3 .. 2 U 7⸗ 7 9 1 1 8 7/ * 4 4 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 NMk.— Pf. 2 1 1„ „„ 11 7 r— 1 11— 11 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Xuslernezein. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. h — —— 8 Die Romanheldin. MNovelle 4 84 8 1 von Emilie Flygare⸗Carlén. Aus dem Schwediſchen von Dr. C. F. Friſch, Subrector am deutſchen National⸗Lyceum zu Stockholm. „ Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhan 1850. 8 1. „Meine ſelige Großmutter, welche die Welt geſe⸗ hen hatte, pflegte zu ſagen: nach ſchwarzen Wolken kommt immer wieder Sonnenſchein, und es liegt eine große Weisheit in dieſen Worten.“ „Weisheit?“ wiederholte eine jugendliche Stimme, in welcher ſich eine gewiſſe Unzufriedenheit verrieth, „mich tröſtet dieſe Weisheit eben nicht, denn der dun⸗ keln Wolken können gar viele ſein, ehe die Sonne nur mit einem hellen Blick uns erfreut.“ „O Zeit, o ſchnöde Zeit, da die Jugend an den Worten der Alten zweifelt und ihre Denkſprüche tadelt!“ „Ich tadle ja nicht, ich weine.“ „Und ich thue etwas Beſſeres: ich handle und wirke.“ „Handle und wirke?“ in der jungen Stimme lag ein großes Erſtaunen,„was ſollten wir wohl hier wiſſen? Ach, wer doch ſo glücklich wäre, Etwas thun zu können!“ „Wer da ſucht, der findet, ſagte die ſelige Groß⸗ mutter.. Doch komm nun hinunter, ſo ſollſt Du hören, ob nicht das Sprüchwort wahr iſt!“...... Obiges kleine Geſpräch ſiel vor zwiſchen der Wittwe und der Tochter des weiland hochwohlgebornen Fähndrichs bei dem königlichen Weſtgötadal'ſchen Re⸗ gimente, Herrn Swen von Kühlen, indem jene auf der Treppe ſtand, die auf den Boden führte, und dieſe vor dem Dachfenſter, von welchem man eine ziemlich freie Ausſicht auf den ſchmalen Häradsweg hatte.. Die Romanheldin. 1 Auf dieſem Wege ſah man eben jetzt vier Per⸗ ſonen, die, von dem Fähndrichsdienſtgute kommend, eine mit dunklem Zeuge bedeckte Bahre trugen, undein der Frühlingsdämmerung hätte man den Gegenſtand, den die Decke verbarg, recht gut für einen unfoͤrmlich großen Sarg halten können. Das war aber nicht der Fall. Die Bahre enthielt nur ein altes Klavier. In den Worten„nur“ liegt aber bisweilen gar viel, ein ganzer Roman voll rührender Epiſoden. Das Klavier war der allerletzte Hausrathsartikel, der von der Auction des verſtorbenen Fähndrichs hin⸗ weggeführt wurde. Wenn jedoch die Auswanderung der Tiſche, Betten, Stühle u. ſ. w. ſchon unterdrückte Seufzer gekoſtet hatte, ſo waren gleichwohl dieſe Seuf⸗ zer leicht wie Sandkörner in Vergleich mit denen, welche dem Klavier geweiht wurden, denn an dieſem hingen eben ſo viele heilige, als ſtolze Erinnerungen der klei⸗ nen Familie: es enthielt eine wahre Familienchronik. Die Großmutter der Wittwe Margaretha Emeren⸗ tia von Kühlen von väterlicher Seite— ſie, welche die Welt geſehen hatte und eben darum immer das Orakel der Familie geweſen war— hatte in den glän⸗ zendſten Tagen ihren Jugend das erwähnte Inſtrument als Brautgeſchenk erhalten. Da jedoch dieſe Dame mit keiner Tochter geſegnet war, ſo teſtamentirte ſie das Klavier ihrer Schwiegertochter, durch welchen Zu⸗ fall daſſelbe von der männlichen Seite auf die letzte Beſitzerin in der Familie, das ſechzehnjährige Fräulein Blenda, gekommen war, welche gleichwohl nur während eines einzigen armſeligen Jahres das Gluͤck behielt, es das ihrige nennen zu dürfen. Dennoch hatte dieſes Jahr vollkommen hingereicht, Blenda in alle Geheimniſſe des Klaviers einzuweihen, welche getreulich von der Mutter auf die Tochter über⸗ gegangen waren. Oft hatte Frau Emerentia zu der damaligen prä⸗ ſumtiven Erbin geſagt:„Gerade dort, wo Du jetzt ſitzeſt, Blenda, ſaß ich und ſchlug das ſchöne Accom⸗ pagnement zu Ritter Kuno an, als Swen Göran mir ſeine Brautwerbung in's Ohr flüſterte, und an eben dieſer Stelle gab meine Mutter, die in dem Hauſe der ſeligen Großmutter erzogen wurde, einem ſteinreichen Baron drei Mal den Korb und endlich meinem ſeligen Vater das Jawort.“ Und bei allen dieſen intereſſanten wiiitheilungen ſchlug das Herz der jungen Blenda ebhaft. Sie konnte es nicht laſſen, davon zu träumen, wie wahrſcheinlich auch dereinſt, wenn ſie ihre Lieblings⸗ arie über den„Ritter Egbert Montabor“ ſang, ſie in ähnliche Verlegenheit gerathen würde, gleich derjeni⸗ gen, in welcher ihre Mutter und Großmutter ſchon geweſen waren, und wie ſie ſich dann in der Einbil⸗ dung mit den Antworten ſchmeichelte, die ſte einem ſol⸗ chen Anbeter geben wollte. Doch ſo ſchön Blenda auch ſang, ſo fleißig ſie auch nach den Methoden ihrer Mutter und des Orga⸗ niſten ſpielte, ſo vieles Gefühl ſie auch in ihre Stimme legte, es wollte kein Jüngling durch den Hain gegan⸗ gen kommen. Statt ſeiner kamen die Krankheit und der Tod— die Armuth war eine alte Vertraute— und nun ſchwieg der Geſang, und die Hoffnungen verloren ſich in Zwei⸗ fel, denn viele trübe Wolken waren auf einander gefolgt von dem Tage an, da ihr Vater ſich auf das Kranken⸗ bett legte, um ſich nie wieder zu erheben, bis auf den heutigen, da das Maß der Betrübniß voll wurde durch die Hinwegführung des Familienkleinodes. Um dem alten Klaviere, welches den beſten Theil ſowohl ihrer Vergnügungen, als auch ihrer Erziehung gebildet hatte, noch ein Lebewohl nachzuſenden, hatte Blenda ſich an das Dachfenſter geſtellt, und als ſie noch mit der Mutter redete, da verſchwand daſſelbe ihren Blicken; die Träger hatten den Waldweg erreicht. „Ich tadle Nichts: ich weine!“ hätze, das junge Mädchen ihrer Mutter geantwortet. Und dies war eine Wahrheit; denn wenn Blenda auch bei dem Anhören der Troſtgründe, welche ſie ſchon ſo oftmals gehört hatte, ein Fünkchen von Ungeduld zeigen konnte, ſo hatte dennoch ihre ſanfte und vertrauensreiche Seele noch niemals das Schickſal getadelt, welches ihre Ju⸗ gend ſo ſchwer getroffen hatte. Thränen waren ja aber erlaubt bei dem bittern Gedanken, daß ſie dieſe lieblichen Töne niemals wieder hören würde, und ohne dieſe ſchenkte ihr das Lied von dem Ritter Egbert Montabor nur einen halben Genuß. ** * Einige Minuten ſpäter befanden ſich die beiden einſamen Frauenzimmer in der kleinen Kammer, welche ſie gemeinſchaftlich bewohnten, und zu deren dürftiger Anordnung ſie Alles zuſammengerafft hatten, was ſie nach der Verwüſtung zuſammenſuchen konnten, nebſt den wenigen Möbeln, welche Frau Emerentia bei der Auction erſtanden hatte. „Nun, meine gute Mutter! wo iſt denn jetzt die Sonne?“ fragte Blenda mit einem Lächeln, das die Thränen durchbrach. „Wenn Du auch die ganze Sonne nicht gleich zu ſehen bekommſt, ſo will ich Dir wenigſtens einen großen Strahl zeigen, und ich meine, dieſer iſt ſchon mehr ken hinreichend, um einen geſunkenen Muth zu be⸗ eben.“ „Das glaube ich auch, denn ich bin ſchon durch die Neugierde belebt.“ „Huͤbſch ſtille, ſtille, meine Kleine— man muß langſam genießen!“ „Langſam?“ ſeufzte Blenda. 4. „Ja wohl; und während Du deine Bewegung be⸗ kämpfſt, ſo beantworte mir die Frage, ob Du jemals geſehen haſt, daß ich in meinem Leben den Muth habe * — ſinken laſſen, ausgenommen ein einziges Mal: ich meine bei dem Sterbebette des ſeligen Vaters?“ „Ach nein, liehe Mutter! Doch Du gehörſt auch zu den Ausnahmen, und ich weiß noch recht gut, was Vater ſo oft ſagte.“ „Was denn?“ fragte die gute Frau mit einer Miene, die vergnügt genug ausſah, daß man daraus ahnen konnte, ſie wußte ſchon recht gut, was ſie ver⸗ nehmen würde— doch es gibt Worke, deren ſchmei⸗ chelnder Laut dem Ohre immer gefällt. „Sehr oft ſagte Bater: liebe Frau, hätteſt Du nicht Deine ſchönen Hoffnungen und prächtigen Träume, ſo könnten wir nimmermehr in unſerer Armuth ſo reich und fröhlich ſein.“ Frau Emerentia wiſchte ſich mit der verwendeten Hand die Augen. „Die gute Seele!“ ſagte ſie leiſe,„bis an ſeinen letzten Augenblick glaubte er mir und meinen Prophe⸗ zeiungen.“ „Doch die Träume und Hoffnungen gingen ja nie⸗ mals in Erfüllung!“ erdreiſtete ſich Blenda nach eini⸗ gem Stillſchweigen einzuwenden. „Nun, was hat das zu bedeuten! Wir waren ja glücklich, ſo lange wir ſie hatten, und manchmal ſchlu⸗ gen ſie ja wirklich ein.“ Blenda drückte die Hand der Mutter voller Zärt⸗ lichkeit an ihre Lippen. Jetzt war ſte es, die da wußte, was kommen würde. „Zehn Jahre lang,“ fuhr Frau Emerentia fort, „ja zehn volle Jahre nach meiner und des ſeligen Va⸗ ters Hochzeit träumte ich ſtets, daß der gute Gott unſer Gebet erhörte und uns mit einer guten und ſchönen Tochter ſegnete. Nun, ſchlug der Traum fehl? In dem eilfien erblickteſt Du das Licht, und von dieſem Augenblicke an wurden wir trotz unſerer Armuth— und gegen Etwas muß man wohl hier in der Welt ankämpfen— immer glücklicher, denn nun hatten wir Dich, für die wir Luftſchlöſſer bauen konnten.“ Blenda lächelte, und man konnte nichts Schöneres ſehen, als dieſes Lächeln: es war die Seele eines En⸗ gels, über dem Rande eines bethaueten Roſenkelches ſchwebend. In dieſem Augenblicke ſchien die Sonne— da ſie eben im Begriff ſtand, hinter den mit Blumen bedeck⸗ ten Hügeln hinabzuſtnken— gleichſam ihr ganzes Gold zu ſammeln, um daſſelbe durch das offene Fenſter in die Kammer zu werfen, wo das junge Mädchen ſich auf die Stuhllehne herabneigte. Blenda's blonde Locken erhielten einen prachtvollen Glanz, während ein gan⸗ zes Diadem von glänzenden Strahlen ihre weiße Stirn umſpielte. Doch die Macht der Sonne zwang ſie, die tiefblauen Augen zu ſchließen, und während das feine Augenlied ſich ſchützend über dieſe treuen Spiegel ihrer Seele zog, während die dunkeln Augenwimpern, in denen noch eine Thräne glänzte, ſich auf der ſammtweichen Wange zeichneten, betrachtete die Mutter in der Ent⸗ fernung mit einer Art von vergötternden Anbetung das ſchöne jungfräuliche Kind— denn Blenda war kaum ein erwachſenes Maͤllchen. Die Sonne zog hinweg, und unſere Heldin ſchlug ihre ſchönen Augen wieder auf. „Was betrachteſt Du ſo, liebe Mutter?“ „O, Nichts... doch wollen ſehen, wollen ſehen, ob nicht meine kleine Blenda einſt in einem reichen, ſchö⸗ nen Wagen mit einem prächtigen Wappen fährt— ich habe ihn ſeit Deiner Geburt ſchon immer im Traume geſehen.“ Jetzt mußte Blenda herzlich lachen.„Ganz ge⸗ wiß,“ ſn ſte,„kommt irgend ein großer und mäch⸗ tiger Herr hieher in dieſen Winkel und ſucht mich auf!“ „Ich behauptete ja nicht, daß einer hleher kommt... warum aber ſollten wir denn jetzt noch hier bleiben, da wir zu unſerer Freude weiter nichts mehr haben, — en wir öneres 8 En⸗ kelches da ſie bedeck⸗ Gold ter in ſch auf Locken gan⸗ Stirn e, die feine ihrer denen eichen Ent⸗ ag das kaum ſchlug en, ob ſchö⸗ rt— r im 3 ge⸗ mäch⸗ auf!“ mt... eiben, aben, als die Erinnerung?— Dieſe können wir ja mit uns nehmen, wohin wir gehen.“ „Wohin wollten wir denn wohl ziehen?“ fragte Blenda beſtürzt.„Aha, dieſer Strahl, den Du mir verſprachſt— bekomme ich ihn endlich zu ſehen?“ „Ja, mein Kind... und er iſt in dieſem Briefe verwahrt.“ Frau Emerentia zog ihren Schatz aus der Taſche, und Blenda betrachtete ihn mit geſpanntem Blick und zitterndem Herzen. Es war ganz natürlich, daß Blenda's Herz zitterte: vielleicht lag eingeſchloſſen in dieſem Briefe ihre ganze Zukunft mit allen ihren Schickſalen— und Blenda war hoffnungsreich genug, um an viele Schickſale zu glauben. 8. „Wenn Du dieſes Schreiben verſtehen ſollſt, meine Tochter, ſo ſind einige erklärende Worte nothig... Höre zu!“ „Ach, Mutter, ich bin ganz Ohr!“ „Als Du uns geboren wurdeſt, theures Kind, ſo waren wir, Dein Vater und ich, in großer Verlegen⸗ heit, denn wir glaubten Beide an die Bedeutung eines glücklich gewählten Namens. Ich wünſchte von gan⸗ zem Herzen, daß Du Concordia heißen ſollteſt nach meiner ſeligen Großmutter, welche die Welt geſehen hatte und ſtets eine glückliche und vornehme Dame ge⸗ weſen war; doch dießmal— es war meiner Treue das erſte und letzte Mal während unſerer ganzen Ehe— hatte Swen Göran die fire Idee, ſeinen eigenen Willen zu haben, und unbedingt ſollteſt Du Blenda heißen.“ „Iſt denn Blenda kein guter Name, liebe Mutter?“ „Ach ja wohl; aber unter uns geſagt, war es ein kleiner Hochmuth bei dem ſeligen Alten— Gott er⸗ freue ſeine Seele!— Denn, ſiehſt Du... nun, das weißt Du ja ſchon... ſeine Mutter war kein Fränlein, ſondern ein Bauernmädchen von Wärend.*) Auch prahlte er bisweilen über die hohen Ahnen der Wä⸗ rendmädchen und meinte, ſie wären eben ſo gut wie irgend ein Adel. Die Stammmutter Deiner Groß⸗ mutter hatte ſo große Dinge ausgeführt, daß ſie Ama⸗ zone, Heldin und alles mögliche Stolze genannt wurde. Nun, ich habe Nichts gegen die ſelige Frau, denn wäre für Deine Großmutter etwas zu erben da geweſen, ſo wäre das recht glücklich geweſen, weil die Mädchen in Wärend durch dieſe Blenda gleiches Erbrecht mit den Männern erhalten haben. Doch ſie war arm, und in dieſer Hinſicht ihrem Manne auf's Haar gleich.“ *) Eine Sage erzählt, daß eine Heldin aus dem Härade Wärend in Smaland, Namens Blenda, bei einem Einfalle, den die Dänen machten, da alle Männer des Härades abweſend waren, durch eine Kriegsliſt das ganze däniſche Heer vernichtet hat. Die Zeit, wann dies geſchehen, iſt unge⸗ wiß; doch vermuthet man, daß dieſe Begebenheit in das Jahr 1154 fällt. Zum Andenken an dieſe Heldenthat durften ſich ſpäterhin die Bräute in dieſem Härade bei ihrer Fahrt nach der Kirche in Kriegsgürtel kleiden und Kriegsmuſik mit Pfeifen und Trompeten vor ſich her haben; auch erbten die Töchter in dieſem Härade eben ſo viel von dem Nachlaſſe der Eltern, als die Söhne, während ſie in dem ganzen übrigen Schweden auf dem Lande nur halb ſo viel erbten; erſt 1844 wurde das gleiche Erbrecht uͤberall eingeführt. Anm. d. Ueberſ. — 9 „Aber, geliebte Mutter, ich kann gar nicht begrei⸗ fen, wie das Alles hieher gehört!“ „So warte doch!... Dein guter Vater nannte Dich ſchon Blenda, ehe Du noch getauft warſt; denn, ſagte er, dieſer Name muß Glück bringen, ſo wie er auch Ehre bringt. Ich ſchwieg und verſchluckte den Namen der ſeligen Großmutter, obgleich ich feſt überzeugt war, daß Concordia der allerbeſte geweſen ſein würde, und als der Alte nun ſah, daß ich ſchwieg und meinen Aerger verbiß, ſo rührte ihn dieß und er ſagte: Jedem die Hälfte, meine Alte, jedem die Hälfte: Blenda Con⸗ cordia; Blenda aber ſoll das Mädchen heißen!“ „Ach, mein guter Vater!“ „Ja, er war gitt wie Gold, und ich war auch bald verſöhnt... Hätte er aber bis heute gelebt, ſo würde er geſehen haben, ob ich nicht Recht hatte.“ „Was meinſt Du, Mutter?“ „Ich meine, dieſer Brief, der ſo Vieles verändern kann, iſt geſtern am Concordientage gekommen, ja, mein Kind, wirklich am Concordientage— meinſt Du nicht, das bedeutet Etwas?“ Hier lächelte Frau Emerentia ſo bedeutungsvoll, daß man wohl ſah, wie ſehr ſie von der Wichtigkeit dieſes Omens überzeugt war. „Wenn er aber geſtern kam, warum erfuhr ich denn nicht gleich ſeinen Jnhalt?“ „Darum, weil ich den Troſt und die Hoffnung, welche ich zu geben hatte, ſo lange ſparen wollte, bis ſie am nothwendigſten waren. Geſtern konnteſt Du“— hier wurde der guten Frau die Sprache ſchwer—„noch von Deinem Egbert beim Klaviere ſingen; heute... ſo, weinſt Du nun ſchon wieder?... Muth, nur Muth!... Wollteſt Du wohl das Klavier wieder haben, wenn Du es wirklich bekommen könnteſt, unter der Bedingung, daß eine von den kleinen Schulden, die Dein⸗Daler hinterlaſſen hat, unbezahlt ſtehen bleiben ſollte?“ „Nein, nein, Mutter! Da könnte ich mich niemals 10 darüber freuen. Iſt es denn aber auch ganz gewiß, daß die Auction ſie alle deckt?“ „Gott ſei gedankt, ja; denn ſie waren nicht ſo groß. Dennoch bleibt uns weiter Nichts übrig, als was hier im Zimmer iſt; die Verkaufsſumme für die⸗ ſes, ſammt dem großen Stück Leinwand, das eben fertig iſt, ſoll aber gewiß zu den Koſten hinreichen für die Reiſe, an welche ich jetzt denke.“ „Wie? eine Reiſe— o Himmel— eine wirkliche Reiſe!“ Und wie durch einen Zauber verſiegte die letzte Thräne, welche in Blenda's Auge glEste. Die Mutter nickte. „Aber ſo ſage doch, wenn wir gereist ſind, was wollen wir da anfangen— oder ſage erſt! wohin rei⸗ ſen wir?“—— „Zum Glück!“ „O mein Gott! liebe Mutter, man kann ſich doch mohr nicht ſo auf's Gerathewohl darnach auf den Weg egeben?“ d„Warum denn nicht? Haben wir hier denn Etwas, das ſicherer iſt? Zwar kann ich Baumwollenzeug weben und Du Vorhemden und Tuͤcher ſticken, doch meinſt Du, das reicht zu Allem hin, wenn wir im Herbſt von dem Dienſtgute hinweg müſſen? Und dann, wer kann Dich hier wohl ſehen?“ Auf dieſes Argument antwortete Blenda Nichts, ſofern nicht ihr verſchämtes Erröthen als eine Antwort gelten konnte. „Wäre der ſelige Vater bei uns geblieben, ſo hätten wir natürlicher Weiſe gelebt wie bisher; nun aber iſt er dahin, und es iſt meine Pflicht, für uns Beide zu denken.“ „Und was haſt Du denn gedacht, Mutter?“ „An Vielerlei, meine Kleine— zuletzt entſchloß ich mich beſtimmt zu einer Sache.“ „Und welche iſt dieß?“ „An meine Halbſchweſter Regine Sophie in Stock⸗ — —,——,——9e— — ☛———— — ...F»——,, 5. ſo ls 2 e* ig ie he te 6 11 holm zu ſchreiben. Wir waren gute Freunde in unſe⸗ rer Jugend, und obgleich ſie in ihrer zweiten Ehe— die erſte dauerte kein volles Jahr— mit ihrem Rathsherrn zu Vermögen kam— denke Dir nur, lie⸗ bes Kind, ein Rathsherr in Stockholm, das muß doch wohl Etwas ſein— ſo wurde ſie dennoch niemals ſtolz gegen mich(nun, nun, er war ja auch kein Edelmann, wie mein Alter!), ſondern ſchrieb mir eine lange Zeit jedes Jahr oder jedes zweite Jahr, bis ſie nun in der letzten Zeit ganz damit aufgehört hat.“ „Und an ſir haſt Du Dich gewendet?“ „Ja, denn ich ſagte zu mir ſelbſt: wäre ſie todt, ſo würde ſie, die ſo ordentlich iſt, gewiß ihrem eigenen Fleiſch und Blut eine Notiſicationskarte haben ſchicken laſſen— wir bekamen ja einen ordenttlichen Trauer⸗ brief, als ihr zweiter Mann ſtarb; der erſte, Capitän Blücher, war auf der See verkommen, denn er war ein Seemann.“ „Ach, liebe Mutter, halten wir uns damit nicht auf! Alſo Du ſchriebſt?“ „Ja, ich ſchrieb und erzählte ihr unſere große Noth und daß wir dennoch in Gottesfurcht und Erge⸗ benheit dem Schöpfer dafür dankten, daß wir uns von Schulden und Forderungen frei machen könnten; und ſo ſagte ich:„Liebe Herzens⸗Sophie Regine! Du biſt doch immer ſo klug geweſen, gib uns armen Frauen⸗ zimmern einen guten und vernünftigen Rath! Meine Tochter, deren ſchönes Geſicht ihr geringſter Schmuck iſt, iſt eine wahre kleine Arbeitsameiſe, und ich ſelbſt habe gottlob Kraſt für Zwei zu arbeiten; alſo leben können wir ſchon, wenn wir nur an einen Ort kommen, wo es Arbeit gibt und Arbeit bezahlt wird; und wenn Du, wertheſte Schweſter, nur wollteſt, ſo könnteſt Du uns gewiß nützlich werden. Ich nahm mich wohlweis⸗ lich in Acht, zu ſagen, daß ich ſtets von Glück und Wohlſtand geträumt habe, wenn wir nur nach der Hauptſtadt kommen könnten, denn ich dachte daran, daß 4 Regine Sophie mir oft meine einfältigen und närriſchen Einbildungen, wie ſie es nannte, vorgeworfen hatte.“ „Und die Antwort?“ „Die magſt Du ſelbſt leſen!“ Mit zitternder Hand nahm Blenda den Brief, und als ſie die ſteife gerade Handſchrift und die ſteife Ueberſchrift:„Schweſter Emerentia!“ las, fühlte ſie wider ihren Willen eine keinesweges angenehme Be⸗ klemmung. Das Schreiben lautete folgendermaßen: „Deinen harten Verluſt bedauernd, will ich die Trauer nicht noch größer machen, indem ich darüber rede, denn ich habe in der Betrübniß ſelbſt nie leere Troſtgründe leiden können. Alſo zu der andern Ange⸗ legenheit. „Zwar bin ich ſelbſt in ganz mittelmäßigen Um⸗ ſtänden, aber dennoch will ich mich keinesweges der gemeinſamen Pflicht einer Chriſtin und einer Verwandten entziehen, einen Rath zu ertheilen, wenn dieſer von mir verlangt wird. „Ich möchte faſt glauben, jeder Ort gibt ebenſo gute Gelegenheit zum Arbeitsverdienſt, als Stockholm. denn die meiſten von denjenigen, die mit zwei leeren Händen hieher kommen, befinden ſich hier weit ſchlechter, als an dem Orte, woher ſie gekommen ſind. Stockholm iſt eine ſehr theure Stadt, und man kann hier ganze Jahre leben, das heißt beinahe verhungern, ohne Arbeit fuͤr einen Reichsthaler*) wöchentlich zu erhalten, denn es gehört etwas dazu, bekannt zu werden— und dieß, meine liebe Emerentia, iſt nicht jedes Menſchen Loos.“ „Das Alles klingt nicht ſehr aufmunternd,“ ſagte Blenda und unterbrach das Leſen, um ihre Mutter anzuſehen.. „Lies weiter!“ *) Das iſt höchſtens eilf Silber⸗ oder Neugroſchen. Anm. d. Ueb. en. 13 Und das junge Fräulein fuhr fort: „Wenn es jedoch Dein feſter Entſchluß iſt, Dich in allen Stücken nach den Rathſchlägen zu richten, welche ich gebe, ſo würde ich— obgleich wir nur Halbſchweſtern ſind und ich mich alſo allen Weitläuf⸗ tigkeiten, die leider oft die Folge erwieſener Dienſte ſind, entziehen könnte— Dich dennoch auffordern kön⸗ nen, Deine Tochter mitzunehmen und hieher zu kommen. „Ich denke Dich nicht auf der Straße zu laſſen, ſondern Du ſollſt bei mir in meinem Hauſe an der Steuermannsſtraße auf Ladugardsland*) Nr... woh⸗ nen; ich habe Dir ein ganz nettes Dachſtübchen abzu⸗ laſſen; und wir wollen durch meine Relationen— zwar habe ich nicht viele, aber doch einige— zuſehen, daß die Arbeit nicht fehlt. „Wenn Du nun Luſt haſt, Schweſter, ſo richte es ſo ein, daß Ihr wenigſtens einige Fäſſer voll Butter, einen Schinken und einige Käſe mitbringt. Dergleichen könnt Ihr Euch gewiß ſchaffen, und hier in Stockholm iſt Alles, was Nahrungsmittel heißt, von großem Werthe. „Wenn ich von Eurer Abreiſe und mit welchem Dampfſchiffe Ihr kommt, Nachricht erhalte, ſo werde ich Euch bei Eurer Ankunft erwarten. „Die Meinigen ſind gottlob geſund. „Um einen Gruß von mir an die kleine Blenda bittend, verbleibe ich, meine theure Emerentia, „Deine gewogene und wohlwollende Freundin „Regine Sophie Thorman.“ „Alſo eine kleine Wohnung in Stockholm!“ rief Blenda aus, indem ſie den Brief auf den Schooß fallen ieß. „Ja, ich wußte wohl, daß dieſe Neuigkeit Dich *) Die nordöſtliche Vorſtadt von Stockholm, in wel⸗ cher die Kaſernen liegen. Anm. d. Ueb. munter machen würde— iſt Dir nicht, als wollteſt Du fliegen?“ „Nein, das kann ich nicht ſagen.“ „Wie?— Du biſt nicht zufrieden?“ „Die Einladung war ſo kalt, ſo förmlich, in einem ſolchen Beſchützertone!“ „Liebes Kind! wäre Alles gleich im Anfange voll⸗ kommen, ſo hätte man ja nichts zu hoffen und zu erwarten.“ „Das iſt wohl wahr, aber...“ „Laß uns vor allen Dingen nicht ungenügſam ſein! Deine Tante iſt eine ſehr wohlwollende Frau, die es ohne allen Zweifel beſſer meint, als ſie ſich ausdrückt; und ſollte ſie auch wirklich ihren kleinen Stolz haben, ſo iſt ja darüber nicht viel zu ſagen; ſie iſt im Wohl⸗ ſtande, und wir bedürfen ihres Schutzes.“ „Ueberdieß,“ fügte Blenda hinzu,„verſpricht ſie uns vollauf Arbeit— wir werden ihr alſo nicht zur Laſt liegen.“ „Richtig, Kind: auch wir können unſern kleinen Stolz haben. Und dann, welche Genüſſe nach der Arbeit! Im Winter ſparen wir uns Geld zu einigen Schauſpielbilleten, monatlich einmal— denke Dir nur, Kleine, in der königlichen Oper zu Stockholm zu ſitzen! . ch ſehe ſchon vor meinen Augen, wie ſüß Du biſt in einem kleinen feinen ſeidenen Hute, und wie die Leute Dich angaffen.. Du weißt ja, wie oft wir von Frauenzimmern geleſen haben, die im Theater beobachtet worden ſind.“ „O Mutter!“ „Und dann, welche Pracht zu ſchauen— Reihe an Reihe voller Menſchen... der ganze Hof für ſich allein... und die Bühne ſelbſt mit Rittern und Damen, Mondſchein und feuerſpeienden Bergen, Alles, wie ſie es gerade haben wollen... Waſſer und Wellen, Bote und Pferde, Du Kleine... und Wagen und Donner und Blitz— ſie können Alles zeigen!“ Du 15 Blenda's Antlitz gab beredt einen wechſelnden Ausdruck von Entzücken und Erſtaunen wieder: mit Begierde fing ſie die Worte von den Lippen der Mutter au „Aber was fangen wir denn im Sommer an?“ ſtotterte ſie, da die Frau Emerentia tief Athem holte. „Da genießt man tauſenderlei Dinge umſonſt!“ „Umſonſt?“ „Ja wohl! das Haus Deiner Tante liegt ganz in der Nähe des königlichen Thiergartens, welcher aber, wie man mir geſagt hat, jetzt keine Thiere mehr ent⸗ halten, ſondern nur ein ungeheurer Promenadenplatz ſein ſoll mit allen Arten von Luſthäuſern, Lauben und Villen, Bildern und Blumengärten und einem hübſchen Schloſſe, worin der König und die Königin und alle Königlichen eſſen, ſo daß die Leute durch die Fenſter zuſehen dürfen... und dann die Muſik der Regimenter .. und Wagen mit Staatsjägern und vornehmen Damen— und Offtziere, Du Kleine, welche auf weißen und ſchwarzen Pferden reiten, und eine Maſſe von Leuten, welche hin⸗ und hergehen wie eine See. Auch dort iſt ein Schauſpielhaus, aber ich weiß nicht gewiß, ob man auch ohne Bezahlung hineingehen darf... Und denke Dir nun— Gott behüte das Land!— wenn es ſich ſo glücklich träfe, daß die alte Majeſtät ſtürbe, ſo bekämen wir das königliche Begräbniß zu ſehen, und die Krönung und die Herren und Pagen des Rei⸗ ches.. und die Krönungspferde mit der königlichen Schabracke!“. „Ach, es iſt ganz unmöglich für uns, hinzukommen!“ ſeufzte Blenda, welche erſt jetzt, da ſie das Perſpectiv, welches die Mutter ihr vorhielt, recht auffaſſen konnte, die Schwierigkeiten zu betrachten begann. „Ja, ſei Du überzeugt, daß wir hinkommen, und das ſchon in einem Monat!“ „Blenda ſchrie auf— ſie konnte dieſen Worten nicht glauben. „Der Reichstagsmann*) und ich, wir ſind immer gute Freunde geweſen... er ſoll das Wenige, das wir noch haben, verkaufen, wenn wir erſt weg find. Inzwiſchen legt er das Geld vorſchußweiſe aus— ich will den Alten ſchon dahin bringen.“ „Aber die Butter, der Schinken und die Käſe?“ „Wir haben ja die Blackros, die ich ſelbſt aufge⸗ zogen habe— meine einzige Kuh, von der wir hätten leben ſollen, wenn wir hier geblieben wären— die Nämndemannsmutter will ſie um der Art willen für das Leben gern haben, und jetzt, da ſie etwas in Waaren bezahlen darf, geht das von ſelbſt. Aber, behüte Gott, einen Theil muß ſie auch baar bezahlen, denn wir wollen uns in der Stadt Hüte kaufen, und Du mußt nothwendig einen Shawl haben und... laß mich denken... ein Paar neue, nette Schuhe und Hand⸗ ſchuhe und einen Schleier. Ja, ja, meine liebe Blenda, es gehört etwas dazu, wenn man mit dem Dampf⸗ boote reiſen will— doch Blackros läßt uns nicht im Stiche!“ „Du weißt doch auch Rath zu Allem!... Doch, liebe Mutter, nimm nun an, wir ſind ſchon dort, ſo bleibt dennoch immer eine Unmöglichkeit.“ „Nun, dieſer Unmöglichkeit möchte ich doch in's Geſicht ſehen!— was iſt denn das für eine?“ „Ich denke, wir beiden einſamem Frauenzimmer können nicht wohl das Theater oder die große Prome⸗ nade ohne eine Geſellſchaft beſuchen.“ „Hm, das weiß ich eben nicht. Ich liebe den Anſtand gar ſehr, aber ich hoffe, ein paar adelige Damen müſſen immer reſpectirt werden. Auch meine *) Ein Bauer, der einmal Bevollmächtigter beim Reichstage geweſen iſt, behält in dem titelſüchti⸗ gen Schweden fortwährend den Namen eines Reichstagsmannes. Anm. d. Ueb. lante Di — 17 ich, es iſt die Pflicht Seiner Majeſtät als erſten Edel⸗ mannes und Cavaliers, in ſeinem Reiche auch den ärmeren Theil des adeligen Standes zu ſchützen.. doch jetzt fällt mir noch etwas ein.“ „Was denn?“ „Schweſter Regine Sophie hat zwei Söhne, einen aus ihrer erſten und einen aus ihrer zweiten Ehe, und dieſe Herren, Deine Coufins, erzeigen uns gewiß die Gefälligkeit, uns zu begleiten. Der eine von ihnen iſt ein Leinwandhändler..“ „Leinwandhaͤndler?“ wiederholte Blenda. „Ja, eine Perſon, welche Leinwand verkauft. Der Titel klingt eben nicht gar vornehm, doch ich frage auch nichts darnach, wie er klingt, denn, Gott behüte, ich will nicht, daß Du Deine Augen auf einen von dieſen Herren wirfſt, und hätten ſie auch zehn Haͤuſer — ausgenommen, wie es ſich von ſelbſt verſteht, in aller Freundſchaft, wie es Verwandten geziemt.“ „Und mein zweiter Couſin, liebe Mutter?“ „Ja, er, der älteſte, hat, wie Regine Sophie ein⸗ mal ſchrieb, einen Galanteriehandel!“ antwortete Frau Emerentia mit einer gewiſſen Verlegenheit. „Wie, Mutter?“ „Liebes Kind, ſie haben dort oben in der Welt ſo viele Namen, aus denen man hier unten gar nicht klug wird. Ich hoffe, es iſt ein ehrliches und achtungs⸗ werthes Geſchäft, obgleich es, um die Wahrheit zu ſagen, ſonderbar klingt, mit Galanterien zu handeln.“ „Ja, ſehr ſonderbar— entſinnſt Du Dich noch des Buches, in welchem es vorkam, daß..“ „O ja, ich weiß noch recht gut, daß von einem Comptoir die Rede war, an welches man ſich wendete, um nicht allein, wie es in den Romanen heißt, eine ritterliche Galanterie— ich vermuthe, das Wort Ga⸗ lanterie ſtammt aus der Ritterzeit, denn die Ritter Die Romanheldin. 2 waren ſehr galante Leute— ſondern auch wirkliche Ehen abzuſchließen. Dergleichen iſt aber niedrig. Sie könnten wohl genug haben mit ihren Annoncen.... Hier muß jedoch von etwas Anderem die Rede ſein, denn Regine Sophie iſt allzu ehrbar und ſtreng in ihren Sitten, als daß ſie es dem Sohne geſtatten ſollte, ein ſolches Geſchäft zu übernehmen.“ „Wir werden es ja ſehen, liebe Mutter! Inzwi⸗ ſchen iſt nun mein Schlaf dahin nicht nur für dieſe, ſondern auch für viele Nächte.“ 3. Wie man vielleicht ſchon eingeſehen hat, gehörte Frau Emerentia zu jenen Charakteren, welche das Privilegium haben, ſich ſelbſt für glücklich zu halten. Bei dieſer Frau fand ſich eine bewunderungswür⸗ dige Miſchung von Vernunft und Einfalt, Selbſtklug⸗ heit und Hochmuth, Dreiſtigkeit und Heiterkeit, jedoch war keine von dieſen Eigenſchaften den übrigen ſo überlegen, daß ſie der Entwickelung des Ganzen im Wege ſtand. Nur Eines konnte man bei ihr allmächtig nennen, nämlich die ſchwärmeriſche Hoffnung, welche jetzt faſt ausſchließlich auf dem künftigen Glück ihrer Tochter beruhte. Unglücklicher Weiſe aber hatten alle Charakterzüge der allherrſchenden Macht Stoff geliehen, weßhalb dieſe denn auch immer in mehreren Farben ſchillerte. Gleich ihrer Halbſchweſter Regine Sophie hätte auch Frau Emerentia mit einem wohlhabenden Bürger verheirathet werden können, doch aus edlem Stolze zog ſie den armen Edelmann vor; denn— ſelbſt ein hochwohlgebornes armes Fräulein— ſagte ſie„Gleich und Gleich geſellt ſich gern..“ Auch wurde ihre liche Sie ſein g in ollte, azwi⸗ dieſe, ehörte das lten. zwür⸗ tklug⸗ jedoch en ſo en im ächtig welche ihrer alle liehen, Farben hätte Bürger tolze bſt ein Gleich e ihre 19 Ehe ſehr glücklich, denn ſie ließ ſich gnädige Frau nennen, und ſo lange ihr Mann lebte, konnten wohl bisweilen Brod und andere Nothwendigkeiten im Hauſe fehlen, doch die Hoffnung verließ ſie ebenſo wenig, wie das Streben und die frohe Laune der Frau Emerentia; und ſo ärmlich man auch lebte, ſo war man dennoch mit dem Commiſſar und dem Comminiſter in Compagnie über die jährliche Abgabe für Bücher von der nächſten Leihbibliothek. Und wenn dann, nachdem ſie einige Tage gefaſtet, ein tüchtiges Packet ankam, ſo hätte man die forſchen⸗ den Blicke der Mutter und Tochter ſehen ſollen, wäh⸗ rend der ſelige Fähndrich vorſichtig— um Bindfaden zu ſparen— den Knoten löste, anſtatt ihn abzuſchneiden. Endlich liegt die Herrlichkeit offen am Tage, und die Feanenziunmer können kaum athmen vor bebendem Ent⸗ zücken. „Haben wir die verlangten Bücher erhalten, mein Lieber?“ fragte da gewöhnlich Frau Emerentia.„Iſt der Naturmenſch da, iſt Arkadien da, iſt das verauc⸗ tionirte Kind da?“ „Alles, Mutter, Alles!“ Und weit und breit bis hinab zu den imponirenden Worten:„Gedruckt bei Lindh in Orebro,“ las der Fähndrich das ganze Titel⸗ blatt vor. Mit verſchämter Stimme fragte nun Blenda:„Iſt kein Ritterroman da, lieber Vater?“ „O ja... hier haben wir ja Rudolph von Wer⸗ denberg.“ Jetzt waren Alle zufrieden, denn während Vater und Mutter ſich am liebſten an La Fontaine's bald humoriſtiſchen, bald idylliſchen Familiengemälden er⸗ götzten, ſchlug doch Blenda's Herz niemals ſo ſtark, als wenn der Vater mit ſeiner ausdrucksvollen Stimme die ſchönen Ritterbücher las, in denen Turnierſpiele, myſtiſche Helden mit geſchloſſenen Helmen, und Burg⸗ fräulein, in Gold und Silber ſtickend, dnrc einander wimmelten, und der Hintergrund erfüllt war mit Zug⸗ brücken, gothiſchen Thürmen, Vehmgerichten und vor allen mit jenen entzückenden Weſen, welche wandernde Troubadours genannt wurden, unter deren Geſtalt ſich ſo oft ein verkleideter Liebhaber, bisweilen wohl gar eine Liebhaberin verbarg. Mochten aber die Bücher von dem Familien⸗ oder dem Ritterleben handeln, ſo fühlte die kleine Familie ſich ſo geſeſſelt— die Frauenzimmer bei ihren leiſe ſchnurrenden Spinnrädern, die von ſelbſt zu gehen ſchienen, der Fähndrich bei der Pfeife und ſeinem Beruf als Vorleſer— daß der Nachmittag und der Abend wie ein Wind dahin flogen, und wenn man auch nach dieſem Seelengenuß für den Körper weiter nichts als Gerſtenbrei hatte, ſo war das von gar keiner Bedeutung,„denn,“ ſagte die Hausmutter, nachdem ſie gleichwohl zuvor für den Bater ein Stückchen kaltes Fleiſch in der Speiſekammer aufgeſucht hatte,„man ißt ja nur, um das Leben zu erhalten, und wenn man zuletzt auch nur Hafermehlbrei hat, ſo iſt man darum noch nicht unglücklicher.“ Nicht ein einziges Mal ſiel der guten Frau der Gedanke ein, dieſe poetiſche und loſe, in ſolchem Ueber⸗ fluß genoſſene Speiſe könnte ihrer geliebten Blenda ſchädlich werden— nein, in Blenda's Kopfe mochten Ritter und Pagen, Fräulein und Troubadours frei umherwimmeln; und obgleich dieſe ganze Schule nebſt der Lafontaine'ſchen und Kotzebue'ſchen mit ihrem hoch⸗ geſpannten und weiten Gefuͤhlsfluge damals ſchon ver⸗ altet war und die übrige Welt von der neuen oder Walter⸗Scott'ſchen entzückt wurde, ſo verlohnte es ſich für die Waverley⸗Novellen mit ihrem nüchternen Ver⸗ ſtande, ihren bewunderungswürdigen Naturbeſchreibun⸗ gen und kraftvollen, wenn auch dem alten Geſchmacke nach unromantiſchen Charakteren gar nicht der Mühe, ihren Vorgängern auf dem Fähndrichsdienſtgute den Rang abzulaufen. Zug⸗ vor ernde t ſich l gar oder milie leiſe gehen einem d der man weiter keiner em ſie kaltes „man nman darum au der Ueber⸗ Blenda nochten s frei e nebſt hoch⸗ on ver⸗ en oder es ſich n Ver⸗ reibun⸗ chmacke Mühe, ute den 21 Wenn der Beſitzer der Leihbibliothek je zuweilen einen„neumodiſchen“ Roman ſchickte, ſo ſchrieb Frau Emerentia und bat ganz ergebenſt, er möchte ſie mit „ſolchem Geſchmiere“ verſchonen, denn dieſes könnte gewiß ein jeder Menſch ſchreiben, der nur mit Bergen und Seen bekannt wäre— ſie bezahlte für„wirkliche“ Bücher, und erhielte ſie ſolche nicht, ſo gäbe es gottlob ebenſo gut eine Leihbibliothek in Wenersborg als in Skara. Nach dieſer Zurechtweiſung erhielten ſie denn auch nichts Anderes, als was der neumodiſch geſinnte Buch⸗ händler alten Plunder nannte, und ſo kam es, daß die kleine Familie immerwährend rückwärts lebte und ſich eigenſinnig in der Sphäre feſthielt, in welcher ſie ſich am beſten befand. Unter allen Romanen, die Blenda's junges Gemüth gefeſſelt hatten, war beſonders einer, den ſie ſo hoch ſchätzte, daß der Vater denſelben kaufte und ihn ihr zu ihrem Geburtstage ſchenkte, und dieſes Nonplusultra von intereſſanten Werken führte den Titel:„Bertha und Agnes, oder Stolz und Liebe.“ Die ſtolze Bertha und die liebesweiche Agnes liebten beide den Ritter Egbert Montabor; und der Ritter Egbert Montabor,„gleich einem Stern,“ wie es im Liede heißt, leuchtete ihnen Beiden, denn er betete die ſtolze, muthige Bertha an, aber ſeine Liebe gehörte der zärtlichen, ſanften Agnes, welche vor ſeinem ſtarken männlichen Muthe erzitterte, während Bertha ihn ſtets anfeuerte, die Gefahr zu ſuchen. Das Alles verurſachte in Blenda einen ewigen Kampf. In dem einen Augenblicke träumte ſie, daß ſie, gleich Agnes, unter Blumen, Lämmern und Vögeln einherwandelte; bald ritt ſie wie Bertha verkleidet in das Lager ihres ritterlichen Geliebten, und trotzte der Verſchämtheit ihres Geſchlechtes, um nur einige Stun⸗ den in feinem Zelte weilen zu dürfen, bald ſchlich ſie wieder, verwandelt in einen Troubadour, mit der Harſe 22 unter dem Arme hinauf in die Burg der Agnes, um von den Heldenthaten des Ritters Egbert Montabor zu ſingen: dieſer Geſang ſollte Agnes dazu vermögen, ſich zu verrathen, wodurch Bertha ſelbſt ſehen und beur⸗ theilen könnte, ob das Gerücht die Wahrheit ſagte, wenn es erzählte, daß Egbert, ihr Verlobter, ſich in die Tochter der Wittwe verliebt hätte, deren Gerechtſame er— von Bertha dazu aufgefordert— zu vertheidigen in den Kampf gezogen war. „Ach,“ ſagte Blenda zu ſich ſelbſt,„ſie ſind beide ſo beneidenswürdig, daß ich nicht weiß, welche von ihnen ich ſein möchte.., vielleicht dennoch Agnes,“ fuhr ſie erröthend fort;„aber nicht ſo taubenähnlich.“ (Agnes wurde zuletzt die Gattin des Ritters Montabor.) Wenn aber in der Stunde der Dämmerung das Klavier geöffnet wurde, dann wurde ſie wieder die frei⸗ müthige Bertha, welche in der Geſtalt des Troubadours die Burg der Agnes beſuchte und ſang: Von Tapferkeit und Männermuth Erglüht des deutſchen Ritters Blut: Von Meer zu Meer, von Strand zu Strand Stürmt er hinaus in's fernſte Land. Doch Ritter Egbert Montabor, Gleich einem Stern, Glänzt allen Helden Deutſchlands vor. Sein Heerzug gleicht des Sturmes Ton, Sein Muth erſchreckt von ferne ſchon— Des deutſchen Ritters muth'ger Gang Erwirbt ſich Tanz, Spiel und Geſang. Doch Ritter Egbert Montabor, Gleich einem Stern, Glänzt allen Helden Deutſchlands vor. Des deutſchen Ritters Liebe iſt Stets rein und ſonder arge Liſt; um zu ſich ur⸗ enn die ume gen eide von 2s,“ ch.“ or.) das rei⸗ durs 23 Und deutſcher Mädchen keuſcher Sinn Verdienet Schutz und treue Minn’. Doch Egbert's Bertha glänzet vor Gleich einem Stern— Sie liebet Egbert Montabor. So lebte unſere junge Heldin in ihrer Heimath, und theilte ihre Zeit unter ihrer Arbeit, ihren Träumen, ihrem Klavier, ihren Tauben und ihrem Blumenbeete, welches letztere ihr eine Welt von nicht geringerem Intereſſe war, als der Königin Semiramis die hän⸗ genden Gärten: auch Blenda hatte es ſich ausgedacht, wie eine kleine Terraſſe— ſechs Ellen lang und vier Ellen breit— auf einer aus dem Berge vorſpringenden. Felſenſpitze angelegt werden konnte, und ſie hatte ſelbſt mit dem Dienſtmädchen und dem Hirtenknaben die Erde dorthin geſchafft und hernach bepflanzt. Für ein ſo junges und unſchuldiges Weſen wie Blenda mußte auch dieß Alles hinreichend ſein, um ſich glücklich zu fühlen. Durch die Krankheit des Vaters wurde aber der freundliche Friede in ihrem Leben geſtört, und wie wir wiſſen, war Alles Verwirrung, Finſterniß und Kummer geweſen bis an den Abend, an welchem die Mutter jene große Karte der Zukunft entfaltete, auf der ſo viele Wege einander kreuzten. **& * Wie Blenda ſich prophezeit hatte, war in der Nacht nicht viel aus dem Schlafe geworden, und in den Au⸗ genblicken, da der Schlummer ihre Augen ſchloß, waren die Träume um ſo thätiger. Dieß waren jedoch neue Träume. Bald war ſie im Schauſpiel, und ein vornehmer Herr mit vielen Orden auf der Bruſt bückte ſich artig herab auf die Lehne ihrer Bank; bald ſah ſie ſich äußerſt elegant gekleidet umherwandeln auf„der großen Pro⸗ menade“, mit einem Bedienten in Livree hinter ſich und einer ſchönen, ritterlichen Geſtalt neben ſich, die mit den Blicken ihre Wünſche errathen zu wollen ſchien. Bald rollte ſie in einem bequemen Wagen in halblie⸗ gender Stellung dahin, und endlich befand ſie ſich in einem kleinen myſtiſchen Kabinette und wartete leſend darauf, daß die Kammerjungfer, welche den Befehl erhalten hatte, eine Perſon mit verbundenen Augen einzulaſſen, die Thüre öffnen würde. Kurz: die arme Blenda war ganz verwirrt von allen verſchiedenen Rollen, die ſie ohne Zweifel in der Proßen Welt ſpielen würde, in welcher ſo viele Neben⸗ uhler des ſtolzen Ritters Montabor bereit waren, um ihre Gunſt zu wetteifern. Natürlich— denn dergleichen gehörte mit zum Stücke— mußte erſt, ehe man ſo weit käme, ein Leben voller Widerwärtigkeiten und Entſagungen vorangehen. Wenn aber nur das Ende gut wurde(und wie konnte man wohl daran zweifeln?), ſo mußte es ganz liicht werden, das Vorſpiel zu ertragen. Inzwiſchen war unſere Heldin keineswegs einfältig: ſie war im Gegentheile ein Mädchen mit klarem Ver⸗ ſtande, und obgleich ihr die Art von Takt abging, welchen das Geſellſchaftsleben und die Gewohnheit verlangen, ſo fehlten ihr doch nicht die Eigenſchaften, welche dazu erforderlich ſind, ihn zu erwerben. Aber zufolge ihres lebhaften Gemüthes hatte die ganz romantiſche Erziehung, welche ſie genoſſen, ſich ſo mit ihrem Weſen verſchmolzen, daß ſie gar nichts für unmöglich hielt, wenn ſie auch in ihrem Glauben an die Ereigniſſe nicht ſo weit ging, wie ihre Mutter. Noch dazu ſagte ihr dieſe Mutter immerwährend, ſie— die Tochter— wäre ſchöner, als alle Heldinnen, von denen ſie geleſen hatte: und wenn Blenda, um ſich von der Wahrheit dieſer Behauptung zu überzeugen, in den kleinen Spiegel blickte, ſo vermuthete ſie, daß gro⸗ und mit ien. lie⸗ in ſend fehl gen von der zen⸗ um zum ben hen. unte icht tig: Zer⸗ ing, heit ten, lber anz mit für ben ter. end, nen, ſich gen, daß 25 die Mutter vielleicht nicht Unrecht hätte, und mit geheimem Wohlbehagen und kindlicher Naivetät nickte ſte dann ihrem entzückenden Bilde zu, als wollte ſie ſagen:„Wir werden ja ſehen, was daraus werden kann!“ Das Beſte an Blenda war jedoch das Herz, dieſes gute, reine Herz, dem ſie oft alle ihre ſchönen Träume, ja ſogar das Romanleſen opferte, um einem nothleiden⸗ den Nächſten zu Hülfe zu eilen: und der Beiſtand, den ſie leiſtete, zeigte ſich nicht allein in Wachen, Warten und Zäͤrtlichkeit, ſondern ſogar darin, daß ſie im Stillen viele kleine Arbeiten verfertigte, von denen der Verdienſt für diejenigen beſtimmt war, welche weniger hatten, als ſie. Wenn dann die Unterſtützten flüſterten, daß ein Engel des Himmels ſie beſuchte, ſo lächelte Blenda gleich einem wirklichen Engel und dachte, es wäre doch das Allerſchönſte von allem Schönen auf Erden, wenn man Andern dienen und ſie tröſten könnte.. „Siebenſchläferin! willſt Du nicht erwachen?“ ſagte Frau von Kühlen, indem ſie ſtreichelnd die roſige Wange der Tochter berührte. „Ach, Mutter, welchen dummen Schlaf und welche dumme Träume habe ich gehabt!“ Blenda ſtreckte der Mutter die Arme entgegen und verbarg ihr glühendes Antlitz an dem mütterlichen Buſen. „Ja, ja, das konnte ich mir wohl denken!... Doch höre, was ich heute ſchon ausgerichtet habe— ich bin beim Reichstagsmann und bei der Nämndemanns⸗ mutter geweſen.“ „Ich wage kaum zu fragen, wie es abgelaufen iſt!“ „Das ſiehſt Du mir wohl an— Alles iſt abge⸗ macht: der Reichstagsmann ſchießt uns das Geld zur Reiſe vor.„„Es wäre Sünde und Schande,““ ſagte der Biedermann,„„wenn ich nicht zwei einſamen Frauenzimmern helfen wollte, beſonders jetzt, da es ſo * 26 portrefflich ſteht, daß eine Verwandte ſich ihrer anneh⸗ men will.““ „Ach, mein Gott! es wird alſo wirklich etwas daraus?“ „Ganz beſtimmt! Der Reichstagsmann fährt uns ſelbſt nach Wenersborg; und ſobald ich mit dem Com⸗ miſſar ein Wort geredet habe, daß er für uns Platz beſtellt, und der Tag beſtimmt iſt, ſo ſchreibe ich an Regine Sophie, daß ſie uns in dem fremden Lande entgegenkommt.“ Es entſtand eine kurze Pauſe. Frau Emerentia war hierauf gar nicht vorbereitet: ſie erwartete einen Ausruf des Entzückens und der Bewunderung über die von ihr entwickelte Thätigkeit zu hören. „Glaubſt Du denn meinen Worten nicht, Kind? — Glaubſt Du nicht an Dein eigenes Glück?“ „Ja, ich glaube, doch... vergib mir, liebe Mutter!“ Und mit einem Ausdrucke von Angſt und rührendem Schmerz faltete Blenda ihre Hände, indem ſie zu der Mutter einen Blick erhob, worin Thränen glänzten. „Mein Töchterchen, was iſt Dir?“ „Mir iſt bange!“ „Bange?— wovor denn— unter dem Schutze Gottes und Deiner Mutter?“ „Vor mir ſelbſt!“ Frau Emerentia ſah ein wenig verlegen aus. „Wie?“. „Ich weiß nicht, was mich ankommt— ich bin nicht ſo wie vorher. Geſtern Abend vergaß ich vier Dinge, deren ich mich erſt jetzt entſinne.“ „Laß hören, was für Dinge das ſind! Dein Kopf war ja auch ſo voll, Du armes Kind, daß Du nicht an Vieles denken konnteſt.“ „O ja, denken konnte ich ſchon an Etwas: ich war ſo... ſo vornehm in meinen Träumen, ſowohl ——ꝗ—— 27 ſchlafend, als auch wachend. Ich habe... doch ich ſchäme mich, daran zu denken. Das Alles kann nicht recht ſein, da ich deßwegen ſo viel gefehlt habe.“ „Nun, ſo komme doch endlich zu dem Bekenntniſſe Deiner Fehler!“ „Erſtlich habe ich noch nie an einem Abende, vom Anfange des Frühlings an bis in den Herbſt hinein, es vergeſſen, meine Blumen zu begießen.“ „O, Närrchen! nichts Schlimmeres?“ „War es denn nicht unrecht, dieſe lieben Blumen zu vergeſſen, die mir ſo viele Jahre lang Freude ge⸗ macht, die ich ſelbſt erzogen, gereinigt und unter Furcht und Hoffnung betrachtet habe— und das über einen Gedanken, der nur eine Stunde alt war?“ „Es war aber doch zu verzeihen, daß das Blumen⸗ beet einem ſolchen Gedanken nachſtehen mußte.“ „Demnächſt,“ ſuhr die Selbſtanklägerin mit ſtärkerer Betonung fort,„vergaß ich, meinen Tauben Futter zu geben— war das denn auch nichts?“ „Wenigſtens ſchadet es nichts, denn ich habe geſehen, daß Liſa es that.“ „Das iſt gewiß nicht einerlei. Doch, mein Gott, es kommt wohl noch ſchlimmer!“ „Nun?“ „Ich gehe ja an jedem Dienſtags⸗ und Sonnabend⸗ abende zu der armen Brita auf Jonsängen... ſie, die lahm und verlaſſen da ſitzt, hat keine andere Freude in der Welt, als wenn ſie mich mit meinem Körbchen erblickt— geſtern bekam ſie mich aber nicht zu ſehen!“ „Nun ſo wird es ihr heute um ſo angenehmer ſein: heute wird ſie ſich über das Gute freuen, das ihrer wartet... und um es recht feierlich zu machen, ſo nehmen wir ein Stückchen Speck und legen dieſes in den Korb.“ Blenda ſchüttelte das Haupt, und dieſe Bewegung und der ſtille Seufzer, welcher ihre Bruſt hob, verrie⸗ then, daß ſie ſich nicht getröſtet fühlte. „Es iſt noch nicht Alles!“ fuhr ſie leiſe fort. „Nun— das Letzte?“ „Ich dachle nicht einmal an mein Abendgebet— ich habe nicht gebetet!“ „Ich habe ſtatt Deiner gebetet, liebes Kind, und bin vollkommen überzeugt, der gute Gott wird Dir dieſe kleine Schuld, an welcher Dein großes, unvor⸗ bereitetes Glück ſchuld war, verzeihen.“ „Doch,“ wendete das junge Mädchen ein mit einem Ausdrucke, in welchem Verdruß und auch Schrecken lag,„es kann unmöglich Recht ſein, wenn man ſich einem Gluͤcke hingibt, das da macht, daß wir unſere bisherigen Freuden und Pflichten, ja ſogar Gott und das Gebet vergeſſen. Dieſer Zuſtand macht mich un⸗ ruhig!“ his w. wt Dich, meine Tochter! Du biſt jung, Dein Blut iſt warm, aber ich kenne Dich beſſer, als Du ſelbſt, und ich betheuere heilig: Du wirſt nimmer⸗ mehr weder Deine Pflichten noch auch Deinen Gott vergeſſen, wenn Du auch, gleich einem andern fündigen Menſchen— denn wir ſind ja keine Engel— in einer aufgeregten Stunde weniger zugänglich ſein magſt für dieſe zarten Gefühle.“ „Du glaubſt alſo?2..“ „. Daß Dein Friede wiederkehren wird, ſobald Du Deine kleinen Verſäumniſſe nachgeholt haſt— und da biſt Du die Erſte, welche wieder von der Reiſe anhebt.“ „Wenigſtens,“ entgegnete Blenda,„will ich erſt anordnen, wie es mit demjenigen gehen ſoll, was ich hier laſſe.“ —„Du meinſt die Blumen, die Tauben und Deine alte lahme Brita?“ „Ja, ja!“ „Dieſe Anordnungen ſind leicht gemacht. Anders Persſon, der im Herbſt das Dienſtgut entgegennimmt, hat eine gute Tochter, die kleine Kerſtin— dihr —-—— *. NRG=GSZ A&— — —̈ N 8α 1 S 29 teſtamentirſt Du Dein Blumenbeet, und damit ſie mit Freuden ſich ſelbſt eine Freude ſchafft, gibſt Du ihr Dein kleines gelbgewürfeltes Halstuch, das doch viel⸗ leicht allzu verblichen iſt, um es in Stockholm zu tra⸗ gen... und bekommt ſie ferner noch die kleine Papp⸗ ſchachtel mit den Riechflaſchen, ſo weiß ich, daß ſie für ihre Mühe belohnt iſt!“ „Dank, gute Mutter!— das ſoll Kerſtin gewiß bekommen, und ich will ſie noch obendrein ſo freundlich bitten, daß ſie meinen Blumen gewiß gut werden ſoll .. doch die Tauben?“ „Die geben wir der Reichstagsmannsmutter, die ſchon Tauben hat— dort haben ſie große Geſellſchaft und nie Mangel an Futter. Und dann, wenn wir es ſo in Stockholm haben, daß wir ſie zu uns nehmen können, ſo haſt Du Deine Lieblinge noch, und wir brauchen ſie nur kommen zu laſſen.“ „O mein Gott! Du erfreuſt und erleichterſt mein Herz!... Schon die Hoffnung, ſie einſt wiederſehen zu können, macht mich zufrieden... Jetzt iſt nur noch die alte Brita übrig.“ „Für die gute Alte, die Dich ſo ſehr liebt, ſollſt Du an jedem Abende eine halbe Stunde länger arbei⸗ ten, als wir ſonſt nöthig haben würden, und aus allen dieſen halben Stunden wird monatlich eine kleine nette Summe, die Du Deiner lieben Alten in einem Briefe ſchicken kannſt, welchen der Comminiſter ihr gewiß recht gerne vorleſen wird.“ Jetzt warf ſich Blenda der Mutter in die Arme, ohne daß ihren Lippen ein Wort entfiel; nur die Augen redeten; doch ihre Sprache war verſtändlich genug. Und nachdem Blenda alle ihre Beſuche abgeſtattet und ihre kleinen Gewiſſensbiſſe beruhigt hatte, war ſie, wie Frau Emerentia vorhergeſagt hatte, die Erſte, welche zurückkam auf das Kapitel von den großen Ereigniſſen, die eine Folge ihrer neuen Ausſichten ſein mußten. 30 Wir überſpringen eine Zwiſchenzeit von drei Wochen, in denen die Zurüſtungen alle Gedanken Der zweike Juli des Jahres 1832 war der merk⸗ würdige Tag, an welchem unſere Heldin ihre neue Zeitrechnung begann, denn an dieſem traf ſie mit ihrer Mutter wohlbehalten in Wenersborg ein in dem zweiſpännigen Wagen des Reichstagsmannes, in welchem auch der eben nicht vortrefflich verſehene Mantelſack an der Seite der beiden Butterfäſſer, des Schinkens und der Käſe— Alles gleichwohl ſorgfältig in Sackleinwand gepackt— Platz gefunden hatte. Mit Ausnahme einiger Beſuche in Skara war Blenda noch niemals in einer Stadt geweſen. Aber ſie hatte von ſo vielen Staͤdten geleſen und in der Phantaſie ſo oft darin gelebt, daß ſie auf keine Weiſe, wie man es nennt, verwirrt wurde. Wenersborg war ja überdieß nur eine„Reſidenz⸗ ſtadt“*) und bedeutete alſo wenig für Leute, die nach der Hauptſtadt zu reiſen gedachten. Es war etwa zwei Ahr des Mittags. *) Man nennt in Schweden jede Hauptſtadt eines Läns, worin ein Landhauptmann wohnt, ſowie auch jede Hauptſtadt eines Stiftes, worin ein Biſchof ſeinen Sitz hat, eine Reſidenzſtadt, und die Wohnung oder das Haus eines Landshaupt⸗ manns und eines Biſchofes die Reſidenz deſſelben. Anm. d. Ueb. SͤͤSG& 8ͤ—9d ͤ—ed +α ℳ —2 G ———— — ☛18 ei 5 . 5 31 Nicht weit vor der Stadt hatte man aus dem Eßkober die letzte Mahlzeit gehalten, und da das Dampfſchiff nicht vor ſieben oder acht Uhr erwartet wurde, ſo hatte Frau von Kühlen die Zwiſchenzeit zum Aufkauf der Sachen beſtimmt, welche Blenda verſchönern und ihr ebenfalls ein wenig aufhelfen ſollten. Was die Laune unſerer Damen an dieſem großen Wendepunkte betrifft, ſo müſſen wir der Wahrheit gemäß geſtehen, daß dieſelbe bei keiner von Beiden ſo farbenreich war, als damals, da wir ſie verließen— nicht daß die werthe Frau nur eine Sekunde daran gezweifelt hätte, daß am Ende Alles vortrefflich gehen würde, oder daß Blenda mit einer Art von Mißmuth dem unaufhörlichen Arbeitsleben, das ihrer wartete, entgegengeſehen hätte, denn dieſes würde gewiß von dem einen und dem andern unvorhergeſehenen Ereigniſſe unterbrochen werden; aber der Abſchied von dem Grabe des Gatten und Vaters, ſowie von der kleinen Heimath, in welcher ſie ſo lange glücklich gelebt hatte— im Verein mit dem ſeit der vorigen Nacht anhaltenden Sturm— die Gemüther herabgeſtimmt, beſonders da Beide nicht hoffen konnten, Heldinnen zur See zu ſein. Der Reichstagsmann hatte ſeinen alten Nachba⸗ rinnen vorgeſchlagen, in ſeinem bekannten Qnartiere einzukehren; doch Frau Emerentia war allzu beſorgt um ihre Würde, als daß ſie in dergleichen hätte willi⸗ gen können. Eine adelige Dame, die mit ihrer Tochter aus einer gemeinen Kneipe kam— unmöglich! Hätte die Geſellſchaft auf dem Dampfſchiffe ſo eitwas geſehen, ſo hätte ja Niemand vor den neuen Gäſten aufſtehen wollen.. Nein, es mußte heißen, ſie hätten im„großen Wirthshauſe“ gewohnt, und eine Taſſe Kaffee, die man der Schande wegen nahm, war Alles, was nothwendig war. Das Zimmer koſtete nichts, hatte der Commiſſar geſagt, wenn man nicht darin ſchlief. Der Wagen hielt daher vor dem Quartier des Reichstagsmannes, wo man die Sachen zuruckließ, damit er ſie an Bord bringen könnte; wogegen der Ehrenmann der in der Stadt bekannt war, den Damen erſt den Weg zu einer Putzmacherin zeigte, bei welcher ſie ihren Kopfputz erneuerten, und dann in den Gaſthof führte, woſelbſt ſie im erſten Stockwerke neben dem großen Tanzſaale ein Zimmer erhielten, welches ſie wahrſcheinlich nicht erhalten haben würden, wenn ſie mit ihren alten Reiſemänteln und graugewürfelten baumwollenen Hüten eingetreten wären. Blenda war jedoch ſo entzückend in ihrem neuen gut genähten ſchwarzen Trauerkleide, ihrem kleinen modernen Stroh⸗ hute mit dem flatternden ſchwarzen Schleier, und die weichen blonden Locken ſchmiegten ſich ſo anmuthig an die Wangen, daß Niemand dem angenehmen Einfluſſe, den ſie ausübte, widerſtehen konnte, ein Einfluß, der noch geſteigert wurde, wenn ſie mit ihrer ſanften me⸗ lodiſchen Stimme redete. Den Ohren der Aufwäͤrterin entgingen auch keines⸗ weges die Titel der neuen Fremden. „Ihro Gnaden und das Fräulein werden weiter von mir hören, wenn das Fahrzeug kommt!“ ſagte der Reichstagsmann und nickte ein treuherziges Lebewohl, welches Mutter und Tochter dadurch erwiederten, daß ſie ihm freundlich die Hände reichten. Und jetzt waren denn unſere Damen allein in der Erwartung des Kaffees. Doch ſobald ſie denſelben er⸗ halten hatten, wollten ſte wieder hinaus in die Stadt, um die letzten Ueberbleibſel der guten Blackros— der einzigen ehemaligen geliebten Kuh der Frau Emerentia — in ein Halstuch, in Schuhe und Flor zu verwandeln ... denn bisjjetzt hatte man erſt an den Kopf gedacht. „So, mein Kind! jetzt ſind wir, Gott ſei gelobt, wenigſtens beim Anfange!“ meinte Frau Emerentia, indem ſie den Inhalt des Strickbeutels auspackte und beſah„Ich möchte wohl wiſſen, wer weiter hier — 33 wohnt! Gabſt Du Acht auf den hübſchen jungen Mann, der vor der Thüre ſtand, als wir vorübergingen?“ „... Und der mich ſo genau betrachtete, daß ich nicht genau unterſcheiden konnte, wie er ausſah?“ fiel Blenda offenherzig ein. „Ja, er verſchlang Dich wirklich mit den Augen — doch darüber wundere ich mich nicht: ich wußte vorher, daß man Dich anſehen würde, wenn Du nur den Fuß zur Thür hinaus ſetzteſt. Wenn ich nur wüßte, wer er eigentlich iſt!... Jetzt laß mich nachſehen, ob ich Alles hier habe... Kamm... Pommadenbüchſe ... Nadelbüchſe... Nadelkiſſen... Er ſah recht vornehm aus, obgleich er ſehr braun war... Das weiße... und das ſchwarze Zwirnknäuel... Bind⸗ faden... die Brille... O Du mein Gott, die Rolle Band, die mir ſo nothwendig iſt, liegt im Mantelſack!“ „So, Mutter? Du meinſt alſo, ſeine Hautfarbe iſt ſo dunkel?“ fragte Blenda neugierig.. „Ich ſage Dir, daß ich meine Rolle Band vergeſſen habe, und daß ich ſie haben muß— Du weißt ja ſelbſt, wo meine Bänder fehlen, Du kleine Nachläſſige, Du haſt ſie ja ſo ſchlecht angeſetzt... Nun, ich weiß, wie ich's mache: wir gehen mit einander aus, und nachdem wir den Shawl gekauft haben, laufe ich in das Quar⸗ tier, während Du die Schuhe und den Flor wählſt... darauf triffſt Du mich am rechten Ende des Marktes.“ Die Ankunft des Mädchens mit dem Kaffee unter⸗ brach die vertraulichen Anordnungen. „Dieß iſt ein recht ſchönes Hotel!“ begann unſre neugierige Frau, indem ſie der Aufwärterin einen auf⸗ munternden Blick zuwarſ.„Ich kann mir denken, daß hier viele Reiſende wohnen.“ „O ja, ſo ziemlich, kann ich ſagen.“ „Davon war ich im Voraus überzeugt— und wohl größtentheils vornehme Herrſchaften?“ „O, alle Arten.“ 4 Die Romauheldin. 3 7 „Wohnt Jemand hier neben an? Es iſt ja Alles „Dort?— da wohnt der reiche Graf C— ereutz, der zwei Zimmer hat und außerdem noch eine Bedien⸗ tenkammer unten. Wenn er aber nicht zu hören iſt, ſo iſt er entweder ausgegangen oder auch hält er ſein Mittagſchläfchen.“ „Er iſt wohl ein alter Mann? „Warum denn das? er iſt ein junger Menſch, ein hübſcher Herr, und junge, ſchmucke Herren müſſen wohl auch ein Mittagsſchläfchen halten, beſonders wenn ſie die ganze Nacht am Spieltiſche geſeſſen haben, wie dieſer Schonen'ſche Graf?“. „Welch ein ſchöner und wohlſchmeckender Kaffee, und welche feine weiße Zwiebacke!... Iſt er dunkel oder hell, der junge Graf?“ „Nun, man kann es ihm nicht eigentlich vorwerfen, daß er an Haaren und Augen und Farbe ſo hell iſt— es iſt Alles dunkel— doch an Gemüth iſt er hell genug.“ „Und wohl auch ein Offizier?“ „Das weiß ich wirklich nicht— er iſt gekleidet wie andere Leute, nur ſehr fein.“ Jetzt machte das Mädchen eine Miene, welche an⸗ zuzeigen ſchien, daß ſie meinte, ſie hätte nun zum Ueberfluſſe die Neugierde der Reiſenden befriedigt, und war eben im Begriff, ſich zu entfernen, als Blenda, die bisher ruhig am Fenſter geſtanden hatte, leiſe ein⸗ fiel:„Wer wohnt ſonſt noch hier?“ „O, wir haben die ganze Haute volée— einen Ruſſen(ſie ſagen, er ſoll ein Fürſt ſein), zwei Stück Engländer und eine ganze Maſſe von Herren und Damen, die mit dem Dampfſchiffe nach Stockholm gehen werden.“ Nach dieſen außerordentlich großen Aufklärungen verſchwand aber auch die beſchäftigte Aufwärterin. Die gnädige Frau von Kühlen meinte in dem jetzigen Augenblicke ungefähr in der Lage zu ſein, wie 8 35 eine Dame, die hinſichtlich ihres Anzuges, den ſie zu einem großen Feſte wählen ſoll, in der Wahl und Qual ſteht. Sie war vollkommen überzeugt, daß nicht allein der ruſſiſche Fürſt und die engliſchen„Lords“— weni⸗ ger konnten ſie unmöglich ſein, wohl aber möglicher Weiſe Herzoge— ſondern auch der reiche Schonen'ſche Graf ſich in Blenda verlieben würden, wenn ſie dieſelbe nur ſähen, und dieſer Umſtand hing von dem Zufalle ab, welcher es vielleicht ſo fügte, daß ſie Alle auf dem Dampfſchiffe reisten.... Hier aber drohten die großen Hoffnungen ſie faſt zu erſticken. „Du biſt ſo ſtill, liebe Mutter!— woran denkſt Du?“ „Ich ſitze und überlege bei mir ſelbſt, meine Kleine! Ich entſinne mich der Beſchreibung eines Schloſſes, von dem es heißt, es hatte dort Zimmer von dem reinſten Marmor mit Springbrunnen und den göttlichſten Blu⸗ men, und in einer ſo ungewöhnlichen Bauart aufgeführt, daß Alles wie bezaubert war, und ich glaube— ob⸗ gleich ich es nicht ſo genau ſagen kann— es gab drei⸗ oder vierhundert Zimmer in dem Schloſſe.“ „O, ich weiß: es war ja ein mauriſches Schloß!“ „Das will ich nicht leugnen— doch welches Un⸗ glück kann darin liegen? Ein mauriſcher Prinz kann ebenſo gut ſein, wie ein ruſſiſcher Fürſt und ebenſo berechtigt, in der Welt umherzureiſen, wie engliſche Pairs oder deutſche Herzoge... es gibt viele Herzoge in Deutſchland, und ſie können doch wohl auch nicht immerwährend zu Hauſe ſein— dergleichen Leute reiſen oft incognito!“ „Das iſt möglich genug, liebe Mutter; doch mau⸗ riſche Prinzen reiſen nicht mehr.... Ach, wie weinte ich, als ich ihre Flucht aus Spanien las! Sie ſind gewiß nicht wieder zurückgekommen— nein, es gibt keine Mauren mehr!“ „Nun, ſo gibt es ſpaniſche Granden, liebe Blenda, das leidet gar keinen Zweifel; Don Juan, Don Sebaſtian, 36 Don Rodrigo und wie ſie Alle heißen. Meine ſelige Großmutter, welche die Welt geſehen hatte, traf einmal nicht weniger als drei Spanier.“ „Aber, wie in aller Welt, liebe Mutter, verfällſt Du jetzt, da wir ausgehen und einkaufen wollen, mit Deinen Gedanken auf Spanier und Mauren?“ „O, der Gedanke fliegt und fährt. Ich will nur ſagen: es iſt nicht ganz unmöglich, daß wir, die wir jetzt reiſende Damen ſind, auf das Eine und das An⸗ dere ſtoßen können.... Doch es iſt Zeit, an Deinen Einkauf und an meine Bandrolle zu denken. Setze nun den Hut auf und ſieh nicht allzuſehr auf die Straße hinab, wenn Du gehſt, liebes Kind!“ —„Auf die Straße hinab?“ „O, Du verſtehſt wohl!“ „Nicht im Mindeſten.“ „So höre denn: die Ehrbarkeit iſt die höchſte Zierde des Weibes; doch darf ſie ſich weder menſchen⸗ ſcheu zeigen noch ſich zieren, ſondern den, der ſie an⸗ ſieht, frei anſehen können. Behüte Gott, daß Jemand ſagen ſollte:„„Sieh, dort geht ein Landfräulein!““ „Aber, liebe Mutter!“ „Slill, mein Engel! Ich meine nicht, daß Du irgend Jemandes Blicke aufmuntern ſollſt, wenn Du von ſolchen verfolgt wirſt, ſondern ich meine: wenn ſich eine natürliche Gelegenheit zu einer anſtändigen Connaiſſance darbietet, ſo ſollſt Du auch natürlich ſein, wie Du pflegſt. Es überfällt Dich Niemand mit Naſe⸗ weisheiten, das kann ich Dich verſichern, denn Du ſiehſt ebenſo entſchloſſen aus, wie ich in meiner Jugend.“ „Gut, liebe Mutter, ich wünſche nichts Beſſeres, als natürlich ſein zu dürfen— ich werde alſo ganz ſo ſein, wie es mir am beſten ſcheint, wenn eine ſolche Gelegenheit eintrifft, wie Du Dir vorſtellſt.“ 4 „Gut, mein Kind... und nun Marſch! Ich meine, ich ſehe auch nicht ſo übel aus— wenn es nur immer denn igen ein, aſe⸗ jehſt nd.“ eres, 3 ſo Alche eine, mer 37 gutes Wetter bleibt, ſo daß wir nicht nöthig haben, die Mäntel hervorzuholen!“ In demſelben Augenblicke, da Mutter und Tochter die eine Halbthüre ihres Zimmers öffneten, trat eine Perſon gegenüber aus der Thüre in den Saal. Dieſe Perſon war eben jener dunkelfarbige junge Mann, der bei ihrer Ankunft vor der Thüre des Gaſt⸗ hofs geſtanden hatte. Als er auf dem Wege durch den langen Saal an den Damen vorbei kam, grüßte er voller Achtung, und wiederum weilte ſein Blick auf dem jungen Mädchen mit einem Ausdruck, der dießmal nicht allein Neugierde, ſondern auch eine gewiſſe Theilnahme verrieth. So ſchnell der ausgetauſchte Blick auch von Blenda's Seite war, ſo reichte er dennoch hin, ihrem Gedächt⸗ niſſe die Züge dieſes Mannes einzuprägen, welcher— ohne ſchön zu ſein in dem Sinne, wie Blenda ſich einen ſchönen Mann vorſtellte, das heißt ein Jüngling mit faſt göttlicher Schönheit, eine neue Auflage des Ritters Egbert Montabor— in ſeinem angenehmen, männlichen Antlitze und ſeiner ganzen Perſon etwas ſo Wohlwollendes und Feſſelndes hatte, daß man nicht unterlaſſen konnte, Achtung darauf zu geben. Als die Damen an die Schwelle kamen, konnten ſie unmöglich unterlaſſen, ſich umzuſehen. Der Fremde ging in das Zimmer, welches neben dem ihrigen lag. „O, der Graf!“ flüſterte Blenda. „Davon war ich ſchon vorher überzeugt!“ entgeg⸗ nete Frau Emerentia.„Dieſe hohe und zierliche Ge⸗ ſtalt, dieſe ungezwungene Haltung konnten nur einem/ wirklichen Edelmanne angehören.“ Seine ſchwarzen Augen ſind ſo voller Güte... doch ſo ſehr jung iſt er nicht!“/ MNun, ich muß ſagen— er iſt gewiß noch weit von dreißig Jahren.“ In der Mitte der Treppe begegnete unſern Rei⸗ ſenden eine neue Perſönlichkeit. Dießmal war es ein Militär, welcher laut auf die Hausflur, wo jetzt ein Bedienter ſichtbar wurde, hinabrief: 3 „Iſt der Graf zu Hauſe, mein lieber Hallgréen?“ „Ja, Herr Lieutenant; haben Sie die Güte, herauf⸗ zukommen.“ „Wie angenehm,“ flüſterte Frau Emerentia, welche auf den Lieutenant kaum Achtung gab, welcher dagegen um fo mehr auf diejenigen, denen er begegnete, Achtung ab;„wie angenehm, liebe Blenda, daß wir die Ge⸗ Feyeinä aß es der Graf ſelbſt war!“ N 3 g 1 4 * 4 4 A 4 5 2 n Die Einkäͤufe waren gemacht. Den neuen Shawl auf dem Arme, die neuen Schuhe in das Schnupftuch gewickelt, und den neuen Flor in der Eile über dem Hut drapirt, ſtand Blenda, die zuerſt auf dem beſtimmten Platze an der rechten Seite des Marktes eingetroſſen war, und erwartete die Ankunft der Mutter. Doch ſchon waren wenigſtens zehn Minuten ver⸗ floſſen, und noch immer ließ ſie ſich nicht blicken. „Vielleicht,“ ſagte Blenda zu ſich ſelbſt,„waͤre es das Beſte, wenn ich ſie aufſuchte. Es iſt nicht ſchwer hinzufinden... Doch ich bleibe lieber hier— wenn ſie einen andern Weg gegangen wäre, ſo verſehlten wir uns.“ Unſer junges Fräulein begann auf der Straße, die ſie gekommen war, hin und her zu promeniren und zum Zeitvertreibe die Häuſer mit ganz beſonderer Aufme kſamkeit zu betrachten. „Entſchuldigen Sie,“ erſcholl plötzlich hinter ihr 5 eine wohllautende Stimme,„ſollten Sie ſich vielleicht vexirrt haben?“ NX△ * — auf erde, n?2“ auf⸗ elche egen tung Ge⸗ huhe r in uerſt des kunft ver⸗ re es hwer wenn hlten raße, und derer ihr leicht 39 Blenda wendete ſich mit einer gewiſſen Heftigkeit um. Es war Etwas, das ihr ſagte, es wäre derſelbe junge Mann, dem ſie ſchon zweimal begegnet war. Und er war es wirklich. „Nein, ich warte auf meine Mutter!“ antwortete ſie ohne Verlegenheit, denn ſie war ja ſchon gleichſam ein wenig bekannt mit ihrem Nachbar oder wußte we⸗ nigſtens, wer er war, obgleich ſte ihn natürlicher Weiſe nicht mit ſeinem Titel anreden konnte, da er ſich nicht präſentirt hatte. 1t „Ich hoffe,“ fuhr er fort,„daß Sie mir die Kühn⸗ heit meiner Frage nicht übel deuten werden; denn die Vermuthung, welche ich zu äußern die Ehre hatte, nebſt dem Wunſche, Ihnen einen Dienſt leiſten zu können, überwand jede Bedenklichkeit.“ „Ich wäre ſehr undankbar, wenn ich eine ſo ein⸗ fache Artigkeit übel nehmen wollte— ich würde es eben ſo machen, wenn ich glaubte, daß Jemand ſich verirrt hätte.“ Ein leichtes Lächeln ſchwebte über die ſchönen Lippen des Fremdlings. Er ſchien einen Augenblick zu ſchwanken, wahrſcheinlich zwiſchen dem Verlangen, das junge Mädchen noch ferner anzureden und der Furcht, durch ein verlängertes Geſpräch die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden auf ſie zu heften. Welches von dieſen beiden Gefühlen zuletzt den Sieg behalten haben würde, iſt ungewiß; gewiß aber iſt, daß Blenda ihn aus ſeiner Verlegenheit riß, indem ſie, vollkommen unbekannt mit den feinfühlen⸗ den Bedenklichkeiten, die Derjenige hegen konnte, wel⸗ chen ſie bei ſich ſelbſt den Grafen nannte, ganz naiv ihre Vermuthung äußerte, daß ſie Reiſegefährten nach Stockholm wären. „Nein, ich bin nicht ſo glücklich; ich reiſe in die entgegengeſetzte Richtung.“ „Nach Schonen?“ „Und warum denn gerade dahin?“ 40 Blenda erröthete. Sie hatte wider ihren Willen die Kenntniß verrathen, welche ſie erhalten hatte. „Ich weiß nicht,“ entgegnete ſie mit einer kleinen Verlegenheit,„man behauptet, daß viele Leute dahin reiſen.. Doch ſagen Sie mir, ſind die Seereiſen ſehr langweilig und unangenehm?“ „Bisweilen ſind ſie das wirklich; doch diejenige, welche Sie zu machen gedenken, iſt eine der angenehm⸗ ſten und intereſſanteſten, vorausgeſetzt, daß das Wetter günſtig iſt; und hat man ſich mit Lectüre verſehen, ſo hält man es aus, ſelbſt wenn die Geſellſchaft und das Wetter nicht ganz ſo ſein ſollten, wie man wohl wünſchen möchte.“. „Lectüre?— Ach, ich habe nur ein einziges Buch, und dieſes habe ich ſo oft geleſen, daß ich jedes Wort darin kenne.“ „Es iſt alſo ein Lieblingsſchriftſteller— Walter Scott, Cooper, Bulwer?“ „Keiner von ihnen allen.“ „Sollte es denn Sue ſein?“ „La Fontaine.“ „La Fontaine?“ wiederholte der Fremde ungefähr in dem Tone, als wollte er fragen:„Aber, mein Gott, woher kommen Sie denn, da Sie nicht wiſſen, daß der Staub der Vergeſſenheit den guten Mann ſchon ſeit Decennien bedeckt hat?“ Blenda verſtand ihn vollkommen, und in ein herz⸗ liches Gelächter ausbrechend, ſagte ſie: „Ich komme von dem Bauerlande, mein Herr; und obgleich mein Vater einem recht alten adeligen Hauſe angehörte— wenigſtens ſagte er, die von Kühlen'ſche Familie wäre alt— ſo lebten wir doch ganz patriar⸗ chaliſch, und Sie dürfſen ſich daher nicht im Mindeſten darüber wundern, daß wir in Mancherlei, alſo auch in hinerilöhn Hinſicht, weit hinter unſerer Zeit zurück nd.“ Sd=2ͤSAS 41 „Wenn ich mich wundere, mein Fräulein, ſo wun⸗ dere ich mich wenigſtens darüber nicht.“ „Um ſo beſſer! Sie können ſich ganz einfach vor⸗ ſtellen, Sie hätten ein Burgfräulein aus dem vorigen Jahrhundert getroffen... Doch ſieh! dort kommt end⸗ lich die Mutter auf der Straße jenſeits des Marktes.“ „ So leben Sie denn wohl, Fräulein Agnes!— Ich glaube, dieß war zu jenen Zeiten ein moderner und beliebter Name?“ „Warum denn nicht eben ſo gern Bertha?— Die⸗ ſer Name war wenigſtens eben ſo beliebt, Herr Ritter mit dem geſchloſſenen Helm!... Sie wiſſen wohl, daß alle Ritter, welche unbekannt zu ſein wünſchten, ſich dieſes Schutzmittels bedienten?“ „Unglücklicher Weiſe bin ich ſehr wenig bewandert in den Geſetzen des alten Ritterthums; wenn ich mich aber nicht allzu ſehr irre, ſo ſchloß dieſer Umſtand ſie nicht aus von der Bewerbung um den Turnierpreis, und ich glaube, ſie verwahrten heimlich oder öffentlich immer irgend ein Zeichen von den Farben ihrer erkore⸗ nen Dame, einen Handſchuh, eine Schleife oder der⸗ gleichen— ein Palladium, das ſie mehr ſchützte, als Schild und Helm.“ Und indem der junge Fremdling dieſe Worte aus⸗ ſprach, erhob er ſeine Hand, welche etwas Schwarzes umſchloß.. Erſtaunt ſiel Blenda's Blick auf ihren weißen Kragen— die ſchwarze Schleife, welche denſelben zu⸗ ſammengehalten hatte, war verſchwunden, hinweg⸗ geweht. Erröthend und tief verwirrt ſah ſie auf. Sie hatte keine Worte zu einer Frage, aber ſie fühlte ſich von Furcht eingenommen, daß ſie in ihrer Unkunde über die Gebraͤuche der Welt mit dem Unbekannten vielleicht zu weit gegangen ſein könnte. War es Ge⸗ ringſchätzung, was er ihr zeigte? Hielt er ſie für ein Mädchen, mit welchem man es ſich erlauben konnte zu 42 ſpielen? Ihr Stolz erhob ſich gegen dieſen Gedanken... Unwillkürlich wollte ſie reden, doch war ſte ſtatt deſſen nahe daran, in Thränen auszubrechen. Mit Blicken voll, man konnte ſagen, inniger Theil⸗ nahme hatte der Fremdling ſo vollkommen alle Gedan⸗ ken Blenda's in ihren wechſelnden Geſichtsausdrücken geleſen, als wenn ſie dieſelben in Worten gebeichtet hinde und mit einem Tone zarter und tiefer Achtung agte er: 3„Sein Sie ruhig, mein Fräulein! Derjenige, welcher das Glück genoſſen hat, einige Minuten mit Ihnen zu reden, wird ſich dieſer Güte nicht unwürdig zeigen. Wäre er ein Freund, ein Verwandter, ſo würde teer es wagen, einen Rath hinzuzufügen. Jetzt wäre das zu kühn!“ „Sagen Sie es dennoch! Ich bin jung, bin nie⸗ mals ausgeweſen, wir ſind allein— meine Mutter und ich— und Sie meinen es gewiß gut mit mir!“ „Da Sie dieſer Meinung ſind, ſo will ich mir erlauben, zu beweiſen, daß Sie mich richtig beurthei⸗ len; doch einzig und allein meine Hochachtung und Theilnahme können dieſen Rath entſchuldigen... Er⸗ wiedern Sie nicht allzu offenherzig die Dienſtfertigkeit, die Artigkeiten, welche Ihnen ganz gewiß bald erboten werden! Wenn man jung und vor Allem, wenn man ſchön und ohne männlichen Schutz iſt, ſo muß man ein wenig mißtrauiſch ſein... Und nun leben Sie wohl, mein Fräulein! Möge Ihre Reiſe glücklich ſein!“ Und ehe Blenda ein einziges Wort erwiedert hatte, war ihr freundlicher Rathgeber verſchwunden. 2 3 — c Einige Augenblicke ſpäter waren Mutter und Toch⸗ ter wieder vereinigt. Anſtatt jedoch Aufklärungen über das Zuſammentreffen, welches ſie geſehen, oder über * n. ℳ eſſe geil⸗ dan⸗ cken htet ung ige, mit dig irde das nie⸗ und mir jei⸗ und Er⸗ eit, ten ran ein hl, tte, 43 Blenda's Gemüthsbewegung zu begehren, ſagte Frau von Kühlen nur: „Geh, geh zu, mein Kind— laß uns erſt in's Haus kommen!“ Man merkte es deutlich, daß die gute Frau ſo zu ſagen wirklich vollgepfropft war von dem Geheimniſſe, welches ſie umherſchleppte. Endlich war man die Treppe hinauf, über den Saal und in das Gaſtzimmer gekommen. „Mach die Thür zu, Blenda!“ „Ach, ich rathe, Mutter, Du biſt verwundert über meine Unterredung mit dem Grafen!“ „Verwundert— nein, behüte, keinesweges! Ich war auf dergleichen vorbereitet. Wunderteſt Du Dich aber nicht, daß ich ſo lange ausblieb?“ „Ja wohl.. was hielt Dich denn auf?“ „Erzähle mir erſt, wie der Graf Dich traf, und Wort für Wort, was ihr einander geſagt habt!“ Blenda kam ihrem Wunſche nach, und Frau Eme⸗ rentia nickte zu Allem ihren Beifall. „Siehſt Du nun, meine Kleine, ob ich Unrecht hatte? Gleich im Augenblicke Abenteuer, ſo wie man nur anfängt, ein wenig zu leben!.. Hätte wohl in aller Ewigkeit ſich dergleichen ereignet, wenn wir zu Hauſe geblieben wären?“ „Nein, niemals!“ „Doch ich merke, er will incognito auftreten— nun, das iſt kein Unglück; und dieſe Rathſchläge, welche natürlich ſehr wohlgemeint, wenn auch ganz uͤberflüſſig waren, verſchrieben ſich von nichts Anderem, als... Du verſtehſt wohl?“ „Was meinſt Du?“ „Von Eiferſucht, meine ich— von der Furcht, Du möchteſt die Huldigung eines Andern entgegennehmen. Dergleichen iſt leicht zu verſtehen.“ Blenda ſchüttelte den Kopf.„Ich glaube, er hatte 4½ eine weit beſſere Abſicht. Ueberdieß ſagte er kein Woͤrt von Wiederſehen.“ „Was war darüber zu ſagen? Das verſteht ſich ja von ſelbſt!“ „Du meinſt alſo, liebe Mutter...“ „Ich ſage Dir, daß er ſich in dem Augenblicke, da er Dich ſah, gleich in Dich verliebt hat. Und weißt Du was?“ Blenda ſchwieg natürlicher Weiſe. „Der Reichstagsmann hatte mir Etwas zu erzäh⸗ len— und dieß hat mich ſo lange aufgehalten.“ „Der Reichstagsmann?— was konnte er wohl zu ſagen haben, das mit dem Grafen Zuſammenhang hat?“ „Das ſollſt Du gleich hören. Als er von uns ging, ſtand der Herr noch vor der Thür, welcher dort ſtand, als wir ankamen— Du weißt ja, daß es der Graf war?“ „Ja wohl!“ 4 „Siehſt Du nun, als der Reichstagsmann hinaus⸗ kam, fragte der Fremde, wer die beiden Damen waren, und als er es erfuhr...“ „Was dann?“ „... Da zeigte er ſo ſichtbarlich Ueberraſchung und Freude, daß der alte Lars in ſeiner Einfältigkeit ihn fragte, ob er uns kennete... natürlicher Weiſe begriff der Reichstagsmann nicht, daß die Ueberraſchung und die Freude daher kamen, weil der Graf nicht zu hören vermuthen konnte, wir wären adelige Damen. In⸗ zwiſchen— merk' auf, Kleine!— machte er ſich ganz gemein mit dem Reichstagsmann, der nicht wenig ſtolz war, als ich ihm erzählte, er wäre mit einem reichen Grafen aus Schonen über die Straße gegangen; denn Du ſollſt wiſſen, während er aus dem Alten jedes Wort herauslockte, das uns betraf, ſetzte er den Weg mit ihm fort, und ich war darum vollkommen über⸗ zeugt, er würde— nachdem er alles Gute über Dich und uns Alle vernommen hatte, das, gottlob, der * 45 Reichstagsmann erzählen konnte— ganz beſtimmt Ge⸗ legenheit zu einer perſönlichen Bekanntſchaft ſuchen. Auf jeden Fall aber muß man ſich Zeit nehmen, behüte Gott, man muß wohl erſt ausathmen, ehe man von Freiern überlaufen wird!“ übrig.“ eNein, wenn ich auch meinen Arbeitsbeutel zwan⸗ zig Mal umkehrte, ſo wird doch nicht mehr daraus, als das Beſtimmte, was für die Speiſerechnung auf dem Dampfſchiffe abgelegt iſt— und Gott behüte uns davor, daß wir gleich bei der Ankunft Regine Sophie um eine Anleihe bitten ſollten!“ „Liebe Mutter, ich fürchte, wir thaten ſehr übel daran, mir alle dieſe Sachen zu kaufen! Denke nur, wenn das Dampſſchiff nicht käme, und wir hier die Nacht über bleiben müßten— o, mein Gott, zwei Betten!... es gibt ja keine andere, als für eine Per⸗ ſon... und dann ein wenig zum Abendeſſen... wir wer⸗ den gewiß hungrig.“ „ Ich bin es ſchon, mein Kind! Aber es verlohnt ſich der Mühe nicht, darum den Muth zu verlieren. Ohne den Shawl konnteſt Du nicht ſein, denn den der Comminiſterfrau, welchen Du auf der Herreiſe hatteſt, müſſen wir ja mit dem Reichstagsmann zurückſchicken. Eben ſo war es mit den Schuhen, dem Hut und dem 4 4 4₰ f 46 Schleier... Sollteſt Du nicht ſein wie andere Leute, da ich Blackros hergegeben habe?“ „Aber laß uns dennoch annehmen, daß wir die Nacht über hier bleiben müſſen!“ „Was thut's— wir ſagen, wir wagen es nicht, zu Bette zu gehen, aus Furcht, wir möchten nicht ſchnell genug fertig werden.“ „Wenn das auch geht, ſo denke nur, wie ſchlecht es ausſieht, wenn wir gar Nichts requiriren!“ „Das mag ausſehen, wie es will! Iſt das Fahr⸗ zeug um nenn Uhr noch nicht gekommen, ſo machen wir eine Promenade, um uns darnach umzuſehen— und bei der Rückkehr haben wir draußen Thee getrunken.“ „Davon haben wir aber ſehr wenig Genuß!“ meinte Blenda lachend. „O, wie ungenügſam Du doch biſt!“ „Ich geſtehe das; wenn man aber hungrig iſt...“ „Nun, ſo greifen wir den Reichsthaler an, welchen ich zum Trinkgelde berechnet hatte, denn ich ſage: ich thue lieber jedes Andere, als daß ich einen Heller vom Tagestractament anrühre!“ „So muß ich denn wohl meinen Arbeitsbeutel unterſuchen!“ ſiel Blenda ein, indem ſie ihn vom Tiſche nahm; und nachdem ſie einige Augenblicke mit troſt⸗ loſer Miene darin herumgetaſtet hatte, brachte ſie end⸗ lich triumphirend einen ganzen Zweireichsthalerzettel ervor. h„In des Himmels Namen, Mädchen, was bedeutet das? Ich habe ja ſelbſt den Shawl und die Schuhe bedungen, ſo daß Du einen Stüber zu Handſchuhen und Riechwaſſer übrig behalten ſollteſt.“ „Inzwiſchen haben wir nun zwei Reichsthaler. Alſ kann die Dampſſchiffjungfer ihr Trinkgeld be⸗ halten.“ 3 „Aber ich begreife nicht..“ „Du dachteſt, liebe Mutter, es könnte Niemand edelmuͤthig ſein, als nur der Probſt und der Commiſſa⸗ A* 8 47 rius, welche uns gaben, was zum Leben an Bord er⸗ forderlich iſt! Als ich aber von dem Comminiſter Ab⸗ ſchied nahm, ſo reichte der freundliche, gute Alte mir dieſe zwei Reichsthaler und flüſterte mir in das Ohr: Es iſt ſo wenig, Kind, daß ich es Dir ſelbſt gebe!“ „Sieh, ob nicht das Glück immer mit uns iſt! Jetzt gehe ich augenblicklich und beſtelle uns Thee— das ſoll ein rechter Schmaus werden! Und wenn wir dann noch ſitzen, ſo wird geſchoſſen, und das Dampf⸗ boot kommt.“ Leider traf dieſes jedoch nicht ein... Der Thee war längſt getrunken. Die beiden armen— Frauenzimmer lauſchten bald am Fenſter und bald an der Thür nach dem Zimmer des Grafen hin, wo Alles ſtill war, und dann zitterten ſie davor, daß endlich das Mädchen kommen möchte, um die Betten aufzu⸗ machen. Und nun kam wirklich das Mädchen mit den Laken für zwei Betten auf dem Arme; und meiner Treu, der verächtlichen Falten, welche ſich auf ihrem Näschen bildeten, waren nicht ſo wenige, als die Frau erklärte, daß ſie es nicht wagten, zu Bette zu gehen. „O, es wird wohl nicht ſchlimmer für die Herr⸗ ſchaften ſein, als für alle uͤbrigen Fremden, die hier warten!“ „Gleich viel,“ antwortete unſere gnädige Frau är⸗ gerlich und erröthend,„man wird wohl ſeine Freiheit haben dürfen!“ „Ja, behüte Gott, ſehr gerne für mich!“ entgeg⸗ nete die Aufwärterin mit jenem naſeweiſen Tone, der vollkommen die Gedanken dieſer Damen ausdrückt, wenn ſte nach ihrem Begriffe ſehen, welche Art von Leuten ſte vor ſich haben.. „Hu, welche Demüthigung!“ flüſterte Blenda, als ſie wieder allein waren. In dieſem Augenblicke entſtand ein Geräuſch draußen im Saale, es war ihr Nachbar, der nach Hauſe kam. „Befehlen der Herr Graf Etwas?“ fragte das Mädchen in einem jetzt ganz veränderten Tone. „Nichts!“ antwortete eine kurze Stimme, und der „Graf trat in ſeine Zimmer, blieb jedoch nicht in dem⸗ jenigen, das neben dem unſerer Damen lag. Noch eine Weile trippelte das Mädchen im Saale umher, und Frau Emerentia verſchmähte es nicht, zu lauſchen. Wiederum kam Jemand von draußen herein. „Der Graf iſt heute Abend ganz erſchrecklich kurz.“ „Meint Sie das, Jungfer Chriſtine?“ antwortete der Bediente.„Ich merkte ſonſt keinen Unterſchied an ihm. Vielleicht aber war er es müde, zu laufen und zu ſpähen nach...“ Frau Emerentia konnte die Bewegung nicht ſehen, welche die Worte begleitete— ſonſt wuͤrde ſie eine Hand gewahrt haben, die ſich ausſtreckte nach dem Platze hin, an welchem ſie ſtand. „Aha,“ entgegnete Chriſtine,„er hatte Etwas von unſerem ſchönen Fräulein gehört?“ „Der Lieutenant hatte ſie auf der Treppe geſehen, und ſogleich gab es Allarm im Lager. Aber ich meine...“ hier gingen der Lauſchenden mehrere Worte verloren.. brachte ſie auf eine falſche Spur.“ Jetzt aber rief von einer andern Seite eine Stimme: „Chriſtine! Jungfer Chriſtine!“ Und damit war die Zuſammenkunft aufgelöst. „Nichts geht über Reiſen!“ ließ ſich Frau Eme⸗ rentia vernehmen.„Aber ich weiß nicht, was ich darum geben wollte, wenn ich begreifen könnte, wie es ihm gelang, von dem Lieutenant loszukommen! Wenigſtens aber war es nicht der Graf, der auf eine falſche Spur geleitet wurde. Dieſe Bedientenbengel wiſſen doch nie Etwas richtig!“ — Blenda war inzwiſchen in der einen Ecke des 49 Sopha's eingeſchlummert, und bald genug entſchlief auch die hoffnungsreiche Mutter in der andern von allen ihren„Luftſchlöſſern.“ *⁵* * Gegen drei Uhr kam das Haus in Bewegung. Jetzt erſchien der Reichstagsmann und verkündigte, 8 Fahrzeug wäre da und würde in einer Stunde ab⸗ gehen. Müde und übler Laune kamen die Damen aus ihrem Zimmer. Man hörte ein Hin⸗ und Herlaufen und ein Schlagen mit allen Thüren; nur beim Grafen war Alles ſtill. Als Blenda über den Saal ging und ihren letzten Blick nach dem Zimmer ſandte, wo ihr Nachbar wohnte, konnte ſie ſich nicht befreien von einem Gefühle der getäuſchten Hoffnung, von... ſie wußte nicht recht, von welcher Art des Unbehagens. Als ſie jedoch hinaus kam und den jetzt ruhigen und ſchönen Morgen und das merkwürdige Dampfſchiff ſelbſt ſah, auf welchem ſie die große Reiſe machen ſollte, da erhielten ihre Gedanken eine ganz andere Richtung, und bald erlitten ſie eine noch größere Verwandlung, als ſie mit dem Abſchiede von dem Reichstagsmanne ſich noch einmal von der alten theuern Heimath trennte: es war ja ſo gut, als noch einmal dem Grabe des Vaters, dem Blumenbeete, den Tauben, der lahmen Brita und dem Klaviere, dem theuren Klaviere, Lebe⸗ wohl zu ſagen! O, konnte ſie wohl hoffen, je wieder das Lied vom„Ritter Egbert Montabor“ zu ſingen? Als die Maſchine in Gang geſetzt wurde und das Fahrzeug abſtieß, konnte Blenda ihre Thränen unmög⸗ lich zuruͤckhalten. Neben ihrer Mutter ſtehend, deren neugierige, Die Romanheldin. 