—— ——— — Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Ptt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3 4— 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Da Du es ſo gewollt haſt, mein Bruder, ſo habe ich Deinen Wunſch erfüllt; aber auf Ehre und Seligkeit, ich habe nie etwas Ori⸗ ginelleres gehört.“ Die Perſon, welche dieſe Worte ſprach, war der Pfarrer der Stadt.*) Wir wiſſen nicht, in wie weit der Pfarrer irgend einen beſonderen Grund hatte, auf die Gemeinde, die ihn gewählt, ſtolz zu ſein; aber daß die Gemeinde da⸗ gegen allen Grund hatte, in Betreff ihres geiſtlichen Hirten ein ſo weltliches Gefühl zu hegen, das wiſſen wir von zuverläſſigen Zeugen.. Der Pfarrer, Herr Lars Moritz Horner, trug auf ſeiner vierzigjährigen Stirn eine wahrhaft erzbiſchoͤfliche Würde, nota bene wenn er in Ausübung ſeines Amtes begriffen war. Aber wenn er ſich in gewöhnlichen Verhältniſſen *) Wenn wir es unterlaſſen, den Namen der Stadt anzu⸗ führen, wo die Handlung ſich größtentheils zutraͤgt, ſo geſchiebt dieß blos darum, weil wir auf dieſe Art jeder Anſchuldigung, als ob wir in unſerer Geſchichte gewiſſe noch lebende Perſonen eingeführt hätten, aus⸗ zuweichen hoffen. oder téte-à-tète mit alten Freunden und Bekannten befand, da ſah man ohne Mühe, daß gar mancher ſchalkhafte Gedanke hinter den ſchönen Johanneslocken derſelben Stirne geſpielt hatte, und daß mancher leichte Scherz über dieſe Lippen gegleitet war, welche ſich viel⸗ leicht auch nicht immer mit abweiſender Strenge von den Verſuchungen abgewandt hatten, die, um mit einem alten Schriftſteller zu ſprechen, durch Herrn Bachus und Frau Venus auf eine gar gefährliche Art bereitet werden. Aber im gegenwärtigen Augenblick ſah man nichts, was an den Seelſorger oder den luſtigen Kameraden erinnerte. Man entdeckte vielmehr auf ſeinem Geſicht den bekümmerten Ausdruck eines Freundes, der um einen Freund leidet.. ****.*. Während der Pfarrer die Aeußerung vollendete, womit wir unſere Erzählung begonnen haben, zog er einige zuſammengelegte Papiere aus ſeiner Taſche. Dieſes kleine Heft— die Bogen waren ordentlich mit ſchwarzer Seide zuſammengeheftet— gab er nicht ohne eine gewiſſe Regung von Bedenken einem Mann, der ungeduldig die Hand vorſtreckte. Von dieſem Mann wollen wir jetzt ſprechen. Aber zuerſt einige Worte von der Umgebung. Das Zimmer, wo die beiden Männer ſich befanden, war trotz des milden Aprilwetters ſo ſtark geheizt, daß Niemand außer ſeinen dermaligen Bewohnern ohne Klappen und Ventile es eine Viertelſtunde hätte darin aushalten köoͤnnen. Dabei hatte die Luft in dieſem Salon— denn es war ein ſolcher, und zwar nicht einmal von kleiner Dimenſion— eine ſo erſtickende Waͤrme, daß man Kopfweh bekam, wenn man nur den Kopf zur Thüre hineinſteckte. Dieß kam daher, daß der Eigenthümer ein leiden⸗ annten ancher zlocken leichte 9 viel⸗ ge von einem Zachus ereitet nichts, Lraden t den einen ndete, yg er ntlich nicht NRann, nden, daß ohne darin in es leiner man hüre iden⸗ 9 ſchaftlicher Liebhaber von Blumen war, daß alle Fen⸗ ſter und Wände mit Pflanzen beſetzt waren, und daß er es als eine Handlung ſtiefväterlicher Eigenſucht an⸗ geſehen haben würde, wenn er ſich nur von einem ein⸗ zigen ſeiner Kinder getrennt hätte, da ihm ja dieſe Kinder den ganzen friſchen Reichthum ihrer Schönheit und ihres Duftes überließen. Zu der Wärme der Blumen muß man einen gro⸗ ßen Luxus von Licht fügen. Von außen ſah es aus, als ob der Wirth in dieſem Hauſe tagtäglich große Geſellſchaft hätte, aber es fand ſich an den Abenden nie ein andrer fremder Menſch bei ihm ein, als der Doktor und der Pfarrer. Mitten in dieſem Blumenſalon, der mit doppelten Teppichen belegt war, ſtand vor dem flammenden Ka⸗ minfeuer ein gigantiſcher Ruheſtuhl mit Fußtritten. In dieſem Ruheſtuhl und ſorgfältig zuerſt in einen langen weichen Morgenrock, ſodann in einen Fils ein⸗ gehüllt, lag der Freund, den zu beſuchen der Pfarrer gekommen war. Wenn man die leidende und gebeugte Haltung dieſes Mannes ſah, wenn man den Conturen dieſes mit einer weißen Nachtmütze bedeckten Kopfes folgte, der nicht Kraft genug zu beſitzen ſchien, um ſich auf den ſeitwärts gelegten Kiſſen zu halten, wenn man ferner das nervöſe Zucken in ſeiner ſieberheißen Hand gewahrte, die jetzt vorgeſtreckt wurde, dann konnte man ſich leicht zu dem Glauben verſucht fühlen, daß man einen Greis vor ſich habe, deſſen irdiſche Stunden bald gezählt ſein müßten. Aber wenn der Patient,— denn ein ſolcher war er— den Kopf erhob(ſowie juſt jetzt als er das Pa⸗ pier empfing) da hätte man kaum zu glauben gewagt, was man ſah. Ein mildes, ausgezeichnet ſchönes und vor allem edles Geſicht, das einem Mann von kaum dreißig Jah⸗ ren zu gehoͤren ſchien, obſchon es einem Sechsunddrei⸗ ßiger gehörte, zeigte ſich unter der weißen Greiſen⸗ mütze. 8g das merkwürdigſte war, daß dieſes Geſicht, abgeſehen von einer leichten Fieberröthe, nicht das min⸗ deſte Zeichen von Kränklichkeit verrieth. Und die Ela⸗ ſtizität, womit die ſcheinbar halbtodte Geſtalt ſich aus dem Stuhl aufrichtete, ließ ebenſo wenig auf körper⸗ liches Leiden ſchließen. Der Mann war auch eigentlich nicht krank. Auch war er kein Charlatan, noch weniger ein Narr oder Schwärmer— nein er war ſo weit davon entfernt, daß er juſt wegen ſeiner einfachen Verſtandes⸗ klarheit, wegen ſeines Geſchäftsgenies von allen Arten von Leuten aufgeſucht und angegangen wurde. Den Schluͤſſel zu dem Räthſel, das ihn zum Pa⸗ tienten machte und Veranlaſſung gab, daß er ſich ſelbſt als einen ſolchen anſah, werden wir bald finden. „Ich ſage Dir,“ wiederholte der Pfarrer Horner, „daß ich nie etwas Tolleres gehört habe, als dieſe Laune. Glaube mir, Bruder, das iſt der aufgelegte Wahnſinn.“ „Gewiß nicht, mein Freund,“ antwortete der Kranke; „ich würde mich ſo glücklich ſchätzen, zu wiſſen, was man an meinem Begräbnißtag von mir zu hören be⸗ kommen wird, denn ich bin überzeugt, daß Deine Ehr⸗ lichkeit Dir nicht erlaubt hat zu..“ „Sei ruhig: an dieſer Leichenrede, die Du mit Deinen leiblichen Augen lieſeſt, wird— ob ſie nun hier im Trauerhauſe vor der Beerdigung, wie es be⸗ abſichtigt iſt, oder in der Kirche gehalten wird— nicht ein einziger Buchſtabe verändert werden, für den Fall, daß ich ſie vortrage. Ich habe kein Wort ohne meine vollſtändige Ueberzeugung geſagt. Das einzige, was noch hinzu kommt, iſt Dein unerklärlicher Einfall, dieſe Rede ſelbſt hören zu wollen.“ „Sag mir aufrichtig Deine Anſicht über dieſen meinen Wunſch.“ 2 △— Z „Erlaß mir das, ich habe Dir einzig und allein darum Deinen Willen gethan, weil meine Weigerung Deine Manie noch verſchlimmerte.“ „Manie? Lars Moritz, Du..“ „Gut, ich kenne Deine Gedanken, aber ich bin in gewiſſen Fällen ein wahrer Thomas; Deine Schwägerin iſt dagegen um ſo gläubiger.“ „Du haſt doch immer etwas über dieſe ſo achtungs⸗ werthe und vortreffliche Frau zu bemerken, die ihre Jugend der Pflicht gegen ihre Kinder und gegen einen alten breſthaften Junggeſellen opfert, der kein anderes Verdienſt beſitzt, als daß er der Bruder ihres verſtor⸗ benen Mannes iſt..“ „Und der Inhaber eines beneidenswerthen Ver⸗ mögens.“ „Still, Lars Moritz,— Du beleidigſt mich in ihr... Du kennſt ſie nicht.“ „Aber Du kennſt ſie gut genug, ſonſt hätteſt Du ſie ſicherlich geheirathet.“ „Was faͤllt Dir ein— ſollte ich mich jetzt ver⸗ heirathen, da ich nicht einmal in meiner Jugend je dar⸗ an gedacht habe?“ „Ach Du junger Greis, wie kläglich iſt es, Dich anzuhören! Ich zähle ein und vierzig Jahre, habe zweimal das Unglück gehabt, Wittwer zu werden, und bin noch immer bereit, wieder zu heiratben, ſobald Du mir eine Mündel vorzuſchlagen haſt. Ohne Frau zu leben, das iſt grade, wie wenn man ohne Sonne lebte.“ Der Kranke that, als höre er nicht. Nach einigen Augenblicken äußerte er: „Wenn es Dich nicht allzuſehr beläſtigen würde, mein Bruder, ſo möͤchte ich mir als die größte Gefäl⸗ ligkeit ausbitten, die Rede von Deinen eignen Lippen hören zu dürfen. In ſechs Monaten, wenn die Bäume verwelkt ſind, die noch nicht einmal zu grünen begon⸗ nen haben, wirſt Du ſie zum zweiten Mal verleſen.“ „Und an Dich wenden ſich alle klugen Leute, und Du, der Du für Dich ſelbſt ein ſo ſchlechter Vormund biſt, wirſt ſo Vielen zum Vormund geſetzt? Deine Weisheit geht man von allen Seiten an, ja eine ſchöne Weisheit, die eine fixe Idee in ſich aufnimmt und ſo lange bearbeitet, bis ſie ſich verwandelt in..“ „Mein Freund, erſpare Dir das... das Fieber verzehrt mich... ſpute Dich, ich ermatte.“ „Das Fieber— das glaub' ich wohl: ich habe auch Fieber, wenn ich da innen bin, und dennoch habe ich meinen Tag im Vergleich mit Dir müßig zuge⸗ bracht... doch genug... Du ſollſt Deinen Willen haben.“ Der Pfarrer zog ſeinen Stuhl gegenüber dem ſeines Wirthes, ſtellte einen Tiſch zwiſchen beide, und nachdem ſeine Geſichtszüge ſich, ſo zu ſagen, in eine neue Geſtalt gekleidet, begann er mit feierlicher Stimme die Leichenrede für den Lebenden zu verleſen. Mit einem myſtiſchen Schauder vernahm der Sterb⸗ liche ſein Urtheil nach dem Tode. Als mit unſrer Geſchichte zuſammenhängend, müſſen wir ein Stück von dem in Frage ſtehenden Vortrag anführen....... „Chriſtliche Zuhörer. Freunde und Brüder! „Wir haben uns heute verſammelt, um unſre Thränen, unſre Sehnſucht zu vermiſchen. „Der beſte, der redlichſte, der geachtetſte Mann in unſerer Gemeinde und in unſern Privatzirkeln iſt nicht mehr: der Kriegsrath, der Ritter des Waſaordens, der wohlgeborne Herr Hampus Severin Wendelsköld iſt nicht mehr. Der Platz unſers geliebten Bruders ſteht für immer leer.“ Es iſt vergebens, den tiefen eingreifenden Ton be⸗ ſchreiben zu wollen, womit der Pfarrer dieſe letzten Worte ſprach. Man konnte merken, daß er ſein ganzes wohlbe⸗ kanntes deklamatoriſches Talent aufbot, um auf ſeinen * ein ſchů er d Blie gen Stü all beſte ſein ſchie von hoh beſſe Sta men Thr liche Ger Wef eine tung ſcher ehre dieſe thig ſeine geſe einzigen Zuhörer Eindruck zu machen und ihn zu er⸗ ſchüttern. Und als er jetzt einen Augenblick inne hielt, ſandte er dieſem einen ſtrafenden und ernſten Blick zu, einen Blick, welcher zu fragen ſchien: Haſt Du noch nicht genug? Aber der Kranke machte ein Zeichen. Der Redner fuhr fort: „Es iſt jetzt ungefähr zwei Jahre, ſeit unſer den Stürmen der Zeit entflohener Freund— der ſich bei all ſeinen vielfachen Beſchäftigungen in der Hauptſtadt beſtaͤndig nach dieſer Heimath ſehnte, wo Freunde aus ſeiner Kindheit jugendſehnſüchtig ihn erwarteten— Ab⸗ ſchied nahm von ſeiner ehrenreichen Beamtenlaufbahn, von ſeinem durch eignes Verdienſt frühzeitig gewonnenen hohen Poſten, und hieher kam, um die Ruhe und eine beſſere Pflege für ſeine geſchwächte Geſundheit in der Stadt zu ſuchen, wo er das Tageslicht erblickt hatte. „Aber wie ſuchte er dieſe Ruhe, dieſe Pflege? „Ihr wißt das Alles ſo gut wie ich, und die Ar⸗ men wiſſen es, und alle diejenigen, deren dankbare Thränen auf ſeinen Staub fallen werden. „Das Gerücht von ſeiner unermüdlichen, unglaub⸗ lichen Thätigkeit ging ihm voraus; vor allem aber das Gerücht von ſeiner Menſchenliebe, von ſeinem friedlichen Weſen, ſeiner unſäglichen Geduld, um andern zu nützen, eine Tugend, für welche er, in der eigentlichen Bedeu⸗ tung des Wortes, ſeine beſten Kräfte opferte. „Dieſe Kraͤfte wurden auch an Andern nicht ge⸗ ſcheut. Dafür zeugt das Verzeichniß der unzähligen ehrenvollen Aufträge, zu deren Annahme er auch in dieſer Gemeinde durch Ueberredung und Bitten genö⸗ thigt wurde. G „Und mit Verwunderung fragen wir: wie reichte ſeine Zeit aus für die Hausgeſellſchaft, für die Bibel⸗ geſellſchaft, für die Geſellſchaft zur Verbreitung nütz⸗ licher Volkslektüre, für den Verein zur Beförderung der Nüchternheit und guter Landesſitten, für die Spar⸗ bank, für die Direktion der Privatbank, für den Gar⸗ tenverein, für die Volksſchule und Armenſchule u. ſ. w? In einem Theil dieſer Vereine war er Sprecher, in andern war er Secretair, in allen Mitglied. „Und gleichwohl mußte er daneben all' dem Ver⸗ trauen entſprechen, womit eine Menge von Vätern auf dem Todtenbett ihn beehrte. „Wer iſt in dieſen zwei Jahren geſtorben, ohne daß er den Kriegsrath Severin Wendelsköld zum Vormund ſeiner Kinder und zu ihrem Leiter, in des Wortes ſchönſter Bedeutung, ernannte? „Eine wichtige Verantwortlichkeit ruhte immer auf unſerm Freunde. Er blieb jedoch des Vertrauens ſtets würdig, wie er überhaupt immer mehr für Andere als für ſich ſelbſt lebte. „Aber nicht blos in Bezug auf das Allgemeine wiſſen wir, was dieſer Mann war: „Noch jung an Jahren, begabt mit einer ausge⸗ zeichnet äußern Geſtalt, einer hochfliegenden Seele und einem Herzen, ſo blank und rein wie Edelſtein, hätte er nur zu ſuchen gebraucht, und er wäre ſicher geweſen, ein anderes Herz zu finden, das mit Stolz dem ſeini⸗ gen entſprochen hätte. „Aber was that er? „Ein armer Bruder hinterließ eine Wittwe mit zwei unverſorgten Kindern. „Begnügte er ſich damit ihnen ein Schärflein zu geben? Nein! „Er lud ſie zu ſich in ſein Haus, er wurde den Kindern ein Vater, der Wittwe ein Beſchützer, und manchmal ſagte er uns, daß er dadurch alle ſeine Wünſche in Betreff der Familienbande erfüllt finde. „Das Endurtheil, das wir alſo hier an ſeinem Grabe auszuſprechen wagen, lautet: „Er war ein Mann nach Gottes Wohlgefallen, mit einem kindlich frommen Gemüth, einem Gefuͤhl noch Spar⸗ Gar⸗ ſ. w2 er, in Ver⸗ n auf ne daß rmund Vortes er auf 3 ſtets re als meine iusge⸗ le und hätte weſen, ſeini⸗ ſe mit ein zu de den „ und ünſche ſeinem fallen, jl noch 15 weicher als das einer ſanften Frau, aber mit der ſtarken Kraft eines rechtſchaffenen Mannes, der um Menſchengunſt weder nach rechts noch nach links weicht. „Und doch war er nicht vollkommen— denn die Schwochheit der menſchlichen Organiſation geſtattet keine Vollkommenheit...“ Bei dieſen Worten zuckte der Lebendigtodte zu⸗ ſammen. Es war zwar eine beinahe unmerkliche Bewegung, aber dem Pfarrer entging ſie doch nicht, obſchon er that, als ob er nichts bemerkte. „Nein, niemand hier in der Zeit kann der Voll⸗ kommenheit nahe kommen und der Kriegsrath Hampus Severin Wendelsköld hatte Fehler und Schwachheiten wie andre Sterbliche. „Seine Fehler— welche gleichwohl nur ihn allein trafen— kamen theilweiſe von einem ſchüchtern nach innen gekehrten Gemüthe her. Er mißtraute ſich in vielen Dingen. In vielen Dingen glaubte er hinwie⸗ derum über Andern zu ſtehen und ſeine Anſpruchslo⸗ ſigkeit, obſchon ſie immer die eines edlen Charakters war, war dennoch öfter, als man glauben ſollte, der Deckmantel einer Art von geiſtigem Hochmuth...“ „Mein Freund, ich weiß nicht... ich meine... ich verſtehe nicht recht...“ „Still, Bruder! Wenn man über einen Todten ſpricht, ſo darf man ohne Unterbrechung weiter reden.“ „Weiter alſo.“ „Die zweite Schwachheit im Charakter unſers Freundes beſtand in einem mißverſtandenen falſchen Ehrgeiz, einem unverſtandenen Verlangen nach Ruf, einem Ruf, ſo wie er ihn wirklich gewann, und der ihm vermöge ſeiner Handlungen ſicher zukommen mußte, auch ohne die Mühe, die er ſich darum machte.“ „Bruder!“ „Schweig doch— Du vergiſſeſt beſtändig, daß Du todt biſt,“ 16 Der Kriegsrath ſeufzte. „ Aber dieienige Schwachheit, die wir vielleicht am tiefſten beklagen— weil ſie uns die unbegreiflichſte iſt, bei einem Mann von ſo praktiſchem Sinn— war ein gewiß unſchuldiges, aber dennoch mißliches Streben allen andern Menſchen ungleich zu erſcheinen: er wollte für einen Mann von vielen Eigenheiten angeſehen werden, und um..“ „Kein Wort mehr!“ Der Kriegsrath erhob ſich mit einer Kraft, welche zur Folge hatte, daß Polſter und Filsdecken um ihn her über einander fielen. In dieſem Augenblick wurde die Thüre von einem Seitenzimmer aus geöffnet. Eine Frau trat ein. Aber bevor ſie an Ort und Stelle kam, hatte der Pfarrer ſeine Leichenrede bereits wieder in ſeine Taſche geſteckt. 2. Frau Laura. „Mein Gott, welche Unvorſichtigkeit,“ rief mit beinahe herzzerreißender Stimme die Eintretende und eilte auf den Ruheſtuhl zu, in welchen der Kriegsrath jetzt ganz kraftlos zurückſank. „Meine beſte Laura,“ murmelte er beinahe demüthig „Mein guter Schwager, mein theurer Severin— Frau Laura führte die Hand an die hellen Augen— iſt es auch recht, daß Du Deine Schwäche ſo vergiſſeſt? Ach, Du ſtürzeſt mich in Verzweiflung: Du bringſt r— 7/ Freund chelte F auf d klirren Auger , Der am iſt, ein teben ollte ehen elche her inem und reits 17 Dich ums Leben, lange bevor dieß nach der Ordnung der Natur geſchehen ſollte.“ „Aber was hat er denn gemacht?“ ſiel der Pfarrer Horner ein.„Ich, ich habe keine andre Unvorſichtig⸗ keit bemerkt, als diejenige— die allerdings groß genug iſt— daß er da ſitzt und ſich beim größtmöglichen Wärmegrad braten läßt.“ „Verzeihen Sie mir— ich glaube, daß Severins Freunde es gut meinen,— aber „. Aber ſeine Schwägerin,— der Pfarrer lä⸗ chelte fein,— meint ſie es etwa noch beſſer mit ihm?“ Frau Laura Wendelsköld, eine noch ſchöne Frau von dreißig Jahren, beantwortete das Lächeln nur mit Aner ſpöttiſchen Verziehung ihrer ſpitzig geformten ppen. Darauf wandte ſie ſich an ihren Schwager und ſagte halblaut: „Severin, Du frierſt ja. Es iſt blos das Fieber, das Dich warm erhält, und Du wirſſt die Filsdecken von Dir.“ „Du verzärtelſt mich, Laura! ich glaube, ich ſollte .. ich könnte es wenigſtens verſuchen... d. h. blos um dem Doktor und Lars Moritz zu Willen zu ſein...“ „Ja ich verſtehe, Du willſt die Vorſchrift des Dok⸗ tors befolgen und in die kalte feuchte Frühlingsluft hin⸗ ausgehen? Nun wohl, thue das, Severin,— die Bitten Deiner Schwägerin haben keinen Werth, das weiß ich.“ „Nein, meine liebe Laura, ich thue nichts, was Du nicht gerne ſiehſt.“ Bei dieſen Worten trommelte der Pfarrer ſo ſtark auf den Tiſch, daß einige Taſſen, die darauf ſtanden, klirrend gegen einander zitterten. Ein triumphirender Blick ſchoß aus Frau Lauras Augen. Der Pfarrer erhob ſich. Der Vormund. I. 2 — — — — ——„ ———88·· 18 „Gehſt Du ſchon?“ fragte Severin. „Ja, mein Freund; aber bevor ich es thue, ver⸗ künde ich Dir, daß wir, da Du die Vorſchriften Dei⸗ nes Arztes nicht befolgen und friſche Luft ſchöpfen willſt, morgen früh Dich hinausſtehlen werden, denn wir habens uns in den Kopf geſetzt, daß Du hinaus müſſeſt.“ „Deine Beharrlichkeit überwindet mich. Ich will die Kutſche nehmen; was meinſt Du, Laura?“ „Die Kutſche!“ verſetzte der Pfarrer, ohne die Antwort der Schwägerin abzuwarten— nein, davon iſt keine Rede. Komme heim zu mir: dieſer Weg iſt nicht zu lang, Du kannſt ihn wohl gehen... höre: ich habe auf den Abend einige Freunde, ein Quartett bei mir, das wird Dich beleben.“ „Muſik— biſt Du ein Narr, mein lieber Lars Moritz? Koͤnnen meine Nerven das aushalten?“ „Das eben wollen wir probiren. Wie lange iſt es her, daß Du nicht mehr aus dem Hauſe kamſt?“ „Zwei Monate.“ „Aber während dieſer Zeit haſt Du dennoch alle Tage— wenn ich Deine Gewohnheiten recht kenne, von Morgens fünf bis Mittags drei Uhr gearbeitet.“ „Allerdings! Nach dem Mittageſſen widme ich die übrige Zeit meinen Blumen und, mir ſelbſt— d. h. mei⸗ ner Geſundheit.“ „Aber ſiehſt Du nicht, daß Du, wenn Du hartnaͤckig zehn Stunden gearbeitet haſt..“ „Verzeih' mir, es ſind blos neun. Die Stunde zwiſchen 10 und 11 bringe ich mit dem Frühſtück zu.“ „Nun gleichviel! ſiehſt Du nicht, wiederhole ich, daß Du, wenn Du volle neun Stunden gearbeitet haſt, durch den Aufenthalt in dieſer Orangerie Deine Ge⸗ ſundheit total zerſtörſt.“ „Das iſt eine Täuſchung, mein Bruder. Ich würde hinſiechen, wenn ich ohne meine Blumen ſein müßte. Ihr Anblick belebt mich, ihre Wartung unterhäͤlt mich 1 des 4 ihr? eine das laß ſo le Laur ſtütze keine letzte iſt! auf lich wort unru er ſi hatte in d ausg wag Wer ihr Duft ſchläfert mich ein. Und dann, wenn ich auch e, ver⸗ eine andere Lebensweiſe annehmen könnte, wozu würde n Dei⸗ das helfen?“ höpfen„Um Dich geſund zu machen.“ , denn„Still, ſtill, Du kennſt meine feſte Ueberzeugung, hinaus laß mich alſo das Bischen Zeit, das mir noch bleibt, ſo leben, wie es mir am beſten dünkt.“ h will Während dieſer ganzen Unterredung war Frau Laura unbeweglich ſtehen geblieben. ne die Mit ihrer weißen Hand das roſenrothe Kinn davon ſtützend, war ſie blos Ohr. Aber ihre Augen ließen eeg iſt keine Sekunde von dem Schwager ab, und als ſie ſeine höre: letzten Worte hörte, ſagte ſie ſcharf zu dem Pfarrer: jartett„Sehen Sie jetzt, in welche Aufregung er gebracht iſt! Er zittert, er ſchauert, ſeine Nervenleiden werden Lars auf die Seele zurückfallen und es ihm morgen unmög⸗ 4 lich machen, ſich mit Arbeit zu zerſtreuen!“ ge iſt Der Pfarrer ließ ſich nicht herab, irgend eine Ant⸗ 2 wort zu geben. Er zuckte blos die Achſeln, und nachdem er einen h alle unruhigen Blick auf den Freund geworfen, entfernte kenne, er ſich, indem er noch unter der Thür äußerte: tet.“„Ich komme morgen wieder.“ ich die . mei⸗ naͤckig Stunde zu.“ Ehe eine der zurückbleibenden Perſonen ein Wort le ich, hatte wechſeln können, entſtand ein entſetzlicher Aufruhr haſt, in demſelben Zimmer, aus welchem Frau Laura her⸗ e Ge⸗ ausgekommen war, und mit der Eile eines Dampf⸗ wagens ſtürzten zwei unbändige Jungen herein. würde Es waren dies die jungen Herren Moje und Figge nüßte. Wendelsköld, die Neffen und muthmaßlichen Erben mich, 4 des Kriegsraths, Frau Laura's verzärtelte Sohnchen. ———— — 20 Bei dem ſchrecklichen Getoöoͤſe, das jetzt in dem ruhigen, wohlgeordneten Orangerieſalon entſtand, run⸗ zelten ſich Severin's Stirne und Augenbrauen. Ein deutliches Mißvergnügen, ein Gefühl des Lei⸗ dens ſprach ſich in ſeinem ganzen Weſen aus. Aber die aufmerkſame, zärtliche Schwägerin that, als ob ſie davon Nichts merkte. „Was macht ihr, meine holden Engel? Iſt es gut gegangen in der Schule?“ „Moje hat Schläge bekommen, Mama, weil er ſeine Lektion nicht wußte,“ berichtete Figge. „Du haſt zwei Ohrfeigen bekommen und ich be⸗ kam blos einen Naſenſtüber,“ ſchrie Moje, indem er an einem neu hieher geſtellten Blumentopfe vorbei⸗ rauſchte, der bei dieſer Gelegenheit umgeworfen wurde. Bei dieſem Unfug ſah man Severin nicht blos die Augenbrauen runzeln, er wandte auch den Kopf ab und ſagte in einem Tone, der ſich zwar nicht über ſeine gewöhnliche leiſe und wohllautende Ausdrucksweiſe erhob, aber dennoch eine unabweisliche Beſtimmtheit hatte:— „Laß die Jungen ſich entfernen— ſie verderben ja Alles.“ „Ach du lieber Gott, es iſt ja nicht ſo entſetzlich gefährlich mit dem Topf: er iſt nicht entzwei und nur ein einig es Zweigchen iſt abgebrochen.“ Ich will dieß Zimmer da für mich ſelbſt haben, meine Schwägerin, und.. es wäre mir lieb, es nicht oͤfter wiederholen zu müſſen, denn es ſchmerzt mich, etwas zu ſagen, was Dir nicht gefällt.“ „Biſt Du böſe, Onkel?“ fragte Moje naſeweis. „Wirſt Du heut Abend nicht meine Aufgabe mit mir leſen, Onkel?“ lärmte Figge und ſprang an den Ruheſtuhl vor. „Nein, er liest zuerſt mit mir— nicht wahr, Onkel?“ „Kommt, kommt, meine lieben, kleinen Thierche ihr ſe Geht ihn ſchwa ten Jung ihnen ſeine gena men den freien der auf ihn l wir möge auf n dem „ run⸗ es Lei⸗ mthat, es gut veil er ich be⸗ dem er vorbei⸗ wurde. los die opf ab t über ksweiſe imtheit rderben iſetzlich nd nur haben, 2b, es hmerzt veis. He mit an den wahr, hen— ihr ſeht ja, euer Onkel iſt heut Abend nicht bei Laune. Geht jetzt hinaus, tummelt euch, es iſt eure Pflicht, ihn auf keinerlei Weiſe zu reizen. Der Onkel iſt ſo ſchwach, daß. 2 daß* ℳ Frau Laura fuhr nicht fort, ſondern ſtieß mit ſanf⸗ ten Geberden und tiefen Seufzern die proteſtirenden Jungen zur Thüre hinaus, durch welche ſie zuletzt mit ihnen verſchwand. 3. Eines klugen Mannes Schwachheiten. WCommentar zur Leichenrede. Als Severin allein war, legte er die Hand über ſeine brennenden Augen, und man hätte glauben koͤn⸗ nen, er ſei eingeſchlafen, wenn man nicht aus der wo⸗ genartig ſich hebenden Bruſt erſtickte Seufzer vernom⸗ men hätte. Laßt uns jetzt hören, wie es dieſem Manne geht, den Gott mit allen Mitteln zum Genuß eines ſorgen⸗ freien und angenehmen Daſeins ausgeſtattet hat, und der dennoch Nichts genießt. In der vom Pfarrer wohlberechneten Leichenrede auf unſern Helden ſind wir mit den Verhältniſſen, die ihn berühren, bereits ſo nahe bekannt geworden, daß wir ſie nur noch zu ergänzen brauchen. Severin hatte in Folge ſeiner Geburt weder Ver⸗ mögen, noch Unabhängigkeit zu erwarten gehabt. Er hatte ſich buchſtäblich Schritt für Schritt hin⸗ auf gearbeitet. Aber er hatte mit Glück gearbeitet, und 22 trotz ſeines angeborenen Mißtrauens gegen daſſelbe ver⸗ ließ es ihn niemals auf ſeiner öffentlichen Laufbahn. Dieſe Art von Gunſt des Glückes genügte jedoch nicht, ihn zufrieden zu ſtellen. 3 Severin wurde von zwei Arten von Ehrgeiz ver⸗ zehrt. Die eine, welche die Freundſchaft aufdecken konnte, beſtand in einem unglückkichen, unüberwindlichen Ver⸗ langen, von Andern bemerkt, zum Gegenſtande des Ge⸗ ſprächs gemacht, geprieſen und erhoben zu werden, mit einem Worte, von ſich reden zu machen. Aber da er das Ziel dieſes Strebens bei ſeinen Dienſtverhältniſſen nicht erreichen konnte, wo es ihm blos gelungen war, ſich Achtung und Liebe zu verſchaf⸗ fen, ſo führte er einen Beſchluß aus, der wenigſtens auf kurze Zeit ſeinen geheimen Wunſch erfüllte. Dieſer Beſchluß beſtand darin, daß er, 44 als er zum Kriegsrath ernannt worden war, n s ihm Je⸗ dermann vermöge ſeiner Brauchbarkeid, und anderer Verdienſte eine glänzende Laufbahn prophezeite, ganz plötzlich ſeinen Abſchied nahm. Jetzt endlich konnte er den ſo lang erſehnten Aus⸗ ruf hören: „Wie bizarr, wie eigen, wie originell er iſt! Kann man ſich etwas Wahnſinnigeres denken, als mit der Arbeitskraft von zehn gewöhnlichen Perſonen ein Ziel anzuſtreben, und, nachdem man es erlangt und einige Stunden genoſſen hat, es einem Nachfolger zu überlaſſen, der nicht einmal darauf vorbereitet war? 4 Der arme Severin! Er bezahlte den flüchtigen Triumph mit Stunden der Reue, denn es war jetzt aus mit ſeiner Beamten⸗ laufbahn. Aber da ſeine Geſundheit jedenfalls durch die gro⸗ ßen Anſtrengungen gelitten hatte— man kannte nicht den hundertſten Theil der Arbeit, die er auf ſich ge⸗ nommen, um reich zu werden— ſo verſöhnte er ſich be ver⸗ bahn. jedoch eiz ver⸗ konnte, en Ver⸗ des Ge⸗ en, mit ſeinen es ihm erſchaf⸗ nigſtens als er hm Je⸗ anderer „ ganz en Aus⸗ er iſt! als mit nen ein agt und lger zu var? Stunden eamten⸗ die gro⸗ te nicht ſich ge⸗ er ſich bald mit dem Gedanken, in ſeinen Heimathsort zurück⸗ zukehren und es dort darauf ankommen zu laſſen, wel⸗ chen Vertrauenspoſten er jetzt, da er Nichts mehr be⸗ durfte, erlangen könnte. Die andere, die ungeſuchte Art von Severin's Originalität, diejenige, die mit der wohlverborgenen Effekthaſcherei gleichen Schritt hielt, war ſein noch ver⸗ zehrenderes Verlangen nach einer außerordentlichen Liebe, einer großen Leidenſchaft, die in ſeiner Seele einen gänzlichen Umſturz hervorrufen würde. Aber der Gegenſtand dieſer Leidenſchaft konnte kein gewoͤhnliches und in gewöhnlichen Verhältniſſen gefun⸗ denes Weib ſein. Severin träumte auch, daß dieſes Ideal ſo hoch über ihm ſtehe, daß es ihn aufſuchen, ihn durchſchauen und zu dem Himmel emporheben müſſe, wohin ſeine Träume, aber nicht ſeine Hoffnungen ſtrebten— denn ein unüberwindlicher Fehler hinderte ihn, dabei ſelbſt auch nur den mindeſten Schritt zu thun.— Der Fehler beſtand in einer Schüchternheit, die allen ſeinen Bemühungen, ſie zu überwinden, Trotz bot. Er war ein ausgezeichnet ſchöner Mann— die Weiber, die ihn vergebens zu beſiegen ſuchten, hatten ihm das geſagt. Aber er— dieſer originelle Mann— verachtete ſo tief jeden Anſchein, als wolle er durch materielle Vortheile, die Gott ihm verliehen, gefallen, daß er beinahe mit Widerwillen ſeine großen, ſchwarzblauen, von langen dunklen Wimpern beſchatteten Augen, ſeine künſtlich gepinſelten Brauen und ſeine glänzenden hell⸗ braunen Haare anſah, die weich um ſeine Stirne wog⸗ ten, deren Weiße ſeine ganz beſondere Verzweiflung ausmachte. Er verwahrloste ſeine Perſönlichkeit, um nicht ein ſchöner Mann genannt zu werden, und es war ſeine feſte Ueberzeugung, daß ein Weib von Geiſt ſich nie in —— —— ſümachtende Augen und ſeidenweiche Locken verlieben önnte. Nein, die Seelen ſind es, welche lieben, und die Seelen haben kein Bedürfniß nach äußerem Liebreiz. Zu einer Zeit, da er noch jünger war, hatte er den Einfall gehabt, baarhäuptig in der Sonne umherzu⸗ gehen, um eine dunkle Geſichtsfarbe zu bekommen, aber die Sonne führte keine andere Wirkung herbei, als einige Sommerſproſſen, welche er als ganz und gar weiblich mißbilligte. Darauf bekam er eine andere Grille, nämlich die, Kranke zu beſuchen; aber auch hier gewann er nichts anderes, als Bewunderung für ſeine Uneigennützigkeit und ſeine Menſchenliebe. Und dieſes letzte Gefühl war immer— ſelbſt ohne die fremden Zuſätze— warm in ihm. Inzwiſchen vergingen Jahre und die oben erwähnte Schüchternheit hinderte ihn nicht blos, die ſchönen Wei⸗ ber zu betrachten, ſie hinderte ihn ſogar, bei den häß⸗ lichen Glück zu machen. Ueberdieß hatte Severin ſo ſtrenge Begriffe von der Tugend der Frau und den Banden, welche Vorſicht und Zartgefühl iuſt der Ehefrau auferlegen müſſen, daß er nicht ohne Entſetzen daran dachte, wie dieſe Voll⸗ kommenheit von ihrem Fußgeſtell herabſteigen könnte, um ſich ihm zu nähern oder— was noch ſchlimmer— ihn aufzumuntern. Blos im Jünglingsalter, wo ſeine Träume an Gottheiten aus den allerhoͤchſten Sphären feſthielten, verzieh er dieſes Herabſteigen, welches da als eine neue Tugend gelten konnte. Unſer Held blieb alſo beſtändig allein mit dieſem tiefen und warmen Liebesfeuer, das in ſeinem Inneren lebte. Zur Zeit ſeines Abſchieds— er war damals 34 Jahre alt— glaubte er, Alles ſei vorbei, und beſchloß alſo, ſeinen fünfzehnjährigen Hoffnungen für immer Lebewohl zu ſagen. rlieben nd die reiz. er den herzu⸗ , aber , als id gar ch die, nichts tzigkeit tt ohne vähnte n Wei⸗ häß⸗ fe von vorſicht n, daß Voll⸗ könnte, mer— me an zielten, ſe neue tiefen lebte. als 34 eſchloß immer Zu dieſem Behufe fand er es nöthig, ſeine äußere Perſönlichkeit einer gänzlichen Umgießung zu unter⸗ werfen. Er begann ſich als alter Junggeſell zu kleiden und nahm nicht blos in ſeinem Weſen jenes würdige und gutmüthige Air an, das einer gewiſſen Klaſſe äl⸗ terer, wohlconſervirter Herren angehört, ſondern er ſuchte auch ſein ganzes Ich dieſem Fortſchritt im Alter einzuverleiben. Kurz und gut, er wurde ein junger Greis, der den vollen Werth des Flanells, der Fußſocken und der Nachtmütze kannte, und in Ermangelung von Gicht und Rheumatismen that er ſich viel auf die allgemeine nervöſe Schwäche ſeines Körpers zu gut, eine Schwäche und zugleich Reizbarkeit, welche ihren Urſprung ganz natürlich in der unmäßigen Arbeit hatte, die den größ⸗ ten Theil ſeines Lebens ausfüllte. Das Bedürfniß zu lieben konnte der junge Greis jedoch nicht unterdrücken, ſo wenig als er Runzeln in dieſes Geſicht legen konnte, das in Folge ſeiner ent⸗ haltſamen Lebensweiſe ſeine ganze Jugendlichkeit und ſeine milde Anmuth behielt. Da es inzwiſchen abgemacht war, daß er niemals ein Weib lieben ſollte, ſo beſchloß er, die freie Zeit des Tages dem Abbild des Weibes zu opfern, den Blu⸗ men, und dieſe Leidenſchaft wuchs binnen Kurzem zu einem ſolchen Grad, daß er beinahe die Erinnerung daran verlor, daß er eine andere gehabt habe. Wir wollen jetzt eine dritte Schwachheit berühren. Schon ein Jahr vor dem Wegzuge aus Stockholm hatte ſein Bruder, ein armer Lieutenant in einem Provinzialregiment, ihm ſeine junge Frau und ſeine zwei Soͤhne teſtamentariſch vermacht, und Severin er⸗ wies ſich auch durch reichliche Unterſtützung und freund⸗ liche Briefe als guter Schwager und Bruder. Aber nachdem er ſich einmal in ſeinem Vaterhauſe niedergelaſſen, mit eigener Haushaltung und eigener 26 Wohnung, da fiel es ihm ein, daß ein kränklicher alter Mann wohl der Pflege einer Hausfrau bedürfe; und ebenſo daß ſeine Schwägerin noch zu jung ſei, um ohne Schutz und Hüulfe der Erziehung ihrer Kinder obliegen zu können. Die Ueberlegung war kurz. Sechs Monate, nachdem er ſeine Haushaltung eingerichtet, hatte Frau Laura ſich mit ihren zwei ver⸗ zärtelten Liebesgöttern eingeführt. Wir wollen nicht zu läugnen verſuchen, daß Frau Laura in der erſten Zeit Spekulationen hatte, welche nicht einmal durch den Anblick des unmodernen Frackes und der langen Weſte des Kriegsraths, die ſcharf gegen die damalige Mode abſtachen, einen Abbruch erlitten. Nein, ſie war ſogar vollkommen bereit, die unange⸗ nehme Stelle einer Liebhaberin zu ſpielen, bis ſich ihr eine weniger unangenehme darböte. Aber es war nicht ihr Schickſal, Frau Kriegsräthin zu werden. Sie mußte gänzlich all ihre Verſuche aufgeben, welche von Severin nicht einmal bemerkt wurden, fuͤr ſo unmöglich hielt er es, daß ein Liebesverhältniß zwi⸗ ſchen ihm und der Wittwe ſeines Bruders entſtehen könnte. Bei Laura fand ſich auch nicht einmal ein Duft von Poeſie vor. Sie war eine jener Frauen— und deren ſind viele— die je nach dem Bedarf der Um⸗ ſtände gefallſüchtig und liſtig ſind, und überdieß eine Frau, welche die Kunſt verſtand, den beſten Theil deſ⸗ ſen, was zu bekommen war, herauszufinden und an ſich zu ziehen. Wenn ſie nicht Severin's Gattin werden könnte, beſchloß ſie, ſeine treue Freundin und im Nothfall ſeine Beherrſcherin zu werden; denn es hielt gar nicht ſchwer, einen Mann von den friedliebenden Gewohn⸗ heiten ihres Schwagers unter eine Art ſanfter Subor⸗ dination zu bringen. 1 alter und um nder tung ver⸗ Frau helche ackes gegen tten. inge⸗ ihr äthin eben, fuͤr zwi⸗ tehen Duft und Um⸗ eine deſ⸗ ſich nnte, hfall nicht vohn⸗ ibor⸗ E Nein, das konnte gar nicht ſchwer ſein, mit einem Manne, der überdieß ſo erhabene, ſo ſchoͤne Gedanken vom Weib hatte, und endlich Einbildung genug beſaß, um das wirkliche Vorhandenſein einer Krankheit, die ihm bisher durch die bereits erwähnte allgemeine Ner⸗ venſchwäche vorher verkündigt war, anzunehmen und ſich davon überzeugen zu laſſen. Frau Laura liebte ihre Kinder, ihre prächtigen kleinen Liebesgötter, mit einem unvernünftigen Ent⸗ zücken, und ſie beabſichtigte daher alles zu thun, was eine Frau mit ihren leichten Grundſätzen überhaupt thun konnte, um ihnen und ſich ſelbſt das große Erbe zu ſichern, das ihr Onkel einſt hinterlaſſen mußte. Sie begann damit, daß ſie ihren Schwager ſorg⸗ fältig ſtudirte, und das Ergebniß ihrer Forſchungen war, daß er ihr zwar ohne Zweifel nie den Verdruß machen werde, ſich zu verheirathen, daß es aber gleichwohl am ſicherſten ſein dürfte, dieſe Gewalt zu begründen, der zu entfliehen er nicht mehr wünſchen könnte. Und gleichwohl war dieſe zartſinnige Schwägerin nicht ſchlecht,— ſie liebte ihren Schwager ſogar— aber ſie war neidiſch auf ihn, und dieſer Neid ging ſo weit, daß er Aehnlichkeit mit der Schlechtigkeit gewann. Nachdem ſie die kleinen Schwachheiten des Chren⸗ mannes ſo zu ſagen hin und hergedreht, beſchloß fie, ihn an ſeiner Kränklichkeit und Einbildung zu faſſen. Sie ſtellte ſich daher, als ob ſie ihm verbergen wollte, wie gefährlich ſein Uebel eigentlich ſei. Aus Furcht, er möchte ſich erkälten, wickelte ſie ihn dermaßen ein, daß er beinahe erſtickte, und ſie be⸗ wies ihm ſyſtematiſch, daß er jeden Abend, wo er außer dem Hauſe geweſen, namentlich bei dem Pfarrer oder Doktor(ihre beiden äußererſten Antipathien) in bren⸗ nendem Fieber zurückgekommen ſei. Aber nicht genug mit dieſen Wiederholungen, die⸗ ſen Vorſichtsermahnungen, dieſen unaufhoͤrlichen Be⸗ — — 8 6 ſorgniſſen, die einen Geſunden krank machen koͤnnen, ſie erfand auch noch eine weitere Zugabe. Der Kriegsrath war nicht ganz frei von Aberglau⸗ ben, und Frau Laura, die ein großes Talent beſaß, ihre Karten zu legen und ganz beſonders aus denſelben zu prophezeien, that dieß an den Abenden oft, um zu ſehen, wann ihr geliebter Schwager geſund würde. Im Anfang, wenn der Schwager dabei ſaß, nahm ſie blos nach einigen allgemeinen Vorausſagungen eine betroffene Miene an oder warf mit Beſtürzung die Kar⸗ ten unter einander. Zuweilen brach ſie auch in Thränen aus, jedoch mit der Verſicherung, daß dieß nichts zu bedeuten habe. Aber an andern Abenden, wenn der Schwager, der ſich leiſe an die Kammerthüre geſchlichen hatte, da ſtand und don Frau Laura unbemerkt lauſchte, war ſie nicht 0. Da hieß es halblaut: „Armer Mann, armer Mann— dieſe Krankheit, welche die Leute nicht begreifen wollen, die ſie als Nichts darzuſtellen ſich bemühen,.. ach, ich ſehe es wohl, nur allzu wohl, ſie wird ihn bald von hier fort⸗ ſchaffen. Dürfte ich ihn doch allein verpflegen, ich, die ich ihn beſſer verſtehe, als andere, ich, die ich ſeine Ge⸗ fahr ahne.