4 rhöireher deutſcher, engliſcher und afranzöſiſcher Literatur — 2 Eduard Oltmann in Gießen, ſ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Leſebedingungen. L 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ vfananahine und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den Ingeromemen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——O˖˖::———— 2 R— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 27 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ lund Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Es waren zwei verlobte Paare, die jungen Töchter der Profeſſorin und die Bräutigame derſelben. Alle vier ſaßen um einen kleinen runden Tiſch, und wenn ſie ſich vorwärts neigten, was alle Augenblicke geſchah, ſo bildeten die vier ſchönen Köpfe, die dadurch in Berührung mit einander kamen, ein Gemälde, deſſen Effekt dadurch nicht gemindert wurde, daß eine große dunkelbraune Dogge ihre Vordertatzen auf die einzige offene Seite des Tiſches legte, während ſie ſich mit dem rechten Ohr vertraulich an einer zarten und vollen Schulter rieb, welche der jüngſten der Damen ange⸗ hörte. Ueber das Ganze goß ſich der rothe Farben⸗ ſchimmer einer hinabſenkenden Sommerſonne. Die Fräulein M. hatten ſchon lange die Celebrität beſeſſen, welche man auf dem Lande gewöhnlich den⸗ jenigen ertheilt, die mit einer gewiſſen Prätention auftreten. Um dieß jedoch mit Erfolg thun zu können, ſind einige kleine Vorzüge erforderlich: weniger Schön⸗ heit als guter Ton; dieſer aber verbunden mit dem glücklichen Talent, ſich gut zu kleiden und zu tragen, die neueſten Moden vor allen Andern zu haben, und endlich ſich mit Leichtigkeit über jeden bekannten und unbekannten Gegenſtand ausdrücken zu können, der an andern Orten und beſonders in der Hauptſtadt zur Tagesordnung gehört. Dieß Alles gibt Einem das ausſchließliche Recht, ſich als die vornehmſte Zierde des Bezirks oder Städtchens anzuſehen. Bei den fraglichen Damen war jedoch etwas mehr vorhanden; ſie hatten ſich nicht ſelbſt zu„Löwinnen⸗ aufzuwerfen geſucht, ſondern es war allmälig ſo ge⸗ kommen. Züchtigkeit wahrte die Reize, welche ſie um⸗ ſpielten, und wies ihnen einen Platz zu, den fie auch in einem größern Kreiſe errungen haben würden. Die reizende Roſa war beſonders wegen ihrer Liebenswür⸗ digkeit und Grazie berühmt, während Julie die ältere Schweſter um ihres reifern Verſtandes, und beide um ihres Vermögens willen, geprieſen wurden. Was die Herren Bräutigame betrifft, ſo hatten ſie wenigſtens drei gemeinſchaftliche Verdienſte: ein männliches Aeußeres, ein geſetztes Benehmen und ſo ziemlich Einkünfte genug, um nicht ein Weib des Gel⸗ des wegen ſuchen zu müſſen. In manchen andern, oder vielmehr in allen andern Fällen waren ſie von einander verſchieden, was am beſten aus der Fort⸗ ſetzung hervorgehen wird. Jedermann ſagte— und wenn Jedermann Etwas ſagt, ſo wird es glaublich— daß man ſich gar keine paſſendere Partieen denken könne. Die jungen Leute ſelbſt huldigten natürlich dieſer Ueberzeugung am mei⸗ ſten; denn die freie Wahl der Liebe hatte die Haupt⸗ rolle bei den eingegangenen Verbindungen geſpielt. Auch klopften ſelten vier glücklichere Herzen, als die ihrigen, wenn ſich an den Samſtag Nachmittagen die beiden Bräutigame von ihren Beſchäftigungen in der 7 Stadt losgemacht hatten, um ein Paar Tage auf dem ſchönen Hillinge zuzubringen. An einem dieſer Abende, zwei Monate vor dem feſtgeſetzten gemeinſchaftlichen Hochzeittage iſt es, daß wir ſie unter dem Sonnendache verſammelt ſehen. Die Haſt ihrer Bewegungen und die Wärme auf ihren Wangen bewieſen, daß die Unterhaltung ſehr eifrig war. „Ja, ſo ſagen alle Männer, ohne die Wichtigkeit ihrer Worte zu bedenken,“ ſprach die lebhafte Roſa, während ſie ihren Strumpf auf den Schooß nieder⸗ ſinken ließ und ihrem Bräutigam, dem Auditor Wil⸗ helm L., einen leichten Schlag mit der Garndocke gab, welche ſie in der Hand hielt. Nicht alle, mein Engel,“ erwiderte Wilhelm und bemächtigte ſich ohne beſondern Widerſtand der kleinen ſtrafenden Hand, nicht alle, meine Liebe! Ich z. B.— denn ich kenne mich hinlänglich— kann mit voller und tiefer Ueberzeugung verſichern, daß ich Dich mehr liebe, als mein eigenes Ich, und daß ich mir keine Zeit, keine Verhältniſſe, keine Umſtände denken kann, wo ich meiner Liebe bar werden würde. Ich liebe grän⸗ zenlos, denn ich liebe für Zeit und Ewigkeit!“ NRoſa lächelte; ein zauberiſches Lächeln— halb Mißtrauen, halb Wehmuth! Aber der Landeskämme⸗ rer Leopold T., des Auditors künftiger Schwager, rief beinahe barſch aus:„Es wird mir ganz weh', wenn ich ſolche Thorheiten mit anhören muß! Man ſoll nichts auf der Welt verſchwören. Niemand kann für ſein Herz ſtehen, wenn eine Menge unbekannter Verhält⸗ niſſe eintreten. Ich habe gewiß Julie ſehr lieb, wie ein Mann ſeine künftige Gattin nur haben kann, aber deßwegen kann ich mir doch Umſtände denken, die meine Gefühle abzukühlen vermöchten. Wenn ich z. B. ſähe— was ich, ſo Gott will, nie ſehen werde— daß Julie eine zu Froßr Aufmerkſamkeit bei der Huldigung eines andern Mannes an den Tag legte, oder..„ — Weiter kam Leopold nicht in dieſer Entwicklung — —— — ———— — ſeiner Beweisgründe. Juliens ruhiger, klarer Blick traf den ſeinigen, und zugleich ſprachen ihre Lippen ein ſanftes:„Stille, ſtille! ich will keine ſolche Ideen mehr von Dir hören.⸗ „Nun, es war nicht ſo ernſtlich gemeint,“ ſagte Leopold und küßte ſeiner Braut die Hand;„ich wollte Wilhelm nur beweiſen, daß er Unrecht hatte, ſo in den Tag hinein zu ſchwatzen.“ „Und Du haſt erſt gar Nichts bewieſen,“ eiferte der Auditor,„außer etwa, daß Du ſelbſt ſehr ſchöne Anlagen haſt, künftig einen der intereſſanteſten, eifer⸗ ſüchtigen Ehenarren abzugeben, an denen ſich ein libe⸗ raler Mann jemals ergötzt hat. Ich für meinen Theil erkläre offen, daß Roſa alle Huldigungen annehmen mag, die ihr auf eine anſtändige Art gewidmet wer⸗ den. Ich bin ſtolz darauf, ein Weib zu beſitzen, um das mich Andere beneiden.“ „Wir denken jetzt, wie ſchon oft, ganz verſchieden,“ fuhr Leopold fort.„Mich reizen die Titel, die Du mir beilegſt, eben ſo wenig, als die Vorſicht auf eine derartige Beneidung deſſen, was mir zugehört. Ich wünſche im Gegenthei ein Weib ſo ganz und gar für mich ſelbſt zu behalten, daß ich es zufrieden wäre, wenn ihr die ganze übrige Welt auch nicht einen ein⸗ zigen Blick ſchenken würde.“ Obſchon frei von aller Koketterie meinte Julie doch, daß ihr Geliebter ſeinen Satz etwas zu weit getrieben habe. Sie widerſprach ihm jedoch nicht, viel⸗ leicht weil ſie eine Saite zu berühren fürchtete, von der ihr Gefühl ihr ſagte, daß ſie nur einen Mißton hervorbringen würde. Juliens Verſtand wurde nicht vergebens geprieſen, und ſie trug kein Verlangen, als Braut eine Gewalt auszuüben, welche mit dem Namen Gattin möglicher Weiſe aufhören und dann nur um ſo ſchmerzlicher vermißt werden würde. Viel⸗ leicht dachte ſie auch, daß ſie die weiſen Worte des Dichters: ——· —*⁸εð— 2 2 „1 82—V—y—V—— A—2————O— àA— Des Weibs Geduld kann nie zu weit gehen. Denn weiter geht ſie nie, Als jeden Tag der Mann vollauf bedarf. in Anwendung bringen könnte. Es war jetzt ein kurzes Stillſchweigen eingetreten. Die Mädchen ſtrickten verzweifelt weiter. Der Audi⸗ tor ließ ſeine Blicke ſehr oft nach einigen auf der Wieſe arbeitenden Mägden hinüberſchweifen, die in ihren weißen Hemdärmeln, kurzen Röcken und üppig herabhängenden Zöpfen, recht maleriſch ausſahen, be⸗ ſonders wenn ſie dazwiſchen auf den friſch aufgethürm⸗ ten Heuhaufen ausruhten. Der Landeskämmerer, der kein ſo großer Schönheitskenner war, nippte an ſei⸗ nem Punſchglaſe, während er ſich damit unterhielt, Wilhelms große Dogge abzuzeichnen. Ehe Eines von der Geſellſchaft den Gegenſtand wieder aufgenommen oder einen neuen begonnen hatte, öffnete ſich die Saal⸗ thüre und die Profeſſorin M., eine würdige, ange⸗ nehme Frau, trat auf die Terraſſe heraus, und nickte den jungen Leuten freundlich zu. Auf ihren Lippen lag ein wohlwollendes Lächeln, das ihre Freude und ihren Stolz beim Anblick der ſchönen Gruppe ausſprach. „Ach, Mama kommt eben recht!“ rief Roſa; „Mama ſoll uns ſagen, ob Wilhelm oder Leopold einen abgeſchmacktern Satz aufgeſtellt hat, oder wer am meiſten Grund hat, von ihrem Extrem zu befürch⸗ ten, Julie oder ich.⸗ „Vortrefflich, mein Bräutchen,“ rief Wilhelm ver⸗ gnügt, veinen beſſern Richter können wir nicht bekom⸗ men.“ Er ſprang auf, holte einen Lehnfluhl vom Saale heraus und führte ſeine künftige Schwieger⸗ mutter artig nach ihrem Platze, worauf er zu ſeinem eigenen zurückkehrte, und die Frage an die Uebrigen falhte⸗ wer von ihnen die Anklagepunkte vorbringen ollte.-. „Natürlich ich,“ meinte Roſa, indem ſie einen feierlichen Ernſt annahm.„War ich es nicht, mein 10 Herr, die zuerſt den Antrag ſtellte, die Sache einem Gerichte zu unterwerfen? ÜUnd ich hoffe, es erheben ſich keine Stimmen gegen meine ſelbſt gewählte Würde.“ Da ein allgemeines Schweigen bewies, daß die Wahl gebilligt wurde, ſo ſtand Roſa auf, und eröff⸗ nete die Seſſion mit folgender Frage:„Gütigſte Mutter und Richterin! Du, die aus eigener Erfahrung weißt, was wir zeitig genug erfahren werden, ſage mir, darf man ſich auf die Worte und Verſprechungen eines Mannes verlaſſen?⸗ „Dieß iſt mir eine ſehr kitzlige Frage, mein Kind,“ erwiderte die Profeſſorin heiter.„Die Männer⸗ ſo weit ich ſie wenigſtens zu beurtheilen Gelegenheit hatte, beſtehen aus wenigſtens zwanzig verſchiedenen Klaſſen; aber da ich jetzt dieſe nicht alle aufzählen kann, ſo will ich nur ein Paar anführen. Die erſte— und dieß iſt die gewöhnliche— beſteht aus einer Miſchung, wo Feuer und Waſſer beſtändig im Kampf mit einander liegen, und wechſelsweiſe die Oberhand bekommen. Wenn nun der Fall eintritt, daß die Worte und Verſprechun⸗ gen von ſo zuſammengeſetzten Männern, während der Flammenperiode abgegeben werden— d. h. wenn ihre Phantaſie einen zu hohen Flug genommen hat— dann hat man allen Grund zu befürchten, daß das Feuer dieſer Verſprechungen ſich von ſelbſt verzehren werde; geſchehen ſie dagegen zu einer Zeit, wo Dunſt und Feuchtigkeit das Gemüth umgeben, dann ſind ſie ſchon an ſich ſo wäſſerigt, daß ſie ſich auflöſen, ohne daß man nur merkt, wie.“ „Gut, Mama'chen! aber die zweite Klaſſe?“ „Die zweite, meine Tochter, iſt ganz anders. Das Feuer bei dieſen Adamsſöhnen iſt durch den Verſtand gemäßigt, der ſtets durch das Ganze fließt. Die Männer, welche zu dieſer Klaſſe gehören, erlauben ihrer Phantaſie keine ſo unmäßige Flüge, daß eine Waſſerperiode nachfolgen könnte. Ruhe und Kraft zeichnen ſie aus. Ihre Worte und Handlungen ſind 11 Fleichbeveutend und auf die Verſprechungen dieſer ann ſich ein Weib getroſt verlaſſen.“ „Hm!“a ſagte Roſa nachſinnend, und fuhr mit der kleinen Hand nachläßig durch die wohlgekräuſelten Locken.„Ich bin nicht ſo ganz gewiß, ob ich Wil⸗ helm zu der letzten Klaſſe rechnen darf.“ „Laß Deine Anklage hören,“ fiel die Mutter lächelnd ein. 3 „Nun, Mama, er behauptet, er liebe mich mehr als ſich ſelbſt, und keine Verhältniſſe vermöchten ſeine Geſinnung zu ändern, denn er liebe mich unermeß⸗ lich— für Zeit und Ewigkeit.“ „Zu ſtark, zu ſtark,“ ſagte die Profeſſorin, und erhob in ſcherzhaften Drohungen den Finger gegen Wilhelm.„Nimm Dich vor der Waſſerperiode in Acht, wein Sohn! Doch laß den zweiten Punkt hören, Roſa.“ „Er betrifft Leopold, Mama. Er behauptet, Wilhelm ſchwatze in den Tag hinein, und ſagt, er wolle nicht für ſein Herz ſtehen, Falls Julie ihm die Ueberraſchung bereite und an der Aufmerkſamkeit eines andern Mannes Vergnügen finde. Was meint wohl Mama dazu?— Er ſcheint ſich nicht zu geſtehen, daß er ſie ſo ganz für ſich ſelbſt wolle, daß es ihm am liebſten ſei, wenn ſie keinen Blick von einem Andern bekomme.“. „Beſſer zu wenig verſprochen, als zu viel! Ich ziehe Leopolds Satz vor, obſchon auch in dieſem einige Uebertreibung liegt. War es noch etwas mehr?, „Ja, Mama, Wilhelm ſagt auch, daß er ſich ſtolz und geſchmeichelt fühlen würde, ein Weib zu beſitzen, um das ihn Andere beneideten. Er erlaubt mir, ſo viele Huldigungen anzunehmen, als mir nur darge⸗ bracht werden.“ „Das war nicht gut,“ ſprach die Profeſſorin, und der ſpielende Scherz, der bisher in ihrem Tone gele⸗ gen, verwandelte ſich in einen frommen, würdigen 12 Ernſt.„Das iſt nicht ſchön geſagt, Wilhelm, und noch weniger ſchön gedacht. Ein Maͤnn, der ſein Weib ſelbſt gefeiert zu ſehen wünſcht, liebt ſie nur des äußern Scheins halber, alſo nur aus Eitelkeit. Und da erkläre ich, daß Julie mehr Gründe hat, mit Leo⸗ polds Grundſätzen zufrieden zu ſein, als Roſa mit den Deinigen.“ Wilhelm erröthete leicht, und war eben auf dem Wege, einen ſpitzfindigen Einwurf zu machen, als ein Wahen in den Hof rollte und der Seſſion ein Ende machte.— 2. „Willkommen, willkommen, liebe Tante Ebbal!⸗ riefen die Mädchen, und führten eine große Dame mit einem röthlichen Geſichte nach dem Sopha im Saale, während ſie wetteiferten, ihr das Hutband auf uknüpfen, die von der Reiſe etwas mitgenommene Krauſe zu recht zu machen und den Shawl hinauf zu ziehen, der ſeiner Beſtimmung, den allzu ſonnenverbrannten Hals zu bedecken, vergeſſen zu haben ſchien. „Schon gut, ſchon gut, Mädchen,“ ſagte die Pro⸗ feſſorin, die ihren Willkommgruß noch nicht hatte an⸗ bringen können,„laßt jetzt Tante Ebba hübſch Athem holen, wendet euch um— wir haben ja noch mehr Gäſte.“ Und während jetzt die Profeſſorin und die würdige Probſtin H., ihre Schweſter, einander um⸗ armten und küßten, verneigten ſich die Mädchen vor einem Herrn, deſſen ganze äußere Haltung bis auf die Verbeugung hinaus, einen artigen und beſcheide⸗ nen jungen Mann, einen Mann aus Mama's zweiter Klaſſe ankündigte. „Meines Mannes Bruders Sohn, der Bergherr H.,“ ſtellte ihn Tante Ebba mit ſtolzer Miene vor; die Profeſſorin that dasſelbe mit ihren künftigen ——— —,—O—— 8— —.,— 2—9— 28——‚—— — 13 Schwiegerſöhnen und ſo war die neue Bekanniſchaft eingeleitet. Nachdem die Mädchen Tante Ebba's mannigfache Sachen im Gaſtzimmer untergebracht, den Thee ſer⸗ virt und für das Abendeſſen geſorgt hatten, nahmen ſie ihre Plätze an dem kleinen Tiſche ein, der jetzt in den Saal getragen worden war und an den auch der Bergherr bald ſeinen Stuhl hinrückte. Alles ſchien ſich harmoniſch geſtalten zu wollen. Nur Tante Ebba's Lieblingskatze, die ſtets die Gunſt genoß, auf Reiſen mit zu dürfen, zeigte ſich feindlich geſinnt, nämlich egen die große Dogge des Auditors, gegen welche unaufhörlich ihre blitzenden Blicke ſchleuderte. „Deine Mädchen ſind recht hübſch und artig, liebe Guſtavine,“ flüſterte die Probſtin der Schweſter ins Ohr. „Sie ſind thätig und häuslich,“ antwortete die mütterliche Beſcheidenheit.. „Ach, wenn meine Eliſabeth noch lebte, ſo wäre ſie jetzt auch ungefähr...“ „Was Wermland für eine ausgezeichnet herr⸗ liche Provinz ſein muß,“ rief Roſa laͤchelnd, als der junge Bergherr ſich in einer feurigen Beſchreibung über ſein Heimatland ergoß.„Ich wußte zwar, daß es gutes Eiſen und Waldland beſitzt, aber daß es das Paradies ſelbſt iſt, das habe ich bis jetzt nicht gewußt.⸗ „Ich habe nicht geſagt, daß ganz Wermland die⸗ ſen Vorzug beſitzt, aber ich liebe meine Heimat— es iſt möglich, daß einige Parteilichkeit in der Be⸗ ſchreibung mitunter lief, obſchon meiner Anſicht nach mein ſchönes Engelfors ein wahres Eden iſt.“ „Worin nur Eva fehlt, um die Täuſchung voll⸗ kommen zu machen?“ fiel der Auditor ein. „Allerdings,“ lachte der Bergherr, der gerne auf einen heitern Unterhaltungston einging.„Ich bin 14 jetzt auch eigentlich auf einer Entdeckungsreiſe nach meiner künftigen Hälfte begriffen.“ „Und falls einer von uns für würdig befunden würde, den Beichtſtuhl einzunehmen,“ ſagte Leopold, „dürften wir dann erfahren, ob ſchon ein Schimmer von Engelfors künftiger Herrſcherin geſehen wor⸗ den iſt? „Leider müßte ich bei einer ſolchen Beichte er⸗ klären, daß meine Augen die Holde noch nicht ge⸗ ſchaut haben, welche mich dazu veranlaſſen könnte, von der Frucht der Erkenntniß zu koſten.“ „Von was ums Himmels willen ſprichſt Du, mein lieber Reinhold?“ fragte die Probſtin etwas neugierig. „Von der natürlichſten Sache, die einem Jung⸗ geſellen einfallen kann, meine beſte Tante, wenn er ſich, wie ich, an der Seite von verlobten Leuten be⸗ findet... aber à propos, ich glaube, die Tante hat! die traurige Geſchichte noch nicht erzählt, die wir in Marks Wirthshofe hörten?“ „Ach das hätte ich ganz vergeſſen— aber es iſt leider Gottes keine Freudenbotſchaft, da der Ort ſo nahe bei Hillinge liegt.“ „ Von was iſt denn die Rede?“ fragte man all⸗ gemein. „Das werdet ihr bald hören. Ehe ich aber beginne, will ich fragen, ob die Herrſchaften wohl wiſſen, daß die Pocken im Kirchſpiele ſind?“ „Nein, liebe Tante Ebba; wir waren an dem letzten Sonntage nicht in der Kirche und wiſſen alſo nichts Näheres von dieſem Gerücht, das, wie wir flüchtig gehört haben, einigen Grund hat.“ „Gott laſſe Euch nicht eine ernſtere Kunde davon zukommen! Das Gerücht iſt nur zu wahr. In Mark, das wir vor einigen Stunden verließen, waren wir beinahe Augenzeugen von einer ſehr traurigen Bege⸗ benheit. Die Tochter des Hauſes war mit einem reichen Beiſitzers⸗Sohne von Wik verſprochen; in der vorigen Woche erkrankte das Mädchen an den Pocken und ſtarb. Der Bräutigam, der während ihrer Krank⸗ heit viel gelitten hatte, ſchien Anfangs ruhig und man glaubte, er werde ſich ſchon tröſten, als er heute mor⸗ gen an dem Mühldamme angeſchwemmt gefunden wurde. Der arme junge Burſche hatte ſich ertränkt. Die Leiche wurde eben über den Hof getragen, als wir uns in den Wagen ſetzten. Eine ſolche Betrüb⸗ niß iſt doch etwas zu ſtark.“ „Sie iſt nur, wie ſie ſein ſoll!“ rief der Auditor. „So groß iſt nun einmal die Macht der Liebe; er liebte ſie mehr als ſein Leben, deßhalb konnte er nicht leben, als ſie todt war. Das iſt natürlich. Ich begreife das wohl,“ ſetzte er mit einem warmen Blicke auf Roſa hinzu.„Man liebt nicht für einen Tag oder ein Jahr, nein— bis in den Tod! Das iſt mein Wahlſpruch.⸗ Die ganze Geſellſchaft lächelte auf eine Weiſe, welche Wilhelms reizbares Gefühl verletzte. „Es iſt doch ſonderbar,“ ſagte er,„daß die Liebe, dieſe reinſte und erhabenſte unſerer Empfindungen, gegenwärtig wie ein Spiel behandelt wird! Aber mag ſie als ein ſolches anſehen, wer da will— ich für meine Perſon bin ſtolz darauf, zu wiſſen, daß ich die beſte edelſte Gabe nicht verkenne, welche uns der Schöpfer geſchenkt hat, um uns mit den Widerwärtig⸗ keiten des Lebens auszuſöhnen.⸗ Niemand lächelte mehr über dieſe warme Ver⸗ theidigung des unglücklichen Liebhabers. Roſa drückte ihm freundlich die Hand und man ſprach von etwas Anderem. Nach dem Abendeſſen wollte Tante Ebba einen Spaziergang in den Garten machen. Die jungen Leute begleiteten ſie und der Bergherr zeigte zur großen Freude der Herren Bräutigame, Takt genug, um ſeinen Arm der Alten anzubieten, die er bald allein unterhalten durfte, da die ſchmalen Fußpfade nur ſo weit Raum boten, daß gerade ein Paar bequem neben einander gehen konnte. „Wie gefallen Dir meine Nichten, mein lieber Reinhold?, fragte die gute Frau und ſtützte ſich be⸗ deutend auf die Schulter ihres jungen Verwandten. „Unbeſchreiblich gut, Tantchen! Julie finde ich jedoch etwas ſtille; man könnte ihr wenigſtens etwas mehr Leben wünſchen. Roſa dagegen iſt allerliebſt.“ „Ja, ja, ſie iſt ein wahrer Engel! und Julie wäre wohl eben ſo munter, wenn die Sache nicht ihre gewiſſen Gründe hätte. Doch ich will Dir ſagen, was die Schweſter mir darüber anvertraut hat. Das Mädchen wagt es nämlich nicht mehr ſo frei zu ſpre⸗ chen, wie früher. Beſonders in Gegenwart von fremden Männern, da der Landeskämmerer, der ſonſt ein ganz braver und wackerer Mann iſt, die Schwach⸗ heit beſitzt, ein wenig eiferſüchtig zu ſein. Er möchte ſeine Braut ganz für ſich ſelbſt haben!“ „Nun, da hat er nicht ſo ganz Unrecht, aber der Auditor iſt, glaube ich, nicht ſehr eiferſüchtig, trotz all' ſeiner Prahlerei mit ritterlicher Liebe.“ „Höre, der Mann gefällt mir nicht recht; er iſt ganz gewiß ein Windbeutel, er ſchwatzt ja wahren Häringsſalat! Und ich weiß nicht, wo Guſtavine, die doch ſonſt ein ſo verſtändiges Weib iſt, Augen und Ohren hatte, als ſie zu dieſer Partie„Amen’ ſagte.“ „Glauben Sie denn nicht, Tante, daß der Audi⸗ tor die ſchöne Roſa glücklich machen wird? Es wäre wahrhaftig ſehr Schade um ſie! Und wenn wir in den Zeiten lebten, die er mit aller Gewalt zurückbringen will, ſo hätte ich gute Luſt, eine Lanze für ſie zu brechen.“ „So, ſo, ei daß Dich— kommſt Du mir jetzt auch mit Rühreiern daher? Aber trete mir nicht ſo die Blumenrabatten buſenmen, das rathe ich Dir. Du gehſt ja ſo nachläßig, daß ich mich beinahe an 17 Dir ſchämen muß; und dann will ich Dir auch ſagen, mein lieber Reinhold, daß man nicht ſo hitzig ſein ſoll, wenn man von anderer Leute Eigenthum ſpricht.“ „Hat mich die Tante nicht in Verſuchung ge⸗ führt, als die Tante ſelbſt von der Sache anfing?“ entgegnete der Bergherr ſcherzhaft. „Ja, aber nur damit Du Deine Gedanken auf eine kluge Weiſe ausſprechen möchteſt und nicht um dir Gelegenheit zu geben, von Lanzenbrechen und anderem Zeuge zu faſeln... Aber höre, wir dürfen hier nicht ſo allein gehen, es ſieht aus, als ob wir etwas Beſonderes mit einander verabreden wollten.“ Und dabei machte Tante Ebba mit dem Kopfe eine Wendung zur Linken, der Körper folgte langſam nach. Da man jetzt einen offenen Platz erreicht hatte, ſo wurde die Unterhaltung allgemein. Am Sonntag fuhren alle Hillinger Herrſchaften nach der Kirche, und da man ſich der Buße unterzog, die Bekanntmachungen mit anzuhören, ſo kam man nicht ſehr luſtig nach Hauſe. Pocken, Pocken und nichts als Pocken! Drei Leichen waren ſchon beer⸗ digt worden, für eben ſo viele wurden die Abdankun⸗ gen gehalten und für wenigſtens zehn Perſonen gebe⸗ tet.„Das iſt ja ganz betrübt,“ ſagte die Profeſſo⸗ rin, als ſie beim Mittagstiſche die Brode zur Suppe ſchnitt.„Gott behüte meine Mädchen und uns alle! Ich habe eine unruhige Ahnung.“ Es war, als ob die ganze Geſellſchaft die von der Profeſſorin ausgeſprochene Unruhe theilte, denn es wollte keine heitere angenehme Stimmung in Gang kommen. Am Montag Vormittag reisten die beiden Bräutigame ab, zu ihrem Aerger aber blieb Tante Ebba und folglich auch der Bergherr noch einige Tage, der Letztere offenbar von Roſa's liebenswür⸗ digen Reizen gefeſſelt. ☛ Tutti Frutti. I. 48 3. Kurze Zeit, nachdem die Gäſte Hillinge verlaſ⸗ ſen hatten, begann Julie eines Abends über Kopfweh und Schwere in den Augen zu klagen. Mit ängſt⸗ lichem Eifer richtete die erſchrockene Mutter ein ent⸗ legenes Zimmer für ihre geliebte Tochter her und befahl Roſa in den zweiten Stock zu ziehen, denn ſie wollte ſelbſt und allein Julien pflegen, falls die ge⸗ fürchtete Krankheit zum Ausbruche kommen ſollte, und Roſa wurde alle Berührung mit dem Zimmer ihrer Schweſter aufs Strengſte verboten. „Die arme Julie lag die ganze Nacht über in glühendem Fieber und der Arzt, der am Morgen ge⸗ rufen wurde, erklärte beſtimmt, daß daraus die Pocken werden würden. Die Profeſſorin ſchrieb ein Billet an Leopold und es ſtand nicht lange an, ſo flog er nach Hillinge, um ſeine leidende Braut und ihre bekümmerte Mutter zu tröſten und aufzuheitern. Aber der Kummer der letztern ſollte noch durch eine neue Laſt vermehrt werden. Zwei Tage nach Juliens Erkrankung mußte auch Rofa, die im Gehei⸗ men und trotz des Verbots, ihre Schweſter beſucht hatte, zu Bett, und fetzt wanderte die arme Mutter in der tiefen Angſt ihres Herzens von einem Kran⸗ kenzimmer ins andere. Ein neuer Bote wurde nach der Stadt abgeſandt, um Wilhelm von dem gefähr⸗ lichen Zuſtande ſeiner Braut zu unterrichten. Aber erſt am andern Abend langte der Auditor bleich und verſtört an. Im Saale begegnete er Leopold, der mit einem Trank zu Julien hineinging. 3 „Wie ſteht's, was hältſt Du davon?“ fragte Wilhelm mit einer Stimme, die hörbar zitterte,„gehſt Du denn in ihr Zimmer?“ „Das kannſt Du Dir doch denken,“ antwortete 4 der Landeskämmerer ärgerlich.„Was ſollte ich denn 9 — — ——O— SASSeͤ SDn ee 19 anders hier thun, als ſie tröſten und pflegen, ſo gut ich kann?“ „Ja wohl, ja wohl,— aber wenn man Anlage zur Anſteckung hat, ſo ſehe ich eben nicht ein, ob es ganz recht iſt, ſich der Gefahr auszuſetzen.“ Leopold lächelte. Es war nicht zu verkennen, was er dachte. „Nun, wie ſteht es denn mit meiner geliebten, meiner unausſprechlich geliebten Roſa? Ach, meine göttliche Roſa—— ich muß ſie beſuchen, es iſt meine Pflicht und wenn es mich mein Leben koſtete. Ich geſtehe jedoch, Bruder Leopold, daß ich eine Natur beſitze, die unglücklicher Weiſe—— doch ihre Pocken hoffe ich, ſind noch nicht ſo ſchlimm.“ „Noch nicht, fie ſind noch nicht einmal ausgebro⸗ chen; aber in einigen Tagen wird ſie wohl eben ſo ausſehen, wie meine arme geduldige Julie.“ Wilhelm ſeufzte tief; dennoch ſuchte er die Pro⸗ feſſorin auf, um etwas von ihr zu erbitten, was er gewiß gern geſehen hätte, wenn ſie es ihm verwei⸗ gert haben würde, nämlich die Erlaubniß: Roſa beſu⸗ chen zu dürfen. Aber Mama, die der Meinung war, er habe ſich Zeit genug gelaſſen, war etwas kurz ange⸗ bunden und ließ ein und das andere Wort über Prahlereien mit Gefühlen fallen, die nur auf den Lippen lägen. Der Auditor war die Geduld ſelbſt bei dieſen mütterlichen Vorwürfen. Er antwortete nicht ein einziges Wort, das die ernſte Frau noch mehr hätte reizen können und ſtammelnd wagte er einige Entſchuldigungen wegen dringender Geſchäfte und mehrerer anderer Hinderniſſe. „Es iſt genug,“ unterbrach ihn die Profeſſorin bitter,„wenn es Deine Abſicht iſt, Deine Braut zu ſehen, ſo komme mit.“ Mit langſamen Schritten ging Wilhelm die Treppe hinauf. Sein Herz war beklommen, denn er mußte es ſich jetzt geſtehen, daß die Rehe zwar eine — — — 20 ſchöne und vortreffliche Sache iſt, ſo lange ſie keine Probe zu beſtehen braucht oder Opfer erheiſcht, daß aber in dergleichen Fällen, beſonders in einem, wie der gegenwärtige, die Ueberſchwenglichkeit der Ge⸗ fühle bedeutend ſinke. Noch fühlt er zwar ſich feſt überzeugt, daß er Roſa unermeßlich betrauern würde, wenn ſie ſtürbe— ach, ein ſolcher Verluſt müßte ihn wahnſinnig machen! Aber was er in dem Falle thun würde, wenn ihr ſchönes Aeußeres zerſtört werden würde, das wußte er nicht. Denn o Himmel! was ſollte er denn mit einem häßlichen Weibe das ganze lange Leben hindurch anfangen? Es war eine ſchauer⸗ liche Marter für ihn zu denken, wenn Roſa's feine, volle Wangen, der Wohnſitz der Lilien und Roſen in eine bräunliche, mit Gruben bedeckte Haut ver⸗ wandelt werden ſollten,— o ſchon der Gedanke daran erforderte eine mehr als menſchliche Stärke. Er wurde von dem tiefſten Mitleid mit ſich ſelbſt erfaßt; ein ſo unglückliches Weib konnte nichts für ſein Herz ſein. Nein, damit war es aus und vorbei! Kein Menſch würde ſie ja einer Aufmerkſamkeit würdigen; wenn ſie mit ihm in eine Geſellſchaft träte, ſo würde man höchſtens die Bemerkung machen, daß der junge L. ſo edelmüthig geweſen ſei, ſich mit dieſer unglücklichen Figur zu vermählen, um eine früher eingegangene Verbindlichkeit zu erfüllen; eine ſolche Bewunderung wäre jedoch zu theuer erkauft, um ſo mehr, da man es bald vergeſſen würde; er dagegen ſich täglich an die Feſſel erinnern müßte, an die er feſt geſchmie⸗ det wäre. Niedergebeugt unter der Laſt dieſer Betrachtun⸗ gen, die ihn ſeit der Ankunft der Unglücksbotſchaft gepeinigt hatten, beeilte ſich der Auditor eben nicht ſehr, die Thür⸗ zu erreichen, wo ſeine Schwiegermutter wartete. Der Schlüſſel wurde ſachte im Schloſſe gedreht, und jetzt ſtand Wilhelm in einem Zimmer, deſſen —————=. ———— —9— 21 dunkle Beleuchtung, verbunden mit dem Arzneigeruche, ihm wie eine ſchauerliche Botſchaft vor Aeseulap's ſtrengem Richterſtuhle erſchien. Er athmete ſchwer und mit verſchloſſenen Lippen, denn er fürchtete, die Anſteckung einzuathmen. „Komm näher, mein lieber Wilhelm!“ tönte Roſa's Stimme, lieb und klagend.„Gott, wie blaß und entſtellt Du biſt, Du mußt nicht ſo unvernünftig trauern, mein Geliebter,— ich werde ſchon wieder geſund werden, wir müſſen nur Geduld haben! Komm und ſetze Dich hier neben mich in Mama's großen Lehnſtuhl.“ Zitternd vor einer Berührung mit ihr, deren Hand er ſonſt nicht lange genug in der ſeinigen hal⸗ ten konnte, ſah ſich Wilhelm genöthigt, den angebo⸗ tenen Platz einzunehmen. Sein Blick ſuchte mit einem ängſtlichen Ausdruck nach Roſa's lieblichem Geſichte. Es war glühend roth vor Fieber, aber noch hatte ſich keine Spur von den Pocken gezeigt.„Vielleicht,“ dachte er,„kommt ſie ohne dieſe davon!" und bei dieſer tröſtlichen Hoffnung empfand er eine Erleichte⸗ rung in ſeinem Herzen, die ihm geſtattete, Roſa's forſchendem Auge mit einem ſüßen Lächeln zu begegnen. „Wilhelm,“ ſagte ſie nach einem kurzen Still⸗ ſchweigen,„ich ſehe, daß Du Dich fürchteſt. In die⸗ ſem Falle darfſt Du nicht hier bleiben, ich bitte Dich von ganzem Herzen, kehre um!“ „Nein, meine geliebte Roſa, wie kannſt Du nur ſo etwas glauben? antwortete Wilhelm und bemühte ſich, eine vollkommen ruhige Haltung anzunehmen. „Ich kann nicht ferne von hier ſein, ſo lang Du in Gefahr biſt— ich müßte ja in Verzweiflung gerathen.“ Dieſe Worte klangen recht ſchön, aber Roſa'n genügten ſie nicht, denn der Ton ſeiner Stimme widerſprach ihm. „Du biſt nicht ganz aufrichtig, Wilhelm,“ ſagte ſie,„und es iſt doch durchaus kein Verbrechen, wenn — 4 1 1 3 1 man ſich vor Anſteckung fürchtet. Thu' ſo, wie ich Dich bitte. Reiſe heim! ſei überzeugt, daß man es Dir ſagen läßt, wenn es ſchlimmer mit mir wird.“ Es regte ſich etwas Schmerzliches, etwas, das wie Schaam ausſah, in Wilhelms Bruſt; aber ſein Gefühl war nicht ganz zu überwinden; mit halb⸗ lauter Stimme ſprach er:„Nun wohl, theuerſte Roſa, wenn es zu Deiner Ruhe beiträgt, ſo will ich nicht länger eigenfinnig ſein. Ich werde Deinen Wunſch erfüllen; aber jede Minute, ich mag Dir nun nahe oder fern ſein, werde ich in dem wärmſten Gebete zubringen, daß Du mit den Folgen der ſchauerlichen Krankheit verſchont bleiben möchteſt!“ Eine kleine Stunde nach dieſer Unterhaltung ſaß der Auditor wieder wohlbehalten in ſeinem Gig, wel⸗ ches auf der Straße dahin rollte. Die täglichen Bo⸗ ten, welche von dieſer Zeit an nach Hillinge geſchickt wurden, brachten betrübte Nachrichten zurück. Am vierten Tag ſchrieb die Profeſſorin mit eigener Hand, daß Roſa's Zuſtand ſo gefährlich ſei, daß der Doktor für ihr Leben fürchte. Sie forderte Wilhelm nicht auf, zu kommen, allein ſie ſagte, daß Roſa oft wachend und ſchlafend ſeinen Namen erwähne. „Ich muß hin,“ rief der Auditor.„Meine Ehre, meine Liebe gebieten mir dieſes Opfer zu bringen. Es muß ſein, ich würde mich ſelbſt verachten, wenn ich jetzt nicht hin reiste.“ An demſelben Abend, als er noch unter dem Ein⸗ fluß des neuen Paroxismus ſtand, fuhr er an Hillinge⸗ hof an, in demſelben Augenblick, als der Doktor ſich in ſeine Droſchke ſetzte, um wieder in die Stadt zu⸗ rückzukehren. „Wie ſteht es mit meiner Braut, Herr Doktor?“ fragte Wilhelm haſtig. „Schlecht, Herr Auditor,“ antwortete der Doktor mitleidig.„Das Leben hoffe ich ihr mit Gottes Hülfe retten zu können, aber mit ihrer Schönheit iſt es 8K ÿ ——————— 23 leider für immer vorüber. Sie hat die ſchlimmſten Pocken, die ich jemals behandelte.“ Wie erſtarrt blieb Wilhelm noch lange, nachdem der Doktor abgereist war, in dem Gig ſitzen. End⸗ lich hörte er Leopolds Stimme von einem Fenſter im zweiten Stocke aus:„Was Teufels haſt Du denn, Wilhelm, willſt Du denn nicht ausſteigen?“ Ohne eine Antwort zu geben, ſtieg der in ſeinem Glück betrogene Bräutigam ſachte herab. Unaufhör⸗ lich tönte dieſelbe Stimme in ſein Ohr:„Mit ihrer Schönheit iſt es für immer vorüber.“ Sobald er in das Zimmer gekommen war, wo fich Leopold befand, nahm ihn dieſer unter den Arm und ging nach der Thüre zu Roſa's Kammer.„Er⸗ manne Dich, Wilhelm,“ flüſterte er:„Du fiehſt, Du wirſt zwar nur die Ruinen von der Schönheit Deiner Braut erblicken, aber wie viel andere Dinge bleiben Dir noch übrig! Wilhelm, Du kannſt die Gleichgül⸗ tigkeit nicht verantworten, die Du bisher gezeigt haſt, und als Freund ſage ich Dir, mache ſie jetzt gut! Sie wird einen Werth darauf legen und vielleicht den Mangel an Harmonie vergeſſen, die ſich während dieſer Zeit zwiſchen Deinen Worten und Handlungen gezeigt hat.“ „Ich ſollte denken...“ begann Wilhelm. „Ich ſollte denken,“ unterbrach ihn Leopold und Zorn flammte in ſeinem Blick,„ich ſollte denken, daß es jetzt keine Zeit zu leeren Ausflüchten wäre!“ Er öffnete die Thüre und ſchob den Auditor hinein. „Gott, mein Gott!“ rief Wilhelm heftig erſchüt⸗ tert, ſo bald ſich ſeine Augen ſo weit an die Dunkel⸗ heit des Zimmer gewöhnt hatten, um die Gegenſtände unterſcheiden zu können.„Großer Gott, iſt das Roſa?“ Er hatte wirklich Grund zu dieſer Frage, ſo furchtbar entſtellt war das Geſccht des jungen Mädchens durch dieſe alle Schönheit vernichtende Krankheit. —— ——— — — ——— — 1 3 8 b 24 „ Ja, Wilhelm, ich bin es,“ preßte eine ſchwache Stimme heraus.„Mit meinem Aeußern iſt es jetzt vorbei, aber mein Herz iſt noch dasſelbe.“. Wilhelm erwiderte Nichts, nur noch einen Blick, einen langen und ſchmerzlichen Blick warf er auf ſeine Geliebte, dann flüſterte er kaum hörbar:„Lebe wohl, lebe wohl, Roſa! mein Herz kann dieſen er⸗ ſchütternden Anblick nicht ertragen!“ Und hinaus ſtürzte er und die Treppen hinab, und warf ſich ohne ein Wort mit Jemand zu ſprechen, in das Gefährt. Als er zu Hauſe auf ſeinem Zimmer angekommen war, ging er in einer furchtbaren Aufregung auf und nie⸗ der. All die reichen, warmen Gefühle, die in ſeiner Bruſt gewohnt hatten— jene Gefühle, die über Zeit und Ewigkeit hinausreichen ſollten— ſie waren in einem Nu entflohen, und nur die Stimme der Pflicht und der Ehre ſprach noch und ermahnte ihn, das arme Mädchen jetzt, wo ſie am meiſten eine Probe ſeiner Ergebenheit bedurfte, nicht feig aufzugeben. „Ja, aber ich kann es nicht! es geht über meine Kräfte. Mag einen ſolchen Heldenmuth beweiſen, wer da kann, ich kann es nicht; denn ich liebe ſie nicht mehr und würde ſie daher nur eben ſo unglück⸗ lich machen, als ich ſelbſt würde,— aber Ehre und Treue waren mir doch bisher ſo theuer— ach, ich Lin, nicht mehr derſelbe, ich kenne mich ſelbſt nicht mehr. Von Kämpfen ermattet, kapitulirte endlich das nachgiebige Gewiſſen des Auditors. Als dieß geſche⸗ hen war, ſank er zerknirſcht auf das Sopha nieder; das Feuer in ſeinem Herzen und ſeiner Phantaſie war erloſchen— die Waſſerperiode war eingetreten. —Q 25 4. Ein Monat war verſtrichen. Dieſe ganze Zeit über war Wilhelm kein einziges Mal nach Hillinge gefahren; noch fehlte ihm die Kraft, ſowohl Roſa wie⸗ der zu ſehen, als ihr ſchriftlich zu verkündigen, daß die kurze Ewigkeit ſeiner Liebe jetzt abgelaufen ſei. Indeſſen hatte er von mehreren Perſonen, welche die Profeſſorin beſuchten, ſagen und es bedauern hören, daß die Fräulein M. gänzlich durch die Pocken ent⸗ ſtellt worden wären; die frühere Schönheit Roſa's jedoch noch weit ſchlimmer, als ihre Schweſter; weßhalb ſie ſich auch vor Niemand ſehen laſſen wolle. Bei dieſen Nachrichten ſeufzte Wilhelm tief, ja wohl zwanzigmal in jeder Viertelſtunde. Endlich faßte er jedoch ſeinen Entſchluß; denn wie Alles ein Ende nehmen muß, ſo mußte auch Wilhelms Unentſchloſſen⸗ heit zu einem ſolchen kommen. Nach einem monat⸗ langen Brüten faßte der Auditor Muth, und ſchrieb folgenden Brief an ſeine Braut: „Theuerſte Roſa! Du haſt allen Grund, unzufrieden mit mir zu ſein, und doch kannſt Du es nicht mehr ſein, als daß ich es ſelbſt mit meiner Handlungsweiſe bin. Allein ich würde Dich betrügen, liebe Roſa, wenn ich mich anders benähme, und das wäre noch ſchlimmer. Gott iſt mein Zeuge, daß ich lange mit mir ſelbſt gekämpft habe, ehe ich mich zu dem Schritte entſchloß, den Du beim erſten Blick auf den beigeſchloſſenen Verlobungs⸗ ring verſtehen wirſt, wenn Du auch meinen Brief ſelbſt keiner Aufmerkſamkeit würdigſt. Aber, beſte Roſa, lies ihn dennoch, und beurtheile mich nicht zu hart! Ich bin ſchwach, ich bin eitel, ich bin Egoiſt, und ich fühle leider, daß ich nie aufhören werde, anders zu ſein. Als ich ſagte, daß ich Dich mehr als mein eige⸗ nes Ich liebte, daß ich Dein ſei bis in den Tod, da H* dachte ich nicht an die Möglichkeit, daß Dein bezau⸗ berndes, engelholdes Antlitz— ich kann nicht daran denken, ohne daß mein Herz blutet— einſt ſo ſehr ſich verändern würde, daß ich(verzeihe mir meine Aufrichtigkeit) Dich nicht ohne ein peinigendes Gefühl anſehen könnte. Doch ich ſollte für meine übertriebene Aeußerung geſtraft werden— und ich bin es mehr als genug, da jene Gefühle, die meinen Himmel, mein Leben, meine Seligkeit ausmachten, jetzt ſo ganz erkaltet ſind. Vielleicht würden wenige Männer den Muth haben, ſo aufrichtig zu ſein, wie ich es bin. Allein ich verſchmähe es, Entſchuldigungen für mein Benehmen aufzufinden, das nur eine einzige haben kann, nämlich die Unbeſtändigkeit des Herzens. Verzeihe mir, theure Roſa, wenn Du es vermagſt, verzeihe mir den Schmerz, den ich Dir vielleicht verurſache. Aber beſſer, ſich jetzt trennen, als ein ganzes Leben in Reue und Gram zuſammenleben. Wilhelm L.⸗ „Ja— beſeer, ſich jetzt trennen,“ ſagte Roſa leiſe, indem ſie den zurückgeſchickten Verlobungsring gegen die Augen hielt und eine Thräne darauf niederfallen fühlte.„O Wilhelm— wie ſchwach biſt Du! Wie ſo gehaltlos iſt Deine Liebe! Wie gedankenlos Deine Schwüre von ewiger Treue! Habe ich Etwas verloren? Nein, der Mann, der nur die Schale lieben konnte, und ſich nicht um den Kern bekümmerte, iſt nicht werth, daß das Weib, welches er ſo leichtfinnig aufgibt, ihm ein ſchmerzliches Gefühl weiht. Dieſe Thräne ſei die letzte!“ Sie legte den Ring in den Brief und ver⸗ ſchloß Beides in ihrem Nähtiſch. Dann zog ſie ohne Zaudern ihren eigenen Verlobungsring vom Finger, legte ein Papier zuſammen und ſchrieb: „Wilhelm! Deine Liebe konnte nicht eine einzige Probe be⸗ ſtehen.— Ich danke Dir, daß Du mir ſo frühzeitig —O—“— ——3——— A8ͤN—— N8N₰r! ⏑— N die Augen öffneteſt. Du haſt Recht. Beſſer ſich jetzt trennen, als ein ganzes, langes Leben in Reue und Gram mit einander zubringen. Lebe wohl, Wilhelm! Ich will Deinen Leichtſinn verzeihen und ihn zu ver⸗ geſſen ſuchen. Roſa.⸗ Sie wickelte den Ring in das Billet, und noch an demſelben Abend war der Brief in den Händen ſeines Beſitzers. Am Tage darauf trat der Auditor eine längere Reiſe an, um Zerſtreuung für ſein kran⸗ kes Gemüth zu ſuchen und das Gleichgewicht des Gei⸗ ſtes wieder herzuſtellen, das durch die unglückliche Auf⸗ löſung ſeiner Verlobung gänzlich zerſtört worden war. 4/ Der Sommer war vergangen und der Herbſt hatte bereits die letzten Spuren des friſchen grünen Schmelzes verweht. Die gelb gewordenen Btätter lagen auf allen Pfaden in Hillinge's ſchönem Garten zerſtreut, und dieſer ſelbſt war jetzt eben ſo ſtille und verlaſſen, wie er vor einigen Monaten geräuſchvoll und beſucht geweſen war. Nur eine Perſon wandelte jetzt einſam zwiſchen den Hecken auf und nieder, wäh⸗ rend ſie ſich oft hinabbückte, um etwas aufzuheben, nach welchem ſie offenbar mit Eifer ſuchte. Er— denn es war ein Herr— hatte bereits das Körbchen, das er in der Hand trug, beinahe ganz mit Buxbaum⸗ zweigchen gefüllt, als er leichte Schritte in der Nähe vernahm, und in wenigen Augenblicken ſtand Roſa mit einem ähnlichen Korbe neben dem Fremden. „Was ſoll das heißen?“ rief ſie lächelnd;„wer hat dem Herrn das Recht gegeben, den Ritter zu ſpielen, wenn ich fragen darf?⸗ „Mit dem Du⸗Kuß, den meine verſtändige Tante ihrem Günſtling geſtern Abend verſchaffte, nahm er ſich zugleich die Freiheit, ſich zu Deinem ritterlichen ſſ“ z 1 4 — 1 3 28 Sklaven zu weihen,“ antwortete der junge Bergherr in einem Tone, worin Kühnheit und Scheu ſich glück⸗ lich die Mitte hielten, Roſa hanthirte in ſeinem Korbe herum und verwarf unbarmherzig das Meiſte als un⸗ brauchbar. Die Frauenzimmer haben hie und da das Talent, nichts zu hören, und deßhalb hatte Roſa bei dieſer Gelegenheit kein Gehör, noch weniger ſah ſie etwas Anderes, als die Zweigchen. „Meine Arbeit wird wohl am Ende fruchtlos geweſen ſein, wie ich ſehe,“ fuhr Reinhold mit einem lebhaften Blicke fort,„doch gleichviel, ſo habe ich doch die Freude gehabt, daß ich Deinem Wunſche zuvor zu kommen ſuchte. Ich hörte, wie Du zu Leopold ſagteſt, Du wüßteſt Dir aus Mangel an Myrthen Buxbaum bekommen, um die Lücken im Brautkranze auszufüllen.⸗ „Das heiße ich gute Ohren haben,⸗ ſagte Roſa, „denn ſo viel ich mich erinnere, warſt Du im andern Zimmer, als ich Leopold dieß Geheimniß zuflüſterte. Es iſt mir recht unangenehm, daß unſere Myrthen nicht zureichten; ſie ſind uns beinahe ausgeſtorben.“ „Gewiß nicht ausgeſtorben! Ich verſtehe mich ein wenig auf die Botanik und wage daher zu behaupten, daß das Abfallen der Blätter, ſo weit es dieſe eine Myrthe betrifft, nur eine Feinheit deſſelben war, um nicht etwas von ihrer Zierde in unrechte Hände geben zu müſſen. Wir wollen ſehen, ob ſie ſich, wenn die Gefahr vorüber iſt, nicht wieder mit einem neuen friſchen Gewande ſchmückt. Sie weiß wohl, daß der rechte Tag noch nicht da iſt.“ „Reinhold! mein lieber Junge!“ tönte die Stimme der Tante Ebba von der Terraſſe her,“ komm doch ums Himmelswillen und ziehe meine arme Katze heraus! Sie haben ſie in die Speiſekammer geſperrt; da hat ſie ſich gewiß an Ratten übereſſen und liegt jetzt der Länge nach hinter dem heißen Ofen, und dort iſt es 3 ſchmal, daß ich nicht einmal mit der Hand hinein⸗ omme.“ SU— O 29 Es iſt am Beſten, wir verſchweigen, wohin Rein⸗ hold im Aerger über eine ſo ungelegene Störung die Tante Ebba und ihre Katze ſchickte. Aber als Roſa über ſeine Verwirrung lachte, ſprach er in ſcherzendem Ernſt;„Du ſiehſt, daß mich höhere Pflichten rufen!⸗ Dieſe mußte er jedoch nicht für ſonderlich wichtig hal⸗ ten, indem er ſich nicht ſehr beeilte, dem Rufe nach⸗ zukommen, bis ihn Roſa zur ſchleunigen Ausführung des Befehls ermahnte, was auch zur Folge hatte, daß Tante Ebba ihre Katze wieder ſehen durfte, eine Freude, die in der That zweifelhaft geſchienen hatte. Als ihr Reinhold den Schatz wohlbehalten in die Arme legte, flüſterte ſie, indem ſie zugleich ſchlau mit den Augen blinkte:„Du biſt mir doch nicht böſe, Schelm, daß ich Dich gerade ſtörte, als es Dir ſo wohl war, wie der Ratze im Käſe— aber erinnere Dich nur, daß Du mir das Dutzen zu danken haſt! Gehe jetzt und mache, daß Du ſie wieder zu ſprechen bekommſt.⸗ Aber Roſa war nicht mehr zu inden. Die Ge⸗ legenheit war verſäumt— die unſelige Katze!— An demſelben Tag Abends, es war den 20. Okt., kam der Auditor von ſeiner Reiſe zurück. Sein Schmerz über den Verluſt des ſchönen Geſichts ſeiner Braut war beinahe noch gleich heftig. Unter all' den ſchönen Frauenzimmern, die er geſehen hatte, war ihm keine aufgeſtoßen, die ſich mit Roſa meſſen konnte, und Wilhelms Art und Weiſe, wie er darüber trauerte, war ungefähr helade ſo, als ob ihm ſeine Braut durch den Tod geraubt worden wäre. Als er den Reiſemantel abgeworfen und ſich an dem freundlich einladenden Kaminfeuer niedergelaſſen hatte, trat ſein Burſche ein und übergab ihm eine Einladungskarte, die, wie der Hausherr ſagte, ſchon ein Paar Tage da gelegen hatte. Wilhelm warf die Augen darauf und ein tiefer Seufzer entfuhr ſeinen Lippen; es war nämlich eine Einladung von der Profeſſorin M., der Trauung des Landeskämmerers — 5 V 1 — — 30 Leopold T. und ihrer Tochter Julie, die am 21. Okt. ſtattfinden würde, beizuwohnen. „Den wie vielten haben wir heute?, fragte Wil⸗ helm ſeinen Burſchen. „Den zwanzigſten, Herr Auditor.“ „Hm, dann iſt es alſo morgen,“ murmelte Wil⸗ helm und verſank in tiefe Gedanken, wobei die Erinnerung an die vergangene Seligkeit in ihm auf⸗ ſtieg, die er unwillkürlich mit der traurigen Gegenwart vergleichen mußte.„Ja, jetzt iſt es vorbei!“ Er ſtand auf und faßte die Tabakspfeife, um in den lichten blauen Wolken, die aus derſelben emporſtiegen, das Gewölke weg zu blaſen, das die Vergangenheit in ſeinem Gemüthe zurückgelaſſen hatte. Aber es wollte ihm nicht gelingen. Die ſchweren Wolken vergingen nicht, ſondern drehten ſich immer in demſelben Kreiſe. „Ich reiſe hin!“ rief er plötzlich entſchloſſen aus: „wer weiß, vielleicht kann ich mich an dieſe Zerſtörung gewöhnen, und es iſt doch Roſa; ihre Augen, ihr Lächeln, ihre ſanfte, ſchöne Stimme müſſen noch die⸗ ſelben feint⸗ Seltſam, weiche Gefühle regten ſich in ſeinem unruhigen Herzen; er wußte ſelbſt nicht, was er wollte, nur dieß ſtand feſt in ihm, daß er hingehen würde: Ob Roſa ihn wieder zu Gnaden aufnehmen würde. Dieß war etwas, was er gar nicht in Be⸗ trachtung zog. Langſam ſchlichen ſeiner Ungeduld die Stunden dahin; endlich erſchien jedoch der andere Abend. Wilhelm kleidete ſich ſorgfältig an, ſtieg in ſein Gig und ſo ging es auf dem alten wohlbekannten Wege dahin. In Hillinge waren alle Fenſter hell erleuchtet. Die Tiſchuhr im großen Zimmer zeigte drei⸗ viertel auf ſieben Uhr. Schon hatten ſich die Gaͤſte verſam⸗ melt und in gewöhnlicher, förmlicher Steife geordnet. Wilhelm hatte in der Kaminecke Platz genommen und wechſelte ein Paar Worte mit dem jungen Bergherrn. 3 Jetzt hörte man im Oehren huſten und im Kabinet ——— —„—— 31 wurde geflüſtert. Die Thüren flogen auf und das Brautpaar trat zu den Stühlen. Leopolds Miene ſprach ſeine Ruhe und Zufrieden⸗ heit aus und ſeine Augen, in denen die reinſte Liebe und Freude leuchteten, waren auf die Braut gerichtet, die der Gäſte nahmen dieſelbe Richtung; und mancher kleine Seufzer wurde auf dem halben Wege erſtickt, als die Freunde des Hauſes die Verheerung ſahen, welche die Pocken auf Juliens einſt ſo lieblichem Ge⸗ ſicht angerichtet hatte. Aber als die Braut emporſah, als ihr Blick, in dem ein verklärter Ausdruck von Glückſeligkeit und die ſchönſte Dankbarkeit lag, den des Bräutigams traf; als auf den noch ſo friſchen und ſchönen Lippen ein Lächeln ſchwebte, das ein rei⸗ ches Gelöbniß von Treue und Hoffnung enthielt— da ſeufzte keiner mehr; Jeder fühlte mit Gewißheit, daß die Seelen, welche ſich hier zu einem gemein⸗ ſchaftlichen Leben vereinigten, den hohen Sinn der heiligen Worte:„So ſollen ſie fortan nicht mehr zwei, ſondern Eines ſein,“ erfaßt hatten. Auf Wilhelms Wangen flammte die Röthe der Reue und der Scham, als ſein Auge dem heitern Ausdruck in Leopolds begegnete. Der Trauungsakt begann, und Wilhelm, der ſich ſo lange als moͤglich das unangenehme Gefühl des erſten Eindrucks erſpart hatte, ſuchte jetzt Roſa unter den jungen Mädchen, welche die Braut umgaben, und beinahe hätte er einen Schrei des Schreckens und der Freude ausgeſtoßen, als er ſie in dem vollen Glanz ihrer Schönheit und reizender als jemals daſtehen ſah. Nicht die geringſte Spur der Krankheit hatte ihre feinen und ſeelenvollen Züge entſtellt. Der arme Wilhelm, der nicht recht wußte, ob er tränmte oder wachte, zog den Bergherrn ſo heftig beim Arme, daß dieſer ſich mit erheuchelter Verwunderung umwandte und etwas ſpitzig fragte, was der Herr Auditor befehle. — ———— — ——— 32 Die Ceremonie war zu Ende, und während ſich die Gäſte mit Glückwünſchen um das Brautpaar dräng⸗ ten, ſtürzte Wilhelm in das Kabinet, in das er Roſa hatte eintreten ſehen. Sie ſtand am Fenſter, und es war klar, daß ſie ſeiner wartete. „Roſa, Roſa, meine unausſprechlich geliebte und angebetete Roſa! welche ſchrecklichen Qualen hat die⸗ ſes grauſame Spiel mir gekoſtet! Mit Dir, Du Engel, werde ich doch jetzt meinen Himmel wieder gefunden haben?“ Er wollte ſie an fein Herz ſchließen, aber ſie ſchob ihn ernſt, obſchon ſanft zurück. „Nicht ſo Wilhelm,“ ſagte ſie entſchloſſen,„Du haſt mir entſagt und zwiſchen uns iſt es jetzt vorbei— vorbei auf immer!“— „Gott, was ſagſt Du, Roſa? Nein, es iſt unmög⸗ lich, Du haſt mich nur prüfen wollen!“ „„Ja, Wilhelm, ich wollte den Gehalt der Liebe prüfen, von deren Gewalt Du ſo viele Worte machteſt. Ich war nur ſehr gelinde krank und hatte keine ein⸗ zige Pocke im Geſichte. Um aber über den Ernſt oder Leichtſinn Deiner Gefühle in's Klare zu kommen, über⸗ redete ich nach Deinem erſten Beſuche, wo der Leichtſinn vorzuherrſchen ſchien, Julien, meine Rolle zu über⸗ nehmen, da ihr Geſicht ganz unkenntlich, aber die Lebensgefahr bereits vorüber war. Ich wußte wohl, daß Du zu ängſtlich ſein würdeſt, um nahe hinzu zu treten, und die durch Krankheit entſtellte Ausſprache konnte keinen Argwohn in Dir erregen. Ich hatte Mama, den Doktor und Leopold in das Geheimniß eingeweiht; und ich muß Dir geſtehen, Wilhelm, daß an dem Tage, der zu Deiner Prüfung beſtimmt war, ich die Einzige war, welche Hoffnung hatte, daß Du ſie beſtehen würdeſt. Wie dieſe gerechtfertigt wurde, weißt Du. Ich habe nichts mehr hinzu zu ſetzen, als daß ich, um Deinen Wahn nicht vor Abfaſſung Deines Entſchluſſes zu heben, mich auf meinem Zimmer hielt —— & 88OSS== 33 und die Leute über mein zerſtörtes Geſicht ſchwatzen ließ, was ſie wollten.“ Roſa ſchwieg. Wilhelm ſtand bleich und nieder⸗ geſchlagen da.„Ich war ſehr leichtſinnig, begann er, vaber glaube mir, theure Roſa, daß ſich meine Reue bereits eingeſtellt hat, und ich wäre heute Abend nicht hieher gekommen, wenn ich nicht wegen eines Beneh⸗ mens hätte Abbitte leiſten wollen, das ich jetzt verab⸗ ſcheue, und nun zum zweitenmal um Deine Hand angehalten.“ „Wohl Dir, Wilhelm, wenn Du Deine Gefühle künf⸗ tig weniger in Worte kleideſt, als in Handlungen, und Dir mehr Herzens⸗ und Charakterfeſtigkeit verſchaffeſt. Was aber die Erneuerung unſerer frühern Verbindung betrifft, ſo kannſt Du überzeugt ſein, daß ich, wenn ich auch von demſelben Unglück, wie Julie, heimgeſucht worden wäre, doch nach dem, was vorgefallen, Dir nie mehr die Hand zu dem wichtigen Bunde gereicht hätte. Laß uns jetzt wieder zur Geſellſchaft zurückkeh⸗ ren! Wir haben einander nichts mehr zu ſagen.“ Wilhelm kannte Roſa's Feſtigkeit und machte da⸗ her keine weitere Einwendungen, da er an ihrem Blicke ſah und in ihrem Tone hörte, daß alle Hoff⸗ nung für ihn dahin ſei. Schweigend verbeugte er ſich vor ſeiner ehemaligen Braut; als er aber zu einem langen Lebewohl ihre Hand an ſeine Lippen führte, ſiel gegen ſeinen Willen eine verrätheriſche Thräne. Sein männlicher Stolz verbot ihm jedoch eine weitere Bitte. In der nächſten Minute war er fort, und vom Fenſter aus ſah Roſa, wie er im Hofe haſtig den Befehl gab, ſeinen Gig anzuſpannen. „Wilhelm, armer Wilhelm!“ ſeufzte Roſa, „möchte dieſe Erfahrung Dir nicht verloren gehen!“ Sie blieb in tiefe Gedanken verſunken ſtehen, bis eine Hand ſanft die äußere Falte ihres Kleides berührte, und eine wohlklingende Stimme flüſterte:„Wird er Tutti Frutti. I. 3 immer der Einzige bleiben?“ Mit einem leichten Er⸗ röthen ſchlug Roſa ihre ſchönen Augen auf, heftete ſie auf Reinhold, und ſagte mit einem Lächeln, das zwi⸗ ſchen Schmerz und Wehmuth ſchwebte:„Das will ich nicht gerade behaupten— denn das Herz iſt wie wir geſeben haben, ein Ding, das ſich nicht mit den Händen feſt halten läßt.“ 4 —6„y—————,——= — Er⸗ e ſie zwi⸗ will h. wfe M Die Kapelle. den Es iſt eine große Wahrheit, daß das Alter in jedem Jahrhunderte auf die Jugend wie auf ſeinen Seelſorger, ſeinen Heerführer, ſeine Hulfe, ſeine Stärkeblickt. Das Junge gerade iſt es, das die Welt an⸗ führen ſoll. Gott ſelbſt war nur ein Mann von dreiunddreißig Jahren, als er für die Welt ſtarb, und durch das Kreuz eine neue Lebensweiſe einführte. Von C. J. L. Almaniſt. Aus dem Schwediſchen. 