4* 50 ſchlaftrunkene Blicke auf Alles gerichtet waren, richtete ſte die ihrigen zurück auf das Üfer, von welchem ſie ſich entfernten. Und ſieh— plötzlich trafen ſie einen Gegenſtand, deſſen Anblick ihr Antlitz mit Purpur überhüllte, während ein liebliches und einnehmendes Lächeln ihre ſchönen Lippen noch ſchöner machte. Es war der Fremde, mit welchem ſie geſtern zu⸗ ſammengetroffen war. Er ſtand etwas abſeits allein, und da er merkte, daß er ihre Aufmerkſamkeit geweckt hatte, ſo nahm er den Hut ab und verbeugte ſich mit dem Ausdrucke einer achtungsvollen Bekanntſchaft. Erſt eine Stunde ſpäter gingen die Damen hinab in ihre Hütte; und obgleich ſie die für ſie beſtimmte 1 Nummer an der Thüre laſen, ſo glaubten ſie dennoch ſich geirrt zu haben, denn auf dem Tiſche lag ein großes, prächtiges Bouquet von friſchen Blumen und daneben ein Packet mit Büchern. Als ſie jedoch an den Tiſch traten, ſo ſahen ſie ein, daß kein Irrthum obwalten konnte, denn das Packet hatte die Aufſchrift: „Fräulein Blenda von Kühlen.“ Die herbeigerufene Aufwärterin erklärte, dieſe Sachen wären vor der Ankunft der Damen von einem jungen Herrn mit dunklen Haaren gebracht worden; ſeinen Namen aber wiſſe ſie nicht. 6. Blenda's Glück, die Beſitzerin einer ganzen Bibliothek zu ſein— denn ſie konnte es nicht über ſich gewinnen, ſechs verſchiedene Werke für etwas Ge⸗ ringeres anzuſehen— wurde keineswegs durch die myſtiſche und delicate Weiſe, durch welche ſie dieſelbe erhalten, gemindert; und der ſchöne, friſche Blumen⸗ 51 htete ſtrauß erfüllte ſie nicht allein mit ſeinem lieblichen ſie Duft, ſondern vorzüglich mit der Erinnerung an das inen geſtrige flüchtige, aber doch intereſſante Zuſammen⸗ rpur treffen. ndes. Dieſes Zuſammentreffen war für unſere kleine Ro⸗ manheldin eine unerſchöpfliche Epiſode, und ſie war zu⸗ ſogar zufrieden, dieſelbe in der Wirklichkeit nicht fort⸗ geſetzt zu ſehen, denn dadurch hatte ſie den Vortheil, rkte, daß ſie dieſe nach Belieben ausſpinnen und beendigen n er konnte. einer Wir ſagen kein Wort über den Triumph der Frau Emerentia. Sie hatte es ja gleich geſagt, daß Aben⸗ inab teuer auf ſie herabregnen würden. nmte Nun waren noch die Valuta, nämlich die Romane, noch zu betrachten. Hier aber verlängerte ihre Lippe ſich ein bedeutend, da ſie anfing, die Titel zu ſtudiren: und„Kenilworth— o du mein Gott, das iſt ja das h an elementiſche Buch des langweiligen Scott, das ich ein⸗ hum mal zur Leihbibliothek zurückſchickte!“ rift:„Davon weiß ich ja Nichts, liebe Mutter!“ 1„O, davon weißt Du Nichts... es iſt jetzt vier, dieſe fünf Jahre her... Ivanhoe— hm, hm... wenn man inem Bücher verſchenkte, ſo..“ den;„Ach, beſte Mutter, laß uns nicht undankbar ſein! In dieſen Arbeiten öffnet ſich vor mir eine ganz neue Welt, und da der Herr Graf die Güte gehabt hat, ſie mir ſelbſt auszuſuchen...“ „Ich ſage Nichts dagegen, daß Du Deinen Grafen vertheidigſt.. Doch ſieh jetzt ſelbſt nach, wie die übri⸗ gen heißen!“ Mit berechneter Langſamkeit, um den Genuß ſo zen 1 lange wie möglich auszudehnen, machte Blenda nach über und nach Bekanntſchaft mit Cooper's letztem Mohikaner Ge⸗ und Anſiedlern an den Quellen des Susquehanna, mit die Bulwer’s Pelham und Verſtoßenen, ſo wie auch mit ſelbe zwei kleineren Arbeiten, welche unter die übrigen ein⸗ nen⸗ geſteckt waren und eben jetzt nicht die unwilgfommenſten 52 ſein konnten, nämlich eine Beſchreibung über Stock⸗ holm und eine dito über den Kanalweg nebſt einer Karte. „Welche Güte, welche Freundſchaft, welch ein auf⸗ richtiger Wunſch, mir zu nützen und Freude zu machen!“ ſagte Blenda zu ſich ſelbſt.„Dieſer Fremde meint es gewiß ſehr gut mit mir... Ich will auch ſeinen Rath nicht vergeſſen, wenn es ſich ereignen ſollte, daß— man mich beobachtet. *.*½ Während der unangenehmen Fahrt über den großen, noch vom geſtrigen Sturme erregten Wener waren un⸗ ſere Paſſagiere gezwungen, unbeweglich in ihrer Hütte zu bleiben. Die Seekrankheit verminderte die Schwatzhaftig⸗ keit unſerer alten gnädigen Frau und hielt ihre Phan⸗ taſie einigermaßen in Schranken. Das Einzige, über welches ſie jetzt phantaſirte, war der ärgerliche und traurige Umſtand, daß ſie das Frühſtück und das Mittageſſen, wovon ſie gar Nichts genießen konnte, dennoch bezahlen mußte. Auch appel⸗ lirte ſie an alle bekannte Mächte, ob es nicht die him⸗ melſchreiendſte und unanſtändigſte Prellerei von der Welt wäre, Leute bezahlen zu laſſen, was ſie nicht er⸗ halten hätten. Nur ein ganz unvollkommener Troſt lag in dem Gedanken, daß ſie am folgenden Tage ſich Mühe geben wollte, für Zwei zu eſſen. Blenda befand ſich zwar ebenfalls ein wenig übel, war aber doch nicht ſo angegriffen; ſte konnte eſſen und leſen, und machte ſich jetzt im Voraus vertraut mit allem Schönen und Wunderbaren, das ſie ſehen ſollte. Sie war vielleicht beſonders entzückt über das Gluͤck, daß ſie nicht nöthig hatte, allzu unkundig zu ſein und die Ausrufungen eines plötzlichen Erſtaunens und Entzückens hemmen zu können, denen ſie ſich ohne 89 4 8 Zwe kan! Rit ein geſe Sel ſehe konn wäh Dut auch daß lich Bän eine des Dech ſämt hölz digt, ſchw ſchla ging und Her! hüll: Mun Blei Cap gem war und 53 Zweifel hingegeben haben würde, wenn nicht der unbe⸗ kannte„Ritter mit dem geſchloſſenen Helme“ oder„der Ritter von der ſchwarzen Schleife“, wie ſie ebenfalls ein Vergnügen fand, ihn zu benennen, Alles vorher⸗ geſehen hätte. Am Nachmittage wurde ſie aber doch von einer Sehnſucht ergriffen, das weite empörte Element zu ſehen, und da ſie fühlte, daß ſie auf ihren Füßen ſtehen konnte, ſo ging ſie auf eigene Hand auf das Deck, während die Mutter ſchlief. Als einziges Frauenzimmer unter einem halben Dutzend Herren fühlte ſie ſich ein wenig genirt und auch etwas beunruhigt; als ſie ſich jedoch vorſtellte, daß es lächerlich ausſehen würde, wenn ſie augenblick⸗ lich zurückeilte, ſo nahm ſie auf einer von den grünen Bänken Platz, und nachdem ſie mit vielem Intereſſe einen tiefen Blick über die weite, wogende Oberfläche des Wener geworfen, wagte ſie einen zweiten auf das Deck und die Paſſagiere. Die Prüfung der Letzteren beruhigte ſie, denn ſämmtliche ſechs Herren hatten jenes Ausſehen von hölzerner Geſetztheit, welches beſſer als Worte ankün⸗ digt, daß in einer ſolchen Geſellſchaft alle Gefahr ver⸗ ſchwindet. Zwei derſelben waren eben dabei, ein Duett zu ſchlafen, das gleichwohl bisweilen in ein Trio über⸗ ging, wenn der Hund, der zwiſchen ihnen lag, dann und wann mit ſeinem Schnarchen einfiel. Zwei andere, lange, dürre, braune und eiskalte Herren, von oben bis unten in ihre dunkeln Röcke ge⸗ hüllt, ſaßen ganz unbeweglich mit der Cigarre im Munde und das Auge auf den Horizont gerichtet. Blenda erfuhr ſpäterhin von dem alten dienſt fertigen Capitän, deſſen Bekanntſchaft ſie ſchon aw. Morgen gemacht hatte, daß dieſe beiden Herren Engländer waren— eben diejenigen, die im Gaſthofe gewohnt, und die ihre Mutter für Lords gehalter, hatte— und 54 daß der eine ein Mechanikus und der andere der Vor⸗ ſteher einer Brauerei wären, beide jetzt auf der Reiſe nach den Orten, wohin man ſie verſchrieben hatte. Das noch übrige Paar beſtand aus zwei acht- und ehrſamen Bürgern, die in den letzten fuͤnfundzwanzig Jahren kein hübſches Mädchen mehr angeſehen hatten, und ihre regelmäßige Promenade hin und her verkün⸗ digte, daß ſie auch jetzt ſich nicht von etwas dergleichen ſtören ließen. Der Capitän ſelbſt war nicht auf dem Deck. Nun, hier kann ich ja eben ſo ſicher ſitzen, wie unten in der Hütte!“ dachte Blenda, und ſchlug ihre Beſchreibung auf, in welche ſie ſich bald vertiefte. Sie brannte vor Sehnſucht, durch dieſe wunderbaren Schleuſen, Anhöhen mit Wieſen und Aeckern zu beiden Seiten zu reiſen— das war ja ein ganzes Zauber⸗ märchen. „Iſt es nicht ein wenig kalt an dieſer Seite, meine Gnädige?“ fragte eine Stimme mit ausgezeichneter Artigkeit. Erſtaunt ſah Blenda auf, und vor ihr ſtand der Lieutenant, der ihr geſtern Abend auf der Treppe begeg⸗ net war, als er zu dem Grafen hinaufſtieg. Im Allgemeinen erröthete Blenda ſehr leicht, und wenn es jetzt ſo gründlich geſchah, daß ſich ihr ganzes Geſicht in eine Morgenröthe verwandelte, ſo kam das daher, daß der Lieutenant den Grafen kannte und viel⸗ leicht zufällig von ihm reden würde. Der junge Krieger, welcher wußte, daß er gut und martialiſch genug ausſah, um ſelbſt den angenehmſten Eindruck machen zu können, zweifelte nicht eine Se⸗ cunde, nachdem er dieß Erröthen, dieſes verlegene Schweigen geſehen hatte— denn für den erſten Augen⸗ blick war Blenda ganz ohne Antwort— das kleine bezaubernde Landmädchen wäre in ihn ſterblich verliebt. geworden; und um ſeine Dankbarkeit für dieſe„For⸗ füne“ zu zeigen, die noch weit eilfertiger kam, als die, — or⸗ eiſe und zig een, ün⸗ hen wie hre fte. ren den ber⸗ eine eter der geg⸗ und zes das iel⸗ und ſten Se⸗ ſene gen⸗ Line iebt For⸗ die, 5⁵ deren er gewohnt war, und ihm überdieß auf der Reiſe ein unſchätzbares Vergnügen verſprach, nahm er augen⸗ blicklich einen Ton an, in welchem ſich auf eine ge⸗ wandte Weiſe eine gewiſſe kühne Vertraulichkeit mit der inſinuirendſten Artigkeit paarte. „Auf einer Reiſe, Fräulein von Kühlen, iſt es ja nicht allein erlaubt, ſondern ſogar ein alter Gebrauch, die Etikette ein wenig bei Seite zu ſetzen... Erlauben Sie mir daher erſt, mich ſelbſt zu präſentiren— Lieutenant S*, immer zu Ihren Dienſten— und dem⸗ nächſt Ihnen zu melden, daß ich ſchon geſtern intereſ⸗ ſante und beglückende Gewißheit einholte, ich würde in Geſellſchaft einer der Schönſten unter den Schönen die Reiſe machen.“ Unſere Heldin war überzeugt, daß die ungenirte Weiſe, mit welcher ihr neuer Bekannter ſich ausdrückte, zu einem guten Tone gehörte, und fand dieſe auch recht angenehm, obgleich ſie bei weitem nicht den Reiz für ſie hatte, als diejenige, welche ihr geheimnißvoller Ritter an Tag gelegt hatte; und ohne es ſich in den Sinn kommen zu laſſen, daß ſie hier ſchon bei einer von den Klippen war, vor denen er ſie gewarnt hatte, antwortete ſie ſo freimüthig, wie es nach ihrer Mei⸗ nung einem Fräulein, das ſich lächerlich machen würde, wenn ſie eine ländliche Blöodigkeit zeigte, anſtand: „Nun, wenn es mit zu den Vorzügen der Reiſen gehört, alle Etikette wegzulegen, ſo habe ich Nichts dagegen. Laſſen Sie uns daher gleich den Anfang machen!“ Der Lieutenant betrachtete nicht ohne Erſtaunen ſeine neue Eroberung.„Dieſes,“ dachte er,„kann man wirklich Glück nennen..., woher kommt wohl dieſe kleine kokette Unſchuld?“— Laut aber hieß es: „Nichts in der Welt kann entzückender ſein, als ein ſolcher Vorſchlag, und die erſte Revenüe, welche ich aus unſerer Uebereinkunft ziehe, iſt, daß ich mich zu Ihrem ſteten Cicerone und erſten Hoſcavalier für — r——— 56 bie Reiſe ernenne. Gehen Sie darauf ein, mein Fräu⸗ ein?“ „Mit dem größten Vergnügen!“ antwortete Blenda lachend. Jetzt aber vernahm man feſte Schritte, unter denen die kleine Treppe ſeufzte, und eine ernſte Stimme, in welcher Blenda augenblicklich den freundlichen Capitän erkannte, ließ folgende Worte hören; „Dieſer Cicerone taugt nicht! Das kleine Fraͤu⸗ lein ſoll einen andern an mir haben. Die jungen Da⸗ men wählen nicht ſo junge Hofcavaliere!“ Und hiemit ließ ſich der Capitän ganz ruhig auf den Platz neben Blenda nieder, den der Lientenant einzunehmen im Begriff war. „Das iſt mir,“ ſagte dieſer, indem er den Aerger unter dem ſpitzigen Lächeln verbarg,„eine Aufmerk⸗ ſamkeit, mit welcher ſich, wie ich glaube, nicht alle Capitäne befaſſen!“ „Um ſo ſchlimmer!“ entgegnete der Seegaſt, in⸗ dem er den flatternden weißen linnenen Rock um ſich zog. „Und warum denn ſchlimmer?“ „Weil jeder Schiffer auf ſeinem Fahrzeuge auch der Chef aller guten Ordnung ſein muß. Er hat darauf zu ſehen, daß ſich auf ſeinem Gebiete nichts Ungebührliches ereignet, und vor Allem hat er die einfanen Frauenzimmer, die unter ſeinem Convoi rei⸗ ſen, unter den Schutz ſeiner Fittige zu nehmen.“ „Was ſagen das Fräulein zu der philanthropiſchen Geſinnung des Capitäns?“ fragte der Lieutenant. „Es iſt mir, als klänge ſie wie die Geſinnung eines guten Vaters,“ entgegnete Blenda mit einem ein⸗ nehmenden Blick auf den alten Mann,„und ich bin ganz bereit, eine gehorſame Tochter zu ſein.“ „Nun, das war eine Entſcheidung, die einer jun⸗ gen Dame Ehre macht— auch verſpreche ich, daß mein Schutz ſicher ſein ſoll!“ Die Ankunft mehrerer Paſſagiere nahm jetzt die —— 57 Aufmerkſamkeit des Capitäns in Anſpruch; und trotz der eifrigen Bemühungen des Lieutenants, ſie zurück⸗ zuhalten, ging Blenda hinab, um nachzuſehen, ob die Mutter erwacht wäre. x„ 3 Obgleich es keineswegs unſere Abſicht iſt, uns bei der Reiſe ſelbſt aufzuhalten, können wir dennoch nicht unterlaſſen, einiger Umſtände Erwähnung zu thun. Nachdem Frau Emerentia nach beendigter Fahrt über den Wetter das Aergſte überſtanden hatte, zog ſie auch ihren gewöhnlichen Menſchen wieder an; und nachdem ſie von oben bis unten von der ganzen Ein⸗ richtung des Dampfſchiffes Notiz genommen hatte, ſo begann ſie mit bewunderungswürdiger Geſchicklichkeit mit ſämmtlichen Paſſagieren Bekanntſchaft zu machen. Sie wollte nothwendig den ruſſiſchen Prinzen und die engliſchen Lords ſehen; aber kein Menſch hatte ge⸗ hört, daß dergleichen Notabilitäten an Bord wären; doch ſchreckte dieſes ſie nicht ab, weil ſie feſt überzeugt war, daß Jeder, der ſie fragte, mit dieſem gezierten Stillſchweigen geheime Nebenabſichten haben mußte. Auch ſagte ſie am Abende zu ihrer Tochter. „Ich wollte die Blackros darauf wetten— Nota⸗ bene, wenn ich ſie noch hätte— daß Seine Hoheit hier iſt! Etwas in meinem Innern ſagt es mir, und was die Lords betrifft, ſo habe ich ſie den ganzen Nachmit⸗ tag nicht nur geſehen, ſondern auch gehört..., und im Vertrauen geſagt, meine liebe Blenda, ich habe den Prinzen ſchon geſehen.“ „Iſt es möglich?“ „Schl... Gleich, nachdem Du heute Nachmittag hinaufgegangen warſt, erwachte ich.. „Bei einem Geräuſch?“ „Ja davon, daß Jemand die Thür öffnete. Ein Mann mit dem klarſten olivengelben Geſichte und einem 58 7 etwas düſtern, aber doch vornehmen Aeußern ſagte zu mir:„Entſchuldigen Sie, ich ging irr!“ Ich verſtand ihn recht gut, obgleich er halb auf Ruſſiſch radebrechte.“ „Nun ja,“ meinte Blenda,„es mag nun der ruſ⸗ ſiſche Pinz ſein oder nicht, ſo iſt das einerlei.“ „Einerlei?— Nun Du verſtehſt doch auch nie Etwas.. Doch laß uns bis morgen warten!“ Mit dem morgenden Tage aber verſchwanden leider alle myſtiſchen Schleier. Der Capitän, welcher nun endlich verſtand, von welchen Perſonen die Rede war, gab die gewünſchte Erklärung: der ruſſiſche Prinz verwandelte ſich in einen alten finniſchen Offizier, der vom Bade bei Guſtafs⸗ berg zurückkehrte, und die ſtolzen brittiſchen Edelleute, wie man weiß, der Eine in einen Mechanikus und der Andere in einen Brauereivorſteher. Der Stoß ging unſerer romantiſchen Frau geraden Weges in das Herz. Das war denn doch für den Anfang eine allzu⸗ große Widerwärtigkeit! Den Grafen verlor man ſchon in Wenersborg, die engliſchen Lords durften ihre Titel nicht behalten, und von dem ruſſiſchen Prinzen blieb nicht einmal ſo viel übrig, wie ſeine Nationalität. Alſo vier faſt ganz ſichere Ausſichten verloren! Denn würe der Graf länger in Blenda's Geſellſchaft verblieben, oder wären die Andern wirklich geweſen, wofür man ſie gehalten hatte, ſo hätte man ja nicht im Geringſten daran zweifeln können, daß Etwas daraus geworden wäre. Das Aufſehen, welches Blenda erregte, war ja mehr denn auffallend; es wurde zur Genüge beſtätigt durch die eifrige Aufmerkſamkeit der jungen Männer, die auf dem Dampfboote waren. Hierin hatte Frau Emerentia Recht. Es waren vier ſogenannte Löwen an Bord. An der Spitze derſelben ſtand der Lieutenant, der ſich ſchoen einen alten Bekannten nannte. Ihm zunächſt kam ein 59 junger Baron, welcher mit einer ſolchen Maſſe von Familien in der Hauptſtadt bekannt zu ſein behauptete, daß, wenn die gnädige Frau und das Fräulein ihn mit ihrem Vertrauen beehren wollten, er im Stande ſein würde, ihnen unter ſeinen Damenbekanntſchaften mehrere nützliche Protectionen rückſichtlich Stickereien und dergleichen zu verſchaffen. Ferner kam ein dienſt⸗ williger königlicher Secretär,*) welcher ein großer Bewunderer der neuen Kunſtreitergeſellſchaft war und um die Erlaubniß anhielt, dem Fräulein und ihrer ehrwürdigen Frau Mutter Billette zu der erſten Re⸗ präſentation, die nach ihrer gemeinſchaftlichen Ankunft in Stockholm gegeben würde, anbieten zu dürfen. Und endlich war da ein ſuperfeiner Handelsexpedient, welcher tiefer getroffen zu ſein ſchien, als alle Uebrigen, denn er ſupplicirte um die Gunſt, die Damen im Wagen zu den königlichen Luſtſchlöſſern umherführen zu dürfen. Entzückt, ja halb wirr durch ſo viele Triumphe, ſo viele artige und uneigennützige Anerbietungen, die ihnen nicht nur Nutzen, ſondern auch Vergnügen ver⸗ ſprachen, ſtritt Frau Emerentia bei ſich ſelbſt über die Wahl unter den vier Cavalieren, und hätte ſtatt des Handelsexpedienten der Baron den Vorſchlag mit dem Wagen und den königlichen Luſtſchlöſſern gemacht, ſo hätte ſie ſich wahrſcheinlich dafür beſtimmt. Nun aber that ſie ſich das feierliche Gelübde, ſich zu gar nichts zu entſchließen, Keinen auch nur ein Haarbreit aufzu⸗ muntern; denn hatte Blenda auf der Reiſe ſchon vier, oder richtiger fünf, Eroberungen gemacht, was mußte wohl daraus werden, wenn ſie erſt in die Haupt⸗ ſtadt kam! „Nein,“ erklärte Frau Emerentia noch einmal, „wir müſſen freie Hände haben, um bereit zu ſein, —ixʒꝝꝑ— *) unter den Civilbeamten der am wenigſten bedeu⸗ tende Titel. Anm. d. Ueberſ. 60 die Schickungen des Zufalles entgegen zu nehmen!“ Das Wort Schickungen war aber von einem tiefen Seufzer begleitet. Sie konnte es nicht leugnen, daß das Glück betrüglich war: der ruſſiſche Prinz und die engliſchen Lords ſpukten immerwährend in ihrem ſchwa⸗ chen Kopfe. Inzwiſchen hatte der ehrliche Capitän des Dampf⸗ ſchiffes, gemäß ſeiner eigenen Verſicherung, eine wahre Herkulesarbeit, ſeine ſchöne Schutzbefohlene zu bewachen; denn trotz ihrer ungezwungenen Verſicherung, daß ſie eine gehorſame Tochter ſein wollte, merkte man deut⸗ lich, daß ſite allzu geneigt war, auf die Beredtſamkeit der jungen Ciceronen zu lauſchen. Sie konnte auch gar nicht begreifen, daß dieſes etwas Unrechtes war, und ſie würde in ihrer unſchul⸗ digen Unkunde ohne Zweifel die ſchärfſten Anmer⸗ kungen der übrigen Damen über die Freiheit ihres Betragens auf ſich gelenkt haben, hätte nicht der Capi⸗ tän— der wirklich ein väterliches Wohlwollen gegen das junge Mädchen gefaßt hatte, das von der Mutter, die er in Gedanken eine Gans nannte, allzu ſchlecht bewacht wurde— einmal ein gewiſſes kleines Geheim⸗ niß verrathen, welches er zu verſchweigen gelobt hatte. Dieß geſchah an einem Abende bei Berg.*) Blenda, *) Die größte Schleuſenſtation des ganzen Kanales, wo man in der Nähe von Linköping in den See Roren hinabfährt. Hier ſind in einer Entfernung von ¼ Meile fünfzehn Schleuſen, ſieben derſelben unmittelbar hinter einander am See. Die ganze Senkung beträgt 136 Fuß. In der Nähe liegt das ſchöne Gut Brunnby und die Wretakloſter⸗ kirche mit vielen Alterthümern und den Gräbern mmaehrerer ſchwediſcher Lünige und anderer merk⸗ würdiger Perſonen. Während das Dampſſchiff langſam die Schleuſen paſſirt, pflegt man das Alles zu ſehen. Anm. d. Ueberſ. 61 umgeben von allen ihren Herren, welche ſie an's Land führen wollten, zeigte zum erſten Male einen kleinen Grad von Ungeduld über die Vormundſchaft des Capi⸗ täns, als er ihr den Rath ertheilte, ihren gewöhnlichen Begleiter zu erwarten.„Herr Ramsberg“— dieß war der Name des alten Herrn, den der Capitän zu Blen⸗ da's Ehrenwächter gewählt hatte—„Herr Ramsberg,“ ſagte er,„hat ſogleich ſeine Spielpartie beendigt, und dann kommt er herauf!“ „Ich meines Theils,“ ſagte Frau Emerentia,„bleibe eben ſo gerne hier, denn ich ſehe hier eben ſo gut!“ Sie hatte nämlich ihre Herzensluſt an den ſauren Mienen, die ſich bei einer ſolchen Rede auf den Geſich⸗ tern der Herren zeichneten. Inzwiſchen mußte ein Entſchluß gefaßt werden. Die Geſellſchaft ſtieg an's Land, und Blenda blieb zurück, um nachzukommen, ſobald die Spielpartie beendigt wäre. Doch mit einem außerordentlich betrübten Blick folgte ſie mit den Augen den Verſchwindenden. Bald aber bemerkte ſie mit geheimer Freude, daß ihre Herren unaufhörlich ſtehen blieben und alle Uebrigen vorbeipaſſtren ließen. Da— während die Mutter in ihre Hütte hinab eilte, um etwas zu holen— nahte der Capitain unſerm jungen Fräulein, die ihm aber dießmal nicht mit dem gewöhnlichen frohen, anmuthigen Lächeln entgegenkam. „Ich merke, mein Fräulein, daß Sie mich für einen wahren Bären halten; aber ich betheuere, daß ich es gut mit Ihnen meine. Alle dieſe Laffen ſind auf keine Weiſe paſſend, daß Sie dieſelben ſtets als eine Schleppe hinter ſich haben!“ „Aber was thun ſie mir denn zu Leide?“ fragi fe und eine kleine ärgerliche Thräne glänzte in ihrem uge. „Dieß zu erklären, möchte uns jetzt zu weit führen! Genug, Fräulein, Sie haben einen Freund, der Sie mir auf das Höchſte recommandirt hat, und ich werde — ſogar mit Gefahr, Ihnen allzu zudringlich zu erſchei⸗ nen— das Gelübde nicht brechen, das ich dieſer Perſon gab, welche ich nicht einmal kenne, die aber dennoch ganz gewiß ein achtungswerther Mann war.“ „Ein Freund von mir?“ fragte Blenda, und man hätte ſehen ſollen, welcher veränderte Ausdruck jetzt in ihrem Auge ſtrahlte, während ihre ſammetweiche Wange die feine Röthe einer eben gepflückten Pfirſiche wie⸗ dergab. „Ich will mich entſinnen, daß er ſagte, er wäre auf irgend eine Weiſe verwandt mit Ihnen. Wie dem auch ſei, ſo verſprach ich nichts von ihm zu erwähnen — dieſes Gelübde habe ich jetzt gebrochen, theils um Ihnen eine Erklärung über mein eigenes Betragen zu geben, und theils um Ihnen ein Vergnügen zu machen, das vielleicht dieſes mein Betragen weniger unangenehm machen dürfte.“ „Sollte das diejenige Perſon ſein, die.. die...“ „... das Packet und die Blumen brachte— ja, eben er war es ja... doch ſieh, dort kommt Herr Ramsberg! Gehen Sie jetzt an's Land!“ Von dieſem Augenblicke an erſtarb jede Anmerkung, die man über Blenda's Freiheit im Umgange machen konnte. Sie zeigte jetzt bei Weitem nicht mehr die rege Theilnahme wie früher, wenn die jungen Herren ſie umgaben, und zog ſich ſogar bisweilen zurück von ihrer zudringlichen Vertraulichkeit. In verſchämten und ſeligen Träumen dachte ſie dagegen an ihren Ritter von der ſchwarzen Raſe. Wenn auch entfernt, wachte er alſo über ſie, und ſeine ſanfte Warnung übte wiederum ihren Einfluß, einen Einfluß, der um ſo mächtiger war, als ihn nur der Gedanke unterſtützte: Warum ſollte er wachen, wenn er nicht ein Wiederſehen ahnte? —— „=Ghen 63 7. „„Hier bin ich nun! Ich will doch hoffen, daß es keine Gefahr hat!— Es wurde wohl gleich zum Doctor geſchickt?“ Dieſe Worte äußerte eine junge, kaum zwanzig⸗ jährige Dame, indem ſie mit eilfertigen Schritten durch einen kleinen Saal ging, aber doch trotz aller Eile vor dem Spiegel ſtehen blieb, den Hut abnahm und die Haare ordnete. Mit einem Finger auf den Lippen nickte die An⸗ geredete nur. In der Perſon derſelben können wir eines von jenen achtungswerthen Inventarien erkennen, die unter der Rubrik alter Hausmamſellen ſehr oft da⸗ eigentliche Hauptrad in der häuslichen Maſchine ilden. „Nun, meine liebe Debora, was ſagte er?“ fuhr die Dame in einem zwiſchen Neugierde und Unruhe ſchwebenden Tone foͤrt. „Er ſagte, es wäre ein ſehr bedenklicher Anfall, und die alte Frau müßte nach dieſem ſehr vorſichtig ſein... Aber kommt denn der Herr nicht?“ „Er kommt bald nach... es waren einige Per⸗ ſonen im Comptoire bei ihm.... Liebe Debora, das iſt ja ein ſehr trauriger Fall. Ich liebe meine Schwie⸗ germutter ſehr, glaube aber beinahe, es iſt am ſchlimm⸗ ſten, daß er traurige Erinnerungen zurückruft.“ Augenblicklich war Mamſell Debora's Schürzenecke im Augenwinkel. „Das iſt ſehr wahr— und ich, die ich zwanzig Jahre lang in dem Hauſe der Eltern der gnädigen Frau geweſen bin, habe wohl Urſache, meine gute Herrin zu beweinen. Und wäre ſie dem ſeligen Stadtmajor nicht ſo ſchnell gefolgt, ſo wäre ich jetzt gewiß nicht, wo ich bin! Nun, behüte Gott, ich klage nicht: die alte Frau iſt wohl eine ſteife Frau, aber doch auf 64 jeden Fall gerecht und gut.... Wollen nicht die gnä⸗ dige Frau jetzt hineingehen?“ „Kann denn Debora nicht unterlaſſen, mich gninge Frau zu nennen?“. „Behüte mich Gott!— wir nannten ja Ihre Nrar Mutter immer ſo, und übrigens iſt es jetzt ein alge meiner Gebrauch hier in Stockholm, daß die Gattinner der reichen Bürgerſchaft ſich zum Unterſchiede von den andern„gnädig“ nennen laſſen.“ „Gewiß, und ich ſehe auch nicht ein, warun wu nicht ebenſo gnädig ſein können, wie viele Anderelt „Gerade ſo denke ich auch.“ 1 „Mein Mann iſt aber nur ein Leinenkramhändler ohne Titel, während dagegen mein Vater ein Leinen⸗ kramhändler und Stadtmajor war. Noch dazu mag die Schwiegermutter dieſen Gebrauch nicht— das habe ich ſehr wohl bemerkt, und ich will ſie nicht beleidigen ... doch, apropos, ſollten nicht heute dieſe Gänſe aus der Provinz kommen?— Ich geſtehe, ich möchte mich nicht gerne mit dem Auftrage, ſie zu holen, beehren laſſen!“ L⸗ „Sagen Sie aber doch um Alles in der Welt nicht Nein, wenn es in Frage kommt— Herr Patrik iſt gewiß ſo gut...“ „Aber eben Patrik's geſegnete Güte konnte etwas anrichten, dem man am beſten zuvorkommt. Man weiß recht gut, daß ſolche armen Verwandten ein Recht zu haben vermeinen, ſich wie Kriechpflanzen um die Reichen zu ſchlingen. Nein, ich danke,— ich bin ohnehin ſchon von läſtigen Connaiſſancen überlaufen... doch gehen wir jetzt................ Durch ein kleines, ausgezeichnet ordentliches, aber ganz einfach möblirtes Beſuchzimmer trat die junge Frau in die Schlafſtube ihrer Schwiegermutter. Die Thüre, welche bisher halb offen geweſen war, wurde jetzt von Mamſell Debora, welche nachgetrippelt kam, zugemacht. 65 „Will Sie denn, daß ich erſticken ſoll, da Sie die Thüre zumacht?“ fragte eine ärgerliche Stimme vor dem ungeheuren Gardinenbett. Gleich darauf aber äußerte dieſe Stimme in einem etwas gemilderten Tone: „Ach ſo, biſt Du es, meine geliebte Henriette? Wo haſt Du den Patrik?“ „Er wird ſogleich hier ſein— ich aber erſchrack ſo, liebe Mutter, als ich hörte, Du hätteſt einen ſo ernſthaften Anfall von dem furchtbaren Krampf gehabt, vaß ich mir nicht Zeit ließ, auf ihn zu warten.“ „Nun, Du brauchſt wohl nicht zu glauben, daß es ſo ernſtlich gemeint iſt— Du darfſt nicht vor der Zeit die Begräbnißmiene aufſetzen, mein Püppchen!“ „Ach gute Mutter, wie kannſt Du nur ſo reden?“ „So ſieh denn aus wie gewöhnlich— wen trifft nicht einmal eine kleine Unpäßlichkeit? Dieſe iſt nicht ärger, als ich ſchon ſehr oft gehabt habe, kommt aber ſo verdrießlich, weil ich gerade heute meine Schweſter, das Würmchen, erwarte!“ „Darf ich denn nicht bei Dir bleiben, liebe Mut⸗ ter, während Debora auf den Riddarholm*) geht? das Fahrzeug kommt wohl doch erſt am Nachmittage.“ „Großen Dank, meine kleine Frau Zipp! Wenn Du aber Dich für zu gut hältſt, Dich ſelbſt anzutra⸗ gen, um die Schweſter und Schweſtertochter Deiner Schwiegermutter zu holen, ſo kann ich ihnen wohl auch einen Wegweiſer entgegen ſchicken.“ „O, man begreift wohl, wie gut die gnädige Frau es meinten!“ fiel Debora vermittelnd ein. „Gnädige Frau— gnädige Frau?... Wer iſt *) Eine von den Inſeln, auf denen Stockholm ge⸗ baut iſt, in Mälar gelegen, mit dem Hafen der nach Weſten und auch nach Süden durch den Kanal von Södertelge gehenden Dampfſchiffe. . Anm. d. Ueb. Die Romanheldin. 5 66 denn hier gnädige Frau? Das ſoll ich wohl ſein, weil ich zufällig als Fräulein gevoren bin, und weil mein erſter Mann, der ſelige Blücher— obgleich er ſich der Dummheit niemals entſinnen wollte— von deutſchem Adel war. Als ich mich aber zum zweiten Male mit meinem Thorman verheirathete, habe ich kein Wort von einer gnädigen Frau gehört, und möchte auch in meinen alten Tagen dieſe Schelle nicht mehr tragen!“ „Da bekommſt Du denn doch wohl, wenn Johann heirathet, eine Schwiegertochter, die ohne weitere Be⸗ merkung gnädige Frau heißen kann?“ meinte mit leich⸗ tem Zittern im Tone die Erbin, welche dem vergleichs⸗ weiſe unbemittelten Leinenkramhändler ihre Hand ge⸗ reicht hatte. 8 „Warum denn nicht, wenn es ihm beliebt? Doch will ich Dir ſagen, meine kleine Henriette, er iſt allzu vernünftig, als daß er ſich um ſo etwas bekümmert; alſo glaube ich faſt, Du wirſt dem Verdruſſe entgehen, Deine Schwägerin, falls Du eine ſolche jemals be⸗ kommſt, mit Recht oder Unrecht gnädig nennen zu hören.“ Henriette ſchwieg und warf einen verſtohlenen Blick auf die Mamſell Debora, welche verborgen hinter der Gardine allerlei Friedenszeichen machte.. „Mein armer Johann!“ fuhr die ſtrenge Frau fort mit einem Blick auf das gegenüber hängende, in ſeinen Knabenjahren gemalte Portrait ihres Sohnes fort.„es. wäre hart geweſen für mich und auch für ihn, wenn ich davon gegangen wäre, da er im fremden Lande iſt, und jetzt iſt er erſt etwas über einen Monat weg ge⸗ weſen— es dauert lange, ehe das halbe Jahr zu Ende geht.“ „Doch,“ ſagte Henriette, zuf einzuhandeln?“ „Gewiß gehört wohl Zeit dazu, wenn es mit Unter⸗ rieden, voͤn dem vori⸗ gen Gegenſtande abgehen zu können,„kann wohl eine ſo große Zeit dazu gehören, einige Galanteriewaaren— ſcheidung geſchehen ſoll, und ſo, daß man dabei ge⸗ 1 1 b 67 weil winnen kann— da muß man die Gelegenheit abpaſſen. mein Auf jeden Fall hat er ja einige Jahre von dieſer Pa⸗ h der riſer Reiſe geredet, wenn er in Hamburg geweſen iſt.... ſchem Ho, ho! Mein Johann, er ſitzt nicht gerne in Ruhe 4 emit auf ſeinem Baumzweig. Doch im nächſten Monate Wort wird er achtundzwanzig Jahre alt, und wenn die männ⸗ ch 5 lichen Jahre kommen, ſo kommt wohl auch der rechte gen Verſtand.“ hann„Nun, wer hat wohl Verſtand, wenn nicht Jo⸗ eBe⸗ hann!— Ich glaube nicht, daß bloß die drei Jahre, leich⸗ die er vor Patrik voraus hat, die Urſache ſind, daß...“ eichs⸗„St, meine Tochter! Eine Gattin weiß nichts d ge⸗ davon, daß irgend Jemand verſtändiger iſt, als ihr Mann, beſonders“— fuhr ſie mit kurzem Flüſtern Doch fort, und jagte mit demſelben das Blut in Henriette's allzu Wangen hinauf—„beſonders wenn es von Leuten mert; 3 geſagt iſt, die nicht beſſer wiſſen, als daß ſie lieber gehen, einen Andern genommen hätte, als den Gott ihr be⸗ s be⸗ ſcheert hat.“ dren.„Es iſt Zeit zum Einnehmen, gute Frau,“ fiel Blick Mamſell Debora ein. Mit dieſen Worten ſteuerte ſie er der zwiſchen der Schwiegermutter und Schwiegertochter 3 hindurch, und riß mit gutgemeinter Heftigkeit ein 1 fort Pulver an ſich. ſeinen Sie irrt ſich gewiß, meine liebe Debora! Ich t.„es. ſehe zwar die Uhr nicht, aber dennoch weiß ich beſſer, wenn wie es an der Zeit iſt— aber ich bin auch, Gott ſei de iſt, Lob und Dank, von je her an Ordnung gewöhnt ge⸗ :g ge⸗ weſen.“ hr zu(Es fehlen wahrbaftig noch zehn Minuten... Jetzt 1 aber klingelt es— gewiß kommt Herr Patrik!“ dori⸗⸗ Und einige Minuten ſpäter war die Geſellſchaft im teine Krankenzimmer verſtärkt durch einen jungen Mann von aaren fuͤnundzwanzig Jahren, der mit der ruhigen und zuperläſſigen Herzlichkeit einer Perſon von ſtillem Cha⸗ Inter⸗ akter und ſtillen Gewohnheiten an das Veit trat und 68 mit einem Handkuſſe ſeine Mutter begrüßte, eine Lie⸗ besbezeigung, die er immer darbrachte, wenn er kam und wenn er ging, oder nach der Mahlzeit; doch ſah man ſehr wohl, daß es nichts mehr und nichts weniger war, als die dem Knaben eingeübte Gewohnheit. „O Gott ſei gelobt und gedankt, liebe Mutter, es hat keine Gefahr mit Dir— das ſehe ich gleich!“ „Ja, Du weißt gewiß, Du, wie gefährlich es iſt!“ antwortete die reizbare Frau, die nun eben ſo verdrießlich zu ſein ſchien über die angemaßten Troſt⸗ gründe des Sohnes, als vor Kurzem über die Beileids⸗ bezeigungen der Schwiegertochter.„Du glaubſt wohl, ich könnte in alle Ewigkeit leben? Aber Du biſt nicht gewohnt, ein Haarbreit weiter zu denken, als die Naſe reicht!“ „So, nun geht's los! Soll es mir nun übel er⸗ gehen, liebe Mutter, weil ich wünſche, Du möchteſt in alle Ewigkeit leben, oder wenigſtens ſo lange Du willſt und vermagſt?— Und warum ſollte das nicht noch lange dauern, da Du noch nicht fünfzig Jahre alt biſt?“ „Mein lieber Patrik, wenn Du mit dem Alter Deiner Mutter nicht beſſer Beſcheid weißt, ſo halte ich es für klüger, daß Du es bleiben läßt, darüber zu reden— ich war ja im Frühlinge zweiundfünfzig... Debora, das Pulver!... immer vergißt Sie ſich!... Meine Bruſt iſt ſo ſchwer!“ „Du fuhrſt von mir hinweg!“ ſagte der unver⸗ mählte Mann flüſternd zu ſeiner Frau.„Ich dachte, ich wollte mit Dir fahren!“ „Pfui, das iſt ein bitteres Satanszeug!... Ach ſo, ſie fuhr Dir weg? Hatte denn die junge Frau ſo große Eile? Daran war wohl die neue Droſchke Schuld, die probirt werden ſollte?“ „Ich wollte ja ſchnell hier ſein, liebe Mutter!“ „Ich aber hätte es lieber geſehen, mein Püppchen, wenn Du auf Deinen Mann gewartet hätteſt. Da man ——— 69 nun doch einmal ſo groß lebt, daß Pferd und Wagen gehalten werden, ſo wäre es wohl nicht aus dem Wege, wenn Herr und Frau den Staat gemeinſchaft⸗ lich genöſſen!“. „Nun, liebe Mutter,“ vermittelte Patrik, es liegt ja nichts Böſes darin, daß man ſich ein Vergnügen bereitet, wenn man es nicht mit anderer Leute Geld bezahlt. Und ich nehme wohl auch einmal die Droſchke allein, ſo iſt das quitt.“ „Ja, es iſt nicht ſchwer, mit Dir quitt zu ſpie⸗ len, mein guter Patrik!“ „Das iſt es wohl auch mit mir nicht, will ich hoffen?“ fiel Henriette inſinuirend ein. Frau Regine Sophie ſchien nicht zu hören, viel⸗ leicht zwangen ſie auch die Schmerzen, den Mund zu ſchließen, und dieſe Schmerzen waren wirklich ärger, als ſie geſtehen wollte; denn ſie hatte es ſich ſo zu ſagen vorgenommen, den Tod zu bekämpfen, bis ihr Liebling, ihr Herzens⸗Johann, nach Hauſe käme. Man würde jedoch irren, wenn man glauben wollte, daß dieſer Liebling von den mütterlichen Anmerkungen befreit war— im Gegentheil war er mehr als irgend ein Anderer der Tyrannei ausgeſetzt, die in ihrer Liebe lag. Zu dem Charakter dieſer im Grunde rechtlichen und achtungswürdigen Frau gehörte ein angebornes Bedürfniß zu keifen, welches, wenn ſie von Krämpfen gepeinigt war, ſich gewöhnlich bis in das Extrem ſteigerte. Das Merkwurdigſte war aber hiebei, daß ſie mitten in der Fahrt ihres Gekeifes abbrechen und um⸗ werfen konnte, ſobald ſie glaubte, der Gegenſtand, den ſie ſich auserſehen hatte, würde von einer andern Seite angegriffen. Ihre zärtlichſten Gefühle waren zuſammengefaßt in folgenden drei Hauptſtücken: ſie vergötterte ihren älteſten Sohn, war dem zweiten von Herzen zugethan, hielt ſich aber gegen ihre Schwiegertochter auf der Seite 70 der Defenſive, obgleich ſie dieſelbe für einen ihrer Söhne ſelbſt auserſehen hatte— es war Johann's eigene Schuld, daß Patrik die fünfzigtauſend Reichsthaler Banco der ſchönen Henriette in ſein Geſchäft legen konnte. „Liebe Mutter! willſt Du vielleicht ein wenig ſchlafen? Du könnteſt es wohl nöthig haben!“ erdrei⸗ ſtete ſich der Sohn, das Schweigen zu unterbrechen. „Ich werde ſchon ſchlafen, Du, wenn ich ſchläfrig werde! Ich hatte gute Ruhe in der letzten Nacht— denn dieſer Anfall kam erſt gegen Morgen... Aber ich dachte an meine Schweſter. Du wirſt Dich wohl dort unten aufhalten müſſen, mein guter Patrik: ich will nicht, daß ſie auf eine Irrſtraße gerathen ſoll, die Arme, welcher ich ſelbſt gerathen habe, herzukommen.“ „und ich verſaͤume den Auftrag nicht, Mutter, verlaß Dich darauf! Die armen Frauenzimmer, es wäre ſehr hart, wenn ſie, von denen auf dem ganzen Dampfboote gewiß keine Seele Notiz genommen hat, auch bei ihrer Ankunft kein freundliches Geſicht zu ſehen bekämen. Aber ich will ſie tröſten mit der Ver⸗ ſicherung, daß ſie hier gute Couſins haben!“ „Vielleicht wird es Dir aber ſchwer, von Deinen Geſchäften abzukommen?“ wendete Henriette ein.„In dieſem Falle dürfte ich...“ „O nein, meine Schwiegertochter, mache Dir nicht die große Beſchwerde! Es wird das Beſte ſein, wenn Du, wie Du mir heute erboteſt, bei mir bleibſt, bis Patrik zurückkommt!“ „Wie Du beſiehlſt, liebe Mutter!“ Als aber der Mann ging, ſo folgte ihm die Frau — wahrſcheinlich aus Artigkeit— in den Saal hin⸗ aus; und hier hieß es vertraulich unter vier Augen: „Du wiſt doch wohl nicht vergeſſen, daß ich keine Couſine erwarte?“ „Was meinſt Du?“ „Daß wir ohnehin ſchon Troß genug um uns ha⸗ ben, und daß es genug iſt, wenn der Mamſell Petters⸗ ſon der ten bei Ver hoch jung auck wie wie Abe und Dei her kom die gert gan um kon wa⸗ hör 71 ſon— der ich Alles zugedacht habe— der größte Theil der Leinwandnähterei abgenommen wird, um ſie Leu⸗ ten zu geben, die man gar nicht kennt... Doch da⸗ bei wird es wenigſtens ſtehen bleiben!“ „Nun, nun, meine Liebe, ich kann doch wohl die Verwandtſchaft nicht verläugnen?— Du darfſt nicht hochmüthig ſein, meine Jettchen!“. Mit einer Miene voller Ungeduld runzelte die junge Frau ihre Augenbraunen.„Wie konnte ich mir auch nur einbilden, daß Du eben ſo denken ſollteſt wie ich?“ „Das thue ich gewiß— ſollte ich nicht denken wie Du, wenn Du ſo artig biſt und ſo artig denkſt? Aber ſiehſt Du, es iſt ſo daß...“* „Adieu, mein Lieber! Ich habe nichts über Dich und Dein Benehmen zu ſagen: Du herrſcheſt über Deine Handlungen und über Deinen Laden, ich aber herrſche über mein Haus— und dahin, verſtehſt Du, kommt kein Anderer, als den ich ſehen will!“ Und mit einen ſpöttiſchen Kopfnicken verſchwand die junge Dame. Einen Augenblick ſtand der Ehemann mit verlän⸗ gertem Geſichte da und ſah ihr nach. Darauf ſagte er ganz philoſophiſch: „Sie läßt ſchon mit ſich dingen!“ 8. Am Nachmittage befand Frau Regine Sophie ſich um Vieles beſſer, ſo daß ſie im Bette aufrecht ſitzen konnte. Aber ſie wurde ungeduldig, als der Thee fertig war, und die Reiſenden immer noch nichts von ſich hören ließen. 8 4 72 Endlich vernahm man die Ringglocke im Vorzimmer. „Schnell, Debora— ſchnell, ſchnell!... O, Herr Gott, bald ſind es dreißig Jahre, ſeitdem Emerentia und ich uns geſehen haben! Nun, nun, ich erkenne die Stimme ja doch noch... ja, ſie iſt's!“ Und Frau Emerentia war diejenige, welche, von Blendn begleitet, in das Zimmer getrippelt kam. Jetzt konnte wohl nichts natürlicher ſein, als daß die romantiſche Schweſter ſich mit einer Sturzſee von Thränen über die durch und durch proſaiſche herſtürzte; aber eben ſo natürlich war es auch, daß dieſe mit ihrer eigenthümlichen kurzen Weiſe alle Romantik abhieb. „Nun, nun, nur ſachte! wir ſind ja alte Leute! Behüte Gott, meinſt Du, es iſt ein Unglück, daß Du mich wieder ſiehſt, da Du das Weinen nicht laſſen kannſt?“ „Ich bin ja ſo froh, und doch auch wieder ſo traurig!“ ſchluchzte Frau Emerentia.„Ich kann es gar nicht begreifen, wie es ſich ſo übel treffen konnte, daß Du gerade heute krank werden mußteſt, als ob ich Unglück mit mir über das Haus brächte.“ „Ach, Du armes Ding biſt noch eben ſo närriſch wie in Deiner Jugend! BAber, Herr Gott, wie mager und dürr biſt Du geworden! Ja, anders ſahſt Du aus, als wir in Göteborg von einander ſchieden.“ „Ja, das magſt Du wohl ſagen! Damals war die frohe Zeit, als Tante Tena Dir und Deinem Blücher die Hochzeit beſorgt hatte. Darauf reiſ'teſt Du mit Deinem Manne auf ſeinem Schiff nach Stock⸗ holm, und ſo...“ „Still, ſtill! das Alles entſchwand wie ein Traum... Der arme Blücher— ehe das Jahr um war, hatte das Glück ſich gewendet, und er war mit Schiff und Mann⸗ ſchaft zu Grunde gegangen. Gott tröſte mich vor die⸗ ſer Zeit!“ 1 Und bei der bittern Erinnerung an ihren einzigen kurzen Jugendtraum mußte die ſtarke Frau Regine ———-—2 azigen tegine 73 Sophie ihre Augen hergeben. Bald aber faßte ſie ſich mit gewohnter Mannhaftigkeit, ſchob die Schweſter bei Seite und ſagte, ſie wollte ſich nun die Schweſtertoch⸗ ter beſehen. Blenda war inzwiſchen von oben bis unten genug beſehen worden von Henriette, welche ſtolz und ſtattlich am Fenſter ſaß und von dort herab mit ihrem ſtolzen Blick die arme Verwandte in den Staub hinabdrücken zu wollen ſchien. „So— das iſt alſo das Ding von Mädchen?.. Komm her, mein Herz— ſei nicht blöde: ich eſſe Dich nicht!“ eeeen Blenda konnte es aber nicht ändern, daß ſie zum erſten Mal in ihrem Leben von wirklicher Blödigkeit befallen wurde. Der kurze, herbe Ton der alten Frau, ihre ſonder⸗ bare Art, bei dem Wiederſehen einer ſeit dreißig Jah⸗ ren nicht geſehenen Schweſter ihre Gefühle auszudrücken, verſteinerten Blenda, und ſie war nur im Stande, mit einer demuthsvollen Verneigung die barſche Tante zu begrüßen, deren Hand ihre zitternden Lippen zu gleicher Zeit berührten. „Welch ein Schäfchen von Dirne!“ rief Frau Re⸗ gine Sophie in einem Tone aus, der ſehr gut gemeint war...„Und nun glaube ich, ſie will mir auch noch ein Douchebad geben.... Herzensfreunde, pfeift Ihr ſo viel in dem alten Weſtergötland?— Das iſt eine recht häßliche Gewohnheit!“ „Liebes Kind!“ flüſterte Frau Emerentia ihrer Tochter in's Ohr,„ſei nicht ſo linkiſch und kindiſch! die Tante ſieht Courage gerne. Du warſt ja unter⸗ wegs nicht ſo ganz ſchüchtern!“ „Ich bitte um Verzeihung!...“ ſtotterte Blenda, indem ſie mitz einiger Bemühung ihre ſanften Augen zu den ehrlichen, aber ſcharfen Zügen der Tante Re⸗ gine emporhob.. „Ein kleiner Fehler iſt leicht verziehen! Doch darſſt . 88 74 Du nicht ſo viel weinen, wenn Du gut bei mir ſtehen willſt!... Sieh ſo, jetzt iſt ja Alles gut!“ Und die werthe Frau beliebte mit ihrem eigenen Schnupf⸗ tabakstaſchentuche die Thränen von Blenda's Wange abzuwiſchen, und darauf mit großem Wohlgefallen das liebliche Geſicht des Mädchens zu betrachten. Während dieſer Art von Revue hielt die Frau von Kühlen ihre Augen feſt auf die Schweſter gerichtet: ſie zitterte vor Furcht, diejenige, von welcher ihr Schick⸗ ſal großentheils abhing, möchte nicht zufrieden ſein. Dh war ſie völlig beruhigt, als ſie Folgendes ver⸗ nahm: „Da ſehe man nur— unſer Herrgott hat keine Schande: geſund, wohlgebildet und hübſch wie eine friſch entfaltete Blume!... Wende Dich jetzt um, ſo will ich Dir Deine Couſine Hortenſe, meine Schwie⸗ tochter, zeigen!“ Bei dieſen Worten erhob ſich die vornehme Frau des Leinenkramhändlers langſam von ihrem Stuhle am Fenſter, und nahte mit einer Miene der Herablaſſung zuerſt der Frau von Kühlen, und darauf Blenda, wel⸗ cher ſie ein paar Fingerſpitzen reichte, indem ſie lä⸗ chelnd ſagte:. „Willkommen in Stockholm, meine Kleine! Ich recommandire mich ſelbſt als Kunde bei der geſchickten Nähterin, denn ich habe eine ganze Menge von Sachen, die ich genäht haben will.“.* Aber man hätte ſehen ſollen, welche Augen die Schwiegermutter auf die ſteife Schwiegertochter warf! „Erſt recommandire Dich als eine Verwandte, mein Püppchen— das paßt meines Erachtens beſſer! denn was die Kunden betrifft, ſo kann ich ſolche ſelbſt ſchaffen... Nun, meine liebe Emerentia, willſt Du nicht die Frau Deines Schweſterſohnes mit einer Umarmung beehren?. So... ſo ſoll's ſein!... Jetzt kommt die Reihe an die kleine Blenda— Ihr könnt Euch wohl huͤbſch als Schweſtern küſſen!“ 75 Mit einem zärtlichen und innig bittenden Blick ſah Blenda hinauf zu ihrer unbekannten Anverwandten; doch wenn dieſe ſich auch nicht dem Scepter ihrer deſpo⸗ tiſchen Schwiegermutter zu entziehen wagte, ſo konnte ſie wenigſtens nichts abhalten, eine wirklich auf⸗ fallende Nachläſſigkeit in die Art und Weiſe zu legen, womit ſie den blöden und verſchämten Gruß ihrer auf⸗ gedrungenen Couſine erwiederte. „Gut, gut!“ murmelte Frau Regine Sophie, und warf einen vielſagenden Blick auf ihre Schwieger⸗ tochter..„Jetzt aber ſetzt Euch, meine Freunde, und thut, als wäret Ihr zu Hauſe! Ich ſehe es nicht gerne, wenn die Leute ausſehen, als wüßten ſie nicht, ob ſie ſtehen oder gehen ſollen... Und Du, Debora, hole den Thee, damit die gnädige Frau hernach heimfahren kann... Doch, wo iſt denn mein Sohn?— Kam er nicht mit Euch herein?“ „Hier bin ich, Mutter! Ich mußte nur den Mieth⸗ kutſcher wegſchicken.“ „So, Du nahmſt einen Wagen?— Nun dießmal war das nicht dumm... Mußtet Ihr auf Patrik warten, oder kam er zu rechter Zeit?“ „Nein, behüte,“ verſicherte Frau Emerentia,„wir brauchten gar nicht zu warten!“ „Und hätte die Tante auch wirklich warten müſſen, ſo wäre das gewiß gar nicht bemerkt worden,“ fiel Patrik lachend ein; denn Du ſollſt wiſſen, liebe Mut⸗ ter, daß ich kaum zu den Damen vordringen konnte, ſo ſehr waren ſie von Herren umgeben, und alle wett⸗ eiferten mit artigen Anerbietungen— ich glaube mei⸗ ner Seele, ſie hätten ſich gerne ſelbſt vor den Wagen der kleinen Couſine Blenda geſpannt!“ Bei dieſer Nachricht ſah man einen ſehr verſchie⸗ denen Ausdruck in den Augen der anweſenden Damen: aus denen der Frau Emerentia leuchtete der offenbare Triumph ihrer mütterlichen Eitelkeit, aus Henrietten's ein mit Neid gemiſchtes unermeßliches Erſtaunen, und in 76 denen der Tante Regine Sophie Schrecken und ein keinesweges verborgener Aerger. „Was hat das zu bedeuten?“ fragte die zuletzt Genannte, und der Ton glich dem Brauſen eines in der Ferne gehörten Sturmes.„Biſt Du von der Wolle, mein Kind? haſt Du ſolche Anlagen?“ „Liebe Regine Sophie, wirf keinen Verdacht auf das Kind!“ unterbrach Frau Emerentia, indem ſie ſich heldenmüthig für ihren Augapfel aufopferte. „Still Du, Schweſter, und laß ſie ſelbſt ant⸗ worten! Sie iſt ſchon ſo alt, daß ſie Sprache im Munde hat.... Sieh mir gerade in die Augen, Du kleine Schlange, und antworte mir, aber ohne Umwege, hörſt Du! auf die Frage: macht es Dir viel Vergnü⸗ gen, mit jungen Herren in Geſellſchaft zu ſein?“ „Ja, liebe Tante, das thut es gewiß!“ Bei dieſem offenherzigen Geſtändniſſe fiel Henriette in ein ſo heftiges Gelächter, daß ihre Schwiegermutter ſie mit einem zornigen Blicke fragte, ob ſie Convulſionen bekommen hätte. Darauf ſagte die ſtrenge Matrone, welche wirklich einige Zeit brauchte, um ſich ein wenig nach Blenda's Antwort zu erholen:„Kein Menſch kann Dich der Falſchheit beſchuldigen, und das iſt wenigſtens ſehr gut; willſt Du aber unter meinem Schutze ſtehen, ſo mußt Du ohne dergleichen Vergnügen ſein... Deine artigen Herren werden ſich gewiß angetragen haben, herzukom⸗ men, um nachzuſehen, wie Du Dich in Deiner neuen Heimath befindeſt?“ Blenda's erröthende Wangen gaben die Antwort, mit welcher ſie ſelbſt nicht hervorzukommen wagte. „Ja, ich danke! ich merke, wie es ſteht! Und Du, Emerentia, haſt Du einwilligen können?...“ „Ach, Herr Gott, ich habe weder Ja noch Nein geſagt! Aber es war ſo, daß die Rede davon war, uns die königlichen Luſtſchlöſſer zu zeigen, und der Baron T— ſwärd war ſo ausnahmend artig, daß er 2 4„ K 4 1 4 ette tter dnen klich da's der gut; nußt igen om⸗ euen vort, Du, Nein war, der ß er 77 Blenda bei einer Menge von vornehmen Damen, von denen er beſtimmt wußte, daß ſie Stickereien zu geben hätten, recommandiren wollte.“ „Daß ſich Gott erbarme, wie einfältig Du doch biſt, daß Du dem Mädchen erlaubſt, dergleichen Offerte anzunehmen! Sie ſoll Leinwand für Patrik's Laden nähen; und was die königlichen Luſtſchlöſſer anbetrifft, ſo kann ſie dieſe wohl auch mit der Zeit zu ſehen be⸗ kommen, ohne daß ſolche Stutzer ſich dazu abmühen.“ „Aber ich verſichere Dich, liebe, beſte Regine Sophie, ſie waren ſäͤmmtlich junge Männer von guter Erziehung und ehrenhafter Geſinnung! Und ich bin wohl ſelbſt nicht ſo ganz ohne Erfahrung und Verſtand, daß ich nicht zu unterſcheiden weiß, was anſtaͤndig iſt und was nicht.“ Es ließ ſich nicht verkennen, daß ſich in dieſer Vertheidigung der Frau Emerentia ein gereiztes und verletztes Gefühl Luft machte; doch die Schweſter, weit entfernt, darauf zu hören, wendete ſich kurzweg an Mamſell Debora, welche jetzt mit dem Thee eintrat: „Mamſell, ein Wort ſo gut wie zwei: kommen hier junge Herren und fragen nach der Frau von Kühlen und dieſem jungen Fräulein, ſo werden ſie mit dem Beſcheid hinweggeſchickt, daß die Damen keine Beſuche annehmen! Und nun kein Wort mehr darüber! ... Schenke Thee ein!“ Nachdem dieſe Befehle von der in ihrer Familie und beſonders in ihrem Hauſe eigenmächtig regieren⸗ den alten Frau ausgegangen waren, entſtand ein unter⸗ thäniges Schweigen in dem ganzen Kreiſe, und dieſes Schweigen wurde nicht unterbrochen, ſo lange die Thee⸗ taſſen raſſelten, ſobald aber dieſe wieder auf den Prä⸗ ſentirteller gekommen waren, begann Henriette den Shawl feſter um ſich zu ziehen; und Patrik vermuthete, daß die Mutter jetzt vielleicht mit den neuangekommenen Verwandten allein zu ſein wünſchte. „Jetzt habe ich das Bedürfniß, ganz allein zu 78 ſein. Debora ſoll meine Schweſter und das Kind ſogleich in ihr Zimmer führen, damit ſie ſich die Sachen anſehen können! Morgen ruhen ſie aus, übermorgen aber kannſt Du den Shirting ſchicken, Patrik!“ Jetzt brachen Alle auf.— Beim Abſchiede hoffte Henriette, ſie würde die Mutter morgen wieder hergeſtellt antreffen, dieſe aber antwortete ſauerſüß: „Darnach magſt Du Dich erkundigen laſſen— ich will Dich nicht länger von Deiner Sommerwohnung abhalten... Lebt nun wohl!... Bin ich am Sonntag geſund, ſo könnt Ihr bei mir zu Mittag eſſen!“ .* 3 * Als Frau von Kühlen, nachdem Mamſell Debora hinweggegangen war, ſich mit ihrer Tochter allein be⸗ fand in dem großen und recht netten Zimmer, das ihnen angewieſen worden, war die erſte Bewegung Beider, ſich einander in die Arme zu werfen. „Urtheile nicht nach dem Anfange, mein Kind!“ tröſtete die Mutter, deren eigenes, ſonſt an Troſt ſo reiches Herz jetzt ziemlich ſchwer war. „O wie närriſch waren unſere Luftſchlöſſer!“ flüſterte Blenda.„Hier werden wir gleichſam Gefangene!“ O nein, meine Kleine, das darfſt Du nicht glau⸗ 77 ben— ſo arg wird es nicht!“ „So ſieh doch zum Fenſter hinaus— die große düſtere Mauer verſperrt ja alle Ausſicht: wir ſehen ja nicht einmal einen Fleck vom Himmel!“ „Liebes Kind, wir wiſſen ja doch, wie er ausſieht, und haben ihn ohnedieß im Herzen, wenn wir Muth und Hoffnung haben.“ „Das können wir aber nicht, liebe Mutter!... Sage mir auf Dein Gewiſſen, ob Du es in dieſem Augenblicke haſt!“. 79 „Das habe ich gewiß! Die arme Schweſter Regine Sophie war krank, und hat überdieß immer ihren eigenen ſelbſtherrſchenden Charakter gehabt; daß ſie inzwiſchen unſer Wohl will, das verſichere ich heilig! Und Patrik— das ſahſt Du ſelbſt, ob er nicht gut und ehrenhaft war, da er uns in einem ſolchen Wagen fahren ließ!“ „Der Couſin Patrik iſt recht gut, ich habe nichts gegen ihn, denn wenn er auch gerade nichts Imponi⸗ rendes hat und ſich auch nicht zu benehmen weiß, ſo hat er doch wenigſtens Herz. Doch ſeine Frau— ich weiß nicht, warum ſie mich ſo ſonderbar anſah und mich behandelte, als wenn... ich kann nicht ſagen, wie; aber es peinigt mich ſehr.“ „O, das wird ſchon gut werden, meine Kleine! Wenn ſie auch ein wenig ſtolz iſt, ſo gehört das viel⸗ leicht zu der Weiſe der Stockholmerinnen.„ und bunn gab Regine Sophie ihr auch gute Zurechtwei⸗ ungen.“ „Das eben war das Schlimme— welch ein lang⸗ weiliges häusliches Leben, wenn man hört, daß die Schwiegermutter die Schwiegertochter ſo anfährt!... ja ja, das ſcheint ſie übrigens bei Allen zu thun, und die Summe von Allem iſt: wenn mein Wunſch etwas auszurichten vermöchte, ſo würde ich von Herzen wün⸗ ſchen, morgen früh in unſerm alten Hauſe wieder zu erwachen!“ „Und damit verlöreſt Du auch das Andenken an die Reiſe, die Dir ſo vieles Vergnügen gemacht hat, und das Andenken an den Nachmittag in Wenersborg, das wohl ebenfalls einigen Werth hat.“ „Ach ja“— Blenda's Augen begannen wieder zu glänzen—„dieſer Nachmittag war das Beſte, denn ihm habe ich das einzige Vergnügen zu verdanken, das ich hier haben werde!“ Sie zeigte auf das Bücher⸗ packet. „Und ich bin überzeugt,“ ermunterte Frau Emerentia, 80⁰ welche die Wolken ſo gerne von der Stirne der Tochter verjagen wollte,„ich bin überzeugt, der Graf wird nächſter Tage nach Stockholm kommen, und ihn, der ein ſo würdiges und vornehmes Ausſehen hat, wagen ſie nicht auszuſchließen; denn derjenige wäre blind, welcher glauben könnte, daß er es nicht ehrlich meinte, wie meine Schweſter— unter uns geſagt— vielleicht nicht ſo ganz ohne Grund ſich von den vier Andern einbildet.“ „Ich frage nach ihnen auch nicht viel!“ meinte Blenda, deren ſämmtliche Gedanken ſich von den Büchern auf den freundlichen Geber und auf die Unterredung, die ſte mit ihm gehabt hatte, lenkten— und hier kam ihr ſo glücklich der von wirklicher Theilnahme zeugende Rath, welchen er ihr beim Abſchiede gab, in den Sinn: „Erwiedern Sie nicht allzu offenherzig die Dienſtfer⸗ tigkeit und die Artigkeit, die Ihnen ganz gewiß bald erboten werden! Wenn man jung, und vor allen Din⸗ gen wenn man ſchön und ohne männlichen Schutz iſt, ſo muß man ein wenig mißtrauiſch ſein.“ Die Mutter lächelte.„Ich bin zufrieden, ſo wie es iſt!“ ſagte ſie.„Jetzt gleichſt Du ganz der im Thurm eingeſchloſſenen Prinzeſſin, und meine Schweſter iſt der Drache, gegen den alle Kämpen fechten müſſen, welche die verborgene Schönheit zu ſchauen wünſchen.“ „Nun, ſo muß ich wohl auch zufrieden ſein!“ fiel Blenda ein, deren von Natur leichter und elaſtiſcher Sinn bei dieſen Troſtgründen dem düſtern Eindrucke, den ſie erhalten hatte, nicht länger nachgeben konnte. „Aber ich bin überzeugt,“ fuhr ſie läͤchelnd fort,„Nie⸗ mand beſtegt den Drachen, und ich bleibe in dem Thurme, bis der Tod oder auch— mein Ritter mich befreit.“ „So ſoll's ſein!... Laß uns nun ohne mißmu⸗ thige Gefühle um uns blicken, ſo werden wir es ſchon gut finden!... Welch ein ſchöner Sopha, Du... echter Bombaſſin zum Ueberzug... und eine polirte Commode mit einem Spiegel darauf— ja, ich denke, — 81 Du Kleine!... Und ein Nähtiſch! die gute Regine Sophie! das war recht freundſchaftlich— und hier in Stockholm iſt Alles ſo theuer!“ „Auf jeden Fall aber iſt es hier düſter und ſchwer. Und dann dieſe großen Häuſermaſſen, dieſe endloſen Straßen— Alles mit einander iſt ängſtlich!“ „Und dennoch warſt Du wie wahnſinnig vor Ent⸗ zücken, da Du die Stadt zuerſt erblickteſt!“ „Ja, damals ſtand ich auf dem Dampfboote, und von dort aus war ſie ſo ſchön, daß ich noch einmal wahnſinnig werden könnte, wenn ich den Anblick noch einmal hätte. Kommt man aber erſt in die Stadt, ſo iſt es nicht länger ſo— einzig und allein das Geräuſch in den Straßen macht Einen ja ganz taub.“ „Du fühlſt Dich mit Allem zufrieden, Kleine, wenn Du Dich erſt daran gewöhnſt und, wie meine ſelige Großmutter zu ſagen pflegte, etwas warm in den Kleidern wirſt... und laß uns nun die Sachen hervorſuchen, damit die gute Mamſell, wenn ſie zurück⸗ kommt, nichts davon merkt, daß wir hier ſo geklagt haben, ſondern daß wir zufrieden und dankbar ſind— denn verlaß Dich darauf: meine Schweſter wird ſich ganz gewiß darnach erkundigen!“ 9. Man konnte es faſt für ein Glück in den neuen häuslichen Zuſtänden halten, daß das viele Geplauder und die großen Anſtrengungen die Kräfte der ſtrengen Hausmutter ſo angegriffen hatten, daß ſie ſich am fol⸗ genden Tage in einem Zuſtande großer Ermattung befand, welcher Umſtand ſie materiell zwang, weder ſich ſelbſt noch auch Andere zu tyrannifiren. Die Romanheldin. ö 8² Die Veränderung öffnete augenblicklich Blenda's mitleidsvolles Herz. Als ſie darauf— während ſie ſtill und ohne Ge⸗ räuſch, aber ſanft und klug ihrer kranken Tante auf⸗ wartete— ſich des einen und des andern faſt zärtlichen Blickes zu erfreuen hatte, war ſie bald ganz verſöhnt. Und als ſie noch dazu, ehe Tante Regine Sophie ihre gewöhnlichen Kräfte wieder gewann, von der Manſell Debora erfuhr, wie gut, trotz ihres ſtörriſchen Charak⸗ ters und Weſens, dieſe Tante war, wie viel Gutes ſie im Stillen ſo vielen Bedrängten that, obgleich Niemand es wagte, ihr zu danken, da beſchloß Blenda, ſich mit aller Geduld der Leitung ihrer Beſchützerin zu unter⸗ werfen, überzeugt, es würde ihr durch Nachgiebigkeit, Fleiß und Freundlichkeit gelingen, dieſe zu ihren Gun⸗ ſten einzunehmen. Und das gelang ihr denn auch in der That. In den erſten vierzehn Tagen mußte Blenda unten ſitzen, um, wie es hieß, ihrer Tante während ihrer Geneſung Geſellſchaft zu leiſten, eigentlich aber aus dem Grunde, damit Tante Regine Sophie Gelegenheit hätte, ſelbſt zwei wichtige Dinge zu prüfen: erſtlich, wie ſchnell und vor Allem wie anhaltend Blenda die Nadel führen könnte, und zweitens wie geduldig und biegſam ihr Charakter ſei, was ſehr leicht zu erforſchen war, denn in dieſer ganzen Prüfungszeit kam ſie nicht weiter, als in den Garten der Tante gleich nebenan, und dahin ging nicht ihre Mutter mit—„auf dieſe Gans,“ dachte unſere Tante,„verlaſſe ich mich nicht“— ſondern Mamſell Debora, welche den ausdrücklichen Be⸗ fehl erhalten hatte, die Augen offen zu halten, damit keine„Baſiliskenblicke oder ſüße Mienen“ durch das Geländer geſchmuggelt werden könnten. Blenda, welche Nichts davon ahnte, daß ſie gewiſſe Feuerproben durchmachte', auch Nichts davon, daß drei Billette an ſie und ihre Mutter conſiscirt worden, nach⸗ dem zuvor verſchiedene Beſuche abgewieſen waren, — 4 . 83 wunderte ſich in ihrem Herzen, daß keiner von den vier artigen Reiſegefährten Etwas von ſich hören ließ; und da ſie zufolge deſſen keine Vergnügungen zu ent⸗ behren hatte, ſo zeigte ſie ſich höchſt dankbar für das eine, welches ihr geſtattet wurde, nämlich an jedem Abende eine oder anderthalb Stunden unter der Sy⸗ ringenhecke in dem Garten der Tante ſitzen zu dürfen, woſelbſt es ihr angenehmſtes Vergnügen war, in einem ihrer theuren Bücher zu leſen, oder an ihn zu denken, der von allen ihren Erinnerungen ihr am klarſten vor⸗ ſchwebte. * x** „Ich bin recht zufrieden mit Deiner Tochter, meine liebe Emerentia!“ Mit dieſen Worten beliebte Frau Regine Sophie das Geſpräch zu eröffnen, als ſie eines Tages zum erſten Male ihre Schweſter auf dem Zimmer derſelben beſuchte, woſelbſt dieſe ganz eifrig beſchäftigt war, Morgenröcke für den Laden des Couſin Patrik zu wattiren.— „O Gott, wie freut mich das!“ erwiederte die von ſo vieler Gnade überraſchte Muttert „Ja, ich kann ſagen, daß ich ſogar ſehr zufrieden bin: ſte näht ihr Hemde gut und ordentlich in zwei Tagen fertig, und ſie ſitzt ſtill auf ihrem Stuhle, ohne ſich jeden Augenblick draußen oder am Fenſter Etwas zu ſchaffen zu machen, wie ſonſt die jungen Mädchen wohl pflegen. Und ferner hat ſie weder anderswohin, als in den Garten zu gehen begehrt, noch auch die ge⸗ ringſte Ungeduld darüber gezeigt, daß ſie keine andere Zerſtreuung gehabt hat.“ „Ach, wie könnte ihr das wohl einfallen!“ „Gut, daß es nicht geſchehen iſt— ich ſehe es gern, wenn man ſich geduldet, bis ich rede, denn ich habe Gründe zu Allem, was ich thue.“ 83 84 „Davon bin ich auch überzeugt; aber...“ „Was für Aber?“ kö „Wir haben Dir nun ſchon vierzehn Tage lang ül zur Laſt gelegen— ich meine, es wäre billig, wenn wir jetzt unſere eigene kleine Haushaltung anfingen!“ ni „Es iſt beſſer, Ihr wartet damit, bis Ihr erſt ein— wenig geſammelt habt. Ich will's ſchon ſagen, wenn ſch ich nicht länger mehr in den Keſſel legen mag als blio gewöhnlich... Doch höre, Du! ich habe Etwas mit der Dir zu reden.“ ha Frau Emerentia erhob das Haupt, und meinte zu M ſehen, daß ſich auf den Lippen der theuren Schweſter ſol gleichſam ein ärgerliches Lächeln zeigte. es „Was denkſt Du hievon?“ Und die theure Schweſter we warf die erbrochenen kleinen Billette auf den Tiſch. M „Was ſoll ich denken, liebe Schweſter?— Ich ver⸗ ſtehe ja noch gar Nichts davon!“ 4 „Siehſt Dn, Emerentia: wenn ich in allen Stücken wie eine Mutter gegen Blenda ſein will, ſo geſchieht das natürlicher Weiſe nur in einer guten Abſicht.“ „Wie ſollte ich das nicht verſtehen!“ 1 „Und wer eine ſolche Verantwortlichkeit über⸗ nimmt, der muß auch gewiſſe Rechte haben... Vielleicht aber hältſt Du Dich auf irgend eine Weiſe beleidigt, erſt wenn ich als eine gute Schweſter Dir die Hälſte der Bürde abnehme?“ „n war iſt es wahr,“ erdreiſtete ſich unſere werthe ant Frau zu antworten,„daß ich es noch nie als eine Bürde, ſondern vielmehr als ein großes Vergnügen angeſehen habe, meine kleine Blenda anzuleiten; Har do 44. . Hal „Ach ſo! Nun, das hätte ich einſehen ſollen! Du haſt in Deiner Einfalt dort unten auf dem Lande in und der Unſchuld nicht einmal daran gedacht, daß Du ſie bewachen müßteſt. Es iſt meiner Treu leicht, auf dieſe Art Mutter zu ſein— ob aber das Mädchen hier mit⸗ die ten im Lande der Wölfe etwas Gutes von einer ſolchen lang wenn igen!“ rſt ein wenn g als 3 mit ite zu weſter weſter ch. h ver⸗ ticken. cieht über⸗ Ueicht idigt, e der derthe eine nügen iten; Du de in u ſie dieſe mit⸗ lchen E——ꝛ 428 89 Nachſicht gehabt haben würde, das hätten wir ſehen können, wenn Niemand die überflüſſige Beſchwerde übernommen hätte.“ „Liebe Regine Sophie, ich meine, Du biſt jetzt nicht recht artig gegen mich! Ich weiß...“ „Du biſt eine Gans, Emerentia— das warſt Du ſchon in der Kindheit, das biſt Du heute noch, und das bleibſt Du bis an Deinen Tod, und das kommt von den elenden Romanbüchern, die Dir den Kopf verdreht haben! Nun, nun, ſo Etwas ſage ich nicht, wenn das Mädchen es hört, aber wahr iſt wahr, und darum ſollſt Du Vertrauen zu mir haben, denn ich weiß, wie es zugeht, und daß die Gefahr vor der Thür ſteht, wenn unbeſchäſtigte Springinsfelde einem hübſchen Mädchen nachlaufen.“ „Ich habe aber keine Gefahr bemerkt!“ „Nun, ſo merke ſie jetzt!... oder was meinſt Du von dieſen Dingen?“ Schweſter Regine Sophie deutete mit einem wahr⸗ haften Meduſenblick auf die drei Billette, die ſie auf den Tiſch geworfen hatte. „Ja, ich weiß nicht, was dort ſteht!“ „Ich aber weiß es! Höre nur zu! So lautet das erſte, welches an Dich gerichtet iſt... nee und welches Du geöffnet haſt?“. „Ja Du, das habe ich, ja, ich habe es ſogar be⸗ antwortet!“— „Beantwortet?“ 4 4 „Ja wohl, weil keine Durchſtechereien in meinem Hauſe paſſiren dürfen, denn dieß iſt ſtets ein ehrbares Haus geweſen!“ Und Frau Regine Sophie öffnete das erſte Billet und las: „Meine gnädige Frau von Kühlen! „Nachdem ich mehrmals das Unglück gehabt habe, die Herrſchaften vergebens zu ſuchen, da ich meine Aufwartung zu machen wünſchte, ſo nehme ich mir dießmal die Freiheit, dieſelbe ſchriftlich zu machen. „Außer der Abſicht, bei meinen Beſuchen Ihnen meine Dankbarkeit zu bezeigen für die intereſſanteſte Reiſegeſellſchaft, die ich jemals gehabt habe, war es meine Meinung, mir die Ehre zu erbitten, die Damen zu der Luſtpartie mit Tanz zu führen, welche am näch⸗ ſten Sonntage auf Drottningholm Statt finden wird. Das Dampfſchiff, welches Regimentsmuſik an Bord hat, geht um zwei Uhr ab, und falls ich nicht ſo glücklich ſein darf, die Herrſchaften direct von Ihrer Wohnung abzuholen, werde ich Sie auf der neuen Brücke gedul⸗ dig erwarten. „In der Hoffnung einer geneigten Antwort, die ich heute Abend abholen werde, habe ich die Ehre zu unterzeichnen gehorſamſt J. G. Born.“ „O wie artig von dem guten königlichen Seere⸗ tär!... Am Sonntage— der Tauſend, das iſt ja morgen!“ Ein kurzes Gelächter und ein mitleidiger Blick von der Schweſter erinnerte Frau Emerentia gleichwohl an ihre Abhängigkeit. „Ja, ja, man hört wohl, welchen Schritt Du in Deiner Kurzſichtigkeit gethan hätteſt, und Du meinſt wohl, es ſei Jammerſchade, daß dieſe Luſtpartie, anſtatt morgen, ſchon am vorigen Sonntag Statt gefunden hat Doch hier ſollſt Du auch die Antwort auf ein ſolches dienſtfertiges Anerbieten hören!“ Unſere ſelbſtherrſchende Frau ſteckte die Hand in die Taſche ihrer Schürze, welche die zweite Abtheilung des Briefwechſels verwahrte, ſuchte das Original der abgeſchickten Abſchrift heraus, und las mit triumphi⸗ render Stimme der in Schweigen verſenkten Emerentia Folgendes vor: 87 „Mein beſter Herr! „Das Haus, in welchem meine Schweſter mit ihrer Tochter wohnt, gehört mir, der Wittwe eines geach⸗ teten Bürgers; und da ſie hier alles nothwendigen Schutzes genießen, ſo dankt Frau von Kühlen, nach Berathung mit mir, Ihnen für Ihre gute Abſicht, die nicht angenommen werden kann. Regine Sophie Thorman. „N. S. Um Einſtellung der Beſuche wird gebeten.“ „Nun, was ſagſt Du dazu? Meinſt Du, ich habe als eine würdige Tante für Blenda gehandelt, oder glaubſt Du, ein ehrlicher Kerl wird jemals die Augen auf ſie werfen, wenn ſie zuvor als leichtfüßig bekannt wird?“ „O Himmel!“ „Ja, himmle Dich nur!— Wäret Ihr draußen geweſen unter dem Schutze eines jungen Herrn, der ihr nur den Hof zu machen denkt, ſo hätte ſie jetzt von ihrem guten Rufe nicht ſo viel übrig, als durch das Oehr einer Nähnadel geht.“ Die arme Frau Emerentia wurde vor Schrecken ganz bleich. Sie mußte eingeſtehen, und das that ſie auch mit aufrichtigem Herzen, daß ihre Unbekanntſchaft mit der wirklichen Welt Schuld daran ſein könnte, wenn ſte ſich irrte; und da ſie Einſicht genug hatte, um einzuſehen, was hier von ihr gefordert würde, ſo unter⸗ drückte ſie ihren Stolz und dankte demüthigen Herzens der Schweſter. „Gut!“ ſagle dieſe beſriedigt...„Jetzt kommen wir zu Numero Zwei!“ „Beſte Frau von Kühlen!...“ („Dieſen,“ unterbrach ſich Regine Sophie,„halte ich für weit ſchlechter, weil er ſich hinter dem Scheine, Dir nützen zu wollen, verbirgt!“) ..„Sowohl am Dienſtage, als auch am letzten Sonnabend war ich in Ihrer Wohnung, ohne ange⸗ 88 nommen zu werden, da aber dieſes gewiß die Folge eines Irrthumes iſt, ſo beeile ich mich, Ihnen auf dieſe Weiſe zu erklären, daß ich Alles in der Welt gethan habe, um mein gegebenes Verſprechen halten zu können. „Drei von meinen Verwandten, die Gräfin C., die Freiherrin H. und die Staatsräthin P., haben mir ver⸗ ſprochen, dem Fräulein ſo viele Stickereien zu geben, daß ſie ſich an Keinen weiter zu wenden braucht. Die Gräſin, mit welcher ich zuerſt redete, hat große Eile, und ich habe verſprochen, das Fräulein morgen bei ihr zu präſentiren, weßhalb ich um zwölf Uhr Mittags das Vergnügen haben werde, meine ſchöne Protegée abzuholen. „Mit aufrichtiger Freude, im Stande geweſen zu ſein, den Herrſchaften einen Dienſt zu leiſten, empfehle ich mich hochachtungsvoll 1 J. T— ſwärd.“ „Nun, liebe Schweſter, darin war ja gar nichts Böſes!“ ſiel Frau Emerentia ein, indem ſie das Haupt erhob.„Der gute Baron hat beſſer Wort gehalten, als ich dachte, und wollen die Gräfin und die Frei⸗ herrin und die Staatsräthin die Güte haben, meine Tochter anzuneh...“ „.So würdeſt Du ohne Rückſicht erlauben, mit Einem.. Einem... auf der Straße umherzulaufen! Emerentia! wenn Du wirklich Deinen Verſtand noch haſt, ſo biſt Du wenigſtens dummer, als Leute Erlaub⸗ niß haben zu ſein!“— „Wie?“— „Kannſt Du denn nicht begreifen, daß Dein Baron dieſe Dienſtbefliſſenheit zum Vorwande nimmt, um mit dem Mädchen auf einen vertraulichen Fuß zu kommen? Wäre es ehrlich gemeint, ſo hätte er die Gräfin gebe⸗ ten, das arme Fräulein ſelbſt zu beſuchen, oder wenig⸗ ſtens ein Frauenzimmer zu ihr zu ſchicken.“ Wiederum ſchwieg Frau Emerentia; zum zweiten . —+ 0 E 89 Male fühlte ſie ſich von der Logik ihrer Schweſter Regine Sophie beſtegt. „Was haſt Du geantwortet?“ ſtotterte ſie. „Antwort hat er erhalten... Höre zu!“ „Mein hochgeehrter Herr Baron! „Als Tante des jungen Mädchens, für welches ſich zu intereſſiren Sie ſich ſo viele Mühe gemacht haben, will ich hiemit anzeigen: wenn ſie in ihrer kindlichen Unkunde ein Verſprechen wegen Recommandation zu Arbeit entgegengenommen hat, ſo iſt dieſes jetzt gänz⸗ lich verfallen, weil ſte von mir die Aufklärung erhalten hat, daß man dergleichen Necommandationen nicht von jungen Herren wünſcht. „Indem ich Sie noch erſuche, mein Haus ſowohl mit Beſuchen, als auch mit Briefen zu reſpectiren, habe ich die Ehre ꝛc. Regine Sophie Thorman.“ Frau Emerentia wagte den Mund nicht einmal zu öffnen. Und Regine Sophie, welche das Schweigen als Beifall deutete, ging zu dem Billette Numero Drei über. „Dieſes, ſollſt Du wiſſen, iſt an Blenda ſelbſt, und ſo unverſchämt vertraulich, daß ich dem Schlingel, der es geſchrieben hat, in's Geſicht ſpeien möchte... Höre nur, wie es klingt!“ „Theures, himmliſches Fräulein Blenda!...“ gan(Ich wollte Dich himmeln, wenn ich Dich hier ä e 1)— A 4 Das Schreiben war vom Lieutenant, und wenn man ſich erinnert, daß er glaubte, Blenda wäre in ſeine Perſon wenigſtens eben ſo entzückt, wie er in die ihrige, ſo läßt ſich der in dem Billette herrſchende Ton leicht erklären. „.. Mit Verdruß über mein zehnmaliges Mißge⸗ ſchick— denn ſo oft habe ich Sie geſucht, ohne Sie zu treffen— greiſe ich nun zu der Feder, um Ihnen 90 zu erklären, daß ich dieſe unerhörte und unverdiente Grauſamkeit nicht länger ertrage. „Sind Sie, mein Fräulein, in Birger's götter⸗ ſchöne Stadt, in die Stadt des Vergnügens und der Freude gekommen, um in ein Kloſter zu gehen? Oder ſind Sie unter den Einfluß einer mürriſchen Duenna gerathen, welche Sie eigennützig vor den bewundernden Blicken der Welt verbergen will? In dieſem Falle be⸗ ſchwöre ich Sie, nicht weniger erfindungsreich zu ſein, als die ſpaniſchen Donnen gegen ihre Duennen! „Ich brenne vor Verlangen, Ihnen eine Menge von Herrlichkeiten zu zeigen, und bin überzeugt, daß dieſe Sie entzücken werden. Wenn Sie daher mit Ihrer vortrefflichen Frau Mutter— ſie iſt allzu vor⸗ urtheilsfrei, um prüde zu ſein— mir das Vergnügen ſchenken wollen, mich am nächſten Freitage Nachmittags um vier Uhr in der neſtlichen Allee des Platzes Karl's XIII. zu treffen, ſo führe ich die Herrſchaften nach dem Thiergarten, woſelbſt wir einen göttlichen Nachmittag haben wollen; darauf wohnen wir Gau⸗ thier's*) Vorſtellung bei und ſoupiren an der blauen Pforte.*) „Die Antwort laſſe ich morgen früh abholen, doch ſchlagen Sie mir um Gotteswillen mein Geſuch nicht ab! Der unterthänigſte von Ihren Bewunderern E. S.“ℳ „Wünſcheſt Du eine noch größere Chikane für Deine Tochter?“ fragte Frau Regine Sophie in ſpot⸗ tendem Tone.„Oder hältſt Du auch dieſe Sprache für *) Der Director einer Kunſtreitergeſellſchaft, der zu jenen Zeiten jeden Sommer im Thiergarten Vor⸗ ſtellungen gab. Anm. d. Ueberſ. **) Ein bekanntes und feines Wirthshaus am Ein⸗ gange des Thiergartens. Anm. d. Ueberſ. — 91 ehrenhaft? Begreifſt Du, was man von Dir denkt? Du biſt allzu vorurtheilsfrei, um prüde zu ſein!“ Jetzt begann die arme Frau von Kühlen zu ſchluchzen. Das war eine ſchreckliche Lection, doch dieſer Brief riß wenigſtens die Binde der Selbſtverblendung ganz von ihren Augen hinweg.„Der Capitän, der Capitän — wie ſehr hatte er doch Recht, und wie gut meinte er es mit uns armen Frauenzimmern!“ 3 „Was war es mit dem Capitän?“ Frau Emerentia erzählte nun ausführlich die väter⸗ liche Wachſamkeit des Dampfſchiffeapitäns über Blenda, und wie er die Dienſtfertigkeit der jungen Herren ſtets zurückgehalten hatte. „Gott ſegne den Ehrenmann! Ich will ſelbſt ein⸗ mal hingehen und ihm danken... Nun aber ſollſt Du auch hören, welche Antwort ich dem Paradiesvogel gab!“ „Dem Lieutenant?“ „Ach ſo, es war ein Lieutenant— Das hätte ich gleich begreifen ſollen!“ Unſre Tante las: „Herr! „Das Billet, welches Sie die Unverſchämtheit ge⸗ habt haben, an ein anſtändiges Kind zu ſchreiben, deren gänzliche Unbekanntſchaft mit dem Leben ſie vor aller unredlichen Zudringlichkeit ſchützen ſoͤllte, iſt der muͤr⸗ riſchen Duenna in die Hände gepxathen, und dieſe nimmt ſich hiemit die Freiheit, Ihnen anzuzeigen, daß, wenn Sie jemals wieder den Fuß in ihr Haus ſetzen, Sie mit einer Perſon zu thun bekommen werden, welche es übernimmt, Ihnen zu lehren, was ehrliche Leute von einander erwarten dürfen. 1 Regine Sophie Thorman.“ „Dank, Dank, Herzensſchweſter! Du haſt gehan⸗ delt als unſere beſte Freundin, was Du auch biſt... Darf ich davon etwas zu Blenda ſagen?“ & 92² „Kein ſterbendes Wort! In ihrer kindiſchen Eitel⸗ reit möchte ſie ſich damit brüſten, daß um ihretwillen ſo viel Allarm geweſen iſt... Jetzt habe ich mich von den Dreien befreit und erwarte täglich den Vierten.“ „Den Vierten?“ „Ja, es iſt täglich noch Einer hergelaufen, und er kommt wohl ebenfalls bald mit einem Billette.“ Frau Emerentia, welche fürchtete, es könnte viel⸗ leicht„der Graf“ ſein, wagte ſich mit keiner Frage hervor. Vier mußte man die Begebenheit abwarten— denn vielleicht war es kein Anderer, als der artige Handelsexpedient vom Dampfſchiffe, er, der ſich ernſter gezeigt hatte, als irgend einer von den Uebrigen. „Gott behüte mich,“ dachte ſie weiter,„den Bären zu wecken, der da ſchläft!— Meine Schweſter braucht nicht die geringſte Ahnung von dem zu haben, was in Wenersborg paſſirte!“ „Nun ſollſt Du wiſſen,“ fuhr Frau Regine So⸗ phie fort,„daß ich Blenda wegen ihres guten und ge⸗ duldigen Betragens zu belohnen gedenke... Mein Sohn, der Leinenkramhändler, oder richtiger geſagt, meine Schwiegertochter, hat eine Sommerwohnung in der Gegend von Liljeholmen— eine kleine, wirklich nette Stelle— und eine Menge von Herrſchaften hat ihre Luſtwohnungen dort rund umher, ſo daß Diejenigen, welche Bekanntſchaft mit einander gemacht haben, bald bei dem Einen und bald bei dem Andern zuſammen⸗ kommen. Sieh, dergleichen Vergnügungen ſind anſtän⸗ dig für junge Leute. Und ich habe ein paar Worte an Henrietten geſchrieben, daß wir morgen Mittag hinaus⸗ kommen.“ Bei dieſer Neuigkeit glänzten die Augen der Frau Emerentia vor Freuden. „Sind wir aber auch wohl ſo mit Kleidern ver⸗ ſehen, daß wir ohne Schande für Dich mit gehen kön⸗ nen? Die kleine Couſine Henriette iſt ſo... ſo...“ „Kehre Dich nicht an Henrietten— ſie iſt nicht 8 ſo übel, wenn ſie auch ein wenig Hochmuth und einen ſteifen Nacken hat.“ . 19 „Ja, lIa. „Aber mein Nacken iſt eben ſo ſteif, das weiß ſie. Uebrigens, wenn ſie gekleidet iſt wie eine Puppe im Modejournal, ſo iſt das eine Sache, die zwiſchen ihr und ihrem Manne bleibt. Du und Blenda, ihr kleidet Euch nach Euren Umſtänden.“ „Das iſt wahr!“— Ein leichter Seufzer floß mit den Worten zuſammen. 1 „Ich richte es wohl auf jeden Fall ſo ein, daß Du eine hübſche Trauerhaube bekommſt, und ferner leihſt Du eines von meinen ſchwarzen ſeidenen Hals⸗ tüchern. Vor unſerer Reiſe morgen rede ich noch ein paar Worte mit dem Kinde— ich habe vielleicht auch Etwas für ſie. Und nun lebe wohl... Vergiß nicht, Gott dafür zu danken, daß Du Deine alte mürriſche Schweſter haſt, die Dir unter die Arme greift!“ „Das zu vergeſſen, möchte mir meiner Seele ſchwer werden!“ murmelte Frau Emerentia bei ſich ſelbſt; doch ihr gutes Herz machte ihr gleich darauf Vorwürfe über die kleine Bitterkeit, die in den Worten lag. 10. Die Unterredung im vorigen Kapitel hatte wäh⸗ rend der gewöhnlichen Abendpromenade der Mamſell Debora mit Blenda Statt gefunden, und ſie kehrten gerade ſo zurück, daß ſie der Hausmutter im Flure begegneten. „Was haſt Du dort unter dem Shawl, Kind?“ fragte ſie, und betrachtete mit ziemlich großen Augen Blenda's erröthende Wange. 94 9 7bne ein Wort reichte ihr das junge Mädchen ein uch. Tante Regine Sophie ſchüttelte zwar den Kopf und hob drohend den Zeigefinger empor, nahm aber dennoch das Buch in die Hand. „Was iſt denn das?.. Ke— Kenil... worth— nun, Gott verzeihe Dir, Du kleine Schlange, daß Du die Zeit, in welcher Du Luft für Leib und Seele holen ſollſt, mit ſolchem erbärmlichen Zeuge vergeudeſt!... d hatte eine beſſere Meinung von Dir, das kann ich agen!“ „Gute Tante, wenn ich eine Freiſtunde habe, ſo muß ich ſie ja ſo genußreich wie möglich machen.“ „Meinſt Du das?“ „Ach ja, Tante! Und wenn Sie wüßten, wie ſchön es iſt, da ich in der kleinen Laube ſitze und mich mit Leſen unterhalte, ſo würden Sie gewiß Nichts gegen meine Beſchäftigung haben. Dieſe hiſtoriſchen Ereig⸗ niſſe ſind etwas ganz Neues für mich.“ „Hiſtoriſche?— ja, ſchöne Geſchichten: lauter Liebesgeſchwätz!“ „d nein, beſte Tante, es iſt etwas ganz Anderes — wenigſtens viel Anderes.“ Ein geheimes Zeichen, das Mamſell Debora hinter Blenda machte, veranlaßte die werthe Tante, das Ver⸗ hör nicht weiter fortzuſetzen. „So geh denn, Kind!“ hieß es.„Ich will mir den Plunder ſelbſt anſehen.“ Blenda zögerte nicht lange, der Erlaubniß zu ge⸗ horchen. Sie brannte vor Verlangen, ſich noch einen kleinen Augenblick mit dem Lord Leiceſter, der ſchönen Amy Robſart und den Intriguen am Hofe der Königin Eli⸗ ſabeth zu beſchäftigen. * —yü—— . 95 „ Wozu ſteht Debora da und grimaſſirt, wenn ich meine Schweſtertochter examinire?“ fragte die Gebie⸗ terin, als ſie mit ihrer Haus⸗ und Geſellſchaftsmamſell in die Schlafſtube gekommen war. „Damit hatte ich meine gute Abſicht, beſte Frau, nämlich dieſe: Laſſen Sie das Mädchen ſitzen und ſich ſo viel ſie will in ihre Geſchichten vertiefen!“ „Iſt Sie verrückt, Debora?“ „So lange ſie die Augen im Buche hat, ſieht ſie nichts Anderes.“ 5 „Aha!“ rief Tante Regine Sophie,„vielleicht haben die Wilddiebe die Spur aufgeſchnüffelt?“ „Das iſt nicht ſo ganz ohne, doch nur Einer; aber auch das kann vollkommen genug ſein.“ „Welcher von ihnen?“ „Derjenige, welcher noch kein Billet abgegeben hat.“ „Wo hat er ſich blicken laſſen?“ „Ich habe an zwei oder drei Abenden— obgleich ich nie einſehen konnte, daß es Etwas zu bedeuten hatte— gehört, daß Jemand an dem Geländer entlang ſpazieren ging; da dieſes jedoch ſo hoch iſt, daß man nicht hinüberſehen kann, ſo habe ich nicht einmal einen Gedanken daran gehabt.“ „Nun?“ 4 „Heute Abend wurde ich aufmerkſam, denn als ſie, das kleine beſcheidene Weſen— nachdem ſie einige Mal auf⸗ und abgegangen war— ſich in der Laube mit dem Buche in der Hand zurechtgeſetzt hatte und ich ein wenig auf die Seite gegangen war, ſo begann Jemand an das Geländer zu klopfen...“ „Schön!— ich wünſchte nur, daß ich da geweſen wäre!“. „Der auf der andern Seite bildete ſich wohl ein, ich wäre eine tüchtige Strecke aus dem Wege, denn als das Fräulein fortfuhr zu leſen, ohne Etwas zu hören wurde das Klopfen ſtärker und war dießmal mit leiſem Huſten begleitet. Nun aber ging ich ſchnell hin, blickte . „* durch die Ritze und erkannte den Mann, der auch mich erkannte.“* „Nun, was that er denn da?“ „Er trollte ab, ſo ſchnell er konnte.“ „Das Mädchen iſt ſchön wie der Tag und großen Verſuchungen ausgeſetzt! Weiß Sie, Debora, ich wünſchte wirklich von Herzen, daß ich ſie unter einen guten und ſichern Schutz geben könnte— und wer weiß — hm— es gibt junge Männer, das hat man wohl geſehen, welche nicht den Reichthum über Alles ſetzen.“ Mamſell Debora meinte, ſie könnte es ſich nicht erlauben, die Hindeutung zu verſtehen, ja ſie hielt es faſt für eine Pflicht, dieß nicht zu thun. Sie, die alle inneren Familienverhältniſſe kannte und die Tochter ihrer alten Herrſchaft ſo hoch in Ehren hielt, konnte es ſich gar nicht denken, die Mitwiſſerin eines Planes zu ſein, der, wenn er wirklich ein Plan würde, die ſtolze Henriette ſchrecklich, ja unheilbar beleidigen würde— Mamſell Debora wußte, ihrer eigenen Mei⸗ nung nach, recht gut, wo der Schuh drückte.. An dieſem Abende begehrte Frau Regine Sophie das„Hiſtorienbuch.“ Nachdem ſie jedoch in demſelben hin und her ge⸗ blättert und auf gar kein unpaſſendes Liebesgeſchwätz, wohl aber auf viele Dinge geſtoßen war, die auf jede Weiſe klug, ernſthaft und ehrbar klangen, ſo gab ſie die„Scharteke“ wieder an Blenda ab, mit der Anwei⸗ ſung, ſie möchte immer darin leſen, wenn ſie im Gar⸗ ten wäre. Bei dieſer Gelegenheit wurde unſere Heldin auch von dem Glücke benachrichtigt, welches ſie am fol⸗ genden Tage zu erwarten hätte— ein Glück, von wel⸗ chem ſie jedoch nicht im Geringſten entzückt wurde, denn Henrietten's kalter und ſtolzer Uebermuth that ihrem gefühlvollen Herzen weh. Es verſteht ſich aber, daß Blenda dieß nicht zu zeigen wagte.. —,— ⁸ See Coee Z — 97 Der Morgen kam, er war ſonnenklar, friſch und herrlich. Die Abreiſe war um zwölf Uhr beſtimmt. In der beſten Laune, worin ſie ſeit langer Zeit geweſen war, begann gegen zehn Uhr die Tante einige Kleinigkeiten, die für„das Kind“ beſtimmt waren, aus der Kommode hervorzuſuchen, als plötzlich Mamſell Debora hereinkam und mit faſt erſchrockener Miene erzählte,„der Herr hinter dem Geländer“ oder der Handelsexpedient A., wie er ſich nennete, wünſchte mit Frau Thorman zu reden. „Nun, ich ſage!— Ich wünſchte nur, er käme und beſchwerte ſich darüber, daß er meine Schweſter nicht beſuchen darf! Bitte ihn, die Güte zu haben, frei herein zu kommen!“ Mit einer Miene, welche anzeigte, daß ſie nicht die Abſicht hatte, ſich beſtegen zu laſſen, trat gleich darauf unſere Tante in das Beſuchzimmer hinaus. Einige Augenblicke hernach kam von der andern Seite die Perſon, welche um Audienz angehalten hatte. Herr A. hatte eine angenehme Figur und eine Miene voller Selbſtvertrauen, die ſein Auftreten von aller Verlegenheit befreite. Mit der größten Freimüthigkeit begrüßte er die Wirthin, welche die Brille aufſetzte, um ihren Beſuch genau betrachten zu können. „Ach ſo, Sie ſind der Herr, der mir Etwas zu ſagen hat?— Setzen Sie ſich gefälligſt!“ „Obgleich Ihnen nicht bekannt, habe ich mir die Freiheit genommen, auf Veranlaſſung eines Umſtandes, den ich die Ehre haben werde... Doch ich hoffe, daß ich nicht ungelegen komme?“ „Hm, was das betrifft, ſo iſt es damit ſo und ſo, denn erſtlich iſt es jetzt Kirchzeit und zweitens hatte ich beabſichtigt, heute Vormittag auf's Land hinaus⸗ zufahren.“ „Ich bedauere recht ſehr, daß ich dieſe unpaſſende Die Romanheldin. 7 Zeit gewählt habe, aber das iſt aus einer nothgedrun⸗ genen Urſache geſchehen. Inzwiſchen werde ich Sie nur einige Minuten aufhalten.“ „Um ſo beſſer!“ „Es ereignete ſich geſtern Abend, da ich ſtand... ſpazier... mit einem Worte...“ „Weiter, weiter!“ „... da ich mich vor Ihrem Garten befand, Frau Thormann...“ „... und da an das Geländer klopften, um die Aufmergſamkeit meiner Schweſtertochter zu erregen...“ 4 ch!“ „.. daß es ſich nicht beſſer traf, als daß nur meine alte Hausmamſell auf das Signal Achtung gab und hindusblickte.“ „Ich war im Voraus überzeugt, Frau Thorman,“ entgegnete Herr A. mit einem Lächeln, welches bewies, daß er ſich ſchon wieder erholt hatte,„daß Sie nicht weniger gut unterrichtet ſein würden. Doch eben der Umſtand, daß ich ſelbſt komme, um die Wahrheit des eingelaufenen Rapportes zu bekräftigen, möchte ein hin⸗ reichend überzeugender Beweis ſein, daß meine Abſich⸗ ten ehrlich ſind.“* „Ich weiß nicht, ob etwas Chrliches darin liegt, auf ein armes Mädchen zu ſpioniren und ſie in übeln Ruf zu bringen— denn wäre einer von den Nachbarn vorbeigegangen, ſo wäre es nicht ſchwer geweſen, zu errathen, welche Abſicht Sie mit Ihrem Klopfen hatten.