Ae Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhyr offen.. 2. Losepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 82„ 1 7 1„— 2 1— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Zuweilen ſchien der Sturm mit einem langgehaltenen Seufzer dahinzu⸗ ſterben;— allein plötzlich erneuerte er wieder den Kampf mit den rieſenhohen Tannen, und gab ſich nicht eher zur Ruhe, bis dieſe, gleich beſiegten Feinden, ſich vor ihm zur Erde beugten. Umgeben von ſchwarzgrauen Wolken ſtand der nächtliche Wächter in ſeiner unbeweg⸗ lichen Ruhe und blickte herab auf den wogenden Kampf. Auf einem der Fußpfade, welche den Wald durch⸗ ſchnitten, eilte raſchen Schrittes ein Weſen dahin, das ſoweit das herbſtabendliche Dunkel erkennen ließ, mit ſeiner Umgebung gleichſam verwandt zu ſein ſchien. Eine zerlumpte Jacke uͤberließ die gebräunte, kräftig gebaute Bruſt den niederhängenden Tannen⸗ und Fichtenzweigen zum ungeſtörten Spielplatze, und das ſtruppige Haar, auf welchem eine rauhe Hand mit Mühe die zottige Pelz⸗ Wehe feſthielt, flatterte im Sturme um das ſonnverbrannte eſicht. 4— 18 Indeſſen machte ſich der unbekümmerte Sohn des Waldes wenig aus all' dieſen Beſchwerden. Ein mun⸗ teres Volkslied vor ſich hin ſummend, bog er mit ge⸗ wandter Hand die verſchlungenen Aeſte aus dem Wege, und wenn der Wind am heftigſten toste, ſetzte er den Finger an die Lippen und beantwortete den Sturm mit ebenſo ſchrillenden Tönen. Manch Mal ſtand der dem Anſchein nach vierzehn bis fünfzehn Jahre alte Knabe ſtill, ſchlang die Arme vertraulich um eine Tanne, und ließ mit augenſcheinlichem, leidenſchaftlichem Entzücken alle Ausbrüche des Sturmes über ſich ergehen. Es ſchien ihm weit weniger Freude zu machen, wenn der Sturm nachlaſſen wollte, als wenn er in kräftigen Stößen ihn umbrauste, und dann ſing er wieder zu pfeifen an, und mehr fliegend als gehend, eilte er den dunkeln Pfad entlang. Ein heller Mondſtrahl, welcher plötzlich den dunkeln Wolkenſchleier durchbrach, erhellte die bisher in Schatten gehüllten Gegenſtände und zwiſchen zwei Hügeln wurde eine kleine Hütte ſichtbar, aus deren Schornſtein eine mit Funken vermiſchte Rauchwolke emporwirbelte. Mit freudigem und ſprechendem Kopfnicken begrüßte der Knabe das armſelige Lehmdach und die einfachen Mooswände ſeiner heimiſchen Hütte, welche ſeine Welt und Alles enthielt, was er nach des Tages Muühe und Arbeit im Walde zu ſeinem Glücke und Wohlbehagen bedurfte. Dicht vor der Hütte machte er Halt; jedoch ſtatt hineinzugehen wandte er ſich längs eines von Weiden geflochtenen Zaunes, bis er ſich vor einer Art von Ge⸗ bände oder eher Schuppen befand, aus welchem ſich bei dem Herannahen ſeiner wohlbekannten Tritte, das helle Gewieher eines Pferdes hören ließ. Ein freudiger Schauer durchzuckte den Knaben, mit einer Hand griff er in ſeine Taſche nach dem Stückchen Brod, welches er ſich am Munde abgeſpart hatte, mit der andern es n⸗ e⸗ ge, en nit m be nd en en m hn nd ad In en de nit ze en elt nd en att en de⸗ hei lle ger i es rn 7 öffnete er die Thüre und ſtand im nächſten Augenblicke in dem Stalle, worin ſich ſein Liebling befand. „Armer Schimmel! dir iſt's heute ſchlecht gegangen! Kaum ein Bischen Stroh in der Raufe! ja, ja— wenn ich nicht daheim bin, ſo..“ Bei dieſen Worten ſtreichelte der Junge dem Schimmel den magern Rucken; das Thier ließ ſich das Brod trefflich ſchmecken und bezeugte ſeine Erkenntlichkeit dadurch, daß es ſeinen Kopf zutraulich auf die Schulter des gütigen Gebers legte. Nachdem dem Gaule all' die treue Pflege geworden war, welche ſein junger Herr ihm zu widmen pflegte, verließ dieſer den Stall, kehrte aber im Augenblicke wieder zurück und brachte eine Pferdedecke, welche er ihm ſorgſam über den Rücken breitete, und eilte dann mit raſchen Schritten der Hütte zu, wo er augenſcheinlich eben ſo willkommen war, als an dem Orte, den er ſo eben verlaſſen hatte. „Wo bleibſt du denn ſo lange, Jvar? Die Mutter war ſehr in Aengſten um dich, ſie fürchtete, du möchteſt dir Schaden mit dem Beile gethan haben. Die Nachtglocke hat ſchon geläutet und die Grütze wartet ſchon längſt auf dich.“ Dieſe Worte kamen von einem hochgewachſenen kräf⸗ tigen Mann, welcher mit beiden Armen auf einem rohen Tiſche lag und ſich über ein großes Geſangbuch beugte, deſſen vergelbte und beſchmutzte Blätter von häufigem Ge⸗ brauche zeugten. „J bewahre Mutter! das ſollte euch doch nicht ein⸗ fallen!— Der Sturm heulte ſo ſchön, daß ich faſt gar nicht mehr heimgekommen wäre,“ entgegnete Ivar, wäh⸗ rend er, ſeinen Vater durch Kopfnicken grüßend, mit un⸗ ruhiger Haſt dem Herde zueilte, wo die Mutter ſaß, welche beim Eintritte des Sohnes dem Schnarren des altersgeſchwärzten Spinnrades Einhalt gethan hatte. „Dich friert wohl, armer Junge?“ Sowohl in der Betonung dieſer einfachen Worte, als in der haſtigen Bewegung, mit der ſie den Spinn⸗ rocken auf die Seite ſchob, und den am Herde ſtehenden Topf mit Hafergrütze ergriff, ſprach ſich unverkennbar die höchſte mütterliche Zärtlichkeit aus. „Friert euch denn, Mutter, wenn ihr am Herde ſitzt und euch wärmt? Wenn ich Brennholz für euch haue, ſo friert mich nicht;— der Wald iſt mein Herdfeuer, — und mir iſt nie wärmer, als wenn ich drauſſen bin, und der Wind ſo recht tüchtig auf mich einſtürmt.“ „Du biſt ein wunderlicher Burſche, Jvar,“ ſagte die Mutter bedenklich.„Von Kindsbeinen an biſt du ſchon ſo geweſen. Aber Gott Lob,“ ſetzte ſie in frommer Ein⸗ falt hnzu,„der Herr Pfarrer war in der Chriſtenlehre ſtets wohl mit dir zufrieden!“ Während dieſer kurzen Unterredung hatte Mutter Ingierd den Tiſch gedeckt und den Topf mit Grütze nebſt drei Tellern mit ebenſoviel blankgeſcheuerten Taſſen halb voll ſaurer Milch, darauf geſtellt. Vater Chriſtoph, der Herr der Waldhütte, machte das Geſangbuch zu, nahm ſeine rothe Nachtmütze ab und faltete die Hände. Nach einem kurzen Gebete ſetzten ſich Mutter und Sohn gleichfalls nieder. In den erſten Minuten hörte man keinen andern Laut, als das ziemlich tacktmäßige Geklapper der Löffel im Topfe, ſobald indeſſen der ärgſte Feind geſchlagen war, wandte ſich der Vater zu dem Sohne, und ſah dabei aus, als ob er im Sinne hätte, Etwas zu ſagen. Beider Profil ſtanden nun ſo, daß der Schein der dampfenden Thranlampe ziemlich hell darauf fiel, und ein aufmerkſamer Beobachter— wenn Einer zugegen geweſen wäre— hätte nothwendig zu ſeiner Verwun⸗ derung in der Form und Bildung ihrer Züge etwas Edles, ja faſt Stolzes finden müſſen, das ſeltſam gegen die grobe Hand und das zerlumpte Bauernwams des Häuslers, ſowie gegen Ivars halbnackte, braune Bruſt abſtach. Die Natur zeigt bisweilen ſolche Eigenthümlich⸗ ASSͤ 9 keiten, und dieſe erwecken unſere Theilnahme. Nicht ge⸗ rade, daß Adel und Stolz im Handeln das ausſchließliche Vorrecht der höheren, gebildeten Stände wäre, man findet ſolche Geſinnung in gleichem Grade bei den untern Ständen, obgleich ſie ſich anders zu äußern pflegen;— aber es ge⸗ hört offenbar zu den Seltenheiten, wenn man bei den durch tägliche Arbeit niedergedrückten Landleuten und ihren Sprößlingen auf den Ausdruck freigeborner Hoheit ſtößt, welcher ſich ſelten anders als bei dem wirklichen Adel ſo entſchieden ausgeprägt findet. „Seit zwei Tagen haben wir Ruhe mit dem Vor⸗ ſpann,“ ſagte Vater Chriſtoph mit einer Stimme, welche ſchließen ließ, daß ſo etwas nicht häufig vorkam. „Der Schimmel braucht aber auch Ruhe,“ meinte Ivar. „Ja, die könnte Mancher brauchen“— entgegnete der Mann düſter.„Aber in Kriegszeiten darf man daran nicht gedenken, da müſſen Alle die Plagen mitleiden. Wenn es nun aber bald, wie ſie ſagen, Friede wird, ſo können wir hoffen, daß uns das Jahr 1815 hübſchere Früchte bringt, als die vorigen Jahre, wo Franzoſen und Norweger den Schweden etwas Anderes zu thun gaben, als Pflügen und Säen.“ „Das wird dem Schimmel wohl thun!“ ſagte Ivar vergnügt. „Ja, wenn er unterdeſſen nicht krepirt!“ erwiederte der Vater mürriſch.„Sie fahren ja wie die Narren, die übermüthigen Herren, und halten einen Vorſpannbauern für nicht viel beſſer, als das liebe Vieh. Im Dienſte der Krone, meinen ſie, ſei Alles erlaubt.“ „Da muß ich auch trachten, in den Dienſt der Krone zu kommen,“ rief Ivar mit munterer Stimme. „Meint ihr nicht auch, Vater, daß es luſtig ſein müßte, wenn ich ſo ein vornehmer Herr werden könnte?— Da wollte ich aber lärmen ſo gut als Einer. Und da ihr ſagt, daß Alles erlaubt ſei, ſo will ich ihnen alle 10 Prügel, welche der Schimmel bekommen hat, mit Zinſen heimgeben.“ „So lange ich lebe und befehle, wirſt du nicht Soldat,“ entgegnete der Vater kurz. „Warum denn? Ihr wart ja ſelbſt Soldat in eurer Jugend, Vater.“ „Bei dieſen Worten durchzuckte es plötzlich den ganzen Körper des Mannes. Seine Naslöcher öffneten ſich, ſeine Stirne zog ſich in Falten, und ſeine kohlſchwarzen Augen blitzten ſo funkelnd wie die Ivars; allein ſtatt der neugierigen Verwunderung, welche dieſe ausdrückten, lag in denen des Vaters ein finſterer wilder Haß, welcher um ſo bitterer war, als er nur in ſich ſelbſt Nahrung zu finden ſchien. „Ihr ſeid böſe, Vater,“ entgegnete Jvar niederge⸗ ſchlagen und betrachtete mit forſchendem Blicke die ſelt⸗ ſame Veränderung, welche mit deſſen Zügen vorgegan⸗ gen war. Chriſtoph gab keine Antwort; ſein Blick ſchweifte durch die dunkle Umgebung, allein die Mutter ſtieß Ivarn leiſe mit dem Fuße an und gab ihm ein Zeichen zu ſchweigen⸗ Nach einigen Augenblicken erhob ſich die arme Fa⸗ milie von ihrem Abendeſſen, und während Ivar mit dem abgeräumten Geſchirre der Mutter in die Küche folgte, flüſterte ſie ihm zu: „Komm nie mehr mit ſo etwas, ſofern du nicht den Vater auf lange Zeit verſtimmen willſt.“ „Was bedeutet denn dieß nur?“ fragte Ivar aber⸗ mals leiſe. „Wenn der Vater gewollt hätte, daß du es wiſſen ſollſt, ſo würde er es wohl ſelbſt geſagt haben,“ ent⸗ gegnete die Mutter in ſtrafendem Tone. „Holla, holla, aufgemacht da drinnen!“ ließ ſich plötzlich eine ſtarke Stimme draußen vernehmen, und es geſchahen ein paar heftige und eilige Schläge an der Thüre.. vn 128 8——— 11 „Da haben wirs!“ polterte Chriſtoph heraus und drehte ſich haſtig um.„Das iſt Swens, des Wagen⸗ meiſters Stimme; mach auf, Ivar! Wußte ich doch, daß weder Gaul noch Mann drei Nächte Ruhe haben ſollten.“ „Ihr dürft nicht fahren, Vater laßt mich ſtatt eurer gehen!“ bat Jvar und näherte ſich der Thüre. „Du biſt ja den ganzen Tag im Walde geweſen,“ war die kurze Antwort. „Und ihr in Nil Persſon's Scheuer und habt ge⸗ droſchen!“ erwiederte Ivar mit einem Tone, welcher wild heißen konnte, und ohne des Vaters Ausſpruch abzu⸗ warten, öffnete er dem Wagenmeiſter die Thüre, welcher unverzüglich mit dem Rufe:„Vorſpann— im Augen⸗ blick!“ hereinſtürzte.„In einer halben Stunde kommt ein Herr, der als Conrier nach Norwegen geht, und iſt nicht Alles ſchnell fertig, ſo ſei Gott euch und uns gnädig. Drum ſputet Euch, Vater Chriſtoph, die Reihe iſt an euch; hier iſt euer Zeichen.“*) „Na, ſo arg wird's wohl nicht preſſiren,“ erwiederte Chriſtoph, zündete ſich ſeine Pfeife an, welche am Fenſter lag, empfahl Ivarn Eile und verlangte von der Mutter ſeinen Rock. Allein Ivar ließ ſich nicht ſo leicht abweiſen, und da der Schimmel doch ein Mal noch hinaus mußte, ſo freute er ſich innerlich darüber, daß der Vorſpann jetzt gerade auf die Nacht angeſagt worden war. Sollte er doch nun hinausfahren dürfen in die ſchwarze Nacht, durch den noch ſchwärzern Wald, und den Sturm gleich dem Rauſchen eines toſenden Waſſerfalls um ſich brauſen hören. Dieß war ſeine Luſt, und ohne daß er ſich ſelbſt das Warum zu erklären wußte, hob ſich im Sturm *) Als Erſatz für die in manchen Gegenden wangelnde Poſt⸗ einrichtung iſt in Schweden(ebenſo wie auch in Ungarn] ein Vorſpanndienſt(Skjut) eingeführt, wonach die Bauern der Reihe nach den Reiſenden weiter zu bringen haben. —A 12 der Elemente ſeine Bruſt ſtets höher. Es war ihm, als fehlten ihm nichts als Flügel, um ſich, gleich dem jungen Adler, in die weiten Lüfte zu ſchwingen. „Lieber Vater, wenn ihr mir einen Gefallen thun wollt, ſo laßt mich fahren,“ bat er angelegentlich. „Laß ihm ſeinen Willen, Vater! Er iſt ja ein an⸗ ſtelliger Burſche,“ ſagte Mutter Ingierd vermittelnd;„auch hat er ganz Recht, daß dein geſchwollener Fuß weit eher des Bettes als eines Karren bedarf.“ „Meinetwegen,“ verſetzte der Vater, legte ſeine Pfeife weg, um ſelbſt in den Stall zu gehen, während Jvar ſich ankleidete.. Jetzt brachte ſeine Mutter die neuen wollenen Strümpfe nebſt den guten Stiefeln, nahm den langen Ueberrock von der Wand, und als Jvar, welcher während der Zeit am Herde geſtanden und ſich gewaſchen hatte, zum Schutze gegen den Sturm in aller Eile noch ſein Sonntagswams anlegte, welches nur bei Vorſpannfuhren und in die Kirche angezogen wurde, knüpfte ihm die Mutter noch ein großes wollenes Tuch um den Hals, und ermahnte ihn eindringlich, doch ja recht vorſichtig zu fahren, damit der Schimmel nicht wieder den Huſten bekäme. „Da hört man's, daß ihr niemals einen Courier gefahren habt, Mutter Ingierd,“ verſetzte der Wagen⸗ meiſter mit wichtiger Miene.„Solches Volk, dürft ihr glauben, ſcheert ſich den Henker um den Huſten, den ein Gaul hat. Die hauen unter Fluchen und Schreien be⸗ ſtändig drauf, damit es nur recht ſchnell vorwärts gehen ſoll. Ja, ja,'s iſt wie ich ſage, ich hab, meiner Seel, ſchon oft zugeſehen und der Schimmel, das arme Thier, wird ſchon merken, daß dieß eine ganz andere Commiſſion iſt, als ſo bedächtig vor dem Karren einher zu hoppeln, wenn ihr nach der Kirche fahrt, Mutter Ingierd.“ „Ich bin mir nicht bewußt, Swen, daß ihr mich zur Kirche habt fahren ſehen, ich gehe jeden Sonntag 13 dahin,“ verſetzte Mutter Ingierd mit einem leichten Seufzer.— „Jetzt freilich, das glaub ich; aber als ihr noch Haus und Hof hattet, da hab' ich es geſehen,— auch konnte es euch damals kein Menſch verdenken. Aber ſeit ihr darum gekommen ſeid, und nichts mehr habt, als eure Waldhuͤtte, ſo wollt ihr nicht in der Leute Mund kommen. Ihr wart von jeher eine geſcheidte Frau, Mutter Ingierd, und ſeid deßhalb auch bei Jeder⸗ mann wie ſonſt in Ehren.“ „Mißwachs und ſchlechte Leute waren Schuld an unſerm Unglück, aber wir ſind zufrieden, und leben der Zuverſicht, daß Alles, was der Herr thut, zu unſerm Beſten gereicht,“ verſetzte Mutter Ingierd mit Würde. „Aber du, Wagenmeiſter Swen, brauchteſt gleichwohl nicht ſo hochmüthig zu ſein, und uns daran zu erinnern: denn es iſt nicht ſchön, ſich über anderer Leute Unglück zu freuen.“”“ „Das hab ich auch nicht gethan. Ich redete blos von dem Gaule, und da bin ich ſo zufällig darauf ge⸗ kommen. Ihr müßt das nicht ſo nehmen, Mutter, denn es war nicht böſe gemeint,“ verſicherte der Wahenmeiſter, faſt um Verzeihung bittend. „Um ſo beſſer für dich; aber was du von dem Pferde geſagt haſt, erſchreckt mich. Möge Gott das arme Thier bewahren, es iſt das einzige, was uns von unſerer frühern Habe geblieben iſt.“ „O, laßt euch dieß nicht anfechten, Mutter,“ trö⸗ ſtete ſie Ivar.„Courier oder nicht— wird er doch wie ein Menſch fahren. Ihr wißt ja ohnehin, daß ich das Fahren verſtehe, und mit Herrſchaften umzugehen weiß— verlaßt euch nur auf mich; es wird ſchon Recht werden!“ Jetzt hörte man wie Vater Chriſtoph mit Pferd und Karren vorfuhr. Bei dem wohlbekannten Wiehern des Schimmels zupfte Ivar ſeine Mutter am Rocke und zog ſie ein wenig bei Seite.— „Gebt mir einen Kuchen, Mutter, oder zwei, wenn ihr könnt! Man muß dem Schimmel ſchon Etwas zum Beſten geben auf die Nacht.“ Ingierd ſuhr haſtig mit dem Arme in die Höhe und holte von der ſpärlich verſehenen Stange einen Brod⸗ kuchen.*)„Ich kann nicht wohl mehr entbehren, lieber Jvar, aber ſpute dich jetzt, und ſtecke das Brod in deine Wamstaſche, damit der Vater nichts davon inne wird, denn du weißt, er ſieht niemals gut dazu, wenn wir mit dem armen Thiere das ſauer verdiente Brod theilen.“ „Vorwärts, vorwärts, Ivar!“ rief der Wagenmeiſter ungeduldig,„ich hab' nun ſchon mehr als eine ganze Viertelſtunde hier vertrödelt!“— nickte ſeinen Abſchieds⸗ gruß und ſchritt fürbaß. Sobald Ivar ſeinen Aeltern Lebewohl geſagt hatte, machte er ſich an das Geſchäft, beſtieg den Karren, und holte an der erſten Waldecke bald den Wagenmeiſter ein, welcher auch aufſitzen wollte und ihn deßhalb anging. Allein Ivar antwortete abſchläglich auf dieſe Bitte: „Schönen Dank, daraus wird nichts— ich muß meinen armen Schimmel ſchonen, doch will ich's nicht beſſer haben als du“— bei dieſen Worten war er mit einem Sprunge von dem Wagen und ging auf der andern Seite im langſamen Schritte neben her, bis ſie in die Nähe des Gaſthauſes kamen, wo das Geräuſch eines Fuhrwerks, welches ſich in geringer Entfernung hören ließ, ſie zu mehr Eile antrieb. *) Flache ſchwarze Brode, mit einem Loche in der Mitte, um ſie aufhängen zu können. Sie werden auf lange hinaus im Vor⸗ rath gebacken und beim Landvolke in Schweden ſehr gewöhnlich. ———-. —— II. Der Courier. Sowie Jvar den Hof erreicht hatte, rollte von der andern Seite ein Karren herbei und eine barſche, befeh⸗ lende Stimme ließ ſich vernehmen:„Iſt angeſpannt?“ Auf die bejahende Antwort ſtieg ein Offizier aus, welcher ein junger Mann zu ſein ſchien, und ging auf das bezeichnete Fuhrwerk zu. Mit einem tüchtigen Fluche zeigte er verächtlich auf das Pferd und fragte:„dieß iſt der Gaul, welcher mich zur nächſten Station bringen ſoll?“ „Ja, das iſt er allerdings; er hat den Weg ſchon oft gemacht,“ antwortete Ivar höflich, und lüftete die üp.. v Halts Maul, Lümmel!“ ſchnautzte ihn der Herr an. 77 Witthl— Wagenmeiſter!— wo ſind die Schlin⸗ el— 5„Hier— hier!“ Mit dieſen Worten kamen Gaſt⸗ wirth und Wagenmeiſter herbei, jedoch beide mit der demüthigſten Schüchternheit in Gang und Bewegung, welche eine ſo natürliche Folge der täglichen Gewohnheit iſt, grob behandelt oder gar geprügelt zu werden. „Höre, Kerl,“— der Offtzier verſchränkte dabei mit einem Ausdruck von hoher Würde die Arme über der Bruſt, und heſtete einen Blick auf den armen Wirth, gleichwie ein Richter, der einen Verbrecher zum Ge⸗ ſtändniß bringen will:—„wie kannſt du es wagen, mir ein ſolches Pferd anſpannen zu laſſen? Weißt du, daß ich dich für dieſe Unverſchämtheit prügeln laſſen kann? Und du haſt niemals gehört, was für eine Strafe den 16 Wirth erwartet, durch deſſen Nachläſſigkeit ein Courier mit wichtigen Depeſchen aufgehalten wird?“ Das betrübte Geſicht des Wirthes deutete auf nichts weniger hin, als auf den Wunſch, den geſtrengen Herrn noch länger aufzuhalten. Indeſſen wagte er doch den Einwand, daß alle Vorſpannpferde unterwegs, und außer dem gegenwärtigen kein anderes zu haben ſei. „Dummheiten!“ donnerte der Offizier ungeduldig; „gib eines von deinen eigenen Pferden her!“ „Ja, darauf ſollte es mir gar nicht ankommen, err, wenn nur eines zu Hauſe wäre,“ wandte der Wirth ein,„aber Swen, der Wagenmeiſter da, weiß, daß alle auf dem Vorſpann ſind, der große und der kleine Rappe; und der Falbe, der arme Kerl, hat ſich einen Stein in den Huf getreten, daß er nicht vom Flecke kann.“ „Was kümmere ich mich um deinen großen und kleinen Rappen und um deinen Falben, ob die Beſtien 3 fliegen oder laufen können! verdammter Bauernlümmel! fort, ſchaffe mir den Augenblick ein anderes Pferd, oder.“ bei dieſen Worten hob der Offizier ſeinen Säbel und machte Miene, den breiten Rücken des rirshes mit der flachen Klinge Bekanntſchaft machen zu aſſen. d „Des Himmels beſten Segen auf Euer Gnaden,“ rief der Wirth voll Angſt.„Wenn Euer Gnaden mich todt ſchlagen, bin ich nicht im Stande, vor anderthalb Stunden ein anderes Pferd zu ſchaffen. Allein ich kann, bei Allem was heilig iſt, verſichern, daß Ehriſtashs Schimmel Sie gewiß nach Stabbelshede bringt.“ 3 „Na, dann mag es auf deine Verantwortung ge⸗ ſchehen!— wenn Etwas daraus entſteht, ſo haſt du es dir ſelbſt zuzuſchreiben,“ verſetzte der Offizier drohend und ſprang auf den Karren.„Halt! Heda! wie heißt dieß Neſt, Uggleborg oder......“ „Swarteborg, Euer Gnaden.“ 17 „Swarteborg! gutgewählter Name. Wie weit iſt es bis zur nächſten Station?“ „Nur fünf Viertelmeilen,“ verſicherte der Wirth mit einem tiefen Bücklinge, ſichtbar vergnügt, daß der Sturm nun vorüber war. „Wenn aber die Mähre nicht gehörig vorwärts kommt, und ich über die feſtgeſetzte He, aufgehalten werde, ſo kannſt du dich darauf verlaſſen, daß ich deiner gedenken werde. Und nun fahre zu, Schlingel, und ſchone deine Mähre nicht, wenn anders du ſelbſt ver⸗ ſchont bleiben willſt.“ Die letzten Worte waren an Jvar gerichtet, welcher aber darüber nicht im geringſten eingeſchüchtert oder auch nur überraſcht ſchien, ſondern gelaſſen aufſtieg, und ſei⸗ nem alten Schimmel den erſten leichten Hieb über die dürren Lenden verſetzte. „Heißt dieß fahren Burſche?“ fragte der Offtzier nach ein paar Minuten, und gab ſeinem Nebenmann einen ziemlich unſanften Rippenſtoß. „Es geht ja hier eine ſtarke Anhöhe hinauf,“ ent⸗ gegnete Ivar mit einer Ruhe, welche gegenüber einem gewaltigen Eiſenfreſſer, als der Courier zu ſein ſchien, faſt wie Tollkühnheit heraus kam. Jedoch ließ dieſer die Vermeſſenheit des Jungen ungerügt, und blieb ſtill fitzen, bis etwa eine halbe Meile von Swarteborg, der Schimmel, welcher ſich bei der gewohnten Behandlung ſeines jungen Gebieters in der That zum Erſtaunen an⸗ gegriffen hatte, durch anhaltendes heftiges Pruſten end⸗ lich ſeine Müdigkeit und den Entſchluß, nicht weiter gehen zu wollen, andeutete. „Die Mähre iſt ja ganz kaput,“ polterte der Ofſi⸗ zier, und glaubte ſeine Behauptung mit einer langen Reihe von Schimpfworten über Wirth, Roß und Fuhr⸗ mann begleiten zu müſſen. Juar ſchwieg, jedoch nicht ſowohl aus Furcht, ſon⸗ Der Skiutsjunge. 2 dern in der Ueberzeugung, daß eine Antwort doch zu nichts dienen könne. „Hörſt du nicht Schlingel, oder biſt du taub? Siehſt du nicht, daß der Gaul ganz kaput iſt?“ „Das iſt er gar nicht,“ antwortete Jvar, um ſei⸗ nen hitzigen Nachbar nicht weiter zu reizen,„wenn er es aber nis Awerden ſoll, bevor wir an Ort und Stelle kommen,“ ſetzte er mit gedämpfter Stimme hinzu,„ſo muß der Herr nachſichtig ſein und menſchlich mit ihm verfahren.“ „Was, Burſche, du willſt mir vorſchreiben, wie ich fahren ſoll? Her mit dem Zügel, Hallunke, jetzt ſollſt du ſehen, wie es ganz anders losgeht.“ Und Jvar, außer Stand ſeine Rechte zu bewahren, mußte ſich mit blutigem Herzen und brennenden Wan⸗ gen darein ergeben, wie der Offizier beſtändig auf den Schimmel loshieb, und ihn in ununterbrochenem Laufe erhielt. Das abgemagerte Thier ſchnaubte und keuchte, und machte, trotz der nie ruhenden Peitſche, ein Mal über das andere vergebliche Verſuche ſtehen zu bleiben. Jeder Seufzer des armen Schimmels, welcher Jvarn ſchon damals theuer und werth war, als er noch kaum an ihm heraufreichen und ihn ſtreicheln konnte, ſchnitt dem Knaben tief ins Herz, und es ſchwoll ihm vor bitterm Haß gegen den Unmenſchen, deſſen tyranni⸗ ſche Gewalt hier Geſetz war und welchem Trotz zu bie⸗ ten, ein vergebliches Unterfangen geweſen ſein würde. Als ſie etwa noch eine halbe Meile vor ſich hatten, war auf ein Mal des Schimmels Kraft vollſtändig er⸗ ſchöpft. Er ſank auf die Vorderfüße nieder, und weder des Offiziers Peitſche, noch Ivars Zureden und wohl⸗ bekannte Stimme vermochten ihn aus dieſer Stellung in die Höhe zu bringen, obgleich ſeine unter unaufhörlichen 5 Peitſchenhieben convulſiviſch zuckende Haut hinlänglich bewies, daß die Schmerzen ihn gezwungen haͤtten, ſie, wenn es ihm irgend möglich, aufzugeben. Unter ſolchen Umſtänden ging die leidenſchaftliche 19 Hitze des Offiziers in völlige Raſerei über, und nach⸗ dem er fruchtlos ſeine Kräfte an dem Thiere erſchöpft und dazwiſchen auf den Sturm geflucht hatte, welcher ihm fortwährend Sand und Koth in die Augen blies, fuhr er über Ivar mit einem Tone her, welcher nichts weniger als Gutes erwarten ließ: „Wie heißt du, Canaille? Für dieſe Fahrt ſollſt dn mir büßen!“ „Ich heiße Jvar Borgenſtierna,“ antwortete der Junge, und ſeine Stimme zitterte vor heftiger Aufre⸗ gung. Er würde gern Tagelang Hunger gelitten haben, wenn er nur mit ſeinem Schimmel wohlbehalten daheim geweſen wäre; und ſo wenig es auch ſonſt ſeine Sache war, durch Thränen ſeinen Gefühlen Luft zu machen, konnte er doch nicht verhindern, daß ein paar heiße Tropfen über ſeine Wangen rannen, als er ſeinen treuen geliebten Kameraden daliegen und vergeblich ſeine er⸗ ſchöpften Kräfte anſtrengen ſah, ſich unter dem Druck des Fuhrwerks emporzuarbeiten. „Wie heißt du, Schlingel, noch ein Mal!“ rief der Offizier mit einem Tone, in welchem Erſtaunen lag. „Ich ſag es ja, Ivar Borgenſtierna heiße ich.“ „Borgenſtierna? Du biſt ein Edelmann, du Schlingel, und ſchämſt dich nicht, dein Wappenſchild durch ein ſolches Leben zu beſudeln, und dich gleich einem elenden Bauerntölpel auf den Landſtraßen als Fuhrknecht brauchen zu laſſen? Auf Ehre, ſo etwas iſt mir noch nicht vorgekommen! Wenn denn nicht Ein Tropfen Blut in deinen Adern fließt, welcher ſich gegen eine ſo niederträchtige Dienſtbarkeit empört, ſo will ich ihn zu er⸗ wecken ſtreben!“ Bei dieſen Worten gab der hitzige junge Mann dem unſchuldigen Knaben ein paar tüchtige Ohr⸗ feigen, welchen ſchnell noch einige Peitſchenhiebe folgten. Jvarn ſchwollen die Adern von bisher unbekannten ſonderbaren Gefühlen, welche jetzt gewaltſam auf ihn einſtürmten. Die Schläge, welche er bekommen, ſchmerz⸗ ten ihn weit weniger, als die Schmach, ſich ſo behan⸗ 20 delt zu ſehen, ſeinen Stolz verwundete, der bisher in ſeiner Bruſt verborgen geſchlummert hatte, aber nun auf ein Mal zum kräſtigen Leben erwachte. Jedoch blieb ihm dieſes Gefühl noch immer ein dunkles Räthſel, bis es der Zeit und den Jahren vorbehalten war, es ihm vollſtändig zu löſen.. „Hat der Herr das Recht, mich dafür zu ſchlagen?“ fragte Ivar mit unterdrückendem Unwillen,„daß der Ahn⸗ herr meines Vaters, welcher König Karl dem Zwölften diente, ein ſo angeſehener Mann war, als ihr ſelbſt ſeid, und in ſeinem Uebermuthe endlich in Armuth ge⸗ rieth, ſo daß einer ſeiner Söhne froh war, eine Bauern⸗ tochter in Swarteborg zu heirathen, und ſelbſt ein Bauer zu werden? Iſt es meine Schuld, daß meines Vaters Ahnherr geadelt wurde, und dürft ihr mich deßhalb einen Edelmann ſchelten?“ „Schelten?“ wiederholte der Offizier mit einem leichten verächtlichen Lächeln.„Begreifſt du nicht, was du verloren haſt, Sklave?“ „Ich bin weder Sklave noch Edelmann,“ entgeg⸗ nete Jvar mit ſteigender Bitterkeit.„Mein Vater iſt ein freier Bauer, und dieß kann ich gleichfalls werden, — auch begreife ich, nach dem was ich ſo eben geſehen, daß es beſſer iſt, ein ehrlicher Bauerntölpel zu ſein, als eine adelige Plage für Menſchen und Vieh.“ „Reize mich nicht, Schlingel, damit ich dir nicht noch andere Plagen zu koſten gebe, als du bisher ſchon erfahren!“ erwiederte der Offizier, und ſchwang im Zorne ſeinen Säbel über Ivar.„Leider,“ fuhr er fort, „biſt du dennoch ein Schandfleck für den Stand, von dem du ausgeartet biſt, weil deine Vorfahren den Adel nicht aufgegeben haben, welchen ſie durch ihre Ernied⸗ rigung verwirkt hatten.“ „Nun, wenn ich denn doch zuletzt ein Edelmann ſein ſoll,“ rief Ivar aus, deſſen Muth in dem Ver⸗ hältniſſe wuchs, als der Zorn dem Andern das Blut immer heftiger kochen machte,„ſo bin ich Ihresgleichen, — 21 und habe das Recht, an Ihnen meine Fäuſte gerade ſo gut zu probiren, wie Sie an mir. „Biſt du toll?— und haſt du Luſt zum Narren⸗ haus?“ lautete die verächtliche Erwiederung des Offiziers, welcher jetzt ſeine Aufmerlſamkeit auf das Pferd richtete; ſeine und Ivars vereinte Kräfte hoben es in die Höhe, ohne es übrigens weiter als drei bis vier Schritte vor⸗ wärts zu bringen, worauf es abermals niederſtürzte. Außerdem war auch der Weg ſo ſchlecht unterhalten, und in Folge mehrtägigen Regens ſo grundlos, daß es auch für ein kräftigeres Thier, als der Schimmel, eine ſtarke Aufgabe geweſen wäre, fünfviertel Meilen darauf zurückzulegen, ohne zu ermatten. Aus dieſer Noth wurde endlich der Offizier ſammt Ivar und ſeinem Schimmel durch ein glückliches Unge⸗ fähr geriſſen. Es ließ ſich nämlich auf einmal aus eini⸗ ger Entfernung von der andern Seite des Waldes her das Geräuſch eines Fuhrwerks hören und kurz darauf ſah man einen leeren Wagen mit zwei Pferden. Der Offizier rief dem Ankömmlinge ſogleich zu, und befahl ihm ohne weiteres ein Pferd auszuſpannen und vor den Karren zu legen. Die Einwendungen der Bauern wollen, wie man weiß, in Kriegszeiten nicht viel heißen, deßhalb fügte ſich jener auch nach den Umſtänden ſchleunig in den Be⸗ fehl, ohne irgend ein Wort zu verlieren. Sobald ein⸗ geſpannt war, ſtieg der Offizier auf den Karren, und rief Ivarn noch einmal zu:„Hör, Lümmel, wenn dein Gaul wieder auf die Beine kommt, ſo kannſt du im nächſten Wirthshauſe deinen Karren holen, und es Gott und meiner Nachſicht danken, wenn ich im Dienſt⸗ buche keine Beſchwerde über dich führe!“ Damit hieb er auf das friſche Pferd los, und in ein paar Minuten war Ivars Karren ſammt ſeinem Pei⸗ niger verſchwunden. 22 III. Der Schimmel. G So befand ſich nun unſer Held mit ſeinem abge⸗ triebenen Kameraden in finſterer Nacht auf der offenen Landſtraße, eine gute Meile vom Hauſe entfernt. Noch brannten die erhaltenen Ohrfeigen auf ſeinen glühenden Wangen, und gerade dieſe eben erlebte Scene verbannte ſo ſehr alle andern Gedanken in ihm, daß eine ziemliche Weile verging, ehe Ivar fühlte, wie der Schimmel ſich an ſeiner Schulter mit dem Kopfe rieb, gleichſam als wolle er ihn mahnen, ſeinen ältern und beſſern Freund nicht über der neuen und gewaltthätigen Bekanntſchaft zu vergeſſen... „Du haſt recht, armer Schimmel,“ ſagte Jvar, welcher inſtinktmäßig den erhaltenen Wink verſtand. „Ich wäre ein rechter Narr, wenn ich dich die ſchimpf⸗ liche Behandlung entgelten laſſen wollte, welche der heilloſe Edelmann uns Beiden angethan. Tröſte dich, mein Schimmel, hier haſt du Etwas.“ Jvar zog den Brodkuchen hervor, und ließ ſeinen Liebling Biſſen um Biſſen aus der Hand freſſen, führte ihn dann zu einem kleinen Bache in der Nähe, und ſah mit Vergnügen, wie das erfriſchende Waſſer das abgetriebene Thier zu erquicken ſchien.— Nachdem er noch eine halbe Stunde lang ſeinem Roſſe alle Hülfe hatte angedeihen laſſen, welche Zeit und Umſtände erlaubten, ergriff Ivar die Zügel, und neben dem Thiere hergehend, ſchritten Beide langſamen Schrittes vorwärts, während der Knabe nach alter Ge⸗ wohnheit noch mit ſeinem greiſen Vertrauen die herge⸗ brachte Unterhaltung führte. „Nun, Schimmel, heute haben wir etwas Ordent⸗ liches durchgemacht! Gelt, mehr ſolche Fahrten würden dir nicht gefallen?— Mir auch nicht;— da ſollte es ——.=ͤN8— 23 bald mit dir aus ſein. Was meinſt du aber, was der Vater dazu ſagen wird, wenn wir ſo langſam angezo⸗ gen kommen, und unſern Karren im Stiche gelaſſen haben? Ja, ja, Anfangs wird er wohl etwas böſe ſein, wenn er aber nur erſt weiß, wie Alles gekommen iſt, ſo wette ich darauf, er ſagt: Das war Recht, mein lieber Ivar, du haſt dich wie ein braver Kerl be⸗ nommen! Auch haſt du wohl gethan, nicht hinter dem Karren drein zu ziehen,— dieſen kann ich ja mit heim⸗ nehmen, wenn ich in der nächſten Woche mit Nils Parsſoes Fuhrwerk dort vorbei komme, und dem armen Schimmel war es auch zu gönnen, daß er frei und ledig vom Vorſpann heimſpazieren konnte. Ja, ſo wird der Vater ſagen, aber Troſt werde ich erſt bei der Mutter finden: ein Auge könnte ſie darum geben, das weiß ich. — Aber von den Ohrfeigen darf ſie kein Wort erfah⸗ ren, denn ſonſt darf ich nicht mehr hinaus. Meinſt du nicht auch, Schimmel, daß es beſſer iſt, wenn wir da⸗ von ſchweigen?“ Hie und da gab der Schimmel durch ein ſchwaches Wiehern ſeine Zuſtimmung zu erkennen, und ſie ſetzten ihren Weg eine Zeitlang ſtillſchweigend fort. Allein bald blieb Ivar wieder ſtehen, und lauſchte mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit auf den Sturm, welcher heulend die Zweige eines großen Reiſerhaufens herumwirbelte, zu welchem jeder Vorüberziehende gerne ſein Theil bei⸗ zutragen pflegte, um ſo die Gebeine des Ermordeten zu bedecken, welcher, der Sage nach, darunter lag. Mit einem leichten Schauder näherte ſich Ivar dem Haufen, und ſagte, mit Bezug auf die ſeltſame Ge⸗ ſchichte, die mit jenem Morde zuſammenhing:„Als dieß geſchah, ging es wohl noch anders zu, als heute Nacht. Hätte ich ihm aber ſeine Ohrfeige wieder zu⸗ rückgegeben,“ fuhr er auf ſeine eigene Angelegenheiten übergehend fort,„ſo mag Gott wiſſen, wie es mit mir hätte werden können. Es war wohl eine ſchändliche Behandlung!— und das gelobe ich hier,“ damit legte 24 Ivar ſeine Hand auf die dürren, raſſelnden Reiſer,„ich will nun und nimmermehr ein Edelmann ſein, und ſollte ich ihn je wieder einmal treffen, wenn ich ein Mann geworden bin, ſo ſoll er mir für die Ohrfeigen büßen, denn dieſe werde ich niemals vergeſſen. Nicht daß ich nicht ſchon öfter Ohrfeigen bekommen hätte,— allein er ſchlug mich, weil ich einen adeligen Namen trage, und es wage, als Knecht mit meines Vaters Schimmel Dienſtfuhren zu thun. Er meint wohl— wie mir vorkömmt— daß ich lieber Hungers ſterben ſollte, weil meines Vaters Ahnherr ein Edelmann war, als mein Brod, wie ein Bauer, ehrlich durch Arbeit zu verdienen.“ Die bittere und kränkende Ungerechtigkeit in der Handlungsweiſe des Offiziers war es namentlich, welche Ivars offenen redlichen Sinn ſo tief empörte. Von ſeiner Zukunft überhaupt hatte er indeſſen natür⸗ lich noch keine rechte Vorſtellung, weder wie er leben, noch was er thun und treiben werde. Allein es war gleichſam eine neue friſche Quelle in Ivars Innern em⸗ porgeſchoſſen, und es dünkte ihm, als ob mit dieſer Nacht ein neuer Zeitabſchnitt in ſeinem Leben beginne. Erſt als ſeine Hand zufällig den von Froſt zittern⸗ den Schimmel berührte, erwachte er aus ſeinen Betrach⸗ tungen,— warf ein Reis anf den Haufen, und mur⸗ melte im langſamen Weitergehen:„Da liege als ein Pfand für das, was ich hier mit Worten und Gedanken gelobt habe. Ivar hält ſtets ſein Wort, ſagt die Mut⸗ ter immer“ Es war ungefähr vier Uhr Morgens, als der Kna⸗ be, nach einer etwa fünfſtündigen Wanderung mit ſeinem abgetriebenen Kameraden vor dem kleinen Stalle ankam, der zu ſeines Vaters Hütte gehörte. Nachdem IJvar das Pferd hineingeführt, warf er ihm die grobe wollene Decke über, kehrte den Häckſel aus der Krippe, und ſteckte ihm zuletzt friſches Heu auf, dann ſtieg er ſelbſt auf den Heuboden, um noch ein paar Stunden zu ruhen. 25 Es war noch kein Licht in der Stube, deßhalb ging er nicht hinein, um ſeine Mutter nicht zu wecken; auch war er hier näher bei dem Pferde, und verzichtete gerne auf das erwärmende Herdfeuer, um leichter bei der Hand zu ſein, wenn der Schimmel ſeine Fürſorge etwa noch bedürfen ſollte. Erſchöpft von den Anſtrengungen eines im Walde zugebrachten Tages und einer Nacht auf der Straße, verfiel Ivar nach kurzer Zeit in tiefen Schlaf, und träumte bald von ſeinem treuen Schimmel, bald von dem groben Courier, gegen welchen er nun im ehrlichen Kampfe ſeine Fäuſte tüchtig brauchte. Bei einem beſon⸗ ders gut gelungenen Streiche brach er in lautes Freu⸗ dengeſchrei aus, und mitten im höchſten Triumphe ver⸗ ſchwand das trügeriſche Geſicht. Jvar erwachte, rieb ſich die Augen mit den Wammszipfeln aus, und fand zuletzt, daß es nur ein Traum geweſen. Sein Lager auf dem Heuſchober erinnerte ihn mittlerweile an die verſäumte Wache; bei dem erſten Gedanken an den Schimmel war er jedoch auf den Beinen, und ſtieg eilig hinab, um ſeine unfreiwillige Saumſeligkeit wieder gut zu machen.— Allein man denke ſich den ſtummen tiefen Schmerz des Knaben, als er ſeinen Liebling, ſeinen treuen theuren Genoſſen an der Krippe auf dem Boden liegend fand, unfähig auch nur mit einem einzigen Laute Ivars Liebkoſungen erwiedern zu können? Ivar rüttelte ihn an den Mähnen, rief ihn mit klagendem Tone bei ſeinem wohlbekannten Namen; alles umſonſt— der Schimmel war todt. „Es iſt vorbei mit dir, und nun iſt's auch mit all' meiner Freude vorbei,“ ſprach Jvar leiſe, ſetzte ſich auf den Boden, ließ den Kopf auf den Schimmel finken, und heißere Thränen rannen auf den todten Freund, als ſonſt oft bei einer an Raſerei gränzende Trauer ver⸗ goſſen werden. Ivars Schmerz war einfach und kunſt⸗ los wie er ſelbſt, allein er war dennoch tiefgefühlt im 26 innerſten Schacht ſeines Herzens, und flammte da wie ein einſames Grubenlicht, bei deſſen Schein die edelſten Metalle zum Vorſchein kommen. Ruhig und lautlos blieb er in dieſer Stellung ſitzen, bis ſein Vater, welcher bereits längſt aufgeſtanden war und ſchon oft nach dem Wagen ausgeſchaut hatte, in den Stall kam, um nachzu⸗ ſehen, und hier zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen und Kummer, den armen Jvar neben ſeinem todten Freund dahingeſunken fand. „Was iſt's mit dir? Um des Himmels willen, ich glaube gar, das Pferd iſt krepirt! Steh' auf Ivar, und erzuͤhle— hat der Schurke das Thier zu Tode ge⸗ hetzt?“ Vater Chriſtoph ſtieß ſeine Fragen und Worte in Einem Athem heraus. In der erſten Betroffenheit war er nicht im Stande, ſich in den wahren Gang der Sache zu finden.— „Ja er hat ihn mit Jagen und Peitſchen zu Tode gehetzt,“ antwortete Ivar und richtete ſich mit einem Ausdruck von neuaufflammender Erbitterung in die Höhe, denn zu der Erinnerung an die ſchimpfliche Behandlung, welche er von dem Offſtzier hatte erdulden müſſen, geſellte ſich noch das Andenken an den Tod des Schimmels, welchen jener verſchuldet hatte, an den Tod ſeines einzi⸗ gen, beſten Freundes.„Aber glaubt mir Vater, es wäre auch nicht beſſer gegangen, wenn ihr ſelbſt dabei ge⸗ weſen ſein würdet. Ihr könnt gar nicht denken, wie er drauf los fuhr. Wenn ihr mir verſprecht, der Mutter nichts weiter davon zu ſagen, als was ſie ſelbſt ſehen wird, ſo ſollt ihr den ganzen Hergang haarklein erfahren.“ Und nun berichtete Ivar ſein nächtliches Abentheuer. Er wußte noch jedes Wort, das der Offizier geſpro⸗ chen und noch jeden Schlag, den der Schimmel erhalten hatte. Als er aber auf ſich ſelbſt zu reden kam, und dem Vater begreiflich machte, warum er von dem Edelmann Peitſchenhiebe und Ohrfeigen bekommen &—S=ESͤ——B- ½ έᷣ 5 — ih ——,—— 8u o 27 hatte, da zitterte ſeine Stimme dergeſtalt, daß ſeine Worte unverſtändig wurden, denn der Anblick des Schimmels, welcher regungslos und ſteif dalag, und der Gedanke, daß nun ſeinem Vater das einzige Mittel zu fernerem Verdienſt zu Grabe gegangen, ergriff Ivar aufs heftigſte mit dem natürlichen Gedankenvereine an ſeine eigene Zukunft. Als die Erzählung zu Ende war, welcher der Va⸗ ter aufmerkſam zugehorcht hatte, ſagte dieſer zwar:„Du haſt geſprochen und gehandelt, wie es einem Manne ge⸗ ziemt, Ivar;“ allein Jvars Herz fühlte keine Freude über die erhaltene Belobung,— denn war nicht der Schimmel todt und der Vater ärmer als je?„Ich will ihn tief in den Wald hinein bei der großen Eiche be⸗ graben,“ hub Ivar nach einer Weile an,„und wenn ich müde bin von der Arbeit, ſo ſetze ich mich auf den Hü⸗ gel, und plaudere mit ihm, wie ich immer gewohnt war. Er wird wohl nicht mehr wiehern, aber ich will mir doch einbilden, daß ich ihn höre.“ Der Vater ſchüttelte Leklünner den Kopf;— er verſtand Jvars Gefühle wohl. „Wollt ihr ihn mir forttragen helfen— es wird aber doch wohl am beſten ſein, wenn ich voraus gehe und ihm ein Grab mache.“ „Ja thue das, Ivar, gehe aber vor der Hand hin⸗ ein und laß dir Etwas zu eſſen geben.— Heute Abend will ich dann mit Olavus reden, daß er—“ „Zu was Vater?, unterbrach ihn Ivar, und ein kalter Schauder durchfuhr ihn.„Ihr wollt doch nicht etwa?— nein, grauſam könnt ihr nicht gegen den ar⸗ men Schimmel ſein, der euch ſo treu gedient hat.“— „Wir ſind arme Lente,“ entgegnete Chriſtoph mit der unerſchütterlichen Ruhe eines indianiſchen Wilden; „es muß ſein.“ „Vorher habe ich es nie empfunden, wie weh es thut, wenn man arm iſt, nun weiß ich es aber,“ ver⸗ ſetzte Ivar mit leiſer zitternder Stimme, und ließ ſeine 28— Thränen ungehindert auf die Haut des Schimmels ſal⸗ len, welche er bald nicht mehr ſein eigen nennen ſollte. In den erſten Tagen nach dieſem unglücklichen Er⸗ eigniſſe gingen die einſamen Bewohner der Waldhütte tief⸗ ſinnig und niedergeſchlagen, jedes für ſich, umher. Chri⸗ ſtoph las zwar Abends in ſeinem großen Geſangbuche oder der Bibel, und Mutter Ingierd ſang mit heller Stimme: „Was Gott thut das iſt wohl gethan: Er nimmt und gibt auch wieder.“ Trotz dem aber war ihr Herz tief bekümmert, und Ivar blieb länger als ſonſt im Walde, öfters ſogar bis tief in die Nacht hinein,— wo er dann auf des Schim⸗ mels Grab ſaß, und ſeinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf ließ. „Was haſt du auf dem Herzen?“ fragte Vater Chriſtoph eines Morgens, als Ivar wiederum die Art ergriff und weggehen wollte.„Es ſcheint dir noch etwas anderes als blos der Gram um den Schimmel auf dem Herzen zu liegen.“ „Ich kann das arme Thier nicht aus dem Sinne bringen, denn einen beſſern Freund bekomme ich nicht wieder, und er war mir theurer, als ihr glaubt, Vater,“ erwiederte Ivar mit einer gewiſſen Heftigkeit.„Aber,“ ſetzte er zögernd hinzu,„es überkommen mich auch noch andere Gedanken, wenn ich ſo draußen im Walde bin, dergleichen ich noch niemals gehabt habe.“ „Ich kann mir's wohl denken; aber was liegt dir dann eigentlich im Sinne?“ „Iſt es euch niemals ſonderbar vorgekommen, Va⸗ ter, daß wir, wie Er ſagt, Edelleute und doch auch Bauern ſind?“ „Nein, Gott ſei Dank! ſolches Zeug iſt mir noch niemals in den Kopf gekommen,“ entgegnete Vater Chri⸗ ſtoph in einem Tone, welcher deutlich zeigt, daß es ſein völliger Ernſt war.„Das iſt ſchon lange her, daß —8—ꝗ d 29 wir Herrenleute geweſen ſind. Steht dein Sinn darnach, Ivar?“ Ivars Antlitz überflog ein dunkleres Roth, als gewöhnlich darauf lag, und langſam und ſchüchtern ant⸗ wortete er:„Wie man will. Ein Edelmann mag ich nun und nimmermehr ſein, das ſage ich frei heraus, al⸗ lein es kommt mir doch vor, als ob ich Luſt hätte, den Pflug zu verlaſſen.“ „Was willſt du denn werden— vielleicht Soldat? haſt du Luſt zu noch mehr Schlägen?“ fragte der Vater finſter; denn er glaubte, ſein Sohn habe in der That Neigung Soldat zu werden. „Noch mehr Schläge!“ rief Ivar und ein Jucken fuhr ihm durch den Koͤrper als vernehme er die Annä⸗ herung einer Schlange, deren Biß er fürchte.„Nach Schlägen bin ich wahrlich nicht lüſtern! Warum fragt ihr ſo?“ „Weil ich auch, wie du, in meiner Jugend eben ſolche Poſſen im Kopfe hatte, und der Meinung war, es ſei etwas ſchwerer um den Pflug, als um die Muskete, — aber ich mußte die Thorheit theuer büßen. Ich nahm Kriegsdienſte und überließ den vom Vater ererbten Hof meinem Schwager. Im Anfange ging es ganz ordent⸗ lich„neue Beſen kehren gut,“ wie das Sprüchwort ſagt. S' iſt in allem ſo, im Anfang hing der Himmel voll Geigen. Aber nur Geduld,— ſobald Einer ein Mal warm in den Kleidern geworden iſt, ſo kommen ihm ſchon andere Gedanken. Durch eine Kleinigkeit hatte ich mir die Ungnade eines Offiziers zugezogen, und er drückte es mir in's Wachs. Einmal beging ich zufällig einen unbedeutenden Dienſtfehler, und der Satan, welcher un⸗ terdeſſen Kompagniechef geworden war, läßt mir in Ge⸗ genwart der ganzen Mannſchaft fünfzig Prügel aufzäh⸗ len. Ich war auch ſtolz, du darfſt es glauben, deßhalb fühlte ich die körperlichen Schmerzen weniger, als die Schande. Aber nicht genug— ich bekam auch noch meinen ſchimpflichen Abſchied, und als ich heim kam, mußte ich erfahren, daß ein Mädchen, auf welches ich längſt ein Auge gehabt hatte, mir den Rücken wandte, und ſagen ließ, daß ſie einen ſo ſchlechten Kerl wie ich einer ſei, nie die Hand reichen werde. Hier hielt Chriſtoph inne. Bei den letzten Worten hörte man es ſeiner Stimme an, daß heute noch bei der Erinnerung an jene Zeiten eine gewaltige Bewegung in ſeinem Innern vorging, und es verſtrichen einige Augen⸗ blicke, ehe er mit feſterem Tone wieder fortzufahren ver⸗ mochte:„Ich habe dir dieß nicht früher mittheilen wol⸗ len; allein jetzt wäre es Sünde geweſen zu ſchweigen, da du ja ſelbſt Neigung zeigſt, mit Gewehr und Uniform einher zu ſtolzieren. Du ſollſt aber noch weiter hören, daß es mit den bisherigen kränkenden Erfahrungen noch bei weitem nicht am Ende war. Nein, bei meiner Heimkehr fand ich auch mein Gut aus Mangel an Auf⸗ ſicht faſt zu Grunde gerichtet und nicht eine Garbe in der Scheuer. Um es nun wieder gehörig beſtellen zu können, mußte ich mich in bedeutende Schulden ſtürzen, und da der Herr mich noch überdieß für meinen Ueber⸗ muth, in fremden Landen Ehre gewinnen zu wollen, was mir freilich nie gelang— zuerſt durch eine Mißerndte, dann durch eine Viehſeuche nach der andern ſtrafte, war ich außer Stand zu bezahlen, und mußte mit Einem Male, nachdem ich mir eilf Jahre alle mögliche Mühe umſonſt gegeben hatte, Alles in andere Hände übergeben ſehen, denn die Schulden waren über den Kopf gewachſen und wir nicht länger im Stande uns zu halten, obgleich ich und die Mutter, welche ich ſeither geheirathet hatte, wie Sklaven gearbeitet hatten.“ Als Chriſtoph ſchwieg, trat Ivar zu ihm, und ſein ganzes Weſen drückte ſowohl Gehorſam und Ergebenheit, als auch die innigſte Theilnahme an dem ſo eben Gehör⸗ ten aus. „Vater,“ begann er feierlich,„ich habe euch ver⸗ ſtanden; zwar kann ich nicht läugnen, daß ich wohl zu⸗ weilen daran gedacht habe, Soldat zu werden, wo ich 4 AAASAOA=SS— 31 mich gleich ſo manchem Andern emporſchwingen könnte— allein hier habt ihr meine Hand, daß davon jetzt keine Rede mehr iſt. Ihr habt beide Kummer genug ausge⸗ ſtanden, als daß ihr euch auch noch über mich zu grämen Urſache haben ſolltet. Aber eines dürft ihr mir nicht abſchlagen: ich möchte gerne in die Stadt und mich dort umſehen. Wenn man ſo draußen auf der Straße durch Feld und Flur hinzieht, ſo hat man trefflich Zeit und Gelegenheit zum Nachdenken; ich werde ſicher dann auch auf Etwas kommen.“ „Gut gedacht und gut geſprochen, mein Sohn,“ antwortete ihm Chriſtoph vergnügt;„auch war ich ſchon ſelbſt der Meinung, du ſollteſt dieſen Gang machen, um die Haut des armen Schimmels zu verkaufen;— darauf beruht gegenwärtig unſere ganze Ausſicht auf Einnahme!“ „Vater,“ rief Jvar heftig und mit bittender Stimme aus,„konntet ihr mir nicht dieſen Kummer erſparen?“ „Dann muß ich ſelbſt mit meinem ſchlimmen Fuße hingehen,“ erwiederte Vater Chriſtoph,„und noch außer⸗ dem drei Arbeitstage verſäumen. Willſt du dieß, Jvar?“ „Wir ſind arme Leute verſetzte Ivar leiſe,„und müſſen deßhalb unſer Herz bezwingen. Ich werde die Haut mitnehmen, Vater.“ „Und ſie ſo theuer verkaufen als du kannſt.“ „Ich werde mein Beſtes thun. Aber nun muß ich mich beeilen, um der Mutter Brennholz heimzuſchaffen, damit ſie nicht hinaus muß, während ich fort bin.“ Nachdem Jvar in den Wald gegangen war, kam Mutter Ingierd mit einem kleinen Topf voll Milch nach auſe, welche ſie von der Nachbarin gegen etwas Ge⸗ ſpinnſte eingetauſcht hatte, und wurde von dem bevorſte⸗ henden Ausfluge in Kenntniß geſetzt. Als ſie ihm am andern Morgen ſeinen ſpärlichen Reiſeproviant, welcher aus drei Brodkuchen, einem Häring und einem Stücke gedörrtem Schaffleiſch beſtand, in die Taſche geſteckt hatte, verließ Ivar, begleitet vom Segen ſeiner Eltern und 82 den Ueberreſten ſeines treuen Schimmels, in Form eines Ranzens zuſammengerollt, auf dem Rücken, das väterliche Haus, um ſich nach Udevalla auf den Weg zu machen. Bis der letzte Zipfel ſeines grauen Rockes hinter dem Walde verſchwunden war, blieb Mutter Ingierd auf der Thürſchwelle ſtehen, und ſah mit zärtlichem Blicke dem Abreiſenden nach. „Komm herein, Mutter!“ rief Chriſtoph aus der Stube heraus.„Der Junge iſt ja ſchon mehr als Ein Mal fort geweſen.“ „Der Herr ſei mit ihm! Er hat zwar ein wunder⸗ liches Gemüth, aber ich habe noch nichts als Freude an ihm erlebt, von Kindesbeinen auf“— ſagte Mutter In⸗ den fromm, und ſetzte ſich wieder ſtill an ihren Spinn⸗ rocken. IV. Die Reiſe.— Ein kleines Abentheuer. *½ An einem ſonnhellen Herbſttage, zu Anfange des Oktobers, begann Ivar ſeine Wanderung, und hatte gegen Mittag den Fleck erreicht, wo ſich die Anhäöhe von Qui⸗ ſtrum in das bezaubernde Thal hinabzieht, welches, von einem Fluſſe durchſchnitten, den Augen eine ſo reiche und Je weiter Ivar hinabſtieg, deſto höher hob ſich ſeine Bruſt in Gefühlen, von denen er ſich ſelbſt keine Rechen⸗ ſchaft zu geben wußte. Der Anblick der herrlichen Werke ddees Schöpfers war es, welcher ſo mächtig auf das gefühl⸗ „wolle Herz des noch rohen Knaben wirkte,— dieß ſah man deutlich an dem Ausdrucke, mit welchem ſein trun⸗ kenes Auge auf jedem Gegenſtand verweilte. * luſtige Abwechslung der herrlichſten Naturſcenen darbietet. ——r— ——— —— ͤ— —— ₰ 0S.=S== 33 es Auf der Brücke blieb er ſtehen, lehnte ſich über das he Geländer, um deſto beſſer ſehen zu können, wie die ho⸗ hen ſchlanken Birkenſtämme ſich in den dnnkelgrauen m Wellen ſpiegelten, welche aus der ſchäumenden Mitte er des Stroms langſam dem Ufer zuwogten;— und als m er ſein Auge emporhob, ließ er es über die ſchattenreichen Bergeshöhen hingleiten, welche ſich gleich ſchützenden er Bollwerken, an den ſchlängelnden Wegen emporthürmen, in die wiederum durch den beſtändigen Wechſel des Gehens und Fahrens das Bild belebten und noch anziehender r⸗ machten. an 3 Links von der Seite, woher Ivar kam, lag, wie n⸗ heute noch, das treffliche und reinliche Gaſthaus von n⸗ Quiſtrum, ſo oft ein erſehnter Ruheplatz für die müden Reiſenden. Dahin blickte Ivar mit ſehnſüchtigem Auge, nachdem er hinlänglich die reizende Umgebung angeſchaut hatte, welche, ſo oſt er ſie auch betrachtete, dennoch ihm ſtets wieder neu vorkam. „Hier muß ſchon gut wohnen ſein,“ dachte Jvar, und trat wohlbekannt mit der Oertlichkeit, links durch den Vorplatz, von wo aus er gerade nach der Küche kam. Hier blieb er aber, ſtumm vor Verwunderung un⸗ ter der Thüre ſtehen, denn es bot ſich ihm ein Anblick dar, welcher einen tiefen Eindruck auf ſeine ſchon ohne⸗ es hin aufgeregten Sinne machte— und der auch nach den en mannigfaltigſten Ereigniſſen vieler Jahre nicht aus ſeinem ti⸗ Gedächtniſſe ſchwand. on An dem Herde ſtand ein ſchlankes Weib mit einem nd Kinde auf dem Arme, und rührte mit einem Löffel in— e. einem Milchtopfe. An der feinen Hand, deren Haut ne Jvarn weißer dünkte, als der Silberſchaum des Fluſſfſs n⸗ draußen, blitzten koſtbare Ringe, in deren buntem Ge⸗ ke funkel ſich der Glanz des kniſternden Feuers wiederſpie⸗ l⸗ gelte. Als dieſes nun höher aufloderte, warf es einen ah röthlichen Schimmer auf ein Angeſicht, deſſen bleiche n⸗ Farbe ein blaßbläulicher Rand unter einem paar matt⸗ 3 Der Stiiutsjunge. das herrlichſte, was er bis jetzt geliebt hatte, eine ſchwarze glänzender Augen ſchattirte. Die Fremde trug ein— ſchwarzes Sammtkleid, deſſen Schnitt ſelbſt dem in Da⸗ menkleidern ſehr unbewanderten Ivar als eine Probe von ausländiſchem Geſchmacke vorkam. Der Kragen daran war mit ſilbergrauem Zeug verbrämt, und vermittelſt einer goldenen Spange zuſammengehalten, woran eine maſive Kette von demſelben Metalle hing, welche das Kind in ſeinen Händchen hielt und mechaniſch damit 1 ſpielte. Das andere Ende der Kette war mit einem großen Hacken am Gürtel befeſtiget, und hielt die daran 1 herabhängende Uhr. Allein was in Ivars Augen der 4 ganzen Seene einen ganz beſondern Reiz gab, war ein 4 kleiner, gelber, zottiger Hund, welcher zu den Füßen der 1 Fremden lag, und mit dem Saume ihres Sammetkleides ſpielte. d Ob die bleiche Dame ſchön war, konnte unſer Held nicht entſcheiden, obgleich er ziemliche Zeit damit zubrachte, 1 ihr, wie es ihm ſchien, von Thränen befeuchtetes Antlitz g zu betrachten. Aber das wußte er gewiß und fühlte es g innig, daß, obgleich ſie ihm gänzlich unbekannt war, er g dennoch Alles thun und wagen würde, ihr einen Dienſt 5 zu thun, denn in den tieſen wunderſamen Augen lag Etwas, was eine bei weitem größere Gewalt ausübte, als r. ſtürmiſche Nacht. c Von dem Kinde, welches kaum ein halbes Jahr alt ſt zu ſein ſchien, ſah er blos den kleinen weißen Nacken, g über welchem das Haar in kaſtanienbraunen Löckchen un- de ter einem blauen Seidenhut herabfiel.— Nach einer kunzen Weile verſchwand das bezaubernde— Bild, denn das§ kinte vor Schmerz, und als die ar rzumachen umdrehte und ſo das RN. atter ſich beim Th htbar wurde, bemerkte Ivar die m ht des Kindes ſie — Urſachen ſeiner Klagen in einem entzündeten und ge⸗ di ſchwollenen Auge, über welches zur Hälfte die ſchüͤtzende G Binde he egeſallen war. 4 „Kriegſt du denn deine Augen nicht wieder 8* var? 3⁵ rief ihm ein junges, rothwangiges Dienſtmädchen zu, welches munter mit ſeinem Mörſer lärmte, und neckte Ivarn damit, weil er noch immer nach der Thüre blickte, in welcher die Fremde mit dem Kinde verſchwunden war. „Ach ja!— ich hätte ja guten Tag ſagen ſollen! wie geht es dir denn Liesgretchen. Ihr habt, wie im⸗ mer Reiſende, ſehe ich.“ „Ja, und ſind auch gar nicht böſe darüber,— aber was machen ſie denn in Swarteborg? Man ſagt hier, am nächſten Sonntag ſollen Britte mit Skagen und Hans mit Gertrude aufgeboten werden,— weißt du nichts davon?“ „Kein Wort. Aber wer war denn die Frau, welche da am Feuer ſtand, weißt du es nicht?“ „Ach, das iſt eine Deutſche, welche einem Offiziere nachreist, der ſie geheirathet haben ſoll, als unſer Kriegs⸗ volk da draußen war. Sie will ihn nun in Norwegen aufſuchen, ich bilde mir aber ein, daß ſie mit ihm an⸗ geführt wird, wie noch manche Andere. Ja, ja! ewig konnten unſere Leute doch auch nicht dort bleiben!“ „Die arme, arme Frau!“ ſagte Ivar mit unver⸗ kennbarer Rührung.„Das thut mir ſehr leid um ſie.“ „Dieß kann ich juſt nicht ſagen,“ meinte Liesgret⸗ chen, und warf den Kopf zurück;„was haben die gar⸗ ſtigen Deutſchen mit unſern Soldaten zu ſchaffen! Es 36 „Haſt du Niklas noch nicht geſprochen, ſeit er wie⸗ der heimgekehrt iſt?“ fragte Ivar.— „Nein, mußten ſie denn nicht alle miteinander nach Norwegen marſchiren. Aber nun wirds Friede, das hab' ich zuverläßig von einem Courieroffizier, welcher vor ein paar Tagen hier durchgekommen iſt, und dann ſoll es mit Niklas ſchon anders werden, das will ich verſprechen! Wenn ich auf den nächſten Frühling heirathe, wie wir voriges Jahr ausgemacht haben, und er nicht abermals in den Krieg muß, ſo kann er ſich das Gaffen nach andern Weibsleuten nur vergehen laſſen. Aber willſt du nicht Etwas eſſen? Unſere Frau iſt in der Stadt, und da habe ich die Schlüſſel heute.“ Jvar nahm das Anerbieten an, trat zu dem Kü⸗ chentiſche, und machte ſich an das, was Liesgretchens Gaſtfreiheit ihm vorſetzte. Uebrigens ſchmeckte es ihm nicht ſo gut wie er geglaubt hatte, als er von der Brücke nach dem Hauſe zugegangen war, denn es war ihm ſchlechterdings nicht möglich, die fremde Frau und das Kind, mit der ſchwarzen Binde und den rothgeſchwolle⸗ nen Augenliedern aus dem Kopfe zu bringen, ſogar den kleinen Hund konnte er nicht vergeſſen. Er hätte, Gott weiß was gethan und gearbeitet, um ein ſolches Kleinod zu beſitzen. Iudeſſen mußte Ivar, nach einer kurzen Zwie⸗ ſprache mit Liesgrete ſeines Weges weiter gehen. Als er in die Nähe von Uddevalla kam, war es ſchon dunkel, allein ohne eine Herberge aufzuſuchen, begab er ſich ohne Verzug nach dem Hauſe des Gerbers Brun, welches am andern Ende der Stadt lag. var war ſo glücklich, den Gerber zu⸗ e zu treffen; nachdem er eine kurze Weile hatte warten müſ⸗ ſen, wurde er in die Stube eingelaſſen, wo Meiſter Brun ſeine Abendpfeife rauchte. Nicht ohne einiges Herzklopfen ging unſer Held daran, das erſte Geſchaft zu machen, welches ſeinen Hän⸗ den anvertraut war, aber Alles,, was er gleich im erſten Augenblicke ſah, erfüͤllte ihn mit Muth und Zuverſicht, ——-—————= ö..8.ͤͤ ———+₰ ⸗ — 8 8BE— ᷣ— 818 8 ☛ A e⸗ 37 wie es auch bei ſeiner von Natur unverzagten Gemüths⸗ art überhaupt kaum anders ſein konnte. In der Ecke eines maſſiven braun uͤberzogenen So⸗ pha's ſaß Meiſter Brun, die Pſeife im Munde, und nahm dann und wann einen Schluck aus einem großen zinnernen Bierkruge, der auf dem nahen Tiſche vor ihm ſtand. Ihm gerade gegenüber ſtand ein großes Bett mit gelbgewürfelten Leinwandvorhängen, innerhalb welcher zur Bequemlichkeit der Darinliegenden beim Aufrichten ein tüchtiger gelb und rother Strick mit ſchwebendem Hand⸗ griſſe herabhing. Die Wand des Bettes zierte ein blaues Sammtkiſſen, auf welchem Meiſter Bruns große ſilberne Uhr mit obligater Kette und Berlocken hing, und auf beiden Seiten prangten die Silhouetten von ihm und ſeiner Hausfrau, in ſchwarzem Tafft ausgeſchnitten und auf Pergament aufgezogen, deſſen Farbe ehemals weiß geweſen ſein mochte. Zu oberſt auf dem hohen feder⸗ reichen Bette lag über der grünen Kamelottdecke eine fett⸗ gemäſtete graue Katze in harmloſem Schlummer, und auf der andern Seite Frau Bruns Strickſtrumpf von gleicher Farbe. Denkt man ſich nun noch einen großgeblumten Schrank, durch deſſen halboffene Thüre eine Reihe blanker filberner Löffel und eine Menge Ballen Leinwand ſichtbar wurden, Ecktiſchchen mit Parzellan von allen Farben, nebſt einem Geſtelle in einer Ecke, deſſen geheimnißvoller Vorhang von grauem Canefas ein verborgenes Heiligthum ahnen ließ, ſo hat man das ganze Zimmer vollſtändig vor ſich. Freilich befanden ſich weder neue noch beſonders zierliche Sachen in dem obenbeſchriebenen Raume, aber alles ſah ſo heimiſch und traulich aus, wie es mit Worten kaum beſchrieben werden kann, und dieſe Behaglichkeit wurde noch durch ein helles, praſſelndes Feuer erhöht, welches ſowohl die todten als die lebendigen Gegen⸗ ſtände genugſam erleuchtete. Zu den letzteren gehörte natürlich vor allen anderen Meiſter Brun ſelbſt, welcher in ſeinem braunen Werktagwamms und einer rothen Mütze auf einem Ohr gar keine üble Figur machte und ganz munter und freundlich ausſah. Daß er auch in der That ein ganz guter freundlicher Mann war, konnte man auch ſchon aus dem Tone ſchließen, mit welchem er Ivarn fragte, während er ſeine kleinen beweglichen grauen Augen auf ihn heftete: 6 „Was iſt dein Begehren, mein Junge?“ „Ich wollte blos fragen, ob der Herr nicht eine Pferdehaut kaufen will.“ „Hm, ich brauche gerade gegenwärtig keine, ich bin— hinlänglich damit verſehen. Indeſſen kommt es lediglich darauf an, was du dafür haben willſt.“ „Ach, wenn ich meines Schimmels Haut nach dem anſchlagen wollte, was ſie mir werth iſt, möchte ſie theuer zu ſtehen kommen, aber ich nehme, was ich dafür be⸗ komme.“ 4- „Da haſt du vollkommen Recht, denn bei mir macht es im Preiſe nichts aus, ob es ein Schimmel, oder ein Rappe war; ich mache darin keinen Unterſchied.“ „Ja, ja, das mag ſchon ſo ſeinz aber Etwas werde ich doch dafür bekommen. Ich hatte den Schimmel ſo lieb, und wenn nicht der Vater das Geld ſo gar noth⸗ wendig brauchte, ſo hätte jch mich lieber plagen wollen wie ein Hund, als meinem armen Schimmel die Haut ab⸗ * iehen laſſen.“ Nun, das iſt wacker von dir, daß du ſo auf deinen Later Rückſicht nimmſt. Ihr ſeid alſo wohl arm? „Ja wohl, ſehr arm,“ antwortete Ivar mit einem halbunterdrückten Seufzer. „Hör ein Mal— tritt näher mein Sohn,“ ſprach etzte der Gerber in einem noch milbern Tone, welcher andeutete, daß in ſeinem vom Biere etwas ſchweren iin Licht aufging,„komm näher! woher biſt du?“ kus dem Wald von Swarteborg“ „Und wie heißt du?“ 4 4 4 5 39 „Jvar Borgenſtierna.“ „Aha, ich weiß,— ich kenne euch ſchon. Erſt Edelx mann, dann Bauer, und zuletzt Häusler. Ja, ja— es geht gar ſeltſam in der Welt zu. Du ſiehſt übrigens aus, als wärſt du ein anſtelliger und braver Burſche. Vielleicht könnte ich Etwas für dich thun, wenn du Luſt hätteſt, das Geberhandwerk zu lernen. Ich brauche ge⸗ rade einen zuverläſſigen, willigen und ordentlichen Burſchen, weil mein bisheriger Junge nun ausgedient hat und Ge⸗ ſell geworden iſt, es haben ſich zwar ſchon Mehre bei mir gemeldet, aber ich habe noch Keinen gefunden, der mir angeſtanden hätte.“ Jvar fühlte ſich von dieſem Anerbieten überraſcht, ſagte aber, er wolle ſich die Sache in Ueberlegung ziehen. „Ja, thue dieß! Haſt du aber auch irgend eine Un⸗ terkunft für die Nacht?“ fragte der Meiſter ferner. „Ich habe gerade keinen Bekannten, den ich darum anſprechen könnte, will mich aber ſchon darnach umthun.“ „Das haſt du nicht nöthig, du kannſt hier bleiben. Geh' nur in die Werkſtatt und ſage den anderen Burſchen, daß ſie dir einen Platz einräumen. Und was dein Abend⸗ brod betrifft, ſo ſollſt du auch nicht vergeſſen werden.“ Von Herzen dankbar für das ihm wiederfahrene, un⸗ verhoffte Glück, begab ſich Jyar an den bezeichneten Ort und fand an den dortigen Kameraden ſo muntere und aufgeweckte Burſche, daß er ſich glücklich ſchätzen können ſchien, ſein Lebenlang mit ihnen zuzubring Da er nun außerdem berechnete, daß er auf gute Koſt, und nach beendigter Lehrzeit auf einen kleinen, aber immer doch hoch anzuſchlagenden Verdienſt werde rechnen 8 können, womit er wiederum ſeinen guten Eltern würde unter die Arme greifen können, ſo ſchlug ſein Herz freudiger, und der Gedanke an die majeſtät cher Stürme in den dunkeln Forſten von Swarteh allmälig immer mehr in den Hintergrund, namen da ja ſein treuer Freund und Kamerad nicht mehr am 40 Leben und mit ihm alle Ausſicht auf Verdienſt durch Vorſpann und auf Trinkgeld verſchwunden war. Kurz, nachdem er ſich die Sache hinüber und her⸗ über erwogen hatte, neigte ſich die Wagſchale deutlich auf die Seite des Gerbers, und als Ivar am folgenden Morgen aufgefordert ward, ſich darüber auszuſprechen, bat er ſich acht Tage Bedenkzeit aus, um ſich mit ſeinen Eltern darüber zu bereden und ſeine Waͤſche und Kleider in Ordnung bringen zu laſſen. Meiſter Brun fand ſeinen Wunſch nicht unbillig und bewilligte ihn demnach gerne; da er Geſchmack an dem Burſchen fand, ſo bezahlte er ihm ſeine Haut gut und verſprach ihm, daß Ivar mit ihm auch ferner zu⸗ frieden ſein ſolle, wenn er ſich ordentlich aufführen werde. Mit leichterm Herzen und froherm Sinn, als er ſeit lange her gehabt hatte, verließ Ivar Nachmittags Ud⸗ devalla, da er aber einen Bekannten in Herrſtad hatte, blieb er dort über Nacht und erreichte Quiſtrum erſt den andern Vormittag zwiſchen neun und zehn Uhr. In den letzten Viertelſtunden hatte ſich zuweilen der Gedanke an die fremde Dame mit ihrem Kinde und dem gelben zot⸗ tigen Hündchen wieder in ihm geregt. „Wo mögen ſie jetzt wohl ſein?“ dachte er, und wäre ſchier vor Freuden in die Höhe geſprungen, da er bei ſeinem Eintritte in den Hof des Wirthshauſes zu iſtrum ſie auf einmal vor ſich ſah, wie ſie eben im Begriff war, mit ihrem Kinde einen Karren zu beſtei⸗ gen, welcher freilich für die Bequemlichkeit einer zarten Dame nicht ſehr geeignet ſchien. Als nun aber ein kleiner Junge, dem Anſchein nach nicht über ſieben oder acht Jahre alt, hervortrat und die Zügel aus der Hand des Wagenmeiſters nahm, da bekam Jvar auch ihre Stimme zu hören, indem ſie im gebrochenen, jedoch wohl verſtändlichen Schwediſch fragte, ob nicht ein zu⸗ —— verläͤßigerer Fuhrmann zu haben ſei:„Pah, mit dem Jungen hat es keine Noth, der iſt ſchon viel gefahren,“”“ erwiederte der Wagenmeiſter mit einer Frechheit, welche 41 er ſich gegen jedes einzelne Frauenzimmer erlauben zu dürfen glaubte;„einen Andern haben wir nicht.“ „O Gott!“ ſeufzte die junge Dame und ſchlug den Mantel dichter um das weinende Kind.„Was ſoll ich anfangen! Seid barmherzig und laßt einen Andern fahren! Ich wage es nicht, mich mit meinem Kinde einem ſo unerfahrnen Knaben anzuvertrauen.“ Der Wagenmeiſter lachte in der einfältig rohen Art, wie man ſie ſo oft bei dergleichen Leute findet, ſetzte ſeinen Schlapphut auf Ein Ohr und meinte, ſie möge ſich in Gottes Namen drein ergeben, da es doch einmal nicht anders ſein könne. „Wohin geht es?“ fragte Jvar und trat näher an den ſo kleinen Skjutsjungen. „Nach Swarteborg,“ antwortete dieſer, und bemühte ſich die großen Fauſthandſchuhe anzuziehen, um die Zügel deſto feſter halten zu können. Da trat Jvar ſchüchtern, doch aber mit der Zuver⸗ ſicht eines Troſtbringenden zu der Fremden und ſagte demüthiger, als er je noch mit irgend Jemand geſprochen hatte:„Ich gehe nach Swarteborg, dort bin ich daheim. Wenn Sie mir erlauben wollen, Sie zu fahren, ſo ſtehe ich für jedes Unglück, was geſchehen könnte, ſoweit dieß vom Fuhrmann abhängt.“ „Habe Dank, du braver Junge, ich will deine freund⸗ liche Dienſtwilligkeit vergelten, wie es in meinen Kräften ſteht,“ entgegnete ſie in freudiger Bewegung— und der Blick, womit ſie ihre Worte begleitete, war Ivar mehr werth als alle ſonſtige Belohnung. Ivar rieth der Dame, die Anhöhe hinauf zu Fuß zu gehen, und, mit dem Kinde auf dem Arme, wäh⸗ rend der Hund ſchwerliche Wan ihr vorausſprang, begann ſie die be⸗ derung; aber noch ehe der Weg zur Hälfte zurückgelegt war, fühlte ſie, daß ihre Kräfte er⸗ ſchöpft ſeien. So Knaben das Pferd Kind zu tragen. bald Ivar dieß merkte, ließ er den hinaufführen, und erbot ſich, das Ohne irgend eine Einwendung ver⸗ 42 traute ſie die Kleine ſeiner Obhut an. Während er das Kind ſorgſam an ſeine Bruſt drückte, ſtiegen aller⸗ hand ſeltſame Gedanken in ihm auf. Es dünkte ihm etwas ſo Troſtvolles, ſo heimlich ſüßes ein ſolches Weſen unter ſeinem Schutze zu haben. Er konnte ſich nicht ent⸗ halten, ſeine Lippen auf die weißen Wangen des Kindes zu drücken, und obgleich auf der ganzen Welt nicht wohl zwei einander unähnlichere Gegenſtände gefunden werden konnten als der Schimmel und der kleine Engel, den er in ſeinen Armen trug, ſo waren doch ſeine jetzigen Ge⸗ fühle ganz denen gleich, welche er vordem für ſeinen Lieb⸗ ling gehegt hatte. Ivar's Herz war zum Lieben geſchaffen; er fühlte das Bedürfniß für irgend Etwas zu ſorgen; deßhalb war er jetzt auch ſo glücklich, und wünſchte, der Weg nach Swarteborg möchte noch ein Mal ſo lange ſein, als er eigentlich war. Als ſie den Berg oben waren, ſetzte ſich die Dame auf den Karren, nahm ihr Kind in die Arme, ſchlug den Mantel ſorgfältig darum und ſchloß die Augen, entweder zum Schutz gegen den Wind, der dichte Staubwolken auf⸗ jagte, oder um— ihre Thränen zu unterdrücken. Da für Alle der Wagen zu klein war, ſo wurde der Skiuts⸗ junge vermocht, für ein kleines Trinkgeld bis Swarteborg zu Fuß zu gehen, und Jwar ſetzte ſich auf. Um der zarten hübſchen Dame nicht beſchwerlich zu fallen, drückte er ſich ſo eng als möglich zuſammen und ſobald alles in Ordnung und auch der Hund zwiſchen Ivars Füßen unter⸗ gebracht war, ging die Reiſe vor ſich. Auf dem ganzen Wege ſprach die Dame kein Wort, nur ein Mal, als Ivar den ſchönen Hund lobte, äußerte ſie: er ſei ihr unter Wegs von Jemand zum Kaufe an⸗ geboten worden, der ſo ſehr in Noth geweſen, daß er ihn habe weggeben müſſen. „Ach, das iſt ſehr traurig!“ ſagte Jvar darauf, und fühlte inniges Mitleiden mit dem obgleich ihm Un⸗ 43 er bekannten, der das nämliche Geſchick mit ihm theilte. er⸗ Er dachte an ſeinen Schimmel und beobachtete ein fort⸗ hm währendes Stillſchweigen, konnte ſich übrigens nicht ent⸗ ſen halten, dann und wann ſich zu bücken und den Hund zu nt⸗— ſtreicheln. des Als der Karren vor dem ſchmutzigen und wider⸗ öhl wärtigen Gaſthauſe von Swarteborg anhielt, fuhr ein den ſichtbares Zittern durch die junge Dame, und ihr Blick er traf Ivars Auge mit demſelben beredten Ausdrucke der ge⸗ Erkenntlichkeit wie damals, als er ihr ſeine Dienſte ange⸗ eb⸗ boten hatte. „Mußt du mich nun verlaſſen, mein artiger Junge,“ lte fragte ſie beſorgt. dHar Ivar fühlte ſich in einer wunderbar weichen Stim⸗ ach mung, und als er hörte, daß die Reihe die Vorſpann⸗ er pferde zu ſtellen, an dem Wirthe ſelbſt war, ſo erbot er ſich ſtatt des Knechtes mitzufahren. Er wollte nur vorher ſchnell heimlaufen und es ſeinen Eltern ſagen, im Augen⸗ blicke ſei er wieder zurück. „Weil' nicht zu lange,“ bat die Fremde und trat mit ſichtbarem Widerwillen in die rauchige, ſchmutzige Stube. Ivar flog über den wohlbekannten Waldſteig, un nahm ſich kaum Zeit, mit einem freundlichen Blick das Grab ſeines Schimmels zu grüßen. Zu Hauſe hielt er ſich nicht länger auf als nöthig war, ſein Geld abzu⸗ liefern und kurze Rechenſchaft über die Folgen ſeiner Miſſion abzulegen. Bruns Anerbieten ſtellte er dem Er⸗ meſſen und der Berathung ſeiner Eltern während ſeiner Abweſenheit anheim, und was dieſe ſelbſt betraf, bat er ſie, ſich darüber nicht zu beunruhigen, wenn ſie auch etwas länger dauern ſollte,— denn es wäre ja eine un⸗ an⸗ verantwortliche Sünde an der armen jungen Frau;— ihn und es ſei gar wohl möglich, wenn ſie ihn darum bitte, daß er auch noch weiter als bis Rabbalshede mit ihr ginge. Und ſo kam es auch. Bei jedem friſchen Pferde⸗ 44 wechſel heftete die fremde Dame ihre unruhigen Blicke mit bittendem Ausdrucke auf ihn, ſo daß er nicht das Herz hatte, Nein zu ſagen, wenn ſie ihn fragte, ob er ih uhr den Gefallen thun und ſie noch weiter begleiten wolle. Je näher ſie der Norweg'ſchen Gränze kamen, um ſo höher flammte das matte Roth auf ihren Wangen und um ſo heller ſtrahlte der Glanz ihrer Augen. In Hodel wollte Ivar ihr Lebewohl ſagen, allein mit ein paar Worten war er zu überreden, ſie noch bis Svineſund zu begleiten, und ſo folgte ihr Ivar getreulich bis an die Norweg'ſche Gränze, wo ſie das Ziel ihrer langen mühſamen Reiſe zu finden hoffte. Nun aber mußte geſchieden ſein, denn bei längerm Ausbleiben ſtand für Ivar der Verluſt der Stelle in Meiſter Bruns Gerberei auf dem Spiele. Außerdem war es auch nicht mehr als noch ein paar Meilen bis Frederikshall,— und da zufolge der Uebereinkunft von Moß die Feſtung nun in ſchwediſchen Händen war, ſo hoffte die Frau, wenn auch nicht ihren Mann, doch irgend Jemand dort zu treffen, der ihr beſtimmte Nachweiſung über ihn geben konnte. „Aber wie ſoll ich deine Mühe belohnen, mein ge⸗ ſchickter freundlicher Junge?“ ſagte ſie mit Innigkeit beim Abſchiednehmen. „Ich habe Euch nur zu meinem eigenen Vergnügen begleitet, nicht um Geld,“ ſagte Ivar, und der Ton, in welchem er ſprach, ließ ſeine Meinung unmöglich miß⸗ kennen. „Was, du willſt keine Bezahlung annehmen,“ er⸗ wiederte ſie gedehnt, und eine Thräne ſtahl ſich unter ihren geſenkten Augenliedern hervor.„Wie ſoll ich dir denn vergelten, was du für mich gethan haſt?“. „Ihr ſeid mir nicht das Geringſte ſchuldig,“ ver⸗ ſicherte Ivar,„ich bin Euch ja aus freiem Willen gefolgt. Aber wenn Ihr—“ plötzlich brach er ab und wurde über und über roth.— w 45 „Wenn ich was? ſag' es heraus, wenn du Etwas wünſcheſt.“ „Ja, einen Wunſch hätte ich wohl, allein...“ „Nur heraus damit,“ bat ſie ihn ungeduldig. „Den hübſchen kleinen Hund möchte ich ſo gerne,— er iſt mir ſo gut geworden...“ „Nun woll, ich habe ihn auch lieb,“ ſagte die junge Frau,„obgleich ich ihn noch nicht lange beſitze, allein du verdienſt, daß ich dir Etwas gebe, worauf ich noch Werth lege. Nimm ihn, und erinnere dich zuweilen an die Fremde, welcher du einen ſo großen Dienſt geleiſtet haſt.“ Mit einem lauten Freudenrufe nahm Ivar die theure Gabe an, und als er zum Abſchiede der reiſenden Dame die Hand darbot, reichte ſie ihm das Kind hin und ließ aus deſſen Händchen einen kleinen gewirkten Beutel mit einigem Golde hineinfallen und ſagte zu ihm:„Dieß gibt dir meine Tochter zum Unterhalt für Geſpielin Diana, welche ſie nun dir ſchenkt.“ Ein angeborenes Zartgefühl hieß Ivar die ſo dar⸗ gebotene Gabe nicht ausſchlagen. Mit tiefer Trauer, aber dennoch ſtolz in dem Bewußtſein eines Edelmannes würdiger gehandelt zu haben, als der Courier an ihm, verließ er zoͤgernden Schrittes die Weſen, welche er be⸗ ſchirmt hatte. Als er ſchon längſt wieder auf der Schwe⸗ diſchen Seite bei Soineſund ſtand, richtete er ſeine Augen noch ein Mal nach Norwegen, und ein ſtilles Gebet für die kummerbeladene Frau und ihr Kind ſchlich ſich über ſeine Lippen. Endlich nahm er ſeinen Neiſegefährten auf den Arm und trat den Heimweg an. G V. Große umwälzung, durch Frau Bruns Katze veranlaßt. Anm Abende des vierten Tages nach angetretener Reiſe trat Ivar wieder durch die niedrige Thüre in ſeine väterliche Hütte, und es wollte mit den vielen Fragen nun faſt kein Ende nehmen. Allein Ivar war müde, und bat erſt ausſchlafen zu dürfen. 1 Die Mutter machte eine Büſchel Stroh zurecht, breitete eine rauhe warme Decke darauf, das Kiſſen ward friſch überzogen— und mit den einfachen Zubereitungen völlig zufrieden, legte ſich Ivar nieder, ſchlief bald ein und träumte von der hübſchen blaſſen Frau und dem Kinde mit der ſchwarzen Binde. So wie er Beide ſetzt ſah, ſtanden ſie auch nach dem Verlaufe von Jahren noch vor ſeiner Erinnerung, und die kleine Diana blieb ihm ein Pfand, welches ihn überall hin begleitete,— ein Ver⸗ bindungsglied, welches ihm oft in's Gedächtniß zurückrief, daß jene Ereigniſſe kein Traum geweſen ſeien. Nachdem Ivar am folgenden Tage mit gebührender Ausführlichkeit Bericht über ſeine Reiſe an die Norweg'ſche Gränze abgeſtattet und geduldig die kleinen Vorwürfe der Mutter, noch ein hungriges Maul mitgebracht zu haben, hingenommen hatte, wurde die wichtige Angelegenheit zur 4 Sprache gebracht, der Vorſchlag des Meiſter Brun. „Was meinſt du denn ſelbſt dazu, Ivar?“ ſagte der Vater, welcher oben am Tiſche ſaß und Daumen wickelte, denn es war Sonntagnachmittag.„Was meinſt du da⸗ zu? Gezwungen ſollſt du nicht werden; aber ich denke doch, es wäre ſo gut, als irgend etwas Anderes.“ „Auch kannſt du dann wenigſtens an Sonn⸗ und 1 8 12—, O 888 für tener ſeine agen und recht, ward ngen ein dem ſetzt noch ihm Ver⸗ krief, nder 'ſche 2 der aben, zur 3 2 der kelte, da⸗ denke und 47 Feſttagen zu uns herüberkommen,“ warf die Mutter da⸗ zwiſchen, und zog ihren Stuhl näher zum Vater hin, um bei dieſer wichtigen Berathſchlagung gleichſam Theil an ſeinem Anſehen zu nehmen. Jvar, welcher auf der Herdplatte ſaß und mit ſeiner Diana ſpielte, war bisher ganz ſtille geweſen. Er hatte abwarten wollen, was ſeine Eltern dazu ſagen würden, — da er nun aber hörte, daß ſie dafür waren, ſo brach er endlich ſein Schweigen, ging auf den Tiſch los, und reichte ſeinem Vater mit den Worten die Hand hin: „Topp, ich werde ein Gerber, und übermorgen ſeid ſo gut und laßt mich ziehen, denn wenn ich am achten Tage nicht zurück bin, ſo brauche ich gar nicht mehr zu kommen.“ Chriſtoph und Mutter Ingierd waren auf eine ſo raſche Entſcheidung niet gefaßt, und kamen deßhalb jetzt, nach der haͤufigen Gewohnheit auch anderer Leute, mit allerlei Einwendungen, nachdem der Beſchluß ſchon ge⸗ faßt war. Allein Jvar hatte nicht im Sinne, ſeinen Aus⸗ ſpruch zurückzunehmen, deßhalb ſchlug er all' die nichts⸗ ſagenden Einwürfe mit der beſtimmten Erklärung nieder: „Es iſt jetzt ausgemacht, ich werde Gerber!“ 1: Dabei blieb es auch Bevor aber Ivar die älter⸗ liche Hütte verließ, theilte er noch den Inhalt des ge⸗ wirkten Beutelchens mit ihnen; die eine Hälfte, welche auf ſeinen Theil fiel, wollte er bei ſeiner Ankunft in der Stadt zu einer neuen Jacke verwenden, um mit mehr Ehren in ſeinem neuen Stande auftreten zu können. Seine Eltern gaben ihm ein ziemliches Stück Wegs durch den Wald das Geleite, und acht Tage lang nach dem Abſchiede hatte die Mutter Ingierd rothgeweinte Augen.—— 3 * ** Wenn wir übrigens jetzt unſerm Helden Schritt für Schritt durch ſeine ganze Lehrzeit bei Meiſter Brun 48 folgen wollten, ſo möchte dieß nicht gewaltig intereſſant ſein. Doch das können wir nicht ganz übergehen, daß Ivar nach und nach Geſchmack am Leſen bekam, wodurch ſein von Natur kräftiger Geiſt eine noch feſtere und be⸗ ſtimmtere Richtung annahm. Alle Freiſtunden benutzte er die Bücher zu leſen, welche er nur aufzutreiben im Stande war, allein mit Ausnahme der Bibel, einer bibliſchen Geſchichte und einem kurzen Auszuge der ſchwediſchen Geſchichte waren ſeine literariſchen Hülfsmittel ſehr gering; denn weder die Geſellen noch die andern beiden Jungen hatten Luſt, ihre Zeit ſo unnütz und langweilig hinzubringen. Als nun aber der Meiſter ſeinen neuen Lehrling an jedem Sonntag Nachmittag mit einem Buche in der Hand antraf, ſtatt daß er ſich, wie die Anderen, auf der Straße herumtrieb, fühlte er ſein Herz noch mehr zu Jvars Gunſten geſtimmt, zumal da er auch ſein Tagewerk ſtets mit Fleiß und beſonderer Vorliebe verrichtete. Um ihn gehörig zu belohnen und aufzumuntern nahm der Meiſter einſtens an einem ſchönen Sonntage Ivarn mit in ſeine Stube, führte ihn vor das oben erwähnte verhängte Ge⸗ ſtell, und zog die Gardine wenigſtens ebenſo behende zu⸗ rück, als der Wachtmeiſter zu Roſenberg, da er für den Reiſenden Byſtröms ſchlafende Juno holte. Und ſiehe!— vor Jvars trunknem Blicke öffnete ſich ein Feld des ungemeſſenſten Genuſſes:— zwei lange Reihen vergelbter Bücher, ein ganzer, ein halber, zu⸗ weilen gar nur ein Drittelstheil, Fragmente aus all' den Bücherauktionen, welche Meiſter Brun ſeit zwanzig Jahren zuſammengeſteigert hatte. „Dieß iſt meine Bibliothek,“ ſagte der ehrliche Meiſter Brun, und innige Freude lag in ſeiner Stimme; „darauf hat kein Geſelle, vielweniger ein Lehrjunge noch jemals einen Blick werfen dürfen, aber du Ivar, biſt ein geſetzter und verſtändiger Menſch, fleißig und anſtellig in deinem Geſchäfte, ſowie in deiner Auffüh⸗ / 49 rung, deßhalb will ich dich auch vor Allen dergeſtalt ehren und erfreuen, daß du Zeit deines Lebens an deinen alten Meiſter denken ſollſt.“ „ Das will ich auch; erwiederte Ivar mit funkelnden Augen, und ſtand gleichſam wie verhert da, als der Meiſter einen Band nach dem andern herauszog, und ihm die Wahl überließ. Um ſich übrigens mit einer ſo ſchwierigen Sache nicht lange unnöthigerweiſe aufzuhalten, beſchloß er in Gottes Namen gleich den erſten zu nehmen, der ihm in die Hände ſiel, und ſo ſich dem Zu⸗ fall zu überlaſſen, bis der ihm zu Gebot ſtehende Schatz erſchöpft ſein würde. Dieß fand auch Meiſter Brun ganz in der Ordnung, denn er war nicht im Stande, Ivarn hei der Wahl der Bücher zu unterſtützen, und außerdem lebhaft überzeugt, daß alle von gleich großem Werthe ſeien. Der erſte große Fang war:„Peter Wilkins oder das fliegende Volk,“ zuſammengebunden mit„Gullivers Reifen,“ beide miteinander ſo dick wie ein Predigtenbuch. Ivar ſchleppte das Kleinod mit auf ſeine Kammer, und von der Stunde an, wo er den dicken braunen Leder⸗ einband aufſchlug, öffnete ſich vor ſeinen erſtaunten Sinnen eine ſo neue und wunderbare Welt, daß ihm oft vor der Menge von ſeltſamen Abentheuern der Kopf ſchwindelte. Tag und Nacht, während der Arbeit in der Werkſtätte und auf dem ſtillen Lager, träumte er von Rieſen, Zwergen, fliegenden Leuten und verzauberten Prinzeſ⸗ ſinnen. Er ward zu einer vollſtändigen wandernden Ausgabe von„Tauſend und eine Nacht“ und überließ ſich am Ende ſo ganz und gar dieſen ungewohnten Ge⸗ nüſſen, daß ſeine liebſten Erinnerungen, die Reiſe mit der deutſchen Frau und deren Kinde, ja ſogar ſelbſt das Andenken an den alten Schimmel nach und nach in den Hintergrund traten. Unter ſolchen Verhältniſſen fühlte ſich Ivar in dem Stand eines Gerberlehrlings höchſt glücklich, und das Der Skiutsjunge. 4½ b—— 1 —m —OOLͤͦã⏑ℳůrõynmynnßyn—NoNõ—C———ÿ—†—vüꝛeꝛ———— ———— ———O——-jj44— 50 einzige Unangenehme, welches ihm zuweilen den Aufent⸗ halt in Meiſter Bruns Hauſe verbitterte, waren die ewigen Fehden zwiſchen Frau Bruns Katze und Ivars Liebling und beſtändigem Gefährten, der goldlockigen Diana. Frau Brun war ein herzensgutes, braves, altes Mütterchen, aber auf ihre graue Katze hatte ſie alle die Zärtlichkeit übertragen, welche ſie ohne Zweifel, wäre ſie mit andern Erben geſegnet geweſen, dieſen gewidmet haben würde. Deßhalb wollte ſie auch niemals zugeben, daß der„abſcheuliche Hund“ auch nur die Naſe zur Thüre hereinſtreckte. Denn ſo bald dieß der Fall war, wurde die Katze in ihrem Schlummer geſtört, ſprang von dem Bette herunter, und riß Frau Bruns Strickſtrumpf und Garnknäuel mit herab, worin ſie und Diana ſich ſo zu verwickeln pflegten, daß, wenn die Alte das wohl⸗ bekannte Geziſch und Gebell vernahm und hereinſtürzte, die Stricknadeln umherflogen und das Garn in Stücke geriſſen war, in der Regel konnte ſie aber auch ſicher ſein, jedesmal ihrem Strumpfe, der ſchon beinahe fertig ge⸗ weſen, nachlaufen zu dürfen, um ihn bis zur Ferſe auf⸗ gezogen zu finden. Und hatte ſie nicht Recht? Kam nicht Diang de⸗ müthig dahergeſchlichen, den Knäuel im Munde, und wollte ſich gewandt auf die Seite drücken, wie ſie merkte, daß die Thüre aufging und mit ziemlicher Gewißheit vorausſah, was da kommen wüͤrde? Aber Frau Brun pflegte gewöhnlich dann dem Hunde den Rang abzulaufen, ſie war ſchneller mit dem Zumachen der Thüre bei der Hand als jener zu entrinnen vermochte, und dieſer mußte nun meiſt mit einer Menge von nach⸗ drücklichen Puffen und Tritten ſeine Frechheit büßen, die Katze zu ſolchen mißliebigen Streichen verleitet zu haben, welche dagegen ihrerſeits wieder unter den Ka⸗ chelofen verwieſen wurde. Allein damit war die Sache 4 lieb noch nicht abgemacht. Nun wurde Meiſter Brun erſt doch noch gerufen, und allen Ernſtes von ihm verlangt, dem —— der! 51 Ivar, dem Schlingel, eine derbe Strafpredigt zu halten, denn es ſei ja eine Sünde und Schande ſich ſo aufzu⸗ führen. „Na, was gibts denn wieder, mein Schatz?