4 Ein Tag. Ein dreiundzwanzigjähriger Mann mit einem recht guten Geſichte und einem offenen frohen Blicke beſtieg ein zweiräderiges Fuhrwerk von ärmlicher Beſchaffen⸗ heit. Er ſah hinter ſich und fand, daß ſein kleiner Mantel⸗ ſack, rund und wohl zuſammengeſchnürt, in vollkommener Sicherheit hinter dem Sitze in dem Karren lag. Er ergriff daher die Zügel und ließ ſich von dem Pferde in ſanftem Trabe durch das ſüdliche Thor der Stadt Calmar hinausführen. Den hohen und breiten, mit Raſen belegten Wällen nickte er ſein Lebewohl zu, rollte auf der Brücke über den tiefen Waſſergraben, der die Stadt umgibt, fuhr durch die ſogenannte alte Stadt, die gegenwärtig nur eine Verſtaptißrer Tochter, —— 7 des neuen Calmar, iſt, und kam bald auf die Land⸗ ſtraße, die nach Waſſmolöſa*) führt. Als der Reiſende die Landſtraße erreicht hatte, gab er dem Skjutsjungen**), der ihm zur Linken ſaß, die Zügel und unterhielt ſich ſelbſt ſtatt deſſen da⸗ mit, in Betrachtungen zu verfinken. Er hatte neulich in der herrlichen Domkirche des Stiftes Calmar, welche in architektoniſcher Schönheit in Schweden wenige ihres Gleichen hat, die Prieſterweihe erhalten. Mit tiefer und andachtsvoller Freude machte er in Gedanken noch einmal den ganzen großen Akt durch, der ihn zu einem Diener des Herrn und einem Freunde der Menſchen auf Erden einweihte. Es war ihm keine geringe Freude geweſen, gleich darauf ein Miſſive als Adjunkt»ue in einem der ſchönſten Kirchſpiele in Södra(dem ſüd⸗ lichen) Möre †) in den eigentlichen Scheeren †) an der Gränze von Bleking zu erhalten. Er reiste jetzt dieſer ſeiner Beſtimmung entgegen. Es war früh an einem Sonntagsmorgen. Er ſollte gerade an dieſem *) Eine Station oder Gäſtgifoaregad, ein und eine drittel Meile von Ealmar auf dem Wege nach Carlskrone. **) Eine Art von Bauergütern hat die Verpflichtung, Pferde nach einer beſtimmten Station zu liefern, um ankommende Reiſende fortzuſchaffen. Dieſe Art von Extrapoſt heißt Skiuts(ſprich: Schuß). Der Reiſende iſt verantwortlich für die Pferde: er kann alſo mit denſelben nach Gutdünken verfahren und ſie antreiben, ſo viel er will. Viele laſſen jedoch die Bauern, oder deren Stellvertreter, oft kleine Kna⸗ ben, ja Mädchen, fahren. ***) In Schweden erhalten die Geiſtlichen unmittelbar nach dem erſten Examen die Prieſterweihe, und werden dann häufig von den Conſiſtorien denjenigen Paſtoren als Adjunkte zuge⸗ ſchickt, die darum angehalten haben. Die Zahl dieſer Ad⸗ junkte iſt ſehr groß; kummerlich aber muſſen ſie leben, den ihr Einkommen iſt durchgehends ſehr gering. †) Söoödra Möre, ein Härad(Diſtrikt) in dem ſüdlichſten Theile von Calmare⸗Län. r) Scheeren, kleine felſige Inſeln, die faſt die ganze ſehr zer⸗ 4 riſſene ſchwediſche Küſte umgeben. Tage in ſeiner künftigen Heimat ſeine erſte Predigt halten. Der Weg von Calmar bis dahin war nicht länger, als daß er ihn ganz bequem vor dem Anfange des Gottesdienſtes zurücklegen konnte. Man macht die Anmerkung, daß ein Adjunkt, der zu ſeinem künftigen Paſtor reist, ſich wohl einige Tage vorher zu ihm begeben muß, ehe er ſeinen Eintritt in die Verſammlung zu halten gedenkt. Aber Geſchäfte, die hier nicht aufgezählt werden können, hatten ihn in Calmar bei der alten Wittwe des verſtorbenen Biſchofs Stagnelius zurück gehalten, und da er ſchon zuvor ſeinen künftigen Vorgeſetzten, den Paſtor zu*, kannte, und auch in Betreff des Tages ſeiner Abreiſe Briefe mit ihm gewechſelt hatte, ſo hielt er dafür, daß in dieſer Verzögerung nichts Anſtößiges läge. Es war um halb ſechs Uhr des Morgens, die Vögel ſangen und die angenehmſte Sonne laäͤchelte ſei⸗ ner Reiſe. Er fuhr an Ljungby*) vorbei, jedoch war es jetzt noch allzufrüh, um dort einzufahren und dem Biſchofe ſeine Aufwartung zu machen, wenn er auch Zeit und Luſt dazu gehabt hätte. Bald war er in Waſſmalöſa und wechſelte das Pferd. Die Gegenden in Möre wurden immer angeneh⸗ mer, je weiter er nach Süden kam. Er war ſchon bei Wernaby*). Hier ſtieg er ab, während das neue Pferd vorgeſpannt wurde, und beſchloß, zu Fuß durch den Park nach dem dicht dabei liegen⸗ den Wernanäs zu wandern; weßhalb er ſeinem Skiutsjungen die Weiſung gab, allein auf dem Wege *) Ein Kirchſpiel, eine Meile von Calmar, Präbende für den Biſchof in Calmar. In Schweden gibt es überhaupt einen Erzbiſchof zu Upſalg und 11 Biſchofe, deren Stifte folgenden Rang haben: Linköping. Skara, Strengnäs, Weſteras, Wexiö, Lnnd, Goteborg, Calmar, Carlsſtad, Hernöſand und Wisby. 4*½) Sif zweite Station, eine(ſchwediſche) Meile von Waſſ⸗ moloſa. bis jenſeits des Gutes zu fahren, und ihn an dem bekannten großen ſchwarzen Gitterthore zu erwarten. Schon bei Wernaby erhebt ſich vor dem Auge der Anblick der vier hohen Pappeln, welche dicht bei dem Herrenſitze Wernanäs ſtehen und gleichſam eine„Ken⸗ nung' deſſelben weit und breit bilden, ohne daß das Haus ſelbſt ſichtbar iſt, ehe man in die nächſte Nach⸗ barſchaft deſſelben gelangt. Wenige Stellen in Schwe⸗ den ſtellen ſich in einer Schönheit von ſo angenehmer Art dar, wie der Park bei Wernanäs, durch welchen der junge Geiſtliche jetzt ging. Dieß iſt kein Gemalde, welches durch Melancholie und pittoreske Armuth erinnert; nein, Reichthum und Fruchtbarkeit umgeben hier den Wanderer; er geht auf Oxenſtierna's Grund und Boden. Durch eine Wieſe mit Gras, ſo hoch wie der Adjunkt ſelbſt, ſchlich ſich dieſer auf dem ſchlängelnden Fußpfade weiter fort, und bewunderte die zahlreichen Eichen, welche mit dunkelgrünen, buſchigen Kronen ſich überall auf der Wieſe über das Gras erhoben. Gottes Güte gegen die Menſchen ſchon auf Erden umfaßte ſie hier in Größe und Ueberfluß. Der geweihte Jüngling ging andachtsvoll und ſcheuete ſich, auch nur den geringſten Grashalm zu beſchädigen. Sein Herz erhob ſich in einem ſtillen Gebete; er erinnerte ſich jetzt nicht der Worte in ſeiner geſchriebenen Predigt, die er in der Bruſttaſche bei ſich trug, aber er fühlte ſich geſtimmt, ohne alle andere Vorbereitung, als drei und zwanzig in Frömmigkeit und Tugend bei liebereichen, armen Eltern verlebte Jahre, heilig vor den Menſchen zu reden.. Als er die Wieſe hinter ſich hatte, kam er auf den großen Herrenweg zwiſchen Wernanäs und dem Meerbuſen der Oſtſee, welcher durch ſeinen rothen Sand ſo charakteriſtiſch iſt. Er ging auf dieſem Wege fort bis er dem alten hölzernen Gebäude am Ufer begegnete, in welchem vielleicht die Grafen von Södra Mora ſelbſt gehauſet haben, und welches jetzt durch. ———8½— o——-— 39 ſeine gegen unſere Zeit abſtechende Bauart einen ſon⸗ derbaren Anblick gewährt. Nachdem der Adjunkt die⸗ ſes Denkmal des Alterthums flüchtig beſehen hatte, kehrte er auf dem rothen Wege wieder um und trat jetzt in den Garten des neuen Wernanäs. Er begeg⸗ nete noch keinem lebendigen Weſen. Schweigend ſchritt er auf den ſchlangelnden mit Sand beſtreuten Gängen dahin, ging über die kleinen Brücken der Kanäte, und war zuletzt in Zweifel, wie er den kürzeſten Weg nach der großen Landſtraße finden ſollte, wo ſein Fuhrwerk auf ihn wartete. Gerade in dieſem Augenblicke der Verlegenheit kam ein Kindermädchen von eilf bis zwölf Jahren, welches einen Wagen hinter ſich herzog, der mit verſchiedenen Bündeln, gleich zuſammengerollten Kinderkleidern, beladen war. Es ſah aus, als pflegte in dem kleinen Wagen ſonſt wohl ein lebendes Weſen, Eigenthümer der Windeln, zu fahren, welches das Kindermadchen vermuthlich in demſelben zu ziehen ge⸗ wohnt war. Jetzt aber lag dort nur leinenes Zeug, und es kam dem Wanderer ſo vor, als wäre die kleine hubſche Dienerin mit demſelben ſo früh draußen, um es in einem Rieſel zu waſchen und es dann zu ſeinem kleinen Beyerrſcher zu fuhren, der etwa um die Früh⸗ ſtückszeit erwachen mochte. Welche kleinlichen Gedanken bei einem Geiſt⸗ lichen? Aber das Madchen mit dem ernſten, etwas blaſſen, höchſt intereſſanten Geſichte, wie Kinder es bisweilen haben, war das einzige Weſen, das ihm in der ganzen ſchönen Landſchaft degegnete. Er bat ſie, ihm den Weg zu zeigen. Da ging ſie mit ihrem kleinen Wagen vor ihm über mehre gekrümmte Sand⸗ gänge durch den Park. Er bemerkte, daß ſie ſeinet⸗ wegen, und um ihn zu führen, einen Weg fuhr, der ſie von den Kanälen des Gartens, ihrer eigentlichen Beſtimmung, weit hinweg führte. Endlich erreichten ſie das herrſchaftliche Gebäude, welches gelb ange⸗ ſtrichen und neu reparirt am Fuße der eben erwähnten 40 vier himmelhohen Pappeln prangte. Der Weg zu dem Gitterthore an der Landſtraße ging hier dicht vorbei. Er bat nun das Mädchen, ſich nicht weiter zu bemühen. Er ſtreichelte ſie beim Abſchiede freund⸗ lich über die Stirn; ſie hatte ſo kindlich anmuthig die entzückende Morgenlandſchaft geziert, und ihre zimmers i Vorhange. Dieß beunruhigte gleichwohl den jungen Mann nicht. Er wußte, daß die Frau Majorin Mannerkrantz, die Beſitzerin von Wernanäs, jetzt ſelbſt zu Hauſe war und auch ihre beiden Schwiegertöͤchter bei ſich hatte; aber die Zeit erlaubte ihm nicht, ihnen ſeine Aufwar⸗ tung zu machen. Er ging alſo unverzüglich auf das chwarze Gitterthor an der großen Landſtraße von almar zu; das Fuhrwerk ſtand ſchon da; er ſetzte ſich auf und fuhr. So kam er bald nach Paboda*), wich aber bald jenſeits Segelmara we ſeitwärts von der großen Land⸗ ſtraße auf den kleineren Weg ab, der ihn zu ſeinem künftigen Paſtor führen ſollte. Er war fetzt in die eigentlichen Scheeren gekommen. Sein Herz ſchlug höher, je näher er ſich der geliebten Kirche wußte, in welcher er bald auftreten ſollte. Die Wege wurden immer ſchmaler und immer mehr begraſet; er näherte ſich einer Bucht des Meeres. Bald hatte er nur noch eine kurze Strecke bis zu dem farrhofe und der Mutterkirche. Aber hier, an einem kaum ſichtbaren — * Die dritte Station, ein und eine achtel Meile von der vorigen. **½) Wie die folgenden ein ſchoner, poetiſcher Ort. 3 Anm. des Verf. —— 41 Nebenwege, begegnete er einem Manne, der höflich grüßte und fragte,„ob er nicht der Herr Adjunkt wäre? Bei der Bejahung dieſer Frage meldete der Mann(ein Küſterbote), daß der Herr Adjunkt jetzt nicht nach der Kirche fahren, ſondern ſich weſtlich in die Scheeren zu der Kapelle begeben möchte, um dort ſeine Predigt zu halten, weil die Nachricht von der plötzlichen Erkrankung des dortigen Kapellpaſtors ein⸗ gelaufen ſei; und da die Zeit kurz iſt— fuhr der Küſterbote mit einer Verbeugung fort—„So ſoll ich ſogleich dahin fahren,⸗ unterbrach ihn der gutmüthige junge Mann;„grüßen Sie nur den Herrn Paſtor, er möge entſchuldigen, daß ich ihn nicht zuvor im Pfarrhof beſuche, ſondern mich unverzüglich in die Kapelle begebe.“—„Soll geſchehen!“ erwiderte der Bote und zog den Hut. Glücklicherweiſe kannte der Skijutsjunge auch den ſchlängelnden ſchwerfahrbaren Steig nach der Kapelle, welcher jedoch nur zur Hälfte über Land ging. Bald war er zu Ende und das Waſſer begann. Hier lag eine Hütte, ein Ruderer kam heraus, und führte den Adjunkten in ſein Boot. So ſchwankte er ſchon auf dem Meere, und ſah vor ſich auf der andere Seite das lieblichſte Ufer einer hervorſpringenden Landſpitze. Nach kurzer Zeit nachdem ſie die Landſpitze um⸗ fahren hatten, ſtellte ſich die Kapelle ihren Blicken dar, ſo weiß und mild, wie ſie in ihrer grünen Land⸗ ſchaft ruhte. Welch ein Anblick! Schon allein der Umſtand, daß eine Kirche dort ſteht— mag ſie von Stein oder von Holz ſein— ſchon allein dieſe Geſtalt hat einen unermeßlichen Einfluß auf den Menſchen. Ein Gebäude erhebt ſich vor dem Auge, welches ohne alle andere Zweck aufgeführt iſt, als allein für die Liebe und den Frieden. Für keinen ökonomiſchen Nutzen iſt es gebaut, wohl aber für den unberechenbaren Nutzen des Geiſterlebens. Selbſt unter einem unſicht⸗ baren Schuße, beſchirmt dieſes Gebäude unſichtbar die Menſchen. Wenige Häuſer auf Erden kann man ſehen, ohne ihre Wände mit einem gewiſſen größeren oder geringeren Schauder zu betrachten, in Betreff der ſcheuslichen Dinge, die darin vielleicht verübt worden. Aber die Kirche— welch ein wunderbares Haus!— Unſchuld ſcheint ſein Dach zu ſein, himmliſche Für⸗ ſorge ſeine Wände, Ehrfurcht ſeine Fußbodenſteine, auf die der Menſch ſicher und vor der Welt gerettet treten darf. Wenn der junge Geiſtliche, der jetzt zu der Kapelle ruderte, auch die Gedanken der Menge über die gegen⸗ wärtige ungeiſtliche Beſchaffenheit mehrer Mitglieder ſeines Standes theilte: ſo hatte er doch ſchon aus den Schriften offenherziger Theologen den Unterſchied zwi⸗ ſchen Religion und Sophismen kennen gelernt. Jene iſt ſtets groß, dieſe aber ſind ſtets klein. Die Gottes⸗ furcht iſt groß heute, wie geſtern und morgen. Die Religion, wenn auch verſteckt oder verborgen, lebt und rettet ihre Lieblinge, die Menſchen und die Natur. Nichts ſteht der Natur, rein und unſchuldig gefaßt, näher, als die Religion, wenn ſie eben ſo menſchlich erfaßt wird, wie ſie göttlich gegeben wurde. Das Boot landete und der junge Adjunkt ſtieg mit ehrerbietiger Scheu an's Land, wie auf eine ge⸗ weihte Erde. Das Gebäude der Kapelle lag nur einige Steinwürfe oberhalb der Bootsſtelle. Aber ehe er dahin ging, fielen ſeine Augen auf eine düſtere und verfallene Hütte dicht am Waſſer, aus welcher ſechs, ſieben oder acht zerlumpte Kinder, neugierig bei ſeiner Ankunft, hervorkrochen. Am Sonntage? dachte er, und doch ſo ſchlecht gekleidet? Aber— vielleicht haben ſie nichts Beſſeres, fügte er in ſeinen Gedanken hinzu. Er wußte, daß die Scheeren oft recht arm ſind, und der Boden ſah mager und ſteinig aus, wohin er blickte, obgleich ein wenig Grün auf der Oberfläche der Landſchaft, inſonderheit da man ſie von fern ſah, derſelben ein lachendes Aeuße⸗ 43 res gab. Er näherte ſich den Achten. Das kleinſte Kind ſchien ein Jahr alt zu ſein, die andern der Reihe nach hinauf bis zu neun oder zehn Jahren. Ungeachtet der Lumpen waren doch Alle reinlich, und Hunger, nicht aber Schmutz, entſtellte ihre Geſichter, in denen ein gewiſſer Ausdruck, ein Blick von gleicher Art bei allen Kindern, zeigte, daß ſie Geſchwiſter waren. Der Geiſtliche ſah ſich vergebens um nach den Eltern. „Wo habt Ihr Euren Vater, liebe Kinder? oder⸗— ſetzte er mit plötzlichem innerlichen Schrecken hinzu —„wo habt Ihr wenigſtens Eure Mutter?2„ Der älteſte der Geſchwiſter, ein langhaariger Knabe, ant⸗ wortete:„Vater iſt auf der See, und Mutter iſt in die Kirche gegangen, denn es iſt heute Sonntag, Herr!“ „Es iſt Sonntag; ja, meine Kinder! Wollt Ihr denn nicht auch in die Kirche gehen?⸗ „Nein," antwortete er, der ſo mannhaft das Wort führte, und deſſen Rede die Geſchwiſter immer mit Geberden und Mienen ihre Zuſtimmung gaben. „Nein? und warum nicht?“ „Mutter will nicht, daß wir uns vor der Ver⸗ ſammlung zeigen ſollen, denn ſehen Sie, Herr, wir... an den Werkeltagen gehen alle Nachbarn ſo wie wir... aber des Sonntags will man nicht—„ „Ihr braucht Euch nicht vor Gott zu ſchämen, liebe Kinder, wie Eure Kleider ausſehen; kommt hübſch in die Kirche! Wenn Ihr nicht in die Kirche geht, wie wollt Ihr denn Gottes Wort hören 2⸗ „O das geht genug,“ erwiderte er. Mutter erzählt uns die ganze Predigt, wenn ſie nach Hauſe kommt.“ „Iſt Euer Vater lange auf der See geweſen?⸗ „Er fuhr vor vielen Tagen aus um zu fiſchen. Er kommt wohl mit den übrigen Scheerenleuten heute gegen Abend nach Hauſe.“ „Fiſcht man hier des Sonntags?⸗ „Ja, ja wohl, das thut man.“ „Dann iſt hier wohl Keiner in der Kapelle, der heute dem Gottesdienſte beiwohnt? Der Kirchberg iſt auch recht leer.“ „In der Kirche iſt wohl Alles verſammelt, was hier iſt, meine ich; ſieht der Herr, Greiſe, alte Müt⸗ terchen und alle ſolche Kinder, die in die Kirche gehen können.“ „Keine andere Lente, als alte Männer, alte Frauen und Kinder?“ „Ja— und auch meine Mutter— ſie iſt jung, ſie— ſonſt ſind nur alte Weiber oben in der Kirche, denn ſieht der Herr, ſie ſind zur See, alle Menſchen. Mutter war die einzige von den Jungen, die nicht mit ausfuhr, denn ſie iſt jetzt krank, und ſo mußte ſie nach der kleinen Chriſtine ſehen, und ihr Eſſen geben, verſteht der Herr.“ Der Geiſtliche wagte einen Blick in die Hütte. Er war den Scheeren noch nie zuvor ſo nahe geweſen, wie jetzt. Dort in der Hütte ſah es aus, als hätte ſeit vielen Tagen kein Menſch in derſelben gegeſſen. Wenigſtens war auf dem Heerde keine Spur von des⸗ gleichen, was, wenn es zufälliger Weiſe verunziert, ſo hoch erquickt; nicht einmal eine Kartoffel, nicht die kleinſte, war ſichtbar, und kein Schrank und kein Win⸗ kel, der das Unentbehrlichſte verhehlen konnte. „Iſt Jeder hier in der Kapellgemeinde ſo arm?“ fragte der Adjunkt. „Arm? was meint der Herr?“ Der Herr bekam etwas große Augen bei der Ent⸗ deckung, daß der arme Junge ſelbſt nicht wußte, was Armuth wäre.„Ja, mein Lieber,“ ſagte er,„ich frage, ob Alle hier in der Kapellgemeinde gezwun⸗ gen find, ſo wenig zu eſſen, wie Ihr, Unglücklichen!“ „Eſſen, wie wir?“ 477 Ja. „Wir wollen ſchon eſſen, ſollen Sie glauben, wenn Vater nur mit den Fiſchen nach Hauſe kommt. — 8 45 Aber gewiß hat er ſich jetzt lange aufgehalten, und länger, als Andere,“ ſetzte der Knabe hinzu mit einem Seitenblicke, der zur Hälfte ſeinen ſorgenvollen Muth verbarg, 3 „Aber wie geht es zu, daß man des Sonntages fiſcht?“ fragte der Adjunkt. „Ja, Herr, die Fiſche halten keine Feiertage, und darum darf auch der nicht feiern, der ſie haben will, ſondern wenn die Fiſchzüge kommen, ſo muß Einer mit den Fiſchgeräthſchaften raus, wenn Einer was fangen will.“ „Du magſt Recht haben. Und Dein Vater iſt länger weg geweſen, als die andere Scheerenleute?“ „Ja ſeit dem Anfange der Woche, und das iſt ſchon recht lange her. Mutter glaubt, er iſt nach Oeland hinüber gefahren, weil Sven Carlſon geſehen hat, daß er ſein Boot im Sturme am Dienſtage ver⸗ lor und ſich nur ſo juſt in ein anderes Fahrzeug rettete; aber er kommt wohl heute Abend mit der großen Fiſcher⸗ geſellſchaft nach Hauſe.“ „Und dann bekommt Ihr zu eſſen?“ „Und dann dürfen wir tanzen, Herr, und das iſt noch beſſer, das!“ Der Fremde wunderte ſich über dieſen Muth, dem es weniger bedeutete, den Hunger mehrer Tage geſtillt zu ſehen, als das Vergnügen eines Tanzes zu bekommen. Der Knabe gefiel ihm: er begriff nicht, wie es kam, aber er glaubte ſchon früher daſſelbe oder ein ähnliches Geſicht geſehen zu haben.„Höre Du,“ Jagte er,„Du, der Du zu tanzen denkſt und Dich nicht fürchteſt, Dich vor Menſchen ſo abgeriſſen zu zeigen, komm jetzt in die Kirche, und fürchte Dich nicht mehr vor Gott. „O Herr, tanzen kann Einer ſchon. Wenn man die Fiſche an's Land gekriegt hat, dann ſind Alle reich wie Gott Vater, und Keiner ſieht nach, wie Einer iſt, ſondern man ſingt Heiſa und Hopſa! Aber in die Kirche, 46 nein Adjö Herr, dahin gehe ich nicht eher, als bis Vater von Ottenby zurückkommt; und Mutter glaubt, er bringt für uns Alle Wadmal*) mit.“ „Aber ſie fürchtet ja, er hat Havarie gelitten?“ „O, er kann wohl ſchwimmen, der Vater, ſehen Sie. Aber wenn er nach Oeland gekommen iſt, wie Sven Carlſon glaubt, ſo hat er eine Forderung im Alaunwerke für Fiſche ſeit dem Frühlinge; und dann hat er Wadmal gekauft, und kommt wohl mit dem großen Fiſchenzuge heute Abend nach Hauſe.“ Dieſer junge Scheerenbewohner war alſo unmög⸗ lich durch traurige Betrachtungen zu⸗ entmuthigen. Der Geiſtliche hatte dieſe auch in keiner andern Abſicht angeſtellt, als um dann die Kleinen mit Hülfe der Religion tröſten zu können; aber Kinder gehören nicht dem Horizonte der Religion an, und ſind faſt nie zu tröſten, weil ſie vor allen Dingen nicht troſtlos find. Sie können wobl über Kleinigteiten flännen und wei⸗ nen, aber das Wichtige und Große iſt ihnen ein mun⸗ teres Spiel. Nach dieſen Bemerkungen ging der Adjunkt hinauf zur Kirche.„Welches Auditorium werde ich heute bekommen?“ dachte er. Aber abgelebte Männer und Frauen ſind auch Menſchen. Er trat näher. Ein Mann mit knotigem und häßlichem Geſichte, auf Krücken geſtützt, begegnete ihm an der Kirchthür, nahm die Mütze ab und ſtrengte ſich mit ſichtbarer und großer Bemühung an, dem Herrn Paſtor— wie er zwiſchen den beiden zahnloſen Kiefern hervormurmelte— die Klinke aufzuſuchen und die maſſive Kirchthür zu öffnen. Der Adjunkt nickte ihm freundlich grüßend zu und trat ein. Wahrlich düſter! Dieſes ältliche Gebäude der Kapelle, das, in der Entfernung auf der See geſehen, ſo lächelnd und einladend mitten in ſeiner grünen Aue erſchienen war, — *) Grobes wollenes Zeug, welche die ſchwediſchen Landleute gewohnlich ſelbſt bereiten, ihre gewöhnliche Kleidung. — 4 8————————————- w 8—“ 47 erhob jetzt um den Eintretenden nur dunkle, ſich nei⸗ gende Wände, und brachte vor ſeine Augen alte, unangeſtrichene, aber durch die Macht der Zeit blank gewordene Pfeiler, die hie und da die Decke unter⸗ ſtützten, oder kleine Ausbauten dicht unter der Decke, die Chöre vorſtellten. Der Fremde war noch nie ſo äußerſt am Geſtade geweſen, und hatte die Kapelle nicht geſehen. Nur die herrliche Mutterkirche, ſo wie die wohl⸗ habenden Gemeindemitglieder und die fruchtbare Um⸗ gebung derſelben kannte er; dieſes Gemälde hatte auf der ganzen Reiſe ſeiner Seele vorgeſchwebt. Aber nun trat er gleichſam in eine neue, unerwartete und recht ernſte Welt. Die zerſprungenen, nicht durch Farbe, ſondern durch die viele Abnutzung dunkelbraun gewor⸗ denen Kirchenbänke ſtanden da ohne beſondere Sym⸗ metrie, und ſie mußten ſchon im Anfange ohne ſtren⸗ gen Gebrauch des Winkel⸗ und Richtmaßes gebaut worden ſein. Der Adjunkt ſah, während er langſam über den Kirchengang nach der Sacriſtei wanderte, Leum ſich her: er ſah um ſich, damit ſeine Augen ſich an ſein künftiges Auditorium gewöhnen möchten. Die Bänke waren dünn beſetzt; doch waren dreißig bis vierzig Perſonen in zerſtreuten und gedankenvollen Gruppen zugegen. Bei dem Fortſchreiten des jungen Geiſtlichen erhoben ſich allmälig Alle, nämlich diejeni⸗ gen, welche ſich erheben konnten; denn mehrere Lahme oder zur Hälfte Gelähmte machten wohl eine ſchiefe und anſtrengende Bewegung, aus ihrer ſitzenden Lage zu kommen und die allgemeine ſtille Begrüßung oder Ehrfurchtsbezeugung gegen den Paſtor mitzumachen; aber es gelang ihnen meiſtentheils nur auf eine ſehr peinigende und unangenehme Art. Gibt es denn hier keine einzige junge Perſon? Wenigſtens die Mutter jener Kinder? Aber vergebens ſah er ſich nach ihr um. Er wurde tief gerührt, zugleich aber auch er⸗ ſchreckt durch den Anblick aller ihn umgebenden Geſtal⸗ ten: mit äußerſt langen Kinnen verſehene, bleiche, —ÿ— —.=—— kahlköpfige oder wenig behaarte, rothäugige oder halb⸗ blinde, entweder ſpitznaſige oder höchſt ſtumpfnaſige, faſt ſämmtlich krummbuckliche, aber mit ungewöhnlich großen und klumpigen Händen verſehene— vielleicht eine Folge der Handthierung— Männer und Weiber. Wohin er ſich wendete, ſcharrte Etwas in den Bänken, entweder ein mitgebrachter Stock oder ein knöcheriges Kniee, das zitternd gegen eine Bankthür ſchlug oder ſich nicht ruhig halten konnte gegen das andere. Zwi⸗ ſchen den Geſichtern der Greiſen und Greiſinnen zeigte ſich wenig Unterſchied: jene ſahen nicht mehr recht männlich, dieſe nicht beſonders weiblich aus; ſie hatten den ganzen Ausdruck des kleinen Reſtes unter einem großen Subtractionsexempel, welcher Reſt ſo klein wurde, weil der Subtrahendus faſt eben ſo groß ge⸗ weſen war, wie der Minuendus, das heißt: das Elend hatte ſo nahe die Kraft und die Vortrefflichkeit ver⸗ zehrt, daß das Reſiduum des Lebens hier faſt gleich Nichts erſchien. Bei dem Anblicke aller dieſer ſchrumpf⸗ lichen, faſt geſpenſtergleichen Geſtalten, brach ein kalter Schweiß aus der Stirn des Adjunkten, als er ſich der Predigt entſann, die er geſchrieben und jetzt hier hal⸗ ten ſollte. Was iſt gewöhnlicher und natürlicher für junge, neue Geiſtliche, wenn ſie ihr Concept verfaſſen, beſonders wenn ſie im Sommer ihren Eintritt halten in großen und volkreichen Kirchen, in ſchönen und begüterten Gegenden, vor Zuhörern, die zwar zur Haͤlfte Bauern ſind— das iſt wahr— aber auch einem großen Theile nach aus Herrſchaften beſtehen; was iſt natürlicher, als daß ſie ihre künftige Rede mit einer blühenden Sprache, voller Leben und voller Luſt, überfließend von ſchönen Bildern und lieblichen Gleichniſſen ausſchmücken? Das Herz wogt, ſelbſt der Finger, der die Feder des jungen Homileten führt, iſt poetiſch. Alles wird entzückend: das Evangelium iſt eine Idylle, das Geſetz ein Warner in dem Gewande der Huld: Alles wird wie die Sonne oder die Stunden G d d ſ 1 1 ſ „——2——— 49 des Tages, wie die Sterne, wie der Frühling und die Lilien, ja wie die milden Augen des Mädchens. Aber jetzt? Wozu und wem ſollte er dieſes glühende Concept vorleſen?*) Der Adjunkt that ſich ſelbſt die Gerechtigkeit, daß der Schmerz, der über ihn kam, doch nicht der Aerger darüber war, ſeine ſchöne Arbeit vergeblich gethan zu haben oder vernichten zu ſehen; er war nicht eitel, beſonders nicht in einer ſo unpaſſenden Sache; aber mit Recht erwachte ſein Kummer darüber, wie in dieſer Gemeinde dieſe Rede klingen, und welche Frucht ſie tragen ſollte. Er war ja heute der Prediger dieſer Abge ebten, dieſer halben Krüppel, und ſie hatten woyl ein Recht, von ihm Gottes Wort zu hören. Was er geſchrieben, hatte ſicherlich, da er in ſeinem Stübchen ſaß, die jungen, mit ihm gleichge⸗ ſtimmten, lebhaften Mitglieder der Hauptkirche zum Gegenſtande gehabt, und unter ihnen, vielleicht eine oder die andere beſtimmte Perſon— wer weiß?— denn Vieles ſchleicht ſich undewußt mit ein in die Ge⸗ danken eines Schreibenden. Stand nicht vielleicht die⸗ ſer oder jener ſchöne Ausdruck da für die und die ſchöne Zuhörer... inn?— iſt das ſo unmöglich— ſo ung reimt— oder ſo ſchlecht? Nein, es iſt ganz menſcylich und gewöhnlich! Ja; ganz was ſollte dieſes Alles jetzt ſein für ſeine hieſigen Zuhörer, die er ebenfalls liebte, deren Prediger er heute war und zu denen er ſegnende Worte reden wollte. Unter dieſen Zweifeln hatte er den Gang zurück⸗ gelegt und trat in die kleine niedrige Sacriſtei. Dort empfing ihn der Küſter der Kapelle, ein neunzigjähri⸗ ger Patriarch, mit weißen, etwas lockigen Haaren, und ſo goß, daß der Adiunkt, obgleich der Alte dem Eintretenden, gebückt, faſt wie ein Vater ſich über ſein *) Es iſt in Schweden nicht üblich, ohne Concept zu predigen, und auch die allerausgezeichnetſten Geiſtlichen, mit ſehr we⸗ nigen Ausnahmen, leſen ihre Predigten. Tutti Frutti. 1. Kind herab beugt, entgegenkam, ihm mit ſeinem Kopfe doch nicht höher, als bis an die Bruſt reichte.„Der Herr Kapellprieſter ſelbſt ſoll erkrankt ſein, darum habe ich von dem Herrn Oberpaſtor den Auftrag erhalten, den Gottesdienſt hier zu verrichten,“ meldete der Fremde. „Das iſt richtig, ich weiß es, willkommen wür⸗ dißer Herr Paſtor! Treten Sie ein!“ erwiderte der Küſter. Der Adjunkt, oder der jetzt ſo titulirte Paſtor, ſchlich ſich, ſo weit er konnte, in die Sacriſtei und ſuchte ſich zu ermantten.„Gott erſieht wohl das Opfer,“" ſagte er halblaut zu ſich ſelbſt, während der Küſter dienſtfertig und ohne darum gebeten zu ſein, ihm den Mantel umhängte, eine Reliquie von Kamelot, die für den ſonntäglichen Gebrauch beſtändig an einem Nagel in der Sacriſtei hing. Ein kleines Fragment von einem Spiegel lehnte ſich ebenfalls gegen das Fenſtergitter. Der Adjunkt nahm daſſelbe, um zu ſehen, ob die Läppchen ordentlich ſäßen. Der Spiegel faßte ſie nur beide nebſt der äußerſten Spitze des Kinnes, mehr brauchte auch bei dieſer Toilette nicht beſehen zu werden.„Die Nummern der Geſänge, Herr Paſtor?“ fragte der Grauhaarsmann hinter ihm. „Wo iſt der Organiſt?“ entgegnete dieſer;„ihm werde ich die Nummern geben.“ „Wir halten keinen Oliniſten in der Kapelle,“. antwortete der Küſter,„und es wäre auch gewiß eine unnöthige Ausgabe, da es hier keine Olijel gibt. Geben Sie mir nur die Nummern, denn ich ſoll ſingen, ehe der Herr Paſtor in den Altar tritt.“ Keine Orgel!.. alſo auch dieſer Troſt dem jun⸗ gen, muſikaliſchen Geiſtlichen geraubt, welcher bei den myſtiſchen, feierlich ſchmachtenden Tönen der Choral⸗ melodien ſo oft in himmliſche Seligkeit verſunken war. Der neunzigjährige Gefährte holte jetzt aus einem der kleinen Eckſchränke der Sacriſtei etwas hervor und pfe Der abe en, der ür⸗ der or, ind das der in, ot, em ent das zu gel des icht err hm ,7 ine ben ehe un⸗ den al⸗ ar. em ind 51 kam zu ihm mit einem Geſangbuche in großen Bibel⸗ format. Knips und knips ſagte es zweimal, da er die beiden ungeheuren meſſingenen Beſchläge aufmachte, welche ein Paar dicke, ſchwarze Deckel zuſammenhielten. „Sehen Sie hier, wählen Sie, würdiger Herr Paſtor! wenn Sie nicht die Geſänge vorher aufgezeichnet haben.“ Buchſtaben, ſo groß wie Anfangsbuchſtaben, zeigten ſich in dem aufgeſchlagenen Buche, und wenn der Ad⸗ junkt es vor ſeine Füße gelegt hätte, ſo würde er dennoch jedes Wort haben leſen können, ſo deutlich, anſehnlich und kohlenſchwarz ſtand es vor ihm gedruckt da. Hier eines ſeiner Lieblingslieder, jenen Nr. 224 von Wallin oder 2... von Franzen aufzuſuchen, war hier ganz vergebens. Er hatte zwar nicht das ſoge⸗ nannte alte Geſangbuch vor ſich, ſondern es war das alte— alte, ein Zeitgenoſſe des Jeſper Svedberg, der ſchon zu den Zeiten Karls XI. der Reviſion unter⸗ ging.„Singen denn die Leute nach dieſem Geſang⸗ buche?“ fragte der Paſtor. „Nein, Herr! ich ſinge aus demſelben und die Leute ſingen nach mir,“ antwortete der Küſter;„hier iſt Niemand, der ein Buch gekauft, mehr als ich.“ Ein ſchauriger und ſtrenger, zugleich carolingiſcher und lutheriſcher Ernſt begann gleichſam mit Adlerklauen um den angekommenen jungen Geiſtlichen her zu grei⸗ fen. Aber er ſelbſt war ein Mann von Geiſt, darum fühlte er, wenn ihn ein Geiſt erfaßte. Er ſchlug einige Blätter um und ſah die eine und die andere Strophe an.„Nehmen Sie dieſes Lied“— ſagte er—„und dann dieſes zum Kanzelverſe, und dann dieſes— und dieſes hier zum Ausgang.“ „Gut, Herr Paſtor, beſſer hätte ich ſelbſt nicht wählen können.“ Der Küſter ging hinaus. Mit langen, jedoch keineswegs wankenden Schrit⸗ ten ging der Patriarch durch die Kirche und hängte die angedeuteten Nummern an die ſchwarze Tafel. Es war dieß ein feierlicher, obgleich jetzt richt nöthiger ——— Gebrauch, denn Keiner der Anweſenden außer ihm allein hatte ein Geſangbuch. Er holte dieſes hervor, ſtellt ſich vornen in der Gegend des Altars in eine Ecke, wo die ſchwarze Küſterbank war, und begann mit lauter Stimme ſeinen Vortrag. Die Stimme war rauh und bisweilen ſchrill, aber ſie zitterte nicht, und Triller hörte man gar nicht. Kaum hatte er ſeine erſte oder Eingangsſtrophe geendigt, als ſämmtliche Anweſende mit in den Geſang einfielen; und der Paſtor trat in die Thür der Sacriſtei, um zuzuhören und Theil daran zu nehmen. Welche Stimmen! dieſe Gerippe hatten Mäuler alle mit einander! Die Bruſt des Paſtors begann ſich zu erweitern, Die dreißig oder vierzig Sänger und Sängerinnen hatten keine einzige ſchöne Stimme, aber ſie hielten den Ton eben ſo gut in der Höhe, wie in der Tiefe. Alles ging uniſon und ſchnurgerecht mit einander, wie es in Kirchen ohne Orgel zu gehen pflegt. Aber es ging dabei ſo disciplinariſch und correkt, daß es deut⸗ lich an einem tüchtigen Korporal in dem Geſangexer⸗ citium erinnerte. Er ſtand dort auch ſelbſt gerade vor ihnen; man ſah es wohl, daß mit ihm nicht zu ſpielen war; bei jeder Cadenz zog er ſeine buſchigen Augen⸗ braunen hoch hinauf in die Stirne und ſah froh und glücklich hinaus auf ſeine Kinder, jenen Greiſen und Greifinnen, die er vermuthlich ſämmlich einſt als ſeine kleinen Schüler und Schülerinnen bei ſich gehabt hatte. Der einſtimmige Geſang wurde bisweilen ſo ſtark, daß die Decke ſich heben zu wollen ſchien und einige der Fenſterſcheiben augenſcheinlich zitterten. Der Paſtor ſah von Zeit zu Zeit zu dem gewaltigen Tonanführer hinüber: hatte er vor kurzem gemeint, er ſei ein Sohn der übrigen Gemeinde, ſo fand er ſich jetzt als einen Enkel des Graugelockten, der im Chore ſang. Und ich foll dieſem predigen! dachte er. 8 Der Geſang war geendigt und der Prediger trat 4 — — 8—8 53 vor den Altar, um den Gottesdienſt zu beginnen. Er fand die Agende dort ſchon für ſich aufgeſchlagen, hielt das einleitende Gebet und wendete ſich darauf mit dem Buche in der Hand an die Gemeinde. Anfangs mit etwas zitternder, bald jedoch mit feſter voller und ſchöner Stimme las er aus dem Buche die heilige Worte vor. Während des Leſens blickte er bisweilen auf zu denen, die er in den Bänken ſich gegenüber hatte, und denen er vorlas. Welche Perſonen ſah er? Waren dieſe noch diefelben? 3 Dieſelben knotigen, bleichen Geſichter, aber mit funkelnden Augen und alle Häupter zur Hälfte vorge⸗ ſtreckt mit geſpannter Aufmerkſamkeit.„Was hat nicht ſchon der Geſang ausgerichtet! Gottes Geiſt iſt mit uns!“ dachte er am Altare, ſein Muth wurde geſtarkt und er las mit immer feſterer, lauterer und kraft⸗ vollerer Stimme aus der Agende vor. „Ich armer, elendiger, ſündiger Menſch, der ich in Sünden erzeugt und geboren bin, und auch dann noch in allen meinen Lebenstagen——— 4 Nie hatte er dieſe Worte ſo vorgeleſen, wie heute: er ſank auf ſeine Kniee auf die Altarbank, erwärmt von einem neuen Gefühle. Die gebrechliche, knieende Sünde hatte er überall vor ſich. Es wurde hell rund um ihn her in dem niedrigen, düſtern Kirchlein: ſeine Ohren lauſchten mit Verwunderung auf die Worte, die ſein eigener Mund ausſprach: Andacht in hohen Rhythmen floß von ſeinen Lippen. Jetzt erſt lernte er ſelbſt, was er den Andern lehrte. Nach dem Sündenbekenntniſſe ſtand er auf und die ganze Gemeinde in demſelben Tempo mit ihm. Die Schwingen der Gnade trugen den Verlorenen und die Hoffnung gab den Schwachen Kraft zu ſtehen. Ehe der Prediger ſich von Neuem von ihnen ab⸗ wendete, überſah er ſie mit brennenden, ſchnellen Blicken.„Und ich— ich Sünder— ich ſoll vor die⸗ ſen predigen!“ dachte er.„Wie wird das gehen? Und ſieh! wie dennoch alle ihre Augen vertrauensvoll auf mich blicken, nach troſtvollen Worten hungern! O mein Gott! und ich— was ſoll ich ihnen ſagen?“ Mit dieſem vernichtenden Selbſtgefühle wendete er ſich, wie gebräuchlich, um zu dem Altare und vollendete nach der Agende die vorgeſchriebenen Gebete. Er trat hinweg von dem Altare. Die ganze Gemeinde, jetzt nicht mehr bloß aus Neugierde, ſon⸗ dern mit lebhaft geſpannten Blicken, folgte dem Gange des Fremdlings: ſie meinten wohl, er habe ihnen aus dem Grunde des Herzens vorgeleſen. Er ging zurück in die Sakriſtei. Ein Geſang wurde jetzt wieder angeſtimmt, nämlich der Kanzelvers. Während der Küſter draußen war und ſang, fiel der neugeweihte, unerfahrene Geiſtliche drinnen in der Sakriſtei nieder auf ſeine Kniee. In größerer und erſchütternderer Verlegenheit hat wohl nie ein redlicher Menſch ſich gefühlt. Er wurde bleich wie Leinwand, als er hörte, der Kanzelvers ſei ausgeſun⸗ gen. Jetzt war nichts mehr übrig! Er mußte hin⸗ aus— er mußte— er mußte predigen! Und er ermannte ſich ſchnell und ging hinaus, er ſtieg hinauf. Er ſtand ſchon auf der Kanzel. So ſtill, ſo ohne das allergeringſte Geräuſch, hat wohl nie eine Gemeine ihren Paſtor empfangen. Nicht bloß weil er ihnen ſo neu, weil er ſo jung war, ſondern eine wunderbare Glorie von geiſtlicher Demuth— von hoher Scham— leuchtete um ihn. Es war ein Ring von Beſcheidenheit um ihn, nicht von Tölpelei, ſondern noch einmal geſagt von Scham: dieſe geheimnißvolle Verwunderung, die ein junges Gemüth empfindet, wenn es ſieht, daß es vor dem Bündnhe und vor der Erde ſteht— Gottes Sprecher zu ſein. Noch ſagte er kein Wort. Seine Bläſſe, ſeine ſcheinenden Augen, ſein langes Schweigen, Alles mehrte die Aufmerkſamkeit der Alten. Alles, was — ,—S —————— 55 ſehen konnte, ſah auf ihn und nur auf ihn. Er merkte dieſes ſelbſt und dieß zog ſeine Nerven noch mehr zuſammen. Endlich öffnete er ſeine Lippen mit einem Blicke in die Höhe:„Vater, ich habe geſündiget vor Dir habe ich übel gethan!“ äußerte er mit ſchwacher, aber melodiſcher und darum ſehr hörbarer Stimme. War dieſes ſein Eingangsſpruch? Das Natür⸗ lichſte wäre wohl geweſen, daß er ſeine Hand in ſeine Taſche geſteckt, ſein Concept hervorgeholt und nach dieſem gepredigt hätte. Aber— er hatte ſeine Hände gefaltet und konnte ſie nicht wieder öffnen: er entſann ſich keiner Worte aus ſeinem Concepte, er konnte nicht einmal daran denken, daß es in der Welt war. Er ſchwieg nach dieſen Worten und ſah um ſich. Die Verſammlung erwartete vergebens, daß er wie üblich ſein Citat ſagen ſollte, wo der Eingangsſpruch ſtand. Die Worte ſtanden geſchrieben in ſeinem Her⸗ zen, aber dieſes citirte er nicht. „Vater, ich habe geſündigt! ich habe übel gethan vor Dir und vor Menſchen——“ Wieder ſchwieg er. Es iſt eine große Wahrheit, daß das Alter in jedem Jahrhunderte auf die Jugend wie auf ſeinen Seelſorger, ſeinen Heerführer, ſeine Hülfe, ſeine Stärke blickt. Das Junge gerade iſt es, das die Welt anführen ſoll. Goit ſelbſt war nur ein Mann von drei und dreißig Jahren, als er für die Welt ſtarb und durch das Kreuz eine neue Lebensweiſe einführte. Jeder Held, jeder Anführer, jeder Gründer iſt ein junger Mann geweſen. Nach ihnen kommen ehr⸗ würdige Alte, die ſich niederſetzen, um ſein Werk zu ordnen und auszuführen; ſie erhalten das Gegrün⸗ dete, bis ein neuer Jüngling kommt und die Men⸗ ſchen noch einen Schritt weiter führt, darauf ſetzen wiederum Alte ſich nieder, um dieſes auszuführen, aufrecht zu erhalten und zu bewahren. Dieß iſt der gute und wahre Gang vorwärts auf Erden. Nich —— — — 56 „ mehr als ein Jüngling war Gott; aber er ging an der Spitze der Uebrigen. Keinen rechtſchaffenen, kun⸗ digen und ehrwürdigen Alten gibt es, der nicht er⸗ ſtaunt, daß es ſo iſt, ſtets ſo geweſen iſt und ſo ſein muß, um gut zu ſein. Aber es iſt ein erhabener Anblick, wenn— wie Zum dritten Male öffnet er ſeine Lippen und ſagte:„Vater! vergib mir! vergib mir, daß ich ge⸗ wagt, daß ich mich erkühnt habe, aufzutreten und dein Verkündiger hier unter Menſchen zu ſein! Und ich bin ein Sünder, ich der ich hier vor Euch ſtehe und rede; und Ihr ſeid Sünder, Ihr, die Ihr ſitzet und von mir Worte des Troſtes und der Gnade erwar⸗ tet. Was ſollen wir denn einander ſagen? Laſſet uns mit einander beten. Herr Gott, du König des Himmels und der Erde! du Gott der Heerſchaaren Zebaoth! ſieh' nicht an unſer Elend! Unſre Gebrech⸗ lichkeit liegt vor der Thür deines Hauſes; unſere Ge⸗ beine ſind zermalmt und der Engel des Todes weht über unſre Verweſung. Du aber, o Herr, trittſt nicht auf den, der da liegt, den glimmenden Docht verlöſcheſt du nicht, und ihm, der da iſſet mit den Hunden, ihm ſendeſt du Speiſe von deinem Tiſche. Zu Dir kommen wir hungrig, nackend; in der Fin⸗ ſterniß ſitzt unſere Seele und in Kälte unſer Leib. Jeſus Chriſtus, du Sonne der Gnade, gehe auf und leuchte über die Lande der Verlornen! Die Erde iſt — 57 dürr und ihre weiten Sprünge thun ihren Mund auf vor Durſt. Unſere Waſſerbäche geben kein Waſſer und die Wolken ſind verſiegelt, daß ſie nicht regnen. Aber ſo iſt es geſagt, daß du uns geliebet haſt! Du haſt uns Elende nicht verſchmähet! o Herr, wie konn⸗ teſt du uns anſehen? Du biſt herniedergeſtiegen und haſt dich des Blinden erbarmet, den Ausſätzigen haſt du gereinigt und den Todten auferwecket. Du haſt es nicht für einen Raub gehalten, mit den Sündern zu eſſen: unſer Freund biſt du! Du haſt für uns gebetet bei deinem Vater, du haſt Blut geſchwitzt vor tiefer Angſt, du haſt dich für uns deinen Feinden in die Hände gegeben, und das Holz des Kreuzes haſt Du nicht geſcheuet. Dich, o Sohn, der du den Tod überwunden haſt, dich Jeſus Chriſtus, hat heute mein Sinn erwählet, und mein Herz liebt dich, daß ich deines Sieges theilhaftig werde. Ich glaube, daß ich dein ſein darf und daß du mein Heil biſt. Dahin, dahin iſt jetzt der verſchwundene Rauch, welcher Sünde hieß; dich, Herr, liebe ich über Alles im Himmel und über Alles auf Erden, und du biſt der, welcher mir Alles neu ſchafft. Zerſchlagen waren meine Gebeine, aber es iſt, als wäre es nicht. Ich glaube an dich, daß du mich lieben willſt! Hinweggefahren iſt jetzt die Plage und das Verweſete hat ſeine Auferſtebung gewonnen in meiner Seele. Siehe, ſchwarz waren die Kleider meines Geiſtes, aber ich will ablegen mein böſes Weſen und fliehen vor den alten Geſtal⸗ ten meiner Thaten. Doch was kann ich? Du allein biſt der, welcher vermag, geuß dein Blut in meine Adern, daß ich ein neuer Menſch werde, wie ich nim⸗ mer geweſen bin.“ So redete er weiter und ſeine ganze Einleitung wurde nichts anderes, als ein Gebet. Endlich ſank er nieder, um mit der Gemeinde ein ſtilles Vaterunſer zu beten. Als er jetzt auf die Kanzel niedergebeugt ſtand und dem Amen nahe war, warf er zufällig ſeine — 38 Augen in eine Ecke der Kirche, die er bis jetzt noch nicht bemerkt hatte. Dort entdeckte er gleichwohl eine Geſtalt, die nicht bejahrt zu ſein ſchien. Es iſt ohne Zweifel ihre Mutter, ſie, die ihren Mann in den Fluthen verloren hat, dachte er. Gleichſam aus Ach⸗ tung vor ihren Lumpen hatte ſie ſich in dieſer Ecke verborgen; ſie ſchien ſchwindſüchtig und durch das Uebermaaß von Arbeit ſehr abgefallen zu ſein; in dem magern Antlitze waren die Augen recht groß und glänzten zwiſchen Verzweiflung und Liebe. Der Prediger, welcher bis jetzt die Einleitung nur improviſirt hatte, erinnerte ſich jetzt daran, daß er auch ein Thema für ſeine eigentliche Predigt haben müßte. Wer unvorbereitet redet, der hat den Vor⸗ theil, daß er Wechſelwirkung von denen annehmen kann, zu denen er redet, und daß er ſich dadurch immer in ein Verhältniß, ja in eine Vereinigung mit ihnen ſetzen kann. Wer ſein Concept zu Hauſe ausarbeitet, der iſt zwar ſicher, daß es zu Hauſe ſich zuſammenreimt; aber ob es nicht an den künftigen Zuhörern vorbeigehen wird, wie ein unbedeutender Wind, das weiß er nicht. Der Geiſtliche erhob ſich und verlas das Evan⸗ gelium des Tages: es war das des fünften Sonn⸗ tages nach der Dreifaltigkeit und handelte von dem großen Fiſchzug, Luc. 5. Nachdem er es vorgeleſen hatte, ſagte er: der Gegenſtand unſerer heutigen Be⸗ trachtung ſoll ſein:„Gott ſpeiſet die Vaterloſen an ſeinem Tiſche und dem Gebete der Wittwe leihet er ſein Ohr.“ Als er dieſes wiederholte, erhob ſich die Gemeinde wie üblich, ſah ihn jedoch nicht ohne Verwunderung an, denn ein ähnliches Predigtthema hatten ſie noch nicht gehört; es ſahe ja auch dieſes eher einem Ein⸗ gangsſpruche ähnlich. Aber keiner der Anweſenden war nicht vaterlos, oder eine Wittwe oder ein Witt⸗ wer. Alles was er ſagte, waren Worte ad homines, Er verband ſein Thema mit dem Texte und redete davon, wie auch Chriſtus ſeine erſten Bekenner beru⸗ fen hätte, daß ſie Menſchenfiſcher ſein ſollten. Aber wie ſollten ſte es jetzt ſein? nicht ſo mehr, daß ſie auswanderten, wie Petrus und unter den Heiden predigten, ſondern ſo, daß ſie gegenſeitig und unter⸗ einander Gottes Wohlthaten ausführten, einander liebten, ſpeiſeten und kleideten. So gewännen ſie einander und würden alle für Gott gewonnen; da⸗ durch erzögen ſie einander und würden erzogen; ſie wären Fiſcher, zugleich aber auch Fiſche, gefangen in Gottes großem Netze. Und wie ſpeiſet nun der Herr die Vaterloſen an ſeinem Tiſche? fuhr er fort. Ja, Gott ſpeiſet die Vaterloſen ſchon hier auf Erden, wenn Menſchen, ergriffen von ſeinem Geiſte, die Va⸗ terloſen in ſeinem Namen an ihrem Tiſche ſpeiſen; denn die gegenſeitige Barmherzigkeit der Menſchen iſt Gottes eigene Barmherzigkeit, und er leihet ſein Ohr den Gebeten der Gedrückten ſchon auf Erden auf die Weiſe, daß ſein Geiſt den Menſchen, der mehr hat, ermahnt, beruft und antreibt, dem beizuſtehen, der nichts hat. Es lag, wie wir gehört haben, nichts Ungewöhn⸗ liches in der Darſtellung des Geiſtlichen, wenn nicht, daß er zu denen redete, zu welchen er redete, und es rührte ſie beſonders und eigenthümlich, als Fiſcher behandelt zu werden, was ſie ſtets geweſen waren. Er ſprach ſowohl warm, als auch vernünftig; er ſprach ſo einfältig, wie unter Freunden, und er fand es zuletzt ſo leicht auf der Kanzel, als wäre er in einer guten Geſellſchaft geweſen, wo ebenfalls kein Concept gebraucht wird. Er brachte keine Merkwür⸗ digkeiten vor, Nichts, was man hätte aufſchreiben müſſen; aber die Größe des Chriſtenthumes beſteht darin, klein zu ſein, und der Weg zur Seligkeit iſt gleich dem ſchmalen, kaum ſichtbaren Fußpfade durch 60 eine grüne Wieſe, auf welcher Eichen wachſen und einige himmelhohe Pappeln das Ziel bilden. Je mehr er ſah, wie die Verſammlung belebt wurde, um ſo höher ſtieg auch ſein Muth in chriſt⸗ licher Freude, und endlich erſchien ihm das dem Ver⸗ falle nahe, alte Kapellengebäude als eine Heimat des Lichtes.„Dieß iſt die Verzeihung des Vaters— ſo ſchloß er— daß wir glauben an den Sohn; denn wenn Chriſtus in uns wohnet und uns lebendig macht, ſo daß wir die Sünde fliehen, dann hat die Sünde keine Macht länger und der Zorn kommt nicht über uns. So iſt ein Leuchter aufgeſetzt in dem dunkeln Gemache: wer nicht glaubt, der iſt ſchon gerichtet; wer aber an den Sohn glaubt und in der Liebe bleibet, der kommt unter das Gericht! Amen.“ Man ging aus der Kirche. Es war Mittag und der ſchönſte Sommertag. Als der Adiunkt auf den Kirchenplatz herauskam, wurde er noch von einigen zurückgebliebenen lahmen und gebrechlichen Geſtalten begrüßt, welche ihm mit den freundlichſten Blicken für die Predigt zu danken ſchienen und darauf nebſt den Uebrigen, jeder in ſeine Wohnung krochen. „Wo werde ich zu Mittag bleiben?, dieſer un⸗ bedeutende Gedanke fiel ihm ein, als er allein an der Ecke der Kirchenmauer umherſpazierte. Er war von fünf Uhr an auf geweſen, mehrere Meilen gefahren, und, proſaiſch geſagt, hungrig. Seine Gedanken kehrten zurück, die er in jener Ecke geſehen hatte. Sonderbar, daß er ſie nicht auf dem Kirchenplatze ſah. Vermuthlich hatte ſie ſich hin⸗ weg geſchlichen zu den ihrigen, die vielleicht noch hungriger waren, als ſie— denn ſie waren geſund. Nach einer Weile kam er auf eine Anhöhe, von der man eine weite Ausſicht hatte, nicht allein über die Umgebungen der Kapelle, ſondern weit und breit über das Meer. Hier, zur Hälfte an einen hohen, Q‿ 2ͤ—6—— ᷓ— 8&‿—— vVͤOA—A 8Q 61 bemooſeten, eckigen Stein gelehnt, ſah er ein Weſen, das ohne Bewegung, ſtill und unaufhörlich in die Fluthen hinaus blickte. Er trat näher; er fand, daß ſie es war. Es war die Mutter, welche dort ſtand und ſo weit hinaus ſah— ſo weit hinaus— nach dem Vater. „Guten Tagl“ ſagte er. Die Arme fuhr zuſammen. Aber ſie erholte ſich, ſie ſah, daß er es war, der neulich ihr ſo ſchön vor⸗ gepredigt und ihren Kindern einen Vater verſprochen hatte. Ihr Geſicht war nicht mehr einnehmend; aber ſie gehörte zu der Art derjenigen, denen man es deutlich anſieht, daß der Körper einſt ſchön geweſen und daß die Seele es noch iſt. „Kommen Sie! meine Beſte! und laſſen Sie uns zu Ihren Kindern gehen,“ ſagte er;„dieſe erwarten Sie; es iſt Mittag.“ „Herr Paſtor!“ erwiderte ſie,„ich warte, daß die ſüdliche Fiſchergeſellſchaft nach Hauſe kommen ſoll. Sie wird doch wohl bald kommen a „Iſt Ihr Mann mit dieſer ausgefahren?“" Sie ſah ihn verwundert, gleichſam fragend an, ob er ihre Geſchichte kennete.„Jonas,“ antwortete ſie kengſam,„Jonas iſt ein wilder und kühner See⸗ vogel.“ „Jonas? heißt ihr Mann—„ „Wo er jetzt iſt, das weiß nur Gott. Wenn er aber nicht ertrunken iſt, Herr, ſo kommt er wohl mit der Fiſchergeſellſchaft nach Hauſe.“ „Haben Sie Glauben! Aber ſtehen Sie nicht dort und ſchauen Sie hinaus auf das öde Meer; kommen Sie mit mir und laſſen Sie uns zuſammen zu Ihren Kindern gehen.“ „Der Herr Paſtor hineingehen— zu uns? nein — nein— „Trauern Sie nicht, heute iſt Feiertag; kom⸗ men Sie!“ — — — —y——n 3 1 1 62 Sie wendete ſich ab von dem Meer und folgte dem guten, freundlichen Geiſtlichen. Nachdem ſie eine Strecke mit einander gegangen waren, ſo begegnete ihnen der lange, alte, grauhaarige Küſter, der den „Herrn Paſtor“ zu ſuchen ſchien, und ihm faſt mit offenen Armen entgegenkam, als er ihn erblickte.„Ach, würdiger Paſtor,“ ſagte er, vich habe Ihn geſucht, und ich habe eine ergebenſte Frage, wenn ſie nicht übel genommen wird.“ „Gewiß nicht mein Freund.“. „Ja ſieh— der Kapellpaſtor, Herr E liegt krank und er wohnt im Pfarrhofe, und der iſt eine halbe Meile hier von der Kirche; und will der würdige Paſtor ihn zu Mittag treffen und beſuchen, wie die Herren Paſtoren auch mit einander pflegen, ſo iſt nichts anderes für den würdigen Paſtor, als zu Fuß dahin 3 gehen, denn wir Fiſcher haben keine Pferde — und—“ „Ich habe nicht daran gedacht, ihn zu ſuchen, ich kenne ihn nicht.⸗ G „Nun ſieh, ſo wollte ich's gerade haben. Im Fall, ich dachte nur ſo, wenn der Herr Paſtor einen armen alten Küſter nicht verſchmähen wollte, ſo habe ich auf ein einfaches— ſehr einfaches Mittag zu bit⸗ ten— ſo wie arme und geringe Leute haben können.“ Dieſer Kerl muß Erziehung genoſſen haben, dachte der Adjunkt, da er ſchon gelernt hat, als Einlei⸗ tung ſeinen eigenen Werth herab zu ſetzen, und ſich ſelbſt geringe Leute zu nennen, was Keiner thut, ohne einigermaßen zu ſein, was man gebildet zu nennen pfleget. Dieſes Gefühl gab ihm in der Meinung des jungen Geiſtlichen einen gewiſſen Beige⸗ ſchmack. Dennoch aber antwortete er ihm ſehr freund⸗ lich:„Ich danke Ihnen für die Einladung; an Lecke⸗ reien habe ich mich nie gewohnt.⸗ „Nun ſieh doch— das war wahr— haben Sie die Güte und treten Sie mit mir ein in mein niedri⸗ ——H—,—— — 2 — — A8 1= N 1—B—— 63 ges Hüttchen.“ Er deutete auf die Gebäude ſüdlich vom Kirchplatze. Das Haus, auf welches er zeigte, war ohne Widerrede das höchſte und größte von allen. „Haben Sie die Güte, würdiger Paſtor! aber ich muß ſehr um Entſchuldigung bitien, denn ich bin leider Wittwer, und eine andere ſteht dem Hauſe vor— ſo, ſo— aber der würdige Paſtor entſchuldigt wohl?“ „Dank, Vater Küſter. Aber ich bin ſchon zu Mit⸗ tag gebeten.“ „Wie?“ ſagte der Patriarch, richtete ſich auf und ſah ſich verwundert um.„Wer? zu wem? mir ſollte man alſo hier zuvor gekommen ſein? Ich glaube, Keiner, bei der Kapelle kann den Herrn Paſtor her⸗ bergiren.“ ch bleibe zu Mittag bei dieſer Frau und ihren Kindern.“ Nichts kann die Geſichter der beiden Anweſenden bei dieſer Erklärung malen. Die arme Frau ſah mit einer wunderbaren Beſtürzung, bleich und doch faſt heimlich froh auf den Geiſtlichen; der Küſter aber rümpfte die Naſe.„Zu ihr? der würdige Paſtor kennt ſie?“ „Ich habe ſie vor heute nicht geſehen.“ „Sie hat ihre acht, neun Bälge, ſoll der würdige Paſtor wiſſen? ob ſie aber einen Stuhl hat, worauf man ſitzen kann, das will ich nicht ſagen; und was Sie eſſen ſollen, aber Speiſe wird es doch nicht— hm— aber ſieh, die Vornehmern pflegen immer zu ſcherzen.“ „Ich ſcherze nicht, wenn ich auch glaube, daß meine Wirthin arm iſt; denn ich bin ſchon in ihrem Hauſe geweſen und habe ihre Kinder geſehen.“ Schnelle Röthe und Bläſſe wechſelte auf dem Ge⸗ ſichte der verwunderten Mutter. „Aber“, fuhr der Geiſtliche fort,„ich bin ſelbſt arm und ich bin ein Diener deſſen, der ſein Himmelreich jedem Nothleidenden gelobt hat, der da arm iſt.