—, —— ———— — —— 2 7/30 4 ₰ℳ 7 2 -⸗—-——-— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 4 „„—„ 1„— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 3 . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ —-—————= —— Der Stellvertreter. Ein humoriſtiſches Familiengemälde von Frau Emilie Flygare-Carlén. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1844. I. Wie beſchaſſen auch immer das Gefühl des Augenblicks in reiferen Jahren ſeyn mag, ſo iſt es doch ſelten mächtig genug, um ausſchließlich den Gedanken zu feſſeln; denn die Erinnerung ſchweift immer in den Tagen der Vergangenheit, und die Hoffnung in denen der Zukunft. Sparre. An einem kalten und nebligten Februarmorgen eilte ein zerlumpter Junge, einer jener Handlanger, die man ge⸗ wöhnlich auf den Straßen trifft, ein langes, enges Seiten⸗ gäßchen in der Stadt L— hinauf. Vor einem kleinen, unanſehnlichen Hauſe blieb er ſte⸗ hen, zog einen zuſammengelegten Papierſtreifen hervor, den er in den Fragmenten ſeiner Bruſttaſche verborgen hatte, beſah ihn genau, und brummte bei ſich ſelbſt:„dafür be⸗ komme ich diesmal auch nichts von ihm; er kann wirklich weder Briefe noch ſonſt etwas bezahlen. Aber den Wiſch da muß er doch haben; ich wage nicht, etwas Anderes zu thun.“— Bei dieſen Worten trat er in das Haus ein, nahm den Weg durch einen langen, finſtern Gang, und ſtieg endlich eine ſchmale, ſchwankende Treppe hinauf, welche zum zweiten Stocke führte, und hart vor einer niedern Thüre, die mit einer Holzklinke verſehen war, aufhörte. Der Junge klopfte an, nnd eine tiefe, etwas raube Baßſtimme antwortete von innen mit dem gewöhnlichen: „Herein!“ Doch ehe wir hier weiter gehen, nehmen wir uns die Freiheit, den Leſer mit der armſeligen Wohnung und den Perſonen, welche dieſelbe bewohnen, bekannt zu machen. Es war eine enge, dunkle und unbehagliche Stube, deren düſteres Ausſehen durch die bis oben zugefrerenen Fenſter noch erhöht wurde. Einige im Erlöſchen begriffene Kohlen leuchteten aus einem von Ziegel gemauerten Kachel⸗ —88ſſͤſͤſ ofen, der früher mit Kalk übertüncht, doch jetzt zum Theil verfallen und verraucht war, und das⸗Ganze trug den Stempel tiefer Armuth. In einem altmodiſchen Lehnſeſſel, deſſen vergoldetes Laubwerk und verblichener Ueberzug von Goldbrokat ſeltſam gegen die wenigen Holzſtühle und den ungemalten Tiſch abſtachen, welche nebſt dem höchſt dürf⸗ tigen Bette das ganze Ameublement ausmachten, ſaß— für gegenwärtig der Poſtinſpektor Wilhelm von Spalden. Sowohl jenes alte Familienſtück als deſſen Beſitzer ſchien durch irgend eine ungünſtige Laune des Schickſals in dieſes elende Loch geſchoben worden zu ſeyn. Auf der gefurchten Stirne des Poſtinſpektors las man die Ruhe der Ergebung; aber gleichwohl zeigte es ſich deutlich, daß, wäh⸗ rend ſeine Augen unverwandt auf die verglimmenden Kohlen ſtarrten, ſeine Gedanken nicht in der Gegenwart, ſondern in der Erinnerung an vergangene Tage verweilten, und je nachdem dieſe ſtillen Bilder heller oder düſterer erſchienen, hob ſich ſeine Geſtalt oder ſank ſie in ihre frühere Lage zurück. Er war ein langer, hagerer Mann; ſein finſterer, dunkel glühender Blick ſchoß bisweilen Blitze, die den Ge⸗ genſtand, den ſie trafen, verbrennen zu wollen ſchienen. Sein ganzes Aeußeres bewies, daß mehr die Sorgen als die Jahre ſeinen Körper gebeugt und den Stempel eines frühzeitigen Alters auf ſein bleiches Antlitz gedrückt hatten. In der Ofenecke ſaß ſeine Frau, eine Dame von mitt⸗ lerem Alter, über deren ſanfte, milde Züge Jahre und Kümmerniſſe ſchonend gegangen waren und unverkennbare Spuren einer einſt ungewöhnlichen Schönheit dort zurück⸗ gelaſſen hatten. Sie ließ fleißig das von Kälte ſchwer ge⸗ wordene Spinnrad ſchnurren, und netzte zuweilen den Faden mit einer ſtillen Thräne, wenn ſie an die Tage des Schmer⸗ zes und der Entſagung dachte, welche noch vielleicht zu durchkämpfen waren, und über die kein Stern der Hoff⸗ nung mehr aufgehen zu wollen ſchien. 1 Während des Stillſchweigens, das nach einem vor⸗ gusgegangenen Geſpräche eingetreten war, ſtand der Poſt⸗ inſpektor auf, flopfte mit einem ſolchen Nachdruck ſeine und frieren, als ſich wie ein kriechendes Inſekt von den Füßen des Uebermuthes niedertreten zu laſſen. Auguſte, 2 ſagte er nach einer Weile,„Du darfſt Dein Piano noch eine Zeit lang behalten; aber ſage mir, mein liebes Kind, warum wandte man ſich mit dieſer Nachricht an Dich?“— Auguſte ſchlug erröthend die Augen nieder und ſchwieg.— „Antworte, mein Kind, aufrichtig; Du weißt, ich dulde nie Ausflüchte.“ Schüchtern ſtammelte Auguſte:„Beſter Papa, ich war es, die das Begohren an den Bürgermeiſter ſtellte, er möchte mit Ihnen über den Handel mit dem Inſtrumente reden.“ Der Poſtinſpektor ſprach kein Wort; aber ein ſelten empfundenes Gefühl durchbebte ihn. Die erſte Thräne, die er ſich erinnerte, in ſeinem Leben vergoſſen zu haben, fiel auf die Stirne ſeiner Tochter, als er ſie ſchweigend um⸗ armte. Haſtig verließ er ſie dann, trat an's Fenſter, und malte mit den Fingern auf den eiſigen Scheiben. Unſere Bekanntſchaft von der Straße pochte jetzt an die Thüre, trat nach erhaltener Erlaubniß herein, und über⸗ gab dem Poſtinſpektor das zuſammengelegte Papier. Herr von Spaldens Blicke ſchienen den Inhalt ver⸗ ſchlingen zu wollen, er ſah aus, als fürchtete er, die klei⸗ nen Federzüge möchten verſchwinden, während ſeine Augen auf ihnen verweilten. Nach einigen Minuten ging er in eine Ecke des Zimmers, zog eine kleine Schatoulle hervor, nahm daraus ſein letztes Achtſchillingsſtück und reichte es dem Jun⸗ gen, der ſich ſchleunig entfernte. Der bedeutungsvolle Wiſch ward jetzt laut vorgeleſen, er enthielt Folgendes: „Ein rekommandirter Brief von drei Loth Gewicht mit ausländiſchem Poſtſtempel kann gegen die Gebühr von zwei Reichsthaler zweiunddreißig Schil ling Banko auf dem kö⸗ niglichen Poſtkomptoir dahier abgeholt werden. L— den 16. Februar 1835. C. Wilsſ on, Poſtmeiſter.“ Auf den Geſichtern der beiden Frauenzimmer war die lebhafteſte Freude und Ueherraſchung zu leſen Der Poſt⸗ Der Stellvertreter. 2 10 inſpektor ſtierte in tiefen Gedanken vor ſich hin.—„Ich begreife das nicht,“ ſagte er endlich;„ſollte wohl Rudolph von meinem Unglück gehört haben? Das iſt nicht wahr⸗ ſcheinlich, und noch weniger, daß er dem die Laſt abneh⸗ men wollte, der...“ Er ſchwieg. Nach einigen Augen⸗ blicken fuhr er fort:„Geld kann das auf alle Fälle kaum ſeyn; drei Loth Gewicht!“ Er ſchüttelte den Kopf.„Wer beſchwert wohl einen Brief mit baar Geld von dieſem Gewicht!“ „Was es auch ſeyn mag, mein Freund,“ unterbrach ihn Frau von Spalden freundlich,„ſo iſt doch ein kleiner Umſtand vorhanden, der uns an der Befriedigung unſerer Neugierde hindert, und der vor Allem ein Gegenſtand der Ueberlegung werden muß. Woher ſollen wir das Geld zur Einlöſung nehmen?“„ „Hm, hm!“ ſagte der Poſtinſpektor, und kratzte mit dem Finger hinter dem Ohre,„das iſt ſehr bedenklich. An den Bürgermeiſter, der früher mein beſter Freund war, will ich mich durchaus nicht wenden. Laß mich einmal nach⸗ denken, ob nicht irgend ein Anderer mir möglicherweiſe dieſe lumpige Summe vorſtrecken würde.“... Ex beſann ſich; aber wer ihm auch aus dem Kreiſe ſeiner alten Bekannten einſtel, immer dachte er zugleich mit Furcht an eine Ver⸗ weigerung; denn es war ihm dies ſo oft geſchehen. „Ich will einen Verſuch machen,“ ſagte Frau von Spalden entſchloſſen;„noch glaube ich einige Freundinnen zu beſitzen, die ſich vielleicht bewegen laſſen dürften. Ge⸗ ſchwind, Auguſte! hole meinen Pelz.“ Die Umkleidung der guten Frau war bald im Reinen, und von den beſten Wünſchen ihres Mannes und ihrer Tochter begleitet, trat ſie die unſichere Entdeckungsreiſe nach alten Freunden an. * „Ich volph vahr⸗ meh⸗ gen⸗ aum Wer cht!“ brach einer ſerer der zur mit An will nach⸗ dieſe ſich; uten r Ver⸗ von inen 11 S. Rückerinnerungen. Licht und Schatten, Weh’ und Wohl, Wechſeln auf des Lebens Bahn. Franzén. Wir wollen indeſſen einen Blick auf die früheren Le⸗ bensſchickſale der Familie werfen. Der Poſtinſpektor Wilhelm von Spalden war der dritte Sohn des Majors Peter Adrian von Spalden, der das adelige Freigut Ulriksdal beſaß. Die zwei älteren Söhne traten frühzeitig in das Militär, und der jüngſte beſuchte damals noch das Gymnaſium. Während des Feldzugs von 1788 ſtarb der Aelteſte der Brüder in einem Lazareth. Er war immer der Liebling des Vaters geweſen, und der Brief, der dem Alten die Nachricht mittheilte, daß ſein Guſtav nicht den ehrenvollen Tod des Kriegers, ſondern in Folge einer verſchlimmerten Feldkrankheit geſtorben ſey, ward auf eine gewiſſe Art eine doppelte Todespoſt; denn nur wenige Tage überlebte der Vater dieſen Schlag. Die Beſorgung der Vermögensangelegenheiten wurde einem„Hausfreunde“ übertragen, der ſie auf eine Art verwaltete, daß den Brü⸗ dern, als ſie mündig wurden, alle Beſorgniß in dieſer Hinſicht erſpart war. Das Beſitzthum wurde verkauft, und von ihrem bedeutenden väterlichen Erbe blieb Jedem nur die Summe von zweitauſend Reichsthalern übrig, um da⸗ mit ſein Glück in der Welt zu verſuchen. Von Kindheit auf hatte die innigſte Freundſchaft die beiden Brüder ver⸗ bunden, ſo weit dies mit ihrem verſchiedenartigen Charakter vereinbar war. Rudolph war heiter, ſanft und freundlich. Bei ſeinem tiefen Gefühl für das Wahre und Gute lag immer die ſtrengſte Redlichkeit ſeinen Handlungen zu Grunde, und er konnte als ein Muſter der Ordnung in ſeinem Pri⸗ vatleben angeſehen werden. Wilhelm war zwar nicht ganz das Gegentheil von ihm; aber ein mürriſcher Ernſt, eine befehlende Herrſchſucht, und ein Egoismus, der ſich auf 2 — eine ſeltſame Weiſe mit Leichtgläubigkeit verband, machten er die Hauptzüge ſeines Charakters aus. Sein Bruder war de der Einzige, dem gegenüber er ſich bemühte, dieſe Eigen⸗ fül ſchaften zu mildern, und ein weniger abſtoßendes Beneh⸗ Zu men zu beobachten. dar 1 Im Laufe des Jahres 1812 beſuchte Rudolph ſeinen ſeit Bruder Wilhelm, der eine Stelle als Poſtſchreiber in erd L— erhalten hatte; hier aber ging ein Unſtern über hat ihnen auf. Sie verliebten ſich beide in des Poſtinſpektor nich Löwe's einzige, ſchöne Tochter Rigitza. Rudolph gewann 3 das Herz des Mädchens, Wilhelm hingegen den Vater, von der die Militärs nicht leiden konnte. Da ſtreuté der Dä⸗ wer mon der Zwietracht Streit und Mißgunſt zwiſchen den geſ Brüdern aus. Rudolph nahm ſeinen Abſchied und reiste ten nach Amerika, um ſeinen Gram los zu werden und auf's Ner Neue den Bau ſeines Glückes zu beginnen. Drei Jahre darauf ſtand Wilhelm mit der über den Verluſt von Ru⸗ ang dolph troſtloſen Rigitza am Altare. Allmählig fand ſie um ſich in das, was ſich nicht ändern ließ, und obwohl ſie heit im Geheimen Rudolph manchen Seußzer weihte, ſo war nach ſie doch ein gutes, ihrem Manne aufrichtig ergebenes Die Weib. Auguſtens Geburt, die zwei Jahre nach ihrer baa Verbindung ſtattfand, ward ein freundlicher Stern an hall ihrem früher ſo dunklen Lebenshimmel; er erſchien jetzt nicht mehr ſo düſter. Beim Tode ſeines Schwiegervaters Gur trat Wilhelm von Spalden ſowohl den Dienſt, als das Ver bedeutende Vermögen des Hingeſchiedenen an. Alles war daß ihm günſtig; mit freigebiger Hand verſchwendete das doch Glück ſeine Gaben an ihn. Ein einziges Mal im Ver⸗ ande laufe von vielen Jahren hatte Rudolph ſeinen Bruder kann beſucht. Er überſchaute ſein häusliches Weſen. Der den, Poſtinſpektor hatte ſchon damals angefangen, ſein deſpo⸗ einer tiſches Gemüth zu offenbaren, und mit Schmerz gewahrte Cha⸗ Rudolph, daß die Ruhe ſeiner Schwägerin die der Er⸗ Hinf gebung und Gewohnheit, nicht aber einer herzlichen Zu⸗ unſer friedenheit war; überzeugt jedoch, daß die Einmiſchung hier eines Dritten nur aus übel ärger machen würde, kehrte nur hten war gen⸗ neh⸗ nen in iber ktor ann ter, Dä⸗ ven iste uf's ahre Ru⸗ ſie ſie war enes hrer tan jetzt ters das war das Ver⸗ uder Der ſpo⸗ ihrte Er⸗ Zu⸗ zung ehrte 13 7 er wieder nach ſeiner neuen, fernen Heimath zurück, nach⸗ dem er die zehnjährige Auguſte mit wehmüthigen Ge⸗ fühlen an ſein Herz gedrückt und gelobt hatte, für ihre Zukunſt zu ſorgen, denn Rudolph v. Spalden war ſchon damals ein wohlhabender Mann; das Geſchäftsleben hatte ſeiner Kraft und Thätigkeit ſeine unbegränzten Räume eroffnet. Inzwiſchen verfloß Jahr auf Jahr, Auguſte hatte das ſiebenzehnte erreicht; aber noch hörte man nichts von Onkel Rudolph. Um dieſe Zeit ließ ſich in L— ein junger Mann vom Handelsſtande nieder, einer jener Spekulanten, welche, wenn ſie ihre Rollen erfolglos in einigen größeren Städten geſpielt haben, wo die Gläubiger die Unhöflichkeit hat⸗ ten, mitten im Stücke den Vorhang fallen zu laſſen, auf's Neue ihr Glück in den kleineren verſuchen. Alle glaubten, daß die Angelegenheiten des Neu⸗ angekommenen vortrefflich ſtünden; denn er lebte und umgab ſich mit einem Glanze, der alle Mütter, welche heirathsfähige Töchter hatten, mit ſehnſuchtsvollen Blicken nach dem jungen, angenehmen Blandin ſchauen machte. Dieſer wußte ſelbſt wohl, wie ſehr er ein Mädchen mit baarer Münze nöthig hatte, und ſeine Wahl fiel des⸗ halb auf Fräulein v. Spalden. Der Poſtinſpektor, der in hohem Grade zu ſeinen Gunſten eingenommen war, ſuchte mit allen möglichen Vernunftgründen ſeine Frau und Tochter zu überzeugen, daß man keine beſſere Partie für die Letztere finden könne; doch in dieſem einzigen Falle wagte es Frau v. Spalden, anderer Meinung zu ſeyn, als ihr Mann.„Auguſte kann den jungen, fuchsſchwänzeriſchen Mann nicht lei⸗ den,“ ſprach ſie;„und zudem, wie magſt Du Dich mit einer ſolchen Gewißheit auf ſein Vermögen oder ſeinen Charakter verlaſſen? Ich fürchte, Du urtheilſt in beiden Hinſichten zu raſch, während doch das Glück oder Unglück unſeres einzigen Kindes darauf beruht. Mancher will hier mit voller Ueberzeugung behaupten, daß dieſer Glanz nur ein erborgter ſey und der Schein von Unabhängigkeit, mit dem er es verſtanden hat, ſich zu umgeben, werde bald verſchwinden, und eine beſtimmte Ahnung nöthigt auch mich, dieſe Ueberzeugung zu theilen.“ „Aber ich theile ſie nicht,“ rief der Poſtinſpektor hitzig, und über die Kühnheit erſtaunt, daß Jemand, und noch dazu ſeine eigene Frau, es wagte, einen Zweifel in die Unfehlbarkeit ſeiner Urtheilskraft zu ſetzen. Er war nicht gewohnt, ſeinen Willen in irgend einer Hinſicht nach dem der Andern zu richten, und Widerſprüche, wenn ſie auch noch ſo beſcheiden vorgebracht wurden, reizten ihn immer auf's Aeußerſte. Aber da er vorausſah, daß er unmöglich auf die Frauenzimmer einwirken könnte, ſo be⸗ ſchloß er, ſich deſſelben Auswegs zu bedienen, den ſein verſtorbener Schwiegervater bei ihm ſelbſt mit Erfolg angewendet hatte. Als einmal auf Veranlaſſung von Auguſtens achtzehntem Geburtstage eine zahlreichs Geſell⸗ ſchaft im Hauſe des Poſtinſpektors verſammelt war, machte er ſeinen Gäſten feierlich bekannt, daß er heute die Ver⸗ lobung ſeiner Tochter mit Herrn Blandin feiere. 4 Auguſtens erſtes Gefühl bei dieſer grauſamen und eigenmächtigen Handlung ihres Vaters war das des Zorns. Ihr ſanfter, aber ſtolzer Sinn war durch dies herzloſe Verfahren empört. Einen Augenblick trat der Gedanke vor ihre Seele, durch einen offenen Widerſpruch der vä⸗ terlichen Autorität zu trotzen und ſo eine Selbſtſtändigkeit an den Tag zu legen, die ihre Selbſtachtung bewahren mußte, welche zugleich mit ihrem Lebensglück verloren zu gehen drohte; doch dieſer Gedanke war nur vorübergehend. So ſtark war die Gewohnheit an blinde Ergebung und Gehorſam für die Befehle des Vaters. Als ſich die Fremden entfernt hatten, fiel Auguſte ihrem Vater zu Füßen und bat um Verſchonung. Ver⸗ gebens war ihr Flehen, vergebens floſſen ihre Thränen, der Despot brach nie ſein Wort. Herr Blandin machte jetzt in der Eigenſchaft als Bräuti⸗ gam täglich ſeine Aufwartungen, welche jedoch größtentheils auf Herrn von Spalden's Komptoir anfingen und endigten. den M G her für ihn nen neh deu⸗ er hab Bür Bed mög Ehr rette alle ſpek⸗ und chen cedir den ſtänd einen erwie Bürg ezloſe danke r vä⸗ igkeit ahren en zu hend. g und aguſte Ver⸗ känen, räuti⸗ theils igten. 5 4 15 Inzwiſchen begann man in L— immer lauter von den zweideutigen Umſtänden des jungen Herrn zu ſprechen. Man wollte allerhand bedenkliche Sachen aus ſeinen frü⸗ heren Verhältniſſen wiſſen; doch der Poſtinſpektor war für alles das taub; ſo ſehr war es Blandin gelungen, ihn für ſich einzunehmen. Endlich geſtand er jedoch ſei⸗ nem künftigen Schwiegervater, daß eine Handelsunter⸗ nehmung, wobei er mit Grund auf einen ſichern und be⸗ deutenden Gewinn gerechnet hatte, mißglückt ſey; und da er all' ſeinen Vorrath an baarem Geld darauf verwendet habe, wäre er zu Grunde gerichtet, wenn er nicht einen Bürgen für eine kleine Summe, die ihm unter dieſen Bedingungen zu Gebote ſtehe, bekommen könnte. Dieſe kleine Summe überſtieg gleichwohl das Ver⸗ mögen des Herrn v. Spalden; aber da Blandin auf ſeine Ehre verſichert hatte, daß er, wenn er nur diesmal ge⸗ rettet werde, wieder auf feſtem Boden ſtehe, ſo hoben ſich alle Bedenklichkeiten, die möglicherweiſe bei dem Poſtin⸗ ſpektor hätten entſtehen können. Vergebens waren Frau v. Spalden's Vorſtellungen und Thränen. Alle ſeine Freunde riethen ihm, zu bre⸗ chen— umſonſt. Er ward Bürge. Zwei Monate darauf cedirte Blandin; am folgenden Tage war er verſchwun⸗ den und hinterließ nichts, als ſein Andenken und einen Brief an den Poſtinſpektor, worin er ihm den Verlo⸗ bungsring zurückſandte und ihm erklärte, daß ein ungün⸗ ſtiges Schickſal ihm nicht erlaube, die Seligkeit zu ge⸗ nießen, die ihm der Poſtinſpektor durch die Hand ſeiner Tochter zugedacht habe, und daß die Schuld, worin ihn daſſelbe Schickſal verſetzt habe, ſowohl dem Poſtinſpektor als ſeinen übrigen hochgeachteten Gläubigern mit Dank⸗ barkeit zurückbezahlt werden ſolle, wenn Zeit und Um⸗ ſtände es ihm erlauben würden. Er ſehe es übrigens für einen herzlichen Beweis der ihm vom Poſtinſpektor ſtets erwieſenen Freundſchaft an, daß dieſer unterdeſſen ihm als Bürge die kleine Summe vorgeſchoſſen habe u. ſ. w. Das ganze Eigenthum des Poſtinſpektors war nicht — — hinreichend, um ſeine eigenſinnige Leichtgläubigkeit zu be⸗ zahlen. Er ward mit Verhaftnehmung wegen des Reſtes der Bürgſchaftsſumme bedroht. Die Folge davon war, daß auch das Amt dem Eigenthum Geſellſchaft leiſtete, und mit Noth rettete Herr v. Spalden ſeine Ehre aus dieſem großen Schiffbruch ſeines Lebens. Ueber ein Jahr war verfloſſen, ſeitdem dieſe betrüb⸗ ten Begebenheiten den Poſtinſpektor gezwungen hatten, ſich mit den Seinigen in die elende Wohnung zu flüch⸗ ten, wo der Leſer ihre Bekanntſchaft gemacht hat. Noch war ein Mittel übrig, um den auf den Grund zerſtörten Angelegenheiten wieder aufzuhelfen; aber zu dieſem wollte der Poſtinſpektor nicht ohne den äußerſten Nothfall greifen. Der neue Poſtmeiſter hatte Auguſten ſeine Hand angeboten; aber da ſie einen wo moglich noch größeren Widerwillen gegen den hochmüthigen Wilsſon als gegen den entlaufenen Blandin hatte, ſo wollte der Vater nicht zum zweiten Male ſeine vorher ſo übel angewendete Autorität gebrauchen. Das gemeinſame Unglück, das er dadurch ſeiner Familie zugezogen, hatte ſein Herz etwas erweicht. Aber inzwiſchen ward ihre Lage immer drückender; immer tiefer und tiefer verſanken ſie in Un⸗ glück und Armuth, als ein unerwartetes Ereigniß den Dingen ein anderes Ausſehen gab. Z. 2 Der Fremdling. Ein hoher Wuchs, wie hie und da Der Norden ſie noch zeugt.. 3 Tegnér. Frau v. Spalden hatte die wenigen Freunde be⸗ ſucht, auf deren Beihülfe ſie rechnen zu können glaubte. Allein ſie betrog ſich in ihren Hoffnungen. Jetzt ſchlug fe mit ſchwerem Herzen den Weg zum Poſtkomptoire in, um zu ſehen, was ſie mündlich bei Herrn Wilsſon 2 21¹ be⸗ ibte. hlug toire sſon 17 ausrichten könne. Dieſer ſaß an ſeinem Pulte, als Frau v. Spalden hereintrat. Ihr Ausſehen war das unglück⸗ liche einer Bittſtellerin, welche bei dem tiefen Gefühl des Demüthigenden in ihrer Lage doch durch die Geißel des Bedürfniſſes getrieben wird, das Mitleid Anderer in Anſpruch zu nehmen. Der Poſtmeiſter bot ihr höͤflich einen Stuhl an, und erkundigte ſich mit einer leichten Verbeugung nach ihrer und ihrer Familie Geſundheit und Wohlergehen.„Die erſtere iſt gut,“ erwiederte Frau v. Spalden freundlich und vergnügt über die Artigkeit des Poſtmeiſters;„aber das Wohlergehen iſt leider nicht groß. Ich habe in Folge deſſen eine Bitte an Herrn Wilsſon,“ ſetzte ſie mit einer demüthigen Verbeugung des Kopfes und einem Zittern in der Stimme hinzu. „Freut mich, Madame, freut mich unendlich, wenn ich Ihnen dienen kann; aber erlauben Sie mir, daß ich die Gelegenheit benütze, die mir eine beſondere Unter⸗ redung mit Ihnen darbietet, um Sie zu fragen, ob Ihre Fräulein Tochter noch nicht geſonnen iſt, ihr gegenwär⸗ tiges Leben gegen das, wenn nicht glückliche, ſo doch ſorgenfreie zu vertauſchen, das ich ihr und ihren Eltern anzubieten wünſchte?“ „Mein beſter Herr Poſtmeiſter,“ entgegnete Frau v. Spalden, betrübt und verlegen über die Wendung, welche das Geſpräch genommen hatte,„Auguſte iſt eigen⸗ ſinnig in dieſem Punkte; wir können dabei nichts thun. Aber erlauben Sir mir mein Geſchäft zu erwähnen, das, wie Sie leicht errathen können, den Brief betrifft.“ „Ich verſtehe, Madame,“ ſprach der Poſtmeiſter in einem Tone, der ſeinen gewaltſam verhaltenen Grimm kund gab,„der Brief ſteht Ihnen zu Dienſten, ſobald es Ihnen gefällig iſt, das Löſegeld zu hinterlegen.“ „Leider kann ich das für gegenwärtig nicht; aber, vertrauen Sie auf meine Redlichkeit, in ein Paar Tagen werde ich es im Stande ſeyn.“ „Es thut mir leid,“ erwiederte Wilsſon und zuckte die Achſeln,„daß ich Ihrem Wunſche nicht entſprechen — ——* kann. Es iſt unglücklicherweiſe ein unverbrüchlicher Vor⸗ ſatz von mir, nie ſolche Briefe auf Kredit abzugeben.“ „Aber, Herr Poſtmeiſter, Sie werden doch nicht an meinem Worte zweifeln?“— Die Antwort darauf erſtarb beim Geräuſche der Diligence, die am Poſtkomptoir vorüberrollte, auf Herrn Wilsſons Lippen. „Halt!“ rief eine wohllautende Männerſtimme. Einen Augenblick darauf zog es an der Glocke, und ein Herr von hoher Geſtalt, edler Haltung und regelmäßig ſchönen Zügen trat in das Zimmer. Er ſchien in der erſten Blüthe und Kraft des Mannesalters zu ſtehen, und eine dunkle, ſonderbare Reiſetracht, die in unſerem Lande nicht gewöhnlich iſt, gab ihm ein gewiſſes, fremd⸗ artiges Ausſehen. „Sind Briefe hier an A. C. Sterner?“ fragte die⸗ ſelbe angenehme Stimme, die ſich eben hatte hören laſſen. Der Poſtmeiſter zog verſchiedene, bei Seite gelegte Briefe hervor, und ſagte:„Dieſe ſind mit der heutigen Poſt angelangt. Die Adreſſe lautet: Sr. Wohlgeboren, dem Herrn Rittmeiſter A. C. Sterner; iſt das recht?“ „Es hat ſeine Richtigkeit.“ Während der Fremde die empfangenen Briefe in einen Reiſeſack legte, nahte ſich die Poſtinſpektorin noch einmal Herrn Wilsſon, und bat ihn in beweglichem Tone, ihr ein Paar Tage Friſt zu gewähren.. „Sie haben meine Antwort gehört, Frau v. Spalden,“ ſprach der Poſtmeiſter ſtolz;„erlegen Sie zwei Reichsthaler zweiundzwanzig Schilling Banko, ſo erhalten Sie den Brief, oder— Sie entſchuldigen, ich bin beſchäftigt.“ Der Fremde, der ſchon unter der Thüre war, wandte ſich raſch um. Der Name oder irgend etwas Anderes mußte ſeine Aufmerkſamkeit erweckt haben. Er ſchien einige Augenblicke unſchlüſſig zu ſeyn, ging ſodann aber mit einer ehrerbietigen Verbeugung auf Frau v. Spalden zu, welche, eben ſo ſehr von Wilsſons ſtolzem, unhöf⸗ lichem Tone, als der Weigerung ſelbſt verletzt, im Be⸗ Jor⸗ en.“* icht der errn me. ein ißig der zen, rem md⸗ die⸗ ſen. egte gen ven, t2 in noch hem n,“ aler den 77 ndte eres hien aber lden hof⸗ Be⸗ 88 19 griff ſtand, mit der ganzen Troſtloſigkeit über eine fehl⸗ geſchlagene Hoffnung das Poſtkomptoir zu verlaſſen. „Madame,“ ſprach der Fremde, und legte in ſeinen Ton jene herzliche, theilnehmende Freundlichkeit, die ſo geeignet iſt, Vertrauen einzufloͤßen,„es mag nicht ſehr zartfühlend von mir erſcheinen, wenn ich einer vollkom⸗ men Unbekannten meine Dienſte anbiete; aber wenn ich recht gehört habe, ſo iſt Ihr Wunſch, jenen Brief bald zu erhalten, und deßhalb ſogleich aus der Verlegenheit in Betreff des Löſegeldes gezogen zu werden. Nehmen Sie dieß zu meiner Entſchuldigung an, und erlauben Sie mir, Ihnen den unbedeutenden Dienſt erweiſen und das Geld vorſtrecken zu dürfen. Ich bitte Sie, verſichert zu ſeyn, daß es mit wahrem Vergnügen geſchieht.“ Frau v. Spalden ſah verwundert und dankbar auf den Sprecher. Seine Haltung ſowohl als der ausdrucks⸗ volle Klang ſeiner Stimme verfehlten ihre Wirkung nicht. Mit zuverſichtlichem Vertrauen antwortete ſie:„Ich nehme Ihr Anerbieten mit Erkenntlichkeit an, mein Herr, und werde den Edelmuth des Fremdlings nie vergeſſen; aber haben Sie die Güte, mir anzugeben, wohin und wem ich meine Schuld ſchicken darf, da ich hoffe, ſie in einigen Tagen bezahlen zu können.“ „O, wir werden uns ſchon noch treffen,“ verſetzte der Fremde mit einem bedeutungsvollen Lächeln, erlegte die Summe, verbeugte ſich artig, und war wieder in der Diligence, ehe noch Frau v. Spalden ein paſſendes Abſchiedswort hatte hervorſtammeln können. Zornig reichte ihr der Poſtmeiſter den Brief hin. Dieſer theure, erſehnte, bedeutungsvolle Brief lag jetzt endlich in ihrer Hand. Alle Mühe, alle Demüthigung und Unruhe, bis ſie ihn erhalten hatte, war vergeſſen. Sie wog ſein Gewicht in der Hand, beſah genau die vielen ſo geheimnißvollen Sigille, und unterſuchte mit Aufmerkſamkeit den Poſtſtempel; er war von Hamburg. Nur der, welcher ſelbſt in drückenden Umſtänden einen Brief in ſeiner Hand gehalten hat, von deſſen Inhalt er vermuthete, daß er der Reiſepaß für die Sorgen und Widerwärtigkeiten des Lebens und eine Einladungskarte zu ſeinen Freuden und Annehmlichkeiten ſeyn werde, kann ſich eine richtige Vorſtellung von dem machen, was Frau v. Spalden in dieſem Augenblicke fühlte.—„Ge⸗ wiß will uns der gute Rudolph ein Scherflein von ſei⸗ nem Ueberfluſſe mittheilen,“ ſagte ſie bei ſich ſelbſt, und eilte mit beflügelten Schritten nach Hauſe, wo ſie wußte, daß ihr Mann mit der größten Ungeduld ihrer Zuruͤck⸗ kunft entgegenſah. „Nun, Alte, wie iſt es gegangen?“ rief der Poſt⸗ inſpektor, als ſeine Frau halbwegs die Treppe herauf war. „Vortrefflich, mein Lieber.“ Sie reichte ihm den Schatz mit freudeſtrahlendem Angeſichte hin.— „Auguſte— Kind— meine Brille!“ rief der Poſt⸗ inſpektor, und erbrach das Siegel mit zitternder Hand. Die drei Mitglieder der Familie wagten kaum Athem zu holen, als der Umſchlag endlich zu Boden fiel, und drei Papiere, aber weder Geld noch Wechſel, ihren forſchen⸗ den Blicken begegneten. Das eine von den Papieren war ein offenes Handſchreiben, das andere die Abſchrift eines Teſtamentes, und das dritte ein verſtegelter Brief an Au⸗ guſte. Als man ſich eine Weile ſtillſchweigend angeſehen hatte, wobei die Frauenzimmer ungeachtet ihrer eigenen Aufregung doch Gelegenheit hatten, zu bemerken, wie das Geſicht des Poſtinſpektors um ein gutes länger wurde, als gewöhnlich, eröffnete dieſer den erſten zuſammenge⸗ legten Brief. Er war von dem ſchwediſchen Konſul in Hamburg und enthielt die Nachricht, daß der verſtorbene Herr Rudolph v. Spalden kurz vor ſeinem Tode, der vor einem Monate erfolgt ſey, eine Summe von zehn⸗ tauſend Reichsthaler ſchwediſch Banko auf den Namen ſeines Bruders, des Poſtinſpektors Wilhelm v. Spalden bei den Herren Reis und Komp. daſelbſt deponirt habe, welche Summe zu erheben ſey, ſobald die gehörigen Zeug⸗ niſſe beigebracht würden, und aus der beigefügten Abſchrift des Teſtamentes werde erhellen, was weiter zu beobachten ſey. ſehu leich der S weil Pof Zeit Blie enen wie rde, nge⸗ in bene der ehn⸗ men lden abe, eng⸗ hrift ſey. 21 Der Brief war vom zweiten Januar 1835 datirt. Ein inniger Seufzer der Dankbarkeit gegen die Vor⸗ ſehung, die ſo unvermuthet die Laſt des Kummers er⸗ leichtert hatte, ſtieg mit heißer Andacht aus dem Munde der Frauenzimmer, wobei eine aufrichtige Thräne des Schmerzes dem Andenken des edlen Hingeſchiedenen ge⸗ weiht ward.„Friede ſey mit ſeiner Seele,“ ſagte der Poſtinſpektor mit gefalteten Händen.„Er ging zu guter Zeit,“ fügte er ſchnell hinzu, und griff mit freudigem Blicke nach dem Teſtament. 4. Der Freier. Welche neue Ausſichten eröffnen ſich vor meinem Blick. Lindeberg. Nach einer gewöhnlichen Einleitung lautete das Te⸗ ſtament, wie folgt: 1 „Außer der bei Reis und Kompagnie in Hamburg niedergelegten Summe von zehntauſend Reichsthalern ſchwediſch Banko, wovon die eine für meinen Bruder, den Poſtinſpektor Wilhelm v. Spalden in§—, die andre für meine Schweſter, die verwittwete Aſſeſſor Stolzenbeck in F— beſtimmt iſt, will ich hiemit verordnet haben, daß mein ganzes übriges Vermögen, das an beweglicher und unbeweglicher Habe ſechszigtauſend Mark Hamburger Banko ausmacht, dem Herrn Konſtantin Sterner zufallen ſoll, der in Betracht ſeiner mir erwieſenen ausgezeichneten Dienſte, dieſes geringe Pfand meiner Dankbarkeit wohl verdient. Auch will ich hiemit meinen letzten und innigſten Wunſch in dieſem Leben erklärt haben, nämlich daß ge⸗ nannter Sterner ſich durch das Band der Ehe mit mei⸗ ner geliebten Nichte Auguſte von Spalden verbinde. Soll⸗ ten ſich Hinderniſſe gegen dieſe Heirath von ihrer Seite aus finden(ich bin überzeugt, daß dieß bei ihm nicht der Fall iſt), ſey es nun wegen Abneigung oder einer ſchon 39 22 vorher eingegangenen Verbindung, ſo bleibt deſſen unge⸗ achtet Konſtantin Sterner, mit obgenannten Ausnahmen, mein Univerſalerbe. Unter dieſen Umſtänden wäre dann mein Wunſch, deſſen Erfüllung jedoch ganz von ihm ab⸗ hängen ſoll, daß er eine geringe Summe von dem Erbe zu Gunſten von Auguſten v. Spalden abtrete.“ Einige weitere Verordnungen und die Unterſchriften des Teſtators und der Zeugen ſchloſſen den Aktus. „O Gott!“ ſeufzte Auguſte,„ich bin alſo wieder beſtimmt, das Opfer der Wahl eines Andern zu werden.“ „Sey nicht närriſch, Kind,“ rief Herr v. Spalden und ſtarrte auf das Teſtament, wie wenn er fürchtete, Alles ſey nur ein Gaukelſpiel ſeiner Einbildungskraft. „Opfer! was denkſt Du? Ich ſage Dir, das iſt ein großes, ein unerhörtes Glück; die Sache ſpricht für ſich ſelbſt, Auguſte. In Gottes Namen, bringt meinen Frack her; ich muß gleich zum Bürgermeiſter.“ „Was ſeh' ich, mein Kind, Thränen?“ ſprach die überglückliche Mutter, während ſie den ſchwarzen Frack ihres Mannes aus einem Wandſchrank hervorholte.„Doch laß uns hören,“ ſetzte ſie hinzu und hing den Frack an die Seſſellehne,„was der Brief an Dich enthält.“ Auguſte erbrach den auf Papier d'amour zierlich geſchriebenen Brief, und las: „Mein gnädiges Fräulein! Beiliegende Abſchrift von dem Teſtamente Ihres ver⸗ ſtorbenen Oheims dürfte den kühnen Schritt rechtfertigen, womit ich als ein Ihnen völlig Unbekannter es wage, dieſen Brief an Sie zu richten; aber da wir beide ſeinen zwei Monate vor ſeinem Tode geäußerten Wunſch in Betreff einer ehelichen Verbindung zwiſchen uns kennen, ſo habe ich es für meine Pflicht gehalten, Sie nicht in Ungewißheit über meine Denkungsart zu laſſen. Mein Herz war bis jetzt frei und durchaus unabhängig von der Allmacht, die man der Liebe zuſchreibt; das mögen Sie ſelbſt daraus ſchließen, daß ich nicht allein ohne und der aus. war ſtant. wird nge⸗ nen, dann ab⸗ FErbe iften eder en.** lden tete, raft. 3 iſt für inen die Frack Doch k an rlich allen Widerwillen, ſondern ſogar mit wahrer Sehnſucht dem Augenblicke entgegenſehe, wo ich diejenige ſehen und perſönlich kennen lernen darf, die mir mein hinge⸗ ſchiedener Freund ſo innig zur Lebensgefährtin wünſchte. Dieſer Zeitpunkt wird, wie ich hoffe, in höchſtens vier Monaten eintreffen.“. „Da inzwiſchen mein Vetter und ſehr werther Freund, der Rittmeiſter Alexander Konſtantin Sterner, dieſer Tage nach Schweden reist, ſo wollte ich dieſe Gelegenheit be⸗ nützen, um Ihnen durch ihn mein Portrait zu ſenden, und erbitte mir als eine Gunſt von Ihnen, daß Sie die Güte haben mögen, mir dafür das Ihrige durch ihn zu überſchicken. Sollte bereits ein Hinderniß gegen dieſe Verbindung vorhanden ſeyn, ſo wünſche ich, daß Sie ſich mit der Nachricht hievon an meinen Vetter wenden, ſo wie auch in jeder andern mich berührenden Angelegen⸗ heit, von was für einer Beſchaffenheit ſie auch ſeyn mag. Er beſitzt mein unbeſchränktes Vertrauen, und Alles, was von ihm gethan und beſchloſſen wird, iſt ebenſo gültig, als wenn ich perſönlich an Ort und Stelle ge⸗ weſen wäre; denn er vertritt mich nicht allein in den Angelegenheiten, die ihn jetzt um meinetwillen in das Vaterland führen, ſondern auch in Allem, was mit dem beſondern Verhältniß in Berührung ſteht, worin das Teſtament Ihres Oheims uns verſetzt hat.“ „In Erwartung des erſehnten Zeitpunktes, der mich zu Ihren Füßen führen wird, zeichne ich mit Hochachtung Ihr gehorſamer Anbeter Konſtantin Sterner.“ *„Er iſt's, er iſt's beſtimmt, ja, das iſt ſo klar wie der Tag,“ rief Frau v. Spalden einmal über das andere aus.„Das trifft auf's Haar zu! Laß mich ſehen, wie war es doch? A. C. Sterner, das bedeutet Alexander Kon⸗ ſtantin, darüber iſt kein Zweifel; aber, mein Gott, was wird er von uns denken!“ jammerte ſie in kläglichem Tone, und ſchlug vor Beſtürzung die Hände zuſammen. „Wer denn? Was iſt denn klar? Wer wird etwas denken?“ fragte der Poſtinſpektor verwundert. „Ei, wie Du noch fragen kannſt! Den Rittmeiſter Sterner meine ich, der mir das Geld zur Löſung des Briefes vorſtreckte. Aber es iſt wahr, ich habe noch nicht davon reden können.“ „Sterner!“ riefen Vater und Tochter zugleich;„wie hängt das zuſammen? Wahrhaftig, Alte,“ ſagte der Poſtinſpektor lachend,„ich fürchte, das Alles hat Dich irre im Kopfe gemacht.“ „Nun, das wäre kein Wunder,“ verſetzte ſeine Frau; „übrigens hat die Sache doch ihre volle Richtigkeit.“ Sie erzählte nun ihr Abenteuer vom Morgen und Sterners edle Handlungsweiſe, und war gerade im Be⸗ griff, ſeine letzten Worte zu wiederholen!„wir werden uns wohl wieder treffen,“ als ein Pochen an die Thüre verkündete, daß Jemand Einlaß begehrte. Ein leiſes: „daß Gott erbarm', da iſt er ſchon!“ tönte pianissimo, jedoch im Chorus, von den Lippen der ganzen Familie. Auguſte war in zwei Sprüngen in ihrer Kammer; die Frau griff ſchneller als, ein Gedanke nach ihren falſchen Locken und ihrem Ueberrocke, der am Fenſterhaken hing. Der Poſtinſpektor ſtrebte unter eitlen Rückenverdrehungen und den ſchrecklichſten Armſchwingungen, den Schlafrock gegen einen Frack umzutauſchen; aber da Jedermann weiß, daß einerſeits alle übereilten Bemühungen gewöhn⸗ lich mißlingen, und andererſeits ein ſehr geringer Zeit⸗ raum zwiſchen dem Klopfen an die Thüre und dem Dre⸗ hen am Schloſſe liegt, und daß das Oeffnen gewöhnlich unmittelbar darauf erfolgt, ſo darf es keine Verwunde⸗ rung erregen, wenn ungeachtet aller Anſtrengungen der guten Eheleute, der Poſtinſpektor doch kaum erſt den rech⸗ ten Arm glücklich in das Futter ſeines hinfälligen Sonn⸗ tagsfrackes geſteckt hatte, während der andere noch im Schlafrocke ſaß, welcher mit dem gewöhnlichen Eigenſinne des Alters allem Rütteln und Schütteln Trotz bot; die Fran dagegen hatte die Haube auf einem Ohre, und die Locke roſtig nicht ſein Eleg ſtellt dem peitſ und verb „Me Hanm geha kann die L ſeine nach getre Wür lege! bitte nen wen den, blick nicht tor, den Ma as ſter des och wie der dich au; 4 und Be⸗ den züre ſes: moO, ilie. die chen ing. ugen frock rann öhn⸗ Zeit⸗ Dre⸗ nlich nde⸗ t der rech⸗ vonn⸗ h im ſinne ; die ad die Locken mitten in der Stirne, als die Thüre, in ihren roſtigen Angeln knarrend, mühſam aufging, und zwar nicht Sterner, aber doch, was keineswegs beſſer war, ſein Bedienter hereintrat. Dieſer, einer der vornehmſten Elegants der Bedientenſchaft, ſchaute verächtlich umher, ſtellte ſich auf, indem er die Schwere des Körpers auf dem rechten Fuße ruhen ließ, während er mit einer Reit⸗ peitſche behaglich auf den blanken Stiefel am linken ſchlug, und ſprach nachläſſig und mit einer jener halben Seiten⸗ verbeugungen, die ihm für dieſe Gelegenheit paſſend dünkte: „Mein Herr, der Rittmeiſter Sterner, der ſo eben von Hamburg angelangt iſt, wo wir uns einige Zeit lang auf⸗ gehalten haben, läßt fragen, wann er die Ehre haben kann, der Herrſchaft ſeine Aufwartung zu machen.“ Der Poſtinſpektor, der eben ſo ſehr aus Aerger über die Lage, in der er ſich befand, als aus Anſtrengung mit ſeinem Rocke, roth geworden war) wandte ſich jetzt um, nachdem er ſich mit einem ſtillen Fluche ſeiner beiden alten getreuen Diener entledigt hatte, und ſagte mit ſo viel Würde, als er unter dieſen Umſtänden in ſeine Worte legen konnte:„Ich danke dem Herrn Rittmeiſter Sterner, bitte mir jedoch aus, ihm zuerſt heute Nachmittag mei⸗ nen Beſuch abſtatten zu dürfen.“ Der Bediente entfernte ſich; wie es ſchien, nicht wenig über dieſe Antwort verwundert. „Aber, mein lieber Schatz,“ begann Frau v. Spal⸗ den, als man ſich von dem erlebten angſtvollen Augen⸗ blicke wieder etwas erholt hatte,„wir können uns doch nicht weigern, ihn zu empfangen.“ „Aber, mein lieber Schatz,“ ſpottete der Poſtinſpek⸗ tor,„iſt das ein Zimmer, wo die Familie v. Spalden den Bevollmächtigten eines Freiers von ſechszigtauſend Mark Hamburger Banko empfangen kann?“ „Aber, Alter, Du vergißt ja, daß der Rittmeiſter Sterner unſere Umſtände ganz wohl kennt. Die Begeben⸗ heit im Poſtkomptoir bewies ihm, daß unſere ökonomiſche Der Stellvertreter. 3 26 Lage die Vermeldung aller koſtſpieligen Anordnungen bei ſeinem Empfang mit ſich bringt.“ „Verwünſcht!“ murmelte der Poſtinſpektor. „Dem iſt jetzt nicht mehr abzuhelfen,“ erwiederte die Frau, und es wurde nun ein geheimer Kriegsrath abge⸗ halten, wie man den fremden Geſandten auf die ſchick⸗ lichſte Art empfangen ſollte. Aber der Poſtinſpektor, der nie ein großes Vertrauen zu dem Urtheil der Frauen⸗ zimmer, weder in dieſer noch in einer andern Hinſicht, hatte, verließ ſie bald, ſchob die herrlichen Aktenſtücke in die Taſche, und begab ſich auf den Weg zu dem Lenker der Stadt. Vor einigen Stunden hätte ihn nichts dazu vermocht; aber wie viel hatte ſich nicht ſeitdem geändert! Der raſche, bedeutungsvolle Gang des Poſtinſpektors über die Straße zeigte einen Mann an, der auf eigenen Füßen ſtand. Das leuchtete auch einem Jeden ein, der ſeine Figur und ſeine Haltung vom Fenſter aus beobachtete. Er ging aufrecht wie ein Grenadier, und hielt den Kopf eben ſo ſteif und ſtolz, wie in den früheren Tagen.„Ich will — 4 5. Der Stellvertreter. Man weiß, daß auch viel mindre Kräfte— In unſrer Seele wohnen, der Vernunft gehorchend Am mächtigſten von ihnen herrſcht die Phantaſie. . Drenſtjerna. Im großen Gaſthofe der Stadt L—, Zimmer Num⸗ mer zwei, rechts von der Treppe, ſaß der Rittmeiſten Ale Bri mal leg⸗ zule ſein meh nen aber Gef mei Ger gend lauſ Fen bliel ſtehe war! ein der dem Sop nigſt mal mit Weſt Bedi die einen Blick in der wo es n bei derte abge⸗ ſchick⸗ „ der auen⸗ iſicht, cke in zenker dazu idert! über Füßen Figur ging ben ſo will ange⸗ winn⸗ iſteen. keiten durch⸗ Bärme Bruder unftig, muß rchend taſie. 1d. Num⸗ meiſten 27 Alexander Konſtantin Sterner vor einem Tiſch, der mit Briefen und Papieren bedeckt war. Du wir ſchon ein⸗ mal früher bei Madame T—) in Stockholm die Ge⸗ legenheit hatten, ihn unſern Leſern zu präſentiren, und zuletzt im Poſtkomptoir dies thaten, ſo brauchen wir, was ſein Aeußeres betrifft, bloß hinzuzufügen, daß er nun⸗ mehr die ſeltſame Reiſetracht gegen einen modernen, fei⸗ nen, olivengrünen Rock vertauſcht hatte, der ſeine hohe, aber dennoch geſchmeidige und außerordentlich anmuthige Geſtalt wo moͤglich noch vortheilhafter zeigte. Der Ritt⸗ meiſter ſchien offenbar ſeine Aufmerkſamkeit mehr auf das Geräuſch von der Straße her, als auf die vor ihm lie⸗ genden Papiere gerichtet zu haben. Von Zeit zu Zeit lauſchte er aufmerkſam, ſtand endlich auf, trat an das Fenſter, öffnete es, unerachtet der ſtrengen Kälte, und blieb einige Minuten in der Stellung eines Menſchen ſtehen, der mit der geſpannteſten Ungeduld auf Jemand wartet. Haſtig ſchlug er das Fenſter wieder zu, ergriff ein Buch, das auf dem Geſimſe lag, und ſetzte ſich mit der ruhigen Haltung einer Perſon, deren Geiſt nie aus dem gewöhnlichen Gleichgewicht gebracht wird, auf den Sopha, und las mit einem ſolchen Eifer, oder that we⸗ nigſtes ſo, daß ſein Bedienter zweimal gehuſtet und drei⸗ mal mit dem Fuße geſcharrt hatte; ehe er aufſah, und mit dem gleichgültigſten Ton von der Welt ſagte:„Nun, Weſterlind, wann kann man mich annehmen?“ „Das kann ich wirklich nicht ſagen,“ antwortete der Bediente mit einem zweideutigen Mundverziehen;„weder die Herrſchaft noch ihre Wohnung ſah aus, als ob ſie einen Beſuch erwarteten.“ „Schlingel,“ ſagte der Rittmeiſter, und ein zorniger Blick traf den Bedienten;„ich liebe keine ungeziemenden *) Siehe Waldemar Klein, von derſelben Verfaſſerin und in der nämlichen Sammlung von Spindlers belletriſt. Auslande, wo es den 29—34ſten Band bildet. 3 2 — 8 28 Anmerkungen. Merke Dir das für künftig, und berichte kurz, aber deutlich, welche Antwort Du erhielteſt.“ Weſterlind nahm eine gerichtete Stellung an, und wiederholte die eigenen Worte des Poſtinſpektors.„Ich laſſe dem Herrn Rittmeiſter Sterner danken, bitte mir jedoch ſelbſt die Ehre aus, ihm zuerſt heute Nachmittag meinen Beſuch machen zu dürfen.“ „Das iſt gut, das iſt ſehr artig von Herrn von Spalden,“ ſagte der Rittmeiſter nachläſſig, während er unterdeſſen unbewußt das Titelblatt eines neuen Buches, das der Wirth, Traiteur Teifer, mit gewöhnlicher Auf⸗ merkſamkeit zum Vergnügen und zur Erbauung ſeiner Gäſte in das Zimmer gelegt hatte, und das eine ganz neue Abhandlung über die Viehzucht enthielt, in kleine Stückchen zerzupfte.„Höre, Weſterlind, ſahſt Du ſonſt noch Jemand von der Familie?“ fragte er weiter. „Niemand, außer einem älteren Frauenzimmer mit ganz kurioſen Locken auf der Stirne; ja ſo, verzeihen Sie, das war vermuthlich die Frau vom Hauſe.“ „Du kannſt jetzt gehen. Beſtelle, daß ich präcis um drei Uhr mein Mittageſſen erhalte.“ Der Bediente war ſchon unter der Thüre, als ſein Herr ihn noch einmal zurückrief.—„Du mußt in die Stadt gehen, und Dich nach einem Zimmer für mich auf längere Zeit umſehen, das mir bei meinen Reiſen von und nach L— zu Gebote ſteht. Ich mag nicht im Gaſt⸗ hofe wohnen, und da ich manche Angelegenheiten mit dem Poſtinſpektor v. Spalden abzumachen habe, ſo wünſchte ich, verſtehſt Du, Weſterlind, der Bequemlichkeit halber, daß Du mir ein ſolches geradeüber von ſeiner Wohnung ver⸗ ſchaffen könnteſt. Auf den Preis ſehe ich nicht, verſtehſt Du?“ „Vollkommen,“ erwiederte Weſterlind;„allein ich fürchte, daß ich den Befehl des Herrn Rittmeiſters nicht zur Zufriedenheit werde ausführen können, da die Woh⸗ nung des Herrn v. Spalden in einer Nebengaſſe liegt, deren Bewohner wahrſcheinlich kein Zimmer zu ver⸗ miethen haben.“ —= - 29. Nach einem kurzen Nachſinnen ſprach Sterner: „Weſterlind, Du mußt Dir Mühe geben, meinen Wunſch zu erfüllen. In der Straße, deren Hintergebäude gegen die genannte Gaſſe zu liegen, wirſt Du vielleicht ſo gluͤck⸗ lich ſeyn, ein paſſendes Lokal ausfindig zu machen. Sieh', da haſt Du einen Reichsthaler, Du magſt Dir damit gütlich thun, wenn Du zurückkommſt.“— Der Rittmeiſter gab ihm mit der Hand ein Zeichen, abzugehen, und Weſter⸗ lind murmelte bei ſich, als er die Treppen herabging: „Das iſt leicht zu begreifen; das verſteht ſich von ſelbſt, ein ſolcher Herr will Niemand merken laſſen, daß er mit ſolchem Lumpenvolk umgeht.“ Kaum war die Thüre geſchloſſen, als Sterner das Buch weit hinwegwarf, das Zimmer mit großen Schritten durchmaß, eine Melodie aus Fra Diavolo pfiff⸗ die bis⸗ weilen durch ein:„Verwünſcht! purer Hochmuth! ſchlim⸗ mes Zeichen!“ unterbrochen wurde und ſo weiter. Um fünf Uhr wurde der Poſtinſpektor v. Spalden angemeldet.„Er iſt willkommen,“ ſagte der Rittmeiſter zu dem Kellner, und ging unſrem guten Poſtinſpektor entgegen, der wohl rafirt und geputzt, und den ſchwarzen Frack mit beſonderem Fleiß ausgebürſtet, in das Zimmer trat. Unter mehrfachen Verbeugungen und Artigkeiten beklagte der Poſtinſpektor, daß er für gegenwärtig bei dem beſten Willen ſich nicht im Stande ſehe, ſeinen geehrten Gaſt zu empfangen, daß er aber hoffe, in Kur⸗ zem dies thun zu können. „Ei, behüte der Himmel,“ erwiederte Sterner mit einem freundlichen Lächeln,„bedenken Sie, mein beſter Herr v. Spalden, daß ich den Freier Ihrer Tochter vor⸗ ſtelle; bei mir braucht es alſo durchaus keine Kompli⸗ mente. Ich für meinen Theil lege nicht den geringſten Werth darauf, und mein Vetter Konſtantin thut es wahr⸗ ſcheinlich eben ſo wenig.“ „Sie ſind allzugütig, Herr Rittmeiſter, aber erlauben Sie mir, Sie zu verſichern, daß es mir in meiner gegen⸗ wärtigen Wohnung unmöglich iſt, Sie zu empfangen, in welcher Eigenſchaft Sie auch kommen mögen. Der Vorfall von heute früh,“ ſtammelte der Poſtinſpektor verlegen, „hat Sie darüber aufgeklärt, wie unſre Aktien ſtehen; und wie mir meine Frau berichtet hat, ſo“— er huſtete, ſein Stolz litt offenbar—„kurzum, Herr Rittmeiſter, wir haben ſchon große Verbindlichkeiten gegen Sie.“ „In dieſem Fall,“ verſetzte der Rittmeiſter, der that, als ob er den Schluß von der Rede des Poſtinſpektors nicht gehört habe,„werde ich unverrichteter Dinge wieder von hier abreiſen müſſen; denn ich habe meinem Vetter gelobt, das Portrait ſelbſt abzuliefern, und das Fräulein zu ſehen und zu ſprechen.“ Das hatte Herr v. Spalden keineswegs beabſichtigt. Er hatte nur auskundſchaften wollen, ob der Empfang des Stellvertreters nicht aufgeſchoben werden könnte, bis er ſich eine andere, mit ſeinen nunmehrigen Verhältniſſen mehr übereinſtimmende Wohnung verſchafft hätte; aber da er den Vorſatz des Rittmeiſters hörte, und nicht wohl verlangen konnte, das Portrait ſelbſt übergeben zu dürfen, ſo beſchloß er, es bei dem Plane zu laſſen, den er mit ſeinem Weibe ausgemacht hatte, nämlich den Rittmeiſter auf den folgenden Mittag einzuladen. Dieſem Beſchluß gemäß begann er:„Wenn Sie denn, Herr Rittmeiſter, wirklich ſo vorurtheilsfrei ſind, daß Sie nicht darauf ſehen wollen, wie ſchlecht wir gegenwärtig wohnen, und wie dürftig Sie werden bedient werden, ſo würde ich und meine Familie es für eine große Ehre anſehen, wenn Sie uns auf morgen Mittag die Ehre ſchenken wollten.“ „Nun, das freut mich,“ entgegnete Sterner,„daß der Herr Poſtinſpektor dieſe in meinen Augen wirklich falſche Scham fahren läßt; aber, wenn ich bitten darf, keine Umſtände meinetwegen, nicht die geringſten, wenn der Herr Poſtinſpektor irgend einen Werth darauf legt, mich wieder zu ſehen.“ Der Poſtinſpektor hätte gar zu gerne verſchiedene Fra⸗ gen geſtellt, wie zum Beiſpiel, was denn das für Dienſte ſeyen, wegen deren jener obengenannte Sterner im Teſta⸗ 31 mente ſo hoch geprieſen werde, welche Veranlaſſung das für Rudolphs Erben ſo nachtheilige Zuſammentreffen zwi⸗ ſchen dieſem und jenem herbeigeführt habe n. ſ. f.; aber der Poſtinſpektor fühlte, daß ſie leider aufgeſchoben werden mußten; denn bei all' ſeiner Herzlichkeit und ſeinem an⸗ genehmen Weſen beſaß doch der Rittmeiſter ein gewiſſes Etwas, das in einem ſolchen Grad Achtung gebot, daß der Poſtinſpektor es nicht wagte, Fragen zu ſtellen, die eine längere und vertraulichere Bekanntſchaft vorausſetzten. Er nahm Abſchied und ging. Als der Poſtinſpektor ſich entfernt hatte, fing der Rittmeiſter wieder ſeine Wande⸗ rung durch das Zimmer an, die nicht eher aufhörte, als bis Weſterlind eintrat und den Rittmeiſter berichtete, es ſey ihm gelungen, die gewünſchte Wohnung zu bekommen. Sie ſtehe bereit, ſo daß er noch dieſen Abend einziehen könne, wenn er es wünſche. . 6. Muſtkaliſche Soirée.— Ein kaltes Bad. Naß wie eine Dohle. Ein altes Sprüchwort. Wäahrend der Poſtinſpektor ſeinen Beſuch bei dem Rittmeiſter machte, waren ſeine Frauenzimmer mit nicht minder wichtigen Dingen beſchäftigt. Frau v. Spalden zog ihre Tochter über die höchſt wichtige Frage zu Rath, wie man es anzuſtellen habe, um auf kommenden Abend eine für die Gelegenheit paſſende Mahlzeit herzubekom⸗ men;„denn, ſiehſt Du, liebes Kind, das würde ſich ſonſt gar zu ſchlecht ausnehmen,“ meinte die Mutter. „Gott ſey Dank,“ ſagte Auguſte,„daß der Bürger⸗ meiſter dem Vater mit Geld aushalf, da wird es leicht ſeyn, die Sache ins Reine zu bringen.“ 3 „Aber, lieber Gott,“ ſeufzte die Mutter, indem ſie ſich im Zimmer umſah, und den Kopf ſchüttelte,„hier ſieht es doch gar zu traurig aus; aber dem iſt nicht abzuhelfen, denn ich bin ſicher, daß er kommt. Du mußt — übrigens reine Gardinen aufmachen, mein Kind, und aufraͤumen, ſo gut es ſich thun läßt.“ „O ich bin überzeugt, Mammachen,“ erwiederte Au⸗ guſte,„daß der, welcher ſich ſchon ſo ſehr als Freund gezeigt hat, gewiß nicht darauf ſieht, wie wir wohnen, wenn wir ihn nur wohlwollend aufnehmen, und ihm etwas hinſtellen, das unfre Kochkunſt nicht zu Schanden macht.“ „Ja, ſiehſt Du, Kind, das iſt es gerade, auf was ich am meiſten Gewicht lege, und das kann ſich, wie ge⸗ ſagt, wohl thun laſſen, da wir Geld haben; aber einen Artikel, der unumgänglich nothwendig iſt, weiß ich beinahe nicht aufzutreiben, nämlich Wildpret.“— „Ja, das iſt freilich eine ſehr bedenkliche Sache,“ meinte Auguſte;„es gibt hier ſoviel Leute, die derartige Dinge kaufen, daß wir kaum darauf rechnen dürfen, in ſolcher Geſchwindigkeit welches zu bekommen.“ „Wildpret müſſen wir. haben; das iſt einmal be⸗ ſtimmt, und ich glaube auch einen Weg ausgedacht zu haben, auf dem wir es erhalten können. Du gehſt näm⸗ lich morgen früh bei Zeit vor die Stadt hinaus zu Pehr Nilsſon, der in unſern beſſeren Tagen bei uns gedient hat, und immer ein vortrefflicher Schütze war. Um deinet⸗ willen thut er Alles, und kommſt Du ſelbſt, ſo ſtehe ich dafür, im Falle er etwas zu Hauſe hat, bekommſt Du es, und hat er nichts, ſo ſchafft er vor Abend welches, wenn nur im Umkreis von zwei Meilen irgend etwas zu finden iſt. Willſt Du ſo, liebe Auguſte? Wenn Du nach eilf Uhr gehſt, wird es gerade recht, und ein Spaziergang auf dem Eiſe iſt für Dich ebenſo geſund als angenehm.“ „Ich werde gewiß gehen, Mammachen, und mein Moͤglichſtes thun,“ antwortete die immer dienſtfertige und freundliche Auguſte. Jetzt trat der Poſtinſpektor ein, ſprach von ſeinem Beſuche und dem vortheilhaften Eindrucke, den Sterner auf ihn gemacht habe.„Das iſt ein Kernburſche, der Sterner; was muß nicht erſt der Erbe ſelbſt für ein Mann ſeyn, wenn er ſich eines ſolchen Abgeſandten bedient.“ —,———, ——:—— —— &=AͤSSEͤSESS=e— Nun wurde zwiſchen dem Poſtinſpektor und ſeiner Frau Vieles beſprochen, Vieles ausgemacht, gerathen und verwundert, und erſt am Abend dieſes ereignißvollen Tages ging das glückliche Ehepaar mit dankbarem Herzen und frohen Hoffnungen zur Ruhe. Mit einem gemiſchten Gefühle von Freude und Weh⸗ muth trat Auguſte in ihr Kämmerlein. Der erſte Gegen⸗ ſtand, der ihr in's Auge fiel, war ihr Piano, welches dem einzigen Fenſter gegenüber ſtand, das dieſe klöſter⸗ liche Zelle erleuchtete. In ihren Augen war es nicht die geringſte von den glücklichen Begebenheiten des Tages, daß ſie ihr theures Inſtrument behalten durfte. Wie manchen langen und ſchmerzlichen Abend, wenn ihre Er⸗ innerung in die Vergangenheit hinüber ſchwebte, und die hellen Bilder der Kindheit oder einer reiferen Jugend emporrief, oder wenn ihre Gedanken auf der Gegenwart verweilten, wenn ſie ſich verlaſſen ſah von den Freun⸗ dinnen, die in gleichem Alter mit ihr ſtanden, und wenn ſte ſogar ein wenig den Verluſt der Schmetterlinge em⸗ pfand, die ſie einſt umflattert, aber jetzt die verborgene Bluͤme verlaſſen hatten, wie oft war da nicht das In⸗ ſtrument ihre einzige Freude, ihr einziger Troſt geweſen; denn die vortreffliche Bibliothek ihres Vaters war den⸗ ſelben Weg gegangen, wie ſein übriges Eigenthum. Jetzt in dem ruhigen frohen Gefühle, daß die Umſtände nicht mehr dieſes Opfer von ihrer kindlichen Liebe erheiſchten, ſetzte ſie den einen der beiden Seſſel, die ſich im Zimmer befanden, vor ihr Piano, öffnete es, und ſchlug einige Akkorde an. Auguſtens ungewöhnliche muſikaliſche Ta⸗ lente waren ſorgfältig ausgebildet worden, und ihre ſanfte, klangvolle und biegſame Stimme hatte etwas unbeſchreib⸗ lich Hinreißendes. Nach einer Weile begann ſie ihre Lieb⸗ lingslieder. Die ſanften, herrlichen Töne in der ſtillen Abend⸗ ſtunde erhoben ihre Seele; ſie ſpielte und ſang mit der gan⸗ zen Begeiſterung eines tiefen Gefühls. Da kam es ihr vor, als ob fremde Töne ſich ſeltſam mit den ihrigen ver⸗ miſchten. Sie ließ die kleinen, feinen Finger auf den 4 8öooöoöoöoͤſͤſͤſſ“ 34 Taſten ruhen, und horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Alles war ſtille; ſie glaubte, es ſey nur eine Geburt ihrer aufgeregten Phantaſie geweſen, und fing ein neues Lied an, und deutlich hörte ſie jetzt, wie die tiefen, vollen Töne einer männlichen Stimme ihre eigenen begleiteten. Das konnte keine Einbildung ſeyn; aber woher kam jene Stimme? Bei ihrem Nachbar, dem Goldſchmied, war Niemand, den ſie im Verdacht einer ſolchen Galanterie haben konnte. Neugierig ging Auguſte an's Fenſter, aber beſtürzt trat ſie einen Schritt zurück, als ſie am Fenſter gegenüber eine hohe, männliche Geſtalt ſah, die vom klaren Mondſchein beleuchtet war. Der Fremde machte eine leichte Verbeugung und verſchwand. Sie beeilte ſich, die Gardine herabzulaſſen, was ſie oft vergaß, weil das Zimmer gegen den Hof ihres Nach⸗ bars lag, und ſie wußte, daß keine neugierigen Blicke aus dem Feſttagszimmer des Goldſchmieds nach ihr ſpäh⸗ ten. Verwundert über das, was ſie geſehen und gehört hatte, machte ſie ihr Piano wieder zu, ſchob ihren Seſſel an den Ofen, und begann ihre umirrenden Gedanken z1 ordnen. Der unbekannte Sänger, der Rittmeiſter Ster⸗ ner, ſo wie ſie ſich ihn vorſtellte, als er auf dem Poſt⸗ komptoir ihrer Mutter ſeine Hülfe anbot, und der Ham⸗ burger Freier ſchwebten vor ihrem Geiſte in jenem magi⸗ ſchen Schimmer, den die Phantaſie immer ihren Bildern leiht.—„Wenn es nur ſchon morgen wäre!“ ſeufzte ihre weibliche Neugierde.„Ich darf ja dann das Ori⸗ ginal des Einen und das Portrait des Andern ſehen; aber wer in aller Welt mag der Gaſt des Goldſchmieds ſeyn?“ Nach einem erfriſchenden Schlummer ſtand Auguſte am andern Morgen um neun Uhr bereit, ihre Wande⸗ rung über das Eis zu Pehr Nilsſon anzutreten. In einem hübſchen, wohl gefütterten Cirkaſſienmantel, ein hellrothes Seidenhütchen über die lichtbraunen, zierlich geordneten Haare und darüber einen großen ſchwarzen Schleier ge⸗ worfen, ſchlug ſie den Weg nach dem wohl gekehrten Strome ein, Sie war ſchon auf dem Heimwege, und 2— ₰ᷣ-» 6.¶ 8—G ⸗ en daß der Zweck ihres Ganges erreicht war, ging daraus hervor, daß Pehr Nilsſons zottiger Burſche mit einem Birkhahn und einem Haſen auf der Schulter ihr nach⸗ folgte. Leicht und fröhlich eilte Auguſte dahin, als ſie plötz lich einen heftigen Ruf hinter ſich hörte; und als ſie ſich raſch umwandte⸗ ſah ſie einen umgeworfenen Schlitten, von dem ſich das Pferd losgeriſſen hatte, und jetzt in vollem Lauf gegen ſie rannte. Der Fluß war ſchmal, und ihre L Lage in hohem Grade gefährlich. Sie. ſprang ſo ſchnell ſie konnte zur Rechten, ohne zu ſehen und zu hören.—„Links, links!“ rief eine Stimme am Strome herab, wo ſich einige junge Herrn mit Schlitt⸗ ſchuhlaufen vergnügten. Aber, von dem gewöhnlichen Schreck der Frauenzimmer bei ſolchen Gelegenheiten er⸗ griffen, hörte ſie die Warnung nicht, und ließ nicht ab zu laufen, bis ſie plötzlich mit dem halben Leib in eine. kleine Oeffnung im Eis ſiel, die am Ufer aufgehauen war. Unſre arme Auguſte war unläugbar in eine der un⸗ angenehmſten Lagen verſetzt, die einem jungen Frauen⸗ zimmer begegnen können. Unſre arme Heldin machte eitle Verſuche, um an der ſchlüpfrigen Eiskante heraufzukommen, und war nahe daran, ihre Anſtrengungen aufzugeben, ſo ſehr hatte der Schreck ihre zarten Glieder gelähmt und die Kälte ſie erſtarrt, als ſie ein kraftvoller Arm um den Leib faßte, ſie erhob, und die kurze Stecke bis zur Stadt trug. Sie ſah auf zu ihrem Retter, ſchloß jedoch gleich wieder die Augen, denn ſie meinte ihren Nachbar beim Goldſchmißd zu erkennen. „Fürchten Sie nichts,“ bat er, ſie ſanft emüRternd; „ſobald wir die erſte Wohnung erreichen, werde ich Ihnen eine paſſendere Hülfe verſchaffen.“ Er hielt Wort; ſobald ſie unter Dach heemmen waren, und er ſeine Bürde auf ein Bett gelegt hatte, das ihm die hülfreiche Bewohnerin des Hauſes anwies, eilte er fort, ohne eine einzige Frage zu thun. Ein Bote ging ſchnell zu Poſtinſpektors ab, um das 1 3 A 1 ſ 1 f V 6 Ereigniß zu melden, und in der ſchrecklichſten Unruhe langte ſchleunig die mütterliche Freundin mit trockenen Kleidern an. Außer dem ſchnell vorübergehenden Schrecken befand ſich Auguſte, Dank ſey es ihrer guten Natur, vollkommen wohl nach ihrem kalten Bade. Sie und ihre Mutter zeebrachen ſich den Kopf vergebens, wem ſie für eine ſo wirkſamé Hülfe aus einer nicht unbedeutenden Gefahr zu danken hätten. Sie konnten jedoch keine Spu⸗ ren davon entdecken, und eilten deßhalb nach Hauſe, Auguſte um einige Stunden zu ruhen, und Frau von Spalden um die Anordnungen auf den Abend zu beginnen, Es war beinahe volle Dämmerung, als der erwartete Gaſt anlangte.—„Der Herr Rittmeiſter kennen ſchon meine Frau,“ ſagte der Poſtinſpektor.„Das iſt meine Tochter! Auguſte, mein Kind, Du ſiehſt hier den Be⸗ vollmächtigten Deines edlen Bräutigams, den Rittmeiſter Sterner.“ Es war ein Glück für Auguſte, daß die Dunkelheit ihre Verwirrung und die tiefe Röthe verbarg, die ihre Wangen färbte, als es ihr bei den erſten Worten des Fremdlings klar ward, daß der Sänger, ihr Retter und Sterner eine und dieſelbe Perſon ſeyen. In der erſten Eigenſchaft wollte ſie ihn jedoch nicht kennen; aber mit züchtiger Beredtheit dankte ſie ihm für die kräftige Hülfe, die ſie bei dem unangenehmen Abenteuer am Morgen von ihm erhalten hatte.„Aber erlauben Sie mir die Frage, Herr Rittmeiſter, welches glückliche Ungefähr Sie ſo früh⸗ zeitig an denſelben Ort führte?“ ſchloß Auguſte. „Ich genoß mein Lieblingsvergnügen, das Schlitt⸗ ſchuhlaufen, als ich mit Entſetzen die Gefahr wahr nahm, worin Sie ſchwebten. Ich rief mehrere Male, um Sie auf die andere Seite zu bringen; allein unglücklicherweiſe konnten Sie mich nicht eher hören, als bis es zu ſpät war. Ich war dann ſo nahe, daß ich das Glück, Ihnen zu Dienſten zu ſeyn, allzu leicht erkaufte.“ „Es fieht wahrhaftig aus, als ob das Schickſal den Herrn Rittmeiſter jedesmal herbeiführe, wenn Noth und ————&̈ —————— ihe ien ken ur, hre für den pu⸗ iſe, von en, ete von ine Ze⸗ ter ſeit hre des ind ten nit fe, on ge, ih⸗ tt⸗ m, Sie iſe ät 1 ten den 4 nd 1 in tauſend Exemplaren findet. 37 Gefahr uns bedrohen,“ ſagte der Poſtinſpektor in ver⸗ bindlichem Tone, und ſchüttelte ihm die Hand.„Wir ſtehen ſchon in ſo großer Schuld bei Ihnen, daß ſie nie abbezahlt werden kann.“ „Kein Wort mehr davon, ich bitte,“ antwortete Sterner;„laſſen Sie uns lieber von den Angelegenheiten ſprechen, die mich hieher geführt. haben.“ Auguſte trat jetzt mit dem Licht herein, und der Rittmeiſter nahm etwas aus ſeiner Bruſttaſche, womit er auf ſie zuging. 3. Das Portrait. Abgehärtet und geübt in der ſtolzen Kunſt, ſeine Gemüthsbewegungen zu verbergen. Bulwer. „Erlauben Sie mir,“ ſagte Sterner, indem er ihr das Portrait überreichte,„erlauben Sie mir, Ihnen das Bild meines Vetters Konſtantin Sterner, Ihres unbe⸗ kannten Anbeters, zu übergeben.“ Verlegen und zitternd nahm ſie es und hielt es gegen das icht. Ihr Blick auf das Portrait trug jedoch nicht die Hälfte der geſpannten Gemüthsbewegungen in ſich, womit der Ueberbringer deſſelben ſie ſelbſt betrachtete. Eine Todesſtille herrſchte im Zimmer. Der Poſtinſpektor und ſeine Frau hatten ſich gegen das andere Ende der kleinen Stube zurückgezogen. Die Züge, welche Auguſten von dem Bilde aus ent⸗ gegenlächelten, waren ausgezeichnet ſanft. Sie hatten einen fröhlichen Ausdruck, enthielten jedoch nichts Hohes und Achtunggebietendes. Die klaren blauen Augen waren von einer ſeelenvollen Güte belebt, der Purpur der Wan⸗ gen ſprach von Geſundheit und Kraft, und um die friſchen Lippen ſpielte ein einnehmendes Lächeln. Kurz, es war ein gewöhnliches hübſches Jünglingsgeſicht, wie man ſie „Nun, was meinen Sie, gnädiges Fräulein?“ fragte Sterner, mit einem leichten Anſtrich von Ungeduld in Ton und Geberden. „Ja, ja, das Geſicht iſt recht hübſch; er muß noch ſehr jung ſeyn?“ „Einige und zwanzig Jahre ungefähr,“ erwiederte Sterner.„Ich denke, es hat Ihren Beifall?“ „Ich kann wahrhaftig nicht ſagen, daß es ſich ſo verhält. Aufrichtig geſprochen, Herr Rittmeiſter, aber nehmen Sie es nicht übel, es ſcheint mir, als ob dieſe feinen, jungfräulichen Züge nicht geeignet ſeyen, um das ernſte Gefüͤhl einer vollkommenen Achtung einzuflößen, ohne welche es mir unmöglich iſt, an das Vorhandenſeyn einer zärtlicheren Empfindung zu denken.“ „Der, welcher das Glück haben ſoll, Fräulein von Spalden zu gefallen, darf gewiß nicht in unſrer gewöhn⸗ lichen materiellen Form erſcheinen,“ erwiederte Sterner mit einem ſo zweideutigen Lächeln, daß es ſchwer zu entdecken war, ob es von Befriedigung oder Verdruß über Auguſtens Aeußerung herfloß. 8 „Sie mißverſtehen mich ſehr, Herr Rittmeiſter,“ fuhr Auguſte fort,„wenn Sie meinen, ich ſey eine jener ſen⸗ timentalen Romanheldinnen, welche ihre Ideale aus Luft bilden, und es für unmöglich halten, die Eigenſchaften, die ſie von ihren künftigen Gatten verlangen, anderswo zu finden, als bei ebenſo fantaſtiſchen Weſen, als ſie ſelbſt ſind. Zu dieſer Klaſſe gehöre ich nicht, und Gott behüte mich davor, einen ſolchen Narren zum Mann zu bekommen!“ Auguſte ſprach das mit einem Ausdruck, der keinen Zweifel darüber ließ, daß ſie von der Wahrheit deſſen uͤberzeugt war, was ſie geſagt hatte, und zugleich mit einer ſo unnachahmlichen Lebendigkeit, daß Sterner, über deſſen männliche Züge eine ſtarke Röthe ſlammte, mit einer artigen Verbeugung verſicherte, daß er davon über⸗ zeugt ſey.„Aber nichts deſtoweniger,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort,„müſſen die Anſprüche nicht ſo un⸗ ———,—————+,——,,—,. 2 „„—— ———,—— ———— agte d in noch derte h ſo aber dieſe das ßen, ſeyn von öhn⸗ rner r zu über fuhr ſen⸗ Luft ften, Swo 3 ſie GHott n zu inen eſſen mit über mit ber⸗ einer un⸗ bedeutend ſeyn, denen Dieſes da nicht genügen kann,“ er deutete dabei lächelnd auf das Portrait,„zumal da man damit die nicht unangenehme Vorſtellung verbinden kann, ſechszigtauſend Mark Hamburger Banko zu beſitzen.“ „In dieſem Fall,“ ſagte Auguſte ſcherzend,„muß ich geſtehen, um mich Ihrer eigenen Worte zu bedienen, daß ich von zu wenig materiellem Stoffe gebildet bin, um den Einfluß des Geldes bei der Beurtheilung deſſen zu kennen, der die andere Hälfte meines Weſens aus⸗ machen ſoll. Das ſollte ich vielleicht nicht ausſprechen; aber Ihr Herr Vetter hat mich ſelbſt zur Aufrichtigkeit aufgefordert. Ich wage es deßhalb, Ihnen unverſtellt zu erklären, daß, ſoweit ich ſelbſt in dieſer Sache etwas zu ſagen habe, es der Werth des Mannes und nicht die mit dem Teſtamente vereinigten Bedingungen ſind, die unſer Schickſal beſtimmen ſollen.“ Jetzt ſchien es dem Poſtinſpektor und ſeiner Frau hohe Zeit zu ſeyn, ſich in das Geſpräch zu miſchen.„Ich hoffe,“ ſagte Herr von Spalden. indem er ſeiner Tochter einen ſtrengen Blick zuwarf,„daß der Herr Rittmeiſter die Gewohnheit der Mädchen kennt, vorher zu prälndiren, ehe ſie zum Thema kommen.“ Die Frau Mama nahm das Portrait zur Hand, und konnte den jungen, einnehmenden Mann nicht genug rühmen. Die Unlerhaltung wurde allgemein, und Ster⸗ ner erzählte im Laufe des Abends, wie ſein Vetter in Folge von gewiſſen Familienverhältniſſen vor drei oder vier Jahren eine Reiſe nach Amerika gemacht habe, wo er auf einer Fahrt im Innern des Landes mit Rudolph v. Spalden bekannt wurde. Bald war zwiſchen ihnen, un⸗ geachtet des Unterſchieds der Jahre, eine innigere Freund⸗ ſchaßt entſtanden, die ſich auf gegenſeitige Achtung und Vertrauen gründete. Als Landsleute hatte es für ſie einen eigenen Reiz, daß ſie ſich ihre Schickſale, Gefühle und Anſichten in der Mutterſprache mittheilen konnten. Sie reisten mehrere Monate zuſammen, und das Freund⸗ ſchaftsband, das ſie ſchon umſchloß, ward wo möoͤglich noch feſter geknüpft, als Konſtantin bei einer Tigerjagd mit der augenſcheinlichſten Lebensgefahr Herrn v. Spalden rettete.„Dieſer überredete nun meinen Vetter, noch einige Jahre, oder ſo lange es ihm geſiele, in ſeiner Geſellſchaft zu verweilen. Sie verließen die vereinigten Staaten, und Herr v. Spalden ſchaffte ſein bedentendes Vermögen nach Hamburg, worer ſich niederließ, jedoch mit der beſtimm⸗ ten Abſicht, ſobald ſich ſeine Geſundheit, die durch den langen Aufenthalt unter der tropiſchen Sonne bedeutend gelitten hatte, verbeſſert haben würde, gemeinſchaftlich mit Konſtantin die Rückreiſe in das Vaterland anzutre⸗ ten. Dieſe Hoffnung ſchlug jedoch fehl; ſeine Geſundheit und ſeine Kräfte nahmen täglich ab, und da er ſich der ſchmalen Grenze zwiſchen Zeit und Ewigkeit ſo nahe ſah, ſetzte er einige Wochen vor ſeinem Tode das Teſtament auf, wie es ſich jetzt vorfindet. Ich ſelbſt, der damals eine Erholungsreiſe machte, hatte zufällig das Vergnü⸗ gen, meinen Better in Hamburg zu treffen, wo ich einige Monate zubrachte. Bei meiner Rückreiſe gab er mir den Auftrag, ſein Portrait der jungen Dame zu über⸗ bringen, die zu ſeiner Lebensgefährtin beſtimmt war, und mir zugleich, ſofern es mit ihrem freien Willen geſchehen konnte, ebenfalls ein Solches von ihren ſchönen Zügen aus⸗ zubitten, damit auch er ſich wenigſtens theilweiſe eine Vor⸗ ſtellung von ſeiner unbekannten Geliebten machen könnte.“ „Ich will indeſſen,“ ſchloß der Rittmeiſter,„nicht ſchon heute Abend eine Antwort begehren, da die Sache für meinen Vetter von zu großer Wichtigkeit iſt, als daß er ſie der Entſcheidung des Augenblicks überlaſſen möchte. In drei Wochen, wenn ich von Weſtgothland und Schonen zurückkehre, wohin ich jetzt theils in eigenen Angelegen⸗ heiten, und theils auch um einen Gutshandel für meinen Vetter abzumachen, reiſen muß, durfte ich vielleicht die Antwort einholen können.“— Als Sterner mit ſeiner Er⸗ zählung und den näheren Umſtänden ſeines Auftrags zu Ende war, nahm man das Abendeſſen ein, und trennte ſich, wie es ſchien, gegenſeitig mit einander zufrieden. bee das her⸗ auf ſchn iſt guf gen dan daß bar mal der Zol glei ruh ließ Sto ſein Züg trat eine ſetzt wel lodi ver neh G K und „ 41 Nachdem die Haushaltungsgeſchäfte für dieſen Abend beendigt waren, ging Auguſte in ihr Kämmerlein, wo das erſte, das ſie vornahm, war, daß ſie die Gardinen herabließ. Ganz natürlich mußten ſich dabei ihre Augen auf das Fenſter gegenüber im Gaſtzimmer des Gold⸗ ſchmieds richten. Dort war es vollkommen finſter.„Er iſt alſo ausgezogen,“ war der klare Schlußſatz, den Au⸗ guſte zuerſt aus dieſem Umſtande zog;„oder iſt er ſchläfrig geweſen und zu Bette gegangen,“ war ihr zweiter Ge⸗ dauke; und mit dieſer Vorſtellung vereinigte ſich, ohne daß ſie ſich Rechenſchaft davon geben konnte, ein ſonder⸗ bares Gefühl, nicht ungleich dem, das man erfährt, wenn man ſich über etwas ärgert. Sie ſtand eine Weile mit der Gardinenſchnur in der Hand da, und ließ ſie dann Zoll um Zoll ſachte zwiſchen den feinen Fingern durch⸗ gleiten. Endlich konnte dieſe nicht weiter herab. Die Rolle ruhte auf dem Fenſtergeſimſe, und mit einem Seufzer ließ ſie die Schnur los. „Es iſt doch ein ſehr angenehmer Mann, dieſer Sterner,“ ſagte ſte bei ſich ſelbſt und hielt das Portrait ſeines Vetters an's Licht;„ach, wenn dieß Bild ſeine Züge trüge!“ Aergerlich legte ſie das unſchuldige Por⸗ trait in den Nähtiſch, und warf einige Fadenknäuel, und einen Nadelbrief darüber, worauf ſie ſich an das Piano ſetzte, um daraus Troſt zu ſchöpfen. Kaum hatte ſie ein Lied begonnen, das mit ihrer wehmüthigen Gemüthsſtimmung harmonirte, als die me⸗ lodiſche Stimme ihres Nachbars wieder mit der ihrigen verſchmolz.—„Ach, er iſt alſo auf,“ liſpelte ſie ange⸗ nehm überraſcht.„Aber Gott ſey Dank, daß ich die Gardine ſo ſchnell herabließz; er hat mich nicht geſehen, und kann unmöglich hier hereinſehen.“ Ihr feines Ge⸗ fühl befahl ihr jedoch gleichwohl, mit dem Geſange auf⸗ zuhören, und ſte ging zögernd, um Ruhe zu ſuchen; aber zum erſten Male in ihrem Leben fand ſie dieſelbe nicht. Wieder dachte ſie:„Warum iſt es nicht Er?“ Unauf⸗ Der Stellvertreter. 4 c 42 hörlich ſchwebte ſein Bild vor ihrem Geiſte; ſie wollte es nicht ſehen; ſie nahm ſich vor, zu ſchlafen, und machte die Augen zu; es wurde nur um ſo deutlicher und kla⸗ rer, und verhöhnte alle ihre Anſtrengungen, je eifriger ſie waren. Endlich gegen Morgen ſchwebten die Bilder von Sterner, dem Erben, Onkel Rudolph und dem Teſta⸗ mente in jenem chaotiſchen Wirrwarr, der dem Zeitpunkte vorangeht, wo Körper und Geiſt in Ruhe verſinkt. Sie flüſterte kaum hörbar:„Ob ich ihn wohl liebe?“ worauf der Schlaf die friſchen, jungfräulichen Lippen ſchloß. Der zweite und dritte Tag verſchwand auf dieſelbe Art. An den Abenden machte Sterner ſeinen Beſuch bei dem Poſtinſpektor, und bezauberte ſogar die Alten mit ſeinen lebendigen und unterhaltenden Geſprächen. Wenn ſich die Geſellſchaft getrennt hatte, Auguſte in ihrem Stübchen angekommen war und die Gardinen raſch her⸗ abgelaſſen hatte, wünſchte ſie wohl ihren Gefühlen durch die Töne der Muſik Luft zu machen, aber eine innere Stimme hielt ſie jedes Mal davon ab, wenn ſie ſich dem Piano näherte. Am vierten Tage morgens ſtand der Rittmeiſter in Neiſekleidern vor der Familie. „Vergeſſen Sie mich nicht, Fräulein Auguſte,“ bat er beim Abſchied, mit dem ganzen ſeelenvollen Ausdruck ſeiner tiefen, klangvollen Stimme. Das Mädchen ſchwieg; aber ihr Blick antwortete: 1 „nie!“ mit einer Beſtimmtheit, wie wenn es für die Ewigkeit galte, und beredter, als es durch Worte ge⸗ ſchehen konnte. Sorglich ſenkte Frau v. Spalden ihre Augen auf die Doſe, und der Poſtinſpektor ſchlug ſeine Pfeife härter als gewöhnlich an den Ofen. Eine halbe Stunde ſpäter reiste der Rittmeiſter mit der Diligence ab. ——— 1 ollte achte kla⸗ riger ilder eſta⸗ inkte Sie rauf ſelbe bei mit Benn frem her⸗ urch nere dem r in bat ruck — 45 8. Die Braut. Kein reichrer Stoff für allerhand Maximen, Als— wie man ſich vermählen ſo ll. Frau Leungren, Das Zimmer, in das wir jetzt unſere Leſer verſetzen, iſt ein großes, mit den feinſ ſen Pariſer Tarenen aus⸗ geſchlagenes Gemach im Hauſe der verwittweten Frau Aſſeſſorin Stolzenbeck zu F—. Prächtige Gemälde, moderne Spiegel, koſtbare Kron⸗ leuchter und ſonſt die ausgeſuchteſten Möbel verkündeten beim erſten Blick die Neigung der Beſitzerin zur Pracht, welche Neigung ſich noch mit dem feinſten Geſchmacke verband.— Mitten im Zimmer, das mit kunſtreichen Deppichen belegt war, lag ein junges Mädchen in Trauer⸗ kleidern auf den Knieen vor einer großen Karte, die es vor ſich ausgebreitet hatte. Sie zog mit einer N kähnadel verſchiedene Linien, denen ihr Auge aufmerkſam folgte. Endlich machte ſie einen kleinen Punkt und ſagte traurig: „Da iſt er; ach wie weit, weit wege Eine Weile dar⸗ auf rollte ſie die Karte zuſammen, und breitete eine kleinere Reiſekarte von Schweden aus. Auch auf dieſer zog ſie Linien mit ihrer Nähnadel, und rechnete eine Meile, zwei Meilen, drei und eine halbe und ſo fort, wobei ſie ſinnend das blonde Köpfchen auf die feine, weiße Hand ſtützte, die von blitzenden Ringen ſtrahlte. „Was in aller Welt haſt Du vor Dir, mein liebes NY Lädchen? 2“ fragte eine ältere Dame in Haube und Mor⸗ genrock, die gerade in das Zimmer trat und ſich der auf den Knieen liegenden Schönen näherte.„Ja ſo,“ ſagte ſie⸗ und warf einen Blick anf d die Karte,„Du biſt an Deiner alten Beſchäftigung. Das hätte ich zum Voraus wiſſen können; aber warum geſchieht es denn heute auf dem Boden?“—„Die Sonne blendet meine Augen am Fenſter 2 klagte die Befragte.. 4 „Warum plagſt Du denn Deine Augen damit? Hun⸗ dertmal haſt Du geſehen, wo Hamburg liegt, und eben ſo oft habe ich Dir geſagt, daß Du Geduld haben mußt, bis die Zeit verfloſſen iſt. Laß deshalb dieſe langweilk⸗ gen Karten.“ „Ach, meine liebe Tante, wenn ich hündertmal ge⸗ ſehen habe, wo Hamburg liegt, ſo muß Sie das, daß ich es zum hundert⸗ und erſtenmale ſehen will, eben ſo wenig verwundern, als es mich wundert, daß Sie zum hunderk⸗ und erſtenmale dieſe Bemerkung darüber machen; doch dies⸗ mal ſah ich nur nach dem Wege zwiſchen hier und Helsing⸗ borg. Ich habe die Meilenzahl zwiſchen jedem Wirths⸗ hauſe ausgerechnet, und kann nicht begreifen, was der Rittmeiſter ſo lange unterwegs thut. Es iſt jetzt über vierzehn Tage, ſeitdem ich ihn in der Helsingborger Poſt⸗ zeitung unter den angekommenen Reiſenden ſah.“ „Aber, liebe Henriette,“ ermahnte die Tante,„bei dem geringſten Nachdenken wirſt Du berechnen können, daß Rittmeiſter Sterner nicht allein deswegen nach Hamburg gereist iſt, um das Portrait Deines Bräutigams zu holen, ſondern daß er nach ſeiner Rückkehr möglicherweiſe auch eigene Angelegenheiton haben kann, die ſeine Zeit in An⸗ ſpruch nehmen, ehe er hieher reiſen und Deine Ungeduld ſtillen darf.“ „Die Tante iſt gar zu langweilig mit ihrem ewigen Moraliſiren,“ erwiederte Henriette mit unverſtelltem Aerger in Ton und Blick.„Ich meine doch, der Rittmeiſter ſollte als künftiger Verwandter ein wenig mehr Aufmerkſamkeit in ſeinem Benehmen zeigen.“ „Um wie viel mehr ſollteſt Du Dich alſo nicht er⸗ innern, Henriettchen, daſſelbe gegen diejenige zu beobachten, die bereits durch die engſten Bande der Verwandtſchaft mit Dir vereinigt iſt!“ ſprach die Tante in einem leichten Tone des Vorwurfs. „Verzeih' mir, liebe Tante Eliſabeth,“ bat Henriette beweglich.„Aber,“ ſetzte ſie hinzu,„dieſer Sterner, den ich jetzt ſo ſehnlich erwarte, erinnert mich dunkel an eine ——— 45 Geſchichte, die Sie gewiß erzählt haben, und die die Ver⸗ anlaſſung zu ſeiner Reiſe in's Ausland betrifft. Wie war das? Wenn Sie ſich derſelben noch entſinnen, liebe Tante, ſo ſeyen Sie ſo gut, und erzählen Sie ſie. Sie können es ſo hübſch und unterhaltend, und die Zeit vergeht unbegreif⸗ lich ſchnell, wenn Sie ſie mir auf dieſe Art verkürzen.“ Nun konnte zwar Henriette dieſe Geſchichte an ihren fünf Fingern hererzählen, aber da ſie ſich gegen die gute Tante, deren ſchwache Seite ſie kannte, vergangen hatte, ſo wählte ſie dieſe Art, um ſie zu beſänftigen. Denn ſie wußte wohl, daß die Alte immer guter Laune wurde, wenn man ſie um einige Anekdoten aus der Vorraths⸗ kammer ihres Gedächtniſſes bat. „Nun, das will ich gerne thun, mein Kind,“ begann die Tante.„Es war im Winter 1830. Ein zuverläſſiger Freund, der ſich damals in Stockholm befand, hat mir Alles genau erzählt. Wie geſagt, jenen Winter über ver⸗ weilte eine Frau von T— in der Hauptſtadt. Bei ihrer Abreiſe gab ſie einen Abſchiedsball, und unter der Menge Gäſte, die eingeladen waren, um an dieſem Vergnügen Antheil zu nehmen, befand ſich auch Baron v. K— mit ſeiner Frau, ſowie der Rittmeiſter Sterner, der damals Lieutenant bei den ſ— ſchen Dragonern war. Nun wollte die Welt wiſſen, daß Sterner der Baronin v. K-— ſeine Huldigung mit mehr Erfolg widmete, als es die Welt für zuträglich hielt. Andere Gerüchte ſagten wieder, daß er nur ein Freund der armen jungen Frau war, die ſich nicht ſo ganz glücklich in ihrer Ehe fühlte. Was er nun auch ſeyn mochte, Freund oder Liebhaber, er tanzte mit ihr den erſten Walzer. Die Jugend, die nie vorſichtig iſt, am allerwenigſten beim Tanzen, erhielt hier ein war⸗ nendes Beiſpiel. Frau v. K— befand ſich unwohl, ehe ſie zum Balle ging; aber nichts deſto weniger walzte ſie heftig, und die Folge davon war ein Blutſturz. Sie wurde nie wieder recht geſund, und ſtarb 1832 in W— auf der Durchreiſe. Der Rittmeiſter v. K— hatte indeſſen den Tag nach dem Balie den Lieutenant Sterner in einer Geſellſchaft von mehreren Offizieren getroffen. Baron v. K=— und Sterner waren früher gute Freunde geweſen; allein jenes grundloſe Gerücht hatte den Erſtern aufge⸗ Ul reizt, und unerachtet er in der That keinen Grund hatte, Sternern Etwas vorzuwerfen, that er es jetzt laut in den la beſchimpfendſten Ausdrücken. Die Anweſenden ſuchten zwar den Zwiſt beizulegen; aber der Baron fand kein Maaß in na ſeinen Unhöflichkeiten. Er beleidigte Sternern auf's Aeu⸗ zu ßerſte, und ſchloß mit einer Ausforderung. Sterner, ob⸗. V wohl dafür bekannt, daß er eine ungewöhnliche Geſchick⸗ tre lichkeit im Gebrauche jeder Art von Waffen beſaß, und ſich durch Stärke und Muth unter ſeinen Kameraden aus⸗ H. zeichnete, nahm die Ausforderung nicht an. Sterner beſaß ko die Achtung ſeiner Vorgeſetzten und die Freundſchaft ſeiner meiſten Kameraden, und Niemand zweifelte daran, daß ho es ſein beſtändig an den Tag gelegtes Gefühl für das G Rechte, und ſein ſtets ausgeſprochener Abſcheu vor Duellen, au und nicht Feigheit war, was ihn vermocht hatte, die Aus⸗„S forderung des Barons von ſich zu weiſen. Nichts deſto un weniger fällte der geheime Richterſtuhl des Vorurtheils au ſeinen Spruch gegen ihn. Er wich nicht von ſeinen Grund⸗ un ſätzen, und war zu ſtolz, um auf einen Vergleich zu hören, tre den Alle ſo gern zuwege zu bringen wünſchten. Er bat lel um ſeinen Abſchied, und erhielt denſelben mit dem Titel M als Rittmeiſter, worauf er ſich ſchnell außer Lands begab. V Seitdem hatte man, glaube ich, nichts mehr von ihm gehört, bis ihn Dein Konſtantin, wie er ſchrieb, in Ham⸗ w. burg traf.“*). vo „Wiſſen Sie, Tante, daß ich recht neugierig bin, de ihn zu ſehen,“ fing Henriette an;„aber nur weil ihn W Konſtantin ſo ſehr gepriefen hat. Uebrigens könnte er M mir immerhin mit dem Portrait in Ragnarök bleiben, wenn nur mein Bräutigam ſelbſt anlangen würde. Doch um auf etwas Anderes zu kommen; liebe Tante, ich habe *) Siehe deshalb den ſchon erwähnten Roman: W alde ma S f. ſpielt⸗ Klein, in dieſer Ausgabe, woſelbſt die Scene S. 193 u — 893 4 4 einen Kummer, der alle andern überwiegt. Mamma ſagt: daß ſie mit den zehntauſend Thalern, die Oukel Rudolph ihr vermacht hat, und ihrem eigenen, früheren Vermögen, Ulriksdal wieder anzukaufen beabſichtige, Das jetzt zum Verkaufe ausgeſetzt ſeyn wird. Ach, theure Tante, wie langweilig würde das werden, auf dem Lande zu wohnen, namentlich des Winters.“ „O, mein Kind,“ erwiederte die Tante,„wenn man zu heirathen gedenkt, muß man ſich daran gewöhnen, das Vergnügen als Nebending, nicht als Hauptſache zu be⸗ trachten. Darauf mußt Du Dich vor Allem vorbereiten.“ „Das thu' ich unläugbar höchſt ungern,“ verſetzte Heuriette lachend.„Aber um wieder auf Ulriksdal zu kommen, Sie waren wohl öfters dort, Tante?“ „Ja, liebes Kind! Mehr als eine frohe Stunde habe ich dort zugebracht, damals als noch Dein ſeliger Großvater, der Major, es beſaß. Mein Bruder ging damals auf Freiersfüßen, und ich war mit Guſtav, dem älteſten Sohne des Hauſes, verlobt. Er ſtarb im Feldzuge von 1788, und mit ihm“— hier wiſchte ſich die Alte eine Thräne aus ihrem Auge—„ging die Sonne meiner Freuden unter. Ich wollte ſeitdem nicht in den Stand der Che treten, obwohl es mix nicht an Anträgen fehlte, ſondern lebte im Hauſe Deiner Eltern, und hoffe, bei Deiner Mutter bleiben zu können, bis der Herr mich abruft zur Vereinigung mit den Vorangegangenen.“ „Arme Tante Eliſabeth,“ ſeufzte Henriette;„das war ein langes, freudenarmes Leben. Bewahre mich Gott vor einem ſolchen! Aber, liebe Tante, wer mag das ſeyn, der dort geht?“ Henriette ſtand am Fenſter, als ſie dieſe Worte ſprach.—„Wahrhaftig, ein eleganter, junger Mann! Iſt das am Ende gar unſer erwarteter Ritt⸗ meiſter?“—„Ja, gewiß iſt er das,“ ſagte die Tante, die dem Mädchen über die Schulter ſah.„Er ſieht ſo ausländiſch aus.“—„Stille, ſtille!“ riefen Beide auf einmal, und lauſchten mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Der Fremde fragte Jemand auf der Straße, ob das 1 4 48 das Haus der Aſſeſſorin Stolzenbeck ſey, und da man ihm mit Ja antwortkte, trat er herein. Henriette hatte kaum ihre Locken vor dem Spiegel in Ordnung bringen können, als ſich die Thüre öffnete und der Erſehnte ein⸗ trat. Tante Eliſabeth hatte ſich ſogleich in Erinnerung ihrer minder gut geordneten Toilette in ein anderes Zimmer begeben. „Habe ich die Ehre, Fräulein Stolzenbeck vor mir zu ſehen?“ fragte unſer alter Bekannter von L— mit einer artigen Verbeugung.— „Ja— a,“ erwiederte Henriette mit einem anmu⸗ thigen Knixe.„Der Herr Rittmeiſter Sterner, vermuthe ich, der Vetter meines— meines Bräutigams Konſtantin?“ „Und bald auch der Ihrige, gnädiges Fräulein, wenn ich das Glück haben werde, ſeine Hoffnungen verwirklicht zu ſehen,“ ſagte Sterner, und führte Henriettens nied⸗ liche Hand an ſeine Lippen.„Und ich würde mich noch glücklicher ſchätzen, wenn Sie ſchon zum Voraus die Vetter⸗ ſchaft zwiſchen uns als beſtegelt anſehen würden.“ „Sey's denn, mein Herr Vetter,“ ſprach Henriette; „ich werde ſogleich unſre Verwandtſchaft in Anſpruch nehmen, um voͤn Ihnen eine Menge Fragen beantwortet zu ſehen. Was macht Konſtantin? Iſt er ſich immer gleich? Sehnt er ſich ſehr nach Hauſe? Wie bald wird er mit ſeinen Angelegenheiten fertig? Und zum Fünften und Letzten, Sie haben wohl ſein Portrait bei Ihnen?“ „Die erſten dieſer Fragen kann ich zu Ihrem Ver⸗ gnügen beantworten. Er iſt geſund, ſich ganz vollkommen gleich, ſehnt ſich ſehr nach der Heimath, und trifft binnen drei oder vier Monaten hier ein. Aber jetzt kommt der letzte Punkt.“ „Ah! das Portrait,“ unterbrach ihn Henriette.„Sie e doch nicht etwa verloren haben, Vetter 17 ,* viel beſſer iſt. Können Sie mir verzeihen, liebenswürdige Henriette, wenn ich bekenne, daß ich es in meiner Sch 7 Ne as gerade nicht; aber leider etwas, das nicht tol ſel na ent ten thi mu zur ſch ha and ho Fu iſt art gef hie in Di h a her frö wi das ver mi St Ih zu tür ge ein —-— 49 touille vergeſſen habe, die nicht früher als mit Konſtantin ſelbſt hier anlangt?“ „Wahrhaftig, antwortete ſie, und war dem Weinen nahe,„ich weiß nicht, wie ich eine ſolche Nachläßigkeit entſchuldigen kann. Wenn Sie ſich nur vorſtellen könn⸗ ten, wie ſehr ich mich darauf freute; aber was iſt zu thun? Der Sache kann nicht abgeholfen werden, ich muß Ihnen alſo verzeihen.“ Sie reichte ihm die Hand zum Zeichen der Verſöhnung. „Ich weiß den Werth Ihrer Güte vollkommen zu ſchätzen,“ ſprach der Rittmeiſter, nunld freue mich deß⸗ halb, Ihnen beweiſen zu können, daß ich dafür einen andern Artikel nicht vergeſſen habe, den Konſtantin ſeinem holden Bräutchen ſchickt. Er zog bei dieſen Worten ein Futteral von rothem Saffian hervor, das er ihr überreichte. „O, wie prächtig! Wie engelgut doch Konſtantin iſt, und Sie, mein beſter Vetter Alexander, was Sie artig find, daß Sie dieſe Herrlichkeiten nicht auch ver⸗ geſſen haben, wie das Portrait!“ Bei dieſem Ausruf hielt ſie in der einen Hand eine koſtbare Halskette, und in der andern ein Paar moderne Armſpangen von Gold Die erſtere warf ſie ſchnell um den Hals, und Sterner half ihr dienſtfertig dis letztern umlegen.—„Ach, wie herrlich, wie außerordentl ich prachtvoll!“ rief ſte mit fröhlicher Bewunderung, indem ſie mit Wohlgefallen ihre wirklich reizende Figur im Spiegel betrachtete.„Ich muß das gleich der Mamma zeigen! Aber, mein Gott, wie vergeß lich bin ich!“ rief ſie beſtürzt.„Wie wird Mamma mich ſchelten, wenn ſie erfährt, daß ich eine ganze halbe Stunde mit dem Vetter verplaudert habe, ohne ſie von Ihrer Ankunft zu unterrichten! Sie ſind doch unſer Gaſt zu Mittag? Das wurde Mamma ſehr freuen, u na⸗ türlicherweiſe auch mich.“ „Ich ſchätze mich unendlich glücklich, den G gegen Ihren Befehl mit meinen eigenen Wünſchen einigen zu können,“ verſetzte Sterner mit jenem gewählten Ton der Artigkeit, den der gebildete Weltmann anzu⸗ — 50 nehmen weiß, wenn er von Unbedeutendheiten mit Damen ſpricht, welche eine ſolidere Unterhaltung entweder nicht fübren können, oder nicht wollen. Mit einigen leichten Sprüngen war Henriette zur Thüre hinaus. 9. Die Frau Mamma. Pröbchen von Geſchick und Ton, Endlich, fein geſpart, ein Lächeln; Hie und da ein Lippenhohn, Wenn das Mündchen ruht vom Hecheln. Frau Lenngren. Das Lächeln auf den Lippen des Rittmeiſters ver⸗ ſchwand, ſobald er allein war. Mit faſt mitleidigem Blicke murmelte er bei ſich ſelbſt,„ein hübſches Püppchen, in deeſſen Geſellſchaft man gar zu wohl einige Stunden, die nicht von den ernſteren Geſchäften des Lebens ausgefüllt ſind, hinweg ſcherzen könnte. Sie iſt gutmüthig und offenherzig, aber auch eitel und kindiſch; ein mittelmäßiger Stoff zu einem mittelmäßigen Weibe. Ich wünſche, Du möchteſt glücklich werden, Konſtantin; aber wenn ich Du wäre, ſo ſuchte ich mein Glück nicht hier. Doch viel⸗ leicht finde ich ſelbſt bei meinen überſpannten Forderungen nie ein Weib, das meine Träume von eh'licher Glück⸗ ſeligkeit verwirklichen kann; das Abbild meines Ideals lebt vielleicht nur in meiner Phantaſie. Wo iſt das Weib, das mit Hintanſetzung aller Selbſtſucht, alles Tandes, aalles Eigenſinnes ſich ganz dem Manne widmet; das nur 5 in ihm die Schatzkammer ſieht, wo ſie der wahren, reinen Weiblichkeit unerſchöpflichen Reichthum an den edelſten Lebensgenüſſen niederlegt, und mit ihm auch die Schmer⸗ Lebens theilen will; die jene kleinliche Eitelkeit ſah er der forttrippelnden Schönen nach.—„Recht ſüß,, gekannt, nie geliebt hat, die ſich an dem leeren Fliitt ter ergögt, der ſie naährt? Eltelkeit, Eitelkeit! Du biſt. der Probeſtein des Weibes! Wie manches edle Herz hat. ren cht ten 51 in Dir ſein Verderben, wie manche Tugend ihr Grab gefunden!“ „Dieſes junge Mädchen, das mich eben verließ, wie leicht trocknete ſie ihre Thränen ab, wie vollkommen ſtillte ſie ihren Schmerz über den Verluſt des Bildes ihres Geliebten, durch das entzückende Wohlgefallen an einem Armband und einer Halskette, als ſie ihrem Bilde im Spiegel bewundernd entgegenlachte. Nein, ein ſolcher Tribut der Eitelkeit iſt zu groß! Armer Konſtantin, Du biſt glücklich, ſo lange Du blind biſt; aber ich beklage Dich, wenn Du einmal die Augen öffnen wirſt!“ „Doch, es gibt ein Weib, das vielleicht dem Ge⸗ mälde gleicht, das meine ſchwärmeriſche Einbildungskraft von der entworfen hat, die meine unbegrenzte Liebe ge⸗ winnen, und meine Träume von Seligkeit verwirklichen könnte; einen Sdelſtein, der wahrſcheinlich die Probe der Aechtheit beſtehen würde: Auguſte!“.... Hier ſchwieg Sterner; ein Seufzer ſchloß den Satz. Gerade als er damit beſchäftigt war, ſeine Gedanken mit einem eifrigen Getrommel auf den Fenſterſcheiben zu akkompagniren, kam Henriette, von ihrer Mutter begleitet, zurück. Frrau von Stolzenbeck war eine Dame von Welt; das galt wenigſtens für einen Glaubensartikel in der guten Stadt F—. Sie wurde nicht allein dafür ange⸗ ſehen, daß ſie ein Uebermaß von Verſtand und Geſchmack beſitze, ſondern, was noch weit wichtiger war, ſie galt auch für ein Muſter in der Kunſt, jene vornehme, nach⸗ läßige Haltung und jenes äußere Weſen anzunehmen, das ſo bezaubernd iſt, und in deſſen Nachahmung ſich die übrigen Damen vergebens abquälten. Ihre Art, beim Eintritt in ein Zimmer zu grüßen, galt für tadelios, und wurde von allen Ehemännern ihren Frauen und von allen Muttern ihren Töchtern als Beiſpiel en Mit einer dieſer oft bewunderten und verführe Zerneigungen grüßte ſie unſern Helden. 8 „Es freut mich, Herr Rittmeiſter, Sie in meinem Hanſe zu ſehen,“ ſagte ſie gnädig, ſetzte ſich mi viel ¹ 52 Würde auf den Sopha, und indem ſie ſorgfältig die Falten an ihrer Frühtoilette in Ordnung brachte, winkte ſie ihrem Gaſte, ihr gegenüber Platz zu nehmen. Sterner brachte nun in gehöriger Form den Gruß ſeines Vetters vor, pries den glücklichen Stern, der ihm durch dieſen Auftrag das koſthare Vergnügen verſchafft hatte, die Bekanntſchaft von Frau v. Stolzenbeck und ihrer reizenden Tochter zu machen, und ſprach von ſeiner Reiſe und Allem, was er glaubte, das die Aufmerkſam⸗ keit ſeiner Zuhörerinnen nur irgend feſſeln könnte. Nach einer Pauſe, die lang genug war, um einen neuen Stoff zu beginnen, ſprach Frau von Stolzenbeck: „Erlauben Sie mir die Frage, Herr Rittmeiſter, ſahen Sie während Ihrer Anweſenheit in Hamburg einmal meinen Bruder?“ 3 „Ich hatte höchſt ſelten das Vergnügen,“ erwiederte der Befragte.„Der Geſundheitszuſt ſtand Ihres Bruders erlaubte keine Geſellſchaft, beſonders in der letztern Zeit.“ „Der Herr Rittmeiſter haben ohne Zweifel das lächer⸗ liche Teſtament geleſen?“— „Ich war zugegen, als es eröffnet wurde.“ „Dieſes Teſtament war ſonderbar, mehr als ſonder⸗ bar. Wenn Sie es nicht für einen Mangel an Zartge⸗ fühl anſehen würden, mochte ich mir die Freiheit nehmen, Sie zu fragen, ob Sie mit dem Günſtlinge näher be⸗ kannt ſind, der es ſo wohl verſtanden hat, bei dem ſon⸗ derbaren Alten Alles ſo gut zu ſeinem Vortheil einzurichten?“ „Er iſt mein Vetter und Freund,“ entgegnete der Rittmeiſter, und die glühende Röthe auf ſeinen Wangen, ſowie der Ton ſeiner Stimme bewies, daß dieſe Frage ihm bedeutend mißfallen hatte.„Ich wage zu behaup⸗ en, gnädige Frau,“ ſetzte er hinzu,„vorausgeſetzt, Sie. ges Vertrauen in mein Ehrenwort, daß er den In⸗ ſtamentes ebenſo wenig kannte, als Sie und ich.“ einige Falten auf der ſonſt glatten Stirne bewieſen, daß, nnerachtet der Rittmeiſter ſein Ehrenwort zum Bürgen bedeutungsvolles Verziehen der Oberlippe und die inkte jruß ihm jafft und iner am⸗ nen eck: hen nal erte ers 13 I 84 „ 55 gegeben hatte, doch ſeine Behauptung in vollem Wider⸗ ſpruch mit Frau v. Stolzenbecks innerer Ueberzeugung ſtand. Und bei all' ihrer geprieſenen Lebensklugheit be⸗ ſaß ſie doch die Kraft nicht, dieß zu verbergen; denn ſie ſprach mit einem wichtigen Lächeln:„In meinen Jahren hat man ein wenig mehr Weltkenntniß, Herr Rittmeiſter!“ Sterner konnte ſich nur mit Mühe zurückhalten, daß er nicht der guten Frau mit ihrem eingebildeten Scharf⸗ ſinn gerade in's Geſicht lachte; er machte jedoch eine pflichtliche, ehrerbietige Verneigung mit dem Kopfe und antwortete Nichts. Frau v. Stolzenbeck, die nun fand, daß ihr Gaſt keine befriedigende Erklärung über den einzigen Gegen⸗ ſtand geben konnte, der ſie für gegenwärtig intereſſirte, ſtand auf, und überließ es Henrietten, den Rittmeiſter zu unterhalten und nachdem ſie ihn artig eingeladen hatte, dieſen und alle kommenden Tage, wo er ſich in F— auf⸗ halten würde, zum Mittageſſen wieder zu kommen, ver⸗ ließ ſie das Zimmer, indem ſie Geſchaͤfte in der Haus⸗ haltung vorſchützte. „Sie werden wohl recht viele Tage hier bleiben, Vetter,“ ſing Henriette an, deren ſonſt ſo fließende Be⸗ redtſamkeit die Anweſenheit der Mutter bis jetzt im Zaume gehalten hatte. „Blos einen einzigen,“ antwortete er.„Morgen in aller Frühe reiſe ich nach Schonen ab, um den Lehrer meiner Kindheit und Jugend, den Pfarrer Svallenius zu beſuchen.“— „Ach, wie verdrießlich!“ klagte Henriette.„Sonn⸗ tags haben wir Ball, mit vorausgehendem Konzert, und es würde mich wirklich ſehr freuen, wenn Sie über dieſe Zeit dableiben könnten. Iſt es denn nicht möglich?“ fragte ſte mit einem ſo bezaubernden Lächeln, daß ners ſtählernes Herz bedurfte, um ihm widerſtehen zu „Durchaus unmöglich! Zweifeln Sie nicht, li 3 würdige Henriette, daß, wenn ich Ihren Wunſch erfüllen önnnte, Sie gewiß mich nicht zu uberreden brauchten; aber ich habe von L— aus meinen Bedienten mit den Jagdhunden nach dem Wallaryder Pfarrhauſe vorausge⸗ ſchickt und mein alter Freund würde in der größten Un⸗ ruhe um mich ſeyn, wenn ich nicht an dem Tage, den ich in meinem Briefe feſtgeſetzt habe, anlangte.“ Henriette fand ſich höchlich verletzt, daß die Abfer⸗ tigung einiger Jagdhunde und die Unruhe eines alten Pfarrers als Grund angeführt werden konnten, um eine Einladung abzuſchlagen, die ſie ihm geſtellt hatte; doch ſie war zu ſtolz, um ihre Beredtſamkeit noch weiter zur Beſiegung ſolcher Gegner anzuwenden. Sie ſchwieg, und gleich darauf nahm der Rittmeiſter Abſchied, um ſich zur Tafel umzukleiden. Nachmittags war Geſellſchaft bei Frau v. Stolzen⸗ beck, zwar nicht zahlreich, aber gemiſcht, was auch in hohem Grade mit der Unterhaltung der Fall war, die in drei verſchiedenen Abtheilungen vor ſich ging. In der Gruppe, welche die Herren an dem einen Ende des Zimmers bildeten, war eine eifrige Berathung über die wichtige Frage der Bürgermeiſterswahl, die im nächſten Monat ſtattfinden ſollte, und lange Zeit der Stoff für das tiefe Nachdenken der Bürgerſchaft geweſen war. Bei dem Halbzirkel, den die Frauen um den Theetiſch bildeten, führte eine ältere Dame das Wort und war damit be⸗ ſchäftigt, den übrigen eine merkwürdige Entdeckung aus⸗ einander zu ſetzen, die wohl verſucht zu werden verdiente, nämlich von der Art und Weiſe, wie man altem ranzigem Butter den Geſchmack von friſch ausgelaſſenem beibringen könne. Und die Vorſchrift, die ſie gab, mußte wohl zu⸗ verläſſig ſeyn, da ſie dieſelbe in den Zeitungen geleſen hatte. Die jungen Mädchen machten ſich alle um das freundliche Kamin zuſammen, und ſchnatterten in die über den bevorſtehenden Ball und alle damit ver⸗ üpften Gegenſtände, die ſo mannigfaltigen Anlaß zu Leid und Freude gaben. Sterner wanderte von einer Abtheilung zur andern, wie ein Geiſt, der verurtheilt iſt, in drei verſchiedenen Elementen zu wohnen, die alle gleich den isge⸗ Un⸗ n ich bfer⸗ alten eine doch zur vieg, ſich gem igen zu⸗ eſen das die ver⸗ zu er iſt, eich ſehr gegen ſeine Natur ſtreiten. Er ſchwitzte und ängſtigte ſich ab, bis endlich das erſehnte:„es iſt ſervirt!“ von der Thüre her ertönte, und die Herren und Damen ſich in den Speisſaal begaben, um das Abendeſſen einzuneh⸗ men, nach deſſen Schluß Sterner, herzlich gelangweilt, wieder in ſeine Wohnung zurückkehrte. 109 Sokrates und Pantippe. Die guten Frauen ſind wie Engelein; Nicht Trotz noch Pochen wirkt auf Böſe ein. Volkslied. In ſeinem einſamen Studierzimmer ſaß eines Abends ſpät der Probſt und Pfarrer Svallenius über einen großen Folianten gebeugt und von kleineren Büchern und Hand⸗ ſchriften umgeben, das Ganze durch den beſcheidenen Schein eines grün und gelben Wachslichtes ſpärlich erleuchtet. Er war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, von kurzem, kraftvollem Wuchſe, mit einem ernſten, aber nicht widerwärtigen Aeußern, in deſſen Geſicht, das ſtille, kon⸗ templative Leben den unverkennbaxen Stempel der Me⸗ lancholie und Gleichgültigkeit gepragt hatte. Sein We⸗ ſen zeigte an, daß ſowohl Neigung als Gewohnheit es ihm zum Bedürfniſſe gemacht hatten, ſich mit einem Ge⸗ genſtande zu beſchäftigen, der mit denen wenig gemein hatte, welche täglich die Gedanken eines Haus⸗ und Fa⸗ milienvaters in Anſpruch nehmen. Etwa acht Jahre vor dem Zeitpunkte, wo die Be⸗ gebenheiten dieſer Erzählung vorfallen, hatte der Pfarrer und nunmehrige Probſt Svallenius, nachdem er ſich lange und emſig als Hauslehrer bei jungen, reichen Söhnen aus vornehmen Häuſern abgemüht hatte, endlich die Pfarrei Wallaryd erhalten. Oftmals, doch ohne eine beſondere Aufmerkſamkeit darauf zu verwenden, hatte Svallenius den achtzehnten Vers im zweiten Kapitel des Buches der Schöpfung geleſen;„Und Gott der Herr ſprach, es iſt 56 nicht gut, daß der Menſch allein ſey; ich will ihm eine Gehülfin machen, die ihm anhange;“ aber nie hatte er mit ſo tiefem Ernſt über dieſen Tert nachgedacht, als jetzt, und nie hatte er auch mehr das Bedurfniß einer ſolchen Gehülfin empfunden. Er mußte alſo eine ſolche haben; aber woher ſollte ſie kommen? Unſer guter Pfarrer, der ſein Leben lang nie Sinn für etwas Anderes gehabt hatte, als für die tieffinnige Begründung theologiſcher und philoſophiſcher Myſterien, konnte nicht zu dem ge⸗ woͤhnlichen Kreisgange herabſteigen, in dem ſich die Den⸗ kungs⸗ und Handlungsweiſe aller Menſchen bei derglei⸗ chen Fällen bewegt. Er wollte heirathen, in ſo weit war er zu einem klaren Begriff gelangt; auch ſah er ein, daß eine Heirath deshalb nothwendig für ihn war, weil er „von all' den unzähligen Sorgen, die mit einer Haushal⸗ tung und beſonders mit einer Haushaltung auf dem Lande unumgänglich verknüpft ſind, ſchrecklich geplagt wurde., Da er nie die geringſte Notiz von der Landwirthſchaft ge⸗ nommen hatte, ſo befand er ſich in der äußerſten Ver⸗ legenheit, wenn die Knechte und Taglöhner des Probſt⸗ hofes Beſcheid darüber verlangten, wie er es mit dem Brachfeld, der Frühlingsſaat, den Umzännungen, Bauten, Pferden, Kühen und Schaafen gehalten wiſſen wolle.— „Macht's, wie ihr es für gut haltet und wie ihr es bis⸗ her gemacht habt, meine Kinder,“ war die einzige Ant⸗ wort, die er ihnen geben konnte; aber eine dunkle Ahnung ſagte ihm doch, daß die Kinder ſich wahrſcheinlich ſeine Unwiſſenheit zu Nutzen machten. Svallenius hatte alſo die Pfarrei kaum zwei Monate inne gehabt, als er all' des ungewohnten Weſens herzlich muͤde und ſatt war, und gelobte hoch und theuer, ehe noch zwei Monate ver⸗ floſſen wären, ein Weib zu nehmen, die ihm dieſe Bürde von den Schultern heben könnte. Aber inzwiſchen ver⸗ ging Tag um Tag, ohne daß ein Reſultat auf dieſen klugen Vorfatz folgte. Es wollte Svallenius nicht klar werden, wie er in den Beſitz eines ſolchen Schatzes ge⸗ langen könne. Er wußte nicht einmal, ob ſich innerhalb 2 2 eine e er als iner lche rer, jabt cher ge⸗ den⸗ lei⸗ var daß er jal⸗ nde⸗ rde. ge⸗ ber⸗ bſt⸗ em en, is⸗ nt⸗ ng ine lſo ull' ar, er⸗ rde ſeines Kirchſpiels Mädchen befanden, die Anſpruch auf den Titel einer Frau Pfarrerin machen konnten, und über den Strom zu fahren, um Waſſer zu bekommen, das konnte ihm nie einfallen. Während dieſer mißlichen Lage der Dinge bekam er eines Tages Beſuch von einem jungen Studenten, der der Sohn des verſtorbenen Paſtors war, der Svallenius im Amte voranging. Der junge Mann hielt auf das Ver⸗ bindlichſte um die Erlaubniß an, einige Sonntage während der Ferien in Wallaryd predigen zu dürfen, da ſeine Fi⸗ nanzen auf ſchlechten Füßen ſtünden und er als der Sohn des früheren Lehrers der Gemeinde mit Grund darauf rechnen könne, bei ſeinem Abgang nach der Akademie einen kleinen Reiſepfennig zu erhalten, wenn nämlich dieſe ſeine gehorſame Bitte bewilligt würde. „Von Herzen gern, Herr Traſſelin,“ erwiederte der Pfarrer, und der folgende Sonntag wurde für den erſten Auüftritt des jungen Predigers beſtimmt. „Wir wohnen nicht weit von hier,“ ſagte Traſſelin bei ſeiner Abreiſe,„und Nichts würde uns ein größeres Vergnügen machen, als wenn der Herr Pfarrer nächſten Sonntag Nachmittag dem geringen Hauſe meiner Mutter die Ehre erzeigen würde. Es iſt freilich jetzt nicht mehr wie in den glücklichen Tagen, wo ſie als Probſtin in Wallaryd ſaß; doch was wir bieten, thun wir aus gu⸗ tem Herzen.“ „Ich danke Ihnen, mein junger Freund, und werde nicht ermangeln, mich einzufinden. Es wundert mich wirklich, wie ich bis jetzt habe vergeſſen können, der ver⸗ wittweten Frau Probſtin meinen Beſuch zu machen. Ich werde alſo mit Vergnügen die Ehre haben;“ antwortete der Pfarrer und begleitete mit einer an ihm ungewoͤhn⸗ lichen Artigkeit und Lebhaftigkeit den jungen Traſſelin bis zur Thuͤre. 4 Die Urſache davon, daß der Pfarrer ſo eifrig geneigt war, die Einladung mit Dank anzunehmen, war die, daß Der Stellvertreter. 5 — — dentlich geſchickt und thätig in All ſowohl zur innern als äußern war alſo der unwandelbare ſich am Sonntag zur Abreif chen anzuhalten. Geiſteskräfte beſch Betracht, ein ſchönes Weib kann ſich Eine ſolche bedarf ſelbſt der Aufſicht, anſtatt daß du dies aushaltung wünſcheſt. n, ungeſtoͤrt und in Ruhe in deinem Wenn du daher ſache iſt, ſo mußt für dich und deine H Freude beſteht darir einſamen Kämmerlein ſitzen, dieſen Endzweck erreich ihm gerade die Erinnerung Vorgänger habe eine Toch durch den Kopf fuhr, ſein hter hinterlaſſen, die außeror⸗ em ſeyn ſollte, was Landwirthſchaft gehörte. Es Beſchluß des Pfarrers, als er e bereit machte, um das Mäd⸗ Wie ſie ausſah und wie ihre ſonſtigen affen waren, das kam hiebei nicht in denn der Pfarrer hatte im Folgendes bei ſich überlegt: zu dürfen. ſt, der die Haupt du es mit einem ſchönen Geſichte nich da dies blos Nebending iſt. dung betrifft, alſo bei, d fein erzogene Dame wir . f S großes Pfarrhaus auf den griffe von literariſcher Bildun ſich immer die Klümpchen im B lichkeite die Beſtimmun ehrlicher Svall Probſtin Traſſelin an.. Schon auf der Hausflur, die mit der äußer mit feingehackten Tannenreiſern von der Wirthin empfangen, die fältigteit geſandelt und beſtreut war, wurde er n, die du von Art mit Gottes Hülfe alten, gediegenen Sch nen Puppen iſt, Almanache kennen.“ Unter ſo nützlichen Gedanken über der g der feineren Frauenzimmer langte unſer der Wohnung der verwittweten Herzen haſfeſt. 7 Laufe der Woche „Svallenius, du biſt alt; nicht ſehr nach dir ſehnen. t ſo genau nehmen, Was dann weiter die Bil⸗ ſo beſitzeſt du ſelbſt genug davon; ſie iſt einem Weibe ein überflüſſiger Artikel. Eine nie zur Hausmutter in ein Lande paſſen. g bei einer Frau verbindet Vorſtellung von verbrannten Suppen, rei und verſchiedenen anderen Unannehm⸗ Du wirſt auf dieſe ein Weib bekommen, die in der hule erzogen und keine jeuer moder⸗ die nur den Roſenduft der —— ſein zeror⸗ was Es als er Mäd⸗ tigen ht in Voche alt; hnen. dies nzige inem daher mußt men, Bil⸗ e iſt Eine ein Be⸗ ndet pen, hm⸗ dieſe der der⸗ chen und nſer eten rg⸗ ern. die 1 mit dem runden, wohlgemuthen Ausſehen einer Hollän⸗ derin ihm watſchelnd entgegen kam, und ihn herzlich will⸗ kommen hieß. Im Speiſezimmer wurde er der Tochter des Hauſes, dem Fränlein Chriſtina Traſſelin, vorge⸗ ſtellt, die in feierlichem Anſtand das enge, geſtreifte Neſ⸗ ſeltuchkleid mit den äußerſten Spitzen des Zeigefingers und Daumens hielt und ausbreitete, und drei Knixe be⸗ werkſtelligte. Der erſte beſtand aus einer Verneigung des Kopfes und linken Knie's, die beiden andern hingegen wurden mit aufrechtem Haupte und ſehr tiefer Biegung des rechten Knie's nebſt einem ſachten Schritt nach rück⸗ wärts ausgeführt. Dieſe achtungsvolle Begrüßung be⸗ antwortete der Pfarrer, als bald auftretender Freier, mit eben ſo vielen Bücklingen, wobei er den Hut, den er in der rechten Hand hielt, ehrfurchtsvoll ſchwenkte. Hätte unſer guter Svallenius die wichtige Warnung von Frau Lenngren geleſen und im Gedächtniſſe behalten: Schnell wende von dem Maͤdchen deinen Blick, Das braungeauget iſt, und kurz und dick; Das eine Naſe hat von ſcharfem Rand Das eine Naſe hat von ſcharfem Rand, Und gellend ſingt und Stine wird genannt! ſo wäre wahrſcheinlich Stina Traſſelin(deren Portrait dieſe Strophe eben ſo wahr als einfach malt), niemals die Frau Probſtin Svallenius geworden. Doch es läßt ſich nicht denken, daß der Pfarrer etwas geleſen haben ſollte, das der Feder eines Frauenzimmers entfloſſen war. Wie theuer mußte er nicht dieſe Verſäumniß büßen, als er ſechs Wochen nach der Werbung ſeinen Schatz heim⸗ führte, und täglich mehr in Erfahrung brachte, wie wenig der Frieden und die Ruhe, die er ſo ſehnlich gewünſcht hatte, mit dem unſanften und zänkiſchen Charakter ſeiner Ehehälfte übereinſtimmte. Freilich in einer Hinſicht hatte er Grund, zufrieden zu ſeyn; er brauchte ſich durchaus nichts um die Haushaltung zu bekümmern, ich möchte ihm aber auch nicht dazu gerathen haben. Nicht ohne Befriedigung ſah .. 5. 60 er, wie ſich ſein Hausweſen unter den nie ruhenden Hän⸗ den der Hausfrau beſtändig verbeſſerte; aber Alles das geſchah mit ſo viel Lärmen und Geräuſch, daß ſich der arme Mann für einen Märtyrer anſah. Zu jeder Stunde des Tages ward er durch irgend einen kläglichen Ton von dem Arbeitszimmer her in ſeinen Betrachtungen geſtört; was ihn davon in Kenntniß ſetzte, daß die Hausmutter gerade in der wirkſamen Ausübung der Methode begrif⸗ fen war, die ſie für unumgänglich nothwendig hielt, um der Arbeit Flügel und Schwung zu verleihen. Kam er jemals auf den entſetzlichen Gedanken, einen eigenen Willen zu haben und geltend zu machen, der im Widerſpruche mit dem ſeiner Frau ſtand, ſo mußte er ſich entweder der Liſt bedienen„was aber nicht in ſeinem Weſen lag, oder er mußte geradezu aus vollem Ernſte den Hausherrn ſpielen. Dieſes Letztere war für ihn, der die Ruhe ſo ſehr liebte, das Schlimmſte von Allem und im höchſten Grade widerwärtig. Er ſah ſich jedoch bis⸗ weilen dazu genöthigt. Gleichwohl zitterte er, wenn er ſeinem Weibe etwas vorzutragen hatte, das, wie er ahnte, nicht nach ihrem Geſchmacke war, und ihr Wider⸗ ſpruchsgeiſt wurde nie müde, den guten Mann zu quälen, bis ſein von Natur ſanftes Gemüth zu einem gewiſſen Grade aufger izt ward, und dann aufbrauste, wie wenn eine vom Sturm gewaltſam aufgejagte See über ihre freundlichen Ufer hinrauſcht. Geſchah dies, was jedoch ſehr ſelten vorkam, ſo mußte Pantippe die Segel ſtrei⸗ chen und ſich ergeben. 5 Doch dies ſey genug. Der Leſer iſt jetzt nicht ganz unbekannt in dem Hauſe, wohin unſer Held zu reiſen im Sinne hat, und wir gehen alſo wieder zu dem Augen⸗ blicke zurück, wo wir den Pfarrer in die Lektüre ſeiner philoſophiſchen Bücher vertieft ſitzen ſahen, etwa ſieben Jahre nach ſeinem Eintritt in den heiligen Stand der Ehe. Ein gräuliches Hundegebell weckte ihn höchſt unan⸗ genehm aus ſeinen Betrachtungen. Der Pfarrer ſchob die Nachtmütze auf das eine Ohr, und legte das andere an's —— —* 8— A ur Fenſter. Das Bellen wurde immer ärger und heftiger.— „Iſt Hektor toll!“ murmelte er zwiſchen den Zaͤhnen; „ich glaube, die Beſtie hat tauſend Zungen bekommen.“— Bedachtig nahm er das Wachslicht in die Hand, und begab ſich in die Hausflur. Hier donnerten drei Schläge an die verriegelte Thüre; aber der Pfarrer, der an die Möglichkeit dachte, daß es Diebe ſeyn könnten, und den mißlichen Umſtand erwog, daß ſich die Geſindeſtube am andern Ende des Hofes befinde, fühlte ſich nicht gedrun⸗ gen, ſchnell aufzumachen, ſondern rief, ſo laut er es vermochte:„Wer iſt da?