der Bruſt nehmen.“ „Aber mein Goit, wer hätte geglaubt, daß der Lieutenant Charles Marbin..“ „Still ſtill, es iſt nicht mehr der Lieutenant Char⸗ les Marbin, ſo wie man ihn im Allgemeinen kennt, der nach der holden Viola trachtet. Ich muß ein ganz neuer Menſch werden, um das zu wagen.“ „Gut.. Laſſen Sie nur die Verwandlung nicht allzu langſam vor ſich gehen; bedenken Sie: man wech⸗ ſelt ſeine Natur nicht ſo leicht, wie ſeine Toilette. Dürfte ich einen Rath ertheilen...“ „Was dann?“ „So würde ich ſagen: ‚Behalten Sie Ihren Men⸗ ſchen, ſo wie er iſt, bei. In den gewohnten Verhält⸗ niſſen bewegen Sie ſich mit Leichtigkeit, in neuen werden Sie ſich ſelbſt fremd und find auf alle Arten gezwungen. Glauben Sie mir, es iſt Zeit, daß Sie zu den ſchon früher erprobten Methoden zurückkehren.“ 3 „Unmöglich,— auf dieſe Art gelingt mir nichts. Will ich mit einer meiner früheren flatterhaften Artig⸗ keiten hervorrücken, ſo ſag' ich ſogleich eine Dummheit. Ich kann nicht behaupten, daß mir daſſelbe nicht früher begegnet ſei, aber wenn ich damals eine Dummheit von mir gab, ſtatt etwas berechnet Verſtändiges auszukramen, ſo fand ich mich augenblicklich wieder und wußte meine Phraſen ſo behend an einander zu knüpfen, daß ſie das Ausſehen gewannen, als bildeten ſie einen nothwendigen Zuſammenhang.“ „Nun wohl— jetzt?“ „Jetzt weiß ich mir nicht mehr zu helfen, wenn ich eine Dummheit ſage. Unbeholfenheit erzeugt Ueberdruß und Mißvergnügen mit ſich ſelbſt. Aber da es allen reifen köld, 2ſtehe Bruſt ß der Char⸗ t, der neuer nicht wech⸗ dürfte Men⸗ rhält⸗ derden ngen. ſchon nichts. Artig⸗ mheit. früher it von ramen, meine ie das ndigen enn ich erdruß allen Elementen meiner Seele widerſtreitet, verdrießlich zu ſein und Widerwillen gegen mein eignes Ich zu hegen, ſo bringt mich dieſer Verdruß zur Verzweiflung, und wenn die Verzweiflung mich anwandelt, ſo treibt mich eine wahre Wuth, hinzugehen und mich in den Strom zu ſtürzen. ſo ſteht es jetzt.“ „Gott behüte mich, welche Bekenntniſſe! Glücklicher⸗ weiſe ſtellt ſich Ihr Humor zur rechten Zeit wieder ein, bevor Sie zu dieſem letzten Mittel greifen... aber um noch einmal auf Ihre Rechnung zurückzukommen, ſo finden Sie doch, daß Ihr Soll bei mir täglich zu⸗ nimmt?“ „Nur allzuwahr!“ „Und daß wir folglich auf Credit bedacht ſein müſſen?“ „Ich verlange nichts beſſeres.“ „Gut... Sie reiſen jetzt zur Reichsverſammlung; die Abweſenheit wird Ihre Aktien ſteigen machen, und ſobald Sie nach Hauſe zurückkommen— notabene es iſt der alte Menſch, der heimkommen muß— ſo wird die Sache unverzüglich ins Reine gebracht; damit dieß aber deſto leichter geſchehen möge, muß Ihr würdiger Vater zum Voraus mit allen geeigneten Ceremonien die Sache bei dem Kriegsrath eingeleitet haben.“ „Geht dieß wirklich nach einer ſo kurzen Bekannt⸗ ſchaft an?“ „Ganz gewiß Bedenken Sie, daß Alles, was ich verlange, ſich auf den möglichſt geringen Zeitaufwand beſchränkt.“ „Ich ſtehe in ſo großer Schuld, daß ich hier wohl nachgeben muß, aber ich ahne nichts Gutes von dieſer Uebereilung.— Sie wird nicht einwilligen.“ „Sie wird einwilligen, ſage ich, wenn ich die Sache leiten darf, ganz beſonders, wenn die Unter⸗ handlung eröffnet iſt, ehe Lieutenant Emil nach Hauſe ommt. —— ———ſſͤͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤͤſn 96 „Ha!— Sie glauben, mein Bruder koͤnnte viel⸗ leicht.“ „Ich glaube gar nichts; ich habe nur immer meine Rechnung dabei gefunden, die Zeit zu benützen.“ 2 „Und ſie ſoll benützt werden... aber der Kriegs⸗ rath?— ich weiß nicht, was ich denken ſoll.“ „Denken Sie gar nicht an ihn,“ antwortete Frau Laura erröthend,„ich nehme meinen Schwager auf mich. Aber da ich mich erinnere, daß er juſt jetzt mich vermiſſen dürfte, ſo will ich Ihnen nunmehr gute Nacht wünſchen und entzückende Hoffnungen bis zu unſ⸗ rem nächſten Zuſammentreffen.“ Siebenunddreißigſtes Kapitel. Man muß doch ſeinen Freunden dienen. Ehe Frau Laura nach ihrer Heimkehr zum Kriegs⸗ rath hineinging, wollte ſie einen Beſuch bei Viola ab⸗ ſtatten, um zu ſehen, in wieſern ihr Geſicht eine Art von Hoffnung in Bezug auf die eingegangene Wette ausdrückte.. Ueberdieß war unſre junge Wittwe durch die Pflich⸗ ten der Freundſchaft gezwungen, wo möglich einige Ent⸗ deckungen zu machen, welche ſie überzeugen könnten, daß ſie nicht vergebens arbeite. Zu dieſem Behuf nahm ſie eine Miene troſtloſer Niedergeſchlagenheit an und ſchien ſich nicht einmal mehr an das zu erinnern, was ſich am Morgen zugetragen hatte. viel⸗ meine riegs⸗ Frau auf jetzt gute unſ⸗ eriegs⸗ la ab⸗ ne Art Wette Pflich⸗ e Ent⸗ n, daß oſtloſer mehr tragen 97 Viola— unerfahren und überdieß von Natur ge⸗ neigt, mit Aller Welt Mitleid zu haben— war ſogleich gefangen. „Liebe, gute Laura, ſieh nicht ſo betrübt aus! Du wirſt, das verſichere ich Dich, mit Jeanne Sophie nicht unzufrieden ſein.“ Bei dieſer Verſicherung richtete ſich Frau Lauras Auge mit unglaublicher Raſchheit empor. „Was meinſt Du?“ „Haſt Du nicht mit Deinem Schwager geſprochen?“ „Noch nicht ein Wort.“ „Ach ſo entſchuldige, daß ich glaubte, Deine Be⸗ trübniß komme davon her... daß.“ „So, das will alſo heißen, du meinſt, Deine ninen ſtehen ſo, daß die meinigen bereits geſunken eien?“ „Gute, liebe Laura!“ „Nichts mehr davon! Ich treffe meinen Schwager bald genug... ich habe jetzt nicht an ihn gedacht.“ „Haſt Du vielleicht irgend unangenehme Nachrich⸗ ten von Deinen Jungen erhalten?“ „Rein, Gott ſei Dank! Aber wenn man nicht gar zu egoiſtiſch iſt, ſo kann man ſich auch für ſeine Freunde intereſſiren.“ „Das verſteht ſich.“ „Aufrichtig geſprochen, meine liebe Viola, ich be⸗ unruhige mich ſehr um einen jungen Mann aus unſrer Bekanntſchaft.“ Ein leichter Farbenwechſel bewies, daß der Gegen⸗ ſtand für Viola nicht ganz gleichgültig war. „Erräthſt Du, wen ich meine?“ „Vermuthlich.“ „Ich fürchte beinah,“ fuhr Laura feierlich fort, „daß Lieutenant Charles ein Unglück anrichtet.“ „Warum denn um Gotteswillen?“ „Meine kleine Freundin, wenn Du einmal die Liebe kennen lernſt, ſo fragſt Du nicht mehr, warum ſte die Der Vormund. I. 7 98 eine oder die andere Thorheit begeht. Die Liebe iſt die eigenſinnigſte und brutalſte aller Herrſchermächte: jeder Menſch, der liebt, iſt ihr Selave!“ „Gleichwohl 2 4* „Widerlege nicht, was Du nicht verſtehſt. Der Lieutenant iſt blos in ſeiner Oberfläche leichtſinnig, oder vielmehr, wenn er es früher ſowohl im Grund als in der Oberfläche war, ſo iſt er es jetzt nicht mehr. Die Liebe hat ein Wunder an ihm verrichtet.“ Viola ſaß da und lauſchte mit jenem heimlichen Verlangen nach Aufklärung, mit jenen myſtiſchen un⸗ verſtandenen Gefühlen, wie ſie ſich in denjenigen Frauen⸗ zimmern regen, wenn das Herz zu erwachen anfängt, aber in Bezug auf den Gegenſtand noch ungewiß iſt. „Verzeih' mir— ich langweile Dich blos,“ ſagte die erfahrne Berechnerin,„du kannſt Deine Gleichgültig⸗ keit, Dein Gaͤhnen kaum verhehlen.“ „Ich gähne ja nicht.“ „Ich ſehe doch, welche Ueberwindung es Dich loſtet, mich anzuhören... aber obſchon Du ihn jetzt unge⸗ rechter Weiſe verachteſt.“ „Wer hat geſagt, daß ich ihn verachte?“ „Das beweiſeſt Du ihm ja täglich offenbar. Oder kannſt Du ſagen, daß Du ſeine herzlich gemeinten Ar⸗ tigkeiten anders als mit einem verletzenden Scherz aufnimmſt?“ „Er hat mich einmal beleidigt.“ „Wie?“ „Das Billet. „O mein Gott, Du weißt alſo wirklich um ſeinen Wahnſinn? Der arme Junge! Schon Mancher hat ſich weit größerer Fehler ſchuldig gemacht und ſie nicht halb ſo ſchwer bereut.“ „Du glaubſt alſo, daß er tief bereut habe... daß.. daß er nicht die Abſicht hatte, mich zu be⸗ leidigen?“ „Ich glaube, was ich weiß: daß er Dich als eine 1 beher dem 2 unſer Lieute friſche ſicht 99 Heilige und zugleich als die anbetungswürdigſte irdiſche Schönheit, die er je geſehen, verehrt; und wenn Du ihm nur eine Hoffnung zeigteſt— nur ſo groß wie ein Strohhalm— ſo würde niemand größere Beweiſe von Ergebung ablegen können als er.“ „Eine Hoffnung— was ſagſt Du?“ „Nichts, im Fall Dein Gefühl dieſes Wort ver⸗ dammt.. ſag mir jedoch, ob er nicht eine ausgezeich⸗ nete Perſoͤnlichkeit iſt.“ „Er hat eine prächtige Figur, aber nicht die präch⸗ tigſte von Allen.“ „Und wer ſollte ſchöner ſein als er?“ „Der Cdelſte.“ „Kennſt Du einen ſolchen?“ „Dein Schwager.“ „Ab, ich verſtehe,“ fiel Laura mit glücklicher Selbſt⸗ beherrſchung ein,„Du ſprichſt von der Schönheit und dem Adel des Geiſtes. In dieſem Fall iſt es wahr, daß unſer alter guter Severin mehr für ſich hat als der Lieutenant, ein junger, ſeelenvoller, feuriger und lebens⸗ friſcher Mann, der ſeine Gefühle noch nicht aus Rück⸗ ſicht auf die allgemeine Meinung abgenützt hat.“ „Warum, fragte Viola jetzt mit einer ſtärkeren Röthe als bei der Nennung des Lieutenants,„warum nennſt Du Deinen Schwager alt?“ „Darum, mein Kind, weil er in der Wirklichkeit weit älter iſt, als der Doktor mit ſeinen ſechsundſechzig Jahren.“ „Fandeſt Du das auch an dem Tag, wo wir den Spaziergang machten?“ „Ja gewiß, damals hauptſächlich.“ „Das begreife ich nicht.“ „Und doch iſt nichts leichter zu begreifen. Seine tägliche Tracht ſtimmt mit ſeinem Leben, ſeiner Denkungs⸗ art und ſeinen Gewohnheiten überein und bildet, könnte man beinahe ſagen, einen Theil von ihm ſelbſt. In dieſer modernen Toilette bekam er daſſelbe unbeholfene, ſchüchterne und mühſelige Weſen wieder, das ihm in —-———— 100 ſeinen jüngern Jahren angehörte. Ja, unter uns ge⸗ ſagt, er ſchien wirklich ein wenig lächerlich.“ „O nein, ganz und gar nicht.“ „Laß uns nicht mehr von Severin ſprechen.— Ich fürchte, daß... aber gleich viel...“ „Nein, unterbrich Dich nicht, Du mußt ſagen, was Du fürchteſt.“ „Bitte mich nicht darum, ich will und darf es nicht ſagen.“ „Ja, aber ich flehe, ich bettle Dich an, mir zu ſagen, was Du denkſt.“ „So erinnere Dich wenigſtens, daß Deine eigne Starrköpfigkeit Vertrauen gefordert hat, und daß Du kein Recht beſitzeſt, es zu mißbrauchen.“ „Ich werde das nicht vergeſſen.“ „Dann will ich Dir geſtehen, daß ich wegen des ungewöhnlichen Lebens fürchte, dem Severin um Dei⸗ netwillen ſich zu unterwerfen genöthigt iſt.“ „Ums himmelswillen, leidet er wegen etwas, das mich betrifft?“ „Siehſt Du es nicht?“ Er iſt ja ein Paar Abende, als Gäſte da waren, ganz blaß geworden und hat ſich matt und niedergeſchlagen gegen das Sopha gelehnt.“ „Ja, ja, ja, das iſt wahr... aber im Fall er es nicht aushalten kann, Gäſte zu empfangen, warum öffnet er denn ſein Haus?“ „Undankbare!— Gehorcht er nicht ſeiner Pflicht als Dein Vormund!“ „Seiner Pflicht?“ „Ja, gewiß. Hat er das Recht, Dich ſo einzuſper⸗ ren, daß Du nicht geſehen wirſt?“ „Iſt denn das die Abſicht?“ ſtammelte Viola. „Ja, die Abſicht iſt, Dir die Freiheit zur Ab⸗ ſchließung von Bekanntſchaften zu laſſen. Hernach kann, wenn eine Parthie ſich darbietet, eine Unterhandlung eröffnet werden, und um Deinen Eindrücken mit väter⸗ lichen Blicken zu folgen, iſt er ſelbſt anweſend.“ daß er ri befin weiß ſpree aus zen wiſſe Aber aͤuße los und eilu⸗ daß aber daß ſehe und Per ſeine es jetzt ſam glüc ſie delte 3 ge⸗ en des Dei⸗ , das lbende, at ſich lehnt.“ er es öffnet Pflicht zuſper⸗ a. Ir Ab⸗ ) kann, ndlung väter⸗ 101 „Guter Gott, wie ſchmerzlich iſt das Bewußtſein, daß ich eine ſolche Schuld habe! Und Du glaubſt, daß er ruhiger würde, mit einem Wort, daß er ſich wohl befinden würde, wenn... wenn...“ „... Du eine gute Parthie eingingeſt. Ja, Gott weiß, das glaube ich, wofern Deine Gefühle dafür ſprechen, denn er iſt zu redlich, zu verlangen, daß Du aus andern Beweggründen handeln ſollſt.“ „Laura,“ ſagte Viola ernſthaft und mit dem Her⸗ zen in den Augen,„ſprichſt Du jetzt nach Deinem Ge⸗ wiſſen und Deiner feſten Ueberzeugung?“ „Ich betheure Dir's.“ 3 „Aber Du mußt wiſſen, daß er ſich erſt heute Abend, als ich ſcherzweiſe etwas von dem Vergnügen äußerte, das er vermuthlich haben würde, wenn er mich los bekäme, ganz ernſthaft ſich verwahrte und.... und... „.. Und.. wiederholte Frau Laura athemlos. „. Und mich bat, ich möchte nicht durch Ueber⸗ eilung entſcheiden, denn er wünſche im Gegentheil eher, daß... daß ich bleiben möchte, glaub' ich.“ Frau Laura that einen tiefen Athemzug, nicht leicht, aber doch erleichternd. „Nun, was bedeutet dieſer Ausdruck anders, als daß er Vaterſtelle an Dir vertritt und Dich ſo glücklich ſehen möchte, wie wenn Du ſeine eigene Tochter wäreſt, und daß er überdieß zu hochſinnig iſt, um ſeine eigene Perſönlichkeit, ſeine unterbrochenen Gewohnheiten oder ſeine Bequemlichkeiten in die erſte Linie zu ſtellen, wenn es ſich um das Glück Deiner Zukunft handelt?“ Eine unbeſchreibliche Niedergeſchlagenheit that ſich jetzt in Viola's Weſen kund. Sie war nach dem Zu⸗ ſammentreffen im Garten ſo glücklich geweſen— ſo glücklich! Sie hätte auch jetzt glücklich ſein müſſen, da ſie wußte, wie edel und wohlwollend ihr Vormund han⸗ delte. Aber ſie war nicht glücklich. Frau Laura ſah nichts. „Lieutenant Charles reist übermorgen ab,“ fuhr ſie fort. „So, übermorgen?“ „Du wirſt Dich gewiß nach ihm zurückſehnen.“ „Wie, willſt Du, daß ich mich nach einer Perſon zurückſehne, die ich kaum kenne? Die Worte, die wir gewechſelt haben, waren ja ganz und gar ohne Be⸗ deutung.“ „Für Dich vielleicht.“ „Sowohl für mich, als für ihn, ſonſt würde ich wohl etwas davon im Gedächtniß behalten haben.“ „Achteſt Du nicht einmal auf diejenigen Worte, die ſeine Augen ſprachen?“ „Ich habe ihn nie ſo lange angeſehen; aber es iſt möglich, daß er ein Intereſſe für mich bekommt, wenn er jetzt reiſt.“ Verdrießlich über die Widerſpenſtigkeit, die in Viola's Gefühlen entſtand, verließ Laura das Zimmer und entfernte ſich, um in einer anderen Richtung zu handeln. — Als ſie allein war, ſaß Viola eine lange Weile da, das Geſicht in ihre Hände verborgen. Als ſie dieſelben wegnahm, lag über ihren Augen ein Nebel, der ſich kurz vorher noch nicht darauf be⸗ funden hatte. Viola, mit kaum zurückgelegten ſiebzehn Jahren, ohne Lebenserfahrung, ohne die Gabe ſich ſelbſt dieſes Chaos zu entwirren, das in ihrer Seele aufkommen wollte, empfand blos ein allgemeines Bedürfniß, Auf⸗ klärung und Einſicht in das zu erhalten, was ſich in ihrem Innern zutrug. Aber woher ſollte ſie dieſe Aufklärung, dieſe Ein⸗ ſicht bekommen? Mit einem inſtinktartigen Widerwillen fühlte ſie, daß ſie ſich an keinen ihrer drei maͤnnlichen, Freunde, 4 fuhr en.“ Perſon die wir ne Be⸗ irde ich n.“ Worte, r es iſt venn er die in Bimmer ung zu eile da, Augen auf be⸗ Jahren, dieſes ommen „Auf⸗ ſich in e Ein⸗ je ſie, keunde, 103 weder an den Pfarrer, noch an den Doktor, noch an den alten Nicke wenden konnte. Und was ihren Vormund betraf, ſo hatte ſie aller⸗ dings verſprochen, daß ſie ſich mit unbegrenztem Ver⸗ trauen in allen Fragen an ihn wenden wolle; aber da ſie nicht beſtimmt anzugeben vermochte, was ſie wiſſen wollte, ſo wurde es ihm vielleicht ſchwer, einen Rath zu ertheilen, zumal da er moͤglicher Weiſe in Folge ſei⸗ nes Edelmuthes nicht aufrichtig ſein konnte. Im nächſten Augenblicke überraſchte ſie ſich auf einem neuen Gefühl. Mit einer zerriſſenen Bitterkeit wünſchte ſie, daß ſie ſich nicht ſo ſehr beeilt hätte, von der Oberſtin weg⸗ zuziehen. Aber auch als ſie ſich dieſen Eindruck klar machen wollte, gerieth ſie in ein tiefes Dunkel, und bald mußte ſie geſtehen, daß, da ſie ſo einſam war und eine ſo einſame Zukunft vor ſich ſah, eine Ehe vielleicht das Beſte ſein würde. Eine Ehe mußte gleichwohl ihren kleinen Roman haben, aber unglücklicher Weiſe war mit der Huldigung des Lieutenants Charles keine Romantik verbunden. Ebenſowenig hatte ſeine Perſönlichkeit irgend etwas Ungewöhnliches. In ſeinem Aeußern glich er ſo vielen Andern, ſeine Worte waren von der Art, wie jeder Lieutenant ſie auf den Lippen führen konnte, wenn er glaubte, daß dieß gefallen dürfte. Ja tauſend junge Männer konnten ge⸗ nau ſo ſein, wie Lieutenant Charles war. Das Einzige, was vielleicht nicht tauſend junge Männer vorweiſen konnten, war ſein Vermögen, das Anſehen, worin ſeine Familie ſtand, und der kleine Um⸗ ſland, daß er ſich zum erſten Male verliebt hatte, als er Viola ſah. Gut und ſchön. Aber dieß entzückte nicht, es rief keine Trunkenheit, keine Unruhe hervor, mit einem Wort, keine von den Empfindungen, welche Viola bei Jeanne — — — ͤͤſͤſ —— — 104 Sophie beobachtet hatte, und wovon ſie ſelbſt ſo gerne wenigſtens eine Idee haben wollte. Endlich ſuchte ſie ſich damit zu troͤſten, daß nicht Alle ſo empfinden könnten, wie Jeanne Sophie, und daß vermuthlich die kleinen Gemüthsbewegungen, welche ſie empfand, Zeichen einer kommenden Neigung ſeien. „Was,“ fragte ſie ſich jetzt,„ſind denn dieſe Zei⸗ chen eigentlich?“ „Ich erröthe, wenn er eintritt. Aber erröthe ich darum, weil Lieutenant Charles Ankunft mich glücklich macht, oder darum, weil mein Vormund bei dieſer Ge⸗ legenheit immer die Augen auf mich heftet, gleichſam als wenn er, wie Laura ſagt, mich ausforſchen wollte? „Ueber dieſen Punkt, der die Hauptfrage ſelbſt iſt, kann ich nicht klar werden. „Wenn dann der Lieutenant hinter meinem Stuhle ſteht oder ſich an den Tiſch ſtützt, wo ich ſitze und nähe, überkommt mich zuweilen eine ſprühende Lebendigkeit... ganz beſonders bin ich vergnügt, wenn er mich zum Lachen bringt. „Dieß muß allerdings ein Zeichen zu ſeinem Vor⸗ theil ſein, ja es iſt dieß um ſo ſicherer, als ich Lange⸗ weile empfinde, wenn er gegangen iſt und ich mich mit einem gewiſſen Schrecken über meine Munterkeit und mit einem gewiſſen leichten Herzklopfen wieder an mei⸗ nen Vormund wende. „Dieſes letzte Zeichen iſt inzwiſchen das zuverläſſigſte von Allen: „Ich fühle mich nämlich durch ſeine Aufmerkſamkeit geſchmeichelt. Der erſte junge Mann in der Stadt ver⸗ gißt Alles, ſein ganzes ehemaliges, flatterndes Leben, um meinetwillen! Er liebt mich alſo mit ſtürmiſcher Leidenſchaft. Ich kaann nicht ganz gleichgiltig dafür ſein... und dennoch, wenn man mir morgen erzählte, daß Lieutenant Charles um dieſe oder jene geworben habe, ſo würde ich ihm mit aller Ergebung Glück wünſchen.“ tur gerne nicht „ und welche ien. e Zei⸗ he ich ücklich Ge⸗ chſam ollte? ſt iſt, Stuhle nähe, it.. zum Vor⸗ kange⸗ h mit und mei⸗ ſſigſte umkeit ver⸗ keben, iiſcher dafür ählte, orben Glück 10⁵5 Wir ſehen, daß Viola es mit ihren Selbſtbetrach⸗ tungen zu Nichts bringt. Laßt uns jetzt ſehen, wie weit Frau Laura mit ihrem Schwager kommt. Achtunddreißigſtes Kapitel. Wie die Wette ausfiel. Noch ging Severin im Garten, ſeine Blumen be⸗ ſehend und aufbindend. Der alte Nicke trippelte mit der Gießkanne hinter ihm her, „Ich fürchte, daß dieſe Büſche da abſterben,“ ſagte der Kriegsrath, indem er ſeine warme Wange über eine Gruppe dunkelrother Roſenbüſche, vom reinſten Kolorit, hinbeugte. „Gott bewahre, ſie ſterben nicht ab— Nein ſie richten ſich wieder auf und alles Andere gleichfalls, wie der Herr ſelbſt.“ „Ich?“ Der Kriegsrath forſchte immer tiefer nach dem Grund ſeiner Bedenklichkeiten in Betreff der Blumen. „Nun, du lieber Gott, fühlen Sie denn nicht, daß Sie durch den Sommer und die Sonne gleichſam neues Mark in die Beine bekommen haben. Wenn ich vom Sommer ſpreche, ſo denke ich an all' das Gute, das er mit ſich gebracht hat.“ Der Kriegsrath wurde der Antwort überhoben, denn jetzt kam ſeine Schwägerin auf ihn zu, freund⸗ licher als Alles, was der freundliche Sommer beſaß. Und indem ſie ihren Schwager zärtlich anſah, ſagte ſie in einem milden, aber entſcheidenden Tone: „Keine Minute länger, theurer Freund, darfſt Du hier außen bleiben.“ Und ſie zog ihn mit ſich hinein. „Liebe Laura, ſiehſt Du... ich bin in meine klei⸗ nen Betrachtungen verſunken.“ „Ich weiß, worüber Du Betrachtungen anſtellſt.“ „Aha, Du weißt es ſchon, um ſo beſſer— dann wird es leichter davon zu ſprechen.“ „Aber, mein beſter Severin, welche Schwierigkeiten könnteſt Du denn haben, mit mir über dieſe Sachen zu reden? Ich kann ſagen, daß ich das Ding von Anfang an im rechten Lichte betrachtet habe, und ich glaube nicht, daß Du ſelbſt einer beſonders langen Zeit zur Prüfung bedarfſt, wenn man Dir ſolche Garantien gibt, wie die, welche wir hier anführen können.“ Der Kriegsrath hoͤrte in ſtummer Verwunderung auf ſeine Schwägerin, welche abſichtlich ſo viel und ſo myſtiſch ſprach. „Du meinſt eine andere Sache als ich, Laura: eine Sache, die ich nicht verſtehe.“ „Nein, mein Freund, wir verſtehen einander wohl: wir ſprechen ja vom Glück Deiner Mündel, nicht wahr?“ „Ja gewiß, in Bezug auf ihren Wunſch, Mamſell S. hierher zu bekommen.“ „Ach, das weiß ich. Aber das iſt ja eine unterge⸗ ordnete Sache.“ „Findeſt Du das?“ „Ja gewiß, im Verhältniß zu der andern.“ „Welcher andern?“ „Warum ſo rückhaltſam?“ „Rückhaltſam?“ „Nun ja, Du kennſt ja ihre und Lieutenants Char⸗ les Liebe.“ Der Kriegsrath ſchlug die Augen auf und ſah ſeine Schwägerin mit einem ſo unbeſchreiblichen Ein⸗ druck an. daß ſie ihren Blick auf den Boden ſenken mußte. „Meine Mündel,“ ſagte er, kann keinen Mann lieben, mit dem ſie blos drei oder vier Mal geſpro⸗ chen hat,“ meit leiſe von miſe der mir ſeine beal mer ſiche 2 klei⸗ ellſt.“ dann keiten en zu nfang nicht, üfung e die, erung nd ſo aura: wohl: nicht umſell terge⸗ 107 „Mein guter Severin, ich will nicht disputiren, da Du Werth auf Deine Ueberzeugung legſt, ſonſt.“ „Nun, ſonſt..“ „... ſonſt würde ich— nach dem Geſpräch, das ich ſoeben mit Viola hatte— zu glauben wagen, daß ich mich ſo ausdrücken konnte, wie ich ſoeben that.“ „Sprachſt Du mit ihr dieſen Abend von...“ „... von Lieutenant Charles Marbin's heftiger Leidenſchaft— ja, das habe ich allerdings, und ſie war nicht diejenige, die mich bat, zu ſchweigen. Ja ſogar als ich zu ihr ſagte, ich fürchte, daß dieß ſie beläſtige (weil ſie ihn vermuthlich verachte) erklärte ſie ganz frei: ſehe ich denn beläſtigt aus, und wer ſagt, daß ich ihn verachte?“ „Aber, liebe Schwägerin, ich weiß nicht, wie Du Dich an ſo Vieles erinnern kannſt.“ „Ich errinnere mich deſſen aus dem Grunde, Se⸗ verin, weil ich eine nicht ganz geringe Verwunderung darüber empfand, ein junges Mädchen ſo kunſtlos ihre Gedanken ausſprechen zu hören. Und Dir ſagte ich es aus dem Grunde, weil ich vermuthete, daß Du mit mir von dieſer Verbindung zu ſprechen beabſichtigteſt, welche vermuthlich bälder ſtattfinden wird, als wir uns vorgeſtellt haben.“ „Ich vermuthe nichts: ich überlaſſe das Schickſal, meiner Mündel der Zukunft,“ antwortete Severin mit leiſer, aber feſter Stimme. Inzwiſchen iſt es unrecht von Dir, Laura, Dich in dieſe Angelegenheiten zu miſchen, vielleicht wird es gar nie Ernſt damit.“ „Nun, mein Gott, was thut denn das? Charles, der eine aufrichtige Freundſchaft für mich gefaßt, hat mir im Vertrauen geſagt, daß er in ſeiner Abweſenheit ſeine Intereſſen in die Hände ſeines Vaters zu legen beabſichtige. Du darfſt alſo auf den Beſuch des Com⸗ merzienrathes Marbin nicht ſo ganz unvorbereitet ſein.“ „Ich werde ihn zu empfangen wiſſen. Aber ich will ſichere Beweiſe von der Liebe haben, welche das Fräu⸗ lein nach Deiner Meinung hegt, bevor ich auch nur dem Gedanken an eine Verbindung mit einem Manne Raum gebe, den ich für eine ſo wichtige Lebensverän⸗ derung noch gänzlich unreif glaube.“ „Darauf kann ich nichts Anderes antworten, als: ſieh und urtheile... Und wenn es Dir gefällt, ſo wol⸗ len wir jetzt die andere Frage berühren, im Fall ſie nicht zu kindiſch iſt, um überhaupt aufgenommen zu werden.“ „In welchem Falle würde ſie kindiſch ſein?“ „Wie, mein Schwager, das fragſt Du? Willſt Du Dein ehrbares Haus als den Sammelplatz für alle leichtſinnigen und koketten Abenteurerinnen anſehen laſ⸗ ſen, die man an andern Orten los zu werden wünſcht?“ „Meine liebe Laura, es iſt mir unbegreiflich, wie Du Dir erlauben kannſt, von meiner Mündel mit ſolcher Mißachtung zu ſprechen.“ „Ja freilich, man muß von dem kleinen Fräulein mit ganz beſonderer Achtung reden. Entſchuldige, daß ich mich gleichwohl nur an die reine Wahrheit halte... ich will gewiſſe Lächerlichkeiten nicht wider⸗ legen, da ſie ſich von ſelbſt widerlegen müſſen, aber man ſollte in Wahrheit glauben, daß Du wenigſtens ein Lächeln auf Deine Koſten ertragen könnteſt.“ „Schwägerin!“ „Schwager! Du ſiehſt, daß ich kalt bin wie Eis, aber es ſchmerzt mich, daß Du Deine Wohnung zur Nachbildung eines orientaliſchen Harems machen wlllſt. Du biſt allerdings ein alter Junggeſelle, welchen Nie⸗ mand böſer Abſichten zeiht, aber man kann ſagen, daß Du in aller Unſchuld lebendige Gemälde liebeſt, wie ſo manche alte Herrn, die ſich ſelbſt überlebt haben, die Todten lieben.“ Der Kriegsrath ſtand einen Augenblick wie ver⸗ ſteinert da. Darauf trat er mit wirklicher Majeſtät einige Schritte vor. Seine milde Stirne hatte ſich erho⸗ ben und in Wolken gekleidet. Seine Augen entſandten eine blitzende Antwort auf Laura's Vorwürfe und ſeine 409₰ Lippen bebten von niedergekämpfter Aufwallung, als er rach: 1„Wer weiß, ob ich nicht noch dazu komme, ein lebendiges Weib ſtatt eines lebendigen Gemäldes zu lieben? Vielleicht wird ein ſolcher Tag nie eintreffen— aber von heute an fühle ich, daß dieß keine entſchiedene Unmöͤglichkeit iſt. Und wird dieß eine Möglichkeit, dann wehe derjenigen Perſon, die ſich zwiſchen mich und mein Glück ſtellt!“ Laura war vernichtet. „Severin— wie erwiederſt Du einen unſchuldigen Scherz?“ „Laß uns einander recht verſtehen, Schwägerin! Du ſtehſt meinem Hauſe vor, Du haſt hier bis auf weiteres un⸗ beſchränkte Vollmacht, aber über meine Handlungen und vor Allem meine Gefühle, meine Beſchlüſſe, kann ich keinen andern Richter anerkennen, als mich ſelbſt.“ „Lieber Severin, wenn ich mich unpaſſend ausge⸗ drückt habe(was ich tief bereue), wenn ich Dich belei⸗ digt habe(was, wie ich ſehe, leider der Fall iſt), ſo glaube wenigſtens, daß ich aus vollem Herzen rede, wenn ich Dir erkläre, daß Du es ſchwer bereuen wirſt, wenn Du Mamſell S. hierher nimmſt. Jedermann wird dann von der Eigenthümlichkeit der Freiheiten ſprechen, die Du Dir geſtatteſt.“ „Und dann? Wenn man auch ſagt, ich ſei ein eigen⸗ thümlicher Menſch, ſo habe ich nichts dagegen. Ich han⸗ dele nach meinem Gewiſſen, und folge den Eingebungen deſſelben.“ „Sag lieber, daß Du einer Schwachheit folgeſt, die Deiner unwürdig iſt: Du laͤſſeſt Dich beſtimmen, durch..“ Laura hielt inne. Sie hätte ſich lieber die Zunge abgebiſſen, als noch etwas mehr geſagt. „Nun durch was denn laſſe ich mich beſtimmen?“ „Natürlich durch die Bitten der Mamſell Jeanne Sophie.. aber, o Severin, all' dieſe Geſchäfte machen Dich nicht glücklich. Wie anders war es nicht früher zwiſchen uns?“ Frau Laura weinte einige unendlich ſchöne Thraäͤ⸗ nen, welche an den ächten Juwel erinnerten, der einmal aus ihren Augen gefallen war. Aber jetzt halfen weder ächte noch falſche Ju⸗ welen. Severin ließ ſich nicht erweichen. Die Sache war abgemacht— Viola hatte die Wette gewonnen. Aber empfand ſie eigentlich Freude darüber? Nein, ganz und gar keine— wenigſtens im An⸗ fang nicht. Denn erſchrocken über die unmotivirten und unüberlegten Ausdrücke, die er im Ausbruch eines ge⸗ rechten Verdruſſes gegen ſeine Schwäͤgerin gebraucht hatte, konnte der Kriegsrath nur darin Befriedigung finden, daß er einen noch engeren Kreis zwiſchen ſich und den Verſuchungen des Lebens zog. Ja er ging ſo weit, daß er glaubte, er habe einen Anfall von ſtarkem Irrſinn oder Verſtandesſchwäche ge⸗ habt.— Lauter neue Vorboten der Schwachheit und Schlaffheit, der er mit jeder Woche deutlicher entgegen⸗ ſehen konnte.... „Jetzt biſt Du bald geheilt, Bruder,“ ſagte der Doktor am ſelben Abend. „Ja,“ antwortete Severin,„ich glaube nicht, daß es ſich noch lange hinausziehen wird.“ Er dachte dabei an den Herbſt und empfand eine ſanfte melancholiſche Freude bei dem Gedanken, die Ruhe zu gewinnen, die er im Leben vergebens geſucht hatte. Inzwiſchen verſchmähte er die unſchuldige Kokette⸗ rie nicht, für den eigenthümlichſten Mann zu gelten. Die ganze Stadt ſiel wie aus den Wolken, als man erzählen hörte, daß der Kriegsrath, der niemals Frauenzimmer bei ſich geduldet, ganz beſonders nicht ſolche Frauenzimmer, über die auch nur irgend eine 111 Bemerkung gemacht werden konnte, auf eins, zwei, drei, ſeine Grundſätze geändert habe. Jetzt erſt glaubte man an die Vorausſagung von ſeinem Tode, denn nur die⸗ ſer rechtfertigte ſolche Unbegreiflichkeiten. Worte des Tadels wurden jedoch nicht gehört. Der Kriegsrath hätte leicht alle Mädchen der Stadt in ſeine Penſion bekommen, wenn er ſie gewollt hätte. Einen Tag nach den zuletzt geſchilderten Vorfällen ſtattete Lieutenant Charles Marbin ſeinen Abſchiedsbe⸗ ſuch ab. Der Vormund war anweſend. Eine Stunde verfloß in einer höchſt gezwungenen Converſation. Der Lieutenant war zweifelhaſt, was er wagen dürfte. Viola war zweifelhaft, ob ſie ihm eine Aufmunte⸗ rung geben oder abſchlagen ſollte. Frau Laura war zweifelhaft, ob Severin es ſehen würde, wenn ſie dem Lieutenant noch einen heimlichen Wink ertheilte. Und der Vormund war zweiſelhaft, ob nicht die Pflicht ihm gebiete, da zu bleiben, trotz des ſtechenden Schmerzes, den er in ſeiner Bruſt empfand. Lieutenant Charles war der Erſte, deſſen Zweifels⸗ qualen nachließen. Er beugte ſich über Vlolas Arbeit hinab, und be⸗ merkte in dem weichen, halbleiſen Ton, der ſchon an und für ſich eine Erklärung in ſich ſchließt: „ch komme nicht vor drei Wochen zurück. Kann ein alltäglicher Menſch gleich mir hoffen, ſo lange in Ihrem Gedächtniſſe zu leben, mein Fräulein?“ Viola wollte eine Blume aus der Vaſe nehmen, um ihre Verlegenheit zu verbergen, aber ſolche Manöver gehen nur ſelten Hand in Hand mit der Vorſicht. Sie warf die Vaſe um, überſchüttete damit eine 112 Karte welche der Kriegsrath ihr neulich geſchenkt hatte, und dadurch noch verlegener gemacht, warf ſie die Karte von ſich, worauf ſie in ihrem Flug eine noch koſtbarere Blumenknospe abknickte, als diejenige war, die der junge Herr Moje zu Grunde gerichtet hatte. Der Kriegsrath ſprach kein Wort, bewegte ſich nicht von der Stelle. Aber Frau Laura eilte behend mit dem Nastuche vor und warf lächelnd einige Worte über Zerſtreutheiten hin, wodurch das Eigenthum und die Geſchenke Anderer be⸗ ſchädigt würden. „Mittlerweile habe ich noch immer keine Antwort,“ begann der Lieutenant wieder, und ſein Blick ſuchte jetzt eifrig die Augen des jungen Maͤdchens. „Es wird mir,“ antwortete ſie endlich,„ſchwer, eine Frage zu beantworten, die blos nach der vergangenen Zeit beurtheilt werden kann.“ „Aber wenn ich dann frage...“ „Dann werde ich antworten, wie es geweſen iſt.“ Nachdem der Lieutenant, wenn auch nicht mit den größten, ſo doch mit großen Hoffnungen ſich entfernt hatte, ging Viola direkt auf den Sopha zu, wo ihr Vor⸗ mund ſaß. „War dieſe Antwort recht, war ſie gut?“ fragte ſie. „Ich glaube, mein Fraͤulein, daß derjenige, der ſie erhalten hat, ſie ſo findet.“ „Aber ich fragte nach dem Urtheil meines Vor⸗ munds.“ „Der Vormund wird ſich äußern, wenn man ſich offiziell an ihn wendet.“ „So wende ich mich an den Freund, will auch er ſich entziehen?“ „Der Freund kann keine andere Antwort geben, als daß er ſich die Gunſt ausbittet, einer ſolchen überhoben zu werden.“ Viola mußte ohne Antwort gehen. Fünfte Abtheilung. Sonnenaufgang der Favoritenherrſchaft. nen 4 Der Verwandlungsaugenblick Kommt und löst die Binde ab, und der ſchönſte Tag entfliegt d Wie ein Schmetterling aus dem Grab. Ingelman. Der Vormund. II. Neununddreizigſtes Kapitel. Schwerdtlilien auf Olenas Grab. „Ja, ja,“ ſagte der alte Nicke, als er an einem ſchönen Samſtag⸗Abend— am Samſtag vor Johannis — zur Ruheſtätte ſeiner Geliebten kam,„ja, ja, meine Kinder, ihr erblaſſet und ſehet traurig aus. Es iſt eine Schwule in der Luft, d. h. im Hauſe, daß es Einem die Bruſt zuſchaürt. Und der getreue alte Liebhaber ſetzte ſich andächtig auf die Raſenbauk, die er am Grabe aufgeworfen hatte. Er hielt die Hände zum Gebet gefaltet, während die Augen, nicht zum Himmel empor, ſondern auf Ole⸗ nas grüne Bettdecke gerichtet waren, um welche eine Guirlande von allerlei Pflanzen ſich erhob. Unter dieſen Pflanzen befand ſich eine Art, welche Nicke, ſo oft er ſie begrüßte, mit immer tieferer myfli⸗ ſcherer Ehrfurcht betrachtete. Die Schwerdtlilien auf dem Grab ſeiner Geliebten waren für Nicke eine ebenſo glaubwürdige Autorität, als früher das delphiſche Orakel für ſeine demüthigen Verehrer. Wenn dieſe Wunderkinder von Blumen ſich aufrecht trugen und in zierlicher Haltung ſich von den Lüften koſen ließen, ſo ſah Nicke unbeſchreiblich vergnügt aus. Aber wenn ſie erſchöpft und matt ihre Köpfe in gebeugter Haltung ausruhen ließen, da wurde er von einer tiefen Angſt ergriffen, denn noch nie hatten die Erinnerungen an ſeine geliebte Olena, welche er ſelbſt gepflegt und an die er immer geglaubt hatte, ihn be⸗ trogen. „Ja, ja,“ murmelte der Greis, als er nach been⸗ ——— —y digtem Gebet ſich hinabbeugte, um die geheimnißvollen Blumen näher zu unterſuchen,„ihr wißt wohl, was ihr ſagt, und ich begreife es auch.“ Er verſank in tiefes Nachſinnen, das ſich ohngefähr folgendermaßen in Worten ausſprach: „Seit der Pfarrer dafür geſorgt hat, daß die El⸗ tern das Frauenzimmer kennen lernten, ſeitdem iſt der Herr nicht mehr auf der rechten Bahn— und er kommt auch nicht mehr auf die rechte Bahn, bis er ſieht, ob ſchwarz oder roth bei dem Spiele herauskommt. „Roth bedeutet nein, und ſchwarz bedeutet ja. „Bekommt der Lieutenant Charles ein ja, dann halt .. dann beſtellen wir unſern Sarg bis auf den No⸗ vember oder ſo, wie dieß ſchon früher geſagt worden iſt. Erhält er dagegen ein nein, dann ermuntern und ermannen wir uns wieder, und leben dann vielleicht noch zwanzig oder dreißig Jahre. „Aber ſtill, Alter, keinen Buchſtaben davon, daß Du weiter ſiehſt und klüger biſt als derjenige, der am klügſten ſein ſollte; ſonſt reißeſt Du den ganzen Faden entzwei. „Nein, wart nur, es findet ſich ſchon noch einer, der das Garn wieder aufſchüttelt und entwirrt. Und wäre es nicht unpaſſend und gleichſam ehrfurchtswidrig zu lächeln, während ich meine Feſttagsmontur anhabe und an Olenas Seite ſitze, ſo könnte ich ganz gut lä⸗ cheln, wenn ich bedenke, wie ſchlau ich jedes Gebinde wieder zuſammenknüpfe, das ſie mit ihrem Sammet⸗ pfötchen zerreißt.“. Dieſe Vorſtellungen waren für den alten Nicke ſo lieblich, daß wir geſtehen müſſen, daß er— trotz der tiefen Ehrfurcht, welche der Platz ihm einflößte, beinahe gelächelt hätte, und zwar aus Herzensgrund, wenn nicht einige Schritte ganz in ſeiner Nähe ſeine Gedanken in eine andere Bahn geleitet hätten.. „Ach großer Gott, es iſt der Pfarrer ſelbſt.“ Der Pfarrer Lars Moritz nickte blos. Man ſah an 117 ſeiner Stirne, daß Gedanken, würdig der Beſuche, die auch er abgeſtattet hatte, jetzt den Weltmann verdrängten. „Ich ſitze hier,“ fuhr Nicke fort,„und betrachte die Schwerdtlilien.“ „Was prophezeihen ſie denn jetzt, mein ehrlicher Freund?“ „Nun, ſie geben zu verſtehen, daß Alles beſſer ge⸗ weſen wäre, wenn der Herr Pfarrer nämlich die Gäſte nicht gebracht hätte.“ „Aha“— jetzt mußte der Pfarrer lächeln—„Du mißbilligſt, daß man ſeinen Verwandten einen Dienſt erweist?“ „Ja, meiner Treu, das thue ich, wenn es beſſer iſt, ihnen nicht zu dienen.“ „Aber Du verſtehſt ja..“ „.. Alles zuſammen ja: der Commerzienrath und die Commerzienräthin mußten wohl diejenige ſehen, auf welche der Sohn ſein Auge geworfen hat.“ „Es hatte Fräulein Viola freigeſtanden, nein zu ſagen, wenn ſie ſo gewollt hätte.“ „Ja, wenn ſie nicht viel zu gut wäre, nein zu ſa⸗ gen, ſo bald man ſie um etwas bittet... Erſt am Morgen hatte ſie ſo ein empfindliches Kopfweh, daß ich glaubte, ich müſſe mit der Gegenbotſchaft abziehen. Aber ſiehe, da öffnete die Schwägerin ihre Sprachlade, und unter anderem Kram fand ſie, daß Jedermann in der Stadt ſich ſehr darüber wundern würde, wenn ein ſo junges Mädchen daheim bliebe, um bei ihrem Vormund zu ſitzen. Dann kam der Doktor und miſchte ſich auch drein, obſchon er ſowohl als ich die Gedanken des Kriegs⸗ rathes kannte. Und ſo wurde es, wie es wurde.“ „Der Kriegsrath iſt inzwiſchen nicht ſelbſt gekom⸗ men.“ „Oh es geſiel ihm wohl nicht, ſie ſelbſt zu Markte zu führen. Aber es machte ihm Gedanken genug auf der andern Seite des Marktes, denn als die Frauen⸗ zimmer gegangen waren, ſagte er: Nicke, ſagte er, und 118 er lachte auf eine luſtige Art, während er ſonſt beinahe gar nie lacht, Nicke glaubſt Du wohl, daß meine Mün⸗ del in den Augen ihrer zukünftigen Schwiegermutter Gnade finden werde?“ „Und Du antworteteſt?“ „O ich habe der Madame einen garſtigen Streich geſpielt: ich erzählte, daß ich durch die Gartenhecke ge⸗ hört batte, wie es mit Fräulein Violas Luſt, Kopfweh und allem zuſammen beſtellt war, und daß ſie nicht ge⸗ gangen ſein würde, wenn nicht die Madame ſie durch irgend ein Reizmittel dazu getrieben hätte.“ „Nun?“ Dadurch wurde er aufmerkſam, und am andern Mor⸗ gen koſtete es die Schwägerin große Mühe, bis ſie ihm begreiflich machen konnte, das Fräulein ſei bei einer ſo liebenswürdigen und heitern Laune geweſen, daß ſie allgemeinen Beifall gewonnen habe.“ „Das war auch ganz wahr.. Aber höͤre ein⸗ mal, alter Freund, ich glaube, daß Du Deine beſon⸗ dern Pläne haſt. Es ſcheint mir, als ob mein Vetter Dir im Wege ſtände.“ „O,“ antwortete Nicke auswelchend,„es hilft zu nichts, Pläne zu machen, wenn einer ſolche Freunde im Hin⸗ terhalt hat, die ſich auf einmal quer dazwiſchen ſtellen.“ „Du ſprichſt immer ſehr bilderreich; aber ich will Dich nicht mißverſtehen, ſondern Dir offen ſagen, daß ich nicht ausweichen konnte und ſogar um Severins ſelbſt willen nicht ausweichen wollte, als es ſich darum han⸗ delte, meinen Verwandten ein Vergnügen zu bereiten, das ſie ſich erbeten hatten.“ „Gerade heraus, mein guter Herr Pfarrer,“ ver⸗ ſetzte Nicke, indem er ſich an die erſte Abtheilung der Antwort hielt,„ich ſpreche hier an Olenas Grab nie von weltlichen Dingen. Aber das Glück meines Herrn iſt für mich wie ein Gottesdienſt,— ich meine in dem Punkt, der eine herzliche Theilnahme betrifft. Sonſt denke ich daran mit Liſt und Schlauheit und Verſtand, ſo daß 119 der Gottesdienſt nicht andächtig iſt, das ſage ich ehrlich heraus.“ „Ich begreife Dich vollkommen. Aber nachdem wir in ein ſo vertrauliches Geſpräch gekommen ſind, ſo wun⸗ dere ich mich doch, ob Du in Bezug auf den Kriegs⸗ rath recht ſiehſt.“ „Soll ich ihn nicht verſtehen, ich, der ich ihn ſo viele Jahre hindurch ſtudirt habe? Er iſt verliebt, ſage ich, obſchon er ſelbſt von der Sache nicht viel mehr weiß, als ein neugebornes Kind.“ „Und er ſoll vielleicht nie mehr davon wiſſen 7“ „Das kommt darauf an,“ antwortete der Alte mit einer ſchlauen Miene. „So ſprich, was willſt Du mit den Worten ſagen: Das kommt darauf an.“ „Das kommt darauf an, kann ein ſehr großer Mann in einem Kirchenrock und mit einem Handbuch in der Hand ſein.“ „Von dieſer Seite her.“ „Wird das Handbuch für einen Beamten mit Epau⸗ letten und einem rothen Kragen aufgeſchlagen, ſo iſt es am Beſten, dumm geboren zu ſein; aber ſteht der große Mann ſtill und winkt in aller Freundſchaft mit dem Handbuch einem Manne, der den Wink nicht erwartet hat, aber doch aufſteht und ſich verbeugt, ſo verſteht ſich die Sache von ſelbſt; denn das Handbuch wird dann gleichſam ein kleines Zubehöoͤr haben, und eine ſchöne weißgekleidete Braut mit einem Schneeſchleier und Myrtenroſen, wäre gar nicht ſchief anzuſehen.“ „Du hätteſt wahrhaftig ein Poet werden ſollen, Nicke... Aber jetzt mußt Du mir auch erzählen, woher Du die weiſgekleidete Braut bekommen willſt, uachdem Du den Bräutigam mit dem rothen Kragen weggeſchafft haſt. „Sollte man nicht glauben, 4 verſetzte der Alte mit Stolz,„es ſei ihr an dem Bräutigam ſchrecklich viel gelegen?“ „Und wenn Du Dich täuſchteſt?“— „Das iſt ſchon klügeren Leuten begegnet.. Aber das Mädchen ſoll nur ihre Gedanken zuſammen nehmen, ſo bin ich überzeugt, daß der Lieutenant Charles einen Korb bekommt.“ „Sei wenigſtens wegen meiner Mitwirkung be⸗ ruhigt... Aber hör einmal: Wenn Du den Lieute⸗ nant Charles auf die Seite gebracht haſt, ſo kann es geſchehen, daß Du es mit dem Lieutenant Emil zu thun bekommſt.“ „Was Emil betrifft, ſo werde ich ihn wohl auf der Seite halten können, wenn ich ihm ſeine frühere Liebſte gerade vor die Naſe ſetze. Das iſt ein wahres Glück, daß dieſe als Geſellſchafterin ſür unſre kleine Dame hieher kommt.“ „Das geſchieht aber erſt nach Johannis.“ „Nun, nun, kommen die jungen Herren vorher angerückt, ſo wird man ſchon Zeit haben, dem Lieute⸗ nant Charles die Thür zu weiſen, bevor Lieutenant Emil in den Wurf kommt; und dann wird wohl auch der Tag erſcheinen, wo Frau Laura's ärgſter Schrecken, Mamſell Jeanne Sophie, kommtmt Aber Herr Pfarrer, haben Sie die Güte und laſſen Sie mich's wiſſen, wann der Kommerzienrath als Freiwerber auf⸗ treten wird.“ „Ich habe die Sache abgewendet, bis Charles ſelbſt ſeinen Auſtrag bei dem Fräulein ausgeführt hat.“ „Das iſt ſchön, es iſt eine herrliche Nachricht, es iſt mir, als könnte ich jetzt wieder viel ruhiger werden.“ „Nun Glück zur guten Fortſetzung— hab' keine Angſt über das, was die Schwerdtlilien prophezeien. Als ich ſoeben von Severin Abſchied nahm, war er weder verdrießlich noch kränklich.“ „Und wenn er ſich vor ſeinen beſten Freunden ver⸗ ſtellt, was ſoll das andres bedeuten, als daß er, ohne es ſelbſt zu wiſſen, gleichſam eine kleine Bangigkeit in der Bruſt hat, aus zu großer Näͤhe geſehen zu werden. rher rute⸗ nant auch cken, Herr ich's auf⸗ ſelbſt t, es den.“ keine eien. Ir er ver⸗ ohne eit in rden. 121 Die reine Wahrheit iſt, daß ſeine Laune niemals unfreund⸗ licher war, als jetzt, und auch ſein Körper niemals kränklicher, obſchon er ganz flott ausſehen will.“ Bei dieſer Betrachtung ſtrich ſich Lars Moritz be⸗ dächtlich über die Stirne. Er hatte nicht recht glauben wollen, was der Dok⸗ tor und der alte Nicke von Anfang an prophezeit hatten, und wenn er zuweilen von einer Ahnung heimgeſucht wurde, ſo hatte er ſich doch nicht in den tiefſten Ernſt der Sache hineingedacht. Jetzt richtete er ſowohl ſeinen Blick rückwärts als vorwärts, und er machte ſich Vorwürfe— denn er glaubte dem alten Nicke mehr als dem Doktor— daß er nicht mit all der Aufmerkſamkeit, die ihm zugeſtan⸗ den, den inneren Verhältniſſen im Hauſe des Kriegsraths gefolgt war. Vielleicht hatte er ſogar, ohne ſein Wiſſen, von Laura einen Eindruck erhalten. Und noch glaubte er nicht beſtimmt an das Nein, das nach Nicke's Vorausſage ſeinem Vetter bevorſtand. Viola hatte in der letzten Zeit oft aus eignem Antrieb von demſelben zu ſprechen angefangen, und zwar mei⸗ ſtens in Gegenwart des Kriegsrathes ſelbſt. „Ich will Dir kein Kompliment machen, redlicher Alter,“ ſagte endlich der Pfarrer,„wenn ich erkläre, daß Dein Scharfſinn Dir Ehre bringt, aber vielleicht macht es Dir ein Vergnügen, zu hören, daß ich Dich als den unentbehrlichſten Freund des Kriegsraths be⸗ trachte. An Eines ermahne ich Dich jedoch: ſei vor⸗ ſichtig.“ „Ja, verlaſſen Sie ſich darauf, Herr Pfarrer. Uad ich werde das um ſo mehr ſein, als ich an den Roſen genau bemerkt habe, daß wir mitten in der Johannis⸗ zeit ſelbſt eine Mondsfinſterniß bekommen.“ 2 Als der Pfarrer fort war, ſiel Nicke auf die Knie und bat Olena um Verzeihung, daß an ihrer Ruhe⸗ ſtatt ſo vielerlei Dinge geſprochen worden ſeien. Und er gab ſich nicht recht zufrieden, bis es ihm war, als höre er Olena's Stimme flüſtern: „Lieber, ehrlicher Nicke, wie kannſt Du das Herz in Deiner Bruſt ſo quälen? Du willſt ja nichts ande⸗ res, als gut für ihn ſorgen, der für uns geſorgt hat und den wir Beide liebten.“ „Dank, Du mein Troſt!“ antwortete der Alte leiſe.„Du erinnerſt Dich zu gut, um was wir ſo oft zuſammen gebetet haben.... Und jetzt eine friedliche, ſtille, gute Nacht, Geliebte meines Herzens!“ Und während Nicke ſich entfernen wollte, brach er ein kleines, ganz kleines Blatt von einer der Blumen, die für Olena dufteten. Das Blait legte er auf ſein Kopfkiſſen, ſo daß er darauf ſchlief. Vierzigſtes Kapitel. Fenſter⸗ und Fernglas. Die Ueberraſchung. Am folgenden Sonntag⸗Morgen ſtand Viola ganz früh am Fenſter und betrachtete mit der angelegentlich⸗ ſten Aufmerkſamkeit, wie ihr Kaktus, den ſie beim erſten Beſuch von dem Kriegsrath erhalten, und über deſſen krankhaftes Hinwelken ſie ſo bekümmert an Jeanne So⸗ phie geſchrieben hatte, jetzt endlich wieder aufleben zu wollen ſchien. Er hatte zwei kleine Knospen bekommen. Aber wie hatte nicht Viola auch daran gearbeitet, he⸗ hm erz hat lte he, 123 ihn gewartet und gepflegt, um ihm Geſundheit und Ge⸗ deihen zurückzugeben! Es machte ihr zugleich Freude und Verdruß, daß der Kriegsrath niemals nach ſeinem weggeſchenkten Kinde fragte. Freude, weil ſie mit Kummer hätte geſtehen müſſen, daß die Pflanze die ganze Zeit über ſich mehr dem Tod als dem Leben zuzuneigen ſchien— Verdruß, weil es ihr vorkam, als ſei dieſer Mangel an Theilnahme, nachdem die Kleine einmal ihrer Pflege übergeben worden, auf ſie ſelbſt zurückgefallen. Aber jetzt in dem ſommerſchönen Morgen, am Tag vor dem Johannis⸗Abend fühlte ſich Viola ſo glücklich und ſtolz beim Anblick ihrer zwei Knospen, daß ſie die drei langweiligen Wochen vergaß, die zwiſchen dem ge⸗ genwärtigen Augenblick und der ſo vertranlichen und fröhlichen Abendſtunde verfloſſen waren, wo ſie mit ihrem Vormund im Garten ſprach, und Laura die Wette abgewann, die ſie ihr jedoch mit einer Menge kleiner Demüthigungen bezahlen mußte. „Ach, meine geliebten, kleinen Kinder(denn ihr ſeid Kinder meiner Geduld, meiner Mühe),“ ſagte das junge Mädchen, indem ſie die Knospen liebkoste, zuerſt mit ihren weichen Fingerſpitzen und dann trotz der Gefahr, ſich zu ſtechen, mit dem Rande ihrer Lippen. Aber würde ſie wohl dieß gewagt haben, wenn ſie ſich die Möglichkeit gedacht hätte, daß Jemand in dem Luſthaus auf der Anhöhe gegenüber ſitze, und ſie vol⸗ lends gewußt hätte, daß ein Fernglas nach der entge⸗ gengeſetzten Seite hin hatte gerichtet werden ſollen— eine Seite, wo der Behauptung zufolge Kirſchendiebe ſich einſchlichen— ſtatt deſſen, durch einen Zufall ver⸗ ſteht ſich, auf ihr Fenſter gerichtet war? Man muß bemerken, daß Extrazufäͤlle juſt die Quinteſſenz alles Intereſſanten im Leben ausmachen. CEs war unſer Freund Severin, der ſich ſchon am frühen Morgen im Lüſthauſe befand, um die Intereſſen ſeines Gartens zu bewachen. Er hatte oft von Nicke erzählen gehört, daß das Fräulein, ohne Jemand um Rath zu fragen, mit der größten Sorgfalt die hinwelkende Pflanze verpflege... und als das Fernglas in Folge einer Zerſtreuung— der Kriegsrath war jetzt an dieſe Unglückszeichen ſo ziem⸗ lich gewöhnt— nach rechts kam ſtatt nach links, fügte es ſich, daß die Zerſtreutheit gerade zur ſelben Zeit ein⸗ trat, wo Viola's weißer Arm zwiſchen dem Laubwerk am Fenſter ſich vorſtreckte. Severin ſchloß ſogleich die Augen, um keinen Man⸗ gel an Zartgefühl zu zeigen, aber als er vernünftiger⸗ weiſe annehmen konnte, daß die Erſcheinung verſchwun⸗ den ſei, öffnete er ſie wieder, doch nicht ohne daß er zuvor die ausgeſuchte Delikateſſe gehabt hätte, das Glas anzuhauchen. Bekam er jetzt etwas zu ſehen, ſo war es wenig⸗ ſtens in einem Nebel. So ſtark er inzwiſchen gehaucht hatte, ſo war der Nebel nicht dichter, als daß er vollkommen die ganze herrliche Geſtalt zu unterſcheiden vermochte, welche weiß, blendend und lieblich in ſeinen geliebten Blumen daſtand. Da jedoch ganz deutlich geſagt worden iſt, daß Viola bloß die Beſchaffenheit des Uebels ihrer Kaktus⸗ blume unterſuchte, ſo verſtleß es nach näherer Prüfung juſt nicht gegen die Etikette, wenn auch er, der bei der Sache ebenfalls intereſſirt war, ſich ein paar Sekunden damit beſchäftigte, ihre Beobachtungen zu beobachten. Um dieß beſſer thun zu können, wurde das Glas pünktlich abgetrocknet, und kaum war es wieder an ſeine Augen gekommen, als er in Viola's lebhafter und freu⸗ diger Bewegung den beſten Vorboten erblickte. Ja ganz ſicher hätte ſie keine ſolche Freude zeigen können, wenn ſie nicht eine oder mehrere Knospen entdeckt hätte. Und nun, nachdem er alles erfahren, was er wiſſen wollte, würde er beſtimmt ſein Fernglas nach derjeni⸗ gen Gegend gerichtet haben, von wo die geplünderten Kirſchenbäume ſein Mitleid anriefen, wenn nicht Viola in demſelben Augenblick angefangen hätte, die von dem Blumenfreund geahnten Knospen zn liebkoſen und ſo⸗ dann mit ihren Lippen willkommen zu heißen. Bei dieſem Anblick blieb der Kriegsrath unbeweg⸗ lich ſtehen. Man hätte glauben können, er ſei mit ſeinem Gucker zuſammengewachſen, und gleichwohl würde er nicht das Geringſte mehr geſehen haben, und wenn es auch noch viel zu ſehen gegeben hätte, denn jetzt waren es ſeine eigenen Augen, die überliefen. Endlich ſank der Arm mit dem Gucker mechaniſch, und zitternd wie ein Verbrecher ſchlich ſich Severin in die dunkelſte Ecke des Luſthauſes, wo er ſich niederſetzte, beinahe ohne es zu wiſſen. Es war ein Augenblick voll unbegreiflicher Symp⸗ tome, ſchwerer zu erklären als alle vorhergegangenen. Ihm war, als ob eine Art von Wahnſinn durch ſein Blut rauſchte. Jeder Tropfen wollte aufſpringen, gleich als wäre man ihm mit einem glühenden Gegen⸗ ſtand nahe gekommen, und dennoch fand ſich juſt kein Schmerz vor bei einem ſo ungewöhnlichen Leiden. Aber bald wechſelte dieſer Wahnſinn oder dieſer Rauſch ſeine Natur. Er fand ſich übermannt von einer toͤdtlichen, ob⸗ wohl nicht unangenehmen Mattigkeit. Er verſchloß die Augen und dachte mit Vorliebe an das im Morgenlande ſo hochgeſchätzte Hadſchi. Ihm war, als hätte er etwas von dieſer Art er⸗ halten, denn er war umgeben von entzückenden, himm⸗ liſchen Erſcheinungen und wachen Träumen von einer namenloſen Schönheit und Friſche. „Ganz gewiß,“ murmelte er,„wird der Doktor über dieſes eigenthümliche Stadium ſich verwundern. Wenn meine Krankheit auch mir ſelbſt unbegreiflich iſt, ſo kann ſie doch wenigſtens der Wiſſenſchaft dienen.