— Tutti Frutti. Von Emilie Flygare⸗Carlén u. A. Deutſch von Dr. Scherr u. A. — Sechs Theile. Viertes bis ſechstes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. Der Tambour von Wagram, von Marco de Saint⸗Hilaire. Deutſch von Otto Herbſt. (Fortſetzung.) 6. Jeder hat ſeine Anſichtsweiſe. Den nächſten Morgen begab ſich der General Michelin, welcher den vorigen Tag ſich beeilt hatte, die Ordre des Aufſchubs an die gehörige Stelle ge⸗ langen zu laſſen, in die Abtei und wies ſich beim Aufſeher des Gefängniſſes aus, der ihn ſo ſchnell als möglich in das Zimmer Romeufs führte. Beim Anblick ſeines Oberſten, welcher in der aufrechteſten Haltung hereintrat, beim Anblick eines Mannes, der ihn hatte verdammen müſſen, vergrößer⸗ ten ſich die Augen des Tambours auf eine ſchreckliche Weiſe; ein konvulſiviſcher Krampf zog ſein Geſicht zu⸗ ſammen, aber er ging nicht von der Stelle; es war, wie wenn er angenagelt wäre. Den Tag vorher, als die Stunde da war, zu welcher man ihn, wie er wußte, auf den Platz Gre⸗ nelle führen ſollte, war er etwas aufgeregt auf und ab gegangen; aber nachdem die Zeit verlaufen war, ohne daß Etwas rings um ihn her anzeigte, der unglückſelige Augenblick ſei gekommen, hatte ſich dieſe Aufregung allmählig gelegt, und er legte ſich mit Sonnenuntergang nieder, indem er ſagte:— Man wird die Anſichtsweiſe geändert haben; es wird morgen los gehen. Er ſchlief ein, aber nicht ohne manchmal zu träumen, daß man ihn erſchieße. Auch am Morgen beim Aufwachen, wo er nicht gewiß war, ob er nicht ſchon todt ſei, betaſtete er ſich mehr⸗ mals. Seine Glieder hatten keine Verletzung erfah⸗ ren, er hatte die Gewißheit, daß er noch ein Kind dieſer Welt ſei. Getröſtet durch dieſe Idee, war er ſo eben mit ſeinem Anzuge fertig, als der General plötzlich zu ihm trat und die kurzen Worte an ihn richtete: „Folgen Sie mir!“ Romeuf ſtieg in das Gefährt Michelins, welches ſie beide nach Saint⸗Cloud brachte, ohne daß der arme Tambour wußte, von was es ſich handle. Er glaubte, er träume noch, denn der General fprach bloß ein einziges Mal mit ihm während der Tour. Dieſes war, als ſie in die Zimmer des Pa⸗ aües traten, wo Michelin in ſtrengem Tone zu ihm agte: „Sie müſſen zum Kaiſer gehen, um ihm Rechen⸗ ſchaft für Ihr Benehmen abzulegen.“. Bei dieſen Worten wurde der Tambour blaß wie der Tod. „Zum Kaiſer, mein Obriſt,“ erwiderte er, indem er ſeine Kniee wanken fühlte;„zum kleinen Korporal in Perſon?“ „Zum Kaiſer ſelbſt, ſage ich Ihnen.“ „Ahl mein Oberſt, ich will lieber innerhalb acht⸗ undvierzig Stunden von jetzt an erſchoſſen werden.“ ——— 6 Romeuf machte bereits eine halbe Wendung und wollte ſchon wieder der Saalthüre zugehen, als der General ihn beim Zipfel ſeines Collets feſthält und ihn mit einem noch ſtrengeren Tone als das erſtemal agte: 3„Das Eine wird das Andere nicht ausſchließen.“ „Wenn das Ihre Anſichtsweiſe iſt, mein Oberſt, ſo habe ich Nichts zu ſagen.“ Einen Augenblick nachher führte der dienſtthuende⸗ Adjutant die beiden Beſucher in das kaiſerliche Kabi⸗ net. Napoleon war allein. Nachdem er dem General mit dem Kopfe eine ehrerbietige Verbeugung gemacht hatte, ſagte er zu Romeuf, indem er zu ihm ging und ihn beim Ohr nahm:„Du biſt es alſo, der glaubt, daß Ruſſen und Preußen ſchlechte Soldaten find?“⸗ Es ſchien, dieſe Meinung des Tambours hatte den Kaiſer mehr befremdet, als der Fehler, den er begangen hatte, denn dieſes waren ſeine erſten Worte. Auf dieſe unerwartete Frage hin wußte der arme Romeuf nicht recht, was Napoleon ſagen wollte, er ſenkte den Kopf und bisß auf die Zähne. Der Kaiſer ſchüttelte ihm das Ohr noch ſtärker, um eine Antwort heraus zu bringen. „Nun ja, mein Kaiſer!“ erwiderte dieſer endlich mit einem tiefen Seufzer,„das iſt meine Anſichts⸗ weiſe.“ Napoleon, welcher glücklicherweiſe gut geſtimmt war, ſagte beinahe heiter: „Doch haben wir zwei, Du und ich, die Preußen und die Ruſſen mehr als einmal geſchlagen, und wir wiſſen, was es koſtet.“ Dieſe Worte, geſprochen in einem ganz leutſeli⸗ gen Tone, beruhigten vollends den Tambour, welcher hne Verwirrung und ohne Aufregung zur Antwort 8. „Es koſtete nicht zu viel, mein Kaiſer, in Be⸗ tracht, daß dieſe Pfarrkinder nicht ſind, wie wir.“ „Aber wenn wir nur ſchlechte Soldaten geſchla⸗ gen haben, wo iſt alsdann der Ruhm?“ „Der Ruhm? das iſt gleichgültig, mein Kaiſer; dieſe Burſche ſind immer nur Reſte fur uns; aber der letzte Reſt iſt für Sie allein.“ „ Nun aber erkläre ich, die Ruſſen ſind gute und tapfere Soldaten.“ „Wenn dieſes Ihre Anſicht iſt, mein Kaiſer, ſo habe ich Nichts dagegen, doch—“ „Was noch?“ unterbrach ihn Napoleon. „Es iſt nicht die meine, was mich betrifft.“ „Bei Gott!“ rief Napoleon, indem er ſich an Michelin wandte,„das iſt ja ein ganz eigenſinnig drolliger Burſche. Es iſt vielleicht das erſtemal ſeit zehn Jahren, daß ein Soldat es wagt, in meiner Gegenwart eine andere Meinung, als die meinige, zu haben.“ „Wohlan! Deine Unbotmäßigkeit gegen Deinen Obern iſt vergeſſen, aber unter der Bedingung, daß, wenn Du jemals vor Ruſſen oder Preußen ſtehſt, Du die gleiche Anſicht wie heute haben mußt, und ſie Dich nicht mehr als heute erſchrecken dürfen.“ „Mein Kaiſer, ich habe in dieſem Punkte niemals meine Anſicht geändert. Wann wollen Sie, daß man mich erſchieße?“ „Dich erſchießen!“ ſagte Napoleon mit Staunen, „wozu?“ und indem er ſich an den General wandte, fügte er hinzu;„er hat mich nicht verſtanden.“ „In der That,“ erwiderte Romeuf mit dem gleichen Phlegma,„das wurde Niemand nützen, nicht einmal den Preußen ſelbſt; ich habe größere Freude, mich für Sie erſchießen zu laſſen, mein Kaiſer, denn 33 kann Ihnen nützlicher und mir ſchmeichelhafter 3 n.““ „Ich glaube es,“ ſagte Napoleon lächelnd,„aber paſſe auf und vergeſſe nicht, daß wenn Du wieder recitiy wirſt, ich unbarmherzig ſein werde; ich werde ☛. 342SAddne 2e— & 2 Dir Blei in den Kopf ſchießen laſſen, damit er nicht mehr ſo leicht iſt.“ „Mein Kaiſer! Sie werden immer das Recht haben, dieſen Prozeß mit mir vornehmen zu laſſen, wenn es Ihre Anſichtsweiſe iſt.“ „Ja, es iſt meine Anſichtsweiſe,“ erwiderte Na⸗ poleon.„Für den Augenblick gehe zu Deinem Corps zurück und mache, daß ich von Dir nicht mehr ſprechen höre— als in Gutem.“ Romeuf verließ Saint⸗Cloud, und kam in hellem Laufe zur Kriegsſchule zurück. Bonneville, ſo wie er von der Rückkunft Romeufs wußte, ſuchte den Tambour auf ſeinem Zimmer auf und hier ſagte er ihm vor mehreren ſeiner Kameraden: „Ja Romeuf, wenn Sie mir im Grade gleich ſtän⸗ den, ſo würde ich nicht zögern, Ihnen mit dem Säbel in der Fauſt über das Recht zu verſchaffen, was jüngſtens auf dem kleinen Manufakturpoſten zwiſchen uns vorgefallen iſt; aber ich war Ihr Vorgeſetzter, wie ich es jetzt noch bin, und Sie haben mir nicht gehor⸗ chen wollen: mein Pflichtgefühl gebot mir, Gewalt anzuwenden, und ich mudte deßhalb Hand an Sie legen. Aber Ihnen den Schmerz zu ſagen, den ich nachher fühlte und den Zorn, den ich gehabt hätte, wenn die Sache ein übles Ende genommen hätte, das iſt unnütz, und überdieß wiſſen Sie es bereits. Ich will mich alſo in Gegenwart unſerer Kameraden ein⸗ fach bei Ihnen entſchuldigen, und Sie vor Ihnen um Ihre Hand bitten, Herr Romeuf.“ Indem Bonneville dieſe Worte ſagte, trat er vor und reichte dem Tambour die Hand. „Braver Sergeant!“ riefen die Zeltkameraden. Ohne zu antworten, warf ſich Romeuf Bonneville in die Arme, und alle beide hielten ſich eine Zeit lang feſt umfaßt, Romeuf rief alsdann voll Begeiſterung: „Ach Bonneville! wenn doch die ganze Welt die gleiche Anſichtsweiſe hätte, wie Siel⸗ 10 Eine halbe Stunde nachher führte der Sergeant Romeuf mit ſich in das Gaſthaus der Unterofftziere des erſten Bataillons, wo der Tambour von jedem derſelben bekomplimentirt wurde. Es iſt unnöthig, zu ſagen, daß man ungeheuer auf ſeine Geſundheit und auf die Bonnevilles trank und noch mehr auf die des Kaiſers und des Oberſten Michelin. 2 1* . Ein Zwiſchenſpiel. Inzwiſchen hatten der Kaiſer Alexander und der König von Preußen auf dem Grabe des großen Friedrich ein Bündniß geſchloſſen. Die Ruſſen rückten in for⸗ cirten Märſchen gegen Berlin vor, während die Schaaren Napoleons ſich am Rhein in Bewegung ſetzten. Napoleon verſammelte ſein Heer im Angeſicht der Säule von Rosbach, und die Schmach von 1751 wurde durch den Tag von Jena gerächt. Nachdem Preußen geſchlagen war, kamen die Ruſſen heran. Napoleon deutete mit dem Finger auf der Karte das Terrain der Schlacht von Eylau an, indem er ſagte: „Ich werde ſie ſchlagen hier, dort und vielleicht noch hier.“ Er hatte die zwei blutigen Tage von Eylau und von Friedland vorausgeſehen. Am Tage der Schlacht von Eylau zeigte ſich Napoleon überall. Jede tellung wurde genommen und wieder genommen; ein Kirchhof war der Punkt, auf den die Ruſſen ihre Streitkräfte concentrirt hatten. Die Gewinnung dieſes Kirchhofs war das Ziel einer Wuth ohne Gleichen; das Blut floß in mächtigen Strömen. Napoleon ſtieg ab und gab den Punkt an, wo eine Batterie leichter Artillerie hinzuzuſetzen ſei und welche er gegen die Mauern von Menſchen richten ließ, welche wie geſagt, noch immer vor der Kirche ſtanden. . 8 8I t1 „Werden wir denn nicht mit dieſen Ruſſen fertig werden?“ rief er, indem er ſich an die Garde⸗Jäger zu Fuß wandte, welche das Gewehr im Arm, ohne ni den Augen zu zucken, das Feuer des Feindes aus⸗ hielten. „Oh! Ohl die Ruſſen!“ ſagte eine Stimme, welche man aus der Gruppe der Tambours heraus hörte, „es genügt nicht, wenn man ſie tödtet, daß ſie fallen; man muß ſie noch mit Mörſern ſtoßen.“ Obriſt Michelin, laſſen Sie Ihre Jäger vorrücken; wir müſſen dieſe Kirche haben.“ „Vorwärts! es lebe der Kaiſer! wir müſſen die Kirche haben!“ erwiderten auf einmal zweihundert Stimmen. Sogleich kam Alles in Bewegung; die Tambours ſchlugen, die Bajonette wurden gefällt, die Artillerie rückte vor, Napoleon folgte der Bewegung mit dem Auge. In Mitten dieſer Sündfluth von Feuer und blitzenden Schwertern ſieht er einen Tambour gehen, das ganze Geſicht voll Blut. „Was machſt Du,“ rief ihm Napoleon zu,„Du mußt in das Spital gehen.“ „Wenn wir die Kirche haben,“ antwortete ihm der Tambour mit einer Art wahnſinniger Aufregung; „das iſt meine Anſichtsweiſe.“ Das Gemetzel dauerte einige Stunden, endlich wurde die Stellung genommen, und der Sieg ent⸗ ſchied ſich. Den folgenden Morgen bot das Schlacht⸗ feld einen ſchrecklichen Anblick dar; das Blut war auf den Schnee hingefroren; das durchdringende Geſchrei: „es lebe der Kaiſer!“ miſchte ſich mit dem Geſchrei der Verwundeten; neben verlaſſenen ruſſiſchen Batterien auf dem Kirchhofe lagen große Haufen von Leichnamen. Hier war das vierundzwanzigſte Infanterie⸗Regiment gefallen, wie Ein Mann. Auf dieſem Todesfeld errichtete man ein hölzernes Kreuz, auf welchem man folgende, mit der Spitze eines Bajonettes eingegrabene 12 Worte las:„Hier liegt das tapfere vierundzwanzigſte Linienregiment.“ Während achtundvierzig Stunden war man bloß mit der Wegſchaffung der Todten und der Sterbenden beſchäftigt. Doch der Tag von Fried⸗ land kam heran, Napoleon hatte ihn vorausgeſehen. An dieſem Tage ging die Sonne auf, wie bei Auſterliz. Es waren noch dieſelben Ruſſen, welche in das Treffen gingen, noch dieſelben Franzoſen, die ſiegten. „Heute iſt der Jabrestag von Marengo.“ rief Napoleon, indem er des Morgens ſeine Armee muſterte. Dieſes Mal wurde der ganze Kampf mit dem Bajonette begonnen und geendet. Von einer wie von der andern Seite war der Anprall fürchterlich. End⸗ lich wurden die Ruſſen aus allen ihren Stellungen geworfen, und der Verluſt dieſer Schlacht warf die moskowitiſche Armee bis in ihre Einöden zurück. Eben dadurch, daß Napoleon während dieſer zwei furchtbaren Tage viele Verluſte zu erleiden hatte, konnte er wieder Viele belohnen. Zwei Tage nachher ließ er in ſeinem Hauptquartier in Wohlau die Generale wiſſen, er werde in den Ebenen von Wrieſen ſeine Armee muſtern, wo ſie ihre vorläufigen Cantonirungen bezogen hatte. Am Morgen ließ man diejenigen Offiziere und Sol⸗ daten, welche, trotz ihrer ſchweren Wunden, nicht im Lazarethe hatten bleiben wollen, an die Spitze der Gardebatallione treten. Obwohl diejenige, welche der Tambour bei Eylau auf den Kopf erhalten hatte, noch nicht vollſtändig vernarbt war, war er doch bei der Schlacht von Friedland geweſen, wo ein Dragoner ihn mit einem furchtbaren Säbelhiebe über den Arm beſchenkt hatte, und auch jetzt war er bei dem genann⸗ ten tapferen Zuge. Napoleon begann die Inſpektion auf dem linken Flügel und ging dabei ſehr langſam. Der General Duvillar ſtellte ihm zuerſt den Offizier der leichten Artillerie vor, deſſen ſechs Stücke dem Feinde bei Eylau ungeheuren Schaden zugefügt hatten. „Er iſt Hauptmann,“ erwiderte Napoleon, ſelbſt ohne 8A—— ù — 12 A28G8=nAA* S8 Rre EEEE 13 den Offizier anzuſehen.„Mein General,“ ſagte alſo⸗ bald der neue Hauptmann zu Duvillar, der bei dieſer Revue den Kaiſer begleitete, in's Ohr,„das Kreuz iſt es, das ich gewünſcht hätte. Bitten Sie doch den Kaiſer um dieſe Auszeichnung für mich.“— Der General machte ſich einen Ausruhepunkt zu Nutzen und wandte folgende Worte an Napoleon: „Sire, da iſt der Offizier, den Ihre Majeſtät ſo eben zum Hauptmann ernannt hat; er findet ſich nicht glück⸗ lich; er würde das Kreuz vorziehen.“ Napoleon wandte ſich lebhaft gegen den Offizier. „Junger Menſch,“ ſagte er ſtrenge zu ihm,„Sie verlangen das Kreuz und haben noch keinen Bart.“ „Das iſt wahr, Sire,“ erwiderte dieſer ohne in Verwirrung zu gerathen,„aber das war kein Schnauz⸗ Backen⸗Knebelbart, der meine Batterie bei Eylau commandirte.“ „Meiner Treul er hat Recht,“ ſagte der Kaiſer, welchem die Antwort nicht übel gefiel.„Berthier, ſchreiben Sie den Namen dieſes Oſſiziers ein, er erhält das Kreuz.“ „Welche Beförderung!“ ſagte halblaut ein alter Quartiermeiſter von der Eskorte, deſſen Geſicht einen Bart von einem halben Fuß in die Länge trug und mit Wunden tätowirt war.„Hauptmann und mit dem Kreuze belohnt, auf einmal! welche Beförderung!“ Einige Schritte davon ſtellte Oberſt Kormann dem Kaiſer gleichfalls einen Hauptmann vor und bat für ihn um den Grad eines Kommandanten. „Wie viele Jahre im Grade?“ fragte der Kaiſer den Offizier. „Fünfzehn Jahre Sir.“ „Man wird Sie vergeſſen haben. Hauptmann, Sie ſind Commandant,“ fügte er hinzu;„ſuchen Sie die verlorene Zeit wieder hereinzubringen.“ Als er zur Abtheilung der Verwundeten gekommen war, ſtellte ihm der General Michelin den Sergeanten 14 Bonneville vor, welcher bei dem von den ruſſiſchen Cüraſſieren auf das Carré der Jäger zu Fuß ausge⸗ führten Angriff bei Friedland verwundet worden war, und bat um Beförderung für ihn. Napoleon, welcher dieſen Unteroffizier nicht mehr kannte, erwiderte dem General:„Verwundet! verwundet! aber dieß iſt kein Grund.“„Sire, er hat ſeine Schuldigkeit gethan.“ „Bei Gott! die ganze Welt hat ihre Schuldigkeit geihan. Wir unter allen zuerſt. Aber, wenn man ſo rechnet, ſoll ich den zwölf tauſend Leuten meiner Garde Beförderung ertheilen?⸗ Napoleon ging vorüber. Entſchieden war Bonne⸗ ville unter einem böſen Sterne geboren. Einige Schritte weiter ſprang ein Tambour, den linken Arm in der Binde, aus den Reihen. „Ah! Ahl“ machte der Kaiſer,„Du willſt wohl gleichfalls Beförderung. Nun, nun, was wünſcheſt Du? „Mein Kaiſer,„ſagte Romeuf,“ ich bitte blos um eine Sache, welche mir paſſen würde, wie ein Hand⸗ ſchuh, und hauptſächlich wirklich, wo ich blos Einen brauchbaren Arm habe.“ ha„Teufali möchteſt Du vielleicht gerne Epaulette aben?ℳ „Etwas Beſſeres, als das, mein Kaiſer; die bei⸗ den mit einander; ich möchte bloß Tambour⸗Major werden in Ihrem erſten Jägerregimente.“ „Tambour⸗Major? verwiderte Napoleon,„willſt Du nicht vollends auch zu den Grenadieren? Mein armer Burſche, Du biſt ein Narr, denke ich, Du haſt ja bloß vier Fuß ſechs Zoll. Haſt Du niemals Senot geſehen, meinen guten braven Senot?*) Er hat *) Der Tambour⸗Major des erſten Grenadierregiments bei der alten Garde zu Fuß nannte ſich Senot. Er war der ſchönſte Menſch der Armee. Er war Hanptmann in einem Linien⸗ regimente, und bloß auf dringendes Mahnen des Kaiſers ſelbſt, willigte er ein, als Tambour⸗Major in die Garde einzutreten, wobei er jedoch zur Bedingung machte, daß er 13 wenigſtens zwei Fuß mehr als Du, er! Wir ſtehen mit unſerer Rechnung weit hinter ihm zurück.⸗ „Es fehlen ihm blos zwei Schuhe,“ fügte Napo⸗ leon hinzu, indem er ſich gegen den General Mouton wandte, welcher zu lachen anfing, wie er die kleine Figur des Tambours ſah.. „Ich wußte wohl, mein Kaiſer, daß dieſes nicht gehen würde,“ erwiderte Romeuf,„aber ich möchte leſen lernen. Ich verlange blos dieß. „Ei wiel!“ ſagte Napoleon mit dem ihm eigen⸗ thümlichen Zucken der Achſel,„haben die Löwen nöthig, das Leſen zu lernen?“. „Da dieſes Ihre Anſichtsweiſe iſt, mein Kaiſer, ſo ziehe ich mich in meinen Rang zurück und will warten.“ „Du wirſt gut daran thun, ſagte Napoleon, ohne den Tambour anzuſehen, welcher nun ſeinen Platz hinter den Offizieren wieder einnahm, die die Fronte dieſes heroiſchen Pelotons bildeten. Dann ſtieg der Kaiſer zu Pferde, um die Revue der Cavallerie vor⸗ zunehmen, welche dreihundert Schritte von der Infan⸗ terie entfernt aufgeſtellt war. —— leinen Grad und die damit verbundenen Vorrechte beibehalten dürfe, was Napoleon ihm bewilligte. Der Hauptmann Senot war ein braver Offizier, welcher eine vorzugliche Erziehung erhalten hatte, ſich durch gute Manieren auszeichnete und mit Eleganz ausdrückte. Der Kaiſer, ſagt man, welcher bei Allem anz eigenthümliche Gedanken uber die Diplomatie hatte, ge⸗ achte mehr als einmal ihn als Geſandten ngch Preußen zu ſen⸗ den. Er ſagte zu Talleyrand, welcher ſich immer dieſer Wahl widerſetzte, Frankreich könne nicht beſſer repräſentirt werden, als durch Senot. Talleyrand konne ihm ins Ohr flüſtern, was er zu ſagen habe. Dieſes Modell von einem Tambour⸗ Major ſtarb zu Madrid pder Burgos an Krankheit. Seine Stelle wurde erſt das nächſte Jahr in Schönbrunn wieder erſetzt. Man ſehe deshalb in„Heine's neuen Gedichten“ nach. 4 18 8. Der Abend vor der Schlacht von Wagram, Am Tage vor der Schlacht von Wagram mitten in der Nacht während eines ſchrecklichen Sturmes, hatte Napoleon gegen den linken Flügel der öſtreichi⸗ ſchen Armee, welche das weite ebene Feld vor Neu⸗ fiedel beſetzt hielt, einen heftigen Angriff richten laſſen. Mehr als hundert Stücke Kanonen verbreiteten Schrecken bei den ruhigen Bewohnern einer der ſchön⸗ ſten Ebenen der Welt. Der Feind ſeinerſeits hatte dieſen unvorhergeſehenen Anfall mit Muth ausgehalten. Der Donner unſerer Artillerie, der ſich mit dem Don⸗ ner des Himmels vereinte, welcher ohne Aufhören er⸗ tönte, die Flammenwirbel, welche nicht gezögert hatten, ſich des Dorfes Enzersdorf zu bemächtigen, wo die Oeſtreicher verſucht hatten, ſich zu verſchanzen, machten ſchnell den hohen Schrecken dieſer Scene der Zerſtorung vollſtändig. Napoleon, ruhig inmitten dieſer Verwir⸗ rung, überwachte Alles. Bis auf die Knochen naß, und auf ſeinem Pferde beinahe verſinkend, welches bei jedem Schritte in gefrorenen Koth bis an die Kniee einſank, ging und kam er und gab ſeine Befehle, wie an einem Paradetage. Er zog ungeheuren Nutzen aus der Verwirrung, um den Erzherzog Karl über die Bewegung zu täuſchen, welche er durch ſeine Truppen ausführen ließ. So hatte am nächſten Morgen, als die erſten Strahlen des Tages anbrachen, die große Armee, nachdem ſie ſich wie durch Zauber entoickelt hatte, den Feind gezwungen, ſeinen lang durchdachten Schlachtplan vollkommen zu ändern. Ein prächtiger Morgen folgte auf dieſe ſchreckliche Nacht. Gegen ſechs Uhr Morgens, ließ Napoleon ſeine erſten Linien vo rücken, und hier ſah man auf einmal in der eingel das d Befeh ſchien, holt Tutt m⸗ itten mes, eichi⸗ Neu⸗ chten teten chön⸗ hatte alten. Don⸗ n er⸗ atten, d die icchten rung rwir⸗ naß, s bei Kniee wie aus c die ppen als große ickelt chten kliche ſeine nder 17 unermeßlichen Ebene des Marchfeldes, wie ſich dieſer Wald von Bajonetten bewegte, den in jedem Augenblicke Diviſionen, Regimenter und Bataillone vermehrten. Am Abende liefen die Feuer der alten Garde am Horizonte in einer ungeheuren Linie aus. Die Adjutanten und Offiziere vom Stab kreuzten ſich im vollſten Sinne, um Befehle hin und her zu tragen. Die Umgebungen waren ſo von Bäumen entblöst und verwiſſtet, daß man große Müſhe gehabt hatte, einige Reſte von Thüren und Fenſterladen aufzufinden, um dem Kaiſer eine Baracke zu bauen. Die Nacht war ſehr friſch. Alle Offiziere des Hauptquartires ſtunden in ihre Mäntel eingewickelt und wärmten ſich in der Stille an einem Feuer aus Geſträuchen, als ihre Auf⸗ merkſamkeit auf einmal durch das Geſchrei eines Sol⸗ daten in Anſpruch genommen wurde, welcher ſich mit den Führern der Eskorte zankte, die ſich ſeinem wei⸗ teren Vordringen widerſetzten. „Ich muß im Augenblick den kleinen Korporal ſprechen,“ ſagte er zu ihnen mit heftiger Stimme. „Sein Schlachtplan iſt falſch. Wenn ich ihm nicht ſelbſt den explizire, den er morgen, annehmen muß, ſo werden wir alle frikaſſiert.“ Die Offiziere, welche dieſe Scene herbeigezpgen hatte, lächelten mitleidig, überzeugt, dieſer Tambour ſei betrunken oder verrückt, denn bereits waren die Marſchalle und die Chefs der einzelnen Regimenter zum letz enmal in das kaiſerliche Zelt berufen worden. Alle An⸗ zeichen waren vorhanden, daß nächſten Morgen eine ent⸗ ſcheidende Schlacht ſtattfinden werde, und nun erſchien plotzlich dieſer Soldat, um die Anordnungen zu ändern, welche das Genie Napoleons ſo bewunderungswürdig eingeleitet hatte. Ungeduldig wegen des Geſchreis, das dieſer Menſch ausſtieß, gibt ein Hauptmann den Befehl, ihn feſtzunehmen, aber dieſer, welcher, wie es ſchien, alle Schwierigkeiten vorausgeſehen hat, wieder⸗ holt mit einem ſo erbitterten Tone, die Armee ſei Tutti Frutti. II. 2 18 verloren, wenn man ihn nicht mit dem Kaiſer ſprechen laſſen würde, daß ſein Rufen bis zu Napoleon ſelbſt pringt, welcher beſchäftigt iſt, dem Major⸗General ſeine letzten Inſtruktionen zu diktiren. „Was iſt da für ein Lärmen?“ fragte er, indem er die Stirne runzelte;„man ſtreitet ſich! Berthier, ſehen Sie nach, was dieſe Beſeſſenen wollen.“ Der Major⸗General kam bald zurück und erzählte die Urſache dieſes Lärmens⸗ „Ah! bah!“ ſagte Napoleon lächelnd;„es iſt ein Tambour, und er will, daß mein Plan Nichts gelte? Zu welchem Corps gehört dieſer Menſch?“ „Sire, zum erſten Regiment der Garde⸗Jäger; er hat das Kreuz.“ 1 Sei es, daß ihm eine plötzliche Begeiſterung durch den Kopf zuckte, ſei es, daß er nur dem Gefühl des Wohlwollens nachgab, das er für ſeine alten Soldaten hegte, Napoleon ſagte zum Major⸗General:„Wenn er das Kreuz hat, ſo muß ich ihn kennen. Man führe ihn zu mir her; ich nehme es auf mich, ihn zur Ruhe zu bringen. Dieſe Herablaſſung wird eine gute Wir⸗ ung auf ſeine Kameraden ausüben; ſie werden mich gerne haben und es morgen an den Tag legen.“ Ohne zu ſehr betroffen zu ſein, trat der Tambour in das Zelt des Kaiſers ein und blieb einige Schritte vom Kaiſer entfernt ſtehen; dann, die Rückſeite der linken Hand an ſeine Pelzmütze gepreßt, wollte er das Wort nehmen, ohne abzuwarten, bis man ihn fragte, als Napoleon ihm zuvorkam und ihn fragte, jedoch vhne ihn anznſehen:„Was haſt Du mir ſo Preſſantes zu ſagen?“ „Mein Kaiſer, ich—“ Beim Tone dieſer Stimme, welche ihm ſehr gut bekannt war, bob Napoleon die Augen in die Höhe, und indem er Romeuf erkannte, ſagte er zu ihm: „„Wie, Du hiſt es wieder?“ alle derte was wird Schl Ihre und, taba nicht Zor! Han er, 1 peitſ entw dieſe lung Bert kaum heit vor den? chend Wor Ihne ben, einen rechen ſelbſt eneral indem rthier, tzählte iſt ein gelte? Jäger; gdurch hl des ldaten jedoch ſſantes 19 „Ja mein Kaiſer, ich noch und immer ich bis in alle Ewigkeit.“ „Nun gut, ſpreche und ſei kurz.“ „Ja, mein Kaiſer.“ Nun ſagte der Tambour, indem er den Ton än⸗ derte mit einer Fiſtelſtimme und mit viel Lebendigkeit: „Für den Anfang, ſollen Sie wiſſen, daß das, was ich Ihnen mitzutheilen habe, nicht länger ſein wird, als die Sache ſelbſt. Sie werden morgen eine Schlacht liefern; das iſt gewiß, ich weiß es. Sie haben Ihren Plan gemacht; aber, ſo wahr ich Romeuf heiße, und, um offen zu ſprechen, er iſt keine Priſe Schnupf⸗ tabak nütze, das iſt meine Anſichtsweiſe.“ Als Napoleon dieſe Worte hörte, konnte er ſich nicht mehr halten, ließ ſich von der Aufwallung ſeines Zornes hinreißen und nahm ſeine Reitpeitſche zur Hand, wobei er mit ſchrecklicher Stimme rief: „Uebermüthiger! Kein Wort mehr!“ Dann warf er, wie wenn er ſich ſeines Zornes ſchämte, die Reit⸗ peitſche von ſich weg und die Benennung, Spaßmacher⸗ entwiſchte ganz deutlich ſeinem Munde. Während dieſer Zeit blieb Romeuf, immer in der gleichen Stel⸗ lung und war durchaus nicht verlegen, während dem Berthier und diejenigen, welche um den Kaiſer waren, kaum athmeten, ſo erſtaunt waren ſie über die Kühn⸗ heit dieſes Soldaten, welcher ihnen wie ein Zwerg vor einem Rieſen vorkam.. „Nun gut! meine Herren! haben Sie es verſtan⸗ den?“ ſagte er endlich, das Stillſchweigen unterbre⸗ chend mit Ruhe. Da Niemand antwortete, ſo nahm Romeuf das Wort und ſagte mit erhobenem Tone: „Mein Kaiſer! werden Sie nicht böſe; ich will Ihnen die Sache auf den Nagel und ins Auge ſchrei⸗ ben, nachher können Sie mich mit Baſonettſögen in einem Mörſer ſtoßen laſſen, wenn Ihnen dieſes ange⸗ nehm iſt. Romeuf wird ſich noch glücklich ſchätzen, 20 wenn er ſeinem Kaiſer einen Dienſt geleiſtet hat, wel⸗ chem er bereits das Leben und mehrere andere Dinge verdankt, die man nicht heimlich aufzählen kann.“ Napoleon gab ihm ein Zeichen, in der Rede fort⸗ zufahren. Der Tambour fuhr im gleichen Tone fort: „Für das Erſte, Sie haben Ihren linken Flügel an eine Batterie von acht Haubizen und achtundzwan⸗ zig Feldſtücke gelehnt, welche der General—“ „Genugl“ ſagte Napoleon. Dieſe Worte brachten bei ihm einen elektriſchen Schlag hervor. Er warf hin und wieder unruhige Blicke umher, dann fügte er mit einem ſanfteren Tone hinzu: „Entfernen Sie ſich ein wenig, meine Herren!“ und indem er ſich dem Soldaten näherte, fragte er mit leiſer Stimme:„iſt das Alles, was Du weißt? wer hat es Dir entdeckt? ſpreche ſchnell.“ „Entſchuldigen Sie mein Kaiſer, aber ich glanbe, daß das, was ich Ihnen ſo eben geſagt habe, Sie nicht befriedigt hat; ich befürchte, ich könnte mich in ein Rottenfeuer verwickeln, ich will lieber gehen—“ „Nein! Nein!“ ſchrie Napoleon, indem er den Soldaten beim Arme feſthielt,„ſpreche, ſage ich, denn wenn Du mir nicht im Augenblicke ſagſt, von wem Du dieſes Detail haſt, ſo laß ich Dich vor meinen Augen erſchießen.“ Dieſe Drohung ſchien auf Romeuf keine Wirkung auszuüben; er legte von Neuem die Hand an die Müte und antwortete mit unverwüſtlicher Kaltblü⸗ tigkeit: „Das iſt gleich, mein Kaiſer; Sie haben das Recht dazu, wie vor drei Jahren; dann ſind wir quitt. Aber an Ihrer Stelle möchte ich mich erſt morgen erſchießen laſſen, denn morgen könnten Sie Einſicht nehmen. Das, was ich Ihnen ſage, iſt bloß in Ihrem Intereſſe und nach meiner Anſichtsweiſe.“ „So ſprich doch, Unglückſeliger!“ rief Napoleon „Di wele dieſe hier Reſe dieſe nem ganz gend ziere ten. voll. Linie ganz auf Nap wie mir gleich Uebe lichen wie was die S ihre im 2 dara thun, — neinen irkung in die altblü⸗ Recht Aber hießen hmen. tereſſe voleon 21 mit einer Ungeduld, welche keine Gränzen kannte. „Du ſiehſt wohl, daß ich Dich höre.“ Nun nahm Romeuf einen ſeiner Trommelſchlägel, welche an ſeinem Wehrgehänge hiengen, ſetzte ein Knie auf die Erde, und fing an, auf die Erde einen Plan zu ziehen, wobei er ſagte: 3 „Sie haben die in Frage ſtehende Batterie in dieſen Winkel geſetzt; während ihr rechter Flügel ſich hier entwickelt, werden wir Andern hier unten in der Reſerve bleiben, und—„ Der Tambour ſprach mehrere Minuten lang in dieſer Weiſe und entwickelte dem Kaiſer, der von ſei⸗ nem Erſtaunen gar nicht mehr zurückkommen konnte, ganz genau die Anordnungen, welche er für die mor⸗ gende Schlacht getroffen hatte, und welche die Offi⸗ ziere, denen er ſie mitgetheilt hatte, allein kennen muß⸗ ten. Beim Zuhören folgten die Augen des Kaiſers voll Aufmerkſamkeit den von dem Soldaten gezeichneten Linien, ſeine Aufregung, ſeine Unruhe waren im Wachſen. „Es muß hier Verräther geben,“ ſagte er endlich ganz leiſe.„Verderben auf ſie!“ Doch, um ſicherer auf die Entdeckung der Wahrheit zu kommen, hielt Napoleon an ſich und ſagte mit ſichtbarer Ruhe: „Weil Du meinen Plan fehlerhaft findeſt, und, wie es ſcheint, ſo gut unterrichtet biſt, ſo theile Du mir den Deinen mit; ich werde nicht ermangeln, ihn gleichfalls zu beurtheilen.“ „Mein Kaiſer,, erwiderte Romeuf mit einer Art Uebermuth,„die mehr oder weniger großen natür⸗ lichen Talente Romeufs ſind zu Ihren Dienſten, wie ſeine Schlägel, ſein Blut, ſein Leben und Alles, was davon abhangt. Halten Sie,, fuhr er fort, ohne die Stellung zu verändern,„die Kaiſerlichen ſind hier, ihre Cavallerie iſt hier, von ihrer Artillerie weiß ich im Augenblick nicht, wo ſie iſt, aber es liegt nichts daran. Sie werden ſtätig hundert neunzehn Schüſſe thun, um die Stellung zu umgehen, wo Sie die Bat⸗ 22 terie angebracht haben. Nun jal auch ich würde hier dieſe Batterie aufwerfen, aber anſtatt acht Haubizen und vier und zwanzig Feldſtücken, aus welchen Sie dieſelben zuſammengeſetzt haben, würde ich dieſelbe auf die Höhe von vier und zwanzig Haubizen und zwei und ſiebenzig Feldſtücken bringen, im Ganzen auf die Höhe von ſechs und neunzig Feuerſchlünden, welches ich durch das erſte Regiment der Jäger von Ihrer Garde, bei denen zu ſein ich, wie billig, die Ehre habe, unterhalten ließe. Wenn ſich dann Ihr linker Flügel auf dieſer Seite entwickeln würde, um die Rechte der Kaiſerlichen zu umgehen, ſo würde ich, ohne das Centrum irgendwie zu ſchwächen, mit An⸗ bruch des Tages, unter Beihülfe Ihrer leichten Ar⸗ tillerie einen Bauerntanz mit großem Orcheſter auf⸗ führen, daß fünf hundert Millionen Teufel nichts als Feuer ſehen ſollten, und daß Oeſtreich vor Ende des Tages mit all ſeinem Zugehör auf ewig in den Staub finken müßte. Hier iſt die Sache,“ ſagte Romeuf, ent⸗ zückt über ſich ſelbſt.„Sie ſehen wohl ein, mein Kaiſer, das, was ich Ihnen mittheilte, war wohl der Mühe werth, angehört zu werden. Mindeſtens iſt das meine Anſichtsweiſe., Napoleon blieb ſtill; er hatte die Arme über die Bruſt gekreuzt, und ſchien über das, was er eben ge⸗ hört hatte, nachzudenken, als er ſein Haupt in die Höhe hob und ſagte:„Dieſes Alles kann möglich ſein, um ſo beſſer, als dieſes genau ein Theil meines Pla⸗ nes iſt, aber das iſt gewiß, wenn Du mir nicht im Augenblicke ſagſt, woher Du dieſe Details haſt, ſo laſſe ich Dich im Augenblick erſchießen, wie ich Dir verſprochen habe.“ „Es iſt erſtaunlich, mein Kaiſer, wie Sie an Ihrer Idee feſthalten,“ erwiderte Romeuf mit Lächeln. „Ich muß Ihnen dieſelbe aus dem Kopfe reißen, in⸗ dem ich Ihnen mein Abenteuer erzähle. Hören Sie mich aufmerkſam an; Sie wiſſen wohl, daß ein Tam⸗ de hier nubizen n Sie dieſelbe n und Hanzen ünden, er von g, die in Ihr e, um de ich, it An⸗ 2en Ar⸗ r auf⸗ ts als de des Staub f, ent⸗ Kaiſer, Mühe meine eer die en ge⸗ in die b ſin, ⸗ cht im 23 bour bei der Garde von Hauſe aus neugierig iſt in Bezug auf Sachen, die um ihn her vorgehen, und mehr um das, was vor ihm, als um das, was ihm im Rücken liegt. Nun alſo geſtern nach der Inſpektion ſagte ich zu mir ſelbſt: Romeuf! deine Ration von Feld⸗Proviant iſt erſchöpft. Dieſer arme Magen fängt an, unzeitiger Weiſe den Zapfenſtreich zu ſchlagen, ſo kann man es nicht länger treiben. Nun, da deine Börſe leer iſt, ſo wird dir in Ermangelung des Gel⸗ des ein leichter Streifzug in den Wäldern Erholung verſchaffen. Nun mache ich eine halbe Schwenkung rechts ab, gehe über eine ſehr tief gelegene Ebene, und bemerke einen Kirchenthurm. Ich ſage abermals zu mir: Romeuf! da kannſt du Geſchäfte machen, vom Kirchenthurm bis zum Häuschen eines Geiſtlichen iſt der Weg bloß armslang. Wenn etwas Warmes im Lande aufzutreiben iſt, ſo muß es beim Pfarrer zu finden ſein. Ich mache alſo ſchnell und komme zum Hauſe des geiſtlichen Herrn.⸗ m „Suche Deinen Bericht abzukürzen, und auf die Hauptſache zu kommen,“ ſagte Napoleon, der aufmerk⸗ ſam zugehört hatte. „Sie haben Recht, mein Kaiſer. In der That, der Geiſtliche war nicht zu Hauſe. Ich finde nur ſeine Hausjungfer, welche nicht mehr jung war. Ich ſchoß auf deutſch den Pfeil eines ſchmeichleriſchen Compli⸗ mentes auf ſie ab, ſie verſtand die Einleitung; in zwei Tempos und drei Schwenkungen ſaß ich an der Tafel. Meine Lage war zu entzückend, als daß ſie hätte lange dauern können; ich hatte noch nichts als einen Teller Sauerkraut, ohne eine Art Getränke ge⸗ koſtet, als ich in der Ferne Pferde im Galopp heran⸗ ſprengen höre. Ich ſtecke den Kopf durch das Fenſter, aber ich ziehe ihn ſogleich wieder herein, es waren eine Art Todeshuſaren; nichts, als das! beinahe im Nu hält das Detachement an, ſteigt vor dem Hauſe des Pfarrers ab; ich höre Sporen und Säbelſcheiden auf den Treppen der Stiege klirren, man klopft an die Thüre. Wenn die Köchin des Paſtors die min⸗ deſte böſe Laune gehabt hätte, ich und die große Ar⸗ mee wären morgen verloren geweſen. Es iſt wahr⸗ ſcheinlich, daß mein Aeußeres und meine Manieren dieſe gute Kreatur verführt haben, denn ſie ließ mich unter ihr Bett ſchlüpfen, raffte mit Einem Strich der Hand Alles weg, was auf dem Tiſche war, und öffnete al dann den Kaiſerlichen. Während dieſer Zeit hatte ich ganz in der Stille meine Säbelklinge aus der Scheide gezogen, ſpitzte meine Ohren, richtete mein Auge zehn Schritte in die Weite, den Leib ruhig, ohne zu athmen, nach der Ordonnanz. Nun merke ich, man ſtellt Wachen rings um das Haus, dann ſehe ich drei höhere Offiziere in das Zimmer eintreten, das ich ſo eben verlaſſen hatte. Der Eine derſelben legte eine Rolle Papier in Form eines Rapports auf die Tafel, dann fingen ſie an, in deutſcher Sprache ihre Ange⸗ legenheiten zu beſprechen. Als ich dieſes ſah, ſagte ich zu mir ſelber: Romeuf, wenn dir nichts pafſirt, als daß du zum Nieſen Luſt bekommſt, ſo biſt du verloren. Doch ich verliere kein Wort von dem, was dieſe Leute da in ſolcher Heinlichkeit ausmachen, da ich die Sprache der Kaiſerlichen ein wenig verſtehe, und ich höre einen Langen, Magern ſagen:„Dieß iſt alſo die Abſicht Napoleons, ich weiß es gewiß. Sie ſehen, er glaubt, wir werden alle unſere Streitkräfte gegen ſein Centrum richten, und nach der dem General Lauriſton gegebenen Ordre, der einen Theil der Artillerie kom⸗ mandirt, einer Ordre, welche wir dem Ordonnanz⸗ Offizier da abgenommen haben, gedenkt er gegen un⸗ ſern rechten Flügel zu gleicher Zeit zu manöveriren, indem er unſern linken mit vier und zwanzig Stücken Artillerie angreifen will. Mein Rath iſt alſo, man muß ihm zuvorkommen, und ihn ſelbſt auf dieſem Punkte angreifen, wohin man deßhalb während der Nacht den größten Theil unſerer Artillerie verlegen TrA opft an ie min⸗ oße Ar⸗ wahr⸗ anieren 2ß mich eich der öffnete it hatte us der e mein „ ohne , man ch drei ich ſo te eine Tafel, Ange⸗ gte ich t, als rloren. 2Leute ch die ind ich ſo die en, er e ſein rriſton kom⸗ manz⸗ n un⸗ riren, tücken man dieſem d der legen 25 muß, welchen wir der ſeinigen entgegen zu ſtellen aben.“ 3„Mit dieſen Worten machte der General ſeinen Plan mit Bleiſtift auf die Papierrolle, die er auf die Tafel legte. Roſſignolet, ſagte ich zu mir ſelbſt, du kannſt mir die Freundſchaft anthun, und glauben, daß deine Liſt keinem Blinden in das Ohr fallen wird. Während dieſer Zeit hielten die Andern ihre Anſichten zu Rathe. Endlich entſchieden ſie, der, welcher zuerſt geſprochen, habe Recht; wie billig, weil er der Schlauſte war. Nun verlaſſen ſie das Zimmer, und ſteigen ſchneller zu Pferde, als ſie gekommen find. Ich komme nun ruhig aus meinem Schlupfwinkel hervor, und ſage der Alten, welche mich mit ganz ruhiger Miene betrachtet, wie um mich zu fragen, ob es ſich von Karpfen oder Hechten handle: Ich habe„die höchſte Achtung vor Ihnen, weil Ihre ächt franzöſiſchen Ge⸗ fühle gegen mich Ihnen Ehre machen. Und ich wandte ihr die Ferſen, ohne politiſche Fragen mit ihr anzu⸗ ſpinnen. Wie Sie ſehen, mein Kaiſer, ſo komme ich noch zeitig, um die Armee zu retten.“ Kaum hatte der Tambour ſeine Erzählung been⸗ digt, als ein Adjutant Napoleons in das Zelt des Kaiſers trat und voll Haſt ſagte: „Sire, ich habe ſo eben erfahren, daß der Ordon⸗ nanz⸗Offizier, der dem General Lauriſton die Befehle Sr. Majeſtät überbringen ſollte, verirrt iſt, und daß er das Unglück hatte, einer Streifpartie öſtreichiſcher Huſaren mitten in die Hände zu fallen.⸗ Dieſe Worte, weit entfernt, den Kaiſer mißver⸗ gnügt zu machen, ſchienen ihm eine große Laſt vom Herzen zu nehmen. Er ſchaute feſt auf Romeuf, der mit ihm einen Blick des Einverſtändniſſes wechſelte, und zu ihm ſagte:„Sehen Sie da, mein Kaiſer.“ „Gehe in Dein Bivouak zurück,“ ſagte der Kaiſer barſch zum Tambour,„vor Allem ſpreche mit keinem Deiner Kameraden, welcher es auch ſein mag, von 26 dem, was Du mir ſo eben geſagt haſt. Später werde ich ſehen, was ich für Dich thun kann,— wenn Du Dich gut aufführſt, fügte er nach einer Pauſe hinzu. Romeuf trat ganz ſtolz aus dem kaiſerlichen Zelte. Was Napoleon betrifft, ſo beſchäftigte er ſich damit, in Bezug auf die Ereigniſſe, welche ihm ſo eben ge⸗ meldet worden waren, die Anordnungen alsbald zu ändern, welche er Anfangs für den projektirten An⸗ griff getroffen hatte, und von dem der Feind unglück⸗ ſeliger Weiſe Kenntniß hatte. Neue Befehle wurden an Lauriſton geſandt, und die Morgenſonne beleuch⸗ tete einen der ſchönſten Triumphe der großen Armee. Kaum waren acht und vierzig Stunden vorüber, als Napoleon das Schlachtfeld beſuchte, und die Verwun⸗ deten belohnte und tröſtete, als ein kleiner Menſch, die Stirne mit einer blutigen Binde bedeckt, ſich durch den General⸗Stab hindurch Bahn bricht bis zum Kopfe be9 kaiſertichen Pferdes vordringt, militäriſch grüßt, und ſagt: „Ich hoffe, mein Kaiſer, das iſt ein Triumph, der von den Maikäfern nicht geſtochen wurde. Sie können ſehen, daß ich tüchtig in den Knoten hineinge⸗ hauen, und ihnen eine Suppe habe einweichen laſſen, an deſſen Geſchmack ſie ſich erinnern werden. Mein Gott! welch ein Bouillon!“ „Ah! Ah! das iſt wieder mein Tambour,“ ſagte Napoleon, und hielt ſein Pferd an.„Wie ich ſehe, haſt Du Deine Schuldigkeit gethan.“ Dabei warf er auf den Verwundeten einen der wohlwollenden Blicke, welche immer einem Verſprechen gleich kamen.„Nun ſo rede, was willſt Du.“ „Ich habe bloß Eine Bitte an Sie, mein Kaiſerz ſie wird Ihnen nicht hoch zu ſtehen kommen; laſſen Sie in den Tagsbericht ſetzen, daß ich, Romeuf, es bin, der die Schlacht von Wagram gewonnen hat.“ „Wahrlich, dieſes Mal iſt der Burſche verrückt,“ —— neinge⸗ laſſen, Mein ſagte h ſehe, Harf er Blicke, „Nun Kaiſer; laſſen uf, es hat.“ rrückt,/ 27 ſagte Napoleon, indem er ſich an die Offtziere des General⸗Stabs wandte. „Sie können mir ſagen, mein Herr,“ fuhr Ro⸗ meuf fort, ohne in Verwirrung zu gerathen,„daß die Meldung im Tagsbericht nicht für den Gebrauch der Tambours ſei, aber mein Streben iſt nicht darauf ge⸗ richtet, den erſten Rang einzunehmen. Dieſer gehört Ihnen von Rechts wegen, mein Kaiſer, aber mir der zweite. Wir werden die beiderſeitigen Sieger in die⸗ ſer afaie ſein. Wenigſtens iſt das meine Anſichts⸗ weiſe. Romeuf war mit ſeiner Rede noch nicht zu Ende, als Napoleon die Achſeln zuckte, ohne ihm eine Ant⸗ wort zu geben, ſein Pferd ſpornte und verſchwand. In der That, der arme Romeuf war wahnſinnig geworden. Aber dieſer Wahnſinn war nicht gefährlich, um ſo weniger, als er ſich aus langer Zeit her ſchrieb. Er war an dem Tage entſtanden, an welchem der Kaiſer beim kleinen Manufakturpoſten zum erſten Mal in ſeinem Leben mit ihm geſprochen hatte; es waren gerade drei Jahre. Die Umßtände, welche ſeine Verur⸗ theilung vor dem Kriegsrathe herbeigeführt hatten, die Gnade, welche ihm der Kaiſer in Saint⸗Cloud hatte angedeihen laſſen, die Kopfwunde, welche er erhalten, die Unterhaltung, welche er zwei Tage zuvor mit dem Kaiſer gepflogen, dieß Alles hatte bloß jene traurige Stim⸗ mung entwickelt. Zuletzt hatte der glückliche Ausgang der Schlacht von Wagram ſeine Narrheit vollkommen entſchieden gemacht, eine Narrheit, welche ihn glauben ließ, daß man ihm den Erfolg dieſes glorreichen Tags verdanke. Er ſagte dieß Jedem, der es hören wollte, und repetirte es ſeinen Kameraden, welche, wenn ſie es hörten, ſich damit begnügten, über ihn mitleidig zu lachen. Aber ſonderbar, kein Menſch hatte daran ge⸗ dacht, daß der Verſtand des Tambours Schaden genommen habe. Man ließ ihn ruhig ſeinen millitäri⸗ ſchen Obliegenheiten nachgehen. Es war ein ganz eigenthümlicher Anlaß nöthig, um ſeiner Umgebung die Augen zu öffnen, und zu bewirken, daß man in Rückſicht auf ihn die für ſeinen Zuſtand nöthigen, zu⸗ gleich zweckmäßigen, zugleich aber auch menſchlichen Maßregeln ergriff; dieſer Anlaß trug ſich einige Tage nachher zu. Die Regimenter der alten Garde kantonirten in Wien und in der Umgegend; Napoleon wohnte in Schönbrunn. Eines Morgens, als er den Palaſt zu Fuß verließ, bloß von einem Adjutanten begleitet, um die Umgebung dieſer Reſidenz incognito zu beſehen, trat Romeuf, welcher jeden Tag auf der Lauer ſtand, plötzlich vor ihn. 1 „Verzeihung! Entſchuldigung! mein Kaiſer,“ ſagte er; vich weiß wohl, der Haber wird nicht immer von denen verzehrt, welche ihn erwerben. So habe ich über die fragliche Sache nachgedacht, und zu mir ſelbſt geſagt: Romeuf, du haſt die Schlacht bei Wagram gewonnen, das iſt ſicher, aber weil der genannte Sieg deinem Kaiſer Freude macht, ſo darfſt du nicht ärger⸗ lich ſein, wenn du ihm denſelben ganz abtreten ſollſt. Uebrigens iſt das dein Fehler nicht, wenn du die vom Reglement geforderte Größe nicht haſt, um auf dem großen Rohr manöveriren zu können. Folglich, da ſich das Reglement der Natur dem Umſtand widerſetzt, daß du Tambour⸗Major ſein ſollſt, ſo mußt du dich mit dem Grade eines Befehlshabers in einem der Bataillons der Garde⸗Jäger zu Fuß begnügen, wo du bereits die Ehre haſt, aufgenommen worden zu ſein. Das will ich mir jetzt von Ihnen erbitten, mein Kai⸗ ſer. Bloß werden meine Kameraden ſagen, das Avan⸗ cement ſei ganz reißend ſchnell geweſen.“ 1 „Ganz gewiß, dieſer drollige Menſch hat den Kopf verloren,“ ſagte der Kaiſer, indem er bald auf Savary, der ihn an dieſem Tage begleitete, einen ſchnellen Blick des Einverſtändniſſes, bald auf den Tam man vary fernte ſchlag ich v in Ih Allem meine 5 ſprach und im A und ein K Kame gefan der C zur A Als e er de Verw Das Beim nen nicht wiede kleine er au der. halten den 2 hätten er die befür 29 Tambour einen Blick des Mitleids warf.„Was muß man mit dieſem Menſchen thun?“ fragte er, zu Sa⸗ vary ſich wendend. Der Adjutant gab keine Antwort, ſondern ent⸗ fernte ſich alſobald. Romeuf, der ſich nicht für ge⸗ ſchlagen hielt, erwiderte: „Mein Kaiſer, machen Sie doch aus mir, was ich von Ihnen erbitte. Um Anführer eines Bataillons in Ihrer Garde zu ſein, braucht man gerade nicht vor Allem die Statur eines Rieſen zu haben. Das iſt meine Anſichtsweiſe.“ Während der Tambour mit erhabener Stimme ſprach, war Savary beim nächſten Poſten geweſen, und hatte tüchtige Hände verlangt. Romeuf wurde im Augenblick von vier Mann umringt, feſtgenommen und auf den Wachpoſten abgeführt, wohin er ſich wie ein Kind führen ließ, wobei er bloß erſtaunte, daß Kameraden ſich erlaubten, den Sieger von Wagram gefangen zu nehmen. Aber unglücklicher Weiſe war der Chef des Poſtens, welchem Savary den Tambour zur Aufſicht übergab, gerade der Sergeant Bonneville. Als er Romeuf mit irren Augen eintreten ſah, ahnte er den ganzen Hergang und konnte einen Ausruf der Verwunderung und des Schmerzes nicht unterdrücken. Das Gleiche war nicht bei dem Tambour der Fall. Beim Anblick des Sergeanten, welcher kaltblütig ſei⸗ nen Jägern den Befehl gab, ihn zu entwaffnen, und nicht los zu laſſen, kam dem Tambour auf einmal das wieder in den Sinn, was ihm längſt zuvor bei dem kleinen Manufakturpoſten begegnet war, und ſo wurde er aus einem ruhigen Narren auf einmal ein wüthen⸗ der. Sechs Männer waren kaum im Stande, ihn zu halten; man war genöthigt, ihm Arme und Füße mit den Tragbändern der Gewehre zu binden; ohne dieß hätten die Soldaten, die ihn feſthielten, und gegen die er die ſtärkſten Verwünſchungen ausſtieß, ein Unheil befürchten müſſen.. 30 Zwei Stunden nachher kam ein Adjutant der Garde, um den unglücklichen Romeuf zu beſuchen, und ließ ihn, gebunden wie ein Paket, an das Militär⸗ ſpital nach Wien abführen. — 9. In Charenton. Die Sorgſamkeit des Kaiſers hatte ſich bis auf den armen Tambour der Garde⸗Jäger erſtreckt. Als Louis XIV. das Haus der Invaliden ſtiftete, eines der ſchönſten Zeugniſſe von der Größe ſeiner Regierung, hatte er nicht vorausgeſehen, daß Soldaten aus Ehr⸗ geiz Narren werden könnten; es befinden ſich in die⸗ ſem reichen Aſyle noch keine Säle für die Verrückten. Dem ihm gemachten Berichte gemäß ließ Napoleon den Legionsſoldaten Romeuf in Charenton verpflegen, mit der Weiſung, die höchſte Sorgfalt der hellſten Mediziner ſollte an ihn gerückt werden, wie wenn er Staatsrath, General oder ſelbſt Senator geweſen wäre. Es befanden ſich damals unter den Koſtgän⸗ gern der Heilanſtalt von Charenton Generäle und Staatsräthe, denn die Narrbeit greift leichter die glück⸗ lichen, als die armen Erben der Geſellſchaft an, und ein Kopf voll Kenntniß„Ideen oder politiſcher Com⸗ für die Irrungen ſtrauchelnd ermenſchlicher Vernunſt. Die Verrücktheit Romeufs war ruhig geworden. In der Einbildung, die Schlacht von Wagram allein gewonnen zu haben, beſchäftigte er ſich vom Morgen bis zum Abend, ſei es auf dem Zimmer, ſei es im Garten des Irrenhauſes damit, daß er mit zwei Stuhl⸗ füßen, die ihm als Trommelſchlägel dienten, die Märſche nachmachte, welche von der Garde während litär⸗ s auf Als es der erung, 3 Ehr⸗ in die⸗ kückten. poleon flegen, hellſten denn er geweſen loſtgän⸗ le und 31 jenes denkwürdigen Tages ausgeführt worden waren: die Züge ſeines Geſichtes, in Folge einer kränklichen Magerkeit eingefallen und blaß, ſeine ſtark gerötheten Backenknochen, ein gewiſſer fixer Blick, die Unordnung in ſeinem Anzuge, Alles kündigte bei ihm die Ver⸗ wirrung ſeines Geiſtes an, deren Anfälle übrigens für ſeine Umgebung nichts Widerwärtiges hatten. Mor⸗ gens ſtund Romeuf ganz heiter auf und zeigte ſich ſei⸗ nen Kamergden mit gebieteriſcher Miene.„Platz für den Sieger von Wagram!“« ſagte er zu ihnen, indem er ſich ganz ſtolz und ſelbſtzufrieden durch ihre Mitte Bahn brach. Dieſe, arme Narren wie er, ſtellten ſich ſtillſchweigend vor ihm auf, und neigten ſich vor ihm, ohne je uͤber dieſe ein wenig ehrgeizige Behauptung den mindeſten Zweifel zu erheben. Unmittelbar nach dem Frühſtück pflegte ſich Ro⸗ meuf, welche Jahreszeit auch ſein mochte, an ein und daſſelbe Plätzchen zu ſetzen, und machte den übrigen Theil des Tages ſeine Märſche als Tambour nach; des Abends wurde er traurig und gedankenvoll; ein gewiſſer fixer Blick zeigte an, daß ihn ſeine Lieblings⸗ Idee beherrſchte; er lächelte melancholiſch, ſprach mit ſich ſelbſt, klagte Napoleon der Undankbarkeit an, be⸗ klagte die Eiferſucht, die er gegen ihn hege, während er doch bloß ein armer Tambour ſei, eine Eiferſucht, um derentwillen man nicht wiſſe, daß man ihm, Ro⸗ meuf, den herrlichen Triumph von Wagram zu dan⸗ ken habe. In ſein Zimmer zurückgekehrt, vergaß er niemals, vor Bettgehen mit einer kläglichen und ſchlep⸗ penden Stimme folgende Strophe aus dem berühmten Klagliede des Marſchalls von Sachſen zu fingen, einem Lied, das in der Armee ſo populär geworden iſt: Nie weißſt Du, o Tod zu ſchonen, Nichts hat je vor Dir Gewicht, Scepter ſelbſt und Königskronen Sichern den Beſitzer nicht, Konnen nie ihm für ſein Leben, Bürgſchaft und Gewahrung geben. Sonderbar! ſo lange ſeine Verrücktheit währte, ſprach er niemals das Wort„Anſichtsweiſe“ mehr aus. Dieſe Redensart vergaß er völlig; aber nach⸗ dem er ſeinen Verſtand wieder erhalten hatte, war auch dieſer ewige Refrain ſeiner Geſpräche das erſte Wort, welches er ausſprach. Der Sergeant Bonneville war einer der erſten, welcher erfuhr, daß Romeuf in Charenton aufge⸗ nommen worden ſei. Als die Garde bei Helegenheit der Vermählung des Kaiſers mit Maria Louiſe im Frühling des Jahres 1810 nach Paris zurückkam, hatte Bonneville Nichts Eiligeres zu thun, als ſeinen alten Kameraden aufzuſuchen. Von Courbevoie bis Charenton iſt es weit, aber die Freundſchaft berechnet Entfernungen nicht. Bonneville kam alſo in Charenton an und fand Romeuf im Garten an einen Baum gelehnt, mit ſeinen Schlägeln verſehen, mit denen er eben auf dem Reſte eines zerbrochenen Tiſchgeſchirres den Marſch der Garde⸗Jäger ſchlug. Von Zeit zu Zeit hielt der arme Narr mit ſeiner Trommlerei inne, und, indem er die Hand vor die Augen hielt, um die Strahlen der Sonne abzuhalten, rief er: „Die junge Garde vor! Macdonald iſt beſchimpft, wenn die Kaiſerlichen ihm in die Flanken fallen.— Ahl gut! Seht dal die Schützen der alten Garde wanken;— Sie marſchiren in der Lache!— Bravo! Das iſt das! Allweil zu, allweil zu! Der Tag iſt für uns! Ich habe dem kleinen Korporal geſagt, wenn wir beide alſo manöveriren, werden wir die Schlacht gewinnen.“ Und Romeuf nahm ſeine unterbrochene Tromm⸗ lerei wieder auf und ſpielte mit einer überraſchenden Leichtigkeit den Schnellmarſch der Grenadiere, welchem die Tambours den charakteriſtiſchen Namen des General⸗ Tanzſchrittes der Garde gegeben hatten. Bonneville blieb in einiger Entfernung von dem zeneral⸗ on dem 33 Baume, und betrachtete mit ſchmerzhafter Neugierde die verſchiedenen Bewegungen ſeines alten Kameraden. Dieſer aber, ganz beſchäftigt mit ſeiner fixen Idee, ſah ihn nicht. Der Sergeant trat näher. „Guten Tag, Romeuf,“ ſagte er, indem er ihm die Hand reichte,„wie geht es, mein Freund?⸗ Der Tambour beobachtete Bonneville mit einem verſtörten Blicke, und, indem er die Uniform wieder erkannte, welche auch er getragen hatte, fragte er in mißtrauiſchem Tone:„Was wollen Sie von mir?⸗ „Was ich will, Romeuf? Wie? Sie erkennen mich nicht mehr? Ich bin ein alter Kamerade, ein Freund.—„ „Ein Freund! ich habe keinen mehr.— Ohl aber doch— warten Sie doch— es ſcheint mir, ich habe Sie irgendwo geſehen, aber es iſt ſchon lange her— zur Zeit, wo ich die Schlacht von Wagram gewann.— Sie find der Sergeant Bonneville, von der zweiten Kompagnie des erſten Jägerregimentes.“ „Gewiß! ich wartete bloß auf dieſes Wort, um Sie zu umarmen, mein armer Romeuf.“⸗ Der Tambour umſchlang des Sergeanten Knier und beide hielten ſich lange Zeit umarmt, ohne ein Wort hervorzubringen. „Wie befinden Sie ſich?“ fragte Bonneville. Der Tambour antwortete nicht direkt auf die an ihn gerichtete Frage, ſondern warf unruhige Blicke um ſich, wie wenn er die Ankunft eines unbeſcheidenen Zeugen gefürchtet hätte, und ſagte dann mit leiſer Stimme: „Es iſt mir Vieles begegnet, ſeitdem ich Sie nicht mehr geſehen habe, Herr Bonneville, und ich weiß nicht, ob mir nicht noch Schlimmeres begegnen wird. Seit der Schlacht von Wagram, die ich, wie Sie wiſſen, förmlich gewonnen habe, gibt es keine Art von Verfolgung, die ich nicht erlitten hätte. An einem ſchönen Tage oder vielmehr an einem ſchönen Abenv, Futti Frutti. I. 3 ſind Mameluken der Garde gekommen, um mich in ein Logis zu führen, wo ich die Complimente der Reichs⸗Marſchälle empfing, die mich als den beſten Taktiker der Armee ausriefen. Sie warfen mich nach⸗ her in ein Gefährte, und führten mich hieher; ich denke, Sie wiſſen, wo ich bin?⸗ Der Sergeant wagte nicht zu antworten; Romeuf ſuhr fort:„ich bin beim perſiſchen Geſandten. Oh! er behandelt mich ſehr gut, er läßt mich mit dem Beſten bewirthen, was es gibt, dieſer brave Geſandte. Sie fragen mich vielleicht, warum mich dieſer Perſer aufgegriffen hat? Ich will es Ihnen ſagen; es iſt ein hochmüthiger Streich vom kleinen Korporal, vom Kaiſer ſelbſt; er war eiferſüchtig auf mich wie ein Tiger, ſo wie er es noch niemals auf Joubert, Hoche und Moreau zu ihrer Zeit war. Aber warten Sie ein wenig Herr Bonneville, ich möchte verſichert ſein, daß uns Niemand überraſcht.“ Romeuf ging rechts und links, ſchaute auf den Bäumen und in den Gebüſchen, um ſich zu überzeugen, daß keine Lauſcher da ſeien; dann kam er zu dem Sergeanten zurück, welchem er in geheimnißvollem Tone ſeine merkwürdigen Träumereien erzählte. „Sehen Sie,“ ſagte der arme Narr zu dem Ser⸗ geanten,„was der kleine Korporal gedacht hat: So lange Romeuf bei ſeinem Corps bleidt, werde ich auf meinem Throne nicht ruhig ſein können und über kurz oder lang wird meine Garde, die junge wie die alte, erfahren, daß er es iſt, der die Schlacht von Wagram gewonnen hat; ſie hat bereits Wind davon; ich muß mich alſo dieſes Menſchen um jeden Preis entledigen. Dann hat er die Batterie ſeiner Schlauheit gerichtet; er hat den perſiſchen Geſandten kommen laſſen und ihm geſagt:„Der perfiſche Kaiſer, Ihr Gebieter, mein Bruder bittet mich ſchriftlich, ich möchte ihm einen recht klugen General ſenden, um ſeine Armee nach franzöſiſcher Weiſe zu discipliniren.— Ich will ſeiner 35 Bitte auf das Beſte willfahren und gebe ihm mehr als er verlangt, ich überlaſſe ihm einen meiner beſten Krieger, Namens Romeuf, welcher die Schlacht von Wagram mit mir gewonnen hat.⸗ Sie ſind ohne Zweifel erſtaunt, Herr Bonneville, daß der kleine Corporal dem Geſandten dieſes Geheimniß eingeſtan⸗ den hat, aber, was ſchadete ihm das? Er konnte einem Fremden, der nicht franzöfiſch ſpricht und der in ſein Land zurückkehrte, um Frankreich nie wieder zu ſehen, die Wahrheit wohl ſagen, aber dieß iſt nicht Alles. Auf den Namen Romeufs hin, der die Schlacht von Wagram gewonnen habe, iſt der Perſer zufrieden eweſen und hat dem kleinen Korporal, den er auf eine Weiſe grüßte, geantwortet:„Majeſtät, ich kenne dieſen Romeuf ganz gut vom Hörenſagen; der König von Marokko, Schwager meines Souverains, des Sultans nach der Mode, wie ſie in Bretagne iſt, hatte bereits die Abſicht, ihn ein oder mehrere halbe Jahre lang von ihnen zu lehnen, in der Abſicht, ihn für ſeine Marokkaner als General⸗Inſtruktor zu ver⸗ wenden. Der Sultan, mein Herr, wird über den Vorzug, den er vor dem König Marockos erhält, ſehr geſchmeichelt ſeyn. Wann werden Sie uns den alten Haſen ſenden?,„Bald,“ erwiderte der kleine Kor⸗ poral,„ſo ſchnell als möglich, wenn ich ihm eine ſeines Bartes angemeſſene Ausſtattung habe zuſammen machen laſſen, denn ich will nicht, daß er nach Perſien, wo er ſich nothwendigerweiſe als Feldmarſchall der Mamamouchis zeigen muß, wie ein Flibuſtier komme.⸗ „Majeſtät,“ erwiderte der Perſer,„ſenden Sie mir den wackern Romeuf nur immer in mein Logis; ich nehme es auf mich, ihm die Kleidungsſtücke zu verſchaffen, welche für ſeine perſönliche Ausſtattung nothwendig und derſelben angemeſſen ſind. Nun gut, ich werde ihn ſenden, erwiderte ihm der kleine Kor⸗ poral, aber ich empfehle ihn Ihrer Majeſtät! ich werde ſo für ihn beſorgt ſein, wie für meihen Augapfel, 36 erwiderte der Geſandte, und ich kann Sie auf mein Ehrenwort verſichern, ſo wie er in das Land des Sul⸗ tans kommt, wird er alsbald im perſiſchen Reiche Marſchall werden.“ „An demſelben Abende, an welchem dieſe Unter⸗ redung geführt wurde,“ fuhr Romeuf immer ganz geheimnißvoll fort,„führten mich die Mameluken der Garde hieher. Aber von einem Augenblick zum an⸗ dern warte ich auf meinen Reiſepaß, um mit dem Geſandten nach Perſien zu reiſen, und wenn Sie mit mir kommen wollen, Herr Bonneville, ſo mögen Sie nur ſprechen, denn ich mache Sie zum Chef meines Generalſtabes; denn ach! da ich das Franzöſiſche weder leſen noch ſchreiben kann, ſo wird es mir ſchwer werden, in türkiſcher Sprache den Tagesbefehl zu geben; ich werde Ihnen denſelben diktiren; hiezu werden Sie mir von großem Nutzen ſein.“ „Ich danke, mein Freund, ich danke,“ erwiderte der Sergeant, welcher die zutraulichen Entdeckungen des Tambours mit bewunderungswürdiger Kaltblütig⸗ keit anhörte.„Ich will noch einige Zeit unter der Garde dienen, dann, wenn ich nicht ein wenig höher ſteigen kann, als wirklich(und dabei lächelte er mit Bitterkeit), werde ich mit Ihnen gehen.“ „Sie werden gut daran thun, Herr Bonneville; der kleine Korporal iſt mit ſeinen Lobſprüchen gegen Sie auch nicht beſonders freigebig; wenn Sie auch nicht, wie ich, die Schlacht von Wagram gewonnen haben, ſo haben Sie nichts deſto weniger Thaten vollbracht, welche mehr verdienten, als ein meſchan⸗ tes Paar Sardellen auf dem Aermel. Ich ſage Ihnen bloß das: Wenn die Ungerechtigkeit Sie immer ver⸗ folgt, ſo ſuchen Sie mich in Perſien auf, fragen Sie nach mir beim Corps der Garde und Romeuf, Mar⸗ ſchall des perſiſchen Königreichs, wird Ihnen beweiſen, daß er gegen den Chef des kleinen Manufakturpoſtens niemals Widerwillen im Herzen gehegt hat.