“ Die Antwort des außen be⸗ findlichen Gaſtes blieb jedoch, in Betracht des gräßlichen Hundeſpektakels, ein Geheimniß für den Wirth; nur er⸗ neuerte und heftigere Schläge ließen ſich hören. Und da ſich Svallenius gerade jetzt erinnerte, daß es entſetzlich ſtürmte und ſchneite, ſo begann er darüber nachzuſinnen, ob es nicht möglicherweiſe ein armer Reiſender mit eige⸗ nen Hunden ſeyn könnte, der Schutz vor dem Unwetter ſuchte, zumal da es nicht gewöhnlich war, daß Diebe auf eine ſo geräuſchvolle Art ihre Ankunft zu erkennen gaben. Sobald er zu dieſem Schlußſatze gekommen war, ſchob er die ſchweren Riegel zurück, und ein Mittelding zwiſchen Herr und Diener ließ ſeine lange, in einen blauen Mantel gehüllte Figur ſchauen. 11. Brief und Beſtürzung. Beſſer brodlos als rathlos. Michel Michelsſon Wingler. Der Fremde nahm ſeine Pelzmütze ab, verbeugte ſich mit anſtändiger Höflichkeit, und fragte, ob es der Herr Pfarrer ſelbſt ſey, der ihm die Güte erzeigt habe, zu öffnen. „Ja, ich bin es! Hat Er einen Auftrag an mich, 8 mein Freund?“ antwortete der Probſt. „Ja, wenn der Herr Probſt erlaubt, ſo bringe ich 1 hier zuerſt mich ſelbſt, dann drei Stück Jagdhunde, ebenſo viele Mantelſäcke und endlich einen Brief von meinem Herrn, dem Rittmeiſter Sterner. Dieſes Alles hat der Bediente des letztern und des Herrn Probſts gehorſamer Diener, Iſak Weſterlind, die Ehre, Ihrer gütigen Vorſorge zu übergeben.“ 9 7 8 8 38 5 8 „Ah ſo, ah ſo, nun, das iſt etwas Anderes. Komm Er herein, mein Freund, und nimm Er eine Suppe zu Sich, damit Er Sich vor Allem erwärmt, dann können wir nachher in Ruhe das Uebrige beſorgen.— Sterner, ei Du meine Güto, iſt er wieder in Schweden, der liebe Junge?“ ſagte der Pfarrer bei ſich ſelbſt, während er. aus einem kleinen Wandſchrank eine Bouteille und einen Becher her⸗ vornahm, welche Artikel er, nebſt einigen andern Kleinig⸗ keiten, dort für vorkommende Fälle aufbewahrte. Er ſchenkte von dem guten deſtillirten Branntwein ein, der den halberſtarrten Weſterlind angenehm belebte, worauf dieſer den Brief hervorzog, und der Pfarrer, der mit einem Schauder über den Rucken einſah, daß es immer noch Zeit genug wäre, ſein Weib von der Ankunft aller dieſer für ſie gewiß nicht willkommener Gäſte zu unterrichten, bat Weſterlind, ſich zu ſetzen, während er den Brief des Ritt⸗ meiſters las. Dieſer lautete:. „Mein alter verehrter Lehrer und Freund!“ „Seit faſt drei Wochen nach meiner Ankunft von Ham⸗ burg bin ich jetzt in Schweden, und es iſt mir unmäglich, meiner innigen Sehnſucht, Sie nach ſo vielen Jahren wie⸗ der zu ſehen, länger zu widerſtehen; und da ich überdies wegen eines Gutes für meinen Vetter im Handel bin, und dieſes im Wallaryder Kirchſpiel liegt, ſo kann keine Gele⸗ genheit günſtiger ſeyn, um beide Zwecke zu erreichen. Da ich weiß, daß Sie ſchon drei Jahre vor meiner Abreiſe verheirathet waren, und alſo Ihr Hausweſen nicht auf Junggeſellenfuß ſteht, ſo trage ich kein Bedenken, mich ſelbſt auf acht oder zehn Tage als Gaſt bei Ihnen, mein alter, verehrter Freund, und Ihrer liebenswürdigen Familie einzuladen; denn ich hoffe, daß Sie welche haben. Ich fühle das Bedürfniß, mein Herz vor einem ſo geprüften mm zu nen , ei e2 nem her⸗ nig⸗ Er der auf tem Zeit für bat eitt⸗ 63 Freunde auszuſchütten, und von der Erfahrung Ihres rei⸗ feren Alters einigen guten Rath in einer Angelegenheit zu erholen, worüber wir mündlich ſprechen werden, weun wir einander treffen, ½ „Welch' ein ſüßes Gefühl muß nicht der empfinden, welcher bei ſeiner Heimkehr in ein lange vermißtes T Vater⸗ land weiß, daß die Herzen geliebter Eltern und theurer Verwandten vor Nreude und ſehnſuchtsvol ler Unruhe klopfen;. für den, der wieder in den Schoß einer lieben Familie tritt, und die Ueberzeugung hat, daß er dort mit wahrer, un⸗ eigennütziger Liebe un nfaßt wird! Aber mit Ausnahme eines alten Oheints, und Ihrer. das glaube ich wenigſtens, mein braver Freund„gibt es kein Herz, das ſo für mich ſchlägt.“ „Von früheſter Jugend an vereinſamt und dem Edel⸗ muth des Mitleids überlaſſen, war ich, der Vater⸗ und Mutterlofe„genöthigt, meine eigene Stütze zu ſeyn. Mit Dankbarkeit nehme ich jedoch eine der glücklichſten Perioden meines Lebens davon aus, nämlich die fünf Jahre, wo Sie, mein würdiger Lehrer, mir Ihre unermüdliche S Sorgfalt wid⸗ meten.—„Ich erinneremihe noch ſo lebhaft daran, wie wenn es hente geweſen wäre, wie Baron Linden, nanhdemt er mich zu meines Vaters letzter Ruheſtätte geführt hatte— ich war damals zehn Jahre alt— mich zu ſich heim führte und ſprach: Sy nicht traurig, mein Junge! Ich war ein Freund Deines hin geſchiede nen Vaters, und Du ſollſt jetzt mein Sohn werden.“ Hierau uf ließ er Sie und ſeinen ei⸗ genen Sohn kommen.„Sehen S Sie hier, Herr Svallenius, einen Schüler, den ich Ihrer Fürſorge ebenſo warm wie meinen Guſtav empfehle. Und Du, Giſa, ſieh in Alexan⸗ der Sterner einen? Freund, der, wie ich hoffe, ſich für die Zukunft des Vertrauens nicht unwürdig zeigen wird, das ich jetzt in ihn ſetze.“ „Dieſe Worte haben in meiner Seele zugleich mit der unauslöſchlichen Erinnerung an meinen edelmüthigen Be⸗ ſchützer beſtaͤndig fortgelebt. Seine Laufbahn war kurz; ich verlor ihn zu der Zeit, wo der Jüngling am meiſten einer Stütze bedarf, beim Eintritt in eine Welt, deren 64 kalter, berechnender Eigennutz, und hohle, verführeriſche Außenſeite dem Unerfahrenen gleich gefährlich ſind.“ „Seine und Ihre Lehren und Rathſchläge in den frühe⸗ ren Jahren ſind jedoch nicht für mich verloren gegangen.“ „Auch der junge, hoffnungsvolle Guſtav, mein beſter Freund, folgte bald ſeinem edlen Vater nach. Friede ſey mit beiden.“ 8„Seitdem habe ich manchen harten Kampf mit dem Schickſal beſtanden. Ich fühlte den Druck der Armuth und die Verſuchungen in den jüngeren Jahren,— denn Sie wiſſen, daß das kleine Kapital, das mir Baron Linden ausgeſetzt hatte, mir erſt, als ich mündig wurde, zufiel; es blieb nachher unberührt, bis zu meiner Reiſe in's Ausland. Aber auch das Glück und Unglück meines reiferen Alters nahm meine Kräfte in Anſpruch, um das letztere zu be⸗ kämpfen, und das erſtere mit Verſtand zu ertragen, da es einmal eingetroffen war. Ueber meine früheren Lebens⸗ ſchickſale habe ich Sie von Zeit zu Zeit unterrichket; aber für gegenwärtig habe ich zu wichtige Dinge im Kopf, um ſie dem Papier anvertrauen zu können. Deshalb komme ich ſelbſt, und werde Freitag, den dreiundzwanzigſten Fe⸗ bruar, ſo Gott will, in Wallaryd eintreffen. Inzwiſchen empfehle ich der Fürſorge Ihrer guten Frau meinen Be⸗ dienten und meine Jagdhunde, die, ich bitte. Sie deſſen zu verſichern, Ihren Tiſch nicht nur auf die Zeit, wo ich die Ehre habe, Ihr Gaſt zu ſeyn, ſondern auch für künftig mit Wildpret verſehen ſollen. Meine Jagdhunde, Sie wiſſen, die Jagd war immer mein Steckenpferd, ſind das Vor⸗ züglichſte in ihrer Art, und Sie kennen die Schwachheit des Jägers für dieſe ſeine Günſtlinge. Verzeihen Sie mir deßhalb, wenn ich ſie Ihnen beſonders empfehle. Ich bitte Sie auch, mich bei Ihrer Frau wegen all' der Be⸗ ſchwerden, die ich Ihrem Hauſe verurſache, beſtens zu entſchuldigen; aber da ich gehört habe, daß die Entſchul⸗ digungen eines Ehemanns bei ſeiner Frau nie eine ſolche Geltung haben, als wenn ſie auf eine ſchickliche Art von einem Fremden dargebracht werden, ſo behalte ich mir ——— —,— — A 6³ beſonders vor, ſie bei meiner Ankunft auf eigene Rech⸗ nung vorbringen zu dürfen, zumal da Sie, mein alter Freund, im Fall nicht eine vollkommene Aenderung mit Ihnen vorgegangen iſt, ſich nicht beſonders darauf ver⸗ ſtehen, die Damen für ſich zu gewinnen. Aber da habe ich jetzt einen ganzen Bogen voll geſchrieben, wie wenn wir nicht bald mündlich mit einander ſprechen würden. Bis dahin leben Sie wohl, mein verehrter Freund, bald umarmt Sie Ihr treuer A. C. Sterner.“ Es würde ſehr ſchwer ſeyn, den ſeltſamen, oft wirk⸗ lich komiſchen Ausdruck anſchaulich zu machen, der ſich hie und da beim Leſen dieſes Briefes in den ſonſt ſo ernſthaften und feſten Zügen, des Pfarrers Svallenius zeigte. „ Zwar belebten ſich ſeine Gefühle mit der frohen Hoff⸗ nung, ſeinen alten Liebling und Schüler, für den er fort⸗ während die wärmſte Theilnahme beibehalten hatte, bald wieder ſehen zu dürfen; aber wie viel bittere Wermuth floß nicht in dieſen Becher der Freude. Ach, Svallenius ſah mit Gewißheit voraus, daß ihm ſeine theuere Ehehälfte reiche Tropfen davon keinſchenken würde. Denn es war ihr größter Abſcheu, mehr als einmal im Jahre, und dann an einem für immer beſtimmten Tage, Fremde zu ſehen, und Bedienten und Jagdhunde konnte ſte vollends für ihr Leben nicht ausſtehen. Als er las, wie Steruer hoffte, bei ſeiner„liebens⸗ würdigen“ Familie als Gaſt aufgenommen zu werden, bemeiſterte ſich ſeiner ein Gefühl, das dem der Scham und dem Zorne ſehr nahe kam, und ſich für Weſterlinds verwunderte Ohren in die einfachen Worte kleidete:„Ja, zum Teufel auch, die Liebenswürdigkeit wirſt Du bald aufhören, zu preiſen, mein armer Alexander.“— Am Schluſſe des Briefes, wo Sterner davon ſprach, daß Svallenius ſich nicht darauf verſtehe, wie man es an⸗ greifen müſſe, um die Damen für ſich zu gewinnen, ſeufzte der ſchwergedrückte Pfarrherr tief, und dachte:„Gott gebe, daß es ihm beſſer gelingen möge! Ich habe gute ſteben Jahre lang vergebens Geheimniſſe geſucht.“ Er verſank in tiefe Ged einzigen Punkt drehten, die alles das mittheilen ſöllte. ſtube im Hofgebäude zu f nur von einem Schneider den alten Kirchenrock des einer ſo guten Haushä ilte Antgrlich war. Denn Weſterlind 1 das freie 7 freundlich au ddort eine Ar den Auftrag zu dem Herzen lag die Begebenhe it, Aufmerkſamkeit der aber dies läßt ſich daß der Saal, auf der entgegenge t derle en, 1 orin 9 „ vergeſſenen Weſterlind erinnerten ihn daran, daß ein ſchnel ler Entſchluß vonnöthen ſey; befümmerte e Mann einige Minnten lang ſeine ganze Denf⸗ kraft angeſtrengt hatte, ger rieth er auf den Ginfall, den Bedienten bis auf Weitere führen. beſetzt, Pf farrers zu wenden, rin, wie der zu ſorgen, der mit dief 1 Anordnungen höchſt unzuft ieden war, verwees ſu — Es mag unglaublich ſcheinen, die wir ſo eben geſchildert haben, wachſamen Pfarreri n entgehen konnte; zeichi Alinon wenn man ſich erinnert, e und ihre Umgebung reſidirte, t e4te 4 Seite von dem Pfarrers lag, und daß überdies ſogar das s nach dem Schlüſſel zu dieſem danken, die ſich alle um einen Art, wie er 1 ſeinem Weibe Giniges Ränſpern von dem und endlich, nachdem der in die ſo ſoge enannte Handwerks⸗ Dieſe war geheizt und der im Begriffe war, was bei Frau Svallenins, ganz Rock bloß bei w de wuürde neue 8 zett, gleichſam ihn ad chen, und kehrte zurück, um der ihm ſo ſchwer wie Blei au 8 daß der 7 des von 1 Zimmer Bellen großen Feierlichteiten und höchſt wichtigen Gelegenheiten bervorgehvit Zu dieſer ruhigen Freiſtätte f ihrt der Probſt al ſo Weſterlind und die Jagdhunde, dlle vier hungkt wie Wölfe; was aber die Verpflegung betraf⸗ ſo konnte der Pfarrer u mit dem beſten Willen keine An⸗ ſtalt dazu mache fen, ehe die wichtige Berathung mit ſeinem Weibe vorangegangen war. Er war froh, ſeine Gäſte für den Anfang glücklich unter Dach gebracht zu haben; und nachdem er es dem Schneider überlaſſen hatte, für 1 67 1 einem halben Schock Hunde ſchwerlich das Geſurre der nie ruhenden Spinnräder übertönt hätte. 4 Mitten im Zimmer ſaß vor einem altväteriſchen 8, Kamine, deſſen von Reiſigbündeln unterhaltene Flamme - die Arbeitenden beleuchtete, die Frau Probſtin Anna Stina 2 1 Svallenius auf einem plumpen Schemel, und kartätſchte 1 5. Wolle. In ihrer Linken ſaße en die Vieh⸗, Brennhaus⸗ und Küch enmagde⸗ und zur Rechten die Hausmamſell, die 4 Kam merjungfer u nd das Kindsmädchen, jedes einen Spinn⸗ 3 rocken vor ſich, deſſen Rad ſie mit unverdroſſenem Eifer 3 herumdrehten.. Hart am Kamine knieten zwei weißhaa⸗ r, rige Knaben in grauen Röcken, und ware en damit be⸗ e1 ſ ſdäfti igt, aus Pihtenftlen Sterne zu machen, und an 4 13. s allmählig erlöſchende Feuer friſches Reiſig zu legen. 4„Hörſt Du denn zuchie, Dora,“ kreiſchte auf einmal an der Diskant der Pfarrerin, und zwar ſo gellend, daß das r ganze weibliche Perſonal vor Entſetzen von den Stühlen A. aufſprang, und den Faden abriß. Die Küchenmagd, der 14 dieſer Ausruf galt, ſchob haſtig den Spinnrocken von ſich, 1⸗ hättelie die Blan uſchäben von der Schürze„ und ſtand 4. gaffend d vor der gefürchteten Hausfrau.—„Nun, ſo ſieh⸗ te doch, Du dummes Stück Holz, wie viel Uhr wir haben, 4; und ob es ſchon Zeit iſt, den Brei zuzuſetzen.“ ur„Es. iſt noch drei Minuten bis ſieben Uhr,“ ant⸗ 34 wortete Dore, als ſie be Beſehl vollzogen hatte. )„Nimm alſo Deine Arbeit wieder auf, bis die drei d., Minuten verſtrichen ſind. Die Zeit iſt koſtbar; man darf 6 ſte nicht u nndihigerweiſe wegwerfen. Du haſt faule Ruhe n genug, wenn Du uber dem Gritzbrei hängſt.“ d5„Es iſt zu verdrießlich,“ fuhr Frau Svallenius fort, 15 und wandte ſich an di Hausmamſell,„daß das Schlag⸗ e; werk in Unordnung gerathen iſt. Dieſes Nachſe hen nimmt ri, entſetzlich viel Zeit weg, und man könnte das ſo leicht te, vermeiden, wenn die Uhr wieder ſchlüge. Ich habe ge⸗ wiß mehr als bundertmet zu Svall lenius geſag t, er ſolle einen Uhrmacher herſchaffen, um das Werk zu putzen, damit es wieder ſchlagen kann; aber Gott weiß es, ob 8 68 es ſich je der Mühe verlohnte, ein vernünftiges Wort an den Mann zu verlieren. Ich habe mich jetzt ſieben Jahre lang über all' die Dinge, die hier gethan werden ſollten, heißer geſprochen; doch er iſt und bleibt ein ungeſchlachter Holzblock.— Aber, Peter und Martin, ſchämt Ihr Euch nicht, Jungen! Werft Ihr alles Reiſig auf einmal in's Feuer? Muß ich aufſtehen, wie?“ Zitternd vor Schreck über die b Mamma krochen die kleinen, unter Doras und der Andere unter des Kindsmädchens Stuhl; denn ſo jung die zarten Sproßlinge auch waren, ſo hatten ſie doch reiche Erfahrungen in Betreff der ernſt⸗ haften Art, wie die Mamma die Ruthe zu handhaben wußte. Deßhalb flüchteten ſte ſich ſo ſchnell als möglich, in der Hoffnung, ſie würden über Jemand Anders ver⸗ geſſen werden, der die Aufmerkſamkeit jener auf’s Neue in Anſpruch nähme.— In dieſem Augenblicke. trat zu aller Verwunderung der Pfarrer in's Zimmer. arſche Stimme der zottigen Weſen, der Eine 12. Eine Scene aus dem ehelichen Leben. Was für ein Klang und Ton, Den ich nun tönen höre In unß rer Heimath? Die Erde bebt Und davon zittern Die Hallen Hymens? . Edda. Der Probſt hielt beide Hände vor die Ohren; denn das entſetzliche Geſurre von ſechs Spinnrädern machte immer den widrigſten Eindruck auf ſeine Gehörnerven. In einer ſolchen Stellung nahte Svallenius ſeinem Weibe, und ſagte:„Ich moͤchte gerne ein Paar Worte mit Dir ſprechen, meine liebe Alte.“ „Biſt Du von Ohrenſtechen geplagt, daß Du ſie zuhältſt, und was ſind das für Raritäten, die Du zu berichten haſt?“ fragte die Dame ſtreng. Aber der Pfar⸗ —— 69 rer, der ſchon im Geiſte das kommende Rauſchen des Sturmes zu hören meinte, deſſen Ausbruch er ſo ſehr fürchtete, war keineswegs geneigt, ſeine Mittheilung in Anweſenheit des Gefindes zu machen. Er wiederholte deßhalb ſehr freundlich den Wunſch, ſeine liebe Stine möchte ihm auf ſein Zimmer folgen, und that die Hände von den Ohren weg, ſo ſehr es ihn auch peinigte. „Ei Du mein Himmel, was ſind das für Geſchich⸗ ten; Du wirſt mir doch kein Geheimniß mitzutheilen haben! Ich muß dieſe Wolle hier nothwendig bis heute Abend kartätſcht haben, und habe alſo keine Zeit, Dich weder dahin noch dorthin zu begleiten. Willſt Du etwas von mir, ſo ſag' es heraus.“ Um ſich in der Geduld zu ſtärken, warf der, Pfarrer einen Blick im Zimmer umher nach den Kindern, und ſah, wie die kleinen, theuren Liebespfänder die Köpfe un⸗ ter den Stühlen hervorſtreckten.—„Spielt ihr Verſteckens, meine Kleinen?“ fragte er freundlich. „Ich will ſie Verſteckens ſpielen lehren, ich, das ſollſt Du ſehen!“ ſchrie die Pfarrerin zornig.„Ja, man ſoll ſehen, wo die böſen Buben in's Loch kriechen müſſen; denn ſie haben alles Reiſtg zerſtört. Ich denke, wir wer⸗ den bald das Vergnügen haben, im Dunkeln arbeiten zu dürfen; denn ich weiß kein Beiſpiel, daß Du je daran gedacht hätteſt, Reiſig oder Brennholz heimführen zu laſſen, oder einmal den Knechten, dieſen faulen Schlingeln, zu befehlen, daß ſie ein Stück dürres Holz ſpalten ſollten, ſondern für Alles, vom Größten bis zum Kleinſten, muß ich armes Weib Sorge tragen.“ DOhne ein Wort auf dieſen Erguß zu antworten, ging der Pfarrer hin, zog ſeine kleinen Lieblinge hervor und gab jedem einen Apfel, den er aus der Rocktaſche zog, worauf er ſich zu ſeinem Weibe wandte und ſagte:„Stine, es preſſirt; ich verſichere Dich, die Sache iſt von Wichtigkeit.“ Wenn jetzt nicht die Neugierde der Frau Svallenius 4 mit ihrem Eigenſinn in Streit gerathen wäre, ſo wäre ſie weder ihrem Manne gefolgt, noch hätte ſie die Sache . 70 mit dem Vorziehen der Kinder aber für diesmal gab ſie der G ſchweigend ihrem Eheherrn. „Nun,“ ſagte ſie, als der Pfarrer vorſichtig die Thüre geſchloſſen hatte,„was find das für Feierlichkei⸗ ten? Wozu dieſe Vorſicht? Haſt Du einen Trauerbrief oder etwas Aehnliches erhalten, ſo ſing' es heraus; aber was ſollen die Felleiſen, die ich hier ſehe?“ „Es iſt nichts mehr und nichts weniger,“ entgeg⸗ nete Svallenius, der beſchloſſen hatte, das Eis auf ein⸗ mal zu ſprengen,„als daß ein gewiſſer Rittmeiſter Ster⸗ ner, der fünf Jahre lang mein Diseipel war„ und mir dann ein theurer und ſchätzbarer Freund wurde, ein Mann, den ich um ſeiner außerordentlichen Redlichkeit willen hoch achte, daß dieſer Freund ſich entſchloſſen hat“— der Pfarrer ſtrauchelte hier mit de „Nun, zu was hat er ſich denn entſchloſſen, oder vielmehr, was geht ſein Entſchluß mich an?“ unterbrach ihn die Pfarrerin erzürnt. „Sehr viel, meine Alte, meine liebe Anna Stina; denn der Ehrenmann iſt geſonnen, mir die Freundſchaft zu erweiſen, in unſerm Hauſe acht oder zehn Tage als Gaſt ſich aufzuhalten, und hat deshalb bereits ſeinen Bedienten und drei Stück Jagdhunde zum Voraus hieher geſchickt.“ „Was ſind das für Streiche, was muß ich hören?“ rief die erſchrockene Probſtin, und ſtemmte beide Hände in die Seite.„Ungeladen hier acht oder zehn Tage als Gaſt ſeyn! Bedienten und Hunde vorausſchicken! Haſt Du das Reſtchen Verſtand vollends verloren, das unſer Herr Dir gnädiglich verliehen hat? Einen Bedienten! Vortrefflich! Drei Stück Jagdhunde! Gehorſame Die⸗ nerin, eine ſchöne Geſellſchaft! Nein, Svallenius! nie hätte ich Dich für einen ſo vollendeten Dummkopf ge⸗ halten; aber wenn Du thöricht genug biſt, um Dir ein⸗ zubilden, daß ich in Alles das eingehe, ſo betrügſt Du ſo leicht ablaufen laſſen; Dich, das ſage ich Dir.“ 1 „Aber, liebe Stina,“ fiug der Pfarrer wieder ganz 8 rbfünde nach, und folgte r Stimme und huſtete mehrere Male. 7 4 demüthig an,„wie magſt Du ſo ungereimte Aeußerun⸗ gen thun? Ich bin es ja nicht, der nach dem Einen oder dem Andern geſchickt hat.“ „Ganz gleich, Du haſt ſie auf alle Fälle aufgenom⸗ men, deshalb erlaube mir, Dir noch einmal zu ſagen, daß Du der kompleteſte Dummkopf biſt und in Ewigkeit „ leibſt, der je einen Kirchenrock getragen hat; aber ich will Dir zeigen, ich, daß ich das Pack aus dem Haus bringen kann. Du haſt wahrſcheinlich den Junker in die Handwerksſtube hinunter geſchickt, das kann ich mir denken.“ Und mit dieſen Worten ſchritt d der Thüre zu, mit dem frommen Vorſatze, die ungebe⸗ tenen Gäſte ihres Weges gehen zu heißen; aber der Pfar⸗ rer, dem es daran gelegen war, ſeinen und ſeines Weibes Ruf vor dem fremden Bedienten zu retten, nahm ſie beim Aem, und, und— hier iſt die Verfaſſerin in der That um einen zugleich wahren und ſchicklichen Ausdruck in Verlegenheit; denn Niemand wird in Zweifel ziehen, daß, inſofern es Svallenius Abſicht war, ſein Weib von der Thüre weg zu bekommen, es keineswegs mit ihrem Charakter übereinſtimmend war, dies gutwillig zu thun, ſobald ſie einmal entſchloſſen war, hinaus zu gehen. H 1 Was konnte alſo unſer ehrlicher Pfarrer thun, um ſei⸗ nen Zweck zu erreichen, nachdem er ſein Weib beim Arme genommen hatte? Konnte er ſte nicht davon weg ſchleudern, ſtoßen, ziehen, ſchleppen? Pfui, das paßt nicht! Je nun, er— er— kurz, er half ihr davon weg. Durch das Ziehen am Arm brachte er es dahin, daß ihre Perſon ſich von der Thüre in die Mitte des Zimmers verſetzt ſah. Das ging ja an, das konnte ihm Niemand verdenken. „O. Du grauſamer, Du abſcheulicher Mann, miß⸗ handelſt Du Deine Frau, Dein geſetzliches Eheweib, weil ſie ihre Rechte verwahren will?“ heulte Frau Svallenius. „Aber es ſoll Dir nichts helfen! Anna Stina Traſſelin, die um ihrer Sünden willen den Namen Svallenius tra⸗ die erbitterte Probſtin⸗ 7² gen muß, iſt nicht die, die von ihren Rechten abſteht, und wenn Du ſie auch in die Naſe kneipſt. Ich werde nie darauf eingehen, Deine entlaufenen Schuljungen und ihre Hunde in mein Haus aufzunehmen; darnach kannſt Du Dich richten!“—„Höre, Stine, ſey doch geſcheid! Wenn ich Dich etwas hart am Arme nahm, ſo war das Dein eigener Fehler, weil Du Widerſtand leiſteteſt; aber ſetze meine Geduld nicht über menſchliches Vermögen auf die Probe, und nehme einmal Vernunft an.“ „In Ewigkeit nie!“ rief Pantippe. „Darin haſt Du endlich Recht,“ ſagte der Pfarrer: „aber jetzt ſage ich Dir, daß ich Gehorſam haben will! Mache deßhalb keine weitern Einwendungen, ſondern füge Dich nach den Umſtänden; ſonſt... ² er machte hier eine bedeutungsvolle Pauſe; die Zeit war nämlich da, wo die Fluth zu ſteigen anfing. Der Pfarrer fühlte, daß, wenn nicht etwas dazwiſchen kam, um ihr Fallen zu bewirken, ſie über ihre Ufer brauſen würde, was, wie wir ſchon erwähnt haben, dann zu geſchehen pflegte, wenn ſein Weib ihn über Gebühr gereizt hatte. Er verſuchte jedoch, ſich zu beherrſchen, da er ein⸗ ſah, von wie großer Wichtigkeit es war, beſonders bei der jetzigen Lage der Dinge, alle Extreme zu vermei⸗ den, und in dieſem kritiſchen Augenblicke lenkte ein glück⸗ licher Stern ſein Auge auf die wohlbepackten Mantel⸗ ſäcke des Rittmeiſters, die auf dem Boden lagen. Dieſe, wer hätte ſich wohl das denken ſollen, wurden die glücklichen Ableiter des herannahenden Gewitters, die Lichtpunkte, von wo aus die Strahlen des Friedens den dunklen Ehe⸗ himmel beleuchten ſollten.„Ueberdies liebe Alte,“ ſetzte der Pfarrer hinzu, der jetzt gewiß war, den Talisman gefunden zu haben, der ihm aus der Verlegenheit helfen mußte,„überdies möchte dieſe Unfreundlichkeit, da die Sache doch unter allen Umſtänden vor ſich gehen muß, Dir von geringem Nutzen ſeyn. Bedenke nur, daß der junge Mann von Amerika kommt, und die, welche von einer ſolchen Reiſe glücklich anlangen, pflegen ſelten mit 1 73 leeren Händen zu erſcheinen.“ Dabei deutete er mit dem 15 Fuß auf den Urſprung ſeines glücklichen Einfalls.„Sieh⸗ ind einmal dieſe an; ſie ſprechen für meine Meinung. Bei nſt der Kenntniß, die ich von dem Manne und ſeiner Den⸗ id; kungsart habe, bin ich gewiß, und vollkommen über⸗ d6 zeugt, daß er unſere Gaſtfreundſchaft nicht auf dieſe Art zer in Anſpruch genommen hätte, wenn er nicht beabſichtigte, . die Beſchwerlichkeiten der Wirthin durch ein koſtbares wf Geſchenk zu vergüten.“ 3 Dies war eine Saite, die ohne Furcht vor ſchneiden⸗ ſden Mißlauten angeſchlagen werden konnte; denn mit der Ki. Eijenſchaft des Geizes vereinigte die Pfarrerin eine außer⸗ 1 ordentliche Schwachheit für Putz, und nichts konnte bei ihr g ddeer entzückenden Luſt gleichkommen, die übrigen Frauen an ter Kleiderpracht zu übertreffen. Mit Wonne bedachte ſie, daß a, das Geſchenk etwas ſeyn konnte, was weder die Frau des te, Steuereinnehmers noch die des Gerichtsſchreibers, und viel⸗ en leicht ſelbſt die Kronvogtin nie geſehen und noch weniger je le beſeſſen hätte. Sie ſah ſchon im Geiſte ihren Triumph bei e, den Hochzeiten, Kindtaufen und Begräbniſſen, wo ſie zu⸗ ſammentreffen würden, wie ſich Alle um ſie, und nur um ⸗ ſie ſammeln und mit Erſtaunen ſehen, erkennen, bewun⸗ ei dern und beneiden würden. In Folge dieſes Gedanken⸗ 4 gangs klärte ſich ihr Antlitz allmählig auf, wie die Mor⸗ ⸗ genröthe zu einem ſchönen, friedlichen Maientag. Es ſchien iüir ſehr wahrſcheinlich, daß ihr Mann dies eine Mal in 2, ſeinem Leben Recht haben konnte. Sie wurde plötzlich ganz a fügſam.„Ja, ja, mein Svallenius, Du biſt doch nicht ſo dumm. Du entwickelſt in Deinen Schlußſätzen eine Art Maenſchenkenntniß. Du kennſt den Charakter des Mannes, 8 und da er Dein beſter Freund iſt, ſo wäre es unrecht von n mir, ihn nicht wohl aufzunehmen. Wann trifft er ein, n Alter?“—„Den dreiundzwanzigſten dieſes Monats, mein e Schatz.“—„Ei du lieber Himmel, das iſt ja ſchon über⸗ morgen, mein Svalleniuschen.“—„Ja, mein Engel; aber indeſſen wartet ſein Bedienter, ein hübſcher Junge, Der Stellvertreter. 6. 1 74 unnd ſeine vierfüßigen Reiſegefährten, um etwas zum Beſten zu bekommen.“—„Nun ja, ſie ſollen nicht vergeblich warten. Dieſer ganze Lärm, mein Lieber, hätte vermieden werden können, wenn Du nicht Alles verkehrt anfingeſt, was Du vorzubringen haſt. Hätteſt Du mit dem begonnen, wo⸗ mit Du endigteſt, ſo würde ich kein Wort geſagt haben.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Frau Svallenius, ohne nach ihrer Gewohnheit die Thüre zuzuſchlagen; und innig vergnügt die Hände reibend, wandelte der Pfarrer in ſeinem Zimmer auf und ab, und ſagte lächelnd:„Nach dem Donner kommt der Regen, ſagte der ſelige Sokrates.“ Weſterlind, der keine Kenntniß von der Weisheit des Sokrates hatte, und nicht ahnte, welcher gute Genius über die Befriedigung ſeiner körperlichen Bedürfniſſe gewacht hatte, ſprach an der Stelle des Tiſchgebets, als er ſich eine Weile nachher in Bereitſchaft ſetzte, eine Schüſſel rauchender Kar⸗ toffeln, und einen wohl geräucherten Schinken anzufallen 8 „Nach dem Regen läßt unſer Herr die Sonne ſcheinen.“ W 13. Vollkommene Umgeſtaltung. Ein Mann da draußen Steigt ab vom Roß. Heiß' in den Saal rbeitin an ittenn Mienh 1 1 8 4—. * Edda. Am dreiundzwanzigſten Februar gegen die Mittags⸗ ſtunde ſah man den ziemlich großen Saal in Wallaryd aus einem Spinnhaus in ein nettes und angenehmes Speiſe⸗ zimmer verwandelt. Unläugbar war die Probſtin Svalle⸗ nius eine geſchickte und flinke Hausmutter, die Kajsa Warg*) an ihren fünf Fingern herunter beten und ihren Stachelbeerwein ſo gut wie Frau Primroſe löblichen An⸗ gedenkens brauen konnte. Niemand, der einige Tage vor⸗ *) Ohne Zweifel die Verfaſſerin eines vauiff —— ₰☛◻———————————— eeͤ—— SeS ——— ——— 7⁵ her das Innere des Pfarrhofes geſehen hatte, konnte jetzt glauben, daß er ſich noch auf derſelben Stelle befand. Der Tiſch war mit der äußerſten Sorgfalt geordnet, das Tiſch⸗ zeug blendend weiß, und die Speiſen vortrefflich zubereitet; denn mußte die Pfarrerin ſich einmal Beſchwerlichkeiten machen, ſo wollte ſie auch in Betreff ihrer Anordnungen ausgezeichnet daſtehen. Und dann ihr Bier! In allen fünf Kirchſpielen der Probſtei war Niemand, der ein Aehnliches brauen konnte. Der köſtliche Trank ſtand klar und ſchäu⸗ mend in einer großen zinnernen Kanne, die vom einen Ende der Tafel wie Silber herüberglänzte. Die Pfarrerin ſelbſt war in ihrer Toilette feſtlich herausgeputzt, und die Kinder zeigten ſich ſauber und rein.— Jetzt fehlte nichts mehr als der Gaſt; dieſer ließ jedoch auch nicht lange auf ſich warten. Beim erſten Geräuſch der klingenden Schellen begab ſich der Pfarrer ſchleunig in den Hof hinab, ja noch weit über das Thor hinaus. Die Pfarrerin trippelte hinten nach, mit einem Ausſehen, das ſehr verſchieden von dem war, was ſie bei der erſten Nachricht von Sterners An⸗ kunft angenommen hatte. Der Augenblick, als dieſer aus dem Schlitten ſprang und ſeinen alten Freund und Lehrer an ſein Herz drückte, war für ſie Beide eine ſo große und wahre Feier, daß ſie die Pfarrerin ganz vergaßen, die rück⸗ wärts im Schnee ſtand, und vorſichtig das braune Glanz⸗ kleid aufhob, damit es nicht ſchmutzig werden ſollte, und wartete, daß 1 auch ſie begrüßen ſollte. Der alte Sval⸗ lenius vergaß Aer dieſem glückſeligen Augenblick alle Mühe und Unruhe, die er ausgeſtanden hatte. Endlich kamen beide zu ſich; der Pfarrer ſtellte ſeine Frau vor, und der Rittmeiſter bot ſeiner Wirthin mit der feinſten Höflichkeit den Arm an, indem er verſicherte, daß ihm nichts angenehmer ſeyn könne, als ſich perſönlich von dem Glück überzeugen zu dürfen, das ſein alter Freund unfehlbar als Gatte und Vater genießen müſſe, da er eine ſo glückliche Wahl getroffen habe.— Frau Svallenius, welcher dieſe ihr ſo neue und angenehme Sprache außer⸗ 6 ——— 76 ordentlich wohl that, lächelte ganz verbindlich, und ſprach die Hoffnung aus, der Herr Rittmeiſter würde gütigſt ent⸗ ſchuldigen, daß es ihr nicht ſo, wie ſie gewünſcht hätte, möglich geweſen ſey, für einen ſo geehrten und willkommenen Gaſt paſſende Vorkehrungen zu treffen;„allein es iſt uns eine wahre Freude, den Herrn Rittmeiſter in der Geſtalt, in der ſich nun einmal unſer dürftiges Haus beftndet, will⸗ kommen zu heißen.“—„Meine gnädigſte Frau Probſtin, Sie ſetzen mich wirklich in Verlegenheit mit Ihrer ausge⸗ ſuchten Artigkeit. Ich ſollte mitten im Schnee einen Kniefall thun, um wegen der Dreiſtigkeit um Ve zeihung zu bitten, mit der ich als ein Unbekannter ganz Apropos Ihre Gaſt⸗ freundſchaft in Anſpruch nehme.“ „Ach, lieber Herr Rittn ſo,“ erwiederte die Pfarre wie er war, in ſeinen Rei wo die kleinen Pflänzchen 1 rin, und führte ihren Gaſt, ſekleidern nach dem Speiſeſaal, an der Thüre aufgeſtellt waren, und der Vorſchrift gemäß mit ihren Sonntagsſtiefelchen eine Art Kompliment vor⸗ dem Fremden hinſcharrten. „Ah, Bruder Svallenius, da haſt Du ja eine recht angenehme Zerſtreuung, wenn Du vom Grübeln über Deinen Scharteken ermattet biſt. Hübſche, muntre Jungen,“ ſagte der Rittmeiſter, indem er den kleinſten auf den Arm nahm und beide küßte, nachdem vorher die Mamma ihnen mit dem Schurzzipfel den Mund gehörig abgewiſcht hatte. 9, 1 Hierauf legte der Rittmeiſter den elz ab, nahm die Suppe mit großem Appetit ein, rühmte den ausge⸗ zeichnet guten Branntwein, den Frau Svallenius ſelbſt deſtillirt hatte, pries den leckern Käſe als den erſten ſei⸗ ner Art, und ſtellte ſich ſo wohl an, daß die Pfarrerin, ehe man noch zum Kalbsbraten gekommen war, ſich ſchon vollkommen überzeugt hatte, daß es in der ganzen Chri⸗ ſtenheit keinen angenehmeren, verſtändigeren und lebhaf⸗ teren Mann gebe, als den Rittmeiſter Sterner. Sobald abgeſpeist und der Kaffee aufgetragen war, begab ſich Sterner mit dem Pfarrer auf ſein Zimmer. „In Gottes Namen, mein lieber Alexander,“ ſagte 4 1 3—, 7„ neiſter, ſprechen Sie nicht — ᷣ— 77 7 Svallenius, und umarmte ſeinen Gaſt noch einmal,„ſo ⸗ dürfen wir alſo wieder einmal eine Stunde zuſammen⸗ ch plaudern. Laß ſehen, wann war es doch, als wir das ſſt. letzte Mal beiſammen waren? Wenn mich mein Ge⸗ e dächtniß nicht trügt, war es im Winter 1829. Du M. reisteſt damals von Stockholm ab, und ich von Blekinge 5 hieher nach Wallaryd, um inſtallirt zu werden. Wir 1, waren einige Tage lang in W=— bei einander. Es iſt 1 jetzt ſieben Jahre her. Ich bin ſeitdem auf demſelben Flleck geblieben, wie die Schnecke in ihrer Schale; Du 7 5 dagegen biſt im In⸗ und Ausland umhergeſchwärmt. Dein Aeußeres iſt auch feſter, männlicher geworden; es 1 hat bedeutend gewonnen, und mit inniger Freude ſehe ich Dich, den ich immer, ſchon als jung liebte, jetzt in der Blüthe Deines Mannesalters mit demſelben offenen, freien Blick vor mir ſtehen, der Dir ſchon frühzeitig eigen war und ſchon damals Dein Inneres getreu zurückſpiegelte.“ „Möochte dieſer Blick, den Sie jetzt wiederfinden, mein edler Freund, Ihnen auch ſagen, daß ich daſſelbe Herz, denſelben Charakter heimgebracht habe, den ich Beſaß, als ich unter Ihrer väterlichen Leitung ſtand!“ „Davon bin ich vollkommen überzeugt; aber das . war eine verdrießliche Geſchichte, über die Du mir von Stockholm aus ſchriebſt, und welche die Bahn ſo ſchnell — beendigte, die Du mit ſo viel Hoffnung auf Erfolg be⸗ gonnen hatteſt, und gewiſſermaßen zwang Dich— doch, ich ſehe, daß dieſe Erinnerung Dir peinlich iſt. Laß uns von Deinen ſpäteren Erlebniſſen ſprechen,.,.. „Mit Ihnen, mein braver Freund, kann ich gewiß über jede Epoche meines Lebens ſprechen, und wenn ich bei der Erinnerung an die Begebenheit, die Sie erwähn⸗ ten, finſter ſcheine, ſo geſchieht es nicht deßhalb, weil ich mich über meine Handlungsweiſe bei dieſer Gelegenheitzu ſchämen hätte; denn⸗ſo wahr ich meine Ehre und mein Gewiſ⸗ ſen mehrliebe, als mein Leben, ſo wahr iſt es auch, daß ich weder in einer noch der andern Hinſicht Veranlaſſung zu dem Vorfalle gab, der zur Folge hatte, daß ich meinen Ab⸗ A xꝛ— 7 — . 78 ſchied nahm. Das rohe Benehmen meines früheren Freundes hätte ich gerne der Vergeſſenheit anheim ge⸗ geben; denn noch in dieſer Stunde bin ich überzeugt, daß meine Grundſätze und meine Denkungsart ihm zu wohl bekannt waren, als daß er ernſtlich mich im Verdacht wegen der abſcheulichen Handlung haben konnte, die er in einem Augenblicke der Hitze und Uebereilung mir öffentlich in einer Geſellſchaft zur Laſt legte. Seine Herausforderung konnte ich nicht annehmen; Sie kennen meine Grundſätze, was das Duell betrifft; nie werde ich den falſchen Anſichten huldigen, die es für eine Ehre halten, wenn man als Probe ſeiner Mannhaftigkeit die Geſetze der Geſellſchaft verachtet und verletzt; nie ſoll mit freiem Willen mein eigenes Blut, oder das Anderer durch mich vergoſſen werden, es ſey denn für das Vater⸗ land, und wenn ich auch deßhalb vor dem Richterſtuhl der Meinung, wo die geſetzloſe Eigenmächtigkeit das Wort führt, verdammt werden ſollte. Die bloße Berührung dieſes Ereigniſſes wirkt uͤbrigens immer unangenehm auf mein Gemuth. Es erinnert mich an die liebenswürdige, junge Dame, welche die unſchuldige⸗Urſache meines Ab⸗ ſchiedes war. Sie hat, wie ich nachher hörte, ausge⸗ litten. Dieſe ſchöne Blume, deren Reinheit nicht einmal von dem giftigen Dunſte befleckt werden konnte, den ihr natürlicher Beſchützer mit ſolchem Leichtſinn über ſie goß, iſt jetzt, Gott ſey Dank in einen herrlicheren Boden verſetzt.“ Sterner war ſichtlich gerührt, als er ſeine ein⸗ fache Erklärung geſchloſſen hatte. Nach einigen Minuten fuhr er fort:„Oftmals habe ich ſeit dieſer Zeit durch meine früheren Vorgeſetzten und Gönner das Anerbieten erhalten, wieder in Dienſt zu treten, entweder bei dem Regimente, bei welchem ich ehemals ſtand, oder bei einem andern; aber ich hatte einmal, ob nun mit oder ohne Grund, meinen Abſchied genommen, und Niemand ſoll ſagen“ daß Alexander Sterner durch den Einfluß Anderer oder durch Ueberredung das wieder angefangen hat, von was er ſich einmal nach ſeinem Rechtsgefühle losſagte.“„Gnt, vor⸗ — — —= u 8— N U* — ———— N—— s 79 trefflich, mein Herzensjunge; aber ſage mir doch, ich ver⸗ geſſe mich ganz,“ unterbrach er ſich ſelbſt,„hier ſtehen wir mitten im Zimmer und bedenken nicht, daß, wenn man ſeine Beweisgründe mit Erfolg vortragen will, dieß in ſitzender Lage geſchehen muß, und eigentlich mit der Pfeife im Mund und dem Glaſe in der Hand.“ Der Pfarrer ſchob Seſſel an den Tiſch, räumte die kleinen Berge von Papieren und Büchern hinweg, nahm dann aus dem obenerwähnten Wandſchranke eine Bou⸗ teille alten Rheinwein, den er dort, in Erwartung einer beſonders, feierlichen Begebenheit, ſeit der Taufe ſeines älteſten Sohnes verſteckt hatte, ferner ein Paar ge⸗ ſchliffene Kriſtallgläſer, ein Andenken aus ſeiner Hof⸗ meiſterzeit, und endlich ein uneröffnetes Paket ausgezeich⸗ net zfeinen Taback und zwei Meerſchaumpfeifen. Nach dieſen vortrefflichen Vorbereitungen ſetzten ſich die Herrn einander gegenüber an den Tiſch, und nachdem nun die Pfeifen gehörig geſtoppt und angezündet, die Gläſer ge⸗ füllt waren und man zu Ehren des Gaſtes und zu ſei⸗ nem Willkomm im Vaterlande angeſtoßen hatte, nahm der Pfarrer wieder das Wort:„Um wieder auf jene Sache zurückzukommen, mein junger Freund, haſt Du nicht viel⸗ leicht durch Deine Handlungsweiſe der alten eingewur⸗ zelten Macht der Vorurtheile ebenſoſehr gehuldigt und Dich ſklaviſch ihren Geſetzen unterworfen, wie die, welche möglicherweiſe Deine Ehre durch ein Ablehnen der For⸗ derung für befleckt anſehen konnten? Merke wohl, ich tadle und beſtreite die Richtigkeit Deiner zuletzt geäußer⸗ ten Anſicht, was den Wiedereintritt in den Dienſt be⸗ trifft, durchaus nicht, denn das Wort und die Handlungen eines Mannes duürfen nie der geringſten Zweideutigkeit unterworfen ſeyn; aber warum nahmſt Du denn den Abſchied? Deine Grundſätze verboten Dir, eine Heraus⸗ forderung anzunehmen, da die Duelle nur noch in Folge veralteter Vorurtheile fortleben; aber geboten Deine Grundſätze Dir auch, Dich der Folge Deiner Weigerung, nämlich dem Abſchiednehmen, zu unterwerfen? Iſt das / 8⁰ Eine nicht ebenſo ſehr eine Geburt der Vorurtheile, als das Andere? Du haſt die Wirkungen anerkannt; aber ihre Urſache und ihren Urſprung haſt Du verdammt, und darin liegt immer etwas Inkonſequentes. Wenn ich deßhalb über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit Deines Abſchiednehmens ein Ürtheil fällen ſoll, ſo bin ich der Meinung, daß die Vorurtheile ihren geheimen Einfluß ſowohl auf Deinen Entſchluß, als den mancher Andern gehabt haben. Nach Ueberzeugung zu handeln, iſt frei⸗ lich recht und gut; aber falſche Anſichten können die Ueberzeugung beſtechen, und dann iſt die Handlung nicht mehr das ſelbſtſtändige Eigenthum der Seele, ſondern nur ein Kind der Einbildung.“ „Warum ſetzteſt Du Dich nicht ebenſo gut über das eine Vorurtheil hinweg, als uͤber das andere? Wer zwang Dich, den Abſchied zu nehmen, und wer kann beweiſen, daß Deine Ehre befleckt war, wenn Du dieſes nicht ſelbſt thateſt? Verzeih' mir, Sterner; aber es ſcheint mir, als habeſt Du durch dieſen Schritt ein faſt ebenſo fal⸗ ſches Ehrgefühl gezeigt, als wenn Du die Ausforderung angenommen hätteſt, und überhaupt führteſt du Deinen männlichen Entſchluß nur zur Hälfte aus. „Aber auch von einem andern Geſtchtspunkte aus betrachtet, durfte ſich das Unrichtige und Uebereilte Deiner Handlungsweiſe zeigen. Du warſt in einen Stand der Ehre eingetreten, denn es iſt das Geſchäft dieſes Standes, das Vaterland zu vertheidigen. Dieſem warſt Du alſo Deine Dienſte, Deine Wirkſamkeit, Dein Leben ſchuldig, und dennoch beraubſt Du es eines hoffnungsvollen Mit⸗ gliedes, und zwar nur in Folge einer falſchen Anſicht, einer Kleinigkeit, einer des denkenden Mannes unwürdi⸗ gen Laune. Hatteſt Du ein Recht dazu? Baron von K— hatte Dich ja beleidigt, nicht das Vaterland; warum alſo das letztere das Verbrechen des erſtern entgelten laſſen? Aber das iſt noch nicht genug. Der Menſch hat auch Pflichten gegen ſich ſelbſt. Ein Mann, der kein Privatvermögen beſitzt, und der nicht ſo leicht eine andere 4 —=S=——,—.ͤ —— u 81 für ſeine Fähigkeiten paſſende Bahn finden kann, handelt dieſer recht und klug, wenn er ſeine zukünftige Beförde⸗ rung und ſein Auskommen wegwirft, wie ein eigenſinniger Knabe ein Spielzeug? Ein ſelbſtſtändiger Mann handelt nie ohne Beweggründe; aber Du hatteſt keine. Und wenn Du, was, wie ich gewiß weiß, nicht der Fall war, durch Dein Abſchiednehmen dem Baron von K— eine Widerwärtigkeit oder einen Schmerz zufügen wollteſt, ſo erreichteſt Du nicht einmal dieſe armſelige Befriedigung; denn wenn ich die Menſchen recht kenne, ſo lacht man gerne auf Unkoſten deſſen, der thöricht genng iſt, ſich ſelbſt ein Leiden zu bereiten, um dadurch einen Andern zu ſtrafen.“— Während dieſer väterlichen Rede des Pfarrers hatten ſich mehrere Falten zwiſchen Sterners Augbraunen gebildet. Als jener geendet hatte, erwie⸗ derte er mit ſichtlich zurückgehaltenem Aerger in der Stimme:„Mein alter Freund, es ſcheint mir meiner⸗ ſeits, daß Sie gegen Ihren früheren Schüler zu ſtreng ſind. Sowohl gegen Ihre Schlüſſe, als gegen die Vor⸗ derſätze wäre viel einzuwenden; doch möge es mir erlaubt ſeyn, Ihre Aufmerkſamkeit nur auf den einen Umſtand zu lenken, daß es leicht iſt, in ſeinem einſamen Studir⸗ zimmer bei vollkommener Entfernung von allen menſch⸗ lichen Leidenſchaften zu begründen und zu beſtimmen, wie ich in dieſem oder jenem Falle in meinem Leben ge⸗ dacht oder gehandelt haben ſollte. Wenn ich mir alle Umſtände bei einem Schiffbruche vorſtelle und ſelbſt be⸗ ſtimme, ſo iſt es nicht ſchwer, auf die ſicherſte Art aus⸗ findig zu machen, um mich zu retten; gerathen Sie aber ſelbſt einmal in die brauſenden Wirbel des Weltlebens, würden Sie dann wohl mit derſelben ruhigen Beſinnung und kalten Berechnung Ihre Gedanken und Handlungen 8 beſtimmen können? Dann beſäßen Sie eine beneidens⸗ werthe Weisheit. Indeſſen, wenn meine Anſichten und die damit verbundenen Handlungen unrichtig waren, was ja möglicherweiſe der Fall ſeyn kann, ſo iſt wenigſtens meine Neberzengung nicht von der Art, daß ſie ſich be⸗ 82 ſtechen ließe. Was ich geſtern für recht anſah, bleibt es auch heute, und morgen, und während meines ganzen Lebens. Wenn ich alſo auch keinen Heller beſäße, ſo würde ich mich lieber als Hofinecht verdingen, als wieder in meinen früheren Dienſt eintreten, wenigſtens bei Friedenszeiten.“—„Nun, mein lieber Junge, Du mußt Deinen alten Lehrer entſchuldigen, wenn er in die ge⸗ wöhnliche Schwäche des reiferen Alters gefallen iſt, der Jugend die Weisheitsvorräthe auftiſchen zu wollen, die man zum öfteſten innerhalb ſeiner vier Wände, anſtatt auf dem großen Feld des Weltlebens und der Erfahrung geſammelt hat. Ich hatte darin Unrecht, obwohl ich auf der Straße der Welt nicht ganz unbewandert bin; aber wenn Rath und Vorſtellungen ungebeten kommen, ſo find ſie immer beſchwerlich, deßhalb verzeihe mir, mein junger Freund. Dennoch kann ich nicht umhin, über Deinen Eifer zu lachen. Denke nur, welche Figur für einen Hofknecht! Ich meine Deine ſtolze Geſtalt, mit der Art in der Hand, über einen Holzſtamm gebeugt zu ſehen, und wie Du dann in der Küche mit Deinem „Haferbrod, Deiner ſauren Milch und Deinem Brei Dich erlabteſt. Ha, ha, ha! da würden ſich Deine ſtolzen Wogen brechen.“—„Ich glaube, daß ich nicht einmal unter ſolchen Umſtänden erliegen würde,“ fuhr der Rittmeiſter fort;„doch es gibt ein Sprüchwort, das ich demunge⸗ achtet nicht verachte:„Keiner rühme ſich ſeiner Stärke, ehe ſie erprobt iſt.“ Ich will und kann daher nicht dafür ſtehen, wie ſich meine Gedanken und Gefühle bei einem fortgeſetzten Kampf über die Befriedigung der materiel⸗ len Bedürfniſſe geſtalten würden.“—„Es iſt immerhin erfreulich zu hören,“ fiel der Pfarrer ein,„daß ein junger Mann ſeine Behauptungen nicht für unfehlbar anſieht. Das war in der ⸗That eine vernünftige Antwort, Ale⸗ xander, eine beſcheidene, demüthige Antwort, wie ſie ſich für einen Chriſten ziemt.“—„Gott bewahre mich davor,“ erwiederte Sterner lächelnd,„etwas Anderes zu denken oder zu thun, als was ſich für einen Chriſten nnnn—ͤͤͤͤͤͤͤͤͤſſſ 83 und vernünftigen Mann geziemt! Um meine Grundſätze beibehalten zu können, opferte ich Alles auf, was man nach menſchlichen Anſichten aufopfern kann, und ich mußte deßhalb auch Manches durchmachen, dem ich vielleicht ſonſt entgangen wäre; aber den ÜUnfall, Hofſchranze wer⸗ den zu müſſen, habe ich bis jetzt noch nicht verſucht, und wie ich hoffe, werde ich damit verſchont bleiben; denn, ſehen Sie,“— Sterner rückte hiebei ſeinen Stuhl näher zu dem Pfarrer hin— aber jetzt ſprachen die Herren ſo leiſe, daß die Pfarrerin, die während der ganzen vorher⸗ gehenden Unterredung in der Garderobe verborgen ge⸗ ſtanden hatte,— dieſe befand ſich nämlich zwiſchen ihres Mannes Zimmer und dem Schlafkabinete,— ungeachtet der geſpannteſten Aufmerkſamkeit nur noch zerriſſene Sätze auffaſſen konnte.—„Und kaum noch Geld zur Reiſe übrig, von dem kleinen Kapital, das der edle Linden mir hinterlaſſen hatte,—— hm, hm, viel Glück, ſonderbar, Gottes Finger— weiter.“ Was Sterner jetzt ſagte, das konnte die Pfarrerin unmöglich errathen; denn die Worte wurden faſt hervorgeflüſtert. Sie hörte nur ihren Mann ſagen:„Zu hohes Spiel, zu hohes Spiel, Alexander; es kann mißlingen!“—„Aha!“ ſagte die Pfarrerin,„ich konnte mir meiner Seel' einbilden, daß der junge Herr ein anderes Geſchäft hier haben würde, als das, einen alten Freund zu beſuchen. Er will den Alten zum Spiel 3 verleiten; aber wart', durch dieſen Plan will ich einen r Strich machen. Ich muß mir etwas drinnen zu thun ———————— — ——— — —— n machen; ich kann dann ein wenig warten, ſo merke ich zur Genüge, ob der Alte die Karten aus dem Wand⸗ n ſchrank hervorzieht.“— Die Pfarrerin hatte die Ge⸗ 24 wohnheit, auch dann, wenn ſie allein war, ihre Gedanken . in Worte zu kleiden und laut zu ſprechen. Dabei ver⸗ 5 gaß ſte, daß ſie ſich in, einer Verfaſſung befand, die* E Stillſchweigen erforderte. Sterner, der ſehr aufmerkſam war, hörte den nahen 3 3 Laut einer Stimme. Er ſtand auf und näherte ſich dem Thürchen, das zur Garderobe führte, und das mit einem — kleinen Glasfenſter verſehen war, welches ein Vorhang be⸗ deckte. Die Pfarrerin, die der Meinung war, es ſey ihr Mann, der zum Schrank gehe, um die Karten daraus zu holen, war durch das Lauſchen auf ſeine Bewegungen zu ſehr in Anſpruch genommen, hörte nicht, daß ſich Schritte der Thüre näherten, wo ſie ſich aufgeſtellt hatte. Sterner trat verwundert zurück, als er den genannten Vorhang bei Seite ſchob; denn er erblickte ein Paar Augen, die wie Glühwürmer leuchteten, darüber eine Weiberhaube, und den Reſt der Figur in einen großen, weiten, ſchwarzen Kir⸗ chenrock eingehüllt. Aus den dunklen Falten ſteckte eine rothe, knöcherne Hand hervor, die ein dünnes, gelbes Licht hielt, deſſen matter Schein das Gan ze in verworrenen geſpenſtiſchen Formen zeigte. Nur die Augen ſtarrten ihm klar entgegen. Dieſer Anblick erinnerte Sterner an⸗ die Eumeniden; doch ſchnell fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, daß es wohl ſeine liebenswürdige Wirthin ſeyn könnte. Er ſchob deßhalb ruhig die Gardine wieder vor, und fand für gut, nichts geſehen zu haben. Der Leſer hat erfahren, daß das Geſpenſt wirklich unſere beſchei⸗ dene Pfarrerin war, die, um ſich gegen die Kälte zu ſchützen, die Amtstracht ihres Mannes umgethan und dicht bis unter die Augen gezogen hatte; aber der Pfarrer, der mit dem Rücken gegen die Thüre gekehrt ſaß, hatte nicht das Geringſte bemerkt, und fragte deßhalb freund⸗ lich, ob er etwas verlange; aber Sterner erwiederte, er habe nur die Anordnungen in ſeinem Zimmer beſehen.“ 14. Nicht nur Wein, auch Schmeichelei öffnet die Herzen. Eine Maus war einmal in einen Kleiderſchrank gerathen. Aeſopus. Am Abend, als der Rittmeiſter mit ſeinem Bedien⸗ ten allein war, ſagte der Erſtere:„Nun, Weſterlind, wie behagt es Dir hier?“„Ja, jetzt iſt es recht, Herr . Ri und ſeit Du Sc ſter wer wü We wie auf 3 um abz kan Die als das heit daß in eine mit von lind er die Me —— ſeiner Frau ſcheint es auf Schrauben zu ſtehen.“ „Hand vor'’n Mund!“ ſagte Sterner barſch;„ſchraube Du nur an meinen Stiefeln, und laſſe alle andern Schrauben, die Dich nichts augehen, in Frieden.“ „Wie der Herr Rittmeiſter befehlen,“ verſetzte We⸗ ſterlind demüthig.„Ich kann ſehr wohl ſchweigen, auch wenn ich gewiß wüßte, daß der Herr es mir danken würde, wenn ich ſpräche,“ ſetzte er lebhaft hinzu; denn Weſterlind erinnerte ſich ſtets des Spruches:„ſeyd klug wie die Schlangen, und ohne Falſch wie die Tauben.“ „Was ſchwatzeſt Du da? Ich ſehe, daß Du etwas auf dem Herzen haſt. Sag' an, aber faſſe Dich kurz.“ „Mit des Herrn Rittmeiſters Erlaubniß, es iſt mir uunmoöglich, meinen Rapport nur mit ein Paar Worten abzulegen.“„So beſchränke Dich wenigſtens, ſo viel Du kannſt, wenn ich es nothwendig anhören muß; aber nehme Dich in Acht, das Haus nicht herabzuſetzen, in dem ich als Gaſt bin; denn ich ſage Dir im Voraus, daß ich das nicht dulde.“„Ich werde nur die reine, offene Wahr⸗ heit ſprechen,“ begann Weſterlind,„und die beſteht darin, daß, als ich vorgeſtern Abend anlangte, der Pfarrer mich in einer andern Wohnung verſtecken mußte, und zwar in einem Loche, das hier die Handwerksſtube heißt, bis er mit ſeiner Frau geredet hatte, die in der That ein Stück von einem—“ ein ſtrenger Blick des Herrn hielt Weſter⸗ lind im Zaume.—„Der Pfarrer, der arme Herr,“ fuhr er nachher fort,„bekam hierauf genug zu ſchaffen; denn die Pfarrerin wurde ganz wüthend, und wollte mit aller Macht mich und die Jagdhunde fortjagen. Vergebens wendete er alle Gründe der Vernunft an, um die ver⸗ damm— um die Frau Pfarrerin, wollt' ich ſagen, zu vermögen, uns freundlich aufzunehmen; aber es war, wie wenn er Waſſer auf Gänſe— nein, auf die Frau Pfarrerin geſchüttet hätte— oder, richtiger, er predigte tauben Ohren. Endlich fand er jedoch das Rad, um den Rittmeiſter; aber als ich hier ankam, da ſah es um mich und die Hunde betrübt aus. Zwiſchen dem Pfarrer und Eintritt in meinen Dienſt, daß ich 86 Karren— um die Frau Pfarrerin auf andere Gedanken zu bringen. Er ſagte nämlich, es ſey nicht wohl anzu⸗ nehmen, daß der Herr Rittmeiſter ſo viel Beſchwerlich⸗ keiten in's Haus machen würde, wenn er nicht die Ab⸗ ſicht hätte, der Frau ein namhaftes Präſent zu machen. Der Nagel zog, ſagte der Schreiner, als er ihn in die Taſche ſteckte. Sie ward fromm und fügſam wie ein Lamm; denn ſie ändert ihre Laune ſo ſchnell, wie ein Anderer ein Blatt in einem Buche wendet. Man ſchickte ſogleich nach mir; ich bekam ein nettes kleines Zimmer und Speiſe und Trank im Ueberfluß, wurde jedoch auch mit einem Verhöre beehrt, das die Umſtände meines Herrn, den Zweck ſeiner Reiſe u. ſ. w. betraf. Aber da ich erſt ſo kurze Zeit im Dienſte des Herrn Rittmeiſters bin, und überdieß den Abſcheu des Herrn Rittmeiſters vor Schwätzereien kenne, ſo konnte ich natürlicherweiſe ihre Neugierde nicht befriedigen. Alle Vorfälle, die ich ſo eben zu berichten die Ehre hatte, ſind reine, lautere Wahrheit, und ich habe es für meine Schuldigkeit ge⸗ halten, den Herrn Rittmeiſter davon zu benachrichtigen; denn wenn die Hoffnung der Pfarrerin nicht bald in Er⸗ füllung geht, ſo fürchte ich, wird der guthmüthige Pfarrer die Zeche bezahlen müſſen, wenn der Herr Rittmeiſter abgereist ſind.“„Gut, Weſterlind! Ich ſagte Dir beim Schwätzereien haſſe, aber dießmal war der Zweck gut und beinahe lobenswerth. Ich werde demgemäß dafür ſorgen, daß die gute Laune der Pfarrerin fortdauert, wenn ich auch abgereist bin. Nun kannſt Du gehen.“ Der Grund, warum Weſterlind eine ſo zärtliche Sorge um das Wohl des Pfarrers kund gab, war folgender. Während Sterner ſich mit ſeinem Wirthe im Zimmer deſſelben unterhielt, und die Pfar⸗ rerin im Verſteckwinkel des Alten das that, was ſie für nothwendig erachtete, hatte Weſterlind, der das Leben in 2 dem kleinen Zimmer und in Geſellſchaft ſeiner Hunde für etwas einförmig hielt, und bemerkt hatte, daß es mehr Frauenzimmer im Hauſe gebe, als die Pfarrerin, 87 3 unken und ſolche, die ſeiner Perſon mehr Wichtigkeit beilegen inzu- würden, ſich in den Saal verfügt, wo die Kinder auf, lich⸗ ihre gewöhnliche Art am Kamine ſpielten, und das Kammer⸗ Ab⸗ mädchen Anna damit beſchäftigt war, Teller zu trocknen chen. und Servietten zuſammen zu legen. Mit jener anmu⸗ die thigen Leichtigkeit, wie ſie ſich für den feinen Bedienten ein eines feinen Garcon ziemt, begann er ihr zu helfen, ein und während deſſen allerhand zärtliche Sachen der hüb⸗ ickte ſchen Anna vorzuplaudern, die ſeine Huldigung mit jener imer eigenen argloſen Freundlichkeit, wie man ſie bei Landmäd⸗ auch chen ihres Standes antrifft, belohnte. Weſterlind hatte ines die Unterhaltung noch nicht lange fortgeſetzt, als er das da unbeſchränkte Vertrauen der kleinen Anna beſaß. Sie ſters erzählte ihm manche drollige Hiſtorien über ihre Brod⸗ ters bherrſchaft, bei welchen jedoch die Frau ſtets die Haupt⸗ eiſe rolle ſpielte. Unter Anderem erwähnte ſie, daß alle Mäd⸗ ich cchen des Kirchſpiels, die den Namen einer gewandten tere Hausfrau erwerben wollten, immer ein Jahr vor ihrer Verheirathung im Pfarrhofe dienten, wo ſie in dem wohl unterhaltenen Fegfeuer der Frau Pfarrerin die vollkom⸗ menſte Läuterung und Reinigung durchmachten. „Gott ſey mir darum gnädig,“ ſetzte Anna hinzu, „mein Jahr hat eben begonnen! Manchen aufgelaufenen Backen werde ich noch bekommen, bis es zu Ende iſt; denn ich muß Ihnen anvertrauen, Herr Weſterlind, daß, wenn die Pfarrerin etwas im Kopf hat, worauf ſie Glau⸗ une ben und Hoffnung ſetzt, und dieß ſchlägt fehl, ſo gnade din. Gott uns armen Mägden! Wir müſſen dann immer ind ihre Zornlaune büßen. Und obwohl wir, wenn ſolche— Ereigniſſe eintreten, Zahnweh vorſchützen, um den Kopf em mit Tüchern umhüllen zu können, ſo gibt dieß doch wenig ar⸗ Schutz gegen ihre knotigen und durch fleißige Uebung für unfehlbar gewordenen Fäuſte.“— In unmittelbarer Rei⸗ in henfolge auf dieſe Einleitung erzählte nun Anna dem de Herrn Weſterlind, daß ſie vor der Thüre geſtanden und es das ganze Geſpräch zwiſchen dem Pfarrer und ſeiner Frau mit angehört habe, und wie der Erſtere ſie eines 4 3 88 hübſchen Geſchenkes vom Rittmeiſter verſicherte.„Ach, Herr Weſterlind, wenn das fehlſchlägt, ſo kennt der Grimm der Pfarrerin keine Gränzen.“— Die kleine Anna war gerade im Begriff, Weſterlind mit Blicken und Worten zu ermahnen, daß er doch ſein Möoglichſtes zur Erfüllung der Prophezeihung thun möchte, als die Thüre des Schlaf⸗ kabinettes ſchnell aufgeriſſen wurde und die Pfarrerin bleich wie der Tod, den ſchwarzen Mantel des Pfarrers hinter ſich herſchleppend, mit wilder Haſt in das Zim⸗ mer hereingerannt kam; aber mit nicht geringerer Eil⸗ fertigkeit und mit einem entſetzlichen Geſchrei ſprangen Anna und beide Kinder der Küche zu, überzeugt, daß ſie eine von den fürchterlichen Spuckgeſtalten geſehen hatten, die bei ihren abendlichen Erzählungen aufzutreten pfleg⸗ ten. Weſterlind blieb, dem Sturme trotzend, zurück. „Bleibt, dummes Pack, ſeyd ihr toll? Wohin rennt ihr?“ ſchrie die Pfaͤrrerin mit Donnerſtimme..„Habt ihr denn Alle mit einander den Verſtand verloren, ich bin es ja!“— Bei den wohlbekannten Tönen wandte ſich Anna und die Kinder, vor Angſt zitternd, wieder um.—„Wir waren ſo entſetzlich erſchrocken, liebe Mama,“ ſagte der älteſte Knabe;„warum hat ſich denn Mama ſo ſeltſam angezogen?“— Jetzt erſt erinnerte ſich Frau Svallenius der ſonderbaren Tracht, die ſie trug, und um ihr Anſehen vor dem Geſinde und den Kindern zu retten, erwiederte ſie:„Nun, was iſt denn daran ſo Sonder⸗ bares? Das iſt ja Papas Mantel, den ich zum Flicken mitgenommen habe. Ich ward ein wenig von einer Ratte erſchreckt, und warf ihn deßhalb in der Eile um mich herum; das iſt Alles.“— Anna, die ihre guten Gründe hatte, um kein Wort davon zu glauben, und in die Myſterien der Garderobe nicht ganz uneingeweiht war, theilte Weſterlind, als ſie nachher in der Küche zuſam⸗ mentrafen, mit, daß der Mantel, der friſch aufgetrenntt war, jetzt unmöglich einer Ausbeſſerung bedürfen konnte, und daß ihre Frau wahrſcheinlich aus löblicher Wißbe⸗ gierde von dem Winkel aus das Geſpräch der Herren ᷣ Ach, mm war ten ung laf⸗ erin ters im⸗ Fil⸗ gen ſie en, eg⸗ unt —õ—õ 89 hatte mit anhören wollen; aber jetzt ſehe ſte voraus, daß es ganz toll zugehen würde, wenn die Herren ihr Vorhaben entdeckt hätten. Weſterlind, der mit Annas hübſchen Wangen ſehr viel Mitleiden hatte, trug deßhalb die Sache ſeinem „Herrn auf gehörige Art vor, war aber natürlicherweiſe klug genug, nur die Leiden des guten Pfarrers anzufüh⸗ ren. Sterner erwog in ſeinem mitleidigen Herzen die Verlegenheit ſeines alten Freundes und ſein ſchweres häusliches Verhältniß. Er war ſchon zum Voraus durch das Gerücht nicht ganz unbekannt damit, und hatte ſich vorgenommen, die Gunſt ſeiner Wirthin zu gewinnen, um dann als Freund vom Hauſe etwas auf ihren zank⸗ ſüchtigen und kitzlichen Charakter einwirken zu konnen; aber er ſah aus ihrer Aufführung am vorhergehenden Tage, wozu ihm Weſterlind den Schlüſſel gegeben hatte, daß ſie glatt und geſchmeidig ſeyn konnte, wie eine Schlange, wenn es ihr vortheilhaft dunkte. Nichtsdeſtoweniger wollte Sterner verſuchen, ſich in ihrer Gewogenheit zu befeſti⸗ gen, und zugleich ſich ihrer Achtung zu verſichern, um ſodann mit Erfolg eine Veränderung bewirken zu können. Hierauf fielen ſeine Gedanken auf den Eheſtand im Allgemeinen, welcher Gegenſtand ihn die ganze Nacht hindurch wach erhielt. Aber ohne gerade dem Leſer über die Richtung von Sterners Anſichten in dieſer Auge⸗ legenheit Rechenſchaft abzulegen, können wir verſichern, daß ſie nicht im geringſten mit denen unſeres guten Svallenius übereinſtimmten, als dieſer über denſelben wichtigen Stoff nachſann.. Den andern Morgen nahm Sterner unter den vielen Sachen, die ſeine Koffer enthielten, einen großen, ſchönen und ſehr koſtbaren Shawl hervor.„Du warſt freilich Sdazu beſtimmt,“ ſagte er,„ſchönere Formen zu bedecken, als die der Frau Pfarrerin Svallenius ſind; aber was iſt zu thun? Du mußt wandern, mein Freund; die Ruhe meines wackern Svallenius kann nicht zu theuer erkauft Der Stellvertreter. 7 96“ werden, wenn es auch nur auf einige Zeit wäre. Das. wird gehen; ſie wird dadurch auch in der Ueberzeugung beſtärkt werden, daß ich dem Mährchen glaube, das ſie mir geſtern Abend bei Tiſche erzählte, wie ſie exſchrocken 3 ſey, als ſie ihres Mannes Mantel zum Flicken herabge⸗ 4 nommen habe, und ich mich gerade am Fenſterchen ge⸗ zeigt habe.“— Beim Frühſtück übergab der Rittmeiſter ſeiner Wirthin das Paket, welches das koſtbare Geſchenk enthielt.„Was, um's Himmelswillen, iſt das?“ rief die ſ Probſtin und ſpielte die Verwunderte mit vieler Natür⸗ 3 lichkeit. Das Paket wurde geöffnet und der Shawl aus⸗ gebreitet; mit ſtummem Entzücken hielt ſie ihn in den ausgeſtreckten Haͤnden. In einer ehrerbietigen Entfernung 1 von drei Schritten ſtand hinter der Pfarrerin die Haus⸗-⸗ 24 mamſell, und zwei oder drei Mägdegeſichter ſchauten aus der ein wenig geöffneten Küchenthüre hervor, alle mit S erſtaunten Blicken den Schatz betrachtend. Endlich begann b die Pfarrerin:„Mein lieber, beſter Herr Rittmeiſter, I wie können Sie mich in eine ſolche Verlegenheit ſetzen? r Womit habe ich verdient, daß...“ 4 1 n „Ei,“ unterbrach ſie Svallenius,„er will Dir a 2 den Shawl nur zeigen; deßhalb brauchſt Du nicht in d Verlegenheit zu gerathen, Alte.“ u Zwei Raketen, mit etwas Geringerem läßt ſich der f Augenwurf der Pfarrerin nicht vergleichen, wurden gegen d den armen Mann geſchleudert, der ſich für den Augen⸗ 1 Alick jenes Geſprächs mit ſeiner theuern Hälfte nicht mehr G 6 erinnerte; aber Sterner beeilte ſich, dazwiſchen zu treten. 2 —„Was denken Sie, beſter Freund! Es ſoll mir ein wah⸗ 1 res Vergnügen ſeyn, wenn Sie dieſes unbedeutende Ge⸗ 4 ſchenk annehmen wollen; möge es für Sie ein geringes n Pfand meiner Achtung und eine Erinnerung an den ſeyn, 8 der es immer für eine Ehre anſehen wird, ſich unter ihre ic Freunde rechnen zu dürfen,“ ſetzte Sterner verbindlich hinzu, b und wandte ſich an die Probſtin, die, ſchuell beſänftigt, a ihre Dankſagung nach dieſer unangenehmen Unterbrechung d fortſetzte.„Sie ſetzen mich in Erſtaunen, beſter Herr gung s ſie ocken bge⸗ ge⸗ eiſter chenk die ntur⸗ aus⸗ den iung aus⸗ aus mit ann ſter, gen? r ja in der gen gen⸗ lehr ten. ah⸗ Ge⸗ ges yn, ihre igt, ung err 91 Rittmeiſter, ganz gewiß; Sie ſind gar zu artig; eine ſolche Koſtbarkeit; ich bin ganz verwirrt“— vor Freude, hätte ſie hinzufügen können; denn in hellen Farben ſtand vor ihrem inneren Auge der Neid, der ſich auf dem An⸗ geſichte der Nachbarsfranen malen mußte, wenn ſie bei der nächſten Feierlichkeit mit einander zuſammentreffen würden, und Frau Svallenius, die eine lebendige Ein⸗ bildungskraft hatte, genoß ſchon im Voraus dieſes glück⸗ ſelige Gefühl.— Jetzt konnte Sterner für eine lange Zeit auf ihre Gewogenheit rechnen. Er gewann auch durch ſein gleichmäßiges, artiges und ruhiges Leben viel Gewalt über ſie, und verhinderte dadurch während der vierzehn Tage, die er auf dem Pfarrhofe zubrachte, manche Stürme, ſo daß die Kinder, das Geſinde und der Pfarrer ſelbſt, jedes in ſeiner Art, in dieſen zwei Wochen einen Vorſchmack von den Freuden des Paradieſes gehabt zu haben meinten. Mit wahrer Trauer und einer ſchmerz⸗ lichen Empfindung ihres Verluſtes ſahen Alle, die Pfar⸗ rerin nicht ausgenommen, den Tag ſeiner Abreiſe heran⸗ nahen. Sterner hatte gleich nach ſeiner Ankunft in Wallaryd mit dem Pfarrer eine kleine Reiſe gemacht, deren Endzweck war, das ſchöne Freigut Sorrby zu ſehen und anzukaufen; es war zwei Meilen von Wallaryd ent⸗ fernt, lag jedoch noch innerhalb der Pfarrei. Der, welcher den Verkauf des Beſitzthums in der Hand hatte, konnte jedoch erſt nach einiger Zeit eine befriedigende Antwort auf die vorgeſchlagenen Bedingungen geben. Zur Freude Aller ſollte alſo Sterner nach einigen Wochen wieder⸗ kommen; denn er bemühte ſich ſehr eifrig für den Wunſch ſeines Vetters, Sorrby bis zum Frühling in Beſitz neh⸗ men zu können. Beim Abſchied ſprach er zur Probſtin:„Falls, wie ich hoffe, dieſer Handel feſt wird, ſo verſprechen Sie mir, beſte Frau Probſtin, oft hin zu reiſen, und mir mit Ihrer außerordentlichen Kenntniß und Geſchicklichkeit beizuſtehen, damit Alles bis zur Ankunft meines Betters und ſeiner jun⸗ „ 6 1 3 4 8 * . 92 gen Frau gut eingerichtet iſt; denn, wie ich vermuthe, trifft er gegen das Ende des nächſten Herbſtes ein. Als Ge⸗ ſandter meines Vetters Konſtantin kann ich Ihnen die Ver⸗ ſicherung geben, daß eine ſolche Artigkeit von Ihrer Seite eine entſprechende Dankbarkeit ſeinerſeits hervorrufen wird.“ So viel Vertrauen in ihren Geſchmack und ihre Geſchick⸗ lichkeit machte die Probſtin überglücklich.. „Lieber Herr Rittmeiſter, verlaſſen Sie ſich auf mich, wenn es ſo weit kommt. Ich werde Alles ſo leiten und einrichten, wie wenn es mein eigenes Haus wäre.“ Dabei band ſie ihm eigenhändig einen roth und grünen Reiſeſhawl um.—„Das iſt ein kleines Andenken; aber benützen Sie es. Ich habe es ſelbſt mit innerlicher Freude für Sie geſtrickt.“— Hierauf begleitete ſie ihren lieben Gaſt noch weit zum Thore hinaus, und da der Pfarrer, der Sterner begleitet hatte, wieder umkehrte, ſetzte ſie ihre aufrichtige Meinung aus⸗ einander, daß ein Weib für einen ſolchen Mann, wie der Rittmeiſter einer ſey, nicht gefunden würde, wenn man nicht vom einen Ende der Welt bis zum andern ſuchen wollte, und daß ſie keine einzige von all' den Tauſend Mi⸗ nuten bereute, die ſie und ihr ganzes Haus um ſeinetwillen verſchwendet habe.— Der Pfarrer lächelte vergnügt und ſagte, indem er ſein Wachslicht und ſeine Folianten wie⸗ dder zur Hand nahm:„Gott laſſe ebenſo gewiß dieſe Süßen⸗ rodtage ihren Beſtand haben!“— Am nämlichen Abend, aals wieder alle ſechs Spinnräder um das Kamin ſchnurr⸗ ten, und die Knaben in ihren grauen Röckchen hie und da die Gluth mit einem kleinen Reisbündel wieder auffriſchten, ließ ſich die Probſtin herab, ihrer untergeordneten Umge⸗ bung davon zu erzählen, was ſie gerne recht weit ausge⸗ breitet wünſchte, nämlich von dem großen Vertrauen, wo⸗ mit der allzu artige Rittmeiſter ſie beehrt hatte.— 93 15. Ueberraſchung. Wie klopft es in der linken Seite Von Schmerz, den doch ſo gern ich leide, Von Sehnſucht, nach ich weiß nicht was! . Tegner. Während der Zeit, da Sterner fort war, welche ſich noch durch eine ſchleunige Reiſe nach Weſtgothland ver⸗ längert hatte, war die Familie von Spalden in eine ſchöne und angenehme Wohnung gezogen, die mehr mit ihren jetzigen glänzenden Ausſichten übereinſtimmte. Niemand außer Auguſte, vermißte die frühere, denn in ihrem kleinen jungfräulichen Boudoir hatte ſie durch ſeine glückliche Lage gegenüber von des Goldſchmieds Hinterhof, zwar nur einige wenige, aber um ſo unvergeßlichere Stunden einer früher nie geahnten Glückſeligkeit genoſſen. Sie ſeufzte unwillkürlich, als ihre Gedanken auf jenem Bilde verweilten, das in ihrem vorher ſo ruhigen Herzen dieſes Chaos von unentwirrten Gefühlen hervorgezaubert hatte. Das Portrait deſſen, den das Schickſal zu ihrem Gemahl beſtimmt zu haben ſchien, kam ihr im höchſten Grade widerwärtig vor, und wenn ſie es je einmal hervor⸗ nahm, ſo geſchah es nur, um ſeine Züge mit denen zu vergleichen, die unauslöſchlich in ihrem Gedächtniſſe fort⸗ lebten. Und nach jeder derartigen Prüfung ward ſie immer ungerechter gegen das unſchuldige Original zu dem Bilde, deſſen lebhafte und wirklich hübſche Züge, wie ſie glaubte, mit einem triumphirenden Halblächeln ſie und ihren Schmerz betrachteten. Was aber am meiſten das Herz der armen Auguſte bedrückte, war, daß ſie,— deren Willen, ſey es nun in Folge einer knechtiſchen, ſklaviſchen Erziehung, oder aus angeborener Sanftmuth und Nachgiebigkeit des Charak⸗ ters, es nie gewagt hatte, ſich bis zu der unabhängigen Selbſtſtändigkeit und Kraft aufzuſchwingen, welche ſie, wie ihr der gleichfalls angeborene Stolz zuflüſterte, beſitzen ſollte und zeigen konnte,— unmöglich ein Mittel ausdenken konnte, um ſich von dem beſtimmt ausgeſprochenen Be⸗ 8 94 fehle ihres Vaters los zu machen. Das arme Mädchen zitterte noch, wenn ſie an ſeinen Zorn dachte, als ſie bei ihrer früheren Verlobung mit Blandin es gewagt hatte, ſein väterliches Herz um Barmherzigkeit anzurufen; wenn ſie daran dachte, wie hart er damals geweſen war, und daß ſie diesmal um ſo weniger von ſeiner Großmuth zu erwarten habe, als er ſeine Antorität nicht gebraucht hatte, da die Parthie mit dem Poſtmeiſter Wilsſon im Werke war. Und Auguſte konnte nicht läugnen, daß„ſofern ihre eigene Neigung dabei nicht berückſichtigt wurde, die jetzt vorge⸗ ſchlagene Verbindung, wenigſtens, wie dies die Eltern zu beurtheilen pflegen, in der That eine ſehr vortheilhafte war. Mit jenem Tone, vor dem Auguſte von Jugend auf mehr zu beben gewohnt war, als vor jedem andern Un⸗ glück, hatte der Poſtinſpektor einige Tage nach ihrem Ein⸗ zug in die neue Wohnung zu ihr geſagt:„Wage es nicht, Dein dankbares und beſtimmtes Ja zu verweigern, wenn der Rittmeiſter zurückkommt! Mache keine Geſchichten; denn Du biſt ein Kind, das ſein eigenes Glück nicht verſteht.“ „Ach, lieber Papa, laſſen Sie es noch unentſchieden bleiben, bis Herr Konſtantin Sterner ſelbſt ankommt,“ bat Auguſte weinend, und griff nach ſeiner Hand.—„Unver⸗ ſtändiges Kind!“ brüllte der Poſtinſpektor und ſtieß ſie unſanft von ſich.„Iſt dies die Liebe und der Gehorſam, die ich das Recht habe, von Dir zu erwarten? Aber hoffe nicht, mich nachgiebig zu machen. Sobald der Rittmeiſter anlangt, ſagſt Du ja und übergibſt ihm mit eigener Hand das Portrait von Dir, das ich jetzt malen laſſen werde, und damit baſta!“— Auguſte wagte keine weiteren Ein⸗ wendungen. An dem allein noch zärtlichen Mutterherzen weinte ſie ſich aus; aher ſelbſt ihrer Mutter vertraute ſie die eigentliche Urſache ihres Schmerzes nicht. Sie wußte nicht warum; aber ſie konnte es nicht über ſich vermögen, vor ihr von ihren Gefühlen zu ſprechen. Eines Abends, in der Mitte März, war das Wohn⸗ zimmer und der Saal im Hauſe des Poſtinſpektors pracht⸗ voll erleuchtet; die aufgeſtellten Spieltiſche bewieſen, daß ſich mehr als nur die gewöhnlichen Bewohner des Hauſes chen bei hier verſammeln ſollten. Der Poſtinſpektor hatte eine An⸗ atte, zahl älterer Perſonen, alte, jetzt auf's Neue wieder ge⸗ enn woonnene Bekanntſchaften eingeladen; man ſollte eine Art und Nachhochzeit auf die zwar nicht lange, aber um ſo un⸗ zu angenehmere Reiſe auf der Straße der Dürftigkeit und tte, Armuth feiern. Auguſte, die den verdrießlichen Glück⸗ dar. wünſchen ausweichen wollte, die, wie ſie vorausſah, ſie ene treffen würden, ſobald die Gäſte anlangten, hatte das ge⸗ Zimmer verlaſſen, ſobald ihre Anordnungen beendigt waren, zu und ſich auf ihr eigenes Zimmer zurückgezogen, das ar. am andern Ende des Saales lag, welcher ſich zwiſchen uf dem Zimmer, das ſie eben verlaſſen hatte, und dem ihri⸗ u⸗ gen befand. Sie ſetzte ſich wieder an das liebe Inſtru⸗ .⸗ ment, und leiſe, wie wenn es jetzt Niemand hören ſollte, öt, begann ſie jenes Lied, das einſt von jenen ſeelenvollen mn Tönen begleitet wurde, die ſo wehmüthig, ſo unvergäng⸗ in lich in ihrem Herzen wiederklangen; aber bei den erſten .4 Worten, die über ihre Lippen ſchwebten, bei den erſten en Akkorden, die ſie anſchlug, brach ſie in Thränen aus und at beugte ſich ſchluchzend auf die Kante ihres Piano's nie⸗ ⸗ der. Sie fühlte ſich ſo unglücklich, ſo einſam und ver⸗ 8 e laſſen. So vergingen einige Minuten, als eine Stimme, die ſie nur allzuwohl kannte, dicht neben ihr flüſterte: „Warum ſo traurig, gute Auguſte?“ G „Ach, ſind Sie es, Herr Rittmeiſter,“ rief ſie heftig überraſcht und fuhr auf, während ſie ihre Thränen ab⸗ zutrocknen verſuchte.„Verzeihen Sie; aber ich bin heute Abend nicht recht heiter.“—„Das ſehe ich mit Leid⸗ weſen,“ ſprach Sterner und faßte ihre Hand;„darf ich ſo kühn ſeyn, zu fragen, was Sie beunruhigt?“—„Ritt⸗ mmaeeiſter Sterner,“ erwiederte ſich erholend Auguſte,„ich will die Urſache hievon Ihnen nicht verbergen, und ich glaube auch, daß ich es nicht darf; und da uns der Zu⸗ fall zuſammengeführt hat, ehe Sie, wie ich vermuthe, mit meinem Vater geſprochen haben, ſo will ich die Ge⸗ legenheit benützen, um Ihnen zu ſagen, daß ich mit aller 22 96 ſchuldigen Achtung vor Ihrem Vetter, mie meines Vaters Befehl unbeſchreiblich dergedrückt fühle; denn dieſer verl mich bei Ihrer Rückkehr mit der V geſchiedenen Oheims zufrieden e gung meines Wortes Ihnen, mein Portrait übergeben ſolle. Ich kann Ihnen aber eine ſolche Erklärung nicht geben, ohne mich von der Wahr⸗ heit zu entfernen.“ Sterner wechſelte bei dieſer unge⸗ künſtelten Offenherzigkeit die Farbe, ſprach jedoch mit ziemlicher Ruhe:„Da Sie, mein Fräulein, einen ſo ent⸗ ſchiedenen Widerwillen gegen die beabſichtigte Verbindung zu hegen ſcheinen, ſo will ich noch keine beſtimmte Ant⸗ wort mitnehmen. Vielleicht daß mein Vetter ſelbſt beſ⸗ ſer für ſeine Sache zu ſprechen im Stande iſt; ſofern nicht,“ ſetzte er hinzu und firirte ſte ſcharf,„Fräulein von Spalden ihr Herz ſchon vor der Zeit hingegeben hat, als meine Sendung den Anfang nahm.“ Ungeachtet er ſich alle Mühe gab, ruhig zu bleiben, ſo bewies doch der Ton ſeiner Stimme bei den letzten Worten:„vor der Zeit, als meine Sendung den Anfang nahm,“ eine ſo geſpannte Unruhe, eine ſo große Bewegung, daß es nicht einmal dem wenig ſcharfſichtigen Beobachter, und noch weniger dem Auge eines Weibes entgehen konnte, die Beantwortung dieſer Frage oder Vermuthung,— es konnte für beides angeſehen werden— in eben ſo hohem rade ſeinem eigenen Intereſſe, als dem ſeines Freundes galt. Auguſten war es jedoch wie die Dämmerung einer neuen, herrlichen Morgenröthe am Rande ihres Lebens⸗ himmels; verwirrt antwortete ſie:„Das iſt nicht der Fall, Herr Rittmeiſter.“—„Nicht?“ ſagte er und ſein Blick leuchtete.„Dann ſehe ich keinen Grund ein, warum Sie Den nicht wenigſtens kennen lernen wollten, der Ihnen zum Gatten beſtimmt iſt. Er hat ſein Glück mei⸗ nen Händen anvertraut; es iſt alſo meine Pflicht, mit Wärme für ihn zu ſprechen. Eine Weigerung, ihn zu ſehen und kennen zu lernen, würde meine Bemühungen unglücklich und nie⸗ angt von mir, daß ich erordnung meines hin⸗ rklären, und zur Bekräfti⸗ als ſeinem Stellvertreter, 1 h doch durch wie ——— ed 97. für ihn nicht in das glänzendſte Licht ſetzen. Alles, was ich begehre, iſt, daß Sie ihm erlauben, perſönlich ſein Glück zu verſuchen, und, wie ich hoffe, werden Sie ihm das nicht abſchlagen.“—„Ihre Gründe moögen richtig ſeyn, Herr Rittmeiſter,“ entgegnete Auguſte;„allein ich muß Ihnen erklären, daß, wenn Ihr Vetter auch kommt, er zwar möglicherweiſe meine Hand erlangen kann, denn mein Glück und meine Seligkeit, meine Thränen und Bitten können meinen Vater nie vermögen, von ſeinen einmal gefaßten Beſchlüſſen und Plänen abzuweichen; aber über mein Herz kann Niemand gebieten, und dieſes wird ewig kalt für Ihren Vetter bleiben.“ „Fräulein von Spalden,“ verſetzte Sterner,„darf überzeugt ſeyn, daß mein Vetter eine zu edle Denkungs⸗ art beſitzt, um ſeine Gattin als ein Opfer annehmen zu wollen. Er iſt ein Mann von ſtrengem Ehrgefühl, und von Zwang kann in dieſer Hinſicht nie die Rede ſeyn.“ „Wohl ihm,“ meinte Auguſte,„wenn es ſo iſt; aber mir hilft das wenig, wenn er einmal hieher ge⸗ kommen iſt; denn mein Vater verſteht es gut, die Sache ſo darzuſtellen, daß ſie in Ihres Vetters Augen das Aus⸗ ſehen eines freien Entſchluſſes bekommen wird. Sie mögen das eine ungehörige Schwachheit nennen, oder wie Sie wollen, ich fühle, daß ich mich ſeinem Willen nicht of⸗ fenbar entgegenſetzen kann. Es iſt mein Loos, am Schmerz verbluten zu müſſen, oder mich zu tröſten, ſo gut ich es ver⸗ mag, ohne daß irgend ein theilnehmendes Weſen auf den Gedanken kommt, die arme Auguſte könne auch in ver⸗ goldeten Ketten unglücklich ſeyn.“ „Sprechen Sie nicht ſo, theure Auguſte,“ ſagte Sterner mit einem Tone, der von Gefühlen zeugte, die denen ähnlich waren, die neulich ſo mächtig auf ſeine Seele eingewirkt hatten.„In meiner Bruſt, ſeyen Sie davon überzeugt, Auguſte, ſchlägt ein Herz, das in hohem Grade für Ihre Freude und Ihren Schmerz empfänglich iſt; aber wird denn meine Theilnahme einen Werth für Sie haben? Darf ich das zu hoffen wagen?“ — 8* „Die Erfahrung hal mir bewieſen, daß Machſich auf Ihre Theilnahme nicht verlaſſen kann; denn Alles, was ich bis jetzt geſprochen habe, bezweckte nur, Sie zu ver⸗ mögen, daß Sie Ihrem Vetter von ſeiner Herreiſe ab⸗ rathen ſollten; da Sie dieſe aber leider ſo emſig betrei⸗ ben, ſo kann ich wenig von Ihnen hoffen.“ 1 „Beſte Auguſte, wenn Sie den, über welchen Sie ein ſo hartes Urtheil fällen, näher kennten, ſo würden Sie es gewiß mildern. Es ſey Ihnen jedoch genug, zu wiſſen, daß Sie von meiner Theilnahme Alles erwarten können, was in meinen Kräften ſteht. Meine Pflicht verbietet mir, Ihrem Verlangen in Betreff der Hieher⸗ reiſe meines Vetters zu willfahren. Dieſe muß geſche⸗ hen, aber ich gelobe Ihnen heilig, daß, wenn Sie ſelbſt ſeinen Werth geprüft und beurtheilt haben, und dann noch bei Ihrer jetzigen Ueberzeugung bleiben, keine Macht auf Erden Sie zwingen ſoll, ſeine Gattin zu werden.“ „In dieſem Falle will ich dann gerne geſtehen, daß ich Sie verkannt habe; aber glauben Sie mir, mein Vater verſteht es, das durchzuſetzen, was er einmal im Kopfe hat.“—„Ich zweifle nicht, daß er es verſuchen wird; aber wenn“— Sterner ſchwieg; er ſchien mit ſich ſelbſt zu kämpfen; aber nach einer Weile faßte er ihre Hand und ſagte:„Wenn in dem Hurzen einer Jung⸗ frau, jenem Heiligthum, wohin kein fremdes Auge ein⸗ dringen ſoll, eine ſtille, heilige Flamme brennt, deren Daſeyn ſie allein kennt, ſollte ſie dann nicht ſtark genug ſeyn, dieſelbe, wenn auch mit Kampf, vor unſanften, drohenden Stürmen zu ſchützen?“ Auf Auguſtens Wangen flammte eine purpurne Gluth; ſie antwortete jedoch mit Faſſung und Würde:„Nach den Grundſätzen, in denen ich erzogen worden bin, iſt es nur der Mann, der gegen die Gewalt kämpfen darf; dem Weibe, der Tochter kommt Ergebung und Gehorſam zu, wo ihre Bitten nichts mehr vermögen. So kann alſo der Sturm zwar das Heiligthum zerſtoͤren, wo die Flamme brannte; aber unter ſeinen zerfallenen Ruinen glimmt 0 0 * 99 die Aſche fort, um erſt mit dem Leben zu erlöſchen.* — Gerührt beugte ſich Sterner zu dem Mädchen nieder, und flüſterte:„Verzeihen Sie meine Kühnheit; ich war vermeſſen genug, um Auguſtens Herz kennen lernen zu wollen. Glücklich der Mann, der es einmal das ſeinige nennen darf; aber wenn Sie mir erlauben,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„meine Ueberzeugung auszu⸗ ſprechen, ſo gehört es nicht zu den Pflichten einer guten Tochter, ſich blindlings und ohne ein eigenes freies Ur⸗ theil von dem Willen eines Andern leiten zu laſſen, und wenn dieſer Andere ſelbſt ein Vater wäre. Allerdings ſoll das junge, unerfahrene Mädchen im Verein mit güti⸗ gen Eltern den Werth deſſen prüfen, der nach ihrer Hand ſtrebt; wenn aber ihr Herz kalt für ihn iſt, ſo gebietet weder ein göttliches noch ein menſchliches Geſetz, daß ſie ihr eigenes Unglück und das eines Andern durch einen Gehorſam herbeiführen ſoll, der aufhört, natürlich zu ſeyn, da er nicht mehr eine Folge der aufrichtigen Kindesliebe, ſondern nur ein Beweis ſklaviſcher Unterwürfigkeit iſt, die des freien, denkenden Menſchen unwürdig iſt.“ Jedes dieſer Worte des Rittmeiſters drang in Augu⸗ ſtens Seele, und klang dort noch lange nach, als er ſchon aufgehört hatte, zu ſprechen. Dieſe Worte hatten in ihr eine Menge neuer, ſeltſamer Gedanken und Gefühle er⸗ weckt. Sie antwortete nichts; aber bald fühlte ſie, daß dieſes Schweigen nur zu beredt ſey, und hielt es für Zeit, es abzubraghen. Sie glaubte ſich geſichert und glücklich durch dieſe Unterredung mit Sterner. Zwar konnte ſie nicht recht begreifen, was er meinte; aber daß ſeine Abſichten gut waren, das glaubte Auguſte mit Ge⸗ wißheit. Jetzt erhob ſie ſich ſchnell und ſagte:„Sie verfehlten den Weg in den Saal, Herr Rittmeiſter, als Sie dieſe Thüre anſtatt der gegenüberliegenden öffneten. Wir haben heute Abend eine kleine Geſellſchaft; erlauben Sie mir, Sie in das Zimmer zu führen, wo ſich die Gäſte wahrſcheinlich mit meinen Eltern befinden.“ „Ich erinnere mich jetzt erſt,“ ſagte der Rittmeiſter, 160 „warum ich auf dieſer Seite hineingin dem gegenüber befindlichen Zimmer mehrere Stimmen hörte. Ich vernahm einige leiſe, bekannte Laute von dieſem Zimmer aus, den Anfang eines Liedes, das mehr als jedes andere mir zum Herzen ſpricht. Ich lauſchte wie der Aekpler, der nach langer Abweſenheit wieder die heimathlichen Töne horen darf, und ich ſuchung nicht widerſtehen, herei nzutreten. Ich hoffe, Sie haben meiner Kühnheit verziehen; aber wie glücklich, wie dankbar gegen Ihre Güte würde ich nicht ſeyn, wenn Sie mir jetzt erlauhten, in näherer Entfernung die ſüßen Töne wieder hören zu dürfen, die mir während meines früheren Aufenthalts in L— einige ſo genußreiche Augen⸗ blicke verſchafften.“—„Ach, Herr Rittmeiſter,“ ſagte Auguſte, und erröthete tief bei der Erinnerung an ihre für ſie ſo bedeutungsvolle muſikaliſche Unterhaltung,„ſpre⸗ chen Sie nicht davon! Ich kann Ihren Wunſch jetzt nicht erfüllen, obwohl, ich geſtehe es aufrichtig, ich ſehr gerne hörte, wie Sie mich akkompagnirten, und ſomit mein geringes Talent unterſtützten. jedoch heute Abend wenig Vergnügen bereiten; denn unſre Gäſte würden ſich bald ebenfalls einfinden, und ich mei⸗ nerſeits kenne nichts unangenehmeres, als wenn das Gefühl, das die Macht der Muſik begeiſtert hat, von einem brum⸗ menden Geſchwätz oder einer geſchmackloſen Lob abgekühlt wird. Oder was ſagen Sie dazu?“ „Amen, beſte Auguſte, ſage ich von ganzem Herzen, beſonders wenn Sie mir verſprechen, meinen Wunſch ein andermal zu erfüllen. Es freut mich, daß Sie in dieſer Hinſicht ganz meine eigenen Gedanken ausgeſprochen ha⸗ ben, und ich vergaß, daß ein gemeinſchaftlicher Geſang ſowohl Ihren Eltern als den Gäſten Grund zu der Ver⸗ muthung geben könnte, als wollten wir beide den Glanz der Feierlichkeit durch eine kleine überraſchende Vorſtellung vermehren, während ich noch nicht Gelegenheit gehabt habe, weder den erſtern meine Ehrerbietung zu beweiſen, noch die letztern zu begrüßen.“ —— 2 g, obwohl ich in konnte der Ver⸗ Dieſe Uebung dürfte uns preifung — 2 ͤSG& A — —̃ A — . . 16. 8 Wirkungen neuer Anſichten. Des Poſt⸗ inſpektors Schlüſſe. Tief unter Schnee und Gletſcher Wohnt Liebe in dem Norden; Zwar flammt ſie nicht, noch brennet Sie wie im heißen Süden, 4 Doch wärmt ſte mild das Herz. Der Sohn im Adlerwald. Sie traten jetzt in das Wohnzimmer, wo der Poſt⸗ inſpektor ſeinen neuen Gaſt mit einem freudeſtrahlenden Geſichte empfing.— Die Vorſtellungen und Artigkeiten, welche zwiſchen dem Neuangekommenen und den ſchon Anweſenden gewechſelt wurden, nahmen einen guten Theil des Abends ein, bis Sterner endlich ſeinen Platz an einem Spieltiſche bekam, der nächſt ihm von dem. Bürgermeiſter und Doktor in Beſchlag genommen wurde. „Beim Abſchied ſprach der Poſtinſpektor zu Sterner: „Wenn es Ihnen gefällig iſt, Herr Rittmeiſter, ſo können wir morgen Vormittag die Sache abmachen.“ Sterner verbeugte ſich beifällig, und ſtand, der Abrede gemäß, den folgenden Tag um eilf Uhr im Beſuchszimmer des Poſt⸗ inſpektors. Dieſer war allein. Nachdem die Herren eine Zeitlang allerhand über das unbeſtändige Wetter, den Mangel an Holz, der in Folge des Zuſtandes der Schlit⸗ tenbahnen und des Eiſes eingetreten war, und andere Dinge geſprochen hatten, trat ein Stillſchweigen ein, das endlich von Sterner gebrochen wurde. „Sie wiſſen, Herr Poſtinſpektor,“ ſagte er,„daß ich mich verpflichtet habe, meinem Vetter die Lage der Dinge zu melden; darf ich mir daher die Ehre einer Antwort von Ihrer Seite und der Ihrer Fräulein Tochter ausbitten, ſowohl in Hinſicht auf ſeine Herreiſe, als auf das gewunſchte Portrait?“—„Ich werde,“ verſetzte der Poſtinſpektor,„dem Erben ſelbſt ſchriftlich im Namen meiner Tochter antwor⸗ ter, daß er willkommen iſt und ſogar in dem Maße, wie es ſich fuͤr eine ſittſame Braut ziemt, ſehnſüchtig erwartet* — 10²2 wird. Doch als Bevollmäͤchtigter des Abweſenden ſollen Sie das aus ihrem eigenen Munde erfahren, um durch Ihr Zeugniß der Sache die gehörige Bekräftigung geben zu können.“— Mit dieſen Worten ging der Poſtinſpektor der Thüre zu, und rief:„Auguſte!“ mit einer Stimme, die die Todten hätte erwecken können. Als ſie eingetreten war und den Rittmeiſter mit einer Vermfrrung begrüßt hatte, die, ſo leicht ſie auch war, doch der Aufmerkſamkeit des Vaters nicht entging, ſagte er mit einem ſo ſchneidenden Tone, daß ſich Sterner über die rohe Sherna deſſelben entſetzte, zu ihr:„Auguſte, Du ſollſt beſtätigen, was Dein Vater bereits ausg geſprochen hat, daß Du mit freiem Willen, und in der freudigen lieberjengung, daß die Verordnung Deines verſtorhenen X, Onkels Dein Glück begründen wird, darin einwilligſt, Dein Schickſal mit dem Manne zu gereinigen, den er für Dich gewaͤhlt hat.“ Aug guſte. wagte nicht aufzuſehen; aber Sterners Worte in ihrem Herzen bewahrend, verſuchir ſie es zum erſten Male in ihrem Leben, ihre Furcht vor dem ſtrengen Vater zu überwinden, und antwortete demüthig, obwohl ziemmlich ruhig: „Weder Herr Sterner ſelbſt noch ſein Abgeſand ter kann mit Grund verlangen, daß ich eine ſolche Erklärung abgebe, ehe ich den geſehen und kennen gelernt habe, dem ich eine ſo wichtige Antwort ertheilen ſoll. Er ſoll mir hier willkom⸗ men ſeyn. Kann er mein Herz gewinnen, ſo werde ich gewiß ſeine Gattin werden; aber im andern Falle hoffe ich, daß ein Mann von Ehre ein ſolches Opfer nicht wird annehmen wollen.“ Sterner warf der Sprechenden einen Blick zu, der die wärmſte Bewunderung ausdrückte. Der Vater ſaß einige Minuten wie verſteinert vor Ver⸗ wunderung und Entſetzen über die gränzenloſe Frechheit ſeiner Tochter. Endlich fuhr er haſtig auf, bezähmte ſich jedoch, als er ſich d der Gegenwart Sterners erinnerte, und ſprach mit einer von Wuth halberſtickten Stimme:„Iſt das mein Kind, das ſo ſpricht? Biſt Du im Fieber? Sprich, was kommt Dich an, Mädchen? Kaum kann ich meinen Sinnen trauen! In meiner Gegenwurt, gegen mich ſelb ſellen Ihr n zu r de die einer doch mit zung, Glück dem 1 Vorte Male er zu einen Ver⸗ hheit ſich und das rich, ien agungen, welche ſie vorgeſchrieben hat, 1 10³ Deinen Vater, wagſt Du eine ſolche Sprache zu f führen? Sprich, erin nerſt Du Dich noch ein klein wenig an das vierte Gebot?“—„O beruhigen Sie ſich, beruhigen Sie ſich, mein thenerer, mein geliebter W Vater,“ ſchluchzte das Mädchen und eſuchte ſeine Hand zu faſſen, von der ſie jedoch mit wilder Deftigkeit zurückgeſtoßen wurde.„Nie habe ich den kindlichen Gehorſam vergeſſen, den ich Ihnen ſchuldig bin, und den Sie mit Recht von mir fordern können, nie werde ich ihn auch vergeſſen; aber ſeyen Sie barmherzig! Ich bin ja Ihr Kind; Sie können nicht alle Seligkeit, alle Hoffnung auf Glück bei dem Weſen ver⸗ nichten wollen, deſſen Urheber Sie ſind. Auch mein Herz hat Anſpruch auf die Freuden des Lebens; warum es alſo nur zu ſeinen Leiden verdammen, weil Sie die Macht haben, es zu thun? Man zertritt ja auch das Inſekt nicht vor⸗ ſätzlich, weil es ſich gegen den Fuß nicht zur Wehre ſetzen kann, der mit einem Drucke ſein Duſeyn vernichtet. Ich habe mich Ihrem Willen nicht widerſetzt;ich begehre nur, den zu ſehen und kennen zu lernen, der zu meinem Gatten beſtimmt iſt. Es iſt ja die Möglichkeit vorhanden, daß Sie ſelbſt nach ſeiner perſönlichen Bekanntſchaft Ihren Sinn ändern können.“— Auguſtens Bild in dem Augenblicke, wo ſie in der höchſten Unruhe und zugleich mit der ſanf⸗ teſten Ergebung in ihrem ganzen Weſen, ſich über die Hand des ergrimmten Vaters beugte, erſchien Sternern unbe⸗ ſchreiblich ſchön; allein dieſes Gefühl verband ſich mit einer Art ſch merzlichen Unwillens, daß er ſie in dieſer, wie es ihm ſchien, erniedrigenden Stellung ſe mußte, und mit Mühe unterdrückte er den Zorn, den das kalte, ſchonungs⸗ loſe Benehmen des Poſtinſpektors in ihm erweckte, als dieſer, ohne Gefühl für den Schmerz ſeiner Kochter, ſie mit einer eiſigen Kälte von ſich ſchob. „Herr Poſtinſpektor,“ ſprach Sterner,„was Ihre. Tochter geſagt hat, iſt in der That zu begründet, als daß ich meinerſeits einen Verſuch zur Widerlegung deſſelben machen ſollte. Ich ſtehe dafür, daß mein Vetter die Be⸗ billig findet; ſie beitrug, ſeine Heftigkeit zu ſtillen, und ihm wenigſtens eine 104 A. ſind die der Vernunft und des Rechtsgefühls, und in ar ſeinem Namen nehme ich ſie an. Es bleibt alſo nur noch al die Frage, ob das Fräulein erlaubt, daß ich das Portrait vo mitnehmen darf.“—„Ob ſie es erlaubt?“ rief der Poſt⸗ inſpektor verächtlich;„ich denke, ich werde wenigſtens noch ſie ein Wort in der Sache mitzuſprechen haben. Bringe das un Portrait her, Auguſte!“— Das Mädchen zanderte; ſie M wagte es jedoch nicht, ihren Vater durch weitere Wider⸗ ein ſprüche noch mehr aufzureizen.—„Herr Rittmeiſter,“ ſagte da ſie mit zitternder Stimme, indem ſie ihm das Portrait hin⸗ vo reichte,„erinnern Sie ſich, daß ich auf Befehl meines zu Vaters Ihrem Vetter dieſes ſende. Sie müſſen ihn davon un unterrichten.“—„Willſt Du,“ ſagte der Poſtinſpektor mit gen noch gedämpftem Zorn,„Herrn Sterner vorſchreiben, was del er ſeinem Vetter mittheilen ſoll oder nicht ſoll?“ Hiebei ein wandte er ſich an den Rittmeiſter, und fuhr fort:„Ich ſol hoffe, Herr Rittmeiſter, Sie ſchenken den Kindereien meiner der Tochter keine Aufmerkſamkeit, und bringen ſie daher nicht we zur Kenntniß Ihres Herrn Vetters. Glauben Sie mir, ſel Herr Rittmeiſter, ich kenne die Weiber, und kann Sie ver⸗ ſuc ſichern, daß dieſe empfindſamen Grillen verſchwinden wer⸗ Se den, wie Spreu vor dem Winde, wenn nur einmal die Kl Heirath vollzogen iſt. Ich ſpreche in dieſem Falle aus Er⸗ Au fahrung.“—„Ich werde in jeder Hinſicht meine Pflicht leit zu erfüllen ſuchen,“ erwiederte der Rittmeiſter ernſt, und ECh nahm ſchnell Abſchied, indem er nothwendige Geſchäfte vor⸗ Ge ſchützte.— Als der Poſtinſpektor glaubte, Sterner werde geg in einer gehörigen Entfernung von der Treppe ſeyn, um ahr nichts mehr zu hören, brach der jetzt unbezähmte Strom daf ſeines Zorns über Auguſte aus. Was aber wo möglich ein ſeine Wuth noch vermehrte, war der Umſtand, daß die haſ Tochter nicht mehr weinte, ihn nicht mehr um Verzeihung mit bat, auch nicht wie gewöhnlich davon ſprach, ihre perſön⸗ den lichen Wünſche freudig aufopfern zu wollen, um ihren Ge Vater zufrieden zu ſtellen. Alles das, was ſonſt zwar kon ſeine eigenſinnigen Entſchlüſſe nicht änderte, aber doch dazu 8 d in noch trait Poſt⸗ noch das ſie ider⸗ ſagte hin⸗ eines nvon mit was iebei „Ich einer aufzuhören, blieb diesmal aus. Sie ſchwieg, und nahm alle ſeine Vorwürfe geduldig hin; aber man hörte kein Wort von Reue, ſie vergoß keine Thränen, ſie flehte nicht. Zum erſten Male in ihrem Leben wagte es Auguſte, ſich durch die harte Behandlungsweiſe ihres Vaters gekränkt und beleidigt zu fühlen. Obwohl gerade kein ſcharffinniger Mann, konnte der Poſtinſpektor doch, nachdem er über den einen und andern Umſtand nachgedacht hatte, ſeine Schlüſſe daraus ziehen. Er hielt es für unmöglich, daß Auguſte von ſelbſt die Kühnheit beſitzen ſollte, einen andern Wunſch zu hegen, einen andern Willen zu haben, als den ſeinigen, und was das Schlimmſte von Allem war, daß ſie es wa⸗ gen ſollte, ihre Anſicht offen auszuſprechen. Es war nicht denkbar, daß ſie den Entſchluß faſſen konnte, die Feſſeln einer vieljährigen Gewohnheit zu brechen, oder auf einen ſolchen Gedanken zu kommen, ohne den Einfluß einer frem⸗ den, ſeiner väterlichen Autorität feindlichen Macht; und welche Macht konnte das anders ſeyn, als der Abgeſandte ſelbſt, der vielleicht auf eigene Rechnung das zu gewinnen ſuchte, was er für ſeinen Vetter erlangen zu wollen vorgab? Sobald dieſer letzte Satz im Kopfe des Poſtinſpektors zur Klarheit gelangt war, begab ſich dieſer, ohne ein Wort mit Auguſten zu wechſeln, zu ſeiner Frau, die immer als Ab⸗ leiter ſeiner üblen Laune dienen mußte. Er verriegelte die Thüre mit dem Ausſehen eines Mannes, der ein wichtiges Geheimniß auf dem Herzen hat, ſetzte ſich ſeiner Ehehälfte gegenüber, welche dieſe feierlichen Vorbereitungen nichts Gutes ahnen ließen, und begann in einem Tone, wie er glaubte, daß es ſich für einen Herrn und Hausvater gezieme, der ein großes, wichtiges Verhör abhalten will:„Weib, wie haſt Du Deine Tochter beaufſichtigt? Ich ſage Dir, es iſt mit Auguſten nicht wie es ſeyn ſoll.“— Frau von Spal⸗ den, die bei ſeinen Worten und ſeinem unheilverkündenden Geſichte an die Möglichkeit eines großen Unglücks dachte, konnte kaum athmen.—„Mein Gott,“ ſtammelte ſie endlich, Der Stellvertreter. 8 Art annehmbaren Grund gab, mit ſeinen Zornergießungen —ꝑ̃ 5— was ſagſt Du, Wilhelm? Auguſte, nein, nein, es iſt gein unmöglich; es iſt ein leerer Spuck Deiner Einbildung.“ „Was,“ ſchrie der Poſtinſpektor,„biſt du am Ende gar auch verhert! Habe ich je einmal erlebt, daß Du, mnein Weib, eine ſolche Sprache führteſt! Ein Spuck zmeiner Einbildung! Rigitza, ich bin ein guter Mann und Vater; aber Gehorſam will ich haben, und Gott gnade Dir, wenn ich Dich im Komplotte mit dem Mäd⸗ chen finde!“—„Aber, mein Freund, wovon iſt denn eigentlich die Rede; in wiefern ſteht es mit Auguſten nicht, wie es ſeyn ſoll? Du erſchreckſt mich zu Tode; ſag' auf einmal die reine Wahrheit.“ „Was es iſt, das ſollteſt Du als Mutter beſſer wiſſen, als ich. Der Sterner da iſt ein feiner, abge⸗ ſchliffener Herr, und ich ſage Dir, er fiſcht nach dem Mädchen anf eigene Rechnung, und Gott weiß, was für Intriguen er ſpielen kann, um das Teſtament zu Nichte zu machen. Kurzum, ich durchſchaue ſeine Pläne voll⸗ fommen, und daß das Mädchen gerne auf ſein verwünſchtes Liebesgeſchwätz hört, liegt klar am Tage. Einen offenen Schritt wagt er um ſeiner Ehre willen nicht zu thun, und ebenſo wenig kann ich ihm das Haus verbieten. Da alſo das Uebel vor Ankunft des Erben nicht ganz aus⸗ gerottet werden kann, ſo iſt es unſre Pflicht, wenigſtens ſein Wachsthum zu verhindern. Ich befehle Dir daher, nie in meiner Abweſenheit Auguſten allein mit dem Ritt⸗ meiſter zu laſſen; denn gerade eine Gelegenheit zur wei⸗ teren Mittheilung müſſen wir zu verhindern ſuchen. Haſt Du meinen Willen verſtanden, Rigitza?“ „Nicht ganz, mein Freund; Du ſprachſt von dem Mädchen in ſo zweideutigen Worten. Es iſt alſo nichts Anderes, als daß der edle und liebevolle Sterner eine, Neigung zu dem Mädchen gefaßt hat; iſt es wirklich nichts Anderes?“—„Nichts Anderes, nicht ein Jota weiter! Das iſt Nichts, meinſt Du? Welches Unheil könnte denn größer ſeyn?“ ſchrie der Poſtinſpektor.„Haſt Du nicht ſelbſt die Bitterkeit der Armuth hinlänglich zu 5“ N—·- rein 7 eInde Du, puck ann Bott Läd⸗ enn ſter dde; eſſer ge⸗ dem für ichte voll⸗ htes enen hun, Da aus⸗ tens iher, Nitt⸗ wei⸗ Haſt dem ichts eine Jota aheil Haſt h zu 1⁰⁷ ſchmecken bekommen, um noch wünſchen zu können, daß auch Dein einziges Kind ſich in den Schlund aller dieſer Widerwärtigkeiten ſtürzen möchte? Und der ſchnellſte Weg dahin wäre eine Verbindung mit dem Rittmeiſter, der keinen Heller mehr beſitzt, als was der Erbe ihm aus Gnade und Barmherzigkeit ſchenkt. Ja das wäre gerade recht ſchön gethan von klugen Eltern. Ich habe Dir jetzt meine Meinung, meine Ürſachen und Gründe geſagt, und erwarte, daß Du Dich ohne weitere Einwendung darnach richteſt.“— Auf dieſes verließ der Poſtinſpektor ſeine Frau, die, ſobald die Thüre hinter dem erbitterten Eheherrn ſchmetternd zugefahren war, weinend auf einen Seſſel niederſank.—„Auguſte, mein theures Kind,“ ſeufzte ſte,„ſollſt Du die nämlichen bittern Prüfungen durch⸗ machen, wie Deine Mutter! Doch vielleicht,“ ſo tröſtete ſie ſich wieder,„hat ſich der Alte in Betreff ihrer Ge⸗ fühle für den Rittmeiſter getäuſcht. Das iſt meine einzige Hoffnung; im entgegengeſetzten Falle gibt es keine mehr.“ 12. Der Aalkorb. Des Tages Gott im Lorbeerkranz, Zur Rache ſpannt er oft die Sehne. Oft auch entlockt er frohe Töne Der gold'nen Leyer ſtummem Glanz G Kellgren. Tage und Wochen waren dahingeſchritten. Sterner hatte während der Zeit die oben erwährte Reiſe nach Wallaryd gemacht, und den Kauf des ſchönen Sorrby abgeſchloſſen. Hier krieb man nun ein entſetzliches We⸗ ſen mit Reparationen und Verbeſſerungsplänen aller Art. Die geſchmackvollſten und modernſten Möbel wurden von Kopenhagen her verſchrieben. Maler, Schreiner, Glaſer und Maurer, alle waren auf Sorrby beſchäftigt, vor allen Andern aber die Pfarrerin Svallenius. Sie ging bald in Geſellſchaft des Rittmeiſters, bald allein dahin, über⸗ —. 8 N 108 legte und prüfte, billigte und verwarf, und betrieb den Fortgang der Arbeit mit allem möglichen Eifer. Zu ihrer unmittelbaren Vorſorge gehörte die Einrichtung einer voll⸗ ſtändigen Küche, die Oberaufſicht über den Garten, be⸗ ſonders was das Pflanzen von Kohl, Zuckererbſen, Spar⸗ geln, und mehrerer anderer in eine wohl geordnete Küche gehörender Dinge betraf; dazu kam noch das Dingen der Dienſtboten, die Verfertigung von Bettzeug, Linnen, Ta⸗ feltuch u. ſ. w. Man kann ſich vorſtellen, wie beſchäftigt unſre Probſtin ſeyn mußte, und in welcher Gunſt Ster⸗ ner bei ihr ſtand, da ſie alle dieſe Mühe und Sorge freiwillig auf ſich nahm; aber der Rittmeiſter verſtand auch die Kunſt, ihre Gewogenheit zu gewinnen und zu erhalten. Niemand konnte ein überzeugteres Geſicht machen, als Sterner, wenn die Probſtin ihn verſicherte, daß keine Leinwand von ſo wahrhaftem Werthe ſey, als die, welche aus ihrer eigenen, ſehr theuren Fabrik hervorging. Er drückte ſeine Verwunderung darüber aus, daß man ein ſolches Gewebe für einen ſo billigen Preis erhalten könne. — Im Spinnſaale von Wallaryd ſchnurrten jetzt vier Webſtühle, anſtatt der Spinnrocken. Dort ging Sterner an ihrer Seite, beſah und muſterte Alles, und bewun⸗ derte ihren unglaublichen Scharfſinn, der die kunſtreichen Blumen und Kronen im Ekenmarkiſchen Webebuch aus⸗ rechnen und anwenden konnte; er munterte die Mägde durch Trinkgelder, die Hausfungfer Guſtavine Björk durch kleine paſſende Geſchenke auf, und klopfte der Alten freund⸗ lich bittend auf die Schulter, wenn ſie ſich bisweilen veranlaßt ſah, die alte, gewohnte Methode wieder anzu⸗ wenden, um die Arbeit ihrer Untergebenen zu beſchleunigen. Während dieſes Alles vorging, rauchte der Pfarrer in der Stille ſeine Pfeife, las ſeine alten, theologiſchen Arbeiten durch, und dankte täglich Gott und ſeinem jungen Freunde für dieſe ſegensreiche Ordnung der Dinge. Entweder meinte die Pfarrerin, daß ihr Mann ein zu unbedeutender Gegenſtand ſey, um ihre Aufmerkſam⸗ keit während der wichtigen Beſchäftigungen, die ſie unter —— — B——.— —„——,——,— 1———— 80—— —— 8 —.,—— 109 den Händen hatte, in Anſpruch zu nehmen, oder hatte ſie ſich bei dieſem Geſchäfte ſelbſt, die alte Gewohnheit zu zanken und ihm in Allem zu widerſprechen, ziemlich abgewöhnt. Wenigſtens benahm ſie ſich, ſo lange Sterner im Hauſe verweilte, nur wie jede andere raſche Haus⸗ mutter.— Der Rittmeiſter war wieder nach L— zurück⸗ gekehrt, lebte jedoch im Hauſe des Poſtmeiſters auf einem ganz fremden Fuße. Herr v. Spalden empfing ihn ſtets mit abgemeſſener Höflichkeit, und ſchien es ſich als artiger Wirth auferlegt zu haben, ſeinem Gaſte ununterbrochen Geſellſchaft zu leiſten. Die hundert Augen des Argus waren nicht zuverläßiger, als die zwei des Poſtinſpektors. Sterner, der die Unruhe des Poſtinſpektors ſehr wohl bemerkte, und die Urſache davon errieth, näherte ſich Au⸗ guſten nie, außer wenn eine zufällige Gelegenheit die Veranlaſſung dazu gab, ſetzte jedoch gleichwohl jeden Tag ſeine Beſuche fort. Eines Nachmittags, als Sterner wie gewöhnlich bei der Familie von Spalden war, wurde der Poſtinſpektor in einer Sache von Wichtigkeit zu dem Bür⸗ germeiſter gerufen. Er gab ſeiner Frau einen bedeutungs⸗ vollen Wink, ſeinen Platz einzunehmen, und ging mit ſin⸗ ſtern Ahnungen hinweg. Einige Minuten waren verfloſ⸗ ſen, ſeit der Poſtinſpektor ſich entfernt hatte, aber noch war es ſo ſtille im Zimmer, daß man nur das Geräuſch von Auguſtens Nähnadel, deren Geſchwindigkeit ſich nach dem Abgang des Poſtinſpektors bedeutend vermehrt hatte, und die Stricknadeln der Frau von Spalden hörte. Sterner überblickte ſichtlich verſtimmt ein Zeitungsblatt. Die arme Wirthin, die bei ſich fühlte, daß ſie nicht im Stande ſey, bei der gegenwärtigen kritiſchen Lage der Dinge einen paſſenden Gegenſtand der Unterhaltung einzuleiten, ſchlug endlich Auguſten vor, dem Rittmeiſter etwas zu ſpielen. „Ein vortrefflicher Vorſchlag, meine beſte Frau von Spalden! Wir müſſen gleich anfangen,“ ſprach Ster⸗ ner und warf die Zeitung von ſich. Er öffnete das Piano, ſetzte einen Seſſel davor, und näherte ſich Auguſten, die unentſchloſſen und mit einem leichten Erröthen die Augen 110 niederſchlug. Aber die Frau Mamma, die nicht ahnte, welche Zauberkraft für ſie in der Muſik liegen mußte, tadelte Auguſten wegen ihres Zögerns, und ſagte:„Sey nicht ſo ſchüchtern, mein Kind; ich bin überzeugt, der Herr Rittmeiſter hat ſowohl ſchlechtere als beſſere Muſik gehört, als die Deine iſt.“— Auguſte ſtand auf, blät⸗ terte unter ihren Noten, und begann endlich eine von Beethovens Sonaten; aber wie es ſich auch mit Augu⸗ ſtens Spiel verhalten haben mag, Frau v. Spalden meinte, es gehe nicht wie gewöhnlich, und ſie war gerade im Begriff, Auguſten daran zu erinnern, als ihr Blick zufällig auf die Straße fiel, wo ſie einen Fiſcherjungen ſah, der einen Korb mit ungewöhnlich großen und fetten Aalen trug. Frau v. Spalden, die eine umſichtige Haus⸗ mutter war, und ſich erinnerte, daß Aal ein Leibeſſen des Poſtinſpektors war, vergaß für den Augenblick ihr Amt als Hüterin, und ſprang hinaus, rief den Jungen herauf, kaufte und wog den Aal, und erklärte einer neu⸗ eingetretenen Magd ſehr ſyſtematiſch die verſchiedenen Arten, wie dieſe Gattung von Fiſchen behandelt werden könne. Aber wer viel Eiſen im Feuer hat, verbrennt gewöhnlich etwas davon, ſagt das Sprüchwort, und es erging Frau v. Spalden wie manchem andern Menſchen, der gar zu viel auf einmal über ſich nimmt. Auguſte hatte einige verwickelte Variationen von Kalkbrenner begonnen, und Sterner beugte ſich über die Seſſellehne, um mit gebührender Geſchwindigkeit das Notenblatt umzuwenden, als ein kleines Medaillon, das er an einer Kette um den Hals trug, aus ſeinem Ver⸗ ſtecke herausſiel, und beinahe die Taſten getroffen hätte, wenn Auguſte es nicht während des Fallens aufgefangen hätte. Sie hielt es jetzt in der Hand, und ſagte ſcher⸗ zend, während ſie es dem Rittmeiſter an der Kette hin⸗ reichte;„Jetzt habe ich Sie ſchön gefangen, Herr Ritt⸗ meiſter; Aber Sie ſollen die Freiheit erhalten, wenn ich das Medaillon ſehen darf.“— Sichtlich verwirrt er⸗ wiederte Sterner:„Ich zweifle, daß Fräulein Auguſte d. AͤSͤO9 ͤ— 2 ,——,—¼4— S d8OD— S S ———————=—'—.———.,—— Hι nte, ßte, Sey der uſik lät⸗ von gu⸗ den ade lick gen 111 einen Fluchtverſuch von denen zu befürchten haͤtte, die ſie einmal zu feſſeln beſchloſſen hat, und wenn dieſe Gefangenſchaft eine lebenslängliche wäre; aber iſt es möglich, daß auch Auguſte von Spalden mit einem gewiſſen kleinen Fehler behaftet iſt, den man im Allgemeinen ihrem Geſchlechte beizulegen pflegt?“—„Nein, Herr Rittmeiſter, haben Sie mich nicht im Verdachte der Neu⸗ gierde, und verzeihen Sie mir, wenn ich vielleicht auf eine etwas unpaſſende Art dieſe Zufälligkeit zu einem Scherze benützte, doch ich glaubte, auch Sie würden es als einen ſolchen aufnehmen; ich ſcherze ſonſt ſelten.“— Bei dieſen Worten, die Auguſte mit einem ungewohnten, fremden Tone ausſprach, übergab ſie das Medaillon mit abgewandtem Geſichte. Ein dunkles, quälendes Gefühl erregte der Gedanke in ihr, daß das Medaillon etwas enthalten könne, das Sterner vor ihr verbergen wollte; doch daß dieß Gefühl ihm unbekannt bleiben müſſe, das ſah Auguſte klar ein, und während ſie ſich bemühte, einen gleichguͤltigen Ton anzunehmen, ward er unnatürlich. Es gibt Leute, welche behaupten, daß dem Weibe ein gewiſſer Grad von Gefallſucht und Verſtellung ange⸗ boren ſey, welcher ſich nach Maßgabe ihrer geiſtigen Fähig⸗ keiten und der Verhältniſſe, worin ſie während der Wech⸗ ſel des Lebens gerathe, entwickeln müſſe. Wie es ſich nun damit auch verhalten mag, ſo war Auguſte wenigſtens noch unerfahren in der Kunſt; und lag der Saame dazu in ihrem jungen, unſchuldigen Herzen, ſo war er noch nicht aufgegangen.— Der welterfahrene Sterner ſah die Bewegung, die ſie zu verbergen ſuchte, und mit heim⸗ lichem Entzücken erkannte er leicht die Urfache davon, und ſprach mit ruhigem Ernſte:„Ich hätte gewünſcht, daß dieſer Fall nicht eingetreten wäre; aber mögen nun die Folgen ſeyn, welche ſie wollen, ſo muß Auguſte ſehen, was das Medalllon enthält, und ſich darüber beruhigen, wenn nämlich meine kühne Vermuthung gegründet iſt, daß es einen Augenblick Ihre Unruhe erweckt hat; denn ich bin überzeugt, daß Auguſte zu edel iſt, um ſich durch 1 112² eine unbefriedigte Neugierde gekränkt zu fühlen.“— „Nein, nein, Herr Rittmeiſter,“ antwortete ſie und hielt die Hände vor das Geſicht, um mehr die brennende Röthe, die ſie dort aufſteigen fühlte, zu verbergen, als um dem Anblick des Medaillons auszuweichen.„Ich will nicht ſehen, was es enthält; es war nur ein Scherz, ich verſichere Sie, nur ein Scherz, und nichts weiter.“ „Es gibt gewiſſe Dinge, die zu zart ſind, um ein Gegenſtand des Scherzes zu werden,“ ſiel Sterner ein. „Beſte Auguſte, ich bitte Sie, ſehen Sie empor, die Minuten ſind koſtbar.“ Er hielt ihr das Medaillon dicht vor die Augen.— Konnte wohl Auguſte widerſtehen, da Sterner ſie ſo innig bat? Sie ſah auf; ein einziger Laut entfloh ihren Lippen, aber der Ausdruck, der in dieſem Tone lag, war ganz verſchieden von dem vorher⸗ gehenden; denn ſie hatte ihr eigenes Portrait wieder er⸗ kannt, das ſie jetzt in Hamburg glaubte. „Auguſte,“ ſprach Sterner,„dieß muß Ihnen keinen beſonders hohen Gedanken von meiner Redlichkeit ein⸗ floͤßen. Ich fürchtete das; aber Sie werden ſich einſt über⸗ zeugen, daß ich keine Handlung begangen habe, um deretwillen ich erröthen müßte. Sagen Sie, ob Sie mir glauben und verzeihen, obſchon der Schein gegen mich zeugt.“—„Ich glaube Ihnen gerne und habe nichts zu verzeihen,“ erwiederte Auguſte, und bemühte ſich eifrigſt, mit der äußerſten Spitze des kleinen Fingers eine der Taſten des Pianos noch weißer zu poliren, als ſie ſchon war.—„Ich darf es alſo mit Ihrer Erlaubniß tragen?“ fragte Sterner.— Sie antwortete nicht.— „Auguſte,“ ſetzte er innig hinzu,„bedenken Sie, welche. Hoffnungen dieß Schweigen erweckt?“ „ Ich glaube,“ ſagte Auguſte haſtkg,„daß, wenn der Rittmeiſter Sterner nicht ſelbſt überzeugt geweſen wäre, ich ſähe das Portrait lieber in ſeinen Haͤnden, als in denen ſeines Vetters, er ſich nie einer vielleicht nicht ganz redlichen Handlung gegen ſeinen Freund ſchuldig gemacht hätte.“— Auguſte ſprach dieß mit tiefem Ernſte. ——— — ſcdͤ——.——, ͤ——= — B=F—e — — 113 während ſie gegen Sterner die ſchönen Augen erhob, deren zitternder Glanz erkennen ließ, daß eine zurückge⸗ haltene Thräne aus ihnen hervordringen wollte. Es lag etwas ſo rein Unſchuldiges, etwas ſo Hin⸗ reißendes in dieſem einfachen, ungekünſtelten Bekenntniß, daß Sterner auf's Tiefſte davon ergriffen ward. Er war nahe daran, ihr zu Füßen zu fallen; aber er hielt ſich zurück, und mit ziemlich ruhiger Faſſung fing er wieder an:„O Auguſte, theure Auguſte, dieſe Stunde iſt für mich ewig unvergeßlich. Jede meiner Handlungen werde ich vor Ihnen und meinem Gewiſſen verantworten. Nur um dieß Eine bitte ich Sie: mißtrauen Sie nie meinen Handlungen, auch wenn ſie Ihnen unbegreiflich oder zweideutig erſcheinen ſollten. Laſſen Sie mich dieſe Ver⸗ ſicherung von Ihren Lippen hören.“ Bei dieſen Worten beugte ſich Sterner vertraulich zu Auguſten nieder und faßte ihre Hand; aber in dem⸗ ſelben Augenblicke trat der Poſtinſpektor in das Zimmer. Sein Zorn und ſein Erſtaunen, als er ſein Weib nicht da und die jungen Leute allein in dieſer Lage bei ein⸗ ander fand, geht über alle Beſchreibung. Sterner, der ſonſt nicht leicht aus der Faſſung zu bringen war, war jedoch dießmal in der höchſten Verlegenheit, machte eine erzwungene Verbeugung und ſtellte in ſeiner Verwirrung die Frage an den Poſtinſpektor, ob er ſich bei dem Bürgermeiſter gut unterhalten habe? „Was meinen Sie damit, Herr? Glauben Sie, daß er oder ich nur wie gewiſſe Leute dem Vergnügen nachlaufen?“ ſchrie der Poſtinſpektor. „Da ich ſehe, daß der Herr Poſtinſpektor bei ſchlechter Laune iſt, ſo will ich heute Abend nicht beſchwerlich fallen. Ich hoffe, Sie morgen beſſer aufgelegt zu ſehen.