“ „Meine beſte Frau! wenn dieß von meiner Seite eine Unvorſichtigkeit war, ſo wurde ich ja dazu ge⸗ zwungen, da ich das Fräulein auf keine Art treffen konnte.“ „Was wollen Sie denn von ihr?“ „Ich will mich bemühen, Ihre Seele zu feſſeln, denn ſie hat die meinige im höchſten Grade gefeſſelt; und obgleich es nicht meine Abſicht war, mich ſchon nach einer ſo kurzen Bekanntſchaft zu erklären, ſo ſehe 2 f un⸗ nur 99 ich mich dennoch dazu gezwungen, um mich von allem Verdacht zu befreien.“ „So, ſo! Sie wollen alſo das Kind heirathen? — Was haben Sie denn, um ſich zu verheirathen? Können Sie mir zeigen, daß Sie auch im Stande ſind, eine Frau zu verſorgen?“ „Das kann ich in dieſem Augenblicke nicht, doch innerhalb zwei, höchſtens drei Jahren beſitze ich genug mit demjenigen, was ich ſchon geſammelt habe, um eine Familie unterhalten zu können, und da wir beide, ſowohl das Fräulein als auch ich, noch jung ſind, ſo habe ich geglaubt, daß der Aufſchub von einigen Jah⸗ ren kein Hinderniß ſein könnte für die Erfüllung mei⸗ ner Wünſche.“ Frau Regine Sophie huſtete. „Ich will Ihnen meine Meinung gerade heraus⸗ ſagen, und dieſe iſt: gedulden Sie ſich mit der Freierei, bis Sie im Stande ſind, ſich zu verheirathen!“ „Und warum denn das?“ „Lange Verlobungen, Kurmachen, Uneinigkeiten, Verſöhnungen und all' dergleichen ſind nicht heilſam für den, der friſche Gedanken für die Arbeit haben muß.“ „Meine wertheſte Frau Thormann! Nichts in der Welt iſt wohl gewöhnlicher, als eine zwei⸗ oder drei⸗ jährige Verlobung. Ueberdieß verlange ich ja die Ein⸗ willigung des Fräuleins nicht ſogleich: Alles, was ich wünſche, iſt, ſie bisweilen in dem Hauſe ihrer Tante zu ſehen. Ich bin beſtändig auf Reiſen und des Jah⸗ res nicht öfter als drei⸗ bis viermal in Stockholm; daher bleibt mir nicht viel Gelegenheit zu alle dem, was Sie zu befürchten ſcheinen.“ „Das nenne ich ehrlich und anſtändig geſprochen: ich ſage nicht anders. Ich muß alſo Blenda wohl fragen, ob es ihr Freude macht, wenn Sie bisweilen kommen. Iſt ſie es zufrieden, ſo kommt es mir nicht zu, die Sache zu hindern, und Sie mögen dann bis⸗ weilen in meiner oder eines Andern Gegenwart mit dem Mädchen plaudern, ohne daß gleichwohl darum etwas Bindendes geſagt werden ſoll.... Inzwiſchen denke ich mich auch nach Ihnen zu erkundigen, und wenn Sie am Dienſtage einmal wieder vorkommen wollen, ſo werde ich Ihnen weiteren Beſcheid ertheilen.“ Nachdem der Heirathskandidat Anweiſung auf meh⸗ rere Perſonen gegeben hatte, die Nachricht von ſeinem Charakter und ſeinen Lebensumſtänden geben konnten, ſtand die Tante auf und nickte dem Handelsbedienten ihr Lebewohl zu. Das zufriedene Geſicht deſſelben deutete auf einen Mann, der ſchon mit einem Fuße in dem Vorhof des Himmels ſtand. Er träumte nicht einmal von einer abſchlägigen Antwort. 11. Gleich nachdem der Freier hinweg war, kam Blenda zwitſchernd wie eine Lerche die Treppe herabgeſprungen. An dem geſtrigen Abende hatte ſie bei dem Ge⸗ danken an die Luſtpartie keine beſondere Freude em⸗ pfunden; aber heute fühlte ſie ſich ſo froh, ſo friſch: die Sonne glänzte ja auch ſo ſchön und winkte hinaus in das Freie. Vergebens wäre es auch, wenn wir läugnen woll⸗ ten, daß ein anderer kleiner Umſtand Blenda erheitert hatte. Sie war nämlich— als ſie heute früh in ihrem theuren Kenilworth las— auf eine unterſtrichene Stelle geſtoßen.... Wer hatte ſie wohl unterſtreichen können, wenn nicht der Geber? Und warum war ge⸗ rade dieſe Stelle gewählt? Sie handelte ſpeciell von der Treue und dem Vertrauen. Blenda hatte keine Antwort auf dieſe Fragen, aber ihre Laune erhielt ſchnell eine Federkraft, die auf ihr ganzes Weſen zurückwirkte.. „Komm herein, Du kleiner Singvogel— ich habe gigen lenda ngen. Ge⸗ em⸗ riſch: naus woll⸗ eitert ih in ichene eichen r ge⸗ I von „aber uf ihr hhabe auf Kuß drückte, fügte ſie leiſer hinzu: 101 etwas mit Dir zu reden!“ rief die Tante zur Thüre hinaus.. Und jetzt befand ſich Blenda im Zimmer, wo ſie gleichwohl plötzlich verſtummt zu träumen glaubte bei dem, was ſie hier erblickte. Tante Regine Sophie ſtand mit einem eleganten und luftigen Saxonie⸗Kleide in der einen und mit einem ſchönen violettfarbenen Paraſol— Blenda's er⸗ ſter Paraſol— in der andern Hand, und oben auf dem Paraſol hing ein kleiner italieniſcher Wurzelhut. „Was ſagſt Du zu dieſer Ausſteuer, Kind?... Taugt ſie?“ „Tante, Tante, ich wage nicht hinzuſehen!“ „Dein Bombaſſinkleid iſt recht gut; da Du jedoch für Wochen⸗ und Feiertage kein anderes als dieſes haſt, ſo dachte ich, dieſes möchte nicht unwillkommen ſein.“ Was Blenda jetzt that, das hätte außer ihr kein Menſch wagen dürfen, ohne daß Frau Regine Sophie böſe geworden wäre, und über dumme Theaterſcenen, Ziererei und affectirte Geſchäftigkeit geſchimpft und geſchrien hätte. Sie warf ſich nämlich vor Derjenigen, die ſie anfänglich ſo ſehr verkannt hatte, blitzesſchnell auf die Kniee, ſchlang ihre Arme um die ſtrenge Frau und ſagte, zu gleicher Zeit weinend und lachend: „Mein Gott, mein Gott, wie glücklich bin ich!.. Eine ſolche Tante und ein ſolches Kleid!... Ein ſolches Paraſol, ein ſolcher Hut!“ Und indem ſie bald auf die Hände der Tante Regine Sophie und bald auf den Paraſol— die allervornehmſte der Gaben— Kuß „Glauben Sie aber doch, Tante, daß Ihre Liebe mich am meiſten beglückt!“ „Steh auf, Kind, ſteh auf, Du kleine Närrin, und laß mich ſagen: Du haſt ein ſolches ergebenes Gemüth, das mir gefällt!“ „O Tante! Sie ſind mir alſo gut?“ ———ꝛ—ꝛ—ꝛ— 4 1⁰² „Ja; denn Du biſt ein gutes Mädchen— fahre fort, arbeitſam, ſittſam und ſanft wie bisher zu leben, ſo wirſt Du ſehen, daß Dein Vertrauen zu mir Dich nicht zu Schanden macht.“ „Und Sie, meine gute Tante, ſollen ſehen, daß Sie von mir Ehre haben werden!... Darf ich aber jetzt gehen und mich anziehen?— ich fürchte nur, daß das Kleid nicht paßt.“ „Sei Du ohne Sorgen, Du! das Maß dazu iſt ohne Dein Mitwiſſen nach dem genommen, das Du an haſt... Aber ich bin neugierig, zu hören, was Du wohl dazu ſagen wirſt, daß ich heute um Deinetwillen eine Viſite gehabt habe.“ „Um meinetwillen?“ Mit den Gedanken an die unterſtrichene Stelle im Buche, war Blenda nahe daran, auszurufen:„der Graf!“ Glücklicher Weiſe aber beherrſchte ſie ſich noch und Erwaret⸗ mit ſtarkem Erröthen die weiteren Worte der ante:—. „Der Handelsexpedient, mit welchem Du auf dem Damofſchife in Geſellſchaft geweſen biſt!“ ., o— er!“ Dieſe Worte ſagte ſie in einem Tone, deren augen⸗ ſcheinliche Gleichgültigkeit die Tante Regine Sophie entzückte; denn dieſe ging, wie man bemerkt hat, ſchon mit gewiſſen eigenen Plänen um. „Als ich Dich erröthen ſah, ſo glaubte ich, daß Du es errietheſt; aber ich weiß recht gut, ein ehrbares Mädchen erröthet bei dem bloßen Gedanken daran, daß Jemand ihre Freiheit zu fangen denkt.“ „Sucht Herr A. denn das?“ fragte Blenda mit kindlicher Neugierde. „Ich dachte erſt morgen mit Dir davon zu reden, da ich aber ſehe, daß Du es auf eine Weiſe auf⸗ nimmſt, mit welcher ich ſehr zufrieden bin, ſo kann ich Dir jetzt gerne ſagen, daß er mehrmals hier ge⸗ laufen iſt, ohne Dich zu tleffen.“ 2 103 „Aha!“ „Daß er um den Garten ſpionirt hat, da ihm je⸗ doch nichts gelingen wollte, er ſeine Zuflucht zu mir genommen und um die Erlaubniß angehalten hat, bis⸗ weilen herlommen und Dich in meiner Anweſenheit ſehen zu dürfen.“ „Weiter nichts als das?“ „Verſtehſt Du denn nicht, Kind, daß die Männer ſo ſagen, wenn ſie die Abſicht haben, um die Hand eines ſchönen Mädchens anzuhalten?“ „Nein, Tante, das wußte ich nicht!“ „Wenn er die Erlaubniß erhält, ſein Glück zu „Was da?“ „... ſo iſt das ſo gut wie eine halbe Hoffnung. Er meint es ehtlich und will Dich in einigen Jahren heirathen.“ „ Iſt es ſo, liebe Tante, ſo laſſen Sie ihn lieber nicht kommen!“ „Wie? Du willſt ihn nicht annehmen?“ „Hätte er nichts Anderes verlangt, als nur zu plaudern, ſo wäre ich gerne darauf eingegangen, denn ex iſt recht angenehm und unterhaltend; wenn dieß mich aher zu etwas mehr verpflichten ſollte, ſo entſage ich ſehr gerne ſeiner Geſellſchaft.“ „Liebes Kind, es iſt das Beſte, Du befinnſt Dich erſt darüber! Ein armes Mädchen erhält nicht leicht dergleichen ehrliche Anerbietungen!“ Dieß ſagte die Tante theils weil ſie wollte, daß Blenda es glauben ſollte, und theils weil ſie noch ein⸗ mal widerlegt zu werden wünſchte. „Ich will mich beſinnen, liebe Tante, ſo lange Sie es wünſchen, aber ich verſichere, daß ich nie eine andere Antwort geben werde. Und bekomme ich auch keinen Freier mehr, ſo trößt ich mich damit, daß ich wenigſtens einen gehabt hube.“ „ Du machſt mich immer mehr und mehr zufrieden, —,— 104 mein Mädchen! Ich glaubte, Du würdeſt, jung und von Romanen im Kopfe verwirrt, gleich bereit ſein, ſobald Du nur von Liebe reden hörteſt.“ „Gut, daß Du weißt, was beſſer iſt! Ich über⸗ nehme die Antwort an Herrn A., ich, notabene wenn Du Dich erſt mit Deiner Mutter berathen haſt, denn in dieſer Frage hat ſie das erſte Wort... Da Du jedoch unn hinſichtlich des Handelsexpedienten ſo auf⸗ richtig geweſen biſt, ſo ſage mir auch auf Dein Ge⸗ wiſſen, ob Du vielleicht anders geantwortet hätteſt, wenn es einer von den andern Paſſagieren geweſen wäre!“ „Ich betheuere, beſte Tante, daß ich für Keinen von ihnen das geringſte andere Gefühl gehabt habe, als das Vergnügen... das Vergnügen obſervirt zu ſein, und das Vergnügen eines muntern Geſpräches.“ „Vortrefflich!“ „Aber, liebe Tante, da Sie ſo offenherzig mit mir reden, ſo kann ich die Wahrheit nicht verbergen. Mutter iſt nie gewohnt geweſen, auch nur das Aller⸗ geringſte vor mir geheim zu halten— ich weiß Alles: die Viſiten, die Billette und Ihre Klugheit, gute Tante, um mich von ſo gefährlichen Bekanntſchaften zu befreien. Ich fange jetzt an, mancherlei zu begreifen, was ich früher nicht verſtanden habe; und wahrhaftig,“ fuhr ſie fort mit einer kleinen ſtolzen Miene, die ihr ſehr gut ſtand,„künftig ſoll Keiner fehlgreifen durch meine Unwiſſenheit!“ „Sieh, ſo ſoll's ſein, mein Mädchen! Und da ich Dich über dieſen Gegenſtand höre, ſo mache ich mei⸗ ner Schweſter gewiß keine Vorwürfe, daß ſie geplau⸗ dert hat: beſſer iſt beſſer, und am beſten iſt, wenn Alles klar iſt... Nun aber, Kind, nun geh und zieh Dich an— wir haben uns ſo verſäumt, daß wir gewiß erſt mit dem Boote kommen, das um ein Uhr geht; —— ———„—, —————Ir— — 105 doch das thut nichts: die gnädige Frau läßt den Tiſch nicht vor halb drei Uhr ſerviren.“ Blenda flog hinaus. 12. Es war ein lebendiger und entzückender Anblick, der ſich dem Auge auf dem ganzen Mälar vor dem Riddarholme darbot; denn um die Mittagszeit war er überall beſäet mit ſeinen zahlloſen kleinen Booten und Segeln, welche einander in allen Richtungen durch⸗ kreuzten bis an die fernen ſonnigen Geſtade, die Lieb⸗ lingsplätze des ſeeliebenden Theiles von der Bevölke⸗ rung Stockholms. Blenda— elegant wie eine wirkliche Stock⸗ holmerin, und ſo ſchön, daß zum geheimen Stolze und zur Zufriedenheit der Tante Regine Sophie die Leute ſich umwendeten, um ſie betrachten zu können— ſaß jetzt und ſchaukelte in dem kleinen Kullboote*), *.) Nach vielen, am Mälar gelegenen Landſtellen, ſo auch nach dem dicht vor der Stadt im Süden gelegenen Liljeholmen, gehen ſtündlich Boote ab, die nicht mit Rudern, ſondern an der Seite wie bei Dampfſchiffen angebrachten Schaufelrädern in Bewegung geſetzt werden. Dieſe Räder werden von vier Perſonen gedreht, und da man hiezu in Stockholm immer Frauen oder Mädchen aus Dalekarlien(Dalkullen) anwendet, ſo haben dieſe Boote den Namen Kullboote erhalten.— Die im Folgenden vorkommenden Orte liegen ſämmt⸗ lich am Mälar in der allernächſten Umgebung von Stockholm ja, in der Stadt ſelbſt. Anm. d. Ueberſ⸗ 106 deſſen ſich ſtets drehende Räder ihr ein unbeſchreibliches Vergnügen machten. Bald wurde jedoch die Maſchinerie des Kullbootes über der Ausſicht auf dieſe zu gleicher Zeit ſo pitto⸗ reske und prachtvolle Natur gelenkt, in welcher die Kunſt ihre ſtattlichen Denkmäler errichtet hat. Hier paſſirte man die erſten Skinnarwiksberge... dort erhob ſich die Kungsholmskirche, und weiterhin ſchim⸗ merte Marieberg hervor... hier erblickte man hinter ſich von Neuem Strömsborg... und bald war das Boot in dem ſchönen Langholmswik. „Jetzt biſt Du wohl ſehr glücklich, meine Blenda?“ ſagte die Mutter lächelnd.„Dieß iſt gerade einer von den ſchönen Tagen, von denen wir träumten, wenn wir an die Ruhe nach der Arbeit dachten.“ „Ach, dieſer iſt weit ſchöner, liebe Mutter! Mir iſt ſo ſonderbar zu Muthe; ich bin glücklich und er⸗ ſtaunt, aber dennoch etwas wehmüthig darüber, daß eine ſolche Fahrt allzu ſchnell ein Ende nimmt.“ „Liebe Blenda,“ meinte Tante Regine Sophie, „ſie dauert ganz hinreichend lange.“ „Hinreichend lange?“ .„Werde nun nur nicht ſchwer um's Herz, weil Du Waſſer, Bäume und grüne Hügel zu ſehen bekommſt; denn weißt Du, wie Henriette Dich da nennt?“ „Nein, darf ich hören?“ „Die kleine Einfalt vom Lande!“ „Iſt es möglich?“ „Ja, da haſt Du den Ehrentitel, den ſie Dir vom erſten Augenblick an gab... nimm Dich nur in Acht, daß ſie kein Waſſer auf ihre Mühle erhält! Zwar iſt es recht gut, in einigen Stücken einfältig zu ſein, doch... „Fürchten Sie nichts, gute Tante, ich werde ihr keine Gelegenheit geben, mich die Einfalt vom Lande zu nennen!“ 3. „Gut, gut!“ η 4 82—— KE& ð&ᷣ —— 8u —— 107 „Aber ſie möchte es wohl dennoch thun... und da wir doch einmal von ihr reden“— hier neigte ſich Blenda an das Ohr der Frau Regine Sophie—„ſo ſagten Sie uns letzthin, wir ſollten einander Du nennen, wie Couſinen pflegen; ſie ſagte jedoch niemals Du zu mir, ſondern vermied jede Benennung. Das that mir weh, und jetzt will ich ſie lieber„Frau“ und „Sie“ nennen.“ 3 „Nein, Kind, das geht nicht! Erfährt Johann, wenn er nach Hauſe kommt, daß Henriette ſo unver⸗ nünftig geweſen iſt, ſo wird ſie ihr Glück nicht beſon⸗ ders zu rühmen haben.“ „Fragt ſie denn ſo viel nach ihrem Schwager?“ „Ob ſie nach Johann fragt?— ja das kannſt Du glauben! Und er verabſcheut Hochmuth und Geld⸗ ſtolz... Doch, Henriette iſt im Uebrigen gutt ſie iſt eine kleine artige und gute Schwiegertochter, und Patrik iſt ſehr zufrieden.“ Hier wurde das Geſpräch unterbrochen, weil das Boot bei Langholmen Paſſagiere an's Land ſetzte und einnahm, und während des noch übrigen Weges war Blenda ſo ſehr mit den Augen beſchäftigt— in denen alle ihre übrigen Sinne zuſammen zu fließen ſchienen. daß die andern Frauenzimmer ihr den Genuß gönnten, bis endlich die Sommerſtelle der jungen Herrſchaften Thorman unter Laubmaſſen und Blumenparterren ſicht⸗ bar wurde. „Sieh dorthin, Blenda!“ rief die Tante;„ſieh dorthin!— Was meinſt Du von dieſem Zuckerhauſe, das oberhalb der Brücke mit den grünen Bänken liegt?“ „Ach, welche ſchöne Stelle!“ „Das iſt Henrikslund, das Henriette von ihren Eltern geerbt hat... Hoho! dort kommt Patrik an die Bruͤcke herab— der gute Junge, er ſieht ſeine Mutter gern: die Freude leuchtet ihm aus den Augen.“ Und nun legte das Boot an's Land. Der gute Patrik— recht brillant angezogen, in 108 weißen Unterkleidern, einem gruͤnen Sommerrock und buntem Langhalstuch— kam ſeiner Mutter mit offenen Armen entgegen, reichte darauf der Tante Emerentia und der kleinen Couſine und zuletzt der Mamſell De⸗ bora die Hand. „Nun, wo haben wir denn die Schwiegertochter?“ Ehe Patrik Zeit zur Antwort hatte, kam Henriette, umflattert von einem weißen Kleide mit fliegendem Haubenbande die Anhöhe herab. Sie war heute ſo friſch, anmuthig und lächelnd, die junge Frau, daß man gezwungen war, ihre ge⸗ wöhnliche Miene voll ſpöttiſchem Hochmuth zu vergeſſen. Da aber dieſer ſpöttiſche Hochmuth auf ihrem Geſichte naturaliſirt zu ſein ſchien, ſo war ihre heutige ſonnen⸗ ſcheinartige Sanftmuth um ſo mehr zu bewundern. Doch Henriette hatte gleich allen Uebrigen ihre Tage die liebenswürdigen Laune, und wenn dieſe zu⸗ fällig mit einem von dieſen zuſammentrafen, da ſie Gelegenheit hatte, in ihrer kleinen Societät den Tribut von Artigkeit und Schmeichelei einzuernten, den ſie ſo gerne entgegennahm, ſo durfte man es hiemit nicht ſo genau nehmen: die Liebenswürdigkeit kam ja ihrer Umgebung zu Gute. „Behüte, mein Püppchen, wie ſonnenſcheinartig Du heute ſchimmerſt!“ begann die Schwiegermutter. „Es funkelt ja ordentlich aus Deinen Augen! Mein armer Patrik! iſt alles dieſes Feuer für ihn, da fürchte ich, daß er verbrannt wird!“ „O, ich bin ſchon gekocht und verbrannt!“ erklärte Patrik lachend.„Henriette wollte heute früh noth⸗ wendig promeniren; als wir aber an die jungen Tan⸗ nen kamen, ſo bat ſie mich zu wart...“ „Lieber Patrik, wie kannſt Du unſere Mutter und ihre Geſellſchaft hier in der Hitze aufhalten, da wir auf die Kühlung der Veranda einladen können!“ „O, es iſt ja hier unter den Bäumen ganz vor⸗ krefflich! Deine Veranda— das ſoll gewiß dieſes 4. 109 wacklige lange Schilderhaus ſein mit den Zweigen zwiſchendurch, das ihr vor das Haus geſetzt habt— iſt gewiß nicht ſo kühl.... Dürfen wir aber nicht Patrik's kleine Geſchichte hören, da er gekocht und ge⸗ brannt wurde?“ „Ich glaubte, Mutter und die andern Frauenzimmer möchten durſtig ſein. Ueberdieß iſt das Mittagseſſen gleich in Ordnung.“ „Du biſt allzu artig, allzu artig!... Aber, ſo erzähle doch, Patrik!“ „O, das iſt augenblicklich gethan. Es war nur ein Scherz von Henrietten: ſie bat mich, zu warten, während ſie hinging, um zu baden.“ „Aha, um zu baden!“ „Als ich aber eine gute Stunde in der Sonnen⸗ hitze ſpazieren gegangen war, wurde mir die Zeit lang, und da wollte ich auch baden.“ „Das war ganz billig!“ „Ich dachte: jetzt iſt Henriette gewiß fertig. Ja, der Henker auch— ſie war nicht dort!“ „Nicht dort?“ „Wo zum Henker iſt ſie geblieben?“ ſagte ich zu mir ſelbſt. Ich mußte umherlaufen und ſie aufſuchen, und dazu hatte ich denn auch wirklich gute Gelegen⸗ heit, bis ich endlich umkehrte, um zu Hauſe nachzu⸗ ehen.. ſ„Und da,“ fiel Henriette mit lautem Gelächter ein, „war ich Dir zuvorgekommen! O, ich hörte Dich recht gut auf dem ganzen Wege, wie Du riefeſt:„Henrieite! ſo amworte doch, Henriette!“... Aber ein ſolches Spiel, das, wie ich vermuthe, unter neuvermählten Leuten gar nicht ungewöhnlich iſt, darf man Andern nicht erzählen, mein guter Patrik!“ „Ich meines Theils,“ entgegnete die Schwieger⸗ mutter, indem ſie einen langen, etwas argwöhniſchen „Blick auf die Schwiegertochter heftete,„glaube kaum, daß ein ſolches Spiel unter Neuvermählten ſo ge⸗ ————— —— — wöhnlich iſt... Laßt uns aber nun in die Veranda der jungen Frau gehen!“ Und hiemit ſtieg die Geſellſchaft die Treppe hin⸗ auf zu der von feinen, grünen Spalieren aufgeführten Ausbaute; die ſich an das kleine weiße Haus ſchmiegte, das mit ſeinen nach der Seeſeite hin geöffneten Glas⸗ thüren, ſeinen mit Blumen geſchmückten Fenſtern und ſeiner ſchönen Einrichtung unbeſchreiblich nett und ein⸗ ladend ausſah. Als man hier angekommen war, ſo befand man ſich noch beſſer durch das Beſchauen der herrlichen Ausſicht über das tieſblaue Waſſer des Mälar. Frau Emerentia und Blenda blieben voller Er⸗ ſtaunen am Eingange ſtehen. Zwiſchen ihnen war nur der Unterſchied, daß die Mutter ſich in ſtummem Entzücken über ſo viele ſchöne Möbel und Schmuckſachen nach Innen wendete, wäh⸗ rend Blenda die Augen nach Außen richtete, und die Hände mit dem Ausdrucke der größten Andacht fal⸗ tend, ſtumm bei dem Gemälde, das der See und die Landſchaft erboten, daſtand. „Nein, ſeht doch unſere kleine Unſchuld, unſere kleine Einfalt, wie andächtig ſie ausſieht!“ rief Hen⸗ riette munter aus.„Ich weiß nicht, was ich geben wollte, wenn ich dieſe Miene aufſetzen könnte!“ „Bin ich Diejenige,“ antwortete Blenda, indem ſie ſich ſchnell umwendete,„die den Titel der kleinen Einfalt tragen muß?“ „Ach, mein Gott, das fragt ſie in einem Tone, als hätte ich eine Todſünde begangen!“ entgegnete Henriette, und fiel wiederum in ihr überlautes Ge⸗ lächter. Bei dieſem Scherz, der mehr durch den Ton, als durch die Worte beleidigte, rollte das Blut in warmen Wogen von Blenda's Herz in ihre Wangen, deren weichen Sammet ſie mit einem ſtärkern Purpur über⸗ goſſen, als ſelbſt die Kaktusblume darzubieten ver⸗ 111 mochte. Die ſanſten, ſeelenvollen Augen nahmen einen Ausdruck von ſtolzer Kälte an, und beherrſcht von einem ihr fremden Gefühle, nämlich von dem Aerger, gab ſie Henrietten eine Antwort, an welche dieſe ſich auch noch ſpäterhin mit nicht geringerem Verdruſſe erinnern konnte. „Ich weiß nicht, ob es eine Todſünde iſt, ein armes, unerfahrenes Mädchen zum Gegenſtand des Ge⸗ lächters zu machen, ſo viel aber weiß ich, daß ich nicht ſo einfältig bin, um durch Stillſchweigen einzu⸗ willigen, daß ich dazu dienen will!“ Bei dieſer Aeußerung ihrer engelfrommen Blenda glaubte Frau Emerentia ſelbſt vor Herzweh ſterben zu müſſen, ſo erſtaunt war ſie. Ihr einziger geordneter Gedanke war dieſer:„Was wird die Schweſter ſagen?“ Glücklicher Weiſe brauchte ſie hierüber nicht lange in Unwiſſenheit zu ſchweben. 3 „Nein, hört doch nur das Kind!“ ſagte Tante Regine Sophie lachend und mit den Augen blinzelnd, ein ſicheres Zeichen ihrer Zufriedenheit.„Sie kann ſich meiner Treu ſelbſt vertheidigen— das iſt ganz recht, meine Kleine! Setz Du Dich zur Wehr, Du, gegen Henrietten, wenn ſie Dich in die Enge treibt!“ „Ich wußte nicht,“ meinte die junge Frau, indem ſie mit dem Haupte einen großen Geſtus machte,„daß die Damen aus den Provinzen ſo empfindlich wären— doch werde ich mich wohl ein andermal in Acht neh⸗ men, mit dem Fräulein zu ſcherzen!“ „Du magſt gerne ſcherzen ſo viel Du willſt!“ er⸗ wiederte Blenda, die jetzt ſchnell mit einer freundlichen Geberde Henrietten die Hand reichte,„aber lache nicht über mich— denn das thut ſo weh, daß ich werde, als wäre ich gar nicht mehr ich ſelbſt.“ Es lag in Blenda's Ton und Geberde eine ſo ent⸗ waffnende Anmuth, als ſie mit dieſer zum erſten Male angewendeten Vertraulichkeit ihrer Couſine entgegen irat, daß Henriette, wenigſtens für dieſen Augenblick, ſich —— 112 beſiegt fühlte. Und, Blenda's Wange küſſend, ſagte ſie lächelnd: „Du biſt mir ein Naſeweischen, und ſo ſollſt Du heißen, wenn Du es verſchmähſt, die kleine Einfalt vom Lande zu ſein!“ „Mit dieſem Tone magſt Du mich nennen, was Du willſt— o wie liebenswürdig kannſt Du doch ſein!“ 13. Nach einem in einer kühlen Laube eingenommenen vortrefflichen Mittageſſen ſetzte ſich die Geſellſchaft, um den Zuwachs zu erwarten, der aus der Nachbarſchaft ankommen ſollte. Während Blenda den Geruch von den ſchönen Blu⸗ men, mit denen Patrik ſie verſehen hatte, behaglich einſog und bei ſich ſelbſt überlegte, wie ſie ſich wohl am beſten in der Societät ſchicken ſollte, begann Frau Regine Sophie ein Verhör über die Gäſte anzuſtellen. „Dieſer ſtarke Roſenduft mit dem Säuſeln in den Bäumen und auf dem See macht mich ein wenig ſchläfrig— plaudere Du daher, Henriette, Dir wird es ja leicht, und ſage mir, wen Du erwarteſt... Aber biſt Du ſchon eingeſchlafen, meine liebe Schwe⸗ ſter Emerentia?“ 8 „Ich?— nein, ich bin weit entfernt vom Schlafe!“ Und hierin hatte die gute Seele vollkommen Recht. Gleich Blenda war auch ſie beſchäftigt mit dem Gedanken an ihr erſtes Auftreten, und da es ihr in das Gedächtniß gekommen war, wie ſie irgendwo gele⸗ ſen hätte, daß Stillſchweigen und Gedankenvollheit Bildung und Verſtand anzeigen, ſo nahm ſie ſich vor, Rein dieſen Punkten ſich von Niemand übertreffen zu ſagte ſt Du infalt „was ſein!“ menen ft, um rſchaft n Blu⸗ zaglich wohl Frau ſtellen. in den wenig r wird Schwe⸗ hlafe!“ Recht. it dem ihr in o gele⸗ vollheit ch vor, fen zu — 113 laſſen. Ihre Zurückgezogenheit ließe ſich überdieß durch die Trauerkleidung leicht erklären, und ſie hätte den „Wir erwarten nur Diejenigen,“ antwortete Hen⸗ riette ihrer Schwiegermutter,„welche hier draußen wäh⸗ rend des Sommers zu unſerm gewöhnlichen Geſell⸗ ſchaftskreiſe gehören.“ „Ja, der reiche Höker Hallberg... Ferner haben wir den Spiegelfabrikant Lundgrén, den Hofrath Ahl⸗ ſtén und... laß mich denken... vielleicht kommen „Aber der Kammerjunker, liebe Henriette, Du vergißt ihn!“ fiel Patrik ein. „Wer iſt denn das?“ fragte die Mutter. „Der Sohn der Oberſtin. Er iſt wöchentlich einige Male draußen, und da kommt er faſt immer hieher und fingt mit Henriette. „Vielleicht befiehlt Mutter, daß wir den Kaffee ſerviren?“ fiel die junge Frau ein.„Das iſt gewiß das einzige Mittel, Leben in uns zu bringen.“ Die ariſtokratiſche Frau Emerentia buchſtabirte in⸗ wiſchen bei ſich ſelbſt an der ſonderbaren Zuſammen⸗ ſebun des Ranges der Gäſte. Sie war gewöhnt an die engen Anſichten der Pro⸗ vinzen und konnte nicht begreifen, wie ein Höker, ein Hutſtaffirer— dieſen Titel faßte ſte buchſtäblich auf*)— ) In Schweden nennt man die Galanteriehändler Die Romanhyeldin. 8 114 und ſogar ein Schlächter mit Oberſtinnen, Kammer⸗ junkern und Hofräthen in Geſellſchaft kommen könnten. Die werthe Frau hatte zwar ſchon von der Macht des Geldes gehört, daß es aber ſolche Wunderwerke her⸗ vorzubringen vermochte, hatte ſie ſich noch nie ein⸗ gebildet. Weäßhrend Henriette davon eilte, ohne die Er⸗ laubniß ihrer Schwiegermutter zu erwarten, benutzte Frau Emerentia die Gelegenheit, ihre Schweſter zu fragen, ob es in Stockholm verſchiedene Handwerke wären, Hüte zu machen und ſie zu ſtaffiren. „Biſt Du verrückt? Ein Hutſtaffirer iſt etwas ganz anderes, als ein Hutmacher. Weißt Du nicht, daß mein Sohn Johann ein Hutſtaffirer iſt?“ O! Ich meine, Du ſchriebſt einmal— doch viel⸗ 7* leicht konnte ich das Wort nicht richtig leſen— er hätte einen Gal⸗ Galanteriehandel?“ „Nun ja, Hutſtafſtrer— und vor allen Johann— haben gewiß einen ſolchen Handel.“ „Was verkaufen ſie denn aber?“ fragte unſere Frau, ſehr zufrieden, dieſe Aufflärung zu erhalten. „Alles Mögliche! Du ſollſt einmal mit mir in den Laden meines Sohnes kommen, ſo wirſt Du Militair⸗ zierrathen, Leuchter, Kronleuchter, Parfümerien und dergleichen finden.“ Jetzt ſagen wir nicht zu viel, wenn wir anzeigen, daß Ffan Emerentia's Kopf buchſtäblich in Schwindel gerieth. 5 Sie konnte kaum die Augen von ihrer Schweſter abwenden. Galanterie und Hutſtafſtren waren alſo in Stockholm gleichbedeutende Begriffe— und endlich éſtand das Hutſtaffiren nicht darin, daß man Hüte 4 gewöhnlich Hattſtofferare, welches hier im Deut⸗ ſchen beibehalten werden mußte.. Anm. d. Ueberf. 88 mer⸗ ſtaffirte, ſondern darin, daß man Kronleuchter, Leuch⸗ nten. ter, Militairzierrathen und Parfümerien verkaufte! t des Ehe ſie dieſes große Chaos ordnen konnte, traf her⸗ ſchon ein Trupp von Fremden ein. ein⸗ Und ſieh, dieſe glänzenden Damen, die ſich ſo gut trugen, wie jemals eine Heldin in Lafontaine's und Er⸗ Kotzebue's Romanen, waren ſie nicht eben jene reiche nutzte Hökerfrau, jene reiche Schlächterfrau und endlich jene er zu reiche Hutſtaffixerfrau, welche letztere ſogar an Anmuth werke und Eleganz alle übrigen, ja ſelbſt Henrietten, übertraf? etwas 3 8* nicht, 1 4 Noch eine Stunde ſpäter war die ganze Geſell⸗ viel⸗ ſchaft angekommen, außer der Oberſtin, und während — er der Kaffee eingebracht wurde, begann eine Converſa⸗ tion, welche Blenda nicht weniger wirr im Kopfe nn- machte, als die vorhergehende Entdeckung die Mutter gemacht hatte. unſere Die arme Blenda kannte keine einzige von den en. Tagesneuigkeiten, kannte keinen Namen von einem ein⸗ n den zigen Schauſpieler, Sänger und Sänugerin, hatte nur itair⸗ wenige Begriffe von den Badeörtern, nnd noch weni⸗ aund gere von dem Swea⸗Orden, Thalia, von der Geſell⸗ ſchaft Dieß und von der Geſellſchaft Das, von Con⸗ eigen, certen, Soiréen, Feſtlichkeiten im Kirſtein'ſchen Garten vindel und mehr dergleichen. Noch ſchlimmer ging es ihr, wenn die Damen weſter ſte anredeten, denn alle Gegenſtände hegannen mit: lſo in„Haben das Fräulein geſehen... haben Sie gehört ndlich. find Sie dort oder dort geweſen 7...“ und wenn Hüte Blenda verſchämt aut edtete, daß ſie außer der ſchönen Stadt und einem Theil der ſchönen Umgegend noch 3 nichts geſehen haͤtte, ſo hatten die Damen die Güte, 4 Deut⸗ ſo unverſtändlich als möglich ſo viele verſchiedene Dinge zu beſchreiben, daß ſie nicht den vierfen Theil * ◻ * ——— 1¹6 davon begreifen konnte. Und bei allem dieſem Geplau⸗ der gingen ſie darauf los mit den Nadeln, daß Blenda meinte, dieſe und die Fäden gingen von ſelbſt, und das noch obendrein am Sonntage— die ländliche Blenda war verurtheilt, aus der einen Verwunderung in die andere zu fallen. Inzwiſchen hatten ſich die Herren, welche weit weniger geſprächig waren, als die Damen, in die „Veranda“ zurückgezogen, wohin Cigarren und Punſch gebracht worden waren. Man hatte ſchon alle Hoffnung aufgegeben, an dieſem Nachmittage die Oberſtin zu ſehen, und die Damen dachten eben an eine Promenade, als Hen⸗ riette— die wahrſcheinlich eine kleine geheime Ungeduld zu bekämpfen hatte, denn ſie machte ſich im⸗ merwährend Etwas im Hauſe zu ſchaffen— bei der Rückkehr von einer dieſer häuslichen Runden mit der Nachricht erfreut wurde, daß die Oberſtin und der Kammerjunker im Parke ſichtbar wären. Es iſt unmöglich, zu wiſſen, welche angenehmen Eigenſchaften dieſe Perſonen beſaßen, gewiß aber muß⸗ ten dieſelben von höherer Art ſein, denn keine einzige von den Damen— mit Ausnahme unſerer Tante und Blenda— entging einer gewiſſen Elektriſtrung. Die Oberſtin war weder mehr noch weniger, als eine alte freundliche Ehrenfrau, die ſich gerne aus⸗ gezeichnet ſah als die Vornehmſte in dem kleinen Kreiſe, in welchem ihr auch ſehr viel Weihrauch geſtreut wurde. Ihr Sohn, der Kammerjunker, war dagegen ein junger artiger Mann, der ſich damit beluſtigte, vor den jungen Damen Weihrauch auszuſtreuen. Er hatte eine Art und Weiſe zu ſchwatzen, daß er ſie ganz ent⸗ zückte, und er plauderte hinlänglich gerne, um nicht daran müde zu werden, ſich ſelbſt zu hören. Doch zur großten Unzufriedenheit ſeiner Zuhöre⸗ rinnen und Bewundererinnen machte er ſich heute eines gewiſſen Fehlers ſchuldig. ——4——,— ——— 117 Kaum hatte er eine Viertelſtunde lang ſeine Zunge die intereſſante Bahn durchlaufen laſſen, wo er mit ſo großem Geſchmack zu caprioliren pflegte, als er plötz⸗ lich abbrach und ſich nicht an Henrietten, welche einer noch ausſchließlicheren Aufmerkſamkeit gewohnt und darauf vorbereitet war, ſondern an Blenda wendete, welcher er ſich ganz ungekünſtelt mit einer Frage über den Eindruck, den die ſchönen Umgebungen von Stock⸗ holm auf ſie gemacht hätten, näherte. „Ich fürchte, daß ich nicht im Stande bin, eine genügende Auskunft zu geben!“ entgegnete ſie mit ih⸗ rem einnehmenden Lächeln.„Aber ich habe kaum von etwas ſo Prächtigem geträumt.“ „Nicht einmal geträumt— das heißt, mein Fräu⸗ lein, Sie meinen, daß der Traum immer die Wirk⸗ lichkeit übertrifft?“ „Wenigſtens bilde ich mir ein, daß dieß ſehr oft der Fall iſt.“ 1 „Und ich prophezeihe, daß Sie in der Zukunft ihre Meinung ändern.... Darf ich aber nicht die Grashalme halten?... Wir Stockholmer verſtehen uns ebenfalls darauf, im Grünen Grashalme zuſam⸗ menzuknüpfen.“ Und zu Henrietten’'s größtem Verdruß, ſetzte ſich nun der Kammerjunker neben Blenda, indem er artig die Hand hinreichte, um die Grashalme zuſammenzu⸗ halten, welche ſie, ſich ſelbſt unbewußt, gepflückt hatte, jetzt aber willig hingab, weil ſie ihr Gelegenheit ver⸗ ſchafften, beim Zuſammenknüpfen daran zu denken, ob ſie wohl jemals„den Ritter von der ſchwarzen Raſe“ wiederſehen würde... und ſieh, der Kammerjunker hatte Glück im Halten: Blenda's Ritter ſollte wieder⸗ kommen. „Was meinen die Herrſchaften: ſollten wir wohl jetzt Ernſt machen mit der Promenade?“ fragte die Wirthin.„Hier nimmt ja die Wärme wirklich über⸗ hand.“—— Der Vorſchlag weckte getheilte Gedanken. Die Oberſtin, Tante Regine Sophie und einige andere Frauen zogen es vor, in Ruhe an der Limonade zu nippen und die übrigen Erfriſchungen zu verzehren, woßm vi⸗ jüngere Abtheilung ihren vollen Beifall gab. junker, und wer, wo nicht er, ging hernach treulich an 1. 4 Erſt bei der Wendung in einer Allee befand er ſich ganz in Henrietten's Nähe, und ihre funkelnden Augen bewirkten, daß er ſich ſchnell mit ihr einige Schritte vor die übrige Geſellſchaft begab. c. .„Ich bin auf das Aeußerſte in Erſtaunen geſetzt!“ ſind, als bis... Al„Als bis? 35 tattsirnsck, a. „ zu Ihrer erſten kleinen Intrigue.“ „Was ſoll denn das bedeuten?Ä4 Ddie Frage war von einer dunkeln Röthe be „das kommt daher, weil ſie nicht weiter vorgedrungen gleitet. „Daß die entzückende Henriette ſpäterhin den Nutzen eines Ableiters lernen wird!u mne ms enn Fines Ableiters?“ 11E a2Co. Slant: e 331„Die kleine Verlegenheit, die heute Vormittag über uns kam, ſchenkt uns ja Erfahrung.“ „Zugegeben!“ „Nun wohl: lieber zwinge ich mich dazu, mich mit der Unbedeutendſten zu beſchäftigen, als daß ich. „Als daß Sie?’“* „.. Als daß ich der Schönſten eine Blöße gebe. —B inige nade hren, gab. daß lben ollte, richt mer⸗ han der nden nige t!“ rker äu⸗ ich, gen A₰ — 2 119 „Wenn ich nur wüßte, wenn ich überzeugt wäre...“ „Wovon?“ Daß“— Henrietten's Stimme war jetzt un⸗ endlich milder geworden—„daß es nur Zwang wäre.“ „Boshafte!— Können Sie daran zweifeln?“ 14. Lrau Regine ophie Chorman an ihren Sohn, Herrn Johann Blücher in Hamburg. „Mein geliebter Johann! „Hätteſt Du nicht ſelbſt damit begonnen, Dich an⸗ zuklagen, ſo hätteſt Du ſehen ſollen, daß ich es gethan hätte, und das recht ſcharf, Du unartiger Geſelle, der ſeine eigene Mutter ſo lange auf einen Brief von ſich warten läßt! Doch mag ich eine Sache, die ſchon er⸗ kannt iſt, nicht wiederkänen— ich weiß ohnedieß, daß Du Deiner Mutter gut biſt. „Nun, was ſagſt Du zu der Neuigkeit, daß Du mich auf ein Haar nicht wiedergeſehen hätteſt, wenn Du nach Hauſe kommſt? „ Ja, ja, das wäre Dir vielleicht durch's Herz ge⸗ gangen, Du Wicht, der ſo weich iſt, daß ich mich in manchen Stücken wirklich vor Dir ſchäme Willſt On denn niemals ein Mann werden? Und ich ſage Dir, ſollte geſchehen, was nun gottlob gewiß nicht geſchieht, da ich hurtiger bin, als ich ſeit langer Zeit war, ſo ſollſt Du Dich nicht benehmen wie ein Narr, denn ob⸗ gleich Dich wilden Burſchen gewiß Niemand in dieſer Welt höher lieben kann, als ich, ſo zweifle ich doch nicht daran, daß Du die erhalten wirſt, die da ſieht, was Du für Einer biſt, und unter uns geſagt, habe ich mir eingebildet, daß es das reine Gold iſt. 120 „Doch, wie geſagt, Johannchen, ich weiß nicht, wie es zugeht, daß mich ein ſolches Bedurfniß ankommt, Dich hierin zu ermahnen. Verſprich mir, daß Du dem Unglück einen ſteifen Kopf entgegenſetzen willſt, wenn es kommen ſollte, wenn ich Dich auch, behüte Gott, nicht ermahnen will, kein Herz zu haben. „Es iſt ſehr gut, daß Du endlich in dem guten Velegtten Hamburggiſt, und daß Du glückliche Geſchäfte machſt. „Es iſt vielleicht am beſten, wenn ich Dir rein herausſage, daß ich mit Dir über eine Sache reden will, die Du immer in den Wind geſchlagen haſt; thuſt Du es aber auch dießmal, ſo handelſt Du als ein großer Narr. G „Nun iſt das ſo zu verſtehen, daß meine Schweſter, die ich erwartete, richtig eingetroffen iſt mit ihrer kleinen Tochter— und Du kannſt glauben, ſo krank ich auch an dem Tage war, ſo erſtaunte ich dennoch wirklich über einen ſolchen kleinen Engel Gottes, ſanft wie ein Täubchen, und unſchuldig, Du, daß Einer wirk⸗ lich über ſie lachen und weinen kann! „Henriette zeigte ſich gleich auf dem geſpannten Seile— die Henriette, die Henriette!— jenes Mal hatteſt Du gute Augen. Nun, lieber Johann, Du, ich habe das Mädchen geprüft, ſowohl was die Arbeit betrifft, als auch den Charakter, und Du kannſt meinen Worten glauben: ſie iſt eine echte Perle. Die Armuth thut gar nichts, denn ich ſage: es iſt ein Segen, ſo ein frommes und freundliches Kind in's Haus zu füh⸗ ren; und die große Dankbarkeit, welche ſie ganz gewiß nicht allein fühlen, ſondern auch an den Tag legen wird, iſt ein beſſeres Heirathsgut, als Henrietten's fünfzigtauſend Reichsthaler Banco. „Und wenn ich von ihrer Sanftmuth rede, ſo darfſt Du darum noch nicht glauben, daß ſie ein Schäfchen iſt— nein, behüte Du, anders ſieht es aus! Hen⸗ riette nannte ſie geſtern vor acht Tagen, als wir draußen —““ —=—,——9—. 121 im Zuckerhauſe zu Mittage waren, unſere„kleine Un⸗ ſchuld,“ unſere„kleine Einfalt,“ aber ich wünſchte, Du hätteſt geſehen, welche Miene unſere kleine Einfalt da machte, und welche Antwort ſie in Bereitſchaft hatte— ich entſinne mich jetzt der Worte nicht mehr, doch Hen⸗ riette erfuhr, daß ſie fehlgegriffen hatte, und obgleich ſie hernach, wenigſtens zu einem Anfange, ſich ein we⸗ nig herzlich gegen das Kind ſtellte, ſo kam dennoch die Herzlichkeit aus keinem guten Gemuͤthe, das konnte man ſpäter am Abende ſehr wohl merken. „Du weißt, daß ſie draußen auf ihrem Sommer⸗ ſitze mit einer ganzen Maſſe von Leuten, die zuſammen⸗ kommen, um zu plaudern, Umgang pflegen, und die beſte Gans im Gänſehaus iſt ein Kammerjunker, den ich— wenn ich nach Henrietten's Mienen und Erröthen ſchließen darf— ſehr ſtark im Verdacht habe, daß er ſeine Angelhaken nach ihr ausgelegt hat; an jenem Nachmittage aber lavirte er um die kleine Blenda herum, welche glücklicher Weiſe keine verzagte Blödig⸗ lkeit, aber auch kein beſonderes Vergnügen über die Ehre an den Tag legte. „Nun aber kam es ſo, daß bei unſerer Nachhauſe⸗ fahrt der Kammerjunker ſich in Ordnung machte, um mit in die Stadt zu fahren, anſtatt— wie er des Sonntags gewohnt ſein ſoll— bei ſeiner Mutter, einer Oberſtin, zu bleiben. Er hatte, ſo hieß es, am folgen⸗ den Tage ſo viele Geſchäfte. Und hatte ich bis dahin noch an Henrietten's Ungunſt gegen das Kind gezwei⸗ felt, ſo wurde ich nun davon überzeugt, da ſie plötzlich die größte Luſt bekam, ihre liebe Blenda einige Tage bei ſich zu behalten. Ich aber ſagte Nein, und damit war es aus. „Eine verheirathete Frau... hm, hm!— Gott helfe mir, ich würde ihr den Text leſen, wenn ich glauben könnte, daß es etwas Anderes wäre, als bloße Kinderei. Dennoch will ich aber die Augen offen haben, denn da war etwas von einer Promenade, das mir nicht ganz 122 richtig vorkam, obgleich der arme Patrik gar Nichts verſtand... auf jeden Fall will ich Blenda nicht in dieſe Schule ſchicken. 1235 „Während der Nachhauſefahrt machte der Kammer⸗ junker ſich auf mancherlei Weiſe artig, verſteht ſich in aller Ehrbarkeit.— unter Anderem erbot er ſich, den Neuangekomme⸗ nen das königliche Schloß, die Kleiderkammern und einen Ritterſchlag, der in der Woche ſein ſollte, zu zeigen. Ich ſah, wie in den Augen des armen Kindes bald Freude, bald Angſt leuchtete, und wie ſie mich mit fo innig bittendem Blicke betrachtete, daß ich kein Herz dazu hatte, nein zu ſagen, ſondern das Verſprechen für uns alle Drei annahm. 4120 8O, Herr Sott, welche Luſt habe ich von den bei⸗ en Ftauenzimmern gehabt, vor, an und nach dieſem age! „Meine Schweſter, das Gänschen, war gerade wie ein Kreiſel, und Blenda ging nicht auf der Erde, ſondern in der Luft. Ich glaubte, das Kind ſollte in Ohnmacht fallen, als ſie den König, die neuen Ritter und die ganze Herrlichkeit ſah, und ich mußte ſie tuͤchtig in den Arm kneipen, während der Kammerjunker den Pfropf aus einem Riechfläſchchen zog— Alles, um ſie wieder zu ſich ſelbſt zu bringen.„Dieſe Kleine,“ hörte ich da einen Herrn dem Kammerjunker ganz laut in's Ohr flüſtern,„ſieht ja aus wie Rafael’'s Madonna.“— Ich meines Theils habe zwar dieſe Madonna nicht geſehen, aber das Kind ſah gewiß nett aus, denn das weiß ich: die meiſten Männer hatten ihre Augen eben ſo viel ff ſie gerichtet, als auf den König und den Ritter⸗ ag. „Was meine Schweſter betrifft, ſo war ſie am ent⸗ zückteſten in der Kleiderkammer; ich meinte faſt, ſie wäre feſtgewachſen vor dem Glasſchranke, worin das Brautkleid der Königin hängt, und ſie ſchrie ſo, daß 123 ich mich ſchämte, über einen königlichen Kinderrock, ich weiß nicht, wer ihn getragen hatte. „Seit dieſer Zeit haben wir den Kammerjunker nicht geſehen, aber ich merke, daß er ſeine Capriolen der dem Fenſter macht, und darum muß Debora dort ſitzen. „Haben wir jedoch den Kammerzunker nicht geſe⸗ hen, welcher betrogen wurde in ſeiner Hoffnung, uns geſtern wieder bei Patrik zu treffen, ſo iſt ſtatt ſeiner Henriette hier geweſen, und als ſie am Tage nach dem Ritterſchlage kam und erfuhr, wo wir geweſen waren und wer uns hingeführt hatte, ſo glaubte ich, ſie hätte meinen alten Krampf bekommen. „Anfänglich machte ſie ihrem Harme dadurch Luft, daß ſie verächtlich herausfuhr gegen„kleine intriguante Koketten, die nicht ſo einfältig wären, wie ſie gerne ausſehen möchten.“ Doch ſieh— das Kind war nicht im Zimmer— da fand ich für gut, der gnädigen Frau den Mund zu ſtopfen, indem ich ihr zu verſtehen gab, es ſähe verdächtig aus, daß ſie ſich ſo ſehr für den Kammerjunker intereſſirte. Sie verſchluckte ihre Pillen und ſchwieg. „Es thut mir leid, lieber Sohn, daß Du nicht vor Ende November zuruckkommen kannſt, denn ich bin wirklich in Verlegenheit, wie ich den Schatz bewachen ſoll, den ich Dir zugedacht habe. Ich ſehe ſehr wohl, daß weder der Kammerjunker, noch irgend ein Anderer Theil an ihrem Herzen hat, doch ſo ſehr ſie auch noch Kind iſt, ſo könnte es ſich dennoch ereignen, daß ſie zuletzt an einen der Suchenden ihr Herz verlore. „Es war, ſollſt Du wiſſen, ein ganzer Schwarm von jungen Herren auf der Reiſe um ſie her. Nachher haben ſie mir die Thür beinahe eingelaufen und Billette geſchrieben; dieſe aber habe ich beantwortet, und nun bin ich ſie los. Aber Einer— es war ein recht netter Handelsexpedient— hat ordentlich um ihre Hand ange⸗ halten, und zu meinem größten Erſtaunen(denn das —— 124 mußte ich dem Kinde und meiner Schweſter mittheilen) waren beide der Partie abgeneigt: ich konnte unmög⸗ lich etwas Anderes glauben, als daß Emerentia, ſo leicht wie ſie Pläne fertig bekommen kann, an den erſten Angelhaken beißen würde; aber denke, ſie war völlig gleichgiltig; ſo erhielt er denn ein förmliches Nein, und ich ſah deutlich, daß ihn dieß eben ſo ſehr verdroß, als ſchmerzte. „Ich glaube nicht, daß die Kleine eigentlich auf irgend eine Weiſe gefallſüchtig iſt, aber ſie iſt fröhlich und kindlich und plaudert gerne mit den Herren, was ſie auch ſelbſt eingeſteht. „Könnte ich ihr doch nur einen kleinen, kleinen Wink von meinem Wunſche geben! Aber ich weiß wohl, was Du einwenden wirſt, da Du ſie nicht geſehen haſt. Auf der andern Seite kann ich ſie unmöglich bis zu Deiner Rückkehr eingeſperrt halten; und fliegt einmal das Herz davon, ſo iſt es aus mit der ganzen Freude, obgleich ſie, verſteht ſich, ſtets mit demuͤthigem Sinne ein Anerbieten annehmen wird, von welchem weder ſie, noch auch die Mutter träumen konnten. „ Nun lebe wohl, mein zärtlich geliebtes Johann⸗ chen! Ich ſage nur noch: wäreſt Du klug, ſo vertrau⸗ teſt Du dem Urtheile Deiner Mutter, denn eine ſchö⸗ nere, liebenswürdigere und holdere Lebensgefährtin kannſt Du nicht bekommen. Ich möchte ſo gerne wiſſen, ehe ich in mein Grab hinabſteige, wer meinen Johann lieben wird, und dem Kinde bin ich ſo gut, daß es mich ſelbſt Wunder nimmt.— „Noch einmal: lebe wohl! Schreibe ſo, daß ich Freude davon habe!, s 4 Dein Oholde ⸗Mutter 8— Regine Sophie Thorman.“ ————₰24—ͤ xͤ—„„— ——;j— ——— ——— 3 8— 2 ,— 15. Es iſt jetzt Zeit, nachzuſehen, wie unſere Heldin ſich nach den großen Genüſſen befindet, deren Frau Regine Sophie Thorman in ihrem Briefe erwähnt. „Gleich einem Stern“ überglänzte der unvergeß⸗ liche Ritterſchlag alles Andere. Er verwirklichte ja gewiſſermaßen Blenda's hohe Träume, und für ihre lebhafte Phantaſie war es eine geringe Kleinigkeit, die Schloßkapelle in Turnierſchran⸗ ken zu verwandeln— Chöre für Damen waren hier ja ebenfalls— und ſich zu denken, wie die neugeſchlagenen Ritter, angefeuert von tapferem Helden⸗ und Mannes⸗ muth, zu Pferde ſtiegen, um mit einem außerhalb der Schranken ſtehenden Ritter zu kämpfen, welcher eben ſeinen Handſchuh hereingeſchickt und durch den Herold hatte ausrufen laſſen, er wäre bereit, zu Pferd und zu Fuß, mit Lanze und mit Schwert, mit ſo Vielen zu kämpfen, welche geneigt wären, ſich in einem ehrlichen Kampfe mit ihm zu meſſen, und auf Leben und Tod mit Jedem, der zu beſtreiten wagte, daß die Dame ſeines Herzens die Schönſte unter den Schönen wäre. Unglücklicher Weiſe war in der Kapelle Alles zu Pide, ehe Blenda ihren glänzenden Traum fertig ekam. Sie kam nur ſo weit, daß ſie ſah— und das ſah ſie ganz deutlich— wie er jeden der Neugeſchlagenen aus dem Sattel hob; jetzt aber kniff Tante Regine Sophie ſie zum zweiten Male in den Arm, und das— o weh!— gerade in dem Augenblicke, da der Unbe⸗ kannte, auf deſſen Schild eine ſchwarze Roſe gemalt war, nach ſeinem glänzenden Siege das Viſir zu lüften im Begriff ſtand. Ein Glück im Unglücke war wenig⸗ ſtens, daß trotz des Abſtandes, ihre guten Augen ihr geſtatteten, die Deviſe des Schildes zu leſen:„Ein Augenblick, eine Ewigkeit!“ Und darum, wenn 126 ſte auch in der Luft ging, wie die Tante ſagte, ſo ging ſte dennoch willig, denn ſie trug in ihrem Innern eine überſchwengliche Glückſeligkeit. Von Allem, was der entzückte Kammerjunker ihr auf dem Rückwege ſagte— und das war in der That eine ganze Maſſe— hörte ſie gar Nichts. Sie lächelte jedoch ſo anmuthig, daß er überzeugt war, ſie hätte Alles gehört; und ihre ungekünſtelte Verſicherung beim Abſchiede, daß ſie ihm das größte Vergnügen, welches ſie in ihrem ganzen Leben gehabt hätte, verdankte, ſſchien ihm ein hinlänglicher Erſatz zu ſein für die Pein, die Frau Emerentia ihm zugefügt hatte durch ihre ewigen Fragen nach Allem, was ſie ſah und nicht ſah.* 118 Unter ſolchen Umſtänden konnte natürlicher Weiſe das Anerbieten des Handelserpedienten keine Aufmerk⸗ ſamkeit wecken, wenigſtens keine intereſſante. Frau Emerentia fand es ſogar wunderlich, daß gewiſſe Leute ſolche Eitelkeit haben und ſich einbilden können, ein Mädchen, das nur ihren Finger auszu⸗ ſtrecken braucht, um ein ganzes Netz voll vornehmer Anbeter einzuziehen, wollte zwei, drei Jahre, ja viel⸗ leicht noch länger gehen, um auf ein ſo mäßiges oder, richtiger, unbedeutendes Glück zu warten. Docc war ſie zu klug, um ſich auf dieſe Art vor ihrer Schweſter auszudrücken. Vor ihr hieß es: Blenda wäre noch ſo jung und hätte überdieß noch keine Neigung zu Jemand gezeigt; daher wäre es das Beſte, die Zeit abzuwarten— eine Geſinnung, welche Tante Regine Sophie, wie man weiß, auf das Höchſte billigte. 1 Ach, wie weit entfernt war die gute Tante, den wahren Beweggrund zu ahnen! Nach dieſen wichtigen Ereigniſſen— dem Mittag⸗ eſſen in der Sommerwohnung, dem Korb für den Han⸗ delserpedienten und der großen Runde im Schloſſe, nebſt dem Ritterſchlage oder dem improviſirten Turnier⸗ — 7 8 4 — S S —————,—— — 8 — — π◻᷑ ☛ £ 8 ð ⁸½⏑e+— 127 ſpiele in der Schloßkapelle— kam Alles wieder in ſeinen ordentlichen Gang; denn die Tante hatte ihre Pläne, und daher wurde Blenda, wie ſie lächelnd zu ihrer Mutter ſagte,„wieder in den Thurm geſetzt“, wenn auch, wie man zugeben mußte, nicht ganz in ſol⸗ cher ſtrengen Einſamkeit wie früher. 61 Während der beiden folgenden Wochen bekam ſie zweimal den Thiergarten zu ſehen; dieſer aber, ſo ſchön er auch war, entſprach bei Weitem nicht den Hoffnun⸗ gen, welche ſie ſich gemacht hatte; denn dort war ja keine Muſik, dort ſah man ja nicht die königliche Fa⸗ milie vor offenen Fenſtern eſſen, auch ging dort kein wogendes Meer von Menſchen auf und ab— die liſtige Tante hatte ein paar Alltagsvormittage gewählt. Jetzt war aber Blenda wenigſtens dort geweſen und hatte nicht länger das Recht zu ſeufzen: „Ach, wer doch den Thiergarten zu ſehen bekäme!“ Sie ſeufzte auch nicht, aber ſie ſehnte ſich wie der Vogel im Käfig. 83 ⁴ 3 Als Unterbrechung in der Einſamkeit kam doch endlich von Patrik eine Einladung, mit ihm und Hen⸗ rietten in Gauthier's Reitbahn zu gehen. Und ſieh, das war wieder ein Abend, aus dem ſich eine Erinnerung machen ließ! In der Nacht, die auf dieſes Ereigniß folgte, ſah Blenda nur reitende Araber, tanzende Beduinen und Nymphen mit Flügeln von Flor auf bezauberten Pfer⸗ den dahineilen. Die großen, von bengaliſchen Feuern beleuchteten Gefechte hatten— während der wirklichen Vorſtellung — bewirkt, daß ſie laut aufſchrie und klatſchte, bis Henriette erklärte, ſie ihres Theiles wäre gezwungen, hinauszugehen, wenn ſie genöthigt wäre, noch ferner hache wahnſinnige und geſuchte Ausrufungen zu ören. 128 „O, laſſen Sie die Kleine— ſie iſt göttlich, auf meine Ehre, ſie iſt beſſer, als das ganze Spektakel!“ flüſterte der Kammerjunker, welcher von Henrietten einen Wink erhalten hatte, wo ſie(Henriette) zu tref⸗ fen war. Als Henriette dieſen Wink gab, wußte ſie in⸗ zwiſchen Nichts davon, daß Patrik ſeine Tante und Couſine auch eingeladen hatte. „Ach ſo, ſie iſt göttlich?“ erwiederte die junge Frau ſpöttiſch. „Ja, in dem Sinne, worin ich's verſtehe.“ „Und worin auch ich es verſtehe! Ich bewundere den Geſchmack des Herrn Kammerjunkers und ſchätze mich glücklich, daß ich die Gelegenheit zu einem ſolchen ausgeſuchten Vergnügen bereitet habe!“ Ein Blick, der vorwurfsvoll ſein wollte, begeg⸗ nete jetzt Henrietten's funkelndem Auge. Henriette aber war ungnädig— ſie ſpielte die Stolze, die Verächtliche— und wendete ihre ganze außere Aufmerkſamkeit hinweg von dem Gegenſtande ihrer Gedanken......„„. Ffaſerte „Du ſiehſt ſo böſe aus, meine Liebe!“ flüſterte beim Hinausgehen der Ehemann ſeiner Hälfte zu.„Du haſt gewiß wieder zu enge Schuhe?“(Es war nämlich ein⸗ für allemal gewöhnlich, wenn Henrietten's Laune ſich in Unordnung befand, ohne daß ſie einen Grund dazu anzugeben wußte, daß ſie die Schuld immer auf ihre Schuhe zu werfen pflegte, welche drückten.) Dießmal aber begnügte ſie ſich nicht damit, die Schuld auf die armen unſchuldigen Schuhe zu wer⸗ fen, ſondern ſie antwortete ihrem noch unſchuldigeren Manne: „Gewiß drücken ſie, das muß ich wahrhaftig em⸗ pfinden, und dieſe Pein verdanke ich dem, der immer ſo dumm kauft!“ „Liebe Henriette...“ „Ach, ach!“ 129 „Du gabſt ja ſelbſt das Maß!“ „O, ſo ſchwatze doch nur nicht von Maß!“ „Henriette!“ „Sollte man wohl nicht das Gänſeſpiel ſpielen mit dieſer intereſſanten Geſellſchaft, die Du mir auf⸗ gebürdet haſt? Ohne ſie könnte ich die Droſchke gehabt haben— doch ein andermal... ein andermal!“ „Liebe Henriette, es könnte uns Jemand hören!“ „Was da?“ „Was da?“ Der gute, geduldige Patrik nahm ſich die Freiheit, durch eine begreifliche Pantomime mit dem Kopfe die wiederholten beiden Worte zu vervollſtändigen. „Ich möchte wohl wiſſen, wer uns hören könnte? Dieſer ſüßliche, unausſtehliche Kammerjunker— den Kerl nehme ich auf keinen Fall mehr entgegen— ſchlägt ja ſeine Pirouetten der Närrin vor, mit der ich nie wieder in Geſellſchaft gehe, wornach Du Dich rich⸗ ten magſt.. und Ihro Gnaden— o mein Gott, man kann ſich krank lachen über eine ſolche Gnade!“ Hier wurde Henriette von der„Gnade“ ſelbſt un⸗ terbrochen, welche in ihrer Unſchuld erklärte, ſie wäre entzückt und dankbar über die große, innige Freund⸗ ſchaft, welche die liebe, artige Henriette ihr bewieſe— eine Aeußerung, in welche Blenda lebhaft mit ein⸗ ſtimmte, indem ſie ſich mit einer gewiſſen Heftigkeit an Henrietten's Seite ſetzte und der Mutter den Kammer⸗ junker ganz überließ. Aber was Blenda auch immer thun mochte, ſo war jede Bemühung vergeblich, eine Gunſt wieder zu ge⸗ winnen, die ſie zuvor ſchon in dem möglichſt geringen Grade beſaß. 12 Auf dem ganzen Rückwege bekam man kein ſter⸗ bendes Wort aus Henrietten's Munde. Die Romanheldin. 9 16. Deer Tag nach dieſer kleinen Ausfahrt war in dem Leben unſerer Heldin von großer Bedeutung und hatte die ernſthafteſten Folgen. Sie war eben aufgeſtanden und wollte ſich gerade hinſetzen, um einen Brief an den alten Comminiſter in der Heimath zu ſchreiben, in welchen Brief die erſte Erſparniß für die lahme Brita eingeſchloſſen werden ſollte, als Mamſell Debora mit dem Kaffee in der Hand hereintrat. Dieſe kleinen ſchönen Klatſchſtunden waren eine große Wohlthat ſowohl für Frau Emerentia, als auch für Mamſell Debora ſelbſt, denn beide waren längſt einig geworden— verſteht ſich ganz im Geheimen— daß es gewiß ſehr nothwendig ſein konnte, von der drückenden Herrſchaft der Frau Regine Sophie biswei⸗ len einige Augenblicke abzuſtehlen. „Wie ſteht's heute mit meiner Schweſter, liebe Mamſell Debora? Wir kamen ſo ſpät nach Hauſe, daß wir ihr nicht einmal gute Nacht ſagen konnten.“ „Danke für die Nachfrage: ſie war geſtern Abend bei der allervortrefflichſten Laune.“ „Gott ſei dafür gelobt und gedankt!“ „Gleich nachdem die Herrſchaften gegangen waren, kam der Briefträger... Aber es war wohl angenehm bei Gauthier?“ „Angenehm und luſtig— ja, du mein Himnliſcher, das iſt gewiß das Wenigſte, das man ſagen kann! Und ich behaupte: will man ein wenig vom Leben erfahren, ſo muß man nach Stockholm reiſen... Was war es denn aber mit dem Briefträger?“ „Er brachte einen Brief von Herrn Johann, und da wird die Frau immer ſo froh. Dießmal aber war ſie mehr denn froh, und ich kann ſagen, daß ich ſie — —9— d ,= 131 noch ni⸗ ſo geſehen habe, ſo lange ich bei ihr gewe⸗ en bin.“ 3„Ach, man ſoll ſehen,“ ſiel Blenda lebhaft ein, „daß Couſin Johann im Auslande ein recht großes Glück gemacht hat— vielleicht bringt er der Tante ein reiches Hamburger Mädchen als Schwiegertochter mit.“ „Ja, ja, das wäre nicht ſo unmöͤglich— er iſt ein wirklich hübſcher Herr, ganz anders, als Herr Patrik: er ſpielt auch Fortepiano wie ein Engel und iſt mit in der harmoniſchen Geſellſchaft... Aber, liebes Fräulein, was ich ſagen wollte, gehen Sie heute recht früh hinunter, denn die Frau ſagte geſtern Abend wohl drei⸗ oder viermal, ſie wäre neugierig zu hören, ob das Fräulein geſtern Abend vergnügt geweſen wäre.“ „Ach, wie freut es mich, daß meine vortreffliche Tante mir ſo gut iſt! Und dann bin auch ich eben ſo angelegen, zu erzählen, als ſie, zu hören“.... Noch war ſeit dem Morgenbeſuche der Mamſell Debora keine volle Stunde vergangen, als Blenda ſchon bei ihrer Tante ſaß, welche ihr lächelnd in der Be⸗ ſchreibung aller ihrer Eindrücke folgte. „Ach, liebe Tante, ich weiß nicht, was ich thun wollte— ja, ich arbeitete gerne vierzehn Stunden des Tages— wenn ich noch einmal den großen Sturm auf Miſſolunghi ſehen könnte! O, mein Gott, Tante, wenn Sie nur geſehen hätten, wie ſie ritten, wie ſie flogen, wie ſie fochten, ſo daß die Funken um die Schwerter tanzten, wie Erſchlagene und Verwundete haufenweiſe durch einander lagen, wie die Kanonen krachten und die Gewehre ſchmetterten— ich lachte und weinte zu gleicher Zeit, es war mir, als wäre ich gar nicht im Schauſpiele.. ach, ach, ach, welche göttliche Pferde, welche göttliche Menſchen!“ „Behüte, Kind, welche erhitzte Phantaſte! Ich fürchte, Du kleine Schlampe, ich muß Dir einen ver⸗ ſtändigen Führer geben, denn auf den Kammerjunfer, 9* —— —.— — — 132 den Ihr bei Euch hattet, kann man ſich gewiß nicht viel verlaſſen.“ 4 „Wiſſen Sie was, Tante?“— Blenda's Geſicht, welches eben das lebhafteſte und abwechſelndſte Spiel wiedergegeben hatte, wurde plötzlich ganz nachdenkend Sefthee dieſen Herrn habe ich ein ganz beſonderes Gefühl!“ „Was nun?— Er gefällt Dir doch wohl nicht allzu gut?“ 4 „O nein, liebe Tante, ich bin gewiß im Gegentheil ſehr undankbar gegen ihn.“ „Warum denn das?“. „Ich habe es doch ihm zu danken, daß ich den Ritterſchlag zu ſehen bekam... aber es iſt mir gerade ſo, als ob mir etwas Böſes nahte, wenn er lächelt und mich anſieht.“ „Er hat Dich doch wohl nicht auf die eine oder die andere Art beleidigt?“ „Nein, behüte, er hat mir niemals ein Wort ge⸗ ſagt, das nicht artig geweſen wäre!“ „Nun, was das betrifft... ſo braucht eine Belei⸗ digung eben nicht in Worten zu beſtehen— er könnte zum Beiſpiel..“ „Was, liebe Tante?“ „0, wie kann ich ſo genau wiſſen?... Er könnte Deine Hand haben nehmen wollen, könnte es ſogar gewagt haben, ſie zu drücken, oder...“ „Ja, gerade ſo!... Wenn das eine wirkliche Be⸗ leidigung iſt, ſo hat er ſie gewagt, denn geſtern Abend, da wir im ärgſten Gedränge beim Ausgange waren, nahm er meine Hand, um mir, wie er vorgab, behülf⸗ lich zu ſein, und da drückte er meiner Seel' nicht nur die Hand, ſondern auch den Arm— den er in den ſeinigen legen wollte— ſo hart, daß ich beſtimmt ge⸗ Henriette mich ſchelten möchte.“ rien hätte, wenn mir nicht bange geweſen wäre, daß „ Henriette Dich ſchelten?“ 133 „Ja, ſie war ſchon einmal böſe geworden, weil ich einen Ausruf nicht zurückhalten konnte, das war aber für die Erſchlagenen.“ „Höre zu, mein Herz! Wenn Du künftig dieſen Mann triffſt— inzwiſchen will ich Patrik darauf auf⸗ merkſam machen, daß er ihn nicht länger annimmt— ſo zeige dich ſehr kalt!“ „Ja, liebe Tante, das will ich gern thun! Noch dazu hat er niemals etwas Angenehmes zu ſagen; immer ſagt er ein und daſſelbe.“ „Was iſt denn das?“ „Immer ſpricht er von mir ſelbſt— und ich denke ſo viel an mein kleines Ich, wenn ich allein bin, daß ich an etwas Anderes denken will, wenn ich bei An⸗ deren bin.“ „Armes Kind, Du biſt ſchon ſehr vielen Verfüh⸗ rungen ausgeſetzt geweſen! Alle dieſe Dampfſchiffs⸗ herren würden ohne mich wie Habichte auf meine kleine Taube herabgeſtoßen haben.“ „Glauben Sie das, Tante?“ „Ja, den jungen, ſchönen, aber ſchutzloſen Mäd⸗ chen lauert man immer als einem leichten Raub auf— es iſt daher das größte Gluͤck, das ſie treffen kann, wenn ſie durch eine ehrliche Heirath gut verſorgt werden.“— „Das glaube ich auch.“ „So? Du glaubſt das?— Vielleicht hätteſt Du alſo nichts dagegen?“ „Nein, ich würde ſehr gern heirathen, wenn ein angenehmer junger Mann käme, der mir geſiele.“ „.. und auf den Du nicht, wie auf den Handels⸗ expedienten, Jahre lang zu warten brauchteſt! Lange Verlobungen ſind bisweilen ſchlimmer als die Freiheit.“ „Das weiß ich nicht, Tante, da ich nicht verlobt geweſen bin... Aber wie angenehm muß es ſein, wenn man eine junge Frau iſt, wenn man eine Haube tragen darf, und wenn man eine huübſche Wohnung mi p ach⸗ voerſtände ſie weder eine ſo ſchwierige Frage, noch ſagte tigen Möbeln, Gemälden und vielen, vielen Blumen hat, und einen Mann, der Einem ſehr ſchmeichelt— ja, er muß mir ganz ungeheuer viel ſchmeicheln: er muß mich auf den Händen tragen.“ „Ja, ja, wenn Du es verdienſt, Kind; doch darfſt Du keine Romanſchlöſſer bauen, ſondern Dir ein genüg⸗ ſames, wenn auch gutes Leben an der Seite eines ehrlichen Mannes denken; und haſt Du das Glück 1 erreicht, ſo muß Dein ganzes Dichten und Trachten darauf hinausgehen, ihm Glück und Seligkeit zu be⸗ 1¹ reiten.“— g „Nun ja, verſteht ſich, wir wollen wohl Beide daran arbeiten, unſer Glück zu bereiten.“ „Und ferner mußt Du recht arbeitſam und häus⸗ lich und vor allen Dingen dankbar ſein, denn Du mußt d bedenken, daß wenige wohlhabende Männer ein armes ſ Mädchen nehmen.“ n „Fürchten Sie nichts, Tante, das vergeſſe ich gewiß nicht— Glauben Sie aber wirklich, daß... daß ein 2* e ſolcher Mann kommt?“ 1 d „Kind!“ antwortete Frau Regine Sophie mit feier⸗ h liher Prophetenſtimme„er kommt!“ ſ „—. 6 1 „Ich kann beinahe ſagen: er iſt gekommen, ob⸗ g gleich Du ihn noch nicht perſönlich ſehen darfſt.“ n Bei dieſen Worten färbten ſich Blenda's Wangen K mit hohen, rubinrothen Flammen. n O Himmel, wäre es möglich, daß ihr Ritter ſich n ſchriftlich an ihre Tante gewendet hätte? e „Ahnſt Du Einen, meine kleine Blenda, weil Du g ſo verwirrt biſt?“ „Ja.. nein.. ich weiß nicht!“— g „Nun, willſt Du denn wiſſen?“ Blenda entſann ſich ſehr wohl, daß ſie hundertmal T geleſen hatte, ein verſchämtes Mädchen ſtellte ſich, als w ſſie augenblicklich Ja; aber Blenda war allzu natürlich, um aus dieſen Lehren Nutzen zu ziehen. Daher ant⸗ wortete ſie ganz natürlich: „Gute Tante, das will ich gewiß ſehr gerne!“ „Wohlan denn!— Er, den ich Dir zu Deinem Gatten beſtimmt habe...“ „Den Sie mir zu meinem Gatten beſtimmt haben?“ „... und der Deiner würdiger iſt, als irgend je⸗ mand...“ Hier machte die Mutter wieder eine kleine Pauſe, um den Schlußworten um ſo größeres Gewicht zu eben. 4„. Iſt?“ ſtotterte Blenda. „... iſt mein Sohn Johann!“ „Cou.. Cou. Couſin Johann?“ wiederholte das junge Mädchen in einem ſo ſchleppenden und er⸗ ſchrockenen Tone, daß die Tante Regine Sophie mit ei⸗ nem ermunternden Blick hinzufügen zu müſſen glaubte: „Beruhige Dich, mein Herz! Ich ſehe ſehr gut ein, daß Du auf ein ſo unerwartetes Glück nicht an⸗ ders als unvorbereitet ſein kannſt; doch, ſiehſt du, Du haſt mein Herz gewonnen, und darum habe ich Dich ſchon meinem geliebteſten Sohn zur Frau empfohlen, und er iſt ein Mann, meine Liebe, der an jedem Fin⸗ ger drei Frauen bekommen könnte, reiche Erbinnen, wenn er wollte, denn Du kannſt glauben, er iſt ein Kerl den ganzen Tag!— Unter uns geſagt, Henriette wäre beinahe um den Verſtand gekommen, weil ſie ihn nicht bekam anſtatt Patrik's... Aber ſo komm doch endlich einmal zu Dir ſelbſt, Kind... Du kannſt mir glauben, es iſt die reine Wahrheit!“ „Aber.. aber.. Herr Gott.. er hat mich ja noch gar nicht geſehen!... und...“ „Tauſend! Du haſt eine ſonderbare Weiſe, Deine Dankbarkeit auszudrücken, auch ſiehſt Du nicht ſo aus, wie ich hoffte, als ich Dir zu verſtehen gab, daß ich Dir eine wirkliche Mutter werden könnte! Doch will ich glauben, was Dich verwirrt, iſt Blödigkeit und 136 2* vielleicht auch ein kleines Mißtrauen an der ganzen Sache.“ Blenda wollte verſuchen zu antworten, dieſen Irr⸗ thum zu beſtreiten, doch vergebens. „Wiſſe, ich habe an Johann geſchrieben und Dich ihm zärtlich an's Herz gelegt. Ich habe ihm gefagt — ja Kind, das habe ich wirklich gethan!— ich wuͤrde mich unendlich glücklich fühlen, wenn ich vor meinem Tode Dich mit ihm verheirathet ſähe... Und ſteh hier, was er antwortet!“ Die Tante entfaltete den Brief ihres Sohnes und las aus demſelben folgendes Bruchſtück: „In Betreff Deiner Sorge, mir eine Lebensge⸗ fährtin zu verſchaffen, gute Mutter, ſage ich diesmal vielleicht nicht Nein; denn die Beſchreibung, welche Du mir von meiner jungen Couſfine entwirfſt, iſt ver⸗ führeriſch genug, um mich geneigt dazu zu machen. Was mir am meiſten gefällt, iſt der Umſtand, daß ſie ohne Vermögen und ohne Prätenſionen, gut und kunſt⸗ los iſt;— es iſt ſtets meine Abſicht geweſen, keinen andern Reichthum zu heirathen, als den ich in dem Herzen meiner Gattin erhalten kann.. „Doch um Alles in der Welt“... Hier brach Frau Regine Sophie ab— es war unnöthig, die folgenden Zeilen zu leſen.(„doch um Alles in der Welt ſage kein Wort, bis ich nach Hauſe komme; und mußt Du nothwendig einen Wink geben, ſo gib ihn wenigſtens unter der Form Deines eigenen Wunſches, denn wer kann wiſſen, wie es ſich künftig geſtaltet.“) Aber aus Furcht, die kleine erſehnte Schwieger⸗ tochter könnte ihr und ihrem Johann aus den Händen gehen, war ein ſolches Fieber über unſre Frau gekom⸗ men, dieſe Heirath zu ſtiften, daß ſie in Betreff des Aufſchubes unmöglich dem Wunſche des Sohnes nach⸗ kommen konnte— eine Verſäumniß, an der auch dieſer ihr Lieblingsplan ſcheiterte; denn ſo voller Eigenliebe ſie auch in dieſer Beziehung war, ſo überzeugt ſie auch 4 5 ᷣ ——j— 2 — 137 von Blenda's dankbarer Freude ſein wollte, ſo mußte dennoch ihre niedergeſchlagene Miene und ihre geſenk⸗ ten Augenlider die gute Tante aus dem angenehmen Irrthum reißen. „Warum antworteſt Du nicht, mein Kind? Faſſe Muth und ſei aufrichtig!“ „Darf ich das?“ „Natürlich!“ „Iſt es gewiß, daß Sie...“ Sie ſchwieg von Neuem. „Närrchen! Du verſtehſt ja wohl, daß Alles, was ich Dir geſagt habe, nur ein vorläufiges Wort iſt!... Nicht hat Johann mich gebeten, für ihn zu freien— das übernimmt er ſchon ſelbſt, wenn er Dich billigt, und dann kommt es darauf an, welchen Eindruck er auf Dich macht, wenn Du ihn zu ſehen bekommſt.“ „O, das weiß ich ſchon vorher!“ „Weißt Du das?“ entgegnete die Tante erröthend. „Aber ich glaube im Gegentheil, daß Du es nicht weißt, und daß Du ſo verliebt in ihn wirſt, daß Du Deinen einen kleinen Finger geben möchteſt, um ihn zu bekommen.“ „Nein, nein, Tante, es iſt ganz gewiß, daß ich dies nicht werde!“ wagte Blenda zu antworten, und auch auf ihrer Wange entſprang jetzt eine kleine Blume des Verdruſſes. „Nimm Dich in Acht vor Dir ſelbſt, Kind! Es iſt ſchwer zu begreifen, welche Art von Gefühlen ſich in Deinem Innern bewegen, da Du trotz der Neigung Dich zu verheirathen, die Du eben an den Tag legteſt, Dich jetzt widerſpenſtig in einer Sache zeigen kannſt, die für Dich von ſo unſchätzbarem Vortheil iſt; denn Johann iſt— wenn auch nicht eben reich— wenig⸗ ſtens ſehr wohlhabend, und mehr erhält er, wenn ich die Welt verlaſſe. Und ich ſelbſt war ſo freundlich gegen Dich geſtimmt, daß ich Dir dieſen ganzen Plan mit⸗ 138 theilen wollte, damit Du gleichſam ein Schutzmittel gegen alle Lockungen und alle Eitelkeit haben machteff 4 „Ich bin ſo dankbar, geliebte Tante... ſo dankbar!“ ſchluchzte Blenda, bei dieſen letzten autichin Worten tief betrübt, weil ſir. gezwungen war, ihre Tante zu betrüben.„Aber. „Aber, was?“ „35 Ptnas vorhanden, das ſich meinem Vorſchlage entgegenſetzt?“ „Ich weiß nicht!“ 2 „Ha, ha!“ „Ich weiß wenigſtens nicht mehr, als Eins“. „Und das s iſn „Daß. ich den Couſin Johann nicht haben will!“ „So geh denn, Unverſtändige!— Du ſollſt ihn auch nicht! Von dieſem Augenblicke an haſt Du es Dir aber ſelbſt zu danken, wenn ſich gleichſam eine kalte Hand zwiſchen mein und Dein Herz legt. Adieu!“ „Nicht ſo, geliebte Tante! Um Gottes Willen ſein Sie mir nicht böſe! Mir wird ſo bange... ach, ach! was ſoll ich thun?“ „Geh.. verlaß mich! Ich will keine Schmeichel⸗ töne hören, nachdem Du Dich ſo gezeigt haſt!. Schicke Debora herein!“ Blenda wagte nicht länger zu bleiben. Als ſie aber hinaus ging, hatte ſie ein Gefühl, als ob die kalte Hand ihr Herz ſchon ergriffen hätte. ³ 17. Es waren mehrere Stunden verfloſſen. 4 Gleich zwei erſchreckten Vögeln, welche eden — den — 139 Augenblick fürchten, daß der Schuß des Schützen ſie tref⸗ fen wird, ſaßen Frau Emerentia und ihre Tochter bei einander.. Ihre ſtumme Verzweiflung nahm zu mit jeder Minute, welche ſie der Stunde des Mittags, der Zeit ihres Zuſammentreffens mit ihrer beleidigten Wirthin, näher brachte. „Ich verſichere, Kind,“ ſagte die Mutter ganz leiſe, „daß ich bei Gott nicht begreife, wie Du es wagen konnteſt, Nein zu ſagen— Nein zu meiner Schweſter! Doch geprieſen ſei der Himmel, daß Du dieſen Muth hatteſt, denn ich muß geſtehen, es wäre ein jämmer⸗ liches Ende unſeres Herzuges und unſerer Hoffnungen geweſen, wenn Du in den Brautſtuhl getreten wäreſt mit einem— Hutſtaffirer!“ „Couſin Johann hätte ſein mögen, was er wollte, ſo hätte ich dennoch Nein geſagt, denn...“ „Ganz richtig, Kleine; denn er wäre dennoch im⸗ mer Couſin Johann geweſen!“ Blenda ſeufzte nur. „Nein, etwas Geringeres als einen Grafen, zum Allerwenigſten einen Baron, nehme ich nicht als Schwie⸗ gerſohn an... Sonſt iſt der Kammerjunker ein recht hübſcher junger Mann.“ „Rede nicht von ihm, Mutter! Er— o, es iſt recht ſchändlich!— er hat nicht viel Achtung gegen mich.“ „Nicht viel Achtung?“ Du irrſt Dich gewiß, Kleine!“ „Aber er mag es nur noch einmal verſuchen, meine Hand zu nehmen! Tante Regine Sophie hat mich über ſo Vieles belehrt, und Gott ſei mir gnädig, daß ich ihre Güte mit ſo großem Undank gelohnt habe!... Doch wie ſpät iſt es jetzt?“ „Bald halb Eins— in einer Stunde gilt es! Ich glaube doch kaum, daß ich mich hinunter wage... wenn ſie anfinge, mir zuzuſetzen..“ 4 140 „Das thut ſie nicht: die Tante iſt zu ſtolz, um ſich durch Ueberredung eine Schwiegertochter zu ſchaffen.“ „O, wenn es ſo gut wäre!“ „Sie hoffte ja— und darüber mag ſich kein Menſch wundern— im Gegentheil unſere größte Dank⸗ barkeit zu gewinnen... Aber was iſt das für ein Ge⸗ laufe auf der Treppe?.. wer kommt ſo heftig? Ach, mein Gott! ſollte etwas vorgefallen ſein?“. Wirklich war etwas vorgefallen, und noch dazu etwas ſehr Unglückliches. Frau Regine Sophie hatte einen neuen, heftigen und dießmal unheilbaren Krankheitsanfall bekommen.... Am Abende dieſes Tages, an welchem Blenda die entſcheidende Unterredung mit ihrer Tante gehabt hatte, war dieſe ſtrenge, aber rechtliche und ehrenhafte Frau nicht mehr. Sie hatte keine Zeit bekommen zu weltlichen An⸗ ordnungen: der Tod hatte ſie, ſo zu ſagen, überrum⸗ pelt; aber man ſah deutlich, daß ſie von dem Augen⸗ blicke an, da ſie dieſes einſah, ſich nicht länger ſträubte, ſondern die Ruhe und Feſtigkeit zeigte, welche man ihrem feſten und im Grunde gottesfürchtigen Gemüthe zutrauen konnte. Ihre letzten Worte enthielten einen zärtlichen und warmen Gruß an ihren Johann. Kurz zuvor hatte ſie Blenda, die ſchluchzend vor dem Bette auf den Knien lag, mit liebevoller Stimme zugeflüſtert:„Möge Gott Dir Armen helfen— ich kann es nicht mehr!“ Und ſehr bald mußten die armen verlaſſenen Frauen⸗ zimmer begreifen lernen, daß ihre vortreffliche Be⸗ ſchützerin auf immer dahin war. X * Einige Tage nach dem Begräbniſſe— Frau Eme⸗ rentia und Blenda waren noch halb bewußtlos von dem harten Schlage— erhielten ſie einen Beſuch von —e — 2 05—e— 2 Ser 141 Henrietten, die von dem Sterbetage an im Hauſe ihrer verſtorbenen Schwiegermutter nach ihrem Belieben regiert hatte. Sie kam, um(wie ſie ſich ſehr theilnehmend äu⸗ ßerte) ſich zu erkundigen, wie die Herrſchaften ſich nun einzurichten gedächten. „Uns einzurichten?— Mein Gott, mein Gott, wir haben nicht daran gedacht, etwas einzurichten!“ rief Frau Emerentia mit ſchlecht verhaltenem Schrecken aus.„Es war Regine Sophie— Gott ſegne und be⸗ lohne ſie für alle ihre Güte!— auf die wir Arme bauten.“ „Ja; doch da ſie jetzt nicht mehr iſt, ſo müſſen die Herrſchaften doch wohl einen Entſchluß faſſen?“ „Vielleicht,“ ſtotterte Blenda,„iſt die Meinung, daß wir jetzt gleich ausziehen ſollen?“ „O nein, behüte— wir haben ja noch einen Mo⸗ nat bis zur Umzugszeit, und bis dahin mögen die Herrſchaften gerne das Zimmer behalten. Zu dieſer Zeit aber wird das ganze Haus vermiethet und viel⸗ leicht auch bald verkauft— das kommt aber darauf an, welche Uebereinkunft die Brüder treffen, wenn erſt Johann zurückkommt.“. „Ein Monat“— entgegnete Frau Emerentia mit neu erwachter Hoffnung—„haben wir nur ſo lange Zeit, ſo kommt wohl Nath, wenn ich auch in dieſem Augenblicke keinen ſehe.“ „Wenn die Herrſchaften nur nicht übel nehmen wollten, ſo möchte ich gerne nach beſtem Gewiſſen einen Rath geben— und dieſer Rath iſt auch der Rath mei⸗ nes Mannes.“ „O, darf ich um dieſen Rath bitten!— ich befolge ihn ſogleich, wenn er gut iſt.“ „Wenigſtens,“ entgegnete Henriette nicht ohne eine gewiſſe nachdrückliche Betonung,„wenigſtens iſt es der klügſte, ja vielleicht ſogar der einzige, der ſich aus⸗ führen läßt.“ Mit verwunderten und forſchenden Blicken betrachte⸗ ten unſere armen Frauenzimmer diejenige, welche es mit ſo vieler Zuverſicht übernahm, ihr Schickſal zu leiten. „Ich halte dafür, die Herrſchaften müßten...“ „Was müſſen wir?“ „Nach Ihrem Heimathsorte zurückkehren!“ In der Beſtürzung waren unſere Damen für einen Augenblick nicht im Stande zu antworten. „Wo man bekannt iſt,“ fuhr Henriette, von dieſem Schweigen aufgemuntert fort,„wo man viele Jahre gelebt hat, dort iſt es natürlicher Weiſe weit leichter, ſich durchzuſchlagen, als in einer großen, fremden Stadt. Und ich will noch hinzufügen, däß die Reiſe auf unſere Koſten geſchieht, und daß wir ſchon einige Kleinigkeiten aus dem Nachlaſſe der ſeligen Schwiegermutter zuſam⸗ menſuchen wollen,“ „Nein,“ fiel jetzt Frau Emerentia mit völlig wiedererlangter Faſſung ein,„wenn dieß der Rath iſt, ſo danke ich herzlich dafür, ſowie auch für das Aner⸗ bieten des Reiſegeldes, nehme aber doch keins von beiden an! „Nun, ich muß geſtehen!“ „Der Himmel bewahre mich davor, ſo mit Schimpf und Schanden an einen Ort zurückzukehren, wo wir jetzt nichts haben, wohin wir das Haupt legen können!“ Nun gut, wenn die Herrſchaften hier beſſere Aus⸗ ſichten haben, die ich nicht kenne, ſo iſt es am beſten, dieſe zu benutzen.“ „Unſer Herr zeigt uns gewiß eine.“ „ Das iſt wohl möglich; doch ſage ich aufrichtig: die Herrſchaften dürfen nicht erwarten, daß wir, die ſowohl von bedürftigen Verwandten, als auch von Gemeindearmen ſo überhäuft ſind, Aufopferungen machen können. Es iſt für mich gewiß nicht angenehm, dieſes zu erwähnen, aber es iſt meine Pflicht, Sie nicht in Liner Täuſchung zu laſſen, welche nicht dienlich ſein würde.“ 143 „Wir würden auf keinen Fall eine ſolche gehegt haben,“ entgegnete Blenda mit unterdrücktem Aerger und einer hohen Röthe auf den Wangen,„denn wir verſtehen ſehr gut, daß wir uns nur auf Gott verlaſ⸗ ſen nnen⸗ ſeitdem unſere geliebte Beſchützerin nicht mehr iſt.“ 4 „Und dieſer Troſt iſt um ſo werthvoller, als das Glück nicht noch einmal kommen dürfte, noch einen Antrag oder mehrere zu verwerfen!“ meinte Henriette ſpitzig. Blenda's Auge blitzte, aber ſte verſchmähte, etwas zu antworten— was häͤtte ſie auch wohl ſagen können? „Der Handelsexpedient, nach welchem die Schwie⸗ germutter ſich näher erkundigen ließ, iſt ein ſehr ehren⸗ werther und achtungswürdiger Mann, jetzt aber iſt er auf der Reiſe— alſo von dieſer Seite keine Hoffnung, falls eine Reue kommen ſollte. Und noch weniger, fürchte ich, verlohnt es ſich der Mühe, den Glauben feſtzuhal⸗ ten, daß ein ſolcher Mann, wie Johann, die Braut⸗ werbung erneuern ſollte, die ſeine Mutter ohne ſein Mitwiſſen vorgebracht und worauf er eine abſchlä⸗ gige Antwort erhalten hat... Ja, ja, ſeht nur er⸗ ſtaunt und beleidigt aus: hier im Hauſe iſt nichts vor⸗ gefallen, das ich nicht weiß!“ „Ich laſſe es dahin geſtellt ſein,“ ließ ſich jetzt Frau Emerentia vernehmen und zwar mit all jener feierlichen Würde, die ihres Dafürhaltens die ſelige Großmutter,„ſie, die die Welt geſehen hatte,“ bei einer ſolchen Gelegenheit angenommen haben würde,„ich laſſe es dahin geſtellt ſein, ob es delicat, oder noch weniger, ob es artig iſt, mit uns armen Frauenzimmern in dieſem Tone zu reden; doch kann ich verſichern, daß wir weder bereuen, was geſchehen iſt, noch daß wir darnach ſtreben, es zu ändern— der Beſchützer der Wittwen und Waiſen hat ſicherlich Etwas für uns erſehen!“ 1⁴4⁴ „Ach ſo!“ ſiel Henriette ein;„auf dieſe Weiſe alſo nehmen die Herrſchaften meine gute Abſicht auf! Da will ich alſo gewiß in Zukunft weder mit Beſuchen, noch auch mit Rathſchlägen beläſtigen— nur noch den letzten will ich geben, obgleich ich es kaum ſollte, und dieſer iſt, daß das Fräulein ſich hüten muß, den Kam⸗ merjunker allzu ſehr aufzumuntern! Mit einiger Er⸗ fahrung kann man wohl verſtehen, welche Abſicht ein ſolcher Herr mit ſeinen kleinen Artigkeiten hat.. ich betheure, daß er bisweilen nahe daran geweſen iſt, ſich über unſere kleine Unſchuld krank zu lachen!“ „Still, Kind!“ ſagte Frau Emerentia, da ſie ſah, daß Blenda, deren Geduld jetzt zu Ende war, im Be⸗ griff ſtand, zu antworten,„ſtill, Kind! es paßt einem ehrbaren Mädchen gar nicht einmal, dergleichen Winke verſtehen zu wollen! Ich als Mutter aber kann ſagen: ſo arm wir auch ſind, ſo haben wir dennoch unſere Ehre und ich kann nicht darauf eingehen, zu hören, wenn dieſe rückſichtslos angegriffen wird!?“? Jetzt erhob ſich Henriette mit einem eiskalten und vornehmen Lächeln.“ „Man merkt,“ ſagte ſie nachläſſig,„daß die Schwie⸗ germutter nicht mehr iſt: ich glaube wirklich, es wäre nicht gegangen, zu ihren Zeiten einen ſolchen Ton an⸗ zuſchlagen!“ „Das ſage ich auch!“ ſiel unſere Frau ein, noch unter dem Einfluſſe ihrer ſtarken Gemüthsbewegung. Als jedoch Henriette die Thür erreicht hatte, da ſank ſchnell der Muth des armen Weibes. Mit Henrietten verſchwand ihre letzte Hoffnung auf Hülfe in den Bekümmerniſſen— Henriette war die⸗ jenige, welche auf Patrik einwirkte, und Patrik war jetzt der Einzige, an den man ſich wenden konnte. „Liebe Henriette, ſo gehen Sie doch nicht mit bit⸗ term Herzen hinweg von uns!“ Und Frau Emerentia erfaßte angſtvoll die Kante der mit Spitzen garnirten Mantille. 145 „Ich kam— das weiß ich ſelbſt am beſten— mit den beſten Abſichten,“ erwiederte Henriette;„doch meine Bemühung iſt ſo belohnt worden, daß mir eben nichts Luſt machen kann, meine wohlgemeinten Rathſchläge zu erneuern.“ „Verzeihung, Verzeihung, wenn wir etwas Unan⸗ genehmes geſagt haben! dieſe Trauer“— und jetzt be⸗ gann Frau Emerentia laut zu weinen—„dieſe ſchreck⸗ liche und herzzerreißende Trauer hat uns ganz verwirrt! Wir ſind arm und haben gewiß nicht das Recht, uns denen zu widerſetzen, die uns wohlwollen.“ „Nun, ſo etwas läßt ſich hören! Und wenn Sie fertig ſind zu reiſen— ich betheure, daß eine nette Provinzſtadt weit paſſender für Sie iſt, als Stockholm — ſo ſteht mein Anerbieten des Reiſegeldes noch feſt, g und eben ſo erneuere ich das Verſprechen der einen und der andern kleinen Hülfe von anderer Art.“ Doch ſieh, Stockholm zu verlaſſen— wohin die Phantaſie unſerer Frau ſo viele Jahre lang geſtrebt hatte, und woſelbſt(darauf wollte ſte leben und ſterben) irgend ein ausländiſcher Herzog, Graf oder Lord bin⸗ nen Kurzem Blenda ſehen und zu einer vornehmen Dame machen ſollte— das war radical unmöglich. Hatte man nicht zu Hauſe oftmals von Häringen und Kartoffeln und Haferbrei gelebt— und wenn man jetzt auch verwöhnt war, ſo war es doch weit beſſer, zu den alten Gewohnheiten zurückzukehren, ja eine noch knappere Diät einzuführen, als die glänzenden Hoff⸗ nungen, die ihr ſchon ſiebenzehn Jahre vorgeſchwebt hatten, aufzugeben. „Ich kann nicht, theuerſte, beſte Henriette— auf Ehre und Glauben, ich kann nicht!... oder was ſagſt Du, Blenda?“ „Ich gehorche Deinen Vorſchriften, liebe Mutter!“ antwortete dieſe ausweichend; aber man merkte es wohl an ihrem Tone und ihrer Miene, daß ſie lieber von Die Romanheldin. 10 146 Luft und Waſſer leben, als Stockholm verlaſſen wollte — wo, wenn nicht hier, konnte ſie wohl den treffen, auf deſſen Wiederſehen ſie noch immer hoffte?“ „Was iſt denn aber wohl für Reizendes in der Ausſicht, hier zu ſitzen und zu hungern?“ „Zu hungern?— hm!“ „Ja, denn wollten wir auch fortfahren, diejen i⸗ gen der Arbeit für den Laden zu berauben, welche ſie früher gehabt haben, ſo kann dieſer Verdienſt wohl nicht zu Allem hinreichen?“ „Liebe Henriette, laſſen Sie uns wenigſtens die Arbeit behalten, bis wir mehrere Kunden bekommen! Wir wollen annonciren, und ſo miethen wir uns ein kleines möblirtes Zimmer.“ Nachdem Henriette dieſen beſtimmten Entſchluß ge⸗ hört hatte, konnte nichts ſie länger zurückhalten. Sie verſchwand mit der Miene einer erzürnten Königin, welche vergeblich zu aufrühreriſchen Unter⸗ thanen geredet hat. * 4* 1 Zu ihrem Glücke bekamen unſere bedrängten Damen am Abende noch einen Beſuch, nämlich von Patrik, welcher ihnen erklärte, ſie könnten, wenn ſie wollten, den Winter über das Zimmer gerne behalten. Als ſie aber Anſtand nahmen, von dieſer Güte Gebrauch zu machen, nicht um Patrik's, ſondern um Johann's willen(konnten ſie wohl ſeine Wohlthaten genießen, nachdem ſie ihn durch ihre Weigerung belei⸗ digt hatten?), ſo widerſetzte ſich Patrik ihrem Vorſatze, zu ziehen, nicht länger, erleichterte denſelben jedoch be⸗ deutend durch die Verſicherung, daß ſie Alles behalten ſollten, was in ihrem jetzigen Zimmer wäre, denn er wäre feſt überzeugt, daß ſeine ſelige Mutter die Ab⸗ ſicht gehabt hätte, dieſes der Tante Emerentia zu ſchen⸗ ken. In Betreff der Arbeit für ſeinen Laden würde ollte ffen, der en i⸗ e ſie wohl die men! 3 ein ß ge⸗ enten nter⸗ amen atrik, llten, Güte n um haten belei⸗ h be⸗ alten an er Ab⸗ ſchen⸗ bürde 147 es jedoch herzlich angenehm ſein, wenn ſie mehrere anderswo bekommen könnten, denn... Mutter und Tochter verſtanden beide ein halbgeſun⸗ genes Lied, und als ſie die Verlegenheit des guten Patrik zwiſchen den Vorſchriften ſeines guten Herzens und dem Commando ſeiner Frau ſahen, ſo beeilten ſie ſich, ihn zu verſichern, daß ſte hofften, Arbeitsverdienſt zu finden, weil ſte ſich auf vielerlei Arbeiten verſtänden. „ Und fehlt es auf irgend eine Weiſe,“ ſagte er beim Abſchiede,„ſo geben Sie mir unvermerkt einen Wink!“ „Edle Seele!“ ſeufzte Frau Emerentia. 18. Von dieſem Tage an ſtudirten die Damen das Tageblatt und liefen an jedem Vormittage den Annoncen ein paar Stunden nach. Und da die Haushaltung der Tante Regine Sophie erſt zur Umzugszeit aufgelöst werden ſollte, ſo konnten ſie ſich dieſe Freiheit von ihrer Arbeit geſtatten. Aber obgleich die ſelige Großmutter, welche die Welt geſehen, verſichert hatte:„wer da ſuchet, der fin⸗ det,“ ſo wurde dennoch dieſes Sprüchwort höchſt proble⸗ matiſch befunden. Erſtlich in Beteff des Zimmers war das eine zu theuer, das andere zu klein, in dem dritten rauchte es, und das vierte, welches einen ziemlich billigen Preis hatte, war mit dem Fehler behaftet, daß man, um dahin zu gelangen, fünf hohe Treppen hinaufklim⸗ men mußte, auf denen man den Hals brechen konnte, ſo oft man hinauf und hinab wollte.. „Dort aber wohnt man doch für ſechzig Reichs⸗ 10* 148 thaler des Jahres,“ ſagte Blenda, während dagegen alle Zimmer, die eine angenehme Lage und eine Küche haben, neunzig, ja hundert Reichsthaler koſten.“ „Das iſt wohl wahr, Du Kleine!“ entgegnete die Mutter mit nachdenklicher Miene.„Wenn wir aber bedenken...“ Frau Emerentia beſann ſich ſichtbarlich ein wenig über die Fortſetzung— dieſe war ſicherlich etwas ſchwierig. „Was ſollen wir bedenken?“ „Das, liebes Kind: wenn nicht der gute Gott uns ein ganz beſonderes Glück zuſchickt, wir doch wohl nicht einmal im Stande ſein möchten, dieſe ſechzig Reichsthaler nebſt Nahrung, Licht und dergleichen mehr mit unſerer Handarbeit anzuſchaffen: und darum...“ „Darum?“ „. Darum meine ich, wir können uns eben ſo gut für hundert Reichsthaler in Verlegenheit ſetzen, als für ſechzig— da wohnen wir doch wenigſtens als anſtändige Leute!“ „Aber, mein Gott, wenn wir nicht im Stande ſind zu bezahlen— bedenke das, liebe Mutter!— ſo könnten ſie uns ja ganz einfach in's Gefängniß ſetzen .. o, mein Gott, wie ſchrecklich!? „Ganz im Gegentheil: um ſo beſſer, ſage ich— Du ſollteſt ſehen! „Nun denn?