“ 4 45 ℳ 4 ſes T dauer hatte, vorſte Kame gemei mete. geante Phm, ſeligen ſer, n terofff nen E bours eine ſeine ihnen ten w aber, Zweif lung bei ih Geneſ ville, Kopf len w leicht erhalte 2 ſprach Plan, Bonn if mein es Sul⸗ Reiche Unter⸗ r ganz ken der um an⸗ it dem Sie mit en Sie meines zöſiſche es mir sbefehl hiezu viderte kungen blütig⸗ er der höher er mit heville; gegen e auch veiſen, voſtens 37 Ddie Unterhaltung der zwei Freunde handelte die⸗ ſes Thema ab, ſo lange der Beſuch des Sergeanten dauerte. Nachdem Bonneville den Tambour verlaſſen hatte, glaubte er, ſich dem Direktor der Heilanſtalt vorſtellen zu müſſen, um ihm im Namen aller ſeiner Kameraden unter den Jägern der Garde für die un⸗ gemeine Sorgfalt zu danken, welche er Romeuf wid⸗ mete. Der Direktor fand das Benehmen des Ser⸗ geanten ſehr zartfühlend. „Aber Herr Direktor!“ ſagte dieſer letztere zu ihm,„haben Sie keine Hoffnung, unſerem unglück⸗ ſeligen Kameraden den Verſtand wieder zu geben?⸗ „Ich geſtehe Ihnen, mein Herr!“ erwiderte die⸗ ſer, welcher den Manieren und der Sprache des Un⸗ teroffiziers wohl anſah, daß er es mit keinem gemei⸗ nen Soldaten zu thun habe,„die Heilung des Tam⸗ bours Romeuf iſt mehr als zweifelhaft. Doch wenn eine ſtarke und unerwartete moraliſche Erſchütterung ſeine Organe in gewaltigen Anſpruch nähme, und ihnen den normalen Gebrauch wieder ſchenkte, ſo könn⸗ ten wir hoffen, daß er den Verſtand wieder bekäme, aber,“ ſagte der Direktor, indem er zum Zeichen des Zweifels den Kopf ſchüttelte,„ich befürchte, dieſe Hei⸗ lung werde bloß momentan ſein. Der Wahnſinn iſt bei ihm zu entwickelt, als daß man eine vollſtändige Geneſung hoffen könnte, und früher oder ſpäter—⸗ „Eine ſtarke Erſchütterung,“ wiederholte Bonne⸗ ville, welchem plötzlich ein lichter Gedanke durch den Kopf fuhr;„wenn es bloß auf das ankommt, ſo wol⸗ len wir ſie hervorrufen. Ihre Sorgfalt wird viel⸗ eeicht dem Regiment einen ſeiner tapferſten Söhne erhalten.“ Bonneville nahm Abſchied vom Direktor und ver⸗ ſprach ihm, bald wieder zu kommen und ihm den Plan, mit dem er umgehe, in Bälde vorzulegen. In der That erſchien in der folgenden Woche Bonneville mit einem gedruckten Tagsbefehl in der 38 Hand, voll Freude und Hoffnung ganz plötzlich vor den Augen Romeufs, der ihn dieſesmal gleich zu An⸗ fang erkannte. „Mein Freund!“ rief der Sergeant,„endlich iſt Ihnen Gerechtigkeit widerfahren, vollkommene, glän⸗ zende! Hier iſt der Tagesbericht über die Schlacht von Wagram, welchen der Kaiſer diktirt hat, ſo wie er ſo eben im Moniteur erſchienen iſt. Wohlan, leſen Sie oder vielmehr(indem er das Papier eilig wie⸗ der ergriff) laſſen Sie mich leſen: Wenn die Schlacht von Wagram gewonnen wurde, wenn die Trophäen dieſes Tages für Frankreich und für die große Armee ſo ſegensreich waren, als die von Marengo, Auſter⸗ litz und Jena, ſo verdankt man dieſe bewunderungs⸗ würdigen Erfolge dem Tambour der zweiten Com⸗ pagnie vom erſten Bataillon der Kaiſergarde zu Fuß, welcher ſeiner Majeſtät den Plan dieſer Schlacht an⸗ gab, und welcher, nachdem er ſich als erfahrener Ge⸗ neral gezeigt hatte, ſich waͤhrend des Gefechtes als unerſchrockener Soldat benahm.“ Romeuf hielt, während ihm dieß vorgeleſen wurde, den Athem an ſich; ſeine Augen, ſeine Seele, ſein ganzes Ich hing an dem Bericht, den Bonneville in der Hand hatte. Nachdem der Sergeant mit Vor⸗ leſen fertig war, rief der arme Narr aus:„Es iſt alſo wahr?“ faßte mit zitternder Hand das Papier, das von der Druckerei her noch naß war, und indem er die ihn betreffenden Worte heraus zu buchſtabiren ſuchte, ſagte er:„Siehe dal da bin ich alſo Ange⸗ ſichts der Armee als Sieger von Wagram anerkannt! Ach Bonneville! welche glückliche Nachricht bringen Sie mir dal welche Freude laſſen Sie mich empfin⸗ den! Daß ich nicht hundert Leben habe, um ſie alle für den Kaiſer aufzuopfern, der mir endlich Gerech⸗ tigkeit widerfahren läßt! Oh! der kleine Korporal verdient mit Recht, daß man ſich für ihn in Stücke hauen läßt! Ich verdanke ihm bereits das Leben; r ich werde ihm noch mehr zu verdanken haben— Bah! was ſage ich? Ich verdanke ihm Nichts, wir find quitt.“ Er ſtürzte ſich ganz außer ſich dem Sergeanten in den Arm und vergoß reichliche Thränen. Aber bald verlor er in Folge einer unmerkbaren fortſchrei⸗ ienden Veränderung allmählig das Bewußtſein und fiel in einen lethargiſchen Schlaf. Der Arzt, der es vorausgeſehen hatte und der mit Ungeduld auf den Ausgang der Scene wartete, ſagte nun zu Bonneville:„Mein Herr! Sie haben hier eine ſchöne Kur gemacht. Die Freundſchaft hat ſte Ihnen auf ſchöne Weiſe eingegeben; doch iſt es das Werk der Wiſſenſchaft, dieſe Sache zu vollenden, und ich wage es, Ihnen zu verſprechen, die Bemühungen derſelben werden nicht weniger glücklich ſein, als die Ihrigen.“ Der Doktor täuſchte ſich nicht. Nach einem er⸗ quickenden Schlafe erwachte Romeuf ſo ruhig, ſo ver⸗ ſtändig als vor der Schlacht von Wagram. Bevoll⸗ mächtigt vom Direktor, hatte ihn der Arzt während ſeines Schlafes in ein beſonderes Haus in einem Dorfe bringen laſſen, damit die Augen des Reconva⸗ lescenten nicht mit ſeinen traurigen Unglücksgenoſſen zuſammenträfen. Als der Tambour aufwachte, ſah er an ſeinem Bette Niemand, als ſeinen Freund Bon⸗ neville, ſeine Uniform, ſeine Ehrenſchlägel. Er be⸗ ſchäftigte ſeine Blicke einige Momente mit dieſen theu⸗ ren Gegenſtänden, von denen er ſo lange Zeit ge⸗ trennt war, und ſagte alsdann zu Bonneville:„Ser⸗ geant! es ſcheint mir, ich habe einen böſen Traum gehabt. Sie haben mich aus ihm heraus geriſſen; ich danke Ihnen dafür; doch das bleibt unter uns im Leben und im Tode. Das iſt meine Anſichtsweiſe. ——— 40 10. Der Kremt und das Gänſe⸗Spital. Die dienſtthuenden Schwadronen und Bataillone der welche von den Ruſſen verlaſſen zu ſein ſchienen. Napoleon hatte den Befehl gegeben, der Kreml, den er ſelbſt bewohnen wollte, ſollie von einem Ba⸗ taillon Voltigeurs aus der Garde, die von dem un⸗ erſchrockenen Cambronne befehligt wurden, bewacht werden. In Folge deſſen hatte die Hälfte dieſes Re⸗ giments, unter dem Romeuf ſtund, dieſen alten Palaſt der Zaaren in Beſitz genommen. Doch wir müſſen erzählen, wie der alte Jäger⸗ Tambour nach Moskau kam. Nachdem Romeuf Charenton verlaſſen, hatte er ſeinen alten Oberſt wieder aufgeſucht und ihn um die Erlaubniß gebeten, wieder in ſein Corps eintreten zu dürfen, aber nicht mehr als Tambour, ſondern als einfacher Jäger. „Seit dem, was in Schönbrunn paſſirt iſt, find es zwei Jahre,“ erwiderte ihm Michelin,„es iſt un⸗ möglich. Sie wiſſen ſo gut als ich, daß die Grena⸗ diere und Jäger der Garde allein das Privilegium haben, den Dienſt um die Perſon des Kaiſers zu ver⸗ bei ich hr. Gra Poſt his noch die len, mein aufn trete. dem daß das er den ſchlacht ropa's ug in beget⸗ todt. te der Ein⸗ if die urück. teten, e an, reml, Ba⸗ t un⸗ vacht Re⸗ alaſt iger⸗ e er die n zu als ſind un⸗ ena⸗ ium per⸗ 41 ſehen. Was würde er ſagen, wenn er Sie wieder ſehen würde?“ „Mein Oberſt! er würde zu mir ſagen: Guten Tag, Romeuf! wie geht es mit der Geſundheit?“ „Ich würde ihm antworten: ſehr gut, mein Kai⸗ ſer. Wenigſtens iſt dieſes meine Anſichtsweiſe.“ „Sie hat den gewöhnlichen Menſchenverſtand nicht, Ihre Anſichtsweiſe,“ erwiderte ihm Michelin, indem er die Achſeln zuckte;„Sie dürfen nicht mehr bei den Jägern eintreten.“ „Aber dann, mein Oberſt! wo wollen Sie, daß ich mich hineinziehe? Ich kann die Garde nicht ver⸗ laſſen, ohne in ein anderes Corps mit einem höhern Grade einzutreten. Der kleine Korporal hat mir alle Poſten abgeſchlagen, um welche ich nachgeſucht habe, bis auf heute; dieſes war ſeine Anſichtsweiſe.“ „Und der Kaiſer ſieht immer recht,“ erwiderte noch einmal Michelin;„doch gibt es noch ein Mittel, die Sache ins Reine zu bringen. Wenn Sie wol⸗ len, ſo werde ich mit Cambronne ſprechen; dieſer iſt mein Freund und wenn er Sie unter ſeine Voltigeurs aufnehmen will, ſo dürfen Sie nicht aus der Garde treten und haben nicht zu befürchten, Sie müßten dem Kaiſer vor die Augen treten.“ „In der That, mein Oberſt; was das betrifft, daß ich dem kleinen Korporal unter die Augen komme, das iſt unmöglich.“ „Wie werden Sie es machen?“ „Ich werde ihn nicht anſehen; das iſt meine An⸗ ſichtsweiſe.“ „Nun gut, es ſei,“ ſagte Michelin lächelnd. Einige Tage nachher wurde Romeuf in das erſte Bataillon des dritten Voltigeur⸗Regiments aufgenom⸗ men, und machte mit dieſem Regiment den Feldzug nach Rußland, ohne daß bis dahin das Ungefähr ge⸗ wollt hätte, daß er Napoleon ſah, der gar nicht an ihn dachte. Der Kaiſer war Morgens in Moskau eingezogen. Beim Anblick des Kremls, des Kreuzes von Iwan dem Großen und dem ſchönſten Theile der Stadt, welche von der ungeheuern Citadelle auf allen Seiten beherrſcht wird, rief er aus:. „Hier werde ich den Frieden diktiren.“ Er zog in den Kreml ein. Das Innere dieſes Palaſtes zeigte eine Reihe ungeheurer, prachtvoll meublirter Zimmer; er quartirte ſich in demienigen ein, deſſen Ausſicht ſich in die Fluthen der Moskwa tauchte und einen ungeheuern Horizont von Häuſern und Domen umfing. „Wir wollen ſehen, was die Ruſſen thun wollen,“ ſagte er, nachdem er ſich einquartiert hatte.„Wenn ſie auch nicht unterhandeln wollen, unſere Winter⸗ quartiere ſind geſichert. Wir werden der Welt das einzige Schauſpiel einer Armee geben, welche ruhig in Mitten eines feindlichen Volkes überwintert, das ſie von allen Seiten umgibt. Die große Armee in Moskau wird das im Eis feſtſitzende Schiff ſein und bei der Rückkehr der ſchönen Jahreszeit werden wir den Krieg wieder beginnen und nach Sankt Peters⸗ burg marſchiren.“ Aber kaum hatte er ſich im alten Palaſte der Romanoffs einquartirt, als eine ſchreckliche Feuers⸗ brunſt ausbrach. Bereits fliegen Flammen und bren⸗ nende Gegenſtände bis auf das Dach des Kremls. Es werden Befehle gegeben, um das Feuer zu löſchen, aber es verſtärkt ſich auf allen Punkten Moskaus. Napoleon geht mit ſieberhafter Aufregung in ſeinen emächern umher. Er ſtürzt an das Fenſter und be⸗ trachtet mit traurigem Blick die ſchrecklichen Fortſchritte, welche der Brand macht. Das iſt nicht Alles; es ver⸗ breitet ſich das Gerücht, der Kreml ſei unterminirt. Die Ruſſen haben es verſichert. Napoleon gibt auf dieſen Allarm blos mit einem Zeichen des Unglaubens Antwort. Er betrachtet immer das furchtbare Ele⸗ ment, welches ſeine Verwüſtung immer weiter ver⸗ man mich b ablöſ leiſe glaub Sie richte Napt Preu von 7 reuzes le der allen dieſes htvoll nigen oskwa iuſern llen,“ Wenn zinter⸗ t das ruhig „ das iee in n und n wir eters⸗ e der euers⸗ bren⸗ kemls. ſchen, Bkaus. ſeinen ad be⸗ hritte, 3ver⸗ ninirt. dt auf ubens Ele⸗ ver⸗ 43 breitet. Bald iſt Alles vom Feuer ergriffen; blos die Umgebung des Kreml iſt noch unberührt, aber die Nacht kommt heran, und der klägliche Ruf:„Feuer im Kreml!“ geht von Mund zu Mund. Mürat, Eugen, Berthier ſtürzen zum Kaiſer herein und bedrängen ihn, der Gefahr zu entfliehen. Napoleon tritt aus ſeinem Zimmer, um dieſelbe in Augenſchein zu nehmen. Er fieht ſich von einem flammenden Ocean umgeben. Er gibt den Bitten nach, mit denen man ihn beſtürmt. Indem er von der gegen Norden ſich befindlichen, be⸗ reits durch das Niedermetzeln der Strelitzen bekannten Treppe herabſteigt, hielt er beim Anblick eines Sol⸗ daten ſeiner Garde ſtill, welcher an dieſer Treppe unten Schildwache ſteht. In dieſem Augenblick wir⸗ belte eine dichte Rauchwolke, welche der Wind in den ungeheuren Hofraum hereinpreßte, über dem Haupte dieſer Schildwache, welche, obwohl ſie das Gewehr präſentirte, dennoch die Augen geſchloſſen hatte. „Warum wurde dieſer Menſch nicht abgelöſt?⸗ fragte der Kaiſer ſeine Offiziere.„Du kannſt gehen,⸗ fuhr er fort, indem er ſich zu dem Soldaten wandte, „man braucht dich hier nicht mehr.“ „Unmöglich, mein Kaiſer; der Korporal, welcher mich hieher geſetzt hat, ſoll ſelber kommen und mich ablöſen.“ Und, die Augen immer geſchloſſen, fügte er leiſe hinzu:„Das iſt meine Anſichtsweiſe.“" Auf dieſe Antwort trat ihm Napoleon näher. „Iſt dieß mein alter Tambour?“ fragte er;„ich glaubte dich verrückt.“ „Verzeihung, mein Kaiſer; ich war blos durch Sie närriſch; Sie haben mich den Geiſt nach Wagram richten laſſen—“ „Sprechen wir nicht mehr davon,“ unterbrach ihn Napoleon.„Doch ich hoffe, Du hältſt jetzt mehr auf Preußen und Ruſſen; was denkſt Du hauptſächlich von den letzteren?“ „Mein Kaiſer! ich denke, was ich immer gedacht habe, die Preußen, obwohl fie auf unſerer Seite ſtehen, haben niemals viel getaugt, und die Ruſſen taugen durchaus Nichts; ich habe immer die gleiche Anſichtsweiſe, ich!“ „Es iſt wahr, wir mußten ein wenig laufen, um ſie einzuholen, aber zuletzt an der Moskowa haben ſie ſich gezeigt.“ „Möglich, mein Kaiſer, aber ſie hätten beſſer daran gethan, wenn ſie ſich verſteckt hätten.⸗ „Sire,“ ſagte mit bittendem Tone einer der höch⸗ ſten Offiziere des Kaiſers, welcher voll Angſt ſah, wie der Rauch immer dichter wurde,„Ihre Majeſtät ſollte ſich beeilen.“ „Es iſt gut, mein Herr! nunterbrach ihn trocken Napoleon und, indem er ſich an Romeuf wandte, ſagte er:„ſo gehe nun; ich will es.“ „Verzeihung, mein Kaiſer! Sie haben das Recht, mich erſchießen zu laſſen, Sie haben das Recht, mich zu begnadigen, aber Sie haben das nicht, mich zum Verlaſſen meines Poſtens zu bewegen. Blos der Cor⸗ poral Verdür hat dieſes, und ich will auf ihn warten, weil es in der Ordre ſteht und meiner Anſichtsweiſe gemäß iſt.“ „Nun gut,“ ſagte Napoleon, indem er über kra⸗ chende Kohlen hinwegſchritt, wobei er den Lärmen anhören mußte, welchen die berſtenden Gewölbe und die ſtürzenden Dächer verurſachten, die rings um ihn her niederfielen. Nachdem er in einer Gegend ange⸗ kommen war, wo es Nichts als Aſche hatte, ſagte er zum Fürſten von Wagram: „Die wackern Leute,“ indem er auf Romeuf an⸗ ſpielte,„was hat ein Land zu fürchten, wo deſſen Kinder alle ſo hochherzig ſind?“ Der Korporal Verdür löste endlich Romeuf ab. „Nicht wahr es iſt Zeit,“ ſagte dieſer Unteroffi⸗ zier zu ihm.. „In der That, Korporal,“ erwiderte ihm lächelnd 45 der alte Tambour mit geſchwärztem Geſicht und ver⸗ branntem Bart;„ich ſah zuletzt Nichts mehr, als Feuer.“ Und Romeuf ließ ſich mit ſo viel Ruhe ablöſen, als wenn er im großen Hofraume der Tuillerien Schildwache geſtanden hätte. Die Unfälle, welche am Ende dieſer Zeit die franzöſiſche Armee aufrieben, vermehrten blos den Haß Romeufs gegen die Ruſſen und Preußen. Man weiß, wie unſere Schaaren auf verheertem Grund und Boden, mitten durch verbrannte Städte hindurch, zu⸗ rückkehrten. Mühſam ſchleppten ſie ſich in dieſem unge⸗ heuren Eisgrabe fort. Die Verzweiflung führte Ver⸗ wirrung herbei. Der Kaiſer, die Generale und Sol⸗ daten marſchirten im gleichen Elende vorwärts. Noch mehr Lebensmittel, noch mehr Pflege, noch mehr Ruhe ab es übrigens bis zum Augenblicke, wo die Bereſina 3 wie ein eiſiges Leichentuch über einen großen Theil der bis dahin am Leben Erhaltenen herumſchlang. Aber das Vaterland hatte den nahenden Schritt der Fremden gehört. Es hatte gerufen: zu den Waffen! und Frankreich hatte ſich noch einmal erhoben. Niemals zeichnete die Geſchichte ſchönere Thaten der Armee auf, als die vom Feldzuge 1813 und 1814, wurde der Boden Fuß für Fuß vertheidigt, aber die Hingebung, das Genie der Tapferkeit brachen ſich an der ehernen Maſſe von einer Million Feinde. In der Schlacht von Saint⸗Dizier, der letzten, welche Napo⸗ leon den Verbündeten lieferte, hatte die Wuth Romeufs gegen die Preußen einen Grad von heftigem Fieber⸗ anfall erreicht. Der Kaiſer, um den Sieg des Tages ſicher auf ſeine Seite zu lenken, warf ſich unter ein Bataillon der alten Garde und rief: 3 „Vorwärts, Kinder! erinnert euch, wir hatten noch kein Treffen mit den Preußen, ohne ſie zu ſchlagen.-— „Das iſt meine Anſichtsweiſe“, erwiderte eine 46 Stimme aus den Gliedern heraus, welche den Lärmen des Flintenfeuers übertönte. Dieſe Stimme war die Romeufs. Der Extambour war erfreut, ſich noch einmal mit Leuten, die er ver⸗ abſcheute, im Handgemenge zu finden, aber ſeine Freude war von kurzer Dauer, denn im nämlichen Augenblick zerſchmetterte ihm eine Preußenkugel den Arm. Da der Bär ſein Gewehr nicht mehr hand⸗ haben konnte; ſo war er genöthigt, ſeinen Platz zu verlaſſen, um in das Lazareth zu gehen. Romeuf gehörte zu den Wenigen, welche wieder nach Paris zurück kamen. In Folge ſeiner guten Conſtitution war er auf dem beſten Wege der Beſſerung, als er einige Tage nachher, beim Anfang des Aprils, von ſeinem ette aus im Gänſe⸗Spital ein Trommeln hörte, deſſen Takte ihm ungewöhnlich ſchienen. „Ich kenne dieſe Schläge wohl,“ ſagte er, indem er ſich im Bette aufrichtete.„Wiewohl dieſe auch auf unſerem Repertorium ſpielten, ſo haben ſie doch nie⸗ mals Etwas gegolten.“ Der alte Soldat ſpielte auf das preußiſche Corps des Generals York an, welches im Feldzuge 1812 mit uns gegen die Ruſſen marſchirte. Und in der That, es war ein preußiſches Corps, welches durch die Barriere von Vaugirard in Paris einzog. Ganz außer ſich, wartete Romeuf, bis die Spitze der Colonne bis vor die Thüre des Spitals gekommen war, dann ſprang er aus ſeinem Bette, lief an ein Fenſter, nahm alle Gewalt ſeiner Zunge zuſammen und ſchrie mit einer Donnerſtimme: „Es lebe der Kaiſer! die Preußen ſind zu Nichts nütze; das iſt die Anſichtsweiſe des Siegers von Wagram.“ Wie man ſieht, hatte der Direktor des Irren⸗ hauſes von Charenton ihn ganz gut beurtheilt. Der arme Romeuf war noch nicht vollſtändig geneſen. irmen nbour ver⸗ ſeine lichen l den hand⸗ atz zu pmeuf Paris war einige einem börte, ndem ) auf nie⸗ orps mit orps, haris die itals hette, unge ichts von ren⸗ Der 47 11. Der Grächtete. An einem friſchen Morgen des Septembers 1815 irrte der General Michelin von den Jägern der alten Garde, welchen Napoleon zum Grade eines Diviſions⸗ generals und Großofſiziers der Ehrenlegion während des ruhmreichen Feldzuges von 1813 erhoben hatte, in der Umgegend von Strasburg umher. Er wagie nicht, in die Stadt einzutreten und Gelegenheit zu ſuchen, um über den Rhein zu kommen. Mitbegriffen in der Ordonnanz vom vierundzwanzigſten Juli, welche den größten Theil der höhern Offiziere des Kaiſerreichs ächtete, hatte ſich, Dank der Aufopferung ſeiner Frau und der elſäßiſchen Kleidung, in welche er vermummt war, der brave und ehrenwerthe Michelin den Nach⸗ ſuchungen, deren Gegenſtand er war, zu entziehen gewußt. Nachdem er, gequält von Müdigkeit und erſchöpft von Hunger ſeit dem Morgen herum geirrt war, war er entſchloſſen, in der erſten Wohnung, die er antreffen würde, gaſtliche Aufnahme nachzuſuchen. Gegen Abend hielt er endlich vor einer Art einzeln gelegenen Herberge, zwei Flintenſchüſſe von einem Weiler entfernt, das ihm ziemlich beträchtlich erſchien. Der Geächtete ſchaute rings um ſich, dann prüfte er das Haus, ſpitzte die Ohren, und da er Nichts hörte, das ihn beunruhigen konnte, und hinter den Fenſter⸗ ſcheiben Nichts als Leute mit gutmüthiger Miene ſah, ſo entſchloß er ſich, einzutreten. Indem er ſeine Sprache mit ſeiner Kleidung in Einklang ſetzte, verlangte er in einem Gemiſche von franzöſiſch und deutſch ein Nachteſſen und ein Nachtlager; dann, ohne zu warten, bis der Hausherr, an den er ſich gewendet hatte, ihm antwortete, ſetzte er ſich an einen leeren Tiſch. Aber während der Wirth einer Magd Befehle gab, glaubte 3 48 er zu bemerken, daß ein an einem Tiſche ſitzendes In⸗ dividuum, welches ſo eben ſeinen dritten Schoppen Bier geleert hatte, ihn ſorgfältig ins Auge faßte. Dieſer Menſch war klein, aber von brauner Hautfarbe, von einem ganz eigenthümlichen ungezwungenen Beneh⸗ men, hatte einen ſichern Blick, und mehr als das, an den Narben, von denen ſeine Stirne durchfurcht war, konnte man leicht einen der alten Soldaten er⸗ kennen, welche zwanzig Jahre lang Europa als Sieger durchzogen hatten. Plötzlich ſtand dieſer Menſch auf, trat zu dem neuen Ankömmling, hielt militäriſch die Hand an die grauen Haare„ welche ſeine Stirne be⸗ deckten, und ſagte halblaut: „Verzeihen Sie, mein General! aber nach mei⸗ ner Anſichtsweiſe glaube ich, daß die Uniform, die Sie auf dem Leibe haben, Ihnen nicht ſo gut ſteht, als die vom großen Schnitte der alten Garde.“ Als Michelin ſich erkannt ſah, legte er, weil er für ſeine Freiheit fürchtete, die Hand auf die Piſtolen in ſeinen Taſchen. „Seien Sie ruhig mein General, ſagte der kleine Menſch, welcher ſeine Abſicht errathen hatte.„Soll ich vielleicht als eine geſchwätzige, unter Lilien hüpfende Jeſusgrille an Ihnen handeln? Das Ding macht Einem keine Schande, aber tbun Sie mir den Ge⸗ fallen, und verwilligen Sie mir einen Blick der In⸗ ſpektion aus Ihrem ſonſt ſo ſcharfen Auge, und Sie werden ohne Mühe den erkennen, mit dem Sie es zu thun haben.“ „Sie haben eine ausgezeichnete Anſichtsweiſe, mein General. Jal ein wenig war ich unter der 49 Garde, ich ſchmeichle mir. Ich habe, wie Sie ſagen, bei Waterloo hinreichend mitgewirkt, und noch bei einer anderen Aktion,“ fügte er hinzu, indem er ſich das Kinn ſtreichelte. „Sie waren bei dem unerſchrockenen Carrée!⸗— „Ich war dabei,“ unterbrach ihn Romeuf,„bei der erſten Abtheilung der Garde⸗Schützen, von welcher ich nach meinem Unfall von Schönbrunn austrat.— Als ich von dort unten wieder weg kam,(der Tambour bezeichnete blos mit dieſen zwei Worten den Narrheits⸗ anfall, den er in Deutſchland gehabt hatte und in Charenton, wo er als Verrückter in der Kur war.) Aber,“ fuhr er ſtolz fort,„das hat mich nicht gehin⸗ dert, den Feldzug nach Moskau mitzumachen, wo ich im Schnee beinahe lebendig verbrannte; unſere Be⸗ kanntſchaft ſchreibt ſich aus längerer Zeit her. Zum Beiſpiel, ich ſetze voraus, mein General, Sie haben eine leichte Erinnerung an den kleinen Manufaktur⸗ poſten, an den Kriegsrath in der Straße Cherche⸗Midi, der vierzehn Stunden dauerte, an die Unterhaltung, welche ich in Ihrer Gegenwart mit dem kleinen Ex⸗ Korporal in Saint⸗Cloud hatte. Romeuf, mein Ge⸗ neral! genannt Roſſignolet, früher Tambour in der erſten Compagnie des erſten Schützenregimentes bei der Garde, welcher Stuß gehabt hat mit ſeinem Ser⸗ geanten, Namens Bonneville. Sie kennen ihn, ein großer brauner, ohne Kreuz, ein gutes Kind, aber zähe. Erinnern Sie ſich nicht, daß Sie die Ehre hatten, mein Oberſt zu ſein, und daß ich Ihnen das Leben verdanke, denn ohne Sie wäre ich— pahl’ Blitzſchnell ſtreckte er den Arm aus, legte ihn au den Backen⸗und machte das Zeichen des Erſchießens. „Je mehr und mehr der Tambour ſprach, deſto größere Augen machte der General beim Zuhören. „Ja, das biſt Du, mein armer Romeuf!“ ſagte er zu ihm, indem er ſchnell aufſtand, und ihn bei der Hand nahm, vich kenne Dich vollkommen; ich hatte Tutti Frutti. II. 4 50 Dich aus dem Auge verloren, ſeit— Deiner Angele⸗ genheit bei Wagram— ich bin erfreut, Dich wieder zu ſehen!“ „Sie haben alſo einen leichten Verdacht auf die Sachen von Wagram?“ fragte Romeuf, nachdem er . dis, Pand ſeines früheren Chefs voll Achtung gedrückt atte.“ „Du weißt wohl, daß wir bei einander waren.“ „Und getrennt von einander. Denn ich marſchirte ja vor Ihnen, und war feſt auf meinem Poſten, ohne das mindeſte Fla, oder das leiſeſte Ra von mir zu eben. Unfähig einer ſolchen Gemeinheit! Alſo mein eneral! Sie müſſen ſich erinnern, daß ich, Romeuf, es bin, welcher die genannte Schlacht von Wagram zur Hälfte mit dem kleinen Korporal gewann. Das war immer meine Anſichtsweiſe.“ Bei dieſen Worten hellte das Lächeln, welches die Lippen Michelins berührte, ſeine ſchöne Phyſiognomie ein wenig auf, die durch Kummer verdunkelt war, aber zu gleicher Zeit drückte er dem Extambour wieder die Hand. Zum Erſtenmale hatte er ein befreundetes Geſicht getroffen, ſeitdem er vor ſeinen Verfolgern floh. „ Mein General,“ erwiderte Romeuf, indem er die Stimme dämpfte,„Sie wiſſen alſo ſehr gut, daß ich ein wenig ſcharf ſehe. Wenn man die Schlacht von Wagram gewonnen hat,“ fügte er hinzu, indem er ſich mit Stolz in die Höhe richtete. „Ja! ja,“ ſagte Michelin,„ich erinnere mich, es war eine unter den Regiments⸗Tambours ausge⸗ machte Sache—“ „Wie in der ganzen Armee,“ erwiderte Romeuf. „Der Kaiſer hat es im Tagesbericht nicht geſtehen wollen, und hierin liegt eine der Haupturſachen ſeiner Unfälle, denn wenn einerſeits dieſe Ungerechtigkeit ſeinen Ruhm verdunkeln konnte, ſo entſchied ſie auf der andern ſein Unglück. Um auf mein Augenmerk zurückzukommen, als Sie hier mit gewöhnlichem Schritte gele⸗ ieder f die m er wrückt ten 4 hirte ohne r zu mein neuf, gram Das 3 die omie vwar, eder detes floh. n er daß lacht dem nich, sge⸗ 51 eintraten, ſah ich von ſelber, wo dieſer Schritt her⸗ rührte; ich will mir erlauben, Ihnen bemerklich zu machen, daß Sie in dieſer Gegend nicht ſicher find, und daß es Zeit iſt, im Sturmſchritt an den Rückzug zu denken. Seit acht Tagen regnet es mit Schwalben der königlichen Gewalt in dieſem ſtillen Aufenthalts⸗ orte; das iſt ein böſes Anzeichen.“ „Höre, mein Braver! Du kennſt das Land und die Umgebungen! Fünfzig Napoleons für Dich, wenn Du mir Gelegenheit verſchaffſt, den Rhein dieſen Abend zu überſchreiten.“⸗ Auf dieſen Vorſchlag hin machte Romeuf eine Be⸗ wegung, und indem er auf den Proscribirten traurige Blicke warf, ſagte er voll Rührung: „Mir Geld, um Ihnen einen kleinen Dienſt zu thun! Geld mir!“ wiederholte er, indem er auf ſeine Bruſt mit ſeinen beiden geballten Fäuſten ſchlug. „Gehen Sie, mein General, gehen Sie, das kann nicht Ihre Anſicht ſein.“ „Du haſt Recht— das Wiederſehen meiner Frau, meiner Kinder— ℳ „Wohlan! aber dieſen Abend wird Nichts daraus; dieſen Abend können wir nicht gut hinüberkommen, morgen, ſage ich, geht es beſſer. Heben Sie alſo Ihre gelben Vögel auf, und kommen Sie mit mir, wir werden dieſen Abend in Straßburg übernachten, und morgen, wie ich Ihnen ſage— u „Nach Straßburg! dahin meinſt Du,“ rief Mi⸗ chelin,„vich würde unfehlbar an den Thoren der Stadt arretirt, wenn ich die Unklugheit hätte, mich hier zu zeigen; ich habe nicht einmal einen Paß.“ „Ich, ja, ich habe Papiere für Zwei. Sehen Sie, das ſind die meinigen, dieſe ſind in der Ordnung; ich hebe ſie auf, und da ſind welche für Sie. Dieſe alten Papiere ſind von einem alten Lieutenant, wel⸗ chem die Preußen ſelbſt nach ſeinem Tode bei Mont⸗ Saint⸗Jean den Magen geſpickt haben, gerade wie 8 52 das Rückenſtück eines Haſen, deſſen Geſchick es iſt, an den Bratſpieß zu kommen. Sehen Sie, wie weit die Indelikateſſe von ihrer Seite ging. Sehen Sie, die Preußen! ach! mein General! ich habe über deren Rechnungsmethode eine eigene Anſichtsweiſe, welche ſich nicht mehr ändern wird, als... genug. Von dieſem armen Lieutenant glaubt man, er geht in iner ihn betreffenden Angelegenheit nach Straßburg; Sie begreifen die Rechtfertigung, welche Sie haben. Doch wir wollen zahlen, von dem Lager aufbrechen, und davon ziehen, Das muß unſere gegenſeitige An⸗ ſichtsweiſe ſein.“ Der General ſah ein, man dürfe durchaus nicht zögern. Er nahm alſo die Papiere, welche ihm Romeuf ſo edelmüthig anbot, zahlte die kleine Zeche, und nach zwei Stunden Marſch trafen ſie, ohne auf Hinder⸗ niſſe geſtoßen zu ſein, in Straßburg ein, gerade als man die Thore ſchließen wollte. Den nächſten Mor⸗ gen gingen ſie in höchſter Frühe über die Brücke von Kehl; als ſie aber daran waren, das andere Ufer zu erreichen, ſchlug auf einmal Hufſchlag an ihre Ohren.. „Das ſind Gensdarmen,“ rief Michelin beſtürzt; nich bin's, den ſie verfolgen; ich bin verloren.“ „Noch nicht, mein General!“ rief Romeuf.„Lei⸗ hen Sie mir Ihre Piſtolen, und laufen Sie recht geſchwinde.“ Kaum hatte Michelin, welcher ſo wenig Hoffnung hatte, den Gensdarmen zu entkommen, wiewohl es blos zwei waren, dem Extambour ſeine Waffen über⸗ laſſen, als ſich zwei Schüſſe vernehmen lieſſen, und das Pferd des Einen der Angreifenden wälzte ſich auf dem Boden. Der Andere hielt an, ohne zu wiſſen, ob er ſich auf den Angreifer ſtürzen ſolle. Doch wollte er Etwas thun, ſpornte ſein Roß und ſchwang die Spitze ſeines Säbels hoch über Romeuf, aber ſchon hatte Michelin Zeit gewonnen, um das fremde Terri⸗ torium erreichen zu können; er war gerettet. Was den alten Soldaten betrifft, ſo war er beinahe eingeholt, als er ſich leicht über die Bruſtwehre der Brücke ſchwang, und rief:„Elender Kerl! junges Huhn von Indien! der Sieger von Wagram wird ſich nicht durch ein Gerippe, wie Du, faſſen laſſen. Ich danke, ich will lieber auf Deine Geſundheit trinken. Das iſt meine Anſichtsweiſe.“ Und indem er ſich in den Fluß ſtürzte, entzog er ſich allen Augen. Obwohl ein geſchickter Schwimmer, trank Ro⸗ meuf unter dieſen Umſtänden, nach ſeinem eigenen Geſtändniß ein wenig mehr, als er gewollt hatte. Doch hinderte dieß nicht, daß er nicht eine Viertelſtunde nachher an's Land kam. Sobald er ſich wieder auf den Füſſen fand, war ſeine erſte Sorge, eine Nacht⸗ herberge zu ſuchen, um ſeine Kleider zu trocknen und auszuruhen, was ihm nicht ſchwer war, weil er das Land vollkommen kannte. Indem er ſich vor einem guten Feuer wärmte, ſtellte er für ſich ſelbſt folgende Betrachtungen an: 5 „Entſchieden iſt es, mein Burſche, Du biſt nicht ſicher in einem Lande, wo es Nichts als Verfolgte und Verfolger gibt. Du haſt ſo eben einen dieſer letztern auf unbeſtimmte Zeit vom Pferde abgeſetzt, und den andern ein wenig geneckt. Du wirſt mir ſagen, Du habeſt die Schlacht von Wagram gewon⸗ nen, die Sache iſt richtig, die ganze Welt weiß es, obwohl es Leute gibt, welche es nicht glauben wollen; aber es liegt Nichts daran, die Mode mit Siegen iſt bis auf neue Ordre in Abgang gekommen; man braucht keine Sieger mehr; die Saiſon des Todes wird noch lange Zeit in dieſer Hinſicht währen. Du könnteſt wohl hinzufügen, Du vermögeſt eine Ordonnanz⸗Trommel in großem Maßſtabe zum Spre⸗ chen bringen und das Eſelsfell verwandle ſich unter Deinen Fingern und nach Deinem Willen in Sammt; 54 aber dieß iſt kein Stand, um ihn als Civil noch wei⸗ ter bekleiden zu können, und zumal am heutigen Tage, wo es anſtatt der Detaſchements von Ausgehobenen mit Bataillonen Kapuziner regnet, und jede Kirche mehr Glocken hat, als die Schwadron der Garde⸗ Mameluken Trompeten beſaß. Aber es iſt genug. Nichts von Brandgedanken. Deine Eriſtens⸗Mittel finden ſich in Deinem Beutel einzig und allein con⸗ centrirt, welche noch ein Hundert Livres enthält, die abſolut frei und unabhängig ſind. Hundert Franken iſt in dieſem Lande, wie fünfhundert Schoppen Bier oder hundert Bouteillen Wein in Frankreich, oder endlich zehn Tauſend Tropfen in irgend einer Kneipe, was nicht hinreichend iſt, ſogar um ſchlecht zu leben. Von hier bis Paris, wenn ich die Hälfte der Poſten blitz⸗ ſchnell beſchleunige, wenn ich einen accentuirten Schritt in Anwendung bringe, wie der Inſtruktor der Rekru⸗ ten ſagte, werde ich in zehn Tagen— die Straße iſt ſchön, Alles gepflaſtert— Du haſt genug Grund, mein Burſche, die Poſttion da morgen in der höchſten Frühe, wenn der Tag kaum anbricht, wie bei Wagram zu verlaſſen— Das muß meine Anſichtsweiſe ſein.“ In der That, an demſelben Abend nahm der Ex⸗ tambour von ſeinen Wirthsleuten Abſchied, und mor⸗ gens war er vor Tag auf der Straße von Paris, wobei er ſeine Bagage und ſeine ſchriftlichen Sachen in einem Schnupftuch eingewickelt trug, das er an das Ende eines Stockes befeſtigt hatte, und ſechs Tage nachher kam er in Paris an, ohne zu wiſſen, was er werden ſollte, aber in der ſichern Hoffnung, derjenige, welcher die Schlacht von Wagram gewonnen habe, werde ſchnell Gelegenheit bekommen, ſich eine paſſende Stellung zu verſchaffen. Fünfzehn Tage vergingen, während deren er ſich allmählig an die weißen Cocarden und an die Preußen gewöhnte, deren Anblick das vorangegangene Jahr hin⸗ zeichend geweſen war, ihn in Wuth zu ſetzen. Nun wei⸗ Tage, henen lirche arde⸗ enug. bittel con⸗ „die nken Bier oder eipe, Von blitz⸗ hritt ekru⸗ e iſt mein kühe, n zu Ex⸗ nor⸗ aris, ichen das Tage s er nige, abe, ende ſich ußen hin⸗ Nun 5⁵ dachte er daran, ein Geſchäft ausfindig zu machen, das mit ſeinen Mitteln im Verhältniß wäre, welche, man muß es geſtehen, nicht ſehr ausgedehnt waren, aber er klopfte vergeblich an mehreren Thüren an. Ueberall wurde er unter verſchiedenen Vorwänden abgewieſen. „Ich ſehe wohl,“" ſagte er noch einmal zu ſich ſelbſt,„daß ſich die Anſichtsweiſe der Bewohner der Hauptſtadt vollkommen geändert hat, ſeitdem mein Kamerad nicht mehr da iſt, um ſie zu regieren. Doch es thut Nichts, Gott iſt groß! wie mir eines Tages der große Tralala, der Abdallah der Garde⸗Mame⸗ luken geſagt hat, den ich vor der Kirche Saint⸗Sulpice antraf, als er von dieſem Pair Frankreichs herausging. Gott iſt groß, dieß iſt möglich, aber das, was gewiß iſt, iſt das, daß die Pariſer in ihrer Anſichtsweiſe ganz geringe find.“ Eines Morgens, als Romeuf aus Mangel an Beſchäftigung oder aus Gewohnheit im Hof der Tutille⸗ rien die aufziehende Wache vor ſich vorbei paradiren ſah, glaubte er ſeinen alten Sergeanten Bonneville unter der Uniform des Bataillons⸗Chefs der könig⸗ lichen Garde wieder zu erkennen, und nach einer ſorg⸗ ſamen Prüfung konnte er keinen Zweifel mehr haben, daß er es war. „Die Sache iſt aus,“ dachte er traurig, nes ſcheint „man hat auf der ganzen Linie umgeſattelt. In der That, der kleine Korporal hatte gegenüber dem Herrn Bonneville Unrecht, daß er ihn immer blos rückwärts avanciren ließ; er machte es, wie mit mir; ?s iſt eine Geſchichte der Eiferſucht. Das iſt es, was ihm ſein Unglück bereitet hat, blos das iſt es; die Ungerechtigkeit iſt nach meiner Anſichtsweiſe die Mut⸗ ter aller Erderſchütterungen. Indem Romeuf dieſe Bemerkungen machte, hatte er ſich inſtinktmäßig gegen die Abtheilung Soldaten gewendet, wo er ſich plötzlich deren Befehlshaber ge⸗ —— —j—————— 56 genüber ſah, der in Wirklichkeit Niemand anderes, fäl als Bonneville war. Dieſer Letztere erkannte ihn als augenblicklich, und, indem er ihm die Hand reichte, helche Romeuf wie in einen Schraubſtock ſpannte, al agte er: G „Ah! das iſt ja Romeuf, unſer alter Sieger von Wagram.⸗ un „In eigener Perſon, mein Hauptmann!“ erwi⸗ blie derte der Tambour, indem er ſeiner Gewohnheit ge⸗ gan mäß die Hand an den Stülp ſeiner Kappe legte.„Ich mie ſehe mit Vergnügen,“ fuhr er boshaft fort,„Sie haben ein wenig Avancement gehabt. Entſchuldigen Sie.“ Bo „Aber nicht ſo viel, als Sie wohl glauben, mein geb Theurer. Bei der Rückkehr Bonapartes von der Ble Inſel Elba, war ich zum Offizier von königlichen tät, Freiwilligen ernannt worden. Es war natürlich, daß Abe ih tonſt meinem Grade unter die königliche Garde hal eintrat.“ „„Eil Eil Eil“ ſprach Romeuf in drei verſchiedenen geh Tönen. daß „Ich wünſche bloß Etwas,“ fuhr Bonneville fort, geſe „und ich habe Urſache zu glauben, der König wird tiku mich bald der Ehre dieſer Gnade würdig finden; es mei iſt das Kreuz des heiligen Ludwig.“ maꝛ „An Ihrer Stelle, mein Hauptmann! würde ich ſuch die kleine Kleinigkeit des kleinen Korporals vorziehen; mei es hat ſein Angenehmes.“ wei „Ich glaubte, Sie wären im Gänſeſpital geſtor⸗ fand ben,“ ſagte Bonneville, um der Reve eine andere Töp Wendung zu geben.„Ich bin äußerſt froh, daß man mich übel berichtet hat. Womit beſchäftigen Sie„Kel ſich wirklich?“ 4 dem „Mit gar Nichts, mein Hauptmann! ich bin den disponibel, ſeitdem man uns Alle in den Civildienſt deſſe ſchlüpfen ließ; aber nachdem ich mit ſo viel Verſtand der fünfzehn Jahre lang die Trommel geſchlagen habe, ebi 57 fällt es mir ſehr ſchwer, mich auf gar Nichts Anderem, als auf dem Pflaſter herumzuſchlagen.“ „Sie haben Unrecht, daß Sie Ihre Ehrenſchlägel ganz an den Nagel hängen wollen, mein theurer omeuf!“ ſagte ihm Bonneville mit Würde. „Nicht ich bin es, mein Hauptmann, der dieſe unpaſſende Handlung begeht, ſondern von dem Augen⸗ blicke an, wo die Sacriſtane das Amt der Trompeter ganz eigentlich verſchlungen haben. Sie begreifen mich. „Ach Gott! mein alter Kamerad,“ unterbrach ihn Bonneville,„das ſind Fabeln, welche man Ihnen auf⸗ gebunden hat. Der König liebt die alten Diener. Bloß der Miniſter ſieht beim Avanciren auf die Quali⸗ tät, weil er auf die Quantität nicht zu ſehen braucht. Aher dieſes iſt kein Hinderniß, keinen Poſten zu er⸗ alten. „Sie haben immer eine vortreffliche Anſichtsweiſe gehabt, mein Hauptmann! Sie mogen ſich erinnern, daß ich Ihnen dieſes ſchon längſt mehr als einmal geſagt habe; denn in der That! es gibt ſo viele Par⸗ tikullers, welche ihren Poſten verloren haben, ſeitdem mein Kamerad nicht mehr an der Spitze ſteht, daß man viele ſolcher Poſten finden kann, wenn man gut ſucht. Doch trotz dem Allem kam ich ſauber weg mit meinen Bemühungen; wenn ich auch meine Augen ſo weit aufriß, als der Schlund unſerer Haubizen iſt, fand ich doch ſo wenig leere Plätze, als Butter in den Töͤpfen eines Spitales.“ „Ich wandte mich an einen Wirth, welcher den „Keller des Wilden“ hat, am Palais⸗Ropal, um mit dem Wilden zu tauſchen, welcher dort präſent iſt und den ich vor meinem Unglück da unten in Betracht deſſen, daß es mein College beim erſten Jägerbataillon der alten Garde war(denn er war aus Courbevoie gebürtig), gut kennen gelernt habe, aber dieſer Wirth, er Nichts iſt, als ein wahrer Chineſe, hat mich unter 58 dem Vorwande meiner kleinen Geſtalt auf feine Weiſe auf die Seite gebracht. Ja! er hat geglaubt, wenn ich auf ſeiner Rolltrommel ſpielte, würden die Gäſte ſeines Hotels Nichts als die Federn meiner Mütze ſehen, weil das Tambourin ſeines Invaliden⸗Orcheſters höher als ich ſei. Dann wollte ich in den Cirkel der Brüder Frankoni eintreten, um bei ihren militäriſchen Evolutionen die Cymbel zu ſchlagen.„Es muß von Geburt ein Neger ſein, wer hier zugelaſſen werden will, antwortete man mir. Betrogen! Endlich ſagte man mir überall:„Wir danken, mein guter Mann! wir haben für den Augenblick Niemand nöthig.“ Ich habe bloß eine einzige Stufe zu erſteigen,“ fuhr Ro⸗ meuf mit einem bittern Lächeln fort,„das iſt folgende: Ich muß mich dem neuen Regimente einverleiben laſſen, das ganz aus klugen Haſen zuſammengeſetzt iſt, die ich noch geſtern Abend auf dem Boulevard du Temple manövriren ſah. In der That! es macht Freude, da zuzuſehen. Hauptſächlich iſt da ein kleines weißes Häschen mit ſchwarzem Schwanze, welches das einfache Rollen auf eine— eine— engelſchöne Weiſe ausführt, wie mir unſer Tambour⸗Major ſagte, den ſie genau gekannt haben. Aber das Alles, mein Hauptmann, iſt bloß eine Geſchichte zum Lachen, bei der man ſich in Ihrer Geſellſchaft ein wenig unter⸗ halten kann. Ein alter Haſe wie ich, mit Einem Worte der Sieger von Wagram, kann nicht im Grade fallen, wenigſtens iſt dieß meine Anſichtsweiſe.⸗ Bonneville, der mehr als einmal über den Bericht des Tambours gelacht hatte, aus welchem er ſeine Verſtandesverwirrungen wieder erſah, gab zur Antwort: „Mein Theurer! haben Sie denn keinen Ver⸗ wandten, keinen Freund, welcher, in Erwartung beſſerer Tage, Sie ein wenig unterſtützen könnte 2e⸗ „Niemand, mein Hauptmann. Es gibt zu wirk⸗ licher Zeit keine Freunde mehr. Was meine Eltern anbelangt, ach! ſo wiſſen Sie ja, daß ich meine Mutter 59 niemals kannte und daß mein Vater davon ging und mich nachließ.⸗ „Meiner Treu! das wußte ich nicht. Sie geben mir die erſte Nachricht davon.“ „Bah! offen hat man es Ihnen vom Bataillon aus nicht geſagt. Als einzige, alleinige Verwandt⸗ ſchaft hatte ich bloß eine Art apogryphiſchen Tauf⸗ pathens, der in dem frühern königlichen Dragoner⸗ regiment Brigadier war, und der ſeine Tage an der Schwäche der Invaliden endete. Dieſer hat ſich meiner Erziehung angenommen, für welche er ein gutes Stück Geld erhielt. Ja, er kann ſich rühmen, dem Vormünder ſeines Zöglings mit wahrer Wolluſt das Geld abgeſtohlen zu haben. Ohl altes Kraut iſt bös zu kochen! Wenn ich nur daran denke.— Indem Romeuf dieſe Worte ſprach, machte er eine ausdrucksvolle Geberde und fuhr mit ſeiner Hand leicht über ſeinen Rücken, dann fügte er hinzu, indem er den Kopf ſchüttelte: „Was wollen Sie, mein Kommandant! das war die Anſichtsweiſe des Inſtruktors, der mir von Seite der Regierung gegeben wurde. Wenn man ihn am Inſpektionstage hätte machen laſſen, er hätte meine Haare mit einem Nagel geſtriegelt.“ „Aber Ihre Mutter und Ihr Vater, wer ſie auch geweſen ſein mögen, mußten doch Verwandte haben. Haben Sie niemals davon ſprechen hören?“ „Niemals! durchaus niemals, mein Hauptmann. Alle waren feſt entſchloſſen, gegenüber von mir, dem armen Unſchuldigen, das tödtlichſte Inkognito zu be⸗ obachten. Ueberdieß glaube ich, wird es bei ihnen auch nicht flott hergehen. Meine Mutter war bloß eine einfache Markedenterin bei den Dragonern, welche, wie man ſagt, bloß des Teufels Schönheit als Eigen⸗ thum beſaß. Und dann in Revourdin, wo ich, wäh⸗ rend die Schwadron der königlichen Dragoner dort ag— e 60 1 53 Revourdin!“ unterbrach ihn Bonneville gleich⸗ gültig. „Ja, mein Kommandant! in Revourdin, im Rhone⸗Departement. Es iſt ein prächtiger Ort, ſage ich im Vorbeigehen; die Kinder kommen ganz natür⸗ licher Weiſe in den Kellern zur Welt, auf Haufen ausgewachſener Kartoffeln; auf dieſe Art din ich ein wenig ländlich auf die Welt gekommen, ich, der ich hier ſpreche; aber welches Federnbett! entſchuldigen Sie. Kennen Sie vielleicht dieſes Land, mein Haupt⸗ mann?: „Oh, mein Gott!— nur ein wenig— Es iſt ſchon lange Zeit her,“ erwiderte Bonneville, indem er mit der Hand über die Stirne fuhr, wie Jemand, der ſich eine dunkle Erinnerung ins Gedächtniß rufen will. Romeuf erwiderte: „Ja, mein Hauptmann! es iſt ſchon lange Zeit her. Es ſind ungefähr dreiunddreißig Jahre; Sie müſſen damals noch recht jung geweſen ſein? „Ja!“ murmelte Bonneville vor ſich hin, deſſen Geſicht auf einmal düſter geworden war. Dann, in⸗ dem er das Geſpräch auf etwas Anderes lenkte, fuhr 1 mit dem Tone eines auffallenden Wohlwollens ort: „Sehen Sie, mein armer Romeuf, ich habe meine Poſten zu inſpiziren, und die Zeit verſtreicht. Kann ich Ihnen irgend Dienſte leiſten?“ „Was Ihre Anſichtsweiſe betrifft, mein Haupt⸗ mann, ſo kann man ſicher ſein, daß—“ „Mein Schwager,“ unterbrach ihn Bonneville haſtig,„iſt Oberſtlieutenant von einem der ſchönſten Bataillone der Garde national, ich werde, wenn Sie wollen, ihn bitten, er möchte Sie als Tambour⸗Major in eines dieſer Bataillone aufnehmen. Iſt Ihnen dieſe Stelle genehm?“ „Mein Hauptmann, dieſer Vorſchlag iſt um ſo 61 ſchmeichelhafter, als er vollkommen mit meiner An⸗ fichtsweiſe übereinſtimmt.“ „Nun, hier iſt meine Karte, beſuchen Sie mich morgen nach der Ablöſung der Garde. Wohlan, mein Theurer, Adieu! Romeuf kam exakt zum Beſuche und acht Tage nachher trat der Extambour der Jäger zu Fuß bei der alten Garde an der Spitze eines der Bataillone der Bürgergarde ſtolz einher, nachdem er ſeinem Tambour⸗Major und allen Tambours unter ſeinen Befehlen erzählt hatte, auf welche Art er allein die Schlacht von Wagram gewonnen hatte, — 12. Ein Triumph. Im Monat des April 1836 las man in den er⸗ ſten Journalen von Paris unter dem Titel verſchie⸗ dene Neuigkeiten“ folgenden Artikel: „Eine rührende Feierlichkeit hatte geſtern Morgen ſtatt. Es handelte ſich darum, einem Tambour⸗Major von einem der ſchönſten Regimenter der Hauptſtadt die letzte Ehre zu erweiſen. Diejenigen, welche Ro⸗ meuf nicht kannten, waren erſtaunt, eine ſo achtbare Verſammlung zu ſehen, unter denen man den größten Theil der höhern Offiziere dieſes Regiments, ein ſtar⸗ kes Detaſchement der National⸗Garde, eine Abtheilung des Linien⸗Militärs, wie auch eine zahlreiche Depu⸗ tation der Tambours von andern Regimentern in Paris bemerkte. Unter den Offizieren, welche zur alten Armee gehört hatten und unmittelbar dem Trauer⸗ wagen folgten, zeichnete ſich einer, ein Offizier vom Generalſtabe, ein Mann von hoher Haltung, nicht ſowohl durch das große Ordensband der Ehrenlegion aus, welches ſeine Bruſt zierte, als durch den tiefen 62² Schmerz, deſſen Spuren er auf dem Geſichte trug. Es war der General⸗Lieutenant Michelin, unter deſ⸗ ſen Befehlen Romeuf lange Zeit gedient hatte, damals als er eines der Regimenter der alten Garde kom⸗ mandirte. Herr Ducantal, Advokat und Hauptmann in der Legion, zu welcher Romeuf gehörte, hielt auf dem Grabe des braven Tambours eine Rede. Dieſe Rede wird beſſer, als wir es thun könnten, die lebhafte Sym⸗ pathie erklären, welche dieſe Menge von Leuten zu⸗ ſammen geführt hatte. „Meine Herren!“ ſagte Herr Ducantal,„wenn Jemand die Menge Leute betrachtet, welche ſich in dieſen engen Raum zuſammen drängen, wie ſollte er glauben, daß dieſes deßwegen ſei, um einem beſcheide⸗ nen Tambour die letzte Ehre zu erweiſen? Aber nach dem glücklichen Ausdrucke unſeres erlauchten Mar⸗ ſchalles, des Grafen von Lobau, war dieſer Tambour in ſeiner Art eine der Zierden unſeres kriegeriſchen Ruhmes; jeder von uns hat es ſich zur Schuldigkeit gemacht, dieſem edlen Ueberreſte unſerer alten Armee zu huldigen. Romeuf, geboren zu Revourdin im Rhone⸗Depar⸗ tement, zählte kaum fünfzehn Jahre, als er mit ſo vielen Freiwilligen zur Vertheidigung ſeines Vater⸗ landes heranflog. Als Tambour in die zweiunddreiſ⸗ ſigſte Halbbrigade aufgenommen, machte er die erſten Feldzüge in Deutſchland alle mit und war Einer der Tapfern, welche über die Donau ſchwammen; überall machte er ſich durch ſeine gute Aufführung und durch ſeinen Muth bemerklich; aber dieß war nur das Vor⸗ ſpiel der glänzenden That, welche ihm die Ehre ver⸗ ſchaffte, auf dem Frontisſpice des Pantheon zu glän⸗ zen. Bei der Schlacht von Arkole gewann er die Ehrenſchlägel, welche wir voll Hochachtung auf ſeinen Sarg gelegt haben, er erhielt auch die Erlaubniß, in die Conſular⸗Garde als Tambour einzutreten, dann rug. deſ⸗ nals kom⸗ der rabe vird Sym⸗ zu⸗ benn h in e er eide⸗ nach Nar⸗ bour ſchen gkeit mee par⸗ t ſo ater⸗ reiſ⸗ rſten der rrall urch Jor⸗ ver⸗ län⸗ die nen „in ann — 63 unter die Jäger zu Fuß bei der alten Kaiſer⸗Garde und endlich als Tambour⸗Major in unſere ſchöne Legion aufgenommen zu werden, wo ſich Jeder von uns geſchmeichelt fühlte, ihn unter die Zahl ſeiner Kameraden zählen zu dürfen. Ein Ehrenbrief, von Bonaparte unterzeichnet, den wir in unſern Händen hatten, bezeugt, daß ihm der erſte Conſul zur Belohnung ſeines ausgezeichneten Verhaltens und ſeiner hervorſtechenden Tapferkeit in der Schlacht von Arcole, wo er unter dem Feuer der Oeſtreicher über den Kanal ſchwamm, den Trommel⸗ marſch ſchlug und das Beiſpiel der Unerſchrockenheit gab, unter dem Titel einer Staatsbelohnung die Eh⸗ renſchlägel zuerkannte. Das Kreuz der Ehrenlegion, welches er zu Zeit der Stiftung derſelben um ſeiner Ehrenſchlägel willen erhielt, machte den ganzen Ruhm, das ganze Glück Romeufs aus, und vor Kurzem, noch auif ſeinem Todenbette fühlte er, wie ſeine Kräfte weuder auflebten, im Andenken an ſolch werthvolle Zeugniſſe der Zuneigung ſeines alten Generals, der mnſer aller Kaiſer wurde. Alle ausgezeichneten Thaten des Tambour Ro⸗ Heuf hier aufzuzählen, würde zu lange dauern, meine werren. Wir ſagen bloß, er war vierzehn Mal ver⸗ rundet; Auſterlitz, Jena, Eylau, Friedland und Wag⸗ am, waren die Zeugen ſeiner Tapferkeit; ſeine erſte Schlacht war Jemappes, ſeine letzte Waterloo. Während der zwanzig Jahre, innerhalb welcher Romeuf bei der Pariſer National⸗Garde ſtand, unter⸗ ließ er zu keiner Zeit Proben ſeiner Treue zu geben, und wußte ſich wie früher bei der großen Armee, durch ſeine gute Aufführung die Achtuug ſeiner Vor⸗ geſetzten und die Zuneigung der unter ſeinen Befehlen ſtehenden Tambours zu erwerben. Meine Herren! indem wir bei dieſem traurigen Anlaſſe das Gedächtniß Romeufs ehren, ehren wir die ganze Armee; moge unſere unbeſiegbare Armee 64 in der Huldigung, welche wir einem ihrer alten Re⸗ präſentanten weihen, die Gefühle der Brüderſchaft wieder erkennen, welche uns mit ihr vereinigen; Sie möge den Beweis ſehen, daß die National⸗Garde immer glücklich und ſtolz darauf ſein wird, den Ver⸗ theidigern des Vaterlandes ihre Reihen zu öffnen, wenn ſie die Zeit der Ruhe zu ihrem heimatlichen Heerde zurückruft. Adieu, Romeuf, adieu, unerſchrockener Tambour von Arcole! auf dieſer Erde wird die Fronteſpice des Pantheon Dich verewigen, und in der andern Welt, wenn es ein Elyfium für die Tapfern gibt, wirſt Du da gewiß Deine Stelle finden.“ Nach dem Herrn Hauptmann von Ducantal, deſſen beredte Worte eine tiefe Rührung hervorgebracht hat⸗ ten, ſprach, wie der Berichterſtatter hinzufügte, Herr von Bonneville, General⸗Einnehmer des Departements von**v, welchen trotz ſeines hohen Alters, der Mi⸗ niſter nach Paris beſchieden hatte, und der gleichfalls einer der Waffengefährten Romeufs geweſen war, Herr von Bonneville ſage ich, ſprach im Namen aller ſeiner Kameraden auf dem Grabe deſſen, der nicht mehr war, einige Worte des Abſchieds, welche zu verſtehen ſeine lebhafte Rührung und die Schwäche ſeiner Stimme uns unmöglich machten. Aber der Augenblick, in welchem die Anweſenden eine Art ſchmerzhaften Entzückens empfanden, war der, wo der General Michelin, vom Aelteſten der Legion, der den Trauerzug führte, beauftragt, die Leichenfeierlichkeit zu beendigen, und auf den Leichnam des Todten die erſte Scholle Erde zu werfen, mit wankendem Schritte gegen den gähnenden Graben vortrat. Kaum hatte der ehrenwerthe General die Kraft, die letzte Pflicht zu erfüllen, ſeine Betrübniß war äußerſt tief, man war genöthigt, ihn zu halten, und ihn nachher bis zu ſeinem Gefährie zu führen. „Dieſe Feierlichkeit,, ſagt das Journal am Ende, 65 viſt ein neuer Beweis der Zuneigung, welche in Frankreich Muth und Tugend einflößen, unter welcher Stufe der Geſellſchaft ſie ſich immer treffen mögen, Sie möge die Bande, welche in der Achtung der Na⸗ tion alle Menſchen vereinigen und gleichſtellen, wenn ſie auch durch ihre Dienſte der Talente von einander getrennt ſind, immer feſter knüpfen, ſie möge den Bürgern, welchen Rang ſie auch immer einnehmen mögen, beweiſen, daß es von ihnen abhängt, wenn ſie die Zeugniſſe des öffentlichen Dankes einernten wollen, und daß ſie deßhalb nur den Heroismus und die Tugend des armen und beſcheidenen Tambour von Wagram zum Muſter nehmen ſollen.“ Kaum war der General⸗Einnehmer Bonneville zu ſeiner Familie zurückgekehrt, als er durch einen Boten von Paris ein ſorgfaltig eingepacktes Packet von La hetnch erhielt, deſſen Ueberſchrift folgenvermaßen autete: „An den Herrn Grafen von Bonneville, dem frü⸗ hern Unteroffizier bei den Jägern zu Fuß unter der alten Kaiſergarde, dem frühern Oberſtlieutenant der königlichen Garde, dem Offizier der Ehren Legion, dem Commandeur des Chriſtus⸗Orden, gegenwärkigen General⸗Einnehmer des Departement*ᷣE in***. Die Sonderbarkeit dieſer Aufſchrift nahm dem alten Militair Wunder.—„Diejenigen, welche mir dieſes Packet zuſenden,“ ſagte er heiter,„hätten mir es doch vor einigen Tagen, als ich mich in Paris be⸗ fand, in meinen Gaſthof ſenden können.“ Schnell über⸗ ließ er ſich wieder dem natürlichen Wohlwollen ſeines Charakters, und fügte hinzu:„Vielleicht kennen die Leute meinen Aufenthaltsort nicht. Uebrigens laſſet uns ſehen, was dieſes Packet enthält.“ Der General⸗Einnehmer ließ es in ſein Kabinet tragen, und ſchloß ſich da ein. Eine Art von Vor⸗ Tutti Frutti. II. 5 — 66 gefühl ſagte ihm, indem er es eröffnet, werde er einen feierlichen Akt begehen. Mit zitternder Hand riß er den Umſchlag des Packetes hinweg, erbrach das Schloß und fand zu ſeinem großen Erſtaunen folgende, mit einem Trauerflor bedeckte Gegenſtände: 1) Zwei Trommelſchlägel, in Silber gearbeitet, auf deren Ende folgende Worte eingravirt waren: „Ehrenſchlägel von der franzöſiſchen Regierung Ray⸗ mond Romeuf zuerkannt, von der zweiunddreißigſten Halbbrigade, gebürtig von Revourdin im Rhone⸗ Departement, zur Belohnung ſeiner herrlichen Waffen⸗ that und ſeiner Unerſchrockenheit beim Uebergange über die Brücke von Arcole in Italien, den fiebenundzwan⸗ zigſten Frimaire im fünften Jahre der Republik. 2) Ein Kreuz der Ehrenlegion mit dem Bildniſſe Napoleons, welchem ein halber Durchmeſſer fehlte, der ohne Zweifel durch eine Kugel oder durch das Streifen einer Kartätſche zerbrochen war. 3) Ein goldener Ring, ſehr gebraucht, in deſſen Umkreis man mit kleinen Ziffern eingegraben einige Worte und ein Datum leſen konnte. 4) Ein kleines Portefeuille mit ſchwarzem altem Felle, in welchem ein Auszug des Taufſcheines und der Dienſtverhältniſſe war. Dieſer Auszug aus dem Taufſcheine und den Dienſtverhältniſſen lautete auf den Tambour Romeuf. 5) Endlich ein Säbel, nach dem Model von denjenigen, welche die alten Infanterie⸗Soldaten aus der alten Kaiſergarde führten. Die Klinge deſſelben, ſeiner ganzen Lange nach ſchartig, bezeugte hinläng⸗ lich den Gebrauch, welchen wohl der Eigenthümer davon gemacht hatte. Dieſen verſchiedenen Gegenſtänden war ein Brief, der unter dem Umſchlag ſtack, beigefügt, welchen Herr von Bonneville ſo ſchnell als möglich mit unglaubli⸗ cher Neugierde entſiegelte. Dieſer Brief war folgen⸗ dermaßen abgefaßt: 67 „Herr Graf! Indem ich die Ehre habe, Ihnen dieſe verſchie⸗ denen Gegenſtände, die einzigen Reichthümer eines unſerer Kameraden, zu überſenden, vollziehe ich den letzten Willen des Tambour Romeuf, von der*** Legion der Pariſer Nationalgarde. Dieſer brave Sol⸗ dat, ſo ruhig auf ſeinem Todtenbette, als auf dem Schlachtfelde, ließ mir, ungefähr vor acht Tagen, blos einige Augenblicke vor ſeinem Tode, melden, er habe mir einen wichtigen Auftrag zu geben. Ich fand mich bei ihm ein. „Mein Major, ſagte er mit erſtickender Stimme, indem er mir ſeine Ehrenſchlägel, ſein Kreuz und einen alten, an der Wand ſeiner armſeligen Wohnung aufgehängten Säbel zeigte, ‚ich beſitze Gegenſtände, welche ich nach meiner Anſichtsweiſe(das iſt ſein Aus⸗ druck) nicht wohl in den Laden eines armſeligen Kauf⸗ mannes wandern laſſen kann, wenn ich in die Pan⸗ toffeln des ewigen Vaters geſchlüpft ſein werde. Alſo, wenn ich mein Auge geſchloſſen haben werde, ſo thun Sie mir den Gefallen und die Freundſchaft und ſenden meinem alten Sergeanten bei den Jägern zu Fuß unter der alten Kaiſergarde, Namens Bonneville, dieſe Schlägel, welche mein Ruhm waren, dieſes Kreuz, das ich bei Auſterlitz, Jena, Eylau, Friedland, Wagram, bei der Moskawa, bei Saint⸗Dizier und bei Water⸗ loo trug, und welches direkt auf meiner Bruſt bei Wagram einen ſo heftigen Stoß erhielt, daß ich es unverzüglich zum Waffenmeiſter des Regiments ge⸗ tragen hätte, um es wieder beſohlen und ein Schnä⸗ belchen daran machen zu laſſen,(dieß find die eigenen Ausdrücke Romeufs) wenn ich in meiner Betäubung mich ſelbſt hätte davon machen können. Senden Sie auch dem Sergeanten Bonneville die in dieſem Por⸗ tefeuille enthaltenen Papiere und vor Allem dieſen Ring, welcher meiner armen Mutter gehorte. Das iſt Alles, was ich von ihr geerbt habe, der theuren Frau! — — 68 „HOerr Bonneville hat ſeitdem ein Bataillon der königlichen Garde commandirt. Er verdiente dieſen Poſten, er hatte ſogar die erforderlichen Fähigkeiten, um zur Zeit des Kaiſers zwei zu commandiren, aber der kleine Korporal trat ihm in den Weg und einigen Andern, eine ſehr widerwärtige Anſichtsweiſe. Doch es liegt Nichts daran. Er iſt geſtorben, geſtorben auf einem Felſen da unten und ich ſterbe hier auf meinem Bette, herumgerollt, wie ein altes Trinkgeſchirr auf einem verlaſſenen Felde, einzig und allein, weil wir uns über etwas Gewiſſes niemals recht verſtanden haben. Um aber auf die Sache wieder zurückzukom⸗ men, ſchicken Sie dieſes Alles an Bonneville, welcher, wie man mir ſagt, wirklich General⸗Einnehmer des Departements veer in„en iſt. Ich kenne ſein Herz; ihm verdanke ich die Stellung, welche ich in Ihrer Legion eingenommen habe, mein Major; ich wußte die Güte ſeines Charakters, und überdieß ſeine Anſichtsweiſe, anzuſchlagen, nach unſerem Zwiſte auf dem kleinen Manufakturpoſten und zur Zeit meines Unglücks, immer unter der Regierung meines Kameraden; ich bin ſicher und gewiß, er wird alle dieſe Gegenſtände voll Ach⸗ tung aufbewahren, um mein Angedenken zu ehren, das dem ſeinigen noch nicht entſchwunden ſein wird. Mein Major,“ fügte Romeuf bei,„verſprechen Sie mir auf das Ehrenwort eines Militärs hin, meine letzten Wünſchezuerfüllen! Ja, mein theurer Romeuf, erwiderte ich ihm gerührt, ich verpflichte mich auf mein Ehrenwort, Ihren Befehlen zu folgen.