“ Allmählig, ohne daß es der Kriegsrath ſelbſt wußte, wie oder wann er dieſe Gedanken gefaßt hatte— denn im Anfang lächelte er blos über dieſes kindiſche Be⸗ nehmen ſeiner Schwägerin— wurden ſie auch ſeine eigene Ueberzeugung. Und nachdem er überdieß zwei oder drei Nächte hinter einander deutlich und felerlich geträumt hatte, daß er am Herbſt ſterben würde, da konnte Nichts ihn von der ſixen Idee heilen, daß es ſo geſchehen werde. Aber trotz all dieſer natürlichen und künſtlichen Leiden, welche dem Abend angehörten, fuhr er fort, mit derſelben Beharrlichkeit wie früher zu arbeiten, und nen, lau⸗ ſaß, lben n zu ahm eine Kar⸗ doch habe. „der ſtand nicht kheit, als he es fort⸗ , die Ge⸗ ußte, denn Be⸗ ſeine Lächte hatte, s ihn verde. lichen keiner von ſeinen zwei vertrauteſten Freunden, weder der Doktor mit ſeinen beſtimmten Vorſchriften, noch der Pfarrer mit ſeinen Bitten, erhielten ſo viel Macht über ihn, daß er von den Gewohnheiten abließ, denen er ſo lange gehuldigt hatte, und mit denen er jetzt um ſo leichter fortfahren konnte, weil ſie ſehr eng begrenzt waren. „Fährt er auf dieſe Art fort,“ ſagte der Doktor einige Tage vor dem Anfang unſerer Erzählung,„ſo kann er es wohl dahin bringen, daß ſeine fixe Idee in Erfüllung geht.“ „Ich ſinne jetzt auf eine Kur, ich,“ antwortete der Pfarrer, gegen welchen die beſagte Aeußerung gethan wurde. „Du?“ Der alte Arzt, deſſen Bekanntſchaft wir bald machen werden, ſchien zu gleicher Zeit neugierig und heraus⸗ fordernd. „Es iſt jetzt gewiß ſchon ein Monat, daß er mich zu überreden ſucht, ich ſolle ſeine Leichenrede ſchreiben, dinhe gar zu gerne hören möchte, ſo lange er noch ebt, „Ei der Tauſend, das mag gar keine ſchlechte Kur abgeben.“ „Ich beabſichtige,“ fuhr der Pfarrer fort,„ſie zu ſchreiben, wie ſie nach meiner Anſicht wirklich ſein muß. Nach einem tüchtigen und verdienten Lob, das ihm— wir müſſen es anerkennen— mit Recht zu⸗ kommt, bringe ich eine Litanei von Fehlern vor, die ich in der wirklichen Leichenrede aufzuführen mich ſehr wohl hüten würde.“ „Gut, gut,“ meinte der Doktor lachend.„Man kann ihm ja ſein kleines unſchuldiges Vergnügen, als ein origineller Mann angeſehen zu werden, wohl gön⸗ nen,— er iſt es auch in Wirklichkeit— aber er ſoll ſich dadurch nicht ſelbſt um's Leben bringen. Ich ſorge ſchon ſelbſt für meine Patienten.“ „Nicht er, ſondern ſeine zärtliche Frau Schwägerin iſt es, die ſich dieſe Mühe nimmt, und gewiß nicht, weil ſie wirklich den Wunſch hegen könnte, ihn vor der Zeit in die Ewigkeit zu befördern, ſondern blos, weil ſie ſich ſelbſt ganz unentbehrlich zu machen trachtet. Aber ſei ruhig, Doktor, ich nehme die Sache auf mich. Morgen ſoll er mit uns zu Nacht ſpeiſen.. 4. Herr und Diener. Am folgenden Morgen finden wir Severin wieder in ſeinem Arbeitszimmer. Dieſes Zimmer mit dunklen Tapeten und langen, dunkelgrünen Kattunvorhängen iſt nicht viel kleiner als der Salon. Es hätte all der Beſucher wegen eigent⸗ lich viel größer ſein ſollen. Aber ſtatt mit Blumentöpfen und Kübeln für prächtige Pflanzen waren die Wände hier von unten bis oben mit Büchern und Actenſtücken bedeckt, und ſechs bis ſieben Tiſche lagen voll von Rechnungsfolian⸗ ten, Zeichnungen und Papierhaufen. Es war ungefähr elf Uhr. Bis zu dieſer Stunde ließ ſich Severin niemale ſtör Per fiel, von mit der als Ofe dieß Leich hatt feine Nach ſicht derg weiß brau ſeine Falt und Schl Freu dann Pub. ſie g fürch Läche oder nen ſtören, und man hatte eine ſo große Achtung vor ſeiner „als Perſon und ſeinen Gewohnheiten, daß es Niemand ein⸗ gön⸗ fiel, ihn zu einer andern Zeit, als zu der beſtimmten, r ſoll von elf bis drei Uhr, zu beläſtigen. ſorge Unſer Held ſitzt jetzt an einem großen, länglichen, mit grünem Tuche überzogenen Tiſche und läßt die Fe⸗ gerin der über das Papier hinraſcheln; er ſieht kränker aus, nicht, als am Abend zuvor, wo der röthende Schein vom or der Ofen ſich auf ſeinem Geſicht abſpiegelte, das noch über⸗ weil dieß in Folge der ſieberhaften Ungeduld, womit er ſeine ichtet. Leichenrede zu hören verlangte, eine ſtärkere Farbe mich. hatte. Jetzt war Severin's von Natur blaſſe und äußerſt ſeine Farbe noch blaſſer durch eine gänzlich ſchlafloſe acht. Seine dunkelblauen Augen von unbeſchreiblich durch⸗ ſichtiger Klarheit drückten eine tiefe Betrübniß und Nie⸗ dergeſchlagenheit aus, und wenn er zuweilen mit ſeiner weißen Hand in den weichen Wogen eines kaſtanien⸗ braunen Haares herumſtrich, ſah man deutlich, daß ſeine ſonſt glatte Stirne an den Augenbrauen eine Falte erhalten hatte. Welcher Schmerz war in dieſer Woche entſtanden und hatte dieſe tiefe Betrübniß in ſeine Augen gelegt? leder Es war ein zweifacher Schmerz geweſen. Der erſte beſtand aus der Beſtürzung, welchen der gen, Schluß der Leichenrede hervorgerufen hatte. als Sich, wenn auch nur unter vier Augen mit einem ent⸗ Freunde, in ſeiner innerſten Seele durchſchaut zu ſehen, dann zu denken, daß gewiſſe Schwachheiten vor dem für Publikum entſchleiert werden ſollten, für welches man nten ſie geſchickt genug hatte verdecken können, und endlich und fürchten zu müſſen, daß das Gerücht Etwas zu einer an⸗ Lcherlichkeit machen würde, was eine erhabene Kraft oder wenigſtens eine erhabene Thorheit hätte ſein kön⸗ nen— Alles das iſt nicht angenehm. als Und in ſeiner Würde verletzt zu werden— für Se⸗ verin ein Wort und ein Begriff von mächtiger Bedeu⸗ tung— das hieß in ſeinem Herzen ſelbſt verletzt werden. Wachend hatte er von der unſeligen Möglichkeit geträumt, daß je ein Menſch auf ſeine Koſten lachen könnte. Und er begann jetzt ſeinen Tod bis auf den Herbſt als eine wirkliche Ehrenſache zu betrachten. Auch zweifelte er nicht im Geringſten daran, daß es ſo kommen würde, und er würde ſich wahrlich ge⸗ grämt haben, wenn er gegen ſeinen Willen ſeinem Ver⸗ ſprechen hätte untreu werden müſſen. Die zweite Urſache ſeines Schmerzes am heutigen Tage war ein Verluſt, der ſogar Thränen in ſeine Augen gelockt hatte. 5 Als Frau Laura am vorhergehenden Abend mit ihren unbändigen Liebesgöttern hinausging, verließen wir Severin unbeweglich beim Ofen. Dieſe Stellung hatte er gleichwohl nicht lange ne. Er war aufgeſtanden und hatte ſich mit dem Lichte in der Hand dem ſo eben umgeworfenen Blumentopfe genähert. Und o weh! Es war keine gewöhnliche Pflanze: es war eins der ſchönſten Kinder der Tropenzone, ein im Norden ſeltenes Eremplar, für deſſen Blüthe Seve⸗ rin eine tauſendfache Mühe aufgeboten, und das end⸗ lich nach zweijähriger Pflege in Knospen ſtand. Frau Laura hatte geſagt, es ſei nur ein einziger Zweig abgebrochen. Sie hatte Recht, aber leider war es derjenige, an welchem die Knospe ſaß. in Severin konnte bei dieſer Verheerung ſeinen Schmerz nicht bekämpfen. Er würde ſich— ſelbſt eine wirkliche Sinnpflanze— ſchamhaft verborgen haben, wenn ir⸗ gend Jemand ſeine Erſchütterung beim Anblick dieſer abgebrochenen Knospe, dieſer zu Grabe getragenen nichi, d daß ein SeVverit neben i Bedien! Würde und Ka N plar ei gehört Er leicht n ſelten l zuſchaff die Mit gelb ur dort m er ſich den mit folgend Der en Freude, hätte ſehen können; aber allein mit ſich ſelbſt drückte er ſeine Sehnſucht in warmen Thränen aus. Er hatte mit ſieberhafter Ungeduld die Entwicke⸗ lung der Blume erwartet... ſie ſollte ſich jetzt nicht mehr entwickeln; ſie war gebrochen. Und wer begreift nichi, daß Severin dachte:„Das war auch ein Bild, ein Zeichen.“ Zu ſeiner Schwägerin ſagte er nicht ein Wort, das wäre eine Entweihung ſe iner Gefühle geweſen. Frau Laura würde auch niemals begriffen haben, daß ein Mann, welcher die bede utenden Verluſte nicht beweinte, die ſein Vermögen von Zeit zu Zeit durch unglückliche Bürgſchaftsverbindlichkeiten erlitt, eine arme Blumenknospe beweinen könnte. Als es drei Viertel auf Zwolf ſchlug, erhob ſich Severin auf ſeinem Schreibſtuhl und klin gelte mit einer neben ihm ſtehenden Silberglocke. Auf dieſen Ruf trippelte eine kleine luſtige Figur herein, ein munterer Alter, der ſeit 16 Jahren die rechte Hand des Kriegsraths ausgemacht hatte. Vom Bedienten war er bis zu ſeiner nunmehrigen dreifachen Würde eines Garteninſpektors, eines Proviantmeiſters und Kammerdieners emporgeſtiegen. Nicke Wadell— po hieß dieſes Prachtexem⸗ plar eines guten Dieners— war, wie wir bereits gehört haben, eine kleine, äußerſt luſtige Figur. Er war von kurzem Wuchs, aber geſchmeidig und leicht wie eine Feder, was zur Folge hatte, daß er ſelten langſam ging, ſondern eine eigene Art ſich fort⸗ zuſchaffen beſaß, die zwiſchen Trippeln und Schweben die Mitte hielt. Ferner war Nicke mit einer rauhen, in gelb und roth ſpielenden Perücke ausgerüſtet, da und dort mit einigen Silberhaaren heſprengt, auf welche er ſich auch bei feierlichen Gelegenheiten oder bei Feh⸗ den mit Frau Laura immer berief, unter Phraſen, wie folgende: Der Vormund. 1. 3 5 ——— 34 „Ich reiße meine grauen Haare aus.“ Oder:„Meine grauen Haare werden mit Kummer in die Grube hinabfahren.“ Im Uebrigen war der Alte eine große Autorität im Hauſe und beinahe ein eben ſo großer Blumenfreund, wie ſein Herr ſelbſt. Aber er war kein ſo großer Freund, ſondern viel⸗ mehr ein geſchworner Feind der zwei Söhne Frau Laura's, und er nannte ſie immer Wildfänge, daher auch der Kriegsrath bei der Frage nach dem Unglück des vorhergegangenen Abends ſich vorbereitete, die ganze Schuld auf ſich zu nehmen, denn der Zorn des Alten ſiel zuweilen handgreiflich aus. Die Liebe des alten treuen Dieners für ſeinen Herrn war ſprichwörtlich geworden. Er würde für ihn in den Tod gegangen ſein und ſicherlich ihn nicht überlebt haben. Auch geſchah es, daß Nicke, welcher oft die Pro⸗ phezeihungen des Kriegsraths über ſein baldiges Ab⸗ ſcheiden gehört hatte, in Gedanken zu ſagen pflegte: „Wie wird es mit dem und dem gehen, wenn wir am Herbſt ſterben?“ Was ſeine Kleidung betrifft, ſo war ſie— mit Ausnahme des Gartenkoſtüms, das blos einige Stun⸗ den Dienſte that— ebenſo unveränderlich wie ſeine Treue. Sie beſtand aus einem flaſchengrünen Frack mit braunen Hornknöpfen, deſſen ſchmaler Schoos bis auf die Ferſen hinabging, aus einer ſchwarzrandigen Weſte, die nur bis zur Mitte der Bruſt reichte, und einem rothroſigen Halstuch, das mit langen Schlaufen gebunden war, worin Sonntags ein großes Vergiß⸗ meinnicht, nota bene vom reinſten Gold, figurirte. Dieſes Vergißmeinnicht war ein Geſchenk von Nickes ſeliger Braut. Es war nie weiter als bis zur Verlobung gekom⸗ men, obgleich ſie vier und zwanzig Jahre verlobt ge⸗ weſen waren. Denn erſtens hatte er nichts, um damit zu hei⸗ — mer cität und, viel⸗ frau aher lück die des war Tod en. Pro⸗ Ab⸗ wir mit tun⸗ ſeine Frack bis digen und aufen giß⸗ von kom⸗ ge⸗ rathen, und Nicke huldigte nicht dem Grundſatz„von einer Hütte und einem Herzen“: er wollte, daß ſeine Olena Sopha und Komode, gepolſterte Stühle, Spiegel in ſchönen Rahmen u. ſ. w. haben ſollte, überdieß noch ein blauroſiges Bettzeug mit Vorhängen nebſt vielem andern. Später als er in den Dienſt des Kriegsraths trat — der ihm das alles und noch obendrein einen Wacht⸗ meiſterpoſten verſchaffen wollte— kam dieß doch nicht zu Stande, denn in dieſem Fall hätte er ſeinen Herrn verlaſſen müſſen, wozu er gewiß die Kraft nicht gehabt ätte. 4 Endlich ſchien es ſich ſchicken zu wollen. Die Spenderin der großen Vergißmeinnichtnadel, die muntere und tugendſame Jungfrau Olena Hägg, erhielt im Hauſe des Kriegsraths einen Platz als Auf⸗ wärterin. Und da ſagte der Kriegsrath zu Nicke: „Verheirathe Dich jetzt!“ Aber mit einer gewiſſen Schamhaftigkeit antwor⸗ tete Nicke: „Ich kann das nicht thun, ſo lange Sie, mein Herr, nicht verheirathet ſind. Wir können wohl warten.“ Und ſo wartete Nicke, bis ein unglückliches Ner⸗ venfieber kam und ihm Olena entrückte, die, obſchon vier und vierzig Jahre alt, in Nickes Auge noch immer denſelben Liebreiz hatte, wie mit zwanzig Jahren. Sein Kummer machte ſich nicht laut, aber er währte lange. Und als ein Zeichen, wie tief und gewiſſermaßen fein ſein Gefühl war, köoͤnnen wir nicht umhin zu berich⸗ ten, daß Nicke jeden Samſtag Abend einen ſchwarzen Frack und eine weiße Cravatte anzog, worauf er fort⸗ ging, um ſowohl im Sommer als auch im Winter, die Wege mochten beſchaffen ſein, wie ſie wollten, das Grab ſeiner Olena zu beſuchen. Daß dieſe Beſuche nicht am Sonntag Morgen b V 36 gemacht wurden, kam von einem vielleicht noch feineren Gefühle her: er wollte ſeinen Schmerz, ſeine Sehnſucht nicht zu Markte tragen. Aber wir kehren zu dem Augenblick zurück, wo Nicke eintrat, den Ueberrock ſeines Herrn ganz zierlich auf dem Arme haltend. Jetzt war es luſtig zu ſehen, wie der würdige Kriegsrath— alles mit Hülfe Nickes— ſich aus einem ſchwindſüchtigen jungen Greis zu einem Achtung gebie⸗ tenden alten Junggeſellen, der von ſeinen Zinſen lebt, coſtümirte, mit weit herabhängendem tabakbraunen Tuch⸗ rock, einer langen altmodiſchen Atlasweſte und einem weißen ſteifgeſtärkten Halstuch, um welches jedoch vor⸗ ſichtigerweiſe noch ein niedrigeres gebunden wurde, das von Frau Lauras eignen Händen aus feinem Garn ge⸗ ſtrickt war. „Da ſchau man her,“ ſagte Nicke in einem Ton, der einen nicht ſo gar kleinen Stolz verrieth,„jetzt ha⸗ ben wir die Parademontur angezogen.“ „Gib mir auch meine Brille und meine Schnupf⸗ tabaksdoſe,“ ſagte der Kriegsrath. Nicke machte eine Grimaſſe. „Wenn ich nicht aus Vergnügen ſchnupfen würde,“ meinte er,„ſo weiß ich gewiß, daß es aus keiner an⸗ dern Urſache geſchähe— und am wenigſten aus Eitel⸗ eit.⸗. Severin erröthete leicht. Er hatte die Schwachheit, ſein Alter durch eine reſpektable Brille mit goldnen Bogen und eine große goldne Schnupftabaksdoſe zu erhöhen, die er eigentith . 3 mi wo ich de,“ an⸗ eitel⸗ eine große ntlich nur dazu benützte, um ſeinen Worten und Geberden mehr Würde zu geben, wenn er ſprach. „Jetzt biſt Du frei, mein ehrlicher Nicke.“ „Sehr wohl, aber ich möchte ein Wort ganz apart mit Ihnen reden.“ „So ſprich.“ „Ich habe einen Gedanken gehabt, den ich nicht verſchimmeln laſſen kann.“ „Nun was denn?“ „Es iſt mir eingefallen, daß Sie, Herr Kriegsrath, auf den kommenden Sommer eines ruhigen Lebens be⸗ dürfen könnten.“ „Iſt denn dieſes ſo ſtürmiſch, das ich jetzt führe?“ Severin lächelte matt. „Mein Seen ſtürmiſch genug. Die Wildfänge machen ja einen Spektakel um den andern.“ „Mein lieber Nicke..“ „Mein lieber Herr, man kann die Verwandtſchaft ſchätzen und ſeine chriſtlichen Pflichten erfüllen, ohne daß man ſich auf der Naſe herumtanzen läßt, und wenn ich der Onkel wäre, ſo wüßte ich ſchon, was ich vor⸗ nähme.“ Nicke machte eine Pauſe, als wartete er auf Ant⸗ wort; aber da keine ſolche zum Vorſchein kam, ſo fügte er hinzu: „Nun, ich würde die jungen Herrn, ſtatt ſie hier daheim in die Schule gehen zu laſſen, in eine Penſion zwanzig oder vierzig Meilen von hier geben. „Und meine Schwägerin, würde ſie es erlauben...“ „Wenn ſie es nicht erlauben wollte, ſo könnte ſie ihren Kindern nachreiſen.“ „Pfui doch, alter Freund, Du ſiehſt ihre Sorgfalt für mich, wie kannſt Du alſo in dieſem Tone ſprechen? Sie ſucht alles zu errathen und allem zuvorzukommen.“ „Ja, aber ſie erräth blos halb ſo viel als die ſelige Olena errieth. Das war ein Weib, um ein Haus zu — verwalten— da waren Sie niemals krank, Herr Kriegs⸗ rath.“ h. Still.. da klingelt es ſchon. Wer mag wohl die unpaſſende Eilfertigkeit haben, ſo früh hieherzukom⸗ men? Es fehlen ja noch acht Minuten bis elf.“ „Soll ich abweiſen?“ „O nein, mach' nur auf.“ „Liebſter Herr, denken Sie doch an den Rath. Ich werde zehn Jahre jünger und Sie werden es auch, wenn die Jungen aus dem Hauſe kommen.“ Der haſtige Seufzer, der Severins Bruſt hob, ließ ahnen, daß er heimlich den Gedanken des Alten nicht blos theilte, ſondern ihn ſchon vorher ſelbſt gehabt hatte. 5. Wie der mit allgemeinem Vertrauen beehrte Mann die Lorbeeren ſeiner Bürgerkrone bezahlt. Unſer Held ſaß würdevoll zurückgelehnt im Schreib⸗ uhl. Mit altmodiſcher Koketterie ſingerte er bald an der Buſennadel, bald an ſeiner Halskrauſe, wie wenn er einige Schnupftabakskörner hätte wegwiſchen wollen, als zwei Perſonen eintraten. Es war ein Mann und ein Frauenzimmer, und beide grüßten ſo tief und ſo demüthig, als wären fie 8 gekommen, um den„Allerwelts⸗Zufluchtsort“ in ſeiner Ruhe zu ſtören. „Guten Morgen, Herr T... guten Morgen, 4 s⸗ ohl m⸗ Ich ich, ieß icht abt ann reib⸗ der n er llen, und n fie einer Madame! Kann ich in etwas zu Dienſten ſein?“ be⸗ gann der Kriegsrath mit der ſanften und verbindlichen Höflichkeit, die ſeinem Geſichte ſo ſchön ſtand; aber der Ton hatte gleichwohl eine Accentuirung, die zu erkennen gab, daß die Zeit ſein koſtbarſtes Gut ſei. „Ach, Herr Kriegsrath,“ begann die Frau, indem ſie ſchnell dem Mann das Wort wegnahm, wir ſind gekommen, wir haben es gewagt, mit einem Wort, wir ſind uͤberzeugt, daß.. daß..“ „Ja,“ ſiel der Mann ein,„wir ſind überzeugt, daß Sie, Herr Kriegsrath, der Sie ſo vortrefflich mit allen Menſchen auszukommen wiſſen, uns entweder von den Töchtern meiner Frau befreien werden, was das Beſte wäre, oder.“ „Ei zum Henker, wie kannſt Du das Herz haben, Du herzloſer Menſch, Deine Abneigung gegen meine Kinder vor dem Herrn Kriegsrath auszuſprechen? Der Herr Kriegsrath iſt, Gott ſei Dank, ihr Vormund, und wenn er ihnen nur vorſtellt, daß ſie ein wenig mehr an ihre Pflichten denken ſollen, ſo...“ „Ei, ei, ſchon wieder ein Zwiſt? Die jungen Mamſellen ſagen doch immer, daß...“ „. Daß wir ſtreng und vielleicht auch ein we⸗ nig mürriſch ſeien? Nun großer Gott, das iſt ja die klare Folge von ihrem Ungehorſam, ihrer Halsſtarrig⸗ keit und Frechheit. Als Mutter thut es mir leid, es ſagen zu müſſen, aber ich bin dennoch genöthigt, es zu ſagen, daß ein Dienſt das allerbeſte wäre.“ „Ich will die Sache zu beſorgen ſuchen, meine beſte Madame. Schicken Sie die jungen Damen zu Anfang der Woche hieher, dann werde ich mit ihnen reden. Ach ſieh da, Major Herz... Gehorſamer Diener, Frau T... Leben Sie wohl, Herr T... Seien Sie ruhig... unſre Sachen werden ganz gut gehen... nehmen Sie gefälligſt Platz, Herr Major.“ „Herr Kriegsrath, ich komme in einer verwünſcht widerwärtigen Affaire,“ begann der zuletzt angekommene 5 4 Gaſt, ſobald die Thüre ſich hinter dem Ehepaar ge⸗ ſchloſſen hatte. „Wie ſo?“ „Hamſtedt, dieſer brave Herr, ſagt, er wolle mir meinen Hof zurückſchlagen. Darf ich mir die Freiheit nehmen, den Herrn Kriegsrath zu bitten, dieſe Doku⸗ mente da anzuſehen?“ Der Major zog ſeine Papiere hervor. Der Kriegsrath ſchaute ſie an und erklärte dann, daß nach ſeinem Dafürhalten Hamſtedt mit ſeinem Plan ganz leicht durchdringen könne. „Aber ich gehe, hol mich der Teufel, auf nichts Derartiges ein.“ „„Das heißt, Herr Major, Sie werden wohl auf einen Vergleich eingehen— immer jedoch unter ver⸗ nünftigen Bedingungen.“ „Den Vergleich will ich mir gefallen laſſen; aber was die Bedingungen betrifft, ſo wollte ich Sie um Erlaubniß bitten, Herr Kriegsrath, in ſofern Ihre Zeit es geſtattet, morgen mit meinem Gegner hierher zu kommen; denn bei Ihrem bekannten Talent auszuglei⸗ chen und Alles zurechtzulegen, werden Sie die Sache ganz gewiß zu einem glücklichen Reſultate führen.“ Der Kriegsrath murmelte etwas über ſeinen ſchwa⸗ chen Geſundheitszuſtand und überhäufte Geſchäfte, ließ ſich aber dennoch zuletzt überreden. Während der Major noch beſchäftigt war, ſeine Dankſagungen abzuſtatten, traten vier bis fünf neue Gäſte ein. 4 Jetzt handelte es ſich davon, Rechenſchaftsberichte und Projekte in Betreff der verſchiedenen Stiftungen und Vereine vorzulegen, bei welchen der Kriegsrath als einfaches Mitglied oder ſogar als Wortführer be⸗ theiligt war. Als dieſe Herren gegangen waren, nachdem ſie mit ihren langweiligen Wiederkäuungen den armen Severin bis aufs Blut gepeinigt und dieſer ſich ganz heiſer ge⸗ rufen hatte: „Nein, meine Herren, nein, ich erkläre, daß das unmoͤglich iſt; das kann nicht geſchehen“ u. ſ. w., kurz nachdem dieſe disputirluſtigen Herren endlich abgetreten waren, hatte der arme Mann auf fünf bis ſechs Minu⸗ ten Ruhe. Aber vergebens. Wer rauſcht jetzt da herein? es iſt einer von den unzähligen Mündeln des Kriegsraths, ein Menſch, der ſich heute, wie überhaupt immer in Geldverlegen⸗ heit befindet. Und kaum iſt dieſer, nachdem er ſowohl Geld als Ermahnungen erhalten, ſeinen Vorgängern auf der Spur gefolgt, als eine ſchöne Wittwe, deren verſtorbe⸗ ner Mann den Kriegsrath zum Schiedsrichter in Betreff ſeiner Verlaſſenſchaft aufgeſtellt hat, hereintritt, um ſich recht gründlich mit ihrem vortrefflichen und einſichts⸗ vollen Freunde zu berathen über tauſend Gegenſtände von— ganz und gar keiner Wichtigkeit. Während dieſes unaufhörlichen Geredes ſtieg eine Fieberröthe auf Severins Wangen, und als endlich eine andre Dame von andrem Schrot und Korn ſich einfand, um darüber zu klagen, daß man ihr durch niedrige Ränke ihre Gewerbsrechte entziehen wolle, und daß ſie auf der ganzen Erde keinen Menſchen mehr wiſſe als den Kriegrath. der Einfluß genug beſitze, dafür zu ſor⸗ gen, daß ſie die in Frage ſtehenden Rechte behalten dürfe; da begann eine merkliche Ungeduld in ſeinen Adern zu kochen und das Blut nach dem Kopfe zu drängen. Aber er war ein Märtyrer für ſeinen Ruf und mußte daher noch eine ganze Stunde lang ſeine eben ſowohl ſelbſtgewählte als ihm aufgedrungene Rolle weiter ſpielen. Man ſollte nie ſagen können, daß er das Ver⸗ 42 trauen irgend eines Menſchen abgewieſen habe, bevor er aufs Krankenbett niederſank. Endlich nach vier oder fünf weiteren Beſuchen ſtreckte er juſt die Hand nach ſeinem Glöckchen aus, um Nicke zu ſagen, er ſolle die Thüre verriegeln, als ſeine Hand mechaniſch niederſank. Die Stimme, welche heftig ſchrie:„Keine Kunſt⸗ griffe, alter Nicke, man laſſe den Schlüſſel in Frieden, — ich laſſe mich nicht abweiſen“— dieſe Stimme ver⸗ anlaßte den Kriegsrath zu ſeufzen und ergebungsvoll den Kopf hängen zu laſſen. Die Stimme gehörte ſeinem Arzt. Doktor Livelius war— wie er ſich ſelbſt nannte — ein junger Mann von etwas über fiebenzig, und wenn er ſeinen alten Patienten, den ſechs und dreißig⸗ jährigen Kriegsrath, beſuchte(den„Onkel“ Severin, wie er den Freund zuweilen nannte), ſo nahm er ſich manchmal die Freiheit, demſelben einen oder andern kleinen Streich zu ſpielen. Es war ſein zweiter Beſuch heute, denn ſchon am Morgen hatte der Alte ein wenig herein geſehen, um die Wirkung der Leichenrede des Pfarrers zu beobach⸗ ten. Aber jetzt zeigte es ſich klar, daß es nicht der Arzt war, der ſeinen Beſuch machte, ſondern ein Freund, der etwas vorzutragen hatte. „Ach, Bruder, ich bin ſchrecklich müde,“ ſagte der Kriegsrath, welcher den Doktor früher Onkel genannt, in ſpäteren Zeiten aber mit Vergnügen ſeinen Antrag auf Brüderſchaft angenommen hatte. „Müde— das glaub ich beim Henker wohl,“ ant⸗ wortete der Doktor, ein lebhafter und munterer Greis, beinahe gekleidet wie ein junger Fant—„das glaub ich beim Henker wohl. Selbſt ich, der ich ein kräftiger Jüngling bin, würde krank werden, wenn ich ein ſolches Leben führte.“. „Was ſoll man thun?“ „Das fragt er mich,“ rief der Dokor lachend⸗ Hab lebe mit beſte die leich Ther ſie meir jetzt nicht ſo nich Du gera anht zu ſ plau Quc eing nate mein male Deir Befe ſtell vor ickte ticke and nſt⸗ den, ver⸗ voll nnte und ßig⸗ erin, ſich ndern am um bach⸗ t der eund, e der annt, ntrag ant⸗ Greis, glaub ftiger olches chend. 4³ Habe ich nicht tauſendmal geantwortet: die Kunſt zu leben beſteht darin, daß man jung bleibt. Zum Teufel mit den Arzneikolben, mit dem Fliederthee und dem beſtändigen Kaminfeuer— das iſt alles gut für Leute, die ſonſt nichts mehr auf der Welt zu beſtellen haben.“ „Du haſt einen leichten Humor, Bruder, und eine leichte Art mit Deinen Patienten, aber. „Aber meine Patienten, willſt Du ſagen, ſind zum Theil verdammte Eſel, die nicht begreifen lernen, daß ſie ſo wenig krank würden, als ich ſelbſt, wenn ſie meine Anordnungen befolgten. Doch ſchweigen wir jetzt davon: ich habe eine Geſchäftsſache zu beſprechen.“ „Auf Ehre, ſeit Schlag halb drei Uhr kann ich an nichts andres als an Geſchäftsſachen denken.“ „Bagatell— wenn der Doktor ſagt, es geht an, ſo geht es an. Du iſſeſt vor einer halben Stunde nicht zu Mittag, was eine große Dummheit iſt, denn Du ſollteſt früher eſſen... aber gleichviel: da Du gerade freie Zeit haſt, ſo kannſt Du mich ebenſo gut anhören wie jeden andern.“ „So ſprich.* „Jedenfalls entwickle ich jetzt nicht alles, was ich zu ſagen habe, wir können ſpäter am Abend darüber plaudern, wenn wir uns bei Lars Moritz treffen.“ „Wir treffen uns bei Lars Moritz?“ „Ja gewiß, er hat uns ja auf einige luſtige Quartette, eine Bowle Punſch und einen Korb Auſtern eingeladen.“ Der Kriegsrath lächelte.„Ich bin ſeit zwei Mo⸗ naten nicht aus dem Hauſe gekommen, und nun iſt es mein Arzt, der mir eine ſolche Narrheit vorſchlägt.“ „Merke Dir, verehrteſter Bruder, ich ſchlage nie⸗ mals vor, wo ich befehle; aber wenn Du es unter Deiner Würde glaubſt, von einem Jüngling meiner Art Befehle anzunehmen, ſo bin ich bereil, mich wegen Aus⸗ ſtellung derſelben zu entſchuldigen.“ „Laß uns jetzt Vernunft reden.“ Hes, aber... „Das iſt es eben, auf was wir dringen. Und ich ſtehe Dir dafür, daß man in dieſem Kreis von munte⸗ ren Jungen Deinen grauen Haaren alle Achtung wie⸗ derfahren laſſen wird.“ „Immer derſelbe ſatyriſche Scherz. Iſt es wohl meine Schuld, wenn ich mit ſechs und dreißig Jahren ſowohl an Körper als an Seele ein Greis geworden bin? Arbeit und Kränklichkeit haben dieſe Wirkung hervorgebracht.“ „Du ſelbſt, mein Freund, Du ſelbſt... aber höre einmal, ich habe einen Brief von der Oberſtin Kruſe bekommen, in deren Haus Deine neue Mündel Fräulein Viola Holſt einakkordirt iſt.“ „Ei ſieh,“ rief der Kriegsrath erröthend vor Ver⸗ druß,„laufen von dieſer Seite her Klagen ein? Ich wünſchte zu Gott, ich könnte von aller Vormundſchaft über junge Frauenzimmer befreit werden— man hat immer ſo viel Verdruß mit ihnen.“ „Die Oberſtin ſagt, ſie ſei dem Amt nicht gewach⸗ ſen, das Du ihr auf meinen Rath anvertraut haſt, und ſie verlangt, Du ſollteſt für das kleine Fräulein irgend eine andre Anordnung treffen, denn das Haus ihrer Tante, der Frau Chrenkreuz, paßt juſt nicht für junge Mädchen.“— „Das iſt allerdings wahr, denn Jedermann ſagt „Hier gibt es kein Aber. Hätte der ſelige Major das Haus ſeiner Verwandten als ein paſſendes Aſyl für die Jugend ſeiner Tochter angeſehen, ſo würde er wohl Dich nicht zum Vormund ernannt haben. Ob⸗ ſchon ein Freund von Jugend auf— trotz dem daß er viel älter iſt— wählte er Dich blos wegen der Red⸗ lichkeit Deiner Grundſätze und der Strenge in Deinen allgemein geprieſenen Tugenden.“ „Ganz ſchön und gut. All' dieſes Vertrauen bringt mich mittlerweile ins Grab... Aber um zur Sache zu kommen, was mag das junge Maͤdchen angeſtellt ——— d ich unte⸗ wie⸗ wohl ahren orden rkung höre Kruſe tulein junge ſagt Najor Aſyl rde er Ob⸗ aß er Red⸗ Deinen bringt Sache geſtellt 45 haben, daß ſie nicht mehr bei der Oberſtin bleiben ſoll, bei dieſer Dame, die in ſo allgemeiner Achtung ſteht?“ „Ehe ich das ſage, will ich mich umſehen... Dein Mobiliar iſt bei weitem nicht ſo, wie Du es ha⸗ ben könnteſt.“ „Mein Mobiliar— wie gehört das hieher?“ „Ich ſage nicht, daß es hieher gehört, ich ſage blos, daß ich an Deiner Stelle, um beſtändig friſche Luft zu haben, die Thüre zu dem Kabinet da offen ſtehen ließe. Du entſchuldigſt doch, daß ich ſie jetzt aufmache... Ach, welch eine bezaubernde Erſcheinung! Gehorſamer Diener, Frau Laura!“ Der Doktor hatte die Gewohnheit, alle jüngern Damen ſeiner Bekanntſchaft mit ihrem Vornamen zu nennen. Als er die umſichtige kleine Schwägerin bemerkte die im Kabinet ſtand und die Muſchelſammlung ihres Schwagers putzte, trat er gleichſam verwundert ein Paar Schritte zurück. „Ich ſtöre vielleicht?“ fragte Frau Laura mit ihrer lieblichſten Stimme und einem ſo anmuthigen Lächeln, daß der Doktor ſeine ganze ſiebenzigjährige Jugendlich⸗ keit aufbieten mußte, um mit der graziöſeſten Miene zu antworten: „Cs iſt nicht ſo ganz ohne, meine liebe Gnädige.“ 6. Fräulein Viola. „Jetzt ſiehſt Du, wozu Dein Mobiliar diente. Laß die Kabinetsthüre da in Zukunft offen. Was braucht ſich dieſes Menſchenkind um die Angelegenheiten Anderer zu bekümmern— ſie bringt es noch bald ſo weit, daß ſie dieſelben für ihre eignen anſieht.“ „Meine Mündel, wenn es Dir beliebt.“ „Ja wohl.. Alſo lautet das Bülletin, das ich von der Oberſtin erhalten habe... ich war vor drei⸗ ßig Jahren ganz vernarrt in ſte, und ſeitdem unterhal⸗ ten wir immer noch eine freundſchaftliche Anhänglichkeit.“ „Darf ich den Brief leſen?“ „Was fällt Dir ein, Du alter verlegener Pedant! Dürfen wir dieſe Indiscretion gegen eine Dame begehen, die uns erſucht hat, ihre Briefe nicht profaniren zu laſſen? Ich will Dir die ganze Geſchichte erzählen.“ „Die ganze Geſchichte— das kleine Fraͤulein geht alſo darauf aus, mir einen unſäglichen Kummer zu machen?“ „Ja, es hat allen Anſchein.“ „Ich höre!“ Der Kriegsrath fank in den Lehnſtuhl zurück, nahm ſeine Schnupftabaksdoſe und begann taktmäͤßig damit zu ſpielen. „Fräulein Viola— erzählt meine Exgeliebte mit dem ganzen tugendhaften Verdruß einer Dame, die glück⸗ licher Weiſe ihre eigene Jugend vergeſſen hat— Fräu⸗ lein Viola iſt die unbedachtſamſte und naſeweiſeſte junge Perſon, welche noch je die Geduld einer Tante oder Lehrerin auf die Probe geſtellt hat.“ -— & 0S S in „Das arme Kind; man hat ihr vermuthlich bei der Erziehung zu viel ihren eigenen Willen gelaſſen.“ „Gerade das behauptet mein alter Schatz. Das Kind hat ſeine Mutter früh verloren und iſt unter dem Schutz eines Vaters aufgewachſen, der es vergötterte, und einiger alten Tanten, die keinen andern Willen hatten, als den der Kleinen.“ „Das iſt betrübt.“ „Sie glaubt auch noch jetzt, daß ſie blos zu wollen brauche, damit alles ſo gehe, wie es ihr einfällt.“ „Gott bewahre mich!“ „Und ſie iſt der Meinung, daß Alles, was ſie ſich in ihr Koͤpfchen geſetzt hat, auch paſſend ſei.“ „Sie hat alſo entſetzlich viele Fehler?“ „Aber auch ihre guten Seiten.“ „Nun wohl.“ „Nichts, heißt es weiter, kann wärmer ſein, als ihr Herz, edler als ihre Gefühle und Inſtinkte; aber dieß verhindert keineswegs, daß beide Theile verkehrt angewandt werden, denn ſie beſitzt nicht das mindeſte Nachdenken.“ „Nein, nein!“ „Der Beweis dafür, fährt meine Freundin fort, deren eigne Worte ich wiedergeben will, liegt darin, daß das kleine Fräulein vor acht Tagen mit der unpaſ⸗ ſendſten Heftigkeit in mein Zimmer hereingeſtürzt kam und allda ihren Entſchluß zu erkennen gab, nicht auf den Offiziersball zu gehen, ſofern ich nicht auch ihre neue Freundin Mamſell Jeanne Sophie S. unter meinen Schutz nehme, wie ihre Stiefmutter mich ſchon vorher gebeten hatte.“ „Nun, das iſt ja weiter nichts,“ fiel der Kriegs⸗ rath ein. „Warte, warte! „Mamſell Jeanne Sophie S. iſt ein ganz leicht⸗ ſinniges, junges Mädchen, das in Folge einiger kleinen, nicht beſonders unſchuldigen Intriguen ſich ſo geſtellt hat, daß keine ihrer Bekannten jetzt mehr Geſellſchaft mit ihr machen will.“ Hier richtete ſich der Kriegsrath mit dem halben Leib im Stuble auf. „Ich hoffe, daß meine Mündel nicht länger die Eigenſinnige ſpielte 2⸗ „Nicht die Eigenſinnige ſpielte? Das ſollſt Du ſo⸗ gleich hören.“ „Und vermuthlich um dieſe Sache zu beweiſen, be⸗ ging der Doktor in der Eile die Indelikateſſe, den Brief ſelbſt hervorzuziehen und die Fortſetzung vorzuleſen.. „Natürlich,“ lautete meine Antwort: „Du gehſt mit auf den Ball, nachdem die Sache einmal beſchloſſen iſt, und da es ſich durchaus nicht ziemt, daß junge Mädchen ſich eigenſinnig zeigen. Was aber Mamſell Jeanne Sophie betrifft, ſo ſei überzeugt, daß ſie, im Fall ſie nicht unter einem andern Schutz als dem meinigen auf den Ball kommt, demſelben nicht anwohnen wird, denn ich bringe vier junge Mädchen mit, die ich nicht bloszuſtellen beabſichtige..“ „Dieß“, fiel Severin ein,„war nicht gerade die mildeſte Zurechtweiſung, die ſie erhalten konnte, viel⸗ leicht auch nicht die klügſte, aber ſie war um ſo be⸗ ſtimmter.“ Der Doktor huſtete und fuhr fort: „Da es nie meine Gewohnheit geweſen iſt, Wider⸗ ſprüche anzuhören, ſo ging ich ſogleich fort und that, als ob ich gar nicht merkte, daß das kleine Fräulein zu ſchluchzen anfing. Als die Ballſtunde herankam, ging ich auf ihr Zimmer hinauf und fand ſie wider Vermuthen ſtrahlend vor Vergnügen. „Ich dachte da: die jungen Kinder können doch nie drei Stunden lang eine Idee feſthalten, und es iſt gut, daß die Kleine ſo leicht von der ihrigen abgekommen iſt. rathe als i gekor deren gehoͤ⸗ ahnte mir als bo ſetzte Taͤub ergrit that Frau betrü denn legen mütht 7 irgend ruhig ſagte Würd zu m 1 1 Bekar klagen thun naͤher ihren 7 Der 49 „Aber, mein theurer Freund, koͤnnen Sie wohl er⸗ rathen, was geſchah?“ „Denken Sie ſich die Erſchütterung meiner Nerven, als ich ſah, daß Mamſell Jeanne Sophie auf den Ball gekommen war unter dem Schutz eiter armen Wittwe, deren Herz zu der einfältigen und beſcheidenen Sorte gehoͤrt, die Niemand einen Dienſt abſchlagen kann. Ich ahnte ſogleich, daß Viola auf die eine oder andere Art mir Verdruß machen würde. „Inzwiſchen bekam ich, da ich ziemlich ſpät eintraf, alsbald zu hören, daß, als Mamſell Jeanne Sophie ſich ſetzte, drei oder vier junge Mädchen wie verſcheuchte Taͤubchen theils wegrückten, theils förmlich die Flucht ergriffen, ſo daß zwiſchen dem armen Kinde— denn es that mir doch ſehr leid um ſie— und der übrigen Frauenzimmergeſellſchaft ein großer Raum entſtand. „Ja, ſie ſaß wirklich ganz allein mit ihrer ebenſo betrübten Beſchützerin. „Ebenſo betrübt iſt jedoch nicht der rechte Ausdruck, denn es lag eher eine ſtolze Verachtung, als eine ver⸗ legene Niedergeſchlagenheit auf dem Geſichte der gede⸗ müthigten Perſon. „Wie geſagt, ich zitterte vor Furcht, Viola möchte irgend einen unpaſſenden Schritt wagen, aber ich be⸗ ruhigte mich ſogleich dadurch, daß ich zu mir ſelbſt ſagte, es ſei unmöglich, daß ſie es wagen könnte, meine Würde zu verletzen, und um dies wirklich unmöglich zu machen, beſchloß ich, ſie vorher zu warnen. „Ich ſagte alſo in entſchiedenem Tone: „Viola, mein Kind, es iſt da einer von Deinen Bekannten etwas Unangenehmes widerfahren. Wir be⸗ klagen ſie, aber da dies das Einzige iſt, was wir thun können, ſo laß Dir nicht einfallen, Dich ihr zu nähern. Schau nicht nach rechts, dann brauchſt Du ihren Augen nicht zu begegnen. „Aber kaum hatte ich dieſe Worte geflüſtert, als Der Vormund. I. 4 Fräulein Viola nicht blos nach rechts ſchaute, ſondern auch— Sie würden es kaum glauben, mein lieber Dok⸗ tor— mit fliegenden Locken gleich einem Sturmwind hinfuhr und ſich iuſt neben dieſes Maädchen ſetzte, das einen Raum vo en Ellen zwiſchen ſich und den übrigen jungen Mädchen hatte.... Bei dieſer Stelle in der Erzählung begann der Kriegsrath unruhig ſich ſelbſt und ſeine Schnupftabaks⸗ doſe zu drehen und zu wenden. „Ja“, fuhr der Doktor zu leſen fort,„ſie ſetzte ſich und begann ſo lebhaft mit Mamſell Jeanne Sophie zu plaudern, daß alle Augen ſich auf ſie wandten, und, wie Sie ſich wohl denken koͤnnen, des Geziſchels war kein Ende. „Ich ſage nichts davon, was ich auszuſtehen hatte, von dem zudringlichen Fragen, ob es mit meiner Er⸗ laubniß geſchehe u. ſ. w., daß Fräulein Viola die Be⸗ ſchützerin ſpiele. „Genug, mein allzeit verehrter Freund, nach eini⸗ gen Stunden ſah ich mich genöͤthigt, mit meiner eigen⸗ willigen Schützlingin den Ball zu verlaſſen. Aber mit dem Augenblick, da ſie meinen Befehl übertreten, hat ſie auch für immer meine Gunſt verſcherzt, und ſehen Sie, das iſt die Urſache dieſes Briefes. „Sprechen Sie jetzt mit dem Kriegsrath. Dieſer ſo vortreffliche und mit Recht ſo allgemein hochgeachtete Mann kann bei ſeinem Alter, in ſeiner Stellung und mit ſeiner Schwägerin im Hauſe ganz gut ſeine Mündel ſelbſt aufnehmen. Denn glauben Sie mir, es thut dem Mädchen Noth, unter die Aufſicht eines rechtſchaffenen, ernſten und in gewiſſen Fällen ſtrengen Mentors zu kommen. „Ich fühle mich geſchmeichelt durch das Vertrauen, welches der Kriegsrath durch Sie, mein edler, ritterli⸗ cher Sachwalter, mir bewieſen hat, und da ich nun⸗ mehr eigentlich blos von Penſionären lebe, die ich in mein Haus aufnehme, ſo hätten wir gegenſeitig Grund ndern Dok⸗ wind das den der baks⸗ ſetzte ophie und, kein gatte, Er⸗ Be⸗ eini⸗ igen⸗ r mit „hat ſehen Dieſer chtete und ündel dem fenen, s zu auen, terli⸗ nun⸗ ch in Brund 51 zur Zufriedenheit haben können. Wir ſtanden in keinen Verpflichtungen gegen einander, denn wenn es der Kriegsrath fürs paſſendſte hielt, die Angelegenheiten ſeiner Mündel in der Entfernung zu verwalten, ſo war auch meine Wohnung vermöge ihrer Nähe bei Viola's früherer Heimath, vielleicht der paſſendſte Platz in der Gegend, und ich hatte nichts dagegen, meine kleinen Einkünfte vermehrt zu ſeben. „Aber wie geſagt, das muß um meinet⸗ und um Viola's ſelbſt willen geändert werden. „Das Maͤdchen hat die beſten Anlagen. Und da ich ſelbſt immer gerecht bin, ſo gebe ich zu, daß ſie manche Verdienſte hat. Aber ihre ungewöhnliche Schöͤn⸗ heit wird bei ihrer Gemüthsart immer eher ein Unglück als ein Glück ſein, und ihr ſchlecht angebrachter Edel⸗ muth— den ich zuweilen Eigenſinn nenne— wird ihr allergrößtes Unglück ſein. „Dieſer Brief gilt alſo— ich muß das förmlich erklären— als eine Aufkündigung der Verbindlichkeit, die ich gegen den Kriegsrath eingegangen hatte’“.. „Nun ſieh da,“ ſagte der Doktor, indem er das Schreiben niederlegte,„da haben wir die Totalſumme.