“ Dabei faßte Sterner ſeinen Hut, machte eine Verbeugung und ging. Auguſte hatte die Gelegenheit benützt und ſich während der artigen Unterhaltung zwiſchen dem Poſt⸗ inſpektor und Sternern entfernt. Als der Poſtinſpektor ſich allein ſah, warf er zuerſt 114 ſeinen Hut mit aller Gewalt gegen die Lieblingskatze ſeiner Frau, die arglos auf dem Sopha lag und ſich mit der einen Tatze im Geſicht putzte. Dann ging er hinaus, um die Unglückliche aufzuſuchen, die er zur Wächterin an den Pforten des Paradieſes beſtellt hatte.— Er traf ſeine Frau im Wohnzimmer, wohin ſie eben in aller Ruhe zurückkehrte, nachdem ſie den Aalhandel beendigt hatte. Sobald ſie ihren Mann zu Geſichte bekam, rief ſie mit dem froheſten Geſicht von der Welt ihm entgegen:„Nun Alter, denke nur, ich habe ſieben Pfund Aal gekauft, um..“— „Ich wollte, Du und Dein Aal waͤren...“ Mit dieſen Worten begann er das Donnerwetter, das ſeine Frau aushalten ſollte; allein es wurde auf eine ſo un⸗ gewöhnliche und merkwürdige Art unterbrochen, daß die Erzählung dieſes Zwiſchenſpiels ein neues Kapitel erfordert. . 18. Solch' eine Ueberraſchung ſah ich uie! Ich muß zum Bürgermeiſter. Hilf Himmel! hilf vom Uebel! Jetzt ſprang er über'n Tiſch Und bums in einen Kübel! Bellmann. Eine kleine Weile vor dem Zeitpunkte, als der Ritt⸗ meiſter das Spalden'ſche Haus verließ— es war zu Anfang Mai und gegen ſechs Uhr Abends— ſtand der Traiteur Tejfer am Fenſter, rauchte in Gemächlichkeit ſeine Pfeife und ſah eine hübſche Chaiſe in ſeinen Hof hereinrollen, in der ein junger, blonder Herr ſaß. Als ein dienſtfertiger Wirth ging er gleich dem Fremden ent⸗ gegen, der ihm zurief:„Wohnt hier der Rittmeiſter Sterner?“—„Nein,“ antwortete der Traiteur;„wenn er ſich in der Stadt aufhält, wohnt er beim Goldſchmied Hjertberg.“—„So! Befindet er ſich wirklich in L— 24 —„Ja, darauf können Sie ſich verlaſſen; denn ich ſah ihn noch heute früh.“—„Haben Sie die Güte, mein 7 — ——9** 8——— —— - N A——— Kräften beſtrebte, einem der unglückſeligen Aale, den ſ an einen Nagel gehängt hatte, die Haut abzuziehen. Si 115 Herr, und geben Sie mir Jemand mit, der mir ſein Quartier zeigen kann.“—„Kalle,“ rief der Traiteur ſeinem älteſten Sohne zu,„weiſe dem Herrn den Weg zu Hjertbergs; aber im Vorbeigehen muß ich Sie er⸗ innern,“ ſagte er zu dem Fremden,„daß bei dem Gold⸗ ſchmied kein weiteres Zimmer zu haben iſt, als das, welches der Rittmeiſter bewohnt. Im Fall der Herr be⸗ fiehlt, ſo bringen wir hier eines in Ordnung.“ „Nein, durchaus nicht; ich beabſichtige nicht, hier über Nacht zu bleiben.“—„In dieſem Falle,“ verſetzte der Traiteur, der es ſich ſtets angelegen ſeyn ließ, ſeinen Abendgäſten Neuigkeiten zu verſchaffen,„wird es gut ſeyn, wenn Kalle das Fremdenbuch mit herabbringt.“ „Meine Zeit iſt ſo knapp zugemeſſen,“ ſagte der Reiſende ungeduldig;„vielleicht haben Sie ſelbſt die Güte, Herr Wirth, und zeichnen meinen Namen auf: Lieutenant Konſtantin Sterner, kommt von Hamburg, reist nach F—.“—„Das ſoll geſchehen,“ erwiederte Tejfer, und der Reiſende bekam jetzt die Freiheit, ſich zu verfügen, wohin er wollte., Am Hauſe des Goldſchmieds angelangt, war der Fremde mit zwei Sätzen im Zimmer.—„Iſt der Ritt⸗ meiſter zu Hauſe, wo iſt ſein Zimmer?“ fragte er in einem Athemzuge einen Geſellen, der ihm entgegenkam. —„Er iſt bei dem Poſtinſpektor v. Spalden.“—„Ach, das iſt ſchmählich,“ brummte der Fremde erzürnt,„ſo ſchicken Sie Jemand nach ihm!“— Ein Lehrjunge wurde abgefertigt, kam jedoch⸗mit dem Beſcheid zurück, daß der Rittmeiſter ſo eben von dort fortgegangen ſy. „Verflucht merkwürdiges Unglück!“ brach der Lieute⸗ nant los, rieb ſich die Stirne, ſetzte ſich wieder in die Chaiſe, und befahl, man ſolle ihn vor das Spaldenſche Haus fahren.— Ein Junge hielt das Pferd, unſer jun⸗ ger Reiſender ſprang die Treppen hinauf und kam aus Verſehen in die Küche, wo ſich eine Magd aus alle — — 116 war ſo in dieſes Geſchäft vertieft, daß ſie die Frage des Eintretenden, ob der Poſtinſpektor zu Hauſe ſey, ganz überhörte, weßhalb jener, da er ſie für taub hielt, näher trat und gerade im Begriffe ſtand, die Frage mit lauterer Stimme zu wiederholen, als die treuloſe Aalhaut der Magd aus der Hand glitſchte. Sie fiel rücklings zu Boden, und hätte wahrſcheinlich den Lieutenant im Fallen mit⸗ genommen, wenn er nicht durch eine raſche Bewegung auf die Seite gewichen wäre. Ziemlich unſanft erhob er das Mädchen, die ihre Geſellſchaft mit verwunderten Blicken betrachtete, während ſie ſich mit der Hand an der Stelle rieb, wo ſie ſich am härteſten geſtoßen hatte. „Frage drinnen,“ ſchrie ihr der Lieutenant in's Ohr, „ob ein Fremder einige Worte mit dem Poſtinſpektor ſprechen kann!“„Potz Tauſend,“ ſagte ſie und rümpfte die Naſe,„glaubt der Herr, ich höre nicht gut? Wenn er mir folgt, ſo kann er den Poſtinſpektor finden.“ Sie gingen die Treppe hinauf, und der Fremde blieb im Vorſaale ſtehen, während das Mädchen in das Wohn⸗ zimmer trat, um ihn anzumelden. Mit Verwunderung vernahm der Lieutenant ein undeutliches, wildes Geräuſch aus dieſem Zimmer, und gleich darauf wurde die Thüre von Herrn von Spalden ſelbſt mit Heftigkeit aufgeriſſen. Als dieſer das Original zu dem Portrait des unbekann⸗ ten Freiers vor ſich ſah, brach er, auf das angenehmſte überraſcht, in die Worte aus:„Nun, Gott. ſey Dank, Herr Sterner ſelbſt!“„Ganz recht,“ bemerkte der Fremde lächelnd.„Wie kommt es, daß ich das Glück habe, Ihnen ſchon bekannt zu ſeyn?“„Nun, das iſt mir eine Frage. Sie müſſen mir ſehr wenig Kunſtſinn zutrauen, wenn Sie glauben, ich könnte mich auch nur einen Augenblick in Ihrem Geſichte täuſchen. Die Naſe, der Mund, die Augen, Alles iſt richtig.“„Ja, gewiß ſind ſie das,“ ing der Lieutenant wieder an, der ſich kaum enthalten ante, in ein lautes Gelächter auszubrechen;„aber ich mnicht—“„Wo die Damen find,“ unterbrach der Poſtinſpektor.„Ja, warten Sie nur einen Au⸗ — 19 1 ⏑—,—— N △̈ — genblick! Seyen Sie ſo gut und nehmen Sie einſtweilen Platz; meine Familie wird ſogleich hier ſeyn.“ „Ich bin Ihnen auf's Höchſte verbunden für Ihre Artigkeit,“ erwiederte der Lieutenant;„aber die Wahr⸗ heit zu ſagen, ich habe große Eile. Mein Geſchäft war eigentlich...“„Nun ja,“ lachte der Poſtinſpektor, „ich kann es wohl begreifen, daß Sie Eile haben; aber einige Minuten müſſen Sie doch Geduld haben. Sie iſt gleich hier!“„Aber nur, weil ich den Rittmeiſter Sterner, meinen Vetter, aufſuchen wollte, nahm ich mir die Frei⸗ heit...“„Recht, recht; Sie werden ihn nachher tref⸗ fen; aber im Vertrauen geſagt, ich fürchte, Sie haben den Bock zum Gärtner gemacht. Es war meiner Seel' ein Glück, daß Sie kamen.“„Wie ſo?“ fragte der Lieutenant be⸗ ſtürzt.„Was mag die Meinung des Herrn Poſtinſpek⸗ tors ſeyn; ich errathe wahrhaftig nicht.. „Daß Ihre Verlobte eben ſo wohl ihm, als Ihnen gefallen kann. Ja, ja, mein junger Freund, ſo etwas iſt nichts Neues auf der Welt.“„Alexander, mein Vetter, der beſte und redlichſte Menſch, den ich kenne, er ſollte im Stande ſeyn, meine Abweſenheit zu benützen, um meine Braut für ſich zu gewinnen! Nein, das iſt mit Ihrer Erlaubniß eine reine Unmöglichkeit. Der Herr Poſtinſpektor kennen den Mann nicht, den Sie ſo etwas beſchuldigen.“„Nun, nun, wenn er nicht gerade die Abſicht hat, Sie auszuſtechen, denn er iſt ja durch ſein Ehrenwort gebunden, ſo hat er auf alle Fälle, wie man gewöhnlich ſagt, ein Auge auf das Mädchen, und das iſt nicht gerade zu verwundern; denn ohne Prahlerei, ſie iſt mehr als gewöhnlich ſchoͤn, und wenn ich ſo ſe agen darf, ſieht ſie mir ſehr ähnlich, nota bene, wie h in meiner Jugend ausſah.“„Nein, jetzt wird es zu toll,“ rief der Lieutenant aus und lachte aus vollem Herzen. „Meine Braut Ihnen gleich ſehen! Verzeihen Sie mir, Herr Poſtinſpektor, da müßte eine bedeutende Veränderung mit ihr vorgegangen ſeyn, ſeitdem ich ſie nicht mehr ge⸗ ſehen habe.“„Danfe unterthänigſt für das Kompli — . 118 mein junger Herr,“ verſetzte der Poſtinſpektor ärgerlich; „aber, um etwas zu beurtheilen, muß man es vorher geſehen haben. Sie kennen ja Ihre Braut noch gar nicht und haben ſie nie geſehen„„Verzeihen Sie Herr Poſtinſpektor, wenn ich Sie erinnere, daß ich nicht hie⸗ her gekommen bin, um mit Ihnen Komödien zu extem⸗ poriren,“ ſagte der Lieutenant, nun ſeinerſeits aufge⸗ bracht.„Wie ſollte ich eine Braut beſitzen, und ſie nicht kennen und nie geſehen haben?“„Nun, werden ſie doch nicht ſo hitzig, mein Freund! Es iſt die Möglichkeit vor⸗ handen, daß Sie ſie einmal in der frühen Jugend ge⸗ ſehen haben. Ich werde ſie indeſſen herholen, um dieſem Geplauder ein Ende zu machen.“„Meine Braut,“ rief der Lieutenant, angenehm überraſcht,„iſt ſie hier?“ „Ei, wo ſollte ſie denn ſonſt ſeyn?“ unterbrach ihn der Poſtinſpektor, indem er nach Auguſtens Zimmer ging, und ohne ihr ein Wort von der Ankunft des wichtigen Gaſtes zu ſagen, ſie ganz freundlich bat, ihm in den Vorſaal zu folgen. Lieutenant Sterner und das ganz verwirrte Mädchen ſtanden einen Augenblick einander ſtumm gegenüber. Auguſte erkannte ihn ſogleich nach dem Portrait; er hingegen wußte nicht, wie er ſich dieß Gaukelſpiel erklären ſollte.„Wen habe ich die Ehre, vor mir zu ſehen?“ fragte endlich der Lieutenant, in der äußerſten Verlegenheit.„Welch' eine tolle, ſonderbare Frage!“ rief der Poſtinſpektor lachend.„Das iſt ja Ihre Braut; erkennen Sie denn nicht dieſelbe wieder, von der Sie eben ſprachen?“„Nein, in Wahrheit,“ verſicherte der Lieutenant und verbeugte ſich.—„Jeder Mann müßte unzweifelhaft ſtolz auf eine Verbindung mit dieſer jungen und ſchönen Dame feyn; aber ich bin ſchon ſeit einigen Monaten her mit Ihrer Nichte, dem Fräulein Stolzen⸗ beck in F— verlobt.“ Der Poſtinſpektor ſtand da, wie aus den Wolken gefallen.—„Was,“ rief er,„nicht mit meiner Tochter Auguſte verlobt! Vielleicht haben Sie auch nicht Ihr Portrait durch den Rittmeiſter Sterner :„O ja, das hat ſeine Aebecheit aber was geegen kann ich ihm blos Glück dazu wünſchen, daß das 119 das Uebrige anbelangt, ſo verſtehe ich wahrhaftig kein Wort von Allem.“„Wenn Sie geſtehen, mein Herr, daß Sie das Portrait geſchickt haben,“ ſchrie der Poſtinſpektor aufgebracht, „ſo müſſen Sie wohl auch wiſſen, daß Sie an meine Tochter geſchrieben und um ihre Hand angehalten haben?“—„Ich an Ihre Tochter geſchrieben und um Ihre Hand angehalten!“— Lieutenant Sterner ſah den Poſtinſpektor mit einem Blicke an, der verrieth, daß er ihn für nicht richtig im Kopfe halte. „Nun ja,“ fuhr Herr von Spalden fort,„wir haben den Brief und das beigelegte Teſtament: aber vielleicht wiſſen Sie am Ende auch nichts davon.“„O doch, das Teſtament kenne ich ſehr wohl, und begreife jetzt, daß mein Name dieß Mißver⸗ ſtändniß herbeigeführt hat. Ich bin nicht der Konſtantin Sterner, von dem dort die Rede iſt, wir ſind Vettern.“ Der Poſtinſpektor, der jetzt ſeinen Zorn nicht länger zügeln konnte, brach los:„Heißen denn alle Menſchen Sterner, alle Sterner Konſtantin, und ſind denn Alle Glücksritter, die außer Lands reiſen, um andern ehrlichen Leuten ihr rechtmäßiges Erbe zu rauben, und Ihnen dann durch Intriguen und Gaukeleien noch dazu Mücken in den Kopf zu ſetzen? Aber das Portrait, mein gnädiger Herr, wie gefällt es Ihnen, das zu erklären? Warum haben Sie das meiner Tochter geſchickt?“ „Ich habe in der That ein ſolches durch den Ritt⸗ meiſter Sterner abgeſchickt,“ erwiederte der Lieutenant; „aber es war für meine Braut, Henriette Stolzenbeck, beſtimmt. Was es für eine weitere Bewandtniß damit hat, müſſen wir von meinem Vetter ſelbſt erfahren, der ſich ja hier befindet. Erlauben Sie mir deßhalb, mich zu verabſchieden, um ihn aufzuſuchen.“ Er wendete ſich nun zu Auguſten und ſagte:„Die ſeltſame Art, wie ich die Ehre hatte, Ihre Bekanntſchaft zu machen, wird mir ſtets unvergeßlich ſeyn. Und wenn der Mann, der dieſe einſt beſitzen darf,“ er faßte dabei f guſtens Hand,„nicht ſo ſehr von mir geſchätzt und geliebt wäre, ſo würde ich ihn darum beneiden. So hin⸗ ———— öoſ— Schickſal ſeinem edlen Herzen einen ſo unſchätzbaren Preis beſtimmt hat.“— Der Lieutenant verbeugte ſich ehrer⸗ bietig vor Auguſten, und näherte ſich mit ſchnellen Schrit⸗ ten der Thüre; aber ehe noch ſeine Hand das Schloß be⸗ rührte, wurde ſie von außen geöffnet, und der Rittmeiſter trat ein.—„Entſchuldigen Sie, Herr Poſtinſpektor, daß ich ſo bald wiederkomme; aber ich erhielt die Nach⸗ richt, daß einer meiner Vettern von Hamburg angelangt ſey, und mich ſuche. Ich konnte daher die Ungeduld, dieſen längſt erwarteten Freund an's Herz zu drücken, nicht länger ſtillen.“— Die beiden Freunde umarmten einander mit unverſtellter Freude; auf Sterners Zügen jedoch lag ein ungewöhnlicher Ausdruck von geſpannter Unruhe, der Au⸗ guſtens Aufmerkſamkeit nicht entging, die als ſtumme Zu⸗ ſchauerin daſaß. Auch glaubte Auguſte zu bemerken, daß der Rittmeiſter mit einem beſonders ausdrucksvollen Blicke und mehr als gewöhnlicher Erhebung der Stimme den Lieutenant fragte, was ihr zurückgelaſſener Vetter mache, und ob er ihn vor ſeiner Abreiſe von Hamburg getroffen habe.—„Seine Geſundheit iſt vortrefflich, aber ſeine Zeit ſehr in Anſpruch genommen, was vermuthlich daran Schuld war, daß ich ihn nicht antraf, als ich meinen Abſchiedsbeſuch machte.“—„Du weißt alſo nicht, ob er nächſten Monat hieherkommt; doch Du haſt wohl Briefe von ihm, vermuthe ich?“—„Ja, damit beehrte er mich. Er ſchickte mir durch ſeinen Bedienten ein großes Paket an Dich nebſt einer Menge freundlicher Grüße und Ent⸗ ſchuldigungen, daß ſeine Zeit ſo zugemeſſen ſey.“ „Aber erlauben Sie, meine Herren,“ ſagte der Poſt⸗ inſpektor, und winkte Auguſten, ſie allein zu laſſen,„er⸗ lauben Sie; das Alles ſcheint mir ſehr ſonderbar, wenig⸗ ſtens nicht ganz klar. Wie ſind Sie, Herr Rittmeiſter, dazu gekommen, das Portrait dieſes jungen Herrn meiner Tochter zu übergeben, da es doch, wie dieſer ſagt, für ſeine Braut beſtimmt war, und warum haben Sie noch dabei geſagt, es komme von dem Erben, und ſey das näm⸗ liche Bild, deſſen jener in ſeinem Brief an Auguſten er⸗ 82 —nn X 121 3 wwWähnt und von dem er dort ſagte, daß Sie, Rittmeiſter, als ſein Stellvertreter, es bei ſich führen? Iſt es Ihnen 5. gefällig, Herr Rittmeiſter, mir darüber einige Aufklärung 6 zu geben?“—„Mit vielem Vergnügen,“ erwiederte r Sterner.„Als ich Hamburg verließ, erhielt ich zwei Portraits, das eine von meinem hier gegenwärtigen Freund t für ſeine Braut, und das andere von dem Erben oder den k beabſichtigten Bräutigam Ihrer Tochter. Unglücklicherweiſe er vergaß ich meine Schatouille, in welche ich das für Fräu⸗ t lein Stolzenbeck beſtimmte niedergelegt hatte; das andere 3 jedoch für Ihre Fräulein Tochter trug ich bei mir. Da 3 wir übrigens alle drei Vetter ſind, ſo liegt gerade keine „ boeſondere Merkwürdigkeit in dem Spiel, womit ſich das 6 Schickſal beluſtigt hat, den Konſtantin Sterner in Ham⸗ 3 burg und den Konſtantin Sterner, der hier vor Ihnen 4 ſteht, gleichſam in dieſelbe Form zu gießen. Ihre Aehn⸗ 3 lichkeit iſt in der That ſehr groß, obwohl nicht ſo auf⸗ n fallend, wenn man ſie beiſammen ſieht. Und damit hoffe 5 ich die Sache zu Ihrer Zufriedenheit erklärt zu haben.“ 8 n 8.„Hm, hm, nicht ſo ganz,“ brummte der Poſtinſpektor. n„Die Aehnlichkeit iſt gar zu auffallend, und die Hiſtorie — von den Portraits etwas in Wahrheit ſehr Ungewöhn⸗ 3 liches.“„Höchſtens ungewöhnlich zerriſſen, wollte der Herr Poſtinſpektor ſagen,“ verſetzte Sterner;„denn auf 1 3 eeine andere Weiſe kann dieſe Begebenheit keinen Anſpruch 1 auf Ungewöhnlichkeit machen. Wenn Sie indeſſen den ggeringſten Zweifel in Betreff der Wahrhaftigkeit deſſen 13 hegen, was ich ſo eben angeführt habe, ſo ſteht es Ihnen 5 ja frei, an Ort und Stelle eine zuverläſſigere Aufklärung 8 darüber zu ſuchen.“— Bei dieſen Worten faßte der Ritt⸗ 4 meiſter ſeinen Vetter beim Arm, und mit einer leichten 4 Verbeugung entfernten fich Beide.—„Verdammter Schwätzer,“ fuhr der Poſtinſpektor bei ſich ſelbſt fort, nach⸗ 9 8 em ſich die jungen Herren entfernt hatten.„Er weiß, daß ich für meine Privatgeſchäfte in Hamburg keinen an⸗ d ern Unterhändler habe, als ihn ſelbſt, ich möchte alſo Der Stellvertreter. 9 12² wohl wiſſen, wie ich in einer ſo kitzlichen Sache, wie dieſe, eine weitere Aufklärung erhalten ſollte. Aber Eulen, ja große Eulen ſitzen im Myos, das ſehe ich klar ein. Der junge Herr da mit ſeinem Mädchengeſicht ſah auch ſo ver⸗ legen aus. Paß auf, ob er nicht am Ende doch der Rechte iſt, aber ſchon vor Aufſetzung des Teſtaments mit meiner hochvornehmen Frau Schweſter höchſtvornehmer Fräulein Tochter verlobt war, und jetzt durch den Rath und die Beihülfe des abgeſchliffenen Rittmeiſters den Plan durch⸗ ſetzen will, daß er das Mädchen ohne eine Verminderung des im Teſtamente Ausgeſetzten erhält! Hm, hm, was für einen Nutzen könnte der Rittmeiſter daraus ziehen? Und wozu diente der Spektakel mit mir?“— Der Poſt⸗ inſpektor ging in tiefen Gedanken im Zimmer auf und ab; endlich rief er aus:„Ich muß zum Bürgermeiſter; ich will ihm Alles berichten, und die Entwirrung der Sache ſeinem Scharfſinn überlaſſen.“ Mit dieſem Vorſatz nahm der Poſtinſpektor Hut und Stock, und machte ſich auf den Weg dorthin; doch ehe er noch die halbe Straße zurück⸗ gelegt hatte, war ſein Eifer ſchon abgekühlt. Er blieb ſtehen und fing an zu grübeln:„Kann man denn in Sachen von ſo ernſthafter Natur Einem einen Poſſen ſpielen? und auf alle Fälle, iſt denn der Bürgermeiſter ſchlauer als ich? Könnte er nicht möglicherweiſe in aller Stille ſich auf meine Koſten den Hals voll lachen, wenn er meinen Verdacht gegen Sterner und den wirklich lächerlichen Mißgriff mit ſeinem Vetter erfährt? Gebe ich mir da nicht offenbar ſelbſt eine Blöße? Geſtehe ich nicht gewiſſermaßen die Möglichkeit ein, daß man mich, einen von Spalden, an der Naſe herumgeführt hat? Und wäre es nicht möglich, daß der Erbe kommen könnte, ehe ich von Hamburg aus die Entwirrung dieſer Thorheiten erhalte?“ Die Antwort auf dieſe Fragen, die ſich der Poſt⸗ inſpektor ſelbſt vorlegte, iſt ein Geheimniß geblieben; die Folge davon war jedoch, daß Herr von Spalden umkehrte, und auf dem Heimwege ſeinen Monolog durch die hervor⸗ geſtöhnte Frage endigte:„Ob wohl der Erbe überhaupt je — ſimmen koͤnnteſt. Er gab mit klaren Worten zu verſtehen, 123 kommen wird?“ Die Antwort hierauf wird der Leſer in der Folgezeit bekommen. 19. Die Freunde.— Das feierliche Verſprechen. Kann Jemand ſagen, was man liebt? Die Liebe be⸗ ſteht gerade darin, daß man das nicht weiß. Oehlenſchläger. „Hören Sie, meine kleine Frau Hjertberg,“ ſagte der Rittmeiſter Sterner und klopfte ſeiner Wirthin auf die Schulter,„tragen Sie Sorge, daß dieſer Zettel ſo bald als moglich in das Wirthshaus geſchickt wird; denn der Herr da reist morgen früh um drei Uhr ab. Dann ſeyen Sie ſo gut, und ſchaffen Sie mir bis zehn Uhr das Abendeſſen und eine, Bouteille Portwein auf mein Zimmer. Und zum dritten und letzten bitte ich Sie, da⸗ für zu ſorgen, daß wir ſowohl vor als nach dem Eſſen ganz ungeſtört ſind. Darf ich hoffen, daß meine liebe Wirthin das Alles auf ſich nehmen will?“ „Darauf können ſich der Herr Rittmeiſter vollkommen verlaſſen,“ erwiederte Frau Hjertberg freundlich.„Alles ſoll nach Wunſch geſchehen.“ Jetzt führte der ältere Sterner ſeinen Gaſt in das bekannte Zimmer hinauf, das gegen den Hof ging. Die⸗ ſer warf ſich dort nachläſſig in einen Seſſel, und brach in ein ſchallendes Gelächter aus.—„Nun, das war der lächerlichſte Auftritt, den ich in meinem ganzen Leben erfahren habe,“ ſagte er endlich und trocknete ſich die Augen.„Du kannſt Dir nichts Närriſcheres denken, als das Geſicht des Alten, als er ſeinen Mißgriff bemerkte, und ſeinen Zorn darüber, daß ich nicht der erſehnte Erbe war, der ihn von dem Kummer befreien konnte, der ihn wirklich am meiſten plagt, von dem Gedanken nämlich, 2 daß Du möglicherweiſe im Trüben fiſchen und die Gefühle ees Mädchens aufrühreriſch gegen den wahren Prätendenten 9 124 daß der Erbe den Bock zum Gärtner beſtellt habe, als er Dich, mein lieber Alexander, zum Bevollmächtigten wählte! Ha, ha, ha!“—„So, ſo,“ verſetzte der Ritt⸗ meiſter lächelnd,„er hat alſo ſchon in dieſer kurzen Weile Zeit gefunden, Dir ſeinen Verdacht mitzutheilen. Der Poſtinſpektor iſt durchaus kein guter Menſch. Er iſt zwar nicht eigentlich ſchlecht; aber er vereinigt mit einem ſehr deſpotiſchen Charakter einen Eigenſinn, der ſich durch keine Vernunftgründe beſiegen läßt, und es wundert mich in der That, daß Auguſte bei einer ſo verkehrten Erziehung das werden konnte, was ſie iſt.“ „Jd ſie,“ rief Sterner lebhaft und ſprang auf,„ſie ſſt ein Engel, ein Ideal von allem Schoͤnen und Voll⸗ kommenen. Auf meine Ehre, Alerander, ich verſichere Dich, ſie iſt in der That bezaubernd! Glaube mir, Du weißt, ich bin ein Kenner des Schönen. Das Mädchen iſt ein wahrer Sdelſtein.“—„Ei, potz Wetter, wie viele ſüße Dinge ſagſt Du da! Aber erinnere Dich bei Dei⸗ nen Bewunderungsergüſſen vor Allem daran, daß ſie ſo gut wie Du verlobt iſt. Zugleich bitte ich Dich, meine Aufrichtigkeit zu entſchuldigen, wenn ich mir die Freiheit nehme, Dich ebenſo kräftig zu verſichern, daß Dein Ur⸗ theil über ſte ſehr wenig mehr als nichts werth iſt, und alſo unmöglich einen Einfluß auf das meinige haben kann. Du haſt nur einen Maßſtab, wornach Du den Werth des ganzen weiblichen Geſchlechtes beurtheilſt, und das iſt die Aeußerlichkeit. Auguſte, obwohl ſie vielleicht gerechte An⸗ ſprüche auf die Bewunderung hat, die Du ihrer Schön⸗ heit zollſt, beſitzt doch andere Eigenſchaften, die ich weit höher anſchlage, die aber Du, mein Herzensbruder, weder bei ihr noch bei irgend einer andern Eva's⸗Tochter wür⸗ digen kannſt, da ſich Deine Urtheilskraft, wie ich ſchon bemerkt habe, nur auf die äußere Schaale beſchränkt.“ * „Wollte nicht der Herr Bruder die Güte haben, und ſich erinnern, daß ich noch keinen Hunger nach einem Antheil der himmliſchen Weisheit des Herrn Bruders zu erkennen gegeben habe? Meine kleine Mückenſeele hat — 125 1 gewiß niemals den vermeſſenen Gedanken gehegt, ſich we⸗ der in der einen noch in der andern Hinſicht mit dem ſublimen Geiſte meſſen zu wollen, der in des Herrn Bru⸗ ders unvergleichlichem Gehirne thront. Ich halte es daher durchaus nicht für der Mühe werth, irgend eine Aufmerkſamkeit auf das erfreuliche und befriedigende Ur⸗ theil zu heften, womit der Herr Bruder ſeine Gäſte be⸗ wirthet, ſondern laſſe ſolches durch das eine Ohr hinein und zum andern wieder hinausſpazieren, und ſetze unſre Unterhaltung mit der Verſicherung fort, daß ich von dem Geſichte eines Mädchens unfehlbar auf ſeine innere Eigen⸗ ſchaften ſchließen kann. Das Angeſicht iſt ja der Spiegel der Seele, das hat ein weiſer Mann geſagt, obwohl er feine Weisheit nicht aus derſelben Quelle geholt hat, wie Du. Du ſiehſt alſo, mein Freund, daß die Weisheit der Mückenſeele von weit größerer praktiſcher Anwendbarkeit iſt, als die Deines ſublimen Geiſtes. Ich urtheile nach dem Eindruck, den ein Menſch im erſten Augenblick auf mich macht, wo ich ihn ſehe, und urtheile meiſtentheils richtig. Du hingegen urtheilſt nach jahrelanger Bekannt⸗ ſchaft, nachdem man während deſſen Zeit gehabt hat, Dir Tugenden vorzugaukeln, die man nicht beſitzt, oder Feh⸗ ler, die man hat, zu verbergen, und die Folge davon iſt daher, daß Du unrichtig urtheilſt. Wundre Dich nicht, beſter Alexander! Du mußt wiſſen, daß ich, wie das Sprichwort ſagt, meine Kunſt in Hamburg gelernt habe. Aber ich habe unter Anderem auch geleruſ das, was ich behaupte, mit Fakten zu beweiſen. Paſſe jetzt auf. Exempli gratia Auguſte von Spalden. Ich ſah im er⸗ ſten Augenblicke, daß ſie ein Engel und echter Edelſtein iſt; das will ſagen, erſtens was die Eigenſchaft als Engel betrifft, daß ſie himmliſch ſchön, gut, tugendhaft u. ſ. w. iſt, und zweitens was den Cdelſtein anbelangt, daß der Glanz ihrer Schönheit, Güte und Tugend ein wahrhafter iſt. Iſt das nicht richtig geurtheilt? Du mußt zugeben, Kaß ſie dieſe Eigenſchaften beſitzt; und wenn Du, um recht klug zu Werke zu gehen, das Vorhandenſeyn dieſer 126 Eigenſchaften an ihr erproben willſt, bis ſie das reifere Alter von fünfzig oder ſechszig Jahren erreicht hat, ſo wirſt Du doch kein anderes Reſultat erhalten, außer etwa in Beziehung auf die Schönheit, die während der Prü⸗ fungszeit möglicherweiſe eine kleine Veränderung erlitten haben könnte. Weiter, was ſagſt Du von meiner Braut, Henriette Stolzenbeck? Beim erſten Blick habe ich mich in ſie verliebt; denn ich ſah gleich, daß ſie kein Engel und auch kein echter Edelſtein iſt.“ „Ich will gerne zugeben, beſter Konſtantin, daß Deine Urtheile unfehlbar ſind, wenn Du mich nur mit dieſem Miſchmaſch verſchonen willſt,“ unterbrach ihn der Ritt⸗ meiſter lächelnd.„Der Umſtand, daß Du Dich verliebteſt, weil Du fandeſt, daß der Gegenſtand Deiner Bewunde⸗ rung kein Engel und auch kein Sdelſtein ſey, beweist hinlänglich den Gehalt Deiner Gründe.“ „Den Miſchmaſch laſſe ich Dir hingehen, aber Du mußt mich auch bis an's Ende anhören. Es geſiel Dir, es merkwürdig zu finden, daß ich mich in ein Mädchen verliebte, weil ſte weder ein Engel noch ein Cdelſtein iſt. Damit iſt nicht gemeint, daß ſie das Gegentheil davon ſeyn muß, ſondern nur, daß ſie keine allzu himmliſchen Eigenſchaften beſitzen ſoll; ſie müſſen auch ein wenig mit irdiſchen gemiſcht ſeyn. Du weißt ja, daß die Kinder Iſraels ſogar das himmliſche Manna ſatt wurden; warum nicht auch wir? Meine Henriette iſt ſchön, aber ſie iſt nicht himmliſch ſchoͤn. Das gibt mir die Gewißheit, daß ich ihr meine Bewunderung ausſchließender zueignen darf, und daß ich mich nicht durch den Anblick einer Menge Anbeter, die ſich um die himmliſche Schönheit ſammeln, quälen darf; ſo iſt mir in dieſer Hinſicht beſſer gedient. Was wieder die himmliſche Güte betrifft, ſo iſt das frei⸗ lich etwas ſehr Hübſches; aber auch hier ſchadet ein kleiner oder als würde es mir wenigſtens nicht recht wohl ſeyn, irdiſcher Zuſatz nichts. Man vermiſcht ja auch das Gold mit dem Kupfer, ſonſt wird jenes zu biegſam und weich. Es kommt mir vor, als würde ich Langeweile empfinden, —— — — — größtentheils aber eine Maſſe leichtſinniger Thorhei die kaum eine vernünftige Widerlegung verdienen. U wenn ich mit einem Welbe verheirathet wäre, die aus reiner himmliſcher Güte nie eine andere Meinung oder einen andern Willen hätte, als den meinigen; ſondern ohne allen Widerſtand mit blinder Ergebung meinen viel⸗ leicht oft launiſchen Wünſchen und Einfällen gehorchte. Dies könnte mir ebenſo wenig angenehm ſeyn, als wenn man mir immer widerſpräche, und keiner meiner Wünſche ohne Streit und Uneinigkeit erfüllt würde. Seltſam ge⸗ nug ſcheint es in der Natur des Mannes zu liegen, daß er Hinderniſſe und Widerſprüche liebt, nur um des rei⸗ zenden Genuſſes willen, ihnen zu trotzen und ſie zu über⸗ winden. Was wäͤre ein Leben ohne Widerſprüche? Nichts als ein elendes, nichtiges, vegetirendes Daſeyn, ohne Gefühl für Freude und Schmerz. Nein, mein lieber Alexander, der Kampf gibt dem Siege ſeinen Werth, und obwohl eine Ehe nicht gerade nothwendig eine unaufhör⸗ liche Kette von Kämpfen und Siegen ſeyn muß, ſo gilt doch der allgemeine Grundſatz auch hier, wenn er gleich ſeine Beſchränkungen erleidet. Ich glaube daher, daß die Mittelſtraße die beſte iſt, und ich hoffe, Dir die Ueber⸗ zeugung beigebracht zu haben, daß ich die Eigenſchaften des Fräuleins von Spalden ſowohl, als meiner Braut, nicht allein richtig beuxtheilen kann, ſondern auch richtig beurtheilt habe; ſo wie auch, daß die der letztern von der Beſchaffenheit ſind, daß ſie mit meinem Charakter und meiner Denkungsart übereinſtimmen, und daß ſie folglich diejenige iſt, die ganz beſonders gut dazu paßt, mich glück⸗ lich zu machen, das heißt nach meinen Begriffen von 4 ehelichem Glück. Und endlich kann ich nicht umhin, zu wünſchen, daß Du Dir das, was ich eben über die Art, den Werth der Menſchen zu beurtheilen, geſagt habe, zur Nachahmung in's Gedächtniß einprägeſt.“ „Beſter Konſtantin,“ erwiederte der Rittmeiſter, „was Du geſagt haſt, enthält freilich theilweiſe Wahres ich bin überzeugt, daß es deren auch nicht bedarf, dazu 128 kenne ich Dich zu wohl. Dein Charakter und Deine Denkungsart ſind im Grunde gut, obſchon Dich Dein feuerfangender Geiſt verleitet, einen Gegenſtand mit ge⸗ dankenloſem Leichtſinn zu behandeln, der von viel zu hoher und edler Natur iſt, um je die Zielſcheibe eines ſchallen⸗ den Gelächters zu werden. Möchte die Erfahrung Deine eben ausgeſprochenen Anſichten über eheliche Gluͤckſelig⸗ eeit nicht allzu bitter widerlegen! Doch Henriette iſt ein recht liebes und anziehendes Mädchen, etwas gefallſüchtig und nicht wenig eitel; nach dem, was ich jedoch bis jetzt urtheilen konnte, hat ſie ein kindlich gutes Herz, und Du kannſt demnach nicht ohne alle Hoffnung ſeyn, ein glücklicher Chemann zu werden.“ „Ja, man hat ſo ziemlich Grund zu dieſer Ver⸗ muthung,“ ſagte der Lieutenant und drehte mit einem vergnügten Lächeln an ſeinem Schnurrbart.„Aber laſſen wir jetzt das! Erkläre mir vor Allem, wie Du ſo kühn ſeyn konnteſt, meine Braut auch nur einen Augenblick des Vergnügens zu berauben, mein Bild zu ſchauen? Sey ſo gut und ſieh mich an, Alexander! Und weiter, wie Du, das perſoniffzirte Sinnbild des Ernſtes, der Wahrheit und Rechtlichkeit, es über Dich vermögen konn⸗ teſt, dieſes Gaukelſpiel mit unſerm guten Poſtinſpektor zu treiben?“„Stille, ſtille,“ ſagte Sterner und rüͤckte ſeinen Stuhl näher.„Wäreſt Du von Hamburg nicht ſo lange vor dem beſtimmten Zeitpunkte abgereist, ſo hätteſt Du meinen Brief erhalten, und dadurch eine Einſicht in die Sache bekommen. Glücklicherweiſe führ⸗ teſt Du Dich bei dem Poſtinſpektor vernünftiger auf, als ich von Dir erwarten konnte.“ 3 Sterner ſaß eine Weile ſtill und gedankenvoll; ein Ausdruck des Mißvergnügens beſchattete ſeine ſchönen, maännlichen Züge.„Wo haſt dem Brief, Konſtantin?“ fragte er, ohne auf die Un⸗ edenheit des Letztern wegen der ausgebliebenen An t zu achten. Der Lieutenant brachte, was er begehrte, W ſt Du das Portefeuille mit r und nachdem er Siegel und Unterſchrift beſehen hatte, s , N. ð —½ t, 129 erbrach er einen großen Brief, und legte die übrigen bis auf gelegenere Zeit wieder hinein. Als er dieſen geleſen hatte, ſchien er nachdenklich über einen Gegenſtand zu ſinnen, worauf er, wie wenn er einen Entſchluß gefaßt hätte, zu ſeinem Vetter ſagte:„Du biſt leichtſinnig, Konſtantin„aber haſt ſonſt ein gutes Herz. Würdeſt Du ein Vertrauen bewahren und verdienen können?“ „Wahrhaftig 7 verſetzte der Lieutenant lachend,„Du ſetzeſt meine Eigenſchaften in kein beſonders glänzendes Licht; aber da Du die Mentorſchaft über den letzten Zweig des Sterneriſchen Hauſes auf Dich genommen zu haben ſcheinſt, und ich mir vorgeſetzt habe, heute Abend nicht böſe auf Dich zu werden, ſo mag dies denſelben Weg gehen. wie das Uebrige. Ich erkläre mich deßhalb be⸗ reit, Deinem Vertrauen zu entſprechen und zu erfüllen, was Du wünſcheſt.“—„Nur ein Narr kann etwas zu erfüllen verſprechen, ehe er weiß, wovon die Rede iſt. Ich begehre nicht, daß Du etwas geloben ſollſt, ehe Du mich gehört haſt; aber die Sache iſt für mich von der höchſten Wichtigkeit und darf nicht u Deinem gewöhn⸗ lichen Leichtſinn behandelt werden. Ueberlege wohl, ehe Du Dein Verſprechen gibſt; denn iſt es einmal gegeben, ſo bitte ich Dich, vor Allem wohl zu bedenken, wer es empfangen hat.“—„Ach, ſo komm⸗ doch einmal zur Sache,“ rief der lebhafte Konſtantin; nich haſſe Vor⸗ reden ärger, als die cholera morbus. Deßhalb bitte ich Dich, meine Geduld nicht länger auf die Probe zu ſtellen. Ich werde Dich mit der möglichſt größten Auf⸗ merkſamkeit anhören, und wenn Du es ſo für nöthig findeſt, eine ganze V Viertelſtunde dem Rachſinnen widmen, ehe Du meine Antwort erhältſt.“ Nun begann der Rittmeiſter die Auseinanderſetzung der Dinge, die er für ſo wichtig anſah; aber da es noch nicht nöthig iſt, daß der Inhalt des Geſpräches dem Leſer bekannt wird, ſo übergehen wir es bis auf Weiteres. Während des ganzen Abendeſſens wurde nichts ge⸗ ſprochen. Auf des Lieutenants Geſicht zeigte ſich ein ſelt⸗ 130 nur das mehr als gewöhnlich ernſt⸗ ſam lomiſcher Zug; hafte und feierliche Ausſehen ſeines Freundes ſchien in dem jungen Manne ein Gelächter zurückzuhalten, das er ſichtlich bekämpfte. Am Schluſſe der Mahlzeit füllte Ster⸗ ner ſein Glas, ſtand auf und ſprach:„Konſtantin, Du kennſt mich; meine Freundſchaft iſt nicht zu verachten. 2 Möge dieſes Glas unſern Bund auf Lebzeit befeſtigen, und möge es undenkbar ſeyn, daß Einer von uns ſeine b Ehre durch eine Treuloſigkeit ſchänden könne.“— Er ſtieß hierauf mit ſeinem Gaſte an. Der Lieutenant, der in der That die innigſte Freundſchaft für ſeinen Vetter hegte, eine Freundſchaft, die ſich auf unbegrenzte Achtung grün⸗ dete, wurde ſchnell ernſt. Jede Spur von Lachen ver⸗ ſchwand aus ſeinem ſchönen, jugendlichen Geſichte, und mit einer überzeugenden Freundlichkeit in Ton und Aus⸗ ſehen erwiederte er:„So ſonderbar auch Dein Vertrauen iſt, Alexander, ſo ſey überzeugt, daß ich es beilig halten würde, wenn ich auch keine ſo unbegrenzte Freundſchaft für Dich hätte, als wirklich der Fall iſt. Ich gelobe Dir deßhalb beim Verluſte dieſes Zutrauens und meiner Ehre, es nicht zu mißbrauchen, und das zu erfüllen, 3 wozu ich mich verbindlich gemacht habe.“ Treuherzig ſchüttelten die beiden Freunde einander die Hände, und beim Abſchied ſagte der Rittmeiſter: „Lebe wohl, Konſtantin, und grüße mir Deine Henriette; aber laſſe ſie nie das Geringſte von Deinem Geheimniſſe ahnen; denn, merke wohl auf meine Worte, hat ſie erſt einen kleinen Faden erhalten, und mag er auch noch ſo unbedeutend ſeyn, ſo wird ihre Feinheit, ihre Schmeiche⸗ lei und Eitelkeit einen ganzen Knäuel daraus ziehen, mit dem ſie Dich ſo umgarnt, daß Du nicht wieder heraus⸗ kommſt, als bis ſie Meiſterin des ganzen Gewebes iſt, das ich jetzt vollkommen entwirrt in Deine Hände gelegt habe.“—„Fürchte nichts,“ erwiederte Konſtantin, drückte dem Rittmeiſter noch einmal die Hand, und ſprang in d Chaiſe, die mit ihm fortrollte. 131 30. e r Mütterlicher Nath. Tröſte Dich, bald wären doch verwelket Jene Blumen, die Du jetzt beweinſt. Franzén. d Wir wollen jetzt wieder einen Blick auf Auguſten und die ungleichartigen Gefühle werfen, die ſie bewegten, als ſie nach Sterners und ihres Vaters Abgang in ihr Zimmer zurückgekehrt war. Sie rief ſich jeden Blick, jedes Wort Sterners in ihr Gedächtniß zurück, und je mehr ſie daran dachte, deſto verwirrter wurden die Begriffe, die ſie mit ſei⸗ nem Benehmen und ſeinen Aeußerungen in Verbindung ſetzen wollte. Sie konnte ſich die ſonderbare Miſchung von Selbſt⸗ vertrauen, Zartheit und Zurückhaltung, die Sterner bewie⸗ ſen hatte, nicht recht erklären. Sie hoffte, weil ſte es ſo wünſchte, Sterner hege eine innige Ergebenheit für ſie; ſie fühlte, daß es ſo war, und eben ſo überzeugt war ſie auch, daß er es wiſſe, daß ſie mit der ganzen erſten Gluth eines jungen Herzens jene Neigung erwiedere.—„Und ſollte er auch bis jetzt daran gezweifelt haben,“ dachte ſie,„ſo muß ihn ja dieſer letzte Vorfall klar davon überzeugt haben. Aber wozu dies ſeltſame und übertriebene Ehrgefühl, von dem— 1 er immer ſpricht? Wie kann dies ihn hindern, ſeine Ge⸗. danken offener kund zu geben, und mich dadurch auf einmal von der grauſamen Unruhe und Angſt zu befreien, in der er 5 mich weiß? Doch weit entfernt, die Nechte geltend zu ma⸗ chen, die er ſich auf mein Herz erworben hat, muntert er mich im Gegentheile auf, die Verdienſte des Erwarteten wohl zu prüfen. Seine Liebe und Feſtigkeit iſt meine einzige Hoff⸗ nung; aber geſtellt zwiſchen die Autorität meines Vaters und die Furcht vor der Ankunft des unbekannten Freiers muß dieſe Hoffnung allmählig ſchwinden. Wenn Sterner, falls es nur eine Prüfung ſeyn ſollte, wüßte, wie überflüſſig ſie iſt, ſo würde mancher ſchwere Sturm, der nun bevor⸗ ſteht, leicht vermieden werden. O mein Gott, und wenn er einmal kommt, jener gefürchtete Mann, den ich ſo un⸗ billigerweiſe ſchon zum Voraus haſſe und verabſcheue, wo 8 2*2 8 13³² ſoll ich den Muth hernehmen, um mich von dem Einfluſſe ſeiner unglückſeligen Anſprüche loszumachen, da ſie auf das wahnſinnige Teſtament gegründet ſind und deßhalb immer mit den Geldintereſſen unzertrennbar vereint ſeyn werden.“ So weit war Auguſte in ihren Selbſtbetrachtungen ge⸗ kommen, als der Poſtinſpektor ihr eilig rief und das über⸗ raſchte Mädchen vor den in eben ſo hohem Grade erſtaun⸗ ten Lieutenant führte. Auguſtens Verwunderung und Schreck, als ſie den gefürchteten Gaſt erkannte, machten ſie ganz ſtumm, und nicht eher kam ſie zu einem klaren Gedanken oder Gefühl, als bis ſie ihn erklären hörte, daß er mit ihrer Couſine, Henriette Stolzenbeck, verlobt ſey, Worte, die in Auguſtens Ohren wie ein Geſang der Engel tönten. Sie war zu glücklich, um ihre Freude über das unerwartete Licht, das dieſe Erklärung über die Sache zu verbreiten ſchien, ausdrücken zu können; aber das ſchonungsloſe Benehmen ihres Vaters bedeckte ihre Wangen mit der Röthe der Scham. Zwar ſah Auguſte, daß Vieles noch unentwirrt und ſon⸗ derbar war; aber ſie wollte nur auf die ſtille Ahnung ihres Herzens lauſchen, das ihr zuflüſterte, daß Alles jetzt gut endigen würde; doch ſchnell waren die magiſchen Bilder, die ihre Phantaſte hervorgezaubert hatte, wieder weggeblaſen, als der Rittmeiſter anlangte und ſich nach dem Befinden, den Aufträgen und Briefen eines dritten Vetters erkundigte, und von der Ankunft deſſelben als von einer ganz entſchie⸗ denen Sache ſprach. Es gab alſo einen Dritten. Bei dieſer niederſchlagenden Nachricht, die alle ihre Luftſchlöſſer über den Haufen warf, war Auguſte froh, wieder in ihr Zim⸗ mer zurück zu dürfen, der einzigen Freiſtaͤtte, wo ſie es wagte, ihren Gedanken, Gefühlen, Kümmerniſſen und Thrä⸗ nen freien Lauf zu laſſen. Hier verſuchte ſie es, ihre ver⸗ wirrten Sinne ſo gut als möglich zu ordnen; aber ihr Kopf ſchwindelte. Eines ſtand jedoch klar vor ihrer Erinnerung; Sterners ſeltſamer Blick und ſeine Bewegung, als er ſei⸗ nen Vetter begrüßte; doch dies konnte ja ebenſogut ein ſchlechtes als ein gutes Zeichen oder eine reine Zufällig⸗ keit ſeyn. Die arme Auguſte fand keinen Faden, um ſich — — ͤ — X 8 75,. NSS—, R ͤ N=8 — 133 hier herauszufinden.— Nach Verlauf einer Stunde trat Frau v. Spalden mit rothgeweinten Augen und von ir⸗ gend einem quälenden Gefühle ſichtlich niedergedrückt, her⸗ ein. Schweigend ſetzte ihr die Tochter einen Stuhl hin, und indem ſie mit kindlicher Rührung die Hand der müt⸗ terlichen Freundin an ihre Lippen führte, flüſterte ſie: „So betrübt, meine gute Mutter; iſt noch etwas Wei⸗ teres vorgefallen?“—„Du weißt es wohl am beſten, meine Auguſte,“ antwortete Frau v. Spalden ſanft und ſah ihr forſchend in's Auge.„Ich ſpreche nicht von dem einfältigen und lächerlichen Vorfalle mit dem vermeint⸗ lichen Erben, ſondern von dem, was wahrſcheinlich vor⸗ her geſchehen iſt. Du wirſt Dich erinnern, daß mich ein kleines Haushaltungsgeſchäft hinausführte; ich wurde in der Küche etwas lange aufgehalten, und traf auf dem Rückweg Deinen Vater im Wohnzimmer. In Ausdrücken, die ich nicht wiederholen will, forderte er von mir Re⸗ chenſchaft wegen der aufgeregten Gemüthsſtimmung, worin er ſowohl Dich als den Rittmeiſter angetroffen habe. Ich habe viel, ſehr viel für das Vertrauen büßen müſſen, das ich in Dich ſetzte, als ich euch allein ließ, und Du biſt doch, das weiß ich gewiß, deſſen nicht unwürdig geweſen. Laß mich glauben und hoffen, meine Auguſte, daß ſich Dein Vater ohne Grund vereifert hat. Der Gedanke, Auguſte könnte möglicherweiſe das vergeſſen haben, was g g g— ſie ſich ſelbſt ſchuldig iſt, ſie könnte einen Augenblick ver⸗ geſſen haben, daß ein Mädchen, deren Hand nicht mehr frei iſt, ſogar vor dem Auserwählten ihr Herz bewahren muß, beunruhigt mich auf's Höchſte.“— Mit niederge⸗ ſenkten Augen ſtand Auguſte vor ihrer Mutter. Sie fühlte recht gut, daß ſie ſich deſſen wirklich ſchuldig gemacht hatte, was ihre Mutter ein Selbſtvergeſſen nannte; aber noch lebte das theure Bild in ihrem Herzen. Mit friſchen, getreuen Zügen war es dort eingegraben, und ſie konnte unmöglich den Gedanken faſſen, daß es etwas Verbreche⸗ riſches ſey, die Liebe eines edlen und rechtlichen Mannes zu erwiedern, oder daß es pflichtswidrig ſey, wenn ſte es muthe ich, kann meine Auguſte nicht wünſchen.“. Mein, meine gute Mutter, ich ſehe ein, daß Sie in ddieſer Hinſicht nichts thun können. Verſprechen Sie mir nur; daß Sie mir keine Vorwürfe machen werden, und daß Ihr zärtliches Mutterherz für Ihre Tochter eine Frei⸗ 5 134 außer Acht gelaſſen habe, ihr Herz für einen Mann auf⸗ zubewahren, der es nie zu gewinnen geſucht hatte, und deſſen perſönliche Eigenſchaften ihr völlig unbekannt waren. „Rede, meine Tochter,“ ſagte Frau v. Spalden;„vor Deiner Mutter mußt Du Dein Herz öffnen, was dort auch vorgehen mag. Auch ich war einſt jung und fühlte damals etwas, was, wie ich fürchte, Du jetzt fühleſt; aber meine Luſt war kurz. Die Roſen des Lebens erbleichten, doch nicht ganz, ſte welkten für mich; denn in dem Bewußt⸗ ſeyn, ſeine Pflicht erfüllt zu haben, liegt eine herrliche Belohnung. Doch das kann nur von denen gefaßt werden, die durch Entſagungen und Kämpfe ſich ein ſolches errun⸗ gen haben.“— Schluchzend ſank Auguſte an die Bruſt der geliebten Mutter. Sie bekannte Alles, ihre warme, unüberwindliche Liebe zu Sterner und ihre Ueberzeugung, daß er dieſe theile, obwohl ſie die Beweggründe nicht be⸗ greifen könne, die ihn hinderten, es offen zu geſtehen. Sie bat ſchließlich ihre Mutter, ihr beizuſtehen, wenn es den entſcheidenden Kampf um Erhaltung ihrer Freiheit gelte, bis— Auguſte erröthete und ſtockte. „Bis der Rittmeiſter förmlich um Dich angehalten hat, meinſt Du?“ unterbrach ſie Frau v. Spalden mit einem ſchwachen Lächeln.„Aber, mein Kind, Du mußt doch einſehen, daß es mir unmöglich iſt, Dein Begehren u erfüllen. Ein Weib— und noch dazu ein Weib, die während ihrer ganzen Ehe nie einen andern Willen ge⸗ habt hat, als den ihres Mannes, der durch Zeit und Ge⸗ wohnheit für ſie beinahe allmächtig geworden iſt— wie glaubſt Du, daß ein ſolches Weib es wagen ſollte, ſich offenbar gegen ihn aufzulehnen? Denn daß ich im Ge⸗ heimen gegen die Pläne meines Mannes wirken und durch Liſt verſuchen würde, ſie zu Nichte zu machen, das ver⸗ 4 3 7. ——-———— — 13⁵ ſtatt bleiben will, wo ſie ihren Schmerz niederlegen, und wenn nicht Hülfe für ihren Kummer, ſo doch Theilnahme und Troſt ſuchen darf.“—„Gewiß, meine gute Auguſte,“ ſprach Frau v. Spalden, und ſtrich ſchmeichelnd der Toch⸗ ter die glänzend braunen Locken aus der Stirne,„gewiß ſollſt Du bei mir alles das finden. Sey überzeugt, daß Du Alles von mir erwarten kannſt, was eine Mutter, der die Glückſeligkeit ihres Kindes das Höchſte iſt, mit ihren Pflichten als Gattin vereinigen kann. Du haſt freilich nicht recht gehandelt und ich darf die Unvorſichtigkeit nicht billigen, mit der Du Dein Herz einem Manne überlaſſen haſt, der ſeine eigene Abſichten noch nicht hinreichend er⸗ klärte, und der bei der Gewißheit, die er über Deine Gefühle beſitzt, Grund hat, es, gelinde geſagt, für ſehr unbedacht zu halten, daß ein Mädchen, welches ſeine Be⸗ ſtimmung kennt, nicht mit Vernunft und Nachdenken ein Gefühl zu dämpfen ſucht, welches ihr unter ſolchen Um⸗ ſtänden nicht erlaubt iſt; doch das Geſchehene kann nicht mehr geändert werden. Was auch folgen mag, Du haſt Dir die Schuld ſelbſt beizumeſſen; ich will Dich nur daran erinnern, daß, wenn ſchon unverdientes Unglück ſchwer zu tragen iſt, ſolches, das wir uns ſelbſt zugezogen haben, noch weit ſchwerer drückt.“—„Aber, meine liebe Mutter,“ verſetzte Auguſte,„weder ich ſelbſt noch ſonſt Jemand konnte mir die Ueberzeugung beibringen, daß meine Verbindung mit einem Andern unabwendbar ſey. Wäre dies wirklich der Fall, ſo hätte Sterner allerdings Grund gehabt, mich in hohem Grade für unbedachtſam und leichtſinnig zu hal⸗ ten, das gebe ich zu. Aber da dies bis jetzt nur eine An⸗ nahme, keine ausgemachte Sache iſt, ſo ſehe ich nicht ein, warum ich Vernunft und Nachdenken anwenden ſollte, um ein Gefühl zu erſticken, das Niemand mir als unerlaubt dargethan hat. Und überdies, wäre es denn ein Unglück, wenn der Mann, dem ich zuteſtamentirt bin, ohne mich 3 wieder— 3 Weſentlichſte; denn meine Perſon war nur ein Anhang. So iſt ſein Verluſt keiner, und meiner wo möglich noch von hier abreiste? Er behält auf alle Fälle das 136 geringer; denn ich darf dann das Theuerſte behalten, das ich beſitze, die Freiheit, ſelbſt meine Wahl zu treffen, und ich bin vollkommen gewiß, daß, ſobald der Erbe abgereist iſt, Sterner nicht mehr mit einer Erklärung zögern wird, die nur noch der Form wegen nöthig iſt. Seine Ehre und das Verſprechen, das er ſeinem Hamburger Freunde ge⸗ geben hat, werden ihn vermuthlich für gegenwärtig noch zurückhalten.“—„Ach, mein Kind,“ ſeufzte Frau v. Spal⸗ den,„wenn Dir nichts mehr als der Beweis für Deine beſtimmte Verbindung mit dem Erben fehlt, ſo ſey ſicher, daß der Dir nicht entgehen wird, wenn Du Dich an Dei⸗ nen Vater wendeſt und ihn darum erſuchſt. Er wird ſich derſelben Beweismethode bedienen, wie mein ſeliger Vater, als er mir die Bedenklichkeiten gegen eine Verbindung mit Deinem Vater benahm; und was Sterners zu hoffende Erklärung betrifft, ſo handelt er ja viel klüger, als Du. Er läßt der Sache bis auf Weiteres ihren Gang. Thu Du daſſelbe, Auguſte; aber ſey vor Allem vorſichtig in Deinem Umgange mit dem Rittmeiſter. Sey aufmerkſam auf jedes Wort, auf jeden Blick. Erinnere Dich, daß Du den noch nicht geſehen haſt, noch nicht kennſt, welchen Du ſo ſehr fürchteſt und haſſeſt. Eine Veränderung in Deinen Gefühlen wäre kein Wunderwerk. Junge Mädchen ſtellen ſich den Frühling der Liebe ewig blühend vor; doch ſeine Blumen welken hin. Viele und wahrſcheinlich die Meiſten werden nicht mit dem Gegenſtande vereinigt, der ſie zuerſt kennen lehrte, daß ſie ein Herz beſitzen; und doch, Auguſte, iſt des Lebens Glück und Freude für ſie nicht verloren gegangen.“—„Eine Veränderung in meiner Denkungs⸗ weiſe kann ich mir nicht als möglich denken,“ antwortete Auguſte;„aber Ihren theuren, mütterlichen Rath werde ich meinem Herzen bewahren. Gegen Sterner werde ich die Zurückhaltung ſelbſt ſeyn. Ich glaube, daß er eine Probe von mir erwartet, und er ſoll ſich nicht täuſchen. Ich fühle mich jetzt ruhiger, ſeitdem ich meinen Kummer in den Schooß der mütterlichen Freundſchaft ausgegoſſen habe.“— Befriedigt umarmte Frau von Spalden ihre 2 — 0 137 Tochter, und da ſie zu gleicher Zeit ihren Mann durch das Fenſter bemerkte, der ſo raſch von dem beabſichtigten Beſuche bei dem Bürgermeiſter zurückkehrte, ſo eilte ſie ihm entgegen, neugierig zu erfahren, was ihn zurück⸗ geführt habe. 21. Das Wiederſehen.— Der Bericht.— Miß⸗ — glückte Berechnungen. Als Jeder nahm ſeines; Da nahm ich auch meines, Und ſo kam die Hexe zu kurz. Altes Weihnachtsſviel. „Laß es für diesmal genug ſeyn mit Deinen Poſſen und Taͤndeleien,“ ſagte Frau von Stolzenbeck zu ihrer Tochter.„Und Du, mein lieber Konſtantin, komm und ſetze Dich zu mir auf das Sopha, damit ich ordentlichere Antworten auf meine Fragen bekomme.“ Mit einem verdrießlichen Geſichte nahm Henriette ihre Arbeit wieder auf; Konſtantin küßte die Hand ſeiner rei⸗ zenden Braut und flüſterte:„Ach, wie unangenehm, liebe Henriette!“ dann verfügte er ſich mit einer artigen Verbeu⸗ gung an den Platz, den ihm ſeine künftige Frau Schwie⸗ germutter angewieſen hatte.—„Alſo,“ begann ſie,„Du kannteſt dieſen Vetter vorher nicht perſönlich, ehe Du nach Hamburg abreisteſt?“—„Nein, nicht im Geringſten!“— „Daß doch mein Bruder ein ſo alter Narr ſeyn mußte, und ſeiner Schweſter jenen Bettel hinwarf, während er einem Glücksritter, einem liſtigen unbekannten Menſchen die ganze Frucht eines zwanzigjährigen Mühens und Strebens hinterließ. Und ich ſchickte Dich noch dazu hin, um die Sache in Ordnung zu bringen. Wie lange vor des Alten Tod trafſt Du in Hamburg ein?“—„Ungefähr ſechs Wochen.“—„Nun, und Du gingſt doch gleich hin, um Deine Aufwartung zu machen, und was ſprach er da?“—„So⸗ bald ich von der Reiſe ausgeruht hatte, ließ ich mich bei Der Stellvertreter. 1o9 138 dem alten Herrn anmelden. Er empfing mich höflich, und fragte, womit er mir dienen könne. Als Antwort darauf übergab ich ihm Ihren Brief, und ſetzte nach Ihrer aus⸗ drücklichen Vorſchrift hinzu:„Da mich Privatangelegenheiten auf alle Fälle nach Hamburg geführt hätten, ſo habe ich mit großem Vergnügen die Aufträge angenommen, mit denen mich meine künftige Schwiegermutter beehrt habe, zumal da ich dadurch in Stand geſetzt würde, eine Perſon kennen zu lernen, die ebenſo ſehr die allgemeine Achtung verdiene und genieße, als ſie ſchon längſt die unbegränzte und innige Freundſchaft und Liebe ſeiner Schweſter beſeſſen habe!“—„Nun, was antwortete der alte Bär darauf?“— „Je nun, die Tante ſoll es hören! Mit der eiſigſten Kälte und dem verächtlichſten Lächeln erwiederte er: ‚So, iſt es das? Seyn Sie ſo gut und nehmen Sie Platz; ich werde ſehen, was mir meine Frau Schweſter Gutes ſchreibt.“— Ich ſaß ihm gegenüber, und zählte auf der Pendule, wie oft ich meinen Hut in der Minute umwenden konnte. Endlich ſchloß die ewiglange Lektüre. Er erhob ſich vom Sopha und ſprach mit demſelben eiskalten Ausdruck in Ton und Blick: Meine Schweſter iſt allzu gütig, und es wäre wirklich ein zu großes Opfer, wenn ſie bei ihren Jahren eine ſo weite Reiſe unternehmen wollte, um das Alter eines Menſchen in ihre Pflege zu nehmen, der ſchon ſeit zwanzig Jahren gewöhnt iſt die zarte Aufmerkſamkeit ſeiner Blutsverwandten zu entbehren. Es würde mir zu ungewohnt ſeyn, um an⸗ genehm ſeyn zu können. In einem andern Welttheil, und unter Verhältniſſen, die es möglich machen, den Gehalt des Wohlwollens und der Freundſchaft zu prüfen, habe ich ein Herz gefunden, das für mich hinlänglich iſt. Ueberdies, mein Herr, haben Hamburgs geſchickteſte Aerzte ſchon voraus geſagt, daß meine Tage gezählt ſind, und ich fühle ſelbſt, daß ich nicht mehr viel übrig habe. Eine Reiſe hieher wäre alſo ohne allen Zweck, um ſo mehr, da der Entwurf zu meinem Teſtamente bereits fertig iſt, und kein 4 Buchſtabe darin geändert werden wird. Ich habe in dieſer Aufzeichnung meines letzten Willens weder ſie noch meinen — ⁵O——„ ͤ 4 nd uf 1s⸗ ten ich nit be, on ng zte ſen ilte es rde wie lich und ick: ein beite, chen hren dten an⸗ und des ein dies, chon kühle Reiſe t der kein dieſer einen 139 — Bruder vergeſſen. Das iſt Alles, was ich Ihnen zu ant⸗ worten habe, und demzufolge hoffe ich, mein Herr, werden Sie leicht einſehen, daß wir einander in dieſer Angelegen⸗ heit nichts weiter mitzutheilen haben.“—„Ich verbeugte mich, ohne ein Wort zu ſprechen, und ſtand im Begriff, meinen unfreundlichen Wirth zu verlaſſen, als er mit ganz verändertem Ausdruck in der Stimme und voll Offenher⸗ zigkeit fortfuhr: ‚Mein junger Freund, es war durchaus nicht meine Meinung, daß wir uns deßhalb ſo ſchnell tren⸗ nen ſollten, und noch weniger wollte ich Sie oder meine Schweſter beleidigen. Wir können ja über Manches ſpre⸗ chen, und vor Allem muß ich wiſſen, wo Sie wohnen.“ Ich nannte das Wirthshaus, wo ich abgeſtiegen war.“— „Nun,“ fuhr er fort,„das iſt ja nicht ſo weit von hier entfernt. Wenn Sie aber mir ſelbſt ein Vergnügen, und meinen zwei Freunden Sterner durch ein ſolches Zuſam⸗ mentreffen mit einem Landsmann und Anverwandten eine angenehme Ueberraſchung bereiten wollen, ſo können Sie ja bei mir wohnen, und mit dem vorlieb nehmen, was das Haus eines alten Junggeſellen darzubieten vermag. Jene kommen nicht vor Abend heim; Sie könnten alſo, wenn anders der Vorſchlag Ihnen genehm iſt, Ihrs Sachen ſogleich in mein Haus bringen laſſen.“—„Die Tante kann ſich wohl denken, daß ich mit ungeheuchelter Freude dafür dankte.„‚Wie wird es namentlich meinen guten Konſtantin freuen,“ fuhr der Alte vergnügt fort, ‚„wenn er Sie trifft, und wenn ich nicht irre, ſetzte er lächelnd hinzu, ‚„werden Ihre Privatangelegenheiten Ihre Zeit nicht ſehr in Anſpruch nehmen.“—„Ich fühlte, daß ich roth wurde und ſah,⸗ daß er etwas merkte.“—„Laſſen Sie ſich nicht beunru⸗ higen,“ fügte er gutmüthig hinzu.„Eine künftige Schwie⸗ germutter und eine ſchöne Braut können einen braven Kerl wohl dazu bringen, daß er ein wenig in ihre Politik eingeht, und überdies entſchuldige ich Sie, wenn überhaupt etwas zu entſchuldigen wäre, da ich ſeit früheren Tagen den Cha⸗ rakter und das Gemüth meiner Schweſter kenne.— Ich . 1⁰ 140 betheure Ihnen, Tante, daß dies ſeine eigenen Worte ſind. Den nämlichen Tag noch ward ich ein Mitglied ſeines wirk⸗ lich angenehmen Hauſes.“—„Der alte, elende Narr, der Erznarr,“ ſprach Frau von Stolzenbeck mit unterdrücktem Aerger, und zupfte an den feinen Spitzen ihres kammer⸗ tuchenen Nastuches. Nach einer Pauſe fuhr ſie fort:„Es wundert mich doch, daß Du, da Du ſo glücklich warſt, ein Gaſt des Hauſes zu ſeyn, und täglich mit dem Alten zuſammenzukommen, die Gelegenheit nicht beſſer benützteſt, um Dein und Deiner künftigen Familie Beſtes zu wahren. Warum untergrubſt Du nicht das abgeſchmackte Zutrauen und die närriſche Vorliebe, die der Alte für den Glücks⸗ ritter gefaßt hatte?“—„Das konnte ich wahrhaftig nicht, meine gnädige Tante. Erſtens, weil weder ich noch einer meiner Vetter wußte, was das Teſtament enthielt; denn an dem Tage, als es in Gegenwart von Zeugen unter⸗ ſchrieben und verſiegelt wurde, hatte uns Herr von Spalden ſelbſt eine Luſtreiſe vorgeſchlagen. Aber wenn ich auch das wahre Verhältniß gewußt hätte, ſo wäre es mir doch un⸗ möglich geweſen, bei einem Manne von Rudolph von Spal⸗ dens Grundſätzen es dahin zu bringen, das Teſtament wie⸗ der umzuſtoßen, und andererfeits häͤtte ich es für unwürdig gehalten, durch eine ſo niedrige Handlung die wahrhaft ächte Freundſchaft und Güte zu lohnen, womit mir dieſer un⸗ bekannte Anverwandte während meines ganzen Aufenthalts in Hamburg entgegenkam.“—„Nun, jetzt habe ich dies Gewäſche mehr als genug,“ rief Madame Stolzenbeck är⸗ gerlich.„Ich ſehe, daß Du die empfindſamen Ideen Dei⸗ nes vortrefflichen Vetters, des Rittmeiſters, eingeſogen haſt; aber wiſſe, daß ſolche Romangrillen einem vernünf⸗ tigen Manne nicht wohl anſtehen, und einen Mangel an geſunder Urtheilskraft verrathen. Kannſt Du wirklich ſo einfältig ſeyn, und Dir einbilden, daß der Erbe den In⸗ halt des Teſtamentes nicht gekannt, und lange vorher durch ſeine Intriguen den Grund dazu gelegt habe? Ja, verlaſſe Dich auf meine Erfahrung, der Plan war ſchon ſeit der romantiſchen Begebenheit auf der Tigerjagd angelegt, wo — — 1——ͤ,—-———-——— 09— SSͤ-SͤO= BoRN— A —&ERER 141 das Leben des Alten wahrſcheinlich vorſätzlich der Gefahr ausgeſetzt wurde, und vielleicht gar ſchon vor dieſer Bege⸗ benheit. Und dann das dumme Spiel mit der Einmiſchung jenes Mädchens, ſeiner Nichte, in das Teſtament; glaubſt Du, eine ſolche Idee ſey in dem Gehirn meines alten Bruders entſtanden? nein, das iſt rein unmöglich! Er hatte bei ſeiner letzten Abreiſe aus Schweden verſprochen, für ſie zu ſorgen, und ich hätte alſo Grund gehabt, zu ver⸗ muthen, daß er die Abſicht habe, ſte zu ſeiner Erbin ein⸗ zuſetzen; aber da der Glücksritter wahrſcheinlich die Schwach⸗ heit des Alten für ſie kannte, ſo hat er das närriſche Teſtament zuſammengeſponnen, um ſeinen eigenen Vortheil mit der Schwachheit meines Bruders zu vereinigen, was dann dieſer einfältige Narr in ſeiner thörichten Blindheit gebilligt und wie ſeinen eigenen Willen angenommen hat. Die rührende Geſchichte von der Tigerjagd, und der dadurch entſtandenen feſten und unvergleichlichen Freundſchaft zwi⸗ ſchen meinem Bruder und dem Glücksritter, haſt Du Dir von Deinem vortrefflichen Mentor und edlen Freund, dem Rittmeiſter, aufbinden laſſen. Wahrſcheinlich hat dieſer da⸗ für von ſenem ſeine gute Belohnung erhalten, und Alles geſchah blos, damit Du keinen Verſuch machen ſollteſt, den Alten auf Gedanken zu bringen, die mehr mit dem Vortheil ſeiner Familie übereingeſtimmt hätten.“ Obgleich es eine unerhörte Kühnheit ſchien, den ge⸗ ringſten Zweifel in die Richtigkeit des Urtheils der Frau v. Stolzenbeck ſetzen zu wollen, da es bisherx von ihrer Umgebung ſtets für unfehlbar angeſehen wurde, ſo konnte Konſtantin doch nicht umhin, die Perſonen zu vertheidi⸗ gen, deren Ehre ſie ſo ſchonungslos angriff; aber alle ſeine Verſuche, die ſtolze Frau auf andere Gedanken zu bringen, waren vergebens. Sie beſaß beſonders eine Ei⸗ genſchaft, in der ſie ihrem Bruder, dem Poſtinſpektor, viel glich, nämlich einen entſchiedenen Widerwillen gegen jede Art von Widerſpruch., Das konnte ſie aus ihrer gewöhn⸗ lichen Ruhe emporreißen, und auch dießmal war es der Fall.„Konſtantin,“ ſprach ſte kalt,„der, welcher mit 1 142 ſo viel Wärme einen ſchlauen Menſchen in Schutz nehmen kann, der einem vorher redlichen und recht denkenden Manne die Liebe zu ſeinen nächſten Angehörigen geraubt hat, der, welcher einen ſolchen vertheidigt, iſt in meinen Augen jeder andern Thorheit faͤhig. Bedenke wohl, daß ſchon manche Verlobung aus minder gültigen Gründen gebrochen ward.“ Bei dieſen unerwarteten Worten fing Henriette an zu weinen; aber Konſtantin erhob ſich mit einer Würde und Haltung, die man bis jetzt noch nicht an ihm geſehen hatte. Die Röthe des Zorns und des Schmerzes wechſelte auf ſeinen Wangen; mit ſcharfen Blicken ſah er Frau v. Stolzenbeck in's Geſicht und ſein Ton war feſt und voll Ernſt, als er erwiederte:„Ma⸗ dame, ich ſehe zwar die Verbindung mit Ihrer Tochter für das höchſte Glück meines Lebens an, allein meine Ehre iſt mir doch theurer. Lieber will ich, wenn dieß nöthig iſt, den Wunſch meines Herzens zum Opfer bringen, als mich einer niedrigen, unwürdigen Handlung ſchuldig machen. Nie wird Konſtantin Sterner wahre Freund⸗ ſchaft mit tückiſcher und ſchnöder Undankbarkeit vergelten!“ Hätte der Rittmeiſter in dieſem Augenblick Konſtan⸗ tin geſehen, ſo würde er den lebensfrohen, leichtſinnigen Jüngling kaum wieder erkannt haben. Frau v. Stolzen⸗ beck fand wenigſtens für den gegenwärtigen Augenblick „ihre Rechnung nicht darin, aus ihrer Drohung Ernſt zu machen. Mit einer Art verſöhnendem Lächeln verſetzte ſie daher:„Nun, nun, es war nicht gemeint, daß es gerade ſo weit gehen ſollte. Uebrigens kann ich ja den Umfang der Gefälligkeiten, die Dir erwieſen wurden, nicht beurtheilen; aber auf diejenigen ſind ſie wenigſtens nicht zurückgefallen, um deretwillen Du die Reiſe unter⸗ nehmen ſollteſt, das weiß ich!“„Nun, meine gnädige Tante, wenn die Freundſchaft nothwendig mit dem Maß⸗ ſch 9 ſtabe des Eigennutzes gemeſſen werden muß, ſo erlauben Sie mir, Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß die mir erwieſenen Dienſtleiſtungen doch auf Sie ſelbſt zu⸗ rückgefallen ſind,“ ſagte Konſtantin, und ſetzte ſich wieder 1 — — — S A n=sAeͤSSͤ ͤ— — B8— N— B —— — ☛ NSN —— 8 143 leicht verſöhnt.„Belieben Sie nur einmal zu bedenken, „die in Jh⸗ daß die nicht gar ſo unbedeutenden Summen rem Namen erhoben wurden, um mir nachgeſendet zu werden, unberührt geblieben ſind; denn ſie wurden mir durch die edle Gaſtfreundſchaft Ihres Herrn Bruders und ſeines Günſtlings entbehrlich. Hätte ich während meines faſt ſechsmonatlichen Aufenthalts in Hamburg von Ihrer Kaſſe unterhalten werden müſſen, ſo koͤnnen Sie verſichert ſeyn, daß keine unbedeutende Summe von den zehntau⸗ ſend Reichsthalern Banko, die ich jetzt ungeſchmälert heim⸗ gebracht habe, abgegangen wäre.“„Das iſt wohl mög⸗ lich,“ verſetzte Frau v. Stolzenbeck, da ſie klar einſah, daß die Sache nicht zu beſtreiten war.„Erzähle mir jetzt Einiges von der Krankheit des Alten und ſeinem Tode.“„Darüber iſt nicht viel zu berichten, meine gnãä⸗ dige Tante. Die Vormittage brachte ich und mein Vetter gewöhnlich in ſeiner Geſellſchaft zu. Der Alte war dann größtentheils bei guter Laune, und ich rechne dieſe weni⸗ gen Stunden unter die angenehmſten und lehrreichſten, die ich bisher erlebt habe. Bei den Erzählungen von ſeinen Reiſen in Indien legte er eine ſo vielſeitige Bil⸗ dung und eine ſo tiefe Menſchenkenntniß an den Tag, daß er im höchſten Grade die Aufmerkſamkeit ſeiner Zu⸗ höͤrer feſſelte. An den Nachmittagen zog er ſich immer in ſein Schlafzimmer zurück, weil ihn dann ſeine körper⸗ lichen Leiden ſtärker angriffen. Die letzten vierzehn Tage verließ er ſein Zimmer nicht, und erlaubte höchſt ſelten Jemand, und dann nur ſeinem Günſtling, bei ihm ein⸗ zutreten. Zu Ende dieſer Zeit ſtarb er.“ „Als das Teſtament geöffnet, die Bücher und übri gen Dokumente durchgeſehen waren, fand der Erbe, daß er unmöglich in geringerer Zeit als ſechs Monaten die Angelegenheiten des Abgeſchiedenen ſo weit ordnen könne, um wieder nach Schweden zurückzukehren, und Ihre An⸗ gelegenheiten hielten auch mich zurück; da aber der Ritt⸗ meiſter gleich darauf abreiste, ſo benützte der Erbe die Gelegenheit und überredete dieſen zuverläſſigen und ge⸗ ⸗ 8 2 144 ne Freund, in Beziehung auf den ſonderbaren Punkt im Teſtamente, ſowie in andern Geſchäften ſeinen Stell⸗ vertreter zu machen. Er ſandte alſo durch ihn ſein Por⸗ trait an die ihm zugedachte unbekannte Braut, mit dem Auftrag, ihre Eigenſchaften zu prüfen, worauf er dann, im Falle das Fräulein ſeinen Anforderungen nicht ent⸗ ſprechen ſollte, von einer Verbindung mit ihr abſtehen würde, jedoch mit dem Vorſatz, ihr die Hälfte des Ver⸗ mögens zu überlaſſen. Denn er wußte, daß ſein ver⸗ ſtorbener Freund dieſe Nichte zärtlich geliebt und verſpro⸗ chen hatte, für ihre Zukunft zu ſorgen, obwohl die Freund⸗ ſchaft ihn vermocht hatte, eine Verbindung mit ihr als Bedingung daran zu knüpfen.“„Ja, ja,“ ſagte Frau v. Stolzenbeck mit einem verächtlichen Lächeln,„das klingt nicht ſo übel, aber ich wollte wetten, daß er eher das Mäadchen ſo nimmt, wie ſie iſt, als die Hälfte des ſchönen Vermögens aufzuopfern, wenn, wie ich vermuthe, ſte die empfindſamen Eigenſchaften nicht beſitzt, die der höchſt ſentimentale Rittmeiſter wahrſcheinlich fordert, die aber unter den gewöhnlichen Verhältniſſen des ehelichen Lebens ſehr wohl entbehrlich ſind, wenn wir ſie auch um des Effektes willen hie und da gerne in einem Romane ſehen.“ „Es iſt keinem Zweiſel unterworfen, meine gnädige Tante, daß im Gegentheile dieſer Sterner, wenn er Fräu⸗ lein v. Spalden zu Geſichte bekommt, den Punkt des Teſtamentes, der ihm Hoffnung auf ihren Beſitz gibt, für den glücklichſten anſehen wird; denn bei dieſem Mädchen ſcheinen wahrhaftig alle Reize vereinigt zu ſeyn. Ich hatte freilich nur einige wenige Minuten lang das Glück, ſte zu ſehen; aber ich muß geſtehen, daß ich kaum jemals ein ſchöneres Geſicht, einen üppigeren Wuchs und eine vollkommenere Harmonie des Ganzen geſehen habe.“ „Konſtantin,“ rief Henriette, halb erzürnt und halb ſcherzend, und ſprang auf, indem ſie ihre Arbeit weit wegwarf,„was iſt das für eine Schilderung? Ich wäre faſt geneigt, zu glauben, meine ſchöne Couſine habe mei⸗ nen feurigen Bewunderer zum Proſelyten gemacht. Hüte · — . 8BS—, S SSͤ= — — N ☛ 8— O= 8 — — 145 Dich vor ſo freien Aeußerungen; denn ich meine ſchon die Anzeichen der Eiferſucht in mir zu verſpüren.“ In dieſem Augenblicke ward Frau v. Stolzenbeck hinausgerufen, und fröhlich wie ein Voget, der ſeine Freiheit wieder erhalten hat, flog Konſtantin von dem Sopha an die Seite ſeiner Braut, und widerlegte ihre Befürchtung mit dem ganzen Feuer ſeiner Beredtſamkeit. Sie war leicht getröſtet; denn in der Wirklichkeit war ſte zu eigenliebig, und vertraute zu ſehr auf die Allmacht ihrer Reize, um ernſtlich den Einfluß einer Andern zu befürchten.— Die Unterhaltung während des übrigen Abends drehte ſich hauptſächlich um einen Gegenſtand, nämlich um die herrliche Reihe von Vergnügungen, die ihnen auf einer Reiſe nach Ulriksdal werden ſollte, wel⸗ ches Frau von Stolzenbeck wieder zu kaufen im Sinne hatte, und deßhalb vorher in Augenſchein nehmen wollte. 22. Sterners Monolog. Und ſeine Seele lag auf den Lippen. Bulwer. Der Rittmeiſter hatte nach Konſtantins Abreiſe nicht die Ruhe geſucht. In tiefen Gedanken ging er im Zim-— mer auf und nieder. Bisweilen ſchien er mit ſich ſelbſt zu kämpfen; ſein unruhiger, haſtiger Gang bezeichnete einen Mann, deſſen Inneres von einer gewaltſamen, mäch⸗ tigen Leidenſchaft heftig bewegt war.—„Sollte wirklich etwas Verbrecheriſches, etwas Unedles in dieſer Hand⸗ lung liegen; ſollte ich dadurch einen Fleck an ein Leben hängen, das ich bis jetzt rein zu erhalten bemüht war?“ ſprach er halblaut.„Aber weßhalb mache ich mir dieſe Fragen; woher dieſes Zaudern? Würde die billigende Antwort meines Rechtsgefühls ausbleiben oder auswei⸗ chend zögern, wenn mein Vorhaben ganz tadellos wäre?“ „Stolz, Egoismus! ſeyd ihr es, die mir zuflüſtern, es zu vollführen, und warum? Vielleicht nur um eine — 1 146 4 Eitelkeit zu befriedigen, die ich erſt jetzt an mir zu be⸗ merken meine?“— Er ſetzte ſich nieder und ſtützte ge⸗ dankenvoll den Kopf auf die Hand.—„Nein, nein, es iſt nicht Eitelkeit! Ich will, ich kann mich nicht vorſätz⸗ lich einer ſo unrechten Handlung ſchuldig machen! Das iſt es nicht; es müſſen meine überſpannten Begriffe von Recht und Unrecht ſeyn, welche dieſe Zweifel erzeugen.“ — Er ſchwieg. Allmählig ſchienen die dunklen Bilder zu verſchwinden, und helleren, froheren Vorſpiegelungen ſeiner aufgeregten Phantaſte, wie es ihm ſchien, Platz zu machen. Jetzt ſchwebte ein Lächeln über ſeine Lippen; das dunkle Auge blitzte von ungewöhnlichem Feuer.— „Es iſt nicht unrecht, und es ſoll möglich, es ſoll gewiß werden,“ rief er laut und faſt jubelnd aus.„Ja, dann endlich werde ich eine Seligkeit kennen lernen, welche die Mühen und Kämpfe ſo vieler Jahre aufwiegt. Der, welcher von ſeiner Kindheit an kein Herz beſaß, kein Herz, das mit ihm gefühlt, gelitten oder ſich gefreut hätte, der immer allein ſtand, und mit ſehnſuchtsvollem Schmachten nach einem Weſen ſuchte, das mit dem ſeinen harmonirt hätte, und es nie fand, nur der kann meine grenzenloſe Seligkeit begreifen,— wenn Alles gut geht.“ Sterner nahm jetzt wieder die Briefe zur Hand, die Konſtantin ihm übergeben hatte, welche aber während ihrer Unterredung bei Seite gelegt worden waren. Er erbrach ſie, ſah mehrere Dokumente durch, und je länger er dieſe Arbeit foriſetzte, deſto mehr verſchwand der zau⸗ dernde, unruhige Ausdruck in ſeinem Geſichte. Es war ungefähr ſechs Uhr Morgens, als er durch das Geraſſel eines Bauerkarrens unterbrochen wurde, der an den Hof anfuhr. Sterner ſah durch das Fenſter und gewahrte ſeinen Bedienten Weſterlind, der ausſtieg. Gleich darauf trat dieſer ins Zimmer, grüßte mit ſeiner gewöhnlichen demüthigen Freundlichkeit, und brachte tauſend freund⸗ ſchaftliche Empfehlungen vom Pfarrhofe zu Wallaryd. „Nun, wie ſteht es, Weſterlind?“ fragte der Ritt⸗ meiſter.—„Ich kann die Ehre haben, den Herrn Ritt⸗ 3 d 147 1 meiſter zu verſichern, daß alle Reparaturen, der Aufſicht der Frau Pfarrerin als meiner eigenen mit einer Thätigkeit vor ſich gehen, die mit Freude anzuſehen iſt. Rund umher blüht Alles, vom Kartoffelkraut bis zu den ſchönen Aurikeln und den weißen Dornroſen; und in der Ecke jedes Quadrats hat Frau Svallenius mit eigener Hand die Anfangsbuchſtaben von des Herrn Ritt⸗ meiſters Namen in indianiſcher Kreſſe und Patientia ge⸗ ſät. Ich glaube deßhalb mit voller Gewißheit, daß der Herr Rittmeiſter mit Allem ſehr zufrieden ſeyn wird, wenn, wie wir hoffen, der Herr Rittmeiſter bis Pfingſten dahin reist.“—„Nun, alles das freut mich ſehr, mein lieber Weſterlind,“ ſagte der Rittmeiſter lächelnd.„Iſt die Malerei in dem grünen Eckzimmer ſchon vollendet? Du weißt, ich will das für mich ſelbſt in Beſitz nehmen.“ „Alles iſt bereit zum Empfange des Herrn; doch iſt dieſes für den Augenblick noch das einzige Zimmer, das ſich eines geordneten Ausſehens rühmen kann. Letzten Dienſtag war Mamſell Björk und Jungfer Anna dort, um auf Befehl der Probſtin die Fenſter zu waſchen, die Gardinen aufzumachen und die Menbel mit den ro⸗ then und weißen Kattunüberzügen zu bekleiden. Da gab es eine ſeltſame Geſchichte mit Mamſell Björk; ſie bekam eine Ohrfeige von der Probſtin, die ſte eine Gans hieß, weil jene mit aller Macht die grünen Bombaſſinüberzüge im Eckzimmer haben wollte; aber die Pfarrerin beſtand darauf, daß ſie im Schlafzimmer des Erben angebracht werden müßten.“—„Arme Mamſell Björk, das war Schade um ſie,“ antwortete der Rittmeiſter;„aber ich muß doch zugeben, daß die Probſtin Recht hatte. Uebri⸗ gens hoffe ich, daß Du es nicht unterließeſt, den Frauen⸗ zimmern, die vom Pfarrhofe nach Sorrby kamen, mit all' den kleinen Dienſtleiſtungen an die Hand zu gehen, und daß Du als eine Art augenblicklicher Vicewirth nicht verſäumteſt, ſie mit all' dem zu erfreuen, was das Haus aufbieten konnte?“—„Das iſt natürlich, Herr Rittmei⸗ ſter; ich verſäumte weder das Eine noch das Andere. 2 ſowohl unter Ich hielt beſtändig den Schemel oder Tiſch, worauf Mam⸗ ſell Björk ſtieg, um die Gardinen aufzuhängen. Einen ganzen Tag lag ich neben Jungfer Anna auf den Knieen, als ſie die rothen Ueberzüge auf die Seſſel befeſtigen mußte. Ich drehte ſie um und reichte ihr die Steckna⸗ deln, und als wir endlich Abends fertig waren, ſpeisten wir zuſammen in Gegenwart des Inſpektors, geronnene Milch, friſche Butter und geſäuertes Brod, ſo gut es die Frau Pfarrerin für den Geſindetiſch backen ließ.“— „Nun, ich ſehe, Du haſt Deine Obliegenheit pünktlich 8 erfüllt. Gib jetzt die Briefe her, und gehe dann hinun⸗ ter, und thue Dir etwas zu gut.“— Weſterlind zog ſeine Brieftaſche hervor, übergab zwei Briefe, verbeugte ſich und ging. Der eine war von dem Inſpektor, und betraf den Anbau des Hofes; der andere vom Pfarrer Syvallenius, und lautete wie folgt: 3 „Hochgeehrter, lieber Bruder!“ „Ich kann mit Befriedigung berichten, daß die Ver⸗ beſſerungen des Herrn Bruders in Sorrby nach Wunſch vor ſich gehen, nämlich ſchnell und gut. Meine Alte iſt, Gott ſey Dank, zweimal in der Woche dort, und ich ſelbſt habe eine Tour dahin gemacht, um mit dem Inſpektor über einen kitzlichen Punkt Rath zu ſchlagen. Dieſer be⸗ trifft das Fortheſtehen des früheren Kontraktes mit Oberſt⸗ lieutenant Staͤlkrona wegen der Mühlen von Sorrbypark. Der Inſpektor behauptet, daß ein großer Theil des beſten Wiesbodens den ganzen Sommer über unter Waſſer liege, und der Heuertrag faſt ganz verloren gehe, und daß dieſe Wieſen wegen der Ueberſchwemmung kaum zu Weide⸗ plätzen benützt werden können. Der Oberſtlieutenant da⸗ gegen bleibt ſich gleich und beſteht darauf, daß der durch die Aufdämmung verurſachte Schaden mehr als hinläng⸗ lich durch das zollfreie Mahlkorn und hundert Reichstha⸗ ler jährlich aufgewogen werde. Das Beſte wäre, wenn der Herr Bruder ſelbſt käme, um die Sache zu entſchei⸗ den; denn obwohl Stälkrona, wie der Herr Bruder weiß⸗ ———,.-— — erhe näm . der, in Ad 90— 88A N N —* 8n G . der, den Magiſter Traſſelin von S 149 zur Zeit des früheren Eigenthümers keinen größeren Scha⸗ denerſatz erlegte, ſo iſt damit doch nicht geſagt, daß der gegenwärtige Beſitzer ebenfalls damit z Es wäre auch für mich höchſt wünſchenswerth und an⸗ genehm, wenn der Herr Bruder bald kommen und nach ſeinem alten Freunde ſehen würde, und am liebſten wäre es mir, wenn es bis zum kommenden Pfingſtfeſte ſeyn könnte, denn an Pfingſten laden wir wie gewöhnlich die vornehmſten Leute der Pfarrei zu uns ein. Es iſt Grund⸗ ſatz meiner Frau, Fremde nie mehr als einmal ian Jahre zu ſich zu bitten; aber dann ſetzt auch Anna Stina eine Ehre darein, ihre Gäſte gut aufzunehmen und zu bewir⸗ then, und ſelten bleibt Einer aus; denn der Herr Bruder darf mir glauben, daß es da luſtig zugeht, obwohl ich für meinen Theil eben ſo froh bin, wie das Küchenper⸗ ſonale, wenn dieſer Durcheinander vorüber iſt.“ 3 „Die Familie Stälkrona von Sorrbypark pflegt eben⸗ falls bei dieſer Gelegenheit dem Pfarrhofe die Ehre zu geben, und ich meine, der Herr Bruder könnte da am bequemſten mit dem Oberſtlieutenant über die Sache ſpre⸗ chen; denn wenn gleich der Inſpektor verſichert„der kür⸗ zeſte Weg wäre, wenn man ihn bei der nächſten Gerichts⸗ zuſammenkunft vorladen würde, ſo halte ich es doch für das Beſte, die Sache gütlich abzumachen. Staͤlkrona iſt nicht allein für einen Mann von ungewöhnlichem Hoch⸗ muth bekannt, ſondern auch für einen, den man nicht wohl zum Feind haben kann.“ „Lebe wohl, mein Bruder! Kau rothen Roſentaback, und ſey damit herzlich willkommen Deinem alten Freunde: Svallenius.“ „P. S. Faſt hätte ich vergeſſen, und dann hätte mir Gott gnädig ſeyn dürfen, meine Alte läßt Dich grüßen und Dir ſagen, Du möchteſt, wenn Du ihre Freundſchaft erhalten wolleſt, am Pfingſtabend nicht ausbleiben, vor⸗ nämlich aus dem Grunde, well ſie bis dahin ihren Bru⸗ — aryd's Kirchſpiel neuer Ehemann und fe mir einige Pfund in Smäland erwartet. Er iſt ein 7 ufrieden ſeyn muß. „ hat Urlaub genommen, um uns am Feſte ſeinen Schatz zu zeigen. Deerſelbe.“ Sterner legte den Brief zuſammen und drückte ihn gedankenvoll zwiſchen den Händen.—„S— aryd—hm— dieſer Name kommt mir bekannt vor, wie wenn er in irgend eine dunkle und traurige Erinnerung einverwoben wäre. Wo ſoll ich ſte wiederfinden?“— Ein ſchmerzliches„Ach!“ entfuhr ſeinen Lippen.„Jetzt erinnere ich mich, dort iſt es, wo die arme, liebenswürdige Julie von K— nach den Kämpfen ihres kurzen Daſeyns ausruht. Tiefe, innige Liebe, ſo warm, wie ſie nur je bei einem Kinde des Südens glühte, verheerte den Frühling ihres Herzens. Wie oft in den ſtillen Abendſtunden flüſterten ihre blei⸗ chenden Lippen den Namen Waldemar! Oftmals ſprach ſie mit mir von ihrem vergangenen Leben. Arme Inlie, Du klagteſt Dich ſelbſt an, Deinen Himmel auf Erden zerſtört zu haben. Die einzige Linderung in Deinem Schmerz waren Thränen, und doch— o des unruhigen, unergründlichen Menſchenherzens!— war es für ſie ein Bedürfniß, ſich in den Wirbel der Vergnügungen und Zerſtreuungen zu werfen; aber bei ihren ſpäteren Leiden verloren auch dieſe ihren Werth für ſie.— Der unglück⸗ liche Ball!— nach ihm neigte ſich ihr Haupt immer mehr hinab zur mütterlichen Erde, die das ermüdete Kind nach einer kurzen, aber dornenvollen Pilgerfahrt beſänf⸗ tigend in die Arme ſchloß.“ Eine Thräne glänzte in Sterners Auge bei der Er⸗ innerung an das traurige Ende des jungen, unglücklichen Weibes, um deſſentwillen er einſt ein irrender Flüchtling geworden war. Alles war jetzt überſtanden; aber er fühlte doch ſein Herzblut ſteden, wenn er der unwürdigen Handlungsweiſe des Barons von K- gedachte, und mit aufrichtigem Herzen bat er, daß ſie nie in ihrem Leben zuſammentreffen möchten. Sterners edles Herz hatte ſchon läugſt die bittere Unbill verziehen, die der Baron gegen 1 ihn ſelbſt begangen hatte; aber noch ward er durch die Erinnerung an den verächtlichen Leichtſinn aufgeregt, wo⸗ — mit er einen Schatten auf die Treue ſeines Weibes z b werfen verſucht hatte.„Doch ich will d ieſe ſchmerzlichen h Erinnerungen verlaſſen,“ ſagte Sterner und ſtand auf. 8 —„Mein alter, ehrlicher Svallenius, Du follſt mich am— nd 1 Pfingſtabend nicht vergeblich erwarten. Vorher muß ich re. aber noch eine Unterredung mit meinem Poſtinſpektor haben. 544 Ich fühle, daß mir die Geduld mit ſeinen Ungereimthei⸗ b iſt ten nachgerade ausgeht.“ ach—— de 28. es 2. 14 ns. Eine Scene aus der alten romantiſchen Schule. ei⸗ Antworte, oder ich haue blind durch die Nacht. ach Mazarino. lie, Schwere, dunkle Wolken fuhren raſch über den Hims den mel, und in den Oeffnungen, die ſich bildeten, flammte em ein düſterer, röthlicher Schein. Wüthend raste der Sturm en, um die wilden Felſen, und ward nur von dem unheimlichen, ein durchdringenden Geſchrei der Eulen übertönt, die durch ind den Kampf der Elemente erſchreckt und aufgeſcheucht durch den den Schimmer der häufigen Blitze, welche die heiße, qual⸗ 1 ick⸗ mige Luft ziſchend durchkreuzten, aus ihren Neſtern in 3 8* ner deen dunkeln Tannen fortflatterten, um irgend ein ſichere⸗* ind res Obdach zu ſuchen. Heftige, gellende Donnerſchläge nf⸗ trugen dazu bei, das Schauerliche der Scene zu vermeh⸗ ren. An dieſem entſetzlichen Abend ſaß in einer kleinen, Er⸗ elenden Hinterſtube ein altes Weib auf dem Rande eines 3 hen verfallenen Herdes, und war damit beſchäftigt, mit einem ing Fichtenſtecken die Kohlen zuſammenzuſcharren und das Feuer er au erhalten, das jeden Augenblick bei den Windſtößen zu 4 gen erlöſchen drohte, die ſich einen Weg durch den paufälli⸗ mit gen Schornſtein bahnten. Sie rührte mit einem hölzer⸗ ben nen Löffel in einem Topfe, der ihr dürftiges Abendmahl, hon einen Habermehlbrei, enthielt, während ſie andächtig ihr gen Vaterunſer las und dazwiſchen aus einer kleinen, ſchwarz⸗ die gerauchten Kreidenpfeife ſchmauchte. Einmal wagte ſie wo⸗ ſich an's Fenſter; aber da ihr der B litz in's Geſicht fuhr, . 1⁵² und der Donnerſchlag die Holzteller auf ihrem elenden Tiſche erſchütterte, flüchtete die Alte, ſo ſchnell es ihre alten Beine erlaubten, wieder zum Herde, wo ſie ſich ſicherer dünkte. Es hatte jetzt mit einer Heftigkeit zu reg⸗ nen angefangen, die alle ihre Bemühungen, die Riſſe in den Fenſterfragmenten und Wänden mit Werg und Lum⸗ pen zu verſtopfen, zunichte machte. Der Regen ſchlug überall hekein. Zitternd nahm die Alte den endlich gar⸗ gekochten Brei vom Feuer, und ſetzte ſich in die Ecke des Herdes, wo ſie ihre einfache Mahlzeit verzehrte. Als dies vorbei war, löſchte ſie das Feuer aus, und begab ſich auf den Ofen, um dort einer noch behaglicheren Ruhe zu genießen. Aber kaum war die einſame Bewohnerin glücklich hinaufgeklettert und hatte die Decke über Augen und Ohren gezogen, als ſie durch mehrere kraftvolle Schläge, die an ihre Thüre donnerten, unangenehm auf⸗ geſtört wurde. Die Alte, die wohl wußte, daß ſie nichts⸗ beſaß, was die Raubgier ſolcher erwecken konnte, die um dieſe Zeit und bei einem ſolchen Wetter ihre Wanderun⸗ gen machten, und daß es Niemand für der Mühe werth halten würde, ihr ſelbſt einen Schaden zuzufügen, begann ſich nun allmählig wieder vom Ofen herunter zu machen. Aber da die Schläge ohne Barmherzigkeit erneuert wur⸗ den, und die baufällige Thüre zu ſprengen drohten, eilte ſie ſo ſehr als möglich, zündete wieder an dem Fichtenſtecken, der in einer Spalte der Mauer befeſtigt war, Feuer an, und ſchob brummend den Riegel zurück. Ein junger Herr in einem geſchmackvollen Jagdkleide trug mit dem einen Arm eine ohnmächtige Dame, und führte mit dem andern ein Pferd am Zügel. Er war bleich und ſah verſtört aus, und ſowohl ſeine Kleider, als auch die des beſinnungs⸗ loſen Mädchens waren mit Blut gefärbt. „Führt das Pferd unter irgend ein Obdach, und kommt dann und helft mir, ſo ſollt Ihr ein gutes Trink⸗ geld bekommen,“ ſagte der Fremdling in eiligem Tone, und trug ſeine ſchöne Bürde in die Stube hinein. Einige —-———— zuſammengeſchlagene Bretter, die eine Bettſtatt vor⸗ ½ — —õ(„N— ſtellen ſollten, war Alles, was ſich ihm als Ruheſtätte darbot. Der⸗Fremdlin terſuchte chens, die ſtark blu⸗ ieder hereingetreten zu verſchaffen, und ¹ tete. Er bat di . war, ihm ein in Erwartung deſſen zerriß er ſein Taſchentuch zu Kom⸗ preſſen und Binden. Endlich kam die Alte wieder mit einer Schaale Waſſer, und jetzt begann der Fremdling 3 die Schläfe und Stirne des ohnmächtigen Mäaͤdchens zu bearbeiten, bis ſie allmählig wieder zu ſich kam und die Augen öffnete.— Sie erhob ſich jetzt langſam, wie aus einem ſchauerlichen Traume, ſetzte ſich aufrecht auf das Bett, und rieb die Augen mit der feinen weißen Hand; aber nachdem ſie eine Weile mit dem troſtloſeſten Blick umhergeſtarrt hatte, fing ſie heftig an zu weinen, hielt beide Hände vor das Geſicht und jammerte:„Mein Gott, wo bin ich?“—„Freilich,“ ſprach der Fremde, der etwas bei Seite geſtanden war, aber jetzt ſich wieder näherte, freilich nicht da, wo Sie ſeyn ſollten, aber erlauben ie es auszuſprechen, doch nicht ohne Schutz. Sie dür⸗ fen nur ſagen, wohin Sie geführt werden wollen, und es ſoll ohne Gefahr geſchehen, ſobald ſich das Unwetter beſänftigt hat.“— Das Mädchen ſah den Sprechenden aufmerkſam an. Er war ihr völlig unbekannt; aber ſeine timme war ſanft und wohllautend. Das ſchwarze Auge funkelte von Muth und Lebensluſt, die klare Stirne ſchien noch nie von einer Wolke verdüſtert geweſen zu ſeyn, und gutmüthig lächelten die friſchen Lippen, die von einem kleinen, dunklen Streif anmuthig beſchattet waren, der die Beſtimmung hatte, mit der Zeit ein Schnurrbart zu wwerden. Der Fremde ſchien etwa zwanzig Jahre alt zu „Der Stellyertreter. 11 4 4 1 4₰u 4 154 ſeyn, und ſein Ausſehen ſowohl als ſein ganzes Weſen waren geeignet, Vertrauen einzuflößen. Das Mädchen ſchien dieſen Einfluß zu empfinden. „Nach einigen Minuten, in denen ſie beide in gogenſeiti⸗ gem Anſchauen verſunken waren, ſagte ſie ruhiger, wäh⸗ rend allmählig der Purpur in ihre Wangen zurückkehrte: „Wahrſcheinlich, mein Herr, ſtehe ich in großer Ver⸗ bindlichkeit gegen Sie. Ich erinnere mich nur noch, daß ich draußen war und ritt, als das Gewitter mich ſo plötzlich überraſchte. Ich wollte mein Pferd umwenden; aber vom Blitz erſchreckt bäumte es ſich, und vergebens bemühte ich mich, es zu regieren. Das iſt Alles, was ich mich noch erinnern kann. Vielleicht können Sie mir eine Auf⸗ klärung darüber geben, wie ich in dieſe höchſt mißliche Lage gerathen bin.“—„Mit Vergnügen,“ verſetzte der Unbekannte,„werde ich Ihren Befehl erfüllen. Erlauben Sie mir nur zuerſt nach Ihrer Wunde zu ſehen, die noch blutet, und ſte zu verbinden.“ „Mein Gott, bin ich denn verwundet?“ rief die junge Dame, auf's Höochſte erſchrocken, und fuhr mit der Hand an die Stirne, wo ſie jetzt erſt einigen Schmerz fühlte. „Ach! Blut, Blut!“— Sie war nahe daran, wieder in Ohnmacht zu fallen.—„Beunruhigen Sie ſich nicht,“ tröſtete der Fremde;„es iſt nicht der entfernteſte Schein von Gefahr vorhanden. Ich bin zwar kein Chirurg, habe aber doch geſehen, wie es dabei zugeht.“ Dabei wuſch er die Wunde aus, löste das breite, grüne Seidenband ab, an dem er ſeine Büchſe trug, legte einige mit Waſſer befeuchtete Stücke ſeines Taſchentuches darauf, und wand das Band mehrere Male um die Stirne des Mädchens, und das Alles mit einer Freiheit und Sicherheit, wie wenn nichts natürlicher wäre; und ebenſo natürlich war es auch, daß der Kopf des Mädchens wäh⸗ rend dieſer gerade nicht allzu raſchen Arbeit an ſeine Bruſt zu lehnen kam, ſo oft er aufgehoben werden mußte, ſo daß ſie fühlte, wie die heftigen Schläge ſeines Herzens mit ihrem eigenen wetteiferten.— Reine Natur! Endlich ————— 1⁵⁵ war jedoch der Verband vollendek, und tief errothend und äußerſt verlegen flüchtete ſie ſich eine Elle weit hinweg und ſeufzte. Auch er konnte nicht umhin, zu ſeufzen. Endlich ſagte ſie mit ſichtlicher Unruhe in Ton und Blick: „Aber was ſoll es jetzt werden? Wie komme ich von hier fort?“—„Ich ſehe,“ erwiederte der Fremde,„daß die⸗ ſes Abenteuer Sie beunruhigt, und ich wundere mich nicht darüber; aber haben Sie Vertrauen zu mir. Es ſoll Ihnen nicht die geringſte Ungelegenheit widerfahren, aus⸗ genommen, daß Sie hier verweilen müſſen; denn noch iſt es unmöglich, ſich in den Sturm und Regen hinaus zu begeben. Aber wenn Sie es wünſchen, ſo will ich Ihnen unterdeſſen mittheilen, wie das Schickſal uns auf eine ſo wahrhaft romantiſche Art zuſammengeführt hat.“ Das Mädchen nickte ihm freundlich Beifall zu, und der Fremde begann:„Ich wohne nur wenige Meilen von hier, und bin bei einem Freunde in der Nachbarſchaft, in deſſen Geſellſchaft ich mehrere Tage gejagt habe, auf Beſuch. Er befand ſich heute unwohl, und ich ging deß⸗ halb allein hinaus, als ich ein Stück weit von hier von dem fürchterlichen Gewitter überfallen wurde. Ich ſtand gerade im Begriff, die Hunde einzulocken, um eilig wie⸗ der heimzukehren, und trat eben von dem Waldweg auf die Landſtraße heraus, als ich einen durchdringenden Hülfe⸗ ruf hörte. Man hat hier zwar keine Räuber zu befürchten; aber/da ich wußte, daß einige berüchtigte auf Lebzeit ver⸗ urtheilte Verbrecher ausgebrochen, und Nachrichten zufolge ihre Flucht in unſre Waldungen genommen hatten, ſo kam es mir doch in den Sinn, daß vielleicht ein Men⸗ ſchenleben in Gefahr ſchweben könnte. Ich ſah deßhalb ſchnell nach den Zündhütchen auf meiner guten Doppel⸗ büchſe, und eilte dahin, woher der Schrei kam. Kaum war dies geſchehen, als ich ein Pferd in vollem Galopp gegen mich ſprengen ſah. Es itrug eine Dame, welche die Zügel hatte fahren laſſen, und jeden Augenblick Ge⸗ fahr lief, herabzuſtürzen.) Ich eilte gegen das Pferd; aber 11 — ———y— —yyy—ꝛ 156 faſt in demſelben Augenblick, wo ich die Zügel erfaßte, geſchah das Unglück. Sie fielen aus dem Sattel, ohne daß es mir irgend möglich war, es zu verhindern oder Sie außzufangen. Zu allem Glück waren Sie mehr er⸗ ſchreckt als beſchädigt. Ich band das Pferd an einen Baum, und widmete Ihnen all' den geringen Beiſtand, den ich unter ſolchen Umſtänden leiſten konnte; aber es war mir unmöglich, Sie ſogleich wieder zur Beſinnung zu bringen. Da erinnerte ich mich der elenden Hütte, die jetzt als willkommen betrachtet werden konnte, da ſie wenigſtens den Vortheil der Nähe hatte. Ich trug Sie alſo hieher, und war ſo glücklich, nach einigen Einreibungen, mit kal⸗ 4 tem Waſſer Sie, meine ſchöne Unbekannte, zum Leben zurückkehren zu ſehen.“ „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen!“ ſagte das Mädchen verſchämt.„Was wäre ohne Ihre Dazwiſchen⸗ kunft aus mir geworden? Meine Mutter, die nicht weit von hier wohnt, wird indeſſen in der fürchterlichſten Un⸗-⸗— ruhe um mich ſchweben. Vergrößern Sie alſo die Ver⸗. —.——, bindlichkeit, in der wir bereits gegen Sie ſtehen, noch da⸗ durch, daß Sie mich nach Hauſe geleiten. Das Gewitter iſt zwar ſchwer; aber ich muß ihm doch zu trotzen ſuchen.“ „Ich fürchte, dieß wird nicht ſo leicht ſeyn; wenn es übrigens Ihr beſtimmter Wille iſt, ſo ſoll es geſchehen. Und da gerade Niemand vorhanden iſt, der mich vorſtellen könnte, ſo muß ich es eben ſelbſt thun. Mein Name iſt Arxel Stälkrona, Kornet beim—— Huſarenregiment. Darf ich ſo kühn ſeyn, zu fragen, wen ich die Ehre habe, zu geleiten, und wohin es geſchehen ſoll?“ Das Mädchen wollte eben antworten, als in demſel⸗ ben Augenblicke ein Paar rauhe Männerſtimmen gehört wurden, die mit Heftigkeit riefen:„Oeffnet die Thüre, oder wir ſtoßen ſie ein!“ Erſchreckt und zitternd barg das Mädchen ihr Geſicht in dem elenden Stroh; der Kornet Stälkrona aber faßte ſeine Büchſe und ging mit raſchen Schritten und unerſchrockener Miene der Thüre zu. In demſelben Augenblicke ward ſie mit einer ſolchen Heftigkeit “ 1⁵⁷7 eingetreten, daß der Holzriegel weit in die Stube hinein⸗ flog, und zwei Burſche von höchſt zweidentigem Ausſehen, die einen geiſtlichen Herrn zwiſchen ſich ſchleppten, ſtürm⸗ ten herein. Obwohl ſein Geiſt vor Schrecken ſchon ent⸗ flohen zu ſeyn ſchien, ſo zeigte doch der weiße, flatternde Kragen des Geiſtlichen, daß er dieſem würdigen Stande angehörte. Ihnen folgte ein Frauenzimmer, das wenigſtens das Vermögen zu ſchreien nicht verloren hatte. Der durch⸗ näßte Mantel hing ihr ſchlaff von den Schultern herab, und ſobald ſie innen war, ſtürzte ſie unter dem gräßlichſten Jammergeſchrei auf den geiſtlichen Herrn zu und drückte ihn an ihre feuchte Bruſt. Der Regen ſtrömte von den vier zuletzt gekommenen Perſonen auf den Boden nieder, der jetzt wie ein kleiner Landſee ausſah, während die un⸗ glückliche dame im Mantel die Erinnerung an eine Kam⸗ merfrau aus dem Hofſtaat des Seegottes erweckte, die, von wolkenhohen Wellen getragen, durch irgend einen un⸗ glücklichen Zufall an's Land geworfen worden war. 24. Der Poſtinſpektor macht neue Erfahrungen. . Schwül ward ſein Herz, die Schläfe brannte, Hin floh er zu des Waldes Rande. Tegnér. Am Abend vor dem Tage, der zur Abreiſe des Ritt⸗ meiſters nach Sorrby und dem Pfarrhofe von Wallaryd beſtimmt war, an demſelben Abend, an welchem Schickſal und Ungewitter die Reiſenden zuſammenführte, die wir in der kleinen, vorher ſo einſamen Stube zurückgelaſſen haben, beſuchte Sterner zum erſten Mal wieder, ſeitdem Konſtantin als der vermeintliche Erbe aufgetreten war, das Haus des Poſtinſpektors. Er hatte auch weder den Poſtinſpektor noch ſeine Damen vorher an einem andern Orte getroffen, ob⸗ ſchon es bereits der ſiebente Tag nach jener Begebenhrit war.— Der Rittmeiſter, darauf gefaßt, daß ihm der Poſt⸗ inſpektor mit kalter, abgemeſſener Höflichkeit begegnen werde, war nicht wenig erſtaunt, ſchon im Vorzimmer von ihm 1 158 mit ungewöhnlicher Herzlichkeit empfangen zu werden. Der Poſtinſpektor ſchüttelte ihm mit dem freundlichſten Geſichte von der Welt die Hand, und ſagte:„Herr Nittmeiſter, es iſt meine Pflicht, zu geſtehen, daß ich mich hie und da 6 übereile; die Wahrheit zu ſagen, muß ich mich ſelber über 4 das Mißtrauen ſchämen, das ich kurzſichtig genug war, vor dem jungen Herrn bei dem erſchrecklich dummen Auf⸗ tritt in vergangener Woche öffentlich an den Tag zu legen.“ „Freilich war ich in einer Sache von beſonders— hm— von bedeutend kitzlicher Beſchaffenheit nicht ganz ohne Unruhe. Der Herr Rittmeiſter verſteht— hm— 1 aber der Schein kann aus ſehr natürlichen und unſchull digen Dingen das Gegentheil machen. So etwas geſchieht oft, und ich bin keineswegs abgeneigt, zu glauben, daß es wirklich auch dießmal der Fall war. Kurz, es war meine Abſicht, wenn ich nicht heute Abend die Ehre gehabt hätte, Sie zu ſehen, Ihnen morgen früh einen Beſuch zu machen, um Sie zu bitten, das Vorgefallene zu entſchuldigen und zu vergeſſen, und Ihnen vor Allem meinem Wunſch aus⸗ zudrücken, dieſer verdrießlichen Geſchichte mit keinem Worte vor meinem künftigen Schwiegerſohne zu erwähnen.“ „ Mit Vergnügen nehme ich Ihre Entſchuldigung an, Herr Poſtinſpektor,“ entgegnete Sterner.„Dieß erhöht Sie in meiner Achtung. Man kann aus Irrthum fehlen, das iſt ein Erbſtück der menſchlichen Natur; aber der Ver⸗ nünftige verbeſſert dieſe Fehler dadurch, daß er ſie bekennt. Ihr Wunſch in Beziehung auf meine Verſchwiegenheit ſoll. mit Vergnügen erfüllt werden; aber erlauben Sie mir, Ihre Aufmerkſamkeit in einer andern Hinſicht in Anſpruch zu nehmen, die mir ſehr am Herzen liegt.“ 1 Der Poſtinſpektor führte ſeinen Gaſt in das Beſuchs⸗ ¹ zimmer, und verbeugte ſich höflich, jedoch mit einem ge⸗ wiſſen Ausdruck von unheilverkündender Furcht in ſeinem. Geſichte. Er bot Sternern einen Stuhl an und ſetzte ſich ſelbſt ihm gegenüber; dann öffnete er ſeine Doſe, nahm eine Priſe und ſprach, nachdem er ſie wieder eingeſteckt und ein wenig den Stuhl gerückt hatte, mit unruhiger, 7 2 angſtlicher Stimme:„Sch ſtehe ganz dem Herrn Ritt⸗ 2 159 meiſter zu Befehl.“— Sterner räuſperte ſich ein paar Male ganz gegen ſeine Gewohnheit, wobei ein kalter Schauer den Poſtinſpektor überlief; aber endlich begann er mit feſter und klarer Stimme:„Herr Poſtinſpektor, als ich in Hamburg den ſonderbaren und kitzlichen Auftrag mei⸗ nes Vetters, ſowie ſeine unbeſchränkte Vollmacht empfing, in ſeiner Perſon und ganz ſo zu handeln, wie wenn er ſelbſt zugegen wäre, da war darunter nicht allein alles Das begriffen, was die ökonomiſchen Angelegenheiten be⸗ traf, ſondern er ſah es vor Allem von Wichtigkeit an, eine treue und zuverläſſige Schilderung von dem Herzen, dem Charakter, der Verſtandesbildung und den übrigen Eigenſchaften derjenigen zu erhalten, die nach dem Wunſche des Erblaſſers ſeine Lebensgefährtin werden ſollte. Dieſen kitzlichen Auftrag legte er mir in der Abſchiedsſtunde be⸗ ſonders auf's Gewiſſen, und um ſeinen Wunſch erfüllen zu können, bemühte ich mich von Anfang an, auf einen vertraulichen Fuß in Ihrem Hauſe zu kommen. Denn meiner Auſicht nach iſt man nur bei den wechſelnden Auf⸗ tritten des häuslichen Lebens im Stande, ſolche Beobach⸗ tungen mit Genauigkeit anzuſtellen. Mein Bemühen, in dieſer Hinſicht ſowohl meinem Freunde als Ihrer Tochter zu dienen, iſt von Ihnen verkannt worden. Sie glaubten mich im Stande, eine ſo unwürdige Handlung zu begehen, daß ich das Herz Ihrer Tochter für mich zu gewinnen ſuchte, während ich zugleich einen Freund betrogen hätte, der ſein Lebensglück mit vollem Vertrauen in meine Hand gelegt hatte. Nein, Herr Poſtinſpektor, noch habe ich nie einen Freund verrathen, und werde es auch für die Zu⸗ kunft nicht thun. Auf Ihren Verdacht habe ich nur Eine Antwort, nämlich die, daß ich nie dem Wunſche des Er⸗ blaſſers entgegengearbeitet habe, und es nie thun werde. Sind Sie mit dieſem Verſprechen eines redlichen Mannes zufrieden, ſo reichen Sie mir Ihre Hand und entfernen Sie den geringſten Schimmer jenes kleinlichen Argwohns, und Alles ſoll zwiſchen uns vergeſſen ſeyn.“ 160 „In Gottesnamen denn, von ganzem Herzen, Herr Rittmeiſter,“ erwiederte der Poſtinſpektor, herzlich froh, die Sache auf eine ſo befriedigende Art ausgeglichen zu ſehen.„Sie find in Wahrheit ein ſehr edler, ein unge⸗ wöhnlicher Mann, dieß beweist auch das große Vertrauen, das der Erbe in Sie geſetzt hat. Ja, ſo blind konnte ich ſeyn; ich hatte aber auch nie den geringſten Begriff oder die entfernteſte Ahnung von dieſer neuen, ſonder⸗ baren Art, durch einen Andern die Eigenſchaften ſeiner künftigen Gattin prüfen zu laſſen; denn, im Vertrauen geſagt, ich habe ſtets dafür gehalten, daß man dieſe Sache ſtets am beſten ſelbſt erforſchen könne. Aber da er es durchaus ſo haben will, ſo mag er's thun. Jetzt, da ich Ihren Endzweck kenne, haben Sie zu jeder Stunde des Tages Zutritt in mein Haus und zu meiner Tochter, wenn es Ihnen ſo recht iſt; und haben Sie die Güte, überzeugt zu ſeyn, daß ich weder jetzt noch früher an Ihrer Ehre gezweifelt habe. Sind Sie damit zufrieden, Herr Rittmeiſter?“„Vollkommen,“ antwortete Sterner. „Ich muß Ihnen ferner zu wiſſen thun, daß ich durch die Briefe, die der Lieutenant Konſtantin Sterner mit⸗ brachte, erfahren habe, daß mein Vetter zu Anfang Juli in Helſingborg zu ſeyn hofft, wo ich mit ihm zuſammen⸗ treffen ſoll. Nach einer kurzen Tour nach Sorrby, das eerr bei der Durchreiſe beſehen will, werde ich das Ver⸗ gnügen haben, ihn ſeinen künftigen Verwandten vorzu⸗ ſtellen.“„So kommt er alſo in vollem Ernſt zu Anfang Juli?“ rief der Poſtinſpektor aus, und die froheſte Be⸗ friedigung ebnete die Falten auf ſeiner ſonſt gefurchten Stirne.„Haben Sie wirklich einen Zweifel wegen ſei⸗ ner Ankunft gehegt,“ verſetzte Sterner lächelnd,“ ſo haben Sie die ſonnenklarſten Dinge bezweifeln können. Ver⸗ zeihen Sie mir; aber um aufrichtig zu ſeyn, muß ich Ihnen geſtehen, daß ich geglaubt hätte, Sie könnten der⸗ lei Umſtände beſſer beurtheilen. Konnten Sie ſich in Ernſt vorſtellen, daß der Erbe, ein junger, lebensfroher Mann mit ſo geringen Anſprüchen reiſen würde? Nein, 4 3 1 18 nein, es wird etwas mehr Geräuſch bei ſeiner Ankunft geben, als da mein Veſcheidener Konſtantin in ſeiner klei⸗ nen Chaiſe nach L— kam. Von Sorrby aus werde ich einen Boten mit der Nachricht von dem Tag und der Stunde, wo er hier eintrifft, vorausſchicken; und ob er' ſchon, wie ich bereits erwähnt habe, kein Liebhaber von viel Komplimenten iſt, und es am liebſten ſieht, wenn er all' dergleichen entgehen kann, ſo meine ich doch, wenn Sie mir erlauben, meine Gedanken in dieſer Sache aus⸗ zuſprechen, daß es ganz in der Ordnung ſeyn und Ihre Achtung und Ihr Wollwollen für ihn beſonders bezeugen dürfte, wenn er bei ſeinem erſten Auftreten mit einer für dieſe Gelegenheit paſſenden Anordnung empfangen würde.“„Ach, mein braver, vortrefflicher und geehrter Rittmeiſter Sterner, das war mir aus dem Herzen ge⸗ ſprochen. Ja,“ rief der Poſtinſpektor wie inſpirirt,„ich will ein Feſt geben, von dem man noch nach Jahr und Tag in L— ſprechen, ſoll. Die Be ſchreihung d davon ſoll in das Wochenblatt eingerückt werden, der ganze Ort ſoll es erfahren und ſich darüber wundern.“„Ei behüte der Himmel,“ fiel der Rittmeiſter lachend ein,„ſo berüchtigt dürfen Sie es doch auch nicht machen. Ich glaube, eine kleine anſpruchloſe Feier, wobei ſich die Notabilitäten der Stadt verſammeln und wo Tanz das Hauptvergnügen ausmachen würde, wäre ihm am liebſten. Hierüber können wir noch weiter reden, da ich nach einigen Wochen von Sorrby wieder zurückkomme. Doch die Zeit drängt; er⸗ lauben Sie mir, von Ihrer Fräulein Tochter Abſchied zu nehmen.“„Bitte, bitte, Herr Rittmeiſter, mit vielem Vergnügen,“ erwiederte der Poſtinſpektor und begleitete ihn mit einer artigen Verbeugung an die Thüre von Auguſtens Zimmer, wo er ihn verließ und wieder zu ſei⸗ ner Frau zurückkehrte, um ſie einmal den Einfluß ſeiner toſenfarbenen Laune fühlen zu laſſen. Es war an dem⸗ ſelben Abend, als das obenbeſchriebene Gewitter losbrach. Die Blitze d durchkreuzten einander, und die heftigen Donner⸗ ſchläge erſchütterten gewaltſam die Fenſter. Der Rittmei⸗ —————————————— 162 ſter legte die Hand auf das Schloß, zog ſie jedoch,un⸗ entſchloſſen wieder zurück. Er lauſchte; Alles war ſtille. —„Ich bin begierig,“ dachte der Rittmeiſter,„ob ſie ſich vor dem Donner fürchtet? Theilt ſie wohl die ge⸗ 4 woͤhnliche Schwachheit ihres Geſchlechtes, jene kindiſche* Angſt vor dem großartigen Schauſpiel? Vielleicht thue 4 ich beſſer daran, umzukehren? Es würde mir, ich weiß nicht warum, ein höͤchſt peinliches Gefühl ſeyn, wenn ich ſähe, daß das Mädchen eine Schwachheit beſitzt, und dieſe iſt ja doch ſo ſehr zu entſchuldigen. Aber, wenn ſie eine hat, warum es nicht ebenſo gut jetzt erfahren, als ein ander Mal?“ Cntſchloſſen berührte er wieder die Klinke und trat ein. Auguſte ſtand am Fenſter, den Rücken gegen die Thüre gekehrt und ſo ſehr in ihre Be⸗ trachtungen verſunken, daß ſie das Geräuſch, das der Eintritt des Rittmeiſters verurſachte, nicht eher vernahm, als bis die freundliche, wohlbekannte Stimme ihr Ohr traf. Sie wandte ſich um; ein ruhiger Ernſt lag auf den ſchönen, mehr als gewöhnlich bleichen Zügen; aber es entging der Auf⸗ merkſamkeit des Rittmeiſters nicht, daß eine leichte Röthe ihren Roſenſchimmer mit dem Flammenſchein vermiſchte, den die Blitze über ihre Wangen warfen. Er ſah, daß ein Lächeln den wehmüthigen, traurigen Ausdruck in den dunklen Augen verdrängte, und froheren Gefühlen Raum gab, als ſie mit einem Tone, den ſie ganz gleichgültig glaubte, der aber nach Sterners Meinung gerade das Gegentheil war, zu ihm ſprach:„Es iſt ſchon lange her, Herr Rittmeiſter, daß Sie meine— Eltern nicht mehr beſuchten. Waren Sie verreist?“„Nein, theure Au⸗ guſte,“ erwiederte Sterner;„aber dringende Geſchäfte 8 haben mich entfernt gehalten und mich des Vergnügens beraubt, hieher zu kommen.— Es wundert mich, daß Sie ſich nicht vor dem Gewitter fürchten. Hier im Nor⸗„ den habe ich den Donner nie ſo ſtark gehört, und Damen. ſind ſelten Heldinnen, wenn Thors Wagen ſchallend über ihre Häupter hinrollt; doch Ihr ruhiges Ausſehen wider⸗ legt vollkommen meine frühere Vermuthung, Sie möchten —. 163 bei dieſer Gelegenheit nicht muthiger ſeyn, als die An⸗ dern Ihres Geſchlechts.“„Ich bin es auch nicht,“ ent⸗ gegnete Auguſte ernſt.„Die Abweſenheit von Furcht, beweist nicht immer Muth, und nach meinem Begriff von der Bedeutung dieſes Wortes ſollte jenes Benehmen, in einem ſolchen Falle angewendet, wie dieſer iſt, eher Uebermuth genannt werden. Die Gefühle, die ſich mei⸗ ner bei dieſem feierlichen Kampf der Elemente bemei⸗ ſtern, nähern ſich ebenſo wenig dem kindiſchen Schrecken, von dem Einige erfüllt find, als dem ebenſo kindiſchen, trotzigen Uebermuthe und der Geringſchätzung, die an den Tag zu legen Andere für eine Ehre halten. Der Menſch erſcheint mir nie ſo hülflos und ſchwach, ſeine Unmacht nie ſo in die Augen fallend, als in dieſem Au⸗ genblick, wo er klarer dis ſonſt erkennen und ebenſo an⸗ ſchaulicher fühlen muß, daß ein höheres, ſtärkeres Weſen gegemmariig iſt, gegen deſſen majeſtätiſche Macht er mit all ſeinem Stolz und Selbſſvertrnuen ſich die Nichtigkeit ſeinen eigenen geſtehen muß.“ Mit unverſtellter Rührung faßte Sterner ihre Hand und ſprach:„Mit unendlicher Freude höre dch d aß ſich auch hier unſere Anſichten be⸗ gegnen.— Wir werden uns jetzt auf einige Zeit trennen, theure Auguſte. Meine Angelegenheiten führen mich nach dem ſchönen Sorrby, das wahrſcheinlich, ehe noch die letz⸗ ten Herbſtblumen ihre Häupter zur langen Winterruhe geſenkt haben, die ſchöne Auguſte nals freundliche Gebie⸗ terin aufgenommen haben wird.“ Auguſte fühlte ſich auf's Tiefſte verletzt; es erweckte eine höchſt wfdrige Empftudung in ihr, daß Sterner ſo ſchonungslos ihre Wunde aufriß, da er doch wußte, daß die geringſte Berührung ihr einen quälenden Schmerz ver⸗ urſachen mußte. Sie antwortete deshalb ruhig, aber mit einiger Bitterkeit:„Herr Rittmeiſter, Sie haben mir das Schickſal, das meiner in der Zukunft wartet. ſchon zu oft vor Augen gehalten, als daß jetzt eine 2 Wiederholung nö⸗ thig wäre, um mein Gedächtniß zu unterſtützen. Ihre Bemerkung muß alſo wohl daher rühren, daß Sie eine 1 Art Befriedigung empfinden, wenn Sie ein Weſen zwecklos kränken, das nicht weiß, wie es verdient hat, daß ſeine vielleicht aus Unerfahrenheit und Unbedacht zu offen an den Tag gelegten Gefühle die Zielſcheibe des Scherzes werden. Und am meiſten ſchmerzt es mich, dies von einem Manne hören zu müſſen, von deſſen Charakter und Denkungsart ich mir eine andere Vorſtellung gemacht hatte.— Wann werden wir Sie wiederſehen, Herr Ritt⸗ meiſter?“— Mit beiſpielloſer Selbſtbeherrſchung erwie⸗ derte Sterner:„In drei Wochen hoffe ich zurück zu ſeyn. Ich beabſichtige dann, mich hier noch bis zu den erſten Tagen des Juli aufzuhalten, welche Zeit mein Vetter für ſein Eintreffen in Helsingborg beſtimmt hat. Dort werde ich mit ihm zuſammentreffen, worauf wir Beide zuſammen hieher reiſen.“—„Sie haben alſo die Abſicht, ihn ſelbſt zu mir— zu uns zu begleiten?“ ſagte Auguſte, und eine tödtliche Bläſſe bedeckte ihr Antlitz.—„Es iſt meine Pflicht und ich werde ſie erfüllen,“ erwiederte Sterner mit feſter Entſchloſſenheit.—„Werde ſie erfüllen,“ flüſterte Auguſte kaum hörbar und faſt bewußtlos. Es war ihr, wie wenn jeder Blutstropfen um das warme Herz herum erſtarrt wäre.— Sterner ſah ihr in das dunkle Auge, wo eine Thräne vergebens gegen jungfräuliche Scham, Stolz und ſchmerzlichen Zorn kämpfte. Einen Augenblick ſchien er mit ſich ſelbſt zu ſtreiten; doch der Kampf war kurz; er nahm haſtig ſeinen Hut und ſagte:„Leben Sie wohl, Fräulein Auguſte; erinnern Sie ſich der Worte, die ich Ihnen einmal ſagte, und glauben Sie, daß ich ſtets für Ihr Glück wachen werde!“ Noch einmal ſah er ſie an, mit einem Blick, über deſſen Bedeutung ſie nicht im Unklaren ſeyn konnte, und eilte ſchnell fort. „O warum muß er mich ſo quälen!“ ſchluchzte das arme Mädchen und ließ jetzt ihren Thränen freien Lauf. „Dieſes Ehrgefühl kann ich mir nicht erklären. Er führt mich an den Rand des Abgrunds, ohne mich zurückhalten zu können.“ Sie ließ das ſchwindelnde Haupt auf die Sophakiſſen niederſinken. — e e—— h-——-—-e——-—„-—9-„-„ͤ — Pandora's Büchſe.— Die Kunſt, Küchlein 1 zu braten. Das zarte Küchlein dort, Dem ſie die Schwinge nimmt, Starb eben nur, an Mord.— Die Nymphe, ſieh', woher ſie kömmt. Bellmann. „Was ſeh' ich?“ rief Kornet Stälkrona, als ſein Auge die ſchwarzgekleidete Perſon traf, welche die beiden Ritter von der Landſtraße noch feſthielten, wie der Wolf das ſchuldloſe Lamm, oder zwei Habichte, die ihre Klauen zugleich in eine Taube gekrallt haben. Aber als jene einen Falken von edlerer Art erblickten, ließen ſie ihren Raub fahren, und ſtarrten ihn an, wie wenn ſie überlegten, ob ſie einen Kampf mit ihm wagen ſollten.„Sehe ich recht, oder iſt das nicht mein alter Jugendfreund, Magiſter Traſſelin!— Aber ihr verdammten Schurken, was habt denn ihr vor?“— Dieſe Worte, die den beiden zwei⸗ deutigen Gäſten galten, waren von einer leiſen, aber ſichern Erhebung der Arme und zwei bedeutungsvollen Knackern an der ſchönen, damascirten Doppelbüchſe begleitet. Die Buben, die nicht darauf gerechnet hatten, hier einen Mili⸗ tär zu treffen, und die ſogleich an der feſten Stimme und den Bewegungen des jungen Mannes merkten, daß ſie ihm gung jung 1 auf keine Weiſe Furcht eingejagt hatten, fanden es nicht für gut, das letzte Knacken an der Büchſe abzuwarten, ſondern riefen einſtimmig:„Schießen Sie nicht, lieber Herr!“ und entſprangen, ſo ſchnell ſie konnten, durch die offene Thüre.— Stälkrona, der nicht gerne Blut ver⸗ gießen wollte, und ſich nicht die Kraft zutraute, ſie ohne dies zurückzuhalten, ließ ſie ſpringen und verſchloß die Thüre, worauf er, da er doch einmal vom Schickſale dazu beſtimmt ſchien, heute Abend die Rolle des Beſchützers zu ſpielen, ſich mit ritterlicher Artigkeit bemühte, die er⸗ ſchreckten Reiſenden zu beruhigen.„Ganz gewiß,“ ſagte der Magiſter Traſſelin, indem er ſich wieder etwas von ———— 8 4 ee . ˙˙˙˙˙˙˙⁴˙⁴˙⁴o —ſ—— — 166 dem ausgeſtandenen Schreck und Jammer erholte,„ganz gewiß waren es Einige von den Feſtungsſträflingen, die wirklich mit Steckbriefen verfolgt werden.“— Das Frauen⸗ zimmer, das des Magiſters Schickſal getheilt hatte, fuhr unaufhörlich fort, die Kraft ihrer Lunge zu verſuchen, ob⸗ wohl ihr Mann, denn dieſen Titel trug der Magiſter, ſowie der Kornet ihr betheuerten, daß alle Gefahr über⸗ ſtanden ſey. Als jedoch die jüngere Dame, die ſich bisher im Stroh zu verbergen verſucht hatte, wie eine Erſchei⸗ nung aufſtand, und munter zu ihr ſprach:„Tröſten Sie ſich, meine gute Frau, Sie finden hier eine Unglücks⸗ gefährtin,“ ſo beruhigte ſich die Jammernde, in welcher, ſowie in ihrem würdigen Gatten, Magiſter Traſſelin, wir die Ehre haben, unſern Leſern alte Bekannte von der Hochzeit zu S—aryd*) her vorzuſtellen. Man ſieht, daß die Prophezeihung der Probſtin Sondén eingetroffen iſt; denn Frau Traſſelin war ihre jüngſte Tochter Louiſe, von der es einſt hieß:„Ei, ei, wie flink das Mädchen iſt 14 „Nun erzählen Sie, Herr Magiſter, wie Sie in dieſes Abenteuer gerathen ſind,“ ſagte der Kornet. „Je nun, meine Frau und ich hatten die Abſicht, bei meinem Schwager, dem ⸗Pfarrer Svallenius in Wallaryd über Pfingſten zu Gaſte zu ſeyn; und fuhren alſo geſtern morgen mit eigenen Pferden von Hauſe ab, denn das iſt bequemer und minder koſtſpielig, als wenn man Poſtpferde nimmt. Und da ich nur einen kleinen Einſpänner habe, ſo nahm ich keinen Knecht mit, um ſo mehr, da ich mit dem Wege wohl bekannt, und gerade auch kein Haſenſuß bin. Ich ſah alſo keine Hinderniſſe in der Sache; aber der böſe Feind fand ſie doch. Als wir in den Wald kamen, der eine Strecke weit von hier liegt, hörten wir einige Perſonen dem Wagen nachſpringen und rufen:„Halt, oder wir ſchießen!