„Es iſt gut, fuhr der brave Tambour fort. Doch geben Sie mir Ihre Hand, wir wollen uns trennen, denn ſie kennen das Sprüchwort der Schwachen: wenn man todt iſt, ſo iſt man am ſchlechten Laufe der Zeit geſtorben. Ich bitte Sie, ſagen Sie meinen Obern, meinen Kameraden, meinen Collegen und meinen Untergebenen, daß ich ſie da oben nicht vergeſſen werde, in der Ueberzeugnng, daß der ieſen iten, aber rigen Doch auf inem auf wir nden kom⸗ cer, 69 ich durch Gottes Gunſt dem Paradies der Tapfern einverleibt bin, und daß, wenn eines Tages Frank⸗ reich an Ruſſen und Preußen Rache nimmt, welche uns in den Jahren 1814 und 1815 verſchlungen haben, und über welche ich meine Anſichtsweiſe haben werde, ſelbſt nach dem Tode; wenn eines Tages, ſage ich, die Tambours des Vaterlandes ihre Rache nehmen wer⸗ den, daß es einen alten Soldaten der alten Garde gibt, der mit ihnen den Trommelmarſch ſchlagen, und der den Kopf an das Fenſter ſeiner himmliſchen Ka⸗ ſerne ſtecken wird, um ſie zu ermuthigen. Adieu, mein Major! umarmen Sie mich. Ich gebe Ihnen meinen Segen, denn ich habe als älterer Soldat das Recht dazu; der Segen eines alten Soldaten, welcher im Sterben liegt, iſt wie der einer Mutter, die Ihnen das Leben gegeben hat; er bringt Glück, wenigſtens war dieſes immer meine Anſichtsweiſe.“ Der Todeskampf des alten Soldaten begann, nachdem er die Worte ausgeſprochen hatte, die ich Ihnen ganz wörtlich berichte. Dieſer Todeskampf dauerte noch drei Stunden, und die letzten Worte, welche er vor ſeinem Tode ausſprach, waren die Na⸗ men; Bonneville, Wagram, Napoleon; dann war Alles geſagt. Ich bitte Sie um Verzeihung, Herr Graf, daß ich mit Ihnen in dieſe kleinlichen Details eingegangen bin, aber ſie haben mich ſo tief gerührt, daß ich dem Wunſche, ſie Ihnen zu berichten, nicht widerſtehen konnte. Ich glaube überdieß, daß für eine ſolche Seele, wie die Ihrige iſt, dieſelbigen nicht gleichgültig ſein werden. Ich entledige mich alſo mit der genaueſten Pünktlichkeit des Auftrages, welcher mir durch den biedern Romeuf unſern Kameraden aufgetragen wurde, und ich lege in Ihre Hände die glänzenden Ehren⸗ zeichen eines im Grunde wenig bekannten Soldaten, welche übrigens nichts deſto weniger wahre Reliquien ſein werden, ſo lange die Worte„Ehre und Vater⸗ 70 land“ in unſerm Land die Anerkennung behaupten werden, welche ihnen immer zu Theil wurden. „Vermittelſt eines Umſtandes, welchen zu erklären mir unmöglich ſein wird, oder vielmehr vermittelſt eines ganz gut zu beurtheilenden Ungefährs iſt der Name, den Sie auf dem ſilbernen Ringe leſen, wel⸗ chen Romeuf bis zu ſeinen letzten Augenblicken zum Angedenken an ſeine Mutter am Finger trug, derje⸗ nige, welchen Sie führen, und derfenige, welcher gleich⸗ falls geſchrieben iſt: de Bonneville. Unſer alter Kame⸗ rad, der nicht leſen konnte, hat ohne Zweifel dieſe ge⸗ heimnißvolle Inſchrift nicht gekannt, welche ihm doch zur Entdeckung des Urhebers ſeines Lebens hätte ver⸗ helfen können. Vielleicht, Herr Graf! hat Einer Ihrer Verwandten in der kleinen Stadt Revourdin, im De⸗ partement der Rhone gewohnt; vielleicht hat dieſer Verwandte das arme Mädchen verführt, das Johanna Romeuf hieß. Ich überlaſſe dem Wohlwollen, oder vielmehr der Freundſchaft, welche Sie, wie man mir ſchon längſt verſichert hat, gegen den Tambour Ro⸗ meuf hegen, die Sorge, dieſen Punkt aufzuklären, welcher großes Intereſſe darbietet, obwohl die Frucht dieſer Verführung nicht mehr lebt. Unſer Kamerad ernährte mit ſeinem geringen Solde eine alte Tante, die ältere Schweſter ſeiner unglücklichen Mutter, welche er, ich weiß nicht wie, in Paris aufgefunden hatte. Dieſe gute Frau, deren einziger Beſchützer er war, wird ſich in Folge dieſes Todesfalles in der vollſtän⸗ digſten Hülfloſigkeit befinden. Die arme ſchwache Frau iſt beinahe achtzig Jahre alt; es wäre vermöge Ihrer Neigung zu thätiger Unterſtützung und Ihres wohl bekannten Edelmuthes eine Ihrer würdige That, wenn Sie die Verzweiflung dieſer biedern Frau beſchwören würden, welche keine Unterſtützung auf der Welt mehr hat. Ich habe, Herr Graf, von Ihrer hohen Pietät reden hören, welche bloß Ihrem eminenten Muthe im Laufe unſerer Siege verglichen werden könnte, Ich ¶ ScG SGS kann alſo nicht wohl an Ihrem mächtigen Mitleide zweifeln, welches Sie wirkſam ſein laſſen werden, um die einzige Verwandte eines Mannes zu unterſtützen, der unter Anrufungen Ihres Namens und unter Glücks⸗ wünſchen für Ihre Zukunft geſtorben iſt. Mögen Sie, Herr Graf, die Gefühle von Ehr⸗ furcht und von tiefer Achtung billigen, mit welchen ich die Ehre habe zu ſein Ihr unterthänigſter und gehor⸗ ſamſter Diener Im April 1836. *** Major von der Legion*** unter der Nationalgarde von Paris.“ Währenddem Herr von Bonneoille den erſten Theil dieſes Briefes las, hatte er häufig die Hand auf die Augen gehalten, um die Thränen abzutrocknen, welche ſie verdunkelten. Die Zeilen, in welchen die Rede vom Ringe war, brachten ihn zum Zittern; eine lebhafte Röthe fuhr ihm plötzlich über ſeine Stirne, ſein Athem wurde keuchend; er zitterte, er, der nie⸗ mals gezittert hatte. Als der Brief zu Ende war, zog er mit fieberhafter Lebhaftigkeit den ſilbernen Ring hervor, und las da: Louis von Bonneville, Johanna Romeuf, im Mai 1782. Auf dieſen Anblick trat ihm ein kalter Schweiß über die Stirne; er ſank von ſeinem Schreibtiſch auf die Kniee nieder, verbarg ſein Haupt in ſeinen Händen, und rief mit einer von Schmerz gebrochenen Stimme: „Johanne! meine arme Johanne! das biſt Du! ja Du biſt das junge Mädchen, das ich ſo zärtlich liebte, und das ich doch zu verlaſſen genöthigt war, als die gebieteriſchen Pflichten des Krieges mich unter die Fahnen riefen. Als ich Dich verlieſt, wurdeſt Du Mutter, ich wußte es nicht; ich nehme Dich zum Zeu⸗ gen, mein Gott! Wie kommt es, daß ich dieſen un⸗ glückſeligen Umſtand niemals erfahren habe! Warum habe ich nicht geſucht, mir die Zuneigung, die mich gegen meinen Willen, gegen meine Erwartungen, ſelbſt 72² trotz gerechter Beſchwerden, zu dieſem armen Solda⸗ ten, zu dieſem guten Romeuf hinzog, zu erklären? Es war mein Sohn, ja er; und todt iſt er! Er iſt todt, ohne daß ich ihn umarmt hätte! Ich werde nun nicht mehr zu ihm ſagen können:„Ihr Sergeant hat ein⸗ ſtens bei unſerm Oberſt um Gnade für Sie angehal⸗ ten. Heute iſt es Ihr Vater, welcher Sie um die ihrige bittet, weil er Ihre Mutter verlaſſen hat!“ Ach! arme Frau, und Du, armer Soldat, was habt ihr dem Himmel gethan, daß er euch mit ſo viel Elend heimſuchte, während er mich mit Reichthum, mit Ruhm, mit Ehre beglückt hat? Aber dieſer einzige Augen⸗ blick verſchaffe euch beiden Genugthuung.“ Das Geſicht mit Thränen überſchwemmt, das Herz durch Kummer gebrochen, wandte ſich Herr von Bonne⸗ ville, indem er dieſe letzten Worte mit unterbrochener Stimme ſagte, gegen den Schreibtiſch, auf welchem das Paket Romeufs, dieſe Art von Heiligthum des Sol⸗ daten gelegt war; dann nahm er das verſtümmelte Kreuz des Tambours in die Hand, betrachtete es mit Zärtlichkeit, und hielt es endlich voll Pietät an die Lippen, indem er die Namen Johanne und Romeuf leiſe dazu ausſprach. Aber bald rief er, wie ein Mann, der eine tröſt⸗ liche Entſchließung gefaßt hat:„Ich habe ein Mittel, um theilweiſe den von mir begangenen Fehler wieder gut zu machen. Es handelt ſich um die NRuhe meiner mir noch übrigen Tage.“ Er ſchellt, ſein Kammerdiener erſcheint.. „Sagen Sie ſogleich meinen Söhnen, Sie ſollen augenblicklich auf mein Zimmer kommen.⸗ Der Bediente gehorchte. Die zwei jungen Leute zögerten nicht zu erſcheinen. „Großer Gott! was iſt Ihnen widerfahren, mein Vater!“ rief der Jüngſte, indem er die Unordnung bemerkte, welche in dem Kabinet herrſchte, noch mehr, als er das Geſicht des Grafen ganz verändert ſah. 73 „Man muß nach dem Doktor ſchicken,“ ſagte der Aeltere, indem er die Hand ſeines Vaters mit Zärt⸗ lichkeit küßte. „Es iſt nichts, meine Kinder,“ erwiderte Herr von Bonneville.„Hören Sie mich, ohne mich zu un⸗ terbrechen. Es find vierzig Jahre und darüber, daß ich die Schandthat beging, ein junges Mädchen zu verführen und zu verlaſſen, während ich das Schloß eures Großvaters bewohnte. Ein armes Kind war die Frucht dieſer tadelnswerthen Verbindung. Dieſer Unglückliche, von ſeinem Vater verlaſſen und ſeiner Mutter beraubt, welche übrigens nur ihn verließ, um zu ſterben. Der Unglückliche wurde Soldat. Er war tapfer unter den Tapferſten und gewann Anfangs die Ehrenſchlägel; denn er konnte bloß Tambour ſein, verſteht ihr mich? Der, welcher vergeſſen hatte, ihm einen Namen und Brod zu geben, hat auch vergeſſen, ihm eine Erziehung zu geben, ohne welche man zu nichts kommen kann. Er erhielt in der Folge das Kreuz der Ehrenlegion. Seht da die Ehrenzeichen dieſes unerſchrockenen Soldaten; ſeht hier ſein Kreuz, ſeht hier das Verzeichniß ſeiner Dienſte. Nun, was rathet ihr mir zu thun?⸗ „Mein Vater,“ riefen von ſelbſt die zwei jungen Leute,„man muß dieſen wackern Soldaten hieher kom⸗ men laſſen. Wir wollen ihn wie einen Bruder lieben, wir wollen ihn wie einen ſolchen behandeln, und als unſern älteſten Bruder achten.“ „Gut, meine Kinder! recht gut!“ ſagte der Graf und ſtand auf, um ſeine Kinder an das Herz zu drücken;„ihr feid meiner würdig. Unglücklicherweiſe lebt dieſer brave Soldat nicht mehr; er iſt geſtorben; ja er iſt geſtorben, ohne mich gekannt, ohne mich als ſeinen Vater umarmt zu haben. Aber eine alte Schwe⸗ ſter ſeiner Mutter, welche er mit ſeinem niedrigen Tambour⸗Gehalte erhielt, lebt noch. Was für eine Rente ſoll ich ihr ausſetzen? ſprecht! ein guter Vater 74 iſt nur der Pächter des Vermögens ſeiner Kinder, ich überlaſſe es euch, die Größe dieſer Rente zu be⸗ ſtimmen.“ Der Aeltere nahm ſogleich die Feder zur Hand; nachdem er ſich mit ſeinem Bruder berathſchlagt hatte, ſchrieb er einige Worte auf ein Papier, das er ſogleich ſeinem Vater in die Hände gab. Ddie Leibrente der alten Tante ward auf tauſend Thaler feſtgeſetzt. Herr von Bonneville umarmte ſeine beiden Söhne mit hoher Rührung. Den nächſten Tag zierten die ruhmvollen Ehrenzeichen den Salon des General⸗Ein⸗ nehmers als eine Familien⸗Trophäe, und die Ver⸗ ſchreibung der Leibrente von drei tauſend Franks wurde in das große Buch geſchrieben und nebſt dem Zinſe eines Jahres dem Major der National⸗Garde zu Paris überſandt. So bezahlte der Graf von Bonneville die Schuld des Sergeanten der Jäger unter der alten Garde. Ein Rheinmährchen, von Viktor Hugo. Deutſch von Dr. Scherr. 1. Pekopin und Bathilde. Der ſchöne Pekopin liebte die ſchöne Bathilde und die ſchöne Bathilde liebte den ſchönen Pekopin. Peko⸗ pin war der Sohn des Burggrafen von Sonneck, Bathilde die Tochter des Ritters von Falkenburg. Dem Einen gehörte das Waldrevier, dem Andern das Schloß. Was war alſo natürlicher, als Schloß und Wald zuſammenthun? Die beiden Väter verſtändigten ſich und verlobten ihre Kinder. Am Tage dieſes Verlöbniſſes, es war ein Tag im April, erſchloſſen Fliederbüſche und Weißdornhecken im Forſte ihre Blüthen vor dem Sonnenſtrahl, tau⸗ ſend kleine Waſſerfälle, Schnee und Regen in Bächlein verwandelt, Winterweh in Frühlingswonne umge⸗ ſchaffen, ſprangen anmuthig und rauſchend von den Bergen, und die Liebe, der April des verſchlichenen 76 Lebens, klang, glänzie und blühte in den Herzen der beiden Verlobten. Der Vater Pekopins, ein alter, ehrenfeſter Ritter, die Zierde des Nahegaus, ſtarb kurz nach der Ver⸗ lobung, ſeinen Sohn ſegnend, und ihm Bathilde em⸗ pfehlend. Pekopin weinte viel, dann aber kehrte ſich ſein Blick nach und nach von dem Grabe ab, in wel⸗ chem ſein Vater verſchwunden, und dem ſüßen, leuch⸗ tenden Antliz ſeiner Braut zu. Und er tröſtete ſich. Wenn der Mond aufgegangen, wer denkt da noch der untergegangenen Sonne? Pekopin beſaß alle Eigenſchaften eines adeligen Mannes, eines jungen Mannes und eines Mannes. Bathilde war eine Königin in ihrem Schloſſe, eine heilige Jungfrau in der Kirche, eine Nymphe im Walde und eine Fee bei der Arbeit. Pekopin war ein gewaltiger Jäger und Bathilde eine ſchöne Spinnerin. Zwiſchen Waidtaſche und Spindel gibt es aber keinen Haß. Die Spinnerin ſpinnt, während der Jäger jagt. Iſt er abweſend, ſo findet ſie an der Kunkel Zerſtreuung. Die Meute bellt, das Rädchen ſchnurrt. Die Meute, welche ſchon fern und kaum mehr zu hören iſt, einigt ſich mit dem Klang eines in den Gebüſchen verhallenden Hornes und flüſtert ihr noch leiſe zu: Denk' an Deinen Geliebten! Das Spinnrad, welches die nachſinnende Schöne die Augen herniederzulenken nöthigt, ſchreit ganz laut mit ſeiner ſcharfen Stimme: Denk' an Deinen Gatten! Und wenn Gatte und Ge⸗ liebter nur Eines find, dann iſt es ſchon gut. Verlobt alſo immerzu die Spinnerin den Jäger und beſorgt Nichts. Man muß indeſſen zugeſtehen, daß Pekopin die Jagd in etwas hohem Grade liebte. Saß er einmal zu Pferde, den Falken auf der Fauſt, hörte er um ſich das Gebelle ſeiner krummbeinigen Spürhunde: dann hielt ihn Nichts mehr auf, und er flog, Alles vergeſ⸗ der tter, Ver⸗ em⸗ ſich wel⸗ buch⸗ ſich. der igen nes. eine alde bilde aber äger inkel urrt. ören ſchen zu: ches nken me: Ge⸗ äger die immal ſich dann rgeſ⸗ „ 77 ſend, dahin. Man ſoll aber keine Sache übertreiben. Das Glück liegt in der Mäßigung. Haltet daher Eure Wünſche im Gleichgewicht und Eure Lüſte im Zügel. Wer die Pferde und Hunde allzuſehr liebt, beleidigt d tranen; wer die Frauen allzuſehr liebt, beleidigt ott. Sah Bathilde, und das kam oft vor, ihren Pe⸗ kopin zur Jagd bereit auf dem Pferde ſitzen, welches laut wieherte vor Freude, und ſtolzer ſchien, als wenn es Alexander den Großen in ſeinem Kaiſerſtaat trüge, ſah ſie Pekopin ihm ſchmeicheln, ſeinen Hals mit der Hand klätſcheln, die Sporen aus den Weichen thun— dann wurde ſie auf das Roß eiferſüchtig. Sah Ba⸗ thilde, das edle ſtolze Fräulein, der Stern der Liebe, der Jugend und Schönheit, wie Pekopin ſeiner Dogge ſchön that und den plattnaſigen, weitnüſtrigen Kopf derſelben mit den ſchleppenden Ohren und dem ſchwar⸗ zen Maule an ſein ſchönes, männliches Antlitz heran⸗ zog, dann wurde ſie eiferſüchtig auf den Hund. Traurig und verletzt ging ſie, um ſich in ihrem heimlichen Kämmerlein auszuweinen. Dann zankte ſie die Mägde aus, nach den Mägden ihren Zwerg. Denn es iſt der Frauen Verdruß wie der Regen im Walde, der zweimal niederfällt. Am Abend kam Pekopin beſtaubt und ermüdet heim. Bathilde ſchmollte und murrte noch ein wenig, ein Thränchen in der Wimper ihres blauen Auges. Doch Pekopin küßte ihre kleine Hand und ſie ward ruhig, Pekopin küßte ihre Stirne und ſie lächelte. Die Stirne Bathildes war weiß, rein und glän⸗ zend, wie das elfenbeinerne Jagdhorn Karls des Großen. Dann zog ſie ſich in ihr Thürmchen zurück und Pekopin in das ſeinige. Sie duldete niemals, daß er ihren Gürtel berührte. Eines Abends drückte er ſie leiſe am Ellbogen und ſie ward roth über und über. Sie war nur verlobt, nicht vermählt. 4 78 Schamhaftigkeit iſt an Frauen das, was Mann⸗ haftigkeit an Männern. — 0 Der Vogel Phönis und der ſtlanet Venus. Sie liebten ſich, daß es eine Luſt war. Pekopin hatte in ſeinem Waffenſaale auf Sonneck ein großes, vergoldetes Gemälde hängen, welches den Himmel und die neun Himmelskreiſe darſtellte und jeden Planeten in ſeiner eigenthümlichen Farbe, mit der rothen Namensbezeichnung deſſelben nebenan: Saturn(bleiweiß), Jupiter(hell, aber etwas blut⸗ röthlich), Venus(morgenroth), Merkur(ſcharfglän⸗ zend), der Mond(ſilberleuchtend), die Sonne(hoch⸗ feurig und ſtrahlend). Pekopin löſchte den Namen„Venus“ aus und ſchrieb an deſſen Stelle„Bathilde.“ Bathilde hatte in ihrem Ankleidezimmer eine ge⸗ ſtickte Seidentapete, auf welcher ein Vogel abgebildet war von der Größe eines Adlers, mit goldenem Ring um den Hals, purpurfarbenem Leib, blauen und kar⸗ minrothen Federn im Schweif und mit einem Kamm auf dem Kopfe, welchen ein Federbuſch überragte. Unter dieſem Wundervogel ſtand das griechiſche Wort „Phönix.“ Bathilde trennte das Wort aus und ſchrieb an deſſen Namen„Pekopin.“ Inzwiſchen kam der Hochzeittag allmälig näher, worüber Pekopin außerordentlich froh und Bathilde ſehr glücklich war. 4 Unnter dem Jagdtroß auf Sonneck befand ſich ein Jäger, ein ſehr gewandter Burſche von freier Rede und allerlei regen Anſchlägen. Der hieß Erdlang. Er war vordem ein ſchmucker Bogenſchütze geweſen und ann⸗ 79 wurde von mehreren reichen Bäuerinnen aus Lorch zum Ehemann gewünſcht, allein er war derlei Anträ⸗ gen aus dem Wege gegangen und Hundeführer im Schloß geworden. Eines Tages, als ihn Pekopin um den Grund dieſer Sonderbarkeit befragte, entgegnete Erdlang: „Gnädiger Herr, die Hunde haben ſieben Arten von Wuth, die Weiber aber tauſend.“ Ein andermal, als er von der nahe bevorſtehen⸗ den Hochzeit ſeines Herrn hörte, ging er kecklich zu dieſem und fragte: 3„o nädiger Herr, warum verheiratet Ihr Euch enn?⸗ Da jagte ihn Pekopin vom Dienſt und aus dem Schloß. Das hätte den Ritter beunruhigen ſollen, denn Erdlang war ein verſchlagener Kopf und hatte ein langes Gedächtniß. Die Wahrheit aber iſt, daß Erd⸗ lang an den Hof des Grafen von der Lauſitz ging, dort Jägermeiſter wurde, und daß Pekopin Nichts mehr von ihm vernahm. In der Woche vor der Hochzeit ſpann Bathilde in der Fenſterniſche. Da benachrichtigte ſie ihr Zwerg, Pekopin komme die Treppe herauf. Sie wollte ihrem Bräutigam entgegeneilen und ſprang auf, allein ihr Fuß verwickelte ſich in der Schnur des Spinnrades und ſie ſiel zu Boden. Sie erhob ſich zwar ſogleich wieder und hatte ſich kein Leid angethan, allein ſie erinnerte ſich dabei, daß der Schloßfrau Liba dereinſt Lihnüiches zugeſtoßen, und es ward ihr bang um's erz. Pekopin trat freudeſtralend ein, ſprach von ihrer Hochzeit und ihrem Glücke, und die Wolke über ihrer Seele verſchwand. 80 8 2 Es wird von dem Unterſchied zwiſchen dem Ohr eines jungen Mannes und dem Ohr eines Greiſes gehandelt. Folgenden Tags nach dieſem Vorfall ſpann Ba⸗ thilde in ihrem Gemache und Pekopin jagte im Walde. Er war allein, nur von einem Hunde begleitet. Wie er ſo dem Zufall der Jagd folgte, gelangte er an eine Meierei, welche am Eingang des Sonn⸗Waldes lag, und die Gränzmark der Beſitzungen von Sonneck und Falkenburg bezeichnete. Dieſe Meierei wurde gegen Sonnenaufgang von vier großen Bäumen beſchattet, einer Eſche, einer Ulme, einer Fichte und einer Eiche, welche man rings im Lande die vier Evangeliſten nannte. Es ſchienen Zauberbäume zu ſein. In dem Augenblick, wo Pekopin unter denſelben vorbeikam. ſaßen vier Vögel auf den vier Bäumen, ein Häher auf der Eſche, eine Amſel auf der Ulme, eine Elſter auf der Fichte und ein Rabe auf der Eiche. Das vierfache Geſchrei dieſer Vögel kreuzte ſich in ſo wun⸗ derlicher Art, daß es ſchien, als fragten und antwor⸗ tete ſie ſich wechſelſeitig. Ueberdieß war eine Taube zu hören, die man aber nicht ſah, weil ſie im Walde ſteckte, und eine Henne, welche man ebenfalls nicht ſeh, Wbeil ſie ſich innerhalb des Gehöftes der Meierei efand.— Wenige Schritte davon ordnete ein gebeugter alter Mann die Holzſtöcke für den Winter an der Mauer. Als dieſer Pekopin herankommen ſah, wandte er ſich um, richtete ſich auf und ſagte: „Herr Ritter, hört Ihr, was die Vögel ſprechen.“ 3„Gter Alter,“ verſetzte Pekopin,„was geht mich as an?, gegen hattet, Eiche, eliſten n dem eikam, Häher Elſter Das wun⸗ itwor⸗ Taube Walde nicht Neierei eugter in der vandte echen.“ dt mich ☛ 81 „Herr,“ ſagte wieder der Bauer,„für einen jungen Mann pfeift die Amſel, ſchwatzt der Häher, krei cht die Elſter, krächzt der Rabe, girrt die Taube und gluckſt die Henne, für einen Greis aber reden die Vögel.“ Der Ritter lachte laut auf: „Was da? Welche Träumereien!“ Der Greis verſetzte ernſt: „Ihr habt Unrecht, Ritter Pekopin!“ „Du haſt mich nie geſehen,“ rief nun dieſer aus, „woher weißt Du alſo meinen Namen? „Die Vögel nannten ihn ſo eben,“ entgegnete der Greis. „Guter Mann, Du biſt ein alter Narr!⸗ meinte Pekopin und ging weiter. ls er etwa eine Stunde nachher durch eine Waldlichtung ſchlich, vernahm er Hörnerklang und ſah einen prächtigen Reiterzug aus dem Hochwald hervorkommen. Es war der falzgraf, der auf die Jagd zog. Das Gefolge des Pfalzgrafen beſtand aus Burggrafen, welche Herren der Schlöſſer, aus Wild⸗ grafen, welche Herren der Waldungen, aus Land⸗ grafen, welche Herren der Ländereien, aus Rheingrafen, welche Herren am Rhein und aus Naugrafen, welche Herren vom Fauſtrecht ſind. Ein Epelmann des Pfalz⸗ grafen, Garefried mit Namen, erblickte Pekopin und rief ihm zu: „Schöner Jäger, wollt Ihr nicht mit uns ziehen? „Wohin zieht ihr?“ fragte Pekopin. „Wir ſuchen einen Geier auf, der zu Heimbach niſtet und unſere Faſanerie verwüſtet, wir ſuchen einen Habicht auf, der auf Vogtsberg ſitzt und unſere Blau⸗ füße ſchädigt, wir ſuchen einen Adler auf, der auf dem Rheinſtein horſtet und unſere Lerchenfalken tödtet.“ „Und wann kehrt Ihr wieder heim?“ fragte Pe⸗ kopin weiter. „Morgen.“ Tutti Frutti. II. 5 82 „Ich folge Euch.“ Die Jagd währte drei Tage. Am erſten erlegte Pekopin den Geier, am zweiten den Habicht, am dritten den Adler. Der Pfalzgraf erſtaunte höchlichſt über den trefflichen Schützen. „Ritter von Sonneck,“ ſagte er zu ihm,„ich belehne Euch mit Rheineck, das von meiner Burg Gutenfels lehnbar iſt. Folge mir nach Stahleck, um dort die Belehnung zu empfangen und den Huldigungs⸗ eid abzulegen in offener Bahn und vor den Schöppen, wie es die Satzung des heiligen Kaiſers Karl des Großen gebietet.“ Hier hieß es gehorchen. Pekopin entſandte daher einen Boten an Bathilde, ihr troſtlos anzeigend, daß der gnädigſte Wille des Pfalzgrafen ihn augenblicklich nach Stahleck entbiete, um einer höchſt wichtigen Sache willen. „Sei ruhig, meine Huldin,“ fügte er bei,„im kommenden Monat bin ich wieder bei Dir.“ Als der Bote ſeinen Auftrag erhalten hatte, folgte Pekopin dem Pfalzgrafen in die untere Caſtellanei von Bacharach, wo er ſich zu Ruhe begab. In der Nacht hatte er folgenden Traum: Er erblickte wieder den Eingang des Sonn⸗ Waldes, die Meierei, die vier Bäume und die vier Vögel. Aber die vier Vögel ſchrieen, pfiffen und ſangen nicht, ſondern ſie ſprachen. Die vier Stimmen derſelben welchen ſich auch die des Taubers im Walde und der Henne auf dem Gehöfte beimiſchten, hatten ſich zu folgendem wunderlichen Geſpräch umgebildet, das dem ſchlafenden Petoyin deutlich zu Ohren drang: äher. Der Tauber iſt im Wald. Amſel. Die Henne im Gefild Und rufet: Pekopin! aus das Pel ihn. und dief ſpro gre bra die ſäun noch rlegte „ am hlichſt „ich Burg k, um gungs⸗ Zppen, l des thilde, ſe des tbiete, „»rim I folgte ei von Nacht Sonn⸗ te vier n und immen Walde hatten drang: 83 Häher. Der Tauber ruft: Bathild! Rabe. Der Ritter wandert weit. Elſter. Indeß an ihr die Sehnſucht zehrt. Häher. Amſel. e. Ob er aus Alep— NRabe aus Bagdad widerkehrt. lſter. Jal ſagte der Tauber; Nein! das Huhn— die Weite gilt!.. Henne. Pekopin! Pekopin! Tauber. Bathild! Bathild! Bathild! Pekopin erwachte. Eiskalter Schweiß überrieſelte ihn. Im erſten Augenblick erinnerte er ſich des Greiſes und entſetzte ſich, er wußte ſelbſt nicht warum? über dieſen Traum und das in ſelbem vernommene Ge⸗ ſpräch. Dann ſuchte er den Sinn deſſelben zu be⸗ greifen vermochte es aber nicht und ſchlief wieder ein. Und als des Morgens der holde Tag wieder an⸗ brach und er die ſchöne Sonne wieder aufgehen ſah, die alle Schatten ſcheucht und alle Wolken mit Gold ſäumet, da dachte er weder der vier Bäume mehr, noch der vier Vögel. —— 84 4. Worin geſprochen wird von verſchiedenen Eigen⸗ ſchalten, welche verſchiedenen Geſandten eigenthümlich ſind. Pekopin war ein Edelmann von hohem Rufe, hoher Geburt, hohem Geiſte und liebenswürdigem Weſen. Am Hofe des Pfalzgrafen eingeführt und mit ſeinem neuen Lehn bekleidet, gefiel er dem edeln Fürſten ſo ſehr, daß dieſer eines Tages zu ihm ſagte: „Mein Freund, ich entſende an meinen Vetter von Burgund eine Geſandtſchaft und habe Euch Eures ehrenvollen Rufes wegen zum Geſandten auserſehen.“ Pekopin konnte ſeinem Fürſten nicht wider Willen ſein. Zu Dijon angelangt, machte er ſich durch ſeine beredte Redeweiſe ſo bemerklich, daß eines Abends der Herzog, nachdem er drei Glasbecher Weines von Bacharach geleert, zu ihm ſprach: „Ritter Pekopin, Ihr ſeid unſer Freund. Ich habe einige vertraute Händel mit dem gnädigſten Herrn, dem König von Frankreich, abzuthun, und der Pfalzgraf geſtattet, daß ich Euch mit dieſer Botſchaft an den König betraue.“ Pekopin begab ſich nach Paris. Der König gewann ihn über die Maßen lieb, nahm ihn eines ſchönen Morgens bei Seite und ſagte: „Ritter Pekopin, da Euch der Pfalzgraf dem Burgunder zu Dienſten für Burgund geliehen, ſo wird der Burgunder Euch wohl auch dem König von Frankreich zu einem Dienſt für die Chriſtenheit leihen. Ich habe einen ſehr edeln Ritter nöthig, der von meiner Seite dem Miramoulin der Mauren in Spa⸗ nien gewiſſe Vorſtellungen machen ſoll, und habe Euch um Eures hohen Geiſtes willen zum Träger dieſer Botſchaft auserſehen.“ igen- n Rufe, digem und edeln ſagte: Better Eures hen.“ Villen ſeine s der von Ich igſten d der ſchaft lieb, agte: dem „ ſo von ihen. von Spa⸗ Euch dieſer Dem Kaiſer kann man ſeine Wahlſtimme, dem Pabſt ſein Weib verweigern; einem König von Frank⸗ reich aber verweigert man Nichts. Pekopin machte ſich auf nach Spanien. Zu Granada ward ihm die huldvollſte Aufnahme von Seiten des Miramoulin und er wurde zu den Feſttänzen in Alhambra geladen. Täglich gab es da Feſte, Turniere und Jagden, woran Pekopin als Ritter und Jäger lebhaften Antheil nahm. Inzwiſchen aber vergaß er der Aufträge des Königs von Frankreich keineswegs. Als endlich die Unterhandlungen zu Ende waren, erſchien Pekopin vor dem Maurenkönig, um ſeinen Urlaub zu nehmen. „Ich gebe Euch Urlaub Ritter Pekopin,“ ſprach der Miramoulin,„denn Ihr ſollt in der That ſogleich nach Bagdad abreiſen.“ „Was, nach Bagdad?“ rief Pekopin aus. „So iſt's, Chriſtenritter,“ verſetzte der Mohren⸗ könig,„denn ich kann den Vertrag mit dem König von Frankreich ohne Zuſtimmung des Chalifen von Bagdad, welcher Beherrſcher aller Gläubigen iſt, nicht unterzeichnen und muß einen angeſehenen Mann an den Chalifen abſenden, zu welcher Sendung ich Euch auserſehen Eures liebenswürdigen Weſens halber.“ Iſt man unter den Mauren, ſo muß man thun, was die Mauren wollen. Das ſind ungläubige Hunde. Pekopin begab ſich demnach nach Bagdad. Hier ſtieß ihm ein Abenteuer zu. Als er nämlich eines Tages unter den Mauern des Serails dahinſchritt, nahm ihn die Sultanin Favorite wahr, und da er ſo ſchön, ſo traurig und ſo ſtolz ausſah, entbrannte ſie in Liebe zu ihm. Sie ſandte eine ſchwarze Sklavin an ihn ab, die im Stadtgraben, an einer ungeheuren Linde, welche noch jetzt dort zu ſehen, mit dem Ritter ſprach, ihm einen Talisman übergab und dazu ſagte: 86 „Dieß kommt von einer Prinzeſſin, die Euch lieb hat, die Ihr aber niemals zu Geſichte bekommen werdet. Bewahret dieſen Talisman. So lang Ihr ihn bei Euch tragt, werdet Ihr immerfort jung blei⸗ ben. Gerathet Ihr in Todesgefahr, ſo berührt ihn und er wird Euch retten.⸗ Pekopin nahm aufs Gerathewohl den Talisman, der ein ſehr ſchöner Türkis, auf welchem unbekannte Schriftzeichen eingegraben waren, und achtelte ihn an ſeine Halskette. „Jetzt, edler Ritter,, ſetzte die Sklavin ſcheidend noch hinzu,„gebt wohl Acht darauf. So lange Ihr dieſen Türkis am Halſe traget, werdet Ihr um keinen Tag älter, verliert Ihr ihn aber, ſo altert Ihr in einer Minute um alle die Jahre, die ehedem ſpurlos an Euch vorübergingen. Gott behüt' Euch, ſchöner Chriſt!⸗— Dieß geſagt, machte ſich die Mohrin davon. Indeſſen hatte der Chalif bemerkt, wie die Sklavin ſeiner Favorite mit dem Chriſtenritter geſprochen. Der Chalif war ſehr eiferſüchtig und ein bischen zau⸗ berkundig. Er lud Pekopin zu einem Bankett, und als die Nacht gekommen war, führte er den Ritter auf einen hohen Thurm. Pekopin war, ohne es wahr⸗ zunehmen, ganz nahe an die niedrige Bruſtwehr ge⸗ treten, und der Chalif ließ ſich alſo vernehmen: „Ritter, der Pfalzgraf hat Dich um Deinen hohen Rufes willen an den Herzog von Burgund geſandt, der Herzog von Burgund hat Dich Deiner hohen Geburt wegen an den König von Frankreich entſen⸗ det, der König von Frankreich ſchickte Dich wegen Deines hohen Geiſtes an den Miramoulin von Gra⸗ nada, der Miramoulin von Granada wegen Deines liebenswürdigen Weſens an den Chalifen von Bag⸗ dad; ich aber meinerſeits ſchicke Dich mit ſammt Deinem Rufe, Deiner Geburt, Deinem Weſen und Deinem Geiſte zum Teufel.“ get wit 87 So ſprechend, ſtieß der Chalif den Ritter heftig gegen das Geländer. Pekopin verlor das Gleichge⸗ wicht und fiel vom Thurme. —— 5. ◻ Guter Erfolg eines guten Einfalls. Stürzt ein Menſch in einen Abgrund, ſo iſt es ein entſetzlicher Blitz, der ihn in dieſem Augenblick durchzuckt und ihm das ſchwindende Leben und den vor ihm gähnenden Tod zeigt. In dieſem furchtbaren Augenblick wandte der verzweifelnde Pekopin ſeinen letzten Gedanken Bathilden zu und faßte dabei an's Herz. Kaum hatte er aber hier den magiſchen Türkis berührt, ſo fühlte er ſich wie auf Flügeln getragen. Er ſtürzte nicht mehr, ſondern ſchwebte. So flog er die ganze Nacht hindurch, und als der Morgen ge⸗ kommen, ließ ihn die unſichtbare Hand, die ihn getragen, auf einer einſamen Stelle am Meeres⸗ ufer nieder. —— 6. Woraus zu erſehen, daß ſelbſt der Teufel Unrecht thut, ſo er allzu gierig iſt. Zur ſelben Zeit begegnete dem Teufel gerade eine ſehr unangenehme und kurioſe Geſchichte. Der Teufel hat nämlich die Gewohnheit, die ihm zufallenden Seelen in einer Bütte davonzutragen, wie man dieß auf dem Portale der Cathedrale zu Freiburg in der Schweiz ſehen kann, woſelbſt er mit ——— 88 einem Schweinskopf, einem Hacken in der Hand und mit der Bütte eines Lumpenſammlers auf dem Rücken abgebildet iſt, denn der böſe Geiſt rafft die Seelen der Sünder aus dem Haufen Kehricht auf, welche das Menſchengeſchlecht in der Ecke aller großen irdi⸗ ſchen oder himmliſchen Wahrheiten niederlegte. Der Teufel war nicht gewohnt, ſeine Bütte zu verſchließen, und ſo kam es, Dank der himmliſchen Schadenfreude der Engel, vor, daß viele Seelen ihm wieder ent⸗ wiſchten. Das erſah endlich der Teufel und verſah deßhalb ſeine Bütte mit einem tüchtigem Deckel und dieſem mit einem ſtarken Vorlegeſchloß. Allein die Seelen, welche äußerſt ſchmächtig und zart find, in⸗ commodirte dieſer Deckel nicht ſehr, und ſie fanden mit Hülfe der Roſenfinger der Cherubin noch immer Gelegenheit, durch die Ritzen der Bütte zu ent⸗ ſchlüpfen. Darob ergrimmte der Teufel gar ſehr, tödtete ein Dromedar und verfertigte ſich aus dem Höcker deſſelben einen Schlauch, welchen er mit Beihülfe des Höllengeiſtes Hermes trefflich zu verſchließen wußte, und wenn er dieſen Schlauch ſo recht mit Seelen voll⸗ geſtopft hatte, war er vergnügter, als ein Student, deſſen Taſche voll Dukaten klirrt. Für gewöhnlich war Oberägypten an dem Ufer des rothen Meeres der Ort, wo der Teufel, nachdem er ſeinen Rundgang durch die Länder der Heiden und Ungläubigen gemacht, ſeinen Schlauch füllte. Jene Gegend iſt ganz einſam, ein ſandiges Ufer zur Seite eines kleinen Palmengehölzes, welches zwiſchen Coma, wo der heilige Antonius geboren ward, und zwiſchen Clisma liegt, wo der heilige Soſons ſtarb. Eines Tages, als der Teufel noch beſſere Jagd gemacht, als gewöhnlich, füllte er luſtiger Dinge ſeinen Schlauch voll, wandte ſich bei dieſem Geſchäfte zufällig um, und erſah wenige Schritte abſeits einen Engel, der ihm zuſah und dabei lächelte. Der Teufel und cken elen lche rdi⸗ Der zen, ude ent⸗ eſah und die in⸗ den ner ent⸗ tete cker des ßte, oll⸗ 2nt, ffer dem den lte. zur hen und agd ige ifte nen ffel 89 zuckte die Schultern und fuhr fort, ſeinen Schlauch vollzuſtopfen. Als er damit zu Ende, faßte er den Sack mit einer Fauſt an, um ſich denſelben auf die Schultern zu laden. Allein er vermochte ihn nicht vom Boden zu heben, ſo viele Seelen hatte er hin⸗ eingethan und ſo ſchwer wuchteten die Sünden der⸗ ſelben. Er faßte demnach den hölliſchen Sack mit beiden Händen, aber dieſer zweite Verſuch blieb eben⸗ falls erfolglos: der Schlauch wich nicht von der Stelle, als wäre er ein aus der Erde hervorragender Felſentopf. „O Bleiſeelen!“ ſchrie der Teufel und fing an zu fluchen. Als er ſich umdrehte, erblickte er wieder den En⸗ gel, der ihm fortwährend zuſah und lachte. n„Was machſt Du hier?“ ſchnauzte ihn der Höllen⸗ geiſt an. „Du ſiehſt es jan, verſetzte der Engel, verſt lä⸗ chelte ich, und jetzt lache ich., „O himmliſches Federvieh, Du liebe, ſüße Un⸗ ſchuld, Du, ſcheer' Dich zum Henker!“ knurrte Asmodi. Der Engel aber wurde ernſt und ſprach alſo zu ihm: „Drache, höre die Worte, welche ich Dir Seitens deſſen ſage, welcher der Herr. Du ſollſt die Laſt Seelen nicht in die Hölle ſchleppen können, es ſei denn, daß ein Heiliger des Paradieſes, oder ein vom Himmel fallender Chriſt ſie vom Boden aufhebt und Dir auf die Schultern ladet.“⸗ 1 3 Sprachs, entfaltete ſeine Adlerſchwingen und flog avon. Der Teufel wußte nicht, was thun. „Was will der Dummkopf ſagen?“ grisgrämelte er.„Ein Heiliger aus dem Paradieſe oder ein vom Himmel fallender Chriſt? Da werd' ich lange auf Hulfe warten müſſen. Warum, zum Teufel, hab' ich 90 ich auch den Schlauch ſo verrückt vollgeſtopft? Und dieſer Einfaltspinſel, der weder Menſch noch Vogel, macht ſich gar über mich luſtig! Jetzt muß ich alſo warten, bis ein Heiliger aus dem Paradieſe kommt oder ein Chriſt vom Himmel fällt. Eine einfältige Geſchichte das, und das muß man ſagen, dort droben amüſirt man ſich an hübſchen Sachen!⸗ Während er dieſen Monolog hielt, meinten die Einwohner von Coma und Clisma den Donner dumpf am Himmel rollen zu hören. Es war aber das Ge⸗ brumme des Teufels. Unterdeſſen luſtwandelten vier Heilige, welche durch ihre innige Freundſchaft bekannt ſind, der heilige Steal der Einſiedler, der heilige Autremoine, der heilige Johannes der Zwerg, und der heilige Medardus am ſelbigen Tage am Ufer des rothen Meeres. Wie ſie in tiefem Geſpräche bei dem Palmengehölze ankamen, erſchaute ſie der Teufel, bevor er von ihnen bemerkt wurde. Alſogleich nahm er die Geſtalt eines hochbe⸗ tagten und gebrechlichen Greiſes an und ſtieß ein Klagegeſchrei aus. Die Heiligen kamen herbei. „Was haſt Du denn?“ fragte der heilige Steal. „Ach, o, meine hohen Herrſchaften,“ winſelte der Teufel,„kommt mir zu Hülfe, ich fleh' euch an. Ich habe einen ſehr ſchlimmen Herrn und ich bin ein ar⸗ mer Sklave. Mein Herr, ein Kaufmann aus Fez, iſt ſo böſe. Ihr wißt's ja wohl, alle die aus Fez, die Mauren, die Numider, Garamanten, die Bewoh⸗ ner der Tartarei, Nubiens und Aegyptens, find böſe und niederträchtig, leben in unerlaubter Ehe mit den Weibern, ſind verwegen, räuberiſch, gefährlich und grauſam durch den Einfluß des Marsgeſtirnes. Mein Gebieter iſt zudem ſchwarzgallig, gelbſüchtig und ver⸗ ſchleimt, was ihn kalt und trübſinnig, furchtſam und muthlos, aber erfinderiſch im Uebelthun macht. Da ergeht denn alles Schlimme über uns arme Sklaven und über mich armen Alten!« .„H 91 „Wo hinaus willſt Du denn mit dem Allem 0 fragte der heilige Autremoine ſehr theilnehmend. „Da ſeht nur, meine hohen Herren,“ verſetzte der Teufel,„mein Herr iſt ein großer Freund vom Reiſen. Er hat ſeine Eigenheiten. In jedem Lande, wohin er immer kommt, läßt er ſich's einfallen, in ſeinem Gar⸗ ten einen Berg aus dem Sande aufthürmen zu laſſen, welchen der nächſte Mesresſtrand darbietet, an wel⸗ chem er ſich angeſiedelt. In Seeland thürmte er einen Haufen ſchwarzen kothigen Sandes auf, in Friesland einen Hügel von jenen rothen Muſcheln, worunter die getigerte Kegelmuſchel vorkommt, und im Cimbriſchen Cherſoneſos, den man jetzt Jütland heißt, einen Hügel feinen Sandes, vermengt mit jenen weißen Muſcheln, worunter ſich nicht ſelten die morgenröthliche Tell⸗ muſchel—— a „Hol Dich der Teufel!“ unterbrach ihn der hei⸗ lige Steal, der etwas ungeduldigen Temperamentes. „Komm einmal zur Sache! Wir verlieren bereits eine Viertelſtunde damit, deine Faſeleien anzuhören; ich zähle die Minuten.“ Der Teufel verneigte ſich demuthsvoll und ent⸗ gegnete:. „Ihr zählt die Minuten, hoher Herr, das iſt ſehr ſchön. Ihr ſeid gewiß vom Mittag her, denn Alle aus jener Weltgegend ſind ſcharfſinnig und den mathe⸗ matiſchen Wiſſenſchaften ergeben, weil ſie dem Kreiſe der Irrſterne näher, als die übrigen Menſchen.“ Und nun begann er wieder zu wehklagen und ſchlug mit der Fauſt gegen ſeine Bruſt: „Ach, ach, meine Herren, ich habe einen ſo ſchlim⸗ men Herrn. Um ſeinen Berg aufzuthürmen, zwingt er mich armen Greis, dieſen Schlauch am Meeresufer mit Sand zu füllen und auf meinen Schultern heim⸗ zuſchleppen. Iſt ein Gang gemacht, ſo muß ich ſogleich einen neuen beginnen, und ſo geht es vom Morgen bis in die Nacht hinein. Will ich ausruhen und 92 ſchlafen, oder erliege ich der Beſchwerde, oder iſt der Sack nicht bis zum Rande gefüllt, ſo läßt er mich peitſchen. Ach, ich bin ſo unglücklich, ſo geſchlagen und gebrechlich! Geſtern machte ich den Tag über ſechs Gänge. Als der Abend kam, war ich ſo müde, daß ich den vollen Sack nicht mehr auf die Schultern zu heben vermochte; die ganze Nacht brachte ich hier zu, neben meiner Laſt weinend und vor dem Zorn meines Herrn zitternd. O meine hohen Herrſchaften, meine gütigen Herren, helft mir aus Gnade und Barmherzigkeit die Bürde auf meine Schultern heben, damit ich endlich heimkehre, denn zögere ich noch län⸗ ger, ſo läßt mich mein Gebieter unfehlbar tödten! Ach, ach!“ Dieſe Klagrede anhörend, fühlten ſich der heilige Steal, der heilige Autremoine und der heilige Zwerg Johann tief bewegt, der heilige Medardus aber weinte, was auf Erden einen vierzigtägigen Regen erzeugte. Doch es ſprach der heilige Steal zum Teufel: „Ich kann Dir nicht helfen, mein Freund, es thut mir ſehr leid; denn ich müßte meine Hand an dieſen Schlauch legen, welcher ein lebloſes Ding, und eine Stelle der heiligen Schrift verbietet ausdrücklich, leb⸗ loſe Dinge zu berühren, ſo man nicht unrein davon werden will.⸗ Der heilige Autremoine ſprach zum Teufel: „Ich kann Dir nicht helfen, mein Freund, es thut mir ſehr leid; denn ich bedenke, daß dieß eine gute Handlung wäre, und die guten Handlungen haben das Nachtheilige an ſich, daß ſie den, welcher ſie übt, zur Eitelkeit verleiten. Ich will mich ihrer daher ent⸗ halten, um nicht meiner Demuth verluſtig zu werden.⸗ Der heilige Zwerg Johann ſprach zum Teufel: „Ich kann Dir nicht helfen, mein Freund, es thut mir ſehr leid; denn, wie Du bemerkſt, bin ich ſo klein, daß ich Dir kaum bis an den Gürtel reiche. Wie . 93 ſollt ich es alſo anfangen, Dir die Laſt auf die Schul⸗ tern zu heben 24 Der heilige Medardus ſprach, in Thränen ſchwim⸗ mend, zum Teufel: „Ich kann Dir nicht helfen, mein Freund, es thut mir ſehr leid; denn ich bin ſo erſchüttert, daß mir die Arme wie erlahmt find.“ Und die Heiligen gingen ihres Weges. Der Teufel gerieth in Wuth. „Seh' Einer dieſe Kerle!“ ſchrie er;„was das für Pedanten, was das für Narren ſind mit ihren langen Bärten! Mein Wort darauf, ſie ſind noch dümmer, als der Engel!“ Iſt Einer erbost, ſo hat er wenigſtens den Troſt, daß er den, welcher ihn erbost hat, zum Teufel wün⸗ ſchen kann. Dem Teufel geht dieſes Vergnügen ab. Daher nimmt ſein Zorn immer die Wendung, daß er ſich gegen ſich ſelbſt auf's Höchſte erbittert. 3 Wie er nun ſo fluchte und das wuthſprühende Auge gegen den Himmel, ſeinen Feind, emporhob, bemerkte er in den Wolken einen ſchwarzen Punkt. ä9 Dieſer Punkt vergrößerte ſich und kam immer näher. Der Teufel ſah hin. Es war ein Menſch, ein Ritier mit Helm und Rüſtung, ein Chriſt— denn er trug ein rothes Kreuz auf der Bruſt— der aus den Wolken fiel. „Sei gelobt, wer immer es ſei!“ rief der Teufel, vor Freuden tanzend.„Mir iſt geholfen! Da kommt mein Chriſt! Mit vier Heiligen konnt' ich nicht zum Ziele kommen, ich müßte nicht der Teufel ſein, wenn mir's nicht mit einem Menſchen gelänge.“ In dieſem Augenblicke ward Pekopin ſanft am Ufer niedergelaſſen und ſetzte den Fuß auf die Erde. Als er den Greis wahrnahm, der wie ein Sklave neben ſeiner Laſt ausruhte, ging er auf ihn zu und fragte ihn:; 94 „Wer ſeid Ihr, Freund, und wo befinde ich mich?⸗ Der Teufel winſelte jammerwürdig: „Ihr befindet Euch am Strande des rothen Meeres, Pnadisſer Herr, und ich bin der Elendeſte aller Elen⸗ en.“— Hierauf ſang er dem Ritter dasſelbe Lied vor, welches er dem Heiligen geſungen, und bat ihn ſchließ⸗ lich, er möchte ihm helfen den Sack aufladen. Pekopin ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Guter Mann, Eure Geſchichte iſt ſehr unwahr⸗ ſcheinlich.“ „Aber, ſchöner Herr, der Ihr vom Himmel ge⸗ fallen,“ verſetzte der Teufel,„die Eurige iſt noch viel unwahrſcheinlicher, und dennoch iſt ſie wahr.“ „Das iſt richtig“ meinte Pekopin. „Und was glaubt Ihr denn,“ fuhr Asmodi fort, „daß ich dabei thun könnte? Iſt es meine Schuld, daß mein Unglück unglaublich ausfieht? Ich bin arm an Sack und Geiſt, ich weiß Nichts zu erfinden, ich ſollte vielleicht meine Klagen beſſer zuſammenreihen, allein ich weiß nur die Wahrheit zu ſagen. Wie das Fleiſch, ſo die Suppe.“ „Das geb' ich zu,“ erwiderte Pekopin. „Und endlich,“ ſchloß der Teufel,„was kann's Euch ſchaden, wenn Ihr, ein ſo junger und kräftiger Mann, wie Ihr ſeid, einem ſchwachen Arm dieſen Sack aufladen helfet?“ Dieß Argument wirkte auf Pekopin. Er bückte ſich, hob den Sack mit Leichtigkeit in die Höhe und war im Begriff, ſelben auf den Rücken des Alten zu legen, der gebeugt vor ihm ſtand. Noch einen Augenblick, und es wäre geſchehen. Der Teufel hat Fehler an ſich und dieſe ſchlagen ihm zum Unheil aus: er iſt ſehr gierig. In dieſem Augenblick wandelte ihn das Gelüſte an, Pekopins Seele denen, die er ſchon in ſeinem Sack hatte, bei⸗ ich?“ eres, Flen⸗ vor, ließ⸗ dahr⸗ [ge⸗ viel fort, huld, arm „ich ihen, das ann's ftiger dieſen bückte und en zu 95 zufügen. Aber zu dieſem Ende mußte Pekopin erſt todt ſein. Der Teufel rief daher mit leiſer Stimme einem unſichtbaren Geiſt und gab dieſem in dunkeln Worten einen Auftrag. Alle Welt weiß, daß der Teufel in ſeinem Ver⸗ kehre mit den übrigen Geiſtern der Unterwelt eines Gemiſches von Italieniſch und Spaniſch ſich bediente, wogn er dann und wann auch ein lateiniſches Wort mengt. Es wurde dieß klärlich erwieſen und dargethan bei mancherlei Gelegenheiten, insbeſondere aber in dem Prozeſſe des Doktor Eugenio Torralva, welcher am 10. Januar 1528 zu Valladolid angefangen und am 6. Mai 1531 mit dem Verbrennen beſagten Dok⸗ tors beendigt wurde. Pekopin war aber ein Mann, der ſeinen Schul⸗ ſack hatte und ſchier eine Veſper zu halten im Stande war. Er war in den Wiſſeenſchaften nicht unbeſchla⸗ gen und verſtand die Sprache des Teufels. Im Augenblick, als er dem Alten den Sack auf den Rücken legen wollte, hörte er dieſen leiſe ſagen: Bamos, unon cierra occhi, verbera, frappa, echa la piedra(Bamos, bleib unſichtbar, aber ſchlag' zu und laß den Stein niederfallen).“ Das war für Pekopin wie ein Blitz. Ein Verdacht ſtieg in ihmauf. Er erhob die Augen und erſchaute in unermeß⸗ licher Höhe über ſich einen großen Stein, der von irgend einem unſichtbaren Rieſen über ſeinem Haupte gehalten wurde. Zurückſpringen, mit der Linken nach dem Talis⸗ man, mit der Rechten nach dem Dolch greifen und mit dieſem den Schlauch heftig durchſtoßen, das war für Pekopin das Werk eines Augenblicks, als wäre er der Wirbelwind, der in derſelben Sekunde heran⸗ kommt, niederbraust, blitzt, donnert und einſchlägt. 96 Der Teufel ſtieß einen entſetzlichen Schrei aus. Die Seelen entflohen durch das von Pekopins Dolch geöffnete Loch und ließen in dem Schlauche alle ihre Schwärzen, Sünden und Laſter zurück, einen abſcheu⸗ lichen Klumpen, ein ſcheußliches Geſchwür, welches vermöge der Anziehungskraft des Teufels an dieſen anflog und anwuchs und, überzogen von dem rauhen Dromedarsfell, für ewig einen Höcker zwiſchen ſeinen Schultern bildete. Seit damals iſt Asmodi bucklig. In dem Augenblick aber, als Pekopin ſich zurück⸗ warf, ließ der unſichtbare Rieſe den Stein fallen, der zerſchmetternd dem Teufel auf den Fuß fiel. Seeit damals hinkt Asmodi. Dem Teufel ſteht, wie dem lieben Gott, der Donner zu Gebote. Aber des Teufels Donner iſt ein ſchrecklicher, unterirdiſcher, der aus den Schlünden der Erde aufſteigt und die Bäume entwurzelt. Pekopin fühlte, wie der Meeresſtrand unter ihm erbebte und wie eine furchtbare Wolke ihn einhüllte. Ein ſchwarzer Rauch machte ihn blind, ein ſchauder⸗ volles Getöſe betäubte ihn. Es kam ihm vor, als würde er zu Boden geworfen und über die Erde hin⸗ gerollt, wie ein welkes Blatt, das der Wind entführt. Er verlor das Bewußtſein.. 7. Gutgemeinte Uathſchläge eines alten Weiſen, der ſich in eine Blaͤtterhütte zurückgezogen. Als er wieder zur Beſinnung gelangte, hörte er eine ſanfte Stimme ſagen: Phi smà; was im Arabi⸗ ſchen ſo viel ſagen will, als; er iſt im Himmel. Er fühlte eine Hand auf ſeiner Bruſt ruhen und hörte aus. Dolch 2 ihre ſcheu⸗ elches dieſen auhen ſeinen urück⸗ 1, der „ der ſt ein n der eihm üüllte. zuder⸗ „als hin⸗ führt. .„ 97 eine ernſte Stimme gravitätiſch antworten: Lôö, 16, machi mouth, was ſo viel bedeutet, als: nein, nein, er iſt nicht todt. Er öffnete die Augen und ſah einen Greis und ein junges Mädchen vor ſich. Der Alte war ſchwarz wie die Nacht, hatte einen langen, ſchneeweißen Bart in kleine Flechten gebun⸗ den, wie die alten Magier, und war in eine falten⸗ loſe, grünſeidene Decke gehüllt. Das Mädchen war kupferroth, hatte große Augen wie Porzellan, Lippen wie Korallen und in Naſe und Ohren goldene Ringe. Sie war ſehr ſchn. Pekopin befand ſich nicht mehr am Ufer des Meeres. Der Athem der Hölle hatte ihn in ein Thal voll wunderbar geformter Felsſpitzen und ſon⸗ derbar geſtalteter Bäume geweht. Er ſtand auf. Der Greis und das Mädchen betrachteten ihn mit wohlwollenden Blicken. Er näherte ſich einem der Bäume. Da ſchrumpf⸗ ten die Blätter zuſammen, die Zweige zogen ſich zu⸗ rück, die blaßweißen Blüthen wurden roth und der ganze Baum ſchien ſich von ihm abzuwenden. Peko⸗ pin erkannte den Schambaum und zog daraus den Schluß, er müſſe Indien verlaſſen haben und ſich im Lande Pudiferan befinden. Nun aber gab ihm der Alte einen Wink. Peko⸗ pin folgte ihm und bald ſaßen der Greis, das Mäd⸗ chen und der Ritter auf einer Matte in einer aus Palmblättern zuſammengefügten Hütte, deren Inne⸗ res, mit Edelſteinen aller Art ausgeziert, wie eine lodernde Glutpfanne ſchimmerte. Der Greis wandte ſich zu Pekopin und redete ihn und zwar in deutſcher Sprache folgendermaßen an: „Mein Sohn, ich bin der Mann, welcher Alles weiß, ich bin der große äthiopiſche Steinkundige, der Taleb der Araber. Mein Name iſt Zin⸗Eddin für Tutti Frutti. II. 7 ——— die Menſchen und Evilmerodach für die Geiſter. Ich bin der erſte Sterbliche, der dieſes Thal betreten hat, Du biſt der zweite. Ich verbrachte mein Leben damit, der Natur die Wiſſenſchaft der Dinge abzu⸗ lauſchen und den Dingen das Wiſſen des Geiſtes einzuflößen. Durch mich und meinen Unterricht und durch die Strahlen, welche ſeit hundert Jahren aus meinen Augen ausgehen, geſchieht es, daß in dieſem Thale die Steine leben, die Pflanzen denken und die Thiere urtheilen. Ich lehrte den Pelikan ſich blutig beißen, um ſeine Jungen von Viperſtichen zu kuriren, die blinde Schlange Fenchel freſſen, um das Geſicht wieder zu erlangen, den ſtaarblinden Bären die Bienen aufſtören, damit ſie ihm den Staar ſtechen. Ich wies dem zwangsdärmigen Adler den Stein Oe⸗ tides, der ihm das Eierlegen erleichtert. Wenn ſich der Häher mit Lorbeerblättern den Wagen reinigt, die Schildkröte mit Schierling, der Hirſch mit Eſchen⸗ wurz, der Wolf mit Alraun, das Wildſchwein mit rankendem und die Turteltaube mit Erdepheu, wenn die Pferde, vom Blut gequält, ſich ſelber am Hinter⸗ ſchenkel eine Ader öffnen, wenn die Sterneidechſe zur ſch von der fallenden Sucht zu befreien, wenn die Schwalbe die Augenkrankheit ihrer Jungen mit dem kalidoniſchen Steine vertreibt, den ſie weit meerüber holen muß, wenn das Wieſel ſich mit Raute verſieht, ſobald es die Natter angreift; dann war ich es, mein Sohn, der ſie das Alles gelehrt. Bislang hatte ich bloß Thiere zu Schülern, ich wartete auf einen Men⸗ ſchen. Da erſchienſt Du. Werde mein Sohn Ich bin alt. Ich hinterlaſſe Dir meine Hütte, meine Edelſteine, mein Thal und meine Wiſſenſchaft. Du heirateſt meine Tochter, welche Aiſſab heißt und ſchön iſt. Ich werde Dich lehren, ven Hyazinthrubin vom Goldrubin unterſcheiden, die große Perlenmuſchel in Salz ſtecken und das erloſchene Feuer fahler Rubine eit der Häutung ſelber ihre Haut verſchlingt, um r. Ich etreten Leben abzu⸗ Geiſtes öt und n aus dieſem n und n ſich den zu in das Bären techen. in Oe⸗ in ſich einigt, Eſchen⸗ n mit wenn binter⸗ ſe zur „ um in die hel in kubine .„„+ 99 durch Einlegung in Weineffig wieder beleben. Jeder Tag in Eſſig gibt ihnen ein Jahr neuer Schönheit. Friedlich wollen wir unſer Leben damit verbringen, Diamanten aufzuſuchen und Wurzeln zu eſſen. Sei mein Sohn!“ „Dank, ehrwürdiger Vater,“ verſetzte Pekopin, vich nehme Euern Worſchla3 freudig an.“ Als aber die Nacht gekommen, ſkiſirte er ſich. 8. Der wandernde Chriſt. Er irrte lange in der Welt um. Alle ſeine Reiſen erzählen, hieße, die ganze Welt beſchreiben. Er ging barfuß und auf Sandalen, er beſtieg alle Reitthiere: den Eſel, das Pferd, das Maulthier, das Kameel, das Zebra, den Waldeſel und den Elephanten. Er fuhr auf allen möglichen Fahrzeu⸗ gen, auf den rundlichen Schiffen im Ocean und auf den länglichten im Mittelmeer, auf Galeeren und Gallionen, großen und kleinen Fregatten, Feluken, Polacken und Tartanen, auf Barken, Nachen und Kähnen. Er wagte ſich auf die ausgehöhlten Baum⸗ ſtämme der Indier auf Bantam und auf die leder⸗ nen Gondeln auf dem Euphrat, von welchem ſchon Herodot erzählt. Er wurde von allen Winden ver⸗ ſchlagen, vom ſüdöſtlichen und vom ſüdlichen Sirocco, vom Nordwind und vom Nordweſtwind. Er durch⸗ wanderte Perſien, Pegu, Bramaz, Tagatai, Tran⸗ fiana, Sagiſtan und Haſubi. Er ſah Monomotapa wie Vincent⸗le⸗Blanc, Sofala wie Pedro Ordonez, Ormus wie Fines, die Wilden wie Acoſta und die Rieſen wie Malherbe de Vitre. Er verlor vier Fuß⸗ zehen in per Wüſte wie Jeronimo Loftla, ſah ſich ——y—— 100 ſiebzehnmal verkauft wie Mendez Pinto, wurde Ga⸗ leerenruderer wie Texeus und wäre ums Haar Eu⸗ nuch geworden wie Pariſol. Er hatte die Geſchwür⸗ krankheit, woran die Neger ſterben, den Scorbut, der Avicenne in Schrecken ſetzte, und die Seekrankheit, welcher Cicero den Tod vorzog. Er beſtieg ſo hohe Berge, daß er auf ihren Gipfeln Blut, Galle und Schleim ſpie, er gerieth auf eine Inſel, die man wohl zuweilen trifft, ohne ſie zu ſuchen, aber ſtets ſucht, ohne ſie zu finden, und kam darauf, daß die Bewohner dieſer Inſel gute Chriſten ſind. In Mi⸗ delpolic im hohen Norden, nahm er ein Schloß wahr, wo keines ſteht, allein die Blendungen des Nordlichtes ſind ſo ſtark, daß man darüber nicht zu erſtaunen braucht. Er verlebte mehrere Monate, gern geſehen und gut gepflegt, bei dem König von Mo⸗ gor Ekbas, von deſſen Hofe er ſpäter alle die Ge⸗ ſchichten erzählte, welche ſeither die Holländer, die Engländer und ſelbſt die Vater Jeſuiten niederge⸗ ſchrieben. Er wurde ſehr gelehrt, denn ſeine zwei großen Lehrer waren Reiſen und Unglück. Er ſtudirte die Fauna und Flora unter allen Himmelsſtrichen. Er beobachtete die Richtung der Winde aus den Wande⸗ rungen der Vögel und die der Gewäſſer aus den Wanderungen der Kephalopoden. Er ſah alle Völ⸗ ker und Ungeheuer, gleich dem alten Griechen Odyſ⸗ ſus. Er verſchaffte ſich Kunde von allen Wunder⸗ thieren: vom Roßmar, vom Schwarzrall, vom So⸗ lendgus, von den Garagians, die den Meeradlern ähnlich, von den Binsſchwänzen der Inſel Komor, vom Calzbock in Schottland, von den Antenalen, die in Heerden ziehen, von den Alkatrazen, die ſo groß wie Gänſe, von den Prymons auf den Maldiven⸗ inſeln, welche Menſchen freſſen, von Fiſch Mamar, der einen Stierkopf hat, vom Vogel Klaki, der aus gewiſſen verfaulten Holzgattungen beſteht, vom klei⸗ nen Saru, der ſchöner ſingt gls ein Papagei und T A ankam den v wenn Dann Stein T neuen de Ga⸗ ar Eu⸗ ſchwür⸗ ut, der ankheit, ſo hohe le und e man 8n Mo⸗ ie Ge⸗ r, die ederge⸗ „ 101 endlich vom Boran, jenem Pflanzenthiere in der Tar⸗ tarei, welches eine Wurzel in der Erde hat und rings um ſich her alles Gras abweidet. Auf der Jagd er⸗ legte er einen Seetriton und wußte eine Flußtritonin ſogar in ſich verliebt zu machen. Eines Tages ward er auf der Inſel Namar, die beiläufig hundert Mei⸗ len von Goa entfernt iſt, von Fiſchern angerufen, welche ihm ſieben Meermänner und neun Meerfrauen zeigten, die ſie in ihren Netzen gefangen. Er hörte den nächtlichen Lärm des Meerſchmiedes und aß von den hundert und dreiundfünfzig Fiſcharten, die es im Meere gibt und die ſich ſammt und ſonders in dem Netze der Apoſtel befanden, als ſie dasſelbe auf Be⸗ fehl des Herrn auswarfen. Im Scythenland durch⸗ ſchoß er mit Pfeilen einen Greifen, welchen die ari⸗ maspiſchen Völker den Krieg machten, um das von ihm bewachte Gold zu erlangen. Dieſe Völker woll⸗ ten Pekopin zu ihrem König machen, aber er ſkiſirte ſich. Er erlitt endlich Schiffbrüche bei manchem An⸗ laß, und inmitten aller dieſer Abenteuer, Irrfahrten, Strapatzen, Heldenthaten unter Anſtrengungen und Jammer aller Art kannte der wackere und vielgetreue Pekopin nur den einen Zweck, nur die eine Hoffnung, wieder in die Falkenburg heimzukehren, und den einen Gedanken, Bathilde wieder zu ſehen. Dank dem Talisman der Sultanin, den er immer bei ſich trug, konnte er, wie wir wiſſen, weder altern „ noch ſterben. Deſſenungeachtet zählte er gar traurig die Jahre. Als er zuletzt wieder im Norden von Frankreich ankam, waren fünf Jahre verſtrichen, ſeit er Bathil⸗ den verlaſſen. Oft gedachte er deſſen am Abend, wenn er ſeit dem Frührothſchein auf dem Wege war. Dann ſetzte er ſich am Rande des Weges auf einen Stein nieder und weinte. Doch tröſtete er ſich immer wieder und faßte neuen Muth. 10² Fünf lange Jahre, ſprach er bei ſich, aber ich werde ſie ja jetzt wiederſehen! Sie zählte fünfzehn Jahre, ſie wird nun— was thut das?— was thut das?— zwanzig zählen! Seine Kleider waren zu Lumpen und Fetzen ge⸗ worden, ſeine Schuhe zu Schlarfen, von den Füßen rieſelte ihm das Blut. Aber Kraft und Freudigkeit waren wiedergekehrt und er ſchritt rüſtig fort. So kam er in die Vogeſen. ——A3 9. Woraus zu erſehen, welehe Unterhaltungen ſich ein Zwerg in einem Walde machen kann. Eines Abends, nachdem er tagüber zwiſchen den Felſen umhergeklettert, um einen zum Rhein hernie⸗ dergehenden Pfad zu ſuchen, gelangte er an ein aus Tannen, Eſchen und Ahornen beſtehendes Gehölz, welches zu betreten er nicht anſtand. 4 Er war etwa eine Stunde fortgegangen, als der Pfad, welcher ihn hergeführt, plötzlich in einer Waldlichtung verſchwand, die mit Stechpalmen, Wach⸗ holder und wilden Himbeeren überwachſen war. Seit⸗ wärts dieſer Lichtung befand ſich ein Sumpf. Von Müdigkeit bewältigt und vor Hunger und Durſt gänzlich entkräftet und dem Tode nahe, ſchaute er ſich nach allen Seiten um, ob ſich ihm wohl kein Strohdach, kein Köhlermeiler oder Hirtenfeuer zeige, als mit einmal eine Kette Brandenten ganz nahe an ihm vorüberflog und ſchreiend die Flügel ſchlug. Pekopin erbebte, als er dieſe ſeltſanten Vögel wieder ſah, welche ihre Neſter unter der Erde bauen und von den Bauern der Vogeſen Kaninchenenten genannt werden. Er bog die Büſchel der Stechpal⸗ men auseinander und ſah nun all um Steinbrech, Eng und derb Aug Mie ſo g groß zu( . ren, renk. dem Er Fra Fert ſchri wele matt des Gehe Rou Voge 103 Engelswurz, Nieswurz und großen Enzian grünen und blühen. Als er ſich zu naͤherer Beſichtigung nie⸗ derbeugte, ſtel ihm eine große Miesmuſchel in die Augen. Er nahm ſie auf. Es war eine fener großen Miesmuſcheln als Volognien, welche Perlen enthalten, ſo groß wie Erbſen. Er blickte auf und ſah einen großen Ohrenkauz über ſich ſchweben. Da fing er an, beſorgt zu werden und hatte da⸗ zu Grund genug. Dieſe Stechpalmen, dieſe Himbee⸗ ren, dieſe Brandenten, dieſe Miesmuſchel, dieſer Oh⸗ renkauz waren eben nicht geeignet, ihm Vertrauen zu dem Orte einzuflößen, an welchem er ſich befand. Er fühlte ſich erſchrocken und legte ſich ängſtlich die Frage vor, wo er ſich denn befände, als er aus der Ferne Geſang vernahm. Er lauſchte.. Es war eine heiſere, griesgrämige, verroſtete, ſchrillende, dumpfe und ſchreiende Stimme zugleich, welche folgenden Singſang ertönen ließ: Mein kleiner See, der ſchattenreich umblutte, Erzeugt Neptun und Amphitrite, Mein armer, unbekannter Teich Nährt Furſt Neptuns und Amphitritens Reich. Ein Zwerg bin ich, doch zweier Rieſen Ahn. Mein Tropfen ſchafft'nen Doppelocean. Ein Saphir glanzt in meiner Perlenkronc, Er ſchmilzt und fluthet hin als Rhone, Ein Smaragd leuchtet hell in meinem Schrein, Er ſchmilzt und ſtromt dahin als gruner Rhein. Ein Zwerg bin ich, doch zweier Nieſen Ahn, Mein Tropfen ſchafft'nen Doppelocean. Pekopin war nicht länger ungewiß: der arme, matte Wanderer befand ſich in dem verrühmten Hain des ‚letzten Gangeg“, der ein Gehölz voller Irrgange, Geheimniſſe und Verlockungen iſt und wo der Zwerg Roulon umherſchreitet.. Der Zwerg Roulon bewohnt einen See in den Vogeſen auf einem Berggipfel, und weil er von dort 10⁴ aus ein Bächlein der Rhone und ein anderes dem Rheine zuſendet, ſo rühmt ſich der alberne Praler, Vater des Mittelmeeres und des Oceans zu ſein. Seine Luſt iſt es, im Walde umherzuſchweifen und den Wanderer zu verwirren. Wer in den Hain des lletzten Ganges getreten, kommt nimmer wieder heraus.. Dieſe Stimme, dieſer Sang rührten von dem böſen Zwerg Roulon her. Ganz verſtört warf ſich Pekopin auf ſein Ange⸗ ſicht nieder und rief aus: „O Himmel, es iſt um mich geſchehen! Ich werde Bathilde niemals wiederſehen!