“ „O, wir bekämen gewiß eine gefällige Perſon zu faſſen, die in den Zeitungen eine lange rührende Ge⸗ ſchichte ſchriebe über zwei ſchutzloſe adelige Damen, welche in die allerunverſchuldetſte Verlegenheit gerathen ſind, und ferner glaube ich auch, es würden ein paar Worte mit einfließen über die makelloſe Schönheit der einen und über den feſten Charakter der andern. und darauf ſollte man ſehen, daß die Kammer zu enge wurde für alle Beſuchenden, welche die Neugierde zu. uns lockte.“„ —„Fi, das wäre ja erniedrigend!“ . un! ei 1 dagegen Küche jete die ir aber wenig wierig. e Gott ch wohl ſechzig en mehr im..“ s eben ſetzen, ens als Stande !— ſo ſetzen ich— rſon zu de Ge⸗ Damen, erathen n paar jeit der n... zu enge erde zu 149 „Ganz und gar nicht— und das wäre meiner Seel' keine ſo üble Gelegenheit, von allerlei Leuten geſehen zu werden! „Aber auf jeden Fall wäre es unwürdig, liebe Mutter! Ich fühle, daß wir nicht das Recht haben, ſo zu handeln, denn wir hätten uns ja abſichtlich un⸗ nöthige Ausgaben geſchaffen.“ „Geſchwätz!“ „Laß mir dieſes eine Mal meinen Willen: laß uns das kleine Zimmer für ſechzig Reichsthaler nehmen!“ „Beſtimmt nicht, liebes Kind!“ „Doch, liebe Mutter!“ „So!— laß uns einig werden! Kein Menſch würde alle dieſe Treppen hinaufklettern wollen, Du Kleine! Wir müſſen ein ordentliches Zimmer haben... Und höre nun: jetzt haben wir fünfundzwanzig Reichsthaler erſpart: das iſt ſo viel, daß wir das erſte Quartal bezahlen können. Wenn man nun aber drei Monate vor ſich hat— zweiundneunzig Tage, Du Kleine!— ſo müßte man wohl ſehr dumm ſein, wenn man nicht irgend einen Rath in der Noth finden könnte.“ „Wenn es nun aber dennoch nicht ſo glücklich ginge?“ „Da wäre es, behüte Gott, immer noch nicht ärger, als daß ich die Ohrringe und den Sommermantel, die ich von der ſeligen Regine Sophie geerbt habe, auf die Aſſiſtance brächte— im Winter brauche ich ſie ja doch nicht, und dieſe Aſſiſtance iſt eine recht wohl⸗ thätige Einrichtung: was man dort hat, braucht man zu Hauſe nicht vor Dieben zu bewahren.“ Blenda lächelte und widerſprach nicht länger. * Ein nettes Zimmer mit Küche wurde für hundert Reichsthaler an der Ritterſtraße drei Treppen hoch ge⸗ miethet, und dieſes hatte Ausſicht nach der Seeſeite hin. 150 Als man ſich einmal entſchloſſen hatte,„reell“ zu wohnen, ſo mußte man eine Straße mit einem reputir⸗ lichen Namen wählen, und welcher Name konnte wohl reputirlicher und noch dazu bedeutungsvoller ſein, als die Ritterſtraße? Blenda war lauter Entzücken dar⸗ über, daß es eine ſolche Straße wirklich gab. Nun aber galt es, ſich Arbeit zu verſchaffen, und das war noch ſchwieriger. Die Galanteriehändlerinnen waren von Suchenden uͤberhäuft— das einzige, welches bei ihnen zu bekom⸗ men war, nämlich Hutnähterei, verſtand Blenda nicht. In den Leinenläden war man ebenſo überhäuft, denn jeder hatte ſeine Arbeiterinnen. Alſo war nur übrig zu annonciren von der Annahme von„allerlei Nähte⸗ reien, und nun kamen zwar einige Perſonen, die Kleider „gut und modern und für guten Preis genäht“ haben wollten, aber dieß war wiederum etwas, das unſere Provinzdamen nicht übernehmen konnten. Sie wollten Leinennähterei und Stickerei haben— und man ant⸗ wortete ihnen: jene erhielte man im Correctionshauſe für die Hälfte des Preiſes, und was die Stickerei be⸗ träfe, ſo kaufe man dieſe fertig im Laden. „Nun nnn, nun nun,“ ſagte Frau Emerentia in den Tagen vor dem Umzuge von der ruhigen Wohnung, in welcher ſie jetzt faſt drei Monate zugebracht hatten, „nun nun, man darf nicht gleich bei den erſten Wider⸗ wärtigkeiten verzweifeln!“ „Bei den erſten?“— entgegnete Blenda— wir haben jetzt eher zwanzig als eine gehabt!“ „Wenn dem auch ſo iſt, mein Kind, ſo bleiben uns dagegen wenigſtens zwanzig Reſſourcen übrig!“ „Aber die Unannehmlichkeit, ſo auf der Straße umherzulaufen!“ „Beruhige Dich, Du Kleine!“ „Es iſt nicht ſo leicht, ruhig zu ſein! Der abſcheu⸗ liche Kammerjunker begegnet mir überall, ich mag kom⸗ men, woher ich will, und immer redet er mich ſo artig 1 zu outir⸗ wohl „als dar⸗ d das enden kom⸗ nicht. denn übrig ähte⸗ eider aben nſere llten ant⸗ hauſe be⸗ a in ung, tten, ider⸗ wir iben 14 raße heu⸗ kom⸗ irtig „ 151 an, daß ich nicht die Contenance habe, ihm zu ſagen, wie langweilig er iſt.“ „Aber, liebes Kind, das wirſt Du wohl dennoch thun müſſen, denn er iſt kein Mann für uns— und dann, wie Du wohl weißt, konnte die ſelige Regine Sophie nicht das Mindeſte leiden, das einen Anſtrich von ſo und ſo hatte.“ „Ach, meine gute, gute Tante! Hätte ſie gelebt— ſie hätte uns nimmermehr verlaſſen!“ „Nun, mein Kind, weine nur nicht! Morgen gehen wir aus zu Regine Sophie's Grab: wir wollen dieß Haus nicht verlaſſen, ohne von derjenigen, die uns ge⸗ ſchützt hat, Abſchied genommem und ihr gedankt zu haben... doch höre, Du Kleine! Wenn ich Butter⸗ gebäckſel backte, worauf ich mich ſo gut verſtehe? Gott geſegne die Buttergebäckſel, die ſie hier haben!“ „Liebe Mutter, wie kannſt Du an Buttergebäckſel denken, da wir eben die ſelige Tante beweinen und an eine Wallfahrt nach ihrem Grabe denken!“ „Behüte, Du Kleine! Das eine Gute verdirbt das Andere nicht— man muß wohl trotz der Betrübniß auch an das Irdiſche denken, und ohne Zweifel war das eine glückliche Idee, beſonders da die Vorlagen nicht ſo ſehr koſtſpielig ſind.“ „Was ſoll ich denn aber thun, wenn es ſo un⸗ glücklich geht, daß keine Näharbeit zu bekommen iſt?“ „Weißt Du was? Für dieſen Fall habe ich ſchon einen andern Plan fertig.“ „Welchen?“ „Es fällt mir ein, Du könnteſt mit Deinem Ta⸗ lente im Zeichnen— denn darin hat Vater Dir einen gründlichen Unterricht ertheilt— Du könnteſt, ſage ich, annonciren, daß Du kleinere Kinder annähmeſt.“ „Meinſt Du das?“ „Das meine ich gewiß: auf dieſe Art erhält man Bekanntſchaft mit den Eltern, und Bekanntſchaften, mein Kind, das iſt und bleibt immer die Hauptſache.“ wir erſt hinaus in dieſe fremde Welt.“ 15² „Aber... „Still, ſtill mit Deinen Aber's! Solche Gemälde, wie Du zeichneſt, mit den ſchönſten See'n, Bäumen und kleinen Hunden darauf, ſind für Kinder wohl gut genug zum Nachzeichnen— alſo iſt das abgemacht!“ Blenda wollte noch einige kleine Einwendungen verſuchen; doch war es unmöglich, der Frau Emerentia ihre Ueberzeugung und ihren Muth zu rauben, welcher letztere noch bedeutend unterſtützt wurde durch die Ge⸗ wißheit, daß man mit dem Beſitze des Schinkens, der Butter und der Käſe— was noch Alles unberührt war— einer ganzen Maſſe von widrigen Schickſalen trotzen könnte. Blenda's Muth ließ ſich mit dem ihrer Mutter auf keine Weiſe vergleichen. Aber dennoch hatte die Macht des Beiſpieles eine gute Wirkung. * 2 Auf dem Wege von dem neuen Kirchhofe gingen am folgenden Abende zwei Damen in Trauerkleidern mit den Schnupftüchern vor den mit Thränen erfüllten Augen. Dieß waren Frau Emerentia und ihre Tochter. Mit blutenden Herzen, die verlaſſene Lage, in weelche ſie durch den Tod der Tante Regine Sophie verſetzt worden waren, tief empfindend, hatten ſie ihr jetzt das letzte zärtliche Lebewohl geſagt, und Blenda's Gefühl war nicht am wenigſten erregt worden durch den Gedanken, daß ſie der guten Tante wenige Stun⸗ den vor ihrem Hintritte ſo vielen Schmerz zugefügt hatte.. Noch hatten Mutter und Tochter ſich ihre Gedan⸗ ken nicht in Worten mitgetheilt— was hätten ſie einander auch wohl zu ſagen gehabt außer dem ſchon ſo oft wiederholten:„Morgen müſſen wir unſere Frei⸗ ſtätte verlaſſen, morgen iſt es gleichſam, als träten ner ſter mar ihre vor der unſe rent ſagt der Lipp inder Thei herz ein a ſchif kram Gott geber Laſt, Steu find? Das ausn begeh himm Auge ſo th Schw älde, imen gut 11“ ngen entia lcher Ge⸗ der ührt alen itter die igen dern lten öter. in phie ihr da's urch un⸗ fügt an⸗ ſie hon rei⸗ ten 153 Ein haſtiges Gehen hinter ihnen, darauf ein küh⸗ ner Seitenblick, und endlich ein lautes:„O, ergeben⸗ ſter Diener!... ſieh, das war eine Begegnung, die man angenehm nennen kann!“ riß die Damen aus ihrer ſchmerzhaften Betäubung. Sie erhoben zu gleicher Zeit ihre Augen, und vor ihnen ſtand einer von ihren Dampſſchiffbekannten, der königliche Secretair Born. „Wir kommen von dem Grabe meiner Schweſter, unſerer einzigen Beſchützerin!“ antwortete Frau Eme⸗ rentia auf die Anrede des jungen Mannes, und dieß ſagte ſie in einem ſo ernſten und betrübten Tone, daß der Secretair augenblicklich das Lächeln von ſeinen Lippen und Augen verſchwinden ließ. Mit einem Ausdruck des Feingefühls ſagte er, indem er Blenda's ſanftes, ſchwermüthiges Geſicht mit Theilnahme betrachtete: „Das iſt wahrlich ein harter Schlag, den ich herzlich beklage!— Doch will ich mich entſinnen, daß ein anderer Anverwandter die Herrſchaften vom Dampf⸗ ſchiffe abholte?“ „Ja, das war mein Schweſterſohn, der Leinen⸗ kramhändler, ein ſehr ehrenwerther Mann; doch, Herr Gott, er hat ſo Viele, denen er Schutz und Arbeit geben muß, und auch wir ſind ihm nicht gerne zur Laſt, wenn wir umhin kommen können.“ „Darf ich fragen, ob die Herrſchaften noch an der Steuermannsſtraße wohnen, oder ob Sie umgezogen ſind?“ Frau Emerentia ſah ihre Tochter forſchend an. Das Betragen des königlichen Secretairs war ja ſo ausnehmend artig und voller Achtung, als man nur begehren konnte, und es mußte gewiß ein Gefühl einer himmliſchen Erleichterung in der Betrübniß ſein, einen Augenblick mit Jemandem reden zu können, der ſich ſo theilnehmend bewies. Aber die Warnungen der Schweſter Regine Sophie klangen noch in dem Ohre 154 der Frau Emerentia, und da Blenda mit einem leich⸗ ten Kopfſchütteln ihre Meinung zu erkennen gab, ſo entgegnete unſere Frau mit einer kleinen Verlegenheit: „Haben Sie die Güte, Herr Secretair und... und fragen Sie uns nicht!“ „Wie?“ „Ich zweifle zwar nicht an der freundlichen Ab⸗ ſicht, nein, nein, auf keine Weiſe; aber wir ſind zwei ſchutzloſe Frauenzimmer und dürfen nicht länger ſo ugänglich ſein, wie auf dem Dampfſchiffe— und ich ann Ihnen ſagen: es hat uns ſehr betrübt, daß dieſe Zugänglichkeit übel gedeutet werden konnte.“ In des Himmels Namen, was meinen Ihre Gna⸗ den?— es ſieht wahrhaftig aus, als hätte ich mich ſehr in Mißkredit geſetzt!“ „O, das eben nicht; doch... das Billet und...“ „Meine beſte Frau von Kühlen! es würde mir unbeſchreiblich wehe thun, wenn die Herrſchaften ihrer Seit meinem Eifer, die Bekanntſchaft zu erneuern, eine ſchlechte Deutung gegeben hätten. Wenn inzwiſchen mein Billett das Intereſſe, welches ich von dem Ver⸗ gnügen, das ich vorzuſchlagen die Ehre hatte, gehabt haben würde, allzu offen an den Tag legte, ſo möchte wenigſtens mein Schutz dabei nicht im Geringſten ge⸗ gen das Schickliche geſtritten haben, denn auf eben dem Dampfboote befanden ſich meine Mutter und meine Schweſtern, die damals in der Stadt waren.“ „Dieſes Umſtandes war aber in der Einladung nicht erwähnt!“ fiel Blenda ein. „Ich geſtehe, daß dieſe Vergeßlichkeit ein Fehler war. Doch wäre es hart, wenn die Strafe, welche die Antwort der Frau Thorman enthielt, nicht als hin⸗ reichend gelten, ſondern noch geſchärft werden ſollte durch ein Mißtrauen, das mich auf's Höchſte verletzt!“ „Wenn wir aber doch auf keinen Fall Ihre Be⸗ ſuche entgegen nehmen können, wozu dient es da, zu ſagen, wo wir wohnen?“ wendete Frau Emerentia ein. heine dung hler elche hin⸗ ollte 414 Be⸗ „zu ein. 155 „Da würden die andern Herren es gewiß ebenfalls bald erfahren.“ „Keiner von denen, Frau von Kühlen, welche Sie die andern nennen, iſt in dieſem Augenblicke in der Stadt. Der Lieutenant— welcher wirklich über ſein Unglück, die Herrſchaften nicht wiederſehen zu dürfen, untröſtlich war— hatte nur einen kurzen Urlaub; der Baron, welcher wegen derſelben Urſache Himmel und Erde bewegen wollte, wurde unmittelbar darauf in einer wichtigen Familienangelegenheit nach Hauſe ge⸗ rufen, und Herr A., der Handelserpedient, iſt, wie ich gehört habe, gegenwärtig in Frankreich. Von unſerer ganzen kleinen Dampfſchiff⸗Coterie bin ich alſo allein übrig, um die Schuld für alle unſere Sünden zu tragen.“ „Ich glaube,“ entgegnete Blenda,„unſere gute Tante würde es nicht billigen, wenn wir dieſes Ge⸗ ſpräch verlängerten, und Sie, Herr Secretair, ver⸗ ſtehen leicht unſere Furcht, die guten Rathſchläge zu verſäumen, die wir leider nicht mehr hören können.“ „Einen ſo deutlichen Befehl kann ich nicht anders als verſtehen. Doch betheure ich ſelbſt bei den ſtrengen Grundſätzen dieſer Tante: wenn es ſo unglücklich iſt, daß die Herrſchaften hier keinen Beſchützer und Helfer haben, ſo heißt es das Zartgefühl zu weit getrieben, wenn Sie meine wohlgemeinte Abſicht zurückweiſen. Ich verlange die Herrſchaften weder zu Vergnügungen noch auf Promenaden zu führen— denn meine Mutter und meine Schweſtern find ſchon auf's Land zurückgekehrt— dagegen aber bitte ich mir aus, während des Monats, über den ich noch disponiren kann(hernach muß ich hinweg und zu Ting reiſen) den Herrſchaften mit Rath und That nützlich werden zu dürfen, denn, bei Gott, ich kenne keine beſſere Art meine vorige Zudringlichkeit wieder gut zu machen!“ „In welchem Falle ſollten Sie uns denn wohl . 156 nützlich werden können?“ erdreiſtete ſich Frau Emeren⸗ tia zu fragen. In demjenigen, womit ich beehrt werde, hoffe ich! Haben Sie eine Wohnung? Haben Sie Holz eingekauft? Der Winter ſteht vor der Thür. Und bedenken Sie: wird mein Dienſt angenommen, ſo verlange ich als ein wirklicher Freund angeſehen zu werden! Wer mich kennt, der weiß, daß unter meinem Leichtſinne auch ein wenig von einem ehrlichen Kerl verborgen liegt.“ „Das meine ich auch ſehen zu können, Blenda, mein Kind! Und ich ſehe nicht ein, warum wir nicht in unſerer verlaſſenen Lage mit dem guten Herr Secre⸗ tair aufrichtig reden ſollten.“ „Wie zu einem Sohne, einem Bruder— auf meine Ehre, ich bin jetzt ſo ernſthaft, daß das Fräu⸗ lein mich gerne Onkel nennen könnte... Alſo begin⸗ nen wir mit der Wohnung...“ Eine Wohnung haben wir, eine recht freundliche und angenehme an der Ritterſtraße Numero „Und Holz?“ v A „Holz hat uns Patrik— Gott ſegne ihn!— ſchon geſchafft, und ihm haben wir es auch zu danken, daß wir aus dem Nachlaſſe meiner ſeligen Schweſter nette Möbeln zu dem Zimmer erhielten.“ „Nun, Gott ſei gedankt, die Ausſichten erhellen ſich ja immer mehr und mehr!“ ſagte der Königliche Secretair mit ſo inniger Theilnahme, daß der letzte Funke von Mißtrauen aus den Herzen der Mutter und Tochter verſchwand. „Aber,“ fiel Blenda mit einem leichten Seufzer ein,„das Allernothwendigſte fehlt uns dennoch!“ „Und was iſt denn das Nothwendigſte?“ „Arbeit!“ „Sieh, da haben wir endlich ein Feld für meine Thäͤtigkeit!“ „Wirklich?— Sollte es ſich ſo glücklich treffen, daß Sie einen Vorſchlag hätten?“ fen, 157 „Ich kenne ein paar ehrenwerthe alte Frauen, gute Seelen und im Allgemeinen ſehr thätig: ſie ſollen mir dabei helfen. Wollen die Herrſchaften mich ent⸗ gegen nehmen, wenn ich mit der Antwort komme?“ „Ja, Herr Gott, wenn Sie in einem ſo drin⸗ genden Geſchäfte kommen, mein guter Herr Secretair, ſo iſt das wohl natürlich!“ Und da ſie nun einmal mit ihren Ergießungen in der Fahrt war, ſo gab die Frau Emerentia dem Kö⸗ niglichen Secretair einen ſo vollſtändigen Bericht über Alles, was ſeit der Ankunft in Stockholm vorgefallen war, daß er ſelbſt ein Zeuge dabei geweſen zu ſein meinte— und man verſteht wohl, daß es für unſere Frau kein kleiner Triumph war, als ſie im Stillen ihrem neuen Vertrauten mittheilen konnte, daß ihre Tochter zwei ehrenvolle Heirathsanträge erhalten hätte. „Wenn ich es wagte,“ entgegnete der Secretair und neigte ſich zu Frau Emerentia— Blenda, welche ein wenig abſeits war, hörte dieſes Geſpräch nicht— „wenn ich es wagte, ſo wollte ich fragen, warum denn das Fräulein keinen von dieſen ehrenvollen Anträgen ihrer Aufmerkſamkeit werth erachtete!“ „O, mein guter Herr Secretair, dazu hatte ſie ihre triftigen Gründe, die in der Zukunft liegen.... Genug, wir wären aller dieſer Bekümmerniſſe, mit denen wir uns jetzt ſchleppen müſſen, überhoben ge⸗ weſen, wenn wir hätten annehmen wollen, was man uns bot. Doch, kommt Zeit, ſo kommt auch wohl Rath, ſagte immer meine ſelige Großmutter, welche die Welt geſehen hatte. Das Mädchen iſt jung und zieht jede Art von Mühſeligkeit dem Verluſte ihrer Freiheit vor.“ „Nun, da denkt ſie ganz ſo wie ich!... Um Ihr Vertrauen mit einem andern zu vergelten, Frau von Kühlen, ſo will ich Ihnen geſtehen, daß meine Familie in dieſem Augenblicke recht eifrig gegen meine Freiheit conſpirirt, welche man einer jungen, reichen 158 Paſtortochter in die Hände ſpielen will. Zu einem 4 Anfange retirire ich jetzt in die Provinzen; doch dürfte es ſich wohl ereignen, daß ich, wenn ich erſt meine Vollmacht als Vice⸗Häradshöfding in der Taſche habe, zurückkomme, um dleſe und mich ſelbſt ganz ernſthaft zu den Füßen der Fraglichen zu legen.“ End Nach dieſem Bekenntniſſe, das ſichtbarlich abgelegt in d war, um die Beſorgniſſe der Damen gänzlich zu be⸗ ſchwichtigen, kam auch Blenda näher. Und im beſten Unr Einverſtändniſſe kam man in die Stadt, woſelbſt der gen Königliche Secretair ihnen Lebewohl ſagte mit dem lang erneuerten Verſprechen, ſich als einen würdigen Onkel ſtrie gegen das Fräulein Blenda zu bezeigen..... ................. ſtuh Am folgenden Tage bezogen Mutter und Tochter ruht ihre neue Wohnung— und welche Gefühle ließen ſich Kint vergleichen mit denen der Frau Emerentia, als Patrik. ihnen mit dieſen Worten entgegen kam: dafu „Die Miethe für das erſte Quartal iſt bezahlt, eudl liebe Tante... Verdamm; mich, wenn ich nicht eine u ganze Maſſe dazu thun wollte; doch iſt es nicht ſo li leicht, Alles zu thun, was man will!“ gelit Etwas ſpäter fand ſich der Königliche Secretair t ein und theilte auch ſeinerſeits gute Neuigkeiten mit. bum „Siehſt Du nun, Du Kleine?“ ſagte die Mutter triumphirend,„ſiehſt Du, wie der gute Gott Alles für der uns ebnet? Patrik iſt ſo gut, wie eine kleine Vor⸗ wen ſehung, und der Köͤnigliche Secretair unſer guter an ſ Engel.“ 3 „Ach ja, ich hatte Unrecht, als ich fürchtete!“ ben, . blickl „ 1 1 ihm * 4 — 4 4 44 nüch er je A„ℳ 9 7 4. nem erfte eine abe, haft legt be⸗ ſten der dem nkel hter ſich trik hlt, eine ſo air nit. tter für or⸗ ter 159 19. Zwei Monate waren verfloſſen. An einem kalten und regnigten Abende gegen das Ende des November finden wir unſere Heldin wieder in der neuen Wohnung vor dem ſparſamen Feuer. Mit einer Miſchung von Freude und zärtlicher Unruhe betrachtete ſie die bleichen, eingefallenen Wan⸗ gen ihrer Mutter, welche nach einem mehrere Wochen lang anhaltenden kalten Fieber, jetzt wieder einen An⸗ ſtrich von Farbe und Geneſung zu bekommen anfingen. Frau. Emerentia lag zur Hälfte in einem Lehn⸗ ſtuhle; doch ſelbſt noch in ihrem kraftloſen Zuſtande ruhte ſie nicht von der Arbeit, ſondern ſtrickte an einem Kinderſtrumpfe. „Ach, Mutter! wie können wir Gott genugſam dafür preiſen, daß dieſe ſo düſtere und traurige Zeit endlich wieder hell zu werden beginnt— denn wirſt Du nur geſund, ſo iſt Alles gut!“ „Dank, mein geliebtes, armes Kind! Du haſt mehr gelitten als ich...“ „Vor Schmerzen, ſo unendlich wenig thun zu können— ja, das glaube ich beinahe.“ „Und weder Henriette noch auch Patrik find in der ganzen langen Zeit hier geweſen. Anfangs kam wenigſtens er bisweilen.. nun, nun, die Männer haben an ſo Vieles zu denken— und dann, da er Nichts von uns gehört hat, ſo wird er vermuthlich geglaubt ha⸗ ben, wir befänden uns wohl.“ „Vermuthlich!“ 1 „Hätteſt Du ihn beſucht, ſo wäre er gewiß augen⸗ blicklich gekommen, davon bin ich vollkommen überzeugt.“ „Ich habe es nicht über mich gewinnen können, zu ihm zu gehen.. und dann war ich in Angſt, ich möchte den Coufin Johann treffen— wahrſcheinlich iſt er jetzt angekommen.“ 160 „Ach,“ ſeufzte Frau Emerentia,„denke, wenn wir Du nicht ſo ganz klug gehandelt hätten— denke, wenn hin dieſer Graf aus Schonen ſich nie wieder ſehen ließe!“ „Wie man ſieht, hatte die Krankheit unſere Frau abe ein wenig vernünftig gemacht. hat Blenda antworkete nicht— ſie drehte ſich ſchnell niſſ um, damit ihre Mutter die Thränen nicht ſehen möchte, welche ihre jetzt ſo lange getäuſchten Hoffnungen her⸗ vorgepreßt hatten. ſein „Und dieſe theure, geſegnete China, liebe Blenda ſehe ... ja, ja, die kommt auch noch hinzu— aber ſo. verdienen wir auch ſo ſehr wenig.“ Läch „Und doch hatten wir in dem erſten Monate, da verr noch der gute Herr Secretair uns mit ſeinen Empfeh⸗ thal lungen an die Hand ging, ſo guten Verdienſt.“ 3 „Aber leider iſt er jetzt nicht mehr hier, und ob⸗ aus, gleich die Frauen verſprachen, ſie wollten ihre Hand übri nicht von uns nehmen, ſo fürchte ich, dieſe langwie⸗ Häl rige Krankheit hat ſie ungeduldig gemacht: mit der letzten Decke ging es auch wirklich ſehr langſam.“ „Geſtern, als ich bei der Frau C. war, ſagte ſie noch mir auch etwas recht Unangenehmes.“ Doc „Was denn, Kind?“ 1 1. End „Sie wäre gezwungen, die Arbeiten zu theilen, Gell welche ſie und ihre Bekannten zu machen haͤtten, weil 5 es ſo viele Dürftige gäbe, denen ſie unmöglich ihre eini! Hülfe weigern könnte.“ e „Da hat ſie gewiß Recht, Du Kleine, und obgleich 5 4 das ein Verluſt für uns iſt, ſo iſt es um ſo beſſer für beſer andere Unglückliche, daß ſie ſo denkt... Doch laß der uns ſehen— uns bleibt immer noch meine große Phantaſte.“. 1 de „Welche, liebe Mutter?“ ande „O, weißt Du nicht mehr? die Buttergebäckſel! Sobald ich geſund bin, führe ich dieſen Plan aus, und b es iſt Etwas in mir, das da ſagt, es wird gelingen.“ ich „Ach, es dauert noch lange, beſte Mutter, bis d 1 an wir wenn ieße!“ Frau ſchnell nöchte, her⸗ zlenda ber ſo e, da pfeh⸗ id ob⸗ Hand gwie⸗ t der 4 te ſie eilen, weil ihre gleich r für h laß roße ckſel! und gen.“ bis 161 Du wieder in die Küche gehen kannſt, und bis da⸗ in... )„Ich verſtehe recht gut Dein Bis dahin, Kind; aber meine ſelige Großmutter, welche die Welt geſehen hatte, pflegte immer zu ſagen: nach ſieben Betrüb⸗ niſſen.. 2 f„Ach, ich weiß, Mutter, ich weiß!“— „Wenn Du weißt, ſo mußt Du auch überzeugt ſein, daß unſere Sonne wieder aufgehen wird.. Laß ſehen, wie viel Geld wir noch im Ganzen haben!“ „Im Ganzen,“ antwortete Blenda mit einem Lächeln, welches der Kummer nicht zu unterdrücken vermochte,„ſind wir noch im Beſitz von drei Reichs⸗ thalern in Zetteln und zwölf Schillingen in Kupfergeld!“ „Nun, nun, liebe Blenda, ſchlechter könnte es ausſehen, beſonders da wir noch von unſerem Proviant übrig haben— von dem Schinken iſt ja noch über die Hälfte da...“ „Aber der letzte Käſe iſt dahin— ich hatte kein Geld für die Aufwärterin in der letzten Woche. Und noch dazu paßt ſolche Speiſe jetzt nicht für Dich: der Doctor ſpricht von Bouillon, und der Portwein iſt zu Ende!“ „Tröſte Dich, mein Engel! Ich will von dem Gelde, das wir haben, noch eine Flaſche kaufen und einige Pfund Fleiſch zu einer kräftigen Bouillon kaufen wir ebenfalls— werde ich dann aber nicht wieder Menſch, ſo mag die Katze ſich ſolche theuren Dinge beſehen! Vielleicht iſt es das Allerbeſte, wenn ich wie⸗ der zu meiner alten Diät zurückkehre.“ „Aber zu jeder Art von Diät gehört immer Etwas, und zu dieſem Etwas müſſen wir auf die eine oder die andere Weiſ Auswege finden. Ich glaube...“ 1 as?“ „Ich glaube, der einzig mögliche Ausweg iſt, daß ich bekannt mache, ich will außer dem Hauſe nähen.“ Die Romanheldin. 11 162 Dieſer Vorſchlag ſtimmte gar nicht überein mit dem kleinen Stolze der Frau Emerentia, und es koſtete ihr keine geringe Anſtrengung, ihn damit in Einklang zu bringen. Endllich aber gab ſie nach, aber nur unter der Be⸗ dingung, daß Blenda, welche den Zeichenunterricht ganz verworfen hatte, zugleich mit obiger Annonce anzeigen ſollte, ein junges Frauenzimmer wünſche für billigen Preis kleinere Kinder im Fortepianoſpielen zu unter⸗ richten.“ „Ja, liebe Mutter, ich glaube, das kann ich wa⸗ gen! Die Noten kenne ich vollkommen, und kann auch wohl genug, um ſolchen, die noch gar nichts können, zu helfen.“ „Nun, ſiehſt Du jetzt, was eine vernünftige Ueber⸗ legung taugt? Schon morgen lieferſt Du die Anzeigen in das Tageblatt!“ * * Einige Tage ſpäͤter ſtanden wirklich beide Anzeigen im Tageblatte zu leſen. „Wir bekommen auf jede wenigſtens zwanzig Ant⸗ worten!“ prophezeite Frau Emerentia. Trotz dieſer glänzenden Hoffnung verlor ſie gleich⸗ wohl den Muth nicht ganz, als die vierzig Antworten ſich auf zwei beſchränkten, das heißt ein Billet auf jede Anzeige. Die Antwort in Betreff des Nähens zeigte an, das junge Frauenzimmer, welches ab⸗ und angehen wollte, könnte ſich zu mündlicher Uebereinkunft in dem angegebenen Hauſe an der Oeſterlanggata(langen öſtli⸗ chen Straße) einfinden, wogegen die Antwort an„die billige Muſiklehrerin“ nach der Glasbruksgata Nr.... hinwies.*) *) Die erſtgenannte Straße iſt in der eigentlichen ) n mit koſtete aklang er Be⸗ ganz zeigen lligen unter⸗ h wa⸗ rauch önnen, Ueber⸗ zeigen zeigen Ant⸗ gleich⸗ vorten t auf e an, igehen n dem öſtli⸗ 1„die dr.... lichen 163 „O, mein Gott, wie ſoll ich einen ſo ſchrecklich langen Weg finden!“ „Das Schlimmſte iſt,“ bemerkte ein wenig herab⸗ geſtimmt unſere Frau,„daß Du wahrſcheinlich Deine Schuhe verdirbſt, ehe Du Bezahlung erhältſt. Wäre es wenigſtens Sommer, ſo könnteſt, Du mit den Ruder⸗ booten für einen halben Schilling Banco hinüberkom⸗ men!“* „Dhs betrüge auf jeden Fall, da ich an zwei Stellen überfahren müßte, jedesmal einen Schilling Banco, und für den Rückweg eben ſo viel, alſo täglich drei Schillinge Reichsſchulden... Aber ich will ſo vor⸗ ſichtig gehen, daß meine Schnürſtiefel dieſen Winter aushalten. Und unſere Aufwärterin iſt gewiß ſo gut und begleitet mich............. Am folgenden Vormittage, nachdem ſie ſich ſorg⸗ fältig gekleidet— dieß war ganz nothwendig, da ſie einen angenehmen Eindruck machen wollte— und nach⸗ dem ſie den wärmſten Glückwunſch ihrer Mutter erhal⸗ ten hatte, begab ſich Blenda auf den Weg, um dqs Glück zu ſuchen. An dem erſten Orte wurde ſie von zwei alten, ſehr ſauertöpfigen und geizigen Mamſellen empfangen, welche eine Perſon haben wollten, die den ganzen Stadt und die andere in der ſüdlichen Vorſtadt (Södermalm). Anm. d. Ueberſ. *) Zur Bequemlichkeit der Communication zwiſchen den verſchiedenen Stadttheilen in dieſem überall von Waſſer durchfloſſenen nordiſchen Venedig ſind an vielen Orten Ruderboote ſtationirt, die den ganzen Tag hindurch hin und her gehen, und auf denen man ſich für den angegebenen geringen Preis (ungefähr zwei Pfennige preuß. Cour.) überſetzen laſſen kann. Anm. d. Ueberſ. de bei ihnen für acht Schillinge*) ſitzen und nähen ollte. „O nein, das iſt mir nicht möglich— da verdiene ich allzu wenig!“ antwortete Blenda höllich, aber feſt. „Zu wenig... wie zu wenig, meine kleine Mam⸗ ſell, da Sie auch zu eſſen bekommen?“ „Ich komme nicht damit aus!“ Wir können Ihnen aber ſagen, daß es über hun⸗ dert arme Mädchen gibt, die ein ſolches Anerbieten als übertrieben freigebig anſehen würden, und wollten wir kleinlich ſein, ſo könnten wir viele für ſechs Schil⸗ linge... für vier... ja für das bloße Eſſen bekommen, und noch Segenswünſche obendrein— Gott ſei Lob und Dank, wir haben den Segen der Armen, dieſe wiſſen, wer wir ſind!“ „Ich muß aber nothwendig ſechzehn Schillinge haben! Ich nähe ſo fleißig, und meine Mutter, die neulich krank gelegen hat, bedarf des Geringen, das ich verdienen kann, nothwendig. „O, dergleichen kennt man ſehr wohl, meine kleine Manſell: dieſe Geſchichte iſt alt!... Wie heißt übri⸗ gens Ihre Mutter?“ 3 „Von Kühlen.“ „Wie? Ein Fräulein? Bieten Sie da Ihre Dienſte aus, wo Sie wollen, meine feine Gnade! Wir wollen gewiß keine ſo vornehme Nähterin haben... Fräulein — behüte Gott! Gewiß aus der Provinz? Nach Stock⸗ holm wollen ſie alle, es mag tragen oder brechen: dort ſchneidet man Gold mit Taſchenmeſſern. Aber gewiß iſt es ganz anders!“ Blenda's Herz ſchwoll vor Aerger: ſie fühlte, wie die Thränen ihr in die Augen ſtiegen; doch war ſie glücklich genug, ſie zurückhalten zu können. Eilfertig wendete ſie den alten Mamſellen, die ſo *) Nicht volle zwei Silbergroſchen preußiſch. Anm. d. Ueberſ. f Blicke. viele begab unter 8 hinau käſtche ſie eit vielen gnügen zwei le aus eir Endlich einem trat he 2 richt zu geſuchte betracht nähen herdiene der feſt. Mam⸗ er hun⸗ erbieten wollten Schil⸗ ommen, ſei Lob , dieſe zillinge er, die n, das e kleine t übri⸗ Dienſte wollen räulein Stock⸗ 1: dort gewiß te, wie var ſie die ſo herſ. 165 viele Segnungen der Armen hatten, den Rücken, und begab ſich nach dem Hauſe, welches ihr für den Muſtk⸗ unterricht angewieſen war. Als ſie in dem ſtattlichen Hauſe die erſte Treppe hinaufkam und den eleganten Glockenzug, das Viſiten⸗ käſtchen und das blankpolirte Schloß erblickte, betete ſie ein warmes Gebet, daß diejenige, welche hinter einer ſo glänzenden Außenſeite wohnte, eine mildere Geſinnung haben möchte, als die Mamſellen, zu denen ſie durch eine Hausflur und Treppen gekommen war, eben ſo düſter und unangenehm, wie dieſe ſelbſt. x 4* Nachdem ſie eine Weile gewartet und ihr Herz⸗ klopfen ſich gelegt hatte, wurde die Thür von einem Mädchen geöffnet, und ehe unſer Fräulein Zeit zu einem Worte gehabt hatte, fragte dieſe ganz leichthin: „Sind ſie die Mamſell, welche das Billet der gnä⸗ digen Frau erhalten hat?“ Blenda bejahte die Frage. „Haben Sie die Güte, in den Saal zu treten— die gnädige Frau kommt gleich heraus.“ Blenda ſetzte ſich, um zu warten. Sie betrachtete mit großer Aufmerkſamkeit die vielen Gemälde, welche die Wände zierten, ein Ver⸗ gnügen, das ſie gleichwohl nicht abhielt, den Laut von zwei lebhaften Stimmen zu hören, welcher je zuweilen aus einem andern Zimmer in den Saal hereindrang. Endlich ging die Thür auf und eine junge Dame von einem eben ſo angenehmen, als freundlichen Aeußern trat herein.“ „Ach ſo, das iſt die kleine Mamſell. welche Unter⸗ richt zu geben wünſcht?“ Die junge Dame, deren aus⸗ geſuchte Morgentoilette Blenda grell in die Augen fiel, betrachtete die Suchende mit einem aufmunternden Blicke...„Welche Lehrer haben Sie denn hier gehabt?“ 166 „Ach, ich habe hier in Stockholm gar keinen Lehrer gehabt! Das Wenige, welches ich kann, das aber den⸗ noch, wie ich glaube, für Anfänger hinreichend ſein möchte, habe ich theils von meiner Mutter, theils von dem Organiſten unſeres Kirchſpieles gelernt. Er aber hatte einen gründlichen Unterricht von einem Muſik⸗ director beim Weſtgötiſchen Regimente erhalten.“ Dieſe unſchuldigen Nachrichten über die eigene muſikaliſche Bildung der Muſiklehrerin, welche gewiß nicht ſehr empfehlend ſein konnten, ſchienen im Gegen⸗ theile die Frau des Hauſes ganz zu befriedigen; ein Blitz der Zufriedenheit leuchtete in ihren Augen, und mit noch mehr Güte ſagte ſie: „Das iſt vollkommen hinreichend für meine Prä⸗ tentionen, denn meine kleine Tochter iſt erſt fünf Jahre alt. Aber ich will, daß ſie bei Zeiten beginnt. Ueber⸗ dieß werde ich ſelbſt beim Unterrichte zugegen ſein.“ Blenda wollte ihre Dankbarkeit ausdrücken, als die junge Dame fortfuhr: „Ich hoffe, Mamſell, Sie gehören nicht zu jenen verzagten und langweiligen Leuten, die ihre Arbeit — nicht fortſetzen können, wenn ſie um ſich her reden hören? Da die Unterrichtsſtunde, welche ich zwiſchen elf und zwölf wünſche, meine erſte Viſitenſtunde iſt, ſo kann es ſich wohl ereignen, daß Jemand während der Zeit herkommt.“ Bei den letzten Worten heftete ſich der Blick der ſchönen Frau forſchend und durchdringend auf Blenda. Blenda jedoch erröthete und blinzelte nicht, ſondern antwortete ganz ungekünſtelt, ſie wäre gewiß nicht ſo blöde, daß ſie nicht den Unterricht fortſetzen könnte, wenn auch andere Perſonen im Zimmer wären. Gut!— Nun aber muß ich der Ordnung wegen 77 9„— ein wenig von Ihnen hören, liebe Mamſell!... Setzen Sie ſich an das Piano, und ſeien Sie nur ja nicht ängſtlich!“ ehrer den⸗ ſein von aber duſik⸗ igene gewiß egen⸗ ein „und jenen Arbeit reden diſchen iſt, ſo nd der ick der lenda. ondern icht ſo önnte, wegen Setzen nicht 167 „Ich fürchte aber, daß ich Nichts kann, das ſich der Mühe verlohnt, zu hören!“ „O ja, verſuchen Sie nur!“ „Eigentlich habe ich nur geſpielt, um mich zum Geſange zu accompagniren.“ „Superb! Sie ſingen!— Da erſuche ich Sie, Mamſell, Ihr Amt ſogleich damit zu beginnen, daß Sie mir ein Liedchen vorſingen! Und bin ich zufrie⸗ den— und ich bin gewiß nicht ſchwer zu befriedigen — ſo können Sie auf ein weit höheres Honorar rech⸗ nen, als Sie ſelbſt begehren würden.“ Entzückt über ſo viele Güte, ſetzte ſich Blenda ganz glücklich an das Inſtrument. Doch, was ſollte ſie ſpielen— was? Sagten ihr das nicht tauſend Stimmen in ihrer Seele? Konnte es wohl etwas Anderes ſein, als der Geſang der ſtol⸗ zen Bertha auf der Burg der Agnes? Und begeiſtert von ihrer ſchönſten Erinnerung, von der Erinnerung an das ſelige Klavier und den Ritter Egbert Montabor, ſtimmte Blenda an: „Von Tapferkeit und Männermuth Erglüht des deutſchen Ritters Blut. Von Meer zu Meer, von Strand zu Strand Stürmt er hinaus in's fernſte Land. Doch Ritter Egbert Montabor, Gleich einem Stern, Glänzt allen Helden Deutſchlands vor.“ Ehe ſie jedoch den zweiten Vers begonnen hatte, als eben ihre Seele auf den Fittichen des Geſanges und der Phantaſte, mit Vergeſſen des Zweckes, wozu ſie hier war, von der Erde entſchwebte, wurde ſie von einem ſo grellen, ſchallenden Gelächter unterbrochen, daß ſie, ihrem Himmel entriſſen, ſich plötzlich um⸗ wendete. Und was erblickte ſie jetzt in der Thür zu dem innern Zimmer? Niemand anders als die liebenswürdige Dame, 168 und hinter ihr den Kammerjunker— Blenda's eigenen verſchmähten Anbeter— welcher wahrſcheinlich in ſei⸗ ner Perſönlichkeit die ſämmtlichen Viſiten zuſammen⸗ faßte, welche während der„erſten Viſitenſtunde“ ent⸗ gegengenommen werden ſollten! Mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke verletzter Wiürde ſtand Blenda auf. Die junge Frau, welche ihr ſo herzlich gut geſchie⸗ nen, hatte alſo auf dieſe herzloſe Art entweder über ihre Stimme oder über ihren Vortrag lachen können, und Beides— davon war unſere Heldin völlig über⸗ zeugt— verdiente kein Gelächter. Und dann der in⸗ fame Kammerjunker, er, der ſie jetzt aus einer beſon⸗ dern Urſache nicht ausſtehen konnte... auch er!— O, das war zu viel, allzu viel! „Mein beſtes Mamſellchen, bitte, werden Sie um Gotteswillen nicht böſe!“ ſagte die muntere Frau, fuhr aber immer noch fort, ſo heftig zu lachen, daß ſie ſich auf den Sopha werfen mußte.„Werden Sie nicht traurig— ich verſichere, es iſt nicht meine Abſicht, zu beleidigen, denn die Stimme iſt wirklich ſchön, aber das Mamſellchen ſingt dieſe alte Ritterromanze mit einer ſo unvergleichlichen heroiſchen Sentimentalität und einem ſo inſpirirten Gefühl, daß ich in meinem Leben nichts Luſtigeres gehört habe.“ Jetzt hielt es der Kammerjunker für paſſend, da⸗ zwiſchen zu treten. „Ei,“ ſagte er nachläſſig,„das iſt ja das kleine Fräulein von Kühlen, die ich ſchon früher bei ihrem Verwandten, dem Leinenkramhändler Thorman, geſehen habe!. Ein ſchneller und geheimnißvoller Blick auf die Wirthin ſchien daneben ſagen zu wollen:„Um Gotteswillen, nicht dieſe!“ „O!“ begann die Frau mit etwas ſchleppender Stimme,„ein Fräulein?— ich wußte nicht...“ Blenda aber wollte ihre zweite Verabſchiedung, die ſie ſchon im Anzuge ſah, nicht abwarten. ſtan hind näht reri der noch von hine darc und gew und nich nich grof Sie ſo.. drüͤc bele nich verr der wele rung Mad 169 „Ich begreife nicht,“ ſagte ſie,„warum der Um⸗ ſtand, daß ich aus einer armen adeligen Familie bin, hinderlich für mich ſein ſoll, durch Arbeit mich zu er⸗ nähren— auf jeden Fall aber würde es für eine Leh⸗ rerin, ſo unbedeutend ſie auch ſein mag, ein unpaſſen⸗ der Eintritt ſein, wenn ſie ausgelacht wird, ehe ſie noch begonnen hat!“ Sie nahm ihre Handſchuhe und ihr Schnupftuch von dem Piano, verneigte ſich und war ſchon zur Thür hinaus, ehe man, wenn man es je gewünſcht hätte, daran denken konnte, ſie zurückzuhalten. In dem Vorzimmer kam ihr aber die Frau nach und ſagte mit eilfertiger Stimme: „Verzeihen Sie, mein Fräulein!— ich wollte Sie gewiß nicht beleidigen, ſeien Sie davon überzeugt— und obgleich es ſich mit dem Muſtkunterrichte vielleicht nicht paſſen möchte, ſo erlauben Sie mir, daß ich Sie nicht umſonſt herbemüht habe! Wenn man in einer großen Stadt fremd iſt, und vielleicht(entſchuldigen Sie meine Offenherzigkeit!) in Verlegenheit ſein möchte, 0 44 Sie wollte eine Banknote in Blenda's Hand drücken; dieſe aber ſchob ſie zurück und entgegnete tief beleidigt: „Gewiß arbeite ich für Geld, doch nehme ich es nicht als ein Almoſen!“ Sie ſtieß die Thür auf und eilte, ſo ſchnell ſie vermochte, die Treppe hinunter......... „Jeſus! wie roth und betrübt ſehen Sie nun wie⸗ der aus, liebes Fräulein!“ ſagte die gute Aufwärterin, welche die arme Blenda auf ihrer peinigenden Wande⸗ rung begleitet hatte. „O, es iſt Nichts, liebe Madame!“ „Nichts?— ja, das ſieht man wohl!“ „Gleich viel... es wird bald gut— und, liebe Madame, halte Sie ſich nun nicht länger auf... jetzt 170 weiß ich den Weg und komme bald nach; zuvor aber will ich noch in einige Läden gehen.“ Die Madame ließ ſich das nicht zweimal ſagen— ſie hatte immer Eile. Als ſte verſchwunden war, eilte Blendg in den erſten dunkeln Hausflur, den ſie erblickte, JWum auszu⸗ weinen, denn die Thränen erſtickten ſie bei dem Ge⸗ danken an dasjenige, was ſie ausgeſtanden hatte, und an dasjenige, was ihrer zu Hauſe wartete, wenn ſie genöthigt ſein würde, ihrer Mutter alle Hoffnungen zu rauben. 2. A 6ν.““ ℳ 4 9 427 4 0 7 er Kabe. Es war ein unausſprechlich troſtloſes Gefühl, das die Seele des jungen Mädchens erſchütterte. Allein, verlaſſen, ohne Freunde, ohne Rath, ohne Mittel, zurückgeſtoßen, gedemüthigt, beleidigt, der Müdigkeit vurch den langen Weg und der ſtarken Spannung faſt unterliegend, war ſie nahe daran, in dem kalten, ſchwarzen Hausflur umzufallen— und um das nicht zu thun, mußte ſie den Pfeiler der Treppe umfaſſen. Der Geſang von dem Ritter Egbert Montabor, dieſes ihrem Herzen ſo theure Kleinod, war höhniſch ausgelacht und ſie ſelbſt wie eine Närrin behandelt worden!— War es denn ſchon narrenhaft, wenn man Gefühle beſaß, weil dieſe Gefühle nicht mit den Ge⸗ fühlen anderer Leute übereinſtimmten? Hätte Blenda in dieſem Augenblicke harter Prü⸗ fung etwas erwägen können, ſo iſt es faſt glaublich, daß ſie eingeſtanden hätte, nicht das doppelte Unglück, keinen Arbeitsverdienſt zu erhalten, ſchmerzte ſie ſo, als daß man ſchonungslos den Geſang der hochherzigen — A 824' SSeees —— 171 Bertha von dem tapfern Ritter Montabor gekränkt hatte. Indeſſen war es ihr, als ob die hervorſtürzenden Thränen ihre Qual etwas erleichterten. Es begannen auch andere Gefühle Eingang bei ihr zu finden, denn ſie empfand den peinigenden Schmerz der Kälte, der ihre Glieder durchrieſelte; daher ath⸗ mete ſie ſchnell auf das Schnupftuch— um, ehe ſie auf die Straße hinausginge, ihre Augen von den Spuren der Thränen zu befreien— und war nun fer⸗ tig, den Ort zu verlaſſen, welcher ihr vor der Neu⸗ gierde Schutz gewährt hatte, als ſie zwei Perſonen die Treppe herabkommen hörte. Inſtinktmäßig zog ſie ſich jetzt noch tiefer zurück in die Schatten der Hausflur. Plötzlich aber— als eine nie vergeſſene Stimme ihr Ohr erreichte, und das Profil einer Perſon, der ſie tauſendmal den Vorwurf gemacht hatte, daß ſie nur in ihren Träumen zurückkäme, in der Dunkelheit ſicht⸗ bar wurde— ſtürzte ſie hervor mit dem einzigen Ausrufe: „Endlich!“ Die beiden Gehenden, welche jetzt die Schwelle der Hausthür erreicht hatten, blieben plötzlich ſtehen. Der Eine, welcher ohne Kopfbedeckung war, weil er hier wohnte und nur im Geſpräch ſeinen Gaſt die Treppe hinunter begleitet hatte, warf einen Blick voller Beſtürzung auf die unvermuthete Erſcheinung. Der Gaſt dagegen, Blenda's Ritter, rief augenblicklich aus: „O, mein Comſnchen!“ und ergriff dabei ſo freund⸗ ſchaftlich und einfäch ihre Hand, daß der Herr von Oben nur ſagte:„Nun, Glück zu der frohen Begeg⸗ nung!“ und dann, au ſeinen bloßen Kopf denkend, zu⸗ rückeilte. Blenda war ganz erſchrocken ſowohl über ihr eige⸗ nes unvorſichtiges und unpaſſendes Betragen, als auch über die Faſſung des Grafen, ihrer ſonderbaren Ver⸗ 172 traulichkeit dieſe Farbe zu geben. Ach, dieß arme Mädchen wollte vergehen vor Freude, Beſtürzung und Scham: ſie wußte nicht, wohin ſie ſehen ſollte— we⸗ nigſtens hatte ſie nicht den Muth, ihre Augen auf den Grafen zu heften. Nach einem ſehr beredten Stillſchweigen, das wohl einige Minuten währte, vernahm man von Neuem die Stimme des Fremdlings— dießmal jedoch in einem weit weniger vertraulichen Tone: „Verzeihen Sie, mein Fräulein, wenn ich Ihnen eine Verwandtſchaft aufbürdete, die Sie vielleicht nicht anerkennen wollen; aber ich wußte wirklich keine beſſere Partie zu ergreifen, um uns beide von aller Neugierde zu befreien!“ „Im Gegentheil ſollte ich.. ich um Verzeihung bitten, weil meine Zudringlichkeit Sie zu einer Un⸗ wahrheit zwang!“ entgegnete Blenda zitternd.„Aber ich war in dieſem Augenblicke ſo ungluͤcklich, ſo auf⸗ geregt, daß ich Alles vergaß, außer daß Sie ſich ein⸗ mal als ein wirklicher Freund gezeigt haben.“ „Und hege ich auch jetzt wohl einen beſſern Wunſch, als daß Sie mich ſo anſehen?“ Der Blick bekräf⸗ tigte deutlich die Worte...„Doch erlauben Sie mir, unſer Geſpräch unterwegs fortzuſetzen! Wohin, mein Fräulein, darf ich Sie begleiten?“ „Wir wohnen auf der Ritterſtraße. 4 „Um ſo beſſer: da haben wir einen weiten Weg!.. Doch, Sie werden ſo blaß!— Mein Gott, ſind Sie krank?“ Und Blenda, erſchüttert von ſo vielen verſchiedenen Gemüthsbewegungen, fühlte ſich wirklich von einem Schwindel ergriffen. Es war ihr, als müßte ſie ſter⸗ ben bei dem angſtvollen, peinigenden Gedanken, der Graf könnte vielleicht ſchlechte Gedanken von ihr hegen — die Art, wie er ſie gefunden hatte, war ja ſo ſon⸗ derbar, zeugte ja gegen fie! „Beſtes Fräulein, nehmen Sie meinen Arm.. rme und we⸗ den vohl die nem dnen icht ſſere erde ung Un⸗ lber auf⸗ ein⸗ iſch, räf⸗ nir, nein 173 und ſehen Sie mich um Gotteswillen als einen wirk⸗ lichen Verwandten an.— Seien Sie überzeugt, kein ſolcher kann es beſſer mit Ihnen meinen!“ „Doch,“ wendete ſie ſtotternd und mit einer unbe⸗ ſchreiblichen Traurigkeit ein,„dieſe Ueberzeugung, welche ich hege, hindert mich nicht, verzweifelt darüber zu ſein, daß ich nicht immer richtig zu unterſcheiden weiß, was paſſend und was unpaſſend iſt. Ich möchte das Anerbieten gerne annehmen— ich vermag mich kaum aufrecht zu erhalten. So ſagen Sie denn ſelbſt, Sie, der mich gewiß nicht mißleiten will, ob das paſſend iſt!“*) Die Antwort, welche Blenda auf ihre offene Frage erhielt, war, ſo zu ſagen, ganz ausweichend. Sie beſtand darin, daß ihr Ritter, nachdem er ſie mit einem zärtlichen und aufmunternden Blick betrach⸗ tet hatte, ſchnell einen Wagen, der ihnen geſchickt ent⸗ gegenkam, anrief; und ehe noch das junge Mädchen daran gedacht, geſchweige denn gefragt hatte, ob dieſes beffer paßte, ſaß ſie in der Kutſche, und an ihrer Seite er, den ſie bei ſich ſelbſt immer noch„den Grafen“ nannte. Ehe er jedoch eingeſtiegen war, hatte er dem Kutſcher einige Worte geſagt. Blenda hörte ſie nicht; doch nach der Zeit zu urtheilen, welche während der Fahrt verfloß, glaubte ſte zu verſtehen, daß der Befehl nicht den kürzeſten Weg enthalten hatte. *) Der deutſche Leſer wolle ſich erinnern, daß dieſe Erzählung eine ſchwediſche iſt; in Schweden er⸗ laubt nämlich die Convenienz einer Dame nur, ihren Gatten, Bräutigam oder ganz nahen Ver⸗ wandten auf der Straße unter dem Arme zu halten. Anm. d. Ueberſ. 2 8 174 Mit der dienſtwilligſten und eifrigſten Sorgfalt erkundigte ſich nun der Begleiter unſeres Fräuleins nach ihrem Befinden, und da ſie verſicherte, daß ſie jetzt anfinge, ſich„viel beſſer“ zu befinden, fuhr er in einem Tone ſo freundlicher Güte fort, daß ein mehr geſtähl⸗ tes Herz, als unſere junge Blenda hatte, dazu gehört haben würde, ihm zu widerſtehen: „So erzählen Sie mir denn Ihte Schickſale ſeit unſerer Trennung! Ich habe mich in Gedanken ſo oft damit beſchäftigt, daß ich vor Sehnſucht brenne, zu hören, wie es Ihnen in Stockholm gegangen iſt!“ „Das will ich!“ verſicherte Blenda, und ihre Augen begannen vor kindlicher Freude zu ſtrahlen. Ach, wie glücklich war ſie jetzt! „Und wollen Sie auch aufrichtig ſein, mein Fräulein?“ „ Verſteht ſich: ich will Alles erzählen! Sie kön⸗ nen glauben, es hat nicht an Ereigniſſen gefehlt, und jetzt heute... wenn Sie nur wüßten, was ich heute gelitten habe! Es verdrießt mich am meiſten, daß der garſtige Kammerjunker es war, er, den mein Onkel, der Secretär, einmal ſo prächtig abführte... Doch das Alles verſtehen Sie ja nicht!... Sagen Sie aber doch erſt, ob es wirklich gewiß iſt, daß Sie ſich bisweilen des armen Landfräuleins erinnert haben, das Ihrer Empfehlung bei dem Capitän ſo... ſo vieles Gute zu danken hatte?“ „Das iſt ſo gewiß, daß, wenn uns nicht der Zu⸗ fall zu einander geführt hätte, ich ganz Stockholm durchſucht haben würde, um Sie zu finden... Doch, um Alles in der Welt, ſagen Sie mir, wen Sie mit dem garſtigen Kammerjunker und Ihrem Onkel, dem Seere⸗ tär, meinen?“. Der Ernſt in dem erſten Theile der Antwort und die Ungeduld in dem zweiten befriedigte Blenda in gleichem Grade. Sie nickte ſich ſelbſtgefällig zu, betrachtete mit gfalt leins jetzt inem tähl⸗ ehört ſeit 0 oft 3 ugen mein kön⸗ und jeute der nkel, das doch eilen hrer e zu Zu⸗ holm „um dem Lere⸗ und 1 in mit 175 einem ſchelmiſchen Lächeln den neben ihr ſitzenden jun⸗ gen Mann, der in ſeinem eleganten Pelzrock und mit ſeinem feinen, dunkeln Geſichte ſehr gut ausſah, und ſagte heiter— denn jetzt fühlte ſie ſich munter wie die Lerche: „Das iſt ganz einfach: der Kammerjunker hat eben ſo wie der Secretär und alle Andern, außer Ihnen, der kleinen Einfäalt vom Lande die Kur machen wollen. Aber meine vortreffliche Tante— ach, wenn Sie wüß⸗ ten, wie ich ſie betrauere!.. ſie iſt jetzt todt; aber ich verſpreche Ihnen, Sie ſollen in meinen Schickſalen Bekanntſchaft mit ihr machen— ſie lehrte mich den Werth ihrer inhaltloſen Schmeicheleien ſo gut kennen, daß ich mich zu hüten gewußt habe, mich davon fangen zu laſſen.“ Blenda hielt hier inne. Die Erinnerung an die Baut⸗ Regine Sophie erwachte von Neuem in ihrer eele. Auch der Fremdling verſank auf einige Augenblicke in Schweigen. Darauf ſagte er:„Verzeihen Sie, daß ich Sie auf ein Wort zurückführe, über welches ich Ihr Verſprechen einer Erklärung erhielt, auf das Wort: prächtig abführte!“ „Ja, damit ging es ſo zu... Doch, um das zu verſtehen, müſſen Sie zuvor wiſſen, daß der Secretär nach dem Tode der Tante aus einem Kurmacher und Tändler ſich in einen ehrlichen, dienſtfertigen und vor⸗ trefflichen Freund verwandelte, der mir und meiner Mutter hinreichende Arbeit verſchaffte. Er betheuerte, daß er es nunmehr ſo ernſthaft und ehrlich meinte, daß er ganz gut als mein Onkel pafſiren könnte, ein Titel, den ich ihm auch fortwährend bis zu ſeiner Ab⸗ reiſe gegeben habe...“ „Alſo iſt er abgereist?“ „Vor einem ganzen Monate ſchon, und es iſt un⸗ ſicher, wann oder ob er wiederkommt.“ „Und der Kammerjunker?“ 176 „Wenn Sie mich nicht ſo oft unterbrächen, ſo wäre ich ſchon zu ihm gekommen.“ „Verzeihung, Verzeihung— jetzt ſchweige ich!“ „Es war an einem Sonntage, und ich war, wie ich bisweilen pflege, allein in den Nachmittagsgottes⸗ dienſt gegangen.. Nun, als ich hinauskam, ſo hatte der unverſchämte Kammerjunker, der mich wohl einige Monate mit ſeiner langweiligen Aufmerkſamkeit ver⸗ folgt hatte, ſich an die Kirchthür geſtellt, und wollte mich mit aller Gewalt— er iſt ein ſehr naſeweiſer Menſch— nach Hauſe begleiten. Nein, ich danke, mein Herr, ſagte ich, ich finde den Weg wohl ſelbſt!... O, erlauben Sie, liebes gnädiges Fräulein, antwortete er, daß ich eigenſinnig bin!. Keineswegs: weder eigenſinnig, noch auch naſeweis, denn wenn ich nicht irre, ſo iſt es wirklich recht naſeweis, einem armen Mädchen ſo ſeine Geſellſchaft aufzuzwingen... Ja, Sie können glauben, daß ich mich zu vertheidigen weiß!“ Und mit entzückender Lebhaftigkeit wiegte Blenda ihr Köpfchen hin und her. Dieſe Bewegung ging keineswegs bei ihrem Zu⸗ hörer verloren.„Man merkt ſehr wohl,“ ſagte er lächelnd,„wie heldenmüthig Sie find, beſtes Fräulein! Doch fahren Sie fort, fahren Sie fort!“ „Ich muß mit Ihnen reden, Fräulein!“ betheuerte er jetzt ſchnell und heftig.„Wenn Sie wüßten, wie dieſe ſchreckliche Kälte mich plagt und ſchmerzt, ſo würden Sie weniger hart ſein! Jetzt wurde ich ängſt⸗ lich und ungeduldig, mir kamen die Thränen in die Augen, und ich war gewiß keine muthige Heldin, als ich ſagte: Haben Sie die Güte, Ihres Weges zu gehen, mein Herr, denn Sie erſchrecken mich, wenn Sie mich vauf dieſe Weiſe anſehen! Doch, denken Sie, er war ſo unverſchämt, daß er mir dennoch ſeinen Arm bieten wollte!“ „Der Elende!“ murmelte der Fremdling, und eine hohe Röthe flammte auf ſeiner Wange. Ihn hat welch wirk Dam als mein wert! denen beſti! Sie komn einen Die 1, ſo h!“ , wie ottes⸗ hatte einige ver⸗ vwollte veiſer danke, ortete weder nicht armen „Sie deiß!“ a ihr n Zu⸗ te er tlein! euerte ,wie t, ſo ängſt⸗ n die , als gehen, mich war bieten beine 177 „Glücklicher Weiſe kam in dieſem Augenblicke mein Onkel, der Secretär, welcher mich ebenfalls abholen wollte; und da ich ihn erblickte, ſchrie ich vor Freude laut auf und ſagte ihm, daß es mir ſehr ſchlimm er⸗ gangen wäre.. Sie verſtehen wohl, daß ich dabei einen düſtern Blick auf den Kammerjunker warf— da Sie es aber nicht geſehen haben, ſo können Sie ſich auch nimmermehr eine Vorſtellung davon machen, welche hohe und patriarchaliſche Miene der Secretär annahm, da er, nachdem er einige ſcharfe Worte geäußert hatte über die Unverſchämtheit, einem Frauenzimmer ſeine Geſellſchaft aufzuzwingen, mir den Arm bot und mich hinwegführte. Der Kammerjunker ſtand ganz verdutzt da, und ſeitdem habe ich ihn erſt heute wieder geſehen.“ „Heute?— o, waren Sie vielleicht, um ſeiner Verfolgung zu entgehen, in den dunkeln Gang geflohen? Armes junges Mädchen, Sie hatten geweint!— Ich will mit dem Kerl ſprechen, wenn er derjenige iſt, der Ihnen dieſe Thränen ausgepreßt hat!“ „O nein, nein, verfolgt hat er mich nicht, aber er hat mich ausgelacht in der Geſellſchaft einer Dame, zu welcher ich gerufen war, weil... weil... ach, das war wirklich ſehr unrecht von ihnen!“ „Ich bitte Sie, ſprechen Sie deutlicher! Welche Dame?“ „Ich weiß nicht, wie ſie heißt. Aber ſehen Sie, als wir nach einem langwierigen kalten Fieber, das meine Mutter hatte, ſehr übel daran waren— die ehren⸗ werthen alten Frauen des Secretärs hatten ſo Viele, denen ſie Arbeit geben mußten— ſo wollte die Mutter beſtimmt...“ „Was?“ „„ Wir ſollten annonciren über... Doch können Sie mir ſagen,“ unterbrach ſie ſich plötzlich,„wie es kommt, daß ich Ihnen das Alles erzähle, als hätte ich einen alten Bekannten getroffen?— und dennoch haben Die Romanheldin. 12 178 wir einander ja nur ein einziges Mal geſehen, und vielleicht handle ich unrecht, daß ich ſo offenherzig bin; Sie haben mir ja nicht einmal geſagt, wer Sie ſind!“ „Ich will den Anfang damit machen, die Frage zu beantworten, ehe ich auf den Einwand übergehe.“ „Das iſt gut— laſſen Sie hören!“ „Die Urſache, mein Fräulein, daß Sie bei unſe⸗ rem Zuſammentreffen in Wenersborg Vertrauen zu mir faßten, war, wie ich zu hoffen wage, diejenige, daß Sie ſahen und begriffen, daß, wenn ich auch, hingeriſſen von der Macht des Augenblickes, mir eine augenblickliche Ga⸗ lanterie erlaubte, dennoch in meinen Worten der auf⸗ richtige und tiefe Sinn eines ernſten Freundes lag— Sie ſahen mit einem Worte, daß ich es ehrlich meinte.“ „Ol faßt man zu Leuten bloß darum Vertrauen, weil ſie es ehrlich meinen, ſo begreife ich nicht, warum ich kein ſolches gegen den artigen Handelsexpedienten empfand, der mich heirathen wollte!“ „Er hielt alſo um Ihre Hand an?“ „Bei meiner Tante! Doch, ſehen Sie, ich hatte kein Vertrauen zu ihm. Späterhin, da es uns ſo un⸗ glücklich ging, habe ich gedacht, ich hätte vielleicht hierin, wie noch in einer andern Sache, unrecht ge⸗ handelt.“ „Bereuen Sie denn Ihre Weigerung?“ „O nein, weder dieſe, noch die andere, denn ich handelte gewiß wieder ſo, wenn es noch einmal ſo käme.“ „Aha, Sie ſtind alſo mehr als einmal in der Wahl und in der Qual geweſen?“ „Warum nicht? Stellen Sie ſich vor, meine Tante — ich will mich hier eines wirklich tantlichen Aus⸗ druckes bedienen— wollte mich mit ihrem Sohne, dem Hutſtafſtrer, verſorgen!... Hutſtafftrer— ſi, welch ein abſcheulicher Titel!— nein, ehe ich einen Menſchen lieben könnte, der ſo genannt würde, wollte ich...“ 179 — wi„Unmöglich,“ bemerkte ihr Nachbar,„kann dieſer Lbin; kindiſche Einfall Ihr Ernſt ſein, daß das Gewerbe des ſind!“ Mannes Ihren Gefuhlen entgegenarbeiten würde, wenn Frage nämlich der Mann ſelbſt dieſelben gewonnen hätte?“ gehe.„Ich habe ihn gar nicht geſehen!“ rief ſte lachend — aus.„Hätte ich ihn aber auch tauſendmal, ja millionen⸗ nnſt⸗ mal geſehen... ſi, das klingt ſo ſimpel!“ 1„Ich fürchte,“ entgegnete der Fremdling, und es Sie lag in der Fröhlichkeit, die er ſeinem Tone geben wollte, M der ein gewiſſer Zwang,„ich fürchte, mein Fräulein, Sie c ſind mit einigen kleinen Sünden behaftet!“ auf⸗„Mit Sünden— wie ſo?“ g—„Ja, entweder ſind Sie hochmüthig oder auch ro⸗ lich mantiſch, und Beides arbeitet der einfachſten Art, glück⸗ lich zu werden, entgegen.“ auen,„„Es iſt vielleicht am beſten, daß ich mich der letzt⸗ gruma genannten Anklage für ſchuldig erkläre... Aber ſagen enten Sie mir doch, welches iſt denn die einfachſte Art, gluͤck⸗ lich zu werden?“ „Wenn wir uns keine höheren Bedürfniſſe ſchaffen, hatte als wir erfüllt zu ſehen erwarten können.“ un⸗„Sie ſcheinen mir ein Philoſoph zu ſein!.... leicht Doch mit dem allem haben Sie jetzt ihren Namen ge⸗ weggeplaudert. Ich muß ja, um nicht die Anzahl meiner romantiſchen Sünden zu mehren, nothwendig wiſſen, . mit wem ich gefahren bin und wem ich gebeichtet n ich habe!“ l ſo„Nichts in der Welt kann gerechter und dabei billi⸗ ger ſein, als dieſe Forderung...“ Lahl„Ach ſo— Sie geſtehen das ſelbſt ein!“ 8 Blenda ſpitzte ihr Ohr— in ihren Augen ſtrahlten funte Neugierde, Triumph und Glückſeligkeit Aus⸗„Aber beſtes Fräulein, ſo billig auch Ihre Forde⸗ dem rung iſt, ſo kann ich dieſelbe dennoch nicht befriedigen. ein Denn obgleich ich meine, daß ich gewiß der Letzte bin, chen an den bei der Rolle eines Romanhelden gedacht wer⸗ den kann, ſo ſehe ich mich dennoch genöthigt, Sie zu 180 erſuchen, daß Sie mir erlauben, mein Incognito bei⸗ denke zubehalten.“ in m „O, wirklich?... das erwartete ich nicht! Alſo heiße darf ich Sie nicht wiederſehen?“ einen „Meine Hoffnung iſt im Gegentheil, daß ich bis⸗ weilen das Vergnügen haben werde, Sie zu ſehen... 8 und da der königliche Secretär die Gunſt genoſſen hat, den 9 ſich Onkel nennen zu hören, ſo dürfte es mir vielleicht aus, geſtattet ſein, den ſchon angenommenen Coufintitel bei⸗ demje behalten zu dürfen? Gewiß haben Sir irgend einen geſpre Verwandten, deſſen Namen und Rolle ich ſo gelegent⸗ 7 lich übernehmen könnte?“ Zartg Niemand wird wohl glauben, daß Blenda in einem erzäh ſolchen Vorſchlage etwas Sonderbares fand. eher! „Meiner Treu,“ rief ſie aus,„das war vortreff⸗ berüh lich!— Mein Couſin Patrik, der Leinenkramhändler,„ iſt ein ſo ſeelenguter Menſch, daß er uns gewiß dieſe„ kleine Myſtification verziehe: aber ich fürchte, Henriette, einige ſeine Frau, kratzte mir die Augen aus, wenn ich etwas fuhr nähme, das ihr gehörte!“ ſo vie „Aber der zweite?“ keit, d „Immer beſſer und beſſer! Sie ſollen als mein widm Couſin Johann, der Hutſtafftrer, paſſiren.... gött⸗ ruhig lich!“... Sie lachte wie eine kleine Närrin.... wwir u „Wohl, mein Couſtin, dieſer Vorſchlag iſt nicht ſo übel, unterl beſonders da der wirkliche Couſin Johann keinen von was S uns kennt, und Stockholm ſo groß iſt, daß nicht die denn Hälfte ihn kennen kann.“ ſehen „Das iſt alſo abgemacht?“„ „Warten Sie noch einen Augenblick und laſſen Sie aus mich denken. Ich muß noch eine Bedingung dabei machen.“ muß „O!l welche denn?“„ „Der Name Johann iſt ſo trivial und unpoetiſch, daß aus? ich mich nicht daran gewöhnen kann... alſo müſſen 5 Sie ihn auf irgend eine Weiſe verbeſſern!“ meine „Gefällt Ihnen denn Jean beſſer?“ 5 „Ja, das iſt vortrefflich. Jean Blücher— lief il tto bei⸗ : Alſo ch bis⸗ .. en hat, elleicht el bei⸗ einen legent⸗ einem rtreff⸗ undler, dieſe riette, etwas mein gött⸗ „daß üſſen 181 denken Sie nur!.... Mein Gott, ich hätte mich ja in meinen Couſin verlieben können, wenn er ſo ge⸗ heißen hätte.... Doch, ernſthaft geredet, ich habe einen andern Grund, Sie nicht Johann zu nennen.“ „Darf ich es wagen, darnach zu fragen?“ Recht gerne— meine vortreffliche Tante ſprach den Namen ihres Lieblings ſtets mit ſo vieler Liebe aus, daß ich es mir nimmermehr erlauben könnte, mit demjenigen Scherz zu treiben, das ihre Lippen ſo aus⸗ geſprochen haben.“ „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für dieſes Zartgefühl, welches das beſte Herz beurkundet... doch erzählen Sie mir mehr von Ihren Ereigniſſen; ich bin eher verwirrt als aufgeklärt durch dasjenige, was Sie berührt haben.“ „Ach, wir werden nicht mit der Hälfte fertig!“ „Sagen Sie das nicht! Ich kann Sie erſt in einigen Wochen wiederſehen... Auch ich habe gelitten!“ fuhr er gleich darauf mit tiefer Betrübniß fort.„Und ſo viele Geſchäfte fordern gegenwärtig meine Aufmerkſam⸗ keit, daß ich mir ſelbſt nicht mehr als dieſen Augenblick widmen kann. Urtheilen Sie alſo, wie es mich beun⸗ ruhigen würde, wenn dieſer einzige Augenblick— da wir ungeſtört von aller Neugierde plaudern können— unterbrochen werden ſollte, ohne daß ich Alles erfahre, was Sie betrifft und wie ich Ihnen nützlich ſein kann... denn das kann ich, wenn wir uns auch nicht ſo bald ſehen ſollten.“ „Doch... doch...“ ſtotterte Blenda, gleichſam aus einem lieblichen Taumel erwachend:„der Weg muß wohl ein Ende nehmen?“ „Sie ſehen meine Unruhe und weichen dennoch aus? Haben Sie denn nicht mehr Vertrauen zu mir?“ „Ach ja! ich will auch verſuchen, in aller Kürze meine kleine Geſchichte zu erzählen!“ Jetzt begann ſie mit dem Dampfboote und durch⸗ lief ihr ganzes Leben— denn wunderbar genug nahm 182 der Weg immer noch kein Ende— und in dieſem Ge⸗ ſtändniſſe kam ihr ſelbſt unbewußt ſo oft der Eindruck ihrer erſten Bekanntſchaft vor, daß dieſe„erſte Befannt⸗ ſchaft“ ihrer ganzen Selbſtbeherrſchung bedurfte, um nicht die kleine Hand zu ergreifen, mit welcher ſie während ihrer Rede ſo fleißig geſticulirte. un war aber ihre Betrübniß an dem heutigen Morgen auch ihrem Zuhörer bekannt, und ſein erſtes Wort, nachdem ſie geendigt, war nicht ein Dank, ſon⸗ dern eine eifrige Bitte, ſte möchte ſich nicht eher zu etwas entſchließen, als wenn ſie von ihm Nachricht er⸗ halten hätte.„Dieſe ſoll morgen Abend bei Ihnen ſein!“ fügte er hinzu. „Das verſpreche ich beſtimmt!“ verſicherte Blenda... Wäre aber der Kammerjunker nicht geweſen, ſo hätte ich heute nicht nöthig gehabt, zu weinen. Den alten wohlthuenden Mamſellen konnte ich verzeihen; doch die ſchöne junge Frau war ſo zufrieden mit mir, daß ſie mich gewiß angenommen hätte, wenn nicht der ſchlechte Menſch— das verzeihe ich niemals— ſte zum Lachen verführt hätte!“ „Glauben Sie das nicht! da der Kammerjunker Sie erkannte, ſo ließ die kleine Intrigue, welche berechnet war, unter dem Schleier der Gegenwart einer unbe⸗ deutenden Muſiklehrerin geſpielt zu werden, ſich nicht ausführen.“ „Mein Gott! Sie glauben alſo, es wäre mög⸗ „Nicht nur möglich, ſondern ſogar ganz gewiß... Jetzt aber ſetzen Sie ſich dergleichen nicht mehr aus?“ „O, daß ich es nicht nöthig hätte! Ach.... wenn ich nach Hauſe komme— meine arme Mutter!“ „Wenn Sie nach Hauſe kommen, ſo ſollen Sie Ihrer Mutter ſagen, daß ſie morgen einen Brief erhält, und dieſer Brief wird Ihnen Beiden eine Arbeit zu⸗ ſichern, die Ihnen in gar nichts ſchaden kann.“ von ſche hab die letz Rit eilt Ku den die e:m Ge⸗ indruck ekannt⸗ te, um her ſie eutigen erſtes E, ſon⸗ her zu cht er⸗ Ihnen nda.. hätte alten ich die aß ſie hlechte Lachen junker echnet unbe⸗ nicht mög⸗ ius?“ ter!“ Sie hält, tzu⸗ 183 Gleich darauf hielt der Wagen ein wenig entfernt von Blenda's Wohnung ſtille, und ſie ſtieg aus. „Hören Sie,“ ſagte ſie umkehrend, nachdem ſie ſchon einige Schritte gegangen war,„Couſin Jean, ich habe nicht vergeſſen, Ihnen für die Buͤcher und für die Blumen zu danken, aber ich wollte das zu aller⸗ letzt thun!“ Und indem ſie ihrem im Wagen ſich tief bückenden Ritter ein unbeſchreiblich einnehmendes Lächeln ſchenkte, eilte ſie dahin wie der Hauch eines Windes. „Nach der Königinſtraße!“ ſagte der Herr zu dem Kutſcher, der die Wagenthür zumachte. Und ſich in dem Wagen bequem zurechtſetzend, murmelte er nur dieſe zwei Worte vor ſich hin: „Armer Engel!“ 21. Es iſt ganz unmöglich, von Blenda's Auftreten in dem Zimmer der Mutter eine Beſchreibung zu liefern. Sie ging nicht, ſie tanzte, ſie flog herein— ſie wollte das große Ereigniß erzählen; aber ſie brach in Thränen aus und zeigte ſich in einem ſo überſpannten Zuſtande, daß Frau Emerentia ganz ängſtlich wurde. „Du biſt allzu heftig gegangen, mein armes Kind! das Blut iſt Dir zu Kopf oder vielleicht zu Herzen geſtiegen... trinke Waſſer, Mädchen, in des Himmels Namen, trinke Waſſer!“ Doch Blenda hätte ſo viel Waſſer trinken können, als ſie nur immer wollte, und dennoch würde ihr Blut nicht abgekühlt worden ſein, denn es war nicht allein ihre Phantaſie, welche in dieſe gefährliche Bewegung gerathen war und nicht zufrieden mit der Gegenwart 184 die Zukunft durchbrach: auch ihr Herz durchbrach plötzlich die Verdämmungen, welche die Verſchämtheit und das Vermögen, ſich ſelbſt zu begreifen, bisher ſeinen Bewegungen entgegengeſetzt hatten. „Willſt Du denn g Kind?... So lege doch ar kein vernünftiges Wort ſagen, wenigſtens ab!... Raſe doch nicht und ſchone Deinen einzigen Hut!... Erhältſt Du den Unterricht?“ „Der Graf!“ rief Blenda aus. Und durch dieſes einzige magiſche Wort war es, als hätte ſie die Gabe der Rede wieder erhalten. Mit einer ausdrucksvollen Pantomime ſchlug Frau Emerentia die Hände zuſammen. Jetzt erfolgte eine ganzen Vormittages bis von ihrem Helden ſchied. Und dieß Alles verſetzte die Mutter in n weniger roſenfarbene Träume, als die Tochter. Die erſten Ereigniſſe des vollſtändige Beſchreibung des zu dem Augenblicke, da Blenda trachtet, die unentbehrlich waren, um den Effect des großen und glänzenden Augenblickes zu erheben, an welchem der Graf die Bühne wieder betrat. „Nun wohl, mein Kind, meine kleine Gräſin!“ ſagte ſie feierlich.„Hatte ich Recht in meiner Be⸗ hauptung, daß der Nam e der ſeligen Großmutter Glück brächte? An dem Concordientage kam ja der Brief Deiner Tante, und darauf hatten wir noch gerade Zeit, um nach dem unerforſchlichen Beſchluſſe des Schickſals in Wenersborg zugleich mit dem glänzenden Abkömm⸗ ling einer Schonen'ſchen ahnenreichen Familie einzu⸗ treffen... Und dieſer Sohn von Heldenvätern, dieſe vorzüglichſte Blume der Ariſtokratie und des Reich⸗ thums, war— o Göttermächte!— der Erſte, der Dich ſah und den Du ſahſt, ſtegelung Eurer lieblichen Alles zu der himmliſchen Be⸗ n Zukunft.“ icht viel Morgens, welche ſo de⸗ müthigend für ihre Blenda geweſen waren, wurden von der guten Frau nur als poetiſche Schatten be⸗ hbrach mtheit bisher ſagen, e doch chältſt dieſes Gabe Frau des lenda t viel 0 de⸗ urden 1 be⸗ t des „ an fin!“ Be⸗ Glück Brief Zeit, kſals mm⸗ nzu⸗ dieſe eich⸗ Dich Be⸗ 5 1 „Ja, das war wunderbar!“ ſeufzte Blenda. „Nichts kann aber dennoch weniger wunderbar ſein, Du Kleine— das ſind eben die verſchleierten Geheimniſſe der Natur! Und obgleich ich mir auf einen ruſſiſchen oder deutſchen Fürſten, engliſchen Lord oder ſpaniſchen Grand Rechnung gemacht habe, ſo will ich gewiß nicht— denn das könnte ſündhaft ſein— gegen die Naturkräfte, die von Gott ſelbſt ausgehen, an⸗ kämpfen, ſondern gebe zu Deiner Vereinigung mit dem edlen Grafen meinen vollen mütterlichen Segen!“ „O, ſo weit ſind wir bei Weitem noch nicht ge⸗ kommen, liebe Mutter!“ „Noch nicht ſo weit gekommen?— Nun das wird wohl nicht lange dauern, meine ich!“ „Wer weiß?“ „Ich habe viel von dem Luxus und dem Reichthum der Schonen'ſchen Magnaten gehört,“ fuhr Frau Eme⸗ rentia fort, ohne auf die verſchämte Einwendung ihrer Tochter zu achten,„und ich denke, er wird an dem Tage, da er Dich am Hofe präſentirt, weder Koſten noch Ge⸗ ſchmack ſparen, um Dein Auftreten ſo glänzend als möglich zu machen— man kann auch einen verliebten Mann nicht tadeln, Du Kleine, wenn er mit dem Schönſten, das er beſitzt, prahlen will!“ „O, möchte er Ehre von mir haben 45 „Nun, was das betrifft, ſo brauchen wir daran nicht zu zweifeln, und ich bin überzeugt, daß Ihre Majeſtäten Dich ſehr gnädig empfangen werden; viel⸗ leicht küßt der König Dich ſogar auf die Stirne— von dergleichen hat man wohl ſchon gehört— oder verehrt Dir auch einen Juwelenſchmuck... doch ich ſetze den Kuß über Alles, dieſer gibt Deiner Schön⸗ heit mehr Huldigung... Und die Henriette, Du, die hochmüthige, herrſchſüchtige Henriette, die uns in die Dunkelheit der Provinz zurückjagen wollte, ſie wird ein wenig verwundert und neidiſch ſein, wenn ſie die Nachricht von Deiner Vermählung mit dem Abfömm⸗ ——— 5 d 5 ————. — 8—— — — 186 ling einer der älteſten und angeſehenſten Familien des Reiches erhält! „Aber da will ich eine Ehre drein ſetzen, ſo ein⸗ fach, ſo freundlich zu ſein, daß ſie ihre ungünſtige Stimmung gegen mich vergißt.“. „Ja, ich weiß wohl, daß Du ein zu gutes Herz haſt, um durch Dein Glück hochmüthig zu werden; hier aber fragt es ſich ſehr, ob Deine neue Familie einem ſolchen Umgange ihre Zuſtimmung geben wird!“ „Ich hoffe es— das Gegentheil würde mir ſehr leid thun.“ „Laß uns inzwiſchen als gute Verwandte auf eine andere Art an ſie denken!“ „Auf welche Art denn?“ „Du ſollſt es Dir von Deinem Geliebten als eine Gunſt ausbitten, daß er alle ſeine feine Leinwand, die zu Eunrer Einrichtung nöthig iſt, bei Patrik kauft, und ebenſo alle Putzſachen bei Johann. Ich hoffe, das wird eine recht artige Beſtellung werden und den armen 8 Johann mit ſeinem Korbe verſöhnen... Und dann kauft die kleine Gräfin ihre ſämmtlichen Parfümerieen bei Johann und läßt ihren Wagen oft vor ſeinem La⸗ den halten, damiteer zu ſeinen Kunden ſagen kann: O, ſieh, da kommt meine Couſine, die ſchöne Gräfin Blenda C-creutz!... Nun Gott ſei mir gnädig! jetzt kehrt ſie wohl wie gewöhnlich hier Alles um und um— den vornehmen Damen iſt nichts gut genug!“ „ Und wenn er erfährt,“ ſagte Blenda lachend,„daß der Graf ſeinen Namen und Coufintitel geliehen hat, um ſein Incognito beſſer bewahren zu können, ſo wird er das gewiß auch der Mittheilung für würdig erach⸗ ten... Aber was kann den Grafen zu dieſem Incog⸗ nito zwingen und wie lange ſoll es dauern?“ „Meiner Anſicht nach muß das Geheimniß, welches er bewahrt, in einer Familien⸗ oder Hofintrigue ſeinen Grund haben; vielleicht will man ihn verheirathen, vielleicht iſt ſogar ſeine Ehre auf irgend eine Weiſe 187 en des gebunden, oder auch bedarf es der Einwilligung des Königs— das alles müſſen wir die Zeit entwickeln o ein⸗ laſſen. Inzwiſchen zweifle ich nicht im Mindeſten, daß unſtige der Brief, den er mir ſchreiben will, uns alle Auf⸗ klärungen geben wird, deren wir in dieſem Augenblicke Herz bedürfen.“ z hier„Aber er ſprach von Arbeit!“ einem„Verſtehſt Du denn nicht, Du kleine Närrin, daß dieß nur eine delicate Art des Ausdruckes iſt?.... ſehr Arbeit? Ja, ich dachte! Aber ach, daß ich, während . Du weg wareſt, ſo dumm ſein konnte, Weizenmehl und eine friſche Butter zu einem großen Satz Buttergebäckſel eine raſchungen überflüſſig.“ „die„Aber, Gott im Himmel, da haſt Du ja unſer und letztes Geld genommen, liebe Mutter! Nun haben wir das nichts, um Fleiſch zu kaufen, und folglich auch nichts, rmen wovon wir Bouillon kochen können!“ dann„Das bedeutet gar nichts, liebe Blenda; ich kann rieen bis morgen ſchon von Haferſuppe leben, und dann La⸗ wird uns wohl nichts mehr abgehen. Die Neuigkeiten, ann: welche Du nach Hauſe gebracht haſt, ſtärken mehr, als räfin Bouillon.“ ig!„Ja... denn nimmermehr,“ ſagte Blenda zögernd und und erröthend, da ſie einen ſo närriſchen Gedanken aus⸗ ug!“ ſprechen wollte,„können wir uns doch geirrt haben?... „daß Nein, nein, er ging ja in das Zimmer des Grafen. hat, Der Graf war von dunkler Farbe. Und der Bediente wird ſagte, da wir dem Lieutenant auf der Treppe begeg⸗ ach⸗ neten, der Graf wäre zu Hauſe.“ cog⸗„Der Tauſend, Mädchen, biſt Du wahnſinnig?— Zweifelſt Du daran, daß der Graf wirklich der Graf iſt?“ ches„Ich dachte nur an ſeine Verwunderung, als ich inen bei unſerer erſten Unterredung die Vermuthung aus⸗ hen, ſpprrach, daß er nach Schonen reiste. Wenn ich aber eeiſe 188 dann wieder an die Thatſache in Betreff der Hand⸗ ſchrift denke...“ 4„Was war denn das für eine Thatſache?“ „Entſinnſt Du Dich denn nicht, was ich erzählt habe, daß der Lieutenant einmal auf dem Dampfſchiffe Papiere und Briefe hervornahm und neben ſich auf die Bank legte, und daß ich da die Handſchrift einer Adreſſe erkannte, weil dieſe ganz war wie die auf meinem Bücherpakete.“ „Ja, jetzt entſinne ich mich, und auch, daß er auf Deine Frage, wer die ſchöne Adreſſe geſchrieben hätte, antwortete, es wäre ein Empfehlungsſchreiben eines jungen Grafen C-—ereutz, der im Gaſthofe unſer Nach⸗ bar geweſen wäre.“ „Ja, ja!“ „Nun verlangſt Du noch beſſere Beweiſe?“ „Ach nein, ich bin vollkommen überzeugt! Eine ſo edle Geſtalt und ein ſo edles Geſicht können nur einem Edelmanne angehören!“ *½ X X Es iſt überflüſſig, zu ſagen, daß dieſer und auch der folgende Tag bloß zu ſolchen kindiſchen und über⸗ ſchwenglichen Berechnungen verwendet wurde. Man ließ die Uhr kaum eine Minute aus den Augen, man vergaß ſogar die Haferſuppe, ſo daß im buchſtäblichen Sinne des Wortes die Damen von der Luft lebten, daneben aber auch von den improviſirten leckeren Gerüchten, die in dem Programm über die Foten der zukünftigen Gräfin vorkamen. Endlich gegen ſechs Uhr des Nachmittages ließ ſich die Glocke an der Stubenthür hören. Frau Emerentia hatte zwei Lichter angezündet, damit es von der Straße aus recht erleuchtet ausſehen möchte.„Die Bedienten,“ ſagte ſie zu Blenda,„ſind ärger, als die vornehmen Herren ſelbſt, und dieſe 189 kleinen Unkoſten werden uns tauſendfältig durch den Brief erſetzt.“ „Es ſchickt ſich nicht für Dich, meine kleine Gräfin, daß Du öffneſt— ich gehe! der Lakei könnte einige koſtbare Präſente mitbringen, die Du nicht ſelbſt ent⸗ gegennehmen kannſt.“ Und zitternd, daß ſie kaum auf den Füßen zu ſtehen vermochte, trat die ſtolze Frau— nachdem ſie ſich gleichwohl gehörig in den ſchwarzen ſeidenen Shawl der ſeligen Regine Sophie drapirt hatte— hinaus in den kleinen Tambour und ſchloß auf. Doch war ſie ein wenig erſtaunt, als ſie anſtatt des erwarteten Lakeien oder Jägers eine alte arme Frau erblickte, die vermuthlich zu der wandernden Art gehörte, denn ſie trug einen Korb auf dem Arme. „Wir brauchen nichts, gute Alte!“ ſagte Frau Emerentia in der Meinung, daß der rechte Bote noch nicht gekommen ſei. Als aber die Frau, anſtatt ſich zu entfernen, den Korb niederſetzte und in der Taſche zu ſuchen begann, da bekam ſie andere Gedanken, beſonders als endlich ein Brief zum Vorſchein kam. Und ſobald die Alte wieder hinausgelaſſen war, watſchelte unſere Frau zurück in das Zimmer mit den Worten: „Mein Gott, liebe Blenda, in welcher Verlegen⸗ heit muß der arme Graf um ſeiner Liebe willen ſein! Er hat den Brief durch eine Laufmadame geſchickt, was deutlich beweist, daß die Familie, welche während des Winters vermuthlich in Stockholm iſt, auf ſein Thun und Laſſen ſpionirt.“ „Brich, liebe Mutter, brich!... Mein Herz ſchlägt ſo, daß ich todtkrank werde!“ „Beruhige Dich, Du Kleine!— Sei es nun, daß es Eltern, Geſchwiſter oder ein halbes Dutzend eifer⸗ ſüchtige Liebhaberinnen ſind, die ihn bewachen, ſo wird er gewiß trotz aller Hinderniſſe Mittel finden, der 190 Dame ſeines Herzens ſeine Gedanken mitzutheilen... Doch, was iſt das?.. was ſoll das bedeuten?“ Während Ihro Gnaden ſo redete, hatte ſie mit einer gewiſſen ehrfurchtvollen Haſtigkeit den nur mit Mundlack verſiegelten Brief erbrochen und wiederholte noch einmal, indem ſie auf die Unterſchrift blickte: „Was in des Himmels Namen will dieß bedeuten?“ Darauf fuhr ſie mit ſchleppender Stimme fort: „Eleonora Gyllenhake... ich begreife nichts!“ „Alſo nicht von ihm ſelbſt?“ ſtotterte Blenda... „Doch laß uns ſehen!“ Frau Emerentia las: „Hochgeehrte Frau! „Auf Verlangen eines Freundes, deſſen Namen ich kein Recht habe zu nennen, habe ich hiemit das Vergnügen, da ich höre, Ihre Tochter wünſcht ſich eine Beſchäftigung, ihr bei mir eine ſolche anzutragen. „Da meine ſchwachen Augen mir nicht erlauben ſelbſt zu leſen, und ich dennoch dieſen Genuß nicht verlieren möchte, ſo vermiſſe ich gar ſehr Jemanden, der die Mühe übernehmen will, mir laut vorzuleſen, und wenn es Ihnen paßt, ſo wünſchte ich das Fräu⸗ lein an jedem Nachmittage von drei bis ſieben Uhr bei mir zu behalten. „Morgen, wenn das Fräulein den Anfang zu machen beliebt, werde ich die Ehre haben, vorſchuß⸗ weiſe das erſte Quartal zu überliefern. „Auch will ich nebenbei erwähnen, daß ich die Beſorgung der Ausſteuer meiner Schweſtertochter über⸗ nommen und daher eine Menge von Arbeiten verſchie⸗ dener Art zu machen habe, worüber wir mündlich näher mit einander reden können. Mit der größten Hochachtung „Cleonora Gyllenhake.“ (Adreſſe: Königinſtraße, Nro....) Nachdem ſie einige Augenblicke ſtill geſeſſen und einander angeſehen hatten, rief endlich die Mutter, 191 belche glücklicher Weiſe für Alles Rath bei der Hand hatte: Aha! er hat eine alte, reiche Tante, die Dich zu ſehen wünſcht, auf ſeine Seite gebracht, und ſie nimmt nun dieſen Schritt zum Vorwande. Vielleicht iſt es auch ſeine Abſicht, Dich zu prüfen und eine Zeitlang im Irrthume zu laſſen. Doch, ſei nur ſtark, Du! Wird wirklich Etwas aus dieſem Spiele mit der Ar⸗ beit, ſo laß Dir nichts merken— es kommt der Tag, dh Dich aus der Finſterniß in ein blendendes Licht ührt.“ 1 „Ja, ja,“ entgegnete Blenda begeiſtert,„ich be⸗ theure, daß ich kluͤger ſein will, als die einfältige Amy Robſart! Hätte ſie geduldig gewartet, wie Graf Leiceſter ſte ſo warm bat, ſo wäre ſie nicht allen ſchwar⸗ zen Ränken ausgeſetzt geweſen, welche ihr zuletzt das Leben koſteten.“ Still! es geht mir ein Licht auf! Um Dir die⸗ ſes Buch geben zu können, gab er Dir auch die übri⸗ gen. Siehſt Du jetzt Alles recht klar: der mächtige Günſtling der Eliſabeth wagte es nicht, ſeine Verbin⸗ dung mit dem armen Fräulein laut zu verkündigen... Nun, nun, Du Kleine! es kann Guͤnſtlinge geben, die, Gott ſei gelobt und gedankt! andere Gründe zu ih⸗ rem Schweigen haben! Du befindeſt Dich glücklicher Weiſe unter der Obhut Deiner Mutter, und überdieß wird er gewiß allzu klug zu Wege gehen, um eine unzuverläſſige Perſon in ſeinen geheimen Liebeshandel mit einzumiſchen...“ ...„Dieſer geheime Liebeshandel wird aber in kurzer Zeit öffentlich werden!“ ſiel Blenda mit einem Blick ein, deſſen Stolz verrieth, daß ſie ſich nicht ganz hatte warnen laſſen von dem ſchrecklichen Schick⸗ ſale, das Leiceſter's unglückliche Braut traf.“ „Potz tauſend!“ rief Frau Emerentia,„ſieh hier eine Nachſchrift, die ich nicht ſah!“ 192 „Eine vollkommen zuverläſſige Perſon wird an jedem Abende das Fräulein nach Hauſe begleiten!“ „Ach, das iſt er ſelbſt! rief Blenda aus. „Ja, das kann man wohl begreifen— und genau erwogen möchte ich wohl dieſer kleinen unſchuldigen Myſtification meinen Beifall ſchenken.“ 22. „Ach ſo!“ ſagte Henriette und gab ihrem Haupte eine vornehme und gleichgültige Neigung,„er iſt alſo endlich wieder da?.. Wird er uns heute Abend beehren?“ „O, wie kalt redeſt Du über Johann, mein En⸗ gel. Ich meinte und habe immer gemeint, er ſtände ſchrecklich hoch in Deiner Gunſt.“ „Lieber Patrik“— Henriette, welche in einem bequemen Lehnſtuhl vor dem Ofenfeuer ſaß, ſchob den Feuerſchirm weiter an die Seite—„lieber Patrik, Du biſt ſo entſetzlich einfältig!“ „Wirklich?— das habe ich noch nicht gewußt!“ antwortete lachend der EChemann.„Da Du aber um ſo ſchlauer biſt, ſo kann das Eine dem Andern helfen.“ „Kommt Dein Bruder heute Abend hieher?“ „Gewiß zum Henker thut er das! Ich habe ihm die Meinung derb geſagt, weil er nicht ſchon zum Mittage kam. Aber obgleich es nun ſchon über drei Monate her iſt, da die ſelige Mutter ſtarb— ach, Herr Gott, Etwe wie gut ſie war, und wie ich ſie liebte! Ja, wahr⸗ haftig, ich ſehne mich bisweilen ſo nach ihren Schelt⸗ worten, daß ich laut weinen möchte, weil ich ſie nie wieder hören darf!... Doch ich komme ab von dem, was ich ſagen wollte, nämlich: obgleich die Mutter 193 rd an ſchon über drei Monate todt iſt, ſo begreifſt du doch— 11 wohl, daß Johann's Herzwunde von Neuem blutet. Er war ja immer der Goldjunge.“ genau„Und nachdem er nun ſo lange im Auslande ge⸗ ldigen weſen iſt, wird er wohl noch ein wenig vornehmer ſein, als vorher!“ „Ich glaube, Du biſt wahnſinnig!— Iſt es denn ſein Fehler, daß er ein wenig beſſer ausſteht, als ich? das liegt im Körper, denn, meiner Seel, im Geiſte iſt er nicht größer, als ich! Johann iſt ein ehrlicher Kerl, den Alle hochachten, und ich fühle keinen Neid, obgleich es mir einmal paſſirte, da ich bei ihm im Laden ſtand, daß man mich für den Ladendiener hielt.“ Haupte„Kann man denken— Johann's Ladendiener!“ ſt alſo Henriette fing an, höchſt verächtlich zu kichern.„Ich Abend ſollte doch meinen, Du müßteſt mit meinem Gelde eben ſo weit kommen, wie er!“ n En⸗-„Freilich müßte ich das, was das Geld betrifft, at, er obgleich Johann jetzt beinahe eben ſo viel hat, als ich; aber, hol's der Henker, wenn wir zuſammen ſind, ſo einem geht es doch immer ſo: Johann iſt Johann und Patrik bb den iſt Patrik— nun, das iſt nicht unſer, ſondern an⸗ Batrik, derer Leute Fehler.“ p.„O, es iſt Dein eigener auch!“ rief Henriette im⸗ pußt!“ mer erzürnter aus. er um„Mein eigener?“ ‚efen.“„Ja wohl— oder warum mußt Du ihn zu Dei⸗ . nem ewigen Stellvertreter haben? Wer anders war es, hm die als Du, der Johann faſt dazu zwang, mich an Dei⸗ littage ner Stelle auf den Börſenball zu führen? Wer iſt es, konate der Plätze ſchaffen muß, wenn die Rede davon iſt, Gott, Etwas bei großen Feierlichkeiten zu ſehen? Wer iſt wahr⸗ es, der Reden für Dich halten muß, wenn Du einige Schelt⸗ Freunde bei Dir haſt? Du kannſt ja nicht einmal die ie nie Geſundheit eines armſeligen Reiſenden ausbringen, ſon⸗ dem, dern Johann muß anfangen:„Meine Herrſchaften, der Nuiter Die Romanheldin. 13 194 — Wirth hat mir den Auftrag gegeben u. ſ. w. u. ſ. w.“ O, das iſt ganz unausſtehlich!— Ja, ich weiß faſt nicht, wie ich's nur noch aushalten kann!“ „Meine allerliebſte Henriette, Du wußteſt ja recht gut vorher wie ich war, und es iſt ganz ungereimt, es mir ſo ganz ohne Urſache zum Vorwurfe zu machen, daß ich nicht im Stande bin, Reden zu hal— „Darf ich der Pein entgehen, noch mehr zu hören?“ „Sehr gerne— dieß iſt gerade nicht ſo beneidens⸗ würdig angenehm!“ „Nun aber, damit Du es nur weißt, will ich mit bei dem Feſttage der Schwediſchen Arademie ſein, und Du kommſt mit!“ „Nein, ich danke; dort würde ich mich zu Tode gähnen! Johann iſt wohl ſo gut...“ „Wußte ich's nicht, daß Johann wieder herhalten würde! Weißt Du: gerade ſolche Einfaltspinſel von Kſenränern zwingen ihre Frauen, andere Männer an⸗ zuſehen!“ „Was Du ſagſt! Was meinſt Du aber damit? Das kann ich denn doch nicht begreifen! Siehſt Du andere Männer an, Du?“ Henriette brach in ein lautes Gelächter aus, ſo übertrieben lächerlich kam ihr die erſtaunte und ein⸗ fältige Miene vor, welche ihr Mann annahm. „So, Närrchen! lache Du, ſo viel wie Du willſt, es iſt nichts Böſes im Lachen; denke aber an keinen Andern, als an mich; denn, ſo gut ich auch bin, ſo hol' mich Dieſer und Jener, wenn ich nicht dem Arme und Beine entzweiſchlage, der es wagt, in meinen Blu⸗ mengarten zu greifen!“ „Fi, welch ein Pöbelausdruck!“ „Ich meinte, es wäre verteufelt fein geſagt... Doch ernſthaft geſprochen, liebe Henriette, ich meine, es iſt ſehr ſchlecht, daß wir uns nun ſeit ſo langer Zeit gar nicht nach der Tante Emerentia umgeſehen haben— es ſticht mich wirklich in's Gewiſſen, daß ich ſie in ſehen will, ſend! den riette Auge Son beder daß einm mich erſtit dieſe größ und ſaß, ſene nehr ang bild gutr lag Ver Aeu dieſ Ket Toi ſ. w.“ ſie in der letzten Zeit total vergeſſen habe. Du ſollſt eiß faſt ſehen, Johann iſt unzufrieden.“ 3 1„„Er mag unzufrieden ſein und kritiſiren wen er ja recht will, ich aber ſage mich los, zu hören... Der Tau⸗ gereimt, ſend! ich glaube, er iſt ſchon hier!— Geh hinaus in nachen, den Saal, Du, und ſieh nach!“...... ene Und während Patrik hinaus eilte, drückte Hen⸗ eidens⸗ riette die Hand erſt an das Herz und darauf an die :. Augen. ich mit„Ach,“ ſeufzte ſte,„ich fühle es wohl, daß dieſe n, und Sommerintrigue mit dem Kammerjunker gar nichts Tod bedeutete! Jetzt kann ich ihn vorbeigehen ſehen, ohne Tode daß es mich im Mindeſten ruhrt, aber ich kann nicht halt einmal die Fußtritte desjenigen hören, der... der 4 zien mich verſchmähte, ohne daß mir iſt, als müßte ich el von erſticken!... Doch ſoll er nicht die Freude haben, er an⸗ dieſe elende Schwäche zu ſehen, welche vielleicht die größte Urſache ſeiner Reiſe war!“ amit? ſt Du x 4 x 5, iſo In dieſem Augenblicke ging die Saalthür auf, ein⸗ und in das ſchöne Putzzimmer, in welchem Henriette will ſaß, trat neben Patrik ein ſtattlicher und ſchön gewach⸗ 3 ſt, ſener Mann mit einem etwas bleichen, aber doch ein⸗ einen nehmenden Geſichte herein. Die ungezwungene und Ar ſo angenehme Würde, welche dieſen Mann auszeichnete, Blu⸗ bildete einen grellen Gegenſatz gegen Patrik's platte, u⸗ gutmüthige Figur; und ein eben ſo großer Gegenſatz lag in ſeinem einfachen, aber ausgeſuchten Anzuge in Vgergleich mit den geſchmackloſen Zierrathen in Patrik's gine 4 Aeußerem; denn nicht einmal der Traueranzug konnte e, dieſen abhalten, blitzende Bruſtnadeln und eine goldene mmger Kette quer über die Weſte zu tragen und die ganze ſehen Toilette nach dem Modejournal Leſchnitten. zu haben, 196 ein Futteral, in das gleichwohl ſein kurzer und dicker Lieb Körper nicht recht paſſen wollte. Inter Mit leichter und brüderlicher Vertraulichkeit trat Dein, der hier präſentirte wirkliche Couſin Johann ein und antw umarmte ſeine Schwägerin, die trotz Allem, was ſie zu ſagen ſich vorgenommen hatte, nicht mehr über ihre Wille Lippen brachte, als das einzige Wort: demje „Willkommen!