“ ———— ——— 126 Während der Vormund auf ſolche Art an kommende Zeiten dachte, dachte Viola an die gegenwärtige, und beſann ſich auf die Antwort, die ſie ertheilen ſollte, wenn Lieutenant Charles bei ſeiner Rückkehr ſie fragen würde, ob ſie ihn im Andenken behalten habe. „Oh ja,“ ſagte ſie zögernd,„ich habe mich aller⸗ dings täglich an ihn erinnert, beſonders wenn mein Beichtvater da war, und ganz beſonders wenn der Kriegs⸗ rath ſich zugegen befand, denn da er mir eine ehrliche Antwort, oder vielmehr überhaupt eine Antwort auf meine Frage verweigert hat, ſo war es mir ſehr ange⸗ nehm, mich dadurch zu rächen, daß ich ein Intereſſe für meinen Liebhaber beurkundete. Erſt einige Minuten, nachdem ſie dieſen Gedanken nachgehängt hatte, erröthete ſie plötzlich darüber, daß ſie ihnen Raum gegeben. „Was,“ rief ſie,„will das heißen, mich rächen?.. Geſchah es denn wirklich, um mich an meinem Vor⸗ mund zu rächen, wenn ich mich mit Lieutenant Charles beſchäftigt habe?“ „Und warum ſollte dieß Sever.. den Kriegsrath quälen. Wie habe ich einen ſo närriſchen Gedanken in den Kopf bekommen?“ „Ja, in Wahrheit närriſch.“ „Geſtern verging der dritte Samſtag⸗Abend, ohne daß er ſich an den vorletzten Paragraphen der Haus⸗ ordnung zu erinnern ſchien. „Nun, davon iſt keine Rede, daß ich eine förmliche Audienz vor dem Tag verlange, wo ich mir ſeine Ein⸗ willigung zu meiner Verheirathung ausbitte. „Ich glaube, ich könnte mich verſucht fühlen, zu heirathen, blos um dieſes Vergnügen zu haben. „Laß ſehen,— ſie begann, die Wange in die Hand geſtützt, im Zimmer auf und ab zu ſpazieren,—„laß ſehen, was ich ſagen würde. „Nun ja: „Entſchuldigen Sie, mein guter Vormund, daß ich jetzt komme und Sie ſtöre. Aber obſchon der Umſtand ſich nicht in den mir ertheilten Vorſchriften befindet, ſo glaube ich doch mein Jawort nicht geben zu dürfen, ohne der Form wegen um Ihre Erlaubniß zu bitten. „Was ſoll das heißen?— mein Herr Vormund dreht mit ungewöhnlicher Raſchheit den Stuhl um— der Form wegen, mein Fräulein?... iſt es denn be⸗ reits abgemacht?“ „Wenn man liebt, Herr Kriegsrath, ſo eilen die Gefühle ſo ſehr, daß ſie nicht auf die Erlaubniß war⸗ ten, ſich zu verſchenken. „O das wird göttlich. Ich ſehe ihn, wie er voll Schreck ſeine Brille auf und ab ſchiebt. Die Schnupf⸗ tabaksdoſe wird beſtimmt beſtändig zwiſchen ſeinen Fingern leiten. 3„Gott ſtehe mir bei... bin ich jetzt wiederum unedel?“ „Ja gewiß; aber vielleicht iſt auch noch niemals in der Welt eine Mündel von einem Vormund ſo behan⸗ delt worden. „Es iſt im höchſten Grad ärgerlich zu wiſſen, daß er der liebenswürdigſte aller Männer ſein kann, und daß er es deſſenungeachtet vorzieht, der langweiligſte oder wenn man ſo ſagen will, der originellſte von Allen zu ſein. „Inzwiſchen bin ich doch begierig zu erfahren, ob es ſich mit Laura's Gewalt ganz ſo verhält, wie ſie zu verſtehen gibt... doch das iſt eine Kleinigkeit— ich habe meine Abſicht mit Jeanne Sophie durchgeſetzt, das war die Hauptſache. Bei Bagatellen dagegen kümmere ich mich nicht darum, wer... „Doch was höre ich... welche Stimme... Jeanne Sophie’'s Stimme... O ja, ja, ſie iſt es, ſie kommt acht Tage vor der beſtimmten Zeit!“ Und Jeanne Sophie war es, die ohne Umſtände an Frau Laura vorüberſtürzte, die Thüre öffnete und ſich in Viola's Arme warf. „Meine geliebte, geliebte Jeanne Sophie, wie ver⸗ ändert Du biſt, wie bleich Du ausſiehſt!“ „Meine liebe, theure Viola, wie blühend dagegen Du erſcheinſt..Du entzückſt mich wirklich.“ „Ich hoffe,“ unterbrach Frau Laura, die jetzt eben⸗ falls hereingekommen war,„die Damen werden meine kleine Stoͤrung in ihrer Unterhaltung entſchuldigen. Haben Sie Ihre Sachen bei Frau Juvelius gelaſſen, mein Fräulein?“ Laura wußte recht gut, daß dieſes Frauenzimmer, das ihr Schwager zur Reiſegeſellſchafterin für ſeine neue Mündel auserkoren hatte, nicht zurückgekehrt ſein konnte, denn die Hochzeit, der ſie in Jeanne Sophiens Geburtsſtadt beiwohnen ſollte, wurde erſt in acht Tagen gefeiert. „Meine beſte Madame,“ antwortete Jeanne Sophie in ihrer gewöhnlichen ungezwungenen Weiſe,„die Effek⸗ ten ſind auf dem Dampfboot. Ich bin zufällig ohne meine Begleiterin gereiſt.“ „Das wird bei meinem Schwager eine Empfehlung ſein.“ „Ich glaube es juſt nicht. Aber wenn er meine Gründe hört, ſo hoffe ich, daß er ſie billigen wird.“ „Gleichwohl,“ fluͤſterte Viola mit zärtlicher Unruhe, „hätteſt Du es nicht thun ſollen, liebe Freundin.“ „Es gibt ſo viel, liebes Kind, was ich nicht hätte thun ſollen, daß es ſich kaum der Mühe lohnt, von dem zu ſprechen, was ich außer Acht gelaſſen habe..... Aber jetzt verneige ich mich gehorſamſt vor Madame Wendelsköld, in welcher ich, wie ich weiß, die Dame des Hauſes ſehe, und bitte auf's Verbindlichſte um die Erlaubniß, dem Herrn Kriegsrath meine Aufwar⸗ tung zu machen.“ „Ich danke für ſo große Aufmerkſamkeit, mein 129 Fräͤulein. Unglücklicher Weiſe iſt mein Schwager nicht gewöhnt, ſo mir nichts, dir nichts Frauenzimmerbeſuche anzunehmen. Wir werden uns gedulden müſſen, bis er von Ihrer unerwarteten Ankunft in Kenntniß geſetzt iſt und ſelbſt eine Stunde zum Empfange feſtgeſetzt hat.“ „Nein, gnädigſte Frau, ſolche Ceremonien wollen wir uns ein für alle Mal verbitten. Ich melde mich ſelbſt an, und es geſchieht auf meine eigene Gefahr, wenn es mir nicht gelingt.“ „Unmöglich, beſte Freundin,“ warf Viola vermit⸗ telnd ein.„Du vergiſſeſt, wie genau der Kriegsrath in Etiketten⸗Fragen iſt, ich habe Dir ja meine Ankunft beſchrieben.“ „Ja wohl, aber juſt darum wollen wir ſie nicht kopiren.“ „Aber,“ erklärte Frau Laura,„es iſt wirklich leich⸗ ter geſagt, als ausgeführt, daß Sie ſich ſelbſt anmel⸗ den wollen. Mamſell S., Sie werden ohne Mitwirkung Anderer ſchwerlich hineinkommen.“ „Nun ſo komme ich auf eigene Fauſt hinaus... Und obſchon ich den Kriegsrath nie geſehen habe, ſo wette ich, daß juſt er es iſt, der dort an der Geisblatt⸗ hecke vorbei kommt. Verzeihen Sie alſo, wenn ich mich allen weitern Ueberlegungen entziehe— ich habe keinen Augenblick zu verlieren.“ Und abermals rauſchte Jeanne Sophie wie eine Windsbraut an Laura vorüber. Der Vormund. I. Einundvierzigſtes Kapitel. Jeanne Sophies Vorſtellung. Mit niedergeſchlagenen Augen und noch in Gedan⸗ ken an die orientaliſche Wunderarznei vertieft, kam Se⸗ verin auf einem Umweg von ſeinem Ausflug nach dem Luſthaus zurück. Er war in einen langen Morgenrock von grünem Caſimir gehüllt und trug auf dem Kopf ſtatt der re⸗ ſpektabeln braungrauen Mütze einen feinen runden Strohhut, den ihm ein Seekapitän aus ſeiner Bekannt⸗ ſchaft geſchenkt hatte. Es iſt wahr, daß Severin dieſes Freundesgeſchenk ſchon vor ein paar Jahren erhalten hatte, aber gleich⸗ wohl war es nicht zu ſpät, um ſeinem Freund, dem Kapitän, zu zeigen, daß Undankbarkeit nicht zu ſeinen Fehlern gehörte—... 4— „Sehe ich nicht den Herrn Kriegsrath Wendels⸗ köld?“ fragte eine juſt nicht ſchmelzend liebliche, aber criſtallklare und wohlklingende Stimme. Severin blieb plötzlich ſtehen. Und indem er aufſchaute, bemerkte er ſich gegen⸗ über ein großes, blaſſes, brünettes und ſeiner ganzen Erſcheinung nach hoͤchſt intereſſantes Frauenzimmer, das ihn mit ſeinen großen ſammtſchwarzen Augen frei und offen betrachtete. Der Kriegsrath nahm ganz ceremoniös ſeinen Hut ab. „Ich weiß nicht, wen ich die Ehre habe, zu..“ „Darüber werde ich Sie ſogleich aufklären, Herr Kriegsrath, wenn Sie nicht ſelbſt errathen, daß nur die durch ihre Keckheit bekannte Jeanne Sophie es wa⸗ gen konnte, ſich ſo ohne alle Vorbereitung einzuſtellen.“ „Was... wie Mamſell Sophie. Es war ja erſt in acht Tagen..“ „Beſter Herr Kriegsrath, haben Sie die Güte umzukehren und mich anzuhören, bevor wir ins Haus treten.“ „Eigentlich kommt das... etwas unerwartet. Auch befinde ich mich nicht in einer Toilette, wie ſie ſich gebührt, wenn man Frauenzimmer empfängt.“ „O das hat durchaus nichts zu ſagen. Meine Seele und mein Gemüth ſind weit entfernt, ſich an et⸗ was anderes zu halten, als an Ihre allgemein bekannte Güte, Herr Kriegsrath. Es iſt mir ein Bedürfniß, als willkommene Mündel aufgenommen zu werden, bevor ich dem Vormund meine eignen Entſchuldigungen vor⸗ trage.“ Jeanne Sophie in ihrem dunklen Reiſekleid, mit beflortem Hut und mit ihrer ernſten, freimüthigen, aber immer achtungsvollen Art, machte durch ihr unvorbe⸗ reitetes Auftreten einen weit angenehmern und vor allen Dingen weit beruhigenderen Eindruck auf den Kriegs⸗ rath, als Viola in ihrem weißen luftigen Morgenkleid mit ihrer rührenden Schönheit und ihrem holden ſchüch⸗ ternen Weſen bei ihrem allzu umſtändlich vorbereiteten Auftreten gemacht hatte. „Wenn ich,“ ſagte Severin, indem er gegen Jeanne Sophie gewandt neben ihr den Weg nach einer andern Seite einſchlug,„wenn ich bisher die Pflicht verabſäumt habe, die mir ſogleich zugekommen wäre, Sie durch einen herzlichen Willkomm zu begrüßen, ſo liegt der Grund darin, daß Ihre Ankunft ſo unvermuthet war... Hat irgend ein beſonderes Ereigniß die Reiſe der Frau Juwelius beſchleunigt?“ „Nein, Herr Kriegsrath, unglücklicher Weiſe habe ich meine Reiſegeſellſchafterin nicht erwarten können, denn vor einigen Tagen hat zwiſchen mir und meiner 13² Stiefmutter ein Auftritt ſtattgefunden, der uns beiden juſt nicht viel Ehre macht. Wir erklaͤrten und vergli⸗ chen unſere Veranlaſſungen zum Mißvergnügen, und da die meinigen mir überwiegend ſchienen, ſo nahm ich ihren in der Uebereilung ausgeſprochenen Vorſchlag an, ihr Haus ſogleich zu verlaſſen.“ „Dieß, mein Fräulein, war ganz und gar nicht recht.“ „Doch, es war darum recht, weil ich, im Fall ich länger geblieben wäre, mich ſicher auf die eine oder andere Art vergeſſen haben würde, was ich nachher hätte bereuen müſſen.“ „Wirklich?“ „Ich war immer empört über die Ungerechtigkeit, die nicht ſowohl im Benehmen meiner Mutter, als in dem dummen Geſetze liegt, das ein junges Frauenzim⸗ mer— meine Stiefmutter iſt auch noch jung— in Folge eines bloßen Zufalls von einem andern abhäͤngig macht.“ Als der Kriegsrath auf dieſe Art nolens volens in eine juridiſche Frage hineingezogen wurde, war es mit allen Arten von Schüchternheit ganz und gar vorüber. „Wie meinen Sie das, Mamſell Jeanne Sophie?“ „Ich meine, daß es im höchſten Grad übel iſt, wenn eine Fran, darum, weil ſte Wittwe iſt, ohne da⸗ durch mehr Verſtand erhalten zu haben, als Gott ihr vorher zugetheilt, über ſich ſelbſt und ihr Vermögen ſchalten darf, während dagegen eine unverheirathete Frau, die zufällig mit Verſtand begabt iſt und ſich ihr kleines Vermögen zu Nutzen machen koͤnnte, ſtets zu einer höchſt ärgerlichen Vergleichung zwiſchen ihrer Lage und der Lage ihrer Stiefmutter genöͤthigt iſt, einer Stief⸗ mutter, die noch obendrein eine gewiſſe Macht über ihr Stiefkind beſitzt.“ „Das iſt eine wichtige Frage, Mamſell— eine große Frage.“ „Ja in Wahrheit wichtig und groß. Meine Stief⸗ mutter, ein gutes, einfältiges und eigenſinniges Ge⸗ ſchöpf, hat bald ſowohl meines Vaters, als ihr eigenes Vermögen durchgebracht. Sie hält ſich an die vom Ge⸗ ſetz ihr zugeſtandenen Rechte, während ich keine andere Wahl habe, als entweder abhängig bei ihr zu leben oder auch mich nach irgend einem Dienſt umzuſehen, denn einen Wirkungskreis auf eigene Rechnung kann ich mir nicht denken, weil ich unmündig bin.“ „Ihre Stiefmutter, Mamſell Jeanne Sophie, muß Sie tief beleidigt haben, bis alle dieſe Gefühle in Ihnen aufgeregt worden ſind.“ „Ja, nicht ſowohl mit Worten als in der That. Und wenn auch meine Aeußerungen durch dieſen Auftritt veranlaßt worden ſind, an den ich mich nicht weiter erinnern will, ſo gelten ſie doch nicht blos für den Augenblick. Im Fall ich mit 25 Jahren nicht verhei⸗ rathet bin, habe ich immer im Sinne gehabt, wo mög⸗ lich mündig zu werden, und jetzt iſt es— ich ſage das aufrichtig— um ſo ſicherer, als ich vermuthlich an keine eheliche Verbindung mehr denken werde.“ Der Kriegsrath betrachtete die ſtolze und kräftige junge Dame mit immer ſteigendem Intereſſe. „Wir wollen,“ ſagte er,„ſpäter auf dieſen Gegen⸗ ſtand zurückkommen. Inzwiſchen will ich jetzt blos be⸗ merken, daß die Vormundſchaft einer Frau über ſich ſelbſt— juſt durch das Beiſpiel ſo vieler Wittwen— ſich nicht immer ſo vortheilhaft zeigt, als ich wünſchte.“ „Dieß iſt wahr; aber ein Uebel darf doch nicht das Hinderniß für vieles Gute werden. Ueberdieß würde der Sache abgeholfen, wenn die Wittwen, die gezeigt haben, daß ſie ihr Vermögen nicht zu verwalten im Stande find, ſogleich unter einen Vormund geſtellt wür⸗ den; ich weiß nicht, warum die Wittwen ſo leicht ab⸗ kommen: ſie werden weniger unter Vormundſchaft ge⸗ ſtellt, als die Männer, wenn ſie Taugenichtſe ſind.“ „Sie ſind in dieſen Sachen ziemlich zu Hauſe, Mamſell Jeanne Sophie,“ fiel der Kriegsrath lächelnd ein.„Laſſen Sie uns ſehen, welche Mittel zur Emanci⸗ pation der Frauen wir gemeinſchaftlich auffinden kön⸗ nen. In dieſem glücklichen Falle würde ich meine ſchwer⸗ ſten Geſchäfte los.“ „Ja, ich verlaſſe mich darauf, daß ich in Ihnen einen Bundesgenoſſen erhalte, Herr Kriegsrath, und nun, da ich es wage, dieſe freundliche Unterredung als eine Bewillkommnung zu betrachten, trotz dem, daß ich ohne eine Aufſicht komme...“ „Was das betrifft,“ ſiel der Kriegsrath ſchnell ein, „ſo unterſtütze ich ganz und gar keine Emancipations⸗ ideen.“ „Ach nein, das iſt wahr— ich erinnere mich jetzt, daß dieß blos auf das Vermögen ſich beziehen kann. Aber dennoch betrachte ich mich, geſtützt auf die bereits ent⸗ ſtandene Bekanntſchaft, als zur Hälfte heimiſch und wage es deßhalb auf einen andern Gegenſtand überzu⸗ gehen...“ „Und der beträfe?“ Severin konnte nicht umhin, hier zu huſten, noch weniger aber konnte er beim Gedanken an ſeine orien⸗ taliſchen Träume ſich eines Erröthens erwehren. „Es gilt meiner geliebten Viola. Ich fand ſie glück⸗ licher Weiſe blühend und folglich auch glücklich. Nicht⸗ wahr, ſie iſt es jetzt?“ „In Wahrhelt, mein Fraulein, das iſt weit mehr, als ich beantworten kann.“ „Aber ich glaube es, obſchon ich ſie noch nicht dar⸗ nach fragen konnte. Als ich durch Viola's Fenſter den Herrn Kriegsrath ſah, erhaſchte ich den Augenblick im Flug, und ich bin überzeugt, daß es beſſer war, als wenn ich mich dem Vorſchlag Ihrer Schwägerin unter⸗ worfen hätte, zu warten, bis ich nach dem Ceremoniel empfangen werden könnte.“ „Meine Schwägerin,“ antwortete der Kriegsrath, indem er ſeinem Ton die Form einer gewiſſen zärtlichen Achtung gab,„iſt für mich zugleich die paſſendſte Haus⸗ verwalterin und die freundlichſte Schweſter, und es ge⸗ reicht mir immer zum höchſten Vergnügen, die Damen unter meinem Dache in einem guten Einverſtändniß leben zu ſehen. Das Gegentheil würde das köoͤrperliche Uebel, an dem ich leide, noch vermehren.“ Es iſt ſchwer zu wiſſen, warum Severin zu Jeanne Sophie von Leiden ſprach, von denen er vorher zu Viola niemals etwas geſagt hatte. Flößte die Erſtere ihm mehr Vertrauen ein, oder glaubte er dieſes Hülſsmittels zu bedürfen, um auf ſie zu wirken?“ Wie dem nun ſein mag, Jeanne Sophie dankte ihm zuerſt mit einem Blick anmuthiger Innigkeit, und dann mit einigen würdevoll ausgeſprochenen Worten. „Seien Sie überzeugt, Herr Kriegsrath,“ ſagte ſie, „daß, welche Gefühle wir Frauenzimmer im Hauſe auch gegen einander hegen mögen, es doch niemals, wenig⸗ ſtens von meiner Seite, an der Achtung fehlen wird, die wir unſerm gemeinſchaftlichen Beſchützer ſchulden. Und ich fühle, daß jedes Mißvergnügen, welches ihn durch uns trifft, ein Vergehen gegen die Dankbarkeit iſt, die zu fordern er ein Recht hat.“ Bei dieſer Artigkeit fühlte ſich der Kriegsrath wie⸗ der beruhigt und auf feſtem Boden. Er lüpfte auch verbindlich ſeinen Strohhut und gab Jeanne Sophie die Verſicherung, daß ſie ohne Zweifel beiderſeits mit einander zufrieden ſein würden. „Aber vor allen Dingen habe ich eine Bitte, Herr Kriegsrath.“ „Sprechen Sie dieſelbe frei aus.“ „Ich bedarf einer Arbeit: meine Seele fordert Be⸗ ſchäftigung, wenn ſie ſich nicht ſelbſt verzehren ſoll. Und da es vermuthlich der Dame des Hauſes nicht gefallen würde, wenn ich mich erböte, ihre Sorgen zu theilen, ſo erbitte ich mir ſtatt deſſen die Gunſt, Ihre Bemü⸗ hungen theilen zu dürfen, Herr Kriegsrath.“ „Meine Bemühungen?“ „Sie ſind mit Geſchäften überhäuft, Herr Kriegs⸗ rath. Ich ſchreibe Akten mit Schriften aller Art in's Reine, ich kann nöthigen Falls ſelbſt nach den gehöri⸗ gen Vorſchriften Aufſätze machen, zum wenigſten kann ich diktirt ſchreiben und collationiren, wenn es nöthig iſt. Und immer zu jeder Zeit und Stunde, wenn Ihre Kränklichkeit an Körper und Seele eine Geſellſchaft er⸗ heiſcht, will ich verſuchen, für Sie eine ſolche zu werden.“ „In Wahrheit, Mamſell Jeanne Sophie, dieſe Sprache iſt mir ebenſo lieb als neu. Ich weiß nicht, ob ſte mir bei einem andern Frauenzimmer gefallen würde, aber hier ſcheint ſie mir zu paſſen, und da ich überzeugt bin, daß Beſchäftigung juſt dasjenige iſt, was Sie am meiſten bedürfen, ſo ſoll es Ihnen nicht daran fehlen. Das Arrangement findet ſich um ſo angenehmer, als ich in dieſen Tagen daran dachte, mir einen Handſekretär anzuſchaffen.“ „Gott, welch ein Glück, daß ich nützlich ſein kann.. Und noch Etwas— behandeln Sie mich nie mit all zu großer Förmlichkeit. Als Ihr Handſekretär habe ich Zutritt in's Arbeitszimmer auch zu andern Zeiten, als wenn ich vom Vormund dahin gerufen werde; mit einem Worte, ich habe einen Vormund, aber ich möchte am liebſten einen Bruder, einen Freund haben, der mir ſei⸗ nerſeits hilft, mein eigener Vormund zu werden.“ „Gut, Mamſell Jeanne Sophie! Ich ſehe deutlich, daß Ihre Seele bereits mündig iſt, das iſt jedoch nicht der Umſtand, welchen das Geſetz im Auge hat.“ „Welcher denn?“ „Das Geſetz ſagt, daß, wenn ein Frauenzimmer zum reifen Verſtand kommt,— es iſt kein beſtimmtes Alter genannt, jedoch das fünfundzwanzigſte Jahr angenom⸗ men— daſſelbe mit dem Beifall und auf den Rath der Verwandten das Recht anſprechen kann ſelbſt über ſein Vermögen zu verfügen.“ „Iſt es ſo? Nun ich geſtehe, daß das Wort reif nicht daſſelbe beſagen will, wie die Neigung zur Mündigkeit, aber ich will Alles aufbieten, um zu bewei⸗ ſen, daß mein Verſtand ſich nicht gegen das Gebot des Geſetzes auflehnen wird. Wenn ich inzwiſchen ohne die Einwilligung meiner Stiefmutter nicht mündig werde, ſo fürchte ich, daß dieß länger als bis zum fünfund⸗ zwanzigſten Jahr anſtehen wird.“ „Wir wollen das Beſte hoffen...Erinnern Sie ſich nur, erinnern Sie ſich vor allen Dingen, Mamſell, daß Sie bei einem ſolchen Beſtreben Ihre Pflichten gegen ſich ſelbſt und Andere zu erfüllen haben, für welche das Beiſpiel eines vielleicht manchmal allzu ſelbſt⸗ ſtändigen Weſens nicht dienlich ſein dürfte.“ „Seien Sie ruhig, Herr Kriegsrath, ich habe die ſchwere Kunſt gelernt, meine Eindruͤcke niederzukämpfen. Aber kommt eine Zeit, wo es nicht länger in meiner Macht ſteht, mich zu beherrſchen, ſo werde ich mich ent⸗ fernen, ohne durch meine Verirrungen Andern als mir ſelbſt zu ſchaden.“ In dieſem Augenblicke, juſt als der Kriegsrath Jeanne Sophie ſeine Hand reichte, kam Frau Laura zum Vorſchein. „Sehen Sie,“ rief Jeanne Sophie, ohne allen Triumph und mit einer einnehmenden Herzlichkeit,„ſehen Sie, ob ich nicht Recht hatte. Der Kriegsrath und ich ſind bereits einig. Ich werde ſein Handſekretär.“ Zweiundvierzigſtes Kapitel. Die Mündel unter ſich. Während der ganzen Zeit, daß Jeanne Sophle ſich bei dem Kriegsrath aufhielt, kam Viola nicht von ihrem Fenſter weg. Sie konnte kaum ihren Augen trauen, als ſie den Vormund ganz gutwillig mit ſeiner neuen Mündel um⸗ kehren ſah, und noch weniger konnte ſie glauben, was ſie ſah, als die Beiden zurückkamen. Das war ja gerade, als ob ſie einander ſchon ſeit zwanzig Jahren gekannt hätten, ſo einfach, ſo vertrau⸗ lich, ſo ohne alle Förmlichkeit gingen ſie neben einander und plauderten, und zwar obſchon der Kriegsrath im Morgenrocke war. „Man ſollte glauben...“ Viola unterbrach ſich. Sie war hoͤchſt erfreut über die unbeſchreibliche Leichtigkeit, welche Jeanne Sophie entwickelt hatte, um mit einem Mann von der bekannten Unzugänglichkeit des Kriegsrathes Bekanntſchaft zu machen. Gleichwohl war es ſchwer zu begreifen, warum ſie trotz dieſer Freude eine gewiſſe Bedrückung empfand, wenn ſie be⸗ dachte, wie angenehm dieſe Vertraulichkeit für ihre Freundin wurde. Jetzt ſah ſie durch's Fenſter Laura kommen, und wie verwundert auch dieſe war.. „Ja wahrhaftig, ich muß mich wundern... Nimm Dich in Acht, arme Laura: ich fürchte, Deine Macht neigt ſich zum Untergange, und wir beide, Du und ich, könnten uns bereits uͤberlebt haben.“ „Es iſt ſchade,“ fuhr ſie, über ſich ſelbſt ſpottend ſich em den m⸗ das ſeit nu⸗ der fort,„daß wir nicht wie im Orient einen Weiberbazar haben— ganz gewiß würde uns unſer Beherrſcher dann auf den Markt ſchicken und verkaufen.“ Aber die Bitterkeit, der noch unbewußte Neid ſchmolz wie Schnee vor der Sonne, als Jeanne Sophie eintrat, und, gleich als wäre ſie müde von der Anſtrengung, ohne Weiteres ſich auf den Sofa warf, wo ſie ihr bleiches Geſicht in den Händen verbarg. „O ſprich, wie iſt's— biſt Du nicht zufrieden? Ich meinte doch, Du hätteſt in dieſer kurzen Zeit einen ungeheuern Erfolg gewonnen.“ Jeanne Sophie antwortete nicht. Eine ſtarke Ge⸗ müthsbewegung arbeitete in ihr. „CEi ſo ſprich doch... war der Kriegsrath nicht gütig? Ich verſichere Dich, daß er dieſe zwangloſe und gewinnende Art und Weiſe gegen mich nie gezeigt hat.“ „Der Kriegsrath iſt leicht zu faſſen, wenn man ihn zu behandeln verſteht. Er iſt unendlich liebenswür⸗ dig. Und dennoch nachdem ich dieſes Terrain gewonnen habe, das ich gleich im Anfang zu erobern mir vorge⸗ nommen hatte, bereue ich dieſes ganze Arrangement. Ich fürchte... „Darf ich nicht genauer erfahren, was Du fürchteft?“ „Haſt Du es nicht Aber es iſt wahr: Du unerfahrenes Kind hatteſt keinen Begriff davon, daß ich bei meinem Wunſch, hierher zu kommen, ein doppeltes Motiv hatte.“ „Denkſt Du an... an...“ Viola wurde ſo roth wie die Roſenknoſpe, die ſie ſoeben abgebrochen hatte und zwiſchen ihren Lippen hielt. „Warum errötheſt Du? ich will es wiſſen,“ fragte Jeanne Sophie mit ihrer ganzen früheren Energie. Viola wußte keinen Grund zu ſagen. Sie ſtam⸗ melte ſogar, als ſie ſich erklären ſollte. „Kind, antworte mir, wie Du einer Mutter, wie Du Gott antworten würdeſt, im Fall er noch in menſch⸗ licher Sprache Fragen ſtellte. Hat Emil einen Theil an Deinem Erröthen?“ „Ich glaube es.“ „Gott, mein Gott, laß mich den Verſtand behal⸗ ten oder vielmehr laß es bald damit zu Ende gehen.“ „Aber Jeanne Sophie Du erſchreckſt mich wirklich.“ „Thue ich das?. o nein, ich werde bald wieder ruhig. Du liebſt alſo Emil?“ „Ich?“ „Du haſt es ja ſoeben eingeſtanden.“ ,5„Habe ich eingeſtanden, daß ich den Lieutenant Emil iebe?“ „Du haſt zugegeben, daß Du ſeinetwegen errö⸗ theteſt.“ „Ja weil ich mich darüber freute, daß Du ihn noch liebteſt.“ Jeanne Sophie ſchüttelte den Kopf. „Warum ſollteſt Du Dich über eine Sache freuen, die jetzt zu meinem Verderben gereichen würde, da Alles zwiſchen uns aus iſt?“ Viola ſchwieg und biß beſtändig in ihre Roſen⸗ knoſpe. „So ſprich doch.“ „Ich kann nichts ſagen— ich konnte nicht umhin, über den Gedanken vergnügt zu ſein, daß Du Dich be⸗ ſtändig an Deinen früheren Geliebten erinnern würdeſt.“ „O, ich fürchte, dieſe Erinnerung wird ſtärker ſein, als mir gut iſt. Deßhalb bebe ich darüber, daß ich hierher gekommen bin, wo ſeine Familie wohnt und wo er ſelbſt vielleicht in Bälde eintrifft.“ „Aber iſt es denn unmöglich, daß noch...“ Jeanne Sophies Antwort beſtand in einem weh⸗ müthigen Lächeln. Viola legte die Hände zuſammen. „Wie innig, wie unausſprechlich will ich beten, daß Du glücklich werdeſt, meine geliebte Jeanne Sophie!“ nen ihr lag Bei dieſen in einer wirklichen Ertaſe ausgeſproche⸗ nen Worten ſah Jeanne Sophie mit einem tiefern Blick ihre junge Freundin an. Eine innige Zärtlichkeit und ein Strahl von Freude lag in ihren Augen, als ſie Viola ihre Hand reichte. „An was denkſt Du jetzt, Jeanne Sophie?“ „An die Anſtellung, die ich bereits erhalten habe.“ „Was fuͤr eine Anſtellung?“ „Als Handſekretär des Kriegsraths.“ „Du?ℳ „Ja, ich.“ „Nein das iſt grauſam, das iſt unrecht, das iſt wahrhaft ehrenrührig.“ „Was denn in Gottesnamen?“ fragte Jeanne Sophie in höchſt verwundertem Tone. hat„Daß er mir niemals etwas der Art angeboten a.4 „Liebes Kind, Du darfſt nicht glauben, daß er mir es angeboten habe. Ich habe ſo zu ſagen Hand an die Stelle gelegt, ehe er Zeit hatte, ſich zu beſinnen.“ „Aber wie machſt Du es, um eine Macht über ihn zu erhalten? Ich für meinen Theil habe ihn blos ein⸗ oder zweimal aus der Förmlichkeit hinausgenöthigt, in die er ſich eingehüllt hat. Aber da war er in jeder Beziehung verlegen und aufgeregt.“ „Erzähle mir Deine Triumphe, liebe Violal Das wird mich zerſtreuen... Wir frühſtücken jedenfalls hier oben. Ich habe Frau Laura darum gebeten.“ „Wußteſt Du denn ſo ſicher, daß ich es wünſchte?“ „Wie konnte ich daran zweifeln?. Gprich jetzt, lehes Kind, indeß ich meinen Kopf an die Sofaecke ehne.“ Viola ſtieß einen Viertelsſeufzer aus. Aber ſo⸗ bald ſie ihre Erzählung von der Wette mit Frau Laura begonnen hatte, und wie ſie ſelbſt, Viola, ſie gewonnen, da verſchwand jede Spur von übler Laune, und ſie plau⸗ derte noch von ihrem kurzen Glück, als der Mittag her⸗ annahte. „Ei wahrhaftig,“ ſagte Jeanne Sophie,„Du haſt alle Urſache, mich zu beneiden. Einen ſolchen Sieg ge⸗ wonnen zu haben, bedeutet etwas mehr, als wenn ich mich aufdrängen konnte, um einige Papierwiſche abzu⸗ ſchreiben.“ „Ja, nicht wahr, es war ein Triumph?“ „Nun, und jetzt ſeid ihr die beſten Freunde von der Welt?“ „Ja gewiß... aber ſeit Lieutenant Charles ab⸗ gereiſt iſt— Du findeſt, daß er die Hauptrolle in mei⸗ nem Romane ſpielt— hat mir nichts gelingen wollen.“ Und jetzt wurde alles erzählt, was dieſe Epiſode betraf. „Willſt Du einen Rath haben?“ fragte Jeanne Sophie, während ſie die Vorbereitungen zu ihrer Toilette begann. Sprich künftig nicht mehr ſoviel von Lieute⸗ nant Charles nnd denke ſtatt deſſen mehr an ihn, da er einmal Dein Held iſt und Du ihn wohl bald zu etwas noch Beſſerem ernennen wirſt.“ „Pfui! wie unartig,— Du meinſt alſo, ich ſei in den Lieutenant Charles verliebt?“ „Wenigſtens hat Dein Vormund wohl Urſache das zu glauben, da Du beſtändig von den Vorzügen des Abweſenden ſprichſt und Dich dagegen wenig um die Behaglichkeit des Mannes bekümmerſt, dem Du Freude machen ſollteſt, ſo lange Du in ſeinem Hauſe biſt, und der es wohl um Dich verdient hat, indem er Deinet⸗ wegen zuerſt ſeinen Gewohnheiten und Liebhabereien Gewalt anthat.“ „Du haſt Recht, Jeanne Sophie! Ach wie habe ich in manchen Fällen ſo thöricht gehandelt... wie wenig nehme ich Rückſicht auf ſeine Gemüthsart... aber Du ſollſt ſehen, daß ich mich künftig klüger und ſchöner be⸗ nehmen werde.“ her⸗ haſt g ge⸗ n ich abzu⸗ von 3 ab⸗ mei⸗ llen.“ diſode Lanne ilette jeute⸗ „ da etwas ſei in 2 das n des n die reude „ und einet⸗ ereien de ich venig r Du r be⸗ Dreiundvierzigſtes Kapitel. Der Johannis⸗Abend. Seit Viola ins Haus ihres Vormunds gekommen war, hatte ſie ſich niemals mit ſo ausgeſuchter Sorgfalt gekleidet, wie heute. Jeanne Sophie, die nicht kokett war(ihre ſtarken Gefühle wollten ohne vieles Bemühen hinreißen), Jeanne Sophie machte ſich wie gewöhnlich wenig mit ihrer Toi⸗ lette zu ſchaffen, und deßhalb hätte Viola nicht die Hälfte ihrer Bemühungen gebraucht, um die ſchönſte der drei ſchönen Frauen zu ſein, die ſich im Speiſeſaal des Kriegsraths verſammelten. Aber die Schoönſte iſt nicht immer die Glücklichſte. Wenn irgend etwas die Verlegenheit vermehren konnte, die ſich Severins bemächtigte, als er nach dem Ereigniß im Luſthaus ſeine Mündel wieder ſehen ſollte, ſo war es juſt der ſtrahlende Liebreiz, welchen Kunſt und Natur gemeinſchaftlich in Viola's einnehmender klei⸗ ner Perſönlſchkeit hervorgebracht hatten. Er beantwortete auch ihren Gruß äußerſt ſteif, als ſie mit der größten Freundlichkeit auf ihn zukam, wo⸗ gegen er Jeanne Sophie den Arm bot, als man bald darauf zu Tiſche ging. Vielleicht hätte Viola alle dieſe D müthigungen noch ausgehalten, wenn nicht Frau Laura, um ſie zum Auſblicken zu veranlaſſen, die Bosheit gehabt hätte, ſie auf den Fuß zu treten. Und als Viola jetzt aufſchaute, lächelte Laura mit einem entzückenden Lächeln und blickte dann verſtohlen auf die Seite, wo der Kriegsrath ſaß und jetzt mit dene Sophie wegen des Vorgerichtes Complimente machte. Nein, das war gar zu hart. Nichts von allem dem, was ſie hier ſah, hatte ſich mit ihr ſelbſt zuge⸗ tragen. Gott weiß, was Viola in dieſer ſchweren Prüfung hätte unternehmen können.— Sie würde mindeſtens ihr kurz vorher gegebenes Verſprechen vergeſſen haben, wenn nicht ein bittender Blick von Jeanne Sophie ſie getroffen hätte. Aber jetzt wollte ſie jedenfalls die Aufmerkſamkeit des Kriegsraths auf ſich ziehen. Konnte ſie ihn nicht eben ſo gut unterhalten, wie Jeanne Sophie? Was war es denn ſo merkwürdig Intereſſantes, das Jeanne Sophie ihm erzählte? Es war nichts, was der Mühe lohnte, ſeine Gedanken darauf zu heften, Nota bene, nach Violas Meinung. Jeanne Sophie ſprach davon, daß ein Reiſender auf dem Dampfboot von einem bedeutungsvollen Todes⸗ fall unter den für dieſes Jahr ernannten Reichstags⸗ mitgliedern erzählt habe. „Ich begreife nicht, daß die Leute ſich mit Dingen beſchäftigen, die ſo weit abliegen, während ſich ſo manche andere ganz in der Nähe vorfinden.“ Und nach dieſem Letzten lehnte ſich unſre Heldin vor und ſagte laut: „Haben Sie die Güte, Herr Kriegsrath, und gießen Sie mir ein Paar Tropfen Wein in mein Waſſerglas.“ Die Liſt glückte theilweiſe. Severin dachte nicht mehr an den Verluſt des Landes, ſondern nahm die Flaſche, hielt aber jetzt plötz⸗ lich inne. Wahrſcheinlich fand er es nicht recht paſſend, ſich über den Tiſch hinzuſtrecken, denn er überreichte die Flaſche dem alten Nicke und gab ihm ein Zeichen, das Fräulein zu bedienen. „Das iſt doch recht unartig, Herr Vormund, recht unartig,“ verſetzte Viola, entſchloſſen, ihn zu einem Ge⸗ ſpräch mit ihr ſelbſt zu bringen, koſte es was es wolle. Arti mar ihre woh lang wod Vio app was gew ver; glei die muf der nack der Fre beke Auf „Und warum denn, Fräulein?“ „Warum... wenn ein Frauenzimmer um eine Artigkeit bittet, und ſie muß wohl bitten, da ſie nie⸗ mand mehr in der Nähe hat, der ſich die Mühe nimmt, ihre Wünſche zu errathen.“ „Entſchuldigen Sie, Fräulein Viola, Sie wiſſen wohl, daß ein alter mürriſcher Junggeſell, wie ich, ſchon lange nicht mehr den gefälligen Eifer an den Tag legt, wodurch junge Männer ſich Dank erwerben.“ Die Antwort war eiskalt.... das war es, was Viola gewann. Hätte Frau Laura in der Oper geſeſſen, ſie würde applaudirt haben. Jetzt konnte ſie nicht mehr thun, als was ſie that, das heißt, ihre ſchöne Oberlippe mit einem gewiſſen ſchnippiſchen Ausdruck des Spottes ein wenig verziehen. Darauf verſuchte ſie ihr eignes Glück und fand ſo⸗ gleich Gehör, denn der Kriegsrath reſpektirte in Laura die Frau ſeines Bruders, die im Hauſe Achtung genießen mußte. Wir verſchweigen Violas Gefühle mit Ausnahme der Bewunderung, die ſie ſich ſelbſt dafür zollte, daß ſie nach ſolchen Vorgängen auch Nachmittags noch es in der Geſellſchaft aushalten konnte, als die gewöhnlicheu Freunde kamen, um ſowohl dem neuen als den bereits bekannten Sternen am Horizont des Kriegsraths ihre Aufwartung zu machen. Am folgenden Morgen ließ Jeanne Sophie bei guter Zeit durch den alten Nicke um ein Privatgeſpräch von einigen Minuten mit dem Kriegsrath bitten. Sie wurde in ſeinem Arbeitszimmer empfangen. Der Vormund. I. 10 Jeanne Sophie verſtand die Kunſt, ſich in alles zu ſchicken, wenn ſie wollte. Sie war entzückt von dieſem Zimmer, das Viola kaum angeſehen hatte. Sie bewunderte die Gemälde, die Bücher, die ungeheuren Papierſtöße, und ſie begriff, daß der Geiſt, der hier waltete, wohl eine volle, ja raſtloſe Beſchäftigung, aber dennoch Zeit genug haben konnte, um eine Leere zu empfinden, die ſich durch keine Arbeit ausfüllen ließ. Sie äußerte auch frei etwas von dieſer Anſicht. Der Kriegsrath ging ohne Schwierigkeit auf ihren Wunſch ein, ſich darüber auszuſprechen, und er geſtand, daß die Bedingung zu einem glücklichen Leben nicht ausſchließlich in dem einzigen Worte Arbeit enthalten ſei. „Weit eher,“ verſetzte Jeanne Sophie,„in der Be⸗ mühung, das Leben Anderer glücklich zu machen.“ „Meine Arbeit iſt immer Andern geweiht.“ „Ja, aber es handelt ſich nicht beſtändig darum, ernſtliche Vortheile zu bereiten. Es gibt Kleinigkeiten, die, während ſie unſern Freunden Vergnügen machen, auch uns ſelbſt welches verſchaffen.“ „Nun, haben Sie eine Abſicht, Mamſell Jeanne Sophie? Es ſcheint beinahe.“ „Ja, aber eine ganz unſchuldige: ich wünſchte heute Viola einmal recht herzlich vergnügt zu ſehen.“ „Iſt ſie denn über irgend etwas verdrießlich?“ „Sie haben geſtern ihren kleinen Scherz bei Tiſche mit einer Strenge erwiedert, die ich nicht verſtand. Aber ſie verſtand es— ihre Augen hörten auf zu ſtrahlen, und man ſah deutlich, daß ſie im Verlauf des Mittags mit Gewalt alle Selbſtbeherrſchung aufbieten mußte, die ihr zu Gebote ſtand.“ „Fräulein Violas Laune wechſelt oft. Aber wenn ich glaubte, daß ſie ſich verletzt fühle, obſchon fie ſelbſt der verletzende Theil war.“ „Sie?“ „Sie kennen unſre inneren Verhältniſſe noch nicht, Mamſell Jeanne Sophie. Das Fräulein ſpielte auf eine abweſende Perſon an, als ſie ſich zu erinnern beliebte, daß ihr zu wenig Artigkeit erwieſen würde.“ „O beſter Herr Kriegsrath, das verſtand ich um ſo leichter, als ſie mir bereits am Vormittag die ganze Geſchichte mit dem Lieutenant erzählt hatte.“ „Nun, es iſt alſo leicht einzuſehen.“ „Ja, daß ſie durch eine kleine kindliche Keckheit die Aufmerkſamkeit ihres Vormundes auf ſich ſelbſt zu zie⸗ hen wünſchte.“ Der Kriegsrath betrachtete aufmerkſam die gravirte Zeichnung auf ſeinem Papierbeſchwerer— man hätte glauben können, er ſähe ihn zum erſtenmal. „Aber wie erging es da meiner lieben Viola? Vor allen Dingen erhielt ſie den begehrten Wein aus einer andern Hand, und dann wurde ſie noch ſtrenge abge⸗ wieſen.“ „Aber war es auch mit den Forderungen des Zart⸗ gefühls und des guten Tones vereinbar, daß ſie, wenn auch nur im Scherz, zu verſtehen gab, ſie vermiſſe die Aufmerkſamkeiten des Lieutenant Charles?“ „Aufrichtig geſtanden, Herr Kriegsrath, im Fall ſie ihn vermißte, hat ſie nicht ein Recht dazu?“ „Und durfte ſie das auch ſo deutlich erklären?“ „Ja, ganz offenherzig.“ „Nun, da muß ich ſagen!“ „Geſtern Abend ſagte ſie zu mir: Weißt du, warum ich glaube, daß es angenehm wird, wenn Lieute⸗ nant Charles wieder nach Hauſe kommt? Darum, weil außer ihm und dem alten Nicke kein Menſch darnach fragt, ob ich weine oder lache, ob ich ruhig oder auf⸗ geregt bin.“ „Das iſt ein Irrthum von ihr, denn der Doktor und Lars Moritz, welche beide Sie ſelbſt bereits als an⸗ genehme Geſellſchafter kennen gelernt haben, beſchäftigen ſich eher zu viel als zu wenig mit ihr.“ „Aber dann,“ rief Jeanne Sophie lächelnd,„kaun ſie wenigſtens ihren Vormund dieſer Schwäche nicht be⸗ ſchuldigen, und ich fürchte, juſt das beleidigt ihr...“ „Ihre Eigenliebe?“ „Nein, ihr Zartgefühl.“ „Ich darf ſie doch nicht verzärteln.“ „Aber Sie dürfen ſlie auch nicht abſchrecken, ſollie ich meinen. Wenn ſie für den Lieutenant Charles auch nicht das geringſte Gefühl hegt— und ich kann bis jetzt nicht finden, daß ein ſolches vorhanden iſt— ſo wird ſie ja beinahe gezwungen, es ſich einzubilden. Fände ſte dagegen Zugänglichkeit und Freundlichkeit bei demjenigen, bei dem ſie ſo gern dieſe Gefühle finden möchte In dieſem Augenblicke ſah der Kriegsrath in ſeiner Fantaſte(ebenſo gut, wie wenn er noch den Gucker vor dem Auge gehabt hätte) die kleine Scene mit Viola und dem Kaktus, und ſchon die bloße Erinnerung wirkte ſo mächtig, daß ein Zittern ſein ganzes Weſen durch⸗ bebte. „Ich habe eine Bitte,“ ſagte Jeanne Sophie, gleich als erinnerte ſie ſich nicht weiter an das, wovon ſie ſo eben geſprochen hatten. „Es ſollte mich freuen, ſie erfüllen zu können.“ „Viola iſt ein Kind in der eigentlichen beſten Be⸗ deutung des Wortes. Sie hat den ganzen Morgen darüber geweint, daß ſie heute Abend keine Maiſtange bekommt.“ „Eine Maiſtange?“ „Ja, Sie dürfen mir's glauben, dieſe ſpielte eine große Rolle in ihrem heimathlichen Kinderleben, das ihre zärtlichen Tanten ihr ſo angenehm und heiter ge⸗ macht hatten.“ „Nun, großer Gott, es kann doch nicht ſo ſchwer ſein, eine ſolche zu bekommen, im Fall Nicke ſogleich auf die Inſel hinausſchickt, um Laub und Blumen zu holen.“ „Wie, Herr Kriegsrath, Sie würden erlauben?“ „Ja, ich ſehe ganz und gar keinen Grund, es zu verweigern. Das allein ſchmerzt mich, daß Fräulein Viola nicht ſo viel Vertrauen zu ihrem Vormund hat, daß ſie ihm ihre kleinen Wünſche nicht ſelbſt vorträgt.“ „Aber, Herr Kriegsrath, wann ſollte das ge⸗ ſchehen?“ „Wann es geſchehen ſollte?“ „Ja, ich darf wohl ſo fragen. Sie geben ihr nie⸗ mals Gelegenhelt zu Mittheilungen, und Sie ſelbſt ſprechen ſo ſelten mit ihr, daß ich, wenn es nicht beinahe eine Unmöglichkeit, wäre anzunehmen, daß Viola jemand mißfallen könnte, für meinen Theil glauben würde, Sie ſeien nicht mit ihr zufrieden.“ „Dieß iſt bei Gott nicht der Fall, nein, auf keine Weiſe, und es iſt auch ſeit ihrer Ankunft nie ſo zuge⸗ gangen wie geſtern.. Es war mir den ganzen Tag nicht recht wohl.“ „Heute würde es alſo anders.. Nun wohl, Herr Kriegsrath, wir müſſen ihr eine Ueberraſchung bereiten, die ſie entzücken wird.“ „Aber...“ Severin's Stirne bekam ein Paar leichte Runzeln über den Augenbrauen. „Ich,“ ſiel Jeanne Sophie ein, ohne ſich über ihre Unart, den Vormund zu unterbrechen, einen Serupel zu machen,„ich nehme es natürlich auf mich, Laura(wir haben bereits angefangen, gut Freund zu werden) von der kleinen Feſtlichkeit in Kenntniß zu ſetzen. Sie gibt gewiß ihre Einwilligung.“ Severins Miene klaͤrte ſich auf. Und das Lächeln, das er in dieſem Augenblick mit Jeanne Sophie aus⸗ tauſchte, war ſo gut wie ein förmliches Verſprechen, daß er manche Dinge zugeben wollte, wenn man ihn nur der betreffenden Unterhandlung mit ſeiner Schwä⸗ gerin überhöbe 4****.* Vom Kriegsrath hinweg ging Jeanne Sophie zu Nicke, und von Nicke zu Laura. Bei dem erſtern bedurfte es blos der Waffe des Herzens, bei der letztern der Waffe der Liſt. „Liebe Laura,— ſie hatten am vorigen Abend durch Vermittlung des Doktors Schweſterſchaft gemacht— ich wundere mich, daß man hier Viola wie eine große Dame behandelt. Gebt ihr Spielſachen und kindliche Vergnügungen... Glaube mir, damit befindet ſie ſich weit beſſer.“ „Ja, ich ſollte es wahrlich meinen.“ „Ich habe ſo eben den Kriegsrath gebeten, daß er der Kleinen zu lieb durch Nicke im Garten eine Mai⸗ ſtange aufführen laſſe. Und wenn es ſie auch ein Bis⸗ chen verdrießt, daß man ihr eine ſo angenehme Ueber⸗ raſchung bereitet, ſo glaube ich doch, daß man ſie auch, nach ihrer eignen Art und Weiſe zu ſein, erfreuen muß. Denn Du mußt doch zugeben, daß ſie ſich noch wie ein wahres Kind beträgt.“ Laura, Laura, jetzt findeſt du gewiß deines Gleichen, ja vielleicht eine Hoͤhere, als du ſelbſt biſt, da du ſo ohne Weiteres in die Falle gehſt. „Ha, ha, ha, das iſt ein prächtiger Einfall, eine Maiſtange für die Kleine. Nun, was ſagte der Schwager?“ „Er verwunderte ſich, im Anfang allerdings ein wenig über meinen Vorſchlag, aber dann ſagte er, wenn das Fräulein an ſolchen Dingen Spaß finde, ſo habe er natürlich nichts dagegen, für den Fall, daß ſeine Schwägerin ihre Zuſtimmung gäbe.“ „Guter Severin, ſelbſt in Kleinigkeiten willſt Du mein Anſehen nie verletzen.“ „Wer ſollte auch das wollen! Biſt Du nicht zu⸗ gleich unſre Schweſter und unſre Beſchützerin, und kommt es nicht Allen im Hauſe zu, ſich nach derjenigen zu richten, die das Scepter führt!“ „Du biſt charmant, meine beſte Jeanne Sophie, 15¹ und trotz Deiner Eigenwilligkeit, von der man ſo viel geſprochen hat, biſt Du weit weniger eigenfinnig, als die Kleine, wenn ſie ſich einmal etwas in ihr Koͤpfchen ge⸗ ſetzt hat. Aber Du verſtehſt es auch, ſie zu leiten. Ich begreife jetzt erſt euer Verhältniß und noch Vieles mehr.“ „Meine kleine Viola iſt ein gutes, aber eigenſinniges Kind, das wir nicht in gleiche Linie mit Frauenzimmern ſtellen dürfen, welche bereits wiſſen, was das Leben heißen will.“ „Du haſt vollkommen Recht, und ich nehme künftig an, daß es nicht der Mühe lohne, an all die Verdrieß⸗ lichkeiten zu denken, die ſie mir gemacht hat.“ Der Kriegsrath erwartete beinahe, daß Laura in ſein Zimmer hereinſtürzen und ihn wegen ſeiner Nach⸗ giebigkeit zur Rede ſtellen würde.— Alles, was Viola betraf, pflegte ſie aufzuregen und zu verdrießen.— Aber ſtatt deſſen bekam er Urſache, Jeanne Sophie für ihre unbegreifliche Methode zu preiſen und zu ſchätzen, denn der Johannisabend ſelbſt war nicht freundlicher und hold⸗ ſeliger als Frau Laura. „Dieſe Mamſell Jeanne Sophie da iſt ein geſcheid⸗ tes, ein prächtiges Frauenzimmer, ja wahrhaftig ein vortreffliches Frauenzimmer,“ ſagte Severin zu ſich ſelbſt.„Es hat wirklich Segen gebracht, daß ich ſie ins Haus nahm. Und dann iſt ſie nicht wie andre Frauen⸗ zimmer— nein, ganz und gar nicht.. Wie leicht, wie ungezwungen und dennoch würdevoll drückt ſie ſich in allen Dingen aus! Wie gut begreift ſie nicht alles auch ohne Worte. Ich fühle mich durch ihre Geſellſchaft nicht nur nicht beläſtigt, ſondern kann mich auf einen ganz kameradſchaftlichen Fuß mit ihr ſtellen.“ Und Severin war jetzt bei einer Laune, wie er ſie ſeit zehn Jahren nicht gehabt hatte. Vierundvierzigſtes Kapitel. Bei der Maiſtange. „Darf⸗ ich gehorſamſt fragen, ob das Kopfweh ſich gelegt hat?“ So fragte der alte Nicke, indem er ſeine kleine luftige Geſtalt auf der Schwelle von Violas Zimmer blicken ließ. „Nein, das hat es nicht,“ antwortete Viola halb ſchluchzend,„ich glaube, Niemand. Niemand beküm⸗ mert ſich darum.“ „Ei was!— Sie werden doch nicht am Johannis⸗ abend ſelbſt bei böſer Laune ſein, mein Fräulein, und bei dieſer warmen Dämmerung nicht auf dem Sofa lie⸗ gen bleiben wollen.“ „Es war heute Mittag noch viel wärmer.“ „Soll das etwa heißen, daß Sie heute Abend nicht hinabkommen wollten?“ „Ja ſo ungefähr... die Traurigen ſollen für ſich ſein und die Fröhlichen für ſich.“ „Aha, iſt es da, wo der kleine Schuh drückt? Es verdrießt Sie ein wenig, daß Mamſell Jeanne Sophie hinabgegangen iſt. Aber ſie ſaß da und las die Zei⸗ tungen mit dem Herrn, und dann wollten ſie und Ma⸗ dame ein wenig mit einander ſpazieren gehen.“ 1„Ja, ich begreife ſchon, daß dieß ein Hinderniß war.“ „Aber jetzt erwartet die Geſellſchaft Sie in der großen Laube, und man hat mich heraufgeſchickt, um Sie zu bitten, daß Sie ſo artig ſein und kommen moͤchten, — deßhalb kommen Sie jetzt hübſch, denn wir haben auch den Doktor hier... und gewiß, Fräulein, erin⸗ ſich eine mer halb üm⸗ nis⸗ und lie⸗ nicht ſich Es phie Zei⸗ Ma⸗ rniß der Sie ten, ben rin⸗ 153 nern Sie ſich noch vom letztenmale her, wie ſchnell er bei der Hand iſt.“ „Iſt der Pfarrer auch da?“ „Nein, er iſt mit dem Commerzienrath Marbin nach ſeinem Landgute gereist, und da er morgen nicht ſelbſt predigt, ſo bleibt er über den Feſttag aus.“ „Nun das wird angenehm, was ſoll denn ich ohne ihn beginnen?“ „Liebes Fräulein, Sie legen gar zu viel Gutes auf Eine Hand: Seien Sie jetzt ſo artig, ermuntern Sie ſich und halten Sie die Geſellſchaft nicht lange auf.“ „Ich bin entſchloſſen, hier oben zu bleiben.. und ein ſolcher abſcheulicher Johannisabend, das vollkommene Seitenſtück zu meinem letzten Geburtstag... Allein, verlaſſen, eingeſchloſſen und vergeſſen!“ Nicke verſuchte ſeine Ueberzeugungskünſte nicht weiter. Er ging, kam aber bald mit einem Papierſtreif zurück, den er Viola reichte. Sie griff haſtig darnach, denn ſie hatte einige Worte von einer Hand geſehen, die ſie wohl kannte. Die Worte lauteten, wie folgt: „Fräulein Viola iſt in die große Laube zu Thee und Erdbeeren eingeladen. Eine abſchlägige Antwort wird nicht angenommen.“ Violas Augen trockneten ſo ſchnell, als hätte der Blitz ihre Dünſte aufgeſaugt. In einer Sekunde war ſie vom Sofa auf, rannte an dem ſchmunzelnden Alten vorbei und eilte, den Hut, den ſie im Vorübergehen herabgeriſſen, am Arme hängend, blitzſchnell in den Garten hinab. Sie gönnte ſich durchaus keine Zeit, an ihren An⸗ zug zu denken. Die Locken flatterten ungebunden um ihre von Thränen glühenden Wangen, und ſtatt der ſtreng ord⸗ nungsmäßigen Mittagstoilette trug ſte einen Rock von roſenfarbigem Gingang, nebſt einem ſchwarzſeidnen Spenſer mit Spitzen von derſelben Farbe. Dieß war ihr Lieblingsanzug auf ihrem eigenen Zimmer, aber hinab hatte ſie ſich niemals in dieſem Soubretten⸗Coſtüm gewagt, das ſogar beim Frühſtück ganz ſicherlich Runzeln auf Severins Stirn hervorge⸗ rufen haben würde. Die ſchlanke geſchmeidige Geſtalt des jungen Mäd⸗ chens zeigte ſich niemals graziöſer, als jetzt, und gewiß dachten alle daſſelbe, denn als ſie in die Laube herein⸗ geſprungen kam, den Hut nuoch immer an ihrem Arme hängend, da applaudirte der Doktor, Jeanne Sophie rief: Ach! Laura ſeufzte: Weh! und Severin— ja Seve⸗ rin war im Begriff, ihr den leeren Platz an ſeiner Seite anzubieten. Aber als er trotz ſeines beſten Vorſatzes, ſich als wohlwollender und ungezwungener Vormund zu zeigen, den Muth nicht fand, ſeine Artigkeit in Worten auszu⸗ drücken, ſo ließ er ſtatt deſſen einen Blick dieſe Com⸗ miſion vollziehen. Von allen Commiſſionären ſind gleichwohl die Blicke bisweilen die ſaumſeligſten. ¹ Severins Blicke uͤberflogen zwei oder dreimal dieſe flatternden Locken, dieſe ſtrahlenden Augen und heißen Wangen, und dann verweilten ſie bei dem ſchwarzen Spenſer, dem ſchwingenden Hut und dem kurzen rothen Röckchen, bis ſie endlich bei dem chineſiſchen Füßchen ſtehen blieben, die in ſchwarzen Saffianſchuhen ſteckten, weuche anmuthig gegen die ſchneeweißen Strümpfe ab⸗ achen. Die Folge all' dieſer Abſchweifungen war, daß das Ziel vergeſſen wurde. Viola, die ſich inzwiſchen erinnerte, daß ſie einen der wichtigſten Artikel in der Tagesordnung vergeſſen hatte, ſagte leiſe: „Schelten Sie mich, wie Sie wollen, aber ſtrafen Sie mich nicht wieder mit Stillſchweigen.