1dd franzöſiſcher Literatur on ann in Gießen, cit. A. Nr. 256. Ceſebedingungen. 2s. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Bücher jeden Tag von Morgens 1.—. — Ife eines geliehenen Buches wird von 8 e Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ zemrſonen müſſen, bei Entgegennahme Büche deſſelben entſprchende Summe Büc Zurückgabe von mir zurückerſtattet fl.? 4 , 3/ ß voraus bezahlt werden und 4 Bücher: 6 Bücher: —————— 9 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 4 3 tr—„ 7—„ Yen für Hin⸗ und Zurückſendung ſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Emutzte, zerriſſene, verlorene und ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ Theil eines größeren Werkes, ſo iſt nzen verpflichtet. e iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird n gemacht, daß das Weiterverleihen Larf indem Diejenigen, welche die⸗ ür zu ſtehen haben. Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. Von Frau Emilie Flygare⸗Carlén. Aus dem Schwediſchen. Fünf Theile. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1844. 2 —— D— & Ende. Das Fräulein war ja arm wie er ſelbſt und es 1. Das Feſt. Das Haus des Kommerzienraths Widen war hell erleuchtet. Vom zweiten Stocke herab tönte eine rau⸗ ſchende Tanzmuſik, und die Zuſchauer, welche ſich auf der hohen Staffel des gegenüberliegenden Wirthshauſes aufgeſtellt hatten, ſahen deutlich die Geſtalten in den leichten Schwingungen der Francaiſe vorüberſchweben. Goldſchmückte Herren und ſchwarz gekleidete elegante Damen in luftähnlichen Gewändern mit üppigen Roſen auf den Wangen und in den Haaren ſchimmerten keu⸗ chend und mit den geſtickten Nastüchern wehend, wech⸗ ſelsweiſe vorüber.„Ich möchte gerne wiſſen,“ ſagte eine gaffende Matrone zu ihrem Nachbar,„warum der Kom⸗ merzienrath gerade jetzt vor Weihnachten einen Ball hält. Die Vornehmen beluſtigen ſich doch immer und ewig; hätten ſie nicht bis auf die Feiertage warten können?“ „O, Ihr wißt auch nie etwas,“ antwortete ihr Nach⸗ bar.„Habt Ihr nicht gehört, daß der Kommerzienrath heute die Verlobung ſeiner Tochter mit dem Kapitän Ling feiert, dem jungen ſchönen Herrn dort, der mit dem Frauenzimmer im blauen Florkleid tanzt, das iſt ſeine Couſine, Fräulein Hilda Borgenſköld, von der die Leute ſagten, daß er ſo entſetzlich in ſie verliebt ſei. Aber als ihr Vater, der einfältige Narr, ſich durch den thö⸗ richten Brocker bereden ließ, für ihn zu bürgen, da er⸗ wachte wieder die frühere Feindſchaft zwiſchen dem Lieu⸗ tenant Borgenſköld und ſeinem Halbbruder, dem reichen Profeſſor, und damit nahm die Liebe des Kapitäns ein half nichts, gegen den Wind zu ſteuern, denn er war immer abhängig von dem Profeſſor. Der Kummer dauerte inzwiſchen nicht lange. Noch an dem nämlichen Tage warb er um die Tochter des reichen Kommerzien⸗ raths, und Jawort und Verlobung folgten Schlag auf Schlag. Ja, ja, es geht wunderlich zu in der Welt! Aber betrachtet nur Fräulein Hilda, wie ſtolz und herrlich ſie noch ausſieht, obwohl der Jammer ihr im Herzen ſitzt; denn es muß wohl nicht ſehr erfreulich ſein, ſich verſchmäht zu ſehen, weil man nichts weiter als ein ſchönes Geſicht und ſeine fleißigen Hände hat. Pfui, was wir wirklich für junge Herren haben! Geld! Geld! hat ſie Geld? das iſt immer die erſte Frage, wenn ſie heirathen ſollen. Aber ach, Mutter Brita, ſeht nur, wie er ſie ſo traurig anblickt! er muß eine Schlange ſein, der Kapitän, das bin ich feſt überzeugt. Schaut jetzt dorthin, wie er gegen das andere Ende des Saals hinabſchleicht und ſich mit der Braut herumdreht, da zeigt er ein Geſicht ſo heiter wie ein Frühlingsmorgen. Sie iſt wahrlich ein Engel Gottes, das Fräulein Roſa! Ich wollte, Ihr könntet ſie ſehen; verſucht es, Mutter Nachbarin, Euch beſſer hier herauf zu machen.“ Gerade als dieß bewerkſtelligt werden ſollte, ent⸗ ſtand eine Bewegung auf der Straße, die Volksmaſſe wogte auf beiden Seiten aus einander und ließ einen altmodiſchen Wagen durch, der langſam daher rollte und vor dem Hauſe des Kommerzienraths hielt. Ein Bedienter verfügte ſich ſchleunigſt von dem Kutſchbocke herab, und öffnete die Wagenthuͤre, worauf er ehrerbie⸗ tig einem alten hagern Herrn herausſteigen half. Beide, der Herr und der Bediente, ſchienen ein Exemplar zu ſein, das man aus einer längſt vergangenen Zeit auf⸗ bewahrt hatte; wenigſtens nach dem Aeußern zu ur⸗ theilen, denn dieſes war nicht allein bei beiden höchſt altmodiſch, ſondern auch ſehr ſeltſam. Auf den Arm des alten Dieners geſtützt, ſtieg der Herr die Treppe hinauf, und beim erſten Anblick ſeiner Geſtalt flog eine kleine Kammerzofe, die an einem der Parterrefenſter ͤss Z n 7 Schildwache geſtanden war, in den zweiten Stock hin⸗ auf. Die Art ihres Geſchäfts ſchien deutlich daraus hervorzugehen, daß der ſpäte und geachtete Gaſt ſchon im Oehrn von dem jungen Kapitän und ſeiner reizen⸗ den Braut, der ſchönen Roſa Widen, empfangen wurde. „Herzlich willkommen, Herr Profeſſor,“ ſagte das junge Mädchen mit freundlicher, wohllautender Stimme. „Es iſt ein wahres Vergnügen für uns, daß der Herr Profeſſor, der ſein Haus ſo ſelten verläßt, uns die Ehre ſeiner Gegenwart ſchenkt.“ „Ja, mein lieber Onkel,“ verſicherte der Kapitän in leichtem und artigem Tone, indem er dem Profeſſor den Arm bot, um ihn in ein Seitenzimmer zu geleiten, „auf meine Ehre, ich halte es für das größte Glück, das mir widerfahren konnte, daß der Herr Onkel mei⸗ nem Ehrentag beiwohnt.“ „Hm!“ ſagte der Profeſſor, und ein ſpöttiſches Lächeln ſpielte um die dünnen Lippen,„hm! es gefällt mir nicht ſehr, Dich eine ſolche Sprache führen zu hören, Ferdinand! wenigſtens gab es heute Morgen noch etwas, das Du höher geſchätzt hätteſt.“ Der Ka⸗ pitän wurde blutroth und ein dunkler Blitz flammte in ſeinen Augen. Er ſchwieg jedoch und wandte ſich zur Seite, als ihn Roſa mit einem gewiſſen Ausdruck der Verwunderung betrachtele.—„Nun, ſprechen wir nicht mehr davon,“ fuhr der Profeſſor in ſanfterem Tone fort, indem er die Braut auf die Stirne küßte und ſeinem Neffen die Hand reichte.„Ich beglück⸗ wünſche euch Beide von ganzem Herzen, oder vielmehr ich wünſche euch Beiden Glück.“ Der Profeſſor wollte eben noch etwas hinzuſetzen, aber er ſchwieg; denn in demſelben Augenblick trat der Kommerzienrath herein. Es war ein hoher, breitſchulteriger Mann von höchſt ſelbſtgefälligem Weſen. Und wenn man ſich auch die Mühe genommen hätte, jeden einzelnen Zug ſeines Geſichtes zu prüfen und ſeine ſtolze oder beſſer hoch⸗ müthige Haltung zu betrachten, ſo würde die Schluß⸗ folge doch dieſelbe geweſen ſein, wie beim erſten Anblick. Sein ganzes Ausſehen und Weſen ſtempelte ihn zu einem Manne, deſſen Selbſtſucht ſich auf die Ueber⸗ zeugung gründete, daß ſein Name der eines Halbgotts auf der Börſe war, ſeine Hauptbücher in dem blühend⸗ ſten Zuſtande wenigſtens geglaubt wurden und ſein Wort mindeſtens eben ſo viel galt, als die Münze in den neuen Privatbanken. Der Kommerzienrath trat ein. „Gehorſamer Diener! Willkommen, herzlich will⸗ kommen, Herr Bruder! Auf meine Ehre, eine wahre Ueberraſchung; denn um dieſe Zeit glaubte ich Keinen mehr von den Gäſten zu Geſichte zu bekommen, die ausgeblieben waren, und am wenigſten meinen Herrn Bruder.“„Freut mich,“ entgegnete der Profeſſor, und jetzt erſchien auf's Neue jenes ſarkaſtiſche Lächeln, das ein Beſtandtheil ſeiner Natur zu ſein ſchien, „freut mich, daß ich dem Herrn Bruder dadurch eine Freude mache! ich mußte wohl her, um dem jungen Paar meinen Segen zu geben.“—„Ja, junge Per⸗ ſonen, die an's Heirathen denken wollen, bedürfen heut zu Tage einen reichen Segen,“ bemerkte der Kommerzienrath mit einer wichtigen Miene, welche bald in eine Art Grinſen überging.„Ein Mann, der wie ich eine große Familie auf ſich hat,“ flüſterte er dem Profeſſor in's Ohr,„kann hierin nicht ganz ſo frei handeln, als der alte kinderloſe, ſo herzlich ge⸗ liebte Oheim.“ „Aha! gehorſamer Diener,“ ſprach der Profeſſor ſich verbeugend;„wenn es geſchah, um mich in dieſer Hinſicht 2u erproben, daß man ſo ſehr in mich drang, erlobung der jungen Leute gegenwärtig zu bei der ſein, ſo...“ „Um Alles in der Welt, mein beſter Profeſſor,“ unterbrach ihn der Kommerzienrath,„der Herr Bruder wird doch einen kleinen Scherz nicht mißverſtehen; hier iſt natürlich nicht der Ort, um derartige Dinge ernſthaft zu beſprechen.“ Und damit nahm der Wirth ſeinen Gaſt unter den Arm und führte ihn in den Saal, wo die 9 Kommerzienräthin den hinzutretenden Freund mit dem holdeſten Lächeln empfing und ihn verbindlich nöthigte, in dem leeren Sopha neben ihrer eigenen Perſon Platz zu nehmen. Inzwiſchen blieben die Verlobten einige Augen⸗ blicke allein in dem Kabinete zurück. Der Kapitän führte ſeine Braut an ein Fenſter, und ſchien eben ſo herzlich mit ihr zu ſprechen, als er leiſe redete. Die⸗ ſen Augenblick müſſen wir benützen, um die Portraits ihrer Perſonen zu entwerfen. Der Kapitän, Ferdinand Ling, war ein Mann von mittlerer Größe, kraftvoll, wohlgebaut und mit einer Art ſich zu geben, welche ſeiner Perſon mehr Würde verlieh, als ihr die Natur geſchenkt hatte. Sein Geſicht konnte nicht eigentlich ſchön genannt werden; aber es lag etwas Friſches und Angenehmes darin, das die glänzendere Eigenſchaft erſetzte. Gewöhnlich ſchwebte ein Lächeln um ſeine wohlgebildeten Lippen: wenn man aber dem dunkeln, faſt düſtern Ausdruck trauen dürfte, der bisweilen aus den blitzenden ſchwarzen Augen leuchtete, ſo waren es nur die Lippen, die lächelten, während die Seele viel⸗ leicht mit heftigen Leidenſchaften kämpfte. In ſolchen Augenblicken hielt er den feſten Blick eines Andern nicht aus; die geſenkten Augendeckel verbargen das Spiel, das unter ihnen vorging. Kapitän Ling war übrigens ein Mann, der für ein Muſter von gutem Ton in den gewählteſten Kreiſen der Stadt galt, ein Mann von Bildung und feiner Lebensart, und gerade ein ſolcher, wie man ihn für das geſellſchaft⸗ liche Leben als einen willkommenen Gewinn anſehen ann. Seine Braut, Roſa Widen, war eine hohe, ſchlanke Blondine von ſehr ſymmetriſchem Wuchſe und allgemein wegen ihrer Schönheit gefeiert, welche ſich in der That der Urform weiblicher Vollkommenheit näherte. Doch ſie ſelbſt kannte dieſen Werth nicht, oder ſchien ihn wenig⸗ ſtens nicht zu kennen. Es war die unbeſchreibliche Ein⸗ fachheit, die entzückende und ungekünſtelte Anmuth in 10 ihrem ſtillen und lieblichen Weſen, welche ſie überall ſo geſucht und geliebt machte. „Ich brauche dieſe Verſicherungen nicht,“ ſagte ſie ſanft, und legte die Hand auf die Lippen ihres Bräu⸗ tigams, als dieſer mit mehr als gewöhnlicher Beredt⸗ ſamkeit den Umfang ſeiner Liebe und die Größe ſeines Glücks betheuerte.„Wozu dienen ſie? ich weiß ja, daß Du mir herzlich gut biſt, und warum ſollte ich das heilige Verſprechen erneuern, das ich Dir vor einigen Tagen in Gegenwart meiner Mutter gab? Ich habe hinreichend Achtung vor Dir, um mein zukünftiges Glück mit Ruhe und Zufriedenheit in Deine Hände zu legen; und wenn ich nicht im Stande bin, die Hef⸗ tigkeit der Gefühle zu theilen, welche bei Dir eher einem verheerenden Sturme als dem Hauche einer ruhigeren und ſtillen Liebe gleichen, ſo ſchreibe dieß meinem Temperamente, nicht meinem Herzen zu; denn dieſes iſt Dir gewiß gut.“ Die Wangen des Kapitäns flammten immer ſtär⸗ ker, immer fleißiger drehte er an dem geſchmeidigen Schnurrbarte, und der heftige Druck der Zähne auf die Oberlippe bewies, daß er eine ſtarke und nicht eben angenehme Gemüthsbewegung fühlte. „Meine gute, geliebte Roſa,“ ſagte er mit erzwun⸗ gener Faſſung,„verzeihe mir, wenn meine Gefühle ſich nicht ſo äußern, wie Du es wünſcheſt! Glaube mir inzwiſchen, daß es meine eifrigſte Bemühung ſein ſoll, durch die ſtrengſte Zurückhaltung in Worten und Blicken mich dem Punkte zu nähern, wo Du ſtehſt und um den Du eine Mauer von Eis aufgeführt haſt, damit Dein Geliebter das Vergnügen hat, ſich abzukühlen, wenn ſein Herz gar zu warm wird.“ Ueberraſcht und mit einem Blick, der deutlich ihren Unwillen ausdrückte, ſah Roſa die heftige Bewegung des Kapitäns. Seine Worte verletzten ſie, nach dem Purpur zu urtheilen, der auf ihrer Wange glühte, und ihre Hand zitterte unmerklich, als Ferdinand ſie faßte und mit einem leiſen Druck das Unpaſſende ſeiner letzten 11 Aeußerung abbitten zu wollen ſchien. Sie ſchwieg je⸗ doch, und er führte ſie wieder in den Saal hinein, in das brauſende, feurige Leben. „Wollen wir einen Walzer machen?“ fragte er leiſe und freundlich und deutete auf die bunte Reihe, „liebe, gute Roſa!“ bat er ſchmeichelnd, als ſie einen Augenblick ſchwieg,„ſei mir nicht böſe!“ „O nein, Ferdinand, das bin ich gewiß nicht; aber... „Keine Aber,“ fiel der Kapitän lebhaft ein, und zog ſte mit ſich fort in den Strom der muntern Ballgäſte. In einer Ecke des Saales ſtand einſam und ſchwei⸗ gend, an einen kleinen Marmortiſch gelehnt, ein bleicher, feiner Jüngling von hoher, aber ſchlanker Geſtalt. Seine Züge waren edel und bildſchön; auf der hohen weißen Stirne thronte Ernſt und beſonnene Ruhe; aber in dem dunkelblauen Auge flammte bisweilen eine ver⸗ zehrende Gluth, wenn es auf einen gewiſſen entfernten Gegenſtand im Saale traf; ſonſt ſchien es nur ſanft, gut und grundehrlich. Jedesmal, daß jene Flamme empor glühte, legte er die Hand über die Augen, und ſchüttelte gedankenvoll die reichen, braunen Locken bei Seite, die ſich um ſein ſchönes Haupt kräuſelten. Der Anzug des Jünglings war ſchwarz und bewies durch ſein abgetra⸗ genes Ausſehen und die weißgewordenen Nähte, daß er einem jener armen Gelehrten zugehörte, welche ſich durch die Prüfungsſchule und die Vorhöfe der Armuth langſam in das Heiligthum der Wiſſenſchaft hinein arbeiten. Es war ein junger Kandidat der Philoſophie, Franz Manner⸗ ſtedt. Als Lehrer der Muſik und der Sprachen in dem reichen Bankierhauſe war er mit einer Einladung zu dem großen Feſte beehrt worden. Der arme Mannerſtedt ſtrebte nach einem Ziele, das zwar für gegenwärtig noch in weiter Ferne ſchien, es aber bei ſeinem Fleiß und ſeiner Beharrlichkeit nicht lange bleiben konnte; dieſes ſchöne und lichte Ziel war— der Lorbeerkranz*) und *) Des Baccalaureus. 12 hinter dieſem hervorſchimmernd, entweder das einträg⸗ liche Rectoramt an einer höheren Schule, oder wer weiß, irgend eine Pfarrſtelle in dem Schatten von hohen Linden. Ein wenig zu träumen muß ja immer erlaubt ſein; ohne dieſes glückliche Vermögen, ohne eine freund⸗ liche Hoffnung für die Zukunft würde ja das Streben der Gegenwart ſtets gelähmt ſein. Gerade als Mannerſtedt auf's Neue von einem jener Sonnenſtiche beläſtigt ſchien, die wir bereits er⸗ wähnt haben, und die ihn bewogen, ſeine Augen wieder zu bedecken, ging der Kommerzienrath vorbei. Er blieb ſtehen, klopfte dem Jüngling mit einer Gönnermiene auf die Schulter, und ſagte laͤchelnd:„Nun, wie ſteht's, mein lieber Kandidat? wird Er keinen Tanz machen? ſolche Vergnügungen kommen nicht alle Tage. Auf, und ſchüttele Er den Bücherſtaub von ſich.“ Mannerſtedt entſchuldigte ſich damit, daß er in den letzten Jahren nicht mehr getanzt habe; aber die eigent⸗ liche Urſache war, daß er ſeinen Anzug und dadurch ſich ſelbſt zu einem herzloſen Geſpötte der Zuſchauer zu machen fürchtete; denn dieſe hätten wahrſcheinlich einen unwiderſtehlichen Reiz in den Lippen gefühlt, wenn ſie ihn mit ſeinen kurzen Beinkleidern und dem engen Fracke erblickten. Aber einen andern Willen zu haben, als der Kommerzienrath, taugte nichts, um ſo mehr, wenn man jeden Samſtag ſeine drei Thaler Banko empfing, und überdies auf alle Sonntage Mittag eingeladen war. „Er ſoll tanzen, mein Freund,“ fuhr der Groß⸗ händler in ſeinem ſanfteſten Tone, jedoch auch mit einem Nachdruck fort, der keine Einwendungen duldete; aber da er gewahrte, daß Mannerſtedt die unerhörte Kühnheit hatte, mit einer zweiten höflichen Verbeugung und einem nicht unmerklichen Kopfſchütteln eine neue Weigerung vorzubringen, rief der Kommerzienrath ſchnell ſeiner Tochter, welche eben den Walzer mit dem Kapitän endigte. Roſa kam freundlich und heiter zu ihrem Vater her, und dieſer fragte ſie:„Welche Tour haſt Du zunächſt frei?“ ———,„—E., —., ⏑△⏑̈—=—— —o ε8ᷣ̈————— Ae‿ ₰** 13 Roſa beſann ſich ein wenig.„Den fünften Walzer, Papa'chen,“ antwortete ſie. „Gut,“ ſprach der Kommerzienrath;„Herr Man⸗ nerſtedt engagirt Dich darauf“— und damit ging der übermüthige Mann weiter, ohne die erröthenden Wangen und die niedergeſchlagenen Augen des Jünglings eines einzigen Blickes zu würdigen. Roſa ſtand vor ihm, und erwartete, daß er die Worte des Vaters bekräftigen ſollte; aber die Gefühle, die in ihm ſtritten, waren ſo mannigfaltig, daß er keinen Laut über ſeine Lippen bringen konnte: beleidigter Stolz— die zarteſte Saite bei einem armen, abhängigen Jüngling— über die unhöfliche Einmiſchung des Kommerzienraths; die Furcht, den zu erzürnen, der auf eine gewiſſe Art ſein Gönner geweſen war; das peinigende Gefühl der Scham, wenn er an die Blicke dachte, womit die Geſellſchaft ihn betrachten würde, und endlich ein anderes Gefühl, das mächtigſte von allen, aber das gerade deshalb den drei übrigen das Gleichgewicht hielt,— die Luſt, die Selig⸗ keit, mit Roſa zu tanzen, deren bloßer Anblick ihn bisher mit den vielen bittern und kränkenden Stunden verſöhnt hatte, die er in dem Hauſe des Kommerzienraths er⸗ leben mußte. Das gute, feinfühlende Mädchen begriff beinahe ganz das wahre Verhältniß der Sache. Sie kannte ihren Va⸗ ter, und ſah ein, daß er es geweſen war, der den armen Mannerſtedt in dieſe Verlegenheit gebracht hatte. In dem ſüßeſten Tone ſprach ſie;„Papa möchte ſo gerne heute Abend Jedermann heiter ſehen, und gibt vielleicht des⸗ halb nicht ſo Acht auf die Neigung und den Geſchmack ſeiner Gäſte. Dies geſchieht jedoch bloß aus wohl⸗ meinendem Streben; und wenn es nicht ganz und gar gegen den Vorſatz des Herrn Mannerſtedt ſtreitet, zu tanzen, ſo können wir ihm ja das Vergnügen machen.“ Der junge Mann warf ihr einen Blick zu, der nur dankbar ſein ſollte; aber dieſer Blick jagte Roſa das Blut in die Wangen. Da ſenkten ſich ſeine Augen ſchnell, und in ziemlich ruhigem Tone ſprach er:„Wenn Fräulein Widen mich mit dem Glück eines Tanzes beehren will, ſo weichen alle Bedenklichkeiten. Ich werde die Ehre haben, mein erhaltenes Recht in Anſpruch zu nehmen wenn es Zeit iſt. Er verbeugte ſich tief. Roſa lächelte und ging nach der andern Seite des Zimmers. Mannerſtedt nahm ſeine frühere Stellung wieder ein und ſein ſpähender Blick entdeckte, daß Roſa kaum ſich geſetzt hatte, als ſie von einer Menge Schmetterlinge umringt wurde, die um ihre Aufmerkſamkeit buhlten. Während deſſen können wir als unparteiiſche Beſchauer dieſes bunten Gemäl⸗ des den Kapitän Ling beobachten, wie er nach verſchie⸗ denen, ſehr unſchuldigen Bewegungen hin und her endlich wie aus Zufall bis zu dem Ecke hinabkam, wo ſich Hilda Borgenſköld befand. Jemand, der neben ihr ſaß, hatte, ohne es zu wiſſen, den Edelmuth, aufzuſtehen, und ſo⸗ gleich nahm Ferdinand ſeinen Platz ein. Das junge, etwas bleiche, aber dennoch anziehende Mädchen wich verlegen vor den Schlingen ihres Feindes zurück, und ſah nach der entgegengeſetzten Seite des Zimmers, ob ſie nicht eine paſſende Veranlaſſung zum Aufbruch ent⸗ decken konnte. Aber alle Plätze waren gefüllt, und an den Thüren hatten ſich eine Menge Herren niedergelaſſen. Sie mußte ſich alſo geduldig in ihr Schickſal ergeben und ſitzen bleiben, obwohl dies das Schlimmſte von Allem war. „Theure, theure Hilda,“ ſagte Kapitän Ling in flüſterndem Tone,„warum verweigerteſt Du mir die ge⸗ wünſchte Unterredung? warum ſchickteſt Du, wenn Du dieſe auch nicht bewilligen wollteſt, meinen Brief unerbro⸗ chen zurück? O Hilda, Hilda, Du warſt doch hart! ſonſt hätteſt Du uns Allen viel Schmerz erſparen können. Noch heute Morgen ſprach ich mit meinem Onkel; aber ach! was ſollte ich ihm ſagen, da ich keine Hoffnung beſaß.“ „Ferdinand,“ unterbrach Fräulein Borgenſköld ihren Vetter ganz kalt,„Du haſt wenig Zartgefühl, da Du in Gegenwart einer ganzen Geſellſchaft einen ſo er⸗ ſchöpften Stoff wieder aufnimmſt; es verlohnt ſich ja ö,“ GSͤSSSSSSnSn 15 nicht der Mühe, ein weiteres Wort darüber zu ver⸗ lieren. Sei deßhalb ſo gut, und verlaß mich.“ „Gott! wie bitter Du biſt, Hilda!“ ſeufzte Ferdi⸗ nand, und ſeine Wangen glühten, ſein Auge flammte. „Glaubſt Du denn, daß ich die Roſen allein für mich behalten und nur Dir die Dornen gelaſſen habe? nein, weit entfernt davon! Die Stacheln haben ſich feſt in mein Herz gedrückt, und dort tiefe Wunden geriſſen. Aber ich werde Dir nicht länger beſchwerlich fallen. Doch, Hilda, ſchlage mir den naͤchſten Walzer nicht ab; es würde nur Verwunderung und Geſchwätz erregen, wenn wir als ſo nahe Verwandte an einem ganzen Abend nur eine elende Francaiſe mit einander tanzten.“ „Keinen Walzer,“ ſagte Fräulein Borgenſköld beſtimmt. „Nein, ich glaube gerne, daß Du mir dieſe Freude nicht gönnſt,“ erwiederte der Kavpitän düſter;„aber eine Quadrille kannſt Du mir doch wohl nicht verweigern?“ „Nein,“ verſetzte ſie gleichgultig,„auch das iſt durchaus nicht nothwendig.“— Ling ſtand auf, machte eine ſtumme Verbeugung und ging auf eine Weile in ein Spielzimmer. Die Zeit verflog ſchnell für die muntern Ballgäſte, und endlich war man an dem bewußten Walzer, den Mannerſtedt mit Roſa tanzen ſollte. Mit hochklopfen⸗ dem Herzen und widerſtrebenden Bewegungen nahte er ſich ihr. Aber jetzt hätte man ſehen ſollen, wie die Elegants des Tages erſtaunt um drei Schritte zurück⸗ fuhren und Platz machten, als Roſa vor dem jungen Kandidaten aufſtand, von dem ſie nie geträumt hatten, daß er die Abſicht habe, ihr Nebenbuhler zu werden. Er erwiederte ihr artiges Lächeln mit einem ſtolzen Blick, und obwohl ſeine Hand etwas zitterte, als er ſie leicht um Roſa's Leib legte— denn ſein Arm kam gewiß kaum ſo nahe, daß er die außerſte Falte ihres Florkleids berührte— ſo gab doch ſeine freie und zier⸗ liche Haltung, und die Art, wie er ſeine Dame führte, ſeinem Tanzen einen Ausdruck, der ſeine zarte Schüch⸗ ternheit von Niemand bemerkt werden ließ, als von ihr, der einzigen, die ihn je zittern machen konnte. Bei einer Pauſe warf der Jüngling einen faſt trotzigen Blick im Saal umher, um zu ſehen, ob ſich eine Lippe zu einem verächtlichen Lächeln kräuſelte. Wie es ſich damit verhielt, war jedoch nicht ganz ausgemacht; denn Mannerſtedt war kurzſichtig, und konnte überdieß die mitleidigen Bemerkungen von einer und der andern entlegenen Gruppe nicht hören. „Ach! ſehen Sie, meine Beſte, der arme Kandidat hat ſich auf die Beine gemacht, und tanzt, und das mit der Göttin des Tages ſelbſt! Das iſt gewiß, ſie iſt zu lieb, die Fräulein Widen, man kann ihrem ſchönen Geſicht nicht das geringſte Zeichen von Unluſt anſehen, obwohlümen ſich leicht denken kann, daß es ihr im höchſten Grad beſchwerlich ſein muß, mit einem ſolchen Kavalier zu tanzen. Ich möchte wünſchen, daß alle unſere jungen Damen daran ein Beiſpiel nähmen. Denn, meine liebe Madame T-, iſt es nicht entſetzlich mit anzuſehen, wie die Mädchen heutzutage den Mund verziehen, und auf die Garnirung ihrer Kleider nieder⸗ ſehen, wenn ein armer Ladendiener, mag er auch noch ſo hübſch ſein, oder irgend ſo ein armer Jüngling wie der dort, ſie engagirt? Nein, da haben ſie nie eine Tour frei! Aber kommt gleich darauf ein Offizier oder ein Hofgerichtsnotar, oder irgend ein Buchhalter, der die Ausſicht hat, bald ſein eigenes Komptoir zu eröff⸗ nen, ſo ſind ſie ſogleich bereit, und werden kaum roth, wenn der Verſchmähte ihnen einen unwilligen Blick über ihre Aufführung zuwirft.“ „Ach ja; aber ich meine doch,“ erwiederte ein an⸗ deres Frauenzimmer,„daß Herr Mannerſtedt ſein Tan⸗ zen wenigſtens ſo lange hätte aufſchieben können, bis er ſich durch ſeine Lektionen einen neuen ſchwarzen An⸗ zug erſpart gehabt hätte.“ „Da hätte er gewiß zu lange warten müſſen,“ fing 4 6 17 die erſte wieder an;„aber er hält ſich ſehr ſtattlich, daß muß man zugeben.“ „Gewiß,“ rief die dritte;„nur ſchade, daß das knappe Fräckchen bei den gewandten Drehungen ſo be⸗ ſeſſen herumwedelt.“ „Ja, meine Damen, iſt es nicht zu unglücklich,“ ſprach die vierte in dieſer Gruppe,„daß Armuth und Stolz immer Hand in Hand gehen müſſen? Was den⸗ ken Sie wohl, der königliche Sekretär H.— bot ihm vor einiger Zeit einen ſchönen ſchwarzen Anzug, den er abgelegt hatte, für nicht den vierten Theil des Werthes an, aber anſtatt das Anerbieten mit Dank⸗ barkeit anzunehmen, was glauben die Herrſchaften, daß er antwortete? Nun nichts weniger, der unverſchämte Burſche, als: der königliche Sekretär würde ſchr verbinden, wenn er ſich künftig weder in ſeine arde⸗ robe noch in ſeine übrigen Angelegenheiten miſchte.“ „Das iſt abſcheulich, auf Ehre ganz entſetzlich!“ verſicherten die Uebrigen; und dann flüſterte man eine Menge Anekdoten hinter dem Rücken des armen und hochmüthigen Candidaten, der indeſſen, in ein anderes Weſen verzaubert, gewandt und anmuthig ſeine Dame in den leichten Wirbeln des Walzers herumſchwang, ſo daß ſich mancher Fähnrich ſeine Geſchicklichkeit wünſchte. Nach beendigtem Tanz führte er Roſa an ihren Platz, und wagte es, noch einen Blick auf die ſchöne, liebliche Geſtalt zu werfen, worauf er ſich wie⸗ der in ſeine einſame Ecke verfügte, wo der Roſenſchleier der Illuſion bald zerriß und er ſich in die kalte Wirk⸗ lichkeit zurück verſetzt ſah. Gleich darauf verſammelten ſich die Gäſte um den reich ſervirten Tiſch. Der Profeſſor bekam ſeinen Platz neben der Wirthin und wurde hier durch manche leichte Anſpielung auf das junge Paar und die ſchweren Zei⸗ ten, ſo wie das Glück für arme junge Männer, wenn ſie gute Freunde beſäßen, da man in ge enwärtiger Zeit nur durch das verwünſchte Geld Beſbrderune erlangen könne, nebſt vielem anderem Schlechtem und Der Profeſſor und ſeine Schutzlinge. 2 Rechtem unglaublich geplagt. Denn er konnte jede Hindeutung auf ſein Vermögen wenigſtens, wenn es aus ſolcher Abſicht geſchah, für ſein Leben nicht aus⸗ ſtehen. Er drehte und wandte ſeine magere Figur hin und her, und bot der Kommerzienräthin eine Priſe ächten Norköpingtabak, welchen ſie mit vielem Wider⸗ willen nahm, um ſich bei dem Alten in Gunſt zu ſetzen. Aber vergebens nießte ſie drei⸗ bis viermal, und trock⸗ nete die durch ein zufällig dahin verirrtes Körnchen gequälten Augen; vergebens verſuchte ſie Feinheit, Geduld und Entſagung: der Profeſſor beharrte in ſei⸗ nem Schweigeite und war unzugänglich für alle ihre ſußen und ſchmeichleriſchen Bemerkungen in Betreff der Zlichen Niederlaſſung der jungen Leute. Sie ver⸗ hte ſeinen Lippen nur das einzige Wort auszupreſ⸗ „Proſit, meine gnädige Frau Kommerzienräthin!“— ie Frau war in Verzweiflung, und gab endlich das Zeichen zum Aufbruch, worauf die Geſellſchaft aus einander ging. 2. 3 Der Profeſſor und ſein Neffe. Kapitän Ferdinand fuhr mit ſeinem Onkel nach Hauſe.—„Meine Nachtruhe iſt jetzt ſchon geſtört,“ ſagte der Profeſſor;„wir können alſo eben ſo gut auf⸗ bleiben, und eine Weile mit einander ſprechen, als hin zu liegen und jeder für ſich zu gähnen.“— Die Miene des Kapitäns zeugte von keiner großen Neigung, die⸗ ſen Vorſchlag anzunehmen; in ſeiner Stimme verſpürte man jedoch nichts davon, als er heiter antwortete: „Gerne, Onkel!“ 1 Es war dunkel; der Profeſſor konnte alſo nur hö⸗ ren und nicht ſehen; man ſtieg jetzt aus dem Wagen, und trat in ein kleines Zimmer, wo alle Möbel und ſonſtigen Artikel ſo altmodiſch waren, daß man ſich in 1 . ach dt,“ luf⸗ hin ene die⸗ erte ete: hö⸗ en, und in 19 das verfloſſene Jahrhundert zurück verſetzt glaubte. Der alte Diener Larsſon ſetzte das Licht hin, und eine betagte Frau, die vieljährige Haushälterin des Pro⸗ feſſors, ordnete im Nachtkleide und halb ſchlafend einen kleinen Tiſch mit einer Bouteille Dünnbier, ein Paar Gläſern, dem Tabak und den Pfeifen; dann machte ſie ſich langſam hinaus und kam wieder mit des Pro⸗ feſſors Pantoffeln und Schlafrock. Als das Feſtkleid und die höchſt beſchwerlichen Stiefeln ausgezogen wa⸗ ren und das alte liebe wohlbekannte Gewand ſich warm und angenehm um den Leib ſchmiegte, da meinte unſer guter Profeſſor erſt wieder recht daheim zu ſein und winkte der Frau abzutreten, während er in dem beque⸗ men Lehnſtuhl Platz nahm. Inzwiſchen ſtand der Ka⸗ pitän am Fenſter und blickte zwiſchen den Gardinen in die ſchöne mondhelle Nacht hinaus. Sein Blick ver⸗ weilte lange und mit Rührung auf dem Eckhauſe am Ende der Straße, wo in früheren, heiteren Tagen Hilda Borgenſköld mit ihren Eltern gewohnt hatte. Ferdi⸗ nand ſeufzte tief und legte die brennend heiße Stirne an die gefrorenen Scheiben. „Was? wieder Seufzer?“ ſagte der Profeſſor, während er ſich zurecht ſetzte.„Laß das Vergangene ſein, mein lieber Neffe; es taugt nichts, die Wunde zu reiben, wenn man will, daß ſie heilen ſoll! komm her und ſetz' Dich, daß ich mit Dir über Deine An⸗ gelegenheiten reden kann.“— Der Kapitän trat heran und nahm an der andern Seite des Tiſchchens Platz; er blieb jedoch ſtill, und ſchien mit Ungeduld zu er⸗ warten, was ſein Oheim zu ſagen hatte. Der Profeſſor that einen tiefen Zug nach dem andern aus ſeiner Pfeife, nippte an dem Dünnbier und ſchlug die dürren Spindelbeine kreuzweiſe über⸗ einander. „Nun,“ ſprach er endlich,„ſie iſt ja ein ſehr lie⸗ bes Ding, das Bräutchen!“ „Ja, lieb, aber— kalt— kalt— wie wenn ihr Herz der Gefrierpunkt ſelbſt wäre.“„ * —— „Hm!“ ſagte der Profeſſor,„warum gab ſie Dir denn das Jawort, erkläre mir das?“ „Weil es mir geglückt iſt, ihr Achtung und Wohl⸗ wollen für mich einzuflößen, und weil ſie uͤberzeugt iſt, daß man nichts weiter nöthig hat, um glücklich zu ſein, nach den Begriffen wenigſtens, die ſie ſich von der ehelichen Glückſeligkeit gemacht hat.“ „Dann,“ fing der Profeſſor wieder an,„thut ſte nicht mehr für Dich, als ſie muß; und wie ich die Sachen anſehe, meine ich, ſollte das eine Erleichte⸗ rung für Dein Gewiſſen ſein; denn Deine Liebe iſt nicht weit her; die iſt offenbar bei Hilda Borgenſköld geblieben. Deßhalb mußt Du auch als ehrlicher Kerl nicht mehr einen Haufen ſolches Zeug heraus ſchwatzen, wie Du heute Abend thateſt, als ich in das Haus des mmerzienraths kam; denn das beweiſt, daß Du im höchſten Grade doppelſinnig biſt; eine ſehr ſchlechte Eigenſchaft, und um ſo mehr bei einer ſo vom Zaune geriſſenen Gelegenheit, da Dich ja gar nichts zwang, mit Gefühlen Wind zu machen, die nur auf der Außen⸗ fläche Deiner Lippen liegen.“— „Das thun Sie eben eigentlich auch nicht, mein beſer Onkel, wandte der Kapitän ein;„ſie iſt für mich... 8 „O ſtillen unterbrach ihn der Profeſſor erzurnt; „ſie iſt nichts für Dich; für Dein Herz, meine ich. Wie kannſt Du es probiren, mir Sand in die Augen zu ſtreuen, da Du noch heute morgen wie ein lebens⸗ länglicher Gefangener um meine Einwilligung zu Dei⸗ ner Verbindung mit Hilda bettelteſt, wobei es ſich ganz von ſelbſt verſtand, daß ich das Vergnügen haben ſollte, die jungen Herrſchaften auszuſtatten? Wäre ich ſchwach genug geweſen, Ja dazu zu ſagen, ſo wäreſt Du mit Hintanſetzung aller Ehre und alles Zart⸗ gefühls ſogleich zum Kommerzienrath geflogen, um ihm ſein Verſprechen zurückzugeben. Pfui, Ferdinand! ein ſolches Benehmen iſt unmännlich und ſchlecht. Du verheiratheſt Dich mit dem Mädchen, weil Du dadurch 21 die Ausſicht bekommſt, ein Vermögen durchbringen zu können, da das knappe Taſchengeld des Oheims und die bisher eben ſo knappe Gage nicht hinreichen wollen, um Pferde und Hunde zu halten, und die Nacht an dem verdammten Spieltiſche zu durchſchwärmen. Und während ich doch das Alles ſo gut weiß, als Du ſelbſt, willſt Du mir von Gefühlen für das herzliebe Mäd⸗ chen vorſchwatzen, die Du nichſt beſitzeſt. Ich bitte Dich, komme mir nicht mehr mit ſolchen Sachen, denn ich weiß Roſa richtig zu beurtheilen. Gott gebe, daß Du ſie ebenſo werth wäreſt, wie Du es nicht biſt!“. „Aber, mein lieber Onkel,“ ſagte der Kapitän, nich betheure Ihnen, daß es von meiner Seite keine Heuchelei iſt. Es gab Augenblicke, und ſie waren nicht ſo ſelten, wo ich fühlte, daß Roſa meinem Herzen eben ſo theuer werden konnte, wie es Hilda war und leider noch iſt; aber ihre unerſchütterliche Kälte, oder wie ich es nennen ſoll, ihre freundliche Ruhe, kühlt das wärmere Gefühl ab, und dazu trägt auch die nagende Erinnerung und der Vorwurf bei, daß ich freiwillig die Hoffnung auf Hilda's Herz aufgab, weil Sie, mein Onkel— O verzeihen Sie meiner Aufrichtigkeit— Ihre Hand abzogen. Ich ſah ein, und bewies mir ſelbſt mit überzeugenden Gründen, daß Hilda und ich nicht von Luft leben konnten. Ich zog mich daher von der zurück, die ich liebte, und näherte mich Roſa mit dem Vorſatz, alles Mögliche zu thun, um ihr zu ge⸗ fallen. Es iſt freilich nicht zu beſtreiten, daß die Be⸗ weggründe meiner Handlungsweiſe eigennützig waren, aber was ſollte ich thun? hatte ich eine andere Wahl, da der Oheim unbeweglich war. Denn Hilda durch die Verbindung mit einem Manne, der eben ſo arm geweſen wäre als ſie ſelbſt, in ein grenzenloſes Elend zu ſtürzen, das vermochte ich nicht. Eben ſo wenig konnte ich ihr Bild aus meinem Herzen oder mein We⸗ ſen von ihrer Seite reißen, ſo lang ich frei war. lauben Sie mir, Onkel, es war ein ſchwerer Kampf ———— 1 1 3 4 3 5 3 2 —— — — —ᷣ—:—xx:n f täns ließ der Profeſſor nur ſein gewöhnliches:„hm!