“ „Aber der würdige Paſtor kennt nicht dieſe Frau. Sie iſt, zur Schande zu ſagen, die Schlechteſte in der Kapellgemeinde: ich will nicht ſagen, daß ſie die elendeſte in Armuth iſt(denn wer iſt nicht arm und elend bei uns in den Scheeren, leider Gott!!); auch nicht, daß ſie die unklügſte iſt, obgleich kein Vernünf⸗ tiger ſich ſo viele Kinder ſchafft, und wir in den magern Scheeren hüten uns davon; aber, aber(fügte er ſchnell hinzu, da er den Unwillen des Geiſtlichen ſah) ihr Vater war—“ Ha— ſo ſchweigen Sie! Schweigen Sie, Sie Ola Svenſon! rief die Frau aus. In ihrem Geſichte malte ſich plötzlich ein hoher, faſt adliger Harm, als ſie ihren Vater nennen hörte. „Ja— ja— ſo iſt es,“ fiel der Küſter ein; „der würdige Paſtor muß wiſſen, welche Leute er vor ſich hat und zu wem er eingeht, damit nicht ſeine Hande beſudelt werden, wie es heißt. Denn ihr Vater war ein Dieb, würdiger Paſtor, ein Rauber, der in Kalmar Ruthen bekommen hat. Das muß ich wiſſen, und wir wiſſen es Alle hier, und die Miſſethaten der Väter werden heimgeſucht an der—“— Hat auch ſie geſtohlen? fragte der Geiſtliche mit einem ſtrengen Blicke auf den alten Patriarchen. „Nun, nun, das ſage ich ja nicht“. Nein, gewiß nicht, das hat ſie gewiß nicht. Genug iſt ſie ehrlich, was das betrifft, und ſollte Jemand ſie dafür antaſten, ſo wäre ich der Erſte, der ſie vertheidigte: denn ich habe ſie geſehen von Kind auf und kenne ſie, und ſie hat bei mir fingen gelernt; aber ihr Vater war ein Dieb, das war er, und darum ſchleppt ſie ſich mit Armuth.“. Ich will Ihnen, Vater, ſagen, wie der Spruch lautet, den Sie anſingen, aber nicht endigten. Gott ſagt: Ich ſuche heim die Miſſethat der Väter über ihre Cͤeͤ—=—,——92— ͤ 492 — ͤr — Kinder, die mich haſſen; aber ich erzeige Barmherzigkeit in viel tauſend, die mich lieben. Haben Sie das nicht —, ͤräee gehört? So mögen Sie denn wiſſen, daß die Ehre und die guten Thaten der Väter die Kinder zu keiner wahren Ehre verhelfen, wenn ſie ſelbſt ſchlecht und ehrlos ſind; ebenſo gereichen die Miſſethaten der Väter den Kindern nicht zur Schande und zum Böſen, wenn ſie beſſer ſind, als die Väter. Gegen äußere Armuth kann ſie wohl zu kämpfen haben, vielleicht als eine Folge des Verbrechens ihres Vaters, von dem Sie reden; vielleicht aber auch gar viel deßwegen, weil Ihr hier ſchlecht oder unverſtändig genug ſeid, den Schutzloſen, die nichts Uebles gethan haben, nicht bei⸗ ſtehen zu wollen, einzig und allein darum, well ſie abſtammen von dem, etwas Böſes gethan hat. Gott aber haßt ſolche Ungerechtigkeit und wird denen helfen, welchen Menſchen nicht beiſtehen wollen. Ich gehe zu ihr und ihren Kindern, vielleicht werden wir heute Mittag ohne Speiſe bleiben, vielleicht wird uns hungern, denn auch ich habe ſeit um fünf Uhr heute Morgen nicht gegeſſen— aber—„ Der Küſter wendete ſich hinweg mit einer halben Verbeugung, indem er ärgerlich zwiſchen den Lippen mur⸗ melte:„Ich meine, man ſollte doch Leute von einander zu unterſcheiden wiſſen und ſehen, wen man vor ſich hat. Aber ſo ſind dieſe jungen Tauber, wenn ſie zuerſt von dem Conſiſtorium ausgelaſſen werden! Wenn ſie nur erſt älter werden, ſo arten ſie ſich ſchon“— ſagte er leiſe für ſich ſelbſt und ging. Die beiden Andern entfernten ſich von dem Kirchen⸗ platze und kamen zuletzt an das Ufer, wo die kleine Hütte, einſam und abwärts von dem Kirchhofe lag. Die zerlumpte Kinderſchaar kam herausgelaufen und bald war die Mutter ſo umklammert, daß ſie kaum auf den Füßen ſtehen konnte. Jener älteſte Bruder, den wir ſchon als den Wortführer der Geſchwiſter kennen gelernt haben, öffnete die Thür in einer ge⸗ wiſen artigen Stellung, der die Anmuth nicht ganz ehlte. Tutti Frutti. I. 5 66 Ein angenehmer Geruch kam ihnen in der Thür entgegen. Die Mutter hatte ſchon ein frohes Geſicht. Die Kinder hatten die Hütte mit Laub aufgeputzt und den Fußboden mit Fichtenſpitzen beſtreut, um der Mut⸗ ter bei der Rückkehr aus der Kirche eine Freude zu bereiten. Dieß hier wird den Jonas freuen, wenn er nach Hauſe kommt, ſagte ſie halblaut, und trat ein. „Mutter! Ihr ſeid reich,⸗ ſagte der Geiſtliche:„ſo viele Kinder, und alle ſo geſund und hurtig!⸗ „Schade, daß Ihr ſelbſt jetzt etwas kränklich aus⸗ ſeht; vielleicht kommt dieß von übermäßiger Arbeit; aber ſeid freudig, ermüdet nicht; bald kommt Euer Mann, und hier im Hauſe gibt es viele Fiſche!“ Fiſche! Fiſche! Fiſche! Dieſer dreidoppelte Ausruf von den Kindern ſchloß einen zu gleicher Zeit ſchreck⸗ lichen und höchſt charakteriſtiſchen Ton in ſich. Sie waren Scheerenbewohner—„Ichthyophagen,— denen Fiſche die Repräſentanten aller Lebensgüter ſind. Fiſche ſind Geld, Fiſche find Kleider, Fiſche find Haus und Hof, nämlich das Mittel, dieſes Alles zu erlangen. Es lag etwas Rohes in dem Ausrufe; dieſes wurde jedoch in den Ohren des Geiſtlichen gemildert, weil er bedachte, daß man hungrigen Kindern verzeihen muß, wenn ſie mit einiger Leidenſchaft, wenn ſie mit einer gewiſſen fieberhaften Wildheit den Namen ihres nächſten, größten, unſchuldigſten Bedürfniſſes ausrufen. Still, Kinder! befahl die Mutter. „Sagen Sie mir,“ fragte der Adjunkt, um dieſen traurigen Gegenſtand abzuleiten,„ſind Sie nie in Kalmar geweſen? Ich begreife nicht, es iſt mir, als hätte ich irgendwo Ihr Geſicht geſehen.“ „Nein,“ ſagte ſte,„ich bin hier in den Scheeren ge⸗ boren, und in keiner andern Stadt geweſen, als in Carlskrona“— fügte ſie mit melancholiſcher, aber ſehr einnehmender Miene hinzu. „Das war, um den Großvater dort in der Anker⸗ ſchmiede, wie fie ſagen, zu beſuchen, ſieht der Herr,“ —— 67 äußerte der neunjährige Wortführer recht munter, und wie es ſchien, vollkommen unwiſſend über den Zweck der Ankerſchmiede und über das Schickſal ſeines Groß⸗ vaters daſelbſt. Der junge Geiſtliche ſchauderte zuſammen.„Laßt uns nicht hievon reden,“ ſagte er, wiederum ablen⸗ kend.„Sie haben viele Kinder: Ihnen iſt wohl kein Kind geſtorben?, „Nein,“ ſagte ſie; valle leben.“„ „Auf dieſe Weiſe ſegnet Gott. Selten hört man, daß den recht Armen Kinder ſterben.“ „Es iſt auch eine Freude, wenn man etwas hat für ſie, die Armen, und man nicht fürchtet, daß aus ihnen mit der Zeit.... werden.⸗ Was ſie fürchtete, daß aus ihnen mit der Zeit werden könnte, äußerte ſie nicht hörbar. Aber der un⸗ gekünſtelte Junge, der neunjährige Sohn, rief ohne Schonung aus:„Diebe? o nein— das werden wir nicht, wie Großvater, nein, nein. Ich werde Seemann und fahre weit weg wie Vater, und verdiene Geld wie Heu, und komme nach Hauſe und kaufe den Groß⸗ vater los aus der Schmiede.“ So ſchwärmeriſch hoffend malt die Kindheit. Selbſt die betrübte Mutter wurde für einen Augenblick von einer ſchwachen Freude angeſteckt, und ihre großen Au⸗ gen glänzten in dem magern Geſichte. Wiederum ſagte der Geiſtliche, um dem Geſpräche eine andere Richtung zu geben.„Sie ſind alſo im ganzen Dorfe die reichſte an Kindern. Ich rathe, der Küſter ſelbſt hat wenige.“ „Der Küſter? Herr, er hat keine Kinder. Er hat einen Sohn gehabt; aber der ſtarb ſchon vor vielen Jahren: darum iſt es keine Kunſt, daß er reich iſt, und jeden Sommer großes Geld für ſeine Fiſche ſam⸗ melt, die hier Niemand aufißt.“ 4 „Ja, ſehen Sie, ihm fehlt aber doch der größte 68 Segen des Herrn, Gott liebt ihn weniger, als Sie. Er kam mir auch recht ſtolz und hart vor.“ „Der Herr Paſtor ſoll nicht übel von ihm den⸗ ken: er iſt ein recht beſcheidener Mann und gar nicht böſe, obgleich er der Vornehmſte und Reichſte in der ganzen Scheere iſt und fünf Boote hat, die ſeine Knechte in der großen Fiſchgeſellſchaft rudern; alſo ſoll der Herr ſich nicht wundern, wenn er ein wenig ſtolz iſt. Ich habe bei ihm aks kleines Mädchen ſchöne Ge⸗ ſänge geſungen, und er war immer ſo ſtrenge, aber ſo ſangen wir dafür auch gut.“— „Singen auch Ihre Kinder?“ „O ja,“ rief der Wortführer. 4 „Still Du, wenn Leute reden.“.— ſc Aber Schweſter, ſoll der Herr ſehen, ſie ſingt hön!“. „Schweſter?“ der Geiſtliche ſah auf die kleinen Mädchen. „Nein, nein, keine von dieſen.“ „Haſt Du denn noch eine andere Schweſter?“ 1 „Ja wohl, Lena, meine ich.“ 1 „Sie haben alſo noch mehrere Kinder, Mutter?“ —.,— ———— ,— „Ja, Herr Paſtor, das älteſte Mädchen iſt aus und dient; ſie iſt zwölf Jahre.“ „Sie iſt prächtig, ſoll der Herr glauben; und vornehm und rar gekleidet; wenn ſie nur nach Hauſe käme, daß wir ſie bald zu ſehen kriegen!“ ſagte der Wortführer. „Wo dient ſie?“ fragte der Adjunkt ahnungsvoll. „Sie iſt auf Wernanäs, Herr.““ „Ah!— rief er aus— da habe ich das Geſicht, das ich irgendwo geſehen haben wollte. Mutter! ie kann vielmal grüßen von Ihrer guten, artigen, hü ſchen Tochter. An ihr erkannte ich Sie.“ „Wie, Herr Paſtor?“ Die Mutter und alle Ge⸗ ſchwiſter ſahen ihn an mit ſo glänzenden Augen und 69 ſo lebhaften Bewegungen, wie wenn man die wichtig⸗ ſten Neuigkeiten in der Welt zu hören hoffte. „Ich ſoll von ihr grüßen: ich traf ſie heute Mor⸗ gen auf Wernanäs. Ich kann verſtehen, daß ſie es war, ſie war Ihnen ſo ähnlich, Mutter. Sie zeigte mir den Weg, und ich bin ihr Dank ſchuldig. Hat ſie einen guten Dienſt dort auf Wernanäs? Dient ſie bei der Majorin Mannerskranz?“ „Wie kann der Herr das glauben?“ „Wie ſo?“ „O nein, ſie iſt Kindermädchen bei dem Vogte auf dem Hofe. Ich meine, das iſt gut genug für Lena. Gott ſei Dank, ſie hat einen guten Dienſt.“ „Sie iſt rar und fein und vornehm!“ riefen zwei von den älteſten kleinen Mädchen.„Als ſie letztens hier zu Hauſe war, da ſahen wir ſie. Sie gab uns jedem einen großen Schilling, was ſechs Stüber iſt, das iſt ſo viel, wie zwei Pfund Fiſche, Herr.“ „Wollen mal ſehen, ob ich nicht ein kleines An⸗ denken von ihr an Euch habe,“ ſagte der Geiſtliche, und zog ein ſchmales weißes Band aus der Weſten⸗ taſche.„Sie verlor dieß auf dem Wege; ich, der hin⸗ ter ihr ging, nahm es auf. Das ſollſt Du haben,“ ſagte er zu dem größten unter den Mädchen. Jetzt wurde die Freude überlaut.„Solch ein Band! ſolch ein rares Band! Es iſt Schweſter Lena's! Lena's Band! Lena's Band!“ Sie ſprangen umher; ſie probirten und verſuch⸗ ten, bald an den Haaren, bald an den Armen das ellenlange ſchmale Band, das vermuthlich den Win⸗ deln oder Leibchen des Kindes angehört hatte. Schwe⸗ ſter Lena ſtand in ihren Augen an einem ſo hohen und herrlichen Platze, war eine ſo merkwürdige Per⸗ ſon, und ſo wichtig, wie wenn die kleinen Fräulein auf einem adeligen Gute Nachrichten erhalten von ihrer bei dem königlichen Hofe angeſtellten Schweſter, der Gräfin ſo und ſo, oder der Freiherrin ſo und ſo. 70 Die Betrachtung des Geiſtlichen wurde durch das Oeffnen der Thüre unterbrochen. Der lange grau⸗ haarige Küſter trat ein. Die Frau begann ſchon zu zittern, aber ein Blick des Angekommenen ſtillte ſo⸗ gleich ihre Unruhe.„Elin!“ ſagte er,„ich ſehe, hier iſt noch nicht gedeckt zum Mittage für den Paſtor; und da Dein Mann, Jonas der Brauſewind, noch nicht zurück iſt, und die Schlüſſel zur Speiſekammer mit hat, nun ja, ſo iſt es nicht wunderlich, daß Du nicht beſſer angerichtet haſt. Du haſt mich ja von Dei⸗ ner Kindheit auf gekannt— und weißt wohl— und nun wäre es meine ergebenſte Frage und Bitte geweſen“(fuhr er mit einer Verbeugung vor dem Prediger fort)„daß Mutter Elin mit ihrem ganzen Hauſe und ihrem ſeltenen Gaſte heute bei mir eſſen wollte. Aber nachher, ſo habe ich gedacht, daß ſie nicht zu mir kommt— was ſie ſelten pflegt— und die Kinder nicht in das Dorf kommen läßt, aus dem⸗ ſelben Grunde, weßwegen ſie heute nicht in die Kirche gekommen ſind— und ich verſtehe recht gut, daß der würdige Herr Paſtor ohne ſie ebenfalls nicht zu mir kommt— darum habe ich gedacht, wenn Mutter Elin erlaubt, ſo bringt Kerſti ein Paar Schüſſeln Fiſche von Hauſe hierher von dem Wenigen, was ein Schee⸗ renbewohner hat.“ Mutter Elin antwortete nichts, aber rührend war der Blick, mit dem ſie an dem langen, grauen Pa⸗ triarchen in die Höhe ſah; wahrſcheinlich hatte ſie einſt als Mädchen ſo ausgeſehen, da ſie ihm ihr Lied vor⸗ ſang. Aber er ſah etwas ſcheu und reuevoll aus vor dem Paſtor, während ſein Dienſtmädchen Kerſti, die eine gehäufte Schüſſel nach der andern von den aus⸗ gezeichnetſten Leckereien der Scheeren eintrug. Ge⸗ ſchoſſenes Meergeflügel war nicht vergeſſen, und eine große Branntweinflaſche nach der neueſten Seemanns⸗ mode aus Nobeln(Chriſtianopel, dem nächſten Flecken) kam im Gefolge von gutem Brode und friſcher Butter. 8 A 2—— JS 8S Sg G. N A 71 Das freudige Treiben der Kinder verſank in Ehr⸗ furcht und Schweigen bei dem Anblicke aller dieſer Herrlichkeiten und ſie ſchlichen ſich ſtill hinweg in die Winkel. Man iſt ſtets verlegen bei dem Ungewöhn⸗ lichen. In der Geſellſchaft mit dem Hunger, ihrem täglichen Gaſte, waren ſie zutraulich, hurtig, vorſchnell geweſen: jetzt, vor aller dieſer Speiſe, ſtanden ſie er⸗ ſtaunt und etwas ſteif. „Nein, nein, liebe Elin, bemühe Dich nicht,“ ſagte der Küſter freundlich liſpelnd zu der Frau, als ſie, um doch auf irgend eine Weiſe Wirthin zu ſein, ihre zwei porzellanenen Teller und ein Glas hervor holen wollte—„laß das ſein und bekümmere Dich um nichts. Kerſti hat das alles in ihrem Tuche. Und laß die Kinder an den Tiſch kommen. Dieſe Art von Pa⸗ ſor hat dergleichen gern. Bekümmere Dich um nichts, age ich.“ Man begann, und der Adjunkt ſeiner Seits be⸗ kümmerte ſich ebenfalls um nichts. Er hätte wohl der Menſchlichkeit wegen gewünſcht, daß dieſe Wohlthaten der Mutter Elin und ihren Kindern zugefloſſen wären, ohne daß er dabei nöthig geweſen wäre. Aber, Gott ſei Dank für das, was geſchah. Als man eine Strecke Weges gekommen war in der Mahlzeit, ſo öffnete der Patriarch der Scheeren ſeinen Mund zu einer Unterredung mit ſeinem eigent⸗ lichen Gaſte, doch immer etwas ſcheu und faſt ängſt⸗ lich vor ihm.„Es iſt eine beſonders große Freude,“ ſagte er,„und eine wunderbare Gnade Gottes,“ fuhr er fort,„wenn ein neuer, junger Paſtor, den wir zu⸗ vor nie geſehen haben, kommt und uns am Ende der Welt hier im Waſſer beſucht. Ich bin wohl auch un⸗ ter Leuten geweſen, obgleich ich ein armer Mann bin und ich habe in meinen Tagen Calmar geſehen. Dort iſt eine zu herrliche Domkirche, Herr Paſtor: der war bin reicher Mann, welcher eine ſolche Kirche aufbauen onnte.“ 72 „Ja, es iſt ein berühmtes und ſchönes Gebäude,“ 8 4 ſagte der Adjunkt,„ein ſchönes Denkmal von dem i Könige Carl XI. und ſeinem großen Baumeiſter Teſſin. G Vielleicht gibt es in Götareich*), wenn wir den Lun⸗ k der Dom ausnehmen, kein herrlicheres Gotteshaus Es iſt eine Freude, wenn die Reichen ihre Güter an⸗ 8 wenden wollen, um das Gute und Edle auf Erden i nuszubreiten; und ſie können es in noch viel Mehre⸗ 2 rem und Anderem beweiſen, als gerade darin, Häuſer b zu bauen.“ e „Herr Paſtor,“ ſagte der Küſter unterbrechend, nich glaube, die Reichen würden gewiß thun, was gut 1 und lieblich iſt, wenn nur die Prieſter ſie ſtets dazu d ermahnten.“ d „Aber die Reichen“(ſiel der Adjunkt ein mit einem Blicke auf den Küſter, als Antwort auf ſeine n neulich gemachte geheime Entſchuldigung),„die Rei⸗- b chen, welche Chriſten ſind, müſſen ſich ſelbſt der Pflicht a der Barmherzigkeit gegen ihre Nächſten erinnern, auch k wenn der Geiſtliche nicht bei der Hand iſt, denn nicht ſ kann er immer an ihrer Seite ſtehen.“ „Iß, Mutter Elin, und lege dem Lars mehr vor,“ d erinnerte der Alte mit einem freundlichen Blicke auf die verlegene Mutter und die verzagten Kinder.„Eßt, n liebe Kinder.“ d. „Es iſt ein Vergnügen, wenn man alt iſt,“ fuhr d der Alte fort,„ſich an die Zeit zu erinnern, da man 2 ſelbſt ein Junge war. Ich bin ſo jung geweſen, wie ſ der Herr Paſtor,“ ſagte er mit einem thränenvollen Blicke auf den Adjunkten— nich war zwar nicht ſo ſchön und blondhaarig wie der Herr Paſtor— aber— verzeihen Sie, daß ich frage, wie alt ſind der Herr Paſtor?“ „Drei und zwanzig Jahre.“ lere Sysarike und der noördliche Norrland. r.— e„ 2 *) Der ſüdliche Theit von Schweden heißt Gotarike, der mitt⸗ — u K. ——— „Herr Gott! drei und zwanzig Jahre— ja, es iſt eine Freude. Ich bin auch drei und zwanzig Jahre geweſen. Aber die alten Geiſtlichen, welche zu uns kommen und predigen, die reden in der Kirche wie Sie, aber ſie handeln nicht wie Sie draußen auf dem Kirchenplatze; darum ſo— wird der Küſter, wie er iſt, wie er heute war, Herr.— Iß auch von dem Vogel, liebe Mutter Elin, Dein Mann kommt wohl bald nach Hauſe mit den Leuten: aber dieß hier iſt eine gute wilde Ente glaube ich. Iß Jakob, Swen.“— „Nöthigt ſie nicht ſo viel, Vater; ſie ſind viel⸗ leicht mehrere Tage nicht ſatt geweſen. Ihr könnet ſie durch Eure Wohlthaten krank machen, ſo wie vorher durch— Der Alte unterbrach ſie heftig:„Glauben Sie nichts Böſes von uns hier an der See, Herr. Ich bin nie ein Feind der armen Leute geweſen, wenn ich auch heute keck geredet habe, Herr Paſtor; aber ich kannte Sie nicht und meinte, Sie wählten die Leute, ſo wie alle hier in der Welt zu thun pflegen.“ „Zu thun pflegen? Es gibt keinen Geiſtlichen, der nicht ein Freund und Beſchützer der Armen iſt.“ „Das ſollen Sie nicht ſagen— entſchuldigen Sie mich ſonſt— aber es iſt eine Wahrheit, daß wenn der Paſtor kommt, ſo ſuchte er ſich einen Platz bei dem Erſten und Vermögendſten, und den Armen ſieht er nicht, wo nicht, um ihn zu ſchelten und ihm zu ſagen, er ſoll gehen und arbeiten, um ſein Brod zu verdienen. Als wenn Verdienſt hier ſo leicht wäre! Trinken Sie von dieſem, Herr Paſtor! Trinke, Mutter Elin! Und darum kann der Herr Paſtor wohl finden, daß, da man immer dem Beiſpiele der Vornehmen folgt, auch wir, Gott ſei uns gnädig! der Armen ſchä⸗ men, und nicht gerne wollen, daß Jemand eintreten und ſehen ſoll, wie es bei den Armen in den Scheeren ausſieht.⸗. „Laſſen Sie uns nicht mehr davon reden. Ich 74 hoffe, Ihre Barmherzigkeit dauert jetzt fort, auch nach⸗ dem ich weggereist bin. Wie iſt es, Sie haben ſelbſt nicht Frau und Kinder?“ „Kinder? Frau und Kinder— Frau und Kinder— ja ja, Herr Paſtor— ſie ſind todt— ich bin ein und neunzig Jahre alt, würdiger Herr Paſtor— ich war mit in den Zeiten des Königs Friedrich.“ „Und Gott hat Sie nicht mit ſeiner reichſten Gabe geſegnet!“ „Kinder, Herr Paſtor? dieſe Gottesgabe ſich zu halten koſtet oft Geld.“ Der junge Geiſtliche blickte mit einem gewiſſen Widerwillen auf den alten Seemann. Der Alte ſah es mit einem halben aber leeren Lächeln und äußerte: „Der Herr Paſtor iſt wohl nicht verheiratet kann ich denken?“ „Nein.“ „Nun nun, ſo iſt es. Der Herr Paſtor möchte wohl ein Dutzend Kinder haben, kann ich denken. Das wollen die jungen Leute immer.“ „Es ſteht in Gottes Hand, was ich bekomme.“ „Ja ja, das verſteht ſich; ja gewiß, ja.“ „Aber— hat man ſchlechte, böſe Rangen von Kindern, ſo— „Iſt es kein Segen damit. Nein, das verſteht 2 ſich; o nein.“ „Doch— hat man eine gute und liebevolle Frau und iſt ſelbſt ſo, dann denke ich, mit Gottes Gnade werden die Kinder ſelten ſchlecht.“ „Eine gute Frau, ja. Das verſteht ſich, ja.“ „Zwar kann es Ausnahmen geben und Unglück eintreffen. Aber wenn die, welche heiraten, einander lieben, ſo denke ich— „Würdiger Herr Paſtor, ein armer Mann ſoll immer auf das Auskommen ſehen, und man heiratet die Reichſte, die man kriegen kann. Hier in den Schee⸗ —9— A— ——— — ,— 8&ο⏑ dH 4 K 8 79 ren, bei uns Armen, heißt das, ich— man heiratet die am wenigſten Arme, die man kriegen kann.“ „Sie folgten dem Grundſatze. Ich kenne nicht Ihre Schickſale, Vater; aber es kann wohl ſein, daß Ihre Frau auf dieſe Weiſe nicht die mildeſte wurde, die Sie bekommen konnten.“ „O ja, ſie iſt jetzt vierzig Jahre todt, ſehen der Herr Paſtor. Aber ich wohne noch in dem Hauſe, das ich mit ihr bekam, und damit habe ich Fiſche bis an mein Ende. Man kann nicht mehr begehren.“ „Und das wurde alſo Ihre Freude hier in der Welt, Vater Küſter? Nicht einmal Kinder?“ „Kinder eſſen Einen auf, Herr. Ich hatte einen Sohn— ein Schlingel war es. Aber Gott gebe ihm Freude, er iſt jetzt ſeit zehn Jahren todt.“ „Aber ſehen Sie dieſe acht Kinder an, Vater! Sie hatten für ihre Mutter mit Laub geſtreut, und ſagten kein Wort von Eſſen, als ſie aus der Kirche kam.“ „Ja, ſie ſind nichts Beſſeres gewöhnt, die Armen.“ „Aber Ihr Sohn ſcheint etwas Beſſeres gewohnt geweſen zu ſein— darum pochte er vielleicht?“ „Man gibt den Jungen, ſo lange man hat. Aber gewiß, Herr Gott— ein Schlingel wurde er— leider!“ „Das war der Jan, der dem Großvater ſtehlen half,“ rief der älteſte Knabe, der Wortführer. Der Alte ſah ihn an mit einem wilden und ſtar⸗ ren Blicke.„Weißt Du ſchon— Junge!“— ſagte er, ſchwieg aber plötzlich. Der Geiſtliche wurde aufmerkſam bei dieſen Wor⸗ ten.„Vielleicht,“ dachte er,„iſt die Abgeneigtheit des Alten gegen dieſe Armen daher gekommen, daß„der Großvater“ ſeinen Sohn auf Abwege geführt hat.“ „Ja, mein Gott!“ rief jetzt Mutter Elin gleich⸗ ſam mit einem Seufzer für ſich ſelbſt aus.„Das iſt wohl ſicher und gewiß, wäre Euer Jan nicht geweſen, ſo ſäße mein Vater jetzt nicht in der Ankerſchmiede.“ 76 Der ſtarre Blick des Alten verfinſterte ſich immer mehr.„Ja, Gott ſei uns Armen gnädig,“ ſagte er. Der Adjunkt bebte. Es war alſo umgekehrt. Er war es geweſen— Jan— der Abkömmling der herr⸗ lichen ökonomiſchen Berechnung des Patriarchen, der jenen„Großvater“ verleitet hatte. „Tröſten Sie ſich, alter unglücklicher Mann!“ ſagte der gutmüthige Geiſtliche, ſich an den Küſter wendend. „Wenn Ihr Sohn, wie mir die Sache vorkommt, die Urſache der Verbrechen des Großvaters und der Sor⸗ gen dieſes Hauſes geweſen iſt, ſo haben Sie jetzt eine gute Gelegenheit, ihnen nach menſchlicher Weiſe beizu⸗ ſtehen und Erſatz zu geben, und ſich ſelbſt in Ihren alten Tagen die größte Frende zu verſchaffen.“ Der Alte ſah den Geiſtlichen mit leeren und ver⸗ wunderten Blicken an. „Ja— kurz und gut— ich meine, Sie ſollten dieſe Kinder zu ſich nehmen, ſie verſorgen und erziehen.“ „Sie haben ja ihren eigenen Vater, Jonas.“ „Aber ich habe gehört, er iſt vor vielen Tagen weggereist, und man hat geſehen, daß ſein Boot um⸗ geworfen iſt. Vielleicht iſt er— „Ertrunken, meinen der Herr Paſtor. Ja, ja. ena⸗ war immer ein wilder Fiſch auf der offenen ee.“² „Wohlan, ſo werden Sie die Stütze der Wittwe und der Waiſen. Gott hat Sie ſelbſt nicht vergebens ohne Kinder gelaſſen.“— Der Patriarch erhob ſein hohes Haupt und ſah erſt verwundert den jungen ſchönen Geiſtlichen an und darauf Elin und die Kinder. Vermuthlich wollte er antworten.. In dieſem Augenblick erſcholl plötzlich ein Geſchrei in ihren Ohren, Ruderſchläge und ein zunehmendes Getöſe längs des ganzen Strandes ließen ſich hören. „i⸗omminen. ſie kommen! ſie ſind hier! ſie ſind ier!“. — — ☛——-——— 09SSEXSE= g. 77 „Die Fiſchergeſellſchaft iſt angekommen!“ „Und Ihre fünf reich beladenen Boote“— ſetzte der Geiſtliche bedeutungsvoll hinzu. Aber Niemand höorte jetzt auf den Paſtor oder antwortete auf ſeine menſchenfreundliche Inſinuation. Die Kinder ſprangen auf.„Vater kommt! Vater kommt!“ riefen ſie und ſtürzten hinaus. Man ſtand von Tiſche auf. Eilfertig und kurz wurde das Tiſch⸗ gebet geſprochen.„Meine fünf Boote!“ ſagte der Alte gedankenvoll und berechnend, nahm ſeinen Stock und ging. Selbſt die Mutter vergaß zur Hälfte ihren Gaſt in der Freude, ihren Erſehnten, ihren ſo lange Entbehrten aufzuſuchen und zu finden. Sie ſprang hinaus.. Der Adjunkt trat alſo ebenfalls hinaus, und be⸗ ſchloß, ſeitwärts einen hohen Platz einzunehmen, um ungeſtört den pittoresken Anblick einer nach Hauſe kommenden Fiſchergeſellſchaft überſehen und genießen zu können. Das bunte, weite, lebhafte und wimmelnde Ge⸗ mälde hatte für ihn viel Neues. Von dem Kapell⸗ vorfe war alles Lebendige, Altes und Junges, hinkend, hüpfend, keuchend, lachend, hurrahrufend und hutſchwen⸗ kend an den Strand hinab geſtrömt; und dreißig Boote, voll raſcher, hurtiger Leute, Männer und Wei⸗ ber, naheten ſich mit flinken Ruderſchlägen. Die Nach⸗ mittagsſonne vergoldete die Fiſchergeräthe, und als endlich die Boote ſich durch Schilf und biegſames See⸗ gras hindurch gewunden hatten, ſo ſtiegen unter übli⸗ chem Geſange alle Heimkehrenden an's Land; die Fiſche wurden aus den Netzen und Geräthen hervor⸗ gezogen und in glänzende Haufen auf den Strand gelegt. Da bekam das Ganze das Ausſehen des munterſten Marktes, oder vielmehr Familienfeſtes. Alle Kinder geſellten ſich zu ihren Eltern, halfen ihnen die Fiſche ordnen, in Haufen legen und zählen, freu⸗ ten ſich über den reichen Fang, riefen Hurrah, ver⸗ — ⁰— 6 78 glichen das Ihrige mit dem des Nachbars, ſtritten, lärmten, und Alles war vortrefflich. Der Adjunkt fühlte wirklich eine Neugierde, den beſagten Jonas, den Mann des Weibes, zu ſehen. Er hielt ſich jedoch in der Entfernung, betrachtete das Ganze und beobhachtete die Entwicklung eines ſo bun⸗ ten Auftrittes. Bisweilen ſah er ſeine armen Lieb⸗ linge, die Kinder der Wittwe, und ſie ſelbſt in den Haufen. Er hörte dann und wann ein kleines Geheul, das durch ein Zurückſtoßen veranlaßt war. Der am ſchlechteſten Gekleidete muß oft Raum geben. Plötzlich erreichte ihn ein wilder, ein furchtbarer Ausruf und darauf folgende lang ausgehaltene Klage⸗ töne. Beſtürzt ſchaute er hinab und ſah, wie die acht Kinder von der frohen Verſammlung hinwegeilten.„Er iſt nicht mit! er kommt nicht! er kommt nie wieder!“ dieſe Worte trafen das Ohr des Geiſtlichen. Ihr Vater? Jonas alſo iſt verunglückt? Furchtbarer Anblick! Alles war Freude: nur die Armuth wurde auch noch ihrer letzten Hoffnung be⸗ raubt. Der Begüterte erhielt Alles wieder: Eltern, Verwandte, Kinder, neuen Ueberfluß, Fiſche ſowohl zu eigenem Bedürfniſſe, als auch zum Verkaufe. Leere, neue Tonnen wurden an den Strand gerollt, bald ſollten die Einpackungen für Calmar, Carlskrona, vielleicht ſogar für Stockholm beginnen. Nur die Va⸗ terloſen in einem graubraunen, zerlumpten, traurigen Züge wichen aus vor den herabrollenden Fäſſern. Noch ein Glück, daß nicht der Fünfjährige, Dreijäh⸗ rige oder Zweijährige— er, der arme Kleine, der eben hatte gehen gelernt— noch ein Glück, wenn er nicht in der Eile unter den Tonnen zerquetſcht wurde, die von dem Strandhügel hinabeilten, um die Ernte des Tages in ſich aufzunehmen. Wohin ging die Mutter? Sie hatte ihr kleinſtes Kind auf den Arm genommen, damit es nicht unter den Füßen der Eifernden zertreten werden möchte, Sie — 4—— NRSͤG=B — 79 entwich mit den Ihrigen, ſcheu vor dem Glücke, das ſte überall um ſich her verbreitet ſah, bange vor dem Lichte, ja ſelbſt von den Strahlen der Sonne geäng⸗ ſtiget. Die Augen des Geiſtlichen folgten ihren Schrit⸗ ten. Er bemerkte, daß ſie ſich weit entfernte. Es war wie der Anblick einer Verweiſung aus dem Leben. „Gibt es denn hier keine Wolke am Himmel zu einer Decke zum Schutze gegen die brennende Sonne? Wenn die Sorge über die Erde geht, dann ſollte das Licht ihre Armuth nicht mit ſeinen fröhlichen Strahlen be⸗ lächeln! Aber doch nicht ſo— rief der Geiſtliche und unterbrach ſeinen phantaſtiſchen Monolog.„Noch habe ich Hoffnung auf Hülfe,, ſagte er, da er den letzten ſchwarzgrauen Lappen hinter einer feinen, ſchlanken jungen Birke verſchwinden ſah.„Ich weiß nicht, wo⸗ hin ſie jetzt gehen; aber ich will den patriarchaliſchen Küſter nicht aus den Augen laſſen. Er muß ihnen ein neuer Vater werden an der Stelle des Ertrunkenen.“ Er blickte daher wiedernm hinab in das Gewimmel. Hier hatte die Thätigkeit ſich verdoppelt, und daß es Sonntag war, hatte man gänzlich vergeſſen. Bald entdeckte er unter den Uebrigen eine lange, befehlende Geſtalt, einen Kopf länger als die Uebrigen; alles Küſterartige, alles Pſalmiſtiſche war bei ihm jetzt gänz⸗ lich abgelegt. Der geizige Fiſcherhäuptling ſtand dort unter Untergebenen und Nachbarn, wie ein kleiner Abgott in ſeiner Art. Der Geiſtliche entdeckte ihn mit einem Gefühle, das nahe an Abſcheu gränzte. Daß dieſer Mann, welcher in der Kirche der kräftige An⸗ führer Aller beim Geſange geweſen, jetzt auch der Mittelpunkt und der Hauptmann der übrigen Bewe⸗ gungen des Dorfes und der wichtigen Geſchäfte der Fiſchergeſellſchaft war, das war keinem Zweifel unter⸗ worfen. Ein düſteres und eiferiges Zählen, ein Sor⸗ tiren der Fiſcharten, ein Fechten mit Netzen, Reuſen, Bootshaken und allem möglichen Zeuge— eine ſcharfe und rauhe Stimme, hörbar mitten durch die der 80 übrigen Hunderte— ein guter Vorrath von Flüchen, bizarr in der Manier der Scheeren— dieſes Alles war niederſchlagend genug für die Hoffnung des Geiſt⸗ lichen auf Hülfe zu Gunſten der Entwichenen. Der Adjunkt fing an, ſeine eigenen dürftigen Einkünfte nachzurechnen, und fand, daß er zwar eine augenblickliche Erquickung verſchaffen könnte, aber eine längere Unterſtützung? unmöglich! Seinen eige⸗ nen Paſtor kannte er noch nicht in Hinſicht ſeiner per⸗ ſönlichen Hülfsbefliſſenheit Daß die Muttergemeinde ſich vor den Armen des Filials und der Aufnahme derſelben in ihrem Gebiete genugſam hüten würde, das wußte er aus üblichem Gebrauche. Und bei der Filialkirche ſah er nicht ein Zeichen von einem Armen⸗ hauſe für die eigenen Bewohner der Kapellengemeinde. Mit dieſen Gedanken entfernte er ſich in der Rich⸗ tung, wohin die Acht mit ihrer Mutter von der Scene abgetreten waren. Er wanderte ſtill, ſchlich ſich zwi⸗ ſchen den Bäumen hindurch, welche an dieſer Seite ein kleines Gehäge bildeten, und hörte nach einer Weile eine ſchwache, aber wohlklingende Stimme, und es klang wie eine Rede. Er kam unbemerkt näher. Er hörte, wie die Frau mehre von den Ausdrücken wiederholte, die er ſelbſt am Vormittage gebraucht hatte. Was iſt das? dachte er. Sie ſelbſt auf einem höheren Steine hatte ihre ganze kleine Gemeinde im Graſe um ſich her gelagert, und ſie wiederholte ihnen die Predigt, die ſie, nicht aber die Kleinen, heute gehört hatte. Das Ohr des lauſchenden Paſtors meinte nur, daß die Worte der Mutter weit beſſer klangen, als ſeine eigenen. Sie waren weit wärmer, milder, geeigneter zu ermahnen und mehr an die Menſchen ſelbſt gerichtet. Und die Aufmerkſamkeit der kleinen Gemeinde hier war auch ganz ungetheilt. Sie redeten von einem Vater, den ſie wieder bekommen ſollten, einem himmliſchen Vater. „Laßt uns froh ſein,“ ſagte ſie, und ein Strom von 831 Thränen brach in demſelben Augenblicke aus ihren Augen und bahnte ſich einen Weg über ihr zur Freude mahnendes Antlitz. Die Kinder ſchluchzten ſtill, nicht überlaut und unpaſſend. Sie ſaßen im Haine ſo weit entfernt von dem Kirchdorfe, daß das Geräuſch der Glücklichen ſie nicht ſtörte, nicht verletzte. Nachdem die Mutter ſich ein wenig erholt hatte, ſo begann ſie ein Lied zu ſingen, das einem Wiegenliede nicht unähnlich und gewiß von ihr ſelbſt verfaßt war, denn ſie malte darin ihre Brautfahrt ab, wie ſie funfzehn Jahre alt in munteren Brauttanz gegangen; und ſie führte darauf einen neuen Vers an für jedes neue Jahr, das heißt auch für jedes von ihren Kindern. Auch den Jonas, den gewaltigen„Scheerenbewohner', ſchil⸗ derte fie in jedem Verſe in dem Kehrreime. Dieſer ganze kleine Gottesdienſt kam dem Geiſt⸗ lichen vor wie ein Nachmittagsgottesdienſt. Er trat endlich hervor aus ſeinem Incognito. Die Kinder jubelten laut auf: er war ſchon ihr Freund geworden. Er ſetzte ſich auf eine mit Raſen belegte Scholle zu ihnen, und begann ihre Trauer mit kleinen Sagen zu zerſtreueu. Er war ſelbſt ein Mann, der das Liebenswürdige liebt: er war nur drei und zwanzig Jahre alt. Aber mit der Mutter überlegte er einen Plan über ihre Zukunft.„Ich ſetze meine einzige Hoffnung, nächſt Gott, auf meine älteſte Tochter,“ ſagte fie. „Obgleich erſt zwölf Jahre alt, iſt Lene doch ein kluges Kind. Sie hat einen guten Dienſt, ſie wird auch ihre jüngeren Geſchwiſter zu Etwas verhelfen!“ Ein Kindermädchen? und nur bei einem Vogte? welche Stütze? dachte der Adjunkt. Es fiel ihm ein, ſelbſt nach Wernanäs zu reiſen und bei der Mojorin Mannerkrantz zu verſuchen. Gleichwohl ſchreckte ihn der ſchlechte Ruf zurück, den die Scheerenbewohner auf dem feſten Lande haben. Er muſterte in ſeinen Ge⸗ danken den Kopf, den er heute morgen hinter der Tutti Frutti. I. 8² Gardine hervorblicken ſah, und überlegte, ob er auf Barmherzigkeit in demſelben hoffen dürfte. „Ich werde jetzt bald von hier abreiſen,“ ſchloß er. „Die Sonne iſt geſunken. Die Zeit vergeht. Ich werde Ihrer nicht vergeſſen.“ „Herr Paſtorn, antwortete Mutter Elin,„heute Abend geht es wohl an. Neue Wunden ſchmerzen nicht. Morgen wird es ſchlimmer, und übermorgen am ſchlimmſten. Hätte ich doch nur ſeinen Leichnam! Aber das Meer iſt geizig und die Welle habſüchtig.“ „Gottes Sohn wird Euch Troſt ſenden.“ „Trocken wird es dereinſt im Auge, ſagte ſie, nund gefaltete Hände trennen ſich; aber die Thräne wohnt dann doch noch im Herzen, und Qual iſt die Speiſe der Vaterloſen.⸗ Er wagte ihr nicht länger zu antworten. Er ſah einen düſtern Streifen um den Glanz ihrer Augen. Sie ſchien kaum zu bemerken, was um ſie her war. Sie fuhr fort: 3 „Der Seehund heult auf dem Eiſe, ſein Vater hört ihn und kommt zu ihm. Der Otter hat einen Freund und die Seeſchlange gafft nicht vergebens nach Fang. Siehe, meine Kinder haben mich— aber ich habe Nichts für ſie.“ „Wenn der Meeresaar herabſchießt, ſo ergreift er Hechte mit ſeinen Klauen, und führt ſie den Unbefie⸗ derten zu. Die kleine Anna iſt unbefiedert, Sven iſt unbefiedert, und Matts hat keine Kleider. Jakob und Kerſti! wo iſt Euer Meeraar? er, der Euch Hechte bringen ſollte? „Ich will Euch ſagen, wo der Aar iſt. Er hat ſeine Klauen tief in einen großen, ſtarken Fiſch ge⸗ ſchlagen, und der hat ihn in das Waſſer hinab gezo⸗ gen. Oh! oh!— ich ſehe, wie er mit Flügeln und Schnabel ſich geſträubt hat— hinab— hinab— tief hinab mußte er— er mußte— und es ward ſchwarz — ſo ſchwarz vor ihm dort unten in der Tiefe!“ 83 Bei dem Ende dieſer Worte, welche die Unglück⸗ liche mit dem ganzen Ausdrucke einer Schwärmerin ausſprach, ſank ſie ſelbſt von Schrecken überwältigt gegen den Baumſtamm, neben welchem ſie ſaß. Die Kinder blickten auf ſie mit ſtarren, erſchrockenen Blicken und ſchwiegen vor Schrecken. Nach einem Augenblicke erhob ſie ſich mit klaren Augen und glich einer ſcharf Lauſchenden.„Was iſt das? was höre ich?“ rief ſie aus.„Jonas? Ich hörte ja Dein Lied!“ Der Geiſtliche, welcher Nichts hörte, glaubte, das arme Weib phantaſire. Sie ſetzte ſich ruhig auf einen Stein, ſah ſtarr hinab auf das Gras, ohne eigentlich auf Etwas zu ſehen, und ſchien ganz Gehör zu ſein.„Er iſt's! Jonas!“ rief ſie dann und wann aus mit convulſiviſchen Zuckungen. Der älteſte Knabe lauſchte ſcharf wie die Mutter. Der Geiſtliche hörte Nichts.„Es iſt nordwärts!“ ſagte der Knabe. „Frohes Lied, ich kenne dich!“ rief ſie ſchnell nach einer Pauſe, fuhr auf, ſetzte ſich aber nach einer Pauſe hin, ſtill wie eine Verſtorbene. Der Adjunkt erſtaunte. Er erinnerte ſich, daß dieſe Kinder der Natur ein eben ſo außerordentlich feines Gehör, als ein ſcharfes Geſicht haben ſollen. Er blickte auf das Meer im Norden, aber eine Land⸗ ſpitze verhinderte die Ausſicht. Er unterſchied auch ſelbſt zuletzt eine Art von Ton, nicht unähnlich dem des frohen Sommerwindes. „Es kommt näher,“ ſagte ſie und ſprang auf. Außer ſich hob ſie ihr kleinſtes Kind in die Höhe wie zu allgemeinem Beſchauen, küßte es, ſetzte es wieder auf das Gras und eilte hinab an das Ufer, wo mau eine entzückende Ausſicht über eine Meeresbucht hatte, auf die jetzt die Abendſonne mit ihrem freundlichſten Scheine glomm. Der Adjunkt ging ebenfalls hin In dieſem Augenblicke bog das Vordertheil Bootes um die Landſpitze im Norden, Vnd dann 84 eines, und dann noch eines; und die Frau rief aus: „Sieh, da kommt die nördliche Fiſchergeſellſchaft! Seht Ihr den Jonas! da ſitzt er und ſteuert das erſte Boot. Er landet hier, ſollt Ihr ſehen. Ich wußte es wohl, ihm geſiel die ſüdliche Fiſchergeſellſchaft nicht.“ Mit munteren Ruderſchlägen durchſchnitten die Ankommenden das Seegras und landeten unter fort⸗ fahrendem Geſange: Schaukle du, mein Kahn, Auf glatter Wellenbahn, Im Schilfe legſt du an! Ich trage, trage 2. Bärſe und Hechte und Lachſe und Brachſen nach Hauſ'; Und ſtreue ſie wie pures Gold am Sundesufer aus. Ich trage, trage. Karpfen und Plotzen, Sardellen und Aale hinein; Da flimmern ſie im grünen Hof mit ihrem Silberſchein. Herr der Fluth Iſt der Fiſcher, froh iſt ſein Muth. Auf der luſt'gen See Folgt ihm gar kein Weh! Juchhe! Doch er holte kaum Aus der Wellen Schaum Seinen Fang und kehrt' Zum traulichen Heerd', Er mag ſchon von Herzen Das freundliche Scherzen, Singen, tanzen und ſchakern das will er So gern! 8 Ja, er holte kaum Aus des Morgen Schaum Seinen Fang und naht Auf dem felſichten Pfad Uud ſchauet am Raine die Hütte der Seinen. Spiel' und Tänze, die mag er dann ſo gern. 9 d) Um das Versmaß dieſer Barcarole beizubehalten iſt natür⸗ licher Weiſe die Ueberſetzung ziemlich frei geworden, wie an aus dem beiſtehenden Origingal ſehen kann. — GͤRNSSSeen n 18: ft.! rſte ßte tt. 1 die ort⸗ tür⸗ wie 85 Och vagga, vagga bat Nu hem fran böljans strat I vassen blank och vat Tag vackert, vackert Gädder och aborrar, laxar och Praxar och sik, Och strö dem ut pa gräset, som guld vid Kalmarvik, Och plocka, plocka Karpar och Pritſingar, stör och sardellar ech al Och bred dem ut som silfverskir allt pa var gröaa gal. Hafrets Kung Det är fiskarn, gammal och ung; Näar han utat far, Aer han stormens karl Alla dar. Men när hem ain skatt Utur djupenas natt Fran sjön han bär Oefrer holmar och akär, Da smälta hanzs sinnen I Iljufliga minnen— A hauns junga och danss, det vill han Pa land 6 Ty, när fatt sin skatt Ur vagornas natt Han fatt och gatt Med sin dyrköpte lott Till grönskande ängarnee Doſtande sängar Aclaka, sjunga och dansa da vill han. Noch einmal den letzten Theil ſeiner Barcarole“ wiederholend, ſprang ein hochgewachſener Mann, ein voll⸗ kommenes Abbild im Großen von jenem Knaben, den wir zuvor den Wortführer genannt haben aus einer Barke. Das war ein Seemann von ächtem Schroot und Korn. Kaum erblickte er Elin, als er ohne Rückſicht auf die Gegenwart des Herrn Adjunkten ſie zu gleicher Zeit in und auf ſeine Arme nahm, und wenig fehlte, ſo hätte er ſie in die Luft geworfen und wieder gefan⸗ gen, wie er ſo eben mit ihrem jüngſten Kinde gethan hatte. Ein mageres, kantiges Geſicht mit lebhaftem, faſt verwegenem Ausdrucke; ein abgetragener, in lächer⸗ lichen Formen gefalteter Hut auf Haaren, welche fuh⸗ ren und flogen. 86 „Jetzt ſind wir reich, Elin!, rief er— nfiehſt Du!„ „Was haſt Du für Leute bei Dir, Jonas?" „Lauter Freunde und Seevögel, die ich gemiethet habe, um meine Boote herzurudern, und dann ſollen ſie nach—⸗ „Und Du ertrankſt nicht, wie ſie ſagten?“ „Gewiß ſank ich ein wenig und mein Boot ging verloren. Aber ich kam wieder auf, ſiehſt Du, und gute Leute nahmen mich in ihre Schaluppe. Aber4 heiſan! und hopſan!— das gehört nicht hieher. Siehſt Du, mein ſind dieſe drei Boote, mein— alle bela⸗ den. Und nun wollen wir uns ein Haus im Dorfe bauen, ſo groß, ſo groß! noch höher als das des alten Teufels— (des Küſters, dachte der Adjunkt.) „Und dann wollen wir den Großvater von der Schmiede auslöſen,“ rief der Knabe, der Wortführer. „Ja gewiß!“ „Aber hörſt Du, Jonas,“ bemerkte die Frau noch bedenklich,„wie biſt Du ſo reich geworden?“ „Ich bin ein guter Lootſe, ſiehſt Du; einen beſſern gibt es nicht im ganzen Meerbuſen und im ganzen Sunde von Kalmar. Hier hatte ſich ein ausländiſcher Kerl, ein Engländer von Kapitain, nördlich von der Klippe, zwiſchen Oeland und uns hineingewagt, und auf die Riffe verſtand er ſich nicht. Seine Leute hatten mich in die Schaluppe genommen, als ich lag und ſchwamm und im Waſſer platſchte, und führten mich auf ſein Schiff; aber als Alles gut war und wir, ein Paar Kabellängen geſegelt hatten, da ſtieß er bei der Steinuntiefe mit dem Schiffe ſo hart auf den Grund, daß, wäre nicht Jonas bei ihm ge⸗ weſen, ſo— nun— wir arbeiteten friſch drauf los, den ganzen lieben Tag— und als ich endlich allen ſeinen Schaden gebeſſert hatte— das war ein Ehren⸗ kerl— ſo ſchenkte er mir eine Handvoll engliſches —— —·—õ—— — ͤ=r 27— 87 Geld. So viel hat noch nie ein Lootſe bekommen, aber ſo hat auch noch kein Lootſe, nächſt Gott, gethan, was Jonas in dieſer Nacht that. Aber da ich wußte, daß hier in den Scheeren ſich Keiner auf ſolches Geld verſtand, ſo fuhr ich hinein nach Kalmar, zu Herrn Näf, und wechſelte, und erzählte die ganze Geſchichte, und wurde ein großer Kerl in der ganzen Stadt. Und dann kaufte ich mir drei Boote— hei Elin!— das ſoll eine Fiſcherei werden! und einen Haufen Zeug, und Schaffleiſch und Cognac und gutes Brod.— Hieher, hier ans Land, gute Freunde!— hier gleich im grünen Graſe wollen wir uns vernüchtern— ſeht Ihr— dieß hier iſt meine Frau, nett und hübſch — drei Jahre jünger als Jonas ſelbſt— und hier ſind acht Kinder— ſo viele hat Keiner von Euch, Kameraden— ſolche bekommt man nicht auf der See, und wollt Ihr mich das nächſte Jahr um dieſe Zeit beſuchen, ſo ſollt Ihr ſehen, daß ich mir ein Haus gebauet habe, ſo groß wie die Landeskanzlei— und Etwas muß doch wohl ſein, wenn Einer eine ſo große Familie hat, ſagt der alte Nordenanker. Aber wer iſt der Herr? O, unſer neuer Paſtor, glaube ich? Verzeihen Sie einer Fiſchmöve, Herr; ich hätte wohl eigentlich ſchweigen ſollen, aber vielleicht haben der würdige Herr Paſtor heute Vormittag allen Leuten hier draußen, und vielleicht Elin mit, vorgeredet; darum ſo muß ich jetzt heute Abend reden, denn Jeder hat ſeine Zeit zu predigen, ſagen ſie in Kalmar.“ In dieſem Augenblicke kam noch ein Boot um die Landſpitze.„Sieh, da kommt mein viertes,“ rief Jonas aus;„es bleibt ein wenig zurück und iſt nicht ſo flink, wie meine Drei, aber darauf habe ich meinen größten Reichthum.“ Mutter Elin ſah dahin mit großen Augen; ſie meinte, ihr Mann ſei ſchon reich genug. Auch der Adjunkt blickte dahin. Die raſchen Ruderer ſetzten an's Land. Ein Mädchen von elf oder zwölf Jahren hüpfte ans Ufer. 88 „Ja, Elin,“— ſagte Jonas—„wundere Dich nicht, daß ich ſo lange weg geweſen bin; denn ich habe uns viel geſchafft und nicht wenig ausgerichtet. muleht bin ich in Wernanäs geweſen, wie Du wohl merkſt; ich war dort vor einigen Stunden und redete mit der Herrſchaft. Ich brachte ihnen— unter uns geſagt— eine theure Perſon zurück, die mit dem Engländer ſegelte, von dem ich redete, und mit den Uebrigen zu Grunde gegangen wäre, wenn nicht unſer Herr und Jonas geweſen wären. Nun kannſt Du verſtehen, daß ich auf Wernanäs willkommen war, ſo ein Scheerenbewohner ich auch bin. Das Geſicht einer Gewiſſen bekam wieder Farbe bei dem Anblicke des Geliebten, der gleichſam aus dem Rachen des Todes zurückkam; und weißt Du, Elin, die Vornehmen glauben, ſie können gegen uns nie auf eine andere Art dankbar ſein, als mit Geld— darum ſo— und ich bin ein Strandbewohner— damit ſo nahm ich, und das war gut. Es war keine ſo kleine Summe, die man mir gab, ſollſt Du ſehen. Darauf ging ich zu dem Vogte hinab, um nachzuſehen, was meine eigene kleine Helena machte, und fand ſie da ſitzen und wiegen und ſingen. Da ward auch ich froh, ich küßte ſie, und es ſiel mir ein, ich wollte mein Kind zu Hauſe bei mir haben, ich auch. Ich redete mit dem Herrn Vogt, und obgleich er ſie nicht gerne miſſen wollte, ſo wurden wir zuletzt doch einig. Und ſo nahm ich meine Lena und führte ſie zu meinen Booten, und hier iſt ſie nun, wie Du ſiehſt. Deinen Namen hat ſie, Mutter; und ſie wird mit der Zeit eben ſo hübſch und ſchön werden, wie Du.“ Der ſchöne Auftritt des Wiederſehens— die Freude der Geſchwiſter— die neue Farbe, die bei der Rückkehr in das Vaterhaus auf den bleichen Wan⸗ gen der ſchönen Helena ausbrach— das hohe Selbſt⸗ gefühl der Mutter bei dem Anblicke einer ſo reichen —.— 89 Kinderſchaar, die ſie nun ſämmtlich ſättigen und kleiden konnte— das Vergnügen des jungen Geiſtlichen— Aber es iſtwahr: dieſe ganze Erzählung umfaßt nicht mehr, als nur den Sonntag, und dieſer war jetzt zu Ende, denn die Uhr ging auf ſechs des Abends, und der Sabbath war vergangen. Der freundliche, men⸗ ſchenliebende Adjunkt nahm Abſchied, reiste hinweg von der Kapelle und kam an bei der Mutterkirche, bei ſeinem Paſtor. Wenn nicht die Erzählung hier endigte, ſo würde noch Vieles angeführt werden, das ſich nachher ereig⸗ nete. Es würde zu erwähnen ſein, wie der kranke Kapellenprediger, deſſen Unpäßlichkeit die unerwartete Predigt dieſes Tages veranlaßt hatte, bald mit Tode abging, und wie der allgemein geliebte Adjunkt ſein Nachfolger wurde, erſt als Gnadenjahrspaſtor und dann als ordentlicher Kapellan. Zu erzählen wäre, wie der Magnatenküſter ebenfalls mit Tode abging einen Tag ſpäter, als die Nachricht von Carlskrona einlief, daß der in Ketten gelegte Großvater“ an der Seite eines Ankerhakens in der Schmiede, von Arbeit und Alter niedergebeugt, ſein Leben beendigt hatte; und ſo konnte denn von ſeiner von den Tochterkin⸗ dern ſo ſehnſuchtsvoll begehrten Auslöſung aus dem Gefängniſſe nicht mehr die Rede ſein, ſelbſt wenn eine ſolche nach dem Geſetze möglich geweſen wäre. Es ſollte ferner beſchrieben werden, wie der raſche und flinke Jonas ſein neues Haus aufzimmerte, und in kurzer Zeit mit Rath und That der vornehmſte Helfer, Freund und Anführer aller ſeiner Nachbarn wurde, ſowohl bei der Fiſcherei, als auch in den übrigen An⸗ gelegenheiten des Lebens. Eben ſo ſollte geſchildert werden, wie der neue Kapellan durch die Kraft der Religion dieſe Scheeren zu einer Heimat des Frie⸗ dens und der Liebe umbildete; es wäre zu malen, wie er Helenen zum Abendmahle vorbereitete, da ſie ihre fünfzehn Jahre erreicht hatte. Sie war elf oder 90 zwölf Jahre jünger als er. Der Unterſchied war ja nicht ſo ſehr groß.— Jahre kamen und gingen, aber der Kapellan wollte nie hinweg von ſeiner kleinen Kapelle. Er hatte ſich mit ihren Bewohnern befreundet. Selbſt von Bauerneltern geboren, fand er ſich einheimiſch in dem Kreiſe guter, vernünftiger und fleißiger Landleute, welche durch ſeine Gebete und ſeine heilige Sorgfalt veredelt wurden. Wenn der Paſtor in einer Gemeinde mit dem Vornehmſten unter dem Volke gut überein⸗ kommt und mit ihm zu Rathe geht— wie hier der Fall war zwiſchen dem Kapellan und ſeinem Schwie⸗ gervater, dem mächtigen Großfiſcher Jonas— dann geht es faſt immer gut. Die dem Aeußern nach nicht ſelten groben, felfigen, magern und fürchterlichen Scheeren haben in mehren von ihren verborgenen Buchten einen ſanften Wind über ſich, und der Som⸗ mer lächelt lange in dem Schutze der Meeresfelſen. d Camilla feter un oder 3 die ſeltene Ehe. ⸗ Von er. ie. Alfred de Muſſet. an— ht Deutſch en 4 en durch Sr. Scherr. — 1. Der Chevalier von Arcis hatte als Kavallerie⸗ offizier 1760 ſeinen Abſchied genommen. Obgleich noch jung und durch ſein Vermögen berechtigt, am Hof eine Rolle zu ſpielen, war er dennoch frühzeitig dder Freuden des Junggeſellenlebens und den Zer⸗ ſtreuungen von Paris überdrüſſig und zog ſich deß⸗ balb in ein hübſches Landhaus in der Nähe von Mons zurück. Nach Verfluß von kurzer Zeit wurde ihm aber die Einſamkeit, welche ihm Anfangs ſo wohlthuend geweſen, peinlich und er fühlte deutlich, daß es ihm ſchwer falle, ſo plötzlich mit allen Ge⸗ nheiten ſeines Jugendlebens zu brechen. Er be⸗ es zwar nicht, die große Welt verlaſſen zu Paben, allein ſein einſames Leben unerträglich findend, ergriff er den Ausweg, ſich zu verheiraten und wo moͤglich eine Frau zu ſuchen, welche ſeinen Geſchmack— 9² an einer ruhigen und zurückgezogenen Lebensweiſe theilte, wie er ſie zu führen ſich vorgenommen. Er verlangte nicht, daß ſeine Frau ſchön ſei, er verlangte nur, daß ſie nicht häßlich, er wünſchte, daß ſie gebildet und verſtändig, aber ſo wenig geiſtreich als möglich ſei; was ihm überdieß an ihr noch wün⸗ ſchenswerth, war Heiterkeit und gleichmäßige Laune, blche Eigenſchaften er für die erſten einer Frau anſah. Die Tochter eines von den Geſchäften zurückgezo⸗ genen Kaufmanns, der in der Nachbarſchaft wohnte, gefiel ihm, und da er völlig unabhängig, ſo machte er ſich Nichts aus dem Unterſchied zwiſchen einem Edelmann und einer Kaufmannstochter. Er brachte ſeine Werbung bei der Familie an und ſah ſie mit Wohlwollen aufgenommen. Dann machte er ſeiner Erwählten einige Monate den Hof und die Heirat ward geſchloſſen. ie war eine Verbindung unter beſſeren und glücklicheren Auſpizien eingegangen worden. Je näher der Chevalier ſeine Frau kennen lernte, deſto mehr gute Eigenſchaften entdeckte er an ihr, beſonders einen ſanften, unwandelbaren Charakter. Sie ihrerſeits war ihrem Gatten mit außerordentlicher Liebe zuge⸗ than. Sie lebte nur für ihn, ſann nur darauf, ihm zu gefallen, und weit entfernt, die Vergnügungen ihres Alters, welche ſie ihm zum Opfer brachte, zu be⸗ dauern, wünſchte ſie nur, daß ihr ganzes Leben in einer Einſamkeit dahinfließe, welche ihr von Tag zu Tag theurer ward. Dieſe Einſamkeit war indeſſen keine ununterbro⸗ chene. Ausflüge in die Stadt, regelmäßiger Beſuch von Freunden brachten von Zeit zu Zeit Abwechs⸗ lung. Der Chevalier hatte Nichts dagegen, ſo viel⸗ fach mit ſeinen Schwiegereltern zuſammen zu ſein, daß ſie es kaum empfand, das elterliche Haus verlaſ⸗ ſen zu haben. Sie entwand ſich oft den Armen ihres Gatten, nur um ſich in denen ihrer Mutter zu finden und erfreute ſich ſo eines Genußes der Vorſehung, wie ſie nur wenigen Menſchen zu Theils wird, denn es 81 gar ſelten, daß ein neues Glück nicht ein altes zerſtört. Der Herr von Arcis beſaß nicht weniger Sanft⸗ muth und Gutmüthigkeit, als ſeine Frau; allein die Leidenſchaften ſeiner Jugendzeit und die Erfahrungen, welche er in der großen Welt gemacht zu haben ſchien, verliehen ihm einen Anhauch von Melancholie. Cäci⸗ lie(ſo hieß Frau von Arcis) achtete fromm ſolche Augenblicke der Traurigkeit. Obgleich ſie ſich dar⸗ über weder beſondere Gedanken noch Sorgen machte, ſo ſagte ihr dennoch ihr Herz, man ſolle ſich nicht über dieſe leichten Wolken beklagen, welche denen leicht gefährlich werden, die ſie ängſtlich beachten, während ſie unſchädlich vorüberziehen, wenn man ſie ungeſtört ſich verziehen läßt. Cäcilie's Familie beſtand aus guten Menſchen, Kaufleuten, die ſich durch Arbeit bereichert hatten und deren Alter ſo zu ſagen ein beſtändiger Sonntag war. Der Chevalier liebte dieſe Heiterkeit der Ruhe, welche durch Thätigkeit erworben war, und nahm gern daran Theil. Ermüdet durch die Lebensweiſe von Verſailles und ſelbſt durch die Souper der Ma⸗ demoiſelle Quinaut, gefiel er ſich in dieſem etwas geräuſchvollen, aber treuherzigen und für ihn neuen Manieren. Cäcilie hatte einen Oheim, einen treff⸗ lichen Menſchen und ausgezeichneten Tiſchgenoſſen, der ſich Giraud nannte. Vom Maurermeiſter hatte er es beinahe bis zum Architekten gebracht und hatte ſich eine Rente von 20,000 Livres gemacht. Das Haus des Chevalier war ganz nach ſeinem Geſchmack und er wurde dort immer freundlich aufgenommen, obgleich er manchmal mit Gyps und Staub be⸗ deckt eintrat, denn ſeinen Jahren und ſeinen 20,000 Livres Renten zum Trotz konnte er ſich nicht enthalten, 94 auf den Dächern umherzuklettern und die Kelle zu handhaben. Hatte er einige Kelche Champagner ge⸗ leert, pflegte er beim Nachtiſch geſprächig zu werden und ſich oftmals gegen den Chevalier folgendermaßen vernehmen zu laſſen:„Sie ſind glücklich, mein Neffe, Sie ſind reich, jung, haben ein gutes Frauchen, ein Haus, das nicht ganz übel gebaut iſt. Es geht Ihnen Nichts ab und ich wiederhole Ihnen: Sie ſind glücklich!“ Eines Tages wandte ſich Cäcilie bei dieſen Wor⸗ ten zu ihrem Gatten und ſagte:„Nicht wahr, es muß wohl wahr ſein, weil man Dir es ſo ins Geſicht ſagen darf?