“ ſelbſt „Dank!“ ſagte Johann, indem er eilfertig aber innig einen Kuß auf Henrietten's Hand drückte.„Die⸗— ſer Gruß zum Willkommen iſt mir um ſo theurer, da 9 nunmehr keine Andere ihn ausſpricht.“ den 8 Er ſchwieg und fuhr mit der Hand über die Au⸗ ute gen, deren dunkler Glanz von einer hervorbrechenden gi⸗ Thräne verſchleiert wurde. Dein „Doch das iſt ja wahr,“ fuhr er gleich darauf fort, als Niemand den Muth hatte, auf die traurige trik's Hindeutung zu antworten, gich habe ja neue Ver⸗ nehm wandte— vielleicht können ſie für mich ein Wort Frau des Willkommens haben.“ eine „Das iſt vielleicht nicht ſo ganz unrichtig!“ meinte mei; Patrik, indem er ſich die Stirn rieb.„Uebrigens iſt es ſo, daß... ja, es iſt ſo, ſitehſt Du, daß wir ſeit langer Zeit nichts von ihnen gehört haben...— „Wohnen Sie denn nicht mehr im Hauſe der 4 Mutter?“ habe „Nein, ſte wollten das Zimmer nicht den Winter durch über haben...Wie kam das, Henriette? Du haſt entſch ja zuerſt mit ihnen geredet, und mußt nun Beſcheid mein 1 geben! Ich bin von Geſchäften ſo überhäuft geweſen, daß ſich nicht viel Zeit zum Laufen gehabt habe.“ Doch Unmöglich aber wirſt Du doch wohl zwei ſchutzloſe Frau Frauenzimmer, denen die Mutter ihre Hülfe gelobt 4 hatte, gänzlich ſich ſelbſt überlaſſen haben?“ fragte Johann, und auf ſeine Stirn lagerte ſich eine Wolte des Mißvergnügens. falt Jetzt hatte ſich Henriette ganz gefaßt und fiel ·6 ſchaf ——— 197 icker„Lieber Schwager! wenn dieſer Gegenſtand ſo viel Intereſſe für Dich hat, daß Du in dem Augenblicke it trat Deiner Ankunft damit anfängſt, ſo bin ich bereit zu n und antworten!“ 3 das ſie„Richtig, denn Du haſt ja in allen Stücken Deinen e ihre Willen gehabt!“ erklärte Patrik(—„ausgenommen in demjenigen, das Du nicht weißt!“ ſetzte er bei ſich aber ſelbſt hinzu, indem er an die Miethe, den Holzeinkauf Die⸗ und dergleichen mehr dachte).„Mache Du es mit 9, da Johann ab, während ich Wein beſorge!“ 3„Was meint Patrik mit ſeinem„in allen Stücken e Au⸗ den Willen haben 2“ Ich bin überzeugt, daß Du, meine enden gute Henriette, nur Dasjenige gewollt haben kannſt, was die Billigkeit und die Achtung vor dem Andenken arauf Deiner Schwiegermutter geheiſcht hat.“ „Es iſt mir ſehr ſchwer, die Auslegung von Pa⸗ e8e trik's Meinung zu übernehmen; dagegen aber über⸗ Wort nehme ich herzlich gerne meine eigene in Betreff dieſer Frauenzimmer, und ich muß geſtehen, es macht mir teinte eine herzliche Freude, daß ich nicht nöthig habe, ſie iſt es meine Verwandten zu nennen!“ ſeit„Und ich glaubte, ſie müßten auch Deine Ver⸗ wandten ſein, da ſie die Verwandten Deines Mannes find!“ der„Nein, darauf gehe ich gewiß nicht ein! Zwar inter habe ich gehört, wenn man heirathet, ſo hat man da⸗ haſt durch Gemeinſchaft an dem Vermögen; doch wirſt Du cheid entſchuldigen, wenn ich nicht einſehe, daß man ſich Ge⸗ meinſchaft hinſichtlich der Verwandten erheirathen kann.“ „Inzwiſchen dürfte dieſes dennoch der Fall ſein. zloſe Doch dieſes apart! Wodurch haben ſich denn dieſe dl9e Frauenzimmer Deine Ungnade zugezogen?“ ragte„Durch unzählige Dinge.“ Solke„Nun, ſo laß doch hören!“ ls„Ich will kein Wort davon ſagen, daß ihre Ein⸗ ei alt und Unbekanntſchaft mit dem gebildeten Geſell⸗ . ſchaftsleben ſie eine Menge von Dummheiten begehen ———— 198 läßt, über die man krank werden könnte, auch will ich mich nicht dabei aufhalten, daß dieſer Gelbſchnabel, die kleine Blenda, unter ihrer verſtellten Unſchuld eine erſtaunenswürdige Koketterie verbirgt, und daß ſie durch affectirte Ausrufungen ihres Entzückens bei Gelegenheiten, da ein Frauenzimmer von der allergeringſten Erziehung ihre Gefühle zu zügeln weiß, die Blicke aller Anwe⸗ ſenden auf ſich zieht, wie ſie es an einem Abende machte, da wir ſie in Gauthier's Reitbahn mitgenom⸗ men hatten.“ „Das Alles ſcheint nicht ſo gefährlich zu ſein, wenn man ſie nur mit Güte belehrt.“ „Ja, den will ich ſehen, der ſie beſſert! Sogar die Schwiegermutter, welche vielleicht noch gegen kei⸗ nen Menſchen eine Schwäche bewieſen hat, war den⸗ noch gegen dieſe Windfahne ſo ſchwach, daß ſie nicht im Stande war, ihre vielen Fehler zu entfernen.“ „Vielleicht ſah ſie dieſe Fehler gar nicht!“ Henriette ſtellte ſich, als hörte ſie nicht. „Was mich am meiſten gegen Fräulein Blenda aufreizt, iſt der Umſtand, daß vielleicht gerade ſie, und Niemand anders, durch ihren Eigenſinn und ihre Undankbarkeit Schuld war an dem Tode der Schwie⸗ germutter.“ „Wie kannſt Du Dir nur eine ſolche Aeußerung erlauben, Henriette! Das heißt wahrlich dem Gefühl, welches Dich leitet— es mag nun ſein, welches es will— allzu großen Spielraum geben!“ „Glaubſt Du das?“ rief die junge Frau mit einer verächtlichen Miene aus. „Ja, wahrhaftig!“ „Das wollen wir gleich ſehen! Du läugneſt wohl nicht, daß die Mutter ſie Dir zur Gattin vorſchlug?“ „Das läugne ich keinesweges: ich will ſogar ge⸗ ſtehen, daß die Beſchreibung, welche ich über ſie er⸗ hielt, mich ſo ſehr intereſſirte, daß ich der Mutter verſprach, nach meiner Rückkehr daran zu denken.“ 199 „O! Du verſprachſt das?“ „In der vollen Abſicht, es zu halten, und Du ſtehſt alſo wohl ein, daß ich außer dem bloßen Mitleiden und der Verwandtſchaft zu dem eben geäußerten In⸗ tereſſe allen möglichen Grund habe?“ „Um ſo eher wirſt Du das Gefühl billigen, als ich erfuhr, daß die Mutter— ich weiß nicht, aus wel⸗ chem Grunde— Deine Rückkehr nicht abwartete, um ihrer Favorite Dein ehrendes Anerbieten mitzutheilen, ſondern es in ihrem Namen that.“ „Nun?“ ſiel Johann ein, und ein leichter Farben⸗ wechſel flog über ſein Antlitz. „Sie gab Dir den Korb, und das ſo beſtimmt, daß die Schwiegermutter im höchſten Grade aufgebracht war.“ Ein Ausdruck des Mißtrauens ſchwebte über das Geſicht des jungen Mannes...„Wer hat denn das gehört?“ „Wenn ich es Dir ſagen ſoll, ſo hörte Debora, die hernach in unſer Haus gekommen iſt, das ganze Geſpräch, und ſie, die gar nicht im Stande iſt zu lügen, hat betheuert, daß Deine Mutter die zärtlich⸗ ſten Vorſtellungen machte; hernach aber, da dieſe nicht halfen, befahl ſie mit Heftigkeit, Blenda ſoll das Zimmer verlaſſen. Einige Stunden ſpäter...“ „Weiter!“ „... bekam ſie den Anfall, der... der noch an demſelben Abende ihrem Leben ein Ende machte.“ „Bekam meine Couſtine denn die Mutter nicht mehr zu ſehen?“ fragte er nach einer Pauſe. „Ja, das bekam ſie; ich will es nicht läugnen. Deine Mutter zeigte ſich um ihretwillen noch im letzten Augenblick bekümmert.“ „Ach, daran erkenne ich ſie ſo gut wieder, und ich bin uͤberzeugt, wenn ſie Deine grauſame Aeußerung von vorhin hörte, da Du der Weigerung des armen Mädchens, einen ihr ganz unbekannten Menſchen zu heirathen, die letzte Krankheit der Mutter zuſchriebſt— 200 welche gleichwohl, wie mir der Doctor ſchon geſagt hat, von ihm längſt vorhergeſehen war— ſo würde ſie Dir Vorwürfe darüber machen, und dieß würde ich ebenfalls, wenn ich nicht glaubte, daß es nur ein unüberlegtes Wort war, hervorgerufen durch die Erin⸗ nerung an den Verluſt der Mutter.“ „Entſchuldige und erkläre meine Aeußerung nach Belieben— inzwiſchen glaubte ich, Du würdeſt einen Korb mit weit größerem Gefühle annehmen!“ „Du legſt dieſer Sache eine allzu große Wichtig⸗ keit bei, wenn Du ſie ſo benenneſt. Ich kann keinen Korb erhalten haben, weil ich weder ſelbſt um Blenda's Hand angehalten, noch einer andern Perſon die Voll⸗ macht ertheilt habe, es zu thun. Meine Couſine hat den Vorſchlag zurückgewieſen, den meine Mutter als einen Wunſch ausſprach— das iſt Alles!“ „Wenn es nun aber zufällig nicht Alles wäre?“ entgegnete Henriette mit einem höhniſchen Lächeln; wenn ich hernach von den eigenen Lippen beider Frauen⸗ zimmer gehört hätte.. „Was? „O, nur das Eine, daß ſie, in welche Umſtände ſie auch kommen könnten, die ausgeſchlagene Partie nicht bereuen— vergib, wenn ich in Ermangelung Finsa beſtimmten Ausdruckes mich an den natürlichſten alte!“ h„Könnteſt Du es für paſſend gehalten haben, Dich ebenfalls in eine Sache zu miſchen, die höchſtens eine Mutter ſich erlauben konnte?“ „Nun, mein lieber Schwager, werde nur nicht ſo ernſthaft! Ich verſichere Dich, daß ich mich auf keine Weiſe für berechtigt hielt, zu Deinem Beſten zu reden. Aber ihr ausgeſprochener Beſchluß rief bei mir den alten Rath hervor, ſie müßten in ihre Heimath zu⸗ rückkehren, und dazu bot ich ihnen Reiſegeld an... und wahrhaftig, ich begreife nicht, warum ſie dirſen Rath nicht annahmen!“ eſagt pürde zürde ein Frin⸗ nach einen htig⸗ einen nda's Voll⸗ - hat r als ere?“ heln; auen⸗ tände hartie elung chjſten Dich eine ht ſo keine eeden. den h zu⸗ dieſen 7 201 „Und dabei bliebſt Du ſtehen?— Du boteſt ihnen nichts weiter an?“ „Mein Gott! was habe ich denn mit ihnen zu thun? Ich halte mich für berechtigt, Leuten, die ſo verrückt ſind, ehrliche Auswege zur Verſorgung abzu⸗ ſchlagen, meine Hand zu entziehen, was ich denn auch wirklich gethan habe: ich wollte nicht, daß ſie aus unſerm Laden die Näharbeit erhalten ſollten, welche Andere nöthig hatten, die es beſſer verdienten.“ „Und Patrik ließ Dir Deinen Willen?“ „Ja, was meinſt Du wohl!— Es iſt ja erſchreck⸗ lich, daß er ſich nicht mit ſeiner Frau erzürnen will wegen zweier Gänſe, die mir wenigſtens ziemlich zweideutig vorkommen; denn obgleich ich mich nicht eben direct um ſie bekümmert habe, ſeitdem ſie aus⸗ gezogen ſind, ſo weiß ich dennoch das Eine und das Andere.“ „Was zum Beiſpiel...?“ „... Daß ſie einen der ehemaligen Courmacher des Fräuleins, einen gewiſſen königlichen Secretair, an⸗ nehmen... und daß ein gewiſſer Kammerjunker von keineswegs zweideutigem Ruf in Betreff der Frauen⸗ zimmer ganz offen das kleine Fräulein verfolgt hat, was gewiß nicht möglich wäre, wenn er nicht aufge⸗ muntert worden wäre.“ „Meine beſte Henriette!“ erwiederte Herr Johann Blücher mit dem eigenthümlichen Lächeln, das er in ſeiner Macht hatte,„laß uns niemals ein Frauen⸗ zimmer nach der Zweideutigkeit des Rufes desjenigen, der ihrer Schönheit ſeine Huldigung darbringt, beur⸗ lhriten— man könnte ſonſt unverzeihliche Fehlgriffe thun.“ „Wirklich?“ „Ganz gewiß!... Kannſt Du es Dir zum Bei⸗ ſpiel wohl vorſtellen, daß das Gerücht eben jenen Kam⸗ merjunker zu Deinem eigenen Bewunderer geſtempelt hat? Ja, ich habe ſogar gehört, daß man geflüſtert . 202 hat: wenn die dunklen Wälder um Henrikslund plau⸗ dern könnten, ſo wären ſie im Stande, Dinge zu er⸗ zählen, welche, ſo ruhig unſer guter Patrik auch im⸗ mer iſt, ſein Blut in ſtärkere Wallung verſetzen würden, als für den Hausfrieden heilſam ſein möchte.“ „O, das iſt höchſt ſchändlich, höchſt niederträchtig! Doch— ich brauche mich nicht gegen ſolche Dumm⸗ heiten zu vertheidigen.“ „Sehr wahr— das hieße Dich unnöthiger Weiſe herabſetzen, und ich erwähnte der Sache auch aus keiner andern Urſache, als um Dir zu zeigen, wie leicht und vor allen Dingen wie unſchuldig ein armes Frauenzimmer verleumdet werden kann.“ Jetzt war Henriette ſo weit getrieben, daß ſie ſtille ſtehen mußte. Ihr Herz wollte erſticken, ſie haſchte nach Luft— noch nie hatte ſie ſo lebhaft wie jetzt gefühlt, daß ſie Blenda haßte. „Meine kleine Schwägerin,“ begann jetzt in ver⸗ ändertem Tone der ruhige Schwager,„ich habe eine Bitte an Dich!“ „Laß hören!.. Du weißt wohl, ich erfülle Deinen Wunſch, wenn es mir irgend möglich iſt.“ „Wenn das iſt, ſo ſchlage es mir nicht ab, eheſtens meine Couſine und ihre Mutter hieher zu bitten!“ „Hieher?“ „Ja wohl!“ „Sie ſind noch niemals hier geweſen! Nein, guter Johann, das wäre allzu unangenehm Ihr Hochmuth hat ſich während zweier Monate nicht demüthigen wol⸗ len, um meinen Schutz anzuhalten, und ich ſollte ſie einladen?“ „um meinetwillen, Henriette!“ Er nahm ihre Hand und ſah ſie mit einem über⸗ redenden Blick an.. Mit einer heftigen, fieberhaften Bewegung riß die junge Frau ihre Hand aus der ſeinigen. 203 „Nein, nein!“ rief ſie aus,„ich will es nicht... hörſt Du, ich will es nicht!“ „In dieſem Falle muß Patrik es wollen! Ich finde wohl einen Ausweg, ihn im Namen der Mutter darum zu bitten. Du weißt, daß ich Etwas über ihn vermag... Soll ich gegen Deine Macht ankämpfen, oder gehſt Du darauf ein, ſelbſt vorzuſchlagen, daß ſie zum Sonntag Mittag eingeladen werden? Wähle nach Belieben Eines von Beiden!“ „O— das iſt ſehr kühn, mir auf dieſe Weiſe eine Wahl vorzulegen!“. „Was ſoll ich denn aber wohl thun? Ich habe beſchloſſen, ſie zu ſehen, und nach Demjenigen, was vorgefallen iſt, kann ich ſie doch wohl nicht gut be⸗ ſuchen?“ Wohl... ich will es überlegen... Doch laß es nun genug ſein— ich höre, daß Patrik kommt!“ *** Während des ganzen noch übrigen Theiles dieſes Abends wurde von keinem andern Gegenſtande geredet, als von der Mutter, welche beide Söhne ſo herzlich betrauerten. Als jedoch Patrik ſeinen Bruder die Treppe hinunter begleitete, ſagte er: „Um des Hausfriedens willen habe ich mich in nichts miſchen wollen— denn Du verſtehſt wohl: Henriette hat ihre kleinen Prätentionen... Aber ich habe für die Tante gethan, was ich konnte: ich habe die Miethe für das erſte Vierteljahr bezahlt und den Unglücklichen Holz geſchafft. Und wenn Du willſt, ſo bezahlen wir künftig jeder ſein Vierteljahr.“ „Da bin ich gerne mit dabei, wenn es nur durch Dich geht!... Verſprich mir nur, daß Du Dich ſo bald als möglich nach ihnen umſehen willſt!“ Mit Leib und Seele, darauf kannſt Du Dich verlaſſen! Ich ſehne mich recht darnach, ſie zu ſehen.“ . 23. Am Tage nach den in den vorhergehenden Kapiteln erzählten Ereigniſſen, begab ſich unſer Fräulein— voll geheimer aber keinesweges unbedeutender Hoffnun⸗ gen— auf den Weg zu der alten Dame, die den Brief an ihre Mutter geſchrieben hatte. Die Adreſſe bezeichnete, wie ſich der Leſer erin⸗ nert, ein Haus in der Königinſtraße,*) und Blenda ſtellte ſich vor, daß ſie an eines von den palaſtartig⸗ ſten kommen würde. Eine hochadelige Frau, vermuthlich eine ehema⸗ lige Hofdame, eine Großtante des reichen Grafen, konnte nicht ſchlechter wohnen. Und in ſofern fand ſie ihre Vermuthung beſtätigt, als die Hausnummer über der Thür eines der ſtattlichſten Gebäude ſtand. Blenda, welche in Betreff des Lokales keine nähere Aufklärung erhalten hatte, hielt es für abgemacht, daß ſie in der erſten Wohnung nachhören mußte; ſie begab ſich daher eine Treppe hinauf und klingelte. Doch hier wohnte ein ausländiſcher Miniſter... Dort alſo war es nicht. „Nun, ſo wird es wohl zwei Treppen hoch ſein!...“ Wieder ein Irrthum: hier wohnte ein Oberſt. „Alſo drei Treppen hoch!..“ Noch einmal nein: dieſe Wohnung hatte ein Banco⸗Commiſſarius einge⸗ nommen. Die vierte Treppe führte zu einigen Hutnähterin⸗ nen und die fünfte zu einer kleinen Schneiderwerk⸗ ſtätte. „Das iſt doch ſonderbar!“ dachte Blenda; und in⸗ *) Die Königinſtraße(Drottninggata) in der nörd⸗ lichen Vorſtadt, iſt die längſte und ſchönſte Straße in Stockholm. Anm. d. Ueberſ. unt lich wol heit ſuch geſe auf wär Dor und zeig Dar ande Stit einfe bege die zim einen zeug Wun nen, rufer denn Umg daß eben bekat mir 205 dem ſie die eine Treppe nach der andern wieder hin⸗ unterſtieg, begann ſie zu überlegen, ob es wohl mög⸗ lich ſein könnte, daß die vornehme Tante im Erdgeſchoſſe wohnte..„Bielleicht leidet ſie an irgend einer Krank⸗ heit, ſo daß ſie es dort am bequemſten hat.“ Ueber dieſen Punkt mit ſich einig geworden, ver⸗ ſuchte jetzt unſere ſtets hochſtrebende Heldin im Erd⸗ geſchoß ihr Glück. Und endlich fand ſie daſſelbe, denn auf ihr erneuertes Klopfen erſchien eine kleine Auf⸗ wärterin und öffnete. „Wohnt die gnädige Frau Gyllenhake hier?“ „Ja, haben Sie die Güte, einzutreten!“ „Blenda glaubte anfangs, ſie würde in ein feines Domeſtikenzimmer geführt, denn die einfachen Möbeln und die ergrauten und übel mitgenommenen Tapeten, zeigten keinesweges das Beſuchzimmer einer vornehmen Dame an; wie dem aber auch war, ſo kam ſie in kein anderes, ſondern wurde direct von einer freundlichen Stimme aus dem inneren Zimmer— einer eben ſo einfachen Schlafſtube— eingeladen, ſich dorthin zu begeben. „Das Fräulein von Kühlen— nicht wahr?“ ſagte die einfach gekleidete Wirthin, ein ältliches Frauen⸗ zimmer von Ehrfurcht gebietendem Aeußern, die in einem großen Armſeſſel ſaß mit einem Tiſche und Strick⸗ zeug vor ſich. „Ach ja, ich bin's, und ich hege keinen höhern Wunſch, als mich Derjenigen würdig machen zu kön⸗ nen, die mir die Güte erzeigt hat, mich zu ſich zu rufen!“ entgegnete Blenda mit einer tiefen Verneigung, denn dieſe Frau hatte, trotz der nicht ſehr lockenden Umgebung, etwas ſo Freundliches und Einnehmendes, daß Blenda ſich augenblicklich zu ihr hingezogen fühlte. „Ich bin überzeugt davon, mein gutes Kind, und eben ſo überzeugt bin ich auch, wir werden bald ſo bekannt mit einander werden, daß Sie ſehr gerne zu mir kommen.“ 206 8 Bei dieſen gütigen Worten nahmen alle Gegen⸗ uͤnde rund umher in den Augen des jungen Mädchens ein eeundlicheres und angenehmeres Ausſehen an; und als nun Licht angezündet war, und ſie, die übertriebe⸗ nen unde glänzenden Gedanken abſchüttelnd, um ſich blickte, fand ſte dieſes kleine Schlafzimmer ſo warm und mit ihren alten Möbeln ſo ruhig und bequem, daß ſie, ihre rheiten beſtrafend, zu ſich ſelbſt ſagte: „Noch vor drei Tagen hätte ich dieſe Zuflucht für das höchſte Glück gehalten und hat er, der ſich für mich intereſſirt, ſie allen andern vorgezogen, ſo geſchieht dieß ohne Zweifel darum, weil er den Nutzen einſieht, daß ich noch für meinen Lebensunterhalt arbeite. Und ich glaube wirklich, daß der Hochmuth, den ich ſeit geſtern empfunden habe, auf dem Wege war, mir zu ſchaden................. Dieſer erſte Abend, da Blenda in ihren neuen Dienſt trat, verfloß größtentheils in Geſprächen. Die alte Dame theilte ihrer„Lectrice“ mit, ſie liebe Abwechſelung, und darum wollten ſie ſich nicht ausſchließlich zu der ſchönen Literatur halten, ſondern auch einen Curſus in der Geſchichte und anderen bil⸗ denden Gegenſtänden, die ihnen Anlaß geben könnten, über das Geleſene zu reden, durchmachen. „Denn ich alte Frau,“ ſagte die freundliche Ma⸗ trone,„komme jetzt nicht mehr hinaus in die Welt, bin aber in früheren Tagen mitgeweſen, und finde da⸗ her ein großes Vergnügen daran, zu plaudern. Dem⸗ nächſt liebe ich die Muſik, und werde mein altes Piano im andern Zimmer ſtimmen laſſen, ſo können Sie es verſuchen.“ „Ach,“ ſagte Blenda mit dem Gedanken an ihren letzten Verſuch in der Muſik,„ich kann ſo wenig!“ „Vielleicht aber haben Sie Stimme?“ „O ja, ich glaube— wenigſtens habe ich es ge⸗ igen⸗ hens und iebe⸗ ſich varm uem, agte: t für für hieht ſieht, Und ſeit ir zu neuen 207 Und nun halfen keine Einwendungen, die gute Dame wollte ſelbſt urtheilen. Und ſie lachte nicht uͤber Blenda's Geſang; im Gegentheil ſagte ſie(und dabei mate 3 dem etwas aufgeregten Mädchen ſo gutmü⸗ thig zu): „O, dieſe Stimme wird ja vortrefflich unter einer guten Anleitung.. ich kenne einen geſchickten Muſik⸗ lehrer, dem ich ehemals einige kleine Dienſte zu leiſten das Glück gehabt habe, und hat er, wie ich glaube, dieſe nicht vergeſſen, ſo will ich jetzt eine Wiederver⸗ geltung fordern.“ Vor Freuden zitternd, ruhten Blenda's Blicke mit der tiefſten Dankbarkeit auf ihrer wohlwollenden Wir⸗ thin. Und unter abwechſelndem Geſpräch eilten die Btunden ſo ſchnell dahin, daß Blenda meinte, ſie wären eflügelt. Um ſieben Uhr wurde Thee ſervirt, und nun war es Zeit, zu gehen. „Iſt der Wachtmeiſter*) hier, Carolina?“ fragte die Herrin das kleine Dienſtmädchen, und als dieſe die Frage mit Ja beantwortete, nahm die alte Frau Ab⸗ ſchied von ihrer neuen Bekanntſchaft, legte ſelbſt das erſte Quartal in ihren Arbeitsbeutel, verſicherte, daß ſie ſeit langer Zeit keinen ſo angenehmen Abend gehabt hatie, und hieß Blenda willkommen zum folgenden age. „Und die Arbeit— darf ich darnach fragen?“ ſagte Blenda, welche fürchtete, dieſe wichtige Sache könnte vergeſſen werden. „Morgen werde ich einige Stücke Leinwand ſchicken, und dann können wir über das Zuſchneiden, den Hohl⸗ ſaum und dergleichen weiter überlegen. Meine Nichte *) So nennt man in Schweden die Aufwärter oder Pedelle bei den Collegien, Gerichten u. ſ. w. Anm. d. Ueberſ. 208 ſieht nicht auf die Koſten, wenn nur die Arbeit ſo ſchöͤn wie möglich wird.“ Jetzt entfernte ſich Blenda... Wie klopfte ihr nicht das Herz, als ſie auf die Hausflur hinaustrat! Ihr ſelbſt kam es ziemlich närriſch vor, zu glau⸗ ben, der Graf würde ſich ſo verkleiden. Inzwiſchen war ſie nicht eher im Stande, eine große, in den Man⸗ tel gehüllte Geſtalt aus ihrer Einbildung zu entfernen, als da ſie gerade vor ſich einen kleinen Mann in grauem Ueberrocke erblickte, deſſen helles, ſchlichtes Haar nicht im Entfernteſten an die glänzend ſchwarzen Locken ihres Ritters erinnerte. Der kleine, gänzlich unpoetiſche Mann hielt eine Laterne in der Hand. „Da iſt der Wachtmeiſter, der das Fräulein nach Hauſe begleiten ſoll!“ ſagte das Dienſtmädchen. Und eins, zwei, drei, war Blenda mit ihrem Be⸗ gleiter auf der Straße. Hier ſpähte ſie von Neuem rechts und links. Doch zum Unglücke ließ ſich gar keine Idee von einem Aben⸗ teuer blicken. Sie kam ganz unangefochten nach Hauſe, wo Frau Emerentia ſie mit einer Ungeduld erwartete, welche ſich nicht bloß von der Neugierde herſchrieb, denn auch ſie ihrerſeits hatte Etwas zu erzählen. * 9 rr „Nun, mein Kind, meine Blenda, meine kleine Gräfin, was iſt Dir begegnet? Was hat Dir die gnä⸗ dige Dame geſagt? Und wer war der Mann, der Dich nach Hauſe begleitete?“ So klangen die durcheinander wimmelnden Fragen der neugierigen Mutter. Blenda erzählte Alles, und die Miene der Frau 209 Emerentia nahm ein immer größeres und größeres Er⸗ ſtaunen an. „Wie?“ rief ſte aus, da Blenda geendigt hatte, „war von dem Grafen nicht einmal die Rede?“ „Nein, die Frau Gyllenhake erwähnte mit keinem Worte der Perſon, die mich bei ihr empfohlen hat; aus aller ihrer Güte gegen mich aber ſieht man es ja klar, daß ich herzlich empfohlen worden bin, und für mich iſt ſchon die Geſellſchaft dieſer alten Frau ein großes Glück.“ „Daran zweifle ich nicht, Du Kleine; aber den⸗ noch... hm, hm!“ „Sie iſt ſo gebildet, ſo einnehmend!“ fuhr Blenda fort.„Ich bekomme ſo Vieles zu leſen, das mir nütz⸗ lich wird; und dann die Muſik und der Geſang— mein Gott, wenn daraus Etwas wird, wie ſie ver⸗ ſprach!“ „Geht es dahinaus?— Gut, da bin ich ſchon auf der rechten Spur!“ „Du glaubſt...“ „Ich glaube, er will, daß Du eine feinere Erzie⸗ hung durchmachen, mit einem Worte eine Verſtärkung in Deinen Talenten erhalten ſollſt, dieſes jedoch ſo, daß Du gar nicht merkſt, wie es von ihm kommt, ſon⸗ dern glaubſt, Du habeſt es Dir ſelbſt und dem Wohl⸗ wollen der alten Frau zu verdanken. Das Alles iſt in der That für's Erſte ſehr delicat und im höchſten Grade anſtändig und vortrefflich. Und je mehr Du Deine Entwickelung beeilſt, deſto eher haſt Du Deine Prä⸗ ſentation vor der Familie zu erwarten.. Docherhieltſt Du das Quartal?“ Blenda nahm ihren Arbeitsbeutel vor— und man kann ſich denken, daß unſere Damen in Erwartung eines Beſſern bei dem Anblicke ganzer fünfzig Reichs⸗ thaler in nicht geringes Entzücken geriethen. „Haſt Du ſchon ſo viel Geld auf einmal geſehen, Mutter?“ Die Romanheldin.. 14 210 „Nein, Kind, nicht mehr als einmal, da ich in die Kommode der ſeligen Regine Sophie blickte.... Jetzt ſollſt Du auch einen Wintermantel und einen neuen Hut haben!“ „Nun, meiner Seel', darauf laſſe ich mich nicht ein!... Erſt legen wir die Miethe zurück, und dann kau⸗ fen wir zur Haushaltung ein wenig ein. Du biſt noch nicht ganz hergeſtellt.“ „Wir werden ſchon einig. Aber wie ausgezeichnet äſtimabel und achtungswerth von dem Grafen, daß er es nicht verſucht, uns ſelbſt Geld zu leihen!“ „O, er ſieht wohl ein, daß ich von ihm nicht das Geringſte eher annehme, als da er mir Alles bietet.“ „Richtig, Du Kleine! Und ſei Du überzeugt, die Prüfung wird ſo ſehr lange nicht dauern... Doch höre nun zu, was ich zu erzählen habe— ich habe einen Beſuch gehabt.“ „Von wem denn, liebe Mutter? Doch wohl nicht vom Couſin Johann?“ „Nein, Du Kleine; inzwiſchen iſt er jetzt angekom⸗ men. Manſell Debora iſt hier geweſen.“ „Die gute Debora!“ „ Die Arme hat auch das kalte Fieber gehabt, ſonſt hätte ſie uns ſchon längſt beſucht. Sie ſagte zwar, daß ſie jetzt aus eigenem Antriebe käme, aber ich ver⸗ ſtand nur allzu wohl, daß ſie von Henrietten ausge⸗ ſchickt war.“ „O nein, Mutter; Henriette fragt gewiß nicht im Geringſten nach uns!“ „Vielleicht aber, Du Kleine, thut das ſtatt ihrer ein Anderer!“ „Ein Anderer?“ „Meine ſelige Großmutter, welche die Welt geſehen hatte, pflegte immer zu ſagen: Nur diejenigen, welche ſelbſt einfältig ſind, glauben, es ſei leicht, Andere zu täuſchen. Henriette zeigte wahrlich keine große Klug⸗ heit, als ſie meinte, ich würde an dieſe Angel beißen.“ 211 „Aber, ſo ſprich doch deutlich, liebe Mutter! Du machſt mich wirklich neugierig!“ „Ja, ſiehſt Du, nachdem Mamſell Debora vermel⸗ det hatte, daß Herr Johann Blücher zu Hauſe wäre, erzählte ſie, er würde am Sonntage bei Patrik zu Mittag eſſen, und gewiß kämen auch noch Andere. Darauf hieß es zufällig: und ich bin überzeugt, Frau von Kühlen und das Fräulein würden ebenfalls einge⸗ laden werden, wenn das Fräulein in der Woche unter irgend einem Vorwande bei meiner Frau einſpräche.“ „Nun, das war ja im Ganzen ſehr freundlich, wie ich meine!“ „Begreifſt Du denn nicht, Kind, daß nur der Ein⸗ fluß des Schwagers die Bekehrung bewirkt hat? Ich aber ſagte— und ich glaube, es war fein geantwortet — o, ein Beſuch von Blenda kann wohl Henrietten's Sinn nicht ändern, da ſie uns einmal ſo beſtimmt ab⸗ gewieſen hat— doch, Gott ſei gelobt, es gibt andere Menſchen hier auf Erden, und geht es auch bisweilen für den Augenblick ein wenig kümmerlich, ſo fehlt uns der Schutz dennoch nicht.“ „Ich kann ja aber doch zu Henrietten gehen, wenn ſie es will— das wäre ganz angenehm für mich.“ „Kleine, woran denkſt Du!— Meinſt Du, der Graf, Dein Liebhaber, würde es billigen, wenn Du gleich im Augenblicke bei dem erſten Winke bei der „Hand wäreſt, Deinem alten Freier zu begegnen?“ Blenda wurde nachdenkend. „Das Mittageſſen iſt— denn zuletzt kam eine Art von wirklicher Einladung heraus— nur ein Vorwand, damit er Dich auf eine natürliche Art treffen kann. Ein ſolches Zuſammentreffen muß Dich nothwendig in die größte Verlegenheit ſetzen: eine eheliche Verbindung mit Dir war ja der letzte Wunſch der ſeligen Regine Sophie, und es könnte ſehr möglich ſein, daß er es als eine Ehrenſache betrachtete, dieſen Wunſch ſeiner 14* Mutter zu erfüllen.“ 212 „Ach, das iſt wahr— und ich würde in ſeiner Geſellſchaft ſchrecklich verlegen ſein! Es iſt wohl das Beſte, ich denke gar nicht daran, den Couſin Johann zu treffen, obgleich ich ſehr neugierig bin, ihn zu ſehen.“ „Das bin ich ebenfalls, weil dien ſelige Regine Sophie ſo viel Aufhebens von ihm machte. Aber es iſt noch früh genug, ſelne Bekanntſchaft zu machen, wenn erſt Deine Verbindung mit dem Grafen zu Stande gekommen und Du öfefentlich von ſeiner Familie aner⸗ kannt worden biſt.“ „Ja, es iſt vielleicht das Paſſendſte, bis dahin zu warten, wenn nämlich kein unvorhergeſehener Zufall dazwiſchen kommt.“ 24. Am folgenden Morgen kam Patrik ſelbſt, um die Tante Emerentia und die kleine Coufine zu beſuchen. Er entſchuldigte ſich auf ſeine gutmüthige Art, daß er ſie eine Zeit lang vergeſſen hatte. Jetzt aber war er hier, um der Tante zu ſagen, ſie möchte ſich um der Miethe willen keine Sorge machen, dieſe über⸗ nähme er, und er wollte ſie noch dazu mit der Neuig⸗ keitteheruhigen, daß ſie die Schlafröcke wieder nähen ollte. „Ich verſichere Dich, mein lieber Neffe,“ ließ un⸗ ſere Frau ſich in einem Tone vernehmen, der ſonderbar zwiſchen Dankbarkeit und Stolz ſchwankte,„ich ver⸗ ſichere Dich, daß Du Deine Güte nicht an Undankbare hinwirfſt, hoffe aber auch, wir werden es nicht ſehr lange mehr nöthig haben, dieſelbe anzunehmen, denn es iſt immer hart, von der Wohlthätigkeit Anderer zu leben. Dennoch aber freut es mich herzlich, daß ich Recht hatte, als ich während dieſer langen Krankheit, einer das hann hen.“ egine er es chen, tande aner⸗ in zu ufall 213 da wir von der ganzen Welt verlaſſen zu ſein ſchienen — zu Blenda ſagte: Patrik iſt von Geſchäften abge⸗ halten.. oder von etwas Anderem.. nicht von ſeinem guten Willen, denn er hat ein edles Herz.“ „Dank, liebe Tante, für dieſe Gerechtigkeit! Hol mich der T—, wenn ich nicht Dir und der kleinen Couſine ſo gut bin, daß ich euch Beide gerne zu mir nähme, wenn... es nicht unmöglich wäre!... Nun, Coufinchen Blenda, wie ſteht's mit der Geſundheit und mit der Liebe?“ „Ich bin geſund wie ein Fiſch und froh wie ein freier Vogel, denn wir haben das Verſprechen, vollauf zu thun und großen Arbeitslohn zu bekommen. Und dann ſo.“ Blenda nickte mit dem ſchönen Köpfchen, wie ſie zu thun pflegte, wenn ſie ihren Worten Nach⸗ druck geben wollte. „Und was denn weiter?“. „Ich weiß nicht recht, ob ich erzählen darf, was vorgefallen iſt?“ Sie ſah ihre Mutter an. „O, etwas kannſt Du wohl ſagen! Couſtn Patrik meint es gut und nimmt Theil an Deinem Glück... ſprich, liebes Kind!“ „Für die Katze, iſt ein Glück im Fahrwaſſer?— Da bin ich neugierig, es zu hören!“ „Eine alte ehrenwerthe Frau,“ entgegnete Blenda, „hat von uns gehört und uns ſelbſt aufgeſucht. Sie gibt mir vierteljährlich fünfzig Reichsthaler dafür— und hat mir ſchon die erſten gegeben— daß ich ihr an jedem Nachmittage einige Stunden laut vorleſe. Und ferner— ja, das iſt wirklich wahr— hat ſie einen guten Freund, der Muſik⸗ und Singlehrer iſt, und ſie will mich bei ihm Unterricht nehmen laſſen.“ „Alle Wetter! Man muß geſtehen, ſolche Glücks⸗ treffer wachſen nicht auf den Bäumen! Aber das war doch nur eine menſchliche Sache— ich dachte, es wäre die Rede von einer Partie, ich... Nein, ſeht nur, wie 214 roth ſie wird!... Das werden die Mädchen immer, wenn man von Liebe und Hochzeit redet.“ Frau Emerentia war nahe daran, ihrem eigenen Bedürfniſſe der Mittheilung nachzugeben und Patrik verſtehen zu laſſen, daß er ſich nicht ſo ganz irrte, als kein unruhiger Blick von Blenda ſie daran erinnerte, daß die Intereſſen und Geheimniſſe des Grafen allzu wichtig wären, um ſie preiszugeben. Dennoch wurde es ihr äußerſt ſchwer, daß ſie nicht einen Zipfel von dem Geheimniſſe abheben durfte; doch ſie war helden⸗ müthig, biß ſich auf die Lippen und ſchwieg. „Nun, ich ſoll von Henrietten grüßen!“ begann Patrik jetzt.„Sie ladet die Herrſchaften auf Sonn⸗ tag Mittag auf etwas Rares ein.“ „Ach, lieber Neffe, Du ſiehſt wohl, daß ich wenig⸗ ſtens in einigen Wochen die Naſe noch nicht hinaus⸗ ſtecken kann! Nur mit Noth krieche ich im Zimmer umher— das leidige kalte Fieber zehrt ſo an den Kräften!“ „Ja, liebe Tante, Du ſiehſt recht ſchlimm aus, das iſt wahr; doch ich will Dir einige Flaſchen Portwein ſchicken, damit Du Mark in die Knochen bekommſt. Inzwiſchen hindert Blenda ja Nichts, zu kommen— ich verſichere, es iſt Henriettenis eigene Einladung!“ „Es iſt ſehr artig von ihr, daß ſie auf uns herab⸗ ſieht; doch, um ganz aufrichtig zu ſein, ſo ſiehſt Du wohl ein, daß es das Kind in Verlegenheit ſetzen würde!“ „Wodurch denn das?“ „O, Johann iſt ja dort!“ „Mit ihm iſt gewiß nicht ſchwer umzugehen; er ſetzt keinen Menſchen in Verlegenheit.“ „O, Du verſtehſt mich nicht!“ „Nein, bei meiner Seele!“ „Du weißt ja doch recht gut, was Deine ſelige Mutter wünſchte? ⸗ „Ja, ich habe davon gehört— obgleich ſie es mir nmer, genen Patrik e, als nerte, allzu wurde el von elden⸗ egann Sonn⸗ venig⸗ naus⸗ immer n den 6, das rtwein zmmſt. 1 herab⸗ jſt Du ſetzen en; er ſelige es mir 215 nie geſagt hat— daß ſie Blenda ſich zur Schwieger⸗ tochter wünſchte, und ich kann Dir ſagen, gute Tante, macht mein Coufinchen ein ſolches Glück, ſo hat ſie ſich nicht verſchlafen!“ „Das kann wohl ſein— wenn ſie nun aber am Sonntage zu euch käme, ſo ſähe es gerade ſo aus, als fäme ſie, um ihn zu treffen.“ „Was thut denn das?“ „Welche Frage!“ „Die mag mir erlaubt ſein. Wäre ſie auch ſo verſchämt, wie, ich weiß nicht, welche Art von einer Heiligen, ſo wird ſie doch wohl bei ihrem verheirathe⸗ ten Couſin den unverheiratheten treffen können? Sie werden ſich doch wohl einmal ſehen müſſen?“ „Wozu aber iſt das nothwendig?“ „Wozu das nothwendig iſt?“ „Blenda hat der ſeligen Regine Sophie einmal ihre Meinung geſagt; das Mädchen will noch nicht heirathen, und ſie ſoll auch nicht in eine Lage kommen, aus der ſie ſich nur mit der größten Schwierigkeit herausfinden könnte.“ „Hol' mich der T—, meine Damen, wenn Ihr nicht lächerlicher ſeid, als ich jemals von Leuten gehört habe! Den Johann auszuſchlagen, ehe er ſelbſt einmal geworben hat! Doch denke ich, Blenda kann ruhig kommen, denn erfährt er nur die Hälfte von dem, was ich jetzt gehört habe, ſo legt er gewiß um ihretwillen nicht zwei Strohhalme in's Kreuz, wenn er ja einmal die Gedanken auf ſie geworfen hat.“— Der gute Patrik war höchlich erbittert. „Ich vertheidige die Ehre meiner Tochter bis in den Tod!“ entgegnete Frau Emerentia, die ebenfalls hitzig zu werden begann.„Und mag es nun lächerlich ſein oder nicht, ſo ſoll der Couſin Johann nicht nöthig haben, ſie zu verſchmähen— nein, niemals ſoll das geſagt werden, nachdem ſie ihn einmal verſchmäht hat!“ 216 Jetzt mußte Blenda ſich vermittelnd zwiſchen die beiden ſtreitenden Parteien werfen. „Ach, rede doch um Gottes willen nicht mehr von Johann! Ich bin ja noch ein bloßes Kind, und nur aus Blödigkeit, weil ich ſo viel über meinen Couſin gehört habe, beſitze ich nicht den Muth, ihn zu treffen. Und Du, guter Patrik, werde Du uns nicht böſe!... Grüße Henrietten!... Späterhin, wenn dieß Alles ver⸗ geſſen iſt, komme ich von Herzen gerne.“ Patrik ſtand auf. Er fühlte keinen Aerger mehr, fand jedoch die Frauenzimmer ſo über alle Maßen ſonderbar, daß er ſeine Zeit nicht länger mit ihnen verſchwenden wollte. „Gott ſei Lob und Dank, daß er endlich mit allen Lobliedern ſeines Weges ging!“. Frau Emerentia äußerte dieſe Worte auf eine Weiſe, welche den großen Triumph, den ſie gewonnen zu haben meinte, verkündigte. „Aber er war unzufrieden.“ „Der Graf würde wahrſcheinlich noch unzufriede⸗ ner ſein, ja vielleicht würde er unſinnig vor Eiferſucht, wenn er erführe, wie Johann dafür gearbeitet hat, Dich zu ſehen!... Und das ſollte gar Nichts auf ſich haben? — Ja, meiner Seele, das hat ſehr viel zu bedeuten; hier könnte es zu einem Duell kommen, ehe wir ein Wort davon wüßten!“. „Und zu einer Reiſe über die Grenze, Gott allein weiß, wie weit!“ fügte Blenda hinzu.„Bewahre uns der Himmel!“ 2* * Der Sonntagmittag kam. Herr Johann Blücher trat in das Kabinet ſeiner ſchönen Schwägerin und warf ſogleich einen ſuchenden Blick im Zimmer umher und einen noch längern auf 217 das Beſuchzimmer nebenan. Henriette ſaß allein am Fenſter und ſah mit eifriger Aufmerkſamkeit in den Reflexrionsſpiegel. „Du ſiehſt wohl nach unſern Damen?“ begann der Schwager freundlich grüßend.„Ich hatte es mir wahr⸗ haftig nicht vorgeſtellt, daß ſie ſo lange auf ſich war⸗ ten laſſen würden!“ „Nein, beſter Johann, ich ſehe nicht nach ihnen, denn das wäre überflüſſig, ſie kommen nicht.“ „Nicht?“ fragte Johann, und ſeine dunkeln Augen⸗ braunen zogen ſich leicht zuſammen.„Du hatteſt mir ja doch verſprochen, ſie einzuladen!“ „Und ich habe ſogar noch mehr gethan, als ich verſprochen habe!“ ſagte Henriette verdrießlich.„Ich habe ſ erſt durch Mamſell Debora bitten laſſen...“ „Nun?“ „Sie erhielt eine abſchlägige Antwort. Dann ſchickte ich den Patrik hin, ſie zu überreden.. ver⸗ gebens!“. „Und warum denn?“ „Warum?— Es wäre artiger, Dir die Wahrheit zu verſchweigen! Doch, das kann ich nicht.“ „Um ſo beſſer!“ „Oder ſchlimmer— ſie wollen unter keiner Bedin⸗ gung Deine Bekanntſchaft machen.“ „Wirklich?“ „Wirklich!“ „Was fürchten ſie denn aber? Glauben ſie, ich werde mich dem armen Kinde mit Gewalt aufzwingen?“ „Es ſieht beinahe ſo aus... ich meine, es ſieht aus, als glaubten ſie das. Inzwiſchen iſt ſo viel ge⸗ wiß, daß ſie von uns mit allen Einladungen verſchont zu bleiben wünſchen, denn ſie glauben, daß dieſe von Dir ausgehen— und darin wenigſtens haben ſie Recht.“ „Nun, ſo mögen ſie denn ihren Willen haben!“ entgegnete der junge Mann, nicht in dem Tone eines leicht gereizten Liebhabers, ſondern eines vernünftigen 218 Mannes, der eine kindiſche Idee fahren läßt, welche ihn eine Zeitlang beſchäftigt hat.„Laß uns nicht weiter von ihnen reden!“ Henriette triumphirte. Sie wünſchte nichts Beſſeres, und es koſtete ſie gar nichts, zu vergeſſen, daß es zwei ſo unbedeutende Weſen, wie Fraun von Kühlen und ihre Tochter, in der Welt gab. ** Seit langer Zeit war Henriette nicht ſo liebens⸗ würdig geweſen, wie an dem heutigen Tage. Sie durfte ja Johann ſehen, er dachte an keine Andere— ſie konnte nicht mehr verlangen. Sie hörte auf, eiferſüchtig zu ſein, und in dem bloßen Aufhören einer Pein liegt bisweilen mehr, als in dem Glücke. Dieſer Tag ſchien überdieß zu einem Freudentage für ſie beſtimmt zu ſein. Unter Patrik's Correſpondenz war auch ein Brief von ſeinem Schwager, Henrietten's einzigem Bruder, wohnhaft und verheirathet in S., und der Brief ent⸗ hielt die dringendſte Einladung, Patrik und Henriette möchten nebſt Johann— wenn es näglich möglich wäre, ihn zu überreden— zum Weihnachtsfeſte zu ihren Verwandten kommen. Man verſprach, ſie recht tüchtig zu beluſtigen, man hätte einen angenehmen Um⸗ gangskreis, und Henriette könnte— der Bruder kannte den beſten Magnet— ſich auf wenigſtens zehn Bälle gefaßt machen, Schlittenpartieen und kleine Feſte un⸗ gerechnet. „Um Alles in der Welt laß uns reiſen! Ich habe meine Schwägerin ſchon ſo lange zu ſehen gewünſcht, und ich und Wilhelm haben immer ſehr viel auf einan⸗ der gehalten.“ „Aber es iſt verteufelt ſchwer, meine Liebe, ein paar Wochen weg zu ſein! Es iſt meiner Seel...“ „O, lieber Patrik, ſei nicht unausſtehlich! Die Laden⸗ belche beiter ſeres, ß es ühlen bens⸗ keine 219 diener werden doch wohl Leinwand ausmeſſen können, ohne daß Du unaufhörlich Deine Naſe darüber hängſt!... Ich bin überzeugt, daß Johann meinen Wunſch, zu reiſen, billigt— ich bin ja noch nie weiter von Stock⸗ holm gekommen, als bis Upfala!“ „Ja, was meinſt Du?— Soll Henriette jetzt wie immer ihren Willen haben?“ Dieſe Frage richtete Patrik in halber Bedrängniß an ſeinen Bruder, oder richtiger an ſeinen Onkel; denn obgleich Patrik ſelbſt ſich unendlich gern beluſtigte, ſo war er dennoch des Tages am liebſten zu Hauſe in dem Laden. „Gewiß ſoll ſie das!“ antwortete Herr Blücher mit einer Beſtimmtheit, die Henrietten entzückte. Du wirſt doch wohl nicht am Ende des alten Jahres an⸗ fangen wollen, den Herrn zu ſpielen?“ „O nein,“ ſiel Patrik lachend ein,„es verlohnt ſich der Mühe nicht, vor dem neuen Jahre, wenn wir zurückkommen, damit anzufangen. Dann aber, meine „Mymphe mache Dich gefaßt, nach meiner Pfeife zu tanzen!“ Bei dieſem Ausdruck, der ſonſt das ſchrecklichſte Vorurtheil der jungen Frau war, beliebte ſie dießmal kaum die Naſe zu rümpfen, ſondern ſie antwortete fröhlich: „Dagegen habe ich nichts, notabene, wenn ich mich zuvor nach einer andern Muſik recht müde getanzt habe — ich gelobe Dir: Du ſollſt ſtets das Kommando führen, wenn ich mich ausruhe!“ „ Ja, ſie iſt gut, ſie!... Doch höre nun, kommſt Du mit, Johann? da nehmen wir uns zuſammen eine Kutſche.“ Henriettens Herz begann mit verzweifelter Heftig⸗ keit zu klopfen; in einer Kutſche würde Patrik ohne Zweifel den ganzen Weg ſchlafen. Inzwiſchen wagte ſie kein Wort zu ſagen. 1 220 „Nun, Henriette! überredeſt Du Deinen Herrn Schwager nicht, uns Geſellſchaft zu leiſten?“ „Dazu bedarf es keiner Ueberredung!“ fiel Johann ein.„Was für Vergnügen habe ich als Junggeſelle hier zu Hauſe während des Weihnachtsfeſtes zu er⸗ warten? Jetzt haben wir ja' die Mutter nicht länger, um uns mit ihrer Gegenwart zu erfreuen.“ „Topp! Du kommſt alſo mit?“ „Beſtimmt!“ „Das war verteufelt ſchön! Nun, wir wollen tüch⸗ tig luſtig ſein... Nimm nur nicht allzu viele Schach⸗ teln mit, Henriette!“ Und mit dieſen Worten ging Patrik, um für die übrigen Herren einen Spieltiſch zu arrangiren........... „Ich weiß nicht,“ ſagte Henriette halblaut, indem ſie einen umſchleierten Blick zu ihrem Schwager er⸗ hob,„ich weiß nicht, ob Paris die eigentliche Schule der Artigkeit iſt; doch beinahe ſieht es ſo aus.“ „Wie ſo?“ „Du biſt mir ſo oft entgegen geweſen, und jetzt räthſt Du mir nicht nur zu dieſer Reiſe, von welcher Du weißt, daß ſie mir Freude machen wird, ſondern Du kommſt ſogar ſelbſt mit.“ „Was willſt Du denn, daß ich thun ſoll?“ ent⸗ gegnete Johann, indem er eine Munterkeit annahm, die doch etwas erkünſtelt ausſah.„Man ergreift gern im Fluge den Vorſchlag einer Reiſe, wenn man in's Herz getroffen iſt— habe ich nicht den Korb erhalten?“ „O, das hatte ich ganz vergeſſen!“ 25. Es waren drei Wochen verfſloſſen. Täglich hatte Blenda ihre alte Frau beſucht, und und 221 zwar nicht nur des Abends, ſondern auch, wegen des Muſik⸗ und Geſangunterrichts, an jedem Vormittage auf einige Stunden. Und unſere junge Heldin machte ſo große Fortſchritte, als man nur irgend von einer brennenden Lernbegierde und einem für die Muſik ſo gefühlvollen Gemüthe erwarten konnte. Doch mit dem Allem, ſo angenehm es auch immer war, zu ſpielen, zu ſingen, zu leſen und dann über das Geleſene zu plaudern—(die liebenswürdige Alte ſchien in allen Stücken, welche die Verhältniſſe des Lebens betrafen, für Blenda eine natürliche Lehrerin ſein zu wollen)— mit dem Allem, ſagen wir, war dennoch nichts von dem Grafen zu höoöͤren; die alte Frau erwähnte ſeiner nicht, und jeden Abend war es nur der Wachtmeiſter, der auf ſeinem Poſten ſtand. Auf dieſe Art, während das Herz voller Sehnſucht und der Kopf voller Pläne iſt, die nie zur Verwirk⸗ lichung gedeihen können, ehe ſchon andere entſtehen, wird zuletzt ſogar das Glück einförmig. Blenda ſah ein, daß ſie Unrecht thäte, wenn ſie ferner hoffen wollte. Sie war ja jetzt auf dem Wege, ſich die ange⸗ nehmen Talente zu erwerben, welche erforderlich waren zu dem Platze einer Gouvernante, falls ſie es nöthig haben ſollte, einen ſolchen zu ſuchen— auf dem Wege, durch eine vernünftige Lectüre ſich ſelbſt beurtheilen zu können, auf dem Wege, ein Muſter von Verſtand, ja ſogar„Eliſe oder das Weib in ihrer Vollkommenheit“ zu werden(etwas Romanhaftes mußte unbedingt mit dabei ſein)... Aber obgleich ſie auf dem Wege war zu ſo vielem Guten, ſo vergoß ſie doch im Stillen ihre bitteren Thränen, denn jetzt war ihr gräflicher Liebhaber härter als Leiceſter— gewiß hatte er nie⸗ mals ſich von Amy Robſart erwarten laſſen— und ſogar die Geduld eines Engels, ja eines Erzengels konnte bei einer ſolchen Prüfung brechen. 222 Blenda hatte es vergeſſen, daß ſie vorher weit länger auf ſein Wiederſehen hatte warten müſſen. Endlich hatte der gute Stern unſerer Heldin Barm⸗ herzigkeit mit ihr; er ſchickte ihr einen kleinen Strahl, der hinreichend war, ſie zu überzeugen, daß ſie Unrecht gehabt hatte, ſich für ganz verlaſſen zu halten. * 4* Es war an einem Abende, da ſie gewöhnlich von ihrer guten Frau ging. Sie war an das Ende der Witt⸗ wengaſſe(Enkhusgränden) gekommen und wollte eben den Packmarkt(Packartorg) paſſiren, als Jemand, der auf ihre Ankunft zu warten ſchien, ſich vorſichtig näherte, verſteht ſich, nach echter Romanmanier, mit einem weiten und dunkeln Mantel verſehen, mit welchem die genannte Figur ſich vollſtändig drapirt hatte. „Nun, endlich ereignet ſich dennoch etwas!“ war Blenda im Begriff, auszurufen.„Er iſt's!— das iſt entſchieden!... er ſieht ſich um!... ich verſtehe: er will erſt den Wachtmeiſter mit der Laterne vorbei⸗ laſſen... Ach, wie heftig ſchlägt mein Herz— einzig und allein daran könnte ich ihn ſchon erkennen!“ Der geheimnißvolle Wanderer ſchien in der That auf die Entfernung des Wachtmeiſters gewartet zu haben, denn ſobald dieſer hinreichenden Vorſprung hatte, trat er ganz nahe und bot Blenda ſeinen Arm, ohne gleichwohl ein Wort zu ſagen. Ueberrumpelt und glückſelig, aber dennoch erſtaunt, daß der Graf ſich auf dieſe ſtille Weiſe offenbarte, meinte ſte, es wäre unpaſſend, ihn durch eine Weige⸗ rung oder eine Frage zu beleidigen. Sie legte alſo ihren Arm in den ſeinigen und ſtotterte nur: „Wie lange, ſeitdem ich Sie nicht geſehen habe!“ „Himmliſcher Engel! hätte ich es ahnen können, daß Ihr Herz endlich von meinem Schmerze gerührt worden wäre, ſo haͤtten Sie mich ſchon längſt zu 223 Ihren Füßen geſehen! Aber ich war himmelweit ent⸗ fernt von dem ſeligen Traume eines ſo unerwarteten Glückes. Dennoch konnte ich meine Sehnſucht nicht länger zügeln. Ueberall habe ich Ihre Spur geſucht, und erſt heute Abend iſt es mir gelungen, Sie zu finden.“ Anfangs war Blenda vor Schrecken erſtaunt, nun aber ſtieß ſie mit Abſcheu und Schrecken den Mann von ſich hinweg, deſſen Arm ſie freiwillig angenommen hatte. „Verlaſſen Sie mich, Herr Kammerjunker, ver⸗ laſſen Sie mich augenblicklich! Es iſt ſehr ſchlecht, einem armen Mädchen nachzuſpioniren... Sehen Sie überdieß nicht, daß ich einen Schutz habe?“ „Aber, meine kleine Göttliche, warum wollen Sie denn jetzt ſo vielen Lärm machen, nachdem ich eine ſo entzückende Probe Ihrer wirklichen Geſinnung erhalten habe?“ ¹ „O mein Gott, wie ſchrecklich ſchamlos und ein⸗ fältig Sie ſind!“ „Wie?“ „Doch Sie ſtellen ſich nur, als glaubten Sie, ich hätte Sie erkannt. Sie ſind ein verabſcheuungswür⸗ diger Menſch, Herr Kammerjunker!“ „Ja, ja, ich gehe darauf ein, Alles zu ſein, was Ihnen beliebt, wenn Sie nur noch ein wenig gerechter ſein wollen! Können Sie den Arm des einen An⸗ beters nehmen, ſo mögen Sie ſich nicht wundern, wenn der andere ſich auch dieſe Hoffnung macht.“ „Wachtmeiſter!“ rief Blenda mit halb erſtickter Stimme,„leuchten Sie doch dieſem Herrn in's Geſicht, damit wir ſehen können, wie ein recht niedriger Menſch ausſieht!... O, hätte ich nur Kräfte, wie ich Muth habe!— denn wiſſen Sie, ich fürchte mich gax nicht vor Ihnen... Sie ſchwieg außer Athem, denn eine Fluth weib⸗ licher Thränen war nahe, dem Muthe, welchen die Entrüſtung hervorgerufen hatte, ein Ende zu machen. 224 Jetzt aber kam nicht allein der Wachtmeiſter zurück, ſondern auch andere Schritte nahten— und es wird wohl Niemand bezweifeln, daß unſere Romanheldin die Freude hatte, von ihrem eigenen Helden befreit zu werden. Als dieſe Perſon ſo ganz unvermuthet auf die Scene trat, wich unſer Kammerjunker, welcher kein Freund von Unordnungen und unpaſſenden Auftritten war, ſogleich ein paar Schritte auf die Seite, um ſich entfernen zu können, ohne ſein Incognito aufzugeben. Aber Blenda's Ritter ergriff ihn mit kräftiger Hand beim Arme, führte ihn einige Schritte auf die Seite und ſagte mit erregter Stimme: „Nehmen Sie ſich in Acht, dieſe junge Dame noch einmal zu verfolgen, wenn Sie einigen Werth auf ihr Aeußeres ſetzen; denn ich gelobe Ihnen heilig: treffe ich Sie noch einmal bei ſolcher Abſicht, ſo werde ich Sie ſo ſtempeln, daß kein Menſch Sie wieder er⸗ kennen ſoll!“ „Aha,“ entgegnete der Kammerjunker, welcher ebenſo unbekannt ſein wollte, als derjenige war, welcher ihn ſo kühn anredete,„Sie nehmen den Ton eines glücklichen Liebhabers an! Alſo auf Sie wartete die Kleine, als ſie im Irrthum meinen Arm nahm! Ich wußte es recht gut, daß die kleine Zaubrerin keine...“ „Halt, mein Herr! Fräulein von Kühlen iſt meine Couſine— und nun hoffe ich, Sie werden einſehen, daß ich ein Recht habe, ſie zu beſchützen!“ „Ohne Widerrede! Vor ſolchen Gerechtſamen ziehe ich mich zurück und füge nur den gutgemeinten Wunſch hinzu, daß die Couſinage Sie eben ſo leicht von allen Nebenbuhlern befreien möge, welche Sie malicher Weiſe haben und in Zukunft ganz gewiß er⸗ halten!“ Verdammter Wetterhahn!“. DOieſe Worte murmelte in zornigem Tone Der⸗ jenige vor ſich hin, welcher gemäß Blenda's eigener trück, wird n die it zu f die kein ritten n ſich geben. ftiger uf die noch uf ihr treffe de ich er er⸗ belcher belcher eines tte die 1 Sch meine iſehen, 1 ziehe neinten leicht e Sie viß er⸗ Der⸗ eigener 225 Erlaubniß ſich noch einmal für ihren Couſin ausge⸗ geben hatte, indem er zurückeilte zu dem jungen Mäͤd⸗ chen, das unbeweglich daſtand und wartete. „Ach, wie glücklich, wie ſehr zur rechten Zeit kamen Sie an!“ rief ſie aus mit einer Stimme, welche das ganze frohe Entzücken, das ſie empfand, vollkom⸗ men verrieth. Und ohne alle Ceremonie ergriff ſie dießmal den richtigen Arm. Sie begannen vorwärts zu gehen. „Ja, in der That glücklich!“ entgegnete der Graf. „Aber, mein Gott, wie zittern Sie!“ „Jetzt, ja. Aber hoͤrten Sie nicht, mein Couſin, daß ich tapfer war?“ „Ich folgte Ihnen wirklich in nicht weiterer Ent⸗ fernung, als daß ich in der That einige Worte auffing.“ „Geſielen Ihnen denn dieſe?“ „Gewiß— doch weiß ich wohl, was mir noch beſſer gefallen haben würde.“ „Was denn?“ „Sie möchten es aber übel nehmen!“ „Ganz gewiß nicht!“ „Iſt das auch gewiß?“ „Sagen Sie, was Ihnen beliebt! „Wohl! Ich würde es lieber geſehen haben, wenn Sie ein wenig vorſichtig geweſen wären, mein Couſin⸗ chen! Als Sie den Arm dieſes Mannes annahmen, konnte er nicht gut etwas Anderes glauben, als daß Sie ihn erkannt hätten.“ „Aber ich glaubte, ja... ich dachte... begreifen Sie denn nicht, was ich dachte, Couſin Jean?“ fragte ſie etwas verdrießlich. „Ja, ſehr güt!“ Nun?“ „Aber wie konnten Sie ſich vorſtellen, daß ich einen ſolchen Mangel an Zartgefühl zeigen, oder rich⸗ Die Romanheldin. 15 226 tiger, die Kühnheit haben würde, mich ſtillſchweigend zu präſentiren?“ „Ueberdieß bin ich nicht eitel genug, um zu ver⸗ muthen, daß die Sympathie das Tageslicht erſetzt haben würde, und das Geſchehene bewies ja auch, daß ich ſehr ſtreng geſtraft worden wäre, wenn ich es ge⸗ wagt hätte, mich auf eine ſolche Eitelkeit zu ver⸗ laſſen.“ Dieſes Letzte ſagte er in einem Tone, der offenbar den tiefen Verdruß des eiferſüchtigen Liebhabers darü⸗ ber verrieth, daß er, wenn auch nur für einige Secun⸗ den, mit einem Andern verwechſelt worden war. Die Sprache war für Blenda verſtändlich, konnte ihr jedoch den Schmerz nicht erſetzen, daß ſie ſich die Unzufriedenheit ihres Beſchützers zugezogen hatte— und dennoch machte dieſe Unzufriedenheit ſie glücklich. Sie ſchwieg alſo. „Meine Aufrichtigkeit hat Sie beleidigt— wußte ich das nicht vorher!“ — „Nein, nein, aber es thut mir leid, daß Sie Urſache haben, mich zu tadeln. Ich hätte gar nicht an.... an meinen Couſin Jean denken ſollen.“ „Das mache ich Ihnen keineswegs zum Vorwurf,“ entgegnete er in fröhlichem Tone;„nur das Eine, duß Zase⸗ „Daß Sie ihn nicht beſſer erkannten!“ „Und dennoch, glauben Sie mir, war dieß gewiſſer⸗ maßen zu entſchuldigen.“ Der Liebhaber beſchränkte ſeine Antwort auf ein zweifelndes, etwas gedehntes„Hm!“ „Hören Sie mich an! In demſelben Augenblicke, da ich zufällig zu mir ſelbſt ſagte: ich entſinne mich, daß Couſin Jean ſagte: erſt nach einigen Wochen können wir einander wiederſehen; nun, dieſe Wochen ſind jetzt verfloſſen, und er kann alſo über⸗ ——— 227 eigend morgen kommen, ja vielleicht ſchon morgen, oder vielleicht ſogar heute Ab. Ich weiß nicht, was ich noch mehr gedacht haben könnte, denn eben da wurde ich unter⸗ t ver⸗ brochen und erblickte gleichſam eine lebendige Antwort erſetzt, auf meine Vermuthung in der Geſtalt eines artig „ daß dargebotenen Armes Halten Sie es jetzt noch für es ge⸗ ſo unverzeihlich, wenn ich in der Verwirrung nicht ver⸗ bedachte, daß man auch in dem Arme eines Couſin fehlgreifen kann?“ enbar„Nein, nein, nach einer ſolchen Vertheidigun 7 2 7 7 darü⸗ nehme ich meine Anklage zurück.“ inn becun⸗-„Nun, das war doch ſchön... Doch laſſen Sie bören, was Sie weiter zu ſagen haben!“ nſs b„Ich ſage: Um ferneren Fehlgriffen zuvorzukommen, werde ich mich künftig— wenn nämlich meine liebens⸗ te— würdige Couſine es erlaubt— nicht in der Ferne ſcklich. halten, ſondern mir die Freiheit nehmen, ſie perſönlich nach Hauſe zu begleiten.“ wußte 1„Iſt das wahr?“ „Könnte es wohl etwas Anderes ſein? Dieſes rſache Ereigniß kommt mir in der That allzu unangenehm .. vor, um noch einmal vorfallen zu dürfen!“ „„Wiſſen Sie aber, Couſin Jean, was ich aus vurf, Ihren Worten ſchließen könnte?“ Eine,„Nein, was?“ „Daß Sie mir ſchon an mehreren Abenben gefolgt ſind. Iſt dem ſo? Antworten Sie aufrichtig!“ „Ich geſtehe, daß ich es bisweilen gethan habe; viſſer⸗ denn ich fuͤrchtete immer, daß Ihnen ein kleines Aben⸗ . teuer begegnen könnte.“ f ein„Und obgleich Sie ſo nahe waren, kamen Sie . dennoch nicht zu mir, um zu plaudern— warum blicke, thaten Sie das nicht?“ mich,„Weil ich nicht gerne andern Leuten Anlaß zum hen Plaudern geben möchte.“ 1„Wird man das denn jetzt nicht thun?“ fragte über⸗ Blenda mit einem ſo ſtarken Erröthen, 1a ſelbſt die 228 Duntelheit des Decemberabends daſſelbe nicht verbergen onnte. 4 Couſin Jean gab jetzt, wie ſchon bisweilen vorher, eine ausweichende Antwort. „Ich muß mit der Frau Gyllenhake reden, daß nach dem Weihnachtsfeſte die Stunden ſo verändert werden, daß Sie während des Winters nur am Vor⸗ mittage zu ihr kommen.“ „Wir haben noch fünf Tage bis dahin...“ Verwandter muß wohl das Recht haben, der Beſchützer zu ſein, ohne daß man dagegen etwas einzuwenden haben wird... Apropos, haben Sie ihren Ver⸗ wandten, den Hutſtaffirer, ſchon geſehen?“ „Nein, aber es iſt mir ſehr ſchwer geweſen, ihm auszuweichen.“ „Und warum ihm denn ausweichen?“ „Warum?— das fragen Sie?“ „Ach ja, ich möchte gerne die Urſache wiſſen, wenn es Sie nicht genirt.“ 8 „Habe ich Ihnen das nicht gefagt?“ entgegnete ſie mit einem unbeſchreiblichen Gefühl des Mißfallens.. „Ueberdieß kann ich ihn nicht ausſtehen, denn um hatte, mich zu lieben, da ſie von hinnen ging.. ſie ebenfalls, er kannte ihren lebhafteſten Wunſch und könnte ihn daher erfüllen wollen.“ Sie ſelbſt gebiete Ihnen, die Bekanntſchaft nicht zu vermeiden. Da Sie ihn nicht geſehen haben, ſo wiſſen Sie ja nicht, welche Gefühle er Ihnen einflößen kann.“ „Doch bis Weihnachten?“ wendete Blenda ein. „An dieſen wenigen Abenden wird, wie geſagt, 8 Ihr Couſin die Ehre haben, Ihnen aufzuwarten. Ein ſeinetwillen habe ich den ſchmerzvollſten Gedanken ge⸗ habt, der mich jemals betrübt hat, den Gedanken, daß meine Tante, die ich ſo von Herzen liebte, aufgehört Und endlich einen letzten Grund: Couſin Johann liebte Dennoch meine ich, die Billigkeit gegen ihn und „Nimmermehr!“ rief Blenda heftig aus, verletzt eit 229 ergen durch den ſonderbaren Scherz oder die Pruͤfung des g Grafen.. ſie wußte nicht recht, wie ſie ſeine Aeuße⸗ rung klaſſificiren ſollte—„nimmermehr kann es etwas rher, Anderes ſein, als Gleichgultigkeit... Uebrigens,“ daß fuhr ſie noch eben ſo aufgeregt fort,„denke ich mich ndert mit keinem Bürger zu verheirathen!“ Vor⸗ Bei der Betonung, die ſte auf das Wort„Bürger“ 4 legte, ſah Couſin Jean ſchüell auf. Lin„Couſine Blenda hat alſo noch ihre kleinen ro⸗ . mantiſchen Ideen— und ich glaubte, ſie wären ſchon eſagt in die Flucht getrieben!“ 1. 3 Ein„Liegt denn etwas Romantiſches darin, daß ich hützer keinen Bürger lieben kann?“. enden„Sind Sie denn ganz ſicher, daß Sie das nicht Ver⸗ können, oder richtiger: ſind Sie ganz ſicher, daß der Inſtinkt Sie beſtimmt aufflären wird, wenn Ihre Wahl ihm zufällig auf einen ſolchen fällt?“ „Zufällig?— Glauben Sie denn, ich könnte zu⸗ 1 fällig mich für Jemanden intereſſiren, ohne zu wiſſen, wer er iſt?“ „Ei, ei, mein Fraͤulein, Sie ſetzen mich in das wenr hoͤchſte Erſtaunen!“ ignete„Wie ſoke— na„Ich hoffte, Sie würden ſich wenigſtens mit einem um Gefühle des Wohlwollens an den Freund erinnern, den Sie ſich in Wenersborg erworben; und nun belieben 3 daß Sie zu verſichern, daß Sie nicht die allergeringſte ehört Rückſicht auf mich nehmen!“ „Auf Sie?“ Hhemes„Ja, auf mict, e cht⸗ und„‚„Kenne ich Sie denn nicht?“ ſagte Blenda mit einem herzlichen Gelächter. a und„Nicht, ſo viel mir bewußt iſt!“ ht u„So iſt es aber dennoch! Sie glauben ihr In⸗ wiſſin cognito ſo vortrefflich bewahrt zu haben, und wiſſen arih. Sie was?— Ehe ich ein Wort mit Ihnen in Wenels⸗ borg geredet hatte, wußte ich, wer Sie waren.“ 230 „Wirklich?“ „Dennoch nehme ich mir die Freiheit, an der Richtigkeit Ihrer Kenntniß zu zweifeln.. D Sache abgemacht!“ „Bis wir einig werden, eine neue Abmachung vorzunehmen— nicht wahr?“. „Sehr wahr!“ 8. „Und inzwiſchen verſprechen Sie mir ja, meiner Verſicherung zu glauben, die ich Ihnen auf meine Ehre gebe: Sie kennen beſtimmt nicht den desjenigen, dem Sie durch die Kenntniß ſeiner Hand⸗ lungen erlaubt haben, Ihre„Gunſt ſich zu erwerben!“ „Was ſagen Sie, Couſin? Meine Gunſt? Nein, dazu habe ich Ihnen gewiß keine Erlaubniß gegeben!“ „Ich habe mich verſprochen— Ihre Freundſchaft wollte ich ſagen. Und Sie werden in mir ſtets einen ehrfurchtsvollen Freund finden. Glauben Sie mir, es macht mich ſo glücklich, daß ich Sie beſchützen und Ihnen nützlich ſein kann, daß ich dieſes Gluck nicht auf das Spiel ſetzen möchte, um ein anderes Glück zu gewinnen, deſſen ich nicht vollkommen gewiß wäre!“ „Wir ſind zu Hauſe!“ bemerkte Blenda, indem ſie, jetzt ganz beruhigt, ihren Arm aus dem ſeinigen zog. „Ich wünſche Ihnen eine gute Nacht, mein Couſin, und ich danke Ihnen zugleich für Ihre Sorgfalt.“ „Morgen!“ ſagte der junge Mann mit einer Ver⸗ — beu daß 231 beugung, ohne jedoch nur die Vertraulichkeit zu zeigen, daß er ſeine Hand hinreichte. „Morgen!“ Sie trennten ſich. * 4* „Ach, wie herrlich, daß ich ihm ſagen konnte, ich wüßte, wer er wäre— das kam recht glücklich und ungezwungen heraus. Und nun mag er glauben, was er will. O, mein Herr Graf, es war auch allzu kühn, ſich einzubilden, ich würde mich für einen Men⸗ ſchen intereſſiren, deſſen Namen und Titel ich nicht wüßte! Nein, eine ſolche Romanheldin bin ich gewiß nicht, daß nur Handlungen mich befriedigen... Laß une aber dennoch ſehen, welche ſind denn dieſe Hand⸗ ungen?“ gu indem Blenda dem Wachtmeiſter und der Laterne die ziemlich langen Treppen zu ihrer Wohnung hinauf folgte, ſummirte ſie in aller Eile das Conto ihres Ritters. „Erſtlich verliebte er ſich in mich— das war eine unfreiwillige Handlung und verdient daher gar keiner Erwähnung. „Demnächſt verſtand er eine paſſende Gelegenheit zu finden, um mich zu intereſſiren— das war eine Handlung, die der Inſtinkt ihn lehrte. Alſo iſt ſte ebenfalls nicht viel werth. Dennoch bin ich ihm dafür dankbar, denn ohne dieſelbe wäre dieſer ganze kleine Roman gar nicht vorhanden... Erwägen wir aber nun die verdienſtlichen Handlungen! „Erſtlich gab er mir gute und kluge Rathſchläge, anſtatt mir wie die Uebrigen Dummheiten und Schmei⸗ cheleien vorzuſchwatzen. „Zweitens ſchaffte er mir ſolche Bücher, welche auf eine zarte Weiſe zeigten, daß er meiner ärgſten Unwiſſenheit abzuhelfen wünſche. 232 Drittens: empfahl er mich dem Schutze des Kapi⸗ tains, ohne welchen ich ſehr übel daran geweſen ſein würde. j Viertens:— ſehr lobenswerth— eilte er beim Wiederſehen, ſich ſelbſt in den Schatten zu ſtellen, weil er zu jung war, um uns in unſerer Armuth offen nützen zu können, und ſandte mir ſtatt ſeiner dieſe alte vortreffliche und achtungswürdige Frau, die Alles thut, was in ihren Kräften ſteht, um aus mir ein gutes und verſtändiges Mädchen zu machen. Fünftens: ſchaffte er mir Unterricht, ohne daß ich zu ahnen brauche, wem ich dafür zu danken habe. Sechstens: zeigt er ſich niemals— ſehr langwei⸗ lig, aber ſehr klug— um mich nicht in's Gerede zu bringen. Und endlich und letztlich folgt er mir dennoch in der Ferne, damit er bei der Hand iſt, wenn, wie heute Abend, irgend Etwas vorfallen könnte. 4 Hier wäre Blenda beinahe unter ihren eifrigen Beweiſen auf der Schwelle ihrer eigenen Wohnung umgefallen. „Es iſt genug!“ ſagte ſte.„Sieben gute Hand⸗ lungen berechtigen ihn wirklich dazu, als ein aus⸗ gezeichnet ehrenhafter Mann angeſehen zu werden. Aber er hat Unrecht in dem Glauben, daß ſie ſchon hin⸗ reichend geweſen wären, ihm den Ton, welchen er an⸗ genommen hat, zu geſtatten, wenn er mir nicht vorher ſchon vollkommen bekannt geweſen wäre.“. Bollkommen zufrieden mit dem erhaltenen Reſul⸗ tate eilte ſie jetzt hinein. es 3 ker 233 26. Zwei Tage vor dem Weihnachtsabende wanderte ein eleganter junger Mann die Ritterſtraße entlang. Dieſe Wanderung war gleichwohl eine ſehr lang⸗ ſame, denn in jedem Hauſe hatte er nach Jemanden zu fragen. An einem Orte ſuchte er einen Schuhmacher, an dem andern einen Maler, an dem dritten war er überzeugt, den Tiſchler gefunden zu haben, mit welchem er zu reden hatte. Doch ohne finden zu können, was er ſuchte, hatte er bald jede Wohnung durchſtöbert und faſt alle Thüren an der ganzen Straße geöffnet. „Daß ich auch die Hausnummer nicht weiß!“ mur⸗ melte er in jeder Minute.„Und daß ich nicht gerade herausfragen kann! Doch Geduld! Es könnte ein neuer Drache auf der Lauer liegen und aufgeſcheucht wer⸗ den— man muß überrumpeln, damit man nicht ab⸗ gewieſen wird!“ „Das Haus, in welchem Frau von Kühlen wohnte, lag dem Ende der Straße nahe, und da jetzt die Reihe an dieſem Hauſe war, ſo richtete auch der junge Herr ſeine Schritte dahin. Und als er angekommen war, begann er ſeine Nachforſchungen im Erdgeſchoß. „Um Entſchuldigung— ich hoffe hier nicht wieder unrecht zu gehen! Man hat mir geſagt, daß der Drechs⸗ ler Runſtröm hier wohnt.“ „Nein, hier wohnt er nicht!“ „Vielleicht eine Treppe hoch?“ „Dort wohnt ein Kaufmann.“ „O, alſo zwei Treppen hoch? Ich wußte ja, daß es hier war!“ „Da wohnt auch kein Drechsler.“ Iſt das auch ganz gewiß?“— Das muß ich wohl wiſſen, ich, da ich beim Hö⸗ ker oft waſchen und ſcheuern helfe!“ 234 „Nun, ſo mache ich mir denn wohl die Mühe, drei Treppen hinauf zu ſteigen.“ „Das mögen Sie gerne thun, da Sie eigenſinnig ſind— übrigens wohnen dort nur zwei Wittwen, jede in ihrer kleinen Wohnung.“ „Aha, ein paar Wittwen!“ dachte der Fremde, und ſein Geſicht erheiterte ſich. „Sobald die Thüre zugemacht war, ſtieg er ſo ſchnell, als fürchtete er, in jeder Secunde angehalten zu werden, die drei Treppen hinauf. „Da es mir bei ſo vielen Wittwen mißlungen iſt, werde ich doch wohl endlich die rechte gefunden haben!“ Er klopfte an. *** Innerhalb der verſchloſſenen Thür ſaß Frau Eme⸗ rentia und betrachtete mit mütterlichem Kummer ihre Tochter, auf deren Wange eine fieberhafte Röthe brannte, obgleich ſte auf war und ſich mit einigen Kleinigkeiten beſchäftigte. „Du ſollſt nicht länger eigenſinnig ſein, liebes Kind!“ ſagte Frau Emerentia.“ „Ach, Mutter!“ „Anſtatt zu der guten alten Frau Gyllenhake zu gehen, ſollſt Du mich zum Doctor ſchicken laſſen!“ „Aber,“ entgegnete Blenda mit ihrer bisweilen uͤber ſie kommenden Ungeduld, das iſt ja fürchterlich: wegen dieſes Fiebers, das doch eine bloße Kleinigkeit iſt, habe ich in drei Tagen nicht hinkommen können!“ „Gewiß iſt das nicht gut, Du Kleine; doch Du mußt Dich gedulden!“. Blenda ſchwieg— ſie beſah ſich im Spiegel. „Ich glaube, es war nicht allein der Schrecken an jenem Abende und die darauf folgende Freude, was auf Deine Nerven eingewirkt hat, ſondern Du haſt Dich in Deinem dünnen Mantel ernſthaft erkältet.“ 235 „O nein, Mutter!“ „Ja, ſage ich! Und nun ſiehſt Du die Folge Dei⸗ nes Eigenſinns, daß Du das Geld für die Haushal⸗ tung anwenden wollteſt, was ganz unnöthig war, da Patrik ſo gütig iſt für die Miethe zu ſorgen.“ „Im Gegentheil, liebe Mutter, war es nothwen⸗ dig, daß wir Etwas zu eſſen bekamen... geſtehe nur, daß es nothwendig war, und daß Du ohne Ver⸗ ich beſſer geworden biſt, ſeitdem wir beſſere Speiſe aben!“ ane Kleine! immer biſt Du um mich beküm⸗ mert!“— „Nicht immer!“ entgegnete Blenda erröthend.„Jetzt zum Beiſpiel bin ich nur um mich ſelbſt bekümmert.“ „Nun, nun, das iſt billig!“ „Ach, was wird er ſagen, was denken, was hat er nicht Grund zu denken, da ich nicht komme, obgleich er ſich ſelbſt antrug, mich nach Hauſe zu begleiten? Kann er dieß nicht für ein unwürdiges Mißtrauen von meiner Seite halten?“ „Nein, liebes Kind, das iſt nicht möglich— wir wollen überdieß hinſchicken.“ „Beſſer wäre es geweſen, wenn wir es ſchon geſtern gethan hatten— das hätte die bloße Höflichkeit ſchon gefordert!“ „Nun, ſagte ich das nicht? Doch in der Hoffnung, daß Du beſſer werden und vielleicht ſelbſt gehen könn⸗ teſt, verſchobſt Du es von Stunde zu Stunde, bis es zu ſpät war.“ „Ja, ja, ich war eine Närrin... Doch heute bin ich viel, viel beſſer, und ich verſichere Dich, wenn ich nur ausgehen darf, ſo wird die friſche Luft mich vollkommen geſund machen!“ Frau Emerentia ſchüttelte ungläubig den Kopf. Stl..“ entgegnete Blenda zuſammenfahrend... „ſt! Mes klingelt! Ach, ſollte er unruhig geworden ſein!... Kann er es vielleicht ſelbſt ſein?“ 236 Und mit noch ſtärkerer Fiebergluth auf ihren Wan⸗ gen neigte ſich Blenda herab auf die eine Sophaecke, nachdem ſie gleichwohl zuvor durch einen Blick um ſich her ſich überzeugt hatte, daß das Zimmer untadelig, ja ſogar zierlich war; denn es waren ſchon reine Gar⸗ dinen zu Weihnachten aufgeſetzt. Frau Emerentia war immer die Ordnung ſelber; heute aber hatte ſie— unter dem Einfluſſe einer ge⸗ heimen Hoffnung, welche genau mit der eben von Blenda geäußerten übereinſtimmte— Wunder mit ihrem ein⸗ zigen Stübchen verrichtet. Es wäre vergebliche Mühe, Blenda's Gefühle ſchil⸗ dern zu wollen, als ſie Männerſchritte im Vorzimmer örte. Gleich darauf erſchien die Aufwärterin, welche jeden Morgen kam und noch dort war, und meldete den Damen, daß ein Herr, der ſich für einen Bekann⸗ ten ausgäbe, um die Ehre anhielte, ſie beſuchen zu dürfen. „Iſt er jung? ſieht er vornehm aus?“ fragte Frau Emerentia leiſe. „Hat er eine braune Geſichtsfarbe? Iſt er ſchön?“ flüſterte Blenda. „Ja, jung, ſchön und fein“— erklärte die Auf⸗ wärterin—„ein rechter chamarirter Herr!“ „Sage ihm, er möchte die Güte haben einzutre⸗ ten— ich weiß, wer er iſt!“ ſagte die gnädige Frau, indem ſie ſich zitternd erhob, um vor ihrem künftigen Schwiegerſohn die Honneurs zu machen. „Bei Allem, was heilig iſt, Du Kleine!“ rief ſie aus, ſobald die Aufwärterin die Thür zugemacht hatte, „komm zu Dir ſelbſt und zeige Dich in dieſer großen und feierlichen Stunde Deines Lebens, wie es einem Weibe geziemt, das im Begriff iſt, ihre Schickſale mit einem Manne von eben ſo hoher Geburt, als hoher Geſinnung zu vereinigen! Ohne Zweifel denkt er ſich jetzt zu erklären— dem Himmel ſei Dank, daß eine 237 Ahnung mich gleichſam zwang, mein neues Bombaſſin⸗ kleid anzuziehen!“ Weiter kam man nicht, denn jetzt öffnete die Auf⸗ wärterin mit großer Ceremonie die Thür. Und dort ſtand wirklich ein junger Mann mit geſchmeidigen Formen, beweglichen Zügen und Augen voll von ſo ſtarkem und lebhaftem Feuer, daß ſie im buchſtäblichſten Sinne des Wortes unſer junges Fräu⸗ lein verbrennen zu wollen ſchienen; und ſie war viel⸗ leicht noch nie in ihrem Leben ſchöner geweſen, als in dieſem Augenblicke, da ſie, unvermögend die Augen zu erheben, in verſchämter Verwirrung der erſten Worte des Geliebten harrte. „Herr Gott, was iſt das!“ rief Frau Emerentia mit großer und keinesweges gedämpfter Beſtürzung aus. „Das iſt ja— ja— wahrhaftig, das iſt der Herr Baron T— ſwärd vom Dampſecchiffe!“ „Von Oeſtergötland, wenn Ihre Gnaden erlau⸗ ben— das klingt vielleicht beſtimmter!..Ja, ich bin wirklich derjenige, der im verwichenen Sommer etwas ſonderbar gezwungen wurde, unſere angenehme Bekanntſchaft abzubrechen, der aber jetzt— nachdem ich vor einigen Tagen nach Stockholm zurückgekehrt bin— die Herrſchaften mit großer Mühe aufgeſucht hat, um von Herzen meine geringen Dienſte anzubieten, falls dieſelben nothwendig ſein ſollten.“ Bei der Stimme des Barons hatten die Unruhe und die getäuſchte Erwartung vereint einen Lilien⸗ ſchimmer uͤber Blenda's purpurheißes Antlitz geworfen. Stumm erhob ſie ſich. Was wollte dieſer Mann? Ach, Blenda hatte icht länger ihre gute Tante, an welche ſie ſich halten onnte. Inzwiſchen war der Gruß, mit welchem ſie die eben ſo ungezwungene als artige Verbeugung des Ba⸗ rons erwiederte, ſo eiskalt, daß er nur mit ihrem eben ſo kalten Blick verglichen werden konnte. 238 Mit Erſtaunen ſah der Baron dieſe Veräͤnderung an— es war offenbar, daß ſie einen Andern erwartet hatte— mit Erſtaunen ſah er das fröhliche, ungekün⸗ ſtelte, ſchwatzhafte kleine Fräulein des Dampfſchiffes in eine Bildſäule verwandelt, aber in eine ſo bewun⸗ derungswürdige Bildſäule, daß ihre ehemaligen Reize ihm als nichts erſchienen in Vergleich mit den Reizen in dieſem todten Leben. Frau Emerentia mit ihren eingeübten patriarcha⸗ liſchen Sitten, konnte ſich trotz ihrer Verlegenheit un⸗ möglich eine ſo große Ungaſtfreundlichkeit zu Schulden kommen laſſen, daß ſie den Baron nicht zum Sitzen nöthigte. Sie that dieß alſo, aber mit einem Tone, der äußerſt gezwungen klang, und eilte auch, dieſe Worte zu äußern, welche den Gaſt überzeugen ſollten, wie überfluͤſſig ſein Beſuch war: „Gott ſei gelobt, Herr Baron, daß wir jetzt keine fremde Hülfe in Anſpruch zu nehmen brauchen— und wenn ich mich recht entſinne, ſo ſtand etwas dergleichen in der Antwort, die meine ſelige Schweſter auf das Billettchen ſchickte, welches Sie mir geſchrieben.“ „Ganz richtig! Hätte mich aber nicht die Nachricht von der unerwarteten Krankheit meines Vaters gleich darauf nach Hauſe gerufen, ſo würde ich ganz gewiß das Vergnügen gehabt haben, bei der ehrenwerthen alten Frau perſönlich einen Beſuch abzuſtatten; denn ihre Ausdrucksweiſe— wenn auch darin ein völlig ungegründeter Verdacht lag— zeugte von ſo viel Ehre und Charakter, daß ich entzückt geweſen wäre, wenn ich mich mündlich hätte vertheidigen können... Doch, höre ich recht? Iſt dieſe gute Verwandte nicht mehr?“ „Ach nein, Herr Baron, ſie iſt von uns gegangen, die vortreffliche Freundin; hat uns jedoch, wie ich eben ſagte, nicht ganz unſerm Schickſale überlaſſen.“ „Um ſo beſſer!“ „Und mein Neffe Patrik, der Leinenkramhändler, —,— — — 239 ein reicher und angeſehener Mann hier in Stockholm, iſt uns jetzt in Allem nützlich, alſo unſere rechte Hand.“ „Das iſt natürlich— und da er die Pfiichten, welche er als Verwandter hat, ſo vollkommen erfüllt, ſo will ich auch nicht vermeſſen genug ſein, mit ihm wetteifern zu wollen. Ich wußte das aber nicht...“ „Das iſt leicht zu verſtehen!“ „Ich habe im Gegentheil gehört“— während der Baron redete, war ſein Blick oft und mit einem for⸗ ſchenden Ausdruck auf Blenda geheftet—„die Herr⸗ ſchaften hätten ihren Schutz verloren, ſie wären aus ihrer vorigen Wohnung ausgezogen, und die gnädige Frau hätten in einem hartnäckigen Fieber krank gele⸗ gen; und bei dem Allem war mein einziger Gedanke, ich könnte mit Berufung auf unſere fruͤhere freund⸗ liche Bekanntſchaft es wagen, mich zu erkundigen, was ich vielleicht ausrichten könnte.“ Dieſe Erklärung wurde ſo einfach und aufrichtig abgegeben, daß die weichherzige Frau Emerentia wie gewöhnlich ſehr gerührt und eingenommen wurde. „Der Himmel ſei gelobt,“ dachte ſie,„die Men⸗ ſchen ſind immer beſſer, als man von ihnen denkt! Meine Schweſter— Gott erfreue ſie!— war in ih⸗ ren Urtheilen allzu ſtrenge.“ „Wenn man ſelbſt einen großen Verluſt erlitten hat,“ fuhr der junge Baron fort,„ſo hat man ein doppeltes Mitgefühl, wenn Andere Verluſte erleiden. Seitdem wir uns nicht geſehen haben, meine beſte Frau von Kühlen, habe ich meinen Vater verloren und ſtehe jetzt ganz allein in der Welt!“ „Wie?“ ſiel Blenda ein, welche, gewonnen von dem Feingefühle des Grafen, ſie nicht direct anzure⸗ enhties ihre Theilnahme nicht zurückzuhalten ver⸗ mochte. „Dank für dieſen Ausdruck der Theilnahme, mein Fräulein! Gleich nach meiner Ankunft in der Heimath ſtarb mein Vater, und der Beſitz eines bedeutenden 240 Fidei⸗Commiſſes erſetzt mir nicht meinen Verluſt, denn er war ein exemplariſcher Vater. Jetzt ſind indeſſen ſeit der Zeit vier Monate verfloſſen, und ich bin nach Stockholm zurückgekommen, um mich zu zerſtreuen.“ „Doch Ihre Mutter, Herr Baron?“ „Ach, beſtes Fräulein, wäre ich wohl einſam, wenn ich eine Mutter hätte? Ich habe mich ihrer Lieb⸗ koſungen nie erfreuen dürfen, denn ſie ſtarb früh.“ In dieſem Augenblick klingelte es von Neuem. ** X Ein Zittern durchflog die Mutter und die Tochter. Ihre Gemüthsbewegung war groß genug, um ihrem Gaſte nicht zu entgehen; er bekam immer mehr Stoff zur Verwunderung. Dießmal ließ jedoch die Aufwärterin nur ein klei⸗ nes Dienſtmädchen ein. Es war die kleine Dienerin der Frau Gyllenhake, welche ſich nach der Urſache erkundigen wollte, warum Blenda ausgeblieben war. „Die Urſache, mein Kind,“ beeilte ſich Frau Eme⸗ rentia, durch ihre Antwort Blenda zuvorzukommen, „iſt die, daß meine Tochter vorgeſtern und geſtern krank geweſen iſt, und ſich noch heute ſo matt fühlt, daß ich es nicht wage, ſie ausgehen zu laſſen. „Mein Gott, iſt das Fräulein unpäßlich?“ rief der Baron aus, indem er ſich augenblicklich erhob. „Verzeihen Sie— ich bin verzweifelt, daß ich Sie durch meinen Beſuch genirt habe!“ Er griff nach ſeinem Hut, blieb aber dennoch ſtehen; denn er merkte, daß Niemand ſeine Artigkeit gehört hatte. „Mutter, laß mich gehen— ich bin nicht länger krank!“ flüſterte Blenda mit brennender Unruhe, da die Mutter ſich zu ihr herabbückte. „Unmöglich, Kind, ganz unmöglich!“ erwiederte die klein die hake verb gen auf 6 Blen ſtotte 0 erwül faſt a Neber er ein hatte fühl, in der dinges Kinde es nie eigent! 241 die gute Frau, welche auch meinte, ſie flüſterte.„Eine kleine Unruhe ſchadet ihm nicht— Dir aber würde die Abendluft ſchaden.“ Und mit einer Entſchuldigung an Frau Gyllen⸗ hake wurde die kleine Dienerin abgefertigt. Kaum im Stande, die Thränen zurückzuhalten, verbarg Blenda ihren Kopf in der Hand. Noch ſtand der Baron da. Er hatte Alles gehört.— Seine Aktien, die vor einem Augenblicke im Stei⸗ gen geweſen waren, ſanken jetzt ſchnell, und leider nicht auf eine völlig unerklärliche Weiſe— im Gegentheil. Frau Emerentia kam mit einer Erklärung über Wlendu Vorleſeamt bei Frau Gyllenhake hervorge⸗ ottert.. Blenda ſah ihn nicht einmal. Doch gerade dieſe Kälte machte es tauſend Mal erwünſchter, von ihr geſehen zu werden. Es konnte faſt als unbezweifelt gelten, daß es einen begünſtigten Nebenbuhler gab, und das kleine Abenteuer, welches er einzig und allein zu ſeiner Zerſtreuung angefangen hatte— denn bis jetzt hatte er noch kein anderes Ge⸗ fühl, als ſich das reizende Vergnügen zu verſchaffen, in der Geſellſchaft dieſes kleinen anmuthigen Zwiſchen⸗ dinges zwiſchen einer ausgebildeten Kokette und eines Kindes zu ſein, ja eines ſo unſchuldigen Kindes, daß es nicht einmal zu begreifen ſchien, was Koketterie „leigentlich war— dieſes Abenteuer erhielt plötzlich eine andere Farbe, als einige Funken von Eiferſucht ſich mit hinein miſchten. Auf dem Dampfſchiffe war der Baron auf keinen Menſchen eiferſüchtig geweſen; er hatte ſo zu ſagen in Kompagnie der andern jungen Herren die Cour gemacht. Aber nach der Trennung verſchwand zu ſeinem Er⸗ ſtaunen Blenda's entzückendes Bild nicht aus ſeiner Seele: bei der Vergleichung mit vielen andern, behielt Die Romanheldin. 16 242 es fortwährend den erſten Raum, und die Reiſe mit dem Dampfſchiffe kam hundert Mal in ſeine Gedanken zurück und hatte ſtets den Verdruß, von Frau Thor⸗ man abgewieſen zu ſein, im Schlepptau— ein Ver⸗ druß, der ganz gewiß fernere Früchte getragen haben würde, wenn er nicht gezwungen geweſen waͤre, plötz⸗ lich abzureiſen. Bei dem Wiederſehen— und dieſes Wiederſehen ſchwebte ihm auf der ganzen Rückreiſe nach Stockholm vor— war Blenda um ein halbes Jahr älter geworden. Mit ihren Formen, ihrem Antlitz, ihrem ganzen Weſen war eine, wie es ihm ſchien, unbeſchreibliche Verſchöne⸗ rung vorgegangen, welche ihre jetzige Gleichgültigkeit noch pikanter machte. Endlich kam noch die Eiferſucht oder wenigſtens der Neid mit hinzu— und ſo hatte man alle Ingredienzien zu einer förmlichen kleinen Leiden⸗ ſchaft von der Art, welche die Umſtände entwickeln oder erſticken, je nachdem ſi dieſelbe begunſtigen oder ihr antgegen arbeiten......... „Ich bin Ihnen jetzt vielleicht; nur zur Beſchwerde,“ äußerte der junge Baron mit einem verſtohlenen Blick auf den Sopha, doch hoffe ich, Ihre Gnaden erlauben mir, an einem andern Tage meinen Beſuch zu erneuern— es würde mir außerordentlich wehe thun, wenn Sie mir das abſchlügen!“ Ich will keinesweges irgend einem Menſchen, wer es auch ſein mag, wehe thun, Herr Baron— doch, um die Wahrheit zu ſagen, ſo.. „Was meinen Sie, meine Gnädige?“ „Sie werden es gewiß einſehen, Herr Baron, daß es ſich nicht ſchickt, wenn zwei einzelne Frauenzimmer von einem jungen Herrn Beſuche annehmen. Meine Tochter beſitzt weiter nichts, als ihre Ehre— wir müſſen ſtrenge ſein!“ Aber, gnädigſte Frau von Kühlen, wäre es wohl möglich, daß ein Pedant auf dieſer Erde einen Grund — 88 1 — ᷣ Rh 8 5 — — 8 8 243 zum Tadel finden könnte, weil eine Dame von Ihrem Alter von einem Bekannten Beſuche annimmt? Das iſt ja Etwas, welches gar nicht gegen den allgemeinen Gebrauch ſtreitet!“ „Lebte meine ſelige Schweſter noch, ſo würde ſte Ihnen beſſer antworten, als ich vermag. Ich kann nur ſagen: Kommen Sie nicht hieher, Herr Baron, denn das kleine Vergnügen, welches ſie möglicherweiſe davon haben können, mit zwei armen Frauenzimmern zu plau⸗ dern, könnte uns vielleicht theuer zu ſtehen kommen, und i⸗ ſind gewiß allzu ehrenhaft, als daß Sie das wollen.“ Der Baron fühlte, daß ſein Antlitz ſich mit Röthe überzog. Er war gerührt und nahm eilfertig Abſchied mit dem ſchönen, augenblicklichen Vorſatze, niemals wiederzukommen. Aber Blenda's letzter Blick, ihr holdes Lächeln, als ſie ſah, daß er der Bitte ihrer Mutter gehorchte, brannte ſich feſt in ſein Herz ein, und indem er zu ſich ſelbſt ſagte:„Arme Weſen! ich müßte ein elender Menſch ſein, wenn ich eine ſolche Bitte nicht hörte... ich laſſe euch für immer in Frieden!“— indem er ſo ſagte, dachte er dennoch an nichts Anderes, als Gele⸗ genheit zu finden, das bezaubernde junge Mädchen wiederzuſehen. 2* Zwei Stunden nach der Entfernung des Barons kam der Doctor ungerufen in die Wohnung der Frauen⸗ zimmer. Durch einen Freund, ſagte er, wäre er benachrich⸗ tigt worden, daß ſeine Anweſenheit von Nöthen wäre; und nachdem er etwas Unbedeutendes ordinirt hatte, erklärte er; Alles, was zur Wiederherſtellung der Ge⸗ ſundheit erforderlich wäre, beſtände darin, daß das Fräulein ein paar Tage zu Hauſe bliebe 1* — „Ja, das iſt Alles recht gut,“ ſagte Blenda, als er gegangen war,„nur aber geht Weihnachten dahin, ohne daß ich. Kann man wohl nicht ſterben vor Verzweiflung!“ „Liebes Kind, Du biſt allzu heftig! Meine ſelige Großmutter, welche die Welt geſehen hatte, pflegte immer zu ſagen...“ „Mutter!“ rief das junge Mädchen mit dem unge⸗ zähmten Verdruß eines verzärtelten Kindes aus;„ſterbe ich nicht vor Verzweiflung, ſo ſterbe ich beſtimmt vor Langerweile, wenn ich gezwungen ſein ſoll, Alles zu hören, was die ſelige Großmutter geſagt hat!“ „O der Tauſend, Kleine! Ich bin überzeugt, wenn die ſelige Großmutter noch lebte und Dich ſo ſähe, ſo wäre ſie gewiß auf das Höchſte erſtaunt!“ 27. — „Nun, mein Kind! find wir jetzt klar?“ rief Pa⸗ trik, indem er ſeiner Frau aus dem einen Zimmer in das andere nachlief, um ſie anzutreiben. „Lieber Patrik, Du begreifſt doch auch gar Nichts!“ „Das haſt Du mir tauſendmal eben ſo gewiß geſagt, wie einmal, meine Liebe!“ „Und muß es wohl noch tauſendmal ſagen!.. Ich habe eine ganze Maſſe von Dingen im letzten Augen⸗ blicke zu beſorgen, wie zum Beiſpiel dieſe Sendung an Deine Tante— glaubſt Du, das Alles rangirt ſich von ſelbſt? Ich verſichere, ich habe alle meine Vorräthe ruinirt, bloß um Dir Deinen Willen zu thun.“ „Wie gut biſt Du doch, meine kleine Henriette, wenn man es nur verſteht, Dich recht aufzufaſſen!“ ſagte Patrik und warf einen überaus glückſeligen Blick auf ſeine Ehehälfte.— —— 245 als„Ich glaube meiner Treu, er will ſeiner eigenen dahin Frau Artigkeiten ſagen!“ n vor„Nein, nur die Wahrheit! Ich hatte Einwendun⸗ gen erwartet in Betreff der Tante; doch heute und auch ſelige geſtern biſt Du ein wahrer Engel geweſen!“ pflegte Henriette lächelte anmuthig. „Nun, es iſt ja nicht mehr, als meine Pflicht, unge⸗ Deinen Wünſchen nachzukommen.“ ſterbe„Das iſt wohl wahr, doch darnach fragteſt Du ut vor ſonſt nicht viel. Nein, da lobe ich's mir, wie es jetzt es zu iſt! Auch ſagte ich noch geſtern zu Johann, ich bin... rathe Hiag aenn 1 gen: „Habe ich wohl Zeit, zu rathen?“ e. ie„Das iſt ſehr wahr!“ „Aber ich köͤnnte dennoch wiſſen wollen...“ „Was ich zu Johann ſagte? Siehſt Du— ihr ſeid immer neugierig!. Nun, ich ſagte nur zu Johann, daß ich der glücklichſte Mann in ganz Stockholm bin, und daß kein Einziger ein ſo gutes Weibchen hat.“ „Das iſt gut, mein Lieber, ſehr gut... Doch, was mmaacht denn Johann, daß er nicht kommt?... Er wird f Pa⸗ uns doch wohl nicht am Ende allein reiſen laſſen?“ ner in„Nein, zum Henker, das thut er gewiß nicht! Er hat ſeine Sachen hergeſchickt, Alles iſt eingepackt, und ichts!“ wir Holenſahn beim Vorbeifahren ab.“ „Gut!“ gewiß„Alſo ſiehſt Du wohl ein, daß wir nur auf Dich .. Ich warten, und wenn Du bedenkſt, daß es morgen— am lugen⸗ Weihnachtsabende— recht unangenehm iſt, zu ſpät an⸗ zukommen, ſo weiß ich gewiß, daß Du Dich ein wenig o von beeilſt!“ * rräthe„Ich bin ja fertig, habe Alles abgemacht— ich glaubte, wir warteten auf Jhanne iette,„Und dort kommt er!“ ſtel Patrik ein;„jetzt haſt iſſen Du ihn nicht mehr zum Vorwande.“ B ejet Blick.. 246 „Guten Morgen, meine Herrſchaften! Wie gehen Eure Uhren? Oder war es vielleicht nicht die Abſicht, vor Mittag abzureiſen?