“ fragte der Gerber in größter Ruhe. „Was es wieder gibt? Wie magſt du nur noch ſo fragen?— du ſiehſt ja da auf dem Boden die Beſchee⸗ rung! Aber wenn du weder hören noch ſehen willſt, ſo magſt du nur wiſſen, daß der Nacker von Hund, der abſcheuliche, mir meine Katze verführt, welche früher niemals ſolch unanſtändiges Weſen getrieben hat, und Strumpf, Garn und Stricknadeln... da ſieh her, iſt das vielleicht nichts? Und daß ich aus der Küche herſpringen und das Eſſen anbrennen laſſen muß, iſt das auch nichts? Wenn du es aber dem Burſchen nicht ſelbſt ſagen willſt, daß er entweder ſeinen Hund erſäuft, oder ſich mit ihm ſelber aus dem Hauſe ſcheert, ſo werde ich den Racker ins Waſſer ſchmeißen, wenn er es nicht thut.“ „Das wirſt du bleiben laſſen, mein Kind,“ verſetzte der Gerber gelaſſen;„Diana iſt Jvars Liebling und Ivar iſt ein braver Junge. Er kann ja doch nichts da⸗ für, daß Hund und Katze ſich nicht zuſammen vertra⸗ der Du brauchſt nur die Thüre ordentlich zuzuhalten u. ſ. w.* Wer ſich aber damit noch keineswegs abſpeiſen ließ, war Frau Brun. Sobald ihr Mann nach ſeinem Mittagsſchlaͤfchen ausgegangen war, trat ſie ſelbſt ohne Umſtände in die Gerberwerkſtatt, und las Ivarn auf ſo nachdrückliche Weiſe den Text, daß er ganz niederge⸗ ſchlagen ſeine Diana anſchaute und ſagte:„Ehe ich dich erſäufe, ſchnüre ich lieber mein Bündel. So theuer mir auch die Bücherſammlung iſt, ſo biſt du mir doch noch lieber. Ich habe Niemand mehr auf der Welt als dich.“ Frau Bruns Drohung verwirklichte ſich indeſſen doch nicht vollſtändig, obgleich ſie dieſelbe täglich wie⸗ derholte; denn trotz ihres maulfertigen, hochfahrenden 5² Weſens hatte ſie doch großen Reſpekt vor ihrem Manne, und hütete ſich ihn ernſtlich zu erzürnen. Meiſter Brun war ein ſtiller, gerader Mann in ſeinem gewöhnlichen Leben, wurde er aber einmal böſe, ſo ließ ſich keineswegs mit ihm ſpaſſen. Indeſſen machte das ewige Zanken und Brummen, daß Ivar ſich vornahm, ſobald er ausgelernt haben würde, in einer andern Gerberei einen Platz zu ſuchen. Er verehrte ſeinen alten Meiſter ſehr, und wußte nicht minder den Schatz hinter dem grauen Vorhang gebüh⸗ rend zu würdigen:— allein es gab noch etwas Ande⸗ res, was er noch höher ſchätzte,— Frieden und Har⸗ monie nach innen und außen. Man kann ſich kaum vorſtellen, bis zu welchem Grade Frau Bruns ewiges Ge⸗ kneife ihn peinigte. Er war zwar ein munterer, flinker Burſche, und nahm ſich einen Verweis nicht mehr als gebührendermaßen zu Herzen; allein es gibt Naturen, welche ſich niemals mit derartigen Hausdrachen vertragen oder befreunden können, während andere ſie hinnehmen, gleichſam wie das tägliche Brod. Jvar ſehnte ſich, und zwar von ganzem Herzen nach einem Orte, wo keine Katze und zänkiſche Frau war. Unterdeſſen hatte ſeine moraliſche Entwickelung, ſo wie ſein Drang nach Belehrung eine beſſere Richtung genommen, ſeit er in ſeinem ſechszehnten Jahr confir⸗ mirt worden war. Während jener Zeit war er in nähere Bekanntſchaft mit einem ſeiner Schulkameraden getreten, welcher aus der niedern Schule in Kurzem in das Gymnaſium vorrücken ſollte. Dieſer lieh ihm öfters von ſeinen Büchern, und bald hatte der Drang nach beſſerer und nützlicherer Belehrung den Wuſt von ver⸗ worrenen dunkeln Ideen, welche die Folge ſeiner frü⸗ hern Lektüre geweſen waren, verdrängt. Mit eben ſo großem Eifer als er die Mythen der Sagenwelt ver⸗ ſchlungen hatte, ſtudirte er jetzt Geſchichte und Erdbe⸗ ſchreibung, und kritzelte ſich ſogar mit Kreide auf ein Stück Leder kunſtloſe Karten, mit deren Hülfe er ſeine Zimmerreiſen durch fremde Länder machte. An der Hand des erſten Freundes, welchen er ſich gewonnen hatte, kam er raſchen Schrittes vorwärts; und der junge lebhafte Leopold Wirén, ſelbſt ein Fremdling an dem Orte, wohin ſein Vormund nach der Eltern Tod ihn geſchickt hatte, ſchloß ſich mit warmer Theil⸗ nahme und wirklicher Freundſchaſt an Jvar an, welcher ſeiner Seits dagegen wieder mit unendlicher Hin⸗ gebung an ihm hing, da er ihm ſo viel zu danken atte. 3 Ein gleich trübes Geſchick brachte ſie noch näher zuſammen. Innerhalb drei Jahren verlor Ivar ſeine beiden Aeltern, und wie er nun mit ſeinem warmen Herzen, welches ihm ſelbſt oft ein Räthſel war, in der weiten Welt ſo einſam da ſtand, fühlte er zuweilen eine Sehnſucht und eine Leere welche weder Dianas freund⸗ liche Schmeicheleien verſcheuchen, noch die eifrigſte Be⸗ ſchäftigung mit ſeinen Büchern verringern konnten. Wenn er aber nun ſeinen Freund beſuchte und mit ihm nach vollendetem Tagwerk einen Gang hinaus in das wal⸗ dige Gebirge von Guſtavsborg machte, ſo ward ihm wie⸗ der beſſer; denn Leopold ſtand eben ſo einſam in der Welt, und trotz der Verſchiedenartigkeit ihrer beiderſei⸗ tigen Gemüthsart und Bildungsſtufe verſtanden ſie ſich doch einander. Das letztere glich ſich indeſſen unmerklich nach und nach aus, denn Ivars guter Kopf und angeborner Stolz ließ ihn nicht zu weit hinter ſeinem Freunde zurückbleiben, und was das feine gebildetere Benehmen anlangte, ſo zeigten unſerm Borgenſtierna— wie man ihn jetzt immer nannte— ſein jungfräuliches Weſen und reines Herz eben ſo richtig den Weg, welchen er einzuſchlagen hatte, als Leopold ſeine ſorgfältigere Erziehung. So vergingen allgemach Ivars Lehrjahre. Leopold hatte längſt Uddevalla verlaſſen und das Gymnaſium in Gothenburg bezogen, und ſchrieb von daher nicht ſelten ſeinem Freunde, deſſen höchſte Freude und Luſt der Brief⸗ wechſel mit dem Entfernten war. Es war jetzt aber auch Zeit, einen neuen und be⸗ ſtimmten Entſchluß fürs künftige Leben zu faſſen, und ob⸗ gleich Meiſter Brun auf alle erdenkliche Weiſe ihn zu überreden ſuchte, als Geſell bei ihm zu bleiben, und ihm ſogar Ha nung machte, ihn ſpäter als Theilhaber an dem Geſchäfte aufzunehmen, hatte dennoch Jvars lang genährter Unwille über die kleinen Hausplagen ihn immer mehr in der Ueberzeugung beſtärkt, daß ein längeres Ver⸗ weilen nur nachtheilig für ſeine ohnehin etwas ſchwer⸗ müthige und düſtere Gemüthsart wirken müſſe. Demnach theilte er ſeinem Meiſter den unabänder⸗ lichen Entſchluß mit, vorderhand die gewöhnliche Wan⸗ derſchaft anzutreten, und ſich dann zu ſeiner Zeit an einem anderen Orte niederzulaſſen. Frau Bruns zänkiſches Weſen hatte ihm Uddevalla verleidet, von welchem Orte er übrigens nicht viel mehr kannte, als ſeines Meiſters Gerberwerkſtätte und den Weg nach Guſtavsborg. „Der Burſche iſt für mich ein unerſetzlicher Ver⸗ luſt,“ ſagte Meiſter Brun zu ſeiner Frau, und klemmte dabei der grauen Katze, welche unglücklicherweiſe gerade das Zimmer verlaſſen wollte, ſehr nachdrücklich den Schwanz zwiſchen die Thüre. „Biſt du toll?“ kreiſchte die Hausfrau und ſprang wie raſend auf.„Mußt du deßhalb meine unſchuldige Katze zu Tode klemmen, weil der dumme Burſche ſein eigenes Glück mit Füßen tritt?“— „Da iſt die Katze ſelbſt daran Schuld,“ entgegnete Brun ärgerlich, und gab erſt dann den drohenden Ge⸗ bärden ſeiner Frau nach, und die Gefangene frei, als er zu fürchten begann, das vereinte Gekreiſche Beider möchte ihm das Gehör benehmen. Ein paar Wochen nach dieſer kleinen Eheſtands⸗ ſcene verließ Ivar, ſein Ränzchen auf dem Rücken und ſeinen Lehrbrief in der Taſche, das Haus ſeines bishe⸗ 5⁵ rigen Meiſters. Er war jetzt gerade einundzwanzig Jahre alt, und konnte mit Recht für einen ſchönen, wohlgewach⸗ ſenen Burſchen gelten.— Ohne uns übrigens jetzt auf eine genauere Beſchreibung von dem Ausſehen unſers Helden oder ſeinen Reiſen einzulaſſen, ſchließen wir dieſen Abſchnitt ſeines Lebens, um ihn nicht eher als nach vielen Jahren wieder zu ſehen. VI. Die Badgäſte auf dem Dampfſchiffe. An einem ſchönen Julinachmittage des Jahres achtzehnhundert drei und dreißig lag bei Söderköping das Dampfboot Thor, um Brennholz einzunehmen. Während ein Theil der Paſſagiere ſich auf dem anmu⸗ thigen Platze ergingen, welcher den Curſaal umgibt, er⸗ ſchien eine Geſellſchaft von drei Perſonen, nebſt zwei Trägern, und näherte ſich dem Boote. Den Vortrab bildete ein hochgewachſener Mann in blauem Civilober⸗ rocke mit einem Schnurrbarte, welcher, nebſt dem parade⸗ mäßigen Gange, einen alten Militär in ihm erkennen ließ. Ihm folgte über die Landungsbrücke eine Dame, deren hübſches Ausſehen den Beweis lieferte, daß der Sommer ihres Lebens noch nicht ganz verblüht war, zu⸗ letzt kam ein Mädchen von etwa achtzehn bis neunzehn Jahren, von zwar kleinem, doch zierlichem Wuchſe und gewandtem Ausſehen, bei welcher aus jeder Bewegung das lebhafte Feuer der Jugend leuchtete. Mit ſtolzem vornehmem Blicke überſchaute unſere neue Bekanntſchaft— der Herr nämlich— das beinahe 56 leere Halbverdeck, grüßte den Kapitän mit leichtem Kopf⸗ me nicken nebſt ein paar Worten, und rief dann eine Auf⸗ ve 3 wärterin herbei, welche plaudernd umherging:„Zeig uns die Kajüte, welche für den Obriſtlieutenant, Kammerherr ſpi . von Dreſſen nebſt Familie beſtellt worden iſt.“ ge „Das iſt ſie,“ ſagte Jungfer Chriſtine, als die M Herrſchaften die Treppe hinabgeſtiegen waren, und ſchloß„d die Thüre von Nro. 2 auf. Ge „Pfui Tauſend, das Loch da will ich nicht haben!“ der polterte der Obriſtlieutenant.„Hier müſſen wir ja bra⸗ ihn ten! Sage dem Kapitän, daß ich eine andere Kajüte haben muß!“ „Es iſt keine mehr frei, außer noch eine, und die tun iſt für einen andern Herrn ſchon beſtellt,“ wandte Th Chriſtine ein. „Gleichviel, geh nur, es muß ein Tauſch vorgenom⸗„ men werden.“ Der Obriſtlieutenant winkte ihr mit der Ob Hand ab und warf ſich dann auf einen Sopha. Ohne ger ſich weiter darum zu bekümmern, wo ſich die Damen mit ihren Sachen einrichten ſollten, ſchleuderte er des — ſeinen Hut, Handſchuhe, Reiſetaſche und Pfeife auf den Mo kleinen Tiſch. Be „Hier wird es eng hergehen,“ ſagte die ältere und Dame, die Gemahlin des Obriſtlieutenants, und gab hin ihrer Tochter Amelie, welche eben erſt ihr Köpfchen her⸗ einſteckte, ein Zeichen, ihre ſieben Sachen auf die linke käſt Seite der Kajüte zu legen. eine „Man muß ſich einſchränken; ich habe es ſchon zwanzig Jahre ſo machen müſſen,“ verſetzte der Obriſt⸗ hob lieutenant rauh. als In dem Augenblicke kam das Mädchen mit der Ant⸗ dige wort des Kapitäns zurück, daß der Herr unmöglich eine Kah andere Kajüte haben könne. und „Das wäre doch eine merkwürdige Geſchichte, wenn Sie ich nicht ein Mal einen Tauſch ſollte vornehmen dür⸗ Ma fen.— Geh noch ein Mal hin und bitte den Kapitän, wer I er möge ſo gut ſein und einen Augenblick herunter koum-⸗ 57 men. Sag, der Obriſtlieutenant, Kammerherr von Dreſſen, verlange mit ihm zu ſprechen.“ Nachdem das Mädchen mit einem zweifelnden, faſt ſpöttiſchen Lächeln auf den ſpitzigen Lippen die Thüre zu⸗ gemacht hatte, wandte ſich Frau von Dreſſen an ihren Mann, und brachte ſchüchtern die Bemerkung hervor: „daß der Kapitän wahrſcheinlich der Aufforderung kein Genüge leiſten, ſondern wohl erwarten werde, wenn einer der Paſſagiere ihm Etwas zu ſagen habe, daß dieſer zu ihm hinauf komme....“ „Ich hoffe dennoch, daß er es thun wird;“ damit brach der Obriſtlieutenant die Fortſetzung der Unterhal⸗ tung ab, und ſah mit geſpannten Blicken nach der Thuͤre. Mit einem Male trat aber Chriſtine wieder ein: „Der Kapitän läßt ſich empfehlen, und wenn der Herr Obriſtlieutenant ihn zu ſprechen wünſchten, er ſei jetzt gerade auf dem Hinterdeck.“ Ein gedehntes:„So....“ bebte auf den Lippen des hochmüthigen Mannes.„Wenn der Berg nicht zu Mahomet kommen will, ſo muß Mahomet wohl zum Berge kommen,“ ſetzte er verächtlich hinzu, ſtand auf und ſis mit ſtolzer eingebildeter Würde die Treppe hinauf. Der Kapitän ſtand gerade an einem der beiden Rad⸗ käſten, und hatte das Fernglas vor dem Auge, um nach einem andern Dampfboote zu ſehen. „Hören Sie,“ begann der Obriſtlieutenant mit er⸗ hobener Stimme, damit der Kapitän, welcher ſich ſtellte, als bemerke er ſeine Gegenwart nicht, ihm die ſchul⸗ dige Aufmerkſamkeit erweiſen möchte;„hören Sie, Herr Kapitän, Sie werden wohl einſehen, daß ich für mich und meine Familie eine andere Kajüte haben muß. Die Sie mir haben anweiſen laſſen, liegt ja dicht neben der Maſchinerie; da müſſen wir ja vollſtändig gebraten werden.“ „Das wäre freilich nicht ſehr angenehm,“ entgeg⸗ 58 nete der Kapitän, ohne das Fernglas von den Augen zu nehmen. „Nicht ſehr angenehm?— ja verdammt unange⸗ nehm!“ erwiederte der Obriſtlieutenant, offenbar gereizt. „Ich meine aber, es ſei die Pflicht des Kapitäns, auf dem Dampſſchiffe allen Wünſchen ſeiner Paſſagiere mit Höflichkeit zu entſprechen.“ „Ja, allerdings, ſobald ſie billig ſind.“ „Nun, wenn Sie mir das zugeben, ſo ſchaffen Sie mir eine andere Kajüte, denn Sie können doch ja ver⸗ nünftigerweiſe nichts billiger finden, als meinen Wider⸗ willen, mit den Bleikammern Venedigs Bekanntſchaft zu machen.“ „Es iſt keine andere Kajüte mehr zu haben, alle ſind beſetzt,“ verſetzte der Kapitän kurz. „Ich habe aber dennoch gehört, daß noch eine nicht beſetzt ſei?“ „Wird es aber heute von einer Perſon werden, welche juſt Nro. 6 beſtellt hat.“ „Aber hören Sie doch, ließe ſich denn nicht einer unter den Paſſagieren herausfinden, dem die Hitze weniger läſtig wäre, als mir? Herr Kapitän, Sie werden doch ſo artig ſein und Rückſicht auf....“ „Ich bitte um Entſchuldigung,“ brach der Kapitän ab,„aber ich kann auf nichts Rückſicht nehmen, als auf meine Inſtruktion, und dieſe gilt für Alle. Sobald eine Kajüte der Nummer nach beſtellt wird ſo wird ſie abge⸗ geben, wofern ſie nicht ſchon beſetzt iſt. Der Herr Obriſt⸗ lieutenant haben keine beſtimmte Nummer angeben laſſen, alſo.... Entſchuldigen Sie, aber meine Zeit erlaubt mir keinen längern Aufenthalt.“ Mit dieſen Worten ſtieg der Kapitän herab, mit dem Stolze eines Mannes, der die Bedeutung der vier Worte kennt:„Hier bin ich Herr.“ Der Obriſtlieute⸗ nant aber ging zitternd vor Zorn und Aufregung nach ſeiner Kajute zurück, wo inzwiſchen ſeine Frau und Tochter ſich ſo gut als möglich einzurichten geſucht hatten. 59 Ohne ein Wort zu ſprechen warf ſich der Obriſt⸗ lieutenant auf einen Sopha, und rieb ſich mit der flachen Hand die in Falten gezogene Stirne bis ſie roth war wie die Kirſchen, welche Amelie ihrem Vater in einem Körbchen mit den unſchuldigen Worten darreichte: 3„Willſt du dich nicht abkühlen, Papa? ſie ſind ſo aftig.“ 9. Mich abkühlen? Warum das?“ „Es iſt ja ſo warm,“ erwiederte Amelie, nahm die ſchönſten Kirſchen heraus und machte ein Büſchelchen da⸗ von, um zu zeigen, wie Recht ſie habe. „Ich danke, mein Kind!“ Der Obriſtlieutenant nahm ein paar davon, allein mehr, wie es ſchien, um ſeiner lieblichen Tochter ihren Willen zu thun, als aus Liebhaberei daran; ſchob dann dieſe etwas auf die Seite, und fragte, gegen ſeine Gemahlin gewandt:„Der Bär hat keinen Funken von Lebensart. Was iſt da zu ma⸗ chen?— Ich für meinen Theil muß eben jetzt einen Platz im Salon nehmen.“ „Hier wäre es auch auf jeden Fall unerhört eng,“ erwiederte ſeine Gattin, und in ihrem Ton, noch mehr als in ihren Worten, lag der innige Beifall, den ſie dem Entſchluſſe ihres Gemahls zollte. „Ja, die Bequemlichkeit, die liegt dir am Herzen; was aber meine Kaſſe dazu ſagt, das iſt eine andere Frage, darum bekümmerſt du dich blitzwenig.“ „Darin thuſt du mir ſehr Unrecht, mein Freund; erinnere dich nur, wie ſehr ich gegen die Badereiſe war.“ „Dieß beweist nichts mehr und nichts minder, als deine alte gewöhnliche Beſchränktheit. Wer fiſchen will, bleibt nicht zu Hauſe ſitzen und angelt im Gänſeteich, wenn er nicht ſelbſt eine Gans iſt.“ „Sei ſtill, Papachen,“ flüſterte Amelie in bittendem Tone, und ſah nach der Thüre,„ich habe Jemand ge⸗ hört, es war mir, als lauſchte Jemand draußen.“ Kaum hatte ſie dieſe Worte geſprochen, ſo ließ ſich ein Getöſe und ein Durcheinander hoͤren, welches im⸗ 60 mer näher kam. Kajütenthüren wurden auf⸗ und zuge⸗ ſchlagen, und auf dem Halbverdeck begann es lebendig zu werden. Alles deutete an, daß die Paſſagiere zurückge⸗ kommen waren, und daß der Thor ſich zur Weiterfahrt anſchickte. „Haltet euch nur ruhig hierunten,“ ſagte der Obriſt⸗ lieutenant und ſtand auf;„ich will ein Mal hinaufgehen und ſchauen, was an dem Volk droben iſt, und ob ich eine paſſende Geſellſchaft darunter finden kann. Macht keine Toilette, bevor ich euch nicht Nachricht bringe.“ Der Obriſtlieutenant ging und ſchloß ſorgfältig die Thüre. Mit dem Ausrufe:„ja, ja, ſchon gut!“ warf Amelie mit einer leichten Bewegung ihren Hut auf die Kiſte, legte die Finger auf die Lippen, nickte ihrer Mutter zu, und war in einem Nu über den Tiſch her und legte Papas Sachen vorſichtig bei Seite, um Raum für ihren Spiegel zu gewinnen. „Pfui, wie warm iſt's da, Mütterchen. Meine Locken ſind total aufgegangen, ich muß ſie nur wieder ein Bischen aufwickeln, denn mag auch oben ſein wer da will, ich muß denn doch auch ein wenig chriſtlich aus⸗ ſehen.“ „Ja, bringe nur deine Locken in Ordnung, liebes Kind, das nennt Papa nicht Toilette machen.“ „Aber, liebes Mütterchen, ich muß auch einen friſchen Kragen anziehen, der da iſt nicht mehr rein.“ „Warte damit bis Morgen, ſonſt müßten wir die Schachteln aufmachen und da läge ja Alles darunter und darüber, wenn der Papa wiederkäme.“ „Ja, ja, da muß ich wohl ſchon bis Morgen war⸗ ten, dann will ich mich aber auch ganz fein machen; der neue Schleier wird aufgeſetzt und die grüne Mantille umgehängt. Herr Gott, wie gut war es doch, daß Papa einen Platz im Saal oben genommen hat. Ich hätte ſchier vor Freude laut aufgeſchrieen, als er es ſagte.“ 1 61 „Liebe Amelie, du haſt vorhin gefürchtet, man könnte draußen hören, was Papa ſagte!“ fiel ihr die Mutter in die Rede, und warf ihrem Herzenskinde einen Blick ſanften Vorwurfs zu. „Verzeih, liebes gutes Mütterchen!“ damit warf Amelie ihren Friſirkamm weg, ſchlug die glänzenden Wellen ihres reichen Haares zurück, und beugte ſich auf die Hand der Mutter nieder, küßte ſie herzlich, und lis⸗ pelte mit leichtem ſchelmiſchem Lächeln:„Er iſt auch oft gar zu wunderlich und hitzig; aber ich verſtehe mich nachgerade ſo gut auf ihn, daß er faſt niemals böſe auf mich wird.“ „Du lernſt bei Zeiten die ſchwere Kunſt, mit lä⸗ chelndem Munde deinen Schmerz zu verbergen. Ich habe ihn ſchon Jahre lang ſtudirt,— du aber biſt glücklich, daß dir die Natur den leichten heitern Sinn geſchenkt hat, der ſich ſo Etwas nicht leicht zu Herzen gehen läßt. Wenn dieß nicht ſo wäre, hätte ich noch mehr Kummer zu tragen, denn du würdeſt dann zu deinem eigenen Schaden ſolche häuslichen Unannehmlichkeiten viel tiefer und ſchmerzlicher empfinden, wogegen ſie vor deiner muntern kindlichen Laune jetzt wie Rauch in der Luft vergehen.“ „Nein, Mama, glaube nicht, daß ich ſo ganz un⸗ empſindlich dagegen bin, aber ich habe mich, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, in Papas Launen hinein⸗ zuarbeiten gewußt, und gefunden, daß er namentlich Thränen gar nicht leiden mag. Deßhalb laß ich gewiß in ſeiner Gegenwart kein naſſes Auge ſehen, wenn ich auch noch ſo viel hören muß, was mir wehe thut. Bin ich allein, ſo vermag ich bisweilen die Thränen nicht zu unterdrücken.“ „Und dieſe verhielt Amelie ſelbſt vor mir?“ ver⸗ ſetzte die Mutter und hob der Tochter das Antlitz etwas empor. „Hat denn mein Mütterchen nicht ſchon ſelbſt ge⸗ nug an ihren Thränen zu tragen?“ Dabei blickte Amelie 62 ihrer mütterlichen Freundin mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke zärtlicher Ergebenheit in die feuchten Augen, ſprang dann aber, gleich als wenn es Unrecht wäre, länger ſo trüben Gedanken nachzuhängen, vor den Spiegel, und begann, nicht ohne einen kleinen Anſtrich von Eitel⸗ keit, ihr Haar zu flechten und die Locken in Ordnung zu bringen. Frau von Dreſſen ſtand gleichfalls auf, muſterte mit gewohnter Ordnungsliebe ihre Sachen, und ſtellte Alles ſo, daß die Kajüte möglichſt wenig das Ausſehen einer Trödelbude hatte, während ihre Augen zuweilen mit innigem Wohlgefallen auf den jugendlich roſigen Wangen der Tochter ruhten. nicht leicht finden. Dunkelbraun, gleich ihrem Haare, weich wie Seide und fein gezeichnet, wölbten ſie ſich in ſchönen Bogen über den Augenliedern, welche, wenn auch geſenkt, etwas von dem holden und ſprechenden Ausdrucke ahnen ließen, welcher den darunter verborgenen klaren Sternen inwohnte. Aber leider machen eine feine Haut, ſchöne Augbrauen und ſprechende Augen noch nicht Alles aus. Dieſe ſind mehr nur einzelne hübſche Par⸗ tieen, als daß ſie das Ganze zu einer harmoniſchen Schönheit zu machen im Stande wären, und um der Wahrheit getreu zu bleiben, müſſen wir eingeſtehen, daß es ſich in der That kaum verantworten ließe, unſre Heldin wirklich ſchön zu nennen. Bei dem weiblichen Geſchlechte findet man dieß wenigſtens höchſt ſelten; denn war nicht die Naſe zu klein, und weit entfernt griechiſch oder römiſch zu ſein, die Stirne nicht zu nie⸗ der, das Kinn zu wenig gerundet? und der Mund— ja der konnte noch angehen, auch die Lippen waren hübſch roth, aber auf jeden Fall etwas dünn. Und was die Zähne betrifft, ſo hatte man ſchon blendend weißere geſehen, und mit Perlen konnten ſie nicht verglichen werden. Außerdem war auch Amelie von etwas kleinem Wuchſe, übrigens fein und zierlich in allen Bewegun⸗ Schönere Augbrauen als bei Amelie konnte man 8 1 ☛ —- 8IN —— 2 gen, und trotz ihrer Formen, welche man mit Recht faſt üppig nennen konnte, fehlte ihr doch das Vollendete, Majeſtätiſche in ihrem Weſen und ihrer ganzen Haltung, das man häufiger und natürlicher bei ſtattlicheren Figuren findet; aber an Anmuth, an Leben und Seele in jedem Blicke und allen Bewegungen— daran fehlte es Amelie nicht im mindeſten. Und wenn man ihr vollends noch in die heitern, ſtrahlenden Augen blickte, war man unge⸗ wiß, ob es ein warmes, tiefes Gefühl war, das ſich darin abſpiegelte, oder ob ungekünſtelte Schalkhaftigkeit daraus hervorlächelte. Kurz ſie wechſelten ſo ſchnell ihre Sprache, daß, bevor man über das Eine in's Reine zu kommen vermochte, ſie ſchon wieder einen andern Ausdruck ange⸗ nommen hatten, welcher den undankbaren Verſuch der Enträthſelung irre leitete. Während Amelie ſich bemühte, ihre Locken zu kräu⸗ ſeln und zu glätten, ging der Obriſtlieutenant, die Ci⸗ garre im Munde, auf dem Halbdeck hin und her. Mit⸗ unter, namentlich bei jeder Wendung, bemühte er ſich, trotz der Gleichgültigkeit, welche er zu affektiren für paſſend hielt, die Geſellſchaft auf den grünen Bänken zu muſtern, allein leider ſchien er die Ausſicht, eine anſtändige Geſellſchaft unter den Paſſagieren zu finden, aufgeben zu müſſen;— wenigſtens war dieß bei den Gruppen, welche er vor Augen hatte, der Fall. Hier waren zum Beiſpiel ein paar dicke Herren mit Fries⸗ röcken in die wichtige Frage über die Getreidepreiſe ver⸗ tieft. Dort ein junger Mann, welcher mit großer Be⸗ rückſichtigung auf ſeine eigene Behaglichkeit eine ganze Bank einnahm,— eine ganze Bank, um in liegender Stellung behaglich unter einem aufgeſpannten Regen⸗ ſchirm gekauert, vor Sonne, Wind und Fliegen ge⸗ ſchützt, bequem leſen zu können. Ein wenig zur Seite ſtand ein Spieltiſch, deſſen Eigner ganz in ihr Spiel vertieft waren, und die edle Zeit wieder einzubringen zu wollen ſchienen, welche ſie durch ihre vorhinige Ab⸗ 64 weſenheit auf dem Spaziergange verloren hatten. Weiter gegen die Treppe zu ſtand ein bleichgelber, magerer Mann in einem verſchoſſenen braunen Ueberrock und grüner Brille, er heftete ſeine natürlichen Augen gerade vor ſich hin auf den Boden und ſah nur zuweilen auf, um ſich zu räuspern, und war dann auch ſo artig, zur Scho⸗ nung des reingeſcheuerten Decks und der Damenfüße, welche in ſeiner Nähe waren, gebührendermaßen über Bord zu ſpucken. Die Beſitzerinnen jener Füße, drei an der Zahl, hatten gewürfelte Walter Scottsmäntel an, graue Zeughüte auf und ſchienen, vermöge der ewigen Schwingungen ihrer Sonnenſchirme das Perpetuum mobile anſchaulich machen zu wollen. Etwas weiteres fand ſich der Zeit auf dem Halbdeck nicht vor. Nach ein paar Gängen war der Obriſtlieutenant zu der klaren Ueberzeugung gekommen, daß es durchaus nicht der Mühe werth ſei, mit dieſer Societät in Verkehr zu treten, ſtieg wieder gravitätiſch hinunter, und begab ſich nach dem Geſellſchaftsſaal, um die Paſſagierliſte nachzuſehen und ſich einen Platz auf dem Sopha zu beſtellen. Allein heute war für ihn kein Stern, der leuchtete. Außer einer Hängmatte war nirgends mehr ein lediger Platz zu haben,— und um das Maaß ſeines Unglücks voll zu machen, auf der Paſſagierliſte ſtanden zwar viele Leute von Diſtinktion, die aber alle viel zu ſtandesgemäß dachten, als ſich in der brennenden Sonnenhitze oben zu zeigen: Da war der Graf B..., der Baron H..„ der Kabinetsſekretär UM.., der Hofrath X... und Andere mehr. Der Himmel weiß, was dieſe Leute denken würden, wenn ſie den Obriſtlieutenant Kammerherrn von Dreſſen in einer Hängmatte ſähen, unter Studenten, Handlungs⸗ dienern und allerlei ſonſtigem Bedientenvolk! „Nein, das geht unmöglich,“ murmelte der Obriſt⸗ lieutenant zwiſchen den Zähnen.„Noth kennt kein Ge⸗ bot. Ich muß nun ſchon da drunten braten; denn man müßte ſeinen Namen, Stand und ſeiner Würde zu Liebe — ——— ſi ie m de Zeiter Nann üner ſich ſich Scho⸗ füße, über ei an an, vigen aum teres Nach aren kühe ſtieg dem ſich ſtete. diger lücks viele mäß i zu .„ und den, ſſen igs⸗ riſt⸗ Ge⸗ nan iebe 65 ſich ſchon Etwas gefallen laſſen. Auf einem Sopha hätte ich allenfalls noch liegen können,— aber in einer Häng⸗ matte— nein, das geht nicht. Das iſt ein reines Ding der Unmöglichkeit!“ VII. Etwas über die Veranlaſſung zu dieſer Reiſe. „Nun, da iſt ja der Papa wieder,“ ſagte Amelie, „laß ſehen, was er uns Neues vom Verdecke bringt.“ Das war aber, wie wir ſchon wiſſen, nicht viel Tröſtliches, und die hübſchen Augen nahmen einen ſicht⸗ bar verdrießlichen Ausdruck an, als man vernehmen mußte, daß die Ausſicht auf einen Beſuch des Saals verſchwunden war, was auch zugleich noch den Damen die Hoffnung auf eine behaglichere Exiſtenz raubte. Der Obriſtlieutenant war unwirſch, und ſetzte ſich wieder brummend auf den Sopha. „Es iſt doch aber auch recht ärgerlich, an einem ſo ſchönen Nachmittage hier eingeſperrt ſitzen zu müſſen,“ unterbrach Amelie nach einer Weile das Stillſchweigen.. „So oft man eine Schleuſe paſſirt, kommt es einem ge⸗ rade vor, als ſei man zwiſchen dunkeln Gefängnißmauern, und ich werde noch ordentlich krank werden, wenn ich nicht hald hinaufgehen und die friſche Luft und die ſchöne Ausſicht genießen darf.“ „Gegen Abend, wenn die Sonne nicht mehr ſo heiß brennt, vermuthe ich, wird wohl der vornehmere Theil der Paſſagiere auf das Verdech kommen. Bis da⸗ Der Skiutsjunge.. 5 66 hin aber wird es ſich ſchwerlich für meine Gemahlin und Tochter ſchicken, oben zu erſcheinen.“ „Aber, liebes Papachen, wir ſind ja gar nicht vor⸗ nehm; und wenn die, welche du ſo nennſt, wüßten, wie knapp es bei uns zu Hauſe hergeht, würden ſie ſich ge⸗ wiß nicht darüber wundern, daß wir uns nicht den An⸗ ſchein geben wollen, denen gleich zu ſtehen, die es ganz anvers haben.“ „Küummere dich nicht um Dinge, die du nicht ver⸗ ſtehſt,“ entgegnete der Obriſtlieutenant ſcharf.„Ich habe dir ſchon öfter geſagt, es iſt in der Welt nun ein⸗ mal nicht anders, als daß man für das angeſehen wird, was man ſcheint. Und wenn wir gleich leider nicht ſo reich ſind, ſo halte ich dennoch ſo viel auf die Ehre meines Namens und Standes, daß ich nicht zugeben werde, daß du dich wie eine Bauerndirne beträgſt, die keinen Begriff von Lebensart hat.“ Ach Papa, du brauchſt nicht bange zu ſein, daß ich mich nicht gehörig zu benehmen wußte. Bei Tante Sederfeldt und bei Oheim von Uiters geht es ja ſehr vornehm her, und haſt du nicht ſelbſt zugeſtanden, daß ich mich an beiden Orten recht gut benommen habe?“ „Ja, bei Tante Sederfeldt und bei Onkel von Utters — das glaub' ich wohl. Da weiß man, wer wir ſind; außerdem iſt die Geſellſchaft, welche ſich dort einfindet, nicht ſehr zahlreich im Vergleiche zu der, mit welcher man an einem Badeorte zuſammentrifft. An einem fremden Platze und unter fremden Leuten muß man etwas aus ſich zu machen wiſſen,— man darf nicht vergeſſen, wer man iſt und ſich darnach benehmen.“ „Es iſt aber doch hart,“ entgegnete Amelie mit einem Lächeln, welches indeſſen nicht ganz frei von etwas— Bitterkeit war,„daß man, um vornehm zu ſcheinen, ſich der Qual unterwerfen muß, auf dem Dampfboote ſchon wie in einem Dampfbade zu ſchwitzen.“ „In der Welt muß man ſich gar Manches gefallen laſſen, mein Kind,“ verſetzte der Obriſtlieutenant mit 67 dem Tone eines Mannes, der ſeine Lebenserfahrung und Weisheit gegen Andere geltend zu machen gewohnt iſt, und außerdem noch zeigen will, daß die inhalteſchweren Worte: Welt, Stand, Name— ihm mehr als alles Andere gelten. Und ſo war es auch bei dem Obriſtlieu⸗ tenant von Dreſſen. Nachdem dieſer Ehrenmann den größten Theil ſeines Lebens damit zugebracht, Beförderungen und Titeln nach⸗ zujagen, war er doch am Ende genöthiget, mit dem Ab⸗ ſchiede als Obriſtlieutenant und dem Kammerherrnpatent in der Taſche, von dem großen Schauplatze ſeiner Beſtre⸗ bungen abzutreten, und ſich auf's Land zurückzuziehen. Allein die Sache hatte noch einen weitern Haken, näm⸗ lich den: daß nun auch in materreller Hinſicht gelebt ſein wollte. Sintemalen aber Abſchiedopatente ſich nicht eſſen laſſen, ſo mußte ſich der Herr Obriſtlieutenant bequemen, ſein Gütchen ſelbſt zu bebauen, um ſich und den Seinigen Brod zu ſchaffen. Da er nun aber auf den langerſehnten Titel ſo viel Zeit, Aufmerkſamkeit und Mühe verwendet hatte, glaubte er ſolche nicht minder auf ſeine häuslichen Angelegen⸗ heiten übertragen zu müſſen, und namentlich machte ihm die hochwichtige Frage, wie er ſeine Tochter glücklich, das heißt ſtandesgemaß verheirathen ſollte, viel zu ſchaffen. Zur Beſörderung dieſer Plane, und hauptſächlich damit Amelie ſich einen gewiſſen feinen Umgangston an⸗ eignen ſollte, den ſie unmöglich wo anders, als in der höhern Welt lernen konnte, hatte der Oberſtlieutenant bereits mehrere Sommer hindurch Reiſen zu Freunden und Verwandten gemacht, auf deren Güter man eben dem Vortheile unentgeldlich leben zu können, auch noch die Annehmlichkeit hatte, Bekanntſchaft mit einer anſehn⸗ lichen Menge Leute von Rang und Stand zu machen. An all' dieſen Orten war der Obriſtlieutenant mit ſeiner Familie gewöhnlich willkommen. Denn gegen Leute, welche über ihm ſtanden, war Herr von Dreſſen die Ar⸗ tigkeit ſelbſt, der zuvorkommendſte und unterhaltendſte Ge⸗ 68 jellſchafter von der Welt, ein Mann von feinſtem Ton, wie es nur einen geben mochte, Selbſt gegen ſeine Ge⸗ mahlin und Tochter war ſein Benehmen ſo ausgeſucht artig, wie man es ſich nicht feiner denken konnte. Ja es erregte ſogar große Bewunderung, und bei ſolchen Weibern, welche ſich eines geringern Grades äußerer Auf⸗ merkſamfeit von Seiten ihrer Männer zu erfreuen hatten, nicht ſelten Neid. Die Gemahlin des Obriſtlieutenants von Dreſſen war eine Dame von ſo feiner Bildung und von ſo viel Würde in ihrem Benehmen, daß ſie in dieſem Punkte die volle Zufriedenheit ihres Gatten genoß, welcher es ſogar nicht verſchmähte, wenn ſich die Gelegenheit dazu darbot, mit ihr zu glänzen. Allein in ihrem ganzen Weſen lag eine gewiſſe Verſchloſſenheit, eine Art von angenommener, erworbener Sanftmuth, welche andeutete, daß ſie ihre Ge⸗ ſühle und Gedanken zu unterdrücken gewohnt war, obgleich ſich, gleich einem feinen Schleier, eine natürliche Anſpruchs⸗ loſigkeit über ihr ganzes Thun und Laſſen ausbreitete, wodurch jene Charakterzeichen minder auffallend werden mußten. Kurz, Frau von Dreſſen galt überall, wo ſie auſtrat, für eine angenehme, liebenswürdige Dame, ob⸗ gleich, wie geſagt, ihr Weſen nicht ganz von Verſtellung frei war. Aber die Welt urtheilt nach dem Scheine, wiewohl manchmal nicht ohne Grund. Frau von Dreſſen hatte ein Herz, welches vor Zeiten ſo raſch und warm als irgend eines geſchlagen hatte, allein während ihrer langen Eheſtandszeit hatte es ſich nach und nach an Zurückhaltung gewöhnt, bis es am Ende gleichſam in dem nie vollkommen ſchmel⸗ zenden Eis ihres kalten und öden häuslichen Lebens er⸗ ſtarrte. Zu Anfange des Sommers achtzehnhundert drei und dreißig fand ſich der Ovriſtlieutenant von Dreſſen bewogen, auf ſein kleines Gut Tunefors in Süderman⸗ Denn als land eine Summe Geldes aufzunehmen. Va für zu von ſow unt wöl mil kleit gon Alle heiſ und Rei ſein nich Ich Gel Güt er j meit hatt Kra ihre kom war ja Fiſe dich Kra der Uebe 69 Vater einer kleinen neunzehnjährigen Tochter hielt er es für ſeine Pflicht, noch weitere und entſcheidendere Schritte zu thun, als bisher geſchehen war. Zu Tunefors konnte von Gäſten keine Rede ſein, denn es fehlte an Mitteln, ſowohl um Tafel zu halten, als um Fremde gehörig unterzubringen; auch waren ihre Nachbarn nur ganz ge⸗ wöhnliche Leute, mit denen man nicht wohl in eine Fa⸗ milienverbindung treten konnte. Dazu kam noch, daß die kleine Reiſe, welche man dieß Mal zeitiger als ſonſt be⸗ gonnen, auch nicht den geringſten Erfolg gehabt hatte. Alles vereinigte ſich, was einen großen Entſchluß er⸗ heiſchte, und als unſer Obriſtlteutenant die Sache hin und her überlegt hatte, ſiel endlich ſeine Wahl auf eine Reiſe in's Bad. „Liebe Freundin,“ ſagte er eines ſchönen Tags zu ſeiner Gattin,„deine Geſundheit iſt ſeit längerer Zeit nicht ſehr feſt, ich glaube, du ſollteſt ein Bad gebrauchen. Ich habe mit einem Arzt geſprochen, und das nöthige Geld aufgenommen; wir müſſen reiſen.“ Höchlich überraſcht durch ihres Gemahls ausgezeichnete Güte— denn ſie waren allein, und der Ton, in welchem er ſprach, ließ keinen Zweifel, daß er es nicht ernſtlich meinte— blieb ſie ganz ſtarr vor Erſtaunen. Freilich hatte ſie vor mehren Jahren an einer langſam ſchleichenden Krankheit gelitten, welche ihre Wangen gebleicht nnd an ihrem Leben gezehrt hatte, aber jetzt war ſie wieder voll⸗ kommen geſund, deßhalb konnte ſie nicht ſo recht einſehen, warum ſie nun noch hinterher ein Bad brauchen ſolle. „Beſter Freund,“ entgegnete ſie ihm daher,„ich bin ja gegenwärtig, Gott ſei Lob und Dank, geſund wie ein Fiſch im Waſſer, und verlange durchaus nicht, daß du dich um meinetwillen in ſolche Koſten ſtecken ſollſt.“ „Nein, liebe Sophie, du biſt ſeit jener ſchweren Krankheit nie wieder ganz geſund geweſen,“ verſetzte der Obriſtlieutenant ärgerlich;„und wenn man ein altes Uebel vernachläßigt, ſo kann es leicht wieder kommen. 70 Mache alſo deinen Ueberſchlag, wie viel Geld du bedarfſt, um deine und Amelie's Garderobe zu einer ſolchen Reiſe einigermaßen in Stand zu ſetzen, wie er für unſern Rang paßt.“ „Wenn denn nun durchaus gereist werden muß,“ verſetzte Frau von Dreſſen fügſam, denn ſie war gewohnt, ſich in alle ſeine Launen zu ſchicken,„ſo bedarf es wenig⸗ ſtens keiner großen Ausgaben für Kleider; wir können ja eingeſchränkt leben, und von koſtſpieligen Vergnügungen ferne bleiben“ „Aber zum Henker, das iſt es ja gerade, was wir thun wollen und müſſen!“ polterte der Obriſtlieutenant heftig heraus;„biſt du denn ſo total vernagelt, daß du gar nicht verſtehſt, oder verſtehen lernen willſt, daß ge⸗ rade Leute von höherer Bildung auch ihre häuslichen An⸗ gelegenheiten mit einer gewiſſen eleganten Feinheit be⸗ handeln. Es gibt Affären, welche an ſich zwar ganz einfach und natürlich ſind, aber deſſen ungeachtet nicht immer bei dem rechten Namen genannt werden können, wenn die Sache nicht anſtößig werden ſoll. Sobald Ver⸗ hältniſſe der Art eintreten, ſo ſucht man einen ſchicklichen Vorwand, und— verſtehſt du mich jetzt?“ Frau von Dreſſen's Geſicht überzog ſich mit hoher Röthe, und mit einem ſchmerzlichen Gefühle von Schaam antwortete ſie:„Ich verſtehe, allein hoffentlich werden doch Amelie's Ohren mit der Mittheilung deſſen, was du mit⸗ ihr vorhaſt, verſchont bleiben.“ „Wie kann dir nun ſo etwas Einfältiges einfallen, liebe Sophie! Bin ich denn ein ſolcher Tölpel, daß du dir einbildeſt, ich werde mein Kind in meine— Gott ſei es geklagt— recht bedrängte und kritiſche Lage ein⸗ weihen? Ich habe übrigens geglaubt, daß es meiner Gattin zukomme, das Zutrauen ihres Gatten gehörig zu würdigen, auch wenn ihr das, was ſie vernimmt, nicht ganz genehm wäre.“ Frau von Dreſſen entgegnete hierauf nichts, ſon⸗ dern ſetzte ſich an den Tiſch, zog Papier und Bleiſtift arfſt, Neiſe Nang uß,“ ohnt, enig⸗ n ja ngen wir nant du ge⸗ An⸗ be⸗ ganz nicht nen, Ber⸗ chen her 71 hervor, und begann zuſammenzurechnen und aufzuſchreiben — ſo daß ſie in kurzer Zeit damit fertig war und ihrem Manne den mit aller möglichen Sparſamkeit entworfenen Ueberſchlag mit der demungeachtet nicht ganz unbedeutenden Summe überreichen konnte. „So, das iſt ein Mal in der Ordnung,“ ſagte der Obriſtlieutenant,„ſo mag ich es leiden! Eheleute müſſen einander ohne viel Geplapper und Umſtände verſtehen; und du ſiehſt nun eben, daß ſich nach dieſer Methode Alles leichter und beſſer abmachen läßt. Na, laß Mal ſehen, was da ſteht. Was zum Teufel iſt denn das 7 Biſt du toll? Dreibundert fünfundzwanzig Reichsthaler 7 Zum Henker auch! ich hab ſeldſt nicht mehr als ſieben⸗ hundert Thaler zur ganzen Reiſe. Nein, da kann Ein⸗ für allemal nichts draus werden!“ „Aber zu einer ganz neuen Fournirung der Gar⸗ derobe iſt dieſe Summe doch wahrhaftig nicht im min⸗ deſten zu groß,“ verſicherte Frau von Dreſſen.„Gib übrigens ein Mal her, was du im Sinne haſt, im Uebri⸗ gen müſſen wir eben dann das Alte möglichſt gut aufzu⸗ ſtutzen verſuchen.“ „Zweihundert Thaler ſollſt du haben.“ Mit dieſen Worten legte der Obriſtlieutenant das Geld auf den Tiſch, empfahl ihr, die Augen und den Verſtand bei deſſen Ver⸗ wenduug zu Rath zu ziehen, und beſonders bei der Wahl von Amelie's Kleidern mit Geſchmack zu verfahren. Am Tage nach dieſem Beſchluſſe reiste die Familie nach Tunefors heim, und nun ging es an ein Zertrennen und Nähen und Färben und Wenden von vorn bis hinten; und bei allen dieſen wichtigen Staatsaffären ging Amelie's treue Freundin, eine benachbarte Pfar⸗ rerstochter, von welcher ſpater noch mehr die Rede ſein wird, mit Rath und That an die Hand. Wir haben noch weiter zu berichten, wie Frau von Dreſſen, aus einer gewiß verzeihlichern Eitelkeit, durch die einge⸗ ſchränkteſte Erſparniß an der Milch, an Butter, Rahm 72 und Eiern ſo viel zu erübrigen wußte, daß ſie aus eige⸗ nen Mitteln für Amelie einen neuen Mantel kaufen konnte, bei welcher Gelegenheit der Obriſtlieutenant dieß⸗ mal in allem Ernſte das Wirthſchaftstalent ſeiner Gattin prieß; ihm war freilich nichts abgegangen. Frau von Dreſſen wurde ernſtlich roth bei dieſem Lobe, und begnügte ſich, wie ſchon lange her geſchehen war, nach wie vor mit der Geſindekoſt, einem Brei, einem Häring oder einem Topfe Milch, an welcher einfachen Mahlzeit Amelie ſtets Theil nahm. So war nun die Familie glücklich an Bord des Thor gekommen, um nach Wenersborg überzufahren, wo man unter dem ſchicklichen Vorwande, daß man mit einem eigenen Wagen auf dem Dampfboote gar zu vielen Ungelegenheiten ausgeſetzt ſei— zur Weiterreiſe einen miethen wollte; wo dieſe hingehen und wie lange ſie dauern ſollte, war noch nicht ausgemacht. Die Wahl ſchwankte zwiſchen Guſtavsborg und Strömſtad; man wollte ſich aber zuvor erkundigen, indem man natürlicher⸗ weiſe das vorziehen würde, welches am meiſten beſucht unnd dabei am wohlfeilſten war. VIII. Der Beichtſtuhl in Kloſter Wreta. „Gehen wir denn nicht bald hinauf, Papa?“ fragte Amelie, die von der Ecke des Sophas aus, welche dem Fenſter am nächſten war, ſehnſuchtsvoll die vorbeieilenden Ufer betrachtete. „Nun wird's wohl Zeit ſein.“ Der Obriſtlieute⸗ nant hatte ein kleines Schläfchen gemacht; nachdem er ein paar Mal gegähnt und ſich gedehnt und von Amelie 73 den Rock hatte ausbürſten laſſen, ſtieg er die Treppe hinauf, um abermals eine Muſterung mit den Verdecks⸗ paſſagieren vorzunehmen. Nach kaum vier Minuten kehrte 8 zurück und kündigte den Damen an, daß ſie kommen ollten. „Nun, Gott ſei Lob und Dank, endlich komme ich doch aus dem Arreſte!“ rief Amelie luſtig, und drappirte, ſo gut es ſich thun ließ, ihren Shawl vor dem kleinen Spiegel. Dann ſetzte ſie den Hut auf, der neue Schleier, welchen ſie während ihres Vaters Mittagsſchläfchen aus dem Koffer zu praktiziren gewußt hatte, wurde leicht übergeworfen, und ſo, in der einen Hand den Sonnen⸗ ſchirm, in der andern ein Buch— ſo hatte es der Vater ausdrücklich befohlen— trippelte ſie hinter der Mutter her die Treppe hinauf, wo ſie der Obriſtlieutenant mit der Galanterie eines artigen Weltmannes empfing, und an das obere Ende geleitete, wo ein paar Damen aus der Reſidenz ſaßen. Nachdem der Cavalier ſeine Damen eine kurze Zeit ſtehend damit unterhalten hatte, ihnen die Orte, an welchen man vorbeifuhr, zu zeigen und mit Namen zu nennen, begab er ſich auf die andere Seite, um mit der ihm eigenen dreiſten Artigkeit ein Geſpräch mit den Her⸗ ren einzuleiten, deren Namen ihm beim Durchgehen der Liſte beſonders aufgefallen waren. Seine Bemühung ge⸗ lang vollſtändig. Die vier Herren, welche beinahe an den Gränzen des Greiſenalters ſtanden, kamen dem Obriſt⸗ lieutenant mit derſelben Artigkeit entgegen. Dieſer war aber ſeinerſeits von der etwas ſchwerfälligen Unterhal⸗ tungsgabe derſelben nicht beſonders erbaut; allein wer ſich ein Mal in der haute volée bewegt hat, dem iſt es ein Leichtes, das Rad der Unterhaltung, mag es auch noch ſo ſchwer gehen, dennoch in ordentlichen Gang zu bringen. Bei der Ankunft zu Berg wurde die Aufmerkſam⸗ keit der Geſellſchaft durch drei neue Paſſagiere in An⸗ ſpruch genommen, welche an Bord kamen. Voran ging 74 ein Herr, deſſen bloße äußerliche Bekanntſchaft ſchon ein gewiſſes Intereſſe einzuflößen geeignet war; ſein kleiner Reiſegefahrte, ein blaſſer, krank ausſehender Junge von etwa fünf bis ſechs Jahren, ſammt einem alten zottigen Hunde, welcher beſtändig an der Seite ſeines jungen Ge⸗ bieters Wache hielt. Der Fremde ſchien ſchon ein ziemliches Stück über die Gränzen hinaus zu ſein, wo die Jünglingsträume verſchwinden, um der Erfahrung des gereiften Mannes Platz zu machen; er mochte ganz nahe an den Dreißigen oder vielleicht darüber ſein. Seine Stirne⸗ war nicht ohne Falten, und ein kummervoller Zug, verbunden mit einer gewiſſen ruhigen Reſignation, lag auf ſeinem Antlitze und ließ deſſen etwas ſcharfe Formen noch deutlicher her⸗ vortreten. Was noch beſonders dazu beitrug, das Düſtere in ſeinem Ausſehen zu erhöhen, waren ſeine dunkel⸗ ſchwarzen Augen und ſein durchdringender Blick, ſammt dem langen, rabenſchwarzen Haar, welches vorne in der Mitte geſcheitelt, auf beiden Seiten herabfiel, und gleich ein paar Trauerflören, die kräftiggebauten Schultern umflatterte. Die Kleidung des Mannes, ſo wie die des Knaben war ſchwarz, und ließ ſchließen, daß ſie wohl um einen nahen Angehörigen trauern mochten. „Das iſt ſicher ein Italiener;“ lispelte eine Gruppe von Bekannten,„man ſieht es an ſeiner Hautfarbe und dem ſchwarzen Backenbarte.“ Dieſer Vermuthung wider⸗ ſprach aber ein Anderer, und meinte, daß ſeinen Augen das lebhafte Feuer oder das helle klare Funkeln fehle, welches dieſe Bewohner des Südens auszeichne. Während dem blieb der Fremde einige Augenblicke an eines der Radhäuschen angelehnt; er hatte ſeinen Knaben auf den Arm genommen, um ihm Etwas zu zeigen, und der Hund ſaß getreulich daneben auf den Hinterbeinen und kratzte ſich hinter dem Ohre. Die Gruppe ſchien den Zuſchauern viel Intereſſe einzuflößen; —————— n ein leiner von tigen Ge⸗ über iume innes zigen nicht mit tlitze her⸗ ſtere nkel⸗ mmt in fiel, uten ſo ßen, uern lppe und der⸗ igen hle, licke nen zu den 1 Die en; 4 75⁵ indeſſen verſchwand der Reiſende bald mit ſeiner Geſell⸗ ſchaft auf der Kajütentreppe Einer weitern Unterhaltung über das Wer und Was des Fremden machte die Ankunft des Kapitäns ein Ende, welcher die Herrſchaften fragte, ob ſie nicht, während das Schiff die Schleußen paſſire, das Kloſter Wreta beſehen wollten, wozu vollkommen Zeit war. Der Vorſchlag war faſt einhellig angenommen, und nachdem Einer oder der Andere von den ängſtlicheren Paſſagieren ſich gehörig überzeugt hatte, daß man den Spaziergang wohl unternehmen könne, bis der Thor ſeine langſame Fahrt zurückgelegt habe, ſetzten ſich ſammtliche Füße in Bewegung, und der Weg nach dem Lande wimmelte von flatternden Halstüchern und wehenden Schleiern. Obriſtlieutenant von Dreſſen mit Familie ſammt den vier übrigen Notabilitäten machten eine Gefellſchaft für ſich aus, und waren unter den Erſten am Landungs⸗ platze. „Die alten Herrn da ſind nicht beſonders unterhal⸗ tend,“ dachte Amelie, und ließ ihre Blicke mit deſto größerer Luſt auf den Naturſchönheiten ruhen, an denen die Umgebungen des Oſtgöthakanals ſo reich ſind. Die Geſellſchaft marſchirte nun in verſchiedenen Grup⸗ pen den grünen Hügel hinan, der ſich ſanft über den Strand erhob, an den mächtigen Schleußenpforten vorbei, welche, gleich Cyklopen der Unterwelt knirſchend ihre ſchwarzen Arme öffneten, um das herannahende Boot auf⸗ zunehmen. Von den roth angeſtrichenen Gebäuden auf der Anhöhe aus erfreute ſich das Auge der herrlichſten Ausſicht, mochte man den Blick rückwärts über die wind⸗ ſtille Fläche richten, oder ihn längs der lachenden Ufer des Kanals ſchweifen laſſen. In ſtummem Entzücken über den majeſtätiſchen An⸗ blick blieb einer oder der andere Paſſagier verſunken ſtehen, während der größere Theil der Geſellſchaft ſeine ——5— 76 Promenade durch die wogenden Saatfelder fortſetzte, welche die alterthümliche Kirche umgaben. Amelie's Herz fühlte eine unſägliche Beklemmung, als ſie aus Gottes ſchöner freier Natur in das hohe, düſtere Kirchengewölbe trat, und die uralten heiligen Zierathe und Bildwerke, in das magiſche Dunkel der Abend⸗ beleuchtung gehüllt, ſtaunend vor ſich ſah. Es war ihr, als höre ſie leiſe Seufzer tief aus den Gräbern hervor⸗ ſchweben, auf deren gewaltigen Denkſteinen ſie umherwan⸗ delte, aber bald hafteten ihre jungen Sinne mit dem lebhafteſten Intereſſe auf den Mittheilungen des alten Glöck⸗ ners, welcher Allerlei von den Bewohnern dieſer Ruhe⸗ ſtätte zu erzählen wußte. In Staub zerfallene Gebeine, Schweigen, Vergeſſen⸗ heit und untergegangene Größe ruhen in dieſen ſtillen Betten, und vielleicht wohl manches Herz das den ſchwe⸗ ren Kampf der menſchlichen Leidenſchaften ausgekämpft und nun hier ſeinen Frieden gefunden hat. Unter Allem, was Amelie ſah, fand ſie ſich haupt⸗ ſächlich durch eine Mönchszelle angeſprochen. Sie konnte ſich nicht von dem Gedanken losmachen, daß dieſer kleine enge düſtre Raum, deſſen kleine runde Scheiben eben der letzte Strahl der untergehenden Sonne vergoldete, ſeiner Zeit einſt vielleicht Zeuge von dem vieljährigen Kampfe eines langſam hinwelkenden Herzens geweſen ſein mochte. Welch' ein Leben voll Entſagung und ungeſtillter Sehn⸗ ſucht! In ihrer lebhaften Einbildungskraft kam es Amelie vor, als regte ſich Etwas in dem dunkeln Winkel, wo der Beichtſtuhl ſtand, und ſie dachte ſich den Mönch darin, und eine vor ihm knieende Beichtende. Die Geſellſchaft ging weiter. In Träumen verſun⸗ ken folgte ihr Amelie, kein weiterer Gegenſtand vermochte den Eindruck zu verwiſchen, welche die Zelle auf ſie ge⸗ macht hatte, und als die Uebrigen die weitläufigen Gänge durchſchritten hatten und am Ende vor dem Altare ſtan⸗ den, um abermals eine merkwürdige Geſchichte des Kü⸗ 77 ſters mit anzuhören, ſchlich Amelie wieder leiſe zurück, jenen Gegenſtand noch ein Mal gehörig zu betrachten. Aber als ſie die Zelle zum zweiten Male betrat, wäre ſie vor Ueberraſchung und Schreck beinahe zu Boden ge⸗ ſunken; denn hatte ſie nicht jetzt das Gebilde ihrer aufge⸗ regten Phantaſie in aller Wirklichkeit vor Augen? Nein, es war keine Täuſchung, von der untergehenden Sonne ihr vorgegaukelt, deren Strahlen die geſpenſtiſchen Umriſſe des dunkeln Winkels noch matt und zweifelhaft beſchienen: aus dem Beichtſtuhle ſah in der That ein bleichgelbes Geſicht, mit bis auf die Augen herabgezogener Kapuze hervor,— und ſtarrten ſie nicht ein paar große ſchwarze Augen an, und ſchwebten nicht Laute über die bleichen Lippen, obgleich das Entſetzen ſie verhinderte, die Worte zu verſtehen?— Von einer Eiſeskälte durchbebt hielt ſich Amelie an dem Thürpfoſten, und wäre ſie nicht ſo kräftig und ſtark und frei von aller neumodiſchen Nervenſchwäche geweſen, welche die jungen Mädchen in Ohnmacht fallen und Krämpfe bekommen läßt, wenn nur eine Fledermaus vor⸗ beiſurrt oder ſonſt etwas eben ſo wenig gefahrdrohendes, ſo hätte ſie mit Fug und Recht daſſelbe thun können, denn der Mönch wurde immer höher und höher bis er wenig⸗ ſtens in Amelie's Einbildungskraft, am Ende bis zu einer gigantiſchen Rieſengröße emporwuchs. Aber nun verſchwand auch auf ein Mal das Blend⸗ werk, welches die Augen unſrer Heldin bethört hatte. Sie ſah ganz deutlich, daß es der Paſſagier war, welcher zuletzt auf dem Dampfboote angekommen war, und die täuſchende Kapuze, welche ihr vorhin ſo natürlich geſchie⸗ nen hatte, war nichts anderes, als das lange ſchwarze Haar des Unbekannten geweſen, welches, da er in vorge⸗ beugter Stellung dageſeſſen, ſein Geſicht wie mit einem Netze faſt ganz verhüllt hatte, ſo daß ſie es aus der Ent⸗ fernung, zumal bei der Dunkelheit des Ortes kanm für etwas Anderes halten konnte. „Wenn ich ſo unglücklich war, Sie zu erſchrecken, 78 ſo bitte ich tauſend Mal um Vergebung,“ ſagte der Fremde, welcher jetzt vollſtändig hervor trat und Ameiie lac mit einer anſtandsvollen Verbeugung grüßte daf „Nein, nicht Sie, ſondern nur meine eigene aufge⸗ Ge regte Einbildungskraft war es, die mich erſchreckt hat,“ ten entgegnete das Mädchen und trat zurück, während ſie, hai gleichſam im Vorbeigehen, hinzufügte: .„Ich wußte nicht, daß Sie auch mit von der Par⸗ dre thie waren.“ „Ich bin erſt nachgekommen,“ erwiederte er, empfahl ſich mit einer abermaligen Verbeugung, und ſchritt an kom Amelie voruber in den Gang hinaus. um „Er ſieht aanz wie ein Schatten aus, der zwiſchen dem den Grabern herumſchwebt;“ ſagte Amelie zu ſich ſelbſt; thu in der That lag auch Etwas in dem Fremdlinge, was ſie ihm an dieſem Orte und bei der ungewiſſen Beleuchtung We einen geheimnißvollen und unheimlichen Anſtrich gab. 1 „Wo bleibſt du denn ſo lange? Warum gehſt du und ſo für dich allein, Amelie?“ fragte die Mutter, welche Ka⸗ ihre Tochter vermißt hatte und ausgegangen war, ſie zu denn ſuchen und wieder zu den Uebrigen zuruck zu bringen. auf „Ach! Mutter, ich habe mich ſo eben wie eine rechte käm Gans benommen!“ ſagte Amelie und nahm den Arm ihrer und Mutter.„Haſt du den ſchwarzen Herrn geſehen, der erſt Dia heute Abend an Bord kam?“ 1 „Ja, ich habe ihn auch eben jetzt geſehen, wie er ſich Kna über das Gitterwerk beugte, welches die alten Königs⸗ um gräber umgibt. Es ſcheint zwar eine düſtere aber inte⸗ reſſante Erſcheinung zu ſein.“ „Ja wohl düſter, liebe Mamma, ſchauerlich düſter, das muß ich zugeben, aber intereſſant, das war er wenig⸗ ſtens vorhin nicht im geringſten, da es ihm einſiel in einen Beichtſtuhl zu kriechen, wo er mich faſt zu Tode erſchreckt hätte, denn ich glaubte, es ſei einer von den alten Mönchen wieder auferſtanden, um einem armen Sün⸗ der in ſeinem letzten Stündlein noch vorher Beichte zu hören.“ 8——y—* 2—— der melie ufge⸗ hat,“ ſie, Par⸗ pfahl an ſchen lbſt; was ung du elche e zu echte hrer erſt ſich igs⸗ nte⸗ ſter, nig⸗ l in ode den ün⸗ 79 „So kindiſch kannſt du ſein?“ erwiederte die Mutter lachend.„Das hatteſt du dir doch wohl denken können, daß es einer von den Paſſagieren ſein werde, der auf den Gedanken gekommen, den Beichtſtuhl inwendig zu betrach⸗ ten Wo er aber wohl unterdeſſen ſeinen Knaben gelaſſen haben mag? „Ach, der wird wohl ſchlafen,“ meinte Amelie und drehte ſich ſeitwarts, um auf den vermeintlichen Kloſter⸗ bruder noch einen Blick zu werfen. Ais die Geſellſchaft wieder auf dem Thor ange⸗ kommen war, ſprang Ameiie ſchnell die Treppe hinab, um drunten ihr Schuhband wieder anzunähen, das auf dem Heimwege los gegangen war. Wie ſie die Kajüten⸗ thüre öffnen wollte, um Nadel und Faden zu holen, wurde ſie durch einen Ton aufmerkſam gemacht, der dem leiſen Weinen eines ſchlafenden Kindes glich. „Ach, das iſt gewiß der kleine Knabe,“ dachte Amelie und machte, ohne ſich weiter zu beſinnen, die Thüre der Kajüte auf, aus welcher die Klagetöne kamen, da lag denn auch wirklich der neue Ankömmling roth und erhitzt auf dem Sopha, und ſchien mit einem böſen Traum zu kämpfen. Er war in einem Zuſtande zwiſchen Schlaf und Wachen, rief abwechſelnd:„Papa, Papa! Diana, Diana!“ und wälzte ſich unruhig bald hin balo her. Der Hund ſaß in lauſchender Stellung zu den Fußen des Knaben, und ſein ganzes Weſen zeigte, daß er in Angſt um ſeinen Liebling war. Als Amelie eintrat und ſich dem Lager näherte, ſah der Hund ſo klug und verſtändig aus, daß Amelie nicht umhin konnte, ihn durch liebkoſendes Streicheln für ſein freundliches Benehmen zu belohnen. Dann ſetzte ſie ſich auf den Rand des Sophas, nahm den Kopf des Knaben in den Arm, und begann ihn leicht einzu⸗ ſchläfern. „Ich habe ſo garſtig geträumt, Papa,“ ſagte der Kleine, und da er ſich in ſeines Vaters Arm in Sicher⸗ 80⁰ heit glaubte, entſchlummerte er wieder, ohne die Augen geöffnet zu haben. Amelie blieb noch eine Weile ſitzen und lullte ihn vollends ein— in das Auſchauen der hübſchen Züge des Knaben vertieft, die durch den Purpur, welchen der Schlaf über ihn breitete, einen lebendigen und friſchen Ausdruck bekamen, den ſie ſonſt entbehrten. Wie bei dem Vater, war ſein Haar auch glänzend ſchwarz, auf der Stirne geſcheidelt und fiel in natürlich gekräuſelten Locken rings um den weißen Nacken. „Du herziger kleiner Junge!“ flüſterte Amelie und beugte ſich weiter zu ihm herab, um mit einem leichten Kuſſe von dem Kinde Abſchied zu nehmen. Aber es ward ihr nicht ſo leicht, ſich loszumachen. Der Kleine hatte mit der einen Hand die Bandſchleife von Amelie's Hut gefaßt und hielt ſo feſt, daß es ihr erſt nach viel⸗ fachen Verſuchen gelang, ſein Händchen loszumachen. End⸗ lich konnte ſie aufſtehen, um in ihre eigene Kajüte zu gehen; da traf plötzlich ihr Auge auf den Unbekannten, welcher auf der Schwelle ſtand und ſeinen Blick voll der innigſten Erkenntlichkeit auf ihr ruhen ließ. Hoch erröthend ſtand Amelie auf.„Ich hörte den Kleinen weinen,“ ſagte ſie, gleichſam zur Entſchuldigung, und ging auf die Thüre zu. „Und Sie waren ſo gütig gegen einen Unbekannten.“ Mehr ſagte er nicht, allein ſeine Augen ſprachen eine tiefere Bewegung aus, als ſie jemals gedacht hatte, daß Augen ausſprechen könnten. „Bei ihrer Zurückkunft nach der Kajüte ihrer Eltern fand Amelie ihre Mutter mit Bereitung einer kalten Schale beſchäftigt. „Wo haſt du denn den Zwieback, mein Kind?2“u fragte Frau von Dreſſen, während eifrigem Suchen nach demſelben.“ „Den Zwieback!“ wiederholte Amelie und erbleichte vor Schrecken, den Korb vielleicht gar zu Hauſe vergeſſen 81 zu haben.„Iſt er denn nicht da?“ damit begann ſie ängſtlich in allen Eiken darnach zu ſpähen. „Nein, ich ſinde ihn nicht!“ entgegnete die Mutter, „und habe alle Ecken darnach ausgeſucht.„Geh' ein Mal hinauf und ſprich mit dem Steuermann, mein Kind! Er hat die Sachen in Empfang genommen, welche in den Packraum hinunter gebracht worden ſind, vielleicht iſt er dorthin gekommen.“ „Ach ja, ſo wird es wohl ſein.“ Mit dieſen Wor⸗ ten ſprang Amelie hinauf nach dem Deck, ſtellte den Steuermann zu Rede, und war eben im Begriff mit ihm herabzugehen, als ihr ein paar ſonnenverbrannte Kinder vom Strande die ſchönſten Blumenſträuße dar⸗ boten und ſie baten, ihnen Etwas abzukaufen. Amelie liebte die Blumen faſt bis zur Leidenſchaft, aber leider hatte ſie auch nicht einen Kreuzer in der Taſche. Indeſſen hatte ſie aber unwillkührlich die Hand nach einem der Sträuße ausgeſtreckt, und ſuchte mit forſchenden Blicken ihren Vater, welcher nicht ſelten, namentlich in Gegenwart von Fremden, ihr ſolche kleine Aufmerkſamkeiten ſchenkte, von denen freilich zu Hauſe, wenn ſie ſich in ihren vier Pfählen allein befanden, keine Rede war. Leider befand ſich der Herr Papa nicht oben, und mit ſchamrothen Wangen, nicht ohne einen betrübten halben Blick auf die Blumen, ſo wie auf die Verkäufe⸗ rinnen, gab Amelie den Strauß zurück. Sie ſtotierte ein verlegenes:„Dank mein Kind, ich mag keinen,“ und eilte mit dem Steuermann hinab. Der Zwiebackkorb fand ſich in der That, dieß tro⸗ ſtete ſie aber keineswegs über die Beſorgniß, irgend ein Paſſagier könnte es bemerkt haben, wie gerne ſie die Blumen hatte haben mögen, welche ſie ſich aus Mangel an Geld verſagen mußte. Endlich war es Zeit ſich niederzulegen, Frau von Dreſſen und Amelie warfen ſich Jede in eine Ecke des einen Sophas; auf dem andern ſtreckte ſich der Herr Der Stjutsjunge. 6 82 Obriſtlieutenant ſo bequem als nur immer thunlich war ihrer vollen Länge nach aus. Nachdem man noch eine Weile in die Wette gegähnt und ſich über die unerträg⸗ liche Hitze beklagt hatte, wurde es ſtille. Als aus Ame⸗ lie's leichten Athemzügen zu ſchließen war, daß ſie wohl eingeſchlafen ſein mochte, nahm der Obriſtlieutenant eine auf dem Tiſch liegende Bleifeder, und tippte ſeiner Frau damit auf die Schulter: „Wachſt du noch, Sophie?“ „Ja mein Freund: die Fliegen und die Hitze.“ „Ja, die ſoll der Henker holen,“ unterbrach ſie der Obriſtlieutenant. „Was dünkt dir aber von unſerer Reiſe— von den Leuten, meine ich.“ „Was kann ich nach ein paar Stunden ſchon dar⸗ über ſagen?“— „Du ſcheinſt dich bei den Herren, welche du uns vorgeſtellt haſt, ganz gut zu gefallen.“ „Zu deſollen, der Henker auch! Das ſind vier alte abgelebte Geſellen, welche nur herausgehen, um ſich et⸗ was auszulüften; ennuyantes Volk, an die ich nur mit wahrem Abſcheu meine Unterhaltungsgabe verſchwende.“ „Warum erſparſt du dir denn nicht dieſe Unannehm⸗ lichkeit?“ „Weil ſie vornehmen Familien angehören, und im Ganzen doch— ihre langweilige Philiſterhaftigkeit abge⸗ rechnet— ganz erwünſchte Geſellſchaft ſind. Du ſollteſt dich denn doch ein Mal daran gewöhnen und nicht ver⸗ geſſen, Sophie, daß man ſich oft manchen Zwang an⸗ thun muß, wenn man Etwas vorſtellen will.“ „Du haſt ſchon viel für dein Syſtem gethan,“ ver⸗ ſetzte ſeine Gattin mit einem feinen Lächeln, welches aber bei dem herrſchenden Dunkel unbemerkt blieb. „Ja, ich ſchmeichle mir allerdings, niemals eine Gelegenheit dazu verſäumt zu haben,“ entgegnete der Obriſtlieutenant mit ſelbſtgefälligem Tone.„Auch kannſt du dich darauf verlaſſen, Sophie, daß wir ohne dieſes 1 e. ehm⸗ d im bge⸗ llteſt ver⸗ an⸗ ver⸗ aber 8³3 mein Talent ſchon längſt zu dem unbedeutenden niedern Adel herabgeſunken wären, ſtatt daß wir uns ſo mindeſtens ſtets oben auf gehalten haben. Aber nun wieder auf meine vorige Rede zurückzukommen, haſt du den Fremden mit den ſchwarzen Haaren bemerkt, welchen Niemand kennt. Der Kerl ſieht gar nicht ſo übel aus, und weiß ſich zu benehmen, als ob Etwas hinter ihm wäre. Er hat ſo etwas Nobles, daß noth⸗ wendig adeliges Blut in ihm fließen muß. Er iſt ſicher⸗ lich ein Edelmann, allein das Einzige wundert mich, daß daß er keinen Diener bei ſich hat.“ „Du haſt ja auch keinen, mein lieber!“ „Allerdings habe ich das nicht; aber ich habe mei⸗ ne Gemahlin und meine Tochter bei mir, wogegen er ein Kind mit ſich ſchleppt, welches der Wartung bedarf. Gewiß iſt er ein Wittwer.“ „Es ſieht ſo aus! haſt du nicht gehört, wie er heißt, oder ſteht ſein Name vielleicht auf der Liſte?“ „Ich habe das leider nicht ſehen können; Morgen früh will ich der Sache ſchon auf den Grund kommen. Wir müſſen es herauskriegen, ob er ein Cavalier iſt;— denn das bleibt eine Hauptbedingung, wenn er während der Ueberfahrt in unſerm Cirkel aufgenommen ſein ſoll.“ „Ach wäre es erſt Morgen!“ ſeufzte die gute Frau. und wehte ſich mit dem Schnupſtuche Kühlung zu. „Dieſe Abkühlung iſt ſehr angenehm,“ ſagte der Obriſtlieutenant.„Ich will ſehen, ob ich jetzt einſchlafen kann. Du kannſt mir etwas friſche Luft zuwehen, bis du ſiehſt, daß ich gehörig eingeſchlafen bin, denn Fliegen und Schnacken, die Beſtien, freſſen einen faſt auf.“ Ohne ein Wort zu ſagen, ſtand ſeine Gemahlin auf, und während ihre Gedanken weit weg waren, ging ihre Hand mit dem Schnupftuche maſchinenmäßig auf und nieder, bis das tiefe Schnarchen des Obriſtlieutenants verkündigte, daß ihr Herr und Gemahl eingeſchlafen 84 war. Dann drückte ſich Frau von Dreſſen auch in ihre ra Sophaecke, um ungeſtört darüber nachzuſinnen, wo ihr ar die Züge des Unbekannten ſchon ein Mal begegnet waren. 1 E de 5 lie ch IX. n Der Obriſtlieutenant nimmt ſeine ä — Maßregeln. 8 ol w Als am folgenden Morgen, etwa gegen ſechs Uhr ſel die Aufwärterin mit dem beſtellten Kaffee hereintrat, ein — brachte ſie zugleich ein Glas voll der allerſchönſten Blu⸗ iſt men mit. ge Ein freudiges„Ach“ entfuhr Amelie's Lippen; eiligſt warf ſie ihre Haarflechten über den Kamm, griff mit bei⸗ ter den Händen nach dem Glaſe, und ſchlürfte den friſchen R Duft in ihr Näschen. ko „Sind die Blumen auch für uns?“ fragte der E Obriſtlieutenant, und ſtreckte die Hand gähnend nach ei⸗ br ner Kaffeetaſſe aus. 85 „Sie ſind für das Fräulein,“ antwortete das Mäd⸗ chen.„Eine Empfehlung von dem Herrn in Nro.6 und„ der kleine Alfred ſchicke ſie.“ de „Die Ritterlichkeit iſt doch in Schweden noch nicht S ganz zu Grabe gegangen,“ perorirte feierlich der Obriſt⸗ lieutenant, und fuͤhrte ſich mit größtem Appeteit ſämmt⸗ de lichen Zwieback, auch den für die Damen beſtimmten, zu„ Gemüthe.. Als die Aufwärterin fort war, zog die Mutter den Beutel mit hausgebackenem Zwieback hervor, deſſen In⸗ we halt ihr und der Tochter trefflich ſchmeckte. Nach einer Weile ging der Obriſtlieutenant, friſch ihre bihr aren. 8⁵ raſirt und ſorgfältig angezogen, auf's Verdeck. Er wollte angeblich den ſchönen Morgen genießen, eigentlich war⸗ tete er aber auf eine Gelegenheit, um Etwas über den Herrn in Nro. 6 zu erkundigen, und nahm ſeinen Weg deßhalb ohne Umſchweif nach dem Saal, wo er ſo glück⸗ lich war, das Paſſagierverzeichniß zu finden, auf wel⸗ chem, ganz am Ende, der Name„J. Borgenſtierna“ ſtand.— „Borgenſtierna, ſchlechtweg,“ murmelte der Obriſt⸗ lieutenant zwiſchen den Zähnen.„Nichts vom Titel! Hm, was kann das für ein Menſch ſein? Selbſt ſein Name iſt ſo wenig bekannt, daß ich nicht ein Mal weiß, ob er in der Adelsmatrikel ſteht, und wenn es auch wäre, ſo genießt er wenigſtens jetzt durchaus kein An⸗ ſehen Der Teufel weiß aber, wo ich den Namen ſchon ein Mal gehört habe! Im Kopfe ſteckt er mirz— es iſt aber doch nicht möglich.— Ich habe niemals Jemand gekannt, der ſo geheißen hat.“ Unter ſolchen Betrachtungen wanderte der Obriſtlieu⸗ tenant der Kajuüte zu, um das Gedächtniß ſeiner Frau zu Rathe zu ziehen; aber Amelie's Stimme:„Ach Gott, da kommt der Vater ſchon wieder— ſollen wir denn nicht Einen Augenblick Zeit haben, die Kajüte in Ordnung zu bringen?“ veranlaßte, ihn wieder umzukehren und ſeine Damen auf dem Deck zu erwarten. Da ſaß in der Ecke des grünen Sophas der Mann „ohne Titel,“ auf einer Seite ſein Sohn, auf der an⸗ dern ſein Hund, ein offenes Buch lag auf ſeinem Schooße. „Na, das iſt ja vortrefflich,— wie beſtellt,“ dachte der Obriſtlieutenant, und näherte ſich mit einem höflichen „Guten Morgen!“„Mich dünkt, wir ſollen heute auf einen hübſchen Tag rechnen können.“ „Es ſieht ſo aus,“ entgegnete der Fremde, in welchem die Leſer wohl ſchon von vorn herein unſern alten Bekannten, den Skjutsjungen von Swarteborg er⸗ kannt haben werden, von deſſen bisherigen Schickſalen 86 wir zu gelegeneren Zeiten reden werden. Wir beſchränken uns für jetzt darauf, ubaß er den Gruß des Obriſtlieute⸗ nants höflich erwiederte, übrigens ſonſt keine große Luſt zeigte, die eingeleitete Unterhaltung fortzuſetzen. Aber unſer Obriſtlieutenant war anderer Meinung: Er nahm auch auf dem Sopha Platz, und verſuchte mit dem Knaben zu ſpielen: dieſer ſchien aber auch nicht ſehr geneigt, auf ſolche Vertraulichkeiten einzugehen und ſchmiegte ſich dicht an ſeinen Vater. „Es muß doch eine beſchwerliche Sache ſein, einen ſo zarten Reiſekameraden bei ſich zu haben. Ohne Zwei⸗ fel iſt es ihr Sohn.“ „So iſt es.“ „Er iſt wohl nicht über vier Jahre alt?“ „Er iſt bereits fünfe vorbei.“ „Wirklich? Das ſollte man nicht meinen. Der Kleine ſieht kränklich aus.“ „Leider iſt er es auch.“ „Sie ſind ohne Zweifel gegenwärtig im Begriff, eine Reiſe nach einem Bade zu machen?“ „Ja, ich habe allerdings im Sinne den Verſuch zu machen, ob es nicht eine gute Wirkung auf ihn äußert.“ „Ah! Seebäder ſind ſehr geſund. Auch ich bin mit meiner Familie auf dem Wege nach einer dieſer heilſamen Anſtalten, welche ſo manche Vortheile mit ſich führen— nämlich was die Geſundheit betrifft. Meine Gemahlin leidet unglücklicher Weiſe ſeit einiger Zeit an Krämpfen, und obgleich ſie jetzt nicht mehr ſo heftig ſind, wollen wir doch dieſes vortreffliche Mittel zu ihrer vollſtandigen Herſtellung nicht verabſäumen. Sie gehen wahrſcheinlich nach.....“ hier machte der Obriſtlieutenant einen kleinen Abſatz,— in der Erwartung ſeinen Zweck zu er⸗ reichen und den Ort zu erfahren. „Ich bin noch nicht beſtimmt entſchloſſen; ich erwarte erſt unter Wegs den Brief eines Arztes.“ „Mit uns iſt es ungefähr auch gerade ſo; wir ha⸗ ben ebenfalls noch keine Wahl getroffen. Aber ich bi 1 um die Jel vor wie lier He ner ren auf inken eute⸗ Luſt ung: mit 87 um Verzeihung:— ich bediene mich hier der Freiheit, die man ſich freilich nur auf Reiſen nehmen darf, mit Jemand eine Unterhaltung angeknüpft zu haben, ohne ihm vorgeſtellt zu ſein. Laſſen Sie mich dieſes Verſäumniß wieder gut machen: Mein Name iſt v. Dreſſen, Obriſt⸗ lieutenant und Kammerherr. Und ich habe die Ehre mit Herrn.. 2 „Mein Name iſt Borgenſtierna.“ „Es freut mich unendlich die Ehre zu haben mit Herrn.... Herrn.... Ich hatte nicht das Ver⸗ gnügen Ihren Titel zu hören.“ h.— „Einen ſolchen habe ich auch nicht.„MF Nach dieſer Erklärung entſtand eine kllue Pauſe in der Unterhaltung. Aber mit einer ſeiner gewohnten Wen⸗ dungen wußte der Obriſtlieutenant das Geſpräch wieder in Gang, und zwar mit eigenthümlicher Gewandtheit auf die Zeitungsliteratur zu bringen. Ein Edelmann ohne Titel— hm— man mußte doch wenigſtens zu erfahren ſuchen, zu welcher politiſchen Farbe ſich der Herr Nachbar bekannte. Borgenſtiernas Antwort war kurz und beſtimmt, aber ziemlich offen und frei. „Aha,“— dachte der Obriſtlieutenant,„er gehört zu den Freiheitshelden. Vermuthlich ſitzt noch etwas alter Sauerteig in ihm, den er von den Studentenjahren her noch nicht völlig verdaut hat. Das iſt Schade— ſehr Schade. Doch wenn er Geld hat und die Nothwendigkeit einſieht, ſich einen Titel zu verſchaffen, ſo...“ Eben kamen die Damen und der Obriſtlieutenant benutzte ſogleich die Gelegenheit, ſie Herrn Borgenſtierna vorzuſtellen. Dieſer grüßte ſie kalt und ehrfurchtsvoll; allein ſo wie Amelie dem Knaben auf die Wange klopfte und ſagte:„Dank für die ſchönen Blumen, mein klei⸗ ner Alfred,“ da ſchwand das ſteife Weſen, welches wäh⸗ rend des ganzen Zweigeſprächs mit dem Obriſtlieutenant auf dem Geſichte unſers Helden gelegen hatte, und ein * ausdrucksvoller Stimme entgegnete:: „Alfred kann nicht danken, wie er eigentlich ſollte, denn er weiß nichts davon, daß er ſo glücklich war, außer ſeinem Vater und der alten Diana noch eine weitere Be⸗ ſchützerin zu haben.“ Ganz unbefangen wandte ſich Amelie nun zu ihren Eltern und erklärte ihnen den Sinn dieſer Worte. Sie hatte den Knaben im Schlafe weinen hören und war hineingegangen, um ihn zur Ruhe zu bringen. „Gewöhnlich ſchläft er in den erſten Stunden ganz feſt und ruhig,“ ſetzte Borgenſtierna hinzu,„allein die Unruhe, welche mich ſelbſt bei meiner kurzen Abweſenheit ergriff, ließ mich ahnen, daß er wohl wach ſein möge, und dieß war auch die Urſache, warum ich ſo ſchnell um⸗ kehrte.“ Die Ankunft der übrigen Herren gab nun dem Ob⸗ riſtlieutenant Veranlaſſung, ſeine Zeit auch jenerſeits gut anzuwenden, und er begann auch bei ihnen ſein geſelliges Talent glänzen zu laſſen; Frau von Dreſſen nahm aber dicht neben Borgenſtierna Platz, und ſtreichelte freundlich der alten Diana den gelbgelockten Kopf:„Ich bin eine roße Freundin von Hunden. Ein Mal, freilich iſt es ſchon lange her, hatte ich auch einen, der in Name und Strahl von Freude glänzte in ſeinen Augen, als er mit Farbe dieſem glich. Ich verſchenkte ihn ‚aus Dankbar⸗ keit, und habe ſeitdem nie einen ähnlichen bekommen kön⸗ nen.“ Bei dieſen Worten ruhten die Augen der freund⸗ lichen Frau auf Borgenſtierna. Er hatte ſich abgewandt um mit dem Kinde zu plaudern, als aber ſein Blick dem der Frau von Dreſſen begegnete, ſpiegelte ſich in beider Augen der lebendige Ausdruck ihrer innerſten Em⸗ pfindungen. Zwar ſchwiegen ihre Lippen, und Frau von Dreſſen war ein wenig befangen. Aber allerhand Gedanken bewegten ihre Bruſt, und von dieſer Stunde an faßte ſie eine Theilnahme für den Unbekannten und 74 2 llte, ußer Be⸗ hren Sie war ganz die iheit öge, um⸗ Ob⸗ gut iges aber dlich eine ſt es und bar⸗ kön⸗ und⸗ andt Blick in FEm⸗ Frau Hand unde und 89 ſein Kind, welches an Innigkeit noch zuzunehmen ſchien, je länger ſie beiſammen waren. Nachmittags wurde Motala beſehen; und während dieſes Ganges wurde Amelie ſo gut Freund mit dem klei⸗ nen Alfred, daß er gar nicht mehr von ihr laſſen wollte, und ſie nur immer ſeine„liebe Ammi“ nannte. Natürlich wurde auch Platens Grab beſucht, und der Obriſtlieutenant, welcher nie eine Gelegenheit vorbeigehen ließ ſich wichtig zu machen, verbreitete ſich in einer weit⸗ läufigen Erzählung über die Verdienſte dieſes patriotiſchen Edelmanns. Gluͤcklicherweiſe war dieſes Kapitel damals noch nicht ſo abgenutzt, als dieß jetzt damit der Fall iſt, deßhalb hatte auch der Obriſtlieutenant die angenehme Genugthuung, daß ein Theil der Paſſagiere ihm mit großer Aufmerkſamkeit zuhörte. „Alfred fällt Ihnen aber allzubeſchwerlich; Sie ſind zu gut gegen ihn, mein Fräulein,“ ſagte Borgenſtierna und wollte den Knaben wegnehmen. „O nein, er iſt ja ſo beſcheiden! Laſſen Sie ihn nur! Ich habe die Kinder ſo gerne,“ entgegnete Amelie und ließ den Knaben mit einer Kette ſpielen, welche ſie am Confirmationstage von ihrer Mutter bekommen hatte, und deßhalb unter all ihrem Geſchmeide am höchſten hielt. Sie hatten ſich mit einander auf den Raſen geſetzt. Alfred wollte Amelies Schooß durchaus nicht verlaſſen, und da der Vater ſeine Händchen von der Kette losma⸗ chen wollte, hielt er ſie nur noch feſter; plötzlich riß ein Glied und Amelie ſah ein wenig beſtürzt über den Unfall aus. 2 Borgenſtierna erröthete, ob aus Verdruß oder einer andern Urjache, wiſſen wir nicht. Haſtig hob er die Reſte der Kette auf, behielt ſie in der Hand und ſagte:„Sie ſind wohl ſo gütig, mein Fräulein und erlauben mir, in Wenersvorg den Schaden wieder verbeſſern zu laſſen, welchen Alfred angerichtet hat?“ „Ich weiß nicht, ob ich dieß kann,“ meinte Ame⸗ — 90 lie, denn ſie wußte nicht recht, wie ſie ſich in dieſem Fall zu benehmen habe.„Ich trenne mich höchſt ungern von der Kette, und trage ſie ſeit drei Jahren beſtändig. Sie war früher das Eigenthum der Mutter, welche ſie mit aus Deutſchland gebracht hat; und da ich ſo klein war wie Alfred, ja wohl noch kleiner, pflegte ich ſchon gerne damit zu ſpielen.“ „Ich weiß... kann mirs denken,“ fing Borgen⸗ ſtierna ein.„Der Schmuck der Mutter wird gerne zum Spielzeug des Lieblings. Sind Sie denn in Deutſchland geboren, mein Fräulein?“ „Geboren, ja; allein ſehr früh nach Schweden her⸗ über gekommen.... Ach, da iſt ja die Mutter— ich will ſie fragen, was ich thun darf und ſoll.“ Borgenſtierna kam aber Amelie ſchnell zuvor, und appellirte ſelbſt an Frau von Dreſſen, deren Ausſpruch wehi ſeiner größten Freude ganz nach ſeinem Wunſche ausfiel Müde und matt von der Tageshitze und den Spa⸗ ziergängen zogen ſich die Paſſagiere für den übrigen Tag in ihre Kajüten zurück, und erſt am Abend, als ſich ein kühler Wind erhob, der aber doch ſo viel Rückſicht auf die Damen nahm, daß er ſie nicht im Geringſten inkom⸗ modirte, verſammelte ſich die Geſellſchaft wieder auf dem Verdecke.“ Bald kam man in die Nähe des bewunderungswür⸗ digen Schloſſes Wadſtena; Borgenſtierna richtete ſeinen Tubus nach. Amelies Auge, ſo daß dieſe die edlen archi⸗ tektoniſchen Verhältniſſe deſſelben, ſowie das darum her liegende Kloſter ganz deutlich erkennen konnte. „Ach, wie iſt das Schloß auch jetzt noch prächtig!“ rief Amelie entzückt aus;„und doch muß es in argem Verfalle ſein.— Iſt es denn wahr, daß es jetzt als Kornſpeicher benützt wird?“ „Allerdings iſt es ſo,“ verſetzte Borgenſtierna.„In den Sälen, wo Guſtay der Erſte ſeine Vermählung mit 91 Catharina Stenbock feierte, liegt nun der Ueberfluß von Oſtgothlands reichen Erndten aufgeſpeichert.“ „Ja, die alten Mauern da haben Manches geſehen und gehört,“ fiel der Obriſtlieutenant ein, der es nicht unterlaſſen konnte, ſich in Alles zu mengen.„Und darun⸗ ter iſt Graf Johanns von Oſtfriesland bekanntes Aben⸗ theuer mit der Prinzeſſin Cäcilie vielleicht keine der wenigſt pikanten Erinnerungen.“ Plötzlich mochte ihm aber einfallen, daß dieſer Stoff eigentlich nicht zu den paſſendſten gehöre, welche ein Vater zu einer Unterhaltung mit ſeiner Tochter wählen könnte, und ſetzte in einem Athemzuge hinzu:„O, meine Tochter, Schloß Wadſtena iſt ſehr merkwürdig, außerordentlich merkwürdig! Hier war es, wo Karl der Zwölfte bei ſeiner Heimkehr aus der Türkei zuerſt mit ſeiner Schweſter Ulrike Eleonore zuſammentraf.“ Amelie wollte es bedünken, als ob es gerade keine abſonderliche Merkwürdigkeit wäre, aber ſie merkte auch, daß es nun mit dem Vorrathe von Papas hiſtoriſchen Erinnerungen am Ende ſei, und wollte deßhalb keine wei⸗ tere Frage thun, da ihn eine ſolche hätte leicht in Ver⸗ legenheit ſetzen können. „Wir haben übrigens nicht im Sinne unſern Rei⸗ ſenden auf dem Dämpfer Schritt vor Schritt zu folgen, ſondern wollen nur noch erwähnen, wie ſie ſich an den Schönheiten Weſtgothlands ergötzten, und nachdem ſie die blauen Umriſſe der trotz ſeiner anſehnlichen Entfernung doch deutlich hervortretenden berühmten Reiſekrone Schwe⸗ dens, der Kinnekulle angeſtaunt, und auf den tükiſchen Wogen des Wanerſees eine kleine Bekanntſchaft mit der Seekrankheit gemacht hatten, am Ende glücklich Weners⸗ borg erreichten, wo der Obriſtlieutenant einen Tag mit den Seinigen zu bleiben im Sinne hatte. Am Morgen nach ihrer Ankunft ließ Borgenſtierna ſich zum Beſuche anmelden. Der Obriſtlieutenant war bereits in voller Thätigkeit, und lief in der Stadt nach 92 einem Wagen umher.— Die Damen befanden ſich dem⸗ nach allein. Sobald der kleine Alfred nach ſeines Vaters Inſtruk⸗ tion die Kette dargereicht und„Fräulein Ammi um Ver⸗ zeihung“ gebeten hatte, kletterte er an ſeiner Freundin hinauf, ſchlug zärtlich ſeinen Arm um ihren Hals, und ſagi halb weinend:„Adjeu meine liebe Ammi, jetzt muß ich fort.“— „Er hat Recht,“ verſetzte Borgenſtierna, und griff nach ſeinem Hute.„Der Wagen iſt ſchon angeſpannt.“ „Und wohin geht Ihre Reiſe?“ fragte Frau von Dreſſen, während Amelie mit dem Knaben ſpielte. „Zuvörderſt nach Uddevalla, ob ich aber dort bleibe, oder weiter reiſe, hängt von einem Briefe ab, den ich von einem Arzte erwarte, deſſen Rath über Alfreds Geſundheit ich vor meiner Abreiſe nicht mehr einholen konnte, da ich die Heimath ſo ſchnell verließ.“ Frau von Dreſſen konnte nicht wohl mehr weiter fragen, obgleich ſie gerne noch Dieſes oder Jenes hätte wiſſen mögen. Das dadurch eingetretene Stillſchweigen benützte Bor⸗ genſtierna, nahm ſeinen Sohn bei der Hand, und obgleich zwar dieſer offenbar ſehr ungern die angenehme Beſchäfti⸗ gung mit Amelies Backen aufgab, mußte er ſich doch am Ende fügen. Es wurden noch einige gewöhnliche Artig⸗ keitsphraſen über angenehme Reiſegefährten und dergleichen nichtsſagende Complimente gewechſelt, Borgenſtierna bat dem Obriſtlientenant ſeine Empfehlung melden zu wollen, nahm dann Abſchied, und verließ die Damen in einer Stimmung, welche Beide nicht ſehr zu einer Unterhaltung aufgelegt machte. Cndlich brach Amelie, welche nicht begreifen konnte, warum ſie eigentlich ſo ſtumm waren, das Stillſchweigen und fragte:„An was denkſt du denn, Mütterchen?“ „Ja, mein Rind, das weiß ich ſelbſt nicht recht. Vielleicht an unſere neue Bekanntſchaft.“ „Er hat ſo etwas Zurückhaltendes und Verſchloſſe⸗ dem⸗ ruk⸗ Zer⸗ ndin und nuß riff nt.* von eibe, von heit ich eiter ätte 93 nes in ſeinem Weſen, was ich gerade nicht beſonders liebe,“ bemerkte Amelie. „Sorge und Kummer machen ſtets verſchloſſen,“ ent⸗ gegnete Frau von Dreſſen,„darüber darf man ſich nicht wundern.“ Jetzt kam der Obriſtlieutenant zurück und meldete, daß er für zwanzig Reichsthaler Reichsgeld einen Wagen bis Strömſtad gemiethet habe, welcher ſie in beſtimmter Zeit dorthin bringen müſſe. „Nach Strömſtad?“ wendete ſeine Gattin ein. „Warum denn eine Reiſe von zwölf bis dreizehn Meilen, da wir es mit drei abgethan haben könnten? Ich. glaubte wir wollten in Guſtavsborg baden.“ „Ja, liebe Frau, du glaubſt eben gar zu viel, wo du eigentlich nichts glauben ſollteſt, bis ich meine Mei⸗ nung geſagt habe.— Kurzum, wir gehen nach Ström⸗ ſtad! Dieſes Bad iſt gegenwärtig am meiſten in der Mode. Heute Nacht ſind erſt drei Wagen dahin abge⸗ gangen, und zwar mit lauter Leuten, welche zur haute voleé gehören. „Nun an dergleichen wird es in Guſtavsborg wohl auch nicht fehlen; und da meinte ich denn doch unmaß⸗ eblich* 2 2.* 8 3„Hör, liebe Sophie, ſei ſo gut und verſchone mich mit deiner unmaßgeblichen Meinung. Auf jeden Fall reiſen wir nach Strömſtad. Habt ihr noch nichts von Borgenſtierna geſehen?“ „Eben iſt er da geweſen und hat Abſchied genom⸗ men,“ ſagte Amelie,„er läßt ſich dir noch empfehlen.“ „Was, Abſchied? Das iſt ja gewaltig ſchnell ge⸗ gangen! Wo geht er denn hin?“ „Er ſagte nicht wo er bleiben würde.“ „Hm, ich meine faſt, ich ſollte ihm noch ſchnell eine Gegenviſite machen. Er hat zwar keinen Titel, und ich weiß nicht ein Mal wer er iſt, allein wir ſind ja im Wirthshauſe, wo eine derartige Herablaſſung 94 ſelbſt ſür einen Mann meines Ranges nicht ſo viel auf ſich hat.“ „Ja mein Lieber,“ ſiel ſeine Gattin ein,„ich glaubte er ſei Edelmann, ſo gut wie du 2“ K „Ein Edelmann!“ entgegnete der Obriſtlieutenant mit einem verächtlichen Lächeln;„ja, inſofern er einen Namen trägt, der ſo etwas adeliges an ſich hat, es viel⸗ leicht auch wirklich iſt. Aber wo iſt ſeine Familie? was ſind ſeine Verbindungen? Kein Menſch kennt ſie? Wo ſind ſeine Güter? Niemand weiß, wo ſie liegen, wenig⸗ ſtens ich nicht. Kurz, wir„hätten unmöglich ſeine Be⸗ kanntſchaft im Bade länger mehr cultiviren können, außer wenn er mit Freunden auftritt, welche durch ihren Um⸗ gang mit ihm gleichſam für ihn garantiren, und wenn er ferner beſonders ſich als ein reicher Mann zeigt, bei dem es dann auch auf den Namen wenig ankommt, wenn er nur einen adeligen Klang hat.“ Frau von Dreſſen wurde roth, wie dieß häufig der Fall war; im Augenblick rief Amelie, welche am Fen⸗ ſter ſtand, das in den Hof ging:„Ja, nun iſts zu ſpät. — Eben ſteigt er mit Alfred in den Wagen.