⸗ Nach Verfluß von einigen Monaten fühlte ſich Frau von Arcis ſchwanger. Hinter dem Hauſe erhob ſich ein kleiner Hügel, von welchem aus man das ganze Beſitzthum über⸗ ſah. Die Gatten luſtwandelten dort oft mitſammen. Als ſie eines Abends dort im Graſe ſaßen, ſagte Cäcilie: „Du haſt meinem Oheim geſtern nicht widerſpro⸗ chen. Meinſt Du denn, er habe völlig Recht? Biſt Du ganz glücklich?“ „So weit ein Menſch es ſein kann,, verſetzte der Chevalier,„und ich wüßte in der That nicht, was ich meinem Glücke noch beifügen möchte.“ „Da bin ich doch viel weniger leicht zufrieden geſtellt, als Du,“" ſagte Cäcilie,„denn es wäre mir leicht, ein Ding zu nennen, das uns noch mangelt und welches uns unumgänglich nöthig iſt.⸗ Der Chevalier glaubte, es handle ſich um irgend eine Kleinigkeit und ſeine Frau brauche Umſchweife, um ihm eine Frauencaprice einzugeſtehen. Er rieth ſcherzend auf allerlei Dinge und rief mit jeder neuen Frage ein ſtärkeres Lachen von Seite Cäcilie's her⸗ vor. Unter dieſen Schäckereien hatten ſie ſich erhoben und gingen den Hügel hinab. Herr von Arcis ver⸗ —— ——— ————— 2———— — — ne ͤ-SSͤO-— 95 doppelte ſeine Schritte und zog ſeine Frau immer raſcher den Abhang hinunter, bis ſie ſtehen blieb und ſich an ſeine Schulter ſchmiegend, ſagte: „Nimm' Dich in Acht, mein Freund und hetze mich nicht ſo. Du haſt in weiter Ferne geſucht, was ich wohl noch gerne hätte, und ſieh', wir haben es hier unter meinen Herzen.“ Von dieſem Tage an wandte ſich ihr Geſpräch beinahe ausſchließlich dieſem Gegenſtande zu. Sie ſprachen nur noch von ihrem Kinde, von der Sorg⸗ falt, welche ſie ihm zuwenden, von der Erziehung, welche ſie ihm geben wollten, von Planen, die ſie Betreffs ſeiner Zukunft machten. Der Chevalier wünſchte, daß ſeine Frau alle nur erdenkliche Vor⸗ ſorge anwenden ſollte, um den Schatz, welchen ſie unter dem Herzen trug, zu erhalten. Er verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit und Liebe, und die Zeit der Schwangerſchaft Cäcilie's war nur eine lange und entzückende Trunkenheit voll der ſüßeſten Hoffnungen. Als die Zeit erfüllet war, gebar Cäcilie ein Kind, ſchön wie der Tag. Es war ein Töchterchen und man gab ihm den Namen Camilla. Gegen den herkömmlichen Brauch und ſelbſt ärztlicher Vor⸗ ſchrift ungeachtet, wollte es Cäcilie ſelbſt ſäugen. Ihr mütterlicher Stolz war von der Schönheit der Toch⸗ ter ſo geſchmeichelt, daß es ihr unmöglich war, ſich von ihr zu trennen. In der That war es ſelten, daß man bei einem neugeborenen Kinde ſo regelmäßige und ausgebildete Züge wahrnahm; vor Allem funkelten ſeine Augen, ſobald ſie ſich dem Lichte geöffnet, von einem außerordentlichen Glanz. Cäcilie, die in einem Kloſter erzogen worden, war äußerſt gottesfürchtig, und als ſie ſich von ihrem Wochenbette erhob, lenkten ſich ihre erſten Schritte der Kirche zu, um Gott ihren Dank abzuſtatten. Inzwiſchen begann das Kind an Stärke zuzuneh⸗ men und ſich zu entwickeln; in dem Maaße aber, in 96 welchem es groͤßer wurde, erſtaunte man auch, es in einer ſeltſamen Unbeweglichkeit verharren zu ſehen. Kein Geräuſch ſchien auf dasſelbe Eindruck zu machen, es war unempfindlich für das tauſendfache, zärtliche Geplauder, welche Mütter an ihre Säuglinge richten; ſang man an ſeiner Wiege, ſo blieb es, die Augen feſt und offen auf das Licht der Lampe gerichtet, deſ⸗ ſen Helle es begierig betrachtete, ohne Regung und ſchien Nichts zu hören. Eines Tages ſtieß, als es eingeſchlafen, eine Magd ein Möbel umz die Mutter ſprang ſogleich hinzu, bemerkte aber mit Erſtaunen, daß es von dem Geräuſch nicht erwacht ſei. Der Chevalier entſetzte ſich ob dieſen Anzeichen, die zu deutlich waren, als daß man ſich hätte täuſchen kön⸗ nen. Je aufmerkſamer er es beobachtete, deſto mehr überzeugte er ſich von dem Unglück, zu welchem ſeine Tochter verdammt war. Die Mutter mühte ſich ver⸗ geblich ab, durch alle erſinnlichen Mittel die Befürch⸗ tung ihres Mannes als ungegründet zu erweiſen. Der Arzt wurde gerufen und ſeine Unterſuchung war weder lang noch ſchwierig. Man erkannte, daß die arme Camilla des Gehörs und folglich auch der Sprache beraubt ſei. 2. Der erſte Gedanke der Mutter war die Frage, ob das Uebel unheilbar ſei, und man ſagte ihr, daß man allerdings Beiſpiele von Heilung kenne. Ein Jahr hindurch bewahrte ſie alſo, trotz dem, daß das Unglück erwieſen, noch einige Hoffnung. Alle Hülfs⸗ mittel der Kunſt wurden inzwiſchen in Anſpruch genom⸗ men, aber nachdem man ſie ohne Reſultat erſchöpft, mußte man auf fernere Anwendung derſelben verzichten. Zum Unglück herrſchten in jenen Tagen, wo doch ſo viele Vorurtheile vernichtet wurden, noch ein ——— 97 barmherziges gegen die armen Weſen, welche man Taubſtumme nennt. Freilich hatten edle Geiſter, ge⸗ feierte Gelehrte oder auch nur von dem Gefühl des Mitleids getriebene Menſchen, ſchon lange gegen dieſe Barbarei proteſtirt. Seliſam, ein ſpaniſcher Mönch war es, der im ſechszehnten Jahrhundert zuerſt das, für unmöglich angeſehene Mittel entdeckt und angewandt hatte, die Taubſtummen ohne Worte ſprechen zu lehren. Sein Beiſpiel hatte in Italien, England und Frank⸗ reich Nachahmung gefunden. Bonnet, Wallis, Bulwer, Van Helmont hatten bedeutende Werke über dieſen Gegenſtand erſcheinen laſſen, deren Abſicht aber beſſer, als ihre Wirkung; da und dort wurde Einiges gelei⸗ ſtet, allein ohne recht bekannt und fruchtbar zu werden und mehr dem Zufall anheimgeſtellt. Allenthalben, ſelbſt in Paris, dem Herz der Civiliſation, wurden die Taubſtummen noch fortwährend als eine beſondere Gattung von Geſchöpfen angeſehen, die mit dem Sie⸗ gel des himmliſchen Zornes bezeichnet ſeien. Da ſie der Sprache beraubt waren, hielt man ſie auch für unfähig, zu denken. Das Kloſter für die Reichen, gänz⸗ liche Verlaſſenheit für die Armen, das war das Loos der Taubſtummen. Sie flößten mehr Schrecken, als Mitleid ein. Der Chevalier verſank allmälig in tiefen Gram. Er verbrachte den größten Theil des Tages einſam, in ſein Cabinet verſchloſſen zu, oder die Wälder durch⸗ ſtreifend. Sah er ſeine Frau, ſo zwang er ſich, ihr eine ruhige Miene zu zeigen oder ſie zu tröſten, aber vergebens. Frau von Arcis ihrerſeits war nicht weni⸗ ger traurtg. Ein verſchuldetes Unglück macht zu ſpät und unnütz weinen, aber ein unverſchuldetes drückt den Berftand zu Boden und entmuthigt das Vertrauen auf Gott. Die jungen Gatten, welche, gemacht, ſich zu lieben, ſich wirklich liebten, fingen jetzt an, ſich nur noch mit Zwang zu ſehen und ſich auszuweichen, in den näm⸗ Tutti Frutti. I. lichen Baumgängen, weßche ſie ſo oft durchwandelt hatten, um eine der Erfüllung ſo nahe, ſo ruhige und reine Hoffnung zu beſprechen. Der Chevalier hatte, als er ſich freiwillig auf ſein Landgut verbannte, nur Ruhe verlangt, das Glück hatte ihn recht eigentlich überraſcht. Frau von Arcis hatte nur eine Verſtan⸗ desehe eingegangen, die Liebe war dazu gekommen, war gegenſeitig geworden— jetzt war plötzlich ein ſchreckliches Störniß zwiſchen ſie getreten, und dieſes Störniß war gerade ein Gegenſtand, der ein heiliges Band zwiſchen ihnen hätte ſein ſollen. Was dieſe verhaltene und ſtillſchweigende Tren⸗ nung, welche viel entſetzlicher, als eine Scheidung, und viel grauſamer, als ein ſanfter Tod, verurſachte, war der Umſtand, daß die Mutter ihr Kind mit Lei⸗ denſchaft liebte, während der Chevalier, ſeinem Willen, ſeiner Geduld und Güte ungeachtet, den Schrecken nicht zu bewältigen vermochte, welchen ihm der von Gott über ihn verhängte Fluch eiyflößte. Kann ich denn meine Tochter haſſen? fragte er ſich oft auf ſeinen einſamen Spaziergängen. Iſt es ihre Schuld, daß der Zorn des Himmels ſie getroffen? Auf welches traurige Daſein iſt ſie verwieſen, wenn ich, ihr Vater, ſie verlaſſe? Was ſoll aus ihr werden? Gott hat mir ſie gegeben, wie ſie iſt, ich muß mich darüber beruhigen. Wer ſoll für ſie Sorge tragen, wer ſie erziehen, wer ſie beſchützen? Sie hat auf der weiten Welt nur ihre Mutter und mich; ſie wird kei⸗ nen Mann finden und nie weder Bruder noch Schweſter haben: es iſt zu viel, daß ein ſo ungliückliches Ge⸗ ſchöpf auf der Welt. Und ſollte mir das Herz darüber brechen, ich muß ihr mein Leben weihen und ihr das ihrige ertragen helfen.„. Mit dieſem Gedanken beſchäftigt, kehrte de Che⸗ valier mit dem feſten Entſchluß nach Hauſe urück, ſeine Pflichten als Vater und Gatte zu erfüllen. Er fand ſein Kind in den Armen ſeiner Frau, er knieete 09 ͤ eSeesSe ee ——— 99 vor ihnen nieder und nahm Cäciliens Hände in die ſeinigen. Man hätte ihm, ſagte er, von einem berühmten Arzte geſprochen, welchen er kommen laſſen wolle, es ſei noch Nichts entſchieden, man habe Kuren erlebt, die an's Wunderbare gränzten. Mit dieſen Worten nahm er ſein Kind in ſeine Arme und trug es im Zimmer umher. Allein die entſetzlichen Gedanken ließen demungeachtet nicht von ihm ab, der Hinblick auf die Zukunft dieſes unvollkommenen, ſprachberaubten Weſens, deſſen Sinne verſchloſſen waren, der Gedanke an den Widerwillen, an den Eckel, an das Mitleid, an die Verachtung der Welt drückte ihn darnieder. Er er⸗ blaßte, ſeine Hände begannen zu zittern, er gab das Kind der Mutter zurück und wandte ſich weg, um ſeine Thränen zu verbergen. Dann pflegte Frau von Arcis ihre Tochter mit einer Art verzweifelter Zärtlichkeit an's Herz zu drücken und die mütterliche Liebe brach mit leidenſchaftlicher Heftigkeit hervor. Nie ließ ſie eine Klage hören, ſon⸗ dern zog ſich in ihr Gemach zurück, legte Camilla in die Wiege und brachte die folgenden Stunden damit zu, das Kind zu betrachten, ſtumm, gleich ihm. Dieſe Art düſterer und leidenſchaftlicher Exaltation ſteigerte ſich ſo ſehr, daß Frau von Arcis nicht ſelten ganze Tage lang ein vollſtändiges Schweigen bewahrte. ergebens ſprach man ſie an. Es ſchien, als wolle ſie auf dieſe Weiſe erproben, wie die geiſtige Nacht beſchaffen ſei, in welcher ihre Tochter leben mußte. Sie ſprach durch Zeichen mit dem Kinde und ſie allein wußte ſich ihm verſtändlich zu machen. Die übrigen Hausbewohner, der Chevalier ſelbſt nicht ausgenommen, ſchienen Camilla fremd. Die Mutter der Frau von Arcis, ein Weib von gewöhnlichem Geiſt, kam nur noch nach Chardonneux(ſo hieß das Gut des Chevalier), um das Unglück zu bejammern, welches ihren Schwiegerſohn und ihre theure Cäcilie betroffen. Im Glauben, einen Beweis von liefem Sefühl abzu⸗ 100 legen, bemitleidete ſie unaufhörlich das traurige Loos des armen Kindes und eines Tages entfuhr ihr das Wort:„Es wäre beſſer, ſie wäre gar nicht geboren.“ —„Aber was hätten Sie denn angefangen, wenn ich ſtumm geweſen?“ entgegnete Cäcilia faſt zornig. Oheim Giraud, der Maurermeiſter, betrachtete dagegen das Stummſein ſeiner kleinen Niece als kein ſo großes Unglück„Ich hatte eine ſolche Plaudertaſche zur Frau,“" ſagte er,„daß ich der Anſicht bin, Alles auf der Welt ſei der Geſchwätzigkeit vorzuziehen. Dieſe Kleine da iſt zum Voraus ſicher, um Schlimmes weder zu reden noch zu hören; nie wird ſie das ganze Haus zur Verzweiflung bringen, indem ſie alte Opernarien fingt, die ſammt und ſonders nach der gleichen Leier gehen; ſie wird nicht zänkiſch ſein und nie die Dienſt⸗ baten abhudeln, was meine Frau immerfort war und that; ſie wird nicht erwachen, wenn ihr Mann huſtet oder früher als ſie aufſteht, um das Gefinde zu über⸗ wachen; ſie kann ſcharf um ſich ſehen, die Taubſtummen haben treffliche Augen, kann ihr Haushaltungsbuch führen und wenn ſie ihre Rechnungen auch nur an den Fingern abzählt, kann Geld ausbezahlen, wenn ſie welches hat, ohne an Allem herumzunörgeln, wie die Gutsbeſitzer bei dem geringſten Bauunternehmen; ſie wird im Stande ſein, zu thun, was gewöhnlich ſo ſchwer, beſſer handeln als reden, und wenn ſie das Herz auf dem rechten Flecke hat, wird man es bemer⸗ ken, ohne daß ihre Zungenſpitze in Honig getaucht iſt; ſie wird in Geſellſchaft nicht lachen, das iſt wahr, allein ſie wird auch die freudeſtörenden Reden nicht vernehmen, welche bei jedem Eſſen vorkommen; ſie wird ſchön und geiſtvoll ſein, dabei kein Geraäuſch machen und ſich nicht genöthigt ſehen, ſich von einem Pudel leiten zu laſſen, wie ein Blinder. Meiner Treu, wenn ich jung wäre und ſie erwachſen, würde ich ſie heiraten, und jetzt, da ich alt und kinderlos bin, erbiete ich mich, ſie als meine Tochter in mein 101 Haus zu nehmen, wenn ſie euch eiwa langweilen ollte.⸗ Wenn Onkel Giraud derartige Reden hielt, fühlte fich Herr von Arecis und ſeine Frau für Augenblicke erheitert. Sie konnten beide ſich nicht enthalten, über die Scherze einer Gutmüthigkeit zu lächeln, welche ſich etwas derb, aber ſo ehrenhaft und überaus wohlwol⸗ lend äußerte und das Uebel durchaus nicht ſehen wollte. Allein das Uebel war da, und alle übrigen Mitglieder der Familie betrachteten mit erſchreckten und neugieri⸗ gen Blicken ein Unglück, welches eine Seltenheit. Wenn dieſe guten Leute in ihrem Cabriole angefahren kamen, ſetzten ſie ſich vor Tiſch zuſammen, muſterten und er⸗ forſchten Alles, beriethen ſich und gaben ſich mit aller⸗ lei Rathſchlägen entſetzliche Mühe. Die Mutter ſaß dann vor ihnen, ihre Tochter an der Bruſt, aus welcher noch einige Tropfen Milch rieſelten. Wenn Raphael zugegen geweſen, hätte er ſeiner„Jungfrau auf dem Seſſel“ eine Schweſter geben können; Frau von Arcis war nicht weniger unbefangen und ſchön, wie ſie. — 3. Das kleine Mädchen wuchs heran und die Natur that traurig und treulich ihr Werk. Camilla hatte bloß ihre Augen zu Dienern ihrer Seele. Ihre erſten Bewegungen ſtrebten, wie es ihre erſten Blicke gethan, auf das Licht zu. Der blaſſeſte Sonnenſtrahl war für ſie eine Quelle der Luſt. Als ſie anfing, ſich aufrecht zu halten und zu ehen, ließ eine außerordentliche Neugierde ſie alle egenſtände ihrer Umgebung unterſuchen und berühren mit einem Zartgefühl, welches theils die Lebhaftigkeit des Kindes, theils ſchon das Schamgefühl des Weibes ausdrückte. Ihre erſte Bewegung war immer, raſch auf Alles, was ihr neu, zuzulaufen, um es zu betaſten 10²³ und ſich zuzueignen, allein mitten auf dem Wege blieb ſie beinahe jedesmal ſtehen und ſah ihre Mutter an, wie um ſich bei ihr Rath zu erholen. Sie glich dann dem Hermelin, welches, wie man ſagt, ſogleich auf ſeinem Wege innehält und umkehrt, wenn es bemerkt, va der geringſte Koth oder Kies ſein Fell beſchmutzen önnte. Einige Kinder aus der Nachbarſchaft kamen, um mit Camilla im Garten zu ſpielen, und da war es dann ſeltſam, mit welchen Geberden ſie dem Sprechen derſelben zuſah. Dieſe Kinder, die mit Camilla ſo ziemlich im gleichen Alter waren, verſuchten oft Worte und Säte, welche ſie von ihren Wärterinnen gehört, ver⸗ ſtümmelt zu wiederholen, und bemühten ſich, ihr Auf⸗ faſſungsvermögen an den Tag zu legen, indem ſie den Mund weit aufriſſen und ein Geſchrei ausſtießen, welches die arme Camilla nicht hörte und folglich nur für eine Geſte anſah. Da ſtreckte ſie nun oft zum Zeichen, daß ſie ihre Kamerädinnen verſtanden, die Hände gegen dieſelben aus, allein die Kinder zogen ſich ſchnell zurück, erſchreckt durch dieſes ſonderbare Ausdrücken ihres Denkens. Frau von Arcis verließ ihre Tochter nie und beobachtete mit Aengſtlichkeit ihre geringſten Bewegun⸗ en, ihre unbedeutendſten Lebensäußerungen. Wenn 5 hätte ahnen können, daß der Abbé de l'Epée in ſo kurzer Zeit auftreten und Licht in dieſe Finſterniß des Stummſeins bringen würde, welche Freude müßte ſie empfunden haben! Aber ſie konnte es nicht ahnen und hielt ſich vergeblich über ein organiſches Uebel auf, welches der Muth und das Mitleid eines Mannes wenigſtens theilweiſe vernichten ſollte. Seltſam, daß ein Prieſter heller ſah, als eine Mutter, daß ein Geiſt, welcher unterſcheidet, das entdeckt, was einem Herzen, welches leidet, verborgen bleibt. Als die kleinen Freundinnen Camilla's ſo weit herangewachſen, daß ſie den erſten Unterricht einer — — 103 Erzieherin erhalten konnten, legte das arme Kind eine große Traurigkeit darüber an den Tag, daß man ihm nicht gleichfalls Unterricht ertheilen laſſe. Bei einem Nachbar wohnte eine alte engliſche Gouver⸗ nante, die ein Kind mit großer Mühe buchſtabiren lehrte und es ſehr ſtrenge behandelte. Camilla wohnte den Lektionen bei, beobachtete mit Erſtaunen ihre kleine Gefährtin, indem ſie mit den Augen die An⸗ ſtrengungen derſelben verfolgte und ihr, ſo zu ſagen, zu helfen ſuchte. Wurde ſie geſcholten, ſo weinte ſie mit ihr. Muſiklektionen wurden für ſie ein Gegenſtand der lebhafteſten Anſtrengung. Neben dem Piano ſtebend, reckte und ſpreizte ſie ihre kleinen Finger und ſah die Lehrerin mit ihren ſchönen ſchwarzen Augen unver⸗ wandt an. Sie ſchien ſie zu fragen, was ſie denn da mache, und berührte zuweilen die Taſten mit ſanf⸗ ter und gereizter Miene zugleich. Eindrücke, welche Gegenſtände der Außenwelt auf andere Kinder hervorbrachten, ſchienen ſie nicht zu überraſchen. Sie beobachtete die Dinge und er⸗ innerte ſich ihrer gleich den Andern, allein wenn ſie nun ihre Freundinnen dieſe Dinge mit dem Finger gegenſeitig zeigen und dieſelben gegenſeitig jene ihr unerklärlichen Bewegungen der Lippen austauſchen ſah, dann wurde ſie traurig und zog ſich in eine Ecke zurück, wo ſie mit einem Stein oder einem Stückchen Holz mechaniſch einen der großen Buchſtaben, welche ſie hatte buchſtabiren ſehen, in den Sand zeichnete und aufmerkſam betrachtete. Das Abendgebet, welches der Nachbar jeden Tag ſeine Kinder verrichten ließ, war für Camilla ein ge⸗ heimnißvolles Räthſel. Sie knieete nieder gleich ihren Freundinnen und faltete die Hände, ohne zu wiſſen, warum. Der Chevalier erblickte hierin eine Entwei⸗ hung und ſagte:„Bringt die Kleine weg und laßt mich dieſe Nachäffung nicht wieder ſehen.“—„Ich 10⁴ nehme es über mich, ihr von Gott Verzeihung zu erbitten,“ verſetzte eines Tages die Mutter. Schon frühzeitig gab Camilla Beweiſe von jener wunderſamen Fähigkeit, welche die Schotten„das Wweite Geſicht“ nennen, welche die Anhänger des agnetismus dieſem zurechnen und die meiſten Aerzte derzeit unter die Krankheiten zählen. Die kleine Taubſtumme fühlte oft, daß Perſonen, welche ſie liebte, herbeikämen, und ging ihnen entgegen, ohne daß ſie Jemand von ihrer Ankunft in Kenntniß ge⸗ ſetzt hätte. Die andern Kinder näherten ſich ihr nicht allein mit einer gewiſſen Furcht, ſondern vermieden ſie auch bisweilen mit Verachtung. Einmal begegnete es, daß eines derſelben, dem wohl jenes Gefühl des Mitleids, von dem Lafontaine ſpricht, abging, lange zu ihr ſprach, indem es ihr ins Geſicht ſchaute, lachte und ſie aufforderte, zu antworten. Wenn die Kinder ihre Tänze ausführten, und das geſchah ſo viel und oft, als ihre kleinen Beine es auszuhalten vermoch⸗ ten, ſchaute ihnen Camilla, noch als halb erwachſen, zu, und wenn der alte Refrain kam: Trretet in den Tanz, Seht doch, wie man kanzt— blieb ſie allein zur Seite auf einer Bank ſitzend, verfolgte mit ihren Augen die Bewegungen der Tän⸗ zerrunde und wiegte ihr ſchönes Kopfchen, ohne zu verſuchen, ſich in die Gruppen zu miſchen, aber ſo viel Traurigkeit und Adel in ihren Mienen darlegend, daß ſie Mitleid erregte. Die Koketterie pflegt ſich bei den Frauen früh⸗ zeitig einzufinden; Camilla ließ keine Spur davon wahrnehmen.„Es iſt doch drollig,“ ſagte der Che⸗ valier,„daß ein junges Mädchen nicht weiß, was ein Hut iſt.“ Zu derartigen Reden lächelte Frau von Arcis, traurig.„Und dennoch iſt ſie ſchoͤnl⸗ ſagte ſie zu ihrem Gatten und ſties zugleich Camilla ſauft an, ſie ſolle zu ihrem Vater gehen, damit er ihre Geſtalt, die ſich zu entwickeln begann, und ihren noch kindlichen, aber allerliebſten Gang, genauer ſähe. Mit zunehmendem Alter zeigte ſich bei Camilla eine ſtarke Zuneigung, nicht für die Religion, welche ſie nicht kannte, wohl aber für die Kirchen, welche ſie ſab. Vielleicht regte ſich in ihr jener unbeſiegliche Inſtinkt der Seele, welcher oft ein Kind von zehn Jahren den Entſchluß faſſen und bewahren läßt, ſich in ein leinenes Gewand zu hüllen, Jedermann auf⸗ zuſuchen, der arm und leidvoll iſt, und ſo das ganze Leben zu verbringen. Es werden wohl noch viele Indifferende, ſogar noch viele Philoſophen ſterben, ohne daß einer von ihnen dieſe Phantaſie erklärt; aber ſie exiſtirt. 1 „Als ich noch ein Kind war, ſah ich nicht Gott, ich ſah nur den Himmel—“ das iſt gewiß ein er⸗ habenes Wort, geſchrieben, wie man weiß, von einem Taubſtummen. Camilla war von einem ſolchen Auf⸗ ſchwung entfernt; ein rohes Bild der Muttergottes, mit Bleiweiß überſtrichen und aus einem geipsten und gebläuten Hintergrund wie ein Wirthshausſchild hervortretend, ein ländlicher Chorknabe, der, einge⸗ „hüllt in ein altes Chorhemd, die Kirchenfenſter mit ſeiner ſchüchternen Silberſtimme leiſe erklingen ließ, ohne daß Camilla Etwas davon hörte; der Gang des Schweizers, die Miene des Küſters— wer weiß, was Alles die Augen eines Kindes auf ſich zog? Aber was liegt daran, worauf dieſe Augen ſich richten? 4. „Und ſie iſt dennoch ſchön!“ wiederholte ſich der Chevalier oft und Camilla war es in der That. Ueber das vollkommene Oval eines regelmäßigen Geſichtes, über Züge von wunderſamer Reinheit und Friſche 106 war, wenn ich ſo ſagen darf, die Helle eines guten Herzens gebreitet. Camilla war klein, nicht blaß, aber ſehr weiß und hatte lange ſchwarze Haare, mun⸗ ter und beweglich, folgte ſie ihrem Naturel; das Un⸗ glück, welches ihr anhing, ſchien ſie mit einem An⸗ hauch ſanfter und ſorgloſer Trauer zu ertragen; vol⸗ ler Grazie in allen ihren Bewegungen, geiſtvoll und zuweilen energiſch in ihren Geberden, immer befliſſen, ſich verſtändlich zu machen, ſchnell faſſend, war ſie immer bereit, zu gehorchen, ſobald ſie begriffen, was man von ihr wollte. Der Chevalier blieb jetzt bis⸗ weilen, um wie ſeine Frau, Camilla zu beobachten, ohne zu ſprechen. So viel Grazie und Schönheit, verbunden mit ſo viel Unheil und Schrecken, verwirr⸗ ten ihm faſt den Verſtand. Man ſah ihn oft Camilla mit einer Art Wahnſinn an ſeine Bruſt drücken, in⸗ dem er laut ſagte:„Ich bin doch kein ſchlechter Menſch!,⸗ Im Hintergrund des Gartens lief eine Allee durch ein Wäldchen, wo der Chevalier nach dem Frühſtück ſpazieren zu gehen pflegte. Frau von Arcis ſah von dem Fenſter ihres Gemaches aus ihren Gatten hinter dem Buſchwerk hervorkommen und verſchwinden; allein ſie wagte nicht mehr, ihn dort aufzuſuchen, ſondern betrachtete nur mit bitterem Kummer den Mann, der ſie mehr als ein Liebhaber wie als Gatte behandelte, von dem ſie noch nie einen Vorwurf empfangen und dem ſie noch nie einen gemacht, und der nicht mehr den Muth hatte, ſie zu lieben, weil ſie Mutter war. Eines Morgens entſchloß ſie ſich doch und ging im Pudermantel hinab, ſchön wie ein Engel und mit pochendem Herzen. Es handelte ſich um einen Kinder⸗ ball, der in einem benachbarten Schloſſe ſtattfinden ſollte. Frau von Arcis wollte ihn mit Camilla be⸗ ſuchen, um zu ſehen, welche Wirkung die Schönheit ihrer Tochter auf die Welt und ihren Gatten hervor⸗ bringe. Sie hatte die Nacht ſchlaflos zugebracht, um — —-— 1 2— —-o9——ͤ—————— „—— . 107 nachzufinnen, wie ſie Camilla anziehen wollte; ſie hatte ſich Bezugs ihrer Abſicht die ſüßeſten Hoffnungen ge⸗ macht und ſich geſagt: die arme Kleine muß Stolz und Neid erregen, ſie wird Nichts ſprechen, aber ſie wird die ſchönſte ſein. Als der Chevalier ſeine Frau auf ſich zukommen ſah, ging er ihr entgegen und küßte ihr mit jener reſpektvollen Galanterie die Hand, wie er es von Verſailles her gewohnt und nie zu unterlaſſen pflegte, ſeiner natürlichen Herzlichkeit ungeachtet. Sie tauſch⸗ ten einige unbedeutende Redensarten und gingen dann Seite an Seite die Allee dahin. Frau von Arcis ſann, auf welche Weiſe ſie ihrem Gatten wohl am Beſten den Vorſchlag machen könnte, ſie mit ihrer Tochter den Ball beſuchen zu laſſen und ſo eine Trennung von der Goſellſchaft aufzuheben, welche ſeit der Geburt Camilla's angedauert hatte. Schon der Gedanke, ſein Unglück den Blicken der Gleichgültigen und Böswilligen auszuſetzen, brachte den Chevalier faſt außer ſich. Er hatte in dieſer Be⸗ ziehung ſeinen Widerwillen förmlich ausgeſprochen, und ſo mußte denn Frau von Arcis nicht nur nach einem Vorwand ſuchen, ihren Plan auszuführen, ſon⸗ dern auch nach einer paſſenden Art, ihm von demſel⸗ ben zu ſprechen. Auch der Chevalier ſchien in tiefes Nachdenken verſunken zu ſein. Endlich aber brach er zuerſt das Stillſchweigen. Ein einem ſeiner Verwandten zuge⸗ ſtoßenes Unglück verurſache große Zerrüttungen in dem Vermögen ſeiner Familie, ſagte er. Es ſei ſchlechterdings nöthig, die mit den ergriffenen Maaß⸗ regeln Beauftragten zu überwachen, ſeine und folglich auch der Frau von Arcis Intereſſen würden Gefahr laufen, wenn man nicht Vorſorge träfe, kurz, er kün⸗ digte ihr an, daß er eiligſt eine Reiſe nach Holland machen müſſe, um das Nöthige mit ſeinem Banquier zu verhandeln, und fügte bei, die Sache ſei ſo äußerſt 108 gedenke. Es wurde Frau von Arcis nur allzu leicht, die wahren Beweggründe dieſer Reife zu begreifen. Der Chevalier hatte zwar den Gedanken, ſeine Frau zu verlaſſen, immer fern von ſich gehalten, aber zu ſei⸗ nem Verdruſſe fühlte er ein unwiderſtehliches Bedürf⸗ niß, für einige Zeit gänzlich einſam zu leben, wie denn jeder wahre Schmerz den Menſchen die Einſam⸗ kest, ſuchen läßt, wozu phyfiſches Leiden auch das Thier nöthigt. Frau von Arcis war Anfangs ſo überraſcht, daß ſie Nichts zu antworten wußte, außer jenen banalen Phraſen, die uns immer auf den Lippen ſchweben, wenn wir nicht ſagen wollen, was wir denken: ſie fand dieſe Reiſe ganz natürlich, der Chevalier hatte Recht, ſie begriff die Unumgänglichkeit ſeines Vorha⸗ bens und hatte keinen Grund, ſich zu widerſetzen. Aber wäͤhrend ſie ſich in dieſer Weiſe äußerte, brach der Schmerz ihr das Herz; ſie ſagte, fie fühle ſich ermüdet und ließ ſich auf eine Bank nieder. So blieb ſie, wie in tiefe Träumereien verſun⸗ ken, mit ſtarrem Blick und herabhängenden Händen. Frau von Arcis hatte bisher nie weder große Freude noch großes Vergnügen gekannt. Ihre Heirat war für ſie ein ganz unerwartetes, ganz neues Glück ge⸗ weſen— ein heller Blitz hatte inmitten langweiliger und kalter Tage an ihren Augen vorübergeleuchtet, jetzt brach die Nacht herein. 5 Sie verharrte lange in ihrem Sinnen. Der Chevalier blickte weg und ſchien ungeduldig, in das Haus zurückzukommen. Er ſtand auf und ſetzte ſich wieder. Endlich erhob ſich Frau von Arcis ebenfalls, nahm den Arm ihres Mannes und ſo gingen fie in das Haus zurück.. Die Stunde des Mittageſſens diin, aber Frau von Areis ließ ſagen, ſie fühle ſich unwohl und werde dringend, daß er am kommenden Morgen abzureiſen —ͤ———- —-—————V———,————. 109 ihr Zimmer nicht verlaſſen. Es befand ſich in dem⸗ ſelben ein Betpult, vor welchem ſie bis zum Abend auf den Knieen lag. Ihre Kammerfrau kam mehr⸗ mals, da ſie von dem Chevalier den geheimen Befehl erhalten, ſeine Frau zu überwachen. Dieſe antwortete auf keine Anſprache. Gegen acht Uhr Abends klingelte ſie, ließ den zum Voraus für ihre Tochter beſtimmten Anzug bringen und befahl, den Wagen auzuſpannen. Zugleich ließ ſie dem Chevalier melden, daß ſie auf den Ball gehe und wünſche, er möchte ſie begleiten. Camilla hatte den Wuchs eines Kindes, aber den ſchlankſten und leichteſten, den man ſich denken konnte. Die Mutter hüllte dieſe allerliebſte Geſtalt, deren For⸗ men ſich zu runden anfingen, in einen einfachen und paſſenden Putz. Ein Kleid von weißem, geſticktem Mouſſelin, ſeidene Strümpfe und weiße Atlasſchuhe, ein Halsband von amerikaniſchen Steinen und ein Kranz von Kornblumen im Haar, hierin beſtand der Ballſtaat Camilla's, die ſich mit Stolz im Spiegel betrachtete und vor Freude hüpfte. Die Mutter, welche ein Sammetkleid angezogen, wie man zu tragen pflegt, wenn man nicht tanzen will, hielt ihr Kind vor dem Spiegel und umarmte es ein Mal über das andere, immer wiederholend: du biſt ſchön, du biſt ſchön! als der Chevalier eintrat. Ohne ſcheinbare Bewegung fragte ſie den Bedienten, ob angeſpannt ſei, und ihren Gatten, ob er mitkomme. Der Chevalier reichte ſeiner Frau die Hand und man ging auf den Ball. Es war dieß das erſte Mal, daß man Camilla in größerer Geſellſchaft ſah. Die Neugierde wandte alle Blicke auf ſie, ſobald ſie erſchien. Man konnte erwarten, daß Frau von Arcis einige Verlegenheit und Unruhe an den Tag legen werde, bemerkte aber nichts dergleichen. Nach dem Austauſch der herkömm⸗ lichen Höflichkeiten, nahm ſie mit ruhiger Miene Platz und während alle Welt mit einer Art von Erſtaunen oder lebhaftem Intereſſe ihr Kind mit den Augen ver⸗ 110 folgte, ließ ſie es durch den Saal gehen, ſcheinbar ohne an dasſelbe zu denken. Camilla fand hier ihre kleinen Gefährtinnen wie⸗ der und lief auf eine nach der andern zu, wie wenn ſie ſich im Garten befunden hätte. Indeſſen empfingen ſie Alle mit Zurückhaltung und Kälte. Der Chevalier, welcher ſich beiſeits hielt, litt ſichtlich. Seine Freunde traten zu ihm mit Lobeserhebungen über die Schön⸗ heit ſeiner Tochter, ſogar fremde oder doch ihm wenig bekannte Perſonen kamen und machten ihm achtungs⸗ volle Complimente darüber. Aber er fühlte, daß man ihn tröſten wolle und das war nicht nach ſeinem Ge⸗ ſchmack. Indeſſen erheiterten ihn doch die beifälligen Blicke Aller wieder einigermaßen, denn Blicke, wußte er, laſſen ſich weniger leicht erheucheln, als Worte. Nachdem ſie durch Geberden mit Jedermann geſprochen, ſchmiegte ſich Camilla zwiſchen die Kniee ihrer Mutter. Man kam nun, um ſie von allen Seiten zu betrachten; man hatte etwas Befremdliches, zum wenigſten etwas Wunderliches erwartet, ſtatt deſſen aber hatte das taubſtumme Kind Nichts gethan, als mit großer Höf⸗ lichkeit den Leuten guten Abend geboten, einigen eng⸗ liſchen Damen eine kleine Patſchhand gegeben, die Mütter ihrer Spielgenoſſinnen geküßt, Alles herzlich und mit graziöſer Naivetät ausgeführt. Als ſie ruhig zu ihrer Mutter zurückgekehrt, fing man an, ſie zu bewundern. In der That konnte Nichts ſchöner ſein als die Hülle, aus welcher dieſe arme Kinderſeele nicht hervortreten konnte. Camilla's Wuchs, ihr Ge⸗ ſicht, ihre langen Locken, vor Allem ihre Augen, deren Glanz unvergleichlich, überraſchten Jedermann. Wäh⸗ rend ihre Blicke Alles zu errathen und ihre Geberden Alles zu ſagen verſuchten, verlieh ihre ſinnende und melancholiſche Miene ihren geringſten Bewegungen, ihrem Gange und ihrem Ruhen einen Schein von Er⸗ habenheit, ſo daß ein Maler oder Bildhauer davon betroffen worden ſein würde. Man näherte ſich der e r Sͤ e——, 2 — 111 Frau von Arcis, man umringte ſie und that tauſend Fragen betreffs der Geberden Camilla's an ſie. Dem Staunen und Widerwillen war herzliches Wohlwollen und offene Theilnahme gefolgt. Man hatte nie ein ſo allerliebſtes Kind geſehen, Nichts glich ihm, Nichts war ſo ſchön. Camilla feierte einen vollſtändigen Triumph, obgleich ſie weit entfernt war, denſelben wahrzunehmen. Frau von Arcis aber nahm ihn wahr. Aeußerlich ruhig, hatte ſie an dieſem Abend ein Herzklopfen, welches das glücklichſte und ſüßeſte ihres Lebens ſein mußte. Es war zwiſchen ihr und dem Gatten ein Lächeln ausgetauſcht worden, welches viele Thränen aufwog. Inzwiſchen hatte ſich ein junges Mädchen an's Clavier geſetzt und ſpielte jetzt einen Contretanz. Die Kinder nahmen ſich bei den Händen, ſtellten ſich zu⸗ recht und fingen an, die Schritte auszuführen, welche der Tanzmeiſter ihnen beigebracht. Die Eltern ihrer⸗ ſeits begannen ſich gegenſeitig zu bekomplimentiren, das kleine Feſt allerliebſt zu finden und ſich auf den edeln Anſtand des einen oder andern ihrer Nach⸗ kommen aufmerkſam zu machen. So entſtand ein großes Geräuſch, veranlaßt durch Kindergelächter, durch Foppereien unter den Jünglingen, Scherzworte unter den Mädchen, Wahlplaudereien unter den Vätern, überſüße Höflichkeiten unter den Müttern, kurz, es war ein Kinderball in der Provinz. Der Chevalier blickte unaufhörlich nach ſeiner Tochter, die, wie man ſich denken kann, den Contre⸗ tanz nicht mitmachte. Camilla betrachtete das Feſt mit einer Aufmerkſamkeit, die etwas traurig war. Ein kleiner Knabe kam, ſie zum Tanz aufzufordern. Sie ſchüttelte ſtatt aller Antworten den Kopf, und hiebei fielen einigen Kornblumen aus ihrem Kranze, der nicht recht befeſtigt war. Frau von Arcis las ſie zu⸗ ſammen und hatte die Unordnung des Kopfputzes den 112 ſie ſelbſt verfertigte, vermittelſt einiger Stecknadeln bald wieder hergeſtellt. Als ſie aber hierauf nach ihrem Gatten umſchaute, konnte ſie ihn nirgends wahr⸗ nehmen. Sie fragte, ob er weggehangen und den Wagen mitgenommen. Man ſagte ihr, er ſei zu Fuß nach Hauſe zurückgekehrt. 8 e Der Chevalier hatte ſich entſchloſſen, abzureiſen ohne ſeiner Frau Lebewohl zu ſagen. Er fürchtete und floh verdrießliche Erklärungen und dann hatte er ja im Sinne, in kurzer Zeit wieder heimzukehren. Er glaubte klüger zu handeln, wenn er bloß einen Ab⸗ ſchiedsbrief zurücklieſe. Es war nicht ganz wahr, daß ihn Geſchäfte nach Holland riefen, indeſſen konnte ihm dieſe Reiſe allerdings von Vortheil ſein. Einer ſeiner Freunde hatte nach Chardonneux geſchrieben, um ſeine Abreiſe zu beſchleunigen, und dieſes Schreiben war ihm ein willkommener Vorwand. Von dem Ball zurück⸗ kehrend, gab er ſich das Anſehen eines höchſt preſſirten Mannes, ließ in aller Eile packen, ſandte ſein Gepäck in die Stadt voraus, ſtieg zu Pferde und ritt weg. Freilich kam ein unwillkürliches Zaudern und große Reue über ihn, als er die Schwelle ſeiner Thüre überſchritten. Er fürchtete, zu ſchnell einem Gefühle nachgegeben zu haben, welches er hätte beherrſchen können, er fürchtete, ſeiner Frau muthwillig Trauer und Thränen zu verurſachen und anderswo die Ruhe nicht zu finden, deren er vielleicht ſein Haus beraubte. Aber, ſagte er bei ſich, wer weiß, ob ich nicht im Gegentheil eine nützliche und kluge Sache unternehme? Wer weiß, ob nicht gerade der flüchtige Kummer, den meine Abweſenheit verurſachen kann, uns glücklichere Tage bringen kann. Ich bin von einem Unglück ge⸗ troffen, deſſen Urſache nur Gott kennt; ich will mich b 113 2 für einige Tage von dem Ort entfernen, wo ich leide; die Veränderung, die Reiſe, die Ermüdung ſogar werden vielleicht meine Stimmung beſſern; ich will mich mit materiellen, wichtigen und nothwendigen Dingen beſchäftigen und dann mit einem viel ruhigeren und zufriedeneren Herzen zurückkehren. Freilich machte ſich im Grund ſeines Herzens der Vorwurf laut, er bringe Kummer über Cecilie. Abgr ſein Entſchluß war einmal gefaßt und ſo ſetzte er ſeinen Weg fort. Frau von Arcis verließ den Ball gegen elf Uhr und ſtieg mit ihrer Tochter in den Wagen, welche bald auf ihrem Schooße einſchlief. Obwohl Cecilie nicht ahnte, der Chevalier hätte ſein Reiſeprojekt ſo haſtig ausgeführt, hatte es ihr dennoch weh gethan, daß er ſie unter ihren Nachbarn ſo allein gelaſſen. Er hatte es nicht ertragen können, daß ſein Unglück der öffentlichen Aufmerkſamkeit bloßgeſtellt ſei, ſie aber hatte dasſelbe abſichtlich zur Schau geſtellt, um das Vorurtheil zu beſiegen. Sie hätte es ihrem Manne leicht verziehen, wenn er Traurigkeit oder böſe Laune darüber an den Tag gelegt, aber bedenke man, daß es in der Provinz eine unerhörte Sache, ſeine Frau und ſeine Tochter auf dieſe Weiſe im Stiche zu laſſen. In ſolchen Fällen kann die geringſte Kleinigkeit, ſogar ein Mantel, den man ſucht, ohne daß der, welcher ihn herbeibringen ſollte, gegenwärtig iſt, viel mehr ſchlimm machen, als durch alle mögliche Aufmerkſam⸗ keit nachher wieder gut gemacht werden kann. Während ſich der Wagen auf den Kieſeln einer neuangelegten Vicinalſtraße langſam vorwärts bewegfe, gab ſich Frau von Arcis, ihre ſchlafende Tochter be⸗ trachtend, den trübſten Ahnungen hin. Indem ſie Camilla ſo hielt, daß die Stöße des Wagens ſie nicht erwecken konnten, überdachte ſie mit jener Tiefe des Gefühls, welche die Nacht dem Denken leiht, an das Verhängniß nach, welches ſie zu verfolgen ſchien kis zu der rechtmäßigen Freude, welche ihr auf dem Ball Tutti Frutti. J. 8 114 eworden. Von ihrer eigenen Vergangenheit lenkten ich ihre Gedanken auf die Zukunft ihrer Tochter und umgekehrt.„Wie wird es gehen?“ ſagte ſie hierauf zu ſich,„mein Mann ſcheidet ſich von mir, und thut er es jetzt noch nicht für immer, ſo wird er es doch über kurz oder lang thun; alle meine Bemühungen, alle meine Bitten fallen ihm nur läſtig; ſeine Liebe iſt todt, ſein Mitleid allerdings wach, aber ſein Kummer weit ſtärker als er und ich; meine Tochter iſt ſchön, aber dem Unglück geweiht; was ſoll ich thun? Wenn ich mich dieſem armen Kind anſchließe, wie ich muß, wie ich thue, ſo heißt das faſt darauf verzichten, mei⸗ nen Gatten zu ſehen; er flieht uns, wir flößen ihm Schrecken ein. Wenn ich mich ihm aber zu nähern ſuche, wenn ich den Verſuch wage, ſeine ehemalige Liebe wieder zu erwecken, wird er dann nicht verlan⸗ gen, mich von meiner Tochter zu trennen? Könnte er dann nicht Camilla gar Fremden anvertrauen und ſich von ihrem betrübenden Anblick befreien wollen?⸗ Und indem ſie ſo zu ſich ſprach, umarmte Frau von Arcis Camilla mit den Worten:„Armes Kind, ich dich verlaſſen! ich um den Preis deiner Ruhe, deines Lebens vielleicht einen Schein von Glück mir erkaufen! Aufhören Mutter zu ſein, um Gattin ſein zu können! Wenn es auch möglich wäre, ſo würde es doch beſſer ſein, zu ſterben, als auch nur daran zu denken.“ Dann kam ſie wieder auf die Fragen zurück: „Wie wird es gehen? Was wird die Jorſehung über uns verhängen? Gott wacht über alle, er wird auch uns nicht überſehen. Was wird er uns beſtimmen? Was wird aus dieſem Kinde werden?“, Unweit von Chardonneux mußte man eine Fähre paſſiren. Es hatte den Monat her ſehr viel geregnet, ſo daß der Fluß aus ſeinen Ufern getreten und rings⸗ her die Wieſen unter Waſſer geſetzt hatte. Der Fähr⸗ mann weigerte ſich Anfangs, den Wagen in ſeine 115 Fähre zu nehmen und ſagte, man müſſe denſelben ausſpannen, indem er gewohnt ſei, nur Menſchen und Pferde, keineswegs aber Wagen über das Waſſer zu ſetzen. Frau von Arcis, welche ihren Gatten zu ſehen verlangte, wollte nicht ausſteigen, ſondern be⸗ fahl dem Kutſcher, den Wagen auf die Fähre zu führen; es war dieß eine Ueberfahrt von wenigen Minuten, die ſie hundertmal ſchon gemacht. In der Mitte des Waſſers begann die Fähre durch die Strömung von ihrem Cours weggeriſſen zu werden. Der Fährmann rief den Kutſcher zu Hülfe, um zu verhindern, daß das Fahrzeug auf das Wehr zugetrieben werde, welches zwei oder dreihundert Schritte weiter ſtromhinab bei einer Mühle ange⸗ bracht und aus Balken, Pfählen und Bohlen erbaut, aber alt und durch das Waſſer faſt ganz zerſtört war, ſo daß es einer Caskade oder vielmehr einem Cata⸗ rakt ähnlich geworden. Es war dieß klar, daß man das Schrecklichſte zu erwarten hatte, wenn die Fähre dorthin getrieben wurde. Der Kutſcher war von ſeinem Sitze geſtiegen und wollte Hand anlegen, aber es war nur eine einzige Stange in dem Fahrzeug vorhanden. Der Fährmann ſeinerſeits that, was er nur immer thun konnte, aber die Nacht war finſter und ein feiner Sprühregen blen⸗ dete die beiden Männer, welche ſich bald in der Arbeit ablösten, bald ihre Kräfte vereinigten, um die Gewalt des Waſſers zu brechen und das Ufer zu gewinnen. Je mehr das Geräuſch des Wehres ſich näherte, um ſo furchtbarer ward die Gefahr. Das Fahrzeug, ſchwer beladen und durch zwei kräftige Männer auf⸗ gehalten, trieb nur langſam abwärts. Wenn die Stange tief in den Grund gebohrt und feſt angeſtemmt wurde, ſtand die Fähre ſtill, neigte ſich auf die Seite oder drehte ſich um ſich ſelbſt. Aber die Strömung war zu ſtark. Frau von Arcis die mit ihxem Kinde 116 in dem Wagen geblieben, öffnete das Fenſter mit Entſetzen und rief aus: 4 „Sind wir verloren?“ In dieſem Augenblicke brach die Stange und die beiden Männer ſtürzten in die Fähre nieder, erſchöpft und mit zerſchundenen Händen. Der Fährmann konnte ſchwimmen, nicht aber der Kutſcher. Es war keine Zeit zu verlieren und Frau von Arcis wandte ſich an den Fährmann mit den Worten: „Vater Georgert, kannſt Du mich retten, meine Tochter und mich?“ Der Vater Georgert warf einen Blick auf das Waſſer, dann auf das Ufer und, indem er mit einer Miene die Achſeln zuckte, als ſei er beleidigt, daß man eine ſolche Frage an ihn richte, verſetzte er: „Gewiß!“ „Was iſt zu thun?“ fragte Frau von Arcis. „Sie ſetzen ſich auf meine Schultern,“ verſetzte der Fährmann,„und umfangen mit Ihren Armen meinen Nacken, aber haben Sie keine Furcht und klammern ſie ſich nicht zu heftig an, wir werden unter⸗ getaucht werden und da müſſen Sie ſich hüten, zu ſchreien, weil ſie ſonſt Waſſer ſchlucken würden. Was die Kleine betrifft, ſo werde ich ſie mit einer Hand um den Leib faſſen und, mit der andern ſchwimmend, ſie emporhalten, ohne ſie zu benetzen. Es iſt nicht weiter als zwanzig Fadenlängen bis zu dem Kartoffel⸗ feld am Ufer.“ „Und Jean?“ fragte Frau von Areis, auf den Kutſcher zeigend. „Jean wird ein wenig Waſſer ſchlucken, aber er wird ſchon davon kommen. Er mag ſich an das Wehr treiben laſſen, dort werde ich ihn aufſuchen.“ Hiemit machte ſich Vater Georgert, von ſeiner doppelten Bürde beſchwert, in's Waſſer, aber er hatte ſeine Kräfte weit überſchätzt. Er war nicht mehr „—ʒ„ ö 117 jung, das hatte er nicht bedacht. Das Ufer war ent⸗ fernter als er geſagt hatte und die Strömung ſtärker, als er ſich vorgeſtellt. Er ſtrengte ſich verzweifelt an, das Land zu gewinnen, allein er wurde ald fortge⸗ riſſen. Der Stumpf einer Weide, den er in der Dun⸗ kelheit, und weil er vom Waſſer überſchwemmt war, nicht ſeben konnte, kam ihm in den Weg. Er ſtieß heftig ſeine Stirne daran, ſein Blut floß und ſein Blick verdunkelte ſich. „Nehmen Sie Ihre Tochter,“ ſagte er,„und ſetzen Sie ſie auf meinen oder Ihren Nacken, ich kann ſie nicht mehr halten.“ „Kannſt Du ſie retten, wenn Du nur ſie zu retten haſt?“ fragte die Mutter. 1 „Ich weiß nicht, aber ich glaube,“ entgegnete der Fährmann. Frau von Arcis öffnete ſtatt aller Antwort ihre Arme, ließ den Hals des Fährmanns los und ſich in die Tiefe fallen. Als der Fährmann die kleine Camilla geſund und wohlbehalten an's Land gebracht hatte, half ihm der Kutſcher, den ein Bauer aus dem Fluſſe gezogen, den Leichnam der Frau von Arcis ſuchen. Man fand ihn erſt am Morgen unweit des Ufers. 6. Ein Jahr nach dieſem traurigen Ereigniß ſaß in einem Zimmer eines Hotel garni in der Straße Bouloi in Paris, ein junges Mädchen in Trauerkleidern an einem Tiſche im Kaminwinkel. Auf dem Tiſche ſtand eine halbgeleerte Flaſche gewöhnlichen Weins und ein Glas. Ein vom Alter gebückter, aber offen und ehrlich ausſehender Mann, der faſt wie ein Handwer⸗ ker gekleidet war, ging mit großen Schritten im Ge⸗ mach auf und ab. Von Zeit zu Zeit näherte er ſich 118 dem Mädchen, blieb vor ihm ſtehen, und betrachtete es mit faſt väterlicher Miene. Das Mädchen ſtreckte dann den Arm aus und füllte mit einer, mit Wider⸗ willen gemiſchten, Geſchäftigkeit das Glas aus der Bouteille. Der Greis nippte davon, fing dann wieder an, hin und her zu gehen, und machte immerfort ſonderbare und faſt lächerliche Geberden, welchen das junge Mädchen mit Aufmerkſamkeit und traurig lächelnd folgte. Wenn man ſie ſo anſah, war es ſchwer zu erra⸗ then, wer dieſe beiden Perſonen ſeien: die eine unbe⸗ weglich, kalt, marmorartig, aber voller Grazie und Eigenthümlichkeit, in ihren Zügen und geringſten Bewe⸗ ungen mehr an den Tag legend, als was man gewöhn⸗ ich Schönheit nennt; die andere ſcheindar von ganz ge⸗ meinem Schlag, unordentlich angezogen, den Hut auf dem Kopf, ſchlechten Wein trinkend und ſeine nägel⸗ beſchlagenen Schuhe auf dem Boden knarren laſſend. Man konnte kaum einen größern Contraſt ſehen. Und dennoch waren dieſe Zwei durch die lebhaf⸗ teſte, zärtlichſte Freundſchaft verbunden. Es waren Camilla und der Onkel Giraud. Der würdige Mann war nach Chardonneux gekommen, als man Frau von Arcis beerdigte. Die Mutter des armen Kindes war todt und ſein Vater verreist, ſo fand es ſich ganz allein in der Welt. Der Chevalier hatte, nachdem er einmal ſein Haus verlaſſen, durch die Reiſe zerſtreut, durch Geſchäfte in Anſpruch genommen und genöthigt, verſchiedene holländiſche Städte zu beſuchen, erſt ſehr ſpät den Tod ſeiner Frau vernommen, und ſo war Camilla beinahe einen Monat lang, ſo zu ſagen, ganz verwaist. Sie hatte freilich eine Art Gouvernante, welcher oblag, auf das Kind Acht zu haben, aber die Mutter hatte, ſo lange ſie gelebt, dieſe Pflicht mit Niemand theilen wollen, weßwegen das Amt der Gou⸗ vernante eine bloße Sinecure geweſen und ſie Camilla ☛᷑ Æ△ X 9 c S RS endee eͤeee — 0 uͤnEſAnsnnnn dde. . u— V- AU Vd dUA sͤ. 1¹8 kaum kannie, ihr alſo unter den jetzigen Umſtänden von keinem Nutzen ſein konnte. Der Schmerz des jungen Mädchens über den Tod ſeiner Mutter war ſo heftig geweſen, daß man lange für ſein Leben fürchtete. Als der Leichnam der Frau von Arcis aus dem Waſſer gezogen und heim⸗ gebracht wurde, lief Camilla neben dem traurigen Zug her und ſtieß ein ſo verzweifeltes, herzzerreißen⸗ des Geſchrei aus, daß die Landleute ſich beinahe davor fürchteten. Es hatte in der That, ich weiß nicht was Schreckliches an ſich, daß dieſes Weſen, an deſſen Stummheit man gewöhnt war, das ſonſt ſo ſanft und ruhig, in Gegenwart des Todes plötzlich ſein Schwei⸗ gen brach. Die unartikulirten Töne, welche ſeinen Lippen entfuhren und die es allein nicht hörte, hatten etwas Wilves, es waren nicht Worte, es war nicht Schluchzen, ſondern eine Art ſchreckliche Sprache, die durch den Schmerz eingegeben wurde. Einen gan⸗ zen Tag und eine ganze Nacht über hörte dieß ent⸗ ſetzliche Schreien nicht auf, das Haus zu erfüllen, Camilla lief mit fliegendem Haar und die Mauern ſchlagend in allen Theilen des Gebäudes umher. Ver⸗ gebens ſuchte man ſie zu halten, ſelbſt Gewalt fruch⸗ tete Nichts. Erſchöpfung ließ ſie endlich am Fuß des Bettes zuſammenfinken, auf welchem der Leichnam ihrer Mutter lag. Dann aber ſchien ſie ſogleich ihre gewohnte Ruhe erlangt und Alles vergeſſen zu haben. Sie verharrte einige Zeit lang in ſcheinbarer Ruhe, den ganzen Tag zerſtreut umhergehend, wie eben der Zufall ſie führte, keine Bemühung, die man ſich um ſie machte, zurück⸗ weiſend, und man glaubte, ſie ſei wieder völlig zur Beſinnung gekommen, was ſelbſt der herbeigerufene Arzt erklärte, der ſich wie Jedermann täuſchte. Allein bald brach in ihr ein Nervenfieber mit den bedroh⸗ lichſten Symptomen aus. Man mußte die Kranke 12²0 unabläſſig bewachen und es ſchien, ihre Vernunft ſei vollſtändig zerſtört. Jetzt faßte Onkel Giraud den Entſchluß, herzu⸗ kommen und ſeiner Nichte um jeden Preis beizuſtehen. „Da ſie in dieſem Augenblicke weder Vater noch Mutter hat,“ ſagte er zu den Leuten im Hauſe,„ſo will ich mich als ihr wahrhafter Onkel beweiſen, um für ſie Sorge zu tragen und Unheil von ihr abzuwenden. Das Kind hat mir immer gefallen und ich habe ſeinen Vater oft gebeten, es mir zu überlaſſen, um mich lachen zu machen. Ich will ihn aber ihrer nicht be⸗ rauben, ſie iſt ſeine Tochter; doch für den Augenblick nehme ich ſie zu mir und werde ſie ihm bei ſeiner Rackkehr getreulich zurückgeben.“ Onkel Giraud hatte kein großes Zutrauen zu den Aerzten, und da er ſelbſt nie krank geweſen, glaubte er kaum an Krankheiten. Ein Nervenfieber vornehm⸗ lich ſchien ihm eine Chimäre, eine bloße Verwirrung der Ideen, die mit ein wenig Zerſtreuen zu heilen ſei. Er beſchloß demnach, Camilla nach Paris zu bringen.„Ihr ſeht ja,“ ſagte er,„daß das Kind Kummer haben muß. Es hört nicht auf zu weinen und es hat Recht, denn die Mutter ſtirbt Einem nicht zweimal. Man muß es zu zerſtreuen ſuchen, ihm durch andere Anſchauungen andere Gedanken beibringen. Man ſagt, Paris eigne ſich hiezu trefflich, ich kenne Paris ebenſo wenig wie ſie und alſo wird ein Aufent⸗ halt daſelbſt uns Beiden gutthun. Schon die Reiſe wird eine gute Wirkung auf ſie machen. Ich habe auch Kummer gehabt, wie nur einer, aber allemal, wenn ich die Peitſche eines Poſtillon vor mir klatſchen hörte, wurde mir heiterer zu Muthe.“ So waren denn Camilla und ihr Onkel nach Paris gegangen, denn der Chevalier, den Giraud brieflich von dem Reiſeprojekt in Kenntniß geſetzt, billigte daſſelbe. Von ſeiner holländiſchen Reiſe zurück⸗ gekommen, brachte er eine ſo tiefe Schwermuth nach Chardonneux mit, daß es ihm beinahe unmöglich war, Jemand zu ſehen, ſelbſt ſeine Tochter nicht ausgenom⸗ men. Er ſchien jedem lebenden Weſen und ſich ſelbſt entfliehen zu wollen. Beinahe immer einſam die Wälder durchreitend, mattete er ſeinen Körper über⸗ mäßig ab, um ſeiner Seele einige Ruhe zu verſchaffen. Ein geheimer, unheilbarer Kummer verzehrte ihn. Tief in ſeines Herzens Grund lauerte nagend der Vorwurf, ſeiner unglücklichen Frau das Leben ver⸗ bittert und ihren Tod verſchuldet zu haben.„Wenn ich bei ihr geweſen,“ ſagte er ſich,„ſo würde ſie leben, und ich hätte bei ihr ſein ſollen.“ Dieſer raſt⸗ los immer wiederkehrende Gedanke vergiftete ihm das Leben. Er wünſchte, Camilla glücklich zu machen, und war bereit, für dieſen Zweck die größten Opfer zu bringen. Als er nach Chardonneux heimkehrte, war ſein erſter Gedanke, zu verſuchen, die Stelle der Tod⸗ ten bei ſeiner Tochter auszufüllen, und ſo dem Herzen, das er gebrochen, ſeine Schuld mit Wucher zu bezah⸗ len. Aber die Aehnlichkeit der Tochter mit ihrer Mut⸗ ter verurſachte ihm bald einen unerträglichen Schmerz. Es war eitle Mühe, daß er ſich über dieſen Schmerz zu täuſchen ſuchte, daß er ſich überreden wollte, es müſſe ja ſeine Augen ein Troſt und eine Verſüßung ſeiner Pflicht ſein, auf einem geliebten Antlitz die Züge Jener wieder zu finden, welche er unaufhörlich be⸗ weinte. Camilla blieb bei alle dem für ihn ein leben⸗ diger Vorwurf, ein Beweis ſeiner Schuld und ſeines Unglücks, deſſen Anblick zu ertragen er nicht Stärke genug beſaß. Onkel Giraud dachte nicht ſo ernſthaft über dieſen Gegenſtand und ſeine einzige Sorge ging dahin, ſeine Nichte aufzuheitern und ihr ein angenehmes Leben u verſchaffen. Unglücklicherweiſe ging dieſes nicht 3 leicht, denn Camilla ließ ſich ohne Widerſtand von Chardonneux nach Paris bringen, aber ſie blieb gegen 122² alle Bergnügungen, welche ihr der gute Mann ver⸗ ſchaffte, theilnahmslos. Weder Spazierfahrten, noch Feſte, noch Schauſpiele konnten ihr Intereſſe einflößen, und fragte man ſie um den Grund, ſo zeigte ſie ſtatt aller Antwort auf ihr ſchwarzes Kleid. Der alte Maurermeiſter war aber hartnäckig in ſeinen Bemübungen. Er hatte, wie wir geſehen, in der Straße Bouloi eine möblirte Wohnung gemiethet, die erſte beſte, welche ihm der Lohnbediente gezeigt, indem er höchſtens einen Monat oder zwei in Paris bleiben wollte. Nun aber dauerte ſein und Camilla's Aufenthalt beinahe ſchon ein Jahr, während deſſen Camilla alle ſeine Vorſchläge zu Luſtpartien zurückge⸗ wieſen. Da er aber ebenſo geduldig als gut war, hatte er das Jahr herumgebracht, ohne ſich über Ca⸗ milla's Weigerung zu beklagen. Er liebte das arme Mädchen von ganzer Seele und ohne die Urſache dieſer Zuneigung zu kennen, angezogen durch jenen uner⸗ lärlihen Zauber, welcher die Güte an das Unglück eſſelt. „Aber,“ nahm er das Wort, ſeine Flaſche vollends leerend,„ich weiß in der That nicht, warum Du nicht mit mir in die Oper kommen ſollteſt. Ich habe die Eintrittskarte in der Taſche, Deine Trauerzeit geht heute zu Ende, Du haſt zwei neue Kleider, brauchſt bloß Deinen Ueberwurf umzunehmen und—“ Teufel!