“ wei Ark Jal hier unſ ring nich Fre war hab gefi Ma kön ung weit nert heit ten, jetzt lieb ihr bin dem rüh erkl idnen genen ieſem hſtück orge⸗ Mäd⸗ ewiß rein⸗ Arme ophie Seve⸗ ſeiner ) als eigen, uszu⸗ Com⸗ 155⁵ Severin verſtand kein Wort; ſeine Gedanken waren weit entfernt von ſeiner eigenen ſo ernſtlich überlegten Arbeit. „Warum ſollte ich Sie ſchelten, mein Fräulein? „Toiletten⸗Kapitel§ 3.!“ rief der Doktor lachend. „Der Johannisabend ſteht allein da im ganzen Jahr,“ verſetzte Severin lächelnd.„Ueberdieß ſehe ich hier nichts anderes, als Fräulein Violas Güte ſogleich unſerem Wunſche nachzukommen.“ Mit einem jubelnden Augenwurf ſchaute Viola ſich ringsum. Alles lächelte ihr entgegen.. Die Freude ſtürmte durch ihr Herz... Sie wußte nicht ſo genau, warum, aber bald errieth ſie, daß dieſe Freude eine Ahnung der Ueberaſchung war, die ihrer wartete. Wer würde auch nicht ein Kind zu ſehen geglaubt haben, als Viola aus der Laube in den Plan hinaus⸗ geführt wurde, wo die Maiſtange— die allerſchönſte Maiſtange prangte! Sie warf ſich nieder zu den Füßen der Johannis⸗ königin,— vor einer Maiſtange durfte ſie doch wohl unangefochten die Kniee beugen. Sie küßte ſie, ſie weinte, ſie lachte, und indem ihr Herz und ihre Erin⸗ nerung bald in der Gegenwart, bald in der Vergangen⸗ heit ſchwelgten, rief ſie: „O meine Tanten, meine geliebten, verehrten Tan⸗ ten, ſo hattet ihr es für eure Viola veranſtaltet; aber jetzt ſind es andere Freunde, die ſie auch ein Bischen lieb haben, und das erfreut euch in eurem Himmel, ihr Theuren, Theuren, daß ich glücklich bin... jetzt bin ich ſehr, ſehr glücklich.“ „Sind wir es nicht auch,“ fiüſterte Jeanne Sophie dem Kriegsrathe zu. „Ja wahrhaftig,— der Anblick ſo vieler Unſchuld rührt das Herz.“ „Und jetzt bilden wir einen Ring und tanzen,“ erklärte der Doktor.„He! Nicke, komm her, Alter, und rühre dich, du haſt gerade ſo junge Beine, wie i 7. Elektrifirt von dem Worte Tanz ſprang Viola auf .. und begründet oder unbegründet, in der Stadt verbreitete ſich bald darauf das Gerücht, des Kriegs⸗ raths Tod ſei jetzt ſoviel als gewiß, denn er habe in eigener Perſon mit ſeiner Mündel um die Maiſtange getanzt. Weiter verbreitete ſich ein anderes Gerücht, das alſo lautete: Frau Lauras Regierung ſoll mit dem Untergang der Johannisſonne ihr Ende genommen haben: eine neue Favorite iſt eben ſo ſchnell als unerwartet zur Herr⸗ ſchaft gelangt. Allerdings war es auch noch etwas Anderes, was zugleich erzählt wurde; aber um uns dafür recht zu intereſſiren, müſſen wir wiſſen, was ſich weiter an der Maiſtange zutrug. Der Doktor war zu einem Krankenbeſuch gerufen worden. Und während man ſeine Rückkehr zum Souper und Frau Lauras Rückkehr von den häuslichen Anord⸗ nungen erwartete, bei denen ſie Gelegenheit fand, ein Billet von Lieutenant Charles, der ſo eben zu ſeinen Eltern zurückgekehrt war, zu leſen und zu beantworten, — während all dieſe Erwartungen vor ſich gingen, ſaßen die Mädchen und plauderten mit dem Vormund auf dem Graswall in der Nähe des Feſtplatzes. „Meine liebe Viola,“ ſagte Jeanne Sophie,„wenn Du geſtern vom Lande gekommen wäreſt, ſo würde man es, ſagte verſe Hern geſſe mein iſt je verg Ang habe erufen ouper Inord⸗ „ ein ſeinen orten, ſaßen auf wenn 157 glauben, es geſchähe aus Verlegenheit, daß Du Dich ſo nett in den kleinen Finger beißeſt.“ Jeanne Sophie merkte ſehr wohl, daß das wieder⸗ holte kleine Manöver eine triftigere Urſache hatte. „Schmeichle Dir nicht mit der Hoffnung, mir eine Lection ertheilen zu dürfen,“ ſagte Viola lachend:„ich habe einen Dorn in den Finger bekommen.“ „Einen Dorn— aber ſo weit Sie mit den Hän⸗ den reichen konnten, mein Fräulein, gibt es ja an der Maiſtange keine Blumen mit Dornen.“ 2,Slli Jemand zum Voraus daran gedacht ha⸗ ben?“ „Der Kriegsrath erröthete ſo ſtark, daß ſogar ſeine Stirne einer Abendwolke glich. „Nicke iſt ſehr vorſichtig.“ „Der gute Nicke— er kann auch unbekümmert ſein,— ich habe den Dorn ſchon ſeit geſtern...“ „Seit geſtern früh,“ ſiel Severin unbedachtſam ein. „Ja, juſt ſeit geſtern früh... woher wiſſen Sie es, Herr Kriegsrath?“ „Ich rathe blos... ich erinnere mich, daß Nicke ſagte, Sie hätten da... ſeine Blumenbeete beſehen.“ „Nein, Nickes Blumen find wiederum ohne Schuld,“ verſetzte Viola heiter,„dagegen ſind es die Ihrigen, Herr Kriegsrath.“ „Ah— Sie waren im Salon, mein Fräulein?“ „Nein, droben bei mir. Sie hatten ganz gewiß ver⸗ geſſen, Herr Kriegsrath, daß ich am erſten Morgen nach meiner Ankunft einen Kaktus zum Geſchenk erhielt?“ „Einen Kaktus— ich erinnere mich nicht— doch es iſt ja möglich.“ „Wenn ich geglaubt hätte, daß er ſo vollkommen vergeſſen wäre, ſo hätte ich nicht eine Zeit lang ſo in Angſt zu ſein gebraucht, daß man darnach fragen möchte.“ „In Angſt? 4 „Mein armer Kaktus iſt ganz krank geweſen, aber ich habe ihn ſo gut gepflegt, daß ſelbſt Sie, Herr Kriegs⸗ rath, ihn nicht mit größerer Sorgfalt hätten behandeln können. Jetzt iſt er aber auch vollkommen geſund.“ „Wenn Sie mich um Rath gefragt hätten..“ „Nein, nein, das wollte ich nicht. Da hätte ich nicht allein den Triumph gehabt. Geſtern früh entdeckte ich zwei Knospen, und im Entzücken vergaß ich, wie undankbar mein Kaktus immer gegen mich iſt.“ „Aber der Geber iſt nicht undankbar für Ihre Mühe, ſeien Sie davon überzeugt.“ Und die Brille abnehmend, ſtreckte Severin helden⸗ müthig die Hand vor, um den Finger zu ergreifen, der ihm ſogleich entgegengehalten wurde. „Seien Sie ſo gut, Mamſell Jeanne Sophie, und ſehen Sie hieher.. Der Dorn iſt tief eingedrungen, .. ich begreife nicht, wie Fräulein Viola ſo geduldig ſein und gar nicht über Schmerz klagen konnte.“ „O ich hatte geſtern und heute einen ganz andern Kummer, aber jetzt ſehe ich ein, daß er heraus muß.“ „Man ſfollte ſie wegen ihrer Gleichgültigkeit ſchel⸗ ten,“ meinte Jeanne Sophie.. Haben Sie ein ſchar⸗ fes Federmeſſer bei ſich, Herr Kriegsrath?“ „Allerdings... können Sie, Mamſell Jeanne Sophie..“ „Nein, nein, ich ſpringe hinein und hole etwas ſchwarzen Taft und Heftpflaſter, um es auf die Wunde zu legen.“ Jeanne Sophie ging, ohne Jemandens Beifall ab⸗ zuwarten. „Ich bin zwar ſicher und habe eine leichte Hand— .. doch vielleicht wäre es ebenſo gut, die Rückkehr des Doktors abzuwarten.“ „Wenn Sie nicht wollen, Herr Kriegsrath...“ „Am Willen fehlt es nicht.“ Severin zog langſam das Federmeſſer hervor, und betrachtete darauf die weiße Hand, die Viola mit einent leichten Zittern in die Höhe hielt. „Wenn Sie erlauben..“ 159 Aber als er jetzt zum zweiten Mal allein mit ſei⸗ ner Mündel dieſen kleinen, gar zu kleinen Finger an⸗ faſſen ſollte, da war es ihm, als ob er ganz und gar verſchwände, und die Bäume, der Boden, die Blumen, Alles zuſammen verſchwand. Nur das Entſetzen von einem etwaigen neuen Paroxis⸗ mus, wie er ihn im Luſthaus gehabt hatte, gab ihm ſeinen Muth zurück, und indem er ſeine ganze Selbſtbeherr⸗ ſchung und Sehkraft aufbot, ließ er das Federmeſſer die Haut aufritzen. „Es thut weh, fürchte ich.“ „O nein, aber unglücklicherweiſe iſt der Dorn noch nicht heraus.“ „Er muß heraus.“ Er beugte ſchnell ſeine Lippen hinab, und zog da⸗ mit den Unruhſtifter heraus. „Verzeihen Sie, verzeihen Sie, mein Fräulein, da iſt er jetzt.“ „Ich bin es,“ ſtammelte Viola,„die.. die um Verzeihung zu bitten hat.“ Severin hielt noch immer den Finger zwiſchen ſei⸗ nen Fingern, und als Violas Stimme mit dieſem zit⸗ ternden Ton ſein Ohr umkoſte, nahten ſich ſeine Lippen noch einmal dieſer feinen Roſenſpitze, obſchon unter einer andern Form als vorhin; der Hauch eines leiſen, aber Puughe htn Kuſſes durchfuhr jede Nerve in Violas 2 e en. Gleichzeitig mit dieſer Erſcheinung öffneten ſich ihre licke gegen einander, worauf eine gegenſeitige Röthe und zuletzt eine gegenſeitige Verwirrung, eine Qual ohne Qualen über ſie kam... „Nun wie iſts gegangen? iſt der Dorn heraus?“ fregt⸗ Jeanne Sophie, die in dieſem Augenblick zurück⸗ ehrte. Der Vormund und die Mündel ſahen beide vor ſich hin, aber gleichwohl glaubten beide, daß die Sache ge⸗ lungen ſei. „Ja wirklich, jetzt will ich das Uebrige thun.“ „Nein,“ rief Viola,„Du darfſt ihn nicht berühren.“ „Soll ich Dir nicht dieſen ſchwarzen Taftſtreif dar⸗ über legen?“ „Gewiß nicht— dieſe unbedeutende Wunde wird ſchon von ſelbſt heilen.“ Dieſe ganze kleine Scene kam glücklicherweiſe nicht über die Mauern des Gartens hinaus. Aber über die nächſtfolgende verbreitete ſich ſogleich ein unbeſtimmtes Gerücht in der Stadt........... *«.****..**⁴***** „Ihr Diener, meine Herrſchaften! Wenn das le⸗ bende Bild hier aufgeführt wird, ſo iſt hier ein weiterer Zuſchauer, der am Genuſſe Theil nehmen will.“ Die drei Perſonen auf dem Grasplatz wandten ſich um. Der Kriegsrath und Viola erhoben ſich höͤflichſt, aber nicht ohne ſichtbare Zeichen von Verwunderung. Was Jeanne Sophie betrifft, ſo ſank ſie willenlos zurück und ſiel zum erſtenmal in ihrem Leben in Ohn⸗ macht. Der Gaſt, den der Doktor mitbrachte, war Lieu⸗ tenant Emil Marbin. Lieutenant Emil, der eben erſt aus dem Dampfbot geſtiegen war, hatte unterwegs den Doktor getroffen, der ihm ſogleich erklärte, daß ſeine Eltern auf dem Lande ſeien, daß er aber deßungeachtet nicht um die Feſtgrütze kommen ſolle, im Fall er ſich der Leitung eines alten Bekannten überlaſſen wolle. „Wohin geht es denn 2“ hatte Lieutenant Emilgefragt. „Zum Kriegsrath Wendelsköld.“ Emil wußte kein Wort von der Ankunſt ſeiner ehemaligen Geliebten, aber gleichwohl ſträubte er ſich, bis der Doktor ihm beſtimmt erklärte, daß er die ganze Verantwortung auf ſich nehme. Der Doktor war, wie man weiß, ein großer Freund von ergie ſetzt Jear fand. dage order Jean . 8ℳ 1s le⸗ iterer ndten -lichſt, ung. lenlos Ohn⸗ Lieu⸗ npfbot roffen, Lande igrütze alten efragt. ſeiner er ſich, e ganze Freund 161 von Experimenten, und jetzt hoffte er auf ein Feld, das ergiebig werden ſollte. Es war jedoch weniger ergiebig als er vorausge⸗ ſetzt hatte; denn er hatte ſich Hoffnung gemacht, daß Jeanne Sophie ſtärkere Nerven beſitze. „CEi der tauſend,“ rief er, als er ſich hierin getäuſcht fand,„ſchnell, Lieutenant, hilf mir!“ Lieutenant Emil, der einen Augenblick unbeweglich dageſtanden, ließ alle Ceremonien bei Seite: er rauſchte ordentlich an Viola vorüber, um ſich der erblaßten Jeanne Sophie zu nähern. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Ein Wunder. „Du mußt Dich doch noch an mehr erinnern?“ „Nicht an das Mindeſte, beſte Jeanne Sophie, ſon⸗ dern nur daran, daß unſre Freude geſtört, und das Abendeſſen kaum von einer andern Perſon gekoſtet wurde, als von dem Doktor.“ „Lache mich nicht aus,“ ſagte Jeanne Sophie, als ſie, aufrecht im Bette ſitzend, mit trockenen, brennenden Blicken ihre junge Geſellſchafterin betrachtete, die, da ſie am Johannistag früh aufgeſtanden war, jetzt kniend auf einem Schemel zu Jeanne Sophies Häupten lag unn die Ellenbogen gegen den Rand des Bettes geſtützt atte. „Warum ſollte ich lachen?“ „Ueber das vielleicht, um was ich Dich bitten will.“ Der Vormund. II. 11 162 „Wenn ich Dich anſehe, empfinde ich wahrhaftig gar keine Luſt zu lachen.“ „So wiederhole mir noch einmal das Wenige, was Du bereits erzählt haſt.“ „Gern.. wir ſaßen, wie Du Dich erinnerſt, mit dem Kriegsrath zuſammen. Ich war vorher gleichſam ein wenig betäubt von... von dem Schmerze im Fin⸗ ger, obſchon das Ding nicht ſo übertrieben weh that. Nun auf einmal hört man des Doktors Stimme... wir drehen uns um, und ſehen den Lieutenant Emil, und in dieſem Augenblick verlorſt Du die Beſinnung.“ „Weiter?“ „Der Lieutenant ſprang jetzt ſo haſtig vor, daß er mich, die ich ebenfalls zu Dir wollte, beinah umgewor⸗ fen hätte, und nachher war er es, der Deine Pulſe rieb und Deinen Kopf unterſtützte, und in jeder Bewegung lag eine ſo ſanfte Zärtlichkeit, wie nur eine liebende Mutter ihrem Kind hätte beweiſen können.“ „Ach, es währte nicht lange!“ „Lange genug für unſre Unruhe. Aber als Du an⸗ fingſt Dich zu bewegen, flüſterten der Kriegsrath und der Doktor einander einige Worte zu, was der Lieute⸗ nant nicht bemerkte, und bald darauf ſagte der Doktor laut:„Mein lieber Emil, es ſieht aus, als ſollteſt Du Dich anderwärts nach einer Feſtgrütze umſehen, und es thut mir ſehr leid, mein ehrlicher Junge, aber ich werde Dir gelegentlich eine Enſchädigung geben.“ „Und Emil, was ſagte er?“ „Nichts. Er legte Deine Hand in die meinige, ver⸗ beugte ſich tief und verließ uns.“ „Aber,“ murmelte Jeanne Sophie,„Du kannſt mir wenigſtens ſagen, wie er ausſah, als... als er meine Hand in die Deinige legte— that er Nichts weiter?“ „Er ſah ſehr betrübt aus, aber er that nichts ans ders, als was ich ſagte.“ 4 „Und der Kriegsrath, was hat der geſprochen?“ „Ebenfalls nicht ein einziges Wort. Wir ſaßen wie Mumien am Tiſche beiſammen; ſogar der Doktor be⸗ ſchränkte ſich darauf, zu eſſen und zu trinken.“... *..***.*...** 4.*. „Meine lieben Mädchen,“ tönte Lauras Stimme, „wollt ihr mich empfangen?“ Die Geberden der beiden jungen Damen bewieſen wenig Neigung dazu: aber auf einen Wink von Jeanne Sophie antwortete Viola: „Willkommen!“ Lauras Ausſehen hatte eine angenehme Friſche; zugleich that ſich aber eine qualvolle, unruhige Unge⸗ duld an ihr kund, und zwar von den Augen an, bis auf die Füße hinab, die ſich kaum ruhig auf dem Bo⸗ den halten konnten. Sobald ſie ſich vergewiſſert hatte, daß ihre„liebe“ Jeanne Sophie von ihrem zufälligen Unwohlſein gänz⸗ lich wieder hergeſtellt war, erklärte ſie, ſie ſei ſo früh gekommen, um mit ihnen ein berathendes Collegium zu bilden. „Nun, was ſoll in demſelben vorkommen?“ fragte Jeanne Sophie. „Ich habe ein Billet an meinen Schwager von dem Commerzienrath Marbin. Bei dieſem Namen machten beide Mädchen eine Be⸗ wegung. „Seid ruhig, meine Engel— die Sache iſt nicht ſo wichtig, wie ihr euch vorzuſtellen ſcheint. Es han⸗ delt ſich blos um eine Einladung zum Mittagsmahl auf dem Landgute des Commerzienraths. Und die Einladung gilt uns Allen zuſammen.“ „Ich füͤr meinen Theil will nicht hingehen,“ ſagte Viola. „ Aber ich will,“ rief Jeanne Sophie. „Auch ich,“ ſagte Frau Laura ſchüchtern, würde dieſen Ausflug gerne mitmachen, Ich habe das Land, das liebe, fröhliche, eigentliche Land ſeit Jahr und Tag nicht mehr geſehen.... Aber wer ſoll Severin zu dem Wunder veranlaſſen, eine Reiſe von vollen dreivier⸗ klaͤ tel Meilen zu machen?“ „O das wäre für Dich eine Kleinigkeit,“ verſetzte hat Viola mit einer etwas impertinenten Zuverſichtlichkeit. um „Ach nein, meine Liebe,“ fiel Laura ein;„zu die⸗ ſer Kleinigkeit ſind andre Ueberredungsmittel nöthig wo als die Deinigen und die Meinigen zuſammen.... mit Jeanne Sophie dagegen vermag es, ſie, die bereits ihre geh eigene Methode mit unſerem alten Original hat.“ Laura wußte recht gut, daß, wenn ſie jemals gänz⸗ 1 lich unmächtig werden ſollte, es juſt in dieſer Sache ge⸗ ſchehen dürfte, wo ihre Bitten für nichts anderes als Partheilichkeit gelten konnten. Hatte ſie nicht offenbar für den Lieutenant Charles in! Parthei ergriffen? Aber juſt dieſer Parthei wegen mußte die Einladung angenommen werden. Cor Die Sache war bereits abgemacht zwiſchen ihr und So dem Lieutenant, der, um bei Emils bevorſtehender Heim⸗ kehr alles bereits im Reinen zu haben, ſich den raſchen ratl Mitteln nicht mehr widerſetzte. „Ich gehe, ſo bald ich angezogen bin,“ ſagte Jeanne aber Sophie, und ich komme mit keinem Nein zurück.“. die „Thue nicht, was Du bereuen könnteſt,“ flüſterte Sch Viola.„Du ſtellſt Dich dem Mißfallen des Kriegsrathes blos, wenn Du in dieſer Angelegenheit hartnäckig biſt ladu — und ich habe keine Luſt.“ Vio „Liebes Kind,“ antwortete Jeanne Sophie, in ſo weil entſcheidendem Ton, daß Frau Laura ſich darüber freute, ſchen „ſpare Deine Einwendungen, bis ich Zeit bekomme, Dir um zu erklären, warum ich ſo handle...Aber wie treffe die ich den Kriegsrath— iſt er ſchon aufgeſtanden?“ ſelb „Die erſte Frage,“ ſagte Laura,„betrifft das Hinein⸗ uuaner— Er hat im Sinne, heute gar nicht aufzu⸗ die ehen. „Gar nicht aufzuſtehen?“ „Nicke ſagt, er ſehe ganz krank aus und habe er⸗ klärt, daß er Niemand ſehen wolle.“ 1 „Eitel Einbildung,“ erklärte Jeanne Sophie.„Er hat eine ſchlafloſe Nacht und unruhige Träume gehabt, um ſo nothwendiger iſt es, daß er hinauskommt.“ Jeanne Sophie wußte nicht recht, was ſie thun wollte, um zu Emils Eltern zu kommen; aber was ſie mit Beſtimmtheit wußte, das war, daß ſie durchaus hin⸗ gehen wollte. Zehn Minuten ſpäter trat Nicke mit zwei Billeten in des Kriegsraths Zimmer. Das eine enthielt die frmliche Einladung des Commerzienraths Marbin, das andere war von Jeanne Sophie und lautete wie folgt: „Auf meinen Knieen flehe ich Sie an, Herr Kriegs⸗ rath, die in Frage ſtehende Einladung anzunehmen. „Ich bin dieſen Morgen wieder vollkommen geſund, aber ich glaube, daß ich ernſtlich krank würde, wenn ich die erbotene Gelegenheit, meine einmal beabſichtigten Schwiegereltern kennen zu lernen, nicht benützen könnte. „Im Uebrigen zweifle ich nicht, daß die ganze Ein⸗ ladung darauf berechnet iſt, Lieutenant Charles und Viola zuſammen zu führen, und es ſcheint mir, daß ſich, weil ſte der Werbung dieſe Oeffentlichkeit zu geben wün⸗ ſchen, für Viola keine beſſere Gelegenheit darbieten koͤnnte, um ſie mit Beſtimmtheit zurückzuweiſen. Damit wäre die ganze Sache abgethan,— und ich glaube, daß ſie ſelbſt gar nichts Beſſeres wünſcht. „Gleichwohl geſtehe ich aufrichlig, daß für mich die erſte Frage die Hauptſache iſt. „Mit verehrungsvoller Ergebenheit „Jeanne Sophie S.“ Der Kriegsrath las dieſes Billet ſieben bis achtmal, bevor er zu dem alten Nicke die drei Worte ſagte: „Tinte und Papier!“. Darauf ſchrieb er:„ „Ich mache mir kein Verdienſt daraus, den Wunſch zu erfüllen, der an mich gerichtet worden iſt. „Es iſt bloß eine Gerechtigkeit, die Sie ſich ſelbſt verſchaffen, Mamſell Jeanne Sophie, wenn Sie den Wunſch hegen, ſich denjenigen, die gegen Sie eingenom⸗ men waren, in einem vortheilhaften und edlen Lichte zu zeigen. „Inzwiſchen glaube ich, bemerken zu müſſen, daß die Familie Marbin bei ihrer Einladung ſicherlich nicht wußte, daß Lieutenant Emil bereits heimgekommen war. „Freundſchaftlich „Severin.“ N. S. Wir fahren um ein Uhr weg. „Was das betrifft, was Sie im Vorbeigehen er⸗ wahnten, ſo halte ich es für wahrſcheinlich; aber iſt es auch wahrſcheinlich, daß die Gelegenheit ſo benützt werden ſoll 2 7.............. Als die Antwort des Kriegsraths kam, konnte vor lauter Unruhe keine der jungen Damen recht athmen. „Es iſt ein Nein!“ ſagte Viola. „Ich fürchte daſſelbe,“ antwortete Laura herabge⸗ ſtimmt. „Ob es nun Ja oder Nein lautet,“ verſetzte Jeanne Sophie,„ſo wollen wir dennoch gehen.“ Sie riß das Billet auf und las laut die erſte Strophe. „Ich mache mir kein Verdienſt daraus, den Wunſch zu erfüllen, der an mich gerichtet worden iſt.“ „Ein Wunder, ein Wunder, meine Damen!“ rief die Schwägerin. des hin eine vor Lau 167 „Ja, ein Wunder,“ rief auch Viola ſogleich in einem andern Tonfall........ Und die ganze Stadt rief Wunder, als der Wagen des Kriegsraths Wendelsköld um ein Uhr die Straße hinab fuhr. In dieſem Wagen ſaß Severin blaß, matt und in eine Ecke zurückgelehnt, und neben ihm die neue Fa⸗ voritin. Im folgenden Wagen fuhr der Doktor nebſt Frau Laura und Viola. Sechsundvierzigſtes Kapitel Neue Bekanntſchaften. Das Haus des Commerzienraths Marbin war das reſpektabelſte und reichſte Handelshaus in der Stadt. Aber die Unbeſtändigkeit der Conjunkturen und mehrere auf einander folgende Verluſte veränderten die Sachen ſo weit, daß der Commerzienrath, als er ſich vor fünf Jahren von den Geſchäften zurückzog, nur ein ſogenann⸗ tes anſtändiges Vermögen beſaß. Er hatte ſich darüber gegrämt, daß keiner ſeiner eigenen Söhne ſein Geſchäft gewählt und die Firma fortgeſetzt hatte. Aber die jungen Herren Marbin vertheidigten ſich wacker gegen die väterliche Vormundſchaft, die über ihre Nei⸗ gungen verfügen wollte, und ſetzten fich daher von An⸗ fang ihrer Laufbahn an in ein etwas geſpanntes Verhäl⸗ niß zu ihrem Vater. Was Emil betrifft, ſo ſtießen zwei harte Köpfe gegeneinander. Der Commerzienrath hatte einen eiſer⸗ nen Charakter, und das hatte auch ſein aͤlteſter Sohn. Ohne mehr als die erſten und allernothwendigſten Unterſtützungen zu erhalten, wurde er Ofſicier mit Schulden. Sodann lebte er auf Kredit, der auch eine Anzahl Jahre hindurch nie ermüdete, denn man wußte, daß der Vater bedeutend reich war und nicht mehr als zwei Kinder hatte. Aber in ſpätern Zeiten, als es verlautete— das Gerücht fällt gerne von einem Extrem ins andere— daß das Vermögen des Commerzienraths nicht größer ſei, als daß er für ſeine eigne Lebzeit(wenn ſie nicht gar zu kurz währe) bequem leben könne, begannen die Quellen nicht bloß ſchwächer zu fließen, ſondern gänz⸗ lich zu vertrocknen. Lieutenant Emil war alſo, um ſich nach einigen Richtungen hin Luft zu ſchaffen, genöthigt geweſen, ſich in einigen andern noch mehr zu verwickeln, und ſo kam es, daß im gegenwärtigen Augenblick ſeine Angelegenheiten ſich in einem ſo kläglichen Zuſtand be⸗ fanden, daß es, wofern nicht eine große und ſchleunige Abhülfe kam— und ſie mußte wirklich ſehr groß ſein — unſicher war, ob er nicht ſtatt des baldigſt zu er⸗ warteten Kapitänspatentes an eine Stelle befördert wurde, wo bloß Militärs mit Abſchied wohnen können. Wir haben Jeanne Sophie behaupten gehört, daß ſeine Zögerung bloß aus Mangel an Liebe entſtanden ſei, und daß ihm mit ihren fuͤnftauſend Reichsthalern geholfen werden könnte. Der Lieutenant wußte ſelbſt beſſer, wie die Aktien ſtanden. Fünftauſend Reichsthaler— im Fall er es über ſich vermocht hätte, das einzige Vermögen ſeiner Frau zu verbrauchen— hätten bloß auf kurze Zeit den Sturm abhalten können, der endlich ausbrechen mußte. Und nicht einen einzigen Pfennig wollte der Vater vorſchießen, wenn nicht der Sohn ganz unbedingt von der planloſen Verbindung abſtände, die er einzugehen beabſichtigte. Aber auch für dieſen Fall ſetzte er nichts Beſtimmtes aus: es war bloß„möglich“, daß er einen Verſuch machen würde, die Angelegenheiten ſeines älte⸗ ſten Sohnes zu ordnen. Emil war weder Spieler, noch Trinker geweſen, noch hatte er andere Leidenſchaften gehabt, welche den Mann ruiniren; aber er hatte ein allgemeines Verlan⸗ gen ſtandesgemäß zu leben, ſeinen Kameraden zu dienen, jedem Nothleidenden zu helfen, und im Uebrigen, wie man ſagt, nicht auf den Pfennig zu ſehen: ein Fehler, der nach mannigfachen Erfahrungen in die Länge bei⸗ nah noch mehr zieht, als irgend ein anderer. Was Lieutenant Charles betrifft, ſo lebte er unge⸗ fähr um ein Drittel flotter, als Emil, hatte aber deß⸗ ungeachtet nicht den driten Theil ſeiner Schulden. Das kommt zuvörderſt daher, daß Lieutenant Char⸗ les„ſowohl Vater als Mutter verſprochen hatte, nie⸗ mals eine Bürgſchaft einzugehen,“ eine Sache, die er um ſo leichter halten zu köngen glaubte, als er trotz ſeines Leichtſinnes ſehr gut die Unannehmlichkeiten be⸗ griff, die man ſich durch„eine dumme Dienſtfertigkeit“ zuzieht. Und dann beſaß er in ſeiner Eigenſchaft als Liebling der Eltern baares Geld, während Emil bloß Hoffnungen hatte. Charles beabſichtigte Verbindung mit Fräulein Holſt, einer kleinen Erbin mit ohngefähr 50,000 Reichsthalern Banko, hob die Aktien des jüngeren Sohnes ebenfalls in den Augen der Eltern. Charles that Alles klug und wohlbedacht, obſchon er leichtſinnig ſchien, während Emil, der wie ein ver⸗ ſtändiger und bedächtiger Mann ausſah, nie etwas An⸗ deres als Dummheiten beging. Die Mutter war eine Dame von ebenſo unzugäng⸗ lichem Charakter, wie ihr Mann. Sie hätte lieber(verſteht ſich mit aller möglichen Theilnahme) ihre Söhne zu Grunde gehen geſehen, als daß ſie um derſelben Willen ihre eigne Zukunft nur im Mindeſten bloßgeſtellt hätte. Gleichwohl liebte ſie dieſelben. Aber es war gegen ihre Principien Opfer zu brin⸗ gen, welche die Kraͤfte überſtiegen. Man erntete von ſeinen Kindern keinen Dank dafür, wenn man ſich ſelbſt arm machte und ihnen hernach zur Laſt fiel. „Nun, mein lieber Charles,“ ſagte Frau Marbin, als ſie beim Frühſtück, zwiſchen ihrem Manne und ihrem Sohne ſitzend, ſich von beiden bedienen ließ, denn es war Sitte im Haus, die Commerzienräͤthin als eine Art von höherem Weſen zu betrachten,„nun, mein lie⸗ ber Charles, glaubſt Du, daß unſer Plan gelingen wird? Wird wohl der Kriegsrath, der ſchon ſo lange an ein ſtilles häusliches Leben gewöhnt war, ſich be⸗ wegen laſſen, hieher zu kommen?“— „Seine liebe pfiffige Schwägerin deutet auf einen Rath an, wodurch er dazu beſtimmt werden könnte.“ Lieutenant Charles gab dieſe Antwort, während er ſo gut, wie auf den Knien aus ſeiner Mutter Hand eine auf die delikateſte Weiſe zubereitete und präſentirte Brodſchnitte in Empfang nahm. „Es iſt inzwiſchen unangenehm, oder was meinſt Du, Mama,“ bemerkte Herr Marbin Senior(ein kräf⸗ tiger und etwas gekenhafter Greis),„daß wir uns dazu bequemen mußten, auch die allzuberühmte Mamſell S. einzuladen.“ „Mein Freund,“ antwortete die Commerzienräthin in demſelben ruhigen und leiſen Ton, den ſie ſeit dreißig Jahren angenommen hatte,„meln Freund, ich will nur geſtehen, daß ich ſie mit Neugierde erwarte. Da ſie ſelbſt abgebrochen hat, ſo können wir ſie ohne Verlegen⸗ heit hier ſehen.“ „Ach ja, allerdings... gleichwohl...“ „Man behandelt ſie, wie jede andre fremde Perſon. Inzwiſchen iſt es immerhin ein Glück, daß Emil bei dieſer Gelegenheit nicht zu Hauſe iſt ℳ In dieſem Augenblick wurde die Thüre geöffnet und zwar von Niemand anders, als juſt von Lieutenant Emil, deſſen Auftreten eine ganz und gar nicht ange⸗ nehme Aufregung verurſachte. Ausrufe der Beſtürzung vermiſchten ſich mit Aus⸗ rufen der Freude. Emil ſah ſehr wohl, daß man ihn freundlicher hätte bewillkommnen können. Aber in ſeinem treuen, ehrlichen Charakter lag weder Empfindlichkeit noch Argwohn. Er machte ſich juſt nicht viel Gedanken über den Empfang, ſondern freute ſich um ſo mehr darüber in ſeiner Heimath zu ſein, die er mit warmem Herzen liebte. „Du darfſt nicht glauben, mein lieber Emil, daß man ſich nicht jetzt wie immer nach Dir geſehnt habe,“ verſetzte Frau Marbin, indem ſie mit ihrer weichen, weihen Hand das Haar aus der Stirne des Sohnes rich.. „Ich glaube an nichts anderes, als an mein gegen⸗ wärtiges Vergnügen,“ antwortete er und küßte die Hand der Mutter. „Er ſoll ſogleich die Wahrheit erfahren,“ fiel der Vater ein...„Siehſt Du, Emil, Dein Bruder trägt ſich mit Heirathsgrillen. Er wirbt um die Mündel des Kriegsraths Wendelsköld, das kleine Fräͤulein Holſt. Wir haben ſie heute eingeladen, und ſprachen eben, als Du eintrateſt, von der eiwas mißlichen Nothwendigkeit, auch Mamſell S. einzuladen, die vor kurzem im Hauſe des Kriegsraths angelangt iſt.“ Auf Emil's Geſicht gab ſich bei dieſen Nachrichten kein anderes Zeichen von Aufregung kund, als eine leichte Bläſſe. „Hat Charles Hoffnung?“ war ſeine erſte Frage, worauf Lieutenant Charles, von ſeiner Eigenliebe und einer gefürchteten Nebenbuhlerſchaft gereizt, ohne Be⸗ denfen antwortete: „Das wird ſich bald zeigen; ſowohl der Kriegsrath als Fräulein Viola wiſſen von meiner Liebe.“ „So,“ ſagte Emil langſam...„Aber iſt es ſicher, daß man ſie heute hier erwarten kann?“ „Natürlich nicht beſtimmt,“ fiel Frau Marbin ein, „da wir noch keine Antwort erhalten haben. Aber wird die Einladung angenommen, ſo iſt dieß ſo gut als ein vorläufiges Jawort. Der Kriegsrath verſteht ſich auf ſolche Dinge.“ „Ohne Zweifel.“ „Was prophezeiſt Du da Böſes?“ ſagte Charles mit verdrießlichem Blick. „Juſt nichts. Ich glaube bloß erwähnen zu müſ⸗ ſen, daß Mamſell S. wenigſtens geſtern Abend nicht wohl war, und daß dieß möglicher Weiſe ein Hinderniß werden kann.“ „Du warſt doch nicht beim Kriegsrath?“ fragte die Mutter. „Doktor Livelius hat mich unterwegs aufgefangen; aber der Beſuch war ganz kurz.“ „Und Du ſahſt Viola?“ Es war Charles, der mit flammenden Wangen dieſe Frage ſtellte. „Ich ſah Niemand anders, als die Dame, die mich verſchmähte, weil ich ſte beleidigt hatte, und deren Schick⸗ ſal bleiſchwer auf meinem Gewiſſen liegt.“ „Ich vermuthe,“ verſetzte die Commerzienräthin, nachdem ſie mit ihrem Mann einen Blick ſympathiſiren⸗ den Mißvergnügens gewechſelt—„daß das junge Frauen⸗ daß zimt daß von und man Teuf die Klag 5000 Rech da er erhal zimmer nach den letzten Vorfällen Takt genug haben wird, nicht zu erſcheinen.“ „Aber dann werden ſie ja alle zuſammen zu Hauſe bleiben,“ rief Charles. Und um ſein aufgeregtes Ge⸗ müth zu beruhigen, eilte er hinaus, in der Abſicht, Frau Laura eine neue Stafete zuzuſchicken. Aber deſſen bedurfte er nicht. Der Pfarrer Lars Moritz, der zeitiger gefrühſtückt und bereits ſeine Morgenpromenade gemacht hatte, kam jetzt mit einem Billet in der Hand zurück. „Vom Kriegsrath!“ rief er aus der Ferne;„fle kommen hieher.“ „Iſt die Antwort nicht an meinen Vater?“ „Ja, aber ich erhielt auch ein Paar Zeilen.“ „Prächtig, glücklich!... aber kommen Alle 24 „Ja, alle zuſammen.“ „Und Emil, der hier iſt?“ „Ich habe es bereits gehört, und lch prophezeie, daß Mamſell Jeanne Sophie, die ein prächtiges Frauen⸗ zimmer iſt, ihn wieder an ſich reißen wird. „Vermuthlich dann auf kurze Zeit, denn ich fürchte, daß die Gläubiger die Unzartheit begehen werden, ihn von ihr hinwegzureißen.“ „Aber im Fall ſte den Beifall der Eltern gewinnt, und ſie ſoll ein Mädchen ſein, das ihn verdient, ſo kann man noch nicht wiſſen, was der Alte thut.“ „Daran iſt gar nicht zu denken, denn hol' mich der Teufel, der Papa legt zwei Strohhalme kreuzweis vor die Thü⸗ wenn er ſich in dieſes Elend ſtürzt.“ „Hem!“ „Bedenke nur, Schulden bis über die Ohren, eine Klage um die andere— und nun noch eine Frau mit 5000 Reichsthalern zu nehmen, die ſich überdieß das Recht angemaßt hat, ihn zu verwerfen.“ „Ich gebe zu, daß die Lage verzweifelt iſt; aber da er ſich durch eine Art von Wunder ſo lange oben erhalten hat..“ „Das Wunder beſteht darin, daß es ihm bisher durch unerhörte Anſtrengungen gelungen iſt, den gefähr⸗ lichſten Gläubigern und ihrer lobenswerthen Abſicht, ihm freies Quartier zu verſchaffen, zuvorzukommen.“ „Allerdings. Aber...“ „Und das Anſehen, die Achtung, worin er bei ſei⸗ nen Kameraden ſteht, hat dazu beigetragen, den Sturm ein wenig zu beſchwichtigen; nun aber ſind alle Hülfs⸗ quellen erſchöpft, und da werden wir ſehen wie's geht.“ „Der Alte muß ihm helfen.“ „Vielleicht wenn meine Pläne gelingen; wir wollen uns dann gemeinſchaftlich bemühen, ihn vom Untergang zu retten, deſſen er ſonſt ſicher iſt.“ „O,“ antwortete der Pfarrer verächtlich,“ ich glaube kaum, daß Du ein Recht haſt, Dich ſchon jetzt mit dem Geld Deiner Frau freigebig zu zeigen. Denn ſelbſt wenn Du ſie bekommſt, ſo iſt noch gar nicht geſagt, daß Du zu Vermögen kommſt.“ „Was will das heißen?“ „Hem! hem!“ „Ich frage Dich, was Du meinſt.“ „Nichts anderes, als daß ich bei Severin gewiſſe Ideen zu finden glaube, die mit den Deinigen nicht ſo genau zuſammenſtimmen.“ „Wenn das Mädchen mir ihr Jawort gibt,“ ant⸗ wortete Charles mit Stolz,„ſo weiß ich juſt nicht, was er zu thun vermöchte.“ „Du Narr! Ein Vormund, der einen großen Ein⸗ fluß auf ſeine Mündel ausübt, vermag viel; z. B. er kann ihr beweiſen, daß die Frau ihr Vermögen nie⸗ mals mit dem ihres Mannes zuſammenwerfen ſoll, weil dieſer es leicht durchbringen und ſie dann auf dem Trocknen ſitzen laſſen kann.“ „Pfui! ein ſo edles Weſen wie ſie, würde einen ſo unnatürlichen Vorſchlag mit Abſcheu verwerfen.“ „Unnatürlich— ganz und gar nicht. Ich weiß hatt ſich entſe ruhi wie drän die i Weg ſelt, bedu 175⁵ wie Severin denkt: er würde wünſchen, daß dieſer Ar⸗ tikel bei allen Ehen geſetzliche Geltung erhielte.“ „Wahrhaftig, das wäre ſauber! Mann und Frau ſind ja nach der Trauungsformel Eins und dann müſſen ſie auch wohl vor dem Geſetze eins ſein.. aber wie dem auch ſein mag, ich bin, das weiß Gott, verliebt genug, um mit oder ohne Vertrag diejenige zu nehmen, nach welcher ich ſtrebe. Im letzteren Fall wird jedoch Emil nicht geholfen; denn allein kann der Alte ſeine Gläubiger nicht zufrieden ſtellen, ſo lange er lebt.“ „Laß uns dieſen leidigen Gegenſtand für heute auf die Seite ſchieben, es kommt ſchon noch Zeit genug.“ Siebenundvierzigſtes Kapitel. Die Ankunft. Die Wagen, welche die erwarteten Gäſte enthielten, hatten ſich der Allee genähert. „Großer Gott,“ ſagte Jeanne Sophie, indem ſie ſich gegen ihren Reiſegefäͤhrten vorbeugte,„Sie ſind ſo entſetzlich blaß, Herr Kriegsrath, daß es mich ganz un⸗ ruhig macht.“ „Und ich meinerſeits ſehe mit wirklicher Unruhe, wie ſich das Blut Ihnen immer mehr in den Kopf drängt— es iſt Ihnen vielleicht nicht gut?“ Dieſe gegenſeitigen Bekümmerniſſe waren die erſten, die in Worten ausgetauſcht wurden. Auf dem ganzen Wege hatten ſie nicht einen einzigen Buchſtaben gewech⸗ ſelt, und auch hierin wußten Sie einander zu ſchätzen. Sie ſchwiegen, weil ſie fanden, daß ſie der Stille bedurften. Wie anders hätte Severin leiden müſſen, wenn er ſeine Schwägerin zur Reiſegeſellſchafterin gehabt hätte. Jeanne Sophie verſtand Alles: nicht blos die Kunſt, auf die angenehme Art zu ſchweigen, ſondern auch die Kunſt, zur rechten Zeit zu ſprechen, und dieſe iſt wahr⸗ lich nicht weniger unſchätzbar. Der Kriegsrath litt von einer peinlichen Angſt. Doch war die gegenwärtige ſehr verſchieden von derje⸗ nigen, die ſeine Nachtruhe zerſtört hatte. Da war er verblüfft, betäubt, verwirrt durch das Unbegreifliche, was ihm begegnete. Er hätte glauben mögen, daß ihm ein Traum dieſe jugendliche Gährung, dieſe Kriſis in ſeinen Leiden vorgaukele. Aber Traum oder Wirklichkeit, es war blos ein Aufflammen des letzten Funkens in der ſinnlichen Na⸗ tur geweſen, in jeder Beziehung eine pſychologiſche Merkwürdigkeit, ganz beſonders geeignet zu ernſten Betrachtungen. Einmal in einer recht vertraulichen Stunde, wollte er dem Doktor all' die Beobachtungen mittheilen, die er in den letzten Zeiten gemacht hatte. Aber um auf die Angſt zurückzukommen, die unſern Helden jetzt quälte, ſo beſtand dieſe wenigſtens in einer vollen Wirklichkeit. Er entſetzte ſich darüber, daß ſeine Mündel aus Unbedachtſamkeit oder in Folge einer unvorhergeſehenen Einwirkung auf ihre Gefühle dem Lieutenant Charles ihr Jawort oder was ungefähr daſſelbe bedeutete, das Verſprechen einer Bedenkzeit gegeben haben könnte. Doch— hätte ſie das wohl thun können nach... Ein Nachſatz kam nicht— die Einwendung blieb in der Luft hängen. Jeanne Sophie's Billet war allerdings deutlich geweſen, aber eine mündliche Beſtätigung war am aller⸗ geeignetſten, ſeine Vormunds⸗Beſorgniſſe zu beſchwichtigen. Zeanne Sophie und Severin hatten, wie geſagt, a er itte. unſt, die ahr⸗ ngſt. erje⸗ das aben ung, ein Na⸗ iſche iſten ollte die ſern iner aus enen erles das lieb tlich ller⸗ gen. jagt, 177 ihre Sympathien, und darum wußte ſie, daß vor der Ankunft einige Worte geſprochen werden mußten. „Seien Sie meinetwegen unbekümmert, Herr Kriegs⸗ rath,“ antwortete ſie.„Mein Blut iſt ſo oft in Brand und Wallung, daß ich manchmal gefürchtet habe, mein Verſtand müſſe dadurch Schaden leiden. Aber bei dieſer Gelegenheit werde ich mich ſchon ruhig zu zeigen wiſſen, denn wenn ich bereits Gewiſſensbiſſe darüber habe, daß Sie dieſe Reiſe lediglich meinetwegen machen, ſo wür⸗ den dieſe noch peinigender werden, wenn ich mich ſo benehmen könnte, daß mein brüderlicher Freund genö⸗ thigt wäre, meinetwegen zu erröthen.“ „Ich hoffe, oder vielmehr ich bin überzeugt, daß keine meiner Mündel mir Veranlaſſung geben wird, zu erröthen.“ „A propos, Herr Kriegsrath, Sie haben Viola gar keinen Wink gegeben... Entſchuldigen Sie meine Freiheit... hätte das nicht geſchehen ſollen?“ „Nein, nein, welches Recht konnte ich haben, ihr gleichſam Bande anzulegen?“ „Wer hat mehr das Recht, als der Vormund eines vater⸗ und mutterloſen Maͤdchens, ihr Rathſchläge und Warnungen zu ertheilen?“ Der Kriegsrath mußte ſich umwenden und— nieſen in einer dunkeln Vorempfindung. Wie in Gottesnamen konnte er den Vormund ver⸗ geſſen! „Allerdings, Mamſell Jeanne Sophie, das ſteht außer aller Frage, wenn man ſeine Macht anwendet; aber ich würde am liebſten ſehen, daß das Fräulein blos durch die Macht der Vernunft geleitet würde. Und wenn dieß der Fall iſt, ſo glaube ich nicht, daß Lieu⸗ tenant Charles viel zu hoffen hat.“ „Ich bleibe dennoch dabei, daß es gut geweſen wäre, wenn Sie der Sache etwas mehr Intereſſe zuge⸗ wendet hätten, Herr Kriegsrath.“ Der Vormund. II. 12 178 „Ich bin nicht gleichgiltig, Mamſell Jeanne Sophie; die Wohlfahrt einer Mündel iſt eine heilige Verpflich⸗ tung rfir denjenigen, deſſen Schutz ſie anvertraut wor⸗ den i „Ungefähr daſſelbe ſagte ich zu Viola. Aber ich kann nißh leugnen, daß ſie ſelbſt ein Paar Worte erwartet atte.“ „Sie kann doch wohl nicht an meiner Theilnahme zweifeln.“ „Ich weiß nicht recht. Unmittelbar ehe wir uns in den Wagen ſetzten, ſagte ſie einige Worte zu mir. Aber ſchickt es ſich wohl, ſie zu wiederholen?“ „Das kann ſicherlich keinem Zweifel unterliegen, ſelbſt für den Fall, daß die Worte einigermaßen gegen gewiſſe Formen verſtießen. „Wie Sie wollen, Herr Kriegsrath. Was ſie ſagte, war Folgendes: Mein Vormund hat geſtern ſo viel Wohlwollen an mich verſchwendet, daß er heute nicht nöthig hat, ſich auf's Neue damit zu bemühen— und da er mich dem Wind und den Wellen preisgibt, ſo — ich mich auch von Wind und Wellen ſteuern laſſen.“ „Gott bewahre uns, das iſt ja dine Aollſtändige Drohung. Man wird ſehen müſſen, daß. Aber jetzt hielten die Wagen ſtill. Und obſchon Severin zu ſeiner kleinen Mündel hätte fliegen mögen, um ihr eine Warnung ins Ohr zu flüſtern, ſo war er ſtatt deſſen genöthigt, an ſeine Würde zu denken. Dieſe war ihm jedoch niemals läſtiger geweſen. Aber wer hatte wohl je den Kriegsrath Wendels⸗ köld aus einem Wagen ſpringen geſehen? Wer hatte ihn das Ceremoniel vergeſſen geſehen, und zwar aus keinem andern Grund, als um mit ſeinen eigenen Mün⸗ deln zu ſprechen, die er ja zu Hauſe treffen konnte, wann er nur wollte Nein, er mußte ſtatt deſſen mit der Commerzien⸗ 179 räthin ſprechen, die in eigner Perſon nebſt ihrem Mann, bis auf die Treppe herabkam, um den geehrten Gaſt zu empfangen, um welchen ſich die ganze Stadt geriſſen hatte zur Zeit, als er das Geſellſchaftsleben noch mit ſeiner Gegenwart beehrte. Jetzt, da er ſich ſchon ſo lange von der Welt zu⸗ rückgezogen hatte, war der Triumph um ſo größer, weß⸗ halb auch die Commerzienräthin ſich ſo tief verneigte, wie ſie vor den königlichen Perſonen zu thun pflegte, wenn dieſe auf ihren Reiſen durch die Stadt im Mar⸗ bin'ſchen Hauſe einſprachen. Aber wenn die Commerzienräthin ihrem Gaſt eine ausgezeichnete Verehrung zeigte, ſo konnte ſie wiederum auf nichts„diſtinguirter“ ſein, als die Perſönlichkeit unſeres Helden am heutigen Tage. Schwarz gekleidet und ſchneeweiß, ſo weiß, daß ſeine Wangen mit dem Halstuch und der Halskrauſe wetteiferten, auf deren einer Seite ein einziger großer Juwel blitzte,— hatte er in ſeinem ganzen Weſen, in ſeinen Bewegungen und in ſeinem milden Geſichte dieſe epiſche Ruhe, welche das Herz erwärmt und den Käm⸗ pfen Einhalt gebietet. Es fehlte ihm blos ein ſchneeweißes Haar ſtatt der langen hellbraunen Locken. Hätte er das Erſtere gehabt, ſo würde man ihn für einen Patriarchen ge⸗ nommen haben, ergraut im Verlauf eines Lebens, ſo leidenſchaftslos, daß es bloß von Reinheit und Tugend ausgefüllt war. Aber welcher Irrthum übertrifft den Schein? Dieſer Mann, der mit der eleganteſten und anmuth⸗ vollſten Langſamkeit einherſchreitet, der die verbindlich⸗ ſten, ruhigſten und einnehmendſten Worte ausſpricht, und ganz väterlich ſeine Mündel vorſtellt, dieſer Mann em⸗ pfindet bisher unbekannte Qualen in ſeinem Innern. Er glaubt, daß die Dämonen in ſein Hirn einge⸗ zogen ſeien, und daß ſein Herz ſich in einen brennenden Krater verwandelt habe. Lieutenant Charles war auf Viola zugeſtürzt, hatte ſte aus dem Wagen gehoben und mit dem ganzen Pri⸗ vilegium der Jugend, das Feuer ſo hoch flammen zu laſſen, als es will, geſprochen... nur geſprochen, und ſodann geſehen... nur geſehen. Viola glich einem Sonnenſtrahl, der an der Kante eines Rubinſchmuckes glitzert. Sie bemerkte ihren Vormund kaum, und begegne⸗ ten ſich ihre Blicke zufällig, ſo wurde der Rubin nur noch klarer, der Sonnenſtrahl noch lebensvoller. Aber wer dachte an Jeanne Sophie und Laura? Der Pfarrer und der Doktor legten Hand an die Schwägerin. Aber, als Jeanne Sophie allein nach dem Wagen⸗ ſchlag zu tappen meinte, ergriff eine Hand die ihrige, und als ſie den Blick erhob, begegnete ſie zwei hell⸗ grauen getreuen Augen, und wie dieß nun kam, in dem⸗ ſelben Augenblick ſtreifte ein langer halbblonder Schnur⸗ bart an ihrer behandſchuhten Hand vorüber. All' dieſe kleinen verſchiedenen Scenen, die dem erſten Akte angehörten, wurden im Hof, in der Flur und im Salon aufgeführt. Viola wurde mit ausgeſuchter Zuvorkommenheit, mit einnehmender Freundlichkeit behandelt; Jeanne Sophie dagegen mit jener erzwungenen Artigkeit, die ſich bei ſogenannten gebildeten Leuten in Nichts anderem als im Tonfall und manchmal auch in einer abſichtlich ge⸗ nirten Bewegung kund thut. Unglücklicher Weiſe iſt jedoch dieß vollkommen ge⸗ nügend, um diejenige Perſon zu verletzen, die mit dieſer Art von„Zartgefühl“ behandelt wird. Das Mittagsmahl folgte augenblicklich und bildete, wie der Doktor dem Pfarrer ins Ohr ſtüſterte, ein Paar tüchtige Schleuſenthore, die juſt zur rechten Zeit wieder geſchloſſen wurden. „Der Teufel weiß,“ fügte er hinzu,„wie manche Ueberſchwemmungen ſonſt hätten ſtattfinden können.“ 18¹4 Der Kriegsrath, der zwiſchen der Kommerzienraͤthin und einer andern älteren Dame ſaß, hatte juſt vor ſich ein Gemälde, das wahrſcheinlich ſeinem Vormundoblicke zu gefallen ſo angeordnet war. Lieutenant Charles ſaß mitten zwiſchen Jeanne Sophie und Viola. Aber auf der andern Selle von Viola ſaß Lieutenant Emil, der in Folge eines Mißgriffes dieſen Platz erhalten hatte, denn er hätte neben Frau Laura ſitzen ſollen, die jetzt genöthigt war, ſich mit ihren kleinen Künſten auf den Pfarrer und den Wirth des Hauſes zu beſchränken. 1 Jeanne Sophiens andere Seite war auch nicht leer.. Sie war von dem Doktor beſetzt, und der ſchwur bei jedem Glaſe, das er leerte, und bei der Heiligkeit ſeiner 799 Liebesabenteuer, daß er, wenn er Manſell Sophie in ſeiner erſten Jugend kennen gelernt hätte, jetzt in der Blüthe ſeines Mannesalter nicht Junggeſell ſein müßte. Und Jeanne Sophie— belebt durch die Erinnerung an die kleine Colliſion, die zwiſchen einem gewiſſen wei⸗ ßen Schnurrbart und einem lilienfarbigen Handſchuh ſtattgefunden hatte, glänzte dermaßen durch geiſtreiche Einfälle und Scherze, daß der magnetiſche Strahl aus ihren Augen— ob man dieſe nun ſpaniſche oder italie⸗ niſche nennen mochte— nicht blos die Aufmerkſamkeit des Kommerzienraths und der Kommerzienräthin, ſondern ſogar auch des Lieutenants Charles auf ſich zog. Der vortreffliche junge Mann legte in ſeinem In⸗ nern ein feierliches Geluͤbde auf Cavaliersparole ab, nämlich: daß er, wofern es nur möglich wäre, ſeinen Bruder Emil unterſtützen wolle. Eine ſolche Schwägerin wäre eine entzückende Zu⸗ flucht, im Fall man je ſeiner eignen Frau überdrüſſig würde. Aber auch unter dem Einfluß der Liebe bereute er bald, daß er an Nebenſachen gedacht habe, bevor er an die Hauptſache gekommen, und ſo wandte er ſich mit verdoppeltem Eifer auf die andere Seite. Aber was will jetzt das beſagen: Fräulein Viola ſcheint gar nicht mehr zu wiſſen, ob Lieutenant Charles am Tiſch iſt oder nicht; ob er in der Welt iſt oder nicht! Sie hörte mit dem theilnehmendſten Vergnügen dem Lieutenant Emil zu, der von ſeinen Ausflügen in den Bohusländerſcheeren ſo angenehm zu erzählen weiß. Der Kriegsrath merkte, wie Lieutenant Charles glühte vor Angſt und Aerger. Sodann bemerkte er, wie, als es Charles endlich gelang, Violas Aufmerkſamkeit zu gewinnen, Lieutenant Emil mit zerſtreuter Miene an ſeinem Schnurrbart herumzupfte, bis ſie ſich wieder umwandte. Aber es war nicht dem Kriegsrath allein vorbe⸗ halten zu ſehen. Auch Viola ſah, ohne daß ſie ſich den Anſchein gab, etwas zu ſehen. Sie bemerkte ihres Vormunds glatte Stirne und ruhigen Blick. Sie bemerkte auch das Lächeln, das auf ſeinen Lippen ſchwebte, während er ſich bei dem Geſpräch am obern Ende des Tiſches betheiligte oder vielmehr es leitete. Viola mußte einen eignen Geſchmack haben, denn ſte empfand gleichſam einigen Verdruß darüber, daß ſie im Weſen und Mienenſpiel ihres Vormunds keine Ver⸗ änderung entdeckte. Allerdings paßte Alles ſo herrlich zuſammen, daß es eine Sünde geweſen wäre, eine Ver⸗ änderung zu wünſchen, aber dennoch... Endlich gewahrte ſie einen Farbenwechſel und ſah ſogleich, daß derſelbe durch Lieutenant Charles veran⸗ laßt wurde, welcher ſich die Freiheit nahm, ſich einer weißen Nelke zu bemächtigen, die aus dem Bouquet ge⸗ fallen war, das ſie an ihrer Broche befeſtigt hatte. Aber bei dem in Frage ſtehenden Farbenwechſel empfand Viola ein ſo freundliche Dankbarkeit gegen Lieutenant Charles, der ihr dieſen Anblick bereitet hatte, 183 daß ſie ihn gerne die Blume hätte behalten laſſen. Da ſich dieß jedoch nicht recht paßte, ſo ſagte ſie lachend ſenn, Beweis, daß ſie ſich nicht beſonders beleidigt fühlte): „Entſchuldigen Sie, Herr Lieutenant— mein Freund Nicke könnte eiferſüchtig werden, wenn ich mit ſeinem Geſchenk ſo verfahren ließe.“ Und ſo wurde die kleine Nelke wieder an ihren Platz geſteckt. Aber blieb es dabei? Wußte wohl Viola recht, wie viel in dem lag, was ſie im folgenden Augenblicke vornahm? Das iſt unmöglich zu wiſſen, denn die Weiber be⸗ dienen ſich des Inſtinktes ſowohl um zu handeln, als auch um ſich ſelbſt zu überzeugen, daß ſie ohne Abſicht gehandelt haben. Soviel iſt jedoch gewiß, daß Viola eine Handlung ausführte, die für niemand merkwürdig war, ausgenom⸗ men für ihren Vormund, der beinah das Weinglas aus⸗ ſchüttete, womit er den Trinkſpruch des Kommerzien⸗ rathes beantworten ſollte. Die kleine Handlung beſtand darin, daß ſie, nach⸗ dem fie den linken kleinen Finger(denjenigen, aus welchem der Kaktusdorn gezogen worden) über den Augenbrauen geführt, ihn den zierlichſten Halbkreis um die Wange beſchreiben und zuletzt mit reizender Schalkhaftigkeit an ihren Korallenlippen ruhen ließ. Wollte ſie ein Bild der Göttin des Schweigens geben, oder wollte ſie durch eine denkwürdige Bewegung Befürchtungen beſchwichtigen, die ſie ahnte? Wie es dem Kriegsrath vorkam, floß ſeine Rede leicht, und man bemerkte als etwas Ungewöhnliches, daß auch der Wein heute raſch über ſeine Lippen floß. Achtundvierzigſtes Kapitel. Laß uns im dunkeln Haine gehen. So ſang der Doktor, als er auf der Nachmittags⸗ promenade Jeanne Sophie eine dichte und ſchattenreiche Laube zeigte, wohin Lieutenant Charles dadurch, daß er ſich auf ein hiſtoriſches Citat berief, das in einen der Bäume eingegraben war, Viola zu locken gewußt hatte. „Ich glaube,“ meinte Jeanne Sophie,„daß wir mittlerweile die Fortſetzung einſtellen können.