“ So klang der Gruß. Henriette hatte kaum ihren Schwager erblickt, als ſie ihm entgegenrief: „Wetter! wie ungeduldig ſiehſt Du heute aus, mein lieber Johann! Wahrhaftig, in Deiner Miene liegen weit mehr Vorwürfe über meine kleine Saum⸗ ſeligkeit, als in allen Ausrufungen Patrik's: Henriette, biſt Du denn noch nicht fertig? oder: Henriette, Hen⸗ riette! kommſt Du denn in Deinem Leben nicht, Du Garſtige?“ „Wer an Reiſen gewöhnt iſt, meine kleine Schwä⸗ gerin, der iſt auch an Pünktlichkeit gewöhnt— und jetzt haben die Pferde über anderthalb Stunden vor dem Wagen geſtanden.“ „Und eben ſo lange biſt Du wohl zu Hauſe im Pelze umhergegangen und haſt gewartet?“ „O nein, ſo ganz unwiſſend bin ich nicht, was die Pünktlichkeit der Damen betrifft, daß ich mir einbildete, wir würden in der erſten Stunde nach dem beſtimmten Glockenſchlage von hier kommen; jetzt aber, da die zweite zu Ende zu gehen drohte, meinte ich, es wäre Zeit, mich hieher zu verfügen, um Dir eine kleine Lehre über die chriſtliche Barmherzigkeit zu geben.“ „Wenn Du erſt verheirathet biſt, Bruder,“ ſagte Patrik lachend,„ſo wirſt Du wohl lernen, daß Du Dich weder auf ihre Barmherzigkeit, noch auf ihre Ge⸗ danken an den Glockenſchlag verlaſſen darfſt— wahr⸗ haftig, hätte ich nicht drei Stunden vor der Zeit, da wir den Wagen erwarteten, damit angefangen, Hen⸗ rietten anzutreiben, ſo ſähen wir ſie jetzt noch nicht in ihrem Hute... Doch ſtieh, welch ein kleines Ding von einem netten Hut— den habe ich ja noch gar nicht geſehen. Denkſt Du den auf der Reiſe zu tragen, mein Engel?“ gehen bſicht, t, als aus, iene aum⸗ riette, Hen⸗ „ Du chwä⸗ und n vor ſe im as die ldete, imten a die wäre Lehre ſagte 3 Du e Ge⸗ vahr⸗ , da Hen⸗ cht in von nicht mein 247 „Gewiß denke ich das— in einer Kutſche kann man ſich kleiden, wie man will.“ „Das wäre die Katz!“ „Außerdem wollte ich nicht mehr, als eine Schach⸗ tel mitnehmen, da Du ſolche Bagage nicht leiden kannſt und mich gebeten haſt, ſparſam damit zu ſein.“ „Hörſt Du, Johann, ſchaffe Dir eine ſolche Frau, wenn Du ſie finden kannſt!. Sie iſt auch ein bischen hübſch in dem Hute... Wo haſt Du ihn gekauft, mein Zuckerherzchen?“ „Wo könnte ich wohl ſonſt meine Hüte kaufen, als bei Folker?“. Und vor dem Spiegel ſtehend, machte Henriette— vermuthlich um den Panache deſto beſſer biegen zu können— mit ihrem wohlgebildeten Körper ſo viele Bewegungen hin und her, daß man von einer Tänzerin kaum hätte mehr verlangen können. Und nach dem Hute kam die Reihe an den ſchwarzen, mit Pelz ge⸗ fütterten ſeidenen Mantel, der zu plaſtiſchen Stellun⸗ gen nicht geringeren Anlaß gab. Johann, der die Augen auf das Fenſter gerichtet gehabt hatte, wendete ſich jetzt um, nahm die Lorgnette und begann die Toilette ſeiner Schwägerin mit aller Aufmerkſamkeit zu beſchauen, denn er wußte, daß ihr das ſchmeichelte. „Herrlich!— man muß ſagen, daß Du es ver⸗ ſtehſt, Dich zu kleiden!“ Henriette erröthete vor Freude. Patrik aber antwortete: „Aber ſie verſteht ſich auch darauf, Geld anzuwen⸗ den! Nun, nun, man ſoll es auch wohl wiſſen, daß man verheirathet iſt— es koſtet immer Geld, eine hübſche Frau zu haben!“ Wäre Henriette jetzt mit ihrem Manne allein ge⸗ weſen, ſo würde ſie ihn ohne alle Umſtände daran erinnert haben, daß eine Frau, welche ſelbſt Geld in 248 das Haus gebracht, auch ein Recht hätte, daſſelbe an⸗ zuwenden; doch ſtatt deſſen ſagte ſie mit der anmuthig⸗ ſten Verneigung: „Meine Herren, ich bin fertig... und habe mich in zehn Minuten angekleidet!“ Nach noch anderen zehn Minuten ſaß die Geſell⸗ ſchaft im Wagen, und ſo ging die Reiſe an.... Aber man war noch nicht weiter, als bis nach Jerfva*) gekommen, als Patrik ſchon anfing, ſich zu Leahen. es wäre ſo„verteufelt langweilig,“ eingepackt zu ſitzen., bune dann,“ fuhr er fort, als er keine Antwort erhielt,„iſt gar kein Leben in Euch Beiden!“ und kla⸗ gend ließ er den ſchläfrigen Blick von dem Bruder auf die Gattin wandern, welche ihm gegenüber ſaßen. „Ich denke an ein Falliſſement, von welchem ich wahrſcheinlich in dieſen Tagen Nachricht erhalte, und welches mir einen harten Stoß verſetzen wird,“ ſagte Johann. „Und ich,“ ſagte Henriette,„bin durch meine vielen häuslichen Arbeiten vor der Abreiſe ſo ermüdet.“ „Auf dieſe Weiſe aber muß mir, der ich weder müde bin, noch an Etwas zu denken habe, auch nicht ſtill ſitzen und ſchweigen kann, die Zeit raſend lang werden— hol' mich Dieſer und Jener, wenn ich jemals ein Unglück auf mich einwirken laſſe, ehe es geſchehen iſt, denn es könnte leicht möglich ſein, daß ich mir ver⸗ gebens Unruhe gemacht hätte, und iſt es einmal ge⸗ ſchehen, da hilft alles Denken Nichts; da ſuche ich zu helfen, ſo gut ich kann.“ *) Ein Dorf, eine halbe Meile von Stockholm ent⸗ fernt, liegt an dem Punkte, wo ſich die nach Up⸗ ſala und Weſteras führenden Wege ſcheiden. Anm. d. Ueberſ. — 249 „Du biſt ſehr glücklich, daß Du ſo viele Reſſour⸗ cen in Deinem Charakter haſt!“ So antwortete Johann mit zerſtreuter Miene und ſchloß darauf ſeine Augen, um an das„Falliſſement“ zu denken— oder auch an etwas Anderes. „Und auch keine Cigarre darf ich wagen, in den Mund zu ſtecken!“ Patrik ließ mit ſichtbarer Ungeduld das Cigarren⸗ futteral in der Hand voltigiren. „Warum denn nicht?— wenn Du mich erſticken willſt, ſo ſteht es Dir frei!“ antwortete Henriette mit der Stimme einer Primadonna, die zu Ende des dritten Actes in Ohnmacht zu fallen denkt. „Was zum Henker iſt denn jetzt wieder nicht recht? Jetzt können Dich doch die Schuhe nicht drücken, da Du Ueberſchuhe anhaſt. Gewiß aber iſt, daß Du Dir ſelbſt gar nicht ähnlich geweſen biſt von dem Augen⸗ blicke an, da wir uns in den Wagen ſetzten.“ „Nun meinethalben!“ „Ich will Ihnen ſagen, meine Herrſchaften, Sie ſind Beide ganz unausſtehlich, und um die Geſellſchaft meiner Cigarre und der friſchen Luft zu genießen, gehe ich gans einfach hin und ſetze mich auf den Kutſchen⸗ 9 1* Geſagt, gethan. Einige Augenblicke ſpäter ſaß Patrik neben dem Kutſcher,“ blies aus Herzensgrunde die begeiſternden Tabakswolken in den Wind und begann mit dem Kutſcher zu plaudern, ohne ſich von einem einzigen Gedanken über die Urſache der Veränderung Henrietten's ſtören zu laſſen. ** * In dem Innern des Wagens herrſchte inzwiſchen noch immer das Schweigen. Und dieſes Schweigen würde endlich gewiß eher 250 als Patrik's Cigarre Henrietten erſtickt haben, wenn ſie nicht ganz unerwartet in's Schluchzen gekommen wäre. „Was in des Himmels Namen gibt's?“ fragte Johann, indem er, aus ſeinen eigenen Gedanken er⸗ wachend, ſeine aufgeregte Nachbarin betrachtete.„Biſt Du krank? Haſt Du etwas vergeſſen? Oder...“ „Habe die Gute, Dir alle Reflexionen über eine ſo unbedeutende Perſon, wie ich bin, zu ſparen! Ich habe Deine Aufmerkſamkeit nicht verlangt.“ ie?“ „Was für Wie?“ „Sind wir jetzt wieder Feinde?“ „Feinde? Ich muß ſagen.. ich weiß eben nicht, ob wir jemals Freunde geweſen ſind!“ „Ja, das weiß ich wahrhaftig auch nicht ſo ge⸗ nau!.. Aber ich möchte wünſchen, wir wären es, denn es iſt ziemlich unangenehm, ohne alle Schuld der Ge⸗ genſtand Deiner übeln Laune zu ſein!“ „Ach ſo— ohne alle Schuld?“ „Ich weiß es nicht beſſer.“ „Nun ja, es gibt Leute, die man nach Belieben behandeln darf!“ „Was bedeutet das?“ „.Denen man nicht einmal die gewöhnliche Ach⸗ tung ſchuldig zu ſein glaubt, ja nicht einmal ſo viel Höflichkeit, als das unbedentendſte Frauenzimmer das Recht hat, zu verlangen.“ „Meine beſte Henriette, Du ſetzeſt mich in das größte Erſtaunen! Womit habe ich mich denn verſün⸗ digt— wenn ich zufällig Derjenige ſein ſollte, der Deine Thränen hervorgerufen hat?“ „Und darnach fragſt Du?“ entgegnete Henriette mit verächtlicher Stimme. „Ja wohl— und jetzt warte ich ganz geduldig auf die Antwort, falls es Dir beliebt, mir eine ſolche zu geben.“ imen ragte er⸗ Biſt eine Ich nicht, o ge⸗ denn Ge⸗ ieben Ach⸗ viel r das das rſün⸗ „ der ————— riette uldig ſolche „Aber ich denke, nicht zu antworten! Du kannſt mich beleidigen, ſo viel du willſt, aber kein Wort über meine Lippen bringen, wenn ich mir vorgenommen habe, zu ſchweigen!“ Sie nahm den eleganten Hut ab, warf denſelben ohne Erbarmen auf den Rückſitz, band ein kleines ſchwarzes Tuch um den Kopf und nahm dann eine be⸗ queme, halb liegende Stellung in der Wagenecke ein. Hatte Henriette mit dieſer kleinen Scene vielleicht die Berechnung gehabt, einen größeren Effect hervor⸗ zubringen, ſo mußte es ohne Zweifel ein unerhörter Schmerz ſein, als ſie ſah, wie Johann bald wieder mit der vorigen Unbeweglichkeit in ſich ſelbſt verſank. Es war noch keine Viertelſtunde verfloſſen, ſo ſchien er ſchon vergeſſen zu haben, daß Etwas vorgefallen war, ja er ſchien ſogar vergeſſen zu haben, daß ſich Jemand in ſeiner Nähe befand, denn er ſeufzte mehrmals auf eine Weiſe, welche die tieferen Bewegungen der Seele zu erkennen gibt. Dieſes hätte recht gut bis Barkarby*) ſo fortdauern können, wenn Henriette die paſſive Rolle geliebt hätte, die ſie hier ausführte. Doch, wie man weiß, Paſſivität gehörte nicht zu dem Charakter dieſer jungen Frau. Plötzlich erhob ſie ſich, klopfte an das Fenſter und rief aus allen Kräften:— „Patrik, Patrik!“ Doch das Geräuſch des Wagens und Patrik's Ge⸗ ſpräch mit dem Kutſcher machten, daß er Nichts hörte. „Willſt Du von Patrik etwas?“ fragte Johann, ſden er die Hand ausſtreckte, um das Fenſter zu öffnen. *) Die erſte Station von Stockholm auf dem Wege nach Weſteras, anderthalb Meilen von Stockholm. Anm. d. Ueberſ. 2⁵² „Ich wollte ihn nur fragen, ob er Dir jetzt nicht die Cigarre und den Kutſchenbock abzutreten denkt— Beides muß ganz beſonders lebenertheilend ſein!“ „Hatteſt Du ihm nichts Anderes zu ſagen?“ „War das noch nicht genug?“ „Das war ſogar allzu viel, denn mit Deiner Er⸗ laubniß bleibe ich weit lieber, wo ich bin.“ „O ja, man ſeufzt und grübelt bequemer in einem verſchloſſenen Wagen!“ „Du haſt Recht!“ „Man wird dort von gar Nichts geſtört, nicht ein⸗ mal von dem Gedanken an ſeine Geſellſchaft— denn Niemand wird ſich wohl vor der Gattin ſeines Halb⸗ bruders geniren.“ „Aha, es iſt wieder Etwas entzwei!“ „Man kann ſogar, wenn man will, ſich des Vor⸗ theils bedienen, zu vergeſſen, daß ſie ſich ſo närriſch gezeigt hat, über eine Beleidigung zu weinen, die ge⸗ wiß nicht böſe gemeint war, weil man auf ſie gar nicht Achtung gab.“— „Iſt es denn wirklich möglich, meine gute Hen⸗ riette, daß Du darum geweint haſt?“ Sie antwortete nicht. „Und meine Sünde beſtand darin, daß ich ohne Abſicht es verſäumte, Dich zu erheitern?“ „Ich habe keine ſo ungereimte Forderung, daß Du mich erheitern ſollſt, aber...“ „Was für Aber?“ „Von dem Augenblicke an, da wir unſer Haus verließen, haſt Du aus eigenem Antriebe...“ „Weiter!“ „... kein einziges Wort mit mir geredet, und Du konnteſt im Augenblicke vergeſſen, daß ich niedergeſchla⸗ gen, betrübt war.“ „Aber, meine allerbeſte Schwägerin, Du hörſt ja, daß es eine abſichtsloſe Verſäumniß war!“ „Um ſo ſchlimmer!“ „Ich war ſo ganz in meine Gedanken vertieft, daß ich Deine angenehme Gegenwart vergaß.“ Das war ſchlimmer, als alles Andere: er wollte nicht einmal einſehen, daß eine freiwillige Ver⸗ ſäumniß Verzeihung erhalten haben könnte. Es gibt Umſtände, da es einem Manne zur Ehre angerechnet wird, wenn er gegen eine Dame unartig iſt, wie zum Beiſpiel, wenn er keine andere Wahl hat, das Geheimniß ſeines Herzens zu bewahren. Dieſe Entſchuldigung ſchien jedoch bei Johann keine Anwen⸗ dung zu finden. Daß Henriette dieſes einſah, zeigte auch ihre Antwort: „O, das brauchſt Du gar nicht ſo genau anzuge⸗ ben— man ſah es wohl, und ich könnte mein Leben darauf verwetten, daß die Urſache, welche Dich abhielt, an mich zu denken, ſehr angenehm war.“ „Du machſt mich im höchſten Grade neugierig— n ahn verbindeſt mich, wenn ich dieſe Urſache wiſſen darf!“ „Unter einer Bedingung!“ „Laß hören!“ „Daß Du mir die Wahrheit ſagſt!“ „Das verſpreche ich!“ „Dachteſt Du nicht an ein anderes Frauenzimmer?“ „O, meinſt Du das?“ Der junge Mann ſagte dieſe Worte in keinem ganz ungenirten Tone, und die Röthe, welche dabei ſein Antlitz übergoß, machte, daß Henriette zuſammenfuhr. Sie hatte ſelbſt an dieſe Vermuthung gar nicht geglaubt, ſie hatte dieſelbe nur ausgeſprochen, um widerlegt zu werden, jetzt aber hielt ſie dieſelbe für ganz beſtätigt, und der ſchreckliche und wilde Schmerz, welchen dieſe Gewißheit ihr verurſachte, machte ſie ſo bleich, daß Johann ſich erſchrocken herabbeugte und ihr Haupt erhob, welches auf die Bruſt herabgeſunken war. „Henriette!“ 254 „O ſtill... es iſt nichts! Es bedarf keiner Ant⸗ wort. Du warſt vorgeſtern ſo vergnügt, Du zeigteſt Dich glücklich— o mein Gott daß ich mich ſo täuſchen konnte: heute ſeufzeſt Du!“. „Ich glaube wirklich, Du redeſt irre! Ich muß das Fenſter öffnen— Du bedarfſt der friſchen Luft.“ „Schmähe, vernichte mich mit dieſem eiskalten Hohne, doch verſuche nicht zu läugnen, daß Du ge⸗ ſeufzt haſt, geſeufzt um eines Frauenzimmers willen?“ „Wenn Du Dich ſo ausdrückſt, halte ich es nicht für nothwendig, mit Ja oder Nein zu antworten. Ueber⸗ dieß weiß ich nicht, ob ich geſeufzt habe; wenn es aber wirklich ſein ſollte, ſo iſt es ja ein natürliches Recht, das einem Jeden zukommt!“ „Weißt Du aber wohl, daß Derjenige, welcher weder Ja noch Nein ſagen will, eingeſteht?“ Johann ſchwieg. „O, immer beſſer! Du antworteſt mit Stillſchwei⸗ gen, und dieß bedeutet: Du geſtehſt es offen, daß Dein Herz nicht mehr Dein iſt!“ „Henriette, Henriette!“ „Nun, wozu lohnt ſich's der Mühe, das zu ver⸗ ſchweigen— iſt das etwas, das mich angeht? Könnteſt Du wirklich vermeſſen und eitel genug ſein, Dir der⸗ gleichen einzubilden?“ „Nein, meine beſte Schwägerin... behüte mich Gott in Gnaden vor einer ſolchen Sünde! da erſt würde ich Dich auf eine Weiſe beleidigen, gegen welche mein voriges Vergehen, daß ich Dir nicht Geſellſchaft leiſtete, eine wirkliche Kleinigkeit wäre.“ „O, wie bitter Du ſein kannſt!“ „Nein, nein, das iſt nicht meine Abſicht... Und da Du die Wahrheit nun einmal wiſſen willſt.“ „Nun?“ 8 „.. So will ich Dir ſagen, daß ich wirklich an ein Frauenzimmer dachte..“ Ha!“ 77 * an „An ein Frauenzimmer, das ich auf meiner Reiſe kennen lernte.“ „Auf Deiner Reiſe?“ entgegnete Henriette, indem ſie tiefer und vermuthlich erleichtert Athem holte. „Vergib— ich glaubte— ich ſtellte mir vor, Du wäreſt leichtſinnig genug geweſen, kurz nach dem Tode unſerer guten Mutter Dich hier in Stockholm zu ver⸗ lieben.“ „Wenn dieſer Eindruck, den Du für ſo entſchieden zu halten ſcheinſt, wirklich auf mich gemacht wurde, ſo iſt das wenigſtens lange vor dem Tode der Mutter ge⸗ ſchehen... Doch ein armer Reiſender hat nicht viele Zeit übrig, auf ſeine Eindrücke zu achten.“ „Alſo iſt dieſer Eindruck vielleicht ſchon auf dem Wege zu erbleichen?“ „Jetzt wirſt Du beinahe zu ſtreng in Deinen Fra⸗ gen, und ich bin genöthigt, mich von der Pflicht, in meinen Antworten weiter zu gehen, loszuſprechen— dieſes gleichwohl mit aller erſinnlichen Achtung gegen Deine freundſchaftliche Theilnahme.“ „O, ſei Du ruhig, ich denke nicht länger zu be⸗ läſtigen................ In dieſem Augenblicke hielt der Wagen, und Patrik, der die Thür öffnete, zeigte an, daß man endlich bei Barkarby wäre. „Ich bin ſo hungrig,“ ſagte er, daß ich die Abſicht habe, einen halben Schinken und ein ganzes Stiege Eier aufzueſſen— ich hoffe, es wird ihnen hier am Tage vor dem Weihnachtsabende an Eſſen nicht fehlen... Willſt Du warme Milch und Zwieback, mein Püppchen?“ „O, laß mich in Ruhe— ich will weder Deine Milch noch Deinen Zwieback!“ „Wie ſteht's aber in des Himmels Namen? Aerger, als da ich von Euch ging!... Johann, was haſt Du Henrietten gethan?“ 25⁵6 „Ich habe mich verfündigt und geſtehe, daß ich aus guten Gründen in Ungnade gefallen bin.“ „Wie ſo?“ 1 „Ich habe meine kleine Schwägerin nicht unter⸗ halten können, wie meine Pflicht es geheiſcht hätte.“ „Das haſt Du Deinen dummen Grübeleien Freude unſerer Reiſe zerſtören ſoll!“ „Laß uns nur hineinkommen!“ „Ja, ja, mein Herzchen; und hernach will ich bei Dir bleiben und Dich unterhalten— ich hörte von dem Skjutsbauer einige verteufelt luſtige Geſchichten, die ih, der erzählen will.“ „ u!“ 28. In dem großen ſchönen Zimmer der Frau Eme⸗ rentia ſah man es den Feſtlichkeiten an, daß der Weih⸗ nachtsabend begonnen hatte. Es war um halb ſteben Uhr des Abends. Wegen der großen Geſchenke, die Patrik geſendet, hatte man ſich in großer Skala rangiren können. Die Aufwärterin war für den ganzen Tag ge⸗ 3 g dungen, ſo daß die werthe Frau ſelbſt es nicht nöthig hatte, den Reisbrei umzurühren. Vier große, prächtige Lichter in ſonnenblanken Leuchtern ſtanden auf dem Tiſche—„wenn man ſte zum Geſchenk erhält, ſo kann man ſte wohl anzünden!“ ſagte Pau Emerentia; und nach eben dieſem Princip deckte ſie einen Theetiſch, der eben ſo gut für fünf Perſonen hätte taugen können, wie für zwei. Wenn) aber Frau Emerentia ſich über die Lichter, den Theetiſch, den Haufen von Backwerk und den zu danken— hole der Henker das Falliſſement, das die NReis den man Ahnn Ande aß ich unter⸗ te 44 n zu s die h bei von hten, 257 Reisbrei, welcher letztere in reiner Milch gekocht wer⸗ den ſollte, und über alles Uebrige freute, von welchem man dort unten in der Provinz nicht die geringſte Ahnung gehabt hatte, ſo freute ſich Blenda über etwas Anderes, ganz Verſchiedenes. Um jedoch dieſe Freude zu verſtehen, müſſen wir einen Blick rückwärts werfen auf den Augenblick, da ſie in Verzweiflung über die Vorſchrift des Doctors, einige Tage im Zimmer zu bleiben, ſo ungeduldig war, daß ſie ſich nicht einmal durch die ſchönen und weiſen Denkſprüche der ſeligen Großmutter tröſten laſſen wollte. Die allzu ſchwache Frau Emerentia hate ſich da⸗ durch zwar ein wenig beteidigt gefühlt, war aber dennoch nicht länger, als einige Stunden, im Stande geweſen, die ſchlechte Laune ihrer Tochter zu ſehen, ohne die allen Mütiern ſo gewöhnliche Frage zu thun: „Gibt es denn nichts, gar nichts, mein liebes kleines Kind, das Dich erfreuen kann?“ Das junge Mädchen ſah mit einem Blicke empor, in welchem die vollkommenſte Troſtloſigkeit lag. „Bedenke Dich, mein Zuckerkind,— was es auch ſein mag, Du ſollſt es haben, wenn es irgend mög⸗ lich iſt!“ Lange ließ Blenda ſich bitten, ja flehen; ſie wußte gar nichts, das nur im Allergeringſten dem hohen Vergnügen entſprach, welches ihr durch die Unpäßlich⸗ keit verloren ging, und welches— das eben war das Allerſchlimmſte— ihr vielleicht nie wieder angrboten werden würde. Trotz dem Allem ſagte ſie endlich: ⸗ „Ach, ich weiß doch eine Sache; aber auch nur eine einzige, die mich ſehr glücklich machen würde!“ „Nun, Gott ſei dafür gelobt! was kann denn das ſein, mein Engel?— Laß hören!“ „Es iſt aber ſo narrenhaft!“ „Narrenhaft?“ „ Ja, das geſtehe ich im Voraus.“ Die Romanheldin. 17 8 258 „Gleichviel, wenn es Dir nur Vergnügen macht!“ „Ja, das höͤchſte, ſeligſte Vergnügen!“ „So ſprich doch ſchnell, du Kleine— um ſo früher kommſt Du in den Beſitz Deines Vergnügens!“ „Aber es koſtet ſo viel!“ „Wir haben noch zehn Reichsthaler Banco, da wir zum Feſte nichts einzukaufen brauchten, und reichen dieſe nicht, ſo ſollen prompt meine Ohrenringe auf die Aſſiſtance wandern!“ „Deſſen bedarf es nicht, liebe Mutter, unſer Geld reicht vollkommen hin... Aber handle ich nicht un⸗ recht, wenn ich es nehme?“ „Biſt Du bei Sinnen? das iſt ja das Einzige, was Du behältſt von den ganzen fünfzig Reichsthalern, die Du ſelbſt verdient haſt; und Du kannſt es um ſo ſicherer anwenden, als wir durch Patrik's und Hen⸗ riettens Güte— die wir gewiß einſt reichlich zu ver⸗ gelten wiſſen werden— wenigſtens auf drei Wochen verſehen ſind.“ „Nun gut, liebe Mutter, wir ſchicken alſo gleich aus und laſſen Battiſt und Spitzen kaufen— wir reden mit der Schnürleib⸗Mamſell hier im Hauſe, ſie iſt gewiß ſo gut, den Handel zu beſorgen.“ „Battiſt, Kind, und Spitzen?— was für eine Art von merkwuürdigem Glück kann das wohl werden?“ „Ja, ja!“ antwortete Blenda und erröthete gleich einer Roſe. „Aver ſo ſprich doch— ich verſtehe ja gar nichts! — hernach will ich gleich mit der Mamſell reden.“ „In den modernen Romanen, die ich in der letzten Zeit geleſen habe, iſt ſo oft die Rede von von...“ „Nun, wovon iſt denn die Rede?“ „Von einem Kieidungsſtücke, in welches die vor⸗ nehmen Damen(Gräfinnen und Marquiſinnen) ſich einhullen. Es heißt Peignoir und iſt ungefähr gleich⸗ bedeutend mit einem Pudermantel oder einer Blouſe. Die Peignoirs ſind ſehr weit, ſehr weich und reich be⸗ — acht!“ früher a wir teichen uf die Geld ht un⸗ nzige, alern, um ſo Hen⸗ t ver⸗ vochen gleich reden ie iſt chts! ſetzt... lauter Luft und Grazie. Ich habe wochen⸗ lang Tag und Nacht davon geträumt— und ich glaube wohl, daß ein ſolcher Anzug mir ſehr gut ſtehen würde. Wie einnehmend muß er nicht ſein mit ſeinen offenen, flatternden Aermeln! Ach, ich bin überzeugt, daß ich jede Betrübniß, jede Krankheit überwinden würde, wenn ich mir einen ſolchen machen und ihn morgen Abend anziehen könnte— ach, ſo luſtig, ſo luſtig! da würde ich mir denken, ich wäre ſchon eine junge.. . Gräfin?“ fiel Frau Emerentia ſchelmiſch und mit nicht geringerem Entzücken, als Blenda's eigenes war, ein. „Mutter, gute Mutter!“ „Nun, ich gehe ja, Kind, gehe im Augenblice unt 5 mit der Mamſell hier im Hauſe!“.. Der Battiſt und die Spitzen nebſt einigen hell⸗ rothen Bändern wurden gekauft; und mit Hülfe der freundlichen Schnürleib-Mamſell, der man den übrig⸗ gebliebenen Battiſt zu einem Schnupftuche verſprach, kam der unvergleichlich intereſſante Peignoir wirklich zu Stande. Und eben jetzt— während Frau Emerentia den Theetiſch deckte— war der große Augenblick gekommen, da Blenda in ihrem luftigen und eleganten„Gräfinnen⸗ Marquiſinnen⸗Coſtüme“ vor dem Spiegel ſtand und mit der größten Aufmerkſamkeit die künftige Gräfin muſterte. Wenn man dem Lächeln glauben durfté, das von Zeit zu Zeit über ihre Lippen flog und ihr Antlitz verſchönerte, ſo ſiel die Muſterung zu keiner allzu kleinen Zufriedenheit aus. „Ach, wie ſüß Du biſt!... accurat ſo lebendig wie eine Morgenröthe... und wie weich Dein Körper ſich in dieſer Robe ausnimmt!“ ließ ſich Frau Eme⸗ rentia vernehmen, indem ſie— unaufhörlich wieder hinlegend, was ſie in den Händen hatte— rund um ihre Tochter umhertrippelte.„Ich ſage. 8 Du Kleine, 260 die hellrothen Schleifen nehmen ſich ganz göttlich aus! Und dann ſage ich: Jeder, der Dich ſieht, muß darauf ſchwören können— wenn er nämlich nur im Geringſten Phyſiognom iſt— daß Du zu einer Furſtin ge⸗ boren iſt, wenn Du Dich auch damit begnügen kannſt, Gräfin zu werden... Und welche Pantoffeln mit der Perlenſtickerei!— Du thateſt ſehr Recht, ſie ſelbſt zu behalten, da die Leute ſich nicht ſchämten, der Frau, die ſie verkaufen ſollte, ſo wenig zu bieten.“ „Wrißt Du, Mutter, was mir doch am allerbeſten ſteht?“ fiel die kleine Gefalllüchtige ein, indem ſie uber ihrem weißen Unterrocke den langen, offenen Peignoir ordnete. „Nein, Du Kleine!... Aber ich weiß, wenn ich mich nicht fürchtete, daß der Reisbrei allzu bald nach dem Thee kommen könnte, und ich nicht im Stande wäre, ſo viel zu eſſen, als ich mir vorgenommen habe, ſo könnte ich hier ſtehen bis morgen um dieſe Zeit und meine kleine Gräfin angaffen... Doch was meinſt Du, was ſteht Dir am beſten?“. „Dieſe Spitzenhaube!“ „Du ſagſt etwas— ſie iſt wirklich ſchön... welch ein Geſchmack, welch ein Geſchmack!“ „Ich nahm auch das Muſter in einem der vor⸗ nehmſten Putzläden und nach einer, die zu der Frau des ruſſiſchen Miniſters getragen wurde.“ „Ja, ich danke! eine Haube wie die ruſſiſche Miniſtersfrau!“ Frau Emerentia knirte und faltete die Hände mit einer Art von Andacht. „Es iſt eine ſolche,“ fuhr Blenda fort,„wie die vornehmen Damen ſie Vormittags haben und in denen ſie auch ruhen. Und meine Haare, die ich ſo ſchlicht gekämmt habe, nehmen ſich nicht ſo dumm aus unter den hellrothen Bändern, die ſich unter den Spitzen hinſchlängeln... Jetzt aber will ich Deine Geduld nicht länger auf die Probe ſetzen, und um die Wahr⸗ heit zu ſagen, ſo glaube ich faſt“— hier hielt ſie —x—;— einen gegut Ach, ein blick man Und die zula ſchw ihr niede zücke zerkn mein fen; ſchlit weni und Blei ſie k Stre geln eina mir haus! darauf ngſten n ge⸗ kannſt, lit der bſt zu Frau, beſten uber ignoir in ich nach btande habe, t und neinſt welch vor⸗ Frau ſiſche te die e die denen hlicht unter ditzen eduld gahr⸗ —— einen Augenblick inne—„daß ich mich allzu ſtark an⸗ gegriffen habe, um meinen Staat fertig zu bekommen... Ach, mein Kopf, mein Kopf!“ „Wie iſt es denn?“ „O. ol. Es geht rund um mit mir— es iſt ein ſo ſonderbares Gefuhl... ich fühle mich ſo matt!“ „Siehſt Du, Närrin!“ klagte die arme, augen⸗ blicklich geängſtigte Mutter,„das hat man davon, wenn man krank iſt und doch die ganze Nacht aufſitzt!... Und ich wahnſinnige, eitle Mutter“— ſo richtig hatte die gute Seele ſich noch nie beurtheilt—„daß ich es zulaſſen konnte!“ Blenda antwortete nicht. Aber die Antwort lag in ihrer Bewegung. Sie ſchwankte, unterſtützt von dem freundlichen Arme, der ihr gereicht wurde, zu dem Sopha hin und ſank dort nieder, ohne nur einen einzigen Gedanken auf den ent⸗ zückenden Peignoir zu werfen, welcher dabei mächtig zerknittert wurde. „Laß mich den unglückſeligen Plunder zerreißen, mein Herzchen! Laß mich ihn ſogleich in's Feuer wer⸗ fen; denn wegen dieſes Lappens biſt Du zehnmal ſchlimmer geworden, als Du warſt!“ Glücklicher Weiſe verfiel Frau Emerentia auf ein weniger verzweifeltes Mittel. Sie dachte nämlich an die Eau⸗de⸗Cologne⸗Flaſche und an die Waſſerkaraffe. Und mit Hülfe beider fühlte Blenda ſich bald einigermaßen wieder hergeſtellt. Lächelnd verſicherte ſie: obgleich ſie kaum glaubte, ſie könnte aufſitzen— was ganz gewiß eine gerechte Strafe Gottes wäre, weil ſie ſich ſo gerne hätte ſpie⸗ geln wollen— ſo könnten ſie dennoch recht vergnügt mit einander ſein. „Vergnügt? jetzt vergnügt?— Ja, das kann ich mir denken!“ „O ja, Mutter... Du plauderſt, und ich höre zu!“ 262 „Wenn Du nur Thee trinken kannſt, Du Kleine, ſo will ich mich doch noch zufrieden geben.“ „Ja, ja, einen Tropfen— ſollte ich nicht am Weihnachtsabende Thee mit Dir trinken?“ „Armes Kind! ſo mach denn die Augen zu und ruhe ein wenig, während ich hinausgehe und ihn hole! Ich will nicht, daß die Madame es thut, denn da hätte ſie gleich eine Entſchuldigung, wenn der Reisbrei an⸗ brennte.“. „Geh, liebe Mutter!“ Blenda nahm eine nachläſſtge und bequeme Lage ein, gehorchte dem mütterlichen Rathe und ſchloß die Augen. Hätte der junge Baron ſie jetzt geſehen, ſo hätte ohne Zweifel ſein ſchöner Entſchluß, ein gewiſſes Haus an der Ritterſtraße im Frieden zu laſſen, einigen Ab⸗ bruch gelitten. Zwar ruhte das ſchöne Mädchen nur auf einem ärmlichen, mit grobem rothem und ſchwarzem Bombaſſin überzogenen Sopha von Tannenholz; aber dennoch drapirten ſich die weichen Wogen ihres weißen Ge⸗ wandes effectvoll auf dem dunklen Grunde, und ihr ſchöner Fuß in dem mit Perlen geſtickten Pantoffel blickte aus einer Wolke von Spitzen hervor. Die ganze Geſtalt hatte die anmuthige Federkraft der Jugend, vereint mit dem hüpfenden Leben derſelben; und dennoch lag jetzt über dieſem friſchen Leben ein Schimmer von weißen Roſen; was dieſe poetiſche Schattirung des Gemäldes hervorbrachte, war die Bläſſe auf Blenda's Wange, ſowie auch der Schatten von ihren blonden Haaren zu dieſem entzückenden Colorit beitrug, welches ſo durchſichtig war, daß man ſah, wie die träumende Mattigkeit und das lebende Gluck um die Herrſchaft über ihr Weſen kämpften. oE—— 1 263 Kleine Ein leiſes und wiederholtes Klingeln an der Glocke des Tambours wurde nicht von Blenda gehört: ſie cht am ſchlummerte ſchon zur Hälfte und wurde nicht von der allergeringſten Ahnung geſtört. zu und Noch weniger vernahm ſie, daß draußen, etwas hole! vorſtel... a hätte Dieſes Etwas beſtand darin, daß die Aufwär⸗ rei an⸗ terin, welche endlich hinaus eilte, um die Thür zu öffnen, von einem Herrn— den ſie noch nie geſehen hatte, den aber Frau Emerentia durch die Ritze der e Lage Küchenthür mit einem unterdrückten Freudenſchrei nicht oß die nur ſah, ſondern auch erkannte— den Auftrag erhielt, ſich zu erkundigen, ob ein Verwandter die Erlaubniß »hätte hätte, den Damen ſeinen Beſuch abzuſtatten. Haus„Laſſen Sie ihn ein,“ flüſterte unſere Frau roth en Ab⸗ und eifrig, als die Aufwärterin forſchend den Kopf hineinſteckte,„laſſen Sie ihn ein, ſage ich, und das einem ſoogleich!“ nbaſſin Nachdem das geſchehen, war gleichwohl Frau Eme⸗ ennoch rentia nicht Diejenige, welche ſich mit dem Thee beeilte: n Ge⸗ es gab eine ganze weitläuftige, wenn auch, wie ſich von ad ihr ſelbſt verſteht, leiſe geführte Disputation zwiſchen ihr ntoffel und der Aufwärterin, weil die Herrin behauptete, das Waſſer hätte ganz gewiß gar nicht gekocht, was ſte erkraft ganz deutlich an dem Geruch abnehmen könnte, wo⸗ telben: gegen die Aufwärterin behauptete, es hätte beſtimmt en ein himmelhoch gekocht, und wenn es länger kochte, ſo etiſche würde jeder Tropfen verkochen. r die Zum erſten Male nach ihrer Bekanntſchaft waren hatten die gnädige Frau und die Aufwärterin nahe daran, golorit ſich wirklich zu erzürnen.......... ), wie 4* 2* ck um Inzwiſchen hatte der Gaſt den Mantel abgeworfen und war in das ihm angewieſene Zimmer getreten. Da man es ganz gewiß ſchon als entſchieden er⸗ achtet, daß es Blenda's Ritter war, der— wahr⸗ ſcheinlich beherrſcht von der Unruhe darüber, daß er 264 ſte nicht ihrem Verſprechen gemäß wieder ſah— ſich endlich zu einem perſönlichen Beſuche entſchloſſen hatte, ſo wird man auch nicht bezweifeln, daß der Anblick, der hier ſeine Augen traf, ihm alles Andere zu ſein ſchien, nur kein irdiſcher. Nachdem er ſich überzeugt hatte, daß ſonſt Niemand im Zimmer war, ſchlich er ganz leiſe mit faſt verhal⸗ tenen Athem, aus Furcht, daß Alles verſchwinden könnte, näher. Doch erreichte er den Sopha, ohne ſich getäuſcht zu ſehen. Es war keine magiſche Täuſchung, ſondern eine Wirklichkeit. Und jetzt ſtand er vor der entzückenden Schläferin, die er zum erſten Male zu ſehen vermeinte, wie getreu auch ihr Bild ſeinem Gedächtniſſe eingeprägt war. Ein leichtes Zittern flog durch ſeine Glieder. Der große, friſche Blumenſtrauß, den er mitge⸗ bracht hatte, ſiel auf den Sopha zu ihren Füßen hin. Er wollte ihn aufnehmen, er ſtreckte die Hand aus, er berührte den Beſatz des Peignoirs— der Strauß ruhte auf der Spitze ihres kleinen Pantoffels— doch unmöglich konnte er ihn zurücknehmen: der Ort war heilig: Aber er gab einer andern Macht nach, die ſo ge⸗ bieteriſch war, daß er nicht widerſtehen konnte: er ſank auf die Kniee vor dem Sopha und betrachtete das junge Mädchen mit Blicken voll erſtaunten Entzückens. In dieſem Augenblicke entwich Blenda's flüchtiger Halbſchlummer. Der Duft der friſchen Blumen, oder vielleicht das ſchnelle Athemholen Jemandes, der, wie ſte hörte, nicht ihre Mutter war, machte daß ſie die Augen auf⸗ ſchlug, und da ſie den Mann, an den ſte im Traume gedacht hatte, in einer Lage erblickte, von der ſie ſo oft, wenn auch jetzt nicht, geträumt hatte, entfuhr ihren Lippen ein Ausruf, der gleichwohl ſo leiſe war, daß nur er ihn hörte, der nicht im Stande war, den bis⸗ her nur nen gen mit Stit er ſi herg Sie bleie im zure einen habe enge den Rau dara ſchne ſprut veru paſſe lehri gewi trotz verre — ſich hatte, nblick, u ſein emand erhal⸗ önnte, äuſcht ndern ferin, getreu b. nitge⸗ hin. aus, trauß doch war ge⸗ ſank das kens. tiger 265 her angewandeten Ton wieder anzunehmen, ſondern nur fortfuhr, ſie zu betrachten. „Sind Sie es denn wirklich, Couſin Jean? Kön⸗ nen Sie es ſein? fragte Blenda, die durch dieſes Schwei⸗ gen ſich unendlich verwirrt fühlte... Reden Sie doch mit mir!“ Er nahm ihre Hand, führte dieſelbe über ſeine Stirn und an ſeine brennenden Lippen, und nachdem er ſte einige Secunden feſtgehalten, ſagte er: „Verzeihung, o Verzeihung! Meine Angſt hat mich hergetrieben. Doch hatte der Doctor mich verſichert, Sie wären beſſer, Sie wären auf.“ „Ja wohl; ich ruhe ja nur ein wenig!“ „Und eben, da ich kam, waren Sie ſo bleich, ſo bleich, daß ich nicht wußte, was ich that.“ Mit dieſen Worten erhob er ſich, ohne gleichwohl im Stande zu ſein, ſeine Blicke von ihrer Geſtalt los⸗ zureißen. „Aber ich bin nicht mehr krank: ich hatte nur einen leichten Schwindel— ich will aufſtehen und...“ „Nein, nein, das dürfen Sie nicht... O Blenda! habe ich Sie wirklich früher ſchon geſehen?— Wie engelſchön ſind Sie! Ihr armer Couſin verliert bald den Kopf, wenn Sie ihm nicht behülflich ſind, den Rauſch zu vertreiben, der ihn angegriffen hat!“ Blenda, die bei dieſer ſo ganz neuen Sprache nahe daran war, den Kopf zu verlieren, erhob ſich dennoch ſchnell: nicht vergeblich ſollte er ihre Kraft in An⸗ ſpruch genommen haben. Jetzt erblickte ſie den Blumenſtrauß, und dieſer verurſachte ihr um ſo mehr Freude, als ſie hier einen paſſenden Gegenſtand hatte— mehr bedurfte dieſe ge⸗ lehrige Evatochter nicht— um das gewöhnliche Gleich⸗ gewicht in ihrem Verhältniſſe herzuſtellen... denn trotz Allem, was der Graf freiwillig oder unfreiwillig verrathen hatte, war es klar, daß er jetzt noch nicht 266 geſonnen war, ſein Incognito abzulegen: ſonſt hätte ſich er nicht ſelbſt das Wort Couſin angewendet. „Ach, friſche Blumen ſogar am Weihnachtsabende!“ rief ſie mit einer Stimme, deren inniger Jubelton ohne Zweifel eher aus dem Glücke über den erſten Kniefall bed⸗ ihres geheimnißvollen Liebhabers, als aus dem Beſitze ſeines zweiten Blumenſtraußes herfloß.„Ach, Couſin Jean, Sie verſtehen es, die Dankbarkeit eines armen die Mädchens zu fangen!... Ich muß mein Haar damit ſchmücken— ſie ſollen dieſe kleine Haube ablöſen, die telle ich auf keinen Fall— verſtehen ſie wohl?— aufhaben kann, wenn Sie hier ſind. Schnell, mein Couſin, ſie nehmen Sie den Spiegel und halten Sie ihn mir, ſo ſeh will ich die Roſenknoſpe mit dem weißen Flieder⸗ zweige zuſammenſetzen und verſuchen... ich glaube 8 ſunt. die Geranienblätter müſſen ihnen Geſellſchaft V wie eiſten.“ Und mit einer Fröhlichkeit, einer Kindlichkeit, gen! einer Anmuth, die ſo auf den Couſin Jean wirkten, daß Faf ſie jede Luſt zu ſchwärmeriſchen Liebesſcenen entfernten, begann Blenda— nachdem er mit bereitwilliger Ge⸗ ihn ſchäftigkeit ihrem Wunſche nachgekommen war— vor fahr dem Spiegel ihr Haar ſo ungenirt zu ordnen und Her die Blumen einzuflechten, als ob Derjenige, welcher und den Spiegel hielt und ihn munter allen ihren zahl⸗ ehe loſen Bewegungen folgen ließ, nicht neben ihr, ſondern ohn⸗ hundert Meilen weit von ihr entfernt geweſen wäre. nach den “ da i Gla bin In dieſem Augenblicke hatte in der Küche der wag Streit über den Theekeſſel ſeinen Culminationspunkt alle erreicht: Frau Emerentia war genöthigt, wollte ſie Ihn 267 hätte ſich nicht auf ewig mit der Aufwärterin entzweien— und ein ſolcher Bruch wäre keine Kleinigkeit geweſen ende!“— das Waſſer zu nehmen und es als fertig anzuſehen. ohne Mit dem herzlichen Wunſche, daß der heiße und dieſoll bedeutungsvolle Augenblick, in welchem ſie ihren vor⸗ 8 eſitze nehmen Schwiegerſohn entgegennehmen ſollte, erſt Louſin überſtanden ſein möchte, ließ unſere gnädige Frau ſich atmen die Thür öffnen. damit Aber es fehlte nicht viel, ſo wäre der Präſentir⸗ , die teller auf den Fußboden anſtatt auf den Tiſch gekom⸗ haben men, als die zärtliche Mutter den Grafen— welchen ouſin, ſte beſtimmt in einer ſchönen und feierlichen Scene zu ir, ſo ſehen erwartet hatte— lächelnd mit dem Spiegel in bedere der Hand vor Blenda ſtehend fand, welche letztere von laube keinem Schwindel mehr geplagt wurde, ſondern blühte ſchaft vie die Roſenknoſpe, womit ſie ſich ſchmückte. ckeit Der junge Mann, für den jetzt ein kritiſcher Au⸗ hkeit, genblick eintrat, zeigte ſogleich, daß er ſeine ganze „daß Faſſung wieder erhalten hatte. rnten, Er ließ ſogleich das Vertrauensamt, womit Ge⸗ ihn Blenda in der Stunde der Noth beehrt hatte, * or fahren und trat der Frau Emerentia mit größerer und Herzlichkeit und geringerer Ceremonie, als ſie berechnet elcher I und worauf ſie ſich vorbereitet hatte, entgegen. Und zahl⸗ ehe ſie nur ein einziges Wort hervorgebracht hatte, ndern ohne gleichwohl zu unterlaſſen, den einen tiefen Knix tre. nach dem andern zu machen, ſagte er ehrfurchtsvoll: „Ich habe mir die Freiheit genommen, mich bei den Herrſchaften als Verwandten anmelden zu laſſen; da ich jedoch nicht darauf zählen kann, auf Treue und Glauben als ein ſolcher angenommen zu werden, ſo⸗ bin ich bereit— wenn Frau von Kühlen es betrifft— zu erklären, wie ich dieſe Verwandtſchaft auszulegen wage.“ ber„Haben Sie die Güte, Herr Gr... Herr Couſin, vunkt alle Erklärungen ſo lange bei Seite zu laſſen, bis es e ſie Ihnen genehm iſt! Wir ſind Gottlob allzu feinfüh⸗ 268 lend“— hier erfolgte eine neue Serie von Knixen— „wir ſind allzu feinfühlend, meine Tochter und ich, als daß wir uns durch eine unzeitige Neugierde ein Vertrauen zu erzwingen wünſchen ſollten, welches zu ſeiner Zeit gewiß nicht ausbleibt. Als Mutter reicht es mir hin, zu wiſſen, daß die Abſicht redlich gemeint iſt, und daran habe ich noch niemals gezweifelt, ob⸗ gleich die Ueberzeugung wo möglich noch vollkommner iſt, da der Herr Couſin uns die Ehre zu erweiſen be⸗ liebt, in unſere anſpruchsloſe Wohnung zu treten.“ „Ich bin wirklich eben ſo entzückt, als überraſcht, mich ſo zu Hauſe zu ſinden, wo ich, wenn ich die Wahrheit geſtehen ſoll, ein wenig Zwang gefürchtet hatte. Und ſeien Sie überzeugt, meine beſte Tante— ein Verwandter kann ſich ja keines weniger vertrau⸗ lichen Titels bedienen?— ſeien Sie überzeugt, daß wir einmal in der Zukunft recht herzlich mit einander lachen werden, wenn wir uns unſeres erſten Zuſam⸗ mentreffens erinnern!“ „O, es iſt denn doch nicht das allererſte Mal, Herr Couſin! In Wenersborg, wo wir Nachbarn wa⸗ ren, trafen wir uns ja in dem großen Saale einmal, als Sie nach Hauſe kamen.“ „Hm— ich wohnte nicht in dem Wirthshauſe.“ „Ach ſo, Sie wohnten dort nicht!“ „Nein; doch entſinne ich mich, daß wir uns wirk⸗ lich im Saale begegneten, da ich zu einem Bekannten ging.“ „Das war gewiß ein ſehr naher Bekannter!“ Frau Emerentia lächelte ſchelmiſch, obgleich, wie ſich von ſelbſt verſteht, mit großer Würde. „Liebe Mutter,“ bat Blenda,„laß uns nicht mehr über den Couſin Jean in Wenersborg reden, ſondern über das Vergnügen, ihn hier in Stockholm zu haben, welches um ſo wunderbarer iſt, als er ſich zu gleicher Zeit in dieſem Augenblicke mit ſeinem Bruder und ſeiner Schwägerin in S. befinden ſoll.“ 6 dem weit Mul verw meir in O zur ich denn höch 269 „Nehmen Sie ſich in Acht, Fräulein Blenda, in dem Glauben an meine Herenmeiſtereigenſchaften allzu weit zu gehen: es könnte mir vielleicht nur eine kleine Muhe machen, mich in den verhaßten Couſin Jean zu verwandeln, und da möchte ich denn wohl wiſſen, was meine kleine Couſine dazu ſagte!“ „Erſtlich,“ entgegnete Blenda lachend,„würde ich in Ohnmacht fallen und volle drei Stunden lang nicht zur Beſinnung kommen. Darauf würde ich glauben, ich hätte unſern ganzen kleinen Roman geträumt— denn Sie müſſen doch woht zugeben, daß dieß Alles höchſt romantiſch iſt! Und endlich, wenn ich gezwun⸗ gen wäre zu glauben, daß ich nicht geträumt hätte, ſo würde ich es im Verdruß über ſo ein proſaiſches Ende abſchwören, jemals wieder einen Roman zu le⸗ ſen.. Doch nein, dieß nehme ich zuruck; denn durch eine ſolche Strafe litte ich ja ganz allein. Da⸗ her wurde ich ſtatt deſſen, Sie mit den Zeichen des tiefſten Abſcheues aus meiner Gegenwart verjagen, und das hätten Sie verdient, weil Sie, gleich den Helden in den alten Volksmärchen, ſih aus einem verwünſchten Prinzen in ein Ungeheuer verwandelt hätten, was we⸗ nigſtens etwas weit Poetiſcheres ſein würde, als ein Hutſtaffirer.“ „Wünde ich denn dieſe Strafe ganz allein zu leiden laben?“ fragte Blenda's Ritter mit einem Blicke, ſo tief un⸗ durchdringend, daß Blenda die Wirkung deſſelven in dem verborgenſten Winkel des Herzens fühlte. „Das weiß ich nicht!“ erwiederte ſie erröthend... „Doch hören Sie auf, mich mit dem Couſin Johann zu ärgern— ſonſt muß ich weinen... bedenken Sie, daß ich krank geweſen bin und daß es gefährlich iſt, eine Geneſende zu reizen!“ „Dürfte ich ergebenſt um die Ehre bitten, daß der Herr Couſin die Güte hätte, an unſerm Thee⸗ tiſch Platz zu nehmen?“ unterbrach Frau Emerentia 270 dieſen Scherz, der, ihrer Meinung nach, beinahe zu weit ging. „Mit der größten Dankbarkeit, meine gute Tante! Nichts kann mir angenehmer ſein!“ Ermuntert von dieſer einfachen Vertraulichkeit und ganz entzückt, daß ſte mit dem Grafen auf ſolchem Fuße ſtehen durfte, fuhr unſere Frau fort: „Wenn ich wagte, ſo würde ich auch den Wunſch ausſprechen, daß der Herr Couſin die Güte hätten, den Weihnachtsbrei in unſerer ärmlichen Wohnung mit ſeiner Gegenwart zu beehren!“ Es bedarf wohl nicht der Erwähnung, daß der Gaſt mit eben ſo ſichtlichem Vergnügen auch dieſe Einla⸗ dung annahm. „Nun, mein Kind,“ ſagte die überglückliche Mut⸗ ter,„kannſt Du wohl Deinen Thee hier am Tiſche trinken?“ „Gewiß, Mutter! Ich bin ja ſo geſund, daß ich faſt glaube, mein Schwindel iſt nur eine Phantaſie geweſen!“ Frau Emerentia lächelte. „O, wie herrlich iſt dieſer Abend!“ fuhr Blenda fort...„Nun, Couſin Jean, ich verzeihe Ihnen Ihre Sünde, daß Sie Sie ſelbſt ſein wollen— nehmen Sie dieſen Stuhl neben mir und ſagen Sie, ob nicht dieß nerung leben kann!“ „Meine kleine Couſine iſt eine wirkliche Prophe⸗ tin!“ erwiederte er in einem zwiſchen Freude und Weh⸗ muth gebrochenen Tone. „Wie ſo?“ 1 „Am dritten Weihnachtstage muß ich leider abreiſen, und das auf eine längere Zeit.“ „Wie?“ rief Blenda aus und fuhr ſo heftig zu⸗ ſanmen, daß ſie beinahe die Theetaſſe hätte fallen aſſen. Alles ſo luſtig iſt, daß man Monate lang von der Erin⸗ 271 „Doch während dieſer beiden Tage,“ fuhr er mit dem Ausdrucke einer nicht zurückgehaltenen Zärtlichkeit fort,„ſtelle ich mich gänzlich zu Ihrer Dispoſition!“ **⁴ * Wir wollen die Beſchreibung über den erſten Be⸗ ſuch des„Grafen“ nicht weiter ausdehnen. An dieſem Abende waren Frau Emerentia, Blenda und wahrſcheinlich auch ihr Gaſt ſo glücklich, als man möglicher Weiſe ſein kann. Als der Letztgenannte gegangen war und die Da⸗ men Freiheit hatten, ihre Gedanken auszutauſchen, ſo be⸗ hauptete Frau Emerentia auf's Beſtimmteſte, dieſes ganze merkwürdige Ereigniß käme daher, daß es ihr bei Blenda's Taufe gelungen wäre, die beſtrittene Namens⸗ frage durchzuſetzen. „Nimmermehr— ſei davon überzeugt,“ ſagte ſie feierlich—„nimmermehr wäre etwas dergleichen ein⸗ getroffen, wenn Du nicht den geachteten Namen Deiner Großmutter Concordia führteſt!“. An einem ſo glücklichen Abende konnte Blenda natürlicher Weiſe nicht disputiren; ihres Theiles aber ſchrieb ſie das Geſchehene dem Umſtande zu, daß ſie ſich den entzückenden Peignoir verſchafft hatte. Es war ſo klar, wie der Tag, eben die Eleganz, welche dieſes unwiderſtehliche Kleid ihrem ganzen Weſen verlieh, hatte den Grafen ſo verwirrt, daß er ganz aus ſeiner gewöhnlichen Rolle gefallen war, die ſogar während des ganzen Abends nicht recht in den Gang hatte kom⸗ men können. „O nein, Kind, in dieſem Falle biſt Du allzu an⸗ ſpruchlos!“ meinte die Mutter, als ſie einen kleinen Wink über die Meinung der Tochter erhielt.„Ich halte es wohl für möglich, daß er erſtaunt war, Dich als eine wirkliche Dame gekleidet zu finden; aber den⸗ —,— 272 noch war es Deine eigene Perſon, die den rechten Bruch in dem Erze ſeines Herzens bewirkte.“ Blenda nickte. „Wie ſeelenvoll und froh er iſt, der edle Graf, und das unter allen Verwickelungen mit der ahnenſtol⸗ zen Familie— ja, ich ſage, er iſt wirklich erempla⸗ riſch, da er in ſeiner Verlegenheit ſo unvergleichlich liebenswürdig ſein kann!“ Um ſich in Lobeserhebungen über ihren künftigen Schwiegerſohn ergießen zu können, verſchmähte Frau Emerentia nicht die Tautologie, und Blenda war kei⸗ neswegs geſonnen, der Mutter dieſen Fehler zum Vor⸗ wurfe zu machen.— „Ach, er kann wohl noch weit liebenswürdiger ſein!“ ſeufzte Blenda bei der Erinnerung an die erſte Scene des Abends...„Aber was kann er uns für dieſe beiden Tage vorzuſchlagen haben? Er wollte uns davon benachrichtigen, ſagte er, wenn er ſich morgen nach meinem Befinden erkundigt.“ „Wetter— wer klingelt ſo ſpät?“ „Iſt die Aufwärterin gegangen?“ Die Aufwärterin war keineswegs gegangen. Im Gegentheil hörte man bald ihre Stimme, welche in beſtändiger Steigerung ausrief:„Gott behüte... o, Gott behüte mich!“ 3 „Was kommt die an?“ ſagte Frau Emerentia und eilte auf die Thür zu. Doch dieſe wurde jetzt von⸗Außen geöffnet, und Mutter und Tochter ſchlugen beide ihre Hände zuſam⸗ men, als eine große Kiſte und eine dito Schachtel von der Aufwärterin hereingeſchoben wurden, und als dieſe zu gleicher Zeit anzeigte, der Bote, welcher ſich ſchon wieder entfernt hätte, wäre von dem Leinwandkrämer geſchickt. „Von Patrik!“ Blenda warf einen ſtrahlenden, leicht verſtändlichen Blick auf ihre Mutter. 273 Die Augen der Frau Emerentia ſchienen zu ant⸗ worten: „Ganz richtig, Du Kleine! Ich ſehe es ebenfalls recht gut ein, wer hier den Couſin Patrik ſpielt, da er den Couſin Johann nicht länger ſpielen kann oder rich⸗ tiger, nicht länger zu ſpielen wagt!“ Arme Blenda— hatte ſie noch keinen Schwindel gehabt, ſo bekam ſie ihn jetzt, als ſie, nachdem ſie die Kiſte geöffnet, in der Fluth von eleganten Dingen, welche dieſelbe enthielt, zu kramen begann. Als ſie einen weichen, mit Pelzwerk gefütterten Kaſchmirmantel um ſich warf, da lachte ſie wie eine Närrin; als aber ein Hut von perlgrauem Allas mit einer ebenfalls perlgrauen Plüme aus der Schachtel hervortauchte, konnte ſie nichts Anderes thun, als ſich ſetzen und laut weinen, denn Alles konnte unmög⸗ lich etwas Anderes ſein, als ein Traum.*3 ** X Glücklicher Weiſe war die ganze Herrlichkeit noch da, als der Tag graute. Dieſer Weihnachtsmorgen, der glücklichſte in ihrem jungen Leben, war der erſte, an welchem ſie beſchäftigt war, Weihnachtsgeſchenke zu zählen, eine Arbeit, an welcher Frau Emerentia— die ebenfalls nicht ver⸗ geſſen worden war— mit ſtürmiſchem Entzücken Theil nahm, während ſie dabei mit Bedächtigkeit die Kleider⸗ ſtoffe, Umſchlagetücher, kleine Halskücher und eine Maſſe von Toilette⸗Artikeln, die für unſere Damen etwas Neues, ja faſt unbegreiflich waren, prüfte und in Gedanken abſchätzte... Um die Mittagszeit glich das ganze Zimmer einem Bazar; und Blenda ſelbſt— von dem Einen zu dem Andern eilend— war eben dabei, zum fünfzehnten Die Romanheldin. 18 274 Male den entzückenden Hut zu prüfen, als ihr Ritter von der Mutter ſelbſt eingelaſſen wurde. „O, das war ganz vortrefflich, meine kleine Cou⸗ ſine, daß ich Sie nicht allein geſund und blühend, ſon⸗ dern auch reiſefertig finde!“ „Wie ſo?“ „Ja, weil das Wetter ſchön iſt und wir ganz un⸗ erwartet eine prächtige Schlittenbahn bekommen haben, ſo hat mir der Arzt die Erlaubniß gegeben, Ihnen in ſeinem Namen zu erklären, daß eine Ausfahrt Ihnen ſehr gut ſein würde.“ „Eine Ausfahrt?“ rief Blenda aus.„Nun, ich wußte wohl, daß ich noch einige Tage in Tauſend und einer Nacht fortleben würde!“ „Was meinen Sie damit?“ „ Ich will Ihnen mit einer andern Frage antwor⸗ ten: was ſagen Sie zu Patrik's Geſchmack?“— ſie machte eine Bewegung mit der Hand, und dieſe Be⸗ wegung enthielt eine Präſentation aller ihrer Herr⸗ lichkeiten.„Ich muß Ihnen offen ſagen,“ fuhr ſie fort,„daß es künftig einem Jeden ſehr ſchwer werden wird, ihn aus meiner Gunſt zu verdrängen.“ „Ach, wie glücklich ſind die veritabeln Vettern mit ihren Privilegien!“ „So? meinen Sie das?“ „Ich meine das nicht nur, ſondern ich werde von Neid beherrſcht. Sie wagen, was...“ „Nun?“* „... Was ein armer improviſirter Couſin niemals wagen würde.“ Dieſes äußerte Couſin Jean ſo natürlich und mit einem ſolchen Seufzer des Bedauerns, daß Blenda faſt zu zweifeln begann, ob er wohl der Geber ſein könnte. Nun aber begann er den Geſchmack des Couſins Patrik ſo zu kritiſiren, daß ihre erſte Ueberzeugung zurückkehrte, und über ihrem kleinen Streite kam Frau Emerentia herein und begann ſich weit und breit aus⸗ — 275 titter zälaſen über ihre große Verbindlichkeit zu dem guten Patrik. Cou⸗ Dieſes Räucherwerk für den entfernten Couſin ſon⸗ ſchien inzwiſchen dem anweſenden ſehr wenig zu ge⸗ fallen, denn er wußte es dadurch abzulenken, daß er auf den angenehmen Vorſchlag zurückkam, welchen er 3 un⸗ ſchon Blenda gemacht hatte, und welchem auch beide aben, Damen jetzt ihren dankbaren Beifall ertheilten.. hnen Eine Ausfahrt in einem gedeckten Schlitten, ein Mittag in einem Wirthshauſe und ein Nachmittag, an ich welchem Muſik, Geſang und frohes Geſpräch abwech⸗ und ſelten, machten, daß Mutter und Tochter in den Him⸗ mel verſetzt zu ſein glaubten. Couſin Jean war nicht nur ein Meiſter auf dem twor⸗ Piano: er hatte auch eine vortreffliche Stimme und — fie entzückte Blenda. Und Blenda ſang ebenfalls, verſteht Be⸗ ſich, nicht von Ritter Egbert Montabor— es war ein Herr⸗ gewiſſes Etwas, das ſie von dieſem ihrem alten Lieb⸗ r ſie lingsliede abhielt— ſondern einige ſchöne Volkslieder erden aus ihrer Heimath, welche wiederum ihren Anbeter hinriſſen. nmit Zuletzt hatte man die allerpoetiſchſte Rückfahrt im Mondſcheine. 1 Und als eben Frau Emerentia in äͤhrem Sinne von den erſten Gedanken daran erwog, was wohl die ſelige MRegine Sophie mit ihren ſtrengen Grundſätzen geſagt haben würde, wenn das Alles zu ihrer Zeit vorgefallen mals wäre, neigte ſich Couſin Jean, welcher Blenda gegen⸗ 21 über ſaß, zu dieſer hin und flüſterte: mit’„Erinnern Sie ſich noch wohl der ſchwarzen faſt Schleife?“* nte. Blenda fuhr zuſammen bei dieſer Erinnerung, uſtns welche allzu angenehm war, als daß ſie vergeſſen wer⸗ gung den konnte. Frau„.. Die Sie dem armen Burgfräulein nahmen? aus⸗ Ja, ich glaube wohl. Haben Sie ſie verloren?“ 18* 276 „Das nicht; aber geſtern Abend gab ich ihr eine Geſellſchaft... ich habe die rothen Roſen lieber.“ Blenda's Erröthen war ihre ganze Antwort. „Da ich gleichwohl über meinen Diebſtahl eine kleine Gewiſſensangſt empfunden habe, ſo erſuche ich Sie, meine Couſine, mir zu ſagen, ob ich ohne Ge⸗ wiſſensangſt die Frucht meiner Induſtrie behalten darf?“ „Ich wage nicht, in Gewiſſensſachen zu urtheilen... werthat aber nicht gehört, daß die Reue alle Wunden ei 44 „Nun iſt es aber ſo, daß ich, weit entfernt, dieſe zu fuͤhlen— denn Reue und Gewiſſensangſt ſind nicht ein und daſſelbe— nichts Höheres wünſche, als dieſen Flüchtlingen noch eine Schweſter geben zu können... Dieſe aber ſollte auch die Farbe haben, daß ich hernach eine ſolche Induſtrie ruhen laſſen könnte... Sind Sie neugierig, dieſe Farbe zu wiſſen, meine Couſine?“ „Nicht im mindeſten! Es könnte grün ſein, und das habe ich nie leiden können, oder blau, und das denke ich niemals zu tragen.“ „Ach ſo, Sie verachten alſo ſowohl die Hoffnung, als auch die Treue!— Aber ich ſage Ihnen: ich muß dennoch eines Tages eine blaue Roſe haben, um ſie zu den beiden andern legen zu können.“ Unter ſolchen Scherzen gab es keine Zeit für die Glücklichen, und man war auf's Höchſte erſtaunt, als der Schlitten vor der Thür der Damen hielt. Bei dem Abſchiede wurde abgemacht, daß der fol⸗ gende Abend— der letzte von den drei Seligkeitstagen — am beſten im Schauſpiele verlebt werden könnte. Couſin Jean wollte„ſeine Tante“ und„ſeine Cou⸗ ſine“ in die königliche Oper führen, in dieſes Wunder aller Wunder, von dem Frau Emerentia ſo viel geträumt hadeee ohne es mit ihren eigenen Augen geſchaut zu aben Wie unſere Damen in der Nacht vor einem ſo wichtigen Ereigniſſe ſchliefen, iſt leicht zu begreifen. 30. Hätten Frau Emerentia und Blenda das Local gekannt, und hätten ſie vor allen Dingen den Platz wählen dürfen, ſo iſt es ſehr zweifelhaft, vob ſie ſich zu demjenigen entſchloſſen haben würden, zu welchem Couſin Jean ſie führte, denn ſie wollten nicht allein gern ſehen, ſondern auch geſehen werden. Doch, was war zu thun? Couſin Jean hatte das Proſcenium des erſten Ran⸗ ges gewählt, und ſo ſehr die gnädige Frau ſich auch über die„Luke“ hinaus ſtreckte, ſo verſicherte ſie den⸗ noch, ſie wäre überzeugt, daß die Herrſchaften, welche in den„offenen“ Logen ſäßen, weit mehr und weit beſſer ſähen. „Hier iſt man dagegen incognito!“ entgegnete ihr artiger Begleiter. Dieſes magiſche Wort führte unſere Frau augen⸗ blicklich in die Wirklichkeit zurück. „Aha!“ dachte ſie, ganz erſtaunt darüber, daß ſie dieß nicht gleich eingeſehen hatte,„der Graf wird wohl dieſen Platz gewählt haben, damit er ſelbſt nicht ge⸗ ſehen wird, wenn von ſeiner ahnenſtolzen Familie Jemand zugegen iſt.“ In dieſem Schlußſatze wurde ſie noch mehr beſtärkt durch den Umſtand, daß der Graf gar nicht geneigt zu ſein ſchien, in den Salon hinauszublicken. Blenda ſchwieg, denn ſie war im Beſchauen vertieft. Ihre lebhafte Seele nahm einen Eindruck nach dem andern auf, doch aus Furcht, ſich lächerlich zu machen, wenn ſie allen dieſen verſchiedenen Ein⸗ drücken Luft gäbe, legte ſie ihren Gefühlen Feſſeln an; ihr war noch Henriette und der Abend in Gauthier's Reitbahn im Gedächtniſſe. 278 „Wenn ſchon der bloße Theaterſalon und die Zu⸗ ſchauer Sie ſo vollkommen unterhalten, meine kleine Couſine, ſo bleibt mir wohl wenig Hoffnung übrig, ein einziges Wort von ihren Lippen zu erhalten, wenn erſt der Vorhang aufgegangen iſt!“ Blenda's Ritter äußerte dieſes mit einem kleinen Anſtrich der Neugierde. Sie wendete ſich um und gab ihm ein Lächeln, welches zwar ſehr angenehm, aber doch nur flüchtig war, denn in dieſem Augenblicke begann das Orcheſter die Ouvertüre hören zu laſſen, und nun ging Blenda's Seele in ihre Ohren ein. Sie ſchloß die Augen, um beſſer hören zu können. Ein Schauer durchbebte jede Fiber. Man gab an dieſem Abende Precioſa, und Couſin Jean hätte zehnmal hinweggehen können von der Dame ſeines Herzens, ohne daß ſie es bemerkt hätte, ſo hin⸗ geriſſen, ſo entzückt war ſie. Er aber merkte dagegen, daß ſie glücklich ſein konnte ohne ihn, obgleich ſie wußte, daß er am folgen⸗ den Morgen auf eine längere Zeit von ihr hinwegreiſen würde. Dieſer Gedanke, der ihm gleich einem kalten Stahle durch das Herz fuhr, trieb eine Wolke über ſeine Stirne. Für ihn war das Schauſpiel gar Nichts— er hatte daſſelbe unzählige Male gehört und geſehen, er war nur intereſſirt, die Ausdrücke zu beobachten, welche ſich auf dem ſchönen Antlitze ſeiner jungen Geliebten abſpiegelten. Und dieſes Antlitz war ſo ſtrahlend, ſo inſpirirt, und drückte ein ſo inniges Mitleben aus in Allem, was ſich unter den handelnden Perſonen zutrug, daß er trotz des Glückes, welches ſie empfand, und trotz des Glückes, welches er ſelbſt nothwendig empfin⸗ den mußte, da er ſie ſo glücklich, ſo einnehmend ſah, dennoch die grauſamſte Pein litt. Couſin Jean war unbedingt ein Egoiſt— und das geſta nicht noch die pfun that zige ſucht mals Entz lichſt verſe jedoe Rötl welch dara ſitzt. bitte konn ſen, Doch ———— — 279 geſtand er ſich auch ſelbſt— aber die Strafe blieb nicht aus. Es war ihm beſtimmt, an dieſem Abende einen noch weit größeren Neid zu empfinden, als er gegen die Muſik, die Schauſpieler und die Decorationen em⸗ pfunden hatte. * 75 4 Der Vorhang war zum erſten Male gefallen. Frau Emerentia hatte faſt den Athem verloren, that tauſend Fragen, ohne die Antwort auf eine ein⸗ zige abzuwarten, ja ſie wendete ſich nicht einmal um. Das junge Fräulein aber that dieß, und ihre Augen ſuchten den, der neben ihr ſaß. „Ich glaube, Couſine Blenda, Sie haben noch nie⸗ mals einen ſolchen Genuß gehabt?“ ſagte er. „Ach, das iſt wahr!“ erwiederte ſie noch im vollſten Entzücken. „Alſo iſt dieſer Abend ohne Ausnahme der glück⸗ lichſte in Ihrem Leben?“ „Das habe ich nicht behauptet... man iſt ja auf verſchiedene Art glücklich!“ Sie blickte wieder in den Salon hinaus, dießmal jedoch weniger aus Neugierde, als um die brennende Röthe auf ihren Wangen zu verbergen. „Wen grüßen Sie denn?“ fragte Couſin Jean, welcher ſah, daß Blenda den Kopf bewegte. „O, wie dumm!— ich dachte in der Eile nicht daran, daß ich nicht hätte grüßen ſollen.“ „Wie ſo?“ „Es iſt ja der Kammerjunker, welcher dort unten ſitzt. Aber er ſah mich mit einem ſo innigen und bittenden Blicke an, daß ich unmöglich unartig ſein konnte.“ „Er iſt, wie ich meine, hinlänglich unartig gewe⸗ ſen, daß er es verdient, nicht erkannt zu werden... Doch, mein Gott, wen grüßen Sie jetzt ſchon wieder?“ 280 Dießmal hatte Blenda ein eben ſo verbindliches, als tiefes Compliment gemacht. Und nun begann auch Frau Emerentia mit einer Menge von Complimenten, weiche eine vertraulichere Bekanntſchaft zu erkennen gaben. „Sehen Sie jenen Herrn?“ fragte Blenda lebhaft, „ihn, links unter der königlichen Loge, mit dem hübſchen Operngucker in der Hand?“ „Ich ſehe viele Herren mit Opernguckern.“ „Ich meine den mit dem weißen Halstuche!“ „Aha!— nun, was iſt's denn mit ihm?“ „Können Sie rathen, wer das iſt?“ „Nein, das kann ich nicht... es iſt mir nur, als müßte er ſehr intereſſirt ſein, Sie zu betrachten, mein Couſinchen, weil er das beinahe zu lange thut, als daß er das Paſſende ganz genau kennen kann.“ „Nun gut— das iſt Herr A.“ „Der Handelsexpedient?“ „Ja!... Wie gefällt er Ihnen?“ Glücklicher Weiſe befreite die Muſik den Coufin Jean von einer Antwort, und dießmal war er nicht unzufrieden damit, daß Blenda's Aufmerkſamkeit auf die Scene gelenkt wurde. Er ſah dieß um ſo lieber, als außer den Guckern des Kammerjunkers und des Handelsexpedienten noch eine Maſſe anderer Operngucker auf das ſchöne Mädchen gerichtet wurden. Aber es ſollte noch ärger kommen. Gegen das Ende des Actes ging gegenüber in dem Proſcenium die Thür auf und es traten zwei Herren erein. Sobald ſie ſich geſetzt und die Augen in den Salon geworfen hatten, hefteten ſich dieſe, nach einem flüch⸗ tigen Blick auf die Bühne, an die Loge gegenüber. Couſin Jean ſah, daß der eine von dieſen Herren plötzlich zuſammenfuhr, ſich an ſeinen Nachbar wandte und dann wieder gerade vor ſich hin ſah, wobei die Herren einige lebhafte Worte mit einander austauſchten, deren ſchwe Blen Blick zu w beloh hatte der ſ ihrer jung. ihr j ja n nicht nuß ches, auch aten, unen haft, ſchen als mein daß pufin nicht auf eber, des ucker dem erren alon lüch⸗ erren ndte die hten, 281. deren Gegenſtand für den aufmerkſamen Liebhaber nicht ſchwer zu errathen war, denn ſie hörten nicht auf, Blenda zu betrachten. Und er, der ſie zuerſt erblickte, hatte in ſeinen Blicken ein Feuer, eine Ungeduld, welche ſie zwingen zu wollen ſchienen, ſeine anhaltende Aufmerkſamkeit zu belohnen; doch ſo lange der Vorhang noch auf war, hatte Blenda wie zuvor nur Sinn für die Spielenden. Ja, nachdem er ſchon gefallen war, ſtarrte ſie noch der ſchönen Precioſa nach und fühlte in dem⸗Innerſten ihrer Seele den Wiederklang ihres Geſanges: „Was ich denke, was ich treibe Zwiſchen Freude, Luſt und Schmerz, Wo ich wandle, wo ich bleibe, Ewig nur bei Dir mein Herz!“ Endlich ſagte ſie zu dem ungeduldig wartenden jungen Mann, der wie auf glühenden Kohlen hinter ihr ſtand: „Wie kann man wohl jemals mit Gleichgültigkeit, ja nur mit Ruhe im Schauſpiele ſitzen? Sie ſehen nicht aus, Couſin Jean, als ob Sie einen großen Ge⸗ nuß hätten!“ „So viel ich weiß, habe ich ſja auch gar nicht behauptet, daß ich Genuß habe!“ Blenda ſah ihn verwundert an. „Woran denken Sie denn?“ „Ich dachte an meine Reiſe in dieſer Nacht.“ „In dieſer Nacht?— Reiſen Sie ſchon in dieſer Nacht?“ Der lebhafte Glanz, der noch ſo eben in Blenda's Augen geſtrahlt hatte, wurde augenblicklich in Nebel gehüllt; alle Intereſſen, die ſie noch vor einem Augen⸗ blicke gehabt hatte, waren vergeſſen. Was Frau Emerentia hetrifft, ſo war während der Zwiſchenacte ihre Aufmerkſamkeit ſo unausgeſetzt auf die Logen, welche ſie ſehen, ſowie auf die Leute, 282 deren Anzug ſie muſtern konnte, gerichtet, daß die jungen Leute faſt ganz allein zu ſein glaubten; die kluge Mutter war zu gleicher Zeit ſowohl zugegen, als auch abweſend, denn ſie hörte Alles ſehr gut, obgleich ſie ſich ſtellte, als hörte ſie gar nichts. „Ja,“ entgegnete Couſin Jean,„ich würde in dieſer Nacht doch nicht ſchlafen können— alſo iſt es beſſer, die Zeit auf der Landſtraße zuzubringen. Wenn ich wiederkehre...“ Er machte eine Pauſe, doch die Sprache, welche ſeine Augen redeten, füllten dieſelbe aus und machte, daß Blenda ſich zitternd abwendete. Was war die Folge dieſer verſchämten Bewegung? Keine andere, als daß ſie unbewußt nach dem andern Proſcenium hinüberblickte, von wo aus der zuvor er⸗ wähnte Herr, welcher ſie ſo lange und mit Ungeduld betrachtet hatte, ihr mit ausgeſuchter Artigkeit ſein Compliment machte, welches Blenda erröthend er⸗ wiederte. „Ich glaube wirklich, mein Fräulein, Sie kennen den ganzen Theaterſalon!“ ſagte Couſin Jean, und ſein Ton verrieth eine merkliche Kälte. Ein heftiger Anfall des Huſtens, der in dieſem Augenblicke über Frau Emerentia kam, hinderte Blenda, zu antworten. Die werthe Frau, welche mit einem halben Ohre der Unterredung zwiſchen der Tochter und ihrem gräf⸗ lichen Schwiegerſohne gefolgt war, hielt es für ein Meiſterſtück von Feinheit, in dieſem kritiſchen Augen⸗ blicke eine Unterbrechung zu bewirken. Sie machte auch wirklich einen ſolchen Lärm— ehe ſie die Bruſt⸗ kuchen aus dem Arbeitsbeutel bekommen konnte, den ſie ganz behende hatte fallen laſſen— daß das Geſpräch wirklich in's Stocken gerieth. 1 Indem ſie nun ſuchte, erhielt ſie Gelegenheit, ihrer Tochter folgende Worte in's Ohr zu flüſtern: „Jetzt haſt Du wenigſtens Zeit gehabt, Dich zu beſinne merke, Minde was d leiſtet digung war ir 1 worde S innert Mutt zu ſag Tagen Zufall ngen luge auch ſich ieſer eſſer, ich elche chte, ng? dern er⸗ duld ſein er⸗ nen und ſem nda, Dhre räf⸗ ein gen⸗ chte uſt⸗ den räch Frer zu 283 beſinnen— ſei vorſichtig in Deiner Antwort... ich merke, der Graf iſt eiferſüchtig wie ein Spanier!“ Blenda war höchſt erſtaunt, ſie begriff nicht das Mindeſte und verſtand auch nicht den Inhalt deſſen, was die Mutter flüſterte. Unſere gnädige Frau, die inzwiſchen keine Luſt hatte, das Mindeſte von ihrer Augenweide zu verlieren, und überdieß jetzt ihrer mütterlichen Pflicht Genüge ge⸗ leiſtet zu haben vermeinte, nahm mit einer Entſchul⸗ digung gegen den Grafen ihren Platz wieder ein und war in demſelben Augenblicke auch von Neuem taub. 31. Nachdem es auf dieſe Weiſe wiederum ruhig ge⸗ worden war, nahte ſich auch Couſin Jean von Neuem. Seine Lippen fragten nichts, aber ſein Blick er⸗ innerte ſie an das unterbrochene Geſpräch. „Ich habe vergeſſen,“ ſagte Blenda mit einer klei⸗ nen Verwirrung, welche ſie ohne die Warnung der Mutter nicht gehabt haben würde,„ich habe vergeſſen zu ſagen, daß der Baron von T— ſwärd vor einigen Tagen bei uns geweſen iſt... Es war jedoch ein bloßer Zuſall, daß er entgegengenommen wurde.“. „Dieſer Herr iſt vermuthlich ebenfalls einer von Ihren Reiſebekannten?“ „Warum ſagen Sie das ſo ärgerlich?“ Jetzt war ſie ſogleich muthig und ungezwungen, denn ſie merkte, daß Couſin Jean nahe daran war, ſie ohne Erklärung zu verurtheilen. „Ich ſage das nicht ſowohl aus Verdruß, als aus Betrübniß.— Sie haben mir ja ſelbſt erzählt, daß Sie zufolge der klugen Rathſchläge Ihrer vortrefflichen 284 Tante niemals einen von dieſen Herren annehmen wollten.“ „Ja; doch ſeien Sie überzeugt,“ entgegnete ſie mit einer kleinen ſpottenden Bosheit,„ſeien Sie über⸗ zeugt, daß die Tante mit anderen Herren auch nicht weniger ſtrenge geweſen ſein würde!“ „Das iſt keine Antwort, mein Fräulein— und ich wage zu glauben...“ „Nun, was glauben Sie denn, mein Couſin?“ „Daß Sie es nicht abſchlagen dürfen, dem Freunde, auf deſſen Ehre Sie bauen können, die Urſache zu ſagen, warum Sie von einem Beſchluſſe abgewichen ſind, den die Pflicht gegen Sie ſelbſt Ihnen vurge⸗ ſchrieben hatte!“ „Dieſe iſt ganz einfach...“ „Nun?“ „Alles iſt Ihre Schuld!“ „Da iſt es vermuthlich meine Schuld auf eben die Art, wie an jenem Abende, da Sie den Kammerjunker mit mir verwechſelten?“ „Ja, ungefähr... Stellen Sie ſich vor: ich war, wie Sie wiſſen, in den Tagen vor Weihnachten nicht recht wohl, und da bildete ich mir ein, es wäre keine Unmöglichkeit, daß eine gewiſſe Perſon auf die Idee verfallen könnte, ſich nach meinem Befinden zu erkun⸗ digen— war das wohl ſo wunderlich?“ „Gewiß nicht!“ „Nun gut: in dem Augenblicke, da ich mit meiner Mutter überlegte, ob ich es wohl wagen könnte, zu der Frau Gyllenhake zu gehen, um die Unruhe zu ſtillen, welche mein Ausbleiben bei ihr erweckt haben möchte, und vielleicht auch bei... bei dem, welcher es übernommen hatte, mich nach Hauſe zu begleiten, tritt die Aufwärterin ein und ſagt, ein junger Herr, den ſte noch nie geſehen, der ſich jedoch für einen Bekannten ausgäbe, hielte darum an, uns einen Beſuch machen zu dürfen. Mutter und ich hatten nur einen Ge⸗ ehmen über⸗ 285 danken: Laßt ihn hereinkommen! Und iſt es meine te ſi Schuld, Herr Couſin, müſſen Sie mich anklagen, daß ete ſie nicht — und 2 eunde, che zu wichen vorge⸗ en die junker war, nicht keine Idee erkun⸗ neiner e, zu he zu haben zer es „tritt , den innten nachen 1 Ge⸗ Sie es nicht waren, ſondern der Baron, welcher— nachdem er ſeinen Vater verloren und ein Fideicommiß geerbt hatte, kürzlich nach Stockholm gekommen war, um ſich zu zerſtreuen?“ „Und kaum angekommen, ſucht er dieſe Zerſtreuung bei Ihnen und findet ſich auch ſo aufgenommen, daß er Ihnen dafür die Erzählung ſeiner Lebensverhältniſſe liefert!“ „Couſin Jean! was wollen Sie damit ſagen?— Ich erkenne Sie gar nicht mehr!“ „Nein, ich bin derjenige, welcher Sie nicht mehr erkennt!“ „Ich verſichere Sie aber, ich war ſo ärgerlich— notabene nicht auf den Baron, ſondern auf den, der daran Schuld war— daß, wenn ich auf geweſen wäre und gehört hätte, als die Aufwärterin am Weihnachtsabende „einen Verwandten“ anmeldete, ich ganz gewiß ge⸗ rathen haben würde, ihn nicht einzulaſſen, es hätte ja wieder ein Anderer ſein können!“ „Dieſe Bitterkeit,“ ſagte er nach einigem Schwei⸗ gen,„iſt vielleicht gerecht— ich geſtehe es. Doch eines Tages, Blenda, werden Sie erfahren, daß Sie ſelbſt nicht weniger ſchuld ſind an der falſchen Stellung, die Sie mir zum Vorwurfe machen, als ich an Ihren Fehlgriffen ſchuld bin.“ „Habe ich Ihnen denn etwas zum Vorwurfe ge⸗ macht?“ „Ohne Zweifel... da ich nun aber verreiſe, ſo darf ich wohl hoffen, daß ich nicht zu mehreren Ver⸗ wechslungen Anlaß geben werde; und bis Sie einen Gruß vom Couſin Jean erhalten...“ „... Bis dahin,“ ſiel Blenda lächelnd ein,„werde ich natürlicher Weiſe ſowohl gegen Verwandte, als auch gegen Bekannte taub und blind ſein. Doch be⸗ 286 denken Sie, daß auch dieſes ſeine große Verdrießlich⸗ keit haben könnte.“ „Wie denn das?“ „Der wirkliche Couſin Jean könnte uns einen Beſuch machen wollen und zufällig auf Ihre Rechnung eingelaſſen werden!“ „Wie ſinnreich ſind Sie doch, mich zu plagen!“ „Welch ein Einfall!“ „War er vielleicht ungerecht?“ „Ganz ungerecht!“ „So habe ich denn jetzt einen beſſeren: Verſchließen Sie Ihre Thüren, bis ich Ihnen meine Rückkehr ſchrift⸗ lich anzeige!“ „Wenn das aber zu lange dauert, ſo...“ 1 „Ich verſtehe, ich verlange allzu viel— was hätte ich wohl auch für ein Recht, ſolche Aufopferung zu fordern? Baron T— ſwärd hat auch wohl ſchon die Erlaubniß erhalten, ſeine Beſuche fortzuſetzen, und es leidet keinen Zweifel, daß der Handelsexpedient...“ „Ich begreife nicht, beſter Couſin, was dieſe ach⸗ tungswerthen Herren Ihnen gethan haben!“ ſagte Blenda mit einem Blicke voll entzückender Schalkhaſtig⸗ keit. Doch kümmern Sie ſich auf keinen Fall um ſie! Der Baron hat verſprochen, uns nicht mehr zu be⸗ läſtigen— er hat das ſehr ernſthaft verſprochen; und was Herrn A. betrifft, ſo ſetzt er ſich gewiß dem Aerger nicht aus, zum zweiten Male abgewieſen zu werden.“ „Inzwiſchen,“ entgegnete Couſin Jean mit jener weichen und vibrirenden Stimme, welche die Aufmerk⸗ ſameit Derjenigen verdoppelt, in deren Ohren ſie einen Wiederhall findet,„inzwiſchen, o Blenda, ſind Sie frei, ich will Sie durch kein Verſprechen binden... Sogar wenn Sie ſelbſt glauben könnten, Sie hätten ſich hin⸗ länglich geprüft, um ein ſolches geben zu können, würde ich nicht wagen, daſſelbe anzunehmen, ehe Sie wüßten, wem Sie es gäben.“ Zuſct abgel und verb wie faſt mern daß d angſt abzei erſten brenn troffe Wor nen wolle von ſie a einen ſehen das Verb ich n forde währ mant die eeßlich⸗ einen hnung 3* Sließen ſchrift⸗ hätte ng zu on die und es e ach⸗ ſagte haſtig⸗ m ſie! u be⸗ ; und Aerger den.“ jener merk⸗ einen frei, Sogar )hin⸗ würde üßten, 287 In dieſem Augenblicke war der für die ubrigen Zuſchauer lange Zwiſchenact zu Ende. Der Vorhang ging auf. Doch für Blenda mochte er jetzt frei auf⸗- und abgehen, ſie wendete das Haupt nicht einmal dorthin, und noch viel weniger ihre Seele, ihre Sinne— Alles verblieb in dem Proſcenium. Und da Frau Emerentia, welche deutlich merkte, wie die Sachen ſtanden, jetzt allein mit ihrer Perſon faſt die ganze Oeffnung fuͤllte, ſo entſtand eine Däm⸗ merung in der Loge. Dieſe Dämmerung war jedoch nicht ſtärker, als daß die Geſichtszüge ſich vollkommen unterſcheiden ließen. Blenda gewahrte, daß ſich eine ſtarke, beinahe angſtvolle Bewegung auf dem Antlitze ihres Liebhabers abzeichnete. Und da ſte in dieſem Augenblicke zum erſten Male ſeit ihrer romantiſchen Bekanntſchaft ſeinen brennenden Kuß auf ihrer Hand fühlte, war ſie ſo be⸗ troffen, ſo erſchüttert, daß ſie, nicht im Stande, mit Worten ſich auszudrücken, ihm nur mit einigen Thrä⸗ nen antwortete, welche ihm einen Vorwurf machen zu wollen ſchienen, daß er nur im Stande ſein konnte, von ihrer Freiheit zu reden. f Er verſtand dieſe Thränen, und ſein Herz nahm e auf. Und wenn ich nun arm, wirklich arm wäre, mit einem unbedeutenden Namen und noch geringerem An⸗ ſehen... wenn ich vor Ihnen ſtände, Blenda, ohne das Clair⸗Obscur, welches unſere geheimnißvolle Verbindung mir geliehen— wie da?“ „Da,“ ſagte Blenda ſtolz und glücklich,„würde ich mich beeilen, Ihnen zu geben, was Sie jetzt nicht fordern wollen.“ „Erwägen Sie dieſe für mich ſo himmliſchen Worte während meiner Abweſenheit!... Sie ſind jung, ro⸗ mantiſch nicht allein von Natur, ſondern auch durch die Erziehung; Sie ſind— verzeihen Sie meiner 288 Aufrichtigkeit— Sie ſind eitel, doch eher aus jugend⸗ lichem Leichtſinn, als wegen eines Charakterfehlers; vielleicht haben Sie einen glänzenden und gefährlichen Traum geträumt— ich fürchte das beinahe. Aber jetzt ſchwöre ich Ihnen in dieſem ernſten Augenblicke: Ich bin kein vornehmer Mann!“ „O ſtill, ſtill! Warum ſagen Sie mir das?“ „Weil es meine Pflicht iſt! Das Loos, welches ich, Ihnen bieten kann, iſt anſpruchslos— ich ſage nicht, daß es Armuth iſt; aber es iſt dennoch weit entfernt von Reichthum und Luxus. Nur von einer einzigen Art des Reichthums können Sie Ueberfluß erwarten, und es kommt darauf an, ob Sie dieſen Reichthum vorziehen.“ „Ich glaube, Sie beurtheilen mich nicht richtig!“ entgegnete Blenda, entzückt über die kleine,„ſo geſchickt geſpielte“ Komödie des Grafen. Es fiel ihr gar nicht ein, nur eine Secunde lang zu glauben, daß in ſeinen Worten Wahrheit läge. Sie wußte ja, daß ihr Liebhaber ein reicher Ade⸗ liger von hoher Geburt war, und daß er Alles, was er geſagt habe, nur geäußert hätte, um ſie zu prüfen. Aber ſie wünſchte wirklich, nämlich in dieſem Augen⸗ blicke der Bezauberung, er möchte der Unbedeutendſte aller Männer ſein, um Gelegenheit zu erhalten, ihm zu zeigen, wie rein, wie tief ihr Gefuͤhl wäre und wie weit entfernt, ſich auf Hochmuth und Eitelkeit zu gründen, wenn auch dieſe fehlerhaften Neigungen in die edleren mit verflochten waren. „Ja, glauben Sie mir, ich beurtheile Sie richtig — wenigſtens hoffe ich es.. Doch wollen wir ſehen, wie die Zeit für oder wider mich wirkt. Noch ein⸗ mal wiederhole ich... Sie ſind frei, frei wie die Luft; ſind die Gefühle wahr, ſo bedürfen Sie ja keiner Ge⸗ lübde, um ihre Dauerhaftigkeit zu zeigen.“ „Das iſt wahr.. doch... doch wenn Sie es WM gend⸗ hlers; lichen Aber licke: es ich nicht, tfernt igen arten, thum ttig!“ ſchickt lang Ade⸗ was rüfen. ugen⸗ endſte ihm d wie it zu en in ichti ehen ein⸗ Luft; Ge⸗ ie es — 289 nicht übel nehmen, eine Frage nicht mißverſtehen wollten..“ „Ach, fragen Sie Alles, was Ihnen beliebt!“ „Nun wohl, ich wünſche wohl eine beſtimmte Zeit ſür Ihre Rückkehr zu wiſſen!“ „Und warum?“ „Warum?.. natürlich um darnach die Zeit zu berechnen.“ „Dank, holder Engel, tauſendmal Dank für dieſe Antwort! Doch muß meine Abweſenheit auf gewiſſen. Umſtänden beruhen. Vielleicht bin ich nicht immer ſo weit aus dem Wege; aber bis ich völlig überzeugt bin von Demjenigen, was ich zu wiſſen wünſche, bin ich dennoch entfernt.“ Wie es möglich war, daß während ihrer leiſen Unterredung— die ſich, ohne daß ſie ſelbſt etwas davon wußten, von dem dritten bis über den vierten Act hinauszog— das Schauſpiel ein Ende nehmen konnte, das begriff weder Blenda, noch auch ihr Lieb⸗ haber; jetzt aber war es dennoch zu Ende, und mit Entzücken, mit geheimem Triumph ſagte Couſin Jean: „Ach, verzeihen Sie mir, was ich Ihnen jetzt ge⸗ raubt habe! Ich 4 dereinſt mit ſo vielen Schau⸗ ſpielen, als Sie ſehen wollen, Ihnen den Verluſt er⸗ ſetzen zu können, welchen ich jetzt verurſacht habe! Sie ſind ja nicht untröſtlich darüber, meine Couſine!“ „Ich bin nur erſtaunt, daß ich es nicht bin— denn ich ſollte es eigentlich ſein!“. „O, Du Kleine,“ tröſtete Frau Emerentia,„ich will Dir jede Kleinigkeit erzählen... und die Muſik haſt Du doch gewiß gehört.“— Ein zweifelndes Lächeln auf den Lippen des Couſin Jean fand bei Blenda eine Erwiederung. Wie glücklich waren ſie in dieſem Augenblicke! Aber es gab Leute, welche ihnen dieſes Glück grauſam beneideten, Leute, welche die Damen beſpähten, Die Romanheldin. 19 290 als ſie die Loge verließen, welche ihnen folgten und ihren Begleiter ſorgfältig muſterten. nſere gnädige Frau und Blenda erkannten unter der großen Menſchenmaſſe in den Corridoren keine einzelne Perſon. Doch ihr Begleiter bemerkte Alles, und er ſagte ganz leiſe zu Blenda, deren. Arm in dem ſeinigen ruhte: „Ach, haben, meinen Gucker und meinen Muff zu nehmen!“ „Ihr Couſin?“ murmelte der Baron.„Nun, das war gut! Aber auf jeden Fall war es ein allzu hüb⸗ ſcher Couſin. Während der beiden letzten Acke muß er ſie ganz außerordentlich gut unterhalten haben.. ſte mit einem Male ſo gleichgültig gegen das Schau⸗ ſpiel?.. vielleicht befand ſte ſich nicht wohl— ſte iſt ja krank geweſen... Auf jeden Fall muß ich wiſſen, ob dieſer Couſin ſie beſucht und ob er Derjenige war, den ſie ſo gerne treffen wollte, als ſte weinte, da ſie nicht ausgehen durfte,— er, dem eine kleine Unruhe nicht ſchadete.“ * 2* Wir ſagen nichts von dem Abſchiede zwiſchen un⸗ ſerer Heldin und ihrem geheimnißvollen Anbeter. Die letzten zärtlichen Worte wurden auf dem Rück⸗ r Couſin, wollen Sie nicht die Güte weg Wol den viel noch gen! 291 gten und wege im Schlitten gewechſelt— und als ſie bei der ten unter Wohnung der Frau Emerentia anlangten, wechſelten ſie ren keine den erſten Händedruck.. te Alles In einem ähnlichen Abſchiede liegt immer eben ſo min dem viel Glück als Schmerz... und die Hoffnung auf ein noch höheres Glück beim Wiederſehen befreite die Ge⸗ bie heute genwart von aller Sentimentalität. 8 Jemand end.“ ieg, ge⸗ lungen rte mit eiter an. 32. ie Güte Es war für Blenda keinesweges leicht, nach die⸗ ſen drei merkwürdigen und poetiſchen Märchentagen in das gewöhnliche Leben zurückzutreten. zu hüb- Doch der Gedanke, daß ſie„frei wie die Luft“ te muß war— welcher vor ihrer Seele bedeutete, daß ſie eben en. von dieſem Augenblick an mit ihrem abweſenden Lieb⸗ ig! Je ling für das Leben und die Ewigkeit vereint war— „ deſto verlieh ihr den Muth, ſogar dem Alltäglichen zu trotzen, m war das ſich doch wenigſtens verbeſſern ließ, wenn man es durch den magiſchen Schleier betrachtete, welchen eine Aeher. glänzende Einbildungskraft über jeden Gegenſtand zu wiſſen werfen im Stande iſt.. e war, Blenda beſchloß daher, den Theil ihrer Lebenszeit da ſie(und dauerte er auch jahrelang), welcher zwiſchen der Abreiſe des Grafen und ſeiner Rückkehr verfließen würde, inruße als eine Art von Fegefeuer zu betrachten, aus welchem ſte gereinigt und veredelt in den ſchönen Himmel, der ihrer früher oder ſpäter wartete, eintreten ſollte. Um aber dieſes„Fegefeuer“ recht nützlich zu ma⸗ chen, faßte ſie auch den Entſchluß, ſich durch einen un⸗ außerordentlichen Fleiß in denjenigen Fertigkeiten zu Nück vervollkommnen, welche ſie Gelegenheit hatte, ſich zu AN 292 erwerben. Außerdem wollte ſie auch ſolche Bücher, mit denen ſie hätte anfangen ſollen, mit Eifer ſtudiren. 3 Ihr Held hatte oft über ihre romantiſchen Ideen gelächelt. Nun gut: ſie wollte keine Romanheldin an Gefühl, Leben und Handlung mehr ſein; ſie wollte dieſe fiebernde Phantaſie feſtbinden an das Nachdenken und werden wie andere junge Mädchen, welche ſich da⸗ mit begnügten, einen Roman ganz einfach zu leſen und Genuß davon zu haben, ſo wie vielleicht bisweilen aus dem Inhalte deſſelben Nutzen zu ziehen, das heißt: ſie wollte die Rollen, welche ihre feurige Seele bisher ſo bereit geweſen war aufzunehmen, nicht länger ſpielen. Nachdem dieſe guten Vorſätze gefaßt waren, fehlte weiter Nichts, als ſte auszuführen. Das Erſte ging vortrefflich. Bald ſpielte und ſang ſie ſo, daß ſie mit wirk⸗ lichem Schrecken an das Selbſtvertrauen dachte, mit welchem ſte vor kurzer Zeit als Lehrerin hatte auftreten wollen. Demnächſt ſtudirte ſie mit Eifer, nicht nur unter der Leitung der guten Frau Gyllenhake, ſondern auch allein dieſe Art von Lectüre, welche allmählig eingeführt war und, weit entfernt die ehrenwerthe alte Frau zu unterhalten, berechnet zu ſein ſchien, das junge Wihchen einen vollſtändigen Schuleurſus durchmachen u laſſen. 4 Aber trotz aller dieſer Anſtrengungen, trotz dem, daß ſie bei wirklich gefahrvollen Begegnungen(von denen wir ſpäterhin reden werden), die des Lebens beſitzen mußte, konnte Flucht ihrer unruhigen Einbildung zügeln.— Sie zwang ſich und ging bis zur Lächerlichkeit, um dieſe ausſchweifende Phantaſie in Schranken zu halten. Sie ſchuf ſich um zu einer ehrbaren Matrone, zu einer neuen Frau Gyllenhake im Kleinen. in allen einfacheren und verwickelteren Verhältniſſen V —— cher, mit diren. en Ideen heldin ie wollte ichdenken ſich da⸗ eſen und eilen aus eißt: ſie 2 bisher ſpielen. , fehlte 3 it wirk⸗ te, mit uftreten cht nur ſondern mählig the alte s junge machen tz dem, (von ruhige ſtändi⸗ dimmer tniſſen ts die ichkeit, en zu ttrone, ten die Folgen ihre 293 Aber es half zu nichts: mitten in aller ihrer aͤußern Würde ertappte ſie ihren innern Menſchen auf friſcher That bei einem von ſeinen überſinnlichen Ausflügen. Bei ſolchen Ausflügen war ſie bald auf ihren Gü⸗ tern, wo ſie große, glänzende Geſellſchaftskreiſe entge⸗ gennahm und in denſelben ſelbſt die Sonne war, welche der ganzen Umgebung Leben ertheilte; bald bei Hofe, ſtets von den Majeſtäten obſervirt, ſtets in den Hof⸗ kreiſen beneidet, gefeiert und ein Gegenſtand des Ge⸗ ſpräches; bald ſaß ſie mit ihrem geliebten„Leiceſter“— ſie verwechſelte ſich oft mit Amy Robſart— im Schauſpiel. und entſann ſich mit einem lieblichen Lächeln ihres erſten Abends im Schauſpiele und des intereſſanten Zwiſchenaktes in dem Proſcenium, eine Erinnerung, die der immer noch eben ſo verliebte und anbetende Leiceſter für eine der ſchönſten in ſeinem Leben erklärte. Jedes Mal, wenn ſie aus einem ſolchen Traume auffuhr, erſchrack ſie jedoch und konnte nicht begreifen, warum es ihr nicht gelingen wollte mit allen ihren eif⸗ rigen Bemühungen, ſich von dieſem romantiſchen Wirr⸗ warr zu befreien. Erſt ſpäterhin war ſie im Stande zu begreifen, warum das Romanleſen auf ſie einen andern Ein⸗ fluß als auf Andere ausgeübt hatte. Der Roman, der reine und geſunde, iſt eine gute und lehrreiche Schule; doch um Nutzen daraus zu ziehen, muß der Geiſt erſt durch andere Schulen gegangen ſein. Mit Blenda's Erziehung war es, wie wir geſehen haben, verkehrt gegangen, und jetzt mußte ſie daher die Folgen der Unvernunft erfahren, in welcher Frau Eme⸗ rentia nicht allein ſteht, nämlich auf Koſten der übrigen Seelenkräfte die Phantaſie eines jungen Kindes ſich entwickeln zu laſſen. Zum guten Glück für unſere Romanheldin ſchütz⸗ s erſten Eindrucks ſie vor der Ge⸗ fahr der übrigen. Vielleicht war es einzig und allein ihre junge Liebe, welche— weil ſie nämlich zufälliger 294 Weiſe einem würdigen Gegenſtande geweiht war— ſie ſchützte, eine leichte Beute der Schmeichelei und der Anbetung zu werden. * ½ 8*⁴ 1 „Nun weiß ich, was ich thun will!“ ſagte Blenda eines Tages zu ſich ſelbſt, nachdem ſie lange vergeblich uber Mittel gegen das Uebel, welches ſie entfernen wollte, nachgedacht hatte.„Ich will eine Barmher⸗ zigkeitsſchweſter werden— da bin ich überzeugt, daß alle dieſe gefährlichen Träume, wie er ſie nannte, weit von mir entfernt bleiben, und daß ich ſein kann, gleich allen Andern, außer darin, daß ich beſſer und meinen Mitmenſchen nützlicher ſein will.“ Wie gerne hätte nicht Blenda— welche keines⸗ weges argwöhnte, daß auch dieſer ſchöne Vorſatz eher eine neue Idee ihrer fruchtbaren Einbildung, als wirk⸗ lich chriſtlicher Gefühle war— wie gerne hätte ſie nicht die Nonnentracht für ihren neuen Beruf ange⸗ nommen! Dieß mußte ſie jedoch unglücklicher Weiſe aufgeben; aber dagegen ſetzte ſie um ſo lebhafter die Sache ſelbſt ins Werk.......... Aber um Gottes willen, wo hältſt Du Haus, mein Kind!“ fragte Frau Emerentia eines Tages, da Blenda eintrat. Sehr erſtaunt, daß Blenda täglich länger aus⸗ blieb, ohne daß ſie einen Grund dazu angeben wollte, hatte die Mutter heute, da die Tochter länger als ge⸗ wöhnlich auf ſich warten ließ, zu der Frau Gyllenhake geſchickt und erfahren, daß Blenda immer zu der be⸗ ſtimmten Zeit des Vormittags von ihr ginge, was ſie auch dießmal gethan hätte. „Bei den Armen, den Kranken, liebe Mutter!“ antwortete Blenda mit flammenden Wangen und ſtrah⸗ —frT no nd der Blenda geblich fernen nher⸗ zeugt, annte, kann, er und eines⸗ 3 eher wirk⸗ tte ſie ange⸗ Weiſe er die mein lenda aus⸗ dollte, 3 ge⸗ nhake r be⸗ us ſie tter!