“ unterbrach er ſich,„Du verſtehſt mich nicht, daran hab' ich nicht gedacht. Aber was thuts? Es iſt gerade nicht nöthig. Du verſtehſt Nichts, ich höre nicht zu; allein wir werden dem Ballet zuſehen können.⸗ So ſprach der gute Onkel, dem es nie in den Sinn kam, daß ſeine Nichte ſeine Auseinanderſetzung weder hören, noch beantworten könne, Er plauderte demungeachtet mit ihr. Durch Zeichen mit ihr zu reden, ging noch weniger an, denn ſie verſtand die ſeinigen durchaus nicht. Er hatte daher die Gewohn⸗ —D———BN Gän d ☛ A8 d8 8& uöA 12³⁸ heit angenommen, mit ihr, wie mit Jedermann zu ſprechen und dazu aus allen Kräften zu geſtikuliren. Camilla hatte ſich in dieſe ſprechende Pantomime hinein⸗ gefunden und wußte ihm auf ihre Weiſe zu antworten. Die Trauerzeit Camilla's ging in der That heute zu Ende, wie der gute Mann geſagt. Er hatte ſeiner Nichte zwei ſchöne Kleider machen laſſen und bot ihr dieſelben mit einer zugleich ſo zärtlichen und bittenden Miene an, daß ſie ſich an ſeinen Hals warf, um ihm zu danken, dann aber fiel ſie ſogleich wieder in die ruhige Traurigkeit zurück, in der man fie zu ſehen gewöhnt war. „Aber,“" ſagte der gute Onkel,„damit iſt es nicht gethan, man muß dieſe ſchönen Kleider anziehen. Dazu ſind ſie gemacht, dieſe Kleider, ſie ſind gar hübſch, dieſe Kleider.“ Und ſo ſprechend, trug er die Kleider im Zimmer umher und ließ ſie tanzen wie Marionetten. Camilla hatte lange genug geweint, um ſich end⸗ lich nicht auch wieder für einen Augenblick der Freude hingeben zu dürfen. Zum erſten Mal ſeit dem Tod ihrer Mutter ſetzte ſie ſich vor den Spiegel, nahm einen der Anzüge, welche der Onkel ihr darbot, ſah den Guten zärtlich an, reichte ihm die Hand und machte mit dem Kopf das Zeichen der Bejahung. Bei dieſem Zeichen ſprang der gute Giraud mit ſeinen mächtigen Schuhen wie ein Kind im Zimmer umher, um ſeinen Triumph zu feiern. Endlich war ja die Stunde gekommen, wo ſeine Abſicht in Erfüllung zu gehen begann: Camilla wollte ſich putzen, mit ihm ausgehen, die Oper, die Geſellſchaft ſehen. Er wußte ſich vor Freude kaum zu faſſen, er umarmte ſeine Nichte ein Mal über das andere und rief nach dem Kammermädchen, nach den Dienern, nach allen Leuten im Hauſe. Die Toilette war beendigt und Camilla ſo ſchön, daß ſie ſich ſelbſt geſiel und ihrem eigenen Bilde zu⸗ lächelte. 1²4 „Der Wagen iſt unten,“ ſagte der Onkel Giraud, indem er mit den Armen die Geberden eines ſeine Pferde antreibenden Kutſchers, und mit dem Munde das Geraſſel eines Wagens nachzuahmen verſuchte. Camilla lächelte abermals, nahm das abgelegte ſchwarze Gewand, faltete es ſorgfältig zuſammen, Eä⸗teris, legte es in den Schrank und folgte dem nkel. 7. Wenn auch Onkel Giraud für ſeine Perſon nicht den Eleganten ſpielte, ſo hielt er doch darauf, ſeiner Nichte die Genüſſe der Eleganz zu verſchaffen. Es war ihm gleichgültig, ob ſeine Röcke an ihm herum⸗ hingen, wie es ihnen gefiel, ſeine Beinkleider ſchlecht ugeſchnitten waren und ihm die Perücke auf die Augen el, wenn nur Alles hübſch neu und weit genug war, daß es ihn nicht einzwängte. Wenn er aber ſeine Nichte beſchenken wollte, da mußte Alles vom Schön⸗ ſten und Koſtſpieligſten ſein. So hatte er auch für heute Abend für Camilla und ſich eine offene Loge in der Vorderreihe genommen, ſo daß ſeine Nichte von Jedermann geſehen werden und Alles ſehen konnte. Bei den erſten Blicken, die Camilla in den Saal und auf die Bühne warf, fühlte ſie ſich geblendet. Es konnte kaum anders ſein: ein junges Mädchen von kaum ſechszehn Jahren, das in ländlicher Stille erwachſen war und ſich jetzt plötzlich mitten in dieſem Zuſammen⸗ fluß von Luxus, Kunſt und Vergnügen verſetzt ſah, mußte glauben, es träume. Man gab ein Ballet und Camilla folgte mit Neugierde den Stellungen, Geber⸗ den und Schritten der Tänzer; ſie begriff, daß dieß eine Pantomime und ſuchte ſich den Sinn derſelben zu enträthſeln. Alle Augenblicke wandte ſie ſich mit ver⸗ wunderter Miene zu ihrem Onkel, wie um ihn um d 2( 12⁵ Rath zu fragen; aber er begriff von der Sache nicht mehr, als ſie. Sie ſah Schäfer in ſeidenen Strümpfen, welche ihren Schäferinnen Blumen überreichten, Liebes⸗ götter, welche an einem Seile ſchwebten, eine ganze Götterverſammlung, die auf Wolken ſaß. Die Dekora⸗ tionen, die Lampen, der Kronleuchter, der Putz der Frauen, die Stickereien, die Blumen, all' der Pomp eines ihr ganz unbekannten Schauſpiels verſetzten ſie in ſüßes Staunen. Ihrerſeits wurde ſie bald zum Gegenſtand einer faſt allgemeinen Aufmerkſamkeit. Ihr Anzug war ein⸗ fach, aber geſchmackvoll. In einer großen Loge allein mit einem ſo unelegant ausſehenden Mann, wie Onkel Giraud, ſchön wie ein Stern, friſch wie eine Roſe, mit ihren großen ſchwarzen Augen und ihrer naiven Miene mußte ſie nothwendig die Blicke auf ſich ziehen. Die Männer fingen an, ſie ſich ihr zu zeigen, die Frauen, ſie zu betrachten, die Marquis näherten ſich ihr und richteten, wie es die Sitte der Zeit geſtattete, mit lauter Stimme die ſchmeichelhafteſten Complimente an die ſchöne Unbekannte. Zum Unglück vernahm nur Onkel Giraud dieſe Schmeicheleien, welche er aber mit Entzücken genoß. Indem Camilla nach und nach ihre ruhige Faſſung wieder gewann, bemächtigte ſich ihrer ein Gefühl von Traurigkeit. Sie empfand, wie fürchterlich es ſei, ſich inmitten einer ſolchen Menge allein zu befinden. Dieſe Menſchen, welche in ihren Logen mit einander plau⸗ derten, dieſe Muſiker, deren Inſtrumente die Schritte der Tänzer leiteten, dieſer unermeßliche Austauſch von Gedanken, welche auf der Bühne und in dem Saale ſtattfand, all' dieſes wies ſie, wenn wir ſo ſagen dür⸗ fen auf ſich ſelbſt zurück.„Wir ſprechen und Du kannſt es nicht,“ ſchien ihr Jedermann zu ſagen,„wir hören, wir lachen, wir ſingen, wir lieben uns, wir ergötzen uns an Allem zuſammen; Du allein kannſt Dich an Nichts ergötzen, Du allein hörſt Nichts, Du allein biſt 126 hier nur eine Bildſäule, ein Schatten nur von einem wirklichen Weſen.“ Camilla ſchloß die Augen vor dem Schauſpiel, welches ſich ihnen darbot. Sie erinnerte ſich an jenen Kinderball, wo ſie ihre Freundinnen hatte tanzen ſehen und wo ſie allein bei ihrer Mutter geblieben, ſie er⸗ innerte an ihr Vaterhaus, an ihre ſo unglickliche Kindheit, an ihre langen Leiden, ihre im Verborgenen geweinten Thränen, an den Tod ihrer Mutter, an ihre Trauer endlich, welche ſie aufzugeben beabſichtigt hatte und die ſich ihrer bereits wieder bemächtigte. Da ſie einmal zum Unglück beſtimmt war, ſo ſchien es ihr das Beſte, nie dem Leiden ausweichen zu wollen. Sie empfand bitterer, als jemals, wie vergeblich aller Widerſtand ſein müſſe, den ſie dem Fluch des Him⸗ mels entgegenſetzen konnte und erfüllt von dieſem Ge⸗ danken, vermochte ſie eine Thräne nicht zurückzuhalten, welche Onkel Giraud bemerkte. Er ſuchte die Urſache 5 errathen, als ihm Camilla ein Zeichen machte, daß ie zu gehen wünſche. Der gute Mann plauderte er⸗ ſtaunt und unruhig und wußte nicht, was er thun ſollte. Camilla ſtand auf und wies auf die Logen⸗ thür, ſo daß er ihr endlich den Mantel umlegte In dieſem Augenblick bemerkte ſie unter ſich auf der Galerie einen jungen Mann von gutem Ausſehen, der ſehr reich gekleidet war und eine Schiefertafel in der Hand hielt, auf welche er mit einem Griffel Buch⸗ ſtaben und Zeichen ſchrieb. Er wies dann die Schie⸗ fertafel ſeinem Nachbar, der älter war, als er, das Geſchriebene zu verſtehen ſchien und auf dieſelbe Weiſe mit größter Schnelligkeit antwortete. Zu gleicher Zeit tauſchten ſie, indem ſie die Finger bald ſchloſſen, bald ausſtreckten, gewiſſe Zeichen unter ſich aus, vermittelſt welcher ſie ſich ihre Gedanken vortrefflich mitzutheilen im Stande ſchienen. Camilla begriff Nichts davon, indem ſie die Schrift⸗ züge kaum bemerkte und die Zeichen nicht verſtand, uͤͤ A& ee ASSS-S ——— 1²2⁷ allein das bemerkte ſie auf der Stelle klar, daß der junge Mann ſeine Lippen nicht in Bewegung ſetzte, und im Begriffe, fortzugehen, blieb ſie ſtehen. Sie ſah, daß die Beiden eine Sprache ſprechen, welche ſonſt Niemand ſprach, und daß es außer dem Worte, wel⸗ ches ihr ſo unfaßlich, und deſſen Unfaßlichkeit ihr ſo qualvoll, noch ein Mittel gebe, ſich auszudrücken. Ein außerordentliches Erſtaunen, wie es mit dieſer Sprache beſchaffen, und der unbeſiegliche Wunſch, mehr davon zu erfahren, ließ ſie den Platz, den ſie ſo eben ver⸗ laſſen, wieder einnehmen. Sie beugte ſich über die Bogen⸗ brüſtung und verfolgte aufmerkſam alle Bewegungen des Unbekannten. Als er abermals Etwas auf ſeine Schreibtafel geſchrieben und es ſeinem Nachbar hinbot, machte Camilla unwillkürlich eine Bewegung, als wollte ſie die Tafel ergreifen. Bei dieſer Bewegung wandte ſich der junge Mann um und bemerkte nun ſeinerſeits Camilla. Kaum begegneten ſich ihre Blicke, als ſich beide unbeweglich und unſchlüſſig anſahen, wie wenn ſie ſich zu erkennen verſuchten, dann aber erriethen ſie ſich im Augenblick gegenſeitig und ſagten ſich mit einem Blick:„Wir ſind Beide ſtumm.“ Onkel Giraud brachte ſeiner Nichte Mantel und Sammetkappe, aber ſie wollte jetzt nicht mehr gehen, ſondern hatte ihren Sitz wieder eingenommen und bliet 5 die Ellbogen auf die Baluſtrade geſtützt, unbe⸗ weglich. Damals hatte der Abbé del Epée bereits bekannt zu werden angefangen. Als er eines Tages eine Dame in der Straße Foſſés⸗Saint⸗Viktor hatte beſuchen wollen, wurde er zum Mitleid bewogen durch den zufälligen Anblick zweier mit Stricken beſchäftigten Taubſtummen. Die Menſchenliebe, welche ſeine ganze Seele erfüllte, war plötzlich in ihm erwacht und hatte bereits Wunder bewirkt. Und der unförmlichen Pantomimen dieſer zwei elenden und verachteten Weſen hatte er den frucht⸗ 128 baren Keim einer Sprache erkannt, die, wie er glaubte, univerſell werden könnte und auf alle Fälle wahrer, als die von Leibnitz. Wie die meiſten Menſchen von Genie verſtieg er ſich vielleicht Betreffs ſeiner Abſicht, ihre Wichtigkeit für zu groß nehmend. Aber es war ſchon viel, ſeine Größe darin zu ſuchen. Er lehrte die Taubſtummen leſen und ſchreiben, er führte ſie in den Kreis der Menſchen ein. Allein und beiſtandlos, bloß auf die eigene Kraft angewieſen, hatte er es unternommen, aus Taubſtummen eine Familie zu bil⸗ den, und beſchloß, ſeinem Plan Leben und Vermögen zu opfern, erwartend, der König werde ſeine Blicke der Sache zuwenden. Der junge Mann, den Camilla unweit ihrer Loge bemerkt hatte, war einer der durch den Abbé gebil⸗ deten Taubſtummen. Als Edelmann und Sproß eines alten Hauſes geboren und mit lebhaftem Verſtand ausgeſtattet, aber zu„halbem Tod“ verdammt, wie man das Stummſein damals bezeichnete, hatte er, als einer der Erſten, beinahe die nämliche Erziehung er⸗ halten, wie der berühmte Graf von Solar, nur mit dem Unterſchied, daß er reich war und alſo nicht, gleich dem Genannten, Gefahr lief, Hungers zu ſter⸗ ben, Dank einem Jahrgelde des Herzogs von Pen⸗ thiévre. Außer dem Unterricht des Abbé hatte man ihm einen Erzieher beigegeben, welcher ihn, als dem weltlichen Stande angehörend, überallhin begleiten konnte und damit beauftragt war, über ſein Beneh⸗ men zu wachen und ſeine Gedanken zu leiten. Dieſer Begleiter war der Nachbar geweſen, welchem der junge Mann ſeine Schreibtafel zu leſen gegeben hatte. Der Jüngling zog bei großer Anſtrengung und Be⸗ fliſſenheit aus ſeinen täglichen Studien bedeutenden Gewinnſt und bildete ſich auf jede Weiſe aus, durch Lektüre wie durch die Uebungen des Reithauſes, in der Oper wie in der Meſſe, während zugleich ſeine angeborne Klugheit und die ſtolze Unabhängigkeit ſeiner uSnAiSe AaA vn8Bd 129 Sinnesart vielfach gegen die peinliche Beaufſichtigung kämpfte, der man ihn unterwarf. Er kannte die Uebel nicht, welche ihm hätten zuſtoßen können, wenn er in einer weniger begünſtigten Klaſſe der Geſellſchaft oder auch nur an einem andern Orte, als Paris, geboren worden wäre. Als eines der erſten Dinge hatte man ihm, als er zu buchſtabiren angefangen, den Namen ſeines Vaters, des Marquis von Maubray, beige⸗ bracht, und ſo hatte er denn erfahren, daß er von andern Menſchen zugleich durch das Vorrecht der Ge⸗ burt und die Ungunſt der Natur verſchieden ſei. Stolz und Demüthigung ſtritten ſich demnach oft in ſeinem edeln Geiſt, der glücklicherweiſe, oder vielleicht noth⸗ wendigerweiſe nichtsdeſtoweniger einfach geblieben war. Dieſer taubſtumme Marquis nun, der die Geſell⸗ ſchaft eben ſo keck und verſtändig muſterte, wie die Andern, und, ſeinen Hofmeiſter an der Seite, die rothen Hacken ſeiner Modeſchuhe ſo ſicher, wie die Andern, über die gebahnten Fußböden von Verſailles zog, wurde von mehr als einer hübſchen Dame be⸗ äugelt, aber er wandte ſeine Blicke nicht von Camilla ab und ſie ſah ihrerſeits gar Nichts mehr, außer ihn. Da ging aber die Oper zu Ende. Sie nahm den Arm ihres Onkels und, ohne es zu wagen ſich noch einmal umzukehren, kehrte ſie nachdenklich mit ihm nach Hauſe. 8. Es braucht nicht erſt geſagt zu werden, daß weder Camilla noch der Onkel Giraud den Abbé de l'Epée auch nur dem Namen nach kannten. Eben ſo wenig wußten ſie von der Entdeckung einer Wiſſenſchaft, welche den Taubſtummen Sprache verlieh. Der Che⸗ valier hätte davon wiſſen können, ſeine Frau hätte gewiß davon erfahren, wäre ſie noch am deben Tutti Frutti. I. 9 130 geweſen; allein Chardonneux war weit von Paris ent⸗ fernt, der Chevalier erhielt keine Zeitung, und erhielt er ſie, ſo las er ſie nicht. So können einige Meilen Entfernung, etwas Nachläſſigkeit und der Tod das nämliche Reſultat hervorbringen. In ihre Wohnung zurückgekehrt, hatte Camilla nur den einen Gedanken, was die geſehenen Zeichen und Blicke zu bedeuten hätten, und ſie bemüſhte ſich, dem Onkel begreiflich zu machen, daß er ihr ſogleich eine Schiefertafel und einen Griffel verſchaffen müſſe. Der gute Mann kam durch dieſes Verlangen nicht wenig in Verlegenheit; es war ihm zu ſpät verſtänd⸗ lich gemacht worden, denn die Stunde des Souper war bereits gekommen. Indeſſen lief er in ſein Zimmer und, ſich überredend, er habe Camilla's Wunſch ganz gut begriffen, brachte er ihr im Triumph ein kleines Tafelchen und ein Stückchen Kreide, koſtbare Ueber⸗ bleibſel ſeiner alten Neigung für Zimmermannskünſte und Maurerei. Camilla ſchien ſich nicht darüber beklagen zu wollen, daß ihr Wunſch dergeſtalt erfüllt worden, ſondern legte ſich das Täfelchen auf die Kniee, ließ ihren Onkel neben ſich Platz nehmen, gab ihm die Kreide in die Hand und faßte dieſe an, als ob ſie ihm ſelbe führen wollte, während ſie zugleich ſeine geringſten Bewegun⸗ gen mit unruhigen Blicken bewachte. Onkel Giraud begriff wohl, daß ſie von ihm ver⸗ langte, er ſolle ſchreiben, aber er wußte nicht, was? „Iſt es der Name Deiner Mutter, iſt es der meinige, iſt es der Deinige?/ fragte er und legte, um ſich ver⸗ ſtändlicher zu machen, ſeine Fingerſpitzen dem jungen Mädchen ſo ſanft als möglich auf's Herz. Sie neigte ſogleich das Haupt, und der gute Mann, welcher ſeine Meinung errathen glaubte, ſchrieb alſo in mächtigen Zügen den Namen Camilla, worauf er, zufrieden mit ſich ſelbſt und der Weiſe, auf welche er den Abend vorbrachte, ſich zu dem bereitſtehenden Souper nieder⸗ —— ——- „...—, 131 ließ, ohne ſeine Nichte erſt zu erwarten, welche nicht Eigenſinn genug beſaß, ihn noch länger zurückzuhalten. Sie wartete, bis der Onkel ſeine Flaſche geleert hatte, ſchaute ihm zu, wie er es ſich ſchmecken ließ, wünſchte ihm dann gute Nacht und zog ſich in ihr Schlafzimmer zurück. Sobald ſie den Riegel vorgeſchoben, ſchickte ſie ſich zum Schreiben an. Von ihrem Putz befreit, fing ſie an, das von dem Onkel hingemalte Wort auf einen großen weißen Tiſch zu kopiren, der in der Mitte des Gemaches ſtand und den ſie tüchtig bekrei⸗ dete. Nach vielen Verſuchen und mehrfachem Aus⸗ wiſchen kam ſie mit der Nachahmung der Buchſtaben, welche ſie vor Augen hatte, ſo ziemlich zu Stande. Als ihr dieſes gelungen und ſie noch einmal jeden ihrer Buchſtaben mit denen des Onkels genau ver⸗ lichen hatte, ging ſie um den Tiſch herum mit ſo röhlich klopfendem Herz, als hätte ſie einen Sieg ge⸗ wonnen. Das Wort Camilla, das ſie geſchrieben, ſchien ihr wunderſam anzuſehen und mußte gewiß die ſchönſten Dinge von der Welt ausdrücken. Dieſes einzige Wort, meinte ſie, müſſe eine Menge von Ge⸗ danken enthalten, einer ſüßer, geheimnißvoller, reizen⸗ der als der andere. Sie war weit entfernt, zu ahnen, daß es weiter Nichts, als ihr eigener Name. Man war im Monat Juli, die Luft war rein, die Nacht prächtig. Camilla hatte ihr Fenſter geöffnet, näherte ſich demſelben von Zeit zu Zeit und betrachtete, in Gedanken verſunken, mit gelösten Haaren, gekreuz⸗ ten Armen, glänzenden Augen und ſchön in jener Bläſſe, welche helle Nächte den Frauen verleihen, eine der traurigſten Ausſichten, die man haben kann: den engen Hof eines langen Gebäudes, in welchem ſich eine Poſtwagenremiſe befand. In dieſen froſtigen, feuchten und ungeſunden Hof drang nie ein Sonnen⸗ ſtrahl; die Höhe der Stockwerke, deren eines über das andere gethürmt war, hielt das Licht von dirſem keller⸗ *½ — 132 artigen Raume ab. Vier oder fünf gewaltige Wagen, die unter einem Schoppen aufgeſtellt waren, wieſen den Eintretenden ibre Deichſeln, während drei andere, die in dem Hofe ſtanden, der Pferde zu harren ſchienen, deren Geſtampfe in dem benachbarten Stalle nach dem Morgenhafer verlangte. Ueber einem Thore, welches für die Miethleute ein für alle Mal um Mitter⸗ nacht geſchloſſen wurde, aber bereit war, ſich zu jeder Stunde vor dem Knallen einer Kutſcherpeitſche mit Geräuſch zu öffnen, erhob ſich ein ungeheures Mauer⸗ werk, in welches fünfzig Kreuzſtöcke eingelaſſen waren, hinter welchen aber nur unter anßerordentlichen Um⸗ ſtänden ein Licht erglänzte. Camilla wollte eben das Fenſter verlaſſen, als ſie plötzlich im Schatten eines ſchwerfälligen Poſtwagens eine menſchliche Geſtalt bemerkte, die präͤchtig ange⸗ zogen war und mit langſamen Schritten auf und ab ging. Ein Furchtſchauer ſchüttelte Camilla, ohne daß ſie wußte warum, denn ihr Onkel beurkundete ja durch lautes Schnarchen ſattſam ſeine Nähe, und welche Wahrſcheinlichkeit konnte die Annahme haben, daß ein Räuber oder Mörder in einem ſolchen Aufzug in die⸗ ſem Hof ſpazieren gehen ſollte? Indeſſen der Mann war da, Camilla ſah ihn deutlich, wie er hinter dem Wagen auf und ab ging und das Fenſter, an welchem fie ſtand, nicht aus den Augen ließ. Nach einigen Augenblicken fühlte Camilla ihren Muth wiederkommen, nahm ihr Licht, hielt es aus dem Fenſter und erleuchtete ſo auf einmal den Hof, zugleich einen halb erſchrockenen halb drohenden Blick in denſelben werfend. Der Schatten des Wagens verſchwand und der Marquis von Maubray wurde ſichtbar, welcher, da er ſich vollkommen entdeckt ſah, ſtatt alles Uebrigen, ein Kniee beugte und in dieſer Stellung der tiefſten Verehrung Camilla mit gefalteten Händen anſoß.. So blieben ſie einige Augenblicke, Camilla am — 8—-nA—— JO—-—+— Q S 133 Fenſter mit dem Licht in der Hand, der Marquis vor ihr auf den Knieen liegend. Wenn Romeo und Julie, welche ſich nie geſehen hatten, außer an einem Ball⸗ abend, ſogleich ſo hohe und ſo treu gehaltene Eid⸗ ſchwüre austauſchten, ſo kann man ſich leicht vorſtellen, welche Geberden und Blicke die zwei Liebenden wech⸗ ſelten, welche ſich jene Geſtändniſſe und Gelöbniſſe, die, ewig vor Gott, auf Erden durch Shakſpeare's Genie unſterblich gemacht wurden, nur in Gedanken ſagen konnten. Freilich, es macht ſich lächerlich, über zwei oder drei Fußtritte zu ſteigen, um auf die Imperiale eines Wagens zu klettern, bei jeder Anſtrengung, die man machen muß, innehaltend, um zu überlegen, ob man fortmachen ſolle. Es iſt ferner unbeſtreitbar wahr, daß ein Mann, der in ſeidenen Strümpfen und ge⸗ ſtickter Weſte es unternimmt, von genannter Imperiale auf die Fenſterbrüſtung zu ſteigen, ſich der Gefahr aus⸗ ſetzt, bei dieſem Unternehmen wenig Grazie zu ent⸗ fulten Das Alles iſt für Jeden einleuchtend, der— nicht liebt. Sobald der Marquis von Maubray in Camilla's Zimmer ſich befand, begrüßte er ſie ſo ceremoniös, wie wenn er ihr in den Tulllerieen begegnet wäre. Hätte er reden können, ſo würde er ihr vielleicht er⸗ zählt haben, wie es ihm gelungen, der Achtſamkeit ſeines Hofmeiſters zu entwiſchen, um hieherzukommen und die Nacht unter ihrem Fenſter zuzubringen, wie er ihr aus der Oper nachgefolgt, wie ihr Blick ſein Inneres umgewandelt, wie er Niemand auf der Welt liebe, außer ſie, und kein höheres Glück begehre, als ihr ſeine Hand und ſein Vermögen anzubieten. Das Alles war auf ſeine Lippen geſchrieben, aber die Er⸗ widerung ſeiner Begrüßung von Seiten Camilla's ließ ihn leicht begreifen, daß eine ſolche Erzählung jetzt überflüſſig wäre und daß ihr wenig daran gelegen 13⁴ ſein könne, zu erfahren, wie er hergekommen, nach⸗ dem er einmal da war. Trotz ſeiner Kühnheit, wovon er ja eben einen Beweis abgelen gt, indem er auf bemeldete Art zu ſei⸗ ner Geliebten gedrungen, war der Marquis von Mau⸗ bray, wie wir ſchon einmal erw ähnten„dennoch ein einfacher und ſittſamer Menſch. Nachdem er Camilla begrüßt, ſah er ſich vergehlich nach einem Mittel um, das Mädchen zu fragen, ob es ihn zum? Manne haben Wolle. Er wußte nicht, wie er ihr ſeine Erklärung deutlich machen ſollte, bis er das Täfelchen auf dem Tiſche erblickte, auf welches der Rame Camilla ge⸗ ſchrieben war. Sogleich nahm er die Kreide und ſchrieb unter dieſen No den ſeinigen: Peter. „Was ſoll de nn 5 igen? donnerte auf ein⸗ mal eine gewaltige„was ſoll mir dieſes 2 Rendezvous? ſind Sie hier herein gekommen, mein Herr? haben Sie in dieſem Hauſe zu thun?⸗ Es war Onkel Giraud, der dieſe Fragen that, nachdem er im Schlafrock und mit wüthender Miene eingetreten. „Das iſt mir eine ſchöne Geſchichtet, fuhr er fort,„weiß Gott, ich ſchlief, und mir ſcheint, das Geräuſch, welches Sie verurſachten, kommt wenig⸗ ſtens nicht vom Sprechen her. Zum Teufel, ſind Sie denn eines jener Weſen, für die Nichts leichter, als hereinzukommen, wo es ihnen beliebt? Was be⸗ abſichtigen Sie denn? Einen Wagen verderben, Alles zerbrechen und warum? um eine Familie zu entehren⸗ Schmach und Schande auf e ehrbare Leute zu wälzen— a „Zum Teufel, und er hört mich nicht einmal,“ unterbrach ſich 2 Onkel Giraud troſtlos. Allein der Marquis zog jetzt Bleiſtift und Papier hervor und ſchrieb folgende Worte darauf:„Ich liebe das Fräulein, ich will ſie heiraten, ich habe zwanzig tauſend Livxes Einkommen. Wollen Sie ſie mir geben?⸗ A * —— * „Nur Leute, die nicht ſprechen, können ihre Ange⸗ legenbeiten ſo raſch betreiben,“ meinte Onkel Giraud. Nachdem er dann einige Augenblicke nachgeſonnen, rief er aus:„Aber was wollen Sie denn? Ich bin ja nicht ihr Vater, ich bin ja nur ihr Onkel. Man muß die Erlaubniß ihres Papa einholen.« ——— 9. Es war keine leichte Sache, die Einwilligung des Chevalier in eine ſolche Verbindung zu erhalten. Nicht als ob er nicht von Herzen bereit geweſen, alles Mög⸗ liche zu thun, um ſeine Tochter glücklicher zu machen, aber unter gegenwärtigen Umſtänden fand ſich eine andere, beinahe unüberwindliche Schwierigkeit. Es handelte ſich nämlich darum, eine mit einem ſchreck⸗ lichen Mangel behaftete Frau mit einem Manne zu verheiraten, der unter gleicher Ungunſt der Natur litt, und wenn dieſer Verbindung Kinder entſprängen, ſo war es wahrſcheinlich, daß hierdurch nur einige Un⸗ glückliche mehr in die Welt geſetzt würden. Der Chevalier, immer noch eine Beute des ſchwär⸗ zeſten Kummers, lebte ohne Unterbrechung einſam und zurückgezogen auf ſeinem Landgute. Er hatte ſeine Frau in dem Park beſtatten laſſen und einige Trauer⸗ weiden beſchatteten ihr beſcheidenes Grab. Hieher lenkte der Chevalier täglich ſeine Schritte und brachte an dieſem Orte viele Stunden bin, verzeyrt von Reue und Traurigkeit und ſich Exinnerungen hingebend, welche ſeinen Schmerz nur nähren konnten. Hier trat eines Morgens der Onkel Giraud plötz⸗ lich zu ihm, denn am Tage darauf, nachdem er die Liebenden beiſammen überraſcht, hatte der gute Mann mit ſeiner Nichte Paris verlaſſen, hatte Camilla nach Mans gebracht und ſie in ſeinem eigenen Hauſe ge⸗ 136 laſſen, um vort das Reſultat des Schrittes abzuwar⸗ ten, den er thun wollte. Peter hatte, von dieſer Abreiſe unterrichtet, ver⸗ ſprochen, treu zu ſein und ſich bereit zu halten, ſeine Worte zur That zu machen. Schon ſeit langer Zeit Waiſe und Herr ſeines Vermögens, hatte er nichts zu thun, als ſeinen Vormund, von deſſen Seite kein Widerſtand zu beſorgen war, von ſeiner Abſicht in Kenntniß zu ſetzen. Onkel Giraud wollte gerne den Vermittler machen und die Verheiratung der beiden jungen Leute zu Stande bringen, aber er meinte, die erſte Zuſammenkunft derſelben, die ihm ziemlich wun⸗ derlich vorkam, dürfe ſich nur mit Zuſtimmung des Vaters und des Notars wiederholen. Bei den erſten Worten des Onkels Giraud legte der Chevalier, wie man ſich leicht denken kann, das rößte Erſtaunen an den Tag. Als ihm der gute lte von dem Zuſammentreffen in der Oper, von dem darauffolgenden bizarren Auftritt und dem noch ſeltſamern Antrag des Marquis erzählte, hatte der Chevalier Mühe, eine ſo romanhafte Geſchichte für möglich zu halten. Als er aber nicht umhin konnte, einzuſehen, daß man im vollen Ernſte mit ihm ſpreche, drängten ſich die Einwürfe gegen die beabſichtigte Ver⸗ bindung ſogleich ſeinem Geiſte auf. „Was wollen Sie?, ſagte er zu dem Onkel; uzwei gleich unglückliche Weſen mit einander verheira⸗ ten? Iſt es nicht genug, das arme Geſchöpf in unſe⸗ rer Familie zu haben, deſſen Vater ich bin? Muß man unſer Unglück noch vermehren, indem man es mit einem Manne verbindet, der ihm gleicht? Soll ich dazu beſtimmt ſein, von Geſchöpfen umgeben zu ſein, die, Gegenſtände der Verachtung und des Mitleids, aus der Geſellſchaft ausgeſchloſſen ſind? Soll ich mein Leben unter Taubſtummen verbringen und, inmitten ihres entſetzlichen Schweigens alternd, von ihnen mir die Augen zudrücken laſſen? Meinen Namen, auf den à ᷣ88AAN „2 18 71— VV w 82nͤgAͤN 137 ich zwar, Goit weiß es, nicht eitel bin, der aber doch der meines Vaters, ſoll ich Unglücklichen hinterlaſſen, die ihn weder ſchreiben, noch ausſprechen können?⸗ „Ausſprechen nicht,“ verſetzte Giraud,„was aber das Schreiben betrifft, das iſt eine andere Sache.“ „Ihn ſchreiben!“ rief der Chevalier aus;„haben Sie den Verſtand verloren?“ „Ich weiß, was ich ſage, der junge Mann kann ſchreiben,, entgegnete Giraud, vich bezeuge es und trage überdieß ein Zeugniß bei mir, welches von ihm ſelbſt ganz geläufig und raſch hingeſchrieben wurde, wie ſein Antrag, der übrigens ganz ehrenhaft iſt.“ Und hiemit übergab der gute Alte dem Chevalier das Papier, auf welches der Marquis von Maubray in einem allerdings etwas lakoniſchen, aber klaren und beſtimmten Styl ſeinen Antrag geſchrieben hatte. „Was bedeutet das?“ rief der Vater aus.»Seit wenn vermögen Taubſtumme die Feder zu führen? Was für ein Mährchen machen Sie mir da vor, Giraud?“ „Meiner Treu,“ ſagte Giraud,„ich weiß nicht, wie es zugeht, und wie eine ſolche Sache möglich. Die Wahrheit aber iſt, daß ich, in der guten Abſicht, Camilla zu zerſtreuen, mit ihr ein wenig in die Oper ging und dem Tanz zuſah. Der junge Marquis war auch dort und gewiß iſt, daß er eine Schiefertafel und einen Griffel ganz geſchickt handhabte. Ich habe im⸗ mer, wie Sie geglaubt, man ſei ſtumm, um nichts zu ſagen; allein es ſcheint anders zu ſein, es ſcheint, daß man unllängſt ein Mitttel entdeckt hat, vermittelſt deſſen ſich die Taubſtummmen aller Welt verſtändlich machen und ſich ganz geläufig unterhalten können. Wie man ſagt, iſt es ein Abbé, der dieſes Mittel entdeckt hat, aber der Name desſelben iſt mir entfallen. Was mich betrifft, ſo begreifen Sie wohl, daß mir der Schiefer zu nichts nütze ſchien, als Häuſer damit zu decken, allein dieſe Pariſer ſind gar teufelmäßig erfinderiſch.“ 138 „Sprechen Sie im Ernſt?⸗ „Im vollſten Ernſt. Der junge Marquis iſt reich, ein hübſcher Burſche, Edelmann und von angenehmem Weſen— ſodann, ich bitte, bedenken Sie Folgendes. Was wollen Sie mit der armen Camilla anfangen? Sie kann nicht reden, das iſt wahr, aber es iſt nicht ihre Schuld. Was ſoll denn aus ihr werden? Sie kann doch nicht immer Mädchen bleiben, und da iſt nun ein Mann, der ſie liebt und der, wenn Sie ſie ihm geben, nie einen Widerwillen gegen ſie haben wird, weil ihr die Sprache fehlt, denn er leidet ja an demſelben Fehler. Sie werden ſich ſchon verſtehen, die Kinder, ohne nöthig zu haben, zu ſchreien. Der junge Marquis kann leſen und ſchreiben, Camilla wird es ebenfalls lernen, denn was er lernen konnte, wird ſie auch lernen können. Machte ich Ihnen den Vorſchlag, Ihre Tochter mit einem Blinden zu verheiraten, ſo hätten Sie das Recht, mir unter die Naſe zu lachen, aber ich ſchlage Ihnen einen Taubſtummen als Schwie⸗ gerſohn vor, und das iſt ganz vernünftig. Sie wiſſen doch, daß Sie ſich dieſe ſechszehn Jahre her, ſeit Sie die Kleine hatten, ſich nicht darüber tröſten konnten, wie wollen Sie alſo verlangen, daß ein gewöhnlicher Mann ſich über einen Mangel wegſetzen ſoll worüber Sie, der Vater, ſich nicht hinwegſetzen konnte?, Während der Onkel ſo ſprach, warf der Chevalier von Zeit zu Zeit einen Blick auf das Grab ſeiner Frau und ſchien tief nachzudenken: „Meiner Tochter den Gebrauch der Vernunft ge⸗ ben?“" ſagte er nach langem Stillſchweigen,„könnte es Gott zulaſſen? wäre es möglich?“ An dieſem Augenblick trat der Pfarrer eines be⸗ nachbarten Dorfes, der zu Tiſche geladen war, in den Garten. Der Chevalier grüßte ihn mit zerſtreuter Miene, dann aber plötzlich aus ſeiner Träumerei auf⸗ fahrend, richtete er die Frage an ihn: „Abbé, Sie wiſſen oftmals Neuigkeiten und leſen —)y/—x—;— 2— 1 8ũQ=—Oꝗn 8 AANgN ‿ A 139 Zeitungen. Haben Sie von einem Prieſter ſprechen hören, der ſich mit der Erziehung von Taubſtummen befaßt?“ Unglücklicher Weiſe war der Mann, an den dieſe Frage gerichtet wurde, ein ächter Landpfarrer jener Zeit, d. h. ein einfacher und guter, aber höchſt un⸗ wiſſender Mann, der alle Vorurtheile jener Tage theilte, die deren ſo viele und ſo traurige beſaß. 3 „Ich weiß nicht, was Ew. Gnaden ſagen will,“ verſetzte er, den Chevalier als großen Herrn behan⸗ delnd,„wenn nicht etwa der Abbé de l Epée gemeint ſein ſollte.“ „Gerade der,“ ſagte Onkel Giraud, das iſt der Name, den man mir genannt und auf welchen ich mich nicht mehr beſinnen konnte.“ „Ich möchte nux mit der äußerſten Behutſamkeit über einen Gegenſtand reden,“ meinte der Pfarrer, „über welchen ich mich nicht für hinreichend unterrich⸗ tet ausgeben kann. Aber den Nachrichten, die mir bislang Betreffs dieſer Sache zu Ohren gekommen, glaube ich glauben zu dürfen, daß der Herr de l'Epée, der übrigens ein ſehr ehrenwerther Mann zu ſein ſcheint, das Ziel, welches er ſich vorgeſetzt, noch nicht erreicht habe.“ „Was kam Ihnen denn darüber zu Ohren?“ fragte der Onkel Giraud. „Ich hörte,« erwiderte ihm der Prieſter,„daß eben auch die reinſte Abſicht keinen genügenden Erfolg haben kann. Es iſt allerdings dem zufolge, was ich vernehmen konnte, außer Zweifel, daß die lobenswer⸗ theſten Verſuche gemacht wurden, allein ich bin deſſen⸗ ungeachtet weit entfernt zu glauben, daß die Behaup⸗ tung, Taubſtumme leſen zu lehren, wie Se. Gnaden ſagten, mehr als eine Chimäre ſei.“ „Ich habe es aber mit meinen eigenen Augen geſehen,“ ſagte Onkel Giraud,„ich habe einen Taub⸗ ſtummen ſchreiben ſehen.“ 1⁴⁰ „Ferne ſei es von mir,“ entgegnete der Pfarrer, „Ihnen widerſprechen zu wollen, aber Felehat⸗ und berühmte Männer, worunter ich ſogar Doktoren der Pariſer Fakultät anführen könnte, haben auf die be⸗ ſtimmteſte Weiſe verſichert, daß es unmöglich ſei.“ „Was man geſehen hat, iſt nicht unmöglich,“ ſagte der gute Alte ungeduldig;„ich habe fünfzig Meilen mit dieſem Billet in der Taſche zurückgelegt, um es dem Abbé zu zeigen; da, ſehen Sie, es iſt doch ſo klar wie der Tag.“ Und hiemit zog der ehemalige Maurermeiſter ſein Papier abermals aus der Taſche und hielt es dem Pfarrer vor die Augen. Dieſer, halb erſtaunt, halb hereizt, unterſuchte das Billet, wandte es hin und her, as es mehrmals mit lauter Stimme, gab es dann dem Onkel zurück und wußte nicht, was er zu der Sache ſagen ſollte. Der Chevalier ſchien die ganze Unterhaltung über⸗ hört zu haben; er ging ſtillſchweigend vor ſich hin und ſeine Ungewißheit wurde immer größer. „Wenn der Onkel Giraud Recht hat,“ ſagte er bei ſich,„und ich weiſe ſeinen Vorſchlag zurück, ſo vernachläßige ich meine Pflicht, ja, ich begehe dann beinahe ein Verbrechen. Es bietet ſich dem armen Mädchen, dem ich nur ein ſcheinbares Leben gegeben, eine Gelegenbeit dar, eine Hand zu finden, die in dem Dunkel, welches fie umhüllt, die ihrige ſucht. Ohne aus dieſem Dunkel herauszukommen, kann ſie wähnen, glücklich zu ſein. Mit welchem Rechte darf ich das verhindern? was würde ihre Mutter ſagen, wenn ſie lebte?“ Und noch einmal wandten ſich die Blicke des Chevalier auf das Grab ſeiner Frau zurück, dann er⸗ griff er den Onkel Giraud beim Arm, führte ihn einige Schritte weit und ſagte mit leiſer Stimme zu ihm:„Thun Sie, was Sie für gut finden!“ „Herrlich,“ ſagte der Onkel;„ich will ſie holen, —— 141 ich habe ſie bei mir; wir gehen dann zuſammen nach Paris und die Sache wird augenblicklich in Ord⸗ nung ſein.“. „Nein,“ entgegnete der Vater.„Verſuchen wir, fenihlic zu machen, aber wiederſehen kann ich ſie nicht.“— Peter und Camilla wird in Petit⸗Peres⸗Kirche in Paris vermählt. Der Hofmeiſter und der Onkel waren die einzigen Zeugen. Als der einſegnende Prieſter die gebräuchlichen Fragen an ſie richtete, ſpielte Peter, der hinlänglich unterrichtet war, um zu wiſſen, wenn er zum Zeichen der Bejahung das Haupt neigen müſſe, ſeine Rolle befriedigend, obgleich ſie nicht leicht für ihn war. Camilla ihrerſeits gab, ſtatt ihre Aufgabe errathen zu wollen, auf ihren Bräutigam Acht und that wie er.. Sie konnten weiter nichts thun, als ſich ſehen und lieben, und das, könnte man ſagen, iſt hinreichend. Als ſie nach der Meſſe mit verſchlungenen Händen die Kirche verließen und der Marquis ſeine Braut in den Wagen hob, betrachtete ſie die glänzende Equipage mit kindlicher Neugier. Das Hotel, in welches ihr Gatte ſie brachte, wurde ihr nicht im mindern Grade zum Gegenſtand des Erſtaunens. Dieſe glänzenden Gemächer, dieſe Pferde, dieſe Dienerſchaft kamen ihr wie ein Wunder vor. Man war übrigens übereinge⸗ kommen, die Hochzeit in aller Stille zu begehen, und das ganze Feſt beſtand in einem einfachen Souper, 10. Camilla wurde Mutter. Eines Tages, als der Chevalier ſeinen traurigen Spaziergang im Hintergrund des Parkes machte, brachte ihm ein Diener einen Brief, deſſen Adreſſe von unbe⸗ 14² kannter Hand war. Der Brief kam von Camilla und lautete alſo!. „O mein theurer Vater, ich kann reden, zwar nicht mit meinem Munde, doch aber mit meiner Hand. Meine armen Lippen ſind noch immer geſchloſſen und dennoch kann ich ſprechen. Mein Gemahl hat mich durch die nämliche Perſon, die ihn erzogen, unterrich⸗ ten laſſen, daß ich Ihnen ſchreiben kann. Ich hatte aber viele Mühe, die Sache zu verſtehen. Zuerſt brachte er mir die Fähigkeit bei, mit den Fingern zu ſprechen, hierauf lernte man mich geſchriebene Zeichen verſtehen. Es gibt deren von allen Arten, welche Furcht, Zorn, kurz Alles ausdrücken. Man braucht aber lange, um das Alles kennen zu lernen, und noch länger, es in Worte zu überſetzen, weil die Figuren nicht immer die näm⸗ liche Sache bezeichnen, aber am Ende kommt man voch zurecht, wie Sie ſehen. Der Abbé de l' Epée iſt ein außerordentlich guter und ſanfter Mann.— Ich habe ein Kind, welches ſehr ſchön iſt, allein ich wagte nicht, Ihnen davon zu ſprechen, bevor ich wußte, ob es wie wir ſei. Indeſſen konnte ich doch dem Vergnü⸗ gen, Ihnen zu ſchreiben, nicht widerſtehen, obgleich wir noch ſehr in Verlegenheit ſind, denn Sie können ſich leicht vorſtellen, wie unruhig es uns macht, zu erfahren, ob es nicht taubſtumm, beſonders da wir es nicht zu hören im Stande. Die Wärterin kann es zwar hören, allein wir befürchten, ſie möchte ſich täu⸗ ſchen, und ſo harren wir denn mit großer Ungeduld, bis wir es die Lippen öffnen und ſo bewegen ſehen werden, als ob es ſpräche. Ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen, daß wir Aerzte darüber zu Rathe gezo⸗ gen, ob es möglich ſei, daß das Kind von zwei ſo unglücklichen Perſonen, wie wir ſind, nicht ebenfalls ſtumm ſein müſſe, und ſie haben uns geſagt, das ſei allerdings möglich, aber wir wagen es nicht zu glau⸗ ben. Stellen Sie ſich demnach vor, mit welcher Ban⸗ gigkeit wir das arme Kind ſeit lange beobachten und 1 ₰ ——. ——— —— „ 1 u—G* —uAn-nAEͤnAN —8A nͤaA 8— +⏑ N A 14³ wir uns abängſtigen, wenn es ſeine kleinen Lippen öffnet, ohne daß wir es ſchreien hören. Seien Sie verſichert, lieber Vater, daß ich treulich meiner Mut⸗ ter gedenke, denn ſie mußte ſich einſt auch ſo um mich beunruhigen, wie ich mich jetzt um mein Kind beun⸗ ruhige. Sie haben ſie wohl recht ſehr geliebt, wie ich jetzt mein Kind liebe, ich aber war für Sie nur ein Gegenſtand des Kummers. Jetzt, da ich leſen und ſchreiben kann, ſehe ich wohl ein, was meine Mutter leiden mußte.— Wenn Sie mir recht gut find, lieber Vater, ſo kommen Sie zu uns nach Paris. Es würde dieß ein Grund zur Freude und Dankbarkeit ſein für Ihre ehrerbietige Tochter Camilla.“ Nachdem der Chevalier dieſen Brief geleſen, war er lange unſchlüſfig. Er hatte Anfangs kaum ſeinen Augen trauen und glauben können, daß es wirklich Camilla ſei, welche ihm geſchrieben, allein er konnte an der Wahrheit fürder nicht mehr zweifeln. Was ſollte er thun? Wenn er dem Wunſch ſeiner Tochter nach⸗ gab und wirklich nach Paris ging, ſo ſetzte er ſich der Gefahr aus, zu ſeinen alten Schmerzen noch einen neuen zu fügen. Ein Kind, das er zwar nicht kannte, das aber deſſenungeachtet der Sohn ſeiner Tochter war, konnte alle Schmerzen der Vergangenheit wieder in ihm erneuern. Camilla mußte ihm Cäcilie zurück⸗ rufen, und zugleich konnte er nicht umhin, die Unruhe der jungen Mutter, welche auf ein Wort ihres Kin⸗ des harrte, zu theilen. „Man muß hingehen,“ meinte Onkel Giraud, als ihn der Chevalier um Rath fragte.„Ich bin es, der dieſe Verbindung zu Stande gehracht, und ich halte ſie für gut und dauernd. Wollen Sie Ihr eigenes Blut verläugnen? Iſt es, ohne Vorwurf geſagt, nicht genug, daß Sie Ihre Frau auf jenem Ball verließen, ſo daß ſie dann in's Waſſer fiel? Wollen Sie nun auch die Kleine verlaſſen? Bedenken Sie doch, wie traurig ſie das machen muß. Sie bittet Sie, zu ihr zu kom⸗ 144 men: wir wollen ihren Wunſch erfüllen. Ich gehe mit Ihnen und es verdrießt mich nur, daß ſie mich nicht auch eingeladen. Es iſt nicht recht von ihr, daß ſie nicht bei mir angeklopft, bei mir, deſſen Thüre ihr immer offen ſtand.“ „Er hat Recht,“ dachte der Chevalier.„Ich habe meiner Frau unnützen und grauſamen Kummer berei⸗ tet, habe ſie einen ſchrecklichen Tod ſterben laſſen, vor welchem ich ſie wohl hätte bewahren können. Wenn ich jetzt durch den Anblick des Unglücks meiner Toch⸗ ter dafür beſtraft werden ſoll, darf ich mich nicht be⸗ klagen, und wie qualvoll mir dieſer Anblick auch immer ſein mag, ich muß mich ihm unterziehen. Dieß iſt meine Strafe. Durch die Tochter werde ich dafür beſtraft, daß ich die Mutter verließ. Ich will nach Paris gehen, will meinen Enkel ſehen. Ich verließ, was ich liebte, und hielt mich von meinem Unglück ent⸗ fernt; jetzt aber will ich ein bitteres Vergnügen darin ſuchen, es in's Auge zu faſſen.“— In einem hübſch getäfelten Boudoir im Halbge⸗ ſchoß eines ſchönen Hotels in Faubourg Saint⸗Ger⸗ main ſaß das junge Ehepaar beiſammen, als Vater und Onkel ankamen. Auf einem Tiſche lagen Zeich⸗ nungen, Bücher, Kupferſtiche. Der Mann las, die Fran ſtickte, ihr Kind ſpielte auf dem Teppich am Boden. Der Marquis erhob ſich, Camilla lief auf ihren Vater zu, der ſie zärtlich umarmte und ſeine Thränen nicht zurückhalten konnte. Aber ſogleich richteten ſich ſeine Blicke auf das Kind und unwillkürlich bemächtigte ſich der Schrecken, den ihm früher die Stummheit Ca⸗ milla's eingeflößt, ſeines Herzens bei dem Anblick eines Weſens, das den Fluch erben ſollte, den er ihm ver⸗ machte. Er ſchrack davor zurück, als man es ihm überreichen wollte, und rief aus: „Noch ein Taubſtummer:“. Camilla nahm ihren Sohn in ihre Arme; ſie hatte —— & nS — 145 ihren Vater verſtanden, ohne ihn zu hören. Ihren Knaben ſanft zu dem Chevalier emporhaltend, legte ſie ihm den Finger auf die kleinen Lippen und be⸗ wegte ſie ein wenig, wie um ihn zum Sprechen ein⸗ zuladen. Das Kind ließ ſich einige Minuten bitten, dann aber ſprach es deutlich die zwei Worte, welche ihm die Mutter hatte beibringen laſſen: „Guten Tag, Papa!⸗ „Sehen Sie nun, daß Gott Alles und immer ver⸗ zeiht?“" ſagte der Onkel Giraud. † Javottes Geheimniſſe. Novelle von Alfred de Muſſet. Deutſch von Dr. Scherr. —— Erſtes Kapitel. Letzten Herbſt, gegen acht Uhr des Abends, ritten zwei von der Jagd zurückkehrende junge Leute die Straße von Striſy in einiger Entfernung von Lu⸗ zarches. Ihnen folgte ein Jägerburſche, welcher die Hunde führte. Die Sonne ging unter und vergoldete in der Ferne den ſchönen Wald von Kuvenelle, wo ehemals der verſtorbene Herzog von Bourbon ſo gern gejagt. Während der jüngere der beiden Reiter, von ungefähr fündundzwanzig Jahren, luſtig auf ſeinem Pferde ſaß und über Hecken ſetzte, ſchien der andere zerſtreut und beſchäftigt. Bald ſtreichelte er ſein Pferd und ſchlug es mit Ungeduld, bald hielt er ploͤtzlich ſtille und blieb im Schritt zurück, wie in Gedanken vertieft. Kaum beantwortete er die fröhlichen Reden ſeines Gefährten, welcher anderſeits ihn wegen ſei⸗ nes Stillſchweigens neckte. Mit einem Wort, er ſchien dieſer bizarren Träumereien hingegeben zu ſein, 147 welche den Gelehrten und Verliebten eigen iſt, die ſelten da find, wo ſie zu ſein ſcheinen. Bei einem Kreuzweg angekommen, ſtieg er vom Pferde und an den Rand eines Grabens gehend, las er einen kleinen Weidenaſt auf, welcher ziemlich tief in den Sand ge⸗ ſteckt war, löste ein Blatt von dieſem Zweige ab und ſteckte dasſelbe ſchleunig, ohne daß es bemerkt wurde, an ſeine Bruſt, dann ſtieg er wieder zu Pferde. „Peter,“ ſagte er zum Jägerburſchen,„nimm das Leitſeil und geh durch das Dorf nach Clignet; mein Bruder und ich, wir werden durch das Kaninch en⸗ gehäge heimkehren, denn ich ſehe, daß Gitana heute nicht ſanft iſt; ſie könnte mir einen tollen Streich machen, wenn wir in dem Hohlwege etwa einer zum Pachthofe zurückkehrenden Viehheerde begegnen ſollten.⸗ Der Burſche gehorchte und ſchlug mit ſeinen Hun⸗ den einen in die Felſen gehauenen Fußweg ein. Da Armand von Berville(ſo nannte ſich der jüngere der beiden Brüder) dieß ſah, verſetzte er mit großem Gelächter: „Was tauſend, mein lieber Triſtan, Du biſt die⸗ ſen Abend von bewunderungswürdiger Klugheit. Du fürchteſt Dich wohl, Gitana werde von einem Hammel verzehrt? Aber ungeachtet deſſen wette ich, daß trotz all Deiner Vorſichtsmaaßregeln dieß arme, ſonſt ſo ruhige Thier innerhalb einer halben Stunde Dir einen übeln Streich ſpielen wird.“ „Warum das?“ fragte Triſtan mit kurzem und beinahe gereiztem Tone. „Darum wahrſcheinlich,“ antwortete Armand, in⸗ dem er ſich ſeinem Bruder näherte,„weil wir bei dem Eingang von Renonval vorbeikommen werden und Deine Stute dem Herumtummeln unterworfen iſt, wenn ſie das Gitter ſieht. Glücklicherweiſe,“ fügte er hinzu, indem er noch ſchöner lachte,„daß Frau von Vernage hier iſt und Du bei ihr Dein Couvert 1⁴⁸ rdee finden wirſt, wenn Gitana Dir ein Bein richt.“ „Du böſe Zunge,“ ſagte Triſtan, indem er ſeinerſeits ein wenig wider Willen lächelte,„wer wird Dich doch von Deinen boshaften Scherzen entwöhnen können?“⸗ „Ich ſcherze gar nicht,“ erwiderte Armand,„was iſt denn Böſes hierin? Sie hat Geiſt, dieſe Mar⸗ quiſe, ſie liebt beränderte Kleider, das gehört zu ihrem Alter. Haſt Du nicht die Ehre, im Dienſte des Kö⸗ nigs beim Regiment der ſchwarzen Huſaren zu ſein? Wenn anderſeits ſie die Jagd auch liebt und wenn ſie findet, daß an der Sonne Dein Horn auf Deiner rothen Weſte guten Effekt macht, iſt das eine Tod⸗ ſünde?, „Höre, Unbeſonnener,“ ſagte Triſtan,„gleichviel, daß Du, wenn es Dir gefällt, unter uns ſo ſcherzeſt, aber bedenke ernſtlich, was Du ſagſt, wenn ein drit⸗ ter da iſt, es zu hören. Frau von Vernage iſt die Freundin unſerer Mutter, ihr Haus iſt eine der ein⸗ zigen Hilfsquellen, die wir hier bei dieſem einförmi⸗ gen Leben haben, welches Dich ergotzt, Dich, Du dvokat ohne Prozeß, mich aber tödten würde, wenn ich es lange führen müßte. Die Marquiſe iſt faſt die einzige Frau unter unſeren ſeltenen Bekanntſchaften.“ „Die angenehmſte,“ fügte Armand bei. „Wie Du willſt. Du ſelbſt, Du gehſt nicht un⸗ gern nach Renonval, wenn man uns einladet. Das wäre kein Zug von Verſtand unſererſeits, uns mit dieſen Leuten zu entzweien, und das werden zuletzt Deine Reden thun, wenn Du fortfährſt, auf's Ge⸗ rathewohl zu ſchwatzen. Du weißt ſehr gut, daß ich nicht mehr als ein anderer die Abſicht habe, der Frau von Vernage zu gefallen.“ „Gib Acht auf Gitana,“ ſchrie Armand.„Sieh, wie ſie die Ohren ſpitzt; ich ſage Dir, ſie riecht die Marquiſe eine Stunde weit.“ „Ruhe mit Deinen Scherzen. Behalte, was ich 1——,— AàA A8½ u=* 1⁴⁵ Dir anempfehle und ſuche ernſtlich darüber nachzu⸗ enken. „Ich denke,“ ſagte Armand,„und ſehr ernſthaft, daß die Marquiſe ſich gut macht in glatten Aermeln und daß das Schwarze ihr vorzüglich ſteht.“ „Auf welche Veranlaſſung dieß.“ „Bei Anlaß der Aermel. Glaubſt Du, man ſehe nicht in dieſer Welt? Habe ich Dich nicht letzthin bei dem Plaudern im Schiffe ganz deutlich ſagen hören, daß das Schwarze Deine Farbe wäre und hat dieſe gute Marquiſe auf ſolche Anweiſung hin, nicht die Güte gehabt, bei der Rückkunft in ihr Zimmer hinauf zu gehen und ganz galant in der ſchwärzeſten all ihrer Roben wieder hinab zu Jpmment „Was iſt da Beſonderes? es nicht ganz ein⸗ fach, zum Mittageſſen Toilette zu ändern?“ „Gib Acht auf Gitana, ſage ich Dir; ſie wäre fähig davon zu gehen, und Dich ganz geradezu gegen Deinen Willen in den Pferdeſtall von Renonval zu führen. Und noch bei dem Feſte der letzten Woche, hat nicht dieſe gleiche, immer ſchwarz gekleidete Mar⸗ quiſe es natürlich gefunden, mich mit meinem Hund und dem Herrn Pfarrer in die große Kaleſche zu wei⸗ ſen, um, mit Gefahr ein Bein zu brechen, in Deinen Tilbury zu klettern?“ „Was beweist dieß? einer von uns mußte ſich doch dieſer Dienſtleiſtung unterziehen.“ „Ja, aber dieſer Eine, der bin immer ich. Ich beklage mich nicht darüber, ich bin nicht eiferſüchtig, aber ließ ſie ſich nicht erſt geſtern, bei dem Jagd⸗ rendezvous, einfallen, ihre Kutſche zu verlaſſen und mir mein eigenes Pferd zu nehmen, welches ich ihr mit bewunderungswürdiger Uneigennützigkeit überließ, damit ſie in dem Gehölze an der Seite des Herrn Offiziers galoppiren könne? Beklage Dich alſo über mich, ich bin Deine Vorſehung; anſtatt bei Deinem 130 Läugnen zu beharren, wäreſt Du mir, ehrlich geſpro⸗ chen, Dein Vertrauen und Deine Geheimniſſe ſchuldig.“ „Wie willſt Du, daß man Vertrauen zu einem Leichtſinnigen, wie Du biſt, habe, und welche Ge⸗ heimniſſe pul ich Dir ſagen, wenn an Deinen Erzähe lungen nichts Wahres iſt?“ 9 „Gib Acht auf Gitana, mein Bruder.“ „Du machſt mich ungeduldig mit Deinem Schluß⸗ reim. Und wenn es wahr wäre, daß ich das Gelüſte hätte, dieſen Abend einen Beſuch in Renonval zu machen, was wäre das ſo außerordentliches? Be⸗ dürfte ich eines Vorwandes, Dich zu bitten, mit mir dahin zu kommen oder allein nach Hauſe zu kehren?“ „Nein, gewiß nicht; eben ſo wenig wäre es über⸗ raſchend, wenn wir Frau von Vernage am Eingange ſpazierend treffen würden. Der Weg, den Du uns nehmen läßt, iſt viel länger, es iſt wahr; aber was iſt eine Viertelſtunde mehr oder weniger im Vergleich der Ewigkeit? Die Marquiſe muß unſern Hörner⸗ ſchall gehört haben; es wäre ganz billig, daß ſie auf der Straße friſche Luft ſchöpfen würde in Geſellſchaft ihres unausweichlichen Anbeters und Nachbars, Herrn von Bretonniere.“ 1 „Ich geſtehe,“ ſagte Triſtan, froh den Text zu ändern,„daß dieſer Herr von Bretonniere mich gräß⸗ lich langweilt. Scheint es begreiflich, daß eine Frau von ſo viel Geiſt, wie Frau von Vernage, ſich durch einen Dummkopf aufkaufen läßt und überall einen ſolchen Schatten mit ſich ſchleppt?“ „Es iſt gewiß,“ antwortete Armand,„daß die Perſon ſchwerfällig und unverdaulich iſt. Er iſt, um mich eines ſtarken Ausdruckes zu bedienen, ein wah⸗ rer Strohjunker, für den Nachbarſtand erſchaffen und in die Welt geſetzt. Nachbarſchäfteln, das iſt ſein Loos, ja bereits ſeine Wiſſenſchaft, denn er nachbar⸗ ſchäftelt wie es Niemand thut. Niemals habe ich einen Mann geſeben, der ſich, wie er, unter Fremden 82SBSSden an e* S REA ð= 151 behaglicher fühlt, als zu Hauſe. Wenn man bei hr von Vernage ſpeist, ſo iſt er am Ende der Tafel, in der Mitte der Kinder. Er flüſtert mit der Gouver⸗ nante, er gibt dem kleinen Suppe und bemerke wohl, daß das kein gewöhnlicher und klaſſiſcher Schmarotzer iſt, welcher ſich verpflichtet glaubt, zu lachen, wenn die Herrin des Hauſes ein gutes Wort bringt; er wäre viel eher bereit, wenn er dürfte, alles zu tadeln und allem entgegen zu arbeiten; wenn es ſich um eine Landpartie handelt, wird er ſtets finden, daß der Barometer auf veränderlich iſt. Wenn Jemand eine Anekdote anführt oder von einer Merkwürdigkeit ſpricht, ſo hat er etwas viel Beſſeres geſehen; aber er geruht nicht zu ſagen was und begnügt ſich, den Kopf zu ſchütteln mit einer zu beohrfeigenden Beſchei⸗ denheit. Die überläſtige Kreatur! ich weiß in der That nicht, ob es möglich iſt, eine volle Viertelſtunde mit Frau von Vernage zu ſchwatzen, wenn er da iſt, ohne daß ſein unruhiger und abſchreckender Kopf ſich nicht zwiſchen uns ſich zu poſtiren käme. Er iſt ſicher⸗ lich nicht ſchoͤn, er hat auch nicht Geiſt; drei Vier⸗ theile der Zeit ſagt er kein Wort und durch eine be⸗ ſondere Gunſt der Vorſehung findet er Mittel, beim Schweigen noch langweiliger zu ſein, als ein Schwätzer, und das nur durch die Art, mit der er die andern ſprechen ſieht. Aber was geht das ihn an? Er lebt nicht, er wohnt dem Leben bei und ſucht überläſtig zu ſein, die Lebenden zu entmuthigen und ungeduldig zu machen. Mit all dieſem erträgt ihn die Mar⸗ quiſe; ſie hat die Barmherzigkeit, ihn anzuhören, ihn zu ermuthigen; ich glaube meiner Treu, ſie liebt ihn und wird ſich ſeiner nie entledigen.“ „Was verſtehſt Du darunter?“ fragte Triſtan ein wenig beunruhigt durch dieſes lehrer Wort. „Glaubſt Du, daß man eine ſolche Perſon lieben könne?“. „Nicht gerade Liebe,“ erwiderte Armand mit 1⁵² der Miene ſpöttelnder Greichgulttgteit„Endlich iſt doch dieſer arme Menſch auch kein Ungeheuer. Er iſt Junggeſelle und ſtellt ſich ſehr gut, er hat, wie wir, ein kleines Schloß, eine kleine Koppel Jagdhunde und eine große alte Kutſche. Er beſitzt vor allen Andern bei der Marquiſe den unvergleichlichen Vortheil, den eine zehnjährige Gewohnheit und ein tägliches Anlau⸗ fen gibt. Ein Neuangekommener, ein Offizier auf Urlaub, geſtatte mir es Dir ganz leiſe zu ſagen, kann im Vorbeigehen blenden und gefällen, aber der, wel⸗ cher täglich da iſt, beſitzt vierzehn bis fünnfzehn Tau⸗ ſend des Jabres ohne die Induſtrie zu berechnen, wie Bafilius ſagt.