“ „Ach, es iſt entſetzlich unangenehm. Wo ſoll ich jetzt in dieſer Entfernung ein gutes und paſſendes Haus für ſie finden? Es iſt nicht genug, daß ich die Vor⸗ mundſchaft von der halben Stadt haber; ſie kommen mir auch noch aus der Ferne zugelaufen.“ „Bahl der Major war ja Dein alter Freund, und da überdieß ſein eigentliches Beſitzthum in ſeinem Hauſe hier beſtand, ſo war dies ja natürlich.“ „Es mag ſo natürlich ſein als es will, ſo bin ich doch jetzt gänzlich rathlos.“ „Das heißt, Du haſt den feinen Wink des Ober⸗ ſten nicht beachtet.“ „Was für einen Wink?“ „Das Mädchen hieher zu nehmen.“ 8 5„Hieher 2 „Natürlich.“ „Hieher zu mir?“ „Nun ja!“ „Das iſt ja gar nicht denkbar.“ „»Und warum denn nicht, wenn ich fragen darf 2“ „Ei ſo beſinne Dich doch.— Erſtlich vor allen Dingen.. „Erſtlich und vor allen Dingen,“ fiel der Doktor ein,„biſt Du ein Junggeſell, ein alter Junggeſell.“ „Das wiſſen wir wohl.“ „Der für ein ſiebzehnjähriges Mädchen nicht ge⸗ fäͤhrlich wird.“ Der Kriegsrath lächelte matt. „Und der ſie auch ſelbſt nicht anders betrachtet, denn als ſeine Tochter, als ſeine Mündel.“ „Es würde mir ſchwer werden, ſie anders zu be⸗ trachten. Aber mein ſchwacher Geſundheitszuſtand..“ „Larifari!“ Die Neigung meines Gemüths zu ununterbrochener Ruhe legt mir.. „Larifari— Deine Stellung als Freund des jun⸗ gen Mädchens legt Dir die Pflicht auf, ſie anzuhören, wenn ſie etwas vorzutragen hat, und ſie hübſch zurecht⸗ zuweiſen, wenn ſie ſich einfältig beträgt, obſchon ich den Schritt nur billigen und loben kann, wegen deſſen meine alte Flamme ſo entſetzlich Lärm ſchlaͤgt.“ „Die Handlung war edel, aber dennoch tadelns⸗ werth. Die Oberſtin hatte Recht.“ „Nun ſo erziehe Du das gedankenloſe Ding. Sie wird Dir ſchon gehorchen, wenigſtens wenn es ihr ein⸗ ällt.“ 5 „Mit einem ſolchen Gehorſam wäre ich ſchlecht zu⸗ frieden, aber der mißlichſte Punkt, ſelbſt wenn ich mich entſchlöße, iſt der, daß.. daß... meine Lebensbahn vermuthlich ſo kurz ſein wird, daß das arme Mäadchen ſich bald wieder ohne eine Heimath befände.“ Der Doktor that, als ob er die Anſpielung nicht verſtände. „Das Leben des Vormunds wie der Mündel,“ ſagte er,„ſteht in Gottes Hand. Aber wenn das Unglück wollte, daß die kleine Viola ihren Vormund verlöre, ſo wäre ſie dann wenigſtens ſowohl in ihres Vaters als in ihrer eigenen Geburteſtadt, obſchon ſie ſich ihrer wohl kaum mehr erinnern wird, denn ſie war noch ein Kind, als der ſelige Major ſeiner Frau ihren Willen that und aufs Land zog.“ „Wenn ich nur,“ fuhr der Kriegsrath, der ſeinem eigenen Gedankengange folgte, fort,„wenn ich nur vor⸗ her noch einen guten Ausweg für ſie zu finden wüßte.“ „O ein ſolcher wird ſich in einem halben Jahr wohl auffinden loſſen,“ meinte der Doktor, der ſich jetzt gereizt fühlte.„Du haſt ja doch Deinen Tod nicht vor dem Herbſte feſtgeſetzt?“ „Ach berühre dieſen Punkt nicht. Wenn ich je in meinem Leben eine Handlung bereut habe, ſo iſt es die, daß ich mich an einem gewiſſen Abend zwei Freunden anvertraute, welche ich nicht für fähig hielt, eine Schwach⸗ heit ſogar zu verhöhnen.“ Es lag im ganzen Weſen des Kriegsraths, als er dieſe Worte ſprach, eine ſo ruhige und einfache Ueber⸗ legenheit, daß der alte Spaßmacher ſich ſogleich zuſam⸗ mennahm und ſagte: „Genug von dem Vergangenen, Severin! Laß uns die Sache wegen Deiner Mündel jetzt abmachen— Du nimmſt ſie hieher. Auf Ehre, der Umgang mit dem fröh⸗ lichen jungen Kinde wird ebenſo wohlthätig auf Dich ein⸗ wirken, als die Jungen der Frau Laura mit ihrem Lärm und iheem eigenfinnigen Weſen Dir ſchädlich ſind.“ „Oh!“ „Mein Freund, zeige Kraft in dieſem letzten Punkt. Schicke die Jungen mit dem erſten Dampfboot in eine Penſton, laß das Leben und die Anmuth einziehen und Deine Wohnung mit Freude erfüllen.“ 54 „Meine Schwägerin würde weder das eine noch das andere wollen.“ „Darum thuſt Du am beſten, ſie gar nicht um ihren Willen zu fragen. Du unterrichteſt ſie blos von den Veränderungen, welche eintreten werden. Und wünſche ihr noch Glück zu einer liebenswürdigen Geſellſchaft, die ihr eine gute Gelegenheit verſchaffen kann, ſich drau⸗ ßen in der Welt zu zeigen; die böſen Zungen behaup⸗ ten, ſie habe dieſelbe gänzlich verlaſſen, um ſich aus⸗ ſchließlich ihren Pflichten gegen Dich zu widmen.“ „Ich hoffe“— eine leichte Röthe färbte Severins Wange—„daß Niemand 44. 4 „Nein, Gott bewahre! Aber Frau Laura muß ihre Stellung verſtehen, oder beſſer geſagt, ſie muß ſie nicht mißverſtehen.. Und nun da ich Dich nächſtens ſoweit habe, als ich wünſche, ſo möchte ich Dich nicht länger von Deinem Mittageſſen abhalten.— Wir können das Weitere auf den Abend beſprechen.“ „Ich kann in dieſer Beziehung kein beſtimmtes Ver⸗ ſprechen geben...“ „Habe ich denn ein ſolches begehrt? Weißt Du nicht, daß Du Patient biſt und daß Du Dich in Folge deſſen mir verſchrieben haſt? Bedenke, was ich Dir ge⸗ ſagt habe: ich fordere kein Verſprechen, wo ich Gehor⸗ ſam fordern kann.“ „Meine Hand brennt vor Fieber.“ „Und das Fieber kommt von gar zu ſtrenger Ar⸗ beit und Mangel an Luft. Schlag halb ſieben Uhr hole ich Dich ſelbſt ab. Und mein letzter Befehl iſt der: Schlaf heute Mittag im Kabinet und ſteck' Deine Naſe nicht in Deinen Schwitzſalon hinaus. Auf Wiederſehen!“ ——— 7. iſche gaft, Ein zuerkannter Sieg. rau⸗ nup⸗ aus⸗ Beim Mittageſſen hatte Frau Laura's hübſches Geſicht Hoftrauer angelegt, es war gleichſam mit einer rins Wolke von ſchwarzem Flor überzogen, und die Juwelen, welche ſonſt in den Brochen und Ohrringen zu ſitzen ihre pflegten, waren jetzt in die Augen verwieſen, wo ſie nicht ſich ſehr ſchön in einem lichtbraunen Email ſpiegelten, weit während ſie mit unſchuldiger Koketterie am Rand der nger Wimpern hervorſchauten.. das„Fehlt Dir Etwas, meine liebe Laura?“ fragte der zärtliche Schwager, als er erſt beim zweiten Gericht Ver⸗ die ſanfte Melancholie ſeiner Schwägerin wahrnahm. „Herr Jeſus, Herr Jeſus, die Mama weint!“ Du„Warum weinſt Du, Mama?“ olge„Du mußt nicht weinen, Mama.“ ge⸗ So riefen Mama's zwei Liebesgötter einer um den hor⸗ andern, während ſie zu gleicher Zeit mit den Füßen das bereits angefangene Concert unter dem Tiſch fortſetzten. „Still, Jungen!“ ermahnte der Onkel.„Wer jetzt Ar⸗ wieder mit den Abſätzen an den Tiſch ſtößt, der muß hole ihn verlaſſen.“ hlaf„Und bald nachher, arme kleine Geſchöpfe, müßt nicht ihr das Haus verlaſſen, das euch ein Obdach gewährt. en!“ Sehet euch euren theuren zweiten Vater wohl an..„ denn in Kurzem wird er euch verbannen.“ „Bekomme ich kein Hammelfleiſch mehr, Mama?“ begehrte Moje, indem er ſeinen Teller vorſtreckte. „Waxum ſprichſt Du ſo mit den Kindern, Laura?“ „Ich ſpreche aus meinem Herzen, einem vor Gram ſich verzehrenden Herzen, Severin! Ich kann ſagen, daß ich eine Ahnung von Deinen Gedanken gehabt habe. O meine Engel!“ „Spinat, Mama, o viel, viel Eier,“ ſiel Figge ein. „Du haſt Unrecht, Laura, daß Du ihnen dieſen Gegenſtand jetzt vorträgſt. Haben wir nicht Zeit genug, davon zu ſprechen, ohne daß wir einen ganz und gar unpaſſenden Zeitpunkt wählen?“ „Beſter Severin, darf ich nach dem Eſſen mit Dir ſprechen?“ „Du weißt, daß ich zu dieſer Stunde der Ruhe bedarf.“ „Heute Abend alſo, mein geliebter guter Schwager?“ „Heute Abend; Du wirſt ganz verwundert ſein zu hören.... 8 „Was?“ „Daß ich das beſtimmte Verſprechen gegeben habe, einige Stunden bei Lars Moritz zuzubringen.“ „Du 2*⸗ „Ja, ich.“ „Du hinaus in einen ſo kühlen und feuchten Schat⸗ ten, und zwar am Abend, vielleicht ſogar in der Nacht. Selbſt als Scherz iſt dies gar zu ſtark, Severin.“ „Es iſt aber kein Scherz.“ „Aber mein Gott“— Frau Laura ſchlug mit einer einnehmenden Geberde der Verwunderung ihre Hände zuſammen—„ſie haben ſich alſo in den Sinn geſetzt, daß ſie dich.. dich...“ „Vielleicht daß ſie mich im Augenblick ums Leben bringen wollen? Wahrhaftig, meine liebe Schwägerin, Du biſt allzu ängſtlich, wenn es ſich um mich handelt, während Du doch ſonſt ſo muthig biſt.“ Bei dieſen Worten fiel der Juwel, der noch in Frau Laura's Augenwimpern hing, mit dem ausgezeich⸗ neiſten Takt über die Wange hinab. Severin ſah ihn— er mußte ihn wohl ſehen, der arme Menſch, denn in demſelben Augenblick ſeufzte die Krie alte men! bei weg ſinni der abge und ärger Stra junge Frau auch ſo tief, daß man ſchwer zu unterſchei⸗ den hatte, ob dies nicht ein unterdrücktes Schluchzen war. Dieſen unzweideutigen Zeichen außerordentlicher Theilnahme vermochte der Gegenſtand ſo vieler Liebe kaum zu widerſtehen. Sein Muth ſchwand und bei dem Gedanken an all die Oppoſition, die er im Sinn hatte, wurde ihm zu Muth wie einem ängſtlichen Schuljungen. Das Junggeſellenſouper bei dem lebensluſtigen Pfarrer, die Verweiſung der Neffen in eine Penſion und endlich— welcher Muth, nur daran zu denken— der Beſchluß, ein junges Frauenzimmer ohne Erlaubniß der Beherrſcherin des Hauſes bei ſich aufzunehmen. In dieſem Augenblick wurden die Stühle vom Tiſch weggeſchoben. Der Kriegsrath eilte nach dem Kabinet. „Willſt Du nicht in dem Salon ruhen, guter Severin? „Die Luft iſt hier beſſer behauptet der Doctor. „Und Du verweigerſt mir alſo..“ „Was?“ „Die Unterredung, die ich jetzt wünſchte.“ „Iſt es etwas Wichtiges?“ „Etwas ſehr Wichtiges.“ 8 „Es wäre vieheicht noch wichtiger, wenn der Herr Kriegsrath jetzt in Frieden ſchlafen dürfte,“ meinte der alte Nicke, der in dieſem Augenblicke mit einem Blu⸗ mentopf in der Hand ſichtbar wurde.„Der Herr ſchläft bei Nacht ſo wenig.“ „Ja das iſt wahr,“ verſicherte Severin, der keines⸗ wegs ſicher war, ob ſein Haus ſich je für das leicht⸗ ſinnige Fräulein Viola öffnen würde, im Fall der Brief, der dieſe Angelegenheit betrifft, nicht vor dem Geſpräch abgeſandt wurde, das ſeine Schwägerin verlangte. Frau Laura war genöthigt, ihren Plan aufzugeben, und ſich gefallen zu laſſen, daß ſie in den Augen des ärgerlichen alten Graukopfes Nicke einen triumphirenden Strahl ſah. Die Sache war die, daß ſowohl der Kammerdiener als die Herrſcherin trotz aller Vorſicht des Doktors von verſchiedenen Thüren aus das im früheren Kapitel er⸗ wähnte Geſpräch gehört hatten, und daß dieſe beiden Mächte des Hauſes jetzt wie immer gegen einander ſtritten. „Dieſes junge Menſchenkind da,“ ſagte der alte Nicke für ſich ſelbſt,„kommt ganz gelegen, um den Herrn wieder ein wenig aufzumuntern und die Gewalt des andern ein wenig zu knicken. Das war eine ſchöne Idee von dem Doktor. Frau Laura ſagte in ihrem Gemüth gleichfalls in Bezug auf den Doktor: „Dieſer elnde alte Charlatan bringt mich noch ins Grab mit ſeinen Projekten... Hat man je ſo etwas gehört! Ein ſchnippiſches junges Mädchen, ein unbe⸗ dachtſames wahrſcheinlich kokettes Weſen hierher ſchaffen zu wollen, das vielleicht ſeinem Vormunde noch Schlin⸗ gen legt! Aber paßt wohl auf, meine Herrn Rath⸗ geber— hier geſchieht nichts, ohne daß man mich vorher gefragt hat.“ Nach dieſer Verſicherung begann ſie das Spiel, das unglücklicherweiſe ſchon im Anfang unterbrochen wurde. Aber Frau Laura war eine Perſon, die nicht ſo leicht nachgab. Sie hatte ihren Plan fertig, und da ſie ſeine Un⸗ fehlbarkeit bedachte, ſo gab ſie dem alten Nicke ſein verächtliches Geblinzel mit Prozent zurück und ließ ihren Schwager ungeſtört im Kabinet ſchlafen. Als der Kriegsrath ganz erfriſcht beim Kaffee wie⸗ der erſchien, hatte ſie den Muth, ſelbſt die Erſte zu ſein, die von dem kleinen Feſte bei dem Pfarrer ſprach. Aber ſte vermochte nicht blos das, ſie zog auch un⸗ gebeten verſchiedene Artikel hervor, die zur Abendtoilette gehörten, und legte mit eigener Hand die Krauſe— ihren Stolz— auf ihres Schwagers Bruſt zurecht; wäͤhr Mien zu g Dokt hatte kokett unau ihres den gefüll mode gema der hi — betrie 6 ſchlag einer Schw ſchlan demje ſie ni herein fuhr iener von er⸗ eiden ander alte den walt höne ls in ) ins twas unbe⸗ haffen chlin⸗ Kath⸗ mich Spiel, ochen ht ſo Un⸗ ſein ihren während dieſer ganzen Zeit behielt ſie gleichwohl die Miene eines Märtyrers bei. 4 Severin wagte es nicht, ſie zu tröſten: er wußte nur zu gut, was da kommen würde. Vier Stunden waren verfloſſen, ſeit der jungalte Dattor gekommen war und den Patienten abgeholt atte. Frau Laura, die ein weites weißes Kleid und das koketteſte Jäckchen von demſelben Zeuge trug, ſchwebte unaufhörlich zwiſchen dem Salon und dem Privatzimmer ihres Schwagers hin und her. Am letzteren Ort war ſie eifrig damit beſchäftigt, den Inhalt eines großen mit allen Arten von Leinwand gefüllten Schrankes herauszunehmen, und in die Com⸗ modelade ihres Schwagers zu tragen. Sie hatte ungefähr zum viertenmal dieſen Gang gemacht, als die Thüre der Hausflur knarrte. Aber diejenige, die ſich jetzt ſtellte, als ob ſie we⸗ der hoͤre noch ſehe, war Frau Laura. Man hätte ſehen müſſen, wie eifrig ſie das Ding betrieb. Die weißen Arme, die ſelbſt neben den aufge⸗ ſchlagenen Jackenärmeln noch weiß erſchienen, waren in einer beſtändig ſchwingenden Bewegung, und bei jeder Schwingung zeigte ihr geſchmeidiger Wuchs und ihr, ſchlanke Taille immer ſchönere Stellungen, nota bene demjenigen, der ſie ſah. Sie hatte es ſo eilig, das arme Kind, ſo eilig, daß ſie nicht einmal bemerkte, daß Jemand ins Zimmer herein kam, bis ſie auf friſcher That ertappt zuſammen⸗ fuhr bei den Worten: 60 „Was in aller Welt machſt Du da, meine beſte Laura?“ Es wäre nicht unintereſſant geweſen, zuzuſehen, wie meiſterhaft Frau Laura jetzt ſpielte, wie unſchuldig er⸗ ſchrocken ſie jetzt daſtand, als ſie mit einem Pack Nas⸗ tücher in der einen Hand und einem Bund Hemdkragen in der andern überraſcht wurde. „O Gott, iſt es ſchon ſo ſpät— ich erwartete Dich noch nicht. ich... ich.... war ſo be⸗ ſchaͤftigt.“ 4 „Warum das? was gibts?“ „Laß uns ſpäter davon reden, mein guter Severin! es iſt mir jetzt viel wichtiger zu hören, wie Du Dich befunden haſt, mein Freund.“ „Ja, ich wundere mich ſelbſt, daß ich ſo lange fort⸗ bleiben konnte: auf Ehre, ich habe vier Glaäſer Punſch getrunken, und doch habe ich kein ſtärkeres Fieber, als gewöhnlich, ja kaum dieſes.“ „Punſch, ſagſt Du, Punſch?⸗ „Ja, und ich ſage noch überdies, daß ich ein ganz gründliches Souper eingenommen habez die Geſellſchaft war munter, das machte mich aufs Neue jung, kurz die ganze Veranſtaltung war ein Leckerbiſſen aus alter Zeit, und darum bekam ich Appetit und gute Laune.“ „Ach wie dieſe Schilderung mich glücklich macht! Deine Augen haben auch wirklich einen Glanz, der von einem geſunden Gemüth zeugt.“ „Alſo, liebe Laura, tadelſt Du den Doktor und Lars Moritz nicht mehr wegen ihrem Eigenſinn?“ „Ich? nein, nein, wahrlich nicht, ich hatte wahr⸗ lich Unrecht.“ „Das hatteſt Du, mein Kind; deine blinde Erge⸗ benheit geht ſo weit, daß Du mich verhätſchelteſt. So zum Exempel ſind meine Zimmer ſo ſtark geheizt, daß .„ daß.. „Daß was?“ „Daß wir ſogleich die Klappe aufmachen müſſen. „ Sever und. daß ei kleiner beſte n, wie dig er⸗ Nas⸗ kragen vartete ſo be⸗ everin! u Dich ge fort⸗ Punſch r, als n ganz llſchaft urz die er Zeit, macht! der von or und wahr⸗ Erge⸗ t. So t, daß müſſen. Ich habe jetzt die Luft draußen eingeathmet, und glaube, daß dieſe da innen nicht mehr für meine Lunge paſſen wird.“ „Nun wie gut das alles ſich zuſammenſchickt! Ich bin entzückt— Du wirſt meiner nicht mehr bedürfen.“ „Deiner nicht mehr bedürfen— o immer!“ „O nein, nein, guter Schwager, Du vergiſſeſt mich bald; und wenn ich nicht mehr hier bin, ſo wird es wahrlich nicht mehr geſchehen, daß zu viel geheizt wird, oder daß man Dich in Deinen Ruheſtunden mit all den Bequemlichkeiten beläſtigt, die ich an Dich verſchwen⸗ det habe.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Du fragteſt mich, was ich vorhabe. „Das frage ich auch jetzt noch.“ „Nun wohl, ich... aber laß uns Platz nehmen, Severin! Laß mich Deine Hand ergreifen, und. und... verzeih', wenn ich es nicht verhindern kann, daß eine Thräne auf ſie hinabfällt.“ Es war nicht eine Thräne, es war ein ganzer kleiner Thauregen. „Liebes, liebſtes Kind, nie habe ich Dich ſo geſehen, wie heute Abend.“ „Wie ſollteſt Du es auch?— ich verlaſſe Dich in einigen Tagen, verlaſſe Dich auf immer.“ Severin machte eine Geberde, die ſeine Verwun⸗ derung ausdrückte. „Ich war beſchäftigt, Deine Leinwand zuſammenzu⸗ rechnen, da innen alles bei Dir ſelbſt zu ordnen, weil meine Beſchäftigung damit— wie— wie— mit vielem anderm— hier im Hauſe— ein Ende haben muß.“— Es iſt vergebens zu beſchreiben, welche Anſtrengung es dieſe liebe Frau Laura koſtete, zur Hauptſache zu gelangen, und jetzt, da ſie dieſen Punkt erreicht hatte, beſaß ſte beinahe keine Stimme mehr. Was Wunder alſo, daß ihr Athem keuchte, und daß das hübſche Nachthäubchen mit den kirſchrothen Bändern an Severins Schultern, d. h. an ſeinem blauen Frack ausruhen mußte! Wir wiſſen nicht genau, war es der Punſch des Pfarrers, war es der Nachklang der Quartette, oder der Anblick dieſer kirſchrothen Farbe, die ſich mit der blauen paarte; aber irgend etwas war es, was Severin Herzklopfen verurſachte. Er ſtreckte ſeine Arme um den Leib ſeiner Schwä⸗ erin, ohne Zweifel, um ſie gegen böſe Eingebungen zu ſchützen; ja er war ein ſo zärtlicher Schwager, daß er beinahe ihre Thränen weggeküßt hätte— aber ſo weit kam es dennoch nicht. Die Ungeduldige ſchlug zu früͤh ihre Augen auf. Severin erröthete, wie ein junges Mädchen, und zit⸗ terte über ſeine erſte menſchliche Regung, wie ein Dieb, der bei ſeinem erſten Diebſtahl auf friſcher That er⸗ tappt wird. Sein Arm ſiel herab— und ſo war an eine Scene von dieſer Art nicht weiter zu denken. „Wie denn, meine gute Laura, Du könnteſt einen Bruder, einen Freund, dem Du ſo theuer geworden biſt, verlaſſen wollen? Das kann doch wohl nicht Deine Abſicht ſein.“ Frau Laura vermochte kaum zu antworten. Sie war ſehr, ſehr verdrießlich, ſowohl über ſich ſelbſt, als über ihren Schwager. Hatte ſie doch auf dem Sprunge geſtanden, Frau Kriegsraͤthin zu werden. Aber das Schickſal, das Schickſal, das dumme Schickſal! „Severin,“ hieß es jetzt in einem kalten, halb beißenden Ton.„Du bedarfſt meiner nicht und ich will nicht überflüſſig ſein.“ „Kindereien, meine Freundin! im Gegentheil warſt 14 Du mir nie weniger überflüſſig! „Ach ja, vielleicht auf eine gewiſſe Art. Aber der Doktor, der Pfarrer, ſogar dieſer alte Perückenſtock da ſind gegen mich.“ Dich nen gelie den, Kind dabe berei nung mich eine weiß den S ſen i 2 der 4 Tone fand. entſch muth derter fall 2 ,7 ein jt ich, d othen lauen h des oder it der everin chwä⸗ ungen daß er ) weit auf. nd zit⸗ Dieb, hat er⸗ Scene teinen worden Deine 1. Sie bſt, als prunge her das „ halb ich will il warſt lber der ſtock da „Ich aber bin nicht gegen Dich.“ „Habe ich denn auch nur noch ein Bischen Einfluß auf ich?— Nein, nicht den geringſten.“ „Verſuche es einmal!“ „Ja, ich will's verſuchen... Du gehſt mit Plä⸗ nen um, meine Kinder fortzuſchaffen, und wenn dieſe geliebten Schätze meines Herzens von mir geriſſen wer⸗ den, ſo werde ich wie Niobe in Stein verwandelt. Die Kinder ſind mein Leben, denn ſie allein lieben mich.“ „Du mußt Dich troͤſten laſſen— ich bezwecke ja dabei nur das Beſte der Jungen.“ „Mein Gott, es iſt alſo wahr, daß Du die Sache bereits beſchloſſen haſt?“ „Meine liebe, gute Schwägerin, ich bitte Dich...“ „O welche Tyrannei! War es nicht eine Art Ah⸗ nung, daß ich meine Kleinigkeiten zuſammenpackte und mich erinnerte, daß ich in meinem Heimathsorte noch eine kleine Hütte beſitze?“ „Du mußt Dich nicht ſo geberden, Laura. Du weißt, daß ich Alles thue, was Du willſt, aber mit den Jungen bleibt es, wie ich beſchloſſen habe; ſte müſ⸗ ſen in eine Penſion.“ Dieß wurde mit einer Beſtimmtheit geſagt, wie ſie der Kriegsrath zuweilen, obwohl nur ſelten, zeigte. Frau Laura wußte auch, daß von einem in dieſem Tane ausgeſprochenen Urtheil keine Appellation ſtatt⸗ and.— „Gut, gut! ich ahne, warum die Sache ſo ſchnell entſchieden worden iſt: die Haushaltung bekommt ver⸗ muthlich einen anderen Zuwachs?“ Severin ſah ſeine Schwägerin mit einem verwun⸗ derten Blicke an. „Nun ja, ich verſchmähe es, zu lügen. Der Zu⸗ fall fügte es, daß ich den Vorſchlag des Doktors hörte.“ „Aber ſiehſt Du, mein Freund Severin, wenn noch ein junges Frauenzimmer in's Haus kommt, ſo ſchwöre ich, daß ich ziehe.“ 64 „Laura, Laura!“ 1 „Ich weiß, daß dieſer Ton Dich in Staunen und Zorn verſetzt, aber ich liebe Dich mit der Liebe von tauſend zärtlichen Schweſtern, und ich ſchwöre noch einmal, daß ich auf's Entſchiedenſte fortziehe, wenn Du mir die Stelle einer Duenna für Deine Mündel auf⸗ nöthigen willſt.“ Severin begann zu ſchwitzen. „Verſprichſt Du alſo, dem Doktor zu ſagen, daß Du Dich beſonnen habeſt, und daß das unbedachtſame Fräulein ſein könne, wo es wolle, nur nicht hier?“ „Ich kann das nicht verſprechen, Laura. Erſtlich vor allen Dingen, weil..“ „Weil?“ „Weil ich ihr Vormund bin, dem es doch zukommt, ſie zu ſich zu nehmen.“ „Haben alle Vormünder aus dieſem Grunde ihre Mündel bei ſich zu Hauſe?“ „Und dann, weil,“ fuhr der Kriegsrath, ohne auf dieſe Einwendung zu achten, fort,„weil... weil ℳ „Nun was denn?“ „Weil ſich an dieſer Angelegenheit nichts mehr ändern läßt.“ „Sollteſt Du bereits..“ Frau Laura wurde ganz karmeſinroth. „Beruhige Dich, mein Kind! ich habe wirklich heute Abend bei Lars Moritz geſchrieben und den Brief dem Doktor übergeben, der ihn dem ſeinigen beilegt.“ „Theurer, theurer Severin, noch iſt es nicht zu ſpät, noch iſt der Brief nicht abgegangen— Du läßt ihn doch mir zu Liebe zurückholen 2 Frau Laura's Hände ſtreichelten wieder den blauen Frack. Man konnte meinen, die ſubtilen Tätzchen des allerniedlichſten ſilberweißen Kätzchens zu ſehen. Aber Severin wand ſich ein wenig zurück und ſagte langſam: 65 „Was Du begehrſt, iſt unmoͤglich: es iſt unwider⸗ ruflich beſchloſſen.“ „Daß Fräulein Holſt hieher kommt?“ „Daß ſie hieher kommt!“ „Nun, ſo leb' wohl!“ rief die junge Frau mit den Händen vor dem Geſicht.„Gewiß kommt der Tag, wo Du es bereuen, wo Du allein und verlaſſen dafitzen wirſt. Ich bin nicht eigennützig geweſen, ich habe mich aufgeopfert.“ Und ſie ſtürzte hinaus, im Augenblick feſt entſchloſ⸗ ſen, ihren Auszug in's Werk zu ſetzen. Der Kriegsrath blieb zuruͤck, beinahe unbeweglich vor Verwunderung über dieſe neue Art, wie ſeine Schwägerin ſich heute Abend gezeigt hatte. „Arme Laura,“ murmelte er,„das hat ſie ſehr angegriffen... Die Trennung von ihr würde auch mich viel koſten.. Aber was iſt dem alten Nicke heut Abend, daß er gar nicht zum Vorſchein kommt?“ Und es wam etwas ſo merkwürdiges, daß Nicke bei der Heimkehr des Herrn ſich nicht zugegen befand, daß der Kriegsrath trotz der Gemüthsbewegung, die ſeine Schwägerin ihm verurſacht hatte, ſogleich fortging, um amfber Thüre des alten getreuen Dieners zu lauſchen. Aber ehe er ſich ihr nahte, hörte er einen entſetz⸗ lichen Lärm. „Was iſt's mit Dir, Nicke?“ fragte der Herr. „Ewiger Gott! es iſt der Kriegsrath ſelbſt... ſehen Sie da, wie man mich behandelt hat. Die ver⸗ dammte kleine Hexe hat mich eingeſchloſſen, der Riegel iſt von außen vorgeſchoben.“ Frau Laura, die ungeſtört ihre große Scene zu Ende ſpielen wollte, hatte keinen andern Rath gewußt, um den Alten los zu werden. Aber— o Unglück über Unglück— es waren viel⸗ leicht juſt Nickes ſchöne Segnungen, welche den ſchlech⸗ ten Erfolg herbeigeführt hatten: ſtatt des erwarteten Der Vormund. I. 5 66 Prſinnphe⸗ hatte ſie eine entſetzliche Niederlage er⸗ itten. Und fliehen ſollte ſie, das ſtand außer Frage. Der Kriegsrath hoͤrte, wie die Koffer lange hin und her gerollt wurden.......... * 4*. 2 Aber guter Rath kommt über Nacht. Als Frau Laura einmal wohl eingeſchlafen war, ſah ſie ſich im Traume arm und verlaſſen in ihrer nackten Hütte. Sie ſah die Freunde das Erbe unter ſich theilen; ja ſie hatte einen noch ſchlimmeren Anblick, eine noch ſchlimmere Erſcheinung— denn der magiſche Traum zeigte ihr— verſteht ſich im Abſtand— ein Paar Stühle und hinter ihnen das Antlitz ihres ge⸗ liebten Schwagers, und leider war er nicht allein, der andere Stuhl ſollte ja auch ſein Opfer haben. „Nein,“ rief Frau Laura erwachend,„das iſt mein Tod! Was mir nicht zu gut gekommen iſt, das ſoll auth keiner Andern zu gut kommen. Ich muß hier eiben. Als der Morgen kam, huſtete der Kriegsrath vor Unruhe. Er glaubte, es würde eine neue Scene geben. Aber weit gefehlt! Miild, wie eine Lerche, wie ein Sonnenſtrahl be⸗ wegte ſich Frau Laura im Hauſe umher, ohne ſich auch nur das Geringſte anmerken zu laſſen, was am Abend zuvor geſchehen war. Und Gott weiß, daß Severin ſehr froh war, nicht daran erinnert zu werden. Aber der alte Nicke war nicht ſo friedliebend. ſich ten, wolle dieſel riß il nen nicht, deuti Bode Grab daß war, zuglei Er ließ da und dort ein Wort fallen, während er ſich ſein Frühſtück zu Gemüthe führte. Seine Anſpielungen galten beſonders gewiſſen Leu⸗ ten, die damit prahlten, eine gute Stelle aufgeben zu wollen, die aber deß ohngeachtet ſo ſeelenvergnügt ſeien, dieſelbe behalten zu dürfen. Frau Laura ſchwieg ſo lange ſie konnte; endlich riß ihr die Geduld. „Garſtiger, alter Währwolf, was will er mit ſei⸗ nen einfältigen dummen Anſpielungen?— Weiß er nicht, daß ich hier zu befehlen habe?“ „Ja ſoviell ſagte Nicke und machte eine zwei⸗ deutige oder vielmehr unzweideutige Geberde. 2 Frau Laura ſtampfte mit ihren Füßchen auf den oden. „Ich wollte, ſeine grauen Haare lägen bereits im Grabe.“ „Ich ſpreche jetzt nicht von denen: ich ſage blos, daß die ſelige Olena eine beſſere Haushälterin hier war, als gewiſſe Perſonen. Sie hatte Verſtand und zugleich ein gutes Herz, und ihr gehorchte ich.“ Zweite Abtheilung. Welcher von Beiden gehört der Liebhaber? Wahrlich meine Schuld iſt's nicht, Ich kann nicht anders handeln. Leb wohl! Beſuch mich heute nicht, Muß einſam beten, weinen, denken. Stagnelius. 8. Unfre Heldin. Schwer und dick, als wäre er mit Grauwerk überzo⸗ gen, ruhte der Himmel über dem zweiundzwanzigſten April. Gleichwohl war der 22. April ein Feſttag und man konnte es für unverzeihlich anſehen, daß er ſich an die⸗ ſem nicht klar zeigte Wenn er alle Pracht Indiens an Farbenton und Lieblichkeit geborgt hätte, ſo wäre es nicht zu viel ge⸗ weſen, denn der 22. April war Violas Geburtstag. Und Viola ſelbſt war eine kleine Prachtausgabe nordiſcher Jungfrauen, aber eine nordiſche Jungfrau mit der Schönheit eines indiſchen Sommermorgens. Was konnte wohl ſchöner ſein, als die lebhafte, glänzende Farbe ihrer Augen, als dieſes in Hyacinthen⸗ blau und Violett wechſelnde Strahlennetz, worin die Thränen ſich kaum zeigen konnten, als auch die Sonne ſie ſchon wegküßte. Und was konnte harmoniſcher erſcheinen als das Ganze in dieſem Weſen? Das Haar hell, golden und weich, wallte auf eine von Jugendwärme gepurpurte Wange hinab, während die Stirne weiß wie der reinſte Marmor, der Sitz vom Gedanken zu ſein ſchien, keuſch und ſchamhaft wie die einer jungen Prieſterin. Aber auf dem Mund, dem roſen⸗ kolzen, ſpielte ein Lächeln voll von ſchalkhafter Froͤh⸗ ichkeit. 72² Ihr Wuchs— einer jungen ſchlanken Palme ver⸗ pleichbar— war noch eine Knospe, aber er verſprach es.— Und Viola iſt mit ſiebzehn Jahren vater⸗ und mutterlos, der Obhut einer Perſon überlaſſen, welche ſie nicht verſteht. Doch iſt ſie ſo leicht zu verſtehen, wenn man appel⸗ lirt an den unbegrenzten Edelmuth, der den vornehmſten Reichthum ihrer Seele ausmacht, vielleicht aber auch das Unglück ihres Lebens bilden wird; denn Viola er⸗ wägt niemals, was eine Sache koſtet. Sie verſchwendet ihre Schätze und läßt Andere verſchwenderiſch damit umgehen, denn ſie glaubt, daß die Menſchen ihre Güte nicht mißbrauchen könnten. Und wenn ſie auch das Gegentheil glaubte, ſo würde ſie ſich doch verpflichtet fühlen, ſie durch keinen Argwohn zu verletzen, es könnte ja doch ein Irrthum ein.— 1 Arme Viola, die Du mit dieſen ſchönen Vorſpie⸗ gelungen in die Welt hinaustrittſt. Glückliche Viola, die Du dieſelbe beibehalten kannſt, ſelbſt nach dem die Welt- die eine ſolche Einfalt nicht verzeiht— Dir den genügenden Gegenbeweis geliefert hat, wenn Du daran hätteſt glauben wollen. Zwei fromme Engel hatten Viola erzogen, aber dieſe Engel, die in ihrer irdiſchen Zeit zwei gebrechliche Hütten bewohnten, waren bereits zum Himmel zurück⸗ gekehrt. Und an dem Tag, da das junge Mäͤdchen die letzte ihrer liebreichen Pflegerinnen verlor, da glaubte ſie, auch ſie müſſe jetzt ſterben, denn kurz zuvor war ihr Herz durch den bitterſten Verluſt, den des Vaters, ge⸗ prüft worden. Einige Zeit nachher kam ſie zu der Oberſtin Kruſe. Violas Vater, Major Holſt, hatte, wie man weiß, in derſelben Stadt gewohnt wie der Kriegsrath. Sie waren Schulkameraden geweſen, obſchon ein Altersun⸗ ver⸗ prach und he ſie ppel⸗ mſten auch a er⸗ ndere ß die , ſo einen thum rſpie⸗ annſt, nicht iefert aber hliche rrück⸗ letzte ſie, r ihr „ge⸗ truſe. weiß, Sie sun⸗ terſchied von ſteben oder acht Jahren ſie trennte, der Major konnte ſich nicht wohl einen beſſeren Vormund für ſeine Tochter denken, als juſt dieſen Freund, deſſen Tugenden und Rechtſchaffenheik ſo allgemein geprieſen wurden. Major Holſt hatte noch zwei beſondere Gründe für ſeine Wahl:. Der eine beſtand in der Hoffnung, daß Violas von Natur unbedachtſame Gemüthsart und ihr in gewiſſen Fällen bald weicher, bald ſelbſtſtändiger Charakter einen liebevollen Führer finden möchte; der andere war der Umſtand, daß ihr weſentliches väterliches Erbe ſich in ſeiner(des Vaters) Geburtsſtadt befand. Aber jetzt fügte es ſich, daß Viola im ganzen er⸗ ſten Jahr und noch länger nicht unter die ſpecielle Ob⸗ hut ihres Vormundes kam. Der Kriegsrath Wendelsköld, der mit Geſchäften überhäuft war, die ſeine ganze Zeit in Anſpruch nah⸗ men, war ſeelenvergnügt darüber, ſeine Mündel auf den Vorſchlag ſeines Freundes des Doktors, im Hauſe der Oberſtin unterbringen zu können, und die betreffende Uebereinkunft war durch eine Correſpondenz, theils mit der Oberſtin, theils mit dem Pfarrer der Gemeinde, in welcher Violas Eltern zuletzt gewohnt hatten, zu Stande gekommen. Gleichwohl geſchah dies nicht, ohne daß der Vor⸗ mund mehrmal kleine Gewiſſensſcrupel darüber hatte, daß er keine perſönliche Notiz von ſeiner Mündel ge⸗ nommen. Vielleicht wäre ſein Rath und ſeine Vorſorge nö⸗ thig geweſen. Aber da kamen tauſend Hinderniſſe und eine gewiſſe widerwärtige Schüchternheit dazwiſchen. Was konnte er, ein alter Junggeſelle, für die mo⸗ raliſche Erziehung des jungen Mädchens thun,— ſie war ja in den beſten Händen... Aber man weiß, bis zu welchem Punkte ſie jetzt gediehen war. — Die Oberſtin wollte die Mündel zurückſchicken, und vermuthlich waren es die kleinen Gewiſſensqualen, welche das Wunderwerk zu de brachten, daß Severin ſo bald auf das mißliche Experiment einging, ein ſiebzehn⸗ jähriges Mädchen in ſein Haus zu nehmen, das ſchon vorher von einem Weibe beherrſcht wurde. ——O In zwei kleinen, ſpäter noch dazu gebauten Giebel⸗ zimmern wohnte Viola in der Oberſtin Hauſe. Früher hatte ſie auf einem hübſchen kleinen Land⸗ gute gewohnt. Sie glaubte deßhalb auch kaum athmen zu können, als ſie in dieſe Stadt kam, wo ſich in der ganzen Straße nicht ein einziges Stückchen Garten vorfand. Es iſt ungefähr 11 Uhr Vormittags. Viola, die voll Ungeduld auf den Tag gewartet, hat mit einer gewiſſen koketten Sorgfalt ihre Morgen⸗ toilette gemacht. Und in ihrem hellblauen Neſſeltuchkleid— ſie hatte neuerdings die Trauerkleider abgelegt—, mit ihrem bordirten, weißen Mouſſelinſchürzchen und ihrem auf die Stirne hinab glattgekämmten ſchoönen Haar, das eine dunkelrothe Bandroſe ſchmückt, ſieht ſie höchſt bezaubernd aus, während ſie auf und ab geht und ihr Köpfchen bald in die linke bald in die rechte ihrer kleinen Hände legt. Inzwiſchen lauſcht ſie eifrig vor der Thüre. Eine helle Röthe verbreitet ſich über ihre Wangen. Sie fährt zuſammen wie ein Kind, das den Augenblick einer großen Ueberraſchung erwartet und jede Sekunde meint, es knarre etwas am Schloſſe. und eelche in ſo gehn⸗ ſchon ebel⸗ land⸗ hmen n der arten artet, rgen⸗ hatte hrem if die eine dernd ſchen einen gen. blick unde Auch war es eine große Ueberraſchung, was Viola mit dem Vergnügen eines Kindes erwartete. War ja doch heute ihr Geburtstag, und an dieſem war ſie, ſo weit ſie zurückdenken konnte, noch immer überraſcht worden. Es fiel unſrer armen kleinen Heldin nicht ein, zu glauben, daß die Oberſtin vielleicht nicht einmal darauf ge⸗ achtet habe, welcher Tag ihr Geburtstag ſei. Konnte ſie ſich wohl vorſtellen, daß man einen Geburtstag er⸗ lebe ohne Ueberraſchung, Blumen, Liebkoſungen und innige Glückwünſche? Nein— an all' das war ſie ſo gewöhnt, daß ſie ſich blos darüber wunderte, was ihre Tante, die Oberſtin, jetzt erſonnen haben möge. Sollte dieſes Feſt demjenigen gleichen, das ihre Tanten ihr jährlich mit dem köſtlichſten Kaffee am Mor⸗ gen, mit kleinen Geſchenken und einem Tänzchen am Abend bereiteten? Oder ſollte es noch ſtattlicher werden, mit lebenden Bildern, einer Maskerade und dergleichen Wahrſcheinlich das Letztere, weil es ſo lange an⸗ ſtand, bis die Botſchaft kam. Aber was es auch ſein mochte, nie konnte es doch dasjenige ſein, was es in dieſer köſtlichen, fröhlichen Zeit geweſen. Und ſo waren alle Gedanken Violas— als die Neugierde ihr ein wenig Ruhe ließ— mit der Vergangenheit beſchäftigt. Sie hatte heute bereits zwei Kapitel in der ererb⸗ ten Familienbibel geleſen, ihre geliebten Kanarienvögel gefüttert, einige bittere Thränen über ihre Einſamkeit geweint und ſodann wieder fröhlich ihrem Spiegelbild zugenickt. Aber alles dieſes füllte dennoch die Zeit nicht aus. „Vielleicht,“ ſagte ſie endlich zu ſich ſelbſt,„iſt es Sitte in der Oberſtin Haus, daß man auch an den Geburtstagen hinabgeht, ohne eine beſondere Auffor⸗ 76 derung zu erhalten, wie wenn gar nichts um den Weg wäre. „Ja ganz ſicher,“ fügte ſie hinzu,„muß es ſo ſein — es iſt ja ganz einfach. Daß ich nicht ſchon früher auf dieſe Jedee gekommen bin!“ Und jetzt eilte ſie, überzeugt, die Auflöſung des Räthſels gefunden zu haben, blitzſchnell auf den Gang hinaus und die Treppen hinab. Aber als ſie an den Saal kam, wo das Frühſtück gewöhnlich aufgetragen wurde, und wo die Oberſtin nebſt einigen alten einakkordirten vornehmen Wittwen und einem alten Fraulein langweilig und ſteif eine Stunde um den Kaffeetiſch zu ſitzen pflegte, da blieb ſie ſtehen und lauſchte an der Thüre. „Wenn nicht alles fertig wäre!“ O doch— ſonſt hätte gewiß Jemand auf der Wache geſtanden und ihr den Eingang verwehrt. Und jetzt öffnete ſie die Thüre, erſt blos ein wenig, ſodann ganz. Sie war ſchon im Begriff, mit offenen Armen auf die Oberſtin zuzuſpringen und ihr zu danken, als— nein, das war gewiß ein Irrthum— ihre Augen einem höchſt alltäglichen Kaffeetiſch begegneten. Und dieſer Kaffeetiſch war nicht blos nicht mit Blumen geſchmückt, ſondern er präſentirte ſich auch mit einem unſauberen Tuche, ungeſpielten Taſſen, einer zerbrochenen Zuckerbüchſe, kaum drei oder vier Brödchen im Korbe, davon nichts zuſagen, daß das Brod ſowohl als die Butter ausſahen, wie wenn eben die Hühner mit Schnabel und Klauen Ihnen Beſuch gemacht hätten. Kurz und gut, es war ein verlaſſener Frühſtücks⸗ tiſch mit einigen Tropfen kalten Kaffees in der Kanne; ſo wie Viola es vorzufinden pflegte, wenn ſte ſich ver⸗ ſchlafen hatte. Die Oberſtin machte nicht viel Umſtände und ließ ſich auf nichts anders ein, als was die Hausordnung 77 mit ſich führte: wer zu ſpaͤt kam, mußte ſich mit dem begnügen, was ſich noch vorfand. Es iſt unmöglich, die kindliche Verwunderung und den tiefen Schmerz zu beſchreiben, den dieſe betrogene Hoffnung auf Violas ſchoͤnes Geſicht malte. Sie ver⸗ mochte kaum die Thränen zurückzuhalten. Es war der erſte ihrer Geburtstage, der nicht ge⸗ feiert wurde, der erſte, den ſie unter vollkommen frem⸗ den Leuten zubrachte, der erſte Tag, an welchem ſie fühlte, daß die Welt kalt ſei und die Menſchen darin noch kälter. Und ihr Herz, das überquoll von Wärme, von einem innigen Bedürfniß, ſich an irgend ein Weſen anzuſchließen, und das jetzt kein anderes Herz fand, und ..oh es war ein hartes, ein ſehr hartes Schickſal. Aber plötzlich wurde ſie von einem Gedanken be⸗ lebt, der die Roſen auf ihren Wangen wleder glühen machte. Mit einem bezaubernden Lächeln legte ſie den Fin⸗ ger auf die Lippen.