“ „Na, ſo mag er zum Henker fahren!“ rief der Obriſtlieutenant, und warf einen verdrießlichen Blick auf den hübſchen bequemen Reiſewagen. X. Die Höhe von Swarteborg. Ankunft in „ Strömſtad. In dem Gaſthofe zu Uddevalla fragte der Obriſt⸗ lieutenant, ob nicht ein reiſender Herr mit einem Kna⸗ — 95 ben hier über Nacht geblieben oder noch, vielleicht da ſeie;— allein kein Menſch wollte Etwas von einem Solchen geſehen haben. „Wenn ich nur wüßte, welchen Weg er genommen hat!“ ſagte der Obriſtlieutenant zu ſich ſelbſt, wurde aber ſchnell durch einen Aufwärter unterbrochen, welcher mit großer Dienſtfertigkeit fragte, ob der gnädige Herr nicht vielleicht ſeine Pferde auf den ganzen Weg voraus beſtellen wolle. Dieß ließe ſich leicht durch einen Wagen thun, welcher eben im Begriffe ſei, abzugehen, wenn der gnädige Herr nur einen Laufzettel ſchreiben und dem mit⸗ reiſenden Diener zur Beſorgung übergeben wolle. Der Vorſchlag erhielt den ganzen Beifall des Obriſt⸗ lieutenants; er wußte zwar, daß es ihn ein kleines Trink⸗ geld koſten würde, allein es gab ihm doch jedenfalls ein gewiſſes Anſehen, wenn er mit vorausbeſtellten Pferden reiste. Nicht das geringſte Mittel, welches ſeinem großen Zweck förderlich ſein konnte, durfte unbeachtet bleiben. Demnach ward auf einem Laußzettel mit großen deutli⸗ chen Buchſtaben geſchrieben:„Zwei Pferde für den Obriſtlieutenant, Kammerherrn von Dreſſen. mpp.“ Allein über keine ſeiner im Leben ſo häufig began⸗ genen Dummheiten war der Herr Obriſtlieutenant je ſo ärgerlich, als gerade über dieſe, denn er wurde auf der Höhe vor Swarteborg durch den unbedeutenden Umſtand aufgehalten, daß der üppige Wagen,— für zwanzig Reichsthaler Reichsgeld— plötzlich ein Vor⸗ derrad verlor, und zur großen Beſtürzung und Aerger⸗ niß die ganze Familie auf die Landſtraße ſetzte, wobei man noch obendrein recht leicht Hals und Bein hätte bre⸗ chen können. 1 Glücklicherweiſe war der Purzelbaum nicht allzu heftig, ſo daß ſie mit einigen Püffen und blauen Malen davon kamen; der Obriſtlieutenant hatte ſich kaum wie⸗ der aufgerafft, als er mit den denkbar gewählteſten Ausdrücken ſich in eine ganze Litanei über das infame Swarteborg mit ſeinen verdammten holperigen Wegen, 96 Schindmähren und heilloſen Lümmeln von Stiutsjungen V ergoß, wie ſie nur jemals ein menſchliches Ohr vernom⸗ men haben. „Ich bin ſchon ein Mal in dieſem Hundeneſte ge⸗ weſen..“ Aber hier hielt der Obriſtlieutenant plötzlich inne. Auf ein Mal ſchien ihm ein helles Licht über jene Nacht im Swarteborger Wald aufzugehen. Der Stjutsjunge, der Name, die Peitſchenhiebe, Ohrfeigen, Alles ward ihm klar. Aber gleich darauf beſchwichtigte er ſich mit der beſtimmten Verſicherung, welche er ſich einzureden ſuchte,„holen mich tauſend T— es iſt nicht möglich, daß der Stjutsjunge von damals ein ſolcher Kerl gewor⸗ den ſein kann. Der Name war es allerdings, allein den können Viele führen, und ſoviel lag doch auf platter Hand, daß ſeine neue Bekanntſchaft nicht zu Denen gehörte, die man auf der Landſtraße aufliest; und überhaupt war es die größte Lächerlichkeit, ſich auch nur einen Augenblick einen ſo dummen Gedanken einfallen zu laſſen. Gleich⸗ wohl ſcheute ſich der Obriſtlieutenant, aus einem ihm ſelbſt unerklärlichen Gefühle, durch eine deßfallſige Frage an den Vorſpannbauern ſich Gewißheit darüber zu ver⸗ ſchaffen, obgleich dieſer ihm die beſte Auskunft mußte ge⸗ ben können, da er aus demſelben Neſte war, wie der Junge mit dem vertrackten Namen. Der Obriſtlieutenant hielt es für das Gerathenſte, die ganze Sache im tiefſten Dunkel zu laſſen, denn„bei Allem war es doch eine dumme Uebereilung,“ ſagte er heimlich zu ſich ſelbſt. Die Folge dieſer unſeligen Begebenheit war, daß man vorderſamſt, um weiter zu kommen, den Wagen ausbeſſern und deßhalb Leute herbeirufen mußte, welche ihn wieder in den Gaſthof zurückſchafften. Das machte ſchon wieder ein hübſches Loch in den Beutel.— Aber Himmel! welch zweites Mißgeſchick!— als ihm einfiel, daß ſein Unſtern ihn die Pferde hatte vorausbeſtellen laſſen! Sicherlich kam er nicht vor Abend nach igen om⸗ ge⸗ nne. acht nge, vard mit eden lich, vor⸗ den and, die r es blick eich⸗ ihm rage ver⸗ ge⸗ der nant fſten eine daß agen elche achte Aber fiel, tellen nach 97 Swarteborg, und mußte dort ſtatt zwei Pferde zur Wei⸗ terreiſe des langen Wartens halber für vier bezahlen. Das war bei Gott eine harte Prüfung für einen Mann von ſo hitzigem Temperament und ſo ſchlechtbe⸗ ſtellter Kaſſe, als der Obriſtlieutenant.„Ja, das iſt un⸗ verantwortlich, wenn es einem mit einem gemietheten Wagen ſo geht, und man dafür auch noch um zwanzig Reichsthaler geprellt ſein ſoll!“ Frau von Dreſſen ließ ſich zwar nichts davon merken, war aber gleichwohl nicht minder verdrießlich darüber. Es war ihr, als beginne dieſe an ſich ſchon ſo unnöthige Reiſe, mit zu viel Mißgeſchick, um einen guten Ausgang nehmen zu können. Amelie wußte nicht, ob ſie lachen oder weinen ſollte, denn ſo hinderlich es ihnen auch ging, konnte ſie doch unmöglich die zornigen Grimaſſen ihres Vaters und ſein lächerliches Wüthen mit anſehen, ohne ſie höchſt ſpaßhaft zu finden. er Fuhrmann war bereits ausgeſandt, um Ver⸗ ſtärkung herbeizuholen, da erſchien zur unausſprechlichen Freude der Reiſenden, ein zweiter Wagen auf der An⸗ höhe.„Gott ſei Dank,“ rief der Obriſtlieutenant froh aus,„nun kann ich doch wenigſtens Contreordre geben und die beſtellten Pferde wieder abſagen laſſen, ſo daß ich mindeſtens jetzt etwas leichtern Kaufs davon komme.“ Noch vergnügter wurde er aber, als der Wagen näher bun und eine bekannte Stimme dem Kutſcher halt zu⸗ rief. „Gehorſamer Diener, gehorſamer Diener„ Herr Borgenſtierna! Welches Glück, daß wir Sie in unſerm betrüͤbten Zuſtande hier treffen! Wir ſind ſchön daran— Der Obriſtlieutenant trieb die Artigkeit ſo weit, daß er Borgenſtierna mit der größten Freundlichkeit die Hand darreichte, welcher ſogleich aus dem Wagen ſtieg, ſich nach ihrer Lage erkundigte und auf's Angelegentlichſte ſeine Dienſte anbot. Des Obriſtlieutenants erſte Bitte war, da Herr Der Skjutsjunge. 7 .* 98 Borgenſtierna wohl keine Pferde voraus beſtellt haben werde, ihm doch den Gefallen zu thun und ſich der Seinigen zu bedienen, von welchen er jetzt leider keinen Gebrauch machen könne. Borgenſtierna hatte auch einen Laufzettel voraus geſchickt, war aber herzlich gerne bereit, die Abbeſtellung für den Obriſtlieutenant zu übernehmen. „Nun, Sie gehen nach Strömſtad, wie ich ſehe;“ ſagte der Obriſtlieutenant, als das Wichtigſte abgethan war. —„Ja, ich folge dem Rath meines Arztes. Er em⸗ pfiehlt mir Strömſtad als das zuträglichſte Bad für meinen Sohn. Wo iſt denn aber der Junge? Ah, er hat ſchon wieder die Bekanntſchaft mit Ihrer Fräulein Tochter erneuert. Wie glücklich wird er ſein, wenn er ſie in Strömſtad fortſetzen darf.“. „O gewiß, ſehr gerne!“ erwiederte Amelie. Allein ihr Bater, der ja nicht eher wiſſen konnte, ob dieſes an⸗ gehen werde, bis er ihn im Cirkel geſehen hatte, entgeg⸗ nete, gleichſam im Vorbeigehen, als hätte er die letzten Worte gar nicht vernommen:—. „Wir haben in Udodevalla gar nichts von Ihnen dihom, trotz unſerer angelegentlichſten Nachfrage im Gaſt⸗ hofe.“ „Ich hielt nur ganz kurz in Uddevalla an, bin dann wegen Alfreds Unwohlſein, in Quiſtrum eingekehrt, und habe von dort aus vor einigen Stunden einen Laufzettel abholen laſſen. Aber da kommen Leute zu Ihrer Hülfe hma nun wird hoffentlich bald dem Fehler abgeholfen Ffein.“ Borgenſtierna nahm jetzt Abſchied, nachdem ihm der Obriſtlieutenant noch vorher den Auftrag gegeben, wenn es ſeine Zeit erlaube, doch ein paar hübſche Zimmer für ihn in Strömſtad beſtellen zu wollen.. Natürlich verſprach Borgenſtierna es auf's Beſte zu beſorgen. Alfred weinte, daß Amelie nicht mit in ſei⸗ nem Wagen fahren wollte, beruhigte ſich aber bald aben der inen aus ung e 37* han em⸗ für „ er ilein n er llein an⸗ geg⸗ zten hnen Haſt⸗ dann und zettel ülfe olfen der venn für te zu ſei⸗ 99 wieder bei dem Verſprechen, daß er ſie bald wiederſehen würde. „Wie konnte ich aber nur ſo ruhig ſein!“ dachte Borgenſtierna, als ſein Wagen weiter rollte.„Und den⸗ noch kocht es mir in den Adern, wie in jener Nacht, als er mich prügelte. Der Narr iſt noch eben ſo hochmüthig wie damals. Ich kannte ihn im Augenblick wieder. Den Aerger, die Bekanntſchaft mit dem Skjutsjungen zu er⸗ neuern, will ich ihm aber doch bis zu einer gelegeneren, günſtigeren Zeit erſparen, tritt dieſe einmal ein, dann ſoll aber auch, bei Gott, ſein verdammter Apelſtolz einen tüchtigen Herzſtoß erleiden!“ „Ammi ſoll bald nachkommen,“ rief Alfred, un bemühte ſich nach ihr umzuſehen. Dieſer Name rief in Borgenſtierna eine freundlichere Stimmung hervor, allein deßhalb vergaß er doch keines⸗ wegs den Obriſtlieutenant. Als die Familie von Dreſſen am folgenden Vormit⸗ tage in Strömſtad ankam, fanden ſie zwar, daß Borgen⸗ ſtierna ſich wegen einer paſſenden Wohnung für ſie um⸗ gethan, aber noch nicht feſt beſtellt hatte, denn die Zimmer waren wegen der Nähe des Badehauſes etwas theuer. Der Obriſtlieutenant berieth ſich deßhalb mit ſeiner Gattin, welche die Zimmer, auf einen verſtohlenen aber wohl verſtandenen Wink von ſeiner Seite, nicht ganz annehmlich fand: ſie ſchienen feucht und waren nicht nach ihrem Geſchmack;— wie dieß denn überhaupt bei allen theuren Zimmern der Fall war, und ſo mietheten ſich unſere Badegäſte auf der andern Seite der Brücke ein, wo die Wohnungen billiger waren, außerdem auch, laut der Behauptung des Obriſtlieutenants, die Seeluft friſcher, aber dennoch nicht ſo ſcharf blies, wie es gerade für die Geſundheit ſeiner Frau unumgänglich nothwendig war. „Das Erſte, was man nun zu thun hat,“ ſagte der Obriſtlieutenant, als die Familie ihre neue Woh⸗ hu nung bezogen hatte, und er ſelbſt an einem Tiſche ſaß, ald 100 wo er mit Ueberrechnung ſeiner bisherigen Ausgaben, ſo wie des Standes ſeiner Kaſſe beſchäftigt war—„das Erſte, wie geſagt, iſt— 330— daß man— 340— ſich in die— 350— Soirée— 360— Liſte— 375 — einſchreibt— 388 Rthlr. 35 ßl. Das war eine verdammt theure Ueberfahrt! Die Herreiſe hat bereits 111. Rthlr. 36 ßl. gekoſtet. Rechnet man nun noch den Rückweg, Voiture ꝛc. dazu, ſo wird nicht viel mehr übrig bleiben, um hier im Bade davon zu leben und zu rilliren. Ich hoffe aber zu Gott, es ſoll ſich im weiteren Verlaufe ſchon irgend eine Ausſicht zeigen, wie man die Lücke ausfüllen kann, die unſer erſtes Auftreten nothwen⸗ dig mit ſich gebracht hat. Ich muß nur gehörig auf der Lauer ſein. Jetzt werde ich nach dem Geſellſchafts⸗ hauſe gehen, um meinen Namen in die Liſte einzutragen und mich zu erkundigen, ob die Badegeſellſchaft an der Table d'hôte ſpeist, oder ob ſich die einzelnen Familien à part auf dem Zimmer ſerviren laſſen.“ „Beides wird ziemlich theuer ausfallen,“ bemerkte ſeine Gemahlin.„Wir könnten ja unſere eigene Menage führen?“ „Warum nicht gar?— eigene Menage! Glaubſt du, Leute von Ton geben ſich mit ſo Etwas ab? Nein, ſag' ich, daraus wird nichts!“ „Aber die Aufwärterin hat mir doch geſagt, als ich mich nach den Tiſchpreiſen erkundigte, daß es in dem Wirthshauſe ſehr theuer ſei, und deßhalb die vornehmſten Herrſchaften ihre eigene Küche führten.“ „Ja, das ändert die Sache; wenn das vielleicht Mode iſt, dann bin ich auch nicht dagegen! Die Ein⸗ richtung an ſich ſelbſt iſt gar nicht zu verwerfen, ich kann dabei wenigſtens einen Rthlr. Beo., vielleicht gar 2 Rthlr. Rchsg. ſparen, was meiner Kaſſe ganz gut kommen wird.“ Als der Obriſtlieutenant eine halbe Stunde ſpäter in den Geſellſchaftsſalon trat, fiel ſein erſter Blick auf Borgenſtierna, welcher Arm in Arm mit einem Herrn 1 101 von nicht allein vortheilhaftem, ſondern ſogar feinem Wefen auf und ab ging. Herr von Dreſſen war indeſſen viel zu vorſichtig, ſeine Bekanntſchaft mit Borgenſtierna eher geltend zu machen, bevor er nicht ſelbſt, was man „feſten Fuß“ nennt, in der Geſellſchaft gefaßt hatte, oder wenigſtens vollkommen überzeugt war, daß der Herr, mit welchem ſich jener ſo vertraulich unterhielt, auch ein Mann von einiger Bedeutung ſei. Indeſſen änderte er doch ſeinen Plan, als ein alter Officier, welchen er Baron Lindenſköld nennen hörte, ſich den beiden Herrn näherte und vertraulich anſchloß. „Ich muß dich jetzt verlaſſen,“ ſagte der Herr, und ließ Borgenſtierna's Arm los.„Wann treffe ich Dich zu Hauſe, Herr Bruder?“ „Heute Abend, wenn es dir Recht iſt,“ antwortete dieſer, und mit einem kräftigen, herzlichen Handſchlage trennten ſich die Freunde. Es war nahe an Mittag und die Geſellſchaft im Salon hatte ſich ziemlich ver⸗ laufen; der Obriſtlieutenant brauchte deßhalb nicht mehr zu fürchten, daß er ſich compromittiren könne, ging deßhalb ſtraks auf Borgenſtierna los, welcher mit Ba⸗ ron Lindenſköld in einem Fenſter ſtand, und dankte ihm für ſeine gehabte Mühe mit den Zimmern, welche er übrigens doch nicht ganz ſeinem Wunſche gemäß gefun⸗ den habe. Mittlerweile empfiehlt ſich der Baron, und der Obriſtlieutenant fragte nun unſern Helden, wo er wohne. „Ich habe meine Wohnuug hier am Markte,“ ant⸗ wortete Borgenſtierna,„in dem Hauſe hier vis à vis.“ „Eine Wohnung— hm,—“ dachte Dreſſen,„das läßt ſich hören, auch Verbindungen von Diſtinktion, wie ich ſehe;— vielleicht auch reich— ja, ja—! Ein einzelner Mann nimmt doch ſonſt, meiner Seel', keine ganze Wohnung!“ Laut und in verbindlichem Tone ſagte er jetzt:„Da ſind wir zwar eigentlich keine Nach⸗ barn; allein ich hofſe, Herr Borgenſtierna ſoll den Weg 10² über die Brücke nicht weiter finden, als mir die Entfer⸗ nung bis an den Markt vorkommen wird.“ Borgenſtierna verbeugte ſich, und der Obriſtlieutenant nahm jetzt Gelegenheit zu fragen, wer der Herr wäre, mit welchem er vorhin geſprochen habe. „Der jüngere iſt mein alter Freund, den ich ſo glücklich war, hier nach langer Zeit wiederzuſehen, Aſſeſſor Wirén, und der ältere heißt Baron Lindenſköld, der Reiſegefährte meines Freundes.“ „Ach ſo! Nun ſeien Sie aber auch ſo gut und vergeſſen Sie uns nicht. Ich muß jetzt gehen und mich in den Reſtaurationen etwas umſehen. Was macht Ihr Kleiner?“ „Nichts Beſonders, die Reiſe hat ihn angegriffen; die Bäder haben wir noch nicht verſucht.“ „Schicken Sie ihn zu Amelie! Sie liebt den Kna⸗ ben ſehr, und auch er ſcheint gerne bei ihr zu ſein. Thun Sie das— ohne Umſtände! Wir ſind ja ſchon alte Bekannte.“ „Der Herr Obriſtlieutenant ſind allzugütig,“ entgeg⸗ nete Borgenſtierna mit einem leichten Lächeln, nahm Abſchied und ließ den Obriſtlieutenant ſeine Entdeckungs⸗ reiſen fortſetzen. XI. Rückblick auf Ivars Schickſale. Während wir, ſo zu ſagen, bisher auf einem eigent⸗ lichen fremden Fuße mit unſerm Helden umgingen, ſind wir ganz und gar davon abgekommen, uns ſeines alten Taufnamens„Ivar“ zu bedienen, und haben uns immer nur an ſeinen adeligen Namen„Bergenſtierna“ gehal⸗ ten; da wir ihn nun aber wieder in ſeiner alten Geſtalt 103 aufführen, indem wir zu ſeinen früheren Erlebniſſen zu-⸗— rückkehren, nehmen wir auch die alte Vertraulichkeit wieder in Anſpruch. Eine umſtändliche Erzählung ſeines Schickſals, von der Zeit an, wo er Meiſter Brun's Haus verließ, würde indeſſen von keinem großen Intereſſe ſein, wie ſie auch für den Gang unſrer weitern Erzäh⸗ lung gänzlich überflüſſig wäre. Wir halten es demnach für das Angemeſſenſte, unſere Leſer ohne Weiteres in das Kabinet einzuführen, wo Ivar und Wirén ihre erſte vertrauliche Zuſammenkunft halten, und wo uns alle nöthigen Aufklärungen werden follen. k k * Das Zimmer iſt ſehr elegant. Durch die niederge⸗ zogenen Gardinen bricht ein angenehmes gedämpftes Licht, welches hie und da zu einer ſtärkeren Helle wird, wenn ein leichter Windzug durch die offenen Fenſter herein die Vorhänge luftet und mit friſchem Hauche um die beiden Freunde ſpielt, welche miteinander auf dem Sopha ſitzen und abwechſelnd nach dem kleinen Alfred blicken, welcher in zwei zuſammengerückten Lehnſtühlen ſchlummert, unter welchen Diana ſich behaglich niedergelegt hat. „Ich kann mich immer noch nicht von meinem fro⸗ hen Erſtaunen erholen,“ ſagte Wirén und drückte Ivarn herzlich die Hand. Es war mir in der That als ob ich träumte, als ich Dir am Morgen auf der Straße be⸗ gegnete.“— „Mir auch,“ erwiederte Borgenſtierna. Aber es war ein ſchöner, glücklicher Traum, der gewiß einen namhaften Theil der öden Leere ausfüllen wird, welche mich faſt durch das ganze Leben begleitet und ſo zeitig begonnen hat, daß ſie faſt ſo alt iſt als ich ſelbſt.“ „Du biſt noch immer der Alte, wie ich ſehe. Gleich⸗ wohl hätte ich geglaubt, daß, wie Deine Verhält⸗ niſſe ſich angenehmer geſtaltet haben, auch Deine Ge⸗ 104 müthsſtimmung eine leichtere, fröhlichere Wendung ge⸗ nommen haben müßte. Auf Ehre! Meiſter Brun's Gerberjunge iſt in keinem Zoll mehr in dir zu erkennen.“ „J, was dieß anbetrifft,“ fiel Jvar lächelnd ein, „ſo ſind immer noch. die braunen Häute meine lieben Vettern. Das heißt ſoviel, ich könnte zwar ganz gut leben, ohne mich weiter auf die Gerberei einzulaſſen, habe es aber doch für das Vernünftigſte gehalten, ſie nich aufzugeben. Das Metier iſt ſo gut als irgend ines.“ „Allerdings wohl, allein doch nur in ſo weit, als man vor der Hand nichts Beſſeres hat. Mir kommt es aber vor, als ob du überhaupt kein Handwerk treiben könnteſt.“ „Das thue ich auch gar nicht. Die Sache verhält 3 ſich ſo: Zu meinem Beſitzthume in Nerika gehört eine Gerberei, welche ich ſammt dem ganzen Gute von mei⸗ nem Schwiegervater geerbt habe. Ich bin deßhalb zwar kein eigentlicher Gerbermeiſter, denn ich gehöre zu keiner Innung, andrerſeits bin ich aber auch doch wieder einer, obgleich man mich in meiner ganzen Gegend durchweg den Patron nennt, wie man dieß ſchon bei meinem ver⸗ ſtorbenen Schwiegervater gewohnt war.“ „Es iſt eine ganz hübſche Sache, ſo auf Ein Mal ein Gut und eine Gerberei zu erben; das läßt ſich ſchon hören. Der Titel Patron verſteht ſich dabei von ſelbſt. Warum aber nicht lieber Fabrikherr? Das klingt doch unſtreitig beſſer.“ „Mag ſein. Zu meiner Gerberei gehören keine Fa⸗ brikprivilegien; du ſiehſt demnach ein, daß ich mich zwar von meinen Leuten und meinen Nachbarn wohl Patron nennen laſſen, aber mir nicht an einem fremden Orte, wie hier, einen Titel anmaßen kann, der mir nicht zukommt. So wenig ich mich alſo einen Gerber heißen laſſe, was ich doch eigentlich von Profeſſion bin, ſo wenig laſſe ich mich einen Fabrikherrn nennen. Ich will nichts Andres ſein und für nichts Andres ange⸗ — 105 ſehen ſein, als für das, was ich wirklich bin: ein freier Mann.“ „Wohl und gut, Herzensbruder, ich hoffe— darin ſind wir Beide gleicher Meinung. Meine damalige An⸗ ſtellung als Kronvogt im H—ſchen Diſtrikte hat mich zwar veranlaßt, mir den Aſſeſſorstitel zu verſchaffen.— Allein was brauchen wir um ſolche Bagetellen zu ſtrei⸗ ten, da wir noch Wichtigeres zu beſprechen haben: ich bin ſehr geſpannt, Etwas über deine bisherigen Aben⸗ theuer zu hören. Ueber die Verſchiedenheiten unſerer An⸗ ſichten wollen wir ein andermal reden.“ „J nun, meine Abentheuer ſind weder weitläufig noch merkwürdig, aber ich will dir das davon berichten, was geeignet iſt, nicht allein deine Theilnahme zu erre⸗ gen, ſondern auch zugleich auf mein inneres Leben den meiſten Einfluß hatte.“ „Du weißt, ich habe damals Meiſter Brun's Haus verlaſſen, um mich auf die gewöhnliche Wanderſchaft zu begeben. Während derſelben ging es mir ziemlich ſchlecht, allein ich lernte dabei die Menſchen beſſer kennen, als aus den Büchern, und in dieſem Betracht waren ſie mir offenbar ſehr nützlich. Nach einer Wanderung von drei Jahren, von denen ich längere Zeit in ausländiſchen Gerbereien zubrachte, glaubte ich mich hinlänglich befä⸗ higt, als tüchtiger Geſelle daheim mein Auskommen finden zu können, und kam demnach wieder nach Schwe⸗ den zurück.“ „In Orebro bekam ich einen Platz, war aber noch kein halbes Jahr dort, als mir durch einen Kaufmann, welcher in vielfacher Geſchäftsverbindung mit unſerer Gerberei ſtand und mich deßhalb gut kannte, der Antrag gemacht wurde, in die Dienſte eines reichen Eigenthü⸗ mers zu treten, welcher auf ſeinem Gute auch eine Ger⸗ berei hatte und eines kundigen Mannes zur Führung der Aufſicht bedurfte. Du kannſt Dir vorſtellen, daß ich mit Freuden ein Anerbieten annahm, bei welchem ich neben 106 einem größern Verdienſte auch ein angenehmeres Leben als an meinem bisherigen Platze zu erwarten hatte.“ „Ich habe allezeit das Leben auf dem Lande vorge⸗ mei zogen, im Schatten des Waldes war es mir ſtets lieber als irgendwo anders; von der Zeit an, wo ich die ge⸗ bra wiſſe Ausſicht hatte, dieſe geliebte Freiheit wieder zu ge⸗ auc winnen, kam ich mir wie ein Vogel im Käfig vor. Eif Endlich ſchlug die Stunde der Erlöſung; wie wenig für ahnte ich aber, als ich zum erſten Male das hübſche, ich am Hjelmarſee liegende Röſtorp betrat, daß ich eines und Tags ſelbſt Herr über das nicht unbedeutende Beſitzthum biet mit ſeinen Gerbereien und einem Antheile an ſehr ergie⸗ Th⸗ bigen Gruben werden würde.“ Ger „Da biſt Du alſo reich,— was der Teufel!“ fiel um Wirén dazwiſchen.„So was kommt niemals an Unſer güt einen; hinter den ſtaubigen Aktenſtößen ſucht Keinen das Zeit Glück auf, an uns armen Schluckern fliegen die gebra⸗ und tenen Vögel ohne Weiteres vorbei.“ auch „Reich!“ wiederholte Borgenſtierna mit wehmüthiger geſt Stimme und einer ſprechenden Kopfbewegung nach der mei Seite hin, wo Alfred ſchlummerte„Ich werde wohl bald ärmer ſein als irgend einer. Mein Sohn, und bald Va auch mein Hund, die einzigen Weſen, welche mich lieben, melh werden mich verlaſſen, und einſam— einſam in der gan⸗ weit zen bittern Bedeutung des Wortes wird Röſtorp für mich ſtren ſein— öde und düſter wie das Grab!“ Tag „Nun ſo ſei du wenigſtens nicht eher düſter, als bis ſage all' dieß eintrifft,“ entgegnete Wirén im Tone erzwungener hiel Munterkeit, aber ſchnell rief er mit veränderter Stimme ſoll aus:„Du haſt aber Recht, bei Gott, du haſt Recht! Es iſt eine ſchöne Sache um die Güter dieſer Welt, aber thil nur dann ſind wir im Stande, ihren ganzen Werth zu Jal ſchätzen, wenn wir zugleich den höchſten Reichthum, ein ſan Herz, das für uns ſchlägt— das häusliche Glück nicht 3 weit 4 entbehren. Mein Seel, es gibt Augenblicke, wo ſogar der ein ſo munterer Burſche als ich alles Andre für eitel Vol Rauch und Dunſt hält.“ 3 .* 107 „Du biſt verheirathet!“ ſagte Ivar. „Und du warſt es: deine Gattin iſt todt. Und die meinige— laß uns aber zuerſt von dir ſprechen.“ „Wie du willſt. In Röſtorp gewann ich meines braven alten Herrn ganzes Vertrauen, bemühte mich aber auch, dieſes durch unverdroſſenen Fleiß und pflichtgetreuen Eifer zu vergelten. Bevor ein Jahr um war, legte ich für immer den Namen eines Geſellen ab, der mir, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben ſoll, längſt zuwider war, und nahm den Titel eines Faktors an, womit mein Ge⸗ bieter mich ehrte. Ich hatte die Aufſicht über einen großen Theil des wichtigen Geſchäfts, arbeitete nicht mehr in der Gerberei, dagegen machte ich längere oder kürzere Reiſen, um Erz, Leder und Bauholz abzuſetzen, und durch die gütige Beihülfe meines Patrons lernte ich mich in kurzer Zeit in das Rechnungsweſen finden. Kurz, ich ward nach und nach ein nicht ungewandter Geſchäftsmann, und wurde auch dafür durch das Vertrauen meines alten Herrn der⸗ geſtalt belohnt, daß er am Ende das ganze Geſchäft in meine Hände legte.“ „Unſer gegenſeitiges Verhältniß war eher das eines Vaters und eines Sohnes. Ich liebte den Greis, der mehr als ein Vater an mir that, mußte ihn hoch achten, weil er brav und in all' ſeinem Thun und Laſſen die ſtrengſte Rechtlichkeit war. Röſtorp wurde mir mit jedem Tage lieber und werther:— jetzt wußte ich, was es ſagen wollte, eine Heimath zu haben. Und doch ent⸗ 4 es nicht Alles, was mein Herz erfüllen konnte und ollte.“ „Meines Patrons Tochter und einziges Kind, Ma⸗ thilde, war zur Zeit, da ich ins Haus kam, etwa zwölf Jahre alt. Das Mädchen hatte das beſte Herz und das ſanfteſte Temperament, wie die Natur nur irgend einem weiblichen Weſen geben kann, aber die unſelige Eitelkeit der Mutter, welche ihr Kind als den Inbegriff aller Vollkom menheit anſah, pflanzte ihr unmerklich einen 108 Hang zur Eitelkeit ein, welche einen um ſo größeren Ab⸗ ſtich bildete, als Mathilde häßlich war und keineswegs die Talente beſaß, ſich die Vollkommenheiten zu eigen zu ma⸗ chen, welche die Mutter ihrer Tochter gleichſam aufzudrin⸗ gen ſtrebte. Auch kann ich meinen nun verſtorbenen Schwie⸗ gervater nicht ganz von einem Anfluge ähnlicher Schwach⸗ heit freiſprechen; allein Mathilde war das einzige Kind, und ein ſo braver Mann er im Uebrigen war, hörte ich ihn doch niemals ſich ſo kraftig, als ich es gewünſcht hätte, den verkehrten Erziehungsgrundſätzen ſeiner Gattin wider⸗ ſetzen. Das Mädchen wurde Behufs der Aneignung einer feinern Bildung als der Landaufenthalt bieten konnte, nach Stockholm geſchickt, kam aber, wenigſtens in meinen Au⸗ gen, noch verdorbener zurück:— denn das einſame Leben in dem elterlichen Hauſe war ihr nun offenbar ganz zu⸗ wider; ihre einzige Beſchäftigung war Singen und Kla⸗ vierſpielen, und ihr Geſchmack und Gehör war ſo unter aller Kritik, daß das Gekrächze der Raben himmliſche Mu⸗ ſik gegen ihre Leiſtungen war. Machte ſie keine Muſik, ſo lag ſie auf dem Sopha, einen franzöſiſchen Roman in der Hand, plapperte mehr franzöſiſch als ſchwediſch, wel⸗ ches Alles ihr nichts deſto weniger in der ganzen Umge⸗ gend den ſchmeichelhaften Ruf eines ausgezeichnet gebildeten Frauenzimmers verſchaffte.“ „Ihre Mutter war nicht wenig bezaubert von ihr, und hegte die vollkommenſte Ueberzeugung, daß ſie ihre Mathilde zu einem wahren Wunderwerk gemacht habe. Ich bedauerte heimlich, ihre beſſeren Anlagen auf ſo traurige Weiſe zerſtört oder wenigſtens unterdrückt zu ſehen, und fand in ihr nichts Anderes, als ein, leider verbildetes Geſchöpf; und ſeit jener Zeit hat es mich jedes Mal bitter ergriffen und ein mitleidiges Gefühl in mir rege gemacht, wenn ich ſehen mußte, wie Mütter aus Eitelkeit und reiner Selbſtverblendung auf ſo un⸗ verantwortliche Weiſe das Lebensglück ihrer Töchter zu Grunde richten und ſie für ihren künftigen Beruf als Ab⸗ 6 die ma⸗ drin⸗ zwie⸗ bach⸗ dind, e ich ätte, ider⸗ einer nach Au⸗ Leben zu⸗ Kla⸗ unter Mu⸗ euſik, n in wel⸗ mge⸗ deten ihr, ihre jabe. f ſo t zu eider mich l in ätter un⸗ zu als 1⁰9 Gattinnen und Mütter gänzlich verderben. Mädchen, welche ohne dieſes Jagen nach oberflächlicher Politur vortreffliche Hausfrauen, verſtändige Mütter und brauchbare Wirth⸗ ſchafterinnen hätten werden können, welche in der ihnen von Natur angewieſenen Sphäre als häusliche, arbeitſame mit Einem Worte, als paſſende Weſen für das einge⸗ ſchränkte und doch ſo glückliche Familienleben die erſprieß⸗ lichſte Wirkſamkeit zu entwickeln fähig geweſen wären— dieſe welchſeln auf einmal ihre Natur, obgleich die täg⸗ liche Erfahrung zeigt, wie wenig ſich jedes ſolche Unter⸗ fangen belohnt, und werden zu Puppen, welche ſich wie in Drähten bewegen, deren Seele ſelbſt nichts mehr als eine Maſchine iſt, und dieß durch nichts anders, als durch den aufgezwungenen Grad von Bildung, welchen zu ver⸗ arbeiten ihre Kräfte nicht hinreichten.“ „Du urtheilſt hart!“ ſagte Wirén. „Nein, ich bin blos ein Freund der Wahrheit,“ entgegnete Ivar mit Wärme.„Weit entfernt, jungen Frauenzimmern die Liebenswürdigkeit abzuſprechen, welche ihnen ausgebildetes Geſellſchaftstalent zu geben im Stande iſt, wünſche ich nur, daß, ehe die Eltern ihr Kind auf die Bahn ſeiner zukünftigen Bildung einführen, ſie deſſen Anlagen und Fähigkeiten gründlich prüfen möchten, da⸗ mit ſie ja nicht aus Eitelkeit blind gegen deſſen Mängel werden, welche alle ihre Bemühungen offenbar zu nichte machen müſſen. Was die Muſik z. B. betrifft, kann ich mir kaum etwas Angenehmeres denken, als eine ſanfte klangreiche Mädchenſtimme, im Vereine mit den lieblichen Tönen, die das Inſtrument nicht allein gibt, ſondern welche namentlich durch den ſeelenvollen Ausdruck des Spielenden ihm entlockt werden. Wie widerwärtig iſt es dagegen, wenn nur allein die Kunſt helfen muß, wo die Natur verſagt hat; und das Allerwidrigſte iſt, das Gehacke und Gekrähe hören zu müſſen, welches uns un⸗ willkührlich an ein Duett zwiſchen Gans und Truthahn mahnt.“ 110 „Du biſt ein ſcharfer Kritiker! Unſere Damen haben bei dir auf wenig Erbarmen zu rechnen,“ bemerkte Wirén lächelnd dazwiſchen. „Ich urtheile blos nach meinem Gefühle,“ entgegnete Ivar.„Mit inniger, beinahe könnte ich ſagen leidenſchaft⸗ licher Liebe zur Muſik, bin ich dennoch nicht im Minde⸗ ſten ein Kunſtkenner, verſtehe keine Note, blaſe aber nichts deſto weniger mein Waldhorn in den Wäldern von Röſtorp und ergöͤtze mich an dem herrlichen Wiederhall.— Aber wir kommen ganz und gar von unſerm eigentlichen Stoffe ab.“ „Als Mathilde ihr achtzehntes Jahr erreicht hatte, ließ mein Patron mich nicht undeutlich merken, daß er eine Verbindung zwiſchen mir und ſeiner Tochter gar nicht ungerne ſehen würde; aber ſo viel ich auch früher auf das Mädchen gehalten habe, ſo ſtand ſie mir durchaus doch nicht an, ſeit aus dem guten, unſchuldigen Kinde das verunglückte Nachbild einer Zierpuppe geworden war. Dennoch bedachte ich, ob ich nicht dadurch meine große Verbindlichkeiten gegen den alten Ehrenmann wett machen ſollte, und bei meinem natürlichen Gefühle für Dankbar⸗ keit überzeugte ich mich unſchwer, daß ich ein ſolch' herz⸗ liches, wohlwollendes Anerbieten nicht ohne Weiteres gleich von der Hand weiſen dürfe. Ich getröſtete mich, Ma⸗ thilde könne durch verſtändige Leitung wohl wieder auf den rechten Weg zurückgebracht werden, und da ich, trotz der Sehnſucht meines Herzens nach einem zärtlicheren Gefühle, noch nie ein Weſen gefunden, welches mir dieſes eingeflößt hätte, ſo war ich der Meinung, daß man ſich damit be⸗ gnügen könne, wenn man nur Achtung und Freundſchaft für ſeine Gattin zu fühlen im Stande ſei.“ „Ich ſprach offen mit meinem alten Patron darüber und meinte, man ſolle mit der Sache noch eine Weile zuſehen. Wir wollten vorerſt beobachten, ob Mathilde und ich in unſerm Innern auch übereinſtimmten, und wenn unſere Gemüther ſich ſpäter mehr zu einander hin⸗ aben irén gnete haft⸗ inde⸗ aber von * ichen atte, 5 er gar üher haus einde war. roße ichen bar⸗ jerz⸗ leich Ma⸗ den der ühle, flößt be⸗ chaft über Veile hilde und hin⸗ 111 gezogen fühlten, ſo wollte ich dieſen letzten ſtärkſten Be⸗ weis ſeines Vertrauens mit inniger Dankbarkeit an⸗ nehmen.“ „Der alte Löfve ſah wohl ein, daß mir namentlich Mathildens Mangel an, Häuslichkeit mißbehagte, und da ſie, wie ich ſchon geſagt habe, von Natur ſanft und nach⸗ giebig war, fügte ſie ſich, ſo gut ſie konnte, in die Er⸗ mahnungen ihres wohlmeinenden Vaters, obgleich die leidige Dazwiſchenkunft der Mutter immer wieder die Ausführung der glücklichen Vorſätze hinderte. Ob Mathildens Nei⸗ gung für mich zu jener Zeit ſo ernſtlich war, als ich ſpäter ſah, kann ich nicht ſagen, denn ſie floh ſtets meine Gegenwart wie ein verſcheuchtes Kind, welches weiß, daß es von ſtrengen Augen verfolgt wird. Aber dieß iſt zu⸗ verläßig wahr, ohne den Tod der Frau Löfve, welche Mathildens Stellung durchaus änderte und ihr die ganze Laſt der häuslichen Pflichten auflegte, wären wir uns wohl nie näher gekommen.“ „Sobald das Mädchen nicht mehr unter dem Einfluſſe einer ſchwachen Mutter ſtand, welche ſie in ihrem beſſern Urtheile und ihren Vorſätzen wieder wirre machen konnte, wurde ſie natürlicher. Die Trauer ſtimmte ſie noch wei⸗ cher, und oft wenn ich ſie weinen ſah und an ihrem ſchüch⸗ ternen Blick bemerkte, daß ſie ihren Geſühle vor mir zu verbergen ſtrebte, näherte ich mich ihr in einer Weiſe, welche ihr Vertrauen einflößen mußte und mir auch dieſes allmälig gewann. Sobald ſie merkte, daß ich mich um ſie bekümmerte, konnte man ſehen, wie ſich am Ende auch bei ihr der Wunſch regte, ſich auf andre Art als bisher angenehm zu machen. Das Klavierſpielen mit dem obli⸗ gaten Geſange hörte nach und nach auf, auch machten die franzöſiſchen Romane allmälig der mehr für ſie paſ⸗ ſenden Lektüre Platz, welche ich füͤr ſie auswählte.“ „So verging das Trauerjahr. Mathilde war zwar immer häßlich und etwas beſchränkt geweſen, aber ſie ſchien mir gut, beinahe ergeben, und war eifrig in Er⸗ 11² füllung ihrer häuslichen Pflichten. Außerdem blitzte nicht ſelten ein Funke von wärmerm Gefühle aus ihr hervor; dieß beſtimmte mich endlich, den Bater um ihre Hand zu itten.“ „Mathilde wurde bald darauf meine Gattin, und ich ward mit ihr Beſitzer von ganz Röſtorp, denn meinen betagten Schwiegervater verlangte darnach, ſich von allen Geſchäften zurückzuziehen.“ „Wenn du ſie aber nicht liebteſt, ſo war doch Röſtorp ein ſehr geringer Erſatz!“ bemerkte Wirén. „Ich ſah dieß auch niemals darum an, denn ich ver⸗ band mich mit ihr nicht aus Eigennutz. Ich war damals ſchon ins achte Jahr bei meinem Schwiegervater geweſen und ſtand ſo, daß ich die beſte Ausſicht auf eine unab⸗ hängige Zukunft hatte, ohne eine ſolche durch das Opfer meiner Freiheit erkaufen zu müſſen. Berechnende Selhſt⸗ ſucht war nie der Maßſtab meiner Handlungsweiſe. Aber gewohnt, Mathilden mit Bruderliebe zugethan zu ſein, ſelbſt damals, als ſie dieſe noch am wenigſten verdiente, und gerührt durch des alten Mannes innigem Vertrauen, welchem ich mein Emporkommen zu danken hatte, bedurfte es für mich keiner andern Beweggründe, um ihm die Freude zu bereiten, welche noch ſein einziger Wunſch hienieden war. Und wenn auch meine Ehe mit Mathilden das nicht war, was man in höherer Bedeutung unter glücklich verſteht, weil unſre Anſichten, vielleicht auch nnſre Gefühle, zuweilen nicht übereinſtimmten, ſo konnte man ſie doch kei⸗ neswegs eine unglückliche nennen; und ich bin der feſten Ueberzeugung, wäre Mathilde geblieben, wie die Natur ſie geſchaffen hatte, einfach, anſpruchslos und unbekannt mit Allem, außer was ihr Sinn und Verſtand faſſen konnte, ſo würde ſie in weit höherem Grade, als es in der Wirk⸗ lichkeit der Fall war, den Raum ausgefüllt haben, wel⸗ chen ſie in meinem Herzen einnahm; aber die unſelige Halbbildung war die Urſache ihrer Halbheit in Allem, und der Grund ihrer Unbeholfenheit im Leben, Thun 113 und Treiben, welche nicht ſelten die unvermeidliche und doch ſo ſchädliche Folge von unverdautem Wiſſen iſt.“ „Nach meines Schwiegervaters Tode, welcher ein halbes Jahr nach unſrer Verheirathung erfolgte, nahm ich ſelbſt einen Faktor an, theils um mich leichter und freier meinen Privatſtudien widmen zu können, welche mit meiner Stellung und meiner Neigung im Einklange ſtanden, theils um zugleich Mathildens ſchon längſt ge⸗ nährten Wunſch, eine Reiſe in's Ausland möglich zu ma⸗ chen. Sie bedurfte auch nach ihres Vaters Tode einer ſolchen Zerſtreuung, denn dieſer hatte ſie tief ergriffen; und außerdem gab ich mich auch der Hoffnung hin, daß eine Reiſe in fremde Lander ſie vielleicht auch für andre Gefühle, als bisher bei ihr Eingang gefunden, empfäng⸗ lich zu machen im Stande ſein möchte.“ „Nun, wie glückte dieß?“ fragte Wirén angele⸗ gentlich. „Sehr unvollkommen!— Die größten Naturſchön⸗ heiten blieben unverſtanden, während ihr Auge mit Ent⸗ zuͤcken auf einer eleganten Equipage, auf einem modernen Gute hafteten, oder Abends in der Oper hatte ſie nur für Coſtüme und Dekoration ein Auge, während für die gediegendſte und anſprechendſte Muſik ihr Ohr taub war.“ „Na, da hatte ſie doch wenigſtens Sinn für Etwas! Ich wollte Viel darum geben, wenn ich,— was auch die Veranlaſſung dazu ſein möchte, nur das mindeſte Lebenszeichen bei ihr— Aber beſchließe voreſt deine Er⸗ zählung,“ brach Wirén ſchnell ab; dann kommt erſt die Reihe an mich, dein Vertrauen zu vergelten.“ „Ja, meine Erzählung wird nun bald zu Ende ſein. Ein paar Monate nach unſrer Rückkunft nach Rö⸗ ſtorp kam Alfred zur Welt. Von dieſer Zeit an war meine Gattin ſtets kränklich, ebenſo das Kind, welches ſie durchaus ſelbſt ſäugen wollte. Ich bereue es nun bitter, daß ich ihr den Willen ließ, aber ich fühlte mich Der Skjutsjunge. 8 114 ſo glücklich, wenn ich ſie die ſchönen Mutterpflichten aus⸗ üben ſah, daß mir dabei nicht einfiel, wie der Kleine da⸗ bei eine ungeſunde Nahrung empfing.“ „Der kleine Alfred blieb unſer einziges Kind, und die Art, wie Mathilde ihren Liebling behandelte, verzärtelte ihn eben ſo, als dieß bei der Mutter ſelbſt der Fall ge⸗ weſen war. Wir ſtritten oft mit einander darüber, allein ihre zunehmende kränkliche Schwäche zwang mich oft zur Nachgiebigkeit. Endlich nahte ſich die Kataſtrophe. Eine verzehrende Bruſtkrankheit rieb ſie auf und nach jahre⸗ langen Leiden, während deren ich es mir zur einzigen Aufgabe machte, auf alle mögliche Weiſe ihr das Leben erträglich zu machen, ſtarb ſie, eilf Monate nachher, in meinen Armen.“ „Ich habe Mathilden vermißt,“ ſetzte Borgenſtierna nach einem tiefen Stillſchweigen von ein paar Minuten hinzu.„Ja, ich habe ſie ſehr vermißt. Sie war gut, liebte mich, und ich darf die Schattenſeiten ihres Weſens einzig und allein ihrer verkehrten Erziehung zuſchreiben. Und außerdem— welche unbeſchreiblich große Gewalt übt nicht die Gewohnheit aus! Wenn ich nach ihrem Hinſcheiden allein mit Alfred auf dem Sopha ſaß, gegen⸗ über dem Lager, anf welchem ſie ſo lange in Geduld und Freundlichkeit gelegen, da dankte ich zwar Gott, daß er ſie von ihren Schmerzen erlöst hatte, fühlte aber dabei tief— im innerſten Herzen, wie einſam nun mein Leben war, und bald noch einſamer ſein wird.“ „So mußt du nicht ſagen, nicht Alles ſo ſchwarz anſehen!“ ſagte Wirén mit inniger Theilnahme.„Ich meine, das Leben könnte dir noch in neuer, veredelter Ge⸗ ſtalt wieder lächeln. Du biſt zu ſchwer geprüft worden, um nicht wünſchen zu müſſen, auch deſſen hellere Seite zu erproben; aber ſeine Tiefen haſt du noch nie ergründet: — du haſt noch nie geliebt.“ „Nein, eigentlich nicht. Aber nun laß auch mich in dein inneres Leben ſchauen, wie du in das meinige.“ 4 8. aus⸗ da⸗ d die rtelte lge⸗ allein zur Eine ahre⸗ zigen keben , in lerna nuten gut, eſens iben. walt hrem egen⸗ und ß er dabei eeben warz „Ich e⸗ rden, Seite ndet: h in 115 Wirén ſah nach der Uhr.„Es iſt ſchon ſpät,“ ſagte er;„meine Frau erwartet mich. Ich ſoll ſie aus der Geſellſchaft abholen. Morgen früh aber komme ich wieder zu dir. Da will ich dir meinen einzigen Kummer mit⸗ theilen und dich dann meiner Virginia präſentiren.“ XII. Ein anderes Eheſtandsbild. Kaum war Wirén weggegangen, als Alfred erwachte; Ivar ſetzte ſich den Kleinen auf den Schooß, an das offene Fenſter, um die vorübergehenden Spaziergänger zu betrachten. Aus dem Geſellſchaftshauſe, welches gegenüber lag, kamen nach und nach eine Menge Badgäſte, unter ihnen auch die Familie Dreſſen. Der Obriſtlieutenant, welcher am Mittage ſo glücklich geweſen war, einige ſeiner aller⸗ brillanteſten Bekanntſchaften zu treffen, hatte ſeinen Damen keine Zeit gelaſſen, ſich zu Hauſe von der Ermüdung der Reiſe zu erholen, ſie über Hals und Kopf in's Bad und dann in die Soirée geſchleppt, wo Amelle's kleine nette Figur und zierliches, jugendlich friſches Weſen, ſo wie die würdige Haltung der Mutter und ihr angenehmes Weſen die verdiente Anerkennung gefunden hatten. Stolz marſchirte der Obriſtlieutenant mit ſeinen Damen über den Platz; kaum hatte Alfred, der ſich zum Fenſter hinauslehnte, Amelte erkannt, als er unaufhör⸗ lich rief:„Ammi, liebe Ammil ich will zu meiner Ammi! Sein Vater ſuchte ihn zum Schweigen zu bringen: „Sei ruhig, mein lieber Junge, heute Abend kann es nicht mehr ſein; Morgen aber, wenn du brav biſt.“ Man gruüßte ſich mit höflicher Vertraulichkeit von beiden Seiten;— Alfred war aber nicht zur Ruhe zu bringen; 1˙6 er rief beſtändig nach ſeiner Ammi, bis ſein Weinen in ein heftiges Schluchzen überging, ſo daß Borgenſtierna genöthigt war, ihn vom Fenſter wegzunehmen. Mit niederhängenden Lippen und thranengefüllten Augen ließ ſich Alfred doch endlich durch die wiederholte Verſicherung tröſten, daß er Morgen früh zu ſeiner Ammt gehen und ihr Blumen bringen dürfe; um ſein Wort zu halten, ſchickte Jvar noch am Abende aus, um aus Herrn Simſon's Garten die ſchönſten Blumen holen zu laſſen, welche ſich auftreiben ließen. Auch wurde ein Körbchen mit Kirſchen beſorgt, und vergnügt ſtrampelte Alfred mit den kleinen Füßchen, als er am andern Morgen ange⸗ kleidet wurde, um zu ſeiner Ammi zu gehen. „Nun ſei aber auch artig und nicht ſo zudringlich!“ gab ihm Borgenſtierna die Lehre mit auf den Weg. „O, ich bin ſehr artig, und Ammi auch,“ verſicherte Alfred. Gerade wie er, den Blumenſtrauß im Händchen und das Kirſchenkörbchen am Arme, an der Hand der Aufwärterin zu gehen im Begriffe war, trat Wirén zur Thüre herein Er hatte ſeine Freude an dem kleinen Gärtner, welcher in ſeinem Strohhütchen und den langen ſchwarzen Locken höchſt niedlich ausſah, und wollte ihn auf dem Arm und mit in's Zimmer zurücknehmen. Dieß gab aber ein gewaltiges Geſchrei.„Laß mich, laß mich! ich ſoll ja zu meiner Ammi mit Blumen und Kirſchen!“ „Was ſoll das heißen? Biſt du ein kleiner postillon d'amour? Ja, ja, du ſiehſt mir ganz darnach aus, als wenn du zu ſo Etwas zu brauchen wärſt;— aber wer iſt denn die liebe Ammi?“ „Ammi iſt meine liebe Ammi, und ſpielt mit mir und ſchneidet mir große große Pferde und kleine kleine Hunde aus.“ „Laß ihn ſeiner Wege gehen, du ſiehſt ja, daß er Eile hat;“ ſagte Ivar, und führte ſeinen Freund weiter in's Zimmer zurück.. „Ja doch, aber ſag' mir nur wenigſtens, wer ſie denn en in ierna ullten holte lmmi rt zu Herrn aſſen, bchen dmit ange⸗ ich!“ herte dechen der 1 zur einen ngen ihn Dieß nich! gen!“ llon als wer mir kleine ß er beiter denn 117 eigentlich iſt; ich glaubte nicht, daß du Damenbekannt⸗ ſchaften hier im Bade hätteſt.“ „Ammi iſt ein Fräulein von Dreſſen, welche nebſt ihren Eltern mit mir auf dem Danpfſchiffe reiste, und daher datirt ſich Alfred's nahe Bekanntſchaft mit der lie⸗ benswürdigen Amelie.“ „So?— und wie biſt denn du ſelbſt bei der lie⸗ benswürdigen Amelie angeſchrieben, da Alfred in ſo großer Gunſt ſteht?“ „Ich?“— ja darüber kann ich dir keinen Aufſchluß geben, indem ich es ſelbſt nicht weiß; das kann aber wohl ſehr einerlei ſein.“ „Mit nichten, Herr Bruder. Die Sendung des Kleinen bringt mich auf allerlei ſchlimme Gedanken. Man erweist keinen Frauenzimmern ſolche Artigkeiten, wenn Einem ihr Urtheil gleichgültig iſt.“ Borgenſtierna erröthete leicht und ſagte nicht ohne einigen Aerger:„Meine Bekanntſchaft mit Fräulein von Dreſſen iſt etwa acht Tage alt.“ „Und ich bin der Meinung, ſiel Wirén ein,„daß man nicht mehr als acht Stunden braucht, um ſich zu verlieben; ja, manchmal nicht mehr als acht Minuten.“ „Das überlaſſe ich jedem Narren, der ſo Knall und Fall ſeine Neigung wegwerfen mag;— ich werde nie einem ſolchen Beiſpiele folgen. Der Vater dieſes Fräu⸗ leins von Dreſſen iſt übrigens der hochmüthigſte Mann, welcher ſich je mit einem adelichen Namen gebrüſtet hat. Und bei mir gilt er auch noch außerdem für den lächer⸗ lichſten Narren, welchen ich noch aus ganz beſondrer Ur⸗ ſache unmöglich ſehr zu achten im Stande bin.“ „Na, ein anderes iſt der Vater— ein anderes die Tochter; deßhalb...“ „Ja, deßhalb gerade ſollſt du daraus keinen Schluß ziehen,“ ſiel ihm Borgenſtierna mit gewiſſer Heſtigkeit in's Wort;„denn die ÜUrſache, warum ich mich für das Mädchen intereſſire, iſt die: ſie und ihre Mutter waren es, welche ich damals begleitete und beſchützte, als ich 118 noch Skiutsjunge in Swarteborg war. Ich habe dir die Geſchichte ſchon mehrmals erzählt:— du weißt auch, daß ich von ihnen die Diana habe.4 „Potz tauſend, das iſt ja völlig ein kleiner Roman! Frau von Dreſſen iſt alſo wohl die hübſche blaſſe Deut⸗ ſche mit dem kleinen Mädchen?“ „Allerdings, und deſſen Vater iſt juſt der Courier⸗ offizier, welcher mich im Jahr 1814 mit Peitſchenhieben traktirte, weil ich es gewagt habe, mit einem adelichen Namen Stjutsjunge zu ſein. Der vernünſtige, gebildete Edelmann ſchlug einen unwiſſenden, wehrloſen Knaben, weil dieſer keine Ahnung davon hatte, was ein adelicher Name für eine kitzliche Sache iſt!“ „Den ſoll ja...! Aber du haſt ihn nun hoffent⸗ lich zu Schanden gemacht und ihm gezeigt, was aus dem Skjutsjungen geworden iſt?“ „Keineswegs! Das ſoll er erſt zu gelegenerer Zeit zu ſchnupfen bekommen. Ich bin darüber noch nicht ganz einig mit mir— aber dann ſoll er mir die Peitſchen⸗ ſchläge entgelten, davon darfſt du überzeugt ſein! Nun ſei jedoch ſo gut und ſchweige:— ich bin nicht gewohnt, mich zu übereilen, und muß mir die Sache erſt noch überlegen.“ „Nur noch Ein Wort, Bruder! Ob das Mädchen dir gefällt? In dem Falle heiratheſt du ſie, und nach⸗ her.4*.. 8 „Still, ſtill— nicht ſo voreilig, du hitziges Men⸗ ſchenkind! Du haſt ſie ja noch nicht einmal geſehen; und i*.. ℳ „Ja, Du, du biſt nicht gleichgültig gegen ſie. Darüber laſſe ich mir keinen Sand in die Augen ſtreuen. Nun will ich dir aber auch ſagen, daß ich ſie geſehen habe, obgleich nur ganz flüchtig, als ſie geſtern Abend aus der Soirée nach Hauſe gingen. Weiter kann ich dir noch mittheilen, daß ſie auch ſchon einen Curmacher hat, den reichſten, aber zugleich auch dummſten Ein⸗ 8 — r die daß nan! Deut⸗ rier⸗ leben ichen ldete aben, icher fent⸗ dem Zeit ganz chen⸗ Nun ohnt, noch ſchen nach⸗ Nen⸗ und 119 faltspinſel, der jemals von ſeinen lieben Eltern in ein Bad geſchickt worden, um dort furore zu machen.“ „Und wer iſt denn das?“ „Ja, er iſt ſeines lieben Vaters Sohn, und der Herr Papa hat ſeinem Stammhalter vor den urſprünglichen gemeinen Namen, Göſſe, das Wörtchen„von“ und ein Kammerherrnpatent zu verſchaffen gewußt. Auf der Aka⸗ demie hat er köſtliche Abentheuer erlebt. Namentlich hatte er nichts Geringeres im Sinne als zu doktoriren und ſeine Inauguraldisputation lief etwa ſo ab wie die des Grafen Jakob Pankrazius von Himmel und Erde, deſſen Biographie unſer witziger Cederborgh ſo komiſch beſchreibt. Herr von Göſſe hatte einen Hofmeiſter, und dieſer ſtack während des feierlichen Exramens unter dem Katheder, unſerm würdigen Herrn Reſpondenten zwiſchen den Beinen, wozu man natürlicherweiſe die Nach⸗ ſicht des Präſes auf irgend eine Art zu gewinnen gewußt hatte. Bei jeder Frage beugte ſich der Doktorand nieder, und erholte ſich Raths bei ſeinem unterirdiſchen Orakel. Es entſtand zwar darüber ein ſehr verdächtiges Gemurmel und große Heiterkeit unter den Zuhörern— aber nichts⸗ deſtoweniger hatte er ſein„specimen eruditionis summa cum laude“ abgelegt. Von ſeinem Doktor machte Herr von Göſſe ſpäter keinen Gebrauch mehr, hing auch das Weiterſtudiren an den Nagel, kam ferner mit knapper Mühe am Ende durch das Kameralexamen und glaubte nun genug gethan zu haben, um der Welt die Ueber⸗ zeugung zu geben, daß er ein wiſſenſchaftlich gebildeter Mann ſei, und das vollkommenſte Recht habe, auf ſeinen Lorbeeren auszuruhen.“ „Eine höchſt vortheilhafte Beſchreibung, welche wohl hoffentlich keine Erfindung ſein wird!“ meinte Borgenſtierna mit einem leichten Lächeln.„Und dieſer Hans Dampf war ſo gütig, Fräulein Amelie zu be⸗ merken?“ „Bemerken,— was für ein matter, nichtsſagen⸗ — der Ausdruck! Baron Lindenſköld hat mir geſagt, der Kammerjunker habe ihn verſichert, daß er ſie für die ganze Badezeit zu ſeiner erwählten Herzenskönigin machen und Jeden, der es wagen ſollte, ihre Liebenswuͤrdigkeit in Ab⸗ rede zu ziehen, auf Champagner herausfordern wolle, zu welchem Zwecke er expreß vier Dutzend Flaſchen von Frederikshall beſtellt habe.“ „Viel Courage!“ bemerkte Ivar, doch lauteten die lakoniſchen Worte etwas ſpitz. „Ja, die hat er auch! Wir wollen ihn heute Nach⸗ mittag zu der Fiſchpartie mitnehmen, zu welcher ich dich hiemit einlade, und wozu du die Familie Dreſſen enga⸗ giren mußt. Es muß ſehr kurzweilig ſein mit anzuſehen, wie ſich Herr von Göſſe in der Liebhaberrolle geriren wird.“ „Danke ſchön.— Du haſt mir aber geſtern ver⸗ ſprochen, mich Etwas von dir hören zu laſſen,“ erinnerte Borgenſtierna. Bei dieſen Worten nahmen auf ein Mal Wiréns bisher heitere Züge einen melancholiſchen Anſtrich an, und er entgegnete:„Richtig, ich will dein Vertrauen ver⸗ ne und dir nun auch meine Cheſtandsgeſchichte er⸗ zählen.“ Beide Männer nahmen Platz und im gedämpften Tone begann der Aſſeſſor: „Wenn du mit einer vielleicht übertriebenen Genauig⸗ keit die Vorzüge und Mängel deiner Gattin vor der Hoch⸗ zeit erwogen haſt, ſo habe ich dabei gerade das Gegen⸗ theil gethan.“ „Ich war verliebt, Bruder— in einem Grade ver⸗ liebt, der faſt an Wahnſinn gränzte; und da ich nicht ohne eigene Mittel war und kurz erſt eine Anſtellung erhalten hatte, ſo hielt ich es für Ritterpflicht, meine Perſon und mein Vermögen der eiskalten Schönheit zu Fußen zu legen, welche mich bisher ſo fern von ſich ge⸗ halten hatte, wie es kaum einer Königin zukam, denn 121 ich glaubte annehmen zu dürfen, daß ſich dieß nach mei⸗ ner Erklärung wohl geben würde.“ „Mit lichterloh brennendem Herzen flog ich zu mei⸗ ner Auserwählten, ergoß die ganze Fluth meiner Liebes⸗ gefühle zu ihren Füßen und erhielt ein kaum hörbares „Ja.“ Es war aber doch jedenfalls ein Ja, und wer war ſeliger als ich, da ſie es zum zweiten Male vor dem Altare ausſprach!“ „Nun kam aber bald eine Zeit, wo meine Illuſionen, meine Luftſchlöſſer von Virginias hohem Sinne und war⸗ mem Gefühle für alles Schöne nach und nach zerfloſſen — ich vermochte auch nicht die geringſte Spur von ihnen aufzufinden.“ „Ich darf kühn behaupten, daß du in deinem Leben kein Weib geſehen haſt wie Virginia:— ſchön wie eine Veſtalin, allein wo möglich noch kälter als Marmor, ja käͤlter als die Eisgletſcher der Alpen. Sprich ihr von Poeſie, von Literatur, von Tagesneuigkeiten, Luſtbarkeiten, Mode, von Ergötzlichkeiten aller Art— kein Zug ihres Angeſichtes wird dir ſagen, daß ſie nur das geringſte Intereſſe daran nimmt. Sitze zum Beiſpiel neben ihr im„Hamlet;“ ſieh Alles mit Ihr an, was ein menſch⸗ liches Herz am tiefſten ergreifen kann, ſieh die heftig⸗ ſten Leidenſchaften im wilden Kampfe mit einander, vernimm die mächtigen Worte des unſterblichen Dich⸗ ters, welche dir durch jede Nerve beben— und ſie wird ſo kalt und unbeweglich da ſitzen, wie vor dem Por⸗ trätmaler. Sprich ihr von dem Elende in den Hütten der Armuth, ſchildre es mit den lebhafteſten Farben:— ſie wird alle mögliche Hülfe leiſten, die ſie zu geben im Stande iſt, aber ohne das geringſte andere Zeichen von ſonſtiger Theilnahme zu äußern. Kurz, verſuche Alles, was in menſchlichen Kräften ſteht— du wirſt ihr auch nicht den leiſeſten Schein von Rührung ent⸗ locken!“ „Es ſind jetzt anderthalb Jahre, daß wir verheira⸗ thet ſind; wo meine ſchöne Gattin ſich zeigt, wird ſie 122 bewundert und ihr glücklicher Mann beneidet. Aber ſieh der uns ein Mal ein paar Stunden daheim im Zimmer bei we einander ſitzen— ſo wirſt Du ihn nicht mehr beneiden. Do Denn obgleich ſie mit der größten Geviſſenhaftigkeit in ſell ewig gleichem Tone„Ja“ und„Nein,“„Ja wohl,“ „Recht gerne,“„Wie du willſt“ antwortet, ſo iſt es doch eine baare Unmöglichkeit, auch in der allervertraulichſten zuf Stunde ihr irgend etwas Anderes als die allergewöhnlich⸗ ga⸗ ſten und kärglichſten Worte abzulocken.“ nel „Denke dir nun einen Mann mit einem fröhlichen Sö Sinn, mit meinem warmen Herzen, an ein Weib gekettet, Fi welches niemals auch nur Einen der zärtlichen Laute, lie welche an ſie verſchwendet werden, erwiedert,— und du nic haſt das Bild einer Wüſte, wo der Wanderer die klarſte, vo ſchönſte Quelle in der Nähe ſieht, ſich aber damit begnü⸗ get gen muß, ſie aus der Ferne mit ſehnſüchtigem Blicke zu S verſchlingen— denn eine weite Kluft trennt ihn davon. ſp. Mag er ſich verzehren von brennendem Durſte— unmerk⸗ lich kräuſelt ſich die ruhige Oberfläche der Quelle, gleiche be ſam zum Spott:— da haſt du das Bild von Virginia's Lächeln.“ K „ und doch liebe ich meine Gattin, liebe ſie unauss⸗ wi ſprechlich.“ Dabei ſank Wiréns Stimme bis zur ſanfte⸗ zu ſten Weichheit herab.„Es iſt eine Schwachheit von mir, ſie ſo zu vergöttern, du kannſt dir aber denken, was es un mit ſolchen Gefühlen für eine Höllenpein iſt, ſie beſtändig hi in dem ewig gleichenden Zuſtande von Regungsloſigkeit un erblicken zu müſſen.“ „Das iſt bei Gott ſeltſam!“ ſagte Ivar ſinnend.„Ich ru bin begierig, dieſe Virginia zu ſehen, um mich zu über⸗ ſte zeugen, ob deine Schilderung nicht übertrieben iſt. Der⸗ ſe gleichen Weiber ſind ſelten und der Mann iſt zu bedauern, ar welchem eine ſolche Lebensgefährtin wird.“ „Du wirſt ſie ſehen! Komm heute Nachmittag um fünf Uhr, dann will ich dich vorſtellen. Um ſechs Uhr beginnt die Fiſchpartie. Geh du aber vor Tiſch noch zu Dreſſens, und berede ſie zur Theilnahme an 1 „H 123 dem Ausfluge. Ich werde es Herrn von Göſſe ſagen, welcher zur Vermehrung der Ergötzlichkeit dabei ſein muß. Zaß der Baron von der Partie iſt, verſteht ſich von ſelbſt.“ „Deine Frau kennt ja aber Dreſſens nicht.“ „Pah— das hat nichts zu ſagen! Sie iſt mit Allem zufrieden, was ich ihr vorſchlage. Bei Tiſche ſage ich ganz einfach:„Der Freund, von dem ich Dir geſagt habe, nebſt der Familie von Dreſſen, welche du geſtern in der Seirée geſehen haſt, nehmen heute Abend an unſerer Fiſchpartie Theil. Du wirſt wohl nichts dagegen haben, liebe Virginia?“ Da antwortet ſie:„Ganz und gar nicht,“— und zwar mit dem nämlichen Tone, wie ſie von der Aufwärterin ein Glas Waſſer verlangt. Das geht immer ſeinen gewöhnlichen Weg. Sie iſt ſo an 7 Schweigſamkeit gewöhnt, daß ihr nie der entfernteſte Wider⸗ ſpruch in den Sinn kommt.“ „Nun, auf deine Gefahr. Wohin ſoll ich Dreſſens beſtellen?“ 1„An die Zollbrücke, Schlag ſechs. Nimm deinen Kleinen mit; die Seeluft iſt ihm gewiß gut, und es wird ſehr hübſch ſein, die liebe„Ammi“ Mama ſpielen zu ſehen.“ „Mach keine ſchlechten Witze,“ fiel Borgenſtierna halb unwillig ein.„Ich habe einen recht ordentlichen Jungen hier aufgefunden, bei welchem ſich Alfred ganz gut gefäͤllt und lieber als...“ „Still, ſtill,“ unterbrach ihn Wirén,„du kannſt ganz ruhig ſein. Wenn meine Frau dabei iſt, kommt es mir ſeets vor, als läge ein Nebel über meinen Augen, ja nicht ſelten ſogar über meiner Seele. Einſtweilen Adjeu;— auf Wiederſehen heute Abend!“ 124 XIII. Der Morgenbeſuch. Im Vorzimmer der Familie von Dreſſen ſaß Amelie mit dem Kleinen auf dem Sopha. Der runde Thee⸗ tiſch war ganz nahe an ſie hergezogen, und Amelie ver⸗ ſorgte ihn mit einer neuen Verſtärkung von Karten⸗ häuſern, Soldaten, Frauen, Schiffen und allerlei ähnli⸗ chen Herrlichkeiten, Alles zur Unterhaltung ihres kleinen Gaſtes. Die Glocke hatte ſchon vor einer ziemlichen Weile zwölf Uhr geſchlagen. Jetzt kam Frau von Dreſſen aus dem innern Zimmer mit dem Mantel im Arme und dem Hute in der Hand.„Ich kann wahrhaftig jetzt nicht mehr länger warten, mein Kind! ich verſäume ſonſt die Badeſtube.“ „Wenn er nun eben kommt, während du fort biſt, liebe Mutter? Daß auch der Vater gar nicht heim kommt!“ „Das iſt dann auch kein ſo großes Unglück, liebe Amelie. Du biſt ja doch wohl nicht ſo wortkarg ge⸗ worden, daß du ihn jetzt nicht eben ſo gut zu unterhal⸗ ten vermöchteſt, als da ihr zuſammen auf dem Thor waret.“ „Ja, auf dem Thor, wie du auch nur ſo reden kannſt. Das iſt doch etwas ganz Anderes, auf einem Dampfboote zu ſitzen und miteinander zu ſchwatzen, als Jemand in ſeinem eigenen Hauſe zu empfangen.“ „Man ſollte glauben, du habeſt in deinem Leben 3 noch keinen fremden Menſchen vor dir gehabt!“ entgeg⸗ nete Frau von Dreſſen; in ihrem Tone lag ein leichter Vorwurf, und ſie warf dabei einen bedeutungsvollen Blick von dem Kinde auf die Tochter. Es fiel ihr das elie hee⸗ ver⸗ ten⸗ nli⸗ nen geile aus dem icht die biſt, eim iebe ge⸗ hal⸗ hor den nem als ben eg⸗ yter llen das 125 alte Sprichwort ein:„Auch die kleinſten Töpfe haben Ohren.“ „— Und ſie hatte Recht, denn Alfred ſah Amelie ganz freundlich an und ſagte:„Habe keine Bang, Am⸗ mi! Ich bleibe bei Dir, und nun wird Papa auch bald kommen.“ „Ja, das iſt's ja gerade,“ dachte Amelie, wurde aber nichts deſto weniger über das Mißverſtändniß des Jungen etwas roth, war jedoch froh, daß er auf einen andern Gedanken gekommen war. Frau von Dreſſen knüpfte nun ihr Badenegligée zu, ſetzte den Hut auf, Amelie hing ihr den Mantel um, und den kleinen Wäſche⸗ bündel unter dem Arme, trat die Mutter ihren Weg an. Auf der Brücke begegnete ſie Borgenſtierna, welcher bat,„ſie ein Stückchen begleiten zu dürfen,“ während des Gehens brachte er ſein Anliegen vor, daß die Fa⸗ milie von Dreſſen an einer kleinen Spazierfahrt und Fiſchpartie Theil nehmen möchte. Die Geſellſchaft werde aus Niemand weiter beſtehen, als aus Aſſeſſor Wirén wuich n„ Baron Lindenſköld und Kammerjunker von öſſe. Frau von Dreſſen dankte Borgenſtierna verbindlichſt für ſeine Artigkeit und hoffte, ihr Gemahl werde ſich wohl noch zu keiner Partie verſagt haben, welche ſie hin⸗ dern möchte, an der vorgeſchlagenen Antheil zu nehmen. Darauf äußerte ſie ihre Freude über die Ausſicht, mit einer ſo außerordentlich reizenden Dame wie Frau Wirén, zuſammenzukommen, verſicherte, daß ſie in ihrem ganzen Leben keine ſchönere Frau geſehen habe, und beklagte nur, daß ſie ſo auffallend ſtill ſei.„Ich meines Theils,“ meinte Frau von Dreſſen mit einem gutmüthigen Lächeln,„gehöre doch gewiß nicht zu den Redſeligen, dennoch aber über⸗ trifft mich Frau Wirén bedeutend in der Kunſt der Schweigſamkeit.“ Man war nun an der Ecke der langen Straße, und Borgenſtierna empfahl ſich, um„mit der gnädigen 126 Frau Erlaubniß das Fräulein von ihrem kleinen beſchwer⸗ lichen Beſuche zu befreien.“ „Auf keinen Fall dürfen Sie aber weggehen, als bis ich wieder zu Hauſe bin! Mein Mann kommt wohl unterdeſſen auch heim, und wir werden dann hören was er zur Fiſchpartie ſagt.“ „Ich werde die Ehre haben, die Heimkunft der gnä⸗ digen Frau abzuwarten,“ erwiederte Borgenſtierna und ent⸗ fernte ſich raſchen Schrittes, als er die Straße herab⸗ gegangen war. Während dem hatte Alfred, der heute ſehr frühe auf⸗ gewacht war, gegen Mittag über Wärme und„den Sand⸗ mann“ geklagt. Als er nun mit Amelie allein war, legte er ſich auf ihren Schooß und bat, ſie möge ihm eine ſchöne Geſchichte erzählen. Amelie begann auch gleich die ſehr intereſſante Er⸗ zählung„vom gelben Waſſer und den ſingenden Vögeln;“ allein ſo ſehr ſich auch Alfred Mühe gab, mit offenen Augen und Ohren zuzuhören, ſchlummerte er doch mit⸗ unter etwas ein. So oft indeſſen Amelie ihre Gedan⸗ ken weiter ſchweifen ließ und ſtille ſchwieg, rief er ungeduldig:„Erzähl Ammi, erzähl weiter; ich ſchlafe nicht, ich habe nur die Augen zu.“ Und Ammi erzählte ihm immer wieder ſchöne Geſchichten, bis es endlich leiſe anklopfte und unmittelbar darauf Herr Borgenſtierna eintrat. Da Alfred keineswegs geneigt war, ſeine bequeme Lage aufzugeben, ſo konnte Amelie den Eintretenden auch nur halb grüßen; kaum hatte ſie Ivars Frage über ihr Befinden beantwortet, ſo rief der kleine verzogene Günſt⸗ ling:„Papa, du ſollſt ein Mal hören, was Ammi für ſchöne Geſchichten weiß. Erzähl Ammi!“ Aber Kindergeſchichten, ſo unbedeutendes, lächerliches Zeug, in Gegenwart des geſetzten Borgenſtierna zu erzählen, dazu konnte ſich Amelie unter keinen Um⸗ ſtäͤnden verſtehen, und trotz dem zärtlichſten Flehen des Knaben blieb ſie ihrer Weigerung getreu. Er ſchlief ver⸗ bis vohl was gnä⸗ ent⸗ rab⸗ auf⸗ and⸗ legte eine Er⸗ ln 3* enen mit⸗ dan⸗ er hlafe ihlte dlich erna teme auch ünſt⸗ für iches zu Um⸗ des chlief 3 127 jedoch bald ein, hatte aber fortwährend ſein Köpfchen auf Amelie's Schooß liegen. Borgenſtierna ſaß der Gruppe gegenüber; ſo wie jetzt, war Amelie nie ſeinen Augen erſchienen. Sie ſah aber auch höchſt reizend aus, wie ſie ſo da ſaß, in holder Ver⸗ wirrung über die mütterliche Rolle, und leiſe ſummte, um nicht reden und aufſehen zu müſſen. Ein ſüßes mächtiges Gefühl bebte durch Borgen⸗ ſtiernas Bruſt, regte ihm jede Fiber mit neuer friſcher Kraft an, und weckte dadurch gleichſam die erſtarrten Lebensgeiſter aus ihrem langen Schlummer. Das Schweigen dauerte aber nachgerade etwas zu lange, es hatte die Formen des Anſtandes bereits über⸗ ſchritten, und obgleich Ivar bei weitem weniger als andere Leute auf die äußeren Formen ſah, ſo ſagte ihm doch eine innere Stimme, daß Amelie daraus allerlei Schlüſſe ziehen könne, welche ſie— wenigſtens beſſer nicht daraus zöge. „Alfred fällt Ihnen wirklich allzubeſchwerlich; wollen Sie erlauben, daß ich ihn auf die andere Seite des Sophas lege. Sie müſſen ja von dem langen Gebücktſitzen ganz müde ſein, mein Fräulein.“ Bei dieſen Worten näherte ſich Borgenſtierna; Amelie fürchtete jedoch, ſeine Hülfeleiſtung möchte das Uebel ärger machen, ſtand deßhalb ſachte auf, legte den Knaben auf das weiche Polſter, und breitete zum Schutze gegen die Fliegen ihren Schleier über ſein Geſicht. „Was in des Herrn Namen ſoll ich nun mit die⸗ ſem ſtummen Menſchen reden?“ dachte Amelie, während ſie ſich immer noch um Alfred zu thun machte. Aber ihre Verlegenheit ſollte nun ein Ende nehmen; man hörte auf einmal des Herrn Papas wohlbekannte Tritte auf dem Vorplatze, und als Amelie ſich umdrehte, ſtand ihr Vater im Zimmer. „Ach, ergebenſter Diener, Herr Borgenſtierna. Sehr erfreut, Sie zu ſehen! Ich hatte im Sinne, Sie heute Vormittag zu beſuchen, bin aber unaufhörlich in 128 Anſpruch genommen geweſen. Mein Freund, der Graf S— und der luſtige Baron C... haben mich am Ende bis jetzt am Billard aufgehalten. Wer ſo viele Con⸗ naiſſancen hat wie ich, darf immer darauf rechnen, überall Bekannte zu treffen. Was treiben wir aber den Nach⸗ mittag? Soiréetag iſt heute keiner. Wir könnten einen Spazierritt machen. Du reiteſt ja nicht ſo ganz übel, Amelie. Und zudem hat mir der Kammerjunker von Göſſe geſagt, daß eines von ſeinen Pferden zu deiner Dispoſition ſtehe, ſo oft du Gebrauch davon machen willſt — das frömmſte Thier von der Welt. Ein verdammt luſtiger Vogel, der Herr von Göſſe, ſtets heiter und auf⸗ geräumt! Hat auch Spänel er wiegt wohl ſeine drei Tonnen Gold.“ „Es iſt ſchon ſehr lange her, daß ich mich mit Rei⸗ ten befaßt habe,— wenn Lars die Pferde in die Schwemme ritt,— ich muß deßhalb fürchten, daß ich mich als Ama⸗ zone nicht gewaltig gut ausnehmen möchte,“ bemerkte Amelie lachend. Der Obriſtlieutenant warf ſeiner Tochter einen zor⸗ nigen Blick zu, und entgegnete ärgerlich:„So werde ich dir von Morgen des Tages an Reitlektion geben, und dann machſt du die nächſte Partie zu Pferde mit!“ Hierauf wandte er ſich zu Borgenſtierna, um ihm Gelegenheit zu geben, Etwas zu ſagen, was das Geſpräch auf einen an⸗ dern Gegenſtand bringen könnte. Borgenſtierna richtete nun mit gehöriger Feierlichkeit ſeinen Auftrag aus, und als der Obriſtlieutenant hörte, daß Baron Lindenſköld und der Kammerjunker Göſſe von der Partie ſein würden, ſo ſagte er ſowohl für ſich als ſeine Damen ſehr bereitwillig zu. Etwas ſpäter kam ſeine Gemahlin nach Hauſe, und nachdem man noch eine Weile über die bevorſtehende Nachmittagsunterhaltung, über das Baden, die Badgäſte, das Geſellſchaftslokal und das Wetter geplaudert hatte, ging Borgenſtierna nach dem Sopha, um ſeinen Sohn zu wecken. Graf Ende Con⸗ verall Rach⸗ einen übel, von beiner willſt ammt auf⸗ drei Rei⸗ emme Ama⸗ nerkte zor⸗ de ich und jerauf eit zu n an⸗ icteit hörte, e von ch als „ und hende ggäſte, hatte, Sohn 129 Frau von Dreſſen hinderte ihn aber an der Aus⸗ führung, und machte den gegründeten Einwand, daß der Junge ſonſt den ganzen Tag ſchläfrig und krittelich ſein würde;— ſie machte den Vorſchlag, Alfred ſolle bis auf den Abend unter ihrer Obhut bleiben, dann wolle ſie ihn mit an die Zollbrücke bringen. Der Obriſtlieutenant war, äußerſt artig, derſelben Meinung,— denn er hatte ſich, wie natürlich, noch nicht beſtimmt entſchieden, welcher von den Freiern, auf die er ſich in Gedanken Rechnung machte, begünſtigt werden ſolle. Vor der Hand mußten jedenfalls Beide, wahrend des Badeaufenthaltes, regelmäßig ans Schlepptau genom⸗ men werden, und ließe ſich außerdem noch ein dritter oder vierter aufgabeln— nun, warum nicht? Der Obriſtlieutenant kalkulirte ſo, daß, je mehr Liebhaber ein Mädchen hat, deſto mehr kommt ſie in Ruf, und in Ruf zu kommen, iſt ein ſchönes und löbliches Streben. Vermöge einer natürlichen Gedankenverbindung, er⸗ innerte er ſich nun plötzlich, daß ſeine Frau von jeher die Kinder außerordentlich gern gehabt habe, Borgen⸗ ſtierna werde ſie daher ſehr verbinden, wenn er den kleinen Alfred noch länger dalaſſe; denn„Sophie wurde ſtets wieder jung, wenn ſie Kinder um ſich hatte.“ Nicht ohne bedeutende Einwendungen von Ivars Seite, und zu ſeinem nicht geringen Verdruſſe, wurde er am Ende aber doch genöthigt nachzugeben, und ſich ſo⸗ in Verbindlichkeit für eine Artigkeit einzulaſſen, auf welche er gar nicht gerechnet hatte. Aber er ſah wohl, daß es mit Artigkeiten und Complimenten nicht zu machen war, und mußte ſich ſchon darein fügen, allein zu gehen, um nicht unhöflich zu erſcheinen. Amelie hatte kein Wort dazu geſagt, weder dafür noch dagegen; und vielleicht war dieß gerade der Grund, warum Ivar auf dem Heimwege noch ärgerlich darüber wurde, daß er nachgegeben und ſeinen Sohn zurückgelaſſen habe. Der Skiutsjunge. 9 130 XIV. Virginia. Der Kammerjunker. Mit dem Schlage fünf Uhr trat Ivar bei Wirén ein, nnd fand dieſen nebſt Baron Lindenſköld im innern Zimmer bei einem Glaſe Waſſer, die Pfeifen im Munde. „Nun, haben Dreſſens zugeſagt?“ fragte Wirén nach der erſten Begrüßung. „Sie haben es mit Dank angenommen, und werden ſich zu rechter Zeit einfinden.“ „Na das iſt herrlich! Wo haſt du denn aber deinen Kleinen?“ „Frau von Dreſſen war ſo gütig, ihn mitzuneh⸗ men,“ antwortete Ivar in einem Tone, der gleichgültig ſein ſollte, aber im Gegentheile etwas verlegen heraus kam. Wirén lächelte, ohne ſich übrigens irgend eine ſon⸗ ſtige Anmerkung zu erlauben, übergab Ivarn dem Ba⸗ ron Lindenſköld, und ging nach dem anſtoßenden Zimmer, um Borgenſtierna bei ſeiner Frau anzumelden. Baron Lindenſköld war einer von den freundlichen, herrlichen Greiſen, welche eine wahre Perle für jeden Stand ſind. Ein alter Junggeſelle, lebte er bei einem anſehnlichen Vermögen gerade ſo, wie es ihm gut dünkte. Bald in den Cirkeln der Hauptſtadt, bald in der Ein⸗ ſamkeit eines abgelegenen Dorfes, beſchäftigte er ſich mit ſich ſelbſt und literariſcher Unterhaltung, oder gab ſich auf dem Lande in ein angenehmes Haus in Penſion — jedes Jahr aber beſuchte er einen Geſundbrunnen oder ein Bad. Da er nun gerade einige Wochen in Wiréns Hauſe zugebracht hatte, wo der muntre Wirth die ſchöne Wirthin und die ſtrenge Ordnung, welche überall herrſchte, ganz beſonders nach ſeinem Geihma waren, entſchloß er ſich, die Badereiſe mit Wiréns zu 8 LVirén anern unde. Virén erden aber uneh⸗ zültig eraus ſon⸗ Ba⸗ ummer, ichen, jeden einem unkte. Ein⸗ h mit ſich nſion innen en in Wirth velche 13¹1 machen; denn, ſchien die Frau auch nicht viel mehr als eine ſchöne Statute zu ſein, ſo hatte doch dagegen ihr Gatte deſto mehr Leben und gottſeliges Talent. „Die Fiſchpartien hier ſind ganz herrlich,“ ſagte der Baron, und nahm mehre Angelhacken vom Tiſche, und betrachtete ſie mit prüfendem Blicke; auch iſt Stroömſtad gar ſo übel nicht! Ich wenigſtens befinde mich vor⸗ trefflich hier und habe in meinem Leben nichts Beſſeres gegeſſen, als den köſtlichen Wittling, den man ſelbſt ge⸗ fangen hat.“ „Aber das Land,“ fiel Borgenſtierna ein, um auch Etwas zu ſagen,„ſcheint nicht beſonders viel zu bieten.“ „Doch! und zwar recht viel, man muß ſich nur die Mühe des Suchens nicht verdrießen laſſen. Wenn Sie ein Freund von Promenaden zu Waſſer oder zu Land ſind, ſo werde ich als der ältere Gaſt, mich Ihnen mit dem größten Vergnügen zum Wegweiſer anbieten. Wir beſuchen dann die Yſterhöhle, ein in der That höchſt merkwürdiges Alterthum, in welche ich ſchon lange ein Mal hinabzuſteigen im Sinne habe, um zu unterſuchen, was ſie in ihrer Tiefe verbirgt. Ueberall in den Bergen ſindet man Huünen, Hünentöpfe(große runde Löcher) und nach einer beſchwerlichen, aber ſehr belohnenden und heil⸗ ſamen Wanderung gelangt man zu der von Karl dem Zwölften entdeckten Quelle, welche das allervortrefflichſte Waſſer von der Welt enthält. Da ſehen ſie ſelbſt, was für ein koſtbares Waſſer! friſch und kryſtallhelle. Man kann nirgends beſſeres trinken. Auch iſt außerdem Ström⸗ ſtad gar nicht ſo übel als man ihm vorwerfen will. Man fahre nur nach den Inſeln umher, fiſche, jage, klettre auf die Berge, und laſſe ſich von den Strandjungen er⸗ zählen: wie Norberg die normänniſche Flotte ſchlug, und mit langer Naſe heimſchickte— ſo wird man ſinden, mein beſter Herr, daß dieſer Fleck, den der Zufall gleichſam zwiſchen die Klippen hineingeworfen hat genug enthält, um ſich in guter 13³² Geſellſchaft nicht allein kurze Zeit, ſondern ſogar einen ganzen Sommer über recht gut zu gefallen.“ Die Redſeligkeit des liebreichen Mannes wurde jetzt durch Wiréns Ruckkunft unterbrochen, der unter der Thüre des Viſitenzimmers mit einem freundlichen Wink Borgenſtierna einlud, herein zu kommen. „Laßt mich doch nicht ſo allein,“ ſagte der Baron, legte ſeine Pfeife auf den Tiſch und trank ſein Glas aus.„Zwar wird unſer charmanter Kammerjunker bald hier ſein, aber ich habe keine gewaltige Luſt, mich ſo auf eigene Fauſt mit ihm zu unterhalten.“ Die Herren traten in das Zimmer. An einem Nähtiſchchen ſaß Frau Wirén und arbei⸗ tete an einer Stickerei in Gold und Seide Sie war ein ſchlankes Weib, ihr Geſicht, ein regelrechtes Oval, erinnerte durch ſeine untadelhafte, klaſſiſche Schönheit an die Meiſterwerke des Alterthums, welche uns mit ſo großer Bewunderung zu erfüllen pflegen. Uebrigens ließe ſich vielleicht behaupten, die von dem Meißel gebildeten Züuge hätten mehr Seele, als Virginias Geſicht andeutete. Während der Arbeit waren ein paar von ihren Locken herabgefallen, ſo daß ſie wie ein luftiges Netz von Goldfäden über ihre Wangen hingen, und wie ſie auf⸗ ſtand, um Borgenſtierna's Gruß ſteif und gemeſſen zu erwiedern, ſtrich ſie dieſeiben nicht mit der anmuthigen Leichtigkeit zurück, welche uns ſo oft als graziöſe Koket⸗ terie gefällt, ſondern warf ſie ganz einfach mit einer hef⸗ tigen Kopfwendung hinter die Ohren. „Dieß hier, beſte Virginia, iſt Borgenſtierna, mein alter guter Freund. Du wirſt ihn ſicher als einen Ge⸗ winnſt für unſern kleinen häuslichen Kreis mit Vergnü⸗ gen bei dir ſehen.“ „Ganz gewiß,“ entgegnete Virginia, und verbeugte ſich dabei auf eine Weiſe, worin ſelbſt der feinſte Kri⸗ tiker nicht hätte bemerken können, daß ihr Körper ſich auch nur eine Linie weit rechts oder links geneigt hätte. einen e jetzt r der Wink Zaron, Glas r bald o auf arbei⸗ e war Oval, eit an nit ſo 3 ließe ildeten Geſicht ihren tz von e auf⸗ ſen zu tthigen Koket⸗ er hef- „mein n Ge⸗ ergnü⸗ beugte te Kri⸗ der ſich hätte. 133 Borgenſtierna ſagte Etwas, jedoch ganz Unbedeutendes, über das Glück, ſo unerwartet ſeinen Freund, und noch dazu verheirathet, getroffen zu haben, eine Artigkeit, welche Virginia durch ein kaum merkliches Oeffnen der Lippen beantwortete, welches für ein Lächeln gelten konnte. Nach dieſen gegenſeitigen Scharwenzeln hatten die Präſentationsceremonien ein Ende. Frau Wirén ſetzte ſich wieder ruhig an ihre Arbeit, und ſchien gar nicht daran zu denken, daß außer ihr noch ein Menſch im Zimmer war. Aber der Baron, welcher oft den Verſuch machte, ob man ſie nicht durch Zudringlichkeit zu einem leiſen Schimmer von Ungeduld oder Verdruß zu reizen ver⸗ möchte, nahte ſich ihr in ſeiner gewöhnlichen Weiſe als Hausfreund, und ſetzte ſich ganz nahe an das Arbeits⸗ tiſchchen. „J was, ſchöne Frau, wie das von der Hand geht! Aber was ſoll denn dieß Schönes werden?“ „Eine Brieftaſche.“ „Für Ihren Herrn Gemahl?“ „Nein!“ „Vielleicht für Sie ſelbſt?“ „Noch weniger.“ „Es iſt wahrhaftig nichts dabei gewagt, mir dürfen Sie ſolche Heimlichkeiten ſchon anvertrauen. Eine hübſche Dame macht eine Arbeit nicht für ihren Mann und nicht für— da könnte man noch etwas Andres denken. Das müſſen Sie doch zugeben?“ „Recht gerne.“ „In der That? Wenn ich nun zum Beiſpiel dächte, Sie machten das Portefeuille für mich?“ „So wären Sie im Irrthum.“ „Das thut mir leid. Aber alte Leute ſind für⸗ witzig, und Sie müſſen mir ſchon ſagen, für wen die Ar⸗ beit beſtimmt iſt.“ „Das kann ich ich Ihnen nicht ſagen“ „Vielleicht für einen begünſtigten Liebhaber?“ 134 „Möglich.“ „Wir müſſen jetzt meiner Frau Zeit laſſen, ſich an⸗ zukleiden,“ ſagte Wirén, der unterdeſſen mit Borgen⸗ ſtierüg geſprochen hatte.„Ich höre Jemanden auf dem Vorplatze, ſicher iſt es Herr von Göſſe. In einer hal⸗ ben Stunde gehen wir, liebe Virginia.“ Virginia nickte mit dem Kopfe, ſah nach der Uhr und arbeitete an ihrer Stickerei fort. Betrachten wir nun einmal die neue Figur, welche Wirén unſerm Helden vorſtellt; es iſt der würdige Kam⸗ merjunker von Göſſe. Auf einem Paar magerer Spin⸗ delbeine ruhte ein Bauch von Größe und dem Umfange eines Fuderfaſſes. Darüber erhob ſich der drei Zoll lange Leib, und ſo der Reihe nach die flache Bruſt, die klafterbreiten Schultern, der Kranichhals und zuletzt der große Kopf, mit rundem, behaglichem Vollmondsgeſicht, welches gerade nicht häßlich wäre, aber einen hohen Grad von dummen Eigendünkel verräth. Der Kammerjunker war auf die ſtutzerhafte Weiſe gekleidet. Sein Haar, gehörig mit duftender Pomade geſalbt, lag in anmuthigen Windungen rings um die rothe, ſchweißige Stirne, und die ewig unruhige Beweg⸗ lichkeit, womit er bei ſeinem Eintritte in die Geſellſchaft ſich bald rechts, bald links, bald rückwärts, bald vorwärts verneigte, war ſo unaufhaltſam, daß wohl nie auch die modernſten Frackzipfel je mehr Aufſehen erregt haben, als dieſe, wie ſie in unnachahmlichen Schwingungen Göſſes ſpitzwinklige Kniee küßte. „Ein charmanter, ein göttlicher Einfall, meine Herrſchaften! Ich werde nächſtens ein Narr werden vor lauter Entzücken. Auf Ehre, kein Sultan kann ſtolzer in ſeinem Harem ſitzen, als ich in einem Boote mit Damen. Vivant die Damen! Sie ſind doch die Krone all' unſrer Luſt.“ „Ganz brav,“ fiel der Baron ein,„allein ich hoffe, b 3 der Herr Kammerjunker werden gnädigſt entſchuldigen, wenn ich und die Herren da uns gegen den Verdacht ) an⸗ rgen⸗ dem hal⸗ Uhr velche Kam⸗ Spin⸗ fange Zoll ſt, die zt der eſicht, Grad Weiſe ymade n die eweg⸗ ſchaft wärts ch die zaben, ungen meine n vor ſtolzer mit Krone hoffe, digen, rdacht 135⁵ oder die Ehre verwahren, zu dem genere feminino zu gehören— denn wir werden gleichfalls ſo frei ſein, an dem Vergnügen der Waſſerfahrt Theil zu nehmen.“ „Um Vergebung, Herr Baron, ich werde gern figür⸗ lich(—„ich auch,“ dachte der Baron) und wollte nichts weiter damit ſagen, als daß ich ſie, nämlich die Damen, für den beſſern Theil der Ladung halte. Aber, mein beſter Aſſeſſor, können Sie für gewiß ſagen, daß Fräu⸗ lein von Dreſſen mitkommen wird?“ „Ganz gewiß! Ich ließ ihr durch die dritte Hand einen“ Wink geben, daß ihr Anbeter von gerſtern die Ge⸗ ſellſchaft mit ſeiner Gegenwart beehren werde, und da... Aber ich finde es nicht paſſend, noch weiter über die Sache zu ſprechen.“ „Ach warum denn nicht? Thun Sie mir die Liebe an— wir ſind ja ganz unter uns! Indeſſen, um auf⸗ richtig zu ſein, ich habe gleich gerſtern gemerkt, daß meine Huldigungen nicht unwillkommen waren.“ „Ihre Blödigkeit, Herr Kammerjunker,“ verſetzte der Aſſeſſor,„hat Sie wohl verhindert, noch mehr zu merken; allein der Baron, der dabei war, hat mich ver⸗ ſichert, daß ihre Augen Ihnen ſtets mit einem ganz be⸗ ſtimmten Ausdruck gefolgt ſeien“ 3 4 „In der That?— mit einem beſtimmten Ausdrucke? Das iſt viel geſagt, auf Ehre, ſehr viell Wenn ich nic alſo auf des Herrn Barons Zeugniß verlaſſen darf, .... Der Kammerjunker ließ den Schluß ſeiner Meinung nur in den bedeutungsvollen Augenwinken und dem kur⸗ zen gellenden Lachen errathen, womit er ſtets ſeine eige⸗ nen Bemerkungen zu begleiten pflegte. Dabei ſchlug er mit den Handſchuhen auf die Beine, und blickte wohlge⸗ fällig nach den Theilen ſeines Körpers, welche er mit dem ſchmeichelhaften Titel von Waden beehrte. Baron Lindenſköld hatte nie etwas gegen einen un⸗ ſchuldigen Spaß mit einem geckenhaften Narren, wie Göſſe einer war, und wiederholte ſogleich mit der Un⸗ 136 befangenheit und Würde, welche in ſeinem Weſen lagen: „Ich hoffe, daß Niemand die Wahrhaftigkeit meiner Worte bezweifeln wird! Als die Augen des Fräuleins den Herrn Kammerjunker betrachteten, hatten ſie einen eigen⸗ thümlichen beſtimmten Ausdruck.“ „Meine Herren! ſagte nun Herr von Göſſe mit triumphirendem Blicke,„ich erwarte Morgen früh mei⸗ nen beſten Champagner von Frederikshall, und hoffe, daß Sie ſämmtlich mir das Vergnügen machen werden, ſich um Zwölf einen kleinen Zopf bei mir zu holen. Sie ſollen nicht allein ein Urtheil über meinen Champagner fällen, ſondern es handelt ſich auch noch darum, wenig⸗ ſtens ein zwanzig Gläſer zu Ehren der Dame meines Herzens zu leeren. Das muß ihr ſchmeicheln, oder wie?“ Dabei lachte Göſſe auf ſeine gewöhnliche Weiſe. Borgenſtierna's ernſthafter Charakter verſchmaͤhte den Spaß, der ſeine Freunde ſo herzlich ergötzte, Er lehnte am Fenſter und ſchien kaum zu hören, was geſprochen wurde; da er nun aber doch eine Antwart auf des Kam⸗ merjunkers Einladung geben mußte, und dieſer ihn gleich⸗ ſam auffordernd auf die Achſel klopfte, drehte er ſich um und antwortete kurz:„Ich kann nicht die Ehre haben, von der Partie zu ſein.“ „Und weßhalb nicht, mein Herr? Dieß ſoll ſo viel heißen: Sie erkennen Fräulein von Dreſſen nicht für die reizendſte— nein, das wäre zu wenig geſagt!— für die göttlich ſchönſte Dryade, welche je in einem Bade⸗ karren geplätſchert hat. Wiſſen Sie nicht, daß ich, als ihr erklärter Ritter, Sie für dieſe Dreiſtigkeit fordern könnte?“ Mit großer Selbſtgefälligkeit über die ſchönen Phra ſen, welche er ſo eben ausgekramt hatte, ſchlug ſich der Kammerjunker noch heftiger auf die Waden, und lachte, daß die Scheiben klirrten. Borgenſtierna erröthete. Man ſah wohl, daß er Göſſe für ein zu unbedeutendes Subjekt hielt, um ihm eine Antwort zu geben, wie er ſie ihm eigentlich hätte b ſa ve 137 geben mögen; er begnügte ſich deßhalb damit, in die Weſtentaſche zu greifen, auf die Uhr zu ſehen und den Herrn bemerklich zu machen, daß der Obriſtlieutenant mit ſeiner Familie vielleicht gar ſchon warten möchte. „Ach, ſie müſſen ja hier vorüber kommen!“ erwie⸗ derte der Baron. Allein der Kammerjunker nahm ſich jetzt keine Zeit mehr zur Antwort. Mit dem Ausrufe:„Pardon, meine Herren! Ich gehe voraus, denn ich laſſe mir niemals nachſagen, daß ich die Dame meines Herzens hätte auf mich warten laſſen,“ eilte er die Treppe hinab und ſchoß mit ſeinen langen Stelzbeinen gleich einem Schnellläufer nach der Zollbrücke hinab, wo er um ein Haar den mit Körben beladenen Diener des Aſſeſſors umgerannt hätte. Als Göſſe weg war, lachte der Baron und Wirén von ganzem Herzen über den Pinſel und ſeine„Dryade im Badekarren.“ Borgenſtierna dagegen ſcheute ſich, laut werden zu laſſen, daß er über ſeinen Freund ärgerlich war, weil dieſer ſich nicht entblödet hatte, einen Scherz zu machen, in welchem Fräulein von Dreſſen eine Rolle ſpielte, und war zufrieden, durch die Annäherung des Obriſtlieute⸗ nants einer Aeußerung überhoben zu ſein,— denn eben wurde die lange, ſteife Figur dieſes Cavaliers am Ende der Straße ſichtbar, wie er mit ſeiner Gattin am Arme, und Amelie neben dem kleinen Alfred daher kam. Wirén klopfte an die Thüre ſeiner Frau:„Eben kommen Obriſtlieutenants,— biſt du fertig, liebe Frau?“ „Im Augenblicke!