“ „Das wäre wohl möglich!“ ſprach Jemand dicht hinter ihm, 10. Mit Hunden und Roſsen. Er wandte ſich um. Ein alter Herr ſtand, mit einem prachtvollen Jagdkleide angethan, wenige Schritte hinter ihm. An die Hüfte dieſes Edelmannes ſchlug ein Hirſchfänger mit ciſelirtem Goldgriff und an ſeinem Gurt hing ein mit Meſſing ausgelegtes Büffelhorn. Es lag etwas Wunderſames, Befremdliches, Leuchtendes in dieſem blaſſen Geſichte, welches vom letzten Schim⸗ mer des Abendroths übergoſſen war. Der alte Jäger, der ſo mit einmal und an einem ſolchen Orte und zu ſolcher Stunde erſchien, wäre euch gewißlich verdächtig vorgekommen, wie mir ſel⸗ ber, allein im Haine des letzten Ganges⸗ denkt man nur an Roulon. Der Greis war kein Zwerg und das genügte Pekopin. Und zudem war der alte Mann von recht zu⸗ nach das gewe Peko vom und fühlt und dem aler, ſein. und des ieder dem nge⸗ derde dicht im⸗ nem äre ſel⸗ nan und zu⸗ 105 thulichem, einnehmendem und gefälligem Weſen, und obſchon er vollkommen waidmänniſch herausgeputzt war, erſchien er doch ſo alt, gebeugt und gebrechlich, ſeine Hände waren ſo voller Runzeln und Falten, die Brauen ſo ſchneeweiß und die Beine ſo fleiſchlos, daß es Mit⸗ leid erregt hätte, ſich vor ihm zu fürchten. Achtete man ſeines Lächelns genauer, ſo erſchien es wie das alltägliche, nichtsſagende Lächeln eines ſchwachen Königs. „Was wollt Ihr von mir?“ fragte Pekopin. „Dich Bathilden wiedergeben,“ verſetzte der alte Waidman, immerfort lächelnd. „Wann?“ „Jage nur vorher eine Nacht mit mir.“ „Welche?“ „Die, welche gerade beginnt.“ „Und ich werde Bathilde wiederſehen?“ „Sowie die Nacht unſerer Jagd vorüber und nach ihr die Sonne aufgegangen, bringe ich dich vor das Thor der Falkenburg.“ „Bei Nacht jagen?“ Warum nicht?“ „Das iſt ſeltſam.“ „Bah!“ „Und ſehr beſchwerlich.“ „Behüte!“ „Und Ihr ſeid ſo alt.“ „Mach' dir keine Sorge um mich.“ „Ich aber bin ſo erſchöpft, bin den ganzen Tag gewandert, ſterbe faſt vor Hunger und Durft,“ ſagte Pekopin;„ich bin außer Standes, ein Roß zu beſteigen.⸗ Der Alte neſtelte eine damascirte Silber aſche vom Gurt und reichte ſie dem Ritter mit den Worten: „Da trink!⸗ Pekopin führte die Flaſche gierig an den Mund und kaum hatte er ein paar Züge daraus gethan, ſo fühlte er ſich neu belebt. Er war jung, geſund, heiter und kräftig. Es war ihm, als hätte er gegeſſen, ge⸗ 106 trunken und geſchlafen. Es kam ihm ſogar vor, als hätte er zu viel getrunken. „Wohlan,“ rief er aus, laßt uns gehen und jagen die ganze Nacht hindurch; ich bin damit ein⸗ verſtanden. Aber ich werde Bathilde wiederſehen? „Ja, ſowie dieſe Nacht zu Ende, im nächſten Morgenroth.“" „Und wer bürgt mir für die Erfüllung dieſes Verſprechens?“ „Mein Hierſein und die Hülfe, welche ich Dir brachte. Ich hätte Dich ja hier vor Hunger und Er⸗ ſchöpfung ſterben und in die Gewalt des Vagabunden Roulon gerathen laſſen können, allein ich fühle Mit⸗ leid mit Dir.“. „Ich folge Euch,“ verſetzte Pekopin;„alſo bei Sonnenaufgang an der Falkenburg?“ „Halloh! ihr Andern, zur Jagd herbei!“ ſchrie der Alte, ſeine Stimme erhebend. Indem er ſich mit dieſem Rufe gegen den Wald kehrte, bemerkte Pekopin, daß er bucklig war. Hierauf machte der Waidmann einige Schritte vorwärts und Pekopin ſah, daß er hinkte. Dem Ruf des Alten gehorſam, kam eine Schaar von Rittern aus dem Forſt hervor, angethan wie Prinzen und beritten wie Könige. Sie umgaben in tiefem Stillſchweigen den Alten, welcher ihr Gebieter zu ſein ſchien. Alle waren mit Hirſchfängern und Saufedern bewaffnet, er allein aber führte ein Horn. Die Nacht war inzwiſchen hereingebrochen, doch rings um die Ritter her hatten ſich zweihundert Knappen mit brennenden Fackeln aufgeſtellt. „Ebbene,“ ſprach jetzt der Alte,„ubi sunt los perros(nun, wo ſind die Hunde)? Dieß Gemengſel von Italiſch, Latein und Spaniſch wollte Pekopin nicht recht gefallen. V ung Ge nor gen ein St nac alle nich daß grit vor leite dief ein Han ging Jag trat Hur auß liche Pfei ſeine 107 Der Alte verbeſſerte ſich indeſſen ſchnell und rief ungeduldig: „Die Hunde! die Hunde!⸗ Er hatte kaum ausgeſprochen, als ein fürchterliches Gebell auf der Waldlichtung laut wurde. Eine Meute erſchien. Eine bewundernswerthe Meute fürwahr, engliſche, norwegiſche, franzöſiſche, orientaliſche Rüden und Dog⸗ gen der edelſten Racen und Berberhunde: die Meute eines Kaiſers! Diener in gelben Jacken und rothen Strümpfen, Hundeführer mit wilden Geſichtern und nackte Mohren hielten dieſe Hunde am Kuppelſeil. Pekopin wurde von dieſer Meute ganz geblendet; alle ſeine Jagdluſt erwachte wieder in ihm. Aber dieſe Meute war ſo mit einmal, man wußte nicht woher gekommen, und er mußte ſich ſelbſt ſagen, daß es unbegreiflich, wie man die Hunde, die jetzt ſo grimmig bellten, durchaus nicht vernommen habe, be⸗ vor ſie ſichtbar geworden. Der Jägermeiſter welcher das ganze Waidwerk leitete, ſtand einige Schritte vor Pekopin und wies dieſem den Rücken. Pekopin trat auf ihn zu, um einige Fragen an ihn zu thun. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und der Mann wandte ſich um. Er hatte eine Maske vor dem Geſichte. Dieſer Umſtand machte Pekopin betreten und er ging mit ſich zu Rathe, ob er denn in der That dieſer Jagd ſich anſchließen ſollte, als der Alte zu ihm heran⸗ trat mit der Frage: „Nun, Ritter, was meinſt Du zu unſern Hunden?“ „Ich meine, lieber Herr, daß wir, um dieſer außerordentlichen Meute zu folgen, auch außerordent⸗ liche Pferde brauchen.“ Dhne zu antworten, ſetzte der Alte ein ſilbernes Pfeiſchen an den Mund, das er am kleinen Finger ſeiner linken Hand hängen hatte und pfiff. 108 Auf dieſen Pfiff hin ließ ſich ein Geräuſch unter den Bäumen vernehmen, die Anweſenden öffneten ihre Reihen und hervor traten vier Stallknechte in ſchar⸗ lachenen Livreen und führten zwei prächtige Roſſe herbei. Das eine war ein ſchöner ſpaniſcher Klepper von ſtolzem Gang, glatten, ſchwärzlichen, gehörig ausge⸗ höhlten und ſchräglaufenden Hufen und hatte eine Trauerkappe auf dem Kopf, den Bruſtriemen für das Waffenzeug und einen Feldſattel. Das andere war ein tartariſcher Renner von hoher Kruppe, geſtrecktem Rücken, gut geſchloſſenen Weichen und ſanft herab⸗ laufendem Widerriſt. Er hatte ein ſilbernes Gebiß, goldgeſticktes Zaumwerk, den Königsſattel, eine Decke von Brocat, hängende Quaſten und einen wiegenden Federbuſch. Beide waren ſchwarz wie Ebenholz. Pekopin riß erſtaunt die Augen weit auf, indem er die beiden Wunderpferde betrachtete. „Nun,“ fragte der Alte, immerfort hinkend und hüſtelnd und lächelnd,„welches wählſt Du? Pekopin zauderte nicht lange, ſondern beſtieg den Klepper. Diß Du feſt im Sattel?“ fragte der Alte. a 66 Da brach der Alte in ein lautes Lachen aus, riß mit der einen Hand Decke, Federbuſch, Sattel und Geſchirr vom Tartarrenner, faßte denſelben mit der andern an der Mähne, ſprang wie ein Tieger hinauf und ſetzte ſich mit untergeſchlagenen Beinen auf das ſtolze Thier, welches an allen Gliedern erzitterte. Dann nahm er das Horn vom Gurt und begann eine ſo ſchreckliche Fanfare zu ſchmettern, daß dem betäub⸗ ten Pekopin vorkam, als habe der Greis den Donner in der Bruſt. nter ihre har⸗ bei. von sge⸗ eine das war tem rab⸗ biß, ecke den dem und den riß und der auf das rte. ine ub⸗ ner 109 11. Welchen Abenteuern man ſich ausſetzt, wenn man ein poferd beſteigt, das man nicht kennt. Bei dem Schalle dieſes Hornes zuckten plötzlich tauſend Lichter in dem Forſte auf, Schatten flogen durch das Gehölz und ferne Stimmen ſchrieen: Zur Jagd! Die Meute bellte, die Roſſe ſchnaubten und die Bäume ſchwankten, wie von einem Orkan angefaßt. In dieſem Augenblick ſchlug eine zerſprungene ‚lackt fernab in der Finſterniß die Mitternachts⸗ unde. Beim zwölften Schlage ſetzte der Alte abermals ſein Horn an den Mund, die Knechte machten die Hunde los, dieſe fuhren wie ein Haufen Steine, wel⸗ chen die Balliſte ſchleudert, auseinander, Geſchrei und Geheul verdoppelte ſich und alle Jäger, Hundeführer und Piqueure, der Alte und Pekopin rasten im Galopp dahin. Ein Galopp, ſo gewaltſam, reißend, wirbelnd und übernatürlich, der Pekopin ergriff, fortriß und weg⸗ trug, der jeden Hufſchlag des Pferdes im Gehirne des Reiters wiederhallen machte, als ob ſeine Stirne der Erdboden ſei, der ihn blendete wie ein Blitz, betäubte wie ein wildes Gelage und erbitterte wie eine Schlacht, ein Galopp, der zum Wirbel, ein Wirbel, der zum Sturme ward. Der Forſt war unermeßlich, die Jäger zahllos, Lichtung folgte auf Lichtung, der Wind ſtöhnte, die Hunde bellten, der rieſenhafte Schattenriß eines großen Hirſches von ſechszehn Enden erſchien von Zeit zu Zeit hinter dem Gezweige und floh dahin durch Licht und Schatten, Pekopins Roß ſchnaubte furchtbar, die Bäume neigten ſich herüber, um dieſe Jagd mitanzu⸗ ſehen und bogen ſich zuruͤck, wenn ſie vorbei war, 110 ſchreckliche Fanfaren gellten, dann brachen ſie mit ein⸗ mal ab und man vernahm nur noch das Horn des Alten in der Ferne. Pekopin wußte nicht, wo er war. An einer von Tannen beſchatteten Ruine vorüber⸗ ſprengend, welcher zur Seite ſich ein Waſſerfall von einer hohen Porphirwand herabſtürzte, meinte er Schloß Nideck zu erkennen. Hierauf tanzten zu ſeiner Linken Berge vorüber, welche er für die niedern Vo⸗ geſen hielt. Einen Augenblick ſpäter war er in den obern Vogeſen und in Zeit einer Viertelſtunde war ſein Roß über den Giromagny, den Rotabac, die Sulz, den Bärenkopf, den Graiſſon, den Breſſoir, den Lürberg und über den großen Donon und den großen Ventron hinweg. Die Höhen erſchienen ihm im Dunkel ſo bunt durcheinander, als ob ein Rieſe die große Bergkette des Elſaß untereinandergeſchüttelt hätte. Dann und wann glaubte er unter ſich die Seen wahrzunehmen, welche die Vogeſen auf ihren Gipfeln tragen, ſo deutlich, als ob dieſe Berge unter dem Bauch ſeines Pferdes durchzögen. So ſeltſam und ſchrecklich dieſes Rennen war, ſo faßte er ſich doch allmählig, griff mit der Hand an den Talismann und tröſtete ſich damit, daß er ſich doch nicht von dem Rhein entferne. Auf einmal umgab ihn ein dichter Nebel. Die Bäume verhüllten ſich, verſchwanden dann völlig, der Jagdlärm vergrößerte ſich in der Finſterniß und ſein ſpaniſcher Hengſt raste in neuer Wuth dahin. Der Rauch wurde ſo dicht, daß Pekopin kaum mehr die Ohren ſeines Pferdes gewahren konnte. In ſolchen Augenblicken gehört gewiß große Gei⸗ ſteskraft dazu und iſt es gewiß verdienſtlich, ſeine Seele zu Gott und der Geliebten zu erheben. Beides that unſer braver Ritter mit Inbrunſt. Er dachte an den lieben Gott und an Bathilde, dielleicht ſogar etwas mehr an Bathilde, als an den hren inter var, Hand ſich Die der ſein Der die Hei⸗ eine t. lde, den .„+ 111 lieben Goit, als es ihm plötzlich vorkam, das Wind⸗ geheul nehme den Ausdruck einer artikulirten Stimme und ſpreche deutlich den Namen„Heimburg“ aus. Im ſelben Augenblick erhellte eine große Fackel, welche ein Waidknecht hielt, den Nebel und bei ihrem Lichte erblickte Pekopin dicht über ſeinem Haupte einen Hühnengeier, der von einem Pfeil durchbohrt war und dennoch flog. Er wollte den Vogel näher beſich⸗ tigen, da machte aber ſein Klepper einen Satz, und der Geier ſchlug mit den Flügeln, die Fackel ver⸗ ſchwand im Gehölz und Finſterniß umhüllte Pekopin wieder. Kurz darauf ſprach der Wind abermals und ſtöhnte„Vogtsberg“, eine neue Helle durchdrang das Dunkel und Pekopin nahm einen Habicht wahr, in deſſen Flügel ein Pfeil ſteckte, der aber dennoch flog. Er öffnete die Augen, um ſich blickend, öffnete den Mund, um zu rufen, aber bevor er noch einen Blick dahingerichtet und einen Schrei ausgeſtoßen, war Helle, Geier und Pfeil wieder verſchwunden. Sein Roß hatte im Rennen nicht nachgelaſſen und ſprang mit geſenktem Kopf gegen all den Spuck an, als wäre es das blinde Pferd des böſen Geiſtes Paphos oder das taube des Königs Sihymorrdach. Der Wind rief zum dritten Mal und Pekopin hörte dieſe ächzende Stimme„Rheinſtein“ ſagen. Ein dritter Blitz röthete die Bäume im Nebel und ein dritter Vogel flog vorüber. Es war ein Adler, dem ein Pfeil den Leib durchſchoſſen und der dennoch flog. Da mußte Pekopin der Jagd mit dem Pfalzgraͤ⸗ fen denken, zu welcher er ſich hatte verleiten la en, und erbebte. Allein der Lauf ſeines Renners war ſo unaufhaltſam und die nächtliche Landſchaft flog ſo blitzſchnell vorüber, das Dahinjagen rings um Pekopin ſo unbegreiflich, daß ſogar in ihm ſelbſt Nichts ihn aufhielt. Erſcheinungen folgten ſo unabläffig auf Er⸗ ſcheinungen, daß er ſeinen krüben Erinnerungen keine 112 Zeit widmen konnte. Sie zogen durch ſein Gehirn wie der Wind. In der Ferne tobte immerfort der Jagdlärm und zeitweiſe ſchrie der rieſenhafte Hirſch der Nacht im Dickicht. Nach und nach verſchwand der Nebel. Die Luft wurde lauwarm, die Bäume veränderten ihre Geſtalt, Korkeichen, Piſtacien und Aleppo⸗Fichten erſchienen zwiſchen dem Geſtein und ein großer weißer Mond mit einem ungeheuren Hofe beſchien traurig die Gebüſche. In einem Hohlweg hinſprengend, riß Pekopin von einem ſteilen Rebenrand ein Büſchel Gras aus, und im blaſſen Lichtſchimmer die Pflanzen unterſuchend, fand er darunter die heilkräftige Wollblume der Ce⸗ vennen, den fadigen Ehrenpreis und das Stecken⸗ kraut, deſſen garſtige Blätter in Klauen auslaufen. Eine halbe Stunde ſpäter war die Luft noch wärmer geworden, eine wunderſame Luftſpiegelung des Meeres erhellte von Zeit zu Zeit das Gehölz, er bog ſich noch einmal gegen den Wegrand und riß wiederum Pflanzen aus, wie er ſie gerade erlangen konnte. Dießmal war es die ſilberfarbene Bohnen⸗ ſtaude von Cette, die Stern⸗Anemona von Nizza, die See⸗Lavatern von Toulon, der blutrothe Storchen⸗ ſchnabel aus den niedern Pyrenäen und die große Aſtranzie, deren Blume wie der Planet Saturn zwiſchen einem Ringe hervorſchaut. Pekopin erkannte hieran, daß er ſich in raſender Eile vom Rhein entferne. Er hatte zwiſchen den beiden Handvoll Pflanzen mehr, als hundert Stunden, zurückgelegt. Er war über die Vogeſen und Cevennen geflogen und flog jetzt über die Pyrenäen. „Lieber den Tod!“ dachte er und wollte ſich vom Pferde werfen. Aber bei dieſer Bewegung fühlte er ſeine Füße wie von zwei Eiſenhänden feſtgehalten. Er blickte hinunter. Die Steigbügel hatten ihn er⸗ hehirn t der Hirſch Luft eſtalt, dienen Mond die .„ 113 griffen und hielten ihn feſt; es waren lebende Steig⸗ ügel. Das ferne Toſen, Wiehern, Bellen währte fort. Das Horn des alten Jägers, der in bedeutender Weite der Jagd voran war, tönte geſpenſtige Weiſen und durch die großen, grünblauen, windgebogenen Zweige ſah Pekopin die Hunde durch Waſſer voll zauberiſcher Lichtwiederſchein hindurchſchwimmen. Der arme Ritter ergab ſich in ſein Schickſal, ſchloß die Augen und ließ ſich fortſchleppen. Einmal, als er ſie wieder aufmachte, ſchlug ihm die Siedhitze einer Tropennacht in's Geſicht. Fernes Gebrülle von Tigern und Schakalen tönte zu ihm her, er erblickte zertrümmerte Pagoden, auf deren Ruinen gravitätiſch und in langen Reihen Geier, Eulen und Störche ſaßen; Bäume von wunderlichem Wachsthum und ſeltſamſter Geſtaltung erfüllten die Thäler. Er erkannte den Banian und den Brabab, der Uenonbuyh pfiff, das Oynarameum zitterte, der kleine Gonambuch ſang. Pekopin befand ſich in einem indiſchen Walde. Er ſchloß die Augen wieder. Er öffnete ſie abermals, und ſiehe, binnen einer Viertelſtunde war dem Gluthauch des Aequators ein Eiswind gefolgt. Die Kälte war entſetzlich. Unter den Hufen des Pferdes grillte der Reif. Rennthiere, Morgelinen und Satyr⸗Inſekten erſchienen hinter dem Nebelſchleier. Die Oede von Berg und Wald war unbeſchreiblich. Am fernen Geſichtskreis ragten nur noch zwei oder drei Felſen zu ſchwindelnder Höhe empor, um welche Möwen herflogen, und hinter kärg⸗ lichem, ſchwärzlichem Grün zeigten ſich große, weißliche Wogen, welchen der Himmel Schneeflocken zuwarf und welche ihm dafür Schaumflocken zurückgaben. Pekopin flog durch die Lerchenbäume Biarmiens am Nordkap hin. 3. Einen Moment ſpäter verdichtete ſich die Nacht Tutti Frutti. II. 8 114 und Pekopin ſah Nichts mehr, allein er hörte ein furchtbares Brauſen und Rauſchen und ward ſich bewußt, daß er an dem Strudel Maalſtrom, dieſem Tartarus der Alten, dieſem Nebel des Meeres, vor⸗ überkomme. Was war das für ein Schreckenswald, der über den ganzen Erdkreis hinzog? Von Zeit zu Zeit ließ ſich der Sechszehnender wieder ſehen, immer fliehend und immer verfolgt. Die Schatten und das Getöſe wirbelten ſich auf ſeiner Fährte bunt ineinander und das Horn des Alten horſchmeitekte Alles, ſelbſt das Gebrauſe des Maal⸗ roms. Mit einmal hielt der Klepper an und blieb ſtehen. Das Gebelle ließ nach und ringsher ward Alles ſtill. Der arme Ritter, welcher ſeit einer Stunde die Augen zubehalten, öffnete ſie jetzt. Er hielt vor einem ungeheuren, unheimlichen Gebäude, deſſen erleuchtete Fenſter Blicke niederzu⸗ ſchießen ſchienen. Die Facade dieſes Baues war ſchwarz wie eine Maske und belebt wie ein Geſicht. 12. Beſchreibung eines ſchlimmen Rachtquartiers. Was das eigentlich für ein Gebäude war, möchte ſchwer zu ſagen ſein. Es war ein Haus, befeſtigt wie eine Burg, eine Burg, prachivoll wie ein Schloß, ein Schloß, furchtbar wie eine Höhle, und eine Höhle, ſumm wie das Grab. Man hörte keine Stimme, bemerkte keinen Schat⸗ zen darin. te ein d ſich dieſem „vor⸗ tüber tender rfolgt. ſeiner Alten Maal⸗ tehen. es ſtill. de die lichen derzu⸗ ee eine iers. möchte efeſtigt Schloß, Höhle, Schat⸗ „ 115 „Ringsher um das Schloß, deſſen Umfang über⸗ natürlich, erſtreckte ſich, ſoweit der Blick reichte, der Wald. Am Himmel war kein Mond mehr, man gewahrte nur da und dort einen Strom, roth wie Blut. Das Roß war am zuß einer Freitreppe ſtehen geblieben, welche zu einer verſchloſſenen Thüre em⸗ vorführte. Pekopin ſah rechts⸗ und linkshin und er meinte die Facade entlang noch viele andere Frei⸗ treyppen wahrzunehmen, vor welchen die übrigen ſuſger gleich ihm zu halten und ſchweigend zu warten ſchienen.. Pekopin zog ſeinen Dolch und fuhr damit an dem marmornen Geländer der Freitreppe hin, als plötzlich das Horn des Alten ſo nahe, wahrſcheinlich an der entgegengeſetzten Seite des Hauſes, ſo gewaltig, furcht⸗ bar und betäubend erdröhnte, wie die ſturmenden Poſaunenſtöße des böſen Geiſtes. Dieſes Horn, vor deſſen Schall die Wipfel der Bäume ſich neigten, ſchmetterte ein gräßliches Hallali durch die Finſterniß. Und kaum war es verſtummt, als die Thüre des Schloſſes mit beiden Flügeln nach außen aufſprangen, als hätte ein innerer Wind ſie alle auf einmal heftig aufgeſtoßen. Ein Meer von Licht ſtrömte heraus. Der Klepper trat die Freitreppe hinan nnd trug Pekopin in einen großen, erleuchteten Saal. Die Wände dieſes Saals waren mit geſtickten Tapeten bekleidet, auf welchen Scenen aus der römi⸗ ſchen Geſchichte abgebildet waren. Die Mittelſtücke des Getäfels waren mit Cypreſſenholz und Elfenbein ausgelegt. Oben lief eine Gallerie voller Blumen und Baͤume herum, und in der Ecke unter einem Thronhimmel war eine Eſtrade für Damen mit Agat gedielt. Der übrige Fußboden beſtand aus einem, den trojaniſchen Krieg vorſtellenden Moſaitge maͤlde. 116 Nirgends eine Seele. Der Saal war leer, die Lichtfülle unheimlich in dieſer Oede. Der Klepper, der freiwillig vorwärts ging und deſſen Hufſchlag auf dem Boden hell erklang, ſchritt durch dieſen Saal langſam in einen zweiten, der ebenſo beleuchtet, ebenſo groß und ebenſo verlaſſen war.— Breite Felder mit Schnitzwerk aus Cedernholz bil⸗ deten die Wände des Gemaches, auf welchen ein ge⸗ heimnißvoller Künſtler Schildereien aus Perlmutter und Gold eingelegt hatte. Da konnte man ſehen Schlachten, Jagden und Feſte, Schlöſſer, von benga⸗ liſchem Feuer erleuchtet, von Frauen und Wilden be⸗ lagert und eingenommen, Gefechte und Seeſchlachten zwiſchen Schiffen von allen Formen, welche in einem Ocean von Turkiſen, Smaragden und Saphiren ſchwammen. 3 Ueber dieſen Bildnereien wies ein Fries, von dem meiſterlichſten Grabſtichel bearbeitet, die drei Gat⸗ tungen irdiſcher vernunftbegabter Geſchöpfe in ihren zahlloſen Wechſelbezeichnungen: die Rieſen, die Men⸗ ſchen und die Zwerge, und überall in dieſen Bildern triumphirten Rieſen und Zwerge über den Menſchen, der ſo viel kleiner, als die Rieſen, und ſo viel einfälti⸗ ger, als die Zwerge erſchien. Die Decke dagegen ſchien beſtimmt, dem menſch⸗ lichen Geiſte eine Art Genugthuung, aber eine ſehr boshafte angedeihen zu laſſen. Sie war aus an ein⸗ ander gereihten Feldern zuſammengefügt, auf welchen in düſtern Glanz und mit plutoniſchen Kronen geſchmückt 4 die Bildniſſe aller Menſchen prangten, welchen die Erde nützliche Erfindungen verdankt und welche darum „Wohlthäter der Menſchen“ genannt werden. Jeder war hier abgebildet wegen der von ihm gemachten Erfindung; Arabus wegen der Heilkunde, Dädalus wegen der Irrgärten, Piſtſtratus wegen der Bücher, Ariſtoteles wegen der Bibliotheken, Tubalkain wegen der Amboſſe, Architas wegen der Kriegsmaſchinen, „ die und ſchritt benſo bil⸗ a ge⸗ zutter ſehen enga⸗ n be⸗ chten inem hiren von Gat⸗ ihren Men⸗ dern chen, fälti⸗ nſch⸗ ſehr ein⸗ lchen nückt die rum geder chten alus cher, egen nen, 117 Noah wegen der Schifffahrt, Abraham wegen der Geometrie, Moſes wegen der Trompeten, Amphiktion wegen der Traumdeutung, Friedrich Barbaroſſa wegen der Falkenjagd und Bacho und von Lyon wegen der Quadratur des Zirkels. In den Ecken des gewölbten Plafond und in den überhängenden Bogen ſammelten ſich, gleichſam als Hauptgruppen an dieſem irdiſchen Sternhimmel, viele berühmte Geſichter, wie Flavius, der den Compas erfunden, Chriſtoforo Columbo, der Amerika entdeckt; Bokarpus, der die Saucen erſon⸗ nen, Mars, der den Krieg, Fauſt, der Buchdruckerei, der Mönch Schwarz, der das Schießpulver, und der Pabſt Pontian, der die Cardinäle ausgeheckt. Viele von dieſen berühmten Leuten kannte Pekopin nicht und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ſie zur Zeit unſerer Geſchichte noch nicht geboren waren. Der Ritter kam, indem er ſein Thier gehen ließ, durch lange Reihe prachtvoller Säle. Ueberall Lichter, Fackelklammern, Kron⸗ und Arm⸗ leuchter, deren Glanz aus ſtählernen und kupfernen Spiegeln widerſtrahlten und unermeßlich reiche Ge⸗ mächer erhellten, in welchen Pekopin keinem lebenden Weſen begegnete und durch welche er ſtarren Blickes und betäubten Gemüthes hinritt, einſam, unruhvoll, beſtürzt und von jenen verworrenen, unbeſchreiblichen Gedanken erfüllt, welche den Träumer im dunkeln Walde beſchleichen. Endlich kam er an einer Thüre von röthlichem Me⸗ tall an, über welcher ein Laubwerk aus Edelſteinen ein großer goldener Apfel abgebildet war, worunter folgende zwei Zeilen geſchrieben ſtanden: Von Adam komnit die Mahlzeit her, Von Eya aber der Nachtiſch. Wie das Wirthshaus, ſo die Tafel. Während er den düſter ironiſchen Sinn dieſer Inſchrift enträthſeln wollte, öffnete ſich die Thüre langſam, das Pferd ſchritt durch dieſelbe und dem Ritter wurde es wie Einem, der aus vollem Sonnen⸗ glanz in eine finſtere Höhle tritt. Die Thüre ſchloß ſich wieder hinter ihm und der Ort, wo er ſich nun befand, war ſo finſter, daß er wähnte, erblindet zu ſein. In ziemlicher Entfernung nahm er indeſſen einen bleichen Schein wahr, und nach und nach gemöynte ſich ſein, vom Licht der eben durchſchrittenen Vorgemächer geblendetes Auge an das Dunkel und er begann wie in einem Nebel die tau⸗ ſend hochragenden Säulen eines ungeheuer großen ba⸗ byloniſchen Saales zu unterſcheiden. Der Dämmer⸗ ſchein inmitten dieſes Saales nahm Formen an, Ge⸗ ſtalten erſchienen darin und nach einigen Augenblicken bemerkte Pekopin im Mittelpunkt eines Waldes von gewundenen Säulen eine große Tafel, bleich beleuch⸗ tet von einem ſiebenarmigen Leuchter, auf welchem ſie⸗ ben blaue Flämmchen zitterten. Obenan an dieſer Tafel ſaß auf einem Throne von Arünem Gold ein lebender Rieſe aus Erz. ieſer Rieſe war Nimrod. Ihm zur Rechten und Linken ſaß in eiſernen Lehn⸗ ſtühlen eine dichte Reihe blaſſer ſchweigſamer Gäſte, die Einen mit der mauriſchen Mütze auf dem Kopf, die Andern reicher mit Perlen geſchmückt, als ſelbſt der König Bisnagar. Pekopin erblickte hier alle berühmten Jäger, welche Spuren in der Geſchichte hinterließen: Der König Mithrobuzanes, den Tyrannen Ma⸗ chanidas, den römiſchen Conſul Aemilius Barbula II., 119 den Meerkönig Rollo, Swentibold, den ungerathenen Sohn Arnulphs Königs von Lothringen, Haganon, den Günſtling Karls von Frankreich, Herbert, Grafen von Vermandris, Wilhelm den Flachskopf, Grafen von Poitiers und Ahr, des berühmten Hauſes Rechigne⸗ voifin, den Pabſt Vitalianus, den Abt von St. Denis Fardulfus, Athelſtan, König von England, Aigrold nund Dänemark. An Nimrods Seite ſtützte ſich auf ſeine Ellbogen der große Cyrus, welcher zweitauſend Jahre vor Chriſtus das perfiſche Reich gründete und Wappen auf der Bruſt trug, welches bekannllich ein ungeſchwaͤnzter Silberlöwe im grünen Feld iſt, gekrönt mit Goldlorbeer und eingefaßt von Gold und Roth, worin acht Dreiblätter mit Silberſpitzen. Die Tafel war nach kaiſerlicher Etikette angeord⸗ net und an ihren vier Ecken ſaßen vier erlauchte und berühmte Jägerinnen: die Königin Emma, die Königin Ogiva, die Königin Gerberge und endlich Diana, welche in ihrer Eigenſchaft als Göttin gleich den übri⸗ gen drei Königinnen einen Thronhimmel und ein be⸗ ſonderes Beſteck hatte. Keiner der Gäſte ſprach, keiner ſchaute auf. Eine große leere Stelle inmitten des Tiſches ſchien anzu⸗ deuten, daß hier die Gerichte aufgetragen werden ſollten, und ringsher funkelten in ſchimmernden Flaſchen die tauſenderlei Getränke aller Länder: der Reiswein von Bengalen⸗ das deſtillirte Waſſer von Sumatra, der Arrak von Japan, der Pamplis aus China und der Pechmez aus der Türkei. Da und dort ſchäumte in großen Steinkrügen der Trank, welchen die Nor⸗ wegen Wel, die Gothen Buska, die Kärthner Vo, die Slavonier Oll, die Dalmatier Biö, die Ungarn Ser, die Böhmen Pivo und die Deutſchen Bier nennen. Mohren, welche Teufeln gleichen, oder Teufel, welche Mohren gleichen, umſtanden, Servietten und Waſſerkannen haltend, ſchweigend die Tafel. Jeder — 1²⁰ Gaſt hatte, wie es recht iſt, ſeinen Zwerg an der Seite, Jhro Gnaden Diana überdieß ihr indſpiel. Als Pekopin ſeine Blicke in den dunkelſten Theil des außerordentlichen Gemaches hinwandte, nahm er im Säulenwalde des Hindergrundes dieſes vielleicht endloſen Sales eine Menge von Zuſchauern wahr, alle zu Pferde, wie er ſelbſt, und im Jagdanzuge: Schat⸗ ten vermöge des Dunkels, Bildſäulen vermöge ihrer Unbeweglichkeit, Geſpenſter vermöge ihres Schweigens. In den Näherſtehenden meinte er die Herren zu er⸗ kennen, welche den alten Jäger im Hain des„letzten Ganges“ umgeben hatten. Es beobachteten, wie ſchon erwähnt, Gäſte, Die⸗ ner und Zuſchauer ein peinliches Schweigen und man hätte eher die Steine eines Grabmals flüſtern hören können, als einen Athemzug dieſer Menge vernehmen. Auch war es ſchrecklich kalt in dieſem Dunkel. Peko⸗ pin fühlte ſich vor Froſt das Mark in den Knochen erſtarren, obgleich ihm der Schweiß von allen Gliedern rieſelte. 4 Auf einmal erhob ſich jetzt wieder das Hunde⸗ gebell, erſt ferne, dann näher, heftiger, freudig und wild. Hierauf ſchallte das Horn des Alien ſchmetternd drein und führte mit grauſenhafter Meiſterlichkeit ein anz neues und entſetzliches Hallali aus, welches viele ahrhunderte ſpäter Roland de Lattre durch eine nächtliche Eingebung wieder auffand, was dieſem roßen Tonkünſtler zu der Ehre verhalf, von Pabſt regor XIII. am 6. April 1574 zum Ritter vom heiligen Petrus mit dem goldenen Sporn de numero participantium ernannt zu werden. Bei dem Gedröhn dieſes Hallali richtete Nimrod das Haupt empor, der Abt Fardulfus wandte ſich halb zur Seite und Cyrus, der ſich bis dahin auf den rechten Ellbogen geſtützt, lehnte ſich jetzt auf den linken. V 121 14. Ueueſte Manier, vom Pferde zu fallen. Hundegebell und Hornklang kam näher; eine große Pforte, jener, durch welche Pekopin gekommen, gegen⸗ über, that ſich weit auf und der Ritter ſah aus einer langen finſtern Galerie die zweihundert Fackelhalter eine große goldene Schüſſel auf ihren Schultern her⸗ beitragen, in deren Mitte bratendampfend und reich mit Brühe übergoſſen der Sechszehnender lag. Vor den Dienern, deren zweihundert Fackeln roth flammten wie Kohlenglut, ritt der alte Jäger, das Büffelhorn in der Hand, auf ſeinem ſchaumbedeckten tartariſchen Renner. Er blies nicht mehr, ſondern lächelte ſehr verbindlich inmitten des furchtbaren Ge⸗ heuls der Meute, die den Hirſch begleitete und noch immer von dem maskirten Jägermeiſter geleitet wurde. In dem Augenblick, wo der Zug aus der Galerie in den Saal einbog, wurden die Fackelflammen blau und die Hunde ſtill. Mit geſenktem Kopf und zwiſchen die Beine geklemmtem Schweif, angſtvoll zitterndem Rücken und bittenden Blicken folgten dieſe ſchrecklichen Rüden ihrem Führer langſam an den Tiſch, woran die geheimnißvollen Gäſte ſaßen, noch immer bleich, regungslos und ſtumm. An die Tafel herangetreten, ſchaute der Alte den düſtern Geſellen in's Geſicht, brach in ein Lachen aus und ſagte: „Hombres y mugeres, or cà, vosostros, belle signore, domini et dominae, amigos mios, comment va la befogne(Männer und Weiber, ihr Alle, ſchöne Herren und Damen, meine Freunde, wie ſteht das Befinden)?“ „Du kommſt ſehr ſpät,“ verſetzte der Rieſe von Erz. 12² „Das hat ſeinen Grund darin, daß ich einem Freunde meine Jagd zeigen wollte,“ erklärte der Alte. „Schon recht, aber ſieh' dorthin!“ So ſprechend erhob der Rieſe den Daumen ſeiner rechten Hand und deutete rückwärts über ſeine Schul⸗ tern nach dem Hintergrunde des Saales. Pekopins Blick folgte mechaniſch dem Winke des Rieſen und er ſah in der Ferne auf dem ſchwarzen Gemäuer weißliche Oeffnungen ſichtbar werden, als ob dort Fenſter wären, auf die der erſte Morgenſchimmer fällt. 3„Nun denn,“ meinte der Alte,„ſo müſſen wir eilen.“ Und auf ein von ihm gegebenes Zeichen ſchickten ſich die zweihundert Diener mit Hülfe der Neger an, den gebratenen Hirſch auf die Tafel zu ſetzen. Da ſetzte Pekopin die Sporen tief in die Weichen ſeines Roſſes, der ihm zu ſeinem Erſtaunen jetzt ge⸗ borchte, vielleicht weil die Nähe des Tages den Zauber ſchwächte. Er trieb das Pferd zwiſchen die Diener und die Tafel, erhob ſich in den Bügeln, zog das Schwert, betrachtete feſten Blickes die unheimliche Vateirunde und den alten Jäger und rief mit Donner⸗ imme: „Beim Himmel, wer ihr auch immer ſeid, Ge⸗ ſpenſter, Larven, Erſcheinungen, Blendwerke, Kaiſer oder Höllengeiſter, ich unterſage euch jeden weitern Schritt oder, bei dem Grabe und bei Gott, der mir beiſtehen möge, ich will euch zeigen und ſelbſt Dir, Mann von Erz, wie ſchwer der Eiſenſchuh eines leben⸗ den Ritters den Kopf eines Geſpenſtes trifft. Ich bin zwar in einer Geſpenſterhöhle, aber ich will darin nach meiner Luſt und Laune wirkliche und furchibare Dinge vollbringen. Miſcht euch nicht darein; ich rath es euch! Und Du, der mich betrogen, elender Alter, meinſt Du, Du könneſt einen jungen Mann zum Narren haben, weil Du mit der Kraft eines Stieres in Dein Horn hineinbläſeſt. Setze Dich zur Wehre, “ 123 oder, bei der heiligen Meſſe, ich ſchneide Dir die Kaldaunen aus dem Leibe und wäreſt Du der Höllen⸗ könig ſelber!“ „ DAh, ſeid Ihr hier, mein Guter?“ verſetzte der Alte,„das iſt recht, Ihr müßt mit uns eſſen.“ Das verbindliche Lächeln, von welchem dieſe Ein⸗ ladung begleitet war, erbitterte Pekopin noch mehr. „Setze Dich zur Wehre, alter Schalksknecht!“ rief er; Du haſt mir ein Verſprechen gethan und mich getäuſcht.“ i, warte doch das Ende ab; was weißt Du denn?“ „Wehre Dich Deiner Haut, ſag' ich.“ „Ei, ei, mein lieber Freund, Ihr nehmet die Dinge ſchief.“ Gib mir Bathilde wieder, Du haſt's mir ver⸗ ſprochen! „Wer ſagt Euch denn, daß ich ſie Euch nicht wiedergeben will? Aber was wollt Ihr dann mit ihr? „Sie iſt meine Braut, Du weißt's wohl, Elender! Ich heirate ſie.“ Dann gibt es aller Wahrſcheinlichkeit nach ein unglückliches Paar mehr,“ verſetzte achſelzuckend der Alte.„Doch was geht das mich an? Die Dinge haben einmal ihren Lauf. Den Männlein und Weib⸗ lein hienieden wird das böſe Beiſpiel von dem Ehe⸗ paar da oben gegeben. Sonne und Mond, die führen auch eine gräuliche Haushaltung und find nie bei⸗ ſammen.“ „Genug des Spaſſens,“ ſchrie der Ritter, oder ich vernichte alle die Geſpenſter da, mitſammt ihren Göttinnen und reinige dieſe Höhle.“ Der alte erwiderte mit einem Schelmenlächeln: Reinige, Freund, reinige! Hier das Rezept dazu: Sennesblätter, Rhabarber und ſchwefelſaure Magneſia. Die Sennesblätter putzen den Magen aus, 124 die Rhabarber fegt den Zwölffingerdarm und die Magneſia reinigt die Eingeweide.“ Raſend ſtürmte Pekopin mit dem Schwert auf den Sprecher los. Allein kaum hatte ſein Pferd einen Schritt vorwärts gethan, ſo fühlte er, wie es zitterte und ſich ſenkte. Er blickte auf. Ein kalter, weißer Tagesſtrahl drang in die Halle und ſchlich auf dem bläulichen Boden hin. Den alten Jäger ausgenommen, der noch immer regungslos und lächelnd daſtand, fingen alle Anweſenden zu erlöſchen an. Leuchter und Fackeln erſtarben. Die Augen der Geſpenſter, welche bei Pekopins Scheltworien noch einmal aufgeflammt, hatten keinen Blick mehr, und durch den großen ehernen Rumpf des Rieſen Nimrod hindurch konnte Pekopin ſo deutlich wie durch eine Glasſcheibe, die Pfeiler der Hinterwand unterſcheiden. Sein Pferd wurde unfühlbar und verging allmäh⸗ lig unter ihm. Schon waren ſeine Füße nahe daran, den Boden zu berühren. In dieſem Augenblick krähte der Hahn. Es war etwas Furchtbares in dieſem hellen, metallenen Ton, der Pekopins Ohr wie eine Stahl⸗ klinge durchſchnitt. Im ſelben Augenblick wehte ein friſcher Luftzug berein. Das Pferd des Ritters zerfloß unter ihm, er wankte und wäre beinahe heftig zu Boden geſtürzt. Als er ſich aufrichtete, war Alles verſchwunden. Er ſah ſich allein mit dem Schwert in der Hand, in einer von Gebüſchen umgebenen Thalſchlucht, unfern eines über Felſen herabſchäumenden Waſſers und vor dem Thor eines alten Schloſſes. Der Tag brach an. Der Ritter erhob das Auge und ſtieß einen Jubel⸗ ruf aus. Das Schloß war die Falkenburg. tru Worin die Frage, ob man Jemand, den man nicht kennt, wieder erkennen kann, ihre Brantwortung findet. Der Hahn krähte zum zweiten Mal. Sein Ruf kam aus dem Schloßhof und dieſer Hahn, deſſen Stimme das Zauberſchloß und alles Blendwerk der nächtlichen Jagd zerſtieben machte, hatte vielleicht am verfloſſenen Abend die Broſamen aufgeleſen, welche täglich von Bathilde's geſe gneter Hand in den Schloßhof herabfielen. O Macht der Liebe! Allgewalt des Herzens! Warmer Strahl holder Leidenſchaft und ſchöner Jahre! Kaum hatte Pekopin dieſe geliebten Thürme wieder erblickt, als friſch und leuchtend das Bild ſeiner Braut in ihm aufſtieg und ihn mit ſolcher Wonne erfüllte, daß darin der ganze Jammer der Vergangenheit, die Geſandtſchaften, die Könige, die Wanderungen, die Geſpenſter und der gräßliche Wirbel der Viſionen wie Nebel zerfloß.. Er hatte das Schwert in die Scheide geſenkt und ging mit großen Schritten auf das Schloß zu, deſſen Fenſter, vom erſten Sonnenſtrahl angeglüht, dem Morgenroth zuzulächeln ſchienen. Schon nahte er der Brücke, von welcher heutzu⸗ tage nur noch ein Bogen ſteht, als er eine Stimme hinter ſich ſagen hörte: „Nun wie, Ritter Sonnek, hab' ich Wort ge⸗ halten?“ Er kehrte ſich um. Zwei Männer ſtanden im Gebüſch. Der Eine war der maskirte Jägermeiſter und trug ein großes rothes Schreibbuch unter dem Arme. Pekopin bebte, als er ihn ſah. 126 Der Andere war ein kleiner, alter Mann, bucklig, hinkend und über die Maßen häßlich. Dieſer hatte zu Pekopin geſprochen und der Ritter Brſchte in ſeiner Erinnerung umſonſt nach dieſem eſichte. „Sehr edler Herr,“ ſagte der Bucklige,„Du ſcheinſt mich nicht zu erkennen?“ „So iſt's in der That,“ verſetzte Pekopin. „Ei, da ſeh' mal einer!“ „Biſt Du nicht etwa der Sklave vom Ufer des rothen Meeres? „Ich bin der Jäger aus dem Haine des letzten Ganges,“ entgegnete der Alte. Es war der Teufel! „Bei meiner Ehre,“ ſagte Pekopin,„ſeid, was Euch beliebt, nun Ihr Euer Verſprechen erfüllt habt, nun ich vor der Falkenburg ſtehe und meine Bathilde wiederſehen ſoll, bin ich Euer Diener und danke Euch ergebenſt.“ „ Dieſe Nacht klagteſt Du mich an. Was ſagte ich Dir da?“ „Ihr ſagtet: warte das Ende ab.“ „Nun gut, jetzt dankſt Du mir und ich ſage aber⸗ mals: warte das Ende ab! Du übereilteſt Dich viel⸗ leicht mit Deiner Anklage, und jetzt übereilſt Du Dich vielleicht mit Deinem Dank.“ Indem er dieß ſagte, war die Miene des Buck⸗ ligen unbeſchreiblich. Ironie iſt der eigentliche Zug des Teufels. Pekopin erbebte und fragte: „Was wollt Ihr damit fagen?⸗ Der Teufel entgegnete, auf den maskirten Jäger⸗ meiſter deutend: „Erkennſt Du den da wieder?“ „Ja. „Kennſt Du ihn auch?“ „Nein.“ ger⸗ 127 12 Der Jägermeiſter nahm die Maske ab. Es war Erilang. Pekopin ſchrack zurück und der Teufel fuhr fort: „Ich war Dein Schuldner, Pekopin. Ich ver⸗ dankte Dir dieſen meinen Buckel und dieſes mein Hinkebein. Ich bin aber ein pünktlicher Schuldner. Darum ſuchte ich Deinen vormaligen Diener Erilang auf, um mich bei ihm nach Deinen Liebhabereien zu erkundigen. Er ſagte mir, Du liebſt die Jagd. Da meinte ich, daß es Jammerſchade wäre, wenn ich dem ſchmucken Waidmann nicht die wilde Jagd zeigte. Bei Sonnenuntergang traf ich Dich in jener Waldlichtung. Du warſt im Haine des letzten Ganges. Der Zwerk Roulon wollte Dich für ſich in Empfang nehmen, da führte ich Dich mit mir.⸗ Pekopin erzitterte, der Teufel ſetzte bei: „Hätteſt Du nicht Deinen Talisman beſeſſen, würde ich Dich behalten haben. Ich laſſe aber den Dingen gern ihren Lauf und weiß, daß die Rache in verſchiedenen Saucen aufgetragen werden kann.“ z.„»Was willſt Du denn mit allem dieſem ſagen, Höllengeiſt?“ ſtotterte Pekopin endlich mühſelig hervor. Der Teufel ſprach, ohne dieſe Frage zu beachten, alſo weiter: „Um Erilang für die von ihm erhaltenen Auf⸗ ſchlüſſe zu belohnen, gab ich ihm ein Miniſter⸗Porte⸗ feuille in meinem Kabinet. Er hat jetzt gute Einkünfte.“ „Teufliſcher Spötter, wirſt Du mir endlich ſagen, was das Alles heißen ſoll?“ „Was verſprach ich Dir?“ „Daß Du mich, ſowie die Sonne aufgegangen⸗ nach der Nacht unſerer Jagd, an das Thor der Falken, burg bringen wolleſt.“. „Da biſt Du ja.“ .„So ſprich, Teufel, iſt Bathilde todt?⸗ „Nein.“ „Hat ſie ſich vermählt? 128 „Nein. „Iſt ſie Nonne geworden!“ „Nein.“ „Iſt fe vielleicht fort von der Falkenburg? „Nein.“ „Und ſie liebt mich noch?“ „Freilich.“ „Nun denn,“ rief Pekopin hochaufathmend, als fiele ihm ein Berg von der Bruſt,„iſt es ſo, ſo nimm meinen Dank, wer Du auch ſein magſt.“ „Gut,“ verſetzte der Teufel,„ich bin zufrieden und Du biſt's auch.“ So ſprechend, faßte er den Erilang in ſeine Arme, obgleich dieſer groß war und er klein, wand den Klumpfuß um den geraden, drehte ſich auf dem Abſatz herum und Pekopin ſah, wie er einem Bohrer gleich in die Erde hineindrang. In einem Augenblick waren die beiden verſchwunden. Der Boden ließ, indem er ſich über dem Teufel ſchloß, ein kleines violettes Flämmchen mit grünem Gefunkel aufzucken, das in luſtigen Sätzen in den Wald hineinſprang, wo es eine Weile ſich an die Bäume anhing und dieſe mit tauſendfacher Strahlen⸗ brechung beſchimmexte, dem Regenbogen gleich, der ſich auf Baumblätter herniederſenkt. — 16. Kleinigkeiten am Thore. Pekopin zuckte die Schultern. „Bathilde lebt,“ dachte er,„Bathilde iſt frei, Bathilde liebt mich! Was ſoll ich da noch beſorgen? Vorgeſtern Abend, bevor ich dem Höllengeiſte hegegnete, waren es gerade fünf Jahre, ſeit ich ſie verlaſſen. Gut denn, jetzt ſind es fünf Jahre und ein Tag, und 129 ich werde ſie ſchöner, als jemals wiederſehen. Die Weiber find das ſchöne Geſchlecht und zwanzig Jahre ſind das ſchöne Alter.“ In jenen Tagen der gewaltigen Treue machte man ſich eben nicht viel aus fünf Jahren. Derartiges mit ſich ſelbſt ſprechend, nahte der Ritter dem Schloßthore, und erkannte freudig jeden vorſpringenden Stein am Portal wieder, jeden Zahn des Fallgatters und jeden Nagel an der Zugbrücke. Er fühlte ſich froh und willkommen. Die Schwelle des Hauſes, das unſere Kindheit geſehen, lächelt den Männern beim Wiederſehen wie das herzlich zufriedene Antlitz einer Mutter. Ueber die Brücke ſchreitend, bemerkte er am drit⸗ ten Pfeiler eine ſchöne Eiche, deren Wipfel hoch über das Geländer emporragte. „Das iſt doch ſeltſam,“ dachte er,„hier ſtand doch ſonſten kein Baum.“ Hierauf fiel ihm ein, daß er etwa drei Wochen vor dem Tage, wo er mit dem pfalzgräflichen Jagd⸗ zug zuſammentraf, an dieſer Stelle mit Bathilden das Eicheln⸗ und Knöchelchenſpiel geſpielt habe und daß er, wie er ſich an das Brückengeländer gelehnt, gerade bier eine große Eichel in den Graben habe fallen aſſen. „Teufel,“ dachte er, naus dieſer Eichel iſt binnen fünf Jahren eine Eiche geworden. Das heiß' ich einen guten Boden!“„ Auf der Eiche ſaßen vier Vögel und ſchwatzten durcheinander, ein Häher, eine Amſel, eine Elſter und ein Rabe. Pekopin achtete ihrer nicht, eben ſo wenig eines Taubers, der im Taubenſchlag gurrte, und eines Huhnes, welches im Hofe gluckste. Er dachte nur an Bathilde und eilte ſehr. Die Sonne war aufgegangen und die Knechie ließen die Zugbrücke nieder. Als er in das Thor trat, hörte er hinter ſich ein Lachen, das fernher zu Tutti Frutti. II, kommen ſchien, aber ſehr vernehmlich war. Er ſah ſich um, gewahrte aber Niemand. Das war der Teufel, der in ſeiner Höhle lachte. Unter der Thorwölbung befand ſich ein Waſſer⸗ behälter, den Schatten und Widerſchein zu einem Spiegel machten. Der Ritter bog ſich darüber. Nach den Strapatzen einer ſo langen Irrfahrt, die ihm kaum noch Lumpen auf dem Leib gelaſſen, und vor⸗ nämlich nach den Abenteuern des nächtlichen Rittes befürchtete er, vor ſich ſelbſt erſchrecken zu müſſen. Durchaus nicht. Sei es nun die Kraft des Talismans der Sultanin, ſei es die Wirkung des Trankes, den ihm der Teufel gereicht, Pekopin ſah ſchöner, zugendlicher und friſcher aus, als je. Was ihn aber noch mehr ſtaunen machte, war der Umſtand, daß er ſich mit ganz neuen, prächtigen Kleidern angethan ſah. Seine Gedanken waren ſo verworren, daß er ſich durchaus nicht zu erinnern im Stande war, zu welcher Zeit der Nacht er dergeſtalt bekleidet worden ſei. Er war ſehr ſchön. Während er ſich zwar verwundert, doch nicht ohne Selbſtgefälligkeit beſchaute, vernahm er ein weites, noch viel vergnüglicheres Lachen. Er drehte ch um, ſah aber wieder Niemand. Das war der Teufel, der in ſeiner Höhle lachte. Er ging über den Ehrenhof. Die Knappen neigten ſich über die Zinnen der Mauern; aber Keiner er⸗ kannte ihn und er erkannte ebenfalls Keinen. Die Mängde in ihren kurzen Röcken ſchlugen das Linnen⸗ zeug auf den Waſchplätzen und kehrten ſich nach ihm um. Er war ihnen aber unbekannt, wie ſie ihm. Sein Ausſehen war aber ein ſo ſtattliches, daß man ihn ungehindert paſſiren ließ. Er kannte den Weg und wandte ſich der kleinen Thurmtreppe ſu„ die nach Bathilde's Cloſet führte. Wie er ſo über den Hof ſchritt, kamen ihm die Wände viel ſchwärzer und brlcchiger vor; der Ephen 6 131 an der nördlichen hatte ſich außerordentlich verbreitet, die Weinſtöcke an der füdlichen hatten ein unbegreif⸗ liches Wachsthum entwickelt. Doch was wundert ſich ein liebend Herz viel über geſchwärzte Mauern und über ein Paar Blätter mehr oder weniger? Bei dem Thürmchen angekommen, hatte er Mühe, dasſelbe wieder zu erkennen. Die Treppe war eine Wendeltreppe und beyor Pekopin abreiste, ließ Ba⸗ thilde's Vater den geckölbten Eingang ganz neu aus Heidelberger Sandſtein herſtellen. Jetzt war dieſer Eingang, der Pekopins Rechnung zufolge fünf Jahre alt war, ganz braun und voller Riſſe und Löcher, worin das Gras wucherte und Schwalben niſteten. Doch wundert ein liebend Herz ſich viel über ein Paar Schwalbenneſter?2„ So die Blitze treppenan ſchößen, würde ich Peko⸗ pin mit ihnen vergleichen. In einem Nu war er im fünften Stockwerk und an der Thüre von Bathilde's Gemach. Der Schlüſſel ſtack im Schloſſe, als hätte Bathilde ihren Pekopin erwartet. ten ſich vor ſeinen Augen und es kam ihm vor, als ſetzten ſie ſich ihm auf Stirne und Wangen. Ein Ge⸗ brauſe erfüllte ſeine Ohren und ſein Herz pochte ihm in den Schläfen. Als er ſich etwas gefaßt hatte, lauſchte er. Wer vermöchte Alles zu beſchreiben, was in dieſer armen, liebetrunkenen Seele Loraung, Er hörte durch die Thuͤre den ſchnarrenden Ton eines Spinnrädchens. 9* —õõ————ꝛꝛe—— 182 Woraus kluge Leute lernen, welches das garſtigſte aller Gleichnißworte iſt. Dem ſcharfen Ton zufolge war es nicht Bathilde's Rädchen. Es war vielleicht das einer ihrer Frauen, denn dicht an ihrem Sltübchen hatte Bathilde ihr Bet⸗ kämmerlein, wo ſie oft ganze Tage verbrachte. Sie ſpann viel, allein ſie betete noch mehr. Pekopin ſagte ſich dieß Alles, und doch hörie er mit ſüßem Beben dem Schnurren des Rades zu. Es ſind dieß nun einmal Thorheiten eines lieben⸗ den Menſchen, die ein an Geiſt und Herz reicher Mann am allerleichteſten begeht. Augenblicke wie der, worin Pekopin jetzt ſchwebte, beſtehen aus einem Entzücken, das noch ſchwelgen, und aus einer Ungeduld, die nicht mehr warten will. Eine kurze Weile ſchwankt die Wage, dann ſiegt die Ungeduld. Zitternd legte endlich der Ritter die Hand an den Schlüſſel, drehte denſelben im Schloſſe, die Thüre ging auf und er trat ein. „“Ach,“" hätte er beinahe ausgerufen,„ich täuſchte mich doch, es iſt nicht Bathilde's Spinnrad!“ Es befand ſich wirklich eine Spinnerin in der Stube, aber es war ein altes Weib. Ein altes Weib? Damit zu wenig geſagt, es war eine alte Fee, denn nur die Feen erreichen ein ſo fabelhaftes Alter, eine ſolche hundertjährige Gebrechlichkeit. Und dieſe ehr⸗ würdige Frau mußte weit über hundert Jahre alt ſein. Man ſtelle ſich, wenn es möglich, ein armes, kleines, menſchliches oder übermenſchliches Weſen vor, gebückt, gefaltet, lohfarbig, verſchoben, geſchuppt, gerunzelt, verſchrumpft, elend und griesgrämelnd, weiß von Haar und Brauen, ſchwarz von Lippen und Zähnen, ein. jes, elt, gen, 133 gelb, mager, kahl, erdfahl, wackelnd, häßlich. Und will man ſich eine Vorſtellung von dieſem Geſicht ma⸗ chen, worin tauſend Furchen nach dem Mund hinlie⸗ fen, wie Radſpeichen nach der Nabe, ſo denke man das unverſchämte Gleichnißwort der Römerin Anus lebendig vor ſich. Dieſes ehrwürdige und furchtbare Weſen ſaß oder kauerte vielmehr nahe am Fenſter, die Spindel in der Hand, wie eine Parze. Wahrſcheinlich war die gute Greiſin völlig taub, denn das Geräuſch, welches der Eintritt Pekopins verurſachte, ſtörte ſie nicht auf. Indeſſen hatte der Ritter, wie es ſich von Per⸗ ſonen ſo hohen Alters ziemt, das Barett abgenommen, ging einen Schritt vorwärts und that die Frage: „Gute Alte, wo iſt Bathilde?“ Die Hundertjährige erhob die Augen, ließ den Faden finken, begann an allen ihren verſchrumpften Gliedern zu zittern, ſtieß einen ſchwachen Schrei aus, erhob ſich halb von ihrem Schemel, ſtreckte die langen Skeletthände gegen Pekopin aus, heftete den geiſter⸗ haften Blick auf ihn und rief mit ſchwacher, heißerer Stimme, die aus dem Grabe zu kommen ſchien: „Barmherziger Himmel! Ritter Pekopin, was wollt Ihr? Bedarf Eure Seele der Seelenmeſſen? O mein Gott! Pekopin, Ihr ſeid alſo todt und Euer Geiſt beſucht mich?⸗ „Bewahre Gott, gute Alte,“ entgegnete Pekopin lachend und redete ſehr laut, damit Bathilde ihn in ihrem Betkämmerlein höre, war aber daneben doch etwas darüber betreten, daß die Alte ſeinen Namen kannte—„bewahre Gott, ich bin nichts weniger als todt. Nicht mein Geiſt erſcheint hier, ſondern ich ſelbſt, ein ehrliches Geſpenſt von Fleiſch und Blut. Ich ver⸗ lange durchaus nicht nach Seelenmeſſen, ſondern nach einem Kuß von meiner Braut, von Bathilde, die ich mehr als je liebhabe. Verſteht Ihr mich, gute Alte.⸗ 134 Als der Ritter dieß geſagt, fiel ihm die Greifin um den Hals. 1 Es war Bathilde. Ach, des Teufels nächtliche Jagd hatte hundert Jahre gewährt! Bathilde war nicht todt, Dank dem Himmel oder der Hölle, aber in dem Augenblick, da Pekopin ſie wieder fand, zählte das arme Mädchen hundert und fünf und zwanzig Jahre und einen Tag. — 18. Schöne und kluge Worte der zweifüßigen, befiederten Philoſophen. Ganz außer ſich ſtürzte Pekopin hinweg, rannte die Treppen hinab, über den Hof, durch das Thor, über die Brücke, ſprang den Hügel hinab, eilte in die Thalſchlucht, ſetzte über den Bach, durchbrach das Ge⸗ büſch, ſprang dann bergan und flüchtete in den Wald von Sonneck. „Er irrte den ganzen Tag umher, erſchrocken, ver⸗ ſtört, verzweifelnd und wahnſinnig. Er liebte Bathilde noch immer, aber er entſetzte vor jenem Geſpenſt. Er wußte nicht mehr, wo ſein Geiſt, ſein Gedächtniß, ſein Herz geblieben. Als der Abend kam und er den Thürmen ſeiner väterlichen Burg nahte, riß er die prächtigen, höhni⸗ ſchen Gewänder, den Schmuck des Teufels, von ſeinem Leibe und ſchleuderte ihn in den tiefunten dahinſchießen⸗ den Waldbach. Dann raufte er ſich das Haar, als er plötzlich wahrnahm, daß ihm ein Büſchel grauer Haare in der Hand geblieben. Nun zitterten ihm auch auf einmal die Kniee, ſeine Lenden bogen ſich, er mußte ſich an einem Baum halten und bemerkte, daß ſeine Hände furchtbar runzelig geworden. . ◻ 5 135 Im Ausbruch des Schmerzes hatte er, ohne zu wiſſen, was er that, auch den Talisman an ſeinem Halſe erfaßt, die Kette desſelben zerriſſen und ihn ſammt den Kleidern in den Abgrund geworfen. Und ſiehe, die Worte der ſchwarzen Sklavin er⸗ füllten ſich jetzt auf der Stelle. Binnen einer Minute alterte der Ritter um hundert Jahre. Morgens hatte er ſeine Liebe, Abends ſeine Jugend verloren. In dieſem Augenblick hörte er zum dritten Mal an dieſem unſeligen Tage Jemand hinter ſich lachen. Er wandte ſich und ſah Niemand. Das war der Teufel, der in ſeiner Höhle lachte. Was beginnen nach dieſem letzten Verluſt? Er raffte einen Reifigknittel, den ein Holzleſer hatte fallen laſſen, von der Erde auf, ſtützte ſich auf denſelben und ſchleppte ſich mühſam gegen ſeine Burg hin, welche zum Glück ganz in der Nähe lag. Dort angekommen, ſah er im letzten Abendſonnen⸗ ſtrahl einen Häher, eine Amſel, eine Elſter und einen Raben über dem Thor zwiſchen den Dachfahnen ſitzen und ihn gleichſam erwarten. Er hörte ein Huhn, wel⸗ ches er nicht ſah,„Pekopin! Pekopin!“ und einen Tauber, den er ebenfalls nicht ſah,„Bathilde! Ba⸗ thilde!“ rufen. Da mußte er des Traumes denken, den er zu Bacharach geträumt, und der Worte, welche einſt— ach, es ſind ſchon hundert und fünf Jahre ſeither!— der alte Mann an ihn gerichtet hatte, der an der Mauer Holzſtöcke für den Winter ordnete:„Herr, für einen jungen Mann pfeift die Amſel, ſchwatzt der Häher, krächzt der Rabe, kreiſcht die Elſter, girrt die Taube und gluckst die Henne; für einen Greis aber reden die Vögel.