“ aber da ich mit Grund glaubte, es ſey nur eine leere Drohung, fuhr ich aus allen Kräften, um Marks Wirthshaus zu erreichen. Doch ſolche Beine habe ich mein ¹) Siehe Waldemar Klein S. 141 u. f. im 29 3iſten Band von Spindlers belletriſtiſchem Auslande. ————-— — — 8 ——— — —— 5„ 169 5 einen ganzen Arm voll beſchmutzter Hauben, Bänder, die einſt mit der Gluth des Purpurs und dem Azur des Him⸗ mels wetteifern konnten, Kragen, Spitzen, Echarpen mit eingewobenen Silberblumen, ein Blumenbouquet von Pa⸗ pier, mit verſchiedenen andern Schmuckſachen herbei. Louiſens Schmerz und Beſtürzung war ſo groß, daß ſie nur mit Mühe die Worte hervorſtammeln konnte:„O Traſſelin, warum haſt Du mir das gethan!“ während ſie mit gefalteten Händen und in ſtummer Verzweiflung die zerſtörten Ueberreſte ſo vieler Koſten und Mühen betrachtete.— „Faffe Dich, liebe, gute Louiſe! Ich bin wahrhaftig ſelbſt ſehr betrübt; aber es iſt ja ganz pechſchwarz draußen; deß⸗ halb war ich unſchuldig an dem fatalen Umſtand, daß ich auf die Schachtel ſiel und ſie zerdrückte. Doch, mein Schatz, es iſt mit Deiner Schachtel wie mit der Büchſe Pandora's. Das Beſte liegt noch darinnen: die Hoffnung, meine liebe Louiſe, daß, wenn wir nach Wallaryd kommen, Alles friſch gewaſchen und neu hergerichtet werden kann.“—„So, ſo,“ rief Louiſe, deren Gedanken durch ein fremdes Gefühl eine ganz neue Richtung bekamen, ſo daß ſie ihren Schmerz ver⸗ gaß,„Du haſt alſo Frauenzimmerbekanntſchaften, von denen ich nichts weiß. Wenigſtens hörte ich Dich nie früher dieſe Pandora nennen; aber ſo viel ich verſtehen kann, haſt Du wohl für ſie auch einmal eine Schachtel mitgenommen, die Du wahrſcheinlich mit mehr Sorgfalt verwahrt haſt, als die meine.“—„Mein liebes, mein beſtes Louischen,“ ver⸗ ſetzte der Magiſter, ſichtlich verlegen über die naive Bemer⸗ kung ſeiner Frau,„Pandora, ſiehſt Du, war eine— eine — kurz, ſie war kein irdiſches Weib, und trug meines Wiſſens keine Hauben. Du wirſt alſo wohl einſehen, daß“— „Ich ſinde, daß Du ſehr einfältig biſt, wenn Du glaubſt, ich laſſe mir weißmachen, daß Du in irgend einer Berüh⸗ rung mit den Ueberirdiſchen geſtanden ſeyſt.“—„Nein, meine Liebe, ich bin weit entfernt, das behaupten zu wollen. Was ich von der Büchſe der Pandora ſagte, mein Engel, Wnur eine mythologiſche Tradition, ein Gleichniß, deſſen « Stellvertreter. 12 3 170 ich mich bediente. Zu einer andern Zeit werde ich es Dir zu Deiner Befriedigung aus einander ſetzen.“—„So, ſo, Du ſprichſt von Mythologie, Sven Erik; nun, da muß ich geſtehen, daß ich nichts davon weiß. Mamma ſagte im⸗ mer, eine ſolche Lektüre ſey unnöthig für einfache Land⸗ mädchen, und mit Ausnahme von Hauff und Spindler habe ich nie Unterhaltungsbücher geleſen; aber ich glaube mich auf etwas zu verſtehen, das den Verſtand weit mehr zu ſtärken und zu beleben vermag, als dergleichen Miſch⸗ maſch. Ich kann unſere junge Unglücksgefährtin darin unterweiſen, wie man Küchlein bratet und Schinken und Würſte räuchert,“ ſagte die Magiſterin, und wandte ſich bei dieſen Worten an den Kornet und die Dame, welche unterdeſſen ein Duett von Seufzern und abgebrochenen Worten aufgeführt hatten. Sie ſaß auf dem elenden Bett⸗ rande, und er ſtand ihr gegenüber, die Augen bald auf ihr ſchönes, erröthendes Angeſicht, bald auf den ſchwarzen, ſchmutzigen Boden geheftet. Wenn ſie aufſah, ſah er nie⸗ der, und ſo umgekehrt. In dieſer ſtillen Unterhaltung wurden ſie von Frau Traſſelin unterbrochen, die dem Kornet freundlich auf die Schulter klopfte, und heiter ſagte:„Sie müſſen nicht verdrießlich ſeyn, Herr Kornet! Wenn es die Herrſchaften erlauben, ſo will ich Ihnen gerne meine Art, Küchlein zu braten, aus einander ſetzen und Ih rem Urtheil unterwerfen. Denn ich weiß das zu bewerkſtelligen, ohne den dummen Brauch anzuwenden, daß man ihnen die Beine zuſammenbindet. Auch will ich Ihnen weiſen, wie man auf angelſächſiſche Art Schinken und Würſte räuchert, die letztere ohne ſie zu ſpleißen.“— Nun kann es wohl Ge⸗ legenheiten geben, wie z. B. bei dem Kornet und der jungen Dame der Fall wer, wo ſich der Gedanke, der in höheren Sphären ſchwebt mit Abſcheu unterbrochen ſieht, um bei ſo proſaiſchen in en wie geräuchertem Schinken und Wurſt zu verweilen„Ler ſonderbar genug verrieth weder der Kor⸗ net noch die zunge Dame ein Mißbehagen bei dem guther⸗ zigen Vorſchlag der Frau Traſſelin, ſondern ſie erklärten ſich im Gegentheile ſehr zufrieden damit, ihre Methode 4 84 1 171 erfahren. Vergnügt darüber, ſprach die junge Frau zu ihrem Manne:„Sven Erikchen, eile an den Wagen hinaus und bringe mir den Korb, der zur Linken von dem Topf mit den eingemachten Birnen unter dem Sitze ſteht.“ Der Magiſter war bald mit dem Korbe zurück, und Louiſe begann fröhlich, wie wenn kein Unglück geſchehen wäre, ihre Anordnungen. Mit Traſſelins Beihülfe wurde auf dem Boden ſo viel Stroh ausgebreitet, als man her⸗ beiſchaffen konnte; der alte, wackelige Tiſch ward darauf geſtellt, und ein ſchneeweißes, blendendes Tiſchtuch darüber gelegt. Zwei große Forchenſtecken wurden im Herde be⸗ feſtigt, und erleuchteten wie Fackeln all' die Herrlichkeiten, welche Louiſe eine nach der andern aus dem Korbe her⸗ vornahm, wo ſie außerordentlich ſauber und ſorglich in alte Zeitungen eingewickelt lagen. Das junge Mädchen half ihr geſchäftig die Gerichte anordnen, der Magiſter und der Kornet ſchufen Bänke aus den Bettbrettern, und bald ſaßen die vier hungrigen Gäſte um den ſchwankenden Tiſch. Nie hätten ſie ein leckereres Mahl genoſſen, ver⸗ ſicherte der Kornet und das Mädchen.—„Bring jetzt den Kirſchenwein her,“ ſagte die Wirthin zu ihrem Manne. „Die Herrſchaften müſſen wiſſen, daß er ſchon von der Hochzeit meiner ältern Schweſter ſammt; deßhalb hoffe ich, ſoll er Ihnen ſchmecken.“ Traſſelin füllte zwei kleine vergoldete Silberbecher, wovon er den einen dem Kornet und den andern der jungen Dame anbot;„aber, Du meine Güte, mein Schatz, wir wiſſen ja noch gar nicht, mit wem wir die Ehre haben, zu trinken.“ „Mein Name,“ erwiederte das Mädchen,„iſt Hen⸗ riette. Mein Vater, der Aſſeſſor von Stolzenbeck, wohnte in F—, wo meine Mutter noch anſäßig iſt; wir haben uns jedoch einige Tage in der hieſigen Gegend aufgehal⸗ ten, da die Rede davon iſt, daß Mamma Ulriksdal wieder kaufen wird, was ehemals meinem Großvater von müt⸗ terlicher Seite, dem Major von Spalden, gehörte.“ „Ach, welch' ein glücklicher Zufall!“ rief der Kor⸗ 172 net aus,„wir werden alſo Grenznachbarn. Ich leere mein Glas in der Hoffnung, meinen Wunſch bald erfüllt zu ſehen.“— Jetzt tönten wieder einige Schläge an die Thüre; man hörte ihnen jedoch an, daß ſie von anſtän⸗ digen Leuten herrührten, die Einlaß begehrten. Die Alte, die lange vor dem mit einem Stück Brod und Schinfen nach ihrer früheren Freiſtätte hinaufgekrochen war, ward gebeten, herabzuſteigen und den neuen Abenteurern zu öffnen. In demſelben Augenblicke, als der zuſammen⸗ geflickte Holzriegel zurückgeſchoben wurde, ſtürzte ein junger Mann bleich und verſtört in die Stube. „Henriette, o Gott, mein theures Mädchen, biſt Du hier?“—„Ach, Konſtantin, verzeihe mir all' die Unruhe, die ich Dir verurſacht habe,“ rief ſte, und ſtürzte in die Arme ihres Verlobten.— Stumm und erröthend biß der Kornet Staͤlkrona ſeine ſchönen, rothen Lippen noch roͤther, wandte den Kopf bei Seite und ſtarrte in die Gluth des Herdes.— Der Ausbruch des Gefühls bei Henriette war ſelten lang andauernd.„Hier, Konſtantin, ſiehſt Du mei⸗ nen Retter, den Kornet Stälkrona. Herr Kornet, ich habe die Ehre, Ihnen meinen Bräutigam, den Lieutenant Sterner, vorzuſtellen, und dies ſind meine Freunde und 5 Unglücksgefährten, der Magiſter Traſſelin und ſeine Frau.“ Mit ungekünſteltem Wohlwollen dankte Konſtantin dem ihm unbekannten Retter für ſeinen Beiſtand; dann malte er Henrietten ſeine Beſtürzung, als er am Abende in Ul⸗ riksdal anlangte und hören mußte, daß ſie noch nicht zurück⸗ gekommen ſey. Die Unruhe der Mutter und Tante überſtieg alle Beſchreibung. Konſtantin und das ganze männliche Perſonale war hinausgezogen, um zu ſuchen,„und mein glücklicher Leitſtern,“ ſchloß er,„blieb über dieſem dunklen Punkte ſtehen.“— Die übrigen Leute, die nun ebenfalls von ihrem fruchtloſen Suchen zurückgekommen waren, wur⸗ den nach Ulriksdal geſchickt, um die Daheimgebliebenen zu tröſten, und nun kehrte Ruhe und Frohſinn zurück. Man aß, trank, ſcherzte und war gutes Muthes; nur Stälkrona war mehr Zuſchauer als Theilnehmer. Sobald ſich die SKU ‿8—A *— ſeiner Braut,„meinſt Du nicht, daß ein ſolcher Morgen erſten Strahlen des Tages zeigten, brach die ganze Geſell⸗ ſchaft auf, und vergnügt ſammelte die Alte die Trinkgelder und die Ueberreſte der herrlichen Mahlzeit. Sie genoß in Folge dieſer ereignißreichen Nacht das froheſte Pfingſtfeſt⸗ das ſie ſeit vielen Jahren erlebt hatte. Mit den freund⸗ lichſten Bitten ſuchten Henriette und Konſtantin den Kornet Stälkrona zu vermögen, daß er ihnen nach Ulriksdal fol⸗ gen möchte. Artig aber beſtimmt ſchlug er es ab:„Fräu⸗ lein von Stolzenbeck braucht jetzt keinen Beſchützer mehr; mein Amt iſt zu Ende.“— Er lockte ſeinen Hunden, machte der Geſellſchaft eine leichte Verbeugung, und verſchwand bald in der grauen Dämmerung des Waldes. 26. Biographien.— Beunruhigende Gewitter⸗ zeichen am Himmel der Liebe. Setz' die Perücke auf und erzähle! Bellmann. Der ſchönſte Morgen folgte auf dieſe düſtre Nacht. Und wäre nicht der majeſtätiſche Aufgang der Sonne über den hohen Kronen des Waldes, die tauſend Thautropfen, worin ihre Strahlen ſich mit prachtvollem Farbenglanze brechen, und ihre Abſpiegelung in Seen und Flüſſen, ein ſo vielfach in Verſen und Proſa beſungener Gegenſtand, ſo würde ich die Gelegenheit benützen und eine Schilderung davon geben. Aber aus Furcht, ſie möchte überſchlagen werden, wage ich nur dies auszuſprechen, daß der Morgen ſo herrlich und die Luft ſo rein war, wie ſie es immer zu ſeyn pflegt, wenn ein überſtandenes Gewitter die Atmoſphäre gereinigt, und der Regen den grünen Teppich der Erde wieder erfriſcht hat.— Lieutenant Konſtantin war zwar kein ſchwärmeriſcher Enthuſiaſt für ſo ſchöne Naturbilder; aber er beſaß doch ein Gefühl für ſie. Er drückte in wenig Worten ſeine Bewunderung aus, als er neben dem Pferde herging, das Henriette ritt.„Beſte Henriette,“ ſagte er zu 174 auf dem Lande ſehr lieblich iſt?“—„O ja, für hie und da,“ erwiederte Henriette gleichgültig. 1 „Mit Dir, meine Henriette, iſt jeder Augenblick gleich ſchön, der Morgen mag trüb oder hell, in der Stadt oder auf dem Lande ſeyn; wo Du biſt, leuchtet die Sonne mei⸗ nes Lebens in unverändertem Glanze.“ .„Ach, Konſtantin, Du ſchmeichelſt nur,“ verſetzte Hen⸗ riette lachend;„aber wiſſe nur, ich fühle mich heute gar nicht ſehr dadurch ergötzt. Du mußt mich daher mit einem Gegenſtande von ganz ernſter Natur unterhalten. Laß ſehen, Du haſt mir nie die früheren Jugendbegebenheiten von Dir und Deinem Better, dem Rittmeiſter, erzählt. Es wäre nicht ſo übel, wenn Du mir während unſerer langſamen Heimfahrt die Zeit damit verkürzteſt.“ „Ach, beſte Henriette, ich fürchte, ich werde einen ſchlechten Biographen abgeben. Was mich ſelbſt betrifft, ſo iſt darüber wenig oder nichts zu ſagen; denn Du weißt, daß mein eigentliches Leben erſt begann, als ich Dich kennen lernte. Was hingegen Alexander und ſein Auf⸗ treten in der Welt betrifft, ſo dürfte ich wohl aus meinem Gedächtniſſe einige Materialien zu einer kleinen Novelle zuſammtnbringen können.“—„Nun, ſo laß hören; ich bin ganz Ohr.“—„Im nördlichen Theile von Weſt⸗ gothland,“ begann Konſtantin,„lebten unſre Väter in brüderlicher Eintracht. Außer den Banden des Blutes hatte ſie die wärmſte Freundſchaft an einander gekettet. In ihren jüngeren Jahren theilten ſie getreu Beſchwer⸗ den und Armuth; denn die Familie Sterner konnte ihren⸗ Nachkommen ſelten etwas mehr als einen unbefleckten Namen und ihren Segen als Erbtheil hinterlaſſen; aber die Ehre war für ſie eine zarte Blume, die immer mit der äußerſten Sorgfalt gepflegt wurde. Dieſe außerordent⸗ liche Strenge in den Grundſätzen bewirkte auch, daß ſie die Vortheile, die ihnen das Glück hie und da anbot, und aus denen mancher Andere ſeinen Nutzen gezogen hätte, ſtets unbenützt ließen. Mein Vater und Oheim waren die einzigen Uebriggebliebenen aus dieſem Zweige des 4 ͤ—— p„ — 5 Sterneriſchen Geſchlechtes. Sie hatten ſich beide frühzeitig mit braven, häuslichen Mädchen verheirathet, die ebenſo arm waren, als ſie ſelbſt.“—„Als einen Beweis von der Stärke und dem Adel ihrer Grundſätze, und auch deßhalb, weil dieſe Begebenheit einen weſentlichen Einfluß auf die äußeren Verhältniſſe und die Geiſtesbildung Ale⸗ randers gehabt hat, will ich Dir eine Epiſode aus der BVerlobungszeit meines Oheims mittheilen. Es war eine Prüfung, die vielleicht Wenige beſtanden haben würden. Damals lebte in derſelben Gegend ein alter reicher Edel⸗ mann auf ſeinen ſchönen Gütern; er hatte nur ein ein⸗ ziges Kind. Sophie von R— war der Abgott des gan⸗ zen Ortes, ſowohl wegen ihrer Schönheit als ihres ſanf⸗ ten Gemüthes, und ſie verdiente es; aber das Mädchen, weit entfernt, irgend eine Eitelkeit über die Huldigung zu empfinden, die ihr von allen Seiten dargebracht wurde, ſuchte nur eines Einzigen Blick, eines Einzigen ſtillen Beifall, und dieſer Eine war Alexanders Vater, damals Fähnrich Pei einem Jägerregimente, ein ſchöner, gebil⸗ deter Jüngling, von reinen, Sitten, einem edlen Charakter, vortrefflichem Herzen, und äußerſt angenehmem und geiſt⸗ reichem Umgange. Sophie liebte ihn grenzenlos; denn ſeine frühzeitig eingegangene Verbindung war ſowohl für ſie, als den ganzen Ort ein Geheimniß, und da er viel in Herr von R— s Hauſe ein⸗ und ausging, ohne anfangs das Gefäͤhl zu ahnen, das er eingeflößt hatte, ſo wuchs Sophiens Liebe, je mehr ſie Gelegenheit hatte, ihn ken⸗ nen zu lernen. Inzwiſchen trat eine Perſon auf, die mit Beſtuͤrzung die Gefühle des Fräuleins für Sterner ge⸗ wahrte. Dieß war der junge Baron Linden, der Sophie ſeine Hand angeboten, aber eine abſchlägige Antwort er⸗ halten hatte. Er ließ ſich jedoch dadurch nicht abſchrecken, ſondern beſchloß ihre heimliche Neigung zu erforſchen; denn er beſaß mit Recht Stolz genug, um die Ueberzeu⸗ gung zu hegen, daß ſie, wenn nicht eine ältere Neigung im Wege geſtanden wäre, ein Anerbieten nicht zurück⸗ gewieſen hätte, welches manches andere Mädchen für ein ◻ 1 7 7 7 * 176 Glück angeſehen haben würde.“—„Sein Scharfſinn entdeckte bald den Grund der traurigen Gemüthsſtimmung des Fräuleins; aber mit Freude bemerkte er zugleich, daß durchaus kein zärtlicheres Verhältniß zwiſchen ihr und Fähnrich Sterner Statt fand. Seinem von Liebe geſchärften Auge wollte es ſogar ſcheinen, als ob ihre Neigung nicht erwiedert würde; doch konnte er nicht er⸗ forſchen, in wie weit dieß eine Folge von Sterners ebenſo bekannter Armuth als ſtrengen Grundſätzen ſeyn dürfte, da ihm dieſe zu verbieten ſchienen, ein Gefühl zu theilen, das aller Wahrſcheinlichkeit nach nie den Beifall ihres Vaters erhalten würde,— oder ob Sterner gegenüber von ſo mannigfaltigen Reizen wirklich gefühllos war. Indeſſen ſah er es als Freund des Hauſes für ſeine Pflicht an, Herrn von R— von einem Verhältniſſe in Kenntniß zu ſetzen, wovon man bereits in der ganzen Umgegend zu flüſtern begann.“—„Der Vater war zwar Anfangs über dieſe unerwarteten Nachrichten ſehr beſtürzt; aber frei von allem Hochmuth und ein Freund der Freiheit und Gleichheit, ſetzte er das Glück ſeines Kindes allem Andern voran, und beſchloß, mit Sophie über die Sache zu reden. Sie bekannte ihrem Vater, wie es mit ihrem Herzen ſtand, und erklärte, dem Baron Linden nie angehören zu wollen, deſſen edlen Charakter, deſſen warme Liebe und vortheilhafte Stellung in der Geſellſchaft der— Vater vergebens in das beſte Licht zu ſetzen bemüht war.“ „Nach dieſer Erklärung ſeiner Tochter beſchloß Herr von R— dem Benehmen des jungen Sterners eine ge⸗ naue Aufmerkſamkeit zu widmen. Dieſer ſchien gern in der Geſellſchaft des Fräuleins zu ſeyn, und erwies ihr die feinſte Aufmerlſamkeit, aber Alles auf eine ſo ehrer⸗ bietige, zurückhaltende Art, daß Niemand beſtimmen konnte, ob ſein Herz daran Antheil nehme oder nicht. Endlich, um einen entſcheidenden Schritt in der Sache zu thun, lud eines Abends Herr von R— den Fähnrich Sterner zu einem Spaziergange ein. Was ſich dabei zutrug, ward von meinem Oheim nie entdeckt; aber Baron Linden, der —— —— N— — — u 1α*= 8 7 8 —(—₰3,— 177 durch den alten Herrn von dem Inhalte dieſer Unter⸗ redung und der edlen Handlungsweiſe Sterners unter⸗ richtet wurde, bewahrte treulich die Erinnerung daran, und theilte ſie in einer vertrauten Stunde Alexandern mit. Es verhielt ſich damit folgendermaßen. Herr von R—, welcher der Meinung war, mein Vater ſey zu ſchüchtern, um ſeine Gefühle auszuſprechen, und den Grundzug ſeines Charakters, ſowie ſeine Mittelloſigkeit ſehr wohl kannte, glaubte mit Grund hier eine Ausnahme von den gewöhn⸗ lichen Stellungen und Verhältniſſen machen zu dürfen, und anſtatt auf eine demüthige Werbung von Sterners Seite zu warten, bot er ihm ganz einfach die Hand ſeiner Tochter an, ſofern das mit ſeinen Wünſchen übereinſtim⸗ men würde. Da Fähnrich Sterner den alten Herrn glü⸗ hend roth und beſtürzt anſtarrte, ohne ein einziges Wort auf dieſes unerwartete und überraſchende Anerbieten zur Antwort zu geben, ſo glaubte der Alte, es möchte vielleicht die Beſorgniß und Unruhe wegen der Beſchaffenheit von Sophiens Gefühlen ſeyn, was dem jungen Manne die Lippen ſchließe, und ſprach deshalb mit liebreicher Offen⸗ herzigkeit:„Seyen Sie ohne Furcht, mein theurer Ster⸗ ner, das Herz meiner Tochter gehört Ihnen längſt, und man muß wirklich ſo blöde ſeyn, wie Sie es ſind, um das nicht bemerkt zu haben. Wenn Sie aber noch zwei⸗ feln, ſo folgen Sie mir!“ Dieſe Worte durchſchauerten Sterners verſchloſſenes Herz; ſie berührten dort Saiten, die für ihn nur in der Stille der Nacht ertönten; aber ſie erſchütterten auch ſeine Seele tief und durchdringend. Dieſe bedeutungsvollen Worte erweckten ihn aus ſeinem betäubungsähnlichen Zuſtande. Mit männlichem Muthe bekämpfte er die mächtigen Gefühle, die ſeine Bruſt zu zerſprengen drohten; er faßte ſich und antwortete ent⸗ ſchloſſen:„Wie glücklich hätte nicht dieſer Tag für mich ſeyn können; aber ich— habe kein Recht mehr auf den Himmel, den Sie meinen Blicken eröffnen. Herr von R— ein Mädchen, ebenſo arm wie ich, aber mit einem warmen und reinen Herzen, und für die ich Alles in der —————— ᷣ——— Welt bin,— beſitzt bereits mein Gelübde; denn unſre Verbindung ward von unſern Eltern begründet, als wir beinahe noch Kinder waren, und wurde mit jedem Jahre feſter. Ich hege für ſie die ruhige und reine Freundſchaft eines Bruders und werde dies ſtets thun; doch den Ge⸗ fühlen des Herzens kann Niemand gebieten. Aber ich will und kann ſie beherrſchen, da ſie im Widerſpruche mit meiner Pflicht ſtehen; und wie viel Schmerz, wie viel Qual es mich auch koſten mag, nie würde ich es ver⸗ mögen, die Arme zu vernichten, die tanſendmal lieber ſterben, als ſich von mir verſtoßen ſehen wollte. Was ich hier geſagt habe, Herr von R—, iſt das einzige Ge⸗ heimniß meines Herzens. Es iſt das erſte und letzte Mal, daß ich es in Worte gekleidet habe; aber ich war es Ih⸗ nen ſchuldig als Dank für Ihr edles Vertrauen. Laſſen Sie mich hinzufügen, daß ich Ihre Tochter ſchon zu lange für meine Ruhe geſehen habe; ich habe mich zu viel auf meine Stärke verlaſſen, das fühle ich in dieſer Stunde; doch meine Seele ſoll nicht unterſinken. Leben Sie wohl, Herr von R—! Haben Sie herzlich Dank für das, was Sie für den armen Jüngling thun wollten! Bringen Sie Ihrer holden Tochter meinen letzten Gruß und legen Sie das, was ich Ihnen hier anvertraut habe, in dem innerſten Heiligthume Ihres Herzens nieder. Wir ſehen einander nie wieder.“ „Bei dieſen Worten drückte er Herr v. R— s Hand, mit Ernſt und Kraft den tiefen Schmerz bekämpfend, der ihn niederdrückte, und— ſtürzte fort.“ „Nicht lange nach dieſem Vorfall vermählte ſich Sterner mit dem genannten Mädchen. Sie ward ein glückliches Weib, und Alexanders Geburt zerſtreute ſpäter die düſtre Wolke, die hie und da die Stirne meines Oheims beſchattete.— Ein Jahr nach ihrer Verheirathung gab Sophie den eindringlichen Bitten ihres Vaters und Baron Lindens nach. Sie ward die Gattin des Letztern. Nie vergaß ſie zwar den, der einſt der Gegenſtand ihrer ſchönſten Hoffnungen geweſen war; aber das Beiſpiel von 1 ——ͤ—„,———+— 2—,+— 179 Hochſinn, das Sterner ihr gegeben hatte, wirkte vortheil⸗ haft auf ihre Ruhe ein, und während ihrer Verbindung mit Linden hatte ſie nie Urſache zu bereuen, daß ihre früheren heißen Gefühle ſich in die ſtille Hingebung an einen guten und redlichen Gatten verwandeln mußten.“ „Manches Jahr war ſeitdem vergangen. Sowohl mein Vater, als mein Oheim waren jetzt Kapitäns mit Kompagnieen, und lebten in ihren Garniſonen, die nicht weit entfernt von einander lagen. Ich, wie Alerxander, war einziges Kind, und die innigſte Freundſchaft verband uns von unſrem zarteſten Alter an, obſchon Alexander vier Jahre älter war, als ich; aber ſeine ſtarke, über⸗ legene Seele entwickelte frühzeitig eine Kraft, ein Streben nach etwas Höherem, Vollkommenerem, deren Flug ich nicht zu folgen vermochte. Dennoch hat er, ſo weit ich mich erinnern kann, einen Einfluß über mich ausgeübt, den ich gerne anerkenne; denn kein Charakter kann edler ſeyn, als der ſeine, keine Freundſchaft uneigennütziger, als die ſeine. Ich achte und bewundre ihn; aber mein Na⸗ turell kann ſich nicht zu ihm erheben. Gleichwohl fühlt es ſich durch das enge Verhältniß, in dem wir zu einander ſtehen, veredelt. Ich fürchte ſogar, daß ich bei meinem leicht entzündbaren und lebhaften Charakter und bei den zahlreichen leichtſinnigen Beiſpielen, die ein Offizierskorps darbietet, leicht ein Schlimmerer hätte werden können, als ich bin, wenn ich nicht an ihm einen Leiter und an ſeiner treuen Freundſchaft eine Stütze gefunden hätte. Doch ich vergeſſe, meine Erzäaͤhlung fortzuſetzen, die Dir, meine Henriette, nach Deinem häuſigen Gähnen zu ſchlie⸗ ßen, nicht ſehr behagen mag. Du haſt mich aber ſelbſt veranlaßt, auf dieſen Gegenſtand einzugehen, und mußt es deshalb auch bis zum Schluſſe hören.“ „Alexanders Mutter ſtarb, als er eilf Jahre alt war. Mein redlicher Oheim, der ſein frommes Weib tief be⸗ trauerte, folgte ihr nach Verlauf eines Jahres. Zwiſchen ihm und Baron Linden hatte eine vieljährige Freundſchaft heſtanden, die ſich auf gegenſeitige Achtung gründete, und der Baron bewies, daß dieſes Gefühl mit dem Tode ſeines Freundes nicht aufgehört hatte. Er holte ſelbſt den vater⸗ und mutterloſen Knaben in ſein Haus, und dort fand Alexander in Baron Linden und der edlen, holden Baronin eben ſo zärtliche Eltern, als die waren, welche er verloren hatte. Er ward mit eben ſo viel Sorgfalt erzogen, wie ihr eigener Sohn, und als der Baron ſtarb, was für beide Jünglinge zu früh geſchah, hinterließ er in ſeinem Teſtamente meinem Vetter ein nicht unbedeutendes Kapi⸗ tal, das er erheben konnte, ſobald er mündig geworden war. Wie ſehr Alexander dieſen, ſeinen väterlichen Freund beweinte, kannſt Du Dir leicht vorſtellen. Ich ſah es, und erſtaunte über die Heftigkeit der Gefühle, die in der Tiefe ſeines Herzens wohnten, obwohl ſein Aeußeres immer gleich ruhig, klar und ernſt blieb. Doch ein Unglück kommt ſelten allein; er hatte noch einen gleich ſchweren Verluſt zu leiden. Der junge Linden und Alexander hielten ſich nach dem Tode des Barons in Stockholm auf, wo der Erſtgenannte, von der Pike auf dienend, in die militäriſche Laufbahn eingetreten war. Bei einer Parade erkältete er ſich heftig, und lag mehrere Wochen ſchwer krank dar⸗ nieder, doch erholte er ſich wieder ſo, daß er aufſtehen konnte. Er klagte jedoch über ſchwere Bruſtſchmerzen, und es ward ihm von den Aerzten ſtreng verboten, auszugehen. Eines Tages, als er ſich ganz wohl glaubte, erhielt ſo⸗ wohl er, als Sterner eine Einladung zu einem Balle bei Oberſt L—. Linden, der gewiß war, hier ein junges Mädchen zu treffen, das er anbetete, verſprach zu kommen, ungeachtet ihm Sterner alle möglichen Vorſtellungen machte. Da ihn nichts vermögen konnte, von ſeinem Vorſatze abzuſtehen, ſo gingen beide Freunde mit einan⸗ der. Linden konnte nicht tanzen, da ein unerträglicher Bruſtſchmerz ihn daran hinderte. Die Hand auf das ge⸗ guälte Herz gepreßt und an die Thüre geſtützt, konnte er die Geliebte nur im Tanze vorüberſchweben ſehen. Als der Ball zu Ende war, ſtrengte er ſeine erſt ſchwach wieder errungenen Kräfte an, um ſie an den Wagen z „4 ͤͤ———— 888 8 x⏑ õZMNM 181 geleiten. Er erhielt ein Paar freundliche, ſchnell aus⸗ getauſchte Abſchiedsworte und einige ſüße, ſprechende Blicke; aber dafür mußte er ſein Leben hingeben. Er bekam die galoppirende Lungenſchwindſucht, und endigte den kurzen Traum ſeiner Jugend an der treuen Bruſt des Freundes.— Noch lange nach dieſer traurigen Be⸗ gebenheit war Alexander düſter und verſchloſſen, und ich war der Einzige, dem er zuweilen ſein Herz öffnete. Aber Jahre vergingen, und die Zeit trat in ihre Rechte ein. Alexander zeigte ſich wieder in der Geſellſchaft, und war oft einer der gefeiertſten Helden der Salons. Ich war damals als Fähnrich beim Regiment**“* eingetreten, und Alexander ſtand als Lieutenant bei den S— ſchen Dra⸗ gonern. Wir trafen uns oft, und blieben längere Zeit zuſammen; denn er hielt ſich einen großen Theil des Jah⸗ res in Weſtgothland auf, wo er bald bei meinem alten Vater, bald bei der Baronin Linden, auf dem ſchönen Gute derſelben, verweilte. Der Aufenthalt an dieſem letztern Orte war jedoch für Alexander weit nicht mehr ſo angenehm, wie früher. Die Baronin hatte gewiſſe, nicht ſehr verſteckte Plane, eine Verbindung zwiſchen ihm und ihrer Tochter, Arabella, zu Stande zu bringen; aber zwei ſo entgegengeſetzte Elemente konnten ſich niemals ver⸗ einigen laſſen, wenigſtens ſah Sterner dies ein.“ .„ Arabella Linden war in hohem Grade eitel, flüchtig und gefallſüchtig. Sie war ſtets der Abgott ihrer Mutter geweſen und deshalb vollkommen verzogen worden. Weit entfernt, ſchön zu ſeyn, beſaß ſie kaum ein mittelmäßiges Aeußeres, aber ſie war witzig, lebhaft und muthwillig biß zum Uebermaß, und zudem das reichſte Mädchen in der ganzen Umgegend. Bei dieſen Vorzügen fehlte es ihr alſo nicht an Anbetern, deren Schmeicheleien und Huldi⸗ gungen ſie als eine gebührende Steuer annahm, die ihre, wie ſie meinte, überlegenen Eigenſchaften mit ſich bräch⸗ ten. Nie hatte ſie jedoch den Triumph gehabt, Alexandern unter die Anzahl ihrer Bewunderer rechnen zu dürfen, im Gegentheile verſuchte er mit der warmen Beredtſamkeit 182 eines Freundes, eines Bruders ſie auf die Fehler auf⸗ merkſam zu machen, welche nicht nur ſie, ſondern auch die Baronin, höchſtens für kleine naive Streiche ihrer jugend⸗ lichen, ſpielenden Phantaſie anſah. Aleranders Verſuche liefen ſchlimm ab. Arabella bog den ſtolzen Nacken zu einem ſteifen Knixe und verſicherte meinen Vetter, daß ſte die Pedanten nie habe leiden können.“ 8 „Die Baronin konnte nicht umhin, die vortrefflichen Eigenſchaften ihrer Tochter durch das Vergrößerungsglas der mütterlichen Liebe zu betrachten, und ſuchte Sternern dieſelbe Ueberzeugung beizubringen; aber umſonſt. Er hörte ſie an, ſchwieg jedoch und zog ſich allmählig zurück. Dadurch entſtand ein kaltes und geſpanntes Verhältniß zwiſchen ihm und ſeiner Wohlthäterin, das ihn auf's Tiefſte ſchmerzte. Doch es ſtritt gegen ſeine Grundſätze, dieſe Gefühle in für ihn günſtigere umzuwandeln, da es auf Koſten ſeiner Ueberzeugung hätte geſchehen müſſen.“ „Um dieſe Zeit erſchien ein gewiſſer Oberrichter Ro⸗ ſenbalk in der Gegend, der die Gerichtsbarkeit in dem Diſtrikte erhalten hatte, wo das Gut der Baronin Linden lag. Dieſer verabſäumte es nicht, Zutritt in ihr gaſt⸗ freies Haus zu ſuchen. Ungeachtet dieſer Oberrichter Roſenbalk bereits die Vierzig überſchritten hatte, ſo war er doch wegen ſeiner heitern Laune und feiner feinen Bil⸗ dung eine höchſt willkommene Eroberung für das geſell⸗ ſchaftliche Leben. Fräulein von Linden gefiel ihm ſehr, und ihr bedeutendes Vermögen verminderte dieſen vor⸗ theilhaften Gedanken nicht. Von Liebe war zwar weder bei ihm, noch bei ihr die Rede; aber die Parthie ſchien auf beiden Seiten ſo paſſend, daß nichts dagegen einzu⸗ wenden war. Die Baronin wünſchte jedoch immer noch, daß ihr alter Lieblingsplan in Erfüllung gehen ſollte; aber Alexander, der die Liebe für eine unerläßliche Be⸗ dingung der ehelichen Glückſeligkeit anſah, und unmög⸗ lich Liebe da erheucheln konnte, wo keine war, beant⸗ wortete ehrerbietig, aber aufrichtig, die halb im Scherz, halb im Ernſt hingeworfenen Winke der Baronin. Mit — — — —,—— »———————— e—— 183 ſteigendem Mißvergnügen hörte ſie ihn die Widerſprüche Arabellens Charakter entwickéln, und die ßv in ſeinem und Ar Verbindung mit dem Oberrichter Roſenbalk als am mei⸗ ſten übereinſtimmend mit ihrem Gemüthe und ihren Lebens⸗ gewohnheiten bezeichnen. Die Baronin ſah ſehr wohl ein, daß Alexander Recht hatte; aber jenes war von der Kindheit beider an ihre lieblichſte Hoffnung geweſen, und ſie hatte ſich ſo mit dieſer Idee verwebt, daß es ihr ſichtlich Mühe koſtete, ſie auf immer fahren zu laſſen. Es mußte jedoch geſchehen. Alexander reiste nach der Hauptſtadt, und einige Monate darauf ward Fräulein von Lindens Verlobung mit dem Oberrichter Roſenbalk bekannt gemacht.“—„Hier, meine Henriette, muß ich in meiner Erzählung abbrechen; denn Alexanders Abenteuer in Stockholm während ſeines letzten Aufenthalts daſelbſt kennſt Du. Nach ſeiner Heimkehr hat er ſeine Freunde in Weſtgothland beſucht, und dabei auch die Baronin Roſenbalk begrüßt, die ihm in ihrer Eheſtandslotterie ge⸗ wonnen zu haben ſchien. Sie war eine angenehme und heitere Wirthin; da aber der Oberrichter ſich bei den Sitzungen befand, ſo war der Beſuch nicht lange dauernd. Die Freude meiner Eltern, als ſie Alexander wiederſahen, war grenzenlos. Sie lieben ihn eben ſo ſehr, als mich, und ihre Freude wird gewiß nicht größer ſeyn, wenn ich heimkomme, um den väterlichen Segen zu holen, und dies ſoll nicht mehr lange anſtehen. Nur die Allmacht der Liebe hat mich bei Dir länger zurückgehalten, als es meine kindlichen Pflichten geſtatten. Da bis dahin mein Urlaub ohnedies zu Ende iſt, ſo muß ich mich beim Re⸗ gimente einfinden. Dann ſteht es gewiß drei ewige Mo⸗ nate an, meine Geliebte, bis wir uns wieder ſehen.“ „Das wird wirklich ſehr unangenehm ſeyn, mein lieber Konſtantin,“ erwiederte Henriette ziemlich zerſtreut, und preßte ihre kleinen, weißen Zäͤhne zuſammen, um ein aufſteigendes Gähnen zu unterdrücken;„aber ſage mir, ob Dein Vetter, bei ſeinen hochgeprieſenen Vortrefflichkeiten aller Art nicht wenigſtens in Einer Beziehung etwas mit daß Du nicht allein von Ding 184 4 den andern Menſchenkindern gemein hat; mit einem Wort, hat er nie geliebt?“—„Ich glaube kaum,“ antwortete Konſtantin;„ſein Herz war bisher ſo ſtählern, daß alle Liebespfeile, die gegen ihn gerichtet waren, zum Aerger der Schützen daran abgeprallt ſind.“—„Ja, weil Du pflicht⸗ ſchuldig glaubſt, was ihm beliebt, Dir vorzuſchwatzen. Glaubſt Du, wir haben die alte Geſchichte von der Frau von K— nicht gehört?“—„Pfui, Henriette, denke nicht ſo,“ ver⸗ ſetzte Konſtantin unwillig;„ſein Benehmen ſcheint mir ſeine Unſchuld hinlänglich bewieſen zu haben. Alerander Ster⸗ ner hätte nie den entfernteſten Gedanken daran faſſen, noch weniger eine ſo niedrige Handlung begehen können, als Du ihm ſo ſchonungslos aufbürden willſt. Wäreſt Du ein Mann, Henriette, ſo würde ich die angegriffene Ehre mei⸗ nes Freundes mit etwas Anderem, als mit Worten ver⸗ theidigen.“—„Lieber Konſtantin, ereifere Dich nicht ſo entſetzlich! Du ziehſt ja am Zügel, daß das Pferd ſich bäumt. Meinetwegen mag er immerhin der edelſte und lie⸗ benswürdigſte Mann auf Gottes Erdboden, und der Ver⸗ einigungspunkt aller möglichen Tugenden und Vollkommen⸗ heiten ſeyn; aber bei all' dem möchte ich doch um keinen Preis ſeine Frau ſeyn. Meine geringen, beſcheidenen und ganz menſchlichen Eigenſchaften würden von dem blenden⸗ den Glanze ſeiner himmliſchen Tugenden total überſtrahlt werden und verſchwinden.“ Konſtantin lachte und ließ den Zügel fahren, den er in ſeinem Eifer gefaßt hatte.—„Ich glaube, Du haſt Recht,“ ſagte er;„bei all' Deiner Liebens⸗ würdigkeit würdeſt Du doch vielleicht als Aleranders Gattin nicht damit ausreichen. Seine Anſprüche können wohl mit Recht übertrieben genannt werden. Glücklicherweiſe hat er Dein Herz auf keine Probe geſtellt; aber verzeih' mir, wenn ich die Ueberzeugung ausſpreche, daß, wenn er gefallen wollte, ich nicht viel Vertrauen in die Standhaftigkeit jedes Wei⸗ bes, wer es auch ſey, ſetzen möchte; denn ich glaube, keine könnte ihm widerſtehen.“—„Du dürfteſt ebenfalls entſchul⸗ digen, wenn ich meinerſeits die Ueberzeugung ausſpreche, en redeſt, die Du gar nicht f —— — 8& K K ———— — R △‿ ——— e8* 185⁵ beurtheilen kannſt, ſondern auch ſehr unpaſſend ſind,“ er⸗ wiederte Henriette ärgerlich, und rümpfte das ſchöne Näs⸗ chen auf eine Art, die ſehr lebhaft an die Frau Mamma erinnerte.—„Kornet Stäͤlkrona zum Beiſpiel iſt durch⸗ aus ebenſo liebenswürdig und mehr als ebenſo hübſch, wie der vortreffliche Herr Rittmeiſter; jedoch,“ fügte ſie ab⸗ brechend hinzu, als ſie ſah, daß Konſtantins Geſicht ſich mehr als gewöhnlich zu verdüſtern begann,„warum haſt Du nicht von Dir ſelbſt geſprochen, anſtatt mich mit Schil⸗ derungen von der Armuth und dem Stolze Deiner Eltern zu traktiren, und alte Geſchichten von den traurigen Liebes⸗ abenteuern Deines edlen und großherzigen Oheims aufzu⸗ tiſchen, wobei Du halb Weſtgothland auftreten läßt.“— „Du biſt wahrhaftig unbillig, Henriette!“ entgegnete Kon⸗ ſtantin mißvergnügt.„Theils wünſchteſt Du ſelbſt, daß ich Dir unſere früheren Schickſale mittheilen ſollte; theils konnte ich nicht vermuthen, daß die einfache Erzählung von der edlen Handlungsweiſe meines Oheims Dir unangenehm ſeyn könnte, da dies ſo viel Einfluß auf Aleranders Schickſal gehabt hat. Und endlich konnte ich ebenſo wenig glauben, daß Du eine Freundſchaft, von der Du weißt, daß ſie mei⸗ nen Stolz ausmacht, für ein— Nichts anſiehſt.“—„Leider muß ich ſie nur zu hoch anrechnen,“ ſiel Henriette ein; „denn ich finde, daß der Rittmeiſter einen ebenſo großen, wenn nicht einen größern Einfluß auf Dich hat, als ich ſelbſt.“—„Ich wußte in der That nicht,“ erwiederte Kon⸗ ſtantin tief gekränkt,„daß es die Gewalt war, wornach Henriette ſtrebte. Ich hatte gehofft, meine Liebe würde den Endzweck Deiner Wünſche ausmachen, und in dieſer Hoff⸗ nung glaubte ich mit Grund, daß unſere Liebe ſich mit der Freundſchaft und Achtung für meinen Vetter vereinigen könnte, welche, ich erkläre das, bei mir nie umgeſtoßen werden kann.“ „Ich meinte nicht gerade ſo,“ ſagte Henriette und begleitete dieſe Worte mit einem verführeriſchen Lächeln. „Du mußt nicht gleich ſo gereizt ſeyn, mein lieber Kon⸗ ſtantin; ſonſt kommen wir immer in Streit mit einander, Der Stellvertreter. 13 „ 186 —Ich wollte nur ganz einfach fragen, ob Du mir keine Be⸗ gebenheit aus Deinem eigenen Leben zu erzählen hätteſt.“ „Nicht das Geringſte; es iſt bis jetzt auf die alltäg⸗ lichſte Art hingefloſſen. Strapazen während der Exercl⸗ tien, Vergnügungen im Winter; Wetten auf Pferde und Hunde; Morgens Jagd, Mittags ſorgfältige Toilette, dann Blättern in den neueren Produften der Literatur, Beſuche und Hofmachen, Abends Bälle, Spiel während eines Theils der Nacht, und endlich nach einem ſo wohl angewendeten Tage der Schlaf; ſo war, mit Ausnahme der lichteren Stunden, die ich mit Alexander hinweg plauderte, mein ganzes Leben, bis ich mein Lieutenantspatent in die Taſche bekam, und an demſelben Tage Dich zum erſten Male auf dem großen Offiziersballe in D— ſah.“—„Wie ich dann einige Monate lang zwiſchen meiner Station und F— hin und her wanderte, wird Dir nicht unbekannt ſeyn; auch daß ich endlich das theure„Ja“ von Deinen ſchönen Lippen, ſo wie das Verſprechen Deiner Mutter erhielt, unter der Bedingung, daß ich zu einer Neiſe nach Ham⸗ burg Urlaub nehmen ſollte. Ach, das Teſtament, das Te⸗ ſtament, ich fürchte, ich gewinne nie wieder die Gewogen⸗ heit Deiner Mutter, weil ich meine diplomatiſche Sendung in ihren Augen auf eine ſo unverzeihliche Art ausführte.“ „Ach, laß das ſeyn; die Sache wird ſich ſchon ge⸗ ben,“ meinte Henriette;„aber ſage mir nur, warum Du Deines Vetters, des Erben, mit keinem Worte erwähnt haſt?“ „Du weißt ja, daß ich ihn wenig oder gar nicht kannte, ehe wir in Hamburg zuſammentrafen. Der Zweig des Sterneriſchen Geſchlechtes, wovon er ein Sprößling iſt, war ſchon vor ſehr langer Zeit von Weſtgothland in einen der abgelegenſten Theile des Reiches verſetzt worden. Aber ſieh, da haben wir ja Ulriksdal,“ rief Konſtantin und hob ſeine Braut vom Pferde.— Im Hofe begegneten ihnen die Frau Mamma und die Tante Eliſabeth. Umarmun⸗ gen, Freudenthränen, Vorwürfe und Geplauder wechſelten gegenſeitig ab. Die Aſſeſſorin benahm ſich hier ganz wie ein anderer Menſch aus lauter mütterlicher Freude; ihr 187 Stolz war wenigſtens für dieſen Augenblick verſchwunden. Das Abenteuer mit dem Kornet Stalkrona, und das ro⸗ mantiſche Zuſammentreffen mit dem Magiſter Traſſelin und ſeiner Frau gab einen reichen Gegenſtand der Unterhal⸗ tung während der wenigen Tage, die man ſich in Ulriks⸗ dal aufhielt, um es von Innen und von Außen zu beſehen, und das Gedächtniß der vielen ſchönen Tage der Vergan⸗ genheit zu erneuern, die Frau v. Stolzenbeck und Tante Eliſabeth hier verlebt hatten.— Der Ort ſelbſt war fehr verfallen; aber wie ſehr auch die Aſſeſſorin ihre Vorſchläge auf die unumgänglichſten Repaxationen beſchränkte, ſo wa⸗ ren ſie doch zu koſtſpielig, und ganz natürlich fielen ihre Gedanken dabei auf das einfältige Teſtament, die Klippe, an der alle ihre Verbeſſerungspläne ſcheiterten. „Ach, mein Bruder, der Erznarr!“ ſo endigte die Aſſeſſorin ſtets, wenn die Rede von einer ſchönen, ange⸗ nehmen Veränderung war, deren Verwirklichung jedoch im Widerſpruch mit ihren Einnahmen ſtand.„Der Erz⸗ narr, der einen Glücksritter ſeinen eigenen Anverwandten 2 vorziehen konnte!“ 22. Hochgeehrter und geneigter Leſer! Da es mir dunkel ahnt, als habeſt Du während unſeres beſcheidenen Konſtantins noch beſcheidenerer Erzählung mit ſeiner liebenswürdigen Braut Henriette in die Wette gegähnt, ſo halte ich es für billig, die Dir verurſachte Langeweile durch eine kleine Zerſtreuung wieder gut zu machen, und nehme mir deßhalb die Freiheit, Dich, verehrteſter Leſer, zu dem großen Feſte der Probſtin Svallenius in dem Pfarrhofe von Wallaryd am Pfingſttage des Jahres 1835 einzuladen. Und in der ſüßen Hoffnung, daß meine hochverehrten Leſer und Leſerinnen die Einladung nicht verſchmähen werden, beeile ich mich, die Anſtalten zu Höchſtihrem Empfange zu treſſen. Den 19. Februar 1838. 1 d Die Verfaſſerin. 1 Asmodeus. Unſer Freund, der Rittmeiſter, war am Abend vor⸗ heerr in Wallaryd angelangt, und von der Wirthin ihren 1³⁴* — lieben Verwandten, dem Magiſter Traſſelin und ſeiner liebenswürdigen Frau vorgeſtellt worden; aber das war auch Alles, was der Frau Probſtin ihre vollkommen be⸗ ſetzte Zeit erlaubte. Sie wandte ſich ſogleich wieder zur Backſtube, wo ſie mit der Zubereitung einer ſpaniſchen Torte und wenigſtens zehnerlei verſchiedenen Arten von Kaffee⸗ und Theebrödchen beſchäftigt war. Unterdeſſen vertieften ſich der Pfarrer und der Schwager Traſſelin in ſpitzfindige theologiſche Streitigkeiten, und Sternern blieb alſo allein das Geſchäft übrig, die junge, fremde Frau zu unterhalten. Dies war nicht ſo ſchwer; denn er hatte kaum neben ihr Platz genommen und das Geſpräch damit begonnen, ihre Fertigkeit im Stricken zu bewundern, als Louiſe ganz behaglich lächelte, und als einen Beweis ihrer Erkenntlichkeit ihm eine fließende Beſchreibung von den bekannten nächtlichen Abenteuern auftiſchte. Doch hatte ſie die Namen der mitſpielenden Perſonen vergeſſen. Ster⸗ ner fand ſich ungemein ergötzt von der naiven, ländlichen Beredtſamkeit, womit ſie ſowohl ihr eigenes Mißgeſchick, als das Abenteuer des ſchönen Mädchens ausmalte, und ein Jeder, der dieſe bunte Reihe von grimmigen Räubern, ſchönen Offizieren, zuſammengetretenen Haubenſchachteln, wiedergefundenen Verlobten, leckern Küchlein u. ſ. w. hörte, war gewiß, daß Louiſe nie ihre Heldin Kajſa Warg*) vergaß, die„von jedem eine gute Handvoll nimmt und es unter einander rührt.“— Im Laufe dieſer lebhaften Er⸗ zählung vergaß Sterner ganz, daß neuvermählte Männer gewöhnlich eine Art peinlicher, ſchmerzender Unruhe empfin⸗ den, wenn ſie ihren Schatz von einem fremden Manne in Beſchlag genommen ſehen, und daß ſich die Qualen zur Unendlichkeit ſteigern, wenn ſie ſelbſt Augenzeugen davon⸗ ſind, die Umſtände ſie aber verhindern, die dritte Perſon abzugeben. So waren die Gefühle und die Lage des Ma⸗ giſters Traſſelin, als Louiſe ſie zufälligerweiſe in einem Spiegel gewahrte. Sie ſah ſeine finſtern Blicke un *) Berühmte Verfaſſerin eines ſchwediſchen Kochbuchs. 189 bedeutungsvollen Winke mit der Hand, die ihr zu ver⸗ ſtehen gaben, ſie ſolle aufſtehen und ſich entfernen. Der alte Svallenius, der ſo ſaß, daß er weder den Spiegel noch die beiden Perſonen im andern Zimmer bemerkte, betrach⸗ tete verwundert ſeinen Konfrater, der mitten in ihrer leb⸗ hafteſten Unterhaltung anfing, mit den Augen zu blinzeln, den Kopf zu ſchütteln und mit den Händen zu geſtikuliren; da er aber glaubte, es ſey eine Art ſpasmiſcher Krankheit oder ein anderer organiſcher Fehler bei dem jungen Manne, ſo gab er nicht weiter darauf Acht, ſondern verwickelte ihn immer tiefer in den gelehrten Streit, was in demſelben Maße die Lebhaftigkeit der Geberden Traſſelins vermehrte. Obſchon Louiſe wenig Takt beſaß, ſo begriff ſie doch ſehr wohl, daß es der Dämon der Eiferſucht, jener alte Asmodeus, ſeyn müßte, der ſeinen Platz zwiſchen den ge⸗ runzelten Augbraunen ihres Sven Erik eingenommen hatte; aber weit entfernt, ihn von dem böſen Plagegeiſt zu befreien, wurde ſie immer freundlicher und geſprächiger gegen Ster⸗ ner. Louiſe wollte ſich für das unangenehme Gefühl rächen, das ſie bei ſeiner unvorſichtigen Aeußerung wegen Pandora empfunden hatte, denn ſie argwohnte noch immer in dieſer eine alte Nebenbuhlerin. Glücklicherweiſe bemerkte Sterner ihre Pantomimen im Spiegel, und bei den beſeſſenen Gri⸗ maſſen, die der Magiſter gegen ſeine Frau machte, ging ihm ein Licht auf. Mit Mühe konnte er das Lachen unter⸗ drücken. Er verließ Louiſen und ſuchte eine Zuflucht in dem großen Vorplatz, wo die Knaben Verſteckens ſpielten, und wo es erlaubt war, ſich auszulachen. Eben hatte Ster⸗ ner einem der jungen Herren zu einem Verſtecke hinter einem großen Tiſche geholfen, und der Andere ſchrie un⸗ aufhörlich aus ſeinem Winkel:„Biſt Du noch nicht fertig, Peter?“ als Mamſell Björk mit rothgeweinten Augen, glü⸗ henden Wangen und fliegenden Haaren aus der Backſtube geſprungen kam. In ihren zitternden Händen trug ſie die unſelige Urſache ihres Schreckens, einen Teller mit ver⸗ branntem Backwerk.„Was gibt es?“ fragte der Rittmeiſter theilnehmend, als er die ſo übel zugerichtete Hausjungfer ſchluchzend den Weg zur Küche nehmen ſah.—„Ach, Herr Rittmeiſter, ich war ſo unglücklich, das Zucker⸗ brod zu verbrennen, und die Frau wurde ſo gräu⸗ lich——“—„Was, Sie unverſchämte Schlange, Sie wagt es, ſich noch zu beklagen?“ ſchrie die Probſtin, die mit Windeseile ihr nachgerennt kam, und vor Wuth an allen Gliedern zitterte;„Sie wagt es, ſich bei dem Ritt⸗ meiſter zu beklagen?“ Und ehe dieſer noch im Stande war, vermittelnd einzuſchreiten, hatte ſie ſchon dem Gegenſtande ihres Ingrimms einen ſo heftigen Puff gegeben, daß die Unglückliche auf die Naſe fiel, und dabei den großen ächten Porzellainteller fallen ließ, auf dem das Backwerk lag. Jetzt trat ein Augenblick ſchauerlichen Stillſchweigens ein, wie er dem Ausbruch eines heftigen Sturmes voran⸗ zugehen pflegte. Bewegungslos, wie vom Blitze getroffen, lag Guſtavine mit ausgeſtreckten Armen auf den Trümmern des Tellers und den Ueberreſten des Backwerks, in tiefſter Angſt erwartend, was auf dies neue Unglück kommen würde. Haſtig, aber mit furchtbarer Ruhe, griff die Probſtin in Guſtavinens flachsgelbe Flechten, wickelte ſie um ihre Hand, als wollte ſie ihr Opfer ſkalpiren, und war eben im Be⸗ griffe, mit der andern die Stärke von Guſtavinens Kopf auf die Probe zu ſtellen, als die kräftige Hand des Ritt⸗ meiſters ſich auf die der Probſtin legte.—„Madame Sval⸗ lenius,“ ſprach Sterner in ernſtem Tone,„benehmen Sie mir nicht durch dieſe Ihrer Würde widerſtreitende Ueber⸗ eilung den Glauben, daß Sie der Achtung werth ſeyen, die ich bisher für Sie gehegt habe! Laſſen Sie das Mädchen diesmal ſchlüpfen; ſie hat ja genug für ihre Unachtſamkeit, gebüßt. Und wenn Sie mir verſprechen, ſich zu beruhigen, und künftig zu ſtrafen, wie es einer Hausmutter geziemt, mit würdigem Ernſt, aber nicht auf dieſe unanſtändige Art, ſo verpflichte ich mich dagegen, Ihnen ein Paar andere, weit modernere und hübſchere Teller zu verſchaffen.“ Mit dieſen Worten befreite der Rittmeiſter ſo vorſichtig als mög⸗ lich Guſtavinens Flechten von der Hand der Probſtin, und half dem vor Schrecken halb todten Mädchen wieder auf die Beine. Die Probſtin war jetzt lunlauglic zu ſich ſelbſt gekommen, um einzuſehen, daß Sterners? Achtung und Freund⸗ ſchaft, verbunde n mit der Ho ung auf ein Paar neue, moderne Teller, zu wichti ige Dinge ſeyen, um wegen einer Platte Backwerk auf's Spie geſetzt zu werden. Sie ſagte deßhal 5 ernlich. rut hig„Nun wohl, Mamſell Stavine! Sie kann der mittlung des Herrn Rittmeiſters danken, daß Sie Remnf ſo leicht durchkommt. Gehe Sie jetzt und mache Sie eine neue 31 urüſtun ng; aber paſſe Sie beſſer auf das Feuer auf, das rathe ich ihr, ſo will ich ihr dies⸗ mal verzeih n. ig und dankbar küßte das Mädchen der Frau S 3Ulen n die Hand, verneigte ſich ſittſam vor dem Nitmeiſter, und eilte, ihren neuen Auf⸗ krag zu erfüllen.—„Nun, mein lieber Rittmeiſter, ſind 1 Sie jetzt zufrie den?“ fragte die Probſtin freundlich.„Sie. müſſen wifſ ſſe wenn ich verzeihe, ſo thue ich es ganz und gar, nicht bloß zur Hälfte, wie manche Andere⸗ „Das iſt in der Ordnung g, Madame Svallenius! Sonſt kann man es nicht T Verzeih ung nennen, und ich freue mich, heute auf Ihr beſſeres Gefühl gewirkt zu haben.“ Die Probſtin lächelte gnädig, gab dringende Geſchäfte vor, und eilte wieder zur Backſiube, um Mamſell Björk tüc htig auszuputzen, da die Verzeihung der Probſtin ſtets von der Art war, daß die F Vehlende noch mehrere Monate lang an ihr Verſehen erinneut ward. Doch jetzt wird der Leſer meinen, daß es der Vorbereitungen genug, und nicht zu ſpät wäre, endlich zum Feſte ſelbſt zu kommen. Nun wohl! Dies geſchah alſo am Abend des erſten Tages und am darauf folgenden Mittag. Ein großer Tiſch in Huf⸗ form ſtand im Saale gedeckt. In den ſchattenreichen Wöl⸗ lungel der ſchneeweißen, zierlich gefalteten Damaſtſervietten ſchimmerten Scheiben von Saffranbrod, und unter ihnen drei oder vier andere Brodgattungen von dunklerer Farbe. Mitten auf dem Tiſche ſtand ein ſehr hoher, grün⸗ und weißer Papierkorb, der mit Alingenden Roſen, Tulpen und Tauſendſchönchen gefüllt, und auf den Seiten mit verſchie⸗ denen Namenschiffern geziert war, die man künſtlich aus 192 Vergißmeinnichten zuſammengeſetzt hatte; ein Werk, das von jener Epoche zeugte, wo Stina Traſſelin ſich in der Penſion zu— köping befand, und woher ſie zum Erſtaunen ihrer Eltern und Geſchwiſter dieſe glänzende Probe ihrer Geſchicklichkeit heimgebracht hatte, die ihr während ihrer Mädchenzeit ſo manchen Reichsthaler eintrug, wenn ſie Kränze für Bräute, zu Hochzeiten oder Leichen anfertigte. Auf beiden Seiten von dieſem koſtbaren Kleinod er⸗ hoben ſich Pyramiden von verſchiedenartigem, höchſt ge⸗ lungenem Backwerk, die von Silberurnen mit feingeſtoße⸗ nem Zucker und von geſchliffenen gläſernen Schalen mit rothgefärbtent Eingemachtem umgeben waren. Bei jedem Couvert ſtanden zwei verſchiedene Weingläſer und ein Bier⸗ glas, und zwiſchen je zweien eine Flaſche mit Wein, ohne die Bouteillen, an deren Hals Plaäͤttchen mit der Anzeige des Inhaltes hingen; und endlich lag bei jedem Couvert ein Blatt Papier mit dem Namen des Gaſtes, damit keine Unordnung beim zu Tiſche ſitzen geſchehen konnte. So war alſo der Mittagstiſch in Wallaryd angeord⸗ net; denn Niemand wird wohl meinen, daß Frau Svalle⸗ nius ſo wenig mit ihrer Zeit vorwärts geſchritten wäre, um den Tiſch mit den Speiſe bewahre! weit entfernt in einer Ecke ſtand Guſtavine Björk im ſelbſtgewobenen Glanzrocke vor einem kleineren Tiſche, der buchſtäblich von Tellern mit glacirtem Schinken, ge⸗ räucherter Bruſt, Kalbsbraten, gebratenen Truthühnern, Gänſen und Auerhahnen, verſchiedenen Arten von Pud⸗ ding und vielen andern ſchönen Dingen überdeckt war. Zur Seite der Mamſell Björk, die aufmerkſam horchte und Deckel und Teller ordnete, ſtand die Probſtin wie ein General, der das Feld ſeines Wirkens überſieht, und theilte ihre Befehle aus, wenn es Zeit war, daß ein Gericht auf⸗ getragen werden ſollte. Um dem Ganzen einen vornehmeren Anſtrich zu geben, hatte Frau Svallenius von Sternern ſeinen Bedienten, Weſterlind, entlehnt als Beihulfe beim Serviren, und dieſer war jetzt in der Küchenſtube beſchäf⸗ tigt, die Jungſer Anna in die höhern Geheimniſſe einer — en ſelbſt zu belaſten. Nein, — 193 feinern Bildung bei einem großen Tiſche einzuweihen, welche Kenntniſſe Weſterlind als Tafeldecker und Aufwärter in mehreren reichen Häuſern gründlich erlernt hatte. Um ein Uhr kamen diejenigen Gäſte, welche dem Gottesdienſte angewohnt hatten, nach und nach in grünen und gelben Kutſchen an, und ihre Zahl vermehrte ſich all⸗ mählig. Hie und da rollte auch einer und der andere altmodiſche Familienkaſten mit ſchwarzen Seitenledern heran, und es ſah aus, als habe er das Vortrittsrecht vor den Kutſchen, die ſich ſchüchtern abſeits hielten, wenn der Kaſten daher fuhr. Die Probſtin ſtand auf der Thürſchwelle und verneigte ſich immerwährend, während ſie Jedem mit freund⸗ lichem Weſen zurief:„Ach willkommen, willkommen, meine gnädigen Herrſchaften; ſeyen Sie ſo gütig und treten Sie ein!“ Alle Damen verſammelten ſich im Wohnzimmer, wo ſie wie wohlgepackte Häringe neben einander rings an der Wand herum ſaßen; denn den Sopha wagte keine zu entheiligen; dort ſollte die Freifrau von Sorrbypark ihren Platz einnehmen. Alle waren jetzt da, bis auf die Herr⸗ ſchaft des letztgenannten Ortes. In Erwartung der hohen Gäſte gingen die Herren um den Tiſch herum, und ſuchten ihre Namen und Plätze auf; aber als dieß gethan war, und ſich noch kein Oberſtlieutenant hören ließ, wurden mehrere beredte Blicke auf den Branntweintiſch geworſen. Es ſchlug zwei, halb drei.„Mein Schatz,“ ſagte der Pfarrer,„ich meine, wir machen uns an das Voreſſen.“ —„Wir warten noch eine Viertelſtunde,“ ſagte die Prob⸗ ſtin in beſtimmtem Ton, und mißmuthig zog Svallenius ſeine Hand von der Flaſche zurück und ſteckte ſie wieder in die Nocktaſche. Einige Minuten ſpäter kamen beide Jungen hereingeſprungen und riefen: Mamma, Papa, der Wagen von Sorrbypark!“— Allgemeiner Aufſtand. . 28. Man ſammelt ſich um den Tiſch.— Toaſte.— Rede. 3 —=—— Neich Lagen da die dunklen Locken, gleich Wie die Mitternacht um einen Roſengarten. — 1 Tegnér. Gerade als die Probſtin hinaustrat, rollte ein moderner Jagdwagen vor die Thüre. Im Wagen befanden ſich die Mitglieder der Familie Stäͤlkrona. Auf dem vordern Sitze ſaß der Oberſtlieutenant, ein Mann von ungefähr fünfzig ahren, von hoher Geſtalt, und einem ſtolzen, hochtraben⸗ den Weſen. Um die hinaufgezogene Oberlippe ſpielte ein gewiſſes vornehmes, herablaſſendes Lächeln, und einige Nunzeln auf der Stirne gaben ihm ſtets ein verdrießliches Ausſehen. Ihm zur Seite ſaß ſeine Frau, eine geborne Freiin aus Smäland. Sie ſchätzte ihren Freiintitel ſehr hoch, nicht weil ſie im Geringſten hochmüthig war, ſondern weil es ihr die unbeſtrittene Freude verſchaffte, das erſte Huhn im großen Pfarrkorbe zu ſeyn, was ſonſt nicht der Fall geweſen wäre; denn ſie war faul, beſchränkt und langweilig. Ihr Anzug war äußerſt pünktlich und prun⸗ kend, aber ohne allen Geſchmack. Auf dem zweiten Sitze ſaßen die beiden Fräulein, junge einnehmende Mädchen, voll Leben und Anmuth. Sie ſchienen die vollkommenen Gegenſätze ihrer Mutter zu ſeyn; ihre Toilette war ein⸗ fach, aber im höchſten Grade geſchmackvoll. Auf einem hübſchen ſtahlgrauen Pſerde ritt Kornet Arel, deſſen Be⸗ kanntſchaft der Leſer ſchon gemacht hat. Als man den Saal paſſirte, um in das Wohnzimmer zu gelangen, ward Rittmeiſter Sterner in aller Eile der Familie vorgeſtellt, ſo daß er nicht Zeit hatte, auf eine der Damen beſonders Acht zu geben. Als die Baronin auf dem Sopha Platz genommen, und der Frau Steuereinnehmerin und der Wir⸗ thin gnädig zugewinkt hatte, ſich neben ſie zu ſetzen, waßd die Platte mit den Liqueurs und den kleinen, feinen Butter⸗ brödchen bei den Damen herumgeboten, und die Herren NG ANR G ⅓ X — — +† A&&G i—, B8 1 8*—,ÿ A— ◻☛ 7 19⁵ traten zum Branntweintiſch, wo der alte Svallenius jetzt, ohne Furcht, weiter unterbrochen zu werden, mit prieſterli⸗ chem Anſtand und ländlicher Herzlichkeit die Herren einlud, den vorzüglichen Käſe anzuſchneiden und zu verſuchen. Frau Svallenius hatte im Vorbeigehen Sternern zu⸗ geflüſtert:„Wenn die Herren hineingehen, um die Damen zu Tiſche zu führen, ſo vergeſſen Sie nicht, dem älteſten Fräulein Ihren Arm anzubielen.“—„Aber an was ſoll ich das älteſte Fräulein erkennen 2“—„Mein Gott, die im rothen Kleide, ſo viel ich weiß,“ und mit dieſen Wor⸗ ten verſchwand die Probſtin. Sterner ſtand jetzt an die Thüre zum Tempel der Grazien gelehnt, um diejenige herauszufinden, zu deren Kavalier er beſtimmt war; aber das war durchaus keine leichte Sache. Sterner erſchrak vor der Menge rother Kleider, die um einander herum rauſchten.„Das iſt doch zu dumm,“ dachte er,„daß ſie mir kein beſſeres Kennzeichen geben konnte! Wie ſoll ich wiffen oder errathen, welches von dieſen Kleidern das Glück hat, das älteſte Fräulein von Stälkrona zu umſchließen? Wäre die Vorſtellung ein wenig ordentlicher vor ſich ge⸗ gangen, ſo wäre jetzt dieſe Unannehmlichkeit erſpart.“ Noch einmal ließ er ſeine Augen die Reihe von der Rechten zur Linken durchwandern. Endlich hielten ſie am Ofen; dort ſtand eine hohe, ſchlanke Geſtalt, die in einer Wolke von rothem und weißem Flor faſt begraben ſchien. Sterner ſah nur ihr Proſil, und die glänzenden, dunkel⸗ braunen Locken, die auf eine fantaſtiſche Art auf beiden Seiten des weißeſten Halſes niederfielen. Alles war ent⸗ zückend an ihr und erinnerte ihn, daß er die ſchöne Unbe⸗ kannte ſchon vorher einige Male in der Kirche geſehen hatte.—„Das muß ſie ſeyn,“ ſagte er bei ſich ſelbſt. Das Mäͤdchen ſtützte ſich auf den Arm eines jungen Mannes und ſprach lebhaft mit ihm, und da der Rittmeiſter in der Haſt dem Kornet Stälkrona nicht vorgeſtellt worden war, ſo dachte er ſich, der junge Mann müſſe ihr Verlob⸗ ter ſeyn, in welchem Falle er es nicht für recht paſſend hielt, dem Anſinnen der Probſtin nachzukommen. „ —— —--——— Jetzt traten die ältern Herren herein. Der Pfarrer verbeugte ſich vor der Baronin, der Oberſtlieutenant reichte mit ſeinem gewöhnlichen Verziehen der Oberlippe der Probſtin den Arm, und jetzt ſah Sterner zu ſeiner Verwunderung, daß der junge elegante Mann Fraäulein Stälkrona verließ, und ſich der Frau Traſſelin näherte. Mit dem vertrau⸗ lichen Tone eines näheren Bekannten ſagte er ihr einige verbindliche Worte und reichte ihr den Arm. Louiſens neu⸗ geſtärktes Barett, mit langen roſenrothen Bändern und Schleifen, wiegte ſich anmuthig auf und nieder, als ſie mit dem Kopfe nickte, und mit einem triumphirenden Blick auf die noch ſitzenden Frauenzimmer legte ſie ihre Hand auf den Arm des Kornets.— Jetzt durfte man nicht länger zögern. Der Rittmeiſter näherte ſich dem Fräulein von Stälkrona.„Erlauben Sie, gnädiges Fräulein, daß ich mir die Ehre nehme, Sie zu Tiſche zu führen?“ ſagte er mit einer ehrerbietigen Verbeugung. Ein flüchtiger Purpur⸗ ſtrahl ſchimmerte über ihre Wange; ein halbes Lächeln auf den friſchen Lippen, eine leichte V zerbeugung des lieblichen Kopfes, und die Sache war im Reinen. Auf ſie folgten die Uebrigen in guter Ordnung, und nach der gewöhnlichen hübſchen Unordnung kam man endlich an ſeinen Platz. Der des Rittmeiſters war neben ſeiner Dame bezeichnet, und da ſie ihm ein ſehr liebes und reizendes? Weſen zu ſeyn ſchien, ſo that er ſein Beſtes, um ſie auf eine zugleich ſpielende, lebhafte und gehaltreiche Art zu unterhalten. Konſtantin hatte nur zu ſehr recht, als er gegen ſeine Braut äußerte, daß kein Weib, dem Sterner gefallen wollte, ihm wider⸗ ſtehen könnte. Der Rittmeiſter wußte ſelbſt nichts von jener magnetiſchen Kraft, die ihm gegeben war, junge unbewachte Herzen an ſich zu ziehen; ſonſt hätte er dieſe Eigenſchaft nicht gegen die Dame benützt, welche ihm jetzt zur Seite ſaß. Er hatte, bei aller gehörigen Achtung vor ſich ſelbſt, doch nicht Eigenliebe genug, um ſich vorzuſtellen, daß er der Ruhe eines Mädchens gefährlich werden könnte, mit dem er ſo wenig bekannt war. Zufolge dieſer beſcheidenen dn euätniß. ſprach er zu Wilhelmine von Staͤlkrona mit — V α8̈— ⏑ ⏑⏑ A&—— 2—— 8——— ,—I N 8—,—— 2sunͤ— — 8+— 197 all' dem ſeelenvollen Reiz, der ihm ſo ausſchließlich ange⸗ hörte, wenn er wollte, und gab auch den unbedeutenden Worten ein Intereſſe, das ſie ſonſt nicht beſaßen. Ihre Unterhaltung ward durch die Stimme des Pfarrers unter⸗ brochen, die ſich um ein Paar Töne höher als gewöhnlich erhob, als er die an/ einer Tafel ſo bedeutungsvollen Worte ausſprach:„Iſt es den Herrſchaften gefällig, ihre Gläſer zu füllen?“ Schnell kreuzten ſich die Bouteillen mit den leichten Weinen; bald war Alles in Ordnung, und ein ge⸗ ziemendes Stillſchweigen trat ein.—„Meine Herren und Damen,“ begann der Pfarrer, indem er ſich mit dem Glaſe in der Hand erhob,„erlauben Sie mir, Ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen. Im Laufe der ſieben Jahre, die es dem Herrn gefallen hat, mich in Frieden und Liebe mit meinen werthen Pfarrkindern verleben zu laſſen, habe ich immer das von mir hochgeſchätzte Glück gehabt, Sie Alle an dieſem Feſttage in meinem geringen Hauſe verſammelt zu ſehen; aber erlauben Sie mir zu verſichern, daß unter allen dieſen frohen Tagen keiner für mich eine größere Freude gebracht hat, als der heutige; denn der waͤrmſte Wunſch meines Herzens iſt jetzt erfüllt. In dem Kreiſe, den ich liebe und ehre, ſteht heute der Mann, den ich unter Allen am höchſten ſchätze, mein ehemaliger Schüler, jetzt mein geprüfter und treuer Freund, ein redlicher Mitbürger, ein eifriger und warmer Menſchenfreund! Mögen alle, die die reiche Bedeutung dieſer Eigenſchaften kennen, mir bei dem Glaſe Beſcheid thun, das ich widme— dem Herrn Ritt⸗ meiſter Alexander Konſtantin Sterner!“—„Herr Ritt⸗ meiſter! Rittmeiſter Sterner! ich habe die Ehre!“ rief es durch einander von allen Ecken her.—„Ich trinke ſehr ſelten Wein,“ ſagte Fräulein von Staͤlkrona leiſe;„aber auf das Wohl deſſen, der dieſe einfachen, aber herzlichen Lob⸗ ſprüche verdient, leere auch ich mit Vergnügen mein Glas!“— Als ſie es wieder hinſetzte, trafen ihre Blicke die Sterners, in welchen ſie eine beredte Dankbarkeit las— da— Gott weiß, warum, ich weiß nur, daß ich das nicht weiß— da ſchimmerte ein dunkler Thränenglanz aus den ſchoͤnen Augen. Sie ſenkte ſie ſchnell gegen den Tiſch. Der Rittmeiſter ſtand auff; er hielt jetzt ſeinerſeits eine kleine Dankſagungsr rede an den Wirth, als den Lehrer ſeiner Jugend, den Leiter ſeiner Jünglingsjahre und den Freund ſeines Mannesalters. Die ungekünſtelten Worte fanden ein Echo im Herzen ſeiner Zuhörer; ſeine Stimme, voll und tief, aber zugleich ſo biegſam und ſanft, klang noch lange, nachdem er zu ſprechen aufgehört hatte, in aller Ohren; aber bei ſeiner ſchönen Nachbarin drang ſie noch tiefer und brachte eine ganz andere Wirkung hervor. Wilhelmine hatte Sternern einige Male in der Kirche geſehen, und ſchon vom erſten Augenblicke an erregte er ihr Intereſſe. Der Ernſt und die männliche Kraft, die ſich in den edlen Zügen⸗ ſowie in ſeinem ganzen Weſen und Thun ausſprach, hatte einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht. Die ganze Woche über war ſein Bild vor ihrer Einbildungs⸗ kraft geſchwebt. Nicht mehr der ausſchließliche Gedanke, durch Anhören der frommen 9 dede des würdigen Lehrers ihre Seele in der reinen, ungekünſtelten Andacht eines jungen, unbe⸗ fleckten Herzens auszugießen, war es, was ſie vermochte, ſich mehr als gewöhnlich nach dem Sonntage zu ſehnen; es rührte nunmehr von einem andern Beweggrunde her. Gefühle, die bisher geſchlummert hatten, waren jetzt in dem jungfräulichen Buſen erwacht, ſtark und mächtig, denn es war zum erſten Male.— Erzogen in der Einſamkeit, faſt ohne eine andere Geſellſchaft, als die ihrer Eltern und Geſchwiſter, glaubte das junge, unerfahrene Maͤdchen in Sterners ſeelenvoller Unterhaltung, in ſeinen freundlichen Blicken einen Abglanz ihrer eigenen, zarten Gefühle zu erblicken. Und ohne ſelbſt ihr Vorhandenſeyn zu kennen, ſaugte ſie mit Entzücken das Gift ein, das eine wachſende Liebe ihr mit jeder Minute darreichte. Armes Kind! wel⸗ ches Unglück war nicht das große Feſt der Probſtin für Dich! Nachdem die T Toaſte auf den Oberſtlieutenant und ſeine Frau Baronin, auf den Magiſter Traſſelin und ſeine Gattin und die übrigen Gäſte, die Anſpruch auf dieſe Ehre hatten, getrunken waren, ſchritt man endlich zu dem geräuſchvollen Stuhlerücken.— Nach dem Kaffee vertheilte ſich die Ge⸗ — ſellſchaft in kleinen Gruppen im Garten. Der Rittmeiſter ſtand bei den Fräuleins von Stälkrona, und beſah eine der kleinen Anpflanzungen der Probſtin, als der Kornet Arel ſich ſchnell näherte, und ſein Vergnügen ausſprach, die Bekanntſchaft des Rittmeiſters zu machen, der ohne Zweifel ein Verwandter des Lieutenant Sterner ſey.— „Ja,“ erwiederte der Rittmeiſter,„es iſt mein Vetter; ich wußte nicht, daß ſich die Herren kennen.“—„Unſere Be⸗ kanntſchaft iſt gerade auch nicht alt; ſie ſtammt erſt von einigen Tagen her, und entſtand auf eine eigene Art.“— „Nun, auf welche denn, wenn Sie erlauben?“ fragte der Rittmeiſter. Der Kornet erzählte ſeine Abenteuer, und der Rittmeiſter fühlte ſich von höchſt unangenehmen Em⸗ pfindungen ergriffen, als er hörte, wie Staͤlkrona mit feu⸗ riger Beredtſamkeit ſeine und Henriettens Lage in der ein⸗ ſamen Stube und ihre Freude beim Erwachen beſchrieb, und dann eine Pauſe in ſeiner Erzählung machte, um von der Bekanntſchaft mit Traſſelin und ſeiner jungen Frau zu beginnen. Es entging Sterners Aufmerkſamkeit nicht, daß der Kornet wegen der Wärme, womit er ſprach, in Ver⸗ legenheit gerieth, und daß er auch wahrſcheinlich manchen Umſtand verſchwieg. Und da er keineswegs Zutrauen zu Henriettens Beſtändigkeit hatte, beſonders wenn ſie auf eine Probe geſtellt würde, ſo dankte Sterner dem Schickſal, daß es ihm durch dieſe Begebenheit vielleicht eine Gelegenheit verſchafft hatte, dem Freunde über den Charakter ſeiner Braut die Augen zu öffnen, ſo lange es noch Zeit war, ſich zurückzuziehen.„Auf jeden Fall,“ dachte Sterner,„muß ich hinreiſen; Ulriksdal liegt nicht weit von hier. Ich weiß nicht, wie es zugeht; aber eine Ahnung ſagt mir, daß dieſer Fall nicht ohne Folgen ſeyn dürfte. Wenigſtens will ich ſehen, und mich überzeugen; vielleicht habe ich mich ge⸗ täuſcht.“— Während dieſer ſtillen Betrachtungen des Ritt⸗ meiſters ſtand der junge Arel in düſterem Sinnen da, und ſtierte gedankenvoll oder auch gedantenlos, es laͤßt ſich nicht genau beſtimmen, welches von beiden der Fall war, auf die blühenden Bohnen der Probſtin. Während ihres fernern Spaziergangs belebte Sterner die ſtockende unterhaltung bald wieder durch andere weniger litzliche Dinge. — 29. Streit und Verſöhnung.— Geſang.— Ge⸗ fährliche Betrachtungen. „Es geht, geht Alles um einander! Göthe. Es war ſchon ziemlich ſpät am Abend, als der Pfarrer Sternern von Fräulein Wilhelmine hinweg winkte, mit welcher er eben einen Walzer beendigt hatte; denn die Jugend hatte ſich auf dem ebenen und harten Hofraum verſammelt, wo ſie ſich in verſchiedenen Tänzen herum bewegten. Die Muſet dazu ward von zwei jungen, lebhaften Bauernbur⸗ ſchen gemacht, die in ſchneidender Eintönigkeit auf ein Paar zerſprungenen Geigen unbarmherzig herumfidelten, und ihre Fertigkeit mit einer ſolchen Kraft entwickelten, daß den mu⸗ ſikaliſchen Gäſten die Haare darüber zu Berge ſtanden. Als ſie den lebhaften Tanz ſahen, und doch zu dem harten Schick⸗ ſal verdammt waren, nicht daran Antheil nehmen zu dürfen, ſchien ſich eine Art muſikaliſcher Raſeret ihrer Sinne bemäͤch⸗ tigt zu haben, und ſie ließen ihre Wuth an den armen In⸗ ſtrumenten aus, die unter ihren gewaltſamen Anſtrengun⸗ gen ſtöhnten.—„Was iſt Dir gefällig, mein Bruder?“ . fragte der Rittmeiſter.—„Der Oberſtlieutenant ſitzt jetzt in meinem Zimmer, wohin wir den Spieltiſch geſtellt haben. Wollte der Herr Bruder nicht die Gelegenheit benützen, um einige Worte mit ihm wegen der Mühldämmezu ſprechen?“— „Ja wohl, ein Verſuch kann nicht ſchaden,“ ſagte Sterner und folgte dem Probſt in deſſen Zimmer.— Auf einem Sopha dehnte ſich dort der Oberſtlieutenant in einer Wolke von Tabaksrauch.—„Nun, mein Herr,“ rief er Sternern entgegen, ohne aufzuſtehen und in einem Tone vornehmer Nachlä aſſtgkeit,„was haben Sie mir zu ſagen? Ich errathe es zur Phi e aber, mein junger Freund, thun wir nicht am Beſten, wenn wir die Sache ruhen laſſen, bis der Guts⸗ 7 201 herr ſelbſt anlangt?“— Sterner war ein Mann, der ſeinen Verſtand nie durch aufbrauſende Gemüthsbewegungen in Beſchlag nehmen ließ. Er fühlte ſich freilich durch das Benehmen des Oberſtlieutenants beleidigt; aber ſein Ton war ruhig, obſchon nicht ohne einen leichten Anſtrich von Stolz, als er antwortete:„Was ich in dieſer Sache für gut finde oder verwerfe, iſt vollkommen ebenſo gültig, als wenn es der Beſchluß meines Vetters ſelbſt wäre. Der Herr Oberſtlieutenant dürfte mir alſo die Bemerkung er⸗ lauben, daß ich den Schaden habe ſchätzen laſſen, den die Ueberſchwemmung auf den Wieſen und übrigen Grund⸗ ſtücken von Sorrbypark anrichtet; doch wir können dieſen Gegenſtand für heute Abend bei Seite legen, wenn Sie es wünſchen.“—„Nun, wenn dieſe längſt abgemachte Sache durchaus auf's Neue ein Gegenſtand der Diskuſſion werden muß, ſo laſſen Sie hören, was mein Freunb auf die Schätzung folgen laſſen will?“—„So viel ich weiß,“ fuhr Sterner fort,„iſt kein Dokument vorhanden, welches be⸗ ſtimmt, daß die Uebereinkunft, die Sie möglicherweiſe mit dem früheren Eigenthümer eingegangen haben, unbedingt auch für deſſen Nachfolger gültig ſey. Die Sache kann alſo keineswegs für abgemacht angeſehen werden, ſondern dürfte im Gegentheile von dem gegenſeitigen Gutachten ab⸗ hängen, in wie weit der alte Kontrakt fortbeſtehen ſolle oder nicht. Der Herr Oberſtlieutenant dürfte daher einſehen, daß es billig iſt, wenn der Eigenthümer, der nicht beſon⸗ dere Beweggründe hat, ſeine Güter zerſtört zu ſehen, den Beiſtand des Geſetzes in Anſpruch nimmt, im Fall die Sache nicht gütlich entſchieden werden kann. Sollte deß⸗ halb der Herr Oberſtlieutenant in keine Unterhandlungen dieſer Art eingehen wollen, ſo kann ja die Sache ganz auf ſich beruhen, bis wir gegenſeitig Gelegenheit bekommen, die⸗ ſelbe ausführlicher vor Gericht zu verhandeln.“—„Mein Herr Rittmeiſter,“ entgegnete der Oberſtlieutenant, und er⸗ hob ſich in ſeiner ganzen Länge,„ich meinerſeits muß mir die Freiheit nehmen, Sie darauf aufmerkſam zu machen, Der Stellvertreter. 14 202 daß ich an dieſem Orte, wo ich manches Jahr verlebt habe, ſtets gewohnt war, mein Alter und meinen Stand ſo ge⸗ ehrt zu ſehen, wie ich erwarten zu dürfen glaube. Es muß deßhalb mich und meine guten Nachbarn gewaltig verwun⸗ dern, daß ein junger Menſch, ein Fremder, ein— ein— kurz, ein armer verabſchiedeter Lieutenant, meinen Namen, den geachteten Namen der Familie Stälkrona, in einer Sache von ſo lumpiger Beſchaffenheit vor Gericht ziehen will.“ Bei dem bloßen Gedanken an einen ſo unerhörten Schimpf zitterte der Oberſtlieutenant am ganzen Leibe vom hef⸗ tigſten Zorne, und ſah ſich genöthigt, wieder zu ſitzen, um ungehindert Athem holen zu können.— Sterner beherrſchte ſich vollkommen. Man bemerkte nicht die geringſte Bewe⸗ gung in ſeinen Zügen oder ſeiner Stimme, als er mit kaltem Tone erwiederte:„Ihre Worte können mich nicht beleidigen, da das Lächerliche ſelten dies Gefühl erweckt; aber da Sie, Herr Oberſtlieutenant, jetzt nicht geneigt ſind, zu einer zweckdienlichen Erklärung in der Sache zu kom⸗ men, ſo muß ich ſie bis auf weiteres auf ſich beruhen laſſen.“— Sterner hatte ſchon die Hand an der Klinke, als der Oberſtlieutenant mit etwas gedämpfter Hitze wie⸗ der begann:„Seyen Sie nicht ſo ſchnell, Herr Rittmeiſter! Sie müſſen wiſſen, daß ich mein Leben lang Prozeſſe är⸗ ger gehaßt habe, als die Peſt; deßhalb verdroß es mich, daß Sie mir ſo etwas ſagen konnten. In der Hitze mag mir wohl ein Wort entfallen ſeyn, das unſtatthaft war. Ent⸗ ſchuldigen Sie es, Herr, und laſſen Sie Ihren Vorſchlag hören.“—„Mit vielem Vergnügen,“ erwiederte Sterner und kehrte auf ſeinen Platz zurück.„Dem aufgeſetzten Schätzungsinſtrument zufolge iſt der Schaden auf Wieſen, Weiden und Obſtgärten zu etwas über fünfhundert Reichs⸗ thaler jährlich angeſchlagen.“—„Den Teufel auch! Herx! Sind Sietoll?“ ſchrie der Oberſtlieutenant wieder auffahrend. „Was denken Sie denn? Meinen Sie, Sorrbypark könne das auftreiben? Sie müſſen nicht wiſſen, daß mein Eigen⸗ thum ein geringes Bodenſtück iſt, das mein Vater vor erwa vierzig Jahren dem damaligen Beſitzer von Sorrbypark ———— ——,———-— o 203 abkaufte. Es beſtand damals nur aus einem Park und einigen unbedentenden Triften, ſammt dem Rechte, die Mahl⸗ gerechtſame zu benützen. Die ganze Abgabe beſtand damals darin, daß Sorrbypark bei uns frei mahlen durfte, nach⸗ her wurde ſie noch etwas vermehrt. Wenn aber der Erſatz nach der Berechnung ausfallen ſollte, die Sie aufgeſtellt haben, ſo müßte ich geradezu von Allem abgehen; denn das ganze Mühlwerk bringt nicht mehr ein.“ Die ſtolze Haltung des Oberſtlieutenants und der Ton ſeiner Stimme war ſo herabgeſtimmt, als er von der letz⸗ tern Möglichkeit ſprach, daß er, um die modernſten Aus⸗ drücke der Muſiker zu gebrauchen, von einem Allegro maë- stoso in ein Andante lamentabile et doloroso über⸗ ging. Sternern war es jetzt unmöglich, den kalten Ton länger beizubehalten, den die vornehme Nachläſſigkeit und Unhöflichkeit des Oberſtlieutenants bei ihm hervorgerufen hatte. Es war nie die Abſicht des Rittmeiſters, eine Aen⸗ derung in dem alten Kontrakte herbeizuführen, und das hochmüthige und ungebildete Weſen des Oberſtlieutenants war ihm nach den Erzählungen von Svallenius zu wohl bekannt, als daß es ſeinen Zorn erwecken konnte. Er wollte deßhalb nur ſeinen aufgeblaſenen Sinn etwas demüthi⸗ gen, und ihm zeigen, welche Folgen es möglicherweiſe für ihn haben könnte, wenn der neue Gutsherr Sorrby an⸗ trete. Der veränderte Ton des Oberſtlieutenants hatte ſein Herz bewegt. Er begriff ſehr wohl, wie viel es den ſtolzen Mann koſten mußte, ſich ſo herabzuſtimmen, und Sterner ſprach daher mit ſeiner natürlichen Güte:„Es iſt durch⸗ aus kein Grund dars, die Sache ſo weit zu treiben. Der Herr Oberſtlieutenant dürfte einſehen, daß es nur ſein eige⸗ nes ſonderbares Benehmen war, das mich zwang, ihn zu erinnern, wie weit es führen könnte, wenn man nicht als Nachbarn und vor Allem als Männer von Welt und Bil⸗ dung, jenen Gegenſtand mit derjenigen Mäßigung behan⸗ delt, die auch der geringſte Zwiſt erheiſcht, ſofern man ihn nicht aus einem Sandkorne zu einem gewaltigen Berge will 14 — 204 anwachſen ſehen.“ Der Oberſtlieutenant ſah glücklicherweiſe das Gegründete dieſer Bemerkungen ein, und durch dieſe Erfahrung hinlänglich darüber belehrt, daß ſein Rang und ſein Name auf Sternern den Eindruck nicht machte, den er erwartet hatte, beſchloß er, wie man ſagt, umzuſatteln. „Sehr richtig, Herr Rittmeiſter,“ ſprach er mit einem ſo verbindlichen Lächeln, als es ihm nur nach einer ſo hef⸗ tigen Aufregung möglich war.„Ich danke Ihnen, daß Sie mich darauf aufmerkſam machen. Und um Sie zu über⸗ zeugen, wie gerne ich in eine freundſchaftliche und ſchonen⸗ dere Unterhandlung über die Sache einzugehen bereit bin, ſo haben Sie die Güte, und nehmen Sie nächſten Freitag ein beſcheidenes Mittagsmahl in Sorrbypark ein, wo wir dann die Sache ungeſtörter beſprechen können.“—„Meine Zeit iſt ſo ſehr durch Geſchäfte und Reiſen in Anſpruch genommen,“ erwiederte Sterner,„daß ich wahrhaftig keine Möglichkeit ſehe, die gütige Einladung des Herrn Oberſt⸗ lieutenants annehmen zu können; es wird mir jedoch ein Vergnügen ſeyn, Ihnen zu zeigen, daß in Allem, was unſern kleinen Zwiſt betrifft, Niemand mehr als ich, ſchon um meines Freundes willen, die Billigkeit liebt, ſobald ſie auch von der andern Seite beobachtet wird.“ Sterner lehnte die Einladung aus dem Grunde ab, weil er befürchtete, der Oberſtlieutenant möchte glauben, ſeine Nachgiebigkeit habe ihre Urſache in der Hoffnung, auf dieſe Art Zutritt in ſein Haus zu erhalten; dieſer hingegen ſah nichts für beleidigender an, als eine Gleichgültigkeit in dieſer Beziehung. Es war nie Ueberfluß an Einladungen in das Stälkroniſche Haus, und eine ſolche abzulehnen, das war etwas ſo Aufregendes für den Hochmuth des Oberſt⸗ lieutenants, daß er beſchloß, lieber noch einen Verſuch zu machen, als ſeinem Widerpart das Gewicht und die Be⸗ deutung zu laſſen, die er ſeiner Meinung nach gewinnen mußte, wenn es bekannt würde, daß er eine Einladung von dem Oberſtlieutenant ſelbſt ganz gleichgültig abgeſchla⸗ gen habe. Mit einem Tone und einem Weſen, als gaͤlte es Tod und Leben, ſprach er daher:„Herr Rittmeiſter, wenn Sie mich nicht vorſätzlich und auf's Tiefſte beleidi⸗ gen wollen, ſo nehmen Sie Ihre Weigerung zurück. Seyen Sie mein Gaſt, an welchem Tage es Ihnen geſchickt iſt, und geben Sie dadurch der nachbarlichen Eintracht, die ich Ihnen hiemit anbiete, ihre Weihe.“ Sterner der ſich unmöglich eine Vorſtellung von der wahren Urſache machen konnte, die den Oberſtlieutenant antrieb, ſo in ihn zu dringen, gab endlich, um ihn nicht böſe zu machen, nach. Er würde es wahrſcheinlich nicht gethan haben, wenn er den wahren Beweggrund geahnt hätte. Die Herren trennten ſich im beſten Vernehmen. Der Oberſtlieutenant nahm an dem Spieltiſche Platz, der ihn längſt erwartete, und der Rittmeiſter verfügte ſich in den Saal, wo die Fräulein v. Stälkrona und Kornet Arel Anſtalt machten, Frithiofs Verbannung zu ſingen. Bei ſeinem Eintritt ſtand die ganze Geſellſchaft in einem Halb⸗ kreis um dieſe Gruppe, mit Ausnahme der aͤltern Damen, die neben der Baronin ſaßen und ehrerbietig der Geſchwätzig⸗ keit zuhörten, mit welcher ſie ihren Lieblingsſtoff abhan⸗ delte, nämlich die Zucht des Federviehs, und die zweck⸗ dienlichſte Methode bei deſſen Mäſtung. „Meine Beſte,“ begann die Baronin,„das iſt gerade mein Lieblingsgeſchäft; aber meine Mädchen finden durch⸗ aus keinen Geſchmack daran. Sie lieben dieſe kleinen, ſubli⸗ men Weſen nicht, wie ich es thue; doch ſie ſind noch ſo jung. Aurora, der kleine Wildfang, iſt ſonſt ein Engel an Güte; Wilhelmine iſt ernſthafter.— Ja, meine Herr⸗ ſchaften, das iſt meine angenehmſte Beſchäftigung. Wenn ich das Gack, Gack, Gack meiner muntern Hühner, das Kre, Kre, Kre der ernſthaften Enten und Gänſe, und das Gluck, Gluck, Gluck der vergnügten Truthühner höre, o fühle ich mich ſo wohl, ſo froh geſtimmt; es kommt mir vor, wie wenn ich die unſchuldigen Scherze der Kinder vernähme. Aber apropos der Letztern, der Truthühner nämlich, ſo gibt es doch wohl nichts Barbariſcheres, als die Art, die Einige bei ihrer Mäſtung anwenden. Es iſt unglaublich, aber ich habe es mit eigenen Augen geſehen. 206 Man ſtopft dem Truthahn mit Gewalt große Teigkugeln in den Hals, und zwingt ihn ſo, ſie zu verſchlingen. Wenn er dann vollgepfropft iſt, ſo geht er ganz mißmuthig ein⸗ her, und es iſt kein Wunder; denn das arme Thier muß natürlich an Unverdaulichkeit leiden, obwohl dieſe Thiere unglaublich ſtarke Verdauungsorgane haben. Ich weiß das um ſo beſſer, als ich mit ernſter Aufmerkſamkeit ihrem Verdauungsprozeß gefolgt bin und ihn förmlich ſtudirt habe; und wenn ich daher einen Truthahn gut mäſten will— — Schau, da fangen die lieben Kinder ihren lieben Ge⸗ ſang an! Verzeihen Sie; aber ſo lange das dauert, be⸗ kommt Niemand es von mir zu hören. Ich muß die Be⸗ ſchreibung auf ein ander Mal aufſchieben.“ Sterner hatte ſich dem Kreiſe der Jungen genähert. Fräulein Wilhelmine ſang mit Geſchmack und Richtigkeit. Ihre Stimme war etwas ſchwach, aber ſie beſaß viel na⸗ türliche Biegſamkeit und Reinheit. Bei Sternern erweckte ſie die Erinnerung an Auguſtens herrliche, ſeelenvolle Töne. Was war der beſte Geſang für ihn, nachdem er den ihren gehört hatte? Gab es wohl eine Stimme, die ſo biegſam, ſo klangvoll, ſo ſüß, ſo rein geweſen wäre? Sterner be⸗ antwortete dieſe Fragen mit eben ſo viel Nein. Hätte Wilhelmine Stälkrona ahnen können, wo ſeine Gedanken weilten, als er, an den Fenſterpfeiler gelehnt, mit gekreuzten Armen ſich ſeinen Erinnerungen überließ, ſo würde ſite über die Deutung erröthet ſeyn, die ſie ſeinem gedan⸗ kenvollen Aeußern, ſeiner Haltung gegeben hatte, die von Träumereien der ſüßeſten Art zu zeugen ſchien. Als der Geſang zu Ende war, und Sterner dem Beiſpiele der Uebrigen nicht folgte, die ſich verneigten, Lobſprüche ſpen⸗ deten, Komplimente ſchnitten, und um ein neues Lied baten, „weil dieſes ſo ſchön, ſo ſchön geweſen ſey,“ ſo wurden Fräulein Minna's emportauchende Ahnungen zu etwas mehr als bloßen Gebilden der Phantaſie; ſie gingen faſt zur Ge⸗ wißheit über. Was konnte dieſes Stillſchweigen wohl an⸗ ders ſeyn, als die unüberwindliche Scheu, von der ſie aus den wenigen Romanen, durch die ſie ſich in Sorrbypark durchgearbeitet hatte, wuß„daß ſie das Kennzeichen des erſten erwachenden G efühl 5 fey, welches ſich—— Wil⸗ helmine wagte ſich kaum zu geſtehen, wie es ſich nannte; aber ſie mußte doch ſeufzen, und dachte ſo weiter:„Für mich hat dies Schweigen weit mehr Wert, als der ſtür⸗ miſche Beifall der Andern. Sie bewundern den, welchen ſie zuletzt ſehen und hören. Für meinen T heil will ich keines Andern Aufmerkſamkeit erregen, wenn ich nur wüßte, daß dieſer ungewöhnli che Mann, der mein ganzes Intereſſe erweckt, mein geringes Talent würdigte. 4— Natürlich hatte Wilhelmine keinen andern Wunſch, und wenn ſie einen hatte, ſo war er noch ganz dunkel für ſie. Nach dem Abendeſſen reisten die zunächſt Wohnen⸗ n nach Hauſe; die Familie Stälkrona jedoch blieb die acht über; und da ſich Sterner erinnerte, daß er den Fräuleins nicht für ihren Geſang gedankt hatte, e ehe das geräuſchvolle Abſchiednehmen ſtattfand, ſo machte er dies jetzt, da ſie faſt allein waren, auf eine Art gut, die eben ſo ſehr ſein feines Gefühl als ſeine Kenntniß im Beur⸗ theilen beurkundete.— Man verſammelte ſich am folgen⸗ den Morgen im Garten; frühſtuckte Kaffee, wohnte dem Gottesdienſte an, beſah die Grab öſteine, alles in Geſell⸗ ſchaft. Belebt und warm, und nur allzu gefährlich für die ſchwärmeriſche Wilhe luniue, war Sterners Unterhal⸗ tung, als er mit hinreißender Beredtſamkeit ſeine Gedan⸗ ken, ſeine Gefühle über die hohen Gegenſtände, die ihnen bei einer ſolchen Wanderung zunächſt lagen,— über Na⸗ tur, Religion, Leben, Tod und Ewigkeit ausſprach. Wil⸗ helmine beſaß einen guten natürlichen Berſtand und vie wahres Gefühl. Sie hatte deßhalb einen doppelten Ge⸗ nuß, als ſie das, was ſo oft Gegenſtand rer eigenen ſchwärmeriſchen Betrachtungen geweſen war, auf eine ſolche Art abgehandelt ſah. Aber als ſie in ihre ſtille Heimath zrückgetehrt war, empfand ſie eine andere Art von Ge⸗ fühlen, die mehr als ſtark genug waren, um ihren ge⸗ wöhn lichen Beſchaftigungen und ſtillen Gedanken eine ganz andere Richtung zu geben. Von dieſem Pfingſtfeſte zu den N 208 Wallaryd an fühlte ſie, daß ſie ein Herz beſaß, wo eine bisher unbekannte Leidenſchaft aufloderte, deren ſtille Ent⸗ wicklung ihr eine Welt von neuen, reichen, heiligen Ge⸗ fühlen eröffnete, die ſie aber, wie der Geizige ſeinen Schatz, vor Allen, ſogar vor ihrer Schweſter verbarg, vor der ſie bisher kein Geheimniß gehabt hatte. Sie fühlte ſich nur dann glücklich, wenn ſie ſich aller Aufmerkſamkeit entzie⸗ hen und in den dunklen, melancholiſchen Gängen vertie⸗ 30. Der Zwietracht Same ſchießt auf und trägt Frucht. Was iſt es denn, das Dir das Herz beſchwert? Ich ſetz' den Fall, ein kleiner Liebeszank! Bellmann. Die Ereigniſſe führen uns wieder nach Ulriksdal, wo die Aſſeſſorin Stolzenbeck damit beſchäftigt war, Repa⸗ rations⸗ und Koſten⸗Anſchläge zu machen und wieder zu verwerfen, ohne daß ſie zu einem glücklichen Endreſultat mit debet und habet gelangte; aber da uns Rechnungen und Verrechnungen täglich zu Gebote ſtehen, ohne daß wir ſie in Romanen zu ſuchen brauchen, ſo verlaſſen wir jetzt die würdige Frau und werfen einen Blick auf ihre Tochter Henriette, und zugleich einen zweiten in das Herz derſelben. Henriette war im Ganzen weder mehr noch weniger als ein kleiner fröhlicher Wildfang, ohne daß Na⸗ tur oder Nachdenken ihrem Charakter die Stärke und Fe⸗ ſtigkeit gegeben hätten, welche vielleicht nicht ſo ſelten, als man gewöhnlich meint, auch ihr Geſchlecht auszeich⸗ nen. Für Alles, was nur irgend einen Anſtrich von Ro⸗ mantik hatte, beſaß ſie eine beſondere Vorliebe. Das Abenteuer jener unvergeßlichen Nacht hatte überdieß ein Gefühl bei ihr geweckt, das bisher dort geſchlummert hatte, da ihm die Gelegenheit fehlte, ſich zu entwickeln,— nämlich das ſehnſuchtige Verlangen nach etwas Neuem, nach einer Abwechslung. Zwar war dies Gefühl noch it⸗ e⸗ tz, ſie ur ie⸗ le⸗ ganz unklar, aber daß es vorhanden war, ſchien daraus hervorzugehen, daß ſie, während ſie am Morgen mit Kon⸗ ſtantin heimkehrte, es nicht über ſich vermögen konnte, Areln Stälkrona und ihr erſtes Zuſammentreffen mit ihm zum Gegenſtand ihrer Unterhaltung zu machen. Sie fühlte, daß etwas in ihr vorging, das der Begierde glei⸗ chen mochte, welche unſere Elternmutter nach dem Baume der Erkenntniß empfand. Darum war ſie verſtimmt, darum ſollte Konſtantin ihr Geſchichtchen erzählen, und darum fand ſie dieſe langweilig, wie ſie auch Konſtantin und die ganze Welt fand. Sie ſtellte ſich wohl die Frage, warum ſie nicht ſelbſt ſprechen wollte, aber ſie konnte keinen genügenden Grund dafür angeben. Dennoch fand ſie endlich einen Grund, der in ihren Augen vollkommen hinreichend war, nämlich den, daß ſie nicht wollte. Mehr brauchte es ja nicht.— Als Henriette nach ihrer Heim⸗ 1 9 8 kunft in ihr Zimmer hinaufging und vor dem Spiegel den Hut herunternahm, fiel mit den aufgelösten Locken auch das grüne Band herab, das ihr Axel Stälkrona um die Stirne gebunden hatte. Sie hob es raſch auf, hielt es in der Hand und betrachtete mit freudeſtrahlenden Blicken die kleinen Blutflecken.—„Ach,“ rief ſie in kindiſcher Freude aus,„ich werde es behalten. Wie gut will ich es aufbewahren; ich werde ihm dafür ein neues nähen. Du ſchöner, ſtolzer Axel! mit welcher Wonne will ich Dich nicht mit dieſem geringen Zeichen meiner Dankbar⸗ keit ſchmücken!“ ſo rief ſie, entzückt über dieſe Idee; aber gleich darauf flüſterte die Sittſamkeit und die Vorſicht: „Iſt das wohl ſchicklich?“—„Ach, warum nicht!“ ant⸗ wortete das leichtſinnige Selbſtvertrauen.„Es ſoll ja nichts Anderes ſeyn, als ein unbedeutender Lohn für all' die Mühe und Unruhe, die ich ihm verurſacht habe.“— „Aber,“ wandte die Vernunft ein,„es wäaͤre vielleicht in der Ordnung, Konſtantins Meinung darüber zu hören.“ — Dies wurde in Erwägung gezogen, und in Folge da⸗ von dachte Henriette tiefer uüͤber dieſes und jenes nach, und mehr, als ſie ihr Lebtage gedacht hatte; denn ſie 210 liebte das Denken nicht. Endlich beſchloß ſie, dem Winke der Vernunft zu folgen, und flog ſo mit dem Band in der Hand in den Hof hinab, wo ſich Konſtantin mit Ke⸗ gelſchieben beluſtigte.—„Sieh', ſieh',“ rief ſie ihm ent⸗ gegen, und ſchwenkte das grüne Band über ihrem Kopfe, „das hat Kornet Staäͤlkrona von ſeiner Büchſe abgenom⸗ men, und mir um die Stirne gebunden, um das Blut zu ſtillen. Iſt er nicht recht gut und liebenswürdig, die⸗ ſer Stälkrona? Meinſt Du nicht, mein Konſtantin, ich ſollte ihm dafür ein neues machen, da dieſes ganz verdorben iſt?“ „Nein, liebe Henriette, das meine ich nicht,“ erwiederte er in einem Tone, der den Thermometer ihres Herzens um wenigſtens zehn Grade fallen machte. „Das iſt doch ſehr ſonderbar von Dir,“ fing ſie wie⸗ der an.„Ich kann wahrhaftig nicht begreifen, warum ich nicht etwas thun dürfte, was ich ſelbſt ganz in der Ord⸗ nung finde, und ich weiß doch eine ſolche Sache auch zu beurtheilen.“—„Ich zweifle nicht daran,“ ſagte Konſtan⸗ tin;„aber wenn es ſo iſt, warum unterwirfſt Du die Sache meinem Urtheil? Ich hege jedoch die Hoffnung, und wünſche von Herzen, ſie möchte nicht zu Schanden werden, daß mein Bräutchen nichts Anderes thun wird, als was ſich mit dem Rechts⸗ und Schicklichkeitsgefühl deſſen vereinigt, der die Stütze ihrer Zukunft werden ſoll.“ „Aber, Konſtantin,“ rief Henriette mit unverſtelltem Erſtaunen,„was iſt das für eine Sprache? Ich glaube, der Rittmeiſter hat Dich ganz verhext mit ſeinen verkehrten Anſichten. Meinſt Du denn, ich habe nicht lange, ehe ich Dich kennen lernte, gewußt, was ſchicklich iſt oder nicht?“ „Wohl möglich, beſte Henriette; aber ſiehſt Du, die Sache iſt nun einmal ſo, daß eine Braut nicht Alles thun darf, was ſie will. Sie muß eine billige Rückſicht darauf nehmen, was ihr Verlobter für recht und gut hält oder nicht.“—„So— o? Und Du mißbilligſt es alſo, daß ich gegen den edelmüthigen, jungen Mann ein klein wenig dank⸗ bar bin, ohne deſſen Beiſtand Du jetzt des Vergnügens 122 8 /äͤr8ͤ S A 211 ke. in beraubt wareſt, Deine Beredtſamkeit und Dein Rathgeber⸗ e⸗ talent an Deiner allzu geduldigen Braut zu üben?“ t⸗„Ich würdige Stälkronas Handlung nach Verdienſt; e, ich ſelbſt und jeder andere Mann würde daſſelbe gethan n⸗ haben; aber was war die Urſache, daß Du ſeiner Hülfe ut und ſeines Schutzes bedurfteſt? War es nicht Dein Eigen⸗ e⸗ ſinn, daß Du allein hinausreiten wollteſt, unerachtet ich tte Dich bat und Dir Vorſtellungen machte, es nicht zu thun, 2„ da ich durch eine Reiſe verhindert war, Dir Geſellſchaft te zu leiſten? Was aber Deine letzte Aeußerung wegen mei⸗ im nes guten Rathes betrifft, ſo wirſt Du entſchuldigen, wenn ich Dich darauf aufmerkſam mache, daß meine einfachen ie⸗ Bemerkungen weniger einen Rath als einen beſtimmten ich— Wunſch enthielten, dem Du nachkommen wirſt, ſofern Du rd⸗ mich liebſt.“— Nun brach Henriette in Thränen aus. zu Das war doch zu viel, meinte ſie, und höchſt unerwartet. an⸗—„Grauſamer Konſtantin,“ ſchluchzte ſie,„warum haſt ſe Du Dich durch Deinen Vetter ſo umgeſtalten laſſen, Du, ſche der hundertmal vor ſeiner Abreiſe betheuerte, daß Du nie daß einen andern Willen haben wollteſt, als den meinen? Und ſich nun, da ich ihn zum erſtenmale geltend machen will, ſprichſt igt, Du zu mir, wie ein Muſelmann zu ſeiner Favoritſklavin, 1 und gar nicht, als ob ich Deine Herrſcherin wäre, wie Du tem mich, vermuthlich nur im Scherze, genannt haſt.“ ibe,„Meine liebe Henriette,“ ſagte Konſtantin, und wiſchte ten ihr die Thränen von den blühenden Wangen,„das biſt Du icchh immer und in vollem Ernſte, ſobald Du gut und vernünf⸗ 2. tig biſt; aber Du täuſcheſt Dich, wenn Du glaubſt, daß die Alexander nur im Geringſten die Anſichten gebildet habe,„ hun die ich eben ausſprach. Denke nur daran, daß wir in den auf fieben Monaten, ſeitdem wir verlobt ſind, noch nicht bei⸗ oder ſammen waren. Kaum waren drei Wochen nach jenem ich glücklichen Tage vergangen, als ich die Reiſe nach Ham⸗ ank⸗ burg unternahm, und ſeit dieſer bin ich erſt acht Tage bei gens Dir. Du wirſt alſo einſehen, daß wir noch nicht Gelegen⸗ heit gehabt haben, unſre Charaktere, Denkungsart, Grund⸗ ſätze und Gefühle zu prüfen, und da dies dennoch noth⸗ 212 wendig iſt, ſo habe ich nicht angeſtanden, mich bei dieſer Frage offen gegen Dich zu erklären. Du magſt nun in Uebereinſtimmung mit dem, was Dir Dein weibliches Ge⸗ fühl und Deine Vernunft gebietet, ſo handeln, wie es Dir am beſten dünkt.“— Bis zu einem gewiſſen Grade hatte Konſtantin Recht. Sie wußten in der That nicht mehr von einander, als was ſie einander unaufhörlich geſagt und geſchrieben hatten, nämlich daß ſie ſich unbeſchreiblich, grän⸗ zenlos und unausſprechlich liebten, und andere dergleichen inhaltsreiche Schreibereien von demſelben Schlag; aber wor⸗ auf ſich ihre Liebe eigentlich gründete, oder ob ſie überhaupt ein anderes Fundament bedurfte, als das der flüchtigen Neigung, das war nie ein Gegenſtand ihrer Betrachtungen geweſen.— Konſtantins Zuſammentreffen mit Alexander Sterner in L— war nicht ohne Einfluß. Ungeachtet der freien und leichtſinnigen Grundſätze, die er bei dieſer Ge⸗ legenheit, mehr aus muntrer Laune als aus wirklicher Ueber⸗ zeugung, ausſprach, beſchloß er, was er ſchon oftmals früher gethan hatte, ſich nach dem Rittmeiſter zu bilden, und die ernſten, vernünftigen Grundſätze dieſes ſich als Richtſchnur fur ſeine eigenen zu nehmen; und in Folge dieſer neuen, guten Vorſäͤtze war es, daß er ſich unterwegs vornahm, bei der erſten Gelegenheit ſich eine genauere Kenntniß von der Liebe und dem Charakter Henriettens zu verſchaffen. Die gewünſchte Gelegenheit war jetzt da; aber wenn der Rittmeiſter ungeſehen hätte zuſchauen können, wie Kon⸗ ſtantin ſich in dieſer ſeinem wahren Charakter ſo fremden Nolle benahm, wenn er ſeine ruhige und würdige Miene geſehen hätte, ſo würde er ſich ſchwerlich haben enthalten können, aus vollem Herzen zu lachen. Bei Henriette brachte es nicht dieſe Wirkung hervor, noch weniger aber die beab⸗ ſichtigte. Sie erwiederte nichts; ſie warf ihm nur einen Blick zu, in dem, ihrer Meinung nach, für ihren kühnen Liebhaber die Vernichtung lag, und eilte dann auf ihr Zimmer, wo ſie jetzt mit wahrer Begeiſterung das un⸗ heilſtiftende Band küßte, und ganze Ströme von Thränen weinte, während ſie ſich ſelbſt verſicherte, daß Axel Stäl⸗ + 2—ꝙ+— N— ,— 8—— 213 krona nie ſo hätte handeln können.—„Aber,“ ſagte ſte laut und ſtand auf,„Konſtantin ſoll erfahren, daß ich kein Kind bin, dem man durch Schrecin Gehorſam ab⸗ zwingt. Noch heute, noch in dieſer Stunde will ich an⸗ fangen, an dem Bande zu nähen, und zudem ſoll er kei⸗ nen freundlichen Blick, kein freundliches Wort bekommen, ſo lange wir hier ſind.“—„Wenn er aber dann fort⸗ geht?“ fragte Tante Eliſabeth, die unbemerkt in das Zim⸗ mer getreten war und Henriettens Aeußerung gehört hatte. —„So ſoll er gehen, liebe Tante; er kommt doch wie⸗ der, meine ich.“—„Aber wenn er eben nicht wieder kommt, Kind, wie dann?“—„Das kann ich jetzt nicht wiſſen, Tantchen; aber es kommt mir vor, als ob ich ein ſo ſchreckliches Ereigniß glücklich überleben könnte.“ —„Pfui, wie Du ſprichſt, Henriette,“ verſetzte die gut⸗ geſinnte Tante, die zwar für die Launen ihrer Nichte im höchſten Grade ſchwach war, aber jeden Leichtſinn in ern⸗ ſten Dingen haßte.„Ich weiß nicht, wovon die Rede iſt, aber das weiß ich, daß Verdruß und Uneinigkeit nach einem Zuſammenſeyn von ſieben Tagen ſchlimme Vorzei⸗ chen für die Wohlfahrt eines ganzen Lebens ſind, und ſich nicht mit der brennenden Sehnſucht vereinigen laſſen, die Du nach dem hübſchen, braven Jungen geäußert haſt. Dabei muß ich Dir ein vernünftiges Wort ſagen, das Du Dir einprägen kannſt. Die, welche ein glückliches Weib werden will, und dazu gehört, daß man ſich die Achtung ſeines künftigen Gatten zu erhalten ſtrebt, darf nie als Braut, und noch weniger als Frau, ihre Hand⸗ lungen durch den Eigenſinn leiten laſſen.“—„Ich bin nicht eigenſinnig, Tante; aber was ich will, das werde ich auch thun. Und das zeugt nicht von Eigenſinn, ſon⸗ dern nur von Stärke und Feſtigkeit des Charakters.“— „Du biſt ein Kind, ein verderbtes, verzärteltes Kind, das früher oder ſpäter dieſe Erfahrung theuer bezahlen muß, das ſage ich Dir. Denke darauf, Dich zu beſſern.“ Mit dieſen Worten verließ die Tante das Zimmer. „Mich heſſern!“— Henriette lachte höhniſch.— ———— 214 „Habe denn ich etwas zu bereuen?— Aber der Konſtan⸗ tin da!“— Noch einmal ſielen einige Thränen wegen den verwandelten Grundſätzen ihres Liebhabers. 91. Verſöhnungs⸗ und Bekehrungs⸗Verſuch. Nun ſprich, was meinſt Du? Mad. Lenngren. Einige Tage nach dem Feſte ritt der Rittmeiſter Sterner durch die lange, etwas verfallene Allee, die nach Ulriksdal führt. Hin und wieder zeigten ſich auf beiden Seiten zwiſchen den Bäumen kleine Grotten, und halb umgeſtürzte Holzbänke, die von den theuren Spielplätzen zu erzählen ſchienen, welche die Jugend des Orts in früheren, glücklicheren Tagen hier beſeſſen hatte. Sie waren jetzt verwüſtet. Niedergetreten und bedeckt von viel⸗ jährigem Mooße, von Reiſern und Laub bildeten ſie einen ſeltſamen Gegenſatz zu dem friſchen Grün der nahen Bäume. Das Bild des Lebens und des Todes Hand in Hand! Da das Gebäude am Ende eines Thales lag, vor dem ſich große, waldbewachſene Hügel wie ein Boll⸗ werk erhoben, ſo konnte es Sterner nicht ſchon aus der Entfernung erblicken; aber auf einem der genannten klei⸗ nen Bänke, die eben neu hergerichtet ſchienen, gewahrte er eine weibliche Geſtalt, die den Kopf gedankenvoll auf die Hand geſtützt, daſaß.„Was ſeh' ich,“ rief Sterner und ſprang aus dem Sattel,„iſt das nicht mein liebens⸗ würdiges Coufinchen ſelbſt, das hier die Zeit wieder her⸗ aufbeſchwört, wo der Wanderer bei beſonders geheiligten Quellen und Grotten von jenen entzückenden Weſen über⸗ raſcht ward, welche, obwohl von goͤttlicher Abſtammung, ſich doch bisweilen an den Orten, wo ſie herrſchten, den Augen der erſtaunten Sterblichen zeigten?“ „Ach, ſind Sie es, Rittmeiſter Sterner!“ ſprach Henriette und eilte ihm einige Schritte entgegen„Sie können den Damen recht ſchoͤne Dinge ſagen, wie ich ——— 3— ——————————————„»————. — ———y AQ u 8S —— A NNRRSnoͤAN 215 höre; und doch wollen Sie, wenn es zur That kommt, meinem Geſchlechte nicht die geringſten Rechte zugeſtehen. Ich habe Urſache, Ihnen böſe zu ſeyn; und ich bin es von ganzer Seele, trotz der ſchmeichelnden Gleichniſſe, die Sie zu machen belieben, und die ſonſt für ein Impromptu ſehr ſinnreich wären.“—„Nun, das heiße ich einmal eine offene Kriegserklärung,“ verſetzte Sterner lachend. „Laſſen Sie mich um's Himmelswillen hören, wodurch ich das Unglück gehabt habe, bei Ihnen in Ungnade zu fallen; denn als wir uns das letzte Mal trennten, war ich kühn genug, zu glauben, ich ſtehe ziemlich hoch in der Gewogenheit meiner ſchönen Couſine.“—„Mit großer Befriedigung,“ ſprach Henriette,„muß ich Ihnen erklären, daß Sie trotz aller Ihrer Menſchenkenntniß ſich doch dies⸗ mal täuſchten. Hoch in meiner Gewogenheit! Und das können Sie denken. Glauben Sie wirklich, daß Sie dieſe verdienten, da Sie einige Jagdhunde und einen alten ver⸗ trockneten Bücherwurm meiner Einladung, da zu bleiben, vorzogen? Nein, mein beſter Herr Rittmeiſter, das müſſen Sie ja nicht glauben!“—„Es war allerdings etwas verletzend für Sie,“ fiel der Rittmeiſter mit einem un⸗ merklichen Lächeln ein,„da Sie immer an den blinden Gehorſam Ihrer Anbeter gewöhnt waren; allein da ich nicht das Glück habe, mich unter ihre Zahl rechnen zu dürfen, ſo konnte ich nie den kühnen Gedanken faſſen, daß Henriette die geringſte Aufmerkſamkeit auf meine Wei⸗ gerung oder meine Zuſage heften würde, oder daß die Erfüllung einer Pflicht— Sie hörten ja, daß es eine ſolche war,— mit Unwillen von einem Mädchen geſtraft werden würde, das eine ſo edle Denkungsart beſaß, wie ich es von Henrietten glaubte.“—„Mein Gott,“ ſagte Henriette, vor Aerger erröthend,„ſagen Sie lieber Ihre beißenden Sarkasmen gerade heraus, als daß Sie ſie in dieſen widerwärtigen Ton ausgeſuchter Artigkeit kleiden. Eine recht hübſche Schule für Konſtantin! Ich wundere mich in der That nicht mehr über ihn: denn es iſt leicht zu ſehen, wo er dieſe verkehrten Grundſätze eingeſogen hat. 216 Er hat ſich ſehr und gerade nicht zu ſeinem Vortheil ver⸗ andert, ſeit er das unſchätzbare Glück hatte, während ſeines Aufenthalts in Hamburg unter der unmittelbaren Aufſicht ſeines Herrn Vetters zu ſtehen.“ „Aha! Alſo Konſtantin hat etwas verbrochen, und wegen ſeines Zuſammentreffens mit mir auch ich. Darf ich ſo frei ſeyn, zu fragen, worin denn eigentlich unſre Strafbarkeit beſteht? Doch wenn ich die Sache recht be⸗ denke, ſo darf ich nicht als Partei in einer Privatſtreitig⸗ keit zwiſchen Ihnen Beiden auftreten. Würden Sie des⸗ halb nicht ſo viel Vertrauen zu mir haben, um mich zum Richter in dieſer Sache zu machen!“ „Sehr gerne, wenn Sie nur gerecht ſeyn wollen; doch wie kann ich das von Ihnen erwarten, da ich alle Urſache habe, zu glauben, daß Sie die Grenzen für den Willen und die Thaten eines Weibs in dem engen Kreiſe zwiſchen dem Nähtiſche und— der Küche ausſtecken wollen?“ „Sie täuſchen ſich, Fraͤulein Stolzenbeck,“ entgegnete Sterner, zum erſten Mal ernſt mit ſeiner ſchönen Nach⸗ barin ſprechend.„Sie täuſchen ſich in der That ſehr, und haben, ich weiß nicht, aus welchem Grunde, eine ganz unrichtige Meinung von mir und meiner Denkungsart gefaßt. Niemand kann das gebildete Weib höher ſchätzen, und ihren Willen und ihre Rechte mehr achten, als ich. Die Natur gab ſowohl ihr als dem Manne einen freien Willen; aber ihr Wirkungskreis mußte nach der Natur der Sache ein verſchiedener werden; der des Mannes größer, der des Weibes beſchränkter. Die kühne, feurige Seele des Erſtern findet keine andere Grenze für ſeine Wirkſamkeit, als die, welche ihm die Unmöglichkeit geſteckt hat. Das feine, wahre Gefühl, das die Natur im Weibe niedergelegt hat, beſtimmt hinlänglich die Grenzen ihres Willens und ihrer Thaten, ohne daß eine genaue Aus⸗ ſteckung derſelben vonnöthen wäre. Sanft, gut und ſitt⸗ ſam, denkt ſie nie an eine Grenzbeſtimmung, wenn auch eine ſolche vorhanden wäre;denn jene Eigenſchaften machen, daß ihr Wille und ihre Handlungen nie mit denen des 217 Mannes in Streit gerathen. Ich ſage,„das gebildete Weib;“ denn bei ihr ſetze ich immer die Eigenſchaften voraus, welche ich aufgezählt habe. Aber Ausnahmen finden ſich freilich auch hier, wie im entgegengeſetzten Falle. Beſitzt ſie den Vortheil einer ſorgfältigen und gebildeten Erziehung, ſo iſt es um ſo beſſer; wo nicht, ſo hat ſie dennoch meine ungetheilte Achtung, wenn ſie nur die⸗ jenigen Eigenſchaften beſitzt, die ich unter allen am höchſten ſchätze: Herzensgüte und Reinheit.“ Henriette ſah auf die Bäume, den Himmel und die Erde, und wünſchte im Herzen, daß dieſe langweilige Predigt ein Ende nehmen möchte. Als Sterner ſchwieg, und ſie mit einem Blicke betrachtete, der etwas dem Mitleid nicht Unähnliches in ſich trug, ſo wollte ſie aufſtehen und gehen.—„Noch nicht,“ ſagte er.„Ich habe Ihnen jetzt die wahren Ge⸗ danken meines Herzens aufgedeckt; möge jetzt Henriette ihr Verſprechen halten, und mir nicht ein Mißtrauen zei⸗ gen, das, ich betheure es, ganz unverdient iſt.“ „Es kann ſeyn, daß es unverdient iſt; denn mit dem Begriff von einem Weibe ſcheinen Sie ganz und gar den eines Engels zu vereinigen. Sie werden weit ſuchen müſſen, Herr Rittmeiſter, wenn Sie ein Weib finden wollen, deren Willen nie in Widerſpruch mit dem ihres Mannes geräth. Ach, wie herrlich, wie erhaben! gut— ſanft— ſittſam— feines, wahres Gefühl— Herzens⸗ reinheit, und Gott weiß, was Alles! Ich glaube, daß wir, ſo weit es ein Menſch kann, alle dieſe Eigenſchaften beſitzen mögen, und doch unſer Wille mit dem des Mannes in Widerſpruch gerathen kann. Nein, es iſt nicht der Mühe werth, meine Sache einem ſo ſtrengen Richter vor⸗ zulegen.“—„Verſuchen Sie es nur, liebe Henriette! Vielleicht verſtehen wir dann einander beſſer.“ „Nun denn, gleich gut! Ich will alſo das Urtheil Ihrer Weisheit vernehmen, notabene, ohne mich demſelben zu unterwerfen.“— Sie erzählte jetzt aufrichtig den gan⸗ zen Zwiſt und die Veranlaſſung dazu. Der Stellvertreter. 1⁵ oͤͤͤ 218 „Das habe ich mir wohl vorgeſtellt,“ dachte Sterner, und fühlte wirklich einige Unruhe für die Zukunft ſeines Freundes. Stälkronas feurige Blicke, als er Henrietten beſchrieb, ſtanden wieder unheilverkündend vor ihm.„Hat Henriette den Einfluß dieſer leidenſchaftlichen Blicke em⸗ pfunden,“ dachte er,„ſo wird Konſtantins offener Wider⸗ ſtand in einer Sache, deren anfängliche Unbedeutendheit daraus erhellt, daß ſie ſie ihm vorgebracht hat, dieſes Gefühl ſteigern; denn es hat zwar noch eigentlich weder Geſtalt noch Namen, aber es kann dieſe erhalten und gefährlich werden, gerade weil ſie die Sache noch nicht anders anſieht, als wie den Ausdruck einer natürlichen Dankbarkeit. Dieſe Gefühle können jedoch durch eine un⸗ nöthige Aufreizung leicht in wärmere übergehen. Bei Henriettens heiterem und kindiſchem Gemüthe wäre die Sache bald hinweggeſcherzt und durch die Verfertigung des Bandes abgemacht geweſen, hätte nicht Konſtantin ſeine neue Methode ſo unpaſſend erproben, und einen Ernſt und eine Würde anwenden wollen, die an ihm ebenſo überraſchend ſeyn mußte, als ſie für Henrietten fremd und widrig vorkam; und die jedenfalls bei dieſer Gelegenheit durchaus nicht am Platze war.“ Alles das ſah Sterner augenblicklich ein; aber es war ſchwer und kitzlich, ſich in dieſer Sache auszuſprechen. Er mißbilligte Konſtantins Verfahren; aber es wäre nicht klug geweſen, wenn er den künftigen Gatten bloßgeſtellt, und ſeine angenommene Würde vielleicht in ein für ſeine Braut lächerliches Licht geſetzt hätte, was wahrſcheinlich erfolgt wäre, im Fall er ganz einfach erklärt hätte, Konſtantin habe Unrecht. Henriette würde dadurch Grund bekommen haben, auch in andern Fällen einen Zweifel in die Urtheilskraft ihres Verlobten zu ſetzen; und vor Allem wollte Sterner kein Gefühl erwecken, das ſeines Bedünkens das verderblichſte war, welches ein Weib hegen konnte, da es den Mann in ihrer Achtung herabſetzte, beſonders bei Henrietten, die nicht in ihrer eigenen Seelenkraft und Feſtigkeit eine Richt⸗ ſchnur für ihre Handlungen beſaß.—„Nun, was ſagt 219 der Herr Rittmeiſter dazu?“ fragte Henriette ungeduldig, da ſie aus ſeinem Schweigen den Schluß zog, er werde auf ihre Seite treten. „Ich ſage,“ antwortete der Rittmeiſter ernſt,„daß es mich ſehr verwundert, wie eine ſolche Kleinigkeit die Ver⸗ anlaſſung zu einer mehrtägigen Uneinigkeit zwiſchen Per⸗ ſonen geben konnte, deren höchſte Wonne es ſeyn ſollte, ihre gegenſeitigen Wünſche zu errathen und ihnen zu be⸗ gegnen. Es iſt ſchwer, oder beſſer unmöglich, das Recht oder Unrecht in den Handlungen Anderer zu beurtheilen, und ich glaube am wenigſten, daß ich die Fähigkeit dazu beſitze; aber deßhalb will ich doch nicht läugnen, daß ich Fräulein Stolzenbeck feines Gefühl genug zutraue, um voll⸗ kommen das Unzarte in dem zwiſchen ihr und Konſtantin entſtandenen Zwiſte beurtheilen zu können. Es wäre deß⸗ halb am beſten, wenn jede Partei, ohne gerade ihr Unrecht zu bekennen, doch einſähe, daß hier die Umſtände Nachgie⸗ bigkeit erheiſchen. Zu dieſem Zweck will ich zuerſt Ihrer eigenen Entſcheidung die Frage überlaſſen, ob es nicht mög⸗ lich wäre, daß hier eine Selbſttäuſchung ſtattgefunden habe, und ob man nicht vielleicht als eine ſolche den Eifer an⸗ ſehen dürfte, mit welchem Sie einer Sache eine Wichtig⸗ keit beilegen wollten, die ſie in der Wirklichkeit gar nicht beſitzt; denn es könnte ja ſeyn, daß Stälkrona nicht den Werth auf das Geſchenk ſetzte, den es verdient. Vielleicht würde es ſogar ſein Erſtaunen erregen, wenn er auf dieſe Art an ein Ereigniß erinnert würde, das den Beiſtand des geringſten Weſens ebenſo gut, als den des Kornets Stäͤl⸗ krona in Anſpruch genommen hätte; kurz an eine jener unbedeutenden Begebenheiten, deren Gedächtniß in die ver⸗ geſſene Rumpelkammer jener Erinnerungen zurückgedrängt wird, die der Mann von tauſend Abenteuer während ſeines Lebensganges behält?“„Nein, Herr Rittmeiſter Sterner,“ ſagte Henriette und erhob ſich ſtolz,„dieſe Erinnerung ge⸗ hört nicht unter die Schaar der andern unbedeutenden Er⸗ eigniſſe und wird von ihm gewiß nicht in die vergeſſene 3 15* —— 220 Numpelkammer zurückgedrängt werden, wie Sie zu behaup⸗ ten belieben; das weiß, das fühle ich mit vollkommener Gewißheit.