— „Wenn das Alles blos ein feines Spiel wäre? Man hätte jetzt ſehen müſſen, wie ſie mit der Leich⸗ tigkeit einer Gazelle nach der verſchloſſenen Salonthür eilte... Welche Geſchmeidigkeit in ihren Bewegun⸗ denf uwihrend ſie ſich vorſtreckte und am Schlüſſelloch auſchte Aber unglücklicher Weiſe mußte ſie nochmals ihre Täuſchung einſehen. 13 Im Salon ſaß die Oberſtin ganz ruhig bei ihrer Arbeit, dem ewigen Divanteppich, an welchem ſie wirkte, und die drei übrigen Damen ſaßen mit ihren Stickereien jede in ihrem Lehnſtuhl. Alles verkündete einen vollſtändigen Werktag, und ſelbſt nicht einmal der einfachſte Blumentopf erinnerte an Violas Geburtsfeſt. 9. Bei der Oberſtin. Brief vom Vormund. „Guten Morgen, meine liebe Freundin,“ ſagte die Oberſtin mit ihrer ruhigen eintönigen Stimme.„Warum ſiehſt Du Dich ſo verwundert um— erwarteſt Du je⸗ mand?“ „Nein,“ antwortete Viola und verſchluckte die Thräne, die ſich in ihr Auge drängen wollte.„Was hätte ich zu erwarten ein Recht? Nichts!“ „Um die Wahrheit zu ſagen,“ verſetzte die Oberſtin — ein langes dürres Frauenzimmer, deren reſpektable Haltung und vollendete Sicherheit eine Perſon verkün⸗ dete, die an die Ehre gewöhnt war, zuerſt durch die Thüren zu gehen—„um die Wahrheit zu ſagen, ich glaube, Du bildeſt Dir ein, Dein Vormund würde kom⸗ men. Aber er hat blos einen Brief geſchickt, den ich Dir geben will.“ „Hat es ſich darum gehandelt, daß mein Vormund. kommen ſollte?“ „Erinnerſt Du Dich nicht, meine liebe Viola, daß ich Dir eines Morgens erklärte, ich habe mich genöthigt geſehen, ihn von Deinem Benehmen in Kenntniß zu ſetzen?“ Bei dieſen Worten ſchlug Viola langſam ihre Augen auf; es glänzte darin ein ſonniger Blick. „Ich habe nichts zu bereuen,“ antwortete ſie mit einer jugendlichen Heftigkeit, die ſich augenblicklich gerechtfertigt ſehen will. „Um ſo ſchlimmer für Dich, mein Kind, wenn Du hartnäckig darauf beſtehſt, die Sache von dieſer Seite anzuſehen.“ 79 „Und warum um ſo ſchlimmer?“ „Weil die Reue darüber, daß Du nicht blos mei⸗ nem beſtimmten Verbote, ſondern ſogar den Forderungen der Convenienz Trotz geboten, mich vielleicht beſtimmt haben würde, Dich noch länger zu behalten.“ „Mich noch länger zu behalten?— Haben Sie das alſo nicht im Sinn, Tante?“ „Unmöglich! ich kann mich nicht länger um ein junges Mädchen annehmen, das nicht einmal ſeine erſte Pflicht gelernt hat: Gehorſam gegen diejenige, unter deren Aufſicht ſie ſteht.“ „O mein Gott, was will das heißen! Meine Tanten, meine theuren Tanten nannten mich nie un⸗ gehorſam.“ „Das iſt möglich. Vielleicht durfteſt Du bei ihnen Trotz zeigen, ohne daß man nur etwas davon merkte.“ „Nein, nein,“ rief Viola mit einer ſtarken Morgen⸗ roͤthe auf beiden Wangen,„es war nicht ſo.“ „Wie war es denn, wenn man fragen darf?“ „Es war ſo, daß ſie niemals forderten, daß ich alle natürlichen und menſchlichen Gefühle ablegen ſollte, um mich blos wie ein Hampelmännchen auf gegebene Befehle zu bewegen.“ „Meine Damen, was ſagen Sie zu unſrem jungen Fräulein?— Ging es in unſrer Jugend auch ſo zu?“ Mit dieſen Worten und einer großen Handbewe⸗ gung wandte ſich die Oberſtin an die Damen, die ihr Geſellſchaft leiſteten. Aber dieſe Damen hatten bei ihrer demüthigen Stelle einen ſo paſſiven Geiſt, daß ſie— ſelbſt wenn ſie gewollt hätten— nicht gewagt haben würden, ihrer verehrungswürdigen Wirthin zu widerſprechen. Sie begnügten ſich daher mit ſtummen Geberden, Die eine ſchlug ihre Augen zur Decke auf, die an⸗ dere ließ eine Maſche fallen, die Dritte ließ aus lauter Verwunderung ihre Priſe auf halbem Wege zwiſchen der Doſe und der Naſe verweilen. 80 Alles das war ſehr begreiflich und beredt für Je⸗ mand, der ſich auch noch ſo wenig auf Pantomimen verſtand. Es war ein dreifaches Schuldig, das dieſe Jury ausſprach. „Siehſt Du,“ ſagte jetzt die Oberſtin mit nieder⸗ ſchmetternder Hoheit zu dem jungen Mädchen, das mit dem heftigſten Herzklopfen vergebens nach einem Mit⸗ gefühl bei den drei alten Damen forſchte. Aber Violas Muth ſank nicht, denn ihrem Herzen, ihrem Zartgefühl waren bittere Wunden geſchlagen worden. Sie ließ ſich uur mit den Waffen der Güte be⸗ ſiegen. Wohin ſoll ich von hier aus geſchickt werden?“ fragte ſie langſam, aber ohne Zeichen von Schmerz. „Du ſiehſt es aus dem Briefe deines Vormundes.“ „Ich ziehe nie zu meiner Tante— ſie und meine Tanten von mütterlicher Seite betrachteten einander nie als Verwandte.“ „Im Fall Du nun gerade zu, ihr ziehen ſollteſt, ſo würdeſt Du doch wohl gehorchen, glaube ich?“ „Unmöglich!“ J „Aha! Du könnteſt Dich Deinem Vormunde wider⸗ ſetzen?“ 3 „Ich widerſetze mich der ganzen Welt, wenn es ſich darum handelt, das Andenken meiner Tanten zu ver⸗ theidigen. Meine Tante, hat ſie verläumdet, und ich ziehe nicht in ihr Haus.“ „Ja Du biſt ein recht braves Mädchen, Du... aber warten Sie, warten Sie, mein Fräulein— wir wollen doch ſehen, ob unſer Vormund ſich nicht in Re⸗ ſpekt zu ſetzen verſteht. „Ich reſpektire den Kriegsrath, ohne daß es ihn beſondere Mühe koſtet, mir Achtung einzuflößen. Er beſaß die Freundſchaft meines Vaters, und meine Tan⸗ es r Je⸗ nimen Jury ieder⸗ s mit Mit⸗ erzen, plagen te be⸗ den?“ rz. ndes.“* meine er nie ollteſt, wider⸗ nn es u ver⸗ ad ich .. wir n Re⸗ s ihn r Tan⸗ 81 ten ſagten, er ſei der rechtſchaffenſte und ehrenhafteſte Mann von der Welt.“ „Gott verzeih' mir, ich glaube gar, Du willſt mirs unter die Zähne geben, daß Du keine andere Autorität gelten laſſeſt, als diejenige, die Deine Tanten ſanktionirt haben... Ich hatte nicht die Ehre, dieſe Damen perſönlich zu kennen, und darum haſt Du Dir vielleicht die Freiheit genommen, Dich von meiner Macht zu emancipiren.“ „Ich habe dieſen Fehler blos ein einzigesmal be⸗ gangen, und dieß geſchah darum, weil ich weiß, daß meine Tanten das erlaubt und gebilligt haben würden, was ich that.“ „Laß es jetzt genug ſein mit meinen Tanten— und laß auch Deine Freiheitsideen ein Ende nehmen, denn ſo lang Du noch in meinem Hauſe biſt, darfſt Du mit einem Maͤdchen nicht in Verbindung ſtehen, das ſich ſo verrufen gemacht hat.“ „Aber Tante, ich..“ „Kein Wort mehr, mein Fräulein. Sobald die Dampfſchifffahrt eröffnet wird, reiſeſt Du an den Ort, der Dir in diefem Briefe angezeigt iſt.“ Und als die Oberſtin ausgeſprochen hatte, legte ſte ein ſchweres unverſtegeltes Schreiben in Viola's Hand. Das junge Mädchen machte eine kurze Verbeugung und verließ das Zimmer. Aber als ſie auf ihr Stübchen zurückkam, da war es ganz und gar vorbei mit ihrer Nervenſtärke. Sie brach in ein gewaltſames Schluchzen aus: „O mein Vater, meine Tanten und gie Mutter, Der Vormund. I. 82 die ich nie anders, als im Traume geſehen habe, o ihr alle meine Geliebten, könnt ihr wohl da, wo ihr weilet, vernehmen, wie unglücklich eure arme Viola iſt. Was ſoll aus mir werden... warum bin ich nicht ſo er⸗ zogen, daß ich in jede Form paſſe, die man mir geben will! Warum regen ſich in mir Gefühle der Theil⸗ nahme, der Güte und Unruhe für Andere,— warum begreife ich nicht, daß man an nichts anderes, als nur an 84 ſelbſt und an das Urtheil der Welt denken ſoll?“ Und Viola ſchluchzte ihren Schmerz aus, wie man thut, wenn man ſich noch in dieſem glücklichen und mit dem Leben unbekannten Alter befindet, wo jede noch ſo ge⸗ ringe Widerwärtigkeit als ein großes Unglück betrachtet wird, und wo jeder Mangel an Theilnahme, als ein Beweis für den Kaltſinn und die Bosheit der Men⸗ ſchen gilt. Ach wie klein, wie bedeutungslos erſcheinen uns nicht in weiter vorgeſchrittener Zeit dieſe unſere erſten Leiden, über welche wir ſo ernſtlich und herzlich weinten, und über die wir uns doch ſo bald tröſteten, wenn unſre Einbildungskraft uns nur von fern irgend eine neue Hoff⸗ nung vorſchimmern ließ, die dann wiederum ihrerſeits ein Unglück wurde. In ſpäterer Zeit kommen ſolche fantaſtiſche Luftge⸗ bilde ſeltener vor.. Die Proſa, die trockene, nüchterne, ernſte Proſa weist die poetiſchen Kinder fort. Viola glaubte feſt, daß Sie ſich nie würde tröſten können über dieſen verfehlten Geburtstag, an welchem ihr zugleich befohlen wurde, eine Bekanntſchaft zu ver⸗ läugnen, die, obſchon neu, dennoch— wie man bald ſehen wird— ihre Bande hatte. Aber nachdem unſere Heldin eine ganze Stunde geweint, nachdem ſie ihren Kummer Gott, ihren Dahin⸗ geſchiedenen, ihren Vögeln und Blumen anvertraut, o ihr weilet, Was ſo er⸗ geben Theil⸗ arum 3 nur enken man dmit ſo ge⸗ ichtet 3 ein Men⸗ uns rſten iten, nſre off⸗ ſeits tge⸗ roſa ſten hem der⸗ ald nde in⸗ ut, 8³ richtete ſie endlich ihr geſenktes Köpfchen empor, denn jetzt erinnerte ſie ſich an den Brief ihres Vormundes. Das war doch wenigſtens eine Zerſtreuung. Was mochte er enthalten, dieſer erſte Brief, der an ſie ſelbſt gerichtet war! Es iſt wohl wahr, es wäre weit intereſſanter ge⸗ weſen, wenn der Brief ein Siegel gehabt hätte, und folglich von der Oberſtin nicht geleſen worden wäre. Aber dem ließ ſich nun einmal nicht abhelfen. „Laß ſehen,“ ſagte ſie, und ein fröhlicher Sonnen⸗ ſtrahl ſchimmerte bereits in ihren Augen,„laß ſehen, ob er in dem altmodiſchen Styl geſchrieben iſt, z. B.: „Mein liebes Kind“ oder„meine verehrte Mündel! „In Anbetracht der feierlichen, verantwortungsvol⸗ len und bedeutungsſchweren Pflichten, die ich auf mich genommen habe, ſehe ich mich genöthigt, mit abſonder⸗ lichem Mißfallen und Mißvergnügen zu erklären, daß der Bericht, welchen die verehrungswürdige und hoch⸗ geſchätzte Oberſtin eingehen ließ..“. Aber hier brach ein ſchallendes Gelächter über Violas Lippen. Sie hatte jetzt eine kleine willkommene Diverſion gehabt, und da ſie einmal im Zuge war, ſich zu ermun⸗ tern, ſo konnte ſie nicht umhin, an die altmodiſchen Ro⸗ mane zu denken, worin offen der Vormund auftritt, der im heiligen Eifer für das Beſte ſeiner Mündel ihr Ar⸗ reſt gibt, bis das ungeberdige Ding ſich durch Zwang oder Bitten beſtimmen läßt, eine verabſcheute Ehe ein⸗ zugehen, die jedoch in letzter Inſtanz immer noch glück⸗ lich abgewendet wird. So erinnerte ſie ſich weiter, daß, wenn die Braut gleich einem Opferlamm geſchmückt in die Kirche trat, ſie immer durch ihren Liebhaber gerettet wurde, der zu dieſem Behuf irgend eine kühne Handlung erſann und dabei einen Heldenmuth entwickelte, den man bisher nicht an ihm gekannt hatte. 8⁴ „Ach wie ſchlimm, daß ich Niemand habe, der mich retten kann,“ fuhr Viola fort, indem ihre kindliche Mun⸗ terkeit immer mehr zunahm.„Ich werde gewiß genö⸗ thigt ſein, mich ſelbſt in Vertheidigungsſtand zu ſetzen, im Fall mein alter Vormund, der vermuthlich eine große Warze auf der Naſe und eine ſtrenge, ſtarre Miene hat, auf den Gedanken gerathen ſollte, ſich in mich zu verlieben.“ Aber gleich als hätte ſie jetzt genug geſcherzt, nahm ſie eine ernſthafte Miene an und oͤffnete den Brief. Sie las wie folgt: „Mein Fräulein! (Aha da hätten wir doch wenigſtens die altmodiſche Anrede nicht.) „Es thut mir in dieſem Augenblick aufrichtig leid, daß unſere Bekanntſchaft bisher blos durch fremde Hände gegangen iſt. „Ich würde Ihnen ſonſt leichter vortragen können, was ich Ihnen zu ſagen habe, und Ihnen, Fräulein Viola, wäre es vielleicht weniger unangenehm, mich an⸗ zuhören. (Nun, mein Herr Vormund drückt ſich wahrhaft liebenswürdig aus... ſehen wir weiter!) „Der heilige Beruf, womit Ihr verſtorbener Herr Vater in ſeinem Teſtament mich betraut hat... (Ei ſieh, jetzt kommt es! ich wußte doch, daß ein Vormund, der ein Anklageſchreiben erhalten hat, ſich verpflichtet halten muß, eine paſſende Vorleſung zu halten.) „Dieſer heilige Beruf iſt, das habe ich mir vorzu⸗ werfen, noch nicht ſo erfüllt worden, wie er ſollte. (Welch ein unerwartetes Feingefühl! rief das junge Mädchen in einem ganz andern Ton, als derjenige war, womit ſie bisher ihre kleinen Zwiſchenbemerkungen ge⸗ macht hatte. Er iſt ganz gewiß ein guter Menſch.) „Aber wenn auch die Menge meiner Geſchäͤfte keine 8⁵ genügende Entſchuldigung für meine Verſaͤumniß ſein kann, ſo iſt ſie doch die einzige, auf die ich mich zu be⸗ rufen das Recht habe, denn die Schwäche meines Ge⸗ ſundheitszuſtandes darf nicht in Anſchlag gebracht wer⸗ den, wenn es ſich um eine Pflicht handelt. „Ich hatte in der That ſchon lange die Abſicht ge⸗ habt, Sie zu beſuchen und mich mit der Frau Oberſtin, ſowie mit Ihnen ſelbſt mündlich zu berathen. „Dies iſt inzwiſchen nicht geſchehen, und ich finde jetzt, daß Verhältniſſe, welche ich hier zu berühren nicht paſſend glaubte, die Oberſtin veranlaßt haben, einem Geſchäfte zu entſagen, von dem ich vermuthet hätte, daß es von längerer Dauer ſein würde. „Da ich für den Augenblick außer Stand bin, einen andern paſſenden Platz für Sie zu finden, ſo nehme ich mir die Freiheit, Ihnen mein eigenes Haus vorzuſchla⸗ gen, allerdings das Haus eines alten Junggeſellen, das aber gleichwohl nicht als ganz unpaſſend erſcheinen dürfte, da es von meiner Schwägerin verwaltet wird, einer achtungswerthen Dame, mit welcher Sie, wie ich hoffe, gut auskommen werden. „Ich ſelbſt habe allerdings ſchon längſt dem Ver⸗ gnügen und Beſchäftigungen, die der Jugend angehören, Lebewohl geſagt, aber ich habe dennoch die Erinnerung an die Annehmlichkeiten derſelben nicht verloren. „Seien Sie deßhalb ruhig, mein liebes Fräulein, — der alte Einſiedler, deſſen einzige Freude in ſeinen Blumen und Vögeln beſteht, wird ſeine Mündel nicht damit quälen, daß ſie ihm öfter Geſellſchaft leiſten ſoll, als ſie ſelbſt ſeine Einſamkeit zu verkürzen und die NRathſchläge anzuhören wünſcht, die zu ertheilen ſeine Erfahrung ihn berechtigen dürfte... „In Betreff der Reiſe, die in der Mitte Mai's unternommen werden duürfte, ſchreibe ich an die Frau Oberſtin. Aber es würde mich ſehr freuen, mein 8⁶ 7 Fraͤulein, einige Zeilen von Ihrer eigenen Hand zu erhalten. „Mit aufrichtiger Freundſchaft und Ergebenheit „Severin Wendelsköld.“ Noch eine lange Weile, nachdem ſie dieſen Brief zu Ende geleſen, blieben Violas Augen darauf haften, nicht um ihn von Neuem zu leſen— denn ſie kannte den Inhalt, wie wenn er in ihr Gedächtniß eingeprägt wäre— ſondern blos um ſich der wohlthuenden An⸗ nehmlichkeit zu erfreuen und dieſe Züge zu ſehen, die ſo viel Zartgefühl und ein ſo aufrichtiges Wohlwollen ausdrückten. Jetzt war ſie wieder vollkommen geneigt, an die gute Seite der Menſchen zu glauben. Und ſie freute ſich ſehr, zu dem Vormund zu kom⸗ men, deſſen gütiger Brief bereits ſo mächtig auf ſie wirkte, daß ſie ihren Ungehorſam gegen die Oberſtin bedauerte. Auch beſchloß ſie für dieſe letzte Zeit, ſich durch kein Gefühl mehr zur mindeſten Unvorſichtigkeit verlei⸗ ten zu laſſen. 10. Die Freundinnen. uſt als Viola ſich ſelbſt dieſen guten Vorſatz ein⸗ redete, den das Schreiben des Kriegsraths ins Leben gerufen hatte, hörte man leichte Tritte nach ihrer Kammerthüre eilen. 3 nd zu eit 4 Brief aften, annte prägt An⸗ „ die vollen n die kom⸗ if ſie erſtin durch erlei⸗ 87 Im naͤchſten Augenblick wurde ſie geöffnet. Ein junges Frauenzimmer tritt ein mit einer Haſt, die ſich nicht blos in jeder Bewegung, ſondern auch in dem Blicke ſelbſt und dem in die Wangen gejagten Blute verrieth. Die Neuangekommene war eine hochgewachſene Brünette von gelblicher Geſichtsfarbe, ſchwarzen, halb⸗ verſchleierten Augen, ſtark markirten Zügen und einer Haltung, die ſich zu gleicher Zeit keck, elaſtiſch und zier⸗ lich erwies. „Meine beſte Viola, meine theure Viola,“ ſagte ſie mit kurzer, aber koſender Stimme,„ich habe ſoeben Gelegenheit gefunden, mich fortzuſtehlen, um einen Augenblick mit Dir zu plaudern.“ „Arme Jeanne Sophie, Deine Stiefmutter iſt alſo noch immer ſo ſtreng?“ „Immer! Sie macht mich nicht blos toll, ſon⸗ am Ende noch ganz unglücklich, und ſie allein iſt Schuld an den Fehlern, die man mir aufbürdet.“ „Glaubſt Du das wirklich?“ fragte Viola ganz unſchuldig. „Kannſt Du daran zweifeln?“ antwortete die Freun⸗ din mit einem verdrießlichen Blicke. „Beſte Jeanne Sohie, Du weißt, daß ich keinen höhe⸗ ren Wunſch hege, als Dich in allen Dingen ſchuldlos zu glauben; aber ſelbſt wenn... wenn Du ſchuldig wäreſt, müßte ich Dich dennoch lieben.“ Eine leichte Ungeduld verrieth ſich in der Geberde Jeanne Sophie'’s. „Was in Gottes Namen nennſt Du ſchuldig ſein? Was? was habe ich denn ſo entſetzlich Böſes gethan?“ „Das eben iſt es ja, was ich nicht recht weiß.“ „Ich habe das Unglück, bemerkt zu werden, wäh⸗ rend meine Stiefmutter es ſelbſt gern ſein möchte. Ich werde aufrichtig, mit Wärme, ja mit Leidenſchaft ge⸗ liebt von einem jungen Manne, der für einen Blick von mir gern ſein Leben geben würde. Er meint es ehrlich, und da meine Stiefmutter ihm ihre Thüre verſchließt, ſo begegne ich meinem Liebhaber drei oder vier Mal auf einer öffentlichen Promenade, wo Jedermann uns ſehen kann— das iſt das Ganze.“ „Aber man ſagte, Du habeſt eines Abends in Ab⸗ weſenheit Deiner Mutter den Lieutenant Marbin bei Dir zu Hauſe empfangen.“ „Du guter Gott, empfange ich denn nicht Jeden, der kommt, wenn ſie abweſend iſt? Und wenn ich auch gewußt hätte, daß er kommen würde— was dann?“ „Ach Jeanne Sophie!“ „Was haben wir denn Böoſes gethan? Glaubſt Du, daß Leute, die einander lieben und ſich zu heira⸗ then beabſichtigen, ſich damit begnügen können, einander blos durch's Fenſter zu ſehen?“ „Inzwiſchen...“ „Inzwiſchen, ja mein Ruf leidet Noth, willſt Du ſagen— und das habe ich meiner Stiefmutter zu ver⸗ danken. Ha, wenn ich nur an dieſen Ball denke, wo die Frucht ihrer Kabalen ſich ſo klar entwickelte, ſo könnte ich wahnſinnig werden... Du allein, die Du mich blos drei oder vier Mal geſehen haſt, biſt zu mir gekommen, während meine Jugendfreundinnen mich ſchimpflich im Stich ließen.“ „Beruhige Dich, gute Jeanne Sophie, das iſt ja jetzt vorüber.“ „Vorüber— ach nein, mein Kind; es gibt gewiſſe Sachen, die nie vorübergehen. Ich bin vier Jahre älter als Du und weiß gar Vieles mehr.“ „Aber was für ein Ende wird es nehmen mit dem Lieutnant?“ „Was für ein Ende? Kann darüber ein Zweifel obwalten? So bald er ſich mit ſeinem Vater ver⸗ ſtändigt hat— ich muß geſtehen, daß dieß langſam geht,“ fügte ſie erröthend hinzu,„ſo begehrt er meine Hand und dann wird meine Stiefmutter ihre Einwil⸗ ligung geben.“ „Wenn ihr euch nur dazu verſtehen könntet, ſo lange... während dieſer Zeit kannſt Du Dir es doch wohl verſagen, ihn zu ſehen.“ „Hm!“ „Biſt Du es nicht Dir ſelbſt ſchuldig?“ „Höre, geliebte Viola! Ich habe, obwohl mit Schmerz, mir daſſelbe geſagt, und ich will bis auf beſ⸗ ſere Zeiten entſagen, aber um das thun zu können, wird eine letzte Zuſammenkunft unumgänglich nothwen⸗ dig. Emil reist hernach— ehe er mit ſeinem Regi⸗ ment nach Marſtrand geht— nach Hauſe und ſucht ſeinen Vater zu bearbeiten.“ „Sag', warum iſt ſein Vater gegen die Parthie?“ „Fragſt Du das, da Du voch hörſt, wie mächtig die öffentliche Meinung wirkt? Ueberdieß bin ich ohne Vermoͤgen— Mit Dir iſt es ganz anders, mein Kind — Du wirſt wohl ohne Roman heirathen, Du.“ „Ei das will ich in keinem Falle!“ erklärte Viola lachend.„Eine Ehe ohne Prolog wäre juſt daſſelbe, wie wenn man blos den letzten Akt eines Stückes ſehen wollte!“ „Nun, wenn Du auf dieſe Art denkſt, ſo ſollteſt Du nicht ſo ſtreng gegen mich ſein... Aber um auf dieſes Zuſammentreffen zurückzukommen, ſo bin ich juſt deßwegen und Allem zum Trotz hieher gekommen.“ „Jeanne Sophie,“ verſetzte Viola erröthend,„ich kann die Stelle nicht übernehmen, die Du mir ſchon einige Mal zugewieſen haſt, nämlich Dich auf Beſuchen zu begleiten.“ „Davon iſt jetzt nicht die Rede.“ „Von was denn?“ „Von einem großen, von einem bedeutungsvollen, einem unvergeßlichen Freundſchaftsdienſt.“ „Aber..“ „Im Fall Du mein Begehren abſchlagen willſt, ſo fange wenigſtens nicht mit„aber“ an, welches das ab⸗ ſcheulichſte aller Worte iſt... Siehſt Du, Viola, ich beſitze in dieſem Augenblicke Niemand, Niemand anders, als Dich, dem ich mich anvertrauen kann.“ „Ich betheure Dir, Jeanne Sophie, daß die ab⸗ ſchlägliche Antwort, die ich geben muß, mir ſelbſt weher thut, als Dir; aber ſoeben noch empfand ich Reue über das, worauf ich mich gegen das Verbot der Oberſtin bereits eingelaſſen habe. Und ich gelobte mir feierlich, daß keine weitere Unvorſichtigkeit das ſchon jetzt allzulange Regiſter vergrößern ſolle.“ „Ach, iſt es das? Dein Edelmuth auf dem Balle wird jetzt eine Unvorſichtigkeit genannt.“ „Nein, nein, es war blos ein Ungehorſam. Aber an den beiden Beſuchtagen, als Du auf dem Heimwege Deinen Geliebten trafeſt... o mein Herz ſchlug ent⸗ ſetzlich— ich würde für mich ſelbſt das nicht gethan haben.“ „Mein Gott, mein Gott!“ rief Jeanne Sophie und warf ſich mit allen Zeichen der Verzweiflung auf das Sopha. Viola wagte es nicht, ihre Freundin anzuſehen: ſie wollte allen Verſuchungen ausweichen. „Sage mir,“ begann Jeanne Sophie nach einer kurzen Pauſe wieder,„ſag', glaubſt Du, daß ich mich im Mindeſten verfehlt habe?“ „Nein, das verſteht ſich— aber gleichwohl ſind dieſe heimlichen Zuſammenkünfte unrecht.“ „Unrecht— haben nicht zu allen Zeiten Liebende, die man verhinderte, einander zu ſehen, ſich ſelbſt die⸗ ſes Recht verſchafft? Der einzige Fehler, den ich be⸗ gangen habe, beſteht darin, daß ich mich durch Stolz verhindern ließ, gleich im Anfang mich all der Heim⸗ lichkeiten zu bedienen, die ich meiner Intrigue hätte geben ſollen.“ Viola ſchwieg. „Glaube mir: es ſind nicht die Zuſammenkünfte ſelbſt, die man tadelt,— eben ſo gut koͤnnte man tadeln, daß Gott Liebe in die Herzen junger Menſchen gelegt hat,— ſondern man tadelt meine Unvorſichtigkeit, durch welche Alles bekannt worden iſt... oder iſt es nicht meine Unvorſichtigkeit, worüber man ſo großen Lärm macht?“ „Ja, wahrhaftig, darin haſt Du Recht.“ „Siehſt Du, ſo ſteht es mit dem Beifall und dem Tadel der Welt; auf ſolchen Gründen beruht ihr Ur⸗ theil... aber zur Sache... Viola, heute Abend..* „Nun?“ „.. kommt Emil, um mich zum letzten Mal zu ſehen.“ „Wo 2 „Hier bei Dir, meine theure, theure Viola!“ „Wie ſo!“ „Ach großer Gott, ſieh doch nicht ſo erſchrocken aus, ich habe ihm das verſprochen.“ „Du haſt Deinem Geliebten verſprochen, ihn bei mir zu empfangen, bei mir?“ „Ja, ja, ja— und zwar Alles im Vertrauen auf Deine Barmherzigkeit. Du biſt nicht blos edelſinnig, Du haſt auch Muth; Du verſtehſt mich, wenn ich Dir ſage, daß es mich mein Leben koſten würde, mich ohne Abſchied von ihm trennen zu müſſen.“ „Das mußt Du gleichwohl thun, wenn Du keinen andern Ausweg zu erſinnen vermagſt,“ ſagte Viola mit blitzenden Augen und hochrothen Wangen;„er kommt nicht hieher— hörſt Du das?“ „Gut... ſo leb' denn wohl! Möge Gott Dich nicht eines Tags für Deine einfältige Prüderie mit demſelben Schmerz beſtrafen, den ich jetzt erleide, dem Schmerz, von einer Freundin abgewieſen zu werden.“ „Jeanne Sophie, Du begehrſt ja das Unmögliche.“ „Ja, das iſt das Wort, das unſere Freunde immer auf den Lippen führen, wenn ſie fürchten, ſich bloszu⸗ ſtellen. Doch das iſt ja ein ganz verzeihlicher Egoismus — warum ſoll man für Andere Etwas thun!“ „Ach, Du weißt nur zu gut, daß ich nicht ſo denke.“. „Ich weiß blos, daß ich über das Fehlſchlagen meiner Hoffnung närriſch werde. Meine Worte würden Emil Kraft gegeben, würden ihn zur Ausdauer ange⸗ feuert haben.“ „Was meinſt Du damit? Hat er dieſe Ausdauer nicht von ſelbſt?“ „Ach ſtille, ſtille! Sprich' mir nicht davon„.. oder höre die ganze Wahrheit..“ „Jeanne Sophie, arme Jeanne Sophiel ich fürchte, daß es etwas Entſetzliches iſt.“ „Ja, in Wahrheit entſetzlich: Ich fürchte, daß er nicht ſo eifrig iſt, wie er ſein ſollte. Alles, was ich Dir neulich ſagte von ſeiner Anbetung... ha! ein grauſamer Gedanke verfolgt mich.“ „Welcher, welcher? In Gottes Namen antworte.“ „Der Gedanke, daß er, nachdem ſich die öffentliche Meinung gegen mich ausgeſprochen hat, obwohl ich daran ſo unſchuldig bin, wie Du— dieſen Eindruck habe auf ſich einwirken laſſen. So viel iſt gewiß, daß er, als er zurückkam und von dem unglückſeligen Balle rhden hörte, ſich nicht ſo gegen mich gezeigt hat, wie rüher.“ „Du mußt ihn falſch beurtheilen, Jeanne Sophie, es kann nicht anders ſein.“ „Begebhre ich etwas Beſſeres, als zweifeln zu kön⸗ nen? Du findeſt jetzt, wie nothwendig es für mich iſt, ungeſtört, auch nur ein einziges Stündchen, mit ihm ſprechen zu dürfen.“ Viola's Kopf ſank in ihre Hand. Ihre Vernunft, ihr feiner Takt, ihr weibliches Gefü aber konnt dem ten ſpric Bitte ner nicht ſer S Sinn Sal den Nun wort auch nicht Mai woh ſer Ich alſo ⁴—2* ſo e gand Gefühl machten ſehr richtige und laute Bemerkungen; aber das kleine, ſchwache, immer allzu ſchwache Herz, konnte dieſes Leiden nicht ſehen, da die Gefühle, die dem Herzen gehorchten, mit in's Spiel kamen, ſo glit⸗ ten alle guten Vorſätze rücklings ab. „Jeanne Sophie, wenn ich jetzt einwillige, ver⸗ ſprichſt Du dann heilig, daß Du mich nicht mehr mit Bitten dieſer Art quälen willſt?⸗ „Ich ſchwöre Dir's! Und wenn Du einmal mei⸗ ner bedarfſt... wer weiß? Dein Prolog hat noch nicht begonnen.“ „O,“ antwortete Viola ſchnell,„als ich mich die⸗ ſer Worte bediente, ſagte ich ſie in einem ganz anderen Sinne, als Du ſie nimmſt.“ „Nein, nein, ich verſtehe. Es wird eine kleine Salonsidylle zwiſchen zwei Täubchen ſein, die auf bei⸗ den Seiten des Divantiſches einander angurren... Nun, nun, Jeder hat ſeinen eigenen Geſchmack.“ Viola ſchnitt ein verdrießliches Geſicht und ant⸗ wortete: „Bekümmere Dich nicht um meine Idylle, wo ſie auch geſpielt werden mag, ſo geſchieht es wenigſtens nicht im Salon der Oberſtin. Ich reiſe im Monat Mai zu meinem Vormund, in deſſen Hauſe ich künftig wohnen werde.“ „Himmel, wie glücklich ſich das fügt! Juſt in die⸗ ſer Stadt wohnen auch Emil's Vater und ſein Bruder. Ich kann alſo dann Briefe durch Dich beſtellen?“ „Das iſt nicht recht, Jeanne Sophie— Du willſt alſo bereits Deinem Verſprechen untreu werden.“ „Es iſt wahr; nun, wir wollen ſpäter davon reden .. Heute Abend um 6 Uhr komme ich— richte es ſo ein, daß Du hier oben biſt.“ „Welch eine ſchreckliche Eilfertigkeit— ich bin ganz erſchrocken!“ „Warum denn?— Deine Zimmer haben ja die allerbeſte Lage; ſie ſind abgeſondert und abgelegen.“ „Wie ſie auch liegen mögen, das iſt ganz gleich — ich ſage Dir nur, daß ich, wenn es nicht eine Grau⸗ ſamkeit wäre, mein Wort zurücknehmen würde.“ „Du—o nein, ich kenne Dich beſſer; und nun leb' wohl bis auf den Abend!“ 11. Die Reue. Sobald unſere Heldin nicht mehr unter dem Ein⸗ fluß der bald ſchmeichelnden, bald klagenden, bald trotzi⸗ gen Bitten ihrer gefährlichen Freundin ſtand, ſah ſie die ganze Fehlerhaftigkeit ihrer Nachgiebigkeit ein. „Was für eine Perſon,“ fragte ſie ſich,„iſt denn Jeanne Sophie eigentlich! Sie iſt ſicherlich beſſer, als ſte heut Abend ſchien; denn ſie würde verzweifeln, wenn mir etwas Unangenehmes widerführe.“— f Im letzten Falle hatte Viola Recht, aber nicht im erſten. Jeanne Sophie war gerade ſo, wie ſie ſich zeigte. Niemand konnte weniger zurückhaltend ſein als ſie; und doch konnte Niemand weniger unbedacht handeln. Ihr Charakter hatte jene gefährliche Offenheit, der es nicht der Mühe werth findet, Etwas zu verbergen, und die Alles für paſſend hält, was nicht entſchieden unte kann gen, ihre ſo tr jenig ſein eigen als und es iſ zu ti heit blieb Danm gema welch und bald bald Mal daß freier dieſer Stin ja die en.“ gleich Grau⸗ d nun Ein⸗ trotzi⸗ ah ſie 1. denn r, als wenn cht im geigte. n als edacht t, der ergen, bieden 95 unter die Rubrik„Schlecht“ zuſammengefaßt werden kann, denn das wirklich Schlechte verabſcheute ſie. Wurde ſie zuletzt durch die Nothwendigkeit gezwun⸗ gen, gewiſſe Dinge, die zu verheimlichen wahrlich nicht ihre Abſicht geweſen, mit einem Schleier zu bemänteln, ſo trug ſie kein Bedenken, ſich mit allen Mitteln der⸗ jenigen Perſonen zu bedienen, die ihr dazu behilflich ſein konnten. Dieſe Selbſtſucht war ganz einfach die Folge ihres eigenen Gefühls. Hätte man von ihr etwas weit Schwereres verlangt, als das, um was ſie Viola bat, ſo würde ſie ſogleich und mit Ueberlegung eingewilligt haben. Sie raiſonnirte folgendermaßen: „Es iſt nichts Böſes, was beabſichtiget wird. Und es iſt ſo angenehm, dieſe einfältigen Formen mit Füßen zu treten, welche juſt allein das Weib zu mancher Thor⸗ heit und manchen Fehltritten zwingen, die ſonſt unter⸗ blieben.“ Wäre unſer Kriegsrath der Vormund dieſer jungen Dame geweſen, ſo würde ſie allein ihm mehr Mühe gemacht haben, als vier andere Mündel. Wenigſtens verſicherte das der ehrliche Rathsherr, welcher den Auftrag hatte, Mamſell Jeanne Sophie und ihre fünftauſend Reichsthaler zu bewachen. Sie beſuchte ihn wenigſtens elf Mal in der Woche, bald um Geld zu holen, deſſen ſie unaufhörlich bedurfte, bald um dem beſcheidenen alten Mann zum tauſendſten Mal zu erklären, er ſei doch ein recht armſeliger Tropf, daß er ſie nicht vom Scepter ihrer Stiefmutter zu be⸗ freien vermöge. „Nehmen Sie eine Stelle an!“ So konnte er mitunter ſagen. Doch ertheilte er dieſen Rath niemals ohne ein leichtes Zittern ſeiner Stimme; denn er hatte eine wahre Angſt vor ſeiner 96 Mündel, vor ſeinem„Sauſewind,“ wie er ſie zu nen⸗ nen pflegte. „Eine Stelle“— antwortete dann Jeanne So⸗ phie—„gleich als ob es Leute gäbe, die aufgeklärt und wohlmeinend genug denken, um einzuſehen, daß eine Gouvernante oder Geſellſchaftsdame zufällig mehr Kraft, Verſtand und Bildung beſitzen kann, als Die⸗ jenigen, die ſie bezahlen. Ich laſſe mir kein Verhält⸗ niß der Unterordnung gefallen.“ „Aber... aber die Rente, Mamſell,“— hieß es dann—„ich verſichere, ich betheure, daß ſie nicht aus⸗ reicht für die Ausgaben.“ „Seien Sie ſtill, Sie einfältiger alter Schwätzer — ich werde einmal wohl fünfundzwanzig Jahre alt eiden und dann verlange ich mein eigener Vormund u ſein.“ 3„Wollte Gott, wir wären ſchon ſo weit!“ Unſer Rathsherr ſtieß einen Seufzer aus, ſo tief, daß er noch nicht damit zu Ende war, als Mamſell Jeanne Sophie bereits die Thüre wieder zugeworfen hatte. Was die Mutter der jungen Dame betrifft, ſo war ſie weder bös noch unbillig. Sie war blos eine ſehr genaue und etwas einfältige Frau, die es, erſchreckt durch die Gerüchte, zu welchen Jeanne Sophie aus Leichtſinn Veranlaſſung gab, für ihre Pflicht hielt, ihre Stieftochter mit einer gewiſſen Strenge zu behandeln. Kräftig an Körper und Seele, feurig, ſtarrſinnig und heftig, konnte jedoch dieſe auch nicht den geringſten Anſchein von einem Joche dulden; ſie ſchüttelte es ab, ſo oft ſie nur eine Möglichkeit fand. Jeanne Sophie's Liebe war gleichfalls eine Copie von ihr ſelbſt: feurig, kühn und heftig. Aber ob der Gegenſtand derſelben vollkommen das erwiederte, was ſie aufopferte, das werden wir im Ver⸗ lauf unſerer Geſchichte ſehen. noth rafte verzu es iſ nant zu n beme her wird einer nicht Zim: als erfü meir es i niß habe ſtecke 97 u nen⸗„Ja,“ erwiederte Viola, zu welcher wir nach dieſer nothwendigen Beleuchtung von Jeanne Sophie's Cha⸗ e So⸗ rakter zurückkehren,—„ja, es iſt gewiß, ſie würde geklärt verzweifeln, penn mir Etwas widerführe.... aber „ daß es iſt jetzt zu ſpät. 4 mehr„Und,“ fügte ſie weiter hinzu,„was würde Lieute⸗ 3 Die⸗ nant Marbin denken? „Es iſt wahr, er hat kaum zwei oder drei Worte erhäͤlt⸗ 1—— zu mir geſprochen, ja er hat mich beinahe gar nicht bemerkt; nichts deſto weniger iſt er jetzt, wenn er hie⸗ i eß e her kommt, gezwungen, mich zu beachten, und was wird er dann von einem Mädchen denken, dos, um wätzer einer neuen Freundin und einem Manne, der ſie gar hre alt nicht kennt, einen Gefallen zu erweiſen, ihr eigenes rmund Zimmer zu einer Zuſammenkunft hergibt? „Mein Gott, mein Gott, ich fürchte, daß ich mehr als thöricht gehandelt habe... Wenn die Oberſtin ſo tief, erführe... ich darf gar nicht daran denken... oder damſell mein Vormund, den ich bereits ein wenig liebe... es iſt wirklich entſetzlich, ſich hier ſo blos zu ſtellen.“ worſen Sie ging heftig und unruhig auf und ab. ſo war„Wie waͤre es, wenn ich die Oberſtin um Erlaub⸗ ie ſehr niß bäte?— ſchreckt„Nein, das hieße ein Vertrauen verrathen, dazu ie aus habe ich kein Recht. lt, ihre„Ooer wenn ich ſelbſt fortginge und den Schlüſſel andeln. ſtecken ließe? erſinnig„Pfui doch! das wäre eine Schändlichkeit. ingſten„Nachdem ich verſprochen habe, zugegen zu bleiben es ab, darf ich Jeanne Sophie nicht allein der ganzen Schuld blosſtellen, im Fall irgend etwas ſich ereignet.“ So ſann ſie hin und ſar, bis der Mittag kam, der ein halbſtündiges téête-à-téte mit der Oberſtin mit ſich führte. 2*. 4⁴..4...⁴.*. Copie nen das m Ver⸗*.*.*..*..*.. 4. 3 „Nun wohl, mein Kind, biſt Du zufrieden mit dem Der Vormund. I. 7 Brief Deines Vormunds? Er iſt in Wahrheit ſo artig, daß er ganz und gar nicht an den Ton erinnert, deſſen er ſich bedient haben könnte.“ „Ich bin ſehr zufrieden, nicht blos mit dem Brief ſelbſt, ſondern auch mit dem Vorſchlag, den er mir macht.“ „Gewiß, gewiß!“ antwortete die gute Frau mit leichtem Erröthen. Nach der Ankunſt des Schreibens— als ſie wider Vermuthen den Kriegsrath geneigt fand, ihr ihre Laſt abzunehmen— hatte ſie ihre Geſinnung geändert und aeb⸗rent, eine ſo zuverläſſige Summe weggeworfen zu haben. Die Sache war die, daß die Oberſtin ſich gedacht hatte, der Vormund würde einen Brief voll von Bitten und Ueberredungsverſuchen ſchreiben, Viola ſelbſt würde weinen und auf die Kniee fallen, und deßhalb konnte ſie nicht zufrieden ſein, als dies alles ausblieb. Sie beſaß jedoch zu viel Takt, um ihren Verdruß offen zu zeigen. Vielleicht verdroß ſie jedoch das am meiſten, daß ihr früherer Liebhaber, der„junge“ Doktor, die alte Sympathie ſo gänzlich vergeſſen hatte, daß er ſie nicht beſſer verſtand. Hätte er nicht wenigſtens dem Kriegs⸗ rath einen Wink geben können, er ſolle verſuchen, was ſich mit einem erhöhten Koſtgeld ausrichten ließe. Es lag juſt nichts Arges in dieſem Gedanken der Oberſtin.— In ihrer Jugend hatte ſie ſelbſt bewieſen, daß ein reiner äußerer Ruf mit kleinen heimlichen Seiten⸗ ſprüngen ſich wohl vertrug. Sie glaubte ſich deßhalb berechtigt, gegen Andere ſtreng zu ſein. Aber der kleine Staat, den ſie verwaltete, erforderte ſeinen Unterhalt— ſomit war es mißlich, da der Unter⸗ halt durch die Penſionäre beſtritten wurde, zu gleicher nin dem Zartgefühl und dem Eigennutz zu Willen zu ein. artig, deſſen Brief er mir iu mit wider re Laſt rt und fen zu gedacht Bitten würde konnte erdruß n, daß die alte e nicht Kriegs⸗ n, was 3 ken der daß ein Seiten⸗ deßhalb forderte Unter⸗ gleicher llen zu 99 „Sind Sie nicht ſelbſt eingenommen von dem Briefe des Kriegsraths?“ fragte Viola mit einer leichten Ver⸗ wunderung. „Ja gewiß, und ich kann nicht bezweifeln, daß die ganze Sache gut gehen wird, obſchon der Kriegsrath ein Junggeſelle iſt...“ „Aber ein älterer Mann!“ „Was das betrifft, ſo ſoll er in Bezug auf Ge⸗ müthsart und Charakter weit älter ſein als in Bezug auf die Jahre. Er iſt ein höchſt origineller Mann.“ „Um ſo beſſer: ein origineller Mann muß auch ſehr intereſſant ſein.“ „Das folgt ganz und gar nicht daraus: der Kriegs⸗ rath iſt auch in ſeiner Jugend alt geweſen.“ „Wie ſo?“ „Er hat keine andre Vergnügungen gekannt, als ſeine Arbeiten und ſeine Pflicht. Kalt und ſtreng gegen ſich ſelbſt, fordert er auch von Andern viel. Und man behauptet...“ „Was— wenn ich fragen darf?“ „Er habe blos darum nicht geheirathet, weil er niemals eine Frau tadelfrei und unſchuldig genug ge⸗ funden, daß er es hätte wagen können, ihr ſeine Hand zu bieten.“ „Das iſt höchſt merkwürdig.“ „Ja er iſt auch ein höchſt merkwürdiger Mann. So zum Beiſpiel ſoll er die fire Idee haben, wovon ihn Niemand abzubringen vermag, daß er den nächſten Herbſt nicht überleben werde.“ „Ach, er iſt alſo krank?“ „Nicht ſo ganz. Seine Geſundheit iſt zwar durch beſtändige Arbeit etwas erſchüttert, aber er hält die Sache für weit gefährlicher, als ſie iſt. Nichts deſto weniger verändert er ſeine Lebensgewohnheiten nicht, ſondern fährt fort, ſich für Andere aufzuopfern.“ „Dann fürchtet er alſo den Tod nicht?“ zum Voraus einen Genuß darin ſindet.“ „Was will das heißen?“ fragte Viola immer neu⸗ gieriger. „Nun, daß er bereits die Leichenrede, die an ſeinem Grab gehalten werden ſoll, hat niederſchreiben und ſich vorleſen laſſen.“ „Hu!— das wird ja ganz unheimlich. Er muß alſo ganz... ganz anders ſein als andere Menſchen?“ .„Das mag wohl ſein; und wahrlich, ich kann mirs denken, wie Du. Du kleines, unbedachtſames Weſen, Dich bei ihm ausnehmen wirft. Ich fürchte, Du wirſt Dich zu Tode gähnen, mein Kind.“ „Glauben Sie alſo nicht, Tante, daß er wirklich ſo denkt, wie er ſchreibt?“ „O das verſteht ſich. Doch iſt nichts gewiſſer, als daß er, ſich ſelbſt unbewußt, ſeine Verſprechen nicht hal⸗ ten wird.“ „Und warum das?“ „Wie kannſt Du verlangen, daß ein Mann, der ſich auf ſeinen Tod vorbereitet und überdies für die ganze Stadt Geſchäfte zu beſorgen hat, Zeit genug finden werde, an Deine Vergnügungen zu denfen?“ „Vielleicht wird dann dieſe alte verehrungswürdige Frau ſich meiner annehmen.“ „Was iſt das für eine alte verehrungswürdige Frau?— Ich habe von keiger ſolchen reden hören.“ „Die Schwägerin.