“ trah⸗ 295 lenden Augen.„Jetzt, da ich mit meinem Werk in Gang gekommen bin, will ich's nicht länger verhehlen.“ „Ich verſtehe Dich nicht recht, Du Kleine!“ „Ach, mein Gott, das iſt doch leicht zu verſtehen! Muß ich mir nicht eine Pflicht daraus machen, an Leidende das Gute, welches ich ſelbſt erfahre, wieder zu vergelten?“ „Nun, liebe Blenda, dagegen ſage ich ja kein Wort— ich habe Dich ja immer aufgemuntert, ob⸗ gleich es gewiß nicht nöthig geweſen iſt, Dein Scherf⸗ lein ordentlich an die alte Brita zu ſchicken.“ „Sie iſt aber nur Eine.“ „Das iſt wahr— und in Deinem künftigen neuen Stande iſt es Dein hohes Recht, einer Menge von Unglücklichen Schutz zu ertheilen; und ich kann es eben nicht tadeln, wenn Du jetzt, da Du gute Zeit haſt, Diejenigen aufſuchſt, welche es am meiſten verdienen, ſo daß Du hernach wiſſen kannſt, wem Du Deine Wohlthaten zufließen laſſen ſollſt... Doch, jetzt haſt Du ja noch nichts zu geben?“ „Ja, ſehr viel!“ „Was denn?“ Ich gebe Theilnahme, Krankenpflege und auch Geld.. wenigſtens erhalten ſie Geld durch mich. Auch gebe ich Kleider, deren ich entbehren kann...“ (Frau Emerentia würde ſehr beſtürzt geweſen ſein, wenn ſie mit der Wäſche und der Garderobe ihrer Tochter eine Reviſion angeſtellt hätte)..„O Mutter, Du weißt nicht, wie viel Elend ſich hier verbirgt, und zu werden.“. Aber höre, Du Kleine!— ſo ſchön das auch iſt, muß ich Dich dennoch warnen, ſo allein auszugehen.“ „Wie ſo?“ „Du weißt, der arme Baron— welcher gewiß noch aus Liebe zu Dir ſtirbt— iſt trotz ſeines Ver⸗ 296 ſprechens, nie wieder zu kommen, während dieſer Monate mehrmals hier geweſen...“ „Ja, Mutter; warum haſt Du das erlaubt?“ 3„Erlaubt, erlaubt?— davon iſt jetzt gewiß die Rede! Ich bin wohl auch nicht ein Stein? Er iſt ſo außerordentlich artig und gut. Doch bei jedem Be⸗ ſuche ſehe ich, obgleich ſeine Lippen noch ſchweigen, daß er immer mehr und mehr eingenommen wird...“ „Wie gehört das hieher?“ „Ja, denke, wenn er eine Ahnung von Deinen Promenaden hätte— das wäre für ihn eine Gelegen⸗ heit, Dich zu verfolgen!“ „Er ſollte mich verfolgen?— Nein, er verfolgt mich nicht... ganz im Gegentheil!“ „Was meinſt Du jetzt?“ „Daß er mir begegnet iſt, mit einem Worte, daß ich ihn getroffen habe und zwar mehrere Male. „Und das ſagſt Du ganz ruhig, nachdem Du Dich zuvor ſo ängſtlich und bekümmert über ſeine Beſuche gezeigt haſt?“ „Ja; denn damals kannte ich ihn ſehr wenig.“ „Kennſt Du ihn denn jetzt beſſer?“ fragte Frau Emerentia mit großen Augen. Blenda nickte mit geheimnißvoller Miene. „Kind, Du wirſt doch wohl vor Deiner Mutter keine Geheimniſſe haben wollen!“ „Nein, behüte, Mutter, nicht das allergeringſte: ich will Dir Alles ſagen!“ „Ich verlaſſe mich darauf— aber ich habe eine Ahnung! In des Himmels Namen, biſt Du kalt ge⸗ worden gegen den Grafen und geſonnen, die gräfliche Krone mit der freiherrlichen zu vertauſchen? Das wäre ſehr uͤbel!“ „Ich kalt geworden?“ rief Blenda mit einem Blicke aus, in welchem faſt Abſcheu lag...„Ich aufhören, den zu lieben, welchen ich von dem erſten V onate 4 iß die iſt ſo 1 Be⸗ eigen, ... 41 deinen legen⸗ rfolgt kbutter ngſte: 297 Augenblicke an, da ich ihn ſah, als meinen ſchützenden Engel angebetet habe— nimmermehr! nimmermehr!“ „Aber was iſt es mit dem Baron?“ „Er... ja, er iſt mein Bruder!“ entgegnete ſte ganz naiv. Frau Emerentia— welche, wie ſie ſelbſt zu ſagen pflegte;„ſehr für den Anſtand war“— konnte jetzt einen Ausruf der Beſtürzung nicht zurückhalten. „Kind, Kind! wenn es auch anging, den könig⸗ lichen Secretair Onkel zu nennen— er war ja ſo gut wie verlobt mit einer Andern— und wenn es auch angeht, den Grafen, Deinen künftigen Gatten, Cou⸗ ſin zu nennen, ſo paßt es ſich doch nimmermehr, daß Du den Baron zu Deinem Bruder annimmſt!“ „Warum denn nicht?“ „Wie, Du fragſt! Wenn er als Dein Bruder gel⸗ ten will, ſo geſchieht das nur, um hinter dieſem an⸗ ſtändigen Titel den Lieb haber verbergen zu können.“ „Den Liebhaber verbergen?“ „Ja— und nimm Du Dich in Acht!... Ich kann ein ſolches Spiel nicht erlauben.“ „Aber er führt nicht bloß dieſen Titel. So wie ich, um die Lebhaftigkeit meiner Einbildung zu däm⸗ pfen, von meinen Kräften den beſten und edelſten Ge⸗ brauch gemacht habe, da ich geworden bin, was man in Frankreich ein Barmherzigkeitsſchweſter nennt, ſo hat er ſich zu demſelben Zwecke und auf⸗ gefordert durch mein Beiſpiel zu einem Barmher⸗ zigkeitsbruder gemacht. Er iſt Derjenige, wel⸗ cher mit dem größten Edelmuthe, nachdem wir mit einander die Verhältniſſe der Bedürftigen unterſucht haben, ſehr bedeutende Geldſummen austheilt... Ach, ich bin überzeugt, er iſt der edelſte Mann unter der Sonne!“ „Aber ich ſage Dir, Mädchen; ich will wiſſen, wie das Alles gekommen iſt!... Barmherzigkeitsbru⸗ der— das iſt meiner Treu ſonderbar!“ 298 „Und dennoch iſt es ſo einfach, daß Du es ſogleich verſtehen wirſt.“ 3 „Nun, ſo laß denn hören!“ „Ich hatte es mir vorgenommen, mich zu ändern, in allen Stücken andern Frauenzimmern ähnlich zu wer⸗ den.. ich kann zwar nicht genau ſagen, wie ſie ſind, aber ſie ſehen immer ſo ruhig und angenehm aus— kurz: ich wollte anders werden.“ „Wie einfältig warſt Du doch!— Gerade ſo, wie Du biſt, findet Dich der Graf bezaubernd.“ „Ja; aber ich weiß dennoch, daß er mich noch weit bezaubernder finden würde, wenn ich weniger ro⸗ mantiſch wäre.“ „Gott tröſte mich, ein ſolches Schäfchen!“ „Ich glaube dennoch kaum, daß ich das jetzt noch bin; denn weißt Du, Mutter, wie es mir neulich ging?“ „Nein.“ „An einem Vormittage, da Frau Gyllenhake aus⸗ gegangen war, ſetzte ich mich an das Piano, um noch einmal zu hören, wie mein altes Lieblingslied klang — ich habe niemals den Muth gehabt, es zu ſingen ſeit der Zeit, da der Kammerjunker, das Unthier, mich auslachte.. Gott ſei gelobt, daß ich ihn nicht mehr zu ſehen brauche; ich wuͤnſche, daß ſeine ausländiſche Reiſe in alle Ewigkeit dauern möge!“ „Du kommſt von dem Gegenſtande ab!“ „O nein, nicht ſo ganz, denn mochte es nun von dem Gelächter kommen, welches Bertha's Romanze weckte, oder mochte mein Geſchmack ſich unmerklich verändert haben, genug: das Lied von dem Ritter bert Montabor kam mir ſelb „Das Beſte iſt, wenn Du mir das Rathen erſparſt!“ antwortete die Mutter, deren Geſicht gleichſam umwölkt war. 299 „Denke Dir: ich gähnte und ließ das Buch halb⸗ ſchlafend auf den Schooß fallen! Und ſeit der Zeit habe ich keine Luſt gehabt, mich zu überzeugen, ob dieſe Veränderung bloß ein zufälliger oder vollkommener Abfall von meinem alten Geſchmacke geweſen iſt.“ Einige Augenblicke ſchwieg Frau Emerentia. Darauf ſagte ſie feierlich: „Meine ſelige Großmutter, welche die Welt geſe⸗ hen hatte, pflegte zu ſagen: Verachtung alter, theurer Erinnerungen und Gewohnheiten wäre ſtets eine Folge des Hochmuths oder der Thorheit. Ich will es wün⸗ ſchen, Kind, daß Deine neuen Kenntniſſe Dich nicht zur Sünde verleiten... Hm, hm, hm! den Ritter Egbert Montabor, vor welchem Dein Herz ſo oft ge⸗ ſchlagen hat, narrenhaft finden— bei den Schickſalen derer zu gähnen, über deren Edelmuth und Heroismus Du ſo oft geweint haſt!“ „Was mich mit ſich fortreißt, das iſt die neue Zeit!“ entſchuldigte ſich Blenda.„Und ich kann wirk⸗ lich froh ſein, daß ich nicht länger unter dem Einfluſſe der alten ſtehe.“ „Und dennoch hat dieſe Dich zu Demjenigen ge⸗ macht, was Du biſt!“ antwortete Frau Emerentia trium⸗ phirend...„Doch laſſen wir dieß und kehren wir zu⸗ rück zu dem Baron!... Du wurdeſt alſo eine Barm⸗ herzigkeitsſchweſter?“ „Ja, um die letzten Symptome aller überflüſſigen Romantik zu erſticken, nahm ich mir vor, einen Theil meines Lebens der Armenpflege zu weihen... Aber ſchon an dem erſten Tage, da ich von den deutſchen Bäckerbergen*), wohin ich mich begeben hatte, zurück⸗ kehrte, begegnete ich dem Baron. Er grüßte ſo artig *) Tyskbagarbergen liegen am äußerſten Ende von Ladugardsland, der nordöſtlichen Vorſtadt von Stockholm. Anm. d. Ueberſ. 300 und freundlich, daß ich, obgleich ich beſtimmt weiß, daß ich ſehr würdig und ernſt ausſah, es nicht unter⸗ laſſen konnte, ihm ein kleines Lächeln zu ſchenken.“ „Nun, nun, das war eben nichts!“ „So dachte ich auch. Mein Herz war voller Freude, denn ich hatte Freude bereitet, wo ich geweſen war, daß ich ohnehin ſchon bei mir ſelbſt lächelte— und daß er mir da gerade in den Weg kam, das war der Fehler des Zufalls, und nicht der meinige... wenn es ja ein Fehler war.“ „Doch, um Dein Bruder zu werden, dazu gehörte noch mehr?“ „So warte doch!.„„Ich bin überzeugt,“ ſagte er, indem er ſtehen blieb,„daß trotz der Antipathie, welche Sie, mein Fräulein, mir zeigen, dennoch ir⸗ gend eine Sympathie zwiſchen uns vorhanden iſt...“ „„Worin denn?“ fragte ich...„„das werden Sie künftig vielleicht errathen!““ entgegnete er, und verſchwand darauf in der Gegend, aus welcher ich kam.“ „Ich bin vollkommen überzeugt, daß dieſes Zu⸗ ſammentreffen nicht zufällig war! Er war Dir wohl an jenem Tage, ſo wie ſchon oft zuvor, von Frau Gyllenhake von ferne gefolgt, war darauf neugierig geworden zu ſehen, wohin Du gingſt, und als er das er⸗ fahren, hatte er Dich erwartet und ſich geſtellt, als begegnete er Dir zufällig, um ebenfalls hinzugehen und Gutes zu thun. Er wußte recht gut, wie das auf Dich einwirken würde... doch weiter!“ „Wenn es auch war, wie Du nicht ohne Grund glaubſt, ſo wäre das wohl dennoch kein Unglück... Am folgenden Tage, als ich zu meinen Kranken kam, hatten ſie Alles beſſer: ſie hatten ordentliche Betten an⸗ ſtatt des Strohes und der Lumpen, und Geld dazu, und ſte erzählten mir, gleich nach meinem Weggange wäre ein junger Herr gekommen und hätte geſagt, ein Engel ſchicke ihn zu ihrer Hülfe.“ „Aber, Du Kleine, das war allzu ſchön und in⸗ —— — — ——— 301 tereſſant! Ich kann nur nicht begreifen, wie es Dir möglich geweſen iſt, mir das Alles zu verſchweigen!“ „Ich durfte ja nicht prahlen— die Barmherzig⸗ keitsſchweſtern prahlen nie mit ihren Wohlthaten— aber eben ſo ausgemacht iſt es auch, daß ich antworten mußte, da Du mich im Ernſte fragteſt.“ „Gut, gut!...Wie ging's dann weiter?“ „So daß ich überall, wohin ich ging, am folgen⸗ gen Tage Spuren des Barons fand, welcher im Na⸗ men des Engels kam.“ „Edler junger Mann!“ rief Frau Emerentia an⸗ dächtig aus;„er iſt ein würdiger Nebenbuhler des Grafen.“ „So dachte ich auch, und darum, da ich ihm nicht erlauben konnte, mir ſeine Huldigung als Liebhaber zu geben, ſagte ich ihm vor fünfTagen, da er mir wieder begegnete und mich ſo bittend anſah, daß ich ihn als einen Bruder betrachtete, und daß ich glücklich wäre mit ihm die Sorge für meine Armen theilen zu können.“ „Nun, dieſe Erklärung entzückte ihn, davon bin ich überzeugt, denn er erfuhr doch wohl nur die letzte Hälfte?“ „Das verſteht ſich; ich konnte natürlicher Weiſe nichts von meiner Verbindung mit dem Grafen ſagen, da er von derſelben gar keine Ahnung hat. Was ich ihm ſagte, machte ihn daher außerordentlich glücklich. Er küßte mit Entzücken meine Hände, und verſicherte, er wäre bereit, den edlen Freuden, welche ich ihm an⸗ gewieſen hätte, den vierten Theil ſeines Vermögens zu opfern... Darauf äußerte er einige Worte, die in Betreff unſerer erſten Begegnung in den deutſchen Bäcker⸗ bergen große Aehnlichkeit mit Deiner Ahnung hatten.“ „Aber, Du Kleine, ich weiß doch nicht recht, ob es geht, auf dieſe Art fortzufahren. „Warum denn nicht? Es iſt ja ſo unſchuldig!““ Wenn nun aber der Graf— von dem wir jetzt 77 30² ſeit mehr denn zwei Monaten nichts gehört haben— ganz unvermuthet zurückkehrte, ſo könnte er ernſthaft eiferſüchtig werden.. Du weißt wohl noch, wie er im Schauſpiele war?.. Und trotz der Reinheit Dei⸗ ner Bekanntſchaft mit dem Baron, könnte von Deinem Liebhaber dieſe Reinheit ganz mißdeutet werden.“ „Mein Gott, daran habe ich nicht gedacht!“ rief Blenda erblaſſend aus.„Schon morgen muß ich alſo, ohne mein Geheimniß zu verrathen, dem Baron ſagen, daß es nicht länger ſo fortdauern kann, wie wir es bisher gehabt haben.“ Richtig, Kind, das iſt eine Pflicht gegen Deinen künftigen Gatten und auch gegen Dich ſelbſt, denn böſe Zungen könnten Deinem Rufe ſchaden, wenn böſe mugen Dich mit einem jungen Manne promeniren ähen.“ „Das iſt wahr, das iſt wahr!“ 33. Erröthend und in Verlegenheit wegen der Rolle, welche ſie heute zu ſpielen hatte, und welche die ſtrengſte Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt von ihr heiſchte, ging Blenda am folgenden Morgen, um die alte Dame zu beſuchen, in deren Hauſe ſie ſtets den größten Theil der Vormittage verlebte. Und ſie ging ſo in Gedanken vertieft, daß ſie eine junge Dame, die ihr begegnete, nicht eher bemerkte, als da dieſe mit verwundertem Blicke ausrief: „O der Tanſend! Iſt das meine kleine Einfalt, die ich ſo fein und wirklich elegant gekleidet hier treffe?. Nun, wie beſinden ſich jetzt die Herr⸗ ſchaften?“ —— — — 303 „O, mein Gott! ſieh, Henriette!... ſo ange⸗ nehm!... Hat Dir denn Patrik, der die Güte gehabt hat, nach Weihnachten mehrere Male bei uns einzu⸗ ſprechen, nicht geſagt, daß wir uns ſehr wohl befinden?“ „Gewiß; doch das konnte mich nicht hindern, ſelbſt zu fragen, da die Gelegenheit ſich darbot... Ich höre, Du fährſt fort, bei einer alten Frau, die bewunde⸗ rungswürdig gut gegen Dich ſein ſoll, Vorleſerin zu ſein?“ „Ja, bewunderungswürdig gut, das iſt das rechte Wort. Du kannſt Dir gar nicht vorſtellen, wie Vieles ich meinen Beſuchen bei ihr verdanke! Jetzt habe ich ſchon drei Monate lang Unterricht im Geſange und auf dem Piano gehabt bei dem ausgezeichneten Lehrer, den ſie mir verſchafft hat.“ „Nun, das war mir ein Muſter von edlen Beſchütze⸗ rinnen!. Ich bin neugierig, etwas mehr über Dein Glück zu vernehmen, und vor allen Dingen Deine Stimme und Dein Spiel zu hören.“ „Du biſt ſehr gütig!“ „Komm mit und bleibe heute bei mir!“ „Ich danke Dir von Herzen für die Einladung, aber.. aber ich weiß nicht...“ „So ſei doch keine Närrin! Es wird Dir voch wohl nicht einfallen, daß Du Dich für beleidigt hältſt, weil ich nicht bei euch geweſen bin? Doch zuerſt war es, wie Du ſelbſt weißt, ein wenig grau zwiſchen uns, und hernach könnte ich— notabene, wenn es zu mei⸗ nen Schwächen gehörte, daß ich mich leicht beleidigt fühlte— Grund gehabt haben, unwillig zu ſein, weil die Herrſchaften weder kamen, da ich ſie zum Mittag einlud, noch auch für die Einladung dankten.“ „Gute Henriette, Du erräthſt wohl, welche Gründe uns zu Hauſe gehalten haben?“ Nein, wahrhaftig nicht!“ „Erſtlich glaubte ich, Du könnteſt mich nicht recht ausſtehen; demnächſt that es mir weh, daß Du mir ſo 304 viele beleidigende Sachen um des Kammerjunkers willen geſagt hatte. Und endlich ſchämte ich mich, Johann zu treffen.“ Bei dieſer dreifachen Antwort erröthete Henriette. Sie konnte es ſich ſelbſt nicht läugnen, daß Blenda in den Stücken, die ſie(Henrietten) betrafen, Recht hatte; jetzt aber waren die Zeiten verändert und mit ihnen auch die junge Frau. Auf der einen Seite ſchienen die armen Verwand⸗ ten keiner Hülfe weiter bedürftig zu ſein, was in den Augen der reichen Verwandten ihre Actien bedeutend höher ſtellte. Blenda's gewählter Anzug redete auch wahrlich nicht länger von einer armen Nähterin. Dem⸗ nächſt war der Kammerjunker nicht nur aus dem Reiche, ſondern auch— was noch weit beſſer war— total aus dem Spiele: er war, wie man weiß, für Henrietten weiter Nichts geweſen, als eine zufällige Zerſtreuung, eine kleine Epiſode in dem ſchattenreichen Henrikslund. Endlich hatte ja Johann auf der gefähr⸗ lichen Reiſe nach Barkarby geſtanden, daß ſein Herz an fremdem Orte gefeſſelt war, und leider war es allzu wo ſie lebte— ihn mit Banden gefeſſelt hatte, die nicht von einer Andern zu zerreißen waren. Das Endreſultat von dem Allem war, daß— nach⸗ dem Henriette in keiner Hinſicht länger auf Blenda eiferſüchtig ſein konnte und ſie noch dazu in einer Lage traf, welche die junge Frau von der Zweideutigkeit — ſie keine beſſere Art wußte, ihre Neugierde zu be⸗ Zuſammenkunft einlud. Neugierde, welche ſo groß war, daß ſie ſich ſchon längſt vorgenommen hatte, dieſelbe auf irgend eine Art und Weiſe zu befriedigen— war die, daß Frau Emerentia, der es ſo herzlich ſchwer wurde, ihr ſüßes Geheimniß befreite, daß ſie mit verſchämten Hausarmen umginge deutlich, daß die Unbekannte— Gott mochte wiſſen, friedigen, als daß ſie Blenda zu einer vertraulichen Die vornehmſte Urſache ihrer Neugierde— eine zu be⸗ llichen eine längſt rt und rentia, eimniß 305 zu tragen, der Mamſell Debora, welche die Ritterſtraße bisweilen beſuchte, einige kleine geheimnißvolle Winke gegeben hatte von einem vornehmen Manne, der in der allertiefſten Stille von Blenda's Reizen entzückt r... Doch, wir kehren zurück zu der Begegnung unſerer Damen. „Sei Du ganz ruhig!“ erwiederte Henriette auf Blenda's Entſchuldigungen.„Das kleine Unbehagen, das zwiſchen uns Statt fand, floß einzig und allein aus der großen Parteilichkeit der ſeligen Schwieger⸗ mutter für Dich. Ich liebte die ehrwürdige Alte ſo herzlich, daß ich in der That eiferſüchtig war über Deine Fortſchritte in ihrer Gunſt. Doch das Alles iſt nun vergeſſen und eben ſo die ganze Lumperei mit dem Kammerjunker.“ „Das iſt wohl Alles recht gut, doch.. Du darfſt nicht übel nehmen...“ „Aha— ich vergaß den letzten Grund! Nun, was Johann betrifft, ſo kannſt Du noch ruhiger ſein... er denkt nicht mehr an Dich, als an irgend jemand Anders! Im Vertrauen unter uns geſagt, habe ich Ur⸗ ſache zu glauben, er würde eine ernſthafte Neigung geopfert haben, wenn er dem Wunſche der Schwieger⸗ mutter gefolgt wäre.“ Mein Gott! liebte er denn ſeine Mutter ſo ehr?“ „Vielleicht ſtanden und ſtehen ihm bei ſeiner Wahl noch einige Schwierigkeiten entgegen. Wie dem aber auch ſei, ſo iſt er geſtern abgereist und kommt vor meh⸗ reren Wochen nicht zurück— alſo haſt Du keinen Grund, länger eigenſinnig zu ſein!“ Unmöglich konnte Blenda aller dieſer Güte von Seiten Henrietten's widerſtehen— und warum ſollte ſte das auch jetzt, da ſie erfahren hatte, daß das Herz ihres Couſins längſt weggegeben war? Sie verſprach Die Romanheldin. 20 306 alſo, zu kommen, ſobald ſie ihre Lectionen beendigt und ihre Mutter von ihrem Ausbleiben benachrichtigt haben würde. * 4* „Meine Kranken müſſen ſich heute ohne mich be⸗ helfen!“ ſagte die junge Barmherzigkeitsſchweſter zu ſich ſelbſt, als Henriette verſchwand. Sie war jedoch keineswegs unzufrieden, einen kur⸗ zen Aufſchub in der ſchweren Pflicht zu erhalten, welche ihr gegen ihren Bruder oblag. „Wie wird er ſich nach mir umſehen!“ ſagte ſie betrübt.„Armer Mann! ich bin überzeugt, er wird ſehr traurig ſein, wenn er hört, daß Jeder von uns ſeine Barmherzigkeitswerke allein ausüben muß!“ Ganz melancholiſch ihre Gedanken an den jungen Baron richtend, trat Blenda bei ihrer alten Freun⸗ din ein. Wahrſcheinlich hatte ſie jedoch in dieſem Augen⸗ blicke eine plötzliche Ahnung, denn gleich einer jungen Hindin war ſie mit einem Sprunge am Piano und bemächtigte ſich eines dort liegenden großen, mit einem Papierſtreifen umwundenen Blumenſtraußes. Es war Niemand im Zimmer. Blenda konnte ſich alſo ihrer Thorheit frei hinge⸗ ben, und in einem Ausbruche wilder Freude dieſes Zeichen der Erinnerung ihres Geliebten, das erſte, welches ſie ſeit dritthalb Monaten erhalten hatte, küſſen und liebkoſen. Als die Blumen ihre Huldigung erhalten hatten, kam die Reihe an den Papierſtreifen. So lange es ihr möglich war, ſchob ſie die Unter⸗ ſuchung deſſelben auf. Vielleicht gab ſie ſich bloß einem leeren Wahne hin, wenn ſie glaubte, es ſtände etwas auf der innern Seite des Papiers. Im Falle eines Irrthumes war 307 es alſo das Beſte, die Gewißheit aufzuſparen, denn ſo lange dieſe nicht gegeben war, konnte ſie wenigſtens ihre Illuſion genießen. Aber die Neugierde erhielt die Oberhand. Der Streifen wurde entfaltet— o Göttermächte des Himmels!— es war wirklich ein förmliches Billet. Es enthielt folgende Worte: „Wenn es um der Bodürftigen willen geſchieht, daß ihre zärtliche Pflegerin einen Begleiter auf ihren Promenaden mitgenommen hat, ſo hat Frau Gyllen⸗ hake eine Summe Geld in Verwahrung, die einen Theil desjenigen, was der Baron T— ſwärd für die⸗ ſelben thut, erſetzen dürfte... Wenn jedoch der gute Engel der Leidenden um ihretwillen Geſellſchaft liebt, ſo iſt dieſe Botſchaft von einem abweſenden Freunde ganz überflüſſig. Jean.“ Blenda war ſo erſchüttert, daß ſie nahe daran war, zu Boden zu ſinken. Was hatte ſie gethan? Ihren Geliebten beleidigt, Verdacht in ihm geweckt, und dieß in dem Augenblicke, da ſie ſich vorgenommen hatte, die Vernunſt und das Nachdenken ſelbſt zu ſein. Ihr überlautes Schluchzen— ſie gab ſich gar keine Mühe, daſſelbe zu bekämpfen— mußte im anſtoßen⸗ den Zimmer gehört worden ſein; denn die Thür ging auf und die alte freundliche Frau zeigte ſich. „Wie ſteht's mit meinem kleinen Fräulein?“ fragte ſie herzlich, indem ſie mit einer Miene von mütter⸗ licher Vertraulichkeit dem jungen Mädchen ihre Hand reichte. „Ach, ich bin zum Tode betrübt!“ antwortete Blenda, indem ſie ihre Lippen ehrfurchtsvoll auf dieſe mütterliche Hand drückte. „Was iſt denn geſchehen?“ „Etwas, worüber ich mich in meinem Leben nicht tröſten kann!“ 20* 308 „Es gibt keine Betrübniß, für welche nicht irgend ein Troſt wächst— glaube mir, ich bin alt und habe Erfahrung!“ „Ach, wenn ich das wagte— Gott weiß, wie gerne ich wollte! Aber es iſt ſo, daß... daß..“ „Nun, ſo laß uns mehr hören!“ „Ach ja, ich bin ſchrecklich unvorſichtig geweſen, obgleich— ich betheuere es— in der allerbeſten Ab⸗ ſicht. Und wenn nur er, der dieſes kleine Billet ge⸗ ſchrieben hat, erführe, daß ich nicht gefehlt oder rich⸗ tiger, wenn er erführe, warum ich gefehlt habe— denn ich habe ja gefehlt und auch wieder nicht gefehlt — ſo würde er mich nicht länger ſtrenge beurtheilen. Aber ach, nun thut er das, und niemals erfährt er...“ Hier hinderten ſite die immer heftiger hervor⸗ brechenden Thränen, fortzufahren. „Was erfährt er niemals?“ „Daß ich gerade heute die Abſicht hatte, dem Ba⸗ ron— denn er iſt Derjenige, der mich auf meinen Wanderungen in die Hütten begleitet hat— zu ſagen, er müßte künftig die Gegenſtände ſeiner Wohlthaten allein aufſuchen, denn ſchon geſtern Abend kam ich durch eine Unterredung mit meiner Mutter zu der Ueber⸗ zeugung, daß dieß geſchehen müßte.“ „Und dieſen vernünftigen Entſchluß willſt Du nun gleich ausführen?“—* „Ja, morgen!“ „Warum denn nicht ſchon heute?“ „Darum, meine beſte Tante“— ſchon lange hatte Blenda ihrer alten Freundin dieſen Titel gegeben— „weil ich heute auf der Straße meiner Couſine, der jungen Frau Thorman, begegnete, und dieſe mich dringend bat, ich möchte heute zu ihr kommen... und im Ganzen ſchadet es ja auch nicht, wenn ich eine kurze Zeit zum Nachdenken erhalte. Du verſtehſt wohl, liebe Tante, daß es nicht ſo ganz leicht iſt, dem guten Baron das Alles zu ſagen.“ 309 „O ſtill, ſtill! Das iſt gewiß eben der junge Herr, welcher hier vor den Fenſtern auf und ab zu ſpazieren pflegt, wenn Du ſingſt?— Du biſt nicht ſehr vorſich⸗ tig, mein liebes Fräulein!“ „Ach, mache mir keine Vorwürfe! Ich bin ohne⸗ hin ſchon ſo bedauernswürdig, daß ich kaum leben kann!“ „Nun übertreibſt Du gewiß!“ „Nein, nicht im Mindeſten... Wenn ich aber einige Zeilen an ihn ſchriebe, der dieſes Bouguet geſchickt hat, würden ſie dann an ihn gelangen? Du haſt nie⸗ mals ein Wort von ihm geſagt, beſte Tante, aber den⸗ noch weißt Du, wen ich meine.“ „Trockne Deine Augen... Dein Lehrer kommt!... Geh in das Schlafgemach und ſchreibe dieſe Zeilen, ſo will ich indeſſen mit Herrn E. eine Weile plaudern!“ b Blenda ließ ſich dieſe Erlaubniß nicht zweimal geben. ** * Sie öffnete die Thür des Schlafgemaches und würde ihrer Beſtürzung in einem lauten Ausruf Luft gemacht haben, wenn nicht Couſin Jean— der vor ihr ſtand — den Finger auf die Lippen gelegt hätte. „Ach, großer Gott, ſind Sie hier, mein Couſin!“ flüſterte ſie, heftig zitternd an Händen und Füßen, und die hohe Freude, welche in ihren Augen ſtrahlte, hob in der Secunde faſt alle Befürchtungen des Liebhabers. „Ja, Blenda, ich bin auf einige Minuten gekom⸗ men, um mich zu überzeugen, daß die Furcht, welche mein Herz gemartert hat, unnöthig geweſen iſt... Der Baron... reden Sie, eilen Sie!... wie iſt es denn mit dieſen vertraulichen, dieſen unbegreiflichen Zuſam⸗ menkünften?“ „Sollte ich denn nicht frei ſein, wie der Vogel in der Luft?“ entgegnete Blenda mit ſchelmiſchem Lächeln; 310 denn jetzt, da ſie ſich mündlich ausſprechen durfte, hatte ſie Nichts zu fürchten— es war ganz recht und paſſend, ihn, der ſie eben ſo ſchrecklich geplagt hatte, wieder ein Sie wenig zu plagen. der „Ja, gewiß!“ meinte Blenda's Ritter.„Und dieſe for Freiheit haben Sie auch jetzt noch.“ „Nun, ſehen Sie, mein Couſin!... da iſt es wirk⸗ lich lächerlich, ein ſolches Billet zu ſchreiben— be⸗ greifen Sie denn nicht, daß wer frei iſt, vor Keinem Rechenſchaft abzulegen braucht?“ „Außer vor dem eigenen Gewiſſen, Boshafte!“ ſehe „Das iſt wahr, und mein Gewiſſen klagt mich lieb nicht an, weil ich einen Barmherzigkeitsbruder in mei⸗ unte ner Geſellſchaft gehabt habe.“ 1 „Indeſſen erhält dieſer Bruder morgen ſeinen Abes wer chied?“ „Ja wohl... Doch, ich will darüber nicht ſcher: fahr zen!“ ſagte ſie in einem plöͤtzlich veränderten Tone. „Der Baron iſt ein guter Menſch, und...“ dieſ „Ja, nun fehlt es nur noch, daß Sie ihn bekla⸗ klar en.. O Blenda, Du bringſt mich in Verzweiflung!“ Dieſes Du— das erſte, welches jemals über die ſchr Lippen ihres Liebhabers gekommen war— klang ſo lieblich in Blenda's Ohren, daß ſie darnach lauſchte, tref als hätte ſie einen Ton vom Himmel vernommen. völl „Ja, Du bringſt mich in Verzweiflung, denn Du theilſt Deine Gunſt unter Mehrere!“ Glr „O, ſeien Sie nicht ungerecht, Couſin Jean!“ ent⸗ gegnete ſie hoch erröthend.„Was ich an Andere wege gebe, iſt nichts gegen dasjenige, was...“ Sie ſchwieg und wendete ſich ab. 8 „.. Gegen dasjenige, was? Ich flehe, fahren Sie fort!“ 4 1 „... Was ich für einen Einzigen aufſpare!“ „Genug, genug!“ ſagte er, und ein Blitz von un⸗ Leh ausſprechlicher Freude flammte in ſeinem ſchwarzen Auge. Au „Ich verlange jetzt noch nicht mehr!“* erſt ——— 311 „Und Sie ſind zufrieden, ſind überzeugt?“ „Vollkommen... Doch ſeien Sie vorſichtig, laſſen Sie keinen Menſchen ahnen, daß es Jemanden gibt, der ſeine ganze Hoffnung auf künftiges Gluͤck von den Worten, die er jetzt gehoͤrt hat, abhängig macht! Ver⸗ ſprechen Sie das?“ „Ja, und darauf können Sie bauen!“ „So leben Sie denn wohl bis auf Wiederſehen... liebe, liebe Blenda, leben Sie wohl!“ „Ach, noch einen Augenblick!— Dieſes Wieder⸗ ſehen, wann iſt das?“ Sie bemühte ſich, den Schmerz des Abſchiedes zu unterdrücken, aber ihre Stimme verrieth ihn dennoch. „Fragen Sie nicht!— Es wird ſein, wenn ich meine, ich kann ſicher bauen auf das Herz, nach wel⸗ chem ich jetzt ſtrebe. Ganz kürzlich glaubte ich in Ge⸗ fahr zu ſein, es zu verlieren.“ Blenda antwortete nur mit einem Lächeln, aber dieſes war bedeutungsvoll genug, um ihre Gedanken klar zu machen.. Im nächſten Augenblicke war Couſin Jean ver⸗ ſchwunden. Aber trotz der Schnelligkeit in dem Zuſammen⸗ treffen und in dem Abſchiede, war Blenda's gute Laune völlig wieder hergeſtellt., Jetzt trug ſie in ihrem Innern eine Welt von Glückſeligkeit. 34. Nach Beendigung der Unterrichtsſtunde, da der Lehrer ſich entfernt hatte, warf ſich Blenda mit einem Ausbruch des in ihr wohnenden, auf einen Augenblick erſtickten Entzückens ihrer alten Freundin in die Arme. 312 „Ach, gute Tante, rede mit mir von ihm!— Wozu dieſe Zurückhaltung?“ „Er hat es ſelbſt ſo gewünſcht!“ „ Jetzt aber kann er es weder wünſchen, noch auch fordern, da er ſich ſelbſt hier gezeigt hat!“ „Ich habe auch gar nichts dagegen, über ihn zu reden, wenn Du nur nicht verlangſt, daß ich gewiſſe Fragen beantworten ſoll, über welche ich nicht das Recht habe, mich zu äußern.“ „Nein, ich will, ich brauche ſogar keine Fragen zu thun, die Dich in Verlegenheit ſetzen können— ich weiß ja viel mehr, als er ſelbſt glaubt.“ „O! was weißt Du denn?“ „Das Wichtigſte!“ „Und das iſt?“ „Ich könnte mit drei Worten fertig ſein: ich liebe ihn— denn das iſt wirklich das Wichtigſte... nicht wahr?“ „Ja, gewiß— aber demnächſt?“ „Demnächſt iſt das Wichtigſte: ich weiß, wer den Diebſtahl begangen hat, mein Herz wegzukapern.“ „Du kleine Närrin, Du biſt auf einem falſchen Wege!“. „Gewiß nicht!“ 1 „Ja, ganz gewiß— ich weiß durch ihn ſelbſt, daß Du ſeinen Namen und ſeinen Stand zu kennen glaubſt...“ „Nun?“ „Aber Du kennſt keines von beiden!“ „Liebe Tante, Du irrſt Dich!“ „Im Gegentheil gibſt Du Dir alle Mühe, Dich ſelbſt zu täuſchen— ich will wetten, Du bildeſt Dir ein, daß er eine ſehr hohe Perſon iſt!“ Blenda's Erröthen verrieth ihre Meinung in Be⸗ treff dieſes Gegenſtandes hinlänglich. 7 „Ja, ja,“ fuhr Frau Gyllenhake, die dieſe Art von 313. Antwort recht gut zu verſtehen ſchien, fort; ich wußte wohl, daß ich Recht hatte— armes Kind!“ „Aber.“ „Keine Ausflüchte! Du ſiehſt in ihm einen Mann, an deſſen Seite Du Eintritt in die vornehmſten Kreiſe hoffen kannſt?“ „Ja, ich geſtehe es ein!“ „Und ich ſage noch einmal: Du täuſcheſt Dich und mußt dieſe unvernünftige Phantaſie unbedingt und für immer wegwerfen!“ „Inzwiſchen,“ entgegnete Blenda entſchloſſen,„kann meine Ueberzeugung durch nichts in der Welt erſchüttert werden! Wozu dieſe Verſuche, mir das Gegentheil ein⸗ zubilden, dienen ſollen, weiß ich nicht— aber ich weiß, wenn ich auch nicht mit meinen eigenen Augen geſehen und mit meinen eigenen Ohren gehört hätte, daß er eein Mann von Rang iſt, ſo würde ich dennoch glau⸗ ben... ſo ſicher verlaſſe ich mich auf den Inſtinkt!“ „Ich ſage Dir, mein kleines Fräulein, Deine Ein⸗ bildung iſt ſo fabelhaft, daß Du ſelbſt eine ganze Fabel biſt, und eines Tages wirſt Du ſelbſt, ſo wie ich jetzt, uber Deine Narrheit lachen... Jetzt aber muß ich Dich in vollem Ernſte von einer Sache benachrich⸗ tigen....“ 8„Von welcher?“ „...Daß Du über alle Beſchreibung Denjenigen beleidigeſt, welchen Du eines Tages Dir zu Deinem Gatten wünſcheſt!“ d, mein Gottl beleidige ich ihn?“ Das iſt ja ganz natürlich, da Du nicht ſeinen eigenen Werth ſehen willſt, ſondern nur den, welchen Du ihn ſelbſt verleihſt.“ „Um Alles in der Welt ſage nicht ſo!“ „Im Gegentheil will ich noch mehr ſagen: ich wil Dich warnen, damit Du ihn nicht auf immer durch dieſe eigenſinnige Chimäre zurückſtößeſt! Iſt es nicht ein Leiden für ihn, und ſogar ein ſehr ſchweres Leiden, daß 314 er gezwungen iſt, ſich vorzuſtellen, daß Du Deine Lieba und Euer beiderſeitiges Glück von ſeiner äußeren Stellung im Leben abhängig machſt?“ „Aber, mein Gott, das thue ich nicht!“ „Iſt das gewiß?“ 1 „Ja, ganz unbedingt!“ „Alſo, wenn er Larsſon... Pettersſon... Lundgren hieße, oder irgend einen andern eben ſo ehrlichen, wenn auch nicht ſo klingenden Namen führte...“ Blenda entfärbte ſich. „Nicht heißt er Larsſon?...“ „Warum denn nicht?“ „Aber das iſt ja abſcheulich!“ „Abſcheulich?... nun ich ſage!... Ich kannte einen Häradshöfding mit einem Gerichtsſprengel, der Larsſon hieß und ein ſehr liebenswürdiger Mann war... Doch wenn es Dir beſſer gefällt, Frau Pettersſon zu heißen, ſo habe ich auch nichts dagegen.“ „Ich ſehne mich eben ſo wenig nach dem einen, als nach dem andern Namen!“ fiel Blenda lachend ein„Und ich werde ihnen auch wohl entgehen!“ Sie hatte ſich ſchon ganz erholt, und der boshafte Scherz der Tante war ohne Wirkung. „Du biſt unverbeſſerlich, ſehe ich!“ entgegnete Frau Gyllenhake und ſetzte zum erſten Male eine Miene ſtrenger Würde auf.„Glaubſt Du, es wäre mir mög⸗ lich, nur im Scherze ſo eigenſinnig eine Unwahrheit feſtzuhalten?“— „Wenn.. wenn er gebeten hätte...* „Er hat mich nur gebeten, ich ſollte Dir nützlich ſein, ſo viel in meinen Kräften ſtände. Auch hat er mich gebeten, niemals ſeinen Namen zu ſagen, ja nicht einmal etwas davon zu wiſſen, daß er in der Welt iſt... und dabei würde es auch geblieben ſein, wenn nicht Dein kindiſches Benehmen ihn dahin gebracht hätte, herzukommen.“ „Aber,“ wendete Blenda ein,„wenn er wirklich ieba ren ren enn 315 etwas Anderes iſt, als was ich glaube, warum hat er es denn nicht gleich im Anfange geſagt?“ „Das zu erklären, iſt ſeine Sache... Aber jetzt, liebes Kind, iſt es Zeit, zu gehen, ſofern Du noch vor dem Mittageſſen zu Thorman's kommen willſt!“ „Du biſt mir doch wohl nicht böſe, Tantchen?“ „Ich bin Deinetwegen nur betrübt— aber ich hoffe, ja, ich kann wohl ſagen, ich weiß, Dein Herz iſt beſſer, als Dein verdrehtes Köpſchen.“ „Das war meiner Treu eine verdrießliche Antwort! — Mein Kopf ſollte ſo unbedeutend ſein?“ „Nun, nun, das ſage ich ja nicht... der Kopf wird ebenfalls gut, wenn nur alle närriſchen Grillen ihren Reiſepaß erhalten haben.“ 3 „Ich muß denn jetzt wohl zufrieden ſein!... Adieu, gute Tante!... Ich habe hier unzählige angenehme Augenblicke gehabt, heute aber danke ich dennoch für die allerangenehmſten!“ „Das verſteht ſich!... Adieu, mein Kind!“ Blenda ſchwebte hinweg. Die ganze Unterredung mit der alten Frau ver⸗ ſchwand wie ein Schatten, da die„Sonne“— das heißt die Erinnerung an die vorhergehende Unterredung — wieder vorblinkte. Sie lächelie bei ſich ſelbſt, ſie wiederholte jedes Wort, das ihr Geliebter geſagt hatte, und vor Allem entſann ſie ſich, daß er darauf hingedeutet hatte, ſeine eben überſtandene Furcht machte eine verlängerte Prü⸗ fung ihrer Gefühle nothwendig. „Er ſoll keinen ferneren Anlaß zur Furcht er⸗ halten! Wenn ich morgen meine letzte Unterredung mit dem Baron gehabt habe, ſo will ich nicht einmal einen Mann anſehen, ausgenommen meinen guten Couſin Patrik.“ ** 5 316 Der Tag bei Henrietten war für Blenda um ſo angenehmer, als erſtere wirklich ſehr liebenswürdig und freundſchaftlich ſein konnte, wenn ſie wollte. Abber Henriette zeigte ſich nicht allein freundſchaft⸗ lich, ſondern ſie offenbarte auch eine ſo brennende Be⸗ gierde, ſich Blenda's ganzen Vertrauens zu bemächtigen, daß dieſe faſt alle ihre Geheimniſſe verrathen hätte, wenn nicht Couſin Jean's Warnung plötzlich in ihrem Gedächtniſſe erwacht wäre. Sonſt würde für unſere Heldin wohl nichts ange⸗ nehmer geweſen ſein, als wenn ſie Henrietten dieſes Vertrauen recht vollſtändig hätte geben können; da das jedoch nicht anging, ſo erſuhr ihre neue Freundin an⸗ ſtatt deſſen Alles, was den Baron betraf. Und dagegen erzählte Henriette, ſie wäre bei ihrer Nachhauſekunft durch Patrik benachrichtigt worden, daß er an dieſem Morgen einen Beſuch gehabt hätte, der Blenda anginge. „Gott im Himmell ſollte der Graf ſich geaͤndert haben und ganz plöͤtzlich...“ Hier aber hielt ſie inne und erblaßte vor Schrecken über ihre neue Unvorſichtigkeit. „Welcher Graf?“ rief Henriette aus, indem ſie ſogleich dieſen Gegenſtand feſthielt.„Haſt Du auch noch einen Grafen? Du haſt alſo ein ganzes Dutzend von Liebhabern gehabt?“ „O nein,“ ſtotterte Blenda,„nicht einmal ein halbes!“ „Laß uns einmal nachrechnen!... laß mich denken.. der Lieutenant, Nr. 1.. der königliche Se⸗ eretair, Nr. 2... der Baron, Nr. 3... der Handels⸗ expedient, Nr. 4... Johann, incognito durch die Schwiegermutter, Nr. 5.. der Kammerjunker, ja ich danke! Nr. 6... und der Graf der ſo unerwartet an das Tageslicht kam, Nr. 7— nun wahrhaftig, das geht doch wohl an! Ich habe niemals mehr gehabt, als drei auf einmal.“ V —————— Blen davor Dutze mich mit d keine Liebh nicht denn von einge Verm Beſu Blen einen hatte Gege ſie li ſein Verd gut redet Du des Patr artig Nach ſich; gewi — 317 „O, das iſt wohl auch ſchon hinreichend!“ meinte Blenda lächelnd. „Zugegeben... Aber Du kommſt mir nicht ſo leicht davon mit dem Grafen, Deinem ſiebenten Liebhaber!“ „Ach, liebe Henriette, laß uns bei dem halben Dutzend ſtehen bleiben— Du verſtehſt wohl, daß ich mich verſprach: ich meinte den Baron.“ „Nun ſo muß ich Dir wohl glauben!... Aber mit dem Allem, ſiehſt Du, ſind Liebhaber immer noch keine Freier, und Du möchteſt bei allem Ueberfluſſe an Liebhabern dennoch unverheirathet bleiben, wenn Du nicht auf die Stimme des Handelsexpedienten lauſcheſt; denn Du ſollſt wiſſen, daß er es iſt, der ſich— neulich von einer Reiſe zurückgekommen— hier bei Patrik eingefunden hat, um ihn zu erſuchen, er möchte als Verwandter ſich bei Deiner Mutter verwenden, ſeinen Beſuch anzunehmen.“ „Nein, nein, um Alles in der Welt nicht!“ rief Blenda aus, in halber Verzweiflung, daß ſie noch einen Nebenbuhler des Grafen aus dem Wege zu räumen hatte.„Ich ſehne mich jetzt nach keinen Anbetern; im Gegentheil habe ich meine Gründe, zu wünſchen, daß ſie lieber alle mit einander von der Erde verſchwunden ſein möchten, denn ſie machen mir nur Unordnung, Verdruß und Aerger!“ „Gut!“ ſagte Henriette.„Aber es möchte dennoch gut ſein, daß Du ſelbſt mit Deinem Handelsexpedienten redeteſt! denn glaube mir, Du biſt wahnſinig, wenn Du nicht die Sache ernſthaft behandelſt; die Ausſichten des Mannes ſind wirklich ſehr gut.“ „Denke von mir, was Du willſt, aber ich denke, Patrik nur zu bitten, den Beſuch auf eine gute und artige Weiſe abzulehnen.“ Das that Blenda denn auch und erhielt dabei die Nachricht, daß Couſin Johann— an den Herr A. ſich zuerſt gewendet— ihn vor ſeiner Abreiſe an Patrik gewieſen hätte, um von dieſem bei den Damen präſen⸗ 318 tirt zu werden. Da aber Patrik nun keineswegs Blenda's Auftrag, der einer neuen abſchlägigen Ant⸗ wort faſt ganz gleich kam, übernehmen wollte, ſo wurde abgemacht, daß Patrik für den Beſuch des Herrn A. an der Ritterſtraße die Zeit des Vormittages beſtimmen ſollte, da Blenda nicht zu Hauſe wäre. Von dem Geſpräche über die Liebhaber— und man muß geſtehen, daß Henriette durch die Menge derſelben beſſer überzeugt wurde, als durch ihre Augen, daß Blenda wirklich ein ſchönes und liebenswürdiges Weſen war— ging man über auf die Muſtk, und hier zeigte es ſich denn ebenfalls, daß Blenda's Stimme und Spiel ſogar Henriettens übertraf... verſteht ſich, daß Letztere ſolches nicht laut zugeſtand; aber ſie ſagte wenigſtens mit ihrem anmuthigen Lächeln: „Nun ja, jetzt kannſt Du eine Geſellſchaft ſein, von der ein gebildetes Frauenzimmer Vergnügen hat — jetzt ſind wir Verwandte... Beſuche mich, wann Du willſt, je öfter um ſo beſſer... Und hörſt Du, richte es ſo ein, daß Du eine Freiherrin wirſt! Es wäre vielleicht nicht unmöglich, den verliebten Baron in vollem Ernſte zu fangen, ich rathe Dir, Deinen Ein⸗ fluß zu benutzen... etwas ſo Merkwürdiges— obgleich es wirklich recht merkwürdig wäre— hat man wohl ſchon früher geſehen.“ „O, man hat wohl noch merkwürdigere Dinge geſehen!“ entgegnete Blenda mit einem kleinen ſpotten⸗ den Lächeln. Sie konnte es unmöglich unterlaſſen, daran zu denken, wie erſtaunt Henriette einmal ſein würde Als ſie nach Hauſe kam, hatten Mutter und Toch⸗ ter, wie man ſich wohl vorſtellen kann, Stoff genug zu Linem Zwiegeſpräch, das bis in die Nacht hinein dauerte. „Es iſt wirklich ſonderbar,“ ſagte Frau Emerentia zum zwanzigſten Male,„daß ſogar die achtungswerthe Bl beg abe jetz dor 319 swegs b Frau Gyllenhake Dich hinter das Licht zu führen ſucht Ant⸗— doch, Gott ſei gelobt, feſte Hoffnung läßt nicht wurde zu Schanden werden!“ 4 ern A. So dachte Blenda auch. mmen Da man es für abgemacht halten konnte, daß Herr A. ſchon am folgenden Vormittage ſeine Viſite und machen würde, ſo wurde man einig, daß Frau Eme⸗ Nenge rentia ihm ſeinen völligen Abſchied geben ſollte, wäh⸗ lugen, rend Blenda ſelbſt den ſchwierigeren Punkt übernehme, rdiges den jungen„Barmherzigkeitsbruder“ zu verabſchieden. d hier„Gott ſei gelobt,“ murmelte die werthe Frau, indem le und ſie ſich endlich der ſanften Gewalt des Schlafes hingab, , daß„Gott ſei gelobt! Dein künftiger Gatte kann ſich rüh⸗ ſagte men, daß er eine Gräfſin erhält, die keinen Mangel an Freiern gehabt hat— ich hoffe auch, er wird das hin⸗ ſein, länglich zu ſchätzen wiſſen!“ n hat„Und vor allem Andern hoffe ich, er achtet ſchon wann jetzt die Entſchloſſenheit, mit welcher ich ſte von mir Du, entferne... denn ehe er nicht zu der Ueberzeugung ge⸗ ! Es langt, daß ihm Keiner in den Weg kommt, zeigt er BZaron ſich nicht— und ehe er ſich nicht zeigt, werde ich ja Ein⸗ auch keine Gräfin.“ gleich wohl Dinge otten⸗ 35. n zu 2 .. Es war gegen ein Uhr am folgenden Mittage, als . Blenda ſich zu der letzten von jenen Zuſammenkünften Toch⸗ begab, welche ſie für ſo unſchuldig gehalten hatte, jetzt genug aber ganz anders beurtheilte, obgleich ſie in der That inein jetzt nicht weniger unſchuldig waren, als vorher. Sie begab ſich nach dem neuen Wege hin, denn entia 4 dort ſollte ſie dießmal den Baron treffen. herthe. Indeſſen war er weder vor noch hinter ihr zu f 320 ſehen, ebenſo wenig war er an einer der beiden Stellen, wo er wußte, daß ſie ſich aufhalten würde. Dieſes gefiel Blenda nicht. Zwar ſagte ihr ein gewiſſes Gefühl, es wäre das Beſte, wenn er unzufrieden geworden wäre und ſich aus freien Stücken entfernt hätte; dann ſagte aber wieder ein anderes, weit ſchmeichelhafteres:„Es iſt nicht gut möglich, daß er aufgeben will, was er für ein Glück hält... Und,“ fuhr ſie fort,„es wäre höͤchſt ärgerlich, wenn nicht ich ihm die Nothwendigkeit, ſich zurückzuziehen, zeigte— ich ſähe es wahrlich nicht gerne, wenn er mir in dieſer Hinſicht etwas lehrte!“ Während die Gefühle ſo wechſelten, hatte die junge Barmherzigkeitsſchweſter ihre armen Schützlinge beſucht. Sie war ſtolz und glücklich, weil ſie jetzt mit dem Gelde ihres künftigen Gatten Gutes thun durfte; aber das Gute, welches ſie that, geſchah nicht mit überflüſſi⸗ ger Freigebigkeit, ſondern mit Maß und Klugheit, denn ſie wollte, daß es für Viele ausreichen ſollte, und war ſelbſt arm genug geweſen, um zu wiſſen, daß man ſich mit Wenigem behelfen konnte. Ueberdieß hatte ſie unter Anleitung der Mutter auf dem Lande eine Menge von vortrefflichen Hauskuren kennen gelernt, welche ſie zu einer wirklich guten Krankenwärterin machten, die um ſo willkommener war, als ſie ihre kleinen Anordnungen immer mit einer innigen Herzlichkeit vorſchrieb oder in's Werk ſetzte. Eine alte, lahme Frau hatte Blenda's vorzügliche Gunſt, und zwar weil die Alte ſie ſo lebhaft an ihre älteſte Bekannte erinnerte, nämlich Brita auf Jons⸗ ängen, die alte gute Seele, welche in den Briefen des Comminiſters ihrem jungen Fräulein die zärtlichſten Dankbarkeitsbezeigungen ſchickte. Bei dieſer neuen Brita weilte unſere Heldin heute länger, als anderswo, und die Zeit wurde nicht wenig verkürzt durch die Erzählung der Alten, daß ſie am geſtrigen Tage einen Beſuch gehabt hätte von einem 321 jungen Herrn, der ſehr betrübt ausgeſehen, mehrmals gegangen und wieder gekommen wäre und ihr zuletzt einen ganzen Silber⸗Reichsthaler gegeben hätte. Mit einem verdrießlichen Gefühle von getäuſchter Erwartung ſtand Blenda endlich auf. Sie war unzufrieden mit ſich ſelbſt, daß ſie auf Jemand gewartet hatte, auf welchen ſie nicht hätte warten ſollen, und dennoch ſagte ſie ihrer alten Favorite mit einer unglaublichen Langſamkeit Lebewohl und ver⸗ fügte ſich hinaus. Endlich war ſie auf dem Rückwege. Aber ſie war nicht mehr als drei oder vier Schritte gegangen, als Jemand ſich ihr von der Seite naherte. „Ach, Fräulein Blenda,“ ſagte eine Stimme, deren Freude ſich nicht dämpfen ließ,„ſo kamen Sie alſo endlich! Geſtern habe ich Sie vergebens erwartet, und heute war ich allzu früh hier.“ „Allzu früh?“ „Ja, ich bin lange hier geweſen und habe Zeit gehabt, weit umher zu gehen. Auch habe ich ein Ziel unſerer Thätigkeit gefunden, welches wir morgen näher unterſuchen wollen, da Sie heute ſchon auf dem Ruck⸗ wege begriffen ſind.“ „In welchem Hauſe waren Sie, Herr Baron?“ fragte Blenda, wider Willen betrübt durch den Ge⸗ danken, daß ſie ihren Begleiter— der ſich ja nicht ver⸗ ſäumt hatte, durch die Erklärung betrüben mußte, es würde für ſie gemeinſchaftlich kein morgender Tag anbrechen. „Ich ſah nicht nach der Hausnummer, entgegnete er,„doch der Eindruck, den das Elend der armen Leute auf mich gemacht hat, iſt ein ebenſo ſicherer Führer.“ „Es ſteht alſo ſehr ſchlimm mit ihnen?“ „Im hoͤchſten Grade... Stellen Sie ſich eine Mutter vor mit einem neugebornen Kinde, umgeben von fünf oder ſechs andern, zerlumpt und ausgehungert, zitternd vor Kälte, einen Mann, zur Arbeit unfähig durch einen Schaden am Arme, und Niemanden, der Die Romanheldin. 21 322 ſich nach ihnen umſieht, außer wenn das Mitleiden einen von den Nachbarn zu ihnen ruft.“ „Laſſen Sie uns umkehren!“ ſiel Blenda heftig ein.„Sie müſſen mir das Haus zeigen!“ „Sie können ganz ruhig ſein, Fräulein! Habe ich es jetzt nicht gelernt, wie man ſich willkommen macht in den Wohnungen der Armuth? Die armen Leute leiden für den Augenblick keine Noth länger, und ich habe eine alte Frau angenommen, welche nicht von ihnen gehen ſoll.“ „Sie ſind ein edler Mann, Herr Baron, und haben Alles aut gemacht; aber... aber...“ „Morgen ſollen Sie ſehen!“ „Aber morgen... morgen... laſſen Sie es mich gerade herausſagen... morgen gehen wir nicht zuſam⸗ men hin!“ „Warum denn nicht?“ Blenda ſchwieg und dachte über ihre Antwort nach. „Sie ſind alſo morgen wieder abgehalten, zu kommen?“ 1 „Das eben nicht, aber...“ „.. Aber?... Was denn?“ fragte der Baromz vor Unruhe erröthend, daß dieſes Glück, welches ihm ehemals ſehr lächerlich erſchienen ſein würde, jetzt aber beinahe das ganze Ziel ſeines Daſeins war— denn ſeine Liebe nahm immer mehr und mehr überhand— durch ein feindliches Schickſal ein Ende nehmen könnte. „Man hat mich darauf aufmerkſam gemacht, daß dieſe Promenaden trotz der Reinheit ihres Zweckes...“ „Trotz der Reinheit ihres Zweckes?“ „Unpaſſend ſind!“ „Und Sie, Fräulein, Sie kehren ſich an ein ſolches Geſchwätz, da doch ſo viele Menſchen, welche Hülfe verdienen, eben durch dieſe unſere Wallfahrten erhalten, was ſie ſonſt entbehren müßten? Wird nicht Gott mit Wohlgefallen auf zwei junge Leute blicken, die nichts anders thun, als ſeine Gebote zu erfüllen ſuchen?“ leiden heftig de ich macht Leute id ich von haben mich ſam⸗ nach. „ 39u 323 „Ich weiß nicht, wie Gott es anſieht, hoffe aber, er wird es für recht anſehen; die Menſchen dagegen betrachten es als unrecht, ſehr unrecht.“ „Und was folgt daraus?“ „Daß jeder von uns das Gute für ſich allein thun muß.“ „Um den Tadelſüchtigen zu gehorchen?“ „Nein, um meinem Rufe nicht zu ſchaden. 46 Bei dieſer Einwendung ſchwieg der junge Mann, aber das Blut kam und ging ohne Unterbrechung auf ſeinem Geſichte; ſeine Bewegung wurde immer ſtärker. „Gewiß können Sie nicht wollen, Herr Baron, daß ich dem Urtheile Anderer über unſer Verhaltniß trotzen ſoll, nachdem ich daſſ lbe erfahren habe: es paßt ſich nicht für ein junges Mädchen wie ich, wenn ſie ſich über die öffentliche Meinung hinwegſetzt Ich kann aus Unwiſſenheit fehlen, aber nicht mit Abſicht. „Alſo, Fränlein, Sie bereuen, ja Sie verdammen vielleicht dieſe Stunden, welche die glücklichſten meines Lebens geweſen ſind?“ „Nein, gewiß nicht!“ „Iſt das wahr?“ „Vollkommen... ich geſtehe ſogar— denn ich weiß nicht, warum ich es verbergen ſollte— daß ſie auch für mich Intereſſe und Reiz gehabt haben. Die Zeit iſt bei unſern Berathungen ſehr ſchnell dahingeſchwun⸗ den. Wenn ich von dieſem Tage an aber unſern Um⸗ gang fortſetzte, ſo würde ich es bereuen, weil ich dann Aaraah handelte“ Bei dieſer Antwort blitzte es in den Augen des Barons, und dieſer Blitz gab Blenda die Aufklärung, daß ihre Worte ihm einige Hoffnung gegeben haben müßten. „Sie haben Recht, Fräulein,“ ſagte er mit dem Ausdrucke einer ſo reinen Zärtlichkeit, daß, wäre Blenda's Herz nicht mit ſolchen Verſchanzungen um⸗ geben geweſen, dieſe Stimme ſich einen Weha in daſſelbe 1*½ 324 geſucht haben würde,—„Sie haben Recht, Fräulein, und ich habe unrecht gehandelt, Sie in dieſe Gefahr zu bringen. Doch Alles läßt ſich verſöh...“ Er brach ab, als fürchtete er, in Fieberphantaſten zu reden; er zwang ſeine erregte Stimme zur Ruhe und fuhr fort: „Ich verlaſſe Stockholm auf einige Monate, viel⸗ leicht auch auf eine langere Zeit! wenn ich aber zurück⸗ komme, ſo ſuche ich Sie noch einmal auf, und dann...“ „Es entſtand eine neue und längere Unterbrechung, ein Schweigen, das für Beide ſehr drückend war. „Doch, Herr Baron, wo Sie auch ſein mögen,“ ſagte endlich Blenda,„ſo werden Sie ja doch diejeni⸗ gen nicht ganz vergeſſen, welchen unſere Zuſammenkunfte zu Gute gekommen ſind— ſolches zu glauben, würde mich ſehr betrüben.“ aber habe ich etwas en!“ wohl, Fräulein Blenda, .. Ich nehme meine Erinne⸗ rung mit, und“— hier ſenkte ſich die Stimme zu einem Flüſtern, welches die zunehmende Bewegung deß Redenden faſt unhörbar machte—„und dieſe werden mich ohne Zweifel zurückführen! *** So war denn Blenda ihre ſämmtlichen Liebhaber los, denn während ihrer Promenade mit dem Baron hatie Frau Emerentia Zeit gehabt, das Geſchäft mit dem Handelsexpedienten zu beendigen. Und man kann glauben, daß Frau Emerentia in 5 — — 325 ihrem neuen ſchwarzen Bombaſſinkleide eine unendliche Wurde entwickelte, als ſie— da Herr A. ihr mittheilte, das Wiederſehen des Fräuleins im Schauſpiele hätte alle ſeine Gefühle in dem Maße wieder geweckt, daß er, nachdem er einige Monate mit ſich ſelbſt gekämpft, nicht hätte unterlaſſen können, ſein Anerbieten zu er⸗ neuern— freilich mit einem andern Vertrauen ant⸗ wortete. Dieſes wichtige Vertrauen erhielt Herr A. gleichwohl nur unter dem„Inſiegel des Schweigens“, nämlich: ihre Tochter wäre ſchon ſo gut wie verlobt, und Blenda's Herz wäre ſchon gefangen geweſen, ehe ſte die Ehre gehabt hätte, das erſte Anerbieten des Herrn A. ent⸗ gegenzunehmen. Und dieſe Aufklärungen trugen nicht allein dazu bei, die Herzenswunden des dringenden Freiers bald zu heilen, ſondern ſie hatten auch die Wirkung, daß ſein zweiter Korb weniger ſchw u tragen war, als der erſte...... Während des Interregnums, das nun eintrat, war es für unſer kleines Fräulein eine wirkliche Wohl⸗ that, daß ſie Henrietten hatte. Sogar Frau Emerentia wurde bisweilen mit einer Einladung zum Kaffee beehrt; und wenn ſie zu einem Boſtontiſch mit Patrik, Mamſell Debora und einer andern alten Tante kam, ſo war ſie beinahe eben ſo glücklich, wie in den angenehmen Stunden, welche ſie bei ihrem Strickzeuge und den Romanen des ſeligen La Fontaine verlebte... verſteht ſich nämlich, daß ſie, ſobald die Ausſichten heller zu werden begannen, auch in Stockholm der Leihbibliothek zuſprach. Was demnächſt ihr größtes Glück war, das beſtand in dem Gedanken, daß ſie bald Gelegenheit haben würde, die Artigkeit ihrer Verwandten zu belohnen; ſie ſah nämlich ſchon im Geiſte voraus, daß ſie von Seiten ihrer Tochter, der Gräfin, Henriette und Patrik zu den kleinen Abendzirkeln der Gräfin einlud. 326 Bei dieſen guten Familienverhältniſſen war der Hutſtafftrer Herr Johann Blucher fortwährend abwe⸗ ſend. Patrik hatte ihn ſtets im Munde mit Zeichen der Sehnſucht nach ſeiner Rückkehr; und jetzt fühlte Blenda keinen Widerwillen mehr bei dem Gedanken, ihn zu treffen; ihre Blödigkeit war verſchwunden bei der Nachricht, daß ſein Herz ſchon durch eine Andere gefeſſelt war. 3 Doch die Zeit verging und Keiner— weder der Baron, noch auch der Couſin Johann und der Graf— kam wieder. Und keine einzige Erinnerung, keine ein⸗ zige Zeile von dem Letztgenannten! Das kleine Billet, welches um den Blumenſtrauß gewickelt war, gab ihr inzwiſchen Stoff genug zum Nachdenken, nicht um ſeines Inhaltes willen, ſondern weil ſie, als ſie ſpäterhin die Handſchrift mit der auf dem Bücherpakete verglich, mit Erſtaunen gefunden hatte, daß beide ganz verſchieden waren. 36. Das Pfingſtfeſt nahte. Die Herrſchaften Patrik waren ſchon hinaus auf's Land gezogen, und Frau Emerentia und Blenda waren eingeladen, das Feſt auf Henrikslund zu verleben, wo ohann— der in dieſen Tagen zurückkehren ſollte— ebenfalls erwartet wurde. Einige Tage vor dem Pfingſtabende ſaß Blenda und nähte an den Volants eines hellrothen Mouſſelinkleides, in welchem ſie auf dem Lande glänzen wollte, als Patrik mit einer außerordentlich wichtigen Miene bei den Damen eintrat, welche, erſtaunt über ſein Ausſehen, zu gleicher Zeit ausriefen: „Was gibt's?“ —y— 327 „Aha!“ ſagte Patrik lachend,„Ihr ſeht, daß es etwas gibt! Nun, ich will's nicht läugnen, auch nicht, daß es etwas Himmelhohes iſt!“ „Himmelhohes?“— murmelte Frau Emerentia bei ſich ſelbſt—„ob wir wohl nicht endlich im Hafen ſind!“ „Ich bin,“ fuhr Patrik fort,„eine verteufelt wichtige Perſon geworden, ſeitdem ſich der Eine nach dem An⸗ dern mit ſeinen Freiereien um mein Couſinchen an mich wendet.“ „Wie?“ flüſterte Blenda,„eine neue Freierei?“ „Ja, ſo iſt's, und noch dazu eine Freierei, vor welcher unſere allerreichſten Großhändlerstöchter ſich verneigen würden bis auf die Erde hinab! Auch wirſt Du dießmal gewiß nicht Nein ſagen... Wir werden jetzt nur kleine Leute gegen unſere hochvornehme Couſine!“ Blenda konnte vor Gemüthsbewegung kein Wort hervorbringen. Frau Emerentia dagegen erhob ſich, ſtellte ſich ceremoniös vor Patrik und antwortete: „Deine Neuigkeit, theurer Vetter, trifft uns nicht im Mindeſten unvorbereitet. Sei aber überzeugt, ob⸗ gleich der Schonen'ſche unermeßlich reiche Adel für den ſtolzeſten im ganzen Reiche gilt, ſo werden wir es dennoch ſo anzuordnen wiſſen, daß mein Schwiegerſohn, der ſraf ſeine beiden Familien in eine zu vereinigen weiß!“. „Hol' mich Dieſer und Jener,“ fiel Patrik ganz verblufft ein,„wenn ich ein einziges Wort von der ganzen Rede verſtehe! Der Freier iſt von Oeſtergötland und nicht von Schonen, auch iſt er kein Graf, ſondern nur ein Baron, was wohl auch gut genug ſein kann, beſonders da er— wenn er nun auch nicht„unermeß⸗ lich reich“ iſt— auf jeden Fall ein Fideicommiß beſitzt, welches ihn zu einem kleinen Magnaten er⸗ hebt... Sieh hier den Brief an Blenda, der in dem 1 meinigen lag! 328 — Der Ausdruck von getäuſchter Erwartung, welcher ſich in den Geſichtern der Damen malte, war ſo deut⸗ lich, das ſogar der ſonſt nicht ſehr ſcharfſichtige Patrik in ein lautes Gelächter ausbrach über den Poſſen, den ſte ſich ſelbſt geſpielt hatten. Aber gerade dieſes Gelächter weckte ſie augen⸗ blicklich; und waͤhrend Blenda den Brief entgegen nahm, erholte ſich die Mutter hinlänglich, um antworten zu können: „Das Anerbieten des einnehmenden und⸗ achtungs⸗ würdigen Barons iſt zwar ſehr ſchmeichelhaft für meine Tochter, doch vermuthe ich, beinahe, daß es ihm nicht viel beſſer ergehen wird, als dem Handelsexpedienten.“ „Das wäre der Henker!— alſo wartet Tante be⸗ ſtimmt darauf, einen Grafen zum Schwiegerſohn zu bekommen?“ „Ich warte auf Dasjenige, was Gott ſendet, mein Lieber!... Der Baron hat Blenda's Herz nicht ge⸗ wonnen.“ llem, was Blenda erwarten konnte, daß es ein wirklich „Ja, ich ſpreche ganz verſtändlich! Und am Feſte, ikslund kommen, ſo *** „Es thut mir ſehr leid, daß wir uns verrathen haben „. aber das iſt auch höchſt natürlich!“ meinte Frau unü nich! Mut Gyl Mär von Aber das an c Wag 329 elcher Emerentia, als Patrik gegangen war...„Mein Gott,“ deut⸗ fuhr ſie fort, da ſie die Tochter, die inzwiſchen den Jatrik Brief des Barons erbrochen und geleſen hatte, näher , den betrachtete—„Du weinſt? Du biſt gerührt?... Rede, Kind! Vielleicht beſinnſt Du Dich wirklich, wie ugen⸗ Patrik ſagte? Und in der That, er verzieht ſehr lange, ahm, der liebe Graf!“ en zu„Mag er verziehen, ſo lange er will— er kommt dereinſt ſchon! Nie, nie, will ich mich eines einzigen ings⸗ gweeiffels ſchuldig machen!“ neine„Aber was ſchreibt denn der Baron? Wenigſtens nicht ſſt es nun doch gewiß, daß Du eine Freiherrin werden ten.“ könnteſt, zwar das Letzte von Allem, das ich mir ge⸗ be⸗ dacht habe, aber dennoch auf jeden Fall ein hoher Rang, n zu d der mit Reichthum vereint ſchon ſehr viel bedeutet.“ „Ich will keinen einzigen Augenblick daran denken.“ nein„Aber ich glaube, als Mutter ein Recht zu haben, ge⸗ Dich daran zu erinnern, daß die Familie des Grafen durch ihre Intriguen Jahre lang Eure Verbindung auf⸗ tter ſchieben und endlich ganz auflöſen kann, beſonders da iner es keine wirkliche Verbindung iſt... mir hat das ber wiederholte Wort des Grafen, daß Du frei biſt, nie lich recht gefallen wollen, denn ich glaube, er will damit n! andeuten, daß es Hinderniſſe gibt, welche vielleicht unüberſteiglich ſind, und daß Du auf einen ſolchen Fall ſte, nicht ganz unvorbereitet ſein darfſt.“ ſo„O, mein Gott, verläſſeſt Du mich nun auch, ke, Mutter? auf wen ſoll ich da bauen?... Auch Tante ten Gyllenhake hat— wenigſtens ſagt ſte ſo— ſeit dem viß März, da ich ihn bei ihr traf, gar keine Nachricht in von ihm gehabt.“ „Ich verlaſſe Dich gewiß nicht, mein Kind!... Aber ich will erſt den Brief leſen, ehe ich mehr ſage!“ Und nachdem Frau Emerentia mit tiefer Ehrfurcht das prächtige Wappen betrachtet hatte— welches ſie n an allen Dingen, die ihre Tochter umgeben, von der R Wagenthür an bis auf die Tiſchwäſche herab, ange⸗ 330 bracht ſehen konnte, um ſie an das Glück zu erinnern, daß ſie die Mutter einer ſo vornehmen Dame wäre— las ſie Folgendes: „Theures, geliebtes Fräulein Blenda! „Sollte ich die ganze Geſchichte meiner Liebe er⸗ zählen, wie dieſelbe ſich ſtufenweiſe von einer flüchtigen Flamme in ein ſtarkes, tiefes und ernſtes Gefühl ver⸗ wandelt hat, ſo müßte ich einen ganzen kleinen Roman ſchreiben. „Doch, wer hat nicht jenen Roman des Herzens geleſen, der mit Ausnahme einiger weniger Variationen ein und derſelbe iſt, der bei dem Anfange der Welt begann und erſt bei ihrem Ende ein Ende nehmen wird? „Die Liebe erklärt jedes Wunder— was Wunder alſo, daß ich, der flüchtige Schmetterling, getroffen und verwundet worden bin? Und was Wunder, wenn ich meine Heilung bei Derjenigen ſuche, welche allein im Stande iſt, dieſelbe zu geben. „Von unſerm Wiederſehen um die Weihnachtszeit an erhielten meine Gefühle nicht nur eine neue Rich⸗ tung, ſondern auch eine mir ganz unbekannte Heftigkeit. Dennoch hatte ich noch keinen beſtimmten Entſchluß gefaßt. Sie verjagten mich, und ich gehorchte, weil ich Ihren Frieden nicht ſtören wollte— ich gehorchte, aber nur eine kurze Zeit. „Darauf kam eine andere Zeit. Meine Leiden⸗ ſchaft nahm an Stärke zu: ich betete Sie an als eine Heilige, und meinte ſelbſt beſſer zu ſein, wenn ich mit Ihnen in die Wohnungen der Armen wanderte— auch mein guter Engel waren Sie. Aber ich war ſelbſt in meiner Verbeſſerung ſelbſtſüchtig und dachte nur an mein ſtündliches Glück, bis der bittere Augenblick kam, da Sie mich von Neuem verjagten. „Schon damals war ich nahe daran, Ihnen mein ganzes Herz zu öffnen, aber dieſe Erklärung ſchien mir in einem ſolchen Augenblick nicht mit dem Zartgefühle 1 übere wollte Daue ausül um n ausge rufe als d zu be ben, den ſein Mutt ſprech ſogler zweit. gefäll halb pfehle gedäc nicht an d Betre chen. 8 und! erſehr ſonde Baro voller 331 nern, übereinzuſtimmen. Ich beſtegte mich ſelbſt, weil ich e wollte, daß wir Beide Zeit haben ſollten, uns von der Dauer der Macht zu überzeugen, welche Sie über mich ausübten. 2 er⸗„Nun wohl, geliebte, angebetete Blenda! ich reiste igen um mich ſelbſt zu prüfen— und dieſe Prüfung iſt ſo ver⸗ ausgefallen, daß ich Dich auf meinen Knien flehe: man rufe mich zurück, rufe mich zurück als den Deinigen, aals den, der das Recht hat, ohne Tadel, Dich ſtets zens zu begleiten, Dir ſein ganzes Leben zu weihen! onen„Um dieſer Bitte die ganze offizielle Form zu ge⸗ Welt ben, wende ich mich zu gleicher Zeit an Deinen Vetter, men den Leinenkramhändler Thorman, und bitte ihn um ſein gütiges Wort bei Deiner von mir hochgeſchätzten nder Mutter— bei Dir aber will ich keinen andern Für⸗ ffen ſprecher haben, als mich ſelbſt. venn„Ich warte... welche Erwartung!— ach, ſchreibe llein ſogleich... nein, nein: beſinne Dich reiflich! „Auf einer Reiſe traf ich vor Kurzem Deinen zzeit zweiten Couſin, den Galanteriehändler. Der Mann ich⸗ gefällt mir außerordentlich, und gefalle ich ihm nur keit. halb ſo gut, ſo bin ich überzeugt, daß er mich em⸗ luß pfehlen wird. Ich theilte ihm mit, was ich zu thun weil gedächte, weiß aber nicht, aus welchem Grunde er hhte, nicht mein Bevollmächtigter werden wollte...“ Hier endigte der Brief mit den artigſten Grüßen den⸗ an die gnädige Frau nebſt Hinweiſungen für ſie in eine Betreff der häͤuslichen Einrichtung an den Brief, wel⸗ mit chen Patrik erhalten hatte. uch Frau Emerentia vergoß Thränen zarter Rührung lbſt und des befriedigten Stolzes. an Endlich war alſo das große, lange erwartete und am, erſehnte Ziel erreicht! . Es war nicht länger die Rede von Courmachen, nein ſondern von der förmlichen Brautwerbung eines reichen Barons, deſſen Name und Rang in keinen geheimniß⸗ ihle vollen Schleier gehüllt waren. ſ E 33² Die Bruſt des armen Weibes hob und ſenkte ſich chen unter ſtolzen Seufzern, und es war Henriettens Glück, ihren daß ſie ſich ſchon mit der Tante Emerentia ausgeſöhnt endli hatte; denn, ſo gut dieſe auch im Herzen war, ſo wäre es ſicherlich ziemlich ſchwer geworden, ſie zu beſänfti⸗ gen, wenn ſie erſt hätte ſagen können:„Mein Schwie⸗ gerſohn, der Baron.“ Ihr erſtes Wort, nachdem ſte geleſen, war eine gen Klage, daß der einfältige Patrik davon gelaufen wäre, Dieſe anſtatt ihr den Brief des Barons zu zeigen und anſtatt, Mutt wie dieſer verlangt hatte, ihm das Wort zu reden. ſchla⸗ „Nun, nun!“ murmelte ſie vor ſich ſelbſt hin, die 2 „es verdroß ihn, weil wir die Sache in Ueberlegung zogen!“ paſſer „Nicht haben wir ſie im Mindeſten in Ueberlegung gezogen, liebe Mutter!“ nung „Nun, ſo wollen wir es jetzt thun!“ „Nein, gewiß nicht! draußen auf Henrikslund will ich ihm einen herzlichen und freundſchaftlichen Brief Lippe ſchreiben und ihm, ſo viel ich darf, von der Urſache mei⸗ und ner Weigerung anvertrauen, welche mir auf jeden Fall ſelbſt weher thut, als ſie vielleicht ſollte...“ Ein Klingeln an der Thür des Tambours unter⸗ hen, brach Blenda's Worte. Glück Sie eilte, um zu öffnen. hoͤrte Als ſie in der nächſten Seeunde zurückkehrte, war es de ſie faſt athemkos vor Gemüthsbewegung; denn jetzt eine hielt ſie einen neuen Brief in der Hand, und dieſer ſeinig Brief war von derſelben Hand geſchrieben, wie das daß d Billet des Grafen. mit d „Nein, ſieh: heute regnet es wirklich Begebenhei⸗ heißt ten und Neuigkeiten!“ rief unſere Frau aus.„Beeile uns Dich, Kind! Ich vergehe vor Ungeduld... Iſt das nach Wappen des Grafen im Siegel?“ entwe „Nur eine Oblate!“ ein I „Gleich gut— wir bekommen die gräfliche Krone Gluc woͤhl zu ſehen, wenn es erſt Zeit iſt!“ 89 8 — u RBRV;; EEEREEEERE; 333 — Nachdem Blenda mit heftigem Zittern das Brief⸗ 4 ſich chen erbrochen hatte, deſſen ſämmtliche Buchſtaben vor Glück, ihren Augen durch einander tanzten, bekam ſie doch ſöhnt endlich den Inhalt heraus. zwfit Sie las laut Folgendes: hwie⸗„Mein beſtes Couſinchen! „Morgen Vormittag, um neun Uhr wird ein Wa⸗ eine gen vor dem Hauſe Nr.... an der Ritterſtraße halten. wäre, Dieſer Wagen wartet auf Couſine Blenda und ihre iſtatt, Mutter und wird, wenn Sie die Einladung nicht aus⸗ ſchlagen, die Herrſchaften auf eine kleine Luſtpartie für n. hin, die Pfingſttage auf's Land führen. gung„Ich werde die Ehre haben unterweges an einem paſſenden Orte einzutreffen. gung„In der glüͤcklichen, vielleicht allzu kühnen Hoff⸗ nung der Genehmigung, halte ich nicht um Antwort an. Jean.“ wwill Während Blenda im Entzücken ihre roſenrothen Brief Lippen auf das roſenrothe Brieſchen drückte, plauderte mei⸗ und überlegte Frau Emerentia wie gewöhnlich mit ſich Fall ſelbſt: „Meine ſelige Großmutter, welche die Welt geſe⸗ nter⸗ hen, hatte doch niemals Unrecht! Selien kommt ein Glück allein.. Welch ein Vortheil, welch ein uner⸗ hörter Gewinn, daß es ſich ſo gut trifft! Dießmal iſt war es denn ganz beſtimmt, daß wir in vollem Ernſt jetzt eine Erklärung erhalten! Der Baron hat zwar die ieſer ſeinige zuerſt gegeben, aber er kann doch nicht wiſſen, das daß die des Grafen ſpäter kam. Wird die Verbindung mit dem Grafen nicht vollkommen befriedigend— das hei⸗ heißt: trifft ſie auf beſtimmte Hinderniſſe— ſo bleibt eeile uns immer noch der Baron. Und alſo iſt es ſchon das nach einigen Stunden abgemacht, ob meine Tochter entweder eine Gräfin oder eine Freiherrin werden wird: ein Drittes gibt es nicht. O Glück, Glück, heiliges vone Gluͤck, wie bete ich Dich an]..Du betrogſt mich 334 nicht in den lieblichen Träumen, die ich ſo oft von die Dir hatte!............... die .....................B; eein! „Die Reiſe nach Henrikslund, liebe Mutter, kommt ſterer ja nicht in Frage?— es iſt ja ganz unmöglich, jetzt eine daran zu denken!“ rief Blenda endlich aus, indem ſie halb wahnſinnig vor Freude im Zimmer umhertanzte. ſein, „Verſteht ſich, Du Kleine! Und ſie werden es nicht übel nehmen, wenn ſie die Urſache erfahren... Ich wie hoffe, der Graf wird nichts dagegen haben, mit ſeiner erſch Braut eine Ceremonieviſite bei den guten Leuten zu der machen.“ Nachdem dieß entſchieden war, flog Blenda wieder thür zu ihrem Kleide, und während die Finger mit einer man Fertigkeit ohne Gleichen die Nadel führten, ſchwebten— ihre ſämmtlichen Gedanken um die geheimnißvolle Reiſe. daß Wohin ging dieſe Reiſe? Blenda verirrte ſich in Vermuthungen. 3 nicht Sollte ſie ſeine Verwandten treffen? Sollten dieſe Kutſe Ahnenſtolzen ſich endlich dazu bequemt haben? ohne Konnte eine geheime Vermählung in einer entle⸗ von( genen Kapelle der Zweck ſein?— Ach nein, dergleichen... war ja nur in den Romanen der alten Zeit gebräuchlich... Ritte Oder eine Entführung?... Von dergleichen kam wir i zwar in den engliſchen Büchern vor; aber unglücklicher Räth Weiſe gab es in Schweden kein Gretna⸗Green! haftig in Ve nicht —— ſchun⸗ Stan 37. unten . ſale Mit Hülfe der guten„Mamſell in der Hausflur“, die daran bei der Anfertigung des merkwürdigen Peignoirs ſchon zu b behülflich geweſen war, bekam Bienda ihre Toilette zu Klein gehöriger Zeit in Ordnung. Und als die Mamſell und ſobald t von 4 ommt jetzt m ſie anzte. nicht „Ich ſeiner en zu vieder einer debten Reiſe. dieſe entle⸗ eichen ſch nkam licher „ die ſchon te zu und ſobald Ihr verheirathet ſeid, daß er uns dem geiſtreichen 335 die Aufwärterin die beiden überglucklichen Damen auf die Straße hinab begleiteten, wo zu beſtimmter Zeit ein hübſcher Wagen wartete, ſagte Blenda zu der Er⸗ ſteren und Frau Emerentia zu der Letzteren ungefähr eine und dieſelbe Phraſe: „Gott ſei gelobt, bald werden wir im Stande ſein, Ihre Dienſtfertigkeit zu belohnen!“ Noch nie war Blenda ſo ſtrahlend ſchön geweſen, wie heute, noch nie war ihr das Leben ſo himmliſch erſchienen— die Erde war keine Erde: ſie war ja der Himmel ſelbſt. „O,“ ſagte ſie zu ihrer Mutter, als die Wagen⸗ thür zugemacht war, und der Wagen dahinrollte,„kann man ſich wohl eine intereſſantere Lage denken?“ Die Antwort der Frau Emerentia beſtand darin, daß ſie auf eine rührende Weiſe die Augen verdrehte. „Wir reiſen,“ fuhr Blenda fort,...„wir wiſſen nicht wohin— denn Gott behüte uns, daß wir dem Kutſcher die geringſte Frage vorlegen ſollten: da er ohne Livree iſt, ſo beweist dieß, daß er ſelbſt eine Art von Geheimniß iſt. Wir reiſen zu einem wichtigen Ziele ... wir wiſſen nicht, zu welchem! Wir werden einen Ritter mit geſchloſſenem Viſire treffen... und wenn wir uns von ihm trennen, ſo iſt er nicht länger das Räthſel, welches er vor uns zu ſein glaubt... Wahr⸗ haftig, Mutter, in dieſem Augenblick wäre ich beinahe in Verſuchung zu wünſchen, daß ich ſeinen hohen Rang nicht gekannt hätte: nun kann er nicht die Ueberra⸗ ſchung haben, welche er erwartet, da er endlich ſeinen Stand zu erkennen gibt!“ „Ja, dergleichen wie dieſes Alles, würde uns dort unten im Bauerlande zugeſtoßen ſein!... Unſere Schick⸗ ſale ſind wurkliche Romanſchickſale, und wir ſollten daran denken, ſie einem guten Verfaſſer in die Hände zu bringen. Da erhalte ich eben eine Idee, Du Kleine: ich will meinen Schwiegerſohn dahin bringen, 336 läßt— wie heißt er doch noch?... Mel... ja, Mellin war es— er wird es gewiß gut ausführen!“ „Das war eine glänzende Idee, liebe Mutter... wenn wir nur anonym auftreten können und ich nicht nöthig habe, vor ihm zuſitzen!“ ſiel Blenda lachend ein. „Gut, gut! wir können wohl ſpäterhin darüber ſpräch zurückzukommen, ſo haſt Du ganz Unrecht in Deinem Wunſche, daß es gut geweſen ſein würde, wenn Du den Rang des Grafen nicht gekannt hätteſt; denn ohne dieſe Kenntniß hätten alle dieſe Abenteuer nicht Statt finden können... unmöglich hätteſt Du Dich in einen Mann verlieben können, deſſen Stand Dir unbekannt geweſen wäre— das würde allzu riskant geweſen ſein!“ ** X Unter Geſprächen gleich den angeführten eilte die Zeit ſchnell dahin, und man war drei Stunden lang gefahren, als— da die Damen wohl zum zwanzigſten Male die Vermuthung ausſprachen, daß der Graf wohl bald eintreffen würde— der Wagen plötzlich ſtille hielt. „Warum hält Er hier ſtill, mein Freund?“ fragte Frau Emerentia den Kutſcher.„Wir haben ja erſt ganz kürzlich die Pferde umgetauſcht, und hier gibt es ja weder Häuſer, noch Menſchen, noch...“ „Aber es gibt hier eine unbeſchreiblich ſchöne Wald⸗ rief eine fröhliche Stimme, und von der Seite kam ein junger Mann hervor, auf deſſen ſchönem Geſichte das Glück eben ſo deutlich geſchrieben ſtand, wie in den lebhaften Augen. 3 „Conſin Jean, Couſin Jean!“ rief Blenda aus... als wir uns zuletzt ſahen... Verfaſſer der„Blume auf dem Kinnekulle“ vorſtellen ſchwatzen... Um aber nun auf unſer voriges Ge⸗ gegend, wo ein Frühſtück vielleicht ſchmecken möchte!“ „O, jetzt ſehen Sie nicht ſo duſter aus, wie damals, 4 hob( des kt dem i 4 ander vor d und 1 ſchimt G Famil ſein, ſpect hätten tellen . ja, ren!“ r... nicht d ein. rüber 3 Ge⸗ ht in wenn denn nicht Dich Dir iskant te die lang igſten wohl hielt. fragte merſt ibt es Wald⸗ chte!“ e kam eſichte vie in 18 2 2 4⁴ mals, 337 Hier aber ſchwieg ſie, denn in dieſem Augenblicke hob Couſin Jean ſie aus dem Wagen, und während des kurzen Augenblickes fühlte ſie, daß ſein derz mit dem ihrigen um die Wette ſchlug. Die gnädige Frau, welche ſich inzwiſchen an der andern Seite ſelbſt herabgeholfen hatte, ſtand und knixte vor dem Grafen, vor dem Walde, vor dem Himmel und vor dem Waſſer, das durch die Bäume hindurch ſchimmerte. Sie hoffte und fürchtete, die ganze hochgräfliche Familie möchte in irgend einer Vertiefung verborgen ſein, und fürchtete ſich gar ſehr, ſie könnte in dem Re⸗ ſpect fehlen, da dieſelbe ihr die Attention bewieſen hätten, ihr entgegen zu kommen. „Nun, meine Damen“— ſagte Couſin Jean, wel⸗ cher weit entfernt war, die unermeßliche Wichtigkeit zu ahnen, welche ſeine werthe Tante dem kleinen Mahle beilegte—„da wir das Mittageſſen nicht ſo früb zu erwarten haben, ſo lade ich Sie auf eine kleine Erfri⸗ ſchung im Grünen ein! Mein Wunſch iſt, wenn ich es nämlich wagen darf, ihn auszuſprechen, daß wir ein entzückendes Nomadenleben führen wollen, mit der Frei⸗ heit, uns aufzuhalten, wo es uns beliebt; denn, laſſen Sie uns darüber einig werden, dergleichen Luſtreiſen ſind und bleiben die allerangenehmſten.“ „Ach ja, nichts kann entzückender und poetiſcher ſein!“ rief Blenda aus, indem ſie gleich einer Sylphe oder kleinen Elfe über die hellgrüne Grasmatte, die vor ihren Füßen ausgebreitet lag, hineilte...„Ich wünſchte, ich hätte ein Paar Caſtagnetten in den Händen, ſo wollte ich gleich glauben, ich wäre eine Zigeunerkönigin— Sie, mein Couſin, ſind dunkel genug, um als König zu paſſiren.“ „Vortrefflich!— alſo iſt es meine Gemahlin, der ich die Ehre habe, den Arm zu bieten!“ „Wie?. wiſſen Sie denn nicht, daß es unver⸗ heirathete Königinnen gibt?“ Die Romanheldin. 22 338 „Nein, das habe ich wahrhaftig nicht geglaubt, wenn zu gleicher Zeit ein König auf dem Throne ſitzt!“ „Da ſehen Sie die Gefahr, von Dingen zu reden, die man nicht kennt— Zigeuner haben ihre eigenthüm⸗ lichen Geſetze... Aber wiſſen Sie, Couſin Jean, daß Sie ſich ziemlich lange unſichtbar gemacht haben?“ „Allzu lange?“ „Ja, ſogar auch das noch!“ „Ach, dieſe Entfernung hat ſich ſelbſt grauſam geſtraft— Sie, Zauberin, Sie wiſſen nicht, was Sehnſucht iſt..“ „Nicht?“ „ Und Furcht...“ A 144 „Aha! „ Und Zweifel!“ „Das iſt wahr, denn ich habe niemals gezweifelt!“ „Wiſſen Sie, mein Couſinchen, Sie ſind ganz göttlich!“..... Frau Emerentia, die ſonſt ſo gerne lauſchte, wenn der Graf ihrer Tochter die Cour machte, ging nun bloß und grübelte über ſeinen hingeworfenen Einfall in Betreff des Nomadenlebens. Natürlich war es ein Scherz, um die Wirklichkeit zu verbergen— und Gott weiß, woher ſte die Idee nahm, daß ſich bald eine leiſe Harmoniemuſik hören laſſen würde, aber ſie war davon feſt überzeugt, eben ſo davon, daß dieſe Muſtik, deren erſte Töne ihre Seele ſchon vernahm, das Signal zu einer Kette von Ueberraſchungen werden würde, die eine immer verſchie⸗ den von der andern und immer größer. Aber leider mußten dieſe intereſſanten Luftſchlöſſer zuletzt zuſammenfallen. Nach einer Wanderung von zehn Minuten entdeckte man den allerſchönſten Hain von jungen Birken und in der Mitte deſſelben auf der platten Erde eine Mahl⸗ zeit außer war Grau mögt Tocht Kaltf Herz gnäd geſeh eine? die 9 verſte welch Emer das chem weite 6 rentie Sünd eine . 6 gen, ifelt!“ ganz wenn bloß Zetreff ichkeit Idee hören eben ihre e von eſchie⸗ Flöſſer deckte n und Nahl⸗ 339 zeit aufgedeckt, welche alles mögliche Anlockende hatte, außer dem Weſentlichſten: andere Gäſte als ſie ſelbſt. Frau Emerentia ſeufzte tief vor Schmerz: hierauf war ſie nicht vorbereitet. „Ha!“ ſagte ſie(verſteht ſich, bei ſich ſelbſt),„die Grauſamen haben noch nicht nachgeben wollen! Doch, mögt Ihr warten, meine Herrſchaften, bis Sie meine Tochter ſehen— ſie wird ſich an Ihnen wegen Ihres Kaltſinnes zu raͤchen wiſſen und Ihnen ſämmtlich das Herz ſtehlen... der Himmel iſt gerecht!“ Hätte man die geheimnißvolle Pantomime unſerer gnädigen Frau bei allen dieſen wechſelnden Gedanken geſehen, ſo hätte man geglaubt, ſie wäre beſchäftigt, eine Rolle zu repetiren, in welcher eine erzürnte Mutter die Mächte des Himmels und der Erde beſchwört, die verſteinerten Gefühle des Barbaren zu erweichen, von welchem das Schickſal ihres Kindes abhängt... Frau Emerentia hatte unläugbar ihre kleinen Anlagen für das Melodrama. Was die jungen Leute betraf, ſo waren ſie in ſol⸗ chem Grade in einander verliebt und entzückt, daß ſie weiter nichts ſahen, als ſich ſelbſt. Dieſe Abgötterei kam der getäuſchten Frau Eme⸗ rentia ſehr gut zu Statten. Erſtlich erhielt ſie Zeit, ſich zu faſſen, und dem⸗ nächſt hatte ſie Gelegenheit, ihre mütterlichen Pflichten zu üben und dem Grafen eine kleine Lection zu geben — verſteht ſich, eine ſehr feine— die ihm begreiflich machen konnte, daß es bei einer Frau mit der Lebens⸗ kenntniß Ihrer Gnaden von Kühlen nicht anginge, den Vergeßlichen zu ſpielen... überdieß mußten wohl die Gaben Gottes angewendet werden... es wäre ja eine Sünde und eine Schande geweſen, nicht zu eſſen, da eine ſolche Erfriſchung den Appetit reizte. Doch dem Grafen ſeine Vergeßlichkeit zu zei⸗ gen, war leichter geſagt, als gethan, dan die Liebe 2 34⁴0 hört auf eine eigenthümliche Art: ſie hört und antwor⸗ tet in die Luft hinein— und als endlich Frau Eme⸗ rentia muͤde wurde, ihre Ermahnungen zu wiederholen, ſo begann ſie allein den Angriff auf die Leckereien, auch verſchmähte ſie es nicht, ſich ſelbſt von dem purpur⸗ rothen Wein zu kredenzen, denn dieſer lächelte ja ſo herrlich in der kryſtallenen Karaffe und perlte ſo ſchön in dem vergoldeten Silberbecher, den ſie an den Mund führte. Sei es nun, daß der feurige Traußelſſaft eine be⸗ lebende Wirkung hatte oder daß die gnädige Frau geneigt war, zu den beſten Schlußſätzen überzugehen, genug, bald wurde ſie heimgeſucht von einer blitzenden Idee, welche, ſie mochte nun aus dem Boden des Bechers oder aus dem Grunde ihres erfindungsreichen Kopfes hergeholt ſein, auf jeden Fall gleich mäch⸗ tig war. 3„Wie einfältig war ich doch, als ich mir vorſtellte, der Hauptact würde hier gleich am erſten Ruheplatze geſpielt werden— es iſt ja klar wie der Tag, daß erſt beim zweiten Ernſt daraus wird! Man muß erſt in Ordnung kommen, man will weiter von der Stadt ent⸗ fernt ſein... und endlich will man ſo lange wie mög⸗ lich, die Zeit ausdehnen, um den Eindruck um ſo feier⸗ licher zu machen.“ Frau Emerentia war ſchon gerührt, ſie führte das Taſchentuch an die Augen. Sie ſah— denn was konnte ſie nicht ſehen— den Vater des Grafen, die Exeellenz.. in dieſem feier⸗ lichen Augenblicke, da, ſo zu ſagen, ihr die Schuppen von den Augen fielen, ſah ſie deutlich ein, daß der Vater des Grafen eine Excellenz ſein müßte... ſie ſah alſo, wiederholen wir, Seine Excellenz in der großen Generalsuniform und ganz bedeckt mit in⸗ und aus⸗ ländiſchen Orden, ihr entgegen kommen mit der ganzen Artigkeit eines Hofmannes aus der Guſtavianiſchen Zeit, von welcher ſie hatte reden hören... und er be⸗ liebte ihre die einer det u lande Cher Stir von ihres Diad auf inſpi rend wein und nach wur Bler ein ihr nert gew vorl wirt „nie das tig Toch ſie mut wen itwor⸗ Eme⸗ holen, „auch trpur⸗ ja ſo ſchön Mund ie be⸗ Frau gehen, benden n des eichen mäch⸗ tellte, platze aß erſt rſt in t ent⸗ — 341 liebte auf fürſtliche Weiſe zuerſt ihre eine und dann ihre andere Wange zu küſſen. Während dieſer angenehmen Ceremonie ſah man die Frau Mutter des Grafen,„Ihro Excellenz“, auf einer Art von Thron ſitzen, welcher von Moos gebil⸗ det und durchſchlungen war von friſchen Blumenguir⸗ landen und rund umher umlagert von kleinen weißen Cherubimen mit roſenrothen Flügeln. An der edlen Stirn der hohen Dame ſtrahlte ein Familiendiadem von unſchätzbatem Werthe, als aber die junge Braut ihres Sohnes zu ihren Füßen tief kniete, nahm ſie das Diadem ab und ſetzte es ihrer neugewonnenen Tochter auf das Haupt, und dieſe, ergriffen von hohen und inſpirirten Gefühlen, redete nun Worte ſo ſchön, rüh⸗ rend und dabei doch ſo kraſtvoll, daß beide Excellenzen weinten, und der Sohn weinte, und alle Onkel, Tanten und Baſen, welche auch mit eingeladen waren, ebenfalls nach den Taſchentüchern griffen. Aber in der Mitte dieſer unermeßlichen Gloriade wurde ſie plötzlich durch den Gedanken geſtört, daß Blenda heute noch beinahe gar Nichts genoſſen hätte, ein Umſtand, der ihr alle Stärke rauben konnte, die ihr doch ſo nothwendig war... Frau Emerentia erin⸗ nerte ſich, gehört zu haben, wie bei der Aufnahme in gewiſſe geheimnißvolle Geſellſchaften der Neophyt durch vorhergehendes Faſten ſeiner phyſiſchen Kräfte beraubt wird, was dann wiederum auf die moraliſchen einwirkt. „Nein!“ rief ſie laut und mit Nachdruck aus, „niemals ſoll man ſagen, ich hätte etwas verſäumt, das den Muth aufrecht halten kann, deſſen ſie bedürf⸗ tig iſt!“ Und indem ſie einen flehenden Blick auf ihre Tochter und einen dito auf den Grafen richtete, ſagte ſie noch lauter: „Blenda, mein Kind! im Namen der ſeligen Groß⸗ mutter und Deines Vaters beſchwöre ich Dich, oder, wenn es ſein muß, befehle ich Dir: iß!“ Blenda ſah lächelnd auf. * 7 6 Ma 29,342 4 „Wie ſo Mutter?. Iſt denn das nothwendig?“ lichen „Gehorche, mein Kind! Das iſt etwas, deſſen denſel Nothwendigkeit ich, Deine Mutter, kenne. Herr Cou⸗ ſin, haben Sie die Güte, ſich mit mir zu vereinigen! Ich habe Lebenserfahrung und weiß, was ich rathe.“ die v „Verzeihung, Verzeihung, meine beſte Tante! ich des C bin ein ſehr ſchlechter Wirth!“ entſchuldigte ſich Cou⸗ verhö ſin Jean. 8 Und nun begann ein munterer Streit zwiſchen den jungen Leuten. Blenda wollte gar nicht eſſen, als ſie daß jedoch dazu gezwungen wurde, ſo zwang ſie ihrerſeits den Couſtin Jean, die doppelten Portionen, welche ſie u e ihm vorlegte, aufzueſſen. 3 Endlich war die Erfriſchung eingenommen, und daß nachdem der Kutſcher und ein kleiner Bedienter, der ziem den Grafen unter ſeinem letzten Incognito begleitete, mit dem Reſt ſertig geworden, ſtieg der Wirth mit den ſtim Damen in den Wagen und die Reiſe wurde fortgeſetzt. habe 2 nenn 5 jung ſehe „Jetzt, da wir in Ordnung gekommen ſind,“ ſagte Blenda— welche, ihrem Ritter gegenüberſitzend, mit wie ärgerlicher Schalkhaftigkeit den Sonnenſchirm ſo wen⸗ Her dete, daß er keinen Blick auf ihr ſchelmiſches Antliz gefe werfen konnte—„jetzt wollen wir ernſthaft und ver: traulich reden!“ „So fangen Sie nur damit an, mein Couſinchen!“ erwiederte er, indem er behende den Sonnenſchirm er⸗ Ba griff und auf die Seite ſchob.„Hernach,“ fuhr er flüſternd fort und mit einem Blicke, der die Roſen auf weri Blenda's Wangen erhöhte,„hernach kommt die Reihe an mich!“ Blenda warf einen verſtohlenen Blick auf ihre Mutter, die ihr als Antwort einen ziemlich nachdrück⸗ 343 lichen Rippenſtoß ertheilte... beide hatten einen und denſelben Gedanken. „Nun, endlich!“ „Ja,“ begann unſer junges Fräulein, nachdem ſie die verſchämte Verwirrung, in welche die letzten Worte des Grafen ſie verſetzt, glücklich überwunden hatte,„es verhält ſich ſo, daß man mich aufgefordert hat, mir von dem Couſin Johann Rath zu holen, und da ich nur einen Couſin Johann kenne, ſo iſt es natürlich, daß ich mich an ihn wende.“. „Und er wird nach beſten Kräften dem Vertrauen zu entſprechen ſuchen 16 „Nun, wer zweifelt daran!... Die Sache iſt ſo, daß ein junger Mann von meinen Bekannten mich ſo ziemlich nach ſeinem Geſchmacke gefunden hat.“ „Das iſt ein wenig unbeſtimmt, ſintemal es be⸗ ſtimmt iſt, daß viele Andere es ebenfalls gefunden haben!“ „O ſieh, das kann man eine ritterliche Antwort nennen!... Doch, um noch aufrichtiger zu ſein, der junge Mann hat mich zu ſeiner Lebensgefährtin auser⸗ ſehen.“ „Das wird wieder beinahe allzu deutlich!“ „Das iſt nicht mein Fehler... Ferner hat er— wie ſchon erwähnt— mich verſichert, er hoffte, daß Herr Johann Blücher, der ihm ganz außerordentlich gefallen, ihn bei mir auf das Beſte empfehlen würde.“ „Hm— ein kitzliger Auftrag!“ Aum ſo kitzliger, als es wohl darauf ankommt, in wiefern er eben ſo eingenommen iſt von dem— Baron.“ „Aha! es handelt ſich darum, Freiherrin zu werden?“ „Ja, mein Couſin— meinen Sie, es hieße dieß allzu hoch ſtreben? Ich kann verſichern, daß ich nie an etwas Geringeres gedacht habe...