“ Während die beiden Brüder ſo ſchwatzten, hatten ſie das Gehölze hinter ſich gelaſſen und traten in die Weinberge. Schon erblickten ſie auf dem Abhange den Kirchthurm des Dorfes Renonval. „Frau von Vernagen, fuhr Armand fort,„hat hundert ſchöne Eigenſchaften, aber ſie iſt eine Kokette; man hält ſie für fromm, ſie hat einen geweihten Ro⸗ ſenkranz an ihrem Büchergeſtell hängend; aber ſie liebt die Galanterien ziemlich. Werde mir nicht böſe, aber ſie iſt, meiner Meinung nach, eine ſchwer zu ergründende und einigermaßen gefährliche Frau.“ „Das iſt möglich,“ ſagte Triſtan. „Und ſogar wahrſcheinlich,, erwiderte ſein Bru⸗ der.„Es iſt mir nicht unangenehm, daß Du denkſt wie ich, und ich werde nun in meiner Reihe Dir gerne ſagen, daß wir ernſtlich mit einander ſprechen wollen. Ich habe ſeit langer Zeit Gelegenheit ſie zu kennen und näher zu ſtudiren. Du kommſt hieher für einige Tage, Du biſt ein junger und ſchöner Burſche, ſie eine ſchöne und geiſtreiche Frau; Du weißt nicht was machen, ſie gefällt Dir, Du erzählſt ihr davon, und ſie läßt Dich ſagen. Ich, die ich ſie den Winter wie den Sommer ſehe, in Paris wie auf dem Lande, ich bin weniger zutraulich und ſie weiß es wohl; ————:::O-ᷓ— AB—õnA—A——— 1⁵5³ darum nimmt ſie mir mein Pferd und läßt mich mit dem Pfarrer unter vier Augen. Ihre großen ſchwar⸗ zen Augen, welche ſie mit einer, oft ſo ſtrengen Be⸗ ſcheidenheit zur Erde ſenkt, wiſſen ſich gegen Dich zu erheben, wenn Ihr im Walde ſeid, ich bin deſſen gewiß und ich muß geſtehen, daß dieſe Frau einen großen Zauber beſitzt. Sie hat, ſo viel mir bekannt, drei oder vier armen jungen Burſchen den Kopf ſo verrückt, daß ſie bereits den Verſtand verloren hätten; aber willſt Du, daß ich meine Gedanken gegen Dich ausſpreche? Ich ſage Dir in Skudery Stil, daß man ziemlich leicht bis zum Vorzimmer ihres Herzens gelangt, aber daß das Zimmer ſelbſt immer verſchloſſen, weil Niemand darin iſt.“ „Wenn Du Dich nicht irren würdeſt,“" ſagte Tri⸗ ſtan,„ſo wäre das ein ziemlich häßlicher Charakter.“⸗ „Ihrer Meinung nach nicht; was hat man ihr vorzuwerfen? Iſt es ihr Fehler, wenn man in ſie verliebt wird? Obwohl ſie kaum über dreißig Jahre zählt, ſo ſagt ſie Jedem, der ſie anhören will, daß ſeit ſie Wittwe iſt, ſie auf die Freuden der Welt ver⸗ zichtet hat, daß ſie in Ruhe auf ihrem Landgut leben, reiten und beten will; ſie gibt Almoſen und geht zur Beichte; nun aber iſt jede Frau, die einen Beichtvater hat, wenn ſie nicht aufrichtig und wahrhaft religiös iſt, die ſchlimmſte Art der Koketten, welche die Civili⸗ ſation erfunden hat. Eine ſolche Frau, ihrer ſelbſt gewiß, noch ſchön, und die gerne mit den kleinen Pri⸗ vilegien ihrer Schönheit ſpielt, weiß ſich ſtets, nicht mit ihrem Gewiſſen, aber mit ihrer nächſten Beichte abzufinden. Im gleichen Augenblicke, wo ſie mit der reizendſten Hingebung den Schmeicheleien, die ſie im Stillen liebt, ihr Ohr zu leihen ſcheint, ſchaut ſie, ob die Spitze ihres Fußes hinreichend unter ihrem Kleide bedeckt ſei, und berechnet den Platz, wo ſie, ohne Sünde, einen Kuß auf ihrem Handſchuh nehmen laſſen darf. Zu was das? wirſt Du ſagen. Wenn der 1³⁴ Glaube ihr mangelt, warum nicht frei weg Kokette ſein? Wenn ſie glaubt, warum ſich der Verſuchung ausſetzen? weil ſie derſelben trotzt und mit ihr ſpielt. Und, in der That, man kann ſie weder aufrichtig, noch eine Heuchlerin nennen; ſie iſt ſo und ſie gefällt; ihre Opfer kommen und verſchwinden. Bretonniere, der Stillſchweigende, wird ſehr wahrſcheinlich bis zu ſei⸗ nem Tode auf der Schwelle des Tempels bleiben, wo dieſe Sphinx mit den großen Augen ihre Orakel verkündigt und den Weihrauch einathmet.“ Triſtan hatte, während ſein Bruder ſprach, das Pferd angehalten. Das Gttter des Schloſſes Renon⸗ val war nur noch ungefähr hundert Schritte entfernt. Vor dieſem Gitter ſpazierte, wie Armand es vorher⸗ geſehen, Frau von Vernage auf dem Grasplatze; aber ſie war, gegen ihre Gewohnheit, allein. Triſtan veränderte plötzlich die Miene.„Höre Armand,“ ſagte er, vich geſtehe Dir, daß ich ſie liebe; Du biſt ein Mann und haſt Herz, Du weißt ſo gut wie ich, daß die Leidenſchaft weder Geſetz noch Rathſchläge kennt. Du biſt nicht der Erſte, der mir ſo von ihr ſpricht; man hat mir all dieſes geſagt, aber ich kann Nichts davon glauben. Dieſe Frau hat mich unterjocht; ſie iſt ſo resſend, ſo liebenswürdig, ſo verführeriſch, wenn ſie wi ⸗.,44„ „Ich weiß es ſehr wohl,“ ſagte Armand. „Nein,“ rief Triſtan, vich kann nicht glauben, daß mit ſo viel Anmuth, Sanftmuth, Frömmigkeit, denn ſie gibt ja Almoſen, wie Du ſagſt und erfüllt ihre Pflichten, ich will nicht glauben, daß mit allem Anſchein von Freimüthigkeit und Güte, ſie ſo ſein kann, wie Du Dir ſie vorſtellſt. Aber gleichviel: ich ſuchte einen Grund Dich auf der Straße zu laſſen und allein zu bleiben; ich will lieber Deinem Wort vertrauen. Ich gehe nach Renonval, kehre Du nach Clignets zurück. Wenn unſre gute Mutter unruhig würde, mich nicht bei Dir zu ſehen, ſo ſage ihr, daß —„————„.—— ——— Aà 86 ⁴GUG—d—Mℳ — 4 — 1⁵⁵⁸ ich den Jagdzug verloren, daß mein Pferd krank iſt, oder was Du willſt. Ich will nur einen kleinen Beſuch machen, und werde auf der Stelle zurück⸗ kommen.“ „Warum dieſes Geheimniß, wenn es ſo iſt?„ „Weil die Marquiſe ſelbſt anerkennt, daß dieß das Klügſte iſt. Die Leute auf dem Lande ſind ge⸗ ſchwätzig, dumm und überluſtig wie drei kleine Städte zuſammen. Behalte mein Geheimniß, auf Wiederſehen dieſen Abend.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ritt Triſtan im Galopp weg. Da Armand allein geblieben, veränderte er den Weg und ſchlug eine Seitenſtraße ein, die ihn ſchneller nach Hauſe führte. Man wird wohl denken, daß er nicht ohne Mißvergnügen und eine Art Furcht ſeinen Bruder ſich entfernen ſah. An Jahren jung, aber durch eine frühzeitige Welterfahrung gereift, hatte der junge Armand von Berville, mit einem anſcheinend oft leichten Gemüthe viel Verſtand und Geiſt. Wäh⸗ rend Triſtan als ausgezeichneter Offizier bei der Armee in Algier die Wechſel des Kriegs durchgemacht und ſich mitunter den gefährlichen Ausſchweifungen einer lebhaften und leidenſchaftlichen Einbildungskraft hin⸗ egeben, blieb Armand bei Hauſe und leiſtete ſeiner utter Geſellſchaft. Triſtan neckte ihn oft ſeiner ſitzenden Lebensweiſe wegen und nannte ihn den Herrn Abt, indem er behauptete, daß ohne die Revolution, er in der Eigenſchaft des Jüngern die Tonſur getra⸗ gen hätte; aber das machte ihn nicht böſe:„Behalte Du den Titel,“ ſagte er,„aber gib mir die Einkünfte.“ Die Baronin von Berville, ihre Mutter, welche ſeit langem Wittwe war, bewohnte im Winter Marais und in der ſchönen Jahreszeit Clignets. Ihr Haus war nicht reich genug, eine große Equipage zu halten; aber da die jungen Leute die Jagd liebten und die Baronin ihre Kinder anbetete, ließ man foxhounds aus England kommen, und einige Nachbaren waren 1³⁵⁶G dieſem Beiſpiel gefolgt; dieſen kleinen Koppel vereinigt, machten, daß man artige Jagden in den Gehölzen, welche den Wald Lavenelle umgaben, abhalten konnte. So hatten ſich den zwiſchen den Bewohnern von Clig⸗ nets und den zweien oder dreien Schlöſſer der Umge⸗ gend ſchnell freundſchaftliche und bereits vertraute Beziehungen geknüpft. Frau von Vernage, wie man ſo eben geſehen, war die Königin des Kreiſes. Von dem Herrn von Frambonville und dem Magiſtraten von Beauvais, bis zu dem, ein wenig im Rückſtand bleibenden Eleganten von Luzarches huldigte Alles der ſchönen Marquiſe, ſogar der Pfarrer von Striſy. Renonval war das Rendezvous der anſehnlichſten Per⸗ ſonen im Umkreiſe von Pontoiſe. Alle kamen überein, wie Triſtan, die Anmuth und Güte der Schloßfrau zu rühmen. Niemand widerſtand der oberherrlichen Gewalt, die ſie, wie man ſagt, auf die Herzen aus⸗ übte; und darum war gerade Armand böſe, daß ſein Bruder nicht mit ihm zum Nachteſſen zurückgekehrt. Es war nicht ſchwer einen Vorwand zu finden, dieſe Abweſenheit zu rechtfertigen, und der Baronin bei der Heimkunft zu ſagen, daß ſich Triſtan bei einem Pächter aufgehalten habe, mit welchem er wegen einem Stück Landes im Handel ſtehe. Frau von Beroille, welche erſt um neun Uhr ſpeiste, wenn ihre Söhne auf die Jagd gingen, wollte, um die Mahlzeit in der Familie einzunehmen, warten bis ihr Aelteſter zurück⸗ gekehrt wäre, ehe ſie ſich zu Tiſche ſetzte. Armand, der faſt vor Hunger und Durſt umkam, wie jeder Jäger, der ſeinem Handwerk obgelegen iſt, ſchien nur mittelmäßig zufrieden mit dem Verzug, den man ihm auferlegte. Vielleicht fürchtete er bei ſich ſelbſt, daß der Beſuch in Renonval länger als geſagt woroen war, andauern könnte; wie dem auch ſei, er nahm, um ſich mit Geduld zu ſtärken, zuerſt Etwas auf Rechnung des Mittagseſſens, dann ging er ſeine Hunde zu beſuchen und als Herr einen Blick in den Pferdeſtall &— Seͤ=s e — ☛△- 1³⁷ zu werfen, nachher kam er zurück, um ſich, ſchon halb ſchlafend, durch die Ermüdung des Tages auf ein Canapee auszuſtrecken. Die Nacht war eingebrochen und das Wetter ſtürmiſch geworden. Frau von Berville, welche wie gewöhnlich an ihrer Stickrahme ſaß, betrachtete die Wanduhr, dann das Fenſter, wo der Regen rieſelte. Eine halbe Stunde verfloß langſam und bald kam die Unruhe. „Was macht doch Dein Bruder?“ ſagte die Ba⸗ ronin; nes iſt unmöglich, daß er zu dieſer Stunde und bei einem ſolchen Wetter ſich ſo lange auf der Straße aufhalte; es muß ihm ein Unfall begegnet ſein, ich will ihm entgegenſchicken.“ „Das iſt unnöthig,, antwortete Armand,„ich ſchwöre Ihnen, daß er ſich ſo wohl befindet, wie wir, und vielleicht beſſer, denn, da er dieſen Regen ſah, ließ er ſich ohne Zweifel in einer Schenke von Striſp das Nachteſſen reichen, während wir ihn hier erwarten.“ Das Gewitter verdoppelte ſich, die Zeit ging vorüber; des Streitens müde trug man das Eſſen auf; aber es war traurig und ſtille. Armand machte ſich den Vorwurf, ſeiner Mutter in einer ſo grauſa⸗ men, und wie ihm ſchien, unnützen Ungewißheit zu laſſen; aber er hatte ſein Wort gegeben; Frau von Berville ihrerſeits bemerkte in der Miene ihres Soh⸗ nes die Unruhe, die ihn bewegte, wohl. Sie errieth zwar deren Urſache nicht; aber nichts deſto weniger entging ihr die Wirkung. An alle Zärtlichkeit und ſogar an das Vertrauen Armands gewöhnt, fühlte ſie, daß wenn er Stillſchweigen beobachte, er dazu genö⸗ thigt ſei. Aus welchem Grunde? Sie wußte es nicht, aber ſie ehrte dieſe Zurückhaltung, obwohl ſie ſich nicht verhindern konnte, darunter zu leiden. Ihre Hände zitterten wider Willen, wegen der Anſtrengung ruhig zu ſcheinen. So wie die Zeit verſtrich, fühlte Armand 1⁵8 immer weniger Muth, ſein Verſprechen zu halten. Nach beendigtem Eſſen wagte er nicht aufzuſtehen; Mutter und Sohn blieben lange allein, auf den abge⸗ deckten Tiſch geſtützt, und einander verſtehend ohne die Lippen zu öffnen. Gegen elf Uhr, als die Kam⸗ merfrau der Baronin die Wachskerzen gebracht hatte, wünſchte Frau von Berville ihrem Sohn eine gute Nacht und zog ſich in ihr Zimmer zurück um ihre gewöhnlichen Gebete zu verrichten.„Was macht er in der That, dieſer leichtfinnige Knabe?“ ſprach Armand zu ſich, als er ſich ſeines Jagdgeräths ent⸗ ledigte um zu Bette zu gehen.„Nichts beſonders Beunruhigendes, das iſt wahrſcheinlich. Er macht verliebte Augen an Frau von Vernage, und erduldet das drückende Stillſchweigen des Bretonniere. Iſt das aber gewiß? Es dünkt mich, daß zu dieſer Stunde Bretonniere in ſeiner Kutſche und auf der Straße ſein muß, um ſchlafen zu gehen. Es iſt wahr, daß Triſtan vielleicht auch unterwegs iſt; jedoch zweifle ich daran; der Weg iſt nicht gut, und es regnet wohl ſtark um zu reiten. Anderſeits hat es in Renonval vortreffliche Betten und eine ſo höfliche Marquiſe kann gewiß einem durch das Gewitter überraſchten Kapitain ein Obdach bieten. Es iſt, Alles wohl betrachtet, wahr⸗ ſcheinlich, daß Triſtan erſt morgen zurückkehren wird, Das iſt eigentlich aus zwei Urſachen: erſtens beun⸗ ruhigt es unſre Mutter, und dann ſind dieſe, bei einer Nachbarin gefundenen Zufluchtsörter immer eine ge⸗ fährliche Sache; es gibt nichts Rathloſeres als eine unter dem Dacht einer artigen Frau zugebrachte Nacht, und man ſchläft nie gut bei den Leuten, von welchen man träumt. Ja öfters ſchläft man gar nicht. Was ſoll aus Triſtan werden, wenn er ſich ganz von dieſer Kokette einnehmen läßt? Er hat wohl Herz für Zwei, aber deſto ſchlimmer. Sie wird es leicht finden, mit ihm zu ſpielen, und zu leicht vielleicht, das iſt meine Hoffnung. Sie wird verſchmähen, an einem ſo loyalen „ ò Ee———,— — ☛ SA —-ꝙä-+G——8 W2= 888 1⁵9 Charakter fälſchlich zu handeln. Ader nach all dieſem,⸗ ſagte Armand zu ſich, indem er ſeine Wachskerze aus⸗ blies,„mag er zurückkommen, wenn er will, er iſt ſchön und tapfer. Er hat ſich in Konſtantine aus der Sache gezogen, er wird es auch in Renonval.“ Schon lange ruhte das ganze Haus und tiefe Stille herrſchte über der Lundſchaft, als Pferdegetrap⸗ pel ſich auf der Straße hören ließ. Es war zwei Uhr Morgens, eine gebieteriſche Stimme befahl aufzuma⸗ chen, und während der Stalliunge ſchwerfällig eine Eiſenſtange nach der andern, welche das große Thor zuhielten, aufhob, fingen die Hunde, nach ihrer Gewohn⸗ heit, ein lautes Geheul an. Armand, welcher ſo recht von ganzem Herzen geſchlafen und plötzlich aufgeweckt worden war, ſah vor ſich ſeinen Bruder, eine Fackel heltend und in einen von Regen triefenden Mantel gehüllt.. „Du kommſt zu dieſer Stunde heim?“ ſagte er; nes iſt ſehr ſpät oder vielmehr Morgen.“⸗ Triſtan näherte ſich ihm, drückte ihm die Hand und ſagte mit einem vor Zorn faſt wüthenden Aus⸗ druck:„Du hatteſt Recht, das iſt die ärgſte der Frauen, und ich werde ſie in meinem Leben nicht wieder ſehen.“⸗ Rach dieſem ging er ſtürmiſch hinaus. ———— Zweites Kapitel. Aller Fragen, aller dringenden Bitten ungeachtet, die Armand verſchwendete, wollte Triſtan ſeinem Bru⸗ der keine Erklärung der ſonderbaren Worte geben, die er bei ſeiner Nachhauſekunft ausgeſprochen. Den kom⸗ menden Tag kündigte er ſeiner Mutter an, daß ſeine Geſchäfte ihn zwängen, für einige Tage nach Paris zu gehen und demzufolge gab er ſeine Befehle, denn — —— 160 er hatte die Abſicht, noch am gleichen Abend dahin abzureiſen.. —„Man muß geſtehen,“ ſagte Armand,„daß Du mit mir auf eine etwas freimüthige Weiſe handelſt. Du machſt mir zur Hälfte ein Geſtändniß und den andern Tag gehſt Du mit dem Reſt Deines Geheim⸗ niſſes fort. Was ſoll ich von dieſer unvorhergeſehenen Abreiſe denken?“ „Was Dir gefällt,“ antwortete Triſtan mit einer ſo ruhigen Gleichgültigkeit, daß ſie nichts Entlehntes zu haben ſchien;„Du wirſt nur Mühe damit verlieren. Ich hatte, es iſt wahr, einen Anfall von Zorn wegen einer Kleinigkeit, einen Streit aus Eigenliebe, eine Schalkerei, wie Du es nennen willſt. Bretonniere hat mich gelangweilt; die Marquiſe war übler Laune; das Gewitter war mir hinderlich: ich bin zurückgekom⸗ men, ich weiß nicht warum, und ich habe zu Dir ge⸗ ſprochen, ohne zu wiſſen, was ich ſagte. Ich will gern geſtehen, wenn Du es willſt, daß etwas Kälte zwiſchen mir und der Marquiſe obwaltet, aber bei der erſten Gelegenheit wirſt Du uns wieder als Freunde ſehen, wie zuvor.“ „Alles dieß iſt ſchön und gut,“ erwiderte Armand; „aber Du ſprachſt geſtern nicht in Räthſeln, als Du mir ſagteſt: Das iſt die ärgſte der Frauen. Das kommt nicht nur von übler Laune her; es iſt Dir etwas begeg⸗ net, das Du mir verbirgſt.“ „Und was ſollte mir denn begegnet ſein?“ fragte Triſtan. Bei dieſer Frage ſenkte Armand den Kopf und blieb ſtumm, denn unter ſolchen Umſtänden, ſobald ſein Bruder ſchwieg, konnte jede, ſogar ſcherzweiſe ge⸗ ſprochene Vermuthung leicht verwundend ſein. Gegen die Mitte des Tages fuhr eine offene Kaleſche in den Hof von Clignets. Ein kleiner Mann von ziemlich übler Geſtalt, mit linkiſchem und im Sonntagsſtaat ſcheinenden Ausſehen ſtieg alſobald aus dem Wagen, ließ ſelbſt den Fußtritt nieder, und bot 161 einer großen, ſchönen, einfach, aber mit Geſchmack gekleideten Frau die Hand. Es war Frau von Ver⸗ nage und Bretonniere, welche der Baroneſſe einen Beſuch zu machen kamen. Wahrend ſie die Außentreppe, wo Frau von Beroille ſie zu empfangen kam, hinauf⸗ ſtiegen, beobachtete Armand das Geſicht ſeines Bru⸗ ſders mit etwas Ueberraſchung und vieler Aufmerk⸗ ſamkeit. Aber Triſtan betrachtete ihn lächelnd, wie um ihm zu ſagen:„Du ſiehſt wohl, daß da nichts Neues iſt.“ 1 Bei der gefälligen Wendung, die die Unterhaltung nahm, bei den kalten, aber zwangloſen Hoflichkeiten, welche Triſtan und die Marquiſe wechſelten, ſchien es in der Tyat nicht, als ob am Abend vorher etwas Außer⸗ „ordentliches zwiſchen ihnen vorgefallen wäre. Die Marquiſe brachte der Frau von Beroille, welche die Vögel liebte, ein Neſt mit Rothkeichen; Bretonniere hatte es in ſeinem Hut. Man ging in den Garten und beſah das Vogetyaus. Bretonniere, wohl ver⸗ ſtanden, gab der Baron ſſe den Arm; die beiden jungen Leute blieden bei Frau von Vernage. Sie ſchien hei⸗ terer als gewohnlich; ſie ging auf den Zufau hin von einer Seite zur andern, ohne die Galeſche d.r Baronin zu beobachten, indem ſie ſich unterwegs einen Strauß and: „Nun, meine Herren,“ ſagte ſie,„wann werden wir jagen?“ Armand erwartete dieſe Frage, um Triſtan ſeine Abreiſe ankundigen zu horen. Er that es wirflich mit dem ruhigſten Ton, aber zu gleicher Zeit heitete er auf die Marquie einen durchdringenden, faſt ha ten und beleidigenden Blick. Sie ſchien nicht Acht darauf zu geben, und fragte ihn nicht einmal, wann er zunuck zu kommen gedenke. „In dieſem Falle,“ erwiderte ſie,„werden Sie Oerr Armand, der einzige Repraſentant der Berville ſeein, die wir in Renouval ſehen, denn ich ſetze voraus, Tutti Frutti. I. 11 16² daß Sie kommen werden. Bretonniere ſagt, daß er mit der Brille meines Aufſehers eine Art Wildſchwein entdeckt hat, denen der Bart kommt, wie den Vögeln die Federn.“ „Keineswegs,“ ſagte Bretonniere,„es iſt eine Art chineſiſcher Mutterſchweine, von ſchwarzer Farbe, tonkin genannt. Wenn dieſe Thiere den Viehhof erlaſſen und ſich gewöhnen, in den Wäldern zu eben———“ „Ja,“ ſagte die Marquiſe,„ſo werden ſie wild, und vor lauter Eichelnfreſſen ſtoßen die Hauerzähne am Ende der Schnauze hervor.“ „Das iſt eine ganze Wahrheit,“ antwortete Bre⸗ tonniere,„zwar iſt es weder bei der erſten, noch bei der zweiten Generation wahr; aber es iſt genug, daß die Sache exiſtirt,“ fügte er mit befriedigter Miene nzu. „Ohne Zweifel,“ erwiderte Frau von Vernage, „und wenn ein Mann ſich einfallen ließe, es zu machen, wie die Damen tonkines, und ſich in einem Wald einzuquartiren, ſo ginge daraus hervor, daß ſeine Enkel Hörner auf dem Kopfe hätten. Und dieß beweiſt,“ fuhr ſie fort, indem ſie mit ihrem Strauße auf Triſtans Hand ſchlug,„daß man ſehr Unrecht hat, den Wilden zu machen: das gelingt Niemandem.“ „Das iſt wieder wahr, ſagte Bretonniere;„die Wildheit iſt ein großer Fehler.“ „Die iſt jedoch beſſer,“ antwortete Triſtan,„als eine Art Bedientenſtand.“ Bretonniere machte große Augen, indem er nicht ganz wußte, ob er böſe werden ſollte. „„Ja,“ ſagte Frau von Berville zu der Marquiſe, „Sie haben Recht. Schelten Sie mir dieſen böſen Jungen, der immer auf weiten Wegen iſt, und uns noch dieſen Abend verlaſſen will, um nach Paris zu gehen. Verbieten Sie ihm doch, abzureiſen.“ Frau von Vernage, welche ſo eben kein Wort G0 seeoSSn &SAEASE&SESSSDSOSogR R& R&ᷣ ac — 163 geſagt hatte, um zu verſuchen, Triſtan zurück⸗ zuhalten, legte nun, da ſie ſich gebeten ſah, es zu thun, die ganze Eindringlichkeit und Anmuth darein, deren ſie fähig war. Sie nahm ihren ſüßeſten Blick und ihr holdeſtes Lächeln an, um Triſtan zu ſagen, daß er ſcherze, daß er keine Geſchäfte in Paris habe, daß die Merkwürdigkeit einer tonkin⸗Jagd den Sieg über die ganze Welt davon tragen müſſe, daß ſie ihn endlich offiziell bitte, den nächſten Morgen zum Früh⸗ ſtück nach Renonval zu kommen. Triſtan antwortete auf jedes dieſer Complinente durch eines dieſer kleinen unbebeutenden Zeichen, welches Leute, die nichts zu ſagen wiſſen, erfunden haben; es war klar, daß ſeine Geduld auf eine grauſame Probe geſetzt war. Frau von Vernage erwartete den Abſchlag nicht, den ſie vorausſah, und ſobald ſie zu ſprechen aufgehört hatte, wandte ſie ſich um, und beſchäftigte ſich mit etwas anderm, ganz wie wenn ſie ein Theaterſtück wiederholt hätte und ihre Rolle beendigt geweſen wäre. „Was bedeutet dieß alles?“ ſagte Armand immer zu ſich.„Welcher von ihnen will eigentlich dem andern eins werden laſſen? iſt es mein Bruder? iſt's Bre⸗ tonniere? Was kommt die Marquiſe hier zu thun?“ Die Art des Benehmens der Frau von Vernage war in der That ſchwer zu verſtehen. Bald bewies ſie eine markirte Kälte und Gleichgültigkeit gegen Triſtan; bald ſchien ſie ihn mit mehr Vertraulichkeit und Coketterie als gewöhnlich zu behandeln.„Brechen Sie mir doch dieſen Zweig hier,“ ſagte ſie zu ihm; „ſuchen Sie mir Maiblümchen. Ich habe dieſen Abend Leute, ich will ganz in Blumen ſein; ich gedenke einen botaniſchen Rock anzuziehen und einen Garten auf dem Kopfe zu haben.“ Triſtan gehorchte: er mußte wohl. Die Marquiſe hatte bald einen Bund Blumen, aber keine geſiel ihr. —„Sie ſind kein Kenner,“ ſagte ſie,„Sie ſind ein ſchlechter Gärtner, Sie brechen alles 455 und glauben 164 wohl daran zu thun, weil Sie ſich in die Finger ſtechen; aber das iſt es nicht, Sie wiſſen nicht zu wählen.“ Indem ſie ſo ſprach, entblätterte ſie die Zweige, dann ließ ſie dieſelben zur Erde fallen und ſtieß ſie vorwärtsgehend mit jener ſorgloſen Verachtung, die oft auf die unſchuldigſte Weiſe der Welt ſo weh thut, mit dem Fuße weg. In der Mitte des Parks war ein kleiner Fluß mit einer hölzernen, zerbrochenen Brücke, welcher nur noch einige Bretter blieben. Nach ſeiner Art, erklärte Bretonniere, daß es gefährlich ſei, ſich darüber zu wagen und daß man auf einem andern Wege dahin kommen müſſe. Die Marquiſe wollte hinüber gehen und wollte den Vortritt neymen, als die Baroneſſe ihr vorſtellte, daß dieſe Brücke in der That wurm⸗ ſtichig ſei, und daß ſie Gefahr laufe, einen ſtarken Fall zu thun. „Bah!“ ſagte Frau von Vernage,„Sie ver⸗ läumden Ihre Bretter, um der Tiefe des Fluſſes Ehrerbietung zu erweiſen, und wenn ich es machen würde wie Condé, was würde dann begegnen?“ Im Umſehen hatte ſie eine Reitpeitſche ergriffen, warf dieſelbe auf die andere Seite des Waſſers in eine kleine Inſel und ſagte:„Jetzt, meine Herren, iſt mein Stock dem Feinde zugeworfen. Welcher von Ihnen wird ihn holen?“ „Das iſt ſehr unklug,“ ſagte Bretonniere; dieſe Reitpeitſche iſt ſehr artig; der Knopf daran iſt aller⸗ liebſt ausgeſchnitzelt.“ „Wird man wenigſtens eine erhabene Belohnung dafür haben?“ fragte Armand. „Pfui doch,“ rief die Marquiſe,„Sie handeln mit dem Ruhm! Und Sie, mein Herr Huſar,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ſich gegen Triſtan wandte,„was ſagen Sie, werden Sie hinüber gehen?“ Triſtan ſchien zu zögern, nicht aus Furcht — ͤ— ⏑☛⏑‿—M——õ+₰ —— — —— ͤe ͤ —— — ͤ—— NNK 4 der Gefahr, noch der Lächerlichkeit, aber durch ein Gefuhl des Widerwillens, ſich für eine ſolche Kleinig⸗ keit ſo herausgefordert zu ſehen. Er faltete die Augen⸗ hraunen und antwortete kalt: „Nein, Madame.“ „Ach!“ ſagte ſeufzend Frau von Vernage,„wenn mein armer Phanor hier waͤre, ſo hätte er mir meine Reitpeitſche ſchon zurückgegeben.“ Bretonniere betaſtete die Brücke mit ſeinem Stock und betrachtete ſie mit der Miene ernſten Nachdenkens; die Marquiſe, nachläßig auf den zerbrochenen Balken geſtützt, welcher als Geländer diente, beluſtigte ſich, die Bretter biegen und über das Waſſer hin ſchwanken zu machen; plötzlich ſprang ſie auf, lief mit einer allerliebſten Lebhaftigkeit und Leichtigkeit über die Brücke und ſprang in die Inſel. Armand hatte ihr zuvorkommen wollen, aber ſein Bruder nahm ihn beim Arm und mit großen Schritten zog er ihn in die Ver⸗ tiefung einer Allee; da, ſobald die beiden jungen Leute allein waren, ſagte Triſtan: „Die Geduld geht mir aus. Ich hoffe, daß Du mich nicht ſo dumm glauben wirſt, mich eines ſolchen Scherzes wegen zu erzürnen; aber dieſer Scherz hat einen Beweggrund. Weißt Du, was ſie hier zu ſuchen kommt? Sie kommt, mir zu trotzen, mit meinem Zorn zu ſpielen und zu ſehen, bis auf welchen Punkt ich ihre Kühnheit aushalten möge, ſie weiß, was ihre kalte Spöttelei bedeutet. Elendes Herz, verachtungswürdi⸗ ges Weib, welche, anſtatt mein Stillſchweigen zu ehren und mich im Frieden von ihr geh'n zu laſſen, hieher kommt, ihre kleine Eitelkeit zur Schau zu tragen und auf eine Art zu triumpbiren über eine Verſchwiegen⸗ heit, die man ihr nicht ſchuldig iſt.“! „Erkläre Dich,“ ſagte Armand,„was iſts denn?“ „Du ſollſt alles wiſſen, denn Du biſt eben ſo gut dabei intereffirt, da Du mein Bruder biſt. Geſtern Abend, während wir auf der Straße ſchwatzten und 1⁰⁶ Du mir ſo viel Uebles von dieſer Frau ſagteſt, ſtieg ich beim Kreuzwege des Roches vom Pferde. Es war da ein Weidenzweig auf dem Boden, den Du mich nicht aufheben ſahſt. Frau von Vernage war es, die dieſen Weidenzweig bei ihrem Morgenſpaziergang in den Sand geſteckt hatte. Sie hat ſo eben gelacht, als ſte mich andere von den Bäumen brechen hieß; aber dieſer da hatte eine Bedeutung; er wollte ſagen, daß die Gouvernante und die Kinder der Marquiſe zu⸗ ihrem Onkel nach Braumont gegangen wären, daß Bretonniere nicht zum Eſſen käme, und daß, wenn ich fürchten würde, die Leute zu wecken, wenn ich etwas ſpät von Renonval wegginge, ich mein Pferd bei dem guten Juſeboy laſſen könne.“. „Peſt!e ſagte Armand,„alles dieß in einem Weidenzweig!“ „Ja, und hätte es dem Himmel gefallen, daß ich dieſen Weidenzweig mit dem Fuße weggeſtoßen hätte, wie ſie ſo eben mit unſern Blumen gethanz; aber ich habe es Dir geſagt, und Du haſt es ſelbſt geſehen, daß ich ſie liebte, daß ich von ihr bezaubert war. Wie ſonderbar! Ja, geſtern noch betete ich ſie an, ich war hans Liebe, ich hätte mein Blut für ſie gegeben, und eute———“ „Nun denn! heute?“⸗ „Höre, Du mußt, um mich zu verſtehen, zuerſt ein kleines Abenteuer kennen, das mir letztes Jahr begegnet iſt. Wiſſe denn, daß ich bei dem Ball der Oper eine Art Griſette, Modiſte, ich weiß nicht was, angetroffen habe. Ich kam durch einen ziemlich ſon⸗ derbaren Zufall zu ihrer Bekanntſchaft. Sie ſaß neben mir und ich gab gar nicht auf ſie Acht, als Saint Aubin, den Du kennſt, mir guten Abend zu ſagen kam. In demſelben Augenblick verbarg meine Nachbarin, wie erſchrocken, ihren Kopf hinter meiner Schulter; ſie ſagte mir ins Ohr, daß ſie mich dringend bitte, ſie aus der Verlegenheit zu ziehen, ihr den Arm zu SAi. ASNEn A8A 8S —— — 167 geben und einen Gang in die Wärmſtube zu machen; ich konnte es kaum abſchlagen. Ich ſtand mit ihr auf und verließ Saint Aubin. Hierauf erzählte ſie mir, daß er ihr Liebhaber wäre, daß ſie ſich vor ihm fürchte, daß er eiferſüchtig ſei, kurz, daß ſie ihn fliehe. So mußte ich nun plötzlich in den Augen Saint Aubins die Rolle ſeines glücklichen Nebenbuhlers ſpielen, denn er hatte ſeine Griſette erkannt und folgte uns mit unzufriedener Miene. Was ſoll ich Dir ſagen? Es machte mir Kurzweil, die Rolle, die die Gelegenheit mir darbot, etwas ins Ernſthafte zu ziehen. Ich führte die Kleine zum Nachteſſen. Den folgenden Tag ſuchte mich Saint Aubin auf und wollte böſe werden. Ich lachte ihm ins Geſicht und hatte keine Mühe, ihn Ver⸗ nunft annehmen zu laſſen. Er war mit guter Art einverſtanden, daß es kaum möglich wäre, ſich für eine Demoiſelle die Kehle abzuſchneiden, welche ſich auf dem Maskenball flüchtet, um der Eiferſucht ihres Lieb⸗ habers zu entgehen. Alles ging im Scherz vorüber und die Sache war vergeſſen; Du ſiehſt, daß das Uebel nicht groß iſt.“ „Nein gewiß, daran iſt nichts Ernſthaftes.* „Höre was nun kommt. Saint⸗Aubin, ſieht wie Du weißt, Frau von Vernage öfters. Er kam hieher nach Renonval. Dieſe Nacht nun, in demſelben Augen⸗ blick, wo die Marquiſe, neben mir ſitzend, mit ihrem königlichen Anſtand all die Narrheiten anhörte, die mir durch den Kopf gingen und lächelnd dieſen Ring probirte, welcher, Gott ſei Dank, noch an meinem Finger iſt, weißt Du, was ihr einfällt zu ſagen? daß dieſe Ballgeſchichte ihr erzählt worden ſei, daß ſie die⸗ ſelbe aus guter Quelle wiſſe, daß Saint⸗Aubin dieſe Griſette angebetet, daß er in der Verzweiflung war, ſie verloren zu haben, daß er ſich rächen wollte, von mir Genugthuung verlangte, daß ich auswich und dann Triſtan konnte nicht endigen. Während 168 einigen Minuten gingen die beiden Brüder ſtillſchwei⸗ gend neben einander her. „Was haſt Du geantwortet?“ ſagte endlich Armand. „Ich habe ihr etwas ganz einfaches geantwortet. Ich ſagte ihr nämlich kurzweg: ‚Frau Marquiſe, ein Mann, welcher es duldet, daß ein andrer Mann ungeſtraft die Hand gegen ihn aufhebe, heißt eine feige Memme, Sie wiſſen es ſehr wohl. Aber die Frau, welche dieß wiſſend oder glaubend, die Maitreſſe dieſes Feiglinzs wird, nennt ſich auch mit einem ge⸗ wiſſen Namen, den ich Ihnen nicht zu ſagen brauche. Hierauf nahm ich meinen Hut.“ „Und hat ſie Dich nicht zurückgehalten?e „Doch, ſie wollte zuerſt die Sache ſcherzweiſe nehmen und ſagte mir, daß ich mich um eines in die Luft geſchwatzten Wortes erzürne. Dann bat ſie mich um Verzeibung, mich abſichtslos beleidigt zu haben, ich glaube ſogar, ſie verſuchte zu weinen. Auf Alles dieſes erwiderte ich nur, daß ich keinen Werth auf eine Unwürdigkeit ſetze, die mich nicht berühren könne, daß ſie glauben und denken könne, was ſie für gut finde, und daß ich mir nicht die geringſte Mühe geben werde, ihr ibre Meinung zu nehmen. Ich bin, ſagte ich zu ihr, Soldat ſeit zehn Jahren, meine Kameraden die mich kennen, würden ihre Erzählung ſchwerlich aufnehmen, und demzufolge bekümmere ich mich nur ſo viel dafür, als es bedarf, ſie zu verachten“ „Iſt das wirklich Dein G danke?“ „Was denkſt Du? Wenn ich nicht w ſſen ſollte, was ich zu thun hatte, ſo dürfte ich ſchon als Soldat nicht zw ierlei Entſchlüſſe faſſen. Soll ich eine herzloſe Frau mit meiner Ehre ſpielen und ſie morgen ihre elende Hiſtorie einer Kokette ihres Gelichters oder einem dieſer klei⸗ nen Knaben erzählen laſſen, von denen Du behaupteſt, daß ſie ihnen den Kopf verdreht? Glaubſt Du, daß mein Name, der Deinige und der unſrer Mutter ein 189 Gegenſtand des Gelächters werden ſoll? Herr Gott! das macht mich ſchaudern!“ „Ja,“ ſagte Armand,„das ſind eben die kleinen anmuthsvollen Scherze, welche dieſe Damen erfunden, um ſich die Langeweile zu vertreiben. Aus einer Dummheit einen recht ſchwarzen, recht ſkandalöſen Roman zu machen, das iſt das wahre Vergnügen ihres hohlen Gehirns. Aber was gedenkſt Du jetzt zu thun?“ „Ich will dieſen Abend nach Paris gehen. Saint⸗ Aubin iſt auch Soldat und tapfer, ich bin weit ent⸗ fernt zu glauben, davor bewahre mich Gott, daß ein Wort von ſeiner Seite jemals die Idee zu dieſer von irgend einer Kammerfrau fabrizirten Fabel ge⸗ geben habe; aber das iſt gewiß, ich werde ihn hieher⸗ führen und es wird ihm nicht ſchwerer ſein, ganz laut die Wahrbeit zu ſagen, als es mir ſein wird, dieſelbe anzuhören. Der Schritt, den ich da thun werde, iſt ohne Zweifel ärgerlich und mühevoll; es iſt traurig, einen Kameraden zu ſuchen und ihm zu ſagen: Man beſchuldigt mich des Muthes ermangelt zu haben; aber gleichviel, bei ſolchen Umſtänden iſt alles billig und ſoll alles erlaubt ſein. Ich wieder⸗ hole es Dir, daß unſer Name es iſt, den ich ver⸗ tbeidige, und wenn er da nicht ſo rein wie Gold her⸗ vorgehen ſollte, ſo würde ich mir ſelbſt das Kreuz wegreißen, das ich trage. Die Marquiſe muß Saint⸗ Aubin in meiner Gegenwart ſagen hören, daß man ihr eine dumme Geſchichte erzählt, daß die, die ſie geſchmiedet, gelogen haben. Aber wenn dieſe Er⸗ klärung einmal gemacht iſt, muß mich die Marquiſe auch meinerſeits hören; ich muß ihr ganz beſcheiden, in höflichen Ausdrücken eine Lektion geden, die ſie nie vergeſſen ſoll; ich will das kleine Vergnügen haben, ihr reinweg auszuſprechen, was ich von ihrem Stolz und ihrer lächerlichen Scheinſprödigkeit denke. Ich will es nicht gerade machen wie Buſſy von Amboiſe, welcher, nachdem er ſein Leben gewagt, den Strauß 6 170 ſeiner Maitreſſe zu holen, ihr denſelben in's Geſicht warf; ich werde mich dabei höflicher benehmen; aber, wenn ein gutes Wort Wirkung macht, ſo kommt we⸗ nig darauf an, wie es geſagt iſt, und ich ſtehe Dir dafür, daß in einiger Zeit wenigſtens die Marquiſe weniger ſtolz, weniger kokett und weniger Heuchlerin ſein wird.“ „Gehen wir zu der Geſellſchaft zurück,“ ſagte Ar⸗ mand, nund dieſen Abend werde ich Dich begleiten. Ich werde Dich allein handeln laſſen, das iſt natür⸗ lich, aber wenn Du es erlaubſt, ſo halte ich mich hin⸗ ter den Couliſſen.“. Die Marquiſe ſchickte ſich an heimzukehren, als die beiden Brüder wieder erſchienen. Sie ahnte wahr⸗ ſcheinlich, daß ſie in etwas der Gegenſtand ihrer Un⸗ terhaltung war; aber ihr Geſicht drückte nichts davon aus, im Gegentheil, noch nie hatte ſie ruhiger und zufriedener mit ihr ſelbſt geſchienen. Wie geſagt, ſie ritt ab. Triſtan, der die Honneurs des Hauſes machte, näherte ſich, um ihr den Fuß zu nehmen und ſie in den Sattel zu ſetzen. Da ſie auf dem naſſen Sand gegangen, war ihr Halbſtiefel etwas feucht, ſo daß der bdruck davon auf Triſtans Handſchuh blieb. Sobald Frau von Vernage abgereist war, zog Triſtan den⸗ ſelben ab und warf ihn zur Erde.„Geſtern würde ich ihn geküßt haben,“" ſagte er zu ſeinem Bruder. Als der Abend gekommen, nahmen die beiden jungen Leute die Poſt und gingen nach Paris. Frau von Berville, als gute Mutter, wie ſie war, immer beunruhigt und immer nachſichtig, that, als ob ſie den Gründen, die ſie zu ihrer Abreiſe zu haben vorgaben, glauben würde. Wie man wohl denken kann, war gleich am folgenden Morgen ihre erſte Sorge in dem Hotel garni der Straße Rue St. Auguſtin nach dem Dragonerkapitän, Hrn. von Saint⸗Aubin, zu fragen, wo er gewöhnlich logirte, wenn er auf Urlaub war. —— 171 „Wollte Gott, daß wir ihn fänden,“ ſagte Armand. „Er iſt vielleicht ſehr weit in Garniſon.“ „Wenn er in Algier wäre,“ ſagte Triſtan,„ſo muß er ſprechen oder wenigſtens ſchreiben; ich ſetze ſechs Monate daran, wenn es ſein muß, aber finden will ich ihn oder er ſoll ſagen warum.“ Der Garcon des Hotels war ein Engländer, was vielleicht eine ziemlich bequeme Sache für die Unter⸗ thanen der Königin Viktoria ſein mag, die neugierig find, Paris zu ſehen, was aber für die Pariſer ziem⸗ lich unbequem iſt. Bei dem erſten Worte Triſtans ant⸗ mörtete er mit beſonders brittiſchem Accent: 8 h!* „Das iſt gut,“ ſagte Armand, noch ungeduldiger als ſein Bruder;„aber iſt Hr. von Saint⸗Aubin hier?“ „Oh! no.- „Wohnt er denn nicht in dieſem Hanſe?“ Oh! yes.“ „Iſt er alſo ausgegangen?“ 3 Oh! no.* „Erklären Sie ſich. Kann man ihn ſprechen?“ No, Sir, unmöglich.⸗ „Warum unmöglich?“ „Weil er iſt——— Wie heißen Sie's?“ „Iſt erkrankt?“ „Oh, no, er iſt todt.⸗ Drittes Kapitel. Es wäre unmöglich, die Art der Beſtürzung zu ſchildern, die ſich Triſtans und ſeines Bruders bemäch⸗ tigte, als ſie den Tod des Mannes erfuhren, den ſie ſo ſehr wünſchten, wieder zu finden. Was man auch ſage, der Tod iſt niemals eine gleichgültige Sache. 172 Man trotzt ihm nicht ohne Muth, man ſieht ihn nicht ohne Schrecken, und es iſt ſogar zweifelhaft, daß eine große Erbſchaft ſeine häßliche Figur in dem Augenblick, wo er erſcheint, wirklich angenehm machen kann. Aber wenn er uns plötzlich irgend eines Gutes oder einer Hoffnung beraubt, wenn er ſich in unſere Geſchäfte miſcht, und uns aus den Händen nimmt, was wir zu halten glauben, dann erſt fühlt man ſeine Macht und der Menſch bleibt ſtumm vor dieſem ewigen Schweigen. Saint⸗Aubin wurde bei einem Gefecht in Algier getödtet. Nachdem ſie ſich, ſo gut als möglich, durch die Leute des Hotels die nähern Umſtände dieſer Be⸗ gebenheit erzählen ließen, ſchlugen die beiden Brüder traurig den Weg nach dem Hauſe, das ſie in Paris bewohnten, wieder ein. „Was iſt nun zu thun?“ ſagte Triſtan,„ich glaubte, um aus der Verlegenheit zu kommen, nur zur einem rechtſchaffenen Manne ein Wort ſagen zu kön⸗ nen, und dieſer iſt nicht mehr. Armer Burſche! ich bin über mich ſelbſt böſe, daß ein perſönliches In⸗ tereſſe ſich zu dem Kummer miſcht, den mir ſein Tod verurſacht. Er war ein tapferer und würdiger Offizier, wir hatten mit einander bivouaquirt und angeſtoßen; alſo mit dreißig Jahren, einem vorwurfsfreien Leben, einem guten Kopf und einem Säbel zur Seite hin⸗ gehen und ſich von einem Beduinen im Hinterhalt ermorden laſſen! teßt iſt alles fertig, ich denke an nichts mehr, ich will mich mit keiner Erzählung be⸗ ſchäftigen, wenn ich einen Freund zu beweinen habe. Mögen meinetwegen alle Marquiſen nie der Welt ſagen, was ſie wollen!“ „Dein Kummer iſt gerecht,“ antwortete Armand, „ich theile und ehre ihn; aber wenn man auch einen Freund bedauert, und eine Kokette verachtet, muß man doch nichts vergeſſen. Die Welt iſt da mit ihren Ge⸗ ſetzen und ſieht weder Deine Verachtung, noch Deine vNN A—— —C— 173 Thränen, Du mußt ihr in ihrer Sprache antworten, oder ſie wenigſtens zum Schweigen nöthigen.“ „Und was ſoll ich denn erdenken? Wo willſt Du daß ich einen Zeugen oder irgend einen Beweis, ein Weſen oder eine Sache finde, die für mich ſpre⸗ chen könne? Du begreifſt wohl, daß Saint⸗Aubin, als er ſich in allem Anſtande wegen eines Griſetten⸗ abenteuers mit mir adzufinden kam, ſein ganzes Re⸗ giment nicht mitgenommen. Die Sachen wurden un⸗ ter vier Augen abgemacht; wenn ſie ernſthaft hätten werden ſollen, ſo wären gewiß die Zeugen daz aber wir haben uns einen Handſchlag gegeben und mit einander gefrühſtückt; wir brauchten da Niemand ein⸗ zuladen.“ „Aber es iſt kaum wahrſcheinlich,“ erwiderte Armand,„daß dieſe Art Streit und Verſöhnung ganz „geheim geblieben ſei. Einige gemeinſame Freunde g 9 haben davon wiſſen müſſen. Erinnere Dich, ſuche in Deinem Gedächtniß nach.“ „Und zu was das? wenn ich auch, nachdem ich recht gut geſucht, noch Jemand finden könnte, der ſich dieſer alten Geſchichte erinnerte, ſollte ich mir denn, durch den erſten, beſten, eine Art Atteſtat geben laſ⸗ ſen, daß ich keine feige Memme bin? Mit Saint⸗ Aubin konnte ich ohne Beſorgniß handeln; man darf Alles von einem Freunde verlangen. Aber welche Rolle würde ich jetzt ſpielen, wenn ich zu einem un⸗ ſerer Kameraden ginge und ſagte: Erinnern Sie ſich eines Mädchens, eines Balles, eines Streites vom letzten Jahre? Man würde mich verlachen und man hätte Recht.“ „Das iſt wahr; und doch iſt es traurig, eine Frau, und zwar eine ſtolze, rachſüchtige und brleidigte Frau ungeſtraft ſolche Reden führen zu laſſen.“ „Ja, das iſt traurig, mehr als man es ſagen kann. Auf einen durch einen Mann angethanen Schimpf antwortet man mit Schwertſtreichen. Gegen jede Art Injurie, öffentlich oder nicht, ja ſogar gegen edruckte, kann man ſich vertheidigen; aber welche ilfsquellen hat man gegen eine dumpfe Verläum⸗ dung, die mit leiſer Stimme im Dunkeln von einer böſen Frau, die ſchaden will, wiederholt wird? Das iſt eben der Triumph der Feigheit; da eben mordet eine ſolche Kreatur, in aller Treuloſigkeit der Lüge und aller Sicherheit der Unverſchämtheit auch mit Nadelſtichen; da lügt ſie mit dem ganzen Stolze, mit der ganzen Freude der Schwachheit, die ſich rächt; da laͤßt ſie mit Muße in das Ohr eines Dummkopfs, dem ſie ſchmeichelt, eine ſtudirte, vom Urheber durch⸗ eſehene und vergrößerte Infamie gleiten. Und dieſe Peoni macht ihren Weg, ſie werden wiederholt, man ſetzt dazu, und die Ehre, das Gut des Solda⸗ ten, das Erbtheil der Vorfahren, das Vatergut der Kinder, iſt wegen einer ſolchen Niederträchtigkeit in Frage geſtellt.“ 4 „Tdriſtan ſchien einige Zeit nachzudenken, dann fügte er in halb ernſthaftem, halb ſcherzendem Tone hinzu: „Ich habe Luſt, mich mit Bretonniere zu ſchlagen.“ „ Aus welcher Urſache?“ ſagte Armand, der ſich nicht enthalten konnte, zu lachen.„Was hat Dir denn bei allem dieſem dieſer arme Teufel gethan?“ „Was er mir gethan hat, iſt, daß es ſehr mög⸗ lich iſt, daß er in meiner Angelegenheit ſteckt. Er iſt genug eingeweiht und ziemlich neugieriger Natur; ich wäre gar nicht erſtaunt, wenn die Marquiſe ihn zu ihrem Vertrauten machte.“ „Du wirſt doch wenigſtens geſtehen, daß es nicht ſein Fehler iſt, wenn man ihm eine Geſchichte er⸗ zählt und daß er nicht dafür verantwortlich iſt.⸗ „Bah! und wenn er der Verfaſſer davon iſt. Dieſer Mann da, der nur eine Kutſchenfliege, iſt hun⸗ dertmal eiferſüchtiger wegen Frau von Vernage, als wenn er ihr Gemahl wäre; und vorausgeſetzt, daß 175 ſie ihm dieſen ſchönen, auf meine Rechnung erfunde⸗ nen Roman erzähle, glaubſt Du, daß es ihn freuen würde, das Geheimniß zu behalten?⸗ „Nun, meinetwegen; aber man müßte zuerſt noch verſichert ſein, daß er davon ſpricht, und ſelbſt in die⸗ ſem Falle ſehe ich kaum, daß es billig wäre, mit Je⸗ manden Streit zu ſuchen, weil er wiederholt, was er ſagen hörte. Und was wäre das überdieß für ein Ruhm, dem Bretonniere Furcht zu machen? Er würde ſich gewiß nicht ſchlagen, und frei herausgeſagt, er wäre im Recht.“ „Er würde ſich ſchlagen. Dieſer Junggeſelle da genirt mich; er iſt überflüſſig in dieſer Welt.“⸗ „In der That, mein lieber Triſtan, Du ſprichſt wie ein Mann, der nicht weiß, mit wem er es auf⸗ nehmen ſoll. Sollte man nicht ſagen, wenn man Dich hört, daß Du eine Ehrenaffaire ſuchſt, um Dei⸗ nen Ruf wieder herzuſtellen, und daß Du eine Schramme nöthig haſt, um ſie Deiner Herrin zu zeigen, wie ein deutſcher Student?“ „Ich befinde mich aber auch in einer wahrhaft unerträglichen Lage: Man beſchuldigt, man entehrt mich und ich habe kein Mittel, mich zu rächen. Wenn ich wirklich glauben würde...“ Die beiden jungen Leute gingen in dieſem Augen⸗ blicke auf dem Boulevard vor einem Juwelierladen vorüber. Triſtan ſtand plötzlich wieder ſtille, um ein in der Ausſtellung ſich befindendes Bracelet zu be⸗ trachten. „Das iſt ſonderbar,“ ſagte er. „Was iſt es denn? Willſt Du Dich auch mit der Ladenjungfer ſchlagen?⸗ „Nein, aber Du rietheſt mir, in meinen Erinne⸗ rungen nachzuſuchen. Da bietet ſich jetzt eine dar. Du ſiehſt da dieſes goldene Bracelet, welches übri⸗ gens nichts Bewunderungswürdiges hat: eine Schlange mit zwei Kürbiſſen. Im Augenblick meines Streites 176 mit Saint⸗Aubin, hatte er ſo eben bei dieſem gleichen Kaufmann, in dieſem Laden, ein Bracelet, wie dieſes da, beſtellt, welches der Griſeite, mit der er ſich be⸗ ſchäftigt und die uns bereits entzweit hatte, beſtimmt war. Als wir nach abgethanem Streit mit einander gefrühſtückt, ſagte er lachend:„Zum Teufel, Du kommſt mir ſo eben die Königin meiner Gedanken in dem Augenblicke wegzunehmen, als ich mich anſchickte, ihr ein Geſchenk zu machen; es war ein kleines Bra⸗ celet, inwendig mit meinem Namen graoirt; aber, meiner Treu, ſie ſoll es nicht haben. Wenn Du es ihr geben willſt, ſo trete ich es Dir ab, weil Du der Bevorzugte biſt, ſo mußt Du Dein Antrittsgeld zahlen.— Wir wollen es noch beſſer machen, ant⸗ wortete ich, wir wollen ein jeder die Hälfte beitra⸗ gen zu dem Geſchenke, das Du zu machen gedenkſt. Du haſt Recht, erwiderte er, mein Name iſt ſchon auf dem Schild, der Deinige muß auch darauf gra⸗ virt ſein, und als Zeichen guter Freundſchaft werden wir noch das Datum beifügen. So geſagt, ſo ge⸗ ſchehen. Das Datum und die beiden Namen wurden auf das Bracelet geſchrieben und der Demoiſelle überſandt, und müſen ietzt noch irgend wo im Beſitz der Mademoiſelle J wotte(dieß iſt der Name unſrer Heldin) exiſtiren, wenn ſie es wenigſtens nicht ver⸗ kauft hat, um zu Mittag ſpeiſen zu koönnen.“ „Vortrefflich!“ rief Armand,„der Beweis, den Du geſucht, iſt ganz geſunden. Dieß Bracelet muß nun wied cheinen. Die Marquiſe muß die beiden Unterſchrif und den Tag wohl au geſetzt ſeben. Die Demoiſelle Javotte ſelbſt muß im Nothfall die Wahrheit und Aechtheit der Sache bezeugen. Iſt das nicht genug, um klar zu beweiſen, daß nichts Ernſt⸗ haftes zwiſchen Dir und Saint⸗Aubin vorgefallen iſt? Gewiß, zwei Freunde, die, um ſich zu beluſt gen, ein ſolches Geſchenk einer Frau machen, um die ſie ſich ͤ ſ—ô—3— Qυ ARAGenAͤANͤ 4 177 ſtreiten, ſind nicht ſo gar zornig übereinander und es wird dann klar... „Ja, das iſt ſehr gut,“ ſagte Triſtan,„Dein Kopf geht geſchwinder als der meinige; aber fiehſt Du nicht, daß, um dieſe große Unternehmung auszu⸗ führen, bevor das ſo koſtbare Bracelet wieder gefun⸗ den werden kann, man zuerſt Javotten wieder finden muß? Unglücklicherweiſe ſcheinen mir dieſe beiden Entdeckungen gleich ſchwierig. Wenn einerſeits die junge Perſon dem Verlieren ihrer Schmuckſachen un⸗ terworfen iſt, ſo iſt ſie anderſeits fähig, ſich ſelbſt ſehr zu verirren. Nach einem Jahre Zwiſchenraum eine auf dem Pflaſter von Paris verlorene Griſette, und in der Schublade dieſer Griſette ein aus Metall fabricirtes Liebespfand zu ſuchen, das ſcheint mir über alle menſchliche Macht zu gehen, das iſt ein un⸗ möglich zu realiſirender Traum.“ „Warum?“ erwiderte Armand,„laß' es uns immerhin verſuchen. Sieh, wie der Zufall ſich ſelbſt und Dir das Anzeichen gab, das Du brauchteſt; Du haſt dieſes Bracelet vergeſſen; er legt es Dir faſt vor die Augen oder wenigſtens erinnert er Dich daran. Du ſuchteſt einen Zeugen, hier iſt er, er iſt unverwerflich; dieſes Armband ſagt Alles, Deine Freundſchaft für Saint⸗Aubin, ſeine Achtung für Dich, das wenig Ernſthafte der Sache. Fortuna iſt eine Frau, mein Lieber; wenn ſie zuvorkommend iſt, muß man es benutzen. Denke daran, Du haſt nun das Mittel, der Frau von Vernage Stillſcht in aufzu⸗ legen, Jungfer Javotte und ihre blaue ange find Deine eine und einzige Hilfsquelle; es iſt wahr, Tari⸗ iſt groß, aber wir haben Zeit. Verlieren wir e nicht und zum erſten, wo wohnte denn ehemals dieſe Jungfer?“— „Um Dir die Wahrheit zu ſagen, weiß ich es nicht mehr; es war, glaube ich, in einem Durchgang, einer Art square der Cité.“ Tutti Frutti. I. 1² 178 „Geh'n wir zu dem Juwelier hinein und befra⸗ gen wir ihn. Die Kaufleute haben manchmal ein unglaubliches Gedächtniß; ſie erinnern ſich der Leute nach Jahren noch, beſonders derjenigen, die ſie nicht beſonders gut bezahlen.“ Triſtan ließ ſich von ſeinem Bruder führen und beide traten in den Laden. Es war nichts Leichtes, den Kaufmann an einen Gegenſtand von geringem Werthe, der ſchon lange bei ihm gekauft worden war, zu erinnern. Er hatte ihn jedoch nicht vergeſſen wegen der Sonderbarkeit der beiden vereinigten Namen. „Ich erinnere mich in der That,“ ſagte er, „eines kleinen Armbandes, welches zwei junge Her⸗ ren bei mir den letzten Winter beſtellt hatten, und ich erkenne den Herrn wohl. Aber wo und von wem das Bracelet getragen worden, kann ich nicht ſagen.“ „Es war für eine Jungfer Javotte,“ ſagte Ar⸗ mand,„welche in einem Durchgang wohnen mußte.“ „Warten Sie,“ erwiderte der Juwelier. Er öffnete ſein Buch, durchblätterte es, ſann nach, berieth ſich und ſagte zuletzt:„Das iſt's; aber ich finde den Namen Javotte nicht in meinem Buche. Es iſt der⸗ jenige der Frau von Monval, Cite Bergere, Num⸗ mer 4.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Triſtan,„ſie ließ ſich ſo nennen; der Name Monval war mir entfallen; vielleicht hatte ſie das Recht, ihn zu tragen, denn ihr Titel Javotte, war, wie ich glaube, nur ein Spottname. Ar⸗ deiten Sie noch hie und da für ſie? Hat ſie ſchon andere Sachen bei Ihnen gekauft?“— „Nein, mein Herr, ſie hat mir im Gegentheile eine zerbrochene ſilberne Kette verkauft, die ſie hatte.“ „Aber kein Bracelet?“ „Nein, mein Herr.“ „Alſo Monval,“ ſagte Armand, vielen Dank, mein Herr, und wr nun auf den Weg nach der Cite Bergere.“ „Ich glaube,“ ſagte Trian, indem er den Ju⸗ — — ⏑☛οσ1 △ +—— —— 179 welier verließ,„daß es gut wäre, einen Fiaker zu nehmen. Ich habe einige Furcht, die Frau von Mon⸗ val könnte den Wohnort mehrmals verändert haben, und unſer Weg werde lang ſein.“ Dieſe Vorausſicht war begründet. Die Thür⸗ hüterin in der Cite Bergere benachrichtigte die beiden Brüder, daß Frau von Monval ſchon längſt ausge⸗ zogen ſei, daß ſie ſich jetzt Jungfer Durand, Kleider⸗ macherin, nenne und in der Straße St. Jacques wohne. „Steht ſie gut? Hat ſie zu leben?“ fragte Ar⸗ mand von der Beſorgniß ergriffen, das Armband könnte verkauft ſein. „Oh ja! mein Herr; ſie macht viel Ausgaben; ſie hatte hier eine vollſtändige Wohnung, Möbel von Mahagoni und ein ganzes Küchengeräthe. Sie ſah viel Militär bei ſich, alles Dekorirte und ſehr noble Perſonen. See gab oft ſehr artige Mittageſſen, die man aus dem Kaffee Vachette kommen ließ. Alle dieſe Herrn waren ſehr luſtig, und einer darunter hatte eine beſonders ſchöne Stimme, er ſang wie ein wahrer Künſtler der Akademie. Uebrigens, mein Herr, war nie etwas auf Rechnung der Frau von Monval zu ſagen. Sie ſtudirte auch, um Künſtlerin zu werden und ging ſtets nur als Bürgerin aus.“ „Sehr gut,“ ſagte Armand,„gehn wir in die Straße St. Jacques⸗ „Jungfer Durand wohnt nicht mehr hier,“ ant⸗ wortete die zweite Thürhüterin,„es ſind ſchon ſechs Monate, ſeit ſie fort iſt, wir wiſſen kaum wo ſie ſein mag. Jedenfalls nicht in einem Palaſt, denn ſie iſt in einer Kutſche weggereist und nahm nicht viel mit ort. „Führte ſie hier ein unglückliches Leben 2„ „O mein Gott, ein ſehr armes Leben. Sie hatte es niemals gut, dieſe Jungfer. Sie wohnte da am Ende des Ganges auf dem Hofe, binter der Obſt⸗ 1 180 händlerin. Sie arbeitete den lieben langen Tag, verdiente wenig und hatte viele Uebel. Des Morgens ing ſie auf den Markt, auch bereitete ſie ihre Suppe elbſt auf einem kleinen Ofen den ſie hatte. Man kann nicht ſagen, daß ſie der Sorgfalt ermangelte, aber es roch immer nach Kohl in ihrem Zimmer. Es kam eine in Trauer gekleidete Dame, eine ihrer Tan⸗ ten, welche ſie mit ſich nahm, wir glauben, daß ſie ſu den Schweſtern des Bon⸗Pasteur übergegangen ſt. Die Leinwandhändlerin an der Ecke kann Ihnen dieß vielleicht ſagen, weil ſie ihr Arbeit gab.“ „Gehn wir zu der Leinwandhändlerin,“ ſagte Armand,„aber der Kohl iſt von böſer Vorbedeutung.⸗ Die dritte Erkundigung, die über Javotte ein⸗ gezogen wurde, war Anfangs nicht befriedigender als die beiden erſten. Mittelſt einer kleinen Summe, die ihre Familie zu liefern Mittel gefunden hatte, war ſie in der That in das Kloſter der Schweſtern des Bon⸗Pasteur getreten und hatte daſelbſt ungefähr drei Monate zugebracht. Da ihre Aufführung gut war, ſo wurde ſie durch die Protektion einiger barmher⸗ ziger Perſonen unter die Schweſtern aufgenommen, welche ihr viel Güte bezeigten und beſonders ihren Gehorſam zu loben hatten.„Unglücklicherweiſen ſagte die Leinwandhänvplerin,„hat dieſes arme Kind einen ſo lebhaften Kopf, daß es ihr nicht möglich iſt, an einem Platze zu bleiben. Es war eine große Gunſt für ſie, als Koſtgängerin bei den Nonnen aufgenommen worden zu ſein. Jedermann ſagte Gutes von ihr, und ſie erfüllte regelmäßig ihre religiöſen Pflichten, zugleich arbeitete ſie ſehr gut, denn ſie iſt eine gute Näherin. Aber plötzlich ging ihr Kopf mit ihr durch, ſie verlangte fortzugehen. Sie begreifen, mein Herr, daß in dieſen Zeiten ein Kloſter kein Gefängniß iſt; man hat ihr vie Thore geöffnet und ſie iſt ausgeflogen.“ „Und Sie wiſſen nicht, was aus ihr geworden iſt? „Nicht ganz,“ antwortete lachend die Leinwand⸗ ʃOi⏑——— — ₰—A—A—A8A8½ͤ=—nn — ⁸— œ 181 händlerin.„Eine meiner Jungfern hat ſie im Rane⸗ lagh angetroffen. Sie läßt ſich jetzt Madame Ameline Roſenval nennen. Ich glaube, ſie wohnt in der Straße Breta und iſt Figurantin bei den dramatiſchen Folien.