“ Da ſchärfte der Ritter das Ohr und vernahm folgendes Geſpräch; 136 Amſ el. Mein ſ ſchmucker Jägersmann, konunſt endlich Du nach Haus? Häher. Man geht für einen Tag dumnd Jahre werden draus. Du haſt auf Habicht, Pe 38 Geier Jagd gemacht. El Daß auf den Liebesvogel doch lieber Du gejagt! Henne. Pekopin! Pekopin! Tauber. Bathild! Bathild! Bathild! ——-—— tach Die Hugenottenfamilie. Mit Recht behauptet man, Wahrheit ſei ſeltener zu finden, als Dichtung. Dieſe Aphorisme wird täg⸗ lich durch Beiſpiele in dem ewig wechfelnden Drama des wirklichen Lebens belegt, wo ein Zuſammentreffen von Umſtänden der unwahrſcheinlichſten Art häufig auftaucht und eine Verbindungskette zwiſchen ſcheinbar zuſammenhängenden Ereigniſſen durch ein aſſimiliren⸗ des Glied bildet. Dieſe Bemerkung zu beleuchten, werde ich eine Reihe von Mittheilungen vor dem Auge vorüberführen, worin beinahe unmerklich heftige Ver⸗ folgung, Frömmelei und Blutvergießen einer vergan⸗ genen Zeit mit dem friedlichen Gemälde ländlicher Arbeiten und häuslicher Genüſſe unter dem Dache einer verbannten Familie vermengt ſind, zu der mich die Wechſelfälle der Reiſe( nicht des Krieges) an der Küſte von Südafrika führten. Es war am Anfang des November 18—„am Schluſſe einer Reiſe, welche ſich weit über die gewöhn⸗ liche Fahrzeit zwiſchen England und dem Cap der guten Hoffnung ausgedehnt hatte, als ich zum erſten⸗ mal die füdliche Küſte von Afrika erblickte. Das ge⸗ wöhnliche Signal hatte das Ankommen eines engliſchen Schiffes in Tafelbay verkündigt, ſo daß wir, als wir uns dem Geſtade näherten, eine große Anzahl von Menſchen unterſcheiden konnten, die ſich, gierig unſerer Ankunft entgegen harrend, am Strande verſammelt — ͦõ—— 138 hatten; die Einen vielleicht in dem heftigen Kampfe verzögerter Hoffnung, Nachricht von entfernten Freun⸗ den erwartend, Andere von bloßer Neugierde getrie⸗ ben, während eine dritte Klaſſe hier aufgepflanzt war, um ihrem gewöhnlichen Beruf, den Transport des Gepäckes u. ſ. w. nach den verſchiedenen Theilen der Stadt, obzuliegen. Kaum hatten ſich die erſten Gefühle des Ent⸗ zückens bei dem Bewußtſein wieder erlangter Freiheit, nachdem man Monate lang in die engen Gränzen eines Verdecks gebannt geweſen war, einigermaßen gelegt, als der neue und ungewohnte Anblick der Ge⸗ genſtände um mich her meine Aufmerkſamkeit völlig in Anſpruch nahm. Unter der buntſcheckigen, am Ufer verſammelten Gruppe waren Probeſtücke der Varietät in Form, Geſichtsbildung und Farbe, wodurch ſich das Menſchengeſchlecht unterſcheidet, von dem hellen Europäer bis zu dem dunkelhäutigen Afrikaner. Die ſeltſame Tracht und die wunderliche Erſcheinung des Letzteren boten, in Verbindung mit der unverſtänd⸗ lichen Sprache hinreichend neuen und intereſſanten Stoff, um in dem Betrachte, jene mit Staunen ver⸗ miſchte Befriedigung zu erzeugen, welche aus der erſten Anſchauung von Scenen entſpringt, deren uns bis dahin unbekannte Bilder unſerem Blicke eine neue Fuir in dem großen Buche allgemeiner Kenntniſſe öffnet. Die Jahreszeit, in welcher mein Aufenthalt in dieſer Colonie begann, war äußerſt günſtig für ernſte Eindrücke. Der Frühling hatte ſich ſoeben in dem ſeinem Striche angehörigen Früchte und Blüthen an⸗ gekündigt und die ſengende Hitze einer mehr vorge⸗ rückten Jahreszeit hatte das Grün auf den Anhöhen der ungeheuern Berge noch nicht zerſtört, welche von ihren erhabenen Gipfeln beſchützend auf die Hauptſtadt unten herabzuſchauen ſcheinen. Von Tafelbay aus erhält man nur einen theil⸗ 139 weiſen Ueberblick über Capſtadt, und erſt wenn man innerhalb des wirklichen Bezirkes derſelben iſt, laſſen ſich die architektoniſchen und anderen örtlichen Grund⸗ züge richtig bemeſſen. Die Straßen find in rechten Winkeln gebaut, die geräumigen, bequemen und dem Klima angemeſſe⸗ nen Häuſer bilden im Ganzen eine glückliche Combi⸗ nation von engliſchen Comfort und orientaliſchem Style. Vor jeder Wohnung iſt, der holländiſchen Sitte gemäß, eine Verandah, welche zuweilen mit dem Erdgeſchoße parallel ſteht, zuweilen aber auch einige Fuß höher liegt. Dieſe ſeltſame Beigabe zu allen Wohngebäuden(Stoep genannt) bietet ein ange⸗ nehmes Rendezvous für die Bewohner des Hauſes, welche ſich gewöhnlich am Abend hier verſammeln, um die Seeluft unter dem klaren Lichte eines ſüdli⸗ chen Mondes einzuathmen. Der beſtändige Zuſtrom von Fremden macht die käufliche Gaſtfreundſchaft der zahlreichen Speiſehäuſer, welche Capſtadt enthält, äußerſt angenehm, und der Reiſende kann ſich pro tempore nichts Beſſeres wünſchen, als die Einquar⸗ tirung in eine von dieſen Anſtalten, wo er ſich, ohne eine perſönliche Störung befürchten zu müſſen, einer wohlbeſetzten Tafel erfreut, welche durch die Vergnü⸗ gungen geſelligen Verkehrs belebt wird. Letzterer Vorzug iſt der Geſellſchaft von Offizieren, ſowohl Land⸗ als Seeoffizieren, von Paſſagieren, welche auf ihrem Wege nach Indien oder Neu⸗Südwales, Indi⸗ viduen von beiden Geſchlechtern und jedem Alter in ſich ſchließend, hier anhalten und endlich dem Umſtande zuzuſchreiben, die für den Eigenthümer der Anſtalt durchaus nicht von geringem Gewichte iſt, daß vom Oſten nach der Capſtadt kommende Kranke einem Wweljährinen Urlaub daſelbſt zubringen, um ihre er⸗ ſchütterte Geſundheit in der heilkräftigſten der britti⸗ ſchen Kolonien wieder herzuſtellen. Ich und meine Reiſegenoſſen ſaßen an dem Abend 140 unſerer Ankunft in einer ſolchen Geſellſchaft, als das Geſpräch auf diejenigen Gegenſtände fiel, welche als die intereſſanteſten für Ankömmlinge erſcheinen müſſen, nämlich auf die unterſcheidenden Merkmale des frem⸗ den Landes, in welchem ſie ſich aufzuhalten gedenken. Es wurden natürlicherweiſe die verſchiedenen Löwen innerhalb und um die Capſtadt her beſprochen, und nachdem wir uns verabredet hatten, dieſe en passant zu beſichtigen, ſo beſchloſſen wir, unſere Reiſe in das Innere fortzuſetzen, nachdem wir Stellenboſch, Hot⸗ tentot's Holland und Franſchehoek beſucht hätten. Die zwei erſteren Orte beſchrieb man uns als ſchöne Mu⸗ ſterbilder der einem Lande eigenthümlichen Scenerie, wo die Weinrebe viele Morgen Grund bedeckt und der fruchtbare Boden ſeine Produkte ohne Beihülfe der Kunſt oder der Arbeit hervorbringt; mit Fran⸗ ſchehoek verband ſich ein anderes Intereſſe. Zum fernen Winkel floh'n die chriſtlichen Verbannten Die Feſſel brechend, die noch knüpft an's Erdengut Frohſinnig ſcheidend von Vermoögen, Vaterland, Verwandte⸗ Für's Heiligthum, fur welches floß der Väter Blut. Als der Zufluchtsort eines verfolgten leidenden Geſchlechtes ſchien es hervorragende Anziehungspunkte zu bieten und die Einbildungskraft ſtattete die gegen⸗ wärtigen Bewohner willig mit allen perſönlichen und geiſtigen Vorzügen aus. Dieſe Einſiedler in dem fernen Lande zu ſehen, wo ihre Vorältern eine Hei⸗ math gefunden hatten, betrachteten wir in dieſem Augenblick als die Krone der Reize unſeres beabſich⸗ tigten Ausflugs. Wie ſelten die Wirklichkeit dem Jdeal gleich kommt, beweist die Erfahrung jedes Tags, aber wenn auch trügeriſch, iſt darum doch der Flug der Phantaſie nicht minder bezeichnend, und wer läßt ſich nicht zuweilen durch dieſe ſüßen Illuſionen verführen? Bei dem gegenwärtigen Falle erfüllten ſich zwar meine Erwartungen nicht auf die Weiſe, wie ich dieß vorher gedacht hatte, aber ſie wurden in enden V V 141 der Folge mehr als verwirklicht, wie dieß die nach⸗ folgenden Blätter entwickeln werden. Der Willkomm des erſten Aufblühens eines rofi⸗ gen Morgens, der die Erneuerung von Leben und Heiterkeit Myriaden von athmenden Geſchöpfen ver⸗ kündet, iſt ein Vorrecht, deſſen man ſich mit Ausnahme des Landmannes, der zu ſeiner gewohnten Arbeit eilt, ſelten auf dem brittiſchen Geſtade erfreut; aber in ſonnigeren Klimaten macht man ſich des Vortheils früheren Aufſtehens durch ſein eigenes Beiſpiel theil⸗ haftig, und alle Klaſſen der Gemeinde beginnen die Beſtrebungen des Tages mit der Sonne, mögen ſie den Geſchäften oder dem Vergnügen angehören. Da es beſonders für den Reiſenden von Belang iſt, die Zeit beim Schopfe zu faſſen, ſo legten wir eine be⸗ deutende Strecke zurück, ehe der kühle Morgenwind die Erde zu erfriſchen aufhörte. Wir gingen zu dem Leuchtthurme in Green⸗Point, bewunderten en route die niedlichen Hütten, welche von der Straße durch Hecken beſtehend aus Aloen und Pflanzen von dem Cactusgeſchlechte getrennt ſind, und ſchlenderten dann eine Zeitlang auf dem pitoresken Malayenkirchhofe umher, um die niedrigen Gräber zu betrachten, welche mit friſchen Blumen den ſtummen, aber rührenden Tributen der Liebe für Hingeſchiedene, beſtreut waren. Nach dem Frühſtück, wobei man uns außer anderen mehr allgemein vorkommenden Speiſen beinahe alle Varietäten von Obſt, wie es in dieſer Jahreszeit reift, vorſetzte, begaben wir uns nach der öffentlichen Biblio⸗ thek, einem geräumigen großen Gebäude, das eine in das Auge fallende Stellung auf dem Paradeplatz ein⸗ nimmt. In dieſem Gebäude ſind verſchiedene große Zimmer fur Gegenſtände vorbehalten, welche in einer Beziehung zur Literatur und dem Handel ſtehen, wäh⸗ rend die größere Anzabhl der Gelaſſe einer Sammlung von Büchern in verſchiedenen Sprachen gewidmet iſt, 142 welche durch die Einfuhr neuer Veröffentlichungen be⸗ ſtändig vermehrt wird. Unter den vielen hier beſtehenden Gerichtshöfen iſt nur einer, der, von ähnlichen Inſtituten in Eng⸗ land ſich unterſcheidend, beſondere Erwähnung ver⸗ dient. Es iſt dieß das Ehegericht, gegründet unter der holländiſchen Regierung, um Flüchtlingsehen unmög⸗ lich zu machen, und da man dieſes Geſetz nicht wider⸗ rufen hat, ſo beſteht dieſes äußerſt inquiſttoriſche Tri⸗ bunal, vor dem jeder Heiratscandidat nothwendig erſcheinen muß, immer noch in Wirkſamkeit. Da die Zulaſſung von Fremden keiner Beſchränkung unterliegt, ſo traten wir in den Gerichtshof ein, als eben ein Verfahren anfing. Zwei Perſonen, jung, hübſch und in reicher Tracht, hörten mit ſichtbarem Widerſtreben verſchiedene alberne Fragen an, welche ihnen in wich⸗ tigem Tone von dem präſidirenden Beamten vorge⸗ legt wurden. Sobald man ihre Antworten zu Papier gebracht hatte, und etwas Geld von ihnen in die Armenbüchſe geworfen war, endigte ſich dieſes nutz⸗ loſe Verhör. Der übrige Theil des Morgens wurde zur Beſchauung des Muſeums verwendet, wo eine wohl unterhaltene Sammlung von Specimina der Erde, des Meeres und der Luft aufbewahrt werden, welche in einem völlig naturgetreuen Zuſtande geord⸗ net find, indem jedes Exemplar die ſeiner Species eigenthümliche Stellung oder Handlung zur Schau bringt. Nichts übertrifft das glänzende Gefieder der Vögel, welche eine ſchöne, obwohl unbelebte Vogelhecke bilden, die nicht nur aus den befiederten Sängern von Südafrika beſteht, ſondern auch mit mehreren Varietäten von andern Theilen der Erde geſchmückt iſt. Die beſuchteſten Spaziergänge ſind der Parade⸗ platz und der Gouvernementsgarten. Der letztere iſt in zwei breite, durch Bäume geſchützte Gänge getheilt, welche während der Hitze des Tages eine angenehme Zuflucht bieten, und beſaß früher den weiteren Reiz 143 einer beträchtlichen Menagerie, von der man jetzt nur noch die Ueberreſte gewahr wird, da ihre zahlreichen Bewohner zu einer ſehr beſchränkten Sammlung von wilden Thieren zuſammen geſchmolzen ſind, welche man auf der Kolonie findet. Der Gedanke zu einer Luſtparthie in einem Klima wie das engliſche, kann immer nur unter der uner⸗ läßlichen Bedingung, wenn das Wetter ſchön iſt, aus⸗ geſprochen werden; aber in Ländern, welche den Unge⸗ wißheiten der Witterung weniger unterworfen find, kommen die ihrem Einfluſſe entſpringenden Wechſelfälle nie vorher in Betracht, und die unerwartete Erſchei⸗ nung eines regneriſchen Tages ſieht man eher als ein Phänomen an, denn als eine Wahrſcheinlichkeit, die man in Rechnung zu nehmen hätte. Es bedarf alſo kaum der Erwähnung, wie leicht und wolkenlos der Morgen erwachte, der uns über die ſanfte Landſtraße nach Conſtanzia, dieſer Cynoſura der Berühmtheiten des Caps hinrollen ſah. Die Benennung dieſes Gebietes kommt von dem Weine her, der daſelbſt erzeugt wird, und ſeine natür⸗ lichen Schönheiten haben ihn im Vereine mit einer ſorgfältigen Anbauung und künſtlichen Vorzügen eine Art von Berühmtheit verſchafft, welche kein anderes Weingut in der Kolonie anſprechen darf. Eine breite ſchattige Allee bildet den Hauptzugang zu dieſer Do⸗ maine, innerhalb deren weit ausgedehnten Gränzen der Wein in üppiger Pracht gedeidt, und mit Blumen und Früchten reichlich ausgeſtattete Gärten das be⸗ queme und ſtattlich gebaute Wohnhaus umgeben. Die Straße von Capſtadt nach Conſtanzia ent⸗ wickelt eine Reihenfolge anziehender Gegenſtände, ſie geht durch Rondeboſch und das niedliche Dörſchen Wymberg und führt dann plötzlich in das offene Land, wo Blumen von der verſchiedenartigſten Farbe, von dem dunkelſten Carmefin bis zu dem Emblem der 144 Reinheit und Unſchuld, in wilder Verſchwendung blühend, den Grund bedecken und „Spielend in verwandter eig'ner Erde, Die nicht bedarf des Pflegers Hand und Mut⸗ Des Wachsthums Ueppigkeit zu fordern.“ Mehr wie der Traum eines Dichters oder wie eine Gegend aus einem Feenmährchen, als wie eine Stelle von irdiſchem Wachsthum, erſchien uns dieſe herrliche Milchſtraße voll glänzender Edelſteine, allein von dem Morgenthau befeuchtet und in den ſchimmernd⸗ ſten Farben der Natur funkelnd. Es war in der That eine Scene von ſo ſeltſamer Lieblichkeit, wie ſie wohl nur wenige Länder in derſelben Vollendung aufzu⸗ weiſen haben möchten. Erde und Luft ſchienen ſich den Vorrang ſtreitig zu machen. Während eine präch⸗ tige Reihenfolge von Pflanzen auf der Oberfläche eines Elements ſchimmerte, flatterten Vögel, Schmetter⸗ linge und verſchiedene andere beflügelte Inſekten, nicht minder glühend in der erhabenen Schönheit eines ſüd⸗ lichen Klima's durch die klare Atmosphäre, zuweilen in ihrer luſtigen Laufbahn inne haltend und den ſüßen Blumen und Geſträuchen unten einen Theil ihrer Honig⸗ vorräthe zu entziehen. Wären wohl Monumente des menſchlichen Geiſtes im Stande, auf eine ſo wirkſame Weiſe die örtlichen Reiſen von Conſtanzia zu erhöhen, wie dieſe vollkommenen, wenn auch einfachen Werke des Schöpfers. Für den Mann der Wiſeenſchaft oder den Be⸗ wunderer der Kunſt in einer von den verſchiedenen Formen, welche Bildhauerei und Malerei geſchaffen haben, für den enthuſiaſtiſchen Liebhaber klaſſiſcher Kunſt und Wiſſenſchaft, der ſich durch die Betrachtung der Wohnſtätten hingeſchiedener Geiſter ergötzt, für den Alterthümler, der in dem Beſitze von Reliquien ſchwärmt, die der Staub von Jahrhunderten zerfreſſen hat, für den Viſionär, mit deſſen wilden Phantaſieen die Legenden und romantiſchen Abenteuer alter Zeiten nung r wie eeine dieſe allein nernd⸗ kaum in die Schranken treten können, muß Alles, was in dem weiten Bereiche von Südafrika liegt, noth⸗ wendig flach, ſchmal und unerheblich erſcheinen. Seine Annalen liefern keine Erinnerungen außer der unge⸗ ſchriebenen vom Leben der Wilden, keine durch die Verehrung nachfolgender Jahrhunderte geweihte Gräber zeigen die Ruheſtaͤtten von Weiſen, Helden, Dichtern oder Geſchichtſchreibern. Keine geheimnißvolle Höhle, keine geheiligte Gruft ſpricht von einer längſt von der Erde verſchwundenen Mythologie; keine befeſtigte Schlöſſer und Baronsſitze rufen, den unvertilgbaren Stempel der Zeit an ſich tragend, in dem Gedächtniſſe Ritterthaten und Begebenheiten adeligen Muthes aus einer Zeit zurück, wo die ſchönen Hände hochgeborner Schönheit die Preiſe an die Tapferen vertheilten und der Geſang der Minſtrels in der Feſthalle ertönte. Nichts von Allem dem begegnet dem Blicke in einem Lande, wo die Natur allein Monarch iſt, wo Berge über Berge gelagert und Wälder von unermeß⸗ licher Ausdehnung in Verbindung mit gewinnenderen Reizen, von ſanfteren Landſchaften nicht als Mannen⸗ los der menſchlichen Geiſteskraft dienen, nicht die Macht menſchlicher Kenntniſſe verkündigen. Aber die⸗ nen ſie nicht als herrliche Beweiſe viel höherer Kräfte? Und der Menſch, welcher hinwandert, mehr um die Werke der Gottheit zu beobachten und zu bewundern, als um die Vergleichungsweiſe unbedeutender Schöpfun⸗ gen ſeiner Mitmenſchen zu beſchauen, wird reichliche Befriedigung unter Scenen finden, obgleich ſie in den Blättern der Geſchichte nicht aufgeführt find. Nur für ſolche kann eine Reiſe durch einen Theil vom Cap der guten Hoffnung entweder durch Erfahrung oder Beſchreibung intereſſant werden. Die Art und Weiſe, wie man eine lange Reiſe in dieſem Lande macht, iſt eigenthümlich und den Straßen angemeſſen, welche häufig rauh und gefährlich, Anutti Frutti II. 10 —————-õ———— 5— 146 kein Gefährt zum ſicheren Fortkommen zulaſſen wür⸗ den, das weniger ſtark wäre, als ein gewöhnlicher Fuhrwagen. Der Name mag etwas hart für feine Ohren klingen. Aber der Umſtand, daß dieſe Wagen von zwölf bis zwanzig Ochſen je nach den Umſtänden geführt werden, welche in Paaren zuſammen gejocht und nur durch einen ledernen Riemen an die Deichſel gebunden find, mag einigermaßen das Herbe des Aus⸗ drucks mildern. Der Reiſende in einer wilden, wenig kultivirten Gegend darf nicht die künſtlichen Comforts und Bequemlichkeiten des Lebens zu finden hoffen. Kein die Giebelſeite eines geräumigen, freundlich aus⸗ ſehenden Wohnhauſes bildendes Willkommzeichen ladet ihn zu Fülle und Ruhe ein. Das Gefährt, in wel⸗ chem er reist, hat den doppelten Zweck der Fortſchaffung und einer Schlafſtätte, und bietet nebſt den einfachen Bequemlichkeiten, wie man ſie in einem Bauernhauſe bekommen kann, den einzigen Erſatz während einer wochenlangen Wanderung für die vielen Beförderungs⸗ mittel(ganz abgeſehen von Eiſenbahnen, welche um den Fortſchritt der neuen Locomotion leicht und ange⸗ nehm zu machen) erfunden worden ſind. Von dem gewöhnlichen Platze, nach welchem wir uns begaben, erſtreckte ſich der Ausflug des erſten Tages bis nach dem Downs(Dünen), halbwegs zwiſchen Capſtadt und Stellenboſch, wo wir uns einen angenehmen Ruheplatz auswählten. Bald war ein Feuer, das unerläßliche Erforderniß bei Reiſen in Süd⸗ afrika angezündet. Wir lagerten uns um daſſelbe her, während ſich die hottentottiſchen Bedienten be⸗ eiferten, Erfriſchungen zu bereiten, wie ſich die Einfach⸗ heit eines nächtlichen Mahles heiſchte. In geringer Entfernung von uns ruhten die müden angebunden, daß fie ſich nicht von der Flamme ent⸗ fernen konnten. Bekanntlich hält man ein während der Stunden der Dunkelheit unterhaltenes Feuer für die wirkſamſte Schutzwache gegen Raubthiers, welche „ 4 147 ſich ſelten in die Nähe eines auf dieſe Art vertheidig⸗ ten Zauberkreiſes wagen. So groß iſt die Macht der Neuheit, daß der Geiſt unmerklich und unwillkürlich zu dem urſprünglich durch irgend eine beſondere Scene oder Handlung hervor⸗ gebrachten Eindruck mit einer feſten Anhänglichkeit der Erinnerung zurückkehrt, welche keine ſpätere Begegniſſe zu verwiſchen vermögen. Dieſem Einfluſſe muß das unverwelkliche Andenken zugeſchrieben werden, das in mir über die Einleitungs⸗ nacht meiner Wanderung ſich feſtgeſtellt hat. Viel Aehnliches begegnete mir in der Folge; aber nichts wird ſo oft wieder in meinem Gedächtniſſe hervorgerufen. Noch ſehe ich im Geiſte den klaren Mond, wie er in unvergleichlichem Glanze über die wilde Gegend ſcheint, deren tiefe Stille nur durch das ſchläfrige Geſumme menſchlicher Stimmen unterbrochen wurde, als die Gruppe, durch deren dunkle ſeltſame Geſichter zuweilen Strahlen von dem brennenden Torfe und Geſtrüppe ſchoßen, ſich in halblauten Tönen unterhielt. Alles war geeignet, ein Gemälde zu ſchaffen, das bei einer phantaſtiſchen Umſtaltung des Hornviehs in Kameele eine Geſellſchaft herumſchwärmender, in Mitten der Wüſte ihres nie eroberten Erbguts gelagerter Araber darzuſtellen beabſichtigt hätte. Ehe die Sonne an dem auf unſerem Halt in den Downs folgenden Tage die Mittagshöhe erreicht hatte, gelangten wir nach dem Dorfe Stellenboſch, das beſon⸗ ders durch eine doppelte Reihe von hohen Eichbäumen ſich auszeichnet, welche die Hauptſtraße begränzen. Mit Weingärten bedeckt und von Hecken umgeben, welche aus Aprikoſen und Quittenbäumen beſtehen, mit den ausgeſuchteſten Blumen und Geſträuchen, wie Jasmin, Myrthen und Geranien geſchmückt, bietet das umliegende Land einen außerordentlich maleri⸗ ſchen Anblick und fordert ſowohl den Pflanzer als den Fremden zur Bewunderung auf. Ala wir Stellen⸗ — 148 boſch verließen, brachte uns ein langſamer Marſch von wenigen Stunden nach Hottentott's Holland Kloof, das durch eine anderthalb Meilen lange Straße merk⸗ würdig iſt, die aus dem Felsgeſtein ausgehöhlt, durch daſſelbe führt. Auf der entgegengeſetzten Seite erblickt man eine ſchöne wechſelreiche Landſchaft, Bauernhäuſer auf ihrer Oberfläche ausgeſtreut, Heerden von Schaa⸗ fen und Ziegen, welche auf den grünen Weiden graſen, Obſtgärten, von ihren üppigen Erzeugniſſen ſtrotzend und überall nur Beweiſe der Vollendung ländlicher Genüſſe. Zur Erhöhung des Zaubers erfuhren wir, daß an einem von dieſen Orten die Abkömmlinge einer Hugenottenfamilie wohnten. Unſere Erwartung er⸗ reichte den höchſten Grad, und eben ſo groß war ver⸗ hältnißmäßig die Enttäuſchung, als wir die bezeichnete Wohnung erreichten und fanden, daß die Bewohner in Sprache, Sitten und äußerer Erſcheinung ganz und gar Holländer waren. Sogar der urſprünglich fran⸗ zöſiſche Name hatte ſich längſt in einen andern ver⸗ wandelt, und die ganze Wirthſchaft bot nicht mehr und nicht weniger als ein Meiſterſtück der gewöhnlichen häuslichen Einrichtungen eines Capweinbauern. Unſere Hoffnung drängte ſich nun in Franſchehorb zuſammen, aber mit Ausnahme einer alten Perſon, des ehemali⸗ gen Bedienten einer aus ihrem Vaterlande verbannten Familie, welche vor vielen Jahren dieſen Ort ver⸗ laſſen hatte, war Niemand mehr vom galliſchen Ur⸗ ſprunge mehr vorhanden. Von dieſem Menſchen er⸗ fuhren wir, daß er noch ſehr jung dem Grafen de Lisle und ſeinen Verwandten von den Küſten Frankreichs gefolgt war. Später, nach dem Tode ſeines Herrn, hatte ſich die kleine Niederlaſſung zerſtreut, ob nach irgend einem andern Theile der Kolonie oder über ihre Gränzen, wußte er nicht. Durch den Betrieb verſchiedener Arten von Handarbeit hatte er eine er⸗ trägliche Rente für ſich ſelbſt geerndet und zog es vor, an dieſem Orte zu wohnen, wo er ſein Leben bereits 149 beinahe ſeit achtzig Jahren zubrachte. Die Zeit war nicht ſpurlos an dem alten Manne vorübergegangen, denn ſein Gebächtniß hatte weſentlich gelitten und die Auskunft, welche wir von ihm erhielten, war daher unbeſtimmt und unbedeutend. Da wir kein Intereſſe dabei fanden, länger unter Scenen zu verweilen, von denen auch der Schatten früherer Bedeutung ver⸗ ſchwunden war, ſo ſetzten wir unſere Wanderung fort; ſobald wir das Ende von Hottentott's Holland Kloof erreicht hatten, erſchien in großer Ausdehnung ein ſandi⸗ ges, unfruchtbares Land, das nur Heidekraut und einige Gattungen von Immergrün hervorbrachte. Durch dieſe beinahe wüſte Region, welche durch eine beinahe fort⸗ laufende Kette von Bergen ummauert war, die ſich übereinander erhoben, bis ihre hohen Spitzen in die Wolken zu dringen ſchienen, reisten wir mehrere Tage, ohne daß die Monotome durch etwas Anderes, als durch die zufällige Erſcheinung von Häuſern in der Ferne oder durch die beſtäudigen Gefahren der Straße unterbrochen wurde, denen zu troßen man einer mehr als gewöhnlichen Entſchloſſenheit bedurfte. Dieſe Gefahren entſprangen aus verſchiedenen Urſachen. Der an und für ſich furchtbar ſchmale Weg wurde häufig durch ſchwere Felstrümmer, tiefe Spalten und loſe Erdmaſſen unterbrochen, während unten ungeheure Abſchüſſe gähnten, in welche der kleinſte Fehltritt die ganze Cavalcade hätte ſchleudern können. Die Uneben⸗ heiten der Straße ſind nicht die einzige Schwierigkeit, welche des Reiſenden harrt; zahlreiche und zuweilen gefährliche Flüſſe bilden ein anderes und mächtiges Hinderniß gegen ſein ſicheres und raſches Fortſchreiten. Während der naſſen Jahreszeit, wo ein beſtändiger Zuſtrom von Waſſer vom Hochlande herab ſiattfindet, läßt ſich mit den gewöhnlichen Mitteln nicht über den⸗ ſelben ſetzen. Iſt dieß der Fall, ſo müſſen die Ochſen quer durchſchwimmen, ein gewagtes Unternehmen, das im Sommer ſelten nothwendig wird, wenn nicht heſtige 1⁵⁰ Regengüſſe, die gerade, weil ſie ſehr ſelten vorkommen, in dieſer Jahreszeit um ſo ſtärker werden, ſolche unter dem abſolirenden Einfluſſe außerordentlicher Hitze ſanfte ruhige Flüſſe in Sturm dieſer überwältigenden Art zwang uns im Verlauf unſerer Reiſe, da der Fuhrwagen nur hauſe zu ſuchen, wo wir eine ſchöne Gelegenheit hatten, den Charakter, die Manieren und Gebraͤuche des Cap⸗ Boor zu beobachten und eine Meinung in uns zu bil⸗ Wahrnehmungen vollzündig beſtätigte. Dieſe Klaſſe unterſcheidet ſich weſentlich in den äußern Verhältniſſen von den Bauern in der Nähe von Capſtadt. Die bequemen und gut einge⸗ der letztern beſitzen Alles, was der Eigenthümer im Comfort verlangen mag, und ſtehen in mächtigem Widerſpruche mit den Strohdächern und Lehmwandungen der ärmlich ausgeſtatteten Woh⸗ nungen ſeines weniger civiliſirten Landsmanns. Dieſe enthalten in der Regel drei Stuben, und man findet nur eine Schlafſtube für den Gebrauch der ganzen Familie, ohne Unterſchied des Geſchlechtes und für die Unter⸗ bringung eines zufälligen Gaſtes. Dieſem Umſtande mag der geringe Fortſchritt zuzuſchreiben ſein, den die Verfeinerung bis jetzt unter einem Volke gemacht hat, deſſen rauhe Manieren und außerordentliche Unwiſſen⸗ heit noch nie durch eine Berührung des wahren Ab⸗ ſchliffs der Natur gemildert worden find. Neugierde bildet einen Hauptzug in ihrem Cha⸗ rakter und dieſer Hang erklärt ſich durch die geringen Mittel, deren ſie theilhaftig find, um Nachrichten von außerhalb der Sphäre ihres Hausweſens zu erhalten. Die weibliche Hälfte dieſer Gemeinde hat mit ſel⸗ tenen Ausnahmen plumpe unintereſſante Geſichter und Geſtalten, denen es gänzlich an Anmuth und Eben⸗ maß gebricht. Dieſe Nachtheile werden durch eine in raſche gewaltige Ströme verwandeln. 1 &8 E ch 3 ☛̈ G& 1⁵¹ ſchlumpige Art des Anzugs und durch die abſcheuliche Gewohnheit, in großem Uebermaß zu ſchnupfen, noch mehr ſichtbar. Wenn wir ſo viele wenig anziehende Eigenſchaf⸗ ten aufzählen, ſo iſt es nicht mehr als billig beizu⸗ fügen, daß die den holländiſchen Pflanzern im Allge⸗ meinen nachgerühmte Gaſtfreundſchaft einem Fremden nie entzogen wird; findet er ſich zufälliger Weiſe zur Stunde des Mittagsbrodes in einer ſolchen Hütte ein ſo wird ihm ſtets zuvorkommend ein Sitz am Fami⸗ lientiſche geboten. Nachdem wir ſo einige von den gegenwärtigen Einwohnern von Südafrika leicht ſkizzirt haben, dürfen wir es nicht unterlaſſen, der urſprüng⸗ lichen Eigenthümer ſeines Bodens zu erwähnen. Dieſe ſeltſamen Geſchöpfe find ſo wenig von der Natur be⸗ günſtigt, daß ſich unmöglich etwas Zurückſtoßenderes nach Form und Geſichtsbildung denken läßt, als die Hottentotten beiderlei Geſchlechts. Sie find von Na⸗ tur der Unmäßigkeit ergeben, und viele von ihnen führen ein faullenzeriſches Wanderleben, halten ſich auf Feldern oder in kleinen Lehmhütten auf und friſten ihr Daſein von dem Ertrag fortwährender Diebſtähle. Andere von etwas beſſerm Charakter werden in den Bauernhäuſern beſchäftigt, während eine dritte und glücklichere Abtheilung des Stammes in den verſchie⸗ denen Miſſionär⸗Niederlaſſungen wohnt, wo man ſie zum Chriſtenthum bekehrt, im Leſen und Schreiben und in irgend einem nützlichen Handwerk oder in einer einträglichen Beſchäftigung unterrichtet. Urſprünglich find alle der Vervollkommnung gleich fähig, aber die Mehrzahl dieſer unkultivirten Race iſt bis jetzt noch nicht von ihrem Pfade zurückzurufen. Als ſich der Sonnenſturm gelegt hatte, nahm der Himmel wieder ſeine gewöhnliche Heiterkeit an und das Waſſer floß abermals friedlich über ſein Kieſel⸗ bett hin. Unſere Reiſemaſchine wurde in Gang ge⸗ bracht und mehrere Tage hinter einander durchzogen 13² wir Seenen von demſelben gleichförmigen Charakter ſchg wie vorher, bis plötzlich, als haäͤtte ein mächtiger grä Zauberſchlag eine Verwandlung vorgenommen, Berg den und Thal, rauſchende Waſſerfälle und mit. Gebüſch flut bewachſene Gründe in der veränderten Landſchaft erſchien. die Die Staunen erregende Bergkette, welche bis Geg jetzt den Geſichtskreis begränzt hatte, thürmte ſich im⸗ dick. mer noch majeſtätiſch, bedeckt mit zahlreichen Produkten aug des vegetabiliſchen Lebeus, über uns auf, wahrend ſich lieg zur Rechten in düſterer Größe ein prachtvoller Wald eilte gusdehnte, und in den belaubten Inſaßen ſeines Bo⸗ mich dens Schaaren belebter Geſchöpfe ſich darboten, welche das unter den Zweigen wohnen oder ein Lager inmitten hund undurchdringlicher verborgener Orte dieſer mächtigen kam Wildniß ſuchen. Thü Am Rande des Waldes ſteht George Town, das es ſich ebenſowohl durch ſeine niedliche freundliche Außen⸗ natü ſeite, als durch ſeine pittoreske Lage auszeichnet. Als fend wir dieſes Dorf verließen, ſagten wir den geſchäftigen meir Wohnſtätten der Menſchen ein langes Lebewohl, und erbli reisten, von den gebahnten Straßen abgehend, über wan Wege, welche nebſt den bereits angeführten Hinder⸗ ande niſſen Spuren von Elephanten⸗Anfallen zeigten und wohr mit mächtigen, fammt den Wurzeln aus Urwäldern ljedoe geriſſenen Bäumen beſtreut waren. und s wir dieſe Gefabren binter uns hatten, bielt delel unſer Zug an einem ſauften balſamiſchen Abend, ehe auf das Sonnenlicht am Horizont erbleicht war, in einem 4 bann kleinen ſo abgeſchloffenen Thale, daß es ein menſchen⸗ dieſer feindlicher, nur die Einſamkeit der Natur liebender deren Klausner gerne zu ſeinem Aufenthalte gewählt haben druck würde, Um einen Punkt außerhalb der engen Grän⸗ über zen dieſes engen Winkels zu finden, mußte man noth⸗ der 4 wendig einen höhern Grund erſteigen. Beſtändig geläu darauf bedacht, Neues ausfindig zu machen, lief ich fahre allein weiter, erreichte eine benachbarte Anhöhe, und 1⁵3 ſchaute von hier herab in den tiefblauen See, deſſen grämliches Gemurmel, verurſacht durch die ſchäumen⸗ den Wellen, wie ſie an dem felſigen Ufer ebbten und flutheten, deutlich hörbar wurde. Anfangs war keine menſchliche Wohnung ſichtbar, die die ſtarre Kälte belebt hätte, welche auf jedem Gegenſtand laſtete. Endlich aber guckte durch das dicke Laubwerk der Bäume der Giebel eines weiß angeſtrichenen Hauſes, auf das ich, die dazwiſchen liegende Entfernung nicht berückfichtigend, raſch zu⸗ eilte. Der beſchleunigte Lauf einer Stunde brachte mich in die Nähe der fraglichen Wohnung, und als das laute Gebelle eines grimmig ausſehenden Ketten⸗ hundes das Herannahen fremder Tritie ankündigte, kam ein hottentottiſcher Knecht hervor, öffnete die Thüre eines kleinen inneren Zimmers und meldete, es ware eine Juffrouw(Dame) hier. Ich erwartete natürlich eine holländiſche Hausfrau, Theewaſſer ſchlür⸗ fend oder Strümpfe ſtrickend; aber wie groß war mein Erſtaunen, als ich eine ältliche Frauensperſon erblickte, deren Erſcheinung und Tracht für ihre Ver⸗ wandtſchaft mit einem anderen Zeitalter und einem andern Lande zeugten. Das Zimmer, welches ſie be⸗ wohnte, war zwar höochſt einfach ausgeſtattet, enthüllte jedoch mancherlei Beweiſe eines höheren Geſchmackes, und eine höfliche Begrüßung in franzöſiſcher Sprache belebte abermals in uns die langgenährte Haffnung, auf der ſüdafrikaniſchen Küſte die unglücklichen Ver⸗ bannten von„La belle France“ zu ſehen. Neben dieſer Dame ſaß ein junges hübſches Mädchen, auf deren ſanfte dunkle Augen der ſchwermüthige Aus⸗ druck, welcher in denen der Erſteren ſichtbar war, übergegangen zu ſein ſchien. Wie tief und vielfach der Kummer geweſen war, aus welchem dieſer Blick eläuterle Melancholie entſprang, ſollte ich erſt er⸗ ahren. Aus dem Geſpräche, das ich nun anknüpfte, er⸗ 1⁵⁴ kannte ich in dieſen intereſſanten Weſen die Menſchen, von denen ich in Franſchehoek gehört hatte. Das Vergnügen, das mir eine ſo unerwartete Entdeckung verurſachen mußte, ließ mich ganz und gar der Zeit vergeſſen, bis die Dunkelheit die Scene verhüllte und mich an meine Reiſegefährten und die Nothwendig⸗ keit, zu ihnen zurückzukehren, erinnerte. Die Bewoh⸗ ner am Le Refuge widerſetzten ſich jedoch meiner Ab⸗ ſicht, ſie zu verlaſſen. Es wurde ein Bote nach dem Thale geſchickt, und bald darauf waren wir um die Abendtafel verſammelt, an welcher Herr St. Pierre, ein geſcheid ausſehender Mann, welcher die Mittags⸗ linie ſeines Lebens überſchritten haben mochte, den Vorß führte. Die lichten Haare und blauen Augen von Ma⸗ dame beurkundeten ihren holländiſchen Urſprung und, die auffallende Aehnlichkeit zwiſchen ihr und einem Jüngling von achtzehn Jahren ließ keinen Zweifel an deren Blutsverwandtſchaft übrig, während das lebenſprühende Antlitz einer ihm gegenüberſitzenden Hebe die ſchönſte Vereinigung von Unſchuld und Leb⸗ haftigkeit darſtellte. Das Zuſammentreffen mit einer ſolchen Familiengruppe, inmitten der Wilden von Afrika, wo die Menſchheit bis jetzt noch ſo wenig reizende Formen angenommen hat, ſchien mehr das Werk eines Zaubers, als eine nüchtern wachende Wirk⸗ lichkeit. Wie angenehm verſloſſen die Tage meines Aufenthalts in Le Refuge. Am Morgen ſchweifte ich über Berg und Thal in Begleitung von François und ſeiner jüngeren Schweſter, der lebhaften Pauline. Die Abende brachte ich noch viel vergnügter in Geſellſchaft von Madame Arnaud hin, auf Geſchichten aus frühe⸗ ren Zeiten horchend, welche mit einer Energie und einem Nachdrucke erzählt wurden, daß ſie unmittelbar zum Herzen gehen mußten. Für Blanche, welche uner⸗ müdlich den Mittheilungen der beredten Erzählerin zuhörte, erſchien dieſe, obgleich ſie ihr bekannt waren, ſtets mit neuem Intereſſe ausgerüſtet. Bei gewöhn⸗ lichen Gegenſtände beinahe bis zur Unempfindlichkeit ruhig, gerieth ſie in eine erhabene Begeiſterung oder verſank ſie in leidenſchaftlichen Kummer, wenn die Leiden und Bedrückungen, die herriſche Standhaftigkeit und der edle Muth der verfolgten Hugenotten den Gegenſtand des Geſpräches bildeten. Es lag eine Tiefe des Ausdrucks in ihrem dunklen Auge, die ihre Fähigkeit kund gab, ihr ſolches Beiſpiel nachzuahmen, wenn es die Umſtände erforderten. Von früher Kind⸗ heit durch Madame Arnaud gebildet hatte Blanche natürlicher Weiſe dieſelben erhabenen Grundſatze ein⸗ geſogen und denſelben feinen Geſchmack angenommen; die beſtändigen treuen Gefährten ihrer geliebten Ver⸗ wandten mußte dieſes gebrechliche Geſchöpf von ihr getrennt, wie der von ſeinem Mutterſtamme geſchnit⸗ tene zarte Zweig, verwelkt und verdorrt ſein. Sie bewährten einen ſeltenen rührenden Anblick, dieſe zwei Geſchöpfe, welche durch die Jahre ſo weit von einander getrennt, durch Sympathie und Neigungen ſo feſt mit ein⸗ ander verbunden waren. Das Eine ſtand auf der Schwelle des Daſeins, während die Jahre des Andern längſt den kurzen, für des Menſchen irdiſche Pilgerfahrt vor⸗ geſchriebenen Raum überſchritten hatten; dennoch wan⸗ delten ſie mit einander auf dem Pfade des Lebens, und die hektiſche Färbung auf den Wangen der Jün⸗ geren deuteten klar an, daß es ſelbſt der Tod unter⸗ laſſen würde, das zwiſchen ihnen beſtehende Band zu rennen. Oft erhob ſich in mir dieſe traurige Ueberzeugung, bekräftigt durch den Contraſt, den Pauline mit ihrer Schweſter darbot. Pauline voll fröhlicher Geiſter, die wahre Perſönlichkeit der Hoffnung und des Froh⸗ finns nach jedem in ihrem Bereiche liegenden Ver⸗ gnügen haſchend, während für Blanche gewöhnliche Genüſſe keinen Reiz beſaßen; denn ſie gab ſich rein nur einem höheren heiligen Aufſchwunge hin, und ihr — —— 156 liebliches Antlitz war der reine Wiederſchein dieſer begeiſterten Gefühle. Als der Augenblick der Trennung von La Refuge herannahte, gewann jeder Gegenſtand, belebt oder unbelebt, der mit dieſem ſüßen Aufenthalte in Ver⸗ bindung ſtand, ein weiteres Intereſſe und dieß von der reichen wechſelvollen Landſchaft außen bis zu den Familienportraits und andern Reliquien aus beſſeren Glücksumſtänden, welche die Wände von Madame Arnaud's kleinem Boudoir zierten. Ueber die Wechſelfälle nachdenkend, welche das Geſchick ſeiner ehrwürdigen Bewohnerin bezeichneten, beſchloß ich an dem meiner Neiſe vorhergehenden Abend mir von ihr eine, wenn auch kurz geſchriebene Erzählung der ſeltſamen Ereigniſſe zu erbitten, die fie mir mündlich mitgetheilt hatte. Die Bltte wurde ſogleich gewährt, und als ich Blanche anbot, dabei als Amannenſis zu arbeiten, ſo verabredeten wir, daß mir das Manuſcript, ſobald es vollſtändig wäre, durch die erſte geeignete Gelegenheit zugeſchickt werden ſollte. Eben als dieſer Punkt abgemacht war, öffnete ſich die Thüre und Pauline trat ein, gebeugt unter der Laſt einer herrlichen, beinahe vier Fuß hohen Amarypllis und an dem Ende eines völlig geraden und Blätter⸗ loſen Stengels eine glänzende carmoſinrothe Blume tragend, die wie ein Wandleuchter geformt war, von deſſen Mittelpunkt kleine Lampen herabhängen. Da jie meine Vorliebe für dieſe Species vom Lilienge⸗ ſchlechte kannte, ſo brachte ſie mir dieſe Blume als Ab⸗ ſchiedsgeſchenk. Pauline beſaß keine wiſſenſchaftliche Bil⸗ dung in der Botanik, aber ſie liebte die Blumen mit jener treuen Auffaſſung ihrer Schönheit, welche der natür⸗ liche Geſchmack verleiht. Ich dankte ihr für ein ſo paſſendes Andenken an unſere ſtürmiſchen Gebirgs⸗ wanderungen und rief unwillkürlich aus, als die Schweſtern ſich ſpäter aus dem Zimmer entfernten: „Ach, ſollen zwei lebende Blüthen, ſo ganz geſchaffen, 157 die Geſellſchaft zu zieren, unbekannt und unbeſehen, in Mitten dieſer Einöde verblühen!“—„In Beziehung auf die eine von ihnen,“ erwiderte ihre betagte Ver⸗ wandte,„bedaure ich es im höchſten Maaße, und gerne würde ich ſie, wenn es möglich wäre, in eine andere Lage verſetzen; was die andere betrifft,“ fuhr ſie fort, während ein hoffnungsvolles Lächeln ihre ſprechenden Züge beſtrahlte,„für ſie hege ich keine Beſorgniß; aber Pauline würde eine weniger beengte Sphäre ſchmücken.“—„Ohne Zweifel,“ verſetzte ich,„wünſch⸗ ten Sie Pauline nach Frankreich gebracht zu wiſſen.“— „Nein, gewiß nicht,“ lautete ihre raſche Antwort, nich würde das proteſtantiſche England vorziehen; denn obgleich ich Frankreich als das Land meiner Ge⸗ burt innig liebe, ſo kann ich doch nicht vergeſſen, daß ſein Boden mit dem Blute meiner Freunde und Verwandten gedüngt worden iſt, daß die Heimatb meiner Kindheit ein Trümmerhaufe und das ſchöne Erbe meiner Ahnen in fremde Hände übergegangen iſt. An eine mit ſolchen ſchwermüthigen Rückblicken in keinem Zuſammenhange ſtehende Küſte möchte ich den Abkömmling der verfolgten de Lisle bringen, und wenn ſich ein wünſchenswerther Schutz verſchaffen ließe, ſo würde ich mich im Voraus darüber freuen, daß ſie ſpäter Britanien beſuchen könnte.“— Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich meine Dienſte zu Förderung dieſes Vorhabens, wenn immer die geeigneten Umſtände zu Ausführung deſſelben eintreten würden, willig anbot, und es wurden in der Folge unter Mitwirkung von Paulinens Verwandten Vorkehrungen zu dieſem Ende getroffen. Nun hatten wir uns nur noch Lebewohl zu ſagen, und das gegenſeitige Bedauern, als wir dieſe ſorgen⸗ volle Worte des Abſchieds austauſchten, bewies, daß es nicht langer Zeit bedarf, um die Ketten der Freund⸗ ſchaft zu ſchließen. Beſondere Umſtände hatten bei dem gegenwärtigen Falle dieſes Gefühl befruchtet und ge⸗ 158 ſtählt, und es muß ein kaltes Herz ſein, das ſeine Zuneigung nach Tagen, Monaten und Jahren ermißt. Viele ſolche Zeitbrüche haben ſeitdem den ungeheuern Betrag vermehrt, und dennoch wendet ſich die Erinne⸗ rung mit ungeſchwächter Theilnahme der zweiten Hei⸗ math der Verbannten zu, obgleich einige von ihren geliebten Bewohnern den friedlichen Aufenthalt mit einer ruhigeren, mit einer ewigen Wohnſtätte ver⸗ tauſcht haben. Erſt als ich nach der Capſtadt zurückgekehrt war, erhielt ich das verſprochene Memoire. Die Ueber⸗ ſetzung von einer Sprache in eine andere hatte unver⸗ meidlich mancherlei Mängel zur Folge, welche dem Original fremd waren, und ich kann nur bedauern, daß es ſich weniger leicht erwies, die elegante Einfach⸗ heit von Madame Arnauds Sprache nachzuahmen, als die Treue ihrer Geſchichte unverletzt zu erhalten. — Erzählung von Madame Arn aud. Während man vielerlel geiſtreiche Erivationen für das Wort Hugenott vorſchlug, wurde die wahre Be⸗ zeichnung deſſelben ſtets nur zu gut von denen, welche den Namen trugen, als das Loſungswort der Ver⸗ folgung und des Todes verſtanden. Es klang in ihren Ohren als das unſelige Grabgeläute, das ſich durch alle Schreckniſſe der Sanct Bartholomäusnacht und zahlloſe andere Scenen des Blutvergießens und der Grauſamkeit hörbar machte. Von dieſen Leiden wurde die Familie de Lisle zuerſt heimgeſucht unter der Regierung von Franz II., dieſem ſchwachen und laſterhaften Fürſten, der ganz und gar von der intriguenſüchtigen, ehr⸗ geitzigen und gewiſſenloſen Katharina von Medicis beherrſcht wurde, in Gemeinſchaft mit der er und ſeine Nachfolger die ſchwärzeſten Verbrechen gegen ihre proteſtantiſchen Unterthanen begingen. Unter dem zu der Hochzeit von Heinrich, Prinzen von Bearne, eingeladenen Gäſten waren der Graf de Lisle und ſein Sohn Auguſte, welche glücklich in der Vorausſicht, ſo viele ausgezeichnete Freunde von ihrer eigenen Partei zu treffen und in der Hoffnung, die beabſichtigte Verbindung dürfte, dem letzten freund⸗ ſchaftlichen Vertrage von St. Germain Beſtändigkeit verleihend, eine bleibende Verſöhnung mit der ande⸗ ren Partei herbeiführen, freudig dem verrätheriſchen Aufrufe von Karl IX. gehorchen. Die hierauf folgenden Ereigniſſe ſind mit allen ihren geſchichtlichen Einzelnheiten bekannt; der durch das plötzliche Ableben von Johanne, Königin von Navarra, vorübergehend erweckte Verdacht legte ſich bald wieder und die Verheiratung des jungen Königs mit der franzöſiſchen Prinzeſſin Margaretha, wurde pomphaft gefeiert, wobei Katharine, die Königin Mut⸗ ter und ihr Sohn an die von ihrer vereinten Treu⸗ lofigkeit bezeichneten Opfer alle mögliche feierliche Verſicherungen beſtändiger Freundſchaft verſchwendete. Mitten unter den Feſten und Freuden, an denen die Hugenotten vertrauensvoll Antheil nahmen, ertönte die Sturmglocke, das furchtbare Signal zum Anfange der grauſamſten Metzelei, welche je das dunkle Regi⸗ ſter menſchlicher Schuld geſchändet hat. Welche Feder iſt im Stande, die Schreckniſſe zu ſchildern, zu denen Tauſende in der unvergeßlichen Nacht erwachten! Eines von den früheſten Opfern war Admiral Coligny. Mein Ahne ſah, wie ſein verſtümmelter, blutiger Leichnam aus dem Fenſter geworfen wurde, und war ein Zeuge der rohen Freude des jungen Herzogs von Guiſe, als dieſer brave Mann zu ſeinen Füßen verſchied. Durch die mit Sterbenden und Todten bedeckten Straßen eilend, betäuht durch 160 das Geſchrei der Angſt und Verzweiflung, das von allen Seiten auf ſie eindrang, erreichten die de Lisle mit einer Anzahl von Flüchtlingen den Fluß, ſprangen in denſelben und ſuchten die entgegengeſetzte Seite zu erreichen Vielen gelang es, auf Andere aber— dieß iſt eine unglaubliche Thatſache, darum aber doch nur zu wahr— auf Andere wurde von einem Fenſter des Palaſtes, von dem man die Seine überſchauen konnte, von ihrem blutgierigen Monarchen geſchoſſen. Unter den Letzteren war der ältere de Lisle; todtlich verwundet, fand er ſein Grab in der Tiefe des Waſ⸗ ſers, während ſein unglücklicher Sohn verwaist am Ufer ſtand. So niederſchmetternd auch dieſe unſelige Cata⸗ ſirophe war, ſo ging doch der perſönliche Kummer für die Gegenwart in dem allgemeinen Elend und in der nothwendigen Sorge für Selbſterhaltung unter. So eilte Auguſte, unbeachtet dieſer Umſtände, raſtlos vorwärts, und erkannte, als er in die Vorſtädte von St. Germain kam, unter einem Haufen von Leidens⸗ genoſſen, einen alten Bekannten, der nur ſchwach den erſchöpften Körper ſeiner einzigen Tochter zu unter⸗ ſtützen vermochte. Mit dieſen Perſonen verband ſich der Graf und landete endlich mit ihnen auf der Küſte von Deutſchland, feſt entſchloſſen, nie mehr auf die von Frankreich zu Lebzeiten der Mörder ſeines Vaters zurückzukehren. Herr von Vermont, der erwähnte Freund, hatte eine deutſche Dame geheiratet, und unter dem Dache ihrer Verwandten ſuchte Auguſte eine Zufluchtsſtätte. Später ſchloß er den Bund der Ehe mit der jugend⸗ lichen Gefährtin ſeiner Flucht und kehrte mit ihr in ihr gemeinſchaftliches Geburtsland zurück. Nach der Thronbeſteigung von Heinrich IV., während der hier⸗ auf folgenden Kriege, kämpfte der Graf de Lisle an der Seite ſeines Fürſten.— Den Proteſtanten die freie Ausühung ihrer Reli⸗ 161 gion ſichernd, brachte das Edikt von Nantes eine kurze Friedenszeit hervor, und Auguſte, Graf von Lisle, ſtarb in der ſüßen, aber leider leeren Hoffnung, die reine Form des Chriſtenthums, die er liebte und ehrte, werde endlich unter dem wohlthuenden könig⸗ lichen Schutze blühen und gedeihen. Wie trügeriſch dieſe Hoffnung war, beweist klar die Aufzählung der nachfolgenden Ereigniſſe. Lange vor der förmlichen Widerrufung des fälſchlicher Weiſe unwiderruflich genannten Ediktes war der Teufel fal⸗ ſcher Frömmigkeit abermals losgelaſſen, das Kriegs⸗ ſchwert abermals entblößt und Frankreich mit dem Blute ſeiner beſten Unterthanen überſtrömt. Die Ein⸗ nahme von La Rochelle, wo ſo viele Tauſende unter den gräßlichen Qualen der Hungersnoth ſtarben, traf die Wurzeln der bürgerlichen und religiöſen Freiheit. Das feſteſte Bollwerk des Proteſtantismus war zerſtört. Die Verfolgung breitete ſich wie eine raſende Flamme über dem Lande aus und es iſt nachgewieſen, daß im Jahre 1685 über 150,000 Perſonen ihre Woh⸗ nungen, ihr Eigenthum und zum Theil ihre nächſten Verwandten verließen, um an fremdem Geſtade ein Leben der Armuth und des Elends zu führen. Es hieße nur Begebenheiten wiederholen, welche in dem Buche der Geſchichte aufgezeichnet ſind, wollte ich auch nur einen Blick auf die gräuelhaften, gräß⸗ lichen Ereigniſſe werfen, welche eine Reihe von Jah⸗ ren bis zu dem achtzehnten Jahrhundert bezeichneten. Die Familie de Lisle litt in Gemeinſchaft mit andern Hugenotten; aber erſt im Jahre 17— trat der Culminationspunkt ihres Unglücks ein. Die Ent⸗ behrungen, denen ſie ſich unterzog, die Abgeſchloſſen⸗ heit, in der ſie in der entfernten Provinz Dauphiné lebte, wo ihr natürliches Erbe lag, hatte ſie bis da⸗ hin vor mancherlei Unfällen beſchützt. Nun aber brach der Sturm mit ſeiner ganzen Wuth aus; da jedoch die Ereigniſſe, welche meiner Familie gänzlichen Tutti Frutti. II. 11 162 Untergang herbeiführten, ſo dicht mit perſönlichen Ge⸗ fühlen und Leiden durchwoben ſind, ſo muß dieſe kleine Skizze von nun an dem Gedächtniſſe entnommen wer⸗ den, und ſoll nur Scenen ſchildern, welche ſich inner⸗ halb des Kreiſes meiner Erinnerungen ereignen. Als der Krieg zwiſchen Großbritannien und Frank⸗ — reich im Jahr 1744 ausbrach, ließ der Graf de Lisle, in Verbindung mit der ganzen proteſtantiſchen Kör⸗ perſchaft, keine Gelegenheit vorübergehen, um gegen den König und ſeine Regierung die unzweideutigſten Beweiſe loyaler Anhänglichkeit kund zu geben. Aber weder dieſe noch die wichtigen Dienſte, die man Lud⸗ wig dem Großen während der vorhergehenden bür⸗ gerlichen Unruhen geleiſtet hatte, konnten die heran⸗ nahende Zerſtörung abwenden. Nach der Bemerkung Heines Schriftſtellers aus jener Zeit ſcheint es, daß der treuloſe bigotte König, gerade weil ſie Leben und Vermögen ſeinetwillen auf das Spiel ſetzten, den Plan faßte, ſie zu Grunde zu richten und auszurotten. Wenige Jahre vor dieſer Periode erbte mein einziger Sprößling, eine Tochter, gegen den Willen ihrer Eltern in die römiſch⸗katholiſche Familie St. Pierre geheiratet hatte. Unerachtet ihrer Religions⸗ verſchiedenheit wurde ein beſtändiger Zuſammenhang unter den Verwandten erhalten, und der junge Fran⸗ Vater die de Lisle Güter von ſeinem Onkel, deſſen cois St. Pierre brachte beinahe eben ſo viel Zeit in Dauphiné als in Paris zu. Die jüngeren Zweige unſeres Hauſes umfaßten V einen älteren Bruder, mich und Schweſter Thereſe. Die Zurückgezogenheit, in der wir lebten, ließ uns nur wenige Reſourcen außerhalb des häuslichen Krei⸗ ſes; aber dieſe genügten uns. Die Thorheiten der Welt waren uns nicht bekannt. Nach ihren Vergnü⸗ gungen ſehnten wir uns nicht. In Büchern und der gelegentlichen Geſellſchaft einiger geſchätzter Freunde beſtanden unſere Hauptfreuden auf Erden. Zu den 163 häufigſten und beliebteſten Gäſten im Schloſſe gehörte unſer ehrwürdiger Pfarrer Herr Rogere, der in den Kirchen von Dauphiné über dreißig Jahre den Got⸗ tesdienſt verrichtet hatte. Er war einer von den wahrhaft apoſtoliſchen Charakteren, deren unermüd⸗ liche Frömmigkeit, gemäßigter Eifer, edle Demuth und praktiſche Nützlichkeit einen Schimmer über die Religion verbreiten, welche ſie bekennen. Von ſeinen Lippen floſſen in Strömen reiner unſtudirter Bered⸗ ſamkeit die heiligen Lehren des Chriſtenthums, bethä⸗ tigt durch ſein eigenes Leben und Wirken. Ein verwaister Neffe war von dieſem vortreff⸗ lichen Mann adoptirt und zum geiſtlichen Stande her⸗ angebildet worden und oft begleitete ihn ſein Pflege⸗ ſohn nach unſerer Wohnung. Claude Arnaud war in jeder Beziehung eines ſolchen Verwandten würdig; ein höherer Lobſpruch läßt ſich ihm nicht ertheilen. Und ich, die ich auf dieſe Art für ſein Verdienſt Zeugſchaft ablege, genoß vier Jahre lang das Vor⸗ recht, ihn Gatte nennen zu dürfen; wir wurden nach der ſchönen einfachen Form, welche unſer Glauben vorſchreibt, in der Dorfkirche getraut. Bald nach dieſem Ereigniſſe bat Franeois meinen Vater um ſeine Sanktion für die gegenſeitige Zunei⸗ gung zwiſchen Thereſe und ihm, welche aus der kunſt⸗ loſen Anhänglichkeit der Kinderjahre entſpringend, zu den tiefen und glühenden Gefühlen der erſten Liebe herangereift war. Doch der beabſichtigten Verbindung ſtanden ſo mancherlei Hinderniſſe entgegen, daß der Graf ohne Zögern ſeine Einwilligung verweigerte, wohl wiſſend, daß die des Chevalier St. Pierre verſagt werden würde, und ſogleich überſchickte er ihm, um in dieſer Sache den ehrenvollſten Gang einzuſchlagen, eine ge⸗ treue Mittheilung deſſen, was zwiſchen François und ihm verhandelt worden war. Die Anhad war ſo, 164 wie man ſie vorher geſehen hatte und enthielt eine Aufforderung an den Sohn, ſogleich zurückzukehren. Man kann ſich leicht denken, mit welchem Wider⸗ willen er dem väterlichen Befehl Folge leiſtete. Aber jeder Widerſtand wäre vergeblich geweſen und unſer junger Vetter reiste unter der Betheuerung ab, daß keine ſterbliche Macht ihn wirklich von dem Gegen⸗ ſtande ſeiner Liebe trennen ſollte. Mein eigenes häus⸗ liches Glück, erhöht durch die Geburt eines Sohnes, ließ mir nur wenig zu wünſchen übrig und der ſüße warme Erguß mütterlicher Liebe gewährte dem Da⸗ ſein neue Reize— köſtliche Augenblicke der Wonne, auf welche Jahre des Elends folgen ſollten! Da einige Zeit vergleichungsweiſe Ruhe in Dau⸗ phiné und in andern ſüdlichen Provinzen herrſchte, ſo gewannen die Hugenotten wieder Vertrauen und ſuch⸗ ten ihre Anhänglichkeit an den reformirten Glauben nicht zu verbergen. Proteſtantiſche Geiſtliche waren eifrig bemüht, ſeine reinen unverdorbenen Lehren zu verbreiten und keiner mehr, als der Pfarrer von Dauphins, welcher in Begleitung ſeines jungen Colle⸗ gen perſönliche Anſtrengungen und Gefahren nicht ſcheuend, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf reiste und dem Gebote des guten Hirten Folge lei⸗ ſiend, die ſeiner geiſtlichen Führung anvertraute Heerde weidete. Die Zwiſchenräume der Abweſenheit meines ge⸗ liebten Gatten von unſerer niedrigen, aber glücklichen Wohnſtätte, brachte ich gewöhnlich im Schloſſe zu, wo in der Geſellſchaft theurer Freunde, welche ſich mit voller Theilnahme an dem ſichtbaren Gedeihen meines Kindes ergötzten, Wochen und häufig Monate vergingen. Bei einer ſolchen Gelegenheit im Frühling 17— war der Graf de Lisle von ſeinen Kindern und Un⸗ tergebenen umringt, die ſich in der Halle zum Abend⸗ gottesdienſt verſammelt hatten; die große Familien⸗ bibel lag vor ihm und alle warteten in ehrfurchts⸗ voller Stille auf das Entfalten ihrer Blätter. Plötz⸗ lich vernahm man ein furchtbares Getöſe von außen, und ehe man nach der Urſache desſelben fragen konnte, drang eine Bande bewaffneter Männer in das Zim⸗ mer; ihr Anführer ſchritt auf meinen Vater zu, ver⸗ haftete ihn im Namen des Königs und fragte zu glei⸗ cher Zeit, welche von ſeinen Töchtern die Frau von Claude Arnaud wäre. Zitternd beantwortete ich dieſe Frage, worauf mir der Offtzier erklärte, er wäre bereits in ſicherem Gewahrſam, wohin er auch mich un. andere rebelliſche Proteſtanten bald zu bringen offte. Niedergeſchmettert von Gram und Beſtürzung wurden wir vom Schloſſe fortgeſchleppt und nach Ver⸗ lauf einer Stunde ſahen wir uns widerſtandslos in ein Gefängniß verſetzt. Es war uns keine Muße zum Nachdenken geſtat⸗ tet; die gefühlloſen Helfershelfer der Tyrannei führ⸗ ten uns in abgeſonderte Zellen, und die einzige Wohl⸗ that, die ich zu erlangen vermochte, war die Erlaub⸗ niß, meine Leidensgenoſſen am andern Morgen zu ſehen. Langſam kroch die dazwiſchen liegende Zeit der Dunkelheit und der bangen Zweifel hin; die Dauer dieſer Periode ſchien gar kein Ende zu nehmen, und als endlich der Augenblick erſchien, der mich mit dem Beſitzer der beſten Triebe meines Herzens wie⸗ der vereinigte, wie furchtbar war die Qual, da ich ihn und ſeinen ehrwürdigen Oheim, die gefeſſelten Bewohner eines verderblichen Kerkers, vor mir ſah! Meine bis jetzt unerſchütterte Feſtigkeit verließ mich und erſt als die gebieteriſche Aufforderung an mich erging, eben ſo wohl zu handeln als zu dul⸗ den, lernte ich mich in Demuth unter die Gebote gränzenloſer Weisbheit beugen. Große Ereigniſſe erzeugen eine verhältnißmäßige Energie und legen dem Schwachen eine ihm bis da⸗ 1 166 hin unbekannte Rüſtung des Muthes an. So kam es, daß ich, als die gefürchtete Vorladung von dem Senate von Grenoble wirklich eintraf, mit vielen An⸗ deren, welche einem ſolchen Verhöre durchaus nicht gewachſen zu ſein ſchienen, ohne Bangen vor dem Tribunale ſtand, deſſen Verfahren kaum weniger ſummariſch als ungerecht war. Das Verbrechen des Proteſtantismus, das man den verſammelten Gefangenen aufbürdete, wurde in dem Falle von Claude und mir noch dadurch erſchwert, daß wir unſere Trauung in der reformirten Kirche gefeiert hatten, ein Vergehen, für das mein Vater, als einwilligende Partei, die Strafe zu theilen hatte, während das Faktum, daß Herr Rogeère gläubig und thätig das Kirchenamt in dieſer Gemeinde verwaltet hatte, als hinreichender Grund zu ſeiner ſchleunigen Verurtheilung angeſehen wurde. Dieſes unſelige ÜUr⸗ theil war nicht ſo bald ausgeſprochen, als ein Schrei gemiſchter Entrüſtung und Verzweiflung ſich von allen Seiten hörbar machte; das Opfer allein blieb ruhig und ſtill, ging auf die von Schrecken niedergebeugte Menge zu, brachte ſie in Tönen edeln Uebergewichts zum Schweigen und ermahnte die Anweſenden, feſt in ihrem Glauben zu halten und nicht zu wanken. „Sorget nicht um den,“ ſprach der betagte Chriſt, liebevoll um ſich herſchauend,„ſorget nicht um den, der bald die Krone des Märtyrthums empfangen wird. Warum klagen, daß die Schwäche des achtzig⸗ jährigen Greiſes in unſterbliche Heiterkeit und ewige Jugend verwandelt werden ſoll. Zum Abſchied gebe ich Euch meinen Segen in den Worten des Apoſtels: „daß Ihr möget ohne Tadel und ohne Harm ſein, als die Söhne Gottes, ohne Abweichen mitten unter einem böſen und verkehrten Volke, unter welchem Ihr ſcheinet als die Lichter in der Welt und haltet an dem Wort des Lehens, daß ich mich freuen möge an 167 dem Tage des Herrn, daß ich nicht vergebens geeifert habe und nicht gearbeitet umſonſt.“⸗ Dieſe rührende Scene ergriff ſelbſt die harther⸗ zigen Richter, und die heilige Ruhe, welche des guten Mannes letzte Augenblicke bezeichnete, zwang ſogar ſeine jeſuitiſchen Feinde zu Bewunderung und Mitleid. Die Nacht vor der Hinrichtung brachten der Graf de Lisle, Claude und ich in der Zelle des Herrn Ro⸗ Pre zu, von deſſen Lippen Worte voll himmliſchen roſtes ſielen, während ſein Antlitz weniger die Re⸗ ſignation eines Märtyrers, als die vollendete Selig⸗ keit eines der ewigen Herrlichkeit theilhaftigen Heili⸗ gen offenbarte; es war meine Aufgabe, neben ihm auf dem Schaffot zu ſtehen; der Muth, den er mir eingeflößt hatte, damit ich den heftigen Seelenſchmerz dieſer Stunde zu ertragen vermöchte, verließ mich auch nicht, bis Alles vorüber und ſeine lebloſe Hülle, der ein chriſtliches Begräbniß verſagt wurde, der Iſere übergeben war. Neue Schreckensſcenen folgten bald auf dieſes Ereigniß. Perſonen von allen Ständen wurden ein⸗ gekerkert; einige ſpannte man auf die Folter, andere brannte man mit glühenden Eiſenz; überall, wohin ſie kamen, die Greuel der Verwüſtung verbreitend, zogen Truppen in allen Theilen der Provinz umher, um Opfer zu ſuchen; Kinder, die man von der Seite ihrer Eltern riß, Weiber, die man in die Klöſter ſperrte, geplünderte oder niedergebrannte Häuſer, konfiscirte Güter, bilden nur Wiederholungen der Unthaten, welche bei der Verfolgung im Jahre 17— verübt worden find.. Unter anderen Beſchwerden wurden Abtheilungen von Dragonern Wochen lang in Privathäuſer ein⸗ quartirt, wo ſie die Bewohner mißhandelten und ihre Habe raubten. Dieſem Uebelſtande ward auch das Schloß de Lisle ſogleich nach unſerer gezwungenen Abreiſe preisgegeben, bis in einer unſeligen Nacht, 168 wo die geſetzloſen Eindringlinge, durch Trunkenheit noch frecher und wilder gemacht, einen verzweifelten Angriff auf den wehrloſen Haushalt unternahmen, mein muthiger junger Bruder, an der Spitze des kleinen Ueberreſtes ſeiner einſt zahlreichen Dienerſchaft vergebens die Wüthenden zu vertreiben ſuchte; aber ach! von der Ueberzahl beſiegt, ſiel der Unglückliche von Säbelwunden bedeckt. So ſtarb der letzte Erbe eines alten und ehrenwerthen Geſchlechtes, das fortan nie mehr durch edle und muthige Thaten die Jahr⸗ bücher ſeines Vaterlandes ſchmücken ſollte. Thereſe, ein Diener und mein kleiner Sohn ent⸗ kamen noch dem Gefängniß; ſie war die Ueberbringerin dieſer traurigen Kunde und theilte mit mir den Kum⸗ mer unſeres Vaters, dem das Herz brach. 