“ Bei dieſen Worten flammten ihre Wangen von einer höheren Röthe und ihr Blick hielt unerſchrocken den Sterners aus, der die verborgenſten Winkel ihrer Seele durchdringen zu wollen ſchien. Eine unbehagliche Gewiß⸗ heit deſſen, was er gefürchtet hatte, ſtieg jetzt in dem Ritt⸗ meiſter auf; aber er war nicht der Mann, der ſich aus der Faſſung bringen ließ. Mit großer Gleichgültigkeit erwie⸗ derte er:„Wenn es ſo iſt, ſo wiſſen Sie mehr als ich; denn am Pfingſttage erzählte mir Stälkrona den Vorfall auf eine Art, wornach ich nicht vermuthen konnte, daß er ein beſonderes Gewicht auf die Sache lege. Und erlauben Sie mir überdieß, Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß der Kornet wahrſcheinlich mehr verwundert als geſchmei⸗ chelt ſeyn würde, wenn ihm die zweideutige Ehre zu Ohren käme, die ſeiner Perſon dadurch widerfahren iſt, daß ſie der Zankapfel zwiſchen einem jungen Mädchen und ihrem Bräutigam wurde.“ O welche harte Nüſſe hatte hier die liebenswürdige Henriette aufzuknacken. Sie glaubte vor Aerger und Schaam faſt in den Boden ſinken zu müſſen. „Wie, Stälkrona ſollte ſich ſo geäußert haben? Und der Rittmeiſter— der Menſch muß ganz aus Eis zuſammen⸗ geſetzt ſeyn,“ dachte Henriette.„Sie ſind beide, gleich ab⸗ ſcheulich, er und der Kornet; aber jetzt danke ich Gott, daß ich meinen voreiligen Entſchluß nicht ausführte.“ Sterner bemerkte ihre Bewegung und ihren ſtillen Gedankengang.„Wenn ich Henrietten einen Rath geben ſollte,“ ſagte er,„ſo wäre es der, Konſtantin ſogleich die Hand zur Verſöhnung zu reichen, für die Zukunft vorſich⸗ tiger zu ſeyn, und weniger Eigenmächtigkeit und Selbſt⸗ vertrauen zu zeigen.“ Sie ſchwieg einige Augenblicke.— „Ich glaube,“ begann ſie,„daß Sie es gut meinen, Herr Rittmeiſter, obwohl ich aufrichtig geſtehen muß, daß kein Mann bisher eine ſo aufrichtige Sprache gegen mich ge⸗ führt hat; doch ich will indeſſen dieſen Nath ſo gut be⸗ folgen als ich kann. Laſſen Sie uns deßhalb zu Konſtan⸗ tin eilen!“„Nun, das gefällt mir,“ ſagte der Rittmeiſter und küßte Henrietten die Hand.„Glauben Sie mir, ein wahrer Freund ſchmeichelt nie; aber er meint es um ſo redlicher. Und wenn ich Sie noch an Etwas erinnern darf, ſo bitte ich Sie, daran zu denken, daß ein Mädchen, das ſein Herz weggegeben hat, nicht mehr ſo ganz unab⸗ hängig iſt, als damals, wo es noch frei war.“ „Das iſt wahrhaftig ſehr ſchlimm,“ ſeufzte Henriette, indem ſie ihr Hutband knüpfte, und den Schleier in Ord⸗ nung brachte.„O glauben Sie das nicht,“ ſagte der Ritt⸗ meiſter.„Denken Sie an die Worte der Schrift: die Liebe iſt geduldig und ſanft; ſie leidet Alles, ſie glaubt Alles, ſie hofft Alles.“„Nein, um Gotteswillen, verſchonen Sie mich!“ bat Henriette.„Ich habe mehr als genug von dieſem Genre gehört.“ Und während ſie lächelnd ſeinen Arm faßte und den Heimweg antrat, ſetzte ſie hinzu:„An dem Rittmeiſter Sterner iſt ein gewaltiger Kanzelredner verloren gegangen. Darf ich mir die Freiheit nehmen zu fragen, warum wir Vetter Alerander nicht an dem Platze finden, den ihm die Natur angewieſen zu haben ſcheint?“ „Wahrſcheinlich deßhalb,“ erwiederte der Rittmeiſter, „weil mir das Herz zerſprungen wäre, wenn ich geſehen hätte, wie meine jungen, ſchönen Zuhörerinnen, die herr⸗ lichen Knospen im Weinberg, lächelnd die Schmetterlinge betrachtet hätten, die um ſie herumflatterten und dreiſt den edelſten Nahrungsſaft ihres jungen, zarten Lebens einſogen; wie ſie hingegen dann den Kopf geneigt hätten und hinge⸗ ſchwunden wären, wenn der wohlmeinende Seelſorger ſie durch einige Tropfen aus der geheiligten Quelle des Lebens erfriſchen und verſchönern wollte.“ Henriette fragte nicht weiter, und beide beſchleunigten ihren Schritt. In der Nähe des Hofes trafen ſie Konſtantin, der mit einem freu⸗ digen Ausruf Alexandern entgegenſprang und ſobald es ihm die erſte Ueberraſchung erlaubte, ausrief:„Nun, Hen⸗ riette, werden wir einen ſichern und unparteiiſchen Schieds⸗ richter finden; aber ich meine Dir anzuſehen, daß Du dem Rittmeiſter ſchon gebeichtet haſt.“ ——— 222 „Nun, ich gebe zwar gerne zu, daß Vetter Alerander alle erforderlichen Eigenſchaften eines Beichtvaters beſitzt, allein jedenfalls haſt Du Unrecht, Dich dieſes Ausdrucks zu bedienen. Ich habe mich nur über Dich beklagt; und während er eine Predigt hielt, deren ausgezeichnete Ver⸗ dienſte wahrſcheinlich für die Nachwelt verloren gehen, da ich die alleinige Zuhörerin war und noch dabei etwas ungeduldig und ſchläfrig ward, habe ich in dieſer Ruhe des Gemüthes es für gut befunden, Dir zu verzeihen, aber unter der Bedingung, daß Du ihm nie erlaubſt, Dir eine ähnliche Rede zu halten.“„Das gelobe ich; aber was haſt Du weiter im Sinn?“ „Nun, ich beabſichtige, jenes unheilſtiftende Band mit eigener Hand den Flammen zu weihen, und fortan nicht mehr an Kornet Stälkrona noch an ſeine Heldenthat zu denken. Biſt Du damit zufrieden?“„Vollkommen, meine geliebte Henriette!“— Der Friede war jetzt wieder herge⸗ ſtellt; aber der Engel der Einigkeit war einmal geflohen, und nie mehr ſollte er wie in den vergangenen Tagen ſeine ſchützenden Schwingen über Konſtantin und Henriette aus⸗ breiten. Der Abend verging unter trägen und langweili⸗ gen Geſprächen, wobei die Aſſeſſorin das Wort führte und wohl zwanzigmal gähnte, der Rittmeiſter in die Blätter einer Zeitung ſtierte, die zufällig da lag, während ihm die edle Dame die höchſt betrübten Veränderungen aus einander ſetzte, welche ſeit ihrer Jugendzeit an Ort und Stelle vor⸗ gefallen waren. Beſonders beſchränkt fand ſie die Geſell⸗ ſchaftskreiſe. Es gab ſo wenig Leute von Ton, daß ſie, die doch gewöhnt war, in den gebildeten Cirkeln zu leben, es unmöglich über ſich vermögen konnte, ſich und ihre Hen⸗ riette in dieſem öden Grabe zu verſtecken. Endlich ſchlug die erſehnte Stunde des Nachteſſens und da der folgende Morgen zur Abreiſe beſtimmt war, trennte man ſich zeitig. Jetzt erſt, als ſie in ihrem gemeinſchaftlichen Zimmer un⸗ geſtört einander ihr Herz öffnen konnten, begann das eigent⸗ liche Wiederſehen für die beiden Freunde. Sterner theilte Konſtantin ſeine Unterredung mit Henriette mit, machte ihn auf den begangenen Mißgriff aufmerkſam, und gab ihm gute Rathſchläge für die Zukunft, ohne ihn jedoch etwas von dem merken zu laſſen, was Arxel Stäͤlkrona be⸗ traf. Die erſten Strahlen der Sonne fanden die beiden Freunde noch in ihre mannigfaltigen Betrachtungen ver⸗ tieft. Sie erinnerten ſich dann, daß einige Stunden Ruhe nicht ganz unnütz wären; denn nach dem Frühſtück ſollte der Rittmeiſter nach Sorrby reiſen, und Konſtantin ſich mit ſeinen künftigen Verwandten nach F— begeben. 32. Ein unangenehmes Abenteuer. Sie ſtürzte ſinnlos hin. O mehr als hartes Loos! Iſt Lieb' denn ein Vergeh'n, Und trägt's den Tod im Schoos? — Lidner. In dem Bezirke der ſchoniſchen Gränze, der an Süd⸗ Smaͤland ſtößt, reist man durch einen langen, ungewöhn⸗ lich düſtern und dunklen Wald. Am Ende deſſelben ent⸗ deckt das Auge ſchon in bedeutender Entfernung die hohen, weißen Mauern des herrlichen Sorrby, das von lachenden Wieſen und Baumgruppen umgeben iſt. Ein Fluß ſchlän⸗ gelt ſich durch das Thal, welches gegen Oſten an das Gut gränzt und auf der andern Seite ſieht man mitten in einem ſchönen wilden Park ein gelbbemaltes Haus. Dieſes iſt die Heimath der Familie Stälkrona, das kleine, reizende Sorrbypark. Von dem großen, viereckigen Hofgute, das zu Groß⸗Sorrby gehört, und um welches ſich Hecken von weißem und blauem ſpaniſchem Flieder nebſt Roſenbüſchen zwiſchen hohen Birken hindurch winden, gehen drei wohl geſandelte Wege aus. Der zur Rechten führt in das Baum⸗ gut, deſſen üppige Natur ein ausländiſcher Gärtner, und Frau Svallenius zu erhöhen bemüht waren. Der mittlere geht in gerader Richtung von dem Wohngebäude aus, und der zur Linken führt zu einem kleinen Thore, von wo aus er ſich durch das Thal ſchlängelt und durch eine hübſche, grünbemalte Brücke Sorrby mit Sorrbypark verbindet. 224 Die Nacht war ſchon weit vorangeſchritten, als das dampfende Pferd des Rittmeiſters vor der großen Hofein⸗ fahrt hielt. Sie war geſperrt und verriegelt; denn die wenigen Diener, die das große Gebäude bewohnten, erwar⸗ teten keinen ſo ſpäten Beſuch von ihrem Herrn. Sterner ſchlug einige Male mit dem Peitſchenſtiele an die Thüre; aber es gab nur ein ſchrillendes Echo, ohne die gewünſchte Wirkung hervorzubringen.—„Verdammt,“ murmelte Ster⸗ ner,„ich werde hier wohl die ganze Nacht Wache halten müſſen.“ Alle weitern Verſuche, die Bedienten in ihrem guten Schlafe zu ſtören, waren fruchtlos, und Sterner ſchwur einen theuren Eid, daß er gleich am folgenden Tage eine Glocke beſtellen wolle, die nöthigenfalls die Bewohner des Himmels und der Erde erwecken ſollte; aber da dieſe eben noch nicht da war, ſo dachte er auf einen andern Weg, um hinein zu kommen. Es fiel ihm ein, daß ein Fußpfad weiter unten auf den Pfad führte, der vom Thale zur kleinen Pforte hinaufging. Er beſchloß, ſich dahin zu begeben, in der Hoffnung, ſeine Stimme und ſein Gepolter würde dort beſſer gehört werden, da dieſer Theil ganz in der Nähe der Bedientenzimmer lag. Er wandte. ſein Pferd, und fand ohne Mühe den Fußpfad, der in mannigfaltigen Windungen durch das Thal ihn endlich auf den kleinen Weg brachte, der von Sorrbypark nach der Wohnung hin⸗ aufführte. Als er gegen die Brücke wenden wollte, warf Blick über dieſelbe, und glaubte eine weiße Geſtalt demerken, die ſich unter dem Schatten der dicken Bäume bewegte. Er hielt ſein Pferd an, ſah mit ſeinem ſcharfen geübten Auge auf den Punkt, wo ſich das Bild gezeigt hatte, und lauſchte aufmerkſam; aber alles war ſtille und der ſeltſame Gegenſtand verſchwunden. Die Nacht war unbeſchreiblich ſchön. Die dicken, buſchigten Bäume ſtan⸗ den in dem, erſten üppigen Schmelz des Sommers, der klare Mondſchein gab ihren hohen Kronen einen matten Silberſchimmer und machte die Schatten unter dem dunkeln Gewölbe unter ihnen noch tiefer. Die Erlen auf beiden Seiten des Fluſſes neigten ſich darüber, und ſchienen mit 225 ſtiller Luſt zu ſehen, wie ihre im friſchen Nachtthau ſchim⸗ mernden Blätter ſich in dem klaren Waſſer unten wieder⸗ ſpiegelten. Sterner, der ſich durch eine optiſche Täuſchung verführt glaubte, die von den weißen, ſeltſam geformten Birkenſtämmen herrühren konnte, war gerade im Begriffe, ſeinen Ritt fortzuſetzen, als er nach veränderter Stellung deutlich ſah, wie ſich eine weiße Geſtalt an Fuße eines Baumes regte.—„Warum ſollt' ich nicht unterſuchen, was das iſt?“ dachte er und lenkte ſein Pferd gegen die Brücke; aber als er dort angekommen war, blieb dieſes ſtehen, fing an ſich zu bäumen und wollte nicht hinüber; urch ward er nur noch mehr überzeugt, daß es kein l feiner Phantaſte war; er band deßhalb das Pferd an einen Baum, und ſchritt über die Brücke in den Park. Er war nicht weit gegangen, als er mit Erſtaunen ſah, wie jene weiße Geſtalt an einem Baume auf einem Steine ſaß; aber bei ſeiner Annäherung erhob ſie ſich, und ver⸗ ſchwand ſchnell wie der Blitz in den dunklen Schattenmaſſen. — — 7 — 8 D Sp 5 „Wer da?“ rief er; keine Antwort erfolgte.—„Was iſt das für ein Gaukelſpiel?“ dachte er;„es wäre doch ver⸗ wünſcht, wenn ich dieſen Spuck nicht enthüllte!“— Er eilte nun der Gegend zu, wo, wie er meinte, die Geſtalt hingeflohen war, und bekam ſie bald wieder, ungefähr in einer Entfernung von zwanzig Schritten zu Geſichte. Sie ſtand jetzt an einen Baum gelehnt und winkte mit der Hand, wie um ihm zu bedeuten, er möge ſich entfernen und sinen andern Weg einſchlagen.„Gehorſamer Diener,“ murmelte der Rittmeiſter,„das geſchieht nicht, ehe wir nicht ein wenig nähere Bekanntſchaft gemacht haben;“ und damit ging er auf die weiße Geſtalt los; aber dieſe eilte mit Windesſchnelle auf den in verſchiedenen Krümmungen ſich windenden Gängen dahin, und zeigte die deutliche Abſicht, ihren Verfolger irre zu führen. Dieſer, deſſen Neugierde ſich dadurch nur noch vergrößerte, folgte ihr treulich nach, war aber nahe daran, die Geduld zu verlieren, und die Hoffnung auf den Fang des ſchnellfüßigen Weſens aufzu⸗ 5 geben, als dieſes endlich von der Anſtrengung erſchöpft, auf einen Raſen zur Seite des Weges niederſank und Sternern wieder winkte, ſich zu entfernen. „Nein!“ rief dieſer aufgebracht,„Du ſollſt mich nicht vergebens zum Narren gehabt und ſo herumgejagt haben.“ — Er hatte jetzt das geheimnißvolle Ding erreicht, und wollte es auf eine unſanfte Art ergreifen, als es ſich mit vieler Anſtrengung zur Hälfte erhob und mit einer matten, zitternden Stimme, die Sternern bekannt vorkam, ihm zurief:„Um Gotteswillen, wer Sie auch ſeyn mögen, haben Sie Erbarmen und gehen Sie! Rühren Sie mich nicht an,— ich kann mich nicht wehren!— Meine Kräfte ſchwinden.“—„Beim Himmel!“ ſprach Sterner,„täu⸗ ſchen mich meine Sinne, oder iſt es Fräulein v. Stäl⸗ krona, die ich das Unglück hatte, auf dieſe Art zu er⸗ ſchrecken und zu beleidigen?“—„Sterner! Dem Himmel ſey Dank!— ich glaubte..“ Die leiſe hervorgeli⸗ ſpelten Worte ſchwiegen jetzt ganz, und der, an welchen ſie gerichtet wurden, bebte aus Furcht, das arme Mädchen möchte vor Mattigkeit und Schrecken in Ohnmacht ſinken. Er bereute, ſo unnöthigerweiſe der Held in einem Aben⸗ teuer geworden zu ſeyn, das ſchlimme Folgen haben konnte, und that ein heiliges Gelübde, nie wieder weiße Geſtalten verfolgen zu wollen, und erſchienen ſie auch in ſeinem eige⸗ nen Zimmer, wenn er nur diesmal glücklich davon käme. 3„Wie befinden Sie ſich, mein gnädiges Fräulein?“ fen er theilnehmend.„Wenn nur nicht Ihre Geſund⸗ heit unter dieſem unangenehmen Vorfalle leiden muß.“ Wilhelmine antwortete nichts. Sie war auf den vom Nachtthaue feuchten Boden niedergeſunken. Sterner beugte ſich in der höchſten Angſt zu ihr nieder.—„Guter Gott! laſſe Sie nicht ohnmächtig werden!“ bat er andächtig.— „Fräulein Wilhelmine! Sagen Sie nur ein Wort— wie geht es?“— Aber Minna ſchwieg, und nur einige ſchwere Athemzüge gaben zu erkennen, daß das Herz noch ſchlug; aber ſie war kalt wie Eis und ohne Beſinnung. „So, da haben wir's,“ ſagte der Rittmeiſter, als er mit der Hand über Stirne und Wangen fuhr und ſeine —- ———, Q ** —— 227 unglückliche Ahnung beſtätigt fand.„Was in Chriſti Na⸗ men iſt jetzt zu thun? Zu was ſoll ich mitten in der Nacht greifen? Ich kann ſie weder in mein noch in ihr eigenes Haus bringen. Verwünſchte Neugierde, was ſoll ich an⸗ fangen?“ Während dieſer ſtillen Betrachtungen hatte er ſeinen Mantel abgeworfen, und ihn im Graſe ausgebreitet. Mitleidig betrachtete er das holde, ſchöne Weſen, das vor ihm lag.„So darf ſie nicht liegen bleiben; ſie erkältet ſich,“ ſagte er endlich, während er ſie ſanft aufhob und auf den Mantel legte, den er ſo ſorglich um ſie hüllte, wie eine Mutter um ihr zartes Kind. Jetzt ſetzte er ſich auf einen umgeſtürzten Baumſtamm, lehnte den Kopf des beſinnungsloſen Mädchens gegen ſeine Bruſt, erwärmte ſie mit ſeinem Athem und rieb ſorgfältig Schläfe und Pulſe mit dem Taſchentuch, das er in das feuchte Gras getaucht hatte.„Wenn mich jetzt Auguſte in ihren Träu⸗ men ſehen könnte,“ dachte Sterner,„ſo möchte wohl ein ſchmerzliches Gefühl in ihr erwachen; aber ſie würde auch in meinem Herzen leſen, ſeinen ruhigen Schlag fühlen und dann überzeugt ſeyn, daß, wenn es auch ſchneller als ge⸗ wöhnlich klopfte, dieß nur von einer mikleidigen Unruhe wegen der Folgen herrührt, die dieſes Abenteuer für das junge, zarte Weſen haben kann.“— Sterner ſetzte in⸗ zwiſchen ſeine Bemühungen fort, um Wilhelminen wieder zur Beſinnung zu bringen. Endlich erwachte ſie aus ihrem kalten Schlafe; ein tiefer, langer Seufzer tönte aus den feſt zuſammengepreßten Lippen. Sie fühlte, daß ihr Kopf an Sterners Bruſt ruhte, und daß ſein Arm ſie umſchloß. Sie hörte ihn flüſtern:„Erwachen Sie, o erwachen Sie, Wilhelmine! ſagen Sie nur ein Wort!“— Sie hätte ſo gerne ſeinen Wunſch erfüllt, die Lage der Dinge ſtand klar und offen vor ihrer Seele; aber eine lange Weile verging, ehe ſie zu ſprechen vermochte. Zu viele ungleichartige Ge⸗ fühle beſturmten ſie auf einmal.„Danke für Ihre Theil⸗ nahme, Herr Rittmeiſter,“ lispelte ſie endlich und verſuchte aufzuſtehen.„Gott ſey gelobt, daß ich Sie wieder ſprechen höre!“ ſagte Sterner mit inniger Freude, erhob ſich von * —— ———— ſeinem Platz auf dem Baumſtamme, und ſetzte ſich neben ſie.„Ich bin in Verzweiflung, daß ich Sie in dieſe Lage gebracht habe. Sie können mir das nie verzeihen, und noch weniger kann ich es mir ſelbſt vergeben.“„Sprechen Sie nicht von Verzeihung; davon kann hier nicht die Rede ſeyn,“ ſprach ſie leiſe und dumpf, wie wenn ſich eine Geiſterſtimme aus dem Grabe hören ließe.— Sie konnten ja nicht vermuthen, mich um dieſe Zeit hier zu finden, und ich habe feine Entſchuldigung für dieſe Abweichung von den gewöhnlichen Gebräuchen. Aber es iſt Etwas in mir, das ſich nicht an Zeit und Raum binden kann. Ich liebte dieſe einſamen Wanderungen im Dunkel der Nacht, wo ich von allen Andern ungeſtört nur mir ſelbſt lebte, aber von dieſer Stunde an haben ſie aufgehört. Wollen Sie auf eine Bitte hören, die mir meine Lage abnöthigt?“ „Befehlen Sie, mein Fräulein! ſteht es in meiner Macht ſie zu erfüllen, ſo wiſſen Sie zum voraus meine Antwort.“„Sie geloben mir alſo bei Ihrer Ehre, Nie⸗ mand, auch nicht Ihrem treueſten Freunde, jemals dieſe Begebenheit zu erzählen, ſelbſt wenn Sie hören ſollten, daß ſie ſchlimme Folgen gehabt hat? Verſprechen Sie mir das, Herr Rittmeiſter?“„Ja, mein Fräulein, ich ſchwöre Ihnen bei meiner Ehre und der Achtung, die ich ſtets für Sie gehegt habe, nie im Entfernteſten auf dieſen Vorfall hinzudeuten! Möchte er nur nicht ſchädlich auf Ihre Ge⸗ ſundheit einwirken! Ich müßte dann mich als die unglück⸗ liche Urſache davon anklagen.“„Seyen Sie ruhig, ſeyen Sie vollkommen unbekümmert,“ bat Wilhelmine in einem wunderbar wehmüthigen Tone.„Wenn ich auch ſterben ſollte, würde ich doch nicht klagen!— Sie würden ja meinem Gedächtniß eine Thräne weihen?— Und Sie brechen ja nie Ihr Wort, nicht wahr? Jetzt, Herr Ritt⸗ meiſter, laſſen Sie uns gehen! Meine Kräfte geſtatten es.“ Sterner faßte ihre Hand. Sie war noch eben eiskalt ge⸗ weſen; jetzt glühte ſie in ſiebriſcher Hitze. Er drückte ſie mit Rührung; ſchweigend ſchritten ſie durch die dunklen Gänge, und Wilhelmine, die hier wohlbekannt war, ſchlug 7 —⸗- 69 249 einen kleinen Seitenweg ein, der ſie bald an die Brücke führte. Sterner fürchtete, ſie möchte vor Mattigkeit auf dem Heimwege umſinken, und ahnte aus ihrem ſieber⸗ haften Ausſehen ein bedeutendes Unwohlſeyn, er bat ſie deßhalb inſtändig um die Erlaubniß, ſie heimbegleiten zu dürfen; ſie ſchlug es jedoch beſtimmt ab.„Hier trennen ſich unfre Wege für dießmal. Fürchten Sie nichts für mich,“ ſagte ſie, mit einer abwehrenden Bewegung der Hand, nnd verſchwand. Sterner ging langſam über die Brücke.„Die Arme,“ ſeufzte er;„ich fürchte— doch ich kann mich täuſchen.“ Er ſchwang ſich auf das ungeduldig harrende Pferd, und galoppirte eilig den Reſt des Weges dahin, bis er am Ende deſſelben an der kleinen Pforte ſtand. Nach einigen kraftvollen Schlägen, die ebenſo viele: „Holla! aufgemacht da drinnen!“ begleiteten, erſchien end⸗ lich Weſterlind an einem offenen Fenſter, durch das er halb im Schlafe hinausſtierte, und die Frage hervorgähnte, ob es der Herr Rittmeiſter ſey.„Ja, bei allen Teufeln, kannſt Du nicht hören, Du Schlingel! Oeffne ſchnell! Ich bedarf der Ruhe!“„Was zum Henker kommt ihn an, daß er ſo mitten in der Nacht herumrumort, und Einen aus dem Schlafe ſtört!“ brummte Weſterlind, während er die Treppen hinabging. Gleich darauf knarrten die großen Hofthore, dann die kleine Thüre, und endlich genoß Sterner die er⸗ ſehnte Wonne, in einem großen Umhangbett zu liegen, wo er bald in angenehmen Traumen die überſtandenen Be⸗ ſchwerlichkeiten vergaß. 33. 4 Wichtige Ueberlegungen⸗ Die Geduld des Weibes kann nie zu weit gehen; denn ſie wird doch nicht mehr thun können, als der Mann jeden Tag nöthig hat. Oehlenſchläger. Indem wir jetzt unſern Helden der Ruhe überlaſſen, der er ſo ſehr bedurfte, wollen wir in größter Eile einen Beſuch in L— machen, um unſere dortigen Freunde nicht 230 ganz aus den Augen zu verlieren. Viele und mannigfache Pläne wälzten ſich in dem Haupte des Poſtinſpektors um den Einen höchſt wichtigen Punkt: den würdigen Empfang des künftigen Schwiegerſohns. Fünf oder ſechs Mal des Tags ging er mit der Miene eines Mannes, der eine ganze Welt auf ſeinen Schultern trägt, zwiſchen ſeiner und des Bürgermeiſters Wohnung hin und her; denn er lebte jetzt mit dieſem auf einem ganz vertraulichen Fuße. Bei einer Parthie Brett trafen ſie öfter mit den Kopfen als den Blicken zuſammen, und ſchon mehr als zwanzig paſſende Vorſchläge waren in dem alten Gehirn des Bürgermeiſters ausgebrütet worden; aber ein:„Nein, das geht nicht, mein geehrter Freund!“ vom Poſtinſpektor erſtickte ſie ſtets im Augenblick ihrer Geburt. Auf dieſelbe Art ging es mit all' den Plänen, die Herr von Spalden vorbrachte. So bald ſie das Ohr des Bürgermeiſters erreichten, ſchüttelte er mitleidig den Kopf und ſagte:„Ei, ei, mein Freund! Man ſieht, daß der Herr Bruder keinen Geſchmack, keinen Takt, keine Erfahrung darin hat, wie Leute von Stand ſolche Dinge angreifen! Ich verſichere den Herrn Bruder auf meine Ehre, daß kein einziger von ſeinen Vorſchlägen etwas taugt; und wenn nicht etwas von dem, was ich an⸗ geführt habe, angenommen werden kann, ſo ſchlagen Sie ſich nur Alles aus dem Sinn; denn mit dieſem ewigen Verwerfen wird am Ende gar nichts daraus.“—„Was beliebt?— Gar nichts daraus?“ erwiederte der Poſtinſpektor mit einem ſpöttiſchen Lächeln.—„Aber ich ſage dem Herrn Bruder, daß etwas daraus wird, und vielleicht gerade Et⸗ was, wie Bürgermeiſter und Rath noch nichts Aehnliches geſehen haben.“— Zornig griff Herr von Spalden nach ſeinem Hute; denn er hielt ſich jetzt für einen zu wichtigen Mann, um ſich mit einer ſo übermüthigen Vertraulichkeit behandeln zu laſſen.—„Immer gleich hitzig,“ ſagte der Bürgermeiſter lächelnd.„Hundert Mal habe ich dem Herrn Bruder geſagt, daß ein Mann von Welt ſich nie Lekeifert, nie empfindlich wird und vor Allem nie ſeinem aufbrauſen⸗ den Zorne die Zügel ſchießen läßt; damit kommt man zu 231 Nichts, beſonders weun man etwas auf eine vernünftige Art überlegen ſoll.“—„Das mag ſeine Richtigkeit haben,“ ſagte der Poſtinſpektor etwas ruhiger,„aber Gott ſey Dank, ich wollte nie fuͤr einen Mann von Welt angeſehen wer⸗ den.— Doch, das gehört nicht hieher; es fragt ſich nur, zu was man endlich greifen ſoll, um zu einem Reſultate zu kommen. Es iſt mir da eingefallen, daß wir vielleicht mit den Weibsleuten Rath ſchlagen könnten; denn bei der⸗ artigen Dingen ſind ſie oft ebenſo klug als wir Männer, ſo ſonderbar es auch lautet. Wenn alſo der Herr Bruder ſo gut ſeyn, und die Idee der Frau Bürgermeiſterin ein⸗ holen will, ſo will ich heimgehen und zum erſten Mal während meiner zwanzigjährigen Ehe mit meiner Frau Rath halten.“—„Ei du mein Himmel, welch' ein Ehemann!“ ſagte der Bürgermeiſter ſcherzend.„Der Herr Bruder be⸗ handelt ja ſeine Frau gerade wie ein indianiſcher Häupt⸗ ling, aber nicht wie ein chriſtlicher Hausvater, der nie das verſtändige Urtheil ſeines Weibes von ſich weist, ſondern im Gegentheile ihre Meinung in weit wichtigeren Angele⸗ genheiten, als die iſt, welche wir zu Handen haben, gerne anhört. Indeſſen freut mich der glückliche Gedanke, den der Herr Bruder gehabt hat, und ich wünſche allen Erfolg.“ Etwas verlegen ſchüttelte der Poſtinſpektor ſeinem alten Freunde die Hand, und begab ſich nach Hauſe, um die wichtige Berathung zu eröffnen.— Frau von Spalden war gerade daran, mit aufgeſtülpten Aermeln und einer Ser⸗ viette um den Kopf Weitzenteig zu kneten, als ihr Herr und Gemahl hereintrat und in ungewöhnlich freundlichem Tone ſprach:„Rigitza, mein Schatz, laß das jetzt gehen und komme in mein Zimmer; ich habe etwas mit Dir zu reden.“—„Mit mir, Alter! Du mußt nothwendig warten, bis ich mit dieſem Teige fertig bin; ſonſt gährt er mir über den Trog hinaus.“„Nein, ich will keine Minute warten. Wozu haſt Du Maͤgde, wenn nicht für ſolche Geſchäfte, und wozu habe ich ein Weib, wenn ſie nicht zu meinen Befehlen ſtehen ſollte, wenn es mir beliebt, mit ihr zu ſprechen?“—„Aber, mein beſter Spalden, ich 232 mochte den Weitzenteig nicht gerne durch andere machen laſſen; Du weißt, ich habe ihn immer Frauen können ja nicht jede Minute bereit ſtehen und von ihren Geſchäften hinwegſpringen. Ich will mich beeilen, ſo gut ich kann.“—„Du ſollſt ſegleich in dieſem Augen⸗ blick kommen, ſage ich Dir. Wo iſt Auguſte? Das gnãä⸗ dige Fräulein iſt doch wohl nicht ſchon ſo vornehm, daß ſie ihrer Mutter nicht mehr helfen könnte.“—„Die arme Auguſte! ſie hat Kopfweh und Bruſtſchmerzen und iſt ſo übel daran, daß ſie das Bett nicht verlaſſen kann, das arme Kind!“ ſeufzte Frau von Spalden.—„Geſchwätz!“ ſchrie der Poſtinſpektor in ſeinem alten, herriſchen Tone. „Sie ſoll ſogleich das Bett verlaſſen und hieher kommen!“— „Aber, mein Freund, das iſt ja unmöglich. Du weißt ja, daß ihr Doktor Harding vorgeſchrieben hat, ſpaniſches Flie⸗ genpflaſter zwiſchen die Schultern zu legen. Sie kann mir alſo in dieſem Geſchäfte durchaus nicht helfen.“—„Und wenn ſie hundert ſpaniſche Fliegenpflaſter aufliegen hätte,“ ſchrie der aufgebrachte Mann,„ſo hoffe ich, wird man ge⸗ horchen, wenn ich etwas befehle.“—„Meinſt Du die Flie⸗ genpflaſter, Alter?“ fragte Frau von Spalden mit einem faſt unmerklichen Lächeln, ungeachtet des großen Reſpektes, den ſie vor ihrer theuren Hälfte hatte.—„Nun ja,“ ver⸗ ſetzte der Poſtinſpektor beſchämt.„Meine Meinung war, wie Du recht wohl begreifen wirſt, daß das Mädchen ge⸗ horchen ſollte, und wenn ſie kommt, ſo müſſen wohl die Fliegenpflaſter auch mit kommen. Aber kein unnöthiges Geſchwätz, Rigitza;z komm jetzt und laß das da ſeyn.“ Frau von Spalden. wagte jetzt keine weiteren Ausflüchte vorzubringen, und machte ſich, obſchon ungern, fertig, ihm zu folgen.—„Nun,“ ſagte der Poſtinſpektor, als ſie in das Alleerheiligſte, nämlich in ſein eigenes Zimmer gekommen waren, wohin Niemand ungerufen durfte,„nun ſollſt Du Dir das Gehirn zerbrechen, ſofern Du welches haſt. Denke auf einen Plan, wie wir unſern Schwie⸗ gerſohn empfangen ſollen.“(Der Poſtinſpektor haßte lange Sätze und unnöthige Worte, er ließ deßhalb gewöhnlich ſelbſt gemacht; und 233 das Wort künftig oder zugedacht aus, wenn er von der Schwägerſchaft mit dem Erben ſprach.)„Siehſt Du Ri⸗ gitza, ich möchte, daß es etwas Glänzendes und Geſchmack⸗ volles, vor allem aber etwas ſo Ungewöhnliches als möglich werden ſollte.“—„Ei, du meine Güte!“ rief die Frau und ſchlug ihre mehlige Hände zuſammen, daß der Poſt⸗ inſpektor aus Furcht für ſeine neuen Beinkleider einen Schritt zurücktrat,„wie magſt Du mir zumuthen, Alter, daß ich ſo Hals über. Kopf im Stande ſeyn ſollte, ſo Etwas auf⸗ zufinden, da ich bis jetzt noch gar nicht darüber nachgedacht habe? Nein, das iſt rein unmöglich; Du mußt mir we⸗ nigſtens Bedenkzeit bis heute Abend laſſen.“—„Unmög⸗ lichkeiten, und nichts als Unmöglichkeiten!“ ſagte der Poſt⸗ inſpektor.„Aber es iſt heute das erſte Mal, daß ich Dich mit einer Berathung beehre, und ich will daher, daß Du gleich im Augenblick mir ſagſt, was Dein Genie Dir ein⸗ gibt.“— Frau von Spalden, demüthig und an Gehorſam gewöhnt, ſchwieg und überlegte einige Momente.—„Viel⸗ leicht,“ begann ſie mit ungewiſſer Stimme,„wäre eine Illumination...“—„Du Gans,“ unterbrach ſie der Poſtinſpektor,„wenn ich etwas Ungewöhnliches will, iſt denn damit geſagt, daß es etwas Tollhäusleriſches ſeyn ſoll. Haſt Du je von Illuminationen mitten im Sommer ge⸗ hört?“—„Warum nicht, Alter? Es könnte ja im Hauſe geſchehen, und durch Bäume der gehörige Schatten hervor⸗ gebracht werden.“ „Durch Bäume, innerhalb des Hauſes!“ lachte Herr von Spalden.„Glaubſt Du, es handle ſich darum, kleinen Kindern Chriſttagsbäume zu machen, mit Kon⸗ fekt und Roſinen als Frucht?“ „So laß mich doch nur ausreden, mein Freund,“ ſagte Frau von Spalden.„Ich glaube durchaus nicht, daß mein Plan ſo uneben iſt. Der unendlich lange⸗ finſtre Gang da, der durch das ganze Haus geht, wäre uns, meiner Meinung nach, von großem Nutzen. Mein Plan wäre alſo, daß wir eine Menge hoher Zweige Der Stellvertreter. 16 heimführen ließen, woraus wir im Ganzen eine Allee bilde⸗ ten. Jeder Aſt würde illuminirt, und im Hintergrunde brächte man allerhand Zierrathen an, wie zum Beiſpiel einen Transparent mit ſeinen Namenschiffern, und paſſende Sinn⸗ bilder und Inſchriften. Wenn er dann von Dir geführt hereintritt, läßt ſich in einiger Entfernung die Muſik hören, was ſehr wohl von den vier Stadtmuſikanten ausgeführt werden kann, da ja viel Raum dazwiſchen liegt. Und endlich tritt er in den Salon ein, wo ein glänzender Ball veranſtaltet iſt, den er mit Auguſten eröffnet. Sodann folgt das Souper, wobei Du unter Fanfaren ſeine Geſundheit ausbringſt; da keine Trom⸗ peten aufzutreiben ſind, kann das durch Klarinette bewerk⸗ ſtelligt werden. Was meinſt Du dazu, Alter?“ „Ja, ja, es klingt nicht ſo toll; aber ich meine. Transparente ſind ſo gewöhnlich. Inzwiſchen will ich Deinen Plan in Erwägung ziehen, und über Verbeſſe⸗ rungen nachdenken, die ich etwa für nöthig finden werde. Der Gang und die Allee darin wäre nicht ſo dumm!“ Glücklich durch dieſes Beifallszeichen ihres Mannes, eilte Frau von Spalden fort, um ihr unterbrochenes Ge⸗ ſchäft wieder fortzuſetzen. Als es beendigt war, legte ſie einige warme Weitzen⸗ kuchen auf einen Teller, richtete eine kleine Theeplatte her und ging damit nach Auguſtens Zimmer.—„Wie ſtehts mit Dir, mein liebes Kind?“ fragte ſie mit zärtlicher Unruhe das bleiche, leidende Mädchen. „O Mamma, ich beſinde mich heute Abend beſſer, und würde noch beſſer ſeyn, wenn ſich Mamma zu mir ſetzte und eine Weile mit mir plauderte.“ Frau von Spalden ſtellte mit liebevoller Sorgfalt ein kleines Theetiſchchen vor Auguſtens Bett, nahm dann einen Stuhl, ſetzte ſich ihr gegenüber, und erzählte ihr den vorangegangenen Auftritt mit ihrem Manne und den Ausgang deſſelben. „Kommt wohl der Gedanke zu dieſen Anſtalten von — 235 Papa ſelbſt?“ fragte Auguſte.„Wozu ſollen ſie dienen? Ich ſehe das nicht ein.“ „Ja, dafür magſt Du Dich bei dem Rittmeiſter be⸗ danken; denn von ihm kommt es allein her.“ „Von Sterner, beſte Mamma? Er wird wohl einen „Grund dafür angegeben haben. Wie hat er ſich darüber gegen Papa geäußert?“ „Nun, er ſchlug dem Alten vor, am Abend ihrer An⸗ kunft in unſrem Hauſe eine kleine Geſellſchaft zu geben, dazu die Honoratioren der Stadt einzuladen, jedoch ohne alle weitere Feſtivitäten; aber Du weißt, wenn Papa ein⸗ mal ein Endchen von einer Sache aufgefangen hat, die ihn intereſſirt, ſo weiß er ſie hinlänglich ſelbſt vollends auszuſpinnen. Es ahnte mir, daß das ewige Geläͤufe zum Bürgermeiſter in ſo etwas ſeinen Grund haben würde.“—„Nun, es iſt gerade nichts Schlimmes in den Feſtlichkeiten,“ ſagte Auguſte,„wenn ſie nur nicht lä⸗ cherlich werden. Der Ball gefällt mir.“ „Gefällt er Dir, mein Kind?“ ſagte die Mutter, die auf mancherlei Einwendungen gefaßt war.„Es freut mich zu hören, daß Du wieder Freude an den Vergnü⸗ gungen empfindeſt, die für Dein Alter paſſen.“ „Ach, meine gute Mamma,“ ſagte Auguſte und lächelte durch Thränen,„ich dachte an etwas Anderes. Es iſt nicht das Vergnügen, was ich daran liebe! aber ich ſehe jetzt deutlich ein, daß es eine feine Aufmerkſamkeit von Sterner iſt, um mich von dem qualvollen Zwange zu be⸗ freien, den ich natürlich empfinden würde, wenn ich mich faſt allein mit den beiden Männern befände, an die ich hier durch Liebe und dort durch Verhältniſſe gebunden bin. Ich bin in der That Sternern Dank ſchuldig, daß er mir die Pein des erſten Augenblicks bei dieſem unbehaglichen Zuſammentreffen dadurch etwas gelindert hat. Und deß⸗ halb iſt mir dieſer Plan willkommen.“ „Nun, da es einmal ſo iſt, meine Auguſte, und die Vornehmſten der Stadt eingeladen werden ſollen, ſo mußt 16*. 1 236 Du Dich auch ganz zu Deinem Vortheil zeigen. Wenn Du willſt, ſchicke ich nach unſerer beſten Modiſtin, damit Du Dich mit ihr über eine paſſende Toilette zu dieſen Feierlichkeiten beſprechen kannſt. Ich will auch Jemand zur Bürgermeiſterin ſchicken und ihr letztes Heft vom Mode⸗ journal entlehnen.“ „Nein, durchaus nicht, beſte Mamma! Ich begehre weder das Eine noch das Andere, und nie werde ich mich nach dem Modejournal kleiden.“ „Aber, meine beſte Auguſte, wenn Du das Kleid nicht trägſt, wozu Dir Papa geſtern Abend den Stoff gab, und das für dieſe Gelegenheit beſtimmt war, ſo ziehſt Du Dir ſeinen Unwillen zu, und das iſt Dir nicht nützlich, das weißt Du.“ „In dieſem Falle werde ich gewiß nicht ungehorſam ſeyn, beſte Mamma. Ich will ſehr gerne den Stoff tra⸗ gen, obwohl er viel zu koſtbar für mich iſt, nur muß ich das Zuſchneiden und Nähen ſelbſt beſorgen dürfen. Mit dem Anzug wird es ſchon recht werden; Gott gebe nur, daß alles Andere auch ſo gehe!“ „Ja, Du wirſſt ſchon ſehen, Guſtchen, daß ſich Alles ſchön machen wird, wenn Du nur der Zeit ihr Recht läßſt. Eine ſo gute und gehorſame Tochter, wie Du ſtets geweſen biſt, darf wohl auf Gottes Beiſtand hoffen.“ Dabei nickte die Frau Mamma tröſtlich und liebreich mit dem Kopfe, nahm ihren großen Schlüſſelbund und ging in die Speiſekammer hinab, um dort ungeſtört zu überlegen, wie viel Eier, Butter, Kalbfleiſch und Gemüſe vom Lande zu beſtellen wäre. Doch, hatte der Poſtinſpek⸗ tor und ſeine F Frau gewaltige Mücken im Kopfe, ſo hatten es andere Leute in der guten Stadt L— nicht minder. Als Beweis dafür dürften folgende Fragmente eines Ge⸗ ſpräches dienen, das bei Gelegenheit eines kleinen Schmau⸗ ſes bei Goldſchmied Hjertberg, dem früheren Nachbar des Poſtinſpektors, ſtattfand. Es war der Tag nach Pfingſten. Die Geſellſchaft, beſtehend aus den vornehmſten Handwerksmeiſtern der Stadt Aͤe 237 und ein paar Krämern, alle mit ihren Frauen, hatte ſich in demſelben Zimmer, das an den Rittmeiſter vermiethet war, aber während ſeiner Abweſenheit bei Feierlichkeiten benutzt ward, um den Kaffeetiſch verſammelt. „Ei, was doch dieſe Welt veränderlich iſt!“ ſagte die altliche Matrone des Gerbers Blom.„Es iſt noch nicht lange her, daß die elende Baracke, die da gegen den Hin⸗ terhof zu liegt, dem hochmüthigen Poſtinſpektor von Spal⸗ den zur Wohnung diente. Damals hob er den Kopf nicht ganz ſo hoch, wie jetzt. Wenn man ihm auf der Straße begegnet, ſo könnte man meinen, er muſtere und ſchätze die Dachrinnen ab, anſtatt ehrlichen Leuten in's Geſicht zu ſehen. Und ich erinnere mich doch noch recht wohl, wie das kleine, gnädige Fräulein ſelbſt, das jetzt näch⸗ ſtens eine vornehme Dame wird, ſich nicht für zu gut hielt, in der Dämmerung zu mir hereinzukommen, einen Sechsſtüber in der einen Hand und ein zinnernes Töpfchen in der anderen, um eine Halbmaß Milch zu kaufen. Die Herrſchaften müſſen wiſſen, daß die gnädige Familie da⸗ mals nicht einmal eine Magd halten konnte. Nun, nun, andere Zeiten, andere Sitten! Sie wird das wohl jetzt vergeſſen haben, ich kann mir's denken!“ 3 „Nein, Mamma, das glaube ich nicht,“ entgegnete ein zwölfjähriges Mädchen.„Wenigſtens uns hat ſie gar nicht vergeſſen; denn, wie ich der Mamma ſchon erzählt habe, als ich ihr dieſer Tage auf dem Wege zur Kirche begegnete, blieb ſie ſtehen, ſobald ſie mich erblickte, ob⸗ wohl der ſtattliche Herr, der hier wohnt, mit ihr ging. „Entſchuldigen Sie, Herr Rittmeiſter,“ ſagte ſie,„die kleine Mamſell Blom iſt eine meiner Bekannten von der Zeit her, da wir Nachbarn waren. Was macht Deine Mamma? Grüße ſie vielmal von mir, und wenn Du Muſter brauchſt, mein Charlottchen, ſo komm zu mir; Du weißt, daß Du immer willkommen biſt.“ „Das war ſehr ſchön und dankbar,“ riefen mehrere Stimmen.—„Bloße Schuldigkeit,“ ſagten andere.— „Nur künſtliches Geſchwätz ohne Sinn und Verſtand,“ — 238 verſicherten die Ungeſcheiden. Aber jetzt erhob eine junge Bäckerfrau ihre Stimme über die Andern:„Apropos, meine Herrſchaften,“ begann ſie mit einer wichtigen Miene,„die Herrſchaften haben wohl ſchon von dem großen Autodafé ſprechen hören, das der Poſtinſpektor von Spalden aus Veranlaſſung der Ankunft ſeines künftigen reichen Schwie⸗ gerſohns, die zu Anfang nächſten Juli's ſtattfinden ſoll, geben will?“ „Was für Sachen? Was will er geben?“ riefen alle Frauen voll Neugierde zu gleicher Zeit. „Du meinſt wohl eine Feſtivität, mein lieber Schatz?“ fiel der Bäcker ein, der für einen ſtudirten Mann ange⸗ ſehen wurde. „Meinetwegen,“ erwiederte die Frau erzürnt,„die Sache iſt dieſelbe. Ich muß wohl wiſſen, was ich ſage und behaupte. Autodafé und Fote iſt ganz das Nämliche, ſage ich, nur mit dem Unterſchied, daß das Erſtere noch etwas feierlicher iſt, und durch eine Wachslichterilluſton bewerkſtelligt wird.“ „Ja; aber ſiehſt Du, es iſt ein großer Unterſchied...“ „Ach, Geſchwätz!“ unterbrach ihn ſein Weib.„Was immer einen weſentlichen Unterſchied bildet, iſt ein Mann, der weiß, was Artigkeit und Lebensart iſt, und einer, der eben ſo viel Anmerkungen über ſeine Frau macht, als ein Pedant in einem Uhrgehänſe auf⸗ und niederpickt.“ Ein ſo guter Spaß konnte dem Beifall nicht ent⸗ gehen. Die Geſellſchaft lachte aus vollem Halſe und ſetzte ſich dann um die junge, geſprächige Bäckerfrau, die auf eine ſehr lebhafte Art all' die einzelnen Theile dieſes wich⸗ tigen Gegenſtandes, die ſie hatte ſammeln können, ſchil⸗ derte, und daraus mit vieler Fertigkeit eine ſo erſtaunliche und kunſtreiche Zuſammenſetzung bildete, daß das Ganze wie ein Feenmährchen ausſah. O bſchon auf verſchiedene Art, beſprach noch ganz L— dieſelbe Sache. Der merkwürdige, bevorſtehende Juli war der Gegenſtand des Geſpräches in allen Geſellſchaften, bei allen Mahlzeiten und an allen Theetiſchen. Der Erbe, „—, Unangenehme 3— 239 Spalden, ihr romanhaftes Glück und das große Feſt des Poſtinſpektors beſchäftigte mit einem Worte Menſchen. Doch wir verlaſſen jetzt die guten Bewoh⸗ Auguſte von alle ner von L— und verfügen uns wieder nach Sorrby. 32. Neuigkeiten.— Weſterlinds Beobachtungen. 4 Jetzt will ich erzählen, 6 Wie zur Liebe dich hat Ein ſchöner Burſche verlockt. Edda. Als Sterner am folgenden Morgen erwachte, kam ihm das Abenteuer der Nacht wie ein wunderbarer Traum vor. Nach und nach entwickelte ſich jedoch jeder einzelne Umſtand vor ſeinem Geiſte; Worte, Ton der Stimme Ort und Stelle, wo er die junge Dame gefunden hatte, traten immer lebhafter vor ſeine Seele, und endlich ſtand das Ganze in jener ſchönen Klarheit vor ihm, welche bis⸗ weilen ſich einſtellt, wenn das Gedächtniß durch die Ruhe geſchärft iſt. Er fühlte das eigene Verhä ſich nicht recht ruhig bei dem Gedanken an ltniß, welches durch jenes Verſprechen des Stillſchweigens, das Fräulein von Stälkrona von ihm er⸗ halten hatte, entſtehen würde. Ein gemeinſchaftliches Ge⸗ heimniß dieſer Art wäre von keiner Bedeutung geweſen, wenn es einer älteren Dame gegolten hätte, deren Wunſch einzig die Vermeidung des Aufſehens bezweckt hätte, das dieſe ihre Lieblingsneigung zu Abendſpaziergängen erregen konnte; aber bei einem jungen, ſchönen, gefühlvollen und wahrſcheinlich ſchwärmeriſchen und romantiſchen Mäd⸗ chen bekam die Sache ein ganz anderes Geſicht. Ster⸗ uer konnte ſich nicht verbergen, daß er einigen Ein⸗ druck auf Wilhelmine gemacht hatte, aber woraus er dies eigentlich ſchloß, wußte er ſich nicht recht zu erklären. Und doch kam es ihm ſo gewiß vor; eine unbehagliche Ah⸗ nung ſagte ihm, daß er ſich nicht getäuſcht habe. Sein 240 Spiel mit der Neigung eines jungen unſchuldigen Herzens zu treiben, war Etwas, das der edle, von keiner kleinlichen Eitelkeit eingenommene Mann verachtete; aber die Wunde zu heilen, welche unerwiederte Liebe dem Herzen des armen Mädchens verſetzen würde, war ein zartes und ſchmerz⸗ liches Geſchäft; und daß ſie, wenn ſie auf Gegenliebe hoffte, bald aus dieſem Irrthum gezogen werden müßte, ſah Sterner ebenfalls für durchaus nothwendig an. Beim Schluſſe dieſer Betrachtungen öffnete Weſter⸗ lind vorſichtig die Thüre des Schlafzimmers und wollte ſich eben wieder zurückziehen, als Sterner durch ein Huſten ihm zu erkennen gab, daß er eintreten könnte. „Iſt der Herr Rittmeiſter wach?“ fragte Weſterlind und verbeugte ſich mit ſeiner gewöhnlichen Demuth.„Ich bin ſchon zum viertenmal hier oben. Aber der Herr kam auch ſo ſpät zur Ruhe.“ „Wie viel Uhr iſt es denn? Ich habe in der That gut geſchlafen.“ „Schon dreiviertel auf ein Uhr, Herr Rittmeiſter.“ „Aber Du biſt doch nicht erſt eben hier geweſen; denn ich bin ſchon ſeit einer Stunde wach.“ „Ich hielt mich ein wenig bei dem Herrn Inſpektor auf, wo ich einem Knecht von Sorrbypark zuhörte, der ſich erkundigte, ob Jemand hier in der Stadt etwas aus⸗ urichten habe, denn es iſt ein alter Brauch, daß wir es einander ſagen, wenn ſolche Boten von einem der beiden Punkte abgehen. „Schickt denn die Herrſchaft von Sorrbypark einen Boten nach C—?" fragte Sterner mit einem gewiſſen unruhigen Vorgefühle.—„Ja ein Expreſſer ſollte im Augenblick abgehen. Und während der Cornet an den Doktor Sommer wegen der Sache ſchrieb, eilte jener Burſche hieher. Vielleicht will der Herr Rittmeiſter et⸗ was holen laſſen, doch jetzt möchte es zu ſpät ſeyn.“ „ Von welcher Sache ſprichſt Du, Weſterlind? Du biſt etwas undeutlich, wenn Du Neuigkeiten erzählen ſollſt,“ ſagte Sterner mit all der Selbſtbeherrſchung, — 241 zens die ihm zu Gebote ſtand. Und in der That war er nie ichen um Etwas ſo in Angſt geweſen, als um die Worte, die unde er von den Lippen des Bedienten erwartete. men„Nun, Herr Rittmeiſter, ich ſpreche von Fräulein ierz⸗ Wilhelminens plötzlicher Krankheit, die das ganze Haus liebe in Aufruhr gebracht hat. Dies iſt auf folgende Art zu⸗ ßte, gegangen;— doch der Herr Rittmeiſter kann kein Ge⸗ — ſchwätz leiden. Ich habe es nur ſo von dem Knecht ge⸗ ſter⸗ hört, und lügt er, ſo lüge ich. Vielleicht beläſtigt es ollte nur den Herrn Rittmeiſter?“ iſten„Durchaus nicht, Weſterlind. Der Bericht über eine Krankheit iſt kein Geſchwätz. Laß hören.“ lind Weſterlind, der dem Rittmeiſter ſehr wohl anſah, Ich daß die Sache ihn intereſſirte, huſtete mehreremale, um kam die Geduld ſeines Herrn auf die Probe zu ſtellen. Als 1 er nun ſicher zu ſeyn glaubte, daß er in ſeiner Rede hat nicht durch das gewöhnliche:„es iſt gut, mach's kurz u. ſ. w.“ unterbrochen werden würde, nahm er eine er. wichtige Miene an, und begann endlich.. en:.„Fräulein Wilhelmine, die allein ein Giebelzimmer bewohnt, da ſie nicht wie ihre Schweſter in Ihro Gna⸗ ktor den Schlafzimmer liegen will— das iſt gerade das, der welches da drüben liegt; der Herr Rittmeiſter kann von us⸗ hier aus das Fenſter ſehen— nun alſo heute ſrüh kam es ſie nicht, wie gewöhnlich, zum Frühſtück herab. Als den man über eine Stunde vergebens auf ſie gewartet hatte, ging zuerſt die Jungfer und dann Fräulein Rora ſelbſt en hinauf und pochten an die Thüre, denn der Schlüſſel ſen war abgezogen; aber ſte bekamen keine Antwort. Sie im pochten wieder— wiederum ſtille; aber plötzlich ſing es den innen laut zu ſprechen an, und ſie erkannten Fräulein ner Minas Stimme, welche mehreremale hintereinander rief: et⸗„beunruhigen Sie ſich nicht! nein, beunruhigen Sie ſich M durchaus nicht!— es war mein eigner Fehler, meine Du eigene Unvorſichtigkeit!“ Hierauf fing ſie laut zu weinen en an, und ſchrie heftig:„was wird er jetzt denken? ich ig, habe dich verrathen, du armes Herz!— Aber tauſend⸗ 242 mal lieber ſterben, als eine ſolche Demüthigung über⸗ leben!“— und viel dergleichen mehr, was ich eben ſo wenig wie die Andern verſtehe. Erſchrocken floh Fräu⸗ lein Rora zum Cornet hinab; dieſer brach die Thüre auf, und da lag nun Fräulein Mina, roth glühend im hitzigen Fieber und ſtark phantaſirend. Als ſie ihren Bruder erblickte, kam ſie ganz außer ſich, und ſchrie un⸗ aufhoͤrlich unter den ſeltſamſten Phantaſteen:„O ver⸗ folgen Sie mich nicht ſo!“ und dann in einem leiſen jammernden Tone:„ſeyen Sie barmherzig! gehen Sie Ihres Wegs, ich kann mich nicht länger wehren!“ und viel dergleichen mehr.“ „Aber, Weſterlind,“ fragte Sterner, der mit Mühe ſeine äußerliche Ruhe beibehalten konnte,„woher haſt Du das Alles, der Knecht von Sorrbypark kann es nicht ſo erzählt haben?“ 4 „Nein, wenn es der Herr Rittmeiſter nicht übel aufnehmen, ſo will ich aufrichtig ſeyn. Des Inſpectors Tochter, Liſette, iſt ſo ein Mittelding von Hausmamſell und Kammerjungfer in Sorrbypark und da ſie gern einen Sprung heimmachen wollte, ging ſie anſtatt des Knechtes; aber davon ſollte Niemand etwas wiſſen. Sie erzählte das Alles vor mir und ihrer Mutter und jedes Wort iſt Wahrheit; denn ſie war mit Fräulein Rora von der erſten Minute an bis zu dem Zeitpunkt oben, wo ſie herüber ſprang, um es zu berichten. Das gnädige Fräu⸗ lein ſoll allgemein beliebt ſeyn, und deßhalb iſt die Be⸗ ſtürzung, ſo wohl in der Familie als bei dem Geſinde, gleich groß.“ Ein kalter Schweiß überlief Sterner.„Wie bald kann der Doctor kommen?“ fragte er. „Nicht bälder als morgen in der Früh, wenn er auch die ganze Nacht hindurch reist.“ Da Weſterlind jetzt meinte, daß ſich jetzt nichts mehr weiter über die Sache ſagen laſſe, nahm er ſich die Freiheit von ſelbſt, den Gegenſtand des Geſprächs zu ändern und begann mit der anſpruchsloſen Frage:„Wie gefällt dem Herrn —O9 243 Rittmeiſter das Zimmer und die übrigen Einrichtungen? Ich habe Allem aufgeboten, um es nach des Herrn Ritt⸗ meiſters Geſchmack und gewohntem Brauche einzurichten.“ „Das iſt ſehr wahr, Weſterlind,“ erwiederte Sterner. der die Worte ſeines Bedienten nur zur Hälfte aufge⸗ faßt hatte. „Vielleicht ſoll ich dem Herrn Rittmeiſter jetzt den Kaffee herauf bringen?“ „Ich bin ſehr zufrieden, Weſterlind; Alles iſt hübſch und angenehm eingerichtet. Du biſt ein aufmerkſamer und verſtändiger Burſche,“ ſagte Sterner, der in ſeine eigene Betrachtungen verſunken, glaubte, daß Jener noch von dem Zimmer ſpreche. „Hm,“ dachte Weſterlind;„ich glaube gar, er fängt auch an zu phantaſiren.“— Nach ein paar Augenblicken fragte er dreiſt:„befindet ſich der Herr Rittmeiſter nicht wohl?“—„Ob ich mich nicht wohl befinde? biſt Du toll, wie kannſt Du ſo fragen?“ ſagte Sterner, der jetzt aus ſeinen Träumen erwachte, und ſah ſeinen Bedienten ſcharf an.— „Gott behüte! ich dachte nichts Schlimmes, ich meinte nur es könnte ſo ſeyn, da der Herr Rittmeiſter mir eine ſo ſonderbare Antwort gab, als ich in aller Demuth fragte, ob ich den Kaffee herauf bringen dürfe.“ „Ja ſo, Weſterlind; aber befaſſe Du Dich nicht da⸗ mit, Schlüſſe zu ziehen; ich befinde mich vollkommen wohl, dachte nur an andere Dinge. Je bälder Du mir den Kaffee bringſt, deſto beſſer; befehle dann, daß man mein Reitpferd ſattle.“ „Verwünſchtes Mißgeſchick!“ brach der Rittmeiſter los, ſobald er ſich allein ſah.„Wenn ſie jetzt ſtürbe und ich auf's Gewiſſen bekäme, ſie wie ein Wild zu Tode ge⸗ jagt zu haben! Wie viele wunderbare, unerwartete Ereig⸗ niſſe auf der kurzen Wanderung zwiſchen der Wiege und dem Grab! Wenn mein böſer Stern aufgeht, ſo zeigt er ſich ſtets unter der Geſtalt eines jungen Mädchens.“ „Arabella Linden trieb mich aus einer Heimath, welche 244 mir die edelſte Menſchenliebe im Hauſe ihres Vaters er⸗ öffnet hatte, und ihr Neid und Stolz verwiſchte mein Bild aus dem Herzen ihrer Mutter. In dem Leben der großen Welt ſuchte ich dann einen Erſatz für die Ruhe, die mir in dem einfachen häuslichen Kreiſe verſagt war; und was gewann ich dabei? hatte ich nicht das Unglück, der reizen⸗ den Julie v. K.— einen Blutſturz zuzuwälzen, um deſ⸗ ſetwillen ich ſo zu ſagen in die Verbannung mußte? Jetzt, da ich nur an Glück und Freude denke, jage ich das Le⸗ ben aus einem jungen Mädchen heraus, wegen der ich vielleicht mein ganzes irdiſches Glück und die Ruhe meines Gewiſſens einbüße; denn ſtirbt Mina v. Stälkrona in Folge der Ereigniſſe dieſer Nacht, ſo wird der Friede nie wieder in meiner Seele einkehren. Aber wenn ſie auch nicht ſtirbt, was wird dieſe unglückliche Liebe zur Folge haben, die mir jetzt nur zu deutlich iſt? Mit Wiſſen und Willen“— Sterner legte dabei die Hand auf's Herz, wie zur Bekräf⸗ tigung ſeiner Worte—„habe ich ihr nie Veranlaſſung gegeben, bei mir das Daſeyn eines zarteren Gefühls für ſie vermuthen zu laſſen. Ich ſah ſie einigemale in der Kirche, ehe ich hier war. Es ſchwebt mir jetzt dunkel vor meinem Ge⸗ dächtniß, daß ſte, da wir einander gegenüber ſaßen, je⸗ desmal erröthete, ſo oft ich die Augen auf ſie warf. Auf Antrieb der Probſtin bot ich ihr meinen Arm, als wir zur Tafel gehen ſollten; das hat ſie natürlich für freie Wahl angeſehen. Ich war an dieſem Tage ungewöhnlich aufgeräumt, wir ſprachen viel, denn ich fand, daß ſie Ge⸗ ſchmack und Gefühl beſitzt; aber allem Dem, das von meiner Seite aus nur Vergnügen über die gute Geſell⸗ ſchaft ausdrückte, hat das leicht bethörte, unerfahrene Mäd⸗ chen eine andere Deutung gegeken.— Ich kann,“ ſetzte er nach tiefem Nachſinnen hinzu,„wenn ich die Begeben⸗ heiten jenes Tages und Morgens in Valleryd und die der vergangenen Nacht durchgehe, nicht herausfinden, wie fie bei dem geringſten Nachdenken mein Benehmen mißdeuten konnte, aber unglücklicher Weiſe iſt jenes Gefühl bei ſeinem erſten Erwachen in dem Herzen des jungen, unerfahrenen 245* Weibes keiner Beſinnung fähig. Arme kann dich nur innig beklagen.“ Während dieſes langen ſtillſchweigenden Monologes war Weſterlind wieder eingetreten, und hatte ſeinem Herrn dreimal Kaffee angeboten, ohne daß dieſer ihn bemerkte, denn er ſaß ſtumm da, die Arme übereinander gekreuzt und den Blick unverwandt vor ſich hin geheftet.—„Es geht doch nicht ganz mit rechten Dingen zu,“ dachte Weſterlind.„Es ſoll mich nicht wundern, wenn er ſich in das Fräulein verliebt hat. Wenigſtens iſt er wie ver⸗ hert, ſeitdem ich ihm von ihrer Krankheit ſprach, ich hätte Luſt, die Sache aufzuklären; es iſt ja nichts Schlimmes daran.“—„Herr Rittmeiſter, es war wieder ein Bote da von Sorrbypark.“—„Was, nun wie iſt es 2“ ſagte Sterner und fuhr mit einer ſolchen Heftigkeit empor, daß er den Teller, worauf ihm Weſterlind den Kaffee hinbot, umwarf und alles auf den Boden fiel. „Ja, ja! es iſt ſchon ſo,“ dachte der ſchlaue Weſter⸗ lind und bereitete ſich jetzt, während er die zerſchlagenen Taſſen zuſammenlas, auf irgend eine annehmbare Lüge vor, da er wohl wußte, daß ſein Herr keinen Andern darüber befragen würde. „Nun, was brachte denn der Bote? laß den Plun⸗ der liegen und ſteh auf!“ ſagte Sterner ungeduldig. „Je nun, Herr Rittmeiſter,“ erwiederte Weſterlind mit einem Tone, deſſen Feſtigkeit bewies, daß er nicht zum erſtenmale log.„Ihro Gnaden läßt fragen, ob der Inſpector nicht einige Blutegel daheim habe. Der Zu⸗ ſtand des Fräuleins wird wahrſcheinlich, noch derſelbe ſeyn.— Befehlen der Herr Rittmeiſter keinen Kaffee mehr?“ „Ja, zum Henker auch, thu' ich das; ich habe ja noch keinen bekommen.“ „Nein, das iſt ſehr wahr,“ ſagte Weſterlind, und eilte ſchnell nach einer friſchen Taſſe hinab. Dieſe wurde in guter Ordnung getrunken. Weſterlind. „Das Pferd iſt geſattelt,“ ſagte „Laß es nur gleich wieder abſatteln, ich ſchiebe mei⸗ Wilhelmine! ich 1 — 246 nen Ritt auf ein andermal auf; wohl nach ihnen. Acht und dreſſtre ſie, wie ich gewohnt bin, ohne Hals⸗ band.— Bringe die Bucher daher, die in dem großen Koffer liegen, und auch meine Flöte und mein Porte⸗ feuille.— Bis 4 Uhr Nachmittag alſo! Jetzt gehab Dich wohl!“— Weſterlind eilte hinab, innig froh, jetzt hin⸗ länglich Zeit erhalten zu haben, um in aller Gemäch⸗ lichkeit der Inſpectorin, Frau Blidberg, ſeine wichtigen Entdeckungen mittheilen zu können. Aber der Rittmeiſter verſuchte vergebens alle Mittel, um der Zeit Schwingen zu geben; langſam und träge ſchlich ſie dahin und ſein Zuſtand läßt ſich leichter fuͤhlen als beſchreiben. Mit unendlicher Ban entgegen. 33. Die gnädige Frau und ihre Lieblinge. Hälfte von meiner Seele, Geliebte, mein Abgott, Deiner Gedanken Unruhe im nächtlichen Traume Kümmern auch mich, und ich liebe den Traum nicht, Der vom Böſen geformt ſcheint. Orenſtjerna. Hähne und Hennen und kleine Küchlein! Altes Volkslied. Die Nacht hatte endlich die langſam dahin ſchrei⸗ tenden Stunden des Tages abgelöst. Sterners Unruhe nahm beſtändig zu, und der Gott des Schlafes verſagte es eigenſinnig, ihm die Augen zu ſchließen. Das Licht von dem Giebelzimmer in Sorrbypark ſchimmerte durch ſein Fenſter herein, und erinnerte ih hn ſchmerzlich an das arme Mädchen, das es dort beleuchtete; wohl zwan⸗ zigmal ſtreckte er die Hand nach der Uhr aus, und ließ ſie repetiren. Endlich gegen Morgen wurden ſeine Sinne von einem unruhigen Schlummer überwältigt; Du kannſt indeſſen die Hunde ein wenig im Park herumſtöbern laſſen. Sieh' Hector beißt den gerne, welchen ich zuletzt kaufte. Habe beſonders auf die kleine Semiramis gigkeit ſah er dem kommenden Morgen bt, 247 aber finſtere drückende Träume quaͤl Antlitz Wilhelminens von Stälkrona ſchien ſich immer zwiſchen ihn und Auguſte zu ſtellen. Es war, als o die bleiche Geſtalt Auguſten zu ſich ziehen wollte; aber dieſe wollte ihr nicht folgen, und ſah wehmüthig nach. Sterner; und als er die Arme ausſtreckte, um ſie ſchützend zu umſchlingen, verſchwand Alles, er wußte nicht wohin, und dichte Finſterniß umgab ihn. Doch dieſe begann ſich wieder aufzuhellen. Es war ihm, als ſey er in das Zimmer verſetzt, wo er ſich wirklich befand. Auguſte ſaß bei ihm und beide waren ſo unbeſchreiblich glücklich Am Fenſter ſtand Wilhelmine Staͤlkrona in tiefen Trauer⸗ kleidern. Sie blickte bald mit einem traurigen, doch nicht ſchmerzlichen Ausdruck in dem ſchönen Geſichte bald auf ſie, bald mit einem halben Lächeln auf eine männliche Perſon, deſſen Züge jedoch die Gardine ver⸗ barg. Sterners Glück dauerte jedoch nur einige Augen⸗ blicke. Er erwachte und die nackte betrübte Wirklichkeit trat wieder in ihre Rechte ein. Es war 7 Uhr Mor⸗ gens. Er ſchellte.D. „Ich bin nicht im Stande es länger auszuhalten,“ ſagte er bei ſich ſelbſt;„ich muß wiſſen, wie es ſteht, und wenn ich auch einen Boten hinſchicken und mich er⸗ kundigen laſſen müßte.“ Noch einmal und zum drittenmal mußte er ſchellen, bis ſich endlich Weſterlind, roth und athemlos an der Thüre zeigte, eine demüthige Entſchuldigung wegen ſei⸗ nes Zögerns auf den Lippen, die jedoch Sterner ſchnell abſchnitt, indem er ihm zurief:„Davon ſpäter! Haſt Du heute noch nichts von Sorrbypark gehört?“ „Ich komme gerade daher, Herr Rittmeiſter!“ „Was höre ich!“ ſagte Sterner mit erheucheltem Zorn.„Wie haſt Du das gewagt ohne meinen beſon⸗ dern Befehl? Wenn ich Erkundigungen über Fräulein von Stälkronas Geſundheit einziehen laſſen will, werde ich es Dir zu wiſſen thun. Bis dahin will ich, daß Du keine weiteren Beſuche in Sorrbypark machſt!“ lten ihn. Das bleiche . 248 Weſterlind glühte wie eine Tulpe; doch dies kam von einer vorhergehenden Anſtrengung her; denn nie ließ er weder in Ton noch Geberden merken, daß er ſich für beleidigt hielt. Aber er war nichts deſtoweniger rachſüchtig, und übte ſeine Rache gewöhnlich auf eine feinere, und deßhalb vielleicht nur um ſo fühlbarere Art aus, als man bei einer Perſon ſeines Standes hätte vermuthen können. Weſterlind, welcher hinlänglich be⸗ griff, was er von dem Zorn ſeines Herrn zu halten hätte, erwiederte deßhalb ſo ruhig und kalt, wie es die⸗ ſer ſelbſt gethan hätte, jedoch mit vollkommener De⸗ muth:„Ich war nicht in Sorrbypark, um nach dem Befinden des gnädigen Fraͤuleins zu fragen; denn da ich weiß, daß der Herr Nittmeiſter nur dann Gehorſam finden will, wenn er vorher einen beſtimmten Befehl gegeben hat, ſo wagte ich es nie, die Wünſche meines Herrn errathen zu wollen. Aber da der Herr Rittmei⸗ er nie vor 7 Uhr zu ſchellen pflegt, und dem Inſpek⸗ tor ſehr darau gelegen war, die Sachen, die er von der Stadt erwartete, nach Hauſe zu bekommen, ſo meinte ich, da die Knechte alle draußen beſchäftigt waren, daß ich ihnen eben ſo gut dieſen Deinſt leiſten könnte, als am Fenſter zu ſtehen Und hinauszugaffen. Hätte ich ahnen können, daß ich ſo unglücklich ſeyn würde, mir dadurch den Unwillen des Herrn Rittmeiſters zuzuziehen, ſo würde es gewiß nicht geſchehen ſeyn.“ „Nun, Deine Erklärung ändert die Sache. Ich habe nichts dagegen, daß Du für den Inſpektor einen Gang machteſt, wenn das Geſchäft dringend war. War der Doktor ſchon angekommen?“ „Ja, Herr Rittmeiſter!“ „War er ſchon lange da?“ „Nein, Herr Rittmeiſter!“ „Nun, Du hörteſt wohl, was er über die Unpaͤß⸗ lichkeit des gnädigen Fraͤuleins äußerte?“ „Nicht das Geringſte, Herr Rittmeiſter.“ „Nun, was zum Teufel machteſt Du denn dort, Ddienſten und haſt ſchon D 250 zimmer zuſammentrafen.— Der Doktor wird gleich nach Tiſche wieder abreiſen.“ „Nun, das heiß ich vernünftig geantwortet, mein lieber Weſterlind,“ ſagte Sterner und ſteckte das Ta⸗ ſchenbuch in die Bruſttaſche.„Gegen Mittag werde ich einen Beſuch bei dem Herrn Obriſt⸗Lieutenant von Stäͤlkrona machen. Halte inzwiſchen die Hunde in Ord⸗ nung, wir werden auf Nachmittag ausreiten.“ Mit dem Lauerblick einer Katze, wenn ſie die Be⸗ wegungen eines Sperlings von einem Zweig zum andern beobachtet, folgte Weſterlind der Brieftaſche, als ſie un⸗ eröffnet ihren Weg in den Rock nahm; aber er gab noch nicht alle Hoffnung verloren.—„Dürfte ich wohl bitten,“ begann er huſtend und in einem beinahe kläglichen Tone, der ganz verſchieden von ſeinem gewöhnlichen war,„heute eine kleine Tour für mich machen zu dürfen?“ „Das magſt Du immerhin thun; aber Du ſiehſt ja ſo erbärmlich d'rein, als ob Dich der Gang zum Tode führte.“—„Ach ja, es iſt in der That nicht viel beſſer,“ ſeufzte Weſterlind,„doch ich beläſtige nur den Herrn Ritt⸗ meiſter.“—„Laß Dich die Sache nicht anfechten, Weſter⸗ lind, ſage nur heraus, was Dich drückt.“ „Nun, wenn der Herr Rittmeiſter ſo befehlen,“ be⸗ gann Weſterlind mit gut geſpieltem Widerwillen.„Als ich dieſen Winter zum erſtenmal nach Wallaryd geſchickt wurde, brauchte ich zu einer kleinen Sache die Summe von zehn Neichsthalern, welche mir der Gaſtwirth in Al⸗ viken bei der Durchreiſe lieh. Ich hätte ſie ſchon in der vorigen Woche zurückbezahlen ſollen, und er hat mir durch Boten mit einer Vorladung gedroht, wenn ich ihn nicht bis Dienſtag zufriedenſtellen würde. Ich möchte nun gerne zu ihm gehen, um ihn noch zu einem Aufſchub von einigen Wochen zu bewegen/, „Es iſt unrecht von Dir, Weſterlind,“ ermahnte der Rittmeiſter,„daß Du mehr brauchſt, als Deine Einnah⸗ men betragen. Du biſt noch nicht vier Monate in meinen reiviertheile Deines Lohnes zum V w he le 65 L V S n 1 b n ſ . 1 251 Voraus erhalten. Ich bin ſelbſt kein Verſchwender, und will auch nicht, daß meine Dienſtleute dieſe Untugend haben. Du mußt alſo für die Zukunft beſſer haushalten lernen, dann will ich diesmal auf meine eigenen Unkoſten Dir aus dieſer Klemme helfen. War es baares Geld oder Banknoten?“—„Banknoten, Herr Rittmeiſter,“ ſeufzte Weſterlind.„Hm!“ ſagte der Rittmeiſter,„laß mich den Schein ſehen, weun Du zurückkommſt. Du wirſt doch nicht ſo frech ſeyn, mir Sand in die Augen zu ſtreuen?“ „Bewahr' mich Gott! wie kann der Herr Rittmeiſter ſo etwas von mir denken? Nein, Gott ſey Dank, ehrlich bin ich immer geweſen; aber was den Schein betrifft, ſo wollte der Gaſtwirth keinen von mir nehmen, als ich ihm ſagte, in weſſen Dienſt ich mich befände, ſondern ſagte, es ey hinlänglich, wenn ich in ſeinem Buche ſtehe. Aber Zeugen waren gegenwärtig, im Fall der Herr Rittmeiſter ſie hier haben wollte.“ „O nein! damit will ich mich nicht befaſſen. Da haſt Du das Geld!“— Er reichte die Summe dem Be⸗ dienten hin, der ſich dankbar verbeugte.„Nehme Dir nur zu Herzen, Dich künftig nie wieder in Schulden zu ſtecken.“ „Nein, bewahre der Himmel!“ ſagte Weſterlind,„ich werde die Ermahnungen des Herrn Rittmeiſters eben ſo treu in meinem Gedaͤchtniſſe bewahren, wie deſſen Güte, und ferne ſey es von mir, dieſe oder jene zu mißbrauchen!“ Innig vergnügt ſchob er die Banknoten in die Taſche. Eine Stunde ſpäter galoppirte er auf dem Wege nach dem Gaſt⸗ hauſe zu Alviken, das drei Meilen von Sorrby entfernt lag. Wer ihn ſah, würde darauf geſchworen haben, daß der Ritt einen ganz andern Zweck habe, als den Auf⸗ ſchub einer Schuldbezahlung zu bewirken. „Um zwei Uhr ſollt' ich dort eintreffen,“ ſagte We⸗ ſterlind zu ſich ſelbſt, und ſah auf die Uhr, welche Zehn zeigte.„Es wird ſich thun laſſen!— Zum Henker! wie klug ich meine Rolle ſpielte; das heiß ich zwei Fliegen auf einen Schlag treffen.— Eine vortreffliche Lehre, ich 3 17 25²2. werde ihr bis zu meinem Tode huldigen: daß das Glück dem Kühnen beiſteht.— Zehn Reichsthaler Banko ſo un⸗ erwartet, und wie viel werde ich noch dazu auf meiner Reiſe verdienen!— Leute von Stand beläſtigen Meines⸗ gleichen nicht umſonſt.— Aber wenn mein guter Ritt⸗ meiſter eine Ahnung von meiner Kühnheit und von dem wahren Zweck meiner Extratour bekäme— he, ich meine ſchon ſein ſpaniſches Rohr auf meinem Rücken tanzen zu fühlen! Solche Scenen liebe ich durchaus nicht; ſie haben immer einen nachtheiligen Einfluß auf Leib und Seele. Doch mit meiner Vorſicht weiß man Allem auszuweichen; alſo friſchen Muth, Weſterlind!“ Unter dieſen Betrachtungen ſetzte der getreue Diener ſeinen Weg mit ſolcher Eilfertigkeit fort, daß Beide, er und ſein Pferd, von Schweiß triefend, präcis zwei ahr am Gaſthauſe zu Alviken ſtanden, und gleich darauf hielt ein Reiſewagen vor der Thüre. Um fünf Uhr Nachmittags machte ſich der Rittmeiſter Sterner auf den Weg, um ſeinen erſten Beſuch in Sorr⸗ bypark zu machen. Daß er nicht der Einladung und dem gegebenen Verſprechen gemäß zum Mittageſſen kam, ſah er für entſchuldigt an, da die Krankheit des Fräuleins be⸗ kannt war.— Mit einem gemiſchten Gefühle von Schmerz und Aerger über die Neugierde, die ihn in dieſe Wider⸗ wärtigkeit verwickelt hatte, ging er über die kleine Brücke, wo jener unglückliche Fall ſich ereignet hatte, deſſen Fol⸗ gen ſo wichtig geworden waren. Ohne Jemand zu begeg⸗ nen, langte er im Hofe an, wo der erſte Gegenſtand, auf den ſeine Blicke trafen, einen Anſpruch auf eine genauere Beſchreibung machen dürfte. Mitten auf dem Plan ſtand ein veralteter, grauer, wackliger und morſcher Gartenſtuhl, den die Baronin von Stälkrona in eigener Perſon einnahm. Sie hatte einen ſchmutzigen, braunen Morgenrock an, der der Be⸗ quemlichkeit halber auch Nachmittags gebraucht wurde, wenn man keine Fremden erwartete. Auf dem Kopfe hingen die Ueberreſte einer einſt geſchmackvoll geweſenen Haube und über dieſer, wie eine Draperie, ein ſchwarz ſeidener Sahwl, deſſen Schillern ins Rothe von ſeinen treuen Dienſten zeugte. Auf der einen Seite von Ihro Gnaden Stuhl ſtand ein langer Waſſertrog, auf der an⸗ dern ein Korb mit Haber und gegenüber von ihr hüpf⸗ ten in buntem Durcheinander all' die kleinen Weſen, welche die Baronin mit dem Namen ihrer Lieblinge be⸗ ehrt hatte. Hühner, Küchlein, Enten, Gänſe, Truthüh⸗ ner, und eine ganze Legion junger Gänschen, flogen, flatterten und ſtürmten unter den unmäßigſten Freuden⸗ bezeugungen um ihre Wohlthäterin, welche mit der einen Hand ihren Haberkorb vor dem Angriff der dreiſteſten unter ihren Lieblingen beſchützte, und mit der andern einem Jeden ein paar Finger voll von dem köſtlichen Inhalte austheilte. Bei dem Geräuſche, das Sterner machte als er das rothbemalte Gartenthor öffnete, wandte ſich die Baronin ſchnell um. Man behauptet, daß raſche Wendungen nie dienlich ſeyn ſollen; beſonders aber können ſie für gefährlich an⸗ geſehen werden, wenn ſie von einem ſo ſchwankenden Punkte ausgehen, als Ihro Gnaden inne hatten. Als einen Beitrag zu den vielen warnenden Beiſpielen davon, müſſen mir mittheilen, daß in demſelben Augenblicke, als die Baronin ihren Hals rechts wandte und ihre Blicke höchſt unangenehm von dem Anblicke des Ritt⸗ meiſters überraſcht wurden, ſie den Schwerpunkt nicht recht beobachtete. Die Folge davon war, daß der alte wack⸗ ligte Stuhl umſtürzte und Ihre Freiherrlichkeit in den weiten flatternden Morgenrock verwickelt, rücklings hinſiel, zum großen Entſetzen ihrer Lieblinge, welche eilig die Flucht nahmen. Sterner fühlte zwar eine außerordent⸗ liche Lachluſt und es hielt ſchwer, ſie zurückzuhalten; aber ein gewiſſes Achtungsgefühl ließ dieſen Ausbruch nur zu einem unmerklichen Lächeln werden. Eh' er noch Zeit hatte, ihr beizuſtehen, war Ihro Gnaden ſchon wieder auf den Beinen; roth wie eine Gichtroſe, empfing ſie ihren Gaſt mit den Worten:„Wir glaubten— wir hoff⸗ 254 ten, daß der Herr Rittmeiſter uns die Ehre erzeigen würde, ſeinen Beſuch aumelden zu laſſen,“ „Gnaͤdige Frau,“ erwiederte Sterner, und küßte Ihro Gnaden ehrerbietig die Hand, die ſie mit Mühe von einem ſchokoladefarbnen Handſchuh befreite und ihm darreichte.„Erlauben Sie, daß ich meine Kühnheit mit der Hoffnung entſchuldige, die ich zu hegen wagte, we⸗ niger in der Eigenſchaft eines Fremdlings, als wie ein Nachbar und Freund dem Herrn Oberſtlieutenant von Stälkrong und ſeiner geachteten Familie meine Aufwar⸗ tung machen zu dürfen.“ 4 „Wenn es ſo iſt, Herr Rittmeiſter,“ ſprach die Ba⸗ ronin, durch ſeine ehrerbietige Artigkeit und die voll⸗ kommen ernſte Miene beſänftigt, welche ſie über den un⸗ angenehmen Gedanken beruhigte, ſie möchte in dieſem Augenblick ein Gegenſtand ſeines Hohnes ſeyn,— „wenn es ſo iſt, ſo muß ich Sie bitten, herzlich will⸗ kommen zu ſeyn. Uebrigens möge die Unruhe, die in meinem Hauſe in Folge der plötzlichen Unpäßlichkeit meiner älteſten Tochter herrſcht, die Nachläſſigkeit ent⸗ ſchuldigen, die ſich ſowohl in meinem Anzug als ein Uebrigen zeigt.“ „Um alles in der Welt,“ bat der Rittmeiſter in ſchmeichelndem Tone,„ſetzen Sie mich durch ſolche Ent⸗ ſchuldigungen nicht in Verlegenheit. Wenn ich ſo kühn ſeyn dürfte, um von mir ſelbſt zu ſprechen, ſo würde ich ſagen, daß ich einen freundſchaftlichen Umgang weit hoͤher ſchätze, als alle abgemeſſenen Höflichkeiten, und daß es mein innigſter Wunſch wäre, in Ihrem Hauſe als ein Freund behandelt zu werden, mit dem man keine Kom⸗ plimente macht.“ „Wir ſind dem Herrn Rittmeiſter ſehr verbunden,“ lächelte die gnädige Frau, welche ſich bei dieſen anſpruchs⸗ loſen Worten Sterners bedeutend erleichtert fühlte.„Einen Freund können wir zu jeder Stunde empfangen, ohne anders iſt irgend Arrangements zu treffen; aber ganz es mit einem Fremden, welcher nach dem Eind dru. ——— — u+—nu 81 u———, u— 255 er beim erſten Beſuche erhält, das Haus im Allgemeinen beurtheilt, und ich muß Ihnen daher zum Voraus ſagen, daß das meinige heute durchaus keine Kritik duldet.— Fort meine Kinder, ſchämt ihr euch nicht!“ unterbrach ſich Ihro Gnaden und eilte an den Haberkorb, an wel⸗ chem ihre Lieblinge, die ſich von ihrem Schreck erholt hatten und damit beſchäftigt waren, den Inhalt zu er⸗ leichtern. Sie nahm den Korb unter den Arm, warf einen zürnenden Blick auf die Kleinen und wendete ſich wieder zu Sternern, den ſie jetzt mit einer Entſchuldi⸗ gung wegen dieſer Unterbrechung in einen kleinen Salon einführte, der, einfach aber geſchmackvoll möblirt, bezeugte⸗ daß die Ordnung nicht fremd im Hauſe ſey, obwohl die eigene Perſon der Wirthin beim erſten Anblick keinen Grund zu der Vermuthung gab, daß jene zu ihren Haupt⸗ tugenden gehörte. Doch hierin täuſchte man ſich. Sie liebte in der That überall die Ordnung; aber was ihre eigene Perſon betraf, ſo wollte ſie für gewöhnlich ganz unbeläſtigt ſeyn. Sobald die Baronin ihren Gaſt hinein geführt und ihn der Aufmerkſamkeit ihres Sohnes, des Kornets, übergeben hatte, der einzigen Perſon, die ſich gerade im Zimmer befand, eilte ſie in ihr Schlafzimmer, um dort einen neuen Menſchen anzuziehen. Nach einer halben Stunde trat ſie wieder herein mit jener Pünkt⸗ lichkeit und Zierlichkeit angethan, welche ſie immer aus⸗ zeichnete, wenn ſie ſich zu ihrem Vortheil zeigen wollte. Sie unterbrach eine, wie es ſchien, intereſſante Unterhal⸗ tung zwiſchen den beiden jungen Männern.„Ach wie unangenehm iſt es, daß Papa fort ſeyn muß! Wiſſen Sie, Herr Rittmeiſter, daß er den Doktor vor einigen Stunden in die Stadt begleitete 2* 4 „Ich werde wohl ein andermal die Ehre haben, den Herrn Obriſtlieutenant anzutreffen, erwiederte Ster⸗ ner artig.„Mein Beſuch hatte zur Abſicht Ihnen meine Aufwartung zu machen, und betraf durchaus keine Ge⸗ ſchäfte.“— Bei dieſen Worten verbreitete ſich ein hel⸗ teres Licht über die Züge der Baronin ſowohl als die 256 des Kornets. Der letztere ſprach:„Erlauben Sie uns, ge zu hoffen, Herr Rittmeiſter, daß Sie uns recht oft mit dr dem Vergnügen Ihrer Geſellſchaft beehren werden, ſo ge lange Sie ſich in Sorrby befinden. Es würde meinem vn Vater ſehr leid thun, wenn er durch ſeine heutige Ab⸗ w weſenheit des Verſprechens verluſtig ginge, das Sie ihm w gegeben haben. Wenn ich mich recht erinnere, ſo rech⸗ ſu nete er darauf, den Herrn Rittmeiſter einen ganzen Tag 5 di lang in Sorrbypark zu ſehen.“—„So war es,“ ver⸗ 5 ſetzte Sterner,„aber in Folge der Unpäßlichkeit des gnä⸗ ä digen Fräuleins wollte ich dieſes Vergnügen auf eine li ſchicklichere Zeit aufſchieben. Vielleicht habe ich ſchon b durch dieſen meinen Beſuch einen geringeren Grad von u Zartgefühl bewieſen, da ich mich ſtörend in eine Fami⸗ lie einzudrängen wagte, wo Unruhe und Sorgen den Fremden unwillkommen machen müſſen.“ „Der theilnehmende Menſchenfreund,“ entgegnete Axel herzlich,„wenn er auch bis zu einem gewiſſen Grade fremd iſt, iſt doch ſtets willkommen. Gott ſey Dank, bei uns iſt keine große Beſtürzung vorhanden; denn der Doktor hat Wilhelminen außer aller Gefahr erklärt, wenn nicht ein beſonderer Zufall alles verändert. Seit heute Mittag zwölf Uhr befindet ſie ſich ſo wohl, als man nur nach einem wirklich ſo heſtigen Anfalle hoffen kann. Sie bedarf jetzt nur noch der Ruhe und einer vernünftigen Behandlung.“—„Es freut mich unendlich,“ fiel Sterner theilnehmend ein,„Doktor Som⸗ mer ſoll ein ausgezeichnet geſchickter Arzt ſeyn und bei ſeinem Wort darf man ſich beruhigen.“ „Geſtern Morgen,“ fuhr der Cornet fort,„hatten wir keinen Grund, einen ſo günſtigen Ausgang zu ver⸗ muthen. Der Herr Rittmeiſter, kann ſich nicht vorſtel⸗ len, wie ſeltſam und plötzlich dieſe Krankheit anfing. Meine Schweſter müſſe erſchreckt und beſonders aufge⸗ regt worden ſeyn, behauptet der Doktor, und wahrſchein⸗ lich war dies auch der Fall. Jetzt, da ſie wieder bei vollkommener Beſinnung iſt, habe ich ſie zu überreden —·——.—Seͤ —29—28—+⁸& —23 ANA——ÿ o u— ◻ —— —₰—— geſucht, mir die Urſache mitzutheilen; aber es war durchaus unmöglich, ſie zu einem Geſtändniſſe zu brin⸗ gen. Quäle mich nicht mit Fragen, Arel, ſagte ſie vor einer Weile. Es macht mich leiden und dabei wandte ſie das Geſicht weg, um zu verbergen, daß ſie weinte. Es iſt ſicher, daß ſie etwas zu verheimlichen ſucht.“—„Ach was, pure Erkältung, Axel,“ ſagte die Baronin.„Ich war gerade ſo, als ich vor einigen Jahren erkrankte. Man weint, man iſt verdrießlich, angſtlich, man weiß nicht warum, und nichts iſt natür⸗ licher, als daß derartige Zufälle mit der Krankheit ver⸗ bunden ſind. Mein beſter Rittmeiſter, ſeyn ſie ſo gut, und nehmen Sie eine Taſſe Thee.“ Die Baronin ſchenkte ein, während ſie ihre Bemerkungen machte. Sterner, obwohl unſchuldig, fühlte doch eine gleichſam verbreche⸗ riſche Glut auf ſeinen Wangen. Um ſeine Verlegenheit zu verbergen, beugte er ſich tief herab über die Thee⸗ Taſſen der Baronin und den kleinen Korb mit Thee⸗ broden, aus welchem er ganz in Gedanken eine Hand voll Brezeln nahm.—„Nun, das heiß ich artig,“ lä⸗ chelte die Baronin,„daß der Herr Rittmeiſter meinen Brödchen eine Ehre anthut. Der Herr iſt ſtets mein Freund, dem ich nie zuzuſprechen brauche. Die jungen Leute pflegen ſonſt nicht viel darnach zu fragen, etwas in den Thee einzutunken.“ Sterner ſah zuerſt auf die Baronin und dann auf die Taſſe Thee, die er in der Hand hielt, als er mit geſteigerter Verlegenheit gewahrte, daß er in lauter Ge⸗ danken nicht weniger als ſieben ſchoͤne große Brezeln um die Theeſchale herumgepflanzt hatte. In der äußer⸗ ſten Verwirrung legte er funf davon zurück und be⸗ hielt zwei.—„Ich bitte um Entſchuldigung, gnädige Frau! ich habe den Fehler, hie und da ein wenig zerſtreut zu ſeyn. Es war ganz und gar ein Mißgriff.“ „Ganz und gar nicht, mein beſter Rittmeiſter,“ meinte Ihro Gnaden;„es war ja im Gegentheile ein recht guter Griff. Seyn Sie ſo gütig, ich bitte!“ Aber der Rittmeiſter war aus wirklichem Verdruß kaum im Stande, die hinunter zu bringen, welche er genommen hatte. Endlich war der Inhalt der Taſſe glücklich expedirt, und er ſetzte ſie mit einer ehrerbieti⸗ gen Verbeugung an den Tiſch. „Darf ich Ihnen nicht noch eine Taſſe anbieten?“ ſagte die Baronin.—„Nein, ich danke.“— Sterner bekam endlich nach einer nochmaligen Verbeugung die Freiheit, ſich dem Kornet nähern zu dürfen; denn die Baronin ſprach leiſe mit der Jungfer, die einige geheime Befehle erhielt.—„Es iſt doch ſonderbar,“ ſagte er zu Arel, eigentlich nur um etwas zu ſagen, und dem Kor⸗ net zu beweiſen, daß er auf das, was jener über die Krankheit ſeiner Schweſter geſagt, gehört hatte.„Ja es iſt merkwürdig, daß das gnädige Fräulein in dieſer Beziehung ſo verſchloſſen iſt. Wäre dieß wohl wirklich der Fall, wenn die Vermuthung Grund hätte, die der Herr Kornet ſo eben ausſprach?“ „Ganz gewiß,“ fiel Arel ein.„Sie hat einen un⸗ gewöhnlichen Charakter. So weich und empfindſam ſie auch iſt, ſo ſtark und ſelbſtſtändig kann ſie wieder ſeyn, wenn ſie will. Und wenn es auch nicht anders wäre, als irgend ein Gaukelſpiel, das ihre lebhafte und etwas ſchwärmeriſche Phantaſie ihr vorgeſpiegelt hat, ſo ſteh ich doch dafür, daß das Geheimniß mit ihr ſterben würde. Wenn ſie einen Gegenſtand nicht berührt, ſo beſitzt ſie auch die Kraft, ihn vor allen fremden Blicken in irgend einem Winkel ihrer Seele zu verbergen.“ Dieſen Zug in Fräulein von Stälkronas Charakter war gerade nach Sterners Geſchmack. Er flößte ihm zugleich die Hoffnung ein, daß, wenn er irgend eine paſſende Gelegenheit finden könnte, um ihr die Urſachen mitzutheilen, die ein zärteres Verhältniß zwiſchen ihnen unmöglich machte, dieß Vertrauen ſeine Wirkung auf eine Seele wie die ihrige nicht verfehlen würde. Sterner verließ ſich üderdieß auf ſeine Geſchicklichkeit in der Be⸗ handlung eines ſo kitzlichen Gegenſtandes. Als Antwort ᷣ N 259 auf die Beſchreibung, welche Axel von Wilhelminen machte, ſagte er in wenigen Worten, daß er Menſchen von einem ſolchen Charakter für ſehr glücklich halte, da dieſe ſich gewöhnlich aüfrecht erhalten, während die an⸗ dern aus ihrer Bahn getrieben und von den Stürmen des Lebens hin und hergejagt, nicht ſelten ſich an den Brandungen zerſchmetterten, welche ſich drohend an dem ſchwachen Fahrzeug ihres Lebens brechen. Nach dieſen allgemeinen Bemerkungen nahm Sterner Abſchied und entfernte ſich mit Kornet Axel, der ihn noch bis Sorrby begleitete. Unterwegs hatten ſich die Herrn ſo ſehr in das wichtige Thema der Jagd und der Hunde vertieft, daß ſie beſchloßen, am folgenden Morgen ihr Glück zuſam⸗ men zu verſuchen, und ſich erſt ſpät trennten, nachdem der Kornet bei ſeinem neuen Freunde zu Nacht ge⸗ ſpeist hatte. 34. Die Schweſtern. Auf einem glänzenden Tuch, blau wie die Wolken des Himmels, Wenn des Morgens Schimmerlicht graut am öſt⸗ 3 lichen Rande, Wie eine leuchtende Zukunft, Von der Liebe Hoffnung vergoldet: Webt mit lächelndem? lick unter dem Dufte der oſen Holder Sylphen Schaar bald Deine blühenden Träume, Und von Silber wirkt ſie und von Azur Deiner Unſchuld Leben zuſammen⸗ Der Sohn im Adlerwald. Beinahe eine Woche war jetzt verfloſſen. Wil⸗ helmine war zwar außer aller Gefahr; aber die Mattig⸗ keit verhinderte ſie noch auf zu ſeyn. Eines Abends hatte der Rittmeiſter wieder einen Beſuch in Sorrbypark gemacht, und war eben im Be⸗ griff, es in Geſellſchaft des Kornets Axel zu verlaſſen, ——ZBꝭ—⁊,— —— AN—— i—2—jj— 261 das ſchon verwundete Herz der armen Schweſter drückte. — Wilhelmine antwortete nichts; ſie fuhr blos mit dem Nastuch über ihre brennende Stirne, und klagte über Wärme. „Wie geht es liebe Mina?“ fragte Aurora.„Du ſtehſt ja faſt aus, als ob das böſe Fieber wieder käme. Ach, wie glühend roth Du biſt, arme Mina, willſt Du etwas von Deinem kuͤhlenden Pulver?“ fragte ſie lieb⸗ reich und unſchuldig. „Nein, jetzt nicht, Aurora; es muß noch ſo lange ausreichen; aber ſage mir, haſt Du Deinen Liebling und erklärten Bewunderer, den Fähndrich Schmoll ver⸗ geſſen, da Du ſo beredt...“ „Den Rittmeiſter lobpreiſen kannſt, meinſt Du?“ fiel Aurora ein.„Nein, meine Liebe, ich halte deßhalb gleichviel auf Schmoll. Gott gebe, daß er bald von den Exerzitien, oder beſſer geſagt, von W— zurückkommen möge, wohin er nachher reiſen wird, wie mir Arel ſagte. Mit Schmoll kann ich ſchwätzen, lachen, ſpringen, in die Wette reiten und mein inniges Vergnügen haben, da ich eben ſo munter bin, wie er; ja wiſſe Mina, daß wenn er einmal Kapitän wird und eine Compagnie und eine gute Wohnſtelle bekommt, ich ihm Herz und Hand ſchen⸗ ken und meinen Namen gegen den ſeinigen austauſchen werde. Darüber ſind wir ſchon übereingekommen, wenn wir nicht unſern Sinn noch ändern. Aber ſieh'ſt Du, Minchen, das iſt durchaus kein Hinderniß, daß ich den Rittmeiſter Sterner für einen ungewöhnlich anziehenden Mann halten kann; er iſt auch gar ſo mitleidig. Ich könnte Dir darüber etwas erzählen, das ich vor ein paar Tagen von der Inſpectorin in Sorrby erfuhr.“ „Es iſt nicht recht von Dir, Aurora,“ ermahnte Mina, in dem entſchiedenen Tone einer älteren Schweſter, „ſo mit allen Menſchen, die kommen und gehen, Geſell⸗ ſchaft und Senat zu halten. Dies iſt eine Gewohnheit, die nichts Gutes mit ſich zu führen pflegt.“ „Ach, meine Liebe, was war denn da Böſes daran?“ 262 ſagte Aurora.„Ich begleitete Madame Blidberg auf dem Rückweg in der kleinen Allee hinaus, und da erzählte ſie mir etwas, das ihr Weſterlind, der ſchmucke Bediente bei dem Rittmeiſter, anvertraut hatte.“ „Und Du konnteſt Dich ſo weit herablaſſen, dies anzuhören? pfui Aurora! Bedientengeſchwätz iſt wahr⸗ haftig kein ſchicklicher Stoff für uns zum Anhören oder Beſprechen.“ „Nun, da kann ich ja ſchweigen,“ ſagte Aurora. „Du willſt vielleicht ſchlafen?“ Und da Mina eine be⸗ jahende Bewegung mit dem Kopfe machte, nahm das gutmüthige Mädchen ihre Arbeit, und ſetzte ſich in aller Stille in den entfernteſten Winkel des jungfräulichen Ge⸗ machs. Aber nie fühlte ſich Mina weniger ſchläfrig, als in dieſem Augenblick. Sie wünſchte von Herzen, ihre Schweſter moͤchte ihrem Winke nicht ſo dienſtfertig ge⸗ horcht haben; denn jetzt verbrach ſie ſich vergeblich den Kopf, um herauszubringen, was wohl Madame Blidberg erzählte haben könnte, und ob es wohl glaublich wäre, daß Sterner ſeinen Bedienten die Gefühle habe ahnen laſſen, die ihn bewegten. Ach, wie alle dieſe Mücken in ihrem Kopfe herum ſummten! Als ſie ſich eine Weile im Bett herumgedreht und gewunden hatte, ſagte ſie ſo gleichgültig als moglich: „Ich bin heute Abend nicht im Stande, einige Ruhe zu genießen. Du magſt alſo wieder mit Deinen Poſſen an⸗ fangen, Aurora; ſo vergeht die Zeit etwas ſchneller.“ „Mit meinen Poſſen? Was beehrſt Du denn mit dieſem Titel?“ fragte Aurora mit einer verdrießlichen Röthe auf ihren runden roſigen Wangen. „Alles, was Du vorhin von den Bewohnern von Sorrby erwähnteſt.“ „Ach nein, liebe Mina, das iſt ja bloßes Gewäſch! Ein Bedientengeſchwätz, und wenn es auch das intereſſan⸗ teſte wäre, iſt ja durchaus keine paſſende Unterhaltung für uns; es führt nie zu etwas Gutem; iſt's nicht ſo?— doch, ich muß wohl nicht ſo böſe ſeyn, da ich Dir an⸗ ſehe, wie außerordentlich gerne Du es wiſſen möchteſt. Ich will alſo jetzt erzählen, was ich gehört habe.“ Erröthend über die Schwachheit, die ſie Auroren verrathen hatte, wandte ſich Wilhelmine weg und ſagte kalt:„Thu, was Du willſt, meine Liebe; es iſt mir vollkommen gleichgültig.“ „Nein, jetzt ſprichſt Du nicht aufrichtig,“ ſagte Aurora;„es iſt gar nicht der Mühe werth, daß Du Dir ein ſo wichtiges Anſehen gibſt, höre alſo nur zu!“ Hiemit begann Aurora ihre Neuigkeiten auszukramen. „Der Rittmeiſter muß ohne Zweifel in Dich verliebt ſeyn, denn er ſchwebte in der tödtlichſten Angſt, als er erfuhr, daß Du krank ſey'ſt; und bei der erſten guten Nachricht, die er von Weſterlind erhielt,— es war an demſelben Tage, wo er ſeinen erſten Beſuch hier machte,— gab er dem Bedienten zehn Reichsthaler Banko. Was ſagſt Du dazu, Minchen?“ „Ich ſage,“ antwortete Mina haſtig und mit einem gewiſſen, nicht unbedeutenden Verdruß,„daß alles das ein Miſchmaſch iſt, der keinen Zuſammenhang hat. Oder kannſt Du das mit dem Zartgefühl des Rittmeiſters ver⸗ einigen, würde er, wie beſchaffen auch ſeine Gefühle ſeyn mögen, auf eine für mich ſo verletzende Art ſeine Theil⸗ nahme öffentlich kund gethan haben? Das iſt unmöglich, und ich bitte mir aus, Aurora, mich nie wieder zum Gegenſtand der Mittheilungen zu machen, die Madame Blidberg und Du mit einander haben.“— Etwas ver⸗ wundert ſah Aurora ihre Schweſter an, wandte ſich dann ſachte von ihr weg, und ſchüttete ohne ein Wort zu ſagen das vorhin verſchmähte kühlende Pulver in eine Schaale.—„Trinke, gute Mina,“ bat ſie herzlich,„ich ſehe, daß Dich das Fieber nicht allein krank, ſondern auch böſe macht.“ Aber Wilhelmine ſchob ſowohl die Taſſe, als die freundliche Hand, die ſie ihr darbot, hin⸗ weg.—„Ich will in Ruhe und allein ſeyn,“ ſagte ſie in entſchiedenem Tone.„Geh zur Mama hinab, Ror⸗ chen! Ich befinde mich vollkommen wohl.“— Schweigend — 264— wie ein ſanftes und gehorſames Kind verließ Aurora das Zimmer. Sie war ſechszehn Jahr alt und von jeher gewöhnt, in Wilhelminen, die um drei Jahr älter und um ſechs verſtändiger war, eine Art Mittelding zwiſchen Freundin, Mutter und Schweſter zu ſehen. Als Wilhelmine allein war, drängten ſich zwei große Thränen zwiſchen ihren Wimpern hervor und rollten lang⸗ ſam die glühenden Wangen herab.—„O Gott,“ ſeufzte ſte,„wenn dies wahr iſt, ſo war meine Hoffnung nur ein Traum! Wenn er liebte, ſo könnte er nicht im Stande ſeyn, ſeine Gefühle durch Fragen an ſeinen Bedienten entweihen, und dieſer würde dann keine Schlüſſe daraus gezogen haben. Ach! ich begreife Alles nur zu wohl! das unangenehme Gefühl, obwohl unſchuldigerweiſe der Urheber jenes leidigen Vorfalles geweſen zu ſeyn, ſtei— gerte ſein Mitleiden und das Mitleiden mit einem Kran⸗ ken braucht man nicht zu verheimlichen, da ſich damit keine beſondern Beziehungen verbinden. Sterner hegt kein Gefühl für mich, nein! keines, und ſein Bedienter hat es gewagt, ſeine Worte zu deuten, wie er ſie nach ſeiner beſchränkten Natur auslegen mußte.“— Welche Qual für Wilhelminen zu dieſem Reſultate zu gelangen! Zwar wollte die Hoffnung ſie mit der tröſtlichen Mög⸗ lichkeit beleben, daß ſie ſich irren könnte; aber es war entſetzlich, von der trügeriſchen Hoffnung und der Furcht, die ihre Stacheln immer tiefer in die blutende, von ihr ſelbſt geſchlagene Wunde drückte, hin⸗ und hergeriſſen zu werden.— In düſterer Wehmuth verging der Abend; und noch mehrere Tage nachher ward Wilhelmine, die ſowohl von körperlichen als geiſtigen Leiden ſich gequält fühlte, genöthigt das Bett zu hüten. Inzwiſchen nahte der Zeitpunkt heran, der zu Sterners Rückreiſe nach L.— beſtimmt war.. Der Oberſtlieutenant hatte den Tag nach ſeiner Heimkehr einen Beſuch in Sorrby gemacht und bei dieſer Gelegenheit ſeinen gewöhnlichen aufgeblaſenen Uebermuth bedeutend herabgeſtimmt. Der Rittmeiſter war ein im —— höchſ aß v wirtl ſpazi von keine ſich hinr part lieut ande Una ruhe Ein der Mit ner mu ma rora von älter ding roße ang⸗ ufzte nur ande nten raus ohl! der ſtei⸗ ran⸗ 265 höchſten Grade artiger und angenehmer Wirth. Man aß vortrefflich zuſammen zu Mittag, ſprach über Land⸗ wirthſchaft und Politik; trank, rauchte, ſpielte und ging ſpazieven; kurzum man war durchaus vergnügt und von beiden Seiten ward der Dämme und Wieſen mit keinem Worte erwähnt. Der Oberſtlieutenant ſchmeichelte ſich damit, daß ſein herablaſſendes Weſen ein mehr als hinreichender Schadenerſatz für die Verluſte ſeines Wider⸗ parts ſey. Sterner dagegen meinte, da ſich der Oberſt⸗ lieutenant jetzt ſo vernünftig, artig und fügſam, wie ein anderer Menſch benahm, ſo wäre es unrecht, ihn mit Unannehmlichkeiten zu plagen, die bis auf Weiteres ruhen konnten. Dadurch entſtand eine gewiſſe vertrauliche Eintracht, wobei ſich Alle wohl befanden. Dreimal in der Woche ſpeiste der Rittmeiſter auf Sorrbypark zu Mittag und täglich war Arel in Sorrby. Er und Ster⸗ ner waren einander unentbehrlich geworden. Sie laſen, muſieirten, ritten, jagten und fiſchten zuſammen. Sie machten Beſuche bei allen Nachbarn und überall waren ſie willkommen und erwünſcht. Man bemerkte übrigens, daß der Rittmeiſter in all' denjenigen Häuſern beſonders gut aufgenommen wurde, wo man heirathsfähige Töchter an geneigte Speculanten abzulaſſen hatte. So waren jetzt über vierzehn Tage verfloſſen. Schon ſollte Sterner in O— ſeyn; aber es war ihm unmöglich, Sorrby zu verlaſſen, ohne vorher mit Wilhelminen ge⸗ ſprochen zu haben. Inzwiſchen ward er bisweilen von dem Gedanken beunruhigt, daß die Fama auf ihren raſchen Schwingen einige zweideutige Nachrichten bis zu Auguſten tragen möchte, welche durch ſeine Abweſenheit über die Zeit einige Beſtärkung erhalten könnten. Er hatte be⸗ merkt, daß man in der Gegend ſchon anfing, ihn mit einer näheren Verbindung im Hauſe des Oberſtlieutenants zu necken. Obwohl dieß grundlos war, ſo wollte Sterner doch keine Veranlaſſung zu Erzählungen geben, die den beiden Fräuleins ſchaden könnten. Er kam deßhalb in Der Stellvertreter. 18 266 der dritten Woche weniger oft und beſchloß endlich, ſeine Abreiſe nicht länger mehr aufzuſchieben, ſo unangenehm es ihm auch war, Wilhelminen nicht vorher noch einmal ſohen und ein freundliches Wort mit ihr ſprechen zu önnen. 35. Die Inſtruktion eines Mentors wird . ausgefertigt. Vielleicht iſt meine ſcheinbare Kälte nur die Schnee⸗ decke auf einem Vulkan.. 3 Lindeberg. Eines Morgens, als der junge Arxel ſeinen Freund beſuchte,— es war in den letzten Tagen des Juni,— ſagte dieſer:„Morgen reiſe ich ab, zuerſt nach L— und dann nach Helſtngborg, um dort mit meinem Vetter zu⸗ ſammen zu treffen.“ „Ei, ei, was ſind das für Umwege?“ fragte der Kornet.„Warum reiſeſt du nicht geradezu nach Hel⸗ ſingborg, was führt dich nach L—?“ „Geſchäfte mit dem Poſtinſpector von Spalden, die, wie du leicht einſehen wirſt, eine Folge meiner Sendung ſind und auf die baldige Ankunft des Erben Beziehung haben.“—„Aha, ich erinnere mich jetzt der romantiſchen Geſchichte, die der Erblaſſer angeſponnen hat. Iſt ſie denn ſchön, das Fräulein von Spalden, vielleicht gleicht ſie ihrer Couſine, der Fräulein Stolzenbeck.“ „Nein, nicht im Geringſten,“ verſicherte Sterner, „ſie iſt in jeder Beziehung ſo weit über Henriette er⸗ haben, daß keine Vergleichung zwiſchen beiden ſtattfinden kann, weder was die Bildung, noch den Verſtand oder die weibliche Liebenswürdigkeit betrifft.“ 4 „Das iſt wahrhaſtig ſehr viel,“ ſagte Axel.„Aber da du es ſagſt, ſo muß es wohl wahr ſeyn; denn obo ſchon du ein vollendet artiger Cavalier biſt, ſo haſt u dich doch bei uns durchaus nicht als einen eifrigen Be⸗ wunderer jener entzückenden Weſen ausgezeichnet, die ich ſeine enehm inmal en zu d Schnee⸗ g. reund t,— und 43 zu⸗ te der Hel⸗ , die, ndung ehung iſchen ſſt ſie gleicht erner, te er⸗ finden oder ‚Aber un ob aſt du 1 Be⸗ ie ich 267 die Engel der Erde habe nennen hören. Du verſtehſt, ich meine ſchöne Mädchen.“ „Nein, im Allgemeinen bin ich kein Freund jener Art von Bewunderung, die bei einem großen Theil der jungen Männer beſtändig auf den Lippen ſchwebt,“ er⸗ wiederte Sterner.„Ich ſpreche meine Gedanken nicht oft in ſo kitzlichen Dingen aus, aber wenn ich eine ſolche Bewunderung äußere, ſo iſt es immer meines Herzens Meinung und Ueberzeugung.“ „Du hältſt alſo Henriette von Stolzenbeck für ein ſehr mittelmäßiges Mädchen,“ ſiel Arel ein. „Ja, für ſehr mittelmäßig,“ antwortete der Ritt⸗ meiſter,„ſie hat ein friſches und angenehmes Aeußeres und eine gewiſſe, unter andern Umſtänden nicht üble und für manchen ſehr reizende Gewaltthätigkeit, welche ſie gut kleiden würde, wenn ſie nicht unglücklicherweiſe den vornehmſten Beſtandtheil ihres Weſens ausmachte, und wenn man nicht durch das Uebermaß deſſelben an ein verzogenes Kind erinnert würde, das zwar liebenswürdig ſeyn kann, ſo lange es ſeinen eigenen Willen bekommt, aber bei dem geringſten Widerſpruch launiſch und eigen⸗ ſinnig wird. Die Natur hat ſie gewiß nicht ſtiefmütter⸗ lich behandelt, weder in der einen noch in der andern Hinſicht; aber Schmeicheleien, Eitelkeiten und eine min⸗ der ſorgfältige Erziehung haben ſchädlich auf ihren Cha⸗ rakter eingewirkt. Ihr Herz iſt gut; aber in ihrer Seele iſt nicht der geringſte Halt, denn ſie iſt leer. Sie würde ſelbſt erſtaunen, wenn ſie das Vermögen beſäße, durch den dunkeln Schleier der Eigenliebe und eines falſchen Selbſtvertrauens einen Blick in ihr Inneres zu werfen und die wirkliche Oede zu ſehen, die dort herrſcht. Sie iſt für eine untere Abtheilung des geſellſchaftlichen Lebens „geſchaffen, aber nicht für das hoͤhere. Für den ſtillen häuslichen Kreis paßt ſie durchaus nicht und wird es auch nie thun. Sie wird meines Bedünkens keine Hausfrau, die einen denkenden Mann glücklich macht.“ 18* — 268. Arel ſtand einen Augenblick ſtumm; endlich ſprach er:„Sie iſt ja mit deinem Vetter, deinem beſten Freunde, verlobt.“—„Ja, ſie iſt es,“ erwiederte Sterner.„Con⸗ ſtantin beſitzt einen leichten und fröhlichen Charakter. Ein augenblicklicher Eindruck ſetzt ſeine Seele in Feuer und Flammen; aber er iſt auch rechtlich geſinnt, gut und verſtändig. Gott gebe, daß er entweder bei Zeit die Augen öffnet, oder nie den Tag erlebt, wo er zu ſpät einſteht, daß er die Glückſeligkeit ſeiner Zukunft auf ein gefährliches Spiel geſetzt hat.“ 1 „Hei!“ fiel Arel zögernd ein,„ich muß dir ſagen, daß ich, wenn ich nicht in jener ſeltſamen Nacht erfah⸗ ren hätte, Henriette ſey deines Vetters Verlobte, wahr⸗ ſcheinlich ſein Schickſal getheilt haben würde, denn ſie ſchien mir bei dieſer Gelegenheit unbeſchreiblich reizend, unſchuldig und naiv, und auch auf mich übt der Augen⸗ blick ſtets ſeine Macht aus, ſo daß ich darin Conſtantin gleichen muß. Aber was ſagſt du zu einer ſolchen Beichte?“ „Daß ich ihren Inhalt ſchon vorher wußte,“ ver⸗ ſetzte der Rittmeiſter lächelnd;„aber ein vernünftiger Mann gebraucht die Kraft, die ihm unſere gute Mutter Natur in die Seele gelegt hat und wodurch er ſeinen eigenen Werth aufrecht erhält. Er kann nicht wünſchen, Intereſſe bei einem Weſen zu erwecken, deren Eitelkeit, durch die geringſte Huldigung gereizt, mit ihrer Pflicht in Streit gerathen könnte. Daß du in dieſer Hinſicht das Rechte gefunden und daß du auch darnach gehandelt haſt, geht daraus hervor, daß du jene Bekanntſchaft nicht erneuerteſt, ungeachtet während der Zeit, wo ſich die Fa⸗ milie in Ulriksdal aufhielt, nichts leichter ſeyn konnte. Dein damaliges Benehmen, Arel, hat größtentheils den Grund zu meiner Achtung vor dir und der Freundſchaft gelegt, die, wie ich mir ſchmeichle, für dich von mehr Werth ſeyn wird, als ein flüchtiger Triumph; denn glaube mir, was ich dir ſage, auch wenn Henriette frei „geweſen wäre, hätte ſie wahre Liebe doch nie begreifen oder erwiedern koͤnnen. Du haſt nichts verloren.“ Alex Hand denn üppi Liebe trau Erfa müff zeug lichk chen ſelb wen Fla um der du als dir 269 „Ich glaube dir, ich glaube dir von ganzem Herzen, Alexander,“ ſagte Arel und reichte ihm freundlich die Hand.„Dieſe Unterredung war mir von großem Nutzen; denn ich geſtehe, daß ihr Bild unaufhörlich in jenem üppigen Farbenglanz vor mir ſchwebte, den eine keimende Liebe dem theuren Gegenſtande verleiht; aber das Ver⸗ trauen, die feſte Zuverſicht, die ich in deine Worte, deine Erfahrung und Beobachtungen ſetze, die unpartheiiſch ſeyn müſſen, da ſie ja vollkommen uneigennützig ſind, über⸗ geugte mich, daß nur die Einbildung, nicht aber die Wirk⸗ lichkeit ſie mit all den Reizen geſchmückt hatte, von wel⸗ chen ich wachend und ſchlafend träumte. Das Abenteuner ſelbſt war ſo romantiſch, daß mein junges Gemüth noth⸗ wendig Feuer fangen mußte. Aber, Gott ſey Dank, dieſe Flamme iſt nicht von der unauslöſchlichen Gattung, denn um ein Herz in Ernſt zu feſſeln und meine Wahl vor der Vernunft zu rechtfertigen, braucht es, ich hoffe, daß du mir die Gerechtigkeit ſchenkſt, das zu glauben, mehr als einen flüchtigen Sinnenreiz.“ „Das thue ich,“ entgegnete dir dies zu beweiſen, trage ich kein Bedenken, dir eine Nachricht mitzutheilen, die ich dieſer Tage von Conſtantin erhalten habe. Er wird jetzt von ſeiner gewöhnlichen Station nach Weſtgöthland reiſen, und Henriette mit ihrer Mutter das Bad in*** beſuchen.“ Bei dieſen Worten fixirte der Rittmeiſter den Kornet, denn dieſer letztere hatte die Abſicht, in daſſelbe Bad zu gehen.— Axel erwiederte lächelnd:„dann ſoll ſie einen ſo guten Mentor an mir haben, als wäreſt du in eigener Perſon zugegen, mein Herzensbruder, denn anderer Leute Eigenthum iſt mir unter allen Umſtänden heilig, und es ſoll mich intereſſiren, zu ſehen, ob ſie das Vertrauen ver⸗ dient, das ihr Bräutigam ihr dadurch erweist, daß er ſie ſich ſelbſt überläßt.“ „Dank, mein redlicher Freund,“ ſagte Sterner, „du haſt meiner Erwartung entſprochen. Du amußt wiſ⸗ ſen, daß ich mit der Liebe und Sorgfalt eines Bruders, Sterner ernſt,„und um —— ja faſt eines Vaters ſtantin gehangen habe. Er war das einzige Weſen, das mich durch das Band der Freundſchaft an eine Welt knüpfte, wo mir Alles, was mir theuer war, ſo früh⸗ zeitig entrückt wurde, daß ich ſchon damals, wo das Gemüth kaum reif für die Schmerzen des Lebens iſt, faſt allein in einer erborgten Heimath ſtand. O Arxel! die Bitterkeit eines ſolchen Lebens kennſt du nicht, und haſt ſie nie gekannt. Aber Gott ſey Dank, das Ge⸗ mälde war nicht immer ſo düſter. Auch auf dem mei⸗ nen ſind Lichtpunkte. Ich habe Widerwärtigkeiten und Prüfungen gehabt; aber auch die Freude hat mir bis⸗ weilen ihren Becher gereicht. Ich habe die Welt, das Leben und die Menſchen geſehen, und nicht durch das Vergrößerungs⸗ und Verkleinerungsglas der Roman⸗ und Reiſebeſchreiber; nein, ich habe ſie mit meinen ei⸗ genen Augen und in meiner Nähe geſehen. Ich habe mich gefreut mit den Fröhlichen, habe geweint mit den Betrübten, und meine Seele hat mit unbegrenzter Be⸗ geiſterung die herrlichſten Meiſterwerke der Kunſt und Natur geſchaut. O wie reich iſt nicht das Leben, wie unerſchöpflich an Genüſſen für den, der ſie in den wah⸗ ren, reinen Quellen aufzuſuchen verſteht!— Aber mein Geiſt verirret ſich in die ſchirmenden Tempelhöfe der Vergangenheit; ich wollte ja von Conſtantin ſprechen. Sein lück war immer einer meiner eifrigſten Wünſche und wird es auch ſtets bleiben. Sorgen ſind in meiner Seele entſtanden in Beziehung auf eine Verbindung, die ſeine Hoffnungen in dieſer Hinſicht ſichern ſollte; und nicht ohne Furcht für ſie Beide ſehe ich ſeine Braut an ei⸗ nem Orte, wo ihre natürliche Neigung zur Gefallſucht mehr als gewöhnlich Nahrung finden kann. Inzwiſchen kann dieſe Reiſe ihren Nutzen haben. Durch dich werde ich einen getreuen Bericht über ihr Betragen während der Badeſaiſon bekommen. Wenn dieß ein ſolches iſt, wie es ſich für eine Braut ziemt, die nicht leichtſinnig 1 ſeit unſern Jugendtagen an Con⸗ das Recht zu haben glaubt, wie das freie Mädchen die ihr de nen d wiſſer drücke doch Weib ohne beleit der i ihr die treueẽ fers für ruhe beſt will ger wär wei To 271 chten Huldigungen, anzunehmen, zu beloh⸗ verwerfen, ſondern wenn ſie mit einem ge⸗ das wir Männer beſſer fühlen als aus⸗ drücken, ihre Bewunderer in jenem unmerklichen aber doch hinreichenden Abſtand erhält, den das gebildete Weib ſo leicht und faſt unmerklich zu bezeichnen weiß, ohne daß der, gegen den es angewendet wird, ſich für beleidigt halten kann,— ſo bin ich wahrhaftig der erſte, der ihr in meinem Herzen das Unrecht abbittet, das ich ihr angethan habe. Haſt du mich verſtanden, Axel, und die Beweggründe meiner Vorſicht begriffen?“ „Vollkommen, Alexander! Du findeſt in mir einen treuen Bundesgenoſſen, und ich weiß den Werth des Ei⸗ fers und zugleich das Zartgefühl zu ſchätzen, womit du für Conſtantin ſorgſt und handelſt, ohne ihm eine Un⸗ ruhe erwecken zu wollen, ehe ſich deine Ueberzeugung beſtätigt hat. Du kannſt vollkommen auf meine Dienſt⸗ willigkeit rechnen. Argus Augen ſollen nicht zuverläͤſſi⸗ ger ſeyn als die meinigen.“ „Nun, Gott ſey Dank,“ ſagte der Rittmeiſter,„ſo wäre alſo die Sache abgemacht! unterhalte dich jetzt einſt⸗ weilen mit einem Buche, während ich eine nothdürftige Toilette mache; denn es geht gegen Mittag.“ „Du mußt das Wort nothdürftig in ſorgfältig um⸗ ändern,“ ſcherzte Arel;„denn ich habe dir noch ni geſagt, daß meine älteſte Schweſter, die Krone aller Grazien nah und fern, jetzt endlich ſo weit hergeſtellt iſt, daß ſie verſprochen hat, heute Mittag zum Eſſen herab zu kommen, worauf wir alle eine kleine Spazier⸗ fahrt machen werden. Die arme Mina! es iſt ſchon ſo lange, daß ſie nicht mehr die friſche Luft genoß; ich hoffe und glaube, daß es ihr gut thun wird.“ „O wie ſehr freut mich dieſe Nachricht,“ ſprach Sterner in einem Tone, der die Wahrheit ſeiner Worte bezeugte.„Deine Schweſter iſt unendlich ſüß und lie⸗ benswürdig. Siehſt du Arel,“ ſetzte er zögernd hinzu, „das wäre ein Mädchen wie ich es für Conſtantin ihr dargebra nen oder zu wiſſen Etwas, 272 wünſchte.“— Nach dieſen Worten verließ er raſch das Zimmer und Arel dachte in ſeines Herzens Innerſtem: „Warum nicht für ſich ſelbſt?“— Eine Weile darauf machten ſich beide Freunde auf den Weg. Alles ſchien heute in Sorrbypark ein feſtliches Aus⸗ ſehen zu haben. Alle waren fröhlich, denn alle liebten die, welche ſich jetzt nach einer langwierigen Krankheit zum erſten Male wieder in einem Kreiſe zeigen ſollte, wo man ſie ſo lange vermißt hatte. Als die beiden Her⸗ ren in das Zimmer eintraten, hatte Wilhelmine eine halb liegende Stellung auf dem Sopha eingenommen. Sie erſchien faſt ſo weiß wie das geſchmackvolle weiße Kleid, das ihre üppigen jugendlichen Formen aimſchloß. Ueber die Schulter war nachläſſig ein Shawl von licht⸗ blauem Flor geworfen, und die dunklen Locken, glatt ge⸗ kämmt über der ſchönen weißen Stirne, quollen auf bei⸗ den Seiten einer kleinen höchſt geſchmackvollen Tüllhaube hervor. Um den blendenden Sonnenglanz zu mildern, waren die rothen Seidengardinen herunter gelaſſen, und das dadurch entſtandene Halblicht goß über das Ganze einen durchſichtigen Purpurſchimmer. Einen Augenblick ſtanden die beiden Herren in ſtum⸗ mer Bewunderung. Sie war wirklich ſchön; eine ſtille, ernſte Ruhe verklärte die herrlichen Züge. „Du biſt wahrhaftig ein allerliebſtes Kind,“ ſagte Arel und küßte ſie herzlich auf die Stirne.— Der Rittmeiſter trat heran; aber es geſchah nicht ganz mit ſeiner gewöhn⸗ lichen freien Haltung. Er kämpfte, um ſeine Rührung zu beſtegen, und dieſe war groß; denn mit Schmerzen ſah er den veränderten Ausdruck in ihrem ganzen Weſen, der dem ſo wenig glich, welcher ſie damals belebte, als er ſie bei dem Schmauſe der Probſtin ſah. Wilhelmine glaubte nicht, daß ein äußeres Zeichen den Sturm verrathe, der in ihrem Innern wühlte. Mit ſtiller Würde heftete ſie ihren Blick auf Sterner, als die⸗ ſer ehrerbietig ihre Hand faßte und mit wenigen einfachen Worten ſeine Freude über ihre Wiedergeneſung ausdrückte. 273 „Der Braten wird kalt,“ ſagte die Baronin;„was denkt Papa, daß er nicht kömmt!“— In demſelben Au⸗ genblick trat der Oberſtlieutenant in das Zimmer und bat Sterner mit einem ſo herzlichen Gruße willkommen zu ſeyn, als es ihm nur immer möglich war. Man ſetzte ſich gleich zu Tiſche, wo ſich die Unter⸗ haltung um allgemeine Gegenſtände drehte, bis der Oberſt⸗ lieutenant plötzlich ſagte: „Nun, ich höre von Arel, daß Sie uns ſchon mor⸗ vermiſſen.“— Sterner hatte ſeinen Platz gegenüber von Wilhelmine erhalten. Er warf bei dieſen Worten einen ſchnellen Blick über den, Tiſch hin, und ſah, daß ſich ihre bleiche Wange mit einer tiefen Röthe überzog, und es ſchien, als ob das Blut durch die feinen Adern dringen wollte. Ein leichtes Zittern durchbebte ihre Hand, als ſie ihrem Tiſchnachbar jene kleine Saucière hinreichte; aber kein Wort ging über ihre Lippen, als jetzt die Baronin und Aurora die Schleußen ihrer Beredtſamkeit öffneten, und den Rittmeiſter mit Ausdrücken ihrer Beſtürzung und Betrübniß, ſeine angenehme Geſellſchaft ſo bald zu ver⸗ lieren, überſchütteten. Ein ſchmerzliches Gefühl ging durch Sterners Seele, und mit ſtark betonten Worten erwiederte er:„Eine doppelte Pflicht ruft mich von hier, und Nie⸗ mand empfindet eine größere Freude, als ich, da Sie mir erlauben, wieder zu kommen und dieſe Tage zu erneuern, die durch die Freundſchaft und das Wohlwollen, womit mein geehrter Wirth und deſſen Familie mein ſonſt ſo ein⸗ ſames Leben in Sorrby erheitert haben, für mich ſo un⸗ ſchätzbar geworden ſind.“ Der Oberſtlieutenant nickte gnädig und winkte ſeinem Sohne, der den Befehl erhielt, nach einer beſonders auf⸗ bewahrten Bouteille Portwein zu ſehen, was in Sorrby⸗ park, wo man ſo ſelten Wein trank, als ein unerhörter Beweis von Achtung für den Gaſt des Hauſes anzuſehen Als der Pfropf mit großer Feierlichkeit ausgezogen 1 zurückgekom⸗ gen verlaſſen werden, Herr Sterner! wir werden Sie ſehr war. und Fräulein Aurora mit den Weingläſern 1 274 men war, wurden dieſe von Seiner Gnaden mit eigener Hand gefüllt, worauf er einen Toaſt auf die Freundſchaft und gute Nachbarſchaft zwiſchen den beiden Häuſern aus⸗ brachte. Sterner dankte im Namen ſeines Vetters und die Stühle wurden gerückt. 36. Die wichtige Erklärung. Doch Vieles duldet man, bis man erliegt, Allvater richte, wer von uns einſt ſiegt., Tegnér. Ein ſchöner und kühler Abend war auf des Tages Hitze gefolgt, und die jungen Leute ſollten eine Promenade im Parke machen. Da Aurora ohne Komplimente ihren Bru⸗ der beim Arm faßte, ſo war es eine natürliche Folge, daß Sterner Wilhelminen den ſeinigen anbieten mußte; aber Aurora, welche Areln hundert Kleinigkeiten zu zeigen hatte, die ſie mit dem Namen Pflanzungen beehrte, zog dieſen ſo ſchnell mit ſich fort, daß ſich Sterner und Mina bald allein ſahen. Das Gehen hatte ſie müde gemacht, und ſie ſetzten ſich daher auf eine kleine Raſenbank. „Mein gnädiges Fräulein,“ begann Sterner, denn bis jetzt hatte keines von Beiden ein Wort geſprochen,„wie oft habe ich mich angeklagt und mir vorgeworfen“.... „O ſtille davon, Herr Rittmeiſter, ſprechen wir nichts darüber, ich bitte Sie, laſſen Sie es uns vergeſſen! der ganze Vorfall war ja nur eine Zufälligkeit, eine Unbedeu⸗ tenheit und nichts weiter. Man erkältet ſich auf tauſender⸗ lei Arten!“— Aber ihre Stimme, obwohl ruhig, ver⸗ rieth doch die gräßliche Unruhe, die ſie quälte. Zugleich kam es Sternern auch vor, als ob ſie ſich beleidigt fühlte und dies war auch wirklich der Fall. Nichts konnte na⸗ türlicher und gewöhnlicher ſeyn, als die Unterhaltung mit „mein gnädiges Fräulein“ anzufangen, und dennoch fühlte Mina bei dieſem Ausdruck eine eiſige Kälte um ihr Herz. Jedes ſeiner Worte, ſein Ton, ſeine Miene, ſein ganzes Weſen gab ihr die Neberzengung, daß ſie ſich getäuſcht hatte. ſchaft teren blick, chen gültig einer richs Sor! res einer „Vie gehü beck han Ort Aug die leit Lau die hät N ☛ ͤ—— * 275 hatte. Es ward ihr klar, daß dies Alles nur eine freund⸗ ſchaftliche Theilnahme ausdrückte, die von jedem lebhaf⸗ teren Intereſſe frei war; doch dies war nicht der Augen⸗ blick, um ſich ſchwach zu zeigen. Ohne ein äußeres Zei⸗ chen von Verlegenheit oder Unruhe ſing ſie daher ein gleich⸗ gültiges Geſpräch über die Schönheit der Umgebung an. Der Rittmeiſter ſtimmte mit ein, und ſprach nach einer kurzen Pauſe:„Ich hatte auch im Vorſchlag, Ul⸗ richsthal zu kaufen, zugleich als ich an den Handel wegen Sorrby dachte, aber ich hoffe, mein Vetter wird ein größe⸗ res Gefallen an dem letzteren finden, da es den Vortheil einer weit ſchöneren Lage hat.“ „Der Geſchmack iſt verſchieden,“ meinte Wilhelmine. „Vielleicht hätte er Ulrichsthal vorgezogen; aber ich meine gehört zu haben, daß die verwittwete Frau von Stolzen⸗ beck zu gleicher Zeit wegen Ankauf des Gutes in Unter⸗ handlungen ſtand. Wurde nichts daraus?“ „Nein! ſie findet die Bedingungen zu hart, und den Ort ſelbſt, den ſie während der letzten Pfingſtfeiertage in Augenſchein nahm, zu ſehr verwildert. Deßhalb hat ſie die Abſicht, ihr Haus in F— beizubehalten.“ „Ich kann mir denken, daß dies wohl auch in Fräu⸗ lein von Stolzenbecks Geſchmack lag. Sie würde hier zu Land gar zu wenig Geſellſchaft gefunden haben, um ihr die frohe Lebensweiſe zu erſetzen, die ſie gewohnt ſeyn wird.“ —„Wenn ſie,“ erwiederte Sterner,„das Glück gehabt hätte, mit dem Fräulein von Stälkrona näher bekannt zu werden, ſo bin ich überzeugt, daß ſie ihre früheren Be⸗ kanntſchaften nicht vermißt haben würde.“ „Ich wage zu glauben,“ fiel Wilhelmine in einem Tone ein, der eine gewiſſe Miſchung von Stolz und Selbſt⸗ gefühl zeigte,„daß der Herr Rittmeiſter ſich hierin täu⸗ ſchen möchte, die einfachen Bewohnerinnen von Sorrby⸗ park wären gewiß wenig geeignet, dafür einen Erſatz zu gewähren.“— Sterner war über dieſe Antwort ſehr ver⸗ wundert. Er ſah ein, daß das Gerücht Henrietten bei den Fräulein von Stälkrona geſchadet hatte, und da ſein 276 gutes Herz dieſe Abneigung nicht beſtärken wollte, ſo ſprach er in einem Tone, deſſen Milde für die Strenge in dem Ausdrucke ſelbſt um Verzeihung zu bitten ſchien: „Fräulein Stolzenbeck beſitzt ſchon als meine künftige Ver⸗ wandte einen Anſpruch auf meinen Schutz; aber ſo viel ich weiß, bedarf ſie durchaus keiner Rechtfertigung.“ „Der Herr Rittmeiſter iſt ein beredter Vertheidiger,“ ſagte Wilhelmine;„aber ich wollte damit nichts Beleidi⸗ gendes über jene junge Dame ſagen, obwohl es nach der Beſchreibung, die man mir von ihr gemacht hat, noch jetzt meine Meinung iſt, daß wir nicht für einander paß⸗ ten, wenn Ihnen dieſer Ausdruck weniger anſtößig vorkommt.“ „Kein Ausdruck von Fräulein von Stälkrona's Lip⸗ pen kann anſtößig ſeyn,“ ſprach Sterner achtungsvoll; „aber es war mir unangenehm, zu vernehmen, daß Hen⸗ riette bei einer Dame ſo übel angeſchrieben ſeyn ſollte, die ich ſo hoch ſchätze.