“ „Im Gegentheil, wir müſſen fortfahren: Wo uns die holden Weſte küſſen..“ Und der alte Doktor ſchwang ſich umher und ent⸗ ſandte auf ſeinen Fingerſpitzen Küſſe nach Oſten, Weſten, Norden und Süden. Darauf ſagte er ſeufzend: „Es iſt eine herrliche Zeit, Mamſell Jeanne Sophie, wenn man ſich zum Erſtenmal der Blumenpflege des Lebens widmet. Ich bin in meinen Tagen ein großer Gärtner, ein großer Liebhaber von Blumen geweſen; verſtieße es nicht gegen den guten Ton, Klatſchereien aus ſeiner eignen Liebeschronik zu erzählen, ſo könnte ich ſagen, daß ich auf Ehre ein Jupiter geweſen bin ... aber wer ſtört mich hier im Wogendrang meiner vertraulichen Ergüſſe.. Aha die Kommerzienräthin, die ſich des Armes des Kriegsraths verſichert hat... Tralaralaralara— ich ſchwoͤre, daß auch ſie, obſchon mit einer ruhigeren Modulation, ſingt: „Laß uns im dunkeln Haine gehen.“ „Nun, was ſagte ich, Mamſell Jeanne Sophie— die Hecke rechts.. ſcharmant, ſcharmant!“ 185 Der alte Wildfang drückte ſeine Lorgnette feſt in den Augenwinkel. „Und ſehen Sie einmal dahin, lieber Herr Doktor.“ Jeanne Sophie deutete auf eine andre Seite, wo im Schutz einiger Pappelgruppen zwei Perſonen beſchäf⸗ tigt ſchienen zu— botaniſiren. „Tauſend Teufel, haben denn die Menſchen den Verſtand verloren, daß ſie ſich vorgenommen haben zu..Aha, bläst der Wind wieder vom Olymp! Frau Venus ſitzt da und lacht ins Fäuſtchen. Nun, nun, ich hoffe, daß Lars Moritz nicht umgeblaſen wird; aber die Wahrheit zu ſagen, bie holde Laura macht unſrem Pfarrherrn mehr Kopfzerbrechen, als der Fall ſein ſollte, da er doch weiß, was für eine kleine Intri⸗ gantin ſie iſt.. Aber alle Götter, kommt da nicht jemand rechts?.. Wie merkwürdig! Die ganze Welt hat ſich in den Kopf geſetzt, den armen klaren Som⸗ mertag als eine romantiſche Mondſcheinnacht zu betrach⸗ ten, wie ſie für heimliche Zuſammenkünfte paßt... Entſchuldigen Sie, liebenswürdige Mamſell Jeanne So⸗ phie, aber da wir nun einmal das Gackſpiel ſpielen, ſo habe ich Luſt, es auch mitzumachen. Da drunten bei der großen Eiche bemerke ich eine meiner Patientin, und mein ritterlicher Sinn erlaubt mir nicht, ſie allein im Mondſchein umhertappen zu laſſen.“ Und die Fortſetzung des Liedes ſingend, das er an⸗ gefangen hatte, hüpfte der Doktor weg. Als Jeanne Sophie, verwirrt durch eine der An⸗ deutungen des Doktors, ſich umzudrehen wagte, be⸗ fand ſie ſich neben Emil. Und auch ſie fanden einen Hain Während auf dieſe Weiſe unſer ganzes Perſonal verſchwunden iſt, nehmen wir uns die Freiheit, bei den vier Eichen zu lauſchen, welche ausplaudern, was in den Hainen geflüſtert wird. — „Ich verſtchere Sie, mein beſter Vetter Lars Moritz, — der Pfarrer und Frau Laura hatten über Tiſch Vet⸗ terſchaft getrunken— ich verſichere Sie feierlich bei der herzlichen Achtung, die ich immer für Sie gehegt habe, mein Vetter, daß dieſe Parthie, der wir alle nach beſten Kräften Vorſchub leiſten müſſen, Violas Glück machen wird. Sie liebt den Lieutenant Charles mehr als ſie ſelbſt weiß.“ „Juſt dasſelbe Verhältniß findet bei mir ſtatt in Bezug auf Sie, meine liebenswürdige Baſe. Wir ha⸗ ben uns beinah zwei Jahre lang herumgezankt, aber durch dieſe unaufhörliche Berührung iſt gleichwohl ein unabweisliches Bedürfniß entſtanden, Sie immer wieder zu ſehen.“ „Gott bebüte mich, was Sie da ſchwatzen.“ Laura fächelte ihre Röthe weg. „Um ganz aufrichtig zu ſein, habe ich niemals dem Gedanken gehuldigt, daß eine Verwechſelung zwiſchen Ihnen und den Engeln moͤglich wäre, aber das macht nichts; ich verlange und ich verdiene auch nicht, daß dieſe höher begabten Weſen ſich die Mühe machen, mei⸗ netwegen vom Himmel herabzuſteigen.“ „Sie ſchmeicheln nicht, Vetter— bei einer Gelegen⸗ heit wie dieſe, ſollte ich gleichwohl meinen...“ „Nein, nein, jetzt ganz beſonders muß ich mich ehr⸗ lich an die Wahrheit halten.“ „Der Tauſend, ich glaube, das artet in Ernſt aus.“ „Ich glaube auch, obſchon ich, offen zu ſprechen, etwas gegen Sie habe, meine Baſe...“ „Es wird ſich zeigen, ob das nicht gerade eben ſo viel iſt, was ich gegen Sie habe.“ „Dürfte ich erfahren, was dieß wohl ſein mag?“ „O nein, es iſt nicht nöthig; es läßt ſich nicht vorausſehen, wie das alles endigen wird, und das Pfarr⸗ haus hat ſehr ſchöne hohe Zimmer...“ „... die ſich noch viel zierlicher ausnehmen wer⸗ den lieb kan Pfo ich ich Abe diej Sa⸗ gen ben „da Mat aber lang hier Ehre zieht Geft auf kenn nicht verd Frät den, wenn eine Hausfrau hinein kommt, flink, munter, liebenswürdig und anmuthreich wie eine meiner Be⸗ kannten.“ „Gut, mein beſter Vetter— ich ſehe, daß das Pfarrhaus meiner Fantaſie vorſchweben wird; und wenn ich. „... meine Intriguen zu Ende geführt habe, dürfte ich es weniger uneben finden als jetzt, meinen Sie.. Aber ernſtlich geſprochen, meine beſte Laura, das iſt juſt diejenige Seite Ihres Charakters, die mir nicht gefaͤllt. Sagen Sie, wollen Sie ſich nicht damit begnügen, ge⸗ gen mein Herz im vollen Ernſt zu intriguiren? Glau⸗ ben Sie mir, das wäre beſſer.“ „Ich will die Sache überlegen.“ „Ja, Herr Kriegsrath,“ ſagte die Kommerzienräthin, „das ſind die Garantien, die wir bieten können. Mein Mann hätte eigentlich die Frage förmlicher ſtellen ſollen, aber ich denke auf der andern Seite, daß wir einander lange genug gekannt und geſchätzt haben, um die Sache hier ohne alle weitere Umſtände abmachen zu können.“ „Die Verbindug, die Sie vorzuſchlagen, mir die Ehre erweiſen, Frau Kommerzienräthin, iſt in jeder Be⸗ ziehung ehrenvoll für meine Mündel, und im Fall ihr Gefühl ſpricht...“ „Ach, beſter Herr Kriegsrath, laſſen Sie dieſe Phraſe auf den Lippen der Jugend. Wir, die wir die Welt kennen, wiſſen nur zu gut, daß die meiſten Parthien nicht dem Uebergewicht der Gefühle ihre Eriſtenz zu verdanken haben. Aber wenn die Gefühle des jungen Fräuleins für Charles ſind— und ich weiß nicht, ob man das zu bezweifeln braucht— dann um ſo beſſer, um ſo beſſer.“ „Madamo, ſeien Sie überzeugt, daß auch ich nicht umſonſt gelebt zu haben glaube. Und geſtützt auf die Erfahrungen, die ich gemacht und die mir bewieſen ha⸗ ben, daß die Ehe, wenn ſie ohne den Spruch des Her⸗ zens geſchloſſen wird, blos als eine pecuniäre Verbindung betrachtet werden kann, die in ihren Folgen ſchädlicher iſt, als jede andere von dieſer Art— geſtützt auf dieſe Erfahrungen, ſage ich, halte ich es für meine Pflicht, dafür zu ſorgen, daß keines der mir anvertrauten jungen Frauenzimmer ohne reifliche Ueberlegung den Schritt thue, der für ihr ganzes Leben entſcheidend iſt.“ „Ich geſtehe, beſter Herr Kriegsrath, daß ich auf ſo viele Einwendungen dieſer Art nicht vollkommen vor⸗ bereitet war.“ „Noch weniger, Frau Kommerzienräthin,“ antwor⸗ tete Severin mit Würde,„konnten Sie wohl darauf vorbereitet ſein, daß die Sache ſo ſchnell abgemacht ſein würde.“ „Das ſage ich nicht, obſchon es juſt keine Unmög⸗ lichkeit hätte ſein müſſen. Und überhaupt fürchte ich, daß Sie etwas gegen meinen Sohn haben, Herr Kriegs⸗ rath.“ „Ich lebe im Allgemeinen ſo eingezogen, daß ich den Charakter der Perſonen, mit denen ich nicht in nähere Berührung gekommen bin, nur wenig kenne. Und die Kürze der Zeit, die Lieutenant Charles als Vorbereitung für ſeine Werbung genügend glaubte, hat mir auch laſns Gelegenheit gegeben, mir ein ſicheres Urtheil zu bilden.“ „Dann mögen Sie ſich immer vorher erkundigen, Herr Kriegsrath. Nach meiner Ueberzeugung kann man Charles keinen einzigen andern Fehler vorwerfen, als ſeine Flüchtigkeit, und ein ſolcher Fehler wird durch eine liebenswürdige Frau am beſten geheilt,“ „Ich gebe zu, daß dieß möglich iſt, Madame, nichts 189 deſto weniger vermag ich für den Augenblick keine an⸗ dere Antwort zu geben, als die, daß ich die Sache über⸗ legen werde. „O Fraͤulein Viola, eilen Sie nicht ſo— es iſt ja keine Beleidigung, der Frau, die man am höͤchſten verehrt, das Bekenntniß zuzuflüſtern, daß man ohne ſie nicht leben könne.“ Viola ſchwieg, ſetzte aber ihre Füßchen noch einlge Schritt weiter gegen den Ausgang der Laube. „Mein Gott, wie wenig Hoffnung habe ich, Sie zu rühren! Sie ſehen Alles an, nur mich nicht! Sie denken an Alles, nur nicht an mich.“ „Aber es iſt auch nichts Angenehmes, was Sie mir ſagen, Lieutenant Charles. Glauben Sie, daß man mit ſiebzehn Jahren, wenn man kaum angefangen hat zu leben und höoͤchſtens ein paar Schritte über die Kinderſtube und die Puppen hinausgekommen iſt, die Ausſicht auf's Heirathen ſehr intereſſant finden könne? En⸗ Ehe— das iſt ja wahrhaftig eine höchſt ernſte ache.“ „Nein, holdſelige, himmliſche Viola, wir dürfen uns nicht durch alte Mährchen ſchrecken laſſen. Die Ver⸗ bindung zwiſchen zwei jungen, froͤhlichen, liebenden Men⸗ ſchen iſt ein entzückendes Spiel, das durch's ganze Leben dauert.“ „Aber ich finde keinen Gefallen an dieſer Art von Spiel, und dann liebe ich auch nicht..das könnten Sie doch wiſſen, Herr Lieutenant.“ „Aber Sie haben wenigſtens nichts Beſtimmtes gegen mich? Das iſt einmal ein Anfang, und erhalte ich nur das Verſprechen, mir Ihre Liebe erwerben zu dürfen, ſo hoffe ich mit Gewißheit, binnen Kurzem Ihren Widerwillen zu überwinden, denn es wäre unmöglich, daß das mächtige Feuer, das in mir brennt, nicht auch einen Funken auf Sie werfen ſollte.“ „Welchen Hoffnungen Sie ſich hingeben, Herr Lieu⸗ tenant!“ „Ich hoffe, ſo lange Sie mich nicht jeder Hoffnung berauben. Aber wenn Sie das thun, Fräulein Viola, dann.... „Nun wohl, dann? Sie drohen mir doch nicht, irgend ein Unglück anzurichten, wie Laura mir einmal ſagte? Dieß iſt ſo altmodiſch, daß ich, obſchon ich nie früher eine Liebeserklärung erhalten habe, gleich⸗ wohl im vorliegenden Fall dieſe als gänzlich verloren anſehe.“ „Ich bin als leichtſinnig bekannt, doch glaube ich mich keiner ſo harten Strafe unterziehen zu müſſen, wie diejenige iſt, eine edle junge Dame herzlos uͤber eine Sache ſcherzen zu hören, die für mich der aller⸗ höchſte Ernſt iſt..Seien Sie inzwiſchen überzeugt, mein Fräulein, daß ich mit etwas ſo altmodiſchem, wie die Drohung, ein Unglück anzurichten, nicht hervorge⸗ rückt ſein würde. Ich wollte ganz einfach ſagen, daß ich, wenn ich keine Hoffnungen mehr für mich ſelbſt hegen kann, auch für Andere keine mehr zu hegen vermag.“ „Es war nicht meine Abſicht, Sie zu verletzen, Herr Lieutenant: ich glaubte nicht, daß Sie durch einen kleinen Scherz beleidigt würden... Aber ſagen Sie mir, welche Hoffnungen waren es, die Andern galten?“ „Lieben Sie nicht eine Perſon ihres eignen Ge⸗ ſchlechtes ſehr?“ „Ja, das weiß Gott.“ „Nun wohl— wenn unſre Verbindung zu derje⸗ nigen beitragen könnte, welche das Glück Ihrer Freun⸗ din bildet?“ „Wie ſo?“ rief Viola lebhaft, Jeanne Sophie...“ „. Könnte vielleicht, wenn Sie es wünſchten, Ihre Schwägerin werden.“ „Herr Lieutenant—“ Viola erhob die Hände gegen eine Sch Jea obſch eing verz als lichf ſie daß daß ich! ich noch Bere 191 auch ihre Stirne und umſchloß fie, gleich als hätte ſie Schwindel oder irgend einen Anfall ihrer angebornen eieu⸗ Unbedachtſamkeit gefürchtet— Herr Lieutenant, aus Barmherzigkeit, laſſen Sie mich jetzt gehen.“ nung„Verſprechen Sie nur, ſich zu beſinnen, oh verſpre⸗ iola, chen Sie nur das— das Glück zweier Menſchen be⸗ . ruht auf... doch„Ich verſpreche... ja ich verſpreche, daß ich mir die Sache überlegen will.“ ſchon eich⸗ loren e ich ſſſen, über Keuchend vor Aufregung hatte Jeanne Sophie aller⸗ eine Bank erreicht, auf welcher ſie niederſank. eugt, Emil ſtand vor ihr und betrachtete ſie in tiefem wie Schweigen. erge⸗„Verzeih' mir, daß ich hieher kam,“ ſtammelte a Jeanne Sophie.„Deine Eltern haben mich eingeladen, ſelbſt obſchon ſie mich nachher glauben ließen, daß ich nicht iag.. eingeladen worden ſei.“ etzen,„Verzeihe ihnen, armes Mädchen! Du haſt viel zu einen verzeihen; ſie haben gemeint, im Fall ſie Dir mehr Sie als einige ſteife Worte ſchenkten, ſo koͤnnte dieſe Freund⸗ 274 7 en? lichkeit“ Ge⸗„Hoffnungen erzeugen— he, Lleutenant Marbin, ſie mögen ruhig ſein; ich bitte Sie, ſagen Sie ihnen, Herje daß ſie das ſein können.“ erje⸗ „Ich ſagte das ſo eben noch zu meinem Vater.“ reun⸗„Das freut mich. In Wahrheit, es freut mich, . daß Sie mich nicht für thöricht genug halten... aber 2, ich weiß nicht, wie wir hieher gekommen ſind; wenn chten, ich es bin, die Sie hieher geführt hat, ſo ſeien Sie noch einmal edelmüthig und glauben Sie, daß es ohne gegen Berechnung geſchehen iſt.“ 19²2 „Ich war es, der Dich führte— ich ſuchte ab⸗ ſichtlich eine Gelegenheit, ungeſtört ein paar Worte ſagen zu können.“ „Was haben wir einander zu ſagen?“ „Erſtlich danke ich Dir dafür, daß Du mir die ſtolze Freude bereitet haſt, Dich mit Leichtigkeit und wahrer Würde in dieſer ſo ſchweren Stellung bewegen zu ſehen. Niemand wird glauben, daß Du des Mit⸗ leides bedürfeſt.“ „Nein, Niemand, hoffe ich. Frage den Kriegsrath, frage Laura; ich laſſe mich auf die Gefühle und Eigen⸗ heiten des erſteren ein, ich ſuche mich ihm angenehm zu machen, damit er meine Anweſenheit im Hauſe gerne ſieht. Und Viola's wegen bin ich pfiffig gegenüber Laura, ich, die ich ſonſt ſo offen bin wie der Tag, weil man nur durch ihre eigne Waffen Gewalt über dieſes Weib bekommen kann. Und ſage jetzt, kann diejenige, die ſich ſo mit andern zu beſchäftigen vermag, für ſich ſelbſt Mitleid bedürfen?“ Emil's Antwort lag in ſeinem Blick, und dieſer Blick, prüfend und gedankenreich, betäubte Jeanne So⸗ phie's moraliſchen Muth beinahe. Sie fuhr zuſammen, gleich als wäre plötzlich eine noch blutende, ſchmerzliche Wunde berührt worden. „Mein Herr, mein Herr, laſſen Sie uns umkehren,“ ſtammelte ſie verworren. „Noch ein paar Augenblicke.. Laß uns anneh⸗ men, daß ein Mann zu ſeiner Frau hier ſagte: Mich täuſcheſt Du nicht; ich ſehe durch den Vorhang, den Du vor den Blicken der Welt aufgezogen haſt, und deß⸗ halb frage ich Dich...“ „Emil, Emil, frage nichts— es iſt am beſten, nicht zu fragen.“ „Aber ich muß es thun, ich muß Dich fragen..“ Er ſah ſich mit einem ſpähenden Blick rings um... „Wenn meine ruinirte Stellung mich zwingt, den Ab⸗ ſchied zu nehmen, mich zwingt.. einen andern Schritt durch herher Der zu thun, den einzigen möglichen, um nicht zu Grunde zu gehen; ich meine.. ich meine: Schweden zu ver⸗ laſſen, um in einem andern Welttheil ein nothdürftiges Auskommen zu ſuchen— würdeſt Du in dieſem Fall den Muth haben, mit Verzichtleiſtung auf alle Bequem⸗ lichkeiten, mit Verzichtleiſtung vielleicht auf das Aller⸗ nothwendigſte, lieber dem Manne zu folgen, den Du liebſt, als hier zu bleiben mit der Gewißheit, ihn in vielen Jahren, vielleicht Dein Leben lang nicht wieder zu ſehen, denn niemals wird er das Vaterland wiederſehen, ohne daß er gegen Jedermann gerecht werden kann. Und wird wohl der Höchſte ſeine Arbeit ſo ſegnen?“ Lange bevor Emil ausgeſprochen hatte, war Jeanne Sophie aufgeſtanden. Ihre ſtolze kräftige Figur ſchien noch größer zu werden durch die Kraft der Gefühle, die ihre Bruſt hoben. Ihre von einer kaum niedergekämpften Leiden⸗ ſchaft brennenden Augen hefteten ſich auf ihn mit Bli⸗ cken, welche den Schnee auf Himalaya's Scheitel hätten ſchmelzen können. „Sage mir,“ ſagte ſie,„eine einzige Sache— aber ſage mir die Wahrheit... Viola 2* „Sei ruhig... wenn Du es erlaubſt, erhältſt Du bald einen Brief von mir, worin ich Dir über alles, was Du wiſſen willſt und zu wiſſen bedarfſt, Rechen⸗ ſchaft ertheilen werde. Jetzt wiederhole ich bloß: ſei ruhig. Und glaube, daß ich dieß nicht ein einzigesmal, geſchweige denn zweimal geſagt haben würde, wenn ich wüßte, daß ich Dich betrüge.“* 1 „Dann,“ antwortete Jeanne Sophie, und ihre ſchwankenden Kniee beugten ſich beinahe zur Erde, „dann preiſe ich Gott mit jubelndem, aber demüthigem Sinn für das, was kommen wird. Führe mich in die Einöden Amerika's, laß mich durch glühende Sandfelder, durch die öden Wälder gehen, wo wilde Thiere um mich herheulen, führe mich nur auf denjenigen Fleck der Der Vormund. II. 13 194 Erde, den Du bebauen willſt, und ich werde Deine Sclavin ſein, mehr Sclavin als das Weib des India⸗ ners ihrem Manne iſt. Mein Beſchluß iſt gefaßt, es bedarf keiner Ueberlegung.“ Neunundvierzigſtes Kapitel. Was prophezeiten die Lilien auf Olenas Grab? Es regnete ſtark am Tag nach Johannis, und da⸗ zwiſchen hinein rollte der Donner mit dem nicht maje⸗ ſtätiſchen, ſondern nur etwas drohenden Gedröhne, wel⸗ ches den Anzug einer ernſthaften Revolution in den Elementen verkündet. Es iſt ſo oft der Fall, daß die Natur ihr Gepräge dem Charakter der Leute aufdrückt, daß gewiß Niemand ſich verwundert, wenn wir die Nachricht mittheilen, daß im Hauſe des Kriegsraths jedes Mitglied in ſeinem Ge⸗ müthe ein fernes Gewitter herannahen fühlte. Laura bebte ſo, daß ſie kaum zu athmen wagte beim Gedanken, daß das Gewitter in ihrem eignen Her⸗ zen einſchlagen könnte. Und man kann ſagen, daß es nahe war an dem Tag, als Viola's Ehe ernſtlich zur Frage kommen ſollte. Jeanne Sophie erwartete den Gewitterſchlag von einer nicht minder wahrſcheinlichen Seite: von Emil's Eltern. Wenn irgend ein Arrangement getroffen wer⸗ den könnte, ſo bedürfte es keiner Reiſe nach Amerika — dann würde ihr Leben zum zweitenmal zermalmt. Aber ſie durfte nicht ſelbſtſüchtig ſein. Viola, erſchrocken über das Verſprechen, das ſie dem Lieutenant Charles in Betreff einer Bedenkzeit ge⸗ geben hatte und erſchrocken vor dem unendlichen Wirr⸗ warr in ihrem eignen Herzen, fühlte ſich außer Stands ndia⸗ faßt, ſich zu beſinnen, wenn ſie an die Berufung zu ihrem Vormund dachte. Dieß war der Gewitterſchlag, den ſie fürchtete. Und Severin ſelbſt, wie war er nach einer neuen ſchlafloſen Nacht? Er hatte ſeinen Beobachtungen über den Fortſchritt ſeiner Krankheit neue Forſchungen von gleicher pſycho⸗ logiſcher Merkwürdigkeit, wie die erſteren, beigefügt. Aber etwas noch ungewöhnlicheres, als bisher war eingetroffen. 4 Er hatte nämlich gefühlt, daß er von einem feigen Schreck heimgeſucht wurde, von einem Schreck vor... Gott weiß was.. Natürlich ein Nervenleiden. Aber das beſondere war, daß der Schreck ſich auf nichts von außen bezog. Es war gleichſam, als vernehme er in ſich ſelbſt das Gedröhne eines Donners. Und ſchlug das Wetter ein, dann weiß der Himmel, was er beim Scheine des Blitzes alles hätte entdecken können. Er wandte mehrere Stunden daran, ſich zu dem ſchweren Beruf vorzubereiten, der ihm als Vormund vorlag, nämlich mit ſeiner Mündel über den fraglichen Heirathsantrag zu ſprechen. Er wußte nicht, ob Viola mit ihrem Freier ein Geſpräch unter vier Augen gehabt hatte. Er hatte eanne Sophie über nichts fragen wollen. Erſt am Abend, nachdem er den ganzen Tag auf ſeinem eignen Zimmer zugebracht, ſchickte er nach unſrem kleinen Fräulein, das ſich mit hochklopfendem Herzen einfand. Statt der gewoͤhnlichen, feinen Bläſſe auf Severin's Geſicht flammte dieſes jetzt von einer ſtarken Roͤthe. Man ſah, daß er das Fieber hatte, vom Hirn bis in die Fingerſpitzen, welche mechaniſch ſpielten, nicht mit der Schnupftabaksdoſe, die heute vergeſſen worden war, ſondern mit ein paar auf die Schläfe herabfallenden Haarlocken. 196 Es war Viola, die ſtatt deſſen die Bläſſe bekom⸗ men hatte.. Sie wußte, daß Frau Marbin mit dem Kriegsrath geſprochen hatte, und es kam ihr vor, als ob dieſer Augenblick, deſſen Wichtigkeit ſie nicht bedacht hatte, als ſie Lieutenant Charles Werbung ſcherzend abfertigte, jetzt über Leben und Tod entſcheiden ſollte. Soeben noch, ehe ſie hinein ging, hatte Jeanne Sophie ſie auf eine Art umarmt, die, wie Viola ſich einbildete, ein ſtilles Gebet ausmachte. Vielleicht wußte Jeanne Sophie, was Charles ge⸗ ſagt hatte, vielleicht vertraute dieſe auf ihr Herz, und vielleicht war es eben ſo gut, den Lieutenant zu hei⸗ rathen, als gar nicht zu wiſſen, was wohl erfolgen und geſchehen wuͤrde, hier, wo Alles ſo ſonderbar war, bald ſonnenhell, bald ſtockſinſter. Aber dieſes ſpielende Leben, das Lieutenant Charles ihr vorgeſpiegelt hatte, rief in ihrem Leben nichts an⸗ deres, als lange Weile hervor. Ganz ſicher gab es ein Leben, welches, obſchon einförmig, dennoch mehr Abwechslung hatte, als dieſes, das beſtändig wechſelte. Lieutenant Charles ſchoß gewiß fehl in der Ver⸗ muthung, daß er binnen kurzem ſich Liebe erwerben würde. Mit dieſen letzten Gedanken trat Viola ein. Der Anblick des Vormnnds, der, ſtatt im Schreib⸗ ſtuhl begraben zu ſitzen, mit heftigen Schritten auf⸗ und abging, rief ihr den Vorfall bei ihrer letzten Be⸗ ſprechung ins Gedächtniß zurück. Es war am Johannisabend im Garten, als er den gefährlichen Dorn herauszog. Dieſe Erinnerung war nicht geeignet, ihr die Faſ⸗ ſung zu geben, die ſie an den Tag zu legen wünſchte, und ſie laͤchelte für ſich ſelbſt, wenn fie bedachte, wie ſte vor kurzem in ihrer Einbildung ſich vorgeſtellt, daß⸗ Brath dieſer atte, tigte, anne ſich — ge⸗ und hei⸗ und bald arles an⸗ ſchon eſes, Ver⸗ rben reib⸗ auf⸗ Be⸗ den ſchte, daß ſie bei einer Scene gleich dieſer ſprechen und handeln würde. Sie war einige Schritte im Zimmer vorwärts gegangen und machte jetzt eine ſehr tiefe Verbeugung vor dem Kriegsrath, der mit weniger Verlegenheit, als ſie ſelbſt verrieth, ihr entgegen trat. „Warum dieſes bekümmerte Ausſehen, mein Fräu⸗ lein? Es wird keine langweilige Conferenz zwiſchen dem Vormund und der Mundel abgeben.“ „Ich fürchte nicht, daß ſie langweilig ſein möchte, doch geſtehe ich, daß ich ſie fürchte.“ „Und warum denn?“ Er ſchob Viola einen Stuhl vor, blieb aber ſelbſt vor ihr ſtehen. „Ich moͤchte gerne aufrichtig ſein, wie ich verſpro⸗ chen habe, und gleichwohl....“ „Haben Sie es nicht im Sinn— iſt es ſo zu ver⸗ ſtehen?“ „Nein, ich will meinen Satz berichtigen.“ „Und wie lautet er, nach der Korrektur?“ „Nun, ich wünſche und beabſichtige aufrichtig zu ſein, aber Verſchiedenes von dem, was ich zu ſagen ge⸗ dachte, iſt mir ſelbſt nicht ſo klar, daß ich es einem an⸗ dern klar machen könnte.“ Bei dieſem naiven Geſtändniß erhöhte ſich die Röthe auf Severin's Wangen, aber er fuhr fort mit ziemlich ruhiger Stimme zu ſprechen: „Im Fall Sie mich eines Vertrauens würdig glau⸗ ben, ſo geben Sie es in dem Grade, wie Sie können. Meine Pflicht als Vormund und als Ihr aufrichtigſter und ergebenſter Freund, Fräulein Viola, berechtigt mich, ſo offen zu reden.“ „ Ja, Herr Kriegsrath, ich glaube an Ihre Freund⸗ ſchaft heute und... und ſchon manchesmal; zu⸗ weilen werde ich jedoch von dem Gedanken beunruhigt, daß ich ohne mein eigenes Wiſſen mißfalle.. es hat geſchienen, als ob..“ „Ich kann Ihnen nicht erlauben, mein Fräulein, länger in dieſem Thema fortzufahren. Meine Laune leidet manchmal in Folge der Milzſucht, die aus einem ſo abgeſchiedenen Leben entſteht, wie das meinige ge⸗ weſen iſt und noch iſt; aber ſonſt...“ „Nein, jetzt iſt es an mir, Sie nicht weiter reden zu laſſen. Iſt nicht Ihre Zeit täglich von Beſuchen und Geſchäften in Anſpruch genommen, welche für zehn Perſonen genügen könnten?“ „Aber das alles iſt bloß eine mechaniſche Arbeit. Bleibt die Seele weniger iſolirt, wenn ſie gewiſſe Stun⸗ den des Tags verurtheilt iſt, daſſelbe Geſchäft zu ver⸗ richten, das ſie ſchon zwanzig Jahre lang verrichtet hat? Denn ſeit meinen erſten Jünglingsjahren hat die mei⸗ nige ſich nicht unter den Palmen der Freiheit geſonnt.“ Er ſprach die letzten Worte mit einem etwas auf⸗ geregten Ton, jedoch ohne die Jungfrau anzuſehen, deren Augen auf ſeinen Lippen ruhten. „Jetzt,“ antwortete ſie muthig,„ſollte er gleichwohl nicht ſo ſein. Wir ſind hier drei junge Fraueuzimmer, die alle den guten Willen haben, dieſe finſtern Launen zu verſcheuchen. „Und das wird gewiß gelingen... wenigſtens“ — fügte ſie in leiſerem Tone hinzu—„wird es Jeanne Sophie gelingen.“ „Wenn dieß geſchieht, ſo geſchieht es aus dem Erlade weil ich mich bei ihr am wenigſten gezwungen ühle.“ „Ja,“ ſtammelte Viola, Sie gefallen ſich bei ihr am beſten, Herr Kriegsrath.* „Mein Fräulein!“ Unſre Heldin fühlte eine Thräne der Bitterkeit in ihr Auge dringen, und ehe ſie ſich beſinnen konnte, hatte ſie bereits folgende von demſelben Gefühl einge⸗ gebenen Worte geſprochen: „Werden wir jetzt an die Conferenz in Betreff mei⸗ ner Verheirathung kommen? Ich will nicht den Anſchein hab hieh aus Geg ich möc hab leich zum Mat der ſich Lieu dach gleie zu ſ ich könn mein nung theil drüc des? ſchlã er, r haben, als ob ich von der Urſache meiner Berufung hieher nichts wüßte.“ „Ich geſtehe,“ antwortete Severin,„daß Sie mich aus einer großen Verlegenheit ziehen, indem Sie dieſen Gegenſtand mit ſo großer Leichtigkeit behandeln konnten; ich hegte wirklich einige kleine Befürchtungen, die Sache möchte für Ihre Schüchternheit etwas Verletzendes haben.“ „Eine ſolche Ziererei von meiner Seite hätte viel⸗ leicht mehr von Einfalt als von Schüchternheit gezeugt, zumal nachdem ich den Antrag des Lieutenants Charles Marbin angehört habe.“ Der Kriegsrath machte nicht eine einzige Bewegung der Verwunderung, aber ſeine Augenbrauen runzelten ſich leicht. „Aufrichtig geſtanden, haben Sie den Antrag des Lieutenants angehört, mein Fräulein?“ „Ja, allerdings... war etwas Böſes dabei? Ich dachte, da Sie die Sache billigten, und da Sie es gleichſam abſichtlich vermieden, vorher Etwas zu mir zu ſagen, ſo bedeute dieß eine Art Zugeſtändniß, daß ich ganz nach Belieben handeln könne.“ „Sind Sie jetzt aufrichtig, Fräulein Viola?“ „Ich ſollte es glauben.“ „Aber ich ſollte glauben, daß Sie ſehr gut wiſſen können, daß mein Schweigen eine ſolche Abſchüttlung meiner Pflichten nicht in ſich ſchloß.“ „Jedenfalls hatte ich das Recht, es ſo zu deuten.“ „Ja, ſo gut als Sie das Recht haben, eine War⸗ nung zu mißachten, im Fall ich Ihnen eine ſolche er⸗ theilt hätte. Sie haben ja volle Freiheit, Ihren Ein⸗ drücken zu folgen.“ 22e beginnt eigentlich die Gewalt des Vormun⸗ des?“ „Der Vormund ertheilt im allgemeinen bloß Rath⸗ ſchläge, wenn er um Rath befragt wird. Aber wenn er, wie ich, durch den ausdrücklichen Willen des Vaters 200 das Recht erhalten hat, über die Hand ſeiner Mündel zu verfügen, ſo beginnt ſein Amt bei der erſten Frage, die ihre Verheirathung betrifft!“ „Und er hat das Recht, ja oder nein zu ſagen.“ „Vollkommen.“ „Das iſt ſehr hart und abſcheulich unrecht. Im Fall ich einen Mann liebe, dem mein Vormund nicht hold iſt, ſo müßte ich alſo ſeiner Laune mein Glück aufopfern?“ „Ich hoffe, mein Fräulein, daß Niemand, der dieſe Macht beſitzt, ſie zu einer Laune mißbrauchen wird; und was mich beſonders betrifft, ſo bitte ich Sie, über⸗ zeugt zu ſein, daß ich Ihr Glück da ſehen werde, wo Sis ſelbſt es ſehen.“ „Das glaube ich wirklich. Der Beruf eines Vor⸗ mundes iſt ſo beſchwerlich, daß er gegen ſein eigenes Intereſſe handeln würde, wenn er die Intereſſen ſeiner Mündel allzu genau erforſchte.“ „Fräulein, Fräulein! 14 „Ein unerfahrnes, junges Mädchen würde ſich wohl auch irren können... aber das iſt ganz gleich. Wa⸗ rum ſollte man ſie darauf aufmerkſam machen? Ihr Vormund beeilt ſich ſtatt deſſen zu ſagen: Seien Sie ſo gut und fahren Sie ſo fort, meine Mündel, Ihr Glück iſt das meinige.“ Ein behagliches Lächeln erheiterte Severins bis⸗ her ernſtes Geſicht. „Ich glaube wahrhaftig, mein Fräulein, daß es Ihrem Vormund ſchwer wird, etwas zu thun, was Ihnen zuſagt. Gleichwohl erinnere ich mich, daß Sie einmal juſt in dieſem Zimmer mir erklärten, Sie würden ſich jeder Bevormundung widerſetzen.“ „Das verſteht ſich, wenn ich mich widerſetzen kann, aber... aber wenn es eine Macht iſt, die mein Vater geheiligt hat. „So würde das Fräulein vielleicht einige Rückſicht darauf nehmen? 2 „Ich wäre ja gezwungen.“ 201 „Nein, das geht nicht an. Wir wollen gemeinſchaft⸗ lich prüfen. Wird es nicht beſſer ſein?“ „Ja, ſehen Sie, das läßt ſich hören,.... wir können ſogleich anfangen.“ „Nun wohl,— die Eltern des Lieutenants Charles haben mich um Ihre Hand für Ihren Sohn’ gebeten.“ „Und der Lieutenant Charles hat mich ſelbſt um mein Herz gebeten.“ „Dann wird die nächſte Frage ſein, was haben Sie geantwortet?“ „Dürfte ich nicht zuerſt wiſſen, was Sie geantwortet haben?“ „Recht gern. Meine Antwort war ſo, wie man ſie giebt, wenn man es auf die höflichſte Weiſe zu ver⸗ meiden ſucht, jemand zu beleidigen. Ich erkannte das Ehrenvolle, was in dem Antrage liegt, aber ich konnte keine Hoffnung geben, ehe ich mich Ihrer Gefühle ver⸗ gewiſſert hatte.“ „Ich möchte wünſchen,“ rief Viola mit Heftigkeit, „daß auch ich keine Hoffnung gegeben hätte.“ „Haben Sie denn das gethan, mein Fräulein?“ Severins Stimme wurde tiefer bei dieſer Frage. Er ſah dem jungen Mädchen mit einem forſchenden Blick ins Auge. „Herr Kriegsrath, ich habe... ich habe weiter nichts gethan, als daß ich Bedenkzeit verſprach. „Wenn ein Frauenzimmer verſpricht, das Anerbieten eines Mannes zu bedenken, ſo hat ſie ſich bereits zur Hälfte gebunden. Man nimmt nicht an, daß eine Be⸗ denkzeit aus einer anderen Urſache verlangt werde, als weil es für ihre Schüchternheit ein Bedürfniß iſt, ſich an das neue Verhältniß zu gewöhnen.“ Severin hatte ungewöhnlich langſam geſprochen, ſo daß jedes Wort Violas Herz durchbohrte. Sie ſaß ſtumm, die Hände über die Bruſt zuſam⸗ mengelegt und mit niedergeſchlagenen Augen da. „Mein Fräulein, erlauben Sie mir eine Frage. 20² Wenn ſie Ihnen nicht anſtändig iſt, ſo geben Sie keine Antwort darauf.“ Viola beugte den Kopf. „Regt ſich in Ihnen ein Gefühl, das für die Ver⸗ bindung mit dem Lieutenant ſpricht?“ „Herr Kriegsrath, ich kann das nicht läugnen.“ „Dank, mein Fräulein, für dieſe Aufrichtigkeit. Wir können jetzt die Berathung als geſchloſſen an⸗ ſehen. Ich werde den Comerzienrath zur gehörigen Zeit unterrichten, daß wir ſeinen Vorſchlag annehmen.“ Viola ſchaute auf und ſah ein, daß nichts nothwen⸗ diger war, als dieſem téte- ä-tète ein Ende zu machen. Severins Ausſehen hatte ſich auf eine gar zu auf⸗ fallende Weiſe verändert. Sein Geſicht hatte in Folge eines plötzlichen Rückſchlags den Blutſtrom verloren, der ſich ſo eben noch dahin gedrängt hatte, und ſeine todes⸗ blaſſe Stirne war von Schweißtropfen befeuchtet. „Ich gehe,“ ſagte Viola vom Kopf bis zu Fuß zitternd, aber ich darf nicht verhehlen, daß das Gefühl, das in mir für den Lieutenant Charles ſpricht, einer andern Perſon gilt als ihm.“ „Räthſel dienen hier zu nichts.“ „Es iſt kein Räthſel. Der Lieutenant ſagte, daß die Verbindung zwiſchen ihm und mir das Verhältniß zwiſchen Jeanne Sophie und ſeinem Bruder wiederher⸗ ſtellen könnte. Jeanne Sophie liebt mit einer unver⸗ gänglichen, einer grenzenloſen Liebe. Sie grämt ſich ſo tief... Wenn ich ſie glücklich machen könnte..“ „So würden Sie es ſelbſt auch werden? Frauen⸗ zimmer laſſen ſich gerne dafür anſehen, daß ſie ſich für ihre Freunde aufgeopfert haben. Aber ein Weib, wie Mamſel Jeanne Sophie, wird lieber ihr ganzes Leben lang unglücklich bleiben, als ihr eigenes Glück dem Opfer des Glücks einer Andern verdanken wollen. Was hinwiederum den Lieutenant Charles betrifft, ſo kann er glauben, daß ſeine Angelegenheiten gut ſtehen, da ein ſolch dreiſter Beweggrund nicht mit Verachtung zu⸗ rückgewieſen wurde.“ „Dreiſt?“ „Ja, denn damit ſpricht er zugleich aus, daß er über das Vermögen ſeiner Frau verfügen könne. Er verſpricht ihr Genüſſe, die ſie ſelbſt bezahlen darf. Wahr⸗ haftig, ein zartſinniger Freier.“ „Da ſein Vorſchlag mich nicht verletzte, Herr Kriegsrath, ſo meine ich, er ſollte auch andere Perſon⸗ nen nicht verletzen können.“ „Dann haben Sie Recht, mein Fräulein. Haben Sie jetzt die Güte, die Prüfungszeit zu beſtimmen.“ „Wir wollten ja gemeinſchaftlich prüfen?“ „Nachdem die Sache ſo weit vorgeſchritten iſt, nicht mehr.— Sie müſſen jetzt allein prüfen. Und im Fall ſie ſechs Wochen nicht für eine zu lange Friſt halten..“ „Sechs Wochen?“ Viola ſchien tief verwundert. „Ich vermuthe, daß man noch ſo lange Geduld haben muß. Ich komme dann gerade recht nach Hauſe, um zu gratuliren, und die Hochzeit anzuordnen.“ „Sie kommen nach Hauſe, Herr Kriegsrath?— was ſoll das heißen?“ „Entſchuldigen Sie— ich habe, glaub' ich, ver⸗ geſſen, Ihnen zu ſagen, daß ich dem Dokter verſprechen mußte, einige Wochen in einem Bade zuzubringen. Ich werde in fünf oder ſechs Tagen abreiſen.“ Viola ſtand einen Augenblick ſtumm da. Sie fühlte einen eiskalten Druck auf ihrem Herzen. „Bedarf ich,“ ſagte ſie leiſe, indem ſie einige Schritte vortrat,„bedarf ich mehr als dieſe Tage, um mich zu... zu... einem Ja oder Nein zu ent⸗ ſchließen?“ „Ich weiß nicht, wie viel Sie eigentlich bedürſen, mein Fräulein; aber ſo viel weiß ich, daß ich vor mei⸗ ner Rückkehr von der Sache nichts mehr hören will. Ich ſchreibe dem Commerzienrath, daß ich dieſen Zeit⸗ punkt für die Entſcheidung ſelbſt feſtſetze. Geſchieht 20⁴ ſchon früher etwas zwiſchen den contrahirenden Theilen, ſo verbleibt es unter ihnen.“ Severin hatte ſich während der letzten Minuten gegen einen Bücherſchrank angelehnt. Er ſtrengte ſich an, ſeinen Satz zu Ende zu bringen, und ſobald das letzte Wort über den Lippen war, gab er mit ſeinem Blick ein Zeichen, das Viola wohl verſtand. Sie verſuchte auch zu gehen, aber eine Macht, die ſtärker war, als ihr Wille, lenkte ihre Tritte noch ein⸗ mal nach derſelben Richtung. Jetzt waren es ihre Augen, die ſprachen, und eine Bitte in Worten konnte nicht beredter ſein als diejenige, die ihr Blick abſandte. „Mein Fräulein haben Sie die Güte, mich zu ver⸗ laſſen, ich fühle mich außer Stand, länger mit Ihnen zu ſprechen.“ Sie mußte gehorchen. Und ſie gehorchte. Aber ihr Herz, ihr verletzt. ***.******** Stolz, ihr Hochmuth, alles war .⁴.* ð******⁴ Was ſich in der nächſt folgenden Minute im Zim⸗ mer des Kriegsraths zutrug, wußte niemand, denn außer dem Doktor und dem alten Nicke kam niemand inein. Aber als ſpäter am Abend der Pfarrer ankam, ſagte Nicke, indem er ihn auf die Seite zog: „Nun jetzt iſt es klar. Die Schwägerin jubelt. Die Kleine ſchluchzt, und Mamſell Sophie, die ſo eben noch auf 10 Minuten hineingerufen worden war, glich einer Sterbenden, als ſie herauskam. In fünf Tagen reist er fort.“ „Ich begreife von Allem nichts.“ „Aber ich begreife es, und ich wußte zum Voraus, daß etwas im Anzug war— und das prophezeiten die Lilien auf Olenas Grab?“ Sechste Abtheilung. die— eine Sonnenuntergang der Favoritenherrſchaft. ihnen Die Luft, die ſonſt ſo warmen Lebensh auch Geſpendet, iſt nicht mehr. Verdüſtert, Entſtellt, o ſtumm, iſt die Natur wie todt. Oxrenſtjerna. Füntzigſtes Kapitel. Einleitung zu einer Briefſammlung, Zwei Monate ſind verfloſſen, ſeit der Kriegsrath die entſcheidende Erklärung mit ſeiner Mündel hatte. Der Auguſt nahte ſeinem Ende, und noch war Se⸗ verin nicht von der Badereiſe zurückgekehrt, welche ſich bis über die beſtimmte Zeit verlängerte. In dieſen Tagen wurde er inzwiſchen zurückerwartet. Aber ehe wir von dieſem Ereigniß Notiz nehmen, müſſen wir das erfahren, was die zwei verfloſſenen Mo⸗ nate für unſre drei Frauenzimmer mit ſich führten. Bei dem haſtigen, aber eiſenfeſten Beſchluß des Kriegsraths, in einer Badreiſe wenn auch nicht die Hei⸗ lung, doch wenigſtens einige Linderung der vielfachen Leiden zu ſuchen, die ihn quälten, fuhr ein electriſcher Schlag durch das Haus. Auf einen Theil wirkte die Elektrizität wohlthuend, auf den andern betäubend. Laura durfte ihrem theuren Severin nicht Geſell⸗ ſchaft leiſten, und ebenſo auch Nicke nicht— denn der Doktor hatte erklärt, daß der Kriegsrath, wenn er einigen Nutzen von der Reiſe haben ſolle, gänzlich auf eignen Füßen ſtehen müſſe— aber Laura erhielt ſtatt deſſen die Aufſicht über das Haus, über die Mündel, und die offene Vollmacht, die Beſuche des Lieutenant Charles anzunehmen, Notabene mit der Beſchränkung, daß ſie ihn des Anſtandes halber nie mit Viola allein laſſen ſollte. Daß der Doktor und der Pfarrer als Chrenrichter ſter 7s ganze Serail geſetzt werden ſollten, verdroß e nicht. 208 Der Doktor, mit welchem ſie jedenfalls ihre Fehde jetzt beendet hatte, war ſo geſchmeidig, daß er ihren beabſichtigten Unternehmungen Vorſchub leiſtete, und was den Pfarrer betraf, ſo ſtand er in ſeiner Eigenſchaft als beinah erklärter Freier in einem neuen Licht, worin er ſich nicht ſchlecht ausnahm. „In drei Monaten,“ ſagte Laura heimlich zu ſich ſelbſt,„werde ich dreißig Jahr alt. Wenn nur Viola glücklich mit Charles verheirathet iſt, ſo überlaſſe ich Jeanne Sophie getroſt das Haus ſammt dem Vormund und verheirathe mich ſelbſt mit Lars Moritz. „Jeanne Sophie iſt nicht gefährlich. Mein gelieb⸗ ter Schwager bleibt für immer Junggeſell, aber da ich ein für allemal die Gewalt über ihn nie mehr bekomme, die ich hatte, ſo thue ich am beſten, eine andre zu be⸗ grünben, die jedoch, wie ich fürchte, nicht allzugroß werden wird. Die Erbſchaft kommt unter allen Um⸗ ſtänden meinen Jungen zu gute— vorausgeſetzt, daß alles ſo geht, wie die nunmehrigen Ausſichten ver⸗ ſprechen.“ Solcher Art waren Frau Lauras Gedanken. Violas Gedanken hatten einen düſterern Farbenton Noch bis zur Abreiſe des Kriegsraths ſchwebte Viola in Unſchlüſſigkeit. Sollte ſie noch ein Geſpräch mit ihm verlangen oder nicht? Die Eigenliebe rief überlaut: Nein! Das Herz dagegen ſeufzte:„Ich halte es gewiß nicht aus, auf ſolche Art von ihm zu ſcheiden.“ Aber gleichwohl wurde kein Geſpräch begehrt. Die abweichende, beinahe eiskalte Geberde, womit er ihr das letztemal ein Zeichen gab, das Zimmer zu verlaſſen, ſtand beſtändig vor ihren Augen, und als ſie Jeanne Sophie fragte, rieth auch dieſe von jedem wei⸗ teren Schritt in der Sache ab. ehde hren und haft orin ſich ziola ich nund lieb⸗ ich nme, be⸗ groß Um⸗ daß ver⸗ enton ebte ngen Herz auf vomit er zu g8 ſie wei⸗ 209 „Beruhige Dich, meine liebe Viola,“ ſagte ſie mit mütterlicher Zärtlichkeit.„Und glaube mir, der Dein Opfer hätte gelten ſollen, und da ich folglich partheiiſch für Lieutenant Charles ſein könnte, glaube mir: es war ein ebenſo unedler als unzarter Zug von ihm, durch Voranſtellung dieſes Motivs gleichſam Deinen Edelmuth beſtechen zu wollen.“ „Aber Jeanne Sophie, er muß es dabei doch gut gemeint haben— ich kann mich nicht genug darüber wundern, daß Du ſelbſt es nicht einſehen willſt.“ „Hoͤre, mein Kind— ich kann Dich nicht über all die wechſelnden Gefühle aufklären, die ſich in meiner Seele regen... wenn ich mich nicht täuſche, haſt Du genug mit Deiner eigenen zu ſchaffen... Aber ſoviel kann ich ſagen, daß ich auf dieſe Art das Glück nicht finden würde. Glaubſt Du, daß ich meinen Gatten als ein Gnadengeſchenk annehmen wollte, das ich dem Edel⸗ muth ſeines Bruders zu danken hätte? Und glaubſt Du vor allen Dingen, daß ich jemals ein Glück annehmen würde, das Dich Thränen koſtete? Nein, wenn ich ein Opfer von Deiner Freundſchaft begehre, ſo ſoll es mehr gelten, als der Seligkeit.“ „Aber wenn es ſo iſt,“ ſiel Viola mit flammenden Wangen ein,„ſo bedarf ich ja keiner Bedenkzeit? Willſt nicht Du, Jeanne Sophie, meinem Vormund das ſagen, wenn Du meinſt, daß ich ſelbſt es nicht ſagen ſoll?“ „Weder Du noch ich darf es thun. Ein ſolcher Beſchluß wäre ebenſo unbedachtſam, wie Dein Verſpre⸗ chen der Bedenkzeit, während Du kein näheres Intereſſe für den Lieutenant hatteſt. Jedenfalls kannſt Du überzeugt ſein, daß der Kriegsrath nichts würde anhören wollen.“ „Aber das ift ja unedel.“. „Nein, es iſt blos gerecht. Er will nicht, daß ſeine Mündel in der wichtigſten Angelegenheit ihres Lebens ſcherze. Da Du davon geſprochen haſt, Dich zu beden⸗ ken, ſo mußt Du es auch thun.“ Der Vormund. I. 14 210 „Sage mir wenigſtens, Jeanne Sophie, da Du doch ſein Vertrauen beſitzeſt, glaubſt Du, daß ich auch nur im mindeſten— o ſieh doch nicht ſo verwundert aus— im mindeſten an ſeiner Abreiſe Schuld bin?“ „Darüber weiß ich nichts— und ich möchte glau⸗ ben, Du ſollteſt Dich nicht mit Gedanken beſchäftigen, die Dich nur noch mehr verwirren.“ „Und alſo auch Du, Jeanne Sophie, auch Du biſt unzufrieden mit mir... alle Menſchen legen es darauf an, daß ich leiden ſoll.“ „Ich, meine Viola, wünſche im Gegentheil, Dich jeder Art von Leiden überheben zu können. Aber ich habe vor allen ein Recht, unzufrieden zu ſein. Mußte nicht mein Name gleichſam als Vorwand für Deinen Beſchluß herhalten?“ „Als Vorwand?“ „Prüfe Dich genau und Du wirſt finden, daß Du dieſen Ausweg nicht ungern ergriffeſt. Sicherlich ſagte Dir ein gewiſſes Gefühl, wenn auch unklar, daß die Bedenkzeit zu etwas nützen könnte.“ „Wenn ich dieſe Gedanken gehabt habe— und ich weiß bei Gott und dem Andenken meiner geliebten Tan⸗ ten nicht, warum ſie ſich jetzt wiederum in mir regen — ſo ſind ſite mir wenigſtens niemals ſo nahe gekom⸗ men, daß ich ſie verſtanden hätte.“ „Wir gehen nicht weiter... wenn der Kriegsrath zurückkommt, ſo ſoll er ſehen, welchen Beſchluß Du auf eigene Fauſt gefaßt haſt. Inzwiſchen laß Dir nichts an⸗ merken„ 4 e.„*„„.„ 2 4 In der Abſchiedsſtunde war Severin gegen alle Frauenzimmer gleich. Er reichte jeder die Hand, und ohne ſeine Vor⸗ mundswürde eigentlich voranſtellen zu wollen, hatte er ſie in ſeinem ganzen Weſen geoffenbart, das im übrigen mehr auf Ermüdung als auf Sehnſucht deutete. Bli Che wen verg fen. und was geſa roth noch wele Vat wen mei die tete Sie könr früh iſt e Him meit präſ helfe a Du auch undert n2“ glau⸗ ftigen, zu biſt darauf Dich er ich Mußte Heinen iß Du ſagte aß die nd ich Tan⸗ regen ekom⸗ gsrath u auf s an⸗ 211 Die einzigen Gegenſtände, die ihm einen betrübten Blick entlockten, waren die Blumen und der alte Nicke. Am Tag nach der Abreiſe des Kriegsraths machte Charles ſeine erſte Aufwartung als privilegirter Freier. Aber er konnte auch ohne Privilegium nie eine weniger angenehme Stunde gehabt haben. Violas Augen zeigten nicht blos die Spuren von vergoſſenen Thränen, ſondern auch Neigung zum Schla⸗ fen. Und bei den drei Hauptſtellen, wo der Lieutenant, und zwar mit Recht, alles übertroffen zu haben meinte, was bisher in der abgenützten Sprache der Galanterie geſagt worden war, führte ſie das Nastuch an ihre roſen⸗ rothen Lippen. „Nun wohl,“ verſetzte er halb verzweifelt, halb noch troſtvoll— denn die Eigenliebe heilte die Wunden, welche die Eigenliebe erhalten hatte—„nun wohl, Gott⸗ Vater brauchte ſieben Tage, um die Welt zu ſchaffen... wenn ich ſieben Monate am Glück meiner Zukunft, meiner Welt zu arbeiten hätte, ſo könnte ich dennoch die Zeit als gut angewendet betrachten.“ „So viel Geduld wird nicht nöthig ſein,“ antwor⸗ tete Viola mit einem erzwungenen Lächeln.„Wenn Sie mich nicht binnen ſieben Wochen ſo verliebt machen können, daß ich von meinen Bedenklichkeiten wegen der frühzeitigen Ehe abſtehe, ſo iſt alles aus— und dann iſt es Ihr eigner Fehler, Herr Lieutenant.“ „Nein, ſchlägt es unglücklich aus, ſo iſt dieß beim Himmel und bei der Erde nicht mein Fehler, ſondern mein Schickſal.“ „Ja, mein Fehler iſt es dann nicht.“ „Doch ganz gewiß, denn da Sie das Schickſal re⸗ diſe deen, ſo fehlt Ihnen alſo jeder Wille, mir zu helfen. „Im Fall nicht,“ verſetzte Laura, die ſich jetzt in 212 das Geſpräch miſchte,„Herr Amor eine ſo gänzlich ab⸗ genützte Autorität wäre, ſo würde ich prophezeien, daß er— mit Ernſt angerufen— die Sache in die Hand nehmen werde. In früheren Tagen, als man noch einen frommen Glauben an ſeine Macht hatte, verrichtete er Wunder.“ Lieutenant Charles ſtrich mit etwas ſtoͤrriſcher Miene ſeinen Schnurrbart. Sowohl der Scherz als auch die Einmiſchung geſiel ihm nicht ſonderlich. Er war durch Lauras Gegenwart in allen ſeinen Bewegungen ſehr genirt, aber ſelbſt wenn ſie in Bezug auf den Punkt, ihres Schwagers Vorſchriften zu über⸗ ſchreiten, gefällig geweſen wäre, ſo... was würde er mit einem téte-A-téte gewonnen haben, wenigſtens jetzt am erſten Tag der erſten Woche? Inwiefern die letzte für Lieutenant Charles glück⸗ licher war, ſinden wir— nebſt allem übrigen, was wir zu wiſſen brauchen— in der kleinen Briefſammlung aufgezeichnet, die jetzt vorgelegt wird. Einundfünfzigſtes Kapitel. Briefe. Lieutenant Emil Marbin an Jeanne Sophie. „Mein Bruder hat das Recht erhalten, während der Abweſenheit des Kriegsraths ſein Haus zu beſuchen, und obſchon Charles geſtern Abend bei der Rückkehr von ſeinem erſten Beſuch nicht ſonderlich aufgeräumt aus⸗ ſah, ſo beneide ich ihn dennoch um ſein Privilegium. ab⸗ daß and noch tete cher auch inen 2zug ber⸗ e er jetzt lück⸗ wir lung d der „und von aus⸗ um. 213 Deinetwegen habe ich dieſen Neid empfunden. Aber ich kann nicht ohne eine ganz beſondere Ge⸗ legenheit diejenige beſuchen, die ich taͤglich zu ſehen wünſchte, denn es iſt für mich nothwendig, daß juſt jetzt Niemand meine Pläne kenne. Schon heute würde ich Dir den langen Brief ge⸗ ſchickt haben, den ich Dir verſprach, aber ich empfinde ein nnabweisliches Bedürfniß, vorher eine neue Bekräf⸗ tigung Deines Wunſches zu empfangen, daß Du ihn annehmen wolleſt. Jeanne Sophie, willſt Du edler ſein als andre Weiber— willſt Du Deine Seele vollkommen vor mir entſchleiern? Dann will ich die meinige entſchleiern. Laß mich nicht vergebens an Deine Wahrheitsliebe appelliren. E. M.“ Jeanne Sophiens Antwort. „Ich habe eine Ewigkeit, volle drei Tage gewartet, ehe ich Dir den Beweis von Vertrauen gab, den Du begehrſt.. O Emll, vielleicht hätte ich noch drei und dreimal drei Tage warten ſollen, denn wer bürgt mir dafür, daß dieſes Vertrauen, von welchem Du verlangſt, daß es dem Deinigen vorangehen ſoll, nicht dem Beſchluß, den Du faſſeſt, ſeine Farbe geben wird? Ich beſchwöre Dich alſo bei Deiner Chre, bei Dei⸗ ner Ruhe im Leben und im Tod, betrüge mich nicht! Höre mich an... weine, wenn Du wlllſt⸗ uͤber mich... aber erniedrige mich nicht dadurch, daß meine Schwachheit Dir Stärke einflößt. O was thue ich, daß ich nicht länger zögere. Viel⸗ leicht würde mir der morgende Tag einen beſſeren Tag ſchenken. Aber nein— ich fühle es— da Du von mir auf ſolche Art die Wahrheit forderſt, ſo kann ich ſie nicht verweigern. 