1 In dieſer jammervollen Periode hatten Thränen, welche über einem einzelnen Unglücke vergoſſen wur⸗ den, nie Zeit zu trocknen, bis ſie ein neuer Gram abermals fließen machte. Die nächſte Nachricht, welche wir erhielten, mel⸗ deie uns, daß unſer Wohngebäude mit der ganzen Einrichtung und anderen werthvollen Dingen in Aſche verwandelt war. Um dieſelbe Zeit fing mein Kind ;z wir beſtachen einen Soldaten, der iger abgehärtet war, als die andern, und von ihm in unſerem Plane begünſtigt, ſtahl ich mich mit Claude um Mitternacht hinaus, damit er kraft ſeines prieſterlichen Amtes ein kurzes Gebet über un⸗ ſeren nun bewußtloſen Liebling ſprechen möge. „Waͤhrend wir hiemit beſchäftigt und ganz in die Erfüllung der traurigen Pflicht vertieft waren, wur⸗ den wir plötzlich überraſcht, in das Gefängniß zurück⸗ nung blick⸗ die lichen Wor — Qnᷓ̃—— 169 geführt, und ehe die Finſterniß abermals ihren Mantel über uns ausbreitete, unterlag mein Gatte dem Ur⸗ theilsſpruche ſchleuniger Hinrichtung; die Richter er⸗ griffen gierig den Vorwand, um das Loos über ihn zu verhängen, das ihm bereits von ihnen zuerkannt war, und was die Grauſamkeit zu erſinnen vermochte, wurde erſonnen, um den bitteren Kelch des Leidens bis an den Rand zu füllen. Obgleich mitten im Winter, zwang man ihn, barfuß nach dem Richtplatze zu wandern, ſeine Pa⸗ piere und Bücher wurden verbrannt und die unmenſch⸗ lichen Papiſten feuerten auf die treu ergebene Heerde, welche ihren jungen Hirten nach der Stätte ſeiner Leiden begleitete. Vergebens ſtrebten ſchurkiſche Hände mich wegzu⸗ reißen, als ich in Tönen wahnfinnigen Jammers flehte, mich das Schickſal des treu Geliebten theilen zu laſſen; durch ein vorübergehendes Mitleid gerührt, näherte ſich uns ein Prieſter und ſagte, wenn Claude unſere Heirat ableugnen und das Cruzifix küßen würde, ſo könnte er gerettet werden. Aber der Muth des Märtyrers war nicht ſo niedergebeugt; er warf einen Blick tiefer Zärtlichkeit auf mich, deutete nach dem Himmel, dem er zueilte und rief:„Dort wer⸗ den wir auf ewig vereinigt ſein. Gräme Dich nicht, daß irdiſche Bande gelöst werden, betrachte ſie viel⸗ mehr als einen vergänglichen Vorgeſchmack bleibender Genüße. Jenes hölzerne Cruzifix kann nie ein Ge⸗ genſtand meiner Anbetung ſein, doch preiſe ich das ſichtbare Kreuz, als das Sinnbild des chriſtlichen Glaubens, das Unterpfand unſerer glänzendſten Hoff⸗ nungen, und heiße das raſche Herannahen des Augen⸗ blicks willkommen, wo Bilder und Schatten gegen die ſegensvolle unſägliche Wirklichkeit eines unſterb⸗ lichen Zuſtandes ausgetauſcht werden. Das unſelige Signal folgte unmittelbar auf dieſe Worte. Ich wußte jetzt, daß mein Elend den höch⸗ 170 ſten Grad erreicht hatte und verſank zum Glück in einen Zuſtand geiſtigen Irrſinns, der mir auf Monate das Bewußtſein aller äußeren Umſtände raubte. Als endlich meine Sinne hinreichend wieder hergeſtellt waren, daß ich den Grafen und Thereſe zu erkennen vermochte, ſah ich, daß wir uns nicht mehr im Ge⸗ fängniß befanden, ſondern in einer Hütte einige Mei⸗ len von Grenoble wohnten. Es war dieß durch die Vermittlung von Francoi's St. Pierre bewerkſtelligt worden, der ſich ſcheinbar, um die Ausrottung des Proteſtantismus zu unterdrücken, in der That aber, um ſeinen hugenottiſchen Verwandten zu Hülfe zu kommen, das Commando über ein Detachement erbe⸗ ten hatte. Die barbariſche Strenge, deren Zeuge er täglich ſein mußte, brachte nebſt dem mächtigen Einfluſſe einer nie wankenden Anhänglichkeit eine Veränderung in den Gefühlen unſeres Vetters hervor, der nun wirk⸗ lich ein Mitglied der reformirten Kirche war, das offene Geſtändniß, ſeine Bekehrung würde die härteſte Strafe für ihn nach ſich gezogen haben, und auf ſei⸗ nem Anſehen beruhe unſere ganze Hoffnung, aus einem Lande zu entkommen, wo uns von allen Sei⸗ ten Untergang und Zerſtörung bedrohte. So gleichgültig ich auch gegen meine eigene Sicher⸗ heit war, ſo trieb mich doch die Erhaltung meines Vaters und meiner Schweſter zur Thätigkeit an, wäh⸗ rend die abnehmende Geſundheit des erſteren alle Aufmerkſamkeit erforderte, welche pflichtgetreue Liebe zu gewähren vermochte. Da die Verfolgung noch mit unermüdeter Heftigkeit raste, ſo lag offenbar nur in der Flucht das einzige Rettungsmittel; aber das Schick⸗ ſal von Hunderten, welche das Königreich zu verlaſ⸗ ſen verſucht hatten, wieder gefangen, in Kerker ge⸗ ſchleppt und hingerichtet worden waren, ſchreckte uns zurück, ein ſo gefährliches Unternehmen zu wagen, ohne zuvor die Erlaubniß von der Krone erhalten zu 171 haben. Franeois unternahm es, uns dieſe zu verſchaf⸗ fen, und Ludwig konnte die Bitte eines St. Pierre nur bewilligen, ſo mißfällig auch der Gegenſtand der⸗ ſelben war. Ich werde es nicht verſuchen, die Empfindungen zu ſchildern, mit denen wir unſerer Provinz, dem Schauplatze früherer Freuden Lebewohl ſagten, welche leider durch die Erinnerung an die Leiden der jüng⸗ ſten Zeit verwiſcht wurden; ich will auch nicht bei den Mühſeligkeiten und Gefahren verweilen, die ſich un⸗ ſerem Fortſchreiten in den Weg ſtellten. Alle Schwierigkeiten und Hinderniſſe waren end⸗ lich überwunden und wir erreichten den Hafen, von wo unſere Abfahrt nach Rotterdam ſtattfinden ſollte. Unter großen Mühſeligkeiten gelang es Francois, die Beobachtung zu vereiteln, und ſtatt nach Paris zurück⸗ zukehren, wie man dieß geglaubt hatte, folgte er uns freiwillig in die Verbannung— ein Umſtand, der die Möglichkeit ausſchloß, lang in Holland zu bleiben, wo ihn die Rache ſeines Fürſten und ſeiner Familie un⸗ vermeidlich verfolgt haben würde. Thereſe war die Braut ihres treu ergebenen, aufopfernden Geliebten geworden, der um ihretwillen auf ſo Vieles verzich⸗ tete, und unſere kleine Partie benützte in Begleitung eines weiblichen Dienſtboten und eines jungen Bur⸗ ſchen die Gelegenheit eines nach Südafrika ſegelnden holländiſchen Handelsſchiffes; wir landeten an der fernen Küſte als heimathloſe Flüchtlinge, mit geringer weltlicher Habe, die Ueberreſte eines edeln Geſchlechts, das Jahrhunderte hindurch ehrenvoll im Lande ſeiner Väter gewohnt hatte. Während der vorhergehenden Verfolgungen hat⸗ ten verſchiedene Hugenotten ein Aſyl auf dem Cap der guten Hoffnung geſucht, wo ſie den Weinbau mit Erfolg betrieben und endlich die Niederlaſſung von Franchehoek begründeten. Dahin begaben wir uns insgeſammt; wir widmeten uns demſelben Geſchäfte 172 und waren bemüht, uns in Demuth den unerforſch⸗ lichen Rathſchlüſſen einer Weisheit zu fügen, gegen die unſere aufrühreriſche Herzen, während wir ihre Unfehlbarkeit zugeſtehen, zu murren nur zu ſehr ge⸗ neigt ſind. Mit den benachbarten Familien(einer untern und nur theilweiſe gebildten Klaſſe von Menſchen) wurde ein beſtändiger Austauſch von Freundſchaftsdienſten und wohlwollenden Gefühlen unterhalten, und ſo ver⸗ lief Jahr auf Jahr, ohne daß irgend ein Begegniß den Gang unſeres Daſeins unterbrach. Für mich war das Leben, was die Vergnügun⸗ gen betrifft, die es bietet, und nicht in Beziehung auf ſeine Pflichten, längſt ein leerer Raum geweſen, aber man hatte mich frühe die Wichtigkeit der Zeit ſchätzen gelehrt und ich brachte die meinige nicht in ſorgloſer Unthätigkeit und nutzloſem Grame hin; Stu⸗ dien und der religiöſe Unterricht einiger, Pfleglinge (worunter Thereſens eigenes Kind, ein Knabe), füll⸗ ten meine Mußeſtunden aus. Zuweilen trafen Briefe aus Europa bei uns ein; die an Francois enthielten bittere Vorwürfe, vermiſcht mit ſtrengem Selbſttadel von Seiten ſeiner Mutter und des Chevalier St. Pierre, daß ſie ihm erlaubt hätten, mit ſeinen ‚ketzeriſchen Verwandten“ in Verbindung zu treten oder ihnen Beiſtand zu leiſten; unter dieſen Umſtänden laſſen ſich ſolche harte Aus⸗ drücke wohl entſchuldigen, und der Sohn, der durch ſein heimliches Entfliehen Anlaß dazu gegeben hatte, fühlte, wenn er auch klagte, daß er nicht zu verdam⸗ men berechtigt war. Das unerwarteter Weiſe ſo ſehr verlängerte ſterb⸗ liche Daſein unſeres verehrten Vaters eilte plötzlich ſeinem Ende zu, und der letzte Graf de Lisle ſtarb als ein Verbannter in einer fremden Colonie. Ein Blick auf ſein beſcheidenes Grab reicht hin, um die Unhaltbarkeit der Gaben des Glückes darzuthun. 173 In der Periode, von der ich ſchreibe, gab es wenige Gelegenheiten für öffentliche Erziehung; es fiel daher Herrn St. Pierre hauptſächlich die Aufgabe zu, ſeinen Sohn zu unterrichten, der mit dem acht⸗ zehnten Jahre zu weiterer Ausbildung den holländi⸗ ſchen Geiſtlichen in Capſtadt übergeben wurdez welche Fortſchritte er auch in der klaſſiſchen Literatur und in andern Wiſſenſchaſten gemacht haben mag, ſo iſt doch gewiß, daß er die anziehendſten Lektionen von den glänzenden Augen Meta's, der hübſchen Tochter ſeines dehrars erhielt, mit der er zwei Jahre ſpäter getraut wurde.- Dieſes Ereigniß beſchleunigte unſere Entfernun von Franſchehoek, ein Plan, den Thereſe und ich läng im Auge hatten und mit großem Eifer verfolgten, da uns nicht entgangen war, daß ſeit einiger Zeit eine gewiſſe Schwermuth über dem Antlitze von St. Pierre lagerte und wir die Hoffnung hegten, eine Verände⸗ rung der Scene dürfte ſeinen Frohſinn wieder herſtel⸗ len, der offenbar durch ſchmerzliche Rückblicke zerſtört worden war. Auf den Rath von Meta's Oheim wurde ein kleines Gut im Innern, ungefähr ſechs Stunden von ſeinem eigenen ausgedehnten Beſitzthum angekauft. Dieſem neuen Aufenthaltsorte gab ich den Namen la Refugee, und ich fand inmitten der natürlichen aber wechſelreichen Reize ſeiner friedlichen Einſamkeit, den Ruheſitz, nach dem ich ſo lange geſeufzt hatte. Für Jemand, der ſelbſt oft bewundernd die reiche Landſchaft betrachtet und buntſcheckige Blumen auf dem fruchtbaren Boden gepflückt hat, bedarf es keiner Schil⸗ derung der örtlichen Schönheiten unſerer einſamen Wohnſtätte, die ich um ſo mehr mit Liebe umfaßte, als es die Geburtsſtätte meiner ſüßen Blanche iſt, die ich als eine Gabe des Himmels bewillkommte, abſicht⸗ lich von ihm geſandt, um die ſchmerzliche Leere mei⸗ nes vielgeprüften Herzens auszufüllen. Ein ſchwaches, 174 zerbrechliches Kind, wurde ſie frühe meine ausſchließ⸗ liche Sorge, und während ſie bald bei der Werth⸗ ſchätzung aller Andern in einem Bruder und einer blühenden jüngeren Schweſter Nebenbuhler hatte, ver⸗ mochte ihr Nichts in der Liebe und treuen Aufmerk⸗ ſamkeit Eintrag zu thun, womit ich mein treffliches Adoptivkind Jahre lang umgab. Der erſte Kummer, der unſern Haushalt in la Refuge traf, war das Ableben ſeines Herrn, deſſen geiſtige Niedergebeugtheit, obgleich einigermaßen er⸗ leichtert, nie ganz aufhörte, und häufige beklagende Anſpielungen auf Frankreich bewieſen, wie unverwelk⸗ lich durch alle Wechſelfälle die Erinnerung an ſein Vaterland feſtgeſtellt war. Meine Schweſter überlebte nicht lange den ergebenen Geliebten ihrer Kinderjahre, den treuen Gefährten ihrer reiferen Jahre, und ich blieb allein zurück, um den letzten Ring der Kette zu baceinen, die mich mit der Vergangenheit verbunden atte. . Ich habe nur noch wenig beizufügen: um dieſe Zeit beſtand meine Lieblingsbeſchäftigung in der Er⸗ ziehung von Blanche. Sie haben ſie kennen gelernt, Sie vermögen die ſeltenen Eigenſchaften ihres Geiſtes zu würdigen und können ſich denken, wie erfreulich die Aufgabe war, ſeine ſtufenweiſe Ausdehnung zu überwachen. Louis und Pauline hatten ebenfalls Theil an meiner Sorge, aber nicht in gleichem Grade, da ſie ihre flüchtigen Naturen weniger empfänglich für den Unterricht machen. . Die Zeit zog ruhig hin, denn die geſchäftigen Machinationen und das leere Geräuſche der Welt drangen nie zu dieſer vereinzelten Wohnſtätte, wohin Sie eine liebe Fremde, wie ein Gaſt aus einer ent⸗ fernten, obwohl unvergeſſenen Sphäre geführt wurden. Kurz war die Zeit unſeres Zuſammenſeins, mächtig aber waren die dadurch erneuerten Sympathien; die Lebenskraft muß aufhören, die menſchliche Hülle zu —:4— ———O—:—O—:Bꝛůñ-˖n— lließ⸗ erth⸗ einer ver⸗ nerk⸗ iches in la heſſen a er⸗ gende welk⸗ ſein lebte ahre, bich te zu nden dieſe Er⸗ ernt, eiſtes ulich zu falls ade, glich igen Welt ohin ent⸗ den. htig die zu —— ———O—:—O—:Bꝛůñ-˖n— 173 beſeelen, ehe das Gemüth ſeine Empfänglichkeit für äußere Umſtände verliert. Lange ſchlummernde Erinnerungen, die bald mit derjenigen, welche dieſe Zeile ſchreibt, im Grabe ruhen werden, wurden wieder erweckt, während ſie dieſe unſtudirten Einzelnheiten zu Papier brachte; möchte ſich der Zweck ihrer Aufzeichnung verwirklichen. In ihrem Genuſſe ſuche ich meinen einzigen Lohn und ich verkenne jede Furcht vor einer fehlgeſchlagenen Hoff⸗ nung, überzeugt, daß das Auge der Freundſchaft nicht zu kritiſch abwägen wird die beſcheidene Arbeit einer betagten Einſiedlerin. „² Monate ſind vergangen, ſeit vorſtehende Erzählung vollendet wurde, und eine unwiderſtehliche Ahnung deutet mir an, daß dieſer ſterbliche Beſtand raſch ſeiner Auflöſung zuſchreitet; noch einmal will ich an irdiſche Angelegenheiten denken, und dann Ab⸗ ſchied nehmen von allen Sorgen dieſer Welt. Mein letzter Gedanke gehört Paulinen; für ſie bitte ich um Erfüllung Ihres Verſprechens. Kommen Sie wieder nach La Refuge, ſo weinen Sie nicht, daß ſte, auf deren Stirne die Furchen der Zeit ſich längſt zu⸗ ſammengezogen hatten, im Staube ſchlummert, ver⸗ gießen Sie nicht zu viele Thränen, wenn Sie den Namen von Blanche auf einem benachbarten Grabe leſen; freuen Sie ſich vielmehr, daß ihre reine Seele ſo frühe mit der Schaar glücklicher Geiſter in den ätheriſchen Regionen vereinigt worden iſt, wo die Zeit in einem beſtändigen Strome endloſer Glückſeligkeit hinfließt. Es waren nicht viele Wochen abgelaufen, nach⸗ dem ich das Packet von Madame Arnaud erhalten hatte, als ich abermals den Aufenthaltsort meiner verbannten Freunde betrat; die düſtere Stille, welche hier herrſchte, beſtätigte die Ahnungen meines Herzens, 176 und Paulinens nachdenkliches Geſicht zeigte mir, wie innig ſie ihre ehrwürdige Muhme und ihre edle Schweſter betrauerte. Sie ruhen neben einander in einem nahen Thälchen, das ſie zu Lebzeiten oft durch⸗ wandert hatten; denn in Süd⸗Afrika, ferne von ge⸗ weihten Grabſtätten bietet die Nachbarſchaft hingeſchie⸗ dener Freunde für die Ueberlebenden ein friſches An⸗ denken an den Verluſt, den ſie erlitten haben. Die veränderten Blicke und das niedergeſchlagene Weſen ſeiner jetzt einzigen Tochter bewogen Herrn St. Pierre ihre ſchleunige Abreiſe nach England raſch u betreiben; hier wohnte, wie er mir mittheilte, eine erwandtin der de Lisle, er ſchrieb einen Einführungs⸗ brief an dieſe Dame(mit der man von Zeit zu Zeit correſpondirt hatte) und bat ſie Pauline unter ihre bhut zu nehmen. Es läßt ſich leicht begreifen, welcher Kummer das Herz des für den Augenblick mir anvertrauten Mäd⸗ chens erfüllte, als ſie die Heimath ihrer Kindheit ver⸗ ließ, aber die neuen Scenen von denen ſie bald um⸗ geben war, nebſt der angeborenen Heiterkeit ihres ganzen Weſens beſiegte den Trennungsſchmerz, und als unſer Schiff vor St. Helena ankerte, waren nur noch wenige Spuren davon übrig. Wir landeten an dem Felsgeſtade dieſes einſamen Ortes: wie tiefe Betrachtungen kann der Moraliſt hier über die wogende Natur zeitlicher Dinge anſtellen, wofür ſich vielleicht kein ſtärkeres Beiſpiel finden läßt, als in der Laufbahn Napoleons, dieſes kühnen Ringers nach unumſchränkter Herrſchaft, der von der Zinne menſchlicher Größe herabſtürzen mußte, um ſeinen letz⸗ ten Seufzer in der Gefangenſchaft auf einer fernen, ungaſtlichen Inſel auszuhauchen. Ein einfaches Grab ohne Inſchrift, deutet nicht entfernt den unerſättlichen Ebrgeiz, und die ſtürmiſchen Leidenſchaften an, die den Buſen des neuen Alexanders bewegten— verewigt nicht einen von den hohen Titeln, die ſich auf dem 4 wie edle r in erch⸗ ge⸗ chie⸗ An⸗ gene errn aſch eine ngs⸗ Zeit ihre das Näd⸗ ver⸗ um⸗ hres und nur mmen hier llen, läßt, gers sinne letz⸗ enen, Grab ichen eden wigt dem 177 beinahe vergötterten Helden einer enthuſiaſtiſchen Na⸗ tion zuſammenhäuften.*) Es war an einem der ergötzlichen Abende, welche ſo häufig die Abnahme des Herbſtes vergolden, als zwei Damen im Geſellſchaftszimmer eines alterthüm⸗ lichen engliſchen Herrenhauſes ſaßen, offenbar in Er⸗ wartung irgend eines anziehenden Ereigniſſes. Das Geräuſche von Wagenrädern verkündigte die erſehnte Ankunft; ein eleganter Mann trat ein, umarmte die ältere Dame nahm ſodann die ihm angebotene Hand ihrer Gefährtin und drückte ſie ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen. Es erfolgte eine Reihe von Fragen und Ant⸗ worten, wie ſie gewöhnlich bei dem erſten Zuſammen⸗ treffen von Freunden nach langer Abweſenheit ausge⸗ tauſcht werden. Wir wollen ſie bei dieſen Ergießungen laſſen und die Gruppe einführen. Als die revolutionären Grundſätze zuerſt in Frank⸗ reich zum Ausbruche kamen, entfloh der alte Marquis von C-— ein treuer Anhänger an die Dynaſtie der Bourbonen, mit ſeiner Tochter nach England, und wohnte hier bis zu ſeinem Todez ſie hatte vor ſeinem Hinſcheiden einen Baronet aus dieſem Lande geheiratet, der ihr ein beträchtliches Vermögen und die Sorge für die Erziehung ihres einzigen Sohnes hinterließ. Dem Schutze von Lady Woodville hatte man Pauline anvertraut, aber was ſie Andern zu Liebe zur Pflege übernommen hatte, betraf bald in hohem Maaße ihr eigenes Intereſſe. Sir Geoffroy Woodville hatte das Colleg vor einem Jahre verlaſſen, und war eben im Begriffe die Tour auf dem Continente zu machen, welche im All⸗ gemeinen jungen Männern von Vermögen vorgeſchrie⸗ *) Napoleons Aſche ruht nicht mehr in dem Lande ſeiner Ver⸗ bannung, aber die Erinnerung umſchwebt immer noch dieſe Seene, und Reiſende, welche den ſud⸗atlantiſchen Ocean durchſchiffen, verſaumen es nicht in St. Heleng ſtille zu halten. Die Verfaſſer. Tutti Frutti. I. 12 178 ben iſt, als er zum erſten Male ſeiner Mutter Schütz⸗ ling ſah. Die Naivetät, die Lebhaftigkeit, die unſtu⸗ dirte Anmuth, dieſer liebenswürdigen Fremden, erfüllte ein Herz mit Bewunderung, das bis jetzt für alle Lockun⸗ gen faſhionabler Schönen unzugänglich geweſen war, und der berühmte Stoiker trat ſeine Reiſen an, ohne ferner den Glauben an die Möglichkeit des Einfluſſes der Liebe auf wenig empfängliche Naturen zu verwerfen. Nach Ablauf von drei Jahren kehrte der Eigen⸗ thümer von Woodville zurück— wir haben ſeine An⸗ kunft bereits gemeldet: dieſer Zeitraum hatte ſowohl die körperlichen als die geiſtigen Reize von Pauline erhöht, deren Manieren und Unterhaltung der Unter⸗ richt, den man ihr ertheilte, Würbde beifügte, ohne die Einfachheit und Originalität ihres Weſens zu ſchwächen. Hatte Sir Geoffroy zuvor bewundert, ſo war er jetzt mehr als je verliebt und er bot der Beſitzerin ſeiner zärtlichen Neigung Vermögen und Titel ſobald er die Einwilligung von Lady Woodville erlangt hatte. Pauline konnte nicht wohl unempfindlich für dieſe Liebe ſein, ſie geſtand auch mit ihrer natürlichen Of⸗ fenherzigkeit eine Erwiederung der Gefühle und erklärte zu gleicher Zeit, daß ſchon der Wunſch, Anſpruch auf eine nähere Verbindung mit ihrer theuren Beſchützerin zu bekommen, ſie bewogen haben würde ſeine Hand anzunehmen. Es wurden Anordnungen zu einem glänzenden Hochzeitfeſte des wohlhabenden jungen Baronets ge⸗ troffen; ſeine Geburt und ſeine Volljährigkeit waren mit gehörigem Gepränge gefeiert worden; aber ſeine älteſten Pächter verſicherten, daß keines von dieſen Feſten dem gegenwärtigen gleichkomme, und allgemein nannte man die Braut die wahre Vollendung weibli⸗ cher Tugend und Schönheit, obgleich einige in ihren Hoffnungen getäuſchte Fräuleins kaum den Neid ver⸗ bergen konnten, den Paulinens glückliches Schickſal in ihnen erregte. ütz⸗ ſtu⸗ illte kun⸗ und ner der fen. gen⸗ An⸗ vohl line tter⸗ die hen. r er erin Hald atte. dieſe Of⸗ ärte auf erin and den ge⸗ aren eine eſen nein lbli⸗ pren ver⸗ l in 179 Einige Monate nach der Trauung, als der Som⸗ mer weit vorgerückt war, unternahmen die ſeligen Be⸗ wohner von Woodville Hall einen Ausflug in das ſüdliche Frankreich, wozu man längſt den Plan ent⸗ worfen hatte. Seit Jahren war es der vorherrſchende Wunſch der Lady Woodville geweſen, das Land wieder zu beſuchen, das ſie in früheſter Jugend verlaſſen hatte, und dieſer Wunſch fand ein Echo in den Herzen von Paulinen, welche ſich innigſt darnach ſehnte, den Ort der Größe, und der Leiden ihrer Familie zu ſehen. Mit welch tiefer Bewegung betrachtete ſie endlich das Erbe ihrer Ahnen, das nun in die Hände von Fremden übergegangen war! mit welcher Bewunde⸗ rung umfaßte e die reichen Gegenden, und die lebens⸗ frohen Landleute von Dauphinsé, als dieſe die purpurne Traube heimführend und Nationallieder zum Preiſe der geſegneten Weinleſe anſtimmend in luſtigen Grup⸗ pen vorüberzogen! Warum floßen inmitten ſolcher Scenen unſchuldiger Heiterkeit, zu denen ſie ihre Gefühle immer hingezogen hatten, ungebeten Thränen aus den ſonſt funkelnden Augen der Neuvermählten? Warum ſtahl ſie ſich weg, um bei den Trümmern jenes alten Schloſſes in Gedanken zu verſinken? Hier war Paulinens Lieb⸗ lingsaufenthalt, und die glänzende Gegenwart ſchien vernichtet, während ihre Gedanken Gemeinſchaft hiel⸗ ten mit Entfernten und mit Todten. Dieſes ernſte Sinnen war Sir Geoffroy nicht ent⸗ gangen; er errieth den Grund ihres Kummers und beſchloß das längſt veräußerte Beſitzthum der de Lisle wieder anzukaufen, und durch theilweiſe Wiederher⸗ ſtellung ſeiner ehemaligen Größe, den Gram in die erquicklichſten Gefühle zu verwandeln, welche dann dem Buſen ſeiner ſchönen Lebensgefährtin entſtrömen mußten. Sein Plan wurde nicht ohne Schwierigkeit in das Werk geſetzt, aber ſelten geſchieht 697das ein goldener 180 Schlüſſel nicht in das künſtlichſte Schloß eindringt, und als alle förmliche Geſetzlichkeiten abgemacht waren, blieb nur noch der angenehmere Theil des Planes auszuführen. Sir Geoffroy trat eines Morgens in das kleine Leſezimmer ein, in welchem ſich Lady Woodville und ihre Schwiegertochter gewöhnlich um dieſe Zeit auf⸗ hielten, lächelte beiden zärtlich zu und ſprach:„darf ich Sie wohl bitten, meine liebe Damen, diefen Abend mich bei jenem in Trümmern liegenden Thurme auf⸗ zuſuchen? Ich habe Ihnen Dinge von großer Wich⸗ tigkeit mitzutheilen.“ Seine Bitte wurde natürlich gewährt. Die beſtimmte Stunde erſchien und auf derſelben Stelle, wo ſie ſo oft geweint hatte, wurde Pauline von ihrem edelmüthigen Gatten als die Ei⸗ genthümerin der umliegenden Domäne begrüßt. Ueber⸗ wältigt von Staunen und Entzücken, vermochte ſie ihren Dank nur zu ſtammeln. Aber die wenigen Worte, die ſie ſprach, enthielten mehr, als ganze Bände und der Geber fühlte, daß ſich ſeine Hoffnungen in hohem Maße durch das Glück verwirklicht hatten, das er der Geliebten bereitete. Der Wiederaufbau des Schloſſes in ſeiner urſprüng⸗ lichen Form wurde ſogleich begonnen, und der Architekt entwickelte dabei eine ſo mächtige Nachahmungsgabe, daß das alte Bauwerk aus der Aſche eines halben Jahrhunderts wieder zu erſtehen ſchien. Pauline ſtand, ſeitdem ſie Süd⸗Afrika verlaſſen hatte, in beſtändigem Briefwechſel mit ihren Eltern, und die Mittheilung, welche dieſe von dem neuerwor⸗ benen Eigenthum unterrichtete, war von einer Bitte begleitet, deren Beantwortung am Beſten in Herrn St. Pierre's eigenen Worten ausgedrückt iſt. „Nein, theuerſte Pauline, es kann nicht ſeyn; diejenigen welche dein Anerbieten angenommen hätten, ſind aus unſerer Mitte geſchieden, und wir, erinnere Dich wohl, ſind keine Fremde, ſondern Eingeborene I 181 dieſes Landes, wollten wir daſſelbe verlaſſen, ſo müß⸗ ten wir freiwillig tauſend intereſſante Bande trennen. Um unſere Wohnſtätte her liegen die Gräber unſerer nächſten Verwandten zerſtreut; innerhalb ihres fried⸗ lichen Kreiſes iſt jeder Segen enthalten, den unſere beſchränkten Bedürfniſſe fordern mögen; auch deine Abweſenheit, die uns unter andern Umſtänden Kummer bereiten dürfte, hört auf peinlich zu ſein, wenn wir das glückliche Loos bedenken, das den Morgen deiner Lebenstage erfreut hat. Zuweilen flüſtert uns auch die Hoffnung zu, wir werden uns wiederſehen; bis dahin lebe wohl, mein geliebtes Kind.“ Dieſelbe Hoffnung erquickte auch ſeine Tochter durch manches Jahr der Trennung, und ihr liebevoller Gatte wartete nur eine günſtige Gelegenheit ab, um ein zugleich ſo lobenswerthes und ſo natürliches Ver⸗ langen zu befriedigen; oft beſprachen ſie dieſen Ge⸗ genſtand, und es wurde endlich beſchloſſen, daß Sir Geoffroy, ſeine Gattin und ihr älteſter Knabe einmal auf ihren jährlichen Aufenthaltsort in Dauphiné Ver⸗ zicht leiſtend eine Reiſe nach dem Cap der guten Hoffnung machen ſollten.„Dann,“ rief die dreifach glückliche Pauline,„was kann ich dann noch wünſchen? Meine Eltern, meinen Bruder umarmen, jeden in die Erinnerung eingegrabenen Gegenſtand jugendlicher Anhänglichkeit wiederſehen und fühlen, daß der aus⸗ erwählte Gefährte meines Lebens an meiner Freude Theil nimmt, daß wir mit einander den geheiligten Bezirk von La Refuge betreten! Ohl der volle Strom der dankerfüllten Freude kann nur in der Anbetung der mildthätigen Quelle, der alles Gute entfließt, Worte finden. 182 Die bekehrten Singaleſen. Es gibt keinen Theil der bewohnbaren Erde, der mächtiger das Intereſſe, die Bewunderung und die Spekulation der Reiſenden erregt hat, als die ſchönen und fruchtbaren Regionen des Oſten; derjenige Theil der Hemiſphäre, wo der Menſch in dem Zuſtand ſei⸗ ner urſprünglichen Unſchuld rein und fleckenlos aus ſeines Schöpfers Hand hervorgehend zuerſt wandelte, und wo der verbotene Baum blühte,„deſſen ſterbliches Loften den Tod in die Welt brachte und alle unſere ehe. Wie ſich dieß ſeitdem verändert, das mögen die mächtigen Umwälzungen der Zeit verkünden. Seit damals find die Brunnen der großen Tiefe aufgebro⸗ chen und die Fenſter des Himmels haben ſich geoffnet; dieſe ſchuldbefleckte Erde lag begraben unter einer Fluth von Gewäſſern, bis ſie in ein neues Daſein von dem⸗ ſelben mächtigen Worte gerufen wurde, das zuerſt ihr Werde ausgeſprochen hatte. Wie oft ſtürmten im Verlaufe der Jahrhunderte Erdbeben und Orkane, dieſe gewaltigen Agenten der Zerſtörung, über den Erdball hin, und vernichteten in ihrer Wuth die herr⸗ lichſten Erzeugniſſe der Natur und die ſchönſten Denk⸗ male des menſchlichen Geiſtes! Der Garten von Eden beſteht nicht mehr in Aſien, aber die Paradies⸗Blumen blühen noch auf ſeinem begünſtigten Boden, wo das auserwählte Volk des Höchſten wohnte, und die Saat des Chriſtenthums ausgeſät wurde. Unter den Inſeln, welche einen Theil dieſer wei⸗ ten Region bilden, verdient das Taprobour oder See⸗ indib der Alten mit Recht beſondere Erwähnung; wer hat je auch nur theilweiſe die ſchöne und wechſelreiche Scenerie von Ceylon geſehen, ohne mächtige Eindrücke von der verſchwenderiſchen Entwickelung der Gaben 183 der Natur in ſich aufzunehmen? Ihre reichen Edel⸗ ſteine find ſeinem Boden entnommen worden und ſeine Waſſer haben den ſchwarzbraunen Kindern des Landes Schätze an Perlen geliefert. Die nachfolgenden Zeilen ſind jedoch nicht dazu beſtimmt, Scenen ehemaliger Größe zu ſchildern, wo es, von ſeinem eingebornen Monarchen beherrſcht, Ge⸗ ſandte vom kaiſerlichen Rom empfing, und ſeine Reich⸗ thümer nach andern Ländern ausſtrömte, und eben ſo wenig ſollen ſie mit der größten Genauigkeit die vielen Veränderungen aufzählen, welche dieſe Inſel erlitten hat. Ceylon iſt nach und nach in die Hände von drei europäiſchen Nationen übergegangen: meine Aufgabe iſt hier, mittelſt einer einfachen, anſpruchsloſen Erzäh⸗ lung die Morgendämmerung des die Finſterniß des Heidenthums durchdringenden Lichtes zu ſchildern, deſſen Verbreitung ſeine gegenwärtigen Geſetzgeber bewerk⸗ ſtelligt haben. Die Verbreitung des Chriſtenthums iſt gewiß, wenn ſie auch nur allmälig vor ſich geht, denn in der untrüglichen Sprache der Propheten ſteht geſchrieben: „Die Erde ſoll erfüllt werden aus der Kenntniß der Herrlichkeit des Herrn, wie die Gewäſſer die See bedecken.“ Eine frühe Vorliebe für ein umherſchweifendes Leben, gekräftigt durch Umſtände und Erziehung, hat meine Schritte durch manche entfernte Regionen ge⸗ führt, und in der Stille und Einſamkeit des häuslichen Lebens ſchaue ich nun mit Vergnügen auf die wechſel⸗ vollen Scenen znrück, die mich mein Geſchick durch⸗ wandern ließ. Eine reiche Landſchaft mag enthufiaſtiſche Begeiſterung hervorbringen; der Freund der Wiſſen⸗ ſchaft mag ſeine Forſchungen mit der Gier verfolgen, mit der der Geizhals Maſſen von nutzloſen Reichthü⸗ mern ſammelt, und doch lernt Keiner das tiefe, durch⸗ dringende Gefühl kennen, welches das Herz des wahren 184 Philantropen erfüllt, wenn er die Fortſchritte der Civiliſation unter ſeinen Mitmenſchen, das Auftauchen der Geiſter aus Irrthum und Aberglauben in den Glanz unſterblicher Wahrheit betrachtet. Ohne auf die erhabene Benennung Philanthrope Anſpruch machen zu wollen, kann ich doch mit den ſitt⸗ lichen und geiſtigen Fortſchritten des Menſchengeſchlechts ſympathiſtren, und folglich jeder Zeit einen beſondern Genuß aus dem Beſuche von Anſtalten ziehen, welche der Förderung dieſer Zwecke gewidmet ſind. Ungefähr ſechs Meilen von dem Capitole von Ceylon liegt das kleine Dorf Cotta, in deſſen Nähe früher eine Stadt von einiger Bedeutung, eine von den vielen Hauptſtädten ſtand, welche abwechſelnd auf dieſer Inſel blühten und in Verfall geriethen. König⸗ liche Paläſte und Buddheiſtentempel waren einſt da ſichtbar, wo man jetzt nur ein paar zerſtreute Lehm⸗ hütten erblickt; aber ſtatt dieſer heidniſchen Wohnge⸗ bäude und Freiharres*) hat das Chriſtenthum einen Altar errichtet, und die Kirche, welche ein Miſſionär in Cotta erbaute, nimmt einen der ſchönſten Punkte in der ganzen Gegend ein; eine geeignetere Stelle hätte ſich kaum auserwählen laſſen. Die Wohngebäude der Miſſionäre beherrſchen eine ſchöne Ausſicht auf den Fluß, der ſich anmuthig durch Haine von Kokos⸗, Bananen⸗ und andern tropiſchen Bäumen windet. In der Nähe dieſer Häuſer liegt die Druckerei und ein geräumiges, in zwei abgeſonderte Reihen von Zim⸗ mern abgetheiltes Gebäude iſt von den eingebornen Schülern beſetzt.. Eine in ihrer würdigen Einfachheit mit den impoſ⸗ ſanteren Gebäuden heidniſcher Arbeit kontraſtirende Kirche vervollſtändigt die Skizze dieſer Anſtalt, wo junge Leute von fingaleſiſcher und malabariſcher Ab⸗ kunft aller Vortheile religiöſer und klaſſiſcher Bildung — *) Der ſingaleſiſche Name für Tempel, . 185 unter der unmittelbaren Aufſicht mit der Miſſion in Verdindung ſtehender Geiſtlicher theilhaftig werden. Als ich einſt der Prüfung dieſer Zöglinge bei⸗ wohnte, drückte ich meine Zufriedenheit mit dem, was ich geſehen und gehört hatte, aus, und bedauerte zu⸗ gleich, daß, während der männliche Theil der einge⸗ bornen Bewohner chriſtliche Grundſätze und nützliche Kenntniſſe einſog, die weiblichen Verwandten derſel⸗ ben ohne Ausnahme einzelner Kaſten von dieſem ſchö⸗ nen Vorrechte durch Vorurtheile ausgeſchloſſen waren. „Es iſt allerdings beklagenswerth,“ erwiderte der Mann, mit dem ich ſprach, nund ich kenne nur einen Fall, wo dieſes Vorurtheil unter ganz beſondern Um⸗ ſtänden beſeitigt wurde. Die Geſchichte iſt keine ganz gewöhnliche und dürfte einem Reiſenden intereſſant erſcheinen. Ich werde Ihnen daher, wenn Sie Muße haben, die Einzelnheiten derſelben mittheilen. Auf dieſe Erzählung iſt nachfolgende kleine Skizze gegründet. Die Entthronung des letzten und tyranniſchſten der Kandyer Könige und die Unterjochung dieſer Pro⸗ vinzen unter die brittiſche Herrſchaft waren Ereigniſſe, welche die Mehrzahl des Volkes, das auf dieſe Weiſe von den ſchändlichen Züchtigungen eines rohen Deſpo⸗ tismus befreit wurde, mit Freude erfüllten, während Individuen höhern Ranges, welche durch dieſelben Mittel ihrer beinahe unbeſchränkten Macht beraubt wurden, eine Umwälzung beklagten, durch die ſie alt⸗ herkömmliche Freiheiten verloren. Aber auch unter dieſer mehrbegünſtigten Klaſſe waren viele, die unter der Ruthe des Tyrannen geſeufzt hatten und ſich ver⸗ gleichungsweiſe über ſeinen Sturz freuten. Sangha Tiſſa, in deſſen Adern das Blut früherer Monarchen floß, war ein Adikar von ungeheuerm Ver⸗ mögen. Da er ſich ferne vom Hofe hielt, ſo hatte er weniger in ſeiner eigenen Perſon, als in der eines Verwandten*) gelitten, der auf eine ſo grau⸗ *) Dieſe Art der Grauſamkeit bezieht ſich guf den erſten 186 ſame Weiſe mißhandelt worden war, daß des Adikars Haß gegen den barbariſchen Urheber ſeiner Leiden er⸗ regt und er mit dem Eindringen eines fremden Joches verſöhnt werden mußte, um ſo mehr, als die Verän⸗ derung dem Hange zu einer koſtbaren und pomphaften in einem öſtlichen Klima als unerläßlich betrachteten Lebensweiſe keinen Eintrag that. Die Wohnſtätte von Sangha war ein antites Wohngebäude, aus Stein errichtet, und merkwürdig durch die fleißig ausgeſchnitzten Pfeiler, welche rund um die Hauptzimmer ſich erheben, in denen verſchie⸗ dene ſeltſame Figuren, aus demſelben Material gear⸗ beitet, ſich dem Auge darboten. Ebenholz, mit Elfen⸗ bein eingelegt, Atlas und andere ſchöne Stoffe bilde⸗ ten die Ausſtattung und Teppiche von dem feinſten Gewebe bedeckten den Boden. In der äußern Halle waren Bogen, Pfeile und andere kriegeriſche Waffen aufgehängt, wozu noch Trophäen und des Eigenthü⸗ mers Jagdglück, wie Elephantenzähne, ſeltene Geweihe und Häute von verſchiedenen, in Ceylon einheimiſchen Thieren kamen. Das Gebäude ſtand auf einer klei⸗ nen Anhöhe; eine Kokosbaumallee bildete den Zugang zu demſelben und es war von einer niedrigen Mauer umgeben. Innerhalb des Bezirks dieſer Mauer ſpran⸗ gen anmuthige zahme Antelopen umher, unter denen ein weißes Elenthier ſpazierte, ebenſo einzig in ſeiner Schönheit als ſanft in ſeinem Weſen. Spielend hüpf⸗ Miniſter Chylapola, welcher in Ungnade gefallen war; da ſeine Hinrichtung nicht zur Sättigung der Nache des Tyran⸗ nen genügend erſchien, ſo wurde ſie mit unerbittlicher Strenge auf die Frau und die Kinder des Gefallenen aus⸗ gedehnt. Zu einem ſchmachvollen Tode verurtheilt, den ſie guch nachher erlitt, wurde die ungluückliche Mutter zuerſt genöthigt, ihre Sprößlinge ſelbſt zu enthaupten und ſodann ihre Köpfe in einem Reismörſer zu Atomen zu zerſtampfen. Eine ſolche Scene iſt zu ſchrecklich, als daß man dabei ver⸗ weilen könnte, und kein Commentar kann die Gefuhle richtig beurtheilen, welche dieſelbe einflößen muß. 187 ten von Baum zu Baum zwei Affen von nicht minder tadelloſer Beſchaffenheit. Vögel mit glänzendem Ge⸗ fieder flatterten in den Zweigen und man ſah zum häuslichen Gebrauche abgerichtete Elephanten ruhig die ihnen zugewieſene Arbeit verrichten. Die Scenerie in der Umgebung von Adikars väterlicher Reſidenz bot ein ſchönes Ganzes natürlicher Reize. Ferne am Ho⸗ rizont dehnte ſich eine Reihe in die Wolken empor⸗ ragender Berge aus, über deren ſteile Abhänge ge⸗ waltige Waſſerfälle hinabſtürzten, während an ihrer Bahn in tauſenderlei glühende Farben gekleidete Thä⸗ ler lächelten. An andern Stellen erblickte man vor⸗ trefflich angebaute Reisfelder, durchſchnitten von tiefen Gräben und Schlünden und da und dort waren ein⸗ zelne Jungles ſichtbar, Waldbäume von majeſtätiſchem Wachsthum enthaltend, um deren Stämme ſich ver⸗ ſchiedene Gattungen Schmarotzer⸗Pflanzen wanden, während einige von dieſem ſchönen und ſeltſamen Ge⸗ ſchlechte mit reichen Blüthen bedeckt, von den Zweigen herabhingen. Für die Reize dieſer Landſchaft war Sangha Tiſſa nicht ganz unempfindlich, obgleich ihn die reichen Er⸗ zeugniſſe des fruchtbaren Bodens bei Weitem mehr in Anſpruch nahmen. Vielfach waren auch die Opfer⸗ gaben, die er auf die Altäre Buddha's als Zeichen feiner Dankbarkeit für ſein ſchönes Beſitzthum nieder⸗ egte. Es war eines Morgens, ungefähr acht Jahre nach der Eroberung von Kandy, als ein fremder Europäer, von einem einzigen Bedienten gefolgt, den Balacadna⸗ Paß langſam hinabſtieg, immer wieder ſtille haltend, um die herrliche Scenerie zu bewundern, der ſein Blick in allen Richtungen begegnete, bis ihn, nachdem er das Ende des Paſſes erreicht und auf einen ſchma⸗ len Jungle⸗Pfad gelangt war, ein bequemer Ritt von drei Stunden vor das Thor von Sangha's Reſidenz brachte; er bat um Einlaß und wurde ſogleich vor ——— 4188 den Adikar geführt, der von gehorſamen Dienern um⸗ geben auf einem niedrigen Kiſſen mitten in der großen Halle ſaß und nur damit beſchäftigt ſchien, einen Hooka von ausgezeichneter Arbeit zu rauchen, der als Ge⸗ ſchenk eines indiſchen Rajah hoch in Ehren ſtand. Ein höflicher Salam begrüßte den Fremden; ſobald dieſer ein leichtes Mahl aus Reis und verſchiedenen andern Speiſen nebſt köſtlichem Obſt beſtehend, eingenommen hatte, erklärte er mit kurzen Worten in ſingaleſiſcher Sprache den Grund ſeines Beſuches, der darin beſtand, daß er Tiſſa bitten wollte, ſeinen einzigen Sohn, einen Knaben von zehn Jahren den Miſſionären zum Unter⸗ richte zu übergeben. Er ſelbſt kündigte ſich als einen Abgeſandten in der Sache der Chriſtenheit an, und trug ſein Geſuch auf eine ſo eindringliche Weiſe vor, daß der Vater am Ende, wenn auch mit Widerſtreben einwilligte, wobei ihn hauptſächlich die Politik be⸗ ſtimmte, ſich eine Regierung geneigt zu erhalten, die ihm den ungeſtörten Genuß deſſen, was er am meiſten liebte, den Genuß ſeines Vermögens und ſeiner Be⸗ quemlichkeit, ſicherte. Der junge Malakan war vollkommen zufrieden mit dieſer Anordnung. In ſeinem Alter iſt jede Verän⸗ derung angenehm, und der einzige Kummer, den er fühlte, war die Trennung von ſeiner Zwillingsſchwe⸗ ſter, welche bis jetzt die Spiele und Freuden der Kind⸗ heit mit ihm getheilt hatte. Der Miſſionär und ſein junger Pflegling waren kaum abgereist, als das bei Frauen im Oſten übliche Syſtem der Abſchließung auch bei Anoola begann, deren Bewegungen von nun an auf die durch die Gebräuche ihres Landes üblichen Gränzen beſchränkt wurden. Die Geſichtszüge der Singaleſen ſind gewöhnlich plump und entbehren der Regelmäßigkeit, wodurch ſich der Geſichtscharakter der Malabaren auszeichnet; aber obgleich dieß auf die untern Klaſſen allgemein anwend⸗ bar ſein mag, ſo zeichnen ſich doch einzelne unter den 189 höhern Kaſten durch mehr als gewöhnliche Schönheit aus. Dieß war der Fall bei der Tochter von Sangha. Nie der brennenden Hitze einer tropiſchen Sonne aus⸗ geſetzt, war ihre Geſichtsfarbe um viele Schattirungen lichter, als die geringerer Weiber des Landes, und trotz ihrer Unwiſſenheit ſchoßen geiſtige Blitze aus ihren ſchönen Augen hervor, welche für das Daſein eines Verſtandes zeugten, der nur der magiſchen Berührung des Anbaues bedurfte, um ſeine ganze Macht glänzend zu entwickeln. Aber ſie war leider von den Vorthei⸗ len ausgeſchloſſen, zu denen man ihrem Bruder freien Zugang gegönnt hatte. Es waren vier Jahre hingegangen, ſeitdem Ma⸗ kalan das väterliche Dach verlaſſen hatte, Jahre für ihn erfüllt mit mehr als flüchtigen Zeitintereſſen. Ob⸗ gleich noch von zartem Alter hatten doch ſeine Fort⸗ ſchritte in verſchiedenen Zweigen des Wiſſens die Er⸗ wartungen ſeiner Lehrer bei Weitem übertroffen. Aber es gab ein Wiſſen, in welchem er ſich ganz beſonders auszeichnete, in den Lehren des Chriſtenthums. Zu jung zur Einweihung in die Myſterien des Buddheis⸗ mus, war ſein Geiſt frei von irgend einer beſondern Richtung, als er zuerſt in die Anſtalt in Cotta ge⸗ bracht wurde, und im Beſitze eines Charakters voll Energie und Denkkraft hatte er mit Feſtigkeit die hei⸗ ligen Grundſätze erfaßt, welche hier gelehrt wurden. Dieſen Grundſätzen Beſtand zu geben, trug die Ge⸗ ſellſchaft eines europäiſchen, zu der Anſtalt gehörenden Jünglings viel bei. Der Vater von Henry Maltby, hatte ſein Leben der Bekehrung von Heiden gewidmet und der ſtrenge Dienſt verzehrte auch wirklich ſein Daſein. Man entſprach der Bitte des ſterbenden Herrn Maltby, daß ſein Sohn zu demſelben großen Werke herange⸗ bildet werden möchte, und in einem Alter von ſieben⸗ zehn Jahren wurde Henry auf ſein eigenes dringen⸗ des Geſuch als Aſſiſtent bei der Miſſionsſchule ange⸗ ſtellt. Er ſchien den ganzen enthuſiaſtiſchen Eifer ſeines 190 Vaters in ſich aufgenommen zu haben und ſehnte ſich im höchſten Maaße nach der Zeit, wo es ihm geſtattet, ſein würde, ſeinem Beruf in einer ausgedehnteren Sphäre obzuliegen. Während Henry innig für die Wohlfahrt der jüngern Bekehrten ſeiner Umgebung beſorgt war, fühlte er eine ganz beſondere Theilnahme für den jungen Makalan. In dem ganzen Weſen und hauptſächlich in der Schwermuth, welche häufig das von Natur ſo freundliche Antlitz dieſes Knaben überſchattete, lag etwas außerordentlich Anziehendes für den jungen Katecheten. Im Verlaufe der Zeit bildete ſich eine Freundſchaft zwiſchen Beiden. Die Urſache des Kum⸗ mers wurde nun erklärt und die Bekehrung von Anvola, obgleich eine ſolche Aufgabe keine Hoffnung zur Durch⸗ führung bot, war von nun an der Gegenſtand glühen⸗ den Verlangens für Beide. Je mehr das Licht mit ſeiner vollen Gewalt in den Geiſt Makalans eindrang, deſto mehr beklagte er den finſteren Zuſtand ſeiner Schweſter. Oft wenn er lang in ein tiefes Nach⸗ denken über dieſe ſeine ganze Seele in Anſpruch nehmende Sache verſunken geweſen war, rief er plötz⸗ lich aus:„Nein, nein, es darf nicht ſein! Ließe ich ſie, ohne einen Verſuch, ſie zu retten, untergehen, ſo wäre mir die Schuld zuzuſchreiben und was wäre dann das Loos der theuren Gefährtin meiner Kindheit?“ Dieſe furchtbare Frage wagte der chriſtliche Bruder nicht einmal ſich ſelbſt zu beantworten, ſondern er eilte in die Einſamkeit ſeines Zimmers und ſuchte den Führer, von dem er gelernt hatte, daß er allein ſich unter allen Umſtänden des Zweifels als wirkſam er⸗ weiſen konnte. Die Erreichung ſeines fünfzehnten Jahres erinnerte Makalan an ein Ereigniß, das über dem Haupte Anoolas ſchwebte und eine augenblick⸗ liche unmittelbare Thätigkeit von ſeiner Seite heiſchte, wenn er das empörende Schickſal, das ihrer harrte, von ihr abwenden wollte. Er beſchloß daher in Be⸗ 191 gleitung von Henry Maltby nach der Wohnung ſeines Vaters zu eilen, wo die zwei Freunde am Tage von Sangha's Abreiſe nach Dambool anlangten, deſſen Tempel bei dieſer Gelegenheit gewählt worden war, um die Opfergaben zu empfangen, welche Adikar all⸗ jährlich auf den Altar der ſingaleſiſchen Gottheit legte. In der Periode, von welcher wir ſchreiben, herrſchte der noch jetzt in einigen Theilen von Ceylon beſtehende Gebrauch, eine Tochter an alle Brüder in derſelben Familie zu verheiraten;*) und dieß ſollte das Loos von Tiſſa's Tochter ſein, welche ſeit ihrer Kindheit mit den drei Söhnen von Dapola, einem benachbarten Adikar, getraut war. Obgleich nicht er⸗ leuchtet, ſchrack doch ihr reiner Sinn vor einer ſo furchtbaren Ehe zurück; ſie warf ſich in die Arme von Makalan und flehte ihn mit aller Leidenſchaft an, ſie vor der Feier einer ſo gräßlichen Hochzeit zu bewahren. Aber dieſes Flehen war unnöthig, denn wenn ein Heide eine ſolche Zukunft mit Widerwillen betrachten konnte, was mußten die Gefühle eines Menſchen ſein, deſſen Kenntniſſe von beſſeren Dingen ihn die ſittliche Be⸗ fleckung mancher durch das Laſter und die Unwiſſenheit götzendieneriſcher Nationen eingeführter Gebräuche ver⸗ abſcheuen gelehrt hatten. Da Anoola die Pilgerfahrt nach Dambool mitmachen ſollte, ſo beſchloß ihr Bruder, ebenfalls daran Theil zu nehmen, in der Hoffnung, ſeine Schweſter zur Annahme eines heiligeren Glaubens dadurch vorzubereiten, daß er gerade in dem Bezirke des Aberglaubens deſſen hervorſpringende Sinnloſig⸗ keit ihr auseinander ſetzen würde. An dem für Sangha's Abreiſe anberaumten Mor⸗ gen verſammelte ſich eine zahlreiche Reiterſchaar mit Fahnen von verſchiedenen Farben und mit Bannern, worauf Sinnbilder aller Art angebracht waren, mit einer Bande von Muſikern vor dem Thore ſeiner *) Nach Polybius herrſchte einſt derſelbe Gebrauch in Sparta. ——— 192 Reſidenz. An der Spitze war Adikar, der in dem mit ſeidenen Kiſſen ausgepolſterten Innern eines ge⸗ räumigen, auf den Schultern von acht Trägern liegen⸗ den Palankin ſaß. Ein anderer Palankin von ge⸗ ringerem Umfange trug ſeine Tochter, gefolgt von zwei weiteren, welche ihren Bruder und den jungen Katecheten enthielten, während verſchiedene Gepäck⸗ Coolies im Hintergrunde die Mundvorräthe für die Reiſe führten. So rückte die Geſellſchaft nach der Weiſe einer Fahrt im Oſten vorwärts und machte am Nachmittag in Stalande Halt. Die Straße nach dieſem Dorfe, das einſt ein bedeutender militäriſcher Poſten geweſen war, führte durch eine ſchöne, mit Berg und Thal abwechſelnden Gegend; auf den Feldern umher ſah man die üppigſten Reisfelder, in ihrer äußern Form unſerm Weizen ähnlich, daß man glauben ſollte, man ſehe die reichen Produkte ſeines heimatlichen Bodens unter den Bäu⸗ men und Pflanzen eines tropiſchen Klima's reifen. Die Herden wilder Elephanten, welche das Land ver⸗ wüſteten, nöthigte Reiſende dieſenigen Maaßregeln zu ergreifen, von denen man glaubte, ſie würden die Thiere von jeder Annäherung abhalten; Licht und Lärmen hielt man für die zwei wirkſamſten Verthei⸗ digungsmethoden, zu denen man unabänderlich ſeine Zuflucht nahm. Das erſtere wurde, wenn die Natur das ihrige entzogen hatte, durch Fackeln hervorgebracht, welche die Dienerſchaft zu tragen hatte; den Lärmen erzeugten die unharmoniſchen Töne der fſingaleſiſchen Inſtrumente, welche die ſeltſamen, Grabgeſängen ähn⸗ lichen Lieder begleiteten, welche die Palankinträger, raſch ſich unter ihrer Laſt fortbewegend, von ſich gaben. Bei der Zurückgezogenheit, in der Anoola bis jetzt gelebt hatte, war jeder neue Gegenſtand für ſie eine Quelle mit Bewunderung vermiſchter gieriger Theilnahme, wenn von Zeit zu Zeit wieder eine reiche und wechſelvolle Landſchaft ſich vor ihrem entzückten 193 Blick darſtellte. Scenen, wo die Natur allein und ohne Nebenbuhler herrſcht, beſitzen einen Reiz, der eher gefühlt als beſchrieben werden kann; den zarteren Berührungen, welche der Nachahmungsgabe der Kunſt trotzbieten, können Pinſel und Feder nicht Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen. Der von unſerer Geſellſchaft ausgewählte Ruhe⸗ platz war eine wilde, abgeſchloſſene Stelle am Rande eines dichten Jungle; Tiſſa, der immer noch ſeinen Palan⸗ kin einnahm,(welcher zugleich als Schlafſtelle und als Transportmittel diente) fuhr fort, ſeinen Lieblings⸗ hooka zu rauchen, bis der Eintritt des Schlafs dieſem Vergnügen ein Ziel ſetzte. Nachdem ſie ihre Matten auf der nackten Erde ausgebreitet hatten, lagerten ſich ſeine zahlreichen Diener neben ihn, und bald bewies ihr ſonores Athmen, daß das Reich des Samnus be⸗ gonnen hatte. Die ganze Natur ſchien ſeiner Herr⸗ ſchaft unterthan zu ſein, als Anoola entzückt über ihre Zeitweiſe Freiheit eine von den Myriaden von glän⸗ zenden Sternen angezogen, welche wie Edelſteine an dem klaren Firmamente oben funkelte, ſich wegſtahl, um die Schönheit der Nacht zu genießen. Sie war nicht lange gewandert, da traf eine tiefe, ernſte Stimme ihr Ohr; ſie näherte ſich der Stelle, woher ſie kam und ſah Makolan und ſeinen europäiſchen Freund neben einander knieen; der Letztere ſprach ein Gebet in ſingaleſiſchen Worten. Ihre ungeſehene Zu⸗ hörerin lauſchte eine Weile, und hörte deutlich ihren eigenen Namen ausſprechen; ſie war in der That der Gegenſtand des glühenden, von heiligem Eifer und brüderlicher Liebe eingegebenen Gebetes. Es geſchah nach Sonnenuntergang am folgenden Abend, als die Geſellſchaft einen ſchmalen Jungle⸗ Pfad betrat, daß einige von den Vorderſten im Zuge, welche einen Landſtreicher⸗Elephanten*) erſpäht hatten, —* Landſirelcher⸗Elephant(ro gue elephant) wird dieſes Thier genannt, wenn es von der Verbindung mit der übrigen Heerde Tutti Frutti. II. 13 194 bas Lärmzeichen gaben. Mit charakteriſtiſcher Feigheit ließen die Träger die Pakankins im Stiche, raſch folgten ihnen die Coolier und andere, und ſelbſt Sangha entfloh, den allgemeinen Schrecken theilend, nach einem ſicheren Platze. Muthiger oder weniger ſelbſtſüchtig ſchickte ſich ſein Sohn, mit einer. Doppelflinte bewaff⸗ net zur Vertheidigung an, während Henry Malby mit der Kaltblütigkeit und Unerſchrockenheit, die den brittiſchen Muth ſtets auszeichnete, Anoola zu Hülfe eilte, das erſchrockene Mädchen in ſeine Arme nahm, und aus der Witterung des wilden Thieres trug, das jetzt von dem erſten Schuße Makalans geſtreift, noch wüthender geworden warv ſein zweiter Schuß zeigte ſich zum Glück wirkſamer, und ſtreckte dieſen Ceriathen der thieriſchen Schöpfung zu Boden, und ſein Todes⸗ röcheln ertönte lang und furchtbar durch den umlie⸗ genden Wald. Als der Feind beſeitigt war, verſam⸗ melte ſich der zerſtreute Haufen wieder, näherte ſich muthig der lebloſen Maſſe und pries mit lauter Stimme den Muth ſeines jungen Herrn; es iſt immer leichter eine gute oder edle Handlung zu loben, als ſie aus⸗ zuführen. Nunmehr der Gefahren bewußt, die ihn bedroht hatten, und verhältnißmäßig dankbar für die Befreiung von denſelben gelobte der Adikar ein weiteres Opfer für den Altar in Dambool; ſeine Tochter aber erzählte ihm, noch zitternd von der Aufregung, den Dienſt ihres muthigen Beſchützers, hakte eine goldene Spange von bedeutendem Werthe los, welche ihr zartes Hand⸗ gelenk umſchloß und bot ſie Henry zum Geſchenke an. „Ich danke Dir, Mädchen,“" antwortete er, vich habe ausgeſchloſſen iſt. Gezwungen allein umherzuwandern, wird der geüchtete Elephant ſo furchtbar wild, daß die Nähe der Gegend, in der es haußt, als ſehr gefährlich betrachtet wer⸗ den muß, und jeder Elephantenjager zielt daher auf ſeine Zerſtorung ab, obgleich eine ſolche Jagd ſtets gewagt und nicht ſelten von Ungluücksfällen begleitet iſt. gheit raſch igha nem chtig haff⸗ alby den Hülfe ahm, das noch eigte athen des⸗ nlie⸗ ſam⸗ ſich mme ichter aus⸗ droht iung Dpfer ählte dienſt ange and⸗ an. habe wird ſe der wer⸗ ſeine t und keine Freude an dieſer glänzenden Zierrath, und mir biſt Du auch keinen Dank ſchuldig. Wirf Deine Gabe in den Schatz der chriſtlichen Kirche, und ſuche den wahren Gott, unſern wirklichen, wenn auch unſichtbaren Beſchützer in der Gefahr, die uns bedräute.„„Ich glaube es,“ erwiderte ſie mit leiſer Stimme,„das Gebet der letzten Nacht wurde erhört, und die Gott⸗ heit, von der Du ſprichſt, hat Anoola bewahrt.“ Dann fügte ſie ihre Stimme erhebend bei:„Nimm die Spange, und verwende ſie, wie Du willſt, denn Sangha's Tochter möchte nicht gerne undankbar erſcheinen.“ Henry ließ die Ereigniſſe des Tages an ſeinem innern Auge vorübergehen, und betrachteie ſie mit den ſeinem Charakter natürlichen, ſanguiniſchen und hoffnungs⸗ vollen Gefühlen, was die Vorläufer der Bekehrung Anoola's, ein Gegenſtand, der ihm mehr als je am Herzen lag; denn zu den Gründen, die ihn zuerſt be⸗ ſtimmten einen Verſuch zu machen, kamen noch andere, nicht minder mächtige Motive, beruhend auf ihrem liebevollen geiſtigen Weſen und dem Widerſtreben, das ſie gegen ein Schickſal an den Tag legte, zu dem ſich viele Heiden ohne Zögern herbeigelaſſen haben würden. Auch flößte ihm der Gedanke, daß es ihm geſtattet geweſen war, ſie dem Untergang zu entreißen, das Vertrauen ein, daß er das auserwählte Werk⸗ zeug ſein dürfte, eine Jungfrau auf den rechten Weg zu führen, deren Schritte bereits unter den unbekann⸗ ten Gefahren der Unwiſſenheit und des Aberglaubens wandelten. Die Kunde von einem ſo wichtigen Ereigniſſe, wie die Ankunft von Sangha, war ihm mehre Tage vorangeeilt; ein Zug von Prieſtern, die gewöhnlichen Geſchenke von Honig, Obſt und Reis anbietend, erwar⸗ tete die Proceſſion an der Gränze des Dorfes und lühri⸗ fi unter allen Ehrfurchtsbezeugungen nach dem empel. Dieſes berühmte, der Sage nach Awweitaufend 196. Jahre alte Gebäude, iſt aus dem Felsgeſtein ausge⸗ höhlt, und enthält verſchiedene Abtheilungen, von denen die größte ſechzig Jards lang iſt; alle ſind künſtlich verziert, und enthalten an den Wänden aufgeſtellt ebenfalls aus Stein gehauen ein hundert und ſiebenzig Figuren von Buodha; welche in der Größe von einem rieſigen, zwölf Ellen langen und verhältnißmäßig brei⸗ ten Ungeheuer bis zum Maße eines kleinen Bildes abwechſeln; überdieß findet man hier Darſtellungen von Königen, Königinnen und Helden, in der Tracht der Zeiten gemalt, in denen ſie lebten. Während Ma⸗ kolan und ſein Freund ſtille ſtanden, um ein in ſeiner Ausführung ſo erſtaunliches Werk zu betrachten, das von der gezwungenen Arbeit eines dem Sklavenjoche unterworfenen Volkes herrührte, trat der Adikar Anoola führend mit ſeinem zahlreichen Gefolge in den Freiharre unter dem Getöſe der Tantamus und anderer natio⸗ nalen Inſtrumente ein. Von der Decke der größten Abtheilung hing ein gelb und rother Vorhang herab, der, als man ihn aufhob, eine liegende Figur vom Buadha in der ungeheuren bereits bezeichneten Größe enthält. Auf dem Altar und in andern Theilen des Tempels waren ſtark riechende Blumen ausgeſtreut, unter denen ſich der köſtliche Duft der Blüthe der Plueria leicht unterſcheiden ließ. Um den Altar ſtanden verſchiedene Prieſter*) in weiten, bis auf die Knöchel reichenden Gewändern, die Köpfe entblößt und glatt geſchoren: das einzige Zeichen des niedrigeren Ranges unter den verſchiedenen Orden der Prieſterſchaft iſt in der Schattirung des Kleides ſichtbar, das ſich in Form und Gewebe unabänderlich gleichbleibt. *) Dieſe Männer erhalten eine regelmäßige Bildung, dürfen nicht heiraten und werden nach Ablauf einer vorgeſchriebenen Zeit mit großem Gepränge in ihr Amt eingeſetzt. Zu der buddhiſtiſchen Religion bekennt man ſich allgemein im In⸗ nern und auch die meiſten Singaleſen auf der Küuüſte ſind Anhanger derſelben. Sie ſoll in Ceylon 206 v. Ch. einge⸗ führt worden ſein. 197 Ein ehrwürdiger Mann von gefälligem Ausſehen trat vor, um Sangha zu bewillkommen, der nachdem er eine koſtbare Opfergabe an Gold und ESdelſteinen dargeboten hatte, ſich vor dem Gegenſtande ſeiner abergläubiſchen Verehrung niederwarf. Anoola hatte ihre Gabe ebenfalls übergeben und war im Begriffe die wunderliche Darſtellung der Gottheit des Landes anzubeten, als plötzlich Makalan erſchien und ſie durch die Mengk, die ſich jetzt verſammelte in ein anderes Ge⸗ laß führte, deſſen innere Ausſchmückung der der andern Abtheilung ähnlich war, welche ſie ſo eben verlaſſen hatten, aber der Mangel an Licht, das nur von dem Glimmern weniger trüber Lampen ausging, und die in dieſem Raume herrſchende Todtenſtille enthüllten das Felsgebände in ſeinem wahren Charakter großen aber düſtern Pompes. Ein unwillkührlicher Schauder er⸗ grifff Anoola: ſie wandte ſich um und ſah Henry Maltby, der ſich ihr näherte und alſo ſprach:„Zittere nicht, Mädchen, dieſe ſinnloſen Bilder können Dich weder ver⸗ letzen noch beſchützen;“ und ein kleines Buch öffnend, das er in der Hand hatte, las er den fünfzehnten und drei folgende Verſe des hundert und fünfunddreißig⸗ ſten Pſalmen:„Solches ſind die Worte der Einge⸗ bung, wende dein Antlitz von Götzenbildern und ſuche den einzigen lebendigen Gott.“ Der Blick des Spre⸗ chers ruhte in dieſem Augenblick auf verſchiedenen großen Gefäſſen, welche wie mit Reis gefüllte Mörſer ausſahen und ſcheinbar für den Verbrauch von Buddha aufgeſtellt waren: die Aufmerkſamkeit ſeiner Zuhörerin auf die einleuchtende Thorheit einer ſolchen Vorkehrung lenkend, fragte er, ob ſie es für möglich hielte, daß von Menſchenhänden ausgehauene Steine Speiſe zu ſich nehmen könnten. Ihr Verſtand gab ihr eine ver⸗ neinende Antwort ein. Hierauf ſetzte er ihr einfach aber klar die Sünde und den Wahn der Götzendienerei auseinander. Anoola horchte um ſo bereitwilliger, als ſie unerfahren in der Sophiſterei und ſie gar nicht . 