“ „Mein Urtheil,“ erwiederte Wilhelmine beſcheiden, „kann keinen Anſpruch auf Bedeutung machen; denn es ſtützt ſich weder auf Erfahrung, noch auf einen natürlichen Takt, zumal wenn es ſich um den Ton der feineren Welt handelt. Es kann deßhalb nicht gültig ſeyn. Aber ſagen Sie mir, ehe wir davon abbrechen, ob ſie ſo ſchön iſt, wie Arxel behauptet, ſeitdem er in jenem bekannten Aben⸗ teuer den Ritter machte?“— Dabei erröthete Wilhelmine ſtark und ſetzte verwirrt hinzu:„Ich meinerſeits ſollte nicht auf Abenteuer romantiſcher Natur hindeuten. Jenes war übrigens ein unvorſätzlicher Fehler, mit dem keine be⸗ ſondere Beziehung verbunden war.“„Davon bin ich vollkommen überzeugt,“ ſagte Sterner;„aber um Ihre Frage zu beantworten“— Sterner hatte jetzt beſchloſſen, die Wendung, die das Geſpräch genommen hatte, zu be⸗ nützen, um ſeine Gedanken auszuſprechen—„ſo muß ich ſagen, daß ſie nicht ſchön iſt, wenigſtens nach meinem Ideal von Schönheit. Es kann jedoch ſeyn, daß ich hierin kein unparteiiſcher Richter bin, da..5 Sterner fühlte eine ſolche Verwirrung, als wie wenn 277 9 er hätte Fräulein von Staͤlkrona ſelbſt mit einer Liebes⸗ n erklärung aufwarten wollen.—„Da?“— unterbrach Wil⸗ 1 helmine das lange Stillſchweigen;„ſeyn Sie ſo gut und 1 ſprechen Sie weiter!“. 1b„Da alle meine Begriffe in dieſer Hinſicht ſich in . einem einzigen Gegenſtande vereinigen.“ „In der That?“ ſtammelte Wilhelmine in tödtlicher 4 Angſt; denn ſie faßte den Sinn dieſer Worte nicht voll⸗ r kommen.—„Und vean es nicht zu kühn wäre,“ fuhr h Sterner fort,„Ihren Geſchmack darüber zu Rathe zu 3 ziehen, ſo würde ich Ihnen das Bild des Originals zei⸗ gen, in dem alle meine Ideen und Vorſtellungen von dem 7 Schönen zuſammentreffen.“ Bei dieſen Worten machte er. ; die Kette los, woran Auguſtens Portrait befeſtigt war, 7 und reichte dies Wilhelminen, die es mit einem Blicke be⸗ trachtete, worin ſich eben ſo ſehr Bewunderung, als tiefer Schmerz und Hoffnungsloſigkeit malte. Sterner wagte kaum zu athmen, in Erwartung der Worte, die er zu hören bekommen ſollte. „Ich habe oft von Engeln geträumt,“ ſprach ſie leiſe faſt bei ſich ſelbſt.„Dieß Bild erinnert mich da⸗ ran. Sie iſt etwas beſſeres als ſchön; denn das glän⸗ zende Aeußere ſpiegelt zugleich die herrlichen Eigenſchaf⸗ ten der Seele zuruͤck, die ſo wahr und getreu in dieſem reinen unſchuldvollen Blick, auf dieſer weiſen, klaren Stirne zu leſen ſind!“— Wilhelmine ſchwieg einen Au⸗ genblick.—„Ihr Name?“ fragte ſie zögernd. „Iſt bis auf Weiteres in mein Herz eingegraben,“ antwortete Sterner.„Aber ſollten eines Tages meine wärmſten Wünſche in Erfüllung gehen, ſollte ich ſie als meine Gattin begrüßen dürfen; ſo“— ſagte er und nahm das Portrait zurück—„ſo kenne ich nichts, das mein Glück in einem höheren Grade vervollkommnen würde, als wenn ihr Fräulein von Stäͤlkrona ihre Freund⸗ ſchaft ſchenken wollte. In dem Gedanken, ſie beide wie Schweſtern vereinigt zu ſehen, liegt meine höchſte Seligkeit. — ⏑̈—õ—8N ⏑X⏑ ℳ**g8ͤ-;——— ——— ½— 278 „Keine Worte vermöchten den Schmerz getreu zu ſchildern, der in dieſem Augenblicke Wilhelminens Seele durchbebte. Und vielleicht war es noch die bitterſte von allen Gewißheiten, daß ſte Sterner nur um ihrer eige⸗ nen Ruhe willen zu ſeiner Vertrauten machte. Er kannte alſo ihre Schwachheit, und reichte ihr ſelbſt die Planke, quf welcher ſie ſich retten mußte, ehe ſie auf dem uner⸗ meßlichen Meer der Leidenſchaft ganz fortgetrieben ward. Gekränkt, aber auch den Edelmuth ſeiner Handlungs⸗ weiſe erkennend, erhob ſie ſich langſam und ſprach in einem Tone, der zwar etwas zitterte, aber dennoch ziemliche Stärke und Seelenkraft bewies:„Die Gattin des Rittmeiſters Sterner wird in Wilhelmine Stälkrona ſtets eine zärtliche Schweſter und treue Freundin finden.“ Tief gerührt, denn Sterners Herz, obwohl ſtählern, war doch ein menſchliches Herz, beugte er ſich über die Hand des jungen Mädchens, drückte ſie an ſeine Lippen und ſprach:„Erlauben Sie mir, nächſt ihr, deren Bild kein anderes Weib aus meinem Herzen zu drängen ver⸗ mag, meine Dankbarkeit und ehrfurchtsvolle Huldigung Ihnen darzubringen, und das Gedächtniß an die edle ſtolze Wilhelmine wird in unauslöſchlichen Zügen hier fortleben.“— Wilhelmine verbeugte ſich ſtumm, zog ihre Hand zurück, und ging ſo ſchnell es ihre Kraͤfte erlaubten, der Richtung zu, wohin ſich Axel und Au⸗ rora verloren hatten. Der Rittmeiſter folgte ihr auf einige Schritte Entfernung. Der Fußpfad war ſchmal, und dieſes konnte als ein wahres Glück angeſehen wer⸗ den; denn wenn Perſonen nebeneinander gehen, ſo er⸗ fordert es die Höflichkeit, daß man etwas ſpricht; wenn man hingegen hintereinander geht und ſich noch damit beſchäftigen muß, die verwickelten Zweige bei Seite zu biegen, die ſich in allen Richtungen kreuzen, ſo iſt dieß ein guter Vorwand zum Stillſchweigen. Sterner und das Fräulein hatten die Gegenſtände ihrer Unterhaltung„ ſo ganz und gar erſchöpft, daß ihnen Beiden die Hin⸗ derniſſe, welche eine weitere Mittheilung abſchnitten, — . gera vere die mit übte müt 279 ut gerade recht kamen. Bald war die kleine Geſellſchaft le. vereinigt, und jetzt bekam der Rittmeiſter Gelegenheit, n die Geiſtesgegenwart und die Ruhe zu bewundern, wo⸗ 1 mit ein bisher in der Selbſtbeherrſchung ſo wenig ge⸗ te übtes Mädchen alle Spuren der vorangegangenen Ge⸗ e müthsbewegung verbergen konnte. Sie ſprach über die 4 gewöͤhnlichſten Dinge mit vollkommener Aufmerkſamkeit, 3 und intereſſirte ſich aufrichtig für die vielen Kleinigkei⸗ „ ten, die Aurora beſchäftigten, welche alle mögliche Vor⸗ n ſchläge machte, um gewiſſe Stellen im Park ohne große h Koſten zu verſchönern. Wilhelmine ſprach mit Axeln n von den Vorbereitungen zu ſeiner Badereiſe, von einem a Bauern, der den Arm gebrochen, von der langwierigen „ Dürre, die Mammas Gemüſe zerſtort hatte; kurzum, ſie I ſprach von allem ſo unbefangen, daß der ſcharfſichtigſte 8 Menſchenkenner nicht hätte entdecken können, daß dieſe n Ruhe nur eine ſcheinbare war. d Der Rittmeiſter nahm bei Zeit Abſchied, und trat 3 am folgenden Morgen ſeine Reiſe nach L— an, wo 4 3 er nach einem zweitägigen ununterbrochenen Rütteln und 2 Schütteln vor ſelner alten Wohnung beim Goldſchmied r Hjertberg am 29. Juni gegen die Mittagszeit ankam. — 32. — Die Erbſünde.— Die Frucht von Weſter⸗ 9 linds Beobachtungen. Wohl ſeh' ich: Dir tropfen die Lider, — Doch wein' nicht, wir finden uns wieder! Iſt lang auch im Norden die Nacht, Kommt einmal der Tag doch mit Pracht! Nikander. So wohl die ſtarke Hitze als der Mangel an Ruhe hatten dem Rittmeiſter ein ſo bedeutendes Unwohlſeyn zugezogen, daß er für dieſen Tag dem Glück Auguſten zu ſehen entſagen mußte; aber inzwiſchen ward Weſter⸗ 4 lind abgeſandt, um die Ankunft ſeines Herrn zu mel⸗ den und ihn zu entſchuldigen, daß er dem Poſt⸗Inſpek⸗ 280 tor nicht perſönlich ſeinen Beſuch machen konnte. Als⸗ Ih Weſterlind in dieſer Abſicht dort ankam, traf er Frau S von Spalden allein.— Nun weiß man, daß auch die W beſten und verſtändigſten Frauen nicht ganz ohne Fehler eig ſeyn können, mögen dieſe nun angeerbt oder arworben än ſeyn, und Frau von Spalden konnte nicht als eine Aus⸗ ſie nahmé gelten. Sie huldigte der alten Lieblingsſünde be⸗ ihres Geſchlechts, der Neugier. Nach einigen gewöhn⸗ lichen vorbereitenden Fragen über dieſes und jenes, nebſt E dem wohlwollenden Anerbieten eines Schnapſes mit Back⸗ da werk dazu, kam ſie bald in den Beſitz des wichtigen Ge⸗ ne heimniſſes, das Weſterlind ausgeforſcht zu haben glaubte. w Alles das geſchah jedoch auf eine Art, die ſich mit ih⸗ ih rer Würde vereinigen ließ; wenigſtens war ſie ſelbſt feſt tr überzeugt, daß ſie ihre Ausſpähung mit einer Feinheit vr bewerkſtelligt hatte, die ihrem Scharfſinn Ehre machte, m und alſo fuͤr eine Dame von Stand nicht unſchicklich N ſeyn konnte.— Als der Bediente ſich entferut hatte, war zu 3 es ihre erſte Sorge, ihre Gedanken zu einem etwas zu⸗ er ſammenhängenden Ganzen zu ordnen, und darüber nach⸗ ſi zuſinnen, wie und zu welchem Zweck ſie die wichtige b. 3 Neuigkeit, die ſie herausgebracht hatte, am beſten an⸗ ſe wenden könnte. Dieß war nicht leicht zu entſcheiden. ¹n Auguſtens Herz mußte immerhin davon bluten; aber es je war auf alle Fälle kein Unglück, ſondern im Gegentheile ſ ſehr gut, daß ihr die Augen in Beziehung auf das Be⸗ iſ nehmen des Rittmeiſters geöffnet wurden.„Denn,”““ v meinte Frau von Spalden,„wenn ſie jetzt ihre Hoffnung h Hetäuſcht ſieht, ſo muß der Stolz die romantiſchen Gril⸗ n len in die Flucht ſchlagen, und ſomit ja der Erbe Sie⸗ n ger bleiben.“ 1 d Die weſentliche Frage war alſo nur die, ob ſie dieſſen b Schlag ſogleich auf Auguſten fallen laſſen, oder damit d zögern und ihre Neuigkeiten als Hülfstruppen bei dem 2 großen Angriff benutzen ſollte, den der erwartete Bräu⸗ tigam auf das Herz des Mädchens machen mußte. Viele Gründe dafür und dagegen zeigten ſich der guten Frau. „ 281 Ihren Mann konnte ſie nicht zu Rathe ziehen; denn Schwätzereien haßte der Poſtinſpektor, und hatte ſeinem Weibe ſtrenge verboten, auf eine andere Art als durch ihre eigenen Augen die geringſte Notiz von anderer Leute Thun und Laſſen zu nehmen. Es war alſo nicht denkbar, daß ſie von dieſer Seite einen Wink über die Art und Weiſe bekommen würde, die ſie hier zu beobachten hatte. Der folgende Morgen erſchien, ohne daß ſie zu einem Entſchluſſe gekommen war, und das Sonderbarſte war, daß Frau von Spalden, Auguſte nicht einmal von Ster⸗ ners Zurückkunft unterrichtet hatte; aber da ihr dies noth⸗ wendig bekannt werden mußte, ſo hielt ſie es für ihre Pflicht, ihre Entdeckung Auguſten noch vor ihrem Zuſammen⸗ treffen mit Sterner mitzutheilen;„denn,“ dachte Frau — von Spalden,„wenn die Welt nicht ganz verkehrt iſt, ſo muß ſie doch wohl die Gefühle, die ſich nach einer ſolchen Nachricht nicht mehr nähren kann, ohne vor ſich ſelbſt zu erröthen, unterdrücken. Ich gehe!“— Mit einer ernſthaften und wichtigen, auf Effekt berechneten Miene trat ſie in das Zimmer ihrer Tochter. In demſelben Augen⸗ blick, als Frau von Spalden die Thüre dieſes Zimmers ſchloß, ward die zum Vorzimmer geöffnet, und Sterner trat ein. Er ging auf Auguſtens Zimmer zu, hemmte jedoch ſeine Schritte, als er die Mutter mit einem ſehr ſonderbaren Ton der Stimmie ſagen hörte:„Nun endlich iſt der Rittmeiſter wiedergekommen! Kannſt Du Dir wohl vorſtellen, mein Kind, was ihn ſo lange zurückgehalten hat?“—„Nie,“ ſagte Sterner bei ſich ſelbſt,„hab ich mich herabgelaſſen, zu horchen; aber dieſe Sache iſt zu wichtig für mich und berührt ja nur mich ſelbſt. Ich muß die Fortſetzung wiſſen.“— Er ſetzte ſich nach dieſem lo⸗ benswerthen Entſchluß an ein Fenſter, das in der Nähe der Thüre war, und konnte von dieſem Platz aus jedes Wort ungehindert hören. „Nun, Auguſte, warum ſo ſtill?“ fuhr Frau von Spalden fort.„Vielleicht haſt Du ſchon eine Ahnung.“ Der Stellvertreter. 19 — 282 „Nein, liebe Mamma! ich dachte nur an ihn, nicht an die etwaigen Nebenumſtände,“ ließ ſich Auguſtens ſanfte Stimme ruhig und klar vernehmen.„Was meinſt Du denn, Mamma, was ihn zurückgehalten haben könnte?“ „Ach, mein armes Kind!“ ſagte Frau von Spalden mit mütterlicher Theilnahme,„ich wage es Dir kaum zu ſagen. Verſprich mir wenigſtens, Deinen ganzen Muth zuſammen zu nehmen, um dieſen Schmerz mit Stand⸗ haftigkeit zu ertragen, und ſieh darin eine Fügung Gottes, der es ſo haben wollte.“ „O um Gottes Barmherzigkeit willen, meine liebe Mamma!“ bat Auguſte angſtvoll,„ſprich nicht in Räth⸗ ſeln, laß dieſe Vorbereitungen, ſag es auf einmal heraus, es iſt ihm Etwas zugeſtoßen, er iſt krank?“ „Er muß ſich in der That nicht ganz wohl befunden haben, als er geſtern Mittag in der Stadt anlangte. Das ließ er wenigſtens durch ſeinen Bedienten melden. Aber kommt Dir das nicht zweideutig vor?“ „Zweideutig? in wie fern?“ ſtammelte Auguſte. „O nichts weiter, als daß die Krankheit möglicher⸗ weiſe von einer ſehr eigenen, ſonderbaren Natur ſeyn könnte, z. B. wenn ſein Herz verwundet an dem Ort zu⸗ rückgeblieben wäre, den er verlaſſen hat.“ Sterner konnte vor Zorn und Unruhe kaum athmen. Er zitterte vor dem Eindruck, den dieſe Mittheilung der Mutter machen würde; aber zu ſeiner unbeſchreiblichen Freude und Erleichterung hörte er, wie Auguſte mit gro⸗ ßer Zuverſicht antwortete:„Gott ſey Dank! daß es ſonſt nichts iſt! Mamma erſchreckte mich recht. Das ſind nichts als Schwätzereien!“— „So biſt Du wirklich ſo ſicher, meine Tochter? bet ich, Deine Mutter, ſage Dir, daß ich mit aller Beſtimmt⸗ heit weiß, daß er bis über die Ohren in ein Fräulein Staͤlkrona verliebt iſt. Dieſes Mädchen erkrankte, und der Rittmeiſter war ganz außer ſich. Und wenn ihre Un⸗ päßlichkeit eine Ewigkeit gedauert hätte, ſo wäre er nicht eher abgereist, als bis er ſie wieder geſehen und geſpro⸗ — ———jj — 1. P9„—=ͤ — nicht anfte Du 2 3 lden 1 zu kuth and⸗ ttes, liebe äth⸗ aus, uden Das Aber her⸗ ſeyn zu⸗ nen. der chen gro⸗ onſt ichts er imt⸗ lein und Un⸗ nicht pro⸗ 283 chen hätte. Sie genas, und die Unterredung wird wahr⸗ ſcheinlich am Tage, ehe er Sorrby verließ, ſtattgefunden haben. Sie gingen damals einige Stunden zuſammen ſpazieren. Gott weiß, was er dabei für ſchöne Sachen geſagt und gehört hat! Aber von dieſer Zeit an hat er ganz wie im Traume gelebt.“ Sterner lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Auguſtens Stimme verrieth kein Zeichen von unge⸗ wöhnlicher Bewegung, als ſie erwiederte:„Wie Andere dieſen Vorfall erklären werden, kann ich nicht ſagen; aber ich meines Theils ſehe nicht ein, warum er in das Fräu⸗ lein verliebt ſeyn ſoll, weil er ſich für ihre Geſundheit intereſſirt, wenn ſie krank, und mit ihr ſpazieren geht, wenn ſie wieder geneſen iſt.“ 1 „Auguſte, mein Kind, ich habe Dich nie vorher ſo eigenſinnig geſehen. Sey alſo ſo blind als Du willſt, aber wiſſe, daß die ganze Gegend glaubt und weiß, daß er ſich um das junge und ſchöne Mädchen bewirbt.“ „Und wenn auch die ganze Welt glaubt und ſagt,“ erwiederte Auguſte ernſt und beſtimmt,„daß Sterner von Morgens bis Abends vor Fräulein von Stälkrona auf den Knieen liegt, ſo ſage ich doch, daß es nicht wahr iſt. Laß uns deßhalb dieſen Stoff abbrechen, meine beſte Mamma; denn wenn mein Glauben und meine Ueberzeugung ein⸗ mal feſtgewurzelt haben, ſo laſſen ſie ſich nie wieder aus⸗ reißen.“—„O du himmliſcher Engel!“ flüſterte der Ritt⸗ meiſter entzückt,„ſo mußte die ſeyn, die mich feſſeln konntel Weſterlind, du Erzſchurke, du haſt alles Das angeſtellt! ich ſollte dir eigentlich deinen Abſchied geben; aber da deine Dieuſtfertigkeit, anſtatt zu ſchaden, mir einen Zug in Auguſtens Charakter enthüllt hat, der alle ihre herrlichen Eigenſchaften übertrifft, ſo mag die Sache für diesmal paſſiren.“ Nach einer kleinen Pauſe hörte man wieder die Stimme der Mutter:„Nun ſo behalte meinetwegen Deine Ueber⸗ zeugung; aber ſage mir wenigſtens, worauf Du ſie ſtützeſt?“ . 19* — 1 284 4 „Liebe Mamma, ich habe eine ſichere und gute Stütze an der Kenntniß von Sterners Charakter. Sein Herz iſt nicht wandelbar, und obſchon mein Verſtand in der That die Beweggründe zu ſeinen Handlungen in gewiſſer Bezie⸗ hung nicht begreifen kann, ſo glaube ich doch, daß ſie gut ſind. Sein Blick, ſein Ton und ſein ganzes Weſen können nicht täuſchen. Und deßhalb bin ich überzeugt, daß er Fräulein von Staͤlkrona nicht liebt.“ Ohne ein Wort zu erwiedern, denn ſie ſah ein, daß es doch fruchtlos ſeyn würde, verließ Frau von Spalden das Zimmer. Sie ward ſehr unangenehm überraſcht, Sternern im Saale zu finden. Ein frohes Lächeln ſchwebte über ſeine Lippen, als er ſie begrüßte. „Ach wie ärgerlich,“ dachte ſie,„jetzt hat er gewiß Auguſtens Schwachheit gehört.“ Mit einer nicht geringen Verlegenheit erwiederte ſie ſeine Begrüßung, und ſprach kalt:„Es iſt recht erfreulich und zu verwundern, Herr Rittmeiſter, wie Sie ſo heiter und geſund ausſehen, da Sie doch erſt geſtern noch unpäß⸗ lich waren.“—„Das war nur eine Folge von der Anſtren⸗ gung der Reiſe und der ſtarken Hitze,“ ſagte Sterner. „Da ich nun heute wieder vollkommen hergeſtellt bin, ſo kann iich nicht recht einſehen, warum ſich ein fröhliches Ausſehen nicht mit einem überſtandenen Unwohlſeyn ver⸗ einigen laſſen ſollte.“ „O ja, das läßt es ſich gewiß. Ich meinte eigent⸗ lich nicht ſo,“ ſtammelte Frau von Spalden etwas ver⸗ wirrt, da ſie ſelbſt nicht wußte und noch weniger aus⸗ drücken konnte, was ſie meinte; denn ſie war noch zu ſehr von dem Gedanken betroffen, der Rittmeiſter könnte gehört haben, daß ſie ſich mit der Ausſpührung ſeiner Privatangelegenheiten befaßte.—„Es iſt verdrießlich,“ ſetzte ſie hinzu,„daß Papa gicht zu Hauſe iſt; aber er wird wohl bald heimkommen, denke ich.“. 8 „Mit Ihrer Erlaubniß,“ verſetzte Sterner,„werd ich unterdeſſen das Fräulein begrüßen.“— Diesmal hätte die gute Frau gerne aus freiem Willen päß⸗ tren⸗ rner. „ ſo iches ver⸗ gent⸗ ver⸗ aus⸗ h zu nnte einer ich,“ er er verde illen das unangenehme Amt üb noch vor Kurzem auferlegt hatte; ſpektor ſeitdem ganz entgege ſo machte ſie eine gewiſſe h mit dem Kopfe, zeigte dabei auf das Zimmer, Tochter verweilte, und beei in das Haus des Bürgerm Herrn und Meiſter von der Kenntniß zu ſetzen. Sterner Winke zu folgen und trat bei Auguſten ein, einer Miene, die von der reinſten Freude ſtrahl gegen ging. Der erſte Blick, den ſie auf überzeugte ſie, daß alles, w ſchwätz die Thüre zurü nur ein grundloſes Ge Sterner noch einmal durch um zu entdecken, ob irgend ein lauſ Saale befinde, trat er vorwärts, faßte Hände, drückte ſie herzlich und ſprach:„ verzeihen, ich habe Ihr Geſpräch mit Ihrer o Auguſte, wie dankbar bin ich Ihn 285 ngeſetzte Befe „Wahrſcheinlich liegt der Urſprun nes Bedienten zu Intriguen i während der Krankheit des F und es iſt eine unbeſtrittene Wahr gang jener Krankheit mit Unruhe heit, ich aus derſelben Urſache mich einige Nach einem kurzen Sti „Ich kann und will nicht läu — — ernommen, das ihr ihr Mann aber da der Poſtin⸗ ehle gegeben hatte, alb widerſtrebende Verbeugung lte ſich ſodann, einen Boten eiſters zu ſchicken, um ihren Ankunft des Nittmeiſters in beeilte ſich inzwiſchen, jenem Sternern warf, as ihre Mutter erzähl geweſen war. ckgeſehen hatte, chendes Ohr ſich im Auguſtens beide Können Sie mir Mutter gehört, en für J haftigkeit; nein! ich kann nicht täuſchen; ich liebe Fräu⸗ lein von Stälkrona nicht!“ „Das wußte ich,“ ſpra Lächeln;„aber warum ſpricht ch Auguſte mit dem ſüßeſten das Gerücht ſo?“ g dieſes verdrieß⸗ lichen und unbegründeten Mährchens in dem Ha und Schwätzereien. Ich war raͤuleins oft in Sorrbypark, daß ich den Aus⸗ abwartete, ſt Tage über die ſeſt⸗ geſetzte Zeit dort aufhielt, um ſie ſehen ur können. Alles das, was ſeinen Dingen hatte, ſah Weſterlind für 2 und war frech genug, ſeine Vermuthung auszubreiten.“ llſchweigen fuhr Sterner fort: gnen, daß Fraͤulein von Grund in Anzeichen der Liebe an, 286 Stälkrona eine warme Theilnahme bei mir erweckt hat. Die Urſache hievon wage ich bis jetzt Kicht zu verrathen, da ich mein Verſprechen gegeben habe, und es überdies meine eigene Ueberzeugung iſt, daß es ſo recht iſt. Möge mein Wort Auguſten ein Bürge ſeyn, daß meine Ge⸗ fühle für Fräulein von Stälkrona aus einer unbegrenz⸗ ten Theilnahme und der Achtung entſprungen ſind, welche Niemand, der dieſes edle und hochſinnige Mädchen kennt, ihr verweigern kann.“ Die tiefe und klangvolle Stimme des Rittmeiſters tönte ſo weich und traurig, daß es Auguſten in die Seele griff.„Armes Fräulein Stäl krona,“ ſeufzte ſie. „Ich ahne, daß der Schmerz, der an ihrem jungen Leben zehrt, ein ſchwerer zu überwindender Feind ſeyn mag, als die qualvollſte Krankheit. Ach, daß ich ſie kennte, was wollt' ich nicht thun, um ſie glücklich zu machen!“ „Dieſe Zeit wird kommen, liebe Auguſte, wenn Sie Gebieterin von Sorrby ſind. Dann weiß ich, daß Sie die zärtlichſte Sorgfalt Ihres warmen und reichen Her⸗ zens an ſie verſchwenden werden.“ 1 „Wenn dieſe Zeit intrifft⸗ von der Sie jetzt ſpre⸗ chen, Herr Rittmeiſter, dann iſt mein Herz ſchon für die Fraͤuden, ſo wie für die Leiden des Lebens erkaltet,“ ſagte Auguſte ſchaudernd, und ſchmerzlich ergriffen von dem Gedanken an die nahe bevorſtehende Entſcheidung ihres Schickſals⸗ „Gott bewahre uns vor einem ſolchen Unglück!“ ſagte Sterner mit ruhigem Ernſt.„Ihre Seele iſt ſtark, Fräulein Auguſte; ſie wird nicht untergehen, wenn ihre Standhaftigkeit am meiſten nöthig iſt, denn ſie weiß, bei wem wir unſere Stärke zu ſuchen haben. Erinnern Sie ſich noch meiner Worte, als wir uns das letzte Mal trennten?“ „Ach ja! mehr als zu gut; aber es gibt Stunden, wo der Glauben an Ihre Verſprechungen und Verſiche⸗ rungen von Schutz vor dem grenzenloſen Unglück, das mich bedroht, in finen faſt heffnungsloſen Huundf mit 287 ud Unerklärlichen in Ihrer Handlungs⸗ dem Sonderbaren u weiſe geräth.“ 3 „Ich gebe zu,“ erwiederte Sterner,„daß meine Handlungsweiſe ſonderbar erſcheinen mag. Aber ſollte es wohl zu viel gewagt ſeyn, wenn ich Auguſte bitte, ſich ſelbſt zu fragen, ob ihr nicht gerade das einigen Grund zu der Vermuthung gegeben habe, daß ſchwerlich ein Unglück für ſie zu befürchten ſeyn möchte, da ich ſelbſt ruhig bin.“— „Ja, Sie ſind immer ruhig, immer ſicher, immer zufrieden, Herr Rittmeiſter,“ ſagte Auguſte mit einigem Aerger;„aber ich weiß nicht, wie weit es mit der Selbſt⸗ ſtändigkeit des Gedankens und dem Begriff der eigenen Seelenkraft, die Sie, wie ich hoffe, auch einem Weibe nicht abſprechen werden, übereinſtimmen mag; wenn man bloß glaubt, blindlings glaubt, ohne eigene Prüfung und deßhalb, weil eine Perſon, die unſere Achtung und unſer Vertrauen genießt, geſagt hat, man ſolle glauben! Nein, Herr Rittmeiſter Sterner, es verhält ſich nicht ſo mit mir; ich gleiche den andern Menſchen⸗ kindern, die da fühlen und leiden, weil ſie in dem kalten Wirklichkeit und nicht in jenem Reiche leben, das aus den Dunſtgebilden einer krankhaften und ſchwär⸗ meriſchen Phantaſie geformt iſt. Freud und Leid ſind für mich keineswegs daſſelbe. Ich bin keine ſolche Heldin, daß ich meine g nach den Ketten aus⸗ ſtreckte, nur um die kindiſche Freude zu haben, zeigen zu können, daß ich, und den Muth habe, mit meinem Willen alle Gefühle zu be⸗ herrſchen, die die Natur in meine Seele gelegt hat.“ O Auguſte!“ ſprach vorwurfsvollen Ton, niſt es möglich, daß Sie mich ſo verkennen können? Halten Sie mich ür ei wahnſinnigen Phantaſten? Sollte mir die höchſte Glück⸗ ſeligkeit des Lebens und ſein bitterſter Schmerz gleich⸗ gültig. ſeyn, weil ich Etwas zu erreichen ſtrebe, das i wenigſtens für eine Pflicht gegen mich ſelbſt halte? Ich kann mich jetzt nicht deutlicher erklären, mögen auch die Folgen ſeyn, welche ſie wollen; aber wiſſen Sie, von dem Augenblick an, wo Sie an der Reinheit und Wahr⸗ heit meiner Gefühle und Grundſätze zweifeln, iſt das heilige Band des Vertrauens gelöst, und— was einmal getrennt geweſen iſt, kann nicht wieder zu ſeinem ur⸗ ſprünglichen Ganzen zuſammen gefügt werden. Sie haben mich ſehr und tief gekränkt.“— S — Auguſte ſchlug ihre Augen auf und ihr Blick traf die hohe Geſtalt des Rittmeiſters, die ſtolz und Achtung gebietend vor ihr ſtand. Sein ganzes Weſen drückte Schmerz und Unwillen, tiefe, mit gewaltſamer Selbſtbe⸗ herrſchung unterdrückte Gemüthsbewegung aus; ſein Auge war gedankenvoll an den Boden geheftet. Auguſte hatte Recht in dem, was ſie ſagte und wahrſcheinlich würde ſie gegen jeden Andern, ſogar gegen ihren Vater, ihre Sache vertheidigt haben; aber fort, wie weggeblaſen waren alle die hohen Begriffe von Selbſtſtändigkeit nur durch dieſen einzigen Blick. Von Einem mächtigen Gefühl waren ſie in den Hintergrund gedrängt; aber dies Eine— war die Liebe, Sternern beleidigt, ſich ſeinen Unwillen zugezogen zu haben, dies war Etwas, das allen andern Schmerz ſo ſehr überſtieg, daß Auguſte nie mehr ſo viel gelitten zu haben glaubte, als während dieſer wenigen Sekunden. Sie war bleich wie der Tod, die kleinen Hände lagen gefaltet auf ihren Knieen, und große Thränen, die bit⸗ terſten, die ſie je vergoſſen, rollten langſam über ihre blaſſen Wangen. Sie wagte nicht aufzuſehen, und kein Wort vermochte ſich den Weg durch die zuſammen ge⸗ preßten Lippen zu bahnen. So verging eine lange ſchwere Minute. Da ſuchte Sterners Blick den ihrigen und ſein Herz bebte vor Freude und Schmerz, als er ſie da ſitzen ſah, ein Bild der tiefſten Reue— eine entzückende Magdalena! „Auguſte, theure Auguſte!“ flüſterte die Stimme, welche für ſie die vereinigte Harmonie aller himmliſchen 4 1 AAn 289 und irdiſchen Wohllaute war,„ſeyen Sie nicht ſo betrübt. Ich bin leicht verſöhnt; ich ſehe, daß es nur ein augen⸗ blickliches Mißtrauen war; ich weiß und glaube, daß Sie mich nicht beleidigen wollen!“ „O nein, nein! das ſey ferne von mir!“ ſprach ſie in einem Tone, der von tiefer Rührung zitterte. „Glauben Sie mir, ich wollte lieber ſterben, ja ich wollte ſogar mich noch eher mit dem verhaßten Erben verbin⸗ den, wenn Sie es ſo verlangen, als mir Ihren Unwillen zugezogen zu haben.“— Sie ſah ihm dabei ſo bittend in's Auge, daß der Rittmeiſter aller ſeiner Selbſtbeherr⸗ ſchung bedurfte, um nicht das geliebte Mädchen an ſein gewaltſam pochendes Herz zu drücken. Aber dies würde er ſich bei der jetzigen Lage der Dinge nie verziehen haben. Mit manchfachen und ungleichartigen Gefühlen kämpfend, beugte er ſich zu ihr nieder und ſagte innig: „Ich glaube Dir, Auguſte! Du biſt mir um Deines un⸗ ſchuldvollen Bekenntniſſes willen doppelt theuer, aber auch doppelt heilig! Gott ſey mit Dir!— Wir ſehen ein⸗ ander nicht eher wieder, als bis ich mit meinem Vetter wieder komme, denn ich bin nur ein Menſch, und ſolche Stunden wie dieſe dürfen ſich nicht wiederholen— leb' wohl!“— Er preßte ſeine Hand an ihre Lippen und eilte fort. Wie ein kühlendes Pulver wirkte das Zuſammen⸗ treffen mit dem Poſtinſpektor auf ihn, als er dieſem auf der Treppe begegnete; aber da der Poſtinſpektor nicht ge⸗ ſonnen war, dem Rittmeiſter den Plan des unerhörten Schmauſes mitzutheilen, der wegen des zu erwartenden Schwiegerſohns veranſtaltet werden ſollte, ſo entging Sterner ziemlich leicht den gaſtfreien Einladungen ſeines Wirths zum Bleiben. Sterner hielt Wort; während der wenigen Tage, die ihm noch übrig waren, beſuchte er Auguſten nicht mehr, und trat am dritten Juli die Reiſe nach Helſingborg an, begleitet von den wäͤrmſten Wünſchen des Poſt⸗ inſpektors, und nachdem er auf’'s Neue verſprochen hatte, ——— 1 —— 290 einen Boten mit der Nachricht von dem Tag und der rih Stunde, wo die Herren eintreffen würden, vorauszuſenden. dn . 38 Eir Schwachheit und Stärke. fen Wenn das Unglück uns ſchwer getroffen hat, ſo noe ſcheint die Anweſenheit eines Andern ſich zwi⸗ 4 ſchen das Gedächtniß und das Herz zu legen; ge - aber wenn wir wieder allein ſind, ſo trifft da⸗ der erhobene Hammer den Ambos auf einmal. Au Bulwer. irr Einige Stunden, nachdem der Rittmeiſter Sorrby ſch verlaſſen hatte, flog ein Reiter auf der Straße nach zu C— hin..— Wilhelmine hatte ſeit dem Augenblicke, als ſie von i5 Sterners ſchneller und für ſie unerwarteter Abreiſe un⸗ 8 terrichtet ward, und ſeit der darauf folgenden inhalt⸗ 7 ſchweren Erklärung alle ihre Kräfte angeſtrengt, um i äußerlich eine künſtliche Ruhe zu zeigen, die jedoch über d ihre ſchwachen Leibeskräfte ging. Aber wie wenn das ſchwere Werk, das ſie ſich auferlegt hatte, mit der Ent⸗ fernung des geliebten Gegenſtandes nun vollendet wäre, brach auch die zarte Lilie in dem Augenblicke zuſammen, 1 als Arxel eintrat und mit einem leichten Seufzer verkün⸗ dete, daß eine Staubwolke jetzt Alles ſey, was man noch von ihrem lieben Nachbar entdecken könne. Erſchreckt ſprangen Alle der Erbleichenden zu; aber ihre Bemühun⸗ gen, ſie zur Beſinnung zurückzurufen, waren fruchtlos; der Schmerz war zu tief, die Anſtrengung zu ſtark ge⸗ weſen. In tödtlicher Angſt warf ſich Arel auf's Pferd; 3 er wollte ſelbſt nach C—, um den Doktor zu holen. Nach einer Abweſenheit von achtundzwanzig Stunden kam er mit ihm zurück. Wilhelminens Zuſtand war wenig M oder gar nicht beſſer, die Unruhe der Familie ohne Grenzen. Nachdem Doktor Sommer alle Umſtände gehört und die Kranke beſucht hatte, beruhigte er die Beſorgten mit der Verſicherung, daß keine eigentliche Gefahr vorhanden ſey, daß Alles von Mattigkeit und Nervenſchwäche her⸗ rühre, eine natürliche Fo und vielleicht eines zu Umſtände, wie der Dokt Einfluß auf die Friſchge ſenen Vorſchriften wider Der Doktor war natürlicherwei noch allmächtig; geſagt hatte. D darnach behandelt werden. Augen auf, aber ſte waren als ob ſie einen Gegenſtand ſuchten, und irrten umher, ſchloſſen ſich wieder, da 3 ihre Seele, und einige zitterten wie Gei Obwohl bei voller Beſinnung, ſprach ſie doch Geduldig, wie ein frommes Kind, hindurch kein Wort. zu tief und zu bitter, um es mittheilen zu kö 291 lge der ungewohnten freien Luft heftigen Spaziergangs⸗ welche as Fräulein ſey nervenſchwach und müſſe Gleich darauf ſchlug ſie die trüb und ſeelenloos. Sie ſie ihn nicht fanden. nnen, quälte gewaltſam abgebrochene Seufzer ſterflüſtern über ihre leichenblaſſen Lippen. zwei Tage ließ ſie ſich als ein ſolches behandeln, zeigte jedoch ſonſt die größte Gleichgültigkeit gegen das, was um ſie vor⸗ ging. Der Doktor ſchüttelte den Kopf; er hielt nichts von einer Krankheit, die er ni „Hm, hm,“ ſagte er, cht genügend erklären konnte. „hier iſt keine Beſſerung zu erwar⸗ ten, bis ſich die hinzugetretene Schwermuth gegeben hat. Man muß auf irgend eine Art ihre erſt ſchlafften Sinne zu zerſtreuen und ihr Umlauf zu ſetzen ſuch vorbei ſeyn.“ Mit dieſen troſtr ſeinen Wagen, genommen ſey, und nach, ob er das das ihm der Oberſtlieutenant beim Abſchied gegeb Alles in Ordnung fand, lüftete er eiligſt den horſamer Diener ſchwebte über ſeine und als er Hut, noch ein ge Lippen, klatſch, und Troſtlos kehrten zurück; eine lange, äng arrten und er⸗ Blut in regern en, ſonſt möchte es bald mit ihr eichen Worten ſtieg der Doktor in beklagte, daß ſeine Zeit ſo in Anſpruch fühlte vorſichtig in der Bruſttaſche kleine Papier richtig zu ſich geſteckt habe, en hatte, der Doktor war verſchwunden! Axel und Aurora zu der Kranken ſtliche Stunde war verfloſſen, Axel 292 ſaß jetzt allein an ihrem Bette. Da erinnerte er ſich, daß er in ſeiner Taſche ein Buch habe, das er bei Ster⸗ ners Abreiſe von dieſem entlehnt hatte. Er zog es her⸗ vor, in der Abſicht, ſich durch Leſen zu zerſtreuen, da fiel ein Bouquet von Nelken und Hyazinthen auf den Boden. —„Ach!“ ſagte er,„ich habe des Rittmeiſters Blumen vergeſſen;“ er hob ſie auf und wandte ſich zu Mina. „Sieh', liebe Mina, dieſe waren noch vor einigen Tagen friſch und blühend, wie die, für welche ſie beſtimmt waren. Sie ſcheinen verwelkt zu ſeyn und ihre Häupter traurig niederzubeugen, in demſelben Maaße, als Du das Deinige ſenkteſt. Unſer guter Sterner ſandte ſie Dir als ein freundliches Zeichen ſeiner Achtung.“ „Was?“ rief ſte heftig, indem eine Purpurgluth ſich über die eben noch ſo bleichen Wangen verbreitete.„Gib her, Axel!“— Sie riß ihm die verwelkten Blumen aus der Hand, und betrachtete ſie eine Weile mit einer Rüh⸗ rung, vor deren Deutung Arel erbebte. Dann warf ſie ſie weit von ſich und ſank, laut weinend, an die Bruſt des Bruders, der, von dem tiefſten Schmerz ergriffen, ſeine Arme gegen ſie ausſtreckte. Thränen waren für Wilhelminen ein ſüßer und lange entbehrter Troſt; ihr Haupt an ein menſchliches Weſen lehnen zu dürfen, das mit ihr fühlen und leiden konnte„ dünkte ihr jetzt eine himmliſche Seligkeit zu ſeyn.—„Sind wir allein, Arel?“ flüſterte ſie und ſah ſich ſcheu um. „Ja, wir ſind es, meine arme Schweſter! nur ich bin gegenwärtig und jener große Zeuge aller unſerer Handlungen und Gefühle, der auch ſieht, was jetzt in Deinem Herzen vorgeht.“ „O Arel, ich bin ſehr, ſehr unglücklich,“ ſeufzte ſie; „aber nur durch einen Zufall erfährſt Du es. Doch dies beunruhigt mich nicht; ich kenne Dich zu wohl, um zu fürchten, daß Du mein unglückliches Geheimniß miß⸗ brauchen könnteſt.“ „Verlaſſe Dich feſt auf mich; ich kann Dich nicht verrathen, meine arme Wilhelmine. Aber ſprich, habe — 4 293 vollkommenes Vertrauen zu mir, hat Sterner Dir irgend eine Veranlaſſung gegeben, wodurch Du...“ „O ſtill, ſtill!“ bat Wilhelmine beweglich und legte ihre Hand auf ſeine Lippen.„Ich habe eine Zeit lang von bloßen Illuſionen gelebt; er iſt ganz unſchuldig daran.“—„Aber,“ begann Axel wieder,„biſt Du ge⸗ wiß, daß Du Dich getäuſcht haſt, und wie haſt Du dieſe Gewißheit erlangen können? Weiß wohl der Rittmeiſter, was Du mir eben jetzt entdeckt haſt?“ „Ich kann nicht daran zweifeln,“ erwiederte Wil⸗ helmine tief erröthend,„ſein Benehmen ſpricht für dieſe Ueberzeugung; urtheile ſelbſt!“ Sie erzählte ihm jetzt jeden Umſtand von ihrer erſten Bekanntſchaft an; das nächtliche Abenteuer; ſeine Un⸗ ruhe über ihre Krankheit, und endlich das letzte bedeu⸗ tungsvolle Geſpräch am Abend vor ſeiner Abreiſe. „Ja, ja! es iſt leider nur zu gewiß,“ ſchloß ſie wehmüthig;„aber ſein Benehmen gegen mich war edel. Ich armes, ſchwaches Weſen, daß ich darauf hoͤren und antworten konnte!— Doch ich beſitze ſeine unbeſchränkte Achtung, das weiß ich und das ſoll mir genug ſeyn; aber Meines Lebens Freude iſt erloſchen Schwarzes Dunkel um mich her.“ Schweigend hatte Arel die Erzählung ſeiner Schweſter angehört.„Ach, Wilhelmine,“ ſagte er ſanft tröſtend, als ſie ſchloß,„ſprich nicht ſo; Du betrübſt mich tief. Dein junges Leben kann noch einmal aufblühen; denn die Liebe zu einem ſolchen Mann, wie Sterner iſt, zerſtört die Seele nicht, ſondern veredelt ſie. Du mußt kämpfen, um zu ſiegen— ſiegen, um Deinen Geiſt zu dem ſeinen erhoben zu ſehen. Und ſtolz im Bewußtſeyn ſeiner Ach⸗ tung und Deiner eigenen Kraft, wird Dein junges Herz ein neues friſches Leben athmen. Ich meine das der Pflicht und Entſagung; denn ich bin gewiß, daß meine gute, hochgeſinnte Wilhelmine nie vergeſſen kann, daß manche andere, heiligen Bande ſie feſſeln, und daß es 3 294 viele Herzen gibt, die Anſpruch auf ihre Liebe haben.“ — Wie Arel ſprach, ſchien eine ſanfte, heilige Ruhe ſich über die ſchönen Züge des Mäͤdchens zu verbreiten.— „Habe Dank, mein theurer Bruder,“ ſprach ſie mit weicher, aber entſchloſſener Stimme;„Du ſollſt mich nicht ver⸗ gebens ermahnt haben! Ach, welch' ein neuer und reicher Genuß iſt es für mich, Dich mit ſo viel Gefühl und Stärke, ja faſt als wäreſt Du inſpirirt, ſprechen zu hoͤren! Läugne es nicht, Sterner hat auch auf Dich einen großen Einfluß geübt?“ 4 „Das will ich nicht läugnen, und ſchäme mich auch deſſen nicht; denn ſeine Grundſätze und ſeine Handlungs⸗ weiſe haben meinen vollkommenen Beifall. Er iſt in der That ein edler, hochgeſinnter Mann mit wahrer Bil⸗ dung und vielſeitigen, Kenntniſſen. Aber um Dich zu⸗ gleich zu überzeugen, daß mich mein eigenes Urtheil leitet, will ich Dir anvertrauen, daß unſer guter Rittmeiſter im höͤchſten Grade etwas iſt, wovon er ſelbſt nicht das Geringſte ahnt, nämlich ein Phantaſt von der wahren Gattung, aber nur in einem einzigen Fall, nämlich in Allem, was eheliche Verbindungen betrifft. Dieſes Thema, das ich mir mit tauſend kleinen entzückenden Variationen vorſtelle, hat für ihn nur drei: Liebe, Vertrauen und Standhaftigkeit. Dieſe vereinigt er zu einem einzigen Akkord: Frieden, und darin begreift er all die Seligkeit, die er in zwei Menſchen⸗Herzen einſchließen will. Ach, wie meinſt Du wohl, liebes Minchen,“ fuhr Arel fort, der jetzt in ſeinen gewöhnlichen ſcherzhaften Ton gefallen war,„wie glaubſt Du, daß es gehen würde, wenn jener Akkord einen einzigen, nur einen einzigen falſchen Ton gäbe, gute Nacht dann auf ewig mit unſeres Rittmeiſters Wohlfarth und Glück! Nein, nein! das taugt nichtg! Gott ſey Dank, ich bin nicht im geringſten phantaſtiſch.“ Wilhelmine lächelte freundlich.„Aber, guter Axel, u.. 8 „Verſtehſt Dich nicht auf ſolche Dinge, willſt Du ſagen, mein Schweſterchen,“ unterbrach ſie Axel,„aber. 295⁵ nicht Alles iſt Scherz. Und bei meiner Ehre! Sterner hat zu überſpannte Begriffe von der Ehe, das iſt gewiß. Die, welche ſein Herz gewinnen und erhalten will, muß durch Proben gehen, welche vielleicht das beſte Weib nicht beſtehen koͤnnte. Kurz, er begehrt, was nun ein⸗ mal in unſerer Welt nicht zu finden iſt, einen Engel in Mädchengeſtalt. Wird er glücklich, ſo geſchieht dies ganz und gar durch einen Zufall, denn dann müßte das Schickſal ihm mit ſeltener Gewohnheit ein ganz beſon⸗ deres nach ſeinem Sinn geſchaffenes Weſen in den Weg führen.“ „Deine Bemerkungen dürften nicht ſo unbegründet ſeyn, Arel, aber wenn Du das Bild jenes Engels ge⸗ ſehen hätteſt, ſo würdeſt Du Dich verwundert haben. Sie war weniger ſchön als hinreißend; nie ſah ich ein Geſicht, das ſo viel Edles, Reines, Gutes und Unge⸗ künſteltes ausdrückte.“ „Nun, nun, Gott gebe, daß es ſo iſt!“ meinte Axel, „Niemand kann mehr als ich wünſchen, daß er glücklich werden und ſeine Träume verwirklicht ſehen möchte. Es wäre mir ſehr angenehm, wenn ich jenes geprieſene Weſen zu Geſicht bekäme; aber auch Du, meine holde Schweſter, verdienſt eben ſo ſehr die Roſen des Lebens zu pflücken, als ſeine Dornen. Du mußt Dich vor Allem zerſtreuen; was ſagſt Du zu einer Reiſe in das Bad zu 1. 7. „Das müßte ich mir durchaus verbitten,“ lächelte Wilhelmine.„Stille und eigene Betrachtungen, münd⸗ liche und ſchriftliche Unterredungen mit Dir ſind Alles, was ich begehre und wünſche. Aber da Du mich einmal auf dieſen Gegenſtand brachteſt, ſo laß mich Dich fragen, Axel, wie es mit Deiner Ruhe gehen wird, wenn Du ſo Gelegenheit bekommſt, Henriette Stolzenbeck zu ſehen?“ „O, das ſoll ganz vortrefflich gehen,“ ſagte Arel heiter.„Ich bin ohne dies incognito zu ihrem Wächter dort aufgeſtellt worden, und habe die Abſicht, meine Pflicht genau zu erfüllen. Ein anderes Gefühl iſt nicht mehr bei mir vorhanden; denn Du weißt, daß mein Herz 4 296 weit iſt. Manches liebenswuͤrdige Mädchen hat dort gewohnt, aber nach meiner Auffündigung es wieder ver⸗ laſſen, um einer Andern Platz zu machen. Fraulein Stolzenbeck war im Begriff, ein ganzes Stockwerk in Beſitz zu nehmen; ich mußte ihr ſchleunigſt abſagen, als es mir zu Ohren kam, daß ſich gewiſſe Hinderniſſe gegen die Gültigkeit des Mi ßhlontvaftes erhoben hätten. In⸗ zwiſchen iſt es mir gar nicht unlieb, das genannte Stock⸗ werk frei zu haben, und ich glaube mit Beſtimmtheit, daß ich es über die kommende Badezeit vermiethen werde.“ „Leichtſinniger Arel!“ ſchalt Wilhelmine.„Ich wußte wohl, daß Du es nicht lange mit Sternern auf derſelben Höhe aushalten konnteſt. Jetzt biſt Du wieder ganz Du ſelbſt und meine Freude iſt vorüber.“ „Denke nicht mehr an ihn,“ bat Axel,„ſondern ver⸗ ſuche, Dich wieder zu Deinem gehorſamen Diener zu wenden, der jetzt eilt, um ein Opfer aus dem Walde heimzubringen und es zu Deinen Füßen niederzulegen. Du mußt nämlich wiſſen, daß ich des Rittmeiſters Hunde entlehnt habe, und da ich dieſe mit meinen eigenen ver⸗ einige, ſo kannſt Du Dir vorſtellen, was für eine präch⸗ tige Jagd es geben wird. Lebe wohl, mein liebes Kind!“ — Er warf der geliebten Schweſter einen freundlichen Kuß zu und eilte zu ſeinem Lieblingsvergnügen, indem er eine Melodie aus dem Freiſchütz pfiff. Als Aurora zurück kam, war ſie freudig überraſcht, Wilhelminen ſo merklich verändert zu finden. Von die⸗ em Tag an bekam die Bildſäule wieder Leben, bald ſing ſte an aufzuſtehen und auszugehen; aber nie über⸗ ſchritt ſie die kleine Brücke. Nach Axels Abreiſe in das Bad ward ſie ſtiller und verſchloſſener, fuhr jedoch fort, ruhig zu ſeyn; und obwohl ſie lange eine feine kränk⸗ liche Bläſſe beibehielt, ſo befand ſie ſich doch wohl. Sie war wo moͤglich noch reizender als früher; denn ſie war gütiger, wohlwollender gegen Alle geworden. Aber die Ruhe in Sorrbypark war von kurzer Dauer. Die Fa⸗ milie Säͤkkrona erhielt Beſuch von einem Gaſte, der 297 bittere und fühlbare Erinnerungen zu hinterlaſſen pflegt. Die Steuer, die er heiſcht: Schmerz und Thränen ſoll⸗ ten auch dort erpreßt werden; doch wir müſſen alle dieſe Umſtände von untergeordneter Wichtigkeit verlaſſen, um zu jenem Tummelplatze zu eilen, wo ſich der Poſtinſpek⸗ tor raſtlos bemühte, dem für den Erben ausgeſonnenen Feſte all den Glanz zu verleihen, der es nach ſeiner Meinung auszeichnen mußte. 39. Die Ankunft des Erben. Wohl ſeh' ich ein, ſo fuhr er weiſe fort, Daß, was dies Feſt betrifft, ſo Zeit wie Ort⸗ Für Fackelzüge, für Beleuchtung wär, Für Schüſſe ſelbſt— doch wo die Böller her?— 3 Eiin Schauſpiel, das geht über unſere Macht; 5 Wohl hab' ich zwar auf eine Red’ gedacht, Vielleicht am beſten wär's; doch dies mit Ehr' Zu thun wird einem Bürgermeiſter ſchwer, Seit mein Kollege ſprach, der Schulze von Uipſala. Frau Lenngren. Die Thurmglocke in L— ſchlug halb ſechs, als ein beträchtlicher Haufe Gaſſenjungen ſich gegen die weſtliche Hauptſtraße in Bewegung ſetzte. Aus jeder Thüre, aus jedem Fenſter wurden neugierige Geſichter herausgeſtreckt, und aus der Entfernung hörte man den rauſchenden, be⸗ deutungsvollen Ton eines langſam daher fahrenden Wa⸗ gens. Alle Hälſe fuhren eine halbe Elle weit über die Fenſterpfeiler hinaus, um über die Häupter des Volkes hinweg einen Schimmer von den erwarteten Herrlich⸗ keiten aufzuſchnappen. Endlich ſah man einen zierlichen, offenen Landauer mit drei Pferden. In ihm zur Linken ſaß ein junger Mann, in Civilkleidern. Seine braune Geſichtsfarbe zeigten deutlich die Wirkung eines heißeren Klimas. Die Geſichtszüge waren lebhaft und angenehm, htszug 5 Rlg 1 und hellbraune Locken beſchatteten die hohe Stirne. Die großen, feurigen blauen Augen, welche ſeltſam gegen die dunkle Haut abſtachen, blickten durch eine Brille eher Der Stellvertreter. 20 8 ſchelmiſch, als mit Würde auf die gaffende Menge. Ihm zur Rechten ſaß der Rittmeiſter Sterner; ſeine Züge waren düſter, ſeine Haltung ſtolz und ernſt. Mit ge⸗ ſpannten Blicken betrachtete er ſeinen Reiſegefährten, der ſich bald freundlich herauslehnte, um die Mädchen an den Fenſtern zu betrachten, bald ſich gegen Sternern beugte und eine Frage an ihn ſtellte, die dieſer ganz nachläſſig nicht zu hören ſchien, oder auch vor dem Ge⸗ räuſch des Wagens, oder aus Geiſtesabweſenheit wirklich nicht hörte. Das Haus des Poſtinſpektors lag am Ende die⸗ ſer Straße nahe am Markte. Dieſer war von einem großen Volkshaufen eingenommen, was immer in Klein⸗ ſtädten zu geſchehen pflegt, wenn etwas Ungewöhnliches eintrifft oder zu erwarten iſt. Der Wagen der Reiſen⸗ den konnte ſich nur mit Mühe vorwärts bewegen; aber jetzt erſchien ſchnell die lange hagere Geſtalt des Poſt⸗ inſpektors auf der oberſten Stufe der ſteinernen Treppe; „Platz, meine Freunde! Platz!“ rief er und ſchwenkte das Sacktuch in die Luft. Man machte ſich beſcheiden auf die Seite, und flüchtete ſich auf die Nachbartreppen, ſoviel nur hinauf ging, und die Straße ward frei ge⸗ laſſen. Der Wagen hielt. We erlind und ein anderer g. Bedienter ſprangen ſchnell vom Kutſchbocke herab. Der Eine riß die Wagenthüre auf, während der Andere den Fußtritt herabließ, und mit ein paar Sprüngen waren die Herren im Vorplatz, wo Herr von Spalden mit dem Hut in der Hand und einer beſonders feierlichen Miene in ehrerbietigem Schweigen ſich verbeugte, bis die Vorſtellung in einem Parterrezimmer vor ſich gegan⸗ gen war, wo ſich die Reiſenden etwas reinigen ſollten. „Meine Herren,“ ſagte der Rittmeiſter,„erlauben Sie mir, Sie einander vorzuſtellen. Herr Poſtinſpektor von Spalden!— Herr Conſtantin Sterner, mein Vet⸗ ter!“— Darauf folgten Bücklinge, Umarmungen und Küſſe auf die Wangen, Alles nach dem alten Styl. „Ich habe alſo endlich das Vergnügen,“ begann der Poſtinſpektor,„den theueren und ſo lang erſehnten Gaſt A ———————. ₰—.— / 8 3 1 299 in meinem Hauſe zu ſehen! erlauben Sie mir, Sie zu verſichern, mein wertheſter Herr Sterner, daß das Te⸗ ſtament und die Wahl meines ſeligen Bruders meinen vollkommenen Beifall hat, wie Ihr hier gegenwärtiger Stellvertreter bezeugen kann. Es iſt mein Wunſch, es iſt— es iſt— meine Hoffnung und— meine— meine — frohe Erwartung, daß— Sie mit mir hierin über⸗ einſtimmen.“— Während dieſer kurzen, beſcheidenen Rede des Poſtinſpektors hatte ſich der junge, fremde Herr vor den Spiegel geſtellt, wo er mit einer gewiſſen eleganten Nachläſſigkeit ſeine Toilette und ſeine ſchönen Locken ord⸗ nete.—„Das iſt noch nicht ganz entſchieden,“ ſagte er mit einem feinen Lächeln.„Mit Ihrer Erlaubniß, Herr von Spalden, beruht meine Befriedigung nicht allein in Ihrem Beifall, ſondern auch in dem Ihrer Fräulein Tochter. Wir werden in dieſem Gegenſtand fortfahren, wenn ich ſie geſehen und geſprochen habe; aber jetzt müſſen Sie mich entſchuldigen, da ich eine Viertelſtunde zu meiner Toilette nöthig habe.“ Und ohne eine Antwort zu erwarten, riß er das Fenſter auf und rief:„Waller! Weſterlind! meine Kof⸗ fer, beeilt euch ihr Schlingel! Berzeihen Sie, Herr Poſt⸗ inſpektor, ich werde ſogleich in Ordnung ſeyn.— 0 mon dieu! welche Wärme, welche Hitze, man kann ja kaum hier athmen. Gott, dieſe üble Gewohnheit, im⸗ mer die Fenſter verſchloſſen zu haben!“ Der Poſtinſpektor zog ſich mit einem verdrießlichen Blick zurück. Der Rittmeiſter, der draußen geweſen war, um einige Befehle zu geben, hatte nicht gehort, was vorgefallen war, aber als er ſeinen Wirth mit ei⸗ ner ſo hoͤchſt verdrießlichen Miene die Thüre öffnen und mit einer ungewöhnlichen Langſamkeit an ihm vorbei die Treppe hinauf ſchlüpfen ſah, klopfte er ihm auf die Ach⸗ ſel und fragte freundlich:„Nun, wie gefällt er Ihnen?“ „Hm, hm!“ ſagte der Poſtinſpektor, indem er den Kopf ſchüttelte, und halb flüſternd ſetzte er hinzu:„Der — 20 4 ————— Sie haben ja au 300 Herr iſt verflucht ungenirt. Das verſpricht nichts Gu⸗ tes, Herr Rittmeiſter! Er begegnete mir, ſeinem zukünf⸗ tigen Schwiegervater, will ich ſagen, mit einer Freiheit, ja faſt Gleichgültigkeit, die höchſt anſtößig und, wie ich glaube, ganz am unrechten Platze war.“ ſſen ein wenig Nachſicht mit ihm haben,“ Sie mü 7 „Er iſt an eine viel⸗ bat der Rittmeiſter vermittelnd. leicht verletzende Freimüthigkeit gewöhnt; aber wenn Sie nur näher miteinander bekannt werden, ſo hoff ich, ſoll alles gut gehen!“—„Gott gebe es,“ ſeufzte der Poſt⸗ inſpektor;„ich habe trübſelige Ahnungen. Aber ent⸗ ſchuldigen Sie, ich halte Sie auf, Herr Rittmeiſter, ch nöthig, ſich etwas vom Staube zu reinigen. In einer Viertelſtunde bin ich wieder zurück um Sie Beide zu holen.“ Bis dahin ging der Herr von Spalden in ſeinem eigenen Zimmer auf und nieder; er wollte ſich nicht vor den Gäſten ſehen laſſen, die im Salone verſammelt waren; denn er hielt ſich für zu tief gedemüthigt, und fürchtete, ſeine Züge noch nicht voll⸗ kommen in ihre gewöhnliche feierliche Lage zurückgebracht zu haben. Er hielt die Uhr in der Hand, und jedes⸗ mal, daß er das Zimmer durchſchritt, ſah er auf ſie. Dieſe Viertelſtunde dünkte ihm eine Ewigkeit, er hielt die Uhr an's Ohr, um ſich zu verſichern, daß ſte ging, und machte dazwiſchen ſeiner Ungeduld durch den Aus⸗ ruf Luft:„Ich wollte, der Teufel holte den Junker, das Teſtament und die Feſtlichkeit dazu!“ Doch endlich war die Viertelſtunde abgelaufen. Er wartete der Sicherheit halber noch eine Minute, und trat endlich mit zögernden Schritten in das Zimmer des Erben. Aber er war nahe daran, vor Aerger zu er⸗ ſticken, als er ſah, wie ſein künftiger Schwiegerſohn noch im Schlafrock in der ungenirteſten und bequemſten Lage vor dem Tiſche ſaß, der mit all' den kleinen und roßen Luxusartikeln buchſtäblich bedeckt war, welche die Mode für eine ausgeſuchte Toilette erfunden hat. Er war damit beſchäftigt, den kleinen Schnurrbart zu 8 ——— —, 1—eͤ ͤͤ-e8bbDdDdodeͤͤbeoͤ-S= —9 2— —— 3— — — ρ N N N 301 brennen, und demſelben mit einem kleinen, beſonders dazu eingerichteten ſilbernen Kämmchen die gehörige Form zu geben. Der Rittmeiſter, der ſchon fertig war, ſtand mitten im Zimmer und ermahnte ihn zur Eile, während er mit einer Bürſte ſeine Haare hinaufſtrich und ordnete.—„Erlauben Sie mir zu bemerken, meine Herrn,“ ſagte der Poſtinſpektor mit unterdrücktem Aer⸗ ger,„daß die Geſellſchaft Sie erwartet.“ „Ah Sie haben Geſellſchaft, Herr von Spalden! nun, das iſt ſehr angenehm! Das überraſcht mich; ich wußte es nicht— Weſterlind bringe die gelbe Weſte her!— wir haben jetzt etwas kühler im Zimmer, Herr Poſtinſpektor.— Waller! das Roſenöl, dort, die Flaſche links! Doch zuerſt das Bartwachs!— Verzeihe mir, Bruder Alexander, darf ich Dich mit der Bitte beläſti⸗ gen, mir das grüne Maroquin⸗Futteral aufzumachen, und einige Tuchnadeln her zu reichen? wähle Du ſelbſt! — Ach mein wertheſter Poſtinſpektor! ich betheure Ih⸗ nen bei meiner Tugend, daß ich in einer Viertelſtunde Ihnen ganz und gar zu Dienſten ſtehe, wenn es Ihnen ſo recht iſt.“— Schweigend verfügte ſich der geplagte Mann wieder in ſein Zimmer und begann mit der Uhr in der Hand aufs Neue ſeine Wanderung; aber die Schritte rauſchten immer kraftvoller, während die Lippen durch das beſtändige Uebereinanderbeißen immer heftiger zitterten, als ſich ein leiſes Pochen an der Thuͤre hören ließ.—„Wer iſt da?“ ſchrie der Poſtinſpektor mit Donnerſtimme.—„Ich bins, mein Alter,“ tönte die ſanfte ſchüchterne Stimme der Frau von Spalden. „Wo iſt unſer Gaſt, mein Freund? Die Gäſte fangen an ungeduldig zu werden. Die Lampen wollen erlöſchen, und das Kind, das wir zum Cherub gemie⸗ thet haben, will nicht länger auf dem Altar ſtille ſitzen.“ „Geh' zu allen Teufeln mit ſammt Deinen Gäſten, Lampen und Cherubs!“ ſchrie der Poſtinſpektor.„Er muß doch Zeit haben, ſich umzukleiden!“ Aber gleich darauf öffnete er die Thüre und fügte hinzu:„Rigitza, —— 3⁰2 wir kommen in zehn Minuten, daß mir dann Alles in gehöriger Ordnung iſt, oder— rechne auf ein hübſches Nachſpiel.“— Zitternd eilte die arme Frau in den Sa⸗ lon zurück, um die Honneurs zu machen. Dann warf ſie einen Blick in den geheimnißvollen Gang, wo ſie aufs Neue das Ganze überſah, und dem Cherub Zuckerwerk zuſteckte, damit er geduldig bleiben ſollte. 8 Da aber alles in dieſer Welt ein Ende hat, ſo war dies auch mit dieſer letzten langſamen Viertelſtunde der Fall. Ein ſtarkes Geräuſch auf der Treppe verkün⸗ dete, daß der wichtige Moment da war. Die Geſell⸗ ſchaft zog ſich etwas zurück, um den Fremden einen freien Aublick zu gewähren. Herr von Spalden öffnete die Thüre zum Gang und führte ſeine Gäſte herein, die ſich mit großem Er⸗ ſtaunen gleichſam in ein Lichtmeer verſetzt ſahen. Sie gingen durch eine kunſtreiche Allee von zwölf hohen Schwibbögen gebildet, die mit Laub bekleidet und mit Blumenguirlanden umwunden waren. Jeder Bogen war auf die ſinnreichſte und geſchmackvollſte Art illuminirt. An jedem der Pfeiler, die zwiſchen den Bögen ſtanden, hieng eine Glaslampe, deren mannigfaltiger Strahlen⸗ glanz ſich in tauſend Farben an der grünen Einfaſſung brach. Erſtaunt über dieſe unerwartete Herrlichkeit und— von dem ſtarken Scheine geblendet, hielten die Fremden die Hand vor's Auge; aber der Poſtinſpektor, der mit unverwandten Blicken den Cherub im Hintergrunde be⸗ obachtete und deſſen Ungeduld ſah, fürchtete eine unan⸗ genehme Störung; er reichte deßhalb ſeinem Gaſte den Arm und zog ihn mit ſich zu dem hinterſten Schwib⸗ bogen, uüber welchem in großen vergoldeten Buchſtaben zu leſen war: Konſtantin Sternern gewidmet 3 den 12ten Juli 1835. ———O— NK SNKKRV g — — 1— N Hier war überdieß eine Art Altar von Laub und Moos errichtet, und auf dieſem ſtand in einer entzücken⸗ den Stellung der kleine Cherub, der mit ſeinem Kleide von weißem Flor und Silberpapiet ſo himmliſch und ätheriſch ausſehen ſollte, als dieß nur für ein irdiſches Weſen möglich war. In der einen Hand hielt er eine Fackel, welche wahrſcheinlich die Amors vorſtellen ſollte, und in der andern einen Kranz von den ſchönſten und ausgewählteſten Blumen. Aber da nun der, zu deſſen Ehre die Feierlichkeit angeſtellt war, herannahte und mit einem verbindlichen Lächeln ſagte: „Ei, ei! Herr Poſtinſpektor! wie viel Mühe haben Sie ſich gemacht! Ich bin ſtumm vor Verwunderung!“ — Da ergrimmte der Engel, warf dem Erben den Kranz mitten in's Geſicht und ſchrie tückiſch:„Das haſt Du dafür, daß Du mich ſo lange haſt warten laſſen!“ — Dabei bewegte er ſeine Fackel ſo heftig, daß ſie an ſeine Schwingen kam, und ſogleich begann der Cherub zu kreiſchen und ſtrahlte in einem Uebermaß von Licht. Die Flügel brannten. Der Rittmeiſter, der bisher als ein ſchweigender Zuſchauer dabeigeſtanden war, eilte herzu, und während der Poſtinſpektor den unartigen Bu⸗ ben in ſeinem Innern in die Hölle wünſchte, riß ihm der Rittmeiſter die ganze entlehnte Engelsgeſtalt herun⸗ ter, und ſtellte den Jungen wohlbehalten auf den Bo⸗ den; aber dieſer warf dem Fremden einen finſtern, dro⸗ henden Blick zu, und ſprang in das nächſte Zimmer. „Nun das kann man mit Recht eine ſinnreiche Ueber⸗ raſchung nennen, mein geehrter Herr Wirth,“ lächelte der Erbe.„Es fehlt mir an Worten um eine Erkennt⸗ lichkeit für all die Mühe auszudrücken, die Sie ſich ge⸗ macht haben.“—„O ich bitte unterthänigſt,“ ſagte der Poſtinſpektor beſänftigt,„es iſt nicht der Rede werth. Erlauben Sie mir jetzt, Sie in den Saal zu geleiten.“ Hier wurden ſie an der Thüre von der Wirthin em⸗ pfangen.—„Meine Frau!— Herr Sterner, unſer künftiger Schwiegerſohn, Rigitza!“— Nachdem man einige verbindliche Worte gewechſett hatte, wurden die Angekommenen durch eine lange Reihe von ſich bückenden und verneigenden Gäſten geführt, die ihnen nach der Rangliſte, welche der Poſtinſpektor vor ſeinem geiſtigen Auge hatte, vorgeſtellt wurden. End⸗ lich waren ſie am oberſten Ende. Herr von Spalden warf einen bedeutungsvollen Blick umher.—„Wo iſt Auguſte, Mamma?“ fragte er in einem Tone, der freundlich ſeyn ſollte, der aber der guten Frau alles Blut gerinnen machte.—„Sie ging ſo eben auf ihr Zimmer, mein Freund,“ antwortete die Frau;„ſie wird ſogleich erſcheinen.“—„Mit Ihrer Erlaubniß will ich das Fräulein holen,“ ſagte der Rittmeiſter.„Es iſt billig, daß mein Vetter ſie aus der Hand ſeines Stell⸗ vertreters empfange.“. „Sehr verbunden,“ erwiederte der Poſtinſpektor; „je bälder deſto beſſer.“ Er winkte dabei freundlich mit der Hand. 8 40. Die Verlobten.. Die Liebe iſt geduldig und ſanft; ſie erträgt Al⸗ les, ſie glaubt Alles, ſie hofft Alles, ſie lei⸗ 1 det Alles. Sterner trat in Auguſtens Zimmer. Sie hatte ſich in die entfernteſte Ecke deſſelben zurückgezogen, und war damit beſchäftigt, ihre ſchönen Augen mit altem Waſſer zu baden; aber deſſenungeachtet drängten ſich unaufhör⸗ lich neue Thränen hervor. Da ſie den Rittmeiſter ge⸗ wahrte, erhob ſie ſich von dem Tabouret, wo ſie geſeſſen war, ging ihm ein paar Schritte entgegen, und blieb dann unwillkürlich ſtehen. Sie ſprach nichts; aber ihre Stellung drückte vollkommen ihre Gedanken aus. Sie ſtreckte ihm innig bittend die Hände entgegen. Einige Augenblicke ſtand Sterner voll ſtiller Be⸗ wunderung und Anbetung, in ihren Anblick verſunken da! Konnte man ſich in einem materiellen Weſen eine L 4 1 4 r e ree eeͤe, —˙ =18Ss n NNVn Vereinigung von himmliſchem und irdiſchem Leben aus⸗ geprägt denken, ſo war es gewiß in dieſen ſo reinen, ſo engelfrommen Zügen. Sie war unausſprechlich ſchön. Ihr geſchmackvoller Anzug erhöhte wo möglich den Glanz ihrer perſönlichen Reize. Ein Kleid von violetter Seide umſchloß in reichen Falten die ſchlanke Geſtalt. Der blendend weiße Hals verdunkelte den feinen Kragen von ächten Brabanter Spitzen, der ihn zieren ſollte, und das Haar mit einfacher Anmuth aufgeheftet, ward durch ein Diadem zuſammengehalten. Reiche Locken beſchatteten die marmorweiße Stirne, und die Wangen glühten vor Röthe; aber es war nicht die der Freude. Unruhe und Schmerz hatten einen Purpurſchimmer auf dieſen Lilien⸗ grund geworfen.— Ihr Herz klopfte gewaltſam, als ſie Sterners tiefe Rührung ſah.„O Gott,“ dachte ſie, „will er mich denn nicht retten, oder kann er es nicht“ — aber jetzt trat der Rittmeiſter heran und betrachtete ſie mit einem Blick, indem ſich die reinſte und unver⸗ hüllteſte Liebe ſpiegelte. Er beugte ehrerbietig ſein Knie und ſprach, als ob er die Fragen ihrer Seele leſen könnte: „Auguſte, verzeih' mir! ich kann nicht anders handeln. Die Glückſeligkeit meines ganzen Lebens, Deine eigene Glückſeligkeit, Auguſte, hängt von dieſem Augenblick ab. Wenn meine inbrünſtige Bitte einigen Werth für Dich hat, ſo folge mir jetzt und ſey ſtandhaft.“ Sie beugte ihr Haupt zum Zeichen der Zuſtimmung und flüſterte kaum höͤrbar:„Ich will, ich werde!“ Aber der tiefſte Schmerz malte ſich in ihren Zügen. Sterner erhob ſich, er legte ihren Arm in den ſeinen und führte ſie zu dem Saale, wo alle Gäſte in einem großen Kreiſe die Punſchgläſer in der Hand, zu ihrem Empfange auf⸗ geſtellt waren. Auguſte ſah von Allem, was vorging, Nichts.— Der Poſtinſpektor führte den Bräutigam zu ihr. „Auguſte, mein Kind! ſteh doch auf; hier ſteht Dein Bräutigam!— Ihre Braut, Herr Sterner!“ Da über⸗ ließ der Rittmeiſter ihre Hand, die er noch hielt, ſeinem Vetter, der ſie feurig an die Lippen drückte. 306 „Meine ſchöne Braut,“ lispelte er,„erſt in dieſem Augenblicke fühle ich den vollen Werth von dem Teſta⸗ mente Ihres Onkels.“ Da er ſie zittern und erbleichen ſah, führte er ſie zu einem Sitze, und nachdem der Toaſt auf die Verlobten ausgebracht war, dankte er der Ge⸗ ſellſchaft mit viel Artigkeit für ſich und im Namen ſeiner Braut. Der Rittmeiſter war in ein Nebenzimmer ge⸗ treten, und der Poſtinſpektor gab der Tanzmuſik einen Wink, daß ſie anſangen ſolle.— „Bin ich ſo glücklich?“ flüſterte der junge Sterner und ſchlang ſeinen Arm um den Leib der Jungfrau. Sie ſchwieg und ließ ſich in einem lebhaften Walzer fort⸗ reißen; der Rittmeiſter ſtand in finſterem Sinnen da und ſtützte ſich gegen den Thürpfeiler. Nach dem Schluſſe des Tanzes bemühte ſich der junge Sterner, eine Unter⸗ haltung mit ſeiner Braut anzuknüpfen; aber ſie war ſehr einſylbig, obſchon freundlich; und er ſchien ziemlich miß⸗ vergnügt mit dem geringen Erfolg, den er für ſeine Be⸗ mühungen erndtete.—„Ich vermuthe, daß die zweite Tour dem Stellvertreter zugehört,“ ſagte der Poſtiuſpek⸗ tor mit einem Lächeln, das auf den Lippen des würdi⸗ gen Mannes etwas ungewöhnlich war; aber ſo aufge⸗ räumt, wie heute Abend, war er ſeit ſeinen jungen Tagen nicht mehr geweſen. Der Rittmeiſter verbeugte ſich ſtumm, faßte Auguſtens Hand und flüſterte ihr einige aufmunternde Worte zu, während ſich die Uebrigen zur Quadrille aufſtellten. Ach wie glücklich war ſie nicht jetzt! wie frei und anmuthig tanzte nicht Sterner! wie ſchön hielt er ſeine hohe Geſtalt, wie leicht und einnehmend waren nicht ſeine Bewegungen! ſie bewunderten einander gegenſeitig, ohne ein Wort zu 1 wagen. Der Reſt des Abends verging in dem ceremoniö⸗ ſen Einerlei eines altmodiſchen Tages, wie alle Abende 5 dieſer Art. Tanz und Spiel, träge und lebhafte Unter⸗ haltung, der Dampf, Punſch, Biſchof und Glühwein, vermiſcht mit dem von den entlegeneren Zimmern herein⸗ dringenden Tabakrauche, den die alten Herren durchaus — —&— BA— A nicht entbehren konnten; Toaſte und Vivatrufe, Profa und Poeſie, Eis und Confekt, niedergebrannte Lichter, Hitze und Staub, Alles dies ging bunt durch einander, bis man endlich das Souper anſagte. Beim Abſchied bat der Erbe ſeine Braut um eine Unterhaltung unter vier Augen auf den ſolgenden Morgen. Sie ſagte, wie es ſchien, mit Vergnügen zu; denn Au⸗ guſte hoffte, es möchte ihr dielleicht möglich ſeyn, wenn ſie nur allein mit dem lebensfrohen Mann ſprechen dürfte, auf ſein beſſeres Gefühl einzuwirken, da er eigentlich nicht ausſah, als ob er für irgend ein Herzweh zugäng⸗ lich wäre.— Der Poſtinſpektor hatte ſeinen kuͤnftigen Schwiegerſohn beredet, in ſeinem Hauſe zu wohnen, was dieſer annahm; aber unſer Freund Nittmeiſter bezog wieder ſeine alte Wohnung bei Hjertbergs. Die Gäſte waren fort, die Familie allein, Frau von Spalden ging mit hausmütterlicher Geſchäftigkeit herum, und ſammelte die zerſtreuten Theelöffel und Gläſer. Der Poſtinſpektor löſchte mit der eigenen Hand eine Lampe nach der andern, und Auguſte legte die Steine in die Spielladen; Alle ſchwiegen. Jetzt räuſperte ſich der liebe Papa, legte die Lichtſcheere hinweg und ſagte freundlich: „Nun, mein Mädchen, iſt er nicht ein ſehr hübſcher Mann, Dein Bräutigam? Du biſt zu beneiden, mein Kind, glaube mir, Du biſt es.— Hab' meiner Lebtage nie von einem ſolchen Glück ſprechen hören, wie Deines iſt.— Freilich iſt er etwas zu— zu frei in gewiſſen Dingen, nicht auf⸗ merkſam genug, wo er es ſeyn ſollte; aber ſo ſind alle jungen Leute mit höchſt ſeltenen Ausnahmen. Nach einer Reiſe glauben ſie das Privilegium zu haben, ſich auffüh⸗ ven zu dürfen, wie es ihnen gutdünkt. Nun, nun, Ju⸗ gend hat nicht Tugend. Das kommt mit den Jahren, und ſechszigtauſend Mark Hamburger Banko iſt, meiner Treu, ein hübſches Vermögen in unſern Tagen. Ich meine da⸗ her, daß es ſich gut machen wird.— Haſt Du nicht auch eine erſtaunliche Aehnlichkeit mit dem Lieutenant gefunden, Auguſte, der mir vor einigen Monaten faſt den Kopf ver⸗ 308 rückte?“—„Ja, mein Vater! ihre Familienähnlichkeit iſt wirklich merkwürdig: aber unſer jetziger Gaſt hat eine viel dunklere Hautfarbe und trägt eine Brille, was ihn ent⸗ ſtellt. Lieutenant Sterner ſah beſſer aus und war im Gan⸗ zen dem Portrait ähnlicher, als dieſer.“ „Nun ja, das iſt gleichgültig,“ entgegnete der Poſt⸗ inſpektor,„ob ihm das Portrait mehr oder weniger gleicht, da wir einmal jetzt den Rechten haben. Aber, mein Kind, Du mußt nie ſo unvorſichtige Gedanken aufkommen laſſen und noch weniger ſie ausſprechen, daß Einer beſſer ausſehe, als Dein Auserwählter.— Aber wie iſt es, be⸗ gehrte er nicht eine Unterredung auf morgen, unter vier Augen mit Dir? ich will hoffen, Du haſt ſie ihm ge⸗ währt?“—„Ja, mein Vater.“ „Das iſt ſchön von Dir, mein Kind,“ ſagte Herr von Spalden, und klopfte ihr auf die erröthende Wange.„Du haſt mir heute ſchon einmal eine Probe Deines Gehorſams egeben, da Du Dich nach meinem Wunſche und nicht nach Deinem eigenen einfältigen Geſchmack ankleideteſt. Deßhalb machteſt Du auch, wie ich zum Voraus berech⸗ nete, Eindruck auf Deinen unbekannten Freund. Er iſt ganz bezaubert, darauf kannſt Du Dich verlaſſen.“ „Beſter Papa,“ bat Auguſte, die von der herablaſſen⸗ . den Geſprächigkeit ihres geehrten Vaters unſäglich gequält ward,„erlaube mir, in mein Zimmer gehen zu dürfen! ich bedarf der Ruhe.“. „ Geh mein Kind! Gott ſey mit Dir! ſonſt wäre es Dir nicht eingefallen, dies zu begehren, ehe Du Deiner Mutter bei ihren Geſchäften geholfen gehabt hätteſt; aber es kleidet Dich nicht übel, die große Dame zu ſpielen.“ „O ſprich nicht ſo!“ ſagte Auguſte und brach in Thränen aus.„Papa ſelbſt will ja...“ „Nun, nun, es war nicht ſo böſe gemeint! Ich wollte Dich nur ein wenig necken. Gute Nacht!“— Auguſte küßte ihren Eltern die Hand, und begab ſich in ihre ge⸗ liebte Freiſtätte. Um eilf Uhr am folgenden Morgen ſtand Auguſte ———. ——.——·, —ͤ ͤ b——. ——„— ————„— d ͤ— 7 N 309 allein im Wohnzimmer am Fenſter und ſchaute zu dem umwölkten Himmel empor, der ihr ein Bild ihres eigenen zu ſeyn ſchien, als Sterner eintrat. „Ich bin Ihnen unendlich verbunden, mein gnaͤdiges Fräulein,“ ſagte er in dem ſanfteſten Tone, und führte ſie zum Sopha, wo er ſich neben ſie ſetzte.„Ich habe die ganze Nacht nur von meiner lieblichen Braut geträumt; aber darf ich wohl hoffen, daß auch Sie, wenn auch nur einen Augenblick lang, mir Ihre Gedanken geweiht ha⸗ ben?“— Er küßte ihr die Hand auf eine Art, welche, ſowie ſein Ton und Blick die feinſte Galanterie ausdrückte. „Ich habe ſehr viel an Sie gedacht, Herr Sterner,“ verſetzte Auguſte ernſt.„Ich habe mich ſogar nach dieſer Stunde geſehnt, da ich glaubte, Sie würden mir erlauben, aufrichtig mit Ihnen zu ſprechen.“ 3 „Gewiß, mein gnädiges Fräulein,“ erwiederte er;„aber entſchuldigen Sie meine Kühnheit! Ihre Miene, Ihr Ton, gibt wenig Hoffnung, daß dieſe Mittheilung eine ange⸗ nehme für mich ſeyn werde. In dieſem Falle wäre es vielleicht beſſer, wenn ich mir die Ehre Ihres Vertrauens verbäte.“—„O thun Sie das nicht, Herr Sterner!“ ſagte Auguſte ſanft;„es iſt beſſer für uns Beide, wenn ich ſprechen darf.“ „Nun wohl, wie Sie befehlen, mein Fräulein! Ver⸗ ſchieben Sie es nur noch einige Augenblicke. Erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, warum ich mir die Ehre einer beſondern Unterredung mit Ihnen erbat. Sie wiſſen, was mich hieher führt, laſſen Sie mich jetzt blos noch ſagen, daß ich ſo viel Schönheit und ungekünſtelte Anmuth nicht ſehen konnte, ohne mein Herz davon gefeſſelt zu fühlen. Wenn ich Auguſte von Spalden früher kennen gelernt hätte, ſo würde ſie unter Tauſenden Die geweſen ſeyn, auf welche meine Wahl gefallen wäre, und gerne hätte ich dem ganzen Erbe entſagt, um Sie zu beſitzen, im Fall ein anderes Mädchen in dem Teſtamente genannt worden wäre. Jetzt verhält es ſich gerade entgegengeſetzt. Mein Glück beruht auf Ihrer Entſcheidung;; aber weit entfernt, tigen, daß Sie ſchon längſt Ihre Wahl beſtimmt haben!— 31⁰ ein gewiſſes Recht auf Ihre Hand geltend zu machen, be⸗ gehre ich ſie nicht, wenn nicht Ihr Herz als eine freiwil⸗ lige Zugabe Sie begleiten kann. Im Fall einer Weige⸗ rung, gehört Ihnen auf jeden Fall die Hälfte des Ver⸗ mögens. Aber Fräͤulein von Spalden, werfen Sie nicht mein Herz, mein Leben, meine warme Liebe hinweg, als ſeyen ſie ganz werthlos. Ich will Ihnen gerne ſo viele Zeit als Sie wünſchen, gewähren, um mein Schickſal zu entſcheiden.“ 8 „Ich danke Ihnen für Ihre edle und offene Erklärung, Herr Sterner,“ ſprach Auguſte über dieſen verſprechenden Anfang etwas beruhigt.„Ein Mann von Ihrer Denkungs⸗ art muß nothwendig meine Achtung und mein Wohlwollen gewinnen; aber Sie haben zein Recht, mehr zu fordern, und doch— doch— entſchuldigen Sie meine Aufrichtig⸗ keit, kann ich Ihnen nichts mehr bieten, weder in dieſer Stunde noch nach Jahr und Tag; denn mein Herz gehört nicht mehr mir an, und es würde für immer brechen, wenn ich mein Schickſal mit dem eines Andern verknüpfen müßte, als Deſſen, den ich liebe.“ 5 In dieſem Fall, mein Fräulein,“ verſetzte Sterner mit unterdrücktem Aerger,„weiß ich in der That nicht, was ich hier thun, oder zu was all das Gaukelwerk des geſtrigen Tages dienen ſollte. Darf ich fragen, warum Sie meinen Stellvertreter nicht von dieſer artigen Neuig⸗ keit unterrichtet haben?“ „Ich glaube,“ ſtammelte Auguſte und fuhr mit dem Taſchentuch über das glühende Angeſicht,“ daß es ihm nicht ganz unbekannt iſt.“— „Nun das muß ich geſtehen, das iſt ſehr ſonderbar. Mir ſchreibt man, daß ich außerordentlich willkommen ſey, daß ich die Erlaubniß habe, mein Glück bei Ihnen zu ver⸗ ſuchen, daß die Eltern ihre Einwilligung geben und ſo weiter. Wie ich ankomme, empfäangt man mich mit einem Feſte, wobei die Verlobung öffentlich bekannt gemacht wird, und nach all dieſem ſind Sie ſo gut, mich zu benachrich⸗ —2 8V— In Wahrheit mein Fräulein, das iſt ein Spiel, das kein Mann von Ehre dulden kann. Wollen Sie mir vielleicht den Zweck deſſelben erklären und die Urſache, warum man eine Perſon dazu gewählt hat, die als Ihnen völlig un⸗ bekannt, ſchwerlich Ihre Verachtung oder Beſchimpfung verdient haben kann?“ „Es thut mir leid, Ihnen bekennen zu müſſen, Herr Sterner, daß dieſe Verwirrung ihren Grund in der des⸗ potiſchen Gewalt hat, die mein Vater in ſeinem Hauſe ausübt. Ich habe es nicht gewagt, mich Ihrer Hieher⸗ kunft zu wiederſetzen. Die Neigung meines Herzens iſt meinem Vater unbekannt, da er für Bitten und Thränen ſtumm iſt. Aber Sie können verſichert ſeyn, daß ich, ob⸗ wohl vergebens, Alles verſucht habe, was Vernunft, Pflicht und Gefühl ſagen konnten, um ihn an der öffentlichen Kundmachung dieſer Verbindung zu verhindern, ehe ich mit Ihnen geſprochen haben würde.“ Mit raſchen Schritten ging der junge Mann auf und nieder. Seine Augenbraunen waren ſtreng zuſammenge⸗ zogen, und ſeine Wangen flammten von der Gluth des Zorns.—„Das iſt in Wahrheit ein gar artiger Roman,“ ſagte er mit einem ironiſchen Lächeln.„Es iſt nur Schade, mein gnädiges Fräulein, daß mein Gemüth zu proſaiſch d 9 8 iſt, um ſich durch die poetiſchen Schönheiten ergötzt zu finden, die Sie vermuthlich darin finden. Inzwiſchen muß ich die heldenmüthige Entſagung bewundern, womit Sie geſtern die Rolle der Verlobten, der ſchüchternen Braut ſo unvergleichlich vor dem geäfften Bräutigam ſpielten. O, es iſt abſcheulich, ſo zu heucheln! Hätten Sie ſich nicht an mich gewöhnen, mich nicht lieben können, und nach reiflicher Prüſung gefunden, daß unſere Herzen nicht zuſammen taugten, ſo würde ich mich zwar mit Schmerz, aber doch immer mit erhöhter Achtung zurückgezogen ha⸗ ben; denn, den Gefühlen des Herzens kann Niemand ge⸗ bieten. Aber mich hieher reiſen zu laſſen, und mir Hoff⸗ nungen einzuflößen, die Sie nie zu verwirklichen gedachten, um als ein lächerlicher Thor von Ihrem Publikum aus⸗ 312 gepfiffen zu werden, das iſt Etwas, das Alles, was man G bisher als Schimpf ausgedacht hat, ſo ſehr überſteigt dasßs M. ich ſogleich von Ihrem Herrn Vater Rechenſchaft dafüur ſi fordern muß.“ de „O um Gottes Barmherzigkeit Willen Herr Ster⸗ * ner, thun Sie das nicht,“ bat Auguſte in der tödtlichſten w 5 Angſt.„Der ganze Zorn meines Vaters würde mich tref⸗ T. fen, wenn er ſeine Hoffnung durch mich vernichtet ſieht. 31 Gehen Sie wenigſtens jetzt nicht! o ſeyen Sie nicht ſo un hart,“ ſetzte ſte hinzu, als Sterner die Hand entſchloſſen al 1. auf die Klinke legte. ſo „Aber was wollen Sie denn eigentlich?“ fragte er zögernd.„Sie wollen nie meine Gattin werden, und he geſtatten doch, daß Sie vor der Welt als meine Braut th gelten?“— Auguſte brach in Thränen aus, ihre Bewegung m und ihr Schmerz waren einige Augenblicke zu groß, um w ſie in Worte kleiden zu können. 4 „Das iſt wahrhaftig zu verdrießlich;“ ſagte der junge ih Mann mit einem leichten Anſtrich von Ungeduld,“ je baͤl⸗ n. der die Sache entſchieden wird, deſto beſſer wird es für n uns Beide ſeyn. Ich werde Ihrem Herrn Vater ſein lächerliches Verſprechen zurückgeben; denn ich will nicht der Narr ſeyn, den Sie blos zu Ihrem Vergnügen hie⸗ her gerufen haben.“ „Gott weiß am beſten, was für. ein Vergnügen es für mich war,“ ſeufzte Auguſte;„aber Sie können meine Qual leicht begreifen. Ich bebe, meinen ſtrengen Vater zu erzürnen, und habe es deshalb vorgezogen, an Ihren Edelmuth und an Ihr gutes Herz zu appelliren. O, laſſen Sie dies nicht fruchtlos ſeyn! Ihnen wird es leicht, te einen Grund zum Bruche zu finden, wenn Sie es nur mj wollen, und zwar auf eine Art, die..“ 31 „Die einen Schatten auf meine Ehre werfen würde’,“ er unterbrach ſie Sterner.„In Wahrheit, mein Fräulein, 1 Sie beehren mich mit einem Vertrauen, das ich mich ſ nicht im Stand ſehe, zu erwiedern. Da Sie das Teſta⸗ ſ ment geleſen haben, ſo ſehen Sie leicht ein, daß ſolche 313 Gründe auf meiner Seite nicht vorhanden ſeyn können. Meine Ehre und der letzte Wunſch des Abgeſchiedenen ſind für mich bindend; Sie dagegen beſitzen die Freiheit, den Antrag zu verwerfen, wenn Sie es für gut finden. Inzwiſchen,“ ſetzte er etwas milder hinzu, als er ſah, wie gräßlich Auguſte durch ſeinen kalten, ſchonungsloſen Ton litt,„werde ich darauf denken, ob es einen Ausweg gibt, um Ihren Wunſch mit meiner Chre zu vereinigen, und in dieſem Falle ihn einſchlagen. Und wie wenig ich auch auf dieſen Ausgang meines Beſuches rechnen konnte, ſo werde ich doch Ihr Vertrauen nicht mißbrauchen.“ „Gott ſegne Sie für dieſen Troſt,“ ſagte Auguſte herzlich.„Ich werde Sie immer als, einen wahren und theuren Freund hochſchätzen, der ſich meiner Achtung und meines Vertrauens würdig gemacht hat. Ihr edles Herz wird mir verzeihen, daß ich ihm nicht mehr ſeyn kann.“ — Sie begleitete ihren Gaſt bis an die Thüre und ſah ihm ſo beredt bittend in's Auge, daß er lächelnd ſagte: „Ich werde thun, was ich kann— aber— ſeyen Sie nicht zu ſicher.“ 41. Neuigkeiten aus dem Bade**. Kaum eine Woche war zu Stande, Als ſchon ein junger Herr gewandt Billetchen zu dem Fräulein ſandte, Als Liebender ſich ſtill bekannte, Und heimlich Gegenliebe fand. Frau Lenngren. Vierzehn Tage waren verfloſſen, ſeitdem der gefürch⸗ tete und erſehnte Gaſt im Spalden’ſchen Hauſe angekom⸗ men war; aber noch ſchien er keine Gelegenheit gefunden zu haben, um Auguſtens Wünſche zu erfüllen, oder wollte er keine finden. Im Gegentheil wurde ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit immer emſiger, er bemühte ſich auffallend, durch die feinſten Schmeicheleien und die wärmſten Verſicherungen ſeiner zunehmenden brennenden Liebe wenigſtens ihr Mit⸗ Der Stellvertreter. 21 4 314 leid und ihre Theilnahme zu gewinnen; aber Auguſte fühlte keines von beiden für ihn. Oft, wenn ſie allein mit einander ſprachen— denn der Bräutigam hatte die Erlaubniß des Vaters, ſeine Braut beſuchen zu dürfen, wenn es ihm beliebte— warf ihm Auguſte vor, daß er nicht die geringſte Rückſicht auf ihren Schmerz nehme, und ſein gegebenes Verſprechen nicht erfülle. „Aber iſt es nicht allzuviel begehrt, theuerſte Auguſte,“ entgegnete er,„da Sie doch zu meiner Gattin beſtimmt ſind? Sie haben noch nicht in Ihres Vaters Gegenwart widerrufen, und dennoch verlangen Sie, daß ich meinem eigenen Glück entgegenarbeiten, und, was von meiner Seite aus rein unmöglich iſt, die Beſtimmung des Erblaſſers verletzen ſoll. Wenn unſere Verbindung aufgelöst wer⸗ den ſoll, ſo kann dies nur durch Sie geſchehen.“ „O! Herr Sterner, Sie haben wenig Edelmuth, wenn Sie es über ſich vermögen, ein Mädchen wie ein Opfer zum Altare geſchleppt zu ſehen, das Sie nie lieben kann, noch wird. Sie gleichen Ihrem Vetter nicht ſehr.“ „Und doch, wer weiß,“ ſagte er, und ein ſpöttiſches Lächeln ſpielte um die friſchen Lippen,„wer von uns das größte Opfer begehrt.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ ſtammelte Auguſte erbleichend.—„O nichts auf meine Ehre! nur ein zu⸗ fälliger Einfall. Laſſen Sie uns davon abbrechen; aber erlauben Sie mir dagegen, Ihnen meine aufrichtige Ver⸗ wunderung darüber zu bezeugen, daß ich den nie zu ſehen bekomme, welchen Sie mit der koſtbaren Gabe Ihres Herzens beehrt haben. Warum tritt er nicht auf und verwahrt ſein Recht, ich meine keine Rückſicht, von welcher Beſchaffenheit ſie auch ſeyn möchte, ſollte ihn abhalten, als der Vertheidiger ſo koſtbarer Rechte aufzutreten.“ Wenn der Sprecher der armen gequälten Auguſte einen Dolch in’s Herz geſtoßen hätte, ſo hätte der Schmerz nicht größer ſeyn können, als der, den ſie jetzt Ntt. O wie bitter war es, dies hören zu müſſen, und doch nicht wagen zu dürfen, ihn zu vertheidigen, der ihr tauſendmal theurer 3 315⁵ war, als ihr eigenes Leben! aber ſie wollte ihn nicht nennen; dennoch flüſterte ihr die Hoffnung zu: er wird dich nicht verlaſſen, er kann es nicht, bald tritt er her⸗ vor, um unſer Glück zu retten! Aber mit jeder Sonne, die niederſank, ohne eine Veränderung gebracht zu haben, ward dieſe Hoffnung ſchwächer, die Beſuche des Rittmei⸗ ſters wurden immer ſeltener und die Bemühungen des Bräutigams immer emſiger; man fing ſchon an, vom Aufgebot und Hochzeit zu reden. Der jüngere Sterner ſprach gegen den Poſtinſpector den Wunſch aus, die Hochzeit möchte gegen die Mitte Septembers gefeiert werden und verſicherte ſeine Braut, daß die romantiſchen Grillen ſich von ſelbſt verlieren würden, wenn ſie in dem ſchönen Sorrby wären und die junge Frau eine eigene Haushaltung zu beſorgen, und einen angenehmeren und lebhafteren Umgang zu ihrer Zerſtreuung hätte, als es in L— der Fall war. „Nein, glauben Sie das nicht,“ entgegnete Auguſte erzürnt,„hoffen Sie nie, daß ich mich in dieſer Hinſicht verändern werde. Ich finde, daß ich mich in Ihnen ge⸗ täuſcht habe. Ich muß daher Muth faſſen, um in Ihrer Gegenwart mit meinem Vater zu ſprechen; dieſe Qualen halte ich nicht länger aus!“— Und doch war ihre tief eingewurzelte Furcht, den Vater durch dieſen freimüthigen Schritt zu erzürnen, ſo groß, daß ſie davor zitterte, und es noch einige Tage aufſchob. Um dieſe Zeit, es war zu Anfang Auguſts, erhielt der Rittmeiſter von Kornet Stälkrona folgenden Brief: „Herzensfreund und Bruder!“ „Nun, es war hohe Zeit, wirſt Du denken, daß Deine Augen den freudigen Anblick des hochadeligen Stälkron'ſchen Wappens genießen.“ „Aber auf meine Ehre, Du mußt mich entſchuldi⸗ gen; denn ſeit ich hier bin, war ich kaum ſo lange mein eigener Herr, als ich bedurfte, um auf die tägliche Jagd 21* 3 —— ——— — 316 von einem Vergnügen zum andern auszuruhen. Eine Badereiſe iſt doch die Quinteſſenz von allem, was Leben und Freude heißt. Man hat gleichſam die langweiligen und bleiſchweren Feſſeln der Convenienz abgeſchüttelt, und lebt ſo angenehm und harmlos, als ob das Para⸗ dies ſelbſt hieher verlegt wäre, nur daß man nicht ganz ſo dünn gekleidet geht, wie dort.“ „Die Art und Weiſe, wie ich hier meine Zeit zu⸗ bringe, iſt mit wenigen Worten folgende: Ich reite, tanze, mache den Hof, jage und ſpiele Billard; ſiehe da den großen geheimnißvollen Endzweck meines Hierſeyns!“ „Ich kann mir lebhaft vorſtellen, wie Du die Stirne runzelſt, indem Du dieß lieſt; aber Du mußt Dich er⸗ innern, Herzensbruder, daß der junge Arel, der in Sorr⸗ beparks Irrgängen umherſchwärmte, oder mit ſeiner Büchſe Sorrby's dicke Wälder durchſtreifte, das vollkom⸗ mene Gegentheil von Kornet Stälkrona, dem Obercava⸗ lier und Großhofmacher im Bade zu*r iſt. Doch ich fürchte, Du möchteſt, wenn Du nichts Vernünftigeres zu leſen bekommſt, meine Epiſtel ungeleſen auf die Seite werfen oder ihr vielleicht die Ehre ſchenken, damit Deine Pfeife anzuzünden.“ „Habe doch ein wenig Geduld, wir kommen gleich zur Hauptſache: zu meiner ſchönen Schutzbefohlenen!— Ja, Du magſt mir glauben, ſie iſt eine Taube, die ich vor der Menge Habichte, welche ſie hier umſchwärmen, verdammt ſchwer zu hüten habe; doch ich habe meine geheime Gonverneursſtelle würdig ausgefüllt und bin kein unthätiger Zuſchauer geweſen. Umſtändliche Erzäh⸗ lungen ſind zwar nicht meine Sache, doch ich bin Dir eine ſolche ſchuldig, und werde verſuchen, Dir die Lage der Dinge anſchaulich zu machen. Sey jetzt aufmerkſam!“ „Acht Tage vor mir war die Wittwe Stolzenbeck angelangt. Ich war ſo glücklich, ein Zimmer in dem Hauſe zu bekommen, das ſie bewohnt. Als ein Bekann⸗ ter ihrer Tochter machte ich ihr meine Aufwartung, und wurde ſehr gut empfangen. Die Frau Mama war allein. 317 Sie beehrte mich mit einer Menge Fragen, die Dich, Sorrby und den Erben betrafen, wobei ich vor Aerger ordentlich ſchwitzte. Endlich kam Henriette von ihrer eben beendigten Morgentoilette. Als ſie mich erblickte, errö⸗ thete ſte ſehr reizend und ſtammelte etwas von ewiger Erkenntlichkeit, Dankbarkeit und dergleichen hervor. „Kleinigkeiten, mein gnädiges Fräulein,“ ſagte ich mit dem gleichgültigſten Ton von der Welt.„Die ganze Sache iſt kein Wort von Ihren ſchönen Lippen werth. — Jetzt erröthete ſie weit ſtärker; aber offenbar aus Verdruß.“ „Werden Sie der Geſellſchaft heute Abend anwoh⸗ nen?“ fragte ſie, dem Geſpräch eine andere Wendung gebend, „Natürlicher Weiſe,“ antwortete ich.„Ich brenne vor Begierde all' dem Schönen, das hier verſammelt ſeyn wird und das die Blicke des kälteſten Zuſchauers in den Umkreis des Salons bannen muß, meine Be⸗ wunderung zu bezeugen.“ 3 „Man muß den Gegenſtand einer ſo lebhaften Be⸗ wunderung nicht immer im Geſelſſchaftsſaale ſuchen. Vielleicht ſind heute Abend nicht alle Diejenigen dort, die auf die glückliche Macht Sie zu feſſeln Anſpruch machen dürfen,“ ſagte Henriette mit einem ſchelmiſchen Lächeln. „Wäre es Ihnen nicht möglich, das große Opfer zu bringen und von Ihrem Vorſatz für dies Einemal ab⸗ zuſtehen? Meine Mutter hat heute Abend Geſellſchaft, wollen Sie uns nicht mit Ihrer Gegenwart dabei be⸗ ehren? Die Geſellſchaft beſteht zwar eigentlich nur aus einigen älteren Perſonen, keinen Schönheiten, das ſage ich Ihnen zum Voraus; doch Sie können ſich leicht ein anderes Mal dafür entſchädigen, und überdies würde meine Mutter Ihre Weigerung ungünſtig aufnehmen. Sie flüſterte mir zu, dieſen Wunſch an ſie zu ſtellen, als ſie eben das Zimmer verließ.“ „Von einer Entſchädigung für einen ſo angenehmen Abend wie dieſer werden muß, kann nicht die Rede ſeyn, Ich nehme mit Vergnügen Ihre Einladung an,“ ſagte 318 ich mit all der Artigkeit, welche die Gelegenheit er⸗ heiſchte.„Iſt Ihr Bräutigam hier?“ „Nein,“ erwiederte ſie ganz kurz,„er iſt in Weſt⸗ göthland bei ſeinen Eltern.“ Wir wurden unterbrochen und ich verabſchiedete mich. „Am Abend war das Langweiligſte, was man von betagten Tanten und ſauertöpfiſchen abgelebten Poda⸗ griſten hatte zuſammenbringen können, in der Wohnung der Wittwe Stolzenbeck verſammelt.“ „Ich ſah keinen Streifen von der Göttin des Hau⸗ ſes. Die Zeit war mir unerträglich. Ich nahm meine Zuflucht zu Allem, was mir zu Gebote ſtand, und ſtieß eine halbgeſchloſſene Thüre in ein anderes Zimmer auf. Was ſollt' ich hier anders ſehen, als mein kleines Täub⸗ chen, das, wie es ſchien, in eine ſehr lebhafte Unter⸗ redung mit einem jungen faſhonablen Engländer vertieft war, der, nachdem er den ganzen⸗Winter über in Scho⸗ nen nach Wildbrät gejagt hatte, jetzt in das Bad zu:** gezogen war, um hier ſein Glück zu verſuchen? Zwei Roſen, die an Farbenpracht faſt dem Karmin gleich ka⸗ men, erblühten auf Henriettens Wangen, als ſie mit der allerlieblichſten Verlegenheit dem Kornet Staͤlkrona Maſter Macaley vorſtellte. Da er gut Schwediſch ſprach, ſo floß die Unterhaltung ziemlich leicht in den Kanal der Tagesneuigkeiten dahin; aber in Henriettens erzwunge⸗ ner Fröhlichkeit, ihrem Erröthen und ihrer Verlegenheit war etwas, das mir nicht behagte. Ich dachte an Deine Prophezeihungen, und ging mißgelaunt fort, als ſich die Geſellſchaft trennte.“ „Am folgenden Morgen, als ich am Fenſter ſtand und meine Pfeife rauchte, ſah ich meinen Herrn Maca⸗ ley im Hauſe gegenüber hinter einem Vorhange anf der Wache ſtehen. Als ich eine Weile die ſonderbaren Be⸗ wegungen, welche die Gardinen hin⸗ und hermachten, betrachtet hatte, hörte ich ein Geräuſch auf der Treppe, und bald ließ ſich die maſſive Figur der Madame Stol⸗ zenbeck ſehen, die von einem Mädchen begleitet war, das ——:⏑—:—˙:—-— —— Q˖:Qʒ·X—’—:˖ꝛ—:—x—-ͤ— ihre Badkleider trug.„Hm!“ dachte ich, was wird jetzt kommen, ich ſtand wie auf glühenden Kohlen. Kaum hatte die gute Frau um die Ecke gebogen, als der Eng⸗ länder die Straße herüber und die Treppen herauf war. „Das wird doch zu toll,“ dachte ich; aber ich war ge⸗ zwungen, mich zufrieden zu geben, da ich ſchwerlich et⸗ was beſſeres thun konnte. Der Engländer ging erſt lang nach der Heimkehr der Mutter hinweg.“ „Sie weiß alſo und erlaubt ſeine Beſuche.“ Ich wurde wüthend; aber dies half nichts zur Sache. Am andern Morgen ging alles auf dieſelbe Art zu. Aber da dies auch am dritten erneuert wurde, ſo nahm ich meinen Hut und dachte: ich kann ihr wohl eben ſo gut meine Aufwartung machen, als ein Anderer, und dann werd' ich vielleicht ſehen, wie die Actien ſtehen. Als ich die Thüre in daſſelbe Zimmer öffnete, wo ich ſie das letzte Mal angetroffen hatte, fand ich mit einiger Ver⸗ wunderung Maſter Macaley damit beſchäftigt, Henrietten Lection im Engliſchen zu geben. Sie ſaß mit einer Grammatik in der Hand da, und er blätterte in einem Lexikon.“—„Dieß konnte freilich ganz unſchuldig ſeyn; aber es konnte auch nur ein Vorwand ſeyn, um deſto öfter zuſammen zu kommen. Ich kann nicht ſagen, daß ſie verlegen ausſahen; aber der Dämon des Argwohns flüſterte mir in's Ohr, daß ſie dieſes Geſchäft begonnen haben möchten, als ſie Jemand im Vorzimmer gehen hörten. Gott verzeihe mir, wenn dieſer Gedanke un⸗ edel von mir war! Der Engländer ging gleich nach mei⸗ ner Ankunft.“ Ich wagte nun zu bemerken, wie wohl Lieutenant Sterner eine ſolche Gunſtbezeugung ſeiner Braut gegen Herrn Macaley aufnehmen wuͤrde, wenn er zugegen wäre.“—„Eine ſolche Gunſt, ſagen Sie,“ verſetzte ſie verwundert.„Ich meine, Conſtantin ſollte ihm für die Muhe danken, die er ſich nimmt.“ „Erlauben Sie mir daran zu zweifeln, mein beſtes Fräulein von Stolzenbeck,“ ſagte ich. „Das ſteht Ihnen frei, mein Herr, entgegnete ſie T hochfahrend:„aber erlauben Sie mir, für meine Ange⸗ legenheiten ſelbſt zu ſorgen.“— Ich verbeugte mich kalt und ging:—„Mit Schmerz ſah ich, daß alle Tage auf dieſelbe Art hingingen. Sie laſen miteinander, ſie fuhren, ſie ritten und gingen ſpazieren, Alles miteinan⸗ der. Er frühſtückte bei Frau von Stolzenbeck, aß dort zu Mittag und Abend. Es that mir herzlich leid um Deinen Better, als ich endlich ſah, daß ſogar Billetchen mit in's Spiel kamen. Noch einmal verſuchte ich es, mit all' dem Ernſt und all' der Beredtſamkeit, die mir gege⸗ ben iſt, Henrietten das Unbedachtſame, das Unpaſſende in ihrem Benehmen vorzuſtellen, da ſie ſo heilige Pflich⸗ ten zu erfüllen habe. „Sparen Sie Ihre Beredtſamkeit,“ erwiederte ſie ſtolz,„ich habe keine Pflichten mehr gegen Lieutenant Sterner zu erfüllen. Sein Betragen während der Zeit, daß ich mich hier befinde, befreit mich vollkommen davon.“ „Da muß irgend ein Mißverſtändniß obwalten,“ verſicherte ich.—„Durchaus nicht; ich weiß mit Ge⸗ wißheit, daß er mich betrogen hat. Doch er ſoll mich nicht unvorbereitet finden; auch ich habe eine andere Wahl getroffen.“—„Mein Gott! was meinen Sie da⸗ mit?“ fragte ich, über ihre Aufrichtigkeit beſtürzt.„Sie werden doch gewiß keine ſolche Handlung begehen und ein Gelübde brechen, das Sie ſchon einem Andern ge⸗ geben haben, und dies wie ich gewiß bin, auf falſche Voraus⸗ ſetzungen hin?“—„Ich habe Ihnen ja geſagt,“ ver⸗ ſetzte ſie zornig,„daß mein Verſprechen ſich von ſelbſt aufgehoben hat. Deßhalb gedenke ich auch mit Ihrer Erlaubniß meine Hand, mein Herz und mein Wort, ei⸗ nem würdigeren Gegenſtande zu ſchenken.“ „Herrn Macaley?“ fragte ich. „Warum nicht?“ verſetzte mit einem ſo unbe⸗ greiflichen Leichtſinn, daß ich im unerſten meiner Seele ſie verachten mußte.— Dies geſchah heute Morgen und ich habe jetzt mein Herz vor Dir ausgeſchüttet. Was denkſt Du von der Sache? Schreibe mir mit umgehen⸗ 1 — ◻—,——, „——— —— 2— 321 der Poſt, was für Nachrichten Du von Deinem Vetter haſt. Möchte er doch kein ſolcher Narr ſeyn und ſich über den Verluſt grämen, ſie wäre es auf meine Ehre nicht werth. Sie haben die Abſicht, ſich noch etwa vierzehn Tage hier aufzuhalten, und ſo auch ich. Ich bin ſehr begierig auf den Ausgang dieſes Aben⸗ teuers; nach Allem, was vorgegangen iſt, muß es wohl mit einer offenen Verlobung ſchließen. Laß bald et⸗ was von Dir hören, Bruder, darum bittet Dich Dein getreuer Axel.“ Eine gute Stunde ſaß der Rittmeiſter in tiefe Ge⸗ danken verſunken, nachdem er dieſen Brief geleſen hatte. Schmerz und Zorn wechſelten in ſchnellem Lauf in ſei⸗ nen Zügen. Bisweilen leuchtete jedoch ein Strahl der Befriedigung in ſeinem Auge; daß ſeine Gefühle aber ſehr getheilt waren, erſchien deutlich. Jetzt trat der Erbe herein. Der Rittmeiſter ſteckte mit bewundernswürdiger Gleichgültigkeit den Brief zu ſich, und nahm ſeine gewöhnliche, ruhige Haltung wieder an, ehe der Hereintretende bemerken konnte, daß die ge⸗ ringſte Störung vorgefallen war. 42. Erklärung zwiſchen Vater und Tochter. Sicher und froh ſegle ich: meine Seele getröſtet Hand am Ruder und Andacht im frömmigen Herzen! Folge mir treu, himmliſche Ruhe, im Sturme! Folg' mir im Tode!. g Nikander. Als der junge Sterner ſpät am Abend von dem Rittmeiſter zurückkam, ſchien er ſehr niedergeſchlagen und düſter zu ſeyn. Er kam Auguſten ſo leidend vor, daß es ihr in die Seele ſchnitt. Sie wußte, was es heißen wollte, zu leiden. 3 „Sie müſſen reiſen,“ ſagte ſie theilnehmend;„das Leben iſt hier zu einförmig für Sie.“— Er ſchüttelte ſchweigend den Kopf.—„Thun Sie das, beſter Ster⸗ 322 ner!“— Sie hatte nie ſo freundlich mit ihm geſprochen.— „Ihre Abweſenheit würde uns nützlich ſeyn; dieſe ſtets erneuerten Auftritte erſchüttern uns Beide zu ſehr.“, „Und wie lange glauben Sie wohl, daß ich ab⸗ weſend ſeyn könnte? Täuſchen Sie ſich nicht ſelbſt; unſer Schickſal muß bald entſchieden werden; denn menſchliche Geduld hält es nicht länger aus.“— Er ging mit fin⸗ ſterer Miene von ihr. „Warten Sie einen Augenblick,“ bat Auguſte mit erkämpfter Entſchloſſenheit.— Er wandte ſich um.— „Morgen, Herr Sterner, morgen werden Sie frei, ich werde bis dahin beſtimmt mit meinem Vater ſprechen!— Sterner verbeugte ſich ſchweigend und ging. „Mein Gott!“ ſeufzte ſie in inbrünſtiger Andacht, „gib mir Kraft, es auszuführen! Ja, morgen muß es geſchehen!“ Die ganze Nacht brachte Auguſte damit zu, ſich-die Urſachen und Gründe zu vergegenwärtigen, die ſie gegen den Eiſenwillen ihres Vaters und ſeinen harten Macht⸗ ſpruch vorbringen wollte. Auf ſein Gefühl zu wirken, war nicht denkbar; nur eine beſtimmte Erklärung in Gegenwart des Bräutigams, daß ſie ſich nie mit ihm verbinden wolle, und es nie gewollt habe, konnte einen Ausſchlag in der Sache geben. Es würde ſich dann zeigen, daß nur Zwang das zwiſchen ihnen entſtandene Verhältniß veranlaßt habe, und der Poſtinſpektor würde Nichts ausrichten können, wenn der Erbe erklärte, daß er unter dieſen Umſtänden nicht auf eine Verbindung dringe. So dachte und vertröſtete ſich Auguſte. Der Morgen kam, das Maäͤdchen zitterte wie ein vom Wind bewegtes Blatt; aber ihrem Verſprechen und Vorſatze getreu, begab ſie ſich nach einem heißen Gebet in das Zimmer des Poſtinſpektors. Es war eine Stunde vor der Zeit, wo ſich der junge Sterner gewöhnlich einfand; aber als ſie die Thüre öffnete und einen Blick auf ihren Vater warf, der bei ihrem frühzeitigen Morgenbeſuch die Stirne runzelte, und die ſtrengen Blicke finſter auf ———— 75 2 bSSSASnSͤ— e S= ſte heftete, da entſchwand ihr aller Muth, und ſie konnte nur ſein Knie umfaſſend ausrufen:„O mein Vater! mache mich nicht ſo grenzenlos unglücklich; ich kann eicht, nein, ich kann unmöglich den Erben heirathen!“ „Was ſchwätzeſt Du da, biſt Du verrückt?“ fragte der Poſtinſpektor in einem Tone, der mit dem dumpfen Gebrüll einer aufgereizten Beſtie verglichen werden konnte. „Iſt es jetzt Zeit daruͤber zu ſchwatzen, ob Du ihn haben willſt oder nicht, da wir bald den Tag des öffentlichen Aufgebots beſtimmen werden. Aber wenn Du auch hun⸗ dertmal eine ſolche Sprache führen wollteſt, ſo ſchwöre ich doch bei meiner armen Seele, daß Du noch vor dem Herbſt, ſofern Du lebſt, als Sterners Weib nach Sorrby ziehen ſollſt. Gilfe und jammere dann, ſo viel es Dich gelüſtet; aber jetzt habe ich dieſe andächtigen Mienen und rothgeweinten Augen ſatt, ich halte Wort, das weißt Du. Wenn ich im Sinne gehabt hätte, Deine thörichten Grillen zu berückſichtigen, ſo wäre es wohl ſchon vorher geſchehen; denn Deine Wünſche nach einer Seite und Dein Widerwillen nach der andern hin, waren mir längſt wohl bekannt.“ „Aber, mein beſter Vater, ich habe gegen Herrn Sterner meine Gedanken ausgeſprochen, und das ſchon am erſten Morgen nach ſeiner Ankunft. Er weiß alſo, daß ich nie ſeine Gattin werde.“— „Schweig', Du dumme Gans!“ donnerte der Poſt⸗ inſpektor, der den wohlbekannten Gang ſeines künftigen Schwiegerſohns auf der Treppe hörte.„Kein Wort mehr von dieſen Thorheiten. Sonſt— Du kennſt mich!“ Aber da der Gaſt eintrat, rief Auguſte, die zwar vor ihrem ergrimmten Vater bebte, aber auch einſah, daß die Gelegenheit vielleicht nie wieder ſo günſtig ſeyn würde:„O mein Herr! retten Sie mich von dem gräß⸗ lichſten Unglück, bewegen Sie meinen Vater! Sie wiſſen, daß ich lieber ſterben, als mit einem falſchen Eid auf den Lippen an den Altar treten will.“. „So, Sie haben ſich alſo endlich zu dieſem letzten — Auftritt entſchloſſen,“ ſagte Sterner mit eiskalter Ruhe und wandte ſich zu dem Poſtinſpektor.„Sie ſehen wohl ein, mein Herr, daß, da Ihre Tochter eine Verbindung mit mir verabſcheut, es meine Pflicht iſt...“ „Das ganze Erbe in Beſitz zu nehmen,“ ſetzte der Poſtinſpektor den abgebrochenen Satz fort.„Aber ich ſage Ihnen, daß in Ewigkeit nichts daraus werden ſoll! Oder zeigen Sie mir, wo der Punkt im Teſtament ſteht, der Ihnen das Recht gibt zu brechen?“ „Ich weiß ſehr wohl, daß ein ſolcher nicht exiſtirt; aber dagegen heißt es mit klaren und deutlichen Worten: Wenn Hinderniſſe von ihrer Seite entſtehen ſollten u. ſ. w.“ „Nun alſo!“ ſchrie von Spalden, in dem rohen, pobelhaften Ton, der ihm eigen war, wenn er gereizt wurde:„Nun alſo! hier ſind ja keine Hinderniſſe ent⸗ ſtanden! Das Mädchen iſt eine ungeholſame Näaͤrrin, die ich bald zahm machen will, und ich, als ihr Vater, der über ihre Hand zu disponiren habe, mache mich dafür verantwortlich, daß Alles gut und in Ordnung vor ſich gehen ſoll.“ 1 Auguſte war ganz vernichtet.„Sie können ein Weib unter dieſen Bedingungen nicht beſitzen wollen,“ ſagte ſie. „Das ſtreitet gegen göttliche und menſchliche Geſetze, und wenn Sie ſich die unbewegliche Härte meines Vaters zu Nutzen machen, ſo treten Sie Ihre eigene Ehre mit Füßen.“ „Wenn es von mir abhinge, mein Fräulein,“ ant⸗ wortete Sterner kalt,„ſo würden Sie ſchon längſt frei ſeyn; aber leider ſind wir auf gewiſſe Art Beide gebun⸗ den. Auch für mich wäre es durchaus kein Glück, eine Gattin heimzuführen, die meine Liebe und meine Ehre durch die nie endende Wiederholung von Ihrem entſetz⸗ lichen Kummer und Schmerz hundertmal gekränkt hat. Will Ihr Herr Vater dieſe verkehrte Verbindung ſelbſt auflöſen, ſo entſage ich nicht allein Ihrer Hand, ſondern mache mich ſogar anheiſchig, Ihnen die Hälfte des Ver⸗ mögens abzutreten!“ „Gehorſamer Diener!“ ſagte der Poſtinſpektor mit einem mißtrauiſchen Lächeln.„Sie ſind allzufreigebig; aber ich glaube mit Ihrer Erlaubniß, daß wir am beſten daran thun, den vernünftigen und zweckmäßigen Plan zu befolgen, den der Erblaſſer entworfen hat.“ Mit dieſen Worten war der Auſtritt für diesmal zu Ende, indem der Poſtinſpektor Auguſten einen beſtimm⸗ ten Wink zuwarf, ſich fortzubegeben. 3 Abends kam der Rittmeiſter. Waͤhrend der Poſt⸗ inſpektor und der jüngere Sterner ihr ganzes Denkver⸗ mögen bei einer Partie Schach anſtrengten, ſchlich ſich der Rittmeiſter leiſe nach Auguſtens Zimmer. Er hatte ſeit jenem merkwürdigen Feſtabend nicht mehr allein mit ihr geſprochen. Gegen die Gewohnheit war die Thüre nur angelehnt, er öffnete ſie leiſe, blieb aber ſtehen, als Her Auguſten halb liegend auf einem Sopha erblickte, wo ſie von der Thüre abgewendet, ihr Angeſicht in den Kiſſen verbarg, während ſie ſtille ſchluchzte. Sie hörte nichts; ſeit dieſem Morgen hatte eine wilde Verzweiflung ihre Seele ergriffen.—„Du innig Geliebte,“ ſeufzte er, „Du weinſt um meinetwillen, aber noch kann ich Deine Thränen nicht abtrocknen.“— Er betrachtete ſie einige Augenblicke mit ſteigender Rührung, ohne daß er zu ath⸗ men wagte. „Ach, er weiß meinen Jammer, und doch— doch flüſtert er mit keinem einzigen Worte meinem Herzen Troſt zu,“ ſagte Auguſte halb laut bei ſich ſelbſt.„O grauſamer, grauſamer Alexander! willſt du mich denn ſterben ſehen, um dich am Ende zu überzeugen, daß ich dich über Alles auf Erden liebte! Lebend ſollen ſte mich nicht zum Altare mit dem verhaßten Erben ſchleppen.“ Sie ſchwieg und weinte leiſe.„Nein, ich kann nicht Abſchied nehmen, nicht mit ihr ſprechen,“ dachte Sterner.„Wenn ich in dieſer Minute ihr thränendes Auge und den holden Blick ſchaute, der mich um Troſt anfleht, ſo ware ich nicht mehr Herr meiner ſelbſt.“ Er zog langſam zurück und ſchloß die Thüre. . 326 3 Stumm und blaß kam Auguſte zu Tiſch: Der Poſt⸗ inſpektor, in deſſen Bruſt ein ſteinernes Herz lag, ſcherzte darüber in ſeiner Manier, und erzählte dem Rittmeiſter, daß dieſen Vormittag ein lächerlicher Auftritt Statt ge⸗ funden habe.„Das Beſte von Allem,“ ſetzte er mit einem bedeutungsvollen, widrigen Lächeln hinzu,„iſt Conſtantins Edelmuth; der unſerer Romanheldin und ih⸗ rem Auserwählten, den ich, beiläufig geſagt, nicht kenne und auch nicht kennen lernen will, die Haͤlfte des Ver⸗ mögens abtreten will. Was ſagen Sie zu einer ſolchen Freigebigkeit, mein guter Rittmeiſter?“ „Wenn ich mich nicht tänſche,“ ſprach Sterner mit einer Würde, welche die Geſprächigkeit des Poſtinſpek⸗ tors zum Schweigen brachte,„ſo wird weder Fräulein Auguſte, noch der, den Sie mit dem Titel ihres Aus⸗ erwählten beehren, ein ſolches Anerbieten annehmen. Wenigſtens würde ich das nicht thun!“— Dabei flammte eine hohe Röthe über das männliche Geſicht des Ritt⸗ meiſters, und ein zorniger Blick ſchoß ſeinen Blitz ge⸗ gen den erſtaunten Poſtinſpektor.—„Wenn ich es wäre, für den dieſes edle und reine Herz klopfte, ſo würde ich es verachten, von fremden Händen anzuneh⸗ men, was ich nicht ſelbſt bieten könnte. Und ich würde nicht viel nach einem Weibe fragen, das es nicht frei⸗ willig vorzöge, mit mir das knappe Scherflein von Le⸗ bensgütern zu theilen, das die Vorſehung mir geſchenkt hat, und dagegen ein reicheres Leben mit einem Manne den ſie nicht liebt, auszuſchlagen.“ 3 Ein allgemeines und tiefes Schweigen folgte auf dieſe Worte, Der Poſtinſpektor fühlte ſich nicht recht wohl zu Muthe, der Rittmeiſter war nicht der Mann, mit dem man mit Vortheil ſtreiten konnte.— Er hatte immer eine unerklärliche Achtung, eine Art ihm ſonſt ganz fremder Furcht vor ſeinem ruhigen, kalten, beſtimmten Tone, und ſeiner Art zu handeln, gehabt; aber ein zu langes Schweigen konnte auch einen ſchäd⸗ lichen Einfluß auf die Unterthänigkeit haben, an die er / 327 ſeine Frau und Tochter gewöhnt hatte. Dies war ein zu hohes Spiel. Er rüſtete ſich alſo auf eine Antwort, und begann endlich, nachdem er einige Male gehuſtet hatte, mit einer Art Lächeln:„Ich hoffe, Sie verſte⸗ hen Spaß, Herr Rittmeiſter. Es konnte natürlich nie meine Meinung ſeyn, Sie durch die närriſche Voraus⸗ ſetzung beleidigen zu wollen, daß Sie Ihrem Vetter ſeine verlobte Braut vor der Naſe hinweg zu ſchnappen beab⸗ ſichtigten.“—„Was Sie in dieſer Hinſicht voraus⸗ ſetzen oder nicht, iſt mir gleichgultig,“ antwortete der Rittmeiſter ſtolz.„Sie haben Ihre Freude daran, das Herz Ihrer Tochter zu verwunden, zu durchbohren, ja es verbluten zu ſehen, und warum? blos weil ſie wie jedes andere vernünftige Weſen es wagt, einen eigenen Gedanken zu haben, und weil dieſer mit Ihren Plänen in Streit gerathen iſt, welchen zu mißtrauen Sie eine theuer erkaufte Erfahrung hätte lehren ſollen. Dieſe an einem Vater ſo unnatürliche Handlungsweiſe erregt mei⸗ nen Abſcheu, und veranlaßt mich, Ihnen zu erklären, daß dieſe Verbindung, welcher Sie Ihre Tochter auf⸗ opfern wollen, auf Hinderniſſe ſtoßen ſoll, welche alle Ihre Bemühungen zu nichte machen werden.“ „Was ſagen Sie, Herr?“ rief der Poſtinſpektor und zitterte ſo heftig vor Zorn, daß ſich die Worte kaum verſtändlich über ſeine Lippen arbeiten konnten.„Wir leben Gott ſey Dank! nicht in einem Land, wo es den Töchtern erlaubt iſt, ſich in einem ſolchen Falle dem Willen ihrer Eltern zu widerſetzen. Ich vermuthe, Sie wiſſen, daß ich, ihr Vater, es bin, der über ihre Hand zu verfügen hat, und Sie ſollten ſich auch Ihrer eige⸗ nen Worte erinnern, welche, wenn ich mich nicht täu⸗ ſche, alſo lauteten:„Ich ſchwöre bei meiner Ehre und Seligkeit, daß ich mich nie der Vollziehung des Teſta⸗ mentes widerſetzen wollte, noch werde?“. „Dabei bleibt es auch,“ fuhr der Rittmeiſter fort; naber es gibt hier gewiſſe wichtige Punkte, die noch nicht zu Ihrer Kenntniß gekommen ſind. Es wird je⸗ —————— 328 doch nicht lange mehr anſtehen, bis Sie ſich überzeugen ſollen, in wie weit ich im Stande bin, Wort zu hal⸗ ten. Seyen Sie inzwiſchen nicht gewaltthätig gegen Ihre edle Tochter. Das iſt das Einzige, um was ich Sie bitte, und worin ohne Zweifel ihr Bräutigam einſtimmt. Ich verreiſe auf ungefähr zehn oder zwölf Tage, und nach dieſer Zeit werden wir uns wiederſehen.“— Der Rittmeiſter ſtand auf, küßte Auguſtens Hand, verbeugte ſich vor der übrigen Geſellſchaft und verließ das Zimmer, Gegen alle Gewohnheit und alles Vermuthen ſprach der Poſtinſpektor kein Wort; nicht der geringſte Sturm ward verſpürt; aber ſein Geſicht war leichenblaß, ſeine Lippen blau und zitternd. Der junge Bräutigam ſaß während der ganzen Scene als das vollkommenſte Bild der Gleichgiltigkeit da. Er ſtocherte ſeine Zähne mit einem goldenen Zahnſtocher, während er ſich gemächlich auf dem Stuhl hin und-her wiegte, und warf hie und da durch ſeine Brille einen verächtlichen Blick auf den Poſtinſpektor, der jetzt eben ſo ſehr gepeinigt war, wie der reiche Mann im Fegfeuer. Endlich machte er ſei⸗ nem Aerger Luft und fragte ſeine Frau: ,Rigitza, haben wir Neumond am Sonntag?“ „Nein, mein Alter,“ antwortete ſeine Frau, zit⸗ ternd, vor der Bedeutung dieſer Frage;„letztes Vier⸗ tel.“„Nun, es iſt auf alle Fälle ein Aberglauben,“ fuhr er fort,„und wenn Sie, Herr Schwiegerſohn, wie ich vermuthe, eben ſo wenig geneigt ſind als ich, ſich von dem Großprahler beſchimpfen zu laſſen, dem ich von Herzen die nächſte Geſandtenſtelle in Botanybay wün⸗ ſche, ſo laſſen wir nächſten Sonntag das erſte Aufgebot ergehen.“—„Ja, ich glaube faſt,“ erwiederte der junge Sterner nachläſſig,„daß es eben ſo gut iſt, den Vorhang ſo bald als möglich fallen zu laſſen; das Schau⸗ ſpiel fängt an langweilig zu werden. Doch wir haben heute Freitag und morgen paßt es ſich nicht zum Auf⸗ bieten. Aber die nächſte Woche wollen wir zum Pfar⸗ rer, wenn es Ihnen ſo recht iſt, Herr Poſtinſpektor.“ 1 329 „Topp! Herr Bruder!“ und uck die Brüderſchaft zu beſiegeln, reichte ihm Herr von Spalden die Hand hin.„Aber ſagen Sie, was waren das für Punkte, mit denen er drohte.“—„Auf meine Ehre, ich weiß nicht das Geringſte, als den klaren Inhalt des Teſta⸗ ments; wir haben uns nach nichts Anderem zu richten.“ „Das iſt auch meine Anſicht,“ ſprach der Poſt⸗ inſpektor und züͤndete ſeine Pfeife an,— ein Zeichen, daß er ſich beruhigt hatte. Auguſte war von all dem, was ſie gehört und geſehen hatte, ſo verwirrt, daß ſie ſich des Vorgefallenen kaum erinnern konnte, aber auf ihrem Zimmer erholte ſie ſich, und dort hellte es ſich unter dem Beiſtande ihrer geliebten mütterlichen Freun⸗ din, welche ihr die Worte, die Haltung und die Blicke des Rittmeiſters und Gott weiß was Alles, getreulich wiederholte, allmählig vor Auguſten auf, und ihr Herz ward von ſeligen Gefühlen und inniger Dankbarkeit für den liebevollen Lenker unſerer Schickſale geſchwellt,— denn unwiderleglich lag in der Aeußerung des Rittmei⸗ ſters der Keim zu den froheſten Hoffnungen. Aber doch blieb noch immer einige Galle im Becher der Freude, wenn ſie der Uebereinkunft gedachte, die ſie zuletzt bei Tiſche gehört hatte, daß man ſie nämlich noch vor der Ankunft des Rittmeiſters aufbieten ſollte. Auguſte be⸗ fahl ihre Sache in Gottes Hand, und ſchlief dieſe Nacht ruhiger als ſeit langer Zeit. 433. Lage der Dinge in Sorrbypark. . Im Kampf erprobt 15 die Klinge Der Freund in der Noth.— 5 Tegnér. Der Rittmeiſter hatte ſeine Abreiſe auf den folgen⸗ den Morgen beſtimmt. Es war ſeine Abſicht, ſo ſchnell als möglich eine Tour in's Bad zu“*** zu machen, um das Verhältniß, worüber Arel ihm geſchrieben hatte, Der Stellvertreter. 22 1 N 330 ſelbſt näher in Augenſchein zu nehmen; denn er hielt die Sache um ſeines Freundes willen für zu wichtig, um ſie ganz unberückſichtigt zu laſſen. Aber gerade, als er im Begriff ſtand, in den Wagen zu ſteigen, exhielt er einen Brief mit ſchwarzem Siegel. Er rieß ihn haſtig auf und las beſtürzt einige Zeilen von Arels Hand. Sie waren den Tag nach dem obigen Briefe geſchrieben, und lauteten: 4 „In dieſem Augenblicke erhalte ich die ſchmerzliche Nachricht, daß mein Vater plötzlich am Schlag geſtorben iſt, wahrſcheinlich veranlaßt durch eine ganz unerwartete Aufkündigung einer auf Sorrbypark geliehenen Summe. Meine Mutter und meine Schweſtern ſind troſtlos und ich nicht viel weniger. Herzensfreund! du kennſt die Worte des großen Dichters: Im Kampf erprobt ſich die Klinge, der Freund in der Noth!— Ich bitte dich um Gottes⸗ willen, bis Montag den neunten Auguſt mit mir in Sorrby zuſammenzukreffen.“ „Dieſen Morgen hat Frau von Stolzenbeck ganz unvermuthet mit ihrer Tochter das Bad verlaſſen, und Niemand weiß, wohin ſie ſich begeben hat. Der Eng⸗ länder iſt noch hier.——,„ „Den neunten,“ ſagte der Rittmeiſter nachſinnend, „es wird mir kaum möglich ſeyn, daß ich bis dahin dort⸗ hin komme. Armer Arel! und du, gute Wilhelmine, meine Freundſchaft für euch ſoll die Reiſe beſchleunigen; aber wohin hat wohl die intriguirende Koquette ihren Weg genommen?— Wende um, Schwager, wir ſchla⸗ gen eine andere Straße ein!“ Als zer am Haus des Poſtinſpektors vorüber fuhr, ließ er ſeinen Better auf einige Augenblicke herunter bitten. Sie ſprachen leiſe und eifrig miteinander, und eine Stunde ſpäter reiste auch dieſer durch daſſelbe Thor ab, und er⸗ reichte den Rittmeiſter einige Meilen vor der Stadt, wor⸗ auf ſie die Reiſe gemeinſchaftlich Tag und Nacht fort⸗ ſetzten. Am Sonntag Abend langten ſie im Pfarrhof zu Wallaryd an. Der Pfarrer, der an eine Leichen⸗ —— ᷣ ——— ——— —ͤ G die n ſie im nen auf Sie und iche ben tete me. und rte ge, es⸗ in ienz nd ig⸗ — 331 predigt über den abgeſchiedenen Oberſtlieutenant und an der Grabrede arbeitete, ſowie an einer dritten, die er an Ort und Stelle vor dem Trauerhauſe halten ſollte, hatte wenig Zeit für ſeine Gäſte uͤbrig, ſo geachtet und ilt kommen ſie ihm auch waren.„Du biſt in Wallaryd Hauſe, Bruder Sterner,“ ſagte er zum Rittmeiſter,„de⸗ halb kannſt D Du es freundſchaftlich auf Dich nehmen, den Wi rth D deines Vetters zu machen.