“ „Aha! an dieſe alſo verſchwendeſt Du ſolche Bei⸗ wörter? Sie iſt eine junge Frau, die ihn nach ihrem Gutdünken beherrſcht und juſt das bekräftigt, was ich von Vergnügungen im Hauſe des Kriegsraths geſogt habe, da ſie ſich gänzlich von allem Geſellſchaftsleben zurückgezogen hält.“ Viola ſchien jetzt gedankenvoll. „Nein, er iſt davon ſo weit entfernt, daß er ſogar Schon hoffte die Oberſtin, ſie in Klagen und Bee 101 fürchtungen wegen der Zukunſt, der ſie entgegengehe, ausbrechen zu hören. Daraus wurde jedoch nichts, wie aus dem ent⸗ ſchloſſenen Ton des jungen Mädchens hervorging, als ſie antwortete: „Dem ſei, wie ihm wolle, ich fühle mich wie durch eine heimliche Kraft dorthin gezogen... Ich liebe Vergnügungen. Aber kann ich meinem Vormund da⸗ durch einen Dienſt erweiſen, daß er ſein Verſprechen vergißt, ſo erinnere ich ihn nicht daran.“ Die Oberſtin biß ſich in die Lippen, lächelte aber nur um ſo graziöſer. „Es paßt jetzt für Dich, eine kleine Nonne zu wer⸗ den unter der Obhut der Frau Laura als Aehtiſſin. „Aber ich habe nichts andres zu thun! „Gerade das iſt das Schlimme; denn ich fürchte am meiſten, daß dieſe Frau Deinen Einzug ins Haus mit tiefem Leid betrachten wird. Ja, ja, ſie kann Dir manche bittere Stunde bereiten.“ Viola antwortete nicht. „Begehſt Du dann auch nur die mindeſte Unacht⸗ ſamkeit, ja wenn irgend eine Deiner Handlungen auch nur einen Schein davon hat, ſo verlaß Dich darauf, daß ſie dem Kriegsrath die Sache mit den grellſten Farben vormalen wird; und wie er ſolche Berichte aufnehmen wird, iſt leicht zu errathen, da er dafür hält, daß ein Frauenzimmer ſich nicht ſorgfältig genug vor Tadel bewahren könne.“ „Mein Gott, wie unangenehm iſt das!“ Viola dachte an ihr Verſprechen, an ihr unglück⸗ liches Verſprechen gegen Jeanne Sophie,— ſie zitterte, denn ſie wollte jetzt unendlich gern äußerſt vorſichtig ſein. Die Obriſtin verſtand das nicht, ſondern deutete die Unruhe anders, welche ſich auf ihrem Geſichte aus⸗ drückte. „Ich ſehe, obſchon Du es nicht geſtehen willſt, daß Du ſehr erſchrocken biſt, meine kleine Freundin. Viel⸗ 10²2 ſeicht könnte man doch die ganze Sache noch zu ändern uchen.“ „Welche Sache, Tante?“ „Deinen Umzug, meine ich.“ „Nein, nein, das will ich nicht ändern,— ich dachte an etwas anderes.“ „So, ſo,“ verſetzte die Oberſtin trocken,„handle und überlege alſo für Dich ſelbſt, mein holdes Kind, denn die Zeit meiner Spielparthie naht heran.“ Einige Augenblicke ſtand Viola zögernd da. Noch wäre es nicht zu ſpät, ihre beabſichtigte große Unvorſichtigkeit zu bekennen. Aber die Oberſtin würde gewiß eine Scene veranſtalten, und dann würde Jeanne Sophie iuſt durch ihre beſte Freundin blosgeſtellt. Unmoglich, unmöglich! „Aber es gibt noch ein Mittel,“ ſagte das junge Mädchen zu ſich ſelbſt. Und ſie eilte hinauf in ihr Zimmer. Fünf Minuten ſpäter wurde folgendes Billet ab⸗ geſandt:* „Theure Jeanne Sophie!— füut„Es fehlt mir an Muth mein Verſprechen zu er⸗ üllen. „Auf meinen Knieen bitte ich Dich alſo, entbinde mich davon! „Viola.“ Wie angſtvoll erwartete ſie nicht die Antwort auf dieſe Botſchaft. Auch die Antwort traf zeitig genug ein. Sie lautete alſo: „Jetzt kommt die Kleinmüthigkeit zu ſpät. „Emil weiß, wo er mich treffen kann, keine Bot⸗ ſchaft kann ihn jetzt mehr erreichen. Er iſt dieſen Vor⸗ mittag auf's Land gereist. Er findet ſich alſo jeden⸗ falls vor Deiner Kammerthüre ein.“ Dieſe Nachricht vollendete das Leiden unſrer Hel⸗ din. Aber dachte Lauf ſcheue an ih dern 103 din. Sie drückte hart beide Hände an ihre Stirne. viber dann nahm ſie eine entſchloſſene Miene an und achte: „Es iſt geſchehen,— mag die Sache jetzt ihren Lauf nehmen., Um inzwiſchen womoͤglich all ihre Angſt zu ver⸗ ſcheuchen, ſetzte ſie ſich nieder und begann die Antwort an ihren Vormund. 12. Violas Brief. „Beſter Herr Kriegsrath! „Ja, ich verſichere, daß es viel, viel beſſer ge⸗ weſtn wäre, wenn unſer Briefwechſel früher begonnen ätte. „Ich will vollkommen aufrichtig ſein in dem Ge⸗ mälde, das ich von mir ſelbſt zu entwerfen beabſichtige, und vielleicht ſinden Sie dann, wie genau es den Schil⸗ derungen entſpricht, welche Sie bereits von Andern über mich erhalten haben. „Aber zuerſt meinen innigen und demüthigen Dank für dieſen freundlichen und zartfühlenden Brief, den ich vollkommen verſtanden habe! „Ach ein ſolcher Vormund kann nicht läſtig ſein: er muß ein zaͤrtlicher und liebevoller Vater für Die⸗ jenige ſein, der er ſeinen Schutz verſprochen hat. „Ehe ich Ihren Brief erhielt, Herr Krieggrath, hielt ich es für eine ſehr kitzliche, ja peinliche Sache, an meinen Vormund zu ſchreiben, ich dachte immer, da nöthig. 10⁴ ſeien ſteife Concepte und ein höchſt geſuchter Styl „Denken Sie jetzt nur, wie ich ſchreibe! „Keine Spur von einem Concept— die Feder eilt ſo vergnügt und ſchnell dahin, wie wenn ſie eine Gal⸗ lopade tanzte. „Verzeihen Sie mir, wenn ſie deßhalb in ihren Sprüngen etwas eigenwillig iſt. Aber ſchon ſeit meine geliebten Tanten und mein theurer Vater dahin ge⸗ gangen ſind, habe ich mein Herz niemals in vollem Vertrauen zu Jemanden ſchlagen gefühlt. „Jetzt iſt es mir 5 wie damals, als ich über die grünen Matten in unſrem Garten dahin ſprang, als ich den Duft der Blumen einſog und die Vögel zwit⸗ ſchern hörte. „Ja ich komme mit Vergnügen. Seien Sie im⸗ merhin ſtreng gegen mich— aber ſeien Sie auch gut. „Von meiner erſten Zeit an, ich kann mich noch wohl erinnern, war ich von Zärtlichkeit und Liebe um⸗ geben. „Wir wohnten— mein Vater, meine Tanten und ich— in dem hübſchen kleinen Anneborg. „Oh wenn ich dieſe Orte auch nicht wiederſehe, ſo erinnert mich doch jeder Winkel an dieſe Zeit, die nicht wiederkehrt. „Ich bedaure es nicht, daß mein Vater Anneborg blos in Pacht hatte.— Nein, nein, ich wollte mit neuen Schickſalen auch eine neue Welt haben, um mich darin zu bewegen. „Doch hatte ich eigentlich gar keine Schickſale zu dieſer Zeit. „Mein Leben war das Gemurmel eines ruhigen Bächleins, das zwiſchen blumengeſchmückten Wieſen da⸗ hin hüpft. „Ich hatte keine andern Gouvernanten als meine Tanten. „Dieſe theilten mich ſo zu ſagen unter ſich. Von Styl er eilt Gal⸗ ihren meine in ge⸗ vollem eer die „ als zwit⸗ ie im⸗ pgut. noch 2 um⸗ n und erſehe, it, die leborg e mit mich ale zu thigen en da⸗ meine Von 105⁵ der einen lernte ich leſen und nähen, von der andern zeichnen und ſpielen. „Ihre Methoden waren nicht vom neueſten Schlag, aber da ich ſelbſt nicht Gouvernante werden ſoll, ſo macht das nichts. 3„Von unſerem Geſellſchaftsleben iſt nicht viel zu agen. 3„Jeden Sonntag kam der Pfarrer, der gute Greis, um mit Papa und den Tanten Whiſt zu ſpielen. Und da er beinahe jedesmal ſeine Enkelin Charlotte mit ſich brachte, die nur ein Paar Jahre älter iſt als ich, ſo hatte auch ich eine angenehme Zerſtreuung. „Aber Charlotte iſt jetzt verheirathet, und ich habe juſt Niemand, den ich ſo recht unendlich liebte. —„Zuweilen ſehnte ich mich nach Abwechslung, nach Bällen und lebhaften Vergnügungen, die ich nie gehabt hatte, aber bald darauf machte ich mir Vorwürfe dar⸗ über, daß ich mich mit dem großen Glück nicht begnügte, das ich genoß. „Schon vor meiner Confirmationszeit verlor ich die eine meiner getreuen Pflegerinnen, und kaum war dieſe wichtige Periode zu Ende, ſo wurde ich auch vater⸗ los. Einige Monate ſpäter ſtand ich ganz verlaſſen da. „Ich beeile mich, dies niederzuſchreiben, denn meine Augen wollen überfließen, wie mein Herz, wenn es von ſeinen Erinnerungen bedrückt wird... „Verzeihen Sie, verzeihen Sie... es iſt jetzt doch eine Thräne auf das Papier gefallen. „Es iſt jetzt nicht mehr wie damals, als ich über den grünen Graswall in unſrem Garten hin Gallopade tanzte, beim Gezwitſcher der Vögel und unter lieblich duftenden Blumen. „Jetzt bin ich betrübt; aber beunruhigen Sie ſich deßhalb nicht: in einer kleinen Weile bin ich wieder vergnügt. „Ich befand mich alſo allein, ich, die ich ſo manche 106 liebliche Bande gehabt hatte, aber von meinem eigenen Charakter noch nicht das Mindeſte wußte. „Wie der Pfarrer und Sie, mein Vormund, unter einander korreſpondirien, das kümmerte mich damals nicht ſonderlich. Es war mir angenehm während meiner erſten Trauerzeit im Pfarrhaus verweilen zu können. Das war eine Zeit von lauter Thränen. „Nachher als ich ruhig wurde und als Charlotte ſich verheirathete, war ich auch nicht unzufrieden darüber, daß ich zur Oberſtin kommen ſollte. „Sie führte mich hinaus zu jenen Vergnügungen und Luſtbarkeiten, nach denen ich früher im Geheimen geſeuſtt hatte. „Laſſen Sie mich Ihnen jetzt eine Sache oder vielmehr zwei anvertrauen. „Ich liebe die Vergnügungen ſehr und ich halte große Stücke auf ſchöne Kleider. „Aber warten Sie— Sie ſollen ein noch voll⸗ ſtändigeres Bekenntniß erhalten. „So lange ich in meiner eigenen Familie lebte, wußte ich nicht, daß ich Fehler hatte, und auch nicht daß ich ſchön war— jetzt weiß ich beides. „Man ſchmeichelt mir mit der letzten Eigenſchaft, und, können Sie's wohl glauben, mein Vormund, Sie, der Sie ſich ſicherlich aus guten Gründen mit Wider⸗ willen von aller Eitelkeit und allem Flitterkram abge⸗ wandt haben, können Sie's wohl glauben, daß dieſe Schmeichelei mir ein ſolches Vergnügen bereitet, daß ich die größte Mühe habe, mich dagegen gleichgiltig zu zeigen oder mich zu ſtellen, als ob ich ſie nicht ver⸗ ſtände. „Inzwiſchen iſt die Wahrheit die, daß ich, wenn ich nach Hauſe komme und für mich ſelbſt die zierlichen Phraſen wiederhole, die ich gehört habe, über meine eigne Schwachheit erröthe, denn dieſe Phraſen ſind ſo geiſtlos und ſo durchaus fad, daß ich wahrlich höchſt eitel lacher 1 1 ſtens die m dieſer Corre Folge Verſe verla ſchaft den 3 Anſpr 6 ich, entſch meine wiſſen man Abſa ich n That beurt theile der? mich Glüc genen unter mmals neiner nnen. rlotte rüber, ungen eimen oder halte voll⸗ lebte, nicht ſchaft, Sie, Vider⸗ abge⸗ dieſe aß ich ig zu t ver⸗ wenn rlichen meine ind ſo höchſt 107 eitel ſein müßte, um nicht beim Anhoͤren derſelben zu lachen oder zu gähnen. „Sie ſehen, daß ich einer ernſten Schule bedarf. „Noch ſchlimmer jedoch, glaube ich, iſt— wenig⸗ ſtens ſagt dies die Oberſtin— die Unbedachtſamkeit, die meinem Charakter angeboren iſt. „Ich brauche hievon nicht viel zu reden, da juſt dieſer Fehler die Klage herbeigeführt hat, die meine Correſpondenz und meine Aufenthaltsveränderung zur Folge hatte. „Aber mein Gott, konnte ich wohl in einer großen Verſammlung von Menſchen, ein junges Mädchen ganz verlaſſen, gleichſam ausgeſtoßen von der übrigen Geſell⸗ ſchaft daſitzen ſehen, ohne mich ihr zu nähern? „Jeanne Sophie iſt ſeitdem meine Freundin gewor⸗ den— und iſt es nicht wahr, daß Freunde große Anſprüche an einander haben? „Die arme Jeanne Sophie iſt allerdings älter als ich, und in gewiſſen Fällen zeigt ſie einen kühnen und entſchloſſenen Charakter. Nichts deſto weniger hat ſie meiner bedurft, und ich.. Ach mit Bitten, mit ge⸗ wiſſen Blicken erhält man von mir ſogleich Alles, was man nur will... „Ich bin in nichts eigentlich ſtark, außer in meinem Abſcheu gegen das, was ſchlecht, kalt und garſtig iſt— ich meine nicht garſtig von Ausſehen, ſondern in der That und Handlung. „Und ein kaltes Herz, das Andere kalt und hart beurtheilt, iſt das Entſetzlichſte, was ich kenne. „Aber kann nicht auch ein warmes Herz hart ur⸗ theilen? Ja— denn dies iſt juſt ſo eben bei mir ſelbſt der Fall geweſen. „Heute werde ich ſiebzehn Jahre alt, und ich habe mich daran gewöhnt meine Geburtstage als Feſte der Glückſeligkeit zu betrachten. „Ich war ein verwöhntes Kind, ſehr verwöhnt. „Lachen Sie jetzt über mich! „Ich hatte mich heute ſehr früh angekleidet. Ich wartete, wie im vorigen Jahre im Pfarrhaus und im⸗ mer daheim, auf eine Botſchaft, und als keine Botſchaft kam, giag ich endlich hinab in der Hoffnung, daß gleich wohl Etwas mich erwarte. „Mein Herz ſchlug heftig— einfältiges Herz, du hätteſt Dich ganz ſtill halten können, kein Menſch hatte an mich gedacht. „Das ſinde ich gleichwohl jetzt ganz natürlich— d. h. ich zwinge mich, es ſo zu finden. „Aber im Augenblick ſelbſt wurde ich von ſo bit⸗ teren Gefühlen ergriffen, daß ich, wenn mich nicht mein Stolz zurückgehalten hätte, in Thränen ausgebrochen ſein würde— und ich hegte einen wahren Groll gegen die Oberſtin..Pfui— es war ſowohl kindiſch als anmaßend, von fremden Leuten ſo viel zu fordern. „Beſter Herr Kriegsrath— oder faſt noch lieber, mein guter Vormund— ich moͤchte das Herannahen des Frühlings beſchleunigen können, und ich hoffe(d. h⸗ ich bete zu Gott), daß Ihre Schwägerin mir hold ſein möge... „Nein, jetzt ſchließe ich ganz plötzlich— es ſchlägt ſechs Uhr und ich... mein Gott, wie unruhig bin ich, wenn ich's doch wagen dürfte, zu ſagen, warum.“ „Ich bin allzu unglücklich, daß ich in dieſem Augen⸗ blicke Niemand habe, der mir rathen könnte. „Leben Sie wohl, mein edelmüthiger Vormund! Ich wollte, ja wahrhaftig, ich wollte, daß ich ſelbſt mit meinem Brief kommen könnte.“ „Viola Holſt.“ „N. S.“ „Eine ganze Viertelſtunde lang habe ich jetzt auf Jemand gewartet und zehnmal habe ich mich verſucht gefühlt, Alles zu beichten, was mir auf dem Herzen oder auf dem Gewiſſen liegt. „Aber, ſobald ich d'ran war, die Feder zu ergrei⸗ fen, erinne gen ſo 7 möchte / eine 2 weiß, auf de Unruh Ihnen ander T als J Freud lugen⸗ nund! ſelbſt ſt.“¹ 109 fen, habe ich mich immer an die Worte der Oberſtin erinnert:„Der Kriegsrath nimmt es in gewiſſen Fra⸗ gen ſo äußerſt genau.“ „Dazu kommt voch, daß ich ſehr ängſtlich bin, ich möchte ein Mißvergnügen gegen mich hervorrufen. „Doch— das iſt gewiß, daß ich, wenn ich noch eine Viertelſtunde habe, um mich zu beſinnen, nicht weiß, was ich thue.. Nein, nein, ich höre Tritte auf der Treppe; ich verrathe alſo Nichts, als meine Unruhe, und über die Veranlaſſung derſelben will ich Ihnen aufrichtig Rechenſchaft abtenen, wenn wir ein⸗ ander perſönlich kennen lernen“... Biola konnte kaum noch ibren Brief verſchließen, als Jeanne Sophie die Thür öffnete und mit einem Freudenruf in die Arme ibrer Freundin ſtürzte. „Was giebt es denn?“ fragte Wiola ganz betrof⸗ fen.„Enthebſt Du mich meines Verſprechens?“ Ach ſo weaig verſtand Viola jetzt noch die Eigen⸗ ſucht der Liebe. „Mas es iſt,“ wiederholte Jeanne Sophie mit keuchendem Athemzug..„das fragſt Du mich? Werde ich nicht binnen dreißig Minuten ihn treffen? verſtehſt Du, ihn!“ 13. Lieutenant Emil Marbin. Wer in der folgenden halben Stunde die beiden Frauenzimmer geſehen hätte, dem würde es nicht ſchwer geworden ſein, ihre verſchiedenen Charaktere zu beur⸗ theilen. Jeanne Sophie, welche die Verantwortung für ſich und ihre Freundin übernommen hatte, ſtand mit emporgerichtetem Haupt und gänzlich ungezwungener Haltung ſeitwärts am Fenſter. Nicht einmal einen halben Gedanken widmete ſie irgend einer Sache, welche ſich nicht auf die Angelegen⸗ heit bezog, die alle ihre Sinne beſchäftigte. Viola dagegen ſaß auf dem äußerſten Rande eines Lehnſtuhles, und ihre Stellung und Haltung verriethen eine Perſon, die ängſtlich auf irgend einen Ton lauſcht und bereit iſt, die Flucht zu ergreifen. Und gleichwohl, ſo bang, ſo zitternd, ſo ſchüchtern Viola ſich fühlte, wäre ſie doch wahrſcheinlich, wenn ihr die Gefahr unter die Augen getreten wäre, die letzte geweſen, welche den Platz verlaſſen hätte. Es hätte für Jeanne Sophie eine peinliche Em⸗ pfindung ſein müſſen, die ſprechende Angſt des jungen Mädchens zu ſehen. Aber Jeanne Sophie ſah nie⸗ mals nach der Seite hin, wo ihre Freundin ſaß. Da⸗ rum merkte ſie auch nicht, wie Viola's Stirn von kal⸗ ten Schweißtropfen befeuchtet, wie ihr reizendes, ſonſt ſo wolkenfreies Geſicht von Wolken verhüllt wurde, und wie die ſo feine Roſenfarbe auf ihren Wangen einer immer tieferen Lilienweiße Platz machte. 2 4 mein 1 wirkl . 0 öffnet noch 1 Schw S war, 8 5 beiden ſchwer beur⸗ ig für dd mit ngener ete ſie elegen⸗ 2 eines riethen lauſcht üchtern wenn e, die e Em⸗ jungen h nie⸗ „Da⸗ on kal⸗ , ſonſt ſe, und n einer 1¹¹ Endlich war es Viola zu Muthe, als ob ſie ſter⸗ ben müßte, wenn ſie nicht ſprechen könnte. „Jeanne Sophie, ſag' doch Etwas, was es auch ein mag, ich bin überzeugt, daß das hier nie gut enden wird.“ Jeanne Sophie antwortete nicht— ſie meinte, in dieſem Augenblicke an der Ecke der Quergaſſe eine Spur von ihrem Geliebten zu erblicken. Aber ſie täuſchte ſich und lauſchte daher auf Vio⸗ la's zweiten Anruf. „Ach Du guter himmliſcher Vater, bedenke doch, wenn die Oberſtin den Lieutenant Marbin ſähe, wenn er die Treppe heraufkommt!“ „Du biſt ein wahres Kind. Hier gehen ja die Herren der halben Stadt täglich die Treppe herauf; vergiſſeſt Du, daß die Oberſtin Miethsleute von beiden Geſchlechtern hat?“ „Das iſt wahr, aber... aber zwei Treppen hoch wohnt Niemand mehr als ich.“ „Und noch weiter oben die Frau, die wäſcht und näht.“ „Ach Jeanne Sophie, wenn Du wüßteſt, wie mein Herz klopft!“ „Und erſt das meinige!“ „Still... o ich Unvorſichtige... er kommt wirklich... ja wirklich... O das iſt ſchrecklich!“ „Ja, ja, das iſt er, ich kenne ſeinen Tritt.“ Viola blieb wie verſteinert ützen. Jeanne Sophie dagegen eilte nach der Thüre und öffnete ſie, bevor Derjenige, der ſich draußen befand, noch hatte anklopfen können. „Emil, mein Emil!“ Sie zog eilig ihren Liebhaber mit ſich über die Schwelle. Aber als einmal dieſe Scheidewand überſchritten war, ließ ſich dieſer nicht mehr von ihr halten. Mit einer Bewegung, die ein weniger leidenſchaft⸗ 112 liches und ruhigeres Weib als Jeanne Sophie für bei⸗ nahe abweiſend hätte halten müſſen, blieb der Lieute⸗ nant einige Tritte von der Thüre ſtehen. Und ſo demüthig, ſo verehrungsvoll war der Blick, den er auf die junge Beberrſcherin des Zimmers richtete, daß Viola endlich ihr Haupt zu erheben wagte. „Mein Fräulein,“ ſagte er, und ſeine Stimme klang beinahe zitternd,„ich ſehe, was Ihre Freund⸗ ſchaft Sie gekoſtet hat; aber ſeien Sie ruhig: ich werde keinen Schritt weiter thun; Jeanne Sophie mag mir hier ihre Hand zum Abſchied reichen... dann will ich ſchreiben.“ Und mehr eine Bildſäule als ein Menſch, lehnte er ſich gegen den Thürpfoſten. Lieutenant Marbin hatte ein nobles Geſicht. Im Uebrigen war er groß, hatte hellgelbe Haare, große, graue, ausdrucksvolle Augen, einen weißen Schnurrbart und weiße Brauen; er beſaß nichts von jener Art von Schönbeit, welche die Mädchen mit dem Ausrufe charakteriſtren: Gott wie ſchön er iſt! Und zu weicher wahrhaft purpurfarbige Wangen, ſchwarze Augen, dunkle Locken, und das allerzierlichſte Schnurr⸗ bärtchen gehören. Lieutenant Emil ſah ſchwediſch und ehrlich aus. Seine Augen fankelten nicht, aber ſie ließen ahnen, daß er Gefühle beſaß. Seine wohlgebildete Stirne ließ gleichfalls abnen, daß er zu denken pflegte, und ſeine ganze Perſönlichkeit gab zu erkennen, daß er, wenn auch nicht gerade für das Modell eines Antinons, doch für den Urtypus eines ehrenhaften Mannes, eines guten Kame⸗ raden und treuen Freundes gelten konnte. Und bei alledem ſtand er jetzt gleichwohl auf einem Platze, wo man nach der oben mitgetheilten kur⸗ zen Schilderung kaum erwarten durfte, ihn zu fin⸗ den.. Aber wir kehren zur Handlung zurück. intere ſehr, r bei⸗ Lieute⸗ r der mmers rheben btimme reund⸗ werde g mir n will lehnte Haare, weißen ts von it dem Und hwarze hnurr⸗ aus. ahnen, ne ließ eganze h nicht ür den Kame⸗ l auf en kur⸗ zu fin⸗ 113 „Was will eine ſolche Erklärung beſagen?“ rief Jeanne Sophie, indem ſie das ganze verzehrende Feuer aus ihren magiſchen Augen auf den Geliebten richtete. „Iſt es Viola, der Du Deine Entſchuldigungen vor⸗ trägſt?— Bekümmert ſie ſich darum, ob Du reiſeſt oder nicht?“ „Ich glaube wahrhaftig, daß das Fräulein für den Augenblick nichts mehr wünſcht, als meine Abreiſe.“ „Schon gut, ſchon gut,“ rief die junge Dame im⸗ mer mehr aufgebracht,„es ſieht wahrlich aus, als ſeieſt Du hieher gekommen, um meine Freundin zu bekompli⸗ mentiren.. Gut, das iſt jetzt geſchehen und ſie intereſſirt ſich für Deine Entſchuldigungen ebenſo ſehr, wie.. ℳ „Verzeih’ mir, Jeanne Sophie,“ fiel Viola ein, indem ſie ſich aufrichtete,„ich kann Dir keine Verglei⸗ chung erlauben, wo es keiner bedarf. Ich freue mich aufrichtig über Lieutenant Marbin's Entſchuldigungen, weil ſie beweiſen, daß er begreift, wie ſehr ich Dich lieben mußte, um— wenn auch nur auf einige Minu⸗ ten— einen Mann in meinem Zimmer zu empfangen.“ „Und daß er dieſes Opfer je angenommen hat, das iſt bei Gott ſo unwürdig, daß er ſich darüber ſchämt, mein Fräulein,“ antwortete der Lieutenant heftig. Dann fügte er langſam hinzu: „Lebe wohl, Jeanne Sophie, die Ehre verbietet mir, länger zu verweilen; lebe wohl bis heute Abend — ich ſchicke Dir dann ſicher einen Brief.“ „Einen Brief, einen Brief— ach ja, ich kenne dieſe Art von Briefen ſchon. Aber, Emil, Du wirſt nicht ſo unedel, ſo niedrig handeln, daß Du Dich einer Liſt bedienſt, um Dich von mir loszureißen?“ Und mit beiden Händen ergriff Jeanne Sophie die Hand ihres Geliebten. „Lieutenant Marbin,“ bat Viola mit ihrer holden Stimme,„beruhigen Sie doch meine Freundin, beruhi⸗ gen Sie ſie um Gotteswillen.“ Der Vormund. I. „ Will ſie ſich denn beruhigen laſſen?“ fragte der Lieutenant und betrachtete traurig die durch ihre innere Aufregung verſtörten Züge ſeiner ſchönen Geliebten. „Sind es nicht juſt dieſe ſieberiſchen Anklagen und Verſöhnungen, die den eigentlichen Grund von Jeanne Sophie's Liebe bilden, wie ſie auch durch das Bedürf⸗ niß, ſolche Scenen zu erneuern, Veranlaſſung zu den Verleumdungen giebt, die zu fürchten ſie niemals ler⸗ nen will?“ Während der junge Mann ſo ſprach— und man muß zugeben, daß ſeine Worte mehr die Strenge eines wohlmeinenden Bruders als das freudige Entzücken eines Liebhabers verriethen, ſtand Sophie mit gefalte⸗ ten Händen, ein Bild der Verzweiflung, da. Aber ſobald ſeine Lippen ſich ſchloſſen, ſank ſie ſchluchzend auf den Stuhl nieder und überließ ſich rück⸗ haltslos ihrem Schmerz. „Sehen Sie, was Sie gethan haben, mein Herr,“ rief Viola verdrießlich..„ah, wenn ich das gewußt hätte... „Ich habe Nichts gethan, mein Fräulein, was Sie erſchrecken und noch weniger Etwas, was Sie verdrie⸗ ßen könnte. Wenn Sie Jeanne Sophie's Freundin ſind— was Sie in ſo hohem Grade bewieſen haben— ſo helfen Sie mir vielmehr, ſie zu überzeugen, daß ich Recht habe in meiner Behauptung, daß ewige Scenen und Vorwürfe die Gefühle abſtumpfen und die Seze ermüden.“ Inzwiſchen hatte Lieutenant Marbin ſich Jeanne Sophie genähert und ihre Hand ergriffen. Aber der wilden Bewegung ihres Gemüths gehor⸗ chend, riß ſie die Hand zurück. „Ich weiß, was Du willſt,“ ſagte ſie halblaut, indem ſie ihr Schluchzen zu erſticken ſuchte,„ich weiß es nur allzugut: Du willſt mich zu einem Bruche reizen.“ „Jeanne Sophie!“ 115 te der„O ſchweig doch!— Habe ich nicht geſehen, wie Du innere immer kälter und kälter wurdeſt? Habe ich nicht be⸗ ebten. merkt, wie juſt Du, um deſſenwillen mein Ruf ange⸗ und taſtet worden iſt, Dich geſtellt haſt, als ob Du durch eanne meine Unvorſichtigkeit mehr litteſt, als ich ſelbſt! Und edürf⸗ warum haſt Du Dich ſo geſtellt?— Ja, um das Recht u den zu haben, mich zu verachten und mich als ein Weſen s ler⸗ zu behandeln, dem man keine Rückſichten ſchulde.“ „Du faſelſt, meine Freundin; hätte ich mich die⸗ b man ſer Niederträchigkeit ſchuldig gemacht, ſo würde keine eines Schwäche von Deiner Seite Dich rechtfertigen, wenn dieſer zücken Augenblick nicht der letzte unſerer Verbindung wäre.“ falte⸗„Hörſt Du, hörſt Du, Viola, wie er mich zwingen will, das entſcheidende Wort auszuſprechen? Aber er⸗ ink ſie warten Sie es nicht, mein Herr, wenn ich auch nicht hrück⸗ mehr geliebt werde, ſo ſollen Sie doch nicht das Recht haben, irgend eine Andere zu lieben. Ihr Chrenwort Herr,“ iſt mir verpfändet.“ ewußt„Und es wird eingelöst werden, Jeanne Sophie, ſo bald ich die Bedenklichkeiten meines Vaters überwun⸗ s Sie den habe.“ erdrie⸗„Und wenn ſie ſich nicht überwinden laſſen?“ eundin„Dann müſſen wir warten— Du weißt ja, daß en— ich Nichts beſitze, als was ich von meinem Vater erben aß ich werde.“ zcenen„Und Deine Gage und mein kleines Erbe? Wenn Seele Liebe vorhanden wäre, ſo könnte das genügen.“ eaanne Sophie, Du verſtehſt das nicht.“ gehor⸗ Du in einigen Monaten Hauptmann.“ blaut, weiß Bruche— anwill alſo heißen, wir müſſen in alle Ewigß nun wohl, ſo reiſe dahin! Tödte 116 mich, nachdem Du zuerſt meinen guten Namen getoͤd⸗ tet haſt.“ zuerſt 3 n g lieb „Jeanne Sophie, Jeanne Sophie, bin ich's, der weg dieſe Vorwürfe verdient? Aber beruhige Dich, Her arme, aufgeregte Seele— was auch geſchehen mag, mer ich bin es nicht, der bricht; meine Treue gehört Der, Du ich erneuere dieſes Verſprechen.“ „Deine Treue, aber nicht Deine Liebe... oder Bet ſchwoͤre mir, daß Du mich ſo liebſt, wie ich Dich liebe.“ Dir „Wozu ſollen Eide, da Du mein Wort haſt?“ hol „Ei, es iſt nicht Dein Wort, was ich haben will, ſondern Dein Herz, Deine Seele, alle Deine Gefühle. Die O welch ein entſetzliches Leiden, den Mann, den wir wil lieben, ſo ruhig, ſo ſelbſtbeherrſchend, ſo eiskalt daſtehen 4 zu ſehen.. nein, ich will mich nicht noch mehr er⸗ nick niedrigen, als bereits geſchehen iſt. Ich kann Dein nich Bild nicht aus meinem thörichten Herzen reißen, aber Hel von meiner Bruſt will ich es reißen,— und das thue hör ich jetzt... ſiehe da!“ Ge Sie zog heftig ein Miniaturbild ihres Geliebten hervor und warf es mit wahnſinniger Geberde auf den Boden. auf Bleich vor Zorn, aber ohne daß ein Wort über ſeine Lippen kam, beugte ſich Marbin hinab und hob das Portrait auf, deſſen Glas im Falle zertrümmert worden war. Was Viola betrifft, ſo hatte ſie, ganz verwirrt von der zunehmenden Heftigkeit dieſer Scene, ſich auf die Seite zurückgezogen. „Und nun iſt es aus,“ begann Jeanne Sophie, fortwährend unter dem Einfluſſe derſelben unſeligen Verwirrung, von Neuem,„nun iſt es aus, für immer aus! Ob ich länger zu leben vermag oder ob ich ſter⸗ ben werde, ſo habe ich nicht im Sinn, mich ſelbſt zu verachten, und verachten müßte ich mich, wenn ich nach allem dem Dich zurückhielte... Geh' alſo— geh!l“ hin „Suche Deine Vernunft zurückzurufen, meine — 117 liebe Jeanne Sophie,“ ſagte der Lieutenant, deſſen Be⸗ wegung ſich nur durch eine tiefe Senkung ſeiner Stimme verrieth.„Noch iſt Dein Wort von mir nicht aufgenom⸗ men worden, noch kann es vergeſſen werden, ſo ſehr Du mich auch beleidigt und verletzt haſt.“ „Ei wie, Du biſt barmherzig genug, der armen Beitlerin noch ein Almoſen zuzuwerfen? Aber merk' Dir's wohl: ſie verfolgt Dich nicht länger, ſie wieder⸗ holt nur noch einmal: Geh'!“ „Und ich wiederhole zum letzten Male: Beſinne Diile denn ich ſage jetzt nicht mehr, daß ich vergeſſen will. „Nun das fügt ſich vortrefflich, denn auch ich ſage nicht mehr, daß ich vergeſſen will. Begreifen Sie nicht, mein Herr, daß es gänzlich nutzlos iſt, mit einem Heldenmuth zu glänzen, worüber ich blos lache— Sie hören ja, daß ich lache...“ Und das junge Frauenzimmer ſchlug ein gellendes Gelächter auf. In dieſem Augenblick hörte man ſchwere Tritte außen auf dem Gange. 14. Ich bin unſchuldig. Viola fuhr wie aus einem ſchweren Traume auf. „Jeanne Sophie,“ flüſterte ſie heftig,„ſchnell da hinein,... Und muthig, wie eine kleine Amazone, ſtieß ſie die Freundin in das jungfräuliche Schlafzimmer. 118 Aber als der Lieutenant, blutroth vor Erbitterung und Demüthigung, ihr folgen wollte, da hielt ihn Viola mit einer Bewegung voll von unvergleichlicher Anmuth und ſchamhafter Verwirrung zurück. „Das iſt... das iſt mein Privatzimmer.. gehen Sie lieber da hinein“— ſie warf einen ſpähen⸗ den, aber verzweifelt entſchloſſenen Blick um ſich— „gehen Sie lieber da hinein in die Garderobe.“ Im nächſten Augenblicke konnte die Thüre ge⸗ öffnet werden, aber die ſchweren Tritte gingen vorüber. Auf dem großen Gang befanden ſich mehrere Thüren. „Die Gefahr iſt vorüber,“ ſagte der Lieutenant ganz ſachte, indem er ſeinen Kopf hervorſtreckte.„Laſſen Sie mich daher den Augenblick benutzen und forteilen.“ „Können Sie das?“ Viola zeigte auf die Thüre des Schlafzimmers. In dieſem Augenblicke trat Lieutenant Marbin gänzlich aus ſeinem Verbannungsorte hervor. „Zu gehen,“ ſagte er,„iſt meine Pflicht, vor allen Dingen gegen Sie, mein Fräulein, und dann gegen mich ſelbſt.“*. „Und ſie da drinnen?“ 8 „Hat ſie nicht ſelbſt gewollt, was geſchehen iſt?“ „Aber Sie müſſen edelmüthiger ſein, als daß Sie ihre furchtbare Gemüthsaufregung benützen— ſonſt wird ſie, wenn ſie wieder zur Beſinnung kommt, wirk⸗ lich wahnſinnig!“ „Sie bitten für ſie, Sie,“ ſagte er mit unſichrer Stimme;„nun wohl, Sie ſind ein Engel von Güte und Reinheit, und einem Befehl von Engeln muß man gehorchen...“ „Jeanne Sophie mag noch eine Woche Bedenkzeit er⸗ halten— dann wird ſie von mir hören, hernach. „Hernach?“.* „Hernach mag Gott walten! Aber laſſen Sie mich nicht gehen, bevor ich Ihnen auf meinen Knieen 119 ſü das grenzenloſe Opfer gedankt, das Sie gebracht aben.“ 3 Und bevor Viola es zu hindern vermochte, hatte Emil Marbin verehrungsvoll ſein Knie vor ihr gebeugt. „O ſtehn Sie auf— ich will nicht auf dieſe Art angeredet werden... Ich bin unvorſichtig geweſen... Sie ſind zu ehrlich, um es zu läugnen.“ „Ich läugne es auch nicht. Und ich füge hinzu, daß Sie doppelt unvorſichtig waren in Ihrer anbetungs⸗ würdigen Unſchuld, denn... doch genug.“ „Großer Gott!“ ſchrie Viola auf;„ſehen Sie da ... ſehen Sie da!“ Und das, was Viola ſah, war in der That ſchrecklich. Mitten in der einen Wand war ein kleiner Schie⸗ ber, an welchen ſte vorher nicht gedacht hatte, langſam weggeſchoben worden, und in der Oeffnung dieſer Luke (die auf eine ſogenannte Plunderkammer hinausging) ſteckte das Geſicht der Oberſtin karmoiſinroth vor Ver⸗ druß, und wir müſſen es geſtehen— in Folge eines Schrecks, der im erſten Augenblick keine Worte fand. Der Lieutenant war aufgeſprungen. Aber was half das? war er nicht zu Violas Füßen geſehen worden! und hatte nicht die Oberſtin ihn ſelbſt geſtehen gehört, daß Viola in ihrer anbetungswürdigen 74 Unſchuld doppelt unvorſichtig ſei, denn. Es iſt wahr, daß man nicht wiſſen konnte, was nach dieſem denn gekommen ſein würde, aber die Ober⸗ ſtin verſtand ſich einigermaßen auf Mimik, und die Mimik des Lieutenants Marbin war ſo beredt geweſen, daß die erfahrne Frau daraus ſoviel erſah, als wenn ſie den Satz zu Ende gehört hätte. „Ich bin unſchuldig, ich bin unſchuldig, Tante, trotz alles Scheins,“ ſagte Viola, die zuerſt redete. „Der Lieutenant weiß es.“ Die Oberſtin verließ ihr Obſervatorlum und kam mit majeſtätiſchen Schritten aus der einen Thüre juſt ——— — — — —— —.— —— —õ—— — in demſelben Augenblick, als Jeanne Sophie aus der Thüre des Schlafzimmers hervorſtürzte. „Aha, meine Damen, wird Ihre Freundſchaft auf dieſe Art unterhalten?“ begann die Oberſtin mit ſchar⸗ fem und verachtungsvollem Ton.„Sie helfen einander gegenſeitig aus, und heute iſt die Reihe an Mamſell Jeanne Sophie.“ „Ich hoffe, Frau Oberſtin, daß Sie die Güte ha⸗ ben werden, den einfachen Verlauf der Sache anzuhö⸗ ren,“ fiel Lieutenant Emil Marbin mit einer Ruhe ein, die um ſo bewundernswürdiger war, als er vor zurück⸗ gehaltenem Verdruß und nutzloſer Ungeduld brannte. „Ich höre allerdings, aber es wird mir ſchwer zu begreifen, wie eine Erklärung an dem Etwas ändern könnte, was ich bereits gehört habe.“ „Fräulein Viola— deren einziger Fehler, im Fall ſte einen ſolchen hat, die edle Schwachheit iſt, den Bitten einer Freundin nicht widerſtehen zu können— hat ſich von Fräulein Jeanne Sophie überreden laſſen, daß ſie ihr erlaubte, hier einige Minuten lang von einer Per⸗ ſon Abſchied zu nehmen, die ihr theuer iſt.“ „Sollte dieſe Perſon zufällig der Herr Lieutenant ſein?“ fiel die Oberſtin ſpöttiſch ein. „Die Sache dürfte ſich von ſelbſt verſtehen.“ „Im Gegentheil. Wenn es der Fall iſt, daß Viola, ein ſiebzehnjähriges Mädchen,— wahrlich ſehr hübſch — Mamſell Jeanne Sophie die Erlaubniß ertheilt, Zu⸗ ſammenkünfte auf ihrem Zimmer zu halten, wie kommt es denn, daß ich den Liebhaber auf den Knien der dienſt⸗ willigen Freundin ſinde, ſtatt vor...“ „Was ſoll das heißen?“ rief Jeanne Sophie, welche bis jetzt ihr ſtürmiſch ſchlagendes Herz in Ruhe erhal⸗ ten hatte, bevor ſie zu ſprechen verſuchte:„Er, er zu Violas Füßen?“ „Ei der tauſend, die Intrigue verknotet ſich. Das junge Fräulein übertrifft alles, was ich gehört und er⸗ lebt habe.“ 3 der t auf ſchar⸗ ander mſell 2 ha⸗ zuhö⸗ e ein, trück⸗ ie. er zu ndern Fall Bitten ꝛt ſich aß ſie Per⸗ tenant Viola, hübſch „ Zu⸗ kommt dienſt⸗ welche erhal⸗ er zu Das nd er⸗ 121 „Und dennoch, Tante, wiederhole ich, daß ich un⸗ ſchuldig bin. Gott weiß es. Jeanne Sopbie bat mich lacdeingen und ich konnte ſie nicht in Verzweiflung aſſen.“ „Aber welcher von beiden gehört der Liebhaber? Dieſe noch unerklärte Sache muß ich doch endlich das Recht haben, zu erfahren.“ „Madame,“ ſagte der Lieutenant, auf deſſen Geſicht ein feſter Entſchluß zu leſen ſtand,„Madame, dieſe Sprache gegen das Fräulein iſt nicht würdig. Die Dankſagung, die ich auf den Knien abſtattete, galt, wie man dieß ſehr wohl ſehen kann, dem Opfer, das ſie der Freundſchaft gebracht hat. Jeanne Sophie iſt meine Braut, und ich ſtehe im Begriff, zu meinem Vater zu reiſen und ſeine Einwilligung in unſere Ehe zu erbitten.“ Bei dieſer mannhaften Erklärung erhoöben ſowohl Viola als Jeane Sophie ihre Augen zu Lieutenant Emil. Auf die erſte warf er einen Blick, der zu ſagen ſchien: Was ich thue iſt nicht zu viel— ich moͤchte noch tauſendmal mehr thun! Der letzteren dagegen reichte er die Hand, indem er die Worte hinzufügte: „Komm, noch heute Abend ſpreche ich mit Deiner Stief⸗ mutter.“. Jeanne Sophie war beſiegt. Ihre Gefühle, die immer ſchnell wechſelten, ſteiger⸗ ten ſich jetzt von der Verzweiflung bis zum Entzücken. Sie ſtieß ihren Liebhaber voraus durch die Thüre und ging dann mit einer ſpöttiſchen Begrüßung an der Oberſtin vorüber zu Viola, der ſie ins Ohr flüſterte: „Ich komme morgen bei Zeiten zu Dir.“ „Nein, nein,“ antwortete Viola heftig,„ich will allein ſein— ich muß nachdenken, weinen und dann handeln... Lebe wohl, Jeanne Sophie, lebe wohl!“ Verzeihe mir wenigſtens das Leid, das ich Dir bereitet habe,“ begann Jeanne Sophie mit lauter Stimme. Ich geſtehe, daß ich mich gegen Dich ſehr verfehlt habe; aber ſei überzeugt, daß ich den Muth haben werde, Alles — 122 zu erklären, im Fall das hier Geſchehene Gegenſtand von Klatſchereien werden ſollte.“ „Ich gratulire zu ſo großer Fügſamkeit,“ ſte die Oberſtin ſpitzig,„das iſt eine bewundernswerth nach⸗ ſichtige Braut, die es auf ſich nimmt, den Kniefall ihres Verlobten vor einer andern zu entſchuldigen. Doch es iſt wahr, ich glaube, daß juſt dieſer Kniefall es war, der die Verlobung in Ordnung brachte.“ Bei dieſen Worten, deren Bosheit das ſtolze, ſeit einigen Augenblicken von Hochmuth und Seligkeit ſchwellende Herz Jeanne Sophies durchbohrte, mußte das Mädchen hinauseilen. Aber ſie war beinahe beſinnungs⸗ los, als ſie an der unterſten Treppenſtufe den Mann einholte, um deſſen willen ſie auf eine ſo bittere Art gedemüthigt worden war. „Laß uns hier kein Wort ſprechen,“ murmelte der Lieutenant in rauhem Tone. „Begleiteſt Du mich nach Hauſe?“ „Das verſteht ſich.“ „Und ſprichſt Du ſogleich mit meiner Stiefmutter?“ „Ich habe es Dir ja geſagt.“ „Und unſere Hochzeit.. Verzeih, Emil, daß ich fragen muß, aber wenn Du wüßteſt, wie ſchauerlich ich fo eben noch beleidigt worden bin.“ „Iſt es denn noͤthig auf der Gaſſe von der Hoch⸗ zeit zu ſprechen? Eine öffentliche Verlobung muß doch, ſollte ich glauben, genug ſein, um alle böſen Zungen zum Schweigen zu bringen?“ „Emil, Emil, wenn meine Geduld Dir grenzen⸗ los vorkommt, ſo geſchieht es darum, weil ich Dich ſoeben verletzt habe; aber Du ſelbſt biſt nahe daran, mich noch weit ſtärker zu beleidigen.“ „Ich bin auch,“ antwortete der Lieutenant mit düſte⸗ rem Blicke,„nahe daran, vor Wuth den Verſtand zu verlieren. Von einer alten ſcheinheiligen und klatſch⸗ haften Kokette auf ſolche Art erniedrigt zu werden, ein junges unſchuldiges Maͤdchen ſo bloß zu ſtellen—, die⸗ ſes le ich, di und Gedä bin, 1 Ii ab, h ließen 123 ſes letztere iſt ſchändlich— und wir find es, Du und ich, din dieſe Schändlichkeit begangen haben.“ „Du ſagteſt ſo eben: laß uns hier nichts reden, und jetzt rufe ich Dir Deine eigne Ermahnung ins Gedächtniß. Und da ich nach allem dem im Stande bin, mich ruhig zu zeigen, ſo mußt auch Du es können.“ Und jetzt gingen ſie Arm in Arm die Straße hin⸗ ab, hielten die Köpfe hoch, lächelten gegeneinander und ließen ſich von den Leuten angaffen Sie waren kaum an Jeanne Sophies Haus ange⸗ langt, ſo wußte es ſchon die halbe Stadt, daß die all⸗ zuberühmte Mamſell S. Braut war. Vor der Thüre angekommen, ſagte Jeanne Sophie mit verändertem eiskaltem Tone: „Sei ſo gut und laß die Formalitäten in Ordnung vor ſich gehen. Beſuche heute Abend noch meinen Vor⸗ mund— ich will ſelbſt meine Stiefmutter auf einen Morgenbeſuch vorbereiten, dann wollen wir ſehen.