198 einmal mit der Theorie des Budhismus vertraut, ihm keine Beweiſe entgegen zu ſtellen hatte, und hier un⸗ ter dem Dache eines Tempels, in deſſen ausgehöhl⸗ ten Gemächern die Töne heidniſcher Gottesverehrung Jahrhunderte hindurch ertönten, wurde die Saat der Wahrheit in das Herz einer Jungfrau ausgeſtreut, von der man nach ihrer Stellung am wenigſten hoffen durfte, daß ſie Aufnahme bei derſelben finden würde. Die Ceremonien waren um Mitternacht been⸗ digt und von demſelben Lärmen und Gepränge, wie bei ſeinem Eintritt, begleitet, verließ der Adikar den Tempel. Man darf ſich nicht denken, die Bekehrung von Anoola ſei ſogleich bewerkſtelligt worden, obgleich der erſte Strahl der Erkenntniß hinreichend war, um einen Durſt nach mehr zu erzeugen; als ſie nach Ver⸗ lauf von zehn Tagen in die Wohnung ihrer Vor⸗ eltern zurückkehrten, hatte der Eigenthümer derſelben keine Ahnung von der Veränderung, welche dieſe kurze Periode in den Anſichten ſeiner Tochter hervorgebracht hatte. Einmal von dem göttlichen Urſprunge ihres neuen Glaubens überzeugt, ſchickte ſich die junge Be⸗ kehrte an, ihn mit unbeugſamem Muthe zu vertheidi⸗ gen. Sie beſaß einen ſo feſten, energiſchen Charak⸗ ter, daß man überzeugt ſein konnte, ſie würde wenn ſie in den Tagen barbariſcher Verfolgung gelebt hätte, wo die Verehrer des Chriſtenthums auf dem Scheiter⸗ haufen und unter den gräßlichſten Martern ſtarben, dieß eher mit dem Heldenmuthe eines Märtyrers er⸗ tragen, als ihren Glauben verläugnet haben. Der Triumph über die Gewohnheiten von Jah⸗ ren iſt indeſſen nicht das Werk eines Augenblicks, und Monate gingen vorüber, ehe Anoola befähigt war, die Ketten des Heidenthums völlig abzuſtreifen; aber die Freiheit, die glorreiche Freiheit, welche das Evan⸗ gelium bringt, erſchien zuletzt und mit ihr der Ent⸗ ſchluß, der unnatürlichen Verbindung, die ihrer harrte, ſelbſt bis zum Tode, wenn es nothwendig wäre, zu 199 widerſtreben. Ihre Feier war bereits auf eine Bitte verſchoben worden, welche Makalan vor ſeiner und ſeines Gefährten Abreiſe nach dem Mijſſionsinſtitute an ſeinen Vater gerichtet hatte. Die Zeit rückte nun ſchnell heran, wo ein zweiter Beſuch von ihnen zu erwarten war. Dieſen Ereigniſſen ſchaute unſere Hel⸗ din mit einer Miſchung von Furcht und Hoffnung entgegen. Es ſollte das Signal ſein zu der Enthül⸗ lung ihrer wahren Gefühle und vielleicht zum Wider⸗ ſtand gegen die väterliche Gewalt, zu einem Akte der Verwegenheit, von dem man in der Geſchichte der Singaleſen keinen Vorgang kannte. Die erſte Kundgebung von der Bekehrung ſeiner Tochter wurde von Tiſſa mit einer unmäßigen Ver⸗ wunderung und Wuth aufgenommen und er blieb län⸗ gere Zeit völlig unempfindlich für ihre Bitten und Beſchwörungen, ſo wie für die Beweisgründe von Makalan. Dieſe, in Verbindung mit ſeiner natür⸗ lichen Liebe zur Selbſtbefriedigung und ſeinem Haſſe gegen Alles, was dieſe zu ſtören drohte, brachten ihn endlich dahin(vorausgeſetzt, die Sache ließe ſich auf eine friedliche Weiſe mit den Söhnen von Dappoola abmachen), ſeine Einwilligung zu der Auflöſung der geſchloſſenen Heirat zu geben und Anoola zu geſtatten, öffentlich den Glauben zu bekennen, den ſie umfaßt hatte. Als man die Bräutigame überredet hatte, auf ihre Anſprüche Verzicht zu leiſten, wagte es Makalan zunächſt, den Vorſchlag zu machen, ſeine Schweſter zu weiterer Ausbildung unter die Obhut der liebens⸗ würdigen Gattin des oberſten Miſſionärs zu bringen. Auch dieſer Punkt wurde, obwohl mit größerem Wi⸗ derwillen, zugegeben und bald war Anoola, ihren Vater für die Erlaubniß ſegnend, die glückliche Be⸗ wohnerin des chriſtlichen Hauſes. Der ſeltene Fall, daß im Oſten ein weibliches Weſen von einer höhern Kaſte die Hallen und den Glauben ihrer Ahnen verläßt, machte unſer ſingaleſi⸗ 200 ſches Mädchen zu einem Gegenſtande allgemeiner Auf⸗ nat merkſamkeit, während die Menſchen, unter denen ſie beg wohnte, Anoola mit tiefer und zärtlicher Theilnahme des betrachten lernten. tech Die Aufgabe, einem ſo gelehrigen und geſcheid⸗. ten Pflegling Kenntniſſe beizubringen, war eben ſo inte leicht als angenehm. Für ſie öffnete die Erwerbung kon der Kenntniſſe Quellen bis jetzt ihr unbekannter Ge⸗ den nüſſe, in denen ſie ſich allein ergötzt haben dürfte, den wäre menſchliches Wiſſen ihr einziger Ürſprung ge⸗ grei weſen. Aber der wahre Geiſt des Chriſtenthums gan ſchließt die Selbſtſucht aus und kein Menſch, der den ſchie Werth geiſtiger Segnungen zu ſchätzen weiß, wünſcht mit je dieſelben ohne Theilung mit Andern zu gewinnen. ſcha Mancherlei Umſtände zogen auf Anoola den Blick Ste von Henry Malby, welcher, ſo weit dieß menſchliche Thätigkeit betrifft, das Hauptmittel der Bekehrung Anr von heidniſcher Finſterniß geweſen war, und ſtets mit nähe heiliger Begeiſterung die Fortſchritte dieſer jungen wol Proſelytin ‚auf dem Wege, der zum Leben führt,“ Tau betrachtete. Aber das Band, das ſie am feſteſten ver⸗ A bke einigte, war das ge enſeitige und glühende Verlangen, ſſich die frohe Kunde des Heils zu verbreiten. Noch ein bild Jahr und er ſollte befähigt ſein, durch Auflegung der dige Hand⸗ den Dienſt des Miſſionärs anzutreten und habe Anoola's Taufe, welche auf ihre eigene Bitte ſo lang ſehen verſchoben wurde, denn mit wahrer Demuth zögerte und ſie, Gelübde von ſo tiefer und feierlicher Bedeutung trat auszuſprechen, ſollte bei derſelben Gelegenheit ſtatt nung finden. ſchö Die Flügel der Zeit trugen raſch Tage, Wochen Ano und Monate fort, welche ablaufen ſollten, ehe der Spyn achtungswürdige und ausgezeichnete Metropolit von Kirch Britkiſch⸗Indien an der Küſte von Ceylon landete. Apa Schaaren von Menſchen verſammelten ſich in und um gabe das heilige Gebäude an dem Morgen, wo der Biſchof weſe daſelbſt anlangte, um Zeuge zu ſein von der Ordi⸗ die 201 nation von Henry Malby, der in die Kirche eintrat, begleitet mit liebender Ehrfurcht von den Brüdern des Collegs, wo er ſo lange und ſo geſchickt als Ka⸗ techet Dienſte geleiſtet hatte. Die nun gegenwärtige Gruppe würde ein ſeltſam intereſſantes Gemälde dargeboten haben, ſo auffallend kontraſtirte die öſtliche Tracht ſeiner Gefährten mit dem einfachen Gewande des jungen Candidaten für den geiſtlichen Stand. Unter den Zuſchauern der er⸗ greifenden Scene war einer, deſſen Aufmerkſamkeit ganz ungewöhnlich in Anſpruch genommen zu ſein ſchien. Es war dieß Makalan, der in jedem Gefühle mit ſeinem Freunde vereinigt, nach der Zeit hinaus⸗ ſchaute, wo er würdig erachtet werden dürfte, eine ähnliche Stelluna in der chriſtlichen Geiſtlichkeit einzunehmen. Nrchdem die Ordination durch eine eindrucksvolle Anrede des hochwürdigen Prälaten beſchloſſen war, näherte ſich unſere Heldin, geführt von ihrer wohl⸗ wollenden Lehrerin und ihrem Bruder, ſchüchtern dem Taufſteine, und hier kniete nun in milder Andacht die Abkömmlingin eines heidniſchen Geſchlechtes, welche ſich zwei Jahre vorher noch vor dem Altar des Götzen⸗ bildes ihres Landes gebeugt hatte. Es war ein freu⸗ diges, hinreißendes Schauſpiel, das Engel entzückt haben dürfte, dieſes junge anziehende Geſchöpf zu ſehen, wie es endlich vom Irrthume befreit wurde und öffentlich unter das hohe Panier des Kreuzes trat; nie vielleicht waren Glaube, Liebe und Hoff⸗ nung, aus dem Brunnen der göttlichen Gnade ge⸗ ſchöpft, kräftiger ausgedrückt, als auf dem Antlitz von Anoola, daß ſie ehrfurchtsvoll das äußere Zeichen und Symbol ihrer Aufnahme in den Schooß der chriſtlichen Kirche empfing. Wie verſchieden war dieſer Akt von Apathie und dem Aberglauben, womit ihre Opfer⸗ gaben auf dem Altar des Despotismus begleitet ge⸗ weſen waren. Keinen geringeren Contraft bildeten die koſtharen Edelſteine, welche damals an den Ge⸗ 202 wändern von Sanghas Tochter glänzten, mit ihrer jetzigen unſcheinbaren Kleidung. Sie hatte Verzicht geleiſtet auf das Gepränge und die Eitelkeit der Welt, und war entſchloſſen, fortan keine andere Zierrath zu tragen, als die der Apoſtel empfohlen hatte. Nicht lange nach ſeiner Ordination erhielt der neue Miſſionär eine Anſtellung in einer von den ent⸗ fernteren Provinzen Indiens und er wartete nur auf den Abgang des Schiffes, das ihn nach dieſer Sta⸗ tion bringen ſollte. Jetzt, aber auch jetzt erſt, ging das Intereſſe, welches er bis dahin für Anna gefühlt, (dieß iſt der Name, mit welchem wir von nun an unſere Heldin bezeichnen müſſen), in Gefühle wärme⸗ rer Theilnahme über. Ein Gegenſtand erfüllte Bei⸗ der Herzen und befeſtigte das Band gegenſeitiger Zu⸗ neigung, und als Henry in der offenen Sprache männ⸗ licher Theilnahme Anna um ihre Hand bat, als er ſie als Theilnehmerin an ſeinem irdiſchen Geſchicke und ſeiner Mühewaltungen, als Partnerin bei dem hohen Vorrechte, das Reich des Erlöſers auszubrei⸗ ten, wählte, da fühlten Beide, daß die Liebe, welche ſie verband, weder vermehrt noch vermindert werden konnte, durch irgend eine von den Zufälligkeiten, welche nur zu ſehr fähig find, einen Einfluß auf weltliche Gemüther auszuüben und ihre Liebe von der vorübergehenden Dauer der Schönheit oder von irgend einem andern nicht weniger zerbrechlichen Be⸗ ſitzthum abhängig zu machen. Als der Segen der Trauung über den jungen Geiſtlichen und ſeine öſtliche Braut ausgeſprochen war, eilten fie, Sangha Tiſſa einen Abſchiedsbeſuch zu machen. Er empfing die Letztere mit ſo viel Zärt⸗ lichkeit, als ſeine indolente Natur kund zu geben fähig war, und horchte ſogar ganz geduldig auf die Beweisgründe für die Religion, zu der ſie ſich bekannte, Aber leider fiel die Saat hier auf unfruchtbaren Bo⸗ den und Anna konnte nur für ihres Vaters Bekeh⸗ 203 rung beten, als ſie ihm kummervoll Lebewohl ſagte, mit einem letzten Blicke ſchmerzlicher Theilnahme für immer die Heimath ihrer Kindheit verließ und gefolgt von einer hübſchen Dienerin und dem ſchönen weißen Elenthiere, das unter der nährenden Sorgfalt ſeiner ſanften Herrin groß geworden war, für immer aus dieſer Gegend ſchied. — An dem Abhange eines Berges, an deſſen Fuſſe der majeſtätiſche Ganges hinfließt, ſteht eine Zeile von Häuſern, welche ſich beſonders durch die Einfach⸗ heit bemerkbar macht, durch die ſie ſich von den benach⸗ barten Paläſten und Pagoden unterſcheidet. Dieſe anſpruchsloſen Häuſer bildeten den Sitz von Henry Maltby's Miſſionsarbeit und hier erndeten der chriſt⸗ liche Lehrer und ſein frommes Weib endlich den rei⸗ chen Lohn für igren gegenſeitigen und unermüdlichen Eifer, indem ſie da, wo früher eine moraliſche Wild⸗ niß, mit ſchädlichem Unkraut überzogen war, die ſüße Blume des Paradieſes gedeihen ſah. Junge und zarte Pflanzen, unter ihrer unmittelbaren Führung gezogen, begrüßten die heiteren Augen Anna's, wenn ſie täg⸗ lich der kleinen Heerde die Kenntniſſe ertheilte, welche zum Heile weiſe machen. Vier Jahre nach der Ab⸗ reiſe ſeines Freundes und ſeiner Schweſter von der Inſel Ceylon, zog Makalan oder Stephan(dieß, iſt der Name, welchen er bei der Taufe erhielt), auf die Reichthümer und den Rang eines Adikars, worauf er durch den Tod Sangha Tiſſa's Anſpruch zu machen hatte, Verzicht leiſtend, in die Welt, um das Evange⸗ lium zu predigen, und wechſelreich waren die Scenen, die er, ſeine große Sendung vollziehend, erlebte. Einmal, aber auch nur einmal reiste er nach der glücklichen Wohnſtätte ſeiner Verwandten, wo in der Gegenſeitigkeit chriſtlichen Vertrauens und häuslicher Liebe eine kurze Zeit friedlicher Genüſſe verging, un⸗ 204 befleckt durch irgend eine von den ſtreitenden Leiden⸗ ſchaften, welche, auf weniger haltbare Grundſätze ge⸗ baut, häufig die Glückſeligkeit ſtören. In einer Arbeit mit ihnen begriffen, würden die Zeitintereſſen bedeu⸗ tungslos für ihn, und als ſie von einander ſchieden, löste ſich, obgleich ſie kaum mehr an ein Wiederſehen auf dieſer Erde denken durften, der halbgeathmete Seufzer in ein freudiges Lächeln auf, das der Hoff⸗ nung auf eine ewige Wiedervereinigung im Reiche der Unſterblichkeit entfloß. Die zwei Bräute. Es liegt immer etwas Anziehendes in einer Hoch⸗ zeit. Dieſes einfache Wort hat die Macht, in der ſtets thätigen Einbildungskraft der Jugend eine Reihe von Bildern hervorzurufen, bei denen Hoffnung und Phantaſie den Pinſel führen und Scenen des Glückes für das neuvermählte Paar malen, die ſich in der Zukunft nur ſelten verwirklichen. Der erfahrene Be⸗ obachter des Lebens, beſonders des ehelichen Lebens, ſieht eine Braut mit ganz anderen Gefühlen an; aber wenn die Scene der Verheiratung ſelbſt dann, wo die betreffenden Perſonen dem Beſchauer unbekannt find, ſein Mitgefühl erregen, um wie viel mächtiger muß dieſes Gefühl ſein, wenn es von denen in An⸗ ſpruch genommen werden wird, mit welchen wir durch Bande der Freundſchaft oder der Liebe im Zuſammen⸗ hange ſtehen. Ich erinnere mich wohl noch der leb⸗ haften Gemüthsbewegung, die mich erfaßte, als ich zum Erſtenmal in der Eigenſchaft einer Brautjungfer neben meiner Jugendgeſpielin vor dem Altare ſtand. Viele Jahre ſind ſeitdem ver angen, und obgleich Hochzeitfeſte und blühende Braͤute meine Beachtung erregen, ſo werden doch die erſteren als ein leeres Gepränge des Augenblicks betrachtet und die andern 205 als die Opfer wahrſcheinlicher Täuſchung und nutz⸗ loſen Kummers bemitleidet. Es war an einem ſchö⸗ nen Morgen, gegen das Ende Septembers, vor unge⸗ fähr drei Jahren, als ich mit einer Bekannten durch Pal Mal ſchlendernd, eine an dem Eingang von St. James Church verſammelten Menge anſichtig wurde, und näher hinzutretend vier Wagen bemerkte, welche vor der Thüre aufgeſtellt waren und nach der Schmückung der Pferde und der Kutſcher offenbar zu einem Hoch⸗ zeitszuge gehörten. Als ich mir Gewißheit hierüber verſchafft hatte, ging ich weiter vor, wurde jedoch durch die Bitten meiner Gefährtin zurückgehalten, welche mit dem ganzen Ungeſtüm ihres Alters in mich drang, auf der Stelle zu bleiben. Wir reihten uns daher den andern umherſtehenden Leuten an und hatten nach zwanzig Minuten das Vergnügen, die Kirchenthüre öffnen und den Brautzug langſam durch den Chorgang hinabwandeln zu ſehen. Die Erxiſtenz von Jugend und Schönheit wird ſo allgemein mit dem Gedanken einer Braut in Verbindung geſetzt, daß es einer großen Schwierigkeit unterliegk, irgend ein anderes Gebild zu geſtalten. In dem gegenwär⸗ tigen Falle aber beſteht die Frau, die ſich auf die vor⸗ hergehende Trauungsceremonie ſo eben dieſen Titel erworben hatte, durchaus keinen entſchiedenen Anſpruch auf einen von den beiden Vorzügen. War ſie aber auch durch den Verlauf der Zeit eines Reizes beraubt worden, ſo hatte doch dieſe nicht alle Spuren ehema⸗ liger Anmuth zerſtört, denn ſie war immer noch ein weibliches Weſen von beſonders anziehendem Aeußern, und ihr bleiches Geſicht ſchien in dieſem Augenblicke von einer ruhigen Freude entzündet, welche wohl mit dem gewöhnlichen ſchwermüthigen Ausdrucke ihrer Augen um den Sieg kämpfte. Der Herr, an deſſen Arm ſie ſich hielt, mochte einige Jahre älter ſein, als die Dame und die Broncefarbe ſeiner Haut zeigte von einem langen Aufenthalte in irgend einem tropi⸗ 206 ſchen Clima. Als ſie ganz nahe an der Stelle vor⸗ überkamen, wo ich ſtand, konnte ich nicht umhin, den halb abbittenden, den halb dankbaren Ausdruck wahrzu⸗ nehmen, mit dem er immer und immer wieder ſeine ihm neuvermählte Gattin betrachtete. Nach wenigen Minuten waren die Equipagen aus unſerem Geſichts⸗ kreiſe verſchwunden, aber meine ſo mächtig angeregte Einbildungskraft legte ſich nicht ſo ſchnell. Ich war überzeugt, daß ungewöhnliche Ereigniſſe das frühere Leben der zwei jetzt mit einander verbundenen Men⸗ ſchen bezeichnet haben müßten, und ich hegte ein un⸗ beſchreibliches Verlangen, ihre Namen und ihre Ge⸗ ſchichte kennen zu lernen. Ganz unerwartet wurde dieſer Wunſch theilweiſe befriedigt. Als ich am näch⸗ ſten Morgen die Zeitungen durchblätterte, feſſelte fol⸗ gende Ankündigung meine Aufmerkſamkeit:„Verhei⸗ ratet am 24. September in St. James's Church Oberſt Wentworth vom— Regiment, kürzlich zurück⸗ gekehrt von einem verzögerten Dienſte in Weſtindien mit Emily, der einzigen Tochter ſeines geachteten Freundes, des Generals Mansfield, unter deſſen Auſpicien der Oberſt W. ſeine militäriſche Laufbahn be⸗ gann.“ Es kam mir ſogleich der Gedanke(ein lan⸗ ger Aufenthalt in Weſtindien erklärte die Färbung der Phyſiognomie meines Helden), dieſer Paragraph müſſe ſich auf die Braut und den Bräutigam von geſtern beziehen. Wir ſind ſo bereit, nach allem zu greifen, was nur immer die Erfüllung unſerer Wünſche begünſtigen kann, daß ich begeiſtert ausrief:„Gut, ich habe wenig⸗ ſtens die Namen entdeckt.“ Auf dieſe Bemerkung wurde ein anweſender Herr aufmerkſam, der, über die Umſtände belehrt, welche dieſelbe veranlaßt hatten, mir ſagte, die Partien wären ihm wohl bekannt, und ich hätte Recht, in Beziehung auf die Identität und ebenſo hinſichtlich meiner Vermuthung, ihre Geſchichte müßte keine gewöhnliche ſein. Als er mein Intereſſe für dieſe Sache wahrnahm, theilte er mir meh⸗ 207 rrere Umſtände mit, welche mit der Geſchichte des Oberſten Wentworth zuſammenhingen, und brachte in der Folge ſeine kleine Erzählung auf meine Bitte zu Papier. Ich habe ſeitdem im Verlaufe des letzten Jahres durch die Vermittlung desſelben Freundes mehrere weitere Thatſachen in Erfahrung gebracht, und bin dadurch befähigt, die einfache, ungeſchmückte Ge⸗ ſchichte zu vervollſtändigen, die ich hier der Oeffent⸗ lichkeit zu übergeben wage. Sie macht einzig und allein auf das Verdienſt Anſpruch, reine Wahrheit zur Baſis zu haben. Die Periode, das—Regiment von dem auswär⸗ tigen Dienſte abzulöſen, war endlich erſchienen, und es wurde nach einem zehnjährigen Aufenthalte auf den weſt⸗ indiſchen Inſeln nach der Heimath beordert. Seine Reihen waren allerdings durch Fieber und Krankheiten aller Art gelichtet; nichts deſto weniger brachte der Befehl eine freu⸗ dige Wirkung auf viele Herzen hervor, auf Herzen, welche ſich vielleicht lange darnach ſehnten, Freunde und Ver⸗ wandte, oder vielleicht einen noch zärtlicher geliebten Gegenſtand zu umarmen, deſſen man ſich fortwährend inmitten der Veränderung des Klima's und der zahl⸗ loſen Wechſelfälle des Soldatenlebens ſtets erinnerte. Dem Abzuge eines Regiments geht ſo unmittelbar die Ankunft eines andern vorher, daß Worte der Begrüßung und Bewillkommnung ſich unmerklich mit dem letzten Lebewohl an alte Bekanntſchaften vermengen. Im militäriſchen Leben kommt ein ſolches Abſchiednehmen und Zuſammentreffen ſo häufig vor, daß eine Freund⸗ ſchaft kaum zu reifen Zeit gehabt hat, ehe ſich die Trennung ereignet. In gegenwärtigem Falle hatte man das Transportſchiff, welches das— Regiment nach Barbadoes bringen und das— zurücknehmen follte, ſeit einigen Tagen ſehnſüchtig erwartet, als das gewöhnliche Signal eben als der Morgen in der ganzen Schönheit eines tropiſchen Sonnenaufgangs anbrach, die Erſcheinung eines Schiffes vor dem Ha⸗ 208 fen verkündigte. In wärmern Klimaten bringt man die frühen Stunden gewöhnlich in freier Luft zu, und das Erwachen der glänzenden Gottheit des Tages bildet nicht wie bei uns einen ſeltenen Anblick, ſo daß bei dieſer Gelegenheit bereits verſchiedene Men⸗ ſchen auf dem Ufer verſammelt waren, um die Fortſchritte des fraglichen Schiffes zu beobachten, das man, als es nahe genug war, um Signale auszu⸗ tauſchen, als das Belvedere⸗Transportſchiff erkannte. Der Hafenmeiſter und andere Beamte befanden ſich bald an der Seite deſſelben und bald wurde den ver⸗ ſchiedenen Zuſchauern die Freude zu Theil, es wohl erhalten am Bridge Town ankern zu ſehen. Erſt ſpät am Abend war die theilweiſe Ausſchiffung der Truppen bewerkſtelligt. Zwei Compagnien blieben an Bord, da nicht Raum genug in den Baraken vorhanden war, dieſelben ſogleich unterzubringen. Die Beaufſichtigung dieſer Mannſchaft war zwei jüngeren Offizieren uͤber⸗ tragen, die man, nach dem Abgang ihrer Gefährten mit einander ſprechend oder die Gegenſtände um ſie her betrachtend auf dem Verdecke auf und abgehen ſah. Es war eine liebliche Nacht, und die tiefe Stille, welche über der Bai hexrſchte, auf deren Oberfläche zahlreiche Schiffe in bewegungsloſer Reihe lagen, kontraſtirte ſeltſam mit den Symptomen des thätigen Lebens, die ſich wenige Stunden vorher an demſelben Orte kund gegeben hatten. Die Wirkung des Mond⸗ ſcheins bei irgend einer Scene iſt beſonders günſtig für die erſten Eindrücke; er wirft einen Schatten über alle härtere Züge, enthüllt bloß die Schönheiten der Landſchaft und verleiht ſogar dem, was in Wirklichkeit ein vollkommener Gemeinplatz ſein mag, eine roman⸗ tiſche Färbung. Dieß ſchien wenigſtens die Wirkung zu ſein, welche auf die zwei Offiziere hervorgebracht wurde, denn eine Pauſe von beträchtlicher Länge unter⸗ brach der jüngere von ihnen mit den Worten:„Wie es mir ſcheint, George, warſt Du, wie ich, die letzte 209— halbe Stunde in bewundernde Betrachtung verloren. Ich denke, ein zeitweiſer Aufenthalt in den Tropen⸗ ländern mag wohl auszuhalten ſein, beſonders wenn er, wie Du mich hoffen läßt, meine Beförderung be⸗ ſchleunigt, und mich in den Stand ſetzt, nach Hauſe zu kehren und um Emilys Hand zu werben.“—„Es iſt kaum zu bezweifeln, mein theurer Gefährte,“ ant⸗ wortete ſein Freund,„daß Dein Wunſch in dieſer Be⸗ ziehung in Erfüllung geht. Ich bitte Dich daher, ſey zufrieden, und genieße alles Gute, das Dir hier wäh⸗ rend Deines Aufenthalts in den Weg kommt. Eines Junggeſellen Leben ſollte ſtets ein luſtiges ſein, und die dunkelfarbigen Dämchen von Barbadoes ſollen, wie ich höre, eben ſo gut Anziehendes haben, als unſere ſchöneren Landsmänninnen; aber Du biſt natür⸗ lich unverwundbar und feuerfeſt gegen alle Reize mit Ausnahme derer der unvergleichlichen Emily.“ Dieß wurde in einem ſcherzhaften Tone geſprochen, der jedoch ſehr rauh in den Ohren des Zuhörers zu klingen ſchien, welcher mit einer Stimme nur ſchlecht verbor⸗ gener Aufregung ſeinen Freund bat, in dieſer Beziehung ſeine Gefühle zu ſchonen, indem er die Worte bei⸗ fügte:„Wenn Du die Macht der wahren Liebe, con⸗ centrirt in einem ſo reinen und hochbegabten Weſen, wie diejenige iſt, welcher mein Herz gehört, kennen würdeſt, ſo müßteſt Du aufhören, über eine Liebe von ſo tiefem und heiligem Charakter zu ſcherzen.“ Die einzige Antwort auf dieſe kurze aber energiſche Sprache war ein Blick voll verächtlicher Wuth, ſtark vermiſcht mit einem herben, wenn auch nur augenblicklichen Leiden. Dieſer Blick wurde jedoch nicht beobachtet und beide blieben einige Zeit in ihre eigenen Re⸗ flexionen verſunken. Als das Geſpräch wieder aufge⸗ nommen wurde, wandte es ſich verſchiedenen andern Gegenſtänden zu, und bald nachher trennten ſich die jungen Männer für die Nacht. Charles zog ſich in ſeine Kajüte zurück, doch nicht um zu ſchlafen, während Tutti Frutti. II. 14 210 ſein Gefährte mit Schritten, welche von einer außer⸗ ordentlichen geiſtigen Aufregung zeugten, fortwährend auf dem Verdecke auf und ab ging. Um das Benehmen der Perſonen, welche wir dem Leſer ſo eben vor das Auge geführt haben, einiger⸗ maßen zu beleuchten, iſt ein Rückblick auf ihre Lage vor der Ankunft des Belvedere in Barbadves noth⸗ wendig. Charles Wentworth war der zweite Sohn eines bepfründeten Geiſtlichen im Süden von England, welcher die von einer öffentlichen Schule unzertrenn⸗ baren Fehler kennend und befürchtend, den Entſchluß faßte, ſeine zwei Söhne zu Hauſe zu bilden. Da ihm aber die Nachtheile nicht entgingen, welche auf der andern Seite eine völlige Privaterziehung zur Folge hat, ſo fügte er vier oder fünf junge Leute von ähn⸗ lichem Alter ſeinem häuslichen Kreiſe bei und verſchaffte auf dieſe Art ſeinen Pfleglingen, die er mit der Wach⸗ ſamkeit eines Vormunds und mit der Sorgfalt eines Vaters beaufſichtigte, Gelegenheit zu gegenſeitiger Auf⸗ munterung. Der Contraſt zwiſchen den Neigungen der zwei Brüder bildete eine Schranke gegen die innige Vereinigung, welche ſonſt aus ihrer nahen Verwandt⸗ ſchaft entſprungen ſein dürfte. Obgleich ſie einander ſtets mit wohlwollenden und brüderlichen Gefühlen betrachteten, ſo waren ſie doch ſtets nur wenig bei⸗ ſammen, indem ſich der ältere einzig und allein den mit dem heiligen Amte, zu welchem er beſtimmt war, in Verbindung ſtehenden Studien und Forſchungen widmete, während Charles voll Frohſinn und jugend⸗ lichen Ungeſtüm bei ſeinem lebhaften Temperamente natürlich nur die Geſellſchaft von denjenigen ſuchte, deren Geſchmacksrichtung mehr der ſeinigen ähnlich war. Unter den Zöglingen der Pfarrei war ein junger Menſch, etwa vier Jahre älter als Charles, in deſſen Geſellſchaft er viel von ſeiner Zeit zubrachte, und bald hatte ſich auch eine Freundſchaft zwiſchen beiden gebildet. Georg Hinderſon war der einzige Sohn 211 eines Oberſten, obgleich noch jung, hatte er bereits etwas von der Welt geſehen und eine entſchiedene Vorliebe für den Kriegerſtand eingeſogen. Mit großer Lebhaftigkeit und Schärfe des Charakters verband er eine einnehmende Gewandtheit. Dabei war er aber ſchlau und verſchmitzt in einem weit höheren Grade, als es in einem ſo frühen Alter angenehm oder wün⸗ ſchenswerth erſcheinen kann. Aber Charles ſah keinen Fehler an ſeinem Freunde, den er als ein Weſen höherer Natur betrachtete. Unter dieſen Umſtänden darf man ſich nicht wundern, daß der Geſchmack für ein militäriſches Leben, welches für ſeine enthufiaſtiſche Einbildungskraft mancherlei Reize bot, auch auf ihn überging. Als Herr Wentworth die Neigung ſeines Sohnes wahrnahm, hielt er es für nutzlos, Einwen⸗ dungen dagegen zu machen, und er erhielt durch die Theilnahme eines alten Freundes, des General Mansfield, das Verſprechen einer Stelle für Charles, wenn dieſer das neunzehnte Jahr zurückgelegt haben würde. Als die Zeit zur Rückkehr Hinderſons unter das väterliche Dach erſchien, trennten ſich die jungen Freunde, und in weniger als zwei Jahren nach dieſem Ereigniß war Charles bei dem—ten Regiment ange⸗ ſtellt, das damals in Plymouth in Garniſon lag, wo General Mansfield refidirte. Dieſer Umſtand erſchien natürlich äußerſt vortheilhaſt für den jungen Offizier und er wurde bald ein häufiger Gaſt in dem Hauſe des Generals, welcher ſich daran ergötzte in ihm einen fähigen Zuhörer zu beſitzen, wenn er die Thaten und Abenteuer ſeiner eigenen militäriſchen Laufbahn er⸗ zählte, über die er ſich mit aller Begeiſterung eines alten Veterans zu verbreiten pflegte. Doch es waren nicht allein dieſe oft wiederholten Anekdoten oder der nützliche gewerbliche Unterricht, mit denen ſie durch⸗ ſpickt wurden, abgleich er ſtets mit ſchuldiger Achtung zuhörte, was für Charles den Hauptanziehungspunkt von Mansfield⸗Houſe bildete. Sein machtigſter Zauber 212 beſtand in der Gegenwart der einzigen Tochter des Generals, eines ſchönen vollendeten Mädchens, des Stolzes ihres betagten Vaters und der glänzenden Zierde des Hauſes. Das Entſtehen und Zunehmen der erſten Liebe in jungen Herzen zu ſchildern, oder auch nur die Umriſſe zu geben von der Inbrunſt der Stärke und Reinheit einer ſolchen Zuneigung, ehe der Geiſt befleckt wird und ſeine zarteſten Triebe ſich ver⸗ bergen oder vielmehr unter der künſtlichen Maske ver⸗ loren gehen, welche die Geſellſchaft ihren erfahrenen Eingeweihten auflegt, wäre ein vergeblicher Verſuch. Diejenigen, welche den Einfluß einer ſolchen Leiden⸗ ſchaft gefühlt haben, würden die Schilderung nur unvoll⸗ kommen nennen, und Andere, bei denen dieß nicht der Fall geweſen iſt, müßten die Beſchreibung als den rein rhapſodiſchen Ausfluß eines romantiſchen Gehirns betrachten. Wir beſchränken uns daher zu bemerken, daß die Bekanntſchaft von wenigen Monaten unmerk⸗ lich zu einer gegenſeitigen Liebe zwiſchen unſerem Helden und Emily Mansfield führte. Der General, deſſen uneigennützige Natur jede geldſüchtige Betrach⸗ tung verabſcheute, billigte ohne Zoͤgern die Wahl ſei⸗ ner Tochter, jedoch unter der einzigen Bedingung, daß erſt noch einige Jahre vorübergehen müßten, und Charles den Kapitänsrang erhalten hätte, bevor ihre Verbindung ſtattfinden würde. Mit dieſer Anordnung waren die Liebenden wohl oder übel zufrieden, und die Hoffnung malte ihnen die Zukunft in allem Glanze, in allen den glühenden Farben, welche eine junge Einbildungskraft erfüllen. Mitten unter dieſen ſüßen Träumen bekam das—Regiment den Befehl, ſich zur Einſchiffung nach Weſtindien in zwei Monaten vom Tage der Depeſche an bereit zu halten. Dieſer Be⸗ fehl war für Viele ſehr unwillkommen; doch für Nie⸗ mand mehr, als für Charles und ſeine Verlobte. Er⸗ weicht durch den Anblick ihres Grames ſtellte der Ge⸗ neral die Möglichkeit eines Tauſches in Ausſicht. Aber V V —— 213 während dieſe Angelegenheit beſprochen wurde, gab die unerwartete Erſcheinung von Lieutenant Hinderſon der Sache eine neue Wendung. Er hatte einen kurzen Urlaub erhalten und eilte nach Plymouth; theils angetrieben durch die Neugierde, Miß Mansfield zu ſehen, da der Ruf ihrer Reize durch mehrere Kanäle zu ſeinen Ohren gedrungen war, theils bewogen durch das Verlangen, eine innige Freundſchaft mit dem Gefährten ſeiner jüngeren Tage zu erneuern. Die Zuſammenkunft der zwei jungen Männer war eine Quelle gegenſeitigen Vergnügens und George wurde bald die weitere Befriedigung zu Theil, in Mans⸗ field⸗Houſe vorgeſtellt zu werden, wo ihn das Blen⸗ dende ſeiner Manieren und ſeiner Unterhaltung binnen Kurzem zum willkommenen Gaſte beſonders für den Herrn machte, deſſen Gunſt zu gewinnen er eifrig bemüht war, in der Hoffnung durch dieſes Mittel den treuloſen Plan, zu welchem ſeine Einführung in dieſe Familie Anlaß gegeben hatte, endlich in Erfüllung zu bringen. Die ausgezeichnete Schönheit und der unver⸗ fälſchte Charakter von Emily hatte bereits die leiden⸗ ſchaftliche Bewunderung erregt, welche in Verbindung mit einem der ſchlechteſten Gefühle unſerer Natur, dem Neide, der Seele Hinderſons ganz und gar er⸗ füllte. Letzteres Gefühl bildete ſich gegen ſeinen glück⸗ licheren Freund, an deſſen Stelle zu treten der einzige Gegenſtand ſeiner Gedanken und Wünſche wurde. Aber George war der Adepte der Verſtellung und verbarg ohne Schwierigkeit ſowohl ſeine Gefühle als ſeine Abſichten. Mittlerweile beſchloß er, daß Charles ſein Regiment nach den Inſeln begleiten ſollte, und dieß gelang ihm, indem er alle Parthieen überredete, die Annahme dieſer Maßregel wäre eben ſo ehrenvoll als vortheilhaft. Um ſeine Aufrichtigkeit kräftiger dar⸗ zuthun, bewirkte er einen Tauſch mit einem Offizier des— Regiments, damit er, wie er ſagte, die Ge⸗ ſellſchaft ſeines Freundes genießen und wo möglich 214 deſſen Kummer während ſeiner Abweſenheit von Eng⸗ land mildern könnte. Dieſen Anſichten trat der Ge⸗ neral um ſo bereitwilliger bei, als er große Stücke auf den militäriſchen Ruhm hielt und der Anſicht lebte, der Ruf ſeines zukünftigen Schwiegerſohnes würde ohne Zweifel durch einen Verſuch, dem auswärtigen Dienſte zu entgehen, getrübt werden. Als Alles am Ende abgemacht war, reiste George nach London ab, nachdem er vergeblich dahin geſtrebt hatte, die Aufmerkſamkeit Emily's auf ſich zu ziehen. Er befürchtete, wenn er die Gränzen der Mäßigung überſchreiten würde, Verdacht zu erregen, und hielt es für das Geſcheidteſte, für den Augenblick Abſchied zu nehmen, um ſo mehr, als er ſich über die Methode ſeines zukünftigen Verfahrens mit einem Menſchen zu berathen gedachte, von dem er wußte, daß ſeine Unter⸗ ſtützung zu erkaufen war, von dem er glaubte, daß er ſich keinem Geſchäfte widerſetzen würde, wie zweifel⸗ haft auch die Natur deſſelben ſein möchte. Ein zwei⸗ jähriger Umgang mit demjenigen Theile der Geſell⸗ ſchaft, deſſen Beſtreben einzig und allein Selbſtbefriedi⸗ gung iſt, ſollte dieſe auch auf Koſten des Glückes der Anderen und mit Aufopferung jeder moraliſchen Ver⸗ pflichtung verfolgt werden, hatte viel dazu beigetragen, die ſchlimmen Neigungen von Hinderſons Charakter zu kräftigen. Das verzogene Kind des Glückes, früh an Schmeichelei gewöhnt, hatte er ſelten einen Wunſch ausgedrückt, der nicht ſogleich erfüllt worden wäre, und nun, da er den Entſchluß faßte, Emily Mansfield in ſeine Gewalt zu bringen, durften ſich keine Rück⸗ ſichten der Freundſchaft, keine Anforderungen der Ge⸗ rechtigkeit oder des Mitleids ſeinem Vorhaben in den Weg ſtellen. Mit wie weit von einander verſchiedenen Gefühlen werden die Bewegungen der Zeit je nach den Umſtänden, in denen wir leben, geſchätzt und be⸗ trachtet! Der heitere und leichtblütige achtet kaum ihren Fortſchritt. Von denjenigen, welche ein auf eine —OQO——:O——Q—Q:ʒͤͤͤ́ͤ́ᷓ́ᷓ́’— —OQO——:O——Q—Q:ʒͤͤͤ́ͤ́ᷓ́ᷓ́’— gegebene Periode beſchränktes Glück genießen, wird ie Raſchheit der Zeit als eine Verkürzung ihres vor⸗, übergehenden Genuſſes beklagt, während Andere, und dieß iſt bei Weitem die Mehrzahl, ſo gerne ihre Eile noch beſchleunigen möchten, in der Hoffnung, ein bis jetzt unerreichtes Gut zu erlangen. Die Lage unſerer Liebenden machte ſie natürlich geneigt, jede hinſchwin⸗ dende Stunde als einen von der Summe ihrer Glück⸗ ſeligkeit abgegangenen Poſten zu betrachten, als einen Umſtand, der ſie dem gefürchteten Augenblick der Tren⸗ nung, welcher nur zu ſchnell erſchien, immer näher bringen müßte. Wir übergehen die Abſchiedsſcene und überlaſſen die peinlichen Einzelnheiten der Einbildungskraft des Leſers. Sobald dieſe vorüber war, ſchiffte ſich Char⸗ les in Begleitung von George Hinderſon, welcher kurz zuvor Plymouth wieder beſucht hatte, mit ſeinem Re⸗ gimente an Bord des Belvedere ein und nach einer Reiſe, bei der die gewöhnlichen Wechſelfälle der Witte⸗ rung nicht fehlten, erreichten ſie den Ankergrund von Bridge⸗Town, wo wir bereits die Bekanntſchaft unſers Helden und ſeines verrätheriſchen Genoſſen gemacht haben. Der erſte Anblick einer tropiſchen Landſchaft iſt äußerſt anziehend für Europäer, und wenn am Ende auch durch Vertrautbeit mit den Reizen derſelben der Zauber der Neuheit ſich verliert, ſo müſſen doch immer noch die anmuthige Haltung des Kokosnußbaums, die ſtattliche Form der Kohlpalme und das üppige Laub⸗ werk der Tamarinde und des Brodbaumes die Be⸗ wunderung des Beſchauers feſſeln. In Beziehung auf Naturſcenerie iſt Barbadoes minder intereſſant, als manche andere Theile von Weſtindien. Man findet auf der ganzen Inſel kein Hochland; aber der Boden iſt mit dem glücklichſten Erfolge angebaut und bringt Zucker und Baumwolle in Menge hervor. Auch hält man ihr Klima für bei weitem zuträglicher als das 216 der benachbarten Inſeln. Dieſe Vorzüge wurden mit großer Zufriedenheit von einigen jungen Barbadiern er⸗ läutert, unter deren Geleite Charles und Georges, ſobald ſie von dem Dienſte an Bord des Belvedere befreit waren, ihr Debut in Bridge⸗Town machten, das ſie als eine Stadt von beträchtlicher Ausdehnung mit vielen guten Straßen und großartigen Gebäuden er⸗ kannten. Verſchiedene, in einem Zuſtande des Ver⸗ falls begriffene Häuſer wurden abſichtlich von ihren Gefährten als ein Beweis für das Alterthum der Stadt bezeichnet. Dieſe Weſtindier waren die Söhne von wohlhabenden Pflanzern und guten Probeſtücken von der Klaſſe, zu der ſie gehörten. Ungemein zuvor⸗ kommend und ſtets der Gaſtfreundſchaft befliſſen, waren ſie zugleich in hohem Maaße erfüllt, von ihrer eigenen Wichtigkeit, nicht allein als Beſitzer unermeß⸗ licher Reichthümer und als unumſchränkter Beherrſcher menſchlicher Geſchöpfe, ſondern als ächte Barbadier, geboren auf der Küſte von„Kleinengland,— eine Auszeichnung, auf welche Individuen, von welcher Farbe und von welchem Range ſie auch ſein mögen, einen ganz beſonderen Werth legen.*) Die Vortrefflichkeit der öffentlichen Straßen bil⸗ dete ein anderes Thema zu Lobeserhebungen, und die Fremden konnten auch das Wahre der Lobpreiſung durchaus nicht in Abrede ziehen, als ſie eines Nachmittags mit ihren barbadiſchen Bekannten in munterem Trabe ³) Allerdings iſt ein gewiſſer Grund für die Behauptung einer Superioritat vorhanden, in ſoferne Barbadoes eine der alte⸗ erhabene Stelle in den Annalen der Vergangenheit, abge⸗ ſehen von ihrem gegenwartigen Gewichte in bürgerlicher, 217 über eine ſanfte Ebene nach einem ungefähr ſechs Mei⸗ en von Bridge⸗Town entfernten Landhauſe ritten, wo eine große Geſellſchaft, zu Ehren des— Regiments gegeben, verſammelt war. Weſtindiens Gaſtfreund⸗ ſchaft iſt ſtets ſprüchwörtlich geweſen und es unterliegt keinem Zweifel, daß ſie vor zwanzig Jahren in noch viel reichlicherem Maaße geübt wurde. Die Pflanzer waren damals eine äußerſt wohlhabende Körperſchaft, und man ſuchte die Tafelfreuden auswärts und zu Hauſe mit einer Gierde, an deren Stelle glücklicher Weiſe geiſtigere Genüſſe getreten find. Die ſo eben erwähnte Unterhaltung war eine äußerſt glänzende und die An⸗ kömmlinge ſtaunten nicht wenig über die Entwicklung einer Pracht, zu der ihr eigenes Land mit Ausnahme der höchſten Kreiſe ſelten eine Parallele bietet. Der hohe und geräumige Salon, in den man die Gäſte, die bedeutendſten Advokaten und andere Perſonen von Rang auf der Inſel mit eingeſchloſſen, führte, war mit allem erdenklichen Luxus und Comfort ausgeſtattet. Zahlreiche Ottomannen und Kiſſen ſchienen die An⸗ weſenden zur Ruhe einzuladen. Eine wunderbar ſchöne Matte bedeckte den Boden und Vaſen von ſeltenen Korallen mit aromatiſchen Kräutern gefüllt, ergoßen köſtliche Wohlgerüche durch das Zimmer, während die balſamiſche Abendluft durch die vielen vergitterten Fenſter, welche bei einem tropiſchen Wohngebäude als Ventilaren dienten, Eingang fand. In einer noch umfangreicheren, von dem Salon durch Flügelthüren getrennten Halle erblickte man die mit vielem Ge⸗ ſchmack angeordnete Tafel, welche eine Auswahl von Speiſen darbot, die ſelbſt den ekelſten Gaumen be⸗ friedigt haben dürften. Ließ ſich irgend ein Fehler entdecken, ſo beſtand er in dem Uebermaaß des Schmau⸗ ſes, der aus allen Delicateſſen beſtand, welche die Natur in freiwilliger Güte hervorbringt oder die Er⸗ findungen der Ueppigkeit zu verſchaffen vermögen. Auf das Banket folgte der Ball mit ſeinem unab⸗ 218 änderlichen Gefolge der Muſik und die Morgendäm⸗ merung fand das Feſtgelage noch unbeendigt. Ein Theil der Geſellſchaft entfernte ſich jetzt, aber viele blieben zurück und die Feſtlichkeiten wurden einer vorherrſchenden, in Betracht der Natur des Klima's jedoch ſchädlichen Sitte gemäß noch die zwei folgenden Tage fortgeſetzt. Charles war unter den Gäſten, welche ſich zurückzogen. Die Gedanken an Emily und die Heimath nahmen ihn zu ſehr in Anſpruch, als daß er ſeine Zeit unbeſchränkten Zerſtreuungen hätte wid⸗ men können. Dieſe Scenen der Luſt und Fröhlichkeit kamen ſehr häufig vor. Eine Einladung folgte der andern und es war unmöglich, ſich derſelben zu ent⸗ ziehen, da die gaſtfreundlichen Barbadier keine Ent⸗ ſchuldigung annehmen. So waren die Offtziere des — Regiments in einer beſtändigen Runde von Be⸗ ſuchen begriffen. Nichts war mehr im Stande, die Zwecke Hinderſons zu unterſtützen, welcher durch das Mittel der Luſtbarkeiten ſtufenweiſe die Grundſätze ſeines Opfers zu untergraben hoffte. Zur Förderung ſeiner lobenswerthen Abſicht führte er ihn bei den Regenbogenbällen ein, welche wie der Name andeutet, den größten Farbenwechſel zur Schau ſtellten, da Gäſte von jeder nur denklichen Schattirung, von der ſchwarzen Haut Afrika's bis zu der hellen Tinte des nördlichen Europa an dieſen Vergnügungen Antheil nahmen. Ihre Tracht iſt nicht minder wechſel⸗ reich und in einigen Fällen außerordentlich grotesk. Bei dieſen heterogenen Verſammlungen gibt es ſo viel Neues und Beluſtigendes, daß Europäer von den beſten Ständen oft ſich bewegen laſſen, dieſelben als Gegenſtände der Neugierde zu beſuchen. Wenigen kann der ſchädliche Einfluß fremd ſein, den ſie bei oft wiederholten Beſuchen auf den Geiſt und das Gemüth junger Leute ausüben; Charles aber war nicht ge⸗ neigt, ſeine Sittlichkeit unter dem anſteckenden Hauche ſolcher Scenen zu gefährden. Emily's Briefe, deren A — 8 [ G-ANAAn nnͤ —0 ☛ ———— 219 er nun mehrere beſaß, ſchienen ihn mit der Kraft eines Talismans vor dem Uebel zu beſchützen, und die Stunden, welche Andere dem Vergnügen widme⸗ ten, waren bei ihm der Erinnerung an ſie geweiht, deren reines Bilv er in ſeinem Herzen eingeſchloſſen trug. Das Scheitern eines Manövers entmuthigte jedoch Hinderſon nicht im Mindeſten; wie ein geſchick⸗ ter General wählte er ſogleich eine andere Angriffs⸗ weiſe, trat in Korreſpondenz mit ſeinem ſchändlichen Agenten und entwarf mit dieſem einen Plan, der Charles Glück endlich vernichten mußte, ſollte er das ſeinige auch nicht gründen. Der ſchlimme Rath fing bald an zu wirken; es liefen drei oder vier Schiffe nach einander von England ein, ohne die gewöhn⸗ lichen Proben der Schreibekunſt der ſchönen Hand Emily's zu überbringen. Von Furcht gepeinigt, hatte ihr Geliebter mittlerweile mehrmals geſchrieben, um nach dem Grunde ihres unerklärlichen Stillſchweigens zu forſchen, und endlich, nach einer höchſt peinlichen Vrhewißhei von fünf Monaten erhielt er folgenden rief: „Theurer Charles, „Es iſt ſtets eine unangenehme und demüthigeude Aufgabe, ſich ſchuldig zu bekennen, dieß aber ganz beſonders, wenn das Geſtändniß an denjenigen ge⸗ richtet werden muß, welchen zu verletzen dasſelbe in hohem Grade geeignet iſt. Die Abneigung, Ihnen Kummer zu machen, hat mir bis jetzt den Mund ver⸗ ſchloſſen; im Bewußtſein, nicht auf dieſelbe Weiſe ſchreiben zu können, wie früher, und des Muthes be⸗ dürfend, um die Veränderung zu bekennen, die in meinen Gefühlen vorgegangen iſt, verſchob ich dieſes Geſtändniß, bis Ihr Drängen jede weitere Zögerung unmöglich machte. Da ich nichts zu Beſchönigung meines Benehmens, das beinahe als Wankelmuth er⸗ ſcheinen muß, vorzubringen habe, ſo wollte ich Sie nur bitten, zu bedenken, daß wir nicht durchaus für 220 die Impulſe verantwortlich ſind, die uns leiten, und daß ſich ein unerfahrenes Herz zuweilen in ſeinen eigenen Gefühlen täuſcht. Die veränderte Natur der meinigen kennen Sie nun, und ich habe nur noch beizufügen, daß dieſe Eröffnung nicht in der Abſicht gemacht worden iſt, um die zwiſchen uns beſtehende Verpflichtung aufzulöſen, ſondern einzig und allein um jedem weiteren Mißverſtändniß vorzubeugen, ſoll⸗ ten Sie immer noch Anſpruch machen wollen auf die unwürdige Hand von Emily Mansfield.“ Das erſte Leſen dieſes ſeltſamen Briefes beraubte Charles ſogar der Macht des Gedankens und er verharrte einige Minuten in bewegungsloſem Stau⸗ nen. Als er endlich ſeine zerſtreuten Sinne wieder einigermaßen geſammelt hatte, regte ſich in ihm ein Gefühl des Zweifels an der Wirklichkeit deſſen, was das Schreiben enthielt. Um ſich zu überzeugen, zog er zunächſt von ſeinem Herzen, wo er lange verbor⸗ gen geweſen war, den vorhergehenden Brief von Emily. Wie weit verſchieden war er von dem ſo eben geleſenen, wie athmete er nur die tiefe Liebe, die ein ſchüchternes Mädchen zu geſtehen wagt! Er verglich die Handſchriften der beiden Briefe und fühlte, daß hier kein Irrthum ſtattfinden könnte. Dann trat die furchtbare Ueberzeugung ein, daß ſie, die er bei⸗ nahe angebetet, auf deren Treue er die ganze Summe ſeiner irdiſchen Glückſeligkeit geſetzt hatte, falſch, für ihn auf ewig verloren war; denn er verachtete das kalte Anerbieten, eine Verbindlichkeit zu erfüllen, bei der ihre Zuneigung nicht mehr betheiligt war. Ueber⸗ wältigt von dem furchtbaren Schlage, der ihn getrof⸗ fen hatte, war der junge Offizier eine Zeit lang in einem an Verzweiflung gränzenden Zuſtand der Narr⸗ heit verſetzt, aus dem ihn der Eintritt Hinderſons erweckte, welcher ſich Charles mit einem offenen Brief in der Hand näherte, und mit einem gut geheuchelten Mitleid nach der Urſache des ungewöhnlichen Aus⸗ —— u A 8 —e8=nͤehàA—ͤ£ 221 ſehen ſeines Freundes fragte. Die einzige Aniwort war ein Blick auf das unſelige Dokument, das auf dem Boden lag. Nachdem er geleſen hatte, drückte er das größte Erſtaunen, das tiefſte Bedauern aus und fügte bei:„So iſt alſo die Wahrheit deſſen, was ich für ein leeres Gerücht hielt, beſtätigt. Eine Mit⸗ theilung, welche ich ſo eben von Plymonth erhalten habe, erwähnt, man habe Miß Mansfield in der letz⸗ ten Zeit viel an öffentlichen Orten geſehen, und zwar ſtets in Begleitung eines Herrn von ſehr großem Ver⸗ mögen und merkwürdig hübſchen Ausſehen. Es iſt auch geſagt, er habe ihr ſeine Hand angetragen und ihre Annahme hänge von einem Umſtande ab, der ſeinen Einzelheiten nach nicht allgemein bekannt iſt./ Die Entrüſtung ſiegte eine Zeit lang über den Kum⸗ mer, und unter dem Einfluß dieſes Gefühles ſchrieb Charles eine ſcharfe Antwort an diejenige, welche er bis jetzt nur in Ausdrücken der Zärtlichkeit und Ehr⸗ furcht angeredet hatte, und während er ſie einer Ver⸗ bindlichkeit enthob, welche offenbar verhaßt geworden war, machte er ihr zugleich bittere Vorwürfe über einen Wankelmuth, der ſo bald Bande zu zerreißen vermochte, welche einſt geheiligt und unaufloͤglich zu ſein geſchienen hatten. Sobald dieſer Brief abgefertigt war, überwäl⸗ tigte der Gram wieder den Geiſt des Schreibers und er verſank in einen Zuſtand ſolcher Verzagtheit, daß ſelbſt Hinderſon für die Folgen des Schrittes, den er unternommen hatte, zu zittern begann. Um dieſe Zeit fand man es nothwendig, ein Detaſchement nach der benachbarten Inſel St. Vincent zu ſchicken. Man ſtellte dem Oberkommandanten die körperlichen und geiſtigen Leiden Wentworths vor und machte ihn auf den Vortheil aufmerkſam, der demſelben aus der Ver⸗ änderung der Scene erwachſen dürfte und ſogleich erhielt Charles Befehl, das Detaſchement zu beglei⸗ 222 ten. Leicht verſchaffte ſich George die Verwendung in demſelben Dienſte. Einige Tage vor ihrer Einſchiffung erhielt der Letztere abermals einen Brief von ſeinem Korreſpon⸗ denten, welcher ihm mittheilte, der General und Miß Mansſield hätten Plymouth verlaſſen und eine Reiſe nach Italien angetreten, nach deren Beendigung letz⸗ tere mit ihrem neuen Liebhaber getraut werden ſollte. Als Grund des Ausfluges nach dem Feſtlande wird angegeben, die Lady ſcheute ſich, ſogleich nach der Auflöſung ihrer früheren Verbindlichkeit zum zweiten Male in der Eigenſchaft einer Verlobten zu erſchei⸗ nen. Es war jedoch nur der erſte Theil dieſer Kunde richtig; denn das wahre Motiv von Emily's und ihres Vaters Abreiſe hatte nichts mit dem Grunde gemein, den der wohlbezahlte Erfinder dieſer nieder⸗ trächtigen Lügen angab. Aber man hatte den unglück⸗ lich Bethörten der Verrätherei mit Erfolg blind gemacht, und er glaubte unbedingt Alles, was der verſchmitzte Bote zu behaupten beliebte, und wurde nun vollſtändig von der Treulofigkeit der von ihm Angebeteten überzeugt, deren ſcheinbar grauſame Ab⸗ trünnigkeit ihn an den Rand des Grabes gebracht und ſeine Geſundheit dergeſtalt untergraben hatte, daß er von einem ſchleichenden Fieber heimgeſucht wurde, welches, obgleich allgemein der Wirkung des Climas zugeſchrieben, in der That Folge außerordent⸗ licher geiſtiger Leiden war. Das von Barbadoes abgeſchickte Detaſchement hatte bereits drei Monate in St. Vincent ſeine Quartiere bezogen, ehe die Kräfte unſeres Helden genügſam wieder hergeſtellt waren, daß er mehr als eine kurze Fahrt ertragen konnte. Als ſeine Beſſerung etwgs raſchere Fort⸗ ſchritte machte, beſtand ſein Hauptvergnügen darin, daß er allein umherwanderte und die Schönheiten der Schöpfung auſtaunend, fand er ein zeitweiſes 223 Vergeſſen der traurigen Gedanken, die ihn beſtändig niederbeugten. Die balſamiſche Heiterkeit eines Abends unter dem tropiſchen Himmel hatte das Thema vieler poe⸗ tiſcher Geſänge gebildet und iſt in der Wirklichkeit kaum weniger ergötzlich, als dieß die lebhafteſte Ein⸗ bildungskraft zu ſchildern vermag. Nachdem man verſchiedene Stunden einer atmosphäriſchen Hitze von beinahe unerträglicher Gewalt ausgeſetzt war, wird die Luft allmälig kühler, bis auf das kaum merkliche Zwielicht die Königin der Nacht folgt, deren glän⸗ zende Strahlen hier in doppelter Pracht ſchimmern, als ob ſie für die Kürze der ‚bezaubernden Stunde⸗ entſchädigen wollten, welche von längerer Dauer in kälteren Breiten das Band zwiſchen dem Untergang eines leuchtenden Körpers und dem Aufgang eines andern bildet. An einem ſolchen Abend hatten ſeine einſamen Wanderungen Charles auf eine Anhöhe ge⸗ führt, welche eine ſchöne Ausſicht auf Kingſton, den Hafen, Fort Charlotte und viel umliegendes Land beherrſchte, als ſeine Betrachtungen plötzlich durch die Annäherung von Hinderſon unterbrochen wurde, der ſogleich über die erhabenen Reize von St. Vin⸗ cent zu ſprechen begann.„Mit Recht,“ ſagte er, „hat man St. Vincent in die Reihen der ſchönſten Antilleninſeln geſtellt. Betrachte nur dieſe Berge, wie fie ſich in mächtiger Größe viertauſend Fuß über den Spiegel der See erheben und auf ihren Höhen mit einer üppigen Vegetation gekrönt ſind, unter der der rieſige baumartige Farren*) beſonders ſichtbar wird. Die Stadt, wenn ſie auch wenige architekto⸗ niſche Anziehungspunkte bietet, iſt doch durch ihren eigenthümlich tropiſchen Charakter bemerkenswerth, der unter Anderem durch die grünen Jalouſien in das Auge fällt, welche hier ſtatt der Glasfenſter *) Dieſe Pflanze erreicht die Höͤhe von zwanzig Fuß. 224 gebräuchlich ſind.,—„Ich ſtimme ganz in Deine Bewunderung dieſer reizenden Inſel ein,“ erwiderte Charles,„und muß von nun an mich beſtreben, fie als meine zweite Heimath zu betrachten, da ich ent⸗ ſchloſſen bin, das Geſtade Englands nie mehr zu ſehen.“ „Hüte Dich vor raſchen Gelöbniſſen, Wentworth; Du haſt nicht nöthig, auf jede Hoffnung glücklich zu werden Verzicht zu leiſten, weil ſich ein Weib als untreu bewieſen hat. Es gibt in England noch viele, welche ſo ſchön ſind, als——.“—„Nenne ſie nicht,“ rief Charles haſtig aus; vich habe die Ehe ver⸗ ſchworen und werde mich nie mehr von einer Perſon dieſes falſchen Geſchlechtes hintergehen laſſen.“—„Du brauchſt die Liebe nicht zu verſchwören, wenigſtens nicht diejenige Art von Neigung, welche die oliven⸗ farbigen Frauen der Tropenländer einzuflößen fähig ſind,“ entgegnete George.„Sie haben warme Herzen und wohlwollende Gefühle und find bei aller Geneigt⸗ heit, eine Beleidigung oder Verletzung zu ahnden, äußerſt treu und anhänglich gegen diejenigen, welche ihre Zärtlichkeit verdienen.—„Auf was zielt dieſe Lobeserhebung ab?“ unterbrach ihn Charles mit einem trüben Lächeln.„Du wirſt mir doch wohl nicht eine Frau unter dieſer gemiſchten ungebildeten Rage empfeh⸗ len wollen?,—„Nein gewiß nicht, gewiß keine Frau,“ antwortete der Andere lachend.„Apropos, was denkſt Du von der kleinen Roſette, des alten Dorvilles Tochter; ſowohl ſie als ihr Vater erkundig⸗ ten ſich wiederholt nach Dir. Der Letztere wünſchte, wir möchten morgen früh hinausfahren und den Tag in Cane Hall zubringen. Die Veränderung dürfte erſprießlich für Dich ſein. Haſt Du gegen dieſen Plan eine Einwendung zu machen?, Hierauf erfolgte eine verneinende Antwort und es wurden demzufolge Vorkehrungen zu dem Ausfluge getroffen. Der Eigenthümer von Cane Hall war zur Zeit unſerer Geſchichte ein Pflanzer in blühenden Umſtän⸗ mut! erge Tu 225 den, bekannt durch grenzenloſe Gaſtfreundſchaft und außerordentliche Gutmüthigkeit. Er war auch ein freundlicher Gebieter und ſein Befitzthum eines der ſchönſt gelegenen der ganzen Inſel. Hiemit aber endigten ſich die vortheilhaften Umſtände ſeiner Lage und Stellung. Denn Herr Dorville, urſprünglich ein Menſch von niedriger Geburt und Erziehung, ſchloß ſich willig der entarteten, in Weſtindien vorherrſchen⸗ den Lebensweiſe an und ſeine braungelben Kinder, welche ihm eine Sklavin geboren hatte, waren erſt vor wenigen Jahren von der Dienſtbarkeit befreit worden, die ſie von ihrer Mutter geerbt hatten. Dieſe Kinder, welche auf der Pflanzung heranwuchſen, waren eben ſo unwiſſend und ungebildet, als die Neger, unter denen ſie wohnten. Ihr Vater hatte es nie für nothwendig erachtet, ihnen die Mittel zu einem geordneten Unterricht zu verſchaffen, obgleich er ſie ſchließlich zu Beſitzern ſeines Vermögens zu machen beabſichtigte. Roſette, die älteſte Tochter, war nun fünfzehn Jahre alt und obgleich ſelbſt für eine Mu⸗ lattin nicht gerade ſchön, konnte ſie ſich doch eines Paares funkelnder ſchwarzer Augen rühmen, welche beſonders glänzend unter dem zierlichen Turhan er⸗ ſchienen, der ihren Kopf ſchmückte. Dieſes Mädchen brachte oft mehrere Wochen bei einer Muhme zu, welche in der Nähe der Baraken wohnte und häufig von den Offizieren als Nähterin gebraucht wurde. Dabei verſtand die Letztere, wie die meiſten von ihrer Klaſſe, etwas von den Krankheiten des Landes und war für die Leidenden ſtets eine freundliche und ge⸗ ſchickte Pflegerin. In dieſer Eigenſchaft hatte Miß Molly unterſtützt von ihrer Nichte, den jungen Wend⸗ worth während ſeiner Krankheit gepflegt, und ſo wur⸗ den auch die andern Offiziere mit Roſette bekannt, welche ſie jedoch in ihren Aufmerkſamkeiten nicht er⸗ muthigte, ſondern einzig und allein dem Invaliden ergeben zu ſein ſchien, fuͤr welchen ſie ein täglich zu⸗ Tutti Frutti. II. 15 226 nehmendes Intereſſe kund gab, das, ob es gleich bei ſeinem Gegenſtande verloren ging, deſſen ungeachtet von ſeinem wachſamen Genoſſen beobachtet wurde, der aus dieſem Umſtande Nutzen zu ziehen beſchloß. Die Fahrt nach Cane Hall begann, wie dieß bei allen Ausflügen in warmen Breiten üblich iſt, vor Sonnenaufgang, und war trotz des etwas unebenen Zuſtandes der Wege äußerſt angenehm. Die Gegend, durch welche Charles und ſein Gefährte kamen, bot mancherlei anziehende Punkte tropiſcher Scenerie. Be⸗ ſonders reizend erſchien ihnen der Anblick von Collio⸗ quoa Bay und die ſchöne Gruppe der kleinen Inſeln, welche auf der Oberfläche des Waſſers zerſtreut lagen. Die größte derſelben war dick mit Grün bedeckt und auf dem höchſten Punkte ſtand ein kleines Gebäude, welches während des vorhergehenden Krieges ein Ser⸗ geant der Artillerie beſetzt hatte, indem man dieſe Stelle als eine wichtige Station anſah, da man von hier aus den Eingang der Bucht beherrſchte.*) Nach⸗ dem man Collioquoa verlaſſen hatte, fuhr man in zwei Stunden nach dem Eingang von Cane Hall, wo ein herzlicher Willkomm von Seiten des Eigen⸗ thümers, ein lächelnder von Roſetten und ein Früh⸗ ſtück, beſtehend aus allen Varietäten, welche dieſes Mahl in Weſtindien ſo kräftig machen, die Gäſte erwartete. Die entſittlichende Richtung der Sklaverei und ihre ſchädlichen Wirkungen auf die Geiſter ſowohl der Sklavenhalter als der Sklaven beweiſen ſich ſchon durch die laſterhaften Gebräuche, welche in denjenigen Ländern vorherrſchen, wo dieſes Syſtem beſtanden hat und deren anſteckender Einfluß in zahlreichen Fällen ſich eben ſo nachtheilig für die Moralität beweist, als vieß bei einem ungeſunden Klima für die körperliche *) Die mit großer Mühe auf die Höhe der kleinen Inſel während des Krieges gebrachten Kanonen befinden ſich noch daſelbſt. Geſundheit der Europäer der Fall iſt. Die Dorville⸗ Wirthſchaft bot ein ſchönes Muſter von vielen andern dar; nicht allein wie ſie vor zwanzig Jahren beſchaffen waren, ſondern wie ſie noch in dem gegenwärtigen Augen⸗ blicke beſchaffen ſind. Dle Ausbreitung religiöſer Grund⸗ ſätze und eine neue Ordnung der Dinge werden ohne Zweifel die Ueberwältigung der Laſterhaftigkeit bewerk⸗ ſtelligen; aber ſo tief eingewurzelte Uebel, deren Wachs⸗ thum eine lange Dauer begünſtigt hat, bedürfen der Zeit zur Ausrottung. Man darf nicht ſtaunen, daß junge Frauenzimmer, ohne beſtimmte Begriffe von Recht und Unrecht auf⸗ gezogen, es für keine Erniedrigung halten, wenn ſie in die Fußſtapfen ihrer Eltern treten. Roſette fühlte daher keine Gewiſſensbiſſe darüber, daß ſie ohne Rück⸗ halt eine ſtarke Zuneigung für den engliſchen Offizier an den Tag legte, obgleich ſie vollſtändig der Kluft bewußt war, welche Stellung und Umſtände zwiſchen ihnen befeſtigt hatten. Charles konnte jedoch nur Mitleid mit dem fühlen, was er ihre Bethörung nannte. Es war ihm unmöglich, an eine gegenſeitige Neigung da zu denken, wo gar kein Einklang der Gefühle ſtatt⸗ fand. Er hatte überdieß eine religiöſe Erziehung ge⸗ noſſen und ſein ſittliches Pflichtgefühl machte ihn vor der Idee zurückſchaudern, eine Verbindung zu ſchließen, welche gegen ſeine frühe eingeſogenen Grundſätze ſtrei⸗ ten würde. Aber es kam, als wollte ſie gegen ihren heilſamen Einfluß wirken, die Erinnerung an die bit⸗ tere Enttäuſchung in ihm zurück, die ihn zu einer frei⸗ willigen Verbannung aus ſeinem Vaterlande veran⸗ laßt hatte, und er fuͤhlte ſtärker als je die große Ver⸗ einzelung ſeiner Lage, als er wieder in dem Fort ein⸗ quartirt, jene kleinen, aber wohlthuenden Aufmerkſamkei⸗ ten vermißte, die er in Cane Hall zu empfangen gewohnt war. Dieſe vorübergehende Unzufriedenheit möchte indeß verſchwunden und Charles zu einem glücklicheren Zuſtande des Geiſtes derüfgekeyrt ſein, wäre ſein 228 verſchmitzter Feind nicht ſtets bei der Hand geweſen, die Flamme anzufachen, und es wurde durch deſſen Machinationen, unterſtützt durch ein nur zu nachgie⸗ biges Temperament ſeines Opfers endlich das erſehnte Reſultat hervorgebracht. Roſettens Vater ſetzte den Wünſchen ſeiner Tochter kein Hinderniß entgegen. Wenn ſie Lieutenant Wentworth einem Gatten ihrer Farbe vorzöge, bemerkte er, ſo hielte er es für über⸗ flüſſig, ihr in dieſer Hinſicht in den Weg zu treten, und er fügte bei, ſie könnte ſtets auf der Pflanzung wohnen, welche nun auch der Aufenthaltsort von Charles wurde, wenn er nicht im Militärdienſte ab⸗ weſend ſein mußte. Wir übergehen mehr als ein Jahr des Unglücks und der Selbſtvorwürfe auf Seiten unſeres Helden, der nach Ablauf dieſer Zeit einen neuen Charakter erhielt, einen Charakter, welcher unter günſtigeren Umſtänden mit Zufriedenheit und Freude aufgenommen worden wäre, nun aber nur als eine Anhäufung der Sorgen betrachtet wurde. Und Wochen wuchſen zu Monaten heran, ehe die Strahlen väterlicher Liebe ſich in ſein Herz ſtahlen; aber einmal erweckt, wie tief, wie innig war das Gefühl! Stunden lang betrachtete er ſeine unſchuldige kleine Tochter, und hoffte, ſie wenigſtens werde er ohne Vorwurf oder Furcht lieben können. Die Zeit ſchwand hin und die kleine Emily ging von dem erſten Stadium der Kindheit in das intereſſante Alter eines geſcheidten vierjährigen Mädchens über. Der Name, den ihr Kapitän Wentworth im Andenken an ein Weſen gegeben hatte, das er, beinahe ſeiner unbewußt, immer noch mit einer zärtlichen Theilnahme umfaßte und die kindliche Anmuth und Schönheit, welche ſich bereits bei der Kleinen entwickelte, wurde natürlich von dem Auge der Liebe mit entzücktem Stolze betrachtet. Kapitän Hinderſon, der wie ſein Kamerad nun⸗ mehr zum Führer einer Kompagnie vorgerückt war, 22²9 hatte mittlerweile England in der beſonderen, wenn auch nicht zugeſtandenen Abſicht beſucht, General Mans⸗ fields Tochter ſeine Hand anzutragen. Als er aber in Plymouth ankam, fand er Mansfield⸗Houſe ver⸗ laſſen und ſeine letzten Bewohner waren immer noch auf einer Reiſe nach Italien abweſend. Der jungen Lady Geſundheit hatte bedeutend durch die Wirkungen einer fehlgeſchlagenen Hoffnung gelitten und machte die Veränderung des Klimas durchaus nothwendig. Obgleich in ſeinen eigenen Plänen ſcheiternd, ver⸗ fehlte Hinderſon doch nicht, das, was er in Erfahrung gebracht hatte, zu benützen, und theilte Charles bei ſeiner Rückkehr nach Weſtindien mit, der begünſtigte Liebhaber von Miß Mansfield habe ſich ebenfalls treu⸗ los gezeigt und ſie ſuche fich nun von ihrem Kummer in den heiteren Kreiſen von Rom zu erholen. Nach Ablauf von zehn Jahren kehrte das— Re⸗ giment in die Heimat zurück, aber ohne Kapitän Wentworth, deſſen einzige Sehnſucht, die Küſten Brit⸗ tanniens wieder zu beſuchen, mit dem Tode ſeines Vaters aufgehört hatte, und deſſen einziger Troſt in dem Gedanken lag, daß des ehrwürdigen Mannes letzte Tage nicht durch die Kenntniß von ſeiner Lage verbittert worden waren. Die Brüder ſchrieben ſich nur ſelten und es waren eine Zurückhaltung und eine Förmlichkeit in den Mit⸗ theilungen des Jüngern bemerkbar, wodurch dieſelben nur wenig Intereſſe boten. Der ehrwürdige Herr William Wentworth war nun der geachtete Geiſtliche einer großen Gemeinde und der glückliche Gatte einer liebenswürdigen Gefährtin. So vereinzelt und entfremdet, widmete Charles jeden Gedanken nur ſeiner jungen Tochter, welche ſich raſch dem Alter näherte, wo eine Entfernung aus der Geſellſchaft, in der ſie lebte, dem Vater im höchſten Maße wünſchenswerth erſcheinen mußte. Auch hatte das Clima bereits angefangen, ſeine ſchädliche Wir⸗ 230 kung auf ihr Aeußeres hervorzubringen, was den be⸗ ſorgten Vater noch mehr beſtimmte, ſeine kleine Emily der Sorge von Kapitän Hinderſon anzuvertrauen, welcher im Begriffe war, mit dem Regimente nach England abzugehen, von wo ſie in eine Schule in Brüſſel gebracht werden ſollte. Sinderſon hatte ſich nicht ſobald dieſer Aufgabe entledigt, als er nach Italien eilte, wo es ihm endlich gelang, den Aufenthaltsort von General Mansfield zu entdecken, der eine kleine aber zierliche Villa in der Nähe von Rom bewohnte. Die erſte Erſcheinung dieſes unerwarteten Gaſtes verſetzte die Bewohner der Villa in einen Zuſtand großer Unbehaglichkeit, denn offenbar rief er ſchmerz⸗ liche Erinnerungen in ihnen hervor. Hinderſon ſtellte ſich jedoch, als ob er ſich deſſen ganz unbewußt wäre und gab an, er habe in der Nachbarſchaft umherſtrei⸗ fend den Namen Mansfield gehört; dabei habe er nun dem Verlangen nicht wiederſtehen können, ſich zu über⸗ zeugen, ob es dieſelbe Familie wäre, mit der er einſt bekannt zu ſein die Ehre gehabt habe. Nachdem er ſo auf eine glaubwürdige Weiſe ſeine Anweſenheit gerechtfertigt hatte, brachte er mit bewun⸗ derungswürdiger Gewandtheit eine Menge intereſſanter Gegenſtände zur Sprache und es gelang ihm ſo voll⸗ ſtändig, des Generals ehemalige Vorliebe für ihn wieder zu beleben, daß man ihm zuvorkommend er⸗ laubte, ſo viel Zeit in der Villa zuzubringen, als ihm angenehm ſein dürfte.. „So weit iſt Alles nun in Ordnung,“ dachte George, als er langſam nach Rom zurückritt,„und ich habe wenigſtens die Präliminarien zur Erreichung meines längſt gehegten Zweckes genommen, aber wo iſt die leidenſchaftliche Bewunderung, welche zuerſt bei der Verfolgung meines Planes als Hebel diente? Ver⸗ ſchwunden, völlig verſchwunden mit den Reizen, die ihr Urſprung verliehen.., 231 Emily Mansfield war in der That der Emily einer andern Zeit ſehr unähnlich. Der Kummer hat frühzeitig ihre einſt ſtrahlende Schönheit umwölkt und die Blüthe und Heiterkeit der Jugend waren von ihr geſchieden. „Seine Liebe war keine, welche den Verluſt per⸗ ſönlicher Reize überlebte. Wenn er aber bedachte, daß dieſe ganze Verheerung durch ſeine Schuld bewirkt worden war, ſo ſchlug ihn das Gewiſſen und er be⸗ ſchloß dennoch, wenn es möglich wäre, ihre Hand zu erhalten, für deren Beſitz er Jahre des geiſtigen Frie⸗ dens, Freundſchaft, Ehre und Alles geopfert hatte, was für einen Mann werthvoll ſein kann. Kapitän Hinderſon brachte nun den größeren Theil jedes Tages in der Villa zu. Seine Geſellſchaft ſchien für den General unentbehrlich, während ſeine ange⸗ nehme Unterhaltung und die lebhaften Sprünge ſeines Geiſtes zuweilen ein mattes Lächeln auf dem nachden⸗ kenden Antlitz von Emily hervorriefen, in deren Ge⸗ genwart er ſich ſorgfältig auch der leiſeſten Anſpielung auf Charles und ſein Benehmen enthielt, während ſich George durchaus nicht derſelben Zurückhaltung gegen den Vater befleißigte, dem er Kapitän Wentworth als einen Menſchen zu ſchildern bemüht war, der auf eine hartnäckige Weiſe trotz allen Vorſtellungen ſeine ausſchweifende Lebensart fortgeſetzt und von Roſette verblendet, jede andere Verpflichtung vergeſſen hätte. Dieſer künſtlichen Entſtellung fügte er die Thatſache der Unterbringung ſeines Kindes in einer Lehranſtalt auf dem Continent bei. Einige Monate ſchwanden auf eine angenehme Weiſe hin. Die kleine Geſellſchaft machte während dieſer Zeit von der Villa verſchiedene Ausflüge unter die ſchönen Scenen, von denen ſie umgeben war. Und wer hat je das klaſſiſche Gebiet Italiens durchwandert, ohne ſich von der ganzen Begeiſterung ſeiner Natur erfaßt zu fühlen, wenn er denſelben Boden betrat, 232 auf dem einſt die Füße der Helden einhergeſchritten waren, wenn er den Sitz mächtiger Kaiſer und den Geburtsort erhabenſter Geiſter beſuchte! Wie mächtig blühten die Geſchwiſterkünſte, Ma⸗ lerei und Bildhauerei, in Italien, und halfen ſeine geiſtigen Vorräthe bereichern. Macht, Talent, Reich⸗ thum, Ehre und Ruhm waren insgeſammt ſein Eigen⸗ thum obwohl man Alles dieß jetzt nur noch in den Annalen der Vergangenheit findet. Solche Reflexionen durchziehen natürlich den Geiſt des Reiſenden, wenn er bei jedem Schritte ein Memento untergegangener Größe findet. Für Kapitän Hinderſon und ſeine Gefährten waren dieſe Scenen voll Intereſſe, ſie dienten ihnen zur Belehrung, zu Läuterung ihres Geſchmacks und boten ſomit manch⸗ faltige Anziehungspunkte. Als hinreichend Zeit vorübergegangen war, und er ſich, wie er glaubte, der guten Meinung Emily's verfichert hatte, beſchloß George ſeinen Zweifeln ein Ende zu machen, und er bat ſie, ſeiner Bitte um ihre Hand zu entſprechen, nachdem er ſich zuvor mit großer Beredtſamkeit über die Stärke und Ergebenheit der Neigung, die ſie ihm eingeflößt, verbreitet hatte. Eine freundliche, aber entſchiedene und würdevolle Zurück⸗ weiſung überzeugte ihn, daß er nichts zu hoffen hatte. Er ſprach ſich gegen den General über den Kummer aus, den ihm dieſe Ueberzeugung bereitete, der alte Herr nahm innigen Antheil daran, wollte aber keinen Verſuch machen einen Einfluß auf den Entſchluß ſeiner Tochter auszuüben, wonach Hinderſon ſich haſtig von Italien verabſchiedete und bald darauf ſich mit dem neuen Regiment in Verbindung ſetzte, das nach Bar⸗ badoes abgeſchickt wurde.. Wir müſſen einen Zeitraum von ſechs Jahren übergehen, der ſich durch kein Ereigniß von irgend einer Bedeutung für die handelnden Perſonen unſerer kleinen Geſchichte auszeichnete, als an einem ſchönen Morgen nach Ablauf dieſer Periode ein offener, ſtatt⸗ licher Wagen vor dem Thore eines großen Gebäudes in der unmittelbaren Nachbarſchaft von Brüſſel an⸗ hielt. Ein Herr ſtieg aus, trat in das Haus ein und erklärte die Abſicht ſeines Beſuchs, und nach wenigen Minuten flog ein hübſches Mädchen von etwa fünfzehn Jahren in die Arme von Major Wentworth. Emily hatte gerade das Alter erreicht wo die Jugend auf der Schwelle der Weiblichkeit pauſtrt und ſich die Un⸗ ſchuld des Kindes unmerklich mit dem Bewußtſein und der Anmuth ſpäterer Jahre vermiſcht. Sie hatte die Verſprechungen ihrer Kindheit vollſtändig verwirklicht und ihr zartes von Verſtand ſtrahlendes Antlitz bot ein wahres Inhaltsverzeichniß der geiſtigen Eigen⸗ ſchaften ſeiner Beſitzerin. Zärtlich und ſtolz ſchaute der Vater auf die lieb⸗ liche Tochter, entſchloſſen, ſein Leben von nun an der Förderung ihres Glückes zu widmen. Da jedoch ihre Erziehung noch nicht vollendet war, ſo wurde es ſo angeordnet, daß ſie noch zwei weitere Jahre in Brüſſel bleiben ſollte. Wie wenig konnten beide die Ereig⸗ niſſe vorherſehen, welche ſich in deeſen zwei Jahren entwickelten!