“ 22 zwiſchen meinen Gefühlen und meiner Vernunft; aber wir mußten uns trennen. Ich freite, bekam das Ja⸗ wort, und ging träumend als ein verlobter Mann von Roſa, meiner Braut, zu Hilda. Sie wußte noch nichts; nur das Gerücht ſprach da und dort von meinen häu⸗ figen Beſuchen in dem Hauſe des reichen Großhänd⸗ lers, und von meiner Bewerbung um die ſchöne Roſa. Hilda hatte nicht darauf gehört, ſie konnte ſo was nicht glauben. Ach, Onkel, das war doch die bitterſte Stunde meines Lebens! Ich ſagte ihr Alles: daß wir uns trennen müßten, ohne Hoffnung, je vereinigt zu werden; und— daß ich mit einer Andern verlobt ſei. Mein Herz ſchaudert noch bei der Erinnerung an den verächtlichen Blick, den ſie mir zuwarf; aber ſie ſprach kein Wort, ſie war bleich, bleich wie der Tod. Nach einer quälenden Pauſe von einigen Minuten ſtand ſie auf, nahm ſtolz Abſchied, indem ſie mit einigen kalten Worten mir Glück wünſchte, und entfernte ſich. Da⸗ mals, ſchon damals ſtellte ſich die bittere Reue ein; ich hätte gerne wieder Alles rückgängig gemacht. Ich ließ ſte um eine Unterredung bitten; ſie ſchlug es ab. Ich ſchrieb ihr; ſie ſchickte den Brief unerbrochen zurück. Ich flehte Sie an, mein Onkel, ein verſöhnendes Wort an die arme Tante Borgenſköld zu richten. Alles war vergebens, es blieb mir nichts mehr übrig, als mich mit ſo viel Geduld als möglich in das Schickſal zu ergeben, das ich mir ſelbſt geſchaffen hatte. Wenn Roſa mich nur ſo liebte, wie ich weiß, daß Hilda es that, und wenn die Mitgift, die ſie mir bringt, ſo glänzend wird, wie man es von dem reichen Kommer⸗ zienrath hoffen kann,— ſo— muß ich verſuchen, meine Jugendträume zu vergeſſen. Sie taugen in Wahr⸗ heit durchaus nichts für einen ſo armen Teufel wie ich bin, der mit Händen und Füßen arbeiten muß, um ſich oben erhalten und mit dem Strome gehen zu können. Als Antwort auf dieſen langen Erguß des Kapi⸗ 4 1 ————.————————„————,———,——— aber . Ja⸗ von ichts; häu⸗ händ⸗ Roſa. was terſte wir gt zu t ſei. den 23 hoͤren, das von einem leichten Kopfſchütteln begleitet war. „Der Herr Onkel ſcheinen meine Anſichten nicht zu billigen?“ bemerkte Ferdinand. „Nein, in Wahrheit, mein lieber Neffe, ich bil⸗ lige ſie nicht ſonderlich. Deine Anſichten und Grund⸗ ſätze ſind etwas elaſtiſch, ſie ſtrecken ſich, wie Du es eben haben willſt. Ueberdieß haben ſie nur einen ein⸗ zigen Stützpunkt, von wo ſie ausgehen, und um den ſie ſich drehen, nämlich die Kunſt, auf der Oberfläche des feinen Weltlebens zu ſchwimmen, und dieß auf eine Art, die nicht im geringſten Verhältniß mit Dei⸗ nen Einkünften ſteht. Wenn man ſich nur durch die Menge Brandungen hindurchzuwinden verſteht, an welchen die Leute ſonſt nicht ſo ſelten umzuſchlagen pflegen, gleichviel dann, wie es geſchieht. Aber wenn meine alten Augen ihre frühere Schärfe nicht ganz und gar verloren haben, ſo wirſt Du wahrſcheinlich, um irgend einem geahnten, baldigen Umſchlagen zu entgehen, auf eine oder die andere Art zu Geld kom⸗ men müſſen. Und da der Onkel nicht mehr als die Akkordsſumme vorſchießen wollte, ſo erforderte es die Noth, ſich über Hals und Kopf in den Eheſtand zu werfen. Wünſche jedoch von ganzem Herzen, daß Du nicht unterwegs den Hals brechen mögeſt. Es iſt mir aber etwas ſonderbar vorgekommen, daß der ſchwere, reiche Großhändler ſo ſchnell bereit war, die Hand ſeiner ſchönen Tochter einem armen Kapitän zu ver⸗ ſprechen, auf deſſen Patent die Tinte kaum trocken ge⸗ worden iſt.— Hm, hml ich habs viele Dinge in der Welt erlebt, habe noch vermöglichere Häuſer falliren ſehen, und die Winke da wegen der Etablirung der jungen Leute und ſo weiter gefielen mir gar nicht; denn es iſt gewiß, daß Du nicht einen Heller mehr von mir bekommſt, als die ausgeſetzte Akkordsſumme. Dieſe war meiner Seel' recht hübſch, meine ich.“ Der Kapitän ſaß finſter da und hörte die nicht ſehr tröſt⸗ lichen Bemerkungen an, die der Profeſſor auftiſchte. Seine Wangen wurden bald roth, bald blaß; denn der Onkel hatte wirklich bei verſchiedenen Gelegenheiten den Nagel auf den Kopf getroffen. Das Schlimmſte war jedoch die hingeworfene Vermuthung oder vielmehr die Anmerkung wegen— er wagte es kaum, dieſe Möglich⸗ keit in ſeinem Geiſte auszuſprechen— wegen eines Fulein ls beim Kommerzienrath. Das wäre zu ent⸗ etzlich. b„Hat der Herr Onkel..“ ſtammelte er endlich. „Nicht den geringſten wirklichen Argwohn,“ fiel der Profeſſor ein, der wohl merkte, wohin Ferdinand zielte.„Es kommt mir nur vor, als ob irgend ein Sturm herannahe oder wenigſtens nicht ſehr entfernt ſei. Viel⸗ leicht täuſche ich mich! doch ich habe meiner Lebtage einen ſtarken Geruch in dergleichen Dingen gehabt. Wäre ich im Hauſe geweſen, ehe Du, ohne mir die Ehre einer Be⸗ fragung anzuthun, hinliefſt und um das Mädchen freiteſt, ſo würde ich Dir beſtimmt, ja ganz nachdrücklich ab⸗ gerathen haben. Aber es iſt unwürdig, den Muth zu verlieren, wenn man in die Falle gerathen iſt. Viel⸗ leicht wird es ihm möglich, wenigſtens die Mitgift ſei⸗ ner Tochter zu retten. Du mußt genau darauf Acht haben, wie ſich die Sachen geſtalten werden; Verlobung iſt noch nicht Hochzeit! Sei nur vorſichtig und verhalte Dich ſo lange ruhig. Es iſt ja möglich, daß das Uebel nur in meiner Einbildung liegt; ich habe immer die Schwachheit gehabt, die Dinge von der ſchlimmſten Seite anzuſehen. Aber es wird ſpät, mein lieber Ferdinand; wir müſſen uns für heute Nacht trennen.“ Schweigend reichte der Kapitän ſeinem Onkel die Hand, und bot ihm eine kaum hörbare Gutenacht. Auf ſeinem Zimmer angekommen, warf er ſich auf eine Art in den Sopha, die eben nicht von ruhigen Gemüthsbe⸗ wegungen zeugte. Der Bediente trat ein, um ihm beim Auskleiden zu helfen. Sobald der Uniformsfrack aus⸗ ezogen, die Kravatte geöffnet und ein paar Gläſer ge⸗ eert waren, antwortete der Herr auf die Frage ſeines ſonſt vertrauten Dieners, ob der Herr Kapitän noch 25 etwas befehle, in höchſt verdrießlichem Ton:„Geh' zum Teufel, und laß mich in Frieden!“ Der Bediente ſchloß eilig die Thüre, und nachdem der Kapitän einige Gäͤnge durch das Zimmer gemacht hatte, ſetzte er ſich an den Schreibtiſch, legte ein Blatt Papier zuſammen, ergriff die Feder und ſchrieb folgenden Brief an einen ſeiner vielen Freunde, einen gewiſſen Auditor T— „Mein Bruder! Ich grüble ſo ſehr über die verwünſchte Geſchichte nach, daß ich närriſch werden könnte, und ich fürchte nicht ohne Grund, mich in einer bedeutenden Schlinge gefangen zu haben, als ich durch einen raſchen und küh⸗ nen Schritt mich aus allen Schwierigkeiten herauszu⸗ ziehen hoffte. Höre, mein lieber Karl Guſtav! im Fall Du mir Glück wünſchen willſt, ſo ſteht es Dir frei, ob⸗ wohl ich glaube, es wäre beſſer, auf Beileidsbezeugun⸗ gen zu denken; doch gleichviel, thue, wie Dir beliebt. Heute Abend iſt meine Verlobung mit Roſa Widen bei einem glänzenden Balle veröffentlicht worden; und das Herz von Hilda's Bild, den Kopf aber von jener un⸗ glückſeligen Nacht, der Schuldverpflichtung und jenem alten Fuchs, dem Indenhund, erfüllt, der nicht vernünf⸗ tig mit ſich ſprechen laſſen will, ſpielte ich— kannſt Du das Peinliche meiner Lage begreifen— ſpielte ich bei meiner ſchönen Braut den entzückten, glückſeligen Lieb⸗ haber, und ſie war ſo kalt, ſo eiskalt, daß ich meine Artigkeiten nie zweckloſer verſchwendet habe! Aber damit nicht genug, nicht genug, daß ich Hilda's Abſcheu in jedem Blick, in jeder Bewegung las; zum Uebermaß alles dieſes mußte ich eine Predigt von meinem alten, geizigen, langweiligen, hochgeehrten Herrn Onkel aushalten, wobei ich bald ſchwitzte, bald fror. Und endlich, um mich ganz toll zu machen, kommt er mit den beſeſſenſten Prophe⸗ zeiungen daher, von— Denke Dir nur— von dem mög⸗ lichen Sturze des Kommerzienraths. Hier ſitze ich nun, und ſchreibe, um mich abzukühlen; aber mein Kopf brennt und Alles geht darin um und um. Wohl ſagen meine Vertrauten unter den Kameraden,— aber der Troſt iſt klein— daß es mit mir nicht ſchlimmer ſtehe, als mit manchem andern armen Teuſel, der eben ſo ſchlimm in der Klemme geweſen, und doch mit ganz heiler Haut davon gekommen ſei. Bis jetzt hatte ich jedoch wenigſtens äußerlich das Anſehen eines Mannes von un⸗ befleckter Ehre. Dieſes unſchätzbare Kleinod aber außen zu laſſen, wenn meine Perſon einen Umzug nach der Feſtung machen muß, iſt doch ein ganz verflucht unbehaglicher Gedanke! Und die Schande! die Schande! Werde ich dann einmal wieder frei, ſo kann ich den Leuten nie wieder in's Geſicht ſehen; und was wird mein Onkel, meine Braut, was werden meine künftigen Schwieger⸗ eltern und endlich Hilda davon denken und ſagen? mich mit Einem Munde verdammen; das iſt das Beſte und Leichteſte, damit iſt man von Allem getrennt. Nein, nein, das darf nicht geſchehen, das kann nicht geſchehen! Auf irgend eine Art muß ich ihm zuvorkommen. Doch — welche Thorheiten habe ich hier niedergeſchrieben! dachte ich denn nicht daran, daß ich meinen letzten Brief an Dich zerriß, anſtatt ihn auf die Poſt zu ſchicken, und daß Du folglich nichts Anderes weißt, als was Du immer gewußt haſt, daß ich ein verwegener Burſche, ein Roué bin, der unter der Maske des gebildeten und feinen Geſellſchaftstones manchen Zug verbarg, der ſich nur in dem vertraulichen Kreiſe von gleichgeſtimmten Brüdern zeigen durfte! Nun, ſo höre denn in Kürze, mein lieber Karl Guſtav, eine Schilderung der Urſachen, die mich aus einem heitern und angenehmen Manne der Geſellſchaft zu einem ſchwindſüchtigen, ängſtlichen, grü⸗ belnden Menſchen gemacht haben, deſſen Fröhlichkeit nur eine Frucht ſeiner Verſtellungskunſt iſt. Vor ungefähr zwei Monaten empfing ich von mei⸗ nem Onkel— beiläufig geſagt, Gott ſei ſeiner Seele — gnädig, und laſſe ſie bald mit den Engeln im Paradieſe ſich freuen!— die Akkordsſumme für meine Beförde⸗ rung zum Kapitän nebſt einer zahlloſen Menge gütiger und väterlicher Ermahnungen. Dabei gelobte ich ihm 4 27 ganz ernſthaft, ſo lang ich lebte, ihm nie wieder, weder im Kleinen, noch im Großen, mit irgend einer Art Bitte beſchwerlich fallen zu wollen; denn jetzt hätte ich einen Gehalt, der bei einem vernünftigen Haushalt hinrei⸗ chend ſei, um nach und nach die Schulden zu bezah⸗ len, die ich während meines Fähndrichs⸗ und Lieute⸗ nantslebens auf mich geladen habe, und ſei noch dazu im Stande, alle meine Ausgaben zu beſtreiten. Er ſolle mir glauben, ich würde jetzt ein geſetzter und ordent⸗ licher Mann werden, ſo daß er an mir und ſeinem Geld eine Ehre erlebte. Das Alles gelobte ich, und hatte dießmal auch im Sinne, mein Wort zu halten, denn mein Herz war von Hilda und dem Bilde der häus⸗ lichen Gluͤckſeligkeit mit ihr erfüllt; aber mit dem be⸗ ſten Willen iſt man nicht im Stande, dieſelben Gedan⸗ ken beizubehalten, wenn die Umſtände ſich ändern und der Verſucher erſcheint. Ich reiste zur Stadt ab, um dort die Sache mit den Vorgeſetzten abzumachen. Nun mußt Du wiſſen, daß ich bei meiner Abreiſe keinen Schilling mehr beſaß, als der Alte für unumgänglich nöthig zu meinem Reiſegeld hin und her und dem knap⸗ pen Unterhalt von ein paar Tagen an Ort und Stelle berechnet hatte. An demſelben Abend, als ich ankam, hatten einige Officiere, meine alten Bekannten, die Ar⸗ tigkeit, ein kleines Bacchusfeſt im Hickariſchen Hotel zu veranſtalten. Nachdem wir zuerſt gründlich getrun⸗ ken und gelärmt hatten, und ſehr heiter geworden wa⸗ ren, ſchlug man ein Spiel vor. Um des verdammten falſchen Ehrgefühls willen glaubte ich meine Theilnahme daran nicht verweigern zu können, obwohl ich hörte, daß man hoch zu ſpielen beabſichtigte, und ich doch kei⸗ nen halben Schilling aufzuopfern hatte. Aber wie hätte ich einen ſolchen Weigerungsgrund angeben können? Ich machte zwar einige Einwendungen, daß ich die Luſt daran verloren habe u. ſ. w., aber darauf hörte Niemand und wollte Niemand hören, und der Böſe bekam wie immer, ſo auch jetzt die Oberhand. Das Spiel, das Spiel! Bruder, Du weißt, in wie ſ 1— viele und große Nöthen mich mein Unglück gebracht al hat, und ehrlich ließ ich dieſe Alle an meinem geiſtigen au uge vorübergehen, während ſich die Hand mechaniſch vo der Bruſttaſche näherte, wo die Akkordsſumme lag. Das we verdammte Geld brannte mich wie Feuer, und die Be⸗ all gierde, am Spiel Theil zu nehmen, brachte noch etwas 31 Anderes, als Blut in meine Adern. Ich war wie ver⸗ Ke hext, und unterhandelte ſo in größter Haſt mit dem vo Advokaten meines Onkels, meinem elaſtiſchen Gewiſſen. Pi Nun, und dann, mein Bruder! Du weißt zum Voraus, ich daß dieſes kapitulirte, und ich kam mit ihm überein, Gl wir ſollten höchſtens fünfzig Reichsthaler opfern. Es zw war ja noch lange bis den andern Tag um 12 Uhr, kar bis dorthin würde wohl noch Rath; und dabei wandte Ve ich mich vorſichtig zur Seite, und holte meine fünfzig ben Reichsthaler heraus. Nun ſetzte man ſich in Ordnung. es Ich war in der beſten Laune; denn jetzt wie immer hatte end ich die Schwachbeit, mir vorzuſtellen, das Glück würde Zir mir einmal günſtig ſein! Aber mein verdammtes altes geg Unheil leiſtete mir treulich Geſellſchaft. Der eine Zehn⸗ thalerſchein nach dem andern verſchwand wie vom Winde entführt. Ich hielt den letzten in der Hand.„Halt ein! halt ein!“ rief laut der Geſandte des Profeſſors in mir. „Nein, nein!“ entgegnete ich;„nicht eher, als bis die beſtimmte Summe beim Teufel iſt, oder dieſe das Ver⸗ lorene wieder hereingebracht hat.“— Ich ſpielte, ſpielte, und verlor; es ward mir heiß und kalt. Endlich wurde der letzte Satz aufgelegt. Ich konnte kaum athmen. Endlich gewann ich doch einmal; der ganze Einſatz betrug fünfzig Reichsthaler. Mit der äußerſten Mühe b Aber, mein lieber Karl Guſtav, wozu dient es, daß ich Dir, der Du in ſolchen Dingen ſo wohl bewandert biſt, 29 all die ſchrecklichen Gefühle und Kämpfe dieſer Nacht aufzähle? Unter der Geſellſchaft waren einige Spieler von Profeſſion. Wir— denn ich glaube faſt, daß ich wenigſtens damals nicht beſſer war als ſie— blieben allein am Tiſche zurück; die Andern ſtanden als ſtumme Zuſchauer mit geſpannten Blicken um uns her. Mein Kopf war von dem vorausgegangenen ſtarken Trinken, von der Hitze, dem Tabakrauch, und dem Dunſte des Punſches verwirrt. Ich war wie in einem Rauſch, denn ich gewann ununterbrochen, aber ſchnell wandte ſich das Glück, und ich verlor außer dem ganzen Gewinn noch zweihundert Reichsthaler Banko; mehrere meiner Be⸗ kannten ſuchten mich jetzt zu überreden, ich ſolle aufhören. Vergebens! Eine wahre Wuth hatte ſich meiner Seele bemäͤchtigt, ich ſchlug gerad' oder ungerade vor, hielt es und verlor einmal nach dem andern, bis man mich endlich mit Gewalt von dem Spieltiſche fort auf mein Zimmer ſchleppte; ſonſt wäre jeder Stüber zum Teufel gegangen, denn ich wußte nicht mehr, was ich that. Die nächſte Stunde, die darauf folgte, verbrachte ich in einer Art ohnmächtiger Betäubung, die nach der überreizten Seelenſpannung, die ich ausgeſtanden hatte, ſo natürlich war. Doch nachher begann es in meinem Kopfe heller zu werden, und ich erwachte zu allen ſchauerlichen Qualen der Wirklichkeit. O welch' ein Erwachen! Du kannſt Dir davon keinen deutlichen Be⸗ griff machen. Mein Verluſt betrug gerade ſiebenhundert Reichsthaler Banko! Als ich eben mit der Berechnung des Reſtes der Summe fertig war, ſchlug es acht Uhr. Himmel und Hölle! um zwölf Uhr ſollte ich mich bei den Vorgeſetzten einfinden, um den Akkord abzuſchließen. Mein armer Kopf ſchwindelte; es hämmerte fürchterlich darin; ich war nahe daran, ein Narr zu werden, ſam⸗ melte jedoch endlich meine zerſtreuten Sinne ſo weit, daß ich dem Rath einiger guten Freunde folgen konnte, auf deren Verſchwiegenheit ich rechnen durfte und mit denen ich mich zu dem getauften Iudenkaufmann S— begab und dieſem in Kürze mein Anliegen vortrug, dieſe Summe von ihm zu entlehnen. Nachdem der verfluchte Kerl eine ganze Stunde meiner koſtbaren Zeit in Jeremiaden über die Unzuverläſſigkeit der Bürgſchaft ſo junger Herren und die noch weit größere Bedenk⸗ lichkeit, ihnen etwas zu leihen, hingebracht hatte, ge⸗ dieh die Sache endlich ſo weit, daß ich die ſiebenhun⸗ dert Reichsthaler Banko gegen eine geſetzliche Rente auf vier Monate erhielt; und nachdem jede erdenkliche Formalität vorgenommen, und der Abzug eines kleinen hübſchen Profites beſtimmt war, ſtrich ich endlich das Geld in die Taſche. Als ich ſchon unter der Thüre war, gab er mir noch zum Abſchied die freundliche Verſicherung, daß wenn ich nur drei oder vier Tage über die beſtimmte Zeit zögern ſollte, er die Mittel er⸗ greifen würde, die er für die dienlichſten halte, um ſich ſeines Geldes oder meiner Perſon zu verſichern; denn er hoffe, die jungen Herren, denen er aus reinem Wohl⸗ wollen diene, überzeugt zu haben, daß er keinen Spaß in ernſten Dingen verſtehe. Endlich wurde ich den Satan los und reiste noch denſelben Abend aus der Stadt, mein Kapitänspatent in der Taſche, aber den Kopf und das Herz voll Kummer. Was war jetzt zu thun? Du weißt, daß ich Hilda, meine reizende Couſine, von ganzer Seele liebte; aber für die Unruhe, die mich quälte, gab es keine Hülfe, da der Profeſſor ſowohl auf ſeinen Halbbruder, den alten Nar⸗ ren, als auf deſſen Frau ſo ſehr erbittert iſt, daß er mir ſchon vor mehreren Monaten beſtimmt verbot, an eine Verbindung mit Hilda zu denken, wenn ich damit die Hoffnung verbände, daß er ſeine Nichte ausſteuern werde, und wenn der Alte ſagt, daß aus Etwas nichts werde, ſo kann man ſich eben ſo feſt darauf verlaſſen, daß er auch Wort hält, als wenn man eine ſchriftliche Verſiche⸗ rung in beſter Form darüber erhalten hätte. Alles das war mir während der Hinreiſe nur als ein leichter Schat⸗ ten vorgekommen, der den entfernteren ſchimmernden Him⸗ mel nur um ſo klarer heraushob; aber auf dem Heimweg hatte die Sache eine andere Färbung bekommen. Die e.—-————— Jo— oO————.———1—0—89—9 D 8ADA xeᷣ 8-8ENu ◻ 5K§ ͤææ 1S8SunSR 31 Schatten hatten ſich merklich verlängert, alles war dun⸗ kel und kalt und nicht ein einziger klarer Fleck zeigte ſich am Himmel. Was half es alſo, gegen den Strom zu arbeiten? Ich ließ alle meine Luftſchlöſſer einſtürzen, und entwarf dafür einen Plan, den einzigen, der nach meinem Bedünken mir eine Rettung aus dieſer tiefen Noth verſprach, den Plan nämlich, um die ſchöne und liebenswürdige Roſa Widen anzuhalten; denn Du mußt wiſſen, mein Bruder, ſeit meine übrigen Gläubiger von der erwähnten Beförderung Wind bekommen haben, iſt es, als ob ihnen allen der Teufel in den Leib ge⸗ fahren wäre, und Anweiſungen auf meine Gage iſt das Einzige, womit ſie ſich beruhigen laſſen. Aber wie ſoll dieſe ausreichen, da ich auf alle Fälle leben muß; der armſelige Gehalt macht im Verhältniß zu all' Denen, die einen Antheil daran bekommen ſollen, nur einen Tropfen im Meer aus— nein, auf meine Ehre! rief ich, als ich dieſes im Wagen überdachte, ich muß mich verheirathen, um Alles auf eine ehrenhafte Weiſe in Ordnung zu bringen. Roſa iſt ein ausgezeichnet liebes und angenehmes Mädchen; will ſie mich haben, ſo habe ich mich nicht lange zu bedenken, da ich dann gewiß bin, eine dem Vermögen des Kommerzienraths entſprechende Mitgift zu erhalten.— Als ich in Folge dieſes Be⸗ ſchluſſes ungefähr ſechs Wochen lang meiner ſchönen künftigen Braut meine Aufwartung gemacht hatte, und beſtändig auf eine Art empfangen worden war, welche, wenn ſie auch keine beſtimmte Hoffnung gab, doch keines⸗ wegs das Gegentheil verrieth, erlaubte mir meine Zeit nicht, die Hauptſache länger aufzuſchieben. Ich hielt es auf alle Fälle für das Beſte, zuerſt dem Kommerzienrath den Puls zu fühlen, oder wie man ſagt, zu ſondiren. Nachdem ich eines Nachmittags, als wir allein waren, hin und her manöverirt hatte und es mir ſchien, als ob er mich begriffen habe, rückte ich endlich mit meinem An⸗ trag heraus. Nachdem der Kommerzienrath eine Zeitlang in tiefem Schweigen verharrt hatte, begann er ſeine Ant⸗ wort mit der Hoffnung— was ich in aller Stille ohne irgend einen Widerſpruch geſchehen ließ— daß mein werther Herr Onkel edelmuͤthig und gutdenkend ſein würde, um mir auf einen etwas feſteren Grund zu helfen, was er übrigens ſchon aus der vorgeſtreckten Akkordsſumme ſchließen könne.— Es ſei gewiß nicht denkbar, daß ein Mann von ſo edler Denkungsart, wie der Profeſſor Ling, etwas nur halb thun würde. Und da es ihm überdieß ſeit lange bekannt ſei, wie tief und innig ich ſeine Tochter liebe, ſo wolle er mir ihre Hand nicht verweigern, ſofern ich ihre Zuſtimmung erhalten könne, wovon ich mir, wann es mir nur immer beliebte, die Gewißheit verſchaffen möge. Am folgenden Tag machte ich Roſa meine Auf⸗ wartung. Der Himmel weiß, woher ich alle die ſchönen Worte nahm, die ich ſprach; aber ſie ſchien wirklich ein wenig gerührt und bat mich, am nächſten Abend wieder zu kummen, wo ſie mir eine entſcheidende Antwort geben wollte. Weiter, mein lieber Karl Guſtav, hab' ich Dir nichts von der Sache zu erzählen. Ich erhielt das Ja⸗ wort in Gegenwart der Kommerzienräthin, und ging halb träumend hinweg. Was darauf folgte, will ich nicht beſchreiben, denn ſo leichtſinnig ich auch bin, ſo liebe ich doch Hilda von ganzem Herzen, und nur die eiſerne Hand der Nothwendigkeit vermochte mich, ihr zu entſagen. Schon vor acht Tagen ſchrieb ich an meinen Bären in*rm, benachrichtigte ihn von meiner reichen Verbindung und bat ihn zugleich auf das Beweglichſte, gegen eine weitere kleine Vergütung noch zwei Monate zu denen hinzuzufügen, die noch bis zur Verfallzeit vor⸗ handen waren, da es mir etwas ſchwer falle, Verlobung, Hochzeit und Mitgift ſo ſchnell in Ordnung zu bringen. Aber heute Abend, eine Stunde vorher, ehe ich mich zum Feſte begab, lief eine Antwort ein, die das kälteſte Blut zum Sieden bringen konnte. Auf den Tag hin, keine Stunde ſpäter, müſſe das Geld wieder in ſeinen Händen ſein, oder—„der Herr Kapitän würde ent⸗ ſchuldigen, wenn ich ihm beſchwerlich fallen müßte.“ 33 Was iſt jetzt zu thun, bei einer ſo verzweifelten Lage der Dinge und eine ſchauerliche Kälte läuft durch meine Adern, wenn ich bedenke, daß der Profeſſor erfahren muß, ich habe 700 Reichsthaler Banko von der Akkords⸗ ſumme verſpielt. Es wäre nicht unmöglich, daß ich durch dieſen Streich des ganzen Erbes verluſtig ginge; denn der Alte iſt ſtrenge in ſeinen Grundſätzen, und ich weiß, daß ihn mein Leichtſinn höchlich erzürnt. Die Verheirathung iſt der einzige Strohhalm, wornach ich greifen kaun, um mich aufrecht zu halten; aber was für eine Hoffnung habe ich, dieſen Wunſch ſo bald ver⸗ wirklicht zu ſehen? Meinen Bitten und meiner warmen, heftigen Liebe gewährte man artig und freundlich, die Veröffentlichung der Verlobung; aber mit der Hochzeit könne man ſich nicht ſo übereilen, das hat man mir ſchon geſagt. Ich dagegen, der bei beiden Theilen vor Allem auf die Liebe zu meinen Gläubigern geſehen habe, muß nothwendig ganz anders denken; denn was die Ver⸗ lobung betrifft, ſo kann ſie mit einem kleinen Stück Fleiſch verglichen werden, das man zwiſchen einem Hau⸗ fen bellender Hunde aufhängt; die Hochzeit dagegen wird ein ganzer Ochſe werden, wobei ein Jeder ſeinen Hunger ſtillen kann.— Das Gleichniß iſt gerade nicht fein, aber ich bin, hol' mich der Teufel! nicht in der Laune, um unter Brüdern meine Worte in Marzipanformen zu gießen. Ich habe jetzt mein ganzes Herz erleichtert und glaube, daß ich nun etwas beſſer ſchlafen werde. Schreibe mir, ſo bald als möglich, mein lieber Karl Guſtav, und gib mir, wenn Du kannſt, einen guten Rath, wie man ſich benehmen muß, um einen Schwiegervater zur Hochzeit zu bewegen, ehe er ſelbſt will. Ich bedarf wahrhaftig eines Raths, erprobe deßhalb jetzt deine Er⸗ findungsgaben für Deinen getreuen Ferdinand Ling. Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. 3 P. S. Weißt Du, Bruder, daß es ſo verteufelt mit mir ſteht, daß ich genöthigt war, in der größten Stille meine braune Stute zu verſetzen, nur um meiner Braut heute ein kleines Präſent machen zu können? Und der Lohn für meine ganze Aufopferung war ein freundliches Schüt⸗ teln des reizenden Köpfchens und eine Ermahnung, ſolche Dinge künftig bleiben zu laſſen, da ſie deren genug habe. Es wird, bei meiner Seele! für die Zukunft kein Ueber⸗ fluß daran ſein, dachte ich. Derſelbe. 3. Der Kommerzienrath und die Kommerzien⸗ . räthin. Der Großhändler ſaß in der einen Ecke eines be⸗ quemen Sophas und trocknete mit anmuthiger Nachläſ⸗ ſigkeit die letzten Schweißtropfen nach dem mühevollen Geſchäft des Tages von ſeiner Stirne, während er da⸗ zwiſchen mit dem großen ſeidenen Taſchentuch zierlich über die rothen und vollen Rundungen ſeines Geſichtes fächelte. Seine Frau, in ein geſchmackvolles Nachtge⸗ wand gekleidet, ſaß in der andern Ecke, und war damit beſchäftigt eine Schaale Arznei zu verſchlucken, was mit dem großten Widerwillen zu geſchehen ſchien. „Ich glaube, es ſchmeckt Dir nicht ſehr?“ ſagte der Herr. 4 „Pfui, es iſt zu abſcheulich!“ antwortete die Kom⸗ merzienräthin und ſetzte die Schaale hinweg. 4 „Was hältſt Du vom Profeſſor, mein Schatz?“ fuhr der Kommerzienrath mit einer Miene fort, die zehn Fragzeichen enthielt. „Es iſt ein alter, ungeſchlachter Bär, der nicht die geringſte Lebensart, nicht einmal geſunden Menſchen⸗ verſtand beſitzt. Darf ich übrigens meine Gedanken hit über frei ausſprechen?“ haſt aufz aus dem möch nach habe — lege zuvi⸗ ſehr ſicht mack wenn zu S man liche Fral in d Vor⸗ daß geber darer vorh biſ mir reine zeute Lohn chüt⸗ olche habe. eber⸗ ten⸗ be⸗ hläſ⸗ ollen da⸗ rlich chtes htge⸗ amit mit ſagte dom⸗ fuhr zehn nicht chen⸗ hier⸗ 35 „Warum nicht, warum nicht, mein Schatz! Du haſt Talent, Du beſitzeſt das Vermögen, die Dinge klar aufzufaſſen; was haſt Du mir zu ſagen? ſprich frei her⸗ aus, liebe Brigitte Marie!“ ſagte der Großhändler in dem ſanfteſten Tone. „Nun wohl, mein lieber Widen! ich fürchte, Du möchteſt Dich diesmal bedeutend verrechnet haben; denn nach Allem, was ich herausbringen konnte— und ich habe mir wirklich viel Mühe gegeben, ihn auszuforſchen — wird er keine zwei Strohhalme für ſie über's Kreuz legen. Ich ſagte Dir gleich, daß Du die Sache mit all⸗ zuviel Eile, ja faſt mit einem Weſen, als ob ſie Dir ſehr angelegen ſei, betreibeſt. Du hätteſt zuerſt die An⸗ ſichten des Profeſſors hören und dann klar mit ihm aus⸗ machen ſollen, wie viel er ſeinem Neffen geben wolle, wenn die Verbindung zwiſchen ihm und unſerer Tochter zu Stande kommen ſolle. Dann hätte man gewußt, woran man iſt, ehe man zur Verlobung, wenigſtens zur öffent⸗ lichen Verlobung, geſchritten wäre.“ „Entſchuldige, mein Schatz,“ verſetzte der Groß⸗ händler mit nachdrücklichem Tone;„aber auf derlei Dinge verſteht ihr Frauenzimmer euch nicht. Männer von Pro⸗ feſſor Lings Charakter muß man mit Offenheit behandeln; dadurch ruft man auch die ihrige hervor. Ich bin gewiß, daß er dieſer Tage zu mir auf mein Comptoir kommt, und ſich die Erlaubniß ausbittet, mir den Plan mitthei⸗ len zu dürfen, den er bis dorthin entworfen hat.“ „Wir wollen ſehen, mein Widenchen,“ ſagte die Frau mit einem mißtrauiſchen Lächeln,„wer von uns in dieſer Sache am richtigſten urtheilt. Ich bin zum Voraus gewiß, daß er nicht kommt, und behaupte ferner, daß er wegen der ganzen Sache keinen Groſchen aus⸗ geben wird. Doch, mein Freund, mein lieber Widen. darein mußt Du Dich jetzt ſchon fügen, da Du Dich vorher nicht beſſer bedacht haſt; und Gott ſei Dank, Du biſt ja im Stande, Deiner Tochter eine Ausſteuer zu 3* 4 1 geben, welche die Hülfe des Profeſſors vor der Hand entbehrlich macht. Wenn der Alte ſtirbt, bekommen ſie doch Alles mit einander; wir brauchen uns daher im Ganzen nicht ſo ſehr darüber zu grämen.“ „Das verſtehſt Du nicht, mein Schatz,“ erwiederte der Kommerzienrath, und diesmal lag ſeiner Aeußerung vermuthlich mehr Wahrheit zu Grunde, als es ſonſt der Fall zu ſein pflegte, wenn er ſich derſelben bediente.— „Das verſtehſt Du nicht, liebe Brigitte Marie! gerade jetzt muß ich bei meinem künftigen Schwiegerſohn auf Vermögen ſehen; denn— denn kurzum— es iſt noth⸗ wendig...“ „Und warum nothwendig, lieber Widen? können ſie nicht im zweiten Stock unſeres Hauſes in der Südſtraße wohnen? und dann meine ich auch, daß ſie recht anſtän⸗ dig von der Kapitänsgage und der Rente des Kapitals leben können, das Du unſerer Tochter geben willſt?“ „Von dem Kapital, das ich geben will,“ ſprach der Kommerzienrath mit geſenkter Stimme,„könnten ſte gewiß leben, aber nicht ſo von der unbedeutenden Summe, die ich in Wirklichkeit der Ausſteuer meiner armen Roſa beilegen kann.“ „Ach, liebes Widenchen, wie Du mich erſchreckſt! ich konnte ja einen Nervenſchlag bekommen, wenn Du ſo unvorſichtig ſprichſt, was bringt Dich auf ſolche finſtere Gedanken, mein Freund?“ „Die wahrſcheinlichſte Möglichkeit, daß die Lage der Dinge vielleicht ſchon in ein Paar Monaten eine ſolche ſein wird,“ ſagte der Großhändler gedankenvoll, und lehnte ſich gegen die Sophakiſſen zurück, während ſeine Hand langſam über die Stirne fuhr, die jetzt von einer unheilverkündenden Wolke bedeckt war. Die Frau ſaß ſtumm; ſie verſtand nicht recht, was er mit all' dem ſagen wollte. Sie bebte davor, es zu verſtehen. „Kannſt Du denn glauben, Brigitte Marie?“ fuhr der Kommerzienrath fort,„daß ich, der ſo manche vor thei aus hab hätt thu⸗ den inde über thun tän tes! ſoll es ſ hafti lichen beſtir ande ſo iſt Zuſa in ſe vorzi die L ren. ihrer Achſe daß d deſſen iſt. Hand n ſie - im derte rung t der erade auf noth⸗ n ſie traße ſtän⸗ itals 77 prach n ſie ume, Roſa eckſt! Du ſtere der olche und ſeine einer ſaß agen fuhr vor⸗ 37 theilhafte Anträge, die unſerer Tochter gemacht wurden, ausſchlug, dieſen weit weniger glänzenden angenommen haben würde, wenn ich nicht die Nothwendigkeit eingeſehen hätte, ſie zu verſorgen, ſo lang ich noch etwas für ſie thun könnte, wobei ich jedoch, ich geſtehe es, ganz auf den Beiſtand des Profeſſors gerechnet habe? Sollte dies indeſſen fehlſchlagen, wovon ich mich auf irgend eine Art überzeugen muß, ſo iſt es beſſer, der Sache Einhalt zu thun, ſo lange es noch nicht zu ſpät iſt; denn der Kapi⸗ tän iſt arm wie eine Kirchenmaus, und ſitzt leider Got⸗ tes! bis über die Ohren in Schulden.“ „Aber um Gotteswillen, mein lieber Widen, was ſoll das Alles heißen? könnte es denn möglich ſein, daß es ſo ſchlimm ſtände, oder wollteſt Du nur meine Stand⸗ haftigkeit prüfen?“ „Beides,“ antwortete der Großhändler mit einem halb ſcherz⸗, halb ernſthaften Lächeln.„Wenn es gerade noch nicht ſo ſchlimm ſteht, wie ich eben ausgeſprochen habe, ſo liegt es doch auch nicht im Reiche der Unmög⸗ lichkeit, daß es mir gehen könnte, wie ſchon manchem Andern. Dies Jahr iſt ein ſchweres geweſen; ich habe große Verluſte erlitten, keine Speculation iſt geglückt, und mein Kaſſenbeſtand war noch nie in einer ſo erbärm⸗ lichen Lage. Inzwiſchen ſteht das Unglück noch nicht in beſtimmten Formen vor der Thüre; noch kann ſich Alles anders geſtalten; aber es mag nun gehen oder brechen, ſo iſt es durchaus nothwendig, ſo lange noch ein innerer Zuſammenhang da iſt, nicht die geringſte Veränderung in ſeinem Ton, in ſeinem Hauſe oder ſeiner Lebensweiſe vorzunehmen, ſondern den Kopf aufrecht zu halten, und die Leute ſo lange als möglich an der Naſe herumzufüh⸗ ren. Die Zeit kann bald genug eintreten, wo ſie ſich ihrerſeits für berechligt halten werden, uns über die Achſel anzuſehen. Du wirſt begreifen, mein lieber Schatz, daß das tiefſte Stillſchweigen, die äußerſte Geheimhaltung deſſen, was ich Dir nun anvertraut habe, von Nöthen iſt. Alles hängt davon ab, daß keine Gerüchte in Um⸗ meinem Weibe führte, da ich wohl weiß, daß ihr Scharf⸗ lauf kommen; denn ſollten gewiſſe Häuſer, mit denen ich auf große Geſchäfte habe, einen Wink darüber bekommen, gilt wie die Actien ſtehen, ſo wäre alles Knall und Fall als verloren. Deßhalb nie ein Wort von dem eben Beſpro⸗ gar chenen über Deine Lippen! vielleicht zerſtreuen ſich die ſchi gegenwärtigen Sorgen wie dunkle Wolken, und die Sonne ſeh lacht wieder freundlich und hell, und dann iſt es eine auf doppelte Wohlthat, wenn die ſchwatzſüchtigen Zungen keine grö Ahnung davon hatten, wie nahe wir an der Brandung beſt ſtanden, keine Ahnung von dem Gegenſtande einer Unter⸗ zu haltung, die ich nur in einer vertrauten Stunde mit— ſinn Mittel und Wege finden wird, um alle Späherblicke er hinter's Licht zu führen, und daß ihre Seelenſtärke ſich ſche nicht wird beugen laſſen, wenn ſie einmal auf eine ernſt⸗ hafte Probe geſetzt werden würde.“ 3 Jetzt hatte ſich der würdige Großhändler der Sache ben auf eine gute Art entledigt, und was iſt nicht die Schlau⸗ ſte heit für ein köſtliches Ding! Hätte er ſein Weib nicht mit ſo behandelt, ihre Eitelkeit ſo klug gekitzelt, und ihrer war Eigenliebe ſo geſchmeichelt, als er zu ihrem Gefühl auf feit eine Weiſe ſprach, die eine Perſon von dem Charakter deß der Kommerzienräthin entzücken mußte— denn dieſer heir beſtand aus einer Miſchung von Güte und Schwachheit woh — ſo würde dieſe Sache nicht ohne Ohnmachten, viel⸗ t. leicht nicht ohne Konvulſionen abgelaufen ſein. Aber auts jetzt war ſie auf das Zärtlichſte ergriffen, und weinte Pre deßhalb einige heiße und höchſt rührende Thränen. Dies ſoh war ein Tribut der Bewunderung, den die Frau Kom⸗ r merzienräthin ſich ſelbſt für die hohe Seelenſtärke und dri die edle großartige Verläugnung darbrachte, womit ſie dieſe Mittheilung anhörte.. „Ach!“ flüſterte ſie in dem zärtlichen, noch n ganz vergeſſenen Tone, womit ſie vor zwanzig Jahr eine andere Erklärung des Kommerzienraths beantwor hatte;„ach! Ehegatten müſſen ja Freud und Leid 1 len! Lieber Widen, mein theurer Alter, verlaß Dich — en ich nmen, Fall eſpro⸗ h die Sonne eine keine ndung Unter⸗ 2 mit charf⸗ blicke e ſich ernſt⸗ Sache chlau⸗ nicht ihrer l auf rakter dieſer chheit viel⸗ Aber veinte Dies Kom⸗ und it ſie nicht ahren vortet thei⸗ Dich 39 auf die Standhaftigkeit Deiner Brigitte Marie, wenn es gilt! Aber, lieber Widen,“ ſetzte ſie gleich darauf hinzu, als der Druck dieſer tiefen feierlichen Bewegung für ſie gar zu quälend wurde und ſie nöthigte, etwas Luft zu ſchöpfen,„wenn Du nur auch mehr nach Deinen Leuten ſehen würdeſt! Du hältſt ihnen den Daumen nicht recht auf's Auge. Gewiß haben Dir die Herren mehr und größere Streiche geſpielt, als Du glaubſt, denn, mein beſter Freund, Du biſt in der That in mancher Hinſicht zu nachläſſig.