“ ließ ſich Virginia's Stimme innen hören; und ein paar Sekunden darauf erſchien ſie, einfach gekleidet, aber reizend, ſelbſt im einfachen Stroh⸗ hute, welchen nur ein ziemlich verſchoſſenes Seidenband ſchmückte. Als die Geſellſchaft auf die Straße herabkam, tra⸗ fen ſie mit dem Obriſtlieutenant und deſſen Familie zu⸗ ſammen. Während man der Brücke zuging, wurden verſchiedene Artigkeiten gewechſelt, wobei namentlich der 138 Obriſtlieutenant, der Baron und der Aſſeſſor das Wort führten. Frau von Dreſſen und Frau Wirén gingen ſchweigend neben einander her, und Alfred, welcher von ſeiner lieben Ammi zum Papa gelaufen war, verlangte, daß ihn Beide, Jedes an einer Hand, führen ſollten, er ſei gar zu müde. „Ich will dich auf den Arm nehmen, lieber Sohn,“ ſagte Borgenſtierna, welcher fürchtete, Fräulein von Dreſ⸗ ſen möchte die Vertraulichkeit übel nehmen. Alfred ſchrie aber dergeſtallt, daß die Uebrigen ſich nach ihnen um⸗ drehten; er wolle nun einmal nicht anders,„als zwiſchen Ammi und dem Papa gehen“ Man mußte in Gottes Namen dem kränklichen Trotz⸗ köpfchen ſeinen Willen thun, obgleich Amelie ſehr roth dabei wurde, nicht ſowohl weil ſie die Obhut für Alfred mit deſſen Vater theilen mußte, ſondern wohl mehr über den Blick, womit dieſer ſie anſah, als er den Knaben bei der Hand nahm. Als die Geſellſchaft an der Straßenecke war, er⸗ blickte man den Kammerjunker, wie er, mit der Lorgnette vor den Augen, eilends auf ſie loskam. „Willkommen, willkommen, meine Damen!“ Mit einer vornehm nachläßigen Verbeugung rannte er an Frau von Dreſſen und Frau Wirén vorüber und zu Amelie hin. „Ich hoffe, das geſtrige Tanzen iſt Ihnen wohl bekommen, mein gnädiges Fräulein? Erlauben Sie mir die Verſicherung, daß der Cavalier, welchen Sie mit Ihrer Hand beglückt haben, zu klein iſt;— kann ich nicht das unſchätzbare Glück haben, Ihnen meinen Arm anbieten zu dürfen? Mein Arm iſt eine beſſere Stütze, — ich flehe inbrünſtig,— ſeien Sie, ſeien Sie ſo gnädig.“ „Ich danke,“ entgegnete ſie und drückte ängſtlich den Arm mit dem Shawl an die Seite, von welcher ſich der Kammerjunker in Beſitz ſetzen wollte;„der Weg iſt 139 ja ſo kurz und der kleine Alfred will mich durchaus nicht loslaſſen.“ „Nein, nein! ich will Amelie's Hand nicht loslaſſen, geh' du deiner Wege!“ rief der Junge, machte ihm ein verdrießlich böſes Geſicht, daß er ihm ſeine Ammi nehmen wollte. „ So werde ſich wenigſtens dem Fräulein in das Boot helfen,“ beruhigte ſich Göſſe und ſetzte in halb flüſterndem Tone hinzu:„ich habe meinen Mantel für meine Dame auf das Sitzbrett gebreitet, wo ſie wie eine Sonne an meinem Himmel ſitzen wird, und ich hoſſe und ſchmeichle mir, daß ſie des Herzens ſtille Sprache in dieſer einfachen Huldigung nicht verſchmähen wird!“ Amelie ſtellte ſich, als höre ſie ſein Geſchwätz nicht, in welchem nach Göſſe's Ueberzeugung eine tiefe Bedeutung lag; und da ſie Nichts antwortete, ſo war er gewiß, daß ſie ſeine Worte richtig aufgefaßt habe. Ihr Schweigen war ja der klarſte Beweis, daß ſie ihn zu ihrem Ritter annahm, denn eine mit Worten ausgedrückte Antwort hätte ſich ja offenbar nicht für ein wohlerzogenes Mäd⸗ chen geſchickt, welchem ganz natürlich Schuͤchternheit die Zunge binden mußte. XV. Die Fiſchpartie. Als die Geſellſchaft beinahe am Ziele ihrer Wan⸗ derungen war, hörte man plötzlich eine gellende Stimme von hinten her, welche ſie zu warten bat und kurz dar⸗ auf erſchien, ganz athemlos, eine von den privilegirten alten Jungfern, welche durch die ganze Welt reiſen können, ohne ihren guten Ruf einzubüßen. Manſell Nyquiſt war aus der Hauptſtadt, und die Lebenselemente 140 in ihrem ganzen Weſen beſtanden aus drei Lieblingsſün⸗ den; Klatſchen, Politiſiren, Verläumden. Mit dieſen Ei⸗ genſchaften vereinte ſich eine ausgebreitete Menſchen⸗ und Sachkenntniß, welche ſich nicht allein auf ihre eigenen weitläufigen Bekanntſchaften, ſondern auch über die Ver⸗ hältniſſe einer ungeheuern Menge andrer Leute erſtreckte. Sie kannte die Lebensumſtände eines Jeden auf das Aus⸗ führlichſte, und da ſie überdem noch reich war und drei Kaffeeviſiten in der Woche gab, ſo konnte ſie ſicher darauf rechnen, überall willkommen zu ſein. Mamſell Nyquiſt kam niemals auf den Gedanken, daß ſie irgend Jemand beſchwerlich fallen könne, war deßhalb auch nicht im Geringſten blöde und drängte ſich aller Orten auf, denn es gab ja überall und jederzeit Gelegenheit, Etwas aufzuſchnappen. Aus dieſem Grunde nahte ſie ſich denn auch jetzt: ihr brauner Seidenmantel flog wie ein Segel im Winde, mit einer Hand hielt ſie den Hut, welcher jeden Augenblick davonzufliegen drohte, während der Schleier hinter ihrem Rücken gleich einer Sturmfahne nachzog; links und rechts nickte ſie bekannt und rief ſchon von Weitem:„Ich bitte um Vergebung, daß ich Sie aufhalte meine Herrſchaften! Aber ich hatte juſt im Sinne, meiner lieben kleinen Frau Wirén eine Viſite zu machen. Ja, ich ſchäme mich auch wirklich, daß ich mir nicht früher das Vergnügen machen konnte, meine Schuldigkeit zu thun:— aber man iſt ſo ſchreck⸗ lich in Anſpruch genommen! Die Herrſchaften ſind, wie ich ſehe, im Begriffe, eine Partie zu machen, und da ich dabei auf das Glück rechne, jedenfalls meine liebe Frau Wirén gehörig genießen zu können, ſo werde ich, wenn es die Herrſchaften gütigſt erlauben, an der Geſellſchaft Theil nehmen.“ Damit ſetzte ſich Mamſell Nyquiſt in Gang und war die Erſte im Boot, wo ſie ſich ohne Weiteres an den Platz ſetzte, auf welchen der Kammerjunker von Göſſe ſei⸗ nen Mantel gebreitet hatte. Allein dieſer, weit entfernt, ſich in den Unſtern zu 141 ergeben, ſprang hinter ihr her und inſinuirte ihr mit großer Artigkeit, daß ſein Mantel für eine andre Dame hingelegt worden ſei und er leider keinen zweiten mitge⸗ nommen habe. „Ich kann aber doch unmöglich mit meinem ſeidenen Mantel auf der Bank da ſitzen! Der Herr Kammerjunker werden doch ſo viel Cavalier ſein und dieß einſehen,“ ſagte Mamſell Nyquiſt beleidigt und machte nicht entfernt Miene, ihren Platz zu verlaſſen. „Ja, aber, meine Gnädige, Sie ſollten eigentlich ein⸗ ſehen.. Bei dieſen Worten erhielt Herr von Göſſe, der, wie der Coloß von Rhodus, mit ausgeſpreitzten Beinen zwei Bänke einnahm, einen derartigen Stoß von Wirén, daß er Kopfüber herab und der Mamſel Nyquiſt gerade vor die Fuͤße plumpte. „Herr meines Lebens! meine Hühneraugen!—“ und dazu kreiſchte die alte Dame laut vor Schmerzen, ſetzte ſich aber nur um ſo feſter wieder auf den Mantel zurecht. Roth wie ein welſcher Hahn und ganz erblaßt half ſich Göſſe wieder auf die Beine.„Man pufft einem nicht ſo auf den Leib, wenn man vorwärts will!“ ſagte er zu Wirén und bemühte ſich, mit ſeinem großen ſeidenen Taſchentuche das Waſſer abzuwiſchen, welches von ſeinen beſchmutzten Frackzipfeln troff. „Man braucht ſich noch weniger den Damen gerade vor die Naſe zu ſtellen, wenn dieſe vorwärts wollen!“ zankte der Aſſeſſor und veranſtaltete ſchändlicherweiſe, daß während des Kammerjunkers Trocknungsproceß ſchnell alle Plätze beſetzt wurden, ſo daß nun dieſer, als er ſich am Ende nach der Dame ſeines Herzens umſah, ſie zwi⸗ ſchen ihrer Mutter und Baron Lindenſköld ſitzend fand. Wollte er nicht im Boote ſtehen bleiben,— was die Ruderer gehindert haben wurde— ſo mußte er nun wohl oder übel den einzigen ledigen Platz und zwar gerade neben der Mamſell Nyquiſt einnehmen, wo er auch ſeine an⸗ genehme Perſönlichkeit unterbrachte;— dieß höchſt un⸗ 142 vermuthete Unglück konnte aber nicht verfehlen, eine höchſt nachtheilige Wirkung auf die gute Laune des Kammer⸗ junkers zu äußern. Seine Nachbarin hingegen erholte ſich bald wieder von ihrem Schreck und begann mit dem Herrn eine Con⸗ verſation über Politik und über das große Luſtlager auf dem Felde von Ladugard, wovon das Abendblatt eine höchſt großartige Beſchreibung liefert. Aber die Herren hatten die letzten Zeitungen noch nicht geleſen, und es war ihnen offenbar darum zu thun, der Lieblingsunter⸗ haltung der Dame eine andere Wendung zu geben, ſie nahmen deßhalb Veranlaſſung, über allerlei Leute, die im Bade waren, Erkundigungen einzuziehen. Nun fluthete es aber wie ein Strom von Mamſell Nyquiſts Lippen. Eigentlich hatte ſie keinen Zuhörer außer dem Obriſtlieu⸗ tenant, welcher ſich aber nicht ungern dazu hergab, weil dabei eine Menge von Notizen zu ſammeln waren, von denen ſich ſpäter wohl Nutzen ziehen ließ. Als man ſo weit in der See draußen war, um mit dem Angeln beginnen zu können, änderte die Geſellſchaft die Plätze. Der Baron, Wirén, der Obriſttlieutenant und Amelie warfen ihre Angelruthen mit einander aus, und der Kammerjunker ermahnte Alle, ſich recht ruhig und ſtill zu verhalten. Plötzlich ſchrie der kleine Alfred laut auf vor Entzücken, denn ſeine liebe Ammi hatte einen kleinen allerliebſten Wittling gefangen, welchen ihr Borgenſtierna in die Fiſchkiſten zu bringen behülf⸗ lich war. Es verging nun einige Zeit. Der Baron hatte wie gewöhnlich Gluck, bei dem Aſſeſſor wollte aber nichts an⸗ beißen. Er hatte ſeine gute Laune faſt gänzlich verloren und ſchrieb ſeinen Mangel an Glück dem unaufhörlichen Geplapper der Mamſell Nyquiſt zu, als er auf einmal etwas Schweres an ſeiner Angel hängen fühlte.„Nun, meine Damen, paſſen Sie auf, jetzt kommt mein Fang; ſicher ein großer Dorſch!“ rief er triumphirend aus und zog haſtig die Angel aus dem Waſſer. Allein in dem V wehklagte Mamſell Nyquiſt.„Der iſt total zu Schanden 143 Augenblicke ſtieß Mamſell Nyquiſt einen krampfhaſten Schrei aus, denn wie der Aſſeſſor ſeinen Fang in den Fiſchkaſten werfen wollte, zeigte es ſich, daß es eine ge⸗ waltige Seekatze war, welche ſich vom Angelhacken los⸗ machte und ihr auf den Schooß fiel. Mit dieſer Fiſchart iſt gar nicht zu ſpaſſen, denn ſie hat lange, ſcharfe Zähne und beißt tüchtig damit; der obere Theil des Körpers hat die vollſtändigſte Aehnlichkeit mit einer Katze, und in die⸗ ſer abſcheulichen Geſtalt zappelte nun das Thier auf Mam⸗ ſell Nyquiſt's braunem Seidenmantel. Wirén ſchien im Anfang wenig Luſt zu haben, das Ungethüm zu faſſen, als er aber ſeine Frau, welche ganz in der Nähe ſaß, erbleichen ſah und die andern Damen ketzerlich ſchrieen, wobei Alfred aus vollem Halſe einſtimmte, machte er Anſtalt, ſich vermittelſt ſeiner Rockſchöße ſeines Fanges zu verſichern. Aber Borgenſtierna, welcher nahe dabei ſtand, war ſchneller entſchloſſen, er packte den ge⸗ fährlichen Burſchen mit ſicherem Griffe im Genicke und warf ihn in den Fiſchkaſten. „Nein, um Gottes willen, werfen ſie ihn in's Meer!“ rief Mamſell Nyquiſt. Die Ruderer aber, welche hinten dran ſaßen, lachten dazu und verſicherten, daß es weit und breit um Strömſtad keinen beſſern, delikatern Fiſch gebe, als eine Seekatze.„Na, dann will ich ihn auch behalten“ ſagte Wirén,„ſofern nicht die übrigen Da⸗ men auch der Anſicht ſind, wie Mamſell Nyquiſt. Was meinſt du, Virginia, wollen wir ihn mit nach Hauſe nehmen?“ „Warum nicht?“ Frau von Dreſſen und Amelie waren derſelben Mei⸗ nung, und der Baron rief unaufhörlich:„Um Alles in der Welt, werfet mir doch eine ſolche Rarität nicht wieder ins Waſſer! Ich habe ſchon längſt gewünſcht, eine ſolche Beſtie in der Nähe zu ſehen.“ „Ach du mein himmliſcher Vater, mein Mantel!“ 144 gerichtet. Der Herr Aſſeſſor hätte ſich doch mehr in Acht nehmen ſollen, wenn eine Dame da ſitzt.“ „Ach, meine Gnädige, ich bitte tauſend Mal um Vergebung! Aber ich war mit meinen Gedanken bei dem intereſſanten Artikel im Abendblatte, der unſre eigene ge⸗ genwärtige Lage und Frankreichs politiſchen Standpunkt ſo ſchön und gründlich entwickelt. Ach, Sie haben ihn am Ende gar nicht beachtet;— was für eine Nummer hat er denn doch?— richtig, es war in der letzten— es ſoll mich in der That freuen, Ihre Anſicht ein Mal gelegentlich darüber zu hören.“ „Ja, ja, gewiß habe ich ihn geleſen— und ſo viel ich davon verſtehe....“ Damit rutſchte Mamſell Nyquiſt naher an den Aſſeſſor hinan, welcher dadurch in die größte Gefahr kam, unter der politiſchen Sündfluth zu ertrinken, welche nun über ihn hereinzubrechen drohte. Um aber dem gewiſſen Untergange zu entgehen, fing er heftig an ſeiner Angel zu zerren an, und gab dadurch zu der gegründeten Vermuthung Veranlaſſung, daß ſogleich abermals ein Repraͤſentant der Seekatzenfamilie auftre⸗ ten werde. Schneller als der Blitz flog Mamſell Nyquiſt von ihrem neueingenommenen Sitze auf, ſo daß die übrigen Damen vor Schrecken über das Schwanken des Bootes laut kreiſchten, und retirirte ſich an das entgegengeſetzte Ende, wo ſie neben dem Baron Platz nahm. „Die Sache wird nachgerade etwas einförmig!“ meinte nach längerem Stillſchweigen der Kammerjunker von Göſſe, richtete ſich auf und blickte ſehnſüchtig nach dem Kjeballs⸗ ſtrande.„Die Damen ſind gewiß muüde?“ Frau Wirén ſchwieg, für Amelie's Mutter war dieſe Sache neu und unterhaltend, und dieſe, welche in kurzer Zeit ein halbes Schock Wittlinge gefangen hatte, fand den Spaß ſo angenehm, daß ihr der Vorſchlag, wieder an's Land zu gehen, gar nicht behagte. Man ergötzte ſich noch eine Weile mit Angeln, ſteuerte dann dem Strande zu, worauf die Geſellſchaft nach Norkjarr Acht um dem ge⸗ unkt ihn imer 1— Mal d ſo nſell h in fluth ohte. g er h zu leich ftre⸗ von rigen ootes ſetzte teinte öſſe, alls⸗ war he in hatte, hlag, Man dann kjarr 145 hinaufging, wo man in einer der ſchattigen Alleen Halt machte und der Aſſeſſor zum Sitzen einlud. Ein weißes Tuch wurde auf dem grünen Raſenboden ausgebreitet und die Körbe entluden ihre Schätze an Flaſchen, Taſſen, Glä⸗ ſern, Backwerk, Apfelſinen und dergleichen Herrlichkeiten mehr. „Ein Götterfeſt!“ rief der Baron aus und griff nach einem Glaſe Limonade.„Welche von den Damen will mir eine Apfelſine ſchälen, wenn ich ſo frei ſein darf, Jemanden damit zu beläſtigen?“ „Ich, wenn Sie erlauben!“ rief Amelie und nahm eine Apſelſine nebſt einem ſilbernen Meſſerchen zur Hand. Der alte Baron nickte vergnügt mit dem Kopfe und blickte den Herrn von Göſſe ſchelmiſch an, welcher ganz betrübt ausſah, aber nichtsdeſtoweniger auch eine Apfelſine ergriff und ausrief:„O, wer nur auch ſo glücklich wäre! Nie habe ich noch ſo weiße Finger geſehen, welche ſchöner und beſſer die Schale von den Kernen zu ſcheiden im Stande geweſen wären, als Sie, mein gnädiges Fräulein!“ Höch⸗ lich zufrieden über dieſe abermals gelungene witzige Artig⸗ keit, ſah er mit ſtolzem Blicke im ganzen Kreiſe umher. Amelie ſah und hörte nichts; mit vieler Grazie ſteckte ſie die geſchälte Apfelſine auf die Meſſerſpitze und präſen⸗ tirte ſie dem Baron, welcher mit der Freiheit, die das Alter geſtattet, auf die kleine, weiche Hand klopfte, welche ihm den charmanten Dienſt erwieſen hatte. Nun ſchrie Alfred, Ammi ſolle ihm auch eine ſchälen. Sie nahm den Knaben neben ſich, erfüllte ſeinen Wunſch, und zerſchnitt ihm eine Apfelſine in vier Theile. „Das ging geſchwind, Ammi! Nun ſollſt Du auch ein Stückchen haben, und Papa eins, und Diana eins. Amelie nahm ihren Theil, um dem Jungen ſeinen Willen zu thun. Mit großem Wohlgefallen verzehrte Borgenſtierna ſein Stück. Als nun aber Göſſe ſeine ganze Apfelſine gegen das letzte Viertel, welches für Der Skjutsjunge. 10 146 Diana beſtimmt war, geben wollte, ſchlug ihm Alfred ſein Geſuch zu Amelie's nicht geringer heimlicher Freude, rundweg ab. Diana wollte aber nichts von der Apfelſine wiſſen; ſie leckte blos grinſend an dem dargereichten fremd⸗ artigen Biſſen. „Da haſt Du es jetzt!“ rief Alfred Göſſe zu;„Diana mag ihn nicht.“ „Geheiligt vom Symbol der Treue, hat die Frucht einen zwieſachen Werth!“ ſagte der Kammerjunker pathe⸗ tiſch mit einem zärtlichen Blick auf Amelie, und ſog in langen Zügen den Saſt aus dem von der Hundsnaſe be⸗ ſchnüffelten Biſſen. Die Schale legte er ſorgfältig in ſein Taſchentuch, welches ſtets auf ſeinem Herzen ruhte. „Ritterlich in Wort und That, Herr Kammerjunker 14 rief Wirén, und die ganze Geſellſchaft brach in ein lautes Gelächter aus. Als man ſich erhob, um einen Spaziergang durch die verwilderten Alleen zu machen, eilte Göſſe heran und bot eiligſt Amelie den Arm. Ein befehlender, faſt ſtren⸗ ger Blick ihres Vaters ſagte ihr, daß ſie jetzt, zum dritten Male, ihrem Geſchicke nicht entgehen könne. Mit einer höchſt widerlichen Empfindung legte Ame⸗ lie ein paar Finger auf den dargebotenen Arm des Kammerjunkers, und da Alfred, müde war, und auf ſeines Vaters Arm ſaß, ſo hatte ſie nun Niemand, mit dem ſie ſich unterhalten konnte. Entzückt, daß ihm endlich das Sckickſal guͤnſtig geweſen war, kramte Göſſe ſeinen ganzen Vorrath von eingebildeter Artigkeit und Witz aus. Er ſchmeichelte ſich Amelie aufs Beſte zu unterhalten, und da es ihm auch wirklich gelang, ihr ein herzliches Lachen abzulocken— indem das Mädchen noch nicht lange genug„in der Welt“ gelebt und deß⸗ halb auch noch nicht gelernt hatte, ihre Eindrücke„auf feine Weiſe“ zu verbergen, ſo wuchs dem Kammerjunker der Muth; er war ſchon drauf und dran mit einer Lie⸗ beserklärung anzurücken, als der Baron ſich an Amelie's lfred eude, lſine emd⸗ iana rucht athe⸗ g in 2 be⸗ ſein ker!“ autes durch und ſtren⸗ ritten Ame⸗ des dauf mit ihm Göſſe und e zu „ihr dchen deß⸗ „auf unker Lie⸗ elie's 147 andre Seite machte, und durch eine weitläufige Rede über die Ausſicht von den umliegenden Berghöhen Amelie's ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen wußte und ſie dadurch zur innigſten Dankbarkeit verpflichtete. „Das nächſte Mal, mein liebes Fräulein, müſſen Sie ſich meiner Obhut anvertrauen, dann fiſchen wir auf eigne Hand, und klettern mit einander in den Bergen umher, was für heute freilich zu ſpät iſt, denn der Thau beginnt ſchon das Gras zu näſſen— auch möchte es Zeit zur Heimkehr ſein.“ Die beiden Frauen waren auf Befragen derſelben Anſicht, und Mamſell Nyquiſt, welche ſich des Obriſtlieu⸗ tenants ganz und gar bemächtigt hatte und ſeinen Arm um keinen Preis fahren laſſen wollte, ſtimmte ebenfalls für den Heimweg,„denn ihre Hühneraugen ſchmerzten und brannten ſie gräulich;“ an demſelben Uebel litt auch ihre gute Freundin, die verwittwete Gräfin von P.... in deren Cirkel ſie den Obriſtlieutenant und ſeine Familie mit dem größten Vergnüngen einzuführen ſich erbot. Endlich war man wieder im Boote. Alfred war unwohl, klagte über Kopfweh und verlangte weinend nach ſeiner Ammi. „Ach, mein Gott, wie deine Stirne brennt, lieber Alfred!“ ſagte Amelie, nahm den Jungen unter ihren Mantel, um ihn vor der Abendkühle und dem Nebel zu ſchüden, der aus der See aufzuſteigen begann. Eben ſo ſehr aus eigener Neigung, als in der Abſicht, Amelie vor der Zudringlichkeit des Kammer⸗ junkers zu ſichern, ſetzte ſich Borgenſtierna dicht neben ſie, und es überkam ihn ein tief ergreifendes Gefühl, worüber er ſeine ganze Umgebung vergaß. Er vernahm weder Etwas von Göſſes Staarmatzengeplapper, noch von Mamſell Nyquiſts ewigen Hiſtorien: er dachte nur — fühlte nur. Er ſah nur Amelie, wie ſie da ſaß und ſein Kind im Arme hielt,— er ſah ihre Unruhe um den Knaben, hörte, wie ſie ihm mit leiſer Stimme den 148 Schluß der ſchönen Geſchichte erzähte, welche ſie am Mor⸗ gen abgebrochen hatte. Wäre es nicht für Alfreds Ge⸗ ſundheit nothwendig geweſen, bald nach Hauſe zu kommen, eine ganze Ewigkeit hätte er in dem ſchaukelnden Boote ſitzen können. Die roſenrothen Wolken des Abendhim⸗ mels ſpiegelten ſich in der Tiefe des Waſſers. Es waren die Bilder von dem Himmel, welcher nun in ſeiner innern Welt aufging. Auch deſſen Wolken überzogen ſich jetzt mit glänzendem Golde— nur mit dem Unter⸗ ſchiede, daß es bei ihm die aufgehende Sonne war, welche ihre wärmenden Strahlen ergoß. Borgenſtierna wurde aus ſeinen Träumen durch Frau von Dreſſen geweckt, welche Amelie aufforderte, den kleinen Alfred ihr zu über⸗ laſſen. „Nein, ich verſichere dich, Mutter, er genirt mich nicht im Geringſten,“ entgegnete Amelie; und nun erſt dachte Borgenſtierna daran, daß er ihr noch gar nicht Ein Mal für ihre Mühe gedankt habe, und daß es ihm eben⸗ ſowenig eingefallen war, daß es ihr Beſchwerde machen könne. Verlegen über ſein langes Stillſchweigen, beugte er ſich zu dem Knaben nieder, allein dabei berührten ſeine Lippen Amelies bloße Hand, welche er für Alfreds Stirne hielt. Dem Halbdunkel, welches auf dem Boote ruhte, verdankte er es, daß Niemand dieſes durchaus zufällige Zuſammentreffen bemerkte. Borgenſtierna aber fühlte es, fühlte die Wirkung im innerſten Herzen durch alle Sinnen— und zog ſich, ohne ein Wort zu reden, zurück. Amelies Empfindung war eigentlich nur Erſtaunen. Sie hegte zwar den unbeſtimmten dunklen Wunſch, Bor⸗ genſtierna zu gefallen, ſobald ſie aber in eine nähere Berührung mit ihm kam, fühlte ſie dennoch einen ge⸗ wiſſen Zwang. Sie konnte nicht ſo unbefangen und freundlich mit ihm ſein, wie mit Andern, und war deßhalb auch herzlich froh, als das Boot an der Brücke Nor⸗ Ge⸗ men, Zoote him⸗ Es einer ogen nter⸗ helche purde vpeckt, üͤber⸗ mich erſt Ein eben⸗ achen te er ſeine freds Zoote haus aber durch eden, unen. Bor⸗ ähere n ge⸗ und war rücke 149 landete, und die Geſellſchaft ſich nach gegenſeitigen Be⸗ grüßungen trennte. Frau von Dreſſen nahm ihren eigenen Shwal und hing ihn noch dem ſchlafenden Kinde um, legte es aus Amelies in Borgenſtiernas Arm, und begleitete ihre müt⸗ terliche Sorge mit dem herzlichen Wunſche, Morgens nicht hören zu müſſen, daß ihr kleiner Liebling wirklich un⸗ wohl ſei. Mit einer ſchnellen Verbeugung entfernte ſich Bor⸗ genſtierna, und drückte ſein Kind mit den verſchiedenartig⸗ ſten Gefühlen an die Bruſt. Der Kammerjunker folgte der Familie Dreſſen, und Baron Lindenſköld that ſich den Zwang an, Mamſell Nyquiſt nach ihrer, glücklicherweiſe nicht ſehr entlegenen Wohnung zu führen, denn ſonſt wäre ſie ohne Begleiter geweſen, da Wirén bereits ſeiner Frau den Arm gegeben hatte, und vorausgeeilt war. Als Göſſe, allbereits ſterblich verliebt, genöthigt war, auf das Vergnügen zu verzichten, ſeine Auserkohrne noch weiter zu begleiten, erbat er ſich vom Obriſtlieutenant die Ehre, ihn beſuchen zu dürfen, und lud ihn zugleich auf den andern Morgen zu dem bewußten Frühſtuͤck ein. Amelie aber dankte ihrem Schöpfer, als endlich ihr Köpfchen auf dem Kiſſen lag. Nach einer genauen Mu⸗ ſterung über die heutigen Tagesbegebenheiten fand ſie in ihrem Herzen kein anderes vollſtändig klares Bild, als das des kleinen Alfred, und einen ſchwachen Schimmer von ſeinem Vater. 150 XVI. Der andere Morgen. Nach geendeter Partie gingen Baron Lindenſköld und Aſſeſſor Wirén im Billardzimmer mit einander auf und ab, und unterhielten ſich vertraulich über die Späſſe ¹ von Geſtern, worunter die Seekatze auf Mamſell Ny⸗ quiſts Schooß, und von Göſſens mißglückte Mantel⸗ ſpekulation bei ſeiner„Dryade“ ſie an das Frühſtück er⸗ innerte. „Es iſt nun Zeit, daß wir gehen,“ ſagte der Baron. „Sonſt verſäumen wir die Auſtern,“ meinte der Aſſeſſor. „Und den Champagner.“ Bei ihrer Ankunft in Göſſes Wohnung fanden ſie den Wirth in emſiger Geſchäftigkeit die Speiſen zu ordnen und die Weinflaſchen zu vertheilen, zwei Eigenſchaften, in denen es der Kammerjunker zu einer wahren Kunſtfer⸗ tigkeit gebracht hatte. „Pardon, meine Herren,“ ſagte Göſſe in wichtigem Tone,„meine Gegenwart iſt noch hier erforderlich. Wollen die Herren unterdeſſen ſo gütig ſein und in mein Arbeits⸗ zimmer treten.. Der Baron und der Aſſeeſſor waren die Erſten und traten nun in das bezeichnete Zimmer; dieſes war nichts weiter als ein ächtes und gerechtes Schlafzimmer, woraus Wirén, nach ſeiner ſcherzhaften Gewohnheit ſchließen wollte, daß der Schlaf des Kammerjunkers eigentliche Arbeit ſei. Nach einigem Unterſuchen fanden ſie jedoch auf ei⸗ nem Brette in einer Ecke einen Band Gedichte, nebſt einigen Lagen Poſtpapier und einem ſilbernen Schreib⸗ 1 d ſköld r auf päſſe Ny⸗ intel⸗ k er⸗ der der n ſie dnen ften, ſtfer⸗ tigem vollen beits⸗ und nichts vraus ießen tliche f ei⸗ nebſt reib⸗ 1 d 151 zeuge; um aber dem Ganzen ein gehöriges Relief und wo möglich ein wiſſenſchaftliches, gelehrtes Ausſehen zu geben, lagen ein Paar Bände von Berzelius Chemie nebſt Mon- tesquieu's esprit des lois umher, und nebendran ein Blatt von Böttigers Jugenderinnerungen unter Glas und Rahmen. 19„Seine nächtlichen Studien,“ meinte der Baron lä⸗ helnd. „Na, da ſehen Sie aber ein Mal herl“ Wirén zog ein Quartblatt aus dem in rothem Saffian gebundenen Notizenbuche, nahm den Baron beim Arme und flüſterte mit halbunterdrücktem Lachen:„So wahr ich das Leben habe, da ſind ja Verſe! Nach der Aufchrift zu ſchließen, muſſen ſie wahrhaft claſſiſch ſein, ſehen Sie:„Schüchterne Blumen an Sie, die Göttliche“ „Und wenn es drei Bowlen Punſch koſtet— damit läßt er ſich verſöhnen— ſo muß ich den Fluß ſeiner poe⸗ ttiſchen Ader kennen lernen!“ Damit begann Wiréa mit halblauter Stimme die unſchuldigen Ergießungen des ver⸗ liebten Kammerjunkers abzuleſen, welche dieſer am vergan⸗ genen Abende, nach der Trennung von dem Gegenſtande ſeiner Anbetung, im mächtigen Drange poetiſcher Wuth⸗ außerung niedergeſchrieben hatte. Schüchterne Blumen, Ihr— der Gättlichen geweiht. Wie eine Sonnenblume duftreich ſich Kehrt nach der Sonne tief verſteckten Augen So nach dir, o Amelie, blick' ich⸗ Wenn ſich der Abend will in's Weſtmeer tauchen. Denn, hegend Hoffnung, Glaub' und Liebesſchmerz, Mein Pilgerlauf kann nicht vergebens wäyren, 152 Will nur erfüllen, Grauſame, dein Herz, daß Was Freundſchaft immer kann erklären. bei we Was iſt Freundſchaft anders als ein Eis, vo! Kalt wie der Schnee an Nordkaps Schwelle?— üb Doch Lieb' iſt warm, auf beßre Weis, all Als die Nonn' mit dem Roſenkranz in der Zelle. wo Deine Treue ſtrahlet über's Grab noch klar, üb⸗ Ja, Glaube, Liebe, Hoffnung, die erwähnten,— gek Mög' dieſes hehre ſchöne Drillingspaar, die Wie's dein Herz verdient, Schutz dir ſpenden! 4 Aus dem kryſtallnen Bad entfloh Mit Phantaſienflug unlängſt in Strahlen Si Dein Bild vor meinem Aug', entzückt und froh,. ſo Wie Tegnér nicht kann ſchöner malen. ho Ich ſah in Norkjärrs grünem Park, nu Wo deine Hand die Apfelſine ſchälte, ſo Daß du zum Widerſtand nicht recht mehr ſtark, wo Und daß dein Herz zu meinem ſich geſellte. wa Ja, mag zum Schluß, mein himmliſch Leben! tra Uns Treu ſo zuſammengeben, mi Ohne der Eiferſucht düſtre Sorg', gu Wie Frithiof mit ſeiner Ingeborg! hei ——. der Kaum hatte Wirén den letzten Vers geleſen, und ſich we die Thränen, welche die kammerjunkerliche Elegie ihm ausgepreßt hatte, aus den Augen und der Brille gewiſcht, au als Göſſe mit einem Billet in der Hand eintrat und es mü dem Aſſeſſor darreichte. zu Beim Ueberleſen deſſelben nahmen Wiréns von der fröhlichen Lachluſt erheiterten Züge einen höchſt ernſthaften M Charakter an. er „Mein beſter Herr Kammerjunker, ich bedaure ſehr, 153 daß ich mir das angenehme Vergnügen, ihrem Dejeuner beizuwohnen, verſagen muß; allein es iſt höchſt noth⸗ wendig, daß ich nach einem Arzte gehe. Das Blllet iſt von Borgenſtierna, deſſen kleiner Sohn dieſen Morgen über heftiges Unwohlſein klagt, und da mein Freund allein iſt, muß ich ihm einen Arzt beſorgen und ſehen, worin ich ihm überhaupt behülflich ſein kann.“ „Ach, das iſt ja ſchändlich!“ rief Göſſe in der aller⸗ übelſten Laune,„habe ich jetzt fünfzehn Schock Auſtern gekauft; und einen Champagner kommen laſſen, wie ihn die Engel im Himmel nicht beſſer trinken! Das iſt gar nicht delikat von Herrn Borgenſtierna, ſo ohne alles Weitere uns den herrlichen Spaß zu verderben.“ „Ja, es iſt freilich ein verdrießlicher Umſtand; wenn Sie aber die Auſtern nicht mit Haut und Haar aufeſſen, ſo komme ich vielleicht in einigen Stunden wieder, und hole mir auch meinen Antheil.“ „Thun Sie das, liebſter Aſſeſſor! Wir bleiben nicht nur ein Paar Stunden hier bei einander ſitzen, ſondern, ſo Gott will, bis fünf Uhr, wo wir dann ausfahren wollen, und ich die aller— aller..“ Wirén eilte fort, ohne den Schluß der Rede abzu⸗ warten. Als er um die Ecke der langen Straße bog, traf er auf Mamſell Nyquiſt, welche vom Brunnen kam; mit einem:„Ach, beſter Herr Aſſeſſor, ſeien Sie doch ſo gut und geben mir Ihren Arm, damit ich über dieſes heilloſe Loch wegkomme,“ klammerte ſie ſich feſt an Wirén, der nie weniger Luſt hatte, ihr eine Aufmerkſamkeit zu er⸗ weiſen, als gerade jetzt. „Mein gnädigſtes Fräulein Nyquiſt, ich habe, um aufrichtig zu ſein, ſo wenig Zeit, daß ich Ihnen un⸗ möglich eine dienliche Stütze abgeben kann. Ich gehe zu ſchnell für Sie.“ „O, im Gegentheile, ich bin ſelbſt ſehr eilig. Meine intime Freundin, die verwittwete Gräfin P... erwartet mich zur Chokolade, und es iſt faſt ſchon zu 154 ſpät. Ich habe aber nothwendig heute Morgen vorerſt eine Viſite bei Dreſſens machen und nachſehen müſſen, wie es den Leuten geht. Es iſt wahrhaftig kein großer Spaß für Jemand, der zunächſt am Badehauſe wohnt, einen ſolchen Weg zu machen,— bis zur Nordſeite. Aber, du mein Herr und Gott, man nimmt ſich eben eine Wohnung, wie man kann, und der Himmel weiß am beſten, wo die Leute das Geld zu einer Badereiſe aufgetrieben haben! Meine Freundin, von der ich eben ſprach, die Gräſfin, hat mir— obgleich es, wie ſich von ſelbſt verſteht, einer Dame von ihrem Stande nicht an⸗ genehm wäre, wenn es bekannt würde, daß ſie ſich um die Angelegenheiten von Leuten bekümmerte, welche ſo tief unter ihr ſtehen,— als etwas Bekanntes anver⸗ traut, daß der Obriſtlieutenant das Geld auf ſein Gut aufgenommen habe, welches übrigens nicht ſehr bedeu⸗ tend ſein ſoll. Ach, es iſt doch ſchauderhaft, mein beſter Aſſeſſor, wie ſich die Menſchen von der Eitelkeit der Welt bethören laſſen! Er iſt ſonſt kein ſo dummer Mann, der Dreſſen; aber ſeine Frauenzimmer, Gott bewahre uns in Gnaden vor ſolchen Gäͤnſen! man ſieht, daß ſie Zeit⸗ lebens nicht aus ihrem Dorfe gekommen ſind. Die Gräfin war indeſſen doch ſo gnädig und hat mir erlaubt, ſie hoffen zu laſſen, daß ſie einmal zu ihrem Abendzirkel ein⸗ geladen würden. Im Vertrauen geſagt— ich habe ein gutes Wort fuͤr ſie eingelegt, denn es iſt ſo ſüß, ſeinem Nächſten helſen zu können, und namentlich in unſerer Zeit, wo nur das Geld gilt. Aber à propos der Zeit, — in politiſcher Beziehung will ich....“ „Um Vergebung, mein gnädiges Fräulein, da geht der Doktor über den Platz. Ich habe nothwendig mit ihm zu reden— Sie entſchuldigen...“ Und bevor Mamſell Nyquiſt ihren dürren Knochenfinger tiefer in Wiréns Arm zu ſchlagen vermochte, war er verſchwunden. „Herr Aſſeſſor, Herr Aſſeſſor! warten Sie doch einen Augenblick, ſagen Sie mir wenigſtens, ob ſie heute eerſt ſen, oßer hnt, eite. eben deiß reiſe ben von an⸗ um ſo ver⸗ Gut deu⸗ eſter Velt der s in Zeit⸗ äfin ſie ein⸗ ein nem ſerer Zeit, geht mit evor e in den. doch 155 die Fortſetzung des Artikels über... Gott, was für ein ungehobelter Menſch! Ich wollte mich gerade er⸗ bieten, ihn und ſeine verſteinerte Frau bei meiner Gräfin zu präſentiren. Aber nun können ſie lange warten!“— In Borgenſtierna's Kabinet lag der kleine Alfred im heißen Fieber, und klagte über Schmerzen im Kopf und der Bruſt. Stumm ſaß der Vater am Bette ſeines Sohnes, und hielt ſein Händchen in der ſeinigen. Schwarze Ahnungen über das, was wohl kommen würde, lagen ſchwer auf Ivar's Bruſt; und ſein trüber Blick heftete ſich, wenn es die flatternden Gardinen erlaubten, auf das blaue Gewölbe, von dem die Sonne auf Leid und Freud herniederſtrahlt. „Willſt du nichts haben, mein Junge?“ damit beugte Borgenſtierna ſein Geſicht zu dem Knaben hin⸗ unter. „Ja, ich will meine Spielſachen, die mir Ammi geſtern ausgeſchnitten hat.“ „Ich will dir eben ſo ſchöne Pferde ausſchneiden.“ „Nein, nein, Pferde habe ich ſchon genug. Ich will Schiffchen und Kartenhäuſer haben, wie ſie Ammi macht.“ Borgenſtierna nahm ein Blatt aus ſeiner Brief⸗ taſche, ſchrieb ein paar Worte an Frau von Dreſſen, worin er ihr das ernſthafte Unwohlſein ſeines Sohnes meldete, und um die Spielſachen bat, womit ihn das Fräulein zu beſchenken die Güte gehabt. Unterdeſſen kam der Aſſeſſor mit dem Doktor. Die⸗ ſer fand den Zuſtand des Knaben nicht ganz unbedenk⸗ lich, und Wirén bot ſeinem Freunde alle mögliche Dienſtleiſtungen an, welche nur in ſeinen Kräften ſtänden. 3 Nicht ſehr getröſtet war Borgenſtierna nun wieder allein; denn Wirén wollte noch weiter mit dem Doktor reden, ob es anginge, den Jungen über die Straße zu bringen. Er ſah die Unmöglichkeit ein, daß Ivar, als 156 einzelner Mann, im Falle einer langwierigen Krankheit, ſein Kind— auch warte und pflege; und wenn er auch eine noch ſo treffliche Krankenwärterin dazu dingen wollte, war doch vorauszuſehen, daß der Vater das Bett ſeines Kleinen nicht einen Augenblick verlaſſen würde. „Hm! ließe ſich denn da kein Ausweg treffen?“— und ſtatt zu Göſſe und ſeinen Auſtern zu gehen, begab er ſich geraden Wegs nach Hauſe zu ſeiner Frau. „Liebe Virginia,“ ſagte er im zärtlichſten Tone, „Borgenſtierna's kleiner Junge iſt krank geworden. Mein armer Freund iſt Wittwer, wie du weißt, und hat keinen Menſchen, der ihm in ſeiner traurigen Lage rathen und helfen, kein weibliches Weſen, welches ihm bei dem kranken Kinde an die Hand gehen könnte.“ „Das iſt ſehr traurig,“ ſagte Virginia, und ließ ſich in ihrer Arbeit nicht irre machen. „Jetzt wäre das Kind noch leicht wo anders hin zu ſchaffen, wenn....“ „Wohin?“ fragte Virginia mit ſo eiſigem Ausdrucke von Gleichgültigkeit, daß Wirén, ohne weiter einen Auasnih zu verlieren, ſeinen Hut nahm und ſich ent⸗ ernte. Durch einen Umweg vermied er das Haus, wo der Kammerjunker ſein Frühſtück hielt, eilte ſchnell über die Brücke, und ſo weiter bis zur Wohnung des Obriſt⸗ lieutenants. Auf ſein raſches Anklopfen hörte er ein wohlwollen⸗ des„Herein,“ und ſtand im Augenblicke vor der freund⸗ lichen Frau von Dreſſen, welche eben aus dem Bade nach Hauſe gekommen war und ihr Haar in Ordnung bringen wollte, welches ſie bei dem unvermutheten Beſuche ſchnell unter die Haube zu bringen trachtete. Wirén bat um Entſchuldigung ſeiner Dreiſtigkeit, ſo zur ungelegenen Zeit beſchwerlich zu fallen. Frau von Dreſſen bat um Verzeihung wegen ihres Negligés, und endlich nahm man, nach gegenſeitigen 157 Entſchuldigungen, Platz,— was auch das Geſcheidteſte war. „Ich glaubte, die Herren ſeien alle beiſammen beim Kammerjunker zum Frühſtück.“ „Ich war auch dort, ging aber vor dem Beginne deſſelben ſchon wieder weg, um nach unſerm Freunde Borgenſtierna zu ſehen.“ „O freilich, ich nehme auch den herzlichſten Antheil an Herrn Borgenſtierna's Unglück. Er ſcheint ſeinen Sohn ſo zärtlich zu lieben, daß ſich wohl denken läßt, was er dabei leiden muß. Er ſah ſchon vorher betrübt genug aus.“ „Ja, gnädige Frau, da haben Sie Recht, ein tiefer Gram prägt ſich ſtets auf ſeinem Geſichte aus, und viel⸗ leicht iſt dieß gerade der Grund, warum man ſich ſo ſehr füur ihn intereſſirt. Wenigſtens lag immer ein gewiſſer Ernſt, man könnte es faſt Melancholie nennen, auf ſeinem Angeſichte,— ich kenne ihn ſchon ſeit 1814.“ „Seit 18142“ ſiel ihm Frau von Dreſſen lebhaſt in die Rede.„Wo hielt er ſich damals auf?“ „In Uddevalla. Ueber ſeine damaligen Lebensver⸗ hältniſſe zu ſprechen, glaube ich kein Recht zu haben, da er ſelbſt in der Regel darüber ſchweigt; aber eine Menge Charakterzüge, welche mir aus jener Zeit von ihm wohl erinnerlich ſind, bürgen für die frühzeitige Veredlung ſeines Herzens und ſeiner Gefühle, im Vereine mit Feſtigkeit und Ernſt im Wollen und Vollbringen. Eine warme Menſchenliebe, bereits Alles zu umfaſſen, veran⸗ laßte ihn oft, ſogar gegen ganz Fremde, zu Handlungen von der größten ÜUneigennützigkeit, wie man ſie wahrlich ſelten bei der Claſſe trifft, unter welcher er damals lebte.“ „Ueber die bleichen Wangen der Frau von Dreſſen ſchoß eine leichte Röthe.„Ich glaube ihn faſt um jene Zeit geſehen zu haben,“ und ihr Ton ſank beinahe bis zum Flüſtern herab;„wenigſtens ſagt mir dieß ein Ge⸗ 158 fühl, das mich erinnert, wie viel Dank ich Jenem ſchul⸗ dig bin, an den es mich ſtets wieder mahnt.“ „Ich könnte mich faſt zu demſelben Glauben verſucht fühlen,“ fiel Wirén mit einer gewiſſen leichten Dreiſtig⸗ keit ein,„wenn ich ſehe, wie er ſich zu Ihnen hingezogen fühlt. Aber ich bitte tauſendmal um Vergebung: ich ſitze hier und plaudre ſo vertraulich mit Ihnen, als wenn wir alte Bekannte wären.“ „Ach, Sie ſind ſo gut und ſo theilnehmend, lieber Herr Aſſeſſor. Möge Gott geben, daß wir uns auch ſo zeigen könnten.“ „Dieſer Wunſch, gnädige Frau, möchte nicht ſchwer zu erfüllen ſein, ſobald man nun für fremden Kummer ein offenes Herz hat. Was Borgenſtierna in dieſem Fall betrifft, ſo fehlt ihm für ſeinen Sohn eine weibliche Pflege, nicht eine ſolche, wie man ſie für Geld erkaufen kann, ſondern eine ſolche, wie ſie nur die geben kann, welcher das mutterloſe Kind ſelbſt zu Herzen geht. Gott weiß es, wenn meine Frau ſich nur ein wenig zu Kindern ſchickte, ſo würde ich ſeinen Augapfel mit Freuden zu mir nehmen.“ „Glauben Sie, Herr Aſſeſſor, daß Alfred noch über die Straße gebracht werden kann?“ „Ja, ich und der Arzt ſind der Meinung, in der Vorausſetzung, daß es bald geſchieht. Bei ſo warmem Wetter, wie gegenwärtig, iſt keine Gefahr dabei. Ver⸗ geben Sie mir indeſſen meine allzugroße Freiheit, gnä⸗ digſte Frau;— lebt aber wirklich noch ein Bild von 1814 her in Ihrer Erinnerung, ſo denken Sie an den, der es hervorgerufen hat. Laſſen Sie aber für jeden Andern als ihn ſelbſt dieſe Erinnerung todt ſein, und vor Allem bitte ich Ihnen bemerken zu dürfen, daß Borgenſtierna weit davon entfernt iſt, meinen Beſuch bei Ihnen und deſſen Zweck auch nur im Geringſten zu ahnen.“ 1„Seien Sie unbeſorgt; ich werde mich zu verſtellen wiſſen,“ erwiederte Frau von Dreſſen in einem Tone, I Ddrreſſen. 159 der zu erkennen gab, daß ſie den Aſſeſſor vollkommen verſtanden hatte. Mit leichtem Herzen kehrte Wirén nach vollbrachtem Werke zum Kammerjunker zurück, wo Auſtern und ſchäu⸗ mender Champagner auf ihn warteten. XVII. Strömstal. Das Schlüſſelloch. Der Obriſtlieutenant kam nicht vor ſechs Uhr des Abends nach Hauſe, und auch nur in der Abſicht, ſeinen Damen den Befehl zu ertheilen, ſich ſchleunigſt anzu⸗ kleiden, denn die Spazierfahrt, an welcher ſie Theil neh⸗ h mußten, ſollte in einer halben Stunde vor ſich gehen. „Wie werden wir denn fahren?“ fragte Frau von „Ich werde meinen Wagen nehmen, und Amelie kann mit dem Kammerjunker fahren.“ „Ach, lieber engliſcher Papa, kann ich denn nicht zu Hauſe bleiben?— Ich bin ſo müde:— den ganzen Vormittag bin ich auf den Beinen geweſen, und mein einer Fuß thut mir abſcheulich weh.“ „Keine Flauſen gemacht, wenn ich bitten darf! Zieh' dich nur ſchnell an, daß man nicht auf dich warten muß.“ „Fährt der Aſſeſſor mit?“ fragte Frau von Dreſſen, und begann mit ihrer gewöhnlichen Ruhe das Erforder⸗ liche zu ihrer einfachen Toilette zuſammenzuſuchen. „Nein, ich glaube nicht. Aber was hat denn Amelie wieder für Mucken im Kopfe? Soll ich dir noch einmal ſagen, daß du dich fertig machſt?“ Amelie ging ſchweigend aus dem Zimmer. Sie 160 war nichts weniger, in der Stimmung, über Herrn von Göſſe's Plattheiten zu lachen; und nun gar mit ihm fahren,— dicht gedrängt neben ihm zu ſitzen, ſeinem dummen, gemeinen Geſchwätze preisgegeben zu ſein,— das war mehr als unerträglich, mehr als ſie aushalten zu können glaubte. Sobald Amelie weg war, ſagte der Obriſtlieutenant ohne Umſchweife zu ſeiner Frau:„Der Kammerjunker iſt zwar ein dummer Teufel, aber er hat Geld wie Heu, und iſt ein Cavalier; ich denke das Mädchen kann ſich gratuliren, wenn ſie Herrin über ihn und ſein Vermögen wird.“ „In dieſem Falle wage ich andrer Meinung zu ſein,“ ſagte Frau von Dreſſen und nahm das erſte Mal in ihrem Eheſtande die Waffen für ſich in Anſpruch, welche Eva's Töchter ſo geſchickt zu brauchen wiſſen, wenn ſie durch pfiſſige Benutzung der Schwachheiten ihrer Herren und Ehemänner dieſe, wie man im gemeinen Leben ſagt, an der Naſe herumführen wollen.„Ja, ganz und gar andrer Meinung; denn wenn ein Mädchen glück⸗ lich werden ſoll, ſo kann dieß nur mit einem Manne ſein, der Herr in ſeinem Hauſe iſt. Das Weib iſt ein ſchwaches Weſen, geſchaffen, um ſich auf den kräftigen Mann zu ſtützen. Du, zum Exempel, lieber Dreſſen, der du ſelbſt in der That ein Mann biſt, mußt doch gewiß einſehen, wie widerwärtig ein ſolcher Narr, als der Kammerjunker einer iſt, jedem Mädchen vorkommen muß.“ „Na— ja, ja, das iſt nicht zu läugnen, er iſt weder ein Adonis noch ein Herkules; allein es können ſich nicht alle Mädchen ſchmeicheln, eine ſo vortreffliche Wahl, wie du, getroffen zu haben. Ich erinnere mich auch, daß in meiner brillanteſten Junggeſellenzeit vier Mädchen und drei junge Frauen aus eitel unglücklicher Liebe zu mir verſchmachtet ſind; man kann aber nicht Alle beglücken, welche in einen verliebt ſind, ich habe allezeit Viel bei den Damen gegolten. Doch, wie geſagt, 161 ſolche Männer hängen nicht an jedem Zaune, und es wäre zu wünſchen, liebe Sophie, daß du dich hie und nem da deſſen erinnerteſt.“ —„Ach, lieber Dreſſen, daran werde ich täglich und lten ſtündlich erinnert; aber ich möchte doch durchaus nicht haben, daß die Leute hier im Bade ſagten: ein Mann nant mit einer ſo feinen Beurtheilungsgabe, wie du, habe ſich nker ſo gewaltige Mühe gegeben, ſeine Tochter an den Mann Heu, zu bringen. Und, um aufrichtig zu reden, iſt doch unſer ſich Beider Blut zu alt und zu nobel, um uns an einen ſo gen neugebackenen Edelmann, wie der Göſſe einer iſt, weg⸗ zuwerfen.“ in,“„Sophie!“ rief der Obriſtlieutenant und hätte vor in purem Entzücken ſeine Gemahlin beinahe in die Arme elche geſchloſſen;„nun redeſt du einmal, wie es einer von venn Dreſſen anſteht. Du pflegteſt ſonſt nicht Viel auf der⸗ hrer gleichen zu geben. Aber du ſiehſt nun ein, welch' großen, inen unſchätzbaren Vortheil das Reiſen hat, und welchen Werth” ganz und welches Anſehen uns die Gewohnheit verſchafft, mit lück⸗ dem Air, welches nur Damen von alter Familie ſich anne geben können, in der Geſellſchaft aufzutreten. Dieſe Um⸗ ein aͤnderung in deiner Geſinnung und deinen Reden macht igen mir mehr Vergnügen, als ich dir ſagen kann. Aber auf der jeden Fall brauchen wir doch einen Mann für Amelie, ewiß und ich will die Reiſe hieher nicht vergebens gemacht der haben“ uß.“„Da haſt du meine Anſicht auch nicht zu fürchten; r iſt denn wenn mich nicht Alles täuſcht, ſo iſt hier noch ein nnen Zweiter....“ 1 liche„Du meinſt den Borgenſtierna; das wäre veelleicht mich auch nicht ſo ganz übel. Ich glaube mich zu erinnern, vier daß ein Borgenſtierna im Jahr 1719 oder 1720 im icher Ritterhauſe ſaß, ja ich weiß dieß beſtimmt; auch habe nicht M ich einen Bekannten davon ſagen hören, daß Einer, habe welcher Page bei König Guſtav III. war, die Familie ſagt, emporgebracht habe; mit der übrigen Sippſchaft ſoll es„ Der Stjutsjunge. 11 b 16² aber zurückgegangen ſein. Mittlerweile ſind ſie nun aber völlig verſchollen; in der Nähe von Swarteborg liegt übrigens ein Landſitz, welchen einer von der Familie, ein Major Borgenſtierna, bewohnt haben ſoll. Das iſt aber ſchon längſt her, liebe Frau, und wir thun am beſten,— du verſtehſt mich,— keinem Menſchen auch nur das Ge⸗ ringſte von dem Schickſale der Familie wiſſen oder merken zu laſſen, welches, unter uns geſagt, nicht gerade das glänzendſte geweſen ſein ſoll.“ Frau von Dreſſen war eben ſo viel daran gelegen, dieſen Gegenſtand nicht weiter zu berühren, als ihrem Gemahle, denn ein Jedes von ihnen hatte dabei ſeine kleine Heimlichkeit, welche es für ſich behalten wollte. Der Obriſtlientenant, weil er ſich ſeines damaligen Be⸗ nehmens ſchämte, und außerdem völlig überzeugt war, daß ſein neuer Bekannter durchaus nicht der Stiutsjunge von Swarteborg ſein könne; obgleich er beſtimmt ver⸗ muthete, daß er ein Verwandter von ihm ſein werde; Frau von Dreſſen, weil ſie glaubte, daß ihr Mann (wenn die Sache zur Sprache käme) niemals ſeine Ein⸗ willigung zu einer Verbindung geden werde, ſobald er erführe, daß ſein Eidam in fruüherer Zeit ein gemeiner Bauernjunge geweſen ſei. „Wie es ſich nun auch verhalten mag,“ verſetzte Frau von Dreſſen,„ſo iſt ein altadeliger Name nicht minder adelig, weil dürftige Umſtände ſeine Eigner ge⸗ hindert haben, ſo aufzutreten, wie ihre Ahnen es thun konnten. Was aber den in Frage ſtehenden Repräſen⸗ tanten der Sippſchaft betrifft, ſo habe ich Mamſell Ny⸗ quiſt ſagen hören, daß er ein bedeutendes Vermögen beſitze, ein großes Gut in Nerike, Antheil an einer Erzgrube, und Gott weiß was noch Alles. Baron Lin⸗ denſköld hat ihr dieß geſagt, und der weiß es vom Aſ⸗ ſeſſor, Borgenſtierna's intimem Freunde. Und die Graftn P...„ welche ja doch die vornehmſte Notabilität im Bade iſt, will ihn auch bei ſich ſehen. Man ſehe ihm 163 wohl an,— hat ſie zu Mamſell Nyquiſt geſagt,— daß er von altem ächtadeligem Blute ſei.“ „Ich kann aber wahrhaftig in meinem Leben nicht begreifen, woher du auf einmal ſo redſelig geworden biſt, liebe Sophie. Wärſt du früher nur zur Hälite ſo liebens⸗ würdig geweſen, ſo hätte ich dich nicht ſo oft eine Gans geheißen. Das Seebad ſtärkt dir den Körper und putzt dir den Kopf aus. Aber iſt es wahr, der Junge ſoll krank ſein?“ „Allerdings; er hat heute Vormittag hergeſchickt und die Spielereien holen laſſen, welche Amelle geſtern ausgeſchnitten hat. Aber, lieber Dreſſen, ich habe einen Einfall, wie wir den verſchloſſenen Mann uns näher bringen könnten. Meinſt du nicht, daß wir ihm anbieten wollen, den Kleinen zu uns zu nehmen? Er, als Jung⸗ geſelle, kann ihn doch nicht gehörig pflegen, und wird ſicher mit großem Danke ein ſolches Anerbieten ergreifen.“ „Nein, liebe Frau, da müßten wir ja Rn auch würde es mich verteufelt viel Mühe koſten, das Kindergewinſel zu gewöhnen.“ 8 „Ach, ich bin gewiß, daß Borgenſtierna, nach inem ſolchen Anerbieten von unſrer Seite, dir ſogleich den Vorſchlag machen wird, ſeine Wohnung mit dir zu theilen, was für dich ohnehin viel bequemer wäre.“ 8 „Bei Gott, ein vortrefflicher Gedanke, mein Engel, das läßt ſich hören! Mag er denn ſitzen und am Kranken⸗ bette den Kopf hängen, ich werde einſtweilen bei ihm thun, als wäre ich daheim. Seine Wohnung iſt eine der vorzüglichſten. Auf Ehre, Morgen früh werde ich ein⸗ ziehen!“ )„Vielleicht möchte es aber doch delikater herauskommen, wenn ich die Sache in die Reihe bringe. Ich habe den Knaben in der That ſehr lieb, und denke Borgenſtierna mit ein paar Worten wiſſen zu laſſen, daß ich kommen will, um meinen kleinen Günſtling zu beſuchen, bei welcher Gelegenheit...“ „Ganz recht, Liebe; ich ſehe ein, daß es ſo einge⸗ 164 fädelt werden muß. Aber da ſind die Wagen! Amelie ſoll ſich eilen. Ich will heruntergehen und nachſehen, ob unſre Equipage auch vorgefahren iſt.“ Bei einem kurzen ruhigen Nachdenken wunderte ſich Frau von Dreſſen ſelbſt darüber, daß es ihr ſo leicht ge⸗ worden war, eine angenommene Rolle⸗ zu ſpielen; und obgleich ihr Zartgefühl weit entfernt war, die Art der Handlungsweiſe zu billigen, wozu ihr Mann ſie nöthigte, während ſie doch von edlern Beweggründen geleitet wurde, mußte ſie ſich am Ende mit dem alten abgedroſchenen Troſtſpruche begnügen, daß der Zweck die Mittel heilige. Am andern Abende, als der kleine Alfred ſieberfrei war, trug man ihn, wohl eingewickelt, zu Frau von Dreſſen, wo ſchon ein gutes Bettchen für den kleinen Pflegling bereit war. Es hatte ſowohl Frau von Dreſſen als dem Aſſeſſor ſehr viel Ueberredungsgabe gekoſtet, Borgenſtierna zur Einwilligung in Alfred's Ueberſiedlung zu bewegen. Nach⸗ dem aber die Erſtere ihm in den freundlichſten Ausdrücken bewieſen hatte, daß der kleine Patient einer weiblichen Pflege nothwendig bedürfe, und daß er an ihr eine zweite Mutter finden ſolle, gab er endlich nach, als er aber Ab⸗ ſchied von ſeinem Sohne nahm, und ihn in fremden Armen zurücklaſſen mußte, glänzte eine helle Thräne in ſeinem Auge. Mit großer Delikateſſe hatte Frau von Dreſſen Amelie entfernt, und es war Jvar leichter, mit jener allein die ſchwere Stunde zu überſtehen. Schwerer wurde es ihm, ſich in die Qual zu fin⸗ den, den Obriſtlieutenant zum Gaſt und täglichen Ge⸗ ſellſchafter zu haben; allein dieß Alles brachte Wirén mit der ihm eigenen Leichtigkeit in Ordnung. Er be⸗ wies ihm ausfuührlich und durch alle erdenklichen Ver⸗ nunftgründe, daß ein Innggeſelle unmöglich einen kran⸗ ken Jungen gehörig zu pflegen im Stande ſei, ohne ſelbſt dabei ſeine Geſundheit einzubüßen, ſo daß Bor⸗ nelie ob ſich ge⸗ und der igte, irde, enen lige. rfrei von inen ſſor zur ach⸗ icken chen veite Ab⸗ nden e in eſſen ener fin⸗ Ge⸗ irén be⸗ Ver⸗ ran⸗ ohne Bor⸗ 165 genſtierna am Ende und um Ruhe zu bekommen, ihn machen ließ; denn er mußte doch zugeben, daß Wirén im Grunde Recht hatte. „Damit iſt's aber noch nicht abgethan,“ ſagte der Aſſeſſor,„du bedarfſt friſcher Luft und Zerſtreuung. Komm, unſer ehrlicher, alter Baron will dich zu einer Entdeckungsreiſe auf den Yſterberg mitnehmen.“ Einige Tage vergingen. Es war ein Sonntag⸗ abend; die Ballgäſte hatten bereits den Tanzſaal ver⸗ laſſen, und auf der Straße herrſchte eine Stille, welche andeutete, daß die Zeit der Ruhe da ſei. Ein kühler Nachtwind ſtrich durch die Luft und hauste widerlich in den Bergen von Strömdal. Aus dem unebenen Felde, von dem der Aberglaube behauptete, es ſei darauf nicht eheuer, weil dieſer eine Strecke vor der Stadt liegende la vor Alters in Kriegszeiten zum Begräbniß gedient hatte, ſtieg ein dichter Nebel auf, und unter deſſen Schleier ſah man einen menſchlichen Schatten ſich auf und nieder bewegen, gleich einem Gebilde der Phantaſie, welches größer oder kleiner wird, je nachdem wir es mit ſchlaffen oder aufgeregten Sinnen betrachten. Es war Borgenſtierna, der mit ſeinem Hunde üͤber den unebenen Boden nach dem Orte wandelte, wo jetzt auf dem Cholerabegräbnißplatze die einfachen, aber zahl⸗ reichen Mahnungszeichen an die Zerſtörung, welche im folgenden Jahre nach unſrer Erzählung alle Badegäſte von Strömſtad verjagte, unſerm Auge entgegentreten. In tiefer, düſtrer Schwermuth, matt und müde an Leib und Seele, lehnte ſich Ivar an die graue Stein⸗ mauer, welche die Gränze des Thales bildet. Sein Herz war zu gleicher Zeit voll und leer. Es war voll von unendlichem Schmerze, von unendlicher Sehnſucht, allein auch wieder öde und leer, denn er fühlte ſich ſo einſam, ſo verlaſſen, ohne auch nur ein Mal den Troſt zu haben, ſeine kalte Stirne an ſeines Kindes brennende Wange zu legen. Es iſt ein düſtres, ſchwer laſtendes Gefühl, einſam 166 im Leben zu ſtehen, ſich nach Wärme zu ſehnen und doch das Herz von eiſigem Hauche erkältet zu fühlen. Man preist die Männerkraft ſo hoch, ſo gewaltig ſie aber auch ſein mag, ſo iſt der Mann ſich doch allein niemals genug! Die Sehnſucht nach Liebe und Gegenliebe, nach einem Gegenſtande, der für ihn ſorgt, und für den er wiederum ſorgt, lebt mächtig und feurig in ihm, und vielleicht ge⸗ rade um ſo gewaltiger, je mehr er ſich bemüht, den Be⸗ weis zu liefern, daß man der geheiligten Gefühle der Natur nicht bedürfe, um glücklicher zu ſein. Tief und ſchmerzlich empfand es Borgenſtierna, daß ihm viel fehlte; allein ſeit mehren Jahren hatte eine krankhafte Schwermuth ſein ganzes Gemüth eingenom⸗ men, uber welche er nicht leicht Herr zu werden ver⸗ mochte. Auch war er gar nicht mit ſich darüber einig, ob ein neues und glückliches Verhältniß ihn von den Qualen zu befreien im Stande ſein werde, welche ihm das Leben zur Luſt machten. Oft durchmaß Jvar in Gedanken den langen Zeit⸗ raum zwiſchen Sonſt und Jetzt, und verweilte dann beſonders bei der Zeit, wo er als Skjutsjunge ein paar Pfennige verdiente, damit der Vater ſeine Steuern be⸗ zahlen konnte, wo ihm unter traulichem Zwiegeſpräche mit ſeinem Schimmel manche Stunde verging, wo er Brennholz für die Mutter heimfuhr, oder im Walde, zum Trotze gegen den Sturm, gellend durch die Finger zu pfeifen liebte. Es waren freundliche Bilder, denn ſie waren die ſeiner Kindheit. Auch hatte der Nacht⸗ vogel ihm noch nicht bei ſeiner letzten Fahrt den Un⸗ glücksſang in die Ohren geſchrieen. Aber von jener Stunde an begann er zu grübeln, und zwar über Dinge, welche ihm nicht klar waren, deren Druck er aber doch ſchwer fühlte. Später wurde ihm freilich manches Licht darüber— er befand ſich aber deßhalb doch nicht beſſer. Er dachte darüber nach; wie ſeine Familie her⸗ untergekommen war, wie hart ſeine Eltern jeden Biſſen doch Nan auch nug! nem rum ge⸗ Be⸗ der daß eine om⸗ ver⸗ nig, den ihm Zeit⸗ dann paar be⸗ rche er alde, nger denn acht⸗ Un⸗ jener inge, aber iches nicht her⸗ 167 Brod hatten verdienen müſſen, wie oft er ſelbſt auf dem Karren hinten auf ſtand oder neben her ſprang, um ein paar Groſchen zu verdienen— welch Alles ihm indeſſen gar nichts Unrechtes geſchienen, bis zu dem Augenblicke, wo er erfuhr, daß ein Edelmann ein ganz andres Ding ſei als die übrigen Leute. Unmerklich bildete ſich dann ſein angeborner Stolz aus, und er litt eine Qual, welche ſich leichter fühlen als mit Worten beſchreiben läßt. Kurz, es kam ihm oft vor, als wenn ſein adeliger Name, im ſchreienden Gegenſatze zu der Vorzeit, gleichſam ſeinen Erinnerungen Hohn ſpräche, und ihn mit unerklärlicher Schwere niederdrückte, von welchem Drucke er ſich mit aller Macht zu befreien ſtrebte, denn er fühlte die Kraft und den Muth in ſich, ſein Wappenſchild von dem dicken Staube zu reinigen, der ſchon ſo lange daranf lag. Ivar liebte nicht äußern Glanz, nicht Macht, nicht Ehre: ſeine Anſprüche gründeten ſich auf Nichts als auf Bürgertugend und innern Werth. Er haßte den Adel keineswegs, von dem er, dem Anſcheine nach, ein losge⸗ trenntes Reis ohne Wurzel oder irgend Zuſammenhang mit dem Mutterſtocke war, allein es kam ihm vor, als ob das Reis ſich wieder erholen und kräftiger empor⸗ wachſen müßte, wenn es in ein andres Erdreich verpflanzt würde. Gleichwohl war er an dieſem Abende doch nicht in der Stimmung, daß dergleichen bei ihm ſo hänſige Be⸗ trachtungen ſich ihm aufgedrängt hätten. Seine Ge⸗ danken weilten einzig bei dem Schatze, welchen er den beiden weiblichen Weſen, zu denen er ſich ſo innig hin⸗ gezogen fühlte, zur Pflege überlaſſen. Im Laufe des Nachmittags war der Knabe beſſer geworden, und Bor⸗ genſtierna hatte ihn kaum vor ein paar Stunden in ſanſtem, ruhigem Schlafe verlaſſen. Deſſenungeachtet peinigte den Vater eine unaufhörliche Unruhe; ſchon eine Weile ſtrich der kühle Nachtwind über ſein kummer⸗ gefaltetes Geſicht, und beinahe ohne zu wiſſen, was er 168 that, ſtieg er über die ſteilen Felſen herab, welche Ströms⸗ dal mit den ſogenannten Slotterbergen verbinden. Er gelangte bald zum Mühldamme, ging über den Steg, als die Thurmuhr gerade zwölf ſchlug, und befand ſich auf ein Mal, ohne daß er eigentlich gewollt hatte, wieder auf der Nordſeite, und ſtand vor dem Hauſe, das Obriſt⸗ lieutenant Dreſſens bewohnten. Er ſah ein mattes Licht aus dem innern Zimmer hervorſchimmern und glaubte hinter den Gardinen einen Schatten wahrzunehmen, der ſich hin⸗ und herbewegte. „Sie haben ihn auequartirt,“ dachte Ivar.„Ohne Zweifel war er unruhig, und ſtörte Amelie im Schlafe, ſie wird wohl müde vom Balle ſein. Wer iſt nun aber bei ihm?— Vermuthlich eine Wärterin.“ Mit Verdruß fielen ihm nun Wirén's wohlgemeinte Vorſtellungen ein, und er wünſchte, daß er ſtark genug geweſen wäre, ſich ihnen gehörig zu widerſetzen; denn war er nun nicht noch ſchlimmer dran, war er nicht des einzigen Glücks beraubt, welches er noch ſein nennen konnte: ſelbſt über ſeinem Kinde zu wachen? Obgleich er es ſich nicht geſtehen wollte, war es ihm doch vielleicht auch ärgerlich, daß Amelie heute Abend mit Wiréns auf dem Balle geweſen. Allein Frau von Dreſſen, welche die ganze kitzliche Sache mit Delikateſſe zu behandeln wußte, wollte weder Borgen⸗ ſtierna noch den übrigen Badegäſten irgend Veranlaſſung geben, die Beweggründe zu ihrer Handlungsweiſe mit verdächtigen Augen anzuſehen oder ſelbſt zu verdächtigen: deßhalb hielt ſie Amelie immer ſo fern als möglich, und ließ ſie, unter ihres Vaters oder Frau Wiréns Obhut faſt alle Ergötzlichkeiten mitmachen, während ſie ſelbſt nnt unſäglicher Mutterliebe ihren Liebling bewachte und pflegte. In Folge eines der gewöhnlichen Umſtände, welche in Häuſern häufig vorzukommen pflegen, wo man nach⸗ läſſiges Geſinde hat, war die Hausthüre nur angelehnt. Als Ivar dieß bemerkte, konnte er ſich nicht enthalten, leiſe hinaufzuſchleichen und in's Vorzimmer zu treten. Grazie zurück. 1689 Durch das Schlüſſelloch ſah er nicht eine Wärterin, ſon⸗ dern Amelie, im leichten weißen Unterkleide, ein großes Halstuch um die Schulter geworfen, wie ſie Alfred auf den Armen trug, und ihn zu beruhigen ſtrebte, während die Schmerzen das arme Kind wach hielten. Der Anblick war für Borgenſtiernas Herz zugleich ſüß und bitter; die meiſte Mühe koſtete es ihm, an ſich zu halten und ruhig zu bleiben, als Alfred laut rief:„Papa, Papa, wo iſt Papa?“ „Ach, lieber Alfred, ſchrei nicht ſo!“ bat ihn Amelie liebkoſend.„Der Papa iſt ja eben fortgegangen, um ein klein Bischen zu ſchlafen; morgen, wenn die Sonne wie⸗ der ſo hell auf Alfreds Bettchen ſcheint, kommt auch der Papa wieder und ſieht nach ſeinem artigen Kinde.“ „Ja, er ſoll aber jetzt kommen.“ „Jetzt nicht— Ammi iſt ja bei dir! Haſt du mich denn nicht mehr lieb?’"“— 9„Du biſt auch auf den Ball gegangen; Papa aber nicht.“ „Ja, ich bin auf den Ball gegangen,“ ſagte Amelie in einem Tone, der Borgenſtiernas ſcharfem Ohre deutlich ſagte, daß es ihr nicht viel Vergnügen gemacht habe; freundlich fuhr ſie fort:„Glaubſt du, lieber Alfred, daß Ammi auf dem Balle vergnügt geweſen ſei, da ſie dich zu Hauſe krank wußte? Nein, ich habe unaufhörlich an dich gedacht.“ „Du weinſt ja, Ammi!“ ſagte Alfred laut, als eine Thräne aus den Augen ſeiner Wärterin auf ſeine Wange niederfiel.„Du mußt nicht weinen, Ammi! Ich bin nicht böſe auf dich; aber es ſticht und brennt ſo in meiner Bruſt, und ich bin ſo durſtig, ſo ſchrecklich durſtig!“ Den Knaben feſt an die Bruſt gedrückt, trat Amelie zu dem Tiſche und gab ihm etwas Brühe, trocknete ihm mit ihren niederhängenden Flechten die Thränen von den Wangen, und ſtrich ſich dann die Haare mit achtloſer 170 Es dauerte noch eine Weile bis Alfred ruhig wurde 4. und einſchlief. Amelie legte ihn ſachte hin und ſetzte ſich lich dann, ein Buch in der Hand, neben das Lager. wa Beruhigt zwar, jedoch mit hochklopfendem Herzen, liee verließ Borgenſtierna ſeinen Lauſchplatz. vor ſch XVIII. Ein ſchauderhafter Selbſtmord. Ab mi erg Al Es war ein ſchwüler Vormittag. In Schweiß ge⸗ 8 badet bei der erſtickenden Hitze, eilten die Badgäſte vom vo eingezäunten Badeplatz nach ihren Wohnungen zurück, um F. auf den bequemen Sophas die Seeluft einzuathmen, welche ne hie und da ihren erfriſchenden Hauch durch das offene m Fenſter ſandte. ſ Nur Mamſell Nyquiſt hatte Geduld und Selbſtver⸗ dr läugnung genug, um bei allen Bekannten ihren gewöhn⸗ ſo lichen Morgenbeſuch pflichtmäßig abzuſtatten. Sie war bf aber auch total verſchmachtet, als ſie in dem großen gelben d Hauſe neben dem Rathhauſe die Treppe hinaufkeuchte, wo et die Gräfin P.... wohnte. Wir wollen ſie dahin be⸗ h⸗ gleiten, um etwas von den Tagsnenigkeiten zu hören. T Mamſell wurde von einem Bedienten in einen Salon n geführt, deſſen Eleganz mancher Wohnung in der Reſidenz f Ehre gemacht hätte und an der Thüre des zweiten Ka⸗ binets von einem Mops empfangen, welcher für den Au⸗ d genblick das alte Geſellſchaftsfräulein repräſentirte, deſſen Obliegenheit es ſonſt war, den Beſuch der Gräfin zu be⸗ willkommnen Als alte Bekannte ſchritt Mamſell Nyquiſt bis ins dritte Zimmer, wo ſie Ihro Gnaden, auf einig uideſabvilte Roßhaarkiſſen geſtützt in ruhiger Stellu and. 8 urde ſich zen, 171 Nach dem gewöhnlichen Willkommslächeln und freund⸗ lichen Kopfnicken, that die Gräfin die alte Frage;„Na, was gibts Neues, liebe Mamſell Nyquiſt? Ich muß hier liegen, und da kommt einem die Zeit ſehr langweilig 741 Mamſell Nyquiſt nahm Platz, um ſich etwas zu ver⸗ ſchnaufen, nahm eine Priſe und räusperte ſich. „Neues gibt es juſt nicht viel, außer daß geſtern Abend und auch heute Morgen wieder ein paar Wagen mit Fremden angekommen ſind. Ich habe aber noch nicht ergattern können, was es eigentlich für Leute ſind, heute Abend aber, in der Soirée, will ich es ſchon herauskrie⸗ gen. Ich bin dieſen Morgen auch ſchon ein wenig bei Baronin Heicher geweſen, und da habe ich eine Geſchichte von Wiréns gehört, welche Grund zu haben ſcheint. Die Frau— na, das kann man aus ihrem ſteifen Weſen ab⸗ nehmen, dem alle Grazie fehlt— ſoll von der allerge⸗ meinſten Herkunft ſein. Aber ich will die Art, wie ſie ſich emporgemacht hat, nicht weiter auspoſaunen, denn, du mein Herr und Gott, wenn es Verläumdung wäre, ſo..... Aber es iſt ein Kunſtſtück, ihr den Mund zu öffnen, und da ſagen denn die Leute, ſie ſoll ſchrecklich dumm ſein, ſo daß der Mann ihr verboten hat, irgend etwas in Geſellſchaft zu ſprechen. Der arme Aſſeſſor, er hat wohl gehört, daß ein ſtummes, ſteifes Weſen häufig Verſtand und Gelehrſamkeit verbirgt, und ich kann es ihm nicht verdenken, daß er wünſcht, ſie möge vor Fremden für etwas Beſſeres gelten, als ſie in der That iſt.“ „Ich halte dieß für ganz vernünftig. Ein ungebil⸗ hae Frauenzimmer thut am Beſten, wenn ſie den Mund ält.“ „Sicherlich! ſo denke ich auch, und der Hanswurſt von Göſſe ſagte daſſelbe, als ich vor Kurzem mit ihm auf der Brücke zuſammentraf und eine halbe Minute mit ihm davon plauderte Ja, der Halbnarr iſt auch ein lebendiger Beweis von der Blindheit der Jugend. 172 Kann man wohl glauben, daß er in die ſchnippiſche Fräulein von Dreſſen bis über die Ohren verliebt iſt? Es iſt in der That Etwas Horribles, ein ſo ſchlecht er⸗ zogenes Mädchen zu ſehen, aber, die armen Schlucker! es hat ihnen wohl am Beſten gefehlt, deß halb konnten ſie auch nichts auf die Bildung der Tochter verwenden. Ich glaube, Ihro Gnaden haben kürzlich Etwas von ihren Verhältniſſen erwähnt.“ „Ach, ich kenne die Leute nur ſehr oberflächlich;— ſo viel weiß ich aber, es verräth keinen gewaltig guten Ton von der Frau von Dreſſen, daß ſie meine Einladung auf heute ausgeſchlagen hat, um daheim zu ſitzen, und bei dem Buben zu wachen, der ſie doch von Haut und Haar nichts angeht.“ „Was!“ rief Mamſell Nyquiſt aus:„Ihro Gnaden haben ihr dir Ehre angethan ſie einzuladen?“ „Allerdings, ſo iſt es Der Obriſtlieutenant hat mir Viſite gemacht und dringend gebeten, mir ſeine Frauen⸗ zimmer präſentiren zu dürfen. Um ihnen nun nach mei⸗ ner Meinung, eine angenehme Ueberraſchung zu bereiten, habe ich ſie auf heute Abend zum Thee bitten laſſen; wer mir's aber abgeſchlagen hat, waren ſie!“ Mamſell Nyquiſt war ganz ſtarr vor Entſetzen über einen ſolchen Mangel an Lebensart und Erkennt⸗ lichkeit. „Da möchte einen ja der Schlag rühren!“ ſagte ſie, und warf ihren langen Hals zurück;„ich brauche mich nun freilich nicht mehr über das zu verwundern, was mir vor einer Stunde paſſirt iſt, als ich ihr einen Beſuch machen wollte, was mir indeſſen nicht im Schlafe eingefallen wäre, wenn mich nicht zufällig gerade mein Weg doch über die Brücke geführt hätte. Ja, denken Sie nur, man gab mir zur Antwort: die gnädige Frau nehme Niemanden an, weil der kleine Knabe,— ſo nennen ſie ihn— ſo krank ſei, daß man fürchte, er werde den Abend nicht erleben. Na, ich will kein Wort bringen.“ 173 mehr darüber verlieren, aber daß die alte Dreſſen den ſauertöpfiſchen Menſchenfeind, den Borgenſtierna, für ihre Tochter ködern will, das iſt ja ſo klar, daß es ein Blinder mit dem Stocke fühlen kann. Ich weiß ganz gewiß, daß ſie ſich ihm förmlich aufdringen; der Obriſt⸗ lieutenant iſt ſogar zu ihm gezogen, um ihn deſto beſſer im Auge zu haben. Und anch vollends noch den kranken Jungen ihm abzunehmen— da ſieht man deutlich, was ſie im Schilde führen. So viel Weſens hätte es wohl nicht gebraucht, um das Mädchen an Mann zu 4 „Wenigſtens wäre es ſo anſtändiger geweſen,“ be⸗ merkte die Gräfin. „Ja, das war es auch juſt, was ich dem Baron Lindenſköld ſagte, als ich neulich mit ihm zuſammen war. Wenn man der Sache nur wenigſtens einen Anſtrich von Delikateſſe hätte geben wollen! ſagte ich;— aber der alte Narr iſt ſelbſt ganz in das Mädchen verſchoſſen. Denken Sie nur, er entblödete ſich nicht zu behaupten, das Fräulein von Dreſſen ſei die reizendſte Dame im ganzen Bade, fromm wie eine Taube, unſchuldig wie ein Lamm, und Gott weiß was noch Alles. In Summa, der naſeweiſe Gelbſchnabel hat ſich zwei Liebhaber erkoket⸗ tirt. Man muß freilich auch ſagen, daß die Frau Mama Alles gethan hat, was in ihren Kräften ſteht;— ſeit vierzehn Tagen die barmherzige Schweſter zu machen! Na, na, das Zeugniß kann ſie ſich wenigſtens geben, daß ſie keine Mühe geſpart habe.“ „Ja, es iſt gar nichts Uebles um eine ſolche Gewiſ⸗ ſensberuhigung,“ lächelte die Gräfin.„Es möchte ihnen aber doch zu wünſchen ſein, daß einer von den beiden Liebhabern anbiſſe, denn es wäre doch eine recht bittere Geſchichte, wenn ſie ihre Reiſe total vergeblich gemacht haben ſollten.“ „Ach, wir wollen hoffen, daß der Herr ſich ihrer erbarmen und das Gebet ſeiner Gläubigen erhören 174 wird!“ quikte Mamſell Nyquiſt im ſchneidendſten Dis⸗ kant, und zog langſam die Schnüre von ihrem Strickbeu⸗ tel zu. „Gibt es für heute nichts weiter?“ fragte die Gräfin, als Mamſell Nyquiſt aufſtand und ſich an das Fenſter ſtellte, welches eine freie Ausſicht auf das Meer und die darauf hin und her fahrenden Boote gewährte. Auf ei⸗ nem derſelben ruhten Mamſell Nyquiſts Augen mit durch⸗ bohrendem Feuer und man konnte ſehen, daß etwas höchſt Wichtiges in ihr vorging. Sie überhörte die Frage der Gräfin und rief haſtig aus:„Das iſt der Kammerjunker, ja, das iſt er! Er fährt ganz allein hinaus, und hat eine geladene Flinte in der Hand. Herr Gott, wie er ausſieht— leichenblaß— und ganz aſchenfarbig! Ha, da fällt mir etwas ein! Als wir uns an der Brücke begeg⸗ neten, war er auf dem Wege zu Dreſſens. Ich ſah es mit meinen eigenen Augen, daß er hinauf ging, rechter Hand, und der Menſch kam mir noch verrückter als ſonſt vor. Ganz gewiß hat er um ſie angehalten und einen Korb bekommen. Man ſieht es ihm an, ich habe ſcharfe Augen, die mich nicht leicht täuſchen. Aber hat man je Etwas dergleichen gehört! Einem reichen, hübſchen Freier einen Korb geben! Ich möchte nur ums Himmels willen wiſſen, was die Leute ſich einbilden? Ihro Gnaden ſollen aber ſehen, das kann unmöglich gut gehen, ſie können ſich darin auf mich verlaſſen. Es iſt jetzt an der Tages⸗ ordnung, ſich todt zu ſchießen. Herr Jeſus, eben zielt er mit ſeiner Flinte! Nein, ſo kanns nicht bleiben; ich muß wiſſen, was eigentlich an der Sache iſt. Ich mache mir Etwas drunten zu ſchaffen,— denn wiſſen muß ich, wie die Geihichte zuſammenhängt— ſo wahr ich das Leben abe!“ h Und in einer förmlichen Art von Raſerei nahm Mamſell Nyquiſt Handſchuhe, Schnupftuch und Para⸗ ſol, ließ die Schnupftabaksdoſe liegen, nahm ſich kaum ſo viel Zeit, der Graͤfin Adieu zu ſagen, und ihr die 175 Frage zu beantworten, ob ſie nicht nach Tiſch wieder kommen wolle,— ſtürzte durch das Vorzimmer die Treppe hinunter, wo ſie ein paar Kinder mit Erdbeeren über den Haufen rannte. Dieſe ſchrieen ketzerlich, wollten ihr Obſt bezahlt haben, liefen ihr nach und packten ſie an den flatternden Halstuchzipfeln. Mit wüthender Gebärde riß ſie ſich aber los, und hatte ſchon das Ende der langen Straße erreicht, ehe die Kinder mit einem Stüuͤck Shawl⸗ franſen in jeder Hand, eine zweite Attake machen konnten. Mit geflügeltem Schritte flog Mamſell Nyquiſt die Straße entlang.„Gottlob, da treff ich ja den Aſſeſſor, juſt wie gerufen! Haben Sie gehört, mein Beſter, was für ein Unglück geſchehen iſt?“ „Was für eines? Brennt es? oder iſt es vielleicht der Artikel über den jeſuitiſchen Liberalismus, was Sie ſo außer ſich bringt?“ „Ach Gott nein, ich meine die Geſchichte mit dem armen Kammerjunker von Göſſe.“ „Mit dem Kammerjunker?— was iſt denn mit dem?“ „Ja, er hat um Fräulein von Dreſſen angehalten und einen Korb bekommen. Wollen Sie den gräßlichſten Selbſtmord verhindern, ſo machen Sie ſich augenblicklich auf den Weg! Eben fährt er hinaus in die See mit einer geladenen Flinte. Vielleicht hören wir jeden Augen⸗ blick den Schuß von einer der Inſeln dort her. Ach, es iſt eine ſchauervolle Zeit, in der wir leben,— und hätten wir nicht das herrliche Abendblatt zum Troſte, ſo wäre es gar nicht zum Aushalten und man müßte vor Lange⸗ weile ſterben in dieſem Loche.“ Während Mamſell Nyquiſt immer noch fort ſchwatzte, eilte ſie davon und in immer weiteren Kreiſen flatterten Schleier und Shawl um die lange rappeldürre Figur. Als ſie an dem Hauſe anlangte, wo die Familie des Obriſtlieutenants wohnte, war es denn doch eine etwas mißliche Sache für unſere Manmſell, jetzt ſchon 176 wieder zu kommen und eine Biſite erzwingen zu wollen, da ſie ſchon vor ein paar Stunden abgewieſen worden war. Allein mochte es es koſten, was es wollte, wenig⸗ ſtens mußte ſie wiſſen, ob Göſſe hier geweſen war. Sie ging die Treppe hinauf und klopfte an der Vorthüre, aber ohne Erfolg; deßhalb ſteuerte ſie nun auf die Küche los, wo ſie eine Magd fand, welche Fiſche putzte. „Entſchuldigen Sie, mein Kind, ich war vorhin da, und hatte den Unfall, einen Brief zu verlieren, als ich die Viſitenkarten herauszog. Haben Sie ihn vielleicht gefun⸗ den?“ „Nein, ich habe nichts davon geſehen.“ „Mein Gott, es wäre mir ſehr unangenehm, wenn er verloren ſein ſollte! Können Sie ſich nicht erinnern, was für Leute ſeither oben geweſen ſind 24 „Ich wüßte Niemanden als der Herr Oberſtlieutenant und der Kammerjunker von Göſſe.“ „So, Herr von Göſſe? Kam er gleich nachdem ich fort war?“ „Ja, kurz nachher.“ „Nun, wenn der den Brief hat, dann weiß ich gewiß, daß ich ihn wieder bekomme. Ihre Herrſchaft nimmt aber ja heute Niemanden an.“ „Der Herr Kammerjunker wollte bloß zum Herrn Obriſtlieutenant; die gnädige Frau und das Fräulein ſind im hintern Zimmer, wo ſie weinen und ganz außer ſich ſind wegen des Kunaben.“ „Sein Vater wird wohl auch dabei ſein?“ „Ja wohl, den ganzen Tag. Er iſt ſo betrübt, daß er daſitzt, wie ein gemaltes Bild und ſich nicht rührt. Die gnädige Frau ſpricht ihm immer ſo hübſch zu, aber er ſchüttelt nur den Kopf und ſagt kein Wort.“ „Ja, ja, es gibt viel Kummer und Sorgen in der Welt. Wenn Sie etwas von dem Briefe in Erfahrung bringen, ſo ſeien Sie ſo gut und ſorgen mir dafür. Hat ſich der Kammerjunker lange aufgehalten?“ wiß, mmt derrn ſind ſich daß ührt. aber der rung Hat 177 „Ach ja, wenigſtens eine Stunde iſt er bei dem Herrn Obriſtlieutenant drinnen geblieben. „Es hat ſeine Richtigkeit,“ murmelte Mamſell Ny⸗ quiſt und rannte, ſo hurtig ſie vermochte bei allen ihren Bekannten umher, und überall hieß es: Sie werden wohl die gräßliche Geſchichte mit dem Kammerjunker von Göſſe gehört haben. Man ſagt, der arme Menſch, habe ſich aus Verzweiflung über einen Korb, den er heute Morgen von dem Fräulein von Dreſſen bekommen, erſchoſſen.“ Binnen weniger als einer Stunde war das Ge⸗ rücht in der ganzen Stadt im Umlaufe; und da ſich Herr von Göſſe auch wirklich den ganzen Tag nicht ſehen ließ, gab es einen gewaltigen Lärm darüber, und man traf ſchon alle Anſtalten, den verſchwundenen Liebhaber auf⸗ zuſuchen, als er auf ein Mal, Abends gegen neun Uhr, mit heiler Hut bei der Zollbrücke ans Land ſtieg, mit einem halben Dutzend wilder Enten und ſeine Flinte auf der Achſel.. „Willkommen wieder im Leben, Herr Kammerjun⸗ ker!“ tönten mehrere Stimmen um ihn.„Ueber Sie gingen heute ganz gefährliche Gerüchte. Es wurde be⸗ hauptet, Sie haftten die Reiſe nach der andern Welt an⸗ getreten.“. Mit ſeinen großen, etwas dummen Augen ſah ſich Göſſe rings in dem Kreiſe der Gratuanten um, und da ſich anhaltendes, offenbares Spottgelächter hören ließ, fand er ſich zur Wahrung ſeiner Würde und Ehre zu folgender Erwiderung aufgefordert:„Ich will nicht hoffen, daß die Herren auf meine Koſten ſich einen Spaß zu machen belieben?“ „Gott bewahre, wir haben im Gegentheil um Dich geweint,“ ſagte ein munterer Lieutenant, weicher ſich in die Nähe unſers tragiſchen Helden gedrängt hatte. „Lauter Champagnerthränen, Herr Bruder! Kaum hat⸗ ten wir dein beklagenswerthes Ende vernommen, ſo eilte Der Stjutsjunge. 12 178 ich mit einem deiner intimſten Freunde in deine Wohnung, wo wir deinen Bedienten zu überreden wußten, daß er uns einließ. Was weiter geſchehen, mögen dir deine leeren Flaſchen ſagen.“ Da die Sache eine ſolche Wendung nahm, lachte Göſſe gleichfalls, wollte übrigens doch wiſſen, wie man denn auf den einfältigen Gedanken habe kommen können, daß er, dem ja doch nichts lieber ſei, als das Leben, ſich hätte umbringen ſollen. „Das will ich dir im Vertrauen ſagen,“ erwiederte der Lieutenant und nahm den Kammerzunker mit fort. „Es iſt ganz unvermuthet ein ärgerliches Gerücht in Umlauf gekommen. Man ſagt, du habeſt heute Vor⸗ mittag um Fräulein von Dreſſen angehalten, einen Korb bekommen, und dich deßhalb aus Verzweiflung.... du wirſt mich verſtehen....“ „Das iſt ſchändlich— ehrenrührig!— ſo Etwas auszuſprengen!“ rief Göſſe aus, und weinte beinahe dazu; „mich zum allgemeinen Geſpötte der Leute zu machen! Ich ſoll angehalten haben— ja der Teufel, das iſt mir auf hundert Meilen weit nicht eingefallen! Der Obriſtlieute⸗ nant hat Geld von mir leihen wollen! Herr Gott, was für Geſchichten! Man ſollte weinen über mich! Und Amelie, meine göttliche Amelie ſchenkt mir jetzt gewiß nicht mehr den kleinſten Blick von Gunſt, ſeit die ganze Welt davon ſpricht, daß ich ihren unſterblichen Reizen ſo feurig gehuldigt habe. Gib mir einen Rath, beſter Freund, du biſt Militär, du verſtehſt dich auf ſolche Affären! Was ſoll ich thun?“ Der Lieutenant war am Schluße ſeiner Badezeit, konnte aber nicht abreiſen, weil es ihm an Geld fehlte, und hatte ſchon allerlei Pläne gemacht, entweder durch ein Anlehen ſeiner Verlegenheit abzuhelfen oder durch⸗ ubrennen,— Göſſe's letzte Worte eröffneten ihm aber plötzlich die höchſt günſtige Ausſicht, nicht nur aus dem Bade loszukommen, ſondern auch auf eine Verlängerung ſeines Sommervergnügens rechnen zu können. 179 Er beobachtete eine Weile ein bedeutungsvolles Still⸗ ſchweigen und ſagte dann plötzlich:„Laß uns nach dei⸗ ner Wohnung gehen, dort köoͤnnen wir ungeſtörter über die kitzliche Affäre ſprechen, welche ſich ſowohl wegen deines eigenen Rufs, als aus zarter Rückſicht für die Reputation des Fräuleins nicht auf offener Straße abhan⸗ deln läßt?“ „Dieß iſt ſehr wahr,“ ſagte Göſſe und lief mehr als er ging, bis er ſeine Wohnung erreicht hatte, wo er ſich ganz athemlos auf den Sopha plumpen ließ und keuchte:„Nun ſprich! was iſt zu thun? Wie läßt ſich die Sache machen?“ „Du mußt einen großen, männlichen Entſchluß faſſen!“ „Ja, das muß ich,“ erwiederte Herr von Göſſe, „einen großen, männlichen Entſchluß, das iſt klar— aber was iſt das für einer?“ „Vor der Hand ſag mir, haſt du wirklich um Fräu⸗ lein von Dreſſen angehalten?“ „Gott bewahre, wie käme ich dazu? Wie geſagt, der Obriſtlieutenant wollte Geld von mir leihen, und da ich im Sinne hatte, ſpäter um ſeine Tochter zu freien, ſo wollte ich mich ihm recht artig zeigen, und trug das Geld ſelbſt hin.“ „Gut, ſie ſind dir alſo Verbindlichkeiten ſchuldig; und dieß in Verbindung mit der Achtung, welche du ihnen durch deine jetzige Handlungsweiſe nothwendig ein⸗ flößen mußt, wird, ſoweit ich die Weiber kenne, auf das Herz des Fräuleins eine größere Wirkung machen, als alle mögliche Huldigungen.“ „Ja, ganz ſo habe ich auch gedacht. Was meinſt du nun aber, was eigentlich geſchehen muß?“ „Du mußt auf Morgen früh, Schlag fünf Uhr, Pferde beſtellen, ein Billet an den Obriſtlieutenant ſchreiben, welches ich dir diktiren werde, worin du fein merken läßt, daß du aus ſchuldiger Achtung für das 130 Fräulein, dich als Mann von Ehre für verbunden ach⸗ teſt, nach der unangenehmen Geſchichte, die dem Herrn Obriſtlieutenant wohl ſchon zu Ohren gekommen ſein werde, das Bad zu verlaſſen ꝛc. ꝛc. Dieſer Entſchluß muß dich nicht allein in den Augen der Familie von Dreſſen noch höher ſtellen, ſondern er muß auch bei der ganzen Badegeſellſchaft Aufſehen erregen, und du haſt ein für alle Mal ein Exempel aufgeſtellt, wie ein Mann von Ehre der Verläumdung und niedrigem Geſchwätze zu begegnen hat. Man wird dich die ganze Saiſon über bewundern, und von nichts anderem reden, als von dem hochſinnigen Kammerjunker von Göſſe.“ „Du ſprichſt bei dieſem Vorſchlage nur meine eig⸗ nen Gedanken aus,“ ſagte Göſſe, und freute ſich könig⸗ lich im Herzen ſo eine wichtige Perſon zu werden.— „Wenn ich aber reiſe, ſo verliere ich das Gluck Amelie zu ſehen.“ „Und wenn du bleibſt, verlierſt du ihre Achtung, und für alle Ewigkeit die Hoffnung, ſie je dein eigen nennen zu dürfen. Du kennſt ſelbſt die Welt hinlänglich, L um zu wiſſen, daß ſie, als ſittſames Mädchen, nie mehr ihre Augen auf dich heften darf, wenn du nicht durch einen kraftigen und gut berechneten Schritt die Sache nie⸗ derſchlägſt.“ „Es iſt wahr. Ich bin auch der Meinung. Aber wohin ſoll ich reiſen?“ „Was mich betrifft,“ verſetzte der Lieutenant,„hatte ich noch im Sinne, wenigſtens vierzehn Tage hier zu bleiben, aber als dein Freund kann ich dich in dieſer kritiſchen Geſchichte nicht ſtecken laſſen. Wir reiſen daher in ein anderes Bad, allenfalls nach Guſtavsborg, und dort werde ich deiner Handlungsweiſe den gehörigen An⸗ ſtrich zu geben wiſſen, daß ſich alle jungen Männer zu dir drängen ſollen, deine Bekanntſchaft zu machen, als wärſt du ein völliges Wunderthier.“ „Herrlich, herrlich;“ rief Göſſe aus, und rieb ſich 181 die Hände.„Sie ſollen ſehen, daß ein Mann, wie ich, ſich nicht auf der Naſe herumtanzen läßt!“ „Und was die Koſten für unſere jetzige gemeinſchaft⸗ liche Badereiſe anbelangt, ſo kannſt du einſtweilen den Rechnungsführer machen, du verſtehſt das beſſer. Am Ende rechnen wir mit einander, denn auch zwiſchen den intimſten Freunden liebe ich Pünktlichkeit...“ „Rede doch von ſolchen Lappalien nicht, liebſter Bru⸗ der!“ unterbrach in Göſſe ſchnell.„Ich bin kein Ver⸗ ſchwender, aber wenn es eine Ehrenſache gilt, knauſere ich nicht. Du wirſt doch nicht glauben, daß ich dich dei⸗ nen Freundſchaftsdienſt noch obendrein bezahlen laſſen werde, da du nun ſo mir nichts dir nichts, das Bad verläßt, um zu zeigen, wie ein Freund für den andern im Falle der Noth zu thun im Stande iſt!“ „Das koſtet mich wahrlich Ueberwindung,“ entgeg⸗ nete der Lieutenant;„um dir übrigens zu zeigen, daß ich nie eine Sache nur halb thue, ſo will ich dir auch noch dieſes Opfer bringen“ Damit war die Sache im Reinen. Das Billet wurde geſchrieben, die Pſerde beſtellt, die Koffer gepackt, und am feigenden Morgen Schlag ſechs Uhr reisten die Her⸗ ren ab. Mamſell Nyquiſt bekam um zehn Uhr einen Anfall von Blutſturz,— eine Folge der Anſtrengung, welche ſie ſchon den ganzen Morgen gehabt hatte. Binnen zwei Stunden hatte ſie zwanzig und eine halbe Viſite gemacht, denn bei der letzten kam ſie nicht weiter, als bis ins Vorzimmer, wo ſie vor Hitze und Anſtrengung n Ohnmacht fiel, nachdem ſie nur noch die Worte hatte hervorſtammeln können:„Haben die Herrſchaften ſchon gehört... 2“ Man ſagt, ihre Krankheit habe ihr nicht erlaubt, vor ſechs Wochen das Zimmer zu verlaſſen,— ſo lange mußte ſie in Strömſtad bleiben; die böſe Welt will aber wiſſen, daß die Geſellſchafterin der Gräfin als wandern⸗ des Klatſchblatt täglich zwiſchen beide die Neuigkeiten * A. 182 hin und hergetragen habe, bis beide hohe Damen zu gleicher Zeit das Bad verließen. 7 XIX. Trennung. Drei Zoll höher mit der Naſe in der Luſt ſtratzte der Obriſtlieutenant am nächſten Morgen über den Markt in den Kurſaal. Was für ein wichtiger Mann war nicht der Vater einer Tochter, ob deren Schönheit ſolche unerhörte Dinge vorgefallen waren!— und außerdem lag in Herrn von Göſſes Billet die beſtimmte Andeutung, daß er wünſche, nach Verlauf von einiger Zeit die Bekanntſchaft fortſetzen zu dürfen. Mit ſtolzem Schritte ſtieg der Obriſtlieutenant die Treppe hinauf und öffnete die Thüre in den Saal nur halb und ſah, daß nur einige Herren aus der Stadt darin beiſammen ſtanden. „Ja ſo, da iſt Niemand!“ ſagte der Obriſtlieutenant und warf einen vornehm gleichgültigen Blick im Zimmer umher. herd ja, wir ſind da,“ entgegnete der Stadtrentmei⸗ ſter Hültgren, und blickte mit ſeinen lebhaften kleinen Aeuglein den Obriſtlieutenant ſcharf an, welcher mit ſei⸗ nem eigenthümlichen Lächeln verſetzte: 2 „Ich ſuche den Baron G. und den Grafen A.!