“ Triſtan fing an entmuthigt zu werden.„Laſſen wir all dieß,“ haee er zu ſeinem Bruder.„Bei der Wendung, die die Sachen nehmen, würden wir nie⸗ mals fertig. Wer weiß, ob Jungfer Durand, Frau von Monval, Madame Roſenval nicht in China oder Quimzer⸗Coorentin iſt?⸗ „Man muß hingehen und ſehen,“ ſagte immer Armand.„Wir haben zu viel gethan, um jetzt inne u halten. Wer ſagt Dir, daß wir nicht auf dem unkte ſind, unſre Reiſende zu entdecken? Arbeiterin oder Künſtlerin, Nonne oder Figurantin, ich werde ſie finden. Machen wir es nicht wie jener Mann, welcher gewettet, im Monat Januar mit bloßen Fußen durch ein gefrornes Baſſin gehen zu wollen, und der, auf halbem Wege angekommen, ſchleunig zurückkehrte, indem er es zu kalt fand.“ Armand hatte dießmal Recht. Madame Roſen⸗ val in Perſon wurde in der Straße Breda ent⸗ deckt; aber bei dieſer neuen Adreſſe handelte es ſich weder um Kloſter, noch Kohl, noch um das Ranelagh. Aus der ehemaligen Figurantin war Madame Roſen⸗ val plötzlich durch die Gnade des Zufalls und eines alten Präfekten, eine wichtige Perſon und Beſchützerin der Künſte, die Prima Donna eines Theaters der Provinz geworden. Sie bewohnte ſeit einiger Zeit eine ziemlich große Stadt des mittäglichen Frankreichs, wo ſie, großmüthig unterſtützt, mit ihrem neuentdeck⸗ ten Talent die Wonne der Kenner des Ortes und die Bewunderung der Garniſon war. Sie befand ſich gerade in Paris, um, wenn es ſich thun ließe, ein Engagement in der Hauptſtadt abzuſchließen. Es iſt wahr, daß man den jungen Leuten ſagte, daß man nicht wiſſe, ob ſie empfangen werden könnten, aber 182² ſie wurden durch eine Kammerfrau in ein ziemlich reiches Gemach von wenig ſtrengem Geſchmack einge⸗ führt, welches mit kleinen Statüen, Spiegeln und Cardonbildern wie ein Kaffeehaus ausgeſchmückt war. Die Herrin des Ortes machte Toilette, ſie ließ ſagen, daß man warten möge und daß ſie die Herrn von Berville empfangen werde. „Jetzt verlaſſe ich Dich,“ ſagte Armand zu ſeinem Bruder,„Du ſiehſt, daß wir zum Ende unſers Feld⸗ zugs gekommen find. An Dir iſt es nun, das Uebrige abzumachen, beſtimme Madame Roſenval, Dir das Armband zurückzugeben und es mit einem Wort von ihrer Hand zu begleiten, um dieſer Zurückerſt ttung mehr Gewicht zu geben; komm mit dieſem authentiſchen Beweis bewaffnet zurück und dann laß uns die Mar⸗ quiſe auslachen.“ Nach dieſen Worten ging Armand fort und Tri⸗ ſtin ſpazierte nun allein in dem prächtigen Salon der Javotte hin und her. Er war ungefähr eine Viertel⸗ ſtunde da, als die Thüre des Schlafzimmers ſich öffnete. Ein dicker und großer Herr, mit ernſtem Schritte und grau werdendem Kopfe, der eine Brille, eine Kette, eine Lorgnette und Uhrenberlocken, alles in Gold, trug, näherte ſich mit leutſeliger und maje⸗ ſtätiſcher Miene:—„Mein Herr,“ ſagte er zu Triſtan, nich vernehme, daß Sie ein Verwandter der Madame Roſenval find. Wenn Sie ſich die Mühe nehmen wollen, einzutreten, ſie erwartet ſie in ihrem Kabinet.“ Er machte eine leichte Begrüßung und zog ſich zurück. „Peſt!“ ſagte Triſtan zu ſich,„es ſcheint, Javotte ſehe jetzt beſſere Geſellſchaft als im Durchgang der Straße St. Jacques.“: 8 Indem er einen Vorhang von verbrämter Seide, den ihm der Herr mit der goldenen Brille bezeichnet, hatte, aufhob, kam er in ein mit roſenrother Mouſſeline beſpanntes Kabinetchen, wo Madame Rofenval, auf einem Kanapee ausgeſtreckt, ihn mit nachläſſiger Miene .—.— 183 empfing. Da man niemals eine Frau, die man ge⸗ liebt hat, ohne Vergnügen wiederfindet, wäre es Ameline, wäre es ſogar Javotte, beſonders wenn man ſich ſo viel Mühe gegeben hat, ſie zu ſuchen, ſo küßte Triſtan eifrig die ſehr weiße Hand ſeiner alten Eroberung, dann nahm er neben ihr Platz und fing an, wie es ſein mußte, ihr Complimente zu machen, daß ſie ſich ſo ſehr verſchönert und er ſie reizender als je wiederfinde ꝛc.(alles Sachen, die man jeder Frau ſagt, die man wiederfindet und wäre ſie häß licher als die Todſünde geworden): „Erlauben Sie, meine Theure,“ fügte er hinzu, „Ihnen zu der glücklichen Veränderung, die mir in Ihren kleinen Geſchäften vorgekommen zu ſein ſcheint, Glück zu wünſchen. Sie ſind hier logirt wie ein großer Herr.,“ „Sie werden alſo immer ein übler Spatzmacher bleiben, Herr von Berville?“ antwortete Javotts; „das iſt alles ganz einfach; das iſt nur ein Abſteige⸗ quartier, aber ich laſſe mir da unten Etwas einrich⸗ ten, denn Sie wiſſen, daß ich zaubern kann.“ „Ja, ich habe vernommen, daß Sie beim Theater waren.“ 1 „Mein Gott, ja, ich habe mich entſchloſſen. Sie wiſſen, daß die große Mufik die ernſthafte Mufik die Beſchäftigung meines ganzen Lebens war. Der Herr Baron, den Sie, vermuthe ich, beim Weggehen von hier ſo eben ſahen und der einer meiner guten Freunde iſt, hat in mich gedrungen, ein Engagement zu neh⸗ men. Was wollen Sie? ich habe mich gehen laſſen. Wir ſpielen aller Arten Sachen, Dramen, Vaudeville, Opern.“ „Man hat mir das geſagt,“ erwiederte Triſtan; „aber ich habe mit Ihnen von einer ziemlich ernſt⸗ haften Sache zu ſprechen, und da Ihre Zeit koſtbar ſein muß, ſo erlauben Sie, daß ich mich beeile, die Gelegenheit zu benutzen, Ihnen meine Geſtändniffe xaſcht 184 zu eröffnen. Erinnern Sie ſich eines gewiſſen Arm⸗ bandes.“ Triſtan hatte während dem Sprechen in der Zer⸗ ſtreuung ſeine Augen auf das Kamin geheftet; das erſte, was er daſelbſt erblickte, war die Viſitenkarte Bretonnieres, die in den Spiegel eingeſteckt war. „Kennen Sie dieſe Perſon da?“ fragte er über⸗ „Jal er iſt ein Freund des Barons; ich ſehe ihn von Zeit zu Zeit und ich glaube ſogar, daß er heute im Hauſe ſpeiſt. Aber fahren Sie gefälligſt fort, ich bitte Sie und ich werde Sie anhören.“ Viertes Kapitel. Es gäbe vielleicht für den Philoſophen oder den Pſychologen, wie man ſagt, ein merkwürdiges Stu⸗ dium über das Kapitel der Zerſtreuungen. Stellet euch einen Mann vor, der im Zug iſt mit einer Per⸗ ſon, von der er an meiſten zu fürchten oder zu hoffen hat, etwa mit einem Advokaten, einer Frau oder einem Miniſter von Sachen zu ſprechen, die ihn am meiſten berühren. Welch ungeheurer Einfluß wird eine Stecknadel, die ihn während der Rede ſticht, ein Knopfloch, das zerreißt, ein Nachbar, der anfängt Flöte zu ſpielen auf ihn ausüben? Was wird ein Schauſpieler thun, der eine Stelle vorträgt und plötz⸗ lich einen ſeiner Gläubiger in dem Saale erblickt? Bis zu welchem Punkt kann man endlich von einer Sache ſprechen und zu gleicher Zeit an eine andere denken? Triſtan befand ſich ungefähr in einer derartigen Lage. Einerſeits drängte die Zeit, wie er geſagt hatte; der Herr mit der goldenen Brille konnte jeden Augenblick wiederkommen. Ueberdieß hat es im Ohre ——— SSSnͤ 8 185 einer euch anhörenden Frau eine Mücke, die man im Fluge erhaſchen muß; ſobald es nicht mehr früh genug mit ihr iſt, iſt es bereits immer zu ſpät. Triſtan ſetzte Werth genug auf das, was er von Javotte verlangte, um ſeine ganze Beredſamkeit anzuwenden. Je ſonderbarer und außerordentlicher der Schritt, den er that, erſcheinen konnte, deſto mehr fühlte er die Nothwendigkeit, ihn ſchleunig zu beendigen. Aber anderſeits hatte er die Karte Bretonnieres vor Augen, ſeine Blicke konnten ſich nicht davon losmachen, und indem er den Gegenſtand ſeines Beſuchs verfolgte, wiederholte er bei ſich ſelbſt: Werde ich denn dieſen Mann überall finden? „Was wollen Sie denn endlich?“ ſagte Javotte, „Sie ſind zerſtreut wie ein Poet in der Niederkunft.“ Triſtan wollte natürlich weder von ſeiner gehei⸗ men Abſicht ſprechen, noch den Namen der Marquiſe gebrauchen. „Ich kann Ihnen nichts erklären,“ antwortete er,„ich kann Ihnen nur das ſagen, daß Sie mich unend⸗ lich verpflichten würden, wenn Sie mir das Bracelet zurückgeben, welches Sie von St. Aubin und mir erhalten, wenn es noch in Ihrem Beſitz iſt!“ „Aber was wollen Sie damit machen?“ „Nichts das Sie beunruhigen könnte, ich gebe Ihnen mein Wort.“ „Ich glaube Ihnen, Berville, ſie ſind ein Ehren⸗ mann. Der Teufel ſoll mich holen, ich glaube Ihnen.“ (Madame Roſenval hatte in ihrer neuen Größe einige Ausdrücke behalten, die noch ein wenig nach Kohl rochen.) „Ich bin entzückt,“ ſagte Triſtan,„daß Sie mich in ſo gutem Andenken behalten; Sie vergeſſen Ihre Freunde nicht. „Meine Freunde vergeſſen! niemals. Sie haben mich in der Welt geſehen, als ich ohne einen Sou war, es gefällt mir dieß anzuerkennen. Ich hatte 186 zwei Paar à jour Strümpfe, die eins auf das andere olgten und ich aß die Suppe mit einem hölzernen Löffel. Jetzt ſpeiſe ich in maſſivem Silber mit einem Laquaien hinter und mehreren Welſchhühnern vor mir; aber mein Herz iſt immer das gleiche. Wiſſen Sie, wie wir uns in unſern jungen Jahren luſtig machten? Jetzt langweile ich mich wie ein König. Erinnern Sie ſich eines Tages... in Montmorency.. Nein, Sie waren es nicht, ich irre mich; aber es iſt gleich, es war allerliebſt. Ach, die guſen Kirſchen! und dieſe Kalbskoteletten, die wir bei dem Vater Duval auf dem Jagdſchloß gegeſſen, während der alte Hahn, dieſer arme Coco, das Brod auf der Tafel wegzirbte. Es waren da freilich zwei Engländer, die albern genug, dieſem armen Thier Branntwein zu trinken gaben, wor⸗ auf es geſtorben. Haben Sie das gewußt?...“ Wenn Javotte auf ſolche Art ziemlich natürlich ſprach, ſo geſchah es mit ungemeiner Geläufigkeit; aber wenn ihr hoher Ton ſie wieder ankam, ſo fing ſie plötzlich an, ihre Phraſen mit einer Art Träumerei und Zerſtreuung zu ſchleppen. „Ja wahrlich,“ fuhr ſie mit der Stimme einer winſelnden Herzogin fort, ich erinnere mich immer mit Vergnügen alles deſſen, was ſich auf das Ver⸗ gangene bezieht.“ „Das iſt vortrefflich, meine liebe Ameline; aber ich bitte, antworten Sie auf meine Fragen. Haben Sie das Armband aufbehalten?⸗ „Welches Armband, Berville? was wollen Sie ſagen?⸗ „Das Armband, das ich von Ihnen wiederver⸗ lange, und das Saint⸗Aubin und ich Ihnen gege⸗ ben haben.“ „Pfui doch! ein Geſchenk zurückverlangen! das iſt nicht edelmänniſch, mein Lieber.“ „Es handelt ſich da um nichts Edelmänniſches. Ich habe es Ihnen geſagt, es handelt ſich um einen —9— 187 ſehr wichtigen Dienſt, den Sie mir erweiſen können. Denken Sie darüber nach, ich bitte Sie, und antwor⸗ ten Sie mir ernſtlich. Wenn es nur das Armband iſt, das Ihnen am Herzen liegt, ſo verpflichte ich mich ſehr gerne, Ihnen an jeden Arm ein anderes zu legen für das, deſſen ich bedarf.“ „Das iſt ſehr galant von Ihnen“⸗ „Nein, es iſt nicht galant, es iſt ganz einfach. Ich ſpreche hier nur in meinem Intereſſe zu Ihnen.“ „Aber vorerſt,“ ſagte Javotte, indem ſie ſich erhob und mit dem Fächer ſpielte,„müßte ich, wie ich Ihnen ſagte, wiſſen, was Sie mit dieſem Bracelet thun würden. Ich kann einem Manne, der kein Ver⸗ trauen zu mir hat, auch Nicht trauen. Laßt uns ſehen, erzählen Sie mir ein wenig von Ihren Ange⸗ legenheiten. Es iſt da irgend eine Frau, irgend eine Betrügerei darunter. Sehen Sie, ich will wetten, daß es eine alte Maitreſſe von Ihnen oder von Saint⸗ Aubin iſt, die mich meines Hausgeräths entledigen will. Es iſt da eine Uneinigkeit, etwa eine Eiferſucht oder ein böſes Geſchwätz: nun, ſprechen Sie doch.“ „Wenn ich Ihnen denn durchaus meinen Grund ſagen muß,“ antwortete Triſtan um ſich dieſes Fragen zu entledigen,„ſo iſt die Wahrheit, daß Saint⸗Aubin todt iſt, und da wir, wie Sie wiſſen, innigſt ver⸗ bunden waren, ſo wünſchte ich das Armband zu behalten, worauf unſere beiden Namen geſchrieben ſind.“ „Bah! was fabriziren Sie mir da für eine Ge⸗ ſchichte! Saint⸗Aubin todt? Seit wann?“ „Er ſtarb vor kurzer Zeit in Afrika.“ „Iſt's wahr? Armer Burſche! Ich liebte ihn auch ſehr. Er war ein gutes Herz, und ich erinnere mich, daß zu einer Zeit er mich ſeine roſenrothe Schon⸗ heit nannte. Dieß iſt meine roſenrothe Schönheit,“ ſagte er; ich finde dieſen Namen da ſehr artig. Erin⸗ nern Sie ſich, wie luſtig er einſt in Ermenonville war, wo wir in dem Wirthshauſe Alles zerbrochen 4 188 hatten? Es blieb nicht einmal ein Teller mehr. Wir hatten die Stühle durch die Glasſcheiben aus den Fenſtern geworfen, und am Morgen kommt gerade eine große lange Familie guter Provinzialen an um die Natur zu beſuchen. Es fand ſich nicht eine Taſſe mehr, um ſie mit Kaffee und Milch zu bedienen.“ „Närriſcher Kopf!“ ſagte Triſtan;„können Sie denn nicht zufälliger Weiſe einmal auf das Achtung geben, was man Ihnen ſagt. Haben Sie mein Bra⸗ celet, ja oder nein?“ „Ich weiß gar Nichts davon, und liebe die zu dieſem Ende gemachten Vorſchläge nicht.“ „Aber Sie haben, wie ich vermuthe, einen Koffer, eine Schublade, oder irgend einen Ort, wo Sie Ihre Kleinodien verwahren? Oeffnen Sie mir denn dieſe Schublade oder dieſen Koffer; ich verlange nicht mehr von Ihnen.“ Javotte ſchien ein wenig nachzudenken, ſetzte ſich wieder neben Triſtan, und nahm ihm die Hand. „Hören Sie,“ ſagte ſie,„Sie begreifen, daß wenn dieß Armband Ihnen nothwendig iſt, ich an keiner ſolchen Kleinigkeit hänge. Ich habe Freund⸗ ſchaft für Sie, Berville, und thäte Alles Sie zu ver⸗ pflichten. Aber Sie begreifen wohl auch, daß meine Stellung mir Pflichten auferlegt. Es iſt jetzt jeden Tag moglich, daß ich bei der Oper in die Chöre trete. Der Herr Baron hat mir verſprochen, all ſeinen Einfluß darauf zu verwenden. Ein alter Präfekt, wie er, hat Macht über die Miniſter, und Herr von Bre⸗ tonniere ſeinerſeits...“. „Bretonniere,“ ſchrie Triſtan ungeduldig;„was zum Henker thut der hier. Wie es ſcheint, ſindet er Mittel, zu gleicher Zeit in Paris und auf dem Lande zu ſein. Er verläßt uns da unten nicht, und ich finde ihn bei Ihnen wieder!“ „Ich ſage Ihnen, daß er ein Freund des Barons iſt. Das iſt ein ſehr ausgezeichneter Mann, dieſer v 8—* 189 Herr von Bretonniere. Es iſt wahr, daß er ein Land⸗ gut in der Nähe des Ihrigen hat, und daß er oft zu einer Perſon geht, die Sie wahrſcheinlich kennen, zu einer Marquiſe, eine Comteſſe, ich weiß ihren Namen nicht mehr.“ „Spricht er Ihnen von ihr? Was will das en?“ ſag „Gewiß ſpricht er uns von ihr. Er fieht ſie täglich, nicht wahr? Er hat ſein Gedeck an ihrem Tiſche; ſie nennt ſich Vernage oder ſo etroas; unter uns geſagt, man weiß was das iſt, Nachbarn und Nachbarinnen. Nun denn, was haben Sie doch?“ „Die Peſt über dieſen Laffen!“ ſagte Triſtan, indem er die Karte Bretonnieres nahm, und ſie unter ſeinen Fingern zerknitterte,„Ich muß ihm von ſeiner That in den nächſten Tagen Etwas ſagen.“ „Oh! oh! Berville, Sie fangen Feuer, mein Lieber. Die Vernage berührt Sie, ich ſehe es. Nun denn, kommen Sie, laſſen Sie uns tauſchen. Ihr Vertrauen gegen mein Armband.“ „Sie haben es alſo, dieſes Armband?“ „Sie lieben ſie alſo, dieſe Marquiſe?“ „Scherzen wir nicht. Haben Sie es?“ „Nein, ich ſage dieß nicht. Ich wiederhole Ihnen, daß meine Stellung...“ „Schöne Stellung! Machen Sie ſich über die Leute luſtig! Wenn Sie zur Oper gehen und Figu⸗ rantin für zwanzig Sous täglich ſein würden...“ „Figurantin!“ ſchrie Javotte zornig.„Für was halten Sie mich, wenn es Ihnen gefällig iſt! Ich werde in den Chören ſingen, wiſſen Sie.“ „So wenig als ich; man wird Ihnen einen Ueber⸗ wurf und eine Haube leihen und Sie werden in Prozeſſion hinter der Prinzeſſin Iſabelle hergehen; oder man gibt Ihnen an Sonntagen eine kleine Gratifika⸗ tion, um Sie in dem Ballet der Sylphide am Ende 190 eines Globens hinaufzuziehen. Was verſtehen Sie unter Ihrer Stellung?“ „Ich verſtehe und behaupte, daß ich für Nichts in der Welt möchte, daß der Herr Baron meinen Namen in irgend einer übeln Affaire verwickelt fände, Sie ſehen wobl, daß ich, um Sie zu empfangen, geſagt habe, Sie ſeien mein Verwandter. Ich, ich weiß nicht, was Sie mit dieſem Armband thun wer⸗ den, und es gefällt Ihnen nicht, es mir zu ſagen. Der Herr Baron hat mich nie anders als unter dem Namen der Frau von Roſenval gekannt; das iſt der Name eines Landgutes, das mein Vater verkauft hat. Ich habe Lebrer, mein Lieber, ich ſtudire, und will Nichts thun, das meine Zukunft kompromittiren könnte.“ „Jee mehr ſich die Unterhaltung in die Länge zog, je mehr litt Triſtan durch den Widerſtand und die ſonderbare Leichtfertigkeit Javottens. Das Armband war augenſcheinlich da, vielleicht in dieſem Zimmer; aber wo es finden? Triſtan fühlte in Augenblicken Luſt, es wie die Diebe zu machen und Drohungen anzuwenden, um zu ſeinem Zwecke zu gelangen. Etwas Milde und Geduld ſchien ihm jedoch den Vorzug zu verdienen.„Meine brave Javotte,“ ſagte er, werden Sie mir nicht böſe, ich glaube faſt an Alles, was Sie mir ſagen. Ich will Sie auch auf keinerlei Weiſe kompro⸗ mittiren; ſingen Sie in der Oper ſo viel Sie wollen, tanzen Sie ſogar, wenn Sie es für gut finden. Meine Abſicht iſt durchaus nicht..“ „Tanzen! ich, die ich Celimene geſpielt habe! ja, mein Kleiner, ich habe in Belleville Celimene geſpielt, bevor ich in die Provinz abreiste; und mein Direktor, Herr Pouzinel, der meiner Vorſtellung beiwohnte, hat mich ſogleich für die dritten Dugazons engagirt. Her⸗ nach war ich zweitens große erſte Kokette, die erſte be⸗ zeichnete Rolle, und ſtarke erſte Sängerin, und Bro⸗ chard ſelbſt, der leichter Tenoriſt iſt, hat mich den Contrakt aufheben laſſen, und Guſtav, der den Lavuette ſpielt, reiste mit mir nach Auvergne. Wir haben vier bis ſünfhundert Franken mit La tour de Nesle und Adolph und Klara zuſammengebracht; wir haben überall nur dieſe beiden Stücke geſpielt. Glauben Sie alſo, ich werde tanzen!—“ „Nur nicht böſe werden, meine Schöne, ich he⸗ ſchwöre Sie.“ „Wiſſen Sie, daß ich mit Friedrich geſpielt habe! Ja, ich habe in der Provinz mit Friedrich geſpielt, zum Beneſice eines Schriftſtellers. Es iſt wahr, daß ich keine große Rolle hatte: ich machte einen Pagen in der Lukretia Borgia; aber immer habe ich mit Friedrich geſpielt.“ „Ich zweifle nicht daran, Sie werden alſo nicht tanzen; ich bitte Sie dringend, mich zu entſchuldigen; aber meine Theure, die Zeit geht vorüber und Sie antworten auf Vieles, nur nicht auf das was ich ver⸗ lange. Laßt uns damit endigen, wenn es möglich iſt. Sagen Sie mir: wollen Sie erlauben, daß ich in dieſem Augenblicke zu Foſſin gehe, um daſelbſt ein Armband, eine Kette, einen Ring was Sie freut und Ihnen gefallen könnte, zu nehmen, es Ihnen zu ſchicken oder zurückzubringen, nach Ihrer Laune; zum Austauſch würden Sie mir dann die Kleinigkeit, die ich verlange und an der Sie ohne Zweifel nicht hängen, zurückſchicken oder mir ſelbſt zurückgeben?“ „Wer weiß?“ ſagte Javotte mit gemildertem Ton;„wir andern, wir hangen an Wenigem; und ich bin ſo, ich liebe meine Sächelchen.“ „Aber dieſes Bracelet iſt nicht zehn Louisd'or werth, und wahrſcheinlich iſt nicht das darauf Geſchrie⸗ bene es, welches es Ihnen werth macht?“ Die männliche Eitelkeit einerſeits und die weib⸗ liche Koketterie anderſeits ſind zwei ſo natürliche Sachen, und finden ihre Rechnung ſtets ſo gut wieder, daß Triſtan ſich nicht enthalten konnte, bei dieſer 19² Frage ſich Javotten zu nähern. Er hatte ſeinen Arm ſanft um die artige Geſtalt ſeiner alten Freundin ge⸗ ſchlungen, und Javotte, den Kopf auf ihren Fächer geneigt, lächelte und ſeufzte leiſe, während der Schnurr⸗ bart des jungen Huſaren ſchon ihre blonden Haare berührte; die Erinnerung an das Vergangene und bie tde eines neuen Armbandes machten ihr Herz opfen.— „Sprechen Sie, Triſtan,“ ſagte ſie,„ſeien Sie ganz offenherzig. Ich bin ein gutes Mädchen, haben Sie keine Furcht. Sagen Sie mir, wo meine blaue Schlange hinkommen wird.“ „Nun denn! mein Kind,“ antwortete der junge Mann,„ich will Ihnen Alles geſtehen; ich bin verliebt.“ „Itt ſie ſchön? „Sie ſind hübſcher; ſie iſt eiferſüchtig und will dieß Armband; es iſt ihr zu Ohren gekommen, ich weiß nicht wie, daß ich Sie geliebt habe.. „Lügner!" „Nein, das iſt die Wahrheit, Sie waren, meine Theure, und ſind jetzt noch ſo durchaus artig, friſch und kokett, eine kleine Blume; Ihre Zähne ſind wie in eine Roſe gefallene Perlen; Ihre Augen, Ihr Fuß.. „Nun denn!« ſagte Javotte, immer ſeufzend. „Nun denn!“ erwiderte Triſtan,„und unſer Bracelet?“. Javotte bereitete ſich vielleicht mit ihrer zärtlich⸗ ſten Stimme zu antworten:„Nun denn, mein Freund, gehen Sie zu Foſſin,“ als ſie plötzlich aufſchrie: „Nehmen Sie ſich in Acht, Sie rizen mich!“ Bretonniere's Viſitenkarte war noch in Triſtans Hand, und die Ecke des umgebogenen Cartons hatte in der That die Schulter der Madame Roſenval be⸗ rührt. Im gleichen Augenblick klopfte man ſachte an die Thüre, die Tapetenwand hob ſich und Bretonniere ſelbſt trat in das Zimmer. +8 ꝗA8 U2 ð àꝙꝙ —— 193 Parcdieu, mein Herr,“ rief Triſtan, indem er ſich einer zornigen Bewegung nicht enthalten konnte. Sie kommen an, wie der März in den Faſten.“ „Wie Mars in jeder Jahreszeit, ſagte Breion⸗ niere, entzückt von ſeinem Wortſpiel*). „Man könnte das ſehen,“ erwiderte Triſtan. „Wenn es Ihnen gefällt,“ ſagte Bretonniere. „Morgen ſollen Sie von mir hören.“ Triſtan erhob ſich und nahm Javotte bei Seite: — Ich zähle auf Sie, nicht wahr?“ ſagte er leiſe zu ihr;„in einer Stunde werde ich hieher ſenden.“ Dann ging er ohne Umſtände hinaus, indem er noch wiederholte:„Auf morgen.“ „Was will das ſagen 2 fragte Javotte. „Meiner Treu, ich weiß es nicht,“ ſagte Bre⸗ tonniere. Letztes Kapitel. Armand hatte, wie man wohl denken kann, die Rückkunft ſeines Bruders mit Ungeduld erwartet, um das Reſultat der Unterhaltung mit Javotte zu ver⸗ nehmen. Triſtan kam, ging freudig zu ihm und rief: „Viktoria! mein Lieber! wir haben die Schlacht gewonnen, und Beſſeres noch, denn wir werden mor⸗ gen alle Vergnügen der Welt auf einmal haben.“ „Bah!!“ ſagte Armand;„was gibt es denn? Du haf ein Anſehen von Munterkeit, das mir Freude ma „Und dieß nicht ohne Urſache, noch ohne Mühe. Javotte hat gezögert; ſie hat geſchwatzt; ſie hat Ge⸗ ſpräche zum Einſchlafen geführt; aber endlich wird ſie 5 Welches freilich im Deutſchen verloren gehen mußte, inem hijer„Mars“ und„Maͤrz“ nicht gleichlauten. 13 A. d. Ueberſ. Tutti Frutti. I. 194 nachgeben; ich bin deſſen gewiß; ich zähle auf ſie. Dieſen Abend werden wir mein Bracelet haben, und den folgenden Morgen ſchlagen wir uns zur Zer⸗ ſtreuung mit Bretonniere.“ „Schon wieder dieſer arme Menſch! Du willſt ihm alſo tüchtig zu Leibe?“ „Nein, in der That, ich habe keinen Groll mehr gegen ihn. Ich habe ihn angetroffen, habe ihn ſpazie⸗ ren geſchickt: ich werde ihm einen Säbelhieb geben und ihm verzeihen.“ „Wo haſt Du ihn denn geſehen? bei Deiner Schönen?“. „Ach, mein Gott, ja; muß ſich denn dieſer Herr nicht überall eindrängen?“ „Und wie kam es wohl zum Streite?“ „Es iſt kein Streit, zwei Worte, ſage Dir, eine Kleinigkeit; wir werden darüber ſchwatzen. Laß uns jetzt zuerſt zu Foſfin gehen, um für Javotte, mit der ich einen Tauſch eingegangen bin, etwas zu kaufen; denn man gibt nichts für nichts, wenn man Javotte heißt, und ſelbſt ohne das.“ „Gehen wir,“ ſagte Armand,„ich bin entzückt wie Du, daß Du zum Ziele gelangt biſt, und das haſt, womit man die Marquiſe beſchämen kann. Aber während wir den Weg machen, ſo laß uns, ich bitte Dich, mein lieber Freund, über den zweiten Theil Deiner projektirten Rache nachdenken. Er ſcheint mir mehr als ſonderbar.“ „ Keine Worte mehr,“ ſagte Triſtan,„das iſt ein abgemachter Punkt. Ob ich Recht oder Unrecht habe, gleich viel: wir hätten dieß dieſen Morgen verhan⸗ deln können, jetzt da der Wein aufgepfropft iſt, muß man ihn trinken.“ „Ich werde nicht aufhören,“ erwiderte Armand, „Dir zu wiederholen, daß ich nicht begreife, wie ein Mann wie Du, ein als tapfer anerkannter Militär, an dieſen grundloſen Duellen, dieſen Kindereien, die⸗ 19⁵ ſen Schülerprahlereien, die vielleicht in der Mode ge⸗ weſen, über die man ſich aber heut zu Tage luſtig macht, Vergnügen finden kann. Die Parteizwiſte, die Kokardenduelle laſſen ſich in politiſchen Kriſen begreifen. Es mag einem Republikaner luſtig dünken, ſich mit einem Royaliſten herum zu fuchteln, und das einzig darum, weil ſie ſich antreffen; die Leidenſchaf⸗ ten ſind im Spiel, und alles läßt ſich entſchuldigen. Aber hier rathe ich Dir nicht, ich tadle Dich. Wenn Dein Plan ernſthaft iſt, ſo ſtehe ich nicht an, Dir zu ſagen, daß in ſolchem Fall ich ausſchlagen werde, mei⸗ nem beſten Freunde als Zeugen zu dienen.“ „Ich verlange nicht von Dir mir zu dienen, aber zu ſchweigen; laß uns zu Foſſin gehen.“ „Gehen wir wohin Du willſt, ich werde nicht davon ablaſſen. Einen überläſtigen Menſchen auf's Korn zu nehmen, das kann Jedem begegnen; ihn fliehen oder verſpotten geht auch noch an; aber ihn tödten wollen, das iſt ſchrecklich.“ „Ich ſage Dir, daß ich ihn nicht tödten werde. Ich verſpreche es Dir, ich verpflichte mich dazu. Ein Säbelhieb, das iſt alles. Ich will den Arm des die Marquiſe bedienenden Kavaliers in die Schlinge legen, während ich ihr ſelbſt zu gleicher Zeit ganz unterthä⸗ nig das Armband meiner Griſette darbieten werde.“ „Bedenke doch, daß das unnütz iſt. Wenn Du Dich ſchlägſt, um Deine Ehre zu retten, was haſt Du mit dem Armband zu thun? Wenn das Armband hin⸗ reichend iſt, wofür dieſer Streit? Liebſt Du mich ein wenig? Das darf nicht ſein.“ „Ich liebe Dich ſehr und das muß ſein.“ Indem die beiden Brüder ſo ſprachen, kamen ſie bei Foſſin an. Triſtan, der nicht wollte, daß Javotte ihren Handel bereuen könnte, wählte eine niedliche Kette für ſie, die er ſorgfältig einwickeln ließ, da er die Abſicht hatte, ſie ſelbſt zu überbringen und die Antwort abzuwarten, wenn er nicht enpfafgen würde. * 196 Armand, der eine andere Sache im Kopfe hatte und ſeinen Bruder bei dem Gedanken ſchnell mit dem frag⸗ lichen Bracelet zurückzukommen, noch freudiger ſah, anerbot ſich nicht, ihn zu begleiten. Man war ein⸗ verſtanden, ſich am Abend wieder zu finden. In dem Augenblick, wo ſie ſich trennen wollten, fuhren die Räder einer offenen Kaleſche mit großem Getöſe über das Trottoir der Straße Richelieu. We⸗ gen der ſonderbar in die Augen ſtechenden Livree wandten ſich die Vorübergehenden um. In dieſer Kutſche war Frau von Vernage allein, nachläßig aus⸗ geſtreckt. Sie erblickte die beiden jungen Leute, und grüßte ſie durch ein kleines Kopfnicken mit der Sorg⸗ lofigkeit der Beſchützerin. „Ach!“ ſagte Triſtan, der gegen ſeinen Willen erbleichte,„es ſcheint, der Feind komme, den Platz zu beobachten. Sie hat auf ihre famoſe Jagd verzichtet, dieſe ſchöne Dame, um einen Spaziergang in die Eli⸗ ſäiſchen Felder zu machen, und den Staub von Paris einzuathmen. Sie möge in Frieden ziehen! ſie kommt gerade recht. Ich ſchmeichle mir wirklich, ſie hier zu ſehen. Wenn ich ein Geck wäre, ſo würde ich viel⸗ leicht glauben, daß ſie meinetwegen kommt. Aber keineswegs; ſieh mit welch ariſtokratiſchem Gehenlaſſen, das ſelbſt das der Javotte übertrifft, ſie uns zu be⸗ merken würdigte. Ich wette, ſie weiß nicht, was ſie thun will; ſolche Frauen ſuchen die Gefahr, wie der Schmetterling das Licht. Möge ihr Schlaf dieſe Nacht ruhig ſein. Ich werde mich morgen bei ihrem Auf⸗ ſtehen vorſtellen und wir werden Neuigkeiten hören. Ich mache mir ein wahres Feſt daraus, einen ſolchen Hochmuth mit ſolchen Waffen zu befiegen. Wenn ſie wüßte, daß ich da in meinen Händen ein kleines Ge⸗ ſchenk für ein Mädchen habe mittelſt welchem ich das Recht erlangen werde, ihr zu ſagen: Ihre ſchönen Lippen haben gelogen und Ihre Küſſe riechen nach Verläumdung, was würde ſie ſagen? Sie wäre viel⸗ 197 leicht nicht weniger ſchön, aber minder hoffärtig. Leb' wohl, mein Freund, dieſen Abend alſo.“ Wenn Armand nicht länger darauf beſtanden hatte, ſeinem Bruder das Duell zu widerrathen, ſo war es nicht deßwegen, daß er es für unmöglich hielt, ihn daran zu verhindern; aber er kannte ihn als zu heftig, be⸗ ſonders in einem ſolchen Momente, um verſuchen zu wollen ſeine Vernunft zu beſiegen; er wollte lieber ein anderes Mittel ergreifen. Bretonniere, den er von lange her kannte, ſchien ihm einen ruhigern und zugänglichern Charakter zu haben; er hatte ihn recht vorſichtig jagen geſehen. Entſchloſſen zu ſehen ob auf dieſer Seite nicht mehr Hoffnung zur Verſöhnung vorhanden ſei, ſuchte er ihn ſchleunig auf. Bretonniere war allein auf ſeinem Zimmer, von Stößen Papiers umgeben, wie ein Mann der ſeine Geſchäfte in Ord⸗ nung bringt. Armand drückte ihm ſein ganzes Be⸗ dauern aus das er empfand, zu ſehen daß ein Wort (das er übrigens nicht kenne, ſagte er) zwei Leute von Herz einander gegenüber und von da in das Gefäng⸗ niß führen könne. „Was haben Sie denn meinem Bruder gelhan?“ fragte er ihn. 3 „Meiner Treu, ich weiß es nicht,“ ſagte Breton⸗ niere, indem er wechſelsweiſe mit ein wenig verlege⸗ ner Miene aufſtand, ſich wieder ſetzte, und auch ſeine gewöhnliche Gravität beibehielt;„Ihr Bruder ſcheint mir ſeit langer Zeit übel gegen mich geſtimmt; aber wenn ich offen zu Ihnen reden ſoll, ſo geſtehe ich Ihnen, daß ich durchaus nicht weiß warum.“ „Iſt nicht etwa zwiſchen Ihnen irgend eine Riva⸗ lität? Machen Sie nicht irgend einer Frau den Hof 2...“ „Nein in der That, was mich anbetrifft, mache ich Niemand den Hof, und ich ſehe keinen vernünftigen Grund, der Ihren Bruder ſo die Schranken der Höf⸗ lichkeit überſchreiten ließ.“ „Haben Sie niemals mit einander geſtritten? . 198— „Nie, ausgenommen ein einziges Mal, es war zur Zeit der Cholera. Als man beim Deſſert noch ſchwatzte, behauptete Herr von Berville, daß eine an⸗ ſteckende Krankheit immer epidemiſch ſei, und er wollte dieſen falſchen Grundſatz durch den Unterſchied begrün⸗ den, den man zwiſchen dem Wort epidemiſch und en⸗ demiſch aufgeſtellt hat. Sie fühlen wohl, daß ich nicht ſeiner Meinung ſein konnte, und ich bewies ihm ganz gut, daß eine epidemiſche Krankheit ſehr gefährlich werden könne, ohne ſich durch die Anſteckungen mitzu⸗ theilen. Wir legten in dieſen Wortwechſel etwas zu viel Wärme, ich geſtehe es. „Iſt das alles 2⸗ „So viel ich mich erinnere. Vielleicht jedoch wurde fꝛer vor einiger Zeit böſe, daß ich einem Verwandten zwei Dachshunde überließ, zu welchen er Luſt hatte. Aber was konnte ich thun? Dieſer Verwandte beſuchte mich zufällig; ich zeigte ihm meine Hunde, dieſe Dachs⸗ hunde findet er....„ „Wenn es nur das iſt, ſo iſt da kein Grund, ſich die Augen auszureißen.“ „Nein, nach meinem Sinne, ich bezeuge es; auch ſage ich Ihnen mit gutem Gewiſſen, daß ich rein nichts von der Herausforderung verſtehe, die er ſo eben an mich gerichtet hat.“ „Aber wenn Sie Niemandem den Hof machen, ſo iſt er, er ſelbſt vielleicht in dieſe Marquiſe verliebt, mit welcher wir jagen gehen? „Das kann ſein; aber ich glaube es nicht. Ich erinnere mich nicht, jemals bemerkt zu haben, daß die Marquiſe von Vernage verdammliche Begierden leiden oder ermuthigen konnte.“ „Wer ſpricht Ihnen von etwas Verdammlichem? Iſt das etwas Böſes, verliebt zu ſein 4 „Ich erörtere dieſe Frage nicht; ich begnüge mich, Ihnen zu logen, daß ich es nicht bin, und daß ich demzufolge Niemandes Nebenbuhler ſein kann.“ O& B& A SͤS ———————Nn —4 199 „In dieſem Fall werden Sie ſich nicht ſchlagen?⸗ „Ich bitte Sie um Verzeihung, ich bin auf die ausdrücklichſte Weiſe herausgefordert. Er ſagte mir, als ich eintrat, ich käme wie der März in die Faſten. Salhe Reden duldet man nicht, ich muß Genugthuung aben.“ „Sie wollen ſich alſo um eines Wortes willen die Kehle abſchneiden.⸗ „Die Umſtände ſind ſehr ernſthaft. Ich trete nicht über die Gründe ein, die die Herausforderung veran⸗ laßt haben; ich erſtaune darüber, weil ſie mir ſonder⸗ bar vorkommt; aber ich kann nicht anders als ſie annehmen.“ „Ein ſolches Duell! iſt das möglich, Sie ſind doch kein Narr und Berville auch nicht. Laſſen Sie uns ſehen, Bretonniere, wir wollen vernünftig darüber ſprechen. Glauben Sie, es freue mich, Sie eine ſolche Unbeſonnenheit begehen zu ſehen?2“ „Ich bin kein ſchwacher, aber auch kein blutdur⸗ ſtiger Mann. Wenn Ihr Bruder mir Entſchuldigun⸗ gen vorſchlägt, vorausgeſetzt, daß ſie gut und rechts⸗ gültig ſind, ſo bin ich bereit, ſie anzunehmen. Wo nicht, ſo ſchreibe ich da eben mein Teſtament, wie es ſich gehört.⸗ „Was verſtehen Sie unter rechtsgültigen Entſchul⸗ digungen?⸗ „Ich verſtehe darunter.. das begreift ſich.⸗ „Aber was noch?“ „Gute Entſchuldigungen.“ „Und was denn endlich ſo ungefähr, ſprechen Sie.⸗ „„Nun denn! er hat mir geſagt, daß ich wie der März in die Faſten käme, und ich glaube ihm würdig geantwortet zu haben. Er muß dieſes Wort zurück⸗ nehmen, und mir vor Zeugen ſagen, daß ich ganz ein⸗ fach als Herr von Bretonniere kam.“ „„Ich glaube, daß er Ihnen dieß, wenn er ver⸗ nünftig iſt, nicht abſchlagen kann.⸗ 200 Armand ging von dieſer Unterredung nicht vollkom⸗ men befriedigt, aber doch weniger unruhig alser gekom⸗ men, weg. Zwiſchen elf und zwölf Uhr Nachts kam er mit ſeinem Bruder auf dem Boulevard de Gand zuſammen. Er fand ihn mit unruhiger Miene und großen Schritten hin und her gehend, und er ſchickte ſich an, mit ſeinem Vergleich in den von Bretonniere geforderten Ausdrücken zu unterhandeln, als Triſtan ihm den Arm nahm und rief: Alles iſt gefehlt, Javotte lacht mich aus, ich habe mein Armband nicht.“ Warum?“ GKarum? Was weiß ich? eine Schwalbenidee. † Ich ging geradenwegs zu ihr. Man antwortet mir, ſie ſei ausgegangen. Ich verſichere mich, daß ſie in der That nicht da iſt, und ich frage, ob ſie nichts für mich zurückgelaſſen habe: die Kammerfrau betrach⸗ tet mich erſtaunt. Nach vielen Fragen erfahre ich, daß Madame Roſenval mit ihrem Brillenbaron und einer andern Perſon, ohne Zweifel dieſem verdamm⸗ ten Bretonniere, zu Mittag geſpieſet hat, daß ſie ſich hernach getrennt, Bretonniere um heim, Javotte und der Baron um in's Theater zu gehen, und zwar nicht in den Saal, ſondern auf das Theater; und ich weiß nicht, was noch Unbegreifliches; alles mit Mägdege⸗ ſchwätz vermiſcht:„Madame hatte eine gute Nachricht erhalten; Madame ſchien ſehr zufrieden; ſie war beeilt: man hatte nicht Zeit, den Nachtiſch zu eſſen, aber man ließ Champagner aus dem Keller holen.“ Ich ziehe jedoch aus meiner Taſche die kleine Schachtel von Foſſin, die ich der Kammerfrau übergebe, indem ich ſie bitte, es dieſen Abend ihrer Herrin und zwar im Vertrauen zuzuſtellen. Ohne verſtehen zu wollen, was ich nicht wiſſen darf, füge ich meinem Geſchenk ein imn der Eile geſchriebenes Zettelchen bei. Hierauf kehre ich wieder zurück, ich zähle die Minuten und die Ant⸗ b wort kommt nicht. So ſtehen nun die Sachen. Jetzt, — 1 9— A A A—— 8Aͤ2— da dieſes Mädchen, ich weiß nicht was im Kopfe hat, wird ſie davon abkommen, um mich zu verpflichten. Welcher Wind hat über dieſe Wetterfahne geweht?“ „Aber,“ ſagte Armand,„das Schauſpiel war ſpät beendigt, ſie muß wohl, dieſe Wetterfahne, die nöthige Zeit haben, um zu leſen, zu antworten, das Bracelet zu ſuchen, und es zu ſchicken. Wir werden es ſogleich zu Hauſe finden. Denke doch, daß Javotte Dein Geſchenk nur unter dem Titel eines Tauſches anſtändiger Weiſe annehmen kann. Und was Dein Duell betrifft, ſo denke nicht mehr daran.“ 3„Ach mein Gott! ich denke nicht daran; ich gehe. azu.... „Du biſt ein Narr! und unſere Mutter?““ Triſtan ſenkte den Kopf ohne zu antworten, und die beiden Brüder gingen nach Hauſe. avotte war jedoch nicht ſo bösartig, wie man glauben könnte. Sie hatte den Tag in einer ſonder⸗ baren Verlegenheit zugebracht. Dieſes zurückgeforderte Armband, dieſe Dringlichkeit, dieß im Plan liegende Duell, das ſchienen ihr alles unbegreifliche Träu⸗ mereien; ſie ſuchte, was ſie zu thun habe, und fühlte, daß das Klügſte ſei bei Ereigniſſen, die ſie nichts an⸗ gingen, gleichgültig zu bleiben. Aber wenn Madame Roſenval den ganzen Stolz einer Theaterkönigin, ſo hatte Javotte im Grund ein gutes Herz. Berville war jung und liebenswürdig; der Name dieſer Marquiſe mit allem dem vermiſcht, dieß Geheimniß, dieſe Halb⸗ geſtändniſſe gefielen der Einbildungskraft der empor⸗ gekommenen Griſette. „Wenn es wahr wäre, daß er mich noch ein we⸗ nig liebt, und daß eine Marquiſe eiferſüchtig über mich iſt,“ dachte ſie,„würde denn da eine ſo große Gefahr ſein, das Armband zu geben? Weder der Ba⸗ ron noch Andere würden es ahnen; ich trage es nie; warum denn einen Dienſt nicht erweiſen, wenn da⸗ durch Niemandem Leides geſchieht?“ 20² Indem ſie ſo nachdachte, hatte ſie einen kleinen Sekretär geöffnet, deſſen Schlüſſel an ihrem Halſe hing. Hier waren durcheinander alle Juwelen ihrer Krone aufgehäuft, ein Diadem von Flittergold für ‚a jour de Nesle,“ Halsbinden„en strass,“ gläſerne Smiaragde, die der Prosceniumslampen bedurften, um in zweifelhaftem Lichte zu glänzen; aus der Mitte dieſes Schatzes zog ſie das Armband von Triſtan, und betrachtete aufmerkſam die beiden auf den Schild gravirten Namen. „Sie iſt artig, dieſe Schlange,“ ſagte ſie,„welche Idee kann Berville haben, ſie zurücknehmen zu wollen? Er glaubt, er opfere es mir. Wenn die Unbekannte mich kennt, ſo komme ich in Verlegenheit. Dieſe bei⸗ den Namen nebeneinander berechtigen nicht dazu. Wenn Berville für mich nur eine Grille hatte, iſt das ein Grund? Bahl er wird mir ein anderes geben; das muß drollig ſein.“ Javotte wollte vielleicht das Armband ſchicken, als ein Zug an der Glocke ſie in ihren Betrachtungen ſtörte. Es war der Herr mit der goldenen Brille. „Mademoiſelle,“ ſagte er,„ich kündige Ihnen einen glücklichen Erfolg an; Sie find bei den Chören angeſtellt. Es iſt freilich für den Anfang nichts beſon⸗ ders Brillantes; dreißig Sous, Sie wiſſen, aber was macht das? Dieſer artige Fuß iſt im Steigbügel. Schon dieſen Abend werden Sie einen Domino in dem Maskenball von Guſtav tragen.“ „Das iſt eine Nachricht!“ rief Javotte vor Freude aufſpringend.„Choriſtin in der Oper! ſogleich Cho⸗ riſtin! ich habe gerade meinen Geſang nochmals durch⸗ egangen; ich bin bei Stimme; dieſen Abend, uſtavo! Ach mein Gott!. Nach dem erſten Augenblic des Entzückens fand Madame Roſenval die Wichtigkeit wieder, die einer Sängerin zuſteht:. „Baron,“ ſagte ſie,„Sie ſind ein allerliebſter 203 Mann. Es gibt Niemand wie Sie, und ich fühle meinen Beruf; ſpeiſen wir zu Mittag; gehen wir in die Oper: zum Ruhme laßt uns zurückkehren, zu Nacht ſpeiſen, gehen Sie fort; ich ſchlafe ſchön auf meinen Lorbeern.“ Der erwartete Gaſt kam bald. Man beſchleunigte das Mittageſſen, und Javotte ermangelte nicht, viel früher als es nöthig war, weggehen zu wollen. Das Herz ſchlug ihr, als ſie durch die Schauſpielerthüre in dieſen alten, dunkeln und kleinen Gang trat, den Tag⸗ lioni vielleicht auch gewandelt. Als das Ballet be⸗ klatſcht wurde, glaubte Madame Roſenval, in ihrer roſenrothen Kaputze auch zum glücklichen Erfolg bei⸗ etragen zu haben. Sie kam ſehr bewegt und in der Trunkenheit des Triumphs nach Hauſe, ihre Gedan⸗ ken waren hundert Stunden von Triſtan entfernt, als ihre Kammerfrau ihr das kleine durch Foſſin ſorgfältig eingewickelte Schächtelchen zuſtellte nebſt einem Billet, wo ſie folgende Worte fand: ‚Ihre Freuden dürfen ſie einen alten Freund, der eines Dienſtes bedarf, nicht vergeſſen laſſen. Seien Sie gut, wie ehedem. Ich erwarte Ihre Antwort mit Ungeduld. „Der arme Burſche,“ ſagte Madame Roſenval, „ich hatte ihn vergeſſen. Er ſchickt mir eine Kette; er hat mehrere Türkiſen darin... Javotte legte ſich in's Bett und ſchlief wenig. Sie dachte mehr an ihr Engagement und ihre glän⸗ zende Beſtimmung, als an die Bitte Triſtans. Aber der Tag fand ſie wieder in ihren guten Gedanken. „Nun denn,“ ſagte ſie,„es ſoll ausgeführt wer⸗ den. Mein geſtriger Tag war ein glücklicher; alles muß zufrieden ſein.“ Es war acht Uhr Morgens, als Javotte ihr Arm⸗ band nahm, ihren Shawl und Hut anzog und aus⸗ Lng, voller Herz, bereits noch als Griſette. Bei riſtans Hauſe angekommen, ſah ſie vor der Woh⸗ 4 3 204 nung des Verwalters eine dicke Frau, deren Wangen mit Thränen bedeckt waren. Herr von Berville? fragte Javotte. „Leider!“ antwortete die dicke Frau. „Iſt er da, wenn es gefällig iſt 2 Iſt's hier?“ „Ach! Madame.... er hat ſich geſchlagen.... man bringt ihn ſo eben zurück.... Er iſt todt!. Den folgenden Tag ſang Javotte zum zweiten Male in den Chören der Oper, unter einem vierten Namen, den ſie gewählt, dem der Madame Amaldi. —— 9 — 8 deren Schloß roſtig war und die ſich gegen die Straße Der Tambour von Wagram, . von Marco de Saint⸗Hilarie. Deutſch von Otto Herbſt. 1. Der kleine Manufakturpoſten. Zur Zeit des Direktoriums befand ſich auf der Straße von Saint⸗Cloud nach Sevres, beinahe an der Ecke des Weges, welcher zum Dorfe Bellevue geht, ein kleines Weiler, zuſammengeſetzt aus zwei von einander getrennten Häuſern, die übrigens den⸗ noch die Ecke des Weges bildeten. Das eine hatte die Ausſicht auf einen viereckigen Hof und dieſer auf den Berg von Bellevue. Das zweite ſah auf die Chauſſee nach Sevres und auf eine der Thüren des Parkes von Saint⸗Cloud, welcher damals einem jungfräulichen Walde glich. Das letzte Anhängſel von Gebäude, deſſen wir erwähnen, war eine große, ziemlich ſchlechte Baracke mit Fenſtern nach Art einer Guillotine, im Bauſtyl der Zeit, mit einer Thüre, 206 zu öffnete. Dieſe Barake, welche blos ein Stück Chauſſee vor ſich hatte und durch eine Art heimlicher Thür zunächſt mit dem Hofe in Verbindung ſtand, der ſie von dem andern Gebäude trennte, diente vor fünfzig Jahren den Patern des Seguiner⸗Kloſters zu einer Niederlage für die Thierhäute, welche ſie auf der Seine⸗Inſel lohen ließen, die jetzt noch ihren Namen trägt und welche ſie nachher den Lieferanten der Republik verkauften zur Equipirung der vierzehn Armeen, welche dieſe auf Koſten der Fremden un⸗ terhielt. —* Als Bonaparte Conſul geworden war und Saini⸗ Cloud zu ſeiner Frühlingsreſidenz wählte, warf man die Augen auf dieſes Weiler, um einen Kavallerie⸗ poſten und ein Korps Garde⸗Infanterie daraus zu machen. Mit dem Ankauf war man flugs im Reinen; auch beſſerte man die Gebäude, ſo gut es ſich machen ließ, aus und ſeit dem Jahre 1802 ſetzte ſich ein Pi⸗ quet von Grenadieren zu Pferd in den geräumigſten Gebäulichkeiten feſt, zu gleicher Zeit, als ein Poͤſten Grenadiere oder Jäger zu Fuß in die Barake einquar⸗ tiert wurde. Da ſich das Weiler nicht weit von einer Ausfallthüre gegenüber der Manufaktur von Sevres befand, ſo bekam der Ort den Namen des kleinen Manufakturpoſtens und behielt ihn bis zum Jahre 1815, der unglückſeligen Periode, in welcher hier Blüchers Preußen ſo viele Exceſſe begingen, daß die Civilliſte Ludwigs XVIII. es nicht für paſſend fand, das Wei⸗ ler wieder in Stand zu ſetzen. Das Gebäude blieb verlaſſen und unbenützt in dem Zuſtande, in welchem man es jetzt noch ſieht. Zur Zeit des Konſulates und des Kaiſerthumes war dieſes Garde⸗Korps weit entfernt, den Abthei⸗ lungen holländiſcher Garde zu gleichen, wie ſie uns Wouwermann und Vandermeulen auf der Leinwand ſo pittoresk entworfen haben. Vier rieſige Mauern, bedeckt mit Zeichnungen und Figuren, welche der —.— HO˖V;⏑L—ꝛ——— —— ⁰—— 207 Kohle ihr Daſein zu verdanken hatten, einem Stuben⸗ ofen von Eiſenblech, einer wurmſtichigen Hackenkiſte für Waffen, ein hinkender Tiſch, welcher zugleich dazu diente, die hölzernen Geſchirre darauf zu ſetzen und den Rapport von jedem Tag zu ſchreiben, ein ſchwar⸗ zes Feldbett, wie Ebenholz poliert, jedoch ſeiner Kürze und Enge nach dem fabelhaften Bette des Procruſtes ziemlich vergleichbar, ein langer, kleiner, eingeräucher⸗ ter Sims, dazu beſtimmt, das Trinkgeſchirr, die Trom⸗ mel und den Caputrock des Trommlers aufzubewah⸗ ren, zwei Bänke von weißem Holz und endlich ein verwitterter Kirchſtuhl für den Chef des Poſtens mach⸗ ten die Möblirung dieſer eingeräucherten Höhle aus, welche eber einer Bande Räuber als einer Abtheilung braver Soldaten angemeſſen war. Am Ende des Hofes, welcher auf dieſer Seite blos durch Bretter⸗Barrikaden von den Gärten der Manufaktur getrennt war, befand ſich eine Quelle und einige Schritte von derſelben ein ſchlechtes Haus, mit dem Namen ‚Geige’ bezeichnet, dazu beſtimmt, bei gegebenem Anlaß den Kavalleriſten oder Fußgän⸗ er in der Stille aufzunehmen, der ſich gegen einen Hohern widerſpenſtig gezeigt oder ſich betrunken hatte, Dinge, die ſo ſelten in den Garderegimentern vor⸗ kamen, daß ſeit der Schaffung des Poſtens die Geige von Niemand beſetzt war; man wünſchte, der Schlüſ⸗ ſel ihrer Thüre wäre gar nicht vorhanden geweſen. Das Kavallerie⸗Piquet, welches ſich im Beſſern der zwei Gebäude aufhielt, beſtand aus dreißig Leu⸗ ten, welche unter einem Lieutenant ſtunden; die Pferde waren immer geſattelt und gezäumt; ſie kamen blos auf den ausdrücklichen Befehl des dienſtthuenden Ge⸗ neraladjutanten und blos als Aushülfspferde zur Be⸗ deckung heraus; man ſetzte ſelbſt keine Wache vor den Stall. Was den Infanteriepoſten betrifft, ſo wurde er jeden Tag durch das dienſtthuende Bataillon von Saint⸗Cloud vollzählig gemacht und beſtand aus zwölf 208 Leuten, welche ein Sergeant und ein Korporal kom⸗ mandirte und welche überdieß noch einen Tambour hatten, weil es Ordonnanz war, daß bei einem In⸗ fanteriepoſten, er mochte ſo klein ſein, als er wollte, die Soldaten im Gewehr ſtehen und der Tambour zum Ausrücken trommeln ſollte, wenn der Kaiſer vor⸗ überging.. An einem heißen Tage des Juli 1806 traf es ſich, daß der Sergeant Bonneville von der zweiten Kompagnie des erſten Bataillons der Jäger zu Fuß aus der alten Garde mit dem Kommando des kleinen Manufakturpoſten bekleidet war. Dieſes Kommando hatte allerdings einige Wichtigkeit in Betreff der Nähe des Parkes von Saint⸗Cloud, wo Napoleon bei Tage und hie und da ſelbſt bei der Nacht häufig ſpazieren ging. Mehr als einmal lioß er ſich im Laufe ſeiner nächtlichen Wanderungen allein von Düroc oder vom dienſtthuenden General⸗Adjutanten begleitet, das Git⸗ ter gegenüber vom Manufakturpoſten aufſchließen und ſah nach ſeinen Bären. Dieſe Beſuche waren nicht häufig, aber ſie konnten jeden Tag kommen, und der Chef des Poſtens hielt mit unbeugſamer Strenge die Ordre aufrecht, welche den Soldaten verbot, ſei es der Länge, ſei es der Breite nach, zehn Schritt von der Facade des Mauthhauſes ſpazieren zu gehen. Bonneville, welchen wir de Bonneville nennen könnten, denn er gehörte einer alten Familie an, deren Häupter im Jahre 1792 ausgewandert waren, Bonneville, ſage ich, war in Dienſtſachen ein ſtrenger Soldat, aber beſaß Geradheit des Charakters und einen gebildeten Geiſt, wie denn die alte Garde zu dieſer Zeit viele Unteroffiziere dieſer Art zählte. Wie⸗ wohl er noch jugendlich ausſah, ſo wurden doch ſeine Dienſte durch zwei Borten, horizontal auf dem linken Aermel, über einer goldenen Treſſe, der Auszeichnung ſeines Grades beurkundet, und doch hatte er das Eh⸗ renkreuz noch nicht erhalten. Wenn dieſer Mangel an Auszeichnung bei dieſen auserleſenen Soldaten ſelten war, ſo war er bei einem ihrer Unteroffiziere gewiſſermaßen ausnahmsweiſe ſelten. Das Geſicht des Sergeanten, durch die Sonne von allen Landſtrichen des ganzen Europa's verbrannt, trug die unangenehme Schönheit zur Schau, welche unſere alten Soldaten der Republik und des Kaiſer⸗ thums auszeichnete. Im Blick und im ſeltenen Lächeln, welches ſeinen grau werdenden Bart in die Höhe hob, lag eine Art Verachtung, welche mit der Einfachheit, ja man könnte ſogar ſagen, mit einer Art kriegeriſcher Unſchuld kontraſtirte, die man auf der Wöyſtognomie der andern Jäger des Poſtens be⸗ merkte. Hauptſächlich war Bonneville durch ſeine äußerſt aufrechte Haltung bemerkenswerth. Uebrigens genoß er von Seiten der Compagnie wenig Liebe, aber die⸗ ſer Mangel an Sympathie hatte vielleicht weniger ſeine Quelle in ſeiner ſprüchwörtlich gewordenen Strenge, als in dem Umſtande, daß er wenige Dienſtjahre zählte. So geſchah es, daß ſich unter den Soldaten, deren jüngſter Bart ſich aus dem erſten italieniſchen Feldzug herſchrieb, ein leichtes Murmeln verbreitete, wie er nach ſeiner Einſetzung als Kommandant des Poſtens den Soldaten ſeine Ernennung mit folgenden Worten kund gab:„Meine Herren!?*) Ich erkläre *) In der alten Garde wandte ſich der Unteroffizier an ſeine Unter⸗ gebene mit keiner andern Anrede, als mit den Worten:„Meine Herren.“ In dieſem auserleſenen Corps herrſchte eine Art Ariſtokratie, die von der Idee des Vorrangs herruhrte, welchen jeder vor ſeinem Kameraden voraus zu haben glaubte. Die Soldaten duzten ſich nicht unter einander, wie es bei den andern Regimentern des Heeres der Fall war, wenn es Verwandte oder innige Freunde, oder wenn es nicht Zeltkameraden ſeit geraumer Zeit her geweſen waren. In dieſem letzten Falle wurde das„Du ſtrenge gebraucht, das „Sie ware von dem, an welchen es gerichtet worden, als eine Beſchimpfung oder wenigſtens als das Zeichen einer gewiſſen Abneigung aufgenommen worden. Vewlein allein Tutti Frutti. I. 210 Ihnen, daß diejenige unter Ihnen, welche dem Befehle entgegenhandeln und die Gränze des ausgeſteckten Spazierweges übertreten, mit zwei Tagen Zimmer⸗ arreſt beſtraft werden.“ Aber der, welcher am offen⸗ ſten unter Allen ſeine üble Laune an den Tag legte, war der Tambour Romeuf, der bereits mit dem Eh⸗ renkreuze dekorirt war, wiewohl kaum fünfundzwanzig Jahre alt, und der ſich nicht die Mühe gab, ſeine Empfindungen zu verheimlichen. „Ei! Ei! mit Verlaub!“ ſagte er und zwar ſo laut, daß es Bonneville wohl hören konnte,„das iſt was Rechtes! ein Sergeant, der das Kreuz nicht hat. Hält er uns für Eidechſen, daß wir bei einer Son⸗ nenhitze ſpazieren gehen ſollten, welche den Dom der Invaliden ſchmelzen könnte. Welche Erholung! Doch, wenn dieſes ſeine Anſichtsweiſe iſt—“ Ja, das Wort ‚Anſichtsweiſee war der Refrain des Tambours, das Reſumé aller ſeiner Beſchlüſſe, das Ende aller ſeiner Reden. Nur modiftzirte er dieſe gewöhnliche Ausdrucksweiſe nach den Individuen, den Umſtänden, der Laune, in welcher er war. War er vergnügt, ſo blähte ſich ſeine Figur auf, ſeine Augen bekamen Feuer und er ſagte mit erhobenem Ton: „Seht da, das iſt meine Anſichtsweiſe.