“ und reich zu werden?“ „** 344 „Auch das paßt mit in meine Berechnungen; wer gew reich iſt, der hat ſo viele Vorzüge, kann ſo viele Phan⸗ könn taſten befriedigen!“. Le wZA. und in der ſogenannten vornehmen Welt zu eben?“ ſen, „Ja, ja, gerade um das Alles handelt es ſich... Ich möchte gerne eine vornehme Dame werden, in Tan einem Wagen mit einem oder zwei Lakeien in Livree erac hinten auf, von den Freunden meines Mannes, einem ganzen Schwarm von Grafen und Baronen, Artigkei⸗ Fra ten und Schmeicheleien hören, und vor allen Dingen ſämmtliche Gräfinnen und Freiherrinnen vor Neid ver⸗ zweifelt zu machen. denn ich denke die Kaſſe meines jeni Mannes nicht' zu ſchonen, um ſchön zu werden!“ Cou Bei den letzten Worten heftete Blenda ihr lächeln⸗ ſte 1 des Auge auf ihren Liebhaber. eine Sie war überzeugt, er würde ihr in eben dieſem mac fröhlichen Tone ihre Eitelkeit und Gefallſucht vorwer⸗ fen, denn die Urſache, welche ſie in der letzten Zeit für prin die eigenſinnige Behauptung der Frau Gyllenhake, daß ſie in dem„Grafen“ keinen Grafen ſehen duͤrfte, ge⸗ Wo funden hatte, war die, daß er mit ſeinen edlen Geſin⸗ da! nungen fürchtete, ſte ſähe auf die Vorzüge der höheren Stände mit allzu großer Vorliebe. Allein ganz gegen ihre Vermuthung antwortete 1 wer er ihr nur Folgendes: Gli „Dieſe Welt würde Ihnen gewiß anſtehen!“ 2 „Soll ich dieſe Antwort für einen Rath halten, ſchn mein Couſin 2. Soll ich glauben, daß Sie den Ba⸗ mer ron begünſtigen?“ „Beinahe fange ich an, es zu thun. Doch, was inde ſagen Sie dazu, liebe Tante?“ 1 „Nun, ich nehme am liebſten Denjenigen,“ ſagte mit Frau Emerentia, wie ſie ſelbſt meinte, mit ausgezeich⸗ nich netem Takt,„welchen das Herz meiner Tochter wählt, und verlaſſe mich darauf, daß ihr Inſtinkt ſo fein 345 geweſen iſt, um den Baron mit Sicherheit opfern zu können.“ „Das war eine ſehr witzige Antwort!“ Frau Emerentia war in ihrem Innern aufgebla⸗ ſen, ſah jedoch ganz beſcheiden hinaus auf den Weg. „Ich könnte daraus den Schluß ziehen, daß Sie, Tante, es für Blenda's Glück nicht als nothwendig erachten, eine vornehme Wahl zu treffen!“ „O, beſter Herr Couſin, ſetzen Sie einem armen Frauenzimmer nicht allzu hart zu!“ „Wie, meine Tante?“ „Ich wiederhole ja: ich bin zufrieden mit Dem⸗ jenigen, welchen ihr Herz wählt— aber, mein beſter Couſin, von ihrer Kindheit an habe ich immer geglaubt, ſie würde eine wirkliche Dame werden, ich meine, eine Dame, die ſich einigermaßen ſichere Hoffnung machen könnte, bei Hofe präſentirt zu werden...“ „.. und mit Seiner Königlichen Hoheit dem Kron⸗ prinzen an den Hoffeſten zu tanzen!“ fiel Blenda ein. „Richtig, Du Kleine; Du nimmſt mir wirklich das Wort aus dem Munde!... Aber ach, an dem Tage, da dieſes geſchieht, fürchte ich nur Cins...“ „Was denn, Mutter?“ „Daß ich gar Nichts ſehen kann, denn vielleicht werde ich ohnmächtig in dem Uebermaße meines Glückes!“ Ein halb melancholiſches, halb mitleidsvolles Lächeln ſchwebte über Couſin Jean's Lippen, indem er die im⸗ mer mehr und mehr belebten Damen betrachtete. Doch dieſes, Lächeln verſchwand ſchnell und er ſagte, indem er Blenda zärtlich anſah: „Ich bitte bis heute Nachmittag um Bedenkzeit mit dem Rathe, verſpreche jedoch, mich dann demſelben nicht zu entziehen!“ „Damit bin ich zufrieden... doch unter der Bedin⸗ gung, mein Couſin, daß Sie ſich nicht beleidigt fühlen, wenn ich Ihrem Rathe nicht folge, denn ich will nicht 346 läugnen, daß ich mich ſchon entſchloſſen habe, beſonders von meinem eigenen Köpſchen Rath anzunehmen...“ „.. und auszuſchlagen?“ „Vielleicht!“ „Aber heute Nachmittag...“ „Nun?“ „Heute Nachmittag möchten Sie vielleicht anders denken!“ Ein Blick voller Unruhe fiel aus den Augen des jungen Mädchens auf ihren Nachbar. Ein unbekanntes Gefühl von Zwang überſiel Alle von dieſem Augenblicke an. Frau Emerentia verſank jedoch bald in einen Halb⸗ ſchlummer und ſchlief endlich ganz ein und träumte dabei ganz angenehm von der alten Excellenz in der großen Generalsuniform und von ſeiner Gemahlin mit dem Juwelenſchmucke. Blenda ſuchte jedoch vergeblich nach dem Schlüſſel zu der Veränderung, die mit ihrem Liebhaber vorge⸗ gangen war. 4 Das poetiſche Schweigen beim Frühſtuck— ein Schweigen, das weit beredter war als Worte, weil dieſe erſetzt wurden durch die Sprache der Blicke und der Geberden— dieſes Schweigen herrſchte jetzt nicht. Aber dennoch ſchwiegen beide faſt ganz. Er war in Gedanken vertieft, ſie in Angſt. Und ein Lächeln, ein halber Seufzer, die ſte wohl je zuwei⸗ len austauſchten, ſchienen ihre Verſtimmung eher zu vergrößern, als zu vermindern. Inzwiſchen rollte der Wagen dahin. Die Pferde ſchienen zu fliegen.„ hin!“ aus es d Adar würd durch Elle ſcheit Seg Boo⸗ die Land liche Bur O, l mal wo! entg der klein ken. uns poet holn Vor rieb die Par —— 7 347 38. „Couſin Jean, Couſin Jean! ſehen Sie doch dort⸗ hin!“ rief Blenda.„Wenn Nichts im Stande iſt, Sie aus dieſer unartigen Gedankenfülle zu wecken, ſo wird es der Anblick dieſer Stelle ſein— ich bin überzeugt, Adam und Eva hatten es nicht ſchöner im Paradieſe!“ „Alſo gefällt Ihnen dieſe Gegend ſehr, mein liebens⸗ würdiges Couſinchen?“ „Ja, ich glaube wohl!... Sehen Sie dieſes klare, durchſichtige Waſſer mit ſeinen kleinen, drei bis vier Ellen langen bewaldeten Holmen, die bereit zu ſein ſcheinen, abzuſegeln, ſobald der Wind ihre grünen Segel faßt... ſehen Sie... ach, ſehen Sie das kleine Boot dort im Schilf!— und den dunkeln Wald und die großen lichten Wieſen... und dort hinten auf der Landſpitze das ſchöne perlgraue Haus mit einer wirk⸗ lichen Felſenmauer, wie man ſie zu den Zeiten der Burgfräulein hatte!... Mutter, ſo erwache doch!... O, laſſen Sie uns hier anhalten, weil wir doch ein⸗ mal auf Abenteuer aus ſind und uns aufhalten dürfen, wo wir es am beſten finden!“ „Es war ohnehin die Abſicht, hier anzuhalten!“ entgegnete Couſin Jean.„Couſine Blenda! wenn Sie der Richtung meiner Hand folgen, ſo werden Sie einen kleinen Pavillon dort in der Ferne zur Linken bemer⸗ ken.. dieſen habe ich uns ſchon beſtellt, dort erwartet uns das Mittageſſen, weil dieſer Ort wirklich einer der Poetäſchſten unter den ſchönen Umgebungen von Stock⸗ olm iſt.“ h Blenda ſchlug vor Entzücken über den herrlichen Vorſchlag die Hände zuſammen. Und Frau Emerentia rieb ſich den Schlaf aus den Augen, um endlich wachend die Fortſetzung des Traumes zu ſchauen. Der Wagen hielt vor dem Eingangsthore des Parkes. 348 „Wem gehört dieſes entzückende Landgut?“ fragte Blenda, indem ſie an der Seite ihres wiederbelebten Ritters durch die duftenden Alleen wanderte. „Es gehört einem Oberſten X, oder hat ihm wenig⸗ ſtens noch vor Kurzem gehört— ich weiß nicht, welches von beiden das richtige iſt. In dieſem Augenblicke wird es nur von dem Inſpector, einem meiner Bekann⸗ ten, bewohnt Iſt aber nicht dieſer kleine Weg, der ſich hier am Waſſer hinſchlängelt, ausgezeichnet ſchön?“ „Alles iſt herrlich!.. Aber der Pavillon liegt ver⸗ ſteckt, gleich einem bezauberten Schloſſe.“ „Er hängt faſt zwiſchen zwei großen Felſen, welche machen, daß man ihn von dieſer Seite nicht ſieht.“. Endlich hatte man dieſe Felſen erreicht; es waren Stufen in denſelben bis hinauf an das nette, luftige Häuschen. Und als man hier eintrat, da ſtand vor Blenda's Erinnerung ganz leibhaftig das alte Märchen, von welchem ſie in ihrer Kindheit ſo oft entzückt worden war, nämlich das Märchen von dem wunderbaren Tiſch⸗ tuche, welches überall, wo man es ausbreitete, augen⸗ blicklich eine ganze Wunderwelt von verführeriſchen Gerichten darbrachte. Doch ſo verführeriſch auch der Wundertiſch ſein mochte, ſo war dort dennoch etwas, welches Blenda noch mehr entzückte, und dieſes war die unüberſehbare Land⸗ und Seecharte, welche ſie vor ſich hatte, und welche ſich faſt bis zur Unendlichkeit ausdehnte, als ſte durch das an dem einen Fenſter aufgeſtellte Fern⸗ rohr blickte. Aber die arme Frau Emerentia wäre beinahe in Ohnmacht geſunken, als ſie nicht mehr als drei Cou⸗ verte erblickte. In düſterer, aber verſchloſſener Verzweiflung ſank ſie auf den weichen Divan, der das runde Zimmer um⸗ gab, und nur durch eine heldenmüthige Anſtrengung verr alle End die kann Fan ragte ebten enig⸗ elches blicke kann⸗ , der ön 2“ tver⸗ velche varen rftige nda's von orden iſch⸗ igen⸗ ſchen ſein tenda bbare und als Fern⸗ ſe in Cou⸗ ſank um⸗ gung 349 vermochte ſie die Thränen zurückzuhalten, als ſie an alle dieſe grauſame Härte dachte. Vielleicht ſollte das Ende der ganzen Reiſe eine Erklärung werden, welche die Wahl enthielte, entweder die geheimnißvolle Be⸗ kanntſchaft zu brechen, oder ſich mit dem Fluche der Familie zu verheirathen. Welche ſchreckliche Wahl! *¾ * Zu Mittag war gegeſſen, der Kaffee im Parke ge⸗ trunken— man begann, wieder von der Abreiſe zu reden. Jetzt fühlte auch Blenda in ſich eine gewiſſe Ver⸗ wunderung, eine immer mehr und mehr getäuſchte Er⸗ wartung. So wie vorher die Mutter, begann auch ſie bald rechts, bald links, bald vorwärts, bald rückwärts ihre Blicke zu werfen— kein Menſch, nichts Unerwar⸗ 8 tetes, oder richtiger Erwartetes, war zu ſehen; man* ſollte alſo wirklich abreiſen! Couſin Jean legte nun ſeiner Geſellſchaft die Frage vor, ob ſie Luſt hätten, bevor ſite in den Wagen ſtie⸗ gen, das eigentliche Wohnhaus zu beſehen. „Das kommt wohl darauf an, was die Zeit er⸗ laubt!“ entgegnete Frau Emerentia, die zum erſten Male ſeit der Bekanntſchaft mit dem Grafen etwas unwillig geſtimmt war. „Die Zeit?“ „Ja, ich weiß nicht, Herr Couſin, wo Sie das Nachtlager auserſehen haben, und ich muß ſagen: ſo angenehm dieſe Reiſe ſonſt auch iſt, ſo fürchte ich bei⸗ nahe, daß.. daß..“ „Was fürchten Sie, meine gute Tante?“ „Daß Patrik und Henriette uns böſe werden— was ich um keinen Preis wollte— wenn wir nicht morgen ſo früh in die Stadt zurückkommen, daß wir 350 noch zu ihrem Sommeraufenthalt hinausfahren können, wie wir ihnen beſtimmt verſprochen haben.“ Nun konnte es zwar als etwas ſonderbar angeſehen werden, daß ſich Frau Emerentia ihres beſtimmt gege⸗ benen Verſprechens ſo ſpät erinnerte; doch das Sprich⸗ wort ſagt:„beſſer ſpät als niemals.“ Und da unſere gute Frau anfing, Verdacht zu hegen, daß aus der gräflichen Verbindung nichts werden könnte, außer unter Bedingungen, welche nur den Titel übrig ließen, ſo hielt ſie es für geeignet, ſich zurückzuziehen. Die ſelige Großmutter, welche die Welt geſehen, pflegte zu ſagen: es iſt beſſer, im Bache zu ſtemmen, ehe man in den Strom kommt. Und überdieß war der Baron mit ſeinem Fidei⸗ wne und ſeinem alten Namen jetzt auch kein„Bach“ mehr enigſtens hundert Procent an Werth geſtiegen war, ſeitdem ſie mit Gewißheit wußte, ſie könnte einſt ſagen:„meine Tochter, die Freiherrin“, meinte, ſie brauchte nicht allzu viele Umſtände zu machen; man ſollte ſehen, daß ſie ſich Keinem aufdränge— und das zeigte ſie auch durch ihre Aeußerung in Betreff der Rückreiſe in die Stadt. Couſin Jean antwortete ganz ohne Verlegenheit: „Wenn das iſt, meine Tante, ſo iſt nichts da, was hindert, daß Sie ſchon in dieſer Nacht zu Hauſe ſein können!“ „In dieſer Nacht— ohl...“ „Ja, mit friſchen Pferden geht das ſehr leicht... Ich bin allzu beſorgt um das Vergnügen und das Wohlbehagen meiner Gäſte, als daß ich ihren Wünſchen das kleinſte Hinderniß in den Weg legen ſollte.“ „Wie, Mutter!“— rief Blenda aus, und ein ſanf⸗ ter, aber vorwurfsvoller und aufgeregter Blick traf ihre Mutter—„wollten wir ſchon wieder umwenden?“ „Ja, ich weiß wirklich nicht, Du Kleine, ob es Frau Emerentia, die in ihren eigenen Augen nich froh laßt welc mit geze Han Figr ſollt war geri „daf leich verſt Nickh meit gnu Dich wen rede der woll daß und Gna auf gefü inen, ſehen gege⸗ rich⸗ nſere der ußer eßen, hen, nen, idei⸗ ach“ ugen var, einſt ſie man das der 5: was ſein 351 nicht faſt eine Pflicht gegen unſere Verwandten, die ſo frohe... ſo intereſſante... und— ich ſehe mich veran⸗ laßt, hinzuzufügen— ehrenvolle Luſtreiſe abzubrechen, welche der Herr Couſin für uns anzuſtellen beliebt hat.“ Das Alles war begleitet von ſo vielem Blinzeln mit den Augen, ſo vielem Kopfſchütteln und einer aus⸗ gezeichnet gut ausgeführten Pantomime mit der einen Hand, die hinter ihrem Nacken verſchiedene Cirkel und Figuren beſchrieb, die ohne allen Zweifel beweiſen ſollten, man müßte nothwendig auf ſeiner Hut ſein. Blenda ſah jedoch davon Nichts, denn ihre Augen waren mit einem fragenden Ausdruck auf den Grafen gerichtet. „Nehmen wir alſo als abgemacht an,“ ſagte er, „daß wir nicht weiter reiſen, ſo können wir um ſo leichter hier noch eine Stunde aufopfern. Die Nacht verſpricht auf jeden Fall ſo ſchön zu werden, daß man † Nichts dabei verliert, wenn man ſie zu Hülfe nimmt. „Nun gut, mein Couſin— dieſer Vorſchlag hat meinen ungetheilten Beifall, und es iſt mir ein Ver⸗ gnügen, Ihrem Willen nachkommen zu können!“ „In Gottes Namen, liebe Mutter, was kommt Dich an?“ fragte Blenda, als Couſin Jean ſich ein wenig entfernte, um mit dem kleinen Bedienten zu reden.„Du biſt ja ganz verändert!“ „Das gebe ich zu, Du Kleine!“ „Warum denn aber, warum?“ „Darum, meine Liebe, weil ich, ohne mich gerade der Weisheit meiner ſeligen Großmutter rühmen zu wollen, dennoch genug davon beſitze, um einzuſehen, daß ſeine Familie verweigert hat, Dich anzunehmen, und lieber, als daß Du wie eine Arme, die das Gnadenbrod ißt, in dieſelbe treten ſollſt, lauſche ich auf die Stimme meines angeborenen Stolzes und Zart⸗ gefühls. „Deines Zartgefühles!“ „Nichtig— und im Namen dieſer edlen Gefühle 3⁵² fordere ich Dich auf, begnüge Dich mit dem Baron! Aufrichtig geſprochen, bin ich aller dieſer getäuſchten Hoffnungen müde. Dieſe ganze Reiſe iſt ja eine Parodie auf alle geſunde Vernunft! Ich glaubte, wir würden von Deinen künftigen Schwiegereltern erwartet — und nun, da Alles um und um kommt, ſo wird weiter Nichts daraus, als was er ſagte, ein wahres Nomadenleben.“ „Die Reiſe iſt ja herrlich, welchen Namen man ihr auch geben mag!“ ſiel Blenda ein,„und Du weißt ſehr gut, Mutter, da mein Herz dem Grafen gehört, ſo werde ich den Baron nicht zu meinem Manne wählen!“ Dieſes ſagte ſie in einem Tone, der ziemlich be⸗ ſtimmt zu ſein ſchien, und dennoch unterdrückte ſte da⸗ bei eine Thräne, welche die unzarten Anmerkungen der Mutter hervorgerufen hatten. Arme Blenda— ſie war übel daran! Frau Emerentia ſchwieg, nicht eben aus Nachſicht gegen Blenda's Angſt, ſondern weil ſie es ſich zum brüßen Vorwurfe machte, daß ſie den Grafen nicht ſchon ängſt zu einer Erklärung gezwungen hatte. Nun, nun, auf der Rückreiſe ſollte dieſe ganz gewiß kommen: er hatte ja eine ſolche verſprochen, und ſie konnte nicht ausbleiben— doch das Schlimmſte war, daß eine vor⸗ hergehende die jetzt erwartete nicht überflüſſig gemacht atte Inzwiſchen war es ſehr gut, daß man in Erwar⸗ tung des wichtigen Augenblickes Gelegenheit hatte, ſich durch einen Beſuch in dem ſchönen Hauſe zu beruhigen. Und da Couſin Jean jetzt wiederum mit den Da⸗ men zuſammentraf, ſo ſtand man bald am Ziele der Promenade. Das Gebäude war in einem einfachen, aber ein⸗ nehmenden Style aufgeführt, und der weitläuftige Gar⸗ ten, welcher ſowohl den Fond, als auch die Seiten⸗ couliſſen deſſelben bildete, zeigte ſich ſehr ehrwürdig mit 353 ſeinen tiefen und langen Lindenalleen. Der See bil⸗ dete den Vordergrund, und zu demſelben hinab führte ein abhängiger Treppengang mit einem gewölbten Dache — ein ſehr duftiges Dach nämlich, zuſammengewebt aus weißen und violetten Syringen, deren Blumen an⸗ muthig aus dem ſaftigen Grün der Blätter hervor⸗ blickten.*) „Ach,“ ſeufzte Blenda, doch dieſer Seufzer blieb in ihrem Herzen—„wer doch hier wohnte!“ Als ſie in die Wohnung kamen— das Haus war nicht ſo groß, daß man von mehr als einer Wohnung reden konnte, obgleich ſich dort auch noch Giebelzimmer fanden, die als Gaſtzimmer benutzt wurden— alſo: als ſie in die Wohnung kamen, ſo begannen unſere Damen auf die gewöhnliche Art der Reiſenden Alles zu prüfen, von dem Fußboden bis auf die Decke. Frau Emerentia, welche ihr Erſtaunen am liebſten geſpart hätte, bis ſie etwas Eigenes ſehen konnte, war dennoch gezwungen, zu erklären, ſie hätte noch nie ein Privathaus ſo prächtig möblirt geſehen. Und Blenda konnte gar nicht begreifen, wie es möglich wäre, Alles ſo geſchmackvoll zu haben; denn es war nicht die Pracht— nein, hier war keine ſo un⸗ gewöhnliche Pracht und eben ſo ſchöne Sachen waren bei ſehr Vielen zu finden— ſondern es war der Ge⸗ ſchmack, welcher machte, daß Alles zu einander paßte und ſich dem Auge ſo ſchön darſtellte. „Aber dieſe ganze Wohnung beſteht nur aus acht oder neun Zimmern,“ ſagte Couſin Jean,„und dieſer Salon, in welchem wir uns jetzt befinden, könnte wahr⸗ *) So wie dieſes, ſind faſt ſaͤmmtliche Güter in Schweden; das Wohnhaus im Garten oder im Parke, gewöhnlich an einem Landſee oder am Meere, die Wirthſchaftsgebäude ſeitwärts, gleich⸗ ſam verſteckt. Anm. d. Ueberſ. Die Romanheldin. 23 3⁵⁴ ſcheinlich mit ſeinen beiden Kabinetten an den Seiten ſelb in dem Salon Platz finden, den der Baron auf ſeinem in! prächtigen Gute hat!“ niß „Das mag wohl ſein,“ entgegnete Blenda, indem ſie ſich mit einer kleinen koketten Nachläſſigkeit in einen ang der ſchwellenden Ruheſeſſel, die den Divantiſch umga⸗ glau ben, warf,„aber ich trotze ihm, wenn er in der Wahl end der Möbeln, der Farbe und der Anordnung ſelbſt mit antn dieſem wetteifern kann!. Ich bin ſo entzückt über dieſen göttlichen Ort, ſo entzückt, daß ich nur mit öffn Mißbehagen daran denken kann, daß ich ihn verlaſſen kleit muß!“. bret „So bleiben Sie denn hier, mein Couſinchen,H“ Ger wenn es Ihnen beliebt“— fiel Couſin Jean mit einem mäl zärtlichen und ſtrahlenden Blicke ein—„denn das Gut beſt gehört mir, und Sie wiſſen wohl, daß ich keinen leb⸗ hafteren Wunſch hege, als Sie zur Herrſcherin deſſel⸗ irge ben zu machen.. doch, werden Sie das wohl werden kleit wollen?— darüber hege ich bittere Zweifel!“ din Dieſe Erklärung kam ſo ganz ohne alle Vorberei⸗ Me. tung, ohne die geringſte Feierlichkeit, daß zwei unbe⸗ ſie ſtimmte Ausrufungen, die eine gleichſam ein Echo der andern, den Lippen der Mutter und der Tochter ent⸗ ihre fuhren...., weit Darauf trat eine Minute lang ein banges Still⸗ wel⸗ ſchweigen ein. „Wie?“ ſtotterte endlich Blenda.„Sind wir alſo zu Hauſe bei uns?“ In dieſen Worten lag etwas ſo unbeſchreiblich Hin⸗ reißendes, daß Couſin Jean unwillkürlich ſeine Arme ausſtreckte, um Diejenige, welche ſie geſprochen hatte, an ſein Herz zu drücken. Aber augenblicklich ſanken die Arme wieder herab, ſſich ohne nur das junge Mädchen, das ſich zitternd erhoben hatte, berührt zu haben. tete „Meine beſte Tante“— mit dieſen Worten wendete ve ſich der junge Mann an Frau Emerentia, welche ſich Nich 8 3 Seiten einem indem einen imga⸗ Wahl ſt mit über r mit laſſen nchen, einem s Gut n leb⸗ deſſel⸗ verden berei⸗ unbe⸗ zo der r ent⸗ Still⸗ r alſo b Hin⸗ Arme hatte, jerab, hoben endete e ſich in das nächſte Zimmer führen? Ich habe das Bedürf⸗ niß, mich allein mit ihr zu erklären!“ Unſere gnädige Frau, welche von Neuem einige angenehme Beſuche von ihrer Sehergabe erhielt und glaubte, dachte, hoffte, daß vielleicht Alles noch beſſer endigen könnte, als ſie noch ſo eben vermuthet hatte, antwortete nur mit Verneigungen. Und ohne eine beſtimmtere Erlaubniß abzuwarten, öffnete der Eigenthümer des Hauſes die Thür eines kleinen Eckzimmers, deſſen ſämmtliche Wände mit Bücher⸗ brettern bekleidet waren, und deſſen einziges tragbares Geräth, außer einem Tiſche mit Kupferwerken und Ge⸗ mälden, in einem kleinen Sopha für zwei Perſonen beſtand. Wären Blenda's Blicke im Stande geweſen, auf irgend etwas zu weilen, ſo würde ohne Zweifel dieſes kleine Zimmer mit ſeinen langen grünen ſeidenen Gar⸗ dinen, zwiſchen denen Heliotropen und Myrthen in Menge hervorblickten und mit ſeinem Geiſte der Ruhe ſie mehr entzückt haben, als irgend eines von den übri⸗ gen... aber ſie ſah weiter Nichts, als daß die Wangen ihres Liebhabers bleich geworden und daß ſeine Augen weit entfernt waren, die ſeligen Gefühle auszudrücken, welche in dieſem Augenblicke in ihm leben mußten. 39. „Blenda!“ ſagte der junge Mann leiſe, indem er ſſich neben ſie ſetzte und mit einem Blicke voll gedämpf⸗ ter Leidenſchaft ihr ſchönes, ſeelenvolles Antlitz betrach⸗ tete,„Blenda, Blenda! haſt Du— laß uns jetzt dieſe vertrauliche Benennung anwenden— haſt Du gar Nichts errathen.. Nichts errathen wolhen 2* * ſelbſt völlig verloren zu haben ſchien—„darf ich Blenda „Ich habe nur geglaubt...“ „Du haſt geglaubt?. Was?“ „Daß dieſer Augenblick kommen würde, und daß, wenn er käme, wir ohne Zweifel...“ „... ohne Zweifel?“ „... glücklich werden würden— iſt das nicht ganz einfach?“ „Ja, ſehr einfach, Du liebliche Seherin!... Es fragt ſich nur, ob Du es auch noch ſo finden wirſt, wenn Dein Ritter— den Du, wie ich mir denke, zu Gott weiß was gemacht haſt— ſich ganz einfach, ſchlecht und recht, in den Couſin Jean verwandelt.. Doch, verſtehe mich recht: es iſt jetzt die Rede von dem wirklichen Couſfin Johann.“ „Von dem Hutſtafftrer?“ „Ja, von dem Hutſtaffirer!“ „Gott, wie närriſch!...“ hier brach Blenda in ein heftiges Gelächter aus..„Aber jetzt genug mit dieſem tollen Scherze! Wir können wohl ein kleines Abenteuer unter dem pſeudonymen Couſin Jean ſpielen, wenn wir uns aber heirathen wollen, ſo muß das wohl unter Deinem wirklichen Namen geſchehen!“ „So viel iſt gewiß,“ entgegnete er lächelnd,„daß ich mich wirklich unter keinem andern Namen verhei⸗ rathen kann, als unter dem, welchen ich eben ange⸗ führt habe.“ „ͤDu haſt alſo keinen andern Namen, als Couſin In dieſen Worten lag eine ſo unwiderſtehliche Wahrheit, daß Blenda ihren Liebhaber mit erſtaunten Blicken anſtarrte. „Du. Du der wahre Couſin Johann, der ver⸗ abſcheute Conſin Johann?“ „Ja, eben dieſer!“ lich dieſ dien im tiefe zure neb auf mich ob nock hätt daß wär ſere in den Tre Ach kön! Cor mit voll unt daß, ganz Es irſt, „zu fach, It... dem 357 „O, das iſt unmöglich— ich ſage, es iſt unmög⸗ lich... es muß unmöglich ſein!“ „Und warum denn unmöglich?“ „Aber der Graf... der Graf!“ „Welcher Graf?“ „Großer Gott! er fragt, welcher Graf!... O, dieſer Scherz iſt grauſam— ich habe ihn nicht ver⸗ dient... nein, wirklich nicht!“ „Aber ſo erkläre Dich doch— ich weiß ja nicht im Mindeſten, was Du meinſt!“ „Im Wirthshauſe zu Wenersborg“— ſagte ſie in tiefer Bewegung, als fürchtete ſie, der Athem moͤchte nicht zureichen— wohnte ein Schonen'ſcher Graf C-—creutz neben uns.. Dieſen meinte ich zu ſehen, als Du auf der Straße zu mir kamſt und mich fragteſt, ob ich mich verirrt hätte.“ „O, nun begreife ich, warum Du mich fragteſt, ob ich nach Schonen reiste!“ „Ja ja, ſei überzeugt, ich hätte weder das Eine noch auch das Andere gefragt, wenn ich nicht gemeint hätte, ich wüßte, mit wem ich redete! Ich hatte gehört, daß der Graf ein junger Mann mit dunklen Haaren wäre, ich glaubte, er wäre Derjenige, der uns bei un⸗ ſerer Ankunft in der Hausflur begegnete; ich hatte Dich in ſein Zimmer gehen ſehen, und ich hörte gleich darauf den Bedienten zu dem Lieutenant, den wir auf der Treppe trafen, ſagen, daß der Graf zu Hauſe wäre... Ach, das Alles ſind zu deutliche Beweiſe, um täuſchen zu können: Du biſt der Graf; ja, ja, Du biſt der Graf l... Couſin Johann war ja zu jener Zeit in Hamburg!“ „Als ſie die letzten Worte ausſprach, umfaßte ſie mit beiden Händen ſeinen Arm und blickte ihm angſt⸗ voll in das Geſicht. Er aber machte dieſe weißen Händchen los, die er unter andern Verhältniſſen ſo gerne behalten haben würde, und ſagte mit tiefer, ernſter Stimme: „Welch ein unglückſeliger Irrthum, welch kindiſche 358 Einbildung! Weil ich, der nicht einmal in dem Wirths⸗ hauſe wohnte, in das Zimmer des Grafen C—ereutz gehe, muß ich nothwendig dieſer Graf ſein... und dieſen Wahn hältſt Du während unſerer ganzen Be⸗ kanntſchaft feſt! Der Graf hat Dein Herz gewonnen, nicht die Perſon, nicht Couſin Jean!“ Jetzt brach Blenda in heftige Thränen aus. „Welch ein unendliches Spiel!“— entgegnete ſie endlich, da die Thränen ihr ein wenig Luft ließen— ein armes Mädchen ſo zu täuſchen!... O mein Gott, mein Gott, laß mich nicht wahnſinnig werden!... Couſin Johann!... der Hutſtaffirer!... O, das iſt ſehr, ſehr unwürdig!“ Und die arme Blenda begann von Neuem zu ſchluchzen, zu ſchluchzen wie ein Kind, dem man das beſte Spielzeug genommen hat. „Laß uns die Sache näher betrachten,“ bat Johann, „ſo werden wir ſehen, ob ſie ſich nicht milder beur⸗ theilen läßt!“ 3 „Das möchte ich wohl ſehen!“ „Erſtlich habe ich mich nie für einen Grafen aus⸗ gegeben.“ „Aber ich hielt Dich dafür!“ „Wer kann dafür, daß Du eine ſo lebhafte Phan⸗ taſte haſt, meine liebe Blenda, und nichts Anderes ſiehſt, als Grafen und Barone?“ „Weiter!“ „Ferner nahm mich Deine entzückende Geſtalt augenblicklich ein, da ich Dich bei dem Wirthshauſe in Wenersborg ſah; und als ich von Eurem Skjutsbauer erfuhr, wer Du warſt, ſo beſchloß ich, mit Dir zu ſprechen, welchen Entſchluß ich auch ausführte mit dem vollſten Vorſatze, Dir nützlich zu werden.“ „Aber warum,“ ſiel Blenda ein, und die Neugierde begann ſchon Macht zu bekommen über die in den Augenfranſen glimmenden Thränen,„warum wurde dieſer eines verw aus Ritt ſcher wenn wer lache Eige ich 1 niem Geh mich gehe ſund aber richt Erd bis allzt i„ ich: Bri Gu kom 359 dieſes Zuſammentreffen gleichſam das erſte Kapitel eines Romanes?“ „Darum, weil Du ſelbſt es dazu machteſt: Du verwieſeſt mich ja äußerſt pikant auf ein Burgfräulein aus dem Mittelalter, und ich war ſehr bereit, Dein Ritter zu werden, denn auch mich ergriff ein romanti⸗ ſcher Geiſt— dergleichen iſt anſteckend!“ „Aber der ganze Zauber wäre ja gelöst geweſen, wenn Du, wie es Deine Pflicht war, geſagt hätteſt, wer Du warſt!“— „Wie kannſt Du verlangen,“ entgegnete der Ergraf lächelnd,„daß ich an etwas denken ſollte, das für meine Eigenliebe ſo kränkend geweſen wäre! Inzwiſchen würde ich mich offen erklärt haben, oder richtiger: ich würde niemals incognito aufgetreten ſein, wenn es nicht ein Geheimniß für meine Mutter geweſen wäre, daß ich mich damals noch in Schweden aufhielt...“ „Und warum täuſchteſt Du denn ſie ebenfalls 24 „Um ihretwillen!“ „Um ihretwillen?“ „Ja, und auch um der kleinen Tyrannei zu ent⸗ gehen, die bisweilen ſogar in ihrer Liebe lag.“ n 44 2 3 „Ich hatte mich eine längere Zeit nicht ganz ge⸗ ſund gefühlt— ich wünſchte einen Badeort zu beſuchen; aber überzeugt, daß meine Mutter bei der bloßen Nach⸗ richt, meine Geſundheit hätte gelitten, Himmel und Erde erregt und ſich nicht eher beruhigt haben würde, bis ich zu ihr gezogen wäre und ſie mich mit einer allzu eigenſinnigen Zärtlichkeit gepflegt hätte, beſchloß ich, dieſe Badetour mit einer Reiſe in's Ausland, die ich meiner Geſchäfte wegen machen mußte, zu verbinden.“ „Aha! darum alſo dauerte es ſo lange, bis ein Brief von Hamburg kam?“ „Richtig!... ich hielt mich drei Wochen lang bei Guſtavsberg auf und war eben nach Wenersborg ge⸗ kommen, um mich nach Göteborg zu begeben, als uns 360 zu unſerem beiderſeitigen Glück oder Unglück der Zufall zuſammenführte.“ Blenda's einzige Antwort war ein Seufzer. „Du ſiehſt nun wohl ein, daß ich nicht gut meinen Namen ſagen konnte; welche Neuigkeit würdeſt Du da nicht zu meiner Mutter gebracht haben— es war noth⸗ wendig, daß ich ſelbſt bei meiner Rückkehr erklärte, wie es ſich damit verhielt.“ „Und als Du zurückkamſt... da bedurfte ſie keiner Erklärung mehr!“ „Leider!“ Jetzt trat ein etwas längeres Schweigen ein. Blenda brach daſſelbe zuerſt, ohne ſich Zeit zu laſſen, darüber nachzudenken, wie dieſer ruhigere Ueber⸗ gang in ihren Gefuhlen ſo allmälig eingetreten war. „Was konnte Dich hernach veranlaſſen,“ ſagte ſie, „dieſes Spiel mit mir fortzuſetzen?“ „Einige Stunden nach meiner Rückkehr trafen wir uns zufällig, wie Du Dich entſinnen wirſt, bei einem Bekannten— Du weißt, daß ich Dich da als meine Couſine präſentirte?“ „Das iſt wahr... doch als wir allein waren, ent⸗ ſchuldigteſt Du Dich deßwegen!“ „Ein Hausflur— das wirſt Du geſtehen— war kein paſſender Ort zu Erklärungen von ſo delicater Beſchaffenheit. Du warſt ja auch von Deinen Gefühlen ſo erregt, daß Du kaum im Stande warſt, Dich auf⸗ recht zu erhalten— wie wäre ich alſo wohl im Stande geweſen Dich noch mehr aufzuregen!“ „Doch im Wagen?“ „Dort war es auch meine Abſicht, Dir zu erklären, daß Du in Deinem unbekannten Freunde einen Ver⸗ wandten ſäheſt— ich hatte ja damals keinen Grund, dieſes länger zu verhehlen— war es aber wohl zu verwundern, wenn ich, hingeriſſen von dem Ausrufe, der Dir entfahren war, erſt einige Augenblicke das eingebildete Glück genießen wollte, daß mein Wieder⸗ ſehen ſo ei die i ſein! ſähef der mach einen das Vert mein den linge Ritte ware mich ter konn Furc redet Alle klein mut! daß Gril wenn zum ange gen 361 ſehen Dich glücklich machte, ehe ich Dich auf die eben ſo eingebildete angenehme Ueberraſchung vorbereitete, die ich Dir zu machen glaubte...“ „Angenehme Ueberraſchung— ja, das mochte ſie ſein!“ murmelte daß junge Mädchen. „Vergiß ja nicht, daß ich feſt überzeugt war, Du ſäheſt mich ſelbſt und keinen Andern; nie trübte nur der entfernteſte Gedanke an die Illuſion, die Du Dir machteſt, die Reinheit meiner hoffnungsvollen Freude einen einzigen Augenblick.“ „Das iſt ſehr wahr; Du konnteſt nichts wiſſen— das vergeſſe ich immer!“ „Ueberdieß wünſchte ich Dein ganzes unſchuldiges Vertrauen zu erhalten, ehe ich mich erklärte.“ „Und warum denn das?“ „Weil mir viel daran lag, zu erfahren, was Du meiner Mutter geantwortet hatteſt auf den Vorſchlag, den ſie Dir in Betreff der Verbindung mit ihrem Lieb⸗ linge gemacht hatte. Da Du nicht wußteſt, daß Dein Ritter und„Couſin Johann“ eine und dieſelbe Perſon waren, ſo fühlte ich mich ſchrecklich eiferſüchtig auf mich ſelbſt und bebte vor jedem Erfolge, den die Mut⸗ ter in meinem Namen möglicher Weiſe gewinnen konnte.“ „Du erhieltſt aber bald die Aufklärung, daß dieſe Furcht überflüſſig war, denn wenn ich mich recht entfinne, redete ich deutlich genug.“ „Ja, ſo deutlich, daß ich, anſtatt Dir ſogleich Alles zu vertrauen, mich entſchloß, Dich zu heilen, Du kleine Romanheldin, und zur Strafe für Deinen Hoch⸗ muth Dich ſo für den armen Hutſtaffirer einzunehmen, daß Du— trotz aller dieſer kleinen romantiſchen Grillen— nicht im Stande wäreſt, ihn zu verſchmähen, wenn er es wagte, nicht allein mit ſeinen Gefühlen zum Vorſchein zu kommen, ſondern auch mit der un⸗ angenehmen Notiz, die er nun mitzutheilen gezwun⸗ gen war.“ 36² „Auf jeden Fall war aber das ein boshafter Plan!... Ja,“ fuhr ſie fort, nachdem ſie einige Augenblicke ganz tiefſinnig das entzückende Köpfchen in der Hand ge⸗ wiegt hatte,„ich bleibe dabei, er war boshaft und ſogar unvernünftig!“ „Im Gegentheil, es war ſowohl ein guter, als auch ein vernünftiger Plan, denn er bezweckte Dein wahres Glück.“ „Mein wahres Glück?“ „Ja, denn Du bedurfteſt einer kleinen Lection... Doch ſollſt Du bald erfahren, geliebte Blenda, inwie⸗ fern Derjenige, welcher— als er zu gleicher Zeit darnach ſtrebte, ſein eigenes Glück zu gründen— ſtrenge genug war, dieſen Querſtrich über Deine goldenen Luftſchlöſſer als unumgänglich nothwendig für Dein künftiges Glück erachtete, nicht auch im Stande war, ſich für Dich aufzuopfern.“ „Wie meinſt Du?“ „Ich meine, Du mußt Dich entſinnen, mein theures Couſinchen, daß ich Dich nie durch irgend ein Ver⸗ ſprechen gebunden habe, was doch...“ i9„e, ſehr leicht geweſen ſein würde! Das geſtehe ich ein! „Ferner, daß ich niemals auch nur das delicateſte Verhältniß zwiſchen Verwandten überſchritten und noch viel weniger auf ein einziges der vertraulicheren Pri⸗ vilegien eines Couſins Anſpruch gemacht habe.“ „Nein, nein, Du biſt redlich und edel geweſen in allen Stücken!. Du haſt nur Einen Fehler: Du biſt Couſin Johann!“ „Wenn nun aber dieſer Fehler unverbeſeerlich iſt, ſo bleibt Dir ja immer Hülfe gegen ſeine Unannehm⸗ lichkeiten...“ „Und welche?“ „Die, daß Du in Deinem Couſin nur Deinen Couſin ſiehſt!“ Blenda's Antlitz wurde von einer heißen Röthe überg. Rath 363 übergoſſen..B darauf, ſich ſtellend, als hätte ſie dieſen Rath nicht gehört, ſagte ſie eilfertig: „Jetzt begreife ich, daß die Urſache, aus welcher Du Dich ſo ſelten zeigteſt, keine andere war, als daß Du fürchteteſt, Du moͤchteſt Henriettens Aufmerkſam⸗ keit erwecken... Aber zwei Dinge kann ich dennoch nicht begreifen...“ „Welche?“ „Die Adreſſe auf dem Bücherpakete war von der .. Hand des wirklichen Grafen— ich ſah hernach auf dem Dampfſchiffe zufällig ſeine Handſchrift— der Lieutenant hatte einen Brief von ihm.“ „ Ja, das iſt richtig; die Adreſſe hatte der Graf C—creutz wirklich geſchrieben.“ „Wie ging denn aber das zu?“ „Ganz einfach: an jenem Abende, da einige junge Männer beiſammen waren— ich war ebenfalls mit dabei— ſaß der Graf, welcher von dem Lieutenant die Lobpreiſung Deiner Schönheit gehört hatte, während das Geſpräch ſich ſcherzhaft immerwährend um Deine Perſon drehte, und ſchmierte einen ganzen Bogen voll mit Deinem Namen...“ „Weiter!“ 4 „Dieſer Name war mir ſchon damals— es war nach unſerer Unterredung— allzu heilig, als daß ich ihn ſo entweiht ſehen wollte; ich bemächtigte mich daher des Papiers ganz unbemerkt, und als ich nach Hauſe kam, hatte ich den Einfall, um nicht nöthig zu haben, ſelbſt zu ſchreiben, eine von dieſen Namenzeich⸗ nungen auf dem Bücherpakete anzuwenden; denn hätte Du hernach einen meiner Briefe an die Mutter ge⸗ ſehen, ſo hätteſt Du auch meine Handſchrift erkannt.“ Blenda ſchüttelte den Kopf mit einer kleinen un⸗ zufriedenen Geberde— Alles ließ ſich alſo erklären! 8„Laß uns jetzt zu dem zweiten Stücke kommen, das Hu nicht begreifen kannſt! Die Sitzung zieht ſich in die Länge, und ich erwarte mein Urtheil!“ 364 „Nun ſo höre... Da Du mich durch einen häß⸗ lichen Streich heilen wollteſt— und wahrlich, Du haſt mich ſo geheilt, daß ich wohl in meinem Leben weiter keine romantiſche Idee bekomme— ſo war es doch ſonderbar, daß Du Henrietten dahin brachteſt, mich einzuladen. Wäre ich gekommen, was ſo leicht hätte geſchehen können, wäre ja Dein Geheimniß augenblick⸗ lich enthüllt geweſen.“ „O, ich wußte wohl, daß Du Dich allzu wenig nach der Bekanntſchaft des Couſin Jean ſehnteſt, als daß Du kommen würdeſt... Auch geſchah dieß, um ein für allemal Henrietten irrezuleiten... Um jedoch für einige Tage vollkommene Freiheit zu erhalten, ſo überredete ich Patrik, die Einladung zu einer Reiſe anzunehmen, und ließ mich ſelbſt ohne Schwierigkeit überreden, mitzureiſen.“ „O, ich weiß, ich weiß, zu Weihnachten, da wir darüber lachten, daß der improviſirte Couſin Jean zu derſelben Zeit an zwei Orten wäre!“ „Ach,“— antwartete er mit einem Lächeln, das an ihre eigenen Scenen im Schauſpiele erinnerte— „ich hatte genug daran, an einem zu ſein!“ „Du warſt ja aber mit Patrik verreist?“ „Verſteht ſich— aber ich hatte meine Vorſichts⸗ maßregeln genommen. Nachdem ich erſt von der Un⸗ ruhe geredet hatte, mit welcher ich ein für mich wich⸗ tiges Falliſſement fürchtete, holte mich unterwegs zu rechter Zeit ein Expreſſer ein, welcher mir einen Brief brachte, der bewies, daß meine Unruhe nicht allein Grund gehabt hatte, ſondern auch, daß meine Anweſen⸗ heit in Stockholm auf einige Tage nothwendig war. „Ja, ja!“ rief Blenda, die ganz unvorbereitet das Vermögen zu lachen wieder erhielt— es iſt die Frage, mein Couſin, ob nicht Du die meiſte Anlage zu ro⸗ mantiſchen Ideen haſt!... Aber eben dieſer Gedanke führt mich auf eine Aeußerung Henriettens, nämlich daß Dein Herz längſt von andern Banden gefeſſelt wäre, und häß⸗ haſt veiter doch mich hätte blick⸗ venig als um edoch ¹., ſo Reiſe ikeit wir in zu das te— ichts⸗ Un⸗ wich⸗ s zu Brief ellein eſen⸗ war. das rage, 1 ro⸗ danke ) daß und 365 daß nur die Liebe zu dem Andenken an Deine Mutter Dich dazu vermocht haben würde, daß Du...“ „O, nichts davon! Es iſt mit Henrietten etwas ganz Eigenthümliches, wovon wir vielleicht ſpäter reden können... Ich mußte ſie auch hierin irreleiten, um Dich gegen ihre Aufmerkſamkeit ſicher zu ſtellen.“ „Nun, ſo laß uns denn zu Deiner neulichen Aeuße⸗ rung übergehen, nämlich daß... daß... wie war es doch noch?“ „Ich verſtehe Dich nicht!“ O.. laß mich nachdenken!... Du wäreſt im Stande, daß...“ „Aber was meinteſt Du?“ „Ich glaubte, Du verſtändeſt das, da ich Dich haran erinnerte, daß Dich kein Verſprechen an mich indet.“- „Das kann wohl ſein— aber erkläre mir dennoch Deine Meinung deutlicher!“ „Ich habe keine andere Meinung, als die, welche die Ehre vorſchreibt... Dein Gemüth, Blenda, ſtrebt nach einem Leben, das ich Dir nicht zu bieten vermag. Ich weiß, daß Dein Herz für mich geredet hat, und— mit Ueberſehung der kleinen Verrechnung, die Du machen konnteſt— war ich bereit, dieſen Einfluß zu meinem Vortheile zu benutzen; aber damals war noch von nichts, das für beſſer angeſehen werden konnte, die Rede. Jetzt dagegen, da ein Nebenbuhler aufgetreten iſt, der Dir außer ſeiner Liebe alle glänzenden Vorzüge anträgt, die Du als meine Gattin vermiſſen müßteſt, jetzt...“ Er hielt einen Augenblick inne. 271 „Jetzt ſoll Deine Wahl frei ſein. Der einzige 366 Eigennutz, den ich mir erlaubt hatte, iſt der, daß ich Dich an dieſen Ort geführt habe, den ich heimlich gekauft, und wo ich— unter Träumen von einem Glücke, das mir nun vielleicht von einem Andern entriſſen wird— unaufhörlich gearbeitet habe, um Alles zu dieſem Zeit⸗ punkte, dem ſchönſten, um auf's Land zu ziehen, fertig zu bekommen... denn in demſelben Augenblicke, da ich mich zu erkennen gegeben, iſt es— wenn nämlich meine Hoffnung beſtätigt wird— auch nothwendig, unſer Glück zu ſichern.“ „Und nun ſetzeſt Du es dennoch in Zweifel, ob dieß Alles vergeblich geweſen iſt!“ antwortete ſie mit tiefem Zittern in ihrer Stimme.„Kannſt Du wohl glauben, theurer Jean— Johann ſage ich niemals— kannſt Du wohl eine einzige Secunde im Ernſte glau⸗ ben, wie eitel, romantiſch und närriſch ich übrigens auch ſein mag, daß ich im Stande ſein könnte, ſogar meine Liebe dem Glanze eines Titels aufzuopfern? Nein, wenn dieſer nur meinen Ohren, nicht aber mei⸗ nem Herzen liebkost, ſo hört er auf, eine magiſche Kraft zu haben.“ „Ach, Blenda, Blenda, täuſche Dich nicht ſelbſt! Vielleicht bedarfſt Du einer längeren Zeit, um Deine Wahl zu treffen?“ „Boshafter! Wäre es Deine Abſicht geweſen, mir in der Wahl meine volle Freiheit zu geſtatten, warum haſt Du ſie mir denn geraubt? Kann ich wählen, ich?“ Und ihre ſchönen Augen, von denen jede Wolke der Unruhe und Unzufriedenheit gewichen war, ſanken mit fragender Zärtlichkeit auf die ſeinigen. „Wie? mein entzückender, geliebter Engel!— und der Baron, der ehrenwerthe Baron...“ „... Er mag ſich nach einer andern Freiherrin umſehen, ich..“ „Du?.“ 5 „.. ich begnüge mich meinem Couſin, dem Hut⸗ ſtaffirer!“ zum da's bener blicke darn ein ſchwe Eine Glü und errin Hut⸗ 367 In dieſem Augenblicke, da der glückliche Liebhaber zum erſten Male ſein Glück umarmte, da er von Blen⸗ da's Lippen die eigentliche Bekräftigung ihres gege⸗ benen Gelübdes einforderte— in eben dieſem Augen⸗ blicke wäre es ſehr leicht geweſen, wenn man nämlich darnach gelauſcht hätte, in dem angrenzenden Zimmer ein gewaltſames Schluchzen und gleich darauf einen ſchweren Fall zu hören. Die Ueberglücklichen aber hörten ſo wenig das Eine, als das Andere— denn eine gewiſſe Art von Gluck hat faſt immer Taubheit in ſeinem Gefolge. 40. Frau Emerentia war nicht im Stande geweſen, das natürlichſte von allen Gefühlen zu beſtegen, wir meinen die Neugierde, das unglückliche Erbtheil von un⸗ ſerer Stammmutter, und den jungen Leuten daher leiſe bis an die Thür nachgeſchlichen. Wie hätte ſie es auch wohl aushalten können, zu leben, wenn ſie nicht ſo ſchnell wie möglich die wichti⸗ gen Worte vernehmen konnte, die Blenda's und mit demſelben ihr eigenes Schickſal entſcheiden ſollten!““ Die Gefühle der guten gnädigen Frau zu beſchrei⸗ ben, als ſie den Namen ihres Schweſterſohnes Johann Blücher als den einzigen und richtigen ausſprechen hörte, iſt bei Weitem nicht ſo ſchwierig, als man ſich wohl vorſtellen könnte, denn die ganze Beſchreibung iſt vollſtändig zuſammengefaßt in der tiefſinnigen Aeußerung, die ihren Lippen entfuhr: „Armes Kind! läßt ſie ſich von der Dichtung fangen und nimmt ihr Wort zurück— was ſie natür⸗ licher Weiſe thun würde, wenn eine ſolche Lächerlich⸗ 368 keit wahr ſein könnte— ſo verliert ſie in den Augen dieſes romantiſchen Grafen ihren vornehmſten Reiz, nämlich ihn in allen Geſtalten zu lieben. Möchte ſie ſich vor der Schlinge hüten!... Mit ihrer geringen Welterfahrung und bei ihrer heftigen Bewegung könnte es leicht möglich ſein, daß ſie dieſelbe nicht ſähe.“ Nun aber folgte ganz proſaiſch drinnen der eine Beweis nach dem andern, und Alles ſo klar, ſo deut⸗ lich, daß ſogar die ſelige Großmutter, wenn ſie der⸗ gleichen gehört hätte, mit aller ihre weltbekannten Weis⸗ heit nichts Anderes, als die reine Wahrheit hätte ent⸗ decken können. Frau Emerentia wurde bald roth, bald blaß; in dem einen Augenblicke zitterte ſie vor Kälte, in dem andern brannte ſie von einer unerträglichen Fieberhitze, und mit jedem Wechſel erhielt ſie eine erneuerte Ueber⸗ zeugung, daß ihr und ihrer Tochter, zweien ehrenwer⸗ then und edlen adligen Damen, der ärgſte, ehrenrüh⸗ rendſte und unglückſeligſte Poſſen geſpielt worden wäͤre, dem jemals ein Weib ausgeſetzt geweſen von dem grauen⸗ vollen Tage an, da die Schlange der Eva ihren nie⸗ drigen Poſſen ſpielte. „Ha!“ murmelte ſie mit gewaltigen Geſten, während bald ihr Ohr und bald ihr Auge am Schlüſſelloche ruhte,„ha, unwürdiger Sohn der würdigſten Mutter! ha, junger Mann, der den letzten Funken ſeiner Ehre verloren hat, bedauernswürdiger, von der Leidenſchaft verwirrter Jüngling, der durch ſeine Liebe ein Ver⸗ brecher geworden iſt— hier gibt es keine Verzeihung... keine Verzeihung! Gelobt ſei der Himmel, daß uns noch der Baron bleibt, dieſer wahre Typus der Ehre und der Würde!... Vergib mir, geliebte Schweſter Regine Sophie!... ich kann nicht! Meine Tochter ſoll eine Freiherrin werden, ſoll auf dem großen Fidei⸗ commiß herrſchen und Geſellſchaften annehmen in einem Salon, worin zwei ſolche wie dieſer, Raum finden können!“ ugen Reiz, te ſie ngen onnte eine deut⸗ der⸗ geis⸗ ent⸗ ; in dem hitze, eber⸗ wer⸗ rüh⸗ väͤre, Uen⸗ nie⸗ rend loche tter! Ehre chaft Ver⸗ uns Ehre eſter chter idei⸗ nem nden 369 Während des letzten Theiles dieſer Declamation hatte die Gemüthsbewegung ſo bei ihr überhand ge⸗ nommen, daß Frau Emerentia nicht im Stande gewe⸗ ſen war, recht zu hören. Nun aber ſtrengte ſie ſich in vollem Ernſte an, legte das Ohr an die Thür und fing den letzten ent⸗ ſcheidenden Schlag auf, den Schlag, der ihr durch die Lippen ihrer eigenen Blenda verkündigte, daß der Baron ſich nach einer andern Freiherrin umſehen müßte, weil ſie ſich mit ihrem Hutſtaffirer begnügte. In dieſer fürchterlichen Minute geſchah es denn, daß unſere Frau zuerſt in ein heftiges Schluchzen aus⸗ brach, und darauf, zum erſten Male in ihrem Leben, von einem Schwindel heimgeſucht, zu Boden ſank. O, wie viele fehlgeſchlagene Berechnungen! Noch heute, noch vor wenigen Augenblicken, hatte Frau Emerentia von keinem andern Schwindel geträumt, als von dem, der über ſie kommen würde, wenn ſie ihre Tochter mit dem Kronprinzen tanzen ſähe. . 5 Es war eine ziemliche Zeit vergangen. Der Abend begann einzutreten. Durch die offenen Fenſter des Salons ſtrömte eine friſche und kühle Luft herein, welche die Lebensfarbe auf bi⸗ bleichen Wangen der Frau Emerentia zurück⸗ auchte. Sie erhob ſich, als wäre ſte aus einem ſchweren Traume, erwacht und blickte um ſich her, ſchloß jedoch die Augen wieder, in der Hoffnung, daß ſie noch immer träumte und endlich in ihrem Bette erwachen würde. Aber dieſer angenehme Wahn konnte nicht lange dauern: noch einmal mußten die Augen ſich öffnen, und — o wehl da bekräftigte es ſich nur allzu deutlich, daß kein Traum länger Statt fand. Die Romanheldin. 24 370 Die Wirklichkeit blickte von allen Seiten herein auf die bedrängte Frau, welche ſich nun unter tiefen Seufzern ganz erhob. Wie ſteht's wohl jetzt?“ fragte ſie ſich ſelbſt. Mit einer Anwandlung von heldenmüthiger Reſig⸗ nation, blickte ſie von Neuem in die ſtille Kammer. Und als ſie nun den glücklichen jungen Mann— mit einem Antlitze, das von dem heiligen und glühen⸗ den Gefühle, das ihn belebte, doppelt verſchönert war— zu Blenda's Füßen ſitzen und mit tauſend Hoffnungen in ſeinen Augen zu ihr hinaufblicken ſah— als ſie Blenda ſelbſt, herrlich wie eine überirdiſche Erſchei⸗ nung, verklärt durch das Myſterium der Liebe, zu ihm hinabblicken ſah— da dachte ſie von Neuem und ernſtlicher an die ſelige Regine Sophie, und wie dieſe mit Wohlwollen und Liebe ihre armen Anverwandten aufgenommen, ihnen Gutes gethan und noch in ihrem letzten Augenblicke von Herz und Seele gewünſcht hatte, daß ihr Sohn mit Derjenigen vereinigt werden möchte, welche ſie ſchon als ihre Tochter liebte. Nachdem es mit der Frau Emerentia erſt ſo weit gekommen war, wurde der Kampf leicht, denn in der Seele dieſer ehrenwerthen Frau lag eben ſo viele reine Güte, als Ueberfluß an Schwäche. Zwar ſeufzte ſie, da ſie an den Baron dachte und den letzten Gedanken auf das Fideicommiß und auf das freiherrliche Wappen zurückwarf— das wäre ein ſchö⸗ ner Anblick geweſen! Aber weit ſchöner war dennoch die Vorſtellung, wie Regine Sophie auf die Erde her⸗ abblickte und ihrer Schweſter, ihrer theuren Eme⸗ rentia, dankte, daß dieſe durch ihre große Aufopferung tauſend Mal das genoſſene Gute vergolten hatte. „In Gottes Namen denn!“ flüſterte unſere Frau, indem ſie mannhaft die letzte Thräne verſchluckte. Da ſie jedoch in Begriff war, die Thür zu öffnen, kam plötzlich ein neuer Anfall von Schwäche über ſie. „Ach, hätte ich meinen Willen bekommen, haäͤtte —,—— 371 ſie nur Concordia geheißen, ſo wäre nichts halb ge⸗ worden: da hätte ſie nicht nur das Anerbieten bekom⸗ men, Freiherrin zu werden, ſondern ſie wäre es wirk⸗ lich geworden... Daß dieſer Plan verloren ging, das iſt die Schuld des ſeligen Vaters!.. Nun aber iſt es, wie es iſt, und da ſie nun ſelbſt ſo ausſieht, als waͤre ſie glücklich, ſo...“ Hier klopfte ſie an die Thür. Sie wollte ſich der Macht der Verſuchungen nicht länger ausſetzen... und überdieß, da ſie„den Anſtand ſehr liebte,“ ſo konnte ſie es den jungen Leuten wohl nicht geſtatten, den ganzen Abend allein da zu ſitzen. Bei dem erwähnten Signale von Außen fuhren die Glücklichen aus ihrem Traume auf. „Mutter!“ rief Blenda. „Tante!“ rief Jean(... wir wagen es nicht, un⸗ ſere Heldin zu beleidigen und ihn Johann zu nennen). Und zu gleicher Zeit eilten beide hinaus. Jetzt würde die Verlegenheit und die Erklärung von Neuem angefangen haben— und keines von beiden würde vielleicht ſehr angenehm geweſen ſein— wenn nach Frau Emerentia auf eigene Hand Alles gelöst ätte. Wie glücklich! Nicht im Stande, die Unwiſſende zu ſpielen, brach unſere gnädige Frau gleich die erſten Worte ihres künf⸗ tigen Schwiegerſohns durch den Ausruf ab: „Ich weiß Alles, habe Alles gehört, und um der ſeligen Regine Sophie willen muß ich wohl zufrieden ſein mit dem Schwiegerſohn, den das Schickſal mir beſcheert hat. Nun war dieſes zwar ein ganz anderes Formular, als auf das Loos des Grafen oder des Barons gefallen ſein würde; doch der junge Blücher war unendlich ent⸗ zückt über daſſelbe, ſo wie es nun einmal war. „Meine gute, meine vortreffliche Taxtat ſagte er, „dieſe Großmuth macht mich zeitlebens zu dem erge⸗ benſten Sohne— und mit Gottes Hilſe ſoll meine Blenda ſo glücklich werden, daß ſie nicht Zeit erhält, den hohen Rang zu vermiſſen, welchen ſie hätte erhal⸗ ten können!“ Blenda lag in den Armen ihrer Mutter. „Biſt Du wirklich glücklich, Kind?“ „Ich bin mehr denn glücklich— ich bin von der Erde hinweggezogen, und doch erſt jetzt dahin gezogen ... denn von nun an wohne ich nie wieder in Luft⸗ ſchlöſſern.“ „Nun, nun, Du Kleine, da iſt Alles gut, und wir können auf jeden Fall— Gott ſei dafür gelobt— mit dem Erfolge unſerer Reiſe zufrieden ſein.. Erſt ſpät am Abende, da unſere Damen hinauf gekommen waren in das große und ſchöne Gaſtzimmer, welches beſtimmt war, das eigene Zimmer der Frau Emerentia zu werden, hatten ſie Gelegenheit ſich in einem von beiden erſehnten Vertrauen zu ergießen. Und als nun die Tochter der Mutter auf ihr Ge⸗ wiſſen betheuerte, daß kein Fünkchen von Aufopferung darin läge, daß ſie den Baron ausſchlüge, ſondern daß nur der Gedanke, ihn doppelt zu betrüben, ſie ſchmerzte, wenn ſie ihm Nachricht gäbe von ihrem eigenen Glücke — ein Glück, ſo hoch und innig, daß ſie ſich das Le⸗ ben nicht anders als an Jean's Seite denken wollte— da ſtieg eine vollkommene Ruhe in die bald zufriedene 85 bald wieder demüthige Seele der Frau Emerentia erab. den Lage und ſeiner bequemen und eleganten Einrich⸗ tung, hatte natürlich Mutter und Tochter ebenfalls entzückt; und beide hatten mit Gefühlen von unſäglicher Freude vernommen, daß„Couſin Jean“ ſchon zum nächſten Herbſte ſeinen Handel niederlegen und einem ſeiner Buchhalter überlaſſen wollte. Er beſaß ein hin⸗ Das ſchöne, wohlgebaute Gut mit ſeiner entzücken⸗ 373 reichendes Vermögen, um künftig glücklich und unab⸗ hängig als Landwirth leben zu können. Es wurde beinahe Morgen, ehe der Schlaf die Augen unſerer Damen ſchloß. Die Mutter, welche ſich ſchon längſt gelegt hatte, vertrieb ihn von ſich ſelbſt dadurch, daß ſie in jeder Minute Blenda fragte, ob ſie denn das Fenſter niemals zu verlaſſen dächte. Und Blenda, welche ſich nicht ſatt ſehen konnte an ih⸗ rem Garten, ihrem Landſee, ihren Holmen und allem Ihrigen, antwortete immer:„ich komme, Mutter!“ aber ſie kam dennoch nicht, bis endlich Frau Emerentia ſehr liſtig ausrief: „O mein Gott, wie wirſt Du morgen ausſehen! Ich bin überzeugt, daß Johann da geträumt zu haben glauben wird von all der Schönheit, die er heute Abend angebetet hat!“ Das war ein Argument, dem nicht zu widerſte⸗ hen war. Blenda flog hinweg von dem Fenſter, indem ſie den Alleen, den Blumenbeeten und ihrem ganzen Gute noch ein halbes Dutzend Kußhändchen zuwarf. 41. Als an dem ſchönen Morgen des Tages vor Pfing⸗ ſten unſere Heldin zur Fortſetzung des neuen Lebens erwachte, welches nun für ſie begonnen hatte, war ihr erſter Gedanke— nächſt Demjenigen, der ſich in einem inbrünſtigen Dankbarkeitsſeufzer zu Gott Luft machte— der, daß ſie ihr bisheriges Leben noch einmal durch⸗ ging, um alle ihre Keinen Thorheiten zu beſtrafen. Doch— dieß ſei zur geringen Ehre für ihre Geduld geſagt— ehe ſie bis zur Hälfte der Liſte gelangt war, die ſie anzufertigen ſuchte, wurde es im Bo ihr ſchon langweilig; und indem ſie plötzlich alle vor⸗ viellei maligen Thorheiten überkreuzte mit den feierlich aus⸗ geſprochenen Worten:„Genug!l ich bin ein Kind gewe⸗ und l ſen; nun aber bin ich erwachſen!“ begann ſie ſich eil⸗ noch fertig anzukleiden, um ihre Morgenſtunde auf eine an⸗ als n genehmere Weiſe zu verleben. ſteher Die Mutter ſchlief noch; und da Blenda hieraus ſchloß— denn die Mutter war eine Art von lebender denn Uhr— daß die Zeit noch nicht ſehr weit vorgerückt wenn ſein könnte, ſo glaubte ſie, der Couſin Jean könnte wie ebenfalls noch nicht aufgeſtanden ſein, weßhalb ſie un⸗ und genirt hinunter eilen könnte, um ihre große Wohnung in Augenſchein zu nehmen. entfu Sie brannte vor Sehnſucht, ganz allein durch alle verle Zimmer zu ſpazieren, auf allen Sopha's zu ruhen und ertap ſich in allen Spiegeln zu beſchauen. Gelie Es liegt etwas an urwenrendeh Merkwürdiges, et⸗ ſie a was außerordentlich Unerklärbares für Denjenigen, der geho nie Etwas beſeſſen hat, darin, wenn er endlich ſagen kann: mein eigenes! keine Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Blenda's eigener band Peignoir nicht zu Hauſe geblieben war. Und ſobald wurd ſte dieſen über ſich geworfen hatte, vergeudete ſie keine Zeit länger, ſondern ſchwebte ſtill wie ein kleiner Luft⸗ gewo geiſt zur Thür hinaus, die breite Treppe hinunter und in den Speiſeſaal, deſſen Thüren offen ſtanden. Thüt Glücklicher Weiſe war kein Menſch zu ſehen. ich, Daß es aber dennoch nicht allzu früh ſein könnte, Satt meinte Blenda aus dem ſchon gedeckten Kaffeetiſche Ordr ſchließen zu können. zukel Nachdem die junge künftige Herrin mit wichtiger Miene ihr ſämmtliches ſichtbares Silber, Porrellan natü und ſo weiter inventirt und Alles bewunderungswuürdig riett gefunden hatte, hüpfte ſte in das Putzzimmer, wo ſie nicht plötzlich eine verſchloſſene Thür erblickte, die ſie am vorigen Abende nicht bemerkt hatte. Schon war ſie ——— 375 im Begriff dieſelbe zu öffnen, als es ihr einſiel, ſie könnte vielleicht— unrecht gehen. Ganz blutroth und athemlos kam ſie in den Salon, und hätte es auch noch ſo viel gegolten, ſo wäre ſie den⸗ noch nicht im Stande geweſen, etwas Anderes zu thun, als was ſie jetzt that, nämlich vor dem großen Trumeau ſtehen zu bleiben. Es iſt ungewiß, ob ſie weiter gekommen ſein würde— denn der Trumeau hatte ein ſo ſchönes und weißes Glas— wenn nicht die geheimnißvolle Thüre im Beſuchzimmer, wie ſie augenblicklich im Spiegel bemerkte, aufgegangen und Jean ſichtbar geworden wäre. Als er ſo unvermuthet ſeine junge Braut erblickte, entfuhr ihm ein Ruf der Freude; aber Blenda, ganz verlegen, daß ſie während ihrer Inſpection auf der That ertappt worden war, eilte davon und wurde von ihrem Geliebten erſt in dem kleinen Bibliothekzimmer, woſelbſt en ann geſtrigen Abend ihre Gelübde ausgetauſcht, ein⸗ geholt. Was ſie hier einander ſagten, davon beſitzen wir keine Kenntniß. Wir wiſſen nur, daß das kleine Sel⸗ bander ſehr bald von der Frau Emerentia unterbrochen wurde, welche ebenfalls ganz athemlos nachgeeilt kam. „Behuͤte Gott, Mutter! wie biſt Du ſo ſchnell wach geworden, und in die Kleider gekommen?“ „O ja, Du Kleine, ich erwachte, da Du Dich zur Thüre hinaus ſchlichſt, und um offen zu reden, ſo ſage ich, ich halte es für das Beſte, Henriettens kleine, ſpitzige Satyren dadurch zu vermeiden, daß wir uns ſogleich in Ordnung machen, ſchon heute früh in die Stadt zurück⸗ zukehren und dann uns nach Henrikslund zu begeben.“ „Ach, beſte Tante, was iſt das nun für eine un⸗ natürliche Eile und überflüſſige Delicateſſe gegen Hen⸗ rietten! So ſeien Sie doch nicht unbarmherzig! Iſt es nicht morgen immer noch früh geuug?“ „Nein, mein theurer Schwiegerſon!... Ich be⸗ haupte nicht, daß es eigentlich Unrecht iſt, wenn Ihr . 376 hier Gelegenheit ſucht, Euch zu treffen.. man verſteht wohl...“. „Wie, Tante!“ fiel Jean lächelnd ein,„ſollte es vielleicht Unrecht ſein, wenn wir einander einen guten Morgen wünſchen? Das ſteht ja allen Menſchen frei, beſonders aber Verlobten!“ „Alles ſehr gut, aber ich habe in allen meinen Tägen den Anſtand geliebt, und ehe Ihr verheirgthet eid...“ „Dürfen wir uns keinen guten Morgen wünſchen?“ rief Blenda aus, indem ſie mit einem ſchelmiſchen Blicke die Arme um die Mutter ſchlang. „Nun, nun, ſo weit gehe ich wohl nicht, Du Kleine; aber Ihr dürft Euch nicht ſo allein treffen— das ſchickt ſich nicht!— und ich gebe mir eher keine Ruhe, als bis wir zu Patrik kommen!“ 9 1 Die gute Frau behielt die eigentliche Urſache ihrer Eilfertigkeit bei ſich ſelbſt. Sie war in fieberhaftem Zuſtande, bis ſie eine Seele traf, der ſie ihre Neuigkeit und ihre edle Handlung, daß ſie auf dem Erinnerungsaltare der ſeligen Regine Sophie, ein Fideicommiß und einen ganzen Baron geopfert hätte, erzählen konnte.— „Nun, ſo will auch ich,“ erklärte der⸗ Schwieger⸗ ſohn,„mir nicht eher Ruhe gönnen, als bis wir auf⸗ geboten ſind und Hochzeit gefeiert haben: Alles kann ja in drei Wochen abgemacht ſein— nicht wahr, beſte Tante?“.. „Halte Hochzeit, wann Du willſt, mein Beſter... Nur weiß ich nicht— und daran müſſen wir wohl doch ein wenig denken— ob Blenda ſo bald in Ordnung kommen kann!“ 1 „Ja, da haben wir's!“ meinte Blenda etwas zögernd; „ich müßte mir wirklich Verſchiedenes nähen..... „Kleinigkeit, mein Engel! Du brauchſt Dir nicht zu nähen, Du haſt ja die ganze Ausſteuer ſchon fertig.“ „Ich?⸗ 8. „ guten eiger Ich und glüc ſeine Lip) ank⸗ als Hot m eſteht lte. es guten frei, neinen rathet hen?“ Blicke leine; ſchickt s bis ihrer Seele „daß ophie, häͤtte, ieger⸗ auf⸗ nn ja beſte -1... doch dnung gernd; nichts rtig.“ 377. „Nun ja! Haſt Du ſie nicht ſelbſt unſerer alten guten Freundin Gyllenhake gegeben?— Und was deine eigene Garderobe betrifft, ſo wird dieſe auch fertig.“ Von ſelbſt?“ Und Blenda lachte. „Sollſt ſchon ſehen, meine kleine Herrſcherin!... Ich habe eine kleine bekannte Nähterin in Hamburg, und da ich eben von dort komme, ſo...“ „Ach, Jean, theurer Jean, ich werde gewiß ſehr glücklich!— Iſt auch eine kleine Haube mit dabei?“ „Wie niedlich Du biſt!“ Ganz entzückt und glücklich ſchlang er den Arm um keine ſchöne Braut und ſtahl einen Kuß von ihren friſchen ippen. „ Iſt das eine Antwort?“ „Warte!— ich habe nichts zu geben, ehe die Kiſte ankommt.... Du kannſt ſie hier auspacken, wenn Du als Braut herauskommſt— denn hier feiern wir die Hochzeit.“ 42. Wäͤhrend das eben Erzählte ſich auf dem Gute des Herrn Johann Blücher ereignere, ging Frau Henriette in ihrer Sommerwohnung umher und ſchalt über die ſchreck⸗ liche Saumſeligkeit der Tante Emerentia und ihrer Tochter. Sie hatten verſprochen, zu guter Zeit herauszukom⸗ men, und immer noch, da Patrik gegen Mittag anlangte, hatten ſie ſich nicht ſehen laſſen. „Und auch Johann nicht!“ ſagte Patrik....„doch was ihn betrifft, ſo habe ich eine große Neuigkeit gehört, die er ganz verteufelt heimlich gehalten hat.“ „Welche Neuigkeit?“ rief Henriette.„Iſt er verlobt?“ „Jeſus! die Weiber! Man darf doch auch nicht ein⸗ mal das Wort„neus ausſprechen, ſo denken ſie gleich . ———— 378 V an Hochzeit... Aber er hat ſich wirklich etwas ange ſchafft, wenn auch nicht eben eine Frau....“ und „Was denn?“ wuͤre. „Ein verdammt prächtiges Gut, das ſchöne Swan⸗ gefah wik, einige Meilen von hier. Er hat es für guten Preis ließ, bekommen, das iſt das Beſte; aber das Merkwürdigſte mehr iſt, daß er ſchon das ganze Haus reparirt und möblirt hat.“ gewe „Ach, der gute Johann! Er denkt uns eine ange⸗ ſtaun nehme Ueberraſchung zu bereiten— das iſt der einzige fühlt Grund ſeines Schweigens. Auf jeden Fall war es ver⸗ nünftig, daß er ſein Geld in ein Landgut legte... das wahr gibt Anſehen.... und das ſollteſt Du auch thun!“ ſpäte „Ja, den T— auch! Habe ich etwa nicht genug mit dem Laden zu thun? Auch iſt es beſſer, aus einem guten zu ſe maſſiven Hauſe hier in der Stadt Miethe zu ziehen, als drei zu riskiren, daß alles durch Näſſe oder Dürre verloren war geht.“ Dam „Nun wir werden gewiß ſo oft bei Johann draußen den ſein, daß es faſt einerlei iſt, ob wir ſelbſt das Gut haben bevof oder nicht; und da er ſelbſt ohne Wirthin iſt, ſo werde Johe ich es wohl übernehmen müſſen, für ihn die Honneurs folge zu machen, wenn er Beſuche bekommt... Gewiß will er, der ſo viele Bekannte hat, mitleben, und wir wollen ja nt außerordentlich vergnügt ſein... Wenn er nur käme, wird und die Tante und Blenda ebenfalls!“ ddern „Ich kann mir denken, daß Blenda ſich mit dem Briefe an den Baron aufhält.“ „Und dieſer Brief wird ein abſchlägiger?“ ent⸗ wele gegnete Henriette mit ihrer kleinen ſpöttiſchen Miene. „Ich betheure, es war, meiner Seel, der reine Ernſt hina des kleinen Dings!“ und „Ja, Du verſtehſt Dich auf Frauenzimmer, Du!... Cou Doch ſie mag Freiherrin werden, ſo viel ſie will, ſo war⸗ liche ten wir keine Secunde länger mit dem Mittageſſen!“.. fl uſ Der Mittag verging, der Nachmittag ebenfalls. ſich Henriette wurde böſe. tags — 379 Als nun aber Mamſell Debora aus der Stadt kam und die merkwürdige Nachricht mitbrachte, die Damen wären ſchon geſtern früh in einem prächtigen Wagen aus⸗ gefahren— ein Umſtand, der ſich gar nicht bezweifeln ließ, denn ſowohl die Mamſell in dem Hauſe, als auch mehrere andere Bewohner deſſelben waren Augenzeugen geweſen— da verſank Henriette in ein ſo tiefes Er⸗ ſtaunen und rieth hin und her, daß ſie ſich beinahe krank fühlte von der Pein, die ihre Neugierde litt. Aber dieſe Pein war ein Spiel oder richtiger eine wahre Wolluſt, im Vergleich mit demjenigen, was ſie ſpäterhin ertragen ſollte. Es iſt unmöglich, den Schrecken der armen Henriette zu ſchildern, nicht darüber, daß endlich gegen Abend alle drei erwartete Gäſte zu gleicher Zeit eintrafen(denn es war nur ein unbedeutender Zufall, daß Johann und die Damen auf einem und demſelben Boote ankamen), ſondern den Schrecken, der über ſte kam, als ſie Blenda zu ihrer bevorſtehenden Verlobung mit dem Baron gratulirte, und Johann mit der beſten Faſſung von der Welt ihr mit folgenden Worten in die Rede fiel: „So warte doch, meine beſte Schwägerin, Du weißt ja noch gar nichts!— Keinesweges der Baron T— ſwärd wird die kleine beſtrittene Romanheldin heimführen, ſon⸗ dern ich!“ „Du... Du?“ Henriette wurde ſo weiß wie die weiße Narciſſe, mit welcher ſie ihr Haar geſchmückt hatte. Glücklicher Weiſe kam in dieſem Augenblicke Patrik hinaus in die„Veranda“, wo die Geſellſchaft ſtand; und während er die Tante begrüßte und die kleine Couſine“, die in der Beſtürzung über Henriettens tödt⸗ liches Erbleichen roth wie eine Roſe geworden war, fluſterte Johann ſchnell ſeiner Schwägerin in das Ohr: Vergib mir, Henriette! Es iſt in aller Stille vor ſich gegangen— es war ja ſo am beſten? Am Sonn⸗ tage iſt das erſte Aufgebot!... So ſieh doch Blenda * 380 an: ſie wartet! Willſt Du, daß ſie etwas ahnen ſoll? Noch ahnt ſie nichts!“ Ein Blick, der halb von Haß und halb oon einem andern Gefühle glühte, traf Johann. Darauf wendete ſie ſich ab, um eine verrätheriſche Thräne zu beſiegen. Als ſie ſich wieder umwendete— und das geſchah faſt augenblicklich— ſuchte ſie Blenda, welche in⸗ 1 zwiſchen den Takt gehabt hatte, ſich zu Patrik zu wenden. „Aber, meine Herrſchaften,“ ſagte dieſer,„was zum T—l ſteht Ihr ſo feierlich hier? Ihr ſeht ja alle mit einander ſo ſonderbar aus!“ „Ja wohl,“ rief Henriette, und ſie konnte wieder lächeln— denn Gott ſei gelobt, das Weib iſt immer ein Weib!—„jetzt fragſt Du eben ſo wie ich vor einem Augenblick; und ich wette, Du biſt nicht im Staude, die Urſache dieſer Feierlichkeit zu errathen!“ „Nein, da haſt Du Recht, mein Stümpfchen!“ „Ja ſiehſt Du, mein lieber Stumpfl“— über Henriettens Lippen zitterte ein ſonderbares Lächeln, als ſie ſich zum erſten Male in ihrem Leben eines Schmeichel⸗ wortes nach Patrik's Geſchmack bediente—„ſiehſt Du, mein lieber Stumpf! ſie ſind ein wenig verlegen, und dazu haben ſie wahrhaftig ihre Gründe; denn ſie kommen, um uns, ihren nächſten Verwandten, beinahe zu gleicher Zeit mit der Welt die Nachricht zu geben, daß am näch⸗ ſten Sonntage das Aufgebot ſein wird für... ahnſt Du etwas?“ „Ob ich etwas ahne?“ Patrik ſchlug ſeine großen erſtaunten Augen auf und betrachtete ſie alle der Reihe nach. „. Für— den Galanteriehändler Herrn Johann Blücher und Fräulein Blenda von Kühlen!“ „Nun ſo hol's der Henker! Das war mir eine Neuig⸗ keit, die ſich gewaſchen hat!... Aber ſie wirft mir Puder in die Augen!— nicht wahr, Johann? O, die Henriette!“— ——— auf d .— 1 Tant wir zu ve ſo w von ganz Diej Herr Kerl Alle Cou dieß Wes jung zudr es v Laut titel habe meit Cor und Erl dür Sti nich mit oll? inem ndete nN. chah in⸗ nden. zum mit: ieder imer inem „die über als ichel⸗ Du, und men, icher näch⸗ ahnſt auf hann euig⸗ mir die „Frage Blenda!“ „Ach ſo, die kleine Couſine ſoll antworten!“* „Das denke ich gewiß nicht zu thun— ich verweiſe auf die Mutter!“. „Das iſt mir ein ſonderbares Spiel!... Nun, Tante Emerentia, wir ſind alte Bekannte und klug dazu, wir ſcherzen nicht!— Was haſt Du von der Sache zu vermelden?“ O8, mein beſter Herzensfreund! wäre es nicht ein ſo weiter Weg, ſo würde ich Dich auf den Ort verweiſen, von dem wir eben kommen; nun aber bitte ich Dich ganz einfach: glaube Henrietten, denn ſie iſt gewiß nicht Diejenige, welche mit dergleichen Scherz treibt!“ „Was der Tauſend! alſo iſt es wirklich wahr? O Herr und mein Gott! Du biſt alſo wirklich ein verlobter Kerl, Bruder Johann? Aber ich begreife nicht, wie das Alles zuſammenhängt, da die kleine Schwägerin den Couſin Johann niemals hat ausſtehen können, und über⸗ dieß auf einen Grafen wartete, der dem Baron im Wege lag!“ „Nun, nun,“ ſiel Johann ein, da er ſah, daß ſeine junge Braut der ganzen groben Artillerie von Patrik's zudringlichen Fragen ausgeſetzt war—„Du weißt wohl, es verlohnt ſich der Mühe nicht, nach den Urſachen der Launen eines Frauenzimmers zu fragen. Der Grafen⸗ titel war eine kleine Myſtiſication, um nicht nöthig zu haben, die Wirklichkeit zu eröffnen. Lange habe ich meine Netze ausgelegt gehabt, um das Herz meines Couſinchens zu fangen; aber erſt geſtern, nachdem ich ſie und die Tante entführt hatte, fand ſie für gut, mir die Erlaubniß zu ertheilen, daß ich meinen Fang einziehen dürfte. Alſo iſt die Verlobung nicht über vierundzwanzig Stunden alt.“ „Und ſie geſchah gewiß auf Swanwik— man iſt nicht Schuld daran, wenn man mehr weiß, als die Leute mitzutheilen für nothwendig erachten!“ 38² „Aha!— und ich hatte mir Rechnung darauf ge⸗ machi, daß ich zwei Neuigkeiten auf einmal verkündigen wollte!“ X 4*† Drei Wochen ſpäter wurde die Hochzeit auf dem Blücher'ſchen Gute gefeiert. 4 Von dieſem wichtigen Tage erwähnen wir kein Wort, außer daß Henriette nach einigen ſtürmiſchen „Stunden, welche ſie, in einem der Gaſtzimmer einge⸗ ſchloſſen, allein zubrachte, beſchloß, ſich ver Pein nicht auszuſetzen, bei der Trauung zugegen zu ſein, ein Ent⸗ ſchluß, den ſie unter dem Vorgeben einer Unpäßlichkeit wahrſcheinlich ausgeführt haben würde, wenn nicht ein Paket von dem Bräutigam heraufgeſchickt worden wäre. Dieſes Paket übte eine magiſche Wirkung aus, denn es enthielt einen Shawl von unvergleichlicher Schönheit. Das bedeutete jedoch nicht viel für eine Andere, als Diejenige, welche die Geſchichte dieſes Kleinodes kaunte. Als an einem Abende Johann bei Henrietten zum Beſuche war, hatte ein Kaufmann drei oder vier Shawls hingeſchickt, unter denen Johann den der Braut wählen ſollte. Unter dieſen war auch derjenige, welcher nun vor Henriettens Augen lag, der jedoch ſo ſchrecklich theuer befunden wurde, daß der Bräutigam lächelnd erklärte, ſo ſehr er ihn auch bewunderte, ſo hielte er ſich doch zu einem von den andern, der zwar ebenfalls ſehr ſchön nar aber doch den Fehler hatte, nicht der vornehmſte zu ſein. „Ja,“ ſagte Henriette,„wenn Blenda dieſen nicht geſehen hat,“— ſie warf dabei das weiche perſiſche Ge⸗ webe um ihre Schultern—„da iſt gewiß der andere willkommen. Doch einen wie dieſen habe ich in meinem Leben noch nicht geſehen!“ Man verſteht jetzt Henriettens Triumph, und wie geſch über welc theut kleid daß opfe af ge⸗ digen dem kein iſchen einge⸗ nicht Ent⸗ ichkeit öt ein wäre. aus, licher , als innte. zum awls ählen nun heuer lärte, ch zu ſchön hmſte nicht Ge⸗ ndere einem bwie 383 geſchmeichelt ſie ſich fühlte, und wie entzückt ſie war üͤber die Aufmerkſamkeit ihres Schwagers. Der Shawl, welchen er ihr zum Präſent machte, war um die Hälfte theurer, als der Brautſhawl! Auf dieſe Weiſe beſtegt, begann Henriette ſich anzu⸗ kleiden, denn ſie fand nach einer kurzen Ueberlegung, daß ſie ſich ſelbſt und dem armen Patrik die Auf⸗ opferung ſchuldig wäre, nicht vor Schmerz zu ſterben. 43. Hier könnte man den kleinen Roman über Fräulein Blenda's Reiſe nach dem Glücke für beendigt halten, da ſie daſſelbe nun erreicht hat; da jedoch an dem Tage nach jenem, da ſie aufhörte Fraͤulein Blenda zu heißen, eine kleine Ueberraſchung ihrer wartete, ſo bitten wir um die Erlaubniß, als Poſtſcriptum noch ein Faßfte aus ihrem Leben als Gattin mitſenden zu Fürfen. Es war gegen neun Uhr am Morgen. Weder die Braut, noch auch jemand von den wenigen zur Hochzeit eingeladenen Gäſten hatte ſich bis jetzt ſehen laſſen. Der Bräutigam aber war auf, und draußen in voller Thätigkeit mit verſchiedenen Anordnungen; und je zu⸗ weilen klopfte er an eine Thüre, bald bei ſeiner Schwieger⸗ mutter, um einige Worte mit ihr zu reden, und bald bei Frau Gyllenhake(welche, in Parentheſe geſagt, einige Wochen bei den Neuvermählten bleiben ſollte), um nih, kinen kleinen Rath von dieſer geſchätzten Freundin u holen. 1 Endlich kam Leben in die Corridore dort oben: die Gaͤſte begannen aus⸗ und einzugehen. Wahrſcheinlich meinte der junge Mann jetzt, es wäre Zeit ſich zu erkundigen, ob ſeine Frau angekleidet wäre, denn er eilte mit klopfendem Herzen an jene Thüre, an welcher Blenda einmal ſo haſtig vorbei ge⸗ eilt war. „Darf ich einkommen?“ Ein verſchämtes„Komm!“ beantwortete die Frage. Und nicht läſſig, der Erlaubniß nachzukommen, ſtand er im nächſten Augenblicke in dem ſchönen Schlafgemach an der Seite ſeiner erröthenden und verführeriſchen Gattin. Blenda als junge Frau war auch bewunderungs⸗ würdig einnehmend und verführeriſch. Es war jetzt nicht länger die Rede von dem arm⸗ ſeligen Peignoir, der in den letzten Wochen ſeine beſten Tage überlebt hatte: in der großen Garderobe nebenan fanden ſich mehrere entzückende Malit ukleider aus der hamburgiſchen Sendung, und Blenda hatte nichts ge⸗ ſchont, um ſchön zu werden. „Gefalle ich Dir?“ fragte ſie lächelnd lihren Mann... Sie hatte eben jetzt die letzte Stecknadel eingeſetzt. „Ja, ſo ſehr, daß ich fürchte, ich darf Dich niemals hinaus laſſen... ach, wie anbetungswürdig biſt Du und wie verliebt bin ich!’“.. Sein brennender Blick über⸗ flog ihre ganze Geſtalt. „Und wie ſelbſtſüchtig dazu, da Du mich einſchließen willſt! Aber warte, Du! ich will ſchon Auswege ſinden, daß man mich ſehen kann.“ 3 „Unbarmherzige, verbirg dergleichen vertrauliche Mittheilungen! Sonſt könnte es geſchehen, daß ich die für mich ſelbſt behielte, welche ich Dir jetzt zu geben vorhatte!“ Aha, eine vertrauliche Mittheilung!— die will ich hören!“ „So warte doch!... Erſt müſſen wir uns guten Morgen wünſchen— jetzt dürfen wir das, ohne daß Jemand ein Wort dagegen ſagt!“ 8 . „Genug, genug!— Du zerknitterſt meinen Kragen aund die Spitzen an meiner Haube!. Ach, und ſieh ein ſolches Spektakel: die eine ganze Wange roth wie ein Mohn.. fi!“ „Still, ſtill, beklage Dich nicht ſo! Mohnblumen ſind ſchön... und nun... da auch die andere Wange ebenſo iſt, haſt Du die beneidenswürdigſte Farbe!“ „Ja ja— ſchön beneidenswürdig!... Nun wie ſteht es mit der vertrauensvollen Mittheilung?“ „Was ſagſt Du dazu, wenn Du heute Wirthin wirſt bei einer ſogenannten größeren Mittagsmahlzeit?“ „Kommen denn viele Fremde? Und ich bin noch niemals Wirthin geweſen!“ „Beunruhigt Dich das?“ „O nein, es wird wohl gehen!.. Doch wer ar⸗ rangirt dieſe Mittagsmahlzeit— ich verſtehe mich gar nicht darauf.“ „O, wir haben genug dergleichen, die arrangiren: zu allererſt dein Herr Mann! Aber es handelt ſich auch um einen Ball fuͤr heute Abend.“ „Ein Ball! O Himmel, wie willkommen iſt der! Ich weiß noch recht gut, da ich auf dem Gymnaſiaſten⸗ dalle in Skara war... Sieh' zu!.. ich tanze ja ſo ziemlich?“ Und Blenda begann ſogleich eine kleine Repetition, die ihrem Gatten Gelegenheit gab zu der Verſicherung daß ſie nur allzu reiche Anlagen zu dieſer Kunſt zu haben ſcheine. „O ja, ich mache kein Geheimniß daraus, daß ich gedacht habe, die junge Frau Blücher könnte wohl bis⸗ weilen Gelegenheit haben, zu tanzen, und darum habe ich ein wenig Unterricht genommen.“ „Vortrefflich!— Da bleibt alſo nur noch Eins übrig, nämlich: bereite Dich darauf vor, daß Du kein allzu großes Intereſſe zeigſt, wenn Du einen gewiſſen Namen hörſt!“ Die Romanheldin. 25 386 Einen gewiſſen Namen? Wen erwarteſt Du denn?“ „Das iſt mein Geheimniß!“ „Wie? ein Geheimniß?“ Jean nickte fröhlich mit dem Kopfe. „Und Du glaubſt, ich werde es Dich behalten laſſen?“ „Ich hoffe es!“ „Aha, Du hoffſt nur!... eine ſolche Antwort, die Schwäche verräth, entwaffnet mich. Hätteſt Du dagegen geſagt:„ich will es behalten, dann...“ „Nun, wenn ich ſo kühn geweſen wäre?“ 3 „Da hätteſt Du ſehen ſollen, wie es gegangen wäre!“ „Aber Du zwingſt mich ja, zu ſagen: ich will es behalten!“. „Und ich ſage: behalte es nun, wenn Du kannſt!“.. Mit einer Geberde der reizendſten Schalkhaftigkeit warf ſie ſich auf die Kniee, und ſo verführeriſch waren ihre Bitten und Schmeichelworte, welche nun erfolgten, daß ihr Jean bald ausrief: „Still, ſtill— ich bitte für mein Geheimniß!“ .„Nun das läßt ſich hören!... Du magſt es alſo behalten!“ „Und dagegen gebe ich Dir einen Rath, Du kleine Verführerin: mache Dich nicht allzu ſchön zur Mit⸗ tagsmahlzeit!“. X x* Glaubt aber wohl irgend Jemand, daß Blenda dieſen Rath befolgte? Sie hatte kaum Zeit, mit den Uebrigen das Frühſtück einzunehmen, die Glückwünſche zu empfangen, ja ſie hatte kaum Zeit, über den feinkörnigen Scherz des Schwagers Patrik zu erröthen— ſo beſchäftigt war ſie mit dem Gedanken an ihre Tollette. Inzwiſchen flog dann und wann ein anderer Gedantke durch ihr Köpfchen, und da ſlogen auch ihre Füßchen —— habel“ 387 hinaus in den Speiſeſaal, das Schenkzimmer und die Speiſekammer, wo die Mutter, Frau Gyllenhake und Henriette durch einander wirthſchafteten. „Kann ich helfen? Kann ich etwas thun? Soll ich hier bleiben?“ waren da ihre Fragen, indem ſie hin und her hüpfte unter Haufen von Tellern, Flaſchenkörben und allerlei umherſtehenden Dingen. „Geh' Du hinein, Du Kleine!“ rief Frau Emerentia von der Höhe einer Leiter herab, die vor einem hohen Schranke mit Glasthüren aufgeſtellt war.„Heute lernſt Du doch nichts!“ „Ja, geh, liebes Kind!“ ſagte auch Frau Gyllen⸗ hake, welche in einem großen Lehnſtuhle ſaß und die Manoeuvres beim Decken commandirte. „Geh!“ ſchrie Henriette,„Du wirſſt mir nur meine Blumenvaſen um, die ich mit großer Mühe geordnet Blenda dachte eben daran, ob ſie nicht auch eine Viſite in der Küche bei der Kochfrau und Mamſell De⸗ bora machen müßte, als Jean kam, ſein Weibchen auf den Arm nahm und wieder hineintrug. Aber ſie lief ihm bald wieder weg, denn ſie hatte ja ihren Kopf⸗ ſchmuck noch nicht probirt........ * 2 ⸗* 4 CEndlich war es Mittag. Frau Blenda in einem lilafarbenen Seidenkleide— einem Meiſterſtück des Geſchmacks— und mit einem eleganten Haarſchmuck von hellrothen Roſen präſidirte in dem Salon und erwarb ſich den ungetheilten Beifall ſämmtlicher Gäſte, denn ſie war nicht nur ſchön und un⸗ gekünſtelt, ſondern ſie nahm auch ein durch ihre zuvor⸗ umende Artigkeit und vor Allem durch ihr ſanftes eſen. Aber unter allen Namen der Präſentirten hatte ſie noch keinen gehört, bei welchem ſie es nöthig gehabt hätte, ihre Faſſung in Anſpruch zu nehmene 388 Sie ſaß in einem Kreiſe von munteren Frauen und führte das Geſpräch ſo ungenirt, als wäre ſie unter lauter alten Bekannten, als ihr Gatte mit einem jungen Manne eintrat, der es mit Grund verdient haben würde, ſchön genannt zu werden, wenn nicht der„leidende“ Aus⸗ druck in ſeinem Geſichte zu erkennen gegeben hätte, daß die etwas gelbliche Farbe nicht eine Farbe der Geſund⸗ heit war. Eine freie und„diſtinguirte“ Haltung zeichnete übri⸗ gens dieſen Mann aus, der mit einem lebhaften Blick ſich der jungen Wirthin nahte. Blenda erbob ſich. Keine einzige Ahnung durchflog ſie, aber ſie konntee ſich nicht enthalten, bis über die Schläfe hinauf zu er⸗ röthen, als Jean ſagte: „Meine liebe Blenda! erlaube, daß ich Dich dem Herrn Grafen von C-—ereutz präſentire! Du haſt Ur⸗ ſache, Dir über die Anweſenheit des Herrn Grafen Glück zu wünſchen, denn um heute Abend einen Tanz mit Dir tanzen zu können, hat er die Reiſe zu ſeinem eigenen Hochzeitfeſte einen Tag aufgeſchoben.“ „Es wäre ein Gewinn für mich,“ fiel der Graf ein,„wenn ich mich rühmen dürfte, eine Aufopferunge gemacht zu haben! doch wenn es möglich wäre, hier gleich bei der erſten Bekanntſchaft zu beichten, ſo würde ich ſagen, daß mein eigenes Intereſſe bei der Einladung des Herrn Blücher allzu groß war, als daß meine Ein⸗ willigung für eine Aufopferung gelten könnte.“ „Ich nehme ſie inzwiſchen als eine ſolche an, damit ich ein um ſo größeres Recht erhalte, dem Herrn Grafen für ſeine Artigkeit danken zu können; aber ich würde untröſtlich ſein, wenn der Herr Graf nicht auf der Reiſe die verſäumte Zeit wieder nachholte!“ „Wie ſo, meine Gnädige?“. „Kann man ſo fragen, wenn man zu ſeiner eigenen Hochzeit reist? Die ſchöne Braut des Herrn Grafen —— dürfte es ſchwerlich Derjenigen verzeihen, die das Wieder⸗ ſehen verzögert hat.“ „O!“ ſagte der Graf mit einem leichten Erröthen und einer unnachahmlichen Bewegung mit dem Kopfe... „Wir ſind acht Jahre lang verlobt geweſen.“ „Das war eine erſchrecklich lange Zeit!“ Dießmal antwortete der Graf nur mit einem Lächeln. Aber Blenda erfuhr ſpäterhin von ihrem Manne, es ſähe ſo aus, als fürchtete der Graf mehr die Länge der kommenden Zeit, als die der verfloſſenen, denn das junge Fräulein, mit welchem er verlobt wäre, da er zwanzig und ſie nur fünfzehn Jahre war, gälte für wenigſtens eben ſo häßlich, als ſie reich und von hoher Geburt wäre. Um inzwiſchen jede directe Rede über die Braut abzuleiten, begann Johann: „Weißt Du wohl, meine Liebe, daß der Herr Graf, welcher ſeiner häuslichen Niederlaſſung wegen hier in Stockholm iſt, faſt mein halbes Lager mitnimmt? Du kannſt ihm alſo auch danken, daß ich um ſo ſchneller Deinem Wunſche genügen kann, meinen Handel nieder⸗ zulegen!“ Dieſe Worte brachten eine ſonderbare, ja ſtarke Wirkung auf die junge Frau hervor. Alſo war es wirklich eine Gräfin C-—creutz, die alle ihre Putzſachen bei dem„Couſin Johann“ nahm, doch— ſie hieß nicht Gräfin Blenda. O Schickſal! Ein gutes Schickſal aber war es jetzt, daß neue Gäſte eintrafen, und daß rund umher ſich viel Geräuſch und Geplauder hören ließ. Johann war entzückt, daß Blenda ſich ſo vortrefflich aus ihrer kleinen Verlegenheit geholfen hatte. Und Blenda ſelbſt war entzückt, daß ſie Gelegenheit gehabt hatte, zu zeigen, wie gut ſie— wenn es ſo hätte ſein ſollen— im S tande geweſen ſein würde, die ungenirte 390 Rolle einer vornehmen Dame zu ſpielen. Außer der Röthe auf ihrer Wange hatte ja gar nichts verrathen, daß ſie ſich ein ganzes Jahr lang beinahe als die Ver⸗ lobte des Grafen C—creutz betrachtet hatte. Hätte der Graf ſelbſt gewußt, daß er eines ſo in⸗ tereſſanten Privilegiums genoſſen, nämlich an zwei ver⸗ ſchiedenen Orten verlobt zu ſein, ſo hätte er vielleicht über der neuen Flamme ſeine alte vergeſſen. Auch Blenda glaubte(um die Wahrheit zu geſtehen) etwas dergleichen, denn ſowohl als er ſie zu Tiſche führte, als auch da er ihr zu der erſten Francaiſe die Hand reichte— natürlicher Weiſe wurde der Ball von dem Bräutigam mit der Braut eröffnet— hatten ſeine Augen eine bewunderungswürdige Beredtheit, und jedes⸗ mal, wenn er dem Wirthe Glück wünſchte, ſeufzte er vor der Wirthin. 4 Die Huldigung des Grafen war nicht ſo unverdeckt, daß ſie nicht von Allen bemerkt wurde, und beſonders von der ſtolzen, glückſeligen Frau Emerentia, welche— geputzt, wie ſie es in ihrem Leben noch nicht geweſen war, mit einer ſchwankenden Feder im Turbane— im Sopha ſaß und orirte. Die bevorſtehende Sochzeit des gräflichen Ex⸗Schwie⸗ gerſohnes verſöhnte ſie mehr denn alles Uebrige mit dem bürgerlichen Schwiegerſohne, den ſie erhalten hatte, und unendlich ſtieg dieſer an„Werth,“ als ſie hörte, wie er ſpäterhin am Abende den Grafen mit„Du“ an⸗ redete. Da ſpreizte ſie ſich auf eine einnehmende Weiſe und flüſterte bald ihrer Nachbarin zur Rechten, bald der zur Linken zu, daß ihr Schwiegerſohn und Graf C—ereutz „außerordentlich intim“ wären......... Als das Geräuſch und die Beſchwerden des Tages vorüber waren, das heißt: bei dem Aufgange der Sonne am folgenden Morgen, denn erſt um vieß Zeit rollte der letzte Wagen hinweg, befragte Jean ſeine Gattin — b — —— über den Eindruck, den ihre Phantaſie⸗Inclination gemacht hätte, und ob ſie den Verluſt bitter beklagte. „Ach, mein Gott, ich muß mich wohl tröſten!“ antwortete ſie;„er war ja ſchon verlobt. Aber,“ fuhr ſie fort, indem ſie zärtlich das Haupt an die Bruſt ihres Mannes legte,„wäre er auch tauſendmal unverlobt ge⸗ weſen, ſo hätte das dennoch nichts geholfen, denn obgleich er, wie Du, dunkles Haar hat und auch ſchön iſt, ſo iſt er dennoch bei weitem nicht ſo wie Du, und ich fühle, daß ich mich in ihn nicht verliebt haben würde, wie in meinen Ritter.“ „Iſt das auch gewiß?“ „Völlig gewiß!... Aber angenehm war es, daß ich ihn zu ſehen bekam und mich eben ſo gut davon über⸗ zeugen konnte, wie davon, daß, wenn er mich in Weners⸗ borg geſehen hätte, das doch zu gar nichts gedient haben würde.“ „Alſo, meine zärtliche, meine geliebte Blenda! kein Schatten von Schmerz mehr über die verſchwundenen Illuſionen?“ „Nicht einmal eine Ahnung von Schatten... nur ſchicke ich bisweilen einen trüben Gedanken an den armen Baron— ſeine Antwort war ſo edel!“ Jean's Feingefühl erlaubte ihm keine Aeußerung über dieſen Gegenſtand, aber ſein liebevoller Blick ſagte ihr, daß er nicht eiferſüchtig wäre auf das Andenken, das ſie ihm noch immer bewahrte. * 4* Zwei Jahre nach Blenda's Hochzeit, und nachdem ſie täglich immer mehr und mehr Gelegenheit gehabt hatte, ihr häusliches Glück zu ſchätzen, welches immer höher und höher unter„Couſin Jean's“ ſchützender Hand aufblühte, vollendeten drei wichtige Ereigniſſe dieſes Gluͤck ſo, daß ſie es nunmehr für unrecht hielt, daſſelbe noch mit einem einzigen Wunſche zu vermehren. Sie erhielt eine kleine Tochter, die ihr die lange erſehnte Würde verlieh, Mutter zu heißen. Sie empfing in ihrem eigenen Hauſe einen Beſuch von dem Baron T— ſwärd und ſeiner ſchönen Freiherrin, welche mit der kleinen Frau Blücher ein lange dauerndes Freundſchaftsbündniß knüpfte. Und endlich hatte ſie— als Erſatz dafür, daß ihr Jean Gründe gefunden hatte, ſeinen Galanteriehandel noch fortzuſetzen, und ſich alſo noch mit zu der Bürger⸗ ſchaft von Stockholm zählte— die unſägliche Freude, auf einem Börſenballe zu Neujahr, mit Seiner König⸗ lichen Hoheit dem Kronprinzen zu tanzen. Und glücklicher Weiſe überlebte Frau Emerentia dieſen herrlichen Anblick, ohne in— Ohnmacht zu fallen. e e du, e 8 8