214 Hore alſo: ſo lange ich lebe, kann ich nur ein einzigesmal lieben, und dieſe Liebe endet nur mit dem Tod oder mit dem Wahnfinn, inſofern ſie ihren irdiſchen Himmel nicht erreicht. Mißverſtehe mich nicht! Der Himmel iſt nicht die Gewißheit, Deine Frau zu werden— dieſem Himmel habe ich bereits einmal entſagt, und ich fühle in mir Muth genug, ihm noch tauſendmal zu entſagen, wenn ich nicht den höheren finde, nach welchem ich mich ge⸗ ſehnt habe, noch jetzt ſehne und ewig ſehnen werde. Mein Himmel wohnt in Deinem Herzen— dort wird er verſchloſſen gehalten, denn der Schlüſſel, welcher allein das Heiligthum zu öffnen vermag, iſt Deine Liebe, nicht Deine brüderliche, nicht Deine mitleidige Liebe, auch nicht Deine Liebe voll von Hingebung und großen Opfern. Nein, nein, ich will alles das nicht haben. Ich kenne zu gut die Armuth in einer gewiſſen Art von Reichthum. Die Liebe, in deren Beſitz ich mich glücklich finden könnte, würde auch nicht in den trunkenen Inſpirationen eines Thoren oder Schwärmers beſtehen. Sie wäre die treue, feſte, tiefe und lebendige Er⸗ gebenheit eines Mannes, eine Ergebenheit, die für nicht mehr, als für ein einziges Weib Raum hätte, und die dieſes Weib über alles ſetzte, außer über Gott und die hre. Dieſe edle und hohe Liebe könnte zu ſich ſelbſt agen:. Wenn Du ſtark biſt wie der Tod, ſo weißt Du auch, daß ſie, die Dich ins Leben gerufen hat, deſſen würdig iſt. Sie iſt ſtark, ſowohl wie das Leben, als wie der Tod. Im Leben geht ſie vor Dir her oder neben Dir, überall, wo Dornen wachſen; ſie küßt dieſelben dafür, daß ſie ihr erlauben, einen Schmerz zu genießen, der Dir erſpart wird. Im Tode geht ſie nach Dir,— wenn ein dem chen die mel mir enn ge⸗ en en. lrt „ „ 3 1 ſie nicht gezwungen wird, ihr Ziel aufzugeben,— denn der Inſtinkt ihres Herzens ſagt ihr, daß ſie Dich, oder die Hoffnung, Dir nützlich zu ſein, nicht aufgeben wird, bevor ſie ihren letzten Lebensodem ausgehaucht hat. Sie kennt keine Schmerzen, wenn Du ihrer be⸗ darfſt. O Emil, wird Deine Liebe einmal ſo reden? Nein, denn ſie iſt eine kleine, blaſſe, matte Flamme, die nur ein männlicher Edelmuth und ein zärtliches Mitleid unterhält. Aber höre jetzt weiter. Dieſe Liebe, die ich hier geſchildert habe, moͤchte ich in einer Verbindung unter allen Verhältniſſen, mit Ausnahme eines einzigen, finden. Und dieſes einzige wäre, wenn der Mann, dem ich meine Anbetung widmete, ſich in einer beſonders bittern Lage befände, wenn er ſich in Bekümmerniſſe hinein⸗ gezogen ſähe, die ſelbſt Vorwürfe, Mißvergnügen, Nie⸗ dergeſchlagenheit und den Wunſch zur Abſonderung von Allem nach ſich führten, bis das Uebel durch die Zeit oder Arbeit wieder gutgemacht werden könnte. Im Fall er dann zum zweiten Male dieſe Frage wiederholte: würdeſt Du den Muth haben, mit Verzicht⸗ leiſtung auf alle Bequemlichkeiten, mit Verzichtleiſtung auf das Allernothwendigſte vielleicht, lieber dem Manne zu folgen, den Du liebſt, als hier zuruckzubleiben mit der Ausſicht, ihn vielleicht nie wieder zu ſehen? ſo würde ich wieder antworten: Führe mich in Amerika's Wüſten, laß mich durch glühende Sandfelder, durch die ewigen Wälder gehen, wo wilde Thiere rings um mich heulen— führe mich blos auf den Fleck der Erde, den Du anzubauen ge⸗ denkſt, und ich will Deine Sklavin werden, mehr Skla⸗ vin, als das Weib des Indianers ihrem Manne iſt. Glaube nicht, mein inniggeliebter Freund, daß dieſe Ausdrücke, welche in ſich ſaſſen, daß ich mit Dir Alles leiden will, nur ſo loſe hingeworfen ſind. Nein, jedes Wort iſt eine Wahrheit, die ich beweiſen und mit meinen Handlungen beſiegeln will. Was iſt Glanz, Reichthum, Bequemlichkeit, was dieſe leichte Erfüllung aller unſrer Wünſche anders als ein Staub in der Wagſchale der Liebe? Ich hätte für eine ſolche Stellung ſo gut paſſen können, wie für manche andere, aber ich paſſe noch beſſer für eine ſolche, worin meine Seelenkraft ſich ent⸗ wickeln kann. Ich bedarf des Einen oder des Andern, denn ſo wie jetzt in den letzten Monaten würde ich es nicht lange ausgehalten haben. Ich habe wunderliche Träume gehabt. Du, Emil, weißt nicht, was ſolche beſagen wollen,— Du weißt nicht, wie ſie berauſchen! Aber ich habe erfahren, daß auch die Qual ihre Genüſſe hat, wenn ſie eine recht bedeutende Höhe erreicht. Glaube inzwiſchen nicht, daß ich nicht im Sinne habe, einen andern Lebenszweck zu ſuchen, im Fall ich nicht für Dich leben darf. Ich habe einen ſolchen nahe genug— denn niemals wird das Leiden bei mir den Wunſch erzeugen, mein Leben ſelbſt zu verkürzen. Und jetzt bin ich es, die Dir die Bitte um Auf⸗ richtigkeit an's Herz legt. Sei überzeugt, daß ich, ſtatt Dir zu danken, Dir niemals verzeihen würde, wenn Du in Deinem Briefe etwas anders ſagen ſollteſt, als die unbegrenzteſte Wahrheit. Nur die Feigheit ſucht Bemäntelungen. Ich bin nicht feig, ich erwarte muthig Alles. Jeanne Sophie.“ N. S.„Es gibt einen Namen, den ich hier nicht genannt habe— ich erwarte ſtatt deſſen, daß ich ihn in Deiner Antwort zu ſehen bekomme. Dieſelbe.“ mit was 3 als aſſen noch ent⸗ dern, ch es Emil, weißt daß recht Sinne ll ich nahe den Auf⸗ Dir Briefe zteſte ) bin nicht h ihn 217 Lieutenant Emil an Jeanne Sophie. „Hochſinniges und heldenmüthiges Weib, fürchte wenigſtens nicht, daß Du bei einem längeren Aufſchub beſſeren Rath gefunden hätteſt, als derjenige iſt, den Du Dir bereits gegeben haſt. Ich wußte zum Voraus, daß Du alle krummen Wege verachten würdeſt, ich wußte, daß Du Deine Seele offen vor mich hinlegen würdeſt, und nachdem ich jetzt ihre Blätter Seite um Seite geleſen, will ich Dir die⸗ ſelbe Aufrichtigkeit, daſſelbe grenzenloſe Vertrauen be⸗ weiſen. Ich weiß nicht, ob etwas in meiner Organiſation fehlt, aber ſicher iſt, daß ich die Bedeutung der zwei Worte„heftige Leidenſchaft“ niemals erfahren habe. Werde ich dieſe Bedeutung je erfahren? Aufrichtig geſtanden, ich glaube es nicht. Welches Weib iſt mehr als juſt Du geſchaffen, ſolche Gefühle zu erwecken? Deine ganze Erſcheinung, Dein Ausſehen, Dein Weſen, Dein glühender Geiſt ſollte mich fortreißen— und gleich⸗ wohl, meine arme Jeanne Sophie, bleibt Dein Lieb⸗ haber zurück auf der Erde, der Erde, die ihm mehr von ihrer Proſa gegeben hat, als der Himmel von ſeiner Poeſie. Muth, meine theure, herrliche Jeanne Sophie, ich habe noch mehr zu bekennen. Als Du bei unſren Zuſammenkünften ein paar Mal Deine Freundin mitbrachteſt, ſchien es mir, als ob dieſe einer Offenbarung aus dem Paradieſe gliche, nicht einer Houri aus dem Paradies der Morgenländer,— unter dieſe wollte ich Dich ſetzen— ſondern einer ſchneeweißen lilienreinen Jungfrau, welche verſchämt, bange und ver⸗ wirrt, nach dem Eden zurückblickt, aus dem wir Weſt⸗ bndn unſre ſchönſten und herrlichſten Sagen geholt aben. Sie, die kleine Viola, machte einen lieblichen Ein⸗ 218 druck auf mein Herz, den lieblichſten, den ich ſeit langer Zeit erfahren hatte, denn er erinnerte mich an die Zeit, da ich als Junge eine ſchneeweiße Taube liebte und verehrte, die, trotz aller meiner Sorgfalt, an meinem Buſen ſtarb. Die weiße Taube, welche der Knabe geliebt hatte, lebte auf in Viola. Ich empfand einen innigen Wunſch, ſie vor allem Böſen zu ſchuͤtzen und zu bewahren. Und es regte ſich in mir ein lebhafter Verdruß gegen Dich, weil Du ſie nicht gleich zärtlich pflegteſt. Du weißt, wie ich Deine Abſicht bekämpfte, unſren Abſchied bei ihr zu nehmen, und gleichwohl— wunder⸗ bares Menſchenherz— war ich in meiner Weigerung nicht ſo feſt, als ich hätte ſein ſollen⸗ Ich ſchämte mich meiner Schwachheit: ich fand es feig, ja ſchändlich, ihr Zimmer zu entheiligen, und doch kam ich, erbittert ſowohl gegen Dich als gegen mich. Ihre Angſt, die ſich ſo ſprechend in ihrem Geſicht ausdrückte, erinnerte mich noch lebhafter an meine arme Taube, wenn dieſe zitternd und erſchreckt den Kopf unter dem Flügel barg. Am ſchlimmſten war es mir jedoch, aſs Deine junge Freundin mich mit ihren milden Paubenaugen anſah. Ich brannte vor Scham über die Stellung, worein ich ſie verſetzt hatte. Und der Kniefall war eine geringe Abbitie. Sodann kam der Sturmwind, der uns trennte. Als ich Deinen Brief empfing, litt ich entſetzlich, denn mein Gewiſſen und mein Herz weinten beide um Deinetwillen, Du heftiges, wildes, geliebtes, heißblüti⸗ ges Weib, das nicht im Norden hätte geboren werden ſollen. Ich kämpfte auch. Hätte ich's verſuchen ſollen, Alles wieder gut zu machen? Ich kam zu einem Nein. Es ſchien mir, als ob ich, da meine Liebe ſich nicht mit der Deinigen zu meſſen vermochte, und da ich, in Folg Meer am 2 einzig ſtand, gen, Herze welt Schlu ihn h ſelten, Branl 0 9 Deine Du m Dich 4 reiches beſtäng L ich nic J keit D wieſen B fitzen k nicht, dieß C Al muthlic Folge meiner unſeligen ökonomiſchen Stellung, nur ein Meer von Bekümmerniſſen über Dich bringen könnte, am Beſten thäte, dem Bruch Beſtand zu geben. Während meiner Exerzitien in Marſtrand, als mein einziger Genuß nach einem ermüdenden Tag darin be⸗ ſtand, unter den kahlen Klippen von Bohuslän zu lie⸗ gen, lebteſt Du mit größerer Macht als je in meinem Herzen wieder auf. Ich ſah Dich als eine Prinzeſſin aus der Zauber⸗ welt auf der gegenüber ſtehenden Klippe ſitzen und Schlummerlieder Deinem Liebling vorſingen, und es zog ihn hin zu Dir, und er gewahrte immer ſeltener und ſeltener die weiße Taube, die ſich unter den grünen Brandungen nicht gut befand. So kam ich nach Hauſe. Ich ſah Dich und Viola mit einem einzigen Blick. Aber Du warſt es, die übermannt von der Kraft Deines Eindruckes bewußtlos zur Erde ſank, und zu Dir, Du meines Herzens Echo, eilte ich, und hernach als ich Dich verließ, war es Dein blaſſes Bild, das in Dein „reiches ſchwarzes Haar wie in einen Schleier eingefaßt, beſtändig vor mir ſtand. Bei Eurer Ankunft im Hauſe meiner Eltern dachte ich nicht daran, welche Blicke mir folgten. Ich fühlte mich ſtolz, zu zeigen, daß meine Artig⸗ keit Dir gewidmet war, Dir zuerſt, die Du mich abge⸗ wieſen hatteſt. Bei Tiſch ſorgte ich dafür, daß ich neben Viola zu ſitzen kam: ich wollte ſte in der Nähe ſehen und wollte nicht, daß Charles zu viel erhalten ſollte. Im Fall man dieß Eiferſucht nennen kann, ſo war wenigſtens kein anderer Wunſch dabei, als ſie einem Einfluſſe zu ent⸗ ziehen, von welchem ich wußte, daß er nicht zu ihrem Glück ausſchlagen konnte. Charles iſt ihrer nicht werth. Aber ich entdeckte bald, daß ſeine Bemühungen ver⸗ muthlich nicht mit Erfolg belohnt wurden, Augenſchein⸗ 220 lich ſind ihre Gefühle im Begriff, ſich einem würdigeren Gegenſtande zuzuwenden. Möge mein weißes Täubchen glücklich werden— Siehe das iſt Alles, was ich wünſche... bei Gott Alles! Denn wäre ihr Herz ſo frei wie ihre Hand es noch iſt, ich würde gleichwohl weder nach dem einen noch nach dem andern ſtreben. Nein, entweder bleibe ich unvermählt oder ich werde mit Dir vereinigt, die Du gezeigt haſt, was eine wirk⸗ liche Liebe iſt, mit Dir, meine Jeanne Sophie, die Du kraftvoll und ſtark in Deinen Handlungen, Deine Worte nicht verläugneſt, mit Dir endlich, deren irdiſches Be⸗ ſitzthum klein genug iſt, um nicht als ein Ziel eigen⸗ nütziger Berechnungen betrachtet werden zu können. Ich habe jetzt meinen geiſtigen Menſchen vor Dir enthüllt— laß mich nun auch den weltlichen enthüllen. Ich war niemals Verſchwender; aber in der Ge⸗ wißheit, ein reicher Erbe zu ſein, habe ich nie hausge⸗ halten. Und nun haben mich achtjährige Schulden, die ſich beſtändig vergrößerten, in eine ſo verzweifelte Lage gebracht, daß ich, wenn ſie nicht binnen zwei Monaten bezahlt werden, genöthigt bin, meinen Abſchied einzurei⸗ chen und mich aus dem Staub zu machen. Dieß Letztere iſt ſehr bedrückend: es widerſtreitet ſowohl meiner Ehre als meinem Rechtsgefühl. Aber wenn dieſes Syſtem der Quälereien, das ſchon ſeit drei Jahren dauert, nicht zu einem ehrenhaften Schluſſe ge⸗ bracht wird, ſo iſt dieß der einzige Ausweg. Im Schuldthurm kann ich nichts ausrichten und würde dabei auch noch den Muth verlieren. Im Beſitz der Freiheit dagegen kann ich etwas thun: ich kann arbeiten und zuwarten; mit der Zeit werde ich aus meiner Erbſchaft meine Schulden bis anf den letzten Stüber bezahlen. Mein Vater hat die Güte gehabt, ſeine Angele⸗ genheiten in’s Klare zu bringen, und ich bekomme gerade ſo viel, daß ich mich wieder ehrlich machen kann. igeren en— Gott und es einen werde wirk⸗ ie Du Worte 8 Be⸗ eigen⸗ en. or Dir hüllen. er Ge⸗ hausge⸗ en, die te Lage Conaten inzurei⸗ eſtreitet .Aber ſeit drei uſſe ge⸗ ren und is thun: werde anf den Angele⸗ e gerade n. Für den Augenblick will er inzwiſchen gar nichts hun⸗ denn blos Etwas würde zu nichts helfen, und lles... Ich kann ihn nicht tadeln und, bei Gott, ich thue es auch nicht. Ich weiß, daß Du an einen gewiſſen Ausweg denkſt, Du, meine Jeanne Sophie; aber höre mich an: Wenn mein Vater die Hälfte vorſchöſſe, und eine ge⸗ wiſſe kleine Mitgift die Summe ausfüllte, was würde daraus entſtehen? Armuth, Verläumdung, unrettbares Elend.— Nein, wenn ich reiſen muß, ſo iſt Dein kleines Kapital unſer einziger Nothanker. Und wenn Du, theure Jeanne Sophie, nach dieſen Bekenntniſſen findeſt, daß ich, ſo wie ich bin, Dir einen Schatten von Glück verſchaffen kann, ſo ſchwöre ich, daß ich Dir in Freud' und Leid' mein Leben weihen werde. Ich habe bei meinem Vater keinerlei Mittel der Ueberredung angewendet: ich durfte dieß aus mehreren Gründen nicht, hauptſächlich aber, weil er für ſeine Hülfe einen Preis verlangen würde, auf den ich fortan niemals eingehen werde. Sollte es das Schickſal ſo fügen, daß meine Ver⸗ hältniſſe ohne dieſe letzte Reſſource in Ordnung gebracht werden können, ſo wird unſere Ehe ſoweit hinausge⸗ ſchoben, bis die Zeit das Eine und das Andere geebnet und geheilt hat. Muß ich dagegen das Land verlaſſen, ſo wollen wir unſre Trauung ſo ſtill als möglich vor⸗ nehmen, ſo daß wir fertig ſind, wenn die Zeit kommt. Ich reiſe jetzt auf drei Wochen fort, um wo mög⸗ lich etwas Geld aufzutreiben— durch die Vermittlung einiger Kameraden habe ich eine entfernte Hoffnung. Wenn ich wiederkehre, wird unſer Schickſal ent⸗ ſchieden. Lebe wohl, meine Jeanne Sophie, meine treue, meine zärtliche Gefährtin. auch nicht mit leidenſchaftlicher Gluth, doch mit einer heiligen getreuen und unverbrüchlichen Liebe geliebt wirſt von Deinem Emil.“ N. S.„Gib mir noch heute Abend ein Paar Zellen als Antwort. Ich reiſe morgen in der Frühe ab.“ Jeanne Sophiens Antwort. „Ich bin zufrieden, ich bin dankbar. Gott wird für das Uebrige ſorgen. So reiſe denn, mein Geliebter! Bei Deiner Rück⸗ kehr bin ich zu Allem bereit für Dich und mit Dir. Jeanne Sophie.“ Bweiundfünfzigſtes Kapitel. Korrespondenz.(Fortſetzung.) Frau Laura an ihren Schwager. 2„Mein zärtlich geliebter Severin! Es wäre vergebens, theurer und hochgeſchätzter Freund, die unbeſchreibliche Freude ſchildern zu wollen, welche bei Kurchleſung Deines letzten Schreibens mein Herz erfüllte. Mit dem erſten war ich nicht ſo ganz zufrieden Du warſt noch nicht zur Genüge in Ordnung gekom⸗ men, und Dein Gemüth hatte noch nicht die Friſche, die es jetzt haben muß, denn Friſche offenbart ſich in jedem Wort Deines Schreibens. Empfange die feſte Verſicherung, daß Du, wenn Ach, mein geliebter Schwager, ich wußte nicht, daß ich Dich ſo innig liebte, wie dieſe drei Wochen mich überzeugt haben, und obſchon es gleichſam meine Eigen⸗ liebe ein wenig verletzt, daß Du Dich ohne meine Pflege ſo gut behelfen kannſt, ſo überwiegt dennoch die Freude bei weitem den Verdruß. Ja, bade, nimm Theil an Geſellſchaften, zerſlreue Dich aus des Herzens Grunde, es iſt eine Pflicht gegen Dich ſelbſt, Alles zu verſuchen, und ſo geſund nach Hauſe zu kommen, daß die Kränklichkeit für immer aus Deinem Leib und Deiner Seele verbannt bleibt. Du denkſt an einen kleinen Ausflug in ſüdliche Gegenden, wenn Du Deine Badkur vollendet haſt. Dieß iſt eine gute Idee, und es wäre Unrecht, ſie zu vernach⸗ läßigen. Soll das Bad wirken, ſo darſſt Du Dein ar⸗ beitſames Sklavenleben nicht ſo ſchnell wieder anfangen. Jetzt Einiges aus unſerm häuslichen Kreiſe. Jeanne Sophie, die einen Brief mehr von Dir er⸗ halten hat, als ich— ich bin jedoch nicht eiferſüchtig, denn ich ſehe, wie gut ſie ſowohl mündlich als ſchriftlich zur Geſellſchafterin für Dich taugt Jeanne Sophie würde, wenn es auf ſie ankäme, ganz und gar einge⸗ zogen leben. Ihre liebſte Beſchäftigung iſt, Deine Blumen zu pflegen und Deine Bücher abzuſtauben. Dein Arbeits⸗ zimmer befindet ſich vollſtändig unter ihrer Obhut. Lieutenant Emil iſt fort. Er reiste bald nach Dir ab. Vermuthlich geſchah es aus Zartgefühl, daß er nicht ſo nahe bei ſeiner früheren Geliebten wohnen will, welche, wenn auch Alles aus iſt, ſichtbar ihn dennoch in ihrem Herzen behält. Jeanne Sophie gehört zu den wenigen, welche nicht von mehr als von einer einzigen Liebe wiſſen. Und da ſte den Mann nicht bekommen hat, den ſie liebte, ſo gibt es für ſie keine beſſere Zuflucht, als Dein Haus, wie auch Niemand Dir nützlicher werden köoöͤnnte, als ſie, im Fall ich einmal das Amt niederlegen ſollte, das ich mit Stolz bekleidet habe. Die Kleine blüht ſchöner als alle Roſen, und amü⸗ firt ſich oft recht närriſch. Ich ſage auch manchmal in einem feierlich ſtrafen⸗ den Tone zu ihr: Wenn die Katze fort iſt, tanzen... Du kennſt das Sprichwort. Nun, unn, die Jugend iſt die Zeit der Vergnügun⸗ gen und der heiteren Gefühle; und wenn Freiwerbung und Liebe ſich dazu miſchen, ſo wird der Farbenton noch glänzender. Noch iſt es mit Charles nicht ganz entſchieden, aber ich habe eine zu gute Meinung von ihrer Redlich⸗ keit, als daß ſie einen Mann drei Wochen hingehalten haben ſollte, um ihm einen Korb zu geben,— auch hat es ganz und gar nicht den Anſchein, als ob es dazu kommen ſollte. 3 Lieber Schwager, ich habe Tag und Nacht meinen Kopf voll von den Hochzeitdetails. Welch' eine holdſelige Braut Viola wird! Sie hat ſich bereits für die Farbe ihres Brautkleides entſchieden: Weißmoirirt, garnirt mit Myrthen, und ich kann wirk⸗ lich ſagen, daß ſie mit gieriger Luſt Deine Myrthen⸗ ſträuche betrachtet. Lieber Severin, vielleicht wird ſie auch eine An⸗ dere noch zu einem armen Kranze plündern.... die Wittwen dürfen nichts anderes tragen. Wenn Du nach Hauſe kommſt, wartet Dein viel⸗ leicht ein gedoppeltes Vertrauen. Ich erröthe, während ich daſitze, wenn ich an einen ſolchen Augenblick denke. Aber, mein lieber, guter Severin, Du darfſt nicht an eine Doppelhochzeit denken. Ich kann ſo wenig mit Viola verglichen werden, daß ich gewiß gänzlich über⸗ ſehen würde, wenn die ganze Stadt an Dein Haus ſprär zu er bin 1 von licher lichke erreit wenn endlit ſich gar geda fen Nick mich das könn wor unn ſo ſe noch chen d 22⁵ ſpränge, um eine Spur von der jungen Frau Marbin zu erblicken. Wir beluſtigen uns viel. Ich geſtehe es und ich bin mit Allen zufrieden, außer mit dem alten Nicke, von dem ich Dir erklären muß, daß er weit unerträg⸗ licher iſt, als er früher war, was Du als eine Unmög⸗ lichkeit betrachten dürfteſt, da er ſchon vorher einen Grad erreicht hatte, den man für unüberſteiglich halten konnte. Ach wenn Du ihn mit Dir genommen hätteſt, oder wenn Du ihn nachkommen ließeſt, Du würdeſt da un⸗ endlich verbinden Deine zärtlich ergebene Schwägerin Laura Wendelsköld.“ Viola Holſt an ihren Vormund. Beſter Herr Kriegsrath! Ich bezeuge Ihnen meinen Dank für Ihre Güte ſich zu entſchuldigen. Aber es war ganz und gar unnöthig. Es hatte ja gar nichts zu bedeuten, daß die Zeilen, worin meiner gedacht wird, erſt nach einem Monat eintrafen. Habe ich nicht das Vergnügen gehabt, in den Brie⸗ fen an Laura, an den Doktor, an den Pfarrer, an Nicke und vor Allem an Jeanne Sophie zu ſehen, was mich aufrichtig freut, nämlich daß Ihr Zuſtand ſich durch das Bad beſtändig beſſert. Das wenige, was ich von mir ſelbſt zu ſagen haben konnte, iſt vermuthlich bereits von Andern mitgetheilt worden, und da ich meinen Vormund nicht mit einer unnöthigen Wiederkauung bekannter Dinge quälen moͤchte, ſo ſchweige ich mit ſolchen unbedeutenden Sachen. Ich gratulire Ihnen zu Ihrem Plan, Ihre Reiſe noch ein wenig auszudehnen. Wenn ich in die Verhältniſſe getreten bin, in wel⸗ chen allein ein Frauenzimmer in meiner 3ag⸗ ihren Der Vormund. II. 15 Wunſch zu reiſen, befriedigen kann, ſo werde auch ich reiſen. In der Ahnung ſpanne ich meine Segel aus und fliege fort, weit fort. Ach könnte ich fahren, ſo weit die Welt reicht, ſo koͤnnte ich doch ſehen, ob die Menſchen auf der andern Seite der Erdkugel eben ſo kalt und todt ſind wie hier. Sie belieben nach meiner Geſundheit zu fragen, Herr Kriegsrath: ich bin immer geſund wie ein Nuß⸗ baum und froͤhlich wie ein Vogel, der daran denkt, ein⸗ mal nicht in ſeinen Käfig zurückzukehren, ſondern ſich im Walde ein Neſt zu ſuchen. Mit Verehrung habe ich die Ehre mich zu unter⸗ zeichnen Ihre gehorſamſte Dienerin Viola Holſt.“ Der alte Nicke an den Kriegsrath. Liebſter Herr Kriegsrath und wohlgeborner Waſa⸗ ritter, mein verehrter und inniggeliebter Herr, Ihnen zu Dienſten mit allen Arten von Freuden und Glück⸗ wünſchen. Ich weiß nicht, ob es gegen den Reſpekt iſt, zu erklären, daß ich mich müde fühle, aber die reine, klare Wahrheit iſt, daß ich lieber 300 Blumenſträuche und 300 ausgeſtopfte Vögel bewachen möchte, als nur drei Frauenzimmer. Ich denke Etwas, ich.. und wäre es nicht uner⸗ laubt, ſich in die Rathſchläge unſers Herrn einzudrängen, ſo würde ich zu ſagen wagen, daß er es gewiß ſchon mehr als einmal bereut hat, die ganze Herrlichkeit er⸗ ſchaffen zu haben. Herr Jeſus, wie dick muß er es haben! * Ich glaube nicht, daß es in der ganzen Chriſten⸗ heit und in allen heidniſchen Landen ein Frauenzimmer gibt, wie die ſelige Olena. Sie machte niemals Winkelzüge, weder nach der einen noch nach der andern Seite, und kam es ihr je einmal in den Kopf, zeigen zu wollen, daß ihr Verlan⸗ gen rechts liege, wenn ich nach links deutete, ſo geſchah dieß dennoch immer mit Vernunft und Sittſamkeit, und mit einem hübſchen roſenfarbigen Lächeln auf den Lippen. f Ubar, o gütiger. Gott, was für Frauenzimmer das ind Frau Wendelsköld, die doch ihre Wittwenwürde äſtimiren ſollte,— Pfuil ſie äſtimirt ſie gar nicht,— macht ſich nichts daraus, einmal um das andere das junge Mädchen allein mit dem Lieutenant zu laſſen. Nun, nun, unſre kleine Dame gefällt mir jetzt auch nicht mehr recht. Im Anfang war es ganz anders. Jetzt iſt ſie ganz rappelköpfiſch und verhext. Das iſt ein Schwatzen, Erzählen, Singen, und Tanzen, und Bucbbeßiigrelen... und ſo geht es den ganzen Tag ort. Und die Roſen werden nach Oſt und Weſt geplün⸗ dert, ſo daß es eine wahre Schande iſt, denn die Damen wollen nicht allein Blumenkränze in den Haaren, ſon⸗ dern auch Bruſtroſen haben. Olena hatte ein anderes Gefühl für die Roſen, und ich erinnere mich noch ganz genau, wie fein ſie ſich ver⸗ neigte und wie ſie lächelte, wenn ich am Sonntagmor⸗ gen mit einem Blumenſtrauß zu ihr kam.. ſie trug ihn in der Hand, wenn ſie in die Kirche ging, und her⸗ nach kam er ins Waſſerglas. Lieber Herr, mein Herz iſt ſchwer betrübt. Es iſt gerade, wie wenn jeder Blutstropfen in mir kochte, wenn ich dieſen hochmüthigen Lieutenant Karle, aufgeblaſen wie ein kalabulliſcher Hahn, herkommen und ſich brüſten und eine Miene annehmen ſehe, wie wenn er bereits die Braut im Brautſtuhl und das Erbe in der Taſche hätte. Zuweilen werfe ich ihm die Gartenthüre gerade vor —— — der Naſe zu; aber dann kommt ſogleich die Frau Wen⸗ delsköld herangetrippelt und ſchämt ſich nicht zu ſagen, daß ich mich um mehr Dinge bekümmere, als ich nöthig habe. Es wäre mir lieber, meine grauen Haare lägen im Grab, als daß ich das alles mit anſehen ſoll. Den Pfarrer kann ich gar nicht begreifen. Der ſitzt ganze lange Stunden bei Frau Wendelsköld; wenn ich nicht wüßte, daß er ein gar kluger Herr iſt, ſo würde ich denken, er ſei nahe dran, den Verſtand zu verlieren, denn etwas weniger als verrückt kann derjenige nicht ſein, der Luſt hat.. Herr Gott, da hätte ich mich beinahe verſchnappt — meines Herrn eigene Schwägerin. Entſchuldigen Sie, lieber Herr, es geht ſo vieles Gerede aus dem Mund, wenn das Herz voll iſt. Mamſell Jeanne Sophie iſt von Allen ſich am gleich⸗ ſten geblieben, aber auch bei ihr ſteht durchaus nicht alles ganz richtig, und unter uns geſagt, ich habe bei⸗ nahe die ſchlimmſten Befürchtungen um ihretwillen. Ich möchte Ihnen keinen Kummer verurſachen, aber 3 Pflicht iſt eine ſchwere Sache und eine drückende a Lieutenant Emil war einen Monat ungefähr fort, und obſchon jedermann glaubt, es ſei aus zwiſchen ihnen, ſo habe ich doch ſchon die Beweiſe von etwas anderem geſehen. Ein paarmal iſt es mir vor der Gartenthüre nicht geheuer vorgekommen, und ich habe auf den friſch be⸗ worfenen Gängen Spuren wahrgenommen, die zu groß ſind, als daß ſie dem Fraͤulein, und zu klein, als daß ſie der Frau angehören ſollten. Es konnte eigentlich auch nichts ſein, es iſt an Sommerabenden ſo warm und lieblich, daß man gern im Grünen herum ſpaziert. Aber an einer andern Stelle im Garten, dort wo die Hecke am breiteſten iſt, hatten zwei ſpaziert, und X Wen⸗ ſagen, oöthig lägen Der wenn würde lieren, nicht ſnappt vieles , aber ickende rfort, viſchen etwas e nicht ſch be⸗ t groß ls daß iſt an — n gern ort wo „ und 229 jetzt iſt genug geſagt, damit Sie wiſſen können, wie viel Uhr es geſchlagen hat. 3 Ich kann nicht helfen, wenn hier ein Unglück ge⸗ ſchieht. Ich ſpringe aus und ein, ſo ſchnell ich kann, und ich ſtelle mich manchmal auch auf die Lauer. Aber ein Menſch iſt doch auch nicht mehr als ein Menſch, und Einer kann nicht auf drei Seiten zu⸗ gleich ſein. Und als ob man mir dafür dankte.... ja ge⸗ horſamer Diener! Sie lachen mich noch ins Geſicht hinein aus; aber wer zuletzt lacht, lacht am beſten. Was für Zeiten!— Hätte je ein Menſch geglaubt, daß man in Ihrem Hauſe, Herr Kriegsrath, ſolche er⸗ leben müßte? Der Doktor flattert wie ein Schmetterling oder ein Narr um die Frauenzimmer alle zuſammen herxum. Es iſt wahrhaft zum Schämen, wenn man ſieht, wie ſich der alte Kauz geberdet. Mir iſt alles zuſammen ein Gräuel. Bekäme ich einen Befehl von Ihnen,— und das iſt nöthig, wenn Sie noch länger ausbleiben,— ſo laſſen Sie ihn ſo lauten: Mein alter getreuer Diener Nicke hat das Recht, das Haus von Allem, was Mannsleute heißt, zu reini⸗ gen, den Doktor eingerechnet, außer bei Krankheitsfällen. Die Frauenzimmer werden eingeſperrt und zur Arbeit angehalten. Nicke ſoll allein die Haushaltung zu be⸗ ſtellen haben. Aber jetzt adieu, lieber Herr! Wenn Sie bei Ihrer Heimkehr mich noch am Leben finden, ſo haben Sie die Güte und halten es mir zu gut, daß ich noch nicht ge⸗ ſtorben bin. Mit großer Verehrung und Hochachtung und gro⸗ ßen Wünſchen für Ihre Geſundheit und Wohlbefinden ſetze ich mit Angſt und Bekümmerniß unter dieſes Klag⸗ lied meinen ehrlichen Namen. Nicke Wadell.“ 230 N. S.„Eine fröhliche Nachricht habe ich noch be⸗ kommen, als ich den Brief ſchon geſchloſſen hatte. Lieutenant Emil reiſ't wieder auf vierzehn Tage fort.“ Der Kriegsrath Wendelsköld an den Doktor Livelius. „Sieh da, Bruder, jetzt habe ich mir ſelbſt eine beſſere Kur verordnet, als Du vermocht hätteſt. Das Blut fließt nicht mehr ſieberheiß, ſondern kühl und leicht durch meine Adern. Ich fange an zu glauben, daß ich wirklich von einer fixen Idee heimgeſucht war, wenigſtens ſpiegele ich mir meinen Tod auf den Herbſt nicht mehr als ein unbedingt nothwendiges Ereigniß vor. Aber ich ſpiegle mir auch eine andere Veränderung nicht vor, wegen welcher das Leben noch einen ganz beſondern Reiz hätte. Ja, wie mag wohl das Leben ſein, das mich bei meiner Heimkehr erwartet! Eine tiefe Sehnſucht hat mich ergriffen, eine Sehnſucht nicht blos nach meinen Blumen, meinen Büchern, meinem Garten, ſondern eine Sehnſucht nach euch, ihr lieben Freunde, die ihr ſo manche trübe Stunde mit mir getheilt und ſie verſcheucht habt. Ich ſehne mich auch nach Laura— was auch ihre Fehler ſein mögen, ſo hat ſie doch immer Anſprüche auf meine Dankbarkeit— und ich würde die Wahrheit ver⸗ läugnen, wenn ich nicht geſtände, daß ich mich auch nach meiner Mündel ſehne. Aber vor allem ſehne ich mich nach Nicke. Gleichwohl, wenn ich glauben ſoll, was der Alte mir in ſeinen Jeremiaden verkündet, iſt mein Haus nicht viel beſſer, als ein modernes Babylon. 8 Du würdeſt mich verbinden, Bruder, wenn Du den 231 Frauenzimmern zu verſtehen gäbeſt, daß ich mich daheim gerne auch wieder heimiſch finden möchte. In der Fremde, in Bädern und auf Reiſen kommt man von ſeinen Gewohnheiten ab. Es war auch mein feſter Entſchluß, das zu thun. Ich habe mich bei nichts entzogen. Ich bin ſogar weniger ſcheu gegen Frauenzimmer geworden, aber ich fühle in mir, daß ich in dem Augenblick, wo ich meine eigne Schwelle wieder betrete, mich in meine alten Ver⸗ häͤltniſſe, meine Arbeiten und meine einfachen Vergnü⸗ gungen wieder finden möchte,— dieß ſind die wahren Elemente meiner Seele, oder vielmehr, ſie find es ge⸗ weſen, und ich klage nicht darüber. Du haſt ſo manchmal, ohne Antwort zu erhalten, nach den Wirkungen der Symptome gefragt, die ich Dir in den letzten Tagen mittheilte. Ich will jetzt antworten. Bruder, Du wirſt Dich verwundern, Du wirſt das Geheimniß nicht glauben wollen, das ich Deiner Ehre, Deiner Verſchwiegenheit, der Verſchwiegenheit des Arztes und Freundes anvertraue. Ich war im Begriff, mich zu.... verlieben: ich! Ja wundere, ärgere Dich über Deine Bornirtheit, nicht zu begreifen. Dieſe Lektion kann Deiner Eigenliebe nichts ſchaden. Gleichwohl geſtehe ich, daß Deine Blindheit ver⸗ zeihlich war. War ich nicht ein Menſch, der ganz und gar allen ſtärkeren Regungen des Herzens und des Lebens Lebewohl geſagt hatte?* Aber Du ſiehſt ein, daß ich, wenn ich rede, und vor allen Dingen, wenn ich in dieſem Ton rede, auch geheilt bin. Maerke Dir übrigens jetzt eine Sache, Doktor. Auf dreißig Meilen Entfernung kann ich dieſen Ge⸗ genſtand berühren, aber wenn ich nach Hauſe komme, würdeſt Du mich ſchwer beleidigen, im Fall Du dieſe 232 Saite anſchlügeſt⸗ ohne daß ich ſelbſt Veranlaſſung da⸗ zu gebe. Als ich von Haus wegreiſ'te, hatte ich blos unklare Begriffe von meinem Zuſtand. Ich hatte blos ein ſehr ſtarkes Gefühl, daß ich auf einige Zeit fort wolle und fort müſſe. Aber als ich an einen Ort kam, wo junge Frauen⸗ zimmer den alten Junggeſellen noch beobachteten und ſich mit ihm beſchäftigten, da begann es in mir zu tagen. Ueberall ſah ich ein Weib, das ich nicht da fand, und ich begriff endlich— allerdings ging mir dieſes Licht nur langſam auf— daß all die Symptome, die ich als ſteigende Grade meiner körperlichen Krankheit an⸗ geſehen hatte, ſtatt deſſen die einleuchtendſten Zeichen der Krankheit des Herzens waren. Inzwiſchen folgten ſich Tag und Nacht, oder viel⸗ mehr es war ja bereits Nacht, ehe es Tag wurde, und mit der Reſignation ziehe ich die Nacht vor. Was wollte daraus entſtehen? wahrſcheinlich blos ein berauſchender Traum, flüchtig wie Champagner⸗ ſchaum. Obgleich ich mich mit ſechs und dreißig Jahren nicht mehr als alt betrachte, ſo bin ich doch für ſie zu alt. Doch namentlich iſt mein Gemüth mit ſeinem Ernſte zu alt für ihren jungen und flüchtigen Sinn. Sie hat mir das auch gezeigt. Denn mit dem feinen Winke, den das Weib beſitzt, bin ich ſicher, vollkommen ſicher, daß ſie mehr ahnte, als ich ſelbſt— ja ſie wußte, daß ich... und gleich⸗ wohl verlangte ſie Bedenkzeit bei dem Antrag des Lieute⸗ nant Charles. Nein, es iſt meiner Geſundheit nicht zuträglich, von all dem zu ſprechen. Deine Vorſicht in der Wahl der Ausdrücke, wenn Du von ihr ſchreibſt, beſtätigt über⸗ dieß das Reſultat, das zu erwarten ſteht, noch mehr, als Laura's und Nicke's offene Erklärungen. ſagu hat für gen! glau kraf daß der verb trau gew brin Laut gene 233 Jeanne Sophie iſt die einzige, die an die Voraus⸗ ſagungen der andern nicht glaubt. Aber Jeanne Sophie hat auch gute Augen, und ich argwöhne, daß ſie fürchtet, die Nachricht möchte mir immer noch zeitig genug zukommen. In Bezug auf Jeanne Sophie kannſt Du gar nicht glauben, wie aufgeſchreckt und feurig die Einbildungs⸗ kraft meines ehrlichen Nicke iſt. Er gibt zu verſtehen, daß Jeanne Sophiens Verbindung erneuert ſei, und daß der Lieutenant incognito ſeine Aufwartungen macht. Mein armer Nicke: er ſieht in jedem Baum einen verborgenen Liebhaber. Ich habe niemals für ein Weib ein ſolches Ver⸗ trauen empfunden, wie für Jeanne Sophie. Sie iſt gewiß die Letzte, die mir und meinem Hauſe Unehre bringt. Es ſieht aus, als ob Lars Moritz die Heranbildung Laura's zu einer zweiten Ehr zu vollenden beabſichtigte. Ich darf wohl ſagen, daß dieß die fröhlichſte und an⸗ genehmſte Neuigkeit war, die ich erwarten konnte. In acht Tagen oder am 28. Auguſt wirſt Du um⸗ armt von Deinem alten Freund und Patienten Severin Wendelsköld.“ Doktor Livelius an den Kriegsrath. „Liebſter Bruder, Freund und ehemaliger Patient. Dieſes Billet, das ich Dir in den letzten Gaſthof entgegenſende, ſieht— wie Du findeſt— weder gefähr⸗ lich, noch beleidigend aus. Nichts deſto weniger iſt es der Repräſentant Deines Arztes, der Dir lange in den Bart gelacht hat, Du niedliches Greiſenthum, das ſich bis über die Ohren verliebte, als Du zum erſtenmal das Kind in ſeinem weißen Morgenkleide ſahſt. Daher die Tagesordnung— nichts leichtes nach elf Uhr— über die ich mich halb todt gelacht habe... Wie mei⸗ ſterhaft behandelte ich nicht Deine erſten Symptome.. 234 die Symptome Deines Todes! Wenn ich Dir gerade heraus geſagt hätte, wie es war, ſo würde ich Dich zu Tod geſchreckt haben. Ich erzählte Dir ſtatt deſſen eine Geſchichte, die Deiner ewigen Dankbarkeit würdig iſt, — hol' mich der Teufel, wenn es nicht ein wirklicher Freundſchaftsdienſt war, mir ſelbſt eine Zerſtreutheit an⸗ zudichten— ſeitdem hab ich Dich immer nach derſelben Methode behandelt, und dem Himmel ſei Dank, daß Du ohne mein Zuthun zur klaren Einſicht Deines Uebels gekommen biſt. Ich gedenke in Bezug auf das Kind kein Wort zu ſagen... handle jetzt auf eigne Fauſt: ſiehe, urtheile und prüfe! Deine ſechs und dreißig Jahre ſind gerade recht. Gebe Gott, ich hätte blos ſechs und dreißig Jahre, nota bene, wenn ich nicht die fünf und zwanzig des Charles vorzöge. 3 Lars Moritz gedenkt Dich von Deinem alten Haus⸗ übel zu befreien. Ich habe ihm meine Hülfe verſpro⸗ chen, wohlverſtanden, um ſie in Reſpekt zu erhalten. Willkommen, willkommen daheim bei Deinem Freunde L2.“ Lieutenant Emil an Jeanne Sophie. „Keine Anſtrengung weiter! alles iſt vergebens ge⸗ weſen. Ich habe bereits mein Abſchiedsgeſuch geſchrieben. In drei Wochen biſt Du mein Weib. Jeanne Sophie, warum ſtehſt Du mitten in dieſem Elend, dieſen hereinbrechenden Bekümmerniſſen, dieſen widerwärtigen Verhältniſſen tauſend, tauſendmal klarer als je früher vor meiner Seele? Du weißt es, meine Gattin, mein Leben, mein Stern, der mir voranleuchten ſoll auf den neuen Bahnen. Das letzte Mal war Deine Wange bleich, eine Thräne zitterte in Deinem Auge,— dieſe Thräne hat mich gebrannt und gleichwohl fühlte ich mich ſelig, als ich ſie wegküßte. 23⁵ Ich weiß, daß dieſe Thräne nicht der Furcht vor den Bekümmerniſſen galt, die uns erwarten. Und Du kannſt mir nicht mißtrauen. Wiſſe, Geliebte, daß ich jetzt ganze Seiten von meiner Liebe ſchreiben koͤnnte— meiner brennenden Liebe, hörſt Du— denn Du ſollſt nie mehr ſagen, daß ſie lau ſei. Aber iſt es wohl für uns jetzt Zeit zu ſchwärmen? O nein, jetzt müſſen wir handeln, aber wenn wir hin⸗ aus kommen auf das kleine Meer, dann ſollſt Du ſehen, daß, obſchon meine Seele niedergedrückt iſt durch den widerlichen und ehrenrührigen Schritt, wozu ich ge⸗ zwungen bin, Dein Anblick allein mir die Kraft zu ar⸗ beiten wiedergeben wird, und die Lebensluſt, die ohne Dich nicht ſonderlich groß ſein würde. Mein Vater ſah mich geſtern in einem Augenblick der Verzweiflung. Er weiß, daß ich ohne Hoffnung bin, und er ahnt möglicher Weiſe, was ich im Sinn habe, denn er ſagte zu mir: „Emil, im Fall ich mich zu einem Opfer entſchlöſſe, das thöricht wäre, wirſt du mir dann zum Dank dein Ehrenwort geben, daß du dich nicht ſtürzen willſt in..“ Ich brauchte nicht mehr zu wiſſen— ich verſtand das übrige und antwortete ihm: „Vater, das Ehrenwort, um das es ſich handelt, würde ich vor drei Monaten gegeben haben, jetzt iſt es zu ſpät, in doppelter Beziehung zu ſpät, denn ich habe mein Abſchiedsgeſuch eingeſandt.“ Mit Stolz ſagte ich das. Von Dir vermag mich jetzt nichts anders mehr zu trennen, als der Tod. Möͤge Dein Vormund bald zurückkommen... ich zähle jeden Augenblick. Sei ruhig, armer Engel, und vertraue Dich Deinem Emil.“ 236 Jeanne Sophiens Antwort. „Ja, ich vertraue mich Dir. Wenn ich Dir mißtraute, ſo würde ich eine weniger grauſame Art zu ſterben wählen. Noch bleibt ein ganzer Tag bis zur Rückkehr des Kriegsraths übrig. Du zählſt die Minuten, ich die Sekunden. Jeanne Sophie.“ Frau Laura an den Pfarrer Horner. „Geliebter Lars Moritz! Du haſt eine ſo beiſpielloſe Geduld gezeigt, daß i Dich belohnen nesf Priel gee ich Morgen kommt mein Schwager— verlange dann von ihm Deine dankbare Laura.“ N. S.„Was all die guten Eigenſchaften betrifft, die Du gegen meine minderguten ausgetauſcht zu ſehen wünſcheſt, ſo mußt Du ſelbſt zuſehen, wie Du ſie zur Entwicklung bringen kannſt. Ich glaube nicht, daß ich ſchlimmer bin als andere, und um mich Deiner Ergebenheit würdig zu machen, gedenke ich mit allem Fleiß ein erſt kürzlich erſchienenes Buch zu ſtudiren, das den Titel führt:„Memoiren eines Engels.“ Ich bin überzeugt, dieſe Lektüre wird mir zu ſo großem Nutzen gereichen, daß ich ſelbſt ein Stück von einem Engel werde, wenigſtens an den Sonnabenden, wo es eine Grauſamkeit wäre, Dich in Deinen Concep⸗ ten zu ſtören, und zugleich ein Fehler gegen alle Politik, Dir ein Recht zu Anſchuldigungen gegen Deine Frau zu geben, im Fall die Predigt nicht glücklich ausfäͤllt. Ach, es iſt wahr: ich hätte beinahe vergeſſen zu niger des trrifft, ſehen e zur ndere, achen, nenes woiren zu ſo k von enden, oncep⸗ olitik, Frau fällt. ſen zu 237 ſagen, daß in demſelben Augenblick, wo dieſes Billet abgeht, ein ungefähr gleichlautendes an Deinen Vetter Charles abgeſchickt wird. Dieſes Billet enthält Viola's Jawort. Laura.“ Noch eine Nachſchrift, denn Nachſchriften find nun einmal meine ſchwache Seite. „Wäre es nicht hübſch, wenn wir am Freitag auf dem Ball beide Verlobungen zur Kenntniß des Publi⸗ kums kommen ließen? Dieſelbe.“ Viola Holſt an Lieutenant Charles Marbin. „Herr Lieutenant. Sie ſagten einmal, daß Sie, da Gott ſieben Tage gebraucht habe, um die Welt zu ſchaf⸗ fen, ſich gerne ſieben Monate gefallen laſſen wollten, um das Gluͤck Ihrer Zukunft, Ihre„Welt“ zu ſchaffen, wobei ich den Vorſchlag machte, den mittleren Weg ein⸗ zuſchlagen und ſich für ſieben Wochen zu beſtimmen,— was Sie auch gut hießen. Nun wohl, dieſe ſieben Wochen find jetzt verfloſſen und noch einige Tage obendrein. Wir kommen alſo an folgende Frage: feri 5 ſtehen Ihre Hoffnungen?— iſt Ihre Welt ertig Ich weiß zum Voraus, daß Sie die Entſcheidung dieſer Frage meiner Prüfung unterſtellen, und ich werde mich der Pflicht nicht entziehen, nach meinem Dafürhalten zu antworten. Hoͤren Sie alſo: Meiner Anſicht zufolge ſind Sie, Herr Lieutenant Charles Marbin, ein einnehmender Cavalier, ein heiterer und angenehmer Geſellſchafter, ein entzückender Tänzer. Kurz, Sie beſitzen alle Eigen⸗ ſchaften, die ein Frauenzimmer bei einem Mann wünſchen kann, welchen ſie bevorzugt im— Ballſaale. Dagegen habe ich keine hervorſtechenden Eigenſchaf⸗ 238 ten zu entdecken vermocht, die für das haͤusliche Leben paſſen würden, das ich, wohin ich auch blicke, als den Endzweck der Ehe betrachte. Vielleicht hat dieſer Mangel bewirkt, daß mein Herz nicht zerſchmolzen iſt; aber gewiß iſt, daß es ſich ebenſo kalt befindet, wie vor zwei Monaten. Das iſt nicht meine Schuld, auch nicht die Ihrige; es iſt unſer gemeinſchaftliches Schickſal. Nehmen Sie um Gotteswillen dieſe Unannehmlich⸗ keit hin, wie es einem ächten Gentleman zuſteht. Laſſen Sie niemand Ihre, vermuthlich erſte Niederlage ahnen. Ich habe mir den Spaß gemacht, Laura zu ſagen, daß dieſer Brief ein Ja enthalte, ſtatt eines Nein. Ich war dieß meinem Beichtvater ſchuldig, der mir ſo manchen guten Rath ertheilte, denn ich hatte gemerkt, daß das Ja, auf welches er wartete, von dem Ja ab⸗ hing, das Sie erhalten würden. Die liebe gute Laura, ich hoffe, ſie wird mir ver⸗ zeihen, daß ich die Kühnheit gehabt habe, ihr einen einzigen Poſſen zu ſpielen, für die vielen, die ſie mir geſpielt hat. Demnächſt hoffe ich, daß Sie, Herr Lieutenant, ſelbſt es nicht übel deuten werden, daß ich mich in kei⸗ ner von all den kleinen entzückenden Schlingen fangen ließ, die mir gelegt worden ſind. Ich habe die Heiligkeit des Freundſchaftsbundes zwiſchen Ihnen, Herr Lieutenant, und Laura durchſchaut und mir dieſe einzige Rache erlaubt. Viola Holſt.“ mit gen, den Frau unde daß bein Sie habe Sie war: auf, dure trüb gew zu k 239 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Suppliken. „Aber ſo ſagen Sie doch, Doktor, wie iſt es denn mit Jeanne Sophie?“ ſagte Laura an demſelben Mor⸗ gen, wo der Kriegsrath zu Hauſe erwartet wurde. „Wie der Teufel kann ich oder irgend ein Menſch den Namen all' dieſer Dummheiten wiſſen, welche die Frauenzimmer mit dem Titel„Krankheit“ beehren?“ Es war etwas ſo äußerſt Ungewöhnliches, eine ſo undelikate Aeußerung von dem alten Geſellen zu vernehmen, daß Laura, die im Salon ſtand und die Gardinen ordnete, beinah' die Treppleiter hinabgegleitet wäre. „Ich bin überzeugt,“ ſagte ſte,„daß Jeanne Sophie Sie geärgert hat, Doktor. Aber da ich es nicht gethan habe, ſo ſprechen Sie wie ein Menſch und brummen Sie nicht wie ein alter Bär.“ „Guten Morgen, Madame— meine Patienten warten.“ „Da iſt etwas beſonderes vorgekommen.“ Frau Laura ſtieg ihre Leiter hinab und ſuchte Viola auf, welche die Muſchelſammlung im Kabinet abwiſchte. „Liebes Kind, haſt Du mit dem Doktor geſprochen?“ „Nein, er hat mir blos zugenickt, als er hier durchging.“ „Er war bei einer ganz elenden Laune, während er doch ſonſt nie ſchlechten Humor zeigt. Ich bin begierig, was Jeanne Sophie zu ihm geſagt hat.“ „Das weiß Gott! Sie iſt ſeit einiger Zeit ſo be⸗ trübt und zuweilen ſo reizbar geweſen, daß ich es nicht gewagt habe, ſie zu beläſtigen.“ „Ich glaube die Veranlaſſung dieſer Veränderung zu kennen.“ „Wirklich?“ „Sie iſt in Verzweiflung wegen ihres frühern Lieb⸗ habers, in welchen ſie noch ebenſo verliebt iſt. Es be⸗ ginnen allerlei Gerüchte über den ſchlechten Stand ſeiner Angelegenheiten umherzugehen,— man ſagt ſogar, er müſſe ſeinen Abſchied nehmen.“ „Ach mein Gott!“ „Der arme Burſche! Der eine Bruder ſchwebt über einer Hölle, der andre über einem Himmel. Apropos, warum habe ich Charles nicht geſehen? ich bildete mir ein, er müßte ſchon geſtern Abend hierher geſtürzt kommen.“ „Er hat wohl Urſache wegzubleiben.“ „Ich verſtehe: Du haſt ihn auf die Ankunft Deines Vormundes verwieſen und zwar mit Recht.“ „Glaubſt Du das?“ „Ja, ich habe dasſelbe mit Lars Moritz gethan. Nachdem ſie ihr Jawort erhalten haben, dürfen ſie nicht weiter hieher kommen, bis Severin den Segen darüber ſprechen kann. Der Anſtand vor allen Dingen, mein Kind.. Du vergiſſeſt doch die Grundſätze Deines Vormundes nicht?“ „Jetzt bin ich fertig,“ ſagte Viola, indem ſie einen freundlichen Blick auf alle Gegenſtände werfend, ſich anſchickte, das Zimmer zu verlaſſen. „Auch ich bin fertig: alles iſt in Ordnung.“ „Ja, eine ſchöne Ordnung,“ murmelte der alte Nicke, der in dieſem Augenblick eintrat. „Was fehlt Dir, Du entzückender Wehrwolf?“ fragte Laura heiter.„Beſitzeſt Du nicht noch Deine grauen Haarſtreife, die ich Dir mit Recht hätte ausreißen ſollen, für all' den Verdruß, den Du mir bereitet haſt?“ „Ja, das hätte ſie einmal probiren ſollen... aber ſie wird ſchon wieder ihr Sammtpfötchen hervor⸗ ſtrecken. Gratulire, gratulire, zum guten Markt.“ „Lieber Nicke, ſei nur nicht böſe,“ fiel Viola mit einem verſöhnenden Blicke ein. Aieb⸗ be⸗ iner über pos, mir türzt eines han. nicht über mein eines einen ſich alte ragte auen ollen, ** 2 rvor⸗ 1 mit „Böſe? o nein, aber ich bin ärgerlich, und das könnten Sie auch ſein, mein Fräulein, wenn Sie dieſe überflüſſige Waare nicht ganz verloren hätten.“ „Du weißt das nicht ſo genau, Nicke.“ „Ich wiſſe es nicht... welches Geſchwätz? ich weiß, was ich geſehen habe.“ „Geſehen?“ „Ja, ja, geſehen... es wird recht angenehm ſein für den Kriegsrath, wenn er kaum die Naſe zur Thüre hereingeſteckt hat, eine um die andere im Vertrauen be⸗ kennen zu hoöͤren: Lieber Herr Kriegsrath, ich will mich verheirathen... ach, lieber Herr Kriegsrath, ich will mich verheirathen... und nichts anders als heirathen und heirathen, wie wenn alle Frauenzimmer heirathstoll geworden wären.“ Während der Alte im Aerger noch immer wie ein Kreiſel im Zimmer herumſchnurrte und furrte, gingen Viola und Laura jede ihres Wegs. „Mit dieſen da,“ murmelte der Alte, als er ſich allein ſah,„geht es am Ende noch an— aber um die Dritte iſt mir doch recht bange. „Gott weiß jedoch, daß, was mich betrifft, keine Laſt auf meinem Gewiſſen liegt, wenn man ſich nur an die Rechtſchaffenheit halten will. „Aber... ſtill... fährt es nicht... ach, ja, mein Seel! jetzt kommt er gar am Morgen ſtatt am Mö⸗nd, ſo daß das Feſt im Garten ganz zu Waſſer wird. „Ja, ja, das eine wird ſein wie das andere, weder der Doktor noch der Pfarrer bereit, und die Frauen⸗ zimmer nicht angezogen,— da wird er jetzt ſeine herz⸗ liche Freude haben. Kein Wunder,... Gott ſei Dank, daß er mich noch hat.“ Als der alte Nicke in den Hof hinab kam, hatte er gleichwohl den Verdruß, nicht der erſte zu ſein. Jeanne Sophie ſtand am Wagenſchlag, und ſo bit⸗ Der Vormund. II. 16 242 tend war ihr Blick, ſo haſtig und eilig ihr Bewillkom⸗ mungsgruß, daß Severin ihr ſogleich ihren Wunſch, ihr auf eine halbe Stunde Gehör zu leihen, bewilligte, ſobald er den alten Nicke und ſeine Schwägerin begrüßt haben würde. Und ſiehe, da kommt die Schwägerin jetzt mit einer Schnelligkeit heran, als hätte ſie ſich die Schwingen einer Lerche geborgt. Und hinter Laura guckte ein roſenfarbiges Geſicht⸗ chen hervor, auf welchem eine unbezwingbare Rührung zu leſen ſteht. Severin umarmte ſeine Schwägerin, die vor Freude ſchluchzend flüſterte: „Ach, mein guter Severin, wie Dein Ausſehen mich glücklich macht.. Theurer Freund,“ fügte ſie noch leiſer hinzu,„bewillige mir ein Privatgeſpräch auf eine halbe Stunde vor allen Andern.“ „Jeanne Sophie hat bereits mein erſtes Ver⸗ ſprechen.“ „Darf ich dann auf das Zweite hoffen?“ „Das ſteht feſt.“ Jetzt reichte er ſeine Hand Viola, die ſich tief ver⸗ neigte, während ihre Hand ein paar Sekunden in der⸗ jenigen zitterte, die ſie hielt. Der Kriegsrath betrachtete das junge Mädchen mit einem Blick, der ſie beinahe in Ohnmacht fallen machte. Was war denn ſo Entſetzliches in dieſem Blick? Ganz und gar nichts Entſetzliches... er enthielt blos eine milde Gleichgültigkeit. Viola ſtammelte einige Worte des Willkomms und fügte dann, während die Roſen auf ihren Wangen in Scharlachroth übergingen, hinzu: „Wenn Ihre Zeit es erlaubt, Herr Kriegsrath, ſo bitte ich um Erlaubniß, je eher je lieber allein mit Ihnen ſprechen zu dürfen.“ „Recht gern, mein Fräulein. Sobald ich mit Mamſell Jeanne Sophie und meiner Schwägerin, welche nſch, igte, grüßt einer ngen ſicht⸗ rung reude ſehen e ſie ) auf Ver⸗ ver⸗ der⸗ n mit achte. Blick? t blos und een in tih, ſo n mit ) mit welche beide denſelben Wunſch geäußert, ein wenig geſprochen haben werde, ſtehe ich zu Dienſten.“ „Und jetzt muß die Reihe doch wohl an mich kom⸗ men,“ ſagte Nicke, der da ſtand und ſich mit dem Wams⸗ ärmel die Augen wiſchte. „Ja, an Dich zuerſt und vor Allen, Du ehrliche und getreue Seele, mein alter redlicher Freund.“ Und indem er die Frauenzimmer leicht begrüßte, verſchwand Severin mit ſeinem alten getreuen Diener, den er unter dem Arm nahm. Frau Laura blickte ihrem Schwager lange nach. Sie dachte nichts Böſes,— und das wäre auch nicht möglich geweſen, da ſie die Memoiren eines Engels zu ſtudiren gedachte,— aber es überkam ſie gleichſam eine bewußtloſe Unruhe wegen der Wirkung, die das Bad gehabt hatte. Severin hatte gar nichts Leidendes oder Nervöſes in ſeinem Ausſehen— es herrſchte eine ſo behagliche Ruhe und Beſtimmtheit vor... Hem... und(ſon⸗ derbar genug) und er ſchien jünger als zuvor.. ach! Eins freute jedoch Laura, nämlich der Blick, den Viola erhalten hatte. In gewiſſen Fällen war dieſe unerſchütterliche Ruhe den nervöſen Kriſen weit vorzuziehen. Aber hätte Laura geahnt, was dieſe unerſchütterliche Ruhe denjenigen koſtete, der ſie zeigte, ſo hätte keine Art von Lektüre ihr Kraft zu geben vermocht, und hätte ſte überdieß ſehen können, wie viel Muth in dieſem Blicke verborgen lag, den ſie bewunderte, ſo würde ſie ganz ſicherlich das Lächeln eingeſtellt haben, das eben jetzt ihre Lippen theilte. 244 „Nun, was hältſt Du von Severin?“ ſagte ſie zu ola. (Jeanne Sophie hatte ſich bereits entfernt.) „Ich denke, er war ganz wie vorher.“ „Ach ja, darin haſt Du Recht. Wenigſtens war er gewiß ſo wie er künſtig zu ſein beabſichtigt.