“ War er übel gelaunt, war einer ſeiner Vorgeſetzten vor ihm vorübergegangen, ohne ihn zu beachten, oder hatte ihm ein Oberer eine Bemerkung gemacht, welche ſeine Empfindlichkeit reizte, ſo wurde Romeuf düſter, ſeine Augenbraunen rückten zuſammen, er ſenkte den Kopf, bediente ſich des Vorrechtes, die Soldaten der Garde zu duzen, in weitem Umfange, namentlich bei denen, welche die erſten Feldzüge in Italien mit ihm gemacht hatten, und die, welche er ſeine Egyptier nannte; aber er duzte ſelten einen Offizier. Er mußte, wenn er Einem dieſes Zeichen des Wohlwollens geben ſollte, denſelben ſeit langer Zeit her kennen. Auch ſagte er im Scherze, ſeine Bären ſeien Burſche, welche unter einander ſelbſt den Hochmüthigen ſpielen. R dA—* ̈̈—9 X 7 weiſe. Bonneville hatte die Reflexionen des Tambour vollkommen verſtanden, aber, weil er nicht in die Nothwendigkeit verſetzt ſein wollte, gegen einen Deko⸗ rirten ſtrenge zu verfahren, that er, als höre er's nicht und begnügte ſich damit, einen ſtrengen Blick auf Romeuf zu werfen, welcher ſich, bedeutend aufge⸗ regt, auf ſeiner Trommel neben der Bank an der Thüre den Fahnenmarſch zu ſchlagen angefangen hatte. Romeuf war der natürliche Sohn einer Marke⸗ tenderin aus dem alten Regiment Königs Dragoner“. Seine Mutter war geſtorben und zwar einige Mo⸗ nate, nachdem ſie ihn zur Welt gebracht hatte, und zwar ohne den Namen des Vaters von ihrem Kinde angegeben zu haben. Die Dragoner hatten die Meer⸗ katze im Keller gefunden, wo er auf einem Sacke Erdäpfel lag und wie ein vom Pferd abgeſetzter Rei⸗ ter ſchrie. Weil der Vater fortfuhr, das Inkognito über ſeine Geburt zu bewahren, nahm das Regiment den Knaben an. Ein alter Brigadier, welcher früher im Regiment Champagne Tambour geweſen war, hatte ihn zu ſich genommen und umſonſt auferzogen. Im Alter von acht Jahren hatte der junge Menſch ſeine Laufbahn als Pfeifer eröffnet, dann war er einen Grad geſtiegen und Tambour geworden. Spä⸗ ter war er dem General Bonaparte nach Italien ge⸗ folgt, wo ihm ſein Muth die Ehrenſchlägel errungen hatte. Die Dekoration mit dem Kreuze bekam er nach dieſen. Endlich war er in die Kaiſergarde ein⸗ getreten zur Zeit ihrer Schöpfung, und unter die alte Garde gekommen, beſtändig als„Stinkapfelbaum“, wie man die Tambours von kleiner Geſtalt nannte. Tapfer bis zur Tollkühnheit, ehrgeizig wie ein Reichsmar⸗ ſchall, ein Raiſonneur bis zum Hochmuth, war Ro⸗ meuf zugleich trotzig und beſcheiden; trotzig weil er das Kreuz hatte und in einem Alter in der alten 14: und wiederholte ſeufzend:„Das iſt ſeine Anſichts⸗ 212 Garde dienen durfte, in welcher es geſetzmäßig nicht erlaubt war, um dieſe Ehre anzuhalten; beſcheiden, weil ſich ſein Ehrgeiz immer betrogen fand, da es ihm gänzlich an Unterricht fehlte. Im Gewirre der Feldzüge, welche er gemacht, hatte Romeuf niemals Muſe gehabt, um leſen oder ſchreiben zu lernen. Dieſe Unwiſſenheit erregte bei ihm Eiferſucht gegen diefenigen, welche unterrichtet waren und wo deswegen mehr Glück im Avancement. hatten. Aber trotz dieſes hochmüthigen und widrigen Charakters war der Tambour ein excelenter Soldat, und überdieß ein ganz guter Kamerad. Er war heiter und originell in ſeiner Unterhaltung, ange⸗ füllt mit einem Haufen von Reflerxionen, mit beinahe philoſophiſcher Wendung, und von Worten, welche nur ihm eigenthümlich waren. Ein Mann mit einer kurzen, aber wohlgebildeten Geſtali, mit einer ſchlauen, aber freien Phyſiognomie, trug er an ſeiner ganzen Perſon die Zeichen der Stärke, verbunden nt der Einſicht des Affen und mit dem Muthe des öwen. Nach dem Sergeanten Bonneville und dem Tam⸗ bour Romeuf war zu dieſer Zeit beim kleinen Ma⸗ nufakturpoſten ohne allen Zweifel unter den Garden der Jäger Trubert der merkwürdigſte, welchen ſeine Kameraden Balafré nannten, und zwar wegen der tiefen Narbe, welche ſein Geſicht in der Richtung einer Diagonale durchſchnitt und welche ſchwarz wurde, wenn Trubert lebhaft aufgeregt war, während ſie im ge⸗ wöhnlichen Zuſtand der Ruhe bläulich ausſah. Balafré ſtand in hohem Anſehen unter ſeinen Kameraden. Ohne Ehrgeiz, wollte er bloß ſein, was er war, nämlich Soldat. Groß und mager, hatte dieſer würdige Re⸗ präſentant der alten Garde eine martialiſche Phyſiogno⸗ mie und flößte ſeinen Kameraden einen unbeſtrittenen Reſpekt ein. Napoleon ſelbſt ging niemals an Bala⸗ fré vorüber, ohne voll Aufmerkſamkeit dieſe lange — Narbe zu meſſen, welche ſich von ſeinem rechten Schlaf herüberzog und ſich unter der linken Seite ſeines Kinnes verlor. Nachdem der Sergeant ſeine Warnung ertheilt und ſeinen Jägern den Wachpoſtendienſt genau ange⸗ geben hatte, war wieder Ruhe eingetreten, nach jener Art von Aufruhr, welche die Strenge der Ordre her⸗ vorgerufen hatte, und Jeder hatte ſeine früheren Ge⸗ wohnheiten wieder angenommen. Romeuf ſetzte ſeine mehr oder weniger einſtudirten Uebungen mit Ra und Fla fort. Balafré ſaß rittlings auf einem Banke mit geſenktem Kopfe und ballte äußerſt ernſthaft in der Höhlung ſeiner Hand geſchnittenen Taback, welchen er vorbereitete, um ihn ſpäter in ſeinem Munde zu einer Doſis Opium zu zermalmen. Bonneville, welcher niemals weder Tabak gekaut, noch geraucht hatte, aber durch Schnupfen eine große Menge Tabak ver⸗ brauchte, ging im Wachzimmer ſpazieren und ließ in ſeinen Fingern eine kleine ſilberne Schnupftabaksdoſe umherrollen. Die Unterhaltung von allen andern Sol⸗ daten des Poſtens drehte ſich um ein Duell, welches ganz neulich zwiſchen zwei Offizieren der Grenadiere ſtattgefunden und ſeinen Grund darin hatte, daß der Oberſt für einen derſelben Vorliebe zeigte, und der Sergeant, ungeachtet er ſich ſtellte, als achte er auf dieſe Unterredung durchaus nicht, verlor kein Wort von dem, was verhandelt wurde. „Aber dieſe Sache,“ entgegnete ein Soldat, indem er ſich an den Korporal wandte,„war ganz verſchieden von Houarnes und Lamourettens“. „Ja,“ erwiderte der Korporal Marteau,„denn ich war Sekundant von Houarne. Aber das hindert nicht, daß nicht Lamourette ein ſchlechter Poſſenreißer war, während der Hauptmann Vandembourg.... — o der da—“ „Korporal, erzählen Sie uns nun die Sache,“ 214 unterbrach ſie Romeuf, denn um dieſe Zeit war ich durch das Fieber in Gros⸗Caillou*) angenagelt.“ „Der Fourier Lamourette war in Geſellſchaft ſehr liebenswürdig,“ ſagte der Corporal Marteau;„nur lachte er zu gerne, während der Sergeant Houarne blos ſo viel lachte, als recht war. Eines Abends, auf dem Billard der Unteroffiziere bei Anlaß einer unge⸗ wiſſen Carambolage gab es Streit, von Wort zu Wort, bis ſich beide verpflichteten, ſich den nächſten Morgen auf dem Kampfplatze einzufinden. Lamourette war tapfer, Houarne ſtand ihm in dieſem Punkte Nichts nach; als Fechter, den Säbel in der Fauſt, war er noch tüchtiger. Auch nahm er, weil er ihm überlegen war, die Herausforderung Lomourettes nur an, um ihm eine tüchtige Lektion zu geben, und ihm ein Freund⸗ ſchaftszeichen über den Leib zu ziehen. Als ſie auf der Menſur ſtanden, brachte der Sergeant Lamouretten einen Säbelhieb über den Fuß bei; dieß war aber bloß eine Finte, denn während der Fourier mit der Parade vorrückt, zerſchnitt ihm Houarne mit der Spize ſeines Säbels das Geſicht ſo lebhaft, daß die Pfeife, welche Lamourette in ſeinem Munde hielt, in Stücke flog. Augenblicklich ſchlüpfte der Fourier aus einem Stiefel heraus, ſenkte die Spitze des Säbels und ſagte mit der Ernſthaftigkeit, welche ihr an ihm kennet: „Meine Herrenl ich ſchiebe den Reſt des Gefechts auf morgen auf und werde Sorge tragen, daß ich eine Maske mitbringe, weil, wie Sie ſehen, der Sergeant Houarne ein ſchöner Kamerad iſt, welcher, wie heute Abend am Billard, mir am Ende noch einen tüchtigen Stoß gäbe und mir wohl ein Auge eindrückte. Dieſer Witz brachte uns zum Lachen,“ fügte der Korporal bei nund die Sache ging nicht weiter., „Das war vielleicht ſeine Anſichtsweiſe,“ ſagte Romeuf,„was mich vermuthen laßt, daß wenn La⸗ *) Das Spital der Kaiſergarde. 215 mourette bei Auſterlitz hätte ſprechen können, nachdemt er einen tüchtigen Hieb auf den Kopf erhalten hatte, er geſagt hätte, der Spaß eines Brutalen ſei kein Spaß.“ „Oh!“ erwiderte Marteau,“ der Sergeant Houarne war ein ‚Haſe“, der ihn im Sauerkraute hätte ver⸗ zehren können.“ „Das iſt wahr; er glich durchaus nicht einigen von ſeinen Collegen, welche niemals Hunger hatten, nach dieſem Ordinären da,“ ſagte Romeuf, indem er einen verſchmitzten Blick auf den Sergeanten warf. Bonneville, welcher ſich geſtellt hatte, als verſtehe er Nichts von der Anſpielung, ſetzte nichts deſto weni⸗ ger ſeinen Spaziergang im Wachhauſe fort, als man auf einmal in der Ferne Trommelſchläge hörte. Der Sergeant hielt an, horchte und machte:„Pft! Achtung, meine Herren!- „Es iſt Nichts, mein Sergeant,“ ſagte der Kor⸗ 8 poral,„das iſt der Tambour beim Poſten des Mar⸗ ſtalles, welcher zum Ausrücken trommelt, weil der Kaiſer ſpazieren geht, das iſt die Stunde.“ „Wir können nicht umhin, dieß auch zu thun,⸗ fuhr Romeuf fort,„und es gibt Leute, welche nicht verdrießlich ſind, wenn ſie wie er ſpazieren gehen dürfen, die Arme geſchränkt oder die Hände in der Taſche,“ fügte er hinzu, indem er noch einen ſpöttiſchen Blick auf den Sergeanten warf, ndenn der Krieg nummt die Kamaſchen mit und macht die Zündpfannen roſtig.“ 3 Dieſes Mal war der Spott zu direkt an den Sergeanten gerichtet, als daß dieſer nicht hätte ant⸗ worten ſollen; plötzlich drehte er ſich zu Romenf um, ſchaute ihn feſt an und ſagte zu ihm in ſtrengem Tone: „Wenn Sie Ihre Späſſe an mir auslaſſen wollen, Tambour Romeuf, ſo haben Sie Unrecht. Ich hatte bereits Feldzüge gemacht und mich bereits geſchlagen, als Sie erſt die Säugammen⸗Milch genoſſen. Sodann 216 ſage ich Ihnen, ich bemerke ſeit einiger Zeit, daß Sie einen Ton annehmen, welcher ſich nicht gerne hören läßt. Laſſen Sie, ich bitte Sie darum, dieß das letzte Mal ſein, daß ich dieſe Bemerkung an Ihnen mache.⸗ „Sergeant, Sie nehmen eines Wortes wegen eine leidenſchaftliche Haltung an,“ entgegnete Romeuf auf⸗ geregt;„ich hatte nicht die Abſicht, Sie zu verdunkeln, doch wenn dieſes Ihre Anſichtsweiſe iſt— „Ein für allemal ſtill! Tambour!“« ſchrie Bonne⸗ ville mit dem Tone kochenden Zornes. „Zu den Waffen! der Kaiſer!“ Durch dieſen Laut wurden ſie von der Schildwache unterbrochen, welche draußen vor dem Poſten ſtand. Auf dieſen Ruf hin ſtürzten ſich die Soldaten auf die Hackenleiſte, nahmen ihre Gewehre zur Hand und, um die techniſche Sprache der Militärtheorie zu reden, tenuhe, ſich vor den Waffen“ in Schlachtordnung zu ſtellen. „Abgemeſſen! nehmt das Gewehr! präſentirt das Gewehr! commandirte der Sergeant, welcher ſich in die letzte Reih geſtellt hatte, gleich, nachdem er den Kaiſer mit den Offizieren, welche ihn begleiteten, vor ſeiner Abtheilung zu Pferd geſehen hatte. — 2. Eine unerwartete Revue. Romeuf hatte kaum Zeit gehabt, ſeine Trommel umzuhängen; er wollte zum Ausrücken trommeln, als Napoleon ihm mit einem Zeichen der Hand bedeutete, er ſolle ruhig bleiben; nachher wäre es zu ſpät ge⸗ weſen. Wenn der Kaiſer den Hof eines Palaſtes betrat, hatte ſeine Schildwache kaum Zeit zu präſentiren, denn bereits ſtieg er die Ehrentreppe hinan. Daſſelbe ge⸗ 217 ſchah bei dem kleinen Manufakturpoſten; Napoleon hatte bereits den Fuß zur Erde geſetzt und, die Arme über den Rücken geſchränkt, betrachtete er das Peloton, das in ziemlicher Ordnung aufgeſtellt war. „Wo iſt denn der Offizier?, fragte er, indem er mit den Augen die wenigen Menſchen muſterte, welche Statuen glichen. „Sire,“ ſagte Bonneville, indem er einen Schritt vorwärts that und das Gewehr präſentirte,„dieſen Poſten hat nie ein Offizier, ein Sergeant comman⸗ dirt ihn.“ „Nun Sergeant, commandiren Sie in Arm das Gewehr.“ Dieſe Bewegung wurde ausgeführt. „Warum erlaubſt Du Dir unter den Waffen vor mir zu lachen?“ fragte Napoleon den Balafreé, indem er ihn beim Schnauzbart nahm. „Das Herz lacht mir im Leibe, mein Kaiſer; ich habe eine Freude, Sie zu ſehen,“ erwiderte dieſer halb laut. Napolen lächelte gleichfalls und fuhr mit ſeiner Viſitation fort. Angekommen gegenüber vom Ser⸗ geanten fragte er ihn barſch;„warum haben Sie das Kreuz der Ehrenlegion nicht?“ In der That, wie wir geſagt haben, von allen Leuten, welche dieſe Schaar bildeten, war Bonneville der Einzige, der das Kreuz nicht hatte. „Sire,“ antwortete dieſer, indem er die Augen niederſchlug,„ich glaube dieſe Gnade noch nicht genügend verdient zu haben. Doch— „Sergeant,“ unterbrach ihn Napoleon noch bar⸗ ſcher,“ wenn ich einem von euch das Kreuz verwillige, ſo iſt dieſes keine Gnade, ſondern ein Akt der Gerech⸗ tigkeit, und, wenn Sie nur ein wenig im Ungewiſſen darüber ſind, ſo fragen Sie Ihre Soldaten.“ Bei dieſen Worten ſchlich ſich ein unbemerkliches 218 Lächeln über die Lippen Romeufs, der vier Schritte von Bonneville entfernt ſtund. „Seit welcher Zeit ſind Sie in meiner Garde? zu welchem Corps gehörten Sie, ehe Sie, hier eintraten?“ fragte Napoleon und zwar immer mit dem gleichen Ausdruck der Stimme. 3 „Sire,“ erwiderte Bonneville ein wenig in Ver⸗ wirrung,„es iſt ein Jahr. Ich trat aus dem vier⸗ und achzigſten Linienregiment, wo ich Sergeant der Grenadiere war—.“ „Ja! da haben Sie Ihre Gnade. Sie ſollten bloß gemeiner Jäger ſein.“ „Heißt das Nichts, Unteroffizier in meiner Garde zu ſein?“ ſagte er, indem er einen Blick auf die Soldaten warf, welche den Athem an ſich hielten, um die Worte des Kaiſers beſſer zu verſtehen.„Ich kenne wackre Lieutenants vom vierundachtzigſten Regiment, welche gerne an Ihrem Platz ſein wollten.“ Napoleon ging vorüber; doch hielt er ſich vor Romeuf auf, deſſen Haltung und ungenirtes Weſen— ihn zu freuen ſchienen. Napoleon heftete ſeinen Blick auf die Bruſt des Tambours, wo die Auszeichnung der Tapferkeit glänzte. „Ich bin gewiß,“ ſagte er,„daß dieſer da es auf ſchönem Wege gewonnen hat. Wie viele Dienſtjahre?“ „Achtundzwanzig,“ erwiderte Romeuf, indem er ſeinem Körper eine leichte Schwingung gab. „Wie, achtundzwanzig Jahre?“ rief Napoleon, indem er die ſo junge Figur des Tambours betrach⸗ tete,„Du lebſt ja kaum fünfundzwanzig Jahre?“ „Das iſt wahr, mein Kaiſer, aber Sie wiſſen gut, daß die Jahre des Feldzugs für zwei gelten, ob⸗ wohl es ſolche gibt, welche für drei gelten könnten, nach meiner Anſichtsweiſe.“ „Zu welcher Zeit biſt Du in meine Garde ein⸗ getreten?“ * 175 S=ͤ———O— ———————. 219 „Vor ihrer Entſtehung, mein Kaiſer.“ „Ich verſtehe, Du warſt bereits in der Konſular⸗ Garde?“ „Ja, mein Kaiſer.“ „Bei welcher Affaire erhielteſt Du das Kreuz?“ „Bei Gelegenheit der großen Heizung des Lagers von Boulogne, mein Kaiſer.“ „Ah, das nennſt Du eine Heizung?“ „Ja, mein Kaiſer, das iſt meine Anſichtsweiſe.⸗ „Ein origineller Spaßmacher iſt das,“ ſagte Na⸗ poleon, indem er ſich an ſeine Offiziere wandte.„Wie kommt es, daß ich dieſen luſtigen Bruder niemals gekannt habe? Deinen Namen,“ wiederholte er. „Mein Kaiſer, ich bin Raymond Romeuf, genannt Roſſignolet, gebürtig aus Revourdin im Depament der Rhone!“ Bei dieſen Worten konnte Napoleon ein Lächeln nicht unterdrücken, in Betreff der Art von rollenden Tönen, welche der Tambour in ſeiner Rede vorgebracht hatte, denn er war extra auf die r aus⸗ geweſen, indem er jenes Namenregiſter bildete; aber bald nahm der Kaiſer ſeine ernſthafte Miene wieder an und fuhr trocken fort:„Nun das iſt gleichgültig; ich kenne Dich nicht ganz.“ „Oh! verzeihen Sie, mein Kaiſer, Sie kennen mich zur Genüge; ich war es, der über die Brücke von Arkole ſchwamm, welche die Oeſtreicher ein wenig beſchädigt hatten. Erinnern Sie ſich? den Beweis dafür liefert der Umſtand, daß Sie mir ſelber das Certiſikat ausgeſtellt haben, welches in meinem Sacke iſt. Und da unten in Egypten war ich es, welcher unter den erſten in Alexandrien eindrang und eine Ladung Ziegelſteine empfing, welche meinem Tſchako den Boden ausſtießen. Ich bin es, welcher im letzten Jahre den berühmten Cotillon*) ſchlug, der den Tag *) Cotillon ſind Trommelſchläge zum Zeichen der Freude. 220 vor der Schlacht allgemein verlangt wurde. Sie wiſſen es, ich bin es noch, welcher—⸗ „Es ſei,“ unterbrach ihn Napoleon ungeduldig, „aber ich erinnere mich nicht mehr. Doch es iſt gleichgültig, ich werde Deiner gedenken. Dann wandte er ſich zu ſeinen Offizieren und ſagte ihnen lächelnd, ohne Zweifel, um auf die kleine Geſtalt des Tambour anzuſpielen:„wenn dieſer Menſch nicht größer ge⸗ worden iſt unter der Fahne, ſo iſt das nicht ſeine Schuld, er hat das Feuer bei Zeiten geſehen. Ja, Tambour,“ fügte er hinzu,„Sie find hier in einer guten Schule.„Mein Kaiſer,“ erwiderte Romeuf noch,„das iſt auch meine Anſichtsweiſe.“ Napoleon war wieder zu Balafré zurückgekommen, zu welchem er voll Güte ſagte:„Haſt Du Nichts von mir zu bitten, mein tapferer Alter?“„Nichts für die Viertel⸗ ſtunde, Sire, aber ſpäter eine Kanonenkugel oder ein Plätzchen bei den Invaliden.“„Nun ja! das Spätere iſt möglich,“ erwiederte Napoleon, etwas verdüſtert durch die Reflexion des Veteranen. Und indem er mit Leichtigkeit zu Pferde ſtieg, ſagte er:„Ade! auf Wiederſehen!„Es lebe der Kaiſer!“ ſchrie die Ab⸗ theilung. Nun rührte Romeuf die Trommel. Aber bald entzogen Staubwolken Napoleon und die Offiziere der Begleitung, welche im Gallop den Berg hinan⸗ ſprengten, der nach Bellevue führt, den Blicken des kleinen Poſten. — 3. Folgen des Enthuſiasmus. Als die Soldaten in das Wachthaus zurückgekehrt waren, unterhielten ſie ſich von Nichts, als von dieſer Revue des Kaiſers, welcher ſich ſeinen Schlachtgefähr⸗ ten gerne zeigte, um ihre Bedürfniſſe kennen zu ler⸗ SSSSSSBSBSͤSRGAZEEDSEXZ S— — ☛△̈ 0*— 0 ————6. 2 2— u NAͤ9Gnnͤ 8 221 nen. Die ungenirte Freiheit und naive Vertraulichkeit dieſer Braven mißfiel ihm nicht; es ſchien ſogar, als achte er nicht auf unpaſſende, unziemliche Ausdrücke, welche hie und da denen, die ihm antworteten, ent⸗ wiſchten. Er hatte in den Tuilerien niemals geduldet, daß dieſe Ausdrücke ein Gegenſtand des Spottes wur⸗ den, weil er wußte, daß man ihn in ſeiner Armee abgöttiſch verehre und daß eine Unterhaltung auch ohne Wichtigkeit mit einem Soldaten im Leben dieſes Letztern Epoche mache. Er ſchien diejenigen Leute, deren ver⸗ traute Mittheilungen er auf dieſe Weiſe ſuchte, für einen Augenblick zu ſich zu erheben. Er hätte durch⸗ aus nicht gewünſcht, daß irgend Etwas, was von ihm berrührte, oder auf ihn Bezug hatte, unter einem die kaiſerliche Würde irgendwie beeinträchtigenden Ge⸗ ſichtspunkte angeſehen würde, um ſo weniger, da der größere Theil ſeiner hohen Offiziere früher die Muskete getragen hatte und beinahe Alle aus den unterſten Stufen der Geſellſchaft herausgetreten waren. Die unerwartete Ankunft Napoleons hatte im Poſten eine glückliche Unterhaltung hervorgebracht, und kein Zeichen war da, daß der kurze Streit, der auf dem Punkt geweſen war, zwiſchen dem Sergeanten Bonneville und dem Tambour Romeuf auszubrechen, Folgen haben ſollte, als ein kindiſcher Umſtand in einem Augenblicke helle Flammen anfachte. „Es iſt kein Waſſer im Geſchirre,“ ſagte Bonne⸗ ville, dem der Schweiß das Geſicht überſchwemmte; „man muß ſolches holen. Welcher unter Euch hat die Zimmerſchur?“ Niemand antwortete auf dieſe Frage. „Meine Herrn! hat man mich nicht verſtanden †“ er⸗ widerte Bonneville, indem er ſelbſt das blechene Ge⸗ fäß auf die Tafel ſtellte.„Vorwärts, das Gefäß muß am Brunnen gefüllt werden— hier unten— im Hof.—e“ Keiner der Jäger rückte vom Platze. „Die Dekorirten ſind frei von ſolchen Dienſten,“ ſagte Romeuf, in einem Tone, wie auf dem Theater. Dieſe 222 Antwort mußte für Bonneville ſtechend ſeyn, er ſprang hervor, wandte ſich an den Tambour und ſagte:„Ja Sie, ein Mann Ihres Charakters, der hier der letzte von Allen iſt, müſſen Waſſer holen.“„Ich!“ ſchrie Romeuf, indem er lebhaft aufſtund,„es iſt Ihnen nicht Ernſt, mein Sergeant! Wenn ich ginge, ſo wäre es eine Gunſt und Gnade, welche ich meinen Kamera⸗ den erwieſe, und Sie wiſſen gut, daß man dieſe uns nicht anthut, uns Anderen. Der kleine Korporal hat es ſelbſt geſagt, gerade vor einer Stunde. Die An⸗ ſpielung war grauſam für den Sergeanten. Auch begriff er, dieſes Mal müſſe er einen Streich geſetz⸗ licher Gewalt ausüben, und ohne Zorn oder Aufgeregt⸗ heit zu zeigen, antwortete er mit einer Ruhe, welche übrigens nur ſcheinbar war:„Der Gehorſam gegen einen Obern iſt die erſte Pflicht des Soldaten; denen, welche auf der Bruſt das Ehrenkreuz haben, liegt es hauptſächlich ob, das Beiſpiel dieſes Gehorſams zu geben, und, um dem Tambour Romeuf die Wahrheit als Ueberzeugung an's Herz zu legen, ſtrafe ich Ihn mit zwei Tage Arreſt im Blockhauſe, wohin Er ſich morgen, unmittelbar nach der Ablöſung der Garde zu begeben hat.“„Wie?“ unterbrach ihn der Tambour, ich?“ indem er die Zähne knirſchte,„ich? in das Blockhaus, weil ich keinen Durſt habe?“„Und ich mache Ihm bemerklich,“ fuhr Bonneville mit der größ⸗ ten Ruhe fort,„ein Wort weiter wird Ihm einen Tag Dunkelarreſt auf den Hals ziehen.“ Bei dieſen Worten hatte ſie Romeuf wieder an ſeinen Platz ge⸗ ſtellt, und, die beiden Arme auf die Tafel geſtützt, mit dumpfer Stimme geantwortet:„Ich werde mich nicht ergeben, das iſt meine Anſichtsweiſe. Nun aber wandte ſich Bonneville, auf's Aeußerſte getrieben und nicht mehr im Stande, die Gefühle zu beherrſchen, welche ihn aufregten, barſch gegen Romeuf und ſagte, die Lippen bleich von Zorn, zu ihm:„Da es ſo ſteht, Tambour, ſo ſtehen Sie auf, und begeben ſich ſogleich —- ——&——.——— ͤ—„= in die Geige, in der Sie bis zum Augenblick ver⸗ bleiben werden, wo wir morgen abgelöst werden. Vorwärts!“ lebhaft fügte er hinzu,„man braucht Sie nicht mehr auf dem Poſten.“„Korporal,“ fuhr der Sergeant fort, indem er ſich zu Marteau wandte, znehmen Sie den Schlüſſel der Geige und thun Sie Ihre Pflicht.„Der Schlüſſel iſt verlegt,“ ſagte eine Stimme.„Er war niemals im Inventar für die Mobilien des Poſtens aufgeführt,“ fagte eine andere. Da der Sergeant ſah, daß Romeuf nicht einmal von ſeinem Sitze aufgeſtanden war, ſprang er voll Zorn auf ihn los, faßte ihn am Bandeliere und ſchrie, indem er ihn auf rohe Weiſe ſchüttelte:„Nun, dann will ich Sie führen.“ Gleichfalls wüthend umklammerte Romeuf Bonneville mit ſeinen kleinen ſtarken Armen, indem er voll Wuth ſtotterte:„Sergeant! ich habe das Kreuz und Sie wagen es, Hand an mich zu legen. Wir werden uns auf bepflügtem Felde ſehen.) Sie ſind nur— Nichts von Allem— Ein— eine unbedeutende Sache— Warten Sie, ich weiß, was ich mit Ihnen anfange.⸗ Beinahe am Erſticken, außer Stand, Worte zu finden, um ſeine Wuth zu bezeich⸗ nen, hatte ſich Romeuf an die Epaulette Bonnevilles angeklammert und ſuchte ſie ihm abzureißen. Seine Kameraden, welche bis dahin den ruhigen Zuſchauer gemacht hatten, kamen nun dazwiſchen und ſtürzten ſich auf den Tambour, um ſich einer That zu wider⸗ ſetzen, welche ihm das Leben koſten konnte.„Romeuf, ſchrieen ſie, Sie verlieren ihre Kugel bei dieſem Billardſpiel, Romeuf, laſſen Sie doch den Sergean⸗ ten los.“” Im nämlichen Augenblicke trat ein Offizier der Garde⸗Jäger, welcher ſeine Runde machte, in das Wachthaus ein. Beim Anblick dieſes Kampfes war er voll Erſtaunen.„Was iſt das?“ ſchrie er mit einem entſetzlichen Fluch;„ein Stinkapfelbaum, welcher es *) Das heißt auf dem Kampfplatz, die Waffen in der Hand. 224 wagt, mit einem Vorgeſetzten zu raufen? Jäger! faſſet mir dieſen Menſchen, und führt ihn unverzüglich zum Poſten des Marſtalles, während ich meinen Be⸗ richt an den Oberſt abſtatte.“ Bei dieſen Worten war Romeuf zu Boden geſchmettert.„Mein Lieutenant, es war bloß ein Spaß,“ ſagte der Korporal Marteau, blaſſer, als die andern, um den Offizier zu täuſchen; aber dieſer hatte genug geſehen, um zu wiſſen, woran er ſich halten ſollte.„Ein Spaß!“ wiederholte er, indem er die Achſel zuckte,„es iſt möglich, aber in⸗ deſſen werden Sie, Sergeant, acht Tage Arreſt haben. Was den Tambour betrifft, ſo wird ſeine Sache bald abgemacht ſein.„Wohlan, Jäger!“ rief er von Neuem, indem er ſah, daß die Soldaten zauderten, ſich Ro⸗ meuf's zu bemächtigen,„habt ihr mich nicht verſtanden? Fünfzehn Tage Zimmerarreſt für den, der nicht ge⸗ horcht.“ Zwei Chaſſeurs erhoben ſich; Jeder nahm Romeuf an einem Arm; der Korporal Marteau ſchritt voran; der Tambour wurde zum Poſten des Marſtalles gebracht, ohne daß er ſich im Mindeſten widerſetzte, ja ſogar, ohne daß er eine Sylbe ſprach; es war, wie wenn eine vollkommene Veränderung mit ihm vorginge. In Einem Augenblicke hatte er die ganze ungeheure Größe des Fehlers, den er begangen hatte und die furchtbaren Folgen, welche daraus entſpringen würden, begriffen. Blaß, niedergeſchlagen, ſagte er während des Gehens bloß folgende Worte:„Erſchoſſen weiden, das iſt nun eben die Anſichtsweiſe meiner Obern.“ 4. Gerechtigkeit für Alle. Es war ein in den Jahrbüchern der alten Garde unerhörtes Ereigniß, daß ein Akt der Unbotmäßigkeit von der Art, wie Romeuf ihn begangen hatte, von dem Kriegsrath behandelt wurde. Die Zeugenausſage der Jäger, welche ſich mit dem Tambour als Wache bei dem kleinen Manufakturpoſten befanden, war noth⸗ wendig und, ſo ſehr ſie auch das Benehmen ihres Kameraden verdammten, ſchienen ſie doch geneigt, den Sergeanten Bonneville einer zu tadelnden Hitze anzu⸗ klagen, um ſo mehr, als fie gegen einen Dekorirten losgebrochen war, und unter den Soldaten und Unter⸗ offizieren dieſes auserleſenen Korps ein brüderliches Verhältniß Statt fand, welches, ohne die Mannszucht zu beeinträchtigen, wenn nicht Vertraulichkeit, doch wenigſtens eine Kameradſchaft geſtattete, die der Kaiſer ſelbſt nicht unziemend fand. Aber der Anfang war da, und die ſtrenge Hierarchie, in welchem die Grade zu einander ſtanden, mußten den Mitgliedern der Kriegskommiſſion eine Behandlungsart an die Hand geben, welche mit den ſtrengen Vorſchriften des Militär⸗ Geſetzbuches im Einklang waren. Romeuf erſchien. Er hatte noch jenes kalte Blut, jene Sicherheit, welche er be⸗ ſtändig auf dem Schlachtfelde behauptet hatte; es war nicht der kühne Uebermuth, den man häufig bei ſchlechten Soldaten bemerkt, welche ſich der Gerechtigkeit der Men⸗ ſchen bis auf den letzten Augenblick zu tragen ſchämen. Dieſe Sicherheit konnte ihre Quelle nicht darin haben, daß er das ihn erwartende Schickſal nicht kannte; er kannte es, er wußte, daß das Tribunal gegen ihn ſtrenger ſein werde, als ſonſt, und zwar in Betracht deſſen, daß ihn ſeine Titel, ſeine Anciennetät im Korps und ſeine Erfahrung weniger entſchuldbar machten. Aber der Tambour ſchien lebensmüde. Er war durch⸗ aus nicht im Zweifel, daß wenn er verurtheilt war, dem Ausſpruche des Gerichtes eine erniedrigende De⸗ gradation folgen mußte, und er hatte zu denen ſeiner Kameraden, welche die Erlaubniß erhalten hatten, ihn im Gefängniß der Abtei während ſeines kurzen dorti⸗ gen Aufenthaltes zu beſuchen, folgende Worte geſagt: Tutti Frutti. I. 15 226 „ich möchte nicht, daß die Garde nach ſolchen Trom⸗ melſchlägen, wie bei einer Degradation, marſchieren müßte, ſondern wenn ich als wahrer, ächter Tambour der Nachtrunde ganz artikulirte Streiche auf meiner Trommel ſchlage.⸗ „Wenigſtens iſt das meine Anſichtsweiſe. Aber was geſchehen iſt, iſt geſchehen. Durch Eure Hände werde ich kommen, das Gewehr zur Linken; der To⸗ desſtoß wird mir weniger hart erſcheinen. Ihr ſagtet, Ihr wollet ſprechen, Ihr wollet mich vertheidigen. Zu welchem Zwecke? Ich werde niemals Recht be⸗ kommen, um ſo weniger, als ich Unrecht gehabt habe. Hinein! friſch auf! hinein in's letzte Rollen der Ewig⸗ keit! Das iſt meine Anſichtsweiſe.“ Die Ausſage Bonneville's, welchen man zuerſtzabhörte, war ſo, wie man erwartete; er gab ſich die erſte Schuld bei dieſem kläglichen Streite, und bat den Angeklagten, ihm zu verzeihen, und zwar nicht allein die lebhafte Bewe⸗ gung, zu welcher er ſich gegen ihn hatte hinreißen laſſen, ſondern auch den Ton, in welchem er ihn an⸗ gefahren hatte, ihn, den guten Soldaten, voll Ehr⸗ gefühl, Muth, der überdieß das Kreuz hatte. Indem er ſo ſprach, war der unglückliche Sergeant in ſolcher Bewegung, daß es ſchien, er ſei der Angeklagte, und nicht der Tambour.„Das iſt ganz gut,“ ſagte der General Michelin, welcher den Präſidentenſitz hatte, naber der für uns weſentliche Punkt beſteht darin, daß wir wiſſen müſſen, ob Romeuf verſucht hat, Ihnen die Auszeichnung Ihres Ranges abzureißen. Ant⸗ worten Sie, ja oder nein.“„Nein, mein Oberſt, ich glaube nicht, daß Romeuf dieſe Abſicht hatte.“ „Doch habe ich vor den Augen den Bericht des Offt⸗ zieres, welcher, indem er ſeine Runde machte, in das Wachthaus eintrat, und zwar im Augenblick, wo die Scene Statt fand. Der Bericht des Lieutenant La⸗ briche iſt in dieſer Hinſicht ganz entſchieden.“„Ich bitte um Verzeihung, mein Oberſt, aber es kann ſein, — H⏑⏑ↄ-Ao—;-— —.— daß der Lieutenant nicht gut geſehen hat.“„Das Alles iſt nicht klar,“ ſagte ein Mitglied des Rathes, der Hauptmann Bureau, welcher ſich gegen Fehler der Unbotmäßigkeit, ſo leicht ſie ſein mochten, immer ſehr ſtreng gezeigt hatte.„Und überdieß, Sergeant,“ fügte er hinzu, indem er ſich an Bonneville wandte, „wenn Sie das Verbrechen des Tambours zu verklei⸗ nern ſtreben, werden Sie Nichts thun, als ſeine Lage verſchlimmern.“ Der Hauptmann Bureau war nicht für Romeuf.„Laßt ſehen, verhören wir einen Andern,“ ſagte der Präſident,„man rufe den Korporal Marteau auf. Erzählen Sie uns, was Sie geſehen haben,“ ſagte der Präſident zu ihm.„Mein Präſident! ich habe Nichts geſehen, weil ich beſchäftigt war, den Schlüſſel der Geige zu ſuchen, der ſeit acht Tagen verloren gegangen war.“„Es iſt genug,“ ſagte Michelin, indem er die Achſel zuckte, ſetzen Sie ſich; es komme ein Anderer.“ Die Reihe war an Balafré. Er trat mit ganz gewöhnlichem Schritt in das Ge⸗ richtszimmer ein, die Zehenſpitzen tief, die Kniee geſtreckt; dann ſetzte er ſich in die Poſition eines Sol⸗ daten ohne Waffen, die Bruſt vorwärts, den Blick feſt, den kleinen Finger an der Hoſennaht.„Preſent!⸗ ſagte er, und rührte ſich bloß ein klein wenig. „Balafrén, ſagte zu ihm der Präſident in wohl⸗ wollendem Tone;„waren Sie auf dem Poſten den fünfzehnten dieſes Monats zu gleicher Zeit, wie der Sergeant Bonneville und der Tambour Romeuf?⸗ „Ja, mein Oberſt.,„In dieſem Falle ſagen Sie uns, was auf dem kleinen Manufakturpoſten vorgefallen iſt, und übergehen Sie Nichts.“„Ja, mein Oberſt. Vor Allem war an dieſem Tag die Hitze ganz erſtickend.— Es gab wohl einen kleinen Zugwind—, Aleber⸗ gehen Sie dieſe Details und kommen Sie auf die Sache.“„Ja, mein Oberſt. Den Tag vorher hatte uns der Sergeant⸗Major von der zweiten Kompagnie Rabordin in Kenntniß geſetzt, daß am vichſten Mor⸗ 228 gen—„Balafré übergehen Sie dieſe Details, ſage ich Ihnen, und erzählen Sie uns die Scene, welche um vier oder fünf Uhr auf der Wachtſtube Statt fand.“ „Ja, mein Oberſt. Es ſchlug zwei Uhr auf der Uhr des Manufakturpoſtens, gerade im Augenblicke, wo der Kaiſer, der mich immer beim Barte hielt, mir ſagte: ‚Warum lachſt Du, Du, ſagte er, wenn Du unter den Waffen ſtehſt, ſagte er, ‚und vor mir haupt⸗ ſächlich, ſagte er. Mein Kaiſer, gebe ich ihm zur Antwort—„Ach!“ machte der Präſident mit einem Zeichen der Ungeduld, und indem er ſich an die Rich⸗ ter wandte,„wir werden Nichts von Balafré zu wiſſen bekommen; er weiß beſſer, im Angeſicht des Feindes zu handeln, als vor einem Kriegsgericht zu ſprechen. Und,“ indem er ſich an den alten Soldaten wandte, ſagte er: ves iſt gut, Balafré! Sie können ſich zurück⸗ ziehen.“„Ja, mein Oberſt.“ Der Veteran machte mit aller von der Kriegsſchule verlangten Präciſion die halbe Schwenkung rechts, und ging an ſeinen Platz mit derſelben Haltung wie zuvor. Der Sergeant Bonneville ward wieder hereingerufen.„Laßt uns ſehen,“ ſagte ihm Michelin,„wie kommt es, daß bei dieſen Umſtänden, bei dieſer Lage, wie kommt es, ſage ich, daß an einem Tage, an welchem der Kaiſer ſich berabgelaſſen hatte, ſich perſönlich bei dem kleinen Manufakturpoſten einzufinden, um es ſelbſt zu beſich⸗ tigen, ein ſolcher Scandal im Wachthauſe geſchehen ſein ſoll? Es iſt Etwas, das ich nicht begreifen kann, denn der Kaiſer, ja der Kaiſer hat Sie geſprochen, Sie, den Chef des Poſtens. Welche Ehre für Sie!“ „Es iſt wahr, mein Obriſt,“ entgegnete Bonneville, indem er traurig den Kopf ſenkte,„der Kaiſer hat mich unglücklich gemacht,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu. „Was ſagten Sie da, Sergeant?“ fragte Miche⸗ lin, welcher ihn verſtanden hatte. „Ich ſage, mein Obriſt, ich hätte lieber eine Kugel in die Bruſt bekommen mögen.“ Und, indem er dieſes 8 E ee sdesSe N V& V 229 ſagte, ſtürzten aus den Augen Bonneville's, der zu erſticken ſchien, zwei mächtige Thränen. Niemand, Diejenigen ausgenommen, welche unter ihm ſtanden, begriff den Sinn dieſer Worte, aber ſie machten einen furchtbaren Eindruck auf Romeuf, welcher, bereits voll Aufregung mit düſterer Stimme ſagte:„Ich hätte die Kugel aufkaufen wollen.“ „Seien Sie ruhig,“ erwiderte mit ſtrengem Tone der Hauptmann Bureau, der den Kopf lebhaft dem Angeklagten zuwandte.„Sie werden die Kugel nicht mit ſich nehmen; Sie werden eine beſſere, als dieſes bekommen.“ Romeuf erwiderte mit einem unzerſtörbaren Pflegma auf dieſe furchtbaren Worte:„Mein Hauptmann! das iſt gleichfalls meine Anſichtsweiſe.“ „Die Sache iſt aus, unglücklicherweiſe find die Thatſachen am Tage,“ fuhr der Präſfident fort,„der Rapport des Lieutenants Labriche iſt da. Auf dieſes Stück muß das Kriegsgericht Bezug nehmen.“ Zum zweiten Male befragt, erklärte Romeuf, nicht weniger edeldenkend, als Bonneville, von neuem, daß er, verführt durch eine ſchuldbare Empfindlichkeit, Anfangs mit ſeinem Sergeanten geſpielt und geparrt, (man verzeihe uns dieſen Ausdruck), daß er ſpäter unbeſonnenerweiſe an die Auszeichnungen ſeines Grades Hand gelegt habe, endlich daß das Muſter von einem Tambour, wie er, ein Mann, der bei Boulogne das Kreuz erhalten habe, den Tod einer Gnade vorziehen würde, welche ihn vor den Tambour⸗Maijor und ſeinen Kameraden erröthen machen würden. Er endete mit folgenden Worten: „Mein Oberſt, meine Ehrenſchlägel würden vor Schmach zittern, wenn ſie auf ihrer Trommel wir⸗ beln, vielleicht würden Sie mir ſelbſt den Dienſt verwei⸗ gern. Ich würde alsdann vor unſerem Major in Schande daſtehen wegen der Unbotmäßigkeit ſeiner unbelebten Geräthe! Lieber den Tod! Das iſt meine Anſichtsweiſe.“ 230 „Aber noch Etwas,“ ſagte Michelin ungeduldig, „bei dieſer Sache gibt es einen geheimnißvollen Um⸗ ſtand, welchen Sie allein dem Kriegsrathe expliziren können; wohlan, ſagen Sie uns die ganze Wahrheit.“ „Die ganze Wahrheit, mein Oberſt, iſt, daß es gar Nichts weiter darüber zu verhandeln gibt, wenn es nicht das iſt, daß ich dieſen Tag zu viel Schonung genoſſen habe; hier iſt das Geheimniß.“ Mehrere Glieder des Kriegsrathes ſuchten dem unglücklichen Romeuf eine Gnadenthür zu öffnen, aber dieſer ſchien ſein Unrecht noch ſteigern zu wollen. End⸗ lich ſprach er öffentlich den Wunſch aus, noch während der Sitzung erſchoſſen zu werden. „Doch, Sie ſehen ein,“ ſagte ein Richter,„wir würden glücklich ſein, könnten wir Sie bei einem Korps erhalten, bei dem zu ſein, Sie ſich zur Ehre rechnen dürfen.“. „Sie ſind ſehr edeldenkend, meine Herren,“ erwi⸗ derte Romeuf voll Rührung, indem er mit ſeiner Hand über ſeine triefende Stirne fuhr;„ich danke Ihnen für Ihre Vorliebe für mich; aber ſehen Sie, ich kann das Leben nicht um den Preis der Ehre erkaufen. Der Kaiſer hatte mich geſprochen, ich war zu glücklich, es mußte mir ein Unglück begegnen. Es war ſtärker, als ich. Und überdieß, mein Oberſt,“ ſetzte er mit dem Ton einer weniger feſten Stimme hinzu,„ich bitte mein Regiment, die Jäger des erſten Bataillons, die Tambours, meinen Major und Euch alle, die Ihr meine unmittelbaren Chefs ſeid, um Verzeihung wegen des Teufelslärmens, den ich ver⸗ urſacht, und wegen des böſen Beiſpiels, welches ich dem Gardekorps gegeben habe. Aber wenn meine Kameraden ſich meiner erinnern werden, ſo werden ſie ſagen: Romeuf war ein alter Haſe.“ Doch man möge mich mit meinen Trommelſchläͤgeln und meinem Ehrenkreuze frikaſſiren, und möge Alles mit einander einräuchern, wenn die Ordonnanz nicht dagegen iſt; 8ͤSͤR Na 1 G◻&O 8 ich verlange bloß in eine ſolche Klaſſe von Leuten, von ſolchen alten Haſen“, geſetzt zu werden; das iſt meine Anſichtsweiſe.“ Die Richter, ſo ehrenvolle Offiziere ſie waren, waren tief gerührt und ſchwankten. Romeuf hatte im Schoße des Kriegsrathes ſelbſt eifrige Vertheidiger ge⸗ funden, aber der unbeugſame Gang der Disciplin und das ausdrückliche Wort des Geſetzes trugen den Sieg über ihre Gefühle davon. Auf den Befehl des Präfidenten wurde der Tambour ſogleich in die Abtei zurückgeführt, und eine Viertelſtunde nachher las der Gerichtsſchreiber im Beiſein einer Abtheilung des erſten Bataillons der Garde⸗Jäger, welches im Hofe des Platzes aufgeſtellt war, den Beſchluß des Kriegsrathes vor, welcher Romeuf die Todesſtrafe zuerkannie, als einem Soldaten, welcher angeklagt und überwieſen worden ſei, ſich auf dem Wege der Gewalt über einen Obern weggeſetzt zu haben, während er doch in einer Kaiſerreſidenz im Dienſte geſtanden ſei. Der Gerichts⸗ ſchreiber fügte hinzu, dieſes Urtheil werde, jedoch mit Vorbehalt der Kaſſation oder ſeiner Abſtellung auf dem Gnadenwege innerhalb achtundvierzig Stunden vollzogen werden.. A Eine Audienz in Saint-Cloud. Zwei Tage nach der Verurtheilung Romeufs trat der General Michelin, welcher, wie wir geſehen haben, Präfident des Kriegsrathes geweſen war, des Morgens in den Audienzſaal des Palaſtes von Saint⸗Cloud ein. Er war mit Staub bedeckt, von ſeiner Stirne rann der Schweiß, denn die Hitze war ungeheuer. Er ging direkt auf den dienſtthuenden Adjutanten zu, 232 mit welchem er ganz genau bekannt war und ſagte zu ihm voll Bewegung:„wenn ich den Kaiſer vor elf Uhr nicht ſehe, ſo iſt ein Unglücklicher, für deſſen Loos ich mich interreſſtere, verloren; man wird ihn dann innerhalb drei Stunden erſchießen.“ „Haben Sie eine Audienz, mein theurer General?“ fragte der Adjutant mit Aufmerkſamkeit. „Nein, aber was liegt daran? Sagen Sie Sei⸗ ner Majeſtät, daß es Dienſtſachen ſind. Halten Sie, die Thüre ſeines Kabinets iſt bloß angelehnt—“ „ Das iſt wahr, aber der Kaiſer iſt mit dem Poli⸗ zeiminiſter zuſammen; ich darf nicht eintreten, ohne daß Seine Majeſtät mich ruft. Warten Sie einen Augenblick; Fouché hat vielleicht Nichts auf lange Zeit.“ In der That ſchalt Napoleon dieſen Miniſter aus, und zwar wegen politiſcher Brochüren, welche in Ham⸗ burg gedruckt worden waren, und welche man in großer Menge in den Salons der Vorſtadt Saint⸗Germain verbreitet hatte. „Ihre Pflicht iſt, Alles zu wiſſen und Sie wiſſen Nichts,“ ſagte Napoleon, zum künftigen Herzog von Otranto;„Ihre Agenten haben keine Augen und keine Ohren, und mit dem Gelde, das ſie mich koſten, könnte ich ein Regiment unterhalten!“ Dieſe Worte wurden ſo laut ausgeſprochen, daß ſie bis zum Ohre des Adjutanten drangen, der ſich dem General näherte, und leiſe zu ihm ſagte: „Mein Theurer! wenn Sie dem Kaiſer eine Bitte vorzulegen haben, ſo befürchte ich, Sie haben den Zeitpunkt nicht gut gewählt; vielleicht würden Sie beſſer daran thun, ihren Beſuch auf Morgen zu verſchieben.“ „Aber, mein Freund! das iſt unmöglich; es han⸗ delt ſich um das Leben eines meiner Leute und in einer Stunde wird es zu ſpät ſein.“ „Das iſt ein Unglück,“ gab dieſer zur Antwort. „WUebrigens warten Sie.“ — ——a ———— — — 1 — 233 Der General ſetzte ſich in eine Fenſtervertiefung, die Augen feſt auf den Uhrenpendel im Saale geheftet, deſſen Zungen ihm zu ſchnell gingen. Sehen wir, was ſich am ſelben Morgen in der Kriegsſchule und in der Abtei zugetragen hatte. Kaum hatte der Gerichtsſchreiber unſerem Romeuf ſeine Verurtheilung bekannt gemacht, als dieſer förm⸗ lich erklärte, er wolle den Recours an die Gnade des Kaiſers nicht, und ſei zum Tode entſchloſſen;„das iſt meine Anſichtsweiſe“ fügte er hinzu. Nachdem der unglückſelige Termin verlaufen war, und Jedermann den Verluſt eines Soldaten, wie Romeuf, bedauerte, hatte der General Michelin die nöthigen Befehle ge⸗ geben, um die Vollziehung des Urtheiles zu ſichern, welches um drei Uhr Nachmittags Statt finden ſollte, zu welchem man im Bataillon, dem Romeuf ange⸗ hörte, die Namen der Unteroffiziere,(Sergeanten and Korporale) durch Loos herauszog, welche den ſchrecklichen Dienſt vollziehen ſollten. Was den Ser⸗ geanten Bonneville betrifft, ſo war ſeine Verzweiflung ungeheuer. Er hatte den General in ſeinem Logis aufgeſucht, und mit Thränen in den Augen geſagt: „Mein Oberſt, werden Sie dieſen armen Romeuf als einen ſchlechten Soldaten erſchießen laſſen? Wenn das Unglück will, daß ich das Exekutionsbataillon begleiten ſoll, ſo werde ich mir nachher das Gehirn verbrennen müſſen.“ „Was wollen Sie, daß ich thun ſoll?“ antwortete der Chef;„Ihr Romeuf iſt ſo eigenſinnig, als ein Maulthier; wenn er Etwas in ſeinem Hirne hat, ſo gibt es kein Mittel, um es ihm herauszunehmen. Er will, daß man ihm den Kopf nimmt; nun ja! man wird ihm denſelben nehmen.“ „Mein Oberſt, wollen Sie mir die Vollmacht geben, ihn aufzuſuchen? vielleicht kann ich ihn beſtim⸗ men, daß er es gerne ſieht, wenn man zu ſeinen Gunſten ins Mittel tritt.“ 234 „Gehen Sie, aber bedenken Sie, der Kaiſer iſt in Saint⸗Cloud; man braucht Zeit, um zu gehen, und wieder zu kommen; und übrigens haben Sie nur noch drei Stunden.“ Eine halbe Stunde nachher war Bonneville in der Abtei. Man führte ihn in das Zimmer des Tambours, wo dieſer, ganz ruhig und reſignirt, bereits ſeine letzten Verfügungen traf, und zwar mit ſo kaltem Blute, als wenn es ſich um die Erfüllung eines ein⸗ fachen Soldaten⸗Dienſtes gehandelt hätte. Der Ser⸗ geant wagte nicht vorzutreten. „Treten Sie näher, Herr Bonneville, haben Sie keine Furcht,“ ſagte Romeuf zu ihm, denn Sie können nicht mehr zornig ſein auf mich; unter alten Trouba⸗ dours, wie wir, und in einem ſolchen Augenblick erinnert man ſich nur der Freundſchaft, welche man gegen einander haben ſoll. Wenigſtens iſt dieß meine Anſichtsweiſe.“ Statt aller Antwort ſtürzte ſich Bonneville in die Arme Romeufs und erdrückte ihn beinahe unter einem Strome von Thränen. „Ich würde mein Leben geben,“ ſagte der Ser⸗ geant halb erſtickt,„wenn dieſes nicht vorgefallen wäre.“ „Nun! ich gebe aber das meine,“ ſagte der Tambour, nachdem bei ihm der erſte Augenblick der Rührung vorüber war,„das wird genügend ſein. „Ach! ich bin unglücklich!“ rief Bonneville, indem er die Hände voll Verzweiflung rang.„Aber erklären Sie mindeſtens, daß Sie mir verzeihen.“ „Wenn ich Ihnen verzeihe, Herr Bonneville, ſo habe ich ja doch das erſte Unrecht begangen. Aber Sie haben vor den Richtern eine ſo gute Anſichtsweiſe gezeigt, daß ich ein ſehr ſchändlicher Tyrann ſein müßte, wenn ich von derſelben Gebrauch machen würde. Pah! für den Augenblick bleibt die Lebens⸗ frage unter uns,—“ Romeuf brachte ſeine Rede nicht zu Ende. 4 Bonneville ſchloß die kalte Hand des Tambours in ſeine fieberhaften Hände. Ein Augenblick des Still⸗ ſchweigens folgte auf dieſen Augenblick der Aufregung; der Sergeant brach ſie zuerſt. „Warum bitten Sie den Kaiſer nicht um Gnade?“ fing er an.„Er iſt ſo gut gegen Sie—“ Der Unglückliche hatte nicht gewagt zu ſagen: uns,“ weil die ſtrengen Worte, welche Napoleon beim kleinen Manufakturpoſten an ihn gerichtet in Betreff der Dekorirten, ihn ungeheuer gedemüthigt hatten. „Nichts davon,“ erwiderte der Tambour,„der kleine Korporal iſt ſelbſt ein zu guter Soldat, um mich nicht ſo zu richten, wie der Kriegsxath gethan hat. Ich will Nichts von Gnade, nein! überdieß würde mir der Kaiſer keine ſchenken; ich kenne zu gut ſeine Anſichtsweiſe in Bezug auf die Sache. Warten Sie, Bonneville,“ fuhr Romeuf fort, indem es ſchien, als wolle er ſich über ſich ſelbſt hinausheben,„ich ſehe Sie nicht wieder, aber laſſen Sie mich in Ruhe; Sie weinen, indem Sie an mich denken, wie eine alte Marketenderin, welche ihren Großvater verloren hat. Sie benehmen ſich gar nicht ordonnanzmäßig in dieſer Viertelſtunde. Ich habe Sie geſehen, nicht wahr; Nun gut! da werde ich mit größerer Ruhe ſterben.“ Bei dieſen Worten ſchien ein plötzlicher Gedanke im Herzen des Sergeanten aufzutauchen.„Adieu!“ ſagte er zu Romeuf. Er ſtürzte eiligſt aus dem Zimmer. „Guten Abend!“ ſagte der Tambour, indem er ihm mit erſtaunter Miene nachſah. Dann zog er aus ſeiner Taſche eine Art Pfeife von geſchwärztem, bei⸗ nahe verkalktem Tone, ſtopfte ſie ruhig mit Tabak, und ſagte: „Jeder darf, ſo viel Freiheit hat er, ſeine eigene Anſichtsweiſe haben.“ Nach ſeiner Zurückkunft in die Kriegsſchule ſtattete Bonneville dem General Michelin Bericht ab über 236 ſeine Zuſammenkunft mit dem Verurtheilten, und machte ihm bemerklich, man müßte ihn retten, er möge wollen oder nicht; er wußte ſeinen Chef ſo gut zu überreden, und ihm zu beweiſen, daß es ſich um die Ehre des Regiments handle, daß dieſer zu handeln verſprach. „Bei Gott!“ rief er,„Sie haben Recht, glaube ich; ich will den Schimpf nicht haben; ich will den Kaiſer ſuchen.“ Nachdem er ſeinem Diener befohlen hatte, ſein beſtes Pferd zu ſatteln, ſprengte er geradezu auf Saint⸗ Cloud los.. Inzwiſchen zog ſich die Unterhaltung Napoleons mit dem Polizeiminiſter in die Länge. .„ Ich ſage, er iſt verloren,“ ſagte immer der General zum Adjutanten, welcher ſich ſo eben neben ihn hingeſetzt hatte, und ihm zu beweiſen ſuchte, daß die Sache noch nicht verzweifelt ſtehe. Dieſer Letztere war kaum mit ſeiner Rede zu Ende, als ſich die Thüre des kaiſerlichen Kabinettes öffnete, und Fouché heraus⸗ trat, dem Napoleon folgte, und zu dem er ſagte: „Paſſen Sie auf! Paſſen Sie auf! Ah! ſind Sie es Michelin?“ begann er, indem er den General bemerkte,„was gibt es Neues bei Ihnen?“ „Sire, ich erbitte von Ihrer Majeſtät eine Gnade.“ „Es iſt gut,“ ſagte Napoleon, indem er ihm freundlich die Hand ſchüttelte, um ihn darauf auf⸗ merkſam zu machen, daß er nicht mehr ſprechen ſollte; „wir werden die Sache augenblicklich unterſuchen.“ Nachdem er an Fouché, der den Kopf hinbot, einige Worte mit leiſer Stimme geſprochen hatte, ſagte er zum General, der ihm ſogleich in ſein Kabinet folgte:„Kommen Sie.“ „Nun, wovon handelt es ſich?“ fragte Napoleon, indem er ſich ſetzte. „Sire, ich appellire an die Gnade Ihrer Majeſtät in Rückſicht eines der braven Soldaten Ihrer Garde.“ Bei dieſen Worten runzelte Napoleon die Stirne. „In Rückſicht eines tapfern Mannes, Sire,“ fügte der General hinzu. „Ein Schabernack von Seiten der Unteroffiziere, ich wette. Wohlanl ſprechen Sie.“ „Sire, erinnert ſich Ihre Majeſtät der braven Halbbrigade, welche ich die Ehre hatte, in Italien zu kommandiren?“ „Ja, ja, in Italien,“ unterbrach ihn Napoleon, und namentlich bei Arcole. Die zweiunddreißigſte Halbbrigade! in ihr ſind Namen, die in Ihren Ohren äußerſt angenehm klingen müſſen, mein General.“ Indem er dieſe Worte ausſprach, erheiterte ſich die Stirne des Kaiſers, was jedesmal geſchah, wenn er auf ſeine erſten italieniſchen Feldzüge zu ſpre⸗ chen kam. „Aber, mein theurer General,“ fügte er ſogleich hinzu,„Sie holen mit Ihrer Geſchichte ein wenig weit aus. Gehen wir, um abzukürzen, auf die Hauptſache über,“ ſagte er noch lächelnd. Michelin beeilte ſich, dieſen Augenblick zu benützen. „Der Mann, für den ich bei Eurer Majeſtät Gnade erbitte, hat dieſe Halbbrigade nur verlaſſen, um in die Conſulargarde und von dieſer in die Ihrige einzutreten, Sir. Ihm verdanke ich, daß ich beim Uebergang über die Donau nicht von den Oeſtreichern gefangen wurde; ihm— „Sie kommen immer auf ihre Lämmer zurück. Ueberſchreiten Sie die Donau, und gehen Sie gerade auf die Hauptſache los.“ „Vor einigen Tagen hat der arme Teufel eine kleine Aufwallung gehabt, während er im Wacht⸗ hauſe war; und in Folge einiger mit dem Sergean⸗ ten gewechſelten Worte hat er dieſen ein wenig roh zurückgeſtoßen, und das Kriegsgericht, dem ich präfi⸗ dirte, hat ihn verdammt trotz— „Das Kriegsgericht hat vollkommen Recht gehabt,“ 233 unterbrach ihn der Kaiſer mit erhobener Stimme. „Aber wie kommt es, es iſt ja das erſte Mal, daß ich von dieſer Sache ſprechen höre? Keiner Ihrer Berichte hat mir dieſelbe erwähnt.“ „Das iſt wahr, Sire, aber der Unglückliche hat es nicht gewagt, bei Ihrer Majeſtät um Gnade zu bitten, weil er, wie alle ſeine Kameraden, wie wir Alle, weiß, daß Sie niemals mit den Geſetzen der Mannszucht einen Vergleich treffen.“ „Ahl ah!“ unterbrach ihn der Kaiſer,„eben das iſt Eiwas, was man am gernſten thut. Nun?“ „Nun ja, Sire, die Exekution ſoll ſogar heute nooch Statt haben, innerhalb drei Stunden,“ fuhr Michelin fort,„und ich bitte wenigſtens um eine Aenderung der Strafe für einen Menſchen, der ohne Zweifel Schuld hat, aber der das Kreuz trägt, der— „Genug, mein Herr Generall“ unterbrach ihn noch einmal der Kaiſer, deſſen Geſicht ſich im Ver⸗ laufe der Rede des Generals immer mehr verfinſtert hatte.„Sie find es, welcher von mir verlangt, ich ſolle den Lauf der Kriegszucht hemmen, und zwar zu Gunſten eines ſolchen Verbrechens! Ihr Schützling iſt ein unerſchrockener Soldat, ſagten Sie; wer iſt nicht unerſchrocken in meiner Garde? Muß ich Ihnen ſagen, daß die tapferſten Soldaten ohne Mannszucht bloß eine ſchlechte Armee ausmachen? General! ich kann Nichts thun; Gerechtigkeit muß geſchehen; kein böſes Beiſpiel ſoll unter meiner Garde gegeben wer⸗ den. Und dann hätte man mich zuvor von der Sache in Kenntniß ſetzen ſollen.“ „Sir, ich bitte Ihre Majeſtät, mir die Erlaub⸗ niß zu geben, daß ich Ihnen die Thatſachen auseinan⸗ der ſetzen darf.“ 3 „Pahl! aber— damit hätten Sie ja anfangen ſollen, wiewohl dieſe Thatſachen das Loos dieſes Men⸗ ſchen in keiner Weiſe ändern können. Ich will übri⸗ 239 gens zuhören. Allein ſeien fie kurz; ich habe keine Zeit zu verlieren.“ „Sire, die Sache iſt bloß: Der Weg der That wußte ſich zu einer Dienſtſache Bahn zu brechen.— „Wie? der Weg der That; auf welche Weiſe?⸗⸗ „Von Seite des Sergeanten, Sir; er ſelbſt hat es uns erklärt, und in dieſer Hinſicht iſt er vorwurfs⸗ frei; ein Oberer kann ihm befehlen, ſich auf dem Po⸗ ſten zu erſchießen, er wird ohne Bedenken gehorchen, und in dieſem Falle würde das Wort des Korporals mehr gelten, als das Wort Gottes, ſogar als das Ihrige, Sir—“ „Ohl Oho!“ machte Napoleon, indem er nach ſeiner Gewohnheit den Kopf ſchüttelte. „Es handelt ſich bloß von einem Wortwechſel, welcher im Wachthauſe des kleinen Manufakturpoſtens ſtattfand. Der Tambour Romeuf, für den ich bitte—⸗ „Romeuf, ſagten Sie?“ „Ja, Sir, Der Tambour Romeuf iſt es, für den ich die Ehre habe, das Mitleid Ihrer Majeſtät anzuflehen.“ „Bei Gott! es ſind nur fünfzehn Tage her, daß ich dieſes Original das erſtemal ſah; er iſt ein Rai⸗ ſonneur und überdieß ehrgeizig. Er bringt ſie zum Lachen, Herr General.“ „Verzeihen Sie mir, Sire; Romeuf iſt in der That ehrgeizig, aber er iſt es auf ſeine Weiſe; über⸗ dieß hat er eine ſo offen ausgeſprochene Antipathie gegen jeden, der nicht mit Leib und Seele an der Perſon Eurer Majeſtät hängt, daß es äußerſt viel von ihm iſt, wenn er anerkennt, daß ein Ruſſe oder Preuße einem Menſchen gleich ſieht.“ „Oe! He!“ machte Napoleon, deſſen Stirne ſich ein wenig entfaltete,„der drollige Menſch muß hie und da einzige Gedanken im Kopfe haben. Und Sie ſagten alſo—⸗ „Der Sergeant hat zuerſt Unrecht, das iſt —y———— 240 feols; er iſt es, welcher, ohne irgend wie gereizt zu ein—“ „Der Name dieſes Sergeanten? „Bonneville, Sir, von der zweiten Compagnie meines erſten Jägerbataillons, ein Neuling.“ „Ja, ich kenne ihn, er hat das Kreuz nicht. Ich habe ihn lüngſt vortreten laſſen, als ich gerade vor dem Mannufakturpoſten ſpazieren ging. Nun iſt die Sache genug abgehandelt; ſchreiben Sie von meiner Seite an den Kommandanten des Platzes, er ſolle die Exekution aufſchieben. Ihr Tambour bleibt in Haft bis zur weitern Unterſuchung, nachher wird man ſehen, was zu machen iſt. Ich will Etwas thun für einen Menſchen, dem ich die Erhaltung eines ſo verdienſtvollen Offiziers verdanke, wie Sie ſind, mein theurer General, und würde ſelbſt nicht abgeneigt ſein, ihn ſpäter wieder zu ſehen, wenn es Gelegen⸗ heit gäbe; ich habe meine Gründe dafür. Wo iſt er 2“⸗ „In der Abtei, Sir.“ „Nun gut, bringen Sie mir ihn morgen frühe. Ich will dem Herrn begreiflich machen—“ „Romeuf, Sir.“ „Ja Romeuf, daß die Siege über die Ruſſen und Preußen, welche wir geſchlagen haben und die wir wieder ſchlagen werden, wenn es ſich ſchickt, uns Opfer koſten; über ſie zu ſiegen, iſt nicht immer ſo leicht, als man ſich denkt,“ fügte Napoleon hinzu,„was nur dazu dient, das Verdienſt zu erhöhen. Halten Sie, General, Sie können dieſe Ordre überbringen, damit die Sachen in der Ordnung gehen mögen.“ Nachdem Napoleon einige Worte auf das Papier geſchrieben hatte, händigte er es dem General ein, den er mit einem ganz beſondern Wohlwollen ver⸗ abſchiedete. Michelin war entzückt, voll Begeiſterung und Enthuſtasmus.— (Die Fortſetzung folgt.) ——