— Die geiſtige Richtung unſer jungen Heldin hatte bereitwillig die Erwerbung nützlicher Kenntniſſe und zahlreicher Fertigkeiten zugelaſſen, während ſie ein natürlicher Scharfſinn, verbunden mit Feſtigkeit der Grundſätze, fähig machte, zwiſchen Wahrheit und Irr⸗ thum zu unterſcheiden und mit allem Eifer einen reineren Glauben zu umfaſſen als man gewöhnlich auf dem Feſtlande von Europa bekennt. Stolz, wenigſtens derjenige Grad, welchen man richtiger Selbſtachtung nennt iſt eine lobenswerthe und erhebende Eigenſchaft, wird aber tadelnswerth, ſobald er die vorgeſchriebenen Gränzen überſchreitet. In Emily's Charakter über⸗ ſchritt dieſes Gefühl die Gränzen einigermaßen und da die Aufmerkſamkeit ihrer Lehrerin mehr auf dem 234 Anbau ihres Geiſtes, als auf die Verbeſſerung der Mängel ihres Gemüths gerichtet war, ſo ließ man dieſes vereinzelte Unkraut beinahe unbeachtet mitten im Blumenſtücke aufwachſen. Seine Tochter zu Fortſetzungihrer Studien in Brüſ⸗ ſel zurücklaſſend, begab ſich Major Wentworth nach der Heimat ſeiner Kindheit, aber Wenige erkannten hier in dem Manne von mittlerem Alter, in dem ſonnver⸗ brannten Offizier den Aufſprößling, welcher er acht⸗ zehn Jahre vorher geweſen war, und Alles ſchien ihm ſo verändert, daß er mit einem traurigen Lebewohl an das Grab ſeines Vaters von einem Orte wegeilte, der für ihn nur mit ſchwermüthigen Beziehungen er⸗ füllt war. In der Pfarre des ehrwürdigen William Wentworth wurde er mit brüderlicher Zärtlichkeit be⸗ grüßt. Der Friede ſchien der beſtändige Hausgenoſſe dieſer glücklichen Wohnſtätte zu ſein, wo er Mongte in der Ruhe des Familienlebens genoſſen haben dürfte, aber der Contraſt mit ſeiner eigenen Lage war zu ſchmerzlich, und die Scham, welche ihn abhielt, das Vorhandenſein eines geliebten Kindes deſſen nächſten Verwandten zu geſtehen, machte ihm einen längeren Aufenthalt unter ihrem freundlichen Dache unerträglich. Ein unbeſtimmter, kaum erklärlicher Wunſch, noch einmal den Schauplatz ſeiner erſten Liebe zu ſehen, beſtimmte Major Wentworth Plymouth zu beſuchen, ehe er ſich mit ſeiner Tochter in irgend einem Theil des Feſtlandes für immer niederlaſſen würde. Ermüdet durch eine lange Fahrt ſtieg unſer Reiſender in dem erſten Gaſthofe der Stadt ab, und war einigermaßen erſtaunt, als man ihn in daſſelbe Zimmer führte, das er häufig am Anfange ſeiner militäriſchen Laufbahn bewohnt hatte. In ſchwermüthige Gedanken verloren, bemerkte er den Eintritt des Wirthes nicht, aber als er aufſchaute, konnte er ohne Schwierigkeit, obgleich ſich des alten Mannes Locken in Silber verwandelt hatten, in ihm dieſelbe Perſon erkennen, welche damals die Wirthſchaft führte. Nachdem der Major einige Befehle gegeben hatte, fing er an, den Greis über die Verhältniſſe verſchiedener Familien zu befragen, die er früher gekannt hatte. Zuletzt, als geſchehe es zufällig, erwähnte er auch des Namens Mansfield. „Ach, Sir, das iſt eine traurige Geſchichte. Der Ge⸗ neral war hier ſehr geachtet und viele, die ihn Jahre lang nicht geſehen haben, werden morgen eine Thräne über ſeinem Grabe weinen.“ „Ueber ſeinem Grabe?, wiederholte Charles, viſt denn General Mangfield todt?,—„Ja, Sir, er ſtarb in Italien, und Miß Mansfield iſt ſo eben mit ſeinen irdiſchen Ueberreſten zurückgekehrt, welche in der Fami⸗ liengruft begraben werden ſollen. Es war eine trüb⸗ ſelige Reiſe für die arme Lady, aber es ſcheint ihr in allen Dingen ſchlecht ergangen zu ſein, ſeitdem ſie jene grauſame Treulofigkeit erfahren mußte.“⸗ In einer vor Aufregung kaum vernehmlichen Stimme fragte ſein Zuhörer nach dem Namen des Herrn, mit dem ſie verlobt geweſen wäre, beifügend: „Ich glaube, er war ſehr wohlhabend!,—„Keines⸗ wegs, Sir, es war ein Offizier ohne Vermögen, der ſich mit ſeinem Regimente von hier nach Weſtindien einſchiffte, wo er ſich einer ausſchweifenden Lebensweiſe hingab, und Miß Emily böslicher Weiſe im Stiche ließ. Entſchuldigen Sie mich, daß ich ſo warm in Gegenwart eines Fremden ſpreche; aber ich habe ſie ſeit ihrer Kindheit gekannt und kann meinen Gefühlen nicht immer Zwang anthun, wenn ich an die üble Behandlung denke, die ihr widerfahren iſt. Ueberdieß iſt meine Tochter in der Familie aufgezogen worden und lebt noch mit derſelben.“ Vergeblich würde man ſich bemühen, die verſchie⸗ denen und widerſtreitenden Gefühle auseinander zu ſetzen, welche dieſe Kunde in dem Innern von Major Wentworth erregte. Entweder war die Geſchichte er⸗ dichtet, um Miß Mansfields Unbeſtändigkeit zu beſchö⸗ 236 nigen, oder man hatte einen plumpen unverantwort⸗ lichen Betrug verübt. Jedenfalls beſchloß er, die Wahrheit zu ergründen, wie ſchmerzlich auch die Ent⸗ deckung ſein möchte. Er erinnerte ſich nun ganz wohl, daß Anna Mills die Lieblingsdienerin von Emily geweſen war, und an ſie gedachte er ſich zu wenden, um eine Auflöſung des Geheimniſſes zu erhalten, ſobald es die Umſtände, nachdem das Leichenbegängniß vorüber wäre, geſtatten würden. Viele Thränen geleiteten allerdings die Proceſ⸗ ſion, welche General Mansfield nach der Gruft ſeiner Ahnen brachte; aber zwei Menſchen waren anweſend, deren Gram bei Weitem den der andern überbot. Die eine Perſon war eine Dienerin, welche lange einen Theil des Haushaltes gebildet hatte; ihre Seuf⸗ zer erregten daher mehr Mitleid als Staunen; der andere Leidtragende war unbekannt, da er ſich gänz⸗ lich in die weiten Falten eines langen ſchwarzen Man⸗ tels gehüllt hatte. Bald nach dieſem Ereigniß erlangte Wentworth durch die Vermittlung ihres Vaters die gewünſchte Zuſammenkunft mit Anna, welche jedoch keine Erinne⸗ rung an ihn kund gab. Als er ſich aber in ihr Ge⸗ dächtniß zurückrief, da drückte ſie in heftigen Worten die Entrüſtung aus, welche in ihr die vermeintliche Treuloſigkeit ſeines Benehmens erzeugt hatte. Es er⸗ folgte eine lange und peinliche Erklärung. Der unſe⸗ lige Brief, welcher zwei zärtliche Herzen getrennt hatte, wurde vorgebracht. Die treu ergebene, wenn auch niedrige Freundin von Emily bezeichnete ihn ohne Zögern als eine Fälſchung. Sie ſuchte ſodann kurz den Inhalt verſchiedener Briefe auseinander, welche dem Scheine nach von ihm an ihre Gebieterin gerichtet waren, und beſchrieb den Styl dieſer Briefe als ſtufenweiſe, von ſorgloſer Flatterhaftigkeit zu gänzlicher Gleichgültigkeit über⸗ gehend, bis endlich eine Mittheilung eintraf, in wel⸗ cher er ſeine gänzliche Anhänglichkeit an eine bezau⸗ bernde Brünette und den daraus hervorgehenden Ent⸗ ſchluß erklärte, Weſtindien nie mehr zu verlaſſen, wenn nicht Emily auf der Erfüllung ihrer gegenſeitigen Verbindlichkeit beſtünde; was er ſie ihres eigenen Glückes wegen nicht zu verſuchen inſtändig bat. Dieſe Angabe wurde in der Folge durch Kapitän Hinderſon bekräftigt, der mehrere Monate mit ihnen in Italien zugebracht habe. Ein neues Licht ſchien den Geiſt von Major, Wentworth zu erleuchten. Es beſtärkten ihn darin mehrere früher unbeachtete Vorfälle und ſogleich nannte er dieſen verrätheriſchen Freund als den Urheber ſeines ganzent Unglücks. Aber es unterlag großen Schwierig⸗ keiten, die Thatſache zu beweiſen. Der erſte Schritt, den er zu thun hatte, war, daß er Miß Mansfield um eine Zuſammenkunft bitten mußte; ein Schritt, den ihre Dienerin für den Augenblick als unmöglich er⸗ klärte, während ſie jedoch verſprach, den Gegenſtand Miß Emily vorzutragen und ihre Lady zu Bewilligung der Bitte zu veranlaſſen. Ein unerwartetes Ereigniß erleichterte die Erfüllung ſeiner Wünſche und ver⸗ ſchaffte Major Wentworth bald eine Aufforderung, in Gegenwart von Miß Mansfield zu erſcheinen. Jahre und der unglückliche Gang der Begeben⸗ heiten, welche ihren Fortgang bezeichnet hatten, ſchienen ſpurlos verſchwunden, als die Hand des einzigen Wei⸗ bes, das er je geliebt, noch einmal in der ſeinigen lag und beide waren einige Minuten unfähig zu ſpre⸗ chen. Emily gewann zuerſt wieder etwas Faſſung, nöthigte ihren Gaſt zu ſitzen und belehrte ihn, daß ſie am Tage zuvor mit der Poſt ein Paket erhalten hatte, in welchem der Betrug, den man an ihm begangen, geoffenbart war.„Sein Urheber, der Schreiber des Documents,“ fuhr ſie fort, viſt vor einem Jahre ge⸗ ſtorben, aber in ſeinen letzten Stunden bat er, das 238 Bekenniniß des Sterbenden möchte unmittelbar nach meiner Ankunft in England an mich überſchickt wer⸗ den. Ihnen übergebe ich die Erzählung des grauſamen, ſchändlichen Verfahrens, durch welches wir zu gegen⸗ ſeitigem Mißtrauen gebracht wurden; obgleich erleuchtet über dieſen Punkt, vermögen wir doch die Wirkungen früherer Täuſchung nicht ungeſchehen zu machen und wir müſſen uns mit dem Bewußtſein begnügen, daß wir Beide von der falſchen Vermuthung frei geſprochen ſind, welche lange auf uns laſtet. Und nun,“ fügte ſie bei,„und nun ſage ich Lebewohl.“—„Nicht Le⸗ bewohl, nur Gute Nacht, Miß Mansfield, gönnen Sie mir wenigſtens die Hoffnung, Sie noch einmal zu ſehen.“ Eine kaum hörbare Bewilligung wurde ertheilt. Major Wentworth eilte nach ſeinem Zimmer zurück, und fing an haſtig das ſchnell geöffnete Paket zu durchleſen. Es enthielt, wie man ſich denken mag, verſchiedene aufgefangene Briefe und⸗Copien von fal⸗ ſchen Briefen, wobei die Handſchrift ſo genau und pünktlich nachgeahmt war, daß ſich der Betrug unmög⸗ lich entdecken ließ. Der Schreiber nannte Hinderſon als denjenigen, welcher ihm Auftrag hiezu gegeben hatte, ſetzte die Mittel auseinander, die von ihm zu Erreichung dieſes Zieles angewendet worden waren und erklärte endlich, er könnte die Welt nicht verlaſſen, ohne ſeine Seele von dieſer ſchweren Schuld zu entlaſten. Wentworths Entrüſtung gegen den niederträchtigen Anſtifter eines ſolchen beiſpielloſen Verrathes, der auf dieſe Art geoffenbart wurde, war gränzenslos, und er drückte bei der nächſten Zuſammenkunft mit Emily die Bitterkeit ſeiner Gefühle aus, welche dieſe mit mildem Herzen zu ſänftigen ſuchte, indem ſie die chriſtliche Pflicht des Vergebens, ſelbſt in Fällen wie der gegen⸗ wärlige, wo der Groll mit Recht erregt war, hervor⸗ hob.„Ich weiſe Ihre freundliche Ermahnung nicht zurück,, erwiderte er; ich werde mich bemühen, zu 239 vergeben; aber ⸗in der Erinnerung an eine ſolche Ver⸗ letzung wird die Aufgabe äußerſt ſchwierig ſein, und Sie müſſen mir mit liebevollem Beiſpiel vorangehen.“" —„Es iſt mein Wunſch, dieß zu thun und glauben Sie mir, ich fühle in meinem Innern mehr Kummer als Groll gegen ihn.“—„Können Sie dann Ihre Vergebung nicht auf einen andern Verbrecher ausdeh⸗ nen, mit deſſen Irrthümern Sie nun bekannt ſind und ihn ferner mit Ihrem Vertrauen und Ihrer Theil⸗ nahme beehren?“—„Major Wentworth mag immer über meine Freundſchaft gebieten,“ war die Antwort, während ſich über das bleiche Geſicht der Sprecherin eine vorübergehende Glut ergoß;„da wir jedoch uns nicht mehr der ſchönen Zeit der Jugend mit einander erfreuen können, ſo wäre es eine Thorheit, an irgend ein anderes zwiſchen uns beſtehendes Band zu denken.“ —„Nicht ſo, meine Theuerſte, die Zeit und die Freu⸗ den der Jugend ſind allerdings vorüber, aber der Mittag und der Abend des Lebens haben auch ihre Freuden, wie ihre Sorgen; warum ſollten wir dieſe nicht theilen?⸗ Dieſer Vorſchlag führte zu verſchiedenen Gründen und Gegengründen auf beiden Seiten und die Unter⸗ redung endigte damit, daß Miß Mansſield einwilligte, wenn das Trauerjahr für ihren Vater vorüber wäre, die Hand eines ſchuldigen, aber in treuer Liebe er⸗ gebenen Freundes anzunehmen. Die einzige Strafe, welche ſie, als gegen ihren gemeinſchaftlichen Feind, zur Vollſtreckung zuließ, ſollte darin beſtehen, daß man ihm in ſcharfen Ausdrücken das Ungeheuere ſeines Benehmens vorſtellen und ihn ermahnen würde, durch aufrichtige Reue ſeine Dank⸗ barkeit gegen diejenigen, welche er ſo tief verletzt hatte, dafür auszudrücken, daß ſie ihn nicht der wohl⸗ verdienten Schmach blos ſtellten.„Wenn dieß,“" be⸗ merkte fie,„keine Gewiſſensbiſſe in ihm rege macht, ſo wären auch härtere Maaßregeln gleich wirkungslos.⸗ 2 240 Der raſche und unvorhergeſehens Gang der Er⸗ eigniſſe, wodurch eine längſt unter der Kruſte von Argwohn und Mißtrauen verborgene Neigung wieder hervorgerufen worden war, die Freude bei der Ent⸗ deckung, daß ihn der Gegenſtand ſeiner jugendlichen Anbetung nie hintergangen hatte, verbannte auf einige Zeit alle andern Erinnerungen aus dem Geiſte von Major Wentworth; aber mögen die Gefühle eines Vaters auch unter beſonderen Umſtänden eine Weile paffiv erſcheinen, ſo werden fie doch nicht ganz erſtickt, und ſeine Beſorgniſſe hinſichtlich der Unterbringung der jüngeren Emily wurde ungemein peinigend, als die Zeit heran nahte, wo ſie die Schule verlaſſen ſollte. Die Erwähnung ihres Vorhandenſeins gegen Miß Mansfield wäre eine Zerſtörung ſeiner wieder geborenen Hoffnungen geweſen, ſo daß ein mächtiger leidenſchaftlicher Kampf zwiſchen der Liebe eines Va⸗ ters und einer Zuneigung entſtand, welche Jugend, Hoffnung, Schönheit und Alles überlebt hatte, was zu Erhaltung ihres Beſtandes als nothwendig erſchien. Solche Strafen ſind das unvermeidliche Reſultat einer Abweichung vom Pfade der Tugend. Die Natur trat in den Hintergrund. Den Verluſt ſeines wieder er⸗ oberten Schatzes zu wagen, war ihm unmöglich und er beſchloß, ſeine Tochter für den Augenblick nach St. Vincent zu ſchicken, wohin er ſogleich ſchrieb, mit der Bitte, alle Anordnungen zu treffen, ihre Lage dort ſo angenehm zu machen, als es die Umſtände er⸗ lauben würden, indem er zugleich ſeine eigene Abſicht kund gab, nie mehr Weſtindien zu beſuchen. Um das Kind zu umarmen, von dem er ſich zu trennen im Begriffe war, kehrte Major Wentworth noch einmal nach Brüſſel zurück. Achtzehn Monate hatten die natürlichen und an⸗ gebildeten Reize von Emily beträchtlich vermehrt und er ſeufzte bei dem Gedanken, daß er die liebenswür⸗ dige Geſtalt gewiſſermaßen opfern müßte, um ſein 241 eigenes Glück und ſeinen eigenen Ruf zu ſichern. Völlig unbekannt mit ihrer und ihrer Verwandten wirklichen Lage, nahm unſere Heldin den Wechſel in ihrer Beſtimmung nicht mit dem Widerſtreben auf, das ſie ſonſt kund gegeben haben dürfte. Das größte Uebel, welches ihrer Anſicht nach hieraus hervorgehen müßte, war ihre Trennung von dem Vater; aber ſie wurde in dieſer Hinſicht dadurch getröſtet, daß er ihr die Rückkehr nach England verſprach, wenn Angelegen⸗ heiten von Belang, deren Natur für jetzt keine Aus⸗ einanderſetzung zuließe, zum Abſchluß gekommen wären. Da die Anweſenheit von Major von Wentworth in London in Betreff der Erlangung einer Obriſtlieute⸗ nantsſtelle vor ſeiner Verheiratung nothwendig war, ſo trennten ſich Vater und Tochter in gegenſeitigem Schmerz, in einem Schmerz, der jedoch auf ſeiner Seite eine Beimiſchung von Gewiſſensbiſſen und Selbſt⸗ vorwürfen hatte. Nach Ablauf der feſtgeſetzten Friſt kam Miß Mans⸗ field in dem Wohnſitze ihres mütterlichen Oheims, Sir James Parkinſon an, und von dieſem zierlichen Gebäude in Grosvenorſquare ging der am Anfang dieſer kleinen Erzählung erwähnte Brautzug nach St. James's Church, wo in der Umgebung von Freunden die Gelübde zweier längſt einander entfremdeter, aber endlich durch Bande, welche nur der Tod trennen ſollte, wieder mit einander verbundener Weſen ausge⸗ tauſcht wurden. Wir laſſen den Oberſten und ſeine Neuvermählte ihre Fahrt nach den Seen von Schottland unterneh⸗ men und bei ihrer Rückkehr die Ruhe von Mansfield⸗ houſe genießen, und folgen dem Schickſale unſerer jungen Heldin, welche ſich bald nach dem oben er⸗ wähnten Ereigniſſe unter der Obhut von Kapitän und Miſtreß Gilbert an Bord des für St. Vincent be⸗ ſtimmten Nautilus einſchiffte. Von allen ihren Jugendgeſpielinnen getrennt und Tutti Frutti. II. 16 242 von den gewöhnlichen unangenehmen Präliminarien einer Seereiſe heimgeſucht, bedurfte Emily einiger Tage, ehe ſie ſich mit ihrer neuen Lage auszuſöhnen vermochte. Die einzigen Paſſagiere außer ihr waren die Frau und die Tochter eines Civilbeamten, welche nach ihrem Wohnorte auf St. Vincent zurückkehrten. In der jüngeren von dieſen zwei Damen, einem an⸗ ziehenden, freundlichen Mädchen von neunzehn Jah⸗ ren, fand ſie eine angenehme Gefährtin, und als das Land nach und nach aus ihren Blicken zurückwich und ihr kleines Fahrzeug allein auf dem weiten Ocean zu ſchwimmen ſchien, betrachteten ſie mit einander in ſtillem Staunen alle die Wunder der mächtigen Tiefe, wie ſie abwechſelnd bewegt wurde von der Heftigkeit des Sturmes und der Wuth widerſtreitender Elemente und dann wieder zu einer Ruhe zurückkehrte, welche das auserwählte Element des Friedens zu ſein ſchienen. Wer hat je den Sonnenuntergang auf der See geſehen und nicht die unbeſchreibliche Vollkommenheit der Werke der Natur gefühlt. In den Tropenländern iſt dieſer Anblick beſonders ſchön, denn er wird erhöht durch die wechſelreichen und ſtrahlenden Tinten, welche am Abend das Firmament bedecken. Dieſe herrlichen Gegenſtände, welche ſie jetzt zum erſten Mal ſah, wurden von unſerer Heldin mit offener Begeiſterung betrachtet, während ihr das Sinnreiche in dem kom⸗ plicirten Mechanismus eines Schiffes, der wunder⸗ vollſten Arbeit menſchlicher Kunſt, eine weitere Quelle anziehender Forſchungen bot. Eine erſte Reiſe hat ihren Zauber wie jede Neu⸗ heit. Sie führt uns in die großartigſten Scenen der Schöpfung ein und die Eintönigkeit, welche ſich durch längeres Vertrautſein erzeugt, vermiſcht ſich nicht mit unſern urſprünglichen Eindrücken. 1 Für Emily war Alles ergötzlich und mit Hülfe von Büchern, Mufik und der Geſellſchaft von Marie Willis flogen die Wochen raſch dahin, und jeder Tag —— 243 verſtärkte die gegenſeitige Zuneigung unſerer zwei jungen Freundinnen, welche, als die Fahrt ihrem Ende nahe war, ſich mit der Ausmalung des Glückes belu⸗ ſtigten, das ſie mit einander am Lande genießen ſollten. Aber dieſe Träume jugendlicher Glückſeligkeit waren für eine kurze Dauer beſtimmt, denn die hochmüthige Mrs. Willis war bemüht, ihre Tochter zu belehren, daß, wenn ſie auch ihrer Verbindung mit Miß Went⸗ worth an Bord Nichts entgegengeſetzt hätte, derſelbe Zuſammenhang doch auf St. Vincent nicht geſtattet werden könnte. An unbedingten Gehorſam gewöhnt, wagte es Maria nichts deſto weniger, nach der Urſache dieſes Verbots zu fragen, welche auch von der älteren Dame mit kurzen Worten erklärt wurde, während ihre Zu⸗ hörerin in Thränen gegen die Ungerechtigkeit eines ſolchen Verfahrens ſich erhob.„Meine Liebe,“ er⸗ widerte die Erſtere,„Du biſt unvernünfttg und mußt erſt noch lernen, daß die Geſetze der Geſellſchaft nicht ungeſtraft von denjenigen verletzt werden können, welche einen gewiſſen Rang innerhalb ihrer Gränzen zu behaupten wünſchen. Dein Beſuch in Cane Hall iſt daher unmöglich; aber wenn Emily einwilligt, Dich gelegentlich in unſerem Wohnorte zu ſehen, ſo habe ich hiegegen Nichts einzuwenden. Für den Augenblick muß ich indeſſen erwähnen, daß ſie über ihre wahre Lage ſchlecht unterrichtet iſt., Einige Bemerkungen, welche bald darauf unſere Heldin machte, bewieſen die Wahrheit dieſer Vorher⸗ ſagung und offenbarten die falſchen Vermuthungen, denen ſie ſich hingab. Mrs. Willis hatte, trotz ihres Stolzes, Mitleid mit der Stellung des jungen und hochbegabten Mädchens, und beſchloß, die erſte paſ⸗ ſende Gelegenheit zu ergreifen, um die unwillkom⸗ mene Kunde der Armen mitzutheilen, ehe ſie ankäme, wo dann die wahre Sachlage nicht länger verborgen hleiben konnte. 244 Die Mittheilung wurde mit einer Miſchung von Unglauben, Aerger und Kummer aufgenommen. Sie wollte ihren Vater nicht einer ſolchen Grauſamkeit oder Ungerechtigkeit fähig halten, und erreichte daher St. Vincent, nur wenig erleuchtet über den Stand der Dinge. Es iſt erſtaunlich, mit welcher Feſtigkeit das Ge⸗ dächtniß die Erinnerung in der Kindheit erſchauter Gegenſtände feſthält. Für Emily boten die Scenerie ihrer heimathlichen Inſel, der Hafen, die Stadt, einen vertrauten Anblick. Sie nahm zärtlich von Maria und höflich von Mrs. Willis Abſchied, und als ſie nach Cane Hall reiste und ſich dem Aufenthalte ihrer Kindheit näherte, und im Voraus den zärtlichen Gruß der mütterlichen Verwandten fühlte, deren Bild ſich nur unbeſtimmt ihrem Geiſte eingeprägt hatte, da milderte eine ſüße Empfindung nahen Glückes die Aufregung ihres Innern. Aber dieſe natürlichen und freudigen Hoffnungen wurden nur zu bald durch die Wirklichkeit vernichtet, als ſie die Wohnſtätte von Herrn Dorville betrat, der, unter der Laſt der Jahre gebeugt, in einem bequemen Stuhle lag, neben dem zwei Diener mit großen Wedeln ſtanden, um die Mosquitos und andere Inſekten abzuhalten. Halb bekleidete Arbeiter⸗Lehrlinge(denn das Wort Sklave war aufgehoben) drängten ſich in das Zimmer, um die Lady von England zu ſehen, und als der alte Mann Emily's Hand nahm und ſie freundlich will⸗ kommen hieß, fragte ſie mit großer Bangigkeit nach dem Grunde des Nichterſcheinens ihrer Mutter.„Hier iſt ſie, Miſſy,“ antwortete einer von den Negern, als eine Frau langſam von dem entgegengeſetzten Ende herbeikam und in dem ſchleppenden, dieſem Volke eigenthümlichen Tone ihre erſtaunte Tochter anredete, welche, überwältigt von Verwunderung und Enttäu⸗ ſchung, ſich ihrer Umarmung entzog und in eine un⸗ hemmbare Thränenfluth ausbrach. Der Verlauf der 245 Jahre und häufige Fieberanfälle hatten die körperlichen Reize Roſettens beträchtlich vermindert. Ihre Haut⸗ farbe war völlig gelb geworden. In ihren Augen fand ſich keine Spur mehr von dem früheren Glanze⸗ während ihre Tracht, den bunten ſcheckigen Turban mit eingeſchloſſen, in höchſtem Maaße übertrieben er⸗ ſchien. Darf man ſich daher wundern, wenn ein ſtol⸗ zes, empfindlich erzogenes Mädchen vor der Anerken⸗ ungtfines ſolchen Weſens, als ihrer Mutter, zurück⸗ rack! In der Einſamkeit ihres Zimmers weinte unſere Heldin lang und bitterlich und klagte im Innern ihren Vater als die Urſache dieſer unerwarteten Demüthi⸗ gung an.„O warum,⸗ rief ſie aus,“ warum ließ er mich über der Sphäre erziehen, für welche ich be⸗ ſtimmt war und vermehrte die Uebel, von denen ich ſonſt gar nicht das Bewußtſein bekommen hätte!“ Aber Vernunft, Ueberlegung und natürliche Gutmüthig⸗ keit milderten nach einiger Zeit das Herbe dieſer erſten Gemüthsbewegungen und die ſtets hoffnungsvollen Gefühle der Jugend triumphirten über die Verzagtbeit. Cane Hall hatte, wie bereits erwähnt, eine aus⸗ nehmend ſchöne Lage. Das Wohngebäude ſtand im Mittelpunkte eines fruchtbaren Thales und war um⸗ geben von Gewürznelken⸗Pflanzungen, welche mit Orangen und anmuthigen Muskatnußbäumen durch⸗ ſtreut waren, deren weit ausgebreitete Zweige ſich unter dem Gewichte ihrer herrlichen Früchte bogen. Auf beträchtlichen Anhöhen über dem Thale waren zahlreiche Negerhütten errichtet, theilweiſe verborgen unter dem ſchützenden Laubwerke der Platanen, des Kokusnußbaumes und der noch ſchattigeren Tamarin⸗ den. Zu jeder Wohnung gehörte ein angebautes Gütchen, während man verſchiedene kleine Schelme, in das Gewand gekleidet, womit ſie die Dame Natur verſehen hat, ſich in der Sonne wärmen oder ihre kindiſchen Spiele unter ihren Strahlen treiben ſah, — 246 Leben verleihend dieſer reichen und wohlwollenden tropiſchen Landſchaft, auf welche Emily mit wohlge⸗ fälliger Bewunderung durch die Jalouſien der geraͤu⸗ migen Zimmer hinausſah, die man für ihren Gebrauch eingerichtet hatte. Wenn eine an Schmeichelei grän⸗ zende Aufmerkſamkeit ihre neue Lage hätte wünſchens⸗ werth machen können, ſo dürfte ſie vollkommen glück⸗ lich geweſen ſein; aber weder dieſe Aufmerkſamkeit, noch die Unterhaltungen, die ſie ſich durch verſchiedene Fertigkeiten zu verſchaffen wußten, konnten die Leere gänzlich füllen, welche eine Trennung von aller geiſtig verwandten Geſellſchaft veranlaßte. Gegen ihre Mutter lernte ſie allmählig Gefühle der Zuneigung kund geben, und was am Anfang mit Widerſtreben geſchah, verwandelte ſich am Ende in wirkliche Anhänglichkeit, denn Roſettens natürliches Wohlwollen, ihre freundlichen Manieren brachten die geeignete Wirkung auf die Gefühle ihrer Tochter her⸗ vor und vermiſchten ſich mit dem Mitleid, das die augenſcheinliche Abnahme ihrer Geſundheit hervorrief. Es vergingen mehrere Wochen nach der Ankunft des Nautilus in St. Vincent, ehe es Maria geſtattet war, eine Einladung an ihre Reiſegefährtin ergehen zu laſſen; aber durch ihre wiederholten Bitten er⸗ weicht, willigte Mrs. Will endlich ein, einen Tag für ihre Zuſammenkunft feſtzuſtellen. Endlich erſchien der glückliche Morgen und eine frühzeitige Fahrt von vier Stunden brachte Emily nach Kingſton, dem Wohnorte ihrer Freundin, in deren theilnehmender Liebe ſie den Troſt, nach dem ſie ſich ſo lang geſehnt hatte, ſuchte und fand. Beim Mittag⸗ eſſen wurde die Geſellſchaft durch die Gegenwart von Lieutenant Willis und ſeinen Mitoffizier, Kapitän Graham, einem äußerſt eleganten, geſcheidt ausſehen⸗ den Mann von ungefähr ſiebenundzwanzig Jahren, vermehrt. Dieſe beiden Herren waren große Freunde der Muſik, und bald wurde das Geſangstalent unſerer Heldin in Anſpruch genommen. Der einfache Wunſch, angenehm zu ſein, führte ſogleich die Gewährung der Bitte herbei und ſie ſang mit einem Grade von Geſchmack und Gefühl, den nur der wahre Genius einzuflößen vermag. Alle Anweſenden waren entzückt und ihre Schönheit und vollendeten Manieren bildeten noch lange, nachdem ſie weggegangen war, den Ge⸗ genſtand des Geſpräches. Dieſer kurze Beſuch brachte Emily einen nur noch größeren Widerwillen gegen die Geſellſchaft in Cane Hall bei, und mit einem vdie⸗ ſem Gefühle angemeſſenen Vergnügen nahm ſie die Einladung auf, einige Tage in Kingſton zuzubringen. Ihre Freude wurde indeſſen beträchtlich vermin⸗ dert, als ſie hörte, daß Maria ſogleich zu einem Be⸗ ſuche bei ihrer Muhme in Barbadoes abgehen und unbeſtimmte Zeit dort zubringen ſollte. Maria ſuchte ihre Freundin durch das Verſprechen, einen beſtändigen Briefwechſel zu unterhalten, einigermaßen zu tröſten und fügte bei, indem ſie ſich gegen ihren Bruder und Kapitän Graham wandte, der in der Nähe ſtand: „Dieſe Herren haben ſich freiwillig angeboten, den Dienſt unſerer Merkure zu verſehen.“—„Voraus⸗ geſetzt,“ erwiderte ſie,„daß uns Miß Wentworth dieſe Ehre gönnt.“ Da dieſes höfliche Anerbieten keinen Widerſtand fand, ſo zeigte ſich bald ein Vorwand, um in Cane Hall Beſuch zu machen. Nach einiger Zeit wurden die Erſcheinungen des Kapitäns häufiger, und da das Alter die gaſtfreund⸗ lichen Neigungen von Herrn Dorville nicht vermindert hatte, ſo wurde ihm ſtets ein freundlicher Empfang zu Theil, während ſeine geiſtreiche Unterhaltung und ſein abgeſchliffenes Weſen für Emily unter ihren gegen⸗ wärtigen Umſtänden beſonders erfreulich geſchienen; denn mit der Welt unbekannt, und mit keinen andern Gefühlen vertraut, als mit denjenigen, welchen ihr eigener Buſen hegte, träumte es ihr nicht einmal von einer Unſchicklichkeit, und ſie glaubte nicht, daß die 248 täglich zunehmende Aufmerkſamkeit und die offen zu⸗ geſtandene Bewunderung des Kapitän Graham etwas Anderes zu bedeuten hätten, als eine ſehr ehrenvolle Theilnahme. Ihr Geſchmack war in manchen Punkten ähnlich, und die Schönheiten der Natur bildeten eine nie verſiegende Quelle von gegenſeitigem Intereſſe, welche auszubeuten die wechſelreiche Scenerie der Um⸗ gebung ein reiches Ziel bot. Oft beſtiegen ſie mit einander die benachbarte Anhöhe und ſchauten von da hinaus nach den hohen Bergen von St. Vincent, welche ſich in der Entfernung ausdehnten, bis das Heran⸗ nahen des Abends die Anſicht ferner liegender Gegen⸗ ſtände verdunkelte und die näheren durch das Licht von Myriaden von Feuerfliegen deutlicher machte, welche meteorartig durch die klare Atmosphäre ſchoßen, oder kleinen in Mitten der Baumzweige aufgehängten Lampen glichen. Wochen und Monate verfloſſen und Kapitän Gra⸗ ham ſetzte ſeine Aufmerkſamkeit fort, jedoch in ſo achtungsvoller Form, daß nie ein Verdacht hinſichtlich ihres Endzwecks erregt wurde. Dieſen Endzweck wagte er kaum ſich ſelbſt zu geſtehen, aber er beſaß auch nicht genug moraliſchen Muth, um der Meinung des kleinen Kreiſes zu trotzen, in welchem er ſich bewegte, wo weder die Tugenden noch die Talente von Emily die Nachtheile ihrer Geburt und gegenwärtigen Lage aufzuwiegen im Stande geweſen waͤre. Auf der andern Seite konnte er ſich auch nicht das Vergnügen ihrer Geſellſchaft verſagen und er beſchloß, ſich, ohne einen heſtimmten Plan zu faſſen, ganz durch die Umſtände leiten zu laſſen. Bald trat ein Ereigniß ein, welches eine Criſe in der Sache herbeiführte. Miß Willis hatte einige Zeit nach ihrer Abreiſe beſtändig an unſere Heldin heſchrieden, welche eben ſo pünktlich antwortete. End⸗ ich erfolgte ein ungewöhnlicher Zwiſchenraum des Stillſchweigens, Emily, welche ängſtlich darauf be⸗ 249 dacht war, die Urſache hievon zu erfahren, richtete einen Brief an ihre Freundin, der früheren Anord⸗ nungen gemäß durch Mrs. Willis beſorgt und zu die⸗ ſem Ende nach Kingſton geſchickt werden ſollte. Bei der Rückkehr des Boten wurde Emily ein Paket ein⸗ gehändigt, und ſie erblickte zu ihrem großen Erſtaunen ihren eigenen Brief und ein kleines Buch, das ſie einſt Maria gegeben hatte. Aber dieſes Erſtaunen wich der Entrüſtung, als ſie folgende Worte las: „Mrs. Willis erſucht Miß Wentworth, alle fernere Correſpondenz durch Briefe oder auf irgend eine andere Weiſe mit ihrer Tochter einzuſtellen. Wenn Mrs. Willis die Nachtheile der Stellung von Miß Went⸗ worth überſah und die Fortſetzung eines vertrauten Umgangs ſo lange geſtattete, handelte ſie gegen ihr eigenes Urtheil und ihre Neigung. Sie zögert jedoch nicht, die fernere Bekanntſchaft mit einer jungen Per⸗ ſon aufzuheben, welche durch ihr ungefittetes Betragen alle Anſprüche auf Achtung verwirkt hat.“ Dieſe grauſame Schmähung war für unſere arme Heldin rein unerklärlich und vergeblich bemühte ſie ſich, das Geheimniß zu enträthſeln. In tiefes Nach⸗ denken verſunken, ihr ausdrucksvolles Antlitz bald vom Zorn geröthet, bald bleich vor Aerger, blieb ſie des ernſten Blickes unbewußt, der auf ihr ruhte, bis ſie die Augen aufſchlug und denen von Kapitän Graham begegnete, der mit einer, von Zärtlichkeit und Ehr⸗ furcht gemiſchten Stimme nach dem Grunde ihrer Niedergeſchlagenheit fragte. Das Durchleſen des Billets von Mrs. Willis gab ihm die gewünſchte Aufklärung und es wurde ihm nicht ſchwer, den Sinn und die Veranlaſſung deſſelben zu errathen. Er wußte, daß ſeine Beharrlichkeit den Ruf von Emily verletzt hatte und dachte, wenn ſie dieſen Um⸗ ſtand wüßte, müßten alle Scrupel über ihr ferneres Benehmen ſchwinden und in abbittenden Worten be⸗ beginnend, bekannte er ſich ſelbſt als die unwillkürliche 250 Urſache der Beleidigung, welche ihr widerfahren war und fügte ſodann bei:„Warum, angebetete Emily, warum dieſe unverdiente Schmach dulden? Meine Liebe und meine Ehre ſollen fortan Ihrem Schutze gewidmet ſein, wenn Sie nur mir vertrauen wollen. Ihr bereits befleckter Ruf kann kein weiteres Brand⸗ mahl bekommen.“ In dieſem Tone fuhr er fort, als ihn Emily unterbrach, denn nicht an Liebesbetheuerun⸗ gen gewöhnt, klang ihr die Sprache ganz ſeltſam: wenige Worte genügten zur Aufklärung. Sie wollte nicht mehr hören, ſondern eilte voll Zorn und Ver⸗ achtung in ihr Zimmer.— Die plötzliche Gemüthsbewegung hatte eine tiefe Ohnmacht zur Folge und es vergingen Stunden, ehe das unglückliche Mädchen wieder zu ſich kam. Die Rückkehr des Bewußtſeins erneuerte ihren Jammer. Der Becher des Kummers ſchien bis auf die Hefe ge⸗ leert; Stolz, Reinheit, Zuneigung, Alles war gleich ſehr verletzt, und ſie fühlte ſich eine Ausgeſtoßene aus der Geſellſchaft, beraubt des Glückes und des Charak⸗ ters, ohne das Geringſte gethan zu haben, wodurch ſie einen ſolchen Verluſt verdient hätte. Nein, es war nicht ihre Schuld, und dieſe Ueberzeugung wirkte mächtiger, als irgend etwas Anderes auf Milderung ihres Grames hin. Obgleich durch den Zuſammenhang mit der lockeren Welt verdorben, war Kapitän Graham doch nicht gänzlich ehrenvoller Gefühle bar; aber die Vorurtheile, mit denen man Frauen von gemiſchtem Urſprung in Weſtindien betrachtet, ließen ihn eine Verbindung mit Emily als unmöglich betrachten. Das Verwerfen ſeines niedrigen Antrags erhöhte die Bewunderung, die er ſchon zuvor für ſie fühlte, und beſtimmte ihn, ſein Unrecht wieder gut zu machen und ihr ſeine Hand zu reichen. Der dieſes Anerbieten enthaltende Brief wurde uneröffnet zurückgeſchickt und jeder ähnliche Verſuch war eben ſo erfolglos, ſo daß ———— ——,—— 251 der Schreiber am Ende in Verzweiflung jedem ferneren Bemühen entſagte. Der Widerſtand brachte ſeine ge⸗ wöhnliche Wirkung hervor. Grahams Liebe nahm nur * zu und tief gekränkt durch das Fehlſchlagen ſeiner Wünſche wurden ihm die Schmauſereien und Luſtbar⸗ keiten ſeiner Kameraden im höchſten Maaße ekelhaft. Von dem Wunſche beſeelt, dieſen Gelagen zu ent⸗ gehen, nahm er die Einladung eines unverheiratheten Oheims an, der plötzlich von einer menſchenfeindlichen Stimmung befallen, ſich bewogen gefunden hatte, die Geſellſchaft zu verlaſſen, und nun in völliger Abge⸗ ſchloſſenheit einige Meilen von Kingſton entfernt lebte. Mittlerweile hatte Emily aufgehört, einzig und allein ihrem Grame nachzuhängen, um ſich zu Aus⸗ übung neuer Pflichten zu erheben. Die Preſthaftigkeit, an der ihre Mutter lange gelitten hatte, nahm ſtünd⸗ lich zu und drohte mit gänzlicher Auflöſung. Dieß war hinreichend, um jeden ſelbſtſüchtigen Gedanken aus dem Gemüthe unſerer Heldin zu verbannen, deren einziges Geſchäft es jetzt war, die ſterbende Mutter zu pflegen und zu belehren. Letzteren Gegenſtand betrachtete ſie mit Recht als das Wichtigſte und Roſette wurde ſtufenweiſe zu dem Gefühle der heilſamen Wirkſamkeit der Religion ge⸗ bracht, zu der ſie ſich bekannt hatte, ohne ſie zu ver⸗ ſtehen. Ihre Faſſungsgabe ſchien ſich zu erweitern, je mehr der Gegenſtand vorrückte, und ſie horchte ohne zu ermüden, Stunden lang auf die ſanfte Stimme ihrer jugendlichen Lehrerin, welche ihr abwechſelnd vorlas und Stellen aus der heiligen Schrift erklärte. Eines Abends bat die Kranke, welche ſich etwas beſſer wähnte, in das äußere Zimmer gebracht zu werden. Dieſer kleine Wunſch wurde von dem Ge⸗ ſinde als ein Symptom raſch herannahenden Todes gedeutet, und Emily fühlte ſich, wenn auch nicht von derſelben Furcht ergriffen, doch in eine ungewöhnliche feierliche Stimmung verſetzt. 2⁵² Die nun anweſende Gruppe würde ein ſchönes und rührendes Gemälde gebildet haben. In dem Hintergrunde ſtanden mehrere weinende Neger(denn Roſette war allgemein beliebt); auf einem Ruhebett, die Hände gefaltet, als wären ſie im Akte des Betens begriffen, lag die Sterbende. Neben ihr kniete eine anmuthreiche weibliche Geſtalt, deren dunkle ſeidene Locken theilweiſe ihre ausdruckvollen Augen beſchatteten, welche, von Andacht ſtrahlend, dem Himmel zuge⸗ richtet waren, während des Chriſten Gebet von Glaube und Hoffnung in Tönen inbrünſtiger Frömmigkeit von ihren Lippen floß. Als dieſe Gottesverehrung vorüber war, ſtand Emily langſam auf, wandte ſich um und ſah einen Fremden, welcher bei der Thür ſtand und nun näher zu ihr herantretend ausrief: Verzeihen Sie dieſes Eindringen, junge Dame, darf ich es wagen, mit Ihrer Mutter zu ſprechen? Sie kannte mich in frühe⸗ ren Jahren. Die Stimme erregte Roſettens Auf⸗ merkſamkeit, Sie bat ihn, zu ihr heranzukommen und ſagte:„Dieſe Töne ſind mir bekannt, aber ich erinnere mich des Sprechers nicht.“ Es wäre in der That für Jedermann ſchwer geweſen, den ſchönen Major Hinderſon in dem ältlichen Manne mit dem gelben Geſicht und den grauen Haaren zu erkennen, der ſich nun ſelbſt mit dieſem Namen ankündigte. Roſette be⸗ ſtätigte, daß ſie ſich ſeiner zu erinnern vermochte, durch die Worte: Ja, Sie waren der Freund von—.“ Ein Seufzer entrang ſich der Bruſt ihrer Zuhörerin; aber dieſe Unterbrechung blieb unbemerkt, und fie fuhr fort:„Ich würde glücklich ſterben, wenn Sie ſeiner Tochter in Freundſchaft beiſtehen wollten. Sie hat keinen Beſchützer, und dieſer Platz eignet ſich für ſie nicht zu einem längeren Verweilen.“ Major Hinder⸗ ſon ergriff die Hand der ſterbenden Mutter und ver⸗ peat Alles zu thun, was ſie nur immer wünſchen möchte. 253 Ein Lächeln der Dankbarkeit zog üher ihr Antlitz hin, und bald darauf verſank ſie in einen Zuſtand der Bewußtlofigkeit. Die gewöhnlichen ſtärkenden Mittel belebten Theilweiſe die Dulderin; ſie warf einen zärt⸗ lichen Blick auf Emily und murmelte abgebrochene Sätze der Erkenntlichkeit für den Troſt, den ſie durch ihre Vermittlung gewonnen hatte. Dieß waren die letzten verſtändlichen Worte, die ſie ausſprach. Die übrige Spanne des Lebens wurde in ſtillem Gebete hingebracht, bis der zerknirſchte und friedliche Geiſt ſeinen Aufflug nahm in das Land, wo ein freundlicher Willkomm des reuigen Sünders harrt. Emily zog ſich zurück, um zu weinen und zu be⸗ ten. Sie murrte nicht länger gegen ihr Geſchick, denn ſie betrachtete es als ein beſonderes Mittel, das fie hatte anwenden dürfen, um ihre Mutter aus der Un⸗ wiſſenheit und dem Irrthum in das Licht himmliſcher Erkenntniß hinüberzuführen, und freute ſich der Er⸗ füllung ihrer Pflicht, die Mühſeligkeiten vergeſſend, mit denen ſie hatte ringen müſſen. Das Leichenbegängniß war nicht ſo bald vorüber, als ſich Major Hinderſon beeilte, unſerer Heldin ſeine Dienſte anzubieten. Seit ihres Vaters Verheiratung führte er ein zurückgezogenes Leben; wiederholte An⸗ fälle von langwierigen Krankheiten hatten ihm Muße zum Ueberlegen gegeben und es erwachten dadurch Gewiſſensbiſſe, welche doppelt brennend durch die Milde der Menſchen wurden, die er ſo tief verletzt hatte. Dieſes Gefühl, verbunden mit einer allgemei⸗ nen Schwäche ſeines Körpers führte ein frühzeitiges Alter herbei und er verfiel raſch in ein düſteres Siech⸗ thum, als Kapitän Graham ſein Gaſt wurde. Für dieſen Neffen, dem Sohn einer einzigen Schweſter, hatte Major Hinderſon ſtets eine beſondere Zuneigung kund gegeben und er hörte nun mit Theil⸗ nahme die Erzählung von ſeiner geſcheiterten Liebe, aher es dauerte lang, bis er in dem Gegenſtand der⸗ 254 ſelben die Tochter des Oberſten Wentworth erkannte. Dieſe Entdeckung und die Krankheit von Roſette ver⸗ anlaßten ihn, Cane Hall zu beſuchen, wo er der Zu⸗ ſchauer einer Scene war, welche kräftiger die Schön⸗ heit der Tugend und der Frömmigkeit beleuchtete, als dieß die beredteſten zu ihrem Ruhme geſchriebenen Bücher zu thun vermögen. Jeden Tag des Umgangs mit Emily vermehrte das Verlangen des Majors, ſie als Gattin ſeines Ver⸗ wandten zu ſehen. Sie blieb jedoch unerbittlich für dieſen Vorſchlag, und er ſah endlich die Fruchtloſigkeit einer ferneren Bewerbung ein. Da es ihm völlig ein⸗ leuchtete, wie unpaſſend die Stellung war, in der ſie ſich befand, ſo beſchloß er ſie nach England zu beglei⸗ ten, und ſie daſelbſt unter ſeinem eigenen Dache zu verſorgen, wenn eine perſönliche Berufung auf ihres Vetters Gefühle erfolglos bleiben ſollte. Abgeſehen von dem Intereſſe, das ihm Emilgy einflößte, ergriff ihr gegenwärtiger Vormünder gierig die Gelegenheit, wenigſtens theilweiſe frühere Fehler zu ſühnen, was er durch Beſchirmung und Unterſtützung des Kindes ſeines mißhandelten Freundes zu thun hoffte. Nachdem ein hübſcher Grabſtein für Roſette geſetzt war, nahm unſere Heldin zärtlich von ihrem Groß⸗ vater Abſchied, ſchiffte ſich nach England ein und nach ſechs Wochen war ſie in den Mauern ſeiner großen Hauptſtadt, von der ſie ein Jahr vorher ohne eine Ahnung von den Verſuchungen und Demüthigungen ab⸗ gereist war, die ſie in einem entfernten Lande erfah⸗ ren ſollte. Den Oberſten Wentworth von der Ankunft ſeiner Tochter in Kenntniß zu ſetzen war eine etwas ſchwie⸗ rige und ſehr delicate Sache. Denn obgleich ſie zu corre⸗ ſpondiren nicht aufgehört hatten, waren doch ſeine Briefe in der letzten Zeit kürzer geworden und er hatte nur in langen Zwiſchenräumen geſchrieben. Aber dg die unſtudirte Beredtſamkeit des Herzens der wirk⸗ N*A 65 X S& 8WARͤNNW— A A ————— A8 R8 W SERx— 255 ſamſte Fürſprecher in jeder Sache iſt, ſo dachte man mit Recht Emily würde der beſte Advokat ihrer eige⸗ nen Angelegenheit ſein, und es wurde ihr daher die Löſung der Aufgabe übertragen. Mansſield Houſe hatte ſeit der Verheiratung ſei⸗ ner freundlichen Eigenthümerin eine ununterbrochene Scene häuslichen Glückes dargeboten, die Tugenden und der gebildete Verſtand von Mrs. Wentworth ver⸗ mehrten, wo möglich, jeden Tag die Zuneigung ihres Gatten, der aus Furcht einen peinlichen Augenblick zu verurſachen, nie die Ereigniſſe ſeines früheren Lebens zur Sprache brachte, und ſogar das Daſein ſeiner Tochter wurde nicht geoffenbart. Da er jedoch nicht zugleich jede natürliche Beſorgniß erſticken konnte, ſo hatte dieſes Verheimlichen große Unbehaglichkeit des Gemüths für ihn zur Folge und dieſe nahm noch be⸗ trächtlich durch die aus Emily's unerwarteter Ankunft entſtehende Verlegenheit zu. Die Kunde hievon wurde ihm in einem Briefe mitgetheilt, worin ſie ihren Vater zärtlich anflehte auf die zu ihren Gunſten ſprechende Stimme der Natur zu hören und das Kind aufzunehmen, auf deſſen frü⸗ heſte Lebensjahre er ſo große Liebe verwendet hatte. Konnte eine ſo rührende Anrufung vergeblich ſein? Der Oberſt Wentworth fühlte, daß dieß unmöglich war und beſchloß ſogleich nach London zu reiſen. Da ſich ſeine Gattin bei der Ankunft des Briefes nicht in Plymouth befand, ſo entging ſeine Gemüthsbewegung ihrer Beobachtung, und ſie war leicht zu überreden, ein unvorhergeſehenes Geſchäft veranlaſſe ihn zu die⸗ ſer Reiſe. Wer iſt im Stande die ſtreitenden Gefühle unſe⸗ rer viel geprüften Heldin zu ſchildern, als ſie ſich mit klopfendem Herzen und ſchlagenden Pulſen auf den Empfang ihres Vaters vorbereitete? Die Erinnerun⸗ gen an ihre letzte Zuſammenkunft und die ſchmerzlichen Ereigniſſe, welche ihr hald folgten, traten abwechſelnd 256 vor ihr Gedächtniß, bis ſie am Ende von der mäch⸗ tigen Aufregung überwältigt, bewußtlos in ſeine Arme ſank. Als man auf beiden Seiten wieder etwas Faſ⸗ ſung gewonnen hatte, fand eine lange Unterredung ſtatt; Emilys beſcheidener, aber natürlicher Forderung wurden die Schwierigkeiten der Lage des Oberſten ent⸗ gegengehalten, was den edelmüthigen Entſchluß von ihrer Seite herbeiführte, eher jeden perſönlichen An⸗ ſpruch zu opfern, als ſeine häusliche Ruhe zu gefährden. Major Hinderſon vermied ein Zuſammentreffen, welches beiden Parteien nur Qualen verurſacht haben müßte, aber ſeinen neueſten Dienſtleiſtungen wurde die Anerkennung nicht entzogen, obgleich man ſein Erbieten, für Emily zu ſorgen, auf eine artige Weiſe ablehnte. Dieſer Demüthigung hätte ſich ſein ehemaliger Freund nie unterwerfen können, und man traf daher Vorkeh⸗ rungen ihre Aufnahme in dem Hauſe einer verwitt⸗ weten Dame in der Nähe von Edinburgh zu verſchaffen. Das Bewußtſein, edel gehandelt zu haben, hielt die Tochter unter dem Drucke einer getäuſchten Hoff⸗ nung aufrecht, während die Unruhe des Vaters durch eine ſehr entgegengeſetzte Ueberzeugung vermehrt wurde, wenn er ſich den Contraſt ſeiner Selbſtſüchtigkeit mit ihrem uneigennützigen Benehmen vor Augen ſtellte. Es lebte indeſſen eine Perſon, welche nicht nur fähig war dieſes zu würdigen, ſondern auch es nachzuahmen und Emilys kühnſte Hoffnungen waren durch den Empfang nachfolgenden Briefes, der ihre beabſichtigte Reiſe nach Schoitland aufhob, mehr als verwirklicht. Meine theuere Emily! „Die Pflicht des Vergebens, obgleich ſie uns allen obliegt, wird mehr oder minder ſchwierig, je nach der beſonderen Stellung des beleidigten oder beleidigenden Theiles. In dem gegenwärtigen Falle haben beide, Sie und ich, Urſache zu klagen. Ihr Theil an dem Kummer bedarf keiner Wiederholung. Der meinige beſteht in einem Mangel an Vertrauen, da wo ich —ͤͤͤͤͤͤͤͤͤ———— , 257 unbeſchränkte Wahrheit erwartete und erhalten haben ſollte, aber da der Verletzende ein Menſch iſt, mit dem wir durch Bande der Pflicht und der Zuneigung ver⸗ bunden find, ſo wird das Verzeihen keine große Mühe koſten. Wären Ihre Handlungen, mit denen ich, wie mit allen Einzelheiten Ihrer Geſchichte vollkommen bekannt bin, weniger mußerhaft geweſen, ſo würde das Kind meines Gatten dennoch freundliche Aufnahme unter ſeinem Dache gefunden haben, ſo aber erwartet Sie ein noch viel wärmerer Willkomm. Sie ſollen nicht länger freundlos und vernachläßigt ſein; ein El⸗ ternpaar ſehnt ſich danach Sie zu umarmen, und Sie für die Verſuchungen zu entſchädigen, deren Ihre Ju⸗ gend und Unſchuld ausgeſetzt geweſen ſind. Major Hinderſons Aufrichtigkeit und Wohlwollen bin ich ver⸗ pflichtet für die Mittheilung, die uns, wie ich über⸗ zeugt bin, gegenſeitig glücklich machen wird. Er ließ mir durch ſeine Offenbarung nur Gerechtigkeit wider⸗ fahren und ich danke ihm herzlich für ſeine gute Mei⸗ nung. Bitten Sie Ihren edelmüthigen Beſchützer, Sie nach Mansfieldhouſe zu begleiten und laſſen Sie das Andenken an frühere Sorgen unter dem Genuſſe gegenwärtigen Glückes begraben ſein. Eilen Sie, liebes Mädchen, dieſe Freude zu koſten und zu berei⸗ ten und ſeien Sie verſichert, Sie werden ſtets eine Freugvin finden in Emily Wentworth.“ Thränen der Dankbarkeit erleichterten das bren⸗ nende Herz Emily's, als ſie den Brief Major Hin⸗ derſon überbrachte.„Edelmüthige Frau, ich wußte, ſie würde ſo handeln!“ rief er aus und geſtand, daß er, als die Berufung an den Oberſten Wentworth. fruchtlos geweſen, deſſen Gattin, auf ihren liebens⸗ würdigen Charakter bauend, die Umſtände von Emily's Lage auseinander geſetzt habe;»und nun,“ fügte er bei,„iſt meine Aufgabe beinahe vollbracht; wenn Sie ſich unter der Obhut Ihres natürlichen Beſchützers be⸗ finden, werde ich zufrieden die Einſamkeit ſuchen, in Tutti Frutti. II. 17 258 der ich den Reſt meiner Tage zuzubringen gedenke.“ Dieſen Entſchluß führte er auch in der Folge aus und es waren die vereinten Bitten ſeines jungen Schütz⸗ lings und ſeines wieder verſöhnten Freundes nicht im Stande, ihn zu bewegen, davon abzugehen. Ein jährlicher Beſuch von Seiten der erſteren, war ein Vertragspunkt, den er ſich vorbehielt, und als man dieſer Bedingung willig beitrat, reiste der Major nach ſeiner einſamen Heimath ab. Das Zuſammentreffen in Mansfieldhouſe war, wie ſich bei dieſen ſeltſamen Fällen leicht denken läßt, gleichmäßig von peinlichen und freudigen Gefühlen begleitet. Scham vermiſchte ſich mit den Vergnügun⸗ gen des Vaters, ging aber wie eine Sommerwolke unter dem wohlthätigen Einfluß weiblichen Zartgefühls und herzlicher Zuneigung vorüber. In Mrs. Wentworth fand Emily eine wahrhaft mütterliche Freundin und der Bund gegenſeitiger Liebe, gegenſeitigen Zutrauens war bald geſchloſſen. Das milde Temperament und die ungeheuchelte De⸗ muth dieſer wahrhaft erhabenen Frau erſchienen ſo lieblich in den Augen ihrer Adoptivtochter, daß ſie die in der Schule des Kummers bereits theilweiſe vollen⸗ dete Aufgabe vollſtändig durchzuführen und den Stolz abzulegen beſchloß, der den einzigen Mangel ihres Charakters bildete. Monate glücklicher Ruhe verfloßen und nicht ferner von Gewiſſensbiſſen gefoltert, geſtand der Oberſt Wentworth, er wäre viel glücklicher, als er es verdiente. Die verſchiedenen Reize Emily's fanden allgemein Bewunderungz aber jeder Antrag, ſo ehrenvoll er auch war, wurde zurückgewieſen, ſo daß ſich am Ende in Mrs. Wentworth der Verdacht regte, das Bild von Kapitän Graham erfülle ihr Herz immer noch. Das Geſtändniß dieſer Thatſache wurde mühſam ausgepreßt, aber es erfolgte zugleich die Erklärung, ſie würde nie ——· 259 ſeine Hand annehmen, obgleich ſie entſchloſſen wäre, ſich mit keinem andern Mann zu verbinden. Ihre wohlwollende Vertraute hatte zu viel Erfahrung in dergleichen Neigungen, als das ſie der erſten Verſiche⸗ rung Glauben ſchenken konnte; ſie hatte an ſich ſelbſt die zerſtörende Wirkung geſcheiterte Liebe wahrgenom⸗ men und wollte jene, die ſie mit mütterlicher Zärtlich⸗ keit betrachtete, vor ſolchem Jammer bewahren. Die Umſtände ſchienen dieſes Vorhaben zu begün⸗ ſtigen, denn bald hernach meldete Major Hinderſon die Rückkehr ſeines Neffen, der zugleich um Erlaub⸗ niß bat, Oberſt Wentworths Familie in Plymouth be⸗ ſuchen zu dürfen. Die Bitte wurde freundlich ge⸗ währt, aber erſt am Tage vor ſeiner Ankunft erfuhr die am meiſten dabei betheiligte Perſon den Namen des erwarteten Gaſtes. Er überbrachte einen recht⸗ fertigenden Brief von Mrs. Willis, worin ein ande⸗ rer eingeſchloſſen war, in welchem Ausdrücke innigen Bedauern wegen der unverdienten Leiden und Glück⸗ wünſche über das veränderte Schickſal Emily's in einer von aufrichtiger Freundſchaft diktirten Sprache der Feder ihrer liebenswürdigen Tochter entfloſſen. Wenn wahre Zerknirſchung, ehrfurchtsvolle Auf⸗ merkſamkeit und ergebene Liebe hinreichend erſcheinen, um einem ſchuldigen Geliebten Vergebung zu verſchaf⸗ fen, ſo hatte Arthur Graham offenbar hierauf Anſpruch zu machen; aber der Gegenſtand ſeiner Liebe blieb lange unerbittlich und(obgleich wir dieß nicht als eine unläugbare Thatſache behaupten wollen) die Sache wäre am Ende erfolglos geblieben, hätte nicht die unwiderſtehliche Fürſprache von Mrs. Wentworth eine entgegengeſetzte Entſcheidung herbeigeführt.. Die Eröffnungsſcene unſerer kleinen Geſchichte ſtellte eine Hochzeit dar; die Schlußſcene muß daſſelbe thun. Eine andere Emily, deren Wangen die reiche Blüthe von Jugend und Geſundheit bedeckten, deren leuchtende Augen, durch die Thränen ſchinnern, welche 260 ſie momentan verſchleiern, ſteht neben dem Altar, der väterliche Kuß des Glückwunſches iſt ihr dargereicht worden, und die erröthende Braut ſucht ihre Ver⸗ wirrung in den Armen der edlen, aufrichtigen Freun⸗ din zu verbergen, die ſie mit Recht mehr als Mutter nennt.„Mag Ihr glänzendes Beiſpiel ſtets mein Führer ſein,“ waren die kaum hörbaren, halb ge⸗ ſeufzten Worte unſerer Heldin, als ſie ſich der Um⸗ armung von Mrs. Wentworth entzog, und mit trium⸗ phirender Liebe von ihrem Gatten nach dem Wagen geführt wurde, der ſie nach Stirling Park, dem Wohn⸗ ſitze ihres Oheims brachte. Die hier zu Ehren der Braut angeordneten Feſtlichkeiten wurden mit wahrhaft engliſcher Gaſtfreundſchaft in das Werk geſetzt. Major Hinderſon's Entzücken war gränzenlos, er erklärte ſogleich ſeinen Neffen zum Erben ſeines Ei⸗ genthums, und es wurde die Verabredung getroffen, daß man die eine Hälfte des Jahren in Schottland, die andere in Mansſieldouſe zubringen ſollte, indem Emily vor ihrer Verheiratung ein Verſprechen zu dieſem Ende geleiſtet hatte. 1— So waren die Wünſche aller Theile erfüllt; und wenn die Gaben Fortunas, verbunden mit jedem Reize, der einen weiblichen Charakter ſchmückt und erhebt, die Fortdauer häuslichen Glückes zu ſichern vermögen, ſo können wir von den handelnden Perſonen dieſes kleinen Drama's mit der Hoffnung Abſchied nehmen, daß das ihrige lange nicht von einer von den Zufälligkeiten unterbrochen werden wird, welche zu uns herabgeſandt ſind, um den Bewohner dieſes niedrigeren Planeten daran zu erinnern, daß das die wahre Seligkeit, eine Pflanze himmliſchen Urſprungs iſt, und daß ſie, wenn ſie auch eine Zeit lang in nicht verwandtem Boden blühen mag, nun in ihrer heimathlichen Sphäre ewig blühen mag. gnd n e. „„+ 4, 422 A 5S SA EAA 3 4 3 4 4 B * “ “