“ 15. Schlußſcene auf Violas Stübchen. Während Lieutenant Marbin und ſeine erklärte Braut ſich entfernten, blieben Viola und die Oberſtin allein in dem Zimmer ſtehen, das ſo eben noch der Schauplatz ſo ſtürmiſcher Auftritte geweſen war. Die Oberſtin ſtand ſchweigend da, aber ihre ſtrenge Miene und ihr ſtrafender Blick ſprachen nur allzu deute lich ihre Gefühle aus. „Meine gute Tante, ſprechen Sie ein einziges gü⸗ 124 tiges Wort zu mir— ich bin ſo tief betrübt, daß ich mein halbes Leben für einen freundlichen und troſtreichen Blick hingeben möchte.“ „Ja, ich verſtehe, mein Fräulein, dieſe Phraſe lau⸗ tet in ſinngetreuer Ueberſetzung: Um Gotteswillen ſchreibe meinem Vormund nicht von dieſem Skandal— ich müßte mich zu Tode ſchämen, wenn der Ruf meines Leichtſinns mir voranginge.“ „Nein,“ antwortete Viola, und ihre ſchönen dun⸗ kelblauen Augen blickten beinahe mitleidig auf Die⸗ jenige, die ihr eine mütterliche Freundin hätte ſein ſollen;„nein, etwas ſo Gemeines enthielten meine Worte nicht.“ „Nicht? Du biſt alſo dermaßen ohne alle Scham, daß Du Dich nicht darum bekümmerſt, was man von Deinem Rufe ſagt? Nun, ich kann hinzufügen, daß ich mich über Nichts verwundern werde.“ „Welch eine entſetzliche Qual, keinen Glauben zu finden! Aber, wenn ich beim Andenken meiner Tan⸗ ten betheure, daß ich mich blos einer Unbedachtſamkeit ſchuldig gemacht habe, dann muß man mich doch wohl anhören— nicht wahr?“ „Nun, das iſt recht luſtig. Sogar ſeit wir allein ſind, betheuert das Fraͤulein immer noch ſeine Unſchuld, und zwar obſchon ich einen jungen Mann zu ihren Fü⸗ ßen gefunden habe.“— „Ja, Jeanne Sophie's Bräutigam.“ „Um ſo ſchlimmer, bei meiner Ehre, denn ſeine Augen ſagten, daß.“ „Nein,“ rief Viola, indem ſie mit blitzenden Augen und einer unbewußten Kühnheit einige Schritte gegen ihre ſtrenge Anklägerin vortrat,„nein, ich werde von Nie⸗ manden dulden, daß man mich wie eine Verbrecherin be⸗ handle, und ich erkläre, daß es grauſam, ja unmenſch⸗ lich iſt, mich abſichtlich über das Verſehen, das ich be⸗ angen habe, irre leiten zu wollen.“ Während ſie ſo ſprach, verriethen ihr ſtark bepur⸗ purtes Geberd mene Augen! V Augen Harm wahrho unruhit zu Zeu Deinen auszur Deiner „L rief Vi ſind nie begehe Liebe l. trauen Gehorſ ein.. „2 Art W nicht m eine 4 Wande nichts — und heit ei führt h daß ich treichen ſe lau⸗ swillen ndal— meines n dun⸗ f Die⸗ te ſein meine Scham, an von daß ich ben zu Tan⸗ ſamkeit h wohl allein iſchuld, en Fü⸗ n ſeine Augen gegen on Nie⸗ rin be⸗ nenſch⸗ ich be⸗ 125 purtes Geſicht, ihre ſtolze Haltung und ihre lebhaften Geberden einen ſolchen Seelenadel und eine ſo vollkom⸗ mene Herzensreinheit, daß die Oberſtin für einen Augenblick ihren Zorn vergaß. Viola bemerkte den milderen Ausdruck in ihren Augen und mehr bedurfte es nicht, um den bitteren Harm des jungen Mädchens zum Schweigen zu bringen. Sie warf ſich ihrer Beſchützerin zu Füßen und brach in Thränen aus. Aber auf ſolche Dinge verſtand ſich die Oberſtin nicht; ſie war eine Weltdame von kaltem Herzen und kaltem Verſtand: ſie glaubte, Thränen kommen von Reue her und Reue von heimlich anerkannten Fehlern. „Ja weine, meine kleine Freundin— Du haſt wahrhaftig große Urſache zu weinen und Dich zu be⸗ unruhigen. Ich rufe jedoch Gott und die Menſchen zu Zeugen an, daß ich mein Beſtes gethan habe, um Deinen Eigenſinn und die Frechheit Deines Charakters auszurotten, die lediglich blos Folgen der Schwachheit Deiner früheren Erzieherin ſind.“ „Sprechen Sie nicht von dieſen edlen Seelen,“ rief Viola, indem ſie wieder aufſtand.„Meine Tanten ſind nicht Schuld, wenn ich tadelnswerthe Handlungen begehe, zu einer Zeit, wo kein Menſch mehr mich mit Liebe leitet. Eine übertriebene Strenge läßt kein Ver⸗ trauen aufkommen, und wenn Vertrauen durch blinden Gehorſam erſetzt werden ſoll, ſo ſtellt ſich der Trotz ein... machen Sie jetzt mit mir, was Sie wollen.“ „Aha, Deine Reue iſt von der Art, daß ſie in eine Art Wahnwitz übergeht, ſobald man Deinen Fehlern nicht mehr ſchmeichelt; aber wiſſe, mein Fräulein, daß eine Perſon, die ſelbſt immer einen unbeſcholtenen Wandel geführt, das Recht beſitzt, in ihrer Umgebung nichts Anderes zu dulden, als was vollkommen rein iſt — und glaube mir, ich gebe nicht viel auf die Rein⸗ heit eines Mädchens, das ſich auf dieſe Art aufge⸗ bepur⸗ führt hat. ———— —ÿ—— — — „Und das an meinem Geburtstage, an meinem theuern Geburtstage, an dieſem Tage, den man mir immer ſo angenehm machte... ach großer Vater im Himmel, laß mich in dieſem Augenblicke ſterben!“ Unſere junge Heldin ſank verzweiflungsvoll auf den Stuhl nieder. Ihr Schmerz hatte ſo manchen Wechſel durchgemacht, daß ſie ſogar nicht mehr Thrä⸗ nen b eſaß. „Beſſer wäre es, wenn Du Deine Fehler erkennen und eine ernſtliche Beſſerung geloben würdeſt... ich hatte Dich vor der Bekanntſchaft gewarnt. Dieſe Jeanne Sophie, die mit ihren Zigeuneraugen und ihren Manieren einer ſpaniſchen Courtiſane ein wahres Ent⸗ ſetzen für anſtändige Frauen iſt, hätte nie Deine Freun⸗ din werden ſollen. Aber Du warſt dreiſt genug, zu meinen, daß Du auf eigene Fauſt handeln könnteſt, und jetzt ſiehſt Du die Folgen.“ Viola hörte Nichts mehr, ihr Schmerz machte ſie taub. Aber die Oberſtin fand kein Vergnügen daran, vor tauben Zuhörern zu predigen. Sie trat daher einige Schritte vor und faßte das junge Mädchen beim Arme, „Sei ſo gut, mich anzuhoͤren, mein Fräulein! Morgen bin ich genöthigt, auch dieſe ſchöne Geſchichte dem Kriegsrath zu berichten— ich will nicht, daß das Gerücht ſie ihm noch ſchlimmer, als ſie in Wahrheit iſt, zutrage.“ 1 „An meinem Geburtstage, an meinem theuern Ge⸗ burtstage!“ Und Gott ſei Dank, Viola konnte endlich wieder ſchluchzen. „Ja, bedenke nur, man fehlt auch an ſeinen Ge⸗ burtstagen— etwas Solches hätte freilich da am wenig⸗ ſten vorkommen ſollen... im Uebrigen muß ich Dir bemerken, daß ich, da ich Ueberraſchungen nicht liebe, auch keine ſolche veranſtaltet habe. Ich hatte ſtatt deſſen im Sinne, bei Deiner Abreiſe einen kleinen Ball zu geben.“ „Ich will keinen Ball haben, ich will blos weinen.“ noch Sie Vater Schei ſchuld ein 2 enthã erhalt durch geweſ fahru Unben 1 koſten L ſehne . neinem an mir ter im 44 ulein! ſchichte aß das ihrheit en Ge⸗ endlich n Ge⸗ venig⸗ h Dir liebe, ſtatt Ball inen.“ 16. Briefwechſel. Und Viola— die arme Kleine— hatte vollkom⸗ men Zeit, den ganzen Abend, die ganze Nacht und den ganzen Morgen zu weinen. Niemand ſtörte ſie. Da nahm ſie den Brief an den Kriegsrath und vollendete ihn mit einer neuen„N. S.“: „„Mein beſter Vormund! Ich glaube, daß die Oberſtin ſchreiben und ſich noch weiter uber mich beklagen wird; aber ich bitte Sie aus innigſtem Herzen, beim Andenken meines Vaters und meiner Tanten, bedenken Sie, daß der Schein gegen Einen ſein kann, wenn man auch un⸗ ſchuldig iſt. Ich glaube, daß die Oberſtin ſich nicht erlaubt, ein Wort zu ſagen, das nicht die ſtrengſte Wahrheit enthält; aber ſelbſt die Wahrheit kann eine Farbe erhalten, die bei genauerer Prüfung der Wirklichkeit durchaus nicht entſpricht. Ich habe keine Schuld begangen, aber ich bin ſchwach geweſen, und ſo viel iſt ſicher, daß die grauſame Er⸗ fahrung, die ich jetzt gemacht habe, mich von meiner Unbedachtſamkeit heilt. Und gleichwohl, wie viel Schmerz kann es mich noch koſten, um gegen Bitten ſtark zu werden? Warum iſt es nicht ſchon Mai? Seit geſtern ſehne ich mich von ganzem Herzen von hier weg. Ich komme wieder zu fremden Menſchen, aber eine Stimme in meinem Innern flüſtert mir zu, daß Derjenige, der meines Vaters Freund geweſen, auch ein Freund ſein wird der vaterloſen Viola.““ Zur ſelben Zeit ſchrieb auch Jeanne Sophie an ihren Vormund: „„Mein lieber Herr Stadtrath! Da ich eine Ahnung habe, daß ich heute Vormittag von einem ſogenannten Vormundsbeſuche bedroht bin, ſo nehme ich mir die Freiheit, denſelben abzulehnen, und ſchicke Ihnen hiemit meine ſchriftlichen Inſtruktionen. Lieutenant Emil Marbin hat ja geſtern Abend um meine Hand gebeten, wie es im förmlichen Style heißt— und mein würdiger Vormund hat wahrſcheinlich geant⸗ wortet, daß er mit ſeiner Mündel über die Sache ſpre⸗ ſchen wolle. uu Nun wohl, das eben iſt es, was ich abwenden will. Beinahe ein Jahr lang habe ich mit Vergnügen die Huldigungen des Lieutenants angenommen. Ich war in ihn verliebt, verliebt wie eine Närrin, und dieſe Liebe — ich finde es nie der Mühe werth, mich zu verſtellen — hat mich eine ganze Menge Unannehnlichkeiten ge⸗ koſtet, ſelbſt abgeſehen von Ihren langgedehnten Pre⸗ digten, Herr Stadtrath.— Aber wie Alles in der Natur begrenzt iſt, ſo habe h gefunden, daß auch meine Liebe den ewigen Geſetzen olgt. 318, lange Alles noch unbeſtimmt war, hatte ich ein blindes Verlangen nach dieſer Verbindung, aber in demſelben Augenblicke, wo Marbin den für immer ent⸗ ſcheidenden Schritt thun wollte, haben meine Gefühle das Feld geräumt, ſo daß ich jetzt außer Stand bin, über ſie klar zu werden. C auftre Marb muth! 1 mein berech ruflich Stieft hat. pflanz 9 d. h. meiner laſſen. H Wenn betheu werde, 5 ach un Sie d bewah Stadt wiſſen Weibe Sie d 129 In Folge dieſes unvorhergeſehenen Ereigniſſes be⸗ auftrage ich Sie, Herr Stadtrath, dem Lieutenant Marbin einen beſtimmten Korb zu geben, da er ver⸗ muthlich am Vormittag wiederkehrt. Und dieſe abſchlägige Antwort— welche Sie, mein Herr Vormund, ſo offiziell als möglich zu machen berechtigt ſind, muß der Lieutenant als um ſo unwider⸗ ruflicher betrachten, da er, im Fall er ſich an meine Stiefmutter wendet, die gleiche Erklärung zu erwarten hat. „Ich habe mir über Nacht einen andern Lebens⸗ plan entworfen, bei welchem von einer Ehe gar nicht die Rede iſt. Glücklicherweiſe für mich bin ich keine Schling⸗ pflanze, die einer Stütze bedarf. Aber von dem Plan wollen wir ſpäter ſprechen, d. h. bald genug, denn ich habe nicht im Sinn, in meiner Stiefmutter Haus Moos auf mir wachſen zu laſſen. Hoͤren Sie jetzt ein Bekenntniß, alter Papa. Wenn ich Luſt bekomme, in den Eheſtand zu treten, ſo betheure ich heilig, daß ich nie einen Andern wählen werde, als Sie, mein lieber Vormund. Ich weiß wohl, daß Sie ſich widerſetzen, daß Sie ach und weh und nein! nein! rufen werden— beten Sie deßhalb zu Gott, daß er mich vor der Verſuchung bewahre, denn wenn ich den Willen habe, Sie, Herr Stadtrath, unter meine Vormundſchaft zu ſtellen, ſo wiſſen Sie wohl, daß auch Sie wollen müſſen. Gibt es nicht ein Sprüchwort, welches ſagt: Des Weibes Wille iſt Gottes Wille. Warum ſollten alſo Sie dem Beiſpiel nicht folgen? „Ihre ergebenſte „Jeanne Sophie.“ Der Vormund. I. 9 Am Abend deſſelben Tags, wo dieſes Schreiben abgeſandt wurde, erhielt die junge Dame zwei Ant⸗ worten, die eine von dem Rathsherrn, die andre von ihrem früheren Liebhaber. Wir theilen den Brief des Vormunds zuerſt mit. „Meine liebe Mamſell Jeanne Sophie! Geſtern Abend nach dem Beſuch des Lieutenants war ich ſo vergnügt, daß ich mir im Club zwei Gläſer Toddy zu Gemüth führte. Morgen, ſagte ich zu mir ſelbſt,„morgen wirſt du für immer eines Vertrauenspoſtens entledigt, welchen du recht gut entbehren kannſt. Aber ach und weh, heute früh hat ſich mein Kaffee in Wermuth verwandelt— keine Heirath und folglich auch kein Ende des Vertrauenspoſtens. Wie Sie geglaubt haben, Mamſell, kam der Lieute⸗ nant um Mittag, und er machte ein unchriſtlich langes Geſicht, als ich mich meines Auftrags entledigte. Ich muß jedoch ſagen, daß er ſeinen Kummer wie ein Mann ertrug, und obſchon ich ihm zu verſtehen gab, daß es überfluͤſſig wäre, zu Ihrer Frau Stief⸗ mutter zu gehen, ſo hat er es dennoch gethan. Die Sache iſt wirklich— Ihrem Wunſche gemäß — ſo offiziell als ſie nur ſein kann. Jedermann nimmt Theil daran, und Niemand kann Ihre abſchlägige Ant⸗ wort begreifen. Und ich begreife ſie weniger als irgend ein anderer Menſch, ich, den Sie um dieſes Herrn willen ſo oft dazwiſchen genommen haben. Was den ausgedachten Lebensplan betrifft, ſo vermuthe ich, daß ich nichts dagegen habe, vorausgeſetzt, daß er ſich ohne Geld bewerkſtelligen läßt, denn von dieſer Sorte, Mamſell Jeanne Sophie, haben Sie ſo wenig, daß es am beſten iſt, es als gar nichts zu be⸗ trachten. Für die gnädige Erinnerung bei einem möglichen Gedanken an die Ehe danke ich demüthigſt. un ſtä hreiben 8 Ant⸗ re von jef des enants Gläſer irſt du velchen Kaffee folglich Lieute⸗ langes ummer rſtehen Stief⸗ gemäß nimmt e Ant⸗ anderer ſo oft ftt, ſo geſetzt, in von Sie ſo zu be⸗ gglichen 131 Aber ich verſichere Sie, daß ich nicht blos ach und weh und nein! nein! rufen würde: ich würde genau daſſelbe thun, wie Ihre Gefühle, Mamſell Jeanne Sophie — ich würde das Feld räumen. Ja ſogar, hol mich der und jener, ich würde lieber in die neue Welt reiſen, als daß ich mit ſolchen Aus⸗ ſichten in der Alten bliebe. Leben Sie wohl, meine gute Mamſell Jeanne Sophie; ich verbleibe immer mit Freundſchaft Ihr be⸗ kümmerter Vormund „Sven Lenke.“ Des Lieutnants Brief lautete wie ſolgt: Ich habe Deinen Vormund beſucht, ich habe Deine Stiefmutter beſucht und ich habe von beiden Seiten eine abſchlägige Antwort erhalten. Wenn ich nicht wüßte, wie theuer Du ſelbſt den Triumph bezablteſt, den Du Dir bereitet haſt, ſo würde ich mich über Dein Benehmen ärgern. Jetzt kann ich blos einen bittern und tiefen Schmerz darüber empfinden. O Jeanne Sophie, welche Gefühle haben Deine Handlungsweiſe geleitet? Das Verlangen nach einer ganz gemeinen Rache. Und nun dieſes Zufriedenſtellen, um hören zu können, daß die ganze Stadt ſich über Deine abſchlägige Antwort wundert, opferſt Du Deine edleren Gefühle, Deine Liebe.. Denn geſtern noch liebteſt Du mich.— Ich ahne, daß Du mir ſagen wirſt: Juſt die Er⸗ eigniſſe von Geſtern waren es, die mich hiezu beſtimmten. Laß mich Dir hierauf antworten: Du hatteſt Unrecht, unſre Zukunft nach dieſem unglücklichen Probeſtück zu beurtheilen. Erſtlich und vor allen Dingen waren die Um⸗ ſtände, welche mich veranlaßten, mich ſo plötzlich zu unſerer Verbindung zu bekennen, die Ehre und die Pflicht Und Du ſchienſt ſelbſt im Anfang darüber glücklich zu ſein. Hernach kam unglücklicherweiſe unſer Geſpräch unter vier Augen auf dem Heimweg und benahm dem bereits beſchloſſenen ſeine Wirkung. Gleichwohl hatte ich Dich gebeten, daß Du da nicht ſprechen möchteſt. Ich befand mich in einer un⸗ beſchreiblich gereizten Stimmung und war in Verzweif⸗ lung wegen des unſchuldigen kleinen Fräuleins, das in unſre Verhältniſſe mit higeingezogen worden iſt. Kurz ich war aufgebracht über mich ſelbſt, über die Umſtände, über die Oberſtir und über Dich, weil Du dieſe Zu⸗ ſammenkunft veranſtaltet hatteſt, die eine ſo ſchreckliche Löſung gefunden. Aber Du, Jeanne Sophie, haſt lang genug in der Welt gelebt und lang genug nachgedacht, um zu wiſſen, daß ein Weib nach einem ſo kitzlichen Augenblick den Mann nicht beurtheilen darf, den ſie wählt. Erinnere Dich auch, wie tief Du mich beleidigt, in welch heftige Wallung Du vor dem Auftreten der Oberſtin mein Blut gebracht hatteſt, und daß Du ſchon damals aus Eigenſinn und übelverſtandener Eigenliebe unſere Verbindung abbrechen wollteſt. Ich habe, geliebte Jeanne Sophie, eine heilige Schuld endlich zu bezahlen. Und ich thue deßhalb, was ich, nach dem Neueſten was geſchehen iſt, vielleicht nicht thun ſollte: ich verweile noch dreißig Tage in der Stadt. Und ſo, meine theure Freundin, ſage ich zum allerletztenmal zu Dir: Iſt es wirklich vorbei? Prüfe Dein Herz und frage, ob auch dieſes ſich für dieſelbe Entſcheidung erklärt, die Deine Lippen ge⸗ geben haben. „Du haſt eine Zeitlang oder vielmehr beinahe immer mir Vorwürfe darüber gemacht, daß meine Ge⸗ b I 1 da un⸗ weif⸗ 16 in Kurz ände, Zu⸗ kliche der iſſen, den digt, der chon liebe ilige was nicht tadt. zum ſich ge⸗ ahe Ge⸗ 133 fühle nicht ſo heftig, nicht ſo gewaltſam ſeien, wie Du ſie gerne geſehen hätteſt. Dieſe Klage hat mich oft geſchmerzt. Meine Natur iſt nicht von der Art, daß ſie Ueber⸗ ſpannungen ertragen kann. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Menſch, den Du vergebens zu einem Gott zu machen ſuchteſt, aber in dieſer gewöhnlichen Natur liegt doch ſoviel Ehre und Redlichfeit, daß Du in der Wirklichkeit ſelbſt nicht be⸗ trogen worden wärft. Ich weiß, daß Du dies geiſtlos finden wirſt, und ich habe vielleicht einigemale— aufgeregt durch den Zauber, den Du ſelbſt bewirkt— eine Menge Sachen geſchwatzt, die in Deinen Ohren poetiſcher klangen, aber erinnere Dich, daß ich damals lediglich und allein als Liebhaber auftrat. Dein Liebhaber hat das Recht, ſich in der Luft zu halten, ſoweit die Flügel ſeiner Liebe ihn tragen; aber der Mann, der ans Heirathen denkt, iſt verpflichtet, hier auf der Erde ſtehen zu bleiben. Wann wird meine liebe Jeanne Sophie aufhören, einen Romanhelden ſich als das Ideal ihrer Zukunft zu denken? wann wird ſee ſich überzeugen laſſen, daß Romanhelden in Romanen ganz gut, im wirklichen Leben aber fade und unangenehme Perſönlichkeiten ſind, ſofern nicht große Handlungen und große Gefühle unbewußt den Rahmen bilden, worin dieſes romantiſche Drama ſich bewegt. Welchen Entſchluß Du auch faſſen magſt, geliebte Jeanne Sophie, ſo ſei in allem, was die Vergangenheit betrifft, meiner Discretion verſichert. Sei auch meiner tiefen und ewigen Ergebenheit verſichert, einer Ergeben⸗ heit, auf welche Du immer rechnen kannſt, ſelbſt wenn ich zum letztenmal zeichne als „Dein .„Emil.“ Lieutenant Marbin brauchte nicht drei Tage auf die ſchließliche Entſcheidung ſeines Schickſals zu warten. Schon nach einigen Stunden ſchickte ihm Jeanne Sophie folgende eigenhändige letzte Erklärung. „Herr Lieutenant! Von dieſem Augenblick an beſitzen Sie das Recht, die Epiſode des letztverfloſſenen Jahres als einen Traum zu betrachten. Wann wir uns je hier im Leben wiedertreffen, ſo ſind wir für einander zwei Fremde. Ich will das ſo.— Mein Herz hat keinen Theil an meiner Hand⸗ lungsweiſe. Sie wiſſen, daß ich zu ſtolz bin, um zu lügen, ich geſtehe es alſo frei. Wozu würde es auch gedient haben, Sie täuſchen zu wollen?— Sie haben ja meine Schwachheit von Grund aus kennen gelernt. Aber die Vernunft und der Stolz haben mir befohlen, mein Herz niederzudrücken. Sie haben gethan, was die Ehre gebot, und ich danke Ihnen dafür. Aber die ganze Verhandlung in der Oberſtin Haus, wie auch die Scene, die unter vier Augen unter uns vorging, hat mich überzeugt, daß das bischen Feuer, wovon ich Sie belebt glaubte, längſt aus⸗ gebrannt iſt. Ich ahate dieß ſchon, ehe ich zu Viola kam. Und ſeien Sie überzeugt, daß ich, nachdem die Beſtätigung ſo vollſtändig geworden iſt, lieber ſterben als mich durch Annahme Ihres Namens erniedrigen wollte. Er würde mir beinahe als eine Art von Schadenerſatz für den Stoß, den mein eigner erlitten hat, gegeben werden. Aber machen Sie gleichwohl keine Bedenklichkeiten. Es war ja Ihretwegen, daß ich Sie zu der Zu⸗ ſammenkunft berief, der Sie eher auswichen als daß Sie ſie wünſchten. Leider, Emil, war Ihre Liebe mehr in meiner als in Ihrer eigenen Phantaſie zu Hauſe. Aber die Täuſchung hat endlich aufgehört, und es auf die barten. Sophie Recht, raum en, ſo Hand⸗ um zu luſchen it von ind der äcken. ind ich ung in er vier aß das ſt aus⸗ Und tigung hdurch würde ür den den. eiten. er Zu⸗ ls daß er als und es 135 wird mein Geſchäͤft ſein, dafür zu ſorgen, daß ich mein Unglück mit mehr Würde ertrage, als mein eingebildetes Gluͤck. Beruhigen Sie ſich wegen Violas— kein Menſch ſoll dieſes edle und liebe Kind tadeln, denn ich ſtelle mich als ein Schild vor ſie und habe beſchloſſen, ſelbſt an ihren Vormund zu ſchreiben. Erlauben Sie mir ſchließlich, Ihnen einen Rath zu ertheilen, bei Gott nicht aus Schwäche, ſondern in guter Abſicht. Verweilen Sie nach Violas Ankunft nicht in Ihrer Vaterſtadt, denn es dürfte den Leuten einfallen, dieſelbe Frage zu ſtellen, wie die Oberſtin: Welcher von beiden gehört der Liebhaber? Wollen Sie endlich das Geheimniß wiſſen, das ich zu verſchweigen beabſichtigte, die Löſung des Räthſels, die allein meinen Beſchluß hervorgerufen hat Ich will ſie Ihnen ſagen. Als ich nach Hauſe kam, als ich in Ruhe nach⸗ denken konnte, da ſtieg in meiner Seele ein plötzliches Licht auf. Dieſes Licht ſchlug mich mit Entſetzen. Mein Herz zitterte, meine Gefühle verwirrten ſich, das Blut brannte in meinen Wangen. Das alles kam blos daher, daß auch ich überall — am Firmament, an den Wolken, auf der Erde, auf meiner eignen von Scham verſchleierteu Stirne— die⸗ ſelben Worte las:* Welcher von beiden gehoͤrt der Liebhaber? „Jeanne Sophie.“ Wenn wir uns jetzt die Freiheit nehmen wollten, durch das Fenſter in das Zimmer des Lieutenants Marbin hineinzublicken, ſo würden wir den jungen Mann da⸗ ſitzen ſehen, ſeinen Kopf über das letzte Schreiben ſeiner früheren Geliebten darniedergebeugt. Weiter würden wir ihn nach einigen Augenblicken ſein Haupt aufrichten und dabei eine Thräne wegſtreichen ſehen, einen ſeltenen Gaſt in dem Auge des mannhaften Lieutenants. Und was thut er jetzt?... Ergreift er nicht ſeinen Hut? Ja, aber er läßt ſich wieder nieder, um den Brief D aufzuheben, und mit dieſen beiden Beſchäftigungen ſcheint er lange abwechſeln zu wollen. Das Ende jedoch iſt, daß der Hut in guter Ruhe liegen bleiben darf. Und der Brief— ach der taucht in die innerſte ſeiner Bruſttaſchen hinab. Aber bei allem dem verräth das Mienenſpiel des Lieutenants einen Mann, der nichts weniger als mit ſich ſelbſt zufrieden iſt. Und könnten wir ebenſo gut in ſein Herz blicken, wie in ſeine Kammer, ſo würden wir vermuthlich einen noch ernſtlicheren Kampf ſehen.... Aber es fommt Jemand. Es iſt der Bediente. Der Lieutenant ſchaut heftig auf. „Ich will Morgen bei Zeit Pferde haben,— um 6 Uhr!“ Und um 6 Uhr reiste er ab. vollten, Marbin nn da⸗ mſeiner blicken reichen haften ſeinen Brief ungen Ruhe taucht el des it ſich licken, einen Wie oft ſeh' ich zurück! Dritte Abtheilung. Der Vormund und die Mündel. 's war eine Zeit, wo ich in meinem Blut Ein Feuer fühlte, das jetzt ausgebrannt, Wo das Leben noch in ſeiner Blüthe ſtand, Das Herz noch hatte ſeine Ebb' und Fluth. Malmſtröm. 8 n——— ——N“ 139 17. Verlorene Vortheile mit Zinſen wiedergewonnen. Schon ſeit dem bereits beſprochenen kleinen Jung⸗ geſellenſouper bei dem Pfarrer Horner hatte der Kriegs⸗ rath Wendelsköld einige Zeichen von wiederkehrendem Leben von ſich gegeben. Dieſe Zeichen, worüber ſeine Freunde und der alte Nicke entzückt waren, bewirkten bei Frau Laura eine merkliche Niedergeſchlagenheit, nicht ſelten vermiſcht mit einer nervöſen Ungeduld. Aber war dies auch zum Verwundern? Nicht blos hatte ihr großer Auswanderungsplan, von welchem ſie ſich ein ſo vortheilhaftes Reſultat ver⸗ ſprochen, ihren Schwager ungerührt gelaſſen, ſondern ihren Hochmuth traf noch ein weit ſchmerzlicherer Stoß⸗ weil nicht eine einzige Bemerkung, nicht das geringſte Wörtchen der Dankbarkeit für ihren veränderten Ent⸗ ſchluß, den Entſchluß dazubleiben, über ſeine Lippen kam. Nein, weder auf das eine noch auf das andere deu⸗ tete er jemals an. Es war alſo klar, daß dieſer unglückliche Abend außer dem Hauſe, dem ſonſt ſo guten und nachgiebigen Mann entſetzlich geſchadet hatte. Hatte Frau Laura ſchon vorher ſowohl den Pfarrer als den Doktor nicht ausſtehen können, ſo empfand ſie jetzt einen wirklichen Abſcheu vor dieſen Herren, und Gott weiß, daß das genannte Gefühl ſich nicht ver⸗ minderte, als acht Tage ſpäter ein neues Jungge⸗ ſellenſouper mit Quartetten und Bällen bei dem Doktor angekündigt wurde. „Ich kann es nicht glauben,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt — — — — E ——— 5 „nein, ich will es nicht glauben, daß dieſe Leute jetzt Macht über ihn erhalten ſollen... bei Gott, ſie brin⸗ gen ihn ins Grab,— ihn, der ſonſt nichts als Waſſer getrunken hat.“ Sie hatte zum Voraus beſchloſſen beim Mittageſſen, wo alle Verhandlungen gewöhnlich zuerſt aufs Tapet kamen, eine recht abſchreckende Miene anzunehmen. Aber der Kriegsrath ſchwieg und aß wie ein bra⸗ ves Kind, und es kam durchaus zu keiner Verhandlung. Die holde Schwägerin beruhigte ſich daher mit der Hoffnung, ihr theurer Schwager ſehe ſelbſt ein, daß er als ein armer Siechling ſich keine ſo gefährlichen Dinge einfallen laſſen dürfe. Um ihn inzwiſchen für ſeinen Widerſtand gegen die Unterredungskünſte des Doktors— der ihm gewiß recht zugeſetzt hatte— zu belohnen, nahm Frau Laura ihr ſüßeſtes Lächeln an und ſetzte ihr zierlichſtes Haͤubchen auf, als ſie um 6 Uhr zu Severin ging, um mit ihm zu plaudern und im Kachelofen einen Apfel für ihn zu braten. Sonderbar genug, fand ſie jedoch Severin nicht in ſeinem gewöhnlichen Stuhle mit ſeiner gewöhnlichen agage vor dem Feuer ſitzend: Nein er ging mit den Händen auf dem Rücken im Salon auf und ab, und während des Spazierganges verweilte er ſich bald hier bald dort, bei ſeinen Lieblingen, den Blumen. „Theurer Schwager, warum ruhſt Du nicht? Haſt Du Dich nicht mit Deiner Arbeit genug abgemattet?“ „Eben darum, liebe Laura, bedarf ich der Be⸗ wegung.“ „Bewegung, wenn Du müde biſt? Ach glaube mir, die Stille und eine behagliche Ruhe iſt für Dich das allernützlichſte.“ Severin lächelte blos, aber ſein Blick verweilte beinahe forſchend auf der Schwägerin. In demſelben Augenblick ſchlug die junge Frau mit einem heftigen Schauder ihre Hände zuſammen. finde ihren te jetzt 2 brin⸗ Waſſer geſſen, Tapet . n bra⸗ dlung. nit der daß er Dinge en die recht ta ihr bchen t ihm yn zu cht in ichen t den und hier Haſt et?“ Be⸗ aube Dich eilte Frau . 141 „Was ſehe ich?“ rief ſie, indem ſie gegen das Fen⸗ ſier vorſtürzte— das Ventil offen bei dem kalten Abend! Schwager, Schwager, jetzt weiß ichs gewiß, daß Du des Lebens müde biſt.“ „Im Gegentheil, mein Kind, ich habe beſchloſſen, nicht länger eigenſinnig bei dem Syſtem zu bleiben, das ich ſelbſt auserſonnen hatte. Ich habe gefunden...“ „Und was denn?“ „Daß das Syſtem des Dociors wirklich beſſer iſt.“ Frau Laura antwortete mit einer zweifelnden Pan⸗ tomime. „Ich war thöricht, daß ich mich ſo von der Luft abſchloß. Jetzt athme ich freier.“ „Aber findeſt Du nicht, daß Du frierſt?..... Du klapperſt mit den Zähnen, Du haſt Froſt!“ „Ich friere ein wenig, das iſt wahr, aber ich be⸗ finde mich dabei beſſer, als wenn ich vor Hitze und unter den vielen Kleidern erſticke.“ „Sei aufrichtig gegen mich, Severin,— ſage mir, wie der Doktor dieſe Macht über Dich erhalten hat, wie es ſo weit gekommen iſt, daß Du ihm blind ge⸗ horchſt.“ „Du kommſt jetzt beinahe mit derſelben Frage, die er oft an mich geſtellt hat.“ „So, hat er ſelbſt die Güte gehabt, darüber nach⸗ zudenken?“ „Ja. aber mit dem Unterſchied, daß er immer Deinen Namen an die Stelle des ſeinigen ſetzte.“ „Was ſoll das bedeuten? Frau Laura kniff ſich in den Hals, eine Geberde(wir geſtehen das zu), die einer ſo eleganten Dame, wie ſie ſein wollte, ganz und gar nicht würdig war. „Wie“— pflegt der Doktor zuweilen zu ſagen,— „wie iſt es ſo weit gekommen, daß dieſes Weib eine ſolche Macht über Dich erhalten hat, daß Du allen ihren Eingebungen blind gehorchſt?“ Frau Laura erblaßte ein wenig. „Und Du?“ ſagte ſie. „Ich habe geantwortet, daß Deine Zärtlichkeit für mich juſt diejenigen Rathſchläge ertheile, die mit meiner eignen Ueberzeugung übereinſtimmen.“ „Das war ſchön.. aber nachher biſt Du ja doch davon abgegangen?“ „Ja, weil der Doktor mir eines Tags das Ver⸗ ſprechen abgenommen hat, eine Woche lang nach ſeinen Vorſchriften zu leben. Befinde ich mich davon ſchlechter, ſo ſollte ich zu meinen eignen zurückkehren, wofern ich nicht... „Du wirſt Dich an dieſe neuen halten, bis Du..“ „Bis ich vollkommen geſund werde, ja!“ „Wenn nicht anders dieſer Wechſel Dich unter den Boden bringt.“ „Aber Du kannſt doch nicht läugnen, liebe Schwä⸗ gerin, daß Du beſtändig auf meinen Tod andeuteſt.“ „O Gott, er macht mir, mir einen ſo entſetzlichen Vorwurf; haſt nicht Du ſelbſt meine Unruhe aufge⸗ ſchreckt durch Deine Vorausſagung, daß Du den nächſten Herbſt nicht mehr überleben würdeſt?“ „Ich habe dieſe Idee oder Ahnung, wie man ſie nun nennen will, allerdings gehabt und habe ſie ſogar noch... aber laß uns aufrichtig unterſuchen, woher ich ſie erhalten habe.“ „Von Deinen Träumen natürlich.“ „Glaubſt Du das Laura?“ Wer war es, der lange bevor ich noch dieſe Träume hatte, mich zu überzeugen ſuchte, daß meine Geſundheit eine gänzliche Abſchließung von der Welt erfordere? Wer ſeufzte beſtändig, und weinte ſogar über meine Kränklichkeit, meinen Tod, an welchen ich ſelbſt nicht dachte? Wer ſah beſtändig Trauer und Lei⸗ chenzüge in den Karten, und wer deutete auf Myſtifica⸗ tionen hin, die man verbergen müſſe, aber dennoch verrieth?“ Frau Laura war vorher erblaßt, aber während all dieſer graus tiefen ſeine nach ſelbſt ſagte und erken wenn willſt Dich Dein vidſo⸗ zu ſei die n vor r ich's und würd ver. ich b lebe, Du Theit mehr tors daß genb eit für meiner a doch Ver⸗ ſeinen lechter, rn ich Su. er den ichſten an ſie ſogar woher lange geugen eßung weinte hen ich d Lei⸗ ſtifica⸗ ennoch nd all dieſer ſich häufenden Fragen hatte ihr Geſicht eine ganz graue Farbe angenommen. „Merke Dirs,“ fuhr der Kriegsrath fort, mit einem tiefen und ernſten Blick, aber einem Blick, der gleichwohl ſeine Milde nicht verläugnete, merke Dir: ich frage nicht nach einer Urſache, denn ich bin überzeugt, daß ſie Dir ſelbſt unbewußt iſt.“ „Ich verſtehe kein Wort von dem, was Du ſprichſt,“ ſagte zuletzt die junge Frau mit der zugleich zitternden und lauten Stimme, die ein ängſtliches Verlangen zu erkennen gibt, allen Argwohn von ſich abzuwenden,„aber wenn Du Dich ſelbſt als ein ſo ſchwacher Tropf hinſtellen willſt, daß Du ſolche Lumpereien wie Zauberkünſte auf Dich einwirken läſſeſt, ſo will ich wenigſtens nicht für Deine Sibylle gelten: ich bin keine neue Mamſelle Arf⸗ vidſon und trachte auch nicht nach der Ehre, eine ſolche u ſein.“ Jetzt erblaßte auch des Kriegsraths Wange und die milden Augen ſchoſſen auf Frau Laura einen Blitz, vor welchem ihr Knie elektriſch ſich beugte. „Schwägerin,“ ſagte er herb,„Du vergiſſeſt Dich.“ „Was willſt Du denn,“ rief ſie ſchluchzend:„habe ich's verdient, daß Du mich wegen Deiner Krankheit und Deinen Grillen anklagſt? Das Alles iſt ganz un⸗ würdig, ja gan.. gan.. ganz unwürdig gegen eine ver.. ver.. verlaſſene und ſchutzloſe Wittwe, wie ich bin.“ „Du biſt nicht verlaſſen und ſchutzlos, ſo lange ich lebe, und auch nach meinem Tode nicht. Aber wenn Du willſt, daß ich künftig an die Aufrichtigkeit Deiner Theilnahme glauben ſoll, ſo mach' keine Einwendung mehr dagegen, daß ich nach den Vorſchriften des Dok⸗ tors lebe, denn ich habe den augenſcheinlichſten Beweis, daß dieſe mir nützlich ſind.“ „Ich bin Deine demüthige Sclavin von dem Au⸗ genblick an, wo Du meine aufrichtige Freundſchaft von Dir ſtößeſt... Ich bin nichts, gar nichts— als— höchſtens— Deine Haushälterin.“ „Sei vernünftig, Laura; ich habe 8 Tage lang ohne Dein Wiſſen friſche Luft geſchöpft, und mich wohl da⸗ bei befunden; deßhalb weg mit Filſen, wollnen Socken und aller überflüſſigen Wärme: oder verlangſt Du, daß ich, während ich den Nutzen meiner neuen Lebensweiſe an mir verſpüre, anders handeln ſoll?“ Da der Kriegsrath ſein ruhiges Weſen wieder an⸗ nahm, ſo ſchwoll auch Frau Laura ſogleich der Kamm wieder. Sie hielt es für nöthig, ſich für den Schreck zu rächen, den ſie ſo eben ausgeſtanden hatte. „Ich verlange, Gott ſei Dank, gar nichts,“ ſagte ſie mit einer erſtaunlichen Zungenfertigkeit,„o nein gar nichts! Beabſichtigſt Du nicht auch zu des Doktors Schmaus heute Abend zu gehen— willſt Du nicht ſeine prahleriſchen Behauptungen prüfen, daß er der erſte Punſchbrauer in der Stadt ſei, und willſt Du's nicht auf eine Probe ankommen laſſen, ob Deine Stimme noch ſtark genug iſt, gemeine Liedchen von Bellmann mit ihm zu brüllen?“ „Genug, genug;“— Severin ſtreckte mit einer be⸗ fehlenden Geberve die Hand aus.—„Genug, meine Frau Schwägerin. Schicke jetzt Nicke herein, ich will mich wirklich ankleiden.“. Frau Laura mußte gehorchen. O grauſames Wort gehorchen! denn in Wahr⸗ heit, es war klar, daß hier keine Oppoſition etwas half ... Ach, zu gehorchen, wenn man ſelbſt immer Ge⸗ horſam gefunden hatte, ach! ach! ach! Zu ſpät bereute ſie jetzt, daß ſie ſich nicht des mil⸗ den Scepters bedient, den ſie im Anfang geführt hatte. Ach, niemals, niemals würde ihr guter ehrlicher Schwa⸗ ger die Fahne des Aufruhrs erhoben haben.. aber ſie wollte eine ſouveraine Macht haben, und ſo wurde ſie zuletzt die Unterthanin ihres Unterthanen, wohl! heit b. andere C ihrer. als zu ihn ur T Vorth als ſie fluß d ils— ohne zl da⸗ Socken „ daß zeiſe r an⸗ damm 2ck zu ſagte n gar pktors nicht erſte nicht noch mit r be⸗ meine will Jahr⸗ half Ge⸗ mil⸗ hatte. hwa⸗ er ſie de ſie Inzwiſchen war unſere junge Frau— wie wir wohl wiſſen,— nicht diejenige, die, nachdem eine Dumm⸗ heit begangen war, ſich verpflichtet glaubte, auch noch andere zu begehen. Einmal hatte ſie ihren Schwager vollkommen in ihrer Hand gehabt, und was wollte ſie jetzt anders thun, als zu ihrem eigenen Nutzen freundlich herrſchen über ihn und über ſein Vermögen? Durch eine unkluge Uebereilung würde ſie ihre Vortheile verſcherzt haben. Es blieb alſo nichts übrig, als ſie nach und nach wieder zu erringen und den Ein⸗ fluß der Freunde zu überwinden. Schon nach einigen Stunden erhielt Frau Laura eine glänzende Gelegenheit, ihre Klugheit an den Tag zu legen, und ſich dadurch in ein neues Licht zu ſtellen. Aufgebracht durch die Tyrannei ſeiner Schwägerin — die Severin um ſo läſtiger und augenfälliger zu werden anfing, als er Tags zuvor dem Doktor hatte geſtehen müſſen, daß Laura's beſtändige Pflege, um den gelindeſten Ausdruck zu gebrauchen, ihm zuweilen be⸗ trübend ſei— aufgebracht ferner durch dieſen letzten Auftritt, fühlte er ſich an genanntem Abende recht eigentlich in der Stimmung, alle gegebenen Geſetze zu übertreten, ja ſogar den alten Junggeſellen gänzlich auf die Seite zu legen, um noch einmal in Herz und Blut die Jugend zu empfinden. Dieß war vielleicht unverzeihlich von unſerem Freunde Severin, der mehrere Jahre lang der ſtreng⸗ ſten Mäßigkeit gehuldigt hatte und ſchon lange alt geweſen war. Der Vormund. I. 10 ———— ——— õʒ“ — —— —— ——ÿ —— — 1 Aber mit Recht oder Unrecht, er wollte nun ein⸗ mal freie Pürſch haben. Und ſo machte er es auch.„Recht ſo, Onkel!“ ſagte der Doktor,„wahrhaftig, Du übertriffſt Deinen Meiſter. Morgen wirſt Du zwar krank daliegen, aber das kommt blos von der Ungewohnheit her.. Es lebe die Freude und der Junggeſellenſtand!..“ „Noch ein Lied, meine Herrn, zur Feier der Auf⸗ erſtehung unſeres Freundes, des Kriegsraths!“ Und der Kriegsrath antwortete und dankte, und ließ ſich unter Hurrahrufen auf den Präſidentenſtuhl erheben. Aber ſo großer Uebermuth konnte nicht ohne Fol⸗ gen ablaufen, und die erſte Folge war die, daß unſer Held ſich am andern Morgen in einem jämmerlichen Zuſtande befand. Er wurde erſchrecklich roth, als ſeine Schwägerin in ihrer ſchnellen und ungenirten Art eintrat und mit wahrer Angſt bereitete er ſich vor, eine tüchtige Gar⸗ dinenpredigt zu erhalten. Aber Frau Laura war viel zu ſchlau dazu. Sie that, als bemerke ſte die Unordnung im Zim⸗ mer nicht, ſie beantwortete mit einem ſanften Lächeln die grimmigen Blicke des alten Nicke, der ſie offenbar auf's Eis führen wollte, und ſie beugte ſich zu ihrem Schwager hinab, beinahe wie eine ſanfte und zärtliche Ehefrau, welche das glückliche Talent beſitzt, gleich der ſeli⸗ gen Frau Brunsberg, ſowohl zu ſehen, als nicht zu ſehen. „Mein guter Severin, da Du keinen Kaffee trin⸗ ken wollteſt, ſo habe ich Dir da ein wenig Bouillon — aber ein Paſtetchen werde ich Dir wohl nicht bieten dürfen?“ „Nein, ich danke,“ murmelte der Kriegsrath ganz undeutlich,„ein Paar Brödchen, wenn ich bitten darf.“ „Wenn Du Dein ſo kleines Frühſtück im Bett ein⸗ genommen haſt, mein Freund, weißt Du, was ich Dir hernach verordne?“ nkel!“ Deinen „ aber . Es Auf⸗ „ und enſtuhl 2 Fol⸗ unſer rlichen ägerin d mit Gar⸗ Zim⸗ ächeln fenbar ihrem rtliche er ſeli⸗ ſehen. trin⸗ uillon bieten ganz darf.“ t ein⸗ h Dir Severin begriff förmlich gar Nichts. „Nun ja, daß Du, ſtatt den Doktor abzuwarten, Dich ſo ſchnell als möglich ankleideſt; wir kͤnnen zuſammen ausgehen, es iſt das herrlichſte Wetter, das man ſich nur wünſchen kann,— Du wirſt ſehen, wie Dich das erfriſchen wird.“ Nicke und der Hausherr wechſelten einen Blick maßloſer Verwunderung. „Liebe Laura,“ ſtammelte der Letztere,„Du biſt ſehr gut Du... Severin ergriff die Hand ſeiner Schwägerin und küßte ſie. Es war das erſte Mal. Aber jetzt hätte man hören müſſen, wie Frau Laura das herzlichſte, lebensfroheſte Gelächter aufſchlug. „Was fällt Dir ein, mein lieber Schwager?