“ Viola antwortete nicht. Sie eilte auf ihr Zimmer. Vi Und durfte man aus ihren Geberden auf ihre Ge⸗ und fühle ſchließen, ſo mußten dieſe gewiß ſehr unangenem des und vor allen Dingen ſehr heftig ſein. auf Sie eilte an den Kaktusſtock, der jetzt in vollem Flor ſtand, und ſtieß ihn gewaltſam hinab durch das 8 offe offene Fenſter. Sodann beugte ſie ſich hinaus und ſah den Topf zerſchmettert auf dem Steinpflaſter des Hofs liegen. mer Aber dieſer wilde Paroxismus hatte kaum ſein Ende gro erreicht, ſo weinte ſie auch über ihre eigne Grauſamkeit⸗ Was konnte der arme Kaktus dafür, daß der Geber ſich ſo verändert hatte, ſo kalt geworden war? Her Womit konnte ſier ſich jetzt tröſten? woran ſich er⸗ ſag freuen? geſe War nicht die zerſtörte Pflanze ihre Vertraute, thei ihre einzige wahre Vertraute geweſen? Ba re Sie ſollte alſo künftig ohne Geſellſchaft weinen. Und zu weinen, dazu hatte ſie noch Zeit genug... auch heute, da ſie die letzte in der Reihenfolge gewor⸗ den war. Aber worüber durfte ſie ſich auch verwundern? and Was hatte ſie erwartet? Der Kriegsrath war ja bei ſeiner Rückkehr genau ſo, wie er bei ſeiner Abreiſe ge⸗ weſen. am var Vierundfünfzigſtes Kapitel. Erſte Audienz. Man mußte des Kriegsraths Wendelsköld ſanftes und geduldiges Gemüth beſitzen, um beim Augenblick des Ausſteigens aus dem Reiſewagen ſich für Andere aufzuopfern. Auch hatte er ſich kaum von dem Staub der Land⸗ ſtraße frei gemacht, als ſeine Thüre für Jeanne Sophie offen ſtand. Der alte Nicke hatte wegen ſeiner vielen und war⸗ men Freudebezeugungen keine Gelegenheit gehabt, ſeinen großen Bericht abzuſtatten. Er ſagte blos: „Heute Abend kommt die Reihe an mich, lieber Herr! Es lohnt ſich jetzt der Mühe nicht; aber ſo viel ſage ich, daß ich nicht mehr als ein ehrlicher Kerl an⸗ geſehen werden will, wenn ich nicht jedes Wort ver⸗ theidigen kann, was ich geſchrieben habe... Großer Gott, was wird das für ein Tag ſein, wenn das letzte Frauenzimmer uns verläßt?“ „Tröſte Dich, Alter,“ antwortete Severin mit einem eigenen Lächeln,„wir werden uns ſchon allein mit ein⸗ ander durchhelfen können.“ „Gott gebe ſeinen Segen dazu,“ murmelte der Alte, indem er fortging, um Jeanne Sophie zu rufen. Sobald Severin ſich allein ſah, beugte er, da er am Ofen ſtand, ſeine Stirne gegen den kalten Porzellan. Aber ſo kalt dieſer war, ſo wurde er bald erwärmt, denn die Stirne brannte heiß wie auch das Blut innen. Inzwiſchen verrieth blos ein unterdrückter Seufzer, daß er litt. Er konnte alles in ſich verſchließen, ſeit er die Art ſeines letzten Uebels kennen gelrrut hatte. 246 Noch immer trug er ſein Koſtüme als alter Jung⸗ geſelle und war womöglich damit noch genauer als früher, ſeitdem er im Bade doppelt Furore dadurch ge⸗ macht hatte. Die Damen hatten etwas unendlich Angenehmes und Pikantes darin gefunden, den ſchönen und ſchüchter⸗ nen jungen Mann als ein altes Original zu betrachten. Die Geſchichte von dem Entlaſſungsgeſuch, von den Schröpfköpfen, von der Leichenpredigt, von all den Mündeln bei dem pedantiſchen Vormund, alles das war Gott weiß woher gekommen. Und durch ihren vertrau⸗ lichen Ton, wozu ſein angenommenes Alter ſie berech⸗ tigte,— überzeugten ſie ihn bald, daß er durch ſeine Eigenſchaften nichts verloren habe.... Hatte er noch irgend Mißtrauen in ſich ſelbſt, ſo konnte er es ja auf Proben ankommen laſſen. Aber Severin hatte keine Luſt, eine Probe anzu⸗ ſtellen. 3 Sein zum erſtenmal gefangenes Herz war unnah⸗ bar. Wenn er von ſchönen jungen Damen umgeben war, ſah er ſie bloß mit leiblichen Augen an: die Augen der Seele waren daheim in ſeinem eigenen Garten. Aber wenn Severin fühlte, daß ſeine Liebe ein tiefes und ewiges Gefühl war, ſo gewahrte er auch, daß ſeine Eigenliebe weit ſtärker war, als er glauben wollte. Die Wunde, welche dieſe empfangen hatte, half ihm wunderbar alle Weichheit, alles krankhafte Leiden zu beherrſchen. Er ſchämte ſich nicht darüber, daß er liebte und litt, aber er würde ſich geſchämt haben, wenn er ſich niedergebeugt gefühlt hätte, ſo daß Andere es hät⸗ ten merken können. ſeher weſe ſprat angf ging nicht nen phie zu meit Ihn die iſt, vert geh We ſelb ſem and ruh ſtell Jeanne Sophie trat ein, und ſchon ihr bloßes Aus⸗ ſehen zog alle Gedanken Severins zu ihr hin. Unten im Hof war Jeanne Sophie genöthigt ge⸗ weſen, ihre Eindrücke zu bemeiſtern. Aber jetzt, als ſie mit ihrem Vormund allein war, ſprach eine ſo deutliche Furcht, eine ſo brennende Todes⸗ angſt aus ihren Augen, daß Severin zärtlich auf ſie zu⸗ ging und ihre Hand ergriff. „In Gottes Namen, wie iſt's? Zweifeln Sie nicht an meinem Willen, wenn etwas von mir abhängt.“ „Alles, alles: meine ganze Zukunft hängt von Ih⸗ nen ab, Herr Kriegsrath.“ „Setzen Sie ſich nur erſt, Mamſell Jeanne So⸗ phie, Sie können ja kaum auf Ihren Füßen ſtehen.“ „Ob ich ſtehen kann, iſt ganz gleich, da ich bloß zu knieen brauche, denn in dieſer Stellung muß ich meinen Vormund und Freund anrufen.“ „Um was?“ fragte Severin leicht erblaſſend. Er zwang Jeanne Sophie auf den Stuhl nieder. „Mein früherer Vormund, Rathsherr Lenke, hat Ihnen noch keine Rechnungen geſtellt über die Gelder, die er für mich in Empfang genommen hat?“ „Ich geſtehe, daß es damit ſehr ſchwach beſtellt iſt, aber ich will nicht an das Gerücht glauben, daß...“ „Daß er mein ganzes kleines Vermögen mit Schnaps verthan habe? Ja ſo ſoll es größten Theils ſein, dieß gehört zu den Beiſpielen, wie vortheilhaft es für das Weib iſt, einen Vormund zu haben. Wenn ich jetzt ſelbſt über Gelder verfügte, ſo könnten ſie mir in die⸗ ſem Augenblick tauſendmal mehr nützen, als bei einer andern Gelegenheit ein größeres Kapital.“ „Iſt es nichts anderes, als das, was Sie beun⸗ ruhigt, ſo ſeien Sie getroſt. Er ſoll ſchon Rechnung ſtellen, obſchon es noch ein wenig anſtehen kann.“ „Ein wenig anſtehen... aber ich ſagte ja, daß ich keine Zeit habe zu warten. O nein, nein!“ „Wenn Sie Etwas brauchen, Mamſell Jeanne Sophie, ſo befehlen Sie nur— Ich nehme es mit meinen Mündeln nicht ſo genau.“ „Unglücklicherweiſe, Herr Kriegsrath, iſt es nicht Etwas, was ich brauche, ſondern ich brauche jeden Stüber.“ „Aber Mamſell Jeanne Sophie, es kann Ihnen nicht unbekannt ſein, daß ich als Vormund— voraus⸗ geſetzt, das Geld wäre in meinen Händen— nicht das Recht beſitze, es Ihnen nur ſo auszuliefern. Dieß kann ich erſt thun, wenn Sie das Recht, Ihr kleines Ver⸗ mögen ſelbſt zu verwalten, nachgeſucht und erhalten haben, oder aber wenn Sie in die Ehe treten.“ „Es iſt für den letzteren Fall, ich muß binnen drei Wochen verheirathet ſein.“ „Binnen drei Wochen?“ „Ach guter Gott, haben denn die Menſchen nie etwas anderes, als Verwunderung zu geben für das Vertrauen, das ihnen unerwartet kommt? Haben das Herz und die Seele nicht auch ihre Sprache, die ſtärker ſpricht als Worte 2„ In Jeanne Sophiens ſchwarzen Augen ſtanden Thränen, groß wie Perlen und klar wie Kryſtall. „Bei Gott,“ antwortete Severin eilfertig,„ich habe auch Theilnahme für alles Leiden, und ich ſehe deutlich, daß Sie leiden, Mamſell Jeanne Sophie. Haben Sie Vertrauen auf mich— ſprechen Sie und ſeien Sie überzeugt, daß ich jede Sprache zu deuten verſtehe, in welcher Gemüthsbewegungen ſich ausdrücken.“ „Ich will ſprechen, Herr Kriegsrath, und ich ver⸗ lange von Ihnen nicht einmal Ihr Ehrenwort, daß Sie ſchweigen ſollen.“ „Deſſen bedarf es auch nicht. Ich bin zu ſehr gewöhnt, Vertrauen zu empfangen, als daß ich es miß⸗ br auchen ſollte.“ „Meine Verbindung mit Emil iſt wieder ange⸗ nüpft.“ — 249 „Das darf wohl kein Geheimniß mehr bleiben, wenn Sie in drei Wochen heirathen wollen.“ „Nein, das verſteht ſich, obſchon alles bis auf den letzten Augenblick heimlich gehalten wird.“ Der Kriegsrath machte blos eine Geberde, die zu erkennen gab, daß er noch weiterer Aufſchlüſſe bedürfe, um ſich zu äußern. „Emil's Vater gibt gewiß ſeine Beiſtimmung nicht. Er iſt auch nicht um Rath gefragt worden. Und über⸗ haupt iſt Niemand um Rath gefragt worden, well dieſe Ehe juſt jetzt eine grenzenloſe Verwunderung und ohne Zweifel Tadel hervorrufen würde.“ „Ich glaube das wirklich in Bezug auf die Ange⸗ legenheiten des Lieutenants.“ Die junge Dame ſchüttelte den Kopf. „Ja ja; ich finde zwar, daß nichts, was einer Einwendung gleicht, bei Ihnen Gefallen findet... aber ich möoͤchte doch jetzt die Veranlaſſung zu dieſem übereilten und Gott weiß nicht ſonderlich vernünftigen Entſchluß kennen lernen.“ „Veranlaſſung? Nun ſo hören Sie: Emil hat ſein Entlaſſungsgeſuch eingereicht.“ „Iſt es ſo weit gekommen? Hat der Commerzien⸗ rath es ſo weit kommen laſſen?“ .„Ja.“— „Und wußte er, ehe es geſchah, daß der Sohn ſeinen Abſchied einreichen wollte 2“ „Er wußte es, und da, im letzten Augenblick, ſchien er entſchloſſen, den ſo lang hinausgeſchobenen Schritt zu thun. Aber“— hier erhob Jeanne Sophie ihr Haupt und ein Blitz des Stolzes leuchtete aus ihren Augen—„aber Emil wollte ſich der Bedingung nicht mehr unterwerfen; er konnte das Weib nicht aufgeben, das er liebt.“ „Aber das Weib, das ihn liebt, hätte dieß dadurch beweiſen ſollen, daß ſie ihrer Liebe bis auf beſſere Zei⸗ ten ein Opfer gebracht haͤtte.“ 250 „O Herr Kriegsrath!“ „Der Blitz in Jeanne Sophie's Augen erloſch,— die geſenkte Wimper verbarg andere Gefühle, als die⸗ jenigen, die der Blitz beleuchtet hatte. „Wären erſt ſeine Schulden bezahlt geweſen,“ fuhr der Kriegsrath fort,„ſo hätte er eine neue Laufbahn beginnen können. Sie ſind beide jung, Sie hätten warten können, und mit dem Freund, den Sie ſich in mir erworben haben, hätten Sie nicht allzulang war⸗ ten müſſen.“ Jeanne Sophie antwortete mit einem unterdrückten Seufzer. „Nun wohl,“ fuhr Severin fort,„es iſt vergebens, davon zu ſprechen, was paſſend geweſen wäre— wir haben nunmehr die Zukunft vor uns. Iſt es vielleicht noch möglich, die Angelegenheit mit dem Abſchiedsgeſuch abzuändern? Möglicherweiſe...“ „Nein, nein, etwas der Art iſt nicht möglich.“* „Aber von was in Gottes Namen gedenken Sie denn zu leben? Dieſe armen fünftauſend Reichsthaler eignen ſich die Gläubiger ſogleich zu, und der Lieute⸗ nant ſelbſt wird ohne Zweifel in den Schuldthurm ge⸗ worfen.“ „Ja, wenn er im Lande bleibt, ſo iſt das ſicher.“ Der Kriegsrath ſchaute mit einem forſchenden Blick auf. „Er muß fort reiſen,“ ſtammelte Jeanne Sophie. „Wie— und ſeine Gläubiger und ſeine Ehre im Stich laſſen?“ „Emils Ehre,“ antwortete die junge Dame mit Würde,„kann niemals und nirgends im Stich gelaſſen werden: er hinterläßt Verſchreibungen auf das Erbe, das ihm einmal zufällt, und das nach der Ueberſicht, die ſein Vater ſelbſt ihm gegeben hat, vollkommen zur Dackun ſeiner Schulden ausreicht.“ „Aber...“ „Ach, kein aber! Vielleicht kann er durch unvor⸗ und finden ſoll; aber ich betheure vor Gott, meine Ueber⸗ hergeſehene Ereigniſſe, oder durch Arbeit mit Gottes Hülfe ſchon lange vorher bezahlen, wenn er ſeine Frei⸗ heit behält, während er ohne ſie.“ „Wohin will er dann ausreißen?“ „Ausreißen— ach Herr Kriegsrath!“ „Man muß die Worte ſo nehmen, wie ſie ſich vor⸗ finden... wohin geht er? Und was wird Ihr Schick⸗ ſal werden, Mamſell Jeanne Sophie? Ja, als verhei⸗ rathete Wittwe da zu ſitzen und Jahre um Jahre ab⸗ zuwarten.“ „Das haben wir niemals beabſichtigt.“ „Sie beabſichtigen ſtatt deſſen vielleicht...“ „Zuſammen zu reiſen,— das verſteht ſich.“ „Nein, das geht doch nicht an, das wäre mehr als unvernünftig... Wohin wollten Sie dann gehen?“ „Nach Amerika.“ „Mit zwei leeren Händen?“ „Mit zwei warmen Herzen, vier arbeitſamen Hän⸗ den und meinen fünftauſend Reichsthalern, wenn Sie, Herr Kriegsrath, aus Barmherzigkeit ſie vorſchießen wollten.“ „Hören Sie mich an, Mamſell Jeanne Sophie. Was das Geld betrifft, ſo ſeien Sie ruhig— es wird ſich ſchon vorfinden, aber unter einer Bedingung...“ „Was für eine Bedingung?“ „Daß die Vermählung mit der Einwilligung der Eltern des Lieutenants Emil ſtatt findet.“ „Großer Gott, welch' eine ausgeſuchte Grauſam⸗ keit— Sie wiſſen ja ganz gut, Herr Kriegsrath, daß dieſe Leute niemals ja ſagen werden.“ „Nein, gewiß nicht. Die Sache iſt noch nie von Jemand in die Hand genommen worden, der ſie unpar⸗ theliſch betreiben könnte. Und kurz und gut, den Bei⸗ fall der Eltern müſſen wir haben, wenn unter dieſen unglücklichen Umſtänden eine eheliche Verbindung ſtatt⸗ 25²2 zeugung iſt, daß dieſer Schritt Ihnen beiden zum Ver⸗ derben gereichen wird.“ „Er wird uns vielmehr glücklich, ja ſelig machen.“ „Ja in der Phantaſie. Mamſell Jeanne Sophie, Sie beſitzen eine ſtarke Seele, das weiß ich; aber es gibt viele Prüfungen, welche die Kraft brechen. Was wird z. B. die Armuth für zwei verlaſſene Weſen ohne alle Verbindung in einem fremden Lande, in einem fremden Welttheil ſein?“ Jeanne Sophie holte tief Athem. Aber ſie unter⸗ brach den Redner nicht. „Die Sagen, die Amerika als ein Wunderland ſchilderten, ſind längſt ausgeſtorben: Die Menſchen, die dahin reiſen, machen kein ſchnelles und fabelhaftes Glück: ſie müſſen arbeiten, ohne daß die Arbeit denje⸗ nigen, die Land kaufen können, mehr als die allernoth⸗ dürftigſte Auskunft verſchafft. Wie wird es nun Euch ergehen, die ihr nichts zu kaufen vermöget?“ „Das weiß ich nicht— wir werden es ſchon ſehen, wenn wir hinüber kommen. Im Nothfall kann ich auf den Straßen ſingen... wir müſſen dahin!“ „So laſſen Sie ihn wenigſtens vorausreiſen, laſſen Sie ihn auch nur die allernothwendigſte Bahn brechen — und reiſen Sie dann nach, Mamſell Jeanne Sophie. Ich tadle die Liebe nicht, wenn ſie ſich für einen edlen Zweck opfern will. Laſſen Sie aber nur die Ver⸗ nunft zuſehen, daß das Opfer nützt und nicht ſchadet.“ „Beſter Herr Kriegsrath, hier handelt es ſich nicht um Nutzen oder Schaden, ſondern ganz einfach um zwei Menſchen, die ſich lieber Allem unterwerfen und ausſetzen, als ſich trennen laſſen wollen. Sie werden gewiß dereinſt dieſe abſchlägige Antwort bereuen, welche die bitterſten Folgen haben kann.“ „Ich bereue nie etwas, was mein Gewiſſen und meine Vernunft gut geheißen haben. Zeigen Sie mir die Erlaubniß von Ihrer Stiefmutter und den Eltern des Lieutenants, ſo will ich nicht nein ſagen, aber bis dahin..“ „Auf die Einwilligung meiner Stiefmutter kann ich mit Sicherheit rechnen; die Ausrufung könnte un⸗ bemerkt in meiner Vaterſtadt vor ſich gehen, ſogar alle dreimal an Einem Sonntag. Emil hat alle Papiere in Ordnung.“ „Wie kindiſch... Wenn ſo etwas ſtattfinden ſoll, was nur bei tödtlichen Krankheiten und Reiſen geſchieht, ſo müßte ja die Reiſe als unbedingt nothwendig mit aufgeführt werden. Und kommt unter das Publikum auch nur die leiſeſte Ahnung, daß der Lieutenant im Sinn habe, ſich davon zu machen, ſo wird dieß ja von ſeinen Gläubigern verhindert.“ „Er hat einen Monat vor ſich. Man hat ihm mit Gewißheit verſprochen, ſo lange zu warten.“ „Man mag ihm dieß allerdings verſprochen haben. Aber ich weiß ganz genau, daß eine bedeutende Ange⸗ legenheit, wobei es ſich um mehrere auf Spekulation aufgekaufte Reverſe von dem Lieutenant ſelbſt handelt, ſeine Freiheit bedroht. Darum...“ „Darum müſſen wir uns beeilen. Kein Menſch weiß ein Wort von der Reiſe, und wo immer das Auf⸗ gebot geſchehen mag(wir werden wenigſtens am dritten Sonntag getraut), ſo iſt eine ſolche Art, ſich zu helfen, doch wohl immer erlaubt.“ „Gleichwohl muß ich nein ſagen, und ich muß, ſo leid es mir thut, noch etwas mehr hinzufügen.“ Vei dieſen Worten nahmen Jeanne Sophie's Au⸗ gen einen entſetzlichen Ausdruck an. Aber das ruhige und beſonnene Weſen des Kriegsraths ließ ſich dadurch nicht beirren. „Mamſell Jeanne Sophie,“ fuhr er mit milder, aber feſter Stimme fort,„Sie dürfen Ihren Liebhaber hier nicht treffen, und noch weniger irgend anders wo, bevor ich mit dem Commerzienrath Marbin geſprochen habe.“ 254 „Und Sie verrathen wohl unſer Geheimniß... o mein Gott, mein Gott, erbarme dich über mich und neige das Herz dieſes Mannes zum Mitleid.“ „Ich ſchwöre bei Gott, daß ich juſt aus Mitleid ſo handle. Allein wage ich es nicht, die Verantwortung für die Zukunft zweier Menſchen auf mich zu nehmen ... aber mit Hülfe des Vaters..“ „Mit ſeiner Hülfe! ſo wiſſen Sie denn, daß der Commerzienrath Marbin wahrſcheinlich lieber ſelbſt die Ahnung, die er vielleicht von dem Vorhaben ſeines Sohnes hat, verräth, als daß er in eine Ehe willigt, die ihn im Augenblick bis auf's Aeußerſte erbittert... Awaehen Sie nicht— überlaſſen Sie uns lieber uns e.41 „Nein, das verträgt ſich nicht mit den Pflichten, die ich übernommen habe.“ „So verbieten Sie mir um Gott und Barmherzig⸗ keit willen wenigſtens nicht, mit meinem Geliebten zu ſprechen.— Ich bin genöthigt, mit ihm zu ſprechen— das iſt eine abſolute Nothwendigkeit.“ Und in einer Verzweiflung, wie ſie der Kriegsrath noch niemals auf einem menſchlichen Geſichte geſehen hatte, fiel das Mädchen zu ſeinen Füßen. „Uebermorgen ſollen Sie mit ihm ſprechen dürfen. Geloben Sie mir feierlichſt, durchaus nichts vor die⸗ ſer Zeit unternehmen zu wollen, ſo verſpreche ich bei meiner Ehre— ich bediene mich ſelber dieſes Ausdrucks — daß ich alles thun will, was in meiner Macht ſteht, und wir wollen ſehen, ob ich etwas vermag.“ „Nun wohl, ich will es alſo verſuchen, meine phy⸗ ſiſchen und moraliſchen Leiden bis übermorgen zu be⸗ heriſchen, Aber wenn ich genöthigt bin, vergebens zu eiden..“ „... ſo ſoll es wenigſtens nicht die Schuld dieſes Freundes ſein, dem Ihre Wohlfahrt all' zu ſehr am Herzen liegt, als daß er das Leiden vergeſſen koͤnnte, das er ſieht.“ Jeanne Sophie beugte langſam ihr Haupt und nahm ſodann die Hand an, die Severin ihr reichte, um ſie zur Thüre zu führen. Aber dört angekommen, machte ſle ſich plötzlich los, kniete nieder und küßte die Schwelle. Mit rührender Ergebung ſagte ſie dann, indem ſie ſich langſam wieder aufrichtete:„Es iſt mein Segen, den ich zurücklaſſe. Seien Sie barmherzig und laſſen Sie mich ſtatt deſſen keinen Fluch erndten.“ Eine tiefe Erſchütterung ging in Severins We⸗ ſen vor. Der letzte Blick, den er von Jeanne Sophie auf⸗ fing, hatte einen Ausdruck, der ihn veranlaßte, ſich ſelbſt feierlich zu geloben, daß er kein Opfer zur Sicherung ihres Glückes zu groß finden wolle. Fünfundfünfzigſtes Kapitel, Zweite Audienz. Kaum waren ſo viele Minuten verſtrichen, daß der Kriegsrath ſeine Gedanken für dieſen neuen Beſuch ord⸗ nen konnte, als Frau Laura eintrat. Die junge Wittwe hatte eine ſolche Miene feierli⸗ cher und ehrbarer Würde angenommen, daß Severin hoffte, dieſe Konferenz könnte ruhig in einem familiären Ceremonienſtyl vorübergehen. „Meine liebe Laura, ich kann Deine vertrauliche Mittheilung nicht abwarten, um Dir zu ſagen, daß ich auf eine Nachricht gefaßt bin, die mein ganzes Herz mit Freude erfüllt.“ „Lieber Severin“— Laura ſenkte die Augen mit all' der Verlegenheit, die eine bewanderte Wittwe auf⸗ zubieten vermag— Du wirſt alſo zugeben, daß... daß... ich Dich verlaſſe, um mein Leben, meine ge⸗ ringen Kräfte der Wohlfahrt eines andern Mannes zu widmen.“ „Ich werde immer, meine geliebte Schwägerin, zu jedem Opfer bereit ſein, das Deine eigene Befriedigung zum Lohne hat. Aber vor Allem iſt dieß der Fall, wenn ich Dich einem Freund überlaſſen darf, den ich ſo hoch achte und verehre, Lars Moritz hat mich bereits auf ſeine Hoffaungen vorbereitet.“ Laura hob das Nastuch an ihre Augen. „Du weißt, Severin, daß ich Deinen Bruder zu ſeinen Lebzeiten innig liebte, und daß... daß er mich... mich unbedeutende Perſon anbetete. Aber ich hoffe, daß er im Himmel es nicht übel... übel... übel deutet, wenn.. wenn...“ „Nein, gewiß nicht,— im Himmel kann man doch wohl nicht eigennützig ſein— glücklich diejenigen, die ihm zuerſt übergeben worden ſind.“ Bei dieſen Worten, die unbewußt über Severins Lippen glitten, ſchoß ein Falkenblick über die Spitzen an Laura's Nastuch. „Innigſt geliebter Freund, glaube mir: ich würde bei den gegenwärtigen mühevollen Verhältniſſen nie an eine Verbindung für mich ſelbſt gedacht haben, wenn ich nicht mit Sicherheit gewußt hätte, daß es ſich machen ließe. Viola...“ „Nun wohl, Fräulein Viola?“ „Ich wollte blos ſagen, daß Du, da auch ſie ſich jetzt verheirathet, ganz gut Jeanne Sophie behalten kannſt— ſie iſt ein Frauenzimmer für Dich.“ „Für mich?“ „Ja für Dein Haus... eine Geſellſchafterin und eine Verwalterin zu gleicher Zeit.“ „Du glaubſt alſo, daß ſie nicht auch fort wolle,“ weit da gan nütz gut falle bun es 1 zuvo trau ihrig raſch Dein Uebe Bill hin, enth Seve ganz benſ mein mein Lieut Antn e ſich alten und olle„4 ——-—— „Davon iſt gar nicht die Rede. Sie liebt ihren weißhaarigen Lieutenant bis in den blaſſen Tod, und da Emil nicht heirathen kann, ſo betrauert ſie ihn ihr ganzes Leben lang, was ſie jedoch nicht hindert, Dir nützlich zu ſein.“ „Dank, meine liebe Laura— ich ſehe, daß Du es gut mit mir meinſt. Aber Du thuſt mir wohl den Ge⸗ fallen, wenigſtens ſo lange zu bleiben, bis die Verlo⸗ bung des Fräuleins entſchieden iſt.“ „Du verſtehſt mich nicht, lieber Severin: ich hielt es nicht für ziemlich, der eigenen Mittheilung Viola's zuvorzukommen; aber da Du mir die Unzartheit zu⸗ trauſt, an meine Ehe auch nur zu denken, bevor die ihrige geſchloſſen iſt, ſo muß ich jetzt wirklich ſchwatzen.“ „Aha, man hat alſo die Abſicht, mir zwei Ueber⸗ raſchungen zu bereiten?“ „Allerdings, wenn Du eine Sache, die Du bei Deiner Abreiſe als entſchieden betrachten konnteſt, als Ueberraſchung anſehen willſt.... Geſtern wurden zwei Billete von hier abgeſandt,“ „Ich beginne zu verſtehen.“ „Ich war deſſen ſicher. Du konnteſt nicht um⸗ hin, ſogleich zu errathen, daß beide das begehrte Jawort enthielten.“ Bei dieſer ſo beſtimmten Mittheilung wurde es Severin hart, ſeine Faſſung zu behaupten. Und ſeine ganze Kraft reichte nicht aus, dem verrätheriſchen Far⸗ benſpiel Einhalt zu thun. Dieß war jedoch das einzige Zeichen ſeiner Schwäche. „Weißt Du das ganz gewiß, was Du jetzt erzählſt, meine gute Laura?“ „Ja, ich weiß Viola's Jawort ſo gewiß, als Du mein eigenes. Sie ſagte mir ſelbſt, daß ſie ſich für den Lieutenant Charles Intſchloſſen habe, und daß wir unſere Antworten zugleich abſchicken könnten...“ „Und dann?“ Der Vormund, II. 17 258 „Dann war ſie ruhig und nachdenklich, wie eine vo anſtändige Frau ſein ſoll, aber weder ſie noch ich haben lel nach dieſem entſcheidenden Schritt einen Beſuch em⸗ me pfangen... Wir Beide hielten dieß für ungeziemend, di⸗ bevor Du kämeſt.“ M „Und ich danke euch für dieſes Zartgefühl, das lie beinahe mehr war, als ich erwartete.“ „Kein Zartgefühl kann zu groß ſein in Bezug auf gl. das, was Du zu erwarten berechtigt biſt... aber wie gr. freut es mich, zu ſehen, daß Du die Nachricht von me Viola's Vermählung ſo ruhig aufnimmſt.“ gü „Warum ſollte ich ſie nicht ruhig aufnehmen?“ fragte Severin mit einem ſo natürlichen Ausdruck der fle Verwunderung, daß es eines feineren Blickes, als Laura beſaß, erfordert hätte, die Gefühle zu erforſchen, die vor ſich unter der Verwunderung verborgen hielten. „O, mein Gott, Du erinnerſt Dich ja, wie ſehr rech Du gegen die Parthie warſt. Man erlaubt ſich auch da Lar und dort Vermuthungen über die Veranlaſſung Deiner Be⸗ Abneigung.“ beit „Ich wüßte nicht, daß ich eine andere Abneigung bewieſen hätte, als diejenige, die aus meiner Pflicht hervorging, das Fräulein mit Neberlegung und nicht in Ich Uebereilung handeln zu ſehen.“ es „Ja, das war es juſt, was ich zu allen Leuten ſagte: Mein Schwager läßt ſeiner Mündel Zeit, ſich in mei ſeiner Abweſenheit zu prüfen,— ſie hat ſich geprüft und jetzt kommt die Zuſtimmung. Es geht Alles in gen möglichſt beſter Ordnung vor ſich.“ ben „Ja in möglichſt beſter Ordnung.“ Geb „Und nun guter, guter Severin, einen Segen für mit die Frau Deines Bruders.“ Laura griff wieder zu dem Nastuch und beugte ſich hin gerührt über die Schulter des Krieggrathes. ſchei „Ja, Gott weiß es, daß mein Segen über Deinen Verbindung mit Lars Moritz aus brüderlichem Herzen nich⸗ kommt. Und wenn Du mich auch nur eines Fünkchens e eine haben h em⸗ emend, I, das ug auf der wie ht von men?“ uck der Laura n, die die ſehr auch da Deiner neigung Pflicht nicht in Leuten ſich in geprüft Ulles in gen fuͤr ugte ſich r Deine Herzen ünkchens von Dankbarkeit für die Jahre, die wir zuſammen ge⸗ lebt, und in denen ich Dir mehr als einmal die Wärme meiner Freundſchaft bewieſen zu haben glaube, für wür⸗ dig hältſt, ſo laß dieſe kleine Dankbarkeit auf Lars Moritz zurückfallen: werde ihm eine gute, würdige und liebreiche Gattin.“ „Ich werde Alles aufbieten, und kann ich ihn ſo glücklich machen, als meine Dankbarkeit gegen Dich groß und wahrhaftig iſt, ſo wird er es ſein... aber meine armen Jungen werden doch immer in Dir einen gütigen Vater ſehen dürfen?“ „Sie können keinen beſſeren haben als denjenigen, den fie jetzt in Lars Moritz erhalten, der ſelbſt kinderlos iſt.“ „Und Du.... Du wirſt wohl Deine Hand nicht von ihnen abziehen?“ „Gewiß nicht— ich werde ihnen nach wie vor ein rechtſchaffener Onkel ſein.... und nun, meine beſte Laura, verlaß mich, denn ich habe noch einen dritten Beſuch zu empfangen, bevor ich beim Mittageſſen meine beiden Freunde, den Doktor und Lars Moritz, wieder zu ſehen hoffe.“. „So leb' denn wohl, mein guter, zärtlicher Freund. Ich eile, dem Tiſch ein feſtliches Anſehen zu geben. Laß es jetzt nicht an Freude fehlen.“ „Nein, nein, ſie wird nicht fehlen, obſchon Du meine Art kennſt— ſie iſt ruhig.“ „Noch ein Wort, mein Schwager: Es wird mor⸗ gen auf dem Rathhauſe dahier ein großer Ball gege⸗ ben zu Ehren des Jahrestages der Vollendung des Gebäudes. Wenn Du nichts dagegen haſt, ſo will ich mit den Mädchen hingehen.“ „Was ſollte ich dagegen haben? Macht euch immer⸗ hin luſtig.... aber was Jeanne Sophie betrifft, ſo ſcheint ſie mir nicht recht geſund zu ſein.“ „Sie iſt betrübt, das arme Kind! aber wenn ſie nicht gehen will, ſo wird Viola um ſo lieber gehen.“ „Das iſt allerdings möglich.“ Fünkundküntzigſtes Kapitel. Dritte Audienz. Sobald Laura die Thüre geſchloſſen, ſiel die Maske, womit Severin ſein Geſicht bedeckt hatte. Und dieſes Geſicht wurde durch ein ſolches Seelenleiden entſtellt, daß derjenige, der es geſehen, und vorher das ruhige und regelmäßige äußere Leben des Mannes gekannt hätte, an eine augenblickliche Geiſtesverwirrung hätte glauben können. Aber wer von den erſten Tagen der Jugend an, dieſem nach Seligkeit, nach Liebe verlangenden Herzen folgen konnte, wer wußte, mit wie manchen Kämpfen, wie manchen ſchlafloſen Nächten, dieſe Seele die mecha⸗ niſche Ruhe bezahlt hatte, die ſie erreicht, als wir(im erſten Kapitel dieſer Arbeit) in ihre geheimen Winkel blickten, der hätte begriffen, daß je länger der Zwang währte, je ſtärker der Damm war, der das brauſende Element aufhalten ſollte, deſto heftiger alles losbrechen mußte, im Augenblicke, wo die vergeblichen Vorſichts⸗ maßregeln von einer allmächtigen Gewalt berührt wurden. Noch bis zu dieſem Augenblick, hatte er eine ſtär⸗ kere Hoffnung beibehalten, als er ſich ſelbſt geſtehen wollte. Aber Laura konnte es hier nicht wagen, eine Unwahrheit zu ſagen, und die Wahrheit war: Viola's Liebe zu dem Mann, dem ſie ihr Jawort gegeben— denn was anderes als die Liebe konnte jetzt auf ſie ein⸗ gewirkt haben? Severin führte die Hand über ſeine feuchte Stirne. „Nein,“ ſagte er leiſe zu ſich ſelbſt,„ich werde mich dem nicht unterwerfen, ich werde fie nicht ſehen.... aber. hat ein Vormund das Recht, ſich zu weigern... EeSAe 2 A8 raske, dieſes ſtellt, uhige kannt hätte d an, Herzen npfen, necha⸗ r(im Linkel zwang uſende grechen eſichts⸗ urden. e ſtär⸗ eſtehen , eine Viola's ben— ſie ein⸗ Stirne. de mich n.. ern.. 261 wenn ich's heute aufſchiebe, ſo kommt der morgende Tag. So ſei es denn— je eher deſto beſſer.“ Er verſuchte es, eine ruhige und paſſende Haltung anzunehmen, aber mit Hohn und Mitleid lächelte er über ſich ſelbſt. Mußte er nicht Vaterſtelle vertreten? Und warum ſteht es denn nicht ſtill, dieſes Herz, das trotz ſeines feſten Willens klopft, nicht mit den ruhigen Schlägen eines Vaterherzens, ſondern mit den Schlägen, die im Herzen eines verzweifelten Liebhabers wiedertönen? Und dieß war Severin, Severin, der eine ewige Ruhe erworben zu haben glaubte, der ſich die Jugend verſagt hatte, und der gleichwohl jetzt gehöhnt wurde in der Freiſtätte, die er in der Kühle des Alters ge⸗ ſucht hatte............... ⸗ Einige ſchwache Tritte näherten ſich der Thüre. Es war Viola. Sie hatte ſich auf den Zehen vor⸗ geſchlichen, und ſie hätte jetzt durch das Schlüſſelloch ſchleichen mögen, um nicht geſehen zu werden. Aber konnte nicht ihr heftiger Athemzug ſie ver⸗ rathen? Ihr Herz zitterte und klopfte dermaßen, daß ſie dachte, man müſſe es durch die verſchloſſene Thüre hindurch hören. Sie pochte zweimal leiſe an. „Herein!“ ſagte Severin, mit einer Stimme, deren Tiefe ſtatt der früheren einnehmenden Milde, Viola beben machte.. Mit unendlicher Langſamkeit ſchloß ſie die Thüre hinter ſich. Hatte er etwas von Laura erfahren? War er böſe? War er ärgerlich, verwundert oder.... gleichgiltig? Glaubte er es nicht? Hatte ſie vielleicht übel daran gethan, Laura in ihrem Irrthum zu laſſen? Hatte ſie übel gegen ſich ſelbſt gethan, mit Charles ihren Spott zu treiben? Er hatte nicht geantwortet. Dachte er an eine Rache? Alle dieſe Gedanken flogen durcheinander, und mit geſenkter Stirne blieb ſie an der Thüre ſtehen. Sie hatte die Miene ihres Vormundes erforſchen wollen, aber es fehlte ihr der Muth auch nur zur ge⸗ ringſten Bewegung. „Fräulein Viola,“ ſagte Severin, der zuerſt auf⸗ ſchaute und ſogleich von dem wechſelnden Ausdruck in dem Geſichte des jungen Mädchens betroffen war,„haben Sie doch keine Angſt vor mir, ſeien Sie ſo gütig, näher zu kommen.“ Viola bewegte ſich nicht vom Fleck. „Vielleicht,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„wird er die Nachricht von meiner Freiheit mit derſelben Kälte auf⸗ nehmen, wie er mich begrüßte.“ „Sind wir einander ſo fremd geworden, mein Fräulein?“ „Ich glaube es... es ſcheint mir.“ „Und warum das? Als ich abreiste, ſchenkten Sie mir Ihr Vertrauen, und jetzt wollen Sie meine Ein⸗ willigung haben, nicht wahr?“ „Es würde mich freuen, wenn meine Handlungs⸗ weiſe Ihren Beifall gewonnen hätte, Herr Kriegsrath.“ „Zweifeln Sie nicht daran. Sie wünſchen ſich zu verheirathen, mein Fräulein?“ Viola trat ein Paar Schritte vorwärts, aber mit ſolcher Schüchternheit und Bangigkeit, daß Severin ſie gerne noch einmal aufgemuntert haben würde, wenn er gekonnt hätte. Gegen ſeinen Willen hefteten ſich ſeine Augen auf die einnehmende Erſcheinung dieſes ſcheuen und zittern⸗ den Kindes, das ſich in den Schoß einer Mutter ſchmie⸗ gen zu wollen ſchien, um ihr ſein erſtes Geheimniß an⸗ zuvertrauen. „Fräulein Viola!“ Sie ſah haſtig auf, gleich als häͤtte ſie einen Schmei⸗ 263 chelton gehört, der ſie verlockte. Und ſo trat ſie wieder einen Schritt vorwärts, ihre beiden Hände ausſtreckend. Aber Severin wagte es nicht, eine der ſeinigen auszuſtrecken. Er begann ihre Scheu, ihre Angſt zu theilen.— Jedoch glühte ein bitterer Verdruß in ihm. Warum bebte ſie jetzt, nachdem ſie ſoviel gewagt hatte? Bei dieſem Gedanken legte ſich ſeine Stirne in Run⸗ zeln— der Ton, der ſo lieblich Violas Ohren geſchmei⸗ chelt hatte, war verklungen. „Mein Fräulein, wir wollen uns kurz faſſen... es handelt ſich ja doch ums Heirathen?“ „Nein“ ſtammelte Viola. „Glaubt meine Mündel die Zeit gekommen, daß ihr Verlobter, geſtützt auf die Geſetzesparagraphen, ihren Vormund beſuchen kann?“ „Niemand hat ein Recht, meinetwegen einen ſolchen Beſuch abzuſtatten,— nein, Niemand, Niemand!“ Severin hattte ſich erhoben, er war ein paar Schritte vorgetreten. „Niemand— auch nicht Lieutenant Charles?“ „Ich habe Ihnen gehorcht, mein Vormund.“ „Mir gehorcht?“ „Sie hatten mir befohlen, Herr Kriegsrath, eine lange Bedenkzeit zu nehmen, um die Beſuche des Lieu⸗ tenants Charles zu empfangen.“ „Ja als eine Folge des Verſprechens, das Sie ihm ſelbſt zuerſt gegeben hatten... Nun, und dieſe nähere Bekanntſchaft?“ „Hat mich überzeugt, daß ich einen großen Fehler beging, als ich die Bitte des Lieutenants anhörte, ſein Anerbieten zu überlegen.“ „Sie brauchten gleichwohl zwei Monate, um dieß zu überlegen.“ „Ich ſchenkte ihm dieſe Zeit, damit er Gelegenheit hätte, mich verliebt zu machen. Im Fall es ihm ge⸗ glückt wäre, würde ich ihm angehört haben.“ „Nach dieſen Aufſchlüſſen zu urtheilen, mein Fräu⸗ 264 lein, ſollte man glauben, daß Ihr Herz Ihrem Willen einen nicht zuvor berechneten Streich geſpielt habe. Ich bin in dergleichen Dingen nicht ſehr heimiſch, aber ich habe mir vorgeſtellt, daß, wenn ein junges Frauen⸗ zimmer ſich Etwas ſo eifrig in den Kopf geſetzt habe, dieß auch geſchehen müſſe.“ „Sie wollen mich abſichtlich nicht verſtehen, Herr Kriegsrath. Ich erhielt allerdings die Erlaubniß, etwas zu thun, da er die Erlaubniß erhielt mir, wie man zu ſagen pflegt, ſeine Aufwartung zu machen.“ „Und dann..„Tag für Tag?“ „Ja, Tag für Tag fühlte ich, daß es mir leichter wäre, irgend etwas anderes zu thun, als dieſe Ehe ein⸗ zugehen.“ „Aber, mein Fräulein— Severin trat noch näher, ſeine kurzen Athemzüge wehten Viola an— ich begreife das nicht, warum laſſen Sie Ihre Miene eine andere Sprache reden, als das Herz?“ „Ich war ſo gleichgültig, ich hatte ſieben Wochen verſprochen, und dann.. dann zerſtreute es mich. Ich wußte nicht, wie ich die Zeit anwenden ſollte.“ „Aber es war ja höchſt unrecht gegen ihn! Er hoffte und auch Andere haben...“ „... gehofft?“ ſiel Viola haſtig ein. „Wie meinen Sie das, mein Fräulein?“ „Laura hat dieſe Parthie immer gewünſcht.“ „Ich glaube es.“ „Sie hat ſie ſehr, ja durchaus gewünſcht. Ich habe geſehen, daß ſie häufige vertrauliche Beſprechungen mit dem Lieutenant hatte.“ „Nun wohl?“ „Nun wohl, Herr Kriegsrath— es war vielleicht unrecht, aber es machte mir Freude, mich an Laura zu rächen.“ „Sich zu rächen?“ Severin ergriff jetzt die Hand des jungen Mäd⸗ Villen habe. aber auen⸗ habe, Herr etwas an zu ichter 2 ein⸗ näher, greife indere ochen Ich 1 Er Ich ungen lleicht ra zu Mäd⸗ 26⁵ chens, führte ſie ohne ein Widerſtreben von ihrer Seite an den Sofa und ſetzte ſich neben ſie. Ueber Violas Wangen ſtreuten in dieſem Augenblick tauſend glühende Roſen ihre Farbenpracht. Sie warf einen halben Blick in die Augen ihres Vormunds, verſchloß aber den ihrigen ſogleich wieder, gleich als hätte die Sonne ſie geblendet. „Welche Sache? ſagen Sie, um welche Sache konnte es ſich handeln?“ „Hat nicht Laura etwas erzählt?“ „Ja allerdings, daß geſtern...“ „... Lieutenant Charles das Jawort empfangen habe?“ „Sie hatten es ja ſelbſt geſagt, mein Fräulein.“ „Und Sie glaubten es, Herr Kriegsrath?“ „Ja natürlich, unter dieſen Umſtänden.“ „Und gleichwohl, Herr Kriegsrath... gleichwohl ſahen Sie ſo...“ „Was ſo?“ „O ich weiß nicht. Ich dachte mir bloß, mein Vormund ſollte nicht mit dieſer Ruhe...“ Severin fühlte einen elektriſchen Strom durch ſeine Adern beben. Welcher Himmel öffnete alle ſeine uner⸗ ſchöpflichen Reichthümer für ihn, juſt als er überzeugt war, niemals einen Blick in den Himmel ſenden zu dürfen!“ Nein, es mußte ein Irrthum ſein. Aber alle dieſe entzückenden, fühlbaren und naiven Mittheilungen— ſie wußte ſelbſt nicht, was ſie ihm anvertraute— konnten ſie nicht etwas mehr als der Schimmer eines glänzenden Traumes ſein? Er betrachtete ſie— zum erſtenmal abſichtsvoll— mit Blicken, die einem Vormund nicht gehörten. Verſtand Viola dieſe Blicke? Konnte er daran zweifeln? Sie beugte ſich hinab, ſie ſchien ſich verbergen zu 266 wollen vor den blendenden Erſcheinungen, die ohne Zweifel auch ihr ſich nahten. „Wir ſprachen von Laura,“ begann Severin wieder. „Laura erhielt die kleine Strafe, die ich ihr zu⸗ dachte dafür.... dafür, daß ſie mich nicht geliebt hat... aber ſo lautete die Antwort, die der Lieutenant Charles erhielt— ich habe dieſe Abſchrift genommen.“ Severin ergriff den ihm dargebotenen Brief mit verzeihlicher Haſtigkeit. Als er ihn durchleſen hatte, vermochte er kein Wort zu ſagen. Der Vormund hüätte viel zu tadeln gehabt, aber er wurde zum Schweigen gebracht von dem Liebha⸗ ber, welcher den unerwarteten Triumph in vollen Zü⸗ gen ſollte, ohne wie gewöhnlich einen Wink deßhalb abzu⸗ warten. Sie erhob ſich ganz unwillkührlich, aber ſie erhob ſich dennoch. „Sind Sie mit mir zufrieden, mein Vormund 2 ſtammelte ſie. „Der Vormund wagt es nicht, ſich hier zu äu⸗ ßern, aber der Freund, dem einmal ein vollſtändiges Vertrauen verſprochen wurde, iſt ſo dankbar, ſo ver⸗ gnügt, ſo... glücklich, daß er von Herzen zu Gott um die Fähigkeit beten will, Andern ſeinerſeits ein gro⸗ ßes Glück bereiten zu können.“ „O jetzt will auch ich Laura gerne verzeihen— recht gerne. Ich bin böſe geweſen gegen Laura, gegen Lieutenant Charles und vor allem gegen den armen lie⸗ ben guten Kaktus.“. „Wie 2..„gegen den Kaktus.“ 3„Ich habe ihn ſoeben erſt zum Fenſter hinausge⸗ ſtoßen.“ „Jetzt, als ich nach Hauſe kam?“ genoß.. Viola fühlte inſtinktmäßig, daß ſie ſich entfernen bitte wird ken, Sie Kaktt 1 ihre im N — Sever einen ihnen der§ ſich n Schei ten 2 C traue „Ja, ja, ſogleich— ich war ſo voll von böoſen, bittern Gefühlen.“ „Und jetzt... nein, antworten Sie nicht! Gott wird in ſeiner Barmherzigkeit noch mehrere Tage ſchen⸗ ken, um fragen zu können und... und nicht wahr, Sie werden ebenſo aufrichtig ſein wie heute?“ „Immer!“ „Und von heute an iſt es an mir, dieſen armen Kaktus zu pflegen.“ „O nein,“ rief Viola, und die Thränen traten in ihre Augen, er bedarf keiner Pflege mehr— er wurde im Falle zerſchmettert.“ Eine Wolke verdüſterte die glänzenden Bilder, die Severins Augen vorgeſchwebt hatten. Er glaubte jetzt einen warnenden Finger zu ſehen. Dieſe kleine Pflanze war das einzige Band zwiſchen ihnen geweſen. Warum mußte es zerreißen, jetzt, da der Himmel blau und die Sonne warm war? Fanden ſich neidiſche Sterne vor, die ihren bleichen nächtlichen Schein über den Himmel und die Sonne werfen woll⸗ en Des Doktors Stimme unterbrach dieſe letzte Ver⸗ trauensergießung. Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Der Ball. Es war ein glänzendes Feſt auf dem Rathhaus. Alles, was die Stadt Vornehmes, Elegantes und Schönes beſaß, war da. 268 Man zaͤhlte blos eine einzige Ausnahme, und zwar zählte man ſie mit Leidweſen, nämlich des Kriegsraths Wendelsköld zuletzt angekommene Mündel, die vielbeſpro⸗ chene, gern geſehene und viel beobachtete Mamſell S. Unglücklicher Weiſe wurde ſie durch einen plötzlichen Fieberanfall zu Hauſe gehalten. Und man flüſterte ein⸗ ander eifrig zu, das Fieber habe ſicherlich nicht abgenom⸗ men, als ſie am folgenden Tage gehört, wie ihr ehema⸗ liger Liebhaber, Lieutenant Emil Marbin ſich auf dem Ball herumgeſchwungen habe. Der größte Theil der Geſellſchaft war darin einig, daß der weit und breit ausgeſchrieene ökonomiſche Ruin blos eine Fabel ſei, wie auch die Geſchichte von dem Abſchiedsgeſuch. Gott weiß, woher die Leute alles genommen haben. Die große Kataſtrophe in den Geldangelegenheiten wäre abſichtlich von den Eltern erdichtet worden, um das ver⸗ liebte junge Mädchen abzuſchrecken, das ſeine Liebe ſo wenig überwunden habe, daß es beim erſten Wiederſe⸗ hen in Ohnmacht gefallen ſei. Und der Abſchied war noch dazugekommen, um den Roman vollſtändig zu machen. Lieutenant Emil ſah und hörte nichts. Er ſchien ſich mit gewöhnlicher Zuverſichtlichkeit in den gewöhnlichen Geſellſchaftsverhältniſſen zu bewegen. Und nur Doktor Livelius war es, der— wäh nd er mit Eis und Limonade für die Damen hin undh ⸗ ſprang— durch ſeine Lorgnette von Zeit zu Zeit e plötzliches Zucken anf den Lippen des Lieutenants, einen haſtigen Farbenwechſel auf ſeinem Geſicht bemerkte. Was des Kriegsraths zweite Mündel, die kleine Viola, betraf, auf welche ſämmtliche Blicke mit einem ſanften Lächeln ſielen, ſo ſtrahlte ſie in ihrem Ballkleid, und die Freude ſtrahlte auch aus ihren Augen, die mit⸗ ten im Gedränge ein Paar andere Augen ſuchten und fanden, welche ihr Feuer zu einer gemäßigten und ru⸗ higen Temperatur dämpften. gold Tan ren! willl er k nach men betri mit Pfa Wit und Tau weif Tra juſt daß ſene zwar Braths heſpro⸗ . zlichen te ein⸗ enom⸗ hema⸗ if dem einig, Ruin n dem haben. nwäre us ver⸗ jebe ſo lederſe⸗ d war dig zu keit in begen. äh nd dh⸗ eit e „einen kte. kleine teinem allkleid, die mit⸗ en und und ru⸗ Um elf Uhr war der Ball in ſeinem Flor. Die Lichter funkelten gegen die Cryſtalle, die Ver⸗ goldungen und die feſtlich aufgeputzten Geſichter. Der Tanz war lebhaft, die Unterhaltung fragmentariſch. 470i der tauſend, welche Wunder heute Abend paſſi⸗ ren!“ „Nun, was für Wunder denn?“ „Der Kriegsrath auf dem Ball!“ „Zwanzig von ſeinen Freunden hatten je ein Be⸗ willkommungsmahl im untern Stock für ihn arrangirt— er konnte ſich folglich anſtändiger Weiſe nicht weigern, nach den Toaſten und Reden eine Treppe heraufzukom⸗ men... „Zumal da er ſeine Frauenzimmer hier hatte.“ „Apropos, was die Frauenzimmer des Kriegsrathes betrifft, ſo iſt ja das eine höchſt überraſchende Neuigkeit mit Laura.“ „Ja ja, der arme Pfarrer, der beklagenswerthe Pfarrer!“ „Der verrückte Pfarrer!“ „Verzeihen Sie, meine Damen— haben Sie unſre Wittwe recht betrachtet? Höchſtens dreiundzwanzig Jahr, und eine Miene, ſtrahlend von engelgleicher Reinheit.“ „Hal hal hal“ „Hal hal hal“ „Die kluge Laura!“ „Die liſtige Laura!“ „Nicht umſonſt läßt man ſieben Jahre aus dem Taufbuch verſchwinden... ein weißes Florkleid, ein weißer Kranz ums Haar.“ „Ich glaube mich zu erinnern, daß es eine ſolche Tracht war, als ihr erſter Mann ſich in ſie verliebte: juſt als die Laura aus der Penſion gekommen war.“ „Nun, wer kann ſich wundern, wenn ſie wünſcht, daß Lars Moritz ſich in Bezug auf die ſeitdem verfloſ⸗ ſene Zeit täuſchen möge? Die Unſchuld iſt in ihrer eig⸗ nen Farbe mächtig.“ 270 „Mir gefällt das holde junge Mädchen, das zier⸗ liche Püppchen in dem roſenfarbigen Tafftkleid.“ „Ja, ſie iſt gar zu hübſch.“ „Gar zu lieblich.“ „Gar zu einnehmend!“ „Auch ſind alle Herren in ſie vernarrt.“ „Was um Gotteswillen,— iſt der Kriegsrath vom Spieltiſch wieder aufgeſtanden?“ „Wie,— wieder im Tanzſaal?“ „Das hat gewiß etwas zu bedeuten.“ „Vielleicht thut es ihm doch leid um Laura.“ „O nein, die neue Favoritin hat ſie verdrängt.“ „Aber es ſcheint mir, als ſähe er ſehr oft nach ſeiner kleinen Mündel.“ „Er iſt ein ſtattlicher Mann in ſeinem beſten Alter.“ „Ja, er fieht heute Abend ganz charmant aus,— das Bad hat Wunder gethan.“ 3 „Aber gleichwohl iſt er an Seele ein alter Jung⸗ geſelle, der das Heirathen verſchworen hat; die Mün⸗ deln, die großen ſowohl als die kleinen, können in Frie⸗ den ziehen.“ M„Meine Herrſchaften, Lieutenant Charles Marbin hat den Ball nicht länger als eine einzige Stunde mit ſeiner Gegenwart beehrt.“ „Was mag das bedeuten?“. „Man erzaͤhlt ſich, es ſei ein kleiner Knoten in den Faden zwiſchen ihm und der kleinen Mündel, Fräulein Holſt, gekommen, um die er ſeit ihrer Ankunft in der Stadt beſtändig gefreit hat.“ „Was in aller Welt können Herr A. und Herr B. für ein eifriges Geſpräch mit einander führen, dort am vierten Fenſter?“ „Ja, es ſieht ganz belebt aus.“ „Jetzt kommt der alte Livelius und ſchnappt die Geheimniſſe auf— ſie werden morgen ſeinen Patien⸗ ten wohl ſervirt werden.“ wü Na her ein vom gt.“ nach lter.“ 8„— Jung⸗ Mün⸗ Frie⸗ karbin e mit n den äulein n der rr B. et am öt die atien⸗ 271 „Der liebe Doktor betrachtet ſich noch immer, wie wenn er erſt dreißig Jahre hätte.“ „Sehen Sie, da ſteuert der Pfarrer auf ſeine Braut zu.“ lan Seine Ehrwürdigkeit ſtrahlt in majeſtätiſchem anz.“ Mit welcher holdſeligen Miene Laura ihm Platz t „Ein ſchoͤner Hafen bei Windſtille.“ „Es iſt ein Glück, daß er dießmal nicht ſeine erſte derartige Fahrt antritt.“ Während der Fortſetzung dieſes Wirrwars hatte der Doktor ſich neben die beiden in der Finſterniß converſi⸗ renden Perſonen geſtellt. „Was betrachten Sie ſo genau, meine Herren?“ „Pſt,“ ſagte Herr A. „Der tauſend, nur keinen Lärm,“ ſagte Herr B. „Sind Sie katzenäugig,— ſehen Sie etwas Merk⸗ würdiges auf der Straße 2„ „Herr Doktor!“ „Nun was denn?“ „Ein Bekannter hat mir ſo eben eine unangenehme Nachricht ins Ohr geflüſtert.“ „Ich höͤre nie andere.“ „Etwas ernſtlich unangenehmes.“ „Ich bin ganz Ohr.“ „Ein paar Gerichtsdiener ſollen um das Rathhaus herum ſchleichen.“ 4 „A bah, das iſt ja ihr Stammhaus.“ „Aber es iſt unwahrſcheinlich.“ „Nun, auf wen haben ſie's denn abgeſehen?“ „Vermuthlich auf jemand, der nicht von Ferne an einen ſolchen Angriff denkt, wenn er hinaus geht.“ „Ja, Großhändler T.“ „Nein, den Lieutenant Emil Marbin.“ „Tauſend Teufel, welche Dummheit!“ mach „Sprechen Sie nichts der Art aus, das wäre ge⸗ gen die Ehre.“ „Wir würden es gar nicht erwähnt haben, Herr Doktor, wenn wir nicht vermutheten, daß Sie ihn viel⸗ leicht gerne warnen moͤchten.“ „Ja, das wäre hübſch.— Er könnte mich fordern, weil ich ihn ſchikanirte... Sie begreifen wohl, meine lieben Herren, daß dieß blos ein Scherz von irgend ei⸗ nem Spaßvogel iſt.“ „Das iſt nicht glaublich.“ „Was, nicht glaublich? Aber ich ſage Ihnen, es iſt mehr als glaublich. Erſt heute habe ich erfahren, daß der Alte ſich bequemt hat, nachzugeben und die ganze Schmier auf einem Brett zu bezahlen.“ „Das hätt' ich nie geglaubt.“ „Ich auch nicht.— Der Kommerzienrath ſoll nichts weniger als freigebig ſein.“ „Brauchen Sie noch andere Beweiſe, wenn Sie ſehen, wie lebhaft er mit Fräulein Holſt tanzt?“ „Der Teufel, welch prächtige Muſik heut Abend!“ „Ja, ſie iſt herrlich... und dann die Beleuchtung 1 „Man wird ſehen, daß das Ding ſeine hundert Thaler Banko koſtet.“ In dieſem Augenblick kam der Kriegsrath auf ei⸗ nem ſeiner Beſuche in den Tanzſaal herein. Während einer Pauſe in der Française nahte er ſich dem Lieutenant Emil und Viola. „Meine Mündel,“ ſagte er lächelnd,„im Fall daß der Menuet noch in der Mode wäre, würde ich mir ein Tänzchen ausbitten— jetzt erſuche ich Sie ſtatt deſſen— nota bene erſt wenn der Ball zu Ende iſt— die ele⸗ gante Silbervaſe in Verwahrung zu nehmen, womit meine Freunde mich heute bedacht haben. Morgen werde ich die Blumen dafür ausſuchen.“ Viola war von dieſer zugleich ſo offenen und ſei⸗ nen Artigkeit dermaßen überraſcht, daß ſie beinahe die Touren vergeſſen hätte— und noch vieles andere. Der e ge⸗ Herr viel⸗ dern, meine ad ei⸗ n, es hren, ganze nichts n Sie end!“ ung!“ undert uf ei⸗ hte er ll daß ir ein ſen— je ele⸗ womit torgen nd fei⸗ he die e. 273 Aber ſie überwand ihre augenblickliche Verlegen⸗ heit und antwortete mit entzückender Heiterkeit: „Lernen die ſtrengen Herren vielleicht im Bade mit Frauenzimmern umzugehen?“ „Nein, nach dem Bade. Haben Sie Platz für die Vaſe, Fräulein Viola?“ „Ich will's probiren, wir wollen dann ſchon ſehen,“ antwortete Viola mit hohem Erröthen. In dieſem Augenblick kam die Tour an ſie. „Herr Lieutenant,“ flüſterte jetzt der Kriegsrath ſchnell bei Seite,„kommen Sie morgen früh um halb elf zu mir, ich habe gute Hoffnungen.“ „Morgen früh um halb elf bei...“ Der Lieutenant wurde ebenfalls durch den Tanz entführt. Als Viola auf ihren Platz zurückkam, war Severin an den Speeltiſch zurückgekehrt. Es war jetzt nur noch eine einzige Tour übrig. „Fräulein Viola,“ ſagte der Lieutenant mit haſti⸗ ger, unſicherer Stimme,„ich habe ein Billet an Sie von Jeanne Sophie; ſie iſt ſchlimmer geworden.“ „Ach, ich ahnte es doch. Ich habe ſie ſo ſehr ge⸗ beten, mich zu Hauſe bleiben zu laſſen, aber ſte beſtand hartnäckig darauf, daß ich hieher gehen ſolle. Warum haben Sie das Billet nicht ſchon früher abgegeben, Herr Lieutenant?“ „Das will ich Ihnen gleich erklären... Haben Sie die Güte, ſogleich nach dem Tanz in das Innerſte des Garderobezimmers zu kommen.“ „In das Garderobezimmer?“ „Um Gotteswillen keinen Ausruf, keine verwun⸗ derten Blicke und nicht ein Wort an Frau Laura.— Es iſt Jeanne Sophiens Bitte!