“ worauf er ſich zurückzog, und über die Brücke ſteuerte, um nach ſeiner Familie zu ſehen, ehe er zum Billard ging.—— Im innern Zimmer traf er ſeine Gemahlin, welche mit verweinten Augen und von übernaturkichem Wachen angegriffen, ihm entgegentrat. 4 * f zu habe?“ 183 „Nun, Sophie, wie ſteht es mit dem Knaben? Ich glaube du bringſt dich noch um's Leben mit dem ewigen Wachen! was hältſt du denn aber von der Hiſtorie mit Göſſe und von ſeinem Billet, das ich dir geſchickt „Ach, ſprich mir nicht von dem verrückten Menſchen! Alles, was ich darüber ſagen kann, iſt: ich danke Gott, daß er fort iſt.— Du glaubſt nicht, was wir für eine ſchlimme Nacht hatten, und wie ſehr mir der Knabe zu Herzen geht!“ „Ja, ja, das ſehe ich wohl! aber lebt er denn noch oder iſt er todt?“ „Wir haben nicht mehr die geringſte Hoffnung; aber das junge Leben iſt zäͤh.— Was macht Borgen⸗ ſtierna? Kömmt er nicht bald her?“ „War er noch nicht hier? Er iſt weder die Nacht, noch heute Morgen zu Hauſe geweſen.“ „Gerechter Gott, was ſagſt du? Bis drei Uhr hat er gewacht, da ging er auf meine Vorſtellung weg. Um Gottes willen, lieber Dreſſen, geh' und ſieh' nach ihm!“ Der Obriſtlieutenant nahm ſchweigend ſeinen Hut, hatte aber die Thüre noch nicht aufgemacht, als Borgen⸗ ſtierna ſchon ſelbſt eintrat. Er war leichenblaß, ſeine Augen, welche gewöhnlich ſchon tief lagen, wahren noch mehr eingeſunken, und die blauen Ringe darum gaben ihrer dunkelbraunen Farbe einen noch finſtrern Ausdruck; düſtre Falten bedeckten ſeine Stirne, und das lange Haar hing in wirren Locken um die Schultern. Keine Frage kam auf ſeine Lippen, aber ein Blick auf das Krankenzimmer ſprach ſie deutlich genug aus. „Er ſchlummert,“ ſagte Frau von Dreſſen.„Sie ſelbſt aber haben nicht geſchlafen;— was um Gottes willen, Herr Borgenſtierna, iſt denn mit Ihnen vorge⸗ gangen, ſeit Sie heute Morgen von hier weggingen 2“ „Ich bin draußen geweſen— auf dem Felde. Ich wußte voraus, daß es mir unmöglich ſein würde, daheim 184 zu bleiben und zu ruhen, darum eilte ich lieber hinaus in die friſche Luft.“ Frau von Dreſſen ſchüttelte mißbilligend den Kopf. Ohne weiter zu fragen ging nun Borgenſtierna, mit der gewohnten Freiheit, in das innere Zimmer. Auf ſeinem Bettchen lag Alfred; ſeine Augen waren 1 halb geſchloſſen und ſeine Bruſt arbeitete heftig. Die gelbgrauen Augenlieder, das hinabgefallene ſpitzige Kinn verkuündeten, daß der Tod ſein zartes Opfer gebieteriſch verlangte. An der einen Seite des Lagers ſaß die alte Diana treu auf ihrer Wacht, auf der andern Amelie, und beugte den Kopf über das ihr ſo theuer gewordene Kind, das ihr mit ſo zärtlicher Liebe zugethan war. Borgenſtierna trat an das Bette ſeines Sohnes und ergriff deſſen Hand. „Sie fängt ſchon an kalt zu werden!“ flüſterte er, und blickte mit unbeſchreiblicher Angſt nach Amelie. Sie hatte keine Antwort für ſeinen Schmerz, aber eine Thräne, welche auf Alfreds Stirne niederfiel, ſagte dem gramerfüllten Vater, daß er ein Herz gefunden hatte, das ihn verſtand. Allein die Gewißheit war doch nicht hinreichend, die Angſt zu lindern, welche ihn verzehrte. Er hatte ſein Kind mit unſäglicher Zärtlichkeit gehegt und gepflegt, hatte es aufgezogen an ſeinem Herzen, und die Liebe des Knaben hatte ihm das Leben minder ſchwarz erſcheinen laſſen,— und nun ſollte auch dieſes letzte Band reißen. Während Borgenſtierna ſich ſo ſchweigend in ſeinen Schmerz verſenkte, kratzte Diana an ſeinem Fuße; er beugte ſich nieder, ſtreichelte dem Thiere den Kopf und ſagte ganz leiſe:„Ach du, arme Diana, wirſt mich bald verlaſſen,— ganz einſam ſtehe ich hier, bei Fremden um Mitleid und Hülfe bettelnd.“ „O nennen Sie uns nicht ſo,“ bat Amelie mit ſanſter, faſt klagender Stimme.„Der kleine Alfred ſah weder die Mutter, noch mich als Fremde an.“ 185 „Ammi, liebe Ammi!“ ſchwebte es leiſe von Alfreds Lippen,„ich will trinken!“ Sie erfüllte ſein Verlangen und konnte ſich dabei nicht enthalten, ihn zu fragen:„Haſt du deine Ammi gerne, lieber Alfred?“ „Ja ſehr, ſehr gerne.“ Borgenſtierna beugte ſich tiefer zu dem Kinde herab: „Deinen Vater auch, lieber Alfred, deinen Vater auch?“ Dabei zitterte ſeine Stimme heftig,— der Mann war ſo weich wie ein Kind. „Ja, dich auch, Papa! Meinen lieben Papa und meine liebe Ammi, welche mir ſo ſchöne Geſchichten von den lieben Engeln im Himmel droben erzählt.“ Eine Thräne fiel von Ivar's Auge herab; ſtill ſaß er da— Amelie verließ das Zimmer. Langſam verging der Tag. Dreimal kam der Aſſeſ⸗ ſor, um Borgenſtierna zu bereden, daß er mit ihm Ah Ort verließe,— allein jeder Verſuch war umſonſt. 8 Wirén um halb zehn Uhr Abends kam, um es zum vierten Male zu probiren, trat ihm Borgenſtierna entgegen und ſagte mit einer natürlichen Ruhe im Tone:„Nun kann ich dir folgen; heute Nacht aber wollen wir den kleinen Alfred mit einander zu mir heim bringen.“ Schweigend drückte ihm der Aſſeſſor die Hand, und Jvar wandte ſich an Frau von Dreſſen. Er wollte der Frau danken, welche mit ſo vieler Entſagung, mit einem faſt ununterbrochenen Verzicht auf Nachtruhe und Lebens⸗ bequemlichkeit ſein krankes Kind wie eine Mutter gepflegt und gewartet hatte; allein die Worte verſagten ihm: er konnte ihr nur mit Blicken danken.— Die Sprache der Augen iſt oft beredter als die der Lippen. Gegen Morgen wurde der Knabe in eine kleine, kühle Laube gebracht, welche Wirén in aller Eile bei einer Fiſcherhütte am Meere aus grünen Reiſern hatte fertigen laſſen, wo die friſche Seeluft dem Vater noch ein paar Tage länger verſtattete, ſeinen Liebling, vor Verweſung geſchützt, ſehen zu können. 186 Von Borgenſtierna's Schmerz brauchen wir nichts zu ſagen. Er war, wie es in der Regel bei tiefen, verſchloſ⸗ ſenen Gemüthern der Fall iſt, ſtill und ſtumm. Gram und Sorgen pflegen ſich nicht in Worten auszulaſſen— nur die Freude iſt es, welche ſich gerne mittheilt. Worte ſind ja das vernehmbare Echo der Stimme, welche tief im Herzen ſpricht: in Worten tönt dieſe Stimme dop⸗ pelt;— der Gramerfüllte mag nicht ſeine Qual verdop⸗ peln, aber der Fröhliche liebt es, ſeine Freude ſich ſelbſt und andern zu verkünden. Borgenſtierna ſchwieg;— und ſelbſt als er acht Tage ſpäter in Reiſekleidern im Beſuchzimmer bei Dreſſens ſtand, hatte er wenig zu ſagen. Wirén, in deſſen Geſellſchaft er reiſen ſollte, beeilte die Abreiſe; denn er ſah wohl die heftige Aufregung auf beiden Seiten. Nach einigen wenigen, aber herzlichen Worten zu I Fkau von Dreſſen und einer mehr förmlichen Dankbe⸗ zeugung gegen den Obriſtlieutenant nahte er ſich Amelie, welche ungewöhnlich bleich und ſtille am Fenſter ſtand, und einen Staubflecken vom Aermel ſtrich. „Fräulein von Dreſſen!“ ſagte Borgenſtierna lang⸗ ſam und ergriff zum erſten Male ihre Hand.„Ein trau⸗ riger Fall verwandelte unſere oberflächliche Bekanntſchaft in ein vertraulicheres Verhältniß. Bei dem Grame, der jetzt an meinem Leben nagt, werde ich mich ſtets erinnern, daß er es iſt, dem ich es verdanke, Sie zuerſt genauer kennen gelernt zu haben. Gott ſei mit Ihnen, Fräulein Amelie!“ Ueber die Wangen des Mädchens flog ein Schim⸗ mer, gleich dem ſchwachen Strahle der Morgenröthe, und die Hand, welche Borgenſtierna noch immer in der ſeinigen hielt, zitterte heftig. Er ſuchte ihr Auge:— er wollte nicht ohne einen Abſchiedsblick ſcheiden; aber Amelie, welche fühlte, daß eine Thräne ſich unter der geſenkten Wimper hervordringen wollte, hatte nicht den Muth, das Auge zu erheben. s zu bloſ⸗ und nur ſind fim dop⸗ dop⸗ elbſt acht ſſens eeilte auf n zu ikbe⸗ ielie, rand, ang⸗ rau⸗ chaft der nern, nnen lie!“ him⸗ öthe, 1 der aber eder den 187 Aber da ſagte Borgenſtierna faſt weich:„Leben Sie wohl, Ammi, liebe Ammi!“ Dieſen bekannten ſüßen Worten konnte ſie nicht wi⸗ derſtehen, ihr Blick verſenkte ſich faſt in ſein Auge— dieß war ihr Abſchied. Wir verlaſſen nun unſere vom Sturme forigetrfebe⸗ nen Seefahrer, um nach dem Obriſtlieutenant zu ſehen, und, wie dieſer aus dem Hafen läuft. Ein paar Tage ſpäter machte auch er ſich zur Abreiſe fertig und war ge⸗ rade allein mit ſeiner Frau. „Na, da ſoll doch der Tmeig. Aℳ nun haben ſich Beide fortgemacht und Keiner hat ſich erklärt! Was hilft es mich nun, daß ich auf mein Gut 700 Reichs⸗ thaler Schulden gemacht habe— und außerdem hier auch noch— und ob ich dieſe je werde bezahlen können, iſt nur dem bekannt, der die Vögel unter dem Himmel füt⸗ tert! Wer weiß, ob je wieder Einer von ihnen E von ſich hören läßt! Der Göſſe, der Narr, hat maht. Etwas der Art geſchrieben, allein das ſteht im weiten Feld! Und da Borgenſtierna nun auch geht— als wäre er einzig und allein hierher gekommen, damit wir die Lazarethſchweſtern für ſeinen Buben machen ſollten,— ſo find meine Ausſichten, das Ausgegebene mit Zinſen wieder einzubringen, verdammt klein. Er hat auch, mei⸗ ner Seel', keine Sylbe von Wiederkommen geſagt— oder hat er ſich bei dir Etwas verlauten laſſen?“ „Kein Wort! Aber gleichwohl glaube ich, daß er es thun wird. Sein noch ſo neuer Kummer...“ „Paperlapap!“ unterbrach ſie der Obriſtlieutenant. „Hat man Kummer, dann muß man ſich gerade tröſten. Du haſt dich aber in dieſer Sache wieder eben ſo ein⸗ fältig benommen, wie ſchon in hundert andern; du ver⸗ ſtehſt den Vogel nicht zu rupfen, wenn du ihn gleich in der Hand haſt; und nun muß ich dafür büßen, daß ich nicht ſogleich meinem erſten vortheilhaften Plan mit dem Kammerjunker von Göſſe gefolgt bin. So geht es aber, wenn man auf Weibergeſchwaͤtze horcht. Doch das ge⸗ — 1 188 lobe ich, kommt der Kammerjunker wieder, ſoll er ſie auch auf der Stelle haben!“ „Aber, lieber Dreſſen...“ „Kein Wort mehr! Ich will nicht vergebens hieher gereist ſein, und nicht dafür mein Geld ausgegeben ha⸗ ben, daß du im Waſſeerkarren herumplätſchern konnteſt. Du kannſt dich in Zukunft zu Hauſe waſchen! Es iſt auch der Mühe werth, eine ſolche Gans mit auf Reiſen zu nehmen!..“ Ein Beſuch hemmte den Strom der Beredtſamkeit des artigen Herrn Gemahls— und in der Beſorgniß, man könnte vor der Thüre Etwas von den zärtlichen Redensarten gehört haben, ließ ſie die Chocoladetaſſe, welche ſie gerade in Händen hatte, zu Boden fallen, wo⸗ bei ein leiſes„Ach“ ihren Lippen entfuhr. „Laß dich dieſen Bettel nicht anfechten, mein Engel!“ beruhigte ſie der Obriſtlieutenant mit der ganzen Artigkeit eines liebenswürdigen Mannes„Geh hinunter Mädchen, und frage, was die Taſſe koſtet.“ Das Mädchen kam wieder und der Preis war nichts weniger als wohlfeil; aber der Obriſtlieutenant bezahlte ihn lächelnd— denn man hatte ja Beſuch. XX. Tunefors. Ein Brief. In dem Theile von Südermannland, welcher ſich gegen die Gränzen von Oſtgothland hinzieht, liegt, am Fuße eines Abhanges, ein kleiner Hof; ein munteres Bächlein ſpringt luſtig über die mooſigen Felſen herab. Aus dem rothbemalten Wohnhauſe öffnet ſich eine ſchöne Ausſicht auf einen zwiſchen Bergen eingezwängten See, ſie eher ha⸗ teſt. 3 iſt eiſen nkeit niß, chen aſſe, wo⸗ gel!“ gkeit chhen, ichts ahlte 189 deſſen Ufer bald von dem Schalle der Art, bald von dem Johlen der Bauholzfuhrleute aus dem Walde wiedertönen, denn ſelten ſtört hier ein andrer Lärm den Geſang der einſamen Droſſel. Die Gegend liegt ziemlich fern von volkreichen Orten. Obgleich alſo eigentlich abgeſondert von der Welt, liegt das kleine Gütchen in ſeinem engen Thale nichts deſto weniger herrlich und anmuthig da, und mancher Wanderer hat das kleine Paradies ſchon mehr als ein Mal mit neidiſchen Augen betrachtet, wie es ſo ruhig zwiſchen ſeinen föhrenbekleideten Bergen und belaubten Hügeln gebettet daliegt. Dieß iſt Tunefors, des Obriſtlieutenants von Dreſſen kleines Eigenthum. Der Herbſt mit ſeinen Stürmen, ſeinem Unwetter und ſeinen tauſend häuslichen Geſchäften hatte ſich nun eingeſtellt. Vor den erſtgenannten, den Stürmen, war Tunefors, wie geſagt, durch ſeine Lage dem äußern An⸗ ſcheine nach ziemlich gut geſchützt, aber leider waren die inneren Stürme deſto ſchlimmer— und mit dieſen wollte es namentlich nach der großen Reiſe zu Waſſer und zu Land gar kein Ende nehmen. Der Obriſtlieutenant brummte unaufhörlich, daß er je auf den verdammten Gedanken gekommen, Tunefors zu verpfänden, und fluchte noch auf hundert andre Dinge, welche ihm gleich wenig Vortheil gebracht hätten, die wir aber, mit ſchuldiger Berückſichtigung des Schleiers, der ſein Geheimniß über dergleichen Familienungelegen⸗ heiten breiten muß, uns zu verſchweigen für verpflichtet halten. Kurz geſagt, Frau von Dreſſen war beſtändig in einer Art Fegfeuer, und Amelie wurde wenigſtens zehn Mal des Tags daran erinnert, was ſie für einen großen, unverzeihlichen Fehler begangen, da ſie mit ſo gänzlicher Hintanſetzung aller und jeder Delikateſſe die Huldigungen des Kammerjunkers Göſſe von der Hand gewieſen habe. Amelie ſchien jedoch ſowohl über die Vorwürfe, welche ſie täglich und ſtündlich hören mußte, als auch bei der 190 Erinnerung an die Begebenheiten ſelbſt, welche ſie her⸗ vorgerufen hatten, vollkommen ruhig zu ſein. Es är⸗ gerte ſie nie im Geringſten, und bei ihrem von Natur fröhlichen Sinne hörte ſie ihren Vater ſtets mit achtungs⸗ voller Aufmerkſamkeit an, ohne übrigens je etwas Bit⸗ teres in ihre Bemerkungen darauf zu legen, und verrich⸗ tete ſtets mit gleich unverdroſſener Bereitwilligkeit und Ruhe ihre häuslichen Geſchäfte. Was ihre Herzensange⸗ legenheiten betrifft, ſoweit wir nämlich ſolche zu unter⸗ ſuchen befugt ſind, läßt ſich aus dem geſunden Schlafe unſrer Heldin, ihrer muntern Laune, den roſigen Wan⸗ gen nicht wohl auf ein Geheimniß von gefährlicher Art ſchließen. Empfindſamkeit war nicht Amelie's Sache. Die Gefühle ihres Herzens waren aufrichtig, innig, leb⸗ haft und feurig genug, daß es ihr eben ſo warm um's Herz werden konnte, als irgend einer Evastochter; um aber ihre Gefühle auf einen höhern Grad zu ſteigern, dazu war mehr erforderlich, als ſie bisher erfahren hatte. Während ihres Aufenthaltes im Bade wäre es dem, der ſie zuerſt geweckt, leicht gelungen, ſie bis auf den höchſten Punkt zu ſteigern; ſowie aber Amelie nun wieder allein, in ihrem alten gewohnten Kreiſe war, die tägliche Aus⸗ ſicht auf die Ergießungen von ihres Vaters ſchlechter Laune hatte, war ſie wieder nach und nach mehr in das ruhige Geleis gekommen, und wenn ſie auch noch mit Sehnſucht an den Mann zurückdachte, welchen fie gm höchſten unter allen Männern ſtellte, die ſie kannte, ſo ſchlug doch an jedem Abende, der von den Bergen ſank, ihr Herz ruhiger, und es ward ihr immer wahrſcheinlicher und ſogar gewiſſer, daß der, an den ſie mit ſo vielem Intereſſe dachte, ſchwerlich ſich ihrer auf gleiche Weiſe erinnern werde.. Frau von Dreſſen hatte bereits ihre große Wäſche und die große Backerei abgethan, die Preißelbeeren ein⸗ gekocht, die Aepfel gedörrt, die Erbſen ausgehülst und den Kartoffelgries bereitee— nur das Sauerkraut war noch einzumachen, und dieſes wichtige Geſchäft im häus⸗ 191 lichen Departement ſollte am nächſten Sonnabende vor ſich gehen, wo der Obriſtlieutenant nach der Stadt fah⸗ ren wollte. 5 Der Sonnabend kam. Nachdem der Obriſtlieutenant mit beſondrer Wohlredenheit den Abſchiedsſermon, wie er ihn vor jeder, auch der kleinſten Reiſe aufzutiſchen gewohnt war, gehalten hatte, nämlich eine weite und breite Aus⸗ einanderſetzung der unſeligen Badereiſe, welche er durch eine ſehr natürliche Ideenverbindung mit allem und jedem Andern in nothwendige Verbindung bringen mußte,— ſchob er ſich endlich,— und mit erleichtertem Herzen ſprang Amelie von der letzten Treppenſtufe, bis wohin ſie den Vater begleitet hatte, herauf in den Vorplatz und von da in den kleinen Saal, wo ſie wie eine rüſtige Haus⸗ frau, ſchnell den Tiſch zurecht machte, um die Krautköpfe darauf zu legen, wobei ſie mit heller Stimme das muntre Liedchen ſang: „Denk' zuweilen, wenn du ein Blümchen pflückeſt, ꝛc. ꝛc.“ Frau von Dreſſen kam zur Unterſtützung der Tochter herbei, ſetzte ſich neben ſie, und während ihres traulichen Zwiegeſprächs ging die Arbeit leicht, wenn auch nicht ſehr raſch von Statten, denn in Tunefors wächst viel Kohl, und da er zugleich eine wohlfeile Nahrung iſt, ſo ſchab⸗ ten und ſchnitzelten ſie bis zu dem Abende und waren noch lange nicht fertig, als man des Obriſtlieutenants Pferd unten im Hof ſchnauben hörte. Wir können hiebei die Bemerkung nicht umgehen, daß es Hausfrauen gibt, welche ſchon aus der Ferne merken, in welcher Laune der Herr Gemahl nach Hauſe kommt;— die Einen erkennen es an dem erſten Tone ſeiner Stimme, Andere an ſeinem Gange, und wieder Andere, ſo auffallend dieß auch ſcheinen mag, haben es durch Uebung ſo weit gebracht und ihre Hörorgane der⸗ geſtalt geſchärft, daß ſie nach dem Pruſten des Pferdes 19² beſtimmen können, ob ſich das Zünglein des Humors auf die rechte oder die linke Seite neigt. „Ach du lieber Gott, der Papa iſt ſchon wieder da!“ rief Amelie aus,„und wir ſitzen noch hier hinter unſerm Kohl. Ich thue wohl am beſten und räume den Tiſch abz— es iſt ja ohnehin bald Zeit zum Abend⸗ eſſen.“ „Laß dieß nur, mein Kind!“ erwiederte die Mutter; „wir können ruhig weiter machen, ich höre es. Du wirſt ſehen, Papa iſt ſehr guten Humors.“ „Wenn ich begreife, wie du das wiſſen kannſt, Mut⸗ ter!“ fiel Amelie lachend ein und nahm ein Licht, um ihrem Vater die Treppe herauf zu leuchten. „Guten Abend, Kind!“ ſagte der Obriſtlieutenant und kußte ſeine Tochter mit einer Freundlichkeit auf die Stirne, wie er ſie ſeit der großen Epoche in ihrem Fa⸗ milienleben— der Badereiſe— noch nie gezeigt hatte. „Willkommen zu Hauſe, liebes Papachen! Was du gut und lieb ausſiehſt! Gewiß haſt du deine Kartoffeln gut verkauft?“ „Ach ja, Gott Lob, es ging ſchon.— Ich glaube, du machſt Sauerkraut ein, liebe Sophie?“ Die letzten Worte waren an Frau von Dreſſen ge⸗ richtet, welche aufſtand, um ihren Mann zu begrüßen, und nun mit einer Umarmung und einem etwas naſſen Kuß von des Obriſtlieutenants bereiftem, ſtruppigem Schnauzbarte beglückt wurde, während er ihr in's Ohr flüſterte:„Neuigkeiten, meine Liebe, gute Neuigkeiten!“ Bei dieſen Worten glänzten die Augen der Mutter vor Entzücken. Sie war ſicher, daß der Mann, von dem ſie ſorgſam vermied mit ihrer Tochter zu ſprechen, ſich in der Nähe befinden oder doch durch einen Brief ſeine nahe Ankunft angezeigt haben müſſe, vielleicht gar — Aber hier machte Frau von Dreſſens Gedankengang halt. Sie kannte Borgenſtierna's große natürliche Schüch⸗ ternheit, allein daß er ſie ſo weit treiben und ſich brieflich 193 als Bewerber um den Schatz melden ſollte, den ſie in ihrem Gewahrſam hatte— das glaubte ſie doch nicht. „Sorgt, daß wir baldmöglichſt zu Abend eſſen, ich habe Hunger,“ ſagte der Obriſtlieutenant, und Niemand wird ſich wundern, daß ſeine Gattin, um ſchnellſtens den Wunſch des Ehegemahls zu erfüllen, einer Menge zum Einſalzen beſtimmten Kohl, der unter andern Um⸗ ſtänden ganz gewiß auf den Herrſchaftstiſch gekommen wäre, nun ohne Weiteres eine bei weitem niederere Be⸗ ſtimmung gab und dieſer in den Viehtrog wandern mußte:„Man ſoll dem armen Vieh doch auch Etwas gönnen!“ So ging denn auch Alles mit außerordentlicher Schnelligkeit, und niemals iſt ein Haushaltungsgeſchaft raſcher geſchloſſen oder ein Tiſch mit dem Nachteſſen weni⸗ ger langſam abgedeckt worden. Amelie dachte bei ſich, es müſſe doch noch etwas Anderes als der günſtige Kartoffelverkauf mit im Spiele ſein; denn ereignete ſich nicht der außerordentliche Fall, daß, ungeachtet das Warmbier in der Eile angebrannt war, dennoch der Papa, ohne ein Wörtchen darüber zu ſagen, ſeine richtigen drei Gläſer voll trank, und noch dazu mit freundlichem Lächeln ſeine Vermuthung aus⸗ ſprach, Amelie werde eine tüchtige Hausfrau geben, und der Mann, der ſie einſtens davon tragen werde, ſei gewiß ſo wenig mit ihr angeführt, als der, welcher ihre Mutter heimgeführt habe!— Dieß war kein Spaß; und da Niemand Fremdes zu⸗ gegen war, wurde Amelie in ihrer Vermuthung, daß irgend etwas Anderes noch paſſirt ſein müſſe, beſtärkt; denn bloß in äußerſt ſeltnen Fällen, nur in ganz ſonnenhellen Augen⸗ blicken, ließ der Obriſtlieutenant ſeiner Gemahlin ihr Recht angedeihen, welches er innerlich ihr wohl ſchwerlich je verweigerte, obgleich er in Worten und Handlungen ganz und gar das Gegentheil that. Darüber nachgrübelnd, wünſchte Amelie ihren El⸗ Der Skjutsjunge. 13 194 tern gute Nacht, und lange Zeit, ehe der Schlaf ſein Recht über ihre Sinne geltend machte, ſtritten ſich alle möglichen verſchiedenen Gedanken in ihr um die Ehre, die Urſache zu Papas guten Humor zu ſein— von dem Rechten war aber unſere Heldin himmelweit entfernt. „Nun, rathe ein Mal, liebe Sophie,“ ſagte der Obriſtlieutenant, als er die Schlafkammerthüre verriegelt und mit den Fußſpitzen die Stiefel ausgezogen hatte, um ſie mit der„Götterluſt des Pantoffel“ zu vertauſchen; —„Rath ein Mal, meine Alte.“ „Lieber Dreſſen— ach, ich bin ganz verwirrt; ſollte 74⁴ vielleicht Borgen..... „Borgenſtierna und ewig Borgenſtierna!“ unterbrach ſie der Obriſtlieutenant etwas grob;„Kannſt du denn dieſen Menſchen gar nicht aus deinem Kopfe bringen? Nein, nein, höher hinauf mit deinen Gedanken.“ „Bei dieſen Worten umwölkte ſich das Geſicht der Frau von Dreſſen, und ſtatt höher hinauf ſtieg ſie mit ihren Gedanken herunter, ſogar bis zu einem:„Ach du mein Gott, lieber Mann, doch wohl nicht Herr von Göſſe?“ „Ja, allerdinas; juſt Der hat zwar auf eine lächer⸗ liche, aber jedenſalls ſehr verſtändliche Weiſe unſrer Amelie einen ſehr ehrenden Heirathsantrag gemacht. Ich will dir den Brief vorleſen, und werde von heute an niemals mehr der Badereiſe Erwähnung thun. Sie hat dennoch alſo ihren großen Nutzen gehabt! Du mußt dich noch erinnern, Sophie, daß es für ein Madchen nicht ſo leicht iſt, an Mann zu kommen, und daß, ohne meinen damaligen Vorſchlag, Amelie gewiß in ihrem Leben keinen bekommen hätte.“ „Frau von Dreſſen war ein viel zu geſcheidtes Weib, als daß ſie gleich mit der Thüre in's Haus gefallen und ihre Einwendungen ohne weiteres vorgebracht hätte. Mit aller Geiſtesgegenwart verſetzte ſie daher in größter Sanft⸗ muth:„Das iſt in der That wahr, mein Freund. Aber was ſchreibt denn der Kammerjunker 2“ —— 195 „Das ſollſt du ſogleich hören!“ Der Obriſtlieute⸗ nant nahm den Brief aus der Taſche, zündete ſeine Pfeife an, ſetzte ſich in den Altvaterſeſſel und begann mit leiſer, geheimnißvoller Stimme ſeinen wichtigen Vortrag. „Hochwohlgeborner, inſonders hochzuverehrender Herr Obriſtlieutenant und Kammerherr! Nach dem unglücklichen Ereigniſſe, welches mich, einem Landflüchtigen gleich, von der mir ſo theuern Staͤtte jagte, wo mir das Ziel der ſüßen Sehnſucht meiner Gedanken winkte, da war ich— fand ich, will ich ſagen, weder Ruhe noch Raſt mehr in meiner Irre, und als ein Pilgrim in der Wüſte ſteuerte ich, ein durch Wind und Welle zerſchelltes Wrack, durch die düſtre, ſchäumende Brandung der Welt. Die Gute— die aus⸗ gezeichnete Zuvorkommenheit, womit Seiner Hochwohl⸗ gevoren der Herr Obriſtlieutenant und Kammerherr nebſt Hochdero liebwertheſten, unnennbar hoch geſchätzten An⸗ gehörigen mich uberhäuften, haben mich am Ende aus dem Traume geweckt, in welchem meine blöden Sinne ſchwammen, und ich erblickte vor mir einen holden Stern in dem dunkeln Raum, der ſich um meines Her⸗ zens innere Welt lagerte, ſeitdem ich den entzückenden Hochgenuß höherer Seelen verloren hatte,— im Schooße Dero hochverehrten Familie leben zu dürfen. Da ich nicht weiß, ob des Herrn Obriſtlieutenants und Kam⸗ merherrn Gnaden ein Lrebhaber allegoriſcher Gleichniſſe ſind, ich ſelbſt aber, vermöge meiner glühenden Phan⸗ taſie zur Hälfte einen reichen Sohn des Orients mich nennen darf, ſo liebe ich allegoriſche Bilder, welche, von der Natur eigens dazu geſchaffen, das Herz gleich⸗ ſam auf mehr theoretiſche Weiſe über des Lebens brau⸗ ſenden Wellenſchlag emporheben, in dem Momente, wo es zugleich veredelt und mit Schwingen bereichert wird, welche es über den niedrigen proſaiſchen Werktagsgegen⸗ 196 ſtänden wegführen, die in den praktiſchen Geſelligkeitsver⸗ hältniſſen nie und nimmermehr ein ungetheiltes Augenmerk verdienen, wo der Geiſt in wahrhaft äͤſtthetiſchen Contem⸗ plationen über das kleinliche Getreibe der Weltdinge hin⸗ fliegt; denn die Freiheit liebe ich im Handeln und Denken, Freiheit im Willen, und vorab Freiheit im elaſtiſchen Fluge der Empfindung. Lediglich Einen Fall gibt es eben, wo der Sterb⸗ liche nicht frei bleiben kann: wenn es nämlich das Ideal ſeiner Seligkeit gilt, wo ſich die Gedanken mit dem Ge⸗ fühle einen, welches der Grundzug in ſeinen Beſtand⸗ theilen in Bezug auf ſein hinemragen in den Himmel und die Geiſterwelt iſt, wo noch die zukünftigen Be⸗ wohner durch das Höchſte und Wahre daran gebunden, ſich ewig ſehnen müſſen. Dieß gilt gewiß und haupt⸗ ſächlich von dem Manne, und dieß iſt auch der Grund, warum ich den Ausbruch meiner Empfindungen nicht zu hemmen vermochte, da er mich zu einem meines Stre⸗ bens würdigen Ziele führt— und wage es deßhalb hie⸗ mit, des Herrn Obriſtlieutenant und Kammerherrn Gna⸗ den unterthänigſt anheimzugeben und die geziemende Frage zu ſiellen, ob ich in Bezug auf Hochdero Fräu⸗ lein Tochter, die göttliche Amelie, die Erkorne meines Herzens, die ſüße Laura meiner Gefühle, deren Lob ich eben ſo begeiſtert ſingen würde, wenn ich Petrarkas Leier beſäße— einige Hoffnung faſſen und hegen darf, indem ich andurch mit großer Devotion und Eſtime ſchrift⸗ lich um ihre ſchätzbare Hand anhalten zu dürfen bitte; — denn in dieſem Falle ſagt ſich meine Perſon, wel⸗ cher man, vielleicht im Spaße, viel Aehnlichkeit mit König Karl dem Zwölften zugeſchrieben hat, gleichwohl dergeſtalt von dieſem großen Namen los, daß gerade deßhalb das Band, welches er mit Abſcheu von ſich wieß, mein höchſtes Streben iſt. Und wäre Aurora von Königsmark die Beherrſcherin meiner Gedanken und ich Karl der Zwölſte geweſen, ſo hätte ich gleichwohl niemals das Herz haben können, ſie wegzuſchicken, wie —— 197 Karl der Zwölfte gethan hat, als er.... nun, das kann jetzt gleichgültig ſein, wo es war— genug, es iſt geſchehen, wie unſere Geſchichtbücher nicht auf delikate und ritterliche Weiſe uns ſagen, daß ein Mann ſich in ſeinem Benehmen gegen dieſe Meiſterſtücke der Schöpfung zu rich⸗ ten habe. Ich wäre, um das Bild noch weiter auszu⸗ malen, in herzlicher Treue und Liebe ihr wärmſter Ver⸗ ehrer, ihr unterthänigſt ergebener König Auguſt von Polen Hebliebenn Was mein Vermögen anbelangt, denn auch das Ma⸗ terielle ſteht einem offenen Charakter an, da ich nicht der Meinung bin, es ſei damit abgethan, in einer ſubtilen Ideenwelt zu leben— ſo beläuft ſich, außer dem großen Gute Lönnerupp, mein jährliches Einkommen auf, fünf⸗ tauſend Reichsthaler Banco, und es iſt kein Zweifel, daß, wenn die Familie ſpäter Zuwachs erhält, mein Vater gleichfalls noch zuſetzen wird. Benebſt dem ich nun auf das aller angelegentlichſte meine zarte Herzensangelegenheit Euer Hochwohlgeboren Gnaden unterbreite, und des Herrn Obriſtlieutenants und Kammerherrn väterlicher und wohlgewogener Fürſorge empfehlen und auf das ehrfurchtsvollſte angehalten haben will, meine herzenswärmſte und feurigbrennende Huldigun⸗ gen der ſchönen Amelie zu Füßen legen zu dürfen, derer Hand ich mich nun auch von Ihrer Frau Mutter auszu⸗ bitten beehre— von der hohen Dame, die ich ſo hoch venerire, und die ich, gleich einem Adler zwiſchen Him⸗ mel und Abgrund ſchwebend, eine günſtige Antwort in Lönnerupp über Calmar erwarten zu dürfen, devoteſt anflehe.. Mit verehrungsvoller Bochachtung habe ich die Ehre zu zeichnen Meines Hochwohlgebornen Herrn Obriſtlieutenants und Kammerherrn Gnaden 8 unterthänigſter Diener v. Göſſe.“ ———:;:—n—— 198 „Nun, das muß ich ſagen,“ rief Frau von Dreſſen lächelnd aus,„wenn dieß nicht der merkwürdigſte Brief iſt, den ich in meinem ganzen Leben gehört habe!— Glaubſt du denn wirklich, daß der Menſch ſeine richtigen fünf Sinne bei einander hat?“ „Ja wohl, ganz gut und richtig. Aber es iſt ge⸗ genwärtig Mode bei den jungen Leuten, etwas pathe⸗ tiſch zu ſein, und Herr von Göſſe, der arme Tropf, welcher das Pulver nicht mit erfunden haben ſoll, ſchraubt ſeine Phraſen noch toller in die Höhe und noch verzwickter in einander, als die Anderen. Allein wir haben es hier nicht ſowohl mit dem Genie des Menſchen zu thun, als mit ſeinem Vermögen und guten Willen, Amelie glücklich zu machen,— und in beiden Fällen Hebfn wir alle Urſache, vollkommen ſicher und zufrieden u ſein.“ 4„In Bezug anf ſein Vermögen,“ erwiederterte Frau von Dreſſen mit einer gewiſſen Vorſicht,„ſo iſt dieſes freilich weit bedeutender, als Amelie jemals eine Partie zu erwarten hat, und ſeinen guten Willen kann ich auch keineswegs in Abrede ſtellen, aber ob er im Stande iſt, ſie glücklich zu machen, das iſt doch noch eine andere Frage. Und gewiß, lieber Dreſſen, wie Amelie den Brief zu leſen bekäme, ſo würde er gewiß Empfindungen in ihr erwecken, welche vielleicht mit allzurückſichtloſer Hintenanſetzung ihres pecuniären Vortheils, bei einem Gemüthe wie das ihrige, einen um ſo tiefern und folgereichern Entſchluß äußern müſſen. Ich will damit ſoviel ſagen, er wird ſie in der Anſicht beſtärken, daß der Kammerjunker mit all ſeinem Reichthume einer der lächerlichſten Narren iſt, welche je um ein Mädchen zu freien ſich unterfangen haben; und deßhalb ſollteſt du doch einſehen.....“ „Allerdings, liebe Sophie, ich ſehe Alles ein, und deßhalb ſoll auch der Amelie dieſer Brief nicht vor die Augen kommen, der am Ende frellich nichts weiter als ein Sammelſurium von Dummheiten und verrücktem —— V 199 Zeug iſt. Ich ſage ihr ganz einfach, Herr von Göſſe wolle ſie zur Frau haben, und ihre Ausſichten ſeien von der Art, daß ihr hier keine weitere Wahl bliebe.“, „Du gibſt aber doch ſelbſt zu, beſter Dreſſen, daß du ihn für dumm und eingebildet hältſt. Denke dir ein⸗ mal die Qual, aus Mangel an Vermögen an ein ſol⸗ hen Mittelding zwiſchen Affen und Menſchen gekettet zu ein!“ „Das iſt zu viel geſagt, Sophie, du ſiehſt die Sache viel zu ſchwarz an! Eine Menge Leute können dumm ſein, ſind aber zu gleicher Zeit nicht minder gute und ehrliche Menſchen. Der Kammerjunker iſt juſt kein ge⸗ waltiger Federheld, auch zuweilen in ſeinen Redensarten etwas weniges verrückt, aber ein ehrlicher Kerl, reich und außerdem ein Edelmann. Es hieße wahrlich die Narr⸗ heit weiter treiben als er, wenn man mehr verlangen wollte. Uebrigens können wir die Sache als vollſtändig abgemacht anſehen.“ „Aber Amelie, lieber Mann?“ „Amelie— liebe Frau, wird ſich, wie hundert Andere vor ihr, drein zu finden wiſſen. Sie bekommt einen Mann, wird gnädige Frau heißen und kann ein brillantes Haus machen; will ſie weiter haben?“ „Häusliches Glück, lieber Dreſſen.“ „Du ſchwatzeſt immer wie der Blinde von der Farbe! Was verſtehſt du denn eigentlich unter häusli⸗ chem Glück, wenn es ein braver Mann und ein volles Haus nicht iſt? Komm mir nicht mehr mit ſolchen Sachen. Wenn man wie du, einmal das Schwabenalter erreicht hat, ſollte man geſcheidter zu reden wiſſen. Aber ſeitdem du wieder auf deinem Miſte ſitzeſt, iſt all dein Bischen Welt zum Henker gegangen, welche du bei der Badereiſe zu meinem ſo großen Vergnügen dir anzueig⸗ nen ſchienſt.“ Frau von Dreſſen ſchwieg, denn nun ließ er ſich doch nichts mehr einreden. Nachdem der Obriſtlieutee nant noch ein gute Weile in dieſem Zuge fortgemach ſchmecken zu laſſen;— auch wirſt du es deinem Vater 200 hatte, ſchlief er endlich ein, und ließ ſeine Frau ſich unge⸗ ſtört ausweinen; denn Weinen war Frau von Dreſſens einziger Genuß— und jetzt weinte ſie aus getäuſchter Erwartung.— Sie hatte geglaubt, Borgenſtierna werde ihr dieſe bittere Stunde erſparen. XXI. In Papas Zimmer. Als Amelie am andern Morgen ohne die geringſte Ahnung von dem bevorſtehenden Glücke, das eine ſo große Revolution in ihrem einförmigen Leben hervorbringen ſollte, in aller Unſchuld am Herde ſtand und ein paar Eier quirlte, um ſie über den Schinken zu ſchlagen, der zu Papas Frühſtück in der Pfanne ſchmorte, kam der DObriſtlieutenant ſelbſt in die Küche, um ſich Feuer auf die Pfeife zu holen. „Du kannſt mir das Frühſtück auf mein Zimmer bringen, liebe Amelie, ich habe Etwas zu thun,“ ſagte er, und ſah dabei zum Erſtaunen freundlich und ver⸗ gnügt aus. „Ja wohl, Papachen— ich komme im Augenblick!“ erwiederte Amelie und ſprang ein paar Sekunden nach⸗ her die Treppe hinauf in das Giebelzimmer ihres Vaters. Die kleine Porzellanplatte in der Hand und eine Serviette über dem Arme, war Amelie im kurzen Schürzchen und ihrem ſchlichtgekämmten Haare das niedlichſte Kellnermäd⸗ chen, welches je einen Tiſch gedeckt hat. „Potz tauſend, was bringſt du mir da für einen herrlichen Speckpfannkuchen, mein Kind! Ich bin auch gerade in der Stimmung, mir dein Gericht trefflich — — 8— 5 ˙½ S — SEr — N 4 201 geſtern Abend wohl angemerkt haben, daß ihm etwas An⸗ genehmes paſſirt iſt“ „In der That, Papachen, was denn?“ „Du ſollſt heirathen, mein Kind.“ „Heirathen!“ erwiederte Amelie ein wenig betroffen. „Und dieß nennſt du etwas ſo Angenehmes. Ich meine, ſeit ihr Beide verheirathet ſind, habt ihr doch manchen Kummer und Sorge gehabt.“ „Zuweilen allerdings! Es gibt leider auf Erden keine vollkommne ungetruͤbte Glückſeligkeit!“ verſetzte der Obriſtlieutenant mit einer Art von rührendem Pathos. „Wenn man indeſſen ſich ſo liebt, wie dieß bei mir und deiner Mutter der Falk iſt, ſo trägt man die guten und die böſen Tage miteinander in treuer Liebe und... „Einigkeit“ wollte der Obriſtlieutenant eben ſagen, verbeſſerte ſich aber ſchnell, und ſagte:„Geduld.“ „Ueber Amelie's Lippen ſtrich ein leichtes feines Lä⸗ cheln. Sie fühlte recht wohl die Verlegenheit, in welcher ihr Vater war, wie er ihr über die vorliegende Frage eine befriedigende Antwort geben ſollte. Sie hielt es aber für kindliche Pflicht in dieſem Falle zu ſchweigen, und ſo war der Obriſtlieutenant genöthigt, das Geſpräch abermals aufzunehmen, was er auch ohne Verzug that, und den zwar verbrauchten, aber üllerall paſſenden Satz aufſtellte, daß beſchränkte Verhältniſſe oft Ver⸗ drießlichkeiten im häuslichen Leben hervorbrächten, welche unter andern Umſtänden ausblieben— Amelie habe je⸗ doch bei dem gegenwärtig in Rede ſtehenden Heiraths⸗ antrage ſo etwas nicht zu fürchten, denn der Freier ſei reich. Zur großen Verwunderung des Vaters zeigte Amelie nicht die geringſte Neugierde. Ein Gefühl von jung⸗ fräulicher Schüchternheit verbot ihr Borgenſtierna's Na⸗ men zu nennen, und ſollte es ein Anderer ſein, ſo erfuhr ſie ihn immer noch früh genug. „Haſt du denn gar keine Sehnſucht, den Namen 202 deines zukünftigen Gemahls zu erfahren?“ fragte der Vater und freute ſich inniglich über die große Geſchick⸗ lichkeit, mit welcher er der Sache eine ſolche Wendung zu geben gewußt, daß ſie ſchon als etwas Abgemachtes angeſehen werden mußte. Allein Amelie war ein geſcheidtes Mädchen, und ließ ſich nicht ſo leicht fangen.„Meines zukünftigen Ge⸗ mahls?“ ſagte ſie mit Kopfſchütteln.„Damit iſt doch noch nicht Alles abgethan, wenn Einer als Freier auf⸗ tritt! Dieß iſt nur die eine Seite der Sache,— das Wichtigſte iſt noch zurück, nämlich, ob er angenommen wird.“ „J, was dieß betrifft,“ fiel ihr der Obriſtlieutenant mit einer ſolchen Haſt in die Rede, daß ihm beinahe ein Stück Speckpfannkuchen in der unrechten Kehle ſtecken geblieben wäre, weßhalb er entſetzlich huſten mußte,„ſo denke ich, daß hier eine gutgezogene Tochter nur mit den Augen ihrer Eltern ſehen und ihrem Rathe folgen wird.“ „Nein, Papachen; ich erkläre rund weg, ehe ich noch weiß, von wem die Rede iſt, daß ich mit eigenen Augen ſehen und mein eigenes Herz zu Rathe ziehen werde. Und findeſt du denn dieß nicht auch ganz natuͤrlich, lieber Papa, da es ſich doch eigentlich um meine Zukunft handelt?“ „Das ſind höchſt unpaſſende Reden, meine liebe Amelie! Iſt dir die ſorgſame Liebe deiner Eltern nicht Bürge, daß der, den ſie zu deinem Gemahl auserſehen, auch deiner würdig ſein wird?“ Jetzt klopfte aber ihr Herzchen ſtärker, und ein höheres Roth flog über ihre Wangen; denn wenn der Vater von einem Manne ſprach, der ihrer würdig ſein ſollte, worunter Amelie einen verſtand, der ihr Herz zu gewinnen wußte, ſo konnte doch ſicher von dem nicht die Rede ſein, den ſie unter Allen am allerwenigſten hätte haben mögen. Nein, gewiß war— Hier hatten Amelie's weitere Folgerungen ein Ende. — 1————4, ——— —+2 O—,———— u— ——— e——— — . 203 Theils erlaubte ihr die eigene Beſcheidenheit nicht, ſie weiter fortzuſpinnen, theils ſetzte ihnen die rauhe Art, welche in des Obriſtlieutenants weiterer Frage lag, ein Ziel. Mit großer Wichtigkeit fuhr er fort: „Hat denn Amelie ſo wenig Vertrauen auf die Zärt⸗ lichkeit und den Verſtand ihrer Eltern, daß ſie ihnen nicht einmal die Wahl eines Gatten überlaſſen will?“— „Doch, lieber Papa, ich habe das größte Vertrauen zu Euch. Ich fürchtete nur einen Augenblick, es könnte möglicherweiſe der allerunerträglichſte Menſch von der Welt ſein, der Kammerjunker von Göſſe, welchen Jeder⸗ mann im Bade zur Zielſcheibe der Beluſtigung und des Witzes gemacht hat.“ „Für meinen Theil,“ entgeanete der Obriſtlieutenant kalt,„kenne ich außer dem Aſſeſſor Niemanden, der ſich dieſe unanſtändige Freiheit herausgenommen hätte. Sich auf Koſten Anderer luſtig zu machen, iſt übrigens ſchon an und für ſich eine ſo wenig ehrenvolle Eigenſchaft, daß ich glaube, ein ſolches Unterfangen könnte ein nobel den⸗ kendes Mädchen nur empören— ſonſt iſt es ein Beweis, daß ſie noch zu ſchwach und zu leichtſinnig iſt, als daß man nicht von ihr verlangen könne, ſie ſolle ihr Urtheil dem Andern unterwerfen. Ich hätte übrigens gehofft, daß du im Gegentheile, gerade gegen den Menſchen, der ſeine Phantaſie und Beredtſamkeit auf ſo unwürdige Weiſe geltend zu machen wußte, ein ſolches Gefühl des Abſcheues äußern würdeſt.“ „Lieber Papa, ich kann nicht läugnen, daß es ein großer Fehler iſt, über andre Leute zu lachen, muß dich aber verſichern, daß ich auch bei dem beſten Willen nicht Herr über ein Lächeln werden konnte, ſobald ich den Kammerjunker anblickte und noch mehr, wenn ich ſeine lächerlichen Manieren ſah, und ſeine verkünſtelte Worte hörte, in welchen er ſeine Gedanken auftiſchte; dieſe waren auch oft ſo geſchraubt und näͤrriſch, daß ich mich t abwenden mußte, um ihm nicht gerade in's Geſicht lachen. “ 204 „Und dadurch beſchämſt du ſowohl dich als deine Eltern! Ich habe dir ſchon geſagt und ſage dir noch ein Mal, daß es Nichts gibt, was ſo ſehr eine gemeine Her⸗ kunft und ſchlechte Erziehung bethätigt, als die üble Ge⸗ wohnheit zu lachen. Der Pöbel lacht; Leute von Welt verziehen höchſtens den Mund, und auch dieß auf eine Weife, daß es gleichwohl ſtets noch zweifelhaft bleibt, aus welcher Quelle das Lächeln fließt.“ „Ja aber, Papa, ich verſichere dich, ein ſolches Lä⸗ cheln kann ich mir unmöglich angewöhnen, beſonders wenn Jemand, der ſchon ohnedieß von Auſſen einem kompleten Narren gleichſteht, auch noch dummes Zeug ſchwatzt. In ſolchem Falle muß ich denn entweder wegſehen oder noth⸗ wendig lachen.“ „Du ſollſt aber über Niemand lachen, ſage ich dir und zwar ein für alle Mal!— ich hoffe, daß du dich darnach richten wirſt!“ „Ja, wenn ich jemals wieder mit ihm zuſammen⸗ komme, ſo will ich mir gewiß alle Mühe geben,“ ent⸗ gegnete Amelie,„aber ich hoffe von ganzem Herzen, daß mir das ſchwere Kunſtſtück, welches du mir durchaus zu⸗ mutheſt, erſpart werden wird.“ „Und darin irrſt du dich ganz gewaltig, denn er iſt juſt der Ehrenmann, der an mich geſchrieben und um deine Hand geworben hat.“. „In der That? Da will ich ihm denn auch das allerſchönſte Körbchen aus einem Kirſchenkerne machen, oder wenn du dieß nicht für ganz paſſend hältſt, ſo.... ach, nicht wahr, Papachen, du biſt ſo gut und ſchreibſt ihm, ich ſei für die Ehre zwar unendlich dankbar, nichts⸗ deſtoweniger ſei mir aber die Ausſicht, Frau von Göſſe zu werden, nicht hinlänglich lockend vorgekommen, um mich zu vermögen, das theure Haus meiner geliebten Eltern zu verlaſſen.“ „Amelie,“ ſagte der Obriſtlieutenant mit allmählig rückkehrender Faſſung, denn die unerwartete Freimüthig⸗ keit ſeiner Tochter hatte ihn beinahe vöͤllig aus dem 5 1 20⁵ Concepte gebracht.„Amelie, wir ſind arm! Du darſſt nicht wie eine Tochter des reichen Adels oder auch wie eine Bürgerstochter, freie Wahl zu haben hoffen. Du mußt dich erinnern, daß du nicht mehr als Einen Freier haſt, und vernünftigerweiſe nicht auf mehre rechnen kannſt, demnach nehmen mußt, was du haben kannſt, ſonſt wirſt du eine alte Jungfer, und mußt dich als Haushäiterin auf irgend einem größern Gute oder ſonſt wo durch⸗ ſchlagen.“ Dieß waren nun freilich gewaltig bittre Pillen für ein junges Mädchen, welches nicht ohne eine kleine Doſis Gefallſucht und Eigenliebe ſein konnte; etwas empfindlich entgegnete ſie daher:„Ich weiß nicht, lieber Vater, wie du Etwas weißt, was doch eigentlich Niemand wiſſen kann. Auf alle Falle aber will ich lieber unter der ſchlimmſten Gebieterin Haushälterin ſein, als die Frau eines narrenhaften Menſchen, wie der Kammerjunker. Ich müßte wenigſtens zwanzig Mal im Tage für ihn er⸗ röthen und mich uber ſeinen Eigendünkel ſchamen, denn er iſt unſeligerweiſe ſo von ſich eingenommen, daß er glaubt, über Alles mitſprechen zu können, wo er doch nicht ein Mal über den allerunbedeutendſten Gegenſtand zuſammenhängend und vernunftig reden kann“ „Du wagſt es alſo, deinem Vater ungehorſam zu ſein, willſt ſeinem Willen trotzen?“ entgegnete der Obriſt⸗ lieutenant mit unterdrücktem Zorne. „Nein, Papa, das will ich nicht, und werde es nie⸗ mals thun,— ſo weit braucht es Gottlob nicht zu kom⸗ men; denn mein Papa iſt ein viel zu zärtlicher und guter Vater, als daß er ſeine Tochter unglücklich machen ſollte.“ „Wenn es nun aber mein feſter, unwiederruflicher Wille iſt— wenn ich an Göſſe ſchreibe, daß er unſere, deiner Eltern, Einwilligung hat, und er kommen und ſeine Bewerbung fortſetzen möge?“ 206 aber innigſt bitte, nicht thun zu wollen, ſo werde ich ihm das erſte Mal, wo er ſich gegen mich ausſpricht, ſagen, daß ich ihn unter keinen Umſtänden nehmen werde und er deßhalb am beſten thue, wieder nach Hauſe zu gehen.“ „Sollteſt du wirklich einen ſolchen Schritt wagen, Amelie? Beſinne dich wohl, ehe du antworteſt!“ Da⸗ bei hatte der Obriſtlieutenant mit einem Geſichte, aus welchem alle Milde verſchwunden war, die Serviette vor ſich auf den Tiſch geworfen und den Teller wegge⸗ ſchoben. Amelie blickte ihrem Vater auf das Zärtlichſte in das Antlitz. Man ſah wohl, daß der Gedanke ſie tief ſchmerzte, zum erſten Male ungehorſam zu ſein, allein die Sache war viel zu wichtig, als daß nicht jede Be⸗ denküchkeit vor der Ueberzeugung weichen mußte, ſie habe Recht. Deßhalb antwortete ſie beſcheiden und de⸗ müthig, nichts deſtoweniger aber feſten Tones:„Nichts thut mir weher, als dich böſe zu machen, liebſter Papa, allein es iſt mir unmöglich, anders zu handeln, ſobald vom Kammerjunker die Rede iſt. Wir Frauenzimmer haben ja ohnehin kein andres Recht, als unſer Herz zu vergeben, und es ware doch allzuhart, uns dieſer einzigen Freiheit berauben zu wollen. Und da nun hievon die Rede iſt, ſo darfſt du dich nicht wundern, daß ich ſie vertheidige.“ „Fort, mir aus den Augen!“ rief der Obriſtlieute⸗ nant in heftigem Zorne;„freue dich auch noch darüber, daß dein Vater dem Manne, deſſen Hand du verſchmähſt, eine größere Summe ſchuldig iſt, als er bezahlen kann, — freue dich des bittern Gefuhls, das ich empfinde, einen Mann abſchreiben zu müſſen, deſſen Edelmuth mir an einem fremden Orte aushalf, und welchem ich zugleich mit der abſchlägigen Antwort, auf welcher du unyver⸗ ſtändigerweiſe beſtehſt, nicht auch ſein Geld heimgeben kann.“ 2 „Beſter Vater, wenn ich es wagen darf,“ ſagte 207 Amelie und näherte ſich ihm zögernd,„wenn ich es wagen darf, zu ſagen, was ich denke, ſo bin ich der Anſicht, daß wenn du auch das Geld hätteſt, was du dem Herrn von Göſſe ſchuldig biſt, es doch nicht delikat oder an⸗ ſtändig wäre, es ihm unter ſolchen Umſtänden jetzt zu⸗ rückzugeben.“ „So, aber das hältſt du nicht für unanſtändig, deinem Vater einen Raty geben zu wollen! Geh'!— und komm mir nicht eher wieder unter die Augen, bis du dich eines Beſſern beſonnen haſt, was deine Pflicht als Tochter von dir verlangt!“ Wohl wiſſend, daß es jetzt nicht möglich war, den Vater zu beſänftigen, ging Amelie hinab, und dankte Gott, daß ſie wenigſtens ſo viel erreicht habe. Ihre Ent⸗ ſchloſſenheit hatte ſichtbaren Eindruck auf ihn gemacht, und ſie glaubte nicht ohne Grund, hoffen zu dürfen, daß er die ganze Sache mit Göſſe doch wohl am Ende auf⸗ geben werde. Andrerſeits dachte ſie hin und her, wie ſie es an⸗ fangen müſſe, um dem Vater die in Frage ſtehende Summe anzuſchaffen. Sie wußte zwar eigentlich noch nicht recht, wie ſie dieß zu Wege bringen ſollte, erin⸗ nerte ſich übrigens, davon reden gehört zu haben, daß in der Nähe von Tunefors ein alter Herr wohne, wel⸗ chen die Leute als ſehr reich ausſchrieen, und der auf Pfänder lieh, auch zuweiten Sachen von Werth kaufte, um Jemanden aus der Noth zu helfen. Man nannte ihn allgemein nur„den Alten vom Berge.“ Es wußte Niemand, wer er war, auch bekümmerte man ſich nicht viel darum, es war nichts weiter bekannt, als daß er vor vielen Jahren hieher gekommen, ſich angekauft und ſein Beſitzthum„den Berg“ genannt hatte. Er wohnte hier abgeſchloſſen und allein mit einer alten Magd, denn er ſei zu arm, ſagte er wenigſtens, ſich einen Diener zu halten, und was das Geld betraf, das er auslieh, ſo war es ihm jederzeit von einem entfernten Bekannten 208 anvertraut, welcher ihm anbefohlen hatte, ihm ſiets die allerſicherſten Verſchreibungen dafür zu ſtellen. Alles dieß hatte Amelie von den Dienſtboten in der Küche bei Veranlaſſung von allerlei gemeinſchaftlichen Hausarbeiten gehört, wenn jene miteinander von dem alten Nachbar redeten. Uebrigens ſollte der Alte vom Berge ein mürriſcher und wortkarger Mann ſein, und die eut wandten ſich ungern und nur in der höchſten Noth an ihn. Amelie's Gedanken hatten nun ein Mal dieſe Rich⸗ tung genommen, ließen ſich auch nicht leicht davon ab⸗ bringen, indem es ihr und vielleicht nur dadurch möglich werden konnte, das Geld anzuſchaffen. Es war freilich gerade keine ſehr angenehme Aufgabe, ein ſolches Aben⸗ teuer zu unternehmen, wobei ſie ſich nicht allein einer groben Begegnung, ſondern vielleicht gar einer Abweiſung aus⸗ ſetzte;— aber wo es ſich um etwas ſo Wichtiges han⸗ delte, durfte man es nicht ſo genau nehmen. Amelie begann nun damit, ihre Schmuckſachen, welche ſie nach und nach von ihren gnädigen Tanten geſchenkt erhalten hatte, zu überrechnen, und fand, daß ſie, nebſt der bekannten Kette, doch wohl ſo viel werth ſein möchten, daß es ſich wenigſtens der Mühe eines Ver⸗ ſuchs lohnte. Ihr Entſchluß, es mit dem Nachbar zu wagen, war keine Inſpiration, welche dem Romantiſchen der Sache ihren Urſprung verdankte. Wir haben ſchon früher ge⸗ ſagt, daß in Amelie's Charakter nichts Ueberſpanntes lag, nicht einmal die kleinſte Spur davon; deßhalb war es nicht Folge des heroiſchen Muthes einer Romanheldin, ſondern Ergebung eines einfachen Kindes, deſſen gutes, reines Gemüth dem Vater aus der Verlegenheit zu helfen trachtete,— womit Amelie ihren Schritt überlegte, und die Eingebung ihres Herzens vor den Richterſtuhl des praktiſchen Verſtandes zog. Das Reſultat davon war, vor der Hand mit der die der hen dem vom die toth ch⸗ ab⸗ glich ilich ben⸗ oben aus⸗ han⸗ chen, nten daß verth Ver⸗ war Sache r ge⸗ lag, ar es eldin, zutes, helfen und 1 des t der 209 Mutter davon zu ſprechen, und zu hören, ob ihr Vater wirklich in einer ſo mißlichen Lage war, als er ſagte. War dieß nicht der Fall, ſo ließ Amelie herzlich gerne ihren gefaßten Plan fahren; war aber der Vater es in der That, wie er es zuweilen nannte„in der Klemme,“ dann mußten alle kleine und großen Bedenklichkeiten wei⸗ chen; denn Amelie glaubte in der That, es ſei ihres Vaters größte Sorge, dem Kammerjunker ſein Geld heimzuzahlen. Amelie hatte die Abſicht gehabt, an dieſem Tage ihre Freundin Mina, die benachbarte Pfarrerstochter zu beſuchen, welche in Kurzem Hochzeit haben ſollte, und ſie deßhalb gebeten hatte, einer wichtigen Berathung wegen, zu ihr zu kommen. Nun ſchickte es ſich gerade ganz gut, daß Amelie ihre eigene Angelegenheit zugleich dabei be⸗ ſorgen konnte, ſie war froh, daß ſie einen ſolchen Vor⸗ wand hatte, und eilte zu ihrer Mutter, um ihr mitzu⸗ theilen, was ſich auf Papas Zimmer begeben hatte. Frau von Dreſſen konnte kaum glauben, daß Ame⸗ lie ſo viel über den Vater gewonnen habe. Sie begriff gar nicht, wie das Mädchen, das ſonſt die Sanftmuth und Milde ſelbſt war, ſo feſt und conſequent geweſen ſein könne. Die herzensgute Mutter dankte Gott, daß er Amelie einen ſo feſten Charakter gegeben hatte, der ſich nicht in jede vorübergehende Laune fügte, ohne ſie übri⸗ gens auf der andern Seite auch nur einen Augenblick ihre Kindespflichten verletzen zu laſſen. Auf Amelies Frage, wie es um die pekuniären Ver⸗ hältniſſe des Vaters ſtehe, beſtätigte die Mutter, daß dieſe allerdings ſehr mißlich ſtänden; und bei der offenbaren Unmöglichkeit Göſſes Forderung im Augenblicke zu decken, müſſe es dem Vater doppelt ſchwer fallen, dieſem eine abſchlägige Antwort zu geben. Mehr brauchte Amelie nicht zu wiſſen. Da der Vater heute ganz ſchlechter Laune war, und ſie auch zudem aus ſeinem Geſichtskreiſe verbannt hatte, hielt 14 Der Skjutsjunge — ——ÿ—y— 210 r Stunden aus den Wege bniß, einen Be⸗ ſie es für beſſer, ihm ein paa zu gehen, und bat ihre Mutter um Erlau ſuch im Pfarrhauſe machen zu dürfen. „Du wollteſt ja ohnedieß in dieſen Tagen hingehen,“ erwiederte die Mutter;„auch glaube ich nicht, daß der Vater deine Entfernung übel nehmen oder bei ſeinem ge⸗ ermiſſen wird. Grüße mir genwärtigen Humor dich v die Pfarrerin und Mina, und ſage ihnen, daß ich vor ihrem Ehrentage unmöglich hinüber kommen könne; wenn du aber Mina irgend Etwas zu helfen vermagſt, ſo kannſt du ſchon drüben bleiben, ihre firen Finger haben uns auch ſchon manchen Dienſt gethan, du weißt, vor der Badereiſe und ſonſt ſchon öfters.“ „Da kommſt du nicht ſehr bald zu Pfarrers, denn die Hochzeit wird nicht vor Weihnachten ſein: Mina's Ausſteuer wird nicht eher fertig.“ „Ja, ja, ich habe aber auch genug zu thun, obgleich wir keine Hochzeit in Ausſicht haben,“ ſagte Frau von Dreſſen mit einem halben Seufzer.„Der Herbſt bringt einer fleißigen Hausfrau allerlei Geſchäfte. Aber plaudre nicht zu viel, liebe Amelie, ſondern gehe jetzt!“ Amelie wartete keiner weitern Aufforderung ab, ſondern beeilte ſich, ihr Hauskleid mit einem braunen Bombaſſin Kleide, dem gewöhnlichen Staatsrocke, zu vertauſchen. Dann nahm ſie Hut und Mantel und, ein kleines Päck⸗ chen unter dem Arm, welches die Mutter nicht ſah, machte ſie ſich auf den Weg. - XXII. Zwei Beſuche. b Eine Strecke vor Tunefors krümmte ſich der Weg vom See gegen den Wald hin. Dieſer Pfad führt nach b ———— ——o S SͤS G& e—-——— ,———— ——— 8 ͤSS S 211 zege dem Pfarrhofe, während man gerade aus nach„dem Be⸗ Berge“ geht. Amelie fürchtete ſich vor Nichts, weder vor Waſſer⸗ en,“ pfützen, noch vor wilden Thieren oder Räubern. Mit der der muntern Beherztheit eines flinken Ländmädchens klet⸗ ge⸗ terte ſie behende über die Unebenheiten des Wegs, über mir ſumpfige Pfützen und umgeſtürzte Baumſtämme weg, und vor kam nach einer guten Stunde Wegs zu einem kleinen venn Thälchen, auf deſſen Anhöhe ein graues Haus lag. Dieß annſt war„der Berg.“ uns Froh daruͤber, am Ziele zu ſein, beflügelte Amelie der ihre Schritte und ſtand bald vor der Hausthüre, an wel⸗ cher ihre kleinen Finger ſich erſt mehrmals anſtrengen mußten, ehe man ſie drinnen hörte, weil anhaltende Hammerſchläge ihr Klopfen übertönten. Endlich wurde die Thüre von einer alten rothhaarigen Magd geöffnet, gleich welche, etwas verwundert über einen ſo ungewöhnlichen von Beſuch, ein paar Schritte zurücktrat. Als die Thüre dringt. inzwiſchen nun einmal offen ſtand, ging Amelie hinein denn ina's — audre trat bis zu dem Tiſche vor, wo ein ziemlich bejahrter Mann damit beſchäftigt war, einen Keil in das morſche ndern Fenſter einzutreiben, um die zerſprungenen Scheiben zu⸗ baſſin ſammenzuhalten. ſchen. Der zerriſſene und geflickte Rock des Alten, der Päck⸗ Schmutz im ganzen Zimmer, und das elende Hausgeräthe nachte war nicht berechnet, ſie auf den Gedanken zu bringen, daß hier großer Wohlſtand herrſche. Im Gegentheile ſchien die größte Armuth innerhalb dieſer verfallenen Wande ihren Wohnſitz aufgeſchlagen zu haben. Als ſich Amelie dem Alten näherte, ſchob dieſer die Nachtmütze ein wenig bei Seite, legte ſeinen Ham⸗ mer aus der Hand, und machte eine Bewegung, welche nicht ohne eine gewiſſe Artigkeit war, obgleich es ſchwer ſein möchte zu ſagen, in was ſie eigentlich beſtand; ſeine grauen Augen blickten ſcharf auf den unerwarteten Beſuch, und auf der braunen gerunzelten Stirne war nicht Ein Zug von Wohlwollen zu entdecken. Indeſſen b 212 lag in ſeinem Weſen doch Etwas, das Amelie die Ueber⸗ zeugung gab, ſie habe keine unhöfliche Handlung zu fürchten. „Ich habe ein Anliegen an Herrn Broger,“ begann ſie, mit ihrer ſanften, freundlichen Stimme, welche— wenn gleich kein Nachtigallenflöten— dennoch höchſt lieb⸗ lich und einnehmend klang; ſie war eben ſo wenig ein geziertes Gelispel, als ein Kreiſchen oder Schnarren,— eine klare, reine Bruſtſtimme, die dem Ohre wohl that. „Was um?“ fragte der Alte, gab ſeiner Dienerin einen Wink ſich zu entfernen, und zeigte mit der Hand auf eine tannene Bank an der andern Seite des Tiſches. Amelie wiſchte mit ihrem Schnupftuche vorerſt einige Stückchen Käſerinde und Brodkrumen, welche noch vom Frühſtuͤcke her liegen geblieben waren, von dem angebo⸗ tenen Sitze weg, nahm dann Platz, und ſann nach, wie ſie ihren Wunſch vorbringen wollte. „Man hat mir geſagt, daß Sie zuweilen Leuten, welche in Verlegenheit ſind, aus der Noth helfen..“ „Ich weiß ſchon, was das Fräulein will, allein Sie ſind falſch berichtet worden;“ unterbrach ſie der Alte kurz und rauh.„Ich bin ein armer Mann, wie man wohl ſieht, und ſolche falſche Gerüchte werden nur von ſchlechten Leuten ausgeſprengt, um mir Landſtrei⸗ cher und ſonſtiges ſchlechtes Geſindel auf den Hals zu hetzen.“ „In dieſem Falle thut es mir leid, vergeblich ge⸗ kommen zu ſein,“ entgegnete Amelie, welche auf dieſen Eingang vorbereitet war, und deßhalb keineswegs den Muth verlor;„ja, ſehr leid, denn ich habe Etwas bei mir, das wohl mehr ſein wird, als das Geld, welches ich auf mein Pfand zu haben wünſche.“ „Ach ſo, Fräulein haben alſo Sachen von Werth bei ſich. Allein, wie geſagt, ich ſelbſt habe keinen Pfennig zu verleihen, obgleich ich mich zuweilen damit befaſſe, gegen ein kleines Prozentchen Geldgeſchäfte in α— — ter die —,— 213 Kommiſſion zu machen. Dergleichen Affären ſind aber ſtets etwas kitzlicher Natur, und in der Regel iſt Undank und Verläumdung der Lohn für meine Deenſtwilligkeit. Was haben denn Fräulein für ein Pfand?“ „O, allerlei, eine große, maſſive goldne Kette, ein Armband, Berlocken, etliche Ringe, ein Kreuz, einen großen vergoldeten Becher und drei Löffel.“ Sie zog eines nach dem andern hervor, und das Geſicht des Alten hei⸗ terte ſich mehr und mehr auf. „Vielleicht,“ ſagte er, und maß mit begehrlichen Augen die glänzenden Sachen, welche in dem weißen Tuche auf Amelie's Schooß lagen,„vielleicht könnte ich dem Fräulein mit einigem Gelde, das ein Freund bei mir niedergelegt, aushelfen, wenn ich wüßte, wie viel Sie verlangen.“ Amelie hatte gehört, daß die Schuld an Herrn von .Göſſe zweihundert Reichsthaler Beo. betrug; ſie nannte die Summe. „Ach, Gott bewahre mich, das wäre ja der doppelte Werth der Siebenſachen da an Geld! Mehr als die Halfte der verlangten Summe kann ich Ihnen unmög⸗ lich geben.“ „So laſſen wir es überhaupt ſein,“ entgegnete Ame⸗ lie und ſchlug mit anſcheinender Gleichgültigkeit den einen Serviettenzipfel über ihre Koſtbarkeiten. „Na, in Gottes Namen; um ihretwillen Fräulein, will ich zweihundert Thaler Reichsgeld machen.“ „Ich muß die angegebene Summe haben, oder den ganzen Handel aufgeben,“ verſetzte Amelie ruhig und ſtand auf.— „Laſſen Sie mich das Zeug noch einmal anſchauen!“ Dabei wog der Alte die Sachen in der Hand und nach lendam Makeln und Feilſchen holte er am Ende das eld. Nun trat aber ein neuer, Amelie ganz unerwarte⸗ ter Umſtand ein, der ihr einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machte. Der Alte vom Berge hatte 214 nämlich, gleich anderen Wucherern, die heilloſe Gewohn⸗ heit, von dem dargeliehenen Pfande ſogleich einen Abzug zu machen— eine kleine Kommiſſionsgebühr: denn man konnte ja doch den Leuten nicht umſonſt dienen. Da in⸗ deſſen Amelie von ſo Etwas gar keinen Begriff hatte, ſo kam ſie dadurch in ernſthafte Verlegenheit. Sobald ſich die Summe nur einigermaßen verringert, ſo half ihre ganze Aufopferung nichts;— allein was war auf der andern Seite zu machen, da Herr Broger durchaus ſeine Proviſion haben wollte, ehe er das Geld aus den Händen gab. „Ach, was ſind doch ſolche Geldſachen für fatale Dinge!“ ſeufzte Amelie in Gedanken.„Wenn ich einmal dieſe da hinter dem Rücken habe, ſo will ich mich gewiß mit keiner andern mehr befaſſen, als mit dem Butter⸗ und ECiergelde.“ Herr Broger wußte übrigens auch darin am Ende Rath, in den ſich Amelie mit Vergnügen fügte. Der Ausweg beſtand in einer kleinen Verſchreibung, welche bei Einköſung des Pfandes honorirt werden ſollte. Amelie trennte ſich nun von ihrem Schatze und ſah ein Stück um das andere in einem weiten ledernen Beutel nieder⸗ gleiten, den der Alte aus einem verborgenen Fache unter dem Stubenboden hervorzog. Am meiſten ſchmerzte ſie der Verluſt der Kette, welche ſie von der Mutter erhalten — ſie hatte auch noch andere Gedanken dabei— doch zu ſolchen Betrachtungen war jetzt keine Zeit. Amelie nahm Abſchied von ihrem neuen Bekannten, und nachdem ſie ihr Geld an dem Platze aufgehoben hatte, wo die Frauenzimmer ſonſt gerne ihre Liebesbriefe bewahren ſollen, in deren Ermanglung aber Amelie ihren Schatz dort ſicherer aufgehoben glaubte, als im Strick⸗ beutel, ſchlug ſie den Weg nach dem Pfarrhofe ein, wo⸗ hin es vom„Berge“ aus näher war, als noch Tunefors, und kam dort an, als die Pfarrfamilie gerade bei Tiſche ſaß, wo der Beſucherin ein Platz neben ihrer Freundin Mina angeboten wurde. — ——— — ◻ ———— —— 0———4— ——— —,——„— 215 Mina, die Tochter des Pfarrers und Braut des Ad⸗ junkten Lamm, war ein in allen Haushaltungsgeſchäften wohlbewandertes, geſchicktes Mädchen; namentlich war die Käſebereitung ihre Hauptforge, weßhalb auch ihre Mutter ſtets prophezeite, ſie müſſe einmal Frau Decanin werden. Amelie war der guten, muntern Mina, welcher ſie ſchon manches Rützliche im Hausweſen abgelernt hatte, herzlich zugethan; aber eine eigentliche, vertrauliche Freund⸗ ſchaft ſand darum doch zwiſchen den jungen Mädchen kaum ſtatt; nicht, daß Amelie allenfalls einen Unterſchied zwiſchen der Tochter des Obriſtlieutenants und Kammer⸗ herrn von Dreſſen und der des Pfarrers Wickmann ge⸗ macht hätte,— nein,— ſondern weil Amelie trotz ihres einfachen Weſens doch eine feinere Beurtheilungs⸗ gabe, mehr Verſtand und eine beſſere Bildung überhaupt als Mina hatte, ſo konnte ſchon deshalb keine eigentliche Harmonie unter den Mädchen beſtehen, und nur wenn von Spinnen, Weben, Blumengärtnerei und Haushal⸗ tungsgegenſtänden die Rede war, ſtimmten ihre Anſichten zuſammen. In andern Sachen waren ſie in der Regel gänz⸗ lich verſchiedner Meinung, was wir ſchon aus der Unterhal⸗ tung ſehen werden, welche ſie mit einander pflogen, als Mina nach dem Kaffee ihre Freundin ein Stück Wegs heim begleitete. „Warum haſt du denn Lamm uns nicht begleiten laſſen? du ſahſt doch, daß er es im Sinne hatte, denn er griff ſchon nach ſeinem Hute. Man konnte es dir und deiner Eile wohl anmerken, daß du ihn nicht haben wollteſt.“ „Ach, liebe Mina, ich glaubte du konnteſt eine Weile mit meiner Geſellſchaft allein vorlieb nehmen. Dein Bräu⸗ tigam iſt in jeder Beziehung ein Braver, ehrlicher Menſch, aber...“ „Nun, was aber?.“ fragte Mina und warf den Kopf zurück. „Sieh', Liebe, er iſt gar zu langweilig, wenigſtens 216 kommt er mir ſo vor— aber es iſt nicht recht, daß ich dir ſo etwas ſage.“ „Ei, warum denn nicht? Aufrichtigkeit iſt immer das Beſte. Ich möchte denn doch aber wiſſen, was du eigent⸗ lich gegen ihn haſt?“ „Nichts, als was ich dir ſchon geſagt habe: ich finde ihn langweilig.“ „Dieß iſt doch in der That ſeltſam! Was verſtehſt du denn unter langweilig? Mir kommt es vor, als ob er ganz hübſch und angenehm wäre.“ „Man kann Beides, und ſogar noch viel mehr, und doch dabei langweilig ſein,“ entgegnete Amelie.„Wenn er Etwas ſagt, ſo kommt es immer ſo langweilig her⸗ aus. Er hat ſtets nur drei Steckenpferde, welche er abwechslungsweiſe reitet, erſtens, die Predigt auf den kommenden Sonntag, zweitens, den letzten oder nächſten Krankenbeſuch, und drittens die ſtereotipen Erzählungen aus dem gräflichen Hauſe, wo er als Student Informa⸗ tor war.“ „Na, das iſt doch wahrlich ſpaßhaft! ich habe nie die geringſte Langweile bei ſeinen Erzählungen, denn er weiß Alles ſo hübſch und nett zu ſagen.“ „Das iſt's gerade, was ich nicht finde. Wir haben eben nicht gleichen Geſchmack.“ „Ja, und das iſt auch gar kein Fehler,“ meinte Mina etwas pikirt.„Ich weiß wohl, warum du ſo ſagſt— wenn er dir die Cour machte...“ „A propos,“ fiel ihr Amelie in die Rede.„Haſt du ſchon das Buch geleſen, welches ich dir kürzlich ge⸗ liehen?“ „Nein, das habe ich nicht— und du, Amelie, haſt wohl gewiß die Scharteke auch nicht geleſen; denn ich weiß mir nichts Langweiligeres, als wenn Jemand etwas drucken läaßt und Andre ſollen es auch noch leſen.“ „Was, langweilig!“ rief Amelie aus.„Ich habe die zwei Theile mit dem allergrößten Entzücken geleſen. — ————— ——— — — e AN ——— Gfß—— ◻σ 1 ——— 3 217 Walter Scotts Ivanhoe langweilig! Ich kann den dritten Theil kaum erwarten.“ „Meinethalben!“ ſiel Mina lachend ein.„Ich habe genug Verdruß mit unſerm eigenen Sauhirten und un⸗ ſern eigenen Schweinen, als daß ich noch dergleichen in den Bücher zu leſen brauchte! Nein, wenn ich leſen ſoll, ſo mus es etwas recht Rührendes und Intereſſan⸗ tes ſein, und nicht ſo plumpes Zeug, denn mein Vater ſagt, der Ausdruck„Sau“ ſei unſchicklich,„Borſtenvieh“ müſſe man ſagen. Uebrigens hätte das nicht viel zu ſagen, wenn auch der Ausdruck etwas ungebildet iſt, wenn nur die Geſchichte ſelbſt hübſch und intereſſant wäre, daß man immer gleich wiſſen möchte, was ſie für ein Ende nimmt. Aber Lamm, das muß ich dir ſagen! — der hat dir einmal ein paar hübſche Bücher, da iſt es der Mühe werth, daß man ſie liest: Drei Theile von Celeſtine, oder das geheimnißvolle Kind— das iſt unge⸗ heuer hübſch, und was fuür ſchöne Lieder zum Singen darin ſtehen! Die ſingen wir dann gewöhnlich mit ein⸗ ander, denn Lamm hat eine ſehr ſchöne Stimme, wie du ſchon in der Kirche gehört haſt. Aber deine Bücher, liebe Amelie,— nimm mir's nicht übel— legen wir bei Se te; hundertmal reißt mir der Geduldfaden, ehe ich nur mit dem erſten Kapitel zu Ende bin, ſo daß ich es gar nicht weiter probiren mag“ 3 „Na, denn iſt es weiter auch kein Fehler!“ ſagte Amelie und trippelte behutſam auf dem Fußſteige weiter, denn der Thau begann ſchon zu fallen.„Aber ſieh doch, welch' ein herrlicher Abend! Was die Sonne ſchön hin⸗ ter den Bergen untergeht und lange Schatten wirft! Ach, eben treten wir in das hübſche Thälchen! Jetzt kommen wir bald an den See; wie ſchön werden ſich die Sonnen⸗ ſtrahlen im Waſſer ſpiegeln! So ein Sonnenuntergang im Herbſte, wo uns die Natur ohnedieß wenig Hubſches zu bieten weiß, iſt doch ein wahrer Genuß! Laß uns ein ZBischen ſtehen bleiben!“ „Du lieber Gott, was iſt denn da Beſonderes?“ — 218 rief Mina aus und kletterte behende über den Zaun, der ihren Weg hemmte.„Die Sonne kann ich ja alle Tage ſehen; und es iſt geſcheidter, wir ſputen uns; denn ſonſt wird es dunkel und wir kommen vor Nacht nicht mehr nach Hauſe.“ „Du darſſt jetzt nicht weiter mitgehen,“ meinte Amelie. „Das nächſte Mal, wenn ich zu dir komme, will ich auch deine neue Stück Leinwand ſehen, was ich heute vergeſſen habe; haſt du noch viel zu weben?“ 3„O gar nicht, du glaubſt kaum, wie ſchnell es geht; Lamm mußte mir ſpulen, die Mutter hat mir zetteln hel⸗ fen und geſchlichtet, ſelbſt der Vater hat Garn gewickelt. Ach, liebſter Himmel, wenn ſich Ein's verheirathet, ſo will Alles dabei helfen! Ich wollte dir wünſchen, daß du auch einen ſo artigen und braven Mann bekämſt, wie mein Lamm einer iſt!“ „Es freut mich, wenn dein Tuch hübſch wird!“ fiel ihr Amelie in die Rede, und begleitete ihre Worte mit einem Lächeln, in welchem ein klein Wenig von dem Dreſſen'ſchen Hochmuthe lag, ſo fremd dieſer ihr auch ſonſt war.„Gute Nacht, liebe Mina, viele Grüße zu Hauſe, und ſei mir nicht böſe, daß mir dein Bräutigam nicht gefällt.“ „O, das hat gar Nichts auf ſich;— gefällt er doch mir um ſo beſſer! Aber, gute Nacht, Amelie; vergiß das Schnupftuch nicht, das du mir zu ſticken verſpro⸗ chen haſt.“— Mit freundlichem Kopfnicken trennten ſich die Mäd⸗ chen. Amelie betrachtete noch ein Weilchen die reiche Far⸗ benpracht, welche ſo ſcharf gegen den dunkeln Boden ab⸗ ſtach und eilte dann fröhlich und wohlgemuth mit ihrem Schatze der Heimath zu; das Herz klopfte ihr höher und freudiger, wenn ſie daran dachte, welch' angenehme Ueber⸗ raſchung ſie ihrem Vater bereiten werde. — O=—=S=—— 22 8 12ͤ— — 219 XXIII. Ein Brief von Borgenſtierna an den Aſſeſſor Wirén. „Nein es iſt nicht möglich, daß du mir über etwas ſo Natuürliches, als meine Neigung zur Einſamkeit iſt, ernſtlich zurnen kannſt. Ueberdieß muß ich dir noch ſagen, — denn Freunde ſollen aufrichtig gegen einander ſein,— daß ich mich in deinem Hauſe nicht heimiſch gefühlt habe. Dieß mag dir etwas wunderlich vorkommen, allein glaube mir, ſo ſchwarz und düſter es auch in meinem eignen Innern ausſieht, ſo liegt doch die eiſige Froſtnacht, welche Virginia um ſich her verbreitet, ſchwer auf mir, denn ſie erſcheint als der ſchneidendſte Contraſt gegen dein eigenes lebensfrohes feuriges Weſes, welches ſich keinen Augenblick durch das abſtoßende Benehmen deiner Gattin ſtören oder dämpſen läßt. „Bei Euch habe ich es geſehen, was es um eine Ehe iſt ohne Einklang in Charakter und Neigung. Frei⸗ lich ſuchſt du mich durch eine Menge angenehmer Genüſſe zu entſchädigen, und deine Gattin ſcheint nicht einmal zu fühlen, daß es anders ſein könnte. Aber ich, ich habe mich während meines kurzen Aufenthalts in deinem Hauſe nach dem Bade, mehr als je in meinem Ent⸗ ſchluſſe beſtärkt gefühlt, dem wenigſtens halb gefaßten Plan, der ſich meinem Herzen aufdrängen zu wollen ſten e auf ewig den Abſchied zu geben. Vor jener Zeit wußte ich nicht, wie ſehr ein Gatte dem andern das Leben zu verbittern im Stande iſt. Gewiß hat meine arme Mathilde, die freundliche Dulderin, mehr gelitten, als ich mir habe traumen laſſen, und Amelie, — was müßte ihr Loos ſein,— an einen Gatten ge⸗ bunden, mit meiner düſtern Laune! Sie, mit dem fri⸗ ſchen, lebensfrohen Herzen— weinen und ſeufzen würde 220 ſie über mich, wie du über deine Virginia. Wäre ſie auch im Stande, ſich mit dem leichten Sinne, den ich ſo oft bei dir ſehe, zu tröſten, ſo hätte ſie doch, da ihr mun⸗ terer Humor nicht verfehlen würde, hie und da auch einen günſtigen Eindruck auf mich zu äußern, um den gelinde⸗ ſten Ausdruck zu brauchen, wahrhaftig keine Urſache, ſich über einen plötzlichen Rückfall in meine alte düſtre Laune u freuen. Ich zittre ſchon bei dem Gedanken an ein ſolches Mißverhältniß! „Glaube nicht, daß meine obigen Worte Ausgebur⸗ ten einer krankhaften Einbildungskraft ſind, welche mich ſeit meinem letzten Gram, ſeit meiner gänzlichen Einſam⸗ keit uͤberfallen.— Du mußt wiſſen, auch Diana hat auf⸗ gehört, mich mit ihrem gewohnten Schmeicheln an eine Zeit zu erinnern, welche vorüber iſt.— Nein, Wirén, was ich eben ſagte, iſt kein Ausfluß unmännlicher Schwachheit. Ich ſchäme mich nicht, zu geſtehen, daß ihr Tod mir nahe gegangen iſt, mir jetzt noch wehe thut, aber zu was hätten wir eine Seete, als um die ange⸗ borne Neigung unſrer Natur, welche ſich dem Schmerze willenlos fügen will, zu bekämpfen und ſiegreich zu be⸗ herrſchen? „Willenskraft iſt halbe Macht; aber Halbheit iſt ſtets Unvollkommenheit, und leider iſt dieß wohl die Urſache, warum ich zwar mit Standhaftigkeit zu ertragen vermag, was ich nicht ändern kann, gleichwohl aber nicht ſo ſtark bin, meinem Gemüthe, meinem Weſen, meinem ganzen Leben eine andere Richtung zu geben. „Woruber?“ fragſt du mich in deinem letzten Briefe, „worüber grübelſt du? Wer ſich mit wohlthuendem, ge⸗ rechtem Selbſtgefühle ſagen darf, er habe ſich aus der Dunkelheit, welche ſeine erſte Ingendjahre umgab, ſelbſt emporgearbeitet, ſeinen Verſtand ſelbſt gebildet und ſeine Kenntniſſe erweitert, durch eigne Anſtrengung ſich einen geachteten Namen und eine unabhängige Stellung in der Welt gewonnen, um nun endlich frei des Herzens Wahl fol⸗ -.,8,“, —&x⏑—— u— 2 N8 gnͤ— NuAðANͤ—Aͥs 2=SAg 221 gen z können— was hat der noch für Urſache zu grü⸗ beln?“ „Wirén, Freund!— Iſt es dir je eingefallen, den Strom zu fragen, warum er ſich nicht eine andere Bahn zu ſchaffen trachtet, als das Flußbette mit ſeinen Ufern, die ihm nun einmal angewieſen ſind? „Verſuch' es, und ſein ununterbrochenes, eintöniges Dahinfluthen wird dir die Antwort geben: die ewigen Naturgeſetze haben ihm ſeinen Weg vorgezeichnet. „Du kannſt mir einwenden: eine vulkaniſche Revo⸗ lution kann ſeine Richtung ändern, ſeine Bahn gänzlich verrücken, und ihn zwingen ſich einem andern Waſſer in die Arme zu ſtürzen, in welchem nun nicht einmal ſeine Strömung mehr ſichtbar bleibt. Wohl und gut;— aber die Folgen jeder Revolution ſind in der Regel ſtets weniger gute als ſchlimme, wenigſtens im Privat⸗ leben. „Ich liebe es, nicht gegen den Strom meiner eig⸗ nen Gemüthsart zu ſchwimmen, denn ich weiß vorher, daß es verlorene Mühe wäre. „Ebenſowenig darfſt du glauben, daß es Neid oder Unzufriedenheit ſei, die Kluft nicht überſpringen zu können, welche mich von dem Sandpunkte trennt, auf dem meine Vorfahren ſtanden. Nein, von einem ſolchen Gefühle bin ich ſo himmelweit entfernt, daß ich ſogar mit dem Gedan⸗ ken umgehe, dieſe Kluft noch mehr zu erweitern. Und könnte ich mich jemals entſchließen, meine Hand der Toch⸗ ter eines hochmüthigen Edelmanns anzubieten, ſo müßte die erſte Probe ihrer Ergebenheit die ſein, daß ſie gerne zu mir in den Stand herabſteigen würde, den ich feſthal⸗ ten will und werde. „Ein andermal mehr darüber! Nun ruft mich mein Geſchäft. Du mußt wiſſen, daß ich nur in der Ein⸗ ſamkeit meines Kämmerleins, oder in Geſellſchaft, wo das unruhige Getöſe mich umgibt, ein Träumer bin. Unter meinen Leuten, in voller Wirkſamkeit auf meinem Gute, unter den Arbeitern meiner Gerberei bin ich nicht 222 mehr derſelbe Menſch— wenigſtens bin ich da vollſtän⸗ dig wach. Und iſt mir gleich eigentliche Ruhe und Zu⸗ friedenheit während der Arbeit etwas Fremdes, ſo fühle ich doch wenigſtens nicht die ewige Leere, die mich ſonſt peinigt,— und Arbeit iſt mein eigentliches Leben. „Nun leb' wohl Herzensbruder Wirén! Grüße deine Frau und vergieb mir, daß ich es vorziehe, meine Weih⸗ nachtsfeiertage an meinem eigenen Herde zuzubringen. Röſtorp iſt zwar im Winter ſehr einſam, allein meine Schwermuth würde ſicher zunehmen, wenn ich mich in der Naͤhe deiner Gattin wüßte. Wäre Virginia minder ſchön, ſo würde ohne Zweifel ihre Stumpfheit weniger abſchreckend ſein; und wärſt nicht du eines jener glücklich⸗ begabten Weſen, welche der Schöpfer in einem beſonders freundlichen Augenblicke geſchaffen hat, als eine frohere und wärmere Sonne über den trüben Erdentagen leuch⸗ tete— ſo müßte ich dich für den beklagenswertheſten aller Ehemänner halten. Allein dein unbegreiflich leichter, froher Sinn macht, daß dir dein Loos bei weitem weni⸗ ger ſchwarz erſcheint, als mir. „Von Dreſſens weiß ich nicht das Mindeſte. Ich vermag es dir nicht auszuſprechen, welch' unbegreifliches, mächtiges Gefühl mich abhält zu ſchreiben und ihnen die Dankbarkeit auszudrücken, die ich jetzt und allezeit fühlen werde. Es iſt dieß ein Zug, der meinem Herzen keine Ehre macht, und doch... ich wollte, daß ich nie dein Haus betreten hätte! Noch einmal, leb' wohl! Laß bald Etwas von dir hören; darum bittet dein treuer Ivar.“ 128+8ͤ y —z)———, 223 XXIV. Aſſeſſor Wiréns Antwort. „Mein beſter Borgenſtierna! Obgleich dein Brief in Bezug auf mein Haus und deſſen vornehmſten Lurus⸗ artikel, meine Frau, Sachen enthält, welche ſich nur einem geiſteskranken Freunde vergeben laſſen, ſo hat er mir doch den beſten Dienſt geleiſtet, und zwar in Bezug auf die Cur, welche er mit Virginia vorgenommen hat. Ur⸗ theile ſelbſt, ob ich nicht alle Urſache habe, dir dankbar zu ſein. Ueber das, was dich ſelbſt betrifft, wollen wir plaudern, wenn ich dir das auf meine Frau und mich Bezügliche mitgetheilt habe. „Nachdem ich deinen Brief zu Ende geleſen hatte, fiel es mir ein, daß ich doch meiner Frau die kleine Aufmerkſamkeit ſchuldig ſei, ſie das Urtheil eines Man⸗ nes über ſie wiſſen zu laſſen, welcher ſie nach ihrer Weiſe hoch ſtellte. Ich ging auf ihr Zimmer, wo ſie in hausmütterlicher Glorie da ſaß und meine Hemdkrauſen fältelte. „Liebe Virginia,“ ſagte ich mit bekümmertem Tone — ich bin wenigſtens gewiß, daß er ſehr bekümmert lau⸗ tete, denn ich fühlte mich in der That etwas ver⸗ ſtimmt—„ich habe ſehr unangenehme Nachrichten er⸗ halten!“ „Dieß thut mir leid,“ verſetzte meine Frau ſo ruhig und gleichgültig, als wäre von Nichts als von Hemd⸗ krauſen die Rede. „Ich weiß nicht, wie es zuging— hatten mich ge⸗ wiſſe Stellen deines Briefs über Virginia in Harniſch gebracht oder wurmte mir irgend etwas Andres. Kurz, ich war anfangs wirklich etwas ärgerlich auf ſie. Kann man aber auch auf Etwas leichter verdrießlicher werden, als auf eine Frau, welche ihrem Ausſehen, ihrer Stel⸗ 224 lung, ihrem ganzen Weſen nach völlig einem Automaten gleicht Die Folge davon war, daß ich ihr mit einer ungewöhnlichen Heftigkeit entgegnete:„Ich glaube nicht, daß dir irgend etwas leid thut, nicht einmal, wenn du hören müßteſt, ich hätte Hals und Bein gebrochen!“ Ohne eine Antwort zu geben, ſah ſie mich mit offenbar vorwurfsvollem Blicke an. Das war denn doch Etwas, das war mehr, als ich jemals geſehen hatte; jede Spur meiner Verſtimmung verſchwand, mit Entzücken ergriff ich ihre Hand und küßte ſie:„Würde es dich nicht ſchmer⸗ zen, Virginia, nicht ein wenig aus deiner gewöhnlichen Ruhe aufſtören, wenn du plötzlich hörteſt, du ſeieſt Wittwe geworden?“ „Ohne Zweifel,“ ſagte ſie langſam; aber dieſes „ohne Zweifel“ hatte ich ſie bei den gleichgültigſten Din⸗ gen von der Welt ſagen hören, und mißbehagte mir jetzt über die Maßen, daß ſie keinen paſſendern Ausdruck ge⸗ wählt habe. Meine Verſtimmung und mein Aerger ſtie⸗ gen noch höher, doch beherrſchte ich meine Aufregung, beugte mich über ſie und ſagte in demſelben Tone: Gib doch auf die Hemdkrauſen Acht; du verdirbſt ſie ja.“ „Abgekühlt erhob ich mich und wollte weggehen; da fiel mir jedoch dein Brief wieder ein, ich nahm ihn her⸗ aus und las ihr mit lauter Stimme die Stellen vor, welche auf ſie Bezug hatten. Kannſt du es glauben— ſie ward roth, ja in der That roth— als ich mit paſ⸗ ſendem Accente vortrug:„Ueberdieß muß ich dir noch ſagen, denn Freunde ſollen aufrichtig gegen einander ſein, daß ich mich in deinem Hauſe nicht heimiſch gefuhlt habe. Dieß mag dir etwas wunderlich vorkommen, allein glaube mir, ſo ſchwarz es auch in meinem eigenen Innern ausſieht, ſo liegt doch die eiſige Froſtnacht, welche Virgi⸗ nia um ſich her verbreitet, ſchwer auf mir, denn ſie er⸗ ſcheint als der ſchneidenſte Contraſt gegen dein eigenes lebensfrohes, feuriges Weſen, welches ſich keinen Augen⸗ blick durch das abſtoßende Benehmen deiner Gattin ſtören oder dämpfen läßt.“ Auge. 225 „Und weiter unten:„Grüße deine Frau, und vergib, daß ich es vorziehe, meine Weihnachtfeiertage an mei⸗ nem eigenen Herde zuzubringen. Röſtorp iſt zwar im Winter ſehr einſam, allein meine Schwermuth würde ſicher zunehmen, wenn ich mich in der Nähe deiner Gat⸗ tin wüßte. Wäre Virginia minder ſchön, ſo würde ohne Zweifel ihre Stumpfheit weniger abſchreckend ſein; und wärſt nicht du kines jener glücklich begabten Weſen, wel⸗ che der Schöpfer in einem beſonders freundlichen und günſtigen Angendlicke geſchaffen hat, als eine frohere und wärmere Sonne über die trüben Erdentage leuchtete— ſo müßte ich dich für den beklagenswertheſten aller Ehe⸗ männer halten. Allein dein unbegreiflich leichter, froher Sinn macht, daß dir dein Loos bei weitem weniger ſchwer erſcheint, als mir.“ Hier fiel ihr das Meſſerchen auf den Boden, und als ich mich bückte, um es aufzuheben, wurde ich zwei gleich merkwürdige und außerordentliche Dinge gewahr, welche ſowohl mein hohes Erſtaunen, als auch mein ernſtliches Nachdenken in Anſpruch nahmen: in der ankenloſi igkeit hatte ſie mit dem Meſſerchen einen Schnitt in die Hemdkrauſe gemacht— und auf derſelben war ein Fleck— ein Fleck von einer Thräne aus Virginia's „So unglaublich dir dieß auch ſcheinen mag, es iſt nichtsdeſtoweniger wahr. Aber was hatte dieſe Bewe⸗ gung in ihr hervorgebracht? Verwundeter Stolz, oder * die erſte Erkenntniß ihres eigenen Weſens, welche auf ſie einſtürmte, als mit einem Male die Binde ſo heftig von ihren Augen geriſſen ward— oder war es.. Es gibt noch ein Drittes, allein das will ich nicht nen⸗ nen, denn es gränzt an die Unmöglichkett; und Gott bewahre mich vor einem Verdachte, der wahrſcheinlich, ja ganz gewiß, das ſchreiendſte Unrecht gegen ſie wäre. Genug, der beſagte Fleck war in der That da, und es läßt ſich annehmen, daß ſie den auf das Hoͤchſte ſchätzen muß, deſſen ausgeſprochene Anſicht im Stande war, ſie Der Skiutsjunge. 15 226 dergeſtalt aus ihrer gewöhnlichen marmorgleichen Regungs⸗ loſigkeit aufzuſcheuchen. „Virginia,“ ſagte ich herzlich,„es thut dir wohl ſehr wehe, daß mein beſter Freund mit ſolchem Wider⸗ willen eine Einladung in unſer Haus von ſich weist und in ſolchen Ausdrücken von meiner Gattin ſpricht; habe ich nicht Recht?“ „Ja wohl haſt du Recht,“ antwortete ſie leiſe und gelaſſen;„aber, Wirén, ich wußte nicht, daß man dich für ſo unglücklich hält, und eben ſo wenig wußte ich, daß ich nicht war wie andre Weiber— ich kann nicht dafür.“ „So viel hatte ſie noch nie auf ein Mal geſprochen, und in Allem zuſammen, was ſie ſeit den drei Jahren unſrer Ehe geſagt hatte, lag nicht ſo viel Gefühl, als in dieſer einfachen Erklärung.„Aber, Virginia, wenn du noch etwas von Kälte in deinem Herzen fühlſt, ſo wärme dich an dem meinigen,“ ſagte ich glücklich— ja glücklicher als je.„Erwärme dich an meinem Herzen, Virginia!“ Dabei ſchloß ich ſie heftig in meine Arme. „Ein heftiges Zittern durchbebte ihren ganzen Körper. Sie riß ſich los:„Jetzt nicht, jetzt nicht!“ rief ſie mit dem Ausdrucke der offenbarſten Angſt.„Ich muß erſt wieder zu mir kommen; laß mich!“ „Gegen ihren Willen wollte ich ſie nicht feſthalten; — allein noch nie ward mir die Zeit bis zum Abend⸗ eſſen ſo lange, wo ich ſie erſt wieder ſehen ſollte. End⸗ lich wurde zu Tiſche gerufen, und als ich mit meinem Schreiben ins Zimmer trat, war ſie ſchon da. Sie ſtand am offenen Fenſter, ſteif und kalt wie gewöhnlich; als ich mich ihr aber näherte, ſchwebte ein feines, aber plötz⸗ lich wieder verſchwindendes Lächeln über ihre Lippen. O könnteſt du einſehen und begreifen, wie bezaubernd ſie iſt, wenn irgend ein Schein von Gefühl ihre himmli⸗ ſchen Züge belebt! Ja, ich fühle, daß ich nun, nach drei Jahren, mich auf's Neue in ſie verlieben könnte, ————— ͤ888—— —————— — ——— 227 heftiger als je, bis zur Raſerei,— und dieß in meine eigene Frau! „Virginia iſt aber auch nicht wie andre Weiber. Es liegt zugleich etwas Abſtoßendes und doch wieder An⸗ lockendes und Hinreißendes in dieſer ſeltſamen Miſchung von Leben und Tod. Und mir ſie auf einmal ſo zu denken, wie ihre Mitſchweſtern, mit demſelben Feuer und denſelben warmen Gefühlen— dieß wäre etwas ſo Ungewohntes, daß ich es nicht zu faſſen im Stande bin. Waͤre es mir aber vorbehalten, ein zweiter Prometheus zu ſein, ſo glaube ich, würde mein eigenes Werk meine Liebe für ſie und mein Glück nur noch hundertfach ſteigern. „Als wir Abends allein waren, fieng ſie zuerſt von der Begebenheit des Tages zu ſprechen an:„Wirén, ich habe dich um Etwas zu bitten.