“ Die Probſtin, welche die Freundlichkeit ſelbſt war, da ihr die Chre widerfuhr, die erſte in der Pfarrei zu ſeyn, welche den neuen Gutsherrn beherbergen und be⸗ wirthen durfte, ließ bei dieſer feierlichen Gelegenheit auf⸗ tiſchen, was das Haus vermochte. Sobald man ſich in guter Ruhe um das Abendeſſen geſetzt hatte, und Kin⸗ der unb Bedienung hinausgewieſen waren, begann die Probſtin, die immer einen Groll gegen die hochmüthige Herrſchaft in Sorrbypark gehabt hatte, mit ſchlecht ver⸗ hehlter Schadenfreude das Unglück zu erzählen, das die Familie ſeit der Abreiſe des Rittmeiſters betroffen hatte. Zuerſt kam die letzte Krantheit von Fräulein Mine auf's Tapet, die ſo ſchwer und ſonderbar geweſen war. 1 „Ach, die böſe Welt!“ ſeufzte Frau Svallenius. „Gott behüte mich, das nachzuſagen, was ſie wiſſen wollte! Es würde Sie währhaſtig z zu ſehr angreifen, mein lieber Herr Rittmeiſte 2e ich ſage nichts. Sie iſt Gott⸗ lob wieder geſund!— Darauf folgte die unſelige Bad⸗ reiſe des Kornets, 3 Arel⸗— unſelig ſage ich,“ fuhr die Probſtin fort;„denn erſtens iſt es eine Sünde, an einen ſolchen Ort zu reiſen, wenn man ſo geſund wie ein Nuß⸗ kern iſt, und zweitens mußte die magere Kaſſe des Herrn Vaters ihr letztes Scherflein zum Bergnügen des Herrn Sohnes hergeben. Dann kommt eine ſaubere Geſchichte. Am dreißigſten Juli langte ein Brief von einem Han⸗ delshaus in D— an, das ein bedeutendes Anlehen auf⸗ kündigte, welches unter der Bedingung auf Sorrbypark ausgeſtellt war, entweder es innerhalb eines Monats ein⸗ 22* 8 — 1 33² zulöſen, oder ſich auf den Verkauf des Pfandes gefaßt zu machen. Nun das war zu ſchwer zu verdauen, das können ſich die Herren denken. Als der Alte den Brief gelefen hatte, ſiel er, von einem Schlag getroffen, zu Boden und ſtarb, ehe noch der Bote, den man nach dem Doktor in die Stadt geſchickt hatte, halbwegs gekommen war.“—„Jetzt kam ein fliegender Eilbote, der Sval⸗ lenius holen ſollte; doch Sie können ſich denken, wie es in dem Hauſe ausſah!— Ci, ei! aber was iſt denn das, die Herren eſſen ja gar nichts! belieben Sie noch ein wenig Fiſch, Herr Patron? lieber Rittmeiſter, Sie haben ja keine Sauce!— Nun, wie geſagt, in dem Haus ſah es aus! Der Alte kalt und leblos im Bette; Fräulein Mina ohnmächtig auf einem Sopha; die Ba⸗ ronin unaufhörlich kreiſchend, und Fräulein Rora, das arme Kind, hin und her ſpringend, ohne Einem helfen zu können. Aber ich hatte Svallenius vor der Abreiſe vorgepredigt, entſchloſſen und bei der Hand zu ſeyn, wenn Hülfe von Nöthen ſey, und ich muß zu ſeinem Lobe ſagen, daß ſich der Alte diesmal ſelbſt übertraf. Zuerſt ſchickte er einen Bauern fort, um dem Doktor Gegen⸗ befehl zu bringen, im Fall ſich dieſer nicht ſchon auf den Weg gemacht hätte; denn obſchon Alle wußten, daß die Umſtände des Hauſes keine unnöthigen Ausgaben für den Arzt erlaubten, hatte dennoch Niemand daran gedacht, dieſem Uebel zuvorzukommen. Dann goß er mit eigener Hand zwei Gläſer kaltes Waſſer uber das älteſte Fräu⸗ lein, und beſchwichtigte das Geſchrei der gnädigen Frau durch vernünftige Reden über die Ergebung eines Chriſten, über die Auferſtehung und das Wiederſehen in einem beſſern Leben, nebſt mehreren andern wahren und guten Troſtgründen. Darauf ließ er ſehr zweckmäßigerweiſe 4 einen leeren Getreideboden zum Leichenzimmer einrichten, wohin er den Abgeſchiedenen von dem Schlafzimmer aus bringen ließ; denn dort war es luftig und kühl, und mit der Auguſthitze iſt nicht zu ſpaſſen. Endlich ſchrieb er einige Zeilen und ſchickte einen Boten damit an Kornet hatte Svallenius doch vergeſſen, ungeachtet ich ihn wohl zehnmal daran erinnerte.“ „Nun, was war denn das?“ fragten die Herren. „Ach, die Bett⸗Tücher vor das Fenſter zu hängen! Aber, Herr Patron, ſchmeckt Ihnen denn die Kirſchſuppe nicht?“—„Auf meine Ehre, Frau Probſtin, die beſte, die ich je gegeſſen habe; darf ich Sie noch um einen Teller bitten?“—„O Sie ſind gar zu artig, aber ich hoffe mit Zuverſicht, daß es nicht zum letztenmal ſeyn wird, daß ich unſern edlen Nachbar in meinem geringen Hauſe bewirthe.“ „Ja, das iſt ſehr wahrſcheinlich, meine liebe Frau Svallenius. Obſchon ich vollkommen überzeugt bin, daß Ihre vortrefflichen und weiſen Anordnungen Sorrby zu einem angenehmen Aufenthaltsort für mich gemacht haben, ſo beabſichtige ich doch, recht oft Ihre Gaſtfreund⸗ ſchaft in Anſpruch zu nehmen. Ich glaube überdies, daß die Jagd nirgends beſſer iſt, als hier. Aher ich ſehe unſerem Rittmeiſter an, daß ihn die Reiſe ſchläfrig und müde gemacht hat, und da wir morgen Früh um eilf Uhr in Sorrby ſeyn müſſen, ſo müſſen wir jetzt unſerer liebenswürdigen Wirthin eine gute Nacht wünſchen!“ Am folgenden Tag, gleich nach dem Frühſtück, reisten die Herren ab. „Wir treffen uns morgen bei dem Begräbniß,“ ſagte die Probſtin, und verneigte ſich wohlgemuth vor den ſich verbeugenden Gäſten bis auf den Boden. Sobald dieſe an ihrem Beſtimmungsort angelangt waren, wurde Weſterlind nach Sorrbypark geſchickt, um den Kornet Stälkrona von ihrer Ankunft zu unterrichten. Eine Stunde nachher galoppirte dieſer ſelbſt vor den Hof, und warf ſich vom Pferd und in die Arme des Rittmei⸗ 334 ſters. Schweigend gingen ſie neben einander, bis ſie im Zimmer des Letztern angekommen waren; aber hier ließ Arel ſeinem Kummer und ſeinen Sorgen freien Lauf. „Die Verzweiflung meiner Mutter„ der ſtumme Schmerz Wilhelminens,“ klagte der troſtloſe Jüngling— es war ſeine erſte Prüfung in der Schule des Unglücks— „erſchüttert und zerreißt mir die Seele; denn unſere Lage iſt hülflos, wenn nicht Du, mein Bruder, mir Deine Fürſprache bei dem Gutsherrn ſchenken willſt, daß er mir die Summe vorſtrecke, wogegen er daſſelbe Pfand auf« Sorrbypark nehmen kann, wie es der frühere Schuldeigen⸗ thümer beſaß. Sage mir ſchnell, Alexander, geradeher⸗ aus, und plage mich nicht lange, glaubſt Du, dies aus⸗ wirken zu können?“—„Zweifle nicht daran. Ich kann und will, und bitte Dich, in dieſer Hinſicht ruhig zu ſeyn. Am Verfalltage ſoll das Geld in Deinen Händen ſeyn, darauf haſt Du mein Wort.— Wie beſindet ſich Wil⸗ helmine?“—„Laß mich zuerſt Dir von ganzem Herzen für Dein edles Verſprechen danken,“ ſagte Arel und ſchüt⸗ telte dem Rittmeiſter herzlich die Hand.—„Ich bin ſehr unruhig wegen meiner Schweſter. Mamma und Aupora jammern entſetzlich; aber ſie haben doch Gefühl und Ge⸗ danken für Alles, was um ſie her vorgeht, und machen ſich mit dem Begräbniß zu thun und zu ſchaffen, nicht ſo mit Wilhelminen. Sie leidet an zu vielen Wunden. Zwar iſt ſte ſtill und geduldig; aber ihr Schmerz iſt tiefer, ob⸗ wohl ſtumm, wie ihre Lippen. Ach, Alerander! ich liebe meine holde, bleiche Lilie unſäglich, aber ich fürchte, ich zittere, ſie möchte ganz verwelken, und zu frühzeitig von der unerbittlichen Hand des Todes gebrochen werden, und ich fühle, daß mich das noch ſchwerer treffen würde, als mein gegenwärtiges Unglück.“— Wenn ſchon feine direkte Hindeutung in Arxels Worten lag, ſo war doch etwas in ſeinem Ton, in ſeinem Blick, das, obwohl ſanft, dem Rittmeiſter zu ſagen ſchien: das iſt Deine Schuld. Sterner wußte, was Axel dachte; ſeine Rührung war N tief, und er hemühte ſich nicht, dies zu verhehlen.— m 335 Arel,“ ſagte er düſter,„das Leben trägt nicht allein „* Roſen, ſondern auch Dornen. Sie wachſen wider unſern Willen, und da wir ſie nicht ausreißen können, denn auch ſie haben ihre Zeit zur Reife, ſo müſſen wir die Quelle, die ſie nährt, friſch bluten laſſen, bis ihre Bitterkeit er⸗ ſchöpft iſt, und die Zeit ſie vertrocknet hat.— Doch,“ fuhr er nach einigen Augenblicken fort, und ſeine Stirne leuchtete,„warum dieſe verſteckten Worte, Arel, wir ver⸗ ſtehen einander, und ich will Dir ſagen, daß Wilhelmine noch glücklich werden ſoll, wenn es in menſchlicher Macht liegt, den Frieden nach und nach in dies unſchuldvolle Herz wieder einzuführen, deſſen Paradies gewiß nicht für immer verblüht hat. Ich habe einen Plan ausgedacht und hoffe, daß der Herr ihn gedeihen laſſen wird. Wenn die traurige Feierlichkeit vorüber iſt, ſo werde ich mit Dir weiter darüber ſprechen. Sage mir indeſſen, was Du in Betreff Henriettens hinzuzuſetzen haſt.“ „Nur dies, daß Maſter Macaley in drei Wochen mit ihnen zu F— zuſammentreffen wird. Dies hörte ich von ihm ſelbſt. Dagegen kounte oder wollte er mir nicht entt⸗ decken, wohin ſie gereist waren. Man glaubte allgemein, die Verlobung werde öffentlich bekannt gemacht werden; aber die Ordnung erfordert, daß man die andere Sache vorher bereinige, ehe man dieſen Schritt thut. Aber weißt Du vielleicht, worin ſich Dein Vetter verfehlt hat? Wie Henriette behauptet, ſoll er ja ſelbſt durch ein Verſehen zu einem Bruche Veranlaſſung gegeben haben?“ „Er iſt vollkommen unſchuldig, darauf ſetze ich meine Ehre zum Pfand,“ antwortete der Rittmeiſter ernſt.„Ei⸗ nige Schwätzereien ſind entſtanden; aber eine Erklärung ſoll ſeine Unſchuld in's vollkommenſte Licht ſetzen und, ob⸗ wohl zu ſpät, dem herzloſen und leichtſinnigen Weſen zei⸗ gen, was ſie verloren hat. Aber es iſt ſo gut, wie es iſt. Konſtantin iſt ein Mann, er wird ſie verachten und einſehen, daß er ſie nie wahrhaft geliebt hat, ſondern daß er nur von den gewöhnlichen Sirenenkünſten einer Ko⸗ kette bezaubert war. Ich hätte jedoch Luſt gehabt, ihr 336 den Tert zu leſen, wie man ſagt, wenn ſie noch im Bade den geweſen wäre. Einen Argwohn zu faſſen, eine halb ge⸗ dar träumte Ahnung aus der Luft zu greifen, um unter der ſell Maske des verletzten Gefühls eine ihrer Anſicht nach wahr⸗ dor ſcheinlich vortheilhaftere Liebesintrigue einzufädeln, das iſt Gl höchſt abſcheulich und macht mein Blut ſieden. Ja, Arel, an ich könnte ſogar darüber weinen, daß ſich ſolche Weſen unter ihrem Geſchlechte finden; denn es gibt Tauſende, die au aus einer bloßen Laune, einer eingebildeten Grille, das Se wärmſte und treueſte Herz aufopfern. Ja, ich könnte über Ei *¹ euch weinen, ihr ſchwachen, gefallenen Engel! und doch au ſage ich, dieſer Fall, der ſich hier ereignete, hat ſich zum R Beſten gewendet. Doch damit iſt die Sache noch nicht zu M Ende! Komm', Arel, ich will Dich dem Wirth des Hau⸗ ihr ſes vorſtellen.“— Die Herren begaben ſich in den Saal. S 44. be Das Begräbniß und der Tag darauf. vo Es dunkelt im Raume. Bald ſteig' ich hinab, zu Wo Weſte nicht ſäuſeln, wo's Sonnen nie gab,— H Der Freundſchaft Blicke nicht zogen; he Wo Alles, was Glück war im Leben, und Luſt, ſt So ſtill wie die küſſenden Wogen 5 Am fremden Geſtade vergehen gemußt. ih Wallin. de Am Dienſtag, den zehnten Auguſt, läutete man mit A allen Glocken der Pfarrei. In Wallaryd, wo die Mut⸗ ei — terkirche war, ſollten die irdiſchen Ueberreſte des Oberſte 31 lieutenant von Stälkrona mit großer Feierlichkeit der Erde il übergeben werden. Auf dem Kirchhofe ſah man zahlreiche S Schaaren, die ſtündlich zunahmen; denn der Akt ſelbſt u ſollte am Vormittag vorgenommen werden wie es auf dem Lande gewöhnlich iſt, wenn man einen weiten Weg zur l Kirche hat, was hiet der Fall war. Alle Gäſte verſam⸗ C meln ſich ſehr früh Morgens, wo ſie gemeinſchaftlich mit h den Mitgliedern des Trauerhauſes, ſowohl Männer als n Weiber— denn in gewiſſen Gemeinden folgen auch dieſe 5 zum Grabe— ein kleines Frühſtück einnehmen, und dann e uUu N—— 337 den Hingeſchiedenen zu ſeiner Ruheſtätte begleiten. Wenn dann alle Ceremonien vorüber ſind, kehrt die ganze Ge⸗ ſellſchaft an den Ort zurück, von wo aus ſie zogen, um dort bei einem wohlgedeckten Mittagstiſch und vollgefüllten Gläſern die traurige und immer nachhaltige Erinnerung an die düſtern Bilder des Morgens zu verdrängen. Es war ungefähr zwölf Uhr Nachmittags, als die auf der Kirchhofmauer aufgeſtellten Zuſchauer den erſten Schein von dem langen ſchwarzen Trauerzug erblickten. Ein Stück weit vor der Kirche hielt er ſtille, alle ſtiegen aus den Wagen und eine Abtheilung Soldaten von dem Regimente, bei welchem der Oberſtlieutenant früher als Major gedient hatte, eröffnete die Proceſſion. Acht von ihnen hoben die Bahre herab, worauf man Degen und Schwerdtorden gelegt hatte. Zwei Kapitäne trugen die Marſchallſtäbe, und jetzt bewegte ſich der Zug langſam in düſterer Feierlichkeit vorwärts. Zunächſt der Bahre wankte die alte Baronin zwiſchen ihrem Sohn und dem Pfarrer Svallenius. Hinter ihnen ſah man Wilhelminens herrliche Geſtalt heranſchweben, auf den Arm des jüngern Sterners ge⸗ ſtützt. Der ſchwarze Anzug, der die blendende Weiße ihrer Hautfarbe erhöhte, und der lange dunkle Schleier, der wie ein Bahrtuch die Mitternacht ihrer Haare und Augen bedeckte, vereinigten ſich, um dem ſchönen Weſen einen unbeſchreiblichen, man konnte ſagen, heiligen Reiz zu verleihen. Der Rittmeiſter führte Aurora, und nach ihnen folgte dann in gewöhnlicher Ordnung ein ganzer Schwarm von traurenden und nichttraurenden Nachbarn und Freunden aus allen vier Weltgegenden. Als man in der feierlich geſchmückten Kirche ange⸗ langt war, ließ eine ſanfte herrliche Trauermuſik vom Chor aus ihre tiefe in jedes Herz eindringenden Töne hören. Der Sarg wurde auf eine Erhöhung im Chore niedergeſetzt und der Pfarrer Svallenius trat mit dem Pfarrgehülfen vor den Altar. Als die letzten Akkorde der Inſtrumente zitternd in die Luft hingeſtorben waren, und 1 .N 338 7 die Meſſe von den tiefen Baßſtimmen der Prieſter ſchloß, wurde ein Pſalm abgeſungen, und der Pfarrer ſtieg auf die Kanzel, um die öffentlichen und Privat⸗Tugenden des Hingegangenen zu lobpreiſen; denn wer hat nicht Tugenden nach dem Tode? Svallenius konnte als ein wirklicher Redner ange⸗ ſehen werden, wenn der Stoff, wie es jetzt der Fall war, innerhalb ſeines Horizontes lag, und an dieſem Tage führte er ſein Amt mit kraftvollem Geiſte. Nach den Perſonalien ſprach er einfache Worte des Friedens und Troſtes zu den Traurenden. Die Hoffnung der Unſterb⸗ lichkeit, die des Lebens Nebel ſtrahlend durchdringt, floß in milden kunſtloſen Worten von ſeinen Lippen, kein Auge blieb trocken, kein Herz ungerührt. Als man den Sarg erhob, begann die Trauermuſik aufs Neue, und jetzt ging es langſam zum Grabe. Auf der einen Seite vor demſelben waren die Soldaten in zwei Gliedern aufgeſtellt; ein junger Fähnrich ließ das Gewehr ſchultern, und die ganze Proceſſion bildete einen dicht geſchloſſenen Kreis; aber als der Sarg niedergeſenkt wurde, zogen ſich alle zurück und der Geſang ward von einer doppelten Salve übertönt, die über das Grab hin⸗ gefeuert wurde. Bei dem entſetzlichen Knall ſtieß Wilhelmine einen herzzerreißenden Schrei aus; es war dies der erſte Laut, der während der ganzen Feierlichkeit ihren bleichen Lippen entfuhr. Zitternd, faſt bewußtlos ſank ſie dem jüngern Sterner in die hilfreich ausgeſtreckten Arme.—„Führe ſie an den Wagen,“ flſterte der Rittmeiſter ſeinem Better zu, und dieſer wollte ſie eilig von der erſchüttern⸗ den Scene hinwegtragen; aber ſie erholte ſich ſchnell und nahm bloß ſeinen Arm. Noch einen wehmüthigen, zögernden Blick warf ſie auf die Ruheſtätte des Vaters, und ging dann mit ihrem Begleiter langſam voraus zu dem großen Plaue, wo der Wagen wartete. „Beruhigen Sie ſich, mein gnädiges Fräulein,“ bat Sterner tröſtend und beweglich;„erinnern Sie ſich der —„—„— 339 5 Worte unſeres würdigen Svallenius: der Schmerz iſt vor⸗ en übergehend, denn es gibt nichts Ewiges als Gottes Gnade.“ ht„Ich weiß es,“ erwiederte ſie mild,„aber ich bin jetzt noch nicht im Stande, den Troſt in mich aufzuneh⸗ 8⸗. men, der in dieſen Worten liegt. Die Zeit muß zuerſt . ihren Verband auf die Wunde des Herzens legen.“. ge„Darf ich hoffen,“ fuhr Sterner fort,„daß ich, 1 wenn mir das Glück vergönnt, bald Ihr Nachbar zu 8 werden, als ein theilnehmender Freund mich dem holden 5⸗ Engel nahen darf, der wie eine Offenbarung aus einem ß beſſeren Heimathlande beſtändig in heiligen Träumen mich in umſchweben wird?“ — Erſtaunt und beinahe beleidigt ſah ihn Wilhelmine t an.„Unſere neuen Nachbarn in Sorrby“ antwortete ſie ff kalt,„werden uns immer in Sorrbypark willkommen ſeyn. n. Wann werden Sie Ihre junge Fran zu uns bringen?“ 6—„Wann ich meine junge Frau heimführen werde,“ 34 ſagte Sterner mit finſterem Blicke,„weiß nur Gott. In kt meinen Worten lag keine Beleidigung; ſie waren nur der n Heinfache Ausdruck meines Gefühls; denn auch mein Herz ⸗ hat Wunden, die des Verbandes bedürfen. Sie bluten von eben ſo unerwarteten als unverdienten Stichen.“ n„Dann beklage ich Sie aufrichtig,“ ſagte Wilhel⸗ 4 mine und ließ den Schleyer nieder, denn des Jünglings u Auge haftete mit allzuunverholener Bewunderung an ihren n Zügen.„Sehen Sie, Herr Sterner, da kommen jetzt e Alle zurück, der ganze düſtere, ſchwarze Zug; ach, ich n heabe ietzt keinen Bater mehr!“— Sie brach in Thrä⸗ 3 nen aus, die wohlthuend den drückenden Schmerz lin⸗ derten. 8 Nachdem man ſich eine Weile herumgeſtoßen und gedrückt hatte, kam man glücklich in die Wagen und 1 endlich auch nach Sorrbypark, wo die Gäſte mit ſeh⸗ ¹ nenden Blicken die Deckel von den rauchenden Schüſſeln lüften und die Körke aus den Bouteillen ziehen ſahen. Man machte ſich behaglich zuſammen. Unter dem freundlichen Einſluß der beſcheidenen Tiſchgenuſſe kehrte 3 5 11 7 die Seele allmählig von ihrer höheren Spannung zu⸗ rück, man ſank allmählig wieder zu den niederen Räu⸗ men des Alltaglebens herab. Dafür, daß man bei einem Begräbniß geweſen war, war die Unterhaltung ziemlich lebhaft. Sogar unſer guter Rittmeiſter theilte die Ge⸗ ſprächigkeit der Uebrigen, er vertiefte ſich mit ſeinem Nachbar dem Oberjägermeiſter N. in eine ſcharfſinnige Abhandlung über Wolfsjagden, Waldbrand u. ſ. w. und nur der Erbe ſaß ſtill an der Seite ſeiner ſchönen blei⸗ chen Nachbarin. Wilhelmine rechnete ihm dieſes Zart⸗ gefühl hoch an und dachte bei ſich ſelbſt, er iſt doch edel und feinfühlend! Aber hätte ſie geahnt, welche Dinge ihn beſchäftigten, ſo würde ſie gefunden haben, daß ſie nicht weniger weltlicher Natur waren als die, welche die übrigen Gäſte in Anſpruch nahmen, da er alle ſchönen Weiber, die er im In- und Auslande geſehen hatte, in der Erinnerung an ſich vorüber paſſiren ließ; und das Endreſultat dieſer Generalmuſterung war, daß mit Ausnahme von Auguſte von Spalden, Wilhelmine Stäl⸗ krona das non plus ultra aller vereinigten Reize ſey.— „Und ich weiß noch nicht,“ dachte er weiter, je mehr er die hohe Geſtalt, den edlen Ausdruck, die reinen jungfräulichen Züge betrachtete,„ich weiß noch nicht, welcher von dieſen Zweien ich den höchſten Preis zuer⸗ kennen würde, wenn ich ſie zuſammen ſähe.“ Als die beiden Vettern Abends heim kamen, theilte Conſtantin dem Rittmeiſter ſeine Vergleichungen mit. Dieſer lächelte, drückte ihm die Hand und ſagte:„Nächſt Auguſten, mein Bruder, nächſt ihr, iſt Wilhelmine ohne Widerrede das edelſte und liebenswürdigſte Maͤdchen, das ich kenne; ja eine wahre Krone. Aber dein Herz iſt zu leicht reizZbar, Conſtantin. Du mußt zuerſt ab⸗ warten, wie die Sache mit deiner Braut endigen wird, ehe du an einen Wechſel des Gegenſtandes denken darfſt.“ „Rede nicht ſo in den Tag hinein, Alerander! Glaubſt du, um einzuſehen, daß Wilhelmine ein Engel iſt, müſſe ich nothwendig in ſie verliebt ſeyn!’“ — „—-—— 2 — — 341 „Nun, wenn du auch nicht gerade verliebt biſt,“ — entgegnete der Rittmeiſter,„ſo biſt du doch auf gutem Wege es zu werden; und obgleich Fräulein von Staͤl⸗ krona kein Engel iſt, ſo iſt ſie doch jedenfalls zu gut, um blos als Ableiter für deine flüchtig aufflammenden Gefühle zu dienen.“ „Du biſt gewaltig langweilig mit deinem ewigen Moraliſiren. Ich habe zu viel Mücken im Kopf und zu viel Qualen im Herzen, um mich deinen peinlichen Predigten länger unterwerfen zu wollen, darum gute Nacht, Herr Mentor!“— und mit einem Lächeln, das jenen vielen Qualen durchaus widerſprach, nahm der Erbe ſeinen Weg zum Schlafzimmer. Am folgenden Vormittag machten die Herren von Sorrby ihren Abſchiedsbeſuch in Sorrbypark; denn der jüngere Sterner ſollte zu Folge der Uebereinkunft, die er mit dem Poſtinſpector getroffen hatte, nothwendig Freitag Nachts oder ſpäteſtens am Morgen darauf, wie⸗ der in L.— ſeyn. Als ſie in den Saal eintraten, waren alle Familienmitglieder dort verſammelt. Die Baronin ſaß mit der Brille auf der Naſe da und buchſtabirte an der Leichenrede des ſeligen Oberſtlieutenants. Der Kor⸗ net ſah einige ſtaubige Papierbündel durch. Aurora ſtand vor einem Tiſch, worauf zwiſchen zwei kleinen Bergen von Servietten eine große Schüſſel mit Waſſer ſtand; ſie ſchlug Wäſche ein. Ihr zur Seite ſtund der Fähn⸗ rich Schmoll und empfing mit ausgebreiteten Armen die fertigen Haufen, die bei Seite gelegt werden ſollten. Es war derſelbe junge Mann, der die Ehrenſalve beim Begräbniß des Oberſtlieutenants commandirt hatte. Zur Dankbarkeit für die Mühe, die er ſich nahm, beſpritzte Aurora neben den Servietten hie und da auch ihn mit dem erfriſchenden Waſſer. Sie flüſterten leiſe und eifrig miteinander, und Auroras Hände blieben bisweilen un⸗ thätig, wenn ſie den Mittheilungen des Fähnrichs zu viel Aufmerkſamkeit ſchenkte. Bei einer ſolchen Gelegen⸗ heit konnte dieſer ein leiſes Lachen nicht zurückhalten, * 3 342 das man jedoch gleichwohl hörte. Da erhob die Ba⸗ ronin mit einem andächtigen Seufzer ihre Angen und ſprach:„Rora, Rora, mein Kind! weißt du nicht, nach welcher Feier lichkeit du die Wäſche da zuſammenlegſt? 2 „„Ach ja, beſte Mamma; aber Fähnrich Schmoll ver⸗ lüßet mich zum Schwatzen und zum Anhören ſeiner Er⸗ zählungen. Ich bin ganz unſchuldig und es thut mir wirklich leid.“ „Meine gnädigſte Frau,“ ſtammelte der junge Schmoll, „das gnädige Fräulein ſpritzte mir zufällig etwas Waſſer in die Augen, und dieß war gegen meinen Willen Schuld daran, daß ich den Mund verzog.“ „Still jetzt! es iſt nicht zu eentſchuldigen, wenn man in einem Trauerhauſe ſch erzt! 1“ und dabe wandte die gute Frau ihren Blick wieder auf die Leichenrede und begann halb laut„Denn keine“— Svallenius Hand iſt ſehr un⸗ deutlich—„denn keine— irdiſ ſche Luſt, die wird er— er— warten können, wird Be— Beſt— Beſtand boßen. darum ſoll auch ein wahrer Chri— Chr— Chriſt— Rora, mein Kind, haſt du den Hühnern den Habe 4 ge⸗ geben und den Küchlein Grütze in's Waſſer gelegt?— Ich bin in dieſen Tagen der Trauer nicht im Stande, an ſolche Kleinigkeiten zu denken, deßhalb iſt es deine Pflicht, die armen Würmer nicht zu vergeſſen.“— Und Ihro Gnaden ſeufzten aufs neue, und nahmen die zum hun⸗ dertſtenmal angefangene und dogegrochene Rede wieder zur Hand.— Während deſſen ſaß Wilhelmine ſtill in einer Ecke des Zimmers und war damit beſchäftigt, N Flecken und Staub von einer kleinen Goldrahme atzureibtn, worin ein Portrait des Oberſtlieutenants gefaßt war. Sie war immer des Vaters Liebling geweſen, und betratterte ſeinen Hingang wahrſcheinlich am meiſten. Als der Rittmeiſter und der jüngere Sterner eintraten, ging aus Veranlaſſung des Letztern, welche der Familie faſt fremd war, eine halbe Revolution in der kleinen Geſellſchaft los.— Arel raffte heftig ſeine Papiere zuſammen, Aurora ihre Ser⸗ vietten und Ihre Gnaden ſchoben Brille, Rede und Ta⸗ 1 —-)———,—,——.2 343 baksdoſe in ihre Schürze. Der Fähnrich zeg den Tiſch bei Seite und Wilhelmine, die die Entſchloſſenſte war, öffnete die Thüre zum Wohnzimmer. Man trat ein, ver⸗ beugte und complimentirte ſich. Man entſchuldigte den frühzeitigen Beſuch mit der baldigen Abreiſe und kam, Dank dem Tacte des Nittmeiſters! bald zu einer unge⸗ zwungenen Unterhaltung. Nach einer halben Stunde ent⸗ 3 fernte er ſich mit Axel, um mit dieſem ungeſtört die An⸗ gelegenheiten des Hauſes, ſowie eine beſondere Sache zu beſprechen, welche ſie beide intereſſirte. Conſtantin bemühte ſich indeſſen die Fräuleins zu unterhalten; aber Aurora war ſo ausſchließlich damit be⸗ ſchäftigt, den lebhaften Einfällen des Fähnrichs Schmoll zuzuhören, daß ſie ihre Aufmerkſamkeit nicht theilen konnte. Um ſo feuriger wandte er ſich daher an Mina, die mit einem gutmüthigen Lächeln ſeine Beredtſamkeit belohnte, als er mit Begeiſterung die frohen Eindrücke malte, die ſeine Seele in der großartigen Natur erfahren hatte, welche ſowohl Sorrby als das kleine entzückende Sorrbypark darbot. Der Fortgang der Unterhaltung rief aus ſeiner innern Welt Gefühle und Worte hervor, ſo reich, ſo glühend und poetiſch, daß er kaum glauben konnte, daß er es ſelbſt ſey, der Sprecher, ſo neu und ungewöhnlich war ihm die warme Gemüthsſtimmung, in die er ſich ganz unvermuthet verſetzt ſah. Es war ihm ſo unendlich wohl und heimiſch zu Muthe, daß zum erſten Mal bei ihm ein Schimmer von Unwillen gegen den Rittmeiſter aufſtieg, als dieſer eintrat und die Unterhaltung allgemein wurde. Nach einigem Zureden von Seiten der Baronin blieben die Herren bei Tiſche. Nachmittags traf der Ritt⸗ meiſter zufälligerweiſe Wilhelmine allein im Saale und führte ſie an ein offenes Fenſter. „Mein beſtes Fräulein von Stälkrona,“ begann er, „ich habe eine Bitte an Sie, welche...“ „Ach Herr Rittmeiſter,“ unterbrach ſie ihn raſch, „laſſen Sie mich zuerſt mit einem Worte meine unbe⸗ grenzte Dankbarkeit für das Wohlwollen ausdrücken, wo⸗ 344 mit Sie uns in dieſen Prufungstagen beiſtehen. Ich habe ſchon mit Arel geſprochen’ und kenne bereits Ihren Edel⸗ muth. Ach wenn Sie wüßten, wie bekümmert ich für meine arme Mutter war! Um mich und Aurora war es mir nicht, wir ſind jung und geſund, und es wäre uns gewiß gelungen, in irgend einem ehrbaren Hauſe ein Un⸗ terkommen zu finden. Seitdem ich die verwickelte Lage. meines Vaters inne wurde, habe ich mich mit dem Ge⸗ danken vertraut gemacht, meinen Unterhalt bei anderen Leuten zu verdienen, wie ſchmerzlich es auch für mich ſeyn würde, das geliebte Sorrbypark verlaſſen zu müſſen.“ „Gott behüte uns vor einer ſolchen Wendung, mein * Fräulein!“ ſagte der Rittmeiſter und drückte ihr in tiefer Rührung die Hand.„Theuerſte Wilhelmine, ſo lange mir das Glück vergönnt, der Freund, der Bruder, das Mitglied einer Familie zu ſeyn, die ich wie meine eigene liebe, ſoll dieſe Hand nie fremde Hülfe aufſuchen müſſen. Und bei Axels Thätigkeit, der ein ſo fleißiger und redlicher Jüngling iſt, wird die Schuld bald bezahlt ſeyn; Sie ſehen alſo ein,“ ſetzte Sterner mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen Zartgefühl, das immer Andere zu verletzen fürchtete hinzu,„daß hier von keiner Verbindlichkeit die Rede ſeyn kann.“ „Es iſt nicht demüthigend,“ ſagte Wilhelmine,„bei Ihnen, Herr Rittmeiſter, in Verbindlichkeit zu ſtehen. Dieß beunruhigt mich nicht im Geringſten. Denn wir achten Sie alle hoch.“ „Dieß iſt ein Moment,“ ſagte Sterner lächelnd,„an den ich mich ſtets mit Stolz als einen der glücklichſten meines Lebens erinnern werde. Aber, theure Wilhel⸗ mine, er könnte noch glücklicher für mich werden, wenn Sie mir eine Bitte gewähren wollten, die ich neulich an Sie richten wollte. Wenn ich das nächſte Mal Sorrbypark beſuche, dürfte ich vielleicht die Erfüllung des Verſprechens von Ihnen verlangen, das Sie mir gaben, als wir vor einem Monat ungefähr mit einan⸗ der in einer Angelegenheit ſprachen, die meinem Herzen 1 34⁵ ſo theuer iſt!—„Welches Verſprechen?“ ſtammelte Wilhelmine erröthend.„Dieſer Zeitpunkt iſt doch wohl nicht ſchon vorhanden?“ „Bald, wie ich hoffe,“ erwiederte der Rittmeiſter, „darf ich alſo auf die Erfüllung dieſes Verſprechens rechnen?“—„Ohne Zweifel,“ antwortete das Mädchen. „Ich liebe ſchon das Original von dem ſchönen Bilde, das Sie mir zeigten von ganzem Herzen; aber warxum legen Sie ſo viel Gewicht darauf?“ „Weil die Freundſchaft zwiſchen Ihnen beiden unſer wahres Glück begründen würde. Friede, Liebe und Einigkeit würden ihre Roſenkette um beide Familien winden. Doch ich werde dann noch eine andere Perſon mitbringen, für welche ich mir Ihre wärmſte Theilnahme ausbitten möchte. Liegt es in Ihrer Macht, meinen Wüͤnſchen in dieſer Hinſicht zu entſprechen, ſo geben Sie mir die Hand darauf, daß Sie mir eine aufrichtige Antwort darauf nicht verweigern werden, wenn ich ſie von Ihnen zu fordern komme.“ 1 Sterner ſprach mit einer unwiderſtehlichen Wärme und Herzlichkeit. Wilhelmine reichte ihm die Hand, lachte herzlich und ſagte:„Guter redlicher Freund, ich werde Ihren Bemühungen für mein Glück nie mit Gleich⸗ gültigkeit begegnen. Wenn Sie einmal, aber nicht zu bald, eine Antwort auf das Begehren fordern, das Sie zu ſtellen beabſichtigen, ſo ſeyen Sie eben ſo von einer aufrichtigen und wahrheitgemäßen Antwort überzeugt, als von meinem guten Willen, Ihren Wunſch zu er⸗ füllen, ſo fern er nicht gegen meine Grundſätze und Gefühle ſtreitet, was befürchten zu müſſen ich keinen Grund zu haben glaube.“ „Damit bin ich vollkommen zufrieden,“ erwiederte der Rittmeiſter, und ſie trennten ſich mit einem freund⸗ ſchaftlichen, bedeutungsvollen Händedruck; er, mit der frohen Befriedigung ſeine Lieblingsidee vorbereitet und zugleich ihre Gefühle getheilt zu haben, was vortheil⸗ Der Stellvertreter. 1 23 8 346 haft auf ſie einwirken mußte; ſie, über die geheimniß⸗ volle Bedeutung ſeiner Worte nachgrübelnd, in welche ſich das Bild der Perſon, die er mitbringen würde, un⸗ ter verſchiedenen Geſtalten miſchte. Alle ihre Gedanken floßen jedoch endlich in dem Einen zuſammen, daß der Rittmeiſter mit edlem Eifer bemüht ſey, ihr zukünftiges Glück zu begründen.„Ach!“ ſeufzte ſie,„glücklich kann ich nie werden, denn es gibt nur einen Mann, den ich lieben kann; und er— er ſoll wenigſtens mich nie ſchwach ſehen, da ſeine Achtung jetzt der höchſte Preis iſt, um den ich ringen kann, und das Einzige, um deſ⸗ ſentwillen das Leben noch einigen Werth für mich hat.“ 45. Die RNeiſenden. In der Nacht zwiſchen dem zwölften und dreizehn⸗ ten Auguſt rollte ein wohlverſchloſſener Reiſewagen durch die Straßen von L— und hielt vor Traiteur Tejfers Hotel. Der Leſer muß nämlich wiſſen, daß jener Ehren⸗ mann das vorher ſogenannte Wirths aus neu gebaut und erweitert hatte und zwar in einem Maße, der in den Augen des Eigenthümers den Anſpruch auf einen ausgeſuchteren Titel rechtfertige. Der Wagen hielt. Der Kutſcher ſtieg ab und klopfte mit ſeiner gewaltigen Fauſt zuerſt auf die ſchnau⸗ benden Pferde und dann an die Hausthüre. Nach einer Weile oͤffnete ſich ein Fenſter und Herr Tejfer ſelbſt ſteckte, nur halb angezogen, den Kopf heraus.„Wer iſt da,“ fragte er gähnend.—„Reiſende,“ antwortete der Kutſcher. „Das begreif ich wohl, du Dummkopf! aber was ſind es für Leute.“„ „Das weiß ich nicht,“ fuhr der Poſtillon fort.„Sie ſtiegen bei der letzten Station nicht aus dem Wagen. Ich war vorausbeſtellt und ſpannte nur vor, als der Wagen ankam und fuhr dann weiter.“— Hoͤchſt unbefriedigt ſchlug Traiteur Teifer das Fenſter wieder zu, und nach einer halben Viertelſtunde Wartens wurden die Thore geöffnet, ſo daß die Reiſenden in den Hof fahren konnten. — fertigung gehört hatte.“ „Oeffne die Wagenthüre,“ hörte man eine befehlende Stimme von Innen, und nachdem der Kutſcher mit vieler Mühe den Befehl vollzogen hatte, ſtieg eine große wohl⸗ beleibte Dame heraus, welcher eine andere folgte, deren ſchlanke Geſtalt und leichte Bewegungen jugendliche An⸗ muth und Geſchmeidigkeit erkennen ließen,— obwohl der Schleier, den das Dunkel der Nacht über das Ganze aus⸗ gebreitet hatte, es unmöglich machte, die Geſtalten deutlich zu unterſcheiden. Schweigend wie Geſpenſter folgten die Damen einem ſchläfrigen Wirthsmädchen auf Nro. 2., demſelben Zimmer, wo wir ſchon einmal früher in Geſellſchaft des Rittmeiſters Sterner waren, als dieſer das erſtemal in L— anlangte.—„Befehlen die Herrſchaften ſonſt noch etwas außer den Betten?“ fragte das Mädchen, während ſie das Licht anzündete und jene in Ordnung brachte. „Etwas kalte Küche und ein Paar Taſſen Chocolade, wenn die Jungfer es herbeiſchaffen kann,“ antwortete die ältere Dame. 1 Da das Mädhen nach dem Aeußern der Herrſchaft ſchließen zu dürfen glaubte, daß ſie ein gutes Trinkgeld erhalten würde, ſo konnte ſie natürlich alles verſchaffen, was man begehrte. Sobald die Damen allein waren, begann die jüngere ihre Reiſekleider abzulegen, und half der ältern ehrerbietig aus den ihrigen. Dann löste ſich das Band ihrer Zunge und ſie ſing halb weinend an: „Nun, Mama, jetzt ſind wir alſo in L—. Wollte Gott, daß ich mich nie zu dieſer Reiſe hätte überreden laſſen! Hier ſoll alſo die Wahrheit an's Licht kommen. Aber, Mama, bedenke, wenn jene Nachrichten falſch und er unſchuldig wäre! mit welchem Geſichte müßte ich dann vor ihm ſtehen! Ach mein Gott, je näher der Augen⸗ blick der Erklärung kommt, deſto mehr fürchte ich, leicht⸗ ſinnig und unrecht gehandelt zu haben, daß ich einem Andern mein Wort ſchenkte, ehe ich noch ſeine Recht⸗ 348 „Seine Rechtfertigung!“ erwiderte die Mutter, in welcher der Leſer Frau von Stolzenbeck wieder erkennen wird, verächtlich;„wie wenn ſich die Sache entſchuldigen ließe! Nein, Henriette, Du haſt gehandelt, wie Du mußteſt. Erſtens habe ich, Deine Mutter, es für paſſend gehalten, und dann meine ich auch, Du habeſt gethan, was Dir Dein eigenes Herz vorſchrieb; denn wollteſt Du nicht vor Be⸗ trübniß vergehen, als wir das Bad verlaſſen ſollten? Und als Dein Liebhaber mit feuriger Beredtſamkeit ſeine Sehnſucht nach dem Ende dieſer drei Wochen beſchrieb, da hörte ich Dich antworten:„ach, ſie ſind auch für mich eine Ewigkeit!“ und nach einem ſolchen Bekenntniß halte ich es faſt für lächerlich, von Reue und Furcht zu ſpre⸗ chen.“—„Ich läugne auch nicht, liebe Mama, daß ich in Verzweiflung gerathen würde, wenn dieſe meine letzte Verbindung rückgängig würde; denn die Hoffnung, als eine reiche und angeſehene Dame fremde Länder zu be⸗ reiſen, und das mit einem Manne, den man liebt und von dem man vergöttert wird, das iſt ein Glück, welches ich nicht ohne den bitterſten Kummer gegen die betrübte Verbindung mit einem armen Lieutenant ausgetauſcht ſähe, deſſen geringer Gehalt kaum zu ſeinem eigenen Unterhalt, noch viel weniger für den Bedarf einer ganzen Familie ausreicht,— wenn uns nicht Mama verhalten würde, und dieſer Gedanke iſt zu quälend.“ „Nun, meine Liebe, wenn Du alles das einſtehſt, warum machſt Du Dir dann ſo unnöthigen Kummer? Du biſt nun zu lange ein Kind geweſen, Henriette. Es iſt jetzt Zeit, daß der Verſtand des reifenden Weibes den Platz der Poſſen und des Leichtſinns einnimmt.“ „Meine beſte Mama, ich fürchte, nie leichtſinniger gehandelt zu haben, als von der Zeit an, da Du ſag⸗ teſt, daß ich vernünftig zu handeln beginne.“ „War nicht Conſtantin früher meine ganze Welt? und jetzt bebe ich in quälender Unruhe bei dem bloßen Gedanken, ihn wieder zu ſehen, da ich um beſſerer Aus⸗ ſichten willen ihm treulos geworden bin und ihn ver⸗ ¶◻ —— 88—=£do+ dA 8. . 349 geſſen habe. O meine Mutter! wollte Gott, ich wäre noch ein Kind!“— Sie fing an bitterlich zu weinen. „Damit hat es auf meine Ehre keine Noth,“ er⸗ wiederte Frau von Stolzenbeck zornig.„Du biſt nicht nur ein Kind, ſondern dazu noch ein ſehr unverſtändiges. Am Ende würdeſt Du wohl gar Conſtantin um Verzei⸗ hung bitten und Deinem Verlobten den Abſchied geben!“ „Nein, das Letztere thu' ich nie; aber wenn Con⸗ ſtantin unſchuldig iſt, wie mir eine Stimme in meinem Herzen beſtändig zuflüſtert, ſo kann ich wohl nicht ſo unedel ſeyn, daß ich nicht bitten ſollte, mir meine Schwach⸗ heit zu verzeihen.“. „Du Närrin!“ rief Frau von Stolzenbeck voll Aerger. „Ich will die Stunde ſegnen, wo ich Dich einem Manne zur Aufſicht übergeben darf, und von der Sorge, Dich zu bewachen, befreit werde; denn Deine Grillen könnten Einen toll machen, wenn man auch mit Minerva's Weis⸗ heit begabt wäre. Hab' ich je in meinem ganzen Leben, ſo reich es auch an Erfahrungen iſt, von einer ſolchen Narrheit gehört! Um Vergebung bitten, wo man mit Würde und nicht durch leeres Geſchwätz, ſondern durch kalte Verachtung ſtrafen muß! Ja, wage es nur, den Mährchen zu glauben, die er für gut finden wird, Dir aufzutiſchen, und ich werde Dir es nie vergeben.“ „Aber liebe, gute Mama, wie kann ich mir be⸗ ſtimmt verbieten, ihm im Voraus nicht zu glauben? Wenn er ſeine Unſchuld mit hellen klaren Gründen be⸗ weist.— Nehme nur einmal die Möglichkeit an,— wie ſoll ich mich dann vertheidigen?“„.. „Nun und wenn auch am Ende ſchwarz weiß und die Welt verkehrt wird,“ antwortete Frau von Stolzen⸗ beck,„wenn auch ein ſolcher Fall eintritt, wie Du an⸗ nimmſt, ſo verändert das die Sache im Ganzen nicht viel. Du bedarfſt keiner Vertheidigung, und haſt in die⸗ ſem Falle nichts weiter zu ſagen, als daß, da der Schein ſo entſchieden gegen ihn war, Du Deine Verbindung nicht anders als abgebrochen habeſt anſehen können. Und daſſelbe muß auch er einſehen.“—„Abgebrochen, ohne irgend eine Erklärung von einer Seite?“ ſagte Henriette zögernd.„Verzeih' mir, aber bedenke, Mama, wie wird ſich das alles thun laſſen?“ „Iſt es denn nicht ſchon gethan, meine weiſe Freun⸗ din, die ihre Mutter denken lehren will? doch es iſt nicht der Mühe werth, um des Kaiſers Bart zu ſtreiten; ſeine Aufführung ſpricht hinlänglich gegen ihn. Uns einbilden zu wollen, daß er nach Weſtgöthland reiſe, und anſtatt deſſen ein ſo gottloſes Spiel zu treiben, wahr⸗ haftig, ich kann mich zu Tode ärgern, wenn ich an dieſe Unverſchämtheit denke! Und ich ſage Dir, was ich Dir ſchon hundertmale geſagt habe, nie wirſt Du nach dieſem Vorfall, er mag nun endigen, wie er will, meine Zu⸗ ſtimmung zu einer Verbindung mit ihm erhalten. Sey deßhalb vernünftig, Henriette, und benehme Dich mit jener Kälte und jenem fremden Stolze, der mehr als Thränen und Zorn einen unwürdigen Geliebten beſtraft.“ Hier wurde die Unterhaltung der beiden Damen durch das Mädchen unterbrochen, die mit dem Abendeſſen hereinkam.—„Nun,“ ſagte Frau von Stolzenbeck mit einem gnädigen Nicken, indem ſie ſich bemühte, den Flü⸗ gel eines kalten Birkhuhns abzuſchneiden,„was habt Ihr für Neuigkeiten in L—, meine Kleine? Ich habe meh⸗ rere Bekannte in der Stadt; es wäre mir angenehm, etwas zu hören.“ „Gott weiß, was Ihro Gnaden intereſſiren kann. Hier geſchieht viel Ergötzliches und Betrübtes. In die⸗ ſer Woche ſind zwei Kinder ertrunken, die dem Kauf⸗ mann O— gehörten. In der vorigen Woche ſchoß ſich der Notar S—, man behauptet wegen einer unglück⸗ lichen Liebe, eine Kugel durch den Kopf und war auf der Stelle todt, und“— Frau von Stolzenbeck unter⸗ brach ſie, indem ſte ungeduldig mit der Hand winkte. „Genug, genug von der betrübten Seite! gibt es hier keine andere Neuigkeiten?“ Das Miͤdchen bedachte ſich ein wenig.—„Ach 351 ja es iſt wahr!“ rief ſie ſchnell.„BVielleicht kennen Ihro Gnaden den Poſtinſpektor von Spalden, nächſten Sonntag wird Fräulein Auguſte, das ſchönſte Mädchen in ganz L—, zum erſtenmale aufgeboten.“—„Ei, das muß ich ſagen!“ ſagte Frau von Stolzenbeck,„nun, wen hei⸗ rathet ſie denn, mein Kind?“—„Ja das glaubte ich, müßte die ganze Welt wiſſen. Man hat ja hier ſeit Februar immerwährend über die Sache geſprochen. Damals kam ein Stellvertreter für den Erben hier an, und wohnte in dieſem Zimmer, jener ſollte nachkommen, aber es dauerte entſetzlich lange.“—„Aber er kam alſo doch endlich?“ fragte Frau von Stolzenbeck weiter.—„Ja, ja nach ſteben Sorgen und einer Noth kam er endlich, wie er hätte ſchon lang thun ſöͤllen: aber die Herr⸗ ſchaft kann mir glauben, da war hier ein Weſen! Der Rittmeiſter traf mit ihm in Helſingborg zuſammen, und am Abend, als ſie hier anlangten, war das Haus des Poſtinſpektors von der Hausthüre bis unter das Dach illuminirt; und es waren ſo viele Leute außen und in⸗ nen, daß Mehrere beinahe zu Tode getreten wurden; und ein kleines Kind, das man von Goldſchmied Hjert⸗ berg entlehnt hatte, um einen Engel auf einem Altare vorzuſtellen, verbrannte beinahe.“ „Gott behüte mich vor ſolchen Tollheiten,“ rief Frau von Stolzenbeck.„Aber der Freier, mein Jüng⸗ ferchen! wo ging der hin?“„O der iſt die ganze Zeit über bei dem Poſtinſpektor geweſen, bis vor einigen Ta⸗ gen, wo ſie abreisten. Der Rittmeiſter verließ die Stadt ein paar Stunden früher und ſeitdem hat man nichts mehr von ihm gehört.“—„Was?“ rief Henriette und ſprang haſtig vom Stuhle auf,„ſie ſind abgereist? iſt der Bräutigam fort?“. „Ja, aber ſie ſollen wieder zuruͤckkommen. Wenig⸗ ſtens muß der Erbe morgen Vormittag vor eilf Uhr hier ſeyn; denn das weiß ich mit aller Beſtimmtheit, daß das Aufgebot morgen vorgenommen werden ſolle.“ „Aber Mamſellchen, weiß ſie auch ganz beſtimmt, 35⁵²2 wer von den beiden Herren der Bräutigam iſt?“ fragte Frau von Stolzenbeck.—„O ja, ganz beſtimmt, Ihro Gnaden. Es iſt der, welcher zuletzt ankam, der luſtige ſchöne Herr mit der Brille, der Erbe, ſo viel ich weiß; daran zweifelt kein Menſch in ganz L—“ „Gut, meine Kleine, dann zweifle ich auch nicht daran, wir bedürfen jetzt der Ruhe.“— Frau von Stolzenbeck gab hierauf durch ein gnädiges Kopfnicken zu verſtehen, daß das Verhör zu Ende ſey. Das Mädchen ſammelte alle Sachen auf ihre große Platte, ſah noch einmal herum, ob alles im Zimmer in gehöriger Ordnung ſey, verneigte ſich dann und wünſchte der Herrſchaft eine gute Nacht. „Um acht Uhr wollen wir den Kaffee und gute fri⸗ ſche Semmeln dazu.“—„Ich werde ganz irr' von All dieſem, wie wird das endigen?“ ſagte Henriette unge⸗ duldig, als das Mädchen die Thüre verſchloſſen hatten .„Das wird der morgige Tag zeigen,“ entgegnete die Frau Mamma und entkleidete ſich.„Gute Nacht Henriette!“— Das Licht ward gelöſcht, und ein ern⸗ ſtes„ſtill! ſtill!“ machte allen weitern Mittheilungen ein Ende.— Henriette ſeufzte und weinte, ſchlief je⸗ doch endlich unter Gedanken an die Reiſen in fremde Länder und den neuen Liebhaber ein. 46. Die Prüfung. Die Nacht, in welcher die eben geſchilderten Bege⸗ benheiten ſich zugetragen hatten, wurde von dem Spal⸗ denſchen Hauſe in einer ſchrecklichen Angſt hingebracht. Der Poſtinſpektor hatte den ganzen Tag über in tiefen Gedanken mit großen Schritten ſein Zimmer durchſchrit⸗ ten. Die unvermuthete Abreiſe ſeines künftigen Schwie⸗ gerſohns behagte ihm keineswegs; doch dieſer hatte ja bei ſeiner Ehre gelobt, vor Freitagmorgen zurück zu ſeyn.— So lange der Tag noch einen Schimmer ſei⸗ ner Strahlen auf die Gegenſtände warf, blickte er ein +————,——-—————,——... — v 353 Mal über das andere durch's Fenſter; aber eine Stunde verfloß nach der andern, die Nacht hüllte die ganze Maſſe von Straßen und Häuſern in ihre dunklen Schat⸗ ten, und noch erſchien der Erwartete nicht. „Ich will verdammt ſeyn,“ murmelte der Poſtin⸗ ſpektor und ließ ſein Ohr wie eine Wachpatrouille das Auge ablöſen,„ich will verdammt ſeyn, wenn ich je eine ſolche Nacht erlebt habe, diejenige ausgenommen, welche auf die Nachricht von Blandins Bankerott folgte. Wenn er nicht käme, wenn irgend ein böſer Geiſt ſein Spiel getrieben hätte, wenn ich mich auf irgend eine Art hätte prellen laſſen! Hu, wie kalt es iſt!“ Bei dieſem letzten Gedanken ſchüttelte ſich der Poſt⸗ inſpektor vor Froſt, Angſt und heftigem Zorn. Er fing ſeine vorige Runde wieder an.—„Hm! wenn ich nur begreifen könnte, wie der Rittmeiſter, der Kerl, ſich bei mir in einen ſolchen Reſpekt ſetzen konnte! Ich, der mei⸗ ner Lebetage nie vor Jemand zitterte, habe jetzt ordent⸗ lich eine pelnigende Furcht vor ihm und ſeiner Einmi⸗ ſchung in meine Angelegenheiten, und vor Allem vor ſeiner Rückkehr. Wenn nur einmal die Verkündigung geſchehen iſt, ſo mag er dann kommen, wann es ihm be⸗ liebt; aber ſollte er vor der Wiederkunft meines Schwie⸗ gerſohns eintreffen, und mit ſeinen gewiſſen Punkten ei⸗ nen Strich durch die Sache machen— dann, dann“— Der Poſtinſpektor ſtampfte mit. den Füßen und knirſchte die Zaͤhne—„dann ſchwör ich als ein Mann, der ſein Wort zu halten weiß, daß er doch, wenn ihm auch dieſe Teufelskünſte glücken, in alle Ewigkeit nie das Mädchen bekommen ſoll!“ Und als der Poſtinſpektor jetzt, wie es gewöhnlich mit reizbaren und heftigen Gemüthern der Fall iſt, ſich ſelber in Aerger gebracht, und ſeinen Zorn ohne eine wirkliche Veranlaſſung bis zum höchſten Grade geſteigert hatte, ſchlug er zur Bekräftigung ſeiner Worte mit der gewaltigen Hand auf den Tiſch, daß Gläſer und Karaffen, Tintenfaß und Sandbüchſe nebſt verſchie⸗ denen andern Dingen klirrend zu Boden fielen. Nach 3 5 ——— 354 einem ſolchen Ausbruch folgte immer eine Art Erſchöpf⸗ ung, eine dumpfe Ruhe. Er ſtellte ſich ſchweigend an's Fenſter, und ſtarrte in die Nacht hinaus, bis die Hähne, die in den Nachbarhöfen krähten, ihm das Herannahen des wichtigen Tages verkündeten. Ermattet warf er ſich auf das Bett, und wollte eben dem Verlangen ſeiner Natur nach Ruhe nachgeben, als das Rollen eines Wa⸗ gens ſein Ohr traf. Er ſprang auf. Dießmal ſollte ihn ſeine Hoffnung nicht täuſchen; es war der Erbe, der aus dem Fuhrwerke ſprang. Der Poſtinſpektor eilte, ihm die Thüre zu öffnen, und führte ihn in ſein Zim⸗ mer.— Der ermüdete Reiſende warf ſich in einen Seſſel, ſtreckte gewöhnlich die Beine aus, und rief är⸗ gerlich:„Nun, in Wahrheit, mein geehrter Schwieger⸗ vater, Sie ſcheinen nicht beſonders für Bequemlichkeiten bei meiner Ankunft geſorgt zu haben. Das ſieht ja aus, mit Ihrer Erlaͤubniß, als ob ein Haufen betrunkener Bauern hier gehaust hätte, während ich doch auf mei⸗ ner kalten Nachtreiſe von einer kleinen trefflichen An⸗ ordnung, von heißem Kaffee und Zugehör träumte, um in meinen erfrorenen Leichnam wieder Leben zu brin⸗ gen.“—„Was tauſend, Herr Bruder!“ fiel ihm der Poſtinſpektor mit unverſtelltem Zorn in's Wort,„haben wir jetzt an nichts Anderes zu denken, als heißen Kaffee und Frühſtück? wie ich glaube, iſt der Rittmeiſter noch nicht angelangt; denn geſtern Abend ſchickte ich zu Hjert⸗ berg. Sind Sie bereit, mir zum Geiſtlichen zu folgen, ſo bald es der Anſtand erlaubt, ein ſolches Geſchäft vor⸗ zunehmen?“ „Das verſteht ſich, das verſteht ſich; aber auf meine Ehre, ich muß zuerſt eine kleine Erfriſchung haben und dann einige Stunden ruhen. Es iſt ja erſt vier Uhr, wir haben alſo noch Zeit genug, ich gehe auf mein Zimmer, und werde dann noch einige vernünftige Worte mit meiner Braut ſprechen, ehe wir uns von dannen begeben.“ „Aber hören Sie,“ rief ihm der Poſtinſpektor un⸗ ter der Thüre nach,„wenn nur nicht unterdeſſen der ——— ☛⏑˙ N N 8AYV —₰— — 8 u N NN n N Rittmeiſter kommt, ich bin wirklich unruhig. Sind Sie vollkommen ſicher, daß er keinen Spektakel anſtellen wird?“ „In dieſer Hinſicht können Sie ganz ruhig ſeyn,“ erwiederte Sterner mit einem ſo zuverſichtigen Lächeln, daß es den Fragenden vollkommen beruhigke.„Mein Vetter kann weder, noch will er die Vollziehung des Te⸗ ſtamentes verhindern. Was er an jenem Abend darüber ſagte, hat in der Sache ſelbſt durchaus nichts zu bedeuten. Dieſe geht dennoch vor ſich.“ „Gut, ich verſtehe,“ ſagte Herr von Spalden und nickte vergnügt mit dem Kopfe.„Er iſt ein Großprah⸗ ler; ſeine Worte ſind nur Wind.“ „So meine ich auch,“ ſprach der junge Sterner mit einem ſchelmiſchen Lächeln, und ſprang die Treppe hinauf. „Nun in Gottesnamen! jetzt iſt mir ganz leicht ums Herz!“ murmelte der Poſtinſpektor, indem er dem Zimmer ſeiner Frau zuging, um ſeinem Gaſte die gewünſchte Er⸗ friſchung zu verſchaffen. Bei ſeinem Eintritt ſaß die gute Frau mit roth⸗ geweinten Augen und die Nachthaube ſchief auf dem Kopf aufrecht im Bette. Sie hielt die tröſtende Tabaksdoſe in der einen Hand und ein Fläſchchen mit Hofmänniſchen Tropfen in der andern.—„Ei der tauſend, was geht da vor, Rigitza?“ fragte der Poſtinſpektor halb erſchreckt, als er ſeine theure Hälfte ſo angegriffen und betrübt ſah, denn die Angſt der armen Mutter und ihr Schmerz ſprach aus jedem Zug.„Was haſt Du, frage ich? Begrüßeſt Du ſo den Tag, der all das Elend und all den Jammer endigen ſoll, der uns ſo viele Jahre her verfolgt hat.“ „Ach das wird heute erſt beginnen, wenn— o Gott! meine arme Auguſte!“ Sie fing an bitterlich zu weinen. „Pah, pure Dummheiten! alles wird recht wer⸗ den!— unſer Schwiegerſohn iſt zurükgekommen und will etwas zur Erfriſchung haben. Beſorge es ihm, mein Schatz, ich gehe und lege mich auf eine Stunde nieder.“ Die Freundlichkeit, womit der Poſtinſpektor ſprach, war ſo ungewöhnlich, daß Frau von Spalden daraus den 356 Schlußſatz zog, daß keine Hoffnung mehr auf Rettung vor⸗ handen ſey. Sie fühlte ſich jedoch durch die Milde in ſeinem Ton ſo erquickt, daß ſie ohne Zögerung ſich be⸗ eilte, dem erhaltenen Auftrage nachzukommen. Aber wir wollen jetzt einen Blick auf Auguſten wer⸗ fen; was litt ſie nicht in dieſer Nacht, wärend welcher ihre Augen nicht eine Minute lang, von dem wohlthuenden Schlafe geſchloſſen waren. Sie hörte die Schritte ihres Vaters in dem kleinen Oehrn wiederhallen, der ihre Zim⸗ mer trennte und begriff leicht die Urſache ſeiner Unruhe. Ihr Herz klopfte heftig und angſtvoll bewegt bei dem mindeſten Geräuſch und erſchrocken faltete ſie die zarten Hände, als ſie hörte, mit welcher entſetzlichen Kraft der Poſtinſpektor auf den Tiſch donnerte. Dieſes gewaltthä⸗ tige Thun mitten in der Nacht bewies, daß ſein Gemüth in einem überreizten Zuſtande war; und ſollte dieſer noch bis Morgen fortdauren, ſo wußte Auguſte recht wohl, daß nichts, weder Vernunftgründe, noch Demuth, noch Widerſpenſtigkeit auf ihn einwirken konnte. Heim⸗ lich nährte ſie zwar die Hoffnung, daß der verhaßte Bräutigam nicht ſobald wiederkehren würde, aber dieſe Hoffnung ſchwand, als ſie ſeinen Gang und ſeine Stimme wieder erkannte, und hörte, wie der Vater Sternern unter der Thüre aufhielt, ja ſogar einen Theil ſeiner Antwort vernahm. Der armen Auguſte ſchwin⸗ delte der Kopf und Todeskälte rieſelte durch ihre Adern. „Er iſt alſo nicht wieder gekommen!“ ſprach ſie leiſe.„O Alexander, mußte ich denn aufgeopfert wer⸗ den! Doch ohne einen ſchweren Kampf ſoll es nicht ge⸗ ſchehen,“ ſagte ſie entſchloſſen.„Ich will das Aeußerſte wagen, und Gott ſey Dank, noch habe ich einige Stun⸗ den übrig.“— So ſtritten Hoffnung und Hoffuungslo⸗ ſigkeit einen blutigen Kampf in dem Herzen des jungen Mädchens, und je mehr die ängſtlichen Stunden dahin⸗ ſchritten, deſto mehr ward die erſtere zurückgedrängt; und eine düſtere ſtumme Verzweiflung ſchlug dort ihr Lager auf, als endlich die Letztere den Wohnplatz behauptete Der Zeiger ſtand auf neun Uhr. N 2E d⸗-o uUu dn u— 2 O½unuA-——— Der junge Sterner trat ein, in einem prächtigen ſchwarzen Gewande, das an die feierliche Bedeutung des Tages zu erinnern ſchien. Er nahte ſich Auguſten, die bleich und ſtumm auf dem Sopha ſaß, wie eines jener Marmorbilder, das die großen Künſtler der Vorzeit ſchufen, als ſie, um eine ideale Schönheit hervorzu⸗ bringen in ihren Zügen himmliſche Ruhe mit irdiſchem Schmerz wunderſam paarten. „Meine holde Braut,“ ſagte er ſanft und faßte ihre Hand,„dieſe Stunde iſt für uns Beide von Wichtigkeit. Ich weiß, daß Sie mich nicht lieben. Auch mein Herz, ich geſtehe es aufrichtig, wäre in Folge Ihrer Kälte und eines andern Umſtandes das Band zu löſen geneigt, das uns vereinigt; aber Sie wiſſen ja, daß dies nicht in meiner Macht ſteht. Meine Ehre, mein Wort, das Teſtament, Alles vereinigt ſich, es mir unmöglich zu machen. Es bleibt uns alſo nichts Anderes übrig, mein Fräulein, als mit Ergebung uns in das Schickſal zu fügen, das uns beſtimmt war, ehe wir uns kennen lern⸗ ten. Wäre Ihr Vater nicht ein ſteinharter, eigenſinniger und eigennütziger Mann, ſo könnte ſich die Sache ſehr leicht ausgleichen laſſen; aber unter den jetzigen Um⸗ ſtänden kann dies nicht der Fall ſeyn. Es iſt deßhalb auch mein Wunſch, daß die Trauung ſobald als möglich vor ſich gehe, indem ich hoffe, wir werden uns beſſer mit einander vertragen, wenn wir uns allein überlaſſen ſind.“— Nach einer kleinen Pauſe ſetzte er hinzu:„Um eilf Uhr geht Ihr Vater und ich zum Geiſtlichen. In welchem Geſchäfte wiſſen Sie, mein gnädiges Fräulein.“ Er küßte ihr dabei die Hand und verbeugte ſich artig. „Aber, Herr Sterner,“ ſagte Auguſte mit mehr Faſſung, als man nach dieſer unverholenen Erklärung erwarten konnte,„Sie hörten ja, wie der Rittmeiſter meinen Vater bat, ja ihm aufs Gewiſſen legte, keine Gewaltthätigkeiten zu begehen? Was ihn dazu berechti⸗ gen kann, weiß ich nicht. Warten Sie deßhalb, ich be⸗ ſchwöre Sie, bei allem was Ihnen theuer und heilig iſt, warten Sie nur noch ein wenig; er muß in Bälde hier ſeyn und dann...“ „Und dann kann er nicht das Geringſte ausrichten,“ unterbrach ſie Conſtantin allem Anſchein nach höchlich erzürnt.„Sie werden ſich doch mit dem Erben verbin⸗ den müſſen, wenn Sie auch weinten und klagten, bis Ihre ſchönen Augen ihren Glanz verlören. Wenn es aber Ihren Kummer einigermaßen erleichtern kann, ſo will ich Ihnen anvertrauen, daß der Glückliche, welcher Ihr Herz beſitzt, ſeine guten Gründe hat, um nichts von ſich hören zu laſſen, wenn es gilt. Anſtatt nach ſeiner Angabe eine dringende Reiſe in's Bad zu*** zu unternehmen, fand ich ihn ganz unvermuthet in Sorr⸗ bypark, wo er eine junge trauernde Schönheit tröſtete, um derentwillen er mich überredete, durch eine bedeu⸗ tende Geldaufopferung der Familie das Haus zu retten und die zerrütteten Angelegenheiten wieder herzuſtellen.“ „Es iſt ſehr leicht moͤglich,“ erwiederte Auguſte mit eiſiger Kälte,„daß er ſeine Gründe dazu hat; wenn es aber Ihre Abſicht iſt, durch dieſe Nachrichten, welche ich durchaus nicht hervorgerufen habe, meinen Glauben wankend zu machen, ſo haben Sie Ihre Mühe nie zweck⸗ loſer verſchwendet.“ 4 Der junge Mann biß ſich ärgerlich in die Lippen und ſagte in einem ſpitzigen höhniſchen Ton:„Wenn ich nicht falſch berichtet bin, ſo hat der, von dem die Rede iſt, niemals Ihre Liebe und Treue begehrt oder gefor⸗ dert. Ich meine daher, daß Sie es in dieſer Hinſicht nicht ſo genau nehmen dürfen. Der ganze Roman ſchließt ja nach alter Gewohnheit mit einer Hochzeit und viel⸗ leicht noch dazu mit einer doppelten; denn ich habe in der That allen Grund zu glauben, ja ich kann es ſo⸗ gar auf meine Ehre verſichern, daß Fräulein von Stäl⸗ krona mit einer Wärme geliebt wird, die es ihrem Be⸗ wunderer möglich macht, ſeine Anſprüche auf Fräulein von Spalden aufzugeben.“— „Pfui, Herr Sterner, Sie ſollten ſich ſchämen!“ 7. 1 1 1 — — △—==,SS S=S=S 359 erwiederte Auguſte ſtolz, und ihre Wangen und Stirne glühten vor Zorn.„Es iſt unwürdig und unmännlich, meinen Schmerz zu verhöhnen, und ein ſchwaches Weib zu beleidigen; aber es iſt im höchſten Grade niedrig und gemein, ſo das Vertrauen derer zu kränken, welche Sie mit dem Namen eines Freundes beehrt haben. Ich für meinen Theil verabſcheue und verachte Sie. Ihre Be⸗ mühungen Argwohn in meiner Seele zu erwecken, ſind fruchtlos, und um vollkommen aufrichtig zu ſeyn, will ich Ihnen ſagen, daß, wenn er auch meine Liebe nicht be⸗ gehrt hat, er ſie dennoch beſitzt, blos weil es unmöglich iſt, ihn derſelben zu berauben. Und die Nachrichten, die Sie über mein Verhältniß zum Rittmeiſter eingezo⸗ gen haben, und welche Sie ohne alles Zartgefühl und ohne alle Lebensart auftiſchten, ſind Ihnen ſicher nicht mitgetheilt worden, um einen ſo unedlen Gebrauch davon zu machen.“—„Was ſind das für Worte?“ fragte der Poſtinſpektor, der in dieſem Augenblick von dem kleinen Oehrn hereintrat, wo er Auguſtens Antwort gehört hatte,„was ſind das für Worte gegen Deinen künftigen Herrn und Meiſter?“— Dabei wandte er ſich gegen Sterner und fuhr fort:„Ich will dem Herrn Bruder rathen, einen etwas ernſthafteren Ton anzunehmen. Das Mädchen gleicht ihrer Mutter. Als ich mich mit dieſer vermählte, hatte ſie ganz daſſelbe Weſen; denn Thränen und Widerſprüche ſind nun einmal das Element der Wei⸗ ber; aber man muß ſie nur richtig zu behandeln wiſſen. Nachgiebigkeit taugt nichts. Wie geſagt, mein Weib war gerade auch ſo; aber Gott ſey Dank! ich habe es ihr gehörig auseinandergeſetzt. Sie iſt jetzt ein Weib ſo verſtändig, wie irgend eines, das dazu geboren iſt, ihrem Manne zu gehorchen.“—„Und Sie könnten Ihrer Tochter wünſchen, ihr Leben auf eine ſolche Weiſe hinzuſchleppen?“ fragte Auguſte, ohne zu bedenken, welche Beleidigung gegen ihren Vater in dieſen Worten lag. Aber ihr Zittern bewies, daß ſie jetzt einſah, ſie ſey zu kühn geweſen. Beinahe hätte ſie auch eine handgreifliche Zurechtweiſung erhalten. 360 „Was wagſt Du zu ſagen?“ ſchrie der aufgebrachte Vater, bezähmte ſich jedoch nach einem Blick auf ſeinen Schwiegerſohn, und das Unſchickliche ſeiner Hitze einſehend, ſetzte er etwas weniger ſtreng hinzu:„Iſt nicht Deine Mutter eine von den glücklichſten Frauen geweſen, die eine ſo lang dauernde Ehe aufweiſen kann, obwohl Ihr biswei⸗ len gemeinſchaftlich daran Schuld waret, daß mir die Galle ein wenig überlief?“ Auguſte hatte ſich während dieſer Rede allmählig ge⸗ gen das entgegengeſetzte Ende des Zimmers zurückgezogen, wo eine Thüre nach dem Saale ging.—„Bleib Auguſte,“ ſetzte der Poſtinſpector milder hinzu.„Du ſollſt dich heute betragen, wie es einem guten und gehorſamen Kind ge⸗ ziemt, Du weißt, meine Tochter, daß ich Dich liebe, wenn (ſchon ich bisweilen hitzig bin. Das iſt nun einmal ſo meine Gemüthsart, die ein gutgeſinntes Kind immerhin ertragen muß. Dein Glück, Auguſte, obwohl wir es von verſchiedenen Geſichtspunkten aus betrachten, war von je⸗ her mein höchſter Wunſch, das Ziel aller meiner Bemü⸗ hungen, und heute gehe ich der Erfüllung deſſelben ent⸗ gegen. Deßhalb iſt es mein Wunſch— und mein Wille, mein Wille, merk es, Auguſte, daß Du jetzt in Gegenwart Deines Vaters, Deinem Bräutigam den erſten Kuß gibſt! Nun, werde nicht roth und greife nicht ſo eifrig nach dem Schloß, ein ſittſames Mädchen ſoll immerhin ſchamhaft ſeyn; aber Ziererei, weißt Du, kann ich nicht leiden.“ „Beſter Papa, verſchonen Sie mich um Gotteswillen! es iſt gewiß nicht Ziererei, aber— ich kann nicht! es iſt mir unmöglich, ich kann ihn nicht küſſen.“ „Du Närrin,“ ſagte der Poſtinſpector, und der höchſt ſeltene Fall trat ein, daß er lachte.„Du kannſt ihn nicht küſſen, und mußt ihn doch heirathen. Glaubſt⸗Du denn, dieſer junge Herr begnüge ſich mit ſolchen Entſchuldigungen, wenn Du ſeine Frau biſt?“ Das Weib zeigt oft bei den gefährlichen Kriſen des Lebens, und in den Augenblicken, wo allem Anſchein nach, unabwendbare Gefahren ſie bedrohen, eine Seelenſtarke und 361 eine Geiſtesgegenwart, die ſie ſich bei ruhigerem Nachden⸗ ken ſelbſt nicht zutraut, und wovon ſie keine Ahnung hat. Das feine Gefühl der Jungfrau war durch die rohe, eigen⸗ mächtige Handlungsweiſe des Vaters verletzt, und in Au⸗ uſtens Seele erwachte der ſchlummernde Geiſt des Stolzes und Selbſtgefühls. Sie ſprach mit feſtem Ton: 1 „Mein Vater, Sie zwingen mich, zum erſtenmal offen gegen Ihren Willen zu ſtreiten, und Ihnen zu erklären, daß aus einer Heirath mit dem Gatten, den Sie mir aus⸗ erſehen haben, nie etwas werden wird. Sie mögen Maß⸗ regeln ergreifen, welche Sie wollen, aber erinnern Sie ſich, daß mir immer noch der Ausweg bleibt, öffentlich die Trauung zu verweigern, und noch vor dem Altar nein zu ſagen.“„Wenn Du das thuſt,“ ſprach der Poſtinſpektor, blau voor Zorn,„ſo werden wir wohl noch Mittel und Wege finden, Deinen Muth zu dämpfen! Aber thue jetzt vor⸗ verſt, was ich Dir befohlen habe; ſonſt— Du kennſt mich, Auguſte! Reize mich nicht zu einer Gewaltthat, die Du bereuen könnteſt!“—„Mein gnädiges, Fräulein,“ ſagte Sterner und nahte ſich artig,„fügen Sie ſich dießmal der Nothwendigkeit. Ihr Vater iſt in dieſem Augenblick ſeiner ſelbſt nicht mächtig. Ziehen Sie deshalb ein kleineres 4 Uebel einem größeren vor,“—„Es gibt kein größeres,“ ſagte Auguſte,„und ich füge mich nicht darein. O mein Vater haben Sie Erbarmen mit Ihrem Kinde! Noch nie haben meine Lippen die eines andern Mannes berührt, als die Ihrigen, und dieſer Sterner ſoll nicht der erſte ſeyn.“—„Nicht wahr, mit dem Andern würdeſt Du keine ſolche Umſtände machen?“ ſagte der Poſtinſpektor ergrimmt.„Doch wir wollen ſehen, ob ich Dich nicht zum Gehorſam bringen kann.“ Er ging haſtig auf ſie los und ſtreckte die Hand aus, um das zitternde Mädchen zu ergreifen, als das Schloß von außen geöffnet wurde. Die Thüre ſprang auf, und ausgebreiteten Arme des Rittmeiſters, der ſie an ſein Herz ſchloß und an das andere Ende des Saales führte. 14 Der Stellvertreter. Auguſte, die aus dem Zimmer fliehen wollte, ſiel in die — 4 ——— 36² 4⁷. Der Wirrwar. *Eine gute Weile ſtand der Poſtinſpektor unentſchloſſen,. wie er ſich unter dieſen Umſtänden verhalten ſolle. Er hatte nie von einem Vater geleſen oder reden hören, der ſich in eine ſolche Lage verſetzt ſah. Gerade jetzt, als ſeine väterliche Autorität, ſein unerſchütterlicher Wille, ihren höchſten Triumph feiern ſollten, kommt der fatale Menſch, wie aus den Wolken gefallen, und zerſtört ſein ganzes Werk! gleichſam als ob es keine gleichgültigere Perſon gebe, als ihn den Vater, gleichſam als ob ſeine ganze Macht verſchwunden wäre, beliebt es dem unverſchämten Rittmeiſter, das Mädchen vor ſeiner väterlichen Naſe in die Arme zu ſchließen und ſo feſt, als ob er ſie nie wie⸗ der los laſſen wollte, und noch dazu einmal über das an⸗ dere auszurufen:„Beruhige Dich, mein theures, mein ge⸗ liebtes Mädchen! Du ruhſt an dem Herzen eines Mannes, der bald Dein Gatte zu ſeyn hofft! Verzeih mir, Auguſte, all die ſchmerzlichen Stunden, die ich Dir durch dieſe Prü⸗ fung verurſacht habe! Du haſt ſie heldenmüthig beſtanden. Du haſt meine Hoffnung weit über mein Erwarten er⸗ füllt; mein ganzes Leben ſoll eine ununterbrochene Kette von Liebe und Dankbarkeit gegen Dich ſeyn.“ 4 So ungefähr ſausten die Worte an den Ohren des erſtaunten Poſtinſpektors vorbei, und vor ſeinen Augen ging es keineswegs beſſer zu. Der Nittmeiſter drückte ei⸗ nen Kuß nach dem andern auf Auguſtens Lippen und Stirn, und ſie erlaubte es nicht allein, ſie ſchien ſo überirdiſch glück⸗ lich, daß die Erbitterung des Poſtinſpektors ihren höchſten Grad erreichte.„Es iſt mir unbegreiflich,“ dachte er,„daß ich die Beiden nicht in dieſem Uebermaß von Wuth und Beleidigung zerſchmettere.“ Doch der Poſtinſpektor machte keinen Verſuch dazu. Es war ein gewiſſes Etwas, das ihn hinderte, ſich dem dreiſten Rittmeiſter zu nähern. End⸗ lich blieben in dieſer Noth ſeine Gedanken bei dem Bräu⸗ tigam ſtehen. Er ſah umher, um dieſen Gegenſtand ſei⸗ ner letzten Hoffnung zu entdecken; und ſiehe, da ſtand er ruf des Poſtin pertors 363 aan den Fenſterpfeiler geſtützt, und das glückliche Paar he⸗ trachtend; aber er ſchien nichts weniger als überraſcht, und ein Lächeln von innerlicher Frende und Befriedigung ſpielte um ſeine Lippen. Gegen dieſen glaubte der Peſtinſpekter eine offene Sprache führen zu bunen. Er fing deßhalb in ſeiner ge⸗ wöhnlichen kräftigen Art an:„Pfuiteufel, Herr! ſind Sie ein Mann? nein, eine feigere Memme gab es noch nie! Da ſtehen Sie und gaffen zu, wie ein Anderer Ihre Braut in ſeine Arme ſchließt. Iſt das auch vereinbar mit der Ehre eines braven Kerls, Sie ſollten ſich ſchämen, daß Sie nicht ſo viel Herz im Leibe haben, um dieſen Gewalt⸗ thätigen zu züchtigen zu wagen.“—„ Nein, das laß ich wohl bleiben,“ ſagte der junge Herr lachend.„Warum nehmen Sie als Vater ſich nicht der Sache an, noch ſteht ſie unter Ihrem väterlichen Willen. Ich habe nichts mehr dabei zu ſchaffen, meine Rolle iſt zu Ende.“ „Gehorſamer Diener, da müſſen zwei dabei ſeyn, mein junger Herr. Wenn Sie ſich einbilden, daß ich wegen der Närrin das Erbe aus den Händen laſſe, ſo täuſchen Sie ſich.“— Bei dieſen Worten wandte ſich der Poſtinſpektor von ihm weg, und ging auf ſeine Tochter und den Ritt⸗ meiſter los, indem er mit großen Schritten einen Kreis um ſie beſchrieb, der immer enger und enger wurde, je mehr die Liebkoſungen der Glücklichen und zugleich ſein Zorn zunahm.—„Rittmeiſter Sterner,“ ſagte er, und ſeine Stimme zitterte bei der gewaltigen Anſtrengung, wo⸗ nachen bemüht war,„haben mit er ſie etwas ruhiger 1 Sie die Güte und laſſen Sie meine Tochter fahren!“ örte nichts und ſahen nichts; die Die Glücklichen h Schritte wurden größer und der Kreis enger. „Herr, ich meine, Sie ſollten ein bischen Achtung alen vor den Rechten eines Vaters und Hausherrn!“— Ein feuriger Kuß auf Auguſtens Hand und ein lan⸗ ges Flüſtern in ihr Ohr war die Antwort auf den Aus⸗ 24* 364 Der Kreis hatte ſich ſo bedeutend verengert, daß der Poſtinſpektor den Rittmeiſter berührte, und der nächſte Augenblick hätte wahrſcheinlich die Wuth des aufgereizten Vaters zu Handgreiflichkeiten getrieben, wenn nicht Auguſte, die zuerſt von ihrer Himmelfahrt zum Bewußtſeyn deſſen zurückkam, was um ſie her vorging, dem Rittmeiſter ſchnell zugeflüſtert hätte:„O Alerander, es iſt mein Vater!“ bei welchen Worten ſie den Entzückten ſachte von ſich ſchob. Dieſer beſann ſich, trat mit ruhigem Selbſtvertrauen und Würde vor, und ſprach:„Herr Poſtinſpektor, ver⸗ zeihen Sie, wenn wir im erſten Rauſch unſeres gegenſei⸗ tigen Glücks alles Andere außer uns vergaßen! verzeihen Sie, wenn wir vielleicht das Uebermaß unſerer Glückſelig⸗ keit auf eine Art ausdrückten, die nicht hätte geſchehen ſollen, ehe das Recht dazu durch Ihren väterlichen Segen geheiligt wurde; doch wenn Sie erlauben, ſo will ich ganz leicht erklären...“ „Ich habe keine Erklärung von Ihnen verlangt, Herr,“ ſchrie der Poſtinſpektor, der durch das Ruhige, faſt Unter⸗ thänige und Demüthige in dem Tone des Rittmeiſters ſeinen Muth zugleich mit dem bis jetzt unterdrückten Grimme ſteigen fühlte;„was ſchwatzen Sie da von gegenſeitigem Gluͤck, Uebermaß von Glückſeligkeit, väterlichem Segen und andern dergleichen Dingen? Was geht mich Ihre Glückſeligkeit, und was geht Sie mein väͤterlicher Segen an? Wenn Sie ſich im Ernſte einbilden, daß ich meine Tochter einem verabſchiedeten Glücksritter geben werde, ſo ſind Sie entweder ſelbſt ein Narr, oder Sie müſſen glauben, daß ich einer bin!“— Er ſtampfte dabei mit dem Fuß auf den Boden und fuhr fort:„Das Maͤdchen ſoll, ſo wahr ich lebe, den Erben heirathen, und wenn ich ſie auf den Brautſchemel binden müßte!“ „Das will ich auch nicht beſtreiten,“ erwiederte Ster⸗ ner mit kaum perhaltenem Lachen.„Wenn nur der Herr Poſtinſpektor gefälligſt...“— Hier ward Sterner durch mehrere Stimmen unterbrochen, die ſich im Vorzimmer hören ließen. Die Doppelthüren ſprangen auf, und zur ———õ— ——.— der unſäglichen Ueberraſchung Aller ſtand die Wittwe Stolzen⸗ jſte beck und Henriette mitten im Saale. 5 ten 3„Wie nun?“ rief Herr von Spalden in einem höchſt ſte, lächerlichen Tone von Verwirrung und Verwunderung. ſen„Das eine Spektakel wird ärger als das andere! Woher ell kommſt Du, Frau Schweſter, ſo à propos oder vielmehr bei nicht à propos?— Aha— jetzt geht mir ein Licht auf, * der Herr, der verwichenes Frühjahr hieher kam, und ſich ſo wie ten ein Erznarr betrug, iſt vielleicht doch der Rechte geweſen; er⸗ doder in Gottes Namen, Schweſter Louiſe, was thuſt Du hier?“ ſei⸗„Ja, das will ich Dir ſagen, mein armer, einfältiger ßgen Bruder,“ antwortete Frau von Stolzenbeck und reichte ihm ig⸗ die Hand, mit einer Miene des Mitleids, die darauf be⸗ den rechnet war, den reizbaren Mann vollends ganz raſend zu een machen.„Ich kam hieher, um Dir zu ſagen, was die nz ganze Welt weiß: daß Du Dich wie einen Narren behan⸗ deln ließeſt, daß Du an der Naſe herumgeführt worden ,“ biſt, und daß Dir jede Chriſtenſeele in Bart lachen kann; er⸗ daß der Menſch, der dort ſteht, eben ſo wenig der Erbe rs iſt, als dein ſchwarzer Pudel. Aber wenn Du wiſſen ne willſt, wer der iſt, ſo muß ich Dir ſagen, daß er der Verlobte m meiner Tochter war; aber Gott ſey Dank, wir verachten ihn.“ en. Dabei ſprang ſie hinzu und riß die braune Perücke re und die Brille ihrem Eigenthümer heftig herab, und ſagte, en iindem ſie ſich mit einem höhniſchen Lächeln vor ihm ver⸗ ne beugte:„Ihre Dienerin, Herr Lientenant Conſtantin! Gra⸗ de, tulire zu der ſchönen Zigeunerfarbe, dem Erbe und der en Braut, die alle gleich falſch ſind; aber Sie müſſen wiſſen, nt mein Herr, daß ich Mite Wege gefunden habe, um en Nachrichten über den⸗T rer Reiſe nach Weſt⸗ ch göthland einzuziehen, daß ich Eines und das An⸗ dere von Ihren ſauberen üͤgereien erfahren habe. Du, r⸗ mein Bruder, um Dich thut es mir herzlich leid, daß rr 8 man auf Dich noch in Deinen alten Tagen als den voll⸗ ch kommenſten Eſel deuten wird, der je mit langen Ohren er ausgeſchnitten wurde.“— Während dieſes Auſtritts flüſterte äar der Rittmeiſter der verwunderten Auguſte in abgebrochenen 366 Sätzen eine Erklärung zu, und als Frau von Stolzenbeck zu ſprechen aufgehört hatte, nahte ſich Lieutenant Conſtantin lächelnd ſeiner frühern Braut, die ihm, nach der Vorſchrift ihrer Mutter, mit kalter Verachtung den Rücken kehrte. „Bei Gott!“ ſagte Conſtantin,„Du darfſt meinen Worten glauben, ich bin unſchuldig, beſte Henriette!“— und der alte, wohlbekannte Laut der ihr einſt ſo theuren Stimme bewog ſie, ſich umzuwenden, und ihm in das offene, etwas ſchelmiſche, aber ehrliche Auge zu ſehen.— „Glaube mir, ich ſchwör' es bei meiner Ehre, ich habe nie eine unwürdige Handlung begangen, oder mich Deiner Liebe unwerth gemacht. Aber Du, Henriette, wie haſt Du das Verſprechen Deiner Treue gehalten?“ „Ich war Dir keine Treue mehr ſchuldig, Conſtantin, da Du mich betrügen konnteſt, und das thateſt Du be⸗ ſtimmt; denn wenn Du auch nur mich allein liebteſt, ſo haſt Du doch vor ganz L— für den Verlobten meiner Couſine gegolten; und ein ſolches Gaukelſpiel, ſagt Mamma, iſt Gott und Menſchen ein Aergerniß. Ich will Dir deß⸗ halb auf einmal das Schlimmſte ſagen, nämlich daß es Dich jetzt nichts mehr hilft, und wenn Du auch noch ſo unſchuldig wäreſt, und ich glaube, daß Du es biſt, denn ich ſehe es wohl ein, wer Dich zu dieſen Thorheiten ver⸗ leitet hat. Du mußt für Deine unverzeihliche Schwachheit büßen; denn ich habe mich in der Vorausſetzung, daß Du treubrüchig ſeyſt, mit einem Andern verlobt.“ „So, ſo, mein Engel! nichts Schlimmeres?“ ant⸗ wortete Conſtantin auf eine nach Henriettens Bedünken höchſt widerwärtige und un te Art,„dann bleibt uns nichts Anderes übrig, als un genſeitig Glück zu wün⸗ ſchen; denn zum Dank für Vertrauen will ich Dir erklären, daß ich beinahe, d. h. ſo weit es an meinen Wün⸗ ſchen liegt, daſſelbe gethan habe, wie Du.“. „Ach, Du ſcherzeſt nur, Conſtantin,“ ſagte Henriette lachend, und reichte ihm, zum Zeichen der vollkommenen Verſöhnung, die Hand.„Wir wiſſen wohl, wer das Fräulein bekommen ſoll.“ ☛ —— ,— 2— 8 „Mit Deiner Erlaubniß,“ ſiel der Lieutenant ein,„es gibt wohl noch mehr Fräuleins. Du wirſt ſpäter davon hören.“— Aber was thut indeſſen der Poſtinſpektor und ſeine Frau Schweſter? kann der Leſer mit Grund fragen, da ſie ſo lange ſtill geblieben ſind. Geneigter Leſer! er⸗ wiedere ich, ich bin bereit, Deine billige Verwunderung zu befriedigen. Wende Deine Blicke von den jungen, eben geſchiedenen Leuten, und laß ſie im Hintergrunde des Zim⸗ mers weilen; dort ſitehſt Du eine zuſammengeſunkene Menſchenfigur in einem Lehnſtuhl, es iſt unſer alter Freund, der Poſtinſpektor, der dort liegt. Der letzte Schlag, den ihm ſeine liebenswürdige Schweſter mitge⸗ theilt hatte, inſonderheit aber der ſchmerzende Beiname „Eſel!“ hatte ihn wie ein elektriſcher Funken erſchüttert. Seine Kraft war gebrochen, und er lag da, durch dies Uebermaß von Gram und Aerger in eine wohlthätige Be⸗ täubung verſunken. Seine alte Ehehälfte ſtützte ihr Haupt gegen ſeine Bruſt und badete es mit Weineſſig, den ſie mit ihren Thränen vermiſchte. Frau von Stolzenbeck hielt ihm eine Flaſche kölniſches Waſſer unter die Naſe, und Auguſte half mit äugſtlicher Sorgfalt ihrer Mutter in ihren Bemühungen.— Endlich begann Herr von Spal⸗ den wieder lebendig zu werden, und die erſten Worte, die über ſeine Lippen gingen, waren:„Eſel! ich! ich, der Poſtinſpektor von Spalden, ein Eſel!“ Er erhob ſich von ſeinem Seſſel und ſah mit ſtarren, verwirrten Blicken im Zimmer umher.„Dieſer Menſch, den ich in mein Haus aufgenommen habe wie meinen ei⸗ genen Sohn, ſollte er denn nicht der Erbe ſeyn, und war ich ein Narr? Ewiger Gott! iſt denn das Teſta⸗ ment, der Brief und Alles zuſammen nur ein Gaukel⸗ ſpiel?— O ich armer, alter Mann, daß ich dieſe Tage des Kummers und des Elends erleben mußte! ſprecht doch um Gotteswillen! Was ſteht ihr denn da und gafft mich an, ſprecht, ſprecht! gibt es denn keinen Erben mehr?“ Jetzt trat der Rittmeiſter heran und ſagte:„Ja, Herr Poſtinſpektor, hier ſteht er vor Ihnen, und ich bitte 368 Sie von Herzen, mir all' die Unruhe zu verzeihen, die. ich in Ihrem Hauſe und in Ihrem Vaterherzen erweckt habe. 4 Ich bin es, der unter dem Scheine des Stellvertreters das Herz meiner Braut kennen lernen und gewinnen, und Gelegenheit erhalten wollte, auf dieſe Art meinen künf⸗ d tigen Anverwandten näher beurtheilen zu können.“.. 4„So, ſo,“ ſagte der Poſtinſpektor und ein ſchneller Blitz von Schadenfreude flog über ſeine Züge.„Nun, ich meine, Sie erreichten Beides bald genug, und es wäre. mir daher lieb, zu erfahren, was der junge Herr da hier ſollte, um mich, wie meine Schweſter richtig bemerkt hat,“ zum Narren und Gelächter der ganzen Stadt zu machen?“ ..„Das Letztere,“ erwiederte der Rittmeiſter mit einem kaum merkbaren Lächeln,„konnte natürlicherweiſe nie meine Abſicht ſeyn; aber das Erſtere, ſo wie alles Andere, das Ihnen dunkel erſcheinen möchte, werde ich zur Genüge, 1 aufklären, wenn Sie mir Ihre Aufmerkſamkeit ſchenken wollen.“— Er ſetzte ſich in aller Ruhe, zog Auguſten 1 auf einen Seſſel neben ſich nieder, und aus reiner Neu⸗ gierde thaten Frau von Stolzenbeck und Henriette daſſelbe. Lieutenant Conſtantin, der jeden Umſtand eben ſo 4 gut wußte, wie der Rittmeiſter ſelbſt, ging auf ſein Zim⸗ 4 4 . mer hinauf, um die dunkle, männliche Farbe von ſeinen 8 Wangen zu waſchen, und er fühlte ſich ſehr zufrieden, als die weiße Haut die ſchönen, rothen Roſen wieder hervor⸗ leuchteten, die ein lichter Wald von goldenen Locken, ſen— Stolz und ſeine Freude, leicht beſchattete. 6 „Auf meine Ehre!“ rief er vergnügt aus, und laͤ⸗ chelte ſeinem eigenen Bilde im Spiegel zu,„ſo wie ich jetzt bin, wird ſie mir nicht lange widerſtehen.“ Er ſchloß ſeine Schminke, ſeine Brille und Perücke ein.— „Ich danke euch, theure Reliquien,“ ſagte er komiſch; 1 „ohne dieſen geſegneten Apparat hätte Henriette keinen ſo guten Vorwand bekommen, mit mir zu brechen! ich hätte Luſt, den vortrefflichen Menſchen zu umarmen, ihren Liebhaber nämlich, daß er mir zu einer Freiheit verhalf, nach der ich mich von Herzen ſehnte. O wenn es mir 369 glückte! bei dem bloßen Gedanken daran moͤchte ich die . ganze Menſchheit umarmen!“ 6 Nun warf er ſich auf den Sopha und begann Pläne d zu entwerfen, wie er Wilhelmine von Stälkrona's Herz 2 erobern wollte und welche Verbeſſerungen im Sorrby⸗ park vorgenommen werden ſollten. In Betreff dieſer letz⸗ 3 tern ſollte ein Angriff auf die Kaſſe des Rittmeiſters 9 gemacht werden, der unmöglich fehlſchlagen konnte; denn 3 Alexander war ja ein vortrefflicher Freund, auf den man r ſich verlaſſen konnte. Unter ſolchen angenehmen wachenden . Träumen verſankendlich unſer Held in einen ſüßen Schlummer. 1 48. 7 Die Erklärung. 3„Ich kann nicht läugnen,“ begann der Rittmeiſter, 6 nachdem ſich die Zuhörer in gehöriger Ordnung geſetzt 1 hatten,„ich kann nicht läugnen, daß ich immer eine ge⸗ 1 wiſſe Neigung zur Schwärmerei genährt habe, beſonders 2 in Allem, was das göttliche Gefühl betrifft, jenes Ge⸗ fühl, in dem ſich ſo oft alle unſere Schwachheit und 1 6 Stärke vereint. Dieſe Schwärmerei bewahrte mich vor 2 einer frühzeitigen Wahl und vor jenem leichtſinnigen 1 5 Flug von Blume zu Blume, der in wirklicher Zeit im 3 Allgemeinen den Auftritt eines jungen Mannes im großen 8 Drama des Lebens bezeichnet. Ich ſchuf mir ein Bild 1 der Phantaſie, dem das Weib gleichen ſollte, das ich zu meiner Lebensgefährtin wünſchte. Meine ſeurige Seele 7 verlangte alle hervorragenden Eigenſchaften des Herzens ) und Verſtandes, und vergaß natürlicherweiſe auch die r Schönheit nicht. So lebte mein Ideal in mir fort, ohne . in den Roſengärten der Phantaſie zu erbleichen. Man⸗ — Iches ſchöne Mädchen lernte ich kennen; aber keine ent⸗ 1 ſprach meinen Anforderungen, und immer mehr zog ſich ) mein Herz zuſammen. Wahrſcheinlich begehrte ich auch 1 zu viel. Die Tugenden, die Reinheit, die Friſche des . Gefühls und die Sympathie im Geſchmack, die ich ſuchte, 4 fanden ſich nirgends. Ich ward mißlannig und miß⸗ 370⁰ trauiſch in dieſer Hinſicht und überzeugte mich täglich mehr, daß ich nie das Original zu dem Bilde finden würde, das ich im Herzen trug. Die ſchwärmeriſchen Träume meiner Jünglingsjahre lebten fort, bis die Prü⸗ fungen des Mannesalters ihre Eiſenhand auf meine Schultern legten. Ich war von manchfachen Sorgen und Widerwärtigkeiten niedergedrückt, welche einen ungünſti⸗ gen Einfluß auf mein Gemüth und meine Gefühle aus⸗ übten, doch dieſe letztern erſtarben noch nicht ganz wie ſo viele goldenen Seifenblaſen der Jugend, deren glän⸗ zende Farbenpracht unter der froſtigen Hand der kalten Erfahrung erbleicht.“— Der Rittmeiſter ſchwieg einen Augenblick; Frau von Stolzenbeck benützte die Gelegen⸗ heit, um ihrem Bruder zuzuflüſtern:„Der Menſch iſt ein durchaus unverbeſſerlicher Narx mit all' ſeinen Roſen⸗ gärten und goldenen Seifenblaſen.“ „Ich wollte, er käme zur Sache,“ erwiederte der Poſtinſpektor und ſchüttelte verdrießlich den Kopf.„All' das, womit er uns traktirt, iſt eitel Miſchmaſch.“ „Es dürfte wohl einem Jeden von der Geſellſchaft bekannt ſeyn,“ fing Sterner wieder an,„aus welcher Urſache ich mich vor einigen Jahren veranlaßt ſah, eine Reiſe ins Ausland zu machen; doch wenn dies auch nicht der Fall wäre,“ ſetzte er hinzu, als er aus der Miene und den Geberden des Poſtinſpektors erſah, daß dieſer ſeine Vermuthung beſtreiten wollte,„ſo muß ich es doch⸗ mit Stil llſchweigen übergehen, da es eines Theils zu weitläufig wäre und andern Theils durchaus nicht zur Sache gehört. Kurz, mein ſo lange genährter Wunſch, die neue Welt zu ſehen, ward erfüllt; doch da die Be⸗ gebenheiten meiner Reiſe nicht hieher gehoͤren, mit Aus⸗ nahme derer, welche mit den ſpätern Vorfäͤllen verknuͤpft ſind, ſo gehe ich gleich dazu über.“ „Ich hatte mich einige Zeit lang in Nordamerika aufgehalten, als ich beſchloß, einen Beſuch im Innern des Landes zu machen. Auf dieſer Reiſe hatte ich das Ghüe Ait dem tMruder des 1 dem 8 ———— —— 371 edlen und rechtſchaffenen Rudolph von Spalden bekannt zu werden. Es war natürlich, daß Landsleute, die ſich . in einem andern Welttheil trafen, einander ſich nähern und das Glück und den Reiz einer ſolchen Verbindung 1 lebhaft fühlen mußten. Wir wurden unzertrennlich. Herr von Spalden, der ein großer Liebhaber von der gefähr⸗ 4 lichen Tigerjagd war, und ſich vielleicht allzuſehr auf das Glück und die Geſchicklichkeit verließ, die er in ſeinen . jüngeren und kraftvolleren Jahren bei dieſem, ſeinem Lieblingsvergnügen an den Tag gelegt hatte, ſchlug mir einmal vor, an einer ſolchen Beluſtigung Antheil zu r 1 nehmen, was ich mit Vergnügen annahm.“ *„In Geſellſchaft von 17 bis 18 Eingebornen und l mmit den nöthigen Waffen und Vorräthen verſehen, bega⸗ ben wir uns auf den Weg. Ueberall, wohin wir vor⸗ drangen, zeigten ſich Spuren von einer Menge wilder Thiere; doch wir fanden auch Ueberfluß an geringerem Wild, an Rehen, Wildſchweinen und zahlloſen Vogeln. Wir ſchlugen unſer Zelt für die Nacht in einer felſigten aber ziemlich offenen Gegend auf, zündeten Feuer an, brieten unſer mitgenommenes Fleiſch, aßen, tranken, — rauchten und ruhten wechſelsweiſe. Mit Tagesanbruch 1 ſollte unſere Jagd beginnen. Einige Eingeborene, die ſchon zum Voraus auf Kundſchaft ausgeweſen waren, . kamen mit günſtigen Nachrichten zurück und in der Hoff⸗ — nung auf eine gute Jagd brachen wir auf. Wir kamen an einem außerordentlich dicken Gebüſche an, wo wir aus dem aufgeriſſenen Boden und dem niedergetretenen Graſe ohne Schwierigkeit die gewaltigen Tatzen der Tiger aufſpüren konnten. Hier theilte Herr von Spalden. ſeinen Trupp in drei Abtheilungen, die ſich in einiger Entfernung von einander durch die Oeffnungen vorwärts arbeiteten. Wir waren alle zu Fuß und bei guter Laune, obſchon es eine wilde und düſtere Stelle war, die auch I dem Muthigſten ein ſchauderhaftes Gefühl einflößen konnte.“ „Von Spalden und ich gingen nicht zuſammen. Er hatte mir aufgetragen, mit vier Eingebornen ungefähr d —— —, öͤ— —ͤꝛ——:—————ꝛ—ꝛ—ꝛ——ꝛ—ꝛ—ꝛxxxxxñ— ———— 89 372 . zweihundert Ellen von dem Punkte entfernt, wo er ſellrt ei 3 hineinging, in das Gebüſche einzudringen. Wir waren ü ungefähr zwanzig bis dreißig Ellen weit eingedrungen, 8 als wir hart neben uns einen jungen Tiger erblickten, ſ der ſich in eine Lage verſetzte, als wollte er uns anfallen. 8 Ich, der in dieſer Jagd noch unerfahren war, legte an, n um auf ihn zu ſchießen; aber die Eingebornen winkten f mir, zu warten, und Einer von ihnen flüſterte mir ins d „Ohr, daß ich den Schuß lieber für die Tigerin auf⸗ ſ ſparen ſollte, die unfehlbar in der Nähe ſey. In dieſem e Augenblicke hörten wir ihr Gebrüll, und wie uns dünkte 7 von dem Punkte aus, wo wir hergekommen waren. Ich d ſchlich mich ſachte zurück, während meine Begleiter immer 9 weiter in das Gebüſch eindrangen, ohne dem jungen v Tiger eine Aufmerkſamkeit zu ſchenken.“ 4 n „Als ich bis an das Ende des Gebüſches gekommen 3 war, ſo daß ich ungehindert auf die freie Ebene hinaus⸗ g ſehen konnte, gewahrte ich die Tigerin in einer kurzen a Entfernung von mir. Das ſchöne ſtolze Thier ſchäumte— r vor Wuth und ſchlug mit Heftigkeit den Schwanz gegen ſeine Lenden. Seine Aufmerkſamkeit ſchien nur von einem einzigen Gegenſtande gefeſſelt, dem es mit leiſen vorſich⸗ I tigen Schritten nahte. Ich folgte der Richtung ſeines Feuerblicks und ſah von Spalden, der mit fertig gemach⸗ tem Gewehre hart neben einem Baume und zwiſchen einigen Büſchen ſtand. Er betrachtete kaltblütig, aber mit geſpannter Aufmerkſamkeit jede Bewegung der her⸗ annahenden Tigerin und ſchien nur den Augenblick ab⸗ zuwarten, wo dieſe ſich niederlaſſen würde, um den An⸗ lauf zu nehmen, wie es dieſe Thiere gewohnt ſind. Ich wußte nicht, ob ich mich nähern ſollte oder nicht, und betrachtete mit Unruhe dieſe ſtillen Vorbereitungen zu dem entſcheidenden Moment. Endlich ſtand die Tigerin, und ſogleich feierte von Spalden ſeine beiden Schüſſe ab. Das Thier machte einen entſetzlichen Sprung, gerade in die Höhe und ſiel allem Aaſchein nach leblos auf derſelben Stelle nieder. Von Spalden lief raſch hinzu, ———— — ——— ————— 2—, 7 373 ſst eilte jedoch eben ſo ſchnell wieder zurück, warf die Büchſe n über die Schulter und kletterte den Baum hinauf. Die n, Tigerin ſprang auf, ſtürzte mit ſchwankenden, aber n, ſchnellen Sprüngen gegen den Baum und verfolgte ihren n. Feind den Stamm hinauf. Ich eilte zitternd herbei,. n, nicht aus Furcht vor dem Thiere, ſondern aus Sorge 2n für das Leben meines Freundes. Von Spalden hatte 1s die Arme um den niederſten Aſt geſchlungen und wollte f⸗ ſich hinaufſchwingen, als die Tigerin ihn mit einer Tatze m erreichte und ihre ſchrecklichen Krallen in das Bein ihres Le Feindes ſchlug, aber zugleich ſelbſt ſo ermattet ſchien, ch daß ſie nicht weiter zu klettern vermochte. In dieſem ter Augenblick kam ich am Fuße des Baumes an; aber noch en verging eine Minute der gräßlichſten Unruhe, während welcher ich eine paſſende Stellung ſuchte, um Feuer geben en zu können, ohne meinen Freund zu beſchädigen. Endlich s⸗ glückte es mir einen Standpunkt zu finden, ich drückte en ab und die Kugel ging der Tigerin dicht unter dem ite cechten Ohre hinein; ſie ſtürzte leblos nieder, und auf gen ſie fiel von Spalden, der arg zerfleiſcht war. em„Mit Hülfe der Eingebornen, welche jetzt mit zwei ch⸗ jungen Tigern heran kamen, verbanden wir von Spal⸗ ies den ſo gut wir konnten, flochten von Zweigen eine ziem⸗ ch⸗ lich bequeme Tragbahre, legten ihn darauf und führten den ihn zu unſerem Lagerplatz. Nicht gefährlich verwundet ber war er am ſolgenden Tag wieder ſo weit hergeſtellt, daß er⸗ wir unſern Rückmarſch antreten konnten. Der edle Mann t⸗ vergaß den Dienſt nie, den ich Gelegenheit hatte, ihm An⸗ zu leiſten. Er bot mir ſeine Freundſchaft an, eine Stelle Ich in ſeinem leeren Herzen, deſſen Frühling ſo frühzeitig ind verheert worden war, er bat mich, ſein Sohn, ſein Alles zu zu ſeyn— und ich— der Rittmeiſter wiſchte eine Thräne in, aus ſeinem Auge— ich bemühte mich während der drei iſſe Jahre, die wir von da an zuſammen verlebten, ihm die ade letzten Tage ſeines einſamen Lebens zu verſüßen. Wir auf liebten einander immer mehr, je näher wir einander ken⸗ zu, nen und uns ſchätzen lernten, und konnten endlich nicht „maehr ohne einander ſeyn. 1. „Herr von Spalden zog nach Hamburg und lebte dort höchſt eingezogen. Er hatte den Handel ganz und gar aufgegeben, und es ſchien mir, als ob ſich eine ge⸗ wiſſe fruͤher nicht gewohnte Wehmuth ſeines Geiſtes be⸗ mächtigt habe, und ihn in der letztern Zeit bei allem, was ſein früheres Schickſal betraf, weicher und träumen⸗ der machte, als er früher geweſen war; doch in Allem, was damit in keiner Verbindung ſtand, blieb er ſich gleich. Nichts entging dem klarſehenden Auge des Erfahrenen, ſobald es Geſchäfte galt, die ſeinen Scharfſinn in Anſpruch nahmen, und mochten dieſe auch noch ſo fein angelegt ſeyn.“ Die Blicke des Rittmeiſters fielen bei dieſen Worten wie zufälligerweiſe auf Frau von Stolzenbeck, welche ihre alten Wangen bepurpurt fühlte, indem ſie der un⸗ glücklichen Sendung des Lieutenants Conſtantin und des ſtillen Triumphes gedachte, den der verhaßte Rittmeiſter genoß. Dieſer fuhr indeſſen ganz ruhig fort:„Er ſprach nie von ſeinem Vermögen oder ſeinem Teſtamente; aber unendlich oft malte er mir während der letzten Monate in den ſtillen Abendſtunden die leichten Träume und Hoff⸗ nungen feiner erſten Jugend mit den lebhafteſten Farben. Er verweilte lange und gerne bei dem Andenken an dieſe Bilder einer verſchwundenen Zeit; er erzählte mir von ſeinen Verwandten und dem Verſprechen, das er bei ſeinem letzten Aufenthalt in Schweden ſeinem Bruder und ſeiner Schwägerin gegeben hatte, von dem Ver⸗ ſprechen nämlich, an Auguſten zu denken, die er mir wie eine kleine Fee, ein ſanftes und engelſchönes Kind be⸗ ſchrieb, deren Zukunft ihm am Herzen liege.—„Ich gelobte für ihr Glück zu ſorgen und ich will Wort hal⸗ ten“— pflegte er oft zu ſagen. Nicht immer iſt das Glück mit irdiſchen Gütern vereinigt; ich will etwas Beſſeres für ſie thun. Auguſte ſoll mein Andenken ſeg⸗ nen und auch Du Alexander ſollſt es, Du, den ich liebe, wie wenn Du mein eigener Sohn wäreſt.“. „Wenig ahnte ich damals den Sinn dieſer Worte. Inzwiſchen nahm er merklich ab, und kränkelte, an man⸗ denn die Freundſchaft zwiſ 375 cherlei körperlichen Leiden. Die geſchickteſten Aerzte wur⸗ den zu Rathe gezogen; aber alle zuckten die Achſeln und hofften, das Uebel ſollte ſich geben. Er begriff daher leicht, daß nichts mehr zu hoffen war.—„Gut, gut,“ ſagte er mit einem gutmüthigen Lächeln,„ich bin ſatt an Jahren und Kummer, und Du ſollſt mich nicht mehr als billig iſt beweinen, mein Sohn, wenn Du mich bald die letzte Reiſe antreten ſiehſt.“ „Noch war'er nicht an das Bett gefeſſelt, und nur allmählig goß ihm der Tod ſein Gift in die Adern. Um dieſe Zeit langte Conſtantin in Hamburg an. Die unbegrenzte Freude, die wir beim Wiederſehen fühlten— ſchen mir und meinem Vetter war mit uns aufgewachſen— bewog Herrn von Spal⸗ den, Conſtantin ſein Haus und ſeinen Tiſch für ſo lange Zeit, als es ihm gefiele, anzubieten.“ „ Mit tiefem Schmerze mußten wir Zeugen ſeyn, wie Herrn von Spaldens Leiden täglich mehr und Unheil verkündender zunahmen, und bald ſtand ich mit dem vol⸗ len Bewußtſeyn meines Verxluſtes an ſeinem Sterbebette.“ „ Ich empfing ſeinen Segen und ſeine letzten Worte waren:„Du ſollſt Rigitza meinen Gruß bringen, und ihr ſagen, daß ich ihr bis zum Tode treu geblieben bin. Ihr Bild begleitete mich durch mein ganzes Leben, und ſie wird mein letzter Gedanke ſeyn. Du, Alexander, ſollſt ſie mit der Liebe eines zärtlichen Sohnes ehren, und Auguſten zum glücklichſten Weibe machen. Das Glück der Mutter wird alsdann in dem der Tochter wieder aufleben und ihre Dankbarkeit meinem Andenken viel⸗ leicht eine Thräne weihen.“ 1 „In klarer Ahnung deſſen, was er in dieſem Au⸗ genblick wünſchte, drückte ich ſeine Hand, die ſchon die Kälte des Todes berührt hatte, an meine Bruſt und meine Lippen, und gelobte heilig das Herz derjenigen zu gewinnen zu ſuchen, deren Lebensglück er meiner Ehre und Rechtſchaffenheit anvertraut hatte. Ein Lä⸗ cheln auf den bleichen Lippen ſagte mir, daß er mein Gelübde verſtanden und angenommen habe. Noch ein⸗ mal ſandte mir ein Blick ſeines erlöſchenden Auges ein Lebewohl zu, und ſeine Seele ſchwang ſich dahin empor, wo er mir einſt Rechenſchaft abfordern wird von der Erfüllung meiner Verbindlichkeit.“. „Am Tage nach dem Begräbniß ward das Teſta⸗ ment geöffnet. Mit unverſtelltem Erſtaunen ſah ich mich in dem Beſitz dieſes bedeutenden Vermögens. Die Bedingungen waren alle zu meinen Gunſten; aber es berührte auch das Intereſſe einer andern Perſon, welche im Fall ich ſchon eine Wahl getroffen hätte, die Lei⸗ dende geworden wäre. Meine alten Schwärmereien erwachten mit neuer Kraft. So jählings in den Him⸗ mel der Ehe zu kommen, ohne im Geringſten den Cha⸗ rakter, das Herz und die übrigen Eigenſchaften meiner Auserkorenen zu kennen, ſchien mir gerade nicht das Wünſchenswertheſte zu ſeyn. Nachdem ich hin und her⸗ gegrübelt hatte, um eine vernünftige Art und Weiſe zu entdecken, wie ich das Gewünſchte erſahren könnte, eh ich als Freier auftreten würde, überredete ich Con⸗ ſtantin, welcher nun keinen weitern Grund zum Ver⸗ weilen in Hamburg hatte, dort in der Eigenſchaft meines Bevollmächtigten bei der Ordnung der Angelegenheiten des Verſtorbenen, bei der Wahrung des Teſtamentes u. ſ. f. zurückzubleiben, während dagegen ich nach Schweden reiſen, auf gewiſſe Art meine eigene Perſon vertreten und in dieſer Eigenſchaft die gewunſchten Aufklärungen gewinnen wollte. Um der Sache einen glaubwürdigeren Anſtrich zu geben, wurde mein Brief nebſt einer Ab⸗ ſchrift des Teſtamentes abgeſchickt, worin ich blos mei⸗ nen Titel und den Vornamen Alexander weggelaſſen hatte. Dieſe unſchuldigen Abweichungen waren noth⸗ wendig für meinen Plan; meine Identität konnte auf alle Fälle durch die im Original⸗Teſtament aufgeführten Namen und Titel beſtätigt werden.“. 4 „Ich komme jetzt an die Geſchichte mit dem Por⸗ trait. Conſtantin hatte mir ein ſolches übergeben, um 1 — 1 ·— 377 es Fräulein Stolzenbeck zu bringen. Es kam mir jetzt in den Sinn, dieſes für das Portrait des Erben auszu⸗ geben. Theils gewann meine Sendung dadurch mehr Glaubwürdigkeit, um bei der Gewinnung von Auguſtens Herz einen Kampf gegen das jugendliche und anmuthige Bild meines Vetters zu verſüchen.“ „Zu demſelben Endzweck wandte ich alle Mittel an, die ich nicht für unedel und meiner Ehre wider⸗ ſtreitend hielt. In meinem Brief an Auguſten empfahl ich jedoch meinen Stellvertreter auf's Beſte, und bat ſie, ihm all' das Vertrauen zu ſchenken, das die Sache erheiſchte. Inzwiſchen erwähnte ich nichts davon gegen Conſtantin. Gr hätte mir vielleicht damals bei der Aus⸗ führung meiner Idee nicht beitreten wollen, und ich war überdieß mit mir ſelbſt nicht recht einig, wie weit ich meinen romantiſchen Plan treiben ſollte.“ „Ich kam in L— an, gerade als Frau von Spal⸗ den einen Brief einlöſen ſollte, und traf ſie durch den glücklichſten Zufall auf dem Poſt⸗Comptoir. Ich machte da die Entdeckung, daß meine künftige Familie ſich in drückenden Umſtänden befinde, eine Urſache mehr für mich, ſtreng in meiner Prüfung der Denkungsart des Mäd⸗ chens zu ſeyn; denn wie oft hat ſich nicht ein Weib bei den Lockungen des Reichthums ſchwach gezeigt, und Feſſeln nicht als Feſſeln betrachtet, blos weil ſie vergoldet waren:“ Der Rittmeiſter warf dabei einen flüchtigen Blick auf Henriette und fuhr fort:„Dieß fürchtete ich am mei⸗ ſten; aber ſchon mein erſtes Zuſammentreffen mit Auguſten ſprach zu meinem Herzen. Ich hatte das Glück, ſie auf dem Eiſe aus einer unangenehmen Lage zu retten. Ihr Heldenmuth, denn ſie fiel weder aus Schrecken in Ohn⸗ macht, noch ſchrie ſie in erkünſtelter Schamhaftigkeit, als ich ſie auf meinen Armen hinwegtrug— gefiel mir außerordentlich, und noch mehr die jungfräuliche Scheu, die ihre Wangen röthete, als ſie mich anſah und unſere Blicke ſagten, daß wir einander wiedererkannten.“ Der Stellvertreter. 25 378 1„Was der tauſend,“ unterbrach ihn Frau von Stol⸗ zenbeck,„wie konnten Sie einander wieder erkennen. Ach ich verſtehe, ein Inſtinkt, eine geheime Ahnung, wie ſie verwandte Seelen aus der Schule des ſeligen La⸗ fontaine für einander fühlen,“ ſetzte ſie ſpöttiſch hinzu. „Nein, mit Ihrer Erlaubniß, meine liebenswürdige gnä⸗ dige Frau, es war nichts von all dem, was Ihr uͤber⸗ feiner Scharfſinn ſo geiſtreich, aufgeſtellt hatte, ſondern wir erkannten einander aus dem einfachen gewöhnlichen Grund, weil wir uns am Abend vorher geſehen hatten. Ich, dem es daran gelegen war, alle Schritte meiner Auguſte zu bewachen, hatte mir ein Zimmer gemiethet,“ welches der damaligen Wohnung des Poſtinſpektors ge⸗ radeüber lag. Das Glück begünſtigte mich ſo, daß An⸗ guſtens Zimmerchen ſich gerade vis à vis von dem mei⸗ nigen befand; und da ſie in gleicher Höhe lagen, ſo konnte ich in das ihrige ſehen, zu welchem Zweck ich auch das meine dunkel ließ. Als ich ſie das erſtemal dort eintreten ſah, wie klopfte mir das Herz, wie glühte mir die Wange! Sie ſtand am Fenſter und blickte zu den Sternen empor, ſie faltete die Hände; ſie ſchien zu beten. Ich fühlte mich wunderbar zu ihr hingezogen; ich ſah ſchon damals ein, daß ich dieſes holde Weſen unendlich würde lieben können, und entdeckte hinreichend viel von ihren Zügen, um zu ſehen, daß ſie Anſpruch darauf machen konnte, ſchön genannt zu werden. Sie ſpielte und ſang und meine Stimme verſchmolz mit der ihren, ohne daß ich es faſt ſelbſt wußte. Ich meinte, nie ſo glücklich geweſen zu ſeyn als in dieſem Augen⸗ blick, da ich ja wußte, daß ſie, für welche ich ſchon ſo viel Theilnahme hegte, zu meiner Gattin beſtimmt war und es werden würde, wenn ich ihr Herz gewinnen könnte; denn ohne dies hätte ihre Hand keinen Werth fuͤr mich gehabt. Inzwiſchen hörte Auguſte die fremde Stimme und trat au's Fenſter, wo ſie im klaren Mondſchein ſogleich ihren unbe⸗ kannten Nachbar gewahrte. Mit einer unbeſchreiblich liebens⸗ würdigen haſtigen Verlegenheit ließ ſie die Gardine herab.“ NA R ——,— 8 1 379— 5 8 Frau von Stolzenbeck nickte Auguſten Beifall zu, und der Rittmeiſter fuhr fort:„Ich kann Ihnen die Un⸗ ruhe nicht beſchreiben, welche ich empfand, da ich ihr Conſtantins Portrait übergab. Ich hätte in ihre Seele eindringen mögen, als ſie es, wie mir dünkte, eine Ewig⸗ keit lang betrachtete; aber Gott ſey Dank! ihre erſten Worte überzeugten mich, daß ich nichts von dieſer Seite zu befürchten hatte. Doch es würde zu weitläufig wer⸗ den, wenn ich dem Lauf meiner verſchiedenartigen Ge⸗ fühle während der übrigen Zeit folgen wollte; auch will ich alle die Mittel nicht wiederholen, die ich anwandte, um den Adel und die Stärke ihres Charakters, um die Erhabenheit und Feſtigkeit der innigen alles aufopfern⸗ den Liebe zu prüfen, die ich ſo glücklich war, ihr ein⸗ zuflößen, ohne daß ich vor ihr meine Gefühle in Worte kleidete; denn die Rolle, als Geſandter eines Andern, die ich auf mich genommen hatte, verbot mir einen of⸗ fenen Anſpruch auf ihr Herz zu machen. Doch muß ich geſtehen, daß ich meine Gefühle hinlänglich entſchleierte, um Auguſten nie zweifeln zu laſſen, daß meine Seele von der reinſten und wärmſten Liebe entflammt war, die je in einem männlichen Herzen brannte. Meine Leiden⸗ ſchaft vermochte nicht die Bande meines Willens zu ſprengen; ſelten brach ſie hervor, aber doch hie und da, und mehr als es ſich mit der doppelten ſonderbaren Rolle vereinigen ließ, die ich über mich genommen hatte. Es wundert mich, daß Auguſtens Stärke und Geduld nicht ſchwankten. Schon vor Conſtantins Ankunft hatte ich im Sinne, ihn in der Perſon des Erben auftreten zu laſſen, um Auguſtens weibliche Eitelkeit auf die letzte äußerſte Probe zu ſtellen und ihre Treue und Zuverſicht zu mir zu prüfen. Conſtantins unvermuthete Herreiſe hätte beinahe Alles zerſtört. Ich hatte ihm von meinem Plane geſchrieben, aber unterdeſſen bekam er ſchnell ei⸗ nen Anfall von Heimweh, und kam ganz unvermuthet hier an, wo er durch die Affaire mit dem Portrait, die 26 380 er nicht kannte, ſowohl dem Poſtinſpektor als meinem Auguſtchen einen ganzen Haufen Mücken in den Kopf ſetzte. Glücklicherweiſe verſtand er meinen Wink und merkte, daß etwas auf der Bahn ſeyn müſſe, als ich ihn nach einem dritten Vetter in Hamburg fragte, der nie vorhanden geweſen war,— und legte mehr Gei⸗ ſtesgegenwart und Beſonnenheit bei dieſer Gelegenheit an den Tag, als ich zu hoffen gewagt hatte. Als wir hierauf in guter Ruhe auf meinem Zimmer ſaßen, er⸗ öffnete ich ihm mein Herz und bewog ihn, an dem Plan Theil zu nehmen, den ich ihm hier entwickelte, und den wir ſpäter ausfuͤhrten. Da er wußte, daß ich nie glück⸗ lich werden würde, wenn ich nicht das Endreſultat mei⸗ ner Unternehmung ſähe, gab er ſeine Zuſtimmung; ich nahm ihm das heilige Verſprechen ab, gegen ſeine da⸗ malige Braut das tiefſte Stillſchweigen zu beobachten, und er mußte mir auf Ehre und Seligkeit ſchwören, Auguſten auf alle erdenkliche Art in Verſuchung zu füh⸗ ren, und mir getreu alle Fortſchritte zu berichten, die er möglicherweiſe gewinnen konnte, ſo wie jede Unter⸗ haltung, die er mit ihr hatte. Es war meine Abſicht, Auguſtens Standhaftigkeit ſo lange zu prüfen, bis das öffentliche Aufgebot vor ſich gehen ſollte. Hätte ſie ge⸗ wankt, ſo hätte ich ihr das ganze Erbe abgetreten. Aber nie wäre ſie meine Gattin geworden, und wir hätten uns auf ewig getrennt⸗ wenn Conſtantin die geringſte Gunſtbezeugung von ihr erhalten hätte. So lange ich lebe, werde ich bekennen, daß es ein gefährliches, ein allzu gewagtes Spiel war; aber was ich während dieſer Zeit durch die Ungewißheit und die Vorwürfe gelitten habe, welche ich mir ſelbſt machte, daß ich meine arme Auguſte ſo ſehr plagte, das möchte wohl einigermaßen die manchfaltige Unruhe aufwägen, die meine Forſchbe⸗ gierde ihr und Ihnen verurſacht haben. Gerne will ich geſtehen, daß ich glücklicher, weit glücklicher geworden bin, als meine egoiſtiſche Handlungsweiſe und mein Mißtrauen verdienten, und innig danke ich Gott, daß -,— oeͤSSSͤd Pee —— ————-—.—, ———— 381 meine Auguſte rein wie ein Engel durch dieſes Fegfeuer ging. Sie ward ſogar durch die Nachricht geprüft, daß mein Herz einer anderen Gebieterin zugefallen ſey; aber nichts erſchütterte ihren Glauben. Und dieſe Mor⸗ genſtunde! nie werde ich ſie vergeſſen.. „Conſtantin holte mich unſerer Uebereinkunft gemäß, kurz ehe er Auguſten beſuchte, ab. Da der Poſtinſpektor damals von der Nachtunruhe ausſchlief, glückte es mir, unbemerkt in den Saal zu gelangen. Hier habe ich ſo⸗ wohl ihre Unterredung mit meinem Vetter, als die mit ihrem Vater gehört, und mein Herz klopfte von unnenn⸗ barer Wonne, als ich ſie ernſt betheuern hörte, daß ſie vor dem Altare nein ſagen würde, und ſich weigerte, dem Befehl ihres Vaters gemäß Conſtantin zu küſſen. In dieſem Augenblick ſah ich alle meine Wünſche er⸗ füllt und wollte eben eintreten, als ſie ſelbſt die Thüre aufſtieß, und meine geliebte gequälte Braut an meinem glücklichen Herzen lag. Der Einzige, der durch dieſe ganze Sache gelitten hat, iſt Conſtantin. Die Freund⸗ ſchaft, womit er mir diente, hat ihm einen Verdacht zugezogen, der jetzt durch meine Erklärung freilich in ſich ſelbſt zerfällt, aber doch zu ſpät, da er ſchon deſſen beraubt iſt, was ihm am theuerſten war; denn ſeine Braut hat, wie ich mit unverſtellter Verwunderung hörte, dieſen Scheingrund benützt, um ihren Treubruch zu rechtfertigen.“* 49.— Wie ein Mann und Vater ſein geſunkenes 4 Anſehen wieder aufrichtet. Ein langes Stillſchweigen herrſchte im Zimmer, als der Rittmeiſter zu ſprechen aufgehört hatte. Der Poſt⸗ inſpektor, der inzwiſchen ſeine Pfeife erhalten hatte, und allmälig wieder zu ſich gekommen war, räuſperte ſich unaufhörlich mit einer Kraft, die bewies, daß ſein Kör⸗ per, ſeine Feſtigkeit und ſeine Gedanken ihre gewöhnliche Richtung wieder gewonnen hatten. Daß ihn etwas 38² ſehr Wichtiges und Großartiges beſchäftigte, gaben die dicken Rauchwolken kund, die er feierlich gegen die Decke blies.— Frau von Spalden hatte ihre Schürze und ihr Sacktuch bei der Erinnerung an den letzten Gruß des ſeligen Rudolphs voll geweint. Sie hauchte jetzt auf die wenigen trockenen Zipfel, die noch übrig waren und hielt ſte mit zitternder Hand über ihre Augen. Auguſte, deren Wangen von Freude und Schaam flammten, barg ihr reizendes Köpfchen in den kleinen weißen Händen und der Rittmeiſter ſah aus, wie wenn er ſchon hienieden zum Genuſſe der himmliſchen Glück⸗ ſeligkeit gelangt wäre. Er bemühte ſich, Auguſtens Hände hinwegzuziehen, was ihm auch in ſo weit glückte, daß ihre Wange an ſeine Schulter zu ruhen kam, zum großen Aerger der Frau von Stolzenbeck, die ihnen ge⸗ genüber ſaß, und während ſie ihren Stuhl von der ei⸗ nen Seite zur andern rückte, an die Gerechtigkeit von Tante Agneta's Klage dachte: Sittſamkeit, du ſchöne Tugend, wo in Gottes Namen kamſt du hin? Sie konnte ſich nicht klar werden, wer von der Geſellſchaft am meiſten ihren Zorn und Abſcheu verdiene; ob der Rittmeiſter, der mit einem ſo närriſchen feierlichen Ernſt den Schleier von einer Menge ſolcher Thorheiten zog, von denen eine jede an ſich ihn des Tollhauſes würdig machte; und den ſeine Einmiſchung in Henriettens An⸗ gelegenheiten zu einer höchſt gefährlichen und überdieß höchſt ungebildeten Perſon ſtempelte, die nicht den ge⸗ ringſten Takt beſaß, um die Stellungen und⸗ Verhaͤlt⸗ niſſe der feineren Welt aufzufaſſen;— oder ihr Bruder, der das Bischen Lebensart, das er früher beſaß, ſo ganz und gar vergeſſen hatte, daß er ihr den abſcheu⸗ lichen Tabaksrauch rückſichtslos mitten in's Geſicht blies; — oder Auguſte, die alle weibliche Sittſamkeit hintan⸗ ſetzte und frech genug war, vor den Augen ihrer Tante eine ſo zweideutige Stellung einzunehmen;— oder end⸗ lich ihre Schwägerin, die den merkwürdigen Fehler be⸗ gangen hatte, die erſte Pflicht einer Wirthin außer Acht —— ————ÿy EEEEEEEEEEE— ——— zu laſſen, nämlich die: an eine Erfriſchung für ihre nd Gäſte zu denken.. d Sie warf einen Blick auf Henriette, um ihr durch uf einige Winke anzudeuten, wie mißvergnügt ſie mit Allem 5 und Allem war. Aber ſie hatte gut winken; kein entſpre⸗ en chendes Zeichen bewies, daß Henriette ihre Meinung auf⸗ gefaßt hatte; denn ſie ſchien von demſelben Schickſal ge⸗ m troffen, das Loth's Weib heimſuchte; wenigſtens konnte en keine Salzſäule ſtummer und ſtarrer ſeyn als Henriette. Vor ihr geiſtiges Auge trat in klaren aber ſchmerzlichen 1 ⸗ Zügen der Unterſchied zwiſchen ihrer und Auguſten's Auf⸗ 18 führung. Bitter traf ſie Sterners letzte Bemerkung; doch e, jetzt war keine Zeit mehr zu einer weichmüthigen Reue, m wenn nicht die letztere Verirrung ärger werden ſollte als 6 die erſte, denn es war offenbar, daß Conſtantin ſeinen l⸗ Verluſt mit allzuviel Standhaftigkeit ertrug, ja daß es ihm 1 8n ſogar ſehr damit gedient zu ſeyn ſchien, und die Achtung ne des Rittmeiſters war für immer verloren. Henriette fühlte 1 ie dieſes Letztere weit ſchmerzlicher als den Leichtſtnn Con⸗ ſt ſtantius. Sie wünſchte weit, weit weg von dieſen Men⸗ r. ſchen und der Erinnerung an die Scenen dieſes Tages zu ſ ſeyn. des ſchlimmſten, den ſie je erlebt hatte; denn es wa⸗ ... ren ihr deei höchſt widrige Dinge begegnet: erſtens die g wichtige faſt heitere Gleichgültigkeit eines Liebhabers; der Unwillen, vielleicht die Verachtung eines treuen und wah⸗ ren Frenndes, und endlich das Härteſte, ſie hatte geſehen, daß man ein anderes Weib um ibrer Tugenden willen mit 1 einem weit heißeren Enthuſiasmus pries, als ihre eigenen je beurtheilt worden waren. V Doch jetzt wurde der Gedankengang jedes Einzelnen nach einer andern Richtung hin gelenkt. Der Poſtinſpek⸗ N NUNnV tor ſchob mit einem wichtigen Geräuſch ſeinen Stuhl zu⸗ rück, legte die Pfeife hinweg, erhob ſich und ging mit majeſtätiſchen Schritten der Seite zu, wo Sterner ſaß. Dieſer ſtand ſchnell auf, verbeugte ſich ehrerbietig und ſo V einander gegenüber ſtehend, nahm der Poſtinſpektor mit einer N DOUÆgAugAN ⏑ „ △☚ A ungewöhnlich leiſen aber feſten und ruhigen Stimme das ——yö———— 384. Wort:„Herr Rittmeiſter Alexander Conſtantin von Sterner, Erbe des hinterlaſſenen Vermögens meines verſtorbenen Bruders, ich habe mit ruhiger und ſchuldiger Achtung die Erklärung angehört, die Sie abgegeben haben. Ich will glauben, daß dieſes Gaukelſpiel nur die Befriedigung einer ſchwärmeriſchen Phantaſie zum Endzweck hatte, und es kommt mir nicht zu, zu beurtheilen, in wiefern dieſe Aus⸗ ſchweifungen der Einbildungskraft mit der ruhigen Würde etnes geſetzten Mannes vereinbar ſind, ich will mich blos in ſofern über dieſelben ausſprechen, als ſie mich, meine Familie, mein bürgerliches Anſehen und meine väterliche Autorität berühren. Ihre romantiſchen Einfälle haben ſchlimme Folgen gehabt. Sie haben Unruhe und Wirrwar in meinem Hauſe erregt, und werden leider bei dem Pu⸗ blikum großes Lachen hervorrufen. Auch auf den kindlichen Gehorſam meiner Tochter und auf ihre Liebe zu dem, der ihr nach der Ordnung der Natur zum Führer geſetzt iſt, haben Sie einen höchſt üblen Einfluß gehabt; ich will Ihnen daher ein Beiſpiel geben, wie ein Mann und ein beleidigter Vater ſein verlorenes Anſehen wieder herſtellt. Wie Sie wiſſen, findet ſich ein Punkt im Teſtamente, der nicht wird beſtritten werden können. Er lautet alſo:„Wenn von Seiten der Tochter meines Bruders Hinderniſſe gegen die genannte Verbindung entſtehen, ſo fällt demungeachtet mein ganzes hinterlaſſenes Vermögen obgenanntem Sterner zu, wenn er nicht aus freiem Willen eine geringere Summe zu ihren Gunſten abtreten will.