“ Der Vormund. II. 18 274 Die letzten Töne des Française zitterten durch den großen Ballſaal. Lieutenant Emil war verſchwunden, und bald dar⸗ auf ging Viola, ihre Gedanken blos von Jeanne So⸗ phie erfüllt, zu dem Rendezvous, das ſie verſprochen atte. 4 Das Zimmer war noch nicht von Bedienten und Mägden beſucht, es war noch nicht ſo ſpät am Abend. Man gewahrte nur die langen dunklen Reihen aufge⸗ hängter Kleider. Lieutenant Emil Marbin, der aus einem dieſer Gänge haſtig gegen unſre Heldin vortrat, ſah jetzt ganz anders aus als einige Minuten früher, als er ſie vom Tanze hinweg auf ihren Platz geführt hatte. Seeine Farbe war weißlich gelb, ſeine Lippen zitter⸗ ten und ſeine Augen hatten einen Ausdruck, der zu⸗ gleich eine Bitte und eine Drohung enthielt. „Ich habe kein Billet abzugeben,“ ſagte er mit V dem kurzen abgemeſſenen Ton, der es dem Zuhörer un⸗ möglich macht, auch nur einen einzigen Buchſtaben zu vergeſſen,„aber in dieſem Augenblick bedarf Jeanne Sophie ihrer Freundin. Des Kriegsraths Wagen iſt da, laſſen Sie uns wegfahren— unterwegs werde ich alles erklären.“ „Aber, Herr Lieutenant, Sie ſehen ſo verſtört aus, daß ich nicht weiß, was.... was ich glauben ſoll. Laſſen Sie mich hineingehen und Laura ſagen, daß ich nach Hauſe fahre, dann bin ich ſogleich parat.“ „Unmöglich— ich zähle die Sekunden: Alles hängt von der Eile ab.“ „Aber hier iſt beſtimmt nicht alles wie es ſein ſoll und... „Hören Sie mich an, mein Fräulein. Sie ſehen einen verzweifelnden Menſchen vor ſich, ich muß fliehen, da unten ſtehen zwei Aufpaſſer, zwei Gerichtsdiener. Ich bin verrathen und verliere meine Freiheit, wenn ich ihnen nicht zuvorkomme. Und das muß geſchehen!“ Her mut ein und Sie um h den dar⸗ So⸗ rochen und lbend. aufge⸗ dieſer ganz 2 vom zitter⸗ r zu⸗ er mit r un⸗ hen zu eanne en iſt de ich t aus, n ſoll. aß ich hängt 3 ſein ſehen jiehen, diener. un ich 44 275 „Aber dieſe Leute werden Sie jetzt auch ſehen, Herr Lieutenant,“ ſagte Viola zwar zitternd, aber doch muthig.(Jeanne Sophiens Geliebter war für ſie wie ein Bruder.) „Ich habe hier einen Frauenzimmer⸗Mantel, Hut und Schleier. Der Wagen des Kriegsraths wartet; Sie gehen voraus, mein Fräulein, thun Sie es, nicht um meinet, ſondern um Jeanne Sophiens willen.“ „Herr Lieutenant, Herr Lieutenant, ich gerathe da in..“ „Ach, die Frauenzimmer! Es gibt nur eine Einzige, die Entſchloſſenheit, Herz und Muth beſitzt.“ „Ich beſitze das auch— ich will es beweiſen... es wäre Feigheit, jetzt zu überlegen.“...... In einigen Augenblicken waren beide angekleidet. Mit feſten Schritten trat Viola ihre Wanderung an. In den langen, weiten Mantel gehüllt, folgte der Lieutenant nach. „Sagen Sie zu irgend Jemand, daß Manſell Jeanne Sophie nach Ihnen geſchickt habe.“ Sie begegneten einem Wachtmeiſter, den Viola mit bewundernswerth feſter Stimme erſuchte, er möchte Frau Wendelsköld benachrichtigen, daß eine plötzliche Botſchaft aus dem Hauſe des Kriegsraths ſie(Viola) zu ihrer Freundin zurückberufen habe. Als der Wachtmeiſter glücklich vorüber war, lehnte ſich das zitternde junge Mädchen an ihren Begleiter an und dagte leiſe:„Aber wenn Jemand fragte, wer Sie ſind?“ „Eine Bekannte... pſt! gehen Sie ſchnell und rufen Sie mit raſcher Stimme nach dem Wagen des Kriegsraths Wendelsköld.“ Glücklicherweiſe war die Bedienung zu ſehr in Anſpruch genommen, um zu bemerken, welche Frauen⸗ zimmer nach Hauſe fuhren. auf den großen Platz vor dem Rathhauſe hinab. Er war voll von Leuten, die plaudernd rings um⸗ her ſtanden. Der Lieutenant berührte die Schulter ſeiner Be⸗ gleiterin. „Der Wagen des Kriegsraths Wendelsköld ½ Viola's Herz ſchlug hart vor Angſt. Die Stimme war jedoch untadelhaft feſt. Aber die Perſon, die den Wagen des Kriegsraths führte, war auch gut inſtruirt. Der Kutſcher hielt dicht an der Treppe. Der Schlag wurde ſo ſchnell geöffnet, wie wenn es durch eine Mechanik geſchähe, und ehe Viola ſichs ver⸗ ſah, war ſie bereits drinnen und ſaß an der Seite des Lieutenants Emil. Und blitzſchnell flog der Wagen fort. „Sie ſtanden wie Bildſäulen unter der Treppe,“ ſagte Emil mit unſicherem Tone. „Ich ſah ſie ganz gut,“ antwortete eine andere, eine fremde Stimme. Zu ihrer tiefſten Angſt und Beſtürzung fand Vlola, daß ſie die Heldin eines ſchrecklichen Abentheuers gewor⸗ den war. Wie bebhte ſie nicht, daß ſie nicht mit einem, ſondern mit zwei Männern eingeſchloſſen war. Der andere hatte ſchon vorher im Wagen geſeſſen. „Mein Fräulein,“ ſagte die Viola unbekannte Stimme mit einem Ausdruck der größten Verehrung, „ſeien Sie ohne Furcht! Es wird Ihnen nichts wider⸗ fahren, denn niemand ahnt etwas. Und ſeien Sie über⸗ zeugt, daß, wenn Lieutenant Marbin für den Augenblick außer Stand iſt, ſeine grenzenloſe Dankbarkeit auszu⸗ drücken, ſo wird dieß ſtatt ſelner diejenige Perſon thun, um deretwillen Sie ihn aus einer Chikane gerettet ha⸗ ben, der er jetzt mit Gottes Hülfe entkommen iſt.“ „Wohin.. wohin fahren wir?“ „Natürlich in’s Haus des Kriegsraths.“ Die beiden Flüchtlinge kamen ohne Schwierigkeiten 4 277 „Aber der Lieutenant kann ſich da nicht aufhalten.“ um⸗„Nach dem Abſchied, wozu Sie, mein Fräulein, ihm verhelfen, werde ich, ſein Freund und Kamerad, der ich durch eine wahre Fügung der Vorſehung geſtern hieher gekommen bin, ihn weiterſchaffen.“ „Arme Jeanne Sophie!“ mme Beim Klange dieſes Namens faßte Lieutenant Mar⸗ bin hart Viola's Hand und preßte ſie an ſeine bren⸗ aths nenden Augen. dicht„Wenn... wenn,“ ſagte er leiſe,„ſie eines Tages mein Andenken verfluchen ſollte, ſo ſagen Sie ihr, daß n es ich in dieſem Augenblick ſolche Qualen erleide, wie ſelbſt ver⸗ die Hölle keine ſchlimmern bieten kann.“ des„O nein, ſie wird für ihren Geliebten nichts anders als Segnungen und Gebete haben.“ „Es wäre ein Troſt, es zu glauben. Und Sie, Sie, pe,“ die Sie zum zweiten Male einen ſo ſeltenen Beweis 1 von Freundſchaft geben, Sie werden ſie nie verlaſſen.“ dere,„Nie! nie!... empfangen Sie mein Verſprechen, Lieutenant Emil, mein heiliges Verſprechen, daß Jeanne lola, Sophie meine Schweſter ſein ſoll. Ich kann ſie nicht wor⸗ tröſten, aber ich kann mit ihr leiden und mit ihr von V nem, demjenigen ſprechen, den ſie über Alles liebt.“ „Dank, theure, theure und edelmüthige Viola. eſſen. Erinnern Sie ſich, daß jede Wohlthat, die Sie ihr er⸗ innte weeiſen, ein Tropfen Balſam in meine Wunden iſt... ung, Und jetzt verzeihen Sie mir, was ich gewagt habe; dider⸗ Sie ſind mir in dieſem Augenblick ein rettender Eagel über⸗ geweſen, und bis in meinen Tod werde ich Sie ſegnen blick 6 und Ihnen danken.“ szu⸗„Ach, Herr Lieutenant, wenn ich nur gethan hätte, thun, was recht war!“ 1, ha⸗„Nehmen Sie dieſe Briefe, die ich Ihnen anver⸗ traue. Morgen, oder ſobald ſie ſich nach dieſem Schlag wieder ein wenig erholt hat, geben Sie ihr dieſelben.“ In dieſem Augenblick hielt der Wagen an. „Denken Sie, wenn jetzt dennoch ein Unglück ge⸗ ſchähe!“ ſtammelte Viola. „Ich ſtelle mich hier unten auf,“ antwortete der Fremde...„aber wenn uns das Schickſal je wieder zuſammenführt, mein Fräulein, ſo werde ich meinen Namen nennen, und Sie dann an dieſe Stunde erinnern, welche mir vielleicht einen wohlwollenden Empfang ver⸗ ſchaffen wird.“ „ Ja, ſeien Sie deſſen ſicher, denn nur ein guter Menſch konnte thun, was Sie jetzt thun.“ Achtundfünfzigſtes Kapitel. — Verzweiflung. Ueber dem Haus des Kriegsraths lag Düſterheit und Stille. Nur im Garten war es hell; aber der Wagen hielt dicht vor der großen Treppe. „Wie kommen wir hinein?“ flüſterte Viola. „Jeanne Sophie, welche weiß, daß ich in einer wichtigen Angelegenheit mit ihr ſprechen muß— ſie weiß jedoch nicht, um was es ſich handelt— hat mir den Schlüſ⸗ ſel geſchickt... Kommen Sie, laſſen Sie uns nun eilen.“ Und die finſtern Treppen hinauf durch die öden Gänge tappten ſie mit ſtillen, aber ſchnellen Schritten vorwärts. „Großer Gott, mein Vormund!“ rief Viola, als hätte ſie jetzt erſt Zeit gehabt, an das Gefährliche ihrer Lage zu denken. „Sagen Sie aufrichtig Alles— er hat ein zu ge⸗ der ieder einen nern, ver⸗ guter rheit hielt einer weiß hlüſ⸗ len.“ öden itten als ihrer n zu 279 edles Herz, um nicht einzuſehen, daß Sie es nicht ab⸗ ſchlagen konnten.“ „Aber wenn... wenn man Sie hier mitten in der Nacht verkleidet mit mir ſähe.. mein Ruf.“ Der Lieutenant antwortete nicht. Sein keuchender Athem bewies, daß er ſich übermäßig angeſtrengt hatte, durch die ſchreckliche Selbſtbeherrſchung, die er ſich meh⸗ rere Stunden ſelbſt hatte auferlegen müſſen.... In Jeanne Sophiens Zimmer— welches, durch einen Gang getrennt, dem Zimmer Viola's gegenüber lag— brannte die Lampe, mit dem matten und zittern⸗ den Schein, welcher beweist, daß Niemand ſie pflegt. Auf einem kleinen, mit ſchwarzem Atlas überzogenen Sofa lag Jeanne Sophie, in ein weißes Nachtkleid gehüllt, und ſo perlenweiß war ihr, von dem ſchwarzen, glattgekämmten, tief unter das kleine Häubchen hinab⸗ gezogenen Haar beſchattetes Geſicht, ſo unbeweglich erſchienen die über der Bruſt zuſammengelegten Hände, und ſo matt hörte man die Athemzüge, daß man glau⸗ ben konnte, in ein Todtenzimmer gekommen zu ſein, wo eine kaum erſt verſtorbene Frau in ihrem Sarge ruhe. Die Thüre glitt langſam auf und es ſchwebte Je⸗ mand herein. Bei dieſem Ton richtete ſich die matte Geſtalt zur Hälfte auf. Aber mit einer Geberde betrogener Hoffnung fank ſie zurück. Es war Nicke. „Mein Gott, welch' eine unglückliche Hartnäckigkeit, nicht in den Alkoven hineingehen und ſich wie eine vernünftige Perſon niederlegen zu wollen... Jetzt iſt das Fieber zwar vorbel, aber das da ſcheint mir noch ſchlimmer zu ſein. Mamſell, Jeanne Sophie, Sie kön⸗ nen ganz deutlich an den blaſſen Tod erinnern.“ „Nicke!“ „Ja, liebe Mamſell!“ „Aus Barmherzigkeit...“ 280 „Ich bin barmherzig, das weiß Gott; kann ich etwas thun?“ doch „Geh!“ um d „Aber da Sie die Annamina nicht ſehen wollen...“ fen k „Höre: ich will allein ſein, ganz allein. Gehorche 8 um Olenas willen, aber bleib nicht vor der Thüre kalte ehen.“ b „Ich kann nichts abſchlagen, um was man bei tung Olena's Namen bittet! aber ich bitte Sie recht herzlich, käme Mamſell, bedienen Sie ſich dieſes Namens zu keinen was 1 ungöttlichen Zwecken; dieſes beſtändige Hinſehen nach der Thüre kommt mir gefährlich vor.“ b Aber jetzt malte ſich ein ſo ſprechender Kummer in Nam Jeanne Sophiens Zügen, daß der Alte ohne weitere Einwendung ſo ſtill, wie er gekommen war, hin⸗ Tage ausging.. Gſfellte ſich nicht vor die Thüre, aber er zog ſich Thü⸗ in eine Ecke, und bald hörte er Stimmen und ſchlei⸗ lich, chende Tritte. „Was ſagte ich?“ flüſterte er bei ſich ſelbſt;„dachte Sop ich denn gar nichts, als ich den andern Schluͤſſel ſuchte, Jem ohne ihn zu finden.Nun, nun, es muß etwas ernſt⸗ haftes und wichtiges ſein, wenn ſie das wagen... aber mun es ſind ja ihrer zwei.“ 4 Er erkannte jetzt Viola's Stimme. bin Das Fräulein— und der Lieutenant verkleidet... und ja, jetzt iſt es klar! ich bin doch begierig, was der Knie Kriegsrath noch zu all' dem ſagen wird... aber ich muß ſie wohl pafſiren laſſen, wenn ſie drei ſind, ſo...“ Zuſe Und der Alte ſchmiegte ſich tief in die Ecke. jeht Güt läng „Er kommt nicht, warum kommt er nicht, da er doch wegen einer ſo wichtigen Sache ein Rendez⸗vous um dieſe Zeit begehrte, obwohl wir uns morgen getrof⸗ fen haben wuürden?“ Jeanne Sophie führte ſachte die Hand über ihre kalte Stirne. „Ich hore nichts— o wie ſchrecklich die Erwar⸗ tung iſt... wenn der Kriegsrath vorher nach Hauſe käme. ich hatte ihm ſo beſtimmt verſprochen... aber was gelten mir Verſprechungen, wenn Emil fordert, wenn Emil bittet... mein Emil... „Ach wie lieblich iſt nicht ſchon der Klang ſeines Namens! „Er bringt alle Schmerzen zur Ruhe, er wird eines Tages den Tod ſelbſt lieblich machen... „Jetzt geht es... es iſt nicht Nicke, der an die Thür greift... Ha, Viola— wie kommſt Du ſo plotz⸗ lich, was bedeutet das?“ „Ich komme nicht allein, meine arme Jeanne Sophie: hier iſt Jemand, den ich zu Dir geführt habe, Jemand, der nach Dir verlangt.“ „Was ſoll das heißen.... Emil— dieſe Ver⸗ mummung! Irgend ein neues Unglück?“ Ohne ein Wort zu ſprechen, legte Lieutenant Mar⸗ bin die Kleidung ab, die ihm vom Balle fortgeholfen, und warf ſich neben Jeanne Sophiens Sofa auf die niee.. „Wie verſchieden,“ dachte Viola,„iſt nicht dieſes Zuſammentreffen mit dem in der Oberſtin Hauſe... jetzt liebt er ſie weit mehr— das iſt doch immer ein herrlicher Troſt.“ „Fräulein Viola,“ ſagte der Lieutenant, indem er ſein entſtelltes Geſicht gegen ſie kehrte,„haben Sie die Güte, uns auf zehn Minuten allein zu laſſen, aber nicht länger als zehn Minuten.“ Viola gehorchte ſtumm. „Meine Jeanne Sophie, meine Gattin,“ flüſterte er jetzt in leiſen, abgebrochenen Tönen,„Du biſt nicht vergebens ein Weib von großem Muthe.. Gott hat uns ernſte Prüfungen geſandt— wirſt Du ſie meinet⸗ wegen ertragen?“ „Ich werde Alles ertragen, denn ich darf Dir folgen.“ Der Lieutenant machte eine verzweifelte Anſtrengung, um ſich ruhig zu zeigen. „Würdeſt Du nicht phyſiſch krank von all' dieſen Leiden, dieſer Unruhe, ſo würde ich es wagen, vollkom⸗ men aufrichtig mit Dir zu ſprechen— jetzt fürchte ich, daß ich es nicht thun darf.“ „Emil, wenn Du mir irgend etwas verbirgſt, ſo beleidigſt Du mich. Ich bin weder an Leib noch an der Seele krank, wenn es ſich darum handelt, für Dich oder mit Dir Muth zu zeigen...Sprich!“ „Nun wohl, meine Geliebte, Prieſterin meiner Seele, bedenke, daß Du in meiner Achtung eben ſo hoch ſtehſt, wie in meiner Liebe, und daß Du deßhalb meine Hoff⸗ nung nicht täuſchen darfſt— der Liebe höchſter Triumph beſteht ja darin, ſich ſelbſt für denjenigen zu überwin⸗ den, dem ſie geweiht worden iſt.“ „Es bedarf keiner Vorbereitungen: unſere Herzen verſtehen einander.“ 1 „So vernimm denn, was geſchehen iſt. Ich bin ver⸗ rathen worden— ich wage es nicht zu vermuthen, von wem.“ „Ach!“ „Den Verhaſtungs befehl, um deſſenwillen beſonders ich in der letzten Zeit ſo manchen Verdruß, ſo manche ängſtliche Stunde gehabt, hatte ich, wie Du weißt, endlich noch auf einen Monat hinauszuſchieben vermocht, wenigſtens hatte man mir das zugeſagt, und es hatte mich ſchwere Anſtrengungen gekoſtet. Nun aber hat man meine beabſichtigte Reiſe ausgekundſchaftet, und wäre ich nicht heute früh wohl auf der Hut geweſen, ſo würde man mich ſchon da feſtgenommen haben... ein ſchneller und entſcheidender Entſchluß war nöthig.— jetzt ganz beſonders bin ich nicht geneigt, nachzugeben. Ich erzählte laut, daß ich heute Abend auf den Ball gehen wuͤrde... man biß ſogleich in die Angelz beim Weggehen aus dem Rathhaus beabſichtigte man, ſich meiner Perſon zu verſichern. Die Eingänge waren be⸗ wacht. Aber durch die Vorſorge eines Freundes war Alles zum Voraus vorbereitet, und jetzt...“ „Und jetzt Du ſiehſt, ob ich Muth habe!“ „Jetzt bin ich hier, um... um... o Jeanne Sophie, Du ſollſt mich nicht zwingen, das entſetzliche Wort auszuſprecheo.“ Jeanne Sophie athmete ſchwer, ohne zu antworten. „Mein Kamerad wartet drunten im Wagen... Sie können Unrath merken, ſie können hieher kommen. Ich habe zehn Minuten feſtgeſetzt— ich hätte fünf ſagen ſollen.“ „Du reiſeſt alſo ohne mich?“ Dieſe Worte ſchienen ihre Seele zu lähmen. „Ich reiſe Dir voraus, Theuerſte.“ „Voraus.. und wann kommt die Reihe an mich?“ „In Gothenburg ſchiffe ich mich nach Norwegen ein, und entweder komme ich zurück und hole Dich ab, oder wir treffen uns auf fremdem Boden. Ich ſchwöre, nicht bei meiner Ehre— dieſe darf ich nicht nennen, bevor ich ſie von Flecken rein gewaſchen habe, die ſie jetzt erhält— aber bei meiner Liebe zu Dir, die ebenſo ſtark iſt, wie mein Glaube an Gott, ſchwöre ich, daß nichts..“ „O, ſtill... auf was gibſt Du mir Deinen Eid.“ „Darauf, daß nichts, außer der Tod, mich hindern wird, Dich zu treffen.. Mein Kopf ſchwindelt— ich kann jetzt nichts klar ausſprechen, aber ich ſchreibe... ich ſchreibe Dir wegen des Platzes, wo wir uns ver⸗ einigen können, und wo ich Dich vor unſerer Einſchiffung nach Amerika erwarte.“ „Auch mein Kopf ſchwindelt, ich empfinde einen 284 Schauder, o Emil,... einen innern Schauder... verzeih' mir, daß ich nicht ſo ſtark war, wie... wie ich glaubte.“ Ihre Stimme erſtarb. Emil ſtürzte an die Thüre— er wagte nicht zu rufen, aber Viola hatte das Schloß aufgehen gehört und war ſogleich zur Stelle. „Sie ſtirbt, ſie ſtirbt, und ich bin es, der das Leben von ihr genommen hat. Gott im Himmel, ſieh die Verzweiflung eines Mannes an, und laß ſie zur Bitterkeit des Lebens zurückkehren, während ich ihr noch ein Abſchiedswort zuflüſtern kann.“ Er rang ſeine Hände. Ein namenloſer Schmerz lag in den verwirrten Blicken. „Ich höre Dich, mein Emil.... es war eine Mattigkeit, die über mich kam.“ Und wieder lag Emil zu den Füßen des geliebten Weibes. Ihre Arme waren um ſeinen Hals geſchlungen, ihr marmorweißes Geſicht lag an ſeine Schulter gelehnt. Sie vermengten ihr Geſchluchze: das ihrige war ſtill, das ſeinige gewaltſam. „Jeanne Sophie... meine Seele... begreifſt Du all' mein Elend— ſag, begreifſt Du Alles? 24 „Sei ruhig— ich begreife Alles.. Gott iſt barm⸗ herzin.. ſei ruhig!“ O habe Dant... gleichwohl werde ich keine Ruhe finden, bis wir uns wieder treffen... ich habe an Lars Moritz geſchrieben— er und Dein edler Freund werden alles thun, damit das Aufgebot ſobald als mög⸗ lich ſtattfinden kann.“ „Aber wenn Dein Vater es hindert, während Du fort biſt? „Wenn mein Körper fort iſt, ſo lebt mein Geiſt, und er wird ſich weder Raſt noch Ruhe gönnen, bevor ich Dich mit meinem Namen begrüßen darf.“ „O Gott— ein Schrei drang über Jeanne So⸗ phiens ſind d wohl. liebten Leben ich.. „0 Gange V ſenen 2 Schritt einem heftet. 28⁵ phiens Lippen— o Gott, hörſt Du die Tritte. es ſind die Gerichtsdiener, die hieherkommen. Sie zog mit wahnſinniger Heftigkeit ihren Geliebten ſich. Viola flog an die Thüre. Es waren allerdings zwei Perſonen draußen, aber nicht die Gerichtsdiener. Es waren der Fremde im Wagen und der alte Nicke, der ihn verhindern wollte, vorzudringen. „Emil, wenn Du nicht willſt, daß unſer Bemühen vergebens geweſen ſein ſoll, ſo tummle Dich in's Him⸗ mels Namen.“ „Wer ſpricht?“ ſtammelte Jeanne Sophie. „Mein Retter, mein Freund... und jetzt, o Du Geliebte, innig Geliebte.... lebe wohl.... lebe wohl... in Deinem Zimmer darf man Deinen Ge⸗ liebten nicht ergreifen.“ „Mein Gatte..o Gott, o Vater.. o mein Leben... Emil, Emil, laß mich Dir folgen.. ich.2*.* „Emil, Emil!“ ertönte die mahnende Stimme vom Gange her,„eile!“ Viola machte Jeanne Sophiens krampfhaft geſchloſ⸗ ſenen Arme vom Halſe des Geliebten los. Der Lieutenant richtete ſich auf und trat ein paar Schritte rückwärts, aber ſein Blick war beſtändig mit einem herzzerreißenden Ausdruck auf ſeine Verlobte ge⸗ heftet. „Fort! fort!“ mahnte Viola. „Ja, fort!“ Er wandte ſich um und ging gegen die Thüre. Aber jetzt ſtürzte Jeanne Sophie auf. Das Ueber⸗ maß ihrer Qual verlieh ihr Kräfte. Noch auf der Schwelle erreichte ſie den Mann, den ſie ſo abgöttiſch verehrte. 4 Er empfing ſie in ſeinen Armen. Der letzte lange, ewige Kuß wurde gewechſelt. an —* 286 „Ich... ich. ſtammelte ſie verworren... Du weißt nicht.. leb wohl... leb... leb... wohl!“ Sie fiel in Ohnmacht. Fünf Minuten ſpäter rollte der Wagen fort. Neunundfünfzigſtes Kapitel. Der Morgen. Schon ſeit mehreren Stunden hatte die Sonne mit ihrem blendenden und lebenſpendenden Scheine die dü⸗ ſtere und todtenſtille Scene in dem Zimmer, wo das nächtliche Drama aufgeführt worden, gleichſam gehöhnt. Hinter den halbgeſchloſſenen Vorhängen des Alko⸗ vens ruhte Jeanne Sophiens Körper unbeweglich, wie wenn ſie gut ſchliefe.„ Aber die Seele krümmte und wand ſich in ihrem Gefängniß; ſie blickte in ſtummer Troſtloſigkeit auf die Sonnenſtrahlen, welche die Freiheit hatten, die Welt zu ſehen und darin umherzufahren. Und Tage ſollten kommen und Tage ſollten gehen, und es blieb auf die gleiche Weiſe, obſchon jeder Tag eine Nacht mit doppelt ſo vielen Stunden als der Tag ſelbſt hatte, und jede Stunde ſechzig Minuten, dreihun⸗ dertundſechzig Sekunden hatte, dreihundertundſechzig Puls⸗ ſchläge der Todesqual. Die arme Seele ſeufzte betäubt. Was hätte ſie nicht gegeben für eine Stunde Schlaf ohne Trä Stu verg leber chen daß galte im 5 über war, zwei Ballk haft ges 2 den a ringel hende ( Geber mert Verge noch S kam, und n mit ih ſich in und m beitzin YT dort ſe fand mit dü⸗ das öhnt. Alko⸗ wie hrem f die lt zu ehen, Tag Tag hun⸗ zuls⸗ ohne 287 Träͤume, für die Vergeſſenheit, für die Vernichtung einer Stunde! Aber die Genien des Schlafes hatten dieſe Seele vergeſſen, als ſie ihre Morgenrunde machten, unter den lebensmüden Kindern der Erde. Sie hatten ſo manche Wimper zu ſchließen, ſo man⸗ chen Schmerz zu ſtillen, ſo manche Thräne abzutrocknen, daß ſie nicht all' die Wehrufe hören konnten, die ihnen alten. 3 Gleichwohl war eines dieſer gottgeſandten Weſen im Zimmer innen geweſen, und hatte ſeinen Mohnduft über eine andere Seele ausgeſtreut, die weniger gewohnt war, zu leiden. Unter einem Fenſter lag, auf dem Rand zwiſchen zwei Stühlen, nachläſſig hingeworfen, ein roſenfarbiges Ballkleid, mit deſſen leichten Falten die Sonne ſchalk⸗ haft ſpielte. Vor dieſem roſenfarbigen Gewand kniete ein jun⸗ ges Mädchen, das in ſeinem weißen Unterrock und mit den aufgelösten Flechten, die ſich über die Schultern ringelten, den Kopf an die auf dem einen Stuhle ru⸗ henden Arme lehnte. Es war Viola, die mitten unter ihren brennenden Gebeten für Jeanne Sophie und ſich ſelbſt eingeſchlum⸗ mert war. Sie genoß wenigſtens für kurze Zeit die Vergeſſenheit ihrer Qualen, und dieſe waren weder klein noch unbedeutend geweſen. Sie hatte gehört, als der Kriegsrath nach Hauſe kam, ſie hatte gewartet, ſich gewundert, nachgedacht, und während Jeanne Sophie ſich ſchlummernd ſtellte, um mit ihren Erinnerungen allein ſein zu koͤnnen, hatte Viola ſich in die Hausflur hinausgeſchlichen, bis an die Treppe und mehrere Sekunden lang an der Thüre ſeines Ar⸗ beitzimmers gelauſcht. Mitten in der Nacht durfte der Kriegsrath nicht dort ſein, ſondern in ſeinem Schlafgemach, aber es be⸗ fand ſich gleichwohl Licht im Arbeitszimmer, und Tritte 288 wurden gehört, warnende, ſchwere, langſame Tritte, un⸗ ter denen der Boden erzitterte. Und Viola's Herz zitterte auch: es wußte ſo gut, daß ein Morgen kommen ſollte. „Wenn es nicht Nacht wäre,“ hatte ſie zu ſich ſelbſt geſagt,„ſo wollte ich mich zu ſeinen Füßen wer⸗ fen, und er ſollte mich anhören, aber bekommt jemand anders vorher ſein Ohr, dann... dann..“ Sie ſchlich wieder hinauf, aber nicht ohne zuvor ihre heißen Lippen an das kalte Schloß dieſer Thüre gedrückt zu haben, hinter welcher er, wie ſie fürchtete, eingeſchloſſen war. Als ſie zu Jeanne Sophie zurückkam und dieſe noch immer(wie ſie glaubte) in einen wohlthätigen Schlummer verſunken ſah, empfand Viola das Bedürf⸗ niß zu beten, von ganzer Seele zu beten, daß Gott denjenigen, deſſen Urtheil ſie auf Erden am höchſten ſchätzte, mit Erbarmen auf ihre That blicken laſſen möge. Sie konnte nicht bereuen, und gleichwohl bebte ſie wie ein Espenblatt. Sie bebte darum, weil ihr Leben, d. h. das Glück ihres Lebens von ihm abhing; den ſie durch ihre trotzige Verletzung aller Formen tief beleidigt zu haben ſich bewußt war. Aber ſie hatte ihn nicht blos dadurch beleidigt, ſon⸗ dern auch noch auf eine andere Art. Ja auf eine noch weit ſchwerere Art. Etwas Außerordentliches und Myſtiſches hatte ſich zwiſchen ihr und ihrem Vormund ereignet, etwas, das ſie ſich ſelbſt in Worten noch nicht begreiflich gemacht hatte, wohl aber im Gefühl, denn ſonſt würde ſie nicht während der ganzen Zeit, die zwiſchen dem Geſpräch im Arbeitszimmer und dem letzten Zuſammentreffen auf dem Ball lag, gleichſam in einem Schwindel gelebt haben, in einem Rauſch, der bald feurige, lebensvolle Ahnungen, bald eine ſchwärmeriſche, wehmüthige Ver⸗ zückung zur Folge hatte. b meiſte zugeft 0 eine 2 ſchücht ment wo er Abent werde ſicher dern h mit F Vergi⸗ Sophi meinig Jeanne gelauſch dankte den Lin Der. 2 gut, ſich wer⸗ nand uvor hüre htete, dieſe tigen dürf⸗ Gott bſten nöge. te ſie das ihre jaben ſon⸗ ſich das nacht nicht präch auf elebt volle Ver⸗ Die Beleidigung, um derentwillen ſie ſich alſo am meiſten grämte, war diejenige, die ſie ſeinem Herzen zugefügt hatte. In demſelben Moment, wo er ihr den Einblick in eine Welt geſtattete, auf welche ſie bisher nur einen V ſchüchternen Augenwurf gewagt hatte, in demſelben Mo⸗ ment betrog ſie ſein Vertrauen und verließ den Ort, wo er, ihr Beſchützer, ſich vorfand, um ſich in ein Abentheuer zu werfen, das unzweifelhaft überall ruchbar werden mußte. „Ach er weiß es bereits,“ ſeufzte ſie, und ganz ſicher hat er Laura befohlen, nicht zu uns beiden Sün⸗ dern hierher zu kommen, auf welche die ganze Stadt mit Fingern deuten wird. „O Gott, ſei Du barmherziger als die Menſchen. Vergieb, Jeanne Sophie, vergieb mir! Mach Jeanne Sophie glücklich— ihre Qualen ſind größer als die meinigen, denn ich ſehe doch wenigſtens.... Arme, Jeanne Sophie, ich will das Opfer nicht zurücknehmen, das ich Dir gebracht habe, nein, nein... aber ich muß das Recht beſitzen, auch über mich zu weinen.“ Unter dieſen Gedanken hatten die milden Genien des Schlafes ſie überraſcht. Neben ihr lag ein Brief, welcher das erſte ſein ſollte, was ihr beim Erwachen in die Augen fiel. Der alte Nicke war innen geweſen, da er ſie auf dieſe Art(die er ganz gut verſtand) ſchlafen ſah, hatte er eine große Thräne aus ſeinen eignen Augen abge⸗ wiſcht und ſchweigend die mitgebrachte Botſchaft nieder⸗ gelegt. An Jeanne Sophiens Bett hat er mehrere Minuten gelauſcht, und wie Viola getäuſcht durch dieſen Schlaf, dankte er andächtig Gott, daß er ihr auf einige Stun⸗ den Linderung geſchenkt habe. Der. Vormund. II. —,— 290 Viola bewegte ſachte den Arm und ihre Wange glitt langſam von dem weichen Schwanenbett hinab auf den kühlen Taft. Sie fuhr zuſammen— ſie erwachte und ſah ſich zuerſt mit verwunderten, dann mit ſtieren und endlich entſetzten Blicken rings um. Wie, hatte ſie geſchlafen? Das Ballkleid erinnerte ſie an mehr als ſie zu wiſ⸗ ſen bedurfte. O hätte ſie alles das, was ſich ereignet hatte, blos geträumt? Nein, es war leider kein Traum, ſondern eine qualvolle Wirklichkeit. Und jetzt ſiel ihr Blick auf den Brief. Von ihm! ſagte ſie ſchaudernd. Von ihm! wiederholte ſie, indem ſie ihn langſam und mit einer unbeſchreiblich anmuthsvollen Bewegung an ihre Lippen führte. „Wage ichs, ihn zu öffnen 2“ war ihr anderer Gedanke...„Wenn... wenn er etwas enthielte, was meinen Muth überſtiege... Wenn er nicht von mei⸗ nem Vormund wäre, ſondern von dem Freund... von.„2 297 Eine Morgenwolke, wärmer und glühender als die Wolken des Himmels, ſpielte auf ihren Wangen. „Heute wollte er mir ja die Vaſe übergeben, die er geſtern erhalten hat.— Heute ſollte er ja ſelbſt die Blu⸗ men für ſie ausſuchhn. o wie mein Herz klopft... Wie hatte ich geſtern Abend den Muth, mich zu erinnern, daß ich in Geſellſchaft war, den Muth, ihm eine kühne und fröhliche Antwort zu geben, wie ſie dort paßte!“ „Wenn er mir daſſelbe hier zu Hauſe geſagt hätte, ſo wäre ich gewiß zur Erde geſunken; denn dann würde es vielleicht viel bedeutet haben... aber bedeutete es nicht auch jetzt viel!“ „Ja, ja, und der muntere Blick!“ Hauf h ſich nlich wiſ⸗ blos eine gſam gung derer „was mei⸗ ls die die er Blu⸗ Herz Nuth, Nuth, die ſie hätte, würde ete es „Aber es iſt dennoch nicht möglich.. nein es iſt tauſendmal unmöglich. Er, er... und ich, ein ſo unbedeutendes Weſen, ſo gänzlich ein Nichts und dann ſo unbedachtſam.“ „Wie närriſch, wie lächerlich ſind die Gefühle, wie einfältig und dumm... ich bin überzeugt, daß dieſer Brief ſie auch ſtrafen wird.“ Ihre Finger näherten ſich bebend dem Siegel, es mußte erbrochen werden.. Und während ſie den kurzen Brief las, glitt die von der heißen Zone des Südens entlehnte Morgenwolke ſachte hinweg, und eine nordiſch mondblaſſe Nacht legte ihre Schatten über dieſes bezaubernde, jetzt in Thränen badende Geſicht.. „„ 6 46 4.., 4,„„ Hier folgt der Brief, welcher Viola guten Morgen ſagte: „Ich hatte einen Traum, der ſechsunddreißig Stun⸗ den währte. „Es war der erſte hoffnungsreiche Traum in mei⸗ nem Leben, es war der erſte, aus welchem ich nicht zu erwachen wünſchte. „Aber juſt darum erwachte ich. „Dank für die ſechsunddreißig Stunden! Sie liegen jetzt wie vertrocknete Blumen hinter mir, und wenn ich mich zurückwende und nach ihnen ſehe, ſo lächle ich über meine Thorheit. „Sie war unverzeihlich und als ſolche wurde ſie auch beſtraft, ehe ſie ihre Bahn vollenden konnte. „Meinerſeits hat die Vergeſſenheit oder, was noch mehr ſagt, die entſchiedene Abſicht zu vergeſſen, die ver⸗ trockneten Blumen berelts mit ihrem Staub zu bedecken angefangen. „Und ich fürchte nicht, daß die Vergeſſenheit auf einer andern Seite eilen wird, den Grabhügel über ſie vollends aufzuwerfen.“ — —— 292 N. S.„Eine Erklärung über die Art, wie Sie ei⸗ nen Theil der letzverfloſſenen Nacht anwandten, mein Fraͤulein, dürften Sie um ein Uhr Ihrem Vormunde vortragen.“ Viola klagte weder, noch murrte ſie: ſie war ge⸗ lähmt. Ihr Herz war ins Stocken gekommen, und wenn ſie jetzt hätte beten können, ſo würde ſie darum gebeten haben, daß die Vergeſſenheit bald ihren eigenen Grab⸗ hügel bedecken möge. Zu leben, nachdem ſie nahe daran geweſen, das Unmögliche zu gewinnen und nachdem ſie alles verloren, das ging ja über die Kräfte eines Menſchen. Die arme Viola weiß noch nicht, daß die Kraft zu leiden die zäheſte aller Menſchenkräfte iſt. An Schmerz zu ſterben iſt eine poetiſche Redens⸗ art— man ſtirbt nicht am Schmerz ſelbſt; er hat ei⸗ nen großen Vorrath von Nahrungsſtoff. Ein leiſer Seufzer aus dem Alkoven veranlaßte Viola, auf einen Augenblick ſich ſelbſt zu vergeſſen. Sie eilte zu ihrer Freundin und ſchob die Vorhänge hinweg. „Meine theure arme Jeanne Sophie, iſt es nicht ſchrecklich in dem Elend zu erwachen, das der Schlaf verborgen hatte?“ „Ich weiß nicht,“ antwortete Jeanne Sophie mit tiefbetonter Stimme.„Der Schlaf hat mir nichts ver⸗ borgen: er iſt mir nicht nahe gekommen.“ „O was ſagſt Du— und ich, ich glaubte, Du ſchlie⸗ feſt.. ich betete für uns beide, und ſo entſchlum⸗ merte ich.“ w ſah es und dankte Gott, daß du glücklich warſt. „Ja ich war glücklich... aber Jeanne Sophie, wie ren we für Vit den ſon Vie blei me ſen ſelr ver von telf ei⸗ nein unde 293 wie kannſt du ſo ſtumm, ſo unbeweglich daliegen, wäh⸗ rend ꝛder Kummer in Dir wacht, wie ich ganz gewiß weiß?“ „Darum, weil dieſer Kummer ſowohl für Worte als für Bewegungen zu groß iſt, ich warte.“ „Ich auch,“ ſtammelte Viola. „O geh auf dein Zimmer, meine theure, geliebte Viola, geh und kleide dich an. Wir haben gewiß bald den Doktor hier— aber ſag, daß ich weder ihn noch ſonſt jemand empfange.“ „Ja, ich werde thun wie du willſt!“ antwortete Viola mechaniſch. Und einen Kuß auf Jeanne Sophiens bleiche Stirne drückend, ging ſie auf ihr Zimmer. Ein kleiner Frühſtückstiſch ſtand im äußeren Zim⸗ mer gedeckt, ſowie es in der letzten Zeit Brauch gewe⸗ ſen, als die Frauenzimmer in ihrer Einſamkeit abwech⸗ ſelnd bei einander frühſtückten. Aber heute ſollte Viola allein ſein, allein bis ein Uhr. Vorher kam jedoch der Doktor, wie Jeanne Sophie vermuthet hatte; aber er ſprach nicht ein einziges Wort von dem gefährlichen und gefürchteten Gegenſtand. Als er hörte, daß Jeanne Sophie ſchlafe, ſagte er: „Es iſt gut— ich will ihren⸗Schlaf ſehen.“ Und ſo ging er hinein und blieb da eine gute Vier⸗ telſtunde. —————=— Sechzigſtes Kapitel. Ein Frauenherz. Endlich ſchlug die wichtige Stunde. Auf dem Weg zu ihrem Vormund hatte Viola eine Begegnung, der ſie gerne ausgewichen wäre, Es war Laura, die mit ſtolzer Kälte an ihr vor⸗ überging, Laura, die jetzt erfahren hatte, wie Vlola iß⸗ ren Spott mit ihr getrieben, und deren bloßer Blick mehr als zehn Verſprechungen guter Erinnerung enthielt. Ueberdieß waren die Kälte und der Stolz mit Ver⸗ achtung gemiſcht; die ſittſame, die tugendfeſte Laura mußte ihre Augen abwenden, um nicht beleidigt zu werden durch den Anblick eines jungen Mädchens, deſſen Aufführung ſo große Kühnheit beurkundet hatte. Kein Wort wurde zwiſchen den beiden Damen aus⸗ getauſcht. Aber weil Viola ahnte, daß ihre Bewegungen be⸗ wacht wurden, bot ſie alles, was ſie an Selbſtbeherr⸗ ſchung beſaß auf und ging mit ſchnellern und feſtern Schritten, als ſie ſonſt vermocht hatte, nach dem Salon. Man hatte ihr geſagt, daß ſie dort erwartet würde. Severin befand ſich nicht allein: er und der Pfar⸗ rer ſaßen beiſammen auf einem der Sofas. Viola fühlte ſich tief beleidigt durch dieſe Art von Oeffentlichkeit. Sie erhob ihr zuvor geſenktes Haupt. Doch war der Blick beſcheiden, wenn auch nicht demüthig. „Mein Fräulein“— Severin ſprach mit einer Si⸗ cherheit, welche bewies, wie viel Gewalt er über ſich ſelbſt beſaß—„es iſt unnothig, auf Details über die Beſtürzung einzugehen, welche ich und Ihre übrigen Freunde ausſtanden, als Sie auf dem Ball vermißt wurden; aber vielleicht iſt es nicht unnöthig, zu ſagen, daß der Schimpf, den Sie über mein Haus gebracht, und der Schimpf, den Sie mir perſönlich als Vormund zugefügt haben, mich mit ſolchen Gefühlen des Kummers und Verdruſſes erfüllt, daß ich den Tag nicht genug beklagen kann, wo ich dem Vertrauen entſprach, womit Ihr verſtorbener Herr Vater mich beehrte.“ Viola ſchwieg einige Augenblicke, ehe ſie ihre Ein⸗ 6 eine drücke zu einer Antwort zuſammenzufaſſen vermochte. Man ſah jedoch, daß ſie weit weniger erſchüttert vor⸗ war, als ſie geweſen wäre, wenn man ihr mit etwas ih⸗ anderem, als mit Vorwürfen entgegen getreten ſein würde. Zlick„Vielleicht, Herr Kriegsrath.“ hörte man ſie plötz⸗ ielt. lich in einem ſanften, aber feſten Tone ſagen,„vielleicht ger⸗ findet ſich in dieſem Geheimniß doch Etwas, was für nura mich ſprechen kann. Ich bin noch nicht gehört worden.“ zu„Von welchem Geheimniß ſprechen Sie, mein Fräu⸗ eſſen lein? Es iſt kein ſolches vorhanden. Sie haben in Folge einer verabredeten Intrigue mit einem als Frau ver⸗ 6 aus⸗ kleideten Mann den Ball verlaſſen. Sie, eln junges Mädchen, haben einem Manne, den die Gerichtsdiener be⸗ ſuchten, zur Flucht verholfen, und Sie haben ihn mitten err⸗ in der Nacht in mein Haus geführt, um ihm gemein⸗ tern ſchaftlich mit einem andern meiner Mündel ein Rendez⸗ 4 lon. vons zu geben, das ebenſowenig geheim geblieben iſt, rde. als der Umſtand, daß in dem Wagen ſich noch ein Mann far⸗ vorfand, welcher ſich rühmen kann, eine ganz beſondere Gunſt von Ihnen genoſſen zu haben. In Wahrheit, 6 von ich glaube, es hält ſchwer, hier mildernde Umſtände zu finden.“ war„Es hält immer ſchwer, etwas zu finden, was man — nicht finden will; aber Gott, der mich gehört und geſe⸗ Si⸗ hen hat, weiß, daß ich ganz plötzlich ins Garderobezim⸗ ſich mer herausgerufen wurde, und daß man mir durchaus die keine Zeit ließ mich zu beſinnen. Ein verzweifelter igen Menſch, wie der Lieutenant war, hat eine große Macht 296 zu überreden. Und im Fall dieſer Auftritt noch einmal ſtattfände, würde ich..“ „Genug, mein Fräulein— wiederholen Sie nicht die Sache, von der ich vollkommen überzeugt bin, Ich weiß, daß es keine Unbedachtſamkeit gibt, die für Sie zu groß wäre, ein Urtheil, mit welchem ich nicht allein ſtehe, wie aus dieſem Billet hier erhellt.“ Severin nahm ein feſt zuſammengerolltes Papier vom Tiſch und überreichte es Viola. Das Billet war von dem Kommerzienrath Marbin und enthielt folgende Zeilen: „Wohlgeborner Herr Kriegsrath! „Die Unterhandlungen, die geſtern zwiſchen uns im Gange waren, und die durch Ihre unerwartete und würdevolle Theilnahme möglicherweiſe zu einem guten Ende hätten führen können, ſind hiermit gänzlich und ein für allemal abgebrochen. „Ich will nichts von einem Sohne wiſſen, der mir ſelbſt und meiner väterlichen Autorität Trotz geboten hat. Noch weniger will ich von einer Schwiegertochter wiſſen, die ihn durch ihre Künſte zu dem ſchmachvollen und entehrenden Schritt, den er gethan, verleitet und überredet hat. „Ich beklage Sie, Herr Kriegsrath, wirklich mit Ihren Mündeln. Es iſt ſehr verdrüßlich, daß diejenige von ihnen, nach welcher mein jüngſter Sohn ſtrebte, vorgezogen hat, bei meinem ältern Sohn eine Rolle zu ſpielen, wofür er hätte dankbarer ſein ſollen. „Iſt ſie jetzt zurückgekehrt oder begleitet ſie ihn fortwährend als Schutzengel? „Mit groͤßter Hochachtung und Werthſchätzung „Ihr ergebenſter Diener „Anton Marbin. „Dieſer Brief,“ ſagte der Pfarrer, der jetzt das Wort ergriff und zugleich das Schreiben aus Violas 297 zitternder Hand nahm,„iſt zu plump, um ein anderes Gefühl zu erwecken, als Verdruß darüber, daß der Kum⸗ mer und Aerger eines Vaters einen ſolchen Ausbruch nehmen kann.“ „Ja mich,“ antwortete Viola,„kann dieſes Billet nicht beleidigen. Aber wenn ich ſehe, welchen Eindruck es auf meinen Vormund gemacht hat, ſo kann ich ihm nicht ſoviel Verachtung zollen, als ich ſonſt wollte.“ „Ihre ſchwerſte Strafe, mein Fräulein,“ fuhr der Pfarrer fort,„beſteht darin, daß Sie der Sache Emils geſchadet und leider nichts genützt haben.“ „Habe ich ihm nichts genützt?“ „Nein, weit entfernt,“ fiel der Kriegsrath mit einer neuen und milderen Betonung der Stimme ein.„Hät⸗ ten Sie, ſtatt blind dem Egoismus des Lieutenants zu folgen, der im Wirrwar der Leidenſchaft einige Entſchul⸗ digung findet, mit dem Vertrauen, auf das ich vielleicht juſt da am meiſten rechnen durfte, ſich an mich ge⸗ wandt— es hätte ja nicht mehr als blos einige Minu⸗ ten in Anſpruch genommen, und Sie hätten ſich wohl wenigſtens auf meine Ehre und Verſchwiegenheit ver⸗ laſſen können— ſo hätte ich bei Gott das Unglück ab⸗ gewendet und zuerſt durch Bürgſchaft, ſodann durch baare Bezahlung den Lieutenant aus dieſer allerdings höchſt mißlichen Affaire befreit. Hernach hätte ichs nicht dabei bewenden laſſen, denn ich hatte Mamſell Jeanne So⸗ phie, deren hochſinnige Liebe mich tief rührte, eine ernſte Hülfe verſprochen. Und Sie erinnern ſich, mein Fräulein,“— hier begann ſeine Stimme gelind zu zlt⸗ tern—„ob ich nicht juſt vorgeſtern Mittag den Wunſch äußerte, daß ich, weil ich ſelbſt glücklich ſei, auch Ge⸗ legenheit finden moͤchte, das Glück Andern zu bereiten.“ „Ich erinnere mich deſſen nur zu gut und ich werde mirs nie verzeihen, daß ich nicht auf dieſe Idee gekom⸗ men bin, die ich ſogleich hätte faſſen und mit oder ohne Willen des Lieutenants ausführen müſſen. Wenn Jeanne Sophie das erfährt, wird ſie mich haſſen.“ „Wozu ſollte es dienen, mit ihr davon zu ſprechen, mit Ihnen war es etwas anderes.“ „Und jetzt?“ ſagte Viola forſchend. „Jetzt, nachdem die Sachen ſo ſtehen, und bei den Geſinnungen, die der Kommerzienrath Marbin in ſeinem Schreiben geäußert hat, kann man blos die Zeit abwar⸗ ten— ſie wird zeigen, was das Schickſal für den Lieu⸗ tenant Marbin thun wird, und was er ſelbſt zu Stande bringen kann.“ „Aber Jeanne Sophie?“ „Was Mamſell Jeanne Sophie betrifft, ſo leidet ſie zu ſehr, als daß ich ihren Kummer auch nur durch ei⸗ nen einzigen Vorwurf vergrößern möchte. Sie iſt auch vergleichungsweiſe unſchuldig. Und ſo lange ſie in mei⸗ nem Hauſe bleiben will, ſteht es ihr offen: ſie bedarf deſſelben.“ „Sie bedarf deſſelben!“ ſtammelte Viola, indem ſie ſich bemühte, die ſtarke Betonung des Wortes ſie nicht zu verſtehen. „Ich ſollte in Bezug auf das, was ich noch hinzu⸗ zufügen habe, einige Umſchweife machen, mein Fräulein, aber ich glaube, Sie haben Luſt, mir dieſelben zu erlaſ⸗ ſen; und folglich muß ich... ich bin gezwungen zu erklären, daß Sie ſich auf eine Aufenthaltsveränderung vorzubereiten haben. Da Laura ſich jetzt bald verheira⸗ thet, ſo würde die Dellikateſſe es nicht geſtatten...“ „Das iſt wahr,“ fiel der Pfarrer ſchnell ein, um das arme junge Mädchen von der erſten Antwort zu be⸗ freien.„Aber im Fall Sie den Pfarrhof nicht verſchmä⸗ hen würden, Fräulein Viola, ſo weiß ich, daß der Wirth deſſelben mit wahrem Vergnügen und väterlicher Erge⸗ benheit Sie bewillkommen würde.“ „O daran zweifle ich nicht— Sie haben mir im⸗ mer eine ſolche Ergebenheit bewieſen, Herr Pfarrer... aber ich fürchte, daß die Wirthin des Pfarrhauſes nicht ebenſo denken wird.“ „Nun,“ verſetzte Lars Moritz mit warmem Eifer, L Viola, halbw bereits jeniger zugleit T jeden Muth, eine C E Moritz V wo ſie fühlte, mit de Ausga⸗ A von ein den nem var⸗ ieu⸗ ande t ſie ei⸗ nuch nei⸗ darf fie icht zu⸗ ein, laſ⸗ zu ung ra⸗ um be⸗ nä⸗ irth ge⸗ im⸗ icht fer, „meine Frau wird denken wie ich— es wird meine Sache ſein, ſie auf andere Gedanken zu bringen.“ „Unter allen Umſtänden“— Viola konnte ſich kaum mehr aufrecht halten—„iſt es mein Wunſch, meine Bitte und nöthigenfalls mein Verlangen, die Stadt ver⸗ laſſen zu dürfen, wenn ich das Haus meines Vormun⸗ des verlaſſe.“ In dieſem Augenblick öffnete der alte Nicke die Thüre. „Der Herr Pfarrer wird dringend erſucht, zu einem Kranken zu kommen.“ Lars Moritz nahm ſogleich ſeinen Hut. Und bevor Viola, welche fühlte, daß ſie ſich mit ihm entfernen ſollte, halbwegs an die Thüre gekommen war, befand er ſich bereits draußen— und da ſtand ſie jetzt allein mit Dem⸗ jenigen, der ſie aus ſeinem Herzen und ſeinem Hauſe zugleich verſtoßen hatte. Dieſes ſo unvermuthete téte-à-têéte, das Laura um jeden Preis hatte vermeiden wollen, ſetzte auch ſeinem Muth, ſeinem unbeirrten Ernſt und ſeiner kalten Strenge eine Grenze. Eine tiefe Stille herrſchte im Zimmer, als Lars Moritz die Thüre geſchloſſen hatte. Viola wagte nicht einmal nach der Seite zu ſehen, wo ſie wußte, daß ihr Vormund ſtand. Aber da ſie fühlte, daß ſte nahe daran war zu fallen, ſo tappte ſie mit den Händen vor ſich hin,— ſie würde ja wohl den Ausgang erreichen, dachte ſie. Aber jetzt... was war das?... wurde ſie nicht von einer Hand aufgehalten, die die ihrige berührte? Sie ſchaute auf. 300 O welch' ein Vorwurf in dieſem Blick, dem ſie be⸗ gegnete— wie tauſendmal grauſamer war er nicht als alle diejenigen, die ſie ſoeben bekommen hatte! „Ja, ja,“ flüſterte ſie, verſtoßen Sie mich, tödten Sie mich, ich verdiene es... wann ſoll ich abreiſen?“ „Sobald wir einen paſſenden Platz ausgefunden ha⸗ ben. Es iſt... es... iſt ja nothwendig.“ „Nun wohl, wenn es nothwendig iſt, ſo laſſen Sie es noch heute geſchehen,... jetzt... in dieſem Au⸗ genblick! Was kümmert es mich, wohin ich gehe? was frage ich danach, ob der Platz paſſend iſt oder nicht? Jeder Platz auf Erden iſt paſſend, um die Thränen ei⸗ nes verachteten und verſtoßenen Mädchens zu verbergen; denn ſie, die ihren ganzen Blick nach innen gerichtet hat, weiß nicht, ſieht nicht, ob ſie Hohn oder Mitleid erweckt.“ „Ach, Fräulein Viola, Sie wiſſen wohl, daß nicht das verachtete und verſtoßene Mädchen es iſt, das mein Haus verläßt, ſondern daß es dasjenige iſt, das nicht ſelbſt unter der einzigen Bedingung, die künftig noch möglich wäre, da bleiben wollte.“ „Viola war entzückt von der abgebrochenen, zärtlichen und melancholiſchen Muſik in der Stimme, die dieſe Worte ausſprach,— ſie war entzückt von den Worten ſelbſt, die eine noch ſchönere Muſik waren. Ihr Geſicht, das ſeit ihrem Eintritt von eitel Lilien bedeckt geweſen, bekam jetzt einen lebensfriſchen Hauch, der ſeinen Purpur über die Lilien goß. „Darf ich ſprechen?“ fragte ſie bebend. „Sprechen Sie in Gottes Namen, ſprechen Sie immerhin,— aber bedenken Sie, daß für mich die Worte mehr ſind als Worte. Wenn nicht jedes einzelne eine Wahrheit enthält, ſo ſagen Sie nichts. Vor allen Din⸗ gen, ſprechen Sie nicht unbedacht und hingeriſſen von der Macht des Augenblicks; juſt ſolche Hinreißungen von der Macht des Augenblicks habe ich ſo ſehr zu fürchten Urſache.“ „Ich will blos die Wahrheit ſagen,— ich verſpreche es feie mich, Conve ſtellen werde. er err Herzen macht werdern / chen 6 haben. gequal ſie be⸗ ht als 2en Sie 2 en ha⸗ en Sie a Au⸗ 2 was nicht? en ei⸗ ergen; et hat, veckt.“ nicht mein nicht noch tlichen dieſe Jorten Lilien Hauch, n Sie Worte e eine Din⸗ n von ungen hr zu preche es feierlich... aber ehe ich es thue, verſichern Sie mich, daß ich, im Fall das, was ich ſage, gegen die Convenienz, gegen die Form ſtreitet, die Sie ſo hoch⸗ ſtellen, nicht wiederum der Uubedachtſamkeit angeklagt werde.“ „Wir find jetzt allein, mein Fräulein; die Welt urtheilt hier nicht.“ „Wie heißt der Richter, der hier den entſcheidenden Spruch zu geben hat?“ „Mein eigenes Rechtsgefühl, ſo fern es nicht— er erröthete ſtark— ſo fern es nicht von— meinem Herzen beſtochen wird.“ „O nein, damit hat es keine Gefahr... das Herz macht keine ſo lange Unterhandlungen, wenn es beſtochen werden kann.“ „Still... wenn es verletzt wird... aber ſpre⸗ chen Sie jetzt offen, wie Sie mir vorgeſtern verſprochen haben.“ „Seit meinem Eintritt in Ihr Haus iſt mein gan⸗ zes Leben für mich ſelbſt ein Raͤthſel geweſen, und wenn . wenn... wenn der Johannisabend nicht geweſen wäre, ſo hätte ich ſelbſt nicht begreifen können, warum ich ſo manche neue Fehler bekommen habe, ſeit ich hier bin... Aber ſicherlich ſpreche ich jetzt unpaſſend. Es thut mir leid, nicht zu wiſſen, wie ich die Wahrheit recht zuſammenpaſſen ſoll mit... mit..“ „Fahren Sie fort, mein Fraͤulein, und beunruhigen Sia ſich nicht wegen meiner Bemerkungen in dieſem a e.“ Ein feines Lächeln auf Viola's Lippen bewies, daß ſie gut begriff. Sie fuhr fort: „Früher war ich blos kindiſch und unbedachtſam, aber hier fühle ich mich immer veränderlich. Ich wurde boshaft, neidiſch, eiferſüchtig, ich quälte den Lieutenant Charles; darum... glaube ich... weil ich ſelbſt gequält wurde.“ 302 „Nein, das kann nicht ſo ſein... als Sie Bedenk⸗ zeit verlangten, war da dieſer Einfall nicht gerechtfertigt durch 2.* 5 „Ja, durch vielerlei. Ich hatte, wie ich ſchon frü⸗ her einmal geſagt habe, nicht einen einzigen guten Rath erhalten, und da dieſes Schweigen an dem Johannistag ſtattfand, ſo konnte ich mir vorſtellen, und that es auch, daß der Johannisabend vergeſſen ſein müſſe; und ſo mit dem Gedanken an Jeanne Sophie,— ich glaube, daß ſie mein Schickſal iſt— beging ich die Dummheit, für welche ich, wie ich weiß, jetzt büßen muß.“ „Darf ich bitten, mit derſelben edlen Offenheit wie bisher fortzufahren?“ „All' die truͤben, böſen, unedlen Gedanken, die ich hatte, alles was Stolz, Eitelkeit und Eigenliebe geſpro⸗ chen, war jedoch wie weggeblaſen, als wir nach Ihrer Rückkehr uns gegeneinander erklärten. Ich fühlte mich ſo warm geſtimmt gegen alle geſchaffene Weſen dieſer Welt, die ich ſo ſchön fand, daß ich ſogar tief, ja bitter die Art bereute, wie ich das Anerbieten des Lieutenant Charles abgewieſen hatte. Und nachdem ich unter heißen Thränen Gott um Vergebung aller meiner Fehler ge⸗ beten hatte, bat ich ihn mir eine Art und Weiſe zu zeigen, wie auch ich dankbar ſein könnte...“ „Mein Fräulein!“ „Ich ſpreche die Wahrheit, Gott weiß es.“ „Und dann?“ „Und dann— nach einem Tag, von dem ich nicht weiß, wie er hinging, kam der Ball, die Frangaiſe mit dem Lieutenant Emil und... und die kleine Unterredung zwiſchen Ihnen und mir, Herr Kriegsrath.“ „Ach juſt das hätte..,“ „Juſt das vollendete meine innere Verwirrung oder, wenn ich ſo ſagen darf, die excentriſche Verwirrung, die ſich bereits meiner bemächtigt hatte. Soviel iſt ge⸗ wiß, daß ich bei dieſer Gelegenheit weniger als je im Stande war, ruhig zu urtheilen. Lieutenant Emils Bit⸗ wie ee ich ſpro⸗ shrer mich bieſer itter nant eißen ge⸗ gen, ten, die mächtig zum Mitleid ſprachen, rührten mich und erſchütterten meine ſchon vorher ſo angeſtrengten Nerven. Ich wurde von einem Sturmwind fortgeriſſen: ich fühlte mich glücklich in dem Gedanken, daß ich hel⸗ denmüthig handle, indem ich mich für andre aufopferte, glücklich in einem andern unklar ſich vordrängenden Ge⸗ danken, daß meine Handlung desjenigen würdig ſei, deſſen ich würdig ſein wollte.“ „Welch eine edle, aber ſchreckliche Verwirrung!“ „Ich weiß das, ja— ich wußte es lange, bevor ich dieſen Brief zu leſen bekam.