“ „Sag es, Theuerſte! Soll ich ſchnurſtracks nach Röſtorp reiſen und, mag er wollen oder nicht, den Bor⸗ genſtierna mit hieher bringen, daß er zu deinen Füßen ſein Unrecht abbittet?“ „Bei dieſem ſcherzhaften Vorſchlage, den mir mein aufflammendes Gefühl eingab, ſah ich, wie eine Wolke, dunkler als alle Roſen, welche je eines Weibes Antlitz geroͤthet haben, zitternd über ihre Wangen ſchwebte, um im Augenblicke der eiſigſten Bläſſe zu weichen; dabei machte ſie mit der Hand ein abwehrendes Zeichen voll ſchmerzlichen Unwillens. „Was haſt du denn, mein Engel?“ fragte ich, nicht gewaltig erbaut durch die Aufregung, welche dein Name hervorgebracht hatte. „Ich bitte dich,“ verſetzte ſie,„nie wieder dieſen Abend zu erwähnen. Meinerſeits ſoll die ſcharfe Lehre, welche ich heute erhalten habe, hinreichend ſein, mich hinfort zu beſtimmen, die mit meinem ganzen Weſen ſo innig verbundene Gleichgültigkeit und Schweigſamkeit zu bemeiſtern. Ferner will ich mich bemühen, von nun an meinen Platz beſſer auszufüllen; ich will verſuchen, ſo zu werden, wie andre Frauen.“ 228 „Was für ein Wunder, Freund! Solche Worte aus Virgina's Munde! Und was biſt du für ein Hexenmeiſter, daß du durch dein bloßes Urtheil eine ſolche Umwandlung hervorzubringen vermagſt! Du ſiehſt nun ſelbſt, wie ſtarke Ausbrüche zuweilen auch ihr Gutes haben. Es gibt jedoch Dinge, bei deren Folgen man ſich am beſten befindet, wenn man ſie annimmt und ſich ihrer freut, ohne weiter zu unterſuchen. Und wohin ſollten meine Forſchungen führen, wenn ich auch deren anzuſtellen geſonnen wäre? Ich weiß es nicht und fühle einen Widerwillen in mir es zu erfahren. „In der Natur, hauptſächlich in der menſchlichen, gibt es viel Unerklärliches. Wozu das Streben, Etwas beleuchten zu wollen, das, in geheimnißvolles Dunkel ge⸗ hüllt, unläugbar nur weit angenehmere Wirkung thut, als wenn wir den Schleier wegreißen, und es uns nun auf einmal ſo nahe ſteht, daß wir die Augen ſchließen müſſen, um nicht allzu hell zu ſehen! „Aber nun auch zu dir und deinen Angelegenheiten!“ „Wenn du nicht ein unheilbarer, krankhafter Grüb⸗ ler biſt, ſo folge meinem wohlgemeinten, vernünftigen Rath, und mache mit dem Mädchen vorwärts. Was in aller Welt! willſt du denn mehr haben, als dir hier zu Gebot ſteht? Amelie iſt ja lieblich und reizend, wie Hebe ſelbſt. Sie iſt brav und ſanft, wie nur ein Weib ſein ſoll, ohne daß ihre Sanftheit in Weichheit oder gar Stumpffinn ausartete; ſie iſt geſchickt, fleißig, rührig und häuslich; ſie hat gerade den Grad der Bildung, der ſie zu einer liebenswerthen, einnehmenden Hausfrau macht, eine herrliche Geſellſchafterin für einen etwas knurrigen Mann, und ſchließlich iſt ſie dir gut, und wird treulich Freud und Leid mit dir theilen. Und iſt Alles dieſes nicht hinreichend, um in deinem Herzen ein Gefühl feſte Wurzel faſſen zu laſſen, welches ſich ſchon da eingeſtellt hat, ſo erinnre dich, mit welcher unſägli⸗ chen, aufopfernden Zärtlichkeit ſie dein Kind gehegt und 4 gepflegt hat— dann wirſ t du erröthen über die unedle . w 229 Selbſtſucht, mit der du das Mädchen ſo im Stiche laſſen und zuſehen willſt, ob und wie ſie ſich ſelbſt auf eigene. Fauſt den widerwärtigen Anträgen des Göͤſſe und dem dummen Eigenſinne ihres Vaters zu entziehen weiß, wäh⸗ rend du in aller Gemächlichkeit dich beſinnſt, ob du dir die Mühe geben ſollſt, die Hand auszuſtrecken, um die Roſe zu pflücken, welche an deinem Wege ſteht— oder ob du ſie gleichgültig dem Sturme überlaſſen willſt, der ſie zerſtͤren wird, um dir nachher den ewigen Vorwurf zu machen, die Zeit fruchtlos verſtreichen haben zu laſſen, während Handeln dem Manne beſſer angeſtanden haben würde, als Grübeln. „Indeſſen habe ich, als dein älteſter und ergebenſter Freund, es für meine Pflicht gehalten, auch ein wenig in die Sache einzugreifen und Jene in ihrem Treiben etwas zu hemmen, bis du einen Entſchluß gefaßt haſt. Ich kenne den Lieutenant U...., welcher ſeit der Bade⸗ zeit zu Strömſtad des Kammerjunkers treulicher, ſteter Begleiter geweſen iſt, und von ihm habe ich, unſerm freundſchaftlichen Uebereinkommen gemäß, nicht allein Nach⸗ richt von Göſſe's Freierei, ſondern auch die Copie eines köſtlichen Briefs, den er in jener ehrenden Abſicht dem Obriſtlieutenant geſchrieben hat. Er iſt ein merkwürdiger Pendant zu jenen ausgewählten Verſen, welche er damals ſeiner erwählten Herzenskönigin dedizirte, und deren du dich noch von meiner Mittheilung her erinnern mußt. Den Brief ſelbſt erhältſt du beifolgend, jedoch unter dem ausdrücklichen Vorbehalt unverzüglicher Rückgabe, denn du wirſt einſehen, daß für einen kunſtliebenden Sammler literariſcher Raritäten der Verluſt eines ſolchen Pracht⸗ eremplars, wie Göſſe's Freiersbrief, nicht zu erſetzen wäre. „Allein ſo raſend auch der Brief ſein mag, ſo iſt es ihm doch mit ſeiner Freierei Ernſt, und da du auf Tune⸗ fors nichts von dir hören noch ſehen läßt, ſo iſt es ſehr verzeihlich, wenn der Kammerjunker wenigſtens bei dem Obriſtlieutenant offene Thüre und offene Ohren findet. 230 Und dieß iſt in der That der Fall, denn in ſeiner Ant⸗ wort an Göſſe heißt es unter Anderm:„Ich kann Ihnen übrigens nicht verſchweigen, mein Herr, daß meine Toch⸗ ter, für den Augenblick wenigſtens, keine Neigung fühlt, Ihrem Wunſche zu entſprechen, bin übrigens der Meinung, was die Erfahrung ſo oft gezeigt hat, daß junge Mädchen ſehr veränderlicher Natur ſind und in dieſem Anbetrachte nehme ich mir die Freiheit, Ihnen den Vorſchlag zu machen, in eigener Perſon hieher kommen zu wollen, um die Sache ſelbſt zu betreiben, wozu ich von Herzen den beſten Erfolg wünſche.“ „Auf dieſen Brief hin macht nun Goͤſſe alle Reiſe⸗ zurüſtungen zur großen Freierei, und es wäre wohl mög⸗ lich, daß er ſchon dort iſt, jedoch nicht allein, wie du gleich hören wirſt. „Aus Beſorgniß, der Obriſtlieutenant, der mir et⸗ was gewaltthätiger Natur zu ſein ſcheint, möchte durch Drohungen oder Zureden melie zum Nachgeben bewe⸗ gen, habe ich den Baron Lindenſköld zu vermögen ge⸗ wußt, auf ſeiner Reiſe nach Stockholm, zur Unter⸗ ſtützung meines Plans einen kleinen Umweg zu machen. Du weißt, was er für ein herzensguter, ehrlicher, alter Kerl iſt, der zu einem kleinen unſchuldigen Spaß auf der Stelle die Hand bietet, namentlich wenn er dabei die Ausſicht hat, ſeinem Liebling Amelie einen Dienſt thun zu koͤnnen. Der Baron wird zu Tunefors in einer Art auftreten, daß der Obriſtlieutenant, welcher ſtets anzubeißen bereit iſt, nicht wiſſen ſoll, woran er iſt, und in der Hoffnung, Amelie gar noch als Baronin zu ſehen, den Göſſe zwar nicht geradezu abweiſen, allein ihn doch wenigſtens hinhalten wird, bis du durch deine Ankunft der Sache den Ausſchlag gebenkannſt. Du brauchſt nicht bange zu ſein, daß der Baron die Sache nicht mit der gehörigen Feinheit behandeln werde; der Obriſtlieutenant hat den Kopf ſtets voll Heirathsanträ⸗ gen und Heirathsplänen, ſo daß es den Baronnicht viel Mühe koſten wird, um es dahin zu bringen, daß jener —-—.. 231 ſeine Anweſenheit nicht auf Rechnung eines gewöhnli⸗ chen freundſchaftlichen Beſuchs ſetzt. Ich habe den Baron Lindenſkoͤld in Alles eingeweiht, was ich ſelbſt über deine Neigung weiß, und wir ſind Beide darin übereinge⸗ kommen, daß die kleine Sünde, uns mit dem bornirten Herrn Obriſtlieutenant einen kleinen Spaß(freilich mit der größten Vorſicht) gemacht zu haben, mehr als hin⸗ reichend ihre Entſchuldigung in der Abſicht findet, dir die holde Amelie zu erhalten. „Was wir nun von dir hoffen und verlangen, iſt einzig und allein: daß wir uns nicht den Kopf umſonſt zerbrochen haben wollen, daß unſre Sorgen und Anſtren⸗ gungen nicht vergebens geweſen ſein ſollen, und daß du zu deinem eigenen Nutz und Frommen einſiehſt, was dir gut iſt. „Gegen das, was du am Ende deines Briefes er⸗ wähnſt, weiß ich nichts einzuwenden. Ueber dieſen Punkt denken wir gleich. Indeſſen will ich damit nicht geſagt haben, daß ich an deiner Stelle auch ſo gehandelt hätte. So etwas läßt ſich unmöglich ſagen.— Aber ich lege es dir nochmals an das Herz, verſäume nicht das Koſtbarſte — die Zeit. Dein Wirén.“ XXV. Borgenſtierna zu Hauſe. An einer der Buchten des Hjelmarſees liegt Röſtorp auf einem langgeſtreckten Hügel, von dem herab ſich das weißgetünchte Wohnhaus, von einem dichten Haag umſchloſſen, in der Mitte alter Kaſtanienbäume ſe⸗ wohl in der Nähe als aus der Ferne herrlich aus⸗ nimmt. Imzweiten Stockwerke beſindet ſich an der 232 Vorderſeite des Gebäudes ein Balkon, den der Eigenthümer ſogleich nach ſeiner Rückkunft aus dem Bade hatte anbringen laſſen; auf dieſem ſtand er dann oft in Gedanken verſunken über die Brüſtung gelehnt, und ſchaute auf die unruhigen Wellen des Sees, oder ſtarrte nach dem Wege hinab, welchen ſelten ein fremder Gaſt kam, um die Einför⸗ migkeit des Ortes zu unterbrechen. Oft fühlte er das Bedürfniß, ſein Leben zu ändern, jedoch hielten ihn Mißtrauen und Unentſchloſſenheit ſtets wieder davon zurück. Von dem Balkon, auf welchem er Stunden lang ſtehen konnte, ging er gewöhnlich in ſeine Gerberei hinab, und ſah, wie die Arbeit friſch und munter ihren Fort⸗ gang nahm. Er ſprach mit ſeinem Faktor, einem an⸗ ſtändigen gewandten Manne, über Verbeſſerungen in der Landwirthſchaft, und berieth mit ihm die verſchiedenen Vorſchläge und Pläne, welche irgend auf ihr gemeinſames Geſchäft Bezug hatten. Thätigkeit war ihm Bedürfniß, und er hatte daran auch zur Genüge, deſſen ungeachtet fehlte es ihm aber doch nicht an Muße, und da fand ſich dann hauptſächlich ſeine düſtere Laune wieder ein, wenn er nach dem Mittagstiſche, an welchem nur der Faktor ſein Geſellſchafter war, hinaufkam in ſein einſames Zimmer..— Hier vor dem Sopha, dem gegenüber, auf welchem er ſelbſt ſaß, hatte er ſo manch Mal Mathildens Seufzer gehört; aber auch eben ſo oft ihre freundlichen Dankes⸗ worte für ſeine treue zärtliche Pflege. Auf dem Teppiche zu ſeinen Füßen hatte Alfred mit Diana geſpielt— aber Alles, Alles war nun fort— Alles leer. Schrecklich öͤde ſtand die lange Reihe der ſchön ausgeſtatteten Zimmer da: kein Laut ließ ſich vernehmen, als der tiefe Athemzug des Eigners und das Ticken der Uhr. „Ich erſticke hier!“ ſagte Borgenſtierna eines Nach⸗ mittags, da er ſich mehr als gewöhnlich von ſeiner Schwermuth heimgeſucht fühlte, welche ſo innig mit ſeinem ganzen Leben und Sein verwachſen war.„Luft —— ⸗ 82————————“ — SS —.,— 233 muß ich haben!“ Er trat auf den Balkon. Es war ein Herbſtabend, wo die Sonne zeitig untergeht, auf dem ſchwarzen Hintergrunde, wo die Baumwipfel in eine dunkle Maſſe verſchwammen, glänzten die geldnen Strah⸗ len, bis ſie allmälig in die Arme der ſchaumgekrönten Waſſerfläche hinabſanken. Was Borgenſtierna dachte, wiſſen wir nicht, aber vielleicht waren es entfernte Erinnerungen, welche an ſeiner Seele vorüberzogen, denn er hatte ſeit einiger Zeit viel in der Vergangenheit gelebt. Seine Aeltern, das ärmliche Hüttchen im Swarteborger Walde, ſein treuer Schimmel und das Abenteuer, welches mit ſeinem Tode in Verbindung ſtand, der eigentliche Wendepunkt ſeines Lebens— dann die Reiſe nach Soineſund beſchäftigten ihn manche Stunde, und verflocht ſich unmerklich immer mehr und mehr mit den Ereigniſſen des letztverfloſſenen Sommers. Während er ſo da ſtand und den Sonnenuntergang betrachtete, trat ſein Faktor heran und brachte ihm die Poſttaſche. Wiréns Brief war darin; kaum hatte Bor⸗ genſtierna die wohlbekannten Schriftzüge des Freundes er⸗ kannt, ſo begab er ſich ſchleunig auf ſein Zimmer zurück, herzlich froh, ſeine eigenen Gedanken los zu werden. Die Erzählung von Virginias wunderbarer Auf⸗ regung bei Anhörung ſeines Briefs weckte Empfindun⸗ gen in ihm, welche ſich nicht leicht entziffern oder erklären, und noch viel weniger mit Worten wiedergeben laſſen. Er konnte nicht umhin, die Winke in Wiréns Mittheilung zu verſtehen, ſo dunkel auch der Schleier war, den er überdas Ganze zu werfen verſuchte. Aber, wie es ihn auch auf der einen Seite höchlich erfreute, daß irgend Etwas— mochte es nun ſein, was es wollte— Leben in das Marmorbild gebracht hatte, ſo war es doch auf derandern Seite faſt eine Tod⸗ ſünde, das zu, denken, was ihr Gatte zu denken wagte. Bei dem bloßen Gedanken daran ſtieg ihm das Blut gegen den Kopf, das Hirn ſchwindelte ihm, wenn er einen 234 Blick in die Tiefe des Frauenherzens zu werfen verſuchte; denn konnte Virginia, die ſo kalt und ſo keuſch wie eine Veſtalin ausſah, konnte ſie ein anderes Bild- noch im Herzen tragen, außer dem ihres Gatten— was konnte man da von allen Uebrigen erwarten? Eine Hoffnung blieb ihm jedoch. Er kannte Wiréns Heftigkeit und wie unbegreiflich leicht er jeden Eindruck aufnahm, welcher wenigſtens dießmal, bei ſpäterer Ueber⸗ legung, nothwendig die Färbung verlieren mußte, welche er im Augenblick zu haben ſchien. Bei dieſer Vermuthung blieb er denn auch ſtehen, und es wurde in ihm zur Ueber⸗ zeugung, daß Wirén in einen groben Irrthum verfallen ſei, in welchem die falſchen Schlußfolgerungen ſeines letzten Briefs ihren Grund hätten. So viel ſtand übrigens feſt, Virginia war entweder durch Nachdenken, oder in Folge eines anderen Gefühls, deſſen verborgene Urſache nicht zu entdecken war, ploͤtzlich aus ihrer Stumpfheit erwacht. Und da es nichts Er⸗ wünſchteres für ſeines Freundes Glück geben konnte, ſo hielt es Borgenſtierna für das Beſte, das Uebrige keiner weitern Unterſuchung zu unterwerfen, ſondern dem zu über⸗ laſſen, der tiefer in unſere Herzen ſieht, als Menſchen dieß vermögen. Als er mit ſeinen Betrachtungen ſoweit gediehen war, las er ſeinen Brief weiter, und fand nun eine Menge Dinge, welche ſeine Ueberlegung in eigener Sache in An⸗ ſpruch nahmen. Der Brief des Kammerjunkers entlockte ihm ein flüchtiges Lächeln; aber Wiréns ſo gut gemeinte Dienſtfertigkeit, ſich und den Baron Lindenſköld in ſeine Angelegenheiten zu miſchen, erweckten im höchſten Grade ſeinen Unwillen; denn das mußte ja ſeine eigene Sorge ſein, und ging keinen Menſchen außerdem etwas an, ſich eine Frau zu verſchaffen, wenn er überhaupt je eine haben wollte. Dieſer eigenmächtige Eingriff in eine Angelegen⸗ heit von ſo äußerſt zarter Natur, auf welcher das ganze künftige Glück oder Unglück ſeines Lebens beruhte, mißbehagte er ls, ich Sr⸗ ſo ner er⸗ hen hen nge An⸗ ckte inte eine rade orge ſich aben gen⸗ anze agte —— 23⁵ ihm dergeſtalt, daß er gerade das Gegentheil von dem zu thun beſchloß, was ihm der Aſſeſſor anrieth.— Er faßte nämlich den Entſchluß, die handelnden Per⸗ ſonen ihre Rolle ſpielen zu laſſen, und erſt nachdem er erfahren, was das Endreſultat geweſen, wollte er über⸗ legen, was nun ſeiner Seits zu geſchehen habe. Indeſſen mußte er ſich doch auch ſelbſt wieder den Einwurf machen, daß er durch ſein Zögern wohl die Friſt verſäumen möchte. Amelie, ein armes Mädchen ohne Ausſicht auf eine andere Partie, konnte nehmen, was ſich ihr darbot,— und dieß war ihr freilich nicht zu ver⸗ denken. „Wenn auch!“— hier nahm Borgenſtiernas Ge⸗ dankenfolge einen raſchern Gang;—„iſt Amelie im Stande, ihre Hand wegzugeben, nur um einen Mann— eine Verſorgung zu bekommen, dann nehme ſie in Gottes Namen wer da will. Iſt ihr Herz dagegen bereits ge⸗ feſſelt, ſo...“ Weiter ging er vor der Hand nicht; da⸗ gegen nahm er ſich vor, der Sache ihren Lauf zu laſſen, ſich nicht im geringſten einzumiſchen und lediglich zuzu⸗ ſehen, wie ſich die Dinge auch ohne ſeine Dazwiſchenkunft geſtalten würden. Ein paar Tage nachher ſchrieb er an Wirén unter Anderm Folgendes: „Du haſt dich zur Beſchleunigung meiner Angelegen⸗ heiten bewogen gefunden, und ſie ſtehen nun, trotz dem, wenigſtens in Bezug auf mich, vollkommen ſtill. Laß uns nicht mehr von Amelie ſprechen, überhaupt nicht mehr vom Heirathen; denn ſollten mich je wieder neue Bande feſſeln, ſo will ich ſie wenigſtens ſelbſt knüpfen. „Was die andere Sache betrifft, über welche wir oft mündlich geredet haben, ſo bin ich nun nach reiflicher Ueberlegung zum Entſchluß gekommen. Ich habe bereits vor einigen Poſttagen mein Geſuch eingereicht, und fühle ein ſehnſüchtiges Verlangen, meine Wünſche in dieſer Beziehung realiſirt zu ſehen. Leider geht Al⸗ 236 les, was ſolche Umwege machen muß, erſchrecklich lang⸗ ſam. Allein man muß Geduld haben;— bin ich ein Mal ſo weit, dann will ich mich aber auch ſo frei und ledig fühlen, wie der Vogel auf dem grünen Zweige! „Ich bin gegenwärtig daran, eine Menge Aenderun⸗ gen und Verbeſſerungen auf Roͤſterp anzubringen;— nicht gerade was die eigentliche Gutsbewirthſchaftung an⸗ belangt, denn da ruhen meine Verſuche nie, ſondern es iſt jetzt hauptſächlich von einer neuen Gartenanlage und einer Erweiterung des Parks und dergleichen die Rede. Beſchäftigung muß ich haben, ſie allein iſt das Heilmittel gegen meine innere Unruhe.— Ich kann die Urſache dieſer Milzſucht, wie ſie mein Arzt nennt, nicht heraus⸗ finden. Sie hat allmälig Jahr um Jahr zugenommen, namentlich im Herbſte überkömmt ſie mich in heftigerem Grade, und es treten Momente ein, in denen ich vergeb⸗ lich eine Stütze ſuche, und weder in der Natur und meiner eignen Bruſt, noch auch ſogar in der Religion einen Schutz dagegen finde. Da liegt es denn ganz ſchwer und dumpf auf mir, ringsumher iſt Alles öde und dunkel — und meine Vernunſt, ſelbſt jedes beſſere Gefühl ſind nahe daran, in dem Kampfe unterzugehen, dem ſie nicht ausweichen können, und in welchem ſie nach unzähligen Verſuchen zwar ſiegen, aber nur um bald wieder zu unterliegen. Es iſt ein nie ruhender Streit, der ſich nur durch Arbeit, muntere Thätigkeit und neue Pläne dämpfen läßt. Ergäbe ich mich muthlos in mein Geſchick, ſo wäre es mit meiner Kraft bald verbei. Aber dahin darf es nicht kommen. Ich will den Feind beſiegen, der mir Herz und Verſtand in ſo ſchmählige Bande ſchla⸗ gen will. „Vielleicht führe ich ein allzu einſames Leben,— Geſellſchaft macht mich aber krank. Nur mit meinem Faktor kann ich nunmehr ſprechen, ſeit ich Alfreds liebe Stimme nicht mehr höre. Ich bin aber ja auch gänz⸗ lich verarmt! Wo iſt ein Weſen, das ich mein nen⸗ nen könnte? Wo ein Herz, das ſich meiner Luſt kin in 237 freut, und meinen Schmerz mit mir theilt, das mich verſteht, und auch ohne Worte und ohne Frage meine Gedanken erräth, und tief und lebendig mit mir fühlt? Mann und Weib— Gedanke und Gefühl— Ein Leben, Eine Seele. So aber muß ſie lieben, ſonſt iſt es keine Ehe nach meinem Sinne. Doch, es iſt das Beſte wir brechen hier ab. „Ich habe mich bereits mit allzu egoiſtiſcher Weit⸗ läufigkeit bei mir ſelbſt aufgehalten. In Bezug auf dich und Virgina's Veränderung ſage ich blos:„Nimm dich in Acht!“ Meiner Anſicht nach ſteht ſie jetzt auf einem Punkte, wo es hauptſächlich auf dich ankommt, den Himmel oder die Hölle in ihrem Herzen anzubauen. Jedes weitere Wort darüber wäre eben ſo unnöthig als unpaſſend. Ivar.“ XXVI. Das verhängnißvolle Kalb. Als Amelie von der Wanderung heimkehrte, zu welcher kindliche Liebe ſie getrieben hatte, und ruhig und vergnügt in das Zimmer trat, fand ſie die Mutter allein, ſtill und gedankenvoll bei ihrer Arbeit. „Iſt Papa unten geweſen?“ fragte Amelie. „Ja, zu Mittage.“* „Iſt er noch böſe, liebes Mütterchen?“ „Das kann ich nicht ſagen, mein Kind; allein es kommt mir vor, als ob er bereits die Nachgiebigkeit bereue, welche er heute Morgen gezeigt hat— wenig⸗ ſtens ſo viel iſt gewiß, er hat ſchon eine Antwort ab⸗ geſandt.“ „Das hat ja erſchreckliche Eile,“ verſetzte Amelie. 238 „Ich weiß nicht, was daraus zu ſchließen iſt, doch, denke ich, läßt ſich wohl annehmen, daß nach dem, was ich dem Vater heute Morgen geſagt habe, die Antwort nicht ſehr günſtig für den Kammerjunker ausgefallen ſein wird.“ „Da bin ich anderer Meinung,“ entgegnete Frau von Dreſſen mit unverkennbarer Unruhe in ihrer Stimme. „Dein Vater pflegt ſonſt nie eine Heimlichkeit vor mir zu haben, und hätte er ihm eine beſtimmte abſchlägige Antwort gegeben, ſo hätte ich ſchon längſt hören müſſen, welches Opfer ihm dein Unverſtand gekoſtet habe. Sein Schweigen bringt mich aber auf andre Schlußfolgerungen.“ „So will ich ſchnell hinaufgehen, und mit ihm reden, ehe er gehoͤrig die verſchiedenen Vorſtellungen erwägen kann, die er mir machen will, um mich zum Gehorſam zu bringen. Ich habe heute etwas ausgerichtet, was dem Papa ſicher Freude machen wird, und will nun mein Glück verſuchen.“ Um der Mutter nicht über den eigenmächtigen Schritt, ihr Geſchmeide verſetzt zu haben, Rede ſtehen zu müſſen, wollte ſie mit dem Bekenntniſſe warten, bis ſie wußte, was es bei dem Vater für Früchte tragen werde. Um der ſehr natürlichen Frage von Seiten der Mutter:„Was meinſt du damit?“ welche ihr offenbar ſchon auf den Lippen ſchwebte, auszuweichen, eilte ſie fort, und war mit ein paar ſchnellen Sprüngen die Treppe hinauf vor ihres Vaters Thüre. Obgleich Amelie's Klopfen ohne Antwort blieb, wagte ſie es doch die Thüre zu öffnen. Der Obriſt⸗ lieutenant ſaß am Tiſche und ſtützte den Kopf in die Hand. „Darf ich dich ein wenig ſtören, Papa?“ fragte Amelie, und ſteckte ihr Köpſchen zur Thüre hinein. „Ja, wenn du vernünftiger zurückkommſt, als du heute früh weggegangen biſt. Im andern Falle kannſt du mich in Frieden laſſen.“ 2— 239 geſehen, daß es dir natürlich höchſt unangenehm ſein müſſe, der Schuldner des Kammerjunkers zu ſein, und zwar gerade in dem Augenblicke, wo er mich zur Gattin begehrt.“ „So, biſt du wirklich von ſelbſt auf einen ſo ver⸗ nünftigen Gedanken gekommen? Dieß macht ſowohl deinem Herzen als deinem Verſtande Ehre. Du ſiehſt alſo wohl ſelbſt ein, daß wir nichts Beſſeres thun können, als Ja ſagen.“ 3„Weit entfernt, lieber Papa! Sollten wir nicht lieber die Summe von zweihundert Thalern Beo. zu⸗ ſammenzubringen ſuchen, als dem Herrn von Goͤſſe unſre Hand reichen? Ein ſolcher Grund zur Annahme ſeines Anerbietens kann doch in der That nicht als wirklicher Grund gelten.“ „Nein, wenn man überhaupt nach einem Grunde ſich umzuſehen brauchte; denn ich ſehe nicht ein, was es dabei eines weiteren Grundes bedarf, als, daß das Anerbieten an und für ſich gut iſt.“ „Und daß ich Luſt dazu habe, Papa; das iſt doch auch ein Umſtand, den du hoffentlich nicht ganz unberück⸗ ſichtigt laſſen wirſt.“ „Daß doch ihr Weiber niemals wißt, was ihr wollt! Was haſt du mir denn aber eigentlich zu ſagen?“ „Ja, Papa, es handelt ſich vom Gelde. Ich habe mich unterſtanden, welches anzuſchaffen, in der Hoffnung, daß du mir lieber die Freude gönnſt, dir in einer augen⸗ blicklichen Verlegenheit hülfreich beizuſtehen, als daß du von mir das groͤßte Opfer verlangſt, das Glück und den Frieden meines ganzen Lebens für die übergoldeten Ketten, welche Göſſe mir anbietet, hinzugeben.“ „Wo, in des Herrn Namen, biſt du denn aber zu dem vielen Gelde gekommen, Mädchen?“ fragte der „Ich muß dir etwas ſagen, Papa. Ich habe ein⸗ Obriſtlieutenant, und vergaß über die beiden Banknoten, welche ihm Amelie hinreichte, gänzlich den letzten Theil ihrer Rede. 240 „Ich habe all mein Geſchmeide verſetzt, liebes Väter⸗ chen, und auch die Löffel, die ich von Tante Utter zum Neujahre bekommen.“ „Dein Geſchmeide verſetzt, auf Pfand geliehen? Träumſt du oder haſt du den Verſtand verloren? Du, die Tochter des Obriſtlieutenants von Dreſſen!... Aber es kann nicht ſein, du haſt nicht in ſo hohem Grade ver⸗ geſſen koͤnnen, was du deinem Stande und deiner Familie ſchuldig biſt!“ „Ich habe nicht gewußt, daß die eine Art Geld zu leihen, weniger ſchicklich ſei als die andre. Man kann ja außerdem die Sache als einen reinen Handel betrachten: ich habe meine Koſtbarkeiten verkauft, und das Geld iſt alſo mein Eigenthum.“ „Nimm dich in Acht, Amelie, mit deinem Vater Scherz zu treiben!“ Bei dieſen Worten färbten ſich die Wangen des Obriſtlieutenants dunkelroth, und die Hand, in welcher er die Noten hielt, zitterte gewaltig. Voll Staunen, und nicht im Stande recht zu be⸗ greifen, was ihren Vater eigentlich ſo außer ſich bringe, entgegnete Amelie blos:„Scherz! wie kannſt du nur ſo etwas glauben, Papa? Wie könnte ich es wagen, mit meinem Vater Scherz zu treiben?“ „Demnach iſt es wirklich wahr? Du haſt alſo in der That den Verſtand verloren? Du haſt ohne Be⸗ denken deines Vaters guten Ruf, ſeinen Kredit, ſeinen Namen, was noch mehr heißen will, ſeine Ehre, einem kindiſchen Einfalle geopfert? Was werden die Leute ſagen, wenn ſie hören, das Fräulein von Dreſſen lauft im Lande umher und verkauft ihren Schmuck, damit ihr Vater ſeine Schulden damit bezahlen kann! Hal! es iſt gräßlich! Iſt das deine kindliche Liebe? Es iſt mir ſchon als höre ich alle Zungen in Bewegung ob des unerhörten Vorfalls. Wer in aller Welt hat dir denn deine Sachen abgekauft oder Geld darauf geborgt? Ich kann mir's gar nicht denken!“ „Der Alte vom Berge hat mir das Geld geliehen; 241 und ich frente mich ſo innig darauf, meinem Vater aus der Verlegenheti helfen zu können.“ „Alſo bei dem alten, heilloſen Wucherer, an den ſich der elendeſte, miſerabelſte Bauer in ſeiner Noth wendet, wenn er ſeine Steuern zahlen ſoll oder Saatkorn braucht! Bei dem— in dieſem Spitzbubenneſte biſt du ge⸗ weſen?“ Ein eiſiger Schauer fuhr dem Obriſtlieutenant durch die Glieder. Ein ſo niederdonnernder Schlag für ſeinen Hochmuth dieſer Vorfall auch war, ſo lag doch auch wie⸗ der etwas Rührendes für ſein Vatergefühl in Amelies einfacher ſchöner That, daß eine Empfindung der andern weichen mußte. Nach einigen Augenblicken⸗ tiefen Stillſchweigens, welches Amelie ſich nicht zu unterbrechen getraute, fragte der Obriſtlieutenant in einem Tone, als ob Leben und Tod von der Antwort abhienge:„Haſt du irgend einen Menſchen auf dem Berge getroffen? Kann Jemand ah⸗ nen, wo du geweſen, oder haſt du es Jemanden anver⸗ traut?“ „Kein Menſch weiß darum, Papa. Ich habe Nie⸗ mand begegnet, noch mit Jemand geſprochen; ſelbſt die Mutter weiß kein Wort von der ganzen Sache.“ „Gut, meine Tochter; ich will verſuchen, ob ich die Sache wieder gut zu machen vermag.“ Er ſtellte ihr gut 3 g) nun noch einige Fragen in Betreff der eingegangenen Be⸗ dingungen, und fuhr dann fort:„Ich kann dich unmoͤg⸗ lich über eine Handlung loben, welche zwar gut gemeint war, mich aber leicht in ſehr üblen Ruf bringen köͤnnte, ſo daß die ganze Umgegend mit Fingern auf uns zeigte; — doch will ich dir deine jugendliche Unbeſonnenheit ver⸗ zeihen. Es ſoll vergeſſen ſein;— aber nun gib mir ein Verzeichniß deiner verpfändeten Sachen.“ Amelie ſchrieb dieſes ſchnell nieder, und mit ſchwei⸗ Der Skjutsjunge. 16 242 gendem Ernſte nahm der Obriſtlientenant den Mantel um, und ſteckte die Bankzettel in die Bruſttaſche. „Mein Gott, Papa, du willſt doch nicht ſelbſt und jetzt.. 2“ „S't! Amelie, die erſte Bedingung meiner Ver⸗ zeihung iſt, daß du ſchweigſt.) „Aber, beſter Vater, habe ich denn etwas ſo ſchreck⸗ lich Unrechtes gethan? Es iſt ja gar nichts ſo Unge⸗ wöhnliches, Geld zu leihen, wenn man es braucht; und haben denn die Sdelleute nicht eben ſo gut Schulden, wie andre Leute?“ „Geld zu leihen, mein Kind, iſt allerdings keine Schande; allein es kommt nur darauf an, wie man es thut. Im gegenwärtigen Falle müßte ich mir die Au— gen aus dem Kopfe ſchämen, wenn es kundig würde, daß meine Tochter zu einem elenden Wucherer gelaufen iſt, um ein paar ſchimmliche Bankzettel zu leihen, an denen ſo manche blutige Thräne haͤngt. Ein Wucherer auf dem Lande iſt nicht daſſelbe, was einer in der groſ⸗ ſen Stadt iſt. Mit dem Erſten kann man ſich nicht wohl einlaſſen, ohne ſeine Ehre Preis zu geben, mit dem Andern macht man ganz honett ſein Geſchäͤft ab, und die Sache bleibt unter vier Augen. Leuchtet dir nun der Unterſchied ein, und begreifſt du die Schande, wenn es hieße: Mit Obriſtlieutenants auf Tunefors muß es nicht zum Beſten ſtehen, denn das Fräulein hat ſeinen Schmuck verſetzen müſſen! Nein, dem muß vorgebeugt werden, denn ſonſt wird es eine Geſchichte, deren Heldin zu ſein, du dich mit einem Bischen mehr Begriff von Welt und Sitte zu Tode ſchämen müßteſt.“ „Aber, lieber Papa, ich bin ſo....“ „S't, Stt, nichts geplaudert— ſchlag dir die Sache aus dem Kopfe. Denke lieber daran, daß ich auf die Weiſe, wie du es angefangen, unmöglich aus meiner Verlegenheit geriſſen werden kann;“— damit ging der Obriſtlieutenant haſtig die Treppe hinab. Es — 2— —,—,———,—— ‿ 243 war ſchon völlig dunkel, und mit Bangigkeit dachte Amelie an den langen einſamen Weg durch den Wald. Außer Stande, ihre kleine Heimlichkeit länger bei ſich zu behalten, wie ſie vom Vater ſo ſchmählich abgefertigt worden ſei, ging Amelie zu ihrer Mutter hinab, und bei der erſten Frage der Frau von Dreſſen:„Was fehlt dir, mein Kind?“ berichtete ſie ſowohl, was ſie gethan, als auch was der Vater dazu geſagt habe. „Ach, du herzgutes Kind,“ ſagte Frau von Dreſſen, und ſchloß Amelie in ihre Arme;„du hätteſt nicht deinem Gefühle allein folgen ſollen. Hätteſt du meinen Rath ge⸗ hört, ſo würde ich dir geſagt haben, daß dein Vater we⸗ gen einer Schuld lieber ins Gefängniß ginge, als daß er ſich mit einer ſolchen Perſon, wie der Alte auf dem Berge, einließe. Indeſſen verliert deine Handlung nichts an ihrem Werthe, liebe Amelie, und du darfſt gewiß ſein, daß we⸗ nigſtens das Herz deiner Mutter dich verſteht.“ „Nun, da will ich auch zufrieden ſein,“ und aus ihren hübſchen, lebhaften Augen ſtrahlte ein Glanz, wie ihn bisher noch kein andres Gefühl ſo ſchön hervorzurufen im Stande geweſen war. Als der Obriſtlieutenant ſehr ſpät heim kam, verrieth ihm die glühende Röthe auf Amelies Wangen und der Ausdruck in Frau von Dreſſens Augen, daß eine Erklärung vor ſich gegangen war. „Ich dachte es mir wohl, daß du nicht würdeſt ſchweigen können,“ ſagte der Obriſtlieutenant,„habe auch gar nichts dagegen, daß du deine Mutter in die Sache eingeweiht haſt; aber damit laß es nun gut ſein und halte ferner reinen Mund.“ Bei dieſen Worten zog der Obriſt⸗ lieutenant ein kleines Päckchen unter dem Mantel hervor, gab es mit einem halbgerührten, halb ſtrafenden Blicke ſeiner Tochter, und ging, ohne ein Wort weiter zu ſagen, ſchnell auf ſein Zimmer. Es vergingen einige Tage, ohne daß Jemand weder über Amelies Fahrt, noch uber die Veranlaſſung dazu 244 auch nur ein Wort fallen ließ. Inzwiſchen merkte man doch ein gewiſſes, geſpanntes Verhältniß unter den Fami⸗ liengliedern; denn der Obriſtlieutenant theilte ſich nicht ein Mal ſeiner Frau mit, und Amelie ließ oft die Arbeit ruhen, und zerbrach ſich vergebens den Kopf mit ihren Vermuthungen, was der Papa eigentlich vorhabe. Einem ganz einfachen Umſtande war es vorbehalten, die tiefver⸗ ſchloſſenen Gedanken ans Licht zu ziehen, welche ſich in des Obriſtlieutenants Kopf umherwälzten. Damit verhielt es ſich nämlich ſo. Als der Haus⸗ vater eines hübſchen Morgens durch den Hof ſpazierte, um mehrere Birkenklötze zu unterſuchen, hörte er ſonder⸗ bare Toͤne, welche ihn dahin zogen, wo ſie herkamen. An einem Schuppen, in den der Obriſtlieutenant trat, ſtanden die Viehmagd nebſt einem Knechte, und zwiſchen ihnen lag, an„Händen und Füßen“ gebunden, ein Kalb, das ſich aus allen Kräften gegen den Anſchlag wehrte, welchen man gegen ſein junges Leben gemacht hatte. Nun hatte es ſich der Obriſtlieutenant ein für alle Mal zum Geſetze gemacht— was im Vorbeigehen, ſehr vernünftig iſt— nie durch irgend einen Gegenbefehl die Würde und das Anſehen ſeiner Gattin bei dem Geſinde bloszuſtellen. Hier galt es aber einen ſchnellen Entſchluß; denn er wußte aus dem Kalender ſeiner Frau, daß keine Kuh vor Weihnachten mehr kalben werde, und daß man ein paar Wochen ſpäter ein Kalb viel nöthiger brauche, als jetzt. „Wartet ein wenig, das iſt ein ſchönes Kalb! Soll es geſchlachtet werden? Es iſt ja nicht weiter als höch⸗ ſtens acht Tage alt.“ „Ja, aber die gnädige Frau meint, es ſei ihr eben ſehr um die Milch zu thun, welche in dieſer Zeit ſtets ſehr rar iſt,“ antwortete die Viehmagd mit einer Art von Zuverſicht. „Laßt's noch ein Bischen ſein! ich will erſt noch mit der gnädigen Frau reden.“ 4 — 8 —— 24⁵ Mit der freundlichſten Miene trat der Obriſtlieutenant in das Zimmer zu ſeiner Peün. „Du mußt das Kalb nicht ſchlachten laſſen, liebe Frau! hörſt du, ich bitte für daſſelbe, bis es etwas fetter geworden.“ „Ja, lieber Dreſſen, da geht es mir aber doppelt ſchlecht, ich habe dann auf ein Mal weder Milch noch Fleiſch. 1 „Laß dich das nicht anfechten! Ich begnüge mich ſo lange mit Pöckel lfleiſch und eſſe im Nothfall meinen Brei mit Honigbrühe.“ „Aber, beſter Dreſſen!“ „Liebe Sophie, ich denke, wir könnten einander nach gerade verſtehen, auch weißt du, daß Einwendungen bei mir verlorne Mühe finde Hätte ich nicht auf dem Flecke Befehl geben können, das Kalb wieder in den Stall zu bringen, wenn ich nicht damit zu gleicher Zeit dir eine Rückſicht hätte widerfahren laſſen wollen, in der Hoffnung, daß es dir eine Freude machen würde, mir meinen Wunſch zu erfüllen?“ „Nun, wie lange ſoll ihm denn noch das Leben ge⸗ ſchenkt ſein?“ „Bis ich.... daran liegt nichts; laß es ſo lange leben, bis ich ſage: es iſt Zeit!“ „Dieß ſcheint anzudeuten, daß du Fremde erwarteſt; ich habe aber noch gar nichts in Ordnung, weder das Eine noch das Andre, das kann ich dich verſichern!“ „So being Alles in Ordnung, wie du es auf's Beſte vermagſt. Du magſt dich übrigens ſchon damit ſputen, denn es kann jeden Tag der eine oder der andre Gaſt kommen.“ „Ah, das glaube ich ſchwerlich, die Wege ſind j ganz abſcheulich ſchlecht.“ „Verlaß dich nicht zu ſehr darauf, ſage ich dir, ſon⸗ dern bring Alles in die Reihe. Wir werden Gäſte be⸗ kommen, ehe du dich verſiehſt.“ „So ſag mir doch wenigſtens, wen du erwarteſt, . 246 daß ich meine Dispoſitionen darnach treffen kann, denn du ſiehſt doch wohl ein, lieber Dreſſen, daß ich dann dei⸗ nen Wünſchen weit eher nachzukommen im Stande bin, als jetzt, wo Du in lauter Räthſeln ſprichſt.“ „Wenn du vernünftig redeſt, ſo daß es ſich hören läßt, dann bin ich keineswegs abgeneigt, dir die Wahr⸗ heit zu ſagen, nämlich, daß wir allem Vermuthen nach in Kurzem den Kammerjunker zum Beſuche hier haben werden.“ Nun wußte Frau von Dreſſen genug. Ohne ſich, was ſehr unklug geweſen wäre, mit ihrem Manne in eine Erörterung der kitzlichen Frage einzulaſſen, ob es Recht oder Unrecht ſei, Göſſes Bewerbung zu unterſtützen, ent⸗ 1 gegnete ſie blos:„Ich werde mich darnach richten;“ und Antwort eben ſo viel Stoff zur Verwunderung, als ſie ſelbſt in der Mittheilung von ſeiner Seite gefunden hatte. Bald jedoch dachte der ſcharfſinnige Mann, welcher ſich natürlich nicht irren konnte:„Frauenzimmer bleiben doch ſtets Frauenzimmer; keine Conſequenz! Nicht einen Heller gebe ich für die Zuverläſſigkeit eines Weiberworts. Es iſt gut, daß man ſie kennt, und ſich darnach richten kann, u. ſ. w.“ XXVII. Unglück über Unglück. Vierzehn Tage nach der Lebensrettung des Kalbes in dem großen Schuppen hinter dem Brauhauſe, ſah man es abermals, dick und fett, hüpfend vor Munter⸗ keit und Wohlbehagen, neben der Viehmagd herſpringen, und es ahnte wenig, daß es heute anders gehen werde für den Obriſtlieutenant lag in dieſer kurzen, aber ruhigen es ah r⸗ en, de 247 als damals. Und ſo war es auch: denn der Kammer⸗ junker war in höchſt eigner Perſon angelangt, und der Obriſtlieutenant hatte zur Feier ſeiner Anweſenheit ein Souper zu geben beſchloſſen, wozu die ganze Nachbarſchaft eingeladen werden ſollte. Mit Tagesanbruch wurde der Knecht Niklas mit einem Scheffel Korn und einem Scheffel Gerſte zum Verkaufe in die Stadt geſchickt; dem armen Kerl war der Kopf ſo voll gepfropft von Vorſchriften und Com⸗ miſſionen, was er Alles dafür mit nach Hauſe bringen ſollte, daß ihm ſein Quintchen Verſtand total ſtille ſtand, als er ſich auf den Karren ſetzte. Ferner wurde der Kühjunge mit Einladungen auf den folgenden Abend her⸗ umgeſchickt, denn an einen Aufſchub des Soupers war nicht zu denken, denn man durfte den Kammerjunker gar nicht zu ſich kommen laſſen, ſo daß er gar nicht im Stande war, Etwas von der Abneigung ſeiner Zukünftigen zu merken. Es wäre ſicher nicht wenig unterhaltend geweſen, den Kammerjunker in ſeiner Geſchäftigkeit zu beobachten. Wohin auch Amelie gehen mochte, wenn er ihr ſchicklicher⸗ weiſe folgen konnte, war er hinter ihr her, indem er treu⸗ lich die Vorſchriften ſeines Freundes, des Lieutenants, be⸗ folgte. Vor dem Beginne der Reiſe hatte dieſer ihm nämlich den Rath gegeben, nicht abzulaſſen in Aufmerk⸗ ſamkeiten, und dieſes Manoeuvre ſollte, nach ſeiner Ver⸗ ſicherung, ſtets zu einem glücklichen Jaworte führen, denn jedes Frauenherz ſei durch Beharrlichkeit zu gewinnen. Und der charmante Kammerjunker, von den ausgezeichneten praktiſchen ſowohl, als theoretiſchen Kenntniſſen ſeines mi⸗ litäriſchen Rathgebers in dieſem Fache vollkommen über⸗ zeugt, hätte ſich der größten Undankbarkeit ſchuldig zu machen geglaubt, wenn er nicht der folgſamſte Schüler ge⸗ weſen wäre. Indeſſen war Amelie von dieſer ewigen Zudringlich⸗ keit nicht im Geringſten erbaut. Die Mutter hatte ihr eine Menge von Haushaltungsgeſchäften übertragen, —— welche zwar nicht ihre ſtete Anweſenheit in der Küche erforder⸗ ten, ſie aber doch gewoͤhnlich in der Speiſekammer feſthielten; da aber eine Thuͤre aus dem Saal dahin ging, ſo führte der Kukuk alle Augenblicke den Kammerjunker daher, und er verſicherte zehnmal in einem Athem, er ſei der paſſionir⸗ teſte Liebhaber aller lieblichen Blumen der Häuslichkeit. „Hier gibt es ja aber weiter nichts als Kartoffeln, Rüben und Gurken,“ entgegnete Amelie ein wenig verdrieß⸗ lich;„hier in Tunefors haben wir wenig von Blumen, namentlich um die jetzige Zeit.“ „Sagen Sie das nicht, anbetungswürdige Amelie! Gerade Sie ſelbſt geleiten mich durch ihr entzückendes häusliches Wirken in eine ſchöne idylliſche Blumenwelt und welcher Gedanke kann ſublimer ſein, als Hand in Hand mit dieſen lieblichen— holden—“ „Rüben und Gurken,“ ergänzte Amelie, indem ſie ſich den Spaß machte, dem Kammerjunker, der gar gerne für einen gewandten Redner gegolten hätte, einzuhelfen. „Nein, Barbarin! Dieſe lieblichen holden Hände habe ich gemeint, welche jetzt mit ſo hohem Grade von Kunſt⸗ fertigkeit einen Häringsſalat garniren, deßgleichen nie einer das Licht der Welt erblickt hat.“ „Sie ſind alſo ein Liebhaber von Häringsſalat, Herr Kammerjunker?“ „Ich liebe und eſſe ihn mit Leidenſchaft; denn Sie müſſen wiſſen, Fräulein Amelie, daß feurige Naturen, geſchaffen für alles Schöne, für Kunſt, Natur und Wiſ⸗ ſenſchaft, für Poeſie, Liebe, kurz für alle Gewürze des Lebens, in der Regel den Häͤringsſalat allen andern De⸗ likateſſen vorziehen. Auch ſollte ich glauben, ſo weit als ich dieß nämlich aus dem Studium meines Organismus, nebſt einigen Kenntniſſen in der Schädellehre, einer der intereſſanteſten Wiſſenſchaften, die ich ſehr hoch achte, indem ſie uns zu einfachen Schlüſſen auf unfre organi⸗ ſche Zuſammenſetzung führt, was wir eigentlich zu ſein 4 —————— ,'————— 1——— —— —— 4 und zu werden beſtimmt waren: das heißt auf die Bil⸗ dung unſres Schädels, deſſen verſchiedene Formen zu unterſuchen höchſt intereſſant iſt, und deren Erſindung dem großen Gall ſehr viel Ehre macht;— kurz, ſo weit man dieß als unbeſtrittenes, zuverläßiges Poſtulat anſehen kann, ſchmeckt der Wein, dieſer Troſt der Götter und der Menſchen auf des Lebens Irrfahrten am allerbeſten auf Häringsſalat.“ Bei dem Worte„Wein“ fühlte Amelie ihre Luſt, über Göſſe's Häringsſalatpaſſion aus vollem Halſe zu lachen, plötzlich in eine drückende Angſt verwandelt, welche daher entſtand, daß ſie bei einem zufälligen Blicke durch's Fenſter in den Hof ſah, wie ihr Vater auf einem hohen Bretterhaufen ſtand und mit unruhiger, geſpannter Miene auf den Weg hinaus ſchaute, von woher der nach der Stadt geſandte Bote bereits am Morgen hätte kommen ſollen. „Gewiß iſt dem Niklas irgend ein Unglück paſſirt,“ dachte Amelie.„Vielleicht hat ſich der Schlingel betrun⸗ ken, umgeworfen und den Karren zerbrochen, denn alt und morſch iſt er. Wie ängſtlich der Vater ausſieht! Es iſt nun ſchon drei Uhr— um halb ſechs kommen die Gäſte— ich darf nicht daran denken,— wenn ein Unglück— ach Gott, was ſollte da aus unſerm Souper werden! Wenn ich mir nur den unerträglichen Staarmatz vom Halſe ſchaffen könnte, ich ſoll noch die Zimmer ab⸗ ſtäuben, die Himbeeren, eingemachte Zwiebel und Preißel⸗ beeren aufſtellen, die Servietten legen, Brod aufſchneiden und mich noch anziehen! Ach, wenn er ſich doch nur packen wollte!“ „Mit Ihrer Erlaubniß, mein gnädiges Fräulein ſehen viel zu ernſthaft aus, als es ſich für eine hehre Schweſter der Grazien paßt. War ich vielleicht ſo un⸗ glücklich, durch meine gelehrte Abhandlung über die Or⸗ gane, welches freilich eigentlich ein ſehr trockenes Stu⸗ dium für Damen iſt, auch gegen Sie zu verfehlen? Sder was iſt es ſonſt, das den klaren Spiegel der Quelle trübt, vor der ich gern ſterben wollte, wenn ich„ vorerſt mein Bild in deſſen holder Tiefe hätte ſchauen 1 können?“ „Was befehlen Sie?“ verſetzte Amelie, deren Ge⸗ danken lediglich mit Niklas, mit ihrem Vater auf dem Bretterhaufen und mit ihren eigenen Angelegenheiten be⸗ n ſchäftigt waren. n „Gott bewahre mich, mein gnädiges Fräulein, Etwas. v befehlen zu wollen! Nur in der allerſlehentlichſten Stellung wage ich es, jenen Brunnen anzurufen, um mir mein v eignes Bild zu zeigen.“ „Was für einen Brunnen?“ fragte Amelie ver⸗ d wundert. g „Ach, Fräulein Amelie, Sie wiſſen wohl, was ich a meine. Sie wollen nur nicht verſtehen, daß dieſer leben⸗ g dide tiefe Brunnen Ihre eigenen bezaubernden Augen n ind.“ n „Hier gibt's blos Einen Brunnen, von welchem Sie d dieſe Artigkeit erwarten können!“ verſetzte Amelie mit f liſtigem Lächeln. „und wo liegt der, Zauberin?“ rief Herr von Göſſe n aus und blickte mit ſchwindelndem Entzücken auf die Dame a ſeines Herzens. n „Im Hofe bei dem großen Masholder. Das Waſſer ſ darin iſt ſo hell und klar, wie das von der König Karls⸗ u Quelle bei Strömſtad kaum iſt. Erinnern Sie ſich noch, n Herr Kammerjunker, wie der alte Baron Lindenſköld die m Quelle immer rühmte, von der er behauptete, es gäbe S nicht ihres gleichen?“ 6 „O ja, gewiß erinnere ich mich ihrer noch. Aber u ich hatte geglaubt,— ich hätte, um die Wahrheit zu 1 3 ſagen, zu hoffen gewagt, daß... 4 „Und ich war ſo dreiſt, zu hoffen, daß der Herr ft Kammerjunker ſo charmant ſein würden, mir ein paar u Stränge Seide zu wickeln.“ fce „O mit Enthuſiasmus! Ich bin Ihr unterthäniger Sklave, fangen Sie mit mir an, was Sie wollen. — 251 Geben Sie mir Häringsſalat— ich eſſe ihn; geben Sie mir Seide— ich wickle ſie; Gib eine Schlacht mir und ein Schwert; Denn ſiegen kann ich— und auch fallen! wie Valerius ſagt, Nichts iſt mir zu ſchwer oder un⸗ möglich, wenn ich dadurch Ihre Gunſt zu gewinnen vermag.“ „Dann ſeien Sie ſo gut und gehen Sie ins Zimmer voraus, ich werde im Augenblicke nachkommen.“ Goͤſſe's lange Beine waren mit drei Schritten aus der Speiſekammer und im Zimmer. Dort ſetzte er ſich gehorſam, in ſtiller Unterthänigkeit, auf einen Schemel an den Sopha. Hundertmal hatte er ſchon von Rittern geleſen, welche zu den Füßen ihrer Damen ſaßen und mit den Seidenlocken derſelben ſpielten. Freilich war ihm nur verſtattet, mit ſeiner Göttin Seidenlocken zu ſpielen; hies war jedoch immer Etwas, wenigſtens ein guter An⸗ ang. „Allein, o Schmerz laß nach! wie ellenlang wurde nicht unſres gefälligen Göſſe's fettes Vollmondsgeſicht, als Amelie hereintrat und er ſich in ſeinen kühnen Träu⸗ men von einer zarten Schäferſtunde ſo bitter getäuſcht ſah;— der Anblick eines kleinen Haſpels, den ſie brachte und an den Tiſch ſchraubte, ſchmetterte ſeine ſüßen Hoff⸗ nungen auf ein Mal nieder! Neben das zierliche Inſtru⸗ ment legte ſeine ſchöne Peinigerin ein paar Stränge Seide und einige Kartenblätter; dann muthete ſie dem Kaunderſunſgg mit der größten Freundlichkeit zu, ſeine unbequeme Stellung aufzugeben und an dem Tiſche Platz zu nehmen. Ehe Herr von Göſſe noch im Stande war, der Auf⸗ forderung zu entſprechen, war Amelie ſchon wieder fort, und nun blieb ihm nichts übrig, als ſich in Geduld zu faſſen und der Hoffnung zu leben:„Später wird's vielleicht ſchöner.“ Während dem trieb ſich Amelie in ihrem wirth⸗ . 1 25² ſchaftlichen Eifer überall im ganzen Hauſe herum, wo ihre Anweſenheit erforderlich war; nach beendigten Anordnungen kleidete ſie ſich an, und als ſie eben der Mutter das neue Haubenband knüpfte, ſchlug es halb ſechs Uhr— Niklas war aber noch immer nicht da. Die Angſt und die Wuth des Obriſtlieutenants über⸗ ſtieg nächſtens alle Gränzen. Er rannte hin und her, fluchte über Gott und Menſchen,— aber heimlich,— denn laut durfte er ſich nicht auslaſſen, der n der Kam⸗ merjunker haͤtte es ja hören können. Man m ili zugeben, daß Seine Gnaden, der Herr Obriſtlieutenant, auch alle Urſache hatten, ſehr ungnädig zu ſein. Niklas ſollte Arrak, Zitronen, Wein und ſogar auch Branntwein mitbringen. An Punſch war nun freilich wohl nicht mehr zu denken— aber, lieber Gott! wäre nur wenigſtens eine Ausſicht geweſen, Toddy machen zu können! Es fehlte nicht viel, ſo hätte Frau von Dreſſen ge⸗ weint. Erwartete ſie nicht durch Niklas außer Fiſchen, Zucker, Chocolade, Roſinen und Zimmt auch noch— und das war das Schlimmſte— Thee!„denn,“ ſagte die arme Frau,„ein wenig, ſo was man für's Haus braucht, hat man ſchon immer im Vorrath, bei einer Gaſterei muß man aber ſchon aus der Stadt kommen laſſen!“ Und mit einem Herzen voll hausmiütterlicher Bekümmerniß trat ſie unter die Thüre, um die allmälig herankommenden Gäſte zu empfangen. Nur wer ſelbſt ſchon in ähnlicher Verlegenheit ge⸗ weſen, weiß, wie es Frau von Dreſſen unter ſo bewand⸗ ten Umſtänden zu Muthe ſein mußte. Das Waſſer kochte, die Taſſen ſtanden in Parade auf dem runden Theebrette, der Zwieback erhob ſich in appetitlichen Py⸗ ramiden aus den rothen Körbchen, und der ſpärliche Inhalt der Zuckerbüchſe— Alles was die Haushaltung vermochte— war geklopft und aufgeſtellt, allein was konnte dieß helfen?— die Glocke ſchlug ſechs. Den Niklas ſchien ſammt ſeiner ganzen Ladung gleichſam die Erde verſchlungen zu haben— und ſo oft einer von den — S RSee e — 2 253 Gäſten ſich mit Schaudern über die Kälte beklagte, war es der Frau von Dreſſen ärger, als träte ihr Jemand auf das ſchlimmſte Hühnerauge. 4 „Der Thee wird gleich kommen,“ ſagte die artige Wirthin mit dem lächelnden Munde. Allein Verzweiflung ſaß ihr im Herzen. „Soll ich dir nicht helfen einſchenken?“ fragte Pfar⸗ rers freundliche Mina und trat zu Amelie, welche im Nebenzimmer beſchäftigt war. „Helfen?“ fiel Amelie lachend ein.„Gott gäbe, wir wären ſo weit, daß ich mir ſelbſt zu helfen wüßte! Denk dir, Herzensmina, wir warten mit Schmerzen auf Niklas, der geſtern Morgen um acht Uhr in die Stadt gefahren und mit all' den Sachen, die er bringen ſoll, noch nicht wieder da iſt; er hätte ſchon heute Morgen um neun, höchſtens zehn Uhr zurück ſein können.“ „Was ſagſt du, arme Amelie? Die Gäſte ſind da, und ihr habt noch keinen Thee?“ „Und keinen Zucker und gar Nichts!“ ſetzte Amelie in halber Verzweiflung hinzu. „Aber lieber herziger Gott! wir müſſen irgend Rath finden,“ ſagte Mina in ihrer bereitwilligen Gutmüthigkeit. „Zucker haſt du ja noch ein wenig da, wie ich ſehe. Stelle jetzt nur ein paar Schaalen mit Honig auf. Alle Leute haben's ja gegenwärtig auf der Bruſt und müſſen ſchrecklich huſten. Ich werde außerdem auch noch ſagen, 1 daß ich dich dazu beredet habe, der Wahl halber Beides aufzuſtellen, und ich wette Hundert gegen Eins, außer dem Kammerjunker nimmt Alles Honig. So ein vor⸗ nehmer Herr muß freilich Zucker haben, und für ihn reicht er auch. Laß mich nur machen, Liebe!“ „Ach du vortreffliche Mina, du biſt nicht mit Gold zu bezahlen! Aber wir haben ja auch keinen Thee, daß Gott erbarme!“ „Laß dich das auch nicht anfechten; es gibt nichts ſo Schlechtes, als ſo grünen Thee. Zimmt oder Pome⸗ ½ 254 ranzenſchaalen haſt du doch hoffentlich? oder wenigſtens ein paar Nägelchen?“ „Ach ja, in der Gewürzlade iſt noch davon; aber, liebe Mina....“ „Nun, was da?— Wirf nur eine Hand voll ge⸗ trocknete Johannisbeerblätter und eben ſo viel Erdbeer⸗ blätter, nebſt ein paar Stückchen Zimmt, in die Theekanne, das gibt den köſtlichſten Thee, den je ein Menſch getrunken hat. Wir zu Hauſe machen's nie anders, und Lamm ſagt, in Rundenäs bei Grafens, wo er, weißt du, Infor⸗ mator war, ſei er nicht halb ſo gut geweſen. Aber laß uns eilen, Liebe! Du ſollſt ſehen, was dieß für einen Thee gibt, und wie er im Nu fertig ſein wird!“ Damit eilten beide Mädchen in die Küche; auch waren nicht zehn Minuten vorbei, ſo erſchien das große Theebrett, ſammt allem Zubehör, in der Thüre, und es fehlte nicht viel, ſo hätte Frau von Dreſſen vor Freude laut aufgeſchrieen. „Ach Mama,— ach lieber Lamm, iſt nicht Amelie die gefälligſte Wirthin, welche man ſich denken kann!“ rief Mina aus und wandte ſich dabei immer von dem Einen zum Andern.„Ich klagte ſo eben über Bruſt⸗ ſchmerzen, und ſogleich ſtellte ſie Honig auf, und was für Honig!— Da ſeht einmal her. Nirgends hat man ihn ſo klar und prächtig, wie bei Ihro Gnaden in Tunefors. Ich meine auch immer, er hat einen ganz andern Ge⸗ ſchmack, als irgend ſonſt wo.“ Nun wollten alle Damen von dem trefflichen Honig der gnädigen Frau koſten, um ihn entweder, heimlich ihrer Nachbarin in's Ohr, zu tadeln, oder wenn ſie ihn wirklich preiswürdig fänden, die Frau von Dreſſen angelegentlich zu fragen, wie ſie dieſes wichtige Haushaltungsobjekt be⸗ handle. Die Herrn fanden auch meiſtentheils, daß der Honig den Vorzug verdiene, und der reißende Abgang des Thees bewies, wie vortrefflich Fräulein Mina denſelben zu brauen gewußt hatte. Nur Herr von Göſſe ſaß da und drehte ſeine Taſſe † — 25⁵ zwiſchen den Fingern. Der ſtarke, eigenthümliche, für Thee ungewöhnliche Geruch war ihm herzlich aufgefallen — er that ſich alle mögliche Gewalt an, um ſeine Taſſe wenigſtens halb zu leeren, konnte aber doch dabei den innerlichen Wunſch nicht unterdrücken, daß die göttliche Amelie ihren übrigen, unzähligen, unübertrefflichen Eigen⸗ ſchaften bald auch noch die, einen guten Thee zu machen, beigeſellen möchte. Bei allem dem war indeſſen, wie leicht zu erachten, die Lage des Wirthes und der Wirthin nichts weniger als beneidenswerth. Mit möglichſter Reſignation ordnete der Obriſtlieutenant ein paar Schachpartieen für die Her⸗ ren, die Damen zogen ihre Farben zum Boſton, und die Jugend ſammelte ſich um den Ecktiſch, wo der Kammer⸗ junker, nachdem er und der Obriſtlieutenant einander wech⸗ ſelſeitig alle moͤglichen Komplimente und Kratzfüße gemacht hatten, endlich Platz nahm, ſich des Wortes bemächtigte und mit großer Wichtigkeit und Pathos über alle die wun⸗ derbaren Kartenkunſtſtücke zu peroriren anfing, deren er Meiſter zu ſein ſich rühmen konnte, und dazu Anekdoten erzählte, welche er über ein paar hundert Mal noch nicht erzählt hatte. Nach einer Stunde der peinlichſten Erwartung höͤrte man endlich im Hofe einen Wagen, und mit einer ge⸗ hörigen Fluth von Artigkeit bewillkommte der Obriſtlieu⸗ tenant den armen Niklas, welcher mit den demüthigſten Gebärden verſicherte, an ſeinem langen Ausbleiben ſei lediglich der Herr in der Stadt ſchuld, an den der Brief gerichtet war; dieſer ſei über Land gereist geweſen und ſomit habe er ſich nicht anders zu helfen gewußt, als ſeine Rückkehr abzuwarten. Ferner war der Weg ſo ab⸗ ſcheulich ſchlecht, wie im ganzen Jahre noch nicht, und deßhalb war auch nichts natürlicher, als daß Niklas um⸗ geworfen hatte..— „Und den Korb, du ſaker..... Kanaille?“ „Ja, den Korb bringe ich mit.“ „Den Korb wohl;— aber die Flaſchen? Dein 256 Rücken mag ſich freuen, wenn eine einzige zerbrochen iſt.„Schnell fort mit all dem Zeug in die Speiſekam⸗ mer?“ 4 „In derſelben verſammelten ſich nun der Obriſtlieute⸗ nant, ſeine Frau, Amelie und Mina, um Alles auszu⸗ packen und in Ordnung zu bringen. Es war ein ganz ſchönes Bild, wie die beiden Mäd⸗ chen die Zuckerhüte und Gewürzdüten auskramten, aber ein fürchterlicher Anblick war es, den Obriſtlieutenant und ſeine Gemahlin und ihre, vom ſchwachen Kerzenlichte matt erleuchteten, todtblaſſen Geſichter zu ſehen, als ſie aus dem wohlverſchloſfenen, mit Stroh verwahrten Korb eitel ſchwarze Glasſcherben hervorzogen, ſo trocken, als ob ſie niemals mit Portwein, Madeira, Arrak oder Brannt⸗ wein in Berührung geweſen wären. Unter dem ſtummen, aber doch beredten Schweigen der Verzweiflung zogen ſie abwechſelnd Stroh⸗ und Glas⸗ ſtücke aus dem Korbe hervor, bis dieſer endlich vollkommen leer war. O Tag des Jammers und der Zähren! Frau von Dreſſen rang die Hände in ihrer Herzensangſt, ſtarr ſtand der Obriſtlieutenant da, mit leichenfahlem Antlitze, und ſeine vor Wuth bebenden Lippen waren nur halbe Flüche zu ſtammeln im Stande. Die beiden Mädchen Amelie und Mina wußten nicht, ob ſie lachen oder weinen ſollten.„Wir ſind auf ewig blamirt!“ ſagte der Obriſtlieutenant endlich in dem Tone verzweiflungsvoller Faſſung, welche andeutete, daß er dem Schlag des Schickſals zu trotzen ſich rüſtete. „Blamirt auf ewig! Was ſtehen wir noch länger da und glotzen einander an?— Mein Souper wird ein Kinderſpott der ganzen Gegend ſein. Bauernthee mit Honig, nichts von Punſch, nichts von Toddy, nicht ein Mal Wein auf dem Tiſche— keinen ordentlichen Tropfen zu trinken! Aber Niklas, der ſoll ſein Fett dafür kriegen! Das ſchwöre ich bei......! Indeſſen, liebe Frau,“ damit wandte er ſich an ſeine Ge⸗ 4 1—-JO—9———, „——=—4 —————.,.— 257. mahlin,„iſt es nun deine Pflicht als Wirthin freimüthig und ſo ungezwungen als möglich, unſre Gäſte in Kennt⸗ niß zu ſetzen, was uns für ein Unglück paſſirt iſt. Ver⸗ giß aber nicht deinen Ton ſo zu ſtimmen, daß die Geſchichte Heiterkeit erregt, und keinen Spott, wenn du ihnen be⸗ richteſt, daß ein betrunkener Lümmel von Knecht drei große Körbe mit Wein, Arrak, Num, Cognac u. ſ. w. vom Wagen geſchmiſſen hat.“ „Potz tauſend, es ſind alſo noch zwei weitere Körbe?“ rief Mina verwunderk aus;„da finden wir in den andern vielleicht noch ganze Flaſchen.“ „Ach nein, die ſind alle kurz und klein geſchlagen!“ erwiderte der Obriſtlieutenant und wandte ſich, etwas ärgerlich über dieſe Frage, an ſeine Tochter.„Was meinſt du denn, Amelie, daß unſre Gäſte über die Geſchichte denken werden? Ich hoffe, du wirſt presence d'esprit genug haben, als ein Mädchen von Stand und Bildung, durch einen feinen Scherz der Sache ein Mäntelchen um⸗ zuhängen,— du verſtehſt mich.“ Amelie lachte und meinte, daß man wohl keine ſo feine Finte nothwendig haben werde, um dem Kammer⸗ junker einen blauen Nebel vorzumachen. Während ſie noch einige Vorſchriften im halblauten Tone erhielt, und die Geſellſchaft eben im Begriff war wegzugehen, ſchoß die Viehmagd wie eine Rakete durch die Thüre herein, und brachte die ungeheure Neuigkeit, auf dem Hofe halte ein Wagen mit drei Pferden. „Ein Wagen mit drei Pferden? Alſo Leute von Bedeutung!“ murmelte der Obriſtlieutenant.„Ein Unglück kommt doch ſelten allein. Ein Souper ohne Wein und Branntwein könnten unſre beſcheidnen Nachbar allenfalls vielleicht noch entſchuldigen; aber was werden das für Leute ſein,— was werden die denken? Ich könnte ein Narr werden! Der verfluchte Niklas!“ Der Skiutsjunge. 258 XXVIII. Neue Pläne. „Nun ſieht es erſt luſtig mit uns aus,“ ſagte Frau von Dreſſen und ſah Einen um den Andern an. „Sicherlich iſt es ein alter Bekannter, der bei uns über⸗ nachten will,— und wir haben nicht mehr als ein einziges Gaſtzimmer, welches der Kammerjunker inne hat.“ „Und keine Betten, außer denen, worin wir ſchlafen:4 flüſterte Amelie ihrer Freundin Mina ins Ohr. „J, da macht man ein Bett auf dem Sopha, Mina. „Noch beſſer wird es ſein, wenn ſich der Vater auf dem Sopha im Vorzimmer legt, dann könnten wir ſein Zimmer nehmen— aber wo Bettweißzeug her⸗ nehmen?“ „Dazu kann auch Rath werden! Ich werde mit Lamm reden, daß er heimfährt, und von den Ueber⸗ zügen holt, die zu meiner Ausſteuer gehören. Ich bin heute gerade daran geweſen, die Ecken zu beſetzen, deß⸗ halb liegen ſie noch außen. Ach, da fällt mir noch Etwas ein— er könnte ja auch vom Kirchenweine mit⸗ bringen, den wir euch leihen wollen; wir haben ziem⸗ lich viel im Vorrathe. Auf jeden Fall kann er von dem guten Branntwein mitnehmen, wir haben ja genug davon, gut iſt er aber und über Pommeranzen und Kümmel abgezogen.“ „Du biſt doch eine wahre Helferin in der Noth! Wir wollen hören, was die Mutter zu deinen Vorſchlägen ſagt. Liebe Mutter, was meinſt du.... Hier wurde die Berathung durch eine fremde Stimme unterbrochen, welche man vom Saale her hörte. Allein der Obriſtlieutenant ſchrie noch lauter:„Ergebenſter * meinte —, ——— 9„— — 259 Diener, Ergebenſter Diener! Herzlich willkommen in Tunefors!“ Die Worte ſchienen einen hohen Grad von Entzücken auszudrücken; allein die Frauenzimmer ſahen ihm ins Herz: ſie wußten, wie der Obriſtlieutenant von dieſem neuen Beſuche entzückt war. „Wo ſind denn aber die Damen? Wo ſteckt Fräulein Amelie?“ lautete es nun ganz bekannt, und Mutter und Tochter eilten fort, um den verehrlichen Baron Lindenſköld zu bewillkommen. Der Baron bat tauſend Mal um Entſchuldigung, daß er ſich die Freiheit genommen und auf ſeiner Reiſe nach der Hauptſtadt einen kleinen Umweg gemacht habe, um ſeine Freunde in Tunefors zu ſehen.„Meine ange⸗ nehme Badebekanntſchaft lag mir unaufhörlich im Sinne, auch ſehnte ich mich nach einer guten Suppe und einem Butterbrode auf den Abend, in guter Geſellſchaft, denn allein ſchmeckt es nur halb;— ein gutes Bett auch nicht zu vergeſſen.“ „Sehr verbunden, ſehr viel Ehre für mein Haus,“ ſtotterte der Obriſtlieutenant in der peinlichſten Verlegenheit. „Wir haben heute Abend gerade eine kleine Geſellſchaft aus Veranlaſſung der Anweſenheit eines gemeinſamen Bekannten. Sie werden ſich ohne Zweifel noch des Kammerjunkers von Göſſe erinnern.“ „J gewiß, ſehr gut. Der Kammerjunker iſt einer von den Leuten, die man nicht leicht wieder vergißt, wenn man ſie einmal hat kennen lernen. Iſt Herr von Göſſe auch auf dem Wege nach Stockholm?“ „So viel ich weiß eigentlich nicht.“ „Ach, am Ende hat er wohl gar im Sinne im Trüben zu fiſchen. Er wird doch nicht unſre liebe kleine Amelie zu fangen die Abſicht haben; da werde ich ihm ins Gehege gehen. Ehe wir in das Geſellſchaftszimmer treten, muß mir Fräulein Amelie verſprechen, ihm jeden⸗ falls einen Korb zu geben; ich müßte ja, auf Ehre, verzweifeln, wenn der Kammerjunker ein Glück davon tragen ſollte, nach dem wahrlich noch Mancher ſtrebt.“ 4 260 Amelie lachte vergnügt und entgegnete dreiſt und offenherzig:„Topp, lieber Baron, da haben Sie meine Hand drauf, daß ich nie Frau von Goͤſſe werde.“ Nun hatten des Herrn Obriſtlieutenants und Kam⸗ merherrn Gnaden die erſte Doſis, welche der Aſſeſſor und der Baron ihrem guten Freunde zugedacht hatten; auch verfehlte ſie offenbar ihre Wirkung nicht, denn plötzlich ſetzte ſich ein ganzer Schwarm neuer Mucken in ſeinem Kopfe feſt, ſo daß ſich Madeira, Portwein, Arrak und deſtillirter Branntwein ſammt und ſonders in Dunſt auflösten, und nur eine Sache klar und deutlich vor ſeinen Augen ſtand: Die Gewißheit, daß er glücklicher⸗ weiſe dem Herrn von Göſſe noch keine beſtimmte Antwort gegeben habe. Dieſen Gedanken begleitete er mit dem halben Worte: Gott ſei Dank, daß ich mir Zeit zur Ueberlegung genommen habe! Die Aeußerung des Barons — hm— Er hat allezeit viel Attachement für das Mädchen gehabt.—— „Liebe, gnädige Frau,“ ſagte die unermüdliche Mina und zupfte Frau von Dreſſen am Kleide;„der Schlitten iſt angeſpannt. Ich habe Alles mit Lamm gehörig be⸗ ſprochen, er fährt im Augenblicke weg, um Matrazen, Kiſſen und Decken und Branntwein zu holen. Wie wollen wir es aber mit dem Weine halten? Der Diener des Kammerjunkers hat in der Küche geſagt, ſein Herr habe eine ganze Kiſte voll allerlei Weinen bei ſich; könnte man denn nicht vielleicht von ihm Etwas leihen? Der Herr Obriſtlieutenant kann ihm denſelben ja nach der Hand wieder heimgeben.“ „Nein, wein, du Gute! Den Wein wollen wir aus dem Spiele laſſen; aber für eure Güte wegen des Uebrigen kann ich dir und deinem Magiſter nicht genug danken; fährt der brave Menſch noch einmal heim, um uns aus der Verlegenheit zu reißen! Dafür ſoll dir auch Alles, was unſer Haus vermag, an deinem Hechzeitstage zu Gebote ſtehen, du liebes Mädchen.“ —— ——— r——,—,——— ⸗„— nd ne m⸗ ſor en; enn ken ein, in lich er⸗ ort dem zur ons das ina tten be⸗ zen, llen des habe man Herr and aus eigen ken; aus Ulles, e zu 261 Mina nickte freundlich und flog hinaus. Als Ma⸗ giſter Lamm bereits im Schlitten ſaß und das Pferd ſchon langſam anziehen ließ, ſtand ſie noch immer hin⸗ ten auf den Läufen, und ermahnte ihn, ſowohl das Bettzeug, als auch ſeine eigenen Kleider gehörig in Acht zu nehmen, daß ſie nicht ſchmutzig würden, und ſeinen neuen Mantel, wozu ſie das Tuch ſelbſt geſponnen und gewoben hatte, nicht im Koth nachſchleifen zu laſſen; ferner ſchärfte ſie ihm ein, beim Herausnehmen des Branntweins aus der Speiſenkammer ja recht vorſichtig zu ſein, denn dicht neben dran ſtehe eine ganz ähnliche Flaſche mit Vitriolöl zur Stiefelwichſe.„Stell dir vor, wenn du die unrechte erwiſchteſt, lieber Lamm; ach, ich habe ein Mal eine ſchaurige Geſchichte von der Art ge⸗ hört! Nimm dich um des Himmels willen in Acht, daß du mir das Glas mit der Hochzeitſülze nicht um⸗ wirfſt! Bring auch deine Frackärmel nicht an die Hefen⸗ ſchüſſel, denn die Flecken gehen im Leben nicht mehr heraus!“ Während der Magiſter die nicht unbedeutende Ladung Verhaltungsregeln von ſeiner Braut einnahm, brachte Frau von Dreſſen ihre Entſchuldigung bei den Gäſten vor und theilte ihnen mit, in welche Verlegenheit ſie der nach der Stadt geſandte Bote verſetzt habe. Die Einen bedauerten, die Andern belachten den Unfall, der Kammer⸗ junker aber war, laut ſeiner, mit den bekannten radförmi⸗ gen Verbeugungen ausgeſprochenen Verſicherung,„höchlich entzückt darüber, daß ihm ein ſo willkommener Zufall Gelegenheit gebe, durch„des Bacchus milden Saft“ den Herrſchaften die große Dankbarkeit zu beweiſen, welche in ſeinem Herzen lodere, und zu deren Bethädigung er bis daher noch keine materielle Veranlaſſung gefunden habe. Er hatte ja ein paar Kiſten alten Weines bei ſich, und nur bis jetzt Anſtand genommen, ſie der verehrten Familie anzubieten, da er ſich mit derſelben noch nicht genug liirt glaubte.“ 262 Bei ſolchen Ausſichten beſſerte ſich die Sanang des Obriſtlieutenants zunehmend; von der ſchlechteſten Laune ging er bald in die allermunterſte über. Bei Tiſche, wo der gute Appetit der Gäſte den lecker berei⸗ teten Gerichten alle Ehre widerfahren ließ, ſchwadronirte er ſo gewaltig, und ſchenkte ſo gaſtfrei ein, als wenn er der groͤßte Weinhändler wäre und ganze Keller voll Trau⸗ benſaft ſein nennte. Dieß war aber auch dem Obriſt⸗ lieutenant gar nicht zu verdenken, denn es kam ſelten an ihn, daß er ſich zeigen konnte, und da ſich jetzt zufällig die Sache ſo günſtig geſtaltete, machte er ſich dieſelbe beſtens zu Nutze, hauptſächlich da die Flaſchen mit ihrem ganz vortrefflichen Inhalte eine Gabe der Freundſchaft und ein Zeichen von Aufmerkſamkeit für ſeine Perſon waren. Nach Tiſche machte ſich Amelie, unterſtützt von Mina, daran, ihres Vaters Arbeitszimmer in eine Gaſt⸗ ſtube für den Baron zu verwandeln. Amelie's eigenes Bett und Minas unterdeſſen angekommene Hochzeitmatraze, nebſt dem rothſeidnen Ueberwurfe von der Frau Pfarrerin weiland Brautbett nahmen ſich mit dem weißen Leinen⸗ zeug, welches Minas kunſtfertige Hände ſelbſt gewoben hatten, unläugbar herrlich aus. Der alte Tiſch am Fen⸗ ſter wurde mit einer Theeſerviette überdeckt, Papas Raſir⸗ ſpiegel daraufgeſtellt, und die eine Seite, welche etwas⸗ defeet war, mit Amelies weißem Schleier künſtlich drapirt. Die Stühle, welche ziemlich ſchlecht und altmodiſch, auch theilweiſe nicht ganz ohne Gebrechen waren, wurden einſt⸗ weilen in die Rumpelkammer verwieſen, und der Saal mußte von ſeinen Dutzend Staatsſeſſeln vier Stücke zu dieſem Dienſte abgeben. „Wahrlich, nun ſiehts aber hochſt patent aus!“ verſicherte Mina, welche von einem alten nußbaumnen Schreibtiſche herab, ein Licht in der Hand, den Vor⸗ hang betrachtete, welchen ſie in der Eile aus einem Mu⸗ ſelinunterrock ihrer Freundin zurecht gemacht und über dem Fenſter befeſtiget hatte.„Wahrlich, ganz patent! -——ÿ½- 26 3. Will er es noch beſſer haben, ſo muß er ſichs aus Paris kommen laſſen.“ 4 „Ach ja, es geht ſo ziemlich an,“ meinte Amelie. „Nur iſt der große Kachelofen ſo gräulich ſchwarz— das macht ſich ſo gemein.“ „Was? Alles unter der Sonne kann nicht vollkom⸗ men ſein, und zudem iſt er auch kein Prinz!“ lauteten Minas Troſtesworte.„Hätte er ſich nicht anſagen laſſen können? Er ſieht aber ſo freundlich aus, daß er gewiß damit zufrieden iſt.“ „Und unſer Ehrenmann, der Baron, war es auch, wenigſtens bis zu einem gewiſſen Grade. Man konnte billigerweiſe kaum von ihm verlangen, daß er ſich behag⸗ lich und wohl dabei befinden ſollte, als die feuchte Kälte, welche in den Bettſtücken vom Pfarrhofe her ſteckte, durch das ſchnelle künſtliche Wärmen unmöglich hatte ganz ent⸗ fernt werden können, herausſchlug, ſich über ſeinen Körper verbreitete und ihm eine Erkältung nebſt Schnupfen und Huſten zuzog; ſein Unwohlſein peinigte ihn dergeſtalt, daß er von Herzen wünſchte, ſich nie mit Wiréns kitzlichem Auftrage befaßt zu haben. Amelie war ihm übrigens die ſorglichſte und freund⸗ lichſte Krankenwärterin. Der Unfall, den ſie und Mina in der beſten Abſicht herbeigeführt hatten, that ihr ſo herz⸗ lich leid, daß die nicht ohne einige Selbſtverläugnung her⸗ vorgebrachte Betheuerung des Barons: es ſei eine wahre Luſt, unter einer ſolchen Pflege Patient zu ſein, ſie nur wenig zu tröſten vermochte. Der Beſuch des Baron Lindenſköld und noch mehr ſeine Unpäßlichkeit, welche ihn ein paar Tage in Tune⸗ fors zurückhielt, war für die Operationen des Herrn von Göſſe von anſehnlichem Nachtheil. Amelie, deren Auf⸗ merkſamkeit für Letztern ganz gering und, ſtreng ge⸗ nommen, nichts weiter war, als die ſchuldige Höflich⸗ ſeit einer Wirthin, ließ ihn nun ganz links liegen, und kogar auch der Obriſtlieutenant hatte ſehr wenig Zeit für ſeinen erſtgekommenen Gaſt übrig. Nur die ſanfte . 264 Frau vom Hauſe blieb ſich in ihrer wohlwollenden Artig⸗ keit ſtets gleich: in ihrem Weſen lag eine ſich ſtets gleich bleibende Freundlichkeit, welche zwar nicht zur Hoffnung aufmunterte, aber doch nichts weniger als abſchreckend war. Demnach war ſie es auch ausſchließlich, zu welcher der arme Göſſe ſeine Zuflucht nahm, da ſonſt kein Menſch Ohren für ihn zu haben ſchien. Der Obriſtlieutenant ſchwebte ſtets zwiſchen Hoff⸗ nung und Furcht, er hoffte den beſten der Freier zu fangen, und dann fürchtete er doch auch wieder, den ge⸗ ringern zu verlieren. Dieſe unſchlüſſige Verlegenheit nahm ſtündlich zu; denn während der vier Tage, welche der Baron in Tunefors verweilte, entſchlüpften dieſem, in Bezug auf Amelie öfters Worte, welche freilich nur auf Rechnung allgemeiner Theilnahme zu ſetzen waren, aber doch auch auf der andern Seite wieder den Anſtrich eines tiefern Intereſſes hatten. Und da der Obriſtlieutenant ſo ehrlich war und in ſeinem eignen Hauſe nicht mehrere Freier auf ein Mal haben wollte, ſo mußte man darauf bedacht ſein, die geſcheidteſte Partie zu ergreifen; denn der Obriſtlieutenant dachte ſo„Im Bade koſtet ein Courmacher Nichts; aber hier, mit Kutſchen und Pferden, — nein, da danke ich!“ 3 „Hör einmal,“ ſagte er zu ſeiner Gattin,„wenn es dem Baron ernſt iſt mit Amelie, ſo würde es Unrecht ſein, den Herrn von Goͤſſe noch länger aufhalten zu wol— len; es wäre wenigſtens kein Beweis von großer Dank⸗ barkeit für ſeinen ehrenden Antrag, und möchte überdieß noch weniger Delikateſſe verrathen.“ „Das iſt freilich wahr, lieber Mann; allein ich fürchte, du legſt die Aufmerkſamkeiten des Barons falſch aus— und von Einem Geſichtspunkte aus betrachtet, bleibt der Kammerjunker doch immer eine gar nicht zu verwerfende Partie.“ Frau von Dreſſen erlaubte ſich dieſe kleine Zwei⸗ deutigkeit, erſtens und hauptſächlich um ſich gegen den ſonſt gewiß nicht ausbleibenden Vorwurf, als habe ſie — 26⁵ ſich dem Willen ihres Gemahls widerſetzt, in Zukunft ſicher zu ſtellen— und dann, weil ſie aus eigener lang⸗ jähriger Erfahrung wußte, daß Widerſpruch den Obriſt⸗ lieutenant zu einem noch raſchern Entſchluß treiben und noch eigenſinniger machte, als dieß unter andern Umſtän⸗ den der Fall geweſen wäre. „Ja ſo, du biſt nun auf einmal anderer Meinung!“ ſiel der Obriſtlieutenant etwas verdrießlich ein.„Habe ich es denn nicht ſchon tauſend Mal geſagt, daß ihr Weiber niemals wißt, ob ihr rechts oder links hinaus wollt? Aber meine Pflicht iſt es als Vater, darauf zu ſehen, daß meine Tochter die beſtmögliche Partie macht, — und daß der Kammerjunker dem Baron unangenehm iſt, ſieht man ohne Brille. Da man nun nicht Beide auf einmal brauchen kann, ſo muß Einer ſpringen, und deßhalb werde ich heute noch dem Kammerjunker den Ab⸗ ſchied geben, und den Baron dadurch obligiren, noch ein paar Tage bei uns zu bleiben.“ „Ja, aber lieber Dreſſen, glaubſt du denn, daß Amelie einen ſo alten Mann, wie der Baron, nehmen würde, im Fall er ſie nämlich will?“ „Was dieß wieder eine dumme Frage iſt! Weißt du denn nicht, daß ein Mädchen immer lieber Frau Baro⸗ nin wird, als eine ſimple gnädige Frau? Wären wir nur, mit Gottes Hülfe einmal ſo weit, mit dem Uebrigen hätte es wohl keine Noth.“ Nach dem Kaffee wußte es der Obriſtlieutenant, welcher offenbar unter dem Einfluſſe irgend eines gehei⸗ men Zaubers ſtand, ſo einzurichten, daß er mit dem Kammerjunker unter vier Augen war. Der unzweideu⸗ tige, obgleich ſcheinbar im Spaße hingeworfene Wink des Barons, daß man bald einen Nebenbuhler auftreten ſehen werde, der allem ſonſtigen Scharwenzeln ein Ende machen würde, trieb den Obriſtlieutenant zum ſchnellen Handeln, und er eröffnete dem Kammerjunker nun zwar mit der größten Artigkeit, aber doch mit beſtimmten und ſehr verſtändlichen Worten, daß Amelies Anſichten in Bezug auf ihn, von der Art ſeien, daß ſie auch mit der Zeit dieſelben wohl ſchwerlich zu ändern ſich ent⸗ ſchließen würde, und daß er ſelbſt, als Vater, es ſich zum Grundſatze gemacht habe, ſeine Tochter niemals zu einer Wahl zu zwingen, auf welcher ihr ganzes ferneres Lebens⸗ glück beruhe. Einen ſolchen plötzlichen Ausgang ſeiner Freierei hatte Herr von Göſſe nicht erwartet; er nahm die Sache ſpitz und meinte, wenn dieß die Meinung Seiner Gnaden von vorn herein geweſen ſei, ſo hätte man ihm dieß da⸗ mals in dem Briefe ſagen können, es wäre dann nicht nöthig geweſen, ihn zu einer ſo koſtſpieligen Reiſe zu ver⸗ anlaſſen und nach Tunefors zu narren, um erſt hier zu erfahren, daß man ſich auf ſeine Koſten luſtig zu machen, im Sinne habe. „Der Herr Kammerjunker belieben Ihre Worte nicht ganz paſſend zu wählen,“ bemerkte der Obriſtlieutenant und das Blut ſtieg ihm dabei in den Kopf.„Ich habe doch wohl nicht verlangt, daß Sie um meine Tochter freien ſollen?— und wenn ich aus Complaiſance dem Herrn Kammerjunker den Vorſchlag gemacht habe, ſeine Sache hier ſelbſt mündlich zu führen, ſo habe ich doch deßhalb nicht nöthig, mir chikanirende Ausdrücke gefallen laſſen zu müſſen. Es iſt doch, bei Gott! nicht meine Schuld, wenn es dem Herrn nicht gelungen iſt, das Herz des Mädchens zu gewinnen!“ „Chikanirende Ausdrücke!“ rief der Kammerjunker aus, und weinte faſt, wie dieß in der Regel das Ende vom Liede war, wenn er in Affekt kam.„Wer wird hier chikanirt, wenn es nicht meine Wenigkeit iſt? Die ganze Welt weiß, daß ich hieher auf die Brautfahrt ge⸗ kommen bin, und mein liebeflammendes Herz wird es nicht überſtehen, ſich dergeſtalt verſtoßen zu ſehen.— Nein, das ertrage ich nicht;— ich bin auf ewig ver⸗ loren! Laſſen Sie, beſter Herr Obriſtlieutenant, wenig⸗ ſtens Amelie ſelbſt mein Urtheil ſprechen. Ihre Lippen ſollen mich entweder zu dem höchſten Gipfel der Selig⸗ keit heben, oder in den tiefſten Abgrund der Hoffnungs⸗ V 267 nit ſft⸗ loſigkeit niederſchleudern.“ m„Dieß iſt eigentlich etwas höchſt Unnothiges, da ich, er der Vater, an ihrer Stelle die Antwort ſchon gegeben 6⸗ habe. Um Sie übrigens zu überzeugen, Herr Kammer⸗ junker, daß es von meiner Seite nicht an gutem Willen rei fehlt, will ich ſie herſchicken.“ he„Ach ja, thun Sie das— ſie kann unmöglich ſo en grauſamen Spott mit mir getrieben haben: Als meines a⸗ Lebens Rettungsſtern wird ſie erſcheinen.“ cht Der Obriſtlieutenant ging, um Amelie aufzuſuchen, er⸗ und fand ſie in der Speiſekammer, wo ſie eben Grütz⸗ zu virſte machte.„Hör ein Mal, liebes Kind, der Menſch en, da, der Kammerjunker, will mir nicht mehr recht gefallen, und da du ihn doch nicht haben willſt, ſo wäre es Un⸗ cht recht von mir, wenn ich dich zwingen wollte. Zieh dich ant deßhalb ein Bischen an, und gehe hinauf zu ihm ins abe Vorzimmer, wo er dich erwartet, um den Ausſchlag aus ter deinem eignen Munde zu vernehmen, worauf er dann ein⸗ em ſpannen laſſen und in Gottes Namen zum Kuckuck fahren ine mag. Man füttert, zum Henker! doch keinen Freier um och Nichts und wieder Nichts!“ len„Nein, das ſieht man an unſern Schinken und eine Würſten,“ erwiderte Amelie lachend. Sie wunderte ſich derz auch gar nicht über die plützliche Veränderung in den Heirathsplänen des Vaters, denn die Mutter hatte ihr nker kürzlich einen Wink gegeben.„Wenn du aber ſo gütig nde biſt, lieber Vater, und mir erlaubſt, dem Kammerjunker vird den Abſchied zu geben, ſo laß mich nur erſt das Zeug Die** hier fertig machen.“ ge⸗„Nein, mein liebes Kind! Ehe du alle die Därme es da geſtopft hätteſt, würde er oben aus purer Erwartung — Krämpfe bekommen. ver⸗„Wenn die Stunde gekommen iſt, ſollſt du nicht nig— mehr weilen. pen„Was du heute thun kannſt, verſchiebe nicht auf ligg— morgen.“ 268 Sobald der Obriſtlieutenant einmal die Bibel zu citiren anfing, wußte Amelie, daß er gehörig im Zuge war und deßhalb ſtatt aller Antwort rief ſie ſich die Worte des Dichters:„Entſagung iſt des Weibes Loos“ ins Gedächtniß, band ihre Schürze ab und warf ſie über die Grütztonne, knüpfte den Majoran und den Lauch in Büſchel zuſammen, und ſprang dann nach ihrem Zimmer, um ihr Haar in Ordnung zu bringen, nahm dann eine reine Schürze vor und ein Halstuch um, wuſch ſich die Hände und eilte nun in das Zimmer zu Herrn von Göſſe, um ihm eine glückliche Reiſe zu wünſchen. 4 XXIX. Ein Mann der ſein Geſchick zu tragen weiß. Als Amelie eintrat, ſtand der tiefgebeugte Kammer⸗ junker, welcher trotz ſeiner Dummheit und ſonſtigen lächer⸗ lichen Eigenſchaften dennoch Amelie von Herzen liebke, ſo weit ihm nämlich ſeine Natur überhaupt ſolche Ge⸗ fühle geſtattete, ganz zerknirſcht in einem Winkel des Zimmers. Er fühlte ſich muth⸗ und rathlos; es leuchtete ihm wohl ein, daß er jetzt weit entfernt war, die ſtolze Rolle zu ſpielen, wie er gethan haben würde, wenn der Lieutenant zugegen geweſen wäre und ſeine Schritte ge⸗ leitet haͤtte. Herr von Göſſe vermißte in dieſem wichtigen Momente ſeinen Freund ſo ſchwer, daß ſeine Kopfanſtren⸗ gungen, was dieſer ihm wohl gerathen haben würde, beinahe die heftige Unruhe überwogen, in welche ihn der entſcheidende Schlag verſetzte, der ihn ſo eben ge⸗ troffen hatte. Sobald er Amelie erblickte, vergaß er Alles. Den Lieutenant, deſſen Rath, ja ſogar ſeinen eigenen, gro⸗ 269 ßen Vorrath an zuſammengeſtoppelten Phraſen. In ſeiner Angſt wurde er natürlich, und deßhalb weit weniger abge⸗ ſchmackt und dumm, denn er gab ſich keine Mühe den . Angenehmen zu ſpielen. „Amelie, Amelie!“ rief er ihr entgegen,„iſt es wahr, daß ſie mich nicht haben wollen? Sie wiſſen nicht, welch unerhörten Gram Sie mir dadurch bereiten! Ich liebe Sie mehr als Alles! Meine Landgüter, meine Pferde und alle meine Jagdhunde ſind für mich nun nichts mehr. In der ganzen weiten Welt ſind nur Sie es, wonach ich ſtrebe— weßhalb wollen Sie mich ver⸗ ſtoßen?“ „Beſter Herr Kammerjunker,“ entgegnete Amelie herzlich, denn ſie war gerührt durch den aufrichtigen Schmerz, welcher ſich in ſeinem ganzen Weſen, ſowie in jedem ſeiner albernen, aber doch wahren Worte ausſprach. „Es hängt nicht von meinem Willen ab, iſt auch keine Laune, daß ich genöthigt bin, Ihren ehrenvollen Antrag abzulehnen. Mein Herz iſt es, das ſpricht!„Ich kann Sie niemals lieben.“ „Ach, wenn Sie nur meine Frau werden und mich nicht haſſen wollen, ſo bin ich ſchon zufrieden. Ich will Sie deſto mehr lieben.“ „Das kann nicht ſein!— es wäre Unrecht; auch iſt es mir durchaus unmöglich, einen Andern zu heirathen, als den, der mein Herz gewinnt. Aber ein Mann mit einem Stolze wie Sie, Herr Kammerjunker, der weiß, was er ſich ſelbſt ſchuldig iſt, wird ſich wohl ſicher keiner ſo unmännlichen Schwachheit hingeben. Ich glaube, Sie in der kurzen Zeit unſres Zuſammenſeins genugſam kennen gelernt zu haben, um die Ueberzeugung zu hegen, Sie werden einem Mädchen, welches ſich Ihre Hand verſagen mußte, zeigen, daß ſie mehr als die bloße Ausſicht auf eine Verſorgung verloren hat.“ „Was meinen Sie damit, göttliche Amelie? Helfen, rathen Sie mir! Was ſoll ich thun, um Ihrer würdig zu handeln?“ 3 270 „Wollen Sie wirklich auf meinen Rath hören, und meine Achtung und die der übrigen Leute, welche um die Sache wiſſen, gewinnen, ſo ſeien Sie ſo zurückhaltend als möglich, ſelbſt gegen Ihre nächſten Freunde! Ueber⸗ laſſen Sie ſich nicht unmännlichen Klagen und Jammern ob der fehlgeſchlagenen Hoffnung, denn außerdem, daß eine ſolche Schwachheit doch zu Nichts dient, gibt ſie den Leuten auch noch das Recht, über Sie zu lachen. Zeigen Sie ſich aber verſchwiegen und zurückhaltend, ſo vermag kein Menſch zu errathen, wie Ihr Beſuch bei uns aus⸗ gefallen iſt. Wenn man auch weiß, daß Sie hieher gereist ſind, um mich mit einem Antrage Ihrer Hand zu beehren, ſo kann doch Niemand wiſſen, ob Sie ſich nicht bei Ihrer Ankunft anders beſonnen haben. Sie müſſen der ganzen Sache einen Anſtrich zu geben ſuchen, daß man glaubt, Sie hätten Ihren fruͤhern Plan auf⸗ gegeben. „Ach, gnädigſtes Fräulein Amelie, Ihre Güte, Ihre Freundſchaft ſind mir unſchätzbare Kleinode. Ich dank Ihnen aus vollem Herzen dafür. Nun weiß ich, wie ich handeln muß. Kein Sterblicher ſoll erfahren, was zwiſchen uns vorgefallen iſt; dieſes ſüße und doch ſo bittre Geheim⸗ niß werde ich für mich behalten,— und die Welt ſoll ſehen, daß ich ein Mann bin, der ſein Geſchick zu tragen weiß!“ Dabei reckte ſich Herr von Göſſe um gute drei Zoll in die Höhe, und blickte mit einer Miene im Kreiſe umher, welche andeutete, daß er ſich vorgenommen, von nun an den kalten, ſich ſelbſt beherrſchenden Weltmann zu ſpielen, deſſen Innres für jedes neugierige Auge feſt verſchloſſen iſt. „Wann reiſen Sie?“ fragte Amelie;„denn Sie zu erſuchen, länger unſer Gaſt..... 4 „Ich bitte Sie— nichts mehr davon!“ unterbrach ſie Herr von Göſſe mit Würde, und ſteckte dabei die Hände in die Luft.„Bitten Sie mich nicht, zu blei⸗ ben, verſuchen Sie es nicht, den harten Stahl zu chm elzen, mit welchem jetzt mein Herz umpanzert iſt. 271 Leben Sie wohl, Amelie! Ich laſſe im Augenblick packen und einſpannen.“ „Unterdeſſen backe ich Ihnen noch ein paar Pfann⸗ kuchen,“ erwiderte Amelie;„die Ihnen unter Wegs noch trefflich ſchmecken ſollen.“ „Ich weiß nicht,“ meinte Herr von Göſſe nachdenklich, „ob ich in meiner gegenwärtigen Lage Etwas zu eſſen im Stande bin. Es iſt mir, als ob ich jetzt zu ſehr Seele wäre, um an meinen Körper zu denken.“ „Für den Augenblick mag dieß der Fall ſein; kom⸗ men Sie aber nur ein Mal hinaus in die Abendkühle, dann werden Sie finden, daß es gut, ſogar nothwendig iſt, etlichen Troſt der Art bei ſich zu haben. Ich bin feſt überzeugt,“ ſetzte ſie mit ſchelmiſchem Lächeln hinzu,„ſelbſt ſo große Männer, wie z. B. Napoleon oder Tegnér, haben es nicht verſchmäht, nach den heftigſten Gemüths⸗ aufregungen, Speiſe zu ſich zu nehmen.