“ In ihrem Namen nun und meiner Eigenſchaft als Vater und Herr ihrer Hand entſage ich hiemit auf's Feierlichſte der Ehre und dem Vortheil jener Verbindung, die mein verſtorbener Bruder in ſeinem Teſtamente erwähnt, und ſpreche Sie zugleich frei von der Ihrem Edelmuth abhängenden Theilung. Ge⸗ gen dieſe Bedingungen von meiner Seite, wogegen das Geſetz nichts einwenden kann, bitte ich mir nur dieß aus, daß Sie mir je eher deſto lieber die Ehre erweiſen, mein Haus zu verlaſſen.“— Am Schluß dieſer Rede, der kraft⸗ vollſten, längſten und beſten, die der Poſtinſpektor je gehalten 1 f -—-— —— —, S e& S,Gnͤ Scdh S —.,— — ——————.———,———-+& v —— —,—— 385 hatte, verbeugte er ſich mit einem kalten Lächeln, wodurch er gewiſſermaßen hinzuzuſetzen ſchien:„Antworte mir jetzk darauf, wenn Du kannſt.“— Aller Augen waren auf den Rittmeiſter gerichtet, und Auguſte fühlte wie ein Zittern ihr ganzes Weſen durchbebte. Nach einem kurzen Stillſchweigen erwiederte Sterner, indem er einen freien Blick in der Ge⸗ ſellſchaft umherwarf, auf welche ſeine ruhige Haltung und Selbſtbeherrſchung den vortheilhafteſten Eindruck machte: „Herr von Spalden! ſo weit Ihre Erklärung die Anwendung des Geſetzes auf jenes Teſtament betrifft, iſt ſie ganz unbe⸗ ſtreitbar; aber ich bitte Sie, ſich zu erinnern, daß gerade das Geſetz, auf das Sie ſich berufen, ſich ſelbſt das Recht der Verheirathung geben kann, wenn ein Pater die ihm zukommende Macht und Autorität mißbraucht. Der Ge⸗ horſam einer Tochter für ihren Vater gründet ſich auf die Liebe und Achtung, welche die Natur jedem denkenden Weſen für ſeine Eltern eingepflanzt hat, aber nicht auf Leibeigen⸗ ſchaft. Kein Geſetz gebietet ihr, das Glück und die Seligkeit ihres Lebens den eigenſinnigen Launen eines Deſpoten auf⸗ zuopfern, und wäre dieſer auch ihr Vater. Ich bitte Sie deßhalb, in allem Ernſt überzeugt zu ſeyn, daß alle Hinder⸗ niſſe und Gründe, die Sie vorbringen können, zu nichts dienen werden. Laſſen Sie ſich deßhalb zu unſerer gemein⸗ ſamen Befriedigung und Freude in Gutem bewegen; denn ſo wahr mir Gott helfe, werde ich Auguſten als mein ge⸗ liebtes Weib nach Sorrby führen, ehe noch die grünen Blätter gelb geworden ſind.“— Dieſe Antwort, die der Erwartung des Poſtinſpektors ſo grade entgegenlief, ſetzte ihn in eine neue quälende Verlegenheit, wie er den hohen und gebieteriſchen Ton beibehalten ſollte, den er angenom⸗ men hatte. Er rechnete darauf, daß ſeine kalte, bittere Er⸗ klärung bei Sternern einen aufbrauſenden Zorn und ein beleidigtes Ehrgefühl erzeugen würde; aber da dieſes nicht geſchah, ſo ſah er ein, daß es ihm unendlich ſchwer werden würde, einen ſolchen Gegner an dem Punkt feſtzuhalten, wo er wünſchte. Etwas herabgeſtimmt antwortete er daher: „Ich bin erſtaunt, Herr Rittmeiſter, ja es erweckt ſogar 1 — ——————ᷣᷣO-—— ———— 386 3 3 meine Verwunderung, daß ein Mann, dem ich ein ſo feines Ehrgefühl zutraute, mit einer ſo unerſchütterlichen Geduld einen ſolchen Schimpf hinnimmt. Zu meiner Zeit wenigſtens war es nicht Sitte, noch da zu bleiben, wenn man Einem einmal die Thüre gewieſen hatte. Mit Einem Wort, Herr, nie, weder in früheren Tagen noch jetzt, kann ein ehren⸗ hafter Mann noch eine Minute in dem Hauſe verweilen, deſſen Herr ihm eine ſolche Erklärung gegeben hat.“ „Nein, es iſt in der That ſonſt nicht meine Ge⸗ wohnheit,“ ſprach der Rittmeiſter lächelnd,„einen wirk⸗ lichen Schimpf oder die entfernteſte Hindeutung geduldig hinzunehmen; und aus dieſer meiner aufrichtigen Sprache mögen Siezgleicht erſehen, Herr Poſtinſpektor, daß ich Ihre Aeußerungen keineswegs von der beſchimpfenden Seite betrachte. Ferne ſey es von mir, mich an dieſen unüberlegten Ausdrücken zu ſtoßen, die eine natürliche Folge Ihres gerechten Verdruſſes ſind! Ueberdies darf man es mit ſeinem künſtigen Schwiegervater nicht ſo genau nehmen, jene Worte ſind ſchon vergeſſen, und mit Ihrer Erlaubniß werde ich fortfahren, der tägliche Gaſt in Ihrem Hauſe zu ſeyn, da ich überzeugt bin, daß Sie am Ende mir dieſelbe Gewogenheit ſcheuken werden, die Sie Ihrem künftigen Schwiegerſohn gewährten.““ „Nun zum Henker!“ brach der Poſtinſpektor los, „ich wollte das Mädchen noch lieber Ihrem Vetter ge⸗ ben, und wenn er auch nicht mehr als den Rock auf dem Leibe beſäße, als Ihnen, und wenn Sie auch nicht Ihres⸗ gleichen an Reichthum hätten, wie es bei Ihrer Unver⸗ ſchämtheit der Fall iſt.“ „Dies iſt ſehr zu beklagen,“ ſprach der Rittmeiſter, „da ſich die Sache nun einmal nicht mehr ändern läßt. Das Beſte, was Sie deshalb thun können, mein wertheſter Herr Poſtinſpektor, iſt, daß Sie mir all das Kopfweh verzeihen, das ich Ihnen ſeit meinem erſten Auftreten verurſacht habe. Sie werden dagegen in mir einen Sohn finden, deſſen lebhafteſter Wunſch es ſeyn ſoll, die Ver⸗ wirrung und den Unwillen wieder gut zu machen, die 1 7 1 — A —-—— 1322 ſein ſonderbares Benehmen bei Ihnen erweckt hat, und Ihnen all' die Ehrerbietung und Dankbarkeit, all' die kindliche Liebe zu erweiſen, welche ein gütiger Vater von ſeinen Kindern zu erwarten das Recht hat. Laſſen Sie ſich bewegen, laſſen Sie meine Worte durch die harte Rinde zu Ihrem beſſeren Theile dringen! Geben Sie mir und Auguſten Ihren Segen, damit meine Lippen Sie mit dem heiligen Vaternamen begrüßen mögen.“ Der Ton des Rittmeiſters hatte ſich allmählig ver⸗ ändert und war von dem kalten ſarkaſtiſchen, womit er ſeine Rede begonnen hatte, in einen weichen und bitten⸗ den übergegangen, der eine tiefe Rührung verrieth. Und in ſeinem ganzen Weſen lag eine ſo innige unwiderſteh⸗ liche Beredtſamkeit, beſonders als er die letzten Worte ausſprach, daß ſogar Herr von Spalden aufzuthauen be⸗ gann und ein gewiſſes Wohlbehagen fühlte, da er den ſtolzen Rittmeiſter in einen aufmerkſamen und gehorſamen Sohn verwandelt ſah. Auguſte bemerkte dieſe glückliche Veränderung.„Ge⸗ liebter Vater!“ bat ſie, und faßte knieend ſeine Hand, „machen Sie unſer Glück vollkommen!“ „Ach, mein Alter!“ ſeufzte ſeine Frau, indem ſie von der andern Seite auf ihn zuging,„mach' auch Du einmal fröhliche Geſichter um Dich her! ich werde Dir mein Lebetage dankbar dafür und Deinem geringſten Willen unterthan ſeyn!“. Bei dieſen Worten verzog Frau von Stolzenbeck verächtlich den Mund, und konnte nachher nie dieſe lächer⸗ liche Verſicherung vergeſſen.„Es ſcheint mir, mein Bru⸗ der,“ ſagte ſie gähnend,„als ob Du nichts Beſſeres thun könnteſt, als Amen zu ſagen, damit der Prozeß einmal ein Ende nimmt, und wir zum Eſſen kommenz denn ich bin all' dieſen Krimskrams herzlich ſatt!“ Der Poſtinſpektor durchlief in Gedanken die wenigen Gründe, die er gegen die Verbindung vorbringen konnte, und ſah ein, daß ſie zu ſchwach ſeyn würden, da ſich die im Teſtament genannten Hinderniſſe nicht vorfanden und —õ————yjy 388 auch keine andern aufgebracht werden konnten. Er ſah alſo nach und nach ein, daß alle ſeine Bemühungen an dem Eiſenwillen des Rittmeiſters ſcheitern würden; und da es auf alle Fälle gut war, einen reichen Schwieger⸗ ſohn zu bekommen und er auch nicht ſehen wollte, daß Auguſte den Kopf hing, beſchloß er weislich, aus der Noth eine Tugend zu machen, und anſtatt des Ueber⸗ wundenen den Großmüthigen zu ſpielen., Mit einer höchſt komiſchen Miene feierlicher Würde legte er daher Auguſtens Hand in die des Rittmeiſters. „Nun, in Gottesnamen denn! wenn Alles verrückt zu⸗ gehen ſoll, und damit Bruder Rudolph, der ſelige Geiſt, endlich ſeinen Willen befommt, ſo mögen Sie ſie hin⸗ nehmen, Herr Schwiegerſohn, und meinen Segen dazu; mit der Bedingung jedoch, daß Sie für die Zukunft ein vernünftiger Mann werden und nie mehr Komödie ſpielen. Oder wenn dies nothwendig geſchehen muß, ſo ſoll mich Ihre unverbeſſerliche Unverſchämtheit nie wieder zum Mitſpieler oder mein Haus zum Theater wählen.“ „Dies iſt billig und, ſoll herzlich gern befolgt wer⸗ den,“ verſetzte der Rittmeiſter und empfing den erſten Vaterkuß und die ziemlich herzliche Umarmung. Hierauf nahte ſich das junge Paar der Frau von Spalden, welche ſie mit dem ſeligen Lächeln der Mutterluſt auf ihren Lippen an das liebevolle Herz ſchloß.„Theurer Ritt⸗ meiſter, lieber beſter Sterner, ſeyen Sie zärtlich und gut gegen meine Auguſte! Gott allein und ich wiſſen, wie ſehr ſie Sie liebt und wie werth ſie Ihrer Liebe und Sorg⸗ falt iſt.“—„Auch ich weiß das, meine theure Mutter,“ flüſterte Sterner.„Fürchten Sie nichts für Auguſten; denn wenn die eifrigſten Bemühungen eines Mannes, die Wünſche ſeines angebeteten Weibes zu erfüllen, ſie glücklich machen kann, ſo wird es Auguſte werden!“ Nun kam die Reihe an Frau von Stolzenbeck und Henriette. Artig küßte der Rittmeiſter den Damen die Hand. Auguſte bekam von ihren Verwandten eine kühle Umarmung und beide einen noch kälteren Glückwunſch. 389 „Aber wo iſt unſer Erbräutigam?“ fragte der Poſt⸗ inſpektor, der jetzt bei guter Laune war.„Hören Sie, mein lieber Rittmeiſter, ſchaffen Sie ihn uns her. Auguſte ſoll der Mamma bei Tiſche helfen, ſo kann ich indeſſen einige vernünftige Worte mit meiner Schweſter ſprechen.“ Diesmal begegneten die Anordnungen Herrn von Spaldens keinen Hinderniſſen, denn Alle waren froh, ihm einen ehrerbietigen Gehorſam leiſten zu dürfen. G 50. Weſterlinds Bekenntniß. „Wie? was ſind das für Worte?“ wird der Leſer mit einem gewiſſen Anſtrich von Ungeduld fragen, wenn er anſtatt des Schluſſes die Ueberſchrift zu einem neuen Kapitel findet.„Haben wir nicht alle Grade des Romans durchgangen: die Intrigue iſt entwickelt, das Intereſſe, worüber die Hochzeit beſchloſſen, und der Segen ertheilt! Was gibt es jetzt noch zu bieten?“. Wertheſter Leſer! um alles in der Welt nicht dieſe Unluſt! Laß ein vernünſtiges Wort mit Dir ſprechen, merke! Deine erſte Einwendung war: die Intrigue iſt entwickelt.— Freilich in der Hauptſache, aber doch nicht vollkommen. Ueberdies warum ſollten wir blos an In⸗ triguen ein Vergnügen finden. Ein einfaches gemüthliches Alltagsleben mit allerhand Kleinigkeitsſcenen iſt auch nicht zu verachten. Die erſtere ſpielt ſtündlich; das letztere ſel⸗ tener, als wir es auf der Zunge führen; kurz wir nähern uns mehr der Natur, wenn wir die erſtere ausſchließen, und der Seltenheit wegen kann man ja einmal auch an dem letztern Intereſſe finden. „Ja, aber das Intereſſe iſt verſchwunden!“ Nein, lieber Leſer! das kannſt Du unmöglich behaup⸗ ten, ehe Du das Buch zu Ende geleſen haſt. Kann Dir die Verfaſſerin nicht ein Deſſert auftiſchen, wovon Du keine Ahnung haſt, und das eben ſo intereſſant— ver⸗ zeihe mir! meine Beſcheidenheit, wollte ſagen— eben ſo ein wenig langweilig iſt, wie das Vorhergehende? Wenn 390 Du bei einem übervollen Mittagstiſch, wo Dir nichts ſchmeckt, plötzlich ein altes Lieblingsgerücht erblickſt, oder im Ge⸗ dränge ein von früheren lieben Tagen her bekanntes An⸗ geſicht wahrnimmſt, oder entdeckſt, daß endlich Dein Lieb⸗ lingswein aufgeſtellt wird, ſind das nicht Alles, ſehr an⸗ genehme Dinge, obwohl Du zum Voraus wußteſt, daß es Dein Schickſal ſeyn würde, zu eſſen, zu ſehen und zu trin⸗ ken? So kann man nie beſtimmt abſprechen, wo das In⸗ tereſſe aufhört. Es bekleidet uns unmerklich, wenn wir es auch für verloren halten, und es ſteigert ſich wieder all⸗ mählig, bis es gleichſam auf's Neue jung wird. „Aber die Hochzeit iſt beſchloſſen?“ Ja, das iſt nicht zu beſtreiten, und ſte wird auch vor ſich gehen; aber ich verſpreche Dir, Dich mit einer Be⸗ ſchreibung derſelben zu verſchonen. Ueberdies kann ich es für meinen Tod nicht leiden, wenn ein Roman mit der Hochzeit ſelbſt endigt. Ich meines Theils liebe es, auch nachher noch ein wenig dabei zu ſeyn. Es iſt mir nie ſo übel zu Muthe, als wenn ich ein Buch beendigt habe, wo man nur einen kleinen Schimmer von dem rofigen Scheine des Ehehimmels zu Geſichte bekommt und dann der Vor⸗ hang plötzlich niederfällt. Herr Gott! denke ich dann, wie mag wohl dieſer Himmek Morgen und Uebermorgen aus⸗ ſehen? Werden nicht etwa bald Wolkenflecken erſcheinen? und andere ſolche finſtere Ahnungen, die unwillkührlich entſtehen. Nein, es iſt ſo beruhigend, wenn wir mit eige⸗ nen Augen ſehen, mit eigenen Ohren hören, wie es unſern Helden und Heldinnen auf ihrer neuen Laufbahn geht. „Aber der Segen?“ 1 Wertheſter Leſer! laß Dir das kein Hinderniß ſeyn; den nehmen wir mit auf den Weg. Und wenn Du recht darüber nachſinnſt, ſo ſind noch manche Perſonen da, die hier aufgetreten ſind, die ein bischen Segen brauchen könn⸗ ten, und die wir in den Hafen lootſen müſſen. Mit Dei⸗ ner Erlaubniß alſo, meine ich, wir fangen von Neuem an; unbeſchadet Deines Rechtes die folgenden Kapitel als Nachſpiel zu betrachten, wenn es Dir ſo beliebt— gat den biſ gef von pre Sy läc Ve wif zu hör mit und un bar noc Di wie ger ner das wa der Tr me bre her ber wo 3 ſpr gel uS K — N*n 391 2 „Nun der tauſend! mein Bruder! wie iſt Dir's ge⸗ gangen?“ ief Conſtantin gähnend und ſtreckte ſich auf dem Sopha, als der Rittmeiſter eintrat.„Hat der alte biſſige Brummbär nachgegeben?“ „Alles iſt in Ordnung; aber wache jetzt auf, Du gefühlloſer Siebenſchläfer, ich ſchwebe in einem Uebermaß von Glück.“ Der Rittmeiſter fiel ihm um den Hals und preßte ihn nachdrücklich zwiſchen den Armen. „Ja, ja, das iſt ſchön! Ich erkenne jetzt wieder die Symptome; aber laß mich nur los,“ ſagte Conſtantin lächelnd,„laß mich ein wenig zu mir kommen; denn mit Verlaub, Du ſtöreſt mich ſehr unangenehm. Du mußt wiſſen, daß ich gerade im Geiſt willens war, um Jemand zu werben. Gott, welche Beredtſamkeit würdeſt Du ge⸗ hört haben, und— doch es iſt gleichgültig, mit was ich mich beſchäftigte. Du gehſt umher, wie eine Somnambule, und biſt weder fähig, den rhetoriſchen Blumenduft meiner unvergleichlichen Rede zu faſſen, die nun zum unberechen⸗ baren Verluſt aller künftigen Freiwerber verloren geht, noch die Grauſamkeit, das Verbrechen zu begreifen, daß Du gerade in dieſer entſcheidenden Minute einen Sünder, wie ich bin unterbrachſt, der dieſe Herrlichkeit nur im Traume genießen darf. Du weckteſt mich gerade als ſie ihre ſchö⸗ nen Lippen zu meiner Antwort öffnete. Ach Alerander, das iſt unerträglich! das iſt nicht zum Aushalten!“ „Ich gebe zu, daß es hart war, und das Geringſte, was Du ven mir als Erſatz dafür fordern kannſt“ ſagte der Rittmeiſter lächelnd,„iſt, daß ich mich erbiete, deinen Traum in Wirklichkeit zu verwandeln, was ich auch auf meine Ehre verſuchen will.“ „Ich danke Dir für dieſes tröſtliche Verſprechen, mein braver Freund! Halte nur Wort, ſo werde ich die vielen herrlichen Phraſen und zarten, ſeelenvollen Ausdrücke nie bereuen, die ich an das harte Herz Deiner Braut wegge⸗ worfen habe. Aber, mein Gott!“ ſetzte Conſtantin hinzu, ſprang ſchnell auf und führte ſeinen Vetter vor den Spie⸗ gel,„ſtehſt Du wohl aus wie ein Bräutigam, der ſich zum 392 Verlobungseſſen niederſetzen will! Du biſt ja ſo voll Staub, wie wenn Du von der Reiſe kämeſt. Schnell packe Dich fort zu Hjertbergs, und bringe Deine Toilette in Ordnung! Von nun an wird an Dir die Reihe ſeyn, Dich in die ehrbare, wichtige ſchwarze Tracht zu kleiden. Ich habe die meinige mit vieler Sorgfalt aufgehoben und hoffe, wenn ſie zum nächſten Mal hervorgenommen wird, daß dies an einem ruhigen und klaren Freitag Morgen geſchehe, wenn wir uns Beide nach Wallaryd begeben, um den alten Svalenius zu wecken.“— Der Rittmeiſter nickte ihm Bei⸗ fall zu, warf ſeinen Mantel um, und beeilte ſich Conſtan⸗ tins Winken nachzukommen.— „Mein lieber Weſterlind,“ ſagte Sterner, als dieſer ſeinem Herrn dienſtfertig beim Umkleiden half,„ich weiß von Alters her, daß Du eine unüberwindliche Luſt haſt, Neuigkeiten zu erzählen. Es ſey Dir deßhalb erlaubt, in der guten Stadt L— das unerwartete Ereigniß auszu⸗ breiten, daß man am nächſten Sonntag über acht Tagen mich und Fräulein von Spalden aufbieten wird. Lieute⸗ nant Conſtantin und ich haben zu unſerem Vergnügen die Rollen ein wenig getauſcht; aber während er für den Erben gegolten hat, mußt Du, allem Vermuthen nach, ihm ein wenig hinter dem Rücken in die Karten geſehen und deine Entdeckungen einer gewiſſen alten Dame aufge⸗ tiſcht haben, die dies Geheimniß unmöglich auf eine an⸗ dere Art erfahren konnte, und Dich vermuthlich für Deine Mühe wohl bezahlt hat. Es iſt die Sache uneines Vet⸗ ters, Dich mit einer guten Portion Prügel dafür zu züch⸗ tigen, ich aber will keinen Spionen mehr in meinem Dienſte haben. Du biſt alſo von heute an entlaſſen.“ Das war der Gipfel alles Unglücks für Weſterlind. Der ſchöne Anna im Pfarrhauſe zu Wallaryd und die hübſche Kammerjungfer in Sorrbypack nicht mehr ſehen zu dürfen! Dem bequemen Leben in Sorrby entſagen zu müſſen, was wollte er nicht wagen um wieder in den Be⸗ ſitz dieſer Vorzüge zu kommen? aber er wußte auch, daß es vergebliche Mühe war, die geringſte Einwendung oder ſten geh hau um nan wur gnã ſpra vorf ſchle beat Hel Con und meit da D 393— den entfernteſten Verſuch zur Rechtfertigung zu machen, nachdem der ſcharfe Blick ſeines Herrn ſeinen gewöhnlichen Selbſtbeherrſchungsgeiſt aus ihm gejagt und ſein bleiches Geſicht und das niedergeſchlagene Auge das Wort„ſchul⸗ dig“ ausgeſprochen hatte. In tiefer Demuth, aber doch ziemlich ruhig, antwortete er alſo:„Der Herr Rittmeiſter hat Grund, mit meinem Betragen unzufrieden zu ſeyn; aber Frau von Stolzenbeck bot mir eine ſo namhafte Summe, wenn ich es auf mich nehmen wollte, ihr alle Nachrichten zu verſchaffen, die ich über die Perſon des Erben und Alles was mit ſeiner Ankunft in Verbindung ſtand, aufſchnappen könnte, daß ich, der damals unmöglich den Plan des Herrn Nittmeiſters ahnen konnte, und wie die Andern der Meinung waren, es ſeyen drei Vetter vor⸗ handen, ohne Bedenken meine Einwilligung in eine Sache gab, worin ich nichts Böſes ſah.“ „Damals!“ wiederholte Sterner,„ſeit wie lange iſt es denn, daß Du dieſes ehrenvolle Amt auf Dich ge⸗ nommen haſt?“ „Als Frau von Stolzenbeck einige Tage nach Pfing⸗ ſten von Ulriksdal abreiste, hatte ſie mich durch einen geheimen Boten bitten laſſen, mit ihr in dem Wirths⸗ hauſe zuſammenzutreffen, wohin ich den Herrn Rittmeiſter um Erlaubniß bat gehen zu dürfen, um den früher ge⸗ nannten Schein einzulöſen. Gleich nach meiner Ankunft wurde ich in ein beſonderes Zimmer geführt, wo ich die gnädige Frau fand. Sie gab mir nun Geld und ver⸗ ſprach mir noch mehr, wenn ich ihr Alles, was in L— vorfalle, treulich berichten wolle. Ich nahm dieſen Vor⸗ ſchlag an und nachdem ich einige unbedeutende Fragen beantwortet hatte, reiste ich wieder ab. Als wir in Helſingborg ankamen, erkannte ich den Herrn Lieutenant Conſtantin ſogleich wieder, ungeachtet ſeiner Verkleidung, und überzeugte mich vollkommen von der Richtigkeit meiner Vermuthung durch einige Worte, welche die Herren da und dort während der Reiſe wechſelten, und die ich Der Stellvertreter. 26 394 in meinem Gedächtniſſe bewahrte, obſchon ich nicht darauf Acht zu geben ſchien. Ich hielt es für meine Pflicht, in Folge meines Auftrags Frau von Stolzenbeck von dieſen wichtigen Entdeckungen zu unterrichten, was ich auch that.“ „Ein ſonderbarer Begriff von Pflicht,“ fiel der Ritt⸗ meiſter ein;„aber wie haſt Du das bewerkſtelligt?“ „Ich ſchrieb, und ſie antwortete und bat mich, mein Geſchäft fortzuſetzen. Der Briefwechſel ging ordentlich jeden Poſttag, bis ſie es für nöthig fand, ſelbſt hieher zu kommen, um perſönlich aufzutreten. Ich habe jetzt aufrichtiger als wenn ich vor einem geſetzlichen Richter⸗ ſtuhl geſtanden wäre, ein Bekenntniß meiner Vergehen abgelegt, die zwar freilich gegen mich ſprechen, aber auch beweiſen, daß ich nie gefehlt haben würde, wenn ich nicht von Frau von Stolzenbecks großen Verſpre⸗ chungen und reicher Freigebigkeit verführt worden wäre. Dazu lege ich meine demüthige Reue und bitte den Herrn Rittmeiſter mein Urtheil nicht zu ſtreng ausfallen zu laſſen.“ Sterner ging einige Male gedankenvoll im Zimmer auf und nieder, und ſagte dann ernſt und ſeſt:„Nein, Weſterlind! Du haſt zu viel und zu ſchändlich gefehlt, um auf Verzeihung hoffen zu können. Ein Diener, der durch Liſt und Spioniren die Geheimniſſe ſeines Herrn erforſcht und ſie an den Meiſtbietenden verkauft, verdient keine Nachſicht! Du haſt Dein Urtheil gehört.“ Auf Weſterlinds Wangen flammte eine heftige Röthe, aber er verbeugte ſich ſchweigend und trat ab. Unter der Thüre wandte er ſich um und fragte: „Darf ich ſo frei ſeyn, dem Herrn Rittmeiſter heute Abend meine Aufwartung machen zu dürfen, um meinen ſchriftlichen Abſchied zu erhalten??“ „Ja, Du wirſt Deinen Abſchied, Deinen Lohn und das Koſtgeld auf die noch übrige Zeit bei meiner Nach⸗ hauſekunft erhalten.“ A „Ja, ja, wir wollen ſehen,“ ſagte Weſterlind bei ſich ſelbſt, während er die Treppe hinabging.„Abſchied! —— — — SE=EVe —₰ αε-EXO S— „— —— Vorzüge in nähere Betrachtung gezogen hatte. Ueberdieß 3 26* 395 Koſtgeld! nein, daraus wird nichts; man muß etwas thun, um einen ſo vorzüglichen Dienſt zu erhalten, ich hätte doch meinen ſollen, daß ihn meine Aufrichtigkeit rühren würde. Aber da dieſer Verſuch mißglückt iſt— übrigens machte es auf alle Fälle mehr Gutes als Schlimmes: und nach Frau von Stolzenbecks Zorn frag' ich den Teufel, da ſie mir heute den Reſt bezahlte— ſo muß ich auf ein anderes Mittel denken. Ich will kein ehrlicher Kerl ſeyn, wenn er nicht heute Abend zu mir ſagen ſoll: ‚„es iſt ſchon gut, Weſterlind! nimm Dich für die Zukunft in Acht' und ſo weiter. Und das will ich auch. Komme ich nur dießmal gut aus der Schlinge, ſo werde ich nie mehr an einem fremden Haken anbeißen; das iſt gewiß.“ 1 Als der Rittmeiſter nach einer anderthalbſtündigen Abweſenheit wieder in den Saal des Poſtinſpektors ein⸗ trat, war der Tiſch reich und feſtlich gedeckt und die junge Braut einfach, aber geſchmackvoll geſchmückt. Henriette und Conſtantin halfen einander Blumen um die Couverte der Verlobten zu winden, wie wenn nichts zwiſchen ihnen vorgefallen wäre, lachten und ſcherzten dabei, wie die beſten Freunde von der Welt und plauderten von den Badvergnügungen und dem großen Offiziersball in***, wo ſie ſich ſo ausgezeichnet unterhalten hatten.—„Mein Gott, ſollte das Liebe ſeyn?“ dachten Sterner und Au⸗ guſte, und ſahen einander an. Ach wie glücklich waren dieſe, obwohl die Umſtände ihnen nur erlaubten, ſich dieß an den Augen anzuſehen; denn die rührige Zunge der Frau von Stolzenbeck war dafür beſorgt, daß die Unterhaltung allgemein blieb; Frau von Spalden war wie neu geboren.—„Das iſt der ſchönſte Tag, den ich ſeit zwanzig Jahren erlebt habe,“ flüſterte ſie dem Rittmeiſter zu. Selbſt der Poſt⸗ inſpektor ſchien vergnügt, er fand die Sache weder ſo toll noch ſo widrig, ſeitdem er alle damit verbundenen — und dieß war auf alle Fälle die Hauptſache— hatte der Rittmeiſter jetzt ganz und gar ſeinen Ton geändert. Er benahm ſich jetzt eben ſo artig, aufmerkſam und zu⸗ vorkommend, als er vorher ſtotz und unzugänglich gewe⸗ ſen war. Frau von Stolzenbeck zeigte ſich aufgeräumt und Henriettchen war ein ſo herzvernünftiges und liebes Kind, daß man ſich geradezu in ſie verlieben konnte. Und mit ſo freundlichen Gedanken von allen Seiten, mit ſo vergnügten und dankbaren Herzen begann und endigte das Mittageſſen! Der Wein, der Freund der Freude, kreiste fleißig um den Tiſch, und den Poſtinſpektor ver⸗ droß nur, daß der Bürgermeiſter bei dieſer Feierlichkeit nicht zugegen geweſen wer. Die Familie Stolzenbeck nahm frühzeitig Abſchied, da ſie den Tag darauf ihre Reiſe nach F— antreten ſollte. Lieutenant Conſtantin und der Poſtinſpektor be⸗ gleiteten ſie bis an Tejfers Hôtel und Frau von Spalden, die ſich noch lebhaft ihrer eigenen Jugendträume exinnerte, ließ die Verlobten die erſte freie Minute allein genießen, wo ſie von ihrer Liebe und ihrem Glücke ſprechen konnten. Doch für den Anfang wurde nichts geſprochen, ſondern dieß als eine unnöthige Zeitverſchwendung aufgeſchoben, bis der erſte Akt vorüber war; und in dieſem kamen nur Ausbrüche des Gefühls vor, die in Worten wieder ge⸗ geben, Seufzer, Thränen, Küſſe, Handdrücke und halbe Ausrufe heißen— allen Andern außer ihnen ſelbſt un⸗ begreiflich. 4 Endlich kam unſer junges Paar zu dem verſtändigen Beſchluß ſich zu ſetzen. Man machte einen kleinen Verſuch⸗ eine kleine Unterhaltung anzufangen.„O meine Au⸗ guſte— mein— theures Mädchen!“— Kuß und Pau⸗ ſe.—„Ach Alexander, daß ich ſo glücklich werden konnte!“— Einige Thränen und Pauſe.—„Du meine Auguſte— Du verdienteſt ja, das glücklichſte Weib zu werden, o daß ich Dich dazu machen könnte!“— In⸗ niger Handdruck, Blickwechſel und Pauſe.—„Ich bin es ja ſchon, mein Geliebter!“— Seußzer und eine — —⁵ʃ 18— Á „ENNU ͤ 7— — un—— 397 ſehr lange Pauſe.— Endlich fing Auguſte mit mehr Faſſung an:„Kannſt Du wohl glauben, mein Alexan⸗ der, daß ich ſchon eine Bitte oder vielmehr eine Für⸗ bitte an Dich habe? Ich weiß nicht, ob es recht iſt, meinen Einfluß auf Dich zu verſuchen; aber es iſt mir unmöglich, an einem ſolchen Tag wie dieſer die Erfül⸗ lung einer Bitte zu verweigern, die mit ſo demuthvoller und ehrerbietiger Inſtändigkeit an mich geſtellt wurde. Der arme Weſterlind war vor einer Stunde bei mir, ſeine Reue und ſeine Selbſtvorwürfe rührten mich wirk⸗ lich. Er iſt ſo tief betrübt, daß er Dich erzürnt hat; und da er es nicht wagt, Dich um Verzeihung zu bit⸗ ten, hat er ſich an mich gewendet, daß ich ſie ihm aus⸗ wirken möchte, Und es kommt mir vor, als ob meine Tante ſchuldiger wäre, als er, da ſie den armen Bur⸗ ſchen auf eine ſo wenig ehrenhafte Art zum Spioniren verführt hat. Doch alles das verſtehſt Du weit beſſer. Habe ich unrecht, mein Alexander, ſo ſey es ferne von mir, für die Sache zu eifern! Ich wünſche nur, Du könnteſt meinen Wunſch erfüllen, und ich weiß, daß Du mir nichts abſchlagen wirſt, das nicht gegen Deine Grundſätze ſtreitet.“—„Gott allein weiß, meine Ge⸗ liebte,“ ſagte der Rittmeiſter, und ſchlang ſeinen Arm um die Bittende,„was ich Dir abſchlagen kann! wenn Du mir ſo in's Auge ſiehſt, ſo fürchte ich, Du könn⸗ teſt mich dazu bewegen, zu Allem ja zu ſagen, im Fall Du Deine Gewalt mißbrauchen wollteſt; aber glücklicher⸗ weiſe ſtreitet es nicht gegen meine Grundſätze, zu ver⸗ zeihen. Weſterlind darf daher bleiben; aber Gott gnade ihm, wenn er ſich je der Gunſt derjenigen unwürdig macht, deren Fürbitte ſich der ſchlaue Schelm ſo glück⸗ lich zu verſchaffen wußte!“ Am Abend als der Rittmeiſter heim kam, ging Al⸗ les nach der Berechnung des ſchlauen Bedienten.„Du haſt es der Fürbitte meiner Braut zu danken,“ ſagte Sterner,„daß Du in Deinem Dienſte bleiben darfſt; aber ich rathe Dir, für die Zukunft Dich in acht zu . nehmen, und Dich nie wieder in Dinge zu miſchen, die Dich nichts angehen.“—„Nie, bei meinem Leben, nie! Herr Rittmeiſter,“ antwortete Weſterlind und trat ver⸗ gnügt ſeine gewöhnlichen Verrichtungen wieder an, wäh⸗ rend er bei ſich ſelbſt dachte:„Was für ein köſtliches Ding iſt es nicht um die Klugheit! mit dieſem Schatz und in der beſcheidenen Tracht der Demuth kann man die mißlichſten Umſtände nach ſeinem Sinn und In⸗ tereſſe wenden. Und mit der Götter Hilfe wird das Ende vom Lied ſeyn, daß ich Verwalter von Sorrby werde, und eine meiner beiden Geliebten zum Weibe bekomme. Es iſt nur ſchade, daß ich nicht alle beide nehmen kann!“ 3 51. Erneuerung einer alten Bekanntſchaft. An einem ruhigen und klaren Sonntagmorgen ge⸗ gen Ende des Septembers ſtrebten drei ſchnaubende Poſt⸗ pferde mit einem ſchönen, offenen Wagen einen langen ſteilen Hügel hinauf, der im nördlichen Theil von Smaͤ⸗ land lag. Ein Mann von hoher und einnehmender Ge⸗ ſtalt ſaß neben einer jungen Dame, die beim Anhlick der unerreichbaren Höhe zitternd, ihren Kopf an der Schulter ihres Nachbars verbarg. Der junge Mann ſchlang ſchützend ſeinen Arm um ſie, und bat ſchmei⸗ chelnd:„fürchte Dich nicht, es hat nicht die geringſte Gefahr! Die Pferde ſind feſt und das Geſchirr ſtark wie Eiſen.“—„Ach, das hilft nichts, ich fürchte mich den⸗ noch! O die abſcheulichen Hügel! Verſprich mir, mein beſter Freund, daß ich das nächſte Mal aus dem Wa⸗ gen darf, wenn wir wieder an einen ſolchen kommen.“ „Das ſollſt Du gewiß dürfen, liebe Auguſte,“ ſagte der Rittmeiſter zu ſeiner jungen Frau;„aber iſt es nicht genug, wenn ich ausſteige? Du kannſt ja dann ganz ru⸗ hig ſeyn.“—„um ſo mehr, da ich auch ausſteigen will,“ ſagte Lieutenant Conſtantin, der ihnen gegenüber ſaß;„denn dieſe Fahrt nimmt ja gar kein Ende. Ich —— ( eſ —,—9——— 2&☛ᷣ☛ᷣ 8f$————=—— — — 22 W 0 60 8& — ☛☚ 8 N᷑ A SGd d U 399 habe meine Lebetage keine größere Geduldsproben aus⸗ gehalten, und ich weiß nicht, welcher böſe Geiſt Ale⸗ xandern die verwünſchte Idee eingeblaſen hat, alle dieſe krummen Wege einzuſchlagen. Warum konnten wir nicht ebenſo gut gerade aus auf dem gewöhnlichen Weg nach Sorrby reiſen, als Berg auf und Berg ab in ganz Smaͤland herum zu ziehen?“—„Beruhige Dich, be⸗ ſter Conſtantin,“ ſagte der Rittmeiſter lächelnd.„Für Dich, der Du der Reiſen ſatt und müde biſt, und über⸗ dieß vor Begierde brennſt, den Hafen zu erreichen, mag es allerdings weniger angenehm ſeyn; aber Auguſte hat noch nicht viel Gelegenheit gehabt, ſich in der Gegend umzuſehen; es iſt für ſie alſo von Intereſſe, daß wir auf dieſe Art die Reiſe verlängern. Und vor Damen mußt Du nach alter Gewohnheit die Segel ſtreichen.“ „Ueberdieß,“ ſagte Madame Sterner, die jetzt, da man die ebene Landſtraße wieder gewonnen hatte, ruhig und heiter, wie gewöhnlich war,„überdieß ſehe ich⸗ nicht ein, warum Vetter Conſtantin ſo unruhig iſt. Er glüht ja wie ein Fieberkranker, und wirft ſo wilde grim⸗ mige Blicke auf die herrlichen Berge und Thäler, bei denen wir bewundernd weilen, als wollte er ſie alle mit ſeinen Blicken vernichten.“—„Nun, es iſt in der That nicht zu verwundern,“ erwiederte Conſtantin är⸗ gerlich,„wenn ich verdrießlich werde, da ich den ganzen langen lieben Tag eine ſolche Ausſicht vor Augen habe, wie die, welche mir gegenüber ſitzt. Mit Deiner Er⸗ iß, mein liebenswürdiger Vetter, es gibt nichts veiligeres für einen jungen Mann, der eben einen Korb bekommen hat, als eine Reiſe mit einem neuver⸗ mählten Paare zu machen. Wollte Gott, es wäre mir das glückliche Loos geworden, an Weſterlinds Stelle vor⸗ ausfahren zu dürfen!“ „Nun, ich muß geſtehen,“ ſagte Auguſte ſcherzend, „daß ich auf eine ſolche Erklärung nicht vorbereitet war. Cgonſtantin hat ſeinen ganzen Vorrath von Artigkeit und gutem Ton in 2— zurückgelaſſen, als ob das Lurus⸗ 4 2 400 artikel wären, die nur zwecklos den Raum verſperren. Aber, Scherz bei Seite, mein beſter Alexander, wenn Du wußteſt, daß Dein Vetter ſo ſehr durch Henriettens Ver⸗ luſt litt, ſo hatteſt Du ihn freilich mit einer ſo langen Reiſe in unſerer Geſellſchaft verſchonen ſollen; denn der Anblick von Glücklichen iſt für den höchſt peinigend, deſſen Herz leidet.“—„Sey deßhalb außer Sorge, mein Engel! Mit Conſtantins Schmerzen hat es keine Gefahr,“ ver⸗ ſicherte Sterner.„Daran iſt Henriette eben ſo wenig ſchuld, als Du. Seine Ungeduld, vorwärts zu kommen, gießt Queckſilber in ihn, denn er hofft, einige Linderung in ſeinen Leiden zu erhalten, wenn er ſeinen Schmerz den Thälern von Sorrby klagen darf und von dem Geſang der dortigen Nachtigall ergötzt wird.“ „Ach iſt es ſo? dann müſſen wir ihm verzeihen. Aber ſeht, meine Freunde, ach ſeht, welch' eine ſchöne Kirche hier wie durch einen Zauberſchlag vor unſeren Blicken ſteht! Nein, nie ſah ich eine ſchöner gelegene! weelcher herrliche Kirchhof! Ach, beſter Alexander, höre, wie einladend der feierliche Ton der Glocken uns ruft!“ „Willſt Du nicht dem Gottesdienſte anwohnen, Au⸗ guſte?“ fragte Conſtantin in verdrießlichem Tone.„Das wäre ja die beſte Gelegenheit, wieder ein paar Stunden hinzubringen.“—„Ja, ich habe große Luſt dazu, wenn Alexander nichts dagegen hat.“ 8. Der Lieutenant ſah aus wie ein Donnerwetter, und der Rittmeiſter rief dem Kutſcher zu, er ſolle vor de Kirche halten.— Auf dem großen Platze angekon half Sterner ſeiner Frau aus dem Wagen, bot Arm und, während ihre Blicke auf der einfachen heit der Gegend weilten, nahten ſie langſam dem hof. Am Eingange blieben ſie ſtehen, und unwillki lich heftete ſich ihre Aufmerkſamkeit auf eine Gruppe, von de ſie ihre Blicke nicht losreißen konnten. Auf einem Gra an der Mauer, das von den übrigen getrennt, mit noch grünenden Geſträuchen umgeben und von zwei großen Hängebirken gleichſam beſchützt war, deren reiche, a ——4———ꝗ- 2 ͤ———=—— 401 niedergebogenen Zweige trauernd ihren Schatten über das Wahrzeichen der Vergänglichkeit warfen ‚ſtand ein kleines Mädchen von fünf oder ſechs Jahren, das Kränze von Herbſtblumen flocht und ſie an den glänzenden Porphyr⸗ ſtein hing, der ſich über dem Grabhügel erhob. O wie war ſie ſo lieblich, das kleine, zarte Weſen, um deren Schultern ein Wald von dunkeln, üppigen Locken wogte! Ihre Wangen glühten von hohem Purpur; das Auge blitzte Leben und unſchuldvolle Freude; die kleinen Händchen arbeiteten ſo fleißig; und lächelnd öffneten ſich die ſüßen Lippen zu unaufhörlichen Fragen an ihren Begleiter, einen Mann in der ungeſchwächten Kraft des mittleren Alters, der ihr zur Seite ſtand, und freundlich die Blumen hinreichte, wäh⸗ rend ſich dann und wann eine Thräne über ſeine männ⸗ liche Wange herabſchlich, aber wie beſchwerliche Inſekten von der umgewandten Hand wieder verjagt wurde. Nie konnte ein Antlitz mehr Redlichkeit und Wohl⸗ wollen ausdrücken, als dieſes; aber nicht an ihm haftete die Aufmerkſamkeit unſerer Reiſenden. Neben dem Grabe ſtand eine feine weibliche Geſtalt, deren blendende, hin⸗ reißende Schönheit und geſchmackvoller Anzug die Blicke Jener auf ſich zogen. Sie ſtützte ſich mit Anmuth auf einen jungen Mann, deſſen hoher Wuchs, deſſen freie Hal⸗ tung und edele Züge einen ungewöhnlichen Grad männ⸗ licher Schönheit bildeten. Sein Blick, ſo wie der der Dame, war unverwandt auf den Grabſtein und den Engel gerichtet, der jenen ausſchmückte. Sie ſprachen leiſe und herzlich mit einander. . zun erhob ſich das kleine Mädchen, und als ihr kllares Auge auf die Fremden ſiel, rief ſie lebhaft:„Ach, beſte Mama, wer iſt das?“ und deutete mit der Hand auf den Rittmeiſter und ſeine Frau.„Siehſt Du, Mama, was für einen ſchönen Hut ſie hat! er iſt weit hübſcher, als der Deine! Sieh', wie ſie lächelt, ſie ſieht ſo lieb aus!— Und der große Herr; ach, er betrachtet mich ſo freundlich! Lieber Brink, hebe mich auf die Mauer; ich will zu ihnen hinunter!“ 4⁰² Die ſchöne Dame verzog freundlich den Mund und warf einen prüfenden Blick auf Auguſten, die außen ſtand; aber der Herr ſagte mit fiiunilichenn Ernſt:„Still, meine Kleine, das ſchickt ſich nicht; das ſind Fremde, die wahr⸗ ſcheinlich dem Gottesdienſte beiwohnen wollen.“ In dieſem Augenblick ſtagte der Rittmeiſter ſchnell einen dabei ſtehenden Bauern:„Wie heißt die Pfarrei?“ „S.— aryd, Herr!“—„S.— aryd! das konnt' ich faſt ahnen,“ ſagte Sterner bei ſich ſelbſt,„weſſen Grab iſt das dort?“—„Das der Frau Baronin von K.— „Und das Kind, das mit den Blumen beſchäftigt iſt?“ —„Das iſt das kleine Fräulein, ihre Tochter.“—„Ach!“ ſagte der Rittmeiſter,„dann iſt gewiß der Herr zur Rechten dort der Doktor Klein?“—„Ja, ſo iſt es,“ antwortete der Bauer;„das iſt der Doktor und ſeine hübſche Frau.“ „Ich habe Waldemar Klein vor vielen Jahren ge⸗ kannt,“ ſagte der Rittmeiſter zu ſeiner Frau;„er wird uns gut aufnehmen. Komm', meine Auguſte, ſo wollen wir zuſammen das Grab Juliens von K— beſuchen, jener jungen, unglücklichen Dame, deren Liebe zu dem Herrn dort, der ſich jetzt gegen uns wendet(es iſt der Doktor), die Blüthe ihres jungen Lebens verheerte und ihr ein früh⸗ zeitiges Grab bettete, Du erinnerſt dich noch deſſen, meine Auguſte?“—„O ich erinnere mich noch jedes Wortes, das Du mir darüber erzählt haſt,“ erwiederte ſie leiſe und drückte den Arm ihres Mannes. „Meine Bekanntſchaft mit Klein,“ fuhr der Rittmei⸗ ſter fort,„begann lange vor jener Zeit; wir lernten uns in Stockholm kennen, wo ich Kornet war und er am Se⸗ rafiner⸗Lazareth Dienſte that.“— Sie waren nun ſo nahe, daß der Doktor, dem die Züge des Fremden bekannt vor⸗ kamen, raſch auf ihn zuging und ausrief:„Täuſchen mich meine Augen, oder iſt es wirklich Alexrander Sterner?“ „Waldemar Klein, ja, ich bin es. Sollten wir uns nach ſo langen Jahren, hier wieder treffen!“— Die bei⸗ den Männer umarmten einander mit tiefer Nührung, wor⸗ auf ſie ſich zu den Damen wendeten. 2ägSODOSSͤSZ △—— O SO dSSdoͤ==— 403³ „Meine Frau,“ ſprach der Doktor, ſie vorſtellend: „Sieh', Mariechen, das iſt ein Jugendfreund von mir, der Rittmeiſter Sterner, mit dem ich manche frohe Stunde verlebt habe.“—„Und das iſt meine junge Braut,“ ſagte der Rittmeiſter,„denn wir ſind erſt ſeit acht Tagen ver⸗ heirathet.“— Die Herren verbeugten ſich artig und küßten gegenſeitig den Frauen die Hand; dieſe exrötheten, ver⸗ neigten ſich und lächelten, worauf ſie einander die friſchen Lippen zu einem herzlichen Schweſterkuſſe reichten.—„Welch' ein wahres und unvermuthetes Glück,“ bemerkte der Dok⸗ tor, indem er Madame Sterner den Arm bot, und die Geſellſchaft zum Grabe führte,„hier auf dieſem geheilig⸗ ten Naume einen alten Freund zu treffen und an ſeiner Seite dieſen holden Bürgen ſeines künftigen Glücks zu ſehen.“ Sie ſtanden alle um das Grabmal. Der Ritt⸗ meiſter kniete nieder und lehnte ſeine glühende Stirne an den kalten Stein, der nun das einſt ſo warme Herz bedeckte. Die Andern zogen ſich etwas zurück, das Ueber⸗ flüſſige ihrer Gegenwart ahnend, wobei Auguſte und Marie näher mit einander bekannt wurden. Als der Rittmeiſter aufſtand, ſtrahlte ein Lächeln von himmliſchem Frieden auf ſeinen Lippen. Waldemar ſtand ſtill neben ihm; ihre Blicke begegneten ſich und verſtanden einander; ihre Hände vereinigten ſich zu einem feſten Drucke und eine Thräne glänzte in Beider Auge. „Sie war uns theuer,“ flüſterte Waldemar. „Heilig,“ erwiederte Alexander; doch mit männlicher Selbſtbeherrſchung bekämpfte er ſeine Gefühle und wandte ſich wieder zu der Geſellſchaft. Jetzt wurde er das kleine Maäͤdchen gewahr. „Ach, liebe Hortenſe, wie Du gewachſen und hübſch geworden biſt!“— Er nahm ſie auf den Arm.—„Ach wie ähnlich ſie ihrer Mutter ſieht! Sieh, Auguſte,“ er reichte ihr das Kind hin,„das iſt das Töchterchen von Julie von K—.“— „ Und das iſt Herr Brink,“ ſagte der Doktor,„Ju⸗ liens älteſter und treueſter Freund.“ 1 404 „Dieſer Name iſt mir wohl bekannt,“ erwiederte Sterner, und ſchüttelte jenem herzlich die Hand;„die Baronin nannte ihn oft mit Achtung.“ Die ganze Geſellſchaft ſetzte ſich jetzt auf ein Paar einfache Raſenbänke, die um den theuren geheiligten Platz herum angebracht waren, und eine herzliche Unterhaltung begann.—„Aber,“ ſprach der Rittmeiſter plötzlich und ſah ſich um,„liebe Auguſte, ich glaube wir haben Con⸗ ſtantin verloren. Wir krennten uns von ihm, als wir aus dem Wagen ſtiegen, und ich kann nicht begreifen, wohin er gekommen iſt.“ Er wandte ſich zu dem Frem⸗ den und ſetzte hinzu:„Mein Vetter, der Lieutenant Sterner, hat uns Geſellſchaft geleiſtet.“ „Wenn ich mich nicht täuſche,“ ſprach Madame Klein, und richtete ihr Glas auf den großen Platz vor dem Kirchhofe,„ſo ſteht dort ein junger Offizier und ſpricht mit Magiſter Traſſelin und ſeiner Frau.“ „Ah ſo,“ rief Sterner,„da treffen wir alſo noch mehr Bekannte. Predigt der Magiſter in S—aryd?“ „Ja, wir haben das Glück ihn jeden andern Sonn⸗ tag zu hören,“ erwiederte Klein.„Er iſt Stammge⸗ hülfe in der Pfarrei geworden.“ „Necht, recht! ich erinnere mich jetzt, daß ich das in Wallaryd hörte, wo ich das würdige Paar während der Pfingſtfeiertage traf.“ „Er hat davon geſprochen,“ ſagte Klein,„er grüßte mich von Dir, und erzählte ſeine Reiſeabenteuer.“ „Sie waren nicht die angenehmſten,“ meinte der Rittmeiſter.„Ich bin gewiß, die arme Frau wird ſie nie vergeſſen. Nun, ich hoffe, wir ſprechen ſie nach dem Gottesdienſte.“—„Damit ſoll es gute Wege haben,“ ſprach der Doktor;„denn ich hoffe, daß uns die Herr⸗ ſchaft keine abſchlägige Antwort gibt, wenn wir ſie freund⸗ lich bitten, uns nach Brunkenäs zu begleiten und uns einige Tage zu ſchenken, und dann— wie iſt es, Ma⸗ riechen? Du erwarteſt ja den Bergherrn und ſeine Frau auf Mittag.“—„Ja, ſo iſt's!“ und mit dem anmuthig⸗ 4⁰05 ſten Lächeln ſetzte ſſie hinzu:„Und ich vereinige meine Bitte mit der meines Waldemar, Sie möchten uns dieſes Vergnügen nicht verſagen. Unſere Freunde in Kaaper⸗ gärden würde es ſehr ſchmerzen, wenn ſie erführen, daß Rittmeiſter Sterner und ſeine Frau ſo nahe geweſen ſeyen, ohne uns einige Tage zu ſchenken; denn obwohl nicht perſönlich bekannt,“ fügte ſie mit einer bezaubern⸗ den Verbeugung ihres reizenden Köpfchens hinzu,„haben I wir doch ſchon lange den Mann gekannt und geſchätzt, den ein günſtiger Zufall jetzt zu uns geführt hat.“ Der Rittmeiſter verbeugte ſich verbindlich, und führte die Hand ſeiner ſchönen Lobſpenderin an die Lippen.— „Ich erkläre mich vollkommen damit zufrieden,“ verſicherte er artig; es hängt nur von der Zuſtimmung meiner Frau ab.“— Alle umringten jetzt Madame Sterner. Marie bat ſo herzlich, der Doktor ſo außerordentlich artig, und da kein Grund vorhanden war, eine ſo ange⸗ nehme Einladung abzuſchlagen, ſo ſprach Auguſte be⸗ ſcceiden:„was Alerxanders Beifall hat, hat auch den ¹ meinen, und ich ſchätze mich höchſt glücklich meine neuen trefflichen Bekanntſchaften fortſetzen zu dürfen. Aber was wird Conſtantin dazu ſagen? Hat er nicht auch eine Stimme im Rath, mein Freund?“ „O der muß ſich drein fügen,“ ſagte der Rittmeiſter lachend.„Das gibt eine Pruüͤfung mehr in das Ver⸗ zeichniß ſeiner Verdienſte.“ Jgetzt läuteten die Glocken zuſammen und Alle be⸗ gaben ſich in die Kirche, wo bald der Magiſter Traſſelin auftrat, und im Schweiß ſeines Angeſichtes mit kraft⸗ vollen Schlägen bald die Kanzel und bald die Herzen ſeiner Zuhörer bearbeitete, um ſie zu wecken und zu er⸗ weeichen. 7 ——ß 8——— + 406 52. ve Aufenthalt zu Brunkenäs.— Der Kaffee. ſe Nachbarn und Freunde.— Konſtantin's 9 Niederlage.„ w An demſelben Abend finden wir Alle unſere Freunde 9 wieder im Saale zu Brunkenäs verſammelt. Laßt ſehen, es ob der Leſer ſeine alten Bekanntſchaften aus Waldemar di Klein nicht wieder erkennt?— Hier vor einem runden ſe Tiſche ſitzt auf einem niederen Sopha eine ältliche Ma⸗ di trone, deren bewegliche Züge und lebhafte Unterhaltungs⸗ m gabe unverändert geblieben ſind. Es iſt Frau von Horſt. de Vor dem Tiſch auf der andern Seite ſteht in einer ehr⸗ 3 d erbietig lauſchenden Stellung der Rittmeiſter, und hört di die umſtändliche Erzählung ihres Zuges von W.—, und üt ihrer Ankunft an Ort und Stelle nebſt allen Vergleichun⸗ ſe ggen, Beſchwerlichkeiten und Reizen geduldig an. Dazwiſchen ro ſchickt er hie und da einen ſchmachtenden Blick nach ſeiner ſe Frau. Dieſe ſitzt ebenfalls auf dem Sopha neben der⸗ ei alten Dame, und wird, wie es ſcheint, von einem jungen etwas bleichen, aber feinen Herrn, mit dem ſie ſichtlich vergnügt, ein freies und heiteres Geſpräch führt, weit iſ angenehmer“’ unterhalten. Der Letztere iſt der Berghert de St— hal. Etwas weiter entfernt an einem großen run⸗ ge den Tiſch ſitzt Madame Klein, die liebenswürdige Wirthin, Y und ſchenkt Thee ein. Geradeüber auf einem Tabourette un am Fenſter ſitzt die Patronin St—hal, und hier zeigt m ſich auch Lieutenant Conſtantin, der mit der edelſten al Selbſtentſagung ſeine Sehnſucht und Unruhe verbannt de und ſich zwiſchen beiden Damen auf einem Seſſel nieder⸗ al gelaſſen hat. Keine Spur von übler Laune iſt an ihm od zu ſehen, all ſein Kummer iſt verſchwunden, er iſt dienſt⸗ m fertig, artig und liebenswürdig. m „Beſte Madame Klein, erlauben Sie mir, dort die w. Citronen zu zerlegen! Auf meine Ehre, ich habe wegen ur meiner ungewöhnlichen Geſchicklichkeit in dieſem Kapitel der AW ſchönen Kunſte überall Aufſehen erregt.— Meine gnädige 2 Frau v. St— hal, haben Sie Eugen Aram geleſen? Doch —682— 8 4⁰7 verzeihen Sie mir, es liegt eine Unhöflichkeit in der Frage ſelbſt; dieß iſt ja gar nicht zu bezweifeln. Was halten Sie von Eugen Aram? iſt er nicht göttlich?“—„Keines⸗ wegs! Die Arbeit iſt vortrefflich, die Charakterſchilderun⸗ gen gut und das Ganze beſitzt den Reiz der Neuheit; aber es iſt doch im höchſten Grade irdiſch. Die Leidenſchaften, die Handlungen und ihre Beweggründe verrathen ihren irdi⸗ ſchen Urſprung.“—„Nichts iſt natürlicher als das, gnä⸗ dige Frau. Ich bin ſelbſt ganz irdiſch, und obſchon es mir immer vorkam, daß mein Weſen eigentlich mehr zu dem Element gehöre, das wir Luft nennen, ſo kann ich doch meine Verwandtſchaft mit unſexer mütterlichen Freun⸗ din, der Erde, nicht verläugnen. Doch wohin gerathe ich, über Luft und Erde wollen wir die Gelehrten ſtreiten laſ⸗ ſen; ich wollte nur ſagen, daß Bulwer's Art, ſeine Cha⸗ raktere und Begebenheiten zu ſchildern, göttlich iſt. Aber ſehen Sie hier, gnädige Frau, iſt die Citrone nicht mit veiner Genauigkeit zerlegt, die über das Gewöhnliche geht?“ —„Das geb' ich zu,“ ſagte Madame Klein lachend,„aber ich würde es in der halben Zeit gethan haben. Der Thee iſt kalt geworden, während Sie Ihre großen Talente in der Zerlegung einer Citrone und der Bulwer'ſchen Talente gezeigt haben.“—„Es thut mir unendlich leid, mir Ihr Mißfallen zugezogen zu haben; aber als ein nicht ganz unwürdiger Sprößling von Mars' edlem Stamme will ich meinen Fehler wieder gut machen. Morgen zieh' ich hin⸗ aus als Ihr Ritter, um Ihnen zu Ehren eine Lanze mit den Bewohnern der Wälder zu brechen; und wenn ich dann als Sieger und mit meinen edlen Gegnern auf dem Rücken oder in der Jagdtaſche zurückkehre, hoffe ich, Sie werden meine Huldigung nicht verſchmähen und den Tribut anneh⸗ men, den ich Ihnen dann zu Füßen legen werde.“— Doch wir wollen uns nicht länger am Theetiſche aufhalten, ſondern unſere Wanderungen durch's Zimmer fortſetzen. Laß ſehen! Was haben wir hier zur Linken? Einen Boſtontiſch mit einer alten Dame und drei Herren—„Sieben ſpielt, meine Herrſchaften,“ ruft triumphirend ein ältlicher Herr, in wel⸗ 7 4⁰8 chem wir das Vergnügen haben, den Großhändler Billing wieder zu erkennen.—„Grande misère!“ quäckt die Stimme der Tante Liſa Greta, und„ich paſſe! ich paſſe!“ tönt es von den Lippen unſeres alten Freundes Brink und des Magiſters Traſſelin.— Was kommt jetzt an die Reihe?— nun dort jene zwei Frauenzimmer, die an einem entlegenen Fenſter ſitzen, und in einer tiefen und ernſthaften Abhand⸗ lung begriffen ſind.—„Wie? Was Sie ſagen, meine liebe Frau Brink! Sie haben ſelbſt fünfzehn Ellen aus jedem Pfund leinen Garn gewonnen? Das lautet ja faſt un⸗ glaublich!“—„Nein, durchaus nicht, meine beſte Frau Traſſelin! wenn Sie ſich erinnern, daß ich die Leinwand nur Ellen breit haben wollte.— Doch erlauben Sie, daß ich dieſen Gegenſtand verlaſſe; was halten Sie von der Haube der Madame Sterner? ich glaube, ſie iſt von Blon⸗ den.“—„Sie iſt außerordentlich ſchön; aber meinen Sie nicht auch, Frau Brink, daß ihr die blauen Bänder nicht ſtehen, und was das Uebrige betrifft, ſo finde ich nicht, daß ſie eine ſo entſetzliche Schönheit iſt, für die man ſie aus⸗ ſchreit.“—„Ja, aber darüber ſind die Damen ganz un⸗ gleicher Meinung mit den Herrn. Der Bergherr ſagte zu meinem Mann, als wir nach dem Eſſen den Tiſch verlie⸗ ßen:„nun, Herr Brink, Sie haben manchmal behauptet, Ihre Augen haben nie ein ſchöneres Weib geſehen als meine ſelige Schweſter; heute müſſen Sie doch zugeſtehen, daß es ein ſolches gibt, wenn Sie nicht blind ſind.“— „Ach du lieber Himmel, welches Lob! Nun, was antwor⸗ tete Ihr Mann darauf?“—„Er erwiederte, er wäre nicht blind, und Madame Sterner ſey ſehr reizend.“— Doch wir verlaſſen die beiden Frauen in ihrer vertraulichen Mittheilung, und gehen zu der andern Seite des Saales über, wo wir eine neue Gruppe entdecken. Ein alter Mann in einem grauen einfachen Rocke mit gekrümmtem Rücken und weißen Haaren um die gefurchte Stirne, koſtet den Punſch. Er rührt ihn mit einem ſilbernen Löffel um, und reicht dieſen einem aus dem äußern Zimmer eintretenden jungen Manne, um den Inhalt zu verſuchen.—„Vor⸗ treff dem jetzt wie Wet ihr man lung Stir verm fällt der C ſtimn ner einig abwe brach des getrö mer Aben an, wo a ſeine Prob wicht zurich Der N NNARnmn—ENnns — N ——————9 lGuðu— 8 4⁰9 trefflich, mein alter Freund,“ ſagt Doktor Klein und klopft dem Inſpektor Lindmann auf die Achſel. Wenn wir uns jetzt noch eine Menge kleiner Figürchen hinzudenken, die wie Schmetterlinge um den Tiſch flattern, und um die Wette die Flucht nehmen, als Herr Billing ein:„ſch! ſch! ihr zerſprengt uns die Ohren, Kinder!“ hören läßt, ſo hat man eine ziemlich genaue Ueberſicht der ganzen Verſamm⸗ lung.—„Meine Herrn,“ ſagte der Doktor mit erhobener Stimme,„die Gläſer ſind gefüllt; iſt es Ihnen gefällig, Ihre Plätze einzunehmen;“— Man ſchiebt die Stühle bei Seite, und Alles verſammelt ſich um die Bowle.—„Zu⸗ erſt, meine Herrſchaften, einen Toaſt auf unſere lieben ge⸗ achteten Gäſte, den Rittmeiſter Sterner und ſeine Frau!“ — Kling, klang und Komplimente.—„Und jetzt einen für unſern dritten Gaſt, den Lieutenant Sterner, mit dem Wunſch, daß er bald die Zahl der glücklichen Ehemänner vermehren möge! und dann einen muntern Geſang; es fällt mir im Augenblicke kein beſſerer ein, als jener aus der alten Schule: Zur Freude Nordland's raſche Söhne!“ — Der Rittmeiſter, Conſtantin und Magiſter Traſſelin ſtimmten ein, und das Quartett ging leidlich.— In rei⸗ ner Harmonie und Freude verfloß dieſer Abend und noch einige andere darauf folgende Tage, welche der Rittmeiſter abwechslungsweiſe in Brunkenäs und Kaapergärden zu⸗ brachte. Mit einem gegenſeitigen ſchmerzlichen Gefühle des Verluſts trennte man ſich, nur durch das Verſprechen getröſtet; daß die Smäländiſchen Freunde nächſten Som⸗ mer nach Sorrby kommen würden.— Ohne ein weiteres Abenteuer langten unſere Reiſenden in dem Wirthshauſe an, wo ſie ihr letztes Nachtlager nehmen ſollten, und von wo aus Weſterlind, der den Befehl erhalten hatte, hier ſeine Herrſchaft zu erwarten, abgeſchickt wurde, um der Probſtin Svallenius ihre Ankunft zu melden, die in eigener wichtiger Perſon in Sorrby war, um Alles gehörig her⸗ zurichten. Um 1 Uhr am folgenden Nachmittag entdeckte Der Stellvertreter. 27 41⁰ Auguſte die erſten Umriſſe ihrer neuen Heimath. Welch' ein eigenes und feierliches Gefühl bemächtigt ſich nicht im Herzen eines jungen Weibes, wenn ſie ſich zum Erſtenmale von den wohlbekannten Gegenden ihrer Heimath, von den Tummelplätzen ihrer Kindheit, der Welt ihrer Jugend⸗ träume, und dem Rath und der Stiütze einer zärtlichen mütterlichen Freundin getrennt ſieht, wenn ſie das fremde unbekannte Dach erblickt, das ſchützend über der Heimath ihrer Zukunft ruhen ſoll! O nur die, welche ſelbſt die Zauberkraft dieſes Anblickes empfunden hat, kann das weh⸗ müthige und ſchmerzliche Gefühl faſſen, das ſich hier unwill⸗ kührlich ihrer Seele bemächtigt! Sie mag den Mann, der ſie in dieſe noch fremde Welt einführt, auch noch ſoſehr lieben, ſo wird ſie doch zittern, wenn ſeine Lippen ihr verkünden; daß ſich hier die Roſen oder Dornen der Zukunft um die Kette winden ſollen, die ihr Schickſal auf immer aneinander knüpft. Auch Auguſte fühlte etwas Aehnliches, als der Ritt⸗ meiſter mit ſtrahlenden Blicken ihre Hand faßte und, auf Sorrby's weiße Mauern deutend, ſprach:„Sieh“⸗ meine Auguſte, ſieh', dies iſt unſere Wohnung! Hier ſoll meine treue, nie erkaltende Liebe Dir für Deine Prü⸗ fungen und vorangegangenen Kämpfe lohnen.“, In dieſem Augenblicke, als der Rittmeiſter ſeine Hand gegen Sorrby ausſtreckte und ſeine ruhige klare Stimme dieſe liebenvollen Worte in ihr Ohr flüſterte, da war es Auguſten, als ob ihr Herz auseinander ſprin⸗ gen müßte vor der Menge ſüßer und bitterer Gefühle, die ſie beſtürmten. Sie mußte weinen, obwohl nicht aus Schmerz.„Beruhige Dich, meine innig Geliebte,“ bat der Rittmeiſter, und küßte die Thränen von den Wan⸗ gen ſeiner jungen Gattin hinweg.„Die arme Frau Svallenius wird übler Laune, wenn Du nicht im Stande biſt, ihre beredtſame Anrede und die kleinen Feſtlichkeiten, die ſie wahrſcheinlich veranſtaltet hat, gehörig aufzufaſſen.“ Auguſte bemühte ſich, dem Wunſche ihres Mannes nachzukommen, und ehe man noch den Anfang der Allee „ „ 411 erreicht hatte, mußte ſie zugleich mit ihren beiden Reiſe⸗ gefährten in ein herzliches Gelächter ausbrechen, denn eine große gewölbte Ehrenpforte erinnerte alle drei an die Schwibbögen des Poſtinſpektors bei der Ankunft des Erben. In der beſten Laune ſetzten ſie den Weg fort; aber in der Mitte der Allee, wo man den ganzen Hof mit dem darauf befindlichen Perſonale vollkommen über⸗ ſehen konnte, rief Auguſte ängſtlich:„Um Gotteswillen! was denkſt Du, Conſtantin?“ und faßte ihn heftig am Rockſchoß, als ſie ihn im Begriff ſah, aus dem Wagen zu ſpringen, während dieſer mit der größten Schnellig⸗ keit fuhr.„Er denkt gar nichts, liebe Auguſte, das iſt gewiß!“ ſagte der Rittmeiſter und rief dem Kutſcher zu: „ſo hör' doch! um's Himmelswillen, der Lieutenant will aus dem Wagen!“ Mit einem Sprung ſtand dieſer auf dem Boden und ſchoß wie ein Pfeil dahin. Die Urſache dieſer Eile war, daß der Lieuttenant auf dem grünen Platz in der Mitte des Hofes einen Gegenſtand entdeckte, deſſen Anblick es ihm unmöglich machte, länger ſitzen zu blei⸗ ben; und als der Wagen an der großen Pforte hielt, ſah Auguſte, wie er faſt athemlos zu den Füßen eines ſchwarzgekleideten Mädchens niederſank. „Nun wird er vollends ganz toll,“ ſagte der Ritt⸗ meiſter lachend.„Ich glaube, das Herz des Jungen iſt ein Veſuv, ſieh', in welche Verlegenheit er das arme Kind ſetzt.“ Auguſtens Blick war unverwandt auf die Unbekannte gerichtet.„Wer iſt ſie, Alexander? Ich habe nie ein entzückenderes Weſen geſehen!“ „Dann haſt Du Dich ſelbſt nie im Spiegel geſehen, Auguſtchen,“ ſagte der Rittmeiſter,„übrigens iſt es Wil⸗ helmine von Stälkrona.“—„Ach, welch ein Glück!“ liſpelte Auguſte, während ſich die Pforten öffneten und der Wagen auf dem Platze vorfuhr,„daß ich ſie nicht vorher geſehen habe, ich würde ſonſt nicht ſo ruhig ge⸗ weſen ſeyn.“—„Pure Beſcheidenheit, meine Auguſte; 225 412 aber ſieh', hier ſind alle unſere Freunde.“— Man hatte vor der großen Treppe gehalten, von wo aus die Probſtin, der Pfarrer ſelbſt, die Fräuleins von Stälkrona und Kor⸗ net Arel die Angekommenen mit einem Regen von Be⸗ willkommnungsworten begrüßten, und das junge Paar durch einen geräumigen hellen Saal in ein großes, mit verſchwenderiſcher Pracht meublirtes Zimmer führten, wo der vollendetſte Kaffeetiſch, der je das ſchmachtende Auge eines Reiſenden erfreute, alle ſeine Herrlichkeiten ausbreitete und vertraulich zum Genuſſe ſeines Ueber⸗ fluſſes einlud. Nachdem alle Hände dienſtfertig der jun⸗ gen Frau aus ihren Reiſekleidern geholfen hatten, ward ſie von dem Pfarrer Svallenius zu, dem feſtlich ge⸗ ſchmückten Ehrenſitze geführt, und die Frau Probſtin hielt ſtehenden Fußes eine Rede, durch deren Auslaſſung ich gewiß die Dankbarkeit meiner Leſer erwerbe. Es iſt jedoch meine Pflicht, zu erwähnen, daß die Hauptbeſtand⸗ theile derſelben eine hübſche Lobrede ihrer eigenen Be⸗ mühung war, das Haus nach beſtem Vermögen zur An⸗ kunft ſeiner Herrin hergerichtet zu haben. Darauf folgte ein feierlicher Glückwunſch, deſſen Schlußworte eigentlich leiſe ſeyn ſollten, die aber laut genug ausgeſprochen wurden, um von Allen gehört zu werden:„Es iſt nicht eben ſchwer, auf Glück zu hoffen, wenn man bereits das Vornehmſte beſitzt; ich meine, wenn man mit einem ſo überaus liebenswürdigen und verſtändigen Manne ver⸗ einigt iſt, wie der Rittmeiſter Einer iſt.“— Auguſte dankte Frau Svallenius mit einem herzlichen Häͤndedruck und einem ſprechenden Lächeln. für dieſe Ueberzeugung. Und da die Probſtin nun auf Sterners Anmahnung ſich niederſetzte, um den Kaffee einzuſchenken, nahm dieſer die Gelegenheit wahr, und fuͤhrte Wilhelminen zu ſeiner Frau, indem er ſprach:„Ich ſchätze mich unendlich glück⸗ lich, meine Auguſte, Dir hier das Beſte zuführen zu können, was ich Dir zu bieten habe: eine Freundin, die würdig iſt, in Deinem Herzen einen Platz zunächſt dem 7 —— = eSSͤe Sͤ—————. ,,——— ———-—--»- — — ——— ᷣ.— X WNK — S= 8 413 meinigen einzunehmen. Wilhelmine von Staͤlkrona möge Dir eine treue Freundin und holde Schweſter ſeyn: ſie hat mir dies ſeit lange verſprochen.“— Mit tiefer Rüh⸗ rung drückte Auguſte ihre edle Nebenbuhlerin an’'s Herz, aber was dieſe fühlte, als ſie ihren Kopf an die Bruſt des Weibes lehnte, die Sterners Gattin war, das wagen wir nicht zu beſchreiben.—„Meine Herrſchaften,“ rief die Probſtin und wandte ſich nach allen Seiten,„der Kaffee wird kalt! wir haben nachher noch Zeit genug, um zu ſchwatzen. Liebe Madame Sterner, fangen Sie jetzt an, dies Geſchäft kommt heute Ihnen zu. Nein, um alles in der Welt, keine Complimente!— Sehen Sie, ſind die Brezeln nicht köſtlich? und die Pfefferkuchen find Gottlob trefflich gerathen. Ich bin, ich ſchäme mich es zu ſagen, Meiſterin in der Backkunſt.— Ei, wie herrlich es Ihnen anſteht!“ Mitten im Laufe ihrer Beredtſamkeit kam Conſtantin bleich und ſchwankend herein:„Niemand denkt an mich, nicht einmal Sie, Frau Svallenius, ſonſt hätten Sie ſich gewiß meiner erbarmt und mich nicht ſo gleichgültig draußen liegen laſſen, wie die Grauſame, um deren wegen ich mir ein ſtarkes Blutſpeien an den Hals geſprungen habe, das, ich fühle es ſchon, ohne Zweifel mit der galoppiren⸗ den Lungenſucht endigen wird.“—„Ei wahrhaftig, Herr Lieutenant, ich habe Sie rein vergeſſen; aber es iſt auch nicht zu verwundern, da man Kopf und Hände voll hat. Warum in aller Welt reunen Sie auf eine ſolche Art daher, und bleiben nicht beſcheiden im Wagen ſitzen wie andere Leute? Jetzt erinnere ich mich, wie Fräulein Mina, das arme Kind, zu mir die Treppe herauf ge⸗ ſprungen kam, und ganz athemlos ſagte:„Liebe Frau Svallenius, ich glaube, der Herr dort iſt nicht richtig im Kopfe!“ haben Sie nicht ſo geſagt, mein kleines Fräu⸗ lein 2„Nicht ganz ſo,“ ſagte Wilhelmine ſtammelnd; naber jedenfalls Etwas der Art.“ „O das hat er wohl verdient,“ ſiel der Rittmeiſter 71 2 5 414 lächelnd ein.„Gewiß hat ihn das Fräulein in ſeiner neuen Geſtalt nicht wieder erkannt.“—„Nein, wahr⸗ haftig, ich erkannte ihn nicht, und thue es ſogar kaum jetzt. Wir wurden erſt vor Kurzem durch den Brief des Rittmeiſters an Axel von der Komödie unterrichtet, die ſie aufgeführt haben, und wir ſind nöch ſo über die Umſtände dieſes Abenteuers erſtaunt daß es nicht zu verwundern iſt, wenn ich den Herrn Lieutenant für eine völlig unbekannte Perſon hielt.“—„Nun ſiehſt du, Conſtantin, das mag dir als ein Heilmittel gegen die galoppirende Schwindſucht dienen. Nehme jetzt eine Taſſe Kaffee darauf, ſo wirſt du vollkommen kurirt ſeyn,“ ver⸗ ſicherte der Rittmeiſter.„Das weiß ich eben nicht,“ entgegnete der Lieutenant mürriſch.„Vielleicht wäre das Fräulein auf alle Fälle davon gelaufen, auch wenn ſie mich wieder erkannt hätte.“—„O wenn Sie nichts An⸗ ders quält, als die Ungewißheit in dieſer Hinſicht,“ ſagte Wilhelmine mit einem heitern Lächeln,„ſo kann ich Sie verſichern“— Conſtantins Augen klärten ſich ſchnell auf,— „daß ich ganz auf dieſelbe Art gethan haben würde, auch wenn ich Sie wieder erkannt hätte.“—„Und hätten Sie auch ganz dieſelben Worte geſagt?“ fragte der Lieu⸗ tenant mit zitternder Stimme.—„Ja, ich glaube faſt.“— Der Lieutenant ſetzte die Kaffeeſchaale nieder, warf dem Fräulein einen erlöſchenden Blick zu, und ging auf ſein Zimmer, wo er den ganzen Abend blieb. Nachdem man nun vieles hin und hergeſprochen hatte, machte ſich Au⸗ guſte bereit, der Probſtin zu einer Generalmuſterung des Hauſes zu folgen. Zuerſt giengen ſie durch alle Zimmer; dann kam die Reihe an die Küche, den Keller, die Spei⸗ ſekammer und das Waſchhaus und ſo fort, wozu ſie alle Schlüſſel und noch oben drein eine Menge guter und nützlicher Rathſchläge erhielt, von welchen die wichtig⸗ ſten die waren, das Geſinde immer ſtrenge zu halten, die Mägde an Arbeitſamkeit zu gewöhnen, ihnen nicht zuviel zu Eſſen zu geben und endlich ſich in allen wich⸗ 0 8 8 A8& 8NK gE 1 u——- 580OM 8& 82u O R — 4u*— u 8£ AN n AN—'— tigern Fällen und Hausangelegenheiten an ſie zu wenden; ſie wollte ſtets mit Rath und That der jungen Frau an die Hand gehen. Während deſſen bekam der Rittmeiſter Gelegenheit ſich Wilhelminen zu nähern.„Mein gnä⸗ diges Fräulein,“ ſagte er,„es iſt wohl überflüſſig ihnen zu ſagen, daß die Perſon, die ich mitbringen wollte, und die ich nun ihrer wärmſten Theilnahme empfehle, derſelbe junge Mann iſt, welcher, als er zum letzten Mal obwohl unter einer andern Geſtalt hier war, zum erſten Mal in ſeinem Leben kennen lernte, was wahre Liebe für ihn ſeyn könnte. Die Veränderung, die mit ſeinem Aeußern vorgegangen iſt, kann Ihnen unmöglich anders als vortheilhaft erſcheinen, und ob ſchon von einer etwas leicht entzündlichen Natur, iſt doch ſein Herz das redlichſte und waͤrmſte, das je in der Bruſt eines Mannes klopfte. Seine Verbindung mit Fräulein Stol⸗ zenbeck iſt für immer abgebrochen. Conſtantin iſt mein älteſter und beſter Freund, die Beförderung ſeines Glücks mein innigſter Wunſch, und dieſes Glück wird für die Zukunft hauptſächlich in Ihren Händen ruhen. Wenn meine Bitte den geringſten Werth für Sie hat, ſo ver⸗ ſprechen Sie mir ihn nicht mit einem ſo kalten Scherz zu beleidigen, wie Sie heute einen gegen ihn gebraucht haben; denn glauben Sie mir, ungeachtet er leichtſinnig ſcheint, und es ohne Zweifel in vielen Fällen auch iſt, ſo ſchmerzt es ihn doch jetzt wirklich, daß Sie ihm nicht ein einziges freundliches Wort ſchenkten, als er auf den Schwingen der Freude und Hoffnung Ihnen entgegen flog.“—„Rittmeiſter Sterner,“ ſagte Wilhelmine,„Sie ſind im höchſten Grade parteiiſch für ihren Vetter. Eine- Huldigung, die ſo öffentlich dargebracht wird, iſt gewiß nicht die des Herzens, und ich geſtehe, daß ſie mir nicht gefällt.“—„Urtheilen Sie nicht zu hart,“ bat der Ritt⸗ meiſter.„Er glaubt, es nicht zu verheimlichen zu brau⸗ chen, daß er die Gunſt eines Weibes ſucht, die er über alle Andern ſetzt. Ich ſehe nichts Böſes darin und es 416 thut mir wahrhaftig leid, zu hören, daß er das Unglück hat Ihnen zu mißfallen.“—„Ich habe nicht geſagt, daß er mir mißfällt,“ ſprach Wilhelmine in einem herz⸗ licheren Tone,„nur die Art gefällt mir nicht, wie er ſeine Huldigung darbringt.“—„O wenn es nur die Form iſt, die er ändern ſoll,“ ſagte der Rittmeiſter lä⸗ chelnd,„ſo bin ich gewiß, daß er nicht aufhören wird, zu ſuchen, bis er den Talisman findet, der ihm das Rechte zeigt.“— Der Rittmeiſter führte bei dieſen Wor⸗ ten Wilhelminens Hand an ſeine Lippen, und flüſterte im Vorübergehen dem Kornet Axel, der mit Svallenius Schach ſpielte, zu:„Ich muß hinauf, und meinen armen Conſtantin tröſten.“— Der Lieutenant lag in Hemd⸗ ärmeln auf dem Sopha und fluchte über Weſterlind, der mit dem Waſſer, nach dem er ihn fortgeſchickt hatte, ſo lange zögerte zu kommen.—„Warum biſt Du ſo langſam?“ fragte der Rittmeiſter, als der Bediente end⸗ lich kam.—„Ach Herr Rittmeiſter, der Herr Lieutenant hat nun acht Gläſer Waſſer getrunken, ich habe zweimal den Krug gefüllt, und dieß iſt das drittemal. Ich dachte deßhalb, daß ich mit Fleiß zögern müßte.“—„Gut gemacht, Weſterlind. Stell' das Waſſer daher, und geh' hinab, bis ich Dir ſchelle.“—„Was ſind das für Thor⸗ heiten,“ Conſtantin? fragte der Rittmeiſter ernſt.„Zuerſt rennſt du wie ein Narr fort, ſpuckſt dann Blut und trinkſt ein Glas Waſſer auf das andere. Du mußt die Heftig⸗ keit Deiner Gefühle nicht mit Deinem geſunden Menſchen⸗ verſtand durchgehen laſſen.“—„Geſchwätz! ich will keine Vorleſungen hören. Gib das Waſſer her!“—„Nein, keinen Tropfen mehr; Du haſt Abkühlung genug bekommen.“ „Ja wohl. Siehſt Du, deßhalb bin ich jetzt auch auf meine Ehre ſo kalt wie Eis. Ich lache über meine eigene Thorheit und ſage mit Björn:„Klagen und Weinen um Weiber willen!“— Nein, Gott bewahre mich!— Leider, die Weiber füllen ja die Welt; fehlts dir an einer“— Du weißt das Uebrige! Gib das Waſſer her, 417 Alexander!“—„Nein, wie ich dir geſagt habe, keinen Tropfen mehr. Du mußt ein Mann ſeyn, Conſtantin! Deine Sachen ſtehen nicht ſo verzweifelt, als Di Mneinſt aber Du kannſt wohl begreifen, daß man ein Mädchen nicht im Sturm erobert. Du mußt die Zeit abwarten und Dich beruhigen.“—„Wollte Gott⸗ Du wäreſt ſo gnädig und giengeſt Deiner Wege, Du Urbild der phl leg. matiſchen Ruhe,“ erwiederte Conſtantin ürgerlich. Die Zeit abwarten, ſich zur Ruhe geben, Du olliei ein Türke geworden ſeyn, daß Du im Schutz deiner Weis⸗ heit da ſitzen und deine Geduldspfeife rauchen könnteſt. Dein Predigergeiſt wirkt quarkotiſch auf mich; ich bin ſchläfrig; gute Nacht!“„Darin haſt Du deine Freiheit, 7 ſente. der Rittmeiſter, nahm den Waſfertrug und ging hina 8 53. Ein Sprung in's Nachſpiel.— Das Aufge⸗ bot.— Der Brief.— Die eheliche Scene. Eilf Monate waren ſeit der Verheirathung des Rittmeiſters verfloſſen, und noch hatte keine Wolke ihren Ehehimmel beſchattet. Der Winter und der Sommer und der nun wiederkehrende Herbſt, alles war für ſte Früh⸗ ling geweſen. Man befand ſich jetzt in den erſten Tagen des Septembers und die Sonne hatte kaum einige Stun⸗ din den dritten beleuchtet, als Lieutenant Conſtantin an das Schlafzimmer des Rittmeiſters und ſeiner F Frau pochte. „Was gibts?“ hörte er Sternern rufen,„es iſt noch zu früh, mein Bruder.“—„Was es gibt, das kannſt Du ſo gleichgltig fragen, es iſt nicht gar zu frühe. Darf ich hinein?“—„Komm nur, armer Con⸗ ſtantin, wir ſind ſchon in guter Ordnung,“ rief Auguſte g g g 1 8 418 freundlich;„denn ich dachte mir, daß Du heute frühzei⸗ tiger als gewöhnlich heraufkommen würdeſt.“—„Gott ſegne Dich dafür, gute Auguſte,“ ſagte Conſtantin, als er eintrat.„Dieſer Morgen iſt ſchon eine ganze Ewig⸗ keit für mich geweſen, und die ganze geſtrige Nacht phan⸗ tafirte ich bis zwölf Uhr, und wachte um Zwei auf. O welch ein Tag! daß ich nicht unter dieſem Uebermaaß von Glück und Ungeduld erliege!“ Er warf ſich auf den Sopha und fing an von dem Gegenſtand zu ſprechen, der ſein ganzes Weſen erfüllte, und alle ſeine Gefühle in einer einzigen namenloſen Luſt vereinigte.— Der Ritt⸗ meiſter war unterdeſſen an ſeinem Schreibtiſche beſchäf⸗ tigt, der an dem einen Fenſter ſtand. Er ſchrieb und ſann, und war ſichtlich nur von dem in Anſpruch ge⸗ nommen, was er unter den Händen hatte. Madame Sterner ſaß vor einem Tiſch, auf dem Thee und Kaffee ſtand, und hatte einen reizenden Morgenrock an. Eine Jungfer ſtand hinter dem Stuhle. Auguſte ſchob eine Taſſe von ſich, als der Lieutenant hereintrat und fragte: „willſt Du Deinen Kaffee hier trinken, Conſtantin.“ „Ein Leben, wie das der Engel— nein, noch herr⸗ licher!— ich glaube, Du ſprachſt von Kaffee, Auguſte, wie kannſt Du ſo närriſch ſeyn, und mir Kaffee anbie⸗ ten!“—„Nun alſo Thee, wenn es Dir beliebt.“ „Thee! pfui— ich lebe heute nur von Nektar und Roſenduft, die Seligkeit, die meine Seele erfüllt, duldet keine andere Nahrung.“—„Aber eine Taſſe Chocolade mußt Du trinken, ehe Du gehſt. Es iſt höchſt ungeſund, des Morgens auszugehen, ohne etwas genoſſen zu haben, und da dies ja Dein Lieblingsgetränke iſt, ſo mag es dies⸗ mal für den Nektar gelten.— Gehe, Sophiechen, und beſtelle eine gute ſtarke Chocolade für den Lieutenant.“ „Nun, Dir zu lieb alſo! aber, Auguſte, wie ſteht mir dieſer Anzug? ich habe ihn nicht angehabt, ſeitdem ich das letzte Mal als Erbe figurirte.— Wie anders damals und jetzt!— Welch ein Himmel liegt nicht in 4 den drei Worten: das— Aufgebot— Verkündigen!— Aber erinnerſt Du Dich, wie Du damals zitterteſt, als ich mich in meiner Eigenſchaft als Freiwerber vor einem Jahre bei Dir einſtellte? Das war eine heiße Stunde; zaber Du warſt muthig, wie eine Heldin, als Du Deinem barſchen Vater abſchlugſt, den Bräutigam zu küſſen. Nun biſt Du glücklich, biſt es lange ſeitdem geweſen, und ich— wenn je ein Sterblicher Hoffnung hat, es zu werden, ſo bin es wohl ich.— Nun, beſte Auguſte, wage ich es dreiſt, Dich zu bitten: gib mir einen Kuß als Segen auf den Weg!“— Conſtantin war in die⸗ ſem Augenblicke ſo voll Ernſt, ſo innerlich bewegt; ſein ganzer früherer Leichtſinn war verſchwunden.— Auguſte ſchickte einen fragenden Blick zu ihrem Manne hinuͤber. —„Thue es, Auguſte,“ ſagte der Rittmeiſter.„Ein Kuß von Deinen reinen Lippen wird ihm ein Unterpfand ſeyn, daß die Genien des Friedens ſeine Ehe ſchützend umſchweben werden.“— Ehrerbietig beugte der Lieu⸗ tenant ſeine Knie vor Auguſten; er hatte ſie jetzt doppelt hochachten und würdigen gelernt. Wer verſtand beſſer als ſie jene ſtillen anſpruchsloſen Tugenden, jene immer neuen Reize der Ordnung und des häuslichen Gedeihens wie Blumen in ihrer Umgebung auszuſtreuen? ſie prunk⸗ teen nicht, aber ſie dufteten deſto ſchoͤner im Schatten der 1 Beſcheidenheit.—„Lieber, beſter Conſtantin,“ ſagte die junge Frau und beugte ſich erröthend zu ihm nieder, „wie herzlich will ich nicht für Dein und Deiner Ver⸗ lobten Glück beten! Gerne gebe ich Dir dieſen ſchwe⸗ ſterlichen Kuß als ein Unterpfand darauf.“ Mit unnach⸗ ahmlichem Reiz legte ſie die kleine weiße Hand auf die Schulter des Knieenden und ihre friſchen Rubinlippen berührten leicht die ſeinigen.—„Nun, in Gottesnamen! ſeyd Ihr bald zu Ende?“ ſagte der Rittmeiſter und ſtand auf.„Weißt Du, liebe Auguſte, wie mir dieſe Scene vorkam? Es war mir, als ſey ich bereits in die Ewig⸗ keit hinüber gewandert, und habe von dorther einen Aͤ2—A ꝑA* ——— ᷣ I lV ſv 1V 71 4 420 Nachfolger in Deiner Liebe, in Deinem Herzen erblickt! Ja, die Illuſion war ſo groß, daß ich nur wartete, die Worte zu hören:„ach! wenn das der ſelige Sterner ſehen koͤnnte, wie würde es ihm wehe thun!“ 4 „Welche Grillen,“ ſagte Auguſte und eilte lächelnd in die ausgeſtreckten Arme ihres Mannes.„Wie konn⸗ teſt Du auf dieſen finſtern Gedanken kommen, mein Ale⸗ . rander! Früher konnte wohl ich Grund dazu haben,“— ſeufzte ſte halblaut, und bemühte ſich eine Ahräne zu verbergen.„Ich will jodoi keine Minute den bittern Gedanken einräumen, daß ich von Dir getrennt werden könnte. Und doch, wie Mancher ſah ſich ſchon genöthigt, den Gegenſtand ſeiner Zärtlichkeit, ſein Alles hinzugeben!“ „Gott bewahre mich vor dem Unglück, auf das Du jetzt hi adenkeſt bat der Rittmeiſter, bei dem bloßen Ge⸗ danken daran, tief erſchüttert;„das wäre ein größeres Kreuz, als ich zu zragen vermöchte! Nein, meine Ge⸗ liebte, meine gute Auguſte! Durch die Gnade der ewigen Liebe haben wir einander gefunden; ith hoffe mit Zu⸗ verſicht, daß ſie uns auch gewähren wird, zuſammen für die neuen theueren Pflichten zu leben, die uns in Bälde erwarten. Wahrhaſtig ich weiß nicht, was mich ankam; M aber das muß ich Dir ſagen, Conſtantin: nie mehr darfſt Du einen Kuß von meinem Weibe begehren. Gott weiß, daß ich Dir dieſen herz zlich gönnte; aber es muß ſich für einen dabei intereſſirten Zuſchauer mit den Küſſen gerade ſo verhalten, wie Frithiof vom Stahle ſagte, daß böſe Geiſter darin wohnen, Geiſter von Nifelheim.“ „Aber,“ ſagte Conſtantin lachend,„was haſt Du mir eben verſprochen? Sollten mir nicht Auguſtens reine Lippen Bürgen ſeyn für die Engel des Ieiedens; 3 „Nun, Du Narr, das können ſie auch wohl,“ ſiel 1 der Rittmeiſter ein;„nur bei mir hausten ja jene fin⸗ ſtern Geiſter Aber wir verplaudern die beſte Zeit. Haſt Du das Frühſtück beſtellt, mein Schatz?“ „Sogieich,“ ſagte Madame Sterner und verließ die 8 4 Reiſe Wallaryd galt. Hochzeitstag des Ritt beiden Herrn.— Der Leſer erräth natürlich, daß dieſe Der zwanzigſte September, der meiſters und Auguſtens, war dazu beſtimmt, Conſtantins und Wilhelminens Geſchick zu vereinigen. Die alte Baronin ſchlief den langen Schlaf an der Seite ihres ſeligen Alten, aber ſeit einigen Mo⸗ naten hatte ſie die Befriedigung gehabt, den Bund der jungen Leute zu ſegnen, ehe eine ſchnelle und gewalt⸗ ſame Krankheit ſie ihren Kindern und ihren kleinen Lieb⸗ lingen entrückte, welche ſie noch beſonders Wilhelminen als das Beſte, was ſie der künftigen Gebieterin von Sorrbypark hinterlaſſen konnte, empfahl. Durch des Rittmeiſters Zuthun waren alle Pfänder auf das Gut, ſo wie auch Axel's und Aurorg's Antheil daran einge⸗ löst. Dieſe Papiere ſah er an jenem Morgen durch, und ordnete ſie ſo, daß ſich Conſtantin, als er ſie un⸗ terwegs erhielt, als alleinigen Beſitzer jenes kleinen an⸗ muthigen Platzes fand, der die Welt ſeiner Hoffnungen einſchloß.— Nach ſechsmonatlicher zärtlicher und treuer Bewerbung hatte Conſtantin endlich das Jawort erhal⸗ 1 ten. Wenn Wilhelminens Liebe nicht ſo feurig war, wie die ihres Verlobten, ſo hatte doch ihre ruhige und edle Natur einen wo Tief erkannte ſte, daß Herz gepocht hatte, ni Friſche und ihr Leben gebung und Achtung fi hlthätigen Einfluß auf die ſeine. die Gefühle, von denen einſt ihr cht wieder aufblühen konnten. Ihre waren erloſchen; aber innige Hin⸗ ir Conſtantin, die wärmſte Freund⸗ ſchaft und der feſte Vorſatz, ihn und damit ſich ſelbſt glücklich zu machen, erſetzten vollkommen ein wärmeres Gefühl, und Conſtantin war mehr als zufrieden; er ver⸗ langte nicht ſo angebetet zu werden, wie er es ſelbſt that. Wilhelmine hatte ihm als den größten Beweis, den ſie ihm von ihrer Vertrauen geben konnt ſchloſſen, und er war Achtung und ihrem unbegrenzten e, ihr Herz ganz und gar aufge⸗ edel genug, ſie nachher doppelt hoch zu achten. Mit jedem Tag wuchs ihre Liebe und ihr 422 gegenſeitiges Vertrauen, jemehr ſie einander kennen lern⸗ ten, und ſie dankten innig Gott für ihr ſtilles Glück. Dieſes einzige Jahr hatte den Lieutenant Sterner ſehr verändert. Ein täglicher Umgang in dem gebildeten Hauſe des Rittmeiſters, die edlen perſönlichen Eigen⸗ ſchaften deſſelben, die immer eine Richtſchnur für Con⸗ ſtantin waren; das anmuthige ſanfte Weſen ſeiner Braut und ihre anſpruchsloſen aber feinen Gaben im Umgang, die ſo himmelweit von Henriette von Stolzenbecks gefall⸗ ſüchtigem und kindiſch gaukelhaftem Weſen verſchieden waren; alles das, verbunden mit dem Einfluß, den man der Liebe zuſchreibt, hatten die Schmetterlingsnatur des Jünglings verändert und ihm die Haltung und Würde des geſetzten Mannes gegeben. Der Rittmeiſter hatte ſeinem Schwiegervater ge⸗ ſchrieben, um ihn zu vermögen in Geſellſchaft ſeiner Frau nach Sorrby zu kommen, und bei der doppelten Feſtlichkeit, die man zu feiern hoffte, zugegen zu ſeyn: bei Conſtantins Vermählung nämlich und der Ankunſt eines neuen Weltbürgers.— Als die Herren von Wal⸗ laryd zurückkamen, erwartete den Rittmeiſter folgender Brief:—„Hochgeehrter, lieber Bruder und Schwieger⸗ ſohn!“—„Das Schreiben des Herrn Bruders vom zehnten Auguſt habe ich mit Vergnügen erhalten, und danke für die Einladung. Obſchon ich ſeit fünfzehn Jah⸗ ren nicht von L.— weggeweſen bin, ſo kann ich es doch nicht unterlaſſen, der Hochzeit meines ehemals zu⸗ gedachten Schwiegerſohns beizuwohnen; denn ich hege für ihn noch immer ein gewiſſes Wohlwollen, und wünſche ihm alles Gute. Es mag auch hübſch mit anzuſehen ſeyn, wie ſich Auguſte in ihrem Haus herumtreibt, und wie ſie ſich als Frau zu benehmen weiß. Der Herr Bruder muß im Anfang die Zügel nicht zu loſe laſſen; denn wer das thut, hat nachher verdammt ſchwer anzu⸗ halten. Je kürzer deſto beſſer; das war immer mein Grundſatz, und dabei hab ich mich wohl befunden.— 4²³ Meine Alte iſt geſund, und da es eine Sünde wäre, ihr das Wiederſehen ihrer Tochter abzuſchlagen, und ich auf 3 alle Fälle einen Wagen haben muß, werde ich ſie mit 1 mir nehmen.— Grüßen Sie Auguſte und ſagen Sie 2 ihr, daß ich, nichts von unnöthigen Umſtänden wiſſen .— will! ich bin mir gleich, gerade heraus und hoffe, daß t ſie ſich deſſen erinnert und darnach richtet. 3 Wilhelm von Spalden.“ n„Ja wohl iſt er ſich gleich, der alte Deſpot,“ ſagte n ddeer Rittmeiſter und warf den Brief zornig auf den Tiſch. 6„Iſt das eine Antwort auf Deine freundlichen und nur e allzudemüthigen Bitten, meine Auguſte? Kein Wort, das beweist, daß er unſere Freuden, unſere Hoffnungen ⸗ theilt! Doch das kann ich ihm noch verzeihen, weil er 1 r ſelbſt nie ein wahres Vatergefühl empfunden hat; aber n was ich ihm durchaus nicht verzeihen kann, iſt die Art, : wie er von ſeiner Frau ſpricht, und ſie behandelt. Weil ft er doch einen Wagen haben muß, will er ſie mitnehmen! ⸗ iſt das auch ein Ausdruck, Du alter Bär!“ r„Nun, mein beſter Alexander,“ erwiederte Anguſte ⸗ ſanft,„haſt Du denn in einem Jahre vergeſſen können, n wie Papa iſt und immer geweſen iſt, daß Du Dich über d dieſen Brief erzürnen magſt, den ich ſehr artig finde, in ⸗ ſofern er von ihm kommt? er hat ja ſeine Natur nicht s umwandeln können, und leider ſind nicht alle Männer ⸗ ſo geneigt, ihre Frauen zu verwöhnen, wie Du.“ e„Ach Du kleine Schmeichlerin,“ ſagte der Rittmei⸗ he ſter, indem er ſie aufheiterte:„Du haſt in der That en 4 recht; es verlohnt ſich nicht der Mühe, ernſtlich darüber nd zornig zu werden. Aber ich habe gute Luſt, dem Alten rr eeinen Poſſen zu ſpielen, der ihm das Gallenſieber an i; den Hals ärgern und zugleich die unſchätzbare Perle 1⸗ beſſer zu würdigen lehren ſoll, die er an unſerer gelieb⸗ ten Mutter beſitzt; denn wäre ſie nicht ein ſo makelloſes Beiſpiel von Geduld, Ergebung und Entſagung, ſo leb⸗ 42⁴ ten ſte ja in einer täglichen Hölle. Höre, mein kleines Mütter⸗ chen, Du mußt mir Deine Mitwirkung bei einem Plane verſprechen, den ich Dir ſogleich auseinanderſetzen will.“ „Nun laß hören, beſter Alexander, Du kannſt ver⸗ muthlich nichts begehren, das ich nicht mit Vergnügen bewillige.“—„Wie geſagt,“ fuhr der Rittmeiſter fort, „ich moͤchte gerne dem Alten einen kleinen Verdruß ma⸗ chen, zur Strafe für ſeinen ehelichen Deſpotismus. Da⸗ zu weiß ich kein beſſeres Mittel, als wenn ich ihm zu hören gebe, wie ſich ein Weib ganz beſtimmt gegen die Anſicht ihres Mannes erklärt und dabei bleibt, unge⸗ achtet er beſcheidene Einwendungen dagegen macht. Kurz, beſte Auguſte, wir müſſen irgend einen Gegenſtand wäh⸗ len, und Du mußt mir geloben, mir tapfer darin zu widerſprechen.“ „Aber, mein Freund, das iſt ein gar ſonderbares Begehren, und ich weiß nicht, wie ich es erfüllen kann,“ ſagte Auguſte ſromm,„ich, die ich jetzt ein ganzes glück⸗ ſeliges Jahr an der Hand der Liebe und des Vertrauens gewandelt bin, ich zittere und bebe bei dem bloßen Ge⸗ danken an das Zornesauge meines Vaters und ſeinen brüllenden Ton, was ohne Zweifel nicht ausbleiben würde, wenn er ſo etwas von mir hörte!“ „Nein, das würde es nicht, das glaub' ich eben⸗ falls,“ ſagte der Rittmeiſter;„aber das würde gerade ſehr gut thun; denn er bekäme dann Gelegenheit, durch das präch e Vergrößerungsglas der eigenen Erfahrung wahrzu ten, welchen Schatz er beſitzt. Er muß ein⸗ mal ei n, daß das Weib etwas Beſſeres iſt und ſeyn muß, eine Sklavin der Launen des Mannes; und unmögli, kannſt Du Dich fürchten, da Du jeden Augen⸗ blick mich neben Dir haſt.“ „Ja, das wäre Alles ſchon recht, mein Alexander,“ erwiederte Auguſte, der es offenbar bei dem Vorſchlag nicht recht wohl war;„aber ich fürchte, die Rolle möchte mir nicht gelingen. Wie kann ich es über mich vermö⸗ 1 ——— —H—:— 425 gen, Deinem Willen offen zu widerſprechen, der immer richtig und gut iſt? Nein, ich glaube nicht, daß ich ſo dreiſt ſeyn kann, Alexander.“ „Ach Du kleine Heilige,“ ſprach der Rittmeiſter ſcherzend.„Was thuſt Du denn gerade jetzt anders, als meinem Wunſche widerſprechen? und überdieß, wie war es mit den Jagdhunden?“ „Nun ja, beſter Alerander, dieß iſt auch der einzige Fall, worin ich Deine Meinung nicht getheilt habe,“ erwiederte Auguſte erröthend.„Ich geſtehe, daß mir ihr Bellen ſehr weh' that, und ich war egoiſtiſch genug, Dich um ihre Entfernung zu bitten, obwohl Du ſo viel Vergnügen von ihnen haſt. Ich habe eingeſehen, daß ich unrecht hierin handelte, mein Alexander, und ich bitte Dich von Herzen, Du mogeſt es mir verzeihen. Noch in dieſer Stunde will ich Weſterlind ſagen, daß er ſie holen ſoll. Du biſt doch nicht böſe auf mich, guter Alerander,“ ſetzte ſie ſchmeichelnd hinzu und ſah ihm in's Auge, während eine wiſſenloſe Thräne auf die Hand des Rittmeiſters niederfiel, die ſie in der ihrigen hielt. „Meine theure, meine geliebte Auguſte, mein Weib, was iſt das? Welche Bewegung! Brauch' ich wohl zu ſagen, daß ich nur ſcherzte, kannſt Du glauben, daß ich in Ernſt Dir einen Vorwurf und noch dazu einen ſo ungerechten machen würde? Nein, ſey ruhig, meine gute Auguſte, das kann nicht geſchehen, die Hunde bleiben in Sorrbypark. Arel iſt froh an ihnen, das darſſt Du glauben, und ich gehe eben ſo gerne zuerſt dor wenn ich auf die Jagd will, als direkt von hier au. „Ach Alexander, Du biſt ſo gut, ſo unaue echlich gut, daß es mein Tod wäre, wenn dieſe theuren liebe⸗ vollen Augen einmal jene dunklen Blitze auf mich ſchößen, die ich in ihnen geſehen habe, wenn Du auf Jemand böſe wirſt.“—„Was ſchwatzeſt Du, mein Engel! die Blitze weichen vor der Sonne. Mein Auge kann nie Der Stellvertreter. 28 426 anders als liebevoll auf Dich blicken, Du mein Stolz, meine Hoffnung, mein Alles! Doch wir ſind ganz von dem Gegenſtande abgekommen; ſtimmſt Du mit dem über⸗ ein, was ich begehrte?“ „In, ich werde mein Moglichſtes thun, um Dir zu widerſprechen, und eine ſo gute Probe von einem eigen⸗ ſinnigen Weibe zu geben, als ich nur immer vermag.“ 55 Ankunft des Noſeinfyeetoe und ſeiner 7 Prau — Die Hochzeit.— Die Abreiſe.— Das Wie⸗ derſehen.— Eine Dic Dbegiſe Neuigkeit. Am Abend des für die Feierlichkeit beſtimmten Tages, rollte ungeſähr gegen fünf Uhr Nachmittags ein gebrech⸗ licher Holſteiner Wagen in den Hof von Sorrby. Er enthielt den Poſtinſpektor und ſeine Frau. Wir halten uns nicht bei dem Empfang auf, der ganz ſo vor ſich ging, wie es immer der Fall iſt, wenn ſich theure Angehörige treffen. Aber mit welchen Worten ſollen wir die ſelige Mutterfreude der Frau von Spalden beſchreiben, als ſie mit eigenen Augen Zeuge von dem großen und wahren Glück ihrer Auguſte ward! Sobald man einige Erfriſchungen eingenommen hatte, vergaß die gute Frau alle Müdigkeit und all; die un⸗ zähligen Verdrießlichkeiten, die ſie auf der Reiſe ausge⸗ ſtanden hatte, wo ſie die beſtändige Vermittlerin zwiſchen dem Poſtinſpektor und allen Wirthen und Poſtknechten machen mußte, mit welchen er ſtets in Zank gerielh⸗ wenn ſein Wille auf Widerſtand ſtieß.— Aber dieß Alles war bis auf die Erinnerung daran verſchwunden, und neuverjüngt folgte ſie ihrer Tochter bur alle Zimmer, —2 182——— 1— ◻☛— ————— ——— ——— -—— . 4 — nen Schwiegervater in die Ställe und Viehhoſe, auf Wai⸗ oben und unten, Alles betrachtend und bewundernd. Von einem ſolchen Haus, einem ſol chen Geſchmack, einer ſolchen Eleganz hatte ſie nie eine Idee gehabt. „Mein Gott, Kind, nicht einmal in meinen beſten Tagen hade ich die Hälfte von dieſem Luxus um mich gehabt. Laß uns hier ſitzen und ausruhen. Dieß iſt alſo das Schlafzimmer! und welche Umhänge, ſo weiß und fein! und die Bronzearbeit an dem ſchönen Bette, was das gut ausſieht! und dieſe geſchmackvollen Vorhänge mit den reichen, grünſeidenen Drapperien! und welch⸗ ein Spiegel, wie prächtig! Aber liebes Kind, was um's Him⸗ melswillen ſind denn das alles für kleine Dinge, die Du auf dem Tiſche dort haſt? Welch eine Menge koſtbarer Sachen, ich glaube, alle von Silber und Kryſtall?“ „Das iſt meine Toilette, Mamma.“ —„Was Toilette, Auguſte!“— Frau von Spalden ſchüttelte unwillig den Kopf.—„Ich habe all' meine Tage nie etwas mehr gehabt, als meine kleine Spiegel⸗ lade mit Kamm und Pomadetöpfchen, und ich hätte nie geglaubt, daß Du ſo eitel würdeſt, meine Tochter.“ „Ach liebe Mamma, glaubſt Du denn, daß ich das Alles begehrt habe? nein, gewiß nicht! das Zimmer iſt heute noch gerade ſo, wie ich es fand, als ich hieher kam. Mein Alexander hatte ſchon zum Voraus für alle mög⸗ lichen Bequemlichkeiten Sorge getragen, und obſchon ich des Meiſten nicht gewöhnt war, ſo wird es doch nur all⸗ zuleicht, ſich zu verwöhnen.“ „Sterner iſt ohne Zweifel der beſte aller Ehemänner,“ ſagte Frau von Spalden;„aber ich will Dir faſt rathen, Deinen Vater nicht in dieſes Zimmer zu führen; denn ich bin gewiß, daß es ihn erzürnen würde, wenn er ſähe, daß Du von den Gewohnheiten abgewichen biſt, in denen man Dich erzogen hat.“— Während die Mutter und Tochter ihre Runde fortſetzten, füͤhrte der Rittmeiſter ſei⸗ — 428 den, Aecker und Wieſen.—„Vortrefflich, Herr Schwie⸗ gerſohn,“ ſagte der Poſtinſpector mit einem vergnügten Lächeln einmal über das andere.„Solche Pferde, ſolche Ochſen und Schmalvieh zu ſehen, iſt eine wahre Freude, und die Güter zeugen von einem guten und fleißigen An⸗ bau. Hätte wahrhaftig bei Gott nicht geglaubt, daß der Herr Bruder eine ſolche Neigung für die Lande wirthſchaft beſäße!“—„O man lernt dieſe Sachen leicht, wenn man Luſt dazu hat; und Luſt zur Thätigkeit iſt ſtets vorhanden, wenn man in ſeinen häuslichen Verhältniſſen glücklich iſt.“ „Freut mich von ganzem Herzen, den Herrn Bruder das ſagen zu hören; denn wenn man ein Jahr verheira⸗ thet geweſen iſt, dann weiß man ſo ziemlich, welche Laſt man in's Boot genommen hat.— Auguſte macht ſich ordentlich, hoff' ich.“—„Sie iſt mein guter Engel, die Krone meines irdiſchen Glücks, ein vortrefflicheres Weib gibt es nicht.“—„Nun, nun, das iſt gut,“ ſagte der Poſtinſpektor und ſah ſich angſtlich um,„laſſen Sie nur ſolche Worte niemals vor ihr hören; denn das hieße Alles vorſätzlich zerſtören.“—„Wie ſo?“ fragte Sterner ver⸗ wundert.—„Das will ich dem Herrn Bruder logiſch be⸗ weiſen. Wenn das Weib, das von Natur ein gebrech⸗ liches, mit vielen Fehlern behaftetes Weſen iſt, die ſie mit eigener Kraft weder beſſern, noch zum Guten len⸗ ken kann, wenn ſie, ſage ich, auf irgend eine Art erfah⸗ ren hat, daß ſie einem freien Manne alles Das iſt, was der Herr Bruder ſo eben ausſprach, ſo wird bald der Geiſt der Eitelkeit in ſie fahren, und dann gute Nacht mit allem Gehorſam und aller Unterwürfigkeit, ohne welche keine Einigkeit zwiſchen Ehegatten ſtattfinden kann. Die Ehe, muß der Herr Bruder wiſſen, iſt eine kleine Monarchie; nur Einer kann befehlen, und die Andern müſſen gehor⸗ chen. Iſt das Verhältniß nicht ein ſolches, ſo entſteht Anarchie; und— wenn ein Reich in ſich ſelbſt zerfällt, ſo wird es verwüſtet, und Haus fällt auf Haus ſagt— — — — 1 429 ſagt Syrach, glaube ich. Nun, das iſt gleich, es war ein vernünftiger Mann, der dieſe Worte ſprach; der Herr Bruder kann ſie in der Bibel leſen.“ „Ich weiß,“ erwiederte der Rittmeiſter halb lächelnd; „die Worte ſtehen bei Lucas, im zweiten Kapitel, vier⸗ zehnten Vers; aber ich glaube nicht, daß er ſie auf einen ſolchen Fall angewendet wiſſen wollte, und überhaupt halte ich die Theorie des Herrn Schwiegervaters für allzuſtreng.“ „Durchaus nicht,“ eiferte der Poſtinſpektor.„Der Herr Bruder muß bedenken, daß hier nicht allein die Rede von der Theorie iſt, ſondern auch von der Praris. Se⸗ hen Sie, das iſt etwas ganz anderes! Eine zwanzigjäh⸗ rige Erfahrung, wie die meine, kann, glaube ich, An⸗ ſpruch auf Einſicht in dieſer Sache machen, und deßhalb ſag' ich Ihnen frei, daß Sie für die Zukunft genug Ur⸗ ſache zur Reue bekommen werden, wenn wir hierin von verſchiedener Meinung ſind.“. Der Rittmeiſter lachte und brachte die Unterhaltung auf etwas Anderes.— Der Abend verfloß ruhig; die Lieb⸗ lingsgerichte des Poſtinſpektors waren auf dem Tiſche. Au⸗ guſte brachte ſelbſt nach dem Eſſen ſeine Pfeife herbei, und in ungewöhnlich guter Laune verfügte er ſich zu Bette und ſagte zu ſeiner Alten:„Die Reiſe hieher war doch nicht ſo dumm. Wenn die andern Tage werden wie dieſer, ſo dürfte ich mich vielleicht einige Wochen hier verweilen. Der Rittmeiſter ein vernünftiger Mann— Ordnung im Hauſe— Auguſte gehorſam und aufmerkſam— hm! es iſt nicht ſo dumm!“— Am folgenden Abend um ſieben Uhr wurden im Saale zu Sorrby Lieutenant Conſtantin Sterner und Fräulein Wilhelmine von Staͤlkrona in aller Stille getraut. Svallenius verrichtete die Ceremonie, und die Probſtin machte die Wirthin, keine weitern Fremden waren dazu eingeladen. Es war der ausdrückliche Wunſch der Braut, daß nur ihre nächſten Freunde der Hochzeit anwohnen ſollten; denn die Trauerzeit um die ſelige Ba⸗ ronin war bei weitem noch nicht zu Ende. —ſ 8 43⁰ Nach dem Souper zog man mit den Neuvermählten nach Sorrbypark, wo der Rittmeiſter und Kornet Arxel verſchiedene Feſtlichkeiten vorbereitet hatten. Als die Ge⸗ ſellſchaft über die kleine Brücke trat, wurden ſie im Parke von einem glänzenden Feuerwerke empfangen, mehrere 2 Schüſſe wurden abgefeuert, und unter lautem Vivatruf 4 —,—,———— kamen ſie in dem prachtvoll erleuchteten Hauſe an. Am andern Tag war großes Mittageſſen beim Ritt⸗ meiſter, wozu alle Herrſchaften der Umgegend eingeladen waren, und ein brillanter Ball am Abend ſchloß das Feſt. „Ich bin recht froh,“ ſagte der Poſtinſpektor zwei Tage ſpäter zu ſeinem Schwiegerſohn,„daß all' das Lär⸗ men und Toben, all' das Eſſen und Trinken, das Schwatzen unnd Lachen endlich einmal überſtanden iſt. Es ward ge⸗ ſtern noch recht angenehm in Sorrbypark. Sie iſt eine prächtige Wirthin, die junge Madame Sterner, eine recht hübſche Perſon, und Conſtantin iſt ein artiger und ver⸗ nünftiger Junge. Wohin ſoll aber jetzt Kornet Arel und der Wildfang, das junge Fräulein? Es ſcheint mir, als 4 ob Sorrbypark eben kein Platz ſey, um ein ſo weitläu⸗* figes Perſonale darauf zu füttern.“. F „Der Hof iſt nicht ſo klein, glauben Sie mir, Herr Schwiegervater, und die Mühlen werfen ein gutes Ein⸗ kommen ab,“ erwiederte Sterner.„Was aber Kornet ARrel betrifft, ſo werden wir uns wohl ſeiner Geſellſchaft nicht mehr lange freuen dürfen; denn er verlobte ſich im vorigen Winter mit einer reichen Kaufmannstochter in Stockholm, und ſein künftiger Schwiegervater will, daß 3 er dorthin ziehen ſoll. Aurora bleibt für's Erſte bei uns, 1 und wenn ſich die Ausſichten heller geſtalten, ſo wird der junge Herr, den Sie hier ſich herumtreiben ſahen, als wohlbeſtellter Freier auftreten. Er hat einen alten, rei⸗ chen und kinderloſen Onkel zu beerben, und erwartet Be⸗ förderung. Sie ſind noch jung und haben noch eine ſchöne Zeit vor ſich.“ d 1 431 „Ja das weiß Gott!“ ſagte der Poſtinſpektor;„der Herr Bruder meint wohl den Fähnrich? beide ſind ja faſt noch Kinder. Aber laſſen wir das. Nun da wir in Ruhe gekommen ſind, wird es für mich ein Vergnügen ſeyn, die Lage der Dinge in Ihrem Hauſe etwas näher zu beobachten. Aufrichtig geſagt, es gibt noch Eines und das Andere, das einer kleinen Veränderung bedarf. So zum Beiſpiel...“— Hier ward der Poſtinſpektor durch den Ruf zum Mittageſſen unterbrochen.—„Nun wir können darüber nachher ſprechen. Laßt uns jetzt nach dem Speiſeſaal gehen; denn ich habe bemerkt, daß der Herr Bruder die Schwachheit hat, unruhig zu werden, wenn die junge Frau auf uns Männer warten muß; und doch iſt es nur ihre Schuldigkeit.“—„Ich dachte, es wäre unſere Schuldigkeit, ſie nicht warten zu laſſen,“ ſagte der Rittmeiſter und öffnete ſeinem Schwiegervater artig die Thüre.— Man ſollte heute zum Erſtenmal nach der Ankunft des Poſtinſpektors ganz allein zuſammen ſpeiſen. Auf dieſe Gelegenheit hatte der Rittmeiſter ge⸗ wartet, um ſeinen Plan in's Werk zu ſetzen. Man war jetzt glücklich an den Tiſch gekommen, und das erſte Gericht war aufgetragen.„Du haſt wohl von dem präch⸗ tigen Hecht, mein Schatz?“ fragte der Rittmeiſter ſeine Frau, und warf einen ſpähenden Blick über den Tiſch.— „Nein, mein Schatz, das hab' ich nicht.“—„Warum nicht, meine liebe Auguſte? Du verſprachſt es mir ja, g und Du weißt, daß es mein Leibeſſen iſt.“—„Aber, es iſt nicht das meinige, Alerander. Ich glaube, ich hab' Dir das ſchon geſagt.“— Der Poſtinſpektor, der gerade eine geroͤſtete Kartoffel in den Mund ſtecken wollte, ließ dieſe und die Gabel auf den Teller fallen und trat ſeiner Frau, die neben ihm ſaß, auf den Fuß. Dieſe wagte kaum aufzuſehen vor Unruhe.—„Ach, verzeih' mir, liebe Auguſte, ich erinnere mich jetzt,“ antwortete Sterner mit einem artigen Lächeln.„Ich muß mich da⸗ 1 432 mit tröſten, daß Du mich wohl ein Mal künftig einen Hecht auf dem Tiſche ſehen läſſeſt. Warſt Du ſo gut, wie ich Dich bat, und ließeſt die Hunde von Sorrby⸗ park holen? Ich muß morgen bei Zeit hinaus, um Dir Wildprät zu verſchaffen.“—„Nein, ich habe keinen Be⸗ fehl dazu gegeben; denn ich habe Dir ja ein für allemal geſagt, daß ich das Bellen nicht hören kann.“— Der Poſtinſpektor ſah aus wie ein Donnerwetter. Er trat ſeiner armen Frau ſo haͤrt auf den Fuß, daß ſie nahe daran war laut aufzuſchreien; aber noch hielt er ſich aus Achtung vor dem Gaſtrecht zurück, ſich in die Sache zu miſchen. Er leerte Glas um Glas, ſtach mit der Gabel ein Loch über das andere in die Serviette.—„Aber, liebe Auguſte, iſt das nicht etwas kindiſch von Dir? Weſterlind ſoll ſie auf der andern Seite des Hofes ein⸗ ſperren.“—„Das iſt gleich, ich höre ſie doch, und ich will ſie nun einmal nicht in der Nähe wiſſen. Alſo die Hunde dürfen durchaus nicht hieher kommen.“— Das gieng zu weit. Der Stuhl brannte unter dem gequälten Poſtinſpektor und er rückte ihn hin und her.—„Der Teufel hole eine ſolche Thorheit,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen.„Iſt das Mannhaftigkeit? ich wollte, ich wäre nie hieher gekommen; denn es erfordert mehr als menſchliche Kraft, hier ſeine Zunge im Zaum zu halten.“ „Meine Liebe,“ ſagte der Rittmeiſter in einem verſtellten Tone des Verdruſſes,„es iſt mir nicht angenehm, den langen Umweg nach Sorrbypark zu machen; aber wenn Du ſie durchaus nicht leiden kannſt, ſo...„So wirſt Du dich darein finden, wie ein verſtaͤndiger Ehemann,“ 8 ſagte ſeine Frau lächelnd.—„Vollkommen, mein Engel! Du weißt, daß mir Dein Wille Geſetz iſt!“—„So⸗ möge Gott verhüten, daß ein ſolches Geſetz für alle Ehemänner gelte!“ ſchrie der Poſtinſpektor, ſtieß den Teller von ſich und ſprang vom Tiſch auf, außer Stands ſich länger zu bemeiſtern.„Was denkt der Herr Bruder . — 433 in's Himmels Namen? Sind das auch Worte gegen ein Weib, was? Großer Gott, daß ich ſolche Thorheiten erleben muß, daß ich hören muß, wie ein Mann zu ſeinem Weibe ſagt, ihr Wille ſey ihm Geſetz! O pfui, das wäre ein ſauberes Geſetz! Ach Du entartetes Kind! haſt Du im Hauſe deiner rechtſchaffenen Eltern eine ſolche Sprache gelernt? Sieh' deine alte Mutter an! ſie zittert vor Schmerz und Erſtaunen über deinen Wahn⸗ ſinn und erröthet für Dich, daß ſie nicht aufſehen kann! Glaube mir, wenn ich nicht vor Gottes Altar meine Rechte auf Dich an einen Andern abgetreten hätte, ſo ſollteſt Du theuer für Deine Frechheit büßen.“— Der Poſtinſpektor ballte wild drohend ſeine kraftvolle Hand und gieng mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, während er ſich mit einer Serviette die Schweiß⸗ ———————— tropfen von der gerunzelten Stirne trocknete.—„Um alles in der Welt, mein beſter Schwiegervater, nehmen Sie die Sache nicht ſo ernſthaft!“ begann der Rittmeiſter 8 entſchuldigend;„es war ja nur eine Unbedeutendheit. Und * überdieß bedenken Sie Auguſtens Zuſtand!“—„Ei Zu⸗ ſtand hin und Zuſtand her! Meine Alte iſt wohl auch in Zuſtänden geweſen, denke ich; aber ich hätte ihr nicht rathen mögen, deßhalb die Ordnung der Natur zu ver⸗ kehren!“—.„Aber,“ wandte Sterner ein,„jene bar⸗ bariſche Zeit iſt ſchon längſt vorüber, wo der Mann dem Weibe mit dieſer verletzenden Rohheit begegnete. Gott ſey Dank, wir haben ihren Werth einſehen lernen, und ſie auf den Platz erhoben, der ihr ſowohl in unſerem Herzen als in unſerem Hauſe gehört! Sie hat ihren Willen und ihre Rechte ſo gut wie wir; ſie iſt der beſſere Theil unſeres Weſens.“—„Miſchmaſch, dummes Geſchwätz!“ ſiel der Poſtinſpektor ein.„Eitel Narrheit, gerade wie es die Stellvertreterei war! Ich habe Gottes klare und reine Worke aufgefaßt, und denen will ich huldigen bis zu meinem Tode: der Mann ſoll das Haupt des Weibes 4³⁴ ſeyn, und ſie ſoll ihm unterwürfig ſeyn, wir ſind die Herren der Schöpfung und damit Punktum!“— Der Poſtinſpektor ſchlug bei dieſen Worten die Thüre hinter ſich zu, und ging auf ſein Zimmer.— Jetzt erſt wagte Frau von Spalden ihren Blick auf Auguſten und den Rittmeiſter zu richten, und zu ihrer Verwunderung ſah ſie beide recht herzlich lachen.—„Meine liebe Mama, ſeyen Sie unbekümmert. Ich bin nicht ganz ſo unartig, wie ich mich gezeigt habe. Alexander hat mich zu dieſem Schauſpiel überredet, um Papa eine vergnügte Stunde zu machen, oder vielleicht gönnte er ihm auch eine ver⸗ drüßliche.“ S Frau von Spalden ſchien trotz dieſer Erklärung noch ganz mißtrauiſch zu ſeyn.—„Fürchten Sie nichts, beſte Mamma,“ ſagte der Rittmeiſter;„meine Auguſte und ich begegnen mit Vergnügen unſern gegenſeitigen Wünſchen. Es war nur eine kleine Komödie, um dem Alten zu zeigen, wie andere Männer ihre Frauen behandeln, um ſo ſeiner alten deſpotiſchen Seele eine Gelegenheit zu geben, ſein Benehmen mit dem jener zu vergleichen.“— Am Abend, als das alte Paar zur Ruhe ging, ſagte der Poſtinſpektor zu ſeiner Frau, indem er die Pfeife hinweglegte und ihr zum Erſten⸗ mal ſeit wenigſtens zehn Jahren mit ſeiner dürren Hand die runzlichten Wangen ſtreichelte.„Rigitza, mein Schatz, Du biſt ein braves Weib geweſen. Bei Gokt, das biſt Du geweſen! Ich weiß nicht, wie es kommt; aber ich habe Deinen Werth früher nie ſo eingeſehen, wie jetzt. Himmel und Hölle! wenn es Dir je eingefallen ware, Dich ſo auf⸗ zuführen, wie es Auguſte heute bei Tiſche gethan hat, ich hätte Dir den Hals umgedreht! Wenn ich jedoch die Sache recht bedenke,— was ich heute den ganzen Tag über ge⸗ than habe,— ſo finde ich, daß der Fehler nicht ſo ſehr auf ihrer als vielmehr auf ſeiner Seite liegt; er hat ſie ja ganz verzogen. Ihr Weiber ſeyd wie Wachs;ihr nehmt leicht jede Form an, die man euch geben will. Wenigen⸗ ———-———————-——.,,,⸗/—--——— —„ 435 Männern iſt es ſo gelungen wie mir; es iſt meine Ueber⸗ zeugung, Rigitza, merke wohl, meine Ueberzeugung, daß Du die beſte aller Weiber biſt. Und im Fall Du nie mehr Worte hören ſollteſt, wie dieſe(denn ein Mann ſoll ſte ſelten benützen), ſo kennſt Du jetzt doch meine Gedanken.“ — Das war ein Triumph, der der überraſchten Frau von Spalden das bittere Leiden langer Jahre erſetzte. Von Er⸗ ſtaunen und tiefer Rührung ergriffen, beugte ſie ſich nieder, küßte die Hand ihres Mannes und ſagte unter Thränen: „Gott ſegne Dich für dieſe Worte Wilhelm, ſie haben mich unausſprechlich glücklich gemacht!“—„Aber,“ fuhr der Poſtinſpektor nach einer kleinen Pauſe fort,„meines Blei⸗ bens iſt hier nicht länger. Morgen Nachmittag um drei Uhr reiſen wir ab!“— Wenn ein Blitz mitten in das Herz der armen Frau von Spalden niedergefahren wäre, ſo hätte ſeine Wirkung nicht ſchrecklicher ſeyn können, als die dieſer Worte.—„Was, mein Freund, ſchon Morgen,“ ſtammelte ſie.—„Wie ich geſagt habe, keine Stunde län⸗ ger! um drei Uhr ſitzen wir im Wagen. Gute Nacht!“— Der Poſtinſpektor wendete ſich gegen die Wand und ſchlief . ein. Seine Frau weinte die ganze Nacht hindurch in der Stille, und betete in ihrem Herzen zu Gott, er möchte ir⸗ gend ein Hinderniß eintreten laſſen; denn ſie wußte mehr als zu wohl, daß alles Bereden zuͤ nichts führte.— Am folgenden Morgen beim Frühſtück ſagte der Poſtinſpektor zu ſeinem Schwiegerſohn, indem er ſein Glas ergriff und bis auf den Grund ausleerte:„Ich muß dem Herrn Bru⸗ der für all' ſeine Bewirthung und Gaſtfreundſchaft danken. Mit wenig Ausnahmen habe ich mich im Hauſe des Herrn Bruders recht wohl und angenehm befunden; doch ich bin jetzt befriedigt und ich muß den Herrn Bruder bitten, mir auf heute Nachmittag bei guter Zeit Poſtpferde zu beſtel⸗ len; denn ich will Punkt drei Uhr im Wagen ſitzen.“— Sterner war in vollem Ernſt bekümmert darüber; denn er ſah ein, wie ſchmerzlich es für Auguſten ſeyn würde, 1 7 43⁶ ſo bald von ihrer Mutter getrennt zu werden. Er ſuchte deßhalb ſeinen Schwiegervater ſehr artig und eindringlich zum Bleiben zu vermogen; aber dieſer beſtand feſt darauf, und war taub für alle Bitten und Gründe.—„Das iſt in der That höchſt betrübend,“ fing der Rittmeiſter wieder an.„Ich hoffte mit Sicherheit und freute mich innig darauf, daß unſere geliebten Eltern noch über die jetzt bevorſtehende Zeit da bleiben würden. Ich glaubte, der Herr Schwiegervater wollte bei meinem Erſtgeborenen zu Gevatter ſtehen.“ „Sehr verbunden, Herr Schwiegerſohn, viel Ehre für meine Perſon; aber frei heraus, der Ton im Hauſe des Herrn Bruders gefällt mir nicht ganz. Der Herr Bruder iſt in jeder Hinſicht ein ſehr verſtändiger und bra⸗ ver Mann, aber er hat eine Schwachheit, die ich für mei⸗ nen Tod nicht leiden kann. Der Herr Bruder iſt nicht Herr in ſeinem Hauſe, was ich darunter verſtehe; und wenn ich jetzt im Geiſte all' das Weſen, Treiben und Lau⸗ fen ſehe, das bei dieſer Gelegenheit hier ſeyn wird, ſo bin ich gern von all' dem weit weg. Ich wünſche Euch alles Glück, aber ich bleibe am liebſten zu Haus, in meinem eigenen Zimmer. Der Herr Bruder muß entſchuldigen; aber in Sorrby bin ich geweſen. Ueberdies,“ ſetzte er hinzu, um dieſen Ausdruck etwas zu mildern, als er eine dunkle Röthe des Rittmeiſters aufſteigen ſah,„überdies, wer weiß, ich habe einen heftigen Charakter; man kann nicht vorſichtig genug ſeyn. Ich könnte in der Hitze die junge Frau mit meinem Lärmen ſo ſehr erſchrecken, daß ſie davon zu leiden hätte. Sachen der Art ſind kein Spaß und ich kann nie auf den Zehen gehen lernen.“ Sterner bedachte den letzten Grund des Poſtinſpektors, und fand, daß er nicht ganz ohne war: aber als er einen Blick auf ſeine weinende Frau warf, beſchloß er, noch einen Verſuch zu machen.„Ich will nicht länger hart⸗ näckig ſeyn. Ich will mich in das ſinden, was, wie ich ſehe, ſich nicht ändern läßt; aber wenn ich es wagen — di 0 0= 0 f 8 dürfte, ſo möchte ich mir eine beſondere Gnade und Gunſt von dem Herrn Schwiegervater ausbitten.“ „Sprechen Sie es aus, Herr Schwiegerſohn! fordern Sie Alles, was Sie wollen, nur nicht, daß ich da bleiben ſoll,“ ſagte der Poſtinſpektor, der innerlich froh war, die Sache auf eine ſolche Art los zu werden.„Ich ſtehe in großer Verbindlichkeit gegen Sie, und es ſollte mich ſehr freuen, wenn ich eine Gelegenheit bekäme, um dies be⸗ weiſen zu können.“—„Nun wohl, mein beſter Schwieger⸗ vater,“ begann Sterner, deſſen Blicke ſich wieder aufhell⸗ ten,„laſſen Sie alſo Mamma auf einige Zeit bei uns. Wenn Alles glücklich überſtanden iſt, kehrt ſie nach L— zurück.“—„Ei, ſind Sie toll, Herr Bruder! meine Alte da laſſen!“ rief der Poſtinſpektor erſtaunt.„Sie, von der ich nie getrennt war, die— die— die, kurzum— Gott verzeih' mir, daß ich einen ſo dummen Ausdruck gebrau⸗ chen muß, wie der Herr Bruder geſtern— die Hälfte mei⸗ nes Weſens? beſſeres Weſen ſag' ich nie. Höre, Rigitza, mein Schatz,“ ſagte er mit einer Art Rührung,„willſt Du Dich von mir trennen?“ Frau von Spalden ſchwieg und deutete nur auf Au⸗ guſte, die unter heftigen Thränen ihre Arme bittend gegen ihn ausſtreckte.„Mein Vater! o mein Vater! verzeih mir! ich bin nicht ſchlimm. Es war geſtern das Erſte⸗ nal, und es ſoll auch das Letztemal ſeyn, daß ich von den Lehren abweiche, die Sie mir gegeben haben.“ Dies wirkte mehr, als alle Bitten, ſein ſchon etwas bewegtes Herz erweichte.„Auguſte, mein Kind, komm' an das Herz Deines Vaters, er ſoll nicht in Dein Haus gekommen ſeyn, um Dir Kummer zu verurſachen.“ Er küßte ſie auf die Stirne und wiſchte ihr die Thränen ab. „So tröſte Dich jetzt; Du warſt immer ein gutes Kind. Ein bischen verzogen biſt Du zwar von Deinem Manne worden; aber nie wirſt Du ein böſes Weib wer⸗ den, das weiß ich mit Sicherheit; und als einen großen 7 438 Beyweis, den größten, mein Kind, den ich Dir von meiner väterlichen Liebe geben kann, will ich um Deiner Thränen unnd der Bitten Deines edlen Mannes willen Deine Mutter hier laſſen.“— Jetzt weinte Auguſte Freudenthränen an der Bruſt des Vaters, und eine Minute ſtillen, heiligen Friedens trat ein.—„Mein Kind,“ ſagte der Poſtinſpek⸗ tor und ſtand auf,„meine Tochter, meine geliebte Au⸗ guſte, wir ſcheiden jetzt vielleicht für dieſes Leben. Wenn Du künftig glücklich ſeyn willſt, ſo verachte nicht die Leh⸗ —ren Deines alten Vaters; ſey ein gutes und unterthäniges Weib, wie Deine Mutter mir war.“ „Mein lieber, guter Vater, ich werde es immer ſeyn!“— Der Greis legte ſeine Hand ſegnend auf ihr Haupt; dann ſchüttelte er dem Rittmeiſter die Hand und ſagte:„Ich verachte Ihre Theorie nicht, Herr Bruder; aber ich will in der alten fortleben. Und jetzt“— er wandte ſich gegen ſeine Frau—„werde ich Dir eine Zeit beſtimmen, wo⸗ mit Ihr, wie ich hoffe, alle zufrieden ſeyd, Rigitza, mein Schatz, ſechs Wochen darfſt Du fort bleiben; aber auf den Tag hin mußt Du wieder zu Hauſe ſeyn.“ „Ach, wie gut Du biſt, mein Alter,“ ſagte Frau von Spalden; aber nicht ohne Unruhe fügte ſie hinzu, „wenn aber bis dahin noch nicht alles überſtanden iſt, wie iſt es dann?“— Des Poſtinſpektors Blick ver⸗ dunkelte, ſeine Stirne runzelte ſich.„Rigitza,“ ſagte er feierlich,„ich befehle, daß alles bis auf die Zeit hin zu Ende ſeyn ſoll, die ich feſtgeſetzt habe!“—„Aber, mein beſter Schwiegervater, kann denn wohl ein Befehl unter ſolchen Umſtänden genau befolgt werden?“ wandte der Rittmeiſter lächelnd ein,—„Nein, nicht in Bezie⸗ hung auf die Frau des Herrn Bruders, das verſteht ſich,“ antwortete der Poſtinſpektor etwas verlegen, als hatte;„aber was mein Weib betrifft, ſo ſage ich, daß es dann ein Ende haben ſoll. Sechs Wochen, Rigitza; haſt Du mich verſtanden? keinen Tag länger!“ er merkte, daß er in der Hitze eine Dummheit geſagt⸗ 439 „Sehr wohl, mein Freund! bewal Dich zu erzürnen! ich bin auf den Tag „Gut geantwortet, meine Alte! Du kommen ſeyn.“— Um drei Uhr reiste tor ab, und war noch nicht acht Tage zum Glück für den lieben Hausfrieden richt einlief, daß ein neuer„Herr der S der Poſtinſpektor ſein Geſchlecht zu nenn nen Einzug in Sorrby gehalten habe. gelobt!“ ſagte er, und lüftete andächtig —„Herr, ich danke Dir von ganzem er mit unverſtellter Rührung, als ſeine auf den Tag hin zurück kam, und ihn 1 nen umarmte;„es wäre mein Tod g wenn Du länger gezögert hätteſt, und nie mehr, wenn ich auch noch einmal Sorrby machen ſollte.“