— Ich glaube wahrhaftig, Du nimmſt mich für ein jun⸗ ges unerfahrenes Mädchen; bedenke doch, mein Freund, daß es für ein verheirathetes Frauenzimmer keine Ge⸗ heimniſſe gibt.“ „Aber Du biſt ſo nachſichtig heute.. Du biſt edelmüthig.“ „Edelmüthig... wahrhaftig... hältſt Du mich für niederträchtig und zugleich unverſtändig genug, daß ich Vortheile, die ich auf ſolche Art gewonnen, aus⸗ beuten wollte?.. Pfui doch— ich fürchte, daß Du mich nie gekannt haſt.“ „Aber geſtern...!“ „Geſtern, vorgeſtern und die ganze Zeit früher hielt ich auf Etwas, was ich bisher(vielleicht aus Un⸗ verſtand) für Recht angeſehen hatte. Aber von dem Augenblicke an, wo Du beſchloſſen haſt, eine andere Le⸗ bensordnung zu verfolgen, mache ich mir's zur Pflicht, blos dafür zu ſorgen, daß Du in Deinem Haus all die Pflege genießeſt, deren Du bedarfſt... vielleicht kann Dein Experiment glücken.“; dotekein gute Laura, ich bitte Dich, glaube doch n„», — u — /—.— — — — uõmömÿmʒm3ä —= —— — 148 „Meine guter Schwager,“— ſie lehnte ſich noch vertraulicher an ihn—„keine Erklärungen! Laß nur mich Dir erklaͤren, daß ich mich geſtern wie eine När⸗ rin benommen habe, und daß Du ſicherlich nur meinem Trotz Dein heutiges Kopfweh zu verdanken haſt. Ich reizte Dich, Du guter Mann, o ich weiß, wie das auf einen Charakter gleich dem Deinigen wirkt.“ „Dank, meine beſte Laura, was Du jetzt geſagt haſt, macht mir Freude, denn es iſt die reine Wahrheit geweſen. Und Du darfſt glauben, daß dieſe Zuſammen⸗ künfte bloß einen mäßigen Genuß zum Ziel haben, Du weißt, daß ich kein unordentliches Leben führen kann.“ Das Alles wußte Frau Laura an ihren fünf Fin⸗ gern herzuzählen. Und da an dieſem Morgen ein großes Verſöhnungsfeſt ſtattfand, ſo bekannte ſie unter heißen Thränen— aber mit der heimlichen Hoffnung, daß das Opfer nicht angenommen werden möchte— ſie habe endlich eingeſehen, daß der Schwager in Be⸗ zug auf die Jungen Recht habe, und ſie ſei bereit, die⸗ ſelben in eine Penſion zu ſchicken. Der Kriegsrath wurde gerührt, ſogar entzückt, ja ſo entzückt, daß es ihm nicht einfiel, dieſen ſchönen Be⸗ weis für die Reue ſeiner Schwägerin abzulehnen. Bei dieſer Wendung ging eine Wolke über Frau Lauras roſenrothes Geſicht. Aber jetzt war kein Rücktritt mehr möglich, und da ſie einmal im Zuge war, ihren Schwager zu über⸗ raſchen, oder vielmehr ihre Vortheile wieder zu gewin⸗ nen, ſo gab ſie auch einen Wink, daß es paſſend ſein würde, die Einladungen des Doktors und des Pfarrers zu erwiedern. „Es wird mich ungemein freuen,“ ſagte ſie,„auch wieder einmal in einem kleinen fröhlichen Kreiſe die Wirthin machen zu können; Du ſollſt ſehen, wie huͤbſch ich das Ding anordnen kann. Alles, was ich verlange, iſt, daß ihr um Deiner Geſundheit willen bei Zeiten aufhört.“ 1 verin Ausſi vorige wohln 1 Krieg gramn ausge zücken! des S deutlic zu ma dem 1 Duett ganzes würde ben zu — 149 Unwohl und mißvergnügt über ſich ſelbſt, wie Se⸗ verin jetzt war, freute er ſich nicht ſonderlich über die Ausſicht auf ein Feſt von dem Schlag, wie das vom vorigen Abend, aber er freute ſich ſtatt deſſen über die wohlwollende Geſinnung ſeiner Schwägerin..... Und kurz darauf wurde wirklich im Hauſe des Kriegsraths eine kleine Soiree gegeben, wozu das Pro⸗ gramm ſowohl von dem Doktor, als von dem Pfarrer ausgefertigt worden war. Und Frau Laura war den ganzen Abend ſo ent⸗ zuückend, daß der ſiebzigjährige Jüngling am Schluſſe des Soupers ihr eine Erklärung zuflüſterte, welche deutlich darauf hinzielte, ſie zu ſeiner letzten Flamme zu machen. Der Pfarrer Lars Moritz hatte ſchon vorher bei dem unerwarteten Vergnügen, mit Frau Laura ein Duett ſingen zu dürfen, verſichert, wenn ſie nur ein ganzes Jahr fortführe, ſo liebenswürdig zu ſein, ſo würde er große Luſt empfinden, ſie am Schluſſe deſſel⸗ ben zu ſeiner dritten Frau zu machen. 18. Lärm im Lager. Während dieſer neuen Ordnung der Dinge geſchah es, daß die Briefe von der Oberſtin und Viola anlang⸗ ten. Doch wäre es gut geweſen, wenn nur dieſe Briefe angekommen wären. Aber wie manch andere Menſchenkinder in den bei⸗ den Städten korreſpondirten nicht gleichfalls? Zuerſt und vor Allem floß außer der ofſtziellen Nachricht von der Oberſtin eine heimliche Note, an den Doktor mit ein. Dieſe lautete anklagend. Darauf kam eine andere von Lieutenant Emil Marbin an ſeinen Vetter und Freund, den Pfarrer Hor⸗ ner, und dieſe klang gänzlich entſchuldigend. Für's Dritte ſtand Jeanne Sophie's Stiefmutter mit einer Freundin in Verbindung, der ſie ihre fehlge⸗ ſchlagene Hoffnung ihrer Stieftochter loszuwerden mit⸗ theilte, ein Unglück, woran Niemand anders Schuld ſei, als die kleine Ränkeſchmiedin Fräulein Holſt. Endlich und ſchließlich hatte Emil einen Bruder, Lieutenant Charles Marbin, der nicht von ihm ſelbſt, wohl aber von einem gemeinſchaftlichen Kameraden, eine humoriſtiſche Beſchreibung des Auftrittes im Hauſe der Oberſtin erhalten hatte. Und Lieutenant Charles— welcher, ohne ſeine Ahnen geradezu von Don Juan ableiten zu können, gleichwohl mit dem Ruf von Damen ziemlich leicht⸗ fertig verfuhr— hatte ſchon vor dem Schluſſe des Tages ein halbes Dutzend Epigramme auf ſeinen Bru⸗ der und deſſen doppelte Liebſchaft gemacht, denn er, Charles, war ein ziemlich eigenliebiger junger Herr, der am allerwenigſten begriff, wie ein Frauenzimmer ſich in ſeinen Bruder verlieben konnte. Die einzige mögliche Entſchuldigung dafür war, daß ſie ihn, Char⸗ les ſelbſt, nicht geſehen hatte.: Mag man jetzt beurtheilen, wie all dieſe offenen und heimlichen Nachrichten auf den Kriegsrath wirken mußten, zumal da ſie gehörig zugeſtutzt und ausge⸗ beſſert jeden Mittag von Frau Lauka an ihres Schwa⸗ gers Tiſch ſervirt wurden. „Erlaube mir,“ ſagte Severig endlich eines Tags, als ihm die Geduld zu reißen anfing,„erlaube mir, liebe Laura, daß ich ein klein wenig Frieden behalten darf, ſonſt V ſehe ie eigene 2 Friede jenige auf ſo Herr Toilet meine ſich vi rigen munde 2 2 theilw dern i Lieute iellen n den V —V————— ſehe ich mich genothigt, mein Mittagsmahl in meinem eigenen Zimmer einzunehmen.“ Frau Laura machte eine Miene, als hätte ſie Eſ⸗ ſiggurken in den Mund bekommen, ſtatt der ſüßeſten Birne, aber ſie lächelte gleichwohl und ſagte halb vor ſich hin: „Ich wünſche von ganzem Herzen, daß es mit dem Frieden nicht ein gänzliches Ende nehme, wenn Die⸗ jenige einmal kommt, die ſchon in ihrer Abweſenheit auf ſolche Art wirkt.“.. 1... „Geben Sie nichts auf ſolch ſchlechtes Geſchwatze, Herr Kriegsrath,“ pflegte Nicke in den vertraulichen Toilettenſtunden zu ſagen.„Ich habe ein Gefühl in meinem Leibe, das ſagt mir, daß das junge Mädchen ſich von all dieſem dummen Zeug rein waſchen wird.“ „Nein, alter Frennd, das wird ſie nie, denn ob⸗ ſchon ein liebenswürdiges und unſchuldiges Kind, hat ſie doch einen auffallend unbedachtſamen Charakter. Das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm, daß einem ſiebzehnjäh⸗ rigen Mäͤdchen ſolche Geſchichten ins Haus ihres Vor⸗ munds voranlaufen.“ „Geſchichten— ja das iſt juſt das rechte Wort“ „Und auch das wahre. Sie bekennt ſich ſelbſt theilweiſe ſchuldig.“ „Um ſo ſchöner— Andere würden ſich vertheidi⸗ gen. Und wenn ich meine unmaßgebliche Meinung aus⸗ ſprechen darf, ſo ſollte ſie wohl in ihrem Vormund ſelbſt einen Vertheidiger haben.“ „Du verſtehſt das nicht, mein ehrlicher Nicke. Ein Frauenzimmer muß wiſſen, daß ſie ihren guten Namen und Ruf über Alles zu ſtellen hat.“ „Nun, das iſt ein wenig ſtark— ſie ſollen ihn doch wohl nicht auch über Gott und ihr Gewiſſen ſtel⸗ len? Und wenn nun das kleine Fräulein dieſer An⸗ dern da nicht widerſtehen konnte, wie es im Briefe des Lieutenants an den Pfarrer hieß, nun, ſo war ja doch —————ꝛꝛ:— — ͦ— —— —— —õ—õ — —— —— — —õÿõ— —— in Jeſu Namen weiter nichts Schlimmeres an der Sache, als daß zwei Leutchen, die vor Gott vereinigt waren, einander vor ihrem Abſchiede noch ein kurzes Lebewohl ſagen wollten.“ „Und der Kniefall..“ „Es geſchah aus lauter Demuth und Dankbarkeit,“ ſagte der Pfarrer. „Genug— laß uns nicht mehr von der Sache reden, bevor ich ſelbſt urtheilen kann.“ Bei einem Manne von Severins Grundſätzen und ſtrenger Tugend war es nicht zu verwundern, daß Viola trotz ihres engelreinen Briefes in einem nichts weniger als klaren Lichte vor ihm ſtand. Im Anfang wurde Severin ordentlich erwärmt von dieſem Brief, denn er las ihn vor dem der Oberſtin; hernach aber, als er den Sinn am Schluß recht wohl begriff, wurde das anders. Wir müſſen geſtehen, daß er, wenn er nicht gefürch⸗ tet hätte, der Inconſequenz beſchuldigt zu werden, trotz ſeiner väterlichen Gefühle für das junge Mädchen ſich um einen andern Platz für ſie umgeſehen haben würde. Lieutenant Emil Marbin kam nicht in die Stadt, ſondern reiste direkt zu ſeinem Regiment nach Mar⸗ ſtrand. Dagegen traf das ſchon vorher von Jeanne Sophie in Ausſicht geſtellte Schreiben ein, das ſo vortheilhaft von dem Gold zeugte, welches ſich in ihrem Herzen unter den Schlacken befand, daß wir nicht umhin können, es anzuführen. „Herr Kriegsrath! „Auf die Gefahr hin, ebenſo kühn als naſeweis zu erſcheinen, breche, ich das Eis— d. h. das Eis der Conv meine Vora ich w Unvorn das womi meine ſchuld Convenienz— und wende mich direkt an den Vormund meiner Freundin Viola. „Ich bin vollkommen überzeugt, daß Sie ſchon zum Voraus das Verzeichniß meiner Verdienſte kennen, und ich will nur hinzufügen, daß man unter dem vielen Unvortheilhaften, was man von mir ſagt, wahrſcheinlich das Schlimmſte vergeſſen hat, nämlich die Selbſtſucht, womit ich andere Perſonen blosſtelle, wenn es ſich um meine lebhafteſten Intereſſen handelt. „Ich liebte den Lieutenant Emil Marbin, ſo wie man liebt, wenn man eine feurige Seele und warmes Blut in zwanzigjährigen Adern hat. 8 „Ich weiß, daß ich— nach allen Regeln der Kunſt — bei einem ſolchen Bekenntniß erröthen müßte. Aber da ich niemals, außer im höchſten Nothfall, andre Regel anerkenne als die der Natur, ſo erröthe ich auch nicht über das Geſtändniß, daß Gott in mein Herz, wie in die Herzen ſeiner andern Weſen, die er geſchaffen, das Verlangen nach Glück niedergelegt hat. „Ich liebte alſo mit einer irdiſchen Liebe, welche den Gegenſtand ihrer Liebe ſehen will. „Aber wie ſollte das geſchehen? „Lieutenant Emil mußte abreiſen, und da war es, daß ich— im Wahnſinn und in der Verzweiflung dar⸗ über, keinen Abſchied nehmen zu koͤnnen—, die un⸗ ſchuldige, engelreine Viola anflehte, überredete, nöthigte mir auf ihrem Zimmer eine Zuſammenkunft mit meinem Liebhaber zu geſtatten. „Wie ſie kämpfte und wie ſie litt, das liebe kleine Kind, in ſchmerzlichem Schwanken zwiſchen ihren ſcham⸗ haften Befürchtungen und dem allmähligen Edelmuth ihres Herzens! „Der letztere ſiegte auch, als ſie mich beinahe wahnfinnig ſah. „Ach wie übel wurde ſie nicht belohnt! „Marbin, gleich mir durchdrungen von der achtungs⸗ — —— vollen reinen Dankbarkeit, welche man dieſem Kinde zollen mußte, das ſich ſo hochſinnig für die Freundin aufopferte, Marbin, wiederhole ich, ſtattete ihr mit ge⸗ beugtem Knie ſeinen verehrungsvollen Dank ab, aber da die Oberſtin juſt in dieſem Augenblicke dazu kam, ſo wurde es für dieſe Dame eine Lebensſache, Scandal zu verurſachen. „Die Anklage lautet vielleicht ſtreng, aber ſie iſt es nicht. „Welcher andere Zeuge war vorhanden, als die Oberſtin ſelbſt? „Mich ſchaudert vor jedem Tag, den meine geliebte Viola noch unter der Obhut dieſer Pflegerin zubringt. „Konnte wohl irgend etwas ſie von der einfachen Wahrheit überzeugen? „Nichts, nicht einmal die öffentliche Erklärung, mit welcher Marbin als mein Freier auftrat. „Sie, Herr Kriegsrath, durften ſich jetzt vielleicht befugt halten, zu fragen, aus welchem Grund die Wer⸗ bung inzwiſchen juſt nach dieſem Auftritt ihr Ende nahm. Aber laſſen Sie mich antworten, daß dieſe An⸗ gelegenheit nur zwiſchen Lieutenant Marbin und mir ab⸗ gemacht worden iſt. „Ich betrachte ihn als den ehrenhafteſten Mann, den ich kenne, ich finde mich geſchmeichelt von ſeinem Anerbieten und ich liebe ihn für mein ganzes Leben— deſſen ungeachtet iſt er frei. „Und jetzt, Herr Kriegsrath, ein Wort von dieſem Engel, der bald im Hauſe ſeines Vormunds Schutz finden ſoll. „Ich ſpreche von Viola beinahe wie eine unpar⸗ theiiſche Mutter von ihrem Kind reden würde. „Sie iſt mit einem Körper begabt ſo ſchön, ja ſo idealiſch ſchön, daß er ſo nur gebildet worden ſein konnte, um eine Seele von gleich reinem und himmli⸗ ſchem Urſprung zu beherbergen. „Seien Sie verſichert, daß ich hier keine leeren Worte rede. Nein, Viola iſt eine ungewöhnliche Har⸗ monie von Lieblichkeiten aller Art. „Aber glücklicherweiſe iſt ſie auch mit Fehlern be⸗ gabt, ſonſt würde ſie bald von der Erde entfliehen. „Sie iſt äußerſt gut. Dieß iſt ein Fehler zu ihrem eigenen Schaden, wenn ſie unter Perſonen geräth, die ebenſo unedel wie ich dieſen Umſtand benützen. „Aber ſie hat auch bei all ihrer Milde einen ſtar⸗ ren, ja unbeweglichen Sinn. Demüthigt ſie ſich einmal, ſo thut ſie es das zweitemal nicht mehr. „Ein ernſter Auftritt ſoll zwiſchen ihr und der Oberſtin ſtattgefunden haben. „Violas Herz war zuerſt geſchmolzen vor Zärtlich⸗ keit, aber grauſam verletzt erhob es ſich zur Gegen⸗ wehr, keine Liebkoſung hat ſeitdem ihre Kälte zu be⸗ ſiegen vermocht. „Ich glaube, daß Viola die Erinnerung an erlitte⸗ nes Unrecht lange behält, vermuthlich darum, weil es ihrer Seele ſo ſchwer fällt, ein ſolches zu begreifen. „Sie kommt zu ihrem Vormund voll Vertrauen und Zuverſicht, aber auch voll von banger Unruhe. „O ich bitte innig, beruhigen Sie ſie. „Man hat mir geſagt, daß Sie, Herr Kriegsrath, die Schwachheiten des Weibes ſtrenge beurtheilen und viel von ihren Tugenden fordern. „Fordern Sie, was Recht iſt. „Die Tugend des Weibes oder der Schein derſel⸗ ben ruht oft in der Hand des Mannes; und auch das Weib, in deſſen Seele ein Engel wohnt, kann irre ge⸗ führt werden, ſo lange der Engel unter einer irdiſchen Hülle weilt. „Schließlich geruhen Sie, mit Güte oder wenigſtens mit Nachſicht all' dieſe Zeilen zu empfangen von einer Perſon, die vielleicht nicht würdig iſt, ſolche von ſich zu geben, die aber um ſo mehr verſichern kann, daß ſie aus einem warmen Herzen und einem ernſten Verlangen, etwas zu nützen, gefloſſen ſind. „Jeanne Sophie S.“ Obſchon allein mit ſich ſelbſt, war Severin manch⸗ mal bei Durchleſung dieſes Briefes erröthet. Er begriff ſehr gut, daß ein Weib wie Jeanne Sophie, alles das ſchreiben konnte, was fte gethan hatte; er begriff dieſe ganze Zuſammenſetzung aus Frei⸗ heitsſinn, Leichtſinn, Liebesſinn und Hochſinn, aber er dankte Gott, daß ſein Mündel einem Umgang entzogen wurde, den er für nichts weniger als wohlthätig hielt. Was Jeanne Sophies Brief im Ueb rigen wirkte, war daran zu merken, daß Severin an demſelben Abend mit einem beinahe ſtrengen Ton zu ſeiner Schwägerin ſagte: „Ich will hoffen, daß Fräulein Violas Zimmer geſchmackvoll und gut eingerichtet werden. Im Ueb⸗ rigen iſt es mein Wille, daß Niemand hier im Hauſe auch nur mit dem leiſeſten Wort auf dieſe dumme Ge⸗ ſchichte anſpielt.“ Frau Laura beabſichtigte ein lautes Gelächter auf⸗ zuſchlagen, machte aber ſtatt deſſen— eine Verbeugung. Von einer Antwort war keine Rede, da ihre zittern⸗ den Lippen keine ſolche hervorzubringen vermochten. 19. Ein ſchrecklich merkwürdiger Umſtand. Eines Morgens in der Mitte des Monats Mai, etliche Wochen nach den vorbemerkten Ereigniſſen, be⸗ gegnete man zwei Herren in einem der Thorgänge der Stadt. Es waren der Pfarrer Lars Moritz Horner und der Lientenant Charles Marbin. Und der Thorgang führte zu dem nobeln chokolad⸗ farbigen Haus mit dem großen Garten, welches dem Kriegsrath Wendelsköld gehörte. „Was machſt Du hier?“ fragte Lars Moritz ſeinen Vetter in einem Ton, der zwiſchen Schlauheit und Drohung die Mitte hielt. „Und Du ſelbſt, verehrter Bruder, kommſt Du als einer der eilftauſend Clienten und Supplikanten? „Ich— ich komme als guter Freund des Hauſes, um Severin zur Ankunft ſeiner kleinen Mündel zu be⸗ glückwünſchen.“ „Was mich betrifft,“ ſagte der Lieutenant mit der kecken Beſcheidenheit, die gewiſſe junge Männer charak⸗ terifirt, welche ſich auf ihre Unwiderſtehlichkeit verlaſ⸗ ſen, was mich betrifft, ſo ſind meine Anſprüche bei weitem nicht ſo groß; ich komme blos als Aſpirant auf den Platz, den Du bereits inne haſt.“ „Alſo ohne eigentliches Geſchäft,“ verſetzte der Pfarrer bedächtlich. Und der Pfarrer Lars Moritz war gleichwohl ein ziemlich liberaler Mann. „(i, ei, nur keine ſolche Umſtände, mein würdiger Vetter, ich komme nicht ohne Auftrag. Mein Vater— wie verdammt glücklich ſich das fügt— hat juſt geſtern einen Anſtoß wegen einer Bürgſchaft gefunden, und da es ſich ergab, daß der Kriegsrath der andere Bürge ſein mußte: ſo habe ich Befehl erhalten...“ „Das heißt, Du haſt Dich zu dem Auftrage zu⸗ gedrängt,— ſonſt bin ich überzeugt, daß Du der letzte geweſen wäreſt, den Dein alter Vater zu ſeinem Ge⸗ ſchäftsträger ernannt hätte.“ „Gleichviel; gezwungen oder ungezwungen, der Auftrag iſt mir einmal zu Theil geworden. Und jetzt gehe ich, um mich bei dem Vormund aller ſchönen Engel vorzuſtellen.“ „Verlange nur nicht auch, dem ſchönen Engel ſelbſt vorgeſtellt zu werden, denn dann— das verſichere ich Dich— ſollſt Du ſehen, daß unſer Vormund dieſelbe Miene annimmt, wie ein ſpaniſcher Hidalgo, wenn er in der Nähe ſeines häuslichen Heiligthums eine Strickleiter wittert.“ „Ei zum Teufel, iſt er denn ein ſolcher Drache!“ „Hem, hem!“ „Ein Mann, der auf den Herbſt zu ſterben beab⸗ ſichtigt, kann doch nicht ſo egoiſtiſch ſein, daß er allein alles Schöne genießen will, das in ſeiner Nähe blüht.“ „Still, keinen Scherz auf Severins Koſten— er hat ſeine großen Eigenheiten, aber man darf mein Seel heinoch nicht mit ihm ſcherzen... Nimm Dich in cht.“ Lieutenant Charles fingerte kokett an ſeinem ſchönen Schnurrbart, während ſein Mienenſpiel zu ſagen ſchien: „Brauche ich mich vor Jemand in Acht zu nehmen, ich, der ich der Abgott der Damen und der Abſcheu der Männer, der ich deßungeachtet immer noch die erſte Beleidigung gut habe?“ Lars Moritz war ſo daran gewöhnt, die leicht ver⸗ ſtändliche Schrift auf dem Geſicht ſeines Vetters zu deuten, daß er halb laut murmelte: „Uebermüthiger Thor!“ „Nun ja,“ meinte der Lieutenant lachend,„von Dir nd da kann ich einen freundlichen Wink wohl in Güte an⸗ Bürge nehmen; Du fällſt wenigſtens nicht aus Deiner Rolle, wenn Du predigſt. Ueberdieß biſt Du trotz Deinem ge zu⸗ Pfaffenkäppchen der herrlichſte vierzigjährige Junge, letzte welchem Gott die Mittel verliehen hat, das Leben zu n Ge⸗ genießen. „Ganz gut,“ antwortete Lars Moritz.„Inzwiſchen „der predige ich nicht, aber ich rathe Dir, und jetzt in vollem 1 d jetzt Ernſt, daß Du Dich von Deiner Neugierde nicht zu Engel irgend einem unpaſſenden Schritte verleiten läſſeſt.“ „Worin könnte dieſer beſtehen?“ ſelbſt„Zum Beiſpiel, wenn Du Dich in des Kriegsraths ere ich Haus einzudrängen ſuchteſt, um ein junges Mädchen zu ieſebe ſehen und wo möglich zu pouſſiren, deren Namen ſich 1 er in bereits die Fama bemeiſtert hat.“ kleiter„Und die bereits von ihr ausgezeichnet worden iſt,“ 7 fügte der Lieutenant leichtſinnig hinzu. che!„Ja ſo wie ſie oft den Unſchuldigen auszeichnet.“ „Aha!“ beab⸗„Ich glaube an Emils Erklärung. Er iſt die allein Ehrenhaftigkeit ſelbſt, und vor allem glaube ich an den lüht. Brief, den das arme Kind ſelbſt an ihren Vormund ge⸗ „Guten Morgen, Bruder!“ grüßte der Pfarrer. di„Ihr Diener, meine Herren!“ antwortete der Doktor, n Dir der jetzt die letzte Treppenſtufe herabkam...„aha, SZer ſchrieben hat: er verräth den ganzen Edelſinn und die „Seel unſchuldige Naivetät in ihren Gefühlen und Gedanken.“ ich in„Mag ſein... inzwiſchen möchte ich raſend werden, 1 . wenn ich daran denke, daß ein ſolcher Stümper in der chönen Kunſt, wie Emil— ein Kerl, der auf einem Gletſcher ſchien: hätte geboren werden ſollen— der Held eines großen n, ich, Doppelabentheuers wird, während ein anderer armer eu der Teufel bei ſeinen Alltagsleckerbiſſen verhungert.“ 1 erſte„Still... da geht Jemand auf der Treppe.“ 6 „Es iſt wahrhaftig unſer junger Lebensbruder, der tver⸗ junge Doktor, der daher kommt und ſich um den Mund ers zu ſrreicht— man weiß, was das bedeutet.“ 160 Freund Charles, ſtehſt Du auf der Lauer! Aber geh' nur heimn, mein Sohn, und ſchlaf den Rauſch Deiner Hoffnungen aus— Du könnteſt ſonſt ein Fieber vor Ungeduld bekommen, ehe die Reihe an Dich kommt.“ „Ah bah!“ antwortete der Lieutenant, indem er an ſeine Taſche ſchlug,„der Pfarrer weiß, daß ich in Ge⸗ ſchäften da bin.“ „Geh gleichwohl Deines Wegs, junger Mann, denn das iſt kein Tag für... Rechtsumkehrt Euch— marſch!“ „Unmöglich!“ meinte der Pfarrer.„Zwei Jahre lang hat Severin alle Vormittage an ſeinem Schreib⸗ tiſch geſeſſen, und ebenſo regelmäßig wie eine gut auf⸗ gezogene Uhr hat er in dieſen Stunden ſeine Clienten angehört.“ „Aber heute,“ fuhr der Doktor fort,„merkt euch das, meine Herren, heute iſt die Uhr von ſelbſt ſtehen geblieben oder iſt ſie gar nicht aufgezogen worden.“ Bei dieſen Worten eilte Lars Moritz die Treppe hinan. Der Lieutenant folgte ihm. Der Doktor ſtand unten und läͤchelte. An der Thüre zum Arbeitskabinet des Kriegsraths mar ſein Name zierlich auf eine Meſſingplatte gravirt u leſen. 4 Aber heute— zum erſten Mal ſeit ſeiner Ankunft in der Stadt— befanden ſich unter der Platte folgende Worte: „Iſt vor Morgen um dieſelbe Zeit nicht zu Hauſe zu treffen.“ Der Pfarrer eilte eben ſo ſchnell die Treppe hinab, als er hinaufgegangen war. „Um Gotteswillen, Doktor, das iſt ein ſchrecklich merltwirdiger Umſtand— er iſt doch wohl nicht ernſtlich rank?“ „Nein, aber er iſt verhindert,“ verſetzte der Doktor lakoniſch. „ ander Wege der C Blum Cerbe 9 Straß L . 7 kleine „ Stock Beſchi hat, d r geh' DHeiner er vor t.“ er an 1 Ge⸗ denn rſch!“ Jahre hreib⸗ t auf⸗ ienten teuch ſtehen reppe raths ravirt nkunft gende Hauſe inab, cklich iſtlich voktor 161 „Und gilt dieß auch mir? ich kenne noch einen andern Weg als dieſen hier.“ „Damit verhält es ſich gleichwohl nicht wie mit den Wegen nach Rom, die alle zum Ziele führen; denn an der Gartenthüre findeſt Du den alten Nicke, der ſeine Blumenſtengel aufbindet. Er iſt noch ſchlimmer als Cerberus.“ Alle drei Herren wandelten bald miteinander die Straße hinauf. Lieutenant Marbin brach das Schweigen zuerſt. „Sie ſoll geſtern Abend ſpät angekommen ſein, die kleine Abenteurerin.“ „Hoͤr einmal, Lieutenant,“ verſetzte der Doktor mit einer ordentlich ungenirten Miene,„wenn Du Dir noch einmal eine ſolche Phraſe erlaubſt, ſo zerſchlage ich mei⸗ nen Stab auf Deinem Rücken, weißt Du auch, daß Du ein nichtsnutziger Schlingel biſt?“ „Und Sie, Onkel, ſind ein zu alter Kenner, um ſich einzubilden, daß Sie noch jung genug ſeien, den Be⸗ ſchͤtzer einer Dame zu ſpielen.“ „Mein Sohn Charles, jetzt finde ich, daß ein Stock nicht ausreicht— glücklicherweiſe kann ich über zwei gebieten, im Fall Du zweifelſt, daß ich noch den Beſchützer eines unſchuldigen und liebenswürdigen Mäd⸗ chens zu ſpielen vermag.“ „Hol mich der Teufel, was die alten Damenhelden für Muth haben, wenn ſie ſich in Sicherheit wiſſen... nun, nun, Herzensonkel, wir wollen Frieden ſchließen, ehe Lars Moritz die Ermahnung vollends ausgedrechſelt hat, die ich auf der Spitze ſeiner langen, jederzeit re⸗ ſpektabeln Naſe gewahre.“ 4 „Ja, ja, Lars Moritz iſt ſehr ſtark in der Mimik und wenn er die Oberlippe hervortreten läßt, und den Zeigefinger auf die linke Augenwimper legt, ſo kann man ſicher ſein, daß er irgend einen Schlingel beim Kragen zu faſſen beabſichtigt!“ Der Vormund. I. 11 162 „Ich verzeihe Dir meine Charakteriſtik,“ antwortete der Pfarrer lächelnd,„aber was ich Dir nicht erlaſſe, das iſt Deine Rechtfertigung. Was haſt Du aus unſ⸗ rem Bruder Severin gemacht, da er ganz unſichtbar geworden iſt?“ „Die Sache iſt ganz einfach: heute Vormittag nimmt er nicht mehr als eine einzige Aufwartung an, und dieſe iſt die von ſeiner Mündel.“ „Hat er ſie nicht geſtern Abend ſchon empfangen?“ „Man wird ſehen,“ ſiel der Lieutenant ein,„daß, da das Dampfboot ſo ſpät kam, dieſe Perle aller tu⸗ gendhaften Männer, und Vormünder ins Beſondere, es für unpaſſend hielt, ſeinen Schützling in eigner Perſon zu empfangen.“ „Lieutenant, Lieutenant,“ murmelte der Doktor zornig, „Du biſt ein höchſt naſenweiſer Junge. Gehe Dei⸗ nes Wegs— ich bleibe lieber allein mit Deinem Vetter.“ „Aber ich, der ich den ganzen Vormittag nirgends etwas zu ſchaffen habe, bekomme, Parole d'honneur, vor Langeweile einen Schlafanfall, wenn Du mich fortweiſeſt. Ich verſpreche, wie ein gutes Kind zu ſchweigen, wenn ich nur hören darf.“ „In allen Fällen,“ fügte Lars Moritz hinzu,„fürchte ich, daß in ſeiner Naſeweisheit irgend eine Wahrheit lag. Nicht wahr, Doktor, Severin ſchickte den alten Nicke und ſeine liebenswürdige Schwägerin hin, um das Kind zu empfangen?“ „Er hatte eine leichte Bruſtentzündung, die ihn zu Hauſe hielt,“ meinte der Doktor, lachte aber dabei ſo, daß ihm die Thränen in die Augen kamen. „Und da ſie gut anlangte, ſo verhinderte ihn ver⸗ muthlich derſelbe Unfall, ſie noch zu ſehen, Abends um..“ „Abends um 11 Uhr, ja das verſteht ſich. Der größeren Sicherheit wegen hatte er ein Fußbad ge⸗ nommen.“ — Deut er ſi feſtg gen beſuc Mun netſte Hand Sach lieber Weſe ſchich ſchon verſte ihre Herr: geben vor 1 4 Piror mit d zucker gedieg 1 uen 2 den 2 Vaten ſich z Zerſtr alles vortete erlaſſe, 1s unſ⸗ ichtbar mittag ng an, igen?“ „daß, ler tu⸗ ere, es Perſon zornig, he Dei⸗ Deinem rgends ir, vor weiſeſt. „wenn fürchte ahrheit alten um das ihn zu bei ſo, n ver⸗ Abends Der ad ge⸗ Ach, der köͤſtliche Mann! Ich ſchwoͤre, daß er Deuig geru in Puder und Zopf erſcheinen möchte. Hat er ſie ſchon empfangen?“ „Nein, die Audienz iſt erſt auf halb zwölf Uhr feſtgeſetzt, denn ſie, die Kleine, hatte wirklich am Mor⸗ gen nach der Reiſe ein wenig Fieber. Ich habe ſie beſucht und— der Doktor ſtrich ſich wieder um den Mund— ich habe eine Schönheit der aller ausgezeich⸗ netſten Art geſehen, eine Hand, meine Herrn, eine Hand fein und weiß, wie.. ach laßt uns von der Sache ſchweigen.“ „Ja, ſchweig, alter Reichshofmacher, und ſage uns lieber, ob Du nicht an ihrem Geſicht und ihrem ganzen Weſen erſehen haſt, daß ſie in dieſer dummen Ge⸗ ſchichte rein ſein mußte?“ „Nun, ich glaube das nicht aufs Evangelium, ob⸗ ſchon ſie immer, etwas unbedachtſam geweſen iſt, das verſteht ſich. Aber ſo viel iſt ausgemacht, daß ich auf ihre Seite trete. und jetzt guten Morgen, meine Herrn— die Pflicht geht vor allem. Sieben Frauen geben vor Sehnſucht den Geiſt auf, wenn ich mich nicht vor 12 Uhr einfinde.“ Und nachdem er mitten auf der Straße eine kleine Pirouette gemacht, eilte der Altvater der Jugend dahin mit der Lorgnette vor den Augen und dem modernen zuckerhutähnlichen Frack, baumelnd um die kurzen, aber gediegenen Formen. „Gehſt Du nach Hauſe?“ fragte der Lieutenant ſei⸗ uen Vetter, nachdem Beide lächelnd dem verſchwinden⸗ den Doktor nachgeſehen hatten. „Nein, ich habe ein Geſchäft bei Deinem alten Vater.. Apropos freut er ſich, daß Emil's Parthie ſich zerſchlagen hat?“ „Ueber die Maßen.. aber bekomme ich hier keine Zerſtreuung, ſo reiſe ich zu ſeiner Exgeliebten und biete alles auf, um meinen Herrn Bruder bei Mamſel Jeanne So⸗ — — —õyy— phie auszuſtechen, denn nach allem, was ich höre, iſt ſie ein Weib nach meinem Herzen.“ „Glücklicher Weiſe reiſeſt Du ſtatt deſſen zur Ver⸗ ſammlung.“ „Sei ruhig, Bruder— ich komme zurück.“ 21. Die Vorſtellung. Zur ſelben Zeit, wo unſere Freunde ſich trennten, trat Frau Laura in die für Viola beſtimmten Zimmer. Dieſe Zimmer beſtanden aus einem ziemlich großen Cabinet mit der Ausſicht auf den Hof, und aus einem höchſt niedlichen Schlafſtübchen, deſſen Fenſter ſich in derſelben Richtung befanden und mit friſchen grünen Schlingpflanzen geſchmückt waren. Schon vor der Ankunft des Doktors hatte Viola ihre Toilette beendet und ſaß jetzt mit hochklopfendem Herzen und einer gelinden Fieberröthe auf den Wangen wartend da. Auf was wartete ſie? Nun, auf den Ruf zu ihrem Vormund. Als Frau Laura den Doktor hinausbegleitete, hatte ſie ja Viola geſagt, ſie würde bei ihrem Schwa⸗ ger das Weitere hören. Viola hätte gleichwohl am Liebſten alle Formali⸗ täten vorüber geſehen. Wie entzückt wäͤre ſie nicht geweſen, wenn ihr Vor⸗ mund ganz einfach in das Cabinet getreten wäre, ſie in ſeine Arme geſchloſſen und geſagt hätte:„Willkom⸗ V V ſelbſt nicht.“ men, liebes Kind— thue wie zu Haus und ſei gutes Muths.“ Das arme Kind, es kannte den Kriegsrath ſchlecht, wenn es von einem ſolchen Gruß träumen konnte. Im Augenblick, wo der Doktor eintrat, ſtand ſie im Begriffe, ihn für ihren Vormund zu nehmen— der alte Geſell hatte ſich eine ſo ächt väterliche Miene ge⸗ geben; aber als Frau Laura ſagte:„Sehen Sie hier einen vertrauten Freund der Oberſtin, den Doktor Bivelius, da konnte ſie blos ſtammeln und fühlte ſich unangenehm überraſcht. Ein Freund der Oberſtin, das war in Viola's Augen juſt keine Empfehlung. Aber der Doktor, der ohne Mühe den ganzen Zu⸗ ſammenhang ihrer Gedanken verſtand, beeilte ſich, ihr mecheweiſen, daß ſie von ihm nichts zu befürchten habe. Und ehe zehn Minuten verfloſſen, hatte er ſich Viola's Gunſt erworben, ihr ein kleines Regime für ihre Ge⸗ ſundheit gegeben und ſie darauf vorbereitet, in ihrem Vormund den edelſten und redlichſten, aber zugleich eigenthümlichſten Mann zu finden, an deſſen Herz ſie ſich mehr halten müſſe, als an ſeine Art und Weiſe, ſich auszudrücken und ſie zu empfangen...“ „Jetzt, mein liebes Fräulein,“ ſagte Frau Laura, „iſt es Zeit, zu gehen.“ Und Frau Laura lächelte mit ihrem allerſchönſten Sonntagslächeln und blickte ungemein freundlich und mütterlich drein. Schon vom erſten Augenblick an hatte ſie gedacht: „Ich muß dieſes zierliche Lärvchen da nothwendig in meine Hände bekommen.“ Und deßhalb wurde die Lammtatze vorgeſtreckt und Violas Wangen wurden zärtlich gekost. „Ach, ach, ach,“ ſagte Viola, indem ſie ſich vom Sofa aufrichtete,„ich bin ſo bange, ich begreife mich — 166 „Nur Muth, mein Zuckerkindchen— mein Schwa⸗ ger beißt Niemand, er iſt immer ſanft.“ „Aber gute Frau Wendelsköld, ich meine..“ „Was denn? Haben Sie Vertrauen zu mir— das Vertrauen iſt etwas ſo Angenehmes zwiſchen Per⸗ ſonen, die täglich beiſammen leben.“ „Dank, Dank,— ich will auch aufrichtig ſein. Wenn mein Vormund ſo gütig wäre, könnte er dann nicht bereits hier geweſen ſein?“ „Hier geweſen ſein?“ Frau Laura ſchlug ein recht herzliches Lachen auf.„Severin ſollte in das Zimmer einer jungen Dame treten— ich glaube wahr⸗ haig⸗ daß er ſich eher zu allem Andern verſtanden ätte.“ Viola ſchwieg ein paar Augenblicke. Darauf ſagte ſie, indem ſie mit bezaubernder Zier⸗ lichkeit an den Spitzen ihres weißen Morgenkleides ſpielte: Vielleicht hätte ich mich ſogleich für das Mit⸗ tageſſen ankleiden ſollen?“ Frau Laura kämpfte einige Sekunden mit ſich ſelbſt, bevor ſie ihr Antwort gab. Sie hätte allerdings das Letztere am liebſten geſehen⸗ denn ſie glaubte, daß Viola in einer Mittagstoilette nicht ſo unendlich ſchön ſein könnte, wie in ihrer dermaligen, deren luftiger Stoff mit ihrem eigenen ätheriſchen Weſen zuſammengewoben ſchien. Aber auf der andern Seite — o die boshafte Laura— dachte ſie; das wird meinen guten Severin verdrießen, daß das kleine Fräulein zu ihrem Vormund in der Morgentoilette kommt, was ſo⸗ wohl ihre tiefe Ehrfurcht vor ihm, als ihre eigene Schamhaftigkeit hätte verbieten müſſen. „Nun, wie ſoll ich's denn machen?“ fragte unſre Heldin mit leichter Ungeduld. „Dieſes ausgeſchnittene Kleid ſitzt Ihnen ſo zier⸗ lich und iſt ſo geſchmackvoll, daß ich glaube, Sie müſſen es anbehalten.“* „Um ſo beſſer— ich glaube ſelbſt, daß es mir verdar / V das ho MNaͤdch ſeinen gut ſteht— aber thun Sie mir den Gefallen und nen⸗ nen Sie mich ſchlechtweg Viola, und dürfte ich zu Ihnen..“ „Um Gottes willen, ſagen Sie nur nicht Tante V zu mir: ich bin nicht alt genug für dieſe Würde.“ *„ Dann ſage ich alſo Laura?“ Viola ſchlang ihre Arme um die neue Freundin, jetzt wie immer bereit, an das Wohlwollen zu glauben, das man ihr bezeigte. „Gib meine Schnupftabaksdoſe her, Nicke, und laß uns dann allein.“ So ſprach der Kriegsrath, als er, in ſeinem großen Lehnſtuhl begraben, fühlte wie— trotz des ſteifen wei⸗ ßen Halstuchs, des weiten, breitſchoßigen, ſchwarzen Fracks und der drei würdevollen Runzeln, die er glück⸗ licher Weiſe auf ſeiner glatten Stirne hervorgebracht— wie, ſagen wir, trotz all dieſer feierlichen Steifheit, eine gewiſſe Verſchämtheit, Weichheit und Unruhe ſich immer näher an ihn drängte. „Eigentlich,“ murmelte er vor ſich hin,„ſind doch eine Menge ganz kitzlicher Schwierigkeiten mit dieſer verdammten Vormundſchaft verbunden.“ „Ich hoffe,“ fügte er in Gedanken hinzu,— und das hoffte er mit wirklicher Angſt—„daß das junge Mädchen Takt genug beſitzt, um einzuſehen, daß man ſeinen Vormund nicht allzu vertraulich begrüßen darf.“ „Da kommen ſie, Herr,“ ſagte der alte Nicke, in⸗ dem er die Doſe zwiſchen die Finger des Kriegsraths ſteckte. Aber, o welch ein dummer Einfall war das! Der beklagenswerthe Severin, welcher fuͤhlte, daß ——õ—õõ——C———õ— 168 ſeine ganz alte unglückſelige Blödigkeit wiederkehrte, hatte wahrhaftig, indem ihm das Blut bis in die Stirne ſtieg, genug zu thun, um ſeine perſönliche Würde zu behaupten, ohne auch noch an eine Schnupftabaksdoſe denken zu müſſen. Und ſo geſchah es, daß dieſe aus ſeiner halb offenen Hand auf den Boden hinabglitt, wo das Schloß ſich oͤffnete, und der Inhalt herausgeworfen wurde— welch ein abſcheulicher Anfang für einen Mann, der zu imponiren wünſchte, und dem es Bedürfniß war, zu imponiren, um ſeine eigene Verlegenheit zu ver⸗ bergen. Und juſt in dieſem Augenblick kam das junge Mäd⸗ chen an Frau Lauras Hand herein. Der in Männerkreiſen ſo reſpektable und Ehrfurcht gebietende Severin erhob ſich nicht ohne eine gewiſſe Betretenheit und ſtand jetzt da und ſchwitzte und hielt die Augen auf die dumme Doſe, ſtatt ſie auf die engel⸗ gleiche Erſcheinung vor ſich zu heften. Nichts kann für einen ſchüchternen Mann unange⸗ nehmer ſein, als wenn irgend ein verdrießlicher, ob auch noch ſo unbedeutender Zufall ſeine Naturfehler noch verſchlimmert, ſo daß er ſelbſt glauben kann, er erſcheine lächerlich. Frau Laura, dieſe gute Seele, hütete ſich wohl, etwas zu ſagen, wodurch ſie die Sache in Ordnung bringen konnte. Sie nahm die Miene einer Perſon an, die es nicht für anſtändig haͤlt, ſich auch nur in das Geringſte zu miſchen. Viola ſah gleichfalls ſchüchtern auf ihren Vormund: er entſprach ganz und gar nicht der Vorſtellung, die ſie ſich von ihm entworfen hatte. Sie hatte eine kleine Bewillkommungsrede, eine ſteife, aber wohlmeinende Verbeugung und eine noch ſteifere Einladung ſich zu ſetzen, erwartet. Vor allen Dingen hatte ſie— obſchon ſie wußte, daß der Kriegs⸗ rath weit jünger war, als er ſein wollte,— ein mit dieſer altmodiſchen Tracht mehr übereinſtimmendes Ge⸗ ſicht ſie es alten und warn der 1 einige ware Vorn er ſ es in auch ergri eben der 2 wun! ſchön Unru menſ gewa Vorr eine Vate denke Nach Fing ſtand begin 169 ſicht erwartet, aber das Geſicht gehörte offenbar, je mehr ſie es anſah, einer ganz andern Schule an, als das von alten Vormündern im Allgemeinen. Sie hätte dieſe edle, weiße Stirne küſſen mögen, und ſie würde vor Seligkeit geweint haben, wenn dieſe warmen, milden Lippen ihren Eingang unter das Dach der neuen Wohnung geſegnet hätten. Die jetzt beſchriebene Scene nahm natürlich nur einige Sekunden in Anſpruch; aber bevor ſie verfloſſen waren, hatte der Inſtinkt ſie gelehrt, das Gefühl ihres Vormundes zu verſtehen. „Wahrhaftig,“ dachte ſie,„ich glaube beinahe, daß er ſchüchtern iſt.“ Und wenn dieſer Gedanke blitzſchnell war, ſo war es in gleichem Fall die daraus erfolgende Handlung. Ohne das Ereigniß mit der Schnupftabaksdoſe auch nur bemerkt zu haben, warf ſie ſich auf die Knie, ergriff die Hand des Kriegsraths und führte ſie mit eben ſo großer Verehrung als Grazie an ihre Lippen. Bei dieſem gänzlich unvorhergeſehenen Fall zuckte der Vormund förmlich zuſammen. Mit einem ttefen, ver⸗ wunderten und ausdrucksvollen Blick betrachtete er das ſchöne Weib, das ihn auf ſolche Art begrüßte. Und vielleicht war es juſt das Uebermaß ſeiner Unruhe, was bewirkte, daß er durch eine beinahe über⸗ menſchliche Anſtrengung ſeine Selbſtbeherrſchung wieder gewann. „Mein Kind,“ ſagte er langſam, aber in ächtem Vormundston,„nur Gott und ſeinen Eltern bringt man eine ſolche Huldigung dar. Ich will in allen Dingen Vaterſtelle an Ihnen zu vertreten verſuchen, aber be⸗ denken Sie wohl, daß dies leider nur eine ſchwache Nachbildung ſein kann.“ Während dieſer Worte hatte er mit den äußerſten Fingerſpitzen Viola aufgerichtet, welche jetzt zitternd da⸗ ſtand, ſich verneigte und nicht wußte, was ſie weiter beginnen ſollte. 170 Der Kriegsrath ſetzte ſich und bot den Frauen⸗ zimmern die neben ihm ſtehenden Stühle an. Unglücklicherweiſe machte das Ceremonielle in die⸗ ſer ganzen Veranſtaltung den Zwang noch merklicher. Severin hatte in der ſchwierigſten Kriſis ſelbſt ſeine ganze Kraft erſchoͤpft. Die unſelige Schüchternheit kehrte jetzt noch einmal zurück. „Ich habe mit Bedauern gehört, daß Sie unpäß⸗ lich geweſen ſind, aber ich hoffe...“ „Es hatte nicht das Geringſte zu bedeuten— ich bin bereits wieder hergeſtellt.“ „Das iſt angenehm zu hören.. außerordentlich an⸗ genehm.. Meine Schwägerin wird ſich.. hoffe ich.. die Mühe nehmen, Ihnen den Garten zu zeigen.“ Die ſonſt ſo zungenfertige Frau Laura begnügte ſich diesmal mit einem bloßen leichten Kopfnicken. Jetzt begann auch Viola von der Verlegenheit an⸗ geſteckt zu werden. „Ich habe auch,“ hob Severin wieder an, indem er einen beinahe verzweifelten Blick von der einen auf die andere ſeiner Pflanzen warf—„ich habe auch einige Blumen hier, welche Sie vielleicht gerne anſehen wer⸗ den, mein Fräulein.“ „Ganz gewiß,“ rief Viola äußerſt vergnügt über einen Vorwand, ihren Platz zu verlaſſen. Jetzt, als das junge Mädchen mit Frau Laura den Salon hinabzugehen anfing, bekam Severin den Muth aufzuſchauen. Seine erſte Sorge war, daß er mit dem Fuß ſo⸗ wohl die Doſe, als den Schnupftabak unter den Stuhl ſtieß, und dadurch etwas beherzter geworden, ließ er ſeine Augen der leichten Geſtalt folgen. Aber leider mußten dieſe Augen ſogleich niedergeſchlagen werden, denn ſie hatten das leichte Morgenkleid der leichten Geſtalt erfaßt. Wie gut beurtheilte Laura ihren Schwager. 171 Mit einem verletzten Gefühle— denn ſelbſt der Anſtand war ja verletzt worden— wandte er ſich weg. Es iſt wohl wahr, daß er ſich dreimal wieder zurück⸗ wandte, aber noch wahrer iſt, daß er nach jedem erneu⸗ ten Blick immer verdrießlicher wurde. Mittlerweile hatten die Damen ihre Runde um den Salon beſchloſſen. Und eines Winkes gewärtig, ſich entweder zu ſetzen oder zu gehen, blieb Viola bei dem letzten Blumentopf an der Seite des Kriegsraths ſtehen. „Ach welch eine herrliche liebliche Blume auf dieſer rauhen und garſtigen Kaktuspflanze!“ ſagte ſie, indem fie ſich zur Blume hinabbeugte und es auch nicht ver⸗ ſchmähte, ſie mit ihrer Wange zu berühren. „Nehmen Sie ſie mit, wenn ſie Ihnen gefällt.“ Und eine gemeinſchaftliche Verneigung vor den Damen gab zu verſtehen, daß die Audienz zu Ende ſei. Mit freudigem Erröthen— denn dieß war doch ein Beweis von Wohlwollen— hob Viola den Topf auf, der ganz leicht war, aber in demſelben Augenblick ſtieß ſie einen Schmerzensruf aus: ihre weiche Haut war von den Dornen geritzt worden. Die ganze kleine Verwirrung kam ſo ſchnell, daß Severin nicht an ſeine Würde denken konnte. Hätte er an ſo etwas denken können, ſo würde er gewiß nicht aufgeſprungen ſein, um Viola die Pflanze abzunehmen und ſie eigenhändig bis an die Thüre zu tragen, wo ſie dem alten Nicke übergeben wurde. Noch weniger würde er in einem ganz bekümmer⸗ ten und wirklich einnehmenden Tone gerufen haben: „Verzeihen Sie, verzeihen Sie, daß ich Sie bat, die Pflanze ſelbſt zu nehmen.“ Erſt nachdem die Schwägerin, Viola und Nicke verſchwunden waren, dachte er an all das, beſchloß aber auch, daß er jetzt, nachdem der ärgerliche Anfang vor⸗ über war, nie mehr dieſe abgemeſſene Würde aus den Augen verlieren wolle, die ſein Anſehen aufrecht er⸗ hielt.. 172 Gänzlich verwirrt über die Vorſtellung, kam Viola auf ihr Zimmer zurück. Frau Laura war nicht ganz zufrieden. Aber da ſie nicht recht wußte, über was fie mißvergnügt war, ſo ließ ſie die Sache bis auf Weiteres beruhen. 22. Das Schema. Nach einer Welle ſah Severin die Damen im Gar⸗ ten ſpazieren. Viola trug noch daſſelbe zierliche weiße Kleid, das auf die Stirne ihres Vormundes Runzeln hervorge⸗ rufen hatte. Aber die Entfernung hat zuweilen ihre Vortheile und das zeigte ſich auch hier. Was der Kriegsrath auf drei oder vier Schritte nicht betrachten konnte, das wagte er jetzt auf zwanzig bis dreißig Schritte zu beobachten, mit einem Fenſter und einer Stakete zwiſchen ſich und dem Gegenſtand ſeiner Forſchungen. Wir können inzwiſchen verſichern, daß es unſerm alten Junggeſellen gar nicht einfiel, dieß aus Berech⸗ nung zu thun. Nein, ſein Schreibtiſch hatte ſeinen Platz vor dem Fenſter und das Fenſter lag wiederum gegenuͤber einer der ſchönſten Seitenalleen. Daher geſchah es, daß er, wenn er von der Arbeit aufſchaute, die weiße Erſchei⸗ nung erblickte, wobei er unwillkürlich und mit einem bedenklichen„Hm“ die Stirne ſenkte. T ganz l die be das go bezog. S Münd ſie ihr erſchei ketteri genſta⸗ auf n ſchreib gen, ſollten A als de zu ver S Garte ſchreib 77 der S ſo hül wenn nen R da the ( 2 des: ( Geſich 3 wäͤhre feſtgeſ Viola er da war, 173 Beſtimmt zu ſagen, was er jetzt dachte, iſt nicht ganz leicht, aber jedenfalls war es etwas, das ſich auf die bereits erkannte Schwierigkeit ſeiner Stellung und das ganz und gar Unvorhergeſehene in vielen Sachen bezog. — So z. B. ſuchte er ſich klar zu machen, ob er ſeiner Mündel befehlen ſolle oder nicht, ein für allemal, wenn ſie ihn beſuche, nicht in dieſer Art von Kleidung zu erſcheinen, die ohne Zweifel von einer Neigung zu Ko⸗ ketterie in Toilettenfragen zeugte. Während Severin ſo gut wie möglich dieſen Ge⸗ genſtand überlegte, zog er einen Bogen Papier an ſich, auf welchen er eine vollſtändige Tagesordnung nieder⸗ ſchreiben und genau verzeichnen wollte, wie die Fra⸗ gen, denn es waren ihrer mehrere, entſchieden werden ſollten. Aber ſchon dieſe erſte nahm mehr Zeit in Anſpruch, als der genau berechnende Mann auf einzelne Punkte zu verſchwenden gewöhnt war. So oft Violas jugendliche, geſchmeidige Geſtalt vom Garten her ſchimmerte, war Severin bereit, niederzu⸗ ſchreiben: „Ordentliche Toilette beim Morgenbeſuch.“ Aber wenn ſie in dieſem Augenblick zurück kam und der Sonnenſchein auf dem weißen Mouſſelin ſpielte, der ſo hübſch gegen das hellgrüne Gebüſch abſtach, und wenn dieſe weiße Farbe ſo gänzlich mit der vollkomme⸗ nen Reinheit in ihren Geſichtszügen zu harmoniren ſchien, da that er ſeiner Hand Einhalt. Endlich kam unſer Held auf folgendes Reſultat: „Kleidung. Strenge Beobachtung des Anſtan⸗ des: nichts Leichtes nach elf Uhr.“ Ganz vergnügt ließ er jetzt ſeine Augen in Viola's Geſicht nach ihren guten Inſtinkten forſchen. Dieß war zugleich eine Thätigkeit und eine Ruhe, während er überlegte, welche Zeit für den Morgen beſuch feſtgeſetzt werden ſolle. ———ö—— b 174 Sollte derſelbe vor, nach oder bei dem Frühſtück ſtattſfinden? Sollte er in ſeinem Arbeitszimmer, im Speiſeſaal oder im Salon ſtattfinden? Lauter Fragen von großem Gewicht in einem Hauſe, auf welches Je⸗ dermann in Zukunft noch mehr ſeine Augen richten mußte, und ferner Fragen von Gewicht für einen Mann, der, obſchon er ſeiner Natur den Stempel des Alters nicht aufzudrücken vermochte, dennoch nach dem Schein und den Privilegien deſſelben ſtrebte. Bisher hatte Severin für ſich ſelbſt gewöhnlich zwiſchen neun und zehn Uhr gefrühſtückt. Wenn er jetzt erlauben würde, daß das Frühſtück für Alle zugleich ſervirt werden ſollte— es wäre bei⸗ nahe eine Pflicht gegen Laura, ihr auf dieſe Art ihre Mühe zu erleichtern— ſo war der Privatmorgenbeſuch mit einmal abgethan. Bei Tiſche ſprach man unge⸗ zwungener und das Arbeitszimmer behielt ſeine Heilig⸗ keit und Feierlichkeit am beſten bei, wenn es blos bei großen Fällen benutzt wurde, wie z. B. wenn ſich Ver⸗ anlaſſung zu Vorwürfen vorfand. Nachdem dieß beſchloſſen war, lautete die Fort⸗ ſetzung wie folgt: „Die Mitglieder der Familie treffen ſich Schlag „zehn Uhr im Speiſeſaal. „Unter keinem Vorwand einen Beſuch am Morgen. „Wenn es etwas Beſonderes vorzutragen gibt, ſo „oſtellt ſich die Mündel im Salon ein, wo ſie den Vor⸗ „mund erwartet, welcher dann, durch Nicke von irgend „einem beſonderen Anliegen in Kenntniß geſetzt, ſich „einfindet. „Beim Mittageſſen um halb drei immer ohne Aus⸗ „nahme eine pünktliche Toilette, wie ſich das für ein nernſtes und geordnetes Haus geziemt. „Abends, wenn die Familie zum Thee zuſammen⸗ „kommt, Converſation, Muſik, Lektüre u. ſ. w., zuwei⸗ „len abwechſelnd mit Spaziergängen. „falls „geſe 2 halbe „mun „ſich „im * einzel welch die T an de geſche alles Leber nomr auszt Jahr einer mögl der einig ten, ſeiner Miß g der nen, er el und 175 hſtück„Morgenſpaziergänge im Garten werden gleich⸗ „ im„falls als paſſend und für die Geſundheit förderlich an⸗ agen„geſehen. 3 Je⸗„Jeden Samſtagabend kann die Mundel über eine chten halbe Stunde zu einem Zwiegeſpräch mit ihrem Vor⸗ kann,„mund verfügen, für den Fall, daß ſie möglicherweiſe Ulters„ſich über Etwas zu beklagen haben könnte, ſei es nun chein„im Hauſe oder in ihrer Umgebung.... nlich Nachdem die ganze Liſte fertig war, wurde jede einzelne Frage von Neuem geprüft und erwogen. zsſtück Es war doch eigentlich blos eine kleine Koketterie, bei⸗ welche der Kriegsrath mit ſich ſelbſt trieb, denn, um ihre die Wahrheit zu geſtehen, er änderte beinahe nie etwas eſuch an den Beſchlüſſen, die er einmal gefaßt hatte und das nge⸗ geſchah auch jetzt nicht. ilig⸗ Aber ſtatt deſſen geſchah etwas Anderes. 3 bei Nachdem dieſer Mann, der nach beſten Kräften Ver⸗ alles Gefühl und alle Wärme von ſeinem mechaniſchen Leben abzuſondern geſucht— einen anderen Bogen ge⸗ fort⸗ nommen hatte, um in aller Ordnung ein Protokoll 4 auszuarbeiten, geſchah Etwas, was ihm in fünfzehn hlag Jahren nicht begegnet war. Und dieſes Etwas beſtand darin, daß er in Folge gen. einer jener Zerſtreuungen, die im Geſchäftsleben un⸗ ſo moglich zu erklären ſind, anfing, auf den Rand des mit gor⸗ der größten Sorgfalt rein geſchriebenen Memorials gend einige Sätze einzuflicken, welche dem Concept angehör⸗ † ſich en, das er in den Händen zu haben glaubte. 5 Aber die Miene unſeres Helden, ſein Erſtaunen, V lus-⸗ ſeinen Verdruß und ſeine Demüthigung, als er ſeinen ein Mißgriff wahrnahm, zu beſchreiben, das iſt unmöglich. Eine lange Weile ſaß er mit dem Memorial in nen⸗ der Hand da, ohne an die Wirklichkeit glauben zu kön⸗ veis nen, die er nicht zu beſtreiten wagte. Später mußte er eine Veranlaſſung haben, um ſich darauf zu ſtützen, und er fand eine, die gerade recht kam, um ihn in ſei⸗ — 2 176 nen eigenen Augen wieder zu erheben, obſchon ſie im Uebrigen nichts Beruhigendes enthielt. „Sieh da,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„das erſte Zei⸗ chen von dieſer Erſchlaffung der Gedanken, welche ohne Zweifel der großen Reaktion vorangeht, die langſam, aber ſicher ſich entwickelt.“ „Das Sterben,“ fuhr er fort,„beſteht nicht in einem eigentlichen Aufhören unſeres irdiſchen Daſeins ... der Tod der Seelenkräfte geht voran, und in⸗ dem wir dieſelben, eine um die andere, zu Grabe ge⸗ leiten, werfen wir ſelbſt die drei Schaufeln Erde auf den edleren Theil unſeres Weſens.“ 3 Mier ſank Severins ſchöner Kopf auf ſeine Hände nab. Ein nervöſes Zucken, das an ſeine frühere Schwäche erinnerte, ergriff ſeinen Körper und er konnte nicht ver⸗ hindern, daß ein Paar Thränen ſich vordrängten. „Warum das?“ fragte er ſich mit nicht geringer Verwunderung. „Hätte ich wohl je geglaubt, daß ich mit Sehn⸗ ſucht an dieſes Leben, an dieſe Kette von unbefriedig⸗ ten Wünſchen zurückdenken könnte— an dieſes Leben, das doch nichts als Finſterniß und Dunkel iſt unter der Maske von Klarheit und regelrechtem Verſtand.“ „Nein, ich habe keine Urſache, mich darüber zu grämen, daß meine vier Bretter bald bereit ſein werden.“ „Blos darüber gräme ich mich, daß ich nicht leben kann bis zum Schluß... doch ich will noch Muth faſſen: ein Gedächtnißfehler, eine Zerſtreuung— ob⸗ ſchon ich ſonſt nicht mit ſolchen behaftet bin— kann ja Jedermann paſſiren.“ Von nun an will ich mich ganz genau erforſchen, auf Alles Acht haben und mittelſt einer ruhigen An⸗ ſtrengung die Kräfte aufrecht zu erhalten ſuchen, welche der Schoͤpfer in mir niedergelegt hat; ja ich will ſie 8 — „ OoOoR eeAES △᷑᷑ 2 eerdn ce 177 nicht feige aufgeben, bevor er ſie unwiderruflich zurück⸗ fordert...“ Die Folge dieſer heimlichen Betrachtungen war in⸗ zwiſchen die, daß Severin es für heute nicht wagte, ſich mit irgend einer geſellſchaftlichen Angelegenheit zu bemühen.— Es quälte ihn allerdings, daß ſeine junge Mün⸗ del, die allzu kurz abgefertigt worden war, ihn der Kälte und Gleichgültigkeit zeihen könnte, zu einer Zeit, wo ſie juſt am meiſten des Schutzes eines milden Wohlwollens bedurfte; aber ſeine Nervenſchwäche ge⸗ ſtattete ihm nicht mehr, auch nur noch an die kleine Rede zu denken, die er bei der erſten Familienmahlzeit hatte halten wollen— und blos da zu ſitzen, zu ſchwei⸗ gen und krank auszuſehen, das wäre für Alle gar zu bedrückend......... Bei ihrer Rückkehr aus dem Garten erhielt Frau Laura eine Botſchaft. Und Gott weiß, daß ſie mit dem freundlichſten Herzen ihrem Schwager verzieh, als er mit einer gewiſſen Schwierigkeit ſeinen Entſchluß zu erkennen gab, die Neuangekommene für heute vollſtändig der Ob⸗ hut ſeiner Schwägerin zu überlaſſen. Der Vormund. I. 23. Die Symptome werden bedenklicher. Am folgenden Tage geſchah es nicht aus freiem Willen, wenn der Kriegsrath den merkwürdigen Papier⸗ ſtreif unter der Meſſingplatte an der Thüre nicht weg⸗ nehmen ließ. Aber ſo viel iſt gewiß, daß Lieutenant Charles Marbin zu ſeinem tiefſten Verdruß las, nicht wie es geſtern hieß: „Iſt vor morgen um dieſelbe Zeit nicht zu treffen!“ ſondern: „Iſt bis auf Weiteres nicht zu treffen!“ Ebenſo geſchah es nicht aus freiem Willen, wenn Severin auch heute ſeine kleine ſchöne Rede nicht hielt, während er doch den ganzen geſtrigen Tag und ein gutes Stück der Nacht dazu gehabt hatte, um ſie aus⸗ zuarbeiten und in dem Grade zu verſchönern, daß ſie für eine Stegreifrede ein wahres Muſter von Beredt⸗ ſamkeit hätte vorſtellen können. Nein, er konnte ganz und gar nichts dafür, daß ſeine Nerven, nachdem ſie einmal erſchüttert waren, ſich nicht ſo ſchnell wieder in Ordnung bringen ließen. Eine Fieberkriſis von der alten Art kam dazu, und als der Doktor erſchien in der ſichern Hoffnung, ſeinen Patienten bei der angenehmſten Geſundheit, wenn auch mit einer etwas verlegenen Miene zu treffen, fand er ihn ſtatt deſſen im Bette liegend, und zwar in einer Gemüthsſtimmung, die ihn wirklich betrübte, denn ſie bewies, daß alle früheren Verſuche an irgend einem unvorhergeſehenen Ereigniß geſcheitert waren. „Nun, was der Tauſend bedeutet denn das?— 5 ee ee 84 179 Heraus, Du fauler Geſelle und laß uns eine Bootfahrt oder irgend eine andere Zerſtreuung zu Ehren Deiner Mündel veranſtalten.“ „Ja, nimm ſie immerhin unter Deinen freund⸗ ſchaftlichen Schutz, mein lieber Bruder, da ihr offtzieller Beſchützer nichts vermag.“ „Nichts vermag?— nun was iſt denn das?“ „Laß uns zuerſt von dieſem armen Kinde reden... Gibt es hier eine Familie von der Art, daß man da⸗ ran denken kann, die Kleine für die Zukunft bei ihr unterzubringen?“ „Von einer Unterkunft für das Kind können wir nachher reden. Laß mich jetzt wiſſen, aus welcher Ver⸗ unl eſun Du ſchon jetzt auf dieſe Gedanken gekommen i 44 „Aus der allereinfachſten Veranlaſſung: ich beginne Symptome zu verſpüren, die mir anzukündigen ſchei⸗ nen...“ „Aha, regt ſich dieſes Satanszeug wieder! Hat die Schwägerin einen Traum gehabt, oder hat ſie viel⸗ leicht darüber weinen müſſen, daß die Buben in dem Kartenſpiel Leichenbier getrunken haben?“ „Ich bitte mich mit allen Beleidigungen gegen Laura zu verſchonen,“ antwortete Severin mit einer Reizbarkeit, welche zu erkennen gab, daß das Fieber wirklich ſtark im Anzuge war. „Nun ſo laſſen wir alſo die Schwägerin bei Seite... rück jetzt mit Deinen Symptomen heraus.“ „Ich, der ich bis jetzt Alles ziemlich klar aufge⸗ faßt habe, finde es auf einmal ſchwer, meine Gedanken in Verbindung zu bringen, und über dieß verliere ich mein Gedächtniß!“ „So Hem... was für Beweiſe haſt Du vorzutragen?“ Severin theilte ihm mit, wie es ihm ſogar bei dieſem höchſt einfachen Fall, als er ſeine Mündel em⸗ pfangen, ſo äußerſt ſchwer geworden ſei, ſich auszu⸗ 180 drücken. Er habe ihr, fügte er hinzu, wirklich nur höchſt geringe Begriffe von ſeiner Vormundswürde bei⸗ bringen köoͤnnen. „Und Deine Schüchternheit, mit einem jungen Frauenzimmer zu ſprechen, iſt alſo ein Zeichen Deines Todes. Ha! hal hal ſo verrückt biſt Du, mein lieber Severin! Biſt Du wohl jemals etwas anderes als eine feige Memme geweſen, wenn es ſich darum handelte, über einen ſolchen Feind zu ſtegen?“ „Du wendeſt Deine Scherze ſchlecht an, Doktor. In meiner Jugend habe ich allerdings etwas von dem empfunden, was Du andeuteſt; aber bei dem vorge⸗ rückten Alter, das ich jetzt erreicht habe, und bei den Neetennsnsboſten die mir übertragen ſind, ſchickt es ſich ni... Des Doktors Antwort beſtand in einem neuen La⸗ chen, noch lauter als das vorige. Severin wurde böſe und wandte ſich ab mit einem Geſicht, das ordentlich vor Zorn flammte. „Nun, nun, ſo beruhige Dich doch, Herzensbruder.. Paſcha der Ehre, ſei ruhig, ſage ich Dir, alter Junge, Du Zierde eines verehrungswürdigen Alters, und ſage mir jetzt, worin das andere Symptom, Deine Gedächt⸗ nißſchwäche, beſteht.“ „Ich ſollte eigentlich Nichts ſagen, aber wenn Du auch jetzt lachſt, ſo ſtelle lieber Deine Beſuche gänzlich ein, denn ich will mich wenigſtens nicht von meinem eigenen Arzte reizen laſſen.“ „Was zum Teufel willſt Du?— Du ſeehſt ja, daß ich ſo feierlich bin wie ein Marſchallſtabsträger... jetzt zur Sache!“ Mit ſtarker Betonung der Worte, theilte Severin den niemals erlebten Umſtand mit, daß er in einem Acten ſtück einen Fehler begangen, daß er ein bereits rein geſchriebenes Dokument verflickt habe. Bei dieſer Nachricht ſah der Doktor wirklich ver⸗ wundert aus. 181 Daß der Kriegsrath Wendelskon, dieſes perſonifi⸗ zirte Urbild aller Ordnungsliebe, ein golches Verſehen begehen ſollte, das war... mit einem Wort, das war bemerkenswerth. „Welche Beſchäftigung,“ fragte der Doktor ſo ernſt⸗ haft, als es der Kriegsrath nur je wünſchen konnte, „hatteſt Du unmittelbar vorher?“ „Keine, die nur im Geringſten anſtrengend geweſen wäre: ich hatte blos eine Art von Tagesordnung für den Aufenthalt meiner Mündel im Hauſe feſtgeſetzt — wie Du weißt, bin ich kein Freund von Confu⸗ fionen.“ Jetzt ſchien der Doktor nicht blos verwundert: auf ſeinem Geſichte zeigte ſich ſogar eine tieffinnige Prüfung. „Wollteſt Du mich nicht zufällig dieſes Reglement ſehen laſſen?“ „Sehr gern... es liegt dort auf dem Tiſch un⸗ ter der dritten Briefpreſſe links.“ Der Doktor nahm das bezeichnete Papier unter der vierten Briefpreſſe, wobei er jedoch ſchwieg, und machte ſich neugierig daran, es zu leſen. Er ſetzte ſich ſo, daß er ſeinem Patienten den Rücken kehrte. Aber er war noch nicht weiter als bis zum erſten Paragraph gekommen(Kleidung: ſtrenge Beobachtung des Anſtandes, nichts Leichtes nach elf Uhr), als er ſchon mit außerordentlicher Heftigkeit den Stuhl rückte und rief: „Was zum Teufel will das ſagen: Nichts Leich⸗ tes nach elf Uhr?“ „Das will heißen,“ antwortete der Kriegsrath, „daß das junge Mädchen, da es nicht weiß, was ſich ſchickt, mir ſeinen erſten Beſuch im Morgenkleid gemacht hat... ein weißes dünnes Zeug mit Spitzen, Bän⸗ dern und dergleichen Flitter, iſt nach meiner Anſicht 182 nicht am Platz, venn man eine Perſon beſucht, der man Achtung baseugen ſoll.“ „Nach dieſer Antwort ſchwieg der Doktor und be⸗ obachtete blos, wie das Fieber immer ſtärker auf den Wangen des Kriegsraths graſſirte. „Nun, was ſagſt Du?“ fragte dieſer. Der Doktor ſagte nichts Anderes, als ein ſehr lang gedehntes: „Hm!“ Darauf drehte er den Stuhl von neuem und be⸗ gann ſeine Lektüre wieder, die er unter erneuten kurzen Hm! fortſetzte, bis er beim folgenden Paragraphen ſtehen blieb: „Die Mitglieder der Familie treffen ſich Schlag zehn Uhr im Speiſeſaal.“ Man kann ſagen, daß, als des Doktors Blick lang⸗ ſam über das weitläufig und gleichſam unſicher hinge⸗ malte„Schlag zehn Uhr“ ſchweifte, in jedem ſeiner bei⸗ den Migen 84 kieinen Schalk ſich feſtſetzte. „A.. ha!“ Dieſes Aha wurde jedoch ſo gänzlich innerhalb der Lippen geſprochen, daß der Laut nicht über ſie hinaus⸗ drang. Nichts konnte gleichgültiger ſein als die Miene, womit er ſich gegen ſeinen Patienten wendete und ſagte: „Alſo, Du hatteſt nichts Anderes gemacht, als die⸗ ſes da?... im Ganzen genommen biſt Du vielleicht zu genau mit den Formen... oder hat ſie ſich Dir vielleicht auch ſpäter in demſelben Coſtüme gezeigt?“ „Nein, ich habe ſie nach ihrem geſtrigen Beſuche nicht mehr geſehen. Der Vorfall mit dem Memorial hat mich ſehr herabgeſtimmt. Aber der Grund, warum ich den Paragraph von der Kleidung aufnahm, war, daß ich ſie,— juſt als ich meine Vorſchriften aufſetzen wollte— genau in derſelben Kleidung, worin ſie ſich mir vorher gezeigt hatte, im Garten ſpazieren gehen ſah.“ — — 183 „Jetzt verſtehe ich, warum Du dieſen Punkt be⸗ rü hrteſt.“ „Ich glaubte es thun zu müſſen. Und obſchon ich in der Pedanterie nicht ſo weit gehen will, daß ich ihr Morgenkleider verbiete, ſo kann ich ihr gleichwohl nicht erlauben, daß ſie ein ſolches nach elf Uhr trägt, wo ich die Perſonen empfange, die mit mir zu ſchaffen haben. Es wäre höchſt unpaſſend, mein Fenſter in ein Obſervatorium verwandelt zu ſehen.“ „Darin haſt Du vollkommen Recht... aber um auf Deine Behauptung wegen der Gedächtnißſchwäche zurückzukommen, ſo— Du magſt es nehmen wie Du willſt— behaupte ich, daß dieſe Sache blos eine Ba⸗ gatelle iſt.“ ₰ „Eine Bagatelle?“ „Ja, es giebt Leute, die eben ſo ordnungsliebend ſind als Du und gleichwohl noch ſchlimmere Zerſtreut⸗ heiten gehabt haben.“ „Wie meinſt Du das 2“ „Du weißt, daß ich ſelbſt— in welchem Ruf ich auch als Privatmann ſtehen mag— doch immer als ein ausgezeichnet ordnungsliebender Arzt bekannt war.“ „Das iſt wahr!“ „Nun wohl.. aber das bleibt unter uns: Du darfſt es nicht einmal dem Lars Moritz mittheilen...“ „Auf Ehre, keinem Menſchen!“ „Nun, ſiehſt Du, vor ohngefähr 2 Monaten begeg⸗ nete mir etwas, das beinahe ein Menſchenleben gekoſtet hätte.“— „Was ſagſt Du?“ „In einer Zerſtreutheit, die ich mir bis auf den jetzigen Augenblick nicht zu erklären vermag, ſchrieb ich eines Tags zwei verſchiedene Recepte. In dem einen, auf das ich den Namen des Patienten ſchrieb, eines ſchwachen, beinahe ſterbenden Jünglings, verordnete ich etwas, das ich wegen einer ganz entgegengeſetzten Krankheit für einen großen und ſtarken Menſchen be⸗ 184 ſtimmt hatte. Und hätte jetzt mein erſter Patient dieſe Medikamente erhalten, ſo würde er ſchon vor zwei Mo⸗ naten ſeinen Eintritt in die Geiſterwelt gefeiert haben.“ „Und wie wurde das Unglück abgewehrt 2“ „Nun, als das Recept bereits in der Apotheke war, erinnerte ich mich an den Sachverhalt und ſtürzte wie ein Narr dorthin. Die beabſichtigte Doſis wurde ſchon zubereitet, aber da ich gut Freund mit dem Proviſor bin, ſo konnte ich die ganze Sache rückgängig machen.“ „Das Ding hätte Dich können theuer zu ſtehen kommen.“ „Ja, das will ich meinen. Und wenn Du noch hin⸗ zufügſt, daß dieß die erſte Zerſtreutheit während mei⸗ ner fünfunddreißigjährigen Praxis war, ſo begreifſt Du, daß es mir heiß um die Ohren wurde. Deß⸗ halb habe ich aber nicht daran gedacht, daß dießg ein Vorbote meines Todes oder auch nur irgend eine Schwä⸗ chung meiner Geiſteskräfte ſein könne.“ Eine ganze Legion von Vorwürfen und Vorſtellun⸗ gen würden auf Severin nicht halb ſo viel gewirkt haben, als dieſes einzige Beiſpiel, das der Doktor ohne alle Gewiſſensſerupel zum Nutzen und zur Erbauung ſeines Freundes improviſirte. „Sei überzeugt,“ fuhr der kluge Arzt fort,„daß ſowohl meine Eigenliebe wie auch mein leider zuneh⸗ mendes Alter mir nie geſtattet haben würde, dieſe Sache zu berühren, wenn ich nicht geglaubt hätte, daß mein Vertrauen Dir auf irgend eine Weiſe nützen könnte.“ „Bei Gott, Bruder, ſo iſt es... ich fühle es an mir.“ „Gut— dann will ichtDir jetzt mit vollkommen klaren Sinnen etwas kühlendes Pulver verordnen... aber zuerſt will ich Dich in einer anderen Sache be⸗ ruhigen.“ „In welcher Sache denn?“ „In Betreff Deiner Mündel... Du fragteſt mich, ——— ————— — ͤq— 8 185 ob ich eine Familie wiſſe, in der ſie ſchicklicher Weiſe eintreten könnte.“ „Nun ja,“ ſagte der Kriegsrath in etwas gedehn⸗ tem Ton,„ich habe zufälligerweiſe die Sache berührt ... weißt Du eine?“ „Ja, eine Familie, die ich für ganz paſſend halte: Commerzienrath Marbins!“ „Marbins? Commerzienrath Marbins! Sprich um Gottes Willen, an was denkſt Du denn?“ „Ich denke an das, worüber Du mich gefragt haſt.“ „Die Eltern des Lieutenants Emil?“ „Ja und ebenſo des Lieutengnts Charles— es iſt ein verdammt munterer Junge.“ „Ein Haus mit zwei jungen Söhnen?“ „Ei was! in der ganzen Stadt gibt es keine ach⸗ tungswerthere und geſchätztere Dame, als ihre Mutter.“ „Ganz gut und ſchön, aber..“ „Du ſtößeſt Dich daran, daß ſie die Mutter dieſes Sauſewinds Charles iſt, der Deine Treppen hinabſpringt, um Fräulein Holſt zu ſehen.“ „Was ſagſt Du da?“ Der Kriegsrath richtete ſich mit ſolcher Kraft auf, daß ſeine Nachtmütze vom Kopf bis auf die Schulter hinabrutſchte. „Ei der Tauſend, liebſter Bruder, über was ver⸗ wunderſt Du Dich ſo ſehr?“ „Ueber was ich mich verwundere?“ „Ja— es iſt ja Deine Pflicht als Vormund, in Deinem Haus all' die jungen Männer zu empfangen, welche Eintritt verlangen: Du kannſt dann Deine Mün⸗ del bei ihrer Wahl um ſo leichter mit Deinen Rath⸗ ſchlägen unterſtützen.“ 4 „Schon gut, ſchon gut, mein Freund..... ich danke Dir... aber in meiner Eigenſchaft als...“ „Als väterlicher Bevollmächtigter, meinſt Du?“ „In meiner Eigenſchaft als derjenige Mann, der über ihre Hand zu verfügen hat, bin ich verpflichtet, genau Acht zu haben, und überhaupt ſehe ich gar keine Verbindlichkeit ein, meine Thüre für jeden Landſtreicher und Tagdieb zu öffnen, der hereinkommen will.“ „Mach' die Sache mit Deinem Gewiſſen ab,“ ſagte der Doktor und ergriff lächelnd ſeinen Hut. 24. Ein Freundſchaktsbund. An demſelben Abend, während Frau Laura bei eihrem Schwager ſaß und Fliederthee bereitete, ging Viola, die ſich in ihrem neuen Käfig beinahe noch mehr als Gefangene fühlte, als in demjenigen, den ſie kaum verlaſſen hatte— ganz gedankenvoll die Terraſſe hinab, Veice den Hof mit den Blumenbeeten in Verbindung etzte.— In dieſem Augenblick ſchlug es neun Uhr. Eine leichte Dämmerung hatte bereits angefangen, die Gegenſtände zu verhüllen. Mit einem tiefen Ausdruck von Schmerz und Sehn⸗ ſucht blickte Viola zum Himmel auf. Ueber ihrem Haupte zeigte ſich eine große dunkel⸗ rothe Wolke, in deren äußerſtem Rande eine dichte Reihe von kleinen weißen und ſchwarzen Wolken ſich in der Art feſthielt, daß das Ganze einem hermelinbeſetzten Purpurmantel glich, nicht einem ſolchen, wie ihn die Könige der Erde tragen, und wie Motten und Roſt ihn freſſen, ſondern einen ſolchen, der auf Befehl des Himmelskönigs in jeder Sekunde ſich erneuet oder ver⸗ ſchwindet, und in welchem das junge Mädchen in ihrer verſinnlichenden Anſchauungsweiſe ſich ihn, den Aller⸗ höchſten, jetzt dachte, umringt von allen weißen Sera⸗ phen auf ihren Knien. „O, daß ich einer unter ihnen wäre„“ ſeufzte ſie, und ſuchte die ſchöne Fantaſie fortzuſetzen, welche ſie aufgenommen hatte..„Niemand, niemand auf Erden wird ſich mehr um mich bekümmern.“ „O doch, liebes Fräulein,“ antwortete eine Stimme, welche Gott weiß woher kam. Viola bebte zuſammen und wäre beinahe auf die Blumengruppe niedergeſunken. „Wer antwortet mir?“ fragte ſie leiſe. „Nur ein alter Diener. AÄber er iſt ſo, daß er ein Herz hat, das ſowohl in heiteren Tagen als beim Sturmgewitter dabei war, und deßhalb.. „Alter Nicke, biſt Du's... Ich habe Dich nicht mehr geſehen, ſeit Du mich beim Dampfboot abholteſt, und da that mir Dein Geſicht recht wohl.“ „Danke ſchön, mein Fräulein... geſtern frühe habe ich auch gegrüßt, als ich den Blumentopf in Em⸗ pfang nahm, aber das wurde gar nicht bemerkt.“ „Ach mein Gott, das iſt wahr... aber ich ſann gerade über etwas nach.“ „Ja, ja, ich errieth Alles, über was Sie nach⸗ ſannen.“ „Nun ja?“ „Sie dachten, da geht es gewaltig ſonderbar zu — ich komme als eine Fremde, als ein ausländiſches Täubchen, und ſehe mich nach Haus und Dach um, das mir verſprochen war, und ſo bekam ich auch Haus und Dach. Aber eine Heimath habe ich gleichwohl nicht, denn ich will ein getreues Herz zur Kaminmauer in meinem Hauſe haben, am Kamin iſt es, wo⸗man ſich wärmt.“ Beſiegt, aufgeregt und tief und freudig überraſcht, ſich ſo verſtanden zu finden, wo ſie es am wenigſten er⸗ wartet hatte, ſtreckte Viola ihre Hand gegen den alten Nicke aus, der ſie mit herzlicher Ehrfurcht ergriff und eine Thräne drauf fallen ließ. „Warum weinſt Du, mein Freund? wenn es um mich geſchieht, ſo kümmere Dich nicht. Es wird wohl ſchon beſſer werden, wenn mein Vormund wieder auf⸗ kommt und dann bin ich auch ſchon dran gewöhnt, unter fremden Leuten zu leben.“ Nicke lächelte traurig, und ſein Lächeln ſagte aus⸗ drucksvoller als Worte: 4 „Arme Kleine, daran gewöhnſt Du Dich nie!“ „Ach jetzt ſehe ich, daß Du aus einer andern Ur⸗ ſache weinſt,“ rief Viola mit dem Ausdruck einer himm⸗ liſchen Theilnahme...„Du biſt ſchwarz gekleidet und das ſo ſpät am Abend?“ 5 „Das kommt da her, weil der Samſtag Abend mein Feſttag iſt.“. „Darf ich Dich fragen, warum?“ „Gerne... Einmal im Leben hatte ich ein treues Herz und das war meine Mauer im Hauſe. Ich liebte Olena 25 Jahre und noch zehn Wochen drüber— ja mein Fräulein, ſo lange Zeit liebte ich meine Braut, die ich in meinen Gedanken näͤchſt Gott ſtellte.“ „Warum wurde ſie denn nicht Deine Frau, lieber Nicke?“ „Aus keinem andern Grunde, als weil ich meinte, das würde ſonderbar erſcheinen, wenn ich gleichſam mehr wäre als mein Herr, der noch immer ſeine Junggeſel⸗ lenſchuhe vertritt. Und da er beſchloſſen hat, nie zu heirathen, ſo that auch ich es nicht.“ „So, der Kriegsrath hat beſchloſſen?2..“ „Ja, er ſagte zu mir alſo: Alter Nicke, ſagte er, Du mußt die Olena Lundin zu Deiner Frau nehmen; ihr werdet immer bei mir bleiben und es wird mir Freude machen, Euch glücklich zu ſehen in einem Leben, das für mich ſelbſt nicht paßt und das ich nicht zu ver⸗ ſuchen beabſichtige.“ „Nun, wenn der Kriegsrath ſo ſagte...“ 4 4* „Das war allerdings ſehr ſchön von dem Herrn; aber ich und Olena waren auch nicht mehr ſo preſſirt wie in unſrer Jugend: wir gingen ſo fein und ſchön, aber ganz ruhig Hand in Hand und dankten Gott für das, was war. Olena war Haushälterin bei dem Kriegs⸗ rath, ſchon ehe wir hierher zogen.“— „Und hernach, ich wage kaum zu fragen.... ich errathe, wo ſie jetzt iſt.“ „Ja, Fräulein, es trat zwiſchen uns ein Mann; derjenige, der kein Fleiſch an den Armen und kein Auge in den leeren tiefen Höhlen hat.“ „Ich weiß auch, wer dieſer Mann iſt.“ „Der Tod— ja, ja, für ihn wie für mich, war Olena noch ſchön, und da er der ſtärkere war, ſo mußte ich nachgeben.“ Thränen um Thränen rollten über Nickes Wangen herab, und ihr Thau benetzte auch die Lilien, die für Olenas Grab beſtimmt waren. „Armer guter Freund, was mußt Du gelitten haben!“ „Ich hätte es auch nie ausgehalten, Fräulein, wenn nicht der Kriegsrath ein ſolcher Engel Gottes in Menſchengeſtalt wäre.“ „Er tröſtete Dich?“ „Ja, wie wenn ich ſein Sohn und er mein Vater geweſen wäre, obſchon eher das Gegentheil hätte der Fall ſein können... Ja, dieſer Mann hat Herz— kein Fremder weiß es, was an ihm iſt, aber hier ſteht einer, der es weiß.“ Viola hörte mit feuchten Blicken zu. Gleichwohl hatte ſie nicht den Muth, etwas weiteres zu fragen. Nicke fuhr nach einer kleinen Pauſe fort: Es war an einem Samſtag Abend, als Olena dahinging, und ſeitdem ſind die Samſtagabende meine Feſttage geworden. Ich ziehe dann die ſchwarze Mon⸗ tur da an, die ich an ihrem Begräbnißtage erhielt, denn ich verehre ſie da, wo ſie jetzt iſt, viel zu ſehr, als daß ich in meiner Werktagskleidung zu ihr gehen möchte.“ „Aber ſag', Nicke, warum gehſt Du nicht lie⸗ ber am Sonntag⸗Morgen, wenn Alles rings umher Friede iſt.“ „Was iſt das für eine Art von Frieden?— Wird man da nicht von allen Menſchen geſehen? Die Leute lächeln und ſchwatzen, wenn ſie über den Gottesacker gehen, wie wenn ſie über einen Markt gingen. So etwas kann ich nicht ertragen— man ſoll mit lang⸗ ſamen Schritten und ſanftem Gemüth gehen, wenn man die Todten beſucht... Aber leben Sie wohl, mein Fräulein.. jetzt nehme ich meine Pfingſtlilie und mache mich daran, meinen Sonntag zu beginnen.“ „So leb denn wohl, guter ehrlicher Nicke,“ ſagte Viola mit zoͤgerndem Tone. Darauf fügte ſie hinzu: „Es iſt beruhigend, zu wiſſen, daß ich einen ſo guten Freund in meiner Nähe habe.“ „Liebes Fräulein... verzeihen Sie“— Nicke rich⸗ tete ſich vor der Rabatte auf, wo er die Plünderung wieder begonnen, die Violas Ankunft unterbrochen hatte —„Liebes Fräulein, gibt es nichts beſonderes, was Sie den Muth hätten, mir unter vier Augen zu ſagen. Ich kann wohl noch einige kurze Zeit hier verweilen.“ „Vielleicht möchte ich etwas fragen, aber ich weiß nicht, oob „Ob es angeht, einen Diener über Sachen zu fragen, welche die Hausbewohner betreffen?“ Viola ſchwieg, aber ihr holdes Lächeln verkündete, daß ſie etwas in dieſem Sinn gedacht hatte. „Ich ſehe wie es beſtellt iſt,“ fuhr Nicke fort, wäh⸗ rend er zierlich die Falten glättete, die ſein Halstuch bekommen hatte.„Aber laſſen Sie ſich dadurch nicht quälen, mein liebes Fräulein, denn der Kriegsrath hielt ſich niemals ſelbſt für zu gut, um mit mir über alles zu reden. Wenn Einer volle 17 Jahre lang Gelegenheit 191 gehabt hat, zu zeigen, wie er es treibt, ſo weiß ein gu⸗ ter Hausherr auch ſein Herz und ſeine Verdienſte zu ſchätzen.“ „Lieber Nicke, ich will nichts über meinen Vormund fragen. Er war krank, ſeitdem ich gekommen bin, und es würde ihn gewiß beläſtigt haben, wenn ich verlangt hätte, ihn beſuchen zu dürfen!“ „Ja, daran wäre auch nicht zu denken geweſen. Und ganz ungefragt will ich Ihnen ſagen, mein Fräu⸗ lein, daß der Kriegsrath in Bezug auf Frauenzimmer etwas ſchüchtern iſt. Blos dieſes garſtige Ding von einer Schwägerin hat Macht über ihn erhalten. Aller⸗ dings hat er im Anfang auch vor ihr die Augen nie⸗ dergeſchlagen, aber ſie ſagte ihm, daß ſie die Frau ſei⸗ nes theuren Bruders und ſeine zärtlichſte Schweſter ſei — und Geſchwiſter dürfen ſich vielleicht wohl einige Privilegien herausnehmen.“ „Es war... es war... juſt ſie, über die ich fragen wollte.“ „Ich wußte es ſchon, mein Fräulein... und da ſie jetzt einmal auf dem Tapet iſt, ſo ermahne ich Sie, nehmen Sie ſich in Acht vor ihr— ſie iſt ſo liſtig wie fünfzehn andere Weiber zuſammen.“ „Sie iſt aber keine böſe Perſon, guter Nicke?“ „Das ſage ich nicht gerade, aber noch weniger will ich in halben Worten reden, wenn ich an Olena's Grab pilgere und alles rein ſein muß zwiſchen mir und meinem Gewiſſen..“ „Nun aber...“. „Ich ſage, daß ich glaube,— und habe ich Unrecht, ſo bitte ich ſie um Verzeihung— daß ſie kein ganz rechtſchaffenes Herz habe, und daß ich mir durchaus ein⸗ bilde, ſie meine es niemals wohl mit denjenigen, deren ſich der Kriegsrath annimmt.“ „Nach dem Anfang zu urtheilen,“ antwortete Viola mit erzwungener Stimme,„habe ich alſo nichts bei 192 meinem Vormund zu hoffen, denn Laura iſt ſehr freund⸗ lich gegen mich geweſen.“ „Oh, das konnte dennoch ſein— man ſieht wohl, mein Fräulein, daß Sie in jeder Fingerſpitze ein Herz haben.. Aber wäre es wohl naſeweis, zu fragen, ob ſie immer ein ſo feines Geſicht gegen Sie gemacht hat, wie geſtern, als ſie mit Ihnen ſpazieren ging.“ „Sie iſt immer gut gegen mich geweſen, aber heute — um aufrichtig zu ſein, und ich glaube, daß ich wa⸗ gen darf, es zu ſein,— heute habe ich weniger Freude 4 darüber empfunden, als geſtern. Und ich bin ungewiß, ob die Rathſchläge, die ſie mir ertheilt hat, wirklich die beſten ſind, da ich meinen Vormund nicht kenne.“ „Hören Sie, liebes Fräulein, noch ein gut gemein⸗ tes Wort. Haben Sie unſern Pfarrer geſehen?“ „Geſehen habe ich ihn.“ „Er kommt morgen zum Mittageſſen. Richten Sie es ein, daß Sie mit ihm ſprechen köoͤnnen. Er ertheilt die klügſten Rathſchläge, wenn Sie ſich ihm gleichſam mit einer gewiſſen Zutraulichkeit nähern.“ „Danke, kluger Nicke! Ich bin überzeugt, daß ich auch jetzt gute Rathſchläge erhalten habe, und daß ich wenigſtens diesmal nicht zu fürchten brauche, unbedacht⸗ ſam geweſen zu ſein.“ „Nein, ſeien Sie deßhalb getroſt, und was die Schwägerin betrifft, ſo glaube ich Ihnen wohl ſagen zu dürfen: Thun Sie gerade das Gegentheil von dem, was ſie Ihnen vorgeſchlagen hat, bis Sie ſich mit dem Pfarrer berathen haben, das weit klüger iſt.“ „Ich will den beſten Weg einzuſchlagen ſuche.. 4 und jetzt gute Nacht, ehrlicher Nicke... Glück zu und b ein fröhliches Gemüth auf die ſchöne Wanderung!“ Der Greis nickte ein treuherziges„Gute Nacht.“ Und das junge Mädchen verſchwand auf dem Weg zum Hauſe hinauf. —-—— * 3