“ „Wie ſo?“ „Heute Nacht, als die herzzerreißende Scene, deren Zeuge ich geweſen, nebſt meiner eignen unausſprechlichen Seelenangſt den Schlaf von meinen Augen fern hielt — die Beſinnung war wiedergekehrt und ich empfand zwar keine Reue, aber Furcht,— heute Nacht, ſage ich, trieb mich dieſe Furcht an die Thüre eines gewiſſen Zimmers.“ „Was.. heute Nacht?“ Severin erblaßte und bebte. „Heute Nacht ſtand ich vor dem Arbeitszimmer und hörte Tritte, welche zu erkennen gaben, daß ich viel zu leiden bekommen würde, ſo viel als möglich— vielleicht noch mehr.“ „Viola, Viola— Sie ſind zu dieſer Stunde und auf dieſe Art vor eines Mannes... wenn jemand ge⸗ ſehen hätte..“ „Wußte ich das nicht?“ ſagte das junge Mädchen mit einem unnachahmlichen Ausdruck edler und ſtolzer Verachtung.„Ich hätte auch jetzt heucheln ſollen, denn das Weib darf niemals, ſelbſt nicht in einer Stunde wie dieſe, vergeſſen, daß die Forderungen der Verſchämt⸗ heit allen andern voranſtehen.“ Der Strahl aus ihren Augen ſchleuderte ſeine Funken in Severin's Seele. 304 „Tadeln Sie mich nicht deßwegen— ich fürchte den Tadel um Ihretwillen.“ „Mir gilt dieſe Furcht nicht. Ich kümmere mich nicht um einen ungerechten, einen dummen Tadel... Hätte ich gewußt, hätte ich geahnt, daß es für Lieute⸗ nant Emil eine andre Hülfe gebe, ſo würds ich ſeinem Zorn Trotz geboten und dieſe aufgeſucht haben. Aber ſoll ich jetzt dafür verantwortlich ſein, daß ich gegen einen Gedanken gefehlt habe, den ich gar nicht hatte? Wer Gefühl, Ehre, Mitleid hat, der kann es nicht tadeln— wenigſtens thut es kein Weib,— daß ich durch eine hochſinnige Handlung, man mag ſie nun unbedacht nen⸗ nen oder nicht, dieſem Manne, der an den äußerſten Rand der Verzweiflung gebracht war, Gelegenheit ver⸗ ſchaffte, von ſeiner Geliebten Abſchied zu nehmen... Aber,“ fügte ſie in einem weichen, veränderten Tone hinzu,„gegen mich ſelbſt habe ich übel gehandelt... und jetzt find meine Bekenntniſſe zu Ende.“ „Habe ich jetzt alles erfahren?“ „Ja, auf Gewiſſen... es bleibt mir nur noch übrig hinzuzufügen, daß die Ungleichheit, die in unſern Anſichten vorwaltet, mich tief betrübt. Ihnen, Herr Kriegsrath, gilt der Schein, das Urtheil der Welt, alles — mir genügt das Zeugniß meines Herzens, meiner Ehre, meines Gewiſſens.“ „Haben Sie bemerkt, mein Fräulein,“ fragte Severin mit einem forſchenden Blick,„daß Ihre Vertheidungsrede auf bewunderungswürdige Weiſe an Kraft zugenommen hat, daß Ihr Ton neu iſt und ſehr verſchieden von dem⸗ jenigen, deſſen Sie ſich im Anfang bedienten? Ich für meinen Theil glaube kaum dieſelbe Perſon zu hören und zu ſehen.“* „Ich fühle das. Ich fühle ſelbſt, daß alles um mich her klarer wird, daß gewiſſe undeutliche Sachen Form und Farbe bekommen, daß meine eigenen Gefühle einen feſten Halt gewinnen— ich habe mich ſo zu ſagen in die Kenntniß meines eigenen Weſens hineingeredet,“ Mißg 7 zuwer voran kennen und u ligen in un um ſi mehr Ihner ſelbſt Der „Dann bereuen Sie ohne Zweifel die Bekenntniſſe, die Sie ſo eben abzulegen die Güte hatten?“ „Nein, ich bereue ſie nicht. Aber in dieſem Augen⸗ blicke, wo ich die geheimen Winkel meines Herzens durch⸗ ging, föhle ich, daß ich kein Kind mehr bin. Mit der Aufrichtigkeit eines Kindes habe ich von allem geſprochen — ich wurde getadelt, und da endlich begriff das Weib, daß ſie in ihrer Unkenntniß zu weit gegangen, und daß es Zeit für ſie war, ſich zu erinnern, daß ſie auch eine Würde zu bewahren hat.“ „Jetzt beginne ich Sie zu verſtehen, mein Fräulein. Das Weib zerreißt die Illuſionen eines Kindes. „Das Undeutliche wird klar.— Sie erkennen Ihren Mißgriff?“ „In dieſem Fall haben wir ja einander nichts vor⸗ zuwerfen. Sie ſind mir mit der Macht des Beiſpiels vorangegangen, Herr Kriegsrath.“ „Ein Wort zum Abſchied, mein Fräulein... denn es iſt hohe Zeit, daß wir hier ſchließen. Wir haben gegenſeitig und bitter die Gefühle von einander verletzt. Wir wollen auf ſo aufregende Gegenſtände nicht mehr zurückkommen, bevor wir nicht mehr Gewalt über uns ſelbſt erworben haben.“ „Das iſt weiſe und gerecht.“ „Laſſen Sie uns jetzt...“ Severin hatte beinahe die ganze Zeit in einiger Entfernung vor ihr geſtanden: jetzt trat er näher und nahm ihre Hand in die ſeinige... „laſſen Sie uns jetzt einander ünd uns ſelbſt näher kennen lernen. Alles das, was wir jetzt in verdeckten und unverdeckten Worten berührten, hat einer allmäh⸗ ligen Reife bedurft, wie auch die große Verſchiedenheit in unſrer Art die Dinge zu beurtheilen der Zeit bedarf, um ſich auszugleichen. Ich begehre für mich ſelbſt nicht mehr als für Andere: Laſſen Sie uns alſo— wenn es Ihnen nicht zuwider iſt, mein Fräulein— auch für uns ſelbſt zwei Monate zu unſrer Prüfung feſtſetzen.“ Der Vormund. II. 20 306 „Herr Kriegsrath!“ Viola konnte nicht mehr ſagen, aber die Hand, die ſich noch beſtändig in der ſeinigen befand, lag darin nicht gefühllos. „O Viola, eines Tags werde ich vielleicht alles ausſprechen, was mein Herz in ſo manchen Jahren ver⸗ borgen hat... es iſt nicht arm— aber dieſer Tag iſt noch nicht gekommen. Wir wollen uns nicht durch Uebereilung Reue bereiten, und deßhalb werden dieſe zwei Monate eine wirkliche Prüfung ſein und nicht eine Zeit zum Hofmachen und zu Aufwartungen. Das Ziel iſt ernſt, und der Mann, der nach demſelben ſtrebt, iſt ebenfalls ernſt... aber darum, Viola, verzeihen Sie ihm, daß er ſeinen eignen Weg geht.“ „Welche Worte ich auch gebrauchen könnle, um auf dieſe warme und erhabene Sprache zu antworten, ſie würden meinen Gedanken nur allzuſchwach entſprechen. Ich hege blos einen einzigen Wunſch: denjenigen, daß ich in zwei Monaten mich ſelbſt im Verhältniß zur Zu⸗ kunft ſo aufgefaßt haben möge, daß ich nicht ohne Ant⸗ wort daſtehe, wenn mein Gewiſſen mich fragt, ob ich zu beurtheilen wiſſe, was von mir gefordert wird.“ „O Dank, Dank!“ Severin führte ihre kleine Hand an ſeine Lippen; aber als Viola ſeinen Kuß fühlte, da floh ſie, denn ihre Rührung drohte die Selbſtbeherrſchung zu über⸗ winden, die ſie jetzt gezeigt hatte. —; S gedieh und e W einer übrige 9 würdi ſich m nach und 2 ſollte. zückun mußte Selig keit w eine Pattn gewo 2 6 thräne küher 2 nicht Sopht auch Einundſechzigſtes Kapitel. Todesgeflüſter. Nachdem die Ereigniſſe auf den gegenwärtigen Punkt gediehen waren, kann man ſagen, daß ſie inne hielten und einen ganzen Monat ſtillſtanden. Wir wollen— nach einer kurzen Einleitung— einen Tag darſtellen, und wir fägen hinzu, daß die übrigen ein getreues Abbild dieſes einen waren. Als Viola am Morgen nach dem größten und denk⸗ wiürdigſten Ereigniß in ihrem Leben erwachte, fragte ſie ſich mit einem großen und heiligen Beben, wie ſie ſich nach all dem ſtellen ſollte... welchen Ton, welche Art und Weiſe, welche Form des Umgangs ſie annehmen ſollte. Es war nicht genug, daß ſie eine berauſchende Ent⸗ zückung empfand, die durch alle ihre Adern flog: es mußte auch Beſonnenheit, Gedanke, Vernunft in der Seligkeit ſich vorfinden, wenn es überhaupt eine Selig⸗ keit werden ſollte, denn noch war es augenſcheinlich blos eine Hoffnung. Nach dem feierlichen Zuſammentreffen im Salon hatte Viola am erſten Abend nicht wieder hinabgehen gewollt. Wie ſehr bedurfte ſie es, ſich zu ſammeln! Sie blieb alſo fortwährend bei ihrer ſtummen und thränenloſen Freundin, die mit einem matten Lächeln ihre glühenden Wangen und feuchten Augen bemerkte. Aber mit Jeanne Sophie zu ſprechen, konnte jetzt nicht angehen: erſtens war zu vermuthen, daß Jeanne Sophie ſie nicht anhören würde, und dann, wenn ſie auch zugehört hätte, wie hätte Viola wohl von ihren 308 „ ſeligen Hoffnungen der armen Jeanne Sophie vorer⸗ zählen können, die jetzt vielleicht glücklich geweſen wäre, wenn Viola einen klugen und natürlichen Gedanken ge⸗ habt hätte, wenn ſie ſich nicht durch ihren gefährlichen allzuſchwachen Edelmuth hätte leiten laſſen. Sie machte ſich ernſte Vorwürfe wegen Jeanne Sophie und fand nur einen ſchwachen Troſt in der alltäglichen Redensart, daß der Menſch nicht vorausſehen könne, wie ſeine Handlungen ausfallen werden. Aber wir kehren zu ihrem Erwachen zurück. Wie brünſtig war nicht ihr Gebet, wie flammend ihre Dankbarkeit, denn ſie hatte keine ſo hohe Einbildung von ihrem eignen Werth, um etwas Bedrückendes in dem Selbſtgeſtändniß zu finden, daß eine Verbindung mit dieſem originellen Manne, den ſie in ihrer Achtung ſo hochſtellte und dem ihr Herz vom erſten Augenblick an zitternd entgegengeeilt war, das höchſte Streben, den höchſten Triumph, die hoͤchſte Seligkeit ihres Lebens bilden wurde. O wie unähnlich war er nicht allen andern Män⸗ nern, die ſie geſehen hatte! Dieſer Ernſt, dieſe Strenge, dieſe Weichheit, dieſer poetiſch milde Geiſt, verborgen unter dem ſchweren Staub des Alltagslebens, dieſe lebensvolle Seele unter der ceremoniöſen Oberfläche— alle dieſe Widerſprüche wa⸗ ren feſſelnd... und die edle Haltung der ſchönen Geſtalt war es nicht weniger, beſonders wenn ſie im Gegenſatz zu der Blödigkeit, der Schüchternheit geſtellt wurde, welche die neuen Gefühle manchmal hervorriefen. „Ja ich bin ſtolz,“ ſagte Viola,„daß ich von ihm bemerkt worden bin, ſtolz in der Hoffnung, mich ſeiner würdig machen zu können, ſtolz im Bewußtſein, einen Willen zu beſitzen, der noch feſt genug iſt, um der Hoff⸗ nung nicht zu entſagen.“ „Viola, Viola, biſt Du jetzt nicht allzu ſtolz— vergiſſeſt Du Deine Fehler?“ Ja ſie vergaß dieſelben gänzlich, das einzige, an was ſtößl aber auch wenn einzi würd wer alte egoiſ zurüc Herz Neug gegne ſo ve res g und Furch ein; geſta lichke dachtt wenn rückg, aber welcht daß d ein g vorer⸗ wäre, n ge⸗ lichen ophie lichen önne, mend dung ndem mit ng ſo ck an den bens Män⸗ dieſer Staub der wa⸗ eſtalt enſatz urde, ihm einer einen Hoff⸗ 8 an was ſie ſich mit Gewißheit erinnerte, war die unum⸗ ſtößliche Thatſache, daß ſie ſo ungleich dächten... aber die Prüfung ſollte mit Gottes Hülfe beweiſen, daß auch ungleiche Menſchen ſich vereinigen können. „Wenn ich nur wüßte, wie ich ausſehen würde, wenn ich hinein komme... Ach hätte ich nur einen einzigen Tag in dieſem goͤttlichen Verhältniß gelebt, ſo würde es mit den übrigen wohl gehen.“ Während dieſer Zeit hatte ſie ſich angekleidet, und wer klopfte jetzt an die Thüre? Wer anders als der alte Nicke, der lächelnd ein kleines Billet hereinſtreckte. Viola hätte beinah den Alten umarmt: aber ſo egoiſtiſch iſt die Freude, ſtatt deſſen ſtieß ſie ihn beinah zurück, um ſogleich die Thüre wieder ſchließen zu können. Das Billet wurde aufgeriſſen, und unter hohem Herzklopfen und mit einer nicht minder dringenden Neugierde geleſen. Severin ſchrieb: „Ich weiß, daß unſre Gedanken ſich im Gebete be⸗ gegnet haben, aber wenn wir perſönlich zuſammentreffen, ſo vergeſſen Sie nicht, daß Niemand den Ausgang unſ⸗ res geſttigen Geſpräches ahnt, und daß nichts ſtörender und unangenehmer auf mich einwirken würde, als die Furcht, von fremden Augen beobachtet zu werden. „Das Verhaͤltniß der Mündel zum Vormund macht ein zartfühlendes Benehmen doppelt nothwendig und ſeſtallet zu gleicher Zeit eine genau begrenzte Vertrau⸗ ichkeit. „O ich bitte Sie dringend, ſeien Sie nicht unbe⸗ dachtſam— und wenn es möglich iſt, zeigen Sie ſelbſt, wenn der Zufall uns allein läßt, dieſe vorſichtige Zu⸗ rückgezogenheit, die nichts Abſchreckendes in ſich hat, aber doch die Gefühle innerhalb der Grenzen erhält, welche Sie bis auf weiteres haben müſſen. „Haben Sie die Güte und bemerken Sie nicht, daß die unaufhörlichen Grübeleien der verfloſſenen Nacht ein gelindes Fieber zurückgelaſſen haben, das jetzt ſicht⸗ 310 bar genug ſein dürfte... dennoch würde es vielleicht eher die Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen, wenn Sie ganz und gar keine Notiz von Ihrem Vormund nehmen würden. „Thun Sie alſo, was der ſo ausgeſucht feine Takt der Frauenzimmer in kitzlichen Fällen gebietet... Schonen Sie jedoch einen Mann, der ſich durch das neue Verhältniß ſehr verlegen fühlt, deßungeachtet aber gleichwohl lieber ſein Leben dafür geben, als ſich in dasjenige zurückverſetzen laſſen wollte, das ſich vorher für ihn vorgefunden. e „S. 4 Nachdem Viola dieſes ungewöhnliche Liebesbillet mehrere Male geleſen und noch öfter geküßt hatte, die⸗ ſes Briefchen, worin Severin's Charakter ſich ſo getreu⸗ lich abſpiegelte, und das ihr ſo deutlich zeigte, daß er wieder unter den Einfluß ſeiner alten Schüchternheit gekommen, die jetzt noch erhöht war durch eine ſtarke Angſt, daß er zu verwegen, zu unüberlegt und vor allem zu haſtig zu Werke gegangen ſei... die Gefühle hatten ſich ja, aufgeregt und zur Gluthitze gebracht, der Gewalt entzogen, der zu gehorchen ſie gewöhnt waren Nachdem Viola, wiederholen wir, mehrere Male das Billet ihres Sonderlings von einem Lieb⸗ haber geleſen hatte, begriff ſie mit dem klaren Blick eines klugen Weibes ſogleich, was ſie zu thun habe. Und jetzt war ſie es, die mit einem fröhlichen Lä⸗ cheln auf den Lippen die Tagesordnung entwarf, womit er zufrieden ſein würde, denn ſie enthlelt alles, was ihn beruhigen, mit getroſtem Muthe erfüllen und ver⸗ gnügen konnte. 1 Wenn inzwiſchen dieſer letzte Punkt auch nicht ſo ganz ſicher war, ſo hatte das nichts zu bedeuten. Zwei Monate waren keine Ewigkeit— und ſie wollte ihn nicht in Verſuchung führen, wenn ſie allein wären. überz Char⸗ faſſur deln mern — w Frau leicht ganz hmen Takt das aber ch in orher billet die⸗ treu⸗ ß er aheit tarke vor ühle acht, öhnt prere Lieb⸗ Blick e. Lä⸗ omit was ver⸗ t ſo ſle Uein Jetzt fühlte ſich Viola doppelt ſtolz, denn ſie war überzeugt, daß Verſtand in ihrer Auffaſſung von dem Charakter ihres Liebhabers lag, wie auch in der Auf⸗ faſſung der Art und Weiſe, wie ſie fortan ihn behan⸗ deln ſollte. Ja ganz gewiß würde ſie unter allen Frauenzim⸗ mern zur Frau dieſes Mannes paſſen.. Zur Frau — wech ein entzückender Klang in den Worten: ſeine Frau Man ſehe hier den erſten Tag, an welchem Viola ihr neues Verhältniß anordnete, worauf die übrigen mit unbedeutenden Variationen folgten. Als ſie zum Frühſtück hinabkam, ſaß Severin mit dem Rücken gegen die Thüre. Laura ſtand vor ihm und ſprach eifrig; aber als ſie Viola erblickte, nickte ſie kalt mit dem Kopf und nahm eine Miene an, die darauf berechnet war, die Verlegenheit zu vergrößern, welche ſie mit Sicherheit vorzufinden hoffte. Aber es fand ſich bei Viola nichts derartiges vor. „Guten Morgen, Herr Kriegsrath...“ Severin wandte ſich und machte eine höfliche, aber ſteife Ver⸗ beugung. „Ach, Herr Kriegsrath, Sie ſind gewiß ein wenig unwohl nach der Fahrt— wie bedaure ich's. Guten Morgen, liebe Laura... Du mußt mir kein ſaures Geſicht machen, denn Du weißt wohl, daß das zu gar nichts hilft, und es wäre blos unangenehm für meinen Vormund, wenn er in der Zeit, die wir noch bei ihm ſind, ſehen würde, daß wir ihm ſelbſt und einander das Leben verbittern.“ 312 3„Du biſt wahrhaftig ſehr ungenirt,“ antwortete aura. „Aber das Fräulein hat Recht,“ fiel Severin ein, „und Du, meine liebe Schwaͤgerin, würdeſt mich ver⸗ binden, wenn Du den Hausfrieden nicht ſtören wollteſt. Du willſt gewiß nicht, daß ich mit Verdruß der letzten Zeit gedenken ſoll, wo Du den häuslichen Scepter hier führteſt.“ „Und überdieß kannſt Du überzeugt ſein,“ fügte Viola ſchnell hinzu,„daß diejenige, die ſich etwas vor⸗ zuwerfen hat, an ihren eigenen Erinnerungen genug hat. Die Lektion, die ich geſtern erhielt, und die mit der Verbannung aus dem Hauſe des Herrn Kriegsraths endete... „Wie ſo?“ Laura's Blick erheiterte ſich ſchnell. Sie umarmte Viola mit einer wirklich ſchweſterlichen Rührung. „Dein Bräutigam hörte es— Du kannſt ihn fra⸗ gen... aber laß uns nicht mehr davon ſprechen, bis es nothwendig wird, ſondern laß uns ſtatt deſſen jetzt an Deine Ausſteuer gehen.“ „Dank, meine liebe, artige Viola— ich werde ſchon morgen mit meinen Einkäufen beginnen, und ich muß Dir wohl den boshaften Scherz verzeihen, den Du Dir in Betreff eines gewiſſen Jawortes mit mir erlaubt haſt.“ „Ach das iſt ſchon zu alt, als daß man noch daran denken dürfte. Wenn Du erlaubſt, ſo will ich jetzt an's Zu⸗ rüſten und Zuſchneiden Deiner Sachen gehen— ich bin in dieſen Geſchäften zu Hauſe. Und da wir uns in den letz⸗ ten zwei Monaten beinah gar zu viel Vergnügen ge⸗ macht haben, ſo wollen wir jetzt zu Hauſe ſitzen bleiben und arbeiten wie fleißige Nonnen. Ich mache auch den Vorſchlag, wenn der Herr Kriegsrath es erlaubt, daß die Empfangstage eingeſtellt werden, und daß wir nur noch Laura's Bräutigam und den Doktor Livelius empfangen, den ich zu meinem Cavalier ernenne.“ ortete mein, ver⸗ llteſt. etzten hier fügte vor⸗ genug e mit raths armte fra⸗ I, bis jetzt werde ad ich n Du laubt daran 3 Zu⸗ in in letz⸗ n ge⸗ eiben ) den ß die noch ngen, „Ich ſelbſt,“ antwortete der Kriegsrath, in ein wahres Himmelreich von Ruhe und Friedſamkeit ver⸗ ſetzt,„ich ſelbſt bin mit einer Menge Geſchäfte über⸗ häuft und fühle mich zum größten Dank für die häus⸗ liche Ruhe verpflichtet, die Sie vorſchlagen, mein Fräu⸗ lein; aber da ich ſo gut wie Laura einer Hülfe bedarf, ſo beabſichtige ich, Mamſell Jeanne Sophie einen Be⸗ ſuch zu machen und ihre Erinnerung an das Sekretärs⸗ amt aufzufriſchen, das ſie ſich bei ihrer Ankunft aus⸗ gebeten hatte. „Ja, Jeanne Sophie hat eine prächtige Hand— überdieß darf weder Laura, noch ich ſie um einen Vor⸗ zug beneiden, deſſen ſie jetzt ſo ſehr bedarf.“ Im Laufe des Mittags— bei Tiſch war alles ſo regelrecht, ſo angenehm und delikat, wie nur möglich zugegangen— fügte es ein wahres Verhängniß, daß die Mündel und der Vormund allein waren. Viola ſaß am Tiſche im Salon und machte Ent⸗ würfe zu einem Muſter für die Brautdecke. Severin, der an der andern Seite des Tiſches ſtand, ſah zu und empfand große Luſt, mit ſeiner weißen Hand ſich der Hand ſeiner Mündel zu nähern, um die kunſtbegabte Muſterzeichnerin zu ſtören. Endlich konnte er dem Verlangen nicht mehr widerſtehen, ſondern faßte eine Ecke des Papiers und begann ſie zu biegen. „Nein, ſtören Sie mich nicht,“ ſagte Viola mit einer ſo unvergleichlichen Ruhe, daß ſie ſich ſelbſt hätte dafür applaudiren moͤgen. „Aber. 2.ℳ „Die geringſte Bewegung kann einen Stiel oder ein Blatt zerſtören.“ „Aber ich meine...“ Viola hörte nicht— ſie war gänzlich in ihre Zeich⸗ nung vertieft und neigte auf die verführeriſche Art ihr Koͤpfchen bald auf die eine, bald auf die andere Seite, um ihre Arbeit zu beurtheilen, wobei die Locken natür⸗ lich bald vor, bald rückwärts geworfen wurden. 314 „Mein Fräulein!“ Sie ſchaute auf, ſah ſeinen Blick, der ſichtlich eine Ungeduld nach einem heimlichen Worte, nach einem heimlichen Zeichen verrieth. Aber Viola war jetzt Weib geworden— ſie war viel zu ſchlau. Ihr Blick hielt zurück. Doch ſtand es Severin frei, dieſe Rückhaltſamkeit nach ſeinem Belieben zu deuten. Am Abend kamen der Doktor und der Pfarrer, und man begann ſich zu einem angenehmen Familien⸗ leben zu rüſten. Und das Familienleben wurde regelmäßig. Nachdem man ſich beim Frühſtück getroffen, wo der Doktor, da er ſich von Viola geſucht ſah, ſich ſtets ein⸗ fand, ging der Kriegsrath zu ſeinen Clienten und an ſeine gewöhnlichen Geſchäfte, die Frauenzimmer aber, d. h. Laura und Viola, begaben ſich an den Nährahmen. Jeanne Sophie, welche durch die zärtlichen Be⸗ mühungen des Doktors, Severin's und vor Allen Vio⸗ la's aus ihrer Apathie aufgeweckt worden war, hatte ſich mit der ganzen ſtarken Kraf ihrer Seele an der Arbeit feſtzuhalten geſucht. Sie wurde in der vollen Bedeutung des Worts der Handſekretär des Kriegsraths. Aber wenn Nachmittags die Herren ſich bei den Frauenzimmern verſammelten, wenn Muſik, Lektüre, Er⸗ zählung von Geſchichten u. ſ. w. die Zeit wegnahm, ſaß Jeanne Sophie allein auf ihrem Stübchen, und vergebens waren die Verſuche ihrer Freunde, ſie zu einer leichteren Gemüthsſtimmung zu bringen. Morgens, Mittags und Abends trafen ſich der Kriegsrath und Viola. Er hatte niemals auch nur entfernt ein ſo himmliſches Alltagsleben geahnet. Viola, häuslich, mild, vernünftig, arbeitſam und immer bei gleicher heiterer Laune, beging keine Unbe⸗ dachtſamkeit mehr, die zum mindeſten Vorwurf hätte Anlaß geben können. 4 erfre Mut denn nicht den Prü er habe etwa woh 0 g Seel klein ihren verm gekor unen ſo ge reuten nachg geſehe Goth Nein, Severin konnte ſich einer ungeſtörten Ruhe erfreuen. Und wenn fie allein waren und er manchmal den Muth in ſich fühlte, die Ruhe zu ſtoͤren, ſo wurde ſie dennoch nicht geſtört, denn wenn Viola's Blick auch nichts verbot, ſo bat er ſtatt deſſen mit einer bezaubern⸗ den Schüchternheit um Schonung, bis die feſtgeſetzte Prüfungszeit vorüber wäre. Severin ſeufzte. Dieſe Vollkommenheit wurde zuletzt einförmig,— 5 hätte lieber gewünſcht, etwas zum Verzeihen zu aben. Aber er war ja jetzt mehr Vormund als je... etwas Anderes kam nicht zur Frage.. und gleich⸗ wohl hatte er während ihrer täglichen Geſpräche ſich ſo genau von der Reinheit und der holden Güte ihrer Seele vergewiſſert, daß er überzeugt ſein konnte, die kleinen Ungleichheiten und Unebenheiten, die ſich zwiſchen ihren beiderſeitigen Seelen vorfanden, würden ſich leicht vermitteln laſſen. So war man bis zum Anfang des zweiten Monats gekommen. Viola, mit ihrem inneren Leben beſchäftigt, das unendlich reicher war als das äußere, achtete nicht mehr ſo genau auf Jeanne Sophie. O dieſer Egoismus der Liebe! Jeden Morgen erfreute ſich Viola an ihren ange⸗ nehmen Vorſätzen, wiederum einen Tag auszuharren. Jeden Abend erfreute ſie ſich an der lieblichen Gewiß⸗ heit, daß ihr Vormund tauſend und tauſendmal ver⸗ liebter war als früher, und daß ſie ſich bald ſicher genug fühlen werde, um eine Uebertretung ſeiner gewiß be⸗ reuten Vorſchrift wagen zu dürfen und nicht mehr allzu nachgiebig ſein zu müſſen, wenn ſie ſich allein träfen. Ohne all' dieſen Egoismus würde Viola deutlich geſehen haben, daß das flüchtige Glück, das ein aus Gothenburg angekommener Brief über Jeanne Sophie's ſchmerzliches Daſein verbreitet hatte, längſt dahin ge⸗ ſchwunden war; ſie hätte ſehen müſſen, daß die Angſt wegen Emils nunmehrigen Stillſchweigens— er hätte ſchon längſt in dem norwegiſchen Hafen ankommen ſollen, den er ſuchte— verbunden mit einer andern entſetzlichen Bangigkeit, all' die Blumen, die früher auf ihren Wangen geblüht, eine um die andere verwelken machte. Aber jetzt, nach einer fabelhaften Selbſtbeherrſchung, begann der Ausdruck in Jeanne Sophiens Augen von der Art zu werden, daß Viola ſehen mußte, daß es ſchlimmer ſtand als je. Zitternd um ihre Freundin, beſchwor ſie dieſe, zu ſprechen und ſich nicht länger dieſen Zwang, dieſes Schweigen aufzuerlegen, das ſie zuletzt tödten könnte. „Ich habe Dir ja geſagt, meine geliebte Viola, daß mein Schmerz ſich nicht für Ergießungen eignet. So⸗ bald ich erfahre, wo Emil ſich befindet, wo er mich er⸗ wartet, werde ich ihn aufſuchen, und wenn Himmel und Erde ſich dagegen ſetzten.“ „Aber die Verkündigung?“ „Ich werde ſie zu entbehren wiſſen.“ „Und dein Ruf, Jeanne Sophie?“ „Mein Ruf?“ Eine blaugelbe Bläſſe zog ihren Schleier über So⸗ phiens blaſſe Wangen. „Schon gut,“ fügte ſie ſchnell hinzu... verlaß mich.“ Aber Viola ließ Jeanne Sophie nicht mehr aus den Augen. Sie brachte beinahe beſtändig die zuneh⸗ mend langen Herbſtnächte in ihrem Zimmer zu, dieſe ſchrecklichen Nächte, in welchen Jeanne Sophie ſich ſchlaflos auf ihrem Lager wand. Was Viola ganz beſonders unbegreiflich vorkam, war der Umſtand, daß Jeanne Sophie beinahe öfter Severins Namen hervorſeufzte, als den ihres Geliebten, ge⸗ ngſt ätte men dern auf elfen ung, von ß es zu leſes te. daß So⸗ er⸗ und und zwar immer in einem Ton gedämpfter und unruhi⸗ ger Wehklage. „Warum das?“ Severin war für Jeanne Sophie dieſe ganze Zeit über mehr als der zärtlichſte Bruder. Mit der feinſten, freundlichſten Aufmerkſamkeit for⸗ derte er ſie auf, ihren Kummer zu verſcheuchen. Ihm konnte ſie es nicht immer abſchlagen. Sie fuhren aus, ſie gingen ſpazieren, ſte ſchrieben, laſen, ſpielten Schach miteinander... Jeanne Sophie war in den Augen Aller die allmächtige Favoritin. Sogar ihre Launen, wenn ſie welche hatte, wurden von Se⸗ verin reſpektirt, deſſen eigene Gefühle tief und ſtark ge⸗ nug waren, daß er die des armen Mädchens begreifen fonnte................. *..*.**. 3**-...*„ „Ich wäre ſo innig und ſo gräulich zufrieden mit dieſer Hausruhe da, doß ich gar nichts mehr ſagen wollte,“ äußerte der alte Nicke eines Nachmittags gegen den Kriegsrath,„wenn nur Mamſell Jeanne Sophie nicht immer niedergeſchlagener und lebensmüder würde.. Gott ſei Dank, der Hausherr ſtirbt dieſen Herbſt nicht, aber wenn es auf dem Grab der ſeligen Olena noch eine Schwertlilie gäbe, die prophezeien könnte, ſo bin ich überzeugt, ſie würde nur von Kummer und Tod reden.“ „Gott iſt barmherzig,“ antwortete Severin.„Dieſer Herbſt, mein alter Freund, wird für meine Seele viel⸗ leicht ein ganz anderes Glück bringen.“ So viel hatte der Kriegsrath niemals mit Worten geſagt. Aber Nicke und er verſtanden einander ohne Worte, und deßhalb ſagte auch der Alte mit einer bedeutungs⸗ vollen Verziehung der Lippen: „Jetzt ſitzt ſie allein da— Frau Laura iſt mit dem Pfarrer ausgegangen.“ „Und der Doktor 2 „Er iſt ſchon lange fort.. ich glaube, er iſt dro⸗ ben bei Mamſell Jeanne Sophie.“ Ungefähr zehn Minuten ſpäter verließ Severin ſeine eignen Zimmer. Es war der achte Oktober, ein ſchneegrauer Abend mit kühler Luft, düſter und nebelig. Aber dieß hinderte Severin nicht zu meinen, daß ein ganzer Frühling über dem Salon ausgebreitet ruhe, wo Viola mitten unter ſeinen ſchönſten Blumen allein ſaß und an dem Morgen⸗ häubchen der Braut ſtickte.. Er nahm Platz auf dem Stuhl, welcher dem jun⸗ gen Mädchen zunächſt ſtand, und indem er das Licht auf die eine Seite ſchob, ſo daß er Viola's Geſicht recht ſehen konnte, beugte er ſein eigenes hinab und ſchaute ſo lange auf ihre geſenkten Wimpern, bis ſie ſich endlich erheben mußten. „Goͤnnen Sie mir einen freien und offenen Blick,“ bat er mit leiſer Stimme. „Gerne!“ Aber dieſer offene und freie Blick war ſcheu wie der Blick einer Taube. Und doch klagte Severin nicht, er fühlte ſich im Gegentheil kecker. „Reichen Sie mir, Viola, aus freiem Wlllen dieſe kleine Hand, die beſtändig für die Freude Anderer ar⸗ beitet.. reichen Sie mir dieſelbe auf eine Minute, auf eine Sekunde— aber thun Sie es nicht, wenn es Sie ſchmerzt.“ Viola ließ ihre Nähterei los. Und ſchon nahten ſich ihre feinen Roſenfinger dieſer Hand, die der ihrigen entgegenkommen wollte, ſchon hatte das ſchüchterne, heilige, glückſelige Lächeln auf ihren Lippen deutlicher als Worte geſagt: So gerne! Schon hatten auch ſeine Lippen mit einem Lächeln beinah religiöſer Dankbarkeit geantwortet, als die Thür haſtig geöffnet wurde mit 319 jener eignen Heftigkeit, welche zu erkennen gibt, daß eine Erſchütterung im Anzug iſt. rö⸗ Viola zuckte zuſammen. Severin erhob ſich haſtig. ine Es war Nicke, der ganz bleich eintrat. „Herr,“ ſagte der Alte, der immer ſeine eigne Rede⸗ end weiſe hatte,„es iſt von der Südſeite her ein Todesge⸗ rte flüſter gekommen.“ ber„Ein Todesgeflüſter?. Es iſt doch Jeanne Sophie ter nichts zugeſtoßen?“ eu⸗„Sie folgt wohl nach. Der Lieutenant Emil hat . Schiffbruch gelitten und ſchläft ruhig auf dem Meeres⸗ dn ggrund.— die Eltern haben einen Brief erhalten.“ au In dieſem Augenblick kam Lars Moritz zurück, und dht ver verſtorte Ausdruck ſeines Geſichtes beſtätigte die üle Trauerpoſt. ich 5, 4 der in Zweiundſechzigſtes Kapitel ſ Eine ſeltene Aufopferung. te, es Am folgenden Tag flogen Gerüchte der wider⸗ ſprechendſten Art durch die Stadt. ten Aber dieſe Gerüchte waren ſo unglaublich, ſo un⸗ en gewoͤhnlich, ſo fabelhaft beinahe, daß niemand ihnen e, Glauben ſchenken konnte. er War Lieutenant Emil wirklich todt? Hatte das ine Fahrzeug, auf dem er ſich befunden, wirklich Schiff⸗ 3 bruch gelitten? nit Man ſagte, Alles zuſammen gehoͤre zu jenen Er⸗ dichtungen, von welchen niemand weiß, woher ſie kommen. Des Kommerzienraths Marbin leichenfarbiges Ge⸗ ſicht redete eine Sprache, ſeine zuſammengepreßten Lippen eine andere. Und in der letzteren Sprache hieß es, daß es für ihn bitter ſei, dergleichen traurige Vorboten zu verneh⸗ men, die um ſo trauriger erſchienen, als ſie in einem ſchneidenden Widerſpruch mit. dem ſtanden, was ge⸗ ſchehen ſollte. Und was ſollte geſchehen? Juſt das, was alle gehört zu haben wußten, aber alle für unmöglich erklärten, weil es undenkbar wäre, nämlich, daß am nächſt folgenden Sonntag ein chriſt⸗ licher Ehebund zwiſchen Lieutenant Emil Marbin und Mamſell Jeanne Sophie verkündet werden ſollte. Aber ſollte die Verkündigung ihnen allein gelten? Nein, eine andere Verbindung ſollte zugleich be⸗ kannt gemacht werden, die Verbindung zwiſchen dem Lieutenant Charles Marbin und Fräulein Viola Holſt. „Die Leute ſind ja rein toll,“ ſagte einer zum an⸗ dern. „Braucht man auch einen todten Mann und ein lebendiges Frauenzimmer auszurufen?“ „Mein Gott, der Mann iſt ja nicht todt.“ „Und wie ſollte Lieutenant Charles mit dem Fräu⸗ lein ausgerufen werden? Wenn ein Verhältniß zwiſchen ihnen ſtattgefunden hat, ſo iſt es ja ſchon ſeit einem Monate zu Ende gegangen.“ Aber die Ausrufung ſoll dennoch geſchehen. Und die eine myſtiſche Geſchichte löste die andere rührende Anekdote, warum der Kommerzienrath ſeine Einwilligung zu der erſten Verbindung gegeben habe, ab. Man wollte wiſſen, ein verzweifelndes Frauenzim⸗ mer habe winſelnd im Staub zu den Füßen der ſtolzen Eltern gelegen. Man wollte wiſſen, ſie habe unter brennenden Thränen geſtanden, daß ſie„heilige“ Rechte Ge⸗ ßten nem ge⸗ aber äre, riſt⸗ und ten? be⸗ dem olſt. an⸗ ein rän⸗ ſchen inem adere ſeine ab. azim⸗ olzen unter echte 321 beſitze, und ſie habe gedroht, ihrem doppelten Daſein ein Ende zu machen, wenn ihr das Recht beſtritten würde, das der Doktor, der Pfarrer und vor Allem der Kriegs⸗ rath für ſie in Anſpruch genommen. „Eitel ſchwarze Unwahrheiten,“ erklärten die Wohl⸗ unterrichteten. „Im Hauſe des Kriegsraths Wendelsköld kann ein ſolcher Skandal nicht ſtattgefunden haben.“ „Ja allerdings!“ beſtätigten die mehr als gut un⸗ terrichteten;„aber dieſer Skandal koſtet höchſtwahrſchein⸗ lich dem Kriegsrath das Leben.“ „O Gott bewahre!“ „Er iſt ſchon mehrere Stunden bewußtlos, und Doktor Livelius glaubt, daß ſein Erwachen die Kriſis herbeiführen werde, welche des Kriegsraths eigne Pro⸗ phezeiung zu einem ſchrecklichen Ernſt machen könnte.“ Dieß der Stoff, der zu ſo vielen Gerüchten, ſo vie⸗ len Muthmaßungen, ſo vielen Geſchichten und zu einer ſo tödtlichen Neugierde in Bezug auf die Ereigniſſe des kommenden Sonntags Veranlaſſung gab.— Die unglückliche Jeanne Sophie, die einen ſolchen Aufſtand verurſacht hatte, war die einzige Perſon in der Stadt, die von nichts wußte. 8 Am vorhergehenden Abend, als der Doktor neben ihr auf dem Sopha ſaß und ihren Puls fühlte, hatte er mit einem herzlichen und offenen Tone zu ihr geſagt: Mamſell Jeanne Sophie, eines Arztes Beruf iſt heilig— ich habe dieß immer gefühlt— obſchon ich leichte Manieren habe, ſo habe ich doch kein leichtſinni⸗ ges Gewiſſen. Ich mißbrauche Niemandens Vertrauen, Der Vormund. II. 21 322 außer zum eignen Vortheil der betreffenden Perſon. Und wenn ich Sie jetzt um die vertrauliche Mittheilung einer Sache bitte, die ich in meiner Eigenſchaft als Arzt bereits hätte errathen können, ſo betheure ich, daß es nur geſchieht, um nützlich zu ſein.“ „Herr Doktor, Herr Doktor, um Gottes Barm⸗ herzigkeit willen keine Vermuthungen, keine Muthmaßun⸗ gen. Ich wage es ſelbſt nicht, ſolche anzuſtellen, denn es gibt Muthmaßungen, welche tödten, und ich habe nicht Zeit zu ſterben, ſo lange Emil lebt... ich muß zu ihm.“ Was der Doktor weiter ſagte, indem er Jeanne Sophiens zum erſtenmal in langer Zeit von Thraͤnen verſchleiertes Geſicht aufrichtete, was er von dieſer zer⸗ knirſchten Seele vernahm, die nicht ſelbſt zu muthmaßen wagte, das wiſſen wir nicht. Dagegen wiſſen wir mit Beſtimmtheit, daß der Doktor Livelius und Pfarrer Horner eine geheime Be⸗ rathung im Hauſe des Kommerzienrathes Marbin hielten. Und wir wiſſen auch, daß dort wirklich der Brief des Kapitäns verleſen wurde, welcher das Schiff be⸗ fehligt hatte, auf dem Emil die Reiſe nach Norwegen machte, und daß man den Brief unter erſticktem Ge⸗ ſchluchze erläuterte, während Worte wie folgende: „Drei Tage vom Sturm umhergetrieben... Schotti⸗ ſche Küſte... Nur vier Mann gerettet!“ nach ſchmerz⸗ lichen Zwiſchenpauſen ſich vernehmen ließen. Der Kommerzienrath Marbin gehörte zu den Män⸗ nern, deren Gemüth vom Kammer nicht gebeugt, ſon⸗ dern eher noch in ſeiner Eiſenfeſtigkeit beſtärkt wird. Der Doktor und Lars Moritz ſprachen Stunden lang ohne Gehör zu finden. Ruf und Leben eines Weibes war leicht in der Wagſchale gegen eine verhärtete und ſtrenge Starr⸗ köpfigkeit, eine Starrköpfigkeit, die nicht einmal der Tod⸗ mit einer erlittenen Beleidigung verſöhnte. A Da erhob ſich eine Stimme, die bisher ſtumm ge⸗ blieben war. Es war die Stimme eines jungen Mannes und ſie ſprach alſo: 4 „Eine Verſöhnung läßt ſich gleichwohl denken, wenn beide Unglücksfälle, ſowohl der eine wie der an⸗ dere, geheim geßalten werden. Emils Geliebte beſitzt eine Freundin— möge ſie die zweite Schwiegertochter meinger Eltern werden, und das Glück des lebenden Sohnes wird ſie überreden im Namen des todten Soh⸗ nes, die einzige Entſchädigung zu geben, von der er ohne Zweifel in ſeiner Todesſtunde wünſchte, daß ſie ſeiner Verlobten zu gut kommen möchte.“ Dieſer Vorſchlag wurde blos nach einer Seite hin überlegt. Er war das Einzige, wozu des Kommerzien⸗ raths ſtarrer Sinn ſich bewegen ließ. „Mag es ſo ſein,“ hatte er geäußert,„ſo will ich die doppelten Ehrenverbindlichkeiten meines armen Soh⸗ nes decken: ſeine pekuinären⸗Schulden und die Schuld gegen das Mädchen, das wir unter dieſer Bedingung Tochter nennen wollen!“ Aber der Pfarrer und der Doktor wollten nichts davon höxen. Und mit Verdrus gegen denjenigen, der den Vor⸗ ſchlag vorgebracht hatte, entfernten ſie ſich hoffnungslos. . 2*..*.*„ Aber wer war thätig, als ſie aufgehört hatten zu wirken? Wer kam am ſpäten Abend in das Zimmer Viola's, die aus Jeanne Sophiens Zimmer weggewieſen worden war? Wer anders als Laura, welche nicht durch den ehrlichen Lars Moritz, wohl aber durch Charles ſelbſt ſowohl Jeanne Sophiens Geheimniß als auch den ge⸗ machten Vergleichsvorſchlag erfahren hatte? Und wie legte ſie nicht ihre Worte der armen Viola vor, welche erſchüttert, zuerſt durch die Nachricht vom 324 Tode des Lieutenants, hernach durch die Enthüllung von Jeanne Sophiens verzweifelter Lage, und endlich er⸗ ſchreckt vor dem Zorne des Kriegsraths, wenn er dieſe letzte Neuigkeit erführe, beinahe gänzlich betäubt war. „O du armes, armes Kind, wie dein Herz leiden muß um deine unglückliche Freundin! Ich weiß kaum, in weſſen Lage ich ſein möchte, in der deinigen oder in der ihrigen, wenn ich genöthigt wäre, zu wählen— denn jedermann, wer auch nur weniges Zartgefühl beſitzt, muß einſehen, welche Gewiſſensqualen Du dir machſt.... Ach großer Gott, wenn Du an dem unglücklichen Ball⸗ abend, als Emil floh, als er ſich Die anvertraute und Du ſein Schickſal förmlich in der Hand hatteſt, mit Severin geſprochen hätteſt, was ſo natürlich war— wie anders würde ſich da alles geſtaltet haben. Ver⸗ muthlich wäre ſie in dieſem Fall jetzt bereits ſeine Frau geworden... ich wage es nicht, an den morgenden Tag zu denken, aber ich glaube bei Gott, daß Severin ſich den Tod holt... er, der ſo ängſtlich auf die Ehre ſei⸗ nes Hauſes bedacht iſt, und dieſes Haus jetzt ſo mit Schimpf bedeckt!“ „Ich werde närriſch... mein Kopf ſchwindelt... ich habe Schuld an Emils Tod und Jeanne Sophiens Elend.“ „Nein, nein, liebes Kind Du haſt keine Schuld— ſo grauſam und zugleich unendlich dumm kann wohl Niemand ſein, daß er dieß behaupten wollte. Man kann nur nicht umhin zu denken, daß Gott gnädig geweſen ſein würde, im Fall er geſtattet hätte, daß Du einen andern Schritt thateſt, als Du wirklich thateſt. Aber wir ſprechen ja bloß von Dir und vergeſſen Jeanne Sophie beinahe....“ Viola rang ihre Hände: ihr Geſicht war weißer als das weiße Nachtkleid. „O,“ rief ſie,„unter allen Bekümmerniſſen im Le⸗ ben gibt es keine ſchrecklichern als diejenigen, denen man nicht abhelfen kann.“ 325 „Meine beklagenswerthe Freundin, wenn es irgend etwas nützen könnte, ſo würde ich Dir ſagen, daß Jeanne Sophiens Unglück nicht ſo rettungslos iſt, daß nicht we⸗ nigſtens ihre Ehre gerettet werden kann.“ „Wie— auf welche Art denn 2“ „Ich weiß, daß der Kommerzienrath Marbin das Aufgebot zwiſchen Emil und Jeanne Sophie gut heißen würde, wenn...“ Viola ſtutzte zurück. „Aufgebot, nachdem er todt iſt?“ „Still, ſtill, das weiß man nicht; dem Gerücht wird widerſprochen: man hat ja noch keinen Todesſchein geſehen. Wie manche Schiffbrüchige ſind nicht wieder gekommen, wiewohl es, weiß Gott, allen Nachrichten zufolge nicht wahrſcheinlich iſt, daß Lieutenant Emil wiederkommen wird.“ „Aber dieſes Aufgebot— was meinteſt Du mit dem?“ „Ich meine, daß, wenn es vor ſich geht, Jeanne Sophie als Emils Frau betrachtet werden und nicht als dem Schimpf und Spott blos geſtellt ſein wird, wel⸗ cher ſonſt ihr Loos werden müßte.“ „O das wäre viel, ſehr viel...„die Eltern bil⸗ ligen dieſes Aufgebot? iſt es möglich?“ Viola's Augen funkelten in hellem Glanz. „Ja, aber nur unter einer einzigen Bedingung.“ „Worin beſteht ſie?“ „Darin, daß an demſelben Tag auch Charles auf⸗ geboten wird.“ „Auch Charles... ach, großer Gott!“ „Ich rathe Dir gewiß nicht— der Himmel be⸗ wahre mich davor, daß ich in einer ſo ungewöhnlichen und leben gefährlichen Sache Rath ertheile.“ Viola gab keine Antwort. „Aber beſuche Du, als Jeanne Sophiens beſte Freun⸗ din, beſuche Du Charles Mutter— vielleicht können deine Bitten ſoviel wirken, daß die Arme, wenn ihr die . — 326 Hiobspoſt vom Tod ihres Geliebten mitgetheilt wird, zu gleicher Zeit den einzigen lindeenden Troſt empfängt, der ihr jetzt erreichbar iſt, nämlich den, daß ihr Kind den Namen und die Rechte ſeines Vaters erhält.“ „Wieviel Uhr iſt's?“ fragte Viola mit gebrochener Stimme. „Für heute Abend iſt es zu ſpät... außerdem mußt Du überlegen, ob dein Herz zu einem ſo hohen und edlen Opfer für die Freundſchaft fähig iſt.“ Und Viola überlegte die ganze Nacht, ſo daß ſie am Morgen noch verwirrter, noch rathloſer, noch ver⸗ zweifelter war als am Abend. Unaufhörlich meinte ſie in dieſer Nacht Emils Schatten zu ſehen, der ſie an ihr heiliges Verſprechen erinnere, Alles für Jeanne Sophie zu thun. Hatte er ihr nicht geſagt, daß jede Wohlthat, die ſie ihr erweiſe, ein lindernder Balſam für ſeine Wun⸗ den ſein würde? Und war es wohl genug mit dem, was Viola ſah? Meinte ſie nicht auch das Gedröhne der rollenden Wo⸗ gen zu hören, gegen welche Emil arbeitete; ſeine Arme waren emporgerichtet und zeigten zuweilen ferne hin nach einer andern Seite. Das junge Mädchen wollte vergehen unter dem Druck dieſer Qualen.. Auf dieſer andern Seite, wohin Emil zeigg, ſah ſie Jeanne Sophie bleich und ausgemergelt, ein ebenſo blei⸗ ches und ausgemergeltes Kind ihr entgegenſtrecken, und Jeanne Sophiens Stimme, ſchwebend und matt, nahte Viola's Ohr. „Erinnerſt Du dich, was ich einmal zu Dir ſagte: wenn ich das Nächſtemal von deiner Freundſchaft ein Opfer begehre, ſo wird es mehr gelten als die Selig⸗ keit.. ſieh hier.. jetzt gilt es mehr als die Se⸗ ligkeit... es gilt meine Ehre— es gilt mehr als meine Ehre— es gilt einen Namen für dieſes Kind.“ *..⁴* .⁴ 4⁴**... e.***... „Ich will Jeanne Sophie in ihrem Zimmer beſu⸗ chen— ich werde dann ſchon finden, was ich zu thun habe.“ Das iſt das Reſultat zu welchem ſie kam. Und als ſie am Morgen ſich in Jeanne Sophiens Zimmer ſchlich, klärten ſich ihre Gedanken zu einem fe⸗ ſten Entſchluß, denn ſie fand Jeanne Sophie in brün⸗ ſtigem Gebet um den Geliebten, in brünſtigem Gebet um ein baldiges Lebenszeichen von ihm. DOhne jemand ihr Vorhaben ahnen zu laſſen, hüllte ſich Viola in Mantel und Schleier und begab ſich nach dem Hauſe des Kommerzienraths. Wir werden der Scene nicht beiwohnen, die dort ſtattfand.— Sie ergibt ſich aus einer folgenden, weiche wir jetzt verzeichnen. Es hatte halb zehn Uhr geſchlagen. Es war eine halbe Stunde vor dem Frühſtück. Severin, welcher wußte, daß Jeanne Sovhie von dem uuglücklichen Ende ihres Geliebten noch nicht un⸗ terrichtet war, der aber von ihrem andern entſetzlichen Unglück noch keine Ahnung hatte, ſaß unruhig da und harrte des Doktors, um ſich mit ihm über die Art und Weiſe zu berathen, wie das junge Weib auf den Schlag vorbereitet werden ſollte, der ſie erwartete. „Und all' dieſes Elend kommt juſt jetzt— die To⸗ despoſt in demſelben Augenblick, wo...“ 328 Er vollendete ſeinen Gedanken nicht.. dieſer war ja ſowohl egoiſtiſch als abergläubiſch... aber er legte die Hand auf ſein Herz, gleich als wollte er es ermah⸗ nen, zu warten. Später als die Erinnerung an Viola's entzückendes Lächeln, die Erinnerung an ihre bedeutungsvolle Ver⸗ wirrung und ihren verheißungsreichen Blick vor ſeiner Seele ſchwebte, drückte er die Hand noch härter gegen ſein Herz— mußte es nicht unter ſo ſichern Hoffnungen geduldig ſein? Er verſank in Gedanken, während er den Kopf auf dun Arme ruhen ließ, der wiederum auf dem Sofakiſſen ruhte. „O ihr langen verfloſſenen Jahre, wie konntet ihr mein Leben ernähren, während ich niemals einen ſon⸗ nenhellen Tag erblickte? Wie konnte ich athmen in die⸗ ſer erſtickenden Luft, wo das Herz niemals ſchlug und blos abgemeſſene Geſchäftsſtunden den Tag eintheilten. „Und ich Thor, glaubte, daß ich das Leben des Herzens tödten, daß ich den ſchweren kalten Staub des Alters über ſeine warme Jugend ausbreiten, daß ich dem Blut befehlen könnte ruhig zu fließen, dem Puls, die regelmäßigen Schläge in einer wohlgeregelten Uhr zu thun. „O du Urbild aller Liebe, du Herr des Himmels und der Erde, Du ließeſt deinen Blick mit Gnade auf den Thoren fallen, und in deiner Barmherzigkeit ſendeſt Du dem Lebensmüden, der niemals gelebt hat, einen Engel, deſſen kinderreine Unſchuld die Feſſeln der welt⸗ lichen Weisheit, der armſeligen Philoſophie zerbrach und das ſterbende Herz lehrte, ſich mit Hoffnung wieder dem Leben zuzuwenden. „Und ſie liebt mich— ja, ja, ſie empfand vom erſten Augenblick an dieſes himmelgeborne Gefühl, wie es ſogleich auch in meinem Herzen ſich entzündete... es war ein Wunder Gottes, ein Wunder der Liebe. fer un „Und dieſes ſchöne, dieſes liebliche, dieſes zärtliche Weſen wird ſich binnen Kurzem für ewig an mich ſchließen. „Dieſe Seligkeit iſt ſo groß, daß ſie beinah meine Sinne verwirrt... ſie, dieſer reine Engel, begreift meine Leiden nicht. Sie weiß nichts von den brennen⸗ den Stürmen, die durch des Mannes Bruſt toben, wenn er ſo nahe und doch ſo ferne den Himmel ſchaut... „Wie nutzlos war nicht dieſe Prüfung?— ſie hat mich blos begreifen gelehrt, daß ich nicht einen einzigen Tag, ja kaum einige Stunden ohne ſie leben kann, und daß ich, ſelbſt wenn ſie ſo viele Fehler hätte als ſie Tu⸗ genden beſitzt, dennoch auf meinen Knieen dem Herrn danken müßte für das ſchöne Geſchenk. „Meine Viola, meine Gattin, meine blendende Soane, die überall für mich ſtrahlen wird, für mich al⸗ lein... wir wollen dieſe Stadt verlaſſen: wir wollen unſre Seligkeit verbergen an einem Orte, wo Niemand, Niemand ſie ſtören ſoll... „Mein Blut ſtrömt wieder heiß nach dem Kopfe... ich warte keine Woche mehr. Ich würde keine Stunde länger gewartet haben, wenn nicht die arme Jeanne Sophie dieſes Opfer verlangt hätte.“....... Es bewegte ſich leiſe am Thürſchloß. „Darf ich hineinkommen?“ Severin war ſo überraſcht, daß er nicht einmal auf⸗ ſtand. Viola ihn hier ſuchen! Sie trat ein— aber welche Erſcheinung! Severin brauchte blos einen Blick auf ſie zu wer⸗ fen, um einen Ruf des Entſetzens auszuſtoßen. „Was iſt geſchehen?“ Sie ſchleppte ſich bis zu dem Sofa, wo er ſaß, und ſank zu ſeinen Füßen nieder. „Viola... Er konnte keinen weitern Ton vorbringen. „Ich bin hieher gekommen,“ ſagte ſie mit leiſer, 33⁰0 ſterbender Stimme,„damit.. damit— wir zuſam⸗ men weinen ſollen.“ „Weinen... über Jeanne Sophie alſo? „Ja über Jeanne Sophie... aber auch über uns.“ „Wenn das, was Du mir zu ſagen haſt— Seve⸗ rin vergaß jetzt jede Form: er ſprach zur Geliebten ſei⸗ ner Seele— meine Kräfte überſteigt, ſo ſei barmher⸗ zig. Sage bloß, daß es unſer Glück betrifft und ich kann alles ertragen.“ Viola beugte ihre Stirne hinab— ihre Thränen fielen auf Severins Hände. „Nun wohl,“ ſtammelte er, indem er ſie aufrichtete und nöthigte, neben ihm niederzuſetzen,„nun wohl, ſprich... es war das Uebermaß meiner Gefühle, das eine Furcht hervorrief, die ſich durch nichts rechtfertigen ließ. Nichts kann unſer Glück bedrohen, denn es be⸗ ruht ja blos auf uns ſelbſt.“ Ein krampfhaftes Lächeln entſtellte Viola's ſchönes Geſicht. „Jeanne Sophie...“ „Ich weiß, ihr Verluſt iſt entſetzlich, aber...“ „Aber es iſt nicht allein das.“ „Was noch mehr?“ „Jeanne Sophie wird..“ Viola's Stimme dämpfte ſich ſo, daß ſie beinah unhörbar murde.. „ſie wird Mutter werden.“ Severin ſprang auf. „Was wie... das iſt unmöglich... ein Mädchen in meinem Hauſe, ein Mädchen, das meine Freundſchaft, meinen Schutz genoſſen hat.. o das iſt hart!“ Er fiel zurück und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen. Viola ſank wieder zu ſeinen Füßen nieder. „O Severin, o du Edler, o mein Beherrſcher, mein geliebter Beherrſcher, mein Gott— denn das biſt Du —ꝗN N RN— 1 in 331 für mich geweſen, das biſt Du noch jetzt und das blei⸗ beſt Du ſo lang' ich lebe... höre, höre. Severin's Sinne wurden entführt auf den brauſen⸗ den Wogen in Viola's Worten und Tonfall. Er faßte das aufgeregte, leidenſchaftsvolle, zugleich glühende und bewußtloſe Mädcheu in ſeine Arme und preßte ſte an ſeine Bruſt in einer Umarmung, ſo feſt als koͤnnten ſie ſich nie mehr trennen. „Wenn Du es biſt, die für ſie bitt?t,“ flüſterte er mit kurzen Athemzügen,„ſo kann weder mein Haß, noch mein Abſcheu ſie treffen. Viola wird in ihres Gatten Hauſe das Recht haben, ihre Freundin zu beſchützen.“ „In ihres Gatten Hauſe... hu, hu, ſprich nicht vaoun... biſt Du wahnſinnig, daß Du das erwähn⸗ teſt „Der Kummer hat Dich verwirrt, armer Engel— Du bebſt doch nicht vor Demjenigen, in geſſen Arme Du jetzt ruhſt, und der mit dieſem erſten heiligen Kuſſe Dir ſein Leben weiht?“ Einige Sekunden lang war Viola betäubt, dann aber riß ſie ſich gewaltſam aus Severins Armen los. „Weihe dein Leben nicht mir, deſſen ganzer Reſt von irdiſcher Seligkeit in der Erinnerung an dieſe verfloſſene Minute liegt— weihe es der Reue, ein ſo unglückliches Geſchöpf, wie ich bin, geliebt zu haben... Marbins... o ich vermag nicht zu ſprechen... Jeanne Sophiens Ehre konnte in den Augen der Welt wieder hergeſtellt werden und ich.. und ich.. und ich..“ „Und Du?“ „Ich habe dieſe Ehre gekauft von den Eltern des Lieutenants Emil.“ Severin ſtierte ſie an— ſeine Blicke begannen ſchauerlich zu werden. „Am Sonntag werden beide Lieutenants Marbin ausgerufen... ich hatte eine Schuld gut zu machen, ich habe ſie gut gemacht.“ In dieſem Augenblick hörte man einen gellen Frau⸗ enſchrei. Als Laura und der Doktor, der ſoeben angekommen war, herein eilten, fanden ſie Severin beinahe leblos: ein Blutgefäß war in ſeiner Bruſt zerſprungen. Am Fuß des Sofas lag Viola ohnmächtig. „Madame,“ ſagte der Doktor mit einem durchboh⸗ renden Blick auf Laura,„führen Sie dieſes arme Kind weg, ihr Ausſehen widerſpricht der effektreichen Geſchichte, daß der Vormund ſich durch die Schande, die ſeine letzte Mündel uber ſein Haus gebracht, den Tod geholt habe. — e