“ „Das iſt wahr! Nun, ſo legen Sie etwas einge⸗ machte Kirſchen dazwiſchen. Auch möchte wohl eine halbe Flaſche Glühwein, ſo zum Hinunterſpülen, nicht übel angelegt ſein?“ „Und eine kalte Kotelette darauf,“ verſetzte Amelie. Ja, meinetwegen! in dieſer großen, wichtigen Stunde kann und mag ich Ihnen nichts abſchlagen. Liebens⸗ würdigſte Amelie, vortrefflichſtes Geſchöpf! ſogar in dieſem hehren, feierlichen Augenblicke denken Sie an das Wohl des abreiſenden Freundes! Amelie, ſtets und immer,— ewig, wie die Ewigkeit ſelbſt— werde ich Sie ver⸗ miſſen. Aber ſeien Sie, wo möglich, noch hochgeſinnter, als Sie ſich bisher gezeigt! Beten Sie für mich, daß ich ein Mädchen finden möge, zu welchem ich ſagen kann: „gleiche der, welche ich angebetet habe, und du ſollſt mein Ideal ſein!“ „Beſter Herr Kammerjunker, ſeien Sie verſichert, daß wenn irgend Gebete hierin etwas vermögen, dieß mein eifrigſter Wunſch ſein wird. Sie wiſſen ja:„Su⸗ ſchet, ſo werdet ihr finden!“ Nun aber erlauben Sie 272 mir, Sie zu erinnern: wenn ich Ihnen noch Pfannkuchen ei backen, Koteletten braten und Glühwein machen ſoll, und der Sie einpacken wollen, ſo müſſen wir uns ſputen und ich me mich deßhalb empfehlen.“ wã Und mit einem ſfrenndlichen Knicks verſchwand liel Amelie. M Sobald ſie draußen war, rief Göſſe mit in die Höhe gereckten Händen aus:„Es iſt vorbei! Ich habe ſie ver⸗ wo loren! Aber ich bin ein Göſſe; nur die ſchwarzen Schatten wi der Nacht ſollen meines Schmerzes Zeuge ſein, und ihn Fr mit ihrem düſtern Trauerflor umhüllen!“ dar Da wir hier auf immer von unſerm charmanten Kam⸗ kar merjunker Abſchied nehmen, halten wir es für billig, noch geh hinzuzufügen, daß er getreulich Wort hielt, und nicht ein Mal ſeinen beſten Freund, den Lieutenant, wiſſen ließ, We wie die Sache eigentlich gegangen war.„Frage mich und nicht,“ pflegte Goͤſſe in ſolchem Falle zu antworten. leu „Ich bin ein Mann, und Männer plaudern nicht, wie den Knaben, ihre Geheimniſſe aus. Ich weiß mein Geſchick Kä zu tragen!“ Ein halbes Jahr ſpäter ſoll er zu einem Mädchen, das eben ſo hübſch, aber nicht ganz ſo ſchlau und ver⸗ ſtandig wie Amelie war, geſagt haben: „Gleiche Der, welche ich anbetete und du ſollſt mein Ideal ſein!“ Das Mädchen gelobte, ihr Beſtes zu thun, und es wird behauptet, der Kammerjunker habe auch ſo ſehr Urſache gehabt, mit ihr zufrieden zu ſein, daß ihn ſein Zutrauen zu der zweiten Auserwählten niemals gereute. X Zu Tunefors gewann jetzt Alles bald ein trauriges Anſehen. Nachdem der Kammerjunker fort war, ſchien ſich der Baron um weiter nichts zu kümmern, als ſeine eigne Abreiſe möglichſt zu beſchleunigen, wobei er, ſo gleichſam im Vorbeigehen, ſeinen Wirth verſicherte, er — 273 ſei der Meinung, der Herr Obriſtlieutenant habe offenbar den beſten Theil erwählt, da er der Freierei des Kam⸗ merjunkers ein ſo ſchnelles Ende gemacht habe, denn es wäre doch unverantwortlich geweſen, wenn man das aller⸗ liebſte Fräulein Amelie hätte zwingen wollen, einen ſolchen Mann zu heirathen. „Wann ich bald wieder des Weges komme, was wohl zu Anfang des nächſten Sommers der Fall ſein wird,“ ſagte der Baron beim Abſchiede,„ſo hoffe ich Fräulein Amelie als Braut zu finden, am Ende iſt ſie dann gar ſchon läͤngſt aus dem älterlichen Hauſe. Man kann nicht wiſſen, wie ſchnell es zuweilen in der Welt eht.“ 3 Der Obriſtlieutenant fühlte ſich durch die Art und Weiſe, wie ſich der Baron äußerte, hoͤchlich beleidigt und übervortheilt, denn die Abſichtlichkeit ſeiner Worte leuchtete allzudeutlich hervor, er erwiderte demnach Lin⸗ denſtolds herzliche Abſchiedsworte mit ſtolzer, abgemeſſener Kälte. Als der Wagen endlich fort war, fühlte ſich der Obriſtlieutenant unglücklicher als je. Er hatte vergeblich ein Souper gegeben, aus ſeiner magern Speiſekammer und ſparſam verſehenen Haferkiſte eine ganze Woche lang Roß und Mann gefüttert, von einem unſeligen Irrthume befangen, welcher ihm dergeſtalt die Augen verblendet hatte, daß er das Gewiſſe aus den Händen gab, um nach dem Ungewiſſen zu haſchen. Und das Schlimmſte, wenigſtens für den Augenblick Fühlbarſte, war wohl noch das, daß er ſeine Galle nicht gegen ſeine Frau entleeren konnte und nicht daraus Troſt zu ſchoͤpfen vermochte, daß er, wie gewöhnlich, ihr Alles in die Schuhe ſchüttete. Dieſer Ausweg war ihm leider abgeſchnitten, da 4 ſie nicht nur ſeiner Abneigung gegen die Partie mit Goöͤſſe hatte nachgeben müſſen, ſondern auch noch ihren Mann beſonders darauf aufmerkſam gemacht hatte, er Der Skjutsjunge. 18„. ——— möchte doch wohl die Worte und Abſichten des Barons falſch deuten. Dank der erfinderiſchen Verſchlagenheit des Weibes! — dieß Mal hatte die ſtille, kluge Frau von Dreſſen ſich eine ganze Fluth von Vorwürfen zu erſparen ge⸗ wußt, und freute ſich auch innerlich von ganzem Herzen darüber. „Ich wollte die ganze Geſchichte wäre beim..... rief der Obriſtlieutenant mit ein paar tüchtigen Kern⸗ flüchen aus,„der Henker ſoll mich holen, wenn ich in alle Ewigkeit auch nur einen Finger rühre, um ihr einen Mann zu ſchaffen! Mag ſie nun ſelbſt zuſehen;— hie⸗ her in das abgelegene Tunefors werden ſich freilich ver⸗ 44 dammt wenig Freier verlieren. Und bis ich wieder den Vorſchlag zu einer Badereiſe mache, da kann ſie aß lange warten! Der ehrliche Kerl, der Göſſe, hat meiner Seele, eine andere Behandlung verdient! Nun, damit hat's ein Ende,— und ſie kann als alte Jungfer ſterben.“ Amelie war weit entfernt, den Mißmuth ihres Va⸗ ters zu theilen. Sie dachte ſicher: es gibt noch andre Männer in der Welt, und finde ich keinen, wie ich ihn will, ſo ſtirbt man auch nicht gleich daran. Es gibt allerlei Dinge, womit ſich ein lediges Frauenzimmer, eine alte Jungfer, wenn ſie etwas verſteht durch die Welt bringen kann; z. B. man etablirt eine Penſion in einem Landſtädtchen— das iſt wohl ein wenig langweilig;— oder man wird Gouvernante— dazu habe ich freilich auch keine ſonderliche Luſt; als Hausmamſell— da be⸗ komme ich, ſobald Etwas ſchief geht, das ganze liebe Haus auf den Rücken, und zur angenehmen Ergötzlich⸗ keit noch Vorwürfe und Naſen dutzendweiſe vom Herrn und Frau obendrein. Als einfache Schaffnerin auf ei⸗ nem Herrſchaftsgute,— das wäre zu mühſam! Viel⸗ leicht wäre es geſcheidter, eine Weberei oder ſonſtige Fabrik zur Unterweiſung junger Mädchen anzulegen— das wäre gar nichts Uebles; etwas Derartiges ließe — ſich vielleicht ſchon hören;— aber, du mein Gott! dazu braucht man Geld,— und bis ich das zuſammengewoben hätte, möchte mancher Tropfen Waſſer ins Meer laufen. Aus der Fabrik wird am Ende doch nichts werden, und für's liebe Brod arbeiten, iſt doch auch zu bitter.— Aber was braucht man denn eigentlich für den kommenden Tag zu ſorgen? Dazu iſt es noch Zeit genug, wenn ich wirklich eine alte Jungſer bin oder nahe daran ſtehe — dann wird auch Rath werden; es findet ſich immer noch ein Ausweg zur Verſorgung, indeſſen....“ Dabei ſeufzte unſre Amelie nicht einmal, ſondern ihr hübſches Mänlchen verzog ſich zu einem recht ſchelmiſchen Lächeln. Im Jahre 1833 redete man noch nicht ſo viel, als heutzutage, von der Emanzipation der Frauen; doch ließ ſich vielleicht ſchon aus dieſer Quelle Amelie's„indeſſen“ herleiten, welches im Ganzen viel natürlicher lautete, als die ſelbſtbetrügeriſche Verſicherung, die man zuweilen hören muß:„daß ein unverheirathetes Frauenzimmer das glück⸗ lichſte Leben führe.“ XXX. Der Obriſtlieutenant ſieht das Leben wieder minder ſchwarz. Unter einer Art von gemeinſchaftlicher Sonnenfinſter⸗ niß, worunter die ganze Familie litt, ſchritt langſamen Schrittes der Herbſt hin. Die Tage wurden immer kürzer, die Wege noch ſchlechter, und kein fremder Menſch ließ ſich blicken, um die Einfoͤrmigkeit von Tunefors auch nur einigermaßen zu unterbrechen. Nicht einmal die freundliche Mina fand Zeit, ihre Freunde zu be⸗ ſuchen, denn ſie hatte erſchrecklich viel mit den Zurü⸗ 276 ſtungen zu ihrer Hochzeit zu thun, welche auf Neujahr ſein ſollte.— Und ſowohl bei trübem Himmel, als bei trüber Stimmung ſahen unſre Leute auf Tunefors dem Weihnachtsabende entgegen. Endlich kam er. „Wir koͤnnten es auch anders haben,“ ſagte der Obriſtlieutenant in einem gewiſſen weichen, klagenden Tone, während er, ſeine Pfeife im Munde, im Zimmer auf und ab ging.„Aber die Hoffnung iſt nun zu Schan⸗ den geworden— hätte ich nur wenigſtens die verdammte Badereiſe nicht gemacht!“ 8 Laß uns vergeſſen, was vorüber iſt, lieber Mann,“ 15 5 8 3 tröſtete Frau von Dreſſen ihren Gemahl,„und laß uns fröhlich genießen, was wir haben: Geſundheit und einen guten Reisbrei.“ „Und echten Thee,“ ſiel Amelie lachend ein, denn unwillkürlich mußte ſie an das künſtliche Gebräue bei jenem Unglücksſouper denken. „Aber keinen Hund und keine Katze zur Geſell⸗ ſchaft!“*) erwiederte der Obriſtlieutenant verdrießlich. „Wir laſſen es uns um ſo beſſer ſchmecken, Papa⸗ chen! Komm und ſetze dich jetzt an den Theetiſch. Ich weiß es gewiß, mein Väterchen wird zugeben müſſen, daß er in ſeinem ganzen Leben noch kein ſo gutes Theebrod und keine beſſern Brezeln gegeſſen hat, als ich hier anzu⸗ bieten die Ehre habe. Sag; einmal, Papachen, ſchmecken ſie nicht gut?“ „O ja, ſie ſind gar nicht übel; aber... Ach, Papa, du mußt mir verſprechen, heute Abend 15“ nichts von„Wenn“ und„Aber“ zu reden, und dich mit uns freuen, daß Alles ſo gut iſt, wie es iſt. Es gibt Manchen, der es wahrlich nicht ſo hat, wie wir.“ Amelie hatte, wie es ſchien, noch mehr ſagen wol⸗ len, aber ſchnell hielt ſie inne und forderte mit einer ——O—ᷣ———- *) In Schweden iſt am Weihnachtsfeiertage für jeden Beſuchen⸗ 41 den das Haus gaſtfrei geöffnet. Man beſucht ſich gegenſeitig und ſelbſt Fremde ſind willkommen. A. d. Ue. = o= S, ☛σ— —— uchen⸗ nſeitig Ue. 277 haſtigen Handbewegung die Uebrigen auf, ihrem Beiſpiele zu folgen und gleichfalls zu horchen.—. „Horch, potz Tauſend, es fährt etwas,“ rief ſie aus, „wahrhaftig es fährt etwas!“ Der Obriſtlieutenant ging raſch an's Fenſter und zog die Gardinen auf; ſeine Gattin ſetzte die Theetaſſe vom Munde, und geſpannte Erwartung lag auf allen Geſichtern. „Meiner Seel', es kommt Jemand,“ ſagte der Obriſtlieutenant,„in einem Schlitten mit zwei Pferden. Wenn es nur Vorſpannpferde ſind! Ich will es zu Gott wünſchen, denn mein Futterkaſten leidet noch von der FSreierei her an der Auszehrung und kann zur Zeit blut⸗ wwenig vertragen.“ „Aber wer in aller Welt kommt denn wohl am Weihnachtsabende zu uns?“ rief Frau von Dreſſen in großer Verwunderung aus und ſah bald ihren Gemahl, bald ihre Tochter an. Amelie war zu ihrem Vater an das Fenſter gelaufen; allein ſo gute Augen ſie auch hatte, war ſie doch nicht im Staude herauszukriegen, wer der fremde Herr ſein mochte. „Wir werden bald ſehen,“ ſagte der Obriſtlieutenant und ſetzte ſich zu einer feierlichen Empfangsceremonie auf den Sopha zurecht. Der Leſer wird wohl ohne Zweifel ſchon errathen haben, daß es unſer Held war, der es nun für den rich⸗ tigen Zeitpunkt hielt, auf dem Kampfplatze zu erſcheinen. Er war jetzt vollſtändig überzeugt, daß ſowohl die Freierei des Kammerjunkers, als auch die Comödie des Barons ausgeſpielt ſei und, ſoweit ihm bekannt war, ein ſolches Ende genommen hatten, daß klar daraus hervorging, Amelie wenigſtens ſei nicht gemeint, einen Mann lediglich der Verſorgung halber zu nehmen. „Es wäre hier die beſte Gelegenheit, die Gefühle zu entwickeln, welche Borgenſtierna's Entſchluß zu der wich⸗ tigen Reiſe hauptſächlich herbeiführten; aber es wäre 278 ſicher nicht artig von uns, durch eine ſolche Verzögerung die freundlichen Knickſe und Begrüßungen der Frau von Dreſſen und ihrer Tochter noch länger hinhalten zu wollen. Im Ganzen genommen wird es aber nicht nöthig ſein, viel von den Gründen zu einer Handlung zu ſprechen, wobei eine der Haupttriebfedern die Liebe war. Daß übrigens Borgenſtierna nicht ohne reife und ernſtliche Ueberlegung dieſen Schritt that, welcher für ihn in mehr als Einer Hinſicht höchſt wichtig ſein mußte, kann man leicht aus den Zügen ſchließen, die uns ſchon von ſeinem Charakter bekannt ſind. „Wahrhaftig, das iſt ja unſer beſter Herr Borgen⸗ ſtierna,“ rief Frau von Dreſſen aus,(im Vorbeigehen geſagt, von Herzen vergnügt, daß ihre ſtillen Gebete wenigſtens einen Schein von Erhörung gefunden hatten). „Seien Sie uns willkommen, tauſendmal willkommen!“ So warm hatte Frau von Dreſſen in ihrem Leben noch keinen Menſchen empfangen. Der Herr Obriſtlieu⸗ tenant aber, welcher— durch Schaden wird man klug — niemals unterließ, ſich der Koſten zu erinnern, welche die Anweſenheit des Barons und des Kammerjunkers in ſeinem Hauſe ihm auf den Hals geladen hatte, war dießmal ſehr zurückhaltend mit ſeinen Artigkeiten. Er dachte ſo:„Es könnte abermals vergebliche Mühe ſein. Ich will thun, als ſei mir die Sache ganz gleichgültig. Die Weiber mögen jetzt allein ſehen, wie ſie fertig werden.“. Was Amelie anbelangte, ſo war ſie ein viel zu lie⸗ benswürdiges, vortreffliches weibliches Weſen, um ſich auf die ſchlauen und ſchlechten Kunſtſtückchen zu legen, welche nicht verfehlen, den Männern wohl bisweilen zu gefallen, ſie aber niemals feſſeln. Amelie zeigte weder erkünſtelte Verwunderung, noch erzwungene Gleichgültig⸗ keit, um Borgenſtierna gleichſam für ſein langes Aus⸗ bleiben zu ſtrafen; offen und mit einer gewiſſen anſtän⸗ digen Vertraulichkeit begrüßte ſie ihren alten Bekannten. Es war Alles, als ob es ſo ſein müßte; und ihr Wie⸗ —,— — —* ο 279 derſehen glich eher dem ruhigen Begegnen zweier einander theuern Weſen, die ſich oft treffen, als dem Wiederfinden zweier Leute, bei welchen es zweifelhaft war, ob ſie ſich jemals im Leben wieder ſehen würden. Dieſer freundliche Empfang, in welchem etwas Un⸗ widerſtehliches lag, machte auf Borgenſtierna's krankes Herz einen hoͤchſt wohlthätigen Eindruck. An dem warmen Feuer, von Amelie mit dem köſtlichen Thee und herr⸗ lichen Theebrod bedient, war es ihm ſo wohl um's Herz, daß es ihm vorkam, als befinde er ſich jetzt zum erſten Male in ſeinem Leben in dem beglückenden Kreiſe eigener Häuslichkeit. Borgenſtierna hatte ſowohl vor als während der Reiſe nichts ſo ſehr gefürchtet, als ſein erſtes Auftreten zu Tunefors, und war hundertmal drauf und dran ge⸗ weſen, ſich Alles zuſammen aus dem Sinne zu ſchlagen, wenn er ſich in Gedanken mit der Vorſtellung plagte, was ſeine Ankunft all' für Beſtürzung erregen, und was für eine Menge Potztauſend und Ach's der Verwunde⸗ rung hervorrufen werde u. dergl., was er All' zuſammen nicht ausſtehen konnte. Hätte nicht die Nähe von Weih⸗ nachten ſeiner Unentſchloſſenheit eine Gränze geſetzt, oder wäre es noch weiter bis dahin geweſen, ſo hätte er ſich ſicher noch viel länger darüber bedacht. Daß er aber gerade ſeine Reiſe auf Weihnachten beſtimmte, kam da⸗ her, weil er ſich einmal in den Kopf geſetzt hatte, wenn er je nach Tunefors kommen ſollte, ſo müßte dieß noth⸗ wendig an dieſem Feſtabende ſein; einmal, weil man zu Weihnachten in allen Häuſern am eheſten auf Gäſte ein⸗ gerichtet iſt— und Borgenſtierna kannte hinlänglich die Umſtände der Familie Dreſſen, um nicht zu wiſſen, daß dieß nicht immer ſo der Fall war; ferner konnte man ſich auch an jenem Abende gewiſſer drückender Verbind⸗ lichkeiten entledigen, ohne deßhalb zu weitläuftigen Aus⸗ einanderſetzungen über den Grund der Gaben gezwungen zu ſein, oder ſich mit Dankſagungen überſchütten zu laſ⸗ ſen, welche in der Regel eben ſo widerwärtig ſind. Kurz, 280 der Weihnachtsabend war mehr als irgend ein andrer im ganzen Jahre zu dieſem mißlichen Beſuche geeignet, und deßhalb durfte er nicht verſäumt werden. Es lag ſo viel Zartgefühl in der ſchüchternen Zu⸗ rückhaltung, welche unſern Freund Borgenſtierna leitete, daß man ſich eben ſo wenig über die Einſeitigkeit in dieſer Hinſicht, als über ſeine herzliche Zufrieden heit wundern darf, als die erſte gefürchtete Stunde überwun⸗ den war und er nun ſo in Ruhe und Behaglichkeit da ſaß, wie ein alter Freund, von dem man weiß, daß ihm Herzlichkeit mehr gilt, als die ausgeſuchteſten Com⸗ plimente. In unſres Helden, gewöhnlich von Schwermuth um⸗ ſchleierten Augen ſtrahlte heute Abend ein Feuer, das ihm den Ausdruck des Friedens, ſowohl des äußern als des innern, verlieh. Er hatte dieſen auch, denn er fühlte ſich glücklich. In ihrer einfachen Häuslichkeit, in der Beſorgung der Wirthſchaft dünkte ihm die fleißige Amelie noch weit reizender und liebenswerther als im Bade, und jeden Angenblick, wo ſie, ohne die geringſte affektirte Geſchäftigkeit, ihm die verſchiedenartige freundliche Für⸗ ſorge bewies, welche uns die Damen in ihren eigenen vier Pfählen zu bereiten im Stande ſind, wuchſen in ſeinen Augen ihre Verdienſte, und in dem Maße oͤffnete ſich auch ſein Herz immer mehr dem lieblichen Eindrucke, den es ſo gerne aufnahm. Allein nicht bloß Amelie erweckte dieſes Gefühl der Behaglichkeit in ihm, auch der Obriſtlieutenant, welcher ihn heute glücklicherweiſe mit ſeinen gewöhnlichen Fragen und Windbeuteleien ganz ungeſchoren ließ, kam ihm vor, als habe er ſich über die Maßen„gemacht.“ Frau von Dreſſen war überall und jederzeit eine einnehmende, liebens⸗ würdige Frau geweſen, aber auch ſie entwickelte in ihrem häuslichen Kreiſe mehr als je ihre Anmuth. Von dem kleinen Alfred geſchah an dieſem Abende keine Erwähnung. Ein gemeinſames Gefühl gebot n Allen, jede ſchmerzliche Erinnerung zu vermeiden, welche ihnen den frohen Abend hätte vergällen können. Als nach dem Abendeſſen die prächtigen Weihnachts⸗ geſchenke der Hausfrau bewundert wurden, drehte Amelie ihr Paket noch mit ſchüchterner Unruhe in den Händen und wagte nicht es zu erbrechen. „Willſt Du nicht ſehen, was es enthält?“ fragte die Mutter. „Nicht früher, als bis ich auf meiner Kammer bin; ich bin dort allein um ſo ungeſtörter,“ entgegnete die Tochter.— Ein freundlicher, faſt dankbarer Blick Borgenſtierna's gab Amelie die Ueberzeugung, daß er ihr Vorhaben voll⸗ kommen billigte. Sie hatte geſehen, wie unangenehm ihm die pompöſen Dankſagungen ihres Vaters geweſen waren und wie verlegen ihn ſelbſt die einfacheren Worte der Mutter gemacht hatten; deßhalb wollte ſie ihm um keinen Preis eine ähnliche unbehagliche Empfindung bereiten, welches nothwendig hätte der Fall ſein müſſen, wenn ſie in ſeiner Gegenwart das Sigel erbrochen und ihre Neu⸗ gierde befriedigt haben würde. Um dem Geſpräche eine andre Wendung zu geben, fragte Frau von Dreſſen, ob ihr Gaſt nicht Luſt habe, dem morgenden Gottesdienſte mit anzuwohnen. „Mit dem groͤßten Vergnügen,“ antwortete Borgen⸗ ſtierna, in der Ueberzeugung, daß er dann Amelie wuͤrde fahren dürfen. Der Obriſtlieutenant war aber andrer Meinung. Er behauptete, es ſei abſurd, zeitig aufzuſtehen; nach einer mehrtägigen Reiſe auf ſchlechten Wegen ſei man vor allen Dingen der Ruhe bedürftig. Ja, es ſei ſogar ſehr unartig von ſeiner Frau, nur einen ſolchen Vorſchlag zu machen. 8 „Keineswegs,“ wandte Borgenſtierna ein.„Ich habe an ein paar Stunden Schlaf hinlänglich genug und verſäume nicht gerne den Weihnachtsmorgengottes⸗ dienſt, denn er iſt einer unſrer ſchönſten Kirchengebräuche, 282 und wenn Sie mir erlauben wollen, ſo rechne ich auf das Vergnügen, Sie begleiten zu dürfen.“ „Unendlich gerne, wenn es Ihnen Vergnügen macht; ich aber werde daheim bleiben und das Haus hüten,“ entgegnete der Obriſtlieutenant mit hausväterlicher Wich⸗ tigkeit.„Die Frauenzimmer moͤgen unter Herrn Borgen⸗ ſtierna's Schutz nach der Kirche fahren.“ Damit war Jedermann zufrieden; man wünſchte ſich gegenſeitig auf das Freundlichſte gute Nacht, und ging aus einander. Ungefähr um dieſelbe Zeit, als Amelie dem Anden⸗ ken des armen kleinen Alfreds einen Seufzer weihte und ſeinen Namen küßte, der auf das Schloß des koſtbaren Halsbandes gravirt war, aus dem ihr Geſchenk beſtand, ſagte der Obriſtlieutenant zu ſeiner Gattin, indem er mit kritiſchem Blicke ein Stück ſchwarzen Seidenzeug gegen einen ächten Shawl hielt:„Hol mich der.... es iſt doch in der That nobel von ihm; auf allen Fall war es aber doch nicht mehr als ſeine Schuldigkeit für all' die Mühe, welche wir mit dem Jungen hatten. Ich wundere mich, daß er nicht ſchon lange daran gedacht und ſich ſeiner Verbindlichkeit entlediget hat.“ „Wir haben es doch wohl nicht in der Ausſicht auf Wiedervergeltung gethan,“ bemerkte ſeine Gemahlin etwas verdrießlich. Du wirſt wohl noch wiſſen, warum es geſchehen iſt,“ verſetzte der Obriſtlieutenant; dabei ſchnitt er ein Geſicht, was wie ein Lachen ausſehen ſollte und ſeiner Gattin das Blut in's Geſicht trieb. „Laß uns nicht weiter davon reden,“ verſetzte ſie ungeduldig;„ſag' mir lieber, ob du meinſt, daß Bor⸗ genſtierna unfre Amelie Morgen früh zur Kirche fahren ſoll. 3 „Damit befaſſe ich mich nicht. Man ſoll nicht ſa⸗ gen können, daß ich auch nur das Allergeringſte in der Sache gethan habe. Will er ſie zur Frau, und kann er ein Vermögen aufweiſen, welches der Ehre einer Ver⸗ 1 — — m — —,———S S—S'— — —— 283 bindung mit unſerm Hauſe entſpricht— wohl und gut; — aber ich habe keine Luſt, ſie auszubieten.“ „Ich habe dieß noch weniger im Sinne;“ entgegnete Frau von Dreſſen etwas verletzt;„bin aber der Meinung, daß Alles vermieden werden muß, was übertrieben erſcheint, deßhalb möchte wohl auch hier eine übertriebene Empfind⸗ lichkeit nicht am Platze ſein.“ Der Obriſtlieutenant erwiderte darauf gar nichts. Er ſchien mit aller Gewalt die Sache als„abgemacht,“ wie er es nannte, betrachtet wiſſen zu wollen, und war entſchloſſen, mit ſtoiſchem Gleichmuthe zuzuſehen. Ver⸗ muthlich ſchrieb ſich ſeine ungewöhnliche Paſſivität von den Ungelegenheiten her, in welche ihn die früheren Freiereigeſchichten verſetzt hatten.„Ich nehme mich um gar nichts an,“ ſagte er, ſtieg ins Bett und löſchte das Licht aus. „Du erlaubſt mir alſo, nach beſtem Wiſſen und Ge⸗ wiſſen zu handeln?“ fragte Frau von Dreſſen. „Ja, bis zu einem gewiſſen Punkte, das heißt, ſo weit deine Faſſungskraft geht. Wenn es aber zur Haupt⸗ ſache kommt— dann halt! denn da weißt du nicht wo aus und wo ein. Miſche dich deßhalb nicht in die Sache, denn die kann ich allein abmachen.“ „Aber meine mütterlichen Gerechtſ....“ „Gute Nacht, liebe Frau! Ich bin ſchläfrig, und du mußt Morgen zeitig aufſtehen, deßhalb thuſt du geſcheidter daran, zu ſchlafen, als mit mir um des Kaiſers Bart zu anken.“ Schlag ſechs Uhr am andern Morgen ſcharrten die Pferde vor der Hausthüre. Frau von Dreſſen war bereits in der Küche, um der Magd ihre letzten Befehle zu geben, und Amelie machte in dem mit vier Kerzen erleuchteten Saale den Kaffeetiſch zurecht, was dießmal etwas lang⸗ ſamer als gewöhnlich von Statten ging; denn ſie zerbrach ſich entſetzlich den Kopf darüber, wie ſie Borgenſtierna ihren Dank abſtatten ſollte. 4 8 Als dieſer nun ſelbſt ins Zimmer trat, übexkam ſie 284 eine Unruhe und Verlegenheit, daß ſie nicht im Stande war, auch nur ein Wort über die Lippen zu bringen. „Sie ſind ſchon auf, mein Fräulein?“ fragte er und ſchien ſich ihrer Verwirrung zu freuen.„Wie gut wird jetzt eine Taſſe Kaffee ſchmecken!“ „Er ſcheint mir aber nicht ganz gut auszuſehen,“ meinte Amelie und war eifrig bemüht, einige Tropfen in einem Löffelchen zu probiren. „Er iſt ganz kriſtallhell.“ „Ach, ſo ſo,“ entgegnete ſie lächelnd,„aber ich muß nachſehen, wo Mama ſteckt. Wir müſſen uns ſputen, ſonſt kommen wir zu ſpät.“ Eben trat Frau von Dreſſen ein und entſchuldigte ihren Gemahl, der nicht recht wohl ſei und deßhalb nicht aufſtehen könne, was eigentlich ſo viel heißen wollte, daß der Obriſtlieutenant ſchlief wie ein Bär, und ſeine Gattin ſich nicht getraute, ihn zu wecken. Nachdem die Geſellſchaft Kaffee getrunken hatte, machte Frau von Dreſſen den Vorſchlag: da nur ein zweiſitziger Schlitten disponibel ſei, ſo moͤchte Herr Borgenſtierna die Güte haben, Amelie zu fahren: auf dem Schlitten, welcher Frau von Dreſſen führte, ſollte ein Knecht hinten auf⸗ ſtehen. Es war ein ſchneidend kalter Morgen. Die Schnee⸗ flocken wirbelten in dichten Kreiſen um die Fahrenden, der Schnee knarrte luſtig unter den Läufen, und unter lautem Schellengeklingel ging die herrliche Schlittenfahrt raſch fürbaß. Der Weg führte durch einen ziemlich dichten Wald, welcher in ſeiner matten Schneebeleuchtung unſern Bor⸗ genſtierna lebhaft an die Umgebung von Swarteborg er⸗ innerte. In Gedanken verglich er ſeine jetzige Lage, ſeine nunmehrige Stimmung, mit der in vergangener Zeit, und ein Gefühl von unausſprechlicher Glückſelig⸗ keit erfüllte ſo ganz ſeine Bruſt, daß er nur noch ein kleines, ganz kleines Plätzchen für die Erinnerung an die Schmach darin fand, welche er als Knabe von dem —+———,—,——————-—-—— — 28⁵* Manne erlitten hatte, in deſſen Hauſe er ſich jetzt als Gaſt befand. Vor ein paar Tagen noch der drückenden Herrſchaft milzſüchtiger Zweifel zum Raube dahingegeben, fühlte er ſich jetzt ſo kräftig, ſo friſch und frei. Süße, ahnungs⸗ volle Schauder eines neu aufgehenden Lebens durchzuckten ihn, und tief und innig fühlte er, daß es die Liebe war, welcher er dieſe mächtige Umwandlung dankte. Um eine Antwort auf dieſe Gefühle zu finden, welche ſo ploͤtzlich von ſeinem ganzen Herzen Beſitz genommen hatten, ſuchte ſein Blick Amelie's Auge. 3 Allein dieſe hatte ſich dicht in die Florhaube geſteckt, denn der Wind blies ihr die Schneeflocken in das Geſicht, und obgleich dieſes von einer ſo warmen Röthe glühte, daß eine kleine Abkühlung durchaus nicht ſchaden konnte, ſo fand ſie es doch für räthlich, ſich noch dichter einzu⸗ hüllen und den Schleier noch beſſer vorzunehmen; ſie fühlte einen ſchüchternen Widerwillen, Borgenſtiernas Augen zu begegnen, denn es lag kiwas in ſeinem Blicke, was ihr ganzes Innere in eine unerklärbare Aufregung verſetzte. Wie dieſe Empfindung ſo plotzlich über ſie gekommen war, wußte ſie ſelbſt nicht, und forſchte noch weniger nach dem Grunde derſelben,— genug ſie war da, und machte ſie ſtill und ſchüchtern. Der Gedanke peinigte ſie, Borgenſtierna möͤchte es nicht für ſehr zart halten, daß ſie noch mit keinem Worte des prächtigen Weihnachtsge⸗ ſchenks gedacht habe: und um nicht auffallend zu erſchei⸗ nen, überwand ſie ihren Widerwillen und ſagte ſchnell: „Alfreds Gabe wird Ammi ſorgſam bewahren, ſie aber zu tragen, iſt ſie zu koſtbar für mich.“ Kaum waren die Worte heraus, ſo fand Amelie, daß ſie ſich damit eigentlich noch nicht bedankt habe, und ſo viel ſie in dem Augenblick auch zu ſagen ge⸗ wußt hätte, ſo ſtandhaft verweigerten ihr die Lippen den Dienſt. Um keinen Preis in der Welt wäre ſie im Stande geweſen, auch nur eine Sylbe hervorzubringen. 286 „Wenn Fräulein von Dreſſen das kleine Andenken nur bewahren will, bin ich ſchon zufrieden,“ verſetzte Bor⸗ genſtierna.„Vielleicht darf ich ſpäter hoffen, daß Amelie es auch tragen wird.“ Dieſe Worte wollten viel ſagen, wenn ſie aus dem Munde eines Mannes von Borgenſtiernas ernſtem Cha⸗ rakter kamen; Amelie konnte und durfte nicht mißver⸗ ſtehen, was er damit ſagen wollte— ein leichter Seufzer entſchlüpfte ihren Lippen. Er trug eine heimliche Botſchaft zu dem Nachbar. Raſch flogen die Roſſe an einer Schaar feſtlich ge⸗ kleideter Landleute um die andere vorbei, deren kniſternde Fakeln die über den Weg hängenden Baumzweige be⸗ leuchteten. Bald ſah man die Kirche in der Ferne,„dieſe heilige Leuchte zwiſchen Gräbern, mit einer ganzen Sternen⸗ welt in ihren Mauern,“ die Orgel tönte in die helle Nacht hinaus— und ohne recht zu wiſſen, wie es mit ihnen gekommen war, langten ſie davor an. Nach beendigtem Gottesdienſte mußten„die Herr⸗ ſchaften mit ihrem Gaſte“ nothwendig bei Pfarrers ein Frühſtück einnehmen und hier erſt weckte Minas nie ruhen⸗ des Mundwerk Borgenſtierna aus ſeinen Träumereien. Den feierlichen Ernſt und ſeine noch mehr als gewoͤhn⸗ liche Einſilbigkeit verſtand übrigens Amelie wohl zu deuten; ſie wußte, daß ſie bei den heißen Gebeten, welche ſie ſo eben in der Kirche emporgeſandt, einen gleichgeſtimmten Gefährten gehabt hatte, und in Borgenſtiernas friedlich ſanften Zügen las ſie die Bürgſchaft für ihre Hoffnung aauf eine ſchöne glückliche Zukunft. „Gott bewahre dich in Gnaden vor einem ſolchen Murrkopfe von Mann!“ fliſterte Mina ihrer Freundin ins Ohr, während ſie ihr Rahm zu dem Grützepudding anbot. „Nein, da lob ich mir meinen Lamm, der kann doch auch mit den Leuten reden.“ Amelie war aber heute nicht aufgelegt mit ihrer Freundin Mina viel zu plaudern, und Lamms Liebſte war nicht ſcharfſichtig genug, daß ſie, wie Frau von ha 287* Dreſſen, den Grund von Amelies Schweigſamkeit gemerkt hätte. Die Scherze des ſpaßhaften Pfarrers während des Mahles hatten endlich doch einiges Leben in„das Liebes⸗ pärchen“ gebracht, als die Mutter an den Aufbruch er⸗ innerte.— Man nahm Abſchied. Bei der Heimfahrt trat übri⸗ gens ein abermaliges Verſtummen ein— und dieſes dauerte den ganzen heutigen und andern Tag fort, obgleich ſich der Obriſtlieutenant und ſeine Gemahlin alle Mühe gaben, ihren Gaſt möglichſt gut zu unterhalten. Am dritten Feiertage, Morgens, ſollte aber das Eis brechen.„Ich bin doch kein Narr,“ ſagte Borgenſtierna zu ſich,„kein liebeſiecher Knabe, der ſeine Zeit mit Seuf⸗ zen hinbringt! Wenn ich liebe, muß ich doch auch ein Lebenszeichen von mir geben— will hören, ob ſie die Meinige werden will, ob ſie mich hinlänglich liebt, um das Anerbieten meiner Hand anzunehmen.“ Raſch ſuchte er Amelie auf, und hatte ein langes, ſehr langes Zwiegeſpräch mit ihr. Da aber Borgenſtierna ſelbſt wünſchte, daß bis auf Weiteres ſein Geheimniß ein ſolches bleiben möchte, ſo würde es ſeinem Biographen nicht wohl anſtehen, es Jedermann mitzutheilen. Wir koͤnnen lediglich berichten, daß er um ihre Hand bat, und ſich dann bei dem Obriſt⸗ lieutenant einſtellte, um mit dieſem die Sache vollends ins Reine zu bringen. XXXI. Ein kleiner Umſtand. „Das iſt ein recht hübſches Einkommen, und ich habe durchaus nichts gegen Ihr Anerbieten einzuwenden, 288 Herr Borgenſtierna, im Gegentheile, ich glaube alle Ur⸗ ſache zu haben, mir und meiner Tochter zu einer Wahl, welche uns ehrt, Glück wünſchen zu dürfen; allein ich muß dabei noch eine unbedeutende Bedenklichkeit in Be⸗ treff eines gewiſſen Umſtandes äußern, deſſen Beſeitigung ganz und gar in Ihrer Macht ſteht, und wobei ich nicht umhin kann, der Ueberzeugung zu huldigen, daß mein zu⸗ künftiger Schwiegerſohn die gehörige Rückſicht darauf zu nehmen nicht verfehlen wird.“ I ſehr ſtudirten Tone vorgebracht, welche zwiſchen Stolz und Artigkeit die Mitte hielt. Auch ſchmeichelte er ſich damit, Herrn Borgenſtierna gehoͤrig imponirt zu haben. Allein das hochfahrende Weſen, welches anzunehmen der Obriſtlieutenant ſich in dieſem Augenblicke unmöglich ver⸗ ſagen konnte, erweckte bei unſerm Helden ein durchaus entgegengeſetztes Gefühl, als der Redner damit beabſich⸗ tigte; nichts deſto weniger entgegnete er mit der größten Artigkeit: „Wenn Ihr Wunſch von der Art iſt, Herr Obriſt⸗ lieutenant, daß er in Bezug auf mich nicht im Gegenſatze zu älteren Gefühlen oder früher gefaßten Grundſätzen ſteht, ſo iſt es gar keine Frage, daß ich ihn mit dem größten Vergnügen erfüllen werde.“ „Hm, ich weiß nicht, was Sie unter älteren Ge⸗ fühlen und früher gefaßten Grundſätzen verſtehen, Herr Borgenſtierna. Solche können ſehr annehmbar, aber auch eben ſo verwerflich ſein, und ſtreifen oft, ſehr oft ſogar an Eigenſinn. Das gehört aber nicht hieher; ich will welcher mit dem Vater über die Hand der Tochter unter⸗ handelt, ſollte nicht ſo viel auf alte Gefühle halten. Man ſollte, wie geſagt, annehmen dürfen, daß wenigſtens ſo lange als die Sache nicht im Reinen iſt, die neuen ihm Alles wären. Borgenſtiernas Wangen überzog ein ſtarkes Roth. Dieſe Rede des Obriſtlieutenants wurde in einem damit blos ſagen, daß ich der Meinung bin, der Mann, 8& 289 ½ „Ich glaube auf den Grund von Fräulein Amelies Charakter hin kühn behaupten zu dürfen, daß ſie ſich keinen Mann zum Gatten wünſcht, welcher, gleich einem Wetterhahn, ſeine Gefühle und Ueberzeugung durch den erſten Hauch einer fremden Einwirkung weablaſen laßt; ich muß Sie deßhalb noch ein Mal darauf aufmerkſam machen, daß, wenn der in Frage ſtehende Umſtand von der Art iſt, daß er mit einem meiner beſtimmten Grund⸗ ſätze ſtreitet, ich verneinend antworten muß, und bin ſicher, daß ſelbſt Fräulein Amelie die Letzte ſein würde, die mich zu einer Nachgiebigkeit aufforderte, welche man nothwendig mit dem Namen einer entehrenden Schwachheit bezeichnen müßte.“ „Wenn nun aber meine Tochter das billigt, was ich Ihnen vorzuſchlagen Willens bin— ſollte ſie vielleicht deßwegen einem unſchuldigen Wunſche entſagen müſſen, um Ihnen Gelegenheit zu geben, eine Conſequenz zu zeigen, welche, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, gelinde geſagt, auf unrichtigen Vorausſetzungen beruhen kann. In der That, Herr Borgenſtierna, Ihre Prätenſionen ſind für einen Bräutigam nicht klein! und es iſt eine Frage, ob meine Amelie im Stande ſein wird, Ihnen als Hausfrau nach⸗ zukommen.“ Es war nicht zu verkennen, daß der Obriſtlieutenant ſich pikirt, ſogar beleidigt fühlte, und Borgenſtierna ſah ein, daß er zu weit gegangen war, da er ja doch eigent⸗ lich noch gar nicht wußte, um was es ſich handelte. Es war aber nun ein Mal geſchehen, und er konnte ſich einzig damit tröſten, daß, wenn ſich ſeine Vermuthung beſtätigen und in dem„kleinen Umſtand“ des Obriſtlieutenants für ſeine Augen etwas Unrechtes liegen ſollte, er vollſtändig befugt geweſen, ſich ſo gegen ihn auszuſprechen, wie es geſchehen war. „Wir ſind von unſerm eigentlichen Thema abge⸗ kommen!“ Mit dieſen Worten knüpfte Borgenſtierna den Faden der abgebrochenen Unterredung wieder an. 19 Der Skiutsjunge. 290 „Dürfte ich jetzt vielleicht bitten, mich wiſſen zu laſſen, was der Herr Obriſtlieutenant eigentlich befehlen?“ Der Obriſtlieutenant, welcher freilich Borgenſtiernas Denk⸗ und Handlungsweiſe nicht von ferne zu begreifen vermochte, betrachtete deſſen eben an den Tag gelegte Artigkeit als die Nachgiebigkeit eines Kindes, welches in Ermangelung jedes andern Auswegs, der es vor dem Sturme ſicher ſtellen kann, zu Kreuz kriecht. Und daß er im Ernſte dieſer Meinung war, erhellte aus dem Tonce, mit welchem er ſeine Antwort ertheilte. „Ich meine weiter gar nichts, als daß es, meiner Anſicht nach, Herrn Borgenſtierna gar nicht übel anſtehen würde, wenn er einen Titel beſäße. Ein Mann, der um die Hand eines Edelfräuleins wirbt, muß ihr dagegen doch auch einen Rang zu bieten vermögen, der nicht in gar zu ſchroffem Gegenſatze zu dem Stande ſteht, den ſie zu ver⸗ laſſen im Begriff iſt.“ „Dachte ich mir's doch!“ ſtand deutlich auf Bor⸗ genſtierna's finſtrer Stirn zu leſen; aber ſeine Lippen ſchwiegen hartnäckig. In heftiger Aufregung arbeitete ſeine Bruſt, eine Menge Gedanken durchkreuzten ſeinen Kopf. Allein ſchnell, wie wenn ein Blitzſtrahl den ſchwarzen Himmel durchzuckt, theilten ſich die Wolken ſeines Antlitzes, und ein Lächeln von ganz eigenthümlicher Beſchaffenheit zog über ſeine Lippen. In dieſem Lächeln lag Etwas, das den Obriſtlieu⸗ tenant auf's Neue reizte.„Kann mein Vorſchlag nicht angenommen werden?“ fragte er mit Heftigkeit. „Es möoͤchte ſchwer ſein, dieſe Frage mit Einem Worte abzuthun,“ antwortete Borgenſtierna.„Ich wäre 3 allerdings befugt, meinem Namen ein Wort hinzuzufügen, welches mir von Rechtswegen zuſteht und wonach ich ehe⸗ dem ſtrebte; aber..... 4 „Ach, beſter Freund, darauf habe ich ja gerechnet,“ rief der Obriſtlieutenant mit vertraulicher Offenheit „Auf Ehre, habe ich mir doch ſtets gedacht, unter dem einfachen Namen„Herr Borgenſtierna“— nichts hinten — ————— — 291 4 und nichts vorn— müſſe ſicher etwas Geheimnißvolles liegen. Junge Männer find nicht ſelten Freunde bizarrer Ideen! Laſſen Sie hören, laſſen Sie hören!“ Augenſcheinlich war der Obriſtlieutenant entzückt von der Hoffnung, Etwas zu hoͤren, das ſeine Eitelkeit kitzeln würde. „Gewiſſe Umſtände,“ ergriff Borgenſtierna das Wort, ohne ſich im Geringſten ein Gewiffen daraus zu machen, ſeinen zukünftigen Herrn Schwiegerpapa auf die Folter⸗ bank der Neugierde zu ſpannen,„gewiſſe Umſtände haben mich ſchon vor längerer Zeit veranlaßt, die Bahn zu verlaſſen, welche ich betreten hatte, und ich habe es auch bei meiner unabhängigen Stellung nicht für nothwendig gehalten, wieder dahin zurückzukehren.“ „Verſtehe, verſtehe. Es iſt ſehr natürlich, daß man die Freiheit und die Unabhängigkeit liebt, wenn man ſie haben kann. Dieß iſt eine vollkommen richtige Theorie. Allein man muß Nichts bis zum Ertrem treiben. Auf jeden Fall iſt es doch eine ganz hübſche und brauch⸗ bare Sache, ſo ein Wörtchen vor ſeinem Namen zu haben.“ Mann mit einem ehrlichen Namen, ein freier Mann, deſſen Denk⸗ und Handlungsweiſe ſeinen Herzensadel rein und unverfälſcht darthut, gleich entfernt von egoiſtiſcher Be⸗ rechnung, wie von Furcht vor dem vielleicht neidiſchen Lächeln der Welt— der braucht keinen prahlenden Schild vor ſeinem Namen.“ „O doch doch, glauben Sie mir, Herr Borgenſtierna, ein ſolcher Schild, wie Sie ihn zu nennen belieben, hat immer ſeinen Werth, und Sie würden mich ſehr verbinden, ſehr glücklich machen, wenn Sie ihn wieder anzunehmen ſich entſchließen würden.“ 6 „Wenn er aber dem gegenwärtigen Stande des Fräu⸗ leins nicht entſprechen ſollte? Der Herr Obriſtlieutenant haben vorhin geſagt.....“ 21. „Gerade darüber bin ich andrer Meinung. Ein 8 292 „Vorhin ſprach ich in der Hitze, vergeſſen wir dieß. ſöol Aber nun ſage ich: Mag ſich der Herr ein Wörtchen vor ue ſeinen Namen verſchaffen, ſo bin ich zufrieden, wenn ich her nur nicht den Namen Borgenſtierna ſo ſchlecht und recht von der Kanzel herab hören muß; denn ich bekenne mich nu zu der Schwachheit— wenn es eine iſ— daß ich die ble Titel liebe. Sie ſind, ſo zu ſagen, die Zwillingsbrüder von uns Cavalieren, ja wohl noch mehr: ſie ſind gleich⸗ ich ſam ein integrirender Theil von uns, und ein Edelmann da ohne Titel iſt mir deßhalb immer wie etwas Halbes Ar vorgekommen.“ glo „Aus dem Munde des Herrn Obriſtlieutenants, der ha ja ſelbſt ein Cavalier iſt, klingt dieſe Aeußerung nicht Se gewaltig ſchmeichelhaft,“ erwiederte Borgenſtierna.„Man könnte ja darauf eine Vermuthung ſtützen, welche, ge⸗ nic linde geſagt, offenbar nicht ſehr ruhmvoll für den Ade mit wäre.“ Th Halten wir uns an unſern Gegenſtand, wenn es M Ihnen beliebt,“ ſagte der Obriſtlieutenant leicht errö⸗ füfr thend und biß ſich in die Lippen.„Ich habe nur noch na⸗ eine kleine Frage zu thun, eine Frage, welche, ſtreng ich genommen, vielleicht etwas indiskret herauskommen möchte, gar die aber doch darin ihre Entſchuldigung finden wird, daß ſche ich in allen Dingen ein großer Freund von Ordnung Eh bin. Sehen Sie in Ihrem Hauſe Leute, welche Ihren mei Namen tragen, Herr Borgenſtierna? Ich meine, ob Sie wen Verwandte haben, nahe Verwandte, welche auf eine ſolche ihn Höflichkeit von Ihrer Seite Anſpruch machen können?“ zu Im erſten Moment war Borgenſtierna nahe daran, aus auf dieſe wirklich ſonderbare und unanſtäͤndige Frage der eine beißende Antwort zu geben; allein er ſah auch eben ſo ſchnell ein, daß das Motiv dazu die Furcht des The Obriſtlieutenants war, er möchte an einem ſchönen Tage gun ein Mal den Skjutsjungen in ſeinem Hauſe treffen, und Leb antwortete deßhalb bloß ganz allgemein und auch ganz noch der Wahrheit gemäß, daß ihm durchaus Niemand per⸗ ben dieß. vor ich recht mich die üder eich⸗ nann albes der nicht Man ge⸗ Ade es rrö⸗ noch reng chte, daß nung hren Sie lche ran, rage eben 293 ſonlich bekannt ſei, der ſeinen Namen führe, und daß im Uebrigen ſein Haus Jedem offen ſtehe, der ſeine Gaſtfrei⸗ heit in Anſpruch zu nehmen Willens ſei. „Gut, gut,“ ſagte der Obriſtlieutenant.„Und was nun den Schild betrifft— ein ſpaßiger Einfall!— ſo bleibt es dabei, daß Sie ihn wieder vornehmen?“ „Wenn ich aufrichtig ſein ſoll, ſo geſtehe ich, daß ich es lieber nicht thun möchte; auch muß ich im Voraus darauf aufmerkſam machen, daß er keineswegs zu dem Anſpruche berechtigt, mit dem Herrn Obriſtlieutenant auf gleicher Stufe in der geſelligen Welt zu ſtehen;— deß⸗ halb waͤre ich der Meinung, wir thäten am Beſten, die Sache fallen zu laſſen.“ „Nein, nein, um Alles in der Welt, reden Sie mir nicht davon! Verlieren wir länger keine Zeit; ſagen Sie mir lieber, was Sie früher geweſen ſind; ich bin in der That ſehr begierig es zu erfahren.“ „Entſchuldigen Sie, aber in dieſem Punkte kann ich für den Augenblick dem Wunſche des Herrn Obriſtlieute⸗ nants nicht entſprechen. Iſt es durchaus nothwendig, daß ich mir, obgleich meine beſſere Ueberzeugung ganz und gar dawider ſtreitet, einen Zuſatz vor meinen Namen ſchaffen muß, ſo ſoll es der ſein, den ich einſt als große CEhrauszeichnung zu gewinnen ſtrebte, allein dieß bleibt mein Geheimniß bis zum Tage der Verkündigung. Und wenn Sie damit zufrieden ſind, Herr Obriſtlieutenant, ihn erſt von der Kanzel herab zu hören, ſo bin ich bereit zu halten, was ich verſprochen habe, indeſſen mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß Sie ſich allzeit erinnern, der Vorſchlag ſei nicht von mir gekommen. „Ihre Bedingungen, Herr Borgenſtierna, ſind in der That etwas ſonderbarer Art; jedoch in der Ueberzeu⸗ gung, daß nichts Ehrenrühriges mit Ihrem früheren Leben in Verbindung ſteht, weder in den oͤffentlichen noch Privatbeziehungen, in welchen Sie geſtanden ha⸗ ben, ſo ſage ich Ja dazu und wünſche nur, daß Sie 2 294 mir als Cavalier und Ehrenmann die Verſicherung geben, daß ſich nichts Entehrendes und nichts Lächerliches daran knüpft.“ „Dieſe kann ich Ihnen dreiſt geben! es iſt weder etwas Entehrendes, noch etwas Lächerliches damit ver⸗ knüpft. Allein Sie werden finden, Herr Obriſtlieutenant, daß der Abſtand zwiſchen ihrem eignen Titel und dem, der mir zukommt, dennoch ziemlich groß iſt.“ „Das thut nichts, Herr Borgenſtierna, thut gar nichts. Sie ſind noch ein junger Mann und— kommt Zeit, kommt Rath. Außerdem iſt es auch nicht Jedem gegeben, ſich ſo zu pouſſiren, als es bei mir der Fall war. Ich hatte aber auch eine Menge von Familienver⸗ bindungen. Seine Majeſtät hatten außerdem perſönlich einige Gnade für mich; kurz geſagt, unſre Stellung war von vorn herein ſchon eine ungleiche, und doch wären Sie mir als Eidam willkommen, wenn Sie auch kein ſo herr⸗ liches Beſitzthum, wie Röſtorp iſt, das Ihrige nennen würden, ſchon als Cavalier und Ehrenmann!“ Borgenſtierna antwortete auf alle dieſe charmanten Complimente blos mit einer Verbeugung, und der Obriſt⸗ lieutenant ergriff nach kurzem Nachdenken wieder das Wort:„Ich weiß nicht anders, als daß wir nun mit allen Punkten im Reinen ſind, und ſehe deßhalb die Sache als abgeſchloſſen an. Machen Sie Amelie glücklich; ſie iſt ein braves Mädchen, gebildet, verſtändig, arbeitſam und häuslich. Gott ſegne euch Beide!“— Dieſen Worten folgte eine großartige Umarmung, in welche der Obriſtlieutenant ſo viel Rührung legte, als der wichtige Augenblick erforderte. Frau von Dreſſen und Amelie wurden jetzt herbeigerufen, der neue Herr Schwiegervater hielt eine ſtattliche Rede, in der er ſich mit großer Würde über die Glückſeligkeit der Ehe ver⸗ breitete und über die„weiße Taube“ des häuslichen Friedens, welche ſo ſchön über ſeinem eigenen Herde ſchwebe und, wenn auch zuweilen hinter einer dunkeln Wolke verborgen, doch niemals je ganz verſchwunden ſei. ben, rran eder ver⸗ ant, dem, gar nmt dem Fall ver⸗ lich war Sie err⸗ nen aten riſt⸗ das mit ache ſie ſam 295 Frau von Dreſſen war vor Rührung außer Stande, Eiwas zu ſprechen; aber als ſie Amelie ihrem Bräutigam zuführte und ihre beiden Hände vereinigte, glänzte eine Thräne in ihrem Auge, welche beſſer beurkundete, wie ſehr ihr Herz mit dabei war, als die lange ſalbungsvolle Rede des Obriſtlieutenants. Wir haben nichts weiter hinzuzuſetzen, als daß der Obriſtlieutenant noch zu ſeiner Tochter ſagte:„Von jetzt an, mein Kind, nenneſt du Borgenſtierna Du; gib ihm einen Kuß in Gegenwart deiner Eltern! Am nächſten Sonntag werdet ihr ausgerufen, und dann ſollſt du den Titel hören, welchen du als ſeine Frau führen wirſt.“ Mit inniger Verwunderung blickte Amelie ihren Bräu⸗ tigam an. Er lächelte und flüſterte ihr ins Ohr:„Dar⸗ über muß ich noch im Geheimen mit dir reden.“ Sie küßten ſich, Amelie nannte ihn Du— und die Verlobung war fertig. XXXII. Winkel im menſchlichen Herzen. „Hat man je ſo etwas geſehen! Während ich glaube, die Sache habe ein Ende, und nahe daran bin, wegen ſeiner dummen Halsſtarrigkeit vor Aerger das Gallenſieber zu bekommen, macht er ſich mir nichts dir nichts, wie ein rechter Starrkopf auf den Weg, und holt ſich eine Braut, ohne mir auch nur ein Sterbenswoͤrtchen von der ganzen Geſchichte zu ſagen!“ Es war Aſſeſſor Wirén, der mit dieſen Worten, einen offenen Brief in der Hand, zu ſeiner Gattin ins Zimmer trat.— 5 „Von wem iſt die Rede?“ fragte Virginia, und in der unmerklichen, einem Zittern gleichenden Bewegung, 296 welche langſam über ihre Lippen ſchwebte, hätte ein Mann von minder ſanguiniſcher Gemüthsart als Aſſeſſor Wirén, gewiß Urſache zur Vermuthung gefunden, daß ſie wohl wiſſe, von wem die Rede war! „J, denkſt du denn nicht mehr an Borgenſtiernas ſo oft beſprochene Neigung zu Fräulein von Dreſſen? Ich habe ja ſchon mehre Mal mit dir davon geſprochen und dir geſagt, wie vortrefflich ich vergangenen Herbſt die Sache eingefädelt hatte. Damals wollte er aber nichts davon wiſſen; nun iſt er aber ohne Weiteres nach Tune⸗ fors gereist, ohne mir auch nur eine Sylbe von ſeinem Vorhaben anzuvertrauen, und wie er hier in dem Briefe ſagt, iſt die ganze Sache im Reinen, und den erſten Mai iſt Hochzeit.“ „So Etwas paſſirt ja alle Tage,“ entgegnete Vir⸗ ginia und lächelte noch ein wenig dazu. Virginia konnte jetzt zuweilen lächeln, aber dieſes Lächeln kam Jedermann außer Wirén, der ſie immer noch mit den Augen eines Verliebten anſah, noch tödtlich kälter vor, als ihre vorige Regungsloſigkeit. Es war wie der ſchimmernde Thautropfen, der das erſte Frühlingsblümchen küßt, aber bei dem nächſten ſcharfen Windhauche in dem Kelche zu Eis erſtarrt. Auch Virginias Worte, wenn ſie mit ihrem Gatten von ihrem jetzigen Leben und von der Zunkunft ſprach, waren mild und freundlich, allein im dieſer Freundlichkeit erkannte man den Zwang, und es lag eine gewiſſe ängſtliche Unruhe in derſelben, welche ſie wohl zu verbergen ſtrebte, ohne daß es ihr übrigens bei Jedermann gelang. Man ſah es ihr an, daß ſie ſich die groͤßte Mühe gab, der herzlichen und vertrauensvollen Offenheit ihres Gemahls dankbar entgegenzukommen, allein ihr Herz verſchloß ſich unwillkürlich, ohne daß ſie der Ge⸗ walt, welche es zuſammenzog, eigene Kraft entgegenzu⸗ ſetzen im Stande geweſen wäre. Virginia war, wie ſchon oben angedeutet worden, eine von den ſeltſamen Frauen, welche man glücklicher⸗ 297 weiſe nicht häufig antrifft, die aber, wenn man ſich Mühe gibt, ſie zu ſtudiren, hie und da einen Blick in ihr Inneres thun und Entdeckungen machen laſſen, zu welchen ſich, bei dem launenhaften Wechſel eines gewöhnlichen Frauenge⸗ müths, ſelten oder nie Gelegenheit darbietet. Eine kurze Schilderung ihres Innern und der Ge⸗ ſchichte ihres Herzens moͤchte zur richtigen Auffaſſung des Standpunktes, auf dem ſie ſich im Augenblicke unſerer Erzählung befand, faſt unentbehrlich ſein. Von der Natur verſchwenderiſch mit allen den äußern Neizen ausgeſtattet, welche auf die Huldigung der Män⸗ nerwelt Anſpruch geben können, und leider nur zu oft den Grund zu thsrichter Eitelkeit und übertriebener Ge⸗ fallſucht legen, der Quelle ſo mancherlei anderer Fehler, war Virginia ſeit ihrem fünfzehnten Jahre an Schmei⸗ chelei und Bewunderung gewöhnt, ohne übrigens im Ge⸗ ringſten irgend eine Empfindung von Freude oder Genug⸗ thuung dabei zu haben. Ihr Temperament war in ſo hohem Grade ſtill, und ſie ſelbſt überhaupt ſo frei von aller Eitelkeit, daß ihr nicht einmal der Gedanke kam, gefallen zu wollen, vielweniger daß ſie ihn wirklich aus⸗ geführt hätte. Arm, und frühe der Fürſorge und des Schutzes ihrer Eltern beraubt, lebte Virginia unter Fremden, that ohne Widerrede, was man von ihr begehrte, und ward ob ihrer Sanftmuth und Bereitwilligkeit von Jeder⸗ mann geliebt, ohne Jemand wieder zu lieben oder auch nur das Bedürfniß der Liebe zu kennen. Sie fühlte ſich dabei durchaus nicht unglücklich, und es ſiel ihr nicht ein, daß es anders ſein koͤnnte, denn ihr zurückhaltendes eiſiges Weſen war keineswegs die Folge fühlbarer Ent⸗ behrungen oder ſchlechter Behandlung. Es war ſo ihre Natur, welche noch durch keinen ſtärkern Eindruck aus ihrem Gleichgewichte geriſſen worden war. Gegen Dürftige zeigte ſie ihr Mitleiden durch die That, ohne es jemals in Worten auszudrücken. Mit dem Er⸗ loͤſe aus feinen Arbeiten, welche ſie in freien Stun⸗ b 4 298 den anfertigte, war ſie oft im Stande, Gutes zu thun, aber nie ſah man ſie auch nur bewegt bei der Rührung derer, denen ſie geholfen hatte. Es machte ihr Freude, helfen zu können, allein ſie war karger mit einem lieb⸗ reichen Worte oder einem freundlichen Blicke, als ein Filz mit ſeinem Gelde. Um die Zeit ihrer Confirmation lebte ſie hauptſäch⸗ lich ſich ſelbſt. Ihre innere Welt war ihr unbeſtrittenes, abgeſchloſſenes Eigenthum. Hieher vermochte kein Blick zu dringen, und was für Regungen und Vorſätze auch damals in ihrer Seele keimten und emporſchießen moch⸗ ten,— ihr Inneres blieb ſich nichtsdeſtoweniger gleich: kalt, ſtill, verſchloſſen, jedem Eindrucke unzugänglich. So fand ſie Wirén. Hingeriſſen von ihrer Schöͤn⸗ heit, warb er um ihre Hand, ohne die Ungleichheit ihres beiderſeitigen Temperaments in Erwägung zu ziehen. Vir⸗ ginias Pflegeeltern ſagten ihr, heirathen müſſe ſie doch auf jeden Fall einmal, und da ſich ſchwerlich je eine beſſere Partie finden werde, riethen ſie ihr, zuzugreifen, und Virginia, welche keinen Grund hatte, die wohlmeinende Geſinnung oder das richtige Urtheil derſelben in Zweifel zu ziehen, folgte dem gegebenen Rathe. Wirén empfing das Gelübde ihrer Liebe und Treue, und ſie nahm ſich vor, es ſo gut ſie nur immer vermöchte, zu halten. Im Verlaufe des erſten Jahres nach ihrer Verhei⸗ rathung war ſie ſogar feſt überzeugt, daß ihr Mann glücklich ſei, und daß ihrerſeits Alles geſchehe, um den Verpflichtungen nachzukommen, welche ſie ſich aufgelegt hatte: denn erfüllte ſie nicht ohne Widerrede alle ſeine Wünſche, ſchwieg ſie nicht, wenn er heftig wurde und aufbrauste, führte ſie nicht die Haushaltung mit Ordnun und Sparſamkeit, und fertigte ſie ihm nicht die hübſche⸗ ſten Stickereien zu ſeinem Namens⸗ und Geburtstage? Außerdem ſah ſie nie nach anderen Männern und ant⸗ wortete kaum anderen als ſolchen, welche ihr Gemahl ins Haus brachte und ihrer Artigkeit als Wirthin beſonders empfahl. —.——-— ———6 — ⏑⏑ ·——— 299 An was konnte es nun fehlen?— Lediglich an Nichts!— Davon war Virginia überzeugt, und es ſiel ihr niemals ein, ſich ſelbſt zu fragen, ob es nicht anders ſein könne, und wenn dieß ja der Fall wäre, ob dieſe Veränderung das Wohlbefinden und das Glück ihres Gat⸗ ten befördern könnte. Anderen Verhältniſſen war es vorbehalten, ſie ihr Selbſt erkennen und das Ich wieder finden zu laſſen, in deſſen heimlichſten Winkeln ſie bisher ein Fremdling ge⸗ weſen war. Im Bade zu Strömſtad ſah ſie in Borgenſtierna den erſten Mann, welcher in ihr Etwas wie Theilnahme erweckte. Allein weit entfernt, ſich einem Gefühle von Sympathie zu überlaſſen, welche ſein düſtres, ſorgenvolles Weſen hervorrief, war ſie gegen ihn wo möglich noch eiſiger, als gegen Andere. Ahnte ſie Gefahr, oder war es bloßer Inſtinkt, der ſie ihn fliehen hieß?— Nach verfloſſener Badezeit wurde Borgenſtierna von ſeinem Freunde eingeladen, ihn nach Hauſe zu begleiten; hier hatte nun Virginia täglich Gelegenheit, den zu ſehen, in deſſen Nähe ſie ein heimliches wunderbares Entzücken fühlte. Oft, wenn den Aſſeſſor ſeine Amtsgeſchäfte auf ſei⸗ nem Arbeitszimmer feſthielten, ſaß Borgenſtierna auf dem Sopha, Virginien gegenüber, und nicht ſelten ver⸗ ſank er in ein tiefes bewunderndes Anſchauen ihrer herr⸗ lichen unbeweglichen Geſtalt, welcher ſeine Phantaſie die unnachahmliche Aehnlichkeit mit einem in Marmor aus⸗ geführten Meiſterſtucke der Kunſt lieh. Aber ihre leiſeſte Bewegung verſcheuchte die Illuſion, und tief ſchmerzte ihn die Vorſtellung, daß das Weſen, welches einen ſo eigenthümlichen, geheimnißvollen Eindruck auf ihn machte, weder todt noch lebendig war. Zuweilen ſaß er da und ſtarrte auf ſie, bis es ihm im eigenen düſtern Kopfe ſchwindelte, aber ſobald er ſie ſich wieder nüchtern, mit beſtimmter Klarheit dachte, ſo mußte er ſeinen Freund ſchmerzlich bedauern, denn mit jedem Tage drängte ſich —— 1 300 ihm mehr und mehr die Gewißheit auf, daß Wirén an der Seite einer ſolchen Gattin ſich nur unglücklich fühlen könne. In Virginias Buſen erwachten zuerſt leiſe, dann immer lauter und heftiger, neue, ganz andre Gefühle. Mit unwiderſtehlicher Gewalt hatten ſie Borgenſtiernas düſterglühende, ſprechende Augen gefeſſelt, ſeit ſie einmal eine Sekunde ihren Blick darein verſenkt hatte. Was er ſprach,— kurz, einfach, männlich und kräftig, gewann ihren Beifall. Sie liebte es, ihm zuzuhören, ließ ſich aber nie in ein Zwiegeſpräch mit ihm ein und hielt oft den Athem an, um ja keinen Laut von ſeinen Lippen zu verlieren. Es war ihr ein Gefühl von unerklärlicher Selig⸗ keit, in ſeiner Nähe zu weilen; und um dieſen Eindruck nicht zu ſtoͤren, wagte ſie nicht die leiſeſte Bewegung, welche ſie aus dem Zuſtand hätte herausreißen können, in welchen ſeine Nähe ſie verſetzte. Noch hatte ſich Virginia keine Rechenſchaft über dieſes ſonderbare Verhältniß gegeben, als ſie ſich eines Abends auf einer ebenſo auffallenden, als für ſie neuen und ſchmerzlichen Gefühlsäußerung ertappte. Wirén hatte eine Waſſerfahrt vorgeſchlagen, um Hechte im Netze zu fangen. In dem kleinen Boote be⸗ fand ſich außer dem Aſſeſſor, ſeiner Frau und Borgen⸗ ſtierna nur noch ein Diener, welcher den Herren helfen mußte. Borgenſtierna ſtand mit einem Fuße auf dem Seitenboot und beugte ſich etwas zu weit über, bekam das Uebergewicht und ſtürzte hinaus, ſo daß er beinahe das Fahrzeug mit den Uebrigen umgeworfen hätte. In dem Momente, wo Borgenſtierna ins Waſſer fiel, ſtieß Virginia unwillkürlich einen Schrei aus. Voll Ver⸗ wunderung drehte ſich ihr Mann um, und die erſte Un⸗ wahrheit ging über ihre Lippen, indem ſie ſagte:„Ich glaubte wir ſchlügen um.“ „Damit hat es keine Noth,“ ſagte Wirén und half ſeinem Freunde aus dem unwillkürlichen, übrigens gefahr⸗ loſen Bade wieder in den Kahn. —*h—— ne —— Sͤ,—== 22 allein ohne Kenntniß der verborgenen Klippen und Sand⸗ Virginia ſprach kein Wort; aber von dieſem Augen⸗ blicke an kam es ihr vor, als ob der Fleck, welcher in ihrem Herzen brannte, ſich auf ihrer Stirne abſpiegelte. Borgenſtierna reiste ab— ſie blieb ſich abermals gleich; aber dem früher erwähnten Briefe war es vorbe⸗ halten, ſie aus dem Halbſchlummer zu wecken, in dem ſie ſo lange gelegen,— ein vergleichungsweiſe glückliches Leben zu dem, was nun begann. Sie wußte es und ſah klar ein, daß ſie dem Vorſatze: ihren Gemahl glück⸗ lich zu machen, untreu geworden war, mit Einem Worte, daß ſie ihr ganzes Daſein verfehlt habe. Mit tiefem Schmerze erkannte ſie, was aus ihr geworden war, und mußte ſehen, daß der Einzige, der ſie möglicherweiſe noch retten konnte, es verabſcheute, mit ihr in irgend eine Berührung zu kommen, und nicht einmal ſeinen Freund beſuchen wollte, um nur nicht dem Weſen nahe zu ſein, deſſen Anblick ſchon einen ſo eiſigen und widrigen Eindruck auf ihn machte— daß er nicht allein den Mann beklagte, der ſein Geſchick an das ihrige geknüpft hatte, ſondern ſogar durch das, was er in ihrem häus⸗ lichen Leben hatte mit anſehen müſſen, ſich von der Aus⸗ führung des Vorſatzes:„eine zweite Heirath einzugehen,“ abhalten ließ. Dieß war hart und mehr als hinreichend, um ein Frauenherz zu zerknirſchen, das nicht wußte, worauf es ſich ſtützen ſollte. Allein Virginia's Prüfung war noch nicht zu Ende. Wenn ſie ſich im erſten Augenblicke auch jener neuen Regung hingab, ſo erwachte doch im näch⸗ ſten ſogleich auch ein neuer Geiſt in ihr, und ſie nahm ſich vor, in Zukunft für ihren Gatten eine Andere zu werden.— Ihrer Seele, von der man vielleicht ſagen konnte, daß ſie nun erſt ihr eigentliches Leben beginne, fehlte es nicht an Kraft; allein gärzlich ſich ſelbſt überlaſſen, trieb ſie auf unbekanntem Meere umher, nicht unähnlich einem Schiffer, der geradewegs auf ſein Ziel losſteuern will, 3⁰². bänke, welche in ſeinem Wege liegen, durch eigene Un⸗ kunde ſtrandet. 4 Virginas Ziel war: den Platz einer zärtlich lieben⸗ den Gattin vollſtändig auszufüllen. Sie wollte dem Manne jetzt Alles werden, dem ſie bisher ſo wenig ge⸗ weſen; ja, ſie wollte ihm jeden Gedanken, jede Empfin⸗ dung erſetzen, welche ſie gegen ihr beſſeres Wiſſen an den Mann verſchwendet hatte, der ſie ſo tief herabſetzte; ſie wollte freundlich und zuvorkommend, liebenswerth und einnehmend werden, wie andre Frauen: ſie wollte Borgenſtierna zeigen, was ſie durch eigenen feſten Willen zu werden im Stande ſei, und Gott weiß, was ſie ſich noch Alles mehr vornahm. Die Fraueneitelkeit begann ſich ſtolz emporzurichten, allein ſie war nicht mächtig genug, ihre inneren Feinde, ihren eigenen Charakter, ihre ganze Natur, und leider gerade ihr eigenes Herz beſiegen zu können. Wirén hatte keine Ahnung von dem, was Virginia litt. Manchmal dachte er zwar wohl:„Wäre es mög⸗ lich, daß ſie Borgenſtierna lieben ſollte? Sie— ſo kalt! Freilich iſt in ihrem ganzen Sein und Weſen eine be⸗ deutende Veränderung vorgegangen. Aber ein Narr, wer das Gute nicht genießt, ohne nach der Urſache zu fragen, und ein noch groͤßerer Narr, der nicht aus der klaren Quelle trinkt, ſondern ſie zuerſt aufrührt, um gehörig zu ſehen, wo ſie herkommt. Virginia hat ſich gebeſſert. Sie wird mir in Zukunft noch viel mehr ſein, als ſie mir bisher war. Und ich würde ihre Bemühungen ſchlecht lohnen, wenn ich nur an die Möglichkeit dächte, daß ihr verändertes Benehmen einen andern Grund haben könnte, als rege gewordenes Pflichtgefühl und erwachte Liebe zu ihrem Gatten. Unter allen Umſtänden kann ich ruhig ſein, denn ſelbſt in dieſem Falle brauche ich nicht zu fürchten, daß ihr Herz einen tiefen Eindruck aufgenommen hat,— ſie kann niemals wirklich lieben.“ Wie man ſieht, hatte Aſſeſſor Wirén über dieſen mi miit eiskaltem Tone die Worte ſagen:„So Etwas paſſirt 303 Punkt freiere Anſichten, als bei Männern gewöhnlich der Fall iſt, welche ihre Frauen in der That lieben. Aber er war überhaupt ein freiſinniger Mann, und ſah es nicht als Unrecht, ſondern im Gegentheil als etwas ganz Ver⸗ ſtändiges an, ſelbſt in den häuslichen Vorkommniſſen die Liberalität hindurchſcheinen zu laſſen, welche die Richtſchnur ſeiner übrigen Handlungen, ſowohl in ſeinem politiſchen als Privatleben war. Bei einer ſolchen Denkungsart iſt es leicht erklärlich, warum ſich der Aſſeſſor bisher nicht in den Charakter ſeiner Gattin hatte hineinſtudiren koͤnnen. Er ſah nur, wie es ihr jetzt darum zu thun ſchien, ihm zu gefallen; er bemerkte, wie viel größere Sorgfalt ſie auf ihre Toilette verwendete, wie ſie ihm ſeine Lieblingsgerichte vorſetzte, und freute ſich ihrer lächelnden Lippen und ihrer freund⸗ lichen Worte. Aber ihren hitteren, qualvollen inneren Kämpfe, ihre Angſt, ihre herzzerreißenden Gebete, wie ſie auf den Knieen den Höchſten anflehte, ihr Kraft zu geben, Ihn vergeſſen zu koͤnnen, deſſen Namen ſie nicht auszu⸗ ſprechen wagte, der aber ihr ſteter Gedanke war— Alles das ſah Wirén nicht— ahnte nicht, welch' mächtige Leidenſchaften in Virginas kalter Marmorbruſt tobten. „Die Leidenſchaft,“ ſagt ein bekannter Schriftſteller, „gleicht der Sphinx des Alterthums. Zuerſt erhebt ſie im Menſchenherzen ihr ſchönes, mit den Blumen der Phantaſie bekränztes Haupt und ſchlägt mit dem Lächeln der Unſchuld die Augen zum Himmel auf; bald aber wächst ſie empor und wird zur Löwin, deren Stärke um ſo furchtbarer wird, je edler das Herz iſt, das ſie nährt. Drohend ſitzt ſie da am Rande des Abgrundes und for⸗ dert Antwort auf des Lebens Räthſel,— und wehe dem, der ſie zu betrügen wagt!“ 1 Aſſeſſor Wirén ſtand mit Borgenſtiernas Brief in der Hand vor ſeiner Gattin, hörte ſie in alter Weiſe 304 ja alle Tage,“ ſah aber dennoch in demſelben Augenblick das Lächeln um ihre Lippen ſpielen, welches ihm das Herz ſo ſehr erwärmte und erfreute. Da war es ihm, als erwache er aus einem langen Traume; und es kam ihm zum erſten Mal vor, als ſei dieſes Lächeln einſtudirte Mimik, wie man es auch bei einer in Drähten hängenden Puppe zu Wege bringen kann. Widerlich ſtach das falſche Spiel der Lippen gegen die ſchneebleichen Wangen ab, von denen ein paar Sekunden lang alle und jede Farbe gewichen zu ſein ſchien. 5 „Du lächelſt, Virginia— warum lächelſt du?“ fragte Wirén ſcharf, beinahe hart. 3 Virginia's Lächeln war verſchwunden; ſie erhob ſich, ihre Haltung war noch ſteifer als ſonſt und mit einer leichten Kopfbewegung antwortete ſie:„Du ſollſt keine Urſache mehr haben, mich ſo zu fragen, denn ich werde nicht mehr lächeln.“ Und in dieſen, faſt mit wildem Schmerze ausge⸗ ſtoßenen Worten:„Ich werde nicht mehr lächeln!“ lag die ganze Geſchichte ihres Innern, das unumwundene Bekenntniß eines zerriſſenen, mit ſich ſelbſt im Kampfe liegenden Herzens. 1. 7 Wirén ſtand einige Augenblicke wie vom Donner 4 erührt. So hatte er ſie noch nie geſehen— ſo erha⸗ Pen⸗ ernſt und tief ergriffen von gewaltſamer Gemüths⸗ bewegung.„Meine Virginia, meine Geliebte!“ rief er herzlich,„warum redeſt du ſo? War dieß Lächeln, war deine Freundlichkeit, welche mich ſo unendlich glücklich machten, nicht die freiwillige Gabe deines Herzens— ſollte es.....“¹ und ſo fragte Wirén in Gedanken weiter, und vergaß dabei alle ſeine früher angenomme⸗ nen Grundſätze, bis er plötzlich zur Wirklichkeit erwachte, und ſich allein ſah. Virginia hatte ihn im Sturme der Gefühle verlaſſen, welche ſeine Augen nicht ſchauen durften. Er ſuchte ſie in ihrem entlegenen Schlafzimmer — ſie war nicht da! In der Küche, in der Speiſe⸗ * lick das hm, am irte den ſche ab, erbe agte ſich, iner eine erde Sge⸗ lag dene npfe nner rha⸗ ths⸗ er war klich nken ime⸗ chte, der auen mmer eiſe⸗ 305 kammer, im Keller: Virginia war im ganzen Hauſe nicht zu finden. Wirén war außer ſich. Draußen in der kalten Winterabenddämmerung fiel der Schnee in großen Flocken. „Virginia, meine Virginia!“ ſchallte es durch den leeren Garten. Das Hausgeſinde kam in Bewegung— es konnte ſich nicht erklären, was mit ihrer Herrſchaft vor⸗ gegangen war. XXXIII. Der Gatte. 8 Bei der zweiten Frage ihres Gatten und dem Blicke, mit welchem er ſie begleitete, wurde Virginias gewöhnlich ſo theilnahmloſes Gemüth bis in ſeine aufgeregt. Frage und Blick ſagten ihr beide, daß er nicht allein Verdacht geſchöpft hatte, ſondern ſogar vollkommen ihre Herzensuntreue kannte. Was nun thun?— zu was half jetzt noch Verſtel⸗ lung, zu was hatte ſie bisher geholfen? Ein krampfhaftes Gefühl zog ihr die Bruſt zuſammen. Sie konnte kaum Athem holen. Unbemerkt eilte ſie hinaus, die Treppen hinab, durch den Hof, in den Garten und durch deſſen Irrgänge zu einem kleinen Luſthauſe, wo ſie auf den Sopha ſank.. Weder die Kälte, welche ihre Glieder erſtarren machte, noch der Schnee, durch den ſie watete, fühlte ſie. Sie fühlte nichts als eine brennende Glut im Her⸗ zen und im Kopfe, ſie fühlte, daß ſie das Vertrauen ihres Gatten verrathen und ſich nur noch tiefer ver⸗ ſtrickt hatte, indem ſie, um das zu thun, was ſie für Der Skjutsjunge. 20 innerſten Tiefen— . 306 ihre Pflicht hielt, mit Auge, Herz und Lippe gelogen hatte: „daß ihre Liebe, ihre Zärtlichkeit, daß jeder Blick nur Lüge war!“ Bei Virginia, wie bei jeder Frau von ſtreng mo⸗ raliſchen Begriffen, war eine Herzensuntreue gleichbe⸗ deutend mit Ehebruch. Die Erniedrigung ihrer höhern und edlern Natur mußte ihr nicht minder beklagenswerth erſcheinen— obgleich ſie bei dem feinen und tiefen Gefühle, welches mit ihr geboren und aufgewachſen war, vor den Gedanken an eine gröbere Verletzung zurück⸗ ſchauderte. Die Achtung ihres Gatten— die Achtung vor ſich ſelbſt verloren zu haben, der Stütze beraubt zu ſein, welche für ſie in der Ueberzeugung lag:„er wird nie um meine Erniedrigung wiſſen, denn mein unwandelbares Bemühen ſoll es ſein, zu ſühnen, was ich verbrochen“..... dieſe auf ſie einſtürmende Gewißheit war tief und bitter kränkend — grauſig. Das grauenhafteſte blieb aber, daß ihr der Muth und das Vertrauen zu dem verrathenen Gatten fehlten, um an ſeiner Bruſt ihr Vergehen zu beichten, und bei ſeiner Stärke Kraft zu ſuchen gegen ihre eigene nach⸗ giebige Schwäche. * Freilich möchten wohl wenige Männer ein ſolches Vertrauen zu würdigen wiſſen;— aber es möchte wohl zu hoffen ſein, daß ihre Anzahl größer würde, wenn die Frauen bei ſolchen gefährlichen Umſtänden ſich nicht ſo oft der Liſt und Verſtellung bedienten, als deren Opfer ſie in der Regel fallen. Sicher finden ſich Männer, welche mit Verſtand und Ernſt eine zitternde, angſterfüllte Gattin wieder empefrichten würden, wenn dieſe, ganz auf ihn vertrauend, nit hingebender Zuver⸗ ſicht ihr Herz in das ſeine auszuſchütten, ſich entſchließen kann. Virginia konnte ſich nicht dazu entſchließen. Sie kannte ihren Gatten nicht gehörig, und wähnte, bei dem Bekenntniſſe ihrer Schwäche 6 ch zu Tode ſchämen ———] —9———-—h—— gen 307 zu müſſen. Sie war überdieß immer noch zu ſtolz, um irgend einem Andern als dem Allwiſſenden und ihrem eigenen Herzen den Ausſpruch„ſchuldig“ über ſich zu⸗ zugeſtehen. Dabei litt ſie indeſſen nicht minder und fühlte mit gleicher Bitterkeit das Herannahen des qualvollen Augen⸗ blicks. Sie hörte Wiréns Stimme, hörte ſeinen angſt⸗ vollen Ruf:„Virginia, meine Virginia!“ und wollte antworten; aber es war ihr, als drückte eine unſichtbare Hand ihr die Lippen zu. Es war übrigens nur die Ein⸗ wirkung der Kälte auf ihren Körper, welche ihre Muskeln erſtarren machte;— wenn es ein Menſchenleben gegolten hätte, wäre ſie nicht im Stande geweſen, ihre Lippen zu regen, oder aufzuſtehen. Plötzlich ging die Thüre auf und Wirén ſtürzte herein.— „Großer Gott! Virginia, was machſt du hier?“ Virginia gab keine Antwort; ſie verſuchte aufzuſtehen, allein vergebens. Das weiße, ſtarre Marmorbild ſchien todt— und Wirén war kaum überzeugt, daß es ſeine lebende Gattin ſei, welche er in ſeine Arme faßte, ins Haus trug und mit der zärtlichſten und unverdroſſenſten Sorgfalt pflegte und bewachte. Mitternacht war längſt vorüber. Virginia lag in tiefem Schlummer. An ihrer Seite ſaß Wirén, und ſein Auge, das mit der größten Zärtlichkeit auf der Gattin ruhte, zeigte, daß er einer von den Wenigen war, der, ſobald man ihm mit Vertrauen entgegen kam, ſich deſſen auch im höchſten Grade würdig zeigte. „Ich war zu unbedachtſäm, ich bin immer ſo heftig,“ dachte der Aſſeſſor, indem er ſich ſelbſt Vorwürfe darüber machte und leiſe mit der Hand Virgina's Stirne berührte. Sie erwachte und blickte auf, allein, erſchrocken bei dem Anblicke des Gatten, ſchloß ſie die Augen ſchnell wieder. „Virginia,“ flüſterte er und beugte ſich über ſie. „Du haſſeſt mich doch nicht?— warum wendeſt du dich 4 308 ab, warum verſagſt du mir dein Vertrauen? Es iſt noch immer Zeit dazu. Beruhige dich, und ſei verſichert, daß ich dich noch immer unendlich liebe— heiß und uneigennützig genug, um dich vor dir ſelbſt zu retten. Fliehe zu mir, lege dein Haupt an meine Bruſt— mein Herz empfindet menſchlich und hat ein Gefühl für menſch⸗ liche Schwächen.“ Und außer Stand, dem Laut der zaͤrtlichen Stimme, dem uneigennützigen, ſelbſtverleugnenden Gefühle zu wider⸗ ſtehen, welches Wirén ſeinen eigenen Schmerz vergeſſen 4 3 ließ, um den ſeiner Gattin zu lindern, lehnte ſie ſich an ſeine Schulter, und brach in einen unaufhaltſamen Strom von Thränen aus. Virginia ſchluchzte laut an der Bruſt ihres Gatten, gleich dem Winterfroſt vor den Sonnen⸗ ſtrahlen verſchwand der Stolz ihres Herzens. Sie athmete leichter, ſie oͤffnete ihm jede verborgene Falte ihres Herzens, und zitterte vor Angſt, Seligkeit, Schmerz und Schaam, als Wirén mit dem ihm eigenen Feuer ſeine Lippen auf die ihrigen drückte, und ſagte: „Meine Virginia, was du in deinem Herzen ver⸗ brochen haſt, vergebe ich dir mit dieſem Kuß! Von nun an wirſt du mir durch dein Vertrauen doppelt theuer ſein. Deine erſte Neigung wird bald vergeſſen ſein, davon bin ich ſo innig überzeugt, daß ich darauf leben und ſterben will, gerade aus ihr wird die Blume unſrer Liebe und unſres häuslichen Glücks nur noch ſchöner emporblühen, um nie⸗ mals zu verwelken.“ 3 Tief erröthend und im Innerſten ergriffen, erhob Virginia ihr ſchönes Haupt, und ein hehrer, wunder⸗ ſamer Glanz ſtrahlte aus ihren ſonſt ſo theilnahmloſen Augen.„Wirén,“ ſagte ſie,„was du glaubſt, glaube auch ich. Es iſt Etwas in mir, das mir ſagt, von dieſem Augenblicke an beginnt eine neue und ſchönere Epoche unſers Lebens. Nur Eines könnte mich ganz niederſchmettern und mir für alle Zeit den Muth be⸗ ——.— 8—=—„ ———— 2—— 209 nehmen, mich wieder aufzuraffen;— allein das darf ich wohl nicht fürchten,— oder vielleicht doch?“ Dabei blickte ſie mit dem Ausdrucke unnennbarer Angſt in den Zügen, ihrem Gatten ins Geſicht. Sie ſchien in ſein Innerſtes eindringen zu wollen, um die richtige Antwort zu erſpähen. Aber Wirén, der auf dieſe Frage ſchon gefaßt und entſchloſſen war, zu ihrem eignen Beſten ihr die Wahrheit zu verhehlen, antwortete deßhalb mit der vollkommenſten Faſſung und ohne ſich nur im mindeſten zu beſinnen:„Darin kannſt du ganz ruhig ſein, theure Virginia! Er iſt ſo himmelweit entfernt, die Wirklichkeit zu ahnen, daß er eher glauben möchte, mit ſeinem Athem die Eisfirſten des Montblanc ſchmelzen zu können, als dein Herz, welches er für noch unerſchütter⸗ licher hält.“ „Gut!“ entgegnete Virginia, und erhob ihren mar⸗ morweißen Nacken noch ſtolzer als gewöhnlich,„es ſoll nie ſo weit kommen, daß er anders glauben könnte. All die Glut, die jetzt in meinem Buſen lodert, ſoll nur Dankbarkeit für dich flammen. Du haſt mich von dem Sturm errettet, der mein ganzes Ich zu zerſchmettern drohte. Du, du einzig und allein in der Welt haſt mich geliebt, und du wirſt mich auch lehren, dich wieder zu lieben. Er weckte den Funken— du ſollſt ihn zur hellen Flamme anfachen!“ War dieß Virginia, welche dieſe Worte in den lieb⸗ lichſten Toͤnen flüſterte? Ja, ſie war es! Vom ſanften, geheimnißvollen Scheine der Nachtlampe umfloſſen, ſaß ſie aufrecht auf ihrem Lager, gleich leichten Wolken ſchweb⸗ ten die weißen Gardinen um ſie, und über die hochgefärb⸗ ten Wangen ſielen die von Natur gekräuſelten Goldlocken nieder auf den tadelloſen Nacken. Nie war ſie ſchöner geweſen; und wenn auch Stolz und im Innerſten verwundete Fraueneitelkeit mit ihren guten Vorſätzen und ihrer aufrichtigen Reue, Hand in Hand gingen, ſo war ſie doch, jetzt, wo Demuth ihren 310 Stolz beugte, das herrlichſte Bild einer reuigen Magda⸗ lena, was ſich jemals ſchauen ließe. Wirén kniete an ihrem Lager nieder, und zum Erſten Mal erwiederte ſie ſeinen innigen Kuß. Am andern Morgen ſchrieb er an Borgenſtierna: „Ich gratulire dir von ganzem Herzen, lieber Bru⸗ der; und obgleich ich glaube, daß du in Bezug auf dein Vorhaben weniger zurückhaltend zu ſein Urſache gehabt hätteſt, ſo ſchmähle ich doch nicht darüber, ſondern bitte Gott, daß er dich ſo glücklich machen möge, als ich es bin. Du könnteſt vielleicht nach dem, was du mit deinen eigenen Augen geſehen zu haben glaubſt, der Meinung ſein, mit einem ſolchen Wunſche ſei es nicht beſonders weit her. Darin irrſt du dich aber gewaltig. Das Blatt unſres häuslichen Lebens, welches bei deinem damaligen Hierſein vor dir aufgeſchlagen war, findeſt du nicht mehr darin: es iſt bis auf den letzten Buchſtaben ausgelöſcht; denn die Handſchrift war falſch. Jetzt erſt habe ich mei⸗ ner Virginia ſchönes, großes Herz kennen gelernt. Mit der vollſten, ſeligen Ueberzeugung kann ich ſagen, daß ſie bald mich eben ſo ſehr lieben wird, als ich ſie ſchon längſt liebte. Eine ſchwarze Stunde iſt vorübergegangen, eine düſtre Wolke ſchwebte über unſeren Häuptern, aber, dem Himmel ſei Dank! das Dunkel iſt zum hellſten Lichte ge⸗ worden, die Wolke iſt gleich dem Nebel verſchwunden, und mitten in dem Aufruhr und dem Kampfe der Elemente haben meine Virginia und ich einander gefunden. „Wenn du deine junge Gattin heimführſt, ſo hoffe ich, daß dein Weg dich über Elmtaryd führen wird. Sollte dieß nicht ſein köͤnnen, ſo laß es mich wiſſen und ich komme mit meiner Frau nach Röſtorp; denn wir wollen euer Glück theilen. Ich meines Theils kann mir un⸗ möglich den Genuß verſagen, Zeuge von der pikanten —— 311 Ueberraſchung zu ſein, welche du deinem hochmüthigen Herrn Schwiegervater zu bereiten gedenkſt.. „Lebewohl! Mit dem freundlichſten Gruß 3 dein Wirén.“ „N. S. Nachträglich meine ehrfurchtsvollſten Em⸗ pfehlungen an dein liebes Bräutchen! Auf Ehre, ein höchſt einnehmendes, allerliebſtes Kind, und gewiß auch mit der Zeit eine treffliche, verſtändige Hausmutter. Nimm ſie nur richtig, und laßt euch nie ebenfalls den thoͤrichten Gedanken beigehen, daß ihr einander nicht verſtändet. Es iſt meine vollkommenſte auf eigene Erfahrung geſtützte Ueberzeugung, daß der Mangel an ehelichem Glück weit weniger von der Ungleichheit der Gemüther als von dem grundloſen Eigenſinne jener Behauptung herkommt. Man darf nur ein wenig Geduld haben, ſo fügt ſich Alles nach und nach, und man ſchickt ſich ſchon in einander, wenn nur Freundlichkeit und Herzlichkeit in Beiden woh⸗ nen. Ich glaube gewiß, daß Amelie ihren Pflichten als Gattin im höchſten Grade nachkommen wird, und für den Geliebten ſehr Viel zu thun im Stande iſt. Du darfſt dir demnach von Herzen Glück wünſchen,— aber erinnre dich auch dabei, daß Roſen und Dornen dicht beiſammen wachſen, und es gar häufig von uns ſelbſt abhängt, ob uns die Einen erfreuen oder die Andern verwunden. 3 W.“ XXXIV. Die Sakriſtei. Der erſte April 1834 ſtieg aus ſeinem nebligen Bette und ſchüttelte in eitler Gefallſucht ſo lange an den leichten Falten ſeines Nachtgewandes, bis dieſes 1 theilweiſe niederſank, und den jungen Tag in ſeiner ganzen ¹ ſtrahlenreichen Schoͤnheit blicken ließ. Zu Tunefors war 4 Alles auf den Beinen. Kaum graute der Tag, ſo war z Frau von Dreſſen auch ſchon mit ihren Mägden aufge⸗ ſtanden, um zu kochen, zu ſieden und zu braten, denn G man erwartete die Nachbarn, welchen man einen kleinen Wink gegeben hatte, nach der Kirche zur großen Gratu⸗ g lation. Es war der Tag des erſten Aufgebots. Borgenſtierna war vor ein paar Tagen gekommen, g und hatte dem Paſtor die erforderlichen Dokumente über⸗ 4 geben. Der Obriſtlieutenant hätte Letztern gar zu gerne 1 nach dem Titel ſeines künftigen Schwiegerſohnes gefragt, aber dieß ließ ſich mit ſeiner Würde nicht wohl vereini⸗ i gen; und doch konnte er ſich auch unmöglich ſo weit d herabgeben, um durch ſeine Gemahlin die Tochter aus⸗ i forſchen zu laſſen, welche— nach dem innigen Verhält⸗ u niſſe zu ſchließen, das zwiſchen den beiden Verlobten ſtatt h fand— ohne Zweifel die heimlichſten Gedanken ihres Bräuttgams kannte. n Der Obriſtlieutenant fand demnach, daß es die Schick⸗ g lichkeit erfordere, ſeine Neugierde zu zügeln, allein Etwas g wollte und mußte er dieſer, trotz dem, zu Gefallen thun, 1 denn ſo lange, bis die Gäſte ankamen, konnte man doch k unmöglich warten. Es mußte ein paſſender Mittelweg g ausfindig gemacht werden, und Dank ſeiner Pfiffigkeit, p fand ſich einer. 3 Beim Frühſtück, in verſammelter Familie, erinnerte 3' ſich plotzlich unſer guter Obriſtlieutenant, daß er noch ein höchſt nothwendiges Geſchäft, eine Meile von Tunefors, T abzumachen habe, und befahl deßhalb dem Knechte, den m Karren, welchen er ſeinen Gigg zu nennen beliebte, ein⸗ w zuſpannen. Seine Gemahlin lächelte; ſie kannte ihren Mann m und konnte es ſich an den ſünf Fingern abzählen, daß h; er auf einem kleinen Umwege nach der Kirche fahren ſe werde. Da ſie aber eben ſo gewiß war, daß er dem — 313 Brauche nicht ſo ſehr zuwider ſündigen würde, um in der Kirche ſelbſt das Aufgebot ſeiner eigenen Tochter mit an⸗ zuhören, ſo muthmaßte Frau von Dreſſen, daß es ihr Ge⸗ mahl nicht unter ſeiner Würde halten werde, von der Sakriſtei aus zu lauſchen. Sie hatte auch Recht. Die Predigt war noch nicht ganz zu Ende, als um halb zwölf Uhr auf einmal die äußere Thüre der Sakriſtei ein wenig aufging und zum größten Erſtaunen des Küſters, der Obriſtlieutenant den Kopf hereinſteckte, und jenen mit freundlichem und herab⸗ laſſendem Nicken grüßte. Zu derſelben Zeit ſagte Borgenſtierna zu ſeiner Braut, indem er ihr mit einer gewiſſen geheimen Unruhe die Hand drückte:„Es reut dich vielleicht, Amelie! Du weißt, daß ich die Sache ganz in deine Hände gelegt habe,— und um deinetwillen auch gern von dem, was ich für recht hielt, abgeſtanden wäre.“— „Aber du ſollſt um meinetwillen von Nichts abſtehen, was du für recht und vernünftig hältſt. Kannſt du denn glauben, ich wüßte den Schatz, den ich an deinem Herzen gewonnen habe, nicht beſſer zu ſchätzen, als daß ich mich jetzt um Etwas kümmern ſollte, worauf ich von jeher keinen Werth gelegt habe? Nein, liebſter Ivar, wir ſind ganz Einer Meinung; weit entfernt, darüber Reue zu em⸗ pfinden, bin ich im Gegentheile ſehr erfreut, dir beweiſen zu können, wie gerne und wie aufrichtig ich ſtets deinen Wünſchen entgegen kommen werde.“ H „Ja, in der Hauptfrage, Geliebte, bin ich, Gott ſei Dank, innigſt überzeugt, allein das iſt es nicht, was ich meine: ich dachte, was wohl dein Vater heute ſagen wird.“ „Ich auch, lieber Ivar; die ganze Nacht habe ich mehr an meinen Vater als an dich gedacht, und wohl hundert Mal zu mir ſelbſt geſagt:„Gott gebe, daß es ſchon Abend wäre!“ Aber es iſt noch nicht ein Mal 314 Mittag, und du darfſt mir glauben, daß es mir gar nicht leicht zu Muthe iſt.“ 8 „Meine arme Amelie! Das iſt es auch gerade, was ich beunruhigt. Ich hätte wohl minder egoiſtiſch ſein ollen.“— „Du ſollſt mich nicht bedauern, Ivar, das gebe ich nicht zu. Kommt auch irgend ein Verdruß, ſo theile ich ihn mit dir, und jedenfalls geht es vorüber.“ Borgenſtierna drückte ſeine Amelie mit Waͤrme au die Bruſt und ihr holdſeliges Lächeln ſcheuchte die kleine Wolke von ſeiner Stirne. „Der Pfarrer predigt heute ungewöhnlich lange,“ meinte der Obriſtlieutenant ungeduldig, und ſah den Küſter, der ſich in der Sakriſtei Etwas zu ſchaffen machte, da⸗ bei an. „Eben ſagt er Amen,“ entgegnete dieſer.„Ich muß jetzt mit dem Verkündigungsbuche hinaus.“ Der Küſter ging und ließ den Obriſtlieutenant in der geſpannteſten Erwartung hinter der angelehnten Thüre zurück. Endlich begann der Pfarrer ſich zu räuspern, und nach Verfluß von ein paar Minuten, welche mit großer Gravität dem Gebrauche des Nastuchs gewidmet waren, die aber den armen Obriſtlieutenant zur Verzweiflung zu bringen droh⸗ ten, toͤnte es hell und vernehmlich: „In den Stand der heiligen Ehe wollen ſich begeben und werden demnach zum erſten Male aufgeboten—“ Hier übermannte den Obriſtlieutenant eine derartige Aufregung, daß er, um auch nicht einen Buchſtaben zu verlieren, die Thüre beinahe zur Hälfte aufmachte. „Der Gerbermeiſter Ivar Borgenſtierna und das hochwohlgeborne Fräulein Bernhardine Eleonore Amelie von Dreſſen. Der Himmel ſegne ihr Vorhaben ꝛc. Es war ein völliges Wunder, daß der Obriſtlieu⸗ tenant bei dieſem unvermutheten Schlage nicht die Sa⸗ kriſteithüre aufriß und dem Pfarrer zurief:„Noch ein Mal!“ In der That rührte ſich auch eine Sekunde 315 lang ein ſolches Vorhaben in ſeinem Kopfe, und wãre auch ſicher zur Ausführung gekommen, wenn ihn nicht ein andrer Gedanke zur Beſinnung gebracht hätte. Es fiel ihm auf ein Mal ein, wie natürlich es ſei, und deßhalb gar keinem Zweifel unterliegen könne, daß der alte, blod⸗ ſichtige Pfarrer falſch geleſen haben müſſe und gewiß irgend ein andrer Titel auf dem Papiere ſtehe, der ſich mit „Meiſter“ endige, z. B. Hoſſtallmeiſter, Bergmeiſter oder etwas Aehnliches. In ſeiner gegenwärtigen Stimmung war der Obriſtlieutenant nicht im Stande einzuſehen, daß es unmöglich weder das Eine noch das Andre ſein konnte; dennoch aber war es ganz gewiß ſo— denn ein Gerber, ein ſimpler Handwerksmann konnte ſich ja doch unmöglich eine ſo himmelſchreiende Frechheit herausnehmen, eine Verbindung mit einem der älteſten Adelsgeſchlechter zu ſuchen, und auf eine ſo beiſpiellos unverſchämte Weiſe zu Stande zu bringen wagen! „Ich wollte, das alte Vieh wäre nur gleich hier, damit ich wüßte, woran ich bin!“ Der Obriſtlieutenant meinte damit den Pfarrer; allein der hatte noch Manches abzumachen, und unterdeſſen konnte Seiner Gnaden mit Muße das ganze ſchauervolle Vergnügen genießen und mit anſehen, wie die Leute ſich in die Ohren ziſchelten, und durch eine Ritze in der Sakriſteithüre bemerkte er ſogar, wie die Standesperſonen, auf ihren Sitzen ganz in der Nähe des Chors, bedeutungsvolle Blicke wechſelten und verſchiedentlich den Mund verzogen. „Wo iſt der Aufgebotzettel? Geben Sie her!“ rief der Obriſtlieutenant in halbem Wahnſinne benn alten Geiſtlichen zu, welcher ſich ihm mit höflichen Verbeu⸗ gungen glückwünſchend näherte.„Wie können Sie ſo leſen?“ „Wie, leſen?“ fragte der Paſtor voll Verwunderung. „Ja, Sie haben ja Gerbermeiſter geleſen, wo es 346 ſah wohl Hofſtallmeiſter oder Bergmeiſter hätte heißen ollen!“ „Wahrlich, da ſteht keine Sylbe weder von dem Einen noch dem Andern,“ entgegnete der Pfarrer in größ⸗ tem Erſtaunen,„ſondern hier ſteht buchſtäblich, wie ich geleſen habe: Ger⸗ber⸗meiſter; ich glaubte, der Herr Obriſt⸗ lieutenant werden Stand und Gewerbe Ihres künftigen Eidams ſelbſt am beſten kennen.“ „Haben Sie die Güte, Ihre überflüſſigen Anmerkun⸗ gen zu ſparen;“ ſchnaubte der Obriſtlieutenant und ließ ſeinem Aerger freien Lauf.„Laſſen Sie mich den Auf⸗ gebotzettel ſehen!“ „Mit dem größten Vergnügen. Sobald der Küſter kommt, ſoll er ihn holen; indeſſen muß ich bitten, ſich jetzt ſtill und ruhig zu verhalten, denn der Gottesdienſt iſt noch nicht zu Ende.“ In dieſen einfachen, aber mit Ernſt ausgeſprochenen Worten lag Etwas, was die Hitze des Obriſtlieutenants ein Bischen abkühlte. Er fühlte halb und halb das Un⸗ paſſende ſeines Betragens und ging, ohne ein Wort zu reden, auf und ab; zuweilen ſtieß er aber mit dem Stocke auf den Fußboden, daß die Steinplatten dröhnten. Als nach beendigtem Gottesdienſte der Pfarrer aber⸗ mals in die Sakriſtei kam, befahl er dem Küſter, den Aufgebotzettel zu holen, was auch im Augenblick geſchah. Aber jetzt war auf ein Mal die vorhin gezeigte große Eile verſchwunden, und mit einem gewiſſen ſchüchternen Wider⸗ willen nahm er den Zettel, öffnete das wichtige Dokument und mußte hier, trotz der größten Mühe, welche er ſich gab, um Hofſtallmeiſter oder Bergmeiſter heraus zu buch⸗ ſtabiren, ganz einfach:„Gerbermeiſter“ leſen. Ein tiefer Seufzer, der faſt wie ein Piſtolenſchuß klang, entfuhr ſeinen Lippen. Er ließ das Papier zu Boden fallen, und ſtand einige Sekunden regungslos da; da er aber bald die Nothwendigkeit einſah, den 317 äußern Schein und das für ihn unter allen Umſtänden Unumgänglichſte, nämlich ſein Anſehen zu retten, bückte er ſich nach dem Papier, als ob er es zufällig hätte fallen laſſen, und ſagte mit einer Ruhe, welche einem Manne, wie Obriſtlieutenant Dreſſen, namentlich in hüner gegenwärtigen Lage, nicht wenig Anſtrengung oſtete: „So hat er alſo doch die Genugthuung, die Wette gewonnen zu haben! Vor einiger Zeit ſtritten wir dar⸗ über, unter welchem Titel ſich Herr Borgenſtierna aus⸗ rufen laſſen ſolle, und da meinte er denn zum Spaß, er wollte ſich Gerbermeiſter nennen laſſen, da ſich unter den weitläufigen Gütern von Röſtorp auch eine Gerberei befindet. Ich lachte darüber und verwettete meinen Rappen. — Sie wiſſen, Herr Pfarrer, was es für ein vortreffliches Pferd iſt.— Daß ich verlieren koͤnnte, wäre mir im Leben nicht eingefallen, denn ich glaubte nicht, daß Bor⸗ genſtierna ſo bizarr ſein würde, ſich in der That von der Kanzel herab Gerbermeiſter nennen zu laſſen. Wir ſprachen ſeither nicht mehr davon, heute Morgen fiel mir aber ein, ich moͤchte doch wohl wiſſen, ob ich am Abende den Renner noch mein nennen dürfe. Und ich geſtehe, ich war, wie ſie ſelbſt geſehen haben, Herr Pfarrer, ſo über⸗ raſcht von der komiſchen und tollen Idee mit dem Gerber⸗ meiſter, daß ich mich ſo ungeheuer vereiferte, was ich freilich nicht hätte thun ſollen; denn bei einer Wette iſt es Jedem darum zu thun, zu zeigen, daß er auch halten kann, was er verſprochen. Borgenſtierna hat indeſſen auch ſeine kleinen Eigenheiten, ſo gut als wir;— allein mein Rappe geht mir im Kopfe herum. Ich muß eilen, daß ich nach Hauſe komme, und ihn vielleicht auf die eine oder die andere Weiſe zu retten ſuche.“ Der Pfarrer verbeugte ſich nach Anhoͤrung dieſer Auseinanderſetzung, und ſah dabei gerade aus wie Ei⸗ ner, der ſich aus Höflichkeit für verbunden erachtet, zu thun, als glaube er, was man ihm ſagt. Er ſchüttelte 318 dem Obriſtlieutenant zum Abſchiede die dargebotene Hand, und hatte Menſchenkenntniß genug, um zu wiſſen, warum ſie zitterte; dabei war der ehrliche Pfarrer indeſſen gut⸗ müthig genug ganz ruhig zu bemerken:„Was in Bezug auf die Wette vorgefallen, bleibt übrigens unter uns.“ „Das hoffe ich,“ erwiederte der Obriſtlieutenant, welcher jetzt nicht ohne einige Beſchämung daran zu denken vermochte, in welchem Widerſpruche der Hofſtall⸗ meiſter und Bergmeiſter zu der eben preis gegebenen Wettanekdote ſtände.„Das hoffe ich; Ihr Diener, Herr Pfarrer!“ Im nächſten Augenblicke war er ſchon draußen, ſprang auf ſeinen Gigg und hauderte heimwärts. Sobald der Obriſtlieutenant die Kirchenmauern hinter ſich hatte, folgte auf die unerhörte Anſtrengung, welcher er ſich in der letzten Viertelſtunde nothgedrungen unter⸗ zogen hatte, ein Ausbruch offenbarer Raſerei, und auf dem ganzen Wege bis Tunefors zerbrach er ſich den Kopf, ein Mittel ausfindig zu machen, wie er Borgenſtierna für ſeine Unverſchämtheit am empfindlichſten ſtrafen könne, und gelangte endlich zu dem feſten Vorſatze, die ganze Partie rückgängig zu machen, ſobald der künftige Schwiegerſohn nicht ſein Ehrenwort gäbe, ſich einen Titel ſchaffen zu wollen. Frau von Dreſſen ſah ſchon durch das Küchenfen⸗ ſter das Gewitter, welches ſich auf des Obriſtlieutenants Stirne gelagert hatte; an ſeinem heftigen Fahren hatte ſie ſchon aus der Entfernung gemerkt, daß ein ſolches im Anzuge ſei. Sie war eben ſo wenig als ihr Herr und Gemahl in das Geheimniß mit dem Aufgebote eingeweiht wor⸗ den. Amelie hatte ihr einmal Etwas von dem Vorha⸗ ben ihres Verlobten anvertrauen wollen, ſie es aber mit dem Bemerken abgelehnt: es ſei beſſer, wenn ſie nicht um das Geheimniß wiſſe, was Borgenſtierna für einen Titel vor ſeinem Namen zu ſetzen beabſichtige.„Denn, 319 gefällt er dem Papa nicht,“ ſagte die verſtändige, um⸗ ſichtige Frau,„ſo muß ich Zeitlebens den Vorwurf hoͤren, ich habe mit euch unter Einer Decke geſteckt.“ Der Ausgang zeigte, daß ſie Recht gehabt. „Ehrſt du ſo den Namen deines Mannes, daß du zu ſeiner und deiner Erniedrigung und zur Schmach für unſre Ahnen und Enkel die Hand bieteſt?“ Mit dieſen freundlichen Worten begrüßte der Obriſt⸗ lieutenant ſeine Gattin, als er mit haſtigen Schritten in die Küche und zu ihr an den Herd trat, wo ſie eben einen zum Braten beſtimmten jungen Hahn den Leib zunähte. „Liebſter, beſter Dreſſen, was fällt dir denn ein? Komm' nur um's Himmels willen zu dir, und laß dich berichten! Ich verſtehe auch nicht ein Wort von dem, was du meinſt. Sieh mich an und ſage, daß du mir glaubſt, ſonſt betrübſt du mich auf das tiefſte.“ Es lag ſo viel Herzlichkeit und entwaffnende Gut⸗ müthigkeit in Frau von Dreſſens demüthiger Bitte, daß ſie nicht wohl unerfüllt bleiben konnte. Er ſah ihr mit ſcharfem, forſchendem Blicke in das Geſicht, und da er im Verlaufe ihrer zwanzigjährigen Ehe immer die Erfahrung gemacht hatte, daß ſie die Wahrheit liebte und nie davon abwich, ſo konnte er nicht wohl ſo unſinnig ſein, länger auf ſeinem Vorwurf zu beſtehen, daß ſie ihn hintergangen habe. Demnach waren lediglich Borgenſtierna und Amelie, hauptſächlich aber der Erſtere, die Schuldigen. „ Glaubſt du mir?“ fragte Frau von Dreſſen und hielt ihm in ihrer Herzensangſt unwillkürlich die Gabel, woran das Hühnchen geſpießt war, gleich dem Zauberſtabe eines Beſchwörers entgegen. „ Ja, ich glaube dir, Sophie! Löͤſche nun aber in Gottesnamen dein Feuer aus, und ſchließe deine Küche zu, denn für heute brauchen wir Nichts mehr davon.“ „Was willſt du damit ſagen? beſter Dreſſen.“ 320 „Damit will ich ganz einfach ſagen, daß keine Gra⸗ tulationen angenommen werden, und daß höchſt wahr⸗ ſcheinlich aus der ganzen Herrlichkeit nichts wird; denn ſchafft er ſich keinen Titel, ſo braucht Keins von euch, weder du, noch er, noch die Jungfer Naſeweis ſich einzu⸗ bilden, daß ich meine Zuſtimmung zu der Heirath meiner Tochter mit einem— einem..... pfui Teufel! ich werde noch raſend, wenn ich nur an einen ſolchen Spektakel denke!“ „Liebſter, beſter, einziger Dreſſen, ich komme im Augenblicke!“ ſiel ihm ſeine Frau in die Rede, warf den geſpießten Hahn auf die Seite und folgte ihrem Manne in das Zimmer, wo ſie in halber Verzweiflung ausrief:„Ach, allmächtiger Gott und Vater, du wirſt uns doch hoffentlich nicht dem Hohngelächter der ganzen Welt preisgeben, und Amelie unglücklich und mich raſend machen! Beſinne dich doch nur um des Himmelswillen, daß du ſelbſt den Nachbarn einen Wink gegeben haſt, auf Mittag zu kommen, daß der Tiſch gedeckt iſt und das Eſſen....“ „Still, ſtill, winsle mir nicht ſo verdammt die Ohren voll! Wenn du wüßteſt, was dein ſauberer Herr Schwiegerſohn für einen Titel hat!“ „Nun, Liebſter, was für einen denn?“ „Gerber!“ platzte der Obriſtlieutenant mit teufli⸗ ſchem Hohngelächter heraus,„Gerbermeiſter, ein Hand⸗ werker!“ „Ein Handwerker!“ rief Frau von Dreſſen etwas betroffen aus.„Ach, liebſter Dreſſen, das mußt du nicht ſo nehmen. Ich begreife die Sache ſchon; das kemmt Alles von eurem Gezanke über die Titel her. Du prißt ja, lieber Mann, daß er eine Gerberei hat, und deßhalb hat er ſich einen kleinen Spaß gemacht und 2f da⸗ durch.. Die arme Frau kam doch ein Wenig in Verlegen⸗ heit, wie ſie ihre nicht ſehr ſchmeichelhafte Vermuthung ausſprechen ſollte, daß Borgenſtierna ſich über den Adel⸗ 1 321 ſtolz ihres Gemahls habe etwas luſtig machen wollen. „Nun, was hat er denn gewollt?“ „Was weiß ich, lieber Mann! Ich kann das rechte Wort nicht finden, um den Gedanken auszudrücken, der mir vorſchwebt.“ „Recht ſo, Sophie! Nun redeſt du wie es meiner Gemahlin zuſteht. Aber gib dich zufrieden. Ich weiß meine Ehre zu rächen— er hat Etwas gewollt, womit kein nobel denkender Mann ſeinen künftigen Schwäher an ſeiner empfindlichſten Seite zu kränken ſich unterfangen hätte. Aber ich weiß auch was ich will— und er ſoll es jetzt gleich im Augenblicke erfahren!“ Frau von Dreſſen, welche jetzt merkte, daß ſie, wie man im gemeinen Leben zu ſagen pflegt, die Brühe erſt recht verſchüttet hatte, kam faſt außer ſich. Sie blickte ihren Mann möglichſt zärtlich an, ergriff ihn beim Rock⸗ ſchooß, klopfte ihm auf die Schulter und wiſperte im flehentlichſten Tone: „Mein liebſter, goldener Dreſſen! thue nichts, was dich hinterher reuen koͤnnte!“ Kurz, ſie that Alles, was eine verſtändige Frau in der Todesangſt unter ſolchen Umſtänden nur immer thun kann. Leider blieben aber alle ihre Bemühungen fruchtlos. Der Obriſtlieutenant ſchritt immer näher der Thüre zu und machte ſie endlich auf. Mitten im anſtoßenden Zimmer ſtand Borgenſtierna; auf ſeinem Antlitze lag die Ruhe und der Ernſt, wie ſie die Wichtigkeit des Tages erforderte und bei jedem denken⸗ den Menſchen ſo natürlich iſt; aber die Verbeugung, wo⸗ mit er ſeinen Schwiegervater grüßte, war tiefer und achtungsvoller als ſonſt. Amelie, halb verſteckt hinter ihrem Bräutigam, ſah 3 ſchüchtern hervor auf ihren Vater. Der ſchelmiſche Zug, welcher gewöhnlich auf ihren lächelnden Lippen lag, war nicht ſichtbar: Unruhe und bange Erwartung leuchtete aus jeder Bewegung hervor. Der Skiutsjunge. 21 322 Der Obriſtlieutenant war ſtumm; ſeine Wuth hinderte ihn anfänglich am Sprechen, deßhalb begann Borgenſtierna ganz unbefangen:„Sie waren, wie ich glaube, in der Kirche, Herr Vater?“ „Ja, ich war in der Kirche, um dort zu vernehmen, auf welch ſchändliche Weiſe es Ihnen beliebt hat, mein Vertrauen zu mißbrauchen!“ Der Obriſtlieutenant glaubte in dem Ton, worin er dieſe Worte hervorbrachte, eine hinlängliche Doſis Ver⸗ achtung gelegt zu haben, um Borgenſtierna ganz und gar nieder zu donnern und vollſtändig außer Faſſung zu bringen. Darin hatte er ſich aber gewaltig geirrt. Mit Höf⸗ lichkeit, allein fern von aller demüthigen Kriecherei, ent⸗ gegnete er:„Ich habe nur von der mehrmals ausdrücklich zugeſtandenen Erlaubniß Gebrauch gemacht, den Schild vorzunehmen, nach welchem ich vordem geſtrebt habe. Ich bin in der That einmal Gerbergeſelle geweſen, und zwar ehe ich die Aufſicht über die Gerberei meines Schwieger⸗ vaters, meines ehemaligen Prinzipals übernahm. Mit der Leitung des ganzen Geſchäfts gab mir ſeine Güte den Titel Faktor, den ich auch beibehielt, bis ich, nach ſeinem Tode, ſelbſt Eigenthümer von ganz Röſtorp ward.“ „Aber zum Teufel, warum nennen Sie ſich denn nicht Grubenpatron, wie andere vernünftige Leute thun, welche durch Betreibung eines Bergwerks das Recht dazu haben?“ „Dieſes habe ich nicht, denn die Gruben ſind nicht nein freies Eigenthum; da ich aber eine große Gerberei beſitze, ſo konnte ich dem Verlangen des Herrn Obriſt⸗ lieutenants, meinem Namen einen Titel vorzuſetzen, auf keine andere Weiſe entſprechen, als daß ich mich Gerber⸗ meiſter nannte.“ „Da möchte man ja an der Wand hinauf; hat man je in der Welt ſo etwas Tolles gehoͤrt! Von einem Titel war die Rede und von keinem Meiſterbrief!“ erte rna der ien, nein er Jer⸗ gar zu oͤf⸗ ent⸗ lich hild Ich war ger⸗ der den nem denn hun, azu nicht derei riſt⸗ auf ber⸗ hat nem 323 „Ich habe nie das Wort Titel in den Mund genom⸗ men; Sie ſogar darauf aufmerkſam gemacht.“ „Aber ich!“ unterbrach ihn der Obriſtlieutenant, dem nichts daran gelegen war, ſeine weitere Auseinanderſetzung anzuhören.„Und da ich durchaus nicht geſonnen bin, einen Gerber zum Eidam zu haben, ſo erkläre ich Ihnen hiemit, wenn Sie ſich nicht dazu entſchließen, um einen Titel einzukommen, ſo wird au der ganzen Heirath nichts! Wo es den Ehrenpunkt gilt, laß ich mir nicht auf der Naſe herum tanz Dieß ſoll alſo ſo viel heißen, Herr Obriſtlieutenant, daß Sie im Sinne halher Ihr gegebenes Wort zu brechen, und alſo eine Handlung zu begehen, welche ſowohl für einen Cavalier als für einen Mann von Ehre überhaupt unverantwortlich iſt?“ „Keineswegs! Da ich jenes Wort gab, wußte ich nicht, daß es ein Handwerksmann war, der um meine Tochter freite.“ „Mein beſter Herr Obriſtlieutenant, laſſen wir alle ſpitzigen Worte; ſie bringen uns nur noch weiter von unſerm Ziele ab,“ erwiederte Borgenſtierna mit einer Herzlichkeit; wie man ſie noch nicht an ihm bemerkt atte.„Laſſen Sie uns einander richtig verſtehen. Ich 9 bin jetzt ebenſowenig ein Handwerker, als damals, wo ich um Amelies Hand warb. Ich ſetze eine Ehre darin, einfach ein freier Mann zu ſein, unabhängig von Stan⸗ deszwang und Zunftordnung,— Herr auf meinem eige⸗ nen Gute. Alle Titel haſſe ich von Grund der Seele; daß ich aber,— was, offenherzig geſagt, eigentlich meine Pflicht geweſen wäre— meinen Grundſatz nicht kräftig genug vertheidigt zu haben, um Ihnen die Ueber⸗ zeugung zu ſchaffen, ich würde nie nachgeben,— dieß hat ſeine Urſache, die ich Ihnen bei gelegener Zeit auseinanderſetzen zu dürfen mir vorbehalte. Ich habe Ihnen nur noch die Verſicherung zu geben, daß ich in jeder andern Beziehung mit Freude allen Wünſchen meines künftigen Herrn Schwiegervaters entſprechen 324 werde; was aber den Punkt mit dem Titel betrifft, ſo bleibt es bei dem Geſagten, und Sie denken hoffentlich zu edel, als daß Sie verlangten, ich ſollte mein Glück auf Koſten meiner Grundſätze erkaufen.“ „Was, Grundſätze!— Poſſen ſind es, verſchrobene Anſichten, aber keine Grundſätze! Was wird die ganze Welt ſagen, wenn ſie hört,— was freilich noch eine große Frage iſt— daß ich, deſſen feſte Grundſätze gegen⸗ über von ſolchen verdrehten Anſichten Jedermann kennt, zu einer ſo thörichten Heirath mit einem Manne ohne Titel meine Zuſtimmung gegeben habe?“ „Die ganze Welt wird ſicher ſagen, der Herr Obriſt⸗ lieutenant von Dreſſen iſt ein viel zu aufgeklärter Mann, um auf die Länge einen Satz feſthalten zu wollen, der, wie die tägliche Erfahrung zeigt, immer mehr Anhänger verliert. Wir brauchen nur einen Blick auf die unzähligen Heirathsanzeigen in den öffentlichen Blättern zu werfen, um zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß nichts gewöhn⸗ licher iſt, als daß adelige Fräulein ſich mit ehrenhaften Bürgerlichen verbinden.“ „Borgenſtierna iſt ja außerdem noch eigentlich ein Edelmann, liebſter Dreſſen,“ fiel ſeine Gattin ein, welche jetzt erſt ihre ſanfte Stimme zu erheben wagte,„und ich bin überzeugt, daß er ſich nie Gerbermeiſter nennen wird.“ „Ach Papa, es kommen ſchon Gäſte!“ ließ ſich Amelies Stimme ängſtlich vernehmen, und mit flehender Miene eilte das liebliche Geſchöpf auf ſeinen Vater zu. „Papa, lieber, guter, herziger Papa, laß mich hinab, um ihre Gratulationen anzunehmen!— Gerechter Gott, ich höre Minas Stimme!“ „Dageblieben, Mädchen! hier iſt von keinen Gratu⸗ lationen mehr die Rede!“ entgegnete der Obriſtlieute⸗ nant in heftigem Zorn. Amelies Anblick, mit welcher er ſich bisher noch nicht abzugeben Zeit gefunden hatte, brachte ihn aufs Neue in Harniſch.„Bleib, ich werde ſelbſt hinausgehen.“ Dabei funkelten ſeine Augen von ſo tlich zlück bene anze eine gen⸗ ennt, ohne riſt⸗ ann, der, nger igen fen, öhn⸗ ften ein elche ich rd.“ ſich nder zu. um ich atu⸗ aute⸗ lcher atte, erde 1 von X * 325 Gift und Galle, ſo daß Amelie für gut fand, ſich zu⸗ rückzuziehen. Da trat Borgenſtierna auf ſeinen Schwäher zu und zog den halb wiederſtrebenden in eine Fenſterniſche. „Erlauben Sie mir! Ihnen meine Meinung zu ſagen,“ begann er mit kräftigem, gewichtigem Tone. Dieſe geht dahin, daß es zu Ihrer eigenen Ehre, Herr Obriſtlieu⸗ tenant, um den Leuten daß Maul zu ſtopfen, daß Beſte ſein wird, nicht die geringſte Ueberraſchung über eine Sache zu zeigen, welche dem Vater vor Allen noth⸗ wendig bekannt, ſein mußte. Sie ſtehen in der ganzen Gegend in ſo großem Anſehen, daß Ihr Wort als Evan⸗ gelium gilt. Die Zeit der Vorurtheile iſt vorbei. Den Cavalier, der ſich als freiſinniger Mann ausſpricht, ehrt die ganze Welt, und die Gäſte, welche wir heute er⸗ warten, werden über die neue Anſicht erſtaunen, welcher Sie, wenigſtens ihrem Anſcheine nach,— Ihren Bei⸗ fall nicht verſagen, und ein ſo nobles Beiſpiel der Un⸗ befangenheit von Vorurtheilen und der Unabhängigkeit im Handeln aufſtellen.“. „Den Henker auch! ich....“ Hier wurde der Lärm der näherkommenden Gäſte zu deutlich. Frau von Dreſſen rang die Hände vor Angſt; denn ſie wußte ſich lediglich gar nicht zu helfen, ſie war unſchlüſſig, ſollte ſie den Gäſten entgegen gehen oder nicht. „Papa, ich ſterbe vor Schaam,“ ſtammelte Amelie und griff nach dem Drücker an der Vorzimmerthüre! „Liebſter, einziger Papa, ſollen denn die Kinder auf der Straße von dieſer Hochzeit ſingen?“ „Ich wollte, daß der......“ rief der Obriſt⸗ lieutenant, öffnete mit einem kräftigen Drucke die Thüre, und zeigte ſeine große, ſtattliche Figur auf der Schwelle, welcher ſich die gratulirenden Gäſte entgegen drängten. „Eine natürliche Gefühlsergießung— die hohe Wichtigkeit des Tages—„ſagte der Obriſtlieutenant in einem Tone, welcher etwas ganz Anderes, als was eben im Zimmer vorgefallen war, ahnen laſſen ſollte,„hat 326 uns einige Augenblicke beiſammen gehalten, aber der Theilnahme unſerer lieben Freunde und Nachbarn öffnet ſich der engere Kreis; ſeien Sie uns Alle herzlich will⸗ kommen!“ Nach etwas wunderlichem Eingange, während deſſen der Obriſtlieutenant unter der Thüre ſtehen blieb, um ſeiner Frau und Tochter Zeit zu gönnen, ſich zu faſſen ſtrömmten die Gäſte herein und es wollte kein Ende nehmen mit Gratulationen. „Und wozu glauben Sie wohl, meine Herrſchaften, daß ich mir am meiſten gratulire?“ ſagte der Obriſſtlieu⸗ tenant und ſtellte ſich in ſtolzer Haltung mitten in die Stube, wo er nicht allein von Allen geſehen werden konnte ſondern auch ſelbſt ſah, was er für einen Eindruck auf die Geſellſchaft machte. Da natürlich keine Antwort darauf erfolgt, ſo fuhr er fort:„Ja, meine Herrſchaften, am meiſten habe ich Urſache, mir darüber Glück zu wünſchen, daß ich einen ſo vorurtheilsfreien Eidam gewonnen habe, wie Herr Bor⸗ genſtierna iſt. Einen Titel kann ſich heutzutage ein Jeder ſchaffen, der Geld hat; aber nicht Alle, welche es könnten, entwickeln den glühenden Patriotismus, der ſo ſchön kleidet. Herr Borgenſtierna hat, wohl gemerkt, meine Herrſchaften, ſich pro forma Gerbermeiſter genannt, weil zu ſeinem weitläufigen Beſitzthume auch eine große Gerberei gehört. Ich betrachte dieß als einen höchſt ehrenvollen Charak⸗ terzug an einem Cavalier mit ſo bürgerlichen, freiſinnigen Anſichten— und bin der feſten Ueberzeugung, daß Je⸗ dermann, gleich mir, mit Freuden dieſe außerordentliche und in jeder Beziehung wahrhaft noble Handlungsweiſe anerkennen wird.“ Während die Anweſenden ihren vollkommenſten Bei⸗ fall über dieſe neue Art Patriotismus zu erkennen gaben, ſtand Borgenſtierna ſtill am Fenſter, ſeine Wangen flammten dunkelroth, und ein Gefühl, welches man bei⸗ nahe Schaam nennen konnte, erfüllte ſeine Bruſt. Bei der lügenhaften, auf eitel Spiegelfechterei ee ,ͤ—————— Bei⸗ ben, gen bei⸗ erei 327 gegründeten Erklärung ſeines Schwiegervaters machte ſich Borgenſtierna die bitterſten Selbſtvorwürfe. Er hatte ſich in ſeiner Handlungsweiſe gegen den Obriſtlieutenant von Rachegefühl über eine verjährte Beleidigung verleiten laſſen, ſein beſſeres Gefühl in den Hintergrund zu ſtellen. Er hatt ſich einer der kleinlichen, aber treffenden Maligen erlaubt, zu welchen ſich nur ein kleinlicher Charakter her⸗ abläßt, und demzufolge einen Fehler begangen, welchen man bei einem Manne von ſeiner gewöhnlichen Denk⸗ und Handlungsweiſe nicht hätte erwarten ſollen. Indeſſen wurde er nach und nach mit in die Geſellſchaft hineingezogen; und Amelie's Schmeichelworte, ihr von inniger Seligkeit ſtrahlendes Auge verſcheuchten die Gedanken, welche in peinigten; und ehe man ſich noch zum Mittagstiſch ſetzte, hatte Borgenſtierna bereits ſeine gewöhnliche ruhige Jaſ⸗ ſung wieder gewonnen.. XXXV. Mina's Abſchiedslehren. Die vier Wochen zwiſchen dem erſten Aufgebote und der Hochzeit gingen ſchnell vorüber. An Amelie's einfachem Toilettentiſche ſaß am erſten Maitage Mina, nunmehrige Frau Lamm, und ſlocht emſig an dem Brautkranze, höchſt lieblich nach eigener Melodie dazu ſingend: „Wir winden dir den Jungfernkranz Aus Veilchen und aus Seide.“ „Du biſt eine kurioſe Perſon mit deinen Veilchen und deiner Seide!“ lachte Amelie munter.„Veilchen⸗ blauer Seide, heißt es ja.“ 328 „Wie kannſt du nur ſo einfältig ſein!, entgegnete Mina und rümpfte ein wenig das Näschen.„Ich meine genug Brautkronen und Kränze geflochten zu haben— aber meiner Lebtage noch keinen aus blauer Seide. Merkſt du denn nicht, daß dieß eine Art von Blumen bedeutet, die man Veilchen nennt, und in Ermanglung von Myrthen oder anderm ähnlichem Grün haben ſie Blätter aus grünem Taffet ausgeſchnitten, wie ich ſelbſt ſchon oft gethan, wenn ich Todtenkronen oder auch Brautkränze gemacht habe, und gerade nichts Beſſeres bei der Hand war, als Glanz⸗ papier oder dergleichen.“ „Nein, du biſt wahrhaftig ein köſtliches Mädchen!“ rief Amelie aus, nahm ſie heim blonden Lockenkopfe, ſchüttelte ihn tüchtig und drückte ihr einen herzlichen Kuß darauf. „Au, au, meine Locken!“ kreiſchte Mina voller Angſt.„Mein armer Lamm hat alle Ecken und Enden nach Papier zu meinen Haarwickeln ausgeſtöbert. Gott gebe, liebſte Amelie, daß du einen ſolchen Mann bekämſt, wie mein Lamm einer iſt!“ „Nein, nein, ich will nichts von einem Lamm wiſſen,“ rief Amelie etwas boshaft dazwiſchen.„Solche lammfromme Männer ſind nicht nach meinem Geſchmacke.“ „Das iſt freilich kein Wunder; du redeſt eben, wie du es verſtehſt, und meinſt, ſo ſeien ſie am beſten, wie du ſie gewohnt biſt! Ich bin nicht umſonſt ſo oft in deinem Hauſe geweſen— ich weiß, wie es dein Vater zu machen pflegt, wie er mit den Füßen auf den Boden ſtampft und flucht und tobt wie ein Türke, ſo Etwas ge- fällt mir wenigſtens gar nicht.“ „Ich weiß aber gewiß, daß Borgenſtierna weder mit den Füßen ſtampft, noch flucht und tobt, weder wie ein Türke, noch wie ein Heide, noch wie ein Chriſt. Ich weiß, daß er ein rechter Mann iſt, wie ihn eine Frau lieben kann, vor dem ſie aber auch zugleich ein wenig Reſpeckt haben muß.“. „Reſpeckt!— Was?— Reſpeckt! Das fehlte mir 329 noch! Was verſtehſt du denn eigentlich darunter?“ fragte Mina und warf ihr Stumpfnäschen in die Höhe.„Am Ende ſoll man ſich wohl gar noch vor ſeinem Manne fürchten! Das wäre mir eine ſaubere Geſchichte;— ich wollte Lamm nicht rathen, mir Schrecken einjagen zu wollen!“ „Ich meine das Wort„Reſpeckt“ nicht ſo wie du und denke keineswegs an ſo Etwas wie Furcht,— weit entfernt. Es iſt doch offenbar etwas höchſt Wiederwaͤrtiges, wenn das Eine gerade das nicht will, was das Andre gerne hätte;— mir macht es gerade im Gegentheil die größte Luſt, wenn ich ſeinen Wünſchen in Allem zuvor⸗ kommen kann. Sieh, liebe Mina, wenn ich einen Mann nehmen müßte, der an Verſtand, Bildung und ſonſtigen inneren Eigenſchaften unter mir ſtände, ſo würde ich ganz gewiß das Commando im Hauſe führen wollen; allein unter den jetzigen Umſtänden ſehe ich ein, daß mein Platz, Gott Lob, allezeit da iſt, wo er ſein ſoll und muß. Und dieß gerade macht mich ſo glücklich; und du darfſt mir nicht übel nehmen, wenn ich meine innerſte Ueberzeugung aus⸗ ſpreche, daß da, wo die Frau regiert, kein rechtes ehe⸗ liches Glück zu Hauſe iſt. Sie kann niemals gehoͤrige Achtung vor einem Manne haben, der nicht ſelbſt weißt, daß er wirklich einer iſt.“ „Du ſprichſt in der That ſo einfältig wie ein zwoͤlf⸗ jähriges Mädchen,“ ſagte Mina verächtlich.„Iſt es denn etwas ſo Herrliches um das Gehorchen; gehorchen und ewig gehorchen, nicht wiſſen, ob man den rechten oder den linken Fuß in die Höoͤhe heben ſoll, wie eine flügellahme Gans;— ſoll man ſich denn gar nicht muck⸗ ſen dürfen?“ „Ich habe keine Luſt, einer flügellahmen Gans zu gleichen— darauf kannſt du dich verlaſſen; und was das Gehorchen betrifft: wenn Borgenſtierna je Etwas wollte, was nicht recht oder verſtändig wäre, ſo würde ich hof⸗ fentlich auch nicht gerade blind ſein. Aber ich würde prüfen, wer von uns Beiden Recht hat, und 330 wenn ich hie und da einmal, des lieben Friedens halber, zum Scheine im Anfange nachgeben müßte, ſo würde ich ihn mit Freundlichkeit, aber mit Beſtimmtheit, auf ſein Unrecht aufmerkſam machen, Ich habe von meiner Mut⸗ ter gelernt, daß Frauen mit ihren Vorſtellungen ſo lange warten müſſen, bis der Umſtand, der dazu Veranlaſſung gibt, die Männer nicht mehr ärgert— ſie hat darin auch vollkommen Recht, und ich werde ſtets ihrer Lehren ein⸗ gedenk ſein,“ „ Ja, ja, da haſt du auch wahrlich alle Urſache dazu, meinte Mina.„Er ſieht mir juſt nicht darnach aus, dein theurer Herr Bräutigam, als ob er ſehr nach⸗ giebiger Natur wäre. Aber ich will dir, als gute Freun⸗ din, einen Rath geben, und zwar den, daß du doch auch ein Bischen auf deine eigene Würde halten mußt. Sieh einmal mich und Lamm mit einander an, und ſage, ob du nur das Mindeſte von„Reſpeckt“ auf meinem Geſichte lieſeſt. Nein, nein, ich weiß beſſer was der Brauch iſt! Lamm thut nicht das Geringſte, ohne meinen Rath zu hören, und kann gar kein Ende finden, mich für die große Mühe und Umſicht zu preiſen, welche Alles für ſein Be⸗ hagen und ſein Glück thut. Ich moͤchte doch einmal ſehen was aus den armen Wichten ohne uns würde! Mann würde es ſchon ſehen, wenn wir ſie nur einmal einen Tag in der Küche oder im Waſchhauſe ihrem Schickſale über⸗ ließen; da ſollten ſie ſich gut ausnehmen! Nein, Amelie, ſei kein Kind! Verſtand und Entſchloſſenheit mußt du mit in den Eheſtand nehmen! Ueberlaß es ſochen Frauen, welche zu nichts Beſſer'm taugen, vor ihren Männern auf dem Boden kriechen; aber dieß iſt keine Sache für Mädchen, welche, wie du und ich, ihre vierzehn Ellen Leinwand im Tage weben, Wollgarn ſpinnen, daß man es in den Fabri⸗ ken nicht feiner zu Wege bringt, und ihr Hausweſen ſo zu führen wiſſen, daß unter ihren Händen der Kreuzer zum Gulden wird, und was weiß ich noch Alles in die Reihe zu bringen wiſſen, Nein, Amelie, nein ſage ich dir“— 58 — 331 eine ſolche Frau hat nicht blos die Befugniß, ſie hat ſo⸗ gar das Recht, ihren Kopf ſo hoch zu tragen als der Mann. Und wie ich jetzt mein Herz ausgeſchüttet habe, werde ich denken, ſo lange mir die Augen offen ſtehen; Gott ſei Lob und Dank, daß Lamm ſo iſt, wie er iſt!“ „Und Gott ſei Lob und Dank, daß Borgenſtierna ſo iſt, wie er iſt!“ ſiel Amelie ſcherzend ein.„Wir haben Beide alle Urſache, vergnügt zu ſein.... Aber, ſieh' mal, Liebe, was iſt das für ein ſchoͤner Wagen? Nie⸗ mand hier in der Gegend hat einen ſolchen— es ſitzt ja aber wahrlich kein Menſch darin! Was ſoll das bedeu⸗ ten? 5 „Sieh, dein Bräutigam geht da durch den Hof; denk' einmal, wenn er ihm gehörte! Wahrlich, das waͤre ein Wagen für die gnädige Frau, der ſich gewaſchen hätte!“ Bei dieſer nicht ganz unwahrſcheinlichen Bemerkung flog unwillkührlich eine tiefe Röthe über Amelie's Wangen. Obgleich ſie nie auch nur ein Wort darüber fallen ließ, ſo hatte es ihr doch bedünkt, Borgenſtiernas alter Wagen ſei doch ein wenig allzu ordinär, um eine junge Frau darin heimzuführen. Aber bis zu einem ſolchen, wie er jetzt im Hofe ſtand, hatte ſie ihre Wünſche nicht zu er⸗ heben gewagt. „Ach, was ſchwatzeſt du!“ ſagte ſie zu Mina.„Wie kann dir nur ſo etwas...“ Tritte auf der Treppe hemmten den Schluß ihrer Worte. Es war Borgenſtierna; er klopfte an der Thüre und bat ſeine Braut, herunterzukommen:„Du ſollſt dei⸗ nen Wagen ſehen.“ Amelie öͤffnete:„Meinen Wagen, lieber Ivar?“ Ihre Augen ſtrahlten vor heimlicher Freude. „Ja, deinen, meine Amelie!“ Arm in Arm ging das Paar hinab in den Hof. Der Bräutigam öffnete den Schlag, und mit einem Freudenſprunge hüpfte die glückliche Braut in den Wagen, ſetzte ſich auf das herr⸗ liche Polſter zurecht und ſchaukelte ſich mit kindiſcher 332 Freude hin und her. Indem kam der Obriſtlieutenant, welcher beim Anblick des modernen Wagens in der Haſt die Uniform umgeworfen hatte, um die hohen Gäſte ge⸗ bührend zu empfangen, war übrigens gar nicht unange⸗ nehm überraſcht, ſeine Tochter in dem Wagen zu finden, und konnte nicht aufhoͤren, den Geſchmack ſeines Eidams und deſſen zarte Aufmerkſamkeit für ſeine Braut zu loben. Eins fehlte aber noch daran; dieß eine Etwas ver⸗ mißte der Obriſtlieutenant mit einem innerlichen Seufzer und fragte kleinlaut:„Kommt denn nicht auch ein Wap⸗ pen drauf, Herr Sohn?“ „Es wäre wohl nicht der Mühe werth,“ meinte Ivar lächelnd,„das Borgenſtierna'ſche Wappen drauf zu malen.“ „Da Sie aber Amelie den Wagen geſchenkt haben, Herr Sohn, und dieſe vor der Hand noch ihren väter⸗ lichen Namen trägt, ſo möchte es vielleicht nicht unpaſ⸗ ſend ſein, den Schlag mit dem Dreſſen'ſchen Wappen zu ſchmücken. Es gibt immer ein gewiſſes Anſehen und ſieht unläugbar vornehm und brillant aus.“ „Nur koͤnnte uns in einem ſolchen Falle die Eule aufſitzen, daß ein Schelm daher käme und uns einen Gerberſchild mit einem Ochſenkopfe daneben daraufmalte! Das waͤre ein ſchlechter Witz, und könnte zu allerlei ver⸗ drießlichen Anekdoten Anlaß geben.“ „Wie es Ihnen beliebt,“ entgegnete der Obriſtlieu⸗ tenant etwas pikirt, fühlte jedoch, daß es geſcheidter ſei, von der Sache zu abſtrahiren, um alles Aergerniß zu ver⸗ meiden. Laſſen wir indeſſen die Familie Dreſſen in Ruhe bis zu dem wichtigen Tage ſelbſt. Von der Hochzeit ſelbſt iſt weiter nichts zu berichten. Deßhalb koͤnnen wir ohne Schaden einige Tage über⸗ ſpringen und uns den fünften Morgen nach der Trauung in den Hof verſetzen, wo der neue Wagen vor der Thüre ſteht, und die junge Fran, unter der Beihülfe der Frau t —„=S 2ͤEns—— 22— — △ &&ᷣ SͤS-= x M —— —— — x&— 338 Lamm, welche ihr in der letzten Hiude⸗ mit Rath und That beiſteht, mit Einpacken beſchäftiget iſt „Leg' doch um des Himmels willen die geräucherten Gänſebrüſte nicht zu den Weizenſemmeln! Sie nehmen ja einen Fettgeſchmack an und du kannſt ſie dann deinem Manne nicht einmal mehr vorſetzen.— Aber Amelie, du biſt ja ganz confus im Kopfe; was kommt dich denn an, Menſchenkind? Siehſt du denn nicht, daß dein funkel⸗ nagelneues Haubenband bei dem Tortencompote liegt?— Ja, ja, Gott verzeih mir's, gerade wie ich daran denke, wo wir es hinſtopfen könnten, kommt ſie und ſetzt den Topf mit Latwerge darauf. Du hätteſt dir die Mühe ſparen können, denn ich bin ſchon manchmal dabei ge⸗ weſen, ich weiß wie man mit ſolcher Waare umgeht.“ „Beſte Mina, werde am letzten Morgen nicht noch boͤſe auf mich!“ erwiederte Amelie in einem Tone, der ihre raſche, wohlmeinende, aber etwas hochſahrende Freundin entwaffnete. 1 „Ach Gott, was iſt denn das für eine weinerliche Stimme, Amelie! Gott ſei mir gnädig, am Ende weinſt du ja gar? Ach, du böͤſes Kind! Deßhalb haſt du dir ſo mit Packen zu thun gemacht, daß ich nicht ſehen ſoll, wie du weinſt. Schäme dich deiner Thränen nicht, Amelie; nach deiner guten Mutter bin ich ja deine beſte Freundin. Du glaubſt gar nicht, wie viel ich auf dich halte und wie ſchmerzlich ich dich vermiſſen werde, wenn du fort biſt!“ Und damit ſchloß Mina, welche neben ihrer Freundin im Wagen kniete, dieſe an ihren Buſen, und ſtreichelte ihr die Wangen. Amelie's Thränen floßen jedoch immer haſtiger.„Na, ſo ſag' mir doch, warum du weinſt; du biſt ja kein Kind mehr und wirſt alſo doch nicht für Nichts und wieder Nichts weinen? Deine Eltern gehen ja mit nach Röſtorp und bleiben ganze vier Wochen dort, was kannſt du denn noch weiter wol⸗ len, da dir Alles ſo nach Wunſche geht? Sicher iſt es 334 etwas Anderes. War am Ende dein Mann ſchon unartig gegen dich?“ Amelie machte eine heftige verneinende Bewegung mit der Hand.„Wie magſt du auch nur ſo fragen?“ war Alles, was ſie ſagte. „Ach, beſte Amelie, dergleichen ſonderbare Fragen ſind ſchon manches Mal gethan und auch eben ſo oft be⸗ antwortet worden. Ich weiß gewiß, es gibt manche Män⸗ ner, denen man es erſt nach acht Tagen anſieht, was ſie eigentlich im Schilde führen. Gott bewahre mich übrigens, dem deinigen irgend etwas Anderes, als nur Liebes und Gutes zuzutrauen; allein das Sprichwort ſagt:„Stille Waſſer gründen tief,“ und„was dich nicht brennt, das blaſe nicht.“ So ſag' mir doch nur, warum du weinſt, denn du weißt:„Alles, auch der Tod will ſeine Urſache haben.“ „Würdeſt du denn nicht weinen, gute Mina, wenn dein Mann weit weg verſetzt würde, und du von deiner theuren Heimath ſcheiden ſollteſt, wo du deine Jugend⸗ jahre verlebt haſt, wenn du alle die unzähligen Orte und Dinge verlaſſen müßteſt, welche du liebſt, an die du dich feſt gekettet fühleſt— um nun fern von deinen Eltern zu leben?“ „Ach ja, ſicher wäre mir dieß nicht ganz angenehm; aber weißt du denn nicht, wie es in der Schrift heißt, wo der Herr ſagt:„Das Weib ſoll Vater und Mutter verlaſſen und dem Manne nachfolgen.“ Und was weiter dein Geſinde, deine Aecker und Wieſen und Berge, deine Seen und dein Rindvieh betrifft, ſo ſind dieß weltliche, irdiſche Dinge, welche man, Gottlob, auf der ganzen Welt wieder findet. Mit unſerm Pfarrhofsvieh, hauptſächlich mit all meinen Schafen und Lämmern wäre es freilich eine ſchlimme Sache; aber ich nähme doch etliche zur Nachzucht mit, und jedenfalls bliebe mir mein großes Lamm zum Troſte.“ „Du biſt allzeit verſtändiger als ich,“ ſagte Amelie und konnte, trotz ihrer tiefen, natürlichen Aufregung, 335 nicht umhin, über Minas ſchlichte, platte Proſa zu lächeln. „Aber jetzt laß uns eilen, daß wir fertig werden; ich höre meinen Mann auf der Treppe!“ Die jungen Frauen machten ſich jede wieder an ihr Geſchäft, um ſchnell fertig zu werden; aber plöͤtzlich ſprang Mina mit einem ſchrecklichen Schrei aus dem Wagen, ſchlug die Hände über dem Kopfe zuſammen, und kreiſchte in halb verweiſendem, halb erbostem Tone:„Amelie, Amelie, da ſieh! was wir angeſtellt haben! das kommt davon, wenn man ſo einfältig iſt und empfindſame Komödie ſpielt. Amelie ſah ſich um, und o Jammer! da lagen alle Eßwaaren durch Minas Umarmung zerdrückt und zu Schanden getreten: Käſe, Gänſebrüſte, gebratene Hahnen, Torten und Weizenſemmeln, alles drunter und drüber, wie Kraut und Rüben. „Ja, ja, ich ſehe, die Damen haben vortrefflich ein⸗ gepackt,“ ſagte Borgenſtierna, der gerade recht kam, um ſein errothendes Weibchen mit den Armen aufzufangen, und mit freundlichen Worten über den Ausputzer der ord⸗ nungsliebenden Frau Lamm zu beruhigen. „Verzeih, liebe Mina,“ bat Amelie mit verſöhnlicher Stimme,„ich kann ja nichts dafür, daß ich ſo aufgeregt war. „Aufgeregt, hm! Du hätteſt das Zeug liegen laſſen können, wo ich es hingelegt hatte; allein was hilft es jetzt?— zu geſchehenen Dingen muß man das Beſte reden. Geh nur, und laß mich's allein in Ordnung bringen.“ Borgenſtierna wollte ihr in ſeiner Artigkeit beim Aufheben der Sachen behülflich ſein, bekam jedoch einen ſo zurückweiſenden Blick, daß, wenn er den armen Ma⸗ giſter Lamm getroffen hätte, dieſer ſicher wie ein gezüch⸗ tigter Schuljunge da geſtanden haben würde. Borgenſtierna wußte ſich indeſſen zu helfen; er nahm ſeine Gattin am Arme und ging ins Haus. Frau von Dreſſen und Frau Lamm hatten jetzt alle Hände voll zu thun, um den Speiſekorb vermittelſt allerlei Rekrutirung wieder in gehörigen Stand zu bringen. Der Obriſtlieutenant ging brummend umher und ſchalt, daß man doch nie fertig werden könne. Borgenſtierna ſah nach, ob der Wagen gehoͤrig gepackt ſei, und Amelie weinte auf ihrem Kämmerlein. Endlich, als die Glocke drei ſchlug, ſtiegen Mutter und Tochter in den neuen Wagen, der Obriſtlieutenant nebſt ſeinem Schwiegerſohn in den alten. „Gott ſei mit dir, liebe, gute Amelie! Tauſend Dank für die vielen fröhlichen Stunden, welche wir in Tune⸗ fors und daheim im Pfarrhauſe mit einander verlebt haben!“ Mina ſtand auf dem Wagentritte und lehnte ihren Kopf an Amelies Bruſt, welche ſchon im Wagen ſaß. „Ach, beſte Mina, ich werde dich nie vergeſſen! Du warſt ſtets eine Freundin in Nöthen, ſei es meiner Mutter auch ferner, wenn ſie mich nicht mehr hat!“ „Laß dich dieß nicht anfechten! Pfarrers Mina, wie ſie mich ſonſt genannt haben, ſcheint zuweilen rauh und abſtoßend, ſie hat aber auch ein Herz; und ich darf wohl ſagen, daß es ſo warm ſchlägt als irgend eines. Deiner guten Mutter will ich ſtets eine liebende Tochter ſein, beſte Amelie, und dich werde ich Zeitlebens wie eine Schweſter lieben.“ Die Pferde wurden unruhig. Mina ſprang vom Wagentritt herab, und als Amelie ſich noch ein Mal nach ihrer Freundin umſah, war ihr Antlitz in Thränen ge⸗ badet. feette Weide und drängte ſich neugierig an den Weg, um XXXVI. Die Heimkehr. „Hier beginnen meine Güter und dort drüben, von der Anhöhe, ſchimmert das Dach des Herrenhauſes herüber,“ ſagte Borgenſtierna und ließ halten, um ſeiner jungen Frau und ihren Eltern eine freiere Ausſicht auf das hübſche Röſtorp zu gewähren. „Ein ſchönes Beſitzthum und herrliche Lage!“ be⸗ merkte der Obriſtlieutenant vergnügt.„Ich dächte, wir ſtiegen aus und gingen zu Fuß weiter.“ Borgenſtierna meinte die Promenade möchte doch etwas zu weit und ermüdend ſein. Frau von Dreſſen erklärte ſich jedoch mit dem Vorſchlag ihres Mannes ganz einverſtanden, und Amelie war ſchon unbemerkt aus dem Wagen gehüpft. Auf den Arm ihres Gemahls geſtützt ging ſie den Fußweg entlang, der ſich in hüb⸗ ſcher Abwechslung zwiſchen reichen Saatfeldern und in zartem Grün prangenden Wieſen hinſchlängelte. So voll auch das Herz der Neuvermäͤhlten war, ſo ſprach doch keines ein Wort. Sie ſahen aber einander liebend ins Auge, und in jedem Blicke lag das wieder⸗ holte Gelübde gegenſeitiger treuer Pflichterfüllung und der feſte Glaube, daß Liebe und Nachſicht ihren gemeinſchaft⸗ lichen Lebenspfad ebnen werde. Es war ein ſchöner Maiabend. Die Sonne tauchte ſanft in die leichten Wogen des Hilmarſees nieder und ihre letzten Strahlen ſchimmerten durch die Baumwipfel. Haufenweiſe verließ das wohlgenährte Rindvieh ſeine 1 die Fremden mehr in der Nähe betrachten zu können. Weiter hin ſtanden die Kaſtanienbäume in ihrem Feſt⸗ putze, und begrüßten die Ankommenden mit geheimniß⸗ Der Skiutsjunge. 22 vollem Säͤuſeln, und jeder Windhauch führte ihnen neue Wohlgerüche von den duftenden Fliederbüſchen entgegen, welche eben ihre Blüthenknospen öffneten. Amelie's Augen füllten ſich mit Thräͤnen, und es wurde ihr noch wärmer um das pochende Herz.„Dieß wird mein Eden ſein!“ liſpelte ſie leiſe und druͤckte feſter ihres Gatten Arm an ſich. „Und das meinige, Geliebte!“ entgegnete Borgen⸗ ſtierna weich.„Du, Amelie, biſt es, die es mir dazu machen wird.“ „O, wenn ich dieß koͤnnte, ſo wie es mein inniger Wunſch iſt! Werde ich dann wohl auch vollkommen die Stelle derjenigen auszufüllen im Stande ſein, welche früher deinem Herzen nahe ſtand? Kann man je das erſte Band der Liebe vergeſſen? Kann die, welche der Erſten folgt......“ „Still, ſtill, geliebte Amelie! Sprich nicht da⸗ von, ſprich nicht von dem, was war,— dieß iſt nun vorüber! Mathildens Gedächtniß wird mir ſtets theuer bleiben, und manchen Seufzer der Dankbarkeit habe ich dahin empor geſandt, wo ſie jetzt weilt, für jede Stunde, die ſie in Leid und Freud, geduldig und leidend mein war. Sie ruhe in Frieden. Ich hoffe, es beginnt nun ein neues Leben, ein beſſeres, freieres, mit meinem Herzen und meinen Neigungen übereinſtimmendes Leben. Du verſtehſt mich, Amelie, dieß iſt Viel; denn es iſt ein Haupterforderniß zum häuslichen Glück, daß Ehe⸗ gatten ſich gegenſeitig klar und offen ins Herz ſehen, daß ſie nie ihre Handlungen und Beweggründe verheh⸗ len, inſoweit ſich dieſe auf einander und auf ihr gegen⸗ ſeitiges Verhältniß beziehen. Argwohn und Mangel an Vertrauen entſtehen nicht ſelten aus der Nichtbeachtung einer Menge von Kleinigkeiten, welche im Anfange ſo unbedeutend ſcheinen, daß man ſie kaum der Aufmerk⸗ ſamkeit werth hält, aber nach und nach immer wichtiger und ſchlimmer werden, ſo daß ſie uns manche ſchlaf⸗ 339 loſe Nacht, und vielleicht Jahre vom Leben koſten. Wir, meine Amelie, machen uns Vertrauen zum unverbrüch⸗ lichen Geſetze, nicht zum Geſetze der Pflicht, ſondern der Liebe! Uns muß es ſtets Bedürfniß ſein, einander eben ſo hell und klar ins Herz ſehen zu können, wie ins Auge.“ Amelie's warme Verſicherung, wie ſehr ſie ſeine Anſicht theile, mußte auf gelegenere Zeit aufgeſchoben werden, denn eben trat der Faktor zu ihnen. Er war ſeinem Gebieter entgegengetreten und der Erſte, welcher ihn mit ſeiner jungen Gemahlin auf ſeinem Grund und Boden bewillkommte. Nachdem Borgenſtierna Herrn Berg, einen ſtattlichen Mann von mittlerem Alter, ſeine Gattin und ihre Eltern vorgeſtellt hatte, fragte er mit lebhaftem Intereſſe, ob Aſſeſſor Wirén noch nichts von ſich habe ſehen laſſen. „Noch nicht, Herr Patron; aber ich habe einen Brief von dem Herrn Aſſeſſor erhalten, daß die Herrſchaften Morgen Mittag hier ſein werden.“ Der Titel:„Herr Patron,“ klang dem Obriſtlieute⸗ nant gar lieblich in die Ohren.„Das iſt doch wenig⸗ ſtens etwas!“ wiſperte er ſeiner Frau zu;„und wenn Amelie nicht alles Gefühl für die Ehre und Würde ih⸗ rer Familie verloren hat, ſo wird ſie ſchon hinlänglich Schmeicheleien und Weiberliſt aufbieten, um ihn zu be⸗ wegen, ſeinem Röſtorp Fabrikprivilegien zu verſchaffen; denn„mein Schwiegerſohn, der Fabrikherr,“ klingt jeden⸗ falls beſſer, als nur ein einfaches„Patron!“ „Sowie Patron beſſer klingt als Gerbermeiſter,“ ſiel Frau von Dreſſen ein, und erlaubte ſich ſeit langer Zeit wieder einmal einen kleinen Scherz. Der Obriſtlieutenant blickte ſeine Frau mit großen Augen an, ſagte aber nichts, denn ſie legte eben mit dem Ausdrucke größter Herzlichkeit ihre Hand auf ſeinen Arm, und zeigte auf das ſchöne Wohnhaus, ihres Kindes nun⸗ mehrige Heimath. 340 Der Anblick kitzelte des Obriſtlieutenants Eiielkeit, ein Gefühl, welches ſtets gleichen Schritt mit ſeinem Stolze zu halten pflegte. „Das iſt ja, meiner Seele, ſehr elegant, Sophie!“ ſagte er und ſtreckte ſich mit großer Würde noch höher, während er mit prüfendem Auge nach den prächtigen Vorhängen ſah, das erſte, worauf ſein Kennerblick fiel. „Siehſt du, ſiehſt du, Sophiechen? Rothe, blaue und grüne Feſtons! Herrliche Franſen, brillante Quaſten und ſchneeweiſe Gardinen! Sonderbar, daß ein Mann von ſo viel Geſchmack ſich keinen Titel verſchaffen mag! Freilich hat jeder Menſch ſeine Eigenheiten, und bei Bor⸗ genſtierna iſt dieß beſonders der Fall, obgleich er in jeder ſonſtigen Beziehung ein Ehrenmann iſt. Der T—— ſoll mich holen, viel Geſchmack! Siehſt Du den Balkon oben und den Tiſch darauf— ſieh nur, Sophie, wie das zur Ruhe und zum Genuß einladet!“ Der Tiſch, welcher dem Obriſtlieutenant ſo beſon⸗ ders in die Augen ſtach, war voll von appetittlichen Flaſchen und Gläſern, nebſt allerlei Platten mit Con⸗ fekt und Backwerk, welches Alles der Faktor ſo zu ord⸗ bi wußte, der auch einen kleinen Hieb von Kunſtſinn hatte. „Was iſt das für ein Zimmer mit den rothen Sei⸗ dengardinen?“ fragte Amelie ein wenig neugierig und ſah zu den hohen Fenſtern empor. „Das Viſitenzimmer,“ antwortete Borgenſtierna, wel⸗ chem die unverſtellte Freude ſeiner Gattin ſelbſt viel Ver⸗ gnügen machte. „Und das mit den grünen, lieber Ivar?“ „Das Schlafzimmer; die Feſtons an den weißen Bettgardinen ſind eben ſo.“ „Ach, das iſt ja prächtig, herrlich!“ rief Amelie aus und klatſchte vor Freude in die Hände.„Du biſt aber gar zu verſchwenderiſch in deinen Anordnungen ge⸗ weſen, lieber, beſter Ivar! ich bin ſolche Pracht ja gar —— 341 nicht gewohnt. Was mag denn aber das für ein Zim⸗ mer ſein, das mit den blauen Gardinen?“ „Das iſt ein kleines Kabinet. Vordem war es Al⸗ freds Kinderſtube; ich habe es nun neu malen und nach meinem beſten Geſchmack moͤbliren laſſen. Das ſoll dein Arbeitszimmer ſein, liebe Amelie, denn es liegt gerade in der Mitte.“ 3 „Ach, Ivar, wie ſoll ich dir genug danken! Mit Worten bin ich es wenigſtens nicht im Stande. Du haſt dir, wie ich ſchon von außen ſehen kann, alle Bequemlich⸗ keit entzogen, um ſie an mich zu verſchwenden.“ „Ich rauche in meinem Zimmer, und empfange auch dort die Leute, mit denen ich zu ſprechen habe; deß⸗ halb wäre in einem ſolchen Zimmer jede Pracht am un⸗ rechten Orte, obwohl ich ſonſt ſchon eine kleine Schwach⸗ heit für Eleganz habe;— will ich mir dann und wann ein Bene thun, ſo komme ich zu dir.“ „Und wie vollkommen ſollſt du mir ſtets ſein! O, ich denke mir ſchon, wie ich warten und lauſchen werde — wie ſchön will ich Alles in Ordnung halten. Ich werde immer in deinen Augen leſen, ob ich ſtill und ru⸗ hig bei meiner Arbeit ſitzen bleiben, oder aufſpringen und dir in die Arme eilen ſoll.“ „ Laßt uns aber jetzt in Gottes Namen auch nach etwas Anderem, als nach den Vorhängen ſchauen,“ un⸗ terbrach der Obriſtlieutenant mit einiger Ungeduld die Her⸗ zensergießungen ſeiner Kinder.„Ich zolle ihnen zwar meinen ganzen Beifall; allein der Tiſch dort blinkt ſo einladend herab, und ich kann es nicht vor meinem Ge⸗ wiſſen verantworten, ihn vergebens winken zu laſſen.“ Unterdeſſen hatte die Mutter, welche ſich aus Vor⸗ hängen und eleganter Zimmerausſtattung weniger machte, ſich im Hof und Garten mit Kennerblick umgeſehen, und überall die größte Sauberkeit und Ordnung be⸗ merkt. Eine Menge des ſchönſten Federviehs zeugte von der trefflichſten Wartung, und die ungeheuern 4 . 342 Milcheimer, welche von zwei Mägden über den Hof ge⸗ tragen wurden, ließen auf einen herrlichen Viehſtand ſchließen. In der allerfrohſten Stimmung betrat die Geſell⸗ ſchaft das hübſche Wohnhaus, deſſen prächtige Zimmer und beſcheidenen Gemächer die junge Frau erwarteten. Faſt alle Thüren ſtanden offen, an jedem Fenſter prang⸗ ten Blumen, eine Aufmerkſamkeit, welche den Herrn des Hauſes ſehr erfreute, und wie in einem Treibhauſe führte der Weg durch einen Wald der herrlichſten Sträucher und Blumen in den ſchoͤnſten Töpfen. „Hier,“ ſagte Borgenſtierna, als ſie am Ende in Alfreds Stube ſtanden, und drückte ſeine Gattin an die Bruſt,„hier biſt du zu Hauſe, meine Amelie! Moͤge mir Gott die Gnade ſchenken, dich ſo glücklich zu machen, als es mein Wunſch iſt!“ „Ach, damit wird es, mein' Seel', keine Noth ha⸗ ben,“ meinte der Obriſtlieutenant und ſeine Augen fun⸗ kelten von väterlichem Stolze und Freude.„In einem Hauſe, wie dieſes da, ſo möblirt und eingerichtet, an der Seite eines braven Mannes, kann eine Frau ſchon zu⸗ frieden ſein! Was meinſt du, Sophie? Es war, hol' mich der Kukuk, in Lärkholm bei meiner Großtante, der Gräfin T—— nicht eleganter. Nun laßt uns aber den Balkon inſpiziren!“ Der Obriſtlieutenant reichte ſeinem Eidam herzlich die Hand, und Frau von Dreſſen umarmte ihn mit müt⸗ terlicher Zärtlichkeit; dann ſetzte ſich die ganze Fami⸗ lie im Kreiſe an den trefflich beſetzten Tiſch, der dem Obriſtlieutenant ſchon ſo lange in die Augen geſtochen hatte. Der Wein mundete trefflich, nicht minder das Backwerk, und manches Glas wurde auf das Wohl der Neuvermählten geleert, ſo munter und herzlich, wie nur immer bei ſolcher Veranlaſſung. Als der Obriſtlieutenant am Abende in dem hüb⸗ ſchen Gaſtzimmer ſich zum Schlafen anſchickte, hielt er ſeiner Gattin mit groͤßter Selbſtgefälligkeit noch folgende Rede: gut zu verheirathen, und das ſind ſchlechte Väter, die ſich keinen Pfifferling darum kümmern, und ihre Töchter oft ewig in ihren vier Pfoſten behalten. Hätte ich nicht, Trotz all deinem Gekeife und Widerparthalten, doch die heilbringende Badereiſe durchgeſetzt, ſo ſäße Amelie noch wohlbehalten in Tunefors, und hockte an ihrem Web⸗ ſtuhl. Aber Gott ſei Dank, mein Geld ſiel nicht auf unfruchtbaren Boden, es wird mir reiche Zinſen tra⸗ gen! Außerdem habe ich auch noch im Sinne, bei Borgenſtierna in den nächſten Tagen ein kleines Anlehen zu verſuchen, um unſer Gut frei zu machen. Sicher wird es ihm nicht wenig Freude machen, mir den klei⸗ nen Freundſchaftsdienſt zu leiſten; und was ich dem Göſſe ſchuldig bin, bezahlt er ohnehin aus reinem Entzücken, wenn ich ihm den ſchönen Zug von Amelie erzähle wie ſie ihren Schmuck verſetzt hat, um mir das Geld, zu ſchaffen. Kurz, Sophie, ich muß mir das Zeugniß geben, wie ein geſcheidter Mann gehandelt zu haben und gehe, zufrieden mit mir ſelbſt und der ganzen Welt zu Bette!“ Der Obriſtlieutenant gehörte zu den glücklichen Na⸗ turen, welche nicht unter dem dunklen Einfluſſe unheilweiſ⸗ ſagender Ahnungen ſtehen. XXXVII. Der Skijutsjunge und der Courieroffizier. Am Kafefeetiſche, wo ſich die Geſellſchaft am andern Morgen zuerſt verſammelte, machte Amelie das erſte Mal „Es iſt, bei Gott, nichts Kleines, eine Tochter die Honneurs als Wirthin. Sie ſah in ihrem Morgen⸗ Füberrocke von grünem Tibet, dem kleinen Schürzchen und dem Schlüſſelbunde ſo reizend aus, und das weiße Häub⸗ chen mit dem hellen Bande ſtand ihr ſo niedlich, wie dieß nur immer bei einer hübſchen jungen Frau der Fall ſein kann. Borgenſtierna konnte kein Auge von ſeinem anmu⸗ thigen Weibchen verwenden, und niemals hatten die hübſchen reinlichen Taſſen ſich ſo gut und appeiittlich ausgenommen wie heute, da ſie von Amelie's Händen geordnet waren, und obgleich er ſonſt gerade den Kaffee nicht ſehr liebte, nahm er doch zwei Taſſen davon, denn in der Art, wie Amelie ihn anbot, lag ſo viel Reiz und Anmuth, daß man ihr unmöglich Etwas abſchlagen konnte. Frau von Dreſſen lobte das Weißbrod, welches über Alles gehe, was von einem Hauſe ohne Frau zu erwar⸗ ten ſei, und der Obriſtlieutenant hob die Sahne bis in den Himmel: zu Hauſe bekomme er Werktags nichts als die pure Milch, denn ſeine Frau meine, die Sahne könne man vortheilhafter zur Butter gebrauchen. Borgenſtierna äußerte ſich in keinem Lobe aber er ſah mit groͤßtem Wohlgefallen zu, wie geſchäftig ſich Ame⸗ lie anſtellte, gerade als wenn ſie ſchon Jahr und Tag hier zu Hauſe wäre. „Ich dächte nun, es wäre das Beſte, wenn du, lieber Ivar mit den Eltern hinunter gingeſt und ihnen Hof und Garten zeigteſt,“ meinte die junge Frau. Ich habe heute Vormittag noch allerlei zu thun, und Frau Wirén ſoll ſehen, daß jetzt eine Frau in Röſtorp iſt.“ Der Vorſchlag ward angenommen. Als ſich Bor⸗ genſtierna unter der Thüre noch einmal umwandte um von Amelie's lächelnden Lippen noch einen Kuß zu holen, flüſterte er ihr ins Ohr:„Soll ich es heute vorleſen? Ich dächte, wir ſollten den Vater erſt heimiſch werden laſſen.“ —,—,——-—„—— ———ÿ— ̈ 2 machte auch der Stolz ſeine Rechte geltend, denn es „Ich glaube nicht, daß du hierin Recht haſt, lieber Ivar. Wenn ich mich nicht irre, ſo könnte die Abſicht deines Aufſchubs mißdeutet werden, und je eher wir da⸗ von ſind, deſto beſſer. Laß aber lieber den Aſſeſſor vor⸗ leſen!“ „Ja wohl, ſo ſoll es ſein— es iſt ohnehin nichts mit dem Aufſchub!“ Gegen Ein Uhr kam der Aſſeſſor mit ſeiner Frau an, und mit den herzlichſten Willkommäußerungen um⸗ ringten Röſtorps glückliche Inwohner den Wagen. Jedermann fand, daß Wireén ſich vollkommen gleich geblieben war, munter, luſtig und herzlich wie immer; über Virginia dagegen waren Alle erſtaunt und entzückt, denn ſie war die Freundlichkeit und Anmuth ſelbſt; über ihr Geſicht und ihr ganzes Weſen, das früher nur un⸗ natürliche Kälte geathmet hatte, war jetzt eine auffallend unendliche Lieblichkeit verbreitet. Zwar lag immer noch ein gewiſſer Stolz in ihrem Auftreten und ihrer ſteifen, aufrechten Haltung, obgleich ſie ſich eifrigſt Mühe gab, gerade das Gegentheil zu zeigen; allein dieß war weit entfernt, einen unangenehmen Eindruck zu machen, denn ſelbſt der Neid mußte bekennen, daß ihr ganzes Ausſehen das Gepräge natürlicher Würde trug. Ohne Weiteres hatte Virginia in den Wunſch ihres Gemahls, ihn nach Röſtorp zu begleiten, eingewilligt. Da ſie vollkommen überzeugt war, daß Borgenſtierna ihre Schwachheit nicht von Ferne ahne, errang ſie leichter den Grad von Gleichmuth, zu welchem Selbſtbeherrſchung allein nur in ſeltenen Fällen ausreicht; auch wollte ſie ſich nicht mit einem halben Siege begnügen, ſie wollte ſich des großen Vertrauens ihres Gatten auch würdig beweiſen.. Virginias Benehmen gegen Borgenſtierna war von der Art, wie es ſich für einen artigen Gaſt, gegenüber von einem zuvorkommenden Wirthe, geziemt. Vielleicht ſQQQDmw B9'Sg⸗jhmmmmmmmmmmmmmm 346 war auch nicht die geringſte Spur von Unruhe oder Verlegenheit an ihr zu bemerken. Wirén aber, welcher den furchtbaren Sturm ihres Innern mit angeſehen hatte, folgte unmerklich jeder ihrer Bewegungen und freute ſich über die ruhige Haltung und die vollſtändige Ungezwun⸗ genheit, mit welcher ſie dem Manne entgegentrat, der ihr ſo gefährlich geweſen war. Er konnte freilich die Hand nicht auf das Herz ſeiner Gattin legen; ſonſt hätte ihm das heftige, unregelmäßige Pochen deſſelben verrathen, daß bei dieſer Ungezwungenheit die Kunſt eben ſo viel An⸗ theil hatte, als die Natur. Der jungen Frau Borgenſtierna begegnete Virginia ſogar herzlich, und Amelie konnte ihrer Seits nicht auf⸗ hören, die glückliche Wirkung zu preiſen, welche das Bad auf Frau Wiréns Ausſehen und Stimmung geäußert habe. „Ja, es iſt etwas ſehr Heilſames um ſo ein Ser⸗ bad!“ bemerkte der Obriſtlieutenant ſehr ernſthaft.„Und Strömſtad namentlich will ich Jedermann rekommandirt haben; es iſt für alle möglichen Schäden gut. Sie wiſ⸗ ſen ja wohl noch, meine Herrſchaften, wie wir uns dort kennen lernten. Wir müſſen wahrhaftig bei Tiſche ein Glas auf Stroͤmſtads Wohl leeren und auf das ſtete Ge⸗ deihen und Blühen des Bades!“ „Das wollen wir nicht unterlaſſen, liebſter Herr Schwiegervater! Vorerſt aber trinken wir eins auf die bürgerliche Selbſtſtändigkeit, die ſich ſelbſt genug iſt, und die Kraft und die Triebfedern zu ihren Handlungen nur in ſich ſelbſt und in keiner andern Quelle ſucht.“ „Ja, ja, das iſt gewiß ein ganz guter Toaſt; in⸗ deſſen ſcheint mir, als ob wir gerade jetzt weniger da⸗ mit zu ſchaffen hätten. Wir hatten ja keinen Reichstag, und ſtreiten für ſonſt keine Intereſſen, als die unſer Vergnügen und unſre Behaglichkeit befoͤrdern,“ meinte der Obriſtlieutenant; man konnte aber wohl merken, daß ———6—— 3———— —2 2— ———+—8—— —,————— — u— u—2— n— —2 8 247 er etwas erſtaunt und verlegen war, und eine gewiſſe un⸗ ruhige Spannung ihm die Worte in den Mund legte. Amelie wußte der weitern Verfolgung dieſes Gegen⸗ ſtandes geſchickt vorzubeugen und brachte ein neueß The⸗ ma auf die Bahn, wobei ſie ſehr wirkſam von dem Aſ⸗ ſeſſor unterſtützt wurde, welcher ſogleich eine Menge von Anekdoten in Bereitſchaft hatte, welche mit ſeiner Reiſe nach Röſtorp in Verbindung ſtanden. Dieſe brachten am Ende den Obriſtlieutenant auf eines ſeiner Steckenpferde näm⸗ lich auf das Einfahren von Pferden, von deren falſcher Be⸗ handlung das eine der erzählten Abenteuer die Folge war, — ſo daß er Alles um ſich her vergaß und für ihn nichts mehr in der Welt exiſtirte, außer Pferden und Peitſchen nebſt Händen, um jene zu zügeln und dieſe handhaben. Während des Mittageſſens ſpann ſich die Unterhal⸗ tung munter fort, und erſt als das Deſſert und der Cham⸗ pagner kam, ſchwieg der Obriſtlieutenant mit ſchuldiger Rückſicht auf die zu erwartenden Geſundheiten und trom⸗ melte mit der Gabel auf ſeinem Teller. Amelie ſaß neben ihrem Vater, und ihre Augen, in welchen ſich nachgerade eine gewiſſe Unruhe zu ſpie⸗ geln ſchien, folgten allen ſeinen Bewegungen. Als ſie den herrlichen Kuchen anſchnitt und ihm das erſte Stück davon anbot, zitterte ihre Hand; es ſchien ihr, als ob der Vater bekümmert ausſehe, und es that ihr im Herzen weh, daß der, welcher in ſeinem Hauſe den Herrſcherſtab zu führen gewohnt war, nun mit einem gewiſſen Zwange am Tiſche ſeines Kindes ſitzen ſollte. Amelie hatte nicht Unrecht. Der Obriſtlieutenant war in der That etwas verſtimmt, denn er konnte das feierliche Stillſchweigen, in welches nach und nach die Geſellſchaft verfiel, gar nicht begreifen; ſelbſt der Aſſeſ⸗ ſor, welchem doch ſonſt die Zunge nie ſtille ſtand, ſchien ganz in Gedanken, auch entging es ſeiner Aufmerkſam⸗ keit nicht, daß er mit Borgenſtierna öfters bedeutſame Blicke wechſelte, der dagegen einen ſo tiefen Ernſt zeigte, —õ——õ—— — 348 als ob von etwas ganz Anderm die Rede ſei, als von einem froͤhlichen„Tiſchrücken.“ Endlich knallten die Champagnerpfropfe, und Bor⸗ genſtierna brachte die Geſundheit ſeiner Schwiegereltern aus. Indeſſen merkte doch der Obriſtlieutenant, daß da⸗ mit noch nicht Alles abgethan war; er dankte, ſetzte ſein Glas nieder und wartete mit ſtiller Verwunderung, was wohl jetzt kommen würde. Auf einige Augenblicke verfiel Alles wieder in das vorige Stillſchweigen. Bald aber erhob ſich Borgenſtierna zum zweiten Male, die Aufwartenden erhielten einen Wink, ſich zu entfernen, und da er gerade ſeinem Schwäher ge⸗ genüber ſtand, ſo war er es eigentlich, an den er einzig und allein ſeine Worte zu richten ſchien. „Vor einer Stunde habe ich geſagt, daß wir auch zu Ehren der bürgerlichen Selbſtſtändigkeit unſer Glas erheben müßten. Der Grund zu dieſer Aufforderung, welche ich hiemit wiederhole, ſchreibt ſich von der Erin⸗ nerung an einen Vorfall her, welcher mit einer längſt verfloſſenen Zeit in Verbindung ſteht, mit einem Vorfall, der einen bedeutenden Einfluß auf mein ganzes Leben hatte, und die eigentliche Grundurſache zu dem Schritt iſt, den ich nunmehr einfach und offen der Beurtheilung vorzule⸗ gen im Begriffe bin.“ Der Obriſtlieutenant huſtete, machte aber keinen Ver⸗ ſuch, ihn zu unterbrechen. Borgenſtierna fuhr fort: „Ich bin als Edelmann geboren, aber in der groͤß⸗ ten Dürftigkeit. Unter ehrlichen Bauern aufgewachſen, und gezwungen, gleich dem niedrigſten Taglöhner zu ar⸗ beiten, hatte ich nicht die geringſte Ahnung davon, daß mein Name oder der Adel meiner Voreltern durch ir⸗ gend eine Art von Arbeit, wodurch ich mir und den Mei⸗ nigen Brod ſchaffte, entehrt werden könnte— ſobald der Erwerbszweig nur ein ehrlicher war. Ich glaubte nicht, daß die adeliche Ebenbürtigkeit von einem mehr oder min⸗ der abgetragenen Rocke abhinge. ——8 n—— 349 „Ohne Spielgenoſſen meines Alters verlebte ich die erſten vierzehn Jahre meines Lebens faſt in gänzlicher Einſamkeit in unſrer kleinen Waldhütte. Ich hatte ſtets wunderlichen Sinn, und erinnere mich noch wohl, wie ſich mein Herz vor Sehnſucht nach Etwas verzehrte, das ich in meiner Umgebung nicht fand und ebenſowenig zu nen⸗ nen wußte. Aber wenn es im Walde ſtürmte, da fühlte ich mich behaglich und glücklich, und wünſchte nichts, als eben ſo frei zu ſein als der Wind. „Während jener Epoche meines Lebens hatte ich einen innigſt geliebten Freund, einen Freund, mit dem ich ge⸗ treulich jeden Biſſen Brod theilte, der aber dafür wieder mit ebenſoviel Dankbarkeit an mir hing— es war meines Vaters altes Roß, unſer treuer Schimmel. Nur wer ſelbſt arm iſt und mit Liebe an einem Thier hing, außer wel⸗ chem er Nichts ſein nennen konnte, vermag ſich eine rich⸗ tige Vorſtellung von dem zu machen, was der Schimmel mir war: er war das Einzige, was meine Eltern beſaßen — und mir war er mein Alles, mein Geſellſchafter bei Tag und der Traum meiner Nächte. „Eines Abends— der Vorfall ſteht mir noch ſo klar vor den Augen, als wenn es erſt geſtern geweſen wäre— ſollte ich einen Courieroffizier fahren, der nach Norwegen reiste. Es war ein jähzorniger, ſtrenger Herr, mit dem ſich kein vernünftiges Wort reden ließ. Das Pferd war alt und heruntergekommen; da aber kein andres Pferd aufzutreiben war, mußte ich eben mit mei⸗ nem Schimmel dran, und es wäre auch wie gewöͤhnlich ohne Zweifel ganz gut gegangen, wenn nicht der Offizier ſo unmenſchlich auf das arme Thier losgeſchlagen hätte, daß es endlich vor Mattigkeit erlag. Ich fühlte jeden Schlag, den der Schimmel bekam, in meinem Herzen. Weder Bitten noch Vorſtellungen halfen: das arme Pferd wurde mit Peitſchenhieben aufgetrieben, um wieder hinzuſtürzen, und ſo ging es fort, bis der Reiſende, auf das Aeußerſte gebracht, nach meinem Namen fragte, um 3⁵⁰0 ihn auf der nächſten Station in das Beſchwerdebuch ein⸗ zuſchreiben. Ich ſagte ihm denſelben— und mit Feuer⸗ zügen ſteht der Auftritt, welcher nun folgte, in meinem Gedächtniſſe eingeſchrieben: niemals werde ich die Peitſchen⸗ hiebe und Ohrfeigen vergeſſen, welche ich von ihm erhielt. Und warum? Weil ich als Edelmann meinen Namen und mein Wappenſchild nicht beſſer in Ehren hielt und ſie durch das niedrige Gewerbe eines Lohnfuhrmanns be⸗ ſchimpfte;— es wäre wohl beſſer geweſen, Hunger zu ſterben, als ſich ſo auf ehrliche Art durchzubringen! Und es war ein Edelmann, der ſolche Lehren predigte; ein Edelmann war es, der ſich auf ſolche Weiſe ſelbſt be⸗ ſchimpfte! „Die Erinnerung an jenen Vorfall regt mich zu hef⸗ tig auf,— ich will nichts mehr weiter davon ſagen. Genug— am andern Morgen lag mein Schimmel todt im Stalle! Und ich, der ſich bisher wenig um den Unter⸗ ſchied zwiſchen einem Edelmann und einem Bauern be⸗ kümmert hatte, begann nach und nach über die Ungleich⸗ heit der Stände und deren Unterſchied nachzudenken, ſo daß ich bald zu dem Schluſſe kam, der mir nun zur innigſten Ueberzeugung geworden iſt, daß einzig und allein der Adel des Herzens— mag dieſes nun unter einer Bauernjacke oder unter einem goldgeſtickten Rocke ſchlagen, den wahren Adel ausmacht;— dieſes Wappen läßt ſich nicht mit Geld erkaufen. Dieſer Stammbaum bedarf keiner Hoferde, um zu wachſen, und keiner Hofſonne, um zu gedeihen: denn ſeine Ahnen und Verdienſte ſind nicht von dieſer Welt. „Ein Zufall hat mich zu dieſer Ueberzeugung ge⸗ bracht, und ich ſtrebte ein unabhängiger Mann zu wer⸗ den, um mich nachher von dem Stande loszuſagen, zu welchem mich ferner rechnen zu können, ich für keine große Ehre hielt, nachdem ich von einem Mitgliede deſ⸗ ſelben auf ſo brutale Weiſe behandelt worden war. „Mein Streben glückte, und wenn ich auch im Ver⸗ u 8 ˙81A — — — 8—n laufe der Jahre zuweilen den gefaßten Entſchluß vergaß, ſo blieb mir doch die Veranlaſſung dazu ſtets gegenwär⸗ tig, und ſpätere Vorfälle haben mich nach reiflicher Ueber⸗ legung beſtimmt, das in Erfüllung zu bringen, was ich mir damals, ohne eigentlich recht zu wiſſen wie, auszu⸗ führen vorgenommen hatte. Ich brauche nichts mehr hin⸗ zuzuſetzen. Ich könnte mich über die Beweggründe zu dieſem Schritte noch weiter verbreiten, allein es genügt an dem, was ich geſagt habe. Der Jüngling iſt nun zum Manne geworden, und des Mannes feſter Entſchluß hat ein Geſuch diktirt, welches auch willfahrt worden iſt. Aſſeſſor Wirén hält die Reſolution in der Hand. Sobald ſein Inhalt verleſen ſein wird, kann und darf der Herr Obriſtlieutenant von Dreſſen, nunmehr mein ſehr verehrter Herr Schwiegervater der feſten Ueberzeugung leben, daß kein Funke von Rachegefühl wegen jener Nacht im Swar⸗ teborger Wald gegen ihn mehr in der Bruſt des nun verſöhnten Skjutsjungen vorhanden iſt. Sei ſo gut und lies jetzt lieber Wirén!“ Wirén huſtete ein paar Mal, faltete ein großes Pa⸗ pier aus einander und las laut und vernehmlich: Seiner Königlichen Majeſtät allergnädigſte Reſolution in Betreff eines von Ivar Borgenſtierna unter⸗ thänigſt eingereichten Geſuchs:„wie Se. Majeſtät in Anbetracht angeführter Umſtände in Gnaden zu erlauben geruhen möchten, daß der Bitſſteller, als geborner Edelmann, ſeinen Adel ablegen, ſo⸗ wie ſich der mit dieſer Würde verbundenen Privi⸗ legien und Vorzugsrechte begeben zu dürfen...“ „Halt, halt, kein Wort mehr!“ rief der Obriſtlieu⸗ tenant dazwiſchen; die hohe Röthe, welche während Borgenſtiernas Erzählung abwechſelnd ſeine Wangen überlaufen hatte, war gänzlich verſchwunden, und aſchgraue Bläſſe hatte ihre Stelle eingenommen.„Genug, genug!“ rief er abermals mit einer Stimme, als ob dieß die letz⸗ ten Worte wären, welche er in dieſem Leben noch über ſeine Lippen zu bringen vermöchte. „Dem Vater wird unwohl,“ ſagte Amelie voll Angſt und reichte ihm ſchnell ein Glas Waſſer. Allein der Obriſtlieutenant ſtieß es mit ſolcher Heftigkeit zurück, daß ſich ſein Inhalt über das Tiſchtuch und über Amelie's Kleid ergoß. Wie Eſpenlaub zitterte er an Arin und Beinen, und nichtsdeſtoweniger las der Aſſeſſor das Do⸗ kument zu Ende. Virginia ſaß ruhig und kalt wie ſonſt, aber in ihrer Bruſt tobte und brauste es heftig, und ſie getraute ſich nicht den Mann anzublicken, deſſen Stimme ſie noch immer ſo mächtig erſchütterte. 1 Nach einer kleinen Pauſe hob der Obriſſtlieutenant ſein Haupt empor und machte eine ſichtbare Anſtrengung, bis es ihm gelang, ſeine Worte hervorzubringen: „Meine Herren!“ begann er endlich in einem Tone, deſſen Unſicherheit ganz das Widerſpiel von dem gewalt⸗ ſam unterdrückten Sturme war, der in ſeinem Innern tobte und ihn kaum vernehmlich ſprechen ließ,„ich ſehe, hier iſt von einer tiefen, ja von einer groben Beſchimpfung die Rede. Hätte aber Herr Borgenſtierna wohl ſo lange warten ſollen, um mich erſt heute davon zu unterrichten? Ich ſtelle es dem Gerechtigkeitsgefühle eines Jeden an⸗ heim, ob es nicht ſeine Pflicht war, ehe er ein Mädchen aus adelicher Familie als Weib heimführte, mir, dem Vater, ſein Vorhaben zu eröffnen, ſo daß es mir freige⸗ ſtanden hätte, unter den obwaltenden Umſtänden ſein Begehren zurückzuweiſen, wie er wohl verdient haben möͤchte.“ 5. „Allerdings wäre dieß unter andern Umſtänden meine Pflicht geweſen,“ entgegnete Borgenſtierna ruhig;„allein es handelte ſich darum, eine alte Schuld einzutreiben. Ich hatte beſchloſſen, mich zu rächen, denn die Peitſchen⸗ — ————— —, ⏑ ö 56 25 353 „ hiebe brannten dem Skiutejungen noch immer auf der - Seele, ſo lange bis der Schimpf durch einen neuen Na⸗ r maen abgewaſchen ſein würde. In Zukunft heiße ich Borg 8 — und wenn mein Herr Schwiegervater unſre gegenſeitige Schuld hiemit für quitt und ledig anſehen will, ſo laßt r unns aufs Neue die Gläſer füllen und auf herzliche treue ß Verwandtſchaft und Freundſchaft fürs ganze Leben an⸗ s ſtoßen.“. d Der Obriſtlieutenant ſah nun ein, daß Borgen⸗ — — ⸗-⸗ 3 ſtierna ihn gleich beim erſten Zuſammentreffen im Dampf⸗ t, boote erkannt hatte und es kam ihm der Gedanke, daß er ie e plangemäß darauf angelegt habe, ſeinen bürgerlichen e Namen mit dem adeligen Namen Dreſſen zu verbinden. 12 Dieß brachte ihn noch mehr auf. Er betrachtete ſich nicht — — — nur als gröblich beſchimpft, ſondern glaubte auch noch, er . und ſeine Tochter hätten ſich uber die Beweggründe zu Borgenſtiernas Werbung getäuſcht— deßhalb wies er mit e, kaltem Stolze den Verſöhnungsbecher zurück und ſagte, ⸗ auf Amelie zeigend:„Alſo um ein nichtsſagendes, in der n Hitze begangenes Unrecht zu rächen, haben Sie ſich in das e, Herz meines Kindes eingeſchlichen, während wir das Ih⸗ g rige zärtlich gewartet und gepflegt haben? In der That, 11 e eine Handlung, wie ſie eines auf der Straße gebornen 1 2 und aufgezognen Edelmanns vollkommen würdig iſt!“ ⸗ Nun war die Reihe zu erblaſſen an Borgenſtierunaäau. n Allein jetzt nahm Amelie das Wort; trotz ſeinem Wider⸗ n ſtreben ergriff ſie ihren Vater bei der Hand und ſagte: ⸗„Nein, lieber Vater, ſo mußt du Jvarn nicht ver⸗ 3 n kennen! Als er mich um mein Jawort bat, theilte er n mir auch zugleich den feſten Vorſatz mit ſeinen Adel niederzulegen, und überließ es mir in dieſem Falle, ob nde ich ſeine Gattin werden wolle oder nicht. So herzlich, n wie ich ihn liebte und verehrte, konnte natürlich dieß 8 1. keinen Einfluß auf mich haben, und ich war glicklich, =⸗ ſeinen Namen zu führen, mochte er beißen, wie er 8¼ 23 Der Skjutsjunge. 354 wollte. Indeſſen wußte ich beſtimmt, daß du, lieber Va⸗ ter, darin anders dachteſt und gewiß unſere Verbindung nicht zugegeben hätteſt, wenn dir Ivars Abſicht bekannt geweſen wäre, deßhalb war ich auch vollkommen mit ihm einverſtanden, daß die Erklärung aufgeſchoben werden müßte, bis wir hieher gekommen ſein würden. Ich war überzeugt, wenigſtens hoffte ich es, daß mein lieber Vater hier, im Kreiſe ſeiner ergebenen Kinder, das Vergangene vergeſſen und die angebotene Hand zur Verſoͤhnung nicht zurückweiſen würde.“ 4 Dabei führte Amelie ihres Vaters Hand zu den Lippen, und kußte ſie herzlich.„Liebſter, beſter Vater!“ bat ſie mit einer durch hervorbrechende Thränen noch weicher gewordenen Stimme.„Laß uns nicht vom Ti⸗ ſche aufſtehen, bevor wir nicht auf gegenſeitige Ver⸗ ſöhnung angeſtoßen. Sieh nur die Mutter an, mit welcher Unruhe ſie auf dich blickt! Sie hat gewiß auch ein gutes Wort für uns, denn mein Ivar iſt es gewe⸗ ſen, der ſie damals hieher an die Norweg'ſche Gränze gebracht hat, als ſie allein und verlaſſen, ohne Beiſtand war in dem fremden Lande. Denke dir Väterchen, einſam mit ihrem ſchutzloſen Kinde, mit deiner kleinen, lieben Amelie!“ „Ja, er war es, Gott ſegne ihn dafür! Ich habe es lange vermuthet,“ verſetzte Frau von Dreſſen und reichte ihrem Gatten die Hand hin.„Wenn du mich je geliebt haſt, beſter Dreſſen, und noch liebſt, ſo laß uns auf all⸗ gemeine Verſöhnung anſtoßen!“ „Ja, ja,“ ſiel Wirén mit Wärme ein,„Friede und Verſöhnlichkeit vereine Adel und Bürgerthum in treuer, feſter Eintracht! Ivar bleibt ein eben ſo braver Kerl als zuvor, wenn gleich das„ ſtierna“ ſeinem Namen in Zukunft fehlt, und der Herr Obriſtlieutenant ein eben ſo ſtattlicher Cavalier, wenn auch ſeine Tochter eine alte Schuld wieder gut macht. Wir leben jetzt— Dank ſei es der fortſchreitenden Aufklärung!— in einer .—-—½———— — 1mu———,—H—jj——:*² — — 1 ——J—— 8 4 9 ꝙ .—-—½——— 355 Zeit, wo alte ariſtokratiſche Vorurtheile nicht mehr an der Tagesordnung ſind, und ein Weltmann ſchickt ſich nicht allein in die Zeit, ſondern er ſchreitet mit ihr voran. Kann ich die Ehre haben, dem Herrn Obriſtlieutenant ein⸗ zuſchenken?“ Der Obriſtlieutenant ſaß ganz verlegen da;— was ſollte er anfangen? Amelie war nun einmal verheirathet und mußte Frau Borg heißen, er mocht wollen oder nicht. Länger gegen den Strom zu ſchwimmen, konnte demnach zu nichts weiter helfen, als daß er ſich am Ende ganz mit ſeinem Schwiegerſohne überwarf, welches ihm, in Anbetracht unterſchiedlicher kleiner Freundſchaftsdienſte, auf welche er ſich Rechnung machte, gar nicht lieb geweſen wäre. merkbaren Widerwillen: „Da Amelie ſchwerlich einen Eheſcheidungsprozeß gegen ihren Mann anfangen wird, ſo bleibt mir freilich nichts übrig, als nothgedrungen die klägliche Rolle des heunhe Vaters in der Komödie zu ſpielen und Amen zu agen.“. „Nun, beſter Herr Schwiegervater!“ rief Borgen⸗ ſtierna zugleich, und um ſeine Lippen ſpielte ein zufrie⸗ denes Lächeln,„nun iſt die Reihe an mir, zu erroͤthen! Ich habe den Spaß etwas zu weit getrieben: und bin bereit, um Verzeihung zu bitten, da Sie nun nachge⸗ geben haben. Ich habe meinem Adel nicht entſagt und habe es auch keineswegs im Sinne. Wirén war die Majeſtät, welche das königliche Reſcript ausgefertigt, und auch ſelbſt vorgeleſen hat. Die ganze Geſchichte war nur ein Scherz, aber ein Scherz, unter welchem ein tiefer Ernſt verborgen liegt. Meine Anſichten in Bezug auf den ſogenannten Adelſtand, ſind und bleiben dieſelben. Ehe die Liebe mich bewog, Amelie zur Gat⸗ tin zu begehren, hatte ich in der That die Abſicht, offen 356 einem Stande zu entſagen, deſſen..... Kurz, mein Geſuch war ſchon nach Stockholm abgegangen; als ich mir aber die Sache und ihren kitzlichen Zuſammenhang mit meiner vorhabenden Werbung genauer überlegte, ſchrieb ich unmittelbar darauf, am zweiten Poſttage, an meinen Kommiſſionär und verlangte die Schrift zurück. Es iſt dieß nicht das erſte Mal, daß Liebe die Vorſätze eines Mannes zu nichte gemacht hat, aber in dieſem Fall hatte den größern Antheil an meiner Sinnesänderung die Furcht, daß man eine auf Ueberzeugung baſirte Hand⸗ lungsweiſe für einen Ausfluß gemeiner Racheluſt halten könnte. 1 „Amelie brauchte ich nicht erſt auf die Probe zu ſtellen; ſie war in die Sache mit eingeweiht, aber nichts⸗ deſtoweniger ließ ich ſie auf der Meinung, ich werde mein Vorhaben ausführen, und zu meiner größten Freude be⸗ merkte ich, daß ihre Liebe über alle Bedenklichkeiten ſiegte. Wirén wußte ebenfalls um meinen Entſchluß in Bezug auf das Geſuch, indeſſen habe ich ihn ſpäter wiſſen laſſen, daß die ganze Geſchichte jetzt nur noch auf einen Spaß hinauslaufen ſolle. Witze und Späße ſind ſonſt eigentlich nicht meine Sache, und ſoviel ich mich erinnern kann, iſt dieß das einzige Mal, mit Einbegriff des Aufgebots, daß ich meiner angebornen Ernſthaftigkeit untreu geworden bin; aber... Verzeihen Sie mir, liebſter Herr Vater! Auch nehnen Sie mir nicht übel, wenn ich mir keinen Titel kaufe. Dagegen gelobe ich Ihnen aber auch, mich niemals mehr Gerbermeiſter zu nennen.“ Der Obriſtlieutenant war faſt wie aus dem Him⸗ mel gefallen,(oder beſſer geſagt; er war wie im Him⸗ mel) und nippte in der Verlegenheit immer noch an ſeinem leeren Madeiraglas„Hm, ja, ſo!“ waren die einzigen Laute, welche er über die Lippen brachte, indem er ſich beſann, was für eine Rolle er bei nunmehr be⸗ wandten Umſtänden zu ſpielen habe. Sein beleidigter 357 Stolz, die Zielſcheibe des Witzes geweſen zu ſein, mußte indeſſen hald der Freude über den ſalvirten Adel weichen; ehe er aber noch ſeine Gedanken in Ordnung zu bringen vermochte, umſchlang ihn Amelie mit beiden Armen, hing ſich feſt an ſeinen Hals und brach, halb weinend, halb lachend, in die Worte aus:„Er verdiente eigentlich doppelt geſtraft zu werden, denn er hat uns Beide ange⸗ führt, aber, liebſter Papa, wir wollen edelmüthig ſein! Sag, daß du ihm von Herzen verzeihſt, dann will ich daſſelbe thun. Denn, im Vertrauen geſagt, heiße ic doch lieber die gnädige Frau auf Röstorp, als Frau org.“ „Nun, um deinetwillen, Amelie,“— der Obriſtlieu⸗ tenant war froh, den zaͤrtlichen Vater ſpielen zu können, der ſich durch das Flehen ſeiner lieben Tochter erbitten läßt—„um deinetwillen mag es ſein, obgleich der heu⸗ tige Spaß und der mit dem Aufgebote einer ſo ſchlecht und grauſam war, wie der andre, ſo ſage ich doch noch ein Mal Amen, oder haſt du etwas dagegen, Sophie?“ Frau von Dreſſen, welche wie auf glühenden Koh⸗ len geſeſſen hatte, fühlte ſich bei dieſen Worten wie in den ſiebenten Himmel emporgehoben.„Ach, liebſter Dreſſen, ich denke, deine Kinder werden eben ſo gut, d ich, den Werth eines ſolchen Wortes zu ſchätzen wiſſen.“ „Ja, das thun wir Alle! Schande, wenn es anders wäre!“ rief der Aſſeſſor dazwiſchen;„unſer Amen geht von Herzen ins Glas über.“ Dabei erhob er ſich vom Stuhle. „Friede und Verſohnung!“ ſagte Borgenſtierna. Der Obriſtlieutenant nickte ein beifälliges Ja, und die Glaͤſer klangen zuſammen. „Noch eine Geſundheit, meine Herrſchaften!“ nahm der Aſſeſſor das Wort.„Jeder fülle ſein Glas auf das Wohlergehen des jungen CEhepaars! Eben ſo herzlich, 358 wie Herr von Göſſe— Gott ſegne die ehrliche Seele(ehr⸗ liche Haut, muß ich eigentlich ſagen)— es mit ſeinen „ſchüchternen Blumen“ meinte, welche er Ivar's nunmeh⸗ riger jungen Frau widmete, ebenſo herzlich wende ich nun ſeine klaſſiſchen Worte auf euch Beide an. In einem Jahre noch Eins!“ Und mit lauter Stimme begann Wirén zu ſingen: „Ja mag zum Schluß mein himmliſch Leben! Euch Treue ſo zuſammengeben, Ohne der Eiferſucht düſtre Sorg', Wie Frithiof mit ſeiner Ingeborg!“ Unter lautem Jubel ſtieß Alles von Neuem an: auf ein gegebenes Zeichen erhob ſich die Geſellſchaft vom Ti⸗ ſche und umarmte ſich, auf ein von Aſſeſſor in aller Fahnel gegebenes Beiſpiel, gegenſeitig mit großter Herz⸗ ichkeit. ter in das Ohr. 3 „Machen wir eine Partie Billard!“ ſchlug Borgen⸗ ſtierna vor. „Cigarren und Punſch!“ rief Wirén. Und ſo kamen die Herrſchaften, ohne daß man recht wußte wie, in ver⸗ ſchiedene Zimmer, die Herren in das eine und die Damen in ein anderes. Dieß war eine ſehr geſcheidte Einrichtung; denn der Obriſtlieutenant hatte dadurch keine Zeit, über den letzten Auftritt nachzudenken, ſondern wurde ſtets in Athem ge⸗ halten: man durfte ihn nicht zu ſich kommen laſſen, denn ſonſt wäre zu befürchten geweſen, daß er wieder umge⸗ ſchlagen und aufs Neue„bockbeinich“ geworden wäre. „Weßhalb mußte denn aber um Alles in der Welt willen ſolches Zeug bei Tiſche vorgebracht werden?“ meinte er zuletzt mit einem tiefen Athemzuge am Billard „Kaffee, liebe Amelie!“ wisperte die Mutter der Toch⸗ ——— 2ͤS S2S— 218 —+— A.A Borgenſtierna aus Rückſicht für die Lieblingsunterhaltung ſeines Schwähers in einer Auktion erſtanden hatte.“ „Dieß war durchaus nothwendig,“ erwiederte ihm Borgenſtierna.„Wenn ein derartiger Spaß, in ernſter Abſicht, nicht zu etwas Schlimmerm ausarten ſoll, als auf was er gemünzt war, ſo mußte er in Gegenwart unſrer Damen, bei Tiſche, hinter den Gläſern zur Sprache ge⸗ bracht werden— da bleibt die Sache ſtets in einem ge⸗ wiſſen Gleichgewicht, was einem auf dem Herzen liegt, iſt auf dieſe Weiſe am leichteſten und ſchnellſten abzumachen.“ „Nun ja, das will ich zugeben. Da wir nun ſo weit gut mit einander ausgekommen ſind, und unſre Ge⸗ müther ſich ſoweit glücklich beruhigt und abgekühlt haben, ſo bitte ich jetzt auch um Vergebung wegen der Peitſchen⸗ hiebe, wertheſter Herr Sohn: ſie ſind durch die Angſt, welche ich auszuſtehen verdammt war, bei Heller und Pfennig bezahlt.“ „Ich glaub's,“ erwiederte Ivar lächelnd.„Aber da⸗ für wird ſich auch der Skjutsjunge alle Mühe geben, ein guter Sohn zu ſein— der ſich niemals ſeiner hohen Ver⸗ wandtſchaft unwürdig zeigen wird.“ — im Vorbeigehen geſagt, ein alter Rumpelkaſten, den . 8 . . 4— ————yy—