“ Der Kommerzienrath lächelte über den Eifer ſeiner Frau. Er wußte, daß dies ihr Steckenpferd war; aber er wußte auch, daß ſie nicht ſo ganz unrecht hatte; er ſchwieg alſo, und die Frau fuhr fort:„Was aber das Schweigen betrifft, ſo ſei verſichert, daß ich die Letzte bin, die eine Veränderung in unſerer Lebensweiſe zuge⸗ ben wird. Nicht einmal Roſa ſoll darum wiſſen; denn ſte könnte dann leicht den unbeſonnenen Entſchluß faſſen, mit dem Kapitän zu brechen, und daß das höchſt thöricht wäre, ſehe ich jetzt ſelbſt ein, mein liebes Widenchen, ſeitdem ich das wahre Verhältniß kenne. Nein, Herr Gott! laß ſie ſobald als möglich, je früher, deſto beſſer, einander heirathen, denn wenn es ganz ſchlecht geht, ſo wird doch wohl der Profeſſor ihnen helfen.“ „Nein, Brigitte Marie, hierin haſt Du unrecht,“ entgegnete der Kommerzienrath beſtimmt.„Wenn der Profeſſor ihnen nicht zum Voraus etwas ausſetzen will, ſo hilft es zu nichts, ſie in den Eheſtand zu verwickeln. Er und ich zuſammen können ſie ausſteuern; allein ver⸗ mag ich es nicht. Und ehe wir unſer Kind all den Wi⸗ drigkeiten und zahlloſen Unannehmlichkeiten ausſetzen, welche eine Verbindung mit einem armen Militär beglei⸗ ten, der glänzen ſoll und muß, wenn er auch von der dichteſten Finſterniß umgeben iſt, da laſſen wir lieber Gott für die Zukunft ſorgen und geben dem Kapitän ſeine Freiheit zurück. Roſa kann künftig wohl auch ohne Ver⸗ mögen eine gute Parthie machen. Inzwiſchen darf man ſich nicht übereilen. Wir wollen zuſehen, wie ſich die Sachen in der einen und andern Hinſicht geſtalten werden.“ „Ganz recht, mein Freund,“ verſetzte die Frau und ſtand auf;„dies iſt ein Gegenſtand, dem wir ein tiefes und reifes Nachdenken ſchenken müſſen. Parthien für arme Mädchen wachſen in unſeren Tagen nicht auf den Bäumen. Man muß wiſſen, was man thut, ehe man ſich zur Aenderung eines Schrittes verſteht, den man bereits gethan hat. Das iſt kein Spaß, und das Herz des Kapitäns muß wohl auch etwas in Betracht gezogen werden. Was Roſa betrifft, ſo begreife ich das Mädchen nicht. Ich glaube wahrhaftig, ſie hat kein Herz— das heißt für die Liebe,— denn ſo lang ich mich erinnern kann, hat ſie nie Einem von all denen, die ihr den Hof gemacht haben, das geringſte Zeichen von Neigung er⸗ wieſen. Ich denke daher, daß, was ſie betrifft, es nicht ſo ſchlimm ſein würde; aber um den armen Ferdinand thut es mir wahrhaftig leid. Seine Liebe zu Roſa iſt gar zu rührend; wahrhaftig das iſt ſie!“ „ Ja, ja, wir müſſen ſehen, was wir thun können,“ fiel der Großhändler ein und verließ ſeinen bequemen Platz auf dem Sopha.„Nun, wir wollen über die Sache ſchlafen, liebe Brigitte Marie!“ 4. Ein Blick in die innere Welt unſerer Heldin. Mit Erlaubniß unſeres Leſers ſteigen wir jetzt eine Treppe höher und treten in ein großes angenehmes Zim⸗ mer, wo Alles vorhanden iſt, was Pracht und Geſchmack vereinigt, zu Stande bringen können, um ein bezaubern⸗ des Ganzes zu bilden. In einem kleinen reizenden A kove ſtand das mit weißen Mouſſelin⸗Gardinen umgeben Bett; an deſſen Seite ein kleiner Tiſch mit ſchön ein gebundenen Büchern und einer hübſchen Glaslampe, d ren Licht ſeine matten aber ſchimmernden Strahlen au die lten und efes für den man man Herz ogen chen das nern Hof er⸗ nicht nand gar en,“ men ache din. eine zim⸗ nack ern⸗ Al⸗ bene ein⸗ de⸗ auf 41 die zarte, herrliche Geſtalt der jungen, holden Roſa warf. Sie ſaß vor dem Tiſch auf einem Tabouret. Das Ball⸗ kleid war ausgezogen, und nur das leichte weiße Unter⸗ gewand bedeckte noch die ſchönen üppigen Formen. Um die Schultern hatte ſie einen großen, rothen Shawl ge⸗ worfen, und die reichen, blonden Locken, befreit aus dem Gefängniſſe der Bänder, Kämme und Haarnadeln, hin⸗ gen in nachläſſiger Anmuth um Hals und Schultern. Es war ein außerordentlich liebliches und reizendes Bild. Den Kopf auf die Hand geſtützt, lehnte ſie ſich über den Tiſch, um in dem aufgeſchlagenen Buche zu leſen; aber in dem gedankenvollen Ausdruck ihres Auges, als ſie den Blick emporhob und ihn auf einen andern Gegenſtand heftete, lag Etwas, das jeden, der ſie in dieſem Augen⸗ blicke geſehen haben würde, überzeugt hätte, daß ihre Seele nicht dabei war, als ſie eine Seite nach der an⸗ dern durchlief, und immer wieder auf's Neue vornahm, um ſich zu beſſerer Aufmerkſamkeit zu zwingen. Ermüdet von dieſem fruchtloſen Bemühen, legte ſie endlich das Buch zuſammen, ließ die Hand auf das Knje, den Kopf gegen eine Schulter niederſinken, und ſo in ſtille, tiefe Betrachtungen verloren, ſchlich eine ganze Stunde für Roſa unbemerkt dahin. Endlich fuhr ſie heftig auf, als ob ſie aus einem ſeligen Traume zur kalten, unpoetiſchen Wirklichkeit erwachte. Das Buch war von ihren Knieen auf den Fußteppich hinab ge⸗ rutſcht; ſie beugte ſich nieder, hob es auf, und berührte es leicht mit ihren Lippen, als wollte ſie die Sünde ab⸗ bitten, die ſie an ihm begangen zu haben glaubte. Das Buch enthielt geiſtlichen Troſt, und Roſa's Herz war ein Tempel, wo die heiligen Engel alle Tage einkehrten; denn es war rein, rein wie ein Thautropfen. Langſam ſtand ſie jetzt auf, legte das Buch auf den Tiſch, putzte die erlöſchende Lampe, und ging dann an einen Schreib⸗ tiſch, woraus ſie ein Portefeuille nahm, das ſie mit tie⸗ fer Rührung betrachtete. Sie ſetzte ſich wieder, hielt das Portefeuille in der ausgeſtreckten Hand, und war ſichtlich unentſchloſſen, ob ſie es öffnen ſollte oder nicht. „Warum nicht?“ flüſterte ſie halb laut.„Noch einmal will ich ſie betrachten, und dann mag die Flamme ihre Farbenpracht zerſtören, wie auch in dem Herzen der Zeichnerin das friſche Leben bald vergehen wird. Mit ihnen zerreißt die erſte, einzige und letzte Seite, die mein Weſen mit ſo heiligen, ſo unvergleichbaren und ſo wenig mit der Erde verwandten Gefühlen durchbebte.“— Sie öffnete das Portefeuillchen und zog drei Gemälde daraus hervor, welche eben ſo viele Scenen aus der Vergangen⸗ heit vorſtellten, die ſie nach dem Gedächtniſſe gezeichnet hatte. Jetzt rollte ſie eines aus einander und hielt es gegen die Lampe. Wenn wir es nun wagen, über die Schulter unſerer Heldin einen Blick auf die Malerei zu werfen, ſo dürften wir etwas von der Idee ent⸗ decken, welche die Hand bei der Arbeit geleitet hatte. Schade, daß die Lampe nicht heller brennt; alles er⸗ ſcheint dunkel und undeutlich; doch das Bild ſcheint ein Zimmer vorzuſtellen, in welchem zwei Figuren ſich zeigen; die eine in der Mitte des Zimmers ſtützt ſich mit vor⸗ nehmer Nachläſſigkeit auf ein feines Rohr und betrachtet mit herablaſſender Freundlichkeit die andere, welche ihren Platz ein Paar Schritte von der Thüre entfernt hat. Dieſe Figur in ihrem ſchwarzen Kleide mit den bildſchönen Zügen, der edlen, ſtolzen Miene, welche ſich auch in der demüthigen Stellung ſo deutlich aus⸗ ſpricht, erkennen wir gleich als unſern Bekannten vom Feſte her. Man kann ſich hier nicht täuſchen, ſo getreu iſt das lebende Bild Franz Mannerſtedts wieder gege⸗ ben.— Die erſtere Geſtalt tritt nicht ſo deutlich her⸗ vor, oder hat Roſa vielleicht die Lampe mit Fleiß ſo geſtellt, daß ſie dunkel bleibt. Das wiſſen wir nicht mit Gewißheit; wir errathen deßhalb blos aus dem Aeußern und dem vornehmen Blick, daß wir noch einmal dem Kommerzienrath gute Nacht ſagen dürften. Im Hinter⸗ grunde des Zimmers erſcheint, zur Hälfte von den gro⸗ war ht. koch nme 43 ßen, herabgelaſſenen Vorhängen verborgen, eine jugend⸗ liche Geſtalt, in deren freundlichen, holden Zügen das reinſte Mitleid zu leſen iſt. Dies iſt offenbar die Zeich⸗ nerin ſelbſt, die ſittſame, liebliche Roſa. „Ach!“ ſeufzte das holde Kind, ſo, gerade ſo ſtand er dort an der Thüre, und mein Vater hatte das Herz, ihn ſo ſtehen zu laſſen, während er in einem Tone, den ich nie vergeſſen werde, die Frage ſtellte, ob der Herr Kommerzienrath einen Sprach⸗ oder Muſiklehrer für ſeine Kinder bedürfe. O noch röthen ſich meine Wangen vor Schaam, wenn ich daran denke, wie mein Vater ſein Anerbieten auf eine Art annahm, die deutlich bewies, daß er es aus Barmherzigkeit thue, obwohl er einen ge⸗ ſchickten Muſiklehrer für die Knaben geſucht hatte,— und ihm dann acht Schilling Banko für die Stunde anbot. Aus jedem dieſer ſeelenvollen und herrlichen Züge ſprach damals tief verwundetes Gefühl; aber die Geißel der Noth trieb ihn zu einer ſtummen Verbeugung.“ Sie ließ die Malerei auf ihr Knie niederſinken, und legte die kleine weiße Hand über die Augen. Was die beiden andern Gemälde vorſtellten, darüber bleiben wir im Dunkel; denn unſere Heldin nahm wieder ihre frü⸗ here, vorwärts gebeugte Stellung an, und beſchattete dadurch die Schätze, die ſie in ſo hohem Werthe hielt. Aber mit gutem Gewiſſen können wir aus Roſas Aeu⸗ ßerungen einen und den andern Schlußſatz ziehen.„Die kleinen Taſchenkrebſe!“ ſagte ſie, und ein herzliches Lä⸗ cheln ſchwebte um die reizenden Lippen;„wie jämmer⸗ lich ſehen ſie aus, mit ihrer Violine an dem kleinen roth geſchundenen Kinn. Ach!“— und jetzt bekam das Lächeln einen andern Ausdruck, der eben ſo ſüß als weh⸗ müthig war—„ach! ſo ſah ich ihn mit der hohen wei⸗ ßen, von einer leichten Ungeduld gerunzelten Stirne, als die kleinen Bierfiedler ſeine Ohren unbarmherzig plag⸗ ten, wie er den Fuß etwas erhob, um den Takt zu ſtampfen, und die Hand mit dem Geigenbogen aus⸗ ſtreckte und auf die Noten wies. Armer, armer Man⸗ — — —— — — nerſtedt!“ flüſterte ſie weit leiſer, als ſie die vorherge⸗ henden Worte ausgeſprochen hatte;„es iſt ein ſchweres, kümmerliches und undankbares Brod, das Du Dir er⸗ wirbſt. O mein Gott, wenn ich etwas für ihn zu thun wagte!— aber— nein, nein!— ich mage es nicht. Entweder würde ich ſeine ſtolze Seele kränken oder—— würde er einen Blick in den tiefſten Winkel meines Her⸗ zens werfen. Beides iſt unmöglich und darf nicht ge⸗ ſchehen.“ „Und an welche Stunde erinnert mich dieſes!“ be⸗ gann Roſa auf's Neue nach einem kurzen Schweigen, während ihre Hände das letzte Gemälde aufrollten. In⸗ dem ſie ſich darüber beugte, ſtrömten, ohne daß ſie es merkte, die Thränen darauf nieder, und befleckten die Zeichnung die ihrem Blick ſchon durch die Rührung un⸗ deutlich ward, welche in dieſem Augenblick ihre Seele beherrſchte. Roſas Lippen äußerten kein Wort über die Urſache des tiefen Gefühls, das ſich in ihren Zügen wie⸗ derſpiegelte; aber da wir es doch gerne wiſſen möchten, ſo wollen wir uns eben wo anders nach einer möglichen Aufklärung umſehen. In dem noch offenen Schreibtiſche liegt zu oberſt ein kleines Buch in grünem Maroquin⸗ band. Vielleicht daß es, wenn wir es öffnen, das Ge⸗ heimniß ausplaudert. Mit Erlaubniß des Leſers wollen wir verſuchen, aus Roſas Tagebuch zu leſen: „Den 29. September 1826, Abends. „O welch ein Tag! wie viel Schmerz und Seligkeit kann nicht in einem Menſchenherzen Platz finden! Doch dir, mein Gott, mein Vater, gehört das erſte warme Dankopfer meiner gerührten Seele! Dein allſehendes Auge blickte mit Liebe herab, und ſandte meinem jungen Leben in der ſchrecklichen, entſcheidenden Minute einen Retter. Nächſt dir, allmächtiger, hoher Lenker unſerer Schickſale, 4 gehört ihm die Dankbarkeit meines Herzens! ich muß dieſe ganze, an Leid und Freud' reiche Stunde noch ein⸗ mal durchgehen.— Ich wollte heute früh nach unſerem 6 kleinen Landſitze hinaus, um nach meinen Anlagen zu ſehen, die unſer neuer geſchickter Gärtner in Ordnung bringen und bepflanzen ſollte. Ich hatte dieſe kleine Tour ſo oft allein gemacht, da ich immer ein kindiſches Ver⸗ gnügen darin fand, den feurigen Klepper meines Vaters zu leiten. Es war alſo durchaus nicht die Rede von Ge⸗ fahr. Innig froh packte ich meine kleinen Bedürfniſſe für den Tag zuſammen, ſtieg in meine Droſchke und rollte fort, der Mama vergnügt zunickend, die am Fenſter ſtand und rief:„Nimm Dich in Acht, Roſa! halte die Zügel feſter!“— Ein paar Straßen lang ging es prächtig; aber an der Ecke der dritten gewahrte ich Mannerſtedt, der mit einigen Büchern unter dem Arm von einer Lektion heim kam. Ich weiß nicht, warum ich ihm nicht ſo un⸗ vermuthet begegnen konnte, ohne ein ſtarkes Herzklopfen zu empfinden. Ich wollte ihn nur ganz leicht begrüßen, als er vorbeiging; aber ſogar der Gedanke an eine ſolche Kleinigkeit, wie einen Gruß, nahm meine Sinne ſo ſehr in Anſpruch, daß ich die Aufmerkſamkeit auf die Bewe⸗ gung des Pferdes verlor. Kaum ſühlte dieſes die Zügel etwas loſer werden, als es vor einem zufälligen Gegen⸗ ſtande ſcheute, und gegen eine Quergaſſe losrannte, an deren Ecke ich unrettbar zerſchmettert wäre, wenn nicht Mannerſtedt ſchneller als der Blitz ſich hervorgeſtürzt und mit einer Stärke, die ihm nur Gott geben konnte, das Pferd ſo lange glücklich aufgehalten hätte, bis ich heraus⸗ ſprang. Aber nun war er nicht länger im Stande, das wilde Thier zu bemeiſtern; er bekam einen Stoß, daß er ſiunlos gegen die andere Seite der Straße ſank, das Pferd ſetzte ſeinen Lauf fort und hielt nicht eher, als bis es am unterſten Eckhauſe der Straße die Droſchke zertrümmerte und ſich darin verwickelte. Leute ſtrömten herbei und bald kam Alles wieder zur Ruhe, nur mein Herz nicht, das in Todesangſt geſehen hatte, wie ſie Mannerſtedt leblos fort⸗ trugen. Wie ich ſelbſt nach Hauſe kam, weiß ich kaum; aber tief erſchüttert und aufgeregt— was, wie Mama behauptete, nach meinem ausgeſtandenen Schrecken ganz natürlich war— ſaß ich auf dem Sopha, und wagte es nicht, eine Frage nach dem zu thun, bei welchem meine Gedanken verweilten; als— o welche Freude durchſtrömte Der nicht mein ganzes Weſen!— Papa hereintrat und mit barß ihm Mannerſtedt. Das beredteſte Lächeln ſchwebte um ſeine Lippen, als er mich mit einer tiefen Verbeugung verſicherte, Roſ daß er nicht im Geringſten beſchädigt, ſondern nur durch den ſtarken Stoß betäubt worden ſei. Ich ſagte nichts, Lebe denn die Rührung benahm mir die Sprache; er erhielt jedoch einen Blick voll inniger Dankbarkeit, und ſchien ſich damit zufrieden. Der Vater erzählte, als er in die Straße ſeuf gekommen, wo das Unglück geſchehen war, um nach den An. Trümmern ſeiner ſchönen Droſchke zu ſehen, habe er er⸗ chen fahren, daß ſeine Tochter durch die Entſchloſſenheit und glückliche Dazwiſchenkunft des Kandidaten Mannerſtedt der Gen Gefahr entgangen ſei, ein Schickſal mit dem Fuhrwerk zu theilen.„Dankbar für die heldenmüthige That, die der junge Mann für uns gethan hatte,“ ſetzte mein Vater die mit einem verbindlichen Lächeln hinzu,„wollte ich ſelbſt ſehen, wie es mit ihm ſtand, und ſtieg alſo alle jene Teufelstreppen hinauf, worauf ich dann die Befriedigung Inn hatte, Herrn Mannerſtedt bei voller Beſinnung und außer Hab aller Gefahr zu finden. Ich vermuthete, daß Roſa, ſo⸗ fern ſie in dieſem Durcheinander noch eine Erinnerung porrn an das Vorgefallene beſaß, unruhig um ihren Retter ſein Aus könnte, und nahm ihn deßhalb mit mir, um den Tag bei uns zuzubringen, damit meine Tochter, ſo wie meine Frau und ich ihm unſere Dankbarkeit beweiſen könnten.“ ich Mit dieſer kleinen Rede glaubte Papa die Schuld für die Rettung ſeiner Tochter nach allen Theilen bezahlt zu haben, und ging ſo ruhig auf ſein Komptoir, als ob fühl nie von irgend einer Gefähr die Rede geweſen wäre. Welch einen ſtillen und ſchönen Tag haben wir nicht zuſammen verlebt! Es mird wohl der einzige, ſo reine doch und unvermiſcht heitere ſein, den ich in meinem Leben genießen darf. Als Mannerſtedt ging, ſagte Papa:„Ich weiß, daß der Herr alle Sonntage frei hat. Wenn es gte es meine römte d mit ſeine herte, dur e rhielt ſchien traße ) den 4 er⸗ und t der werk „ die Jater ſelbſt jene gung ußer . ſo⸗ rung ſein Tag neine ten.“ huld gahlt 5 ob nicht reine eben Ich es 47 daher Herrn Mannerſtedt Vergnügen macht, ſo ſteht ihm mein Haus und mein Tiſch an allen Ruhetagen offen.“— Der Jüngling verbeugte ſich, ſtammelte etwas von Dank⸗ barkeit hervor und nahm Abſchied.“——————— Hier brechen wir unſere Lektüre ab und lauſchen auf Roſa, die wieder zu ſprechen anfängt.—„O Manner⸗ ſtedt! Du ſo edel, ſo hochgeſinnt, warum muß Dein Leben ſo arm und freudenleer ſein! warum müſſen un⸗ ſere Bahnen ſo getrennt von einander laufen? ſie können ſich nicht vereinigen; nein, ſie können es nicht!“— Sie ſeufzte tief, drückte die Hände auf die thränenſchweren Augen, und ließ den Gefühlen, die vor jedem menſchli⸗ chen Auge in dem innerſten Heiligthume ihres Herzens tief verborgen lagen, freien Lauf. Endlich legte ſie die Gemälde zuſammen, ſchürte das Feuer im Ofen auf und war eben im Begriff, einen kleinen Scheiterhaufen aus ihnen zu machen, als eine Bewegung, die mächtiger als die Pflicht war, ihre Hand zurückhielt. „Warum ſoll ich mich dieſer einzigen Freude berau⸗ ben?“ flüſterte leiſe eine rührende Stimme aus ihrem Innern,„warum! es iſt ja keine Sünde, ſie zu beſitzen. Habe ich nicht ſchon mehrere Monate lang, ja noch län⸗ ger, jeden Blick, jedes Wort und jede Bewegung zu be⸗ herrſchen vermocht, habe ich nicht dieſe Augen mit einem Ausdruck der unbeſchreiblichſten und innigſten Hingebung, wenn ſie ſich unbemerkt glaubten— auf mich geheftet geſehen, und habe ich mich nicht ſo weit bezwungen, daß ich ſtets nur freundlich, ruhig, ungezwungen und gleich⸗ gültig war, wenn es deſſen ſo ſehr bedurfte? und ſo ſoll es bleiben! Eine einzige dunkle Ahnung, daß ſeine Ge⸗ fühle in meinem Herzen eine Antwort gefunden hätten, und der Streit zwiſchen Leidenſchaft und Vernunft müßte bei ihm zu einem Rieſenkampfe anachſen, ohne daß er doch das Ziel erreichte. Aber er würde, hin⸗ und her⸗ geworfen von den wechſelnden Mächten der Furcht und Hoffnung, ſich am Ende aufzehren. Nein! ich au dieſen Kampf erſparen! Habe ich nicht, um un 48 in einer unbewachten Stunde möglicherweiſe drohende Ver⸗ ſuchung zu benehmen, daß wir einander die Geheimniſſe Pla unſerer Herzen verriethen und, um nicht dadurch den ar⸗ heil men Jüngling der unbedeutenden Gelegenheit zu berauben, für in dem Hauſe meines Vaters ein geringes Scherflein zu ihre verdienen,— denn bei dem entfernteſten Anſchein eines offen ſolchen Argwohns würde ihn mein Vater auf ewig von für ſich entfernen— habe ich nicht das ſchwerſte, aber auch ſtert einzige Opfer gebracht, das uns Beide vor dieſer Ver⸗ liche irrung retten konnte, als ich, dem Wunſche meiner Eltern Rot folgend, mich mit Ferdinand verlobte? Ich bin nun ſeine Braut, bald ſein Weib, und werde mit Gottes Hülfe in noch meiner eigenen Seele die Stütze, die Kraft finden, deren mac ich bedarf, um die Pflichten zu erfüllen, die ich damit übernehme. Ich glaube, daß Ferdinand ein redlicher und braver Mann iſt; ein wenig flüchtig, vielleicht ſogar leicht⸗ ſinnig, aber das wird mit der Zeit ſchon beſſer werden; und wenn wir gerade nicht ſo glücklich mit einander werden, als eine auf gegenſeitige Liebe gebaute Ehe die Verbundenen machen kann; ſo bietet die gemeinſchaftliche Theilung von ſeine manchem Schmerz und mancher Freude im häuslichen Leben, hatte zwar keinen Erſatz, aber doch ein ruhiges, freundſchaftliches zuru und wohlwollendes Berhältniß, woran ich mich ohne ſeine Widerwillen werde gewohnen können, da die Hoffnung und auf wahre Glückſeligkeit noch nie, nicht einmal in dieſem auf Augenblick, in meinem Herzen Wurzel ſchlagen konnte.“ herei Der Leſer ſieht ein, daß unſere Heldin keine Roman⸗ Geſt heldin iſt, denn dann würde ſie gewiß anders gedacht und gelit gehandelt haben.— Während die Gedanken und Gefühle, Saa die wir hier auseinandergeſetzt haben, ſich in ihrem Kopfe auf und Herzen ordneten, hatte ſie die Malereien zuſammen⸗ kühlt gerollt und in das Portefeuille gelegt. Ein ſüßer und Blu⸗ ſtiller Friede ſpiegelte ſich in ihrem Auge, als ſie laut miſch ſprach:„Ich kann ſie ohne Vorwurf getroſt behalten. Es ſich; n nur einige freundliche Sonnenblicke aus meinem ied Leben, woran ich hie und da mein Auge ers zien 44. Ver⸗ niſſe ar⸗ tben, n zu eines von auch Ver⸗ ltern ſeine fe in deren damit und eicht⸗ rden; rden, denen g von eben, liches ohne fnung ieſem uute.“ sman⸗ zt und fühle, Kopfe nmen⸗ r und laut 49 Als ſie das Portefeuille geſchloſſen und an ſeinen Platz gelegt hatte, ſchlug ſie ihr Buch wieder auf. Das heilige Wort war nun nicht länger ein todter Buchſtabe für ſie; je mehr ſie las, deſto mehr floß der Frieden in ihre Seele und der wahrhaftige Geiſt des Lichtes in ihr offenes Herz. Beruhigt und mit einem innigen Gebet für den auf den Lippen, deſſen Namen ſie nur leiſe flü⸗ ſterte, legte ſich das holde Kind in das weiße, jungfräu⸗ liche Bett und bald hatte der freundliche Gott des Schlafs Roſa's ſchöne Augen geſchloſſen. Im Fall der Leſer durch die vielen Abendbeſuche noch nicht müde geworden iſt, wollen wir noch einen machen, der vielleicht nicht ohne Intereſſe ſein dürfte. 5. Das Dachſtübchen. Unſer armer Kandidat, der während des Soupers ſeinen Platz an der Ecke eines Seitentiſches erhalten hatte, ſchlich ſich, als die Gäſte wieder in den Saal zurückkehrten, unbemerkt in den Oehrn hinaus, ſuchte ſeinen kleinen blaugrauen, zum zweitenmale gewendeten und geſchorenen Mantel, warf ihn um, drückte ſeine Mütze auf die braunen Locken und zog ſie faſt bis in die Augen herein; denn der Wind bließ ſcharf, und Mannerſtedts Geſicht hatte durch anhaltende Nachtwachen bedeutend gelitten. Noch einen halben Blick warf er nach dem Saale zurück, und eilte dann ſchleunig die Treppe hinab auf die Straße. Die ſtrenge Kälte der Decembernacht fühlte die Gluth auf ſeinen Wangen und die Hitze ſeines Blutes etwas ab; es wurde ſtiller, ruhiger in dem ſtür⸗ miſchen Herzen; der brauſende Aufruhr der Gefühle legte n. En ſich; er mäßigte ſeinen Gang und ſchritt langſam durch neinem die engen Gaſſen. Endlich hielt er vor einem Hauſe von ge er⸗ ziemlich gutem Ausſehen, ging an dem erſten und zweiten 4 Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. ſſſ— 84 — Stock vorbei und begann dann eine lange gekrümmte Treppe zum Giebel hinauf zu klimmen. Endlich war das Ziel erreicht. Nachdem er eine Weile im Finſtern herum⸗ getappt hatte, fand er die Thüre, ſteckte den Schlüſſel hinein, und nach einigen eitlen Verſuchen gelang es ihm endlich, ſie aufzuſchließen. Jetzt befand ſich Mannerſtedt in einem finſtern, kalten Kämmerlein, deſſen wenige Ge⸗ genſtände der Mond beleuchtete. Er legte Mütze und Mantel ab, und hing ſeine getreuen Diener an dem ge⸗ wöhnlichen Nagel in der Thuͤre auf. Dann ging er vor⸗ ſichtig zu einem alten, wackligten Nachttiſch hin, der ſeinen Platz neben dem dürftigen Bette hatte. Bald hatte er Feuerzeug und Schwefelhölzer gefunden, er ſchlug Feuer und zündete ein dünnes Licht an, das in einem mangelhaften zinnernen Leuchter künſtlich befeſtigt war. Der Anblick der einſamen Kammer Franz Mannerſtedts war höchſt düſter. Sie war nieder, mit gewölbter Decke wie in einer Kajüte, und nicht viel größer. Die Meu⸗ bles beſtanden neben dem Bette aus einem Arbeitstiſche, einem kleineren, mit Büchern, Malereien und Muſikalien bedeckten Schranke, ferner aus einem großen Reiſekoffer und drei Stühlen. Hätten ſie reden können, dieſe ſchwarz⸗ grauen Wände, ſie hätten viel davon zu erzählen gewußt, wie der edle, aber arme Jüngling während langer Tage und Nächte voll ununterbrochener emſiger Arbeit in ihrem engen Umkreiſe ſich faſt betäubte, ohne ſich oft mit mehr als einer Mahlzeit des Tages, höchſtens zweier, erquicken zu können. Und doch war er immer ergeben in ſein Schickſal und innig dankbar gegen Gott, wenn er von dem mit bitteren Kämpfen und Entſagungen gewonnenen Wochenlohne ein Scherflein für ſeine arme, in tiefer Noth lebende Mutter zurücklegen konnte, und nach nehruns einen Stüber in die Sparbank tragen konnte, um ſo die kleine Kaſſe zu bilden, auf der ſeine Hoffnung für das nächſte bi gebl des wöchentlichen Koſtgeldes jeden Samstag no akademiſche Semeſter beruhte. Und weiter hätten dieſe Wände auch von all' de bitt Kän Sch die Rin ein ſchle Qu iſt wirt nur beug aufe in 7 Rech Gla der verſt ein Gen vollk behe Stu len der Bild war B Schi ſc w nerh ben herr! mte das um⸗ iſſel ihm tedt Ge⸗ und ge⸗ vor⸗ der atte lug nem var. dts ecke teu⸗ che, lien ffer orz⸗ ißt, age em ehr ken ein von nen oth ing ten ine ſte den ¹ 51 bittern und ſchmerzhaften, tief in die Seele greifenden Kämpfen erzählen können, wo das menſchliche Herz der Schwachheit ſeinen Tribut darbringen mußte; denn auch die ſtärkſte Natur erliegt bisweilen in dieſem ewigen Ringen mit Noth und Entſagung. Wenn nun dazu noch ein anderes Gefühl kommt, und in das unbewachte Herz ſchleicht, um es vollkommen fühlen zu laſſen, wie viel Qualen in einer Menſchenbruſt wohnen können; dann iſt das Maaß voll. Solche herbe, zerſtörende Stunden wirken mächtig auf die Seele ein, und ihre Leiden kennt nur Gott und der Kämpfende ſelbſt, der ſich im Staube beugt, um die Hand deſſen zu küſſen, der ihm dies Kreuz auferlegte. Solcher Augenblicke gab es jedoch wenige in Franz Mannerſtedts Leben; denn ſein Wille für das Rechte und Gute war ſtark, ſein Herz rein und ſein Glaube groß. Ueberdies war ſeine Kraft in Ertragung der Leiden und Entſagungen noch durch einen Hochſinn verſtärkt, der ihm da zu klagen verbot, wo ihm ſchon ein Murren als ein Wahnſinn vorgekommen wäre. Sein Gemüth war ſowohl innerlich als äußerlich das Bild der vollkommenſten Harmonie, ruhig, ſtark, und ſich ſelbſt beherrſchend. Aber hätten dieſe Wände nicht auch von andern Stunden plaudern können, wo Franz in der langen ſtil⸗ len Dämmerung vor der ſpärlichen Gluth ſaß, und mit der Hand vor den Augen helle, fröhliche,— herrliche Bilder vor ſeinem geiſtigen Auge erſtehen ließ? Dann war er gemeiniglich ſchon Rector an der Schule von B—, bewohnte das große, ſchöne und geräumige Schulhaus, und hatte ein liebliches Weib, deren Züge wunderbar denen von Roſa Widen glichen, und ihn um⸗ ſchwärmten eine Menge kleiner Bienen, die ſowohl in⸗ nerhalb der Wohnung, als in den außen ſtehenden Kör⸗ ben häusten. Doch geſchah es nicht ſelten, daß die ganze herrliche Phantasmagorie in Einem Augenblicke wie weg⸗ geblaſen war, wenn die Magd, die der Herrſchaft im 4.* 3 5² zweiten Stocke gehörte, hereintrat, um zu betten, und ihn ganz einfach fragte, über was der Kandidat wieder da geſeſſen und geträumt habe. Dann ſtand Mannerſtedt mit erröthenden Wangen auf, und ſah gerade wie ein armer Sünder aus, den man auf friſcher That ertappt hat. Doch in der nächſten Dämmerung träumte er ſchon wieder, oder ließ er ſeine Seele auf den Schwingen der Muſik in höheren Regionen umherſchwärmen. Doch wir kehren zu dem gegenwärtigen Augenblicke zurück. Er hatte das Licht angezündet, es im Leuchter zurecht geſetzt, und ging nun zu dem Tiſche am Fenſter hin, wo ſein Schreibzeug, ſeine Papiere und Bücher lagen.—„Schlafen kann ich nicht, und nachgrübeln mag ich nicht,“ ſagte er, während er den ſchwarzen Frack auszog, ihn umkehrte und über die Stuhllehne hängte, worauf er einen alten braunen Rock mit großen, blanken Knöpfen und zwei Ellen breiten Schößen anzog, ein Erbe ſeines ſeligen Vaters und ein Kleinod, das nun⸗ mehr als Morgen⸗, Leſe⸗ und Schlafrock, gleich bequem für jeden Zweck, ſeine Dienſte that, da die beträchtliche Länge und Weite den ſchmächtigen Jüngling vollſtändig umhüllen konnte.—„Nachgrübeln will ich nicht,“ ſagte Mannerſtedt und zog den alten braunen Diener feſt um ſich herum;„es taugt nichts und meine Träume wären nur Irrlichter, wie andere Träume auch. Freilich,“ ſetzte er hinzu, und ſein Ton war weniger kalt, weniger feſt,„freilich brennt und glüht es hier; aber ſchwach will ich nicht ſein, darf ich nicht ſein. Kampf und Entſagung waren ſo manches Jahr her mein Loos; aber die Klage reißt nicht das geringſte Gelenk aus der Kette der Begebenheiten. Ich will ſtark ſein; nie, bei Gott nie! ſoll ſich mein Gefühl verrathen! Und ſollte es je einmal dies gethan haben,— ſo— hat ſie dem keine Aufmerkſamkeit geſchenkt. Es wäre auch wahrha zu unbedeutend. Wie hätte ſie, die zu erhaben iſt, nur an ſolche Kühnheit von Seiten des armen Kandidate ware wie hatte Auch ſie ſein herrl und wolle frühe in L auch Er n nung zu w wicke „ und wieder erſtedt ie ein rtappt ſchon en der blicke uchter kenſter bücher übeln darzen lehne toßen, inzog, nun⸗ quem tliche ändig ſagte um vären ich 14 niger wach und dos; der bei ollte dem aftig um aten 53 zu denken, einen Blick in ſein Herz werfen können? Nein! und das iſt gut; denn in dieſem Punkte könnte ich nicht einmal ihr Mitleid ertragen. Aber was thue ich eigentlich jetzt anders, als nachgrübeln? Ich will meine Bücher und Aufſätze vornehmen, und über dieſen grübeln.“ Er ſetzte ſich und begann in verſchiedenen Werken zu blättern; aber es wollte nicht gehen.—„Nun wohl! ſo hab' ich doch meinen letzten Freund,“ rief er, ſtand wieder auf und ſchob die Gegenſtände hinweg, die ihn nicht hatten zerſtreuen können,„meinen treuen, einzigen wahren Freund, der mir in Glück und Unglück gefolgt iſt. Wir verſtehen einander auch unter allen Wechſel⸗ fällen des Schickſals am beſten.“— Dabei nahm er die Violine herab und löſchte das Licht als etwas Ueber⸗ flüſſiges aus; um ſo mehr, da es das letzte war, und ſich in der Kaſſe nur noch ein Achtzehn⸗Schillingſtück fand. Sobald ſein Bogen die Saiten berührt hatte, ver⸗ kettete ſich auch ſein Weſen zur Harmonie mit den ſchö⸗ nen kraftvollen Tönen, die er hervorrief, denn wenige waren ſo ganz und gar Seele für die göttliche Kunſt, wie Franz Mannerſtedt. In mancher bittern Stunde hatte ſie ihn zur Ruhe, zu Licht und Frieden geführt. Auch jetzt, wo eine der bitterſten um ihn war, verfehlte ſie nicht, wie immer wohlthätig auf ſeinen Geiſt und ſein Herz einzuwirken. Aber während nun die vollen herrlichen Töne durch die kleine Kammer hinrauſchen, und ſich einen Weg zu dem ringenden Seſen bahnen, wollen wir einen flüchtigen Blick auf Franz Mannerſtedts frühere Schickſale werfen. Sein Vater war ein ziemlich wohlhabender Beamter in L— geweſen, und Franz der einzige Sohn und nun auch das einzige Kind, denn die Schweſtern waren todt. Er wurde, ſo lange er ſich erinnern konnte, in der Hoff⸗ nung erzogen, ein würdiger Jünger der Wiſſenſchaften zu werden. In dem Studium, das er wählte, ent⸗ wickelte er ſchon als Knabe große Anlagen und eine brennende Wißbegierde, welche ſeine Lehrer in Erſtaunen ſetzte, und ihm ihr Wohlwollen und bisweilen paſſende Belohnungen für ſeinen Fleiß und ſeine Beharrlichkeit verſchaffte. Deſſen ungeachtet wurde er von ſeinen Ka⸗ meraden nicht gehaßt, denn ſchon frühzeitig verſtand er die Kunſt, ſich beliebt zu machen. In ihren kriegeriſchen Spielen oder andern Uebungen konnten ſie ihn eben ſo wenig überwinden, als in den Wiſſenſchaften, da ſeine Geſchicklichkeit und Gewandtheit das erſetzte, was ihm an körperlicher Kraft abging; und im Uebrigen war er der dienſtfertigſte und freundlichſte Knabe in der ganzen Schule, eine Art lebendiges Lexicon, an das ſich ein großer Theil der andern wendete, um manche Aufklärung in ihren lateiniſchen Aufgaben, Stylübungen und Ueber⸗ ſetzungen zu erhalten. Nie prahlte er mit ſeinen Fort⸗ ſchritten, ſondern ging ſeine Bahn ruhig und getroſt, freundlich, ſanft und von Allen geliebt. Nachdem er mit der Schule fertig war, beſuchte er das Gymnaſtum und nach einem dreijährigen Aufenthalte daſelbſt, reiste er in die Heimath, um dort die Chriſtfeiertage zuzubrin⸗ gen. Der Frühling war zu der wichtigen Reiſe auf die Univerſität beſtimmt. Er war damals 17 Jahre alt, und erfüllte als Jüngling Alles, was er als Knabe ver⸗ ſprochen hatte. Mit offenen Armen ward er von den geliebten Eltern empfangen, deren einzige Hoffnung er war. Mit tiefer, inniger Freude las der Vater die ſchö⸗ nen Zeugniſſe, die er vom Gymnaſtum heimbrachte; es war ſo befriedigend und beruhigend für das Vaterherz, zu ſehen, wie die Saat anfing zu reifen und eine reiche Ernte zu verſprechen. Die alte Mutter, deren Abgott der Sohn war, konnte ſich an dem ſchönen, lebhaften, artigen und dienſtfertigen Jungen nicht ſatt ſehen; und wie klopfte nicht ihr Herz von verzeihlichem Stolze und Wohlgefallen, wenn Andere den ſtattlichen und hübſchen Jüngling rühmten, der ſich ſo ſchön hielt, ſeine Viol ſo geſchickt ſpielte, und ſo wundervoll ſang! Dieſe T lente, verbunden mit einem geſetzten und beſcheiden aunen ſſende ich keit Ka⸗ nd er iſchen en ſo ſeine m an r der anzen ein rung eber⸗ Fort⸗ troſt, n er ſium teiste brin⸗ f die alt, ver⸗ den J er ſchö⸗ es zerz, eiche gott ten, und und hen line Ta⸗ nen 5⁵ Weſen, verſchafften ihm eine Menge Einladungen, und in allen Kreiſen, die er beſuchte, war er gefeiert und beliebt. In ununterbrochenen Zerſtreuungen verfloſſen die Chriſtfeiertage wie ein einziger großer Freudentag, und die übrigen Wintermonate glitten eben ſo harmlos dahin. Bald ging das Eis auf, die Schüten(eine Art Poſt⸗ ſchiff) wurden geladen, und auf einer der vornehmſten ſchiffte ſich unſer junger Held ein, um nach Malmö, und von da weiter nach Lund zu reiſen. Vorher aber hatte natür⸗ licherweiſe die Mama alle Hände voll zu thun, um mit der dazu erforderlichen Ausrüſtung fertig zu werden. Weiß⸗ zeug, Nachtkappen und Krägen in Maſſe wurden von zwei Nähjungfern verfertigt. Der Schneider war mit dem neuen blauen Anzuge beſchäftigt, der die Uniform des Studenten geben ſollte, ſowie mit dem Mantel und einem Oberrock, wozu die zärtliche Mutter mit eigener Hand das Garn geſponnen hatte, und der deshalb ſo fein war, daß man ihn unmöglich für etwas Anderes, als von Tuch halten konnte. Aber alles das war nur ein Tropfen im Meer gegen die unendliche Menge von dün⸗ nem gedörrtem Zwieback, Methwurſt, Spickſchinken, But⸗ terbüchſen, gewürzten Heringen und dicken Brodlaiben, die dem lieben Jungen eingepackt wurden,—„denn das Frühſtück und Abendeſſen, Vater,“ ſagte Frau Manner⸗ ſtedt zu ihrem Manne,„muß er zu Hauſe eſſen.“ Der Vater hatte nichts gegen dieſe klugen Vorſchläge einzuwenden, da der Aufenthalt in Lund ohnedies genug koſtete. Aber hin mußte er, da war nicht zu helfen; denn nach Upſala war es doch viel zu weit.„Und zu⸗ dem iſt es dort nicht weniger theuer,“ ſeufzte Herr Man⸗ nerſtedt, als er an die ſchweren Zeiten und den fühlbaren Geldmangel dachte. Endlich kam der wichtige Tag und die ſchmerzliche, tief erſchütternde Abſchiedsſtunde. Die Rührung des Va⸗ ters war groß; aber er vermochte es doch, die finſtere Ahnung zu beherrſchen, die ihm zuflüſterte, daß es zum Letztenmal ſein werde, daß er den Sohn an ſein Herz 56 drücke. Mit Ruhe und Faſſung gab er Franz gütige Ermahnungen und freundliche, nützliche Rathſchläge fuͤr ſein künftiges Leben und ſeine neuen Verhältniſſe. Die Mutter ſchluchzte an der Bruſt ihres Lieblings:„Gott ſegne Dich, mein theurer, geliebter Junge! vergiß nicht die Lehren Deines Vaters, und denk an Deine Mutter, an ihre Bitten und Thränen, wenn Du in Verſuchungen gerathen ſollteſt, woran es leider Gottes! in der böſen Welt nicht fehlt! Aber ſtehe dann feſt, mein guter, bra⸗ ver Franz! und erinnere Dich beſtändig, daß wir nicht allein für dieſe kurze und unruhige Zeit leben, ſondern daß wir in der, die nachher kommt, Rechenſchaft ablegen müſſen. Und,“ ſetzte die umſichtige gute Frau etwas leiſer hinzu,„wenn Du gar zu arg in Geldnoth kommſt, ſo ſuche unten in der Kiſte nach; zwiſchen der dritten Methwurſt und dem großen Käſe liegt ein kleiner Spar⸗ pfennig, den ich für Dich aufgehoben habe. Aber nur für den Fall der Noth; Franz, denke wohl daran! und jetzt lebe wohl! Gott nehme Dich in ſeinen Schutz und ſeine heiligen Engel begleiten Dich auf dem Wege! Ver⸗ giß nicht Deine Mutter, vergiß nicht ihren Rath!“ „Nie!“ ſtammelte Franz,„nie, theuerſte Mutter!“ Er drückte die geliebte Hand an ſeine Lippen, an ſeine naſſen Augen.„Nie werde ich mich, das gelobe ich hei⸗ lig, der Liebe und unendlichen Güte meiner theuren Eltern unwürdig machen. Dieſer Augenblick wird ſich in lebendigen, hellen Zügen in meine Seele einprägen, und mein Schutzengel werden!“ „Wohlan! der Friede Gottes ſei mit Dir!“ ſprach Herr Mannerſtedt und wiſchte eine Thräne ab, die ſich über ſeine männliche Wange niederſtahl.„Jetzt müſſen wir endigen. Der Wind bläst gut und Alles iſt bereit.“ — Er ſchob den Jüngling voraus.—„So geh' Du voran, mein Junge, und ſchließe ſelbſt die Thüre.“ Das war Etwas, was der alte Mann für eine Sache von der höchſten Wichtigkeit für das Glück des Reiſen: den anſah, daß dieſer ſelbſt die Thüre hinter ſich zuſchloß. Die Eltern folgten und am Strande nahm man noch einmal einen rüͤhrenden Abſchied. Der junge Mannerſtedt ſprang auf das Verdeck; nach ihm brachte man die zahl⸗ loſe Menge von Gegenſtänden, welche die Mama für ihn zuſammengepackt hatte, und— es wurden die Segel auf⸗ gezogen. Der Wind blies friſch und gut, die kleine Schiffsmannſchaft war mit dem Tauwerk beſchäftigt, lärmte und ſchrie, die Paſſagiere ordneten ihre Sachen und die Schüte fuhr an der Landſpitze vorbei. Franz ſtand am Vorderſteven und winkte mit dem weißen Sacktuche noch das letzte Lebewohl. Die Eltern erwiederten das Zeichen vom Strande aus; aber bald verloren ſie einander aus den Augen, und ein gemeinſames Gebet zum Allvater ſchwebte in dieſer feierlichen Minute über ihre Lippen. Wer hat nicht die Bitterkeit der Abſchiedsminute gefühlt, auch wenn Glaube und Hoffnung auf Wiederſehen wie freundliche Schutzengel neben uns ſtanden? Manche Seiten könnten wir füllen von den ange⸗ nehmen und intereſſanten, obwohl unbedentenden Bege⸗ benheiten, die ſich während der Reiſe ereigneten, ſodann von der Ankunft in Malmö, dem erſten Auftreten in Lund, den Beſuchen mit Recommandationsbriefen, den Aufwartungen bei den Profeſſoren, dem Eintritt in das edle Studentenchor, dem Brief von der lieben Mama, mit ſo manchen willkommenen Thalerſcheinen, den vom lieben Papa mit eben ſo viel Ermahnungen und größeren Zuſendungen; und endlich könnte ich auch erzählen, wie die herzguten, neuerworbenen Freunde unſerem Helden bei ſeinen Methwürſten, Schinken, Käſen und Broden artig und dienſtfertig halfen. Es war ſo ſüß für manche hungrige Seele, nicht nur einen Antheil zu bekommen, ſondern ſogar brüderlich zu theilen! Aber da all' dies wahrſcheinlich wenig Theilnahme bei ſolchen Leſern er⸗ wecken würde, die unbekannt mit dem Univerſitätsleben ſind, ſo wollen wir dies übergehen und nur das Wichtigſte mittheilen. Mannerſtedt war ungefähr ein Jahr in Lund, 58 als ſein Vater ſtarb. Und anſtatt, wie man allgemein glaubte, ein ſchönes Vermögen zu hinterlaſſen, fand man, nachdem Alles von guten Freunden und Gläubigern ge⸗ ſichtet und geſiebt worden war, kaum den Nagel in der Wand, wie das Sprichwort ſagt. Es wurde ſogar noch weit ſchlimmer, als das Sprichwort meldet, denn nicht einmal die Wände blieben übrig. Das alte, liebe und angenehme Haus, wo das fromme Ehepaar ſo manches ruhige und glückliche Jahr verlebt hatte, wurde mit dem Uebrigen verkauft, und ein kleiner unbedeutender Hof, der ein paar Zimmer enthielt, welche Herr Mannerſtedt während ſeiner Beamtenzeit als Comptoir benützt hatte, ein geringer Hausrath und einige hundert Reichsthaler waren Alles, was man der Wittwe ließ. Es war ein harter und ſchwerer Schlag für ihre alten Tage, die Wohnung verlaſſen zu müſſen, die ihr ſo reiche und theure Erinnerungen bot; aber das Bitterſte war für die gute Frau, die Ueberzeugung, daß dieſes Unglück den Fortgang ihres Lieblings auf der akademiſchen Bahn hindern würde. Und es war nicht zu verwundern, wenn ihr Alles dunkel und neblig vorkam, wie ihre eigene Seele, als ſte aus dem ſchönen, beinahe prachtvollen Hauſe, in die kleine graue Hütte zog, wo die noch übrigen Tage ihres trau⸗ rigen Lebens verfließen ſollten. Der erſte Sonnenſtrahl, welcher ſchimmernd durch das Dunkel dieſer Nacht brach, war ein Brief von Franz, welcher den tiefſten Schmerz um die geliebte Mutter empfand. Jeder Buchſtabe ſprach den lebendigen Ausdruck ſeiner warmen, kindlichen Liebe, ſeine innige Zärtlichkeit aus. Er bat ſeine Mutter auf das Eindringlichſte, das Wenige, was für ſeine eigene Bequemlichkeit und ſeine geringen Bedürfniſſe übrig war, für ſich zu gebrauchen. Er wollte ſtreben und arbeiten, es würde wohl gehen. Mit dem Segen der beſten und frommſten Mutter, hoffte er, würde der Herr ſeinen Be⸗ mühungen einen glücklichen Erfolg ſchenken; und doppelt ſüß würde dann der Lohn ſein, wenn er durch Noth und Entſagung erkauft wäre mein nan, ge⸗ der noch nicht und ches dem Hof, ſtedt atte, aler ein die ure zute ang rde. tkel aus ine au⸗ 59 So ſchrieb Franz; und nicht genug, daß er ſo ſchrieb, er dachte auch ſo. Sein edler und reiner Sinn, ſeine lebendige, Alles aufopfernde Hingebung erweckte die be⸗ täubten Seelenkräfte der guten Frau Mannerſtedt zu neuem Leben. Sie begann auf allerhand Auswege zu denken, theils um ſich ſelbſt einen Unterhalt zu verſchaffen, theils um ihrem Lieblinge hie und da mit einer Kleinigkeit bei⸗ ſtehen zu können. Mehrere Verſuche wurden gemacht, aber ſie waren von keinem Erfolge gekrönt. Da erinnerte ſich Frau Mannerſtedt, daß in den früheren Tagen, wo ihr Haus und Tiſch unter die beſten in der Stadt B— gerechnet wurden, die Gäſte ihr ausgezeichnet gutes Bier ſehr gerühmt und geprieſen hatten. „Ich will Bier brauen und es verkaufen,“ rief die gute Frau mit einer Freude, die nur der begreifen kann, der ſelbſt unter der Geißel der Noth gefühlt hat, wel⸗ ches Uebermaaß von Seligkeit ſchon der Gedanke, mit Etwas ſein Glück zu machen, demjenigen ſchenkt, der der Hoffnung und Freude Lebewohl geſagt hat. Frau Man⸗ nerſtedt begann mit freudigem Muthe ihre Bierbrauerei, und ſiehe da, es glückte ihr vortrefflich! Sie legte ſelbſt Hand an Alles, denn immer war ſie eine thätige Haus⸗ mutter geweſen. Und wenn ſie nun warm gekleidet an den ſpäten Winterabenden auf einem Schemel vor ihrem reinen, ſaubern Fäßchen ſaß, ihre Bouteillen verzapfte und das Wachslicht in der vor Kälte ſtarren und zitternden Hand hinleuchtete, ob jede genug bekommen habe, und ob es klar und friſch ausſah, dann konnte es wohl ge⸗ ſchehen, daß ſich bei der Erinnerung an den ſeligen Vater und an ihre beſſeren Tage eine Thräne über die gefurchte Wange herabſchlich; aber ſchnell ward ſie hinweggetrock⸗ net, wenn ſie bedachte, daß ihre Bemühungen die Noth des geliebten Sohnes einigermaßen erleichtern könnten. Sie hatte nämlich unter der Hand Nachrichten eingezo⸗ gen, die zwar von ſeinem ununterbrochenen Fleiß, ja ſo⸗ gar ſeiner bis zum Uebermaß gehenden Arbeitſamkeit ſprachen, aber auch erwähnten, daß ſeine Bedürfniſſe ſtedt, ſelbſt mit einem ſo feinen Gefühle begabt, begriff immer drückender würden, und daß er während des letzten Halbjahres ſich genöthigt geſehen habe, ſeine Uhr und mehrere andere Sachen von Werth zu verkaufen. Wenn die gute Frau Mannerſtedt alles das bedachte und ſah, wie das Bier ſchäumte und brauste, dann brauste es auch freudig durch ihre Seele, denn ſie hoffte, Franz helfen zu konnen; und mit leichten Schritten und leich⸗ tem Herzen ſprang ſie dann freundlich hin, und gab für ein Achtſchilling⸗Stück eine Bouteille ihres guten Bieres ab; und konnte ſo, wenn es gut ging, das ganze Dutzend an einem Tage verkaufen. Wer war glücklicher, als Frau Mannerſtedt— nur eine Mutter kann das begreifen— als ſie die bedeutende Summe von zwanzig Reichsthalern Banko zuſammengeſpart hatte? Das war ein Feſt ohne Gleichen, und ſie ſandte nach ihrem alten Freund und Rathgeber, dem Rathsherrn Sifver, der es mit vielem Vergnügen über ſich nahm, das Geld an einen alten Bekannten in Lund zu ſenden, denn es wäre eine verlo⸗ rene Mühe geweſen, wenn ſie es an Franz ſelbſt ge⸗ ſchickt hätte. Er würde das Geld nie angenommen ha⸗ ben, das ſeine theure Mutter mit Aufopferung ihrer Nachtruhe und mancher andern Entſagung zuſammen⸗ geſpart hatte; lieber hätte er gehungert und gefroren. Aber der Geſchäftsmann des Rathsherrn Siſver wußte die Sache zurecht zu legen; durch deſſen Vorſorge wurde eine von Mannerſtedts drückendſten Rechnungen bezahlt, und dann folgten noch mehrere; denn die mütterliche Quelle gab ſo lange Nahrung, als ſie ſelbſt etwas hatte, um ſich davon zu nähren.— So vergingen zwei Jahre. Der gewöhnliche Ge⸗ ſchäftsmann in Lund hatte Franz einen Wink gegeben, daß jene bedeutende Unterſtützung, welche oft ſein Er⸗ ſtaunen und immer ſeine Bewunderung erregte, von einem alten Freunde ſeines Vaters herfließe, der in guten Um⸗ ſtänden lebe, aber unerkannt zu bleiben wünſche, um allen Dankbezeugungen zu entgehen. Der junge Manner⸗ —4——, ——,———,—„————,4———-——— —-§————-„—9—— 61 den ganzen Edelmuth und die Zartheit in der Handlungs⸗ weiſe ſeines unbekannten Wohlthäters, und dankte deß⸗ halb jenem Freunde, der die Laſt ſeines Kummers zu erleichtern ſuchte, nur in dem ſtillen Heiligthume ſeines Herzens und in ſeinen heißen Gebeten. Es war jetzt zu Anfang des Sommers, und Frau Mannerſtedt hatte Franz inſtändig gebeten, während der Ferien hereinzukommen, Sie verſicherte ihn heilig, daß es ihr durchaus nicht un⸗ gelegen ſein würde; im Gegentheil es würde ihr eine außerordentliche Freude machen, und ſie habe ſchon Alles für ihn hergerichtee— Und ſo war es auch wirklich; denn ſie hatte ihr letztes Kleinod, ihre goldene Tabacks⸗ doſe verkauft, um ihre kleine Haushaltung auf die Heim⸗ kehr des unausſprechlich geliebten Sohnes vorzuſehen. Franz konnte den herzlichen, beweglichen Bitten nicht widerſtehen; er packte ſeine Bücher, ſeine Papiere, ſeine Noten und die Violine nebſt der bedeutend zuſammen⸗ geſchmolzenen Garderobe zuſammen, reiste nach Malmo und kam zufälligerweiſe auf derſelben Schüte heim, mit welcher er abgereist war— aber ach! unter welch' ver⸗ ſchiedenen Ausſichten! doch ſo iſt der gewöhnliche Gang des Lebens, heute Freude und Ruhe, morgen Kummer und Sturm— ein ewiger Wechſel! Wie ſollen wir das Entzücken der Frau Manner⸗ ſtedt ſchildern, als der hohe, wohlgewachſene zwanzig⸗ jährige Jüngling die Treppe herauf und in die mütter⸗ lichen Arme ſprang, deren heftiges Zittern ihr kaum er⸗ laubte, ſie um den Zurückgekehrten zu ſchließen! Ach! das war ein Feſt, wo die Engel hätten Zeuge ſein kön⸗ nen! Sie hatte das eine kleine Zimmer, das zugleich das größte und beſte war, herausgeputzt, um Franz zu em⸗ pfangen; das Vornehmſte, was ihr noch übrig blieb, war dort verſammelt und Alles ſah ſo nett, ſo geordnet und ſauber aus. Stumm drückte Franz die mütterliche Hand an ſeine Lippen, und der Himmel wohnte in ſei⸗ ner Seele, denn es lag eine Seligkeit darin, ſich ſo ge⸗ liebt zu ſehen. Franz wußte nur zu wohl, daß die vie⸗ 62 len Aufmerkſamkeiten, welche die kleine Stube vereinigte, ſeiner guten Mutter große Aufopferungen gekoſtet hatten; deßhalb war ihm auch Alles ſo heilig und theuer. Ddrei ſüße und glückliche Monate verfloſſen unter den beſcheidenen Genüſſen eines ſtillen Familienlebens Franz arbeitete fleißig wie gewöhnlich; aber die Zeit verging ihm doch angenehm unter Luſtwanderungen in der freundlichen wohlbekannten Gegend, und mit Beſu⸗ chen bei ſeinen alten und lieben Freunden, welche— dies müſſen wir zu ihrer Ehre beſonders erwähnen, da ſie ſich darin vor den Freunden im Allgemeinen aus⸗ zeichnen— keinen Unterſchied zwiſchen dem Ehemals und dem Jetzt kannten, ſondern den jungen Mannerſtedt mit Einladungen überhäuften. Franz nahm jedoch die meiſten derſelben nicht an; denn theils war, wie wir ſchon er⸗ wähnt haben, ſein Anzug abgenützt, und er daraus hin⸗ ausgewachſen, er eignete ſich alſo nicht, um ſich in ſol— chen Kreiſen ſehen zu laſſen, theils wollte er auch ſeine freien Stunden lieber ſeiner Mutter und den näheren Jugendfreunden ſchenken. Zu Anfang des Semeſters ſollte Franz zurückkehren. Ein paar Tage vor dem großen Trauer⸗ oder Abſchiedstag hatte Fran Manner⸗ ſtedt, die mit den Zubereitungen für den Speiſeſack be⸗ ſchäftigt war, gar viel in ihrer kleinen Küche zu thun, und Franz ſammelte und ordnete ſeine Sachen. Wäh⸗ rend dieſes Geſchäfts fiel ihm ein, daß er etwas ver⸗ geſſen hatte, was ſeine Mutter für ihn aufbewahrte. Er ging alſo hinein, um es zu holen; aber da Frau Mannerſtedt in der Küche zu thun hatte, und er die Schublade offen ſtehen ſah, wo ſeine Mutter, wie er ſich erinnerte, den fraglichen Artikel verwahrte, zog er die Schublade heraus, und begann ihren Inhalt zu durch⸗ ſuchen. Zufällig traf er dabei auf einen Bündel Pa⸗ piere, deren Handſchrift den Rechnungen gleichſah, welche er früher von der Perſon in Lund empfangen hatte, bei der er ſeine dürftige Mittagskoſt holte. Er konnte der Begierde nicht widerſtehen, das Bündel aufzumachen; nigte, tten; anter bens Zeit in eſu⸗ 63 aber wie ſollen wir die Menge zugleich füßer, aber auch bitterer und niederſchlagender Gefühle ſchildern, die das weiche und gefühlvolle Herz des Jünglings beſtürmten, als er ſah, daß es ſeine alte Mutter geweſen war, die während eines Zeitraums von mehr als zwei Jahren mit der größten Aufopferung und Selbſtentſagung ſeine mo⸗ natlichen Koſtrechnungen bezahlt hatte? Zwei große Thrä⸗ nen, es waren die erſten, welche ihm ſeine Armuth aus⸗ preßte, ſtahlen ſich hervor und hingen zitternd in den langen dunkeln Augenwimpern. Düſter weilten ſeine Blicke auf den um ihn her gebreiteten Rechnungen und die Gluth ſeiner Lippen war erbleicht, während ein merkli⸗ ches Zittern ihre Oberfläche kräuſelte. In dieſem Au⸗ genblicke trat Frau Mannerſtedt herein, und wie die Wolken vor dem Glanz der Sonne ſinken, ſo verſchwand der finſtere Ausdruck in Franzens Geſicht, als er ſie ſah, die keinen ſchöneren Namen kannte, als den der Mutter. „O Mutterherz! Du herrlichſtes Werk des Schö⸗ pfers!“ das waren die einzigen Worte, die er hervor⸗ bringen konnte, als er in die Arme ſtürzte, die ſich aus⸗ breiteten, um ihn zu empfangen. Einige Augenblicke, die Alles in ſich faßten, was das Leben zu bieten hat, vergingen wie ein Vorſchmack der himmliſchen Seligkeit in heiligem Schweigen. Dann erhob ſich Franz wieder. Männ⸗ licher Ernſt ſpiegelte ſich in ſeinen Zügen und gab ſeiner Stimme Kraft, als er langſam aber feſt ſprach;„Und jetzt, meine Mutter, meine zärtlich, unausſprechlich geliebte Mut⸗ ter, gelobe mir, ſo fern Du willſt, daß Frieden und Ruhe in meiner Seele wohnen ſollen, dies nicht mehr zu thun! O ich empfinde nur zu wohl, was es Dich gekoſtet hat, was dieſe theuren Hände gearbeitet haben, damit Franz nicht hungern ſollte! O Mutter, Mutter! mein Herz möchte brechen vor Schmerz und Seligkeit beim Anblick dieſer Papiere! Nein, dies Geld wird mir zu ſchwer! Beruhige mich mit dem heiligen Verſprechen, mich für mich ſelbſt ſorgen zu laſſen!“ Frau Mannerſtedt war genöthigt nachzugeben, ſie befand ſich auch jetzt in einer ſo entblößten Lage, daß nur die erfindungsreichſte Liebe, verbunden mit der aus⸗ gedehnteſten Umſicht und der größten, obwohl ſchweigenden Aufopferung ihrer eigenen Sachen im Laufe der letzten vierzehn Tage die kleine Haushaltung zuſammenhalten konnte. Mit Freude wollte ſie dafür büßen, wenn Franz abgereist war, wenn es ihr nur glückte, während ſeiner Anweſenheit das wahre Verhalten zu verbergen. Und es glückte! Die letzten noch übrigen Stunden wurden in ſchönen, liebevollen Geſprächen hingebracht, und Franz ließ ſich wie ein gutes Kind von der mütterlichen Zärt⸗ lichkeit einſchläfern. Er reiste ab, nicht zur Hälfte ahnend, wie theuer ſie nachher dieſe drei ſo ſüßen und glückſeli⸗ gen Monate bezahlen mußte. Um alle weitere Hülfe entbehrlich zu machen, nahm Franz am Schluſſe des nächſten Semeſters eine Stelle als Informator auf ein Jahr an. Aber das wurde ihm ein bitteres Jahr; denn ſein Patron wie ſeine Frau waren dumme, aufgeblaſene Leute, die ſich einbildeten, es ſei nobel und zeuge von beſonders gutem Tone, einen Informator wie eine Art höheren Bedienten zu behandeln. Nach dieſem Fegfeuer nahm Mannerſtedt mit leich⸗ terem und elaſtiſchem Sinne ſeine alten Beſchäftigungen und Mühen wieder auf, und ſchritt feſt und beharrlich auf der Bahn fort, die er gewählt hatte. Als die Zeiten drückender wurden, ward er wieder genöthigt, eine Stelle anzunehmen, und unter dieſen wechſelnden Herbſt⸗ und Wintertagen— denn ein eigentlicher Frühlingsſchimmer oder Sommer wollte ſich nie einſtellen— vergingen all⸗ mählig vier Jahre. Da er jetzt das Lehreramt ganz ſatt war, und mit ſo geringen Einkünſten ſich unmöglich länger an der Akademie halten konnte, beſchloß er auf Zureden des Rathsherrn Siſver, deſſen Freundſchaft und Rath er immer werth gehalten hatte, auf ein halbes oder auch vielleicht ein ganzes Jahr in dieſelbe Stadt zu ziehen, wo er jetzt weilte, und wo der Rathsherr mehrere Bekannte beſaß, die verſichert hatten, daß ein 65 Sprach⸗ und Muſtklehrer ein ſehr willkommener Gaſt ſein würde.—„Wenigſtens,“ ſagte Franz bei ſich ſelbſt, indem er die Vor⸗ und Nachtheile dieſes Vorſchlags über⸗ dachte,„wenigſtens verdiene ich wohl ſo viel, daß ich auf das nächſte Frühjahrſemeſter wieder hinunterreiſen kann, und dann werde ich mit Gottes Hülfe dort bleiben, bis ich meinen Cours beendigt habe.“ Er reiste ab. Der Rathsherr Sifver hatte ſchon ſchriftlich einige Verbin⸗ dungen für ihn abgeſchloſſen, ſo daß er ſogleich Beſchäf⸗ tigung fand. Da er Alles mit der ſtrengſten Sparſam⸗ keit einrichten mußte, miethete er ſich das kleine Dach⸗ ſtübchen, wo er jetzt wohnte, holte ſich jeden Mittag eine Zwölfſchillingportion, die oft bis zum Abend reichen mußte, und ſtudirte nebenher die löbliche Haushaltungs⸗ wiſſenſchaft in ſo vielen Zweigen, als ob er mit der Zeit Profeſſor der Oekonomie werden wollte. Sowohl die Empfehlungen des Rathsherrn Sifver, als ſein eigenes angenehmes Weſen, verbunden mit ſeiner hohen, ſchönen Figur, die etwas Imponirendes hatte, ver⸗ ſchafften ihm Zutritt in viele Häuſer, wo er als Lehrer in den Sprachen, der Muſtk, oder im Zeichnen angeſtellt wurde. Aber da dieſe Stunden doch nicht die Anzahl ausfüllten, die er bedurfte, um einigen Gewinn aus ſei⸗ nem Verſuche ziehen zu können, ſo ſah er ſich genöthigt, mit ſeinem Stolze zu unterhandeln, der ſich gerne empört hätte. Er bewog ihn daher, ſich ſtill zu verhalten, wenn er den ſchwarzen, knappen Frack anzog, um in der Stadt bei den Vornehmſten herum zu gehen und— ſeine Dienſte anzubieten. Dies war übrigens, Mannerſtedt fühlte es be⸗ die ſchwerſte Wanderung, die er je unternommen atte. Er begann bei dem Lenker der Stadt, dem Bürger⸗ meiſter B.— dieſer hatte unglücklicherweiſe an dieſem Abend große Geſellſchaft. Als unſer Kandidat ganz be⸗ ſcheiden die große Treppe hinaufging und ein Kammer⸗ mädchen, das ihm dort begegnete, nach dem Bürgermei⸗ Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. ſter fragte, glaubte dieſe entweder, er gehöre zu der ein⸗ geladenen Geſellſchaft, oder ſie war ſchlecht genug, den armen, fremden Muſikanten, wie er hie und da ſpott⸗ weiſe genannt wurde, in große Verlegenheit ſetzen zu wollen; denn ſie erwiederte nur:„dort!“ und deutete auf die Saalthüre. Da die Gäſte in dem, hinter dem Saale befindlichen großen Feſtzimmer verſammelt waren, hörte Niemand Mannerſtedts Klopfen. Er wagte es alſo nach einigem Bedenken einzutreten. Hier zeigte ſich keine leben⸗ dige Seele, außer ein paar kleinen Mädchen von fünf bis ſechs Jahren, die da ſtanden und einige künſtliche Früchte betrachteten, und dabei innig wünſchten, ſie möch⸗ ten eßbar ſein. Bei dem Geräuſche, das Franz verur⸗ ſachte, wandten ſich die blondlockigen Engel um, und durchaus damit unbekannt, was ſich ſchickte oder nicht, ſprangen ſie ihm freundlich entgegen, wie ſie Mama ge⸗ lehrt hatte, alle Gäſte zu empfangen, zu begrüßen und dann zu der Geſellſchaft zu führen. „Kommen Sie, kommen Sie mit uns!“ baten die ſchelmiſchen Kleinen. Mannerſtedt, der Stimmen im näch⸗ ſten Zimmer hörte, wollte ſich zurückziehen; aber die klei⸗ nen Töchter Eva's baten ſo ſchmeichelnd, er möchte mit ihnen zu Papa und Mama gehen, die könnten ja ſonſt böſe werden und glauben, Bertha und Hilda ſeien unar⸗ tig geweſen, weil der fremde Herr fortgegangen ſei. Er konnte den unſchuldigen Weſen, die ihm Troſt und Hoff⸗ nung zu bringen ſchienen, nicht widerſtehen. Einige Au⸗ genblicke lang bildete er ſich ein, daß er in dieſem Hauſe eine freundliche Aufnahme finden könnte und folgte den Kindern. Dieſe faßten ihn bei den Händen und ſchwebten wie zwei Feen an ſeiner Seite durch den Saal. Sie drückten die leicht zugeſchloſſenen Doppelthüren in das Feſtzimmer auf, und jetzt ſtand er mitten in einer an⸗ ſehnlichen Verſammlung von Herren und Damen. Die Kleinen wollten ihn noch weiter mit ſich ziehen; aber er machte ſich ſchnell los, und verbeugte ſich tief und mit einer flammenden Röthe auf den Wangen. Die Bür⸗ ger! ihne dert ſo drie bar bra übe wer dicke eben der Thi tete ein mei iſt bew die ten Ma An! nach Kin im erin eine was Su war ſollt dort ein⸗ den pott⸗ n zu e auf Saale hörte nach eben⸗ fünf tliche nöch⸗ erur⸗ und nicht, a ge⸗ und n die Hauſe den ebten Sie das an⸗ Die er er mit Bür⸗ germeiſterin winkte ſchnell die Kinder zu ſich und flüſterte ihnen etwas in's Ohr, worauf das eine Mädchen erwie⸗ derte:„Aber Du haſt ja geſagt, wir ſollen es mit Allen ſo machen!“— Die Mama ſchüttelte mit einer ſehr ver⸗ drießlichen Miene den Kopf, und flüſterte ihrer Nach⸗ barin zu:„Ach! wie einfältig doch die Kinder ſind! es braucht eine übermenſchliche Geduld, um ſich nicht krank über ſie zu ärgern. Meine liebe kleine Madame M— wer um's Himmelswillen iſt denn der Menſch?“ Inzwiſchen hatte ſich der Bürgermeiſter, ein kleiner, dicker Mann mit einem reputirlichen Bauche und einer eben ſo reputirlichen Perrücke, unſerem Helden genähert, der mit dem Hute in der Hand einige Schritte von der Thüre entfernt ſtand, und den Lenker der Stadt erwar⸗ tete, der langſam, die Brille zuſammengelegt und vor ein Auge gehalten, herankam. „Wer iſt Er, mein Freund?“ fragte der Bürger⸗ meiſter, der ſehr wohl wußte, wer er war,„und was iſt Sein Geſchäft?“ Mannerſtedts Herz klopfte von der heftigen Gemüths⸗ bewegung ſo ſtark, daß es ihm war, als müſſe es ihm die Bruſt zerſprengen, und Wangen und Stirne flamm⸗ ten wie Feuer, als er antwortete:„Mein Name iſt Franz Mannerſtedt, wie der Paß ausweist, den ich bei meiner Ankunft abzuliefern die Ehre hatte. Mein Geſchäft iſt, nachzufragen, ob der Herr Bürgermeiſter für eines ſeiner Kinder einen Lehrer in den Sprachen, der Muſik, oder im Zeichnen bedürfe.“ „Ja ſo, ja ſo! es iſt der Herr Mannerſtedt? Ich erinnere mich jetzt,“ ſagte der Bürgermeiſter, und winkte einem Bedienten, dem Fremden einen Stuhl hinzuſetzen, was ſich dieſer jedoch höflich verbat. An der Thüre als Supplikant zu ſtehen, möchte wohl angehen; mancher war ja vor ihm ſo da geſtanden, und Millionen Weſen ſollten nach ihm dieſelbe Demüthigung empfinden; aber dort zu ſitzen, das war zu viel. Mit einer kurzen, ſtol⸗ 5*⁵ 68 den Teerbelcguüng ſchob Mannerſtedt den angebotenen Stuhl zurück. „Ach ja!“ fuhr der Bürgermeiſter fort und ſetzte ſich nachläſſig an's Fenſter;„das iſt alſo das Geſchäft des Herrn? Die Zeit iſt nicht gerade geeignet, um ſo etwas abzumachen; aber Er kann morgen praͤcis halb zwei Uhr wieder kommen, dann habe ich eine Stunde frei vor Tiſche.“ Mannerſtedt verbeugte ſich ſchweigend und verließ das Zimmer. Welches waren wohl die Gefühle, die auf dem Heimweg zu ſeinem engen Dachſtübchen in ſeinem Innern ſtürmten? Wer wagt es, das Menſchenherz zu unterſuchen, dieſes wunderliche Ding, das auf einmal ſo groß und ſo klein, ſo mäßig und ſo unermeßlich un⸗ genügſam iſt? Mannerſtedt hatte eigentlich nur einen, obwohl in ſeiner Lage verzeihlichen Fehler: er war äußerſt ſtolz. Er ſtritt dagegen, ſo viel als er vermochte, aber es iieß ſich nicht beſiegen und an dieſem Abend beſonders, als er allein, ſo ganz und gar allein da ſaß, die Arme über die Bruſt gekreuzt und das Auge gedankenvoll und düſter an den Boden geheftet, im tiefen Gefühl ſeiner verlaſſenen Lage, da ſprach dieſer Stolz laut zu ihm und ſtellte die Scene bei dem Bürgermeiſter und die Üür⸗ theile, die man darüber fällen würde, unaufhörlich vor ſein geiſtiges Auge. „Ich gehe morgen nicht hin; nein, ich gehe nie mehr hin,“ ſprach der Stolz, der bei ſolchen Fragen immer das Wort führte.„Aber,“ wandte die Vernunft ein, „wenn du dich auf dieſe Art von jeder kleinen Widerwär⸗ tigkeit, von jedem Weſpenſtich verletzen läßt, ſo wirſt du deinen Endzweck nie erreichen. Der, welcher arm iſt und ſein Unterkommen bei Andern ſuchen muß, ſoll und muß auch alle Anzeichen jener Gefühle verbannen, die dich jetzt überwältigen; der muß die erſte und ſchwerſte aller Künſte lernen, die, ſich ſelbſt zu beherrſchen. Der Weg iſt dor⸗ nenvoll und rauh, und ſollte deine Bemühung auch erſt in jenem Lande über den Sternen mit dem gewünſchten 1 4 Er übe ſcht der bra trer wir der ſäer Kre ſtar edle nun und ſche Höl tun der er gen mei erſt gen der zier gez ter frer tes ma Ro ſted jen er —0 u— -—„—— 69 Erfolge gekrönt werden, ſo wird ſich doch das reine Herz über jede ausgeriſſene Diſtel freuen, die nicht mehr die ſchönere Saat erſtickt, wenn auch das Auge beim Anblick derer, die noch da ſtehen, weint. Der hat es weit ge⸗ bracht, der die nützlichen Pflanzen von den unnützen zu trennen verſteht und nicht mehr von der Mühe abgeſchreckt wird, die ihn die Ausrottung der letzteren koſtet. Wäre der Weg zum Tempel der Vollkommenheit mit Roſen be⸗ ſäet, welchen Preis verdienten dann die, welche nach dem Kranze ſtreben, der an ſeine Zinnen befeſtigt iſt? Er⸗ ſtaunt und muthlos gafft die Menge ihn an; nur der edlere Geiſt faßt muthig das Vergrößerungsglas der Hoff⸗ nung, das den Gegenſtand unſerm Auge näher bringt, und Seelenkraft bezeichnet jeden Schritt, wodurch er dem ſchönen Ziele ſich nähert. Und ſollte er auch nie jene Höhe erreichen, ſo bleibt doch ſein Streben immer ach⸗ tungswerth, während das Zurückbleiben des Feigen auf der niederſten Stufe unſere Verachtung erweckt.“ So argumentirte Mannerſtedt unter häufigen Pauſen; er wollte ſich ſelbſt beſiegen, und— er ſiegte. Am fol⸗ genden Vormittag wurde der Vertrag mit dem Bürger⸗ meiſter abgeſchloſſen. Er erreichte dadurch zwei Dinge: erſtens eine nicht unbedeutende Vermehrung ſeiner gerin⸗ gen Kaſſe, und zweitens eine tägliche Gelegenheit, ſich in der Selbſtbeherrſchung zu üben. Mannerſtedts zweiter Beſuch war bei dem Kommer⸗ zienrath Widen; wie dieſer ablief, haben wir ſchon gezeigt. Auch in dieſem Hauſe wäre manche Stunde bit⸗ ter genug geweſen, wenn nicht Roſa's holdes Lächeln und freundliches Weſen, in dem etwas ſo Paſſendes und Zar⸗ tes lag, ſie verſüßt und zu den ſeligſten ſeines Lebens ge⸗ macht hätte, beſonders ſeit jener Begebenheit, die wir in Roſa's Tagebuch geleſen haben. Jedoch war Manner⸗ ſtedt weit entfernt, zu ahnen, daß er ſelbſt die Veranlaſſung jenes Unglücks geweſen war; dazu war er zu beſcheiden; er würde ſo etwas als die größte Ungereimtheit von ſich gewieſen haben. Inzwiſchen konnte er nicht umhin, ſich zu geſtehen, daß, wenn es nur erlaubt geweſen wäre, das . Unmögliche zu wünſchen, er mit ſeiner ganzen Seele nach dem theuerſten Preis geſtrebt hätte, den er kannte, nach Roſa's Herz. Aber er lächelte mitleidig über ſeine eige⸗ nen Schwärmereien, und es gelang ihm, ſie zu beſiegen. Nur in den langen Dämmerungsſtunden ſtellte ſich der Verſucher immer wieder ein. Inzwiſchen durfte er doch jeden Tag mit der ſprechen, die er im Stillen anbetete; denn oft, ja faſt immer ſaß ſie mit ihrer Arbeit in dem Zimmer, wo die Lektionen gegeben wurden, entweder bei den Knaben und der Violine, oder den kleinen Schweſtern und dem Franzöſiſchen. Mannerſtedt blieb gewöhnlich noch eine Weile nach der Stunde und wagte es dann, bald ihr gegenüber ſitzend, bald am Kamin ſtehend und leicht an dieſes gelehnt, die reichen poetiſchen Bilder feſt in eine anſchauliche Form zu kleiden, die in ſeinem Herzen lebten, und deren Gegenſtände entweder in dem Umkreiſe der Na⸗ tur oder der Kunſt lagen. Nach ſolchen Angenblicken, die wie Sternſchnuppen ſeinen dunkeln Himmel erhellten, gab es Stunden, wo er ſich in ſeinem einſamen Dachſtübchen ſogar recht glücklich fühlte. Der Schmerz, der ihn am tiefſten drückte, war die Kränklichkeit ſeiner Mutter und ihre mit jedem Jahre ſich erſchwerenden Umſtände; denn nunmehr vermochte ſie wenig oder nichts zu arbeiten, und ward manchmal genöthigt, das Scherflein anzunehmen, das ihr Franz zuſchickte, indem er in den beweglichſten Ausdrücken betheuerte, daß er es wohl entbehren könne. Wie wohl er es konnte, weiß der Leſer ſchon, und dies war die vornehmſte Urſache, warum er ſich nicht die Mit⸗ tel zu einem neuen ſchwarzen Anzuge zuſammen ſparen konnte. Doch hatte er ſich einen Frack angeſchafft, der ihm bei ſeinen Geſchäften in den vornehmen Häuſern ganz unentbehrlich war, und mit dieſem und ſeiner ſchönen, modernen Mütze, die ihm ſo wohl ſtand, war er in der That ſo einnehmend, daß kein Frauenzimmer, dem er auf der Straße begegnete, oder an einem Fenſter grüßte, um⸗ hin konnte, ihm freundlich zuzulächeln. Jeden Samſtag, 1 1 4 wenn er ſein Unterrichtsgeld erhalten hatte, legte er eine gewiſſe kleine Summe in die Sparbank, was, wie wir ſchon erwähnt haben, die Reiſekaſſe für das Frühjahr⸗ ſemeſter bilden ſollte; das Uebrige mußte zum Unterhalt und andern kleinen Ausgaben hinreichen und die Kümmer⸗ niſſe der geliebten Mutter lindern. So ſtanden die Dinge, als wir Mannerſtedt bei dem großen Feſte des Kommerzienraths trafen. Schon am Morgen hatte er deſſen Bedeutung erfahren, und tief in ſeiner Seele fühlte er, daß jetzt der Vorhang vor dem letzten ſchimmernden Lichtpunkte niedergefallen war, der ſeinem armen, düſtern Leben Freude und Troſt nach den Widerwärtigkeiten des Tages verlieh, und ihn in roſen⸗ farbenen, laͤchelnden Träumen ahnen ließ, daß die Zu⸗ kunft ihm eine reiche Ernte für das gegenwärtige Streben gewähren würde. Aber dieſe Seligkeit konnte nicht lange Beſtand haben; ſie mußte auf alle mögliche Fälle hin un⸗ abwendbar ein Ende nehmen. Mannerſtedt ſah ungeach⸗ tet aller ſeiner Träumereien— denn er hatte ſich oft da⸗ mit vertraut gemacht— wohl ein, daß ihn dieſer Schlag früher oder ſpäter treffen würde; und jetzt, da es geſche⸗ hen war, trug er's auch mit all' der Staͤrke, die er ſchon oft bewieſen hatte. Um dieſe noch mehr zu erproben und allen Fragen auszuweichen, nahm er auch die Einladung zum Feſte an, und kehrte, den Pfeil noch tiefer in das blutende Herz gedrückt, nach Hauſe zurück, wo er ſeine Qualen in harmoniſchen Accorden aushauchte, die er ſei⸗ ner getreuen und einzig übrig gebliebenen Freundin, der Violine, entlockte. 6. Morgenbeſuch des Kapitäns.— Die Lektion. — Berathung im Kabinet der Mama. Einige Tage nach dem, Verlobungsfeſte ſaß Roſa eines Vormittags am Fenſter im Wohnzimmer und ſtickte an einem Kragen. Kapitän Ling ſtand in einer anmuthi nachläfſigen Stellung neben ihr, und unterhielt ſich da⸗ mit, aus einem dabei ſtehenden Nähkorbe etwas ſeidenes Garn zu nehmen, es um den Finger zu wickeln und wieder aufzuwinden, wobei er ſeine ſtille, fleißige Braut betrachtete, deren Auge die Arbeit nur verließ, um alle fünf Minuten einen flüchtigen Blick nach der Uhr zu werfen. Der Kapitän war nicht ganz ſicher, ob dieß ein Wink für ihn ſein ſollte, daß er den Beſuch endige; aber da es noch nicht zwölf Uhr geſchlagen hatte, und noch einige Stunden vor dem Mittageſſen, das er in Geſellſchaft einiger munterer Kameraden außerhalb der Stadt einnehmen ſollte, zu tödten waren, ſo ſetzte er ſich wieder ganz ruhig nieder, mit der Bemerkung, daß es heute ein ſchönes und geſundes Wetter ſei. „Dafür, daß es Derember iſt, iſt es ſehr hell, und damit iſt mir am meiſten geholfen,“ verſetzte Roſa, in⸗ dem ſie auf ihre feine Arbeit wies, die zu einem Weih⸗ nachtsgeſchenk für die Mama beſtimmt war. „Nun, wenn Dir das Wetter ſo gefällt,“ fuhr der Kapitän fort,„ſo könnten wir ja eine Promenade machen, zu Fuß oder im Schlitten, wie es Dir am liebſten iſt.“ „Nein, ich danke, beſter Ferdinand! ich habe ſo Kopfweh. Ich will heute nicht ausgehen; überdies habe ich keine Zeit.“ „Die Blumen da wachſen dann nachher nur deſto ſchneller,“ meinte der Kapitän,„und wenn Du Dich zu⸗ dem unwohl befindeſt, ſo iſt es um ſo nothwendiger, friſche Luft zu ſchöpfen. Laß Dich bereden, liebe Roſa! Es würde mir ein ſo unendliches Vergnügen machen, wenn ich mich zum erſtenmale öffentlich mit meiner ſchönen Braut zeigen dürfte.“ „Dies Vergnügen,“ verſetzte Roſa lächelnd,„wird Dir wohl in Zukunft ſo oft zu Theil werden, daß es ſich gewiß nicht der Mühe verlohnt, ſo viel Aufhebens davon 9. zu machen. Aber verzeihe mir, lieber Ferdinand, daß 4 73 ich Dir heute Deinen Wunſch abſchlage; ich bin durch⸗ aus nicht zum Spazierengehen aufgelegt.“ „Das höre ich,“ bemerkte der Kapitän aufſtehend und in einem Tone, der bewies, daß er ſich ein wenig beleidigt fühlte. Dann ging er gedankenvoll einige⸗ mal im Zimmer auf und ab. Roſa ſaß ſtille da, und ihre weißen Finger flogen verzweifelt emſig über die Arbeit, während ihre Blicke ununterbrochen dem Uhrzeiger folgten, und der Purpur ihrer Wangen ſtieg, jemehr ſich jener zwölf Uhr näherte. Der Kapitän bemerkte eine gewiſſe Unruhe in Roſa's Bewegungen, und überzeugt, daß ſie ihn loswerden möchte, beſchloß er, ihr zum Trotze da zu bleiben und warf ſich deshalb ganz gemächlich und mit einer Miene in ein Sophaeck, als wollte er ſich zur Ruhe begeben. Bald darauf kamen die Söhne des Kommerzienraths, ein paar muntere Jungen, hereingeſtürmt; der eine von ihnen trug einen Notenſtänder, der andere einen Bund Noten und die Violinen.—„Aha, ihr Taſchenkrebſe!“ ſagte Ferdinand lächelnd,„ihr wollt wohl unſere Gehör⸗ organe auf die Folterbank ſpannen? das iſt wohl eure Abſicht, ſo viel ich merken kann?“ „Wenn ſich der Kapitän nicht darauf ſpannen laſſen will, ſo ſteht es ihm ja frei, ſeiner Wege zu gehen,“ entgegnete naſeweis der älteſte der jungen Herren, ein Sprößling in ſeinen beſten Flegeljahren. „Ei du biſt mir ein artiger Junker,“ meinte der Kapitän,„ich hätte wohl auch Luſt, dir täglich gewiſſe Lektionen zu geben, wobei ich jedoch ſtatt des Geigen⸗ bogens dies Inſtrument da anwenden würde.“ Er warf dabei ſein Spazierſtöckchen gewandt in die Höh' und fing es wieder. Der Knabe erröthete ſtark und war auf dem Wege, dem Kapitän eine nicht minder frei⸗ müthige Antwort zu geben, als die erſte geweſen war, doch ein ſtrenger, ernſter Blick von Roſa, welche von den jüngern Geſchwiſtern mehr geliebt wurde, als Mama ſelbſt, hielt ſeine Zunge im Zaume. Schweigend legte er ſeine Noten in Ordnung, und Kapitän Ferdinand fuhr fort:„Wenn Du, Roſa, im Stande biſt, ihr Conzert anzuhören, ſo muß wohl auch ich es aushalten können.“ „Was mich betrifft,“ fiel Roſa lächelnd ein,„ſo halte ich es mit vielem Vergnügen aus. Ich bin den Fortſchritten der Knaben von Anfang gefolgt; und da ſie Beide Neigung zur Muſik, ein gutes Gehör und einen geſchickten Lehrer haben, ſo iſt die Zeit ſchon längſt vor⸗ über, wo ſie eigentlich ein feineres muſikaliſches Ohr quälen konnten.“ Roſa ſprach ohne alle Zeichen der Verlegenheit. Sie haͤtte freilich gewünſcht, und recht von Herzen ge⸗ wünſcht, daß ſich der Kapitän vor Mannerſtedts Ankunft entfernt hätte; manche Beweggründe vereinigten ſich für einen ſolchen Wunſch und machten ihn natürlich; aber da ſie merkte, daß Ling keineswegs geneigt ſchien, ſie zu theilen, ſondern im Gegentheil ſich veranlaßt fand, ſo lange über die gewöhnliche Zeit dazubleiben, ſo glückte es ihr, keine Spur ihres kleinen Mißvergnügens zu offen⸗ baren, als ſie jene Hoffnung ſtranden ſah. „Nicht wahr, der junge Gelehrte, der an unſerem Verlobungsabend den Walzer mit Dir tanzte, iſt der Apollo der Knaben?“ fragte Kapitän Ferdinand. „Ja, es iſt der Kandidat Mannerſtedt,“ antwortete ſie mit dem gleichgültigſten Tone von der Welt. „Ein recht hübſcher junger Mann,“ bemerkte Ling, „ein vortheilhaftes Aeußeres, ein Wuchs und eine Hal⸗ tung, die einem Marsſohn Ehre machen würde; kurz ein wahrer Adonis. Aber wahrſcheinlich ein armer Teufel nach ſeiner beſcheidenen Tollette zu urtheilen. Es that mir wahrhaft leid um den armen Burſchen. Es war verdammt ſchade um eine ſo hübſche Figur, daß er kei⸗ nen beſ...“ „Still Ferdinand, ſtill,“ unterbrach ihn Roſa ſchnell* 1 flüſternd und fuhr mit dem Tuche über das glühende Geſicht. Die Thüre am untern Ende des Zimmers öffnete ſich und Franz Mannerſtedt in ſeinem ſchönen ——,—————+—— ½eS—A A 7⁵ modernen Oberrocke und die Mütze in der Hand, trat mit einer Verbeugung herein. Roſa ſtand auf und verneigte ſich artig; der Kapitän machte halb liegend ein nachläͤſ⸗ ſiges, obwohl freundliches Kompliment, und die Jungens ſcharrten und richteten ſich gerade. Als Mannerſtedt die Mütze abgelegt, und mit einem Zuſammenziehen der Augenbrauen die Begrüßung des Kapitäns Ling bemerkt hatte, drehte er ein wenig am Notenſtänder und wandte ſich ſo auf die Seite der jungen Herren, daß er dem Kapitän den Rücken kehrte. Seine Stellung hinderte jedoch Roſa nicht, den finſtern Ausdruck in ſeinen ſchönen männlichen Zügen und zugleich ſeine heute etwas bläſſere Geſichtsfarbe zu beobachten, denn dieſe ſchien— nachdem der Purpurſchimmer verſchwunden war, den Zorn oder irgend ein anderes Gefühl auf ſeine Wangen geworfen hatte— noch bläſſer als gewöhnlich. Die Lektion hatte ihren Anfang genommen. Der Kapitän, gewöhnt, ſich nur im Nothfalle einen Zwang anzuthun, fuhr fort, mit ſeiner Braut über allerhand Kleinigkeiten zu plaudern; aber Roſa antwortete ſo kurz, und war ſo ſehr von dem kleinen Stücke in Anſpruch genommen, welches ihre Brüder ausführten, daß es Fer⸗ dinand bald müde wurde, und nicht begreifen konnte, wie Roſa, deren Talente und Geſchmack ſo ausgebildet waren, an einem ſo langweiligen Dinge Vergnügen ſin⸗ den mochte.— Da es inzwiſchen einmal ſo war, ſo wollte der Kapitän ſie ungeſtört die harmoniſchen Schön⸗ heiten in der Muſik der Knaben genießen laſſen. Er ſtand leiſe auf, nahm ſeinen Hut und flüſterte Roſa zu: „Leb' wohl, mein Engel, ich halte es nicht länger aus. Aber ich komme heute Abend wieder. Dann ſchlich er ſich hinaus, und dachte beim Hinabgehen:„Roſa hat eine unbegreifliche Schwachheit für die unartigen Buben.“ Als der Kapitän ſachte die Thüre hinter ſich ge⸗ ſchloſſen hatte, kam es Roſa vor, als ob ihr ein Stein vom Herzen ſiele. Sie athmete leichter und freier; denn ſie fühlte und wagte es ſich zu geſtehen, daß ihr nichts — unangenehmer ſein konnte, als in dieſen Augenblicken, den einzig ſeligen, die ſie verlebte, den Kapitän als die fünfte Perſon zu finden. Sie fühlte, daß er hier nicht allein überflüſſig, ſondern ſogar ſtörend war, da die nach⸗ läſſige Freiheit in ſeinem Weſen hie und da einen Cha⸗ rakter annahm, welcher Mannerſtedt in mehr als einer Hinſicht verletzen mußte. Unſere Heldin war nämlich durchaus keine Schwärmerin, ſondern recht und ſchlecht ein innig gutes und verſtändiges Mädchen. Sie fügte ſich ohne Murren in die Nothwendigkeit, den Sachen ihren Lauf zu laſſen, und nie träumte ſie von der Mög⸗ lichkeit einer kleinen Komödie oder Tragödie mit dem jungen Muſiklehrer. Es erhob ſich aber auch kein ver⸗ feinertes Pflichtgefühl in Geſtalt eines Vorwurfs, das ihr den reinen, einfachen Genuß dieſer ſparſam ausge⸗ theilten, frohen Stunden geraubt hätte, und ſie fühlte, daß ſie dieſelben eine ſo kurze Zeit lang wohl noch ohne Erröthen annehmen durfte. Die Stunde war beendigt, und Mannerſtedt nahm ſeine Mütze von dem nahe ſtehenden Tiſche, ehe er ſich noch umwandte. Er glaubte den Kapitän Ling noch da, und blieb deshalb noch mitten in der ſteifen Verbeugung ſtecken, als er zufällig aufſah und den Sopha leer fand. Ein flüchtiger Blick im Zimmer umher überzeugte ihn, daß der Nebenbuhler, den er wenigſtens nicht liebte, fort warr. Aber haſtig ſenkte ſich ſein Auge wieder gegen den Boden, und während er gerade über ſeine Verlegenheit etwas verlegen, ſeine Mütze in den Händen herumdrehte, trugen die Knaben den Notenſtänder und alle übrigen zur Muſikſtunde gehörigen Dinge hinaus. Noch ſtand Mannerſtedt, nachdem dieſe die Thüre wieder zugemacht hatten, in derſelben Stellung mitten im Zimmer, unent⸗ ſchloſſen, ob er gehen oder wie gewöhnlich noch einige Minuten da bleiben ſollte. Auch Roſa fühlte, daß ſie in Mannerſtedts Geſellſchaft nie ſo wenig unbefangen geweſen war, wie jetzt. Auch war ihr Ton etwas ge⸗ 77 zwungen, als ſie fragte:„Hat Herr Mannerſtedt heute ſo Eile?“ „Nicht mehr, als gewöhnlich,“ erwiederte er und trat näher;„ich fürchtete nur beſchwerlich zu fallen.“ „Durchaus nicht,“ lächelte Roſa, wieder bei voll⸗ kommener Faſſung, Herr Mannerſtedt iſt uns ſtets ein willkommener Gaſt.“ Der Kandidat legte die Mütze weg, und nahm in einer kleinen Entfernung von der jungen Hauswirthin Platz. Jetzt trat ein Stillſchweigen ein, das für beide keine angenehmen Empfindungen hervorrief, und Roſa überzeugte, daß es nicht mehr ſo ſein würde und ſo ſein könnte, wie es geweſen war. Inzwiſchen dürfte man ſich dies ſo wenig als möglich merken laſſen und ſie brachte bald wieder Gleichgewicht in die Waagſchaale der Unter⸗ haltung. G „Haben Sie noch keinen Brief von Ihrer guten Mutter erhalten, Herr Mannerſtedt?“ fragte Roſa, da ſie wohl wußte, daß dies ein Stoff war, der Franz zum Sprechen bringen würde. „Ach nein, Fräulein Widen!“ ſeufzte der bekümmerte Sohn.„Es gibt mir einen reichen Quell zur Unruhe, daß dies ſo lange über die gewöhnliche Zeit anſteht. Ich fürchte mit Grund, daß es ſehr ſchlimm ſteht; ſonſt würde die zärtlichſte und beſte der Mütter, mich gewiß nicht ſo lange dieſe theuren und erſehnten Nachrichten ent⸗ behren laſſen, die meine einzige Freude ausmachen.“ „Geben Sie die Hoffnung nicht ſo bald auf,“ bat Roſa, ſanft und freundlich,„wer weiß, welche Urſachen ſie am Schreiben hindern mochten? Wenn es ihr möglich iſt, ſorgt ſte gewiß dafür, daß bis Weihnachten Briefe intreffen. Wir haben nur noch zehn Tage bis dahin, und dann bleiben ſie gewiß nicht aus.“ „Gott gebe, daß Ihre Prophezeihung wahr werden möchte; denn was für Nachrichten mich auch erwarten mögen, ſo ſind ſie doch beſſer, als dieſe quälende Unge⸗ wißheit,“ verſicherte Mannerſtedt, und ſein Blick dankte Roſa für ihre freundliche Bemühung, den armen, ein⸗ ſamen, allen Andern ſo fremden Jüngling zu tröſten. Jetzt trat die Kommerzienräthin herein in einem rauſchenden ſeidenen Kleide und einem Hute, der mit einer halben Blumenbude prahlte. „Roſa, mein Kind, ſitzeſt Du noch da? Nein, auf meine Ehre, Du arbeiteſt Dich noch krank! Ich habe einen göttlichen Spaziergang gemacht, und zugleich einige Beſuche abgeſtattet.— Guten Morgen, Herr Manner⸗ ſtedt! der Herr ſoll mir heute Abend bei einem kleinen Geſchäfte helfen. Komme Er um halb ſechs Uhr her; ich habe Etwas im Kopf, worüber ich den Herrn zu Rathe ziehen will.“ Mannerſtedt verbeugte ſich verbindlich, und nahm ſeine Mütze, da er wohl wußte, daß es ein Signal zum Abtreten war, wenn die Kommerzienräthin ſich nicht ſetzte. Als er unter der Thüre war, rief ihm Madame Widen nach:„Herr Mannerſtedt, Herr Kandidat, erinnere Er ſich, daß Er am Chriſtabend bei uns eſſen ſoll; aber ent⸗ ſchuldige Er, wir ſind jetzt beſchäftigt! Guten Morgen, guten Morgen!“ Noch unter der Thüre verbeugte ſich Mannerſtedt und eilte die Treppe hinab. Nun nahm die Kommerzien⸗ räthin ihre Tochter unter den Arm und zog ſie in größ⸗ ter Haſt mit ſich fort, in das mütterliche Heiligthum, ein kleines Kabinet, welches nur Wenige betreten durften, und dieſe nur in wichtigen Fällen, das heißt, in Fällen, welche die würdige Frau für wichtig hielt. Nachdem ſie in das Zimmer eingetreten waren, und Mama mit eige⸗ ner Hand die Thüre geſchloſſen und dabei ſich wohl um⸗ geſehen hatte, ob kein unberufener Lauſcher in der Nähe ſei, ſetzte ſie ſich auf den Sopha und flüſterte Roſa zu, ein Tabouret neben ſie zu rücken. „Höre, Roſa, mein liebes, artiges und vernünftiges dchen,“ begann die Kommerzienräthin in einem leiſen lispelnden Tone,„ich weiß, daß Du ſehr ſcharfſin⸗ 79 nig ſein kannſt, wenn Du willſt, und mit Gottes Hülfe werde ich nicht vergebens ſo viele Mühe und Sorge auf Deine Erziehung verwendet haben und...“ Aber hier ſchwieg die Kommerzienräthin plötzlich, drehte ihre fran⸗ zöſiſchen Handſchuhe mit vielem Eifer zwiſchen den Fingern und dachte auf eine paſſende Fortſetzung der angefangenen Rede. Höchſt verwundert über dieſen etwas ſonderbaren und unerwarteten Anfang blickte Roſa der Mutter in das umherirrende Auge und benützte die Pauſe, um zu fra⸗ gen:„In welchem beſondern Falle wünſcht meine gute Mutter, daß ich meinen Scharfſinn zeigen ſoll? Wenn von den Weihnachtsgeſchenken die Rede iſt, ſo bin ich ſchon größtentheils darauf bedacht geweſen.“ „Ach nein, nein! es handelt ſich nicht von einer ſo elenden Kleinigkeit,“ antwortete Madame Widen, und ſchwenkte ungeduldig mit den Handſchuhen hin und her. „Nun, was iſt es aber dann, Mamachen?“ „Ja, ſiehſt Du, liebe Roſa,“ fuhr die Kommerzien⸗ räthin fort,„dies ſo auseinander zu ſetzen, daß Du es richtig auffaſſeſt, erfordert mehr Verſtand, als... Doch das iſt gleich, ich werde es verſuchen. Höre deßhalb wohl auf das, was ich Dir ſage. Du weißt, daß Dein Vater reich oder wenigſtens vermöglich iſt. Aber da die Affairen eines Kaufmanns nicht alle Jahre gleich blühen, gleich gewinnreich ſein können, ſo geſchieht es bisweilen, daß— daß— ſie etwas ſchief gehen. Auf die Geſchäfte, mein Kind, verſtehen wir Frauenzimmer uns gerade nicht ſehr. — Was ich damit ſagen will, iſt: daß, da die Zeiten einmal ſo ſind, ein Kaufmann ſein ganzes Vermögen beſtändig im Umtriebe haben muß, um ſeinen Credit zu behalten; und etwas der Art, mein Kind, iſt eben jetzt — verſteht ſich in der tiefſten Stille, mit deinem Vater der Fall. Dieſer leidige Umſtand hat zur Folge, daß Deine Mitgift nicht ſo bedeutend ausfällt, als beabſichtigt war. Der Profeſſor dagegen, Roſachen, iſt ein ſehre⸗ reicher Mann, aber geizig, beinahe abſcheulich geizig; 1 und darum hab' ich gedacht, meinte ich— da man jeden⸗ falls nicht ohne einige Bemühung darum, auf ſeine Hülfe rechnen kann,— daß Du, liebe Roſa, zu Erreichung dieſes Endzwecks, ganz einfach und ohne Umſchweif zu reden, Dich bei ihm wohl daran zu machen ſuchſt. Bei Deiner einnehmenden und unwiderſtehlichen Art, Dich zu geben, wenn Du nämlich willſt, wird es Dir leicht ſein, den Alten zu gewinnen. Beſuche ihn, meine Liebe, ſchmeichle ihm, verſteht ſich ſehr fein, und ſuche ihm den Gedanken beizubringen, daß er in ſeinen alten Tagen zu wenig Wartung ſeiner koſtbaren Perſon von Miethlings⸗ händen habe, und daß es Deine Luſt, Deine größte Freude ſein würde, wenn Du ihm die zärtlichſte Sorg⸗ falt widmen dürfteſt. Ferner, daß Du kein höheres Glück kennteſt, als wenn er ſich bei ſeinen Kindern, bei Dir und Ferdinand, niederlaſſen wollte, da ihr Beide wetteifern würdet, ihm die größte Aufmerkſamkeit zu erweiſen; und dergleichen mehr, was Du etwa für paſſend findeſt, und wozu Dir der Beſuch Veranlaſſung geben dürfte. Und damit das Ganze, der Beſuch und ſein Zweck recht na⸗ türlich erſcheinen möge, ſo ſollſt Du ihn von mir und Deinem Vater aus auf das Herzlichſte bitten, daß er uns die Freude ſchenken möge, den Chriſtabend in unſerem Kreiſe zuzubringen, der ja bald der ſeinige ſein werde.“ In Roſa's Kopfe gingen die Gedanken ſeltſam durch einander. Dieſe Mittheilung war ihr höchſt widrig, be⸗ ſonders auch deßhalb, weil die Mutter gegen ihre Tochter einen Wunſch äußerte und ihr einen Rat ertheilte, wo⸗ vor ihr ſtrenges Rechtsgefühl und ihr zarter Sinn zu⸗ rückbebten. Was aber die leichte, künſtliche Berührung der Angelegenheiten ihres Vaters betraf, ſo vermuthete Roſa, daß dies nur eine Art ſonderbarer Lockſpeiſe ſei, deren ſich die Mutter bediente, um ihre Tochter zu dem gewünſchten Punkte zu bringen; denn Roſa hielt es für durchaus unmöglich, daß er und ihre Mutter ſich ſo unbefümmert zeigen würden, wenn wirklich beun⸗ 81 ruhigende Umſtände eingetreten wären. Roſa konnte ſich nicht erinnern, eine einzige Runzel auf ihres Vaters Stirne oder einen einzigen gedankenvollen, Unglück verkündenden Ausdruck in ſeinem Auge bemerkt zu haben. Anders dürfte ſie wohl gedacht und geurtheilt haben, wenn ſie ihn ge⸗ ſehen hätte, wie er rechnend und ſinnend und bisweilen ſtille Flüche murmelnd in ſeinem Comptoir vor dem Pulte ſaß. Wenn ſie ihm dann auf ſein Zimmer ge⸗ folgt wäre, ſeine langſamen Wanderungen auf und nieder gehört, den wüthenden Blick geſehen hätte, womit er nach einem Hunde oder nach irgend einem Gegenſtande, der ihm in ſolchen unbewachten Augenblicken unter den Weg kam, ſtoßen konnte; wenn ſie bemerkt hätte, wie gewaltſam aus dem Innerſten ſeiner Seele hervorgepreßte Worte über die hart zuſammengedrückten Lippen ſchlichen, ſchlimme, bittere, finſtere und nur für ihn ſelbſt faßliche Worte, bei deren Ausſprechen ihm der Angſtſchweiß in großen Tropfen von der Stirne rann; wenn ſie weiter hätte ſehen können, wie ſeine Züge eine ſeltſame Ver⸗ wandlung erlitten, wenn die Zeit zum Mittageſſen und Zuſammentreffen mit ſeiner Familie herannahte, wo die Stirne wieder glatt und eben, das Auge lächelnd, faſt gedankenlos, die Haltung ſtolz, wie gewöhnlich, und der Gang ſicher und feſt wurde, als ob er nie von mißlichen Affairen und möglichen Bankerutten gehört hätte;— dann würde Roſa einen andern Sinn aus den Worten ihrer Mutter gezogen haben. Jetzt dagegen glitten ſie leicht an ihrem Ohre vorüber und ihre Aufmerkſamkeit haftete faſt ausſchließlich an dem Vorſchlag der Kommer⸗ zienräthin, den Profeſſor zu fangen; da ſie überzeugt war, daß, wenn ſie es abſchlüge, ihre Mutter ſelbſt Verſuche machen würde, vor welchen Roſa's Zartgefühl ſchon zum Voraus ſcheu zurückbebte. Und ſie beſchloß deshalb, ſich nicht abgeneigt zu zeigen. „Aber Roſa, liebe Roſa,“ brach die Kommerzien⸗ raͤthin das etwas zu lange Schweigen zworan denkſt Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. 6 82 Du? Sitze nicht ſo ſtumm da wie eine Bildſäule, ſon⸗ dern antworte doch, in Gottesnamen! Getrauſt Du Dir das mit dem vollkommenen Takt auszurichten, der für dieſen Zweck nöthig iſt? Durch Träumerei geſchieht es wenigſtens nicht; ſage deshalb Deine Gedanken! Wenn Du auf einen Vorſchlag nicht eingehen willſt, der im Herzen Deiner zärtlichen Mutter bloß Dein eigenes Wohl zum Ziele hatte— ſo— kann ich es wohl ſelbſt verſuchen; denn ich ſehe Dir an, daß es Dir zuwider iſt.“ „Ach nein, meine liebe Mutter!“ erwiederte Roſa ſchnell,„nicht gerade zuwider, wenigſtens nicht der Be⸗ ſuch ſelbſt bei dem Profeſſor— den will ich gern ab⸗ ſtatten, und mich ſo angenehm machen, als ich vermag; — aber dagegen ihm vorſchlagen zu wollen, daß er ſeine alten lieben Zimmer verlaſſen ſolle, die er, wie mir Fer⸗ dinand erzählt hat, bereits liber zwanzig Jahre bewohnt, das, glaube ich, würde ſich nicht recht paſſen— wenigſtens nicht beim erſten Beſuch,“ ſetzte ſie ſchnell hinzu, als ſie ſah, wie ſich das Auge ihrer Mutter verfinſterte. Dieſe kleine nothwendige Liſt that die beſte Wirkung auf die Laune der Frau Mamag. „Du biſt ein prächtiges, gutes und liebenswürdiges ind,“ ſprach die Kommerzienräthin etwas erleichtert. „Ein braves Mädchen, das immer den vollen Werth der Sorgen und Mühen einer guten und liebenden Mutter erkennt. Ich überlaſſe alſo die Sache getroſt Deinen Händen, und bin gewiß, daß Du ſie behend zu dem ge⸗ wünſchten Ziele bringſt. Wann willſt Du zum Profeſſor gehen, mein Kind?“ „Einige Tage vor dem Weihnachtabend,“ antwortete Roſa;„man muß die Sache nicht übereilen.“ „Nun, wie Du willſt! Es mag ſo ſein! Haſt Du Dich ſchon auf ein Weihnachtsgeſchenk für den alten Herrn vorgeſehen?“ „Ach ja, Mamachen,“ erwiederte Roſa, froh, jenen quälenden Sen tamd los zu werden; nich arbeite an einem Paar antoffeln für den guten Profeſſor.“ ‿ ———— 83 „Pantoffeln, mein Kind,“ ſagte die Kommerzien⸗ räthin mit einem ſcherzhaften Lächeln,„thäteſt Du beſſer daran, Deinem künftigen Manne zu verehren. Die Pan⸗ toffel⸗Taktik iſt durchaus nicht zu verachten. Später werde ich Dir einige Vorleſungen darüber halten.“ „Nein, durchaus nicht, meine liebe Mama!“ bat Roſa lachend.„Ich hoffe, mich ohne ſie behelfen zu können.“ „Das iſt nicht ſo ganz gewiß, wenigſtens darf man ſich nicht darauf verlaſſen,“ verſicherte die Mama, die nun in eine recht brillante Laune gerathen war;„doch was haſt Du für Deinen Bräutigam in petto, darf man es wiſſen?“ „Es iſt nicht ſo eigentlich Etwas für ihn ſelbſt,“ verſetzte Roſa,„aber auf alle Fälle etwas, das er ſich oft gewünſcht hat, nämlich ein Netz für ſeinen hübſchen Klepper. Und ich glaube in der That, daß es prächtig ausfallen wird. Die kleinen Mädchen helfen mir mehrere Stunden den Tag über daran.“ „Nicht ſo übel,“ bemerkte die Kommerzienräthin mit einem ganz beſondern Lächeln.„Apropos, weißt Du, was ich ihm geben will? Das wirſt Du ſchwerlich er⸗ rathen.“ „Nein, in Wahrheit, das gebe ich gerne zu! Wor⸗ auf mag wohl Mama gedacht haben, ich bin recht neu⸗ gierig, das geſteh ich?“ „Nun, Roſachen,“ platzte die Kommerzienräthin mit einem nicht eben allzuzarten Gelächter heraus,„da Du auf das Netz gedacht haſt, ſo werde ich wohl auf das Pferd ſelbſt denken müſſen. Aber Spaß bei Seite, das iſt gerade nicht ſo ergötzlich. Ich erfuhr heute mor⸗ gen bei einem meiner Beſuche im größten Vertrauen, daß der arme Kapitän ſein Pferd bei dem alten reichen Färber Brenner verſetzt hat, um— was meinſt Du, mein liebes Kind— die elende Summe zu jenen Klei⸗ nigkeiten zu erhalten, die er Dir an Deinem Verlobungs⸗ 6* 84 tage zum Präſente machte. So etwas geht durchaus nicht an. Ich beabſichtige deßhalb, das Pferd einzu⸗ löſen, und es ihm am Weihnachtabend zu ſchicken. Ver⸗ ſteht ſich, ehe er hieher kommt; denn ſolche Weihnachts⸗ geſchenke machen eine Ausnahme von der Regel, ſie kann man nicht einlegen laſſen.“ „Mein Gott, der arme Ferdinand, wie leid thut es mir um ihn!“ ſeufzte Roſa,„daß er ſich durch ſeine Unvorſichtigkeit in eine ſolche Verlegenheit gebracht hat! Ach, wenn er Vertrauen zu mir gehabt, wenn er mir das wahre Verhältniß ſeiner entblößten Kaſſe entdeckt hätte, wie viel mehr würde ich nicht dieſe edle Offenher⸗ zigkeit als die Geſchenke geſchätzt haben, die ich jetzt nicht anſehen kann, ohne daß es mir in's Herz ſchnei⸗ det! O meine gute Mama, es thut mir herzlich weh, daß mir Ferdinand nicht ſo viel Gefühl zutraute, um das Erſtere zu wählen.“ *„Ach, nun biſt Du zu ungereimt, liebe Roſa,“ ant⸗ wortete die klügere Mutter.„Wie kannſt Du ſo etwas für denkbar halten? Meinſt Du, daß er am Verlobungs⸗ tage wie ein Schuljunge vor ſeiner Braut hätte ſtehen und ihr bekennen mögen, er ſei arm wie eine Kirchen⸗ maus und nicht einmal im Stande, ihr die gewöhnlichen Brautgeſchenke anzubieten? Nein, meine Liebe, auf ſo etwas dürfen wir nicht warten. Es wäre gut, wenn wir als Frauen, wo wir doch das Recht dazu haben, von allen Dingen Rechenſchaft bekämen; vorher jedoch gehört es durchaus nicht zur Sache.“ Roſa fand, daß ihre Mutter ſie in dieſer Hinſicht eben ſo wenig verſtand, als Ferdinand, und antwortete deßhalb fügſam: „Es iſt wohl möglich, beſte Mama, daß dies zu viel begehrt war. Doch wäre dadurch manche Unan⸗ nehmlichkeit vermieden worden. Aber, Mamachen, wie willſt Du dieſe Sache anſtellen? Es iſt in der That nicht leicht, eine paſſende Art dazu zu finden. Könnte ni wohl Papa das Alle 4 i purchaus d einzu⸗ u. Ver⸗ hnachts⸗ ſie kann id thut ch ſeine ht hat! er mir entdeckt ffenher⸗ h jetzt ſchnei⸗ h weh, e, um “¹ant⸗ etwas bungs⸗ ſtehen irchen⸗ rlichen auf ſo wenn haben, jedoch ſicht ortete s zu Inan⸗ 8⁵ „Keineswegs,“ ſprach die Kommerzienräthin:„er darf tein Wort davon wiſſen, er würde es nie gut heißen, daß wir uns in die Angelegenheiten des armen Kapi⸗ täns miſchten; und doch wäre es eine Sünde und eine Schande für mich, wenn ich als ſeine künftige Schwie⸗ germutter ſeine drückende Lage kennte und ihm nicht hälfe. Ich habe überdies einiges Taſchengeld, das ich nicht beſſer anwenden kann, als wenn ich damit ſeine Ehre und zugleich ſein Pferd rette. Unſer kleiner beſcheidener Kandidat ſoll das bewerkſtelligen. Ich bat ihn, heute Abend herzukommen. Nachdem ich ihn inſtruirt habe, wird er zum alten Brenner gehen und hören, wie groß die Summe iſt, welche dieſer auf das Pferd geliehen hat, und ihn bitten, von der ganzen Sache zu ſchweigen.“ Roſa wurde bei dieſen Worten bald roth, bald blaß, und verſchiedene Gefühle ſtritten in ihrem Herzen um die Obergewalt. Zwar war ſie überzeugt, daß man keine tauglichere Perſon für dieſen kitzlichen Auftrag finden konnte; aber es war auch höchſt unangenehm, Manner⸗ ſtedt um eine ſolche Gefälligkeit zu bitten, welche ihm die Angelegenheiten des Kapitäns aus einem Geſichts⸗ punkte zeigen mußte, deſſen Auseinanderſetzung für Roſa ſehr drückend und für Ferdinand beleidigend ſein würde, wenn dieſer künftig erführe, wer dabei den Unterhändler gemacht hatte. „Meine beſte Mama,“ antwortete Roſa in über⸗ redendem Tone,„ich fürchte, ja ich fürchte wirklich, daß ſich dieſes nicht ſo leicht abthun läßt. Mannerſtedt paßt meines Bedünkens durchaus nicht, freilich.. „Aber nach meinem Bedünken paßt er vollkommen,“ uirteib adh ſie die Kommerzienräthin mit entſcheidendem Tone.„Er iſt ein allzuartiger und dienſtfertiger Jüng⸗ ling, dieſer Mannerſtedt; ſo recht einer von meinen Lieb⸗ lingen. Und ich möchte wohl wiſſen, warum er dazu nicht tauglich ſein ſollte?“ „Gewiß iſt er tauglich dazu, Mamachen, das iſt keine Frage, und ich bezweifle keineswegs, daß er hin⸗ kehrt hat?“ länglich Edelſinn und Verſchwiegenheit beſitzt, um eines ſol⸗ en Vertrauens würdig zu ſein; aber ich meine, wir dürfen keinen Fremden in dieſe Angelegenheiten einmiſchen. Wenn Mama erlaubt, ſo werde ich verſuchen, bis morgen einen andern Ausweg zu erdenken. Verſprechen Sie mir nur, kein Wort davon vor Mannerſtedt zu erwähnen, wenn er heute Abend herkommt.“ „Ich weiß nicht, mein Mädchen,“ antwortete die Kommerzienräthin mit einem Ausdruck in der Stimme, der zwiſchen Nachgeben und der Schwierigkeit, die Un⸗ ehlbarkeit ihrer eigenen Ideen zu verläugnen, ſchwebte, „ich weiß nicht, ob Du hierin Recht haſt“— eigent⸗ lich verdroß es die gute Frau, daß ihr Roſa in einer Sache widerſprach, wo ſie erwartet hatte, daß ſie in Bewunderung und Lobſprüche über den mütterlichen Edel⸗ muth ausbrechen ſollte—„Ich finde keinen Mangel von Zartgefühl in meinem Plane, und Mannerſtedt verſteht es wohl, die Sache fein anzuſtellen.“ „Gute, beſte Mama,“ bat Roſa ſchmeichelnd und drückte die mütterliche Hand an ihre Lippen,„laſſen Sie es bei dem bewenden, um was ich Sie gebeten habe, kann ich bis morgen keinen Plan ausfindig machen, der 4 uns mehr mit der feineren Schonung vereinbar ſcheint, die wir Ferdinand ſchuldig ſind, ſofern der Dienſt, den wir ihm leiſten, einen wirklichen Werth haben ſoll, ſo wollen wir ihn dann daran theilnehmen laſſen. Nur nicht heute Abend; denn wir müſſen noch beſſer darüber nachdenken.“ Da Roſa mit einer ſo großen Demuth bat, ſo fühlte ſich die Kommerzienräthin auf das Höchſte bewegt, und fragte nur:„Nun, liebes Kind, was willſt Du denn, daß ich Mannerſtedt ſagen ſoll, wenn er kommt, da Dein 3 Eigenſinn meinen vortrefflichen Plan ganz und gar ver⸗ „Ach, liebe Mama,“ erwiederte Roſa, erleichtert und froh,„es wird Mama's Scharfſinn gewiß ni ſchwer fallen, einen andern Vorwand für dieſe Einladung 2 ſtal tes ſol⸗ dürfen Wemn rorgen ie mir ihnen, te die imme, 2 Un⸗ vebte, gent⸗ einer e in Edel⸗ von ſteht und Sie 87 aufzufinden. Die Sorge wegen der Weihnachtsgeſchenke der Knaben könnte eine hinlängliche Veranlaſſung dazu ſein. Mannerſtedt iſt ein Freund der Kinder, und hilft gerne bei dergleichen Anordnungen. Doch erlauben Sie, Mamachen, daß ich jetzt auf mein Zimmer gehe und noch eine Stunde vor Tiſche an meinem Netz arbeite. Wir haben nicht viel Tage mehr übrig. Ich muß fleißig arbeiten, um mit Allem fertig zu werden.“ „Gehe, mein Engel,“ ſagte die Kommerzienräthin und küßte ihre Tochter auf die Stirne.—„Der Scharf⸗ ſinn Deiner Mama,“ ſetzte ſie mit einem ſelbſtver⸗ gnügten Lächeln hinzu,„muß eben jetzt wie immer die Sache in's Reine bringen. Nun, ich werde darauf den⸗ ken, wie ich unſern kleinen beſcheidenen Kandidaten los werden kann.“ Durch dieſes Verſprechen beruhigt, eilte Roſa auf ihr Zimmer, und während ihre Hände fleißig über die Arbeit hinflogen, bildeten ſich in ihrem Kopfe eine Menge verſchiedener Pläne, um denſelben Zweck, wie ihre Mutter, jedoch auf eine ganz andere Art, zu erreichen. Nie ſollte er wiſſen, nie ahnen dürfen, daß dieſe Hülfe vom Hauſe des Kommerzienraths ausging, darüber war ſie im Rei⸗ nen; aber noch blieb ihr zu löſen übrig, wie man das anſtellen müßte. Während dieſer Unentſchloſſenheit kamen ihre Gedanken auf den Profeſſor zuweilen, ob ſie es nicht wagen ſollte, dem alten Manne die Sache ganz einfach und in dem vortheilhafteſten Lichte vorzuſtellen, ihn um ſei⸗ nen Rath zu bitten, oder ihm das Geld zu geben, da⸗ mit er Alles in's Reine bringe.— Es war ein Glau⸗ bensartikel bei ihr, daß ein Geheimniß bei Niemand anders beſſer verwahrt ſein könne, als bei Profeſſor Ling. Den ganzen Tag waren Roſa's Gedanken bei dem guten Profeſſor; aber wie am Ende ihr Entſchluß ſich ge⸗ ſtaltete, das werden wir in einem andern Kapitel ſehen. In dem kleinen Zimmer der Frau Borgen⸗ ſköld. Am Abend des nämlichen Tags, deſſen Morgenbe⸗ gebniſſe wir im Hauſe des Kommerzienraths geſchildert haben, ſaß Frau Borgenſköld, eine alte, achtungswerthe das Matrone von einem herzlichen, wohlmeinenden Ausſehen, in einer Ecke ihres niedern Sophas, und war damit be⸗ ihr ſchäftigt, den neun und neunzigſten Riß in ihrem Shawl Ba zu ſtoppen, der ſeine Beſitzerin von ihren Jugendtagen Lie an getreu begleitet hatte. Ihre Tochter Hilda ſaß vor ach einem Tiſche am Fenſter und ſchrieb ſo fleißig wie ein Ge Geheim⸗Sekretär, das Zimmer war beſcheiden, aber ken ſauber und geordnet; doch verrieth das Ganze auffallend all geringe Mittel. Nachdem die Arbeit der beiden Frauen⸗ ger zimmer eine Zeitlang ſtill vor ſich gegangen war, ſtand Ne Hilda auf. Die zunehmende Dämmerung machte es ihr Ha unmöglich, länger fortzufahren. Sie ging einigemal im ein Zimmer auf und ab, während die Mutter ſie hie und da tre verſtohlen betrachtete und dabei im Geheimen mit dem Bo damit vertrauten Shawl⸗Ende eine Thräne aus ihrem vor Auge wiſchte. Hilda Borgenſköld war ein ausgezeichnet ſchönes ſo Mädchen, und vereinigte damit ein gutes Herz, einen we hellen Kopf und einen gebildeten Verſtand, aber auch rig einen gewiſſen nicht unbedeutenden Stolz auf die Vor⸗ züge, die ihr die Natur geſchenkt hatte, und die in ih⸗ M ren Augen mehr galten, als die des Glücks, welche ſie pfe verachtete, wenn ſie von den erſten nicht begleitet waren, wi die Schönheit jedoch ausgenommen; denn ſie war von V zu erhabener Denkungsart, um dieſes launiſche Spiel be der Natur zu einer Hauptſache zu machen.— Seit meh ſch reren Jahren her hatte ſie ſich daran gewöhnt, ihren eig Vetter Ferdinand zu lieben und zu achten. Seit ſi ze⸗ wußte, daß ſie ein Herz beſaß, hatte ſie ſeine Liebe gen⸗ enbe⸗ ildert erthe ehen, t be⸗ hawl agen vor 2 ein aber llend Uen⸗ tand ihr im d da dem rem önes nen nuch Lor⸗ ih⸗ ſie 89 fühlt; und obſchon er nie förmlich um ihre Hand an⸗ gehalten hatte, ſo hatte ſie doch, ſie wußte nicht wa⸗ rum, in ihm ſtets den künftigen Schöpfer ihres Glücks geſehen; denn tauſendmal hatte Ferdinand betheuert, daß es keine Seligkeit für ihn auf Erden gebe, die nicht von ihr getheilt würde. Hilda glaubte ihm, und hielt ihm in ihrem Herzen das Zartgefühl zu gut, womit er es vermied, ernſtlich von ihr das Verſprechen der Treue zu begehren, ehe er ihr den Antrag machen konnte, ſein Schickſal durch das Band der Ehe zu theilen. Das Gerücht, das von ſeiner Liebe und ſeiner Bewerbung um Roſa Widen ſprach, ver⸗ achtete ſie als durchaus grundlos und nicht werth, einen Gedanken daran zu verlieren. Sollte ſie ihn nicht beſſer kennen? Das war ja keine Frage. Aber was ſind wohl alle Hoffnungen, auch die, welche in unſerem Herzen feſt⸗ gewachſen ſind? Sind ſie vor böſen Stürmen geſchützt? Nein! Sie werden herausgeriſſen und zerſtreut, wie eine Hand voll Staub, und der Dorn der Erinnerung bleibt einſam zurück, bis die Hoffnung wieder neue Geſchoſſe treibt, die der Reihe nach blühen, verwelken und ſterben. Bald genug kam der Augenblick, wo Ferdinand verlegen von der Nothwendigkeit ſtammelte, die Hoffnung auf ihren Beſitz aufgeben zu müſſen, da es ihm unmöglich ſei, dieſe ſo lang genährte Hoffnung verwirklicht zu ſehen, weil— weil dringende, nicht zu nennende Umſtände und Schwie⸗ rigkeiten ſich dagegen erhoben hätten. Mit bewundernswürdiger Stärke hörte ihn Hilda an. Mit Stolz die verwundeten Gefühle ihres Herzens bekäm⸗ pfend, zeigte ſie ſich ruhig, kalt und entſchloſſen, und wünſchte ihm feierlich, aber artig, zu der eingegangenen Verbindung Glück.— Aber jetzt war die Kraft der Selbſt⸗ beherrſchung erſchöpft und mit einem kurzen Abſchied ver⸗ ſchwand ſie ernſt und kalt durch die Thüre nach ihrem eigenen Zimmerchen. Dort trat das Gefühl des Schmer⸗ zes in ſeine Rechte ein; da ſie ſich von dem Manne ver⸗ 5 höhnt und ſo ſchändlich betrogen ſah, an den ſie ihre ganze Hoffnung auf irdiſches Glück geknüpft hatte. Reich an Bitterkeit war dieſe Stunde, die ſo unbarmherzig all' die ſüßen Träume ihres jungen, fröhlichen Herzens ver⸗ jagte; aber ſobald ſie die Sache ruhiger betrachtete, fühlte ſie ſich von einer tiefen Verachtung gegen die Schwach⸗ heit und den Wankelmuth Ferdinands ergriffen, deſſen unedle Selbſtſucht nur wegen des Reichthums ſich um ein Weib bemühte, das er nicht liebte. Dieſe Betrachtungen zeigten ihr ihren frühern Lieb⸗ haber in einem Lichte, wobei der magiſche Schimmer, der in den verſchwundenen Tagen ſein Bild umfloſſen hatte, ſich nun ganz und gar verflüchtigte. Da ſtand er in ſei⸗ ner einfachen, natürlichen Rangklaſſe, ein Mann von dem alltäglichſten Schlage— von denen nämlich, die zwar bis zu einem gewiſſen Grade lieben und ſich glücklich fühlen können, wenn ihre Liebe keinem Widerſtand begegnet, je⸗ doch ſich ganz beſcheiden darein finden, ihre Aufmerkſam⸗ keit für die Geliebte je nach den äußern Stellungen und Verhältniſſen einzuſtellen oder wieder zu erneuern. Und ge⸗ bieten dieſe Umſtände Entſagung, ſo muß man in Gottes Namen ſeine Vernunft gefangen geben und die Glücksangel in einem andern Waſſer auswerfen, wobei es einem na⸗ türlich herzlich leid thut, daß der arme Gegenſtand der früheren Gefühle unter dieſer Wendung der Dinge leiden muß. Es iſt auf alle Fälle ein Glück, daß man ſich nicht beſtimmt erklärt hat; man kann ſich dann mit Ehre aus dem Spiele ziehen. Daß Ferdinand ungefähr ſo dachte, ſah Hilda klar ein. Während einer Reihe von Jahren war er ihr zwar ſo ſehr ergeben geweſen, als er es ſein konnte; aber bet dem geringſten Widerſtand, den ſeine Liebe erfuhr, bei dem geringſten Anſchein, daß er darum kämpfen müßte, war er bereit, ſie aufzuopfern. Ferdinand war alſo jetzt nach Hilda's Bedünken ein ſchwacher, ja ein verächtlicher Menſch, und ein ſolcher konnte unmöglich, nachdem der erſte Schmerz überſtanden war, ein Gegenſtand ihres Kummers werden. Um keinen Preis hätte ſie nach dieſer Entdeckung ihr —₰— .——,—,— O——— 91 Schickſal mit dem ſeinigen vereinigen mögen, und wenn ſie auch das ganze Vermögen des Profeſſors und ſeinen Segen dazu erhalten hätte. Aber es ſchmerzte und ver⸗ wundete ſie tief, daß ſie der Gegenſtand einer ſo leicht⸗ ſinnigen Neigung geweſen war. Bald hatte jedoch die Vernunft und das Rachegefühl in ihr geſiegt, und mit ziemlicher Ruhe kehrte ſie zu ihren gewöhnlichen Beſchäf⸗ tigungen zurück. Inzwiſchen hatte Ferdinand, wie wir bereits oben erwähnt haben, ſich nicht mit dem Gedanken ausſöhnen können, daß er von der Einzigen, die er wahrhaft liebte, verachtet wurde, und die Verirrungen tief bereuend, die ihn zu ſeinen letzten Schritten veranlaßt hatten, hatte er beſchloſſen, eine vollſtändige Beichte vor Hilda abzulegen, und wenn ſie ihm verzeihen würde, ſich ihr und dem Schick⸗ ſale auf Gnade oder Ungnade zu ergeben; aber Hilda wies ſowohl eine mündliche als ſchriftliche Erklärung mit Be⸗ ſtimmtheit zurück. Niemals wollte ſie wieder ein Wort von Liebe von ſeinen Lippen, ja nicht einmal aus ſeiner Feder vernehmen, ſie wollte nichts davon wiſſen, wollte vergeſſen und ſelbſt vergeſſen ſein. Dies wünſchte ſie, und ſie gehörte zu den wenigen weiblichen Charakteren, die nicht in ihrer Liebe tauſend Entſchuldigungen auffinden, um ihre Schwachheit zu rechtfertigen. Hilda hatte auf ewig aller Verbindung mit Ferdinand entſagt, und ſie hielt Wort; keine Zeit, keine Umſtände und Verhältniſſe konnten ihren Entſchluß erſchüttern, ihre Denkungsart verändern. Wo ihre Gedanken weilten, als ſie jetzt in der ſtillen Dämmerung langſam, die Hände über die Bruſt gekreuzt, auf⸗ und niederging, das wiſſen wir nicht; aber wir ver⸗ muthen, daß es nicht bei Ferdinand war, denn ſie ging jetzt raſch auf den Sopha zu, ſchlang ihre Arme um den Hals der geliebten Mutter, und ſprach in dem freudigſten Tone:„Es geht, wir werden beſtimmt das Reiſegeld zu⸗ ſammen bekommen, und ſogar noch etwas darüber! Ich ſehe zum Voraus, wie ſehr es Papa freuen wird, und 92 ich will gerne arbeiten, bei Tag die Haushaltung beſor⸗ gen und Abends und Morgens ſchreiben.“ „Und Dich ganz zu Grunde richten,“ unterbrach ſie Frau Borgenſköld,„damit Du Deine armen Eltern un⸗ terſtützen und ihnen aus der Noth helfen kannſt! Ach, meine Hilda, es ſchmerzt mich tief, daß ich Deine Jugend ſo freudenleer vergehen ſehen muß.“ „Sprich nicht ſo, meine theure Mutter,“ bat Hilda mit leichtem Unwillen.„Welche Genüſſe muß ich denn miſſen? Mache ich nicht jedenfalls mehr mit, als unſere Einkünfte eigentlich erlauben; und Du darfſt meiner Ver⸗ ſicherung glauben, Mama, weit entfernt, daß mir die Sorge für die Anſchaffung unſeres Reiſegelds ein Opfer koſtet, freut es mich unausſprechlich, dies thun zu kön⸗ nen; denn meine Seele ſehnt ſich, an einem andern Orte zu weilen; auf dem Lande, will ich ſagen,“ ſetzte ſie ſchnell hinzu.„Es würde mich erſticken, wenn ich noch einen Sommer in der Stadt zubringen müßte; und ich werde nie dankbar genug für die unvermuthete Verdienſtquelle ſein, die ſich mir durch meine Kenntniß der franzöſiſchen Sprache eröffnet hat. Ich habe berechnet, daß wir mit der Ueberſetzung dieſer beiden Arbeiten nicht allein die Reiſekoſten decken, ſondern auch noch für die Zukunft eine kleine Summe übrig behalten werden, um die unumgäng⸗ lichſten Bedürfniſſe einkaufen zu können.“ „Und Du getrauſt Dir, meine arme Hilda, dies Alles vor Ende Mai vollenden zu können?“ fragte Frau Borgenſköld mit einem mißtrauiſchen Kopfſchütteln. „Das thue ich beſtimmt, Mama,“ verſicherte Hilda. „Gegen die Mitte Mai hoffe ich, es abſenden zu können; und längſtens zu Ende deſſelben Monats habe ich mein Honorar. Wenn ſich der Juni in ſeinen prachtvollen, feſt⸗ lichen Schmuck gekleidet hat, dann packen wir unſer gan⸗ zes kleines Eigenthum zuſammen, und ſchiffen uns damit auf der ſchnell ſegelnden Schaluppe des Kapitäns R— ein, welche ſo raſche Tour nach Halmſtad macht, und von dort aus reiſen wir die noch übrigen zehn bis zwölf Mei⸗ 1 93 len zu Lande. Es iſt recht unangenehm, daß das kleine, liebliche Gut nicht näher an der See liegt; doch darein muß man ſich finden. Wir kommen gewiß auf Tag und Stunde hin, und ich genieße ſchon zum Voraus die größte Glückſeligkeit, wenn ich mir Papa's Freude denke, wenn er uns wieder ſieht. O, ich kann mir ſo gut vorſtellen, wie er als wohlbeſtellter Inſpector mit den Arbeitsleuten auf Wieſen und in Gärten herumhantirt. Und wie vor⸗ trefflich wird ſich dann Mama zwiſchen den Milch⸗ und Butterbütten ausnehmen! Mich ſelbſt nicht zu vergeſſen, wie ich mit dem Schlüſſelbund in die Küche und Speiſe⸗ kammer ſpringe, und mit unſerem einfachen Mahle be⸗ ſchäftigt bin oder auch am Webſtuhle„ländlichroth und warm“ raßle. Aber die frühen Morgen⸗ und Abendſtun⸗ den muß ich für mich ſelbſt haben, ſie müſſen meinen literariſchen Beſchäftigungen gewidmet bleiben, denn dieſe Quelle darf keineswegs verſäumt werden. Dadurch werde ich mir die Mittel ſchaffen, um gegen die Toilette der Nachbarmamſellen Stand zu halten, um damit in der Kirche den Adjunkten, den Gerichtsdiener, ach nein! den Kommiſſär— Notabene, wenn er Junggeſelle iſt— zu bezaubern; den Steuerſchreiber nicht zu vergeſſen. Auf dem Lande darf man es nicht ſo genau nehmen, man muß ſich mit den Eroberungen begnügen, die man eben haben kann. Mama ſoll ſehen, daß Alles vortrefflich gehen wird.“ „Aber Mädchen, was um's Himmels Willen kommt Dich an? Ich habe Dich nie ſo heiter geſehen!“ rief Frau Borgenſköld, welche Hilda's Fröhlichkeit zu einem flüchtigen Lächeln brachte.—„Alle dieſe Ausſichten, meine Liebe, ſind meiner Meinung nach nicht gerade ſo ent⸗ zückend, um mit ſo hellen und heitern Farben geſchildert zu werden.“ „Gerade weil meine liebe Mama ſie immer für dun⸗ kel und düſter hält,“ antwortete Hilda in einem verän⸗ derten Tone und voll ſtillen, ruhigen Ernſtes,„ſo will ich, das heißt, ſo weit ich es vermag, ſie in lachendere 94 Bilder umſchaffen. Und wenn der liebe Gott noch ſeinen reichen Segen zu meiner Bemühung legt, ſo hoffe ich, wird noch Alles gut werden.“ „Ich wollte, ich hätte Etwas von Deinem leichten und frohen Sinne,“ ſeufzte Frau Borgenſköld.„Ja, das möchte ich wünſchen, meine Hilda; aber die Härte des Profeſſors liegt mir beſtändig im Sinne. Er hätte Dei⸗ nem Vater helfen können; aber..“ „Aber liebe Mama,“ ſetzte Hilda den abgebrochenen Satz fort,„der Onkel hatte ja ſchon zum Voraus dem Papa geſagt, daß er ſich durch dieſe Sache zu Grunde richten würde, und zugleich feſt ausgeſprochen, daß, wenn er gegen des Onkels Willen und Wiſſen darauf eingehe, er im Fall eines Unglücks nie auf Onkel Lings Beiſtand rechnen dürfe, da er dem Papa deutlich auseinanderge⸗ ſetzt habe, daß es ſchief gehen würde. Ich erinnere mich noch ſehr wohl, daß der Profeſſor damals einen ſchweren und theuren Eid ſchwur, wenn Papa jetzt, da noch Ret⸗ tung möglich ſei, nicht auf ſeine Worte höre, ſo werde er in Zukunft auch nicht auf die ſeinigen hören oder die Bitten derjenigen, die für ihn ſprechen. Was können wir alſo dem Onkel vorwerfen, da der Papa, weit ent⸗ fernt, ſeinem Rath und ſeinen Warnungen Gehör zu ſchenken, mehr dem Zureden ſeines falſchen Freundes glaubte, für ihn Bürge ward und ſein kleines Vermögen verlor? Was wäre aus uns geworden, wir wären ja ganz verloren geweſen, wenn nicht Papa durch die Für⸗ ſprache des Profeſſors die Inſpectorsſtelle an dem kleinen Gute Lindfors in Smaland erhalten hätte? Sie iſt zwar nicht ſehr einträglich, das weiß Gott; aber Papa kann doch davon leben, und auch wir können es, wie er in ſeinen Briefen verſichert, wenn wir uns nur einſchränken wollen und dahin gelangen können. Die Mittel hiezu haben wir jetzt gefunden, und wir brauchen alſo nicht beſorgt zu ſein, mein Mamachen.“ „Ach, Du weißt nicht, meine Hilda, welche ſchwere Laſt auf meinem Herzen ruht,“ ſagte Frau Borgenſköld — 95⁵ leiſe, und wiſchte einige hervorquellende Thränen hinweg. „Eine ſchwere Laſt, Kind; denn ich bin es, die Deinem Vater all' die Unruhe und den Kummer verurſacht hat, worunter wir gemeinſchaftlich leiden. Wegen meiner ent⸗ ſtand vor langer Zeit ſchon die langwierige Feindſchaft, die zwiſchen den Brüdern herrſcht.“ „Wie ſo, Mamachen?“ fragte Hilda und ſetzte ſich auf einen Schemel zu den Füßen der Mutter.„Ach, ſage mir Alles, was Dich drückt; ich mochte ſo gerne jeden Schmerz theilen und lindern, oder wenigſtens Mama überzeugen, daß er mitgetheilt leichter zu ertragen iſt.“ „Ach, mein gutes Kind! dabei kannſt Du nichts thun,“ verſicherte Frau Borgenſköld mit einem trüben Lächeln, indem ſie der Tochter die ſeidenen Locken aus der Stirne ſtrich und ihr einen Kuß darauf drückte.— „Dieſer Schmerz iſt älter, als Du ſelbſt. Es iſt meine Ueberzeugung, meine bittere Ueberzeugung, die mir wäh⸗ rend langer Jahre treulich gefolgt iſt, daß Dein Vater durch ſeine Verheirathung mit mir, einem armen Mäd⸗ chen von geringem Stande, aus einer ganz andern Bahn herausgeriſſen wurde, als die iſt, welche er in Folge der Umſtände durchwandeln mußte. Zu der Zeit, von der ich jetzt ſpreche, war Dein Vater ein junger Fähnrich, und der Profeſſor, ſein Halbbruder, der viele Jahre älter iſt, hatte ſich eben von dem öffentlichen Leben zurückgezogen, und mit ſeinem bedeutenden Vermögen hier in unſerm guten H— niedergelaſſen, wo er, ſeiner Neigung zur Ein⸗ ſamkeit und den Studien gemäß, vollkommen eingezogen lebte, ohne eine andere Geſellſchaft, als die Deines Va⸗ ters und ſeines kleinen Neffen Ferdinand, den er ſchon als kleines Kind bei dem frühzeitigen Ableben der Eltern deſſelben zu ſich nahm und erzog. Hier lernte Papa mich kennen, die damals Nähjungfer in den vornehmeren Häu⸗ ſern war; und da er nicht Kraft genug beſaß, die Zu⸗ rückſetzung und üble Behandlung mit anzuſehen, der ich damals ausgeſetzt war, ſo beſchloß er im Unverſtand und in der Thorheit der Jugend, den Abſchied zu neh⸗ men, ſich mit mir zu verheirathen und von dem kleinen Vermögen zu leben, das er von ſeiner Mutter geerbt hatte. Wie ſchwach, wie unverzeihlich kindiſch und ſelbſt⸗ ſüchtig ich war— denn Alles das vereinigte ſich hier— das kannſt Du leicht daraus abnehmen, daß ich den An⸗ trag annahm. Aber ich liebte meinen Hermann ſo innig, und ſtellte mir vor, daß meine Liebe ihm jedes Opfer vergelten würde. Er durfte mich alſo nicht lange über⸗ reden, bis ich meine Zuſtimmung dazu gab, das Loos mit ihm zu theilen, das er mir anbot. Aber da wurde der Profeſſor ordentlich wüthend; er verſuchte alle denk⸗ baren Wege, um Hermann von ſeinem Vorſatze abzu⸗ bringen, den er vielleicht ſehr richtig eine Narrheit nannte. Aber nie wurden die beſten Gründe vergeblicher vorge⸗ bracht, Dein Vater blieb eigenſinnig auf ſeinem gefaßten Entſchluſſe, und die Brüder trennten ſich als Feinde. Hermann erhielt den Abſchied mit dem Titel als Lieute⸗ nant, und kaufte das kleine ſchöne Eckhaus, das wir nach⸗ her genöthigt waren, zu verkaufen. Wir ließen uns in unſerem eingebildeten irdiſchen Paradieſe nieder und leb⸗ ten glücklich uns felbſt, obwohl nicht vollkommen glück⸗ lich; ich will in allen Theilen aufrichtig gegen Dich ſein. Hermann ſeufzte in der Stille und ward manchmal von Reue über ſeinen übereilten Schritt ergriffen, obwohl er dies edelmüthig vor mir zu verbergen ſuchte. Aber wie konnte er das lange vor dem ſcharfen Auge einer lieben⸗ den Gattin verbergen? Und ſomit war unſere häusliche Glückſeligkeit mehr ſcheinbar als wirklich. Wir fürchteten beſtändig, einander zu verletzen, und mußten deßhalb eine gewiſſe Vorſicht in allen unſern Worten beobachten, wor⸗ aus ein Verhältniß entſtand, das nicht recht natürlich war, und darum auch nicht glücklich ſein konnte. Ueber⸗ dies fühlte ein Jedes von uns, daß wir nicht recht ge⸗ handelt hatten, und wir mußten durch Selbſtvorwürfe lange Jahre hindurch dafür büßen.“ „Bei Deiner Geburt, meine Hilda, ging Dein Vater ————— — bex —— neh⸗ leinen geerbt ſelbſt⸗ hier— n An⸗ innig, Opfer über⸗ Loos wurde denk⸗ abzu⸗ annte. vorge⸗ faßten einde. lieute⸗ nach⸗ ns in leb⸗ ſein. Ivon hl er wie eben⸗ Zliche teten eine wor⸗ rlich eber⸗ t ge⸗ vürfe Zater 97 zum erſtenmal ſeit unſeker Verbindung zum Profeſſor, und bat ihn in der tiefen Rührung, in der er ſich damals befand, den Unfrieden zu vergeſſen, der ein ganzes Jahr lang beſtanden hatte, und in ſein Haus zu kommen und ſein Kind zu ſegnen. Aber der Profeſſor war noch gleich erbittert, ſchlug es durchaus ab, zu Gevatter zu ſtehen, und wollte nichts von uns wiſſen. Tief verwundet und gedemüthigt kehrte mein Hermann zurück; er trauerte im Stillen. Aber inzwiſchen ſchlichen die Jahre dahin, und ſeine einzige Luſt und Beſchäftigung war, in dem kleinen ſtädtiſchen Grundſtücke zu hanthieren, das wir damals be⸗ ſaßen. Hier verſchwendete er ſeinen Schweiß und ſeine Mühe, ſeine Zeit und ſein Geld. Eines Tags, ich erin⸗ nere mich noch, wie wenn es geſtern geweſen wäre, hat⸗ ten wir unſer Mittagsmahl mit uns genommen und uns zeitig in unſere kleine, aber ruhige Freiſtätte hinausbege⸗ ben, um den Anblick der ſchönen Gottes⸗Natur zu ge⸗ nießen, und unſer Auge an der hoffnungsreichen Ernte zu ergötzen. Zunächſt unſeres kleinen Bodenſtücks lag eine Wieſe, die dem Profeſſor zugehörte, und Gott weiß, durch welches Wunder es ſich ſo fügte, daß Dein Onkel, der das ganze Jahr hindurch faſt nie ſeine Wohnung verließ, gerade heute ſeine Haushälterin und ſeinen alten Bedienten all die Bedürfniſſe hatte einpacken laſſen, die er für den Genuß und die Bequemlichkeit nöthig erach⸗ tete. Dieſe ließ er nun auf die Wieſe bringen, wohin er ſelbſt in Geſellſchaft Ferdinands, der damals ein zwölf⸗ jähriger Knabe war, ſich begab, um ebenfalls einen ſchö⸗ nen Sommertag in der freien Luft zu genießen. Waͤh⸗ rend deſſen mußte die Madame zu Hauſe die Zimmer lüften und eine Radicalreinigung des ganzen Hauſes vornehmen; was, ſofern es die beſonderen Zimmer des Profeſſors betraf, nur ein⸗, höchſtens zweimal im Jahre geſchehen konnte. Um dieſe Zeit warſt Du, meine kleine Hilda, ein fünfjähriger Schmetterling, der fröhlich und ſchmeichelnd um die ſchönen Blumen flatterte, und im Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. 7 Bemühen, Deine Namensſchweſter zu fangen, hatteſt Du Dich immer mehr von meinem wachſamen Auge ent⸗ fernt. Erſt als ich mit meinem Kaffeekochen fertig war, vermißte ich Dich und ſprang in der äußerſten Angſt umher, um meinen Liebling aufzuſuchen. Endlich als ich Dich nirgends gewahr wurde, wagte ich es, mich dem Zaune zu nähern, der unſer Gärtchen, von dem des Pro⸗ feſſors trennte. Dieſer Garten war von einer buſchigten Birkenhecke auf beiden Seiten umgeben; vorſichtig blickte ich hindurch, und war nahe daran, einen lauten Freude⸗ ſchrei auszuſtoßen, als ich Dich auf den Knieen des Pro⸗ feſſors ſitzen, mit ſeinen langen grauen Haaren ſpielen und tapfer in ihnen herumwühlen ſah, während er mit einem ganz vergnügten Geſichte an einem Glaſe mit Saft und Waſſer nippte, und Dich dabei mit einem Blicke betrachtete, worin ich deutlich den Ausdruck eines innigen Wohlwollens las. Ohne mich viel zu beſinnen, ſtieg ich ſachte über den niederen Zaun und ſchlich mich hinzu. Sobald mich der Profeſſor ſah, ſtand er auf, ließ Dich auf das Gras nieder, und ſagte mit einem finſtern Blick und einer halben Verbeugung:„Entſchul⸗ digen Sie, Madame, die Kleine war neugierig wie alle andern Evastöchter; ſie war auf den Zaun geklettert, aber unglücklicherweiſe hängen geblieben, als ſie herab⸗ ſteigen wollte, und wahrſcheinlich wäre ſie gefallen und hätte ſich beſchädigt, wenn nicht mein Neffe bei der Hand geweſen wäre und ſie herübergehoben hätte.“ „Mit geſenkten Augen ſtand ich vor dem gefürchteten Mann, während Du mir in die Arme flogſt und Deine kleinen Händchen um meinen Hals ſchlangſt. Tief in meiner Seele Innerſtem fühlte ich, daß ein ſolcher Augen⸗ blick ſich vielleicht nie wieder darbieten würde, um von Verſöhnung zu ſprechen. Eine leiſe Stimme in meinem 3 Innern flüſterte: Verſuche, verſuch' es, es wird glücken, und ich gehorchte ihr. Gott allein gab mir ſolche Worte ein, die ſein Herz rühren konnten, und meine Bruſt hob ſich von ſeligen Gefühl — en, als ich ſah, wie die Eiskruſte, 99 die die ſeinigen umgab, vor meinen Bitten und Thränen ſchmolz und er mir gelobte, Hermann die Hand zum Frie⸗ den, zur Verſöhnung und zur brüderlichen Eintracht zu reichen. Ferdinand ward beordert, in größter Eile Dei⸗ nen Vater aufzuſuchen, und die Stunde, meine Hilda, wo ſie mit einem Handſchlag redlich und treu einander wieder als Freunde und Bruͤder begrüßten, war die erſte Stunde einer reinen, unvermiſchten Glückſeligkeit in mei⸗ nem Leben. Wir brachten einen ſchönen und herrlichen Abend mit einander zu, und lebten ſodann manche, manche und reiche Jahre in Eintracht und Liebe zuſammen.“ „Aber jetzt bekam Dein Vater den unglückſeligen Einfall, ſich in Geſchäfte mit Herrn Brocker einzulaſſen, und dieſem Menſchen gelang es, uns Beide vollkommen für ſich einzunehmen. Schon im Anfang warnte der Profeſſor vor dieſer Verbindung, und mahnte auf das Kräftigſte davon ab, und ich muß geſtehen, daß er Deinem Vater drei⸗ bis viermal half, als dieſer in ſchwerer Noth war; aber endlich war die Rede von jener unglückſeligen Bürgſchaft. Du wirſt Dich erinnern, wie ſehr der Pro⸗ feſſor damals an Deinem Vater arbeitete, um ihn zu bewegen, ſich von dieſem Menſchen zu trennen; aber Du weißt nicht, mein Kind, daß ich es war, die in meiner unbegreiflichen, unverzeihlichen Verblendung und ganz und gar von Brockers unglücklicher Beredtſamkeit in Be⸗ treff der großen und gewinnreichen Spekulationen, die wir dann zuſammen machen würden, überwältigt, Deinen Vater beredete, faſt gegen ſeinen Willen und ſeine beſſere Ueberzeugung Bürge zu werden. Wenigſtens iſt es ge⸗ wiß, daß er, wenn ich nicht das Vertrauen ſo übel angewendet hätte, das er immer in meinen Rath ſetzte, dem Profeſſor gefolgt haben würde. Meine Theilnahme an dieſer Sache macht meinen Schmerz doppelt bitter, obwohl es Hermann, die edle Seele, mir nie mit einem Worte vorgeworfen hat. Er wußte wohl, daß meine Laſt zu gewichtig durch die Selbſtvorwürfe war, die mich nicht 7 100 verließen und die quälende Gewißheit, zum zweitenmale täu ſchuld an ſeiner Feindſchaft mit dem Profeſſor zu ſein, wer denn jetzt iſt ſeine Freundſchaft für immer verwirkt, und ich glaube— Gott verzeihe mir, wenn ich Unrecht habe— aue daß es mehr deshalb geſchah, um die abgemagerten, von tere Kummer gezeichneten Züge Deines Vaters nicht mehr wir ſehen zu dürfen, als aus reinem Wohlwollen, als er ihm daſ jene Inſpektorsſtelle in Smaland verſchaffte.“ „O meine liebe Mutter, glaube das nicht,“ ſprach wo Hilda innig.„Das hieße ihm ſehr unrecht thun, und Hi er hätte es gewiß nicht um uns verdient, denn er war ſet vorher ſo freundſchaftlich und gut; aber er iſt ein ſtrenger ſie Mann, der ſein Wort nicht bricht. Wir haben ihm nichts B vorzuwerfen, und wenn wir nun H— verlaſſen, ſo muß un ich ihn noch einmal beſuchen und Abſchied von ihm neh⸗ de men. Inzwiſchen, meine geliebte Mutter,“ fuhr Hilda tr nach einer kleinen Pauſe fort,„müſſen wir Gott innig A dafür danken, daß er uns einen kleinen Schimmer von ſi Hoffnung, von Licht und künftiger Ruhe ſehen ließ. Und b wenn Du unrecht hatteſt, Papa zu dieſem Schritte zu„ überreden, ſo haſt Du auch dafür gelitten, das fühle ich n ſehr wohl. Aber jetzt wäre es Unrecht, länger darüber e zu trauern und die Kräfte zu verſchwenden, die wir ſo wohl brauchen, um auf's Neue unſer Leben zu beginnen. Nur durch Mama's Anweſenheit wird ſich Papa ſtark und friſch belebt fühlen, und er und ich werden unſere Bemühungen vereinigen, um Mama das Vergangee vergeſſen zu machen, das ja jetzt hinter uns liegt. Der Sturm iſt überſtanden; wir gehen jetzt ein in den ruhigen Hafen und können noch alle weit glücklicher werden, als wir es jemals waren; denn wir haben unſere Liebe, unſer Vertrauen und das innige, ernſte Streben, unſer Häusliches Leben aufrecht zu erhalten und uns gegenſeitig zu verſüßen. Ich fühle eine Kraft und Entſchloſſenheit, und zugleich eine Zufriedenheit, eine ſichere Hoffnung in mir, die mir ſagen, daß es nicht Träume ſind, die mich N — — — —j male ſein, und de— von mehr ihm vrach und war enger richts muß neh⸗ Bilda innig von Und ke zu e ich rüber ir ſo unen. ſtark nſere igene Der higen als Liebe, unſer ſeitig aheit. —— 101 täuſchen, ſondern daß ſich dieſe Hoffnungen werden.“. „In Gottesnamen denn, mein liebes Kind, ſo will auch ich verſuchen zu hoffen, und die Dinge von der lich⸗ teren Seite anzuſehen. Aber mein Gott im Himmel! wir haben ja jetzt ganz finſter! Geh', Hildchen, und ſorge dafür, daß wir Licht bekommen.“ Das Mädchen befolgte den mütterlichen Befehl, worauf der Tiſch in die Mitte des Zimmers geſtellt wurde. Hilda brachte ihre Schreibmaterialien in Ordnung und ſetzte der Mutter den Lehnſtuhl und Schemel her, worauf ſie vorſichtig die Scheere, das Garn, den Fingerhut, die Brille, die Tabaksdoſe in einem großen Korb ſammelte, und endlich den alten Shawl ſelbſt herbei brachte, an dem gerade gearbeitet wurde. Während dieſe Vorberei⸗ tungen gemacht wurden, nahm Frau Borgenſköld einige Aepfel aus der längſt verloſchenen Glut im Kamin, legte ſie auf einen kleinen Teller und kam ganz vergnügt her⸗ bei, indem ſie ſie neben Hilda's Tintenzeug ſetzte.— „So, erquicke Dich, mein Kind! es iſt jetzt freilich nicht wie ehemals, wo wir jeden Abend unſern hübſchen und einladenden Theetiſch hatten. Nun, das iſt auch das Geringſte, was wir vermiſſen. Man muß ſich in das weit Schlimmere finden und Gott danken, ſo lang man etwas hat.“ „Ah ja, Mamachen, das iſt ja ganz prächtig,“ antwortete Hilda lächelnd und ließ die heißen Aepfel zwiſchen den weißen Fingern hin⸗ und hergleiten.„Sie ſind ganz vortrefflich. Und wenn wir jetzt bisweilen wenn ein Freund oder Bekannter nach uns ſieht, un⸗ ſern kleinen Theetiſch decken können, ſo ſchmeckt es, meine ich, weit beſſer als ehemals, wo nicht die geringſte Feſtlichkeit, oder nicht der mindeſte Reiz damit verbunden war. Das Bedürfniß und die Schwierigkeit, mit er wir uns auch die geringſten Genüſſe verſchaffen müſſen, iſt es, was ſie uns werth macht. Im andern Falle ſehen wir ſie nur als eine nothwendige Beilage zu all jenen verwirklichen unberechenbaren Kleinigkeiten an, die wir unſerem Weſen einverleibt haben.“ Nun legte Hilda ihre Papiere in Ordnung und er⸗ griff die Feder. Frau Borgenſköld langte nach ihrer Flickerei, und bald war es wieder eben ſo ſtill im Zim⸗ mer, als zu der Zeit, wo wir die Ehre hatten, unſern Leſer einzuführen. 8. Noſa's Beſuch bei dem Profeſſor. Der Weihnachtsabend nahte heran, und zugleich auch die vermehrte Geſchäftigkeit für das große Familienfeſt in dem Hauſe des Kommerzienraths. Die Wirthin hatte alle Hände voll, und zog bald ihre Haushälterin zu Rathe, auf deren Urtheil ſie in gewiſſen Fällen einen großen Werth legte, bald ihren Günſtling, den Kandidaten Man⸗ nerſtedt, dem die hohe Auszeichnung zu Theil wurde, in das Allerheiligſte eintreten zu dürfen, wo die kleinen Myſterien, die ſogenannten angelegentlichen Aufträge, ver⸗ handelt wurden. Zahllos waren die Geſchäfte, welche Mannerſtedt um der Weihnachtsfreude der jungen Herren willen auf ſich zu nehmen hatte; aber er fand ſich ge⸗ duldig in ſein Schickſal, und ließ die Kommerzienräthin alle Abende über ſeine Zeit verfügen; dagegen ward ihm das Vergnügen, daß er Roſa gegenüber am Tiſche ſitzen, und hie und da einige Worte mit ihr ſprechen durfte, was Mannerſtedt gern durch ein paar weitere Stunden des Nachtwachens erſetzte. Auch Roſa arbeitete faſt Tag und Nacht, um Alles zu Stande zu bringen, was fertig ſein mußte, und der Kapitän ſchien ſich die Entſagung auferlegt zu haben, ſie während der letzten Woche in Frieden laſſen zu wollen. Er machte jeden Vormittag einen Beſuch von nur einigen Minunten; aber ſchwerlich konnte ſich dann Jemand etwas Anderes denken, als daß er während dieſer Zeit in den 4 V ,= 10³ Vorhöfen des Himmels ſchwebte, dahin geführt auf den eſen ſ leichtern Schwingen der Liebe und Hoffnung. Sah man er⸗ ihn dagegen allein in ſeinem Zimmer zu Hauſe, ſo war rer das Bild, das man dort traf, ein vollkommener Gegen⸗ im⸗ ſatz zu dem früheren. Es war, als ob er zwei Weſen ern in Einem vereinigte. Manche angſtvolle Stunde ging der Kapitän in ſeinem großen Zimmer auf und nieder, in die Lippen beißend und an ſeinem Barte ſaugend. Der Schuldſchein, die Nacht in der Reſidenz, der Ge⸗ danke an den ſchnellen Verlauf der zwei Monate, und das Ende des Drama's!—„Der Teufel hole ein ſolches Ende!“ murmelte er bei ſich ſelbſt.„Freie Wohnung uch auf der Feſtung! Freilich kann man dort ſeine Geſell⸗ feſt ſchaft und ſeine Spielpartie haben; aber— o man konnte ntte raſend werden über alle dieſen Beſtien, dieſen ſchamloſen he, Gläubigern— und insbeſondere über dieſen! Iſt das zen auch eine Art, daß man einem Officier nicht auf ſein un⸗ Wort glauben will? Ich kann höchſtens darauf rechnen, in in drei oder vier Monaten Hochzeit zu machen; früher ien wird dies wenigſtens nicht geſchehen, wenn ich nicht das er⸗ nächſte Mal, wo ich wieder die Abgeneigtheit des Kom⸗ he merzienraths angreifen will, glücklicher bin, als ich es en geſtern war, wo es hieß:„Wir werden auf die Sache ge⸗ denken, mein lieber Kapitän! Haben Sie mit Ihrem in Onkel geſprochen? Was ſagt er?“ Ja den Teufel auch! im Mein lieber Onkel ſagt gar nichts von der Art, wie n, mein künftiger Schwiegervater erwartet. Nein, davor te, nimmt er ſich meiner Seel' in Acht! Aber ich bin be⸗ en gierig, was zum Teufel er ſagen wird, wenn die Sache nicht in gehöriger Ordnung betrieben werden kann, und es der Herr Kapitän eine kleine Ertratour machen muß, er weil er einen nicht unbedeutenden Theil der Akkordsſumme ſie verſpielt hat. Ja, da wird er Himmel und Erde in n. Aufruhr bringen, das bin ich überzeugt; oder vielleicht en— und das käme mich, hol' mich der Teufel! theuer zu as ſtehen— wird er mich dann gar ſo verachten, daß er en nicht ein einziges Wort darüber ſagt. Der Himmel be⸗ 104 wahre uns vor einem ſolchen Unglück; denn ſchweigt er, dann mag ich dem Erbe und der Heirath gute Nacht ſagen, und das halt' ich nicht aus. Nein, ich muß mein Gehirn anſtrengen, ich muß durchaus irgend ein Mittel auffinden, ſonſt geh' ich zu Grunde.“ Bisweilen erhob ſich aus allen dieſen wirren Ge⸗ danken, die ihren Tummelplatz in dem Kopfe des Kapi⸗ täns hielten, ein Bild, das er zu verdrängen bemüht war, Hilda's Bild, und zugleich mit ihm die Erinnerung an ſein ſchwaches und unwürdiges Benehmen gegen ſie. Was ihn jedoch am meiſten ſchmerzte, und zu jeder an⸗ dern Zeit, die weniger von mißlichen Affairen in Anſpruch genommen war, ganz wüthend gemacht hätte, das war die bittere, und ſeine Eigenliebe ſo demüthigende Ueber⸗ zeugung, daß Hilda ſeinen Verluſt mit einer ſo bewun⸗ dernswürdigen Geduld ertragen konnte. Das hatte, wie er meinte, die heftige Liebe, die er einſt und noch jetzt für ſie hegte, doch nicht verdient.„Aber ſo ſind die Wei⸗ ber, undankbar, herzlos, leichtſinnig; ſo ſind ſie immer geweſen, und Hilda macht keine Ausnahme.“ Es war ein trüber, aber ziemlich milder Nachmittag im September, als Roſa Widen an der Glockenſchnur zu dem äußern Zimmer des Profeſſors zog. Die alte Haushälterin, Madame Brun, öffnete, und führte ſie bis an die Thüre zu dem eigenen Zimmer des Hausherrn. „Störe ich ihn wohl nicht, meine liebe Madame Brun?“ ſagte Roſa leiſe und fürchtend. „Ach nein! Fräulein, der Profeſſor hat ſchon ſein Mittagsſchläfchen gemacht und iſt jetzt bei der beſten Laune. Treten Sie nur ein, treten Sie ein!“— Mit dieſen Worten verließ die einzige Wirthin des Hauſes den kleinen Saal, und nicht ohne ein heftiges Herzklopfen pochte Roſa an die Thüre. „Wer iſt da? herein!“ tönte die tiefe Stimme des Profeſſors. Raſch öffnete das Mädchen die Thüre und trat ein. Es war das Arbeitszimmer des Profeſſors; ſeit mehr als zwanzig Jahren unveräͤndert daſſelbe, düſter ͤ a 7 10⁵ und ſtaubig, mit dunkelblauen Tapeten bekleidet, und in jeder Ecke ſo ſehr mit Büchern und Handſchriften vollgepfropft, daß kaum ein freier Platz zu einem Stuhle da war. Profeſſor Ling ſaß in einem ſehr altmodiſchen Lehnſeſſel vor einem großen, aufgeſchlagenen Tiſche, der mit beſtäubten Scharteken und unzähligen, zerſtreuten Papierfetzen bedeckt war. Er hatte einen langen, grauen Rock an, der, da er auch beim Mittagsſchlummer ſeines Beſitzers herhalten mußte, dadurch ganz mit Flaumfedern bedeckt war; wenigſtens konnte man ihn geſprenkelt nen⸗ nen. Die Füße des Profeſſors waren in Flanell einge⸗ hüllt, und ſtacken überdies in ein Paar ungeheuren, eben⸗ falls geſprenkelten Pantoffeln von einſt grün geweſenem Saffian. Auf dem Kopfe trug er eine roth und weiße geürite Nachtkappe, und auf der Naſe eine gewaltige Brille. Als Roſa am Schloſſe drehte, hatte der Profeſſor den Kopf zur Hälfte umgewandt, und ſobald er ſie ge⸗ wahr wurde, ſtand er ſo ſchleunig auf, als ſich dies bei ſo gefeſſelten Füßen thun ließ; freundlich reichte er ſeinem jungen Gaſte die Hand und ſprach in einem Tone, der an ihm ungewöhnlich liebreich war:„Willkommen, liebes Kind! kommſt Du ſo allein? Du haſt wohl Ferdinand bei Dir? Der Schlingel hätte es mir wohl ſagen kön⸗ nen, daß Du mich mit einem Beſuche beehren wollteſt.“ „Verzeihen Sie, beſter Herr Profeſſor, wenn ich ungelegen komme,“ bat Roſa herzlich,„Ferdinand iſt ganz unſchuldig daran; denn er weiß nicht, daß ich hie⸗ her wollte.“ „Gut, gut! Du biſt nur um ſo willkommener, wenn Du mich nur um meinetwillen beſucht haſt. Aber gehe jetzt in das kleine Zimmer dort zur Linken, mein Kind; dort iſt es gut und warm. Unterhalte Dich ſo lange mit dem, was Du gerade finden kannſt; ich komme gleich nach. Roſa nickte ihrem Wirthe freundlich zu und trat in das angewieſene Zimmer, welches größer, beſſer und 106 angenehmer war, als das erſtere. Da es eine Menge ſeltener Pflanzen, welche der Profeſſor aufzuziehen ſich vergnügte, und viele ſonſtige Seltenheiten aller Art ent⸗ hielt, ſo war es Roſa nicht ſchwer, hier Unterhaltung zu finden. Inzwiſchen ſchellte der Profeſſor mit der ſilber⸗ nen Glocke, die auf dem Schreibtiſche ſtand, und bei dem woohlbekannten Laute trat Madame Brun ein. „Sorgen Sie für einen extraguten Kaffee,“ ſagte der Hausherr,„ſerviren Sie ihn in dem vergoldeten oſt⸗ indiſchen Service und laſſen Sie das Beſte von dem Kram heimholen, den die Frauenzimmer in den Kaffee zu tunken belieben, um ihn damit zu verderben.“ Die Haushälterin wandte ſich ſchnell zur Thüre, um in der größtmöglichen Eile den Auftrag zu bewerk⸗ ſtelligen. „Nun, nun!“ rief der Profeſſor ihr nach,„haben Sie doch keine ſolche Eile! warten Sie, Madame Brun! Madame Brun! wo Teufels rennen Sie hin! Sehen Sie denn nicht, daß ich hier in meinem alten Morgen⸗ rocke ſitze? Bringen Sie meinen blauen Oberrock her, und helfen Sie mir da in die Halbſtiefel!— Oh oh— ſo— der Teufel hole den Fuß, ich kann kaum darauf treten!— Geben Sie meinen Stock dort her!— So— und dort die Pfeife— nein! nicht die, die rechts, mit dem Goldbeſchläg!— Gut— und den Tabaksbeutel— ſo iſt es gut— und die Schlüſſel zur Schatouille dort! — Nun bin ich in Ordnung. Beeilen Sie ſich jetzt, Madame Brun, und wenn Alles fertig iſt, ſo tragen Sie die ganze Wirthſchaft in das gelbe Zimmer.“ Bei dieſen Worten ging die Hausvorſteherin zur einen Thüre hinaus, und der Profeſſor humpelte gegen die andere. Nachdem er noch einen aufmerkſamen Blick im Zimmer umhergeworfen hatte, um ſich zu überzeugen, daß keine Schlüſſel mehr ſteckten, die nicht hergehörten, und als er Alles in wünſchenswerther Ordnung fand, öffnete er die Thüre und trat zu Roſa hinein, welche an — — —.+ e.— o0⸗ SD 107 einem ſchönen Käfige ſtand, und die noch ſchöneren klei⸗ nen befiederten Bewohner deſſelben bewunderte. „Noch einmal willkommen, liebes Kind!“ ſagte der Profeſſor, und nahm auf dem Sopha Platz, während er grinſend ſeine in der Lederhülle gequälten Füße in eine etwas bequeme Lage zu bringen ſuchte, und zugleich dem Mädchen mit ſeiner knochigten Hand zuwinkte, die andere Sophaecke in Beſchlag zu nehmen. Roſa hatte gleich die große, wirklich ausgezeichnete Artigkeit bemerkt, welche ihr Wirth ihr dadurch erwies, daß er ſein Aeußeres einer ſo vortheilhaften Aenderung unterworfen hatte; aber ſie ſah zugleich, daß, was ſeine Füße betraf, dieſer Beweis von Artigkeit ihm einen erhöhten Schmerz ver⸗ urſachte. Mit herzlicher Freundlichkeit ſprach ſie daher: „Mein guter, beſter Onkel, durchaus keine Umſtände! Kein, das dulde ich wahrhaftig nicht.“— Und ohne eine weitere Erklärung ſprang ſie ſchnell in das Arbeits⸗ zimmer hinaus, und kam lächelnd mit den alten, unge⸗ heuer weiten Pantoffeln des Greiſes zurück. Nicht für jede andere wäre es räthlich geweſen, eine ſolche Auf⸗ merkſamkeit an den Tag zu legen. Der von Natur miß⸗ trauiſche Charakter des Profeſſors würde aus dieſer Be⸗ gebenheit einen Schluß gezogen haben, der das Wohl⸗ wollen des dienſtfertigen Gaſtes in ein ſehr trübes Licht geſetzt hätte; aber bei Roſa mochte das hingehen. Sie that es ſo einfach und natürlich, daß auch das ſcharf⸗ ſichtigſte Auge einſehen mußte, daß nur ihr gutes Herz und gewiß kein Eigennutz oder die Sucht ſich einzu⸗ ſchmeicheln, ſie zu dieſer Aufmerkſamkeit veranlaßte. Der Profeſſor nahm ſie auch in Folge dieſer Ueberzeugung mit ziemlich guter Laune auf. Freilich ſagte er halb widerſtrebend:„Liebes Kind, das geht nicht an; ich bin ein wahrer Grobian!“ Aber nichts deſto weniger half er Roſa ſehr vergnügt, den gequälten Fuß aus dem Feg⸗ feuer zu ziehen, und ſteckte ihn herzlich froh in das Himmelreich des Pantoſſels. Weiter ließ er ohne allen Widerſtand Roſa ein paar Sophakiſſen darunter legen, 108 und als Alles in gehöriger Ordnung war, und unſer guter Profeſſor ſich ſo recht behaglich und angenehm ge⸗ ſtimmt fühlte, klopfte er Roſa auf die Wange und ſagte: „Nun, mein Mädchen, Du haſt wohl ein Geſchäft mit mir?“ „Nur eine freundliche Bitte von meinen Eltern, worin auch ich von Herzen einſtimme, nämlich die, den Onkel Ling am Weihnachtsabend in unſerem häuslichen Kreiſe zu ſehen.“ „O weh! o weh!“ erwiederte der Profeſſor;„Du ſiehſt, das geht nicht, mein Kind! die Gicht iſt ganz be⸗ ſeſſen geworden, ſeitdem ich das letztemal in eurem Hauſe war. Solche Ausflüge ſind nichts mehr für den alten Ling, er muß zu Hauſe bleiben, wenn er mit ſeinem bö⸗ ſen Feinde einigermaßen Frieden haben will.“ „ Das thut mir unendlich leid,“ verſicherte Roſa, „und wird gewiß auch meine Eltern und Ferdinand ſehr betrüben.“ „Bah!“ meinte der Profeſſor, und das alte ſarka⸗ ſtiſche Lächeln thronte wieder auf ſeinen Lippen,„bah, das will nichts heißen: um die Betrübniß geb ich nicht viel! Aber ich hätte Dir doch nicht gerne eine Bitte abgeſchlagen. Bringe mir deßhalb eine andere vor, und ich will ſehen, ob h ſie nicht erfüllen kann.“ „Verſprechen Sie nur nicht mehr, als Sie nachher halten wollen, Herr Onkel,“ ſagte Roſa lächelnd;„denn ich bin geſonnen, Sie beim Wort zu nehmen.“ „Thue das, mein Mädchen, aber ſchnell und ohne Umſchweife; denn die haſſe ich. Sprich ohne Furcht, wenn Du etwas für Dich zu bitten haſt.“ „Das will ich, beſter Onkel, denn ich habe aller⸗ dings eine Bitte, nämlich die, daß Sie mir in der Bei⸗ legung eines kleinen Geſchäfts beiſtehen.“ „Geſchäfts,“ ſagte der Profeſſor, und ſeine Augen⸗ brauen zogen ſich unmerklich zuſammen.„Ich liebe es nicht ſehr, dieſes Wort von den Lippen eines jungen 109 Mädchens zu hören. Doch gleichviel, laß hören, mein Kind, wovon die Rede iſt!“ „Ach ja, die Sache iſt in Kürze die, daß Ferdinand, der bei unſerer kurzen Bekanntſchaft meinem Charakter und Denkungsart unmöglich näher kommen konnte, mir, wie mancher meines Geſchlechts eine Schwäche für jene Art Aufmerkſamkeiten zutraute, welche ſich durch Geſchenke äußert, die zum Putze eines Mädchens gehören. Er war nun ſo edelmüthig, zur Befriedigung dieſer an mir ge⸗ glaubten Neigung ein Opfer zu bringen, das mich nicht allein wegen des Verluſtes, den er ſich dadurch zugezogen hat, ſondern auch, ich geſtehe es, deßhalb tief ſchmerzt, weil dieſe Handlung von einem Mangel an Vertrauen zu ſeiner Braut zeugt. Seine Wünſche ſtanden nämlich nicht im rechten Verhältniß mit ſeinen Einkünften, weßhalb er ſo großmüthig war, nun bei dem reichen Färber Brenner ſein ſchönes, braunes Pferd zu verpfänden, welches noch in ſeinen Händen iſt. Ich habe das aus ſicherer Hand erfahren, und es iſt mein inniger Wunſch, mit einer Summe, die mir meine Mutter zu dieſem Endzweck über⸗ geben hat, und durch die Vermittlung des Herrn Onkels das ſchöne Pferd wieder einzulöſen und es Ferdinand zu⸗ zuſenden, ohne daß er weder jetzt noch künftig ahnt, wo⸗ her ihm dieſer unbedeutende Dienſt geleiſtet wurde; denn erfährt er dies, ſo muß er ſich dadurch mehr verletzt füh⸗ len, als ihm der Wiederbeſitz des Pferdes Vergnügen machen kann.“ Der Profeſſor hatte Roſa's einfache Darſtellung auf⸗ merkſam angehört. Einige Augenblicke ſaß er ſchweigend; dann faßte er ihre Hand und ſagte ſanft:„Dein Edel⸗ muth und Dein Zartgefühl machen Dir gleich viel Ehre, und ich ſchätze meinen Neffen, den Narren, glücklich, daß er ein Weib bekommt, welches zehnmal zu gut für ihn iſt. Das Pferd verpfänden, das ich ihm ſelbſt als Fohlen ſchenkte! Und das an den Färber Brenner, den alten Schurken, von dem er weiß, daß ich ihn für mein Leben nicht ausſtehen kann! Nein, er iſt zu leichtſinnig, zu unbedachtſam, der Junge! Doch wenn ich die Sache näher betrachte, ſo finde ich, daß er diesmal eine Thorheit in guter Abſicht beging; und da ich es verſäumte, ihm zu dieſem Zwecke etwas Geld zu geben, was doch meine Pflicht geweſen wäre, ſo iſt es auch billig, daß ich jetzt die Sache auf mich nehme, was in jeder Hinſicht am beſten paßt.“ „Ja, aber lieber Onkel,“ wandte Roſa ein,„ſo war es doch nicht, wie ich wünſchte. Jetzt berauben Sie mich eines Vergnügens, einer Freude.“ „Das thu' ich gewiß nicht, mein liebes Kind,“ ent⸗ gegnete der Profeſſor,„wenn Du die Sache recht be⸗ denkſt. Ich will nicht glauben, daß Deine Handlung aus Eitelkeit herrührt, und wenn dies nicht der Fall iſt, ſo mußt Du zugeben, daß, wenn Ferdinand trotz aller Vorſichtsmaßregeln das wahre Verhältniß der Sache er⸗ führe, der Gedanke, daß Du ſelbſt Deine Brautgeſchenke bezahlen mußteſt, ohne Widerrede höchſt bitter für ſei⸗ nen männlichen Stolz ſein würde. Nein, überlaſſe Du die Sache ganz meinen Händen; es paßt ſich ſo am beſten, und Du entgehſt dadurch den Unannehmlichkeiten, die es mit ſich führen könnte, wenn darüber in unſeren Schwatzconſilien debattirt würde.“ Roſa's geſundes Urtheil und feines Gefühl ſagte ihr, daß der Profeſſor Recht habe. Sie drückte dankbar ſeine Hand und erwiederte:„Nun, ſo überlaſſe ich denn dieſe Angelegenheit ganz und gar meinem guten Onkel Ling, verſprechen Sie mir nur, Ferdinand darüber keine Vorwürfe zu machen.“ „Das verſpreche ich,“ verſicherte der Profeſſor.„Mit keinem Worte werde ich die Sache gegen ihn erwähnen. Aber laß uns nun dieſen Gegenſtand verlaſſen; Du ſollſt jetzt den vortrefflichen Kaffee meiner vortrefflichen Haushälterin preiſen.“ Madame Brun war mit der über die Maßen zier⸗ lichen Platte eingetreten, und ſetzte ſie mit einem ver⸗ gnügten und ſtolzen Lächeln auf den altmodiſchen großen & 2SGᷣ SEE&S A 111 Tiſch nieder, als ſie mit aufmerkſamem Ohr die freund⸗ lichen Worte von den Lippen des Hausherrn vernahm. Der Profeſſor war ein artiger Wirth, und ein paar Stunden floſſen recht angenehm dahin, worauf Roſa wie⸗ der heimkehrte, nachdem ſie jedoch vorher eine herzliche Einladung erhalten hatte, den Profeſſor ſo oft zu be⸗ ſuchen, als es ihr Vergnügen machte, da ſie immer will⸗ kommen ſei. Am folgenden Morgen, ehe noch der Kapitän Fer⸗ dinand aufgeſtanden war, trat ſein Bedienter ein, und übergab ihm einen kleinen, dünnen Brief, der mit einer Oblate verſiegelt war. Er brach ihn haſtig auf, da er ihm ein Mahnbrief zu ſein ſchien, und zog daraus zu ſeinem großen Erſtaunen ſeinen Schuldſchein an Brenner hervor, der gehörig durchſtrichen war. „Wo zum Teufel haſt Du das her?“ fragte er den Bedienten und ſtreckte ſich ganz gemächlich. „Von einem Jungen, der das Pferd brachte, welches jetzt wieder im Stalle ſteht.“ Froh und erſtaunt kleidete ſich Kapitän Ferdinand in größter Haſt an. Zu allem Glück für ſeinen Stolz kam es ihm durchaus nicht in den Sinn, daß er viel⸗ leicht einem Mitgliede der Familie des Kommerzienraths für dieſe Freude zu danken hätte. Eben ſo wenig fielen ſeine Gedanken auf den Profeſſor. Nein, es waren ſicher einige von ſeinen Kameraden, die ihm durch eine ge⸗ meinſchaftliche Handlung des Edelmuths aus dieſer drückenden Lage geholfen hatten. Aber nachdem Ferdi⸗ nand den Vormittag damit hingebracht hatte, dieſe dienſtfertigen Seelen zu beſuchen und zu erforſchen, wer von ihnen an dieſer ritterlichen Handlung Theil genom⸗ men habe, ſo kam er am Ende doch zur Ueberzeugung, daß er ſich getäuſcht habe, und daß die Hülfe von einer andern Seite hergefloſſen ſein müſſe. Er verfügte ſich alſo direkt zum Faͤrber Brenner, da ſeine Ehre ihm nicht erlaubte, in Verbindlichkeit gegen Jemand zu ſtehen, von dem er vielleicht eine ſolche Artigkeit nicht annehmen 112 konnte; aber der beunruhigende Gedanke, daß die ganze Sache möglicherweiſe wieder in ihre alte Geſtalt zurück⸗ gehen müßte, ward nicht unbedeutend dadurch erleichtert, daß er hier ohne Schwierigkeit erfuhr, der alte Bediente ſeines Onkels ſei der Unterhändler geweſen. Beſchämt, aber zugleich gerührt— denn dem Kapitän fehlte es nicht an Gefühlen der Dankbarkeit, obwohl ſie bald wieder verdampften— eilte er zum Hauſe des Profeſſors und in deſſen Arbeitszimmer. „So, ſo!“ rief der Onkel ſeinem Neffen zu, da er gleich merkte, wo es hinaus wollte, und von Alters her wußte, daß ſich Ferdinand bei ſolchen Gelegenheiten in einen Wortſchwall von ſchwulſtigen Dankſagungen ergoß. „Nun, es iſt ſchon gut; präge Dir nur wohl ein, daß, wenn Du mehr ſolche Thorheiten zu begehen im Sinne haſt, ich nicht geſonnen bin, Dir noch öfter aus der Klemme zu helfen. Handle alſo für die Zukunft ver⸗ ſtindig und redlich, und mache Dich des wahren Engels von Mädchen würdig, das Du Hoffnung haſt, zum Weibe zu erhalten.“— „Ja, es iſt auf meine Ehre eine recht ſchöne Hoff⸗ nung!“ rief der Kapitän leichtſinnig, und vergaß ſchnell die ganze Affaire vom Morgen.„Eine göttliche Hoffnung! da nicht ein Wort davon geſagt wird, woraus das Pa⸗ radies gebildet werden ſoll, in welches ich den Engel einführen muß; oder, um wenigſtens figürlich zu reden, was ich bekomme, um ſie und mich ſelbſt damit unter⸗ halten zu können. Vor ein paar Tagen ſprach ich mit dem Kommerzienrath und bat ihn, den Tag der Hochzeit zu beſtimmen, bei welcher Gelegenheit ich hoffte, daß er meine Ohren mit einer vernünftigen Rede, betreffend die Ausſteuer, das Haus, die Moͤbel und mehrere der⸗ gleichen höchſt wünſchenswerthe Dinge, ergehen würde; aber daraus wurde nichts. Er meinte ganz einfach, daß es noch hinlänglich Zeit ſei, die Hochzeit feſtzuſetzen, wenn ſich mein edler Onkel über die Sache ausgeſprochen habe.“ anze ück⸗ tert, ente imt, es bald ſors der her n in goß. daß, inne der ver⸗ gels Zeibe 113 „Wie, was?“ rief der Profeſſor hitzig.„Ich, ich ſollte mich ausſprechen! Iſt der Menſch ganz toll! Aber es iſt, wie ich geſagt habe, die ganze Familie, mit Ausnahme Roſa's, keinen Kupferkreuzer werth! Liſtige, geizige Dinger, der Herr und ſeine Frau, allebeide! Moͤchten gern den alten Bären fangen; aber daraus wird nichts! Er iſt zu geſcheid für ſie! Ferdinand, Bur⸗ ſche! keinen Stüber bekommſt Du! Nein, ſo wahr ich lebe, auf dieſe Art ſollen ſie keinen Deut von meinem Vermögen haben, ſo lange ich noch darüber zu disponi⸗ ren habe. Hat man je dergleichen Anſprüche gehört! Wenn ich ſelbſt das Mädchen für den Junker begehrt hätte, ſo ließe ſich ein ſolches Geſchwätz möglicherweiſe noch hören; aber jetzt, da man weder auf der einen noch auf der andern Seite es für nöthig erachtet hat, ſich vorher umzuſehen, ſondern geradezu in ein Ver⸗ hältniß hineingeſtürmt iſt, aus dem man keinen Ausweg findet, jetzt iſt es alſo Zeit, auf meinen Ausſpruch zu warten! Nun, noch heute will ich ihn abgeben; denn ich liebe offenes Spiel, und ich will deßhalb dem Kom⸗ merzienrath ſchreiben, daß, wenn die eheliche Verbin⸗ dung darauf beruht, daß ich mit meinem Vermögen dazu helfe, dieſe Erwartung ganz vergebens iſt, da ich durch aus nicht geſonnen bin, mehr für Dich zu thun, als mit der Akkordsſumme geſchehen iſt.“ Ferdinand wurde blaß vor Schmerz und Aerger, er ſah jedoch ein, daß es jetzt galt, ſich ſo viel als mög⸗ lich zu beherrſchen, und mit erzwungener Ruhe erwie⸗ derte er:„Nun gut, Onkel! Vernichten Sie alſo, wenn Sie ſo wollen, den einzigen letzten Hoffnungsſchimmer, der mir noch blieb, meine— ich läugne es nicht— von Grund aus zerſtörten ökonomiſchen Verhältniſſe wieder aufzurichten! Beleidigen Sie, ſtoßen Sie eine Familie zurück, die mich mit Güte aufgenommen hat! Ihr Wunſch wird ohne Zweifel erfüllt werden; denn auf eine ſo ſonderbare und durch nichts hervorgerufene oder Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. 8 2 114 gerechtfertigte Erklärung muß eine abſchlägige Antwort ganz beſtimmt folgen. Und wie tief wird ſich nicht die holde, zarte Roſa durch dieſes unſer Benehmen gekränkt fühlen! Doch ich will Sie, Herr Onkel, nicht von Ihrem Vorſatz abzubringen ſuchen. Handeln Sie, wie es Ihnen am beſten ſcheint; erinnern Sie ſich nur, daß es meine letzte Hoffnung war!“ „Hoffnung!“ ſagte der Profeſſor verächtlich; aber in ſeinem Tone lag doch etwas, das zu erkennen gab, daß er ein wenig beſänftigt war.„Das iſt eine kleine, eine unglückliche Hoffnung, mein lieber Ferdinand, und ich fürchte, daß Deine Angelegenheiten dabei nichts ge⸗ winnen werden. Wenn Du das Mädchen liebteſt— was ſie wahrhaft um ihrer ſelbſt willen verdient— dann wäre es ein anderes Ding; aber dies iſt ja nicht der Fall. Du haſt mir frei herausgeſagt, daß Du dieſe Verbindung wünſcheſt, um Deine ſchlechten Finanzen wieder empor zu bringen; und in dieſem Falle rathe ich Dir, nicht ſo ſehr mit der Hochzeit zu eilen. Am beſten wäre es, bis zum Frühjahr zu zögern; wir würden dann ſehen, wie ſich Zeit und Umſtände geſtalten. Das iſt mein Rath. Uebrigens iſt es am ehrlichſten, dem Kom⸗ merzienrath offen zu ſagen, daß er von mir nichts zu erwarten hat. Zwar hatte ich die Abſicht, Roſa zu ihrem Hochzeittage ein kleines, meinen Umſtänden an⸗ gemeſſenes Geſchenk zu geben; aber dies wäre dann nur dem guten Mädchen zu Liebe geſchehen. In Deine Hände würde es nie gekommen ſein; denn ich habe nicht im Sinne, Deinen Gläubigern etwas an den Hals zu werfen, darauf kannſt Du Dich vollkommen verlaſſen. Dies Geſchmeiß haſt Du Dir ſelbſt geſchaffen, und ſollſt auch allein für die Stillung ſeiner Gefräßigkeit ſorgen. Roſa hingegen liebe ich, und ſo lange ich ſelbſt einen Biſſen Brod habe, ſoll ſie mit mir eſſen: aber in Ewig⸗ keit nie werde ich etwas Beſtimmtes für euch ausſetzen. Ueberdies iſt es mein wahrhafter Wunſch, daß aus einer Heirath zwiſchen Dir und ihr nichts werde; denn ſie iſt 115 bei Weitem zu gut für einen ſolchen Geck. Sie iſt eine Perle, deren Werth Du nicht verſtehſt und nie verſtehen kannſt. Ich wollte, Du wäreſt nicht ſo leichtſinnig, mein lieber Ferdinand, Du wäreſt ihrer werth, Du lieb⸗ teſt ſie, und würdeſt ſelbſt von ihr geliebt— dann— aber es führt zu nichts, zu ſagen, wie etwas ſein könnte, wenn man nur allzuwohl weiß, wie es iſt u⸗ Dieſe Rede des Profeſſors ſengte und linderte ab: wechslungsweiſe die ökonomiſchen Herzwunden des Kapi⸗ täns Ferdinand. Es war auf alle Fälle weit mehr, als er zu hoffen gewagt hatte. Dankbar drückte er ſeinem Onkel die Hand, und bat beweglich:„Sagen Sie dem Kommerzienrath nichts, bis er ſelbſt dieſe Frage in An⸗ regung bringt. Verſprechen Sie mir das, Onkel; laſſen Sie uns wenigſtens Weihnacht⸗ und Hausfrieden halten.“ „Es ſei!“ ſagte der Profeſſor, der wieder zu ſeiner gewöhnlichen Ruhe gekommen war;„aber beim erſten Wink von Seiten des Kommerzienraths oder ſeiner Frau ſpreche ich meine Meinung beſtimmt aus, ohne jedoch ein Wort von dem zu erwähnen, was ich Dir in Be⸗ treff der Morgengabe anvertraut habe; denn das iſt ein freiwilliges Pfand meines Wohlwollens für Roſa, das durchaus nicht in Berechnung kommt.“ Mit bedeutend leichterem Herzen— denn laß nur eine Unze Hoffnung in die Wagſchale kommen, ſo hebt ſie ein ganzes Pfund Kummer in die Luft— ging Ka⸗ pitän Ferdinand vom Profeſſor hinweg, um in Geſellſchaft einiger luſtigen Brüder alle Erinnerungen in einer dam⸗ pfenden Punſchbowle zu ertränken, die einer der Freunde in einer Wette verloren hatte, und die ſie jetzt gemein⸗ ſchaftlich leeren wollten.. 116 9. Der Weihnachtsabend.— Der Brief.— Das Familienfeſt. Am 24. December um Mittagszeit ſtand Franz Mannerſtedt, der eben ſein dürftiges Mal beendigt hattie, vor ſeinem Arbeitstiſche, und rollte achtſam einige Geſangſtücke zuſammen, wozu er ſelbſt Worte und Muſik geſetzt hatte. Eines Tags, als er allein mit Roſa war, hatte er ſie auf der Guitarre geſpielt, und mit ſeiner ſchönen Tenorſtimme begleitet. Die reichen, aus ſeiner Seele ſtrömenden Töne hatten ihr unendlich gefallen und ſie ſelbſt hatte ihn gebeten, ihr die Noten zu geben. „Ich habe ſie nicht,“ hatte Mannerſtedt geantwor⸗ tet;„ſie ſind nur hier;“ er legte die Hand auf's Herz. „Das iſt ſchade,“ lächelte Roſa;„ich möchte ſie gerne haben.“ „Wenn ich ſo glücklich wäre, beſtes Fräulein Widen, Ihnen...“ Mannerſtedt kam nicht weiter in ſeinem Satze; es unterbrach ſie Jemand. Aber er erinnerte ſich oft an Roſa's Wunſch und ſeine beabſichtigte Antwort, und hatte jetzt Noten und Worte zierlich in’s Reine ge⸗ ſchrieben, um ſie heute Abend Roſa zu übergeben. Er wagte es: denn jedes Wort war ſo rein, ſo heilig, daß keine Spur jener Sprache, die ſich in Wünſche kleidet, einen Flecken darüber hauchte. Sie drückten nur eine ſtille, ſüße Wehmuth aus, die entzückte, ohne zu wehe zu thun. Mannerſtedt hatte ſein kleines Paket zuſammengelegt, und war im Begriff, es mit einer Schnur zu umwinden. als Jemand an die Thüre klopfte.—„Herein!“ rief er fröhlich; denn ſeine Seele war heiter, und nur helle, friſche Bilder wohnten in ſeinem Herzen. Er fühlte ſich glucklich, da er ſo lange Zeit täglich den Gipfel ſeiner Wünſche erreicht, Roſa geſehen und geſprochen hatte. — Mehr zu begehren, wäre Wahnſinn geweſen, und Man⸗ nerſtedt war ein Jüngling von geſunder Vernunft und ——Se-= 5— 117 guten Grundſätzen. Dieſe lichten, ſeligen Tage würden, dies war er überzeugt, eine freundliche Erinnerung bil⸗ den, welche unter den Wechſelfällen der Zukunft einen goldenen Stern auf jedes noch unbeſchriebene Blatt zeichnen würde, worauf Skulda ihre dunklen Runen ſchrieb. „Herein!“ rief Mannerſtedt, und gleich darauf zeigte ſich die wohlbekannte, kleine, ſtruppige Figur des oſt⸗ jungen unter der Thüre. Er trat vor und übergab Man⸗ nerſtedt einen Brief. Franz erſchrack; der ſtarke Jüng⸗ ling zitterte wie ein vom Wind bewegtes Laub. Der Knabe ging, er hatte Inſtinkt genug, um zu begreifen, daß er jetzt vergebens auf einen Lohn warten würde. Mannerſtedt ſetzte ſich mit dem Brief in der Hand auf das Bett, ſein Blick war verdunkelt, er ſah kaum die Ueberſchrift; aber den Poſtſtempel ſeines Geburtsorts das ſchwarze Siegel, die ſchwarzen Ränder, jene düſtern Trauerboten erkannte er nur zu wohl. Der Schmerz und die rührende Erſchütterung hatten ihm beinahe den Athem benommen, endlich ſtärkte er ſich mit der ganzen Kraft ſeiner Seele und erbrach das Siegel. Der Um⸗ ſchlag enthielt zwei Briefe; der eine war von der Hand ſeiner Mutter. Franzens Blick erhellte ſich zu einem Ausdruck ſeliger Freude; er entfaltete den Brief und ſchob, von dunkeln Ahnungen ergriffen, den andern bei Seite. Durch den Thränenſchleier, der ſein Auge um⸗ florte, las er Folgendes: „Mein Franz, mein zärtlich geliebter Sohn!“ „Verzeihe Deiner alten Mutter, daß ſie Dir ſo lange als möglich die Nachricht von ihrem immer mehr verſchlimmerten Geſundheitszuſtande erſparen wollte. Mein Kind, mein guter, theurer Sohn, der Du Dein ganzes Leben lang mein Stolz, meine Hoffnung, meine Freude in jedem Schmerz und mein Troſt in jedem Miß⸗ geſchick warſt, empfange meinen Segen, meinen letzten reichen Segen, den ich hier mit ſchwacher und zitternder Hand zeichne, meinen Segen für die unausſprechliche und warme Liebe, die Du Deiner alten Mutter gewid⸗ 118 met haſt, für all die Freude, die Du ihr dadurch mach⸗ teſt, daß Du immer auf dem Weg der Tugend wandel⸗ teſt, nie ihren Rath verachteteſt und Dich unaufhörlich bemühteſt, ihr Leben zu verſüßen. Alles das macht, daß mein Hingang, weit entfernt, mir bitter zu werden, mein Herz mit dem höchſten Frieden, mit der höchſten Selig⸗ keit erfüllt. Ich gehe, mich mit meinem ſo lang ver⸗ mißten Gatten in jener Heimath zu vereinigen, wo wir Beide für die Wohlfahrt unſers Lieblings beten werden, daß er mit derſelben Stärke wie bisher die ſtürmiſchen wie die lichtern Tage erträgt— und nie vergißt, daß es ein Ziel gibt, ein herrliches, lichtes Ziel, wornach es ſchön iſt zu ſtreben. O mein Franz, wenn das Gebet einer liebenden Mutter erhört wird— und in dieſem Augenblicke ſtehen die freundlichen Genien des Glaubens und der Hoffnung an meinem Lager und flüſtern mir Gewährung zu— dann wird ſelbſt noch diesſeits des Grabes ein ſchimmernder Strahl den neblichten Schleier durchbrechen, der ſich über den Frühling Deiner Jugend geſenkt hat, und die Blüthe des Mannesalters wird friſch und kraftvoll in fruchtbarem Boden ſtehen.“ „Doch, mein geliebter Sohn, es iſt nicht immer die Erfüllung unſerer zeitlichen Wünſche, was unſer Glück befeſtigt. Oft müſſen wir lernen, ſie vielleicht zu unſe⸗ rem größten Nutzen zu bekämpfen, denn ohne Kampf ſogar mit uns ſelbſt, können wir keine Vollkommenheit erreichen. Ich habe viel über den Theil Deines Lebens nachgedacht, wo das junge unverderbte Herz den erſten Eindruck jener Leidenſchaft empfangen wird, der es eben ſo oft verſchlimmert als veredelt, und ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn dies nicht ſchon eingetreten wäre; aber ich fühle mich auch in dieſer Beziehung ruhig für Dich. In einer Seele, wie die Deinige iſt, können nur reine Empfindungen wohnen. Aber wenn dieſe nur auf Koſten der Ehre und Pflicht oder Deiner Ruhe, weil ſie ein fruchtloſes Streben nach einem Ziele in Dir erzeug⸗ ten, das zu ferne, zu unerreichbar iſt, fortbeſtehen —— 119 können, da weiß ich, daß Du die ganze feſte Kraft Dei⸗ nes Willens zuſammennehmen und die Verſuchung fliehen wirſt; ſie wird ſich dann allmählig und immer leichter beſiegen laſſen. Doch vertraue nicht allzuſehr auf Deine Stärke. Es gibt Augenblicke, wo ſelbſt der beſte und ſtärkſte Menſch ein Spielball jenes allmächtigen Gefühles wird. Fliehe darum lieber die Verſuchung, in was für eine Geſtalt ſie ſich auch kleiden mag, und erinnere Dich, daß die Verirrungen der Leidenſchaft ſelten Freude bringen.“ „Ich habe dies, mein liebes Kind, mit mehreren Unterbrechungen geſchrieben, und werde mit jedem Tage ſchwächer. Unſäglich hätte es mein Mutterherz erfreut, wenn ich noch einmal in dieſem Leben den Anblick mei⸗ nes Lieblings hätte genießen dürfen, und ich weiß, daß Du auch mit den größten Opfern ſehnend an mein Kran⸗ kenbette fliegen würdeſt, wenn Du wüßteſt, daß ich leide; aber, mein Franz, ich muß dieſen Wunſch unterdrücken, denn was Dich hier erwartete, würde Dein weiches Herz zu ſehr erſchüttern und Dich auf längere Zeit für Deine Pflichten untauglich machen. Deine Einkünfte ſind dazu auch gar zu knapp. Nein, nicht hier, Du Abgott meines Herzens, dürfen wir uns wiederſehen; aber da oben!— Einige Jahre mehr oder weniger in das unermeßliche Meer der Zeit geworfen, bedeuten ja nicht ſo viel, da wir doch die Hoffnung auf ein unvergängliches Wieder⸗ ſehen haben.“ „Und jetzt lebe wohl— lebe wohl, mein geliebter Sohn, es ſchwimmt vor meinen Augen, und ich vermag es kaum, die Feder zu halten.— Unſer Freund, der Rathsherr Sifver, wird all' das Wenige beſorgen, was es bedarf, er wird auch den Reſt meiner Habe überneh⸗ men und verkaufen. Mit Gottes Hülfe wird es hinreichen, um Dir den Fortgang in einer Bahn möglich zu machen, welche Du mit ſo viel Ehre betreten haſt, und wie ich hoffe, auch ſo fortſetzen wirſt. Sei jetzt vernünftig, mein lieber, lieber Knabe, wie Du immer geweſen biſt, ——— ————— ————— ————— S—— — 120 und trage dieſen Schlag, ſo wie es ſich für einen wah⸗ ren Nachfolger Chriſti ziemt! Meine Zeit iſt vorbei, ich ſehne mich zur Ruhe! Bald iſt Alles überſtanden, und wir, mein Liebling, meine Luſt im irdiſchen Leben, ſind bei Allvater vereinigt!— Die Quelle aller Gna⸗ den gieße über Dich ihren reichſten Segen aus! Dies 8 dis letzte Gebet, das meine zitternden Lippen empor⸗ enden. Deine treue, bis in den Tod Dich liebende Mutter Beata Mannerſtedt.“ Die Thränen ſtrömten über Franzens Wangen; mit tiefer, unausſprechlicher Rührung, mit einer Art tödt⸗ licher Angſt drückte er das letzte Pfand einer ſo innig geliebten und angebeteten Mutter an ſeine Lippen. Ein langer entſetzlicher Augenblick verging, bis er den Muth hatte, den bei Seite geſchobenen Brief des Rathsherrn Sifver vorzunehmen. Er wußte ja zum Voraus ſeinen Inhalt. Er war acht Tage nach dem erſtern geſchrieben, und benachrichtigte ihn, daß ſeine Mutter jetzt in die Wohnungen des Friedens eingegangen ſei, wohin ſie ſich beſonders nach Beendigung ihres letzten Geſchäftes, jenes Briefes an Franz, von ganzem Herzen geſehnt habe. Was der Rathsherr weiter über die kleineren Angelegen⸗ heiten ſchrieb, ſah Mannerſtedt nicht. Er hatte ſich auf's Bett geworfen, beide Briefe feſt in die Hände gepreßt. Er hatte keine Thränen mehr.— Alles war ja jetzt vorbei, das letzte Band zerriſſen, erſtarrt das einzige Herz, das auf Erden noch ſein war! Kein Weſen gab es mehr, das ihn liebte, das mit ihm betete, mit ihm ſich freute, mit ihm litt! Keinen Verwandten, keinen Freund; einſam ſtand er da, ganz einſam auf der großen Heide des Lebens. Er fühlte es lebhaft und tief; ſein Schmerz war namenlos. Inzwiſchen ſchied eine Stunde nach der andern dahin; es wurde finſter im Zimmer, er wußte es nicht. Längſt war die Zeit vorüber, wo er ſich 121 hätte beim Kommerzienrath einfinden ſollen, er erinnerte ſich weder der Einladung noch der Zeit. Er fühlte nichts von dem Außenleben— deſto mehr von dem innern. In dem großen Wohnzimmer des Kommerzienraths ſtand der feſtliche Theetiſch ſervirt. An dem obern Ende deſſelben machte die Wirthin die Honneurs. Sie war von zehn mehr oder minder betagten Frauen umgeben, welche entfernteren Zweigen der Familie angehörten, und von der Kommerzienraͤthin ſtets in einem geziemenden unter⸗ geordneten Abſtande gehalten wurden. Es war nur an gewiſſen Feſtabenden im Jahre, an ſogenannten Familien⸗ tagen, wo ſie das Glück hatten, in das Haus des rei⸗ chen Großhändlers eingeladen zu werden. Hier durften ſie nun vor Aerger ſchwitzen, während ſich die Wirthin herablaſſend bemühte, ſie mit der Beſchreibung von einer Maſſe Dinge zu unterhalten, die ſie entweder gar nicht intereſſirten, oder welche ſie ſchon voraus und weit beſſer wußten. Eine Menge Herren, die ebenfalls Alle zu den Mitgliedern der Familientage gehörten, ſtanden, mit der einen Hand auf dem Rücken und der andern zwiſchen dem Weſtenſtrich, in demüthig lauſchender Stellung vor dem Kommerzienrath, der in einer Sophaecke ſaß und, behag⸗ lich ſeine Pfeife ſchmauchend, die Gnade hatte, ſeine Gäſte mit der Erzählung einer und der andern Anekdote aus ſeinen Jugendjahren zu traktiren, wo er noch als Kommis auf einem Stuhle vor dem Pulte ſaß und dar⸗ auf dachte, ſeinem geizigen Patron einen kleinen Streich zu ſpielen, oder ſpäter, wo er als ein eleganter Hand⸗ lungsreiſender fremde Länder durchzog. Je nach dem Charakter dieſer Abenteuer lachten oder ſchüttelten die Zuhörer verwundernd oder bewundernd die Köpfe. An einem Fenſter ſaßen Roſa und Kapitän Ferdinand, und waren in einem Geſpräche über den guten Profeſſor und ſeinen Geſchmack für die Einſamkeit begriffen; aber alle dieſe beſondern Unterhaltungen wurden durch das rau⸗ ſchende Leben in dem vordern Saale übertönt, wo Lärm und Geſchrei in gewaltigem Chorus aus der Mitte einer 122 bedeutenden Kinderſchaar erſcholl, die um den reichen Chriſtbaum herumtanzten. „Roſa, meine liebe Roſa,“ rief die Kommerzienräthin und drehte ein wenig den Kopf, ſoweit es das neu ge⸗ ſtärkte Barett und die Menge Locken erlauben wollten. „Dieſer Lärm, meine Liebe, tödtet mich ganz. Du mußt wahrhaftig wieder hinaus, meine Kleine, und die Schrei⸗ hälſe zur Ordnung bringen. Herrgott, wie verdrießlich, daß Mannerſtedt nicht kommt! Gerade ihn hatte ich dazu auserſehen, um die Kinder zu unterhalten, und zugleich ihre laute Freude zu zügeln. Es iſt acht Uhr vorüber,“ ſetzte die Kommerzienräthin hinzu und ſah auf ihre Uhr. „Der arme Junge pflegt ſonſt nie die Gelegenheit zu verſäumen, um eine Schaale warmen Thee zu bekommen, was er auch wahrlich brauchen kann, und es kommt mir vor, als ob es heute nicht mit rechten Dingen zugehe. Noſa, mein Kind, ſchicke Larsſon hin, und laß fragen, ob der Kandidat nicht kommt.“ Roſa eilte hinaus und gab in der größten Haſt den Befehl, den die Mutter ausgeſprochen hatte. Dann flog ſie auf einige Minuten in ihr Zimmer hinauf, um noch einmal die Weihnachtsgaben zu ordnen. Wohl hatte auch ſie es ſeltſam und verdrießlich gefunden, daß Mannerſtedt ſo lang zögerte; aber erſt, als die Kommerzienräthin äußerte: es kommt mir vor, als ob es heute nicht mit rechten Dingen zugehe, erwachte in ihrem Herzen eine namenloſe Unruhe, eine finſtere und unheimliche Ahnung. Sie erinnerte ſich auch, daß ſie ihm, um ihn zu tröſten, Briefe auf den Weihnachtabend vorausgeſagt hatte.„Be⸗ denke, wenn es eingetroffen wäre,“ ſo ſetzte ſie den ſtillen Gedankengang fort,„wenn meine Prophezeihung ihn um die Freude betrogen und ihm nur Schmerz gebracht hätte! Das wäre entſetzlich! Armer, beklagenswerther Jüng⸗ ling, war das Maaß noch nicht voll?“ Roſa ſtand an einem Tiſche am Fenſter, das au die Straße ging, und während ihre Finger mechaniſch ein kleines Paket umwendeten, welches das ihm beſtimmte 3 * 123 Andenken enthielt, lauſchte ſie mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit auf die Straße hinaus, aber ſie hörte keinen an⸗ dern Laut, als den Lärm der Drei⸗Königsbuben, die unter gewaltigem Geſange vorüberzogen, von großen wohlgeöl⸗ ten Papierſternen erleuchtet, die beſonders den Mohren⸗ könig beſtrahlten, der ihnen voranging. Erſt nachdem dieſe Schaar der Kinderfreude in dem Hauſe zunächſt des Kommerzienraths verſchwunden war— denn hier erhielten ſie keinen Zutritt, weil die Frau ihren Aufzug gar zu ſimpel und altmodiſch fand— konnte Roſa wie⸗ der hören, was vorfiel. Aber noch war Alles ſo qual⸗ voll ſtille, und ſie konnte es nicht über ſich bringen, hin⸗ abzugehen, ehe ſie den wohlbekannten ſchläfrigen Tritt des Bedienten vernommen hatte, dem ſie wie zufälliger⸗ weiſe im Vorzimmer begegnen wollte. Inzwiſchen wurde die Erwartung lang und Minuten und Viertelſtunden vergingen. Endlich hörte ſie Larsſon zurückkehren, aber Roſa erſchrack und konnte kaum an die Treppe hinaus⸗ kommen, denn es war ein böſes Zeichen, daß Larsſon— ſprang. Als ſie auf der letzten Treppe, an das Gelän⸗ der geſtützt, daſtand, ſtürzte der Bediente von dem Vor⸗ öhrn herein. „Nun, Larsſon,“ ſprach Roſa in einem Tone, den ſie für ſehr gleichgültig hielt,„was macht Herr Manner⸗ ſtedt, warum zögert er ſo lange?“ „Ach, es iſt zu ſchlecht mit ihm,“ antwortete Lars⸗ ſon athemlos, und ſuchte ſich ein wenig von dem heftigen Laufen zu erholen. „Wie ſo, ſchlecht?“ fragte Roſa zitternd und bleich. „Iſt er krank?“ „Ja, Du lieber Gott, wohl iſt er das, ich wüßte wenigſtens nicht, was er ſonſt ſein ſollte,“ meinte Lars⸗ ſon.„Als ich dort hinkam, fragte ich im zweiten Stock, ob ſie nicht wüßten, ob der Kandidat zu Hauſe ſei, und da antwortete die Jungfer, die ich traf, ſie glaube nicht, denn ſie habe ihn ſchon ſeit mehreren Stunden nicht mehr gehört. Ich war anf dem Weg, mit dem erhaltenen 124 Beſcheid wieder fortzulaufen, da kam es mir in den Sinn, es wäre wohl am beſten, wenn ich ſelbſt nachſähe. Ich tappte alſo die verdammten, abſcheulichen krummen Trep⸗ pen hinauf und ſuchte nach der Thüre. Der Schlüſſel ſtak, ich klopfte an; aber Niemand antwortete. Ich trat alſo hinein. Aber es war kohlrabenſchwarz im Zimmer, ſo daß ich die Hand nicht vor den Augen ſehen konnte. „Sind Sie da, Herr Mannerſtedt?“ rief ich laut. Da hörte ich eine Art ſchweren Seufzer recht aus Herzens⸗ grund aus einer Ecke der Kammer. Ich tappte dahin, und nachdem ich einen kleinen Tiſch umgeworfen hatte, der gewiß mehrere Sachen enthielt, denn es klirrte ent⸗ ſetzlich, bekam ich den Kopf des Herrn Kandidaten in die Hand.„Ich bitte um Verzeihung,“ ſagte ich,„wie um's Himmelswillen ſteht es mit dem Herrn? Fräulein Roſa ſchickte mich her, um nach Ihnen zu ſehen. Denn die Herrſchaft hat lange gewartet.“—„Danke, danke,“ ſagte er leiſe,„es ſteht gut.“— Aber es ſtand gar nicht gut; denn er glühte wie Feuer.—„Warum kommt der Herr denn nicht, wenn er nicht krank iſt,“ fragte ich weiter.—„Kommen,“ ſagte er,„wohin ſoll ich kom⸗ men?“—„Ei, zum Herrn Kommerzienrath, ſo viel ich weiß; die Andern ſind ſchon alle dort.“—„Biſt Du es, Larsſon,“ ſprach er und erhob ſich ein wenig.„Ach, es iſt wahr, ich erinnere mich jetzt; aber ich kann nicht kommen. Ich bin nicht wohl; ich habe einen bittern Weihnachtabend gehabt, den bitterſten in meinem Leben! Sei ſo gut und entſchuldige mich bei der Herrſchaft, daß ich vergeſſen habe, abſagen zu laſſen.“—„Ja,“ ſagte ich,„das will ich gewiß thun; aber braucht denn der Herr nichts, Licht oder ſonſt etwas 2u darauf antwortete er jedoch ganz kurz:„Ich brauche nichts! Lebewohl, Larsſon!“ Roſa hatte die Kraft gehabt, Larsſons ſchleppende Erzählung anzuhören, und um dem armen Jüngling, deſſen Kummer ſie leicht begriff, einige Hilfe in ſeiner ſcchweren, verlaſſenen Lage zu verſchaffen, hatte ſie auch die Kraft, hineinzugehen, und obſchon etwas bleich und von einem leiſen Froſte geſchüttelt, denn zu dem Schmerz und der Unruhe kam noch die Unvorſichtigkeit, daß ſie ſo lange nur in einen leichten Shawl gehüllt auf der kalten Treppe geſtanden hatte— mit vollkommener Faſ⸗ ſung ihrer Mutter das betrübte Reſultat von Larsſons Sendung mitzutheilen. „Herr, mein Gott! welches Elend!“ rief die Kom⸗ merzienräthin aus, und das Barett wogte auf und nie⸗ der.„Wer in des Herrn Namen ſoll ſich des armen Menſchen annehmen, wenn ich es nicht thue? Er kommt in ſo wenige Häuſer, und in der Stunde der Noth wird, leider Gottes! der Kreis noch enger; aber, Gott ſei Dank! wir haben nie ſo gedacht. Roſa, höre, was ich Dir ſage, meine Liebe, und ſtehe nicht ſo gleichgültig da, und blicke auf den Chriſtbaum, wenn von der Noth eines Mitmenſchen die Rede iſt. Larsſon, ſage ich, ſoll gleich wieder hin, und ein paar Lichter mitnehmen. Wenn es kalt iſt in dem kleinen Loche, ſo ſoll er dort einheizen, und auf alle Fälle iſt es am beſten, wenn er den Küchenjungen etwas Holz auf einem Schlitten hin⸗ führen läßt. Vielleicht hat der arme Mannerſtedt nichts, um ſich dort wärmen zu laſſen. Karin ſoll auch hin gehen, meine Liebe, und Thee mitnehmen und ſoll ihn zum Trinken bewegen. Und befehle der Haushälterin, einen Reisbrei und etwas kaltes Geflügel hinzubringen; Fiſch taugt nichts, wenn er krank iſt. Ader etwas Rheinwein in einer Flaſche kann Larsſon mitnehmen; das wird ihm gut thun. So, liebe Roſa, vergiß jetzt nichts. Larsſon: die Lichter und das Holz; Karin: einen guten warmen Thee; die Haushälterin: Reisbrei, Geflügel und Wein, wenn Du jetzt die ganze Anordnung im Kopf haſt, mein Kind, ſo gehe ſchnell und beſorge es.“ „Gleich, beſte Mama,“ antwortete Roſa und flog in die Küche, um all dieſe Aufträge in's Werk zu ſetzen, welche ſie unter andern Umſtänden nicht ohne ein Lächeln hätte anhören können. Jetzt aber ſuchte ſie nur Larsſon 126 und Karin begreiflich zu machen, daß ſie Alles verſuchen ſollten, um es ſo angenehm als möglich um den armen Kranken zu machen; und weiter befahl ſie ihnen, daß ſie Eins um das Andere heimkommen und berichten ſoll⸗ ten, wie ſich Herr Mannerſtedt befinde, damit man, lnen ſich ſein Zuſtand verſchlimmere, einen Arzt rufen önne. Nachdem dies alles in größter Eile beſorgt war, ging Roſa wieder hinein; denn die Mutter hatte ihr aufgetragen, die Kleinen zu unterhalten und zu beauf⸗ ſichtigen; und obſchon dieſe Beſchäftigung in der Ge⸗ müthsſtimmung, in der ſie ſich befand, ihr zum erſten⸗ mal im Leben langweilig und peinigend vorkam, ſo ſah ſie ſich doch genöthigt, an ihren fröhlichen Spielen Theil zu nehmen, um nicht die Größe der Theilnahme zu ver⸗ rathen, die ihr Herz in der höchſten Unruhe bewegte. Nach einer Weile, als die Kemmerzienräthin an den lärmenden Gruppen vorüberging, klopfte ſie der Tochter freundlich auf die Schulter und ſagte:„Er iſt. doch ein wohlmeinender und liebenswürdiger junger Mann, unſer guter Kapitän!“ „Wie ſo?“ fragte Roſa unſchuldig. „Nun, weißt Du wohl, daß er gleich von den Herren und der Boyle fortſprang, und rathe einmal, warum? Ja, um den Bataillonsarzt aufzutreiben, der ſein Freund iſt, und dieſen mit zu unſerem armen Kandidaten zu nehmen. Er flüſterte mir ſeine Abſicht in's Ohr, als er ein paar Augenblicke, nachdem Du hinausgegangen warſt, das Zimmer verließ. Iſt es nicht ſchön und lieb, wenn man ſo ein Beiſpiel nimmt; ich bin recht froh, daß ich es ihm gegeben habe.“ „Ach, liebe Mama,“ rief Roſa, von dieſem uner⸗ warteten Zug in Kapitän Lings Charakter angenehm überraſcht,„that er dies wirklich? Wahrhaftig, das war ſehr edelmüthig und freundſchaftlich von Ferdinand, und erhöht ihn ſehr in meiner Achtung.“ Eine Stunde ſpäter trat der Kapitän mit rothem 127 und warmem Geſichte herein, und nie fand ihn Roſa einnehmender und liebenswürdiger. Es war zum erſten⸗ mal, daß ihr Gefühl für ihn ſprach.—„Wie ſteht es mit Herrn Mannerſtedt, guter, edelmüthiger Ferdinand?“ ſagte ſie mit unverſtellter Offenheit, und drückte herzlich die Hand, die er ihr zum Gruße hinreichte. „Morgen, ſagt der Doctor, wenn ſich das Fieber gelegt hat, wird er wieder geſund ſein. Es iſt der Verluſt ſeiner alten Mutter, die er ſo innig geliebt hat, was ihn ſo tief erſchütterte und angriff. Heute Abend hat er die Trauerbotſchaft erhalten, und iſt für gegen⸗ wärtig für alles Andere als ſeinen Schmerz unempfäng⸗ lich. Ein furchtbares Fieber glüht in ſeinen Adern, und ſein Kopf ſchmerzt und brennt; doch er hat jetzt die nö⸗ thigen Heilmittel erhalten und mit einer ſo ſtarken und abgehärteten Natur, wie die ſeinige iſt, wird das Uebel, ſo weit es den Körper betrifft, wahrſcheinlich morgen überſtanden ſein; wenigſtens iſt er dann beſſer.“ Nachdem Ferdinand dieſen Rapport abgelegt, und ſich über das herzliche Wohlwollen gefreut hatte, das ihm Roſa heute Abend zu widmen ſchien, ließ er ſich bei ſeinem künftigen Schwiegervater nieder, mit dem Vorſatz, ihm auf alle mögliche Art zu gefallen zu ſu⸗ chen. An Mannerſtedt dachte er nicht weiter. Er hatte gethan, was er für den armen Teufel thun konnte; jetzt war darüber nichts weiter zu ſagen. Der Kapitän konnte zwar ein wenig angeregt werden, wenn er davon ſpre⸗ chen hörte, daß einem eine Trauer, ein Kummer oder dergleichen zugeſtoßen ſei, beſonders wenn die Erzählung von ſo ſchönen Lippen kam, wie Roſa's waren; aber tiefer über die Sache nachzudenken, oder ihr mehr als einige flüchtige Augenblicke eines launiſchen Edelmuths zu widmen, das hätte gegen ſeine Natur geſtritten und war nicht denkbar. Ehe daher das zweite Punſchglas geleert war, hatte er Mannerſtedt, die Dachkammer und alles Elend auf der Welt, ſein eigenes ausgenommen, durchaus vergeſſen. lich waren alle Pflänzchen eingehüllt, und die ganze Ge⸗ 128 Endlich verſammelten ſich die Gäſte um den langen, reichen Tiſch, wo das ſtürmiſche Geplauder, das Ge⸗ lächter und das Geräuſch mit den Weihnachtsgeſchenken, verbunden mit den lärmenden Freudeausbrüchen der jüngere Familie, einen höchſt harmoniſchen Einklang bil⸗ deten, der jedoch in Roſa's Herzen ſchneidende Diſſo⸗ nanzen hervorrief. Vor ihr auf dem Tiſche lag ein hoher Berg von größeren und kleineren Geſchenken. Die koſt⸗ barſten waren offenbar von dem Profeſſor, obwohl die Ueberſchriften nicht von ſeiner Hand waren. Auch ein großes Paket an Herrn Franz Mannerſtedt war dabei. Dies konnte nicht von dem Hauſe des Kommerzienraths herrühren, denn die kleinen Präſente, die deſſen Mitglie⸗ der dem Kandidaten beſtimmt hatten, wurden aufgeſpart, bis er ſich wieder bei ihnen ſehen ließe. Es kam alſo von einer fremden Seite, und erweckte ſowohl bei den Leuten des Hauſes, als bei den Gäſten, Verwunderung und Vermuthungen. „Ich werde es in meine beſondere Verwahrung neh⸗ men,“ ſprach die Kommerzienräthin;„und ich weiß, daß es der arme Junge am liebſten aus meiner Hand nimmt, wenn er ſich wieder auswagt.“ Niemand wollte oder durfte die etwas eigenmächtige Handlung und höchſt eigenliebige Vermuthung der Kom⸗ merzienräthin beſtreiten. Alle waren ihrer Anſicht, und dabei blieb es. Als man vom Tiſche aufgeſtanden war, trennte ſich die Verſammlung. Die Herren und Damen verbeugten und verneigten ſich, machten Komplimente drunter und drüber, und dankten unendlich für den ſo angenehm und vortrefflich hingebrachten Abend. Die Kom⸗ merzienräthin ſagte:„Ei, bewahre! nicht ſo viele Um⸗ ſtände, meine Freunde! Um Alles in der Welt, es iſt hier nichts zu danken. Sie haben ſich ja ſelbſt unterhal⸗ ten müſſen.“ Der Großhändler ſtreckte ein paar Finger ſeiner Hand aus und nickte würdevoll mit dem Kopfe. End⸗ 129 ſellſchaft in Schlitten und zu Fuß befand ſich auf dem Heimwege. „Gott ſei Dank!“ rief Madame Widen aus, indem ſie lang und tief Athem holte, und ſich auf den Sopha warf,„Gott ſei Dank, daß man endlich frei athmen kann! Sie ſind entſetzlich, dieſe Familien⸗Abende! Es iſt ein Glück, daß wir nicht viele dieſer Art im Jahre haben, ſonſt würde man es nicht aushalten können; denn es iſt im höchſten Grade ermüdend, zur Rechten und zur Linken lächeln zu müſſen, wenn man ſich vor Langer⸗ weile zu Tode gähnen möchte; doch für Dich, mein lie⸗ ber Ferdinand, war es noch etwas Neues. Du haſt ja früher nie das Glück oder Unglück gehabt, einen Weihnacht⸗Abend ſo hier in der Familie zuzubringen.“ „Nein, nicht gerade hier,“ antwortete der Kapitän lächelnd;„aber ehedem kam Onkel Borgenſköld mit den Seinigen jeden Weihnachtabend zu dem Profeſſor, und das waren dann wahre Feſtabende. Aber ſie ſind vorbei, um nie wiederzukehren,“ ſetzte er mit einem leichten Seufzer hinzu, als er jener verſchwundenen Tage ge⸗ dachte, wo auch er an wahre Glückſeligkeit geglaubt hatte. „Freilich, freilich,“ ſprach die Kommerzienräthin, da ſie es für nöthig oder ſchicklich hielt, doch etwas zu ſa⸗ gen.„Ich erinnere mich, gehört zu haben, daß der Pro⸗ feſſor auf immer mit ſeinem Bruder gebrochen habe, und daran glaube ich wirklich,— obwohl es immer ſchwer iſt, in einer ſolchen Sache ein Urtheil zu fällen,— daß er wohl that.— Du mußt Dich ſelbſt um ſo mehr an ihn machen, mein beſter Ferdinand! Ich bin überzeugt, daß Dein Onkel, der Ehrenmann, ſehr viel Zärtlichkeit inr Dich hat, oder wie? Was meinſt Du ſelbſt, iſt es nicht ſo?“ „O ja, Etwas davon glaub' ich ſicher,“ entgegnete der Kapitän,„aber leider nicht viel! Seine Zärtlichkeit iſt jedoch einem würdigeren Gegenſtande gewidmet, den ich zu ſehr liebe, um ihn zu beneiden. Er verſicherte Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. —————————O˖OQ⏑§⸗O—VCQ˖K—xO˖Q—UOℳ⸗˖:—nõnn— 130 mich vor ein paar Tagen mit einer an ihm ungewöhn⸗ Alt lichen Rührung, daß er Roſa unendlich ſchätze, daß ſie hatt in ſeinen Augen ein wahrer Cdelſtein ſei, und daß, ſo will lange er ſelbſt einen Biſſen Brod habe— das waren. un ſeeine eigenen Worte— er ihn mit ihr theilen wolle.“ n dn Während Kapitän Ferdinand ſeine Citationen aus erbl einander ſetzte, klärte ſich das Antlitz der Kommerzien⸗ er räthin zum vollen Glanz einer prächtigen Sonnenblume unn auf. Der Kommerzienrath legte die Pfeife auf das Ka⸗- ann min, und lauſchte mit geſpanntem Intereſſe. au „Ach, die edle, hochſinnige Seele,“ rief Madame 8 Widen entzückt aus,„wie ſchön und doch wie einfach ter⸗ ausgedrückt! daß er Roſa'chen ſo liebt! Nun, nun, ſie te verdient es auch in Wahrheit, ſie iſt die Güte und tag, Sanftmuth ſelbſt; ſo beſcheiden und doch ſo verſtändig. kei Ja, der Profeſſor hat immer recht gehabt! Er war im⸗ Ein mer ein Mann von feinem Urtheil und ſcharfem Blick. wor Sie iſt, wie er ſagt, ein wahrer Edelſtein. Ja ſie iſt fen ein Engel, das liebe Kind. Obwohl ich ihre Mutter Leu bin, ſo darf ich es doch geſtehen, wenn ſte es nicht hört. f Sehen Sie, legt ſie nicht oft wie eine junge zärtliche hich Mutter ihre kleinen Geſchwiſter zu Bette, und bringt ſee ſind mit ihren freundlichen Mährchen zur Ruhe, wenn Nie⸗ ich mand anders mit den kleinen, wilden Jungen fertig wird. ter Wenn ich dann die Sorgfalt für alle Weſen ſehe, welche f1 ſie umgeben, ſo denke ich immer, wie gut ſie dazu 1 paſſen würde, die koſtbaren Tage des alten Mannes zu liche pflegen; denn was uns Weiber betrifft, ſo ſind ein für t allemal Liebe und Entſagung Beſtandtheile unſerer Na⸗ reit, tur. Und es iſt ſicher, daß Du ein vortreffliches Weib e e Pelemwa te d je e „Ach, meine beſte Tante, daran hab' ich nie ge⸗ 6A zweifelt,“ verſicherte Ferdinand.„Ich habe nur Ehhn— Han Wunſch, nämlich den, daß mir dieſes Glück bald zu Fin Theil werde. Ich betheure, daß ich mich außerordent⸗ una lich nach dieſem Zeitpunkt ſehne, und daß ich durch mein niſſe neues Verhaͤltniß ein ganz anderer Menſch geworden bin. 13¹1 All die Vergnügungen, welche bisher Werth für mich hatten, verſchwinden jetzt, wenn ich nach ihnen greifen will, wie leere Dünſte. Ich fühle immer mehr, daß von nun an nur unter den friedlichen und ſchützenden Pal⸗ men des häuslichen und ehelichen Lebens mein Glück erblühen kann.“. „Ach Du Schalk!“ lächelte die Kommerzienräthin anmuthig und ſchlug ihn mit ihrem geſtickten Nastuch auf die Wange.„Aber, in allem Ernſt,“ ſetzte ſie hinzu, nich ſeh' gerade kein Hinderniß gegen die Erfüllung Dei⸗ nes Wunſches, oder was meinſt Du, Widen, mein Al⸗ ter? könnte man nicht die Hochzeit auf Deinen Geburts⸗ tag, den 20. Februar, feſtſetzen?“ „O ja gewiß,“ meinte der Großhändler,„das wäre keine Unmöglichkeit; aber wir müſſen doch zuerſt wiſſen, woran wir ſind. Eine Hochzeit will etwas anders hei⸗ ßen, als eine Verlobung. Als Verlobte können junge Leute lange ohne Sorgen herumgehen; aber ſich verhei⸗ rathen, heißt die Sorgen ſich zu Gaſte bitten, wenn ſie nicht zum Voraus vollkommen aus dem Wege geſchafft ſind. Dies iſt meine Ueberzeugung, und deshalb will ich zuerſt einen ſchriftlichen Zeugen von der edlen Den⸗ kungsart des Profeſſors in Ferdinands oder meiner Toch⸗ ter Händen ſehen. Nicht, weil ich jene bezweifle, aber weil es meine Pflicht als Vater erfordert, auf alle mög⸗ liche Fälle hin, dies ſchon vorher bereinigt zu ſehen. So wie dies aber in gehöriger Ordnung iſt, bin ich be⸗ reit, das Aufgebot ergehen zu laſſen, ſobald Du es nur wünſcheſt, mein lieber Ferdinand, und ſetze hinzu, daß, je eher dies geſchieht, es mir deſto lieber iſt.“ Hiebei reichte der Kommerzienrath dem Kapitän die Hand. Dieſer ſah ſich genöthigt, den Wink zu beachten, küßte ſeiner künftigen Schwiegermutter die hingeſtreckten Fingerſpitzen, bat ſie, Roſa herzlich von ihm zu grüßen, und eilte nach Hauſe, das Herz voll neuer Bekümmer⸗ niſſe, die der Eigenſinn des Kommerzienraths in ihm 9* erzeugt hatte, und den Kopf ſchwindelnd von geformten und formloſen Gedanken. Aber alle dieſe bekamen eine neue und düſtere Richtung, als er auf ſeinem Tiſche ein kleines Paket mit Hilda's wohlbekannter Ueberſchrift ge⸗ wmahrte. Dunkles Feuer blitzte in ſeinem Auge, da er es öffnete und fand, daß ſie ihm das ſeinige unerbro⸗ chen zurückgeſandt hatte. Seit ihrer Kindheit hatten ſie die Gewohnheit beibehalten, einander an dieſem Abend wo ſo manches Herz die Wünſche des andern glücklich erräth, kleine Beweiſe ihrer freundlichen Neigung zu geben. Sie wollte alſo nicht einmal als Couſine einen unbedeutenden Beweis ſeiner Aufmerkſamkeit annehmen. Das war hart, und erweckte bei Ferdinand ein Gefühl, das einer tiefen, unverfälſchten Betrübniß glich. Er hatte nicht feine Beurtheilungskraft genug gehabt, um einzuſehen, daß Hilda, nach dem, was vorgefallen war, nicht wohl bei ihrem Charakter anders handeln konnte. Das Feuer brannte hell im Kamine, Ferdinand drückte einen leichten Kuß auf die Ueberſchrift des Umſchlags, und warf es nebſt ſeinem eigenen Paket in die Flammen. 4 10. Das Paket.— Prophezeihungen.= Eine kleine Scene im Vorzimmer.— Unterredung zwiſchen den Verlobten. Am Chriſttage war ein ſtarkes Schneegeſtöber, und da man im Hauſe des Kommerzienraths keine Geſellſchaft hatte, und auch ſelbſt nicht ausgebeten war, ſo ver⸗ größerte ſich die Unbehaglichkeit der Stimmung noch durch die des Wetters. Man hatte Langeweile, und gähnte unbarmherzig. Der Kapitän hatte bei einem ſeiner Vor⸗ geſetzten zu Mittag geſpeist und ſollte dort bis Abend 13³ bleiben. Die Familie war alſo ganz allein. Der Groß⸗ händler ſpielte Patience, und ärgerte ſich, daß es nie ausgehen wollte, ſo ſcharfſinnig er auch über jede ein⸗ zelne Karte und ihre mögliche Bedeutung nachſann. Die Kommerzienräthin blätterte jn dem Magazin für Kunſt, Neuigkeiten und Moden: Roſa prälndirte auf ihrem Piano und war über einem Lieblingsſtücke her, die Knaben ſpiel⸗ ten an einem Ecktiſche, und die Maͤdchen kleideten ihre Puppen um. Jetzt ſcharrte etwas im Oehrn. Roſa ſchwieg plötz⸗ lich, und ihr Herz begann mitt einer Heſtigkeit zu klopfen, die ihr jeden weitern Geſang unmöglich machte; denn es benahm ihr oft den Athem. Eine, zwei, drei, ewige Sekunden, von der übrigen Geſellſchaft nicht einmal be⸗ merkt, ſchlichen in tödtlicher Langſamkeit hin. Endlich öffnete ſich die Thüre, und Mannerſtedts hohe Geſtalt zeigte ſich auf der Schwelle; ein willkommener Wechſel in der langweiligen Einſamkeit. „Ach, ums Himmelswillen!“ rief die Kommerzien⸗ räthin, und warf Kunſt, Neuigkeiten und Moden in das andere Sophaeck,„iſt Er es, Herr Kandidat, Er kommt gerade recht! Wir ſind heute Abend ohne Geſellſchaft und der Herr iſt uns höchſt willkommen. Aber mein Gott, wie hat er es wagen können, Herr Mannerſtedt, unter dieſen Umſtänden auszugehen, da Er ja noch heute Morgen im Fieber lag, und wie wir höͤrten, recht übel daran war?“ Mannerſtedt verbeugte ſich tief, und erwiederte: „Allerdings habe ich mich nicht wohl befunden; aber es war eigentlich nur die Seele, welche litt; und da nun Nachmittags alle Zeichen des Fiebers verſchwunden wa⸗ ren, ſo wollte ich hinausgehen, um friſche Luft zu ſchö⸗ pfen, was, wie ich wußte, mir gut thun würde, und zu gleich der Herrſchaft meine Aufwartung machen und mei⸗ nen lebhaften und unbegrenzten Dank für das ganz un⸗ verdiente Wohlwollen abzuſtatten, deſſen ich mich von Ihnen zu erfreuen hatte.“ 134 „Das will nichts heißen, durchaus nichts, mein lie⸗ le ber Mannerſtedt,“ erwiederte die Kommerzienräthin ver⸗ ls bindlich.„Wir beklagen von Herzen den Verluſt, den der Herr erlitten hat. Aber ſo iſt der gewöhnliche Gang iſt ℳ des Lebens; man muß ſich darein finden; denn trauern, 9 weenn es einmal geſchehen iſt, ſage ich immer, dient zu er Nichts.“ Stumm verbeugte ſich Mannerſtedt bei dieſen ober⸗ ſeh flächlichen Troſtgründen, und wandte ſich, um auch den dal Kommerzienrath zu begrüßen, der nur flüchtig von den 3 Karten aufſah und, ihm zunickend, ſprach:„Beklage, Il Herr Mannerſtedt, beklage recht ſehr, aber enſchuldige de Er, ich bin ſo von der Patience in Anſpruch genommen! ab Der Herr muß ſich an die Frauenzimmer halten. Ich in glaube, ſie ſind froh, etwas Geſellſchaft in ihrer Ein⸗ Se ſaamkeit zu bekommen.“ d Nach dieſen Worten wandte der Großhändler ſeine 5 Aufmerkſamkeit ganz und gar auf die Karten, und jetzt kam die Reihe des Begrüßens an Roſa. p Franzens unvermuthete Ankunft, die ſie nicht zu hof⸗ Pi fen gewagt hatte, hatte ihr das Blut in friſchen Roſen er auf die Wangen gejagt; aber glücklicherweiſe bekam ſte während der langen Rede der Mutter hinlänglich Zeit, un um ſich etwas zu ſammeln; und als nun Mannerſtedt, V bleich und niedergeſchlagen, mit tiefer und ſtiller Schwer⸗ muth in dem dunklen Blicke ſich nahte, reichte ſie ihm At die Hand und ſprach leiſe:„Von ganzem Herzen nehme ich an Ihrem Kummer Antheil, guter Mannerſtedt! Ich ſe weiß, wie ſehr Sie die Hingegangene liebten; deßhalb ſeh weiß ich auch, wie Sie ſie betrauern. Aber Ihre Seele de iſt ſtark; ich glaube und hoffe, daß ſie nicht unmänn⸗ bei lich unterſinken wird, nachdem nur der erſte ſo natür⸗ de liche Schmerz ſeinen Tribut erhalten hat.“ he In Roſa's Stimme lag eine weit tiefere und wär⸗ mere Theilnahme, als in den Worten ſelbſt. Sie drangen r auch tief in Mannerſtedts Herz und ein paar Sekunden 3 lang wagte er es, ihre Hand in der ſeinigen zu drücken, 30 lie⸗ ver⸗ den ang ern, zu ver⸗ den den age, dige en! Ich Lin⸗ eine etzt of⸗ ſen ſie 13⁵ als er antwortete:„o nein, gute, theure Roſa! Seien Sie überzeugt, daß, wenn der Kampf auch noch ſo ſchwer iſt, ich doch ſiegen werde.“ „Ei, ei! aber Roſa was denkſt Du!“ rief die Kom⸗ merzienräthin, die nicht hören konnte, was ſie ſprachen, der es aber vorkam, als ob es gar zu empfindſam aus⸗ ſehe.„Du ſollſt Herrn Mannerſtedts Wunden nicht auf⸗ reißen. Sie werden noch genug ſchmerzen. Komme Er daher, Herr Kandidat, und ſetze Er ſich zu mir; ich habe Ihm beſſere Troſtgründe zu bieten. Ein unbekannter Freund des Herrn Mannerſtedt ſchickte am Weihnachts⸗ abend ein Paket hieher, und ich behielt mir vor, es ſelbſt in Herrn Mannerſtedts Hände zu überliefern. Karolin⸗ chen, mein Engel, lege die Puppe hinweg, und geh' in Mama's Kabinet, und bringe das große Paket her, das auf dem Divantiſche liegt.“ Karolinchens widerſtrebende Finger ließen nach ein paar erneuerten:„Beeile Dich, mein Engel!“ die ſchöne Puppe fahren, und nach einer kleinen Pauſe kam ſie mit dem bezeichneten Artikel zurück. „Ich danke Dir, liebe Karoline,“ ſagte die Mama und küßte die Kleine auf die Stirne.„Iſt ſie nicht ein liebliches Kind und ſo gehorſam!“ wandte ſich Madame Widen an Mannerſtedt.„Ja ſehr hübſch und lieb,“ antwortete Franz und hoffte, ſo die Sache los zu werden. Aber die Kommerzienräthin fuhr in vertraulichem Tone fort und lehnte ſich dabei vorwärts, ſo daß es das Aus⸗ ſehen einer wichtigen Mittheilung bekam:„Ich habe gerade darüber nachgedacht, daß wir mit dem Singun⸗ terricht der kleinen Karoline beginnen könnten. Sie muß bei Zeiten die Noten kennen lernen, denn hat ſie nicht eine herrliche Stimme, ſo weich, ſo ſüß und klangvoll?“ Hätte Mannerſtedt jetzt mit Ja geantwortet, ſo wäre er der Wahrheit, die ihm ſtets heilig war, zu nahe ge⸗ treten. Er wagte deshalb nur ſehr vorſichtig die Anſicht zu äußern, daß man die Anlagen eines Kindes ſo früh⸗ zeitig noch nicht mit Gewißheit beurtheilen könne.— 136 Bei einer andern Gelegenheit würde die Kommerzien⸗ räthin dies ſehr ungnädig aufgenommen haben; jetzt hin⸗ gegen mußte ſie es hingehen laſſen, wenn ſie an Franzens Kummer dachte, der ihn natürlich gegen ſeinen Willen Alles in einem trüben Lichte ſehen ließ, und an das noch uneröffnete Paket. Dadurch ward ihre Neugierde ge⸗ ſtillt, und ſie konnte zugleich einen Beweis ihrer edlen und erhabenen Denkungsart geben, indem ſie that, als merkte ſie nicht, daß er in ſeinem Schmerz eine andere Anſicht als ſie gehabt habe. Dem zufolge trat das halb⸗ verſchwundene anmuthige Lächeln wieder auf ihre Lippen und war milder und anmuthiger als je, als ſie ſprach: „Darüber können wir nachher reden, ſehen Sie nur, was das hier enthält!“ Sie reichte ihm das Paket hin. Die Wahrheit zu ſagen, ſo hätte Mannerſtedt weit lieber damit gewartet, bis er in ſeiner einſamen Kammer geweſen wäre; aber die Kommerzienräthin würde dann ernſtlich böſe geworden ſein, und Franz meinte, er dürfe nicht ſo undankbar ſein und ſich nach ſo vielen Beweiſen ihrer gnädigen Güte ihren Zorn zuziehen. Während Mannerſtedt über dieſen kitzligen Unnand hin und her ſann und gedankenvoll das Paket herumwendete, rief die Kommerzienräthin ihrer jüngſten Tochter zu:„Joſephin⸗ chen, mein Püppchen! Bring die Scheere her, mit der Du zuſchneideſt!“— Das Püppchen war ein Wunder von Gehorſam, ſte kam im Augenblick; die Mama nahm die Scheere und ſagte:„ſo!“ wobei durch eine raſche Bewegung ihrer eigenen edlen Hand die Schnur aus einander ſprang. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Mannerſtedt pflichtſchuldigſt ſagte:„Ich danke gehorſamſt, meine gnädige Frau Kom⸗ merzienräthin!“ und das Papier ward eröffnet. Noch ein paar Umſchläge fanden ſich darum; aber endlich waren alle Hinderniſſe beſeitigt, und der feinſte, allerſchönſte ſchwarze Anzug zeigte ſich ihren Blicken. Als Madame Widen ihn in größter Haſt herausnahm, um ſich zu über⸗ zeugen, daß es ein ganzer Anzug war, was ſie auch zu * ihrer Befriedigung ſogleich fand, fiel ein zuſammen ge⸗ legtes Papier nieder, worauf geſchrieben ſtand:„Nehmen Sie ſo vorlieb von einem Freunde des Fleißes und der Redlichkeit.“ In dem zuſammengefalteten Papiere lagen zwei Banknoten, jede von fünfzig Reichsthalern. Stumm hielt Mannerſtedt das Papier in ſeiner Hand; eine Thräne der reinſten Dankbarkeit perlte in ſeinem Auge, und wir ſagen nicht mehr als die ſtrengſte Wahrheit, wenn wir verſichern, daß die Ueberzeugung, es gäbe wirklich einen Menſchen von ſo edler und uneigennütziger Denkungsart, und er ſei ſo glücklich geweſen, die Aufmerkſamkeit deſſel⸗ ben auf ſich zu ziehen, Franzens Herz mit weit froheren und ſüßeren Empfindungen erfüllte, als der Beſitz der Vortheile, welche ihm der unbekannte Wohlthäter zuge⸗ dacht hatte. „Widen, mein Schatz, Roſachen! Mein Gott, unſer armer Mannerſtedt hat Urſache, ſich zu freuen, ſehet die⸗ ſes Kleid, ſehet, ſeht!“— und die Kommerzienräthin hob den Anzug empor, nahm die Papiere aus Mannerſtedts Hand und reichte ſie ihrem Manne hin. Aber alles das, obwohl vollkommen unpaſſend, hatte doch einen ſolchen Anſtrich von wahrem Wohlwollen, was es auch auf Ma⸗ dame Widens Art war, daß es Franz ohne allen Wider⸗ ſtand geſchehen ließ. Roſa ſah faſt nur auf die geſchrie⸗ benen Zeilen.„Was meinſt Du, mein Engel?“ fragte die Kommerzienräthin.„Du kennſt wohl die Hand? Es würde mich ſehr freuen, wenn ich erfahren würde, woher es kommt. Haſt Du ſie früher geſehen, liebe Roſa?“ „Nein, ich kann mich nicht erinnern,“ antwortete ſie langſam. Aber Mannerſtedt, der ihren Bewegungen gefolgt war, meinte zu finden, daß ſie es nur deßhalb vermied, ihren Gedanken auszuſprechen, um den Namen des Gebers nicht dadurch zu entweihen, daß ſie ihn den verſchiedenen Meinungen preis gab. „Ja, es mag nun ſein, wer es will,“ ſagte Ma⸗ dame Widen,„ſo iſt das Kleid charmant!“— Sie rieb es zu beſſerer Verſicherung prüfend mit den Fingern. 138 „Ganz vorzüglich fein, davon koſtet die Elle wenigſtens zwölf Reichsthaler.“ „Und eine ſolche Beilage,“ fiel der Kommerzienrath ein.„Er hat Grund, mein lieber Kandidat, ſeinen glück⸗ lichen Stern zu preiſen.“ Als die Geſellſchaft den Thee getrunken hatte, ging der Großhändler auf ſein Zimmer, um die Zeitungen zu leſen, deren Ankunft wegen der ſchwierigen Beſchaffenheit der Wege ſeine Geduld bis an den Abend prüfte. Die Kinder verſammelten ſich um die Fragmente des Chriſt⸗ baumes, der jetzt in das Zimmer der Jungfer verſetzt worden war; und nachdem die Kommerzienräthin ihre faſt unerſchöpfliche Geſprächsquelle vor dem gefühlloſen, nur von Wehmuth beherrſchten Mannerſtedt ausgeleert hatte, ſtand ſie auf und ließ ſich herab, einen kleinen Beſuch im Zimmer ihrer Haushälterin, der Frau Bern, zu machen. Zwar hatte ſie, des Scheins wegen, einige Be⸗ fehle für den morgenden Tag zu geben, aber ihr eigent⸗ licher Zweck war, dieſer ihrer vertrauten rechten Hand mitzutheilen, was das Paket an Mannerſtedt enthalten habe, und zu verſuchen, obwohl ihr Scharfſinn entdecken könnte, wer dieſer Freund von Fleiß und Redlichkeit war. Das Zimmer der Frau Bern war einfach und ſauber. Sie ſaß in dem kleinen, altmodiſchen, runden Sopha, einem Meuble, das ſie wegen ſeiner Bequemlichkeit aus dem alten Gerumpel auf der Bühne herausgeſucht hatte. Vor dem erwähnten Sopha ſtand ein kleiner, viereckiger, blau gemalter Tiſch, und auf dieſem lag in bunten Reihen das alte getreue Kartenſpiel der Beſitzerin. Dieſem zur Seite waren aufgepflanzt: die Kaffeeſchaale, die Tabaks⸗ doſe, die Biſambüchſe in Form eines Herzes, ein Ueber⸗ bleibſel von Anno 68, die Poſtille, das Pſalmbuch und das Nastuch.. Die Kommerzienräthin, die in gewiſſen Fällen ſehr herablaſſend war, nahm ihr gegenüber Platz, und nach⸗ dem ſie der Frau Bern Alles aus einander geſetzt und tens rath ück⸗ iing 139 dieſe verſprochen hatte, ihr Möglichſtes zu thun, um bis morgen Abend die Sache aufzuklären, ſetzte die Kommer⸗ zienräthin hinzu:„ſehen Sie einmal nach, Frau Bern, wie heute Abend die Karten für unſer Haus liegen. Ich habe wie gewöhnlich das Carreau, geben Sie Roſa Coeur und ſo mag der Ergötzlichkeit halber der Kandidat das Trefle in Beſitz nehmen.“ Frau Bern ſchob die Kaffeeſchaale hinweg, nahm eine Priſe, roch an ihrer Biſambüchſe, miſchte und ließ die Kommerzienräthin abheben. Bald war unter ernſtem und bedeutungsvollem Schweigen das große Carreau mit all ſeinen Reichen ausgelegt. Die Seherin ſchnupfte noch einmal und huſtete. Madame Widen ſagte:„Nun!“ „Da ſehen Sie,“ begann Frau Bern,„iſt es nicht aecurate ſo, wie es ſchon mehreremal, ja den ganzen Winter über ſich geſtaltet hat? Ein entſetzliches Weſen im Hauſe, Schmauſereien und Fremde ohne Ende, und Alles rührt von einem blonden, wie es ſcheint, ältlichen Herrn her. Es iſt alſo klar, daß hier nicht von einer Hochzeit die Rede iſt, denn der Kapitän iſt noch zu jung und dazu braun. Zudem ſieht es durchaus nicht einer Hochzeit gleich, nach Allem, was ich ſehen und beurthei⸗ len kann. Leider ſcheint es, als ob eine große Trauer und Stille auf das Geräuſch folgen werde. Sehen Sie hier, die gnädige Frau kann ſelbſt nachzählen, dort liegt Trefle Aß; das iſt das Haus 1. 2. 3. 4. und ſo weiter; da haben wir die neunte und dort die dreizehnte Karte. Wahrlich, ſo wahr ich Brita Liſa heiße, hier gibt es eine Art Trauer, das ſag' ich, aber es ſcheint mir weder Krankheit noch Todesfall zu ſein. Worin das Unheil beſteht, kann ich nicht recht entwirren, aber es wird etwas Wichtiges ſein. Für die gnädige Frau liegen die Karten ganz prächtig. Da zunächſt hier herum Kaffee⸗ Viſiten ohne Ende und eine frohe und angenehme Neuig⸗ keit nebſt einer dunklen Waare.— Fräulein Roſa liegt heiter und froh in den Karten; aber, mein Gott, wie finſter ſchaut der Kapitän um ſich! Was, um's Himmels⸗ 8* willen, mag das Alles ſein? Ja, ja, ich will gerade nichts ſagen; aber— es iſt hier doch ſehr ſonderbar, und nichts will ſich in Beziehung auf ihn und das Fräu⸗ lein zuſammenmachen.— Der blonde Herr— es iſt dumm, von ſo etwas zu ſprechen— aber es ſieht aus, als ob er dazwiſchen trete.— Was übrigens klar zu ſein ſcheint, iſt, daß ſo bald keine Hochzeit im Hauſe vor ſich gehen wird.“ Die Kommerzienräthin ſchien keinen großen Geſchmack an den Neuigkeiten zu finden, welche Frau Bern ihr auftiſchte. Sie ſeufzte einmal über das andere, blieb jedoch, gefeſſelt von dem myſtiſchen Reiz der edlen Kunſt, ſitzen. „Herr Mannerſtedt,“ nahm Frau Bern wieder das Wort,„liegt vor einem großen, jedoch noch entfernten Glück. Sehen Sie hier!“ Und ſie begann wieder zu zählen.„Nach der Trauer kommen ſonnige Tage.— Wahrhaftig, die Zukunft des artigen Burſchen liegt hell und heiter vor mir, doch dürfte er wohl noch einen mit Dornen und Diſteln beſetzten Weg wandern müſſen, ehe er dahin gelangt.— Jetzt will ich die Karten zuſammen⸗ thun und ſehen, ob ſie das nächſtemal nicht beſſer liegen.“ Hiemit getröſtet, ſetzte ſich die Kommerzienräthin wieder in eine bequemere Lage, und mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit folgte ihr Auge jeder neuen Karte. Inzwiſchen war Franz und Roſa allein im Vorzim⸗ mer geblieben. Sie ſaßen einige Augenblicke ſtill, ohne aufzuſehen. Endlich ſagte er:„Darf ich mir die Freiheit nehmen, zu fragen, ob Fräulein Widen die Hand fennt, welche dieſe Zeilen geſchrieben hat?“— er hielt ihr das Papier hin. „Ja wohl kenne ich ſie,“ antwortete Roſa, gund nur Ihnen will ich den Namen des edlen Mannes an⸗ vertrauen. Die Hand iſt die des Profeſſors Ling. Als ich mich vor ein Paar Tagen in ſeinem Arbeitszimmer befand, ſah ich ſeine Handſchrift und betrachtete ſte genau.. 1 141 „O, iſt es möglich,“ rief Franz mit freudiger Rüh⸗ rung,„daß der alte Gelehrte mir einige Aufmerkſamkeit geſchenkt hat? Ich habe nachher oft daran gedacht, daß mich ſein Auge am Abende Ihres— Ihres Verlobungs⸗ tages, Fräulein Widen, mit Wohlwollen betrachtete; aber nie wagte ich, zu glauben, daß ich in ihm einen ſo großen Freund und Wohlthäter beſitze. Glauben Sie, daß er den Ausdruck meiner innigen Erkenntlichkeit übel aufneh⸗ men würde?“ „Ich weiß nicht recht, was ich Ihnen in dieſem Falle rathen ſoll; ſein Charakter iſt höchſt eigen, obwohl durchaus edel. Man kann deshalb nicht ſo recht wiſſen, wie er es aufnehmen würde. Aber dennoch ſcheint der Umſtand, daß er ſelbſt den Umſchlag überſchrieben hat, der Vermuthung Raum zu laſſen, daß er es Herrn Man⸗ nerſtedt nicht unmöglich machen wollte, den Namen des Gebers zu entdecken. Ich glaube daher, daß der Herr am beſten daran thut, hinzugehen.“ „Dann ſoll es auch geſchehen,“ verſetzts Franz leb⸗ haft.„Wie er es auch aufnehmen mag, ſo habe ich dann doch meine Pflicht erfüllt. Iſt er förmlich und kalt, ſo werde ich mich kurz faſſen. O, ich werde wohl den rech⸗ ten Ton finden, das hoffe ich mit Gottes Hülfe; verſu⸗ chen muß ich es wenigſtens.“. Nach dieſen Worten Mannerſtedts trat wieder ein Stillſchweigen ein, das weit quälender war, als das erſte, denn damals wußte man beſtimmt, wovon man ſprechen ſollte und wollte. Jetzt dagegen wußte unſer junges verlegenes Paar keines von beidem; aber daß ſie doch etwas auf dem Herzen hatten, das war klar. Der Ge⸗ danke an die kurze Zeit, wo ſie noch auf eine ſolche Freiheit, wie die gegenwärtige, rechnen durften, erweckte inzwiſchen bei Roſa den Muth, zur Sache zu kommen, ſie ging auf das Piano zu, öffnete eine Lade darin und nahm ein Paket heraus, bei deſſen Anblick Mannerſtedt eine ganz andere Bewegung fühlte, als er bei jenem erſtern empfunden hatte. „Es iſt ſo unendlich unbedeutend,“ ſagte Roſa, in⸗ dem ſie es ihm hinreichte;„aber ich habe jeden Stich darauf ſelbſt genäht.“ Haſtig, mit flammenden Wangen und blitzenden Augen nahm Mannerſtedt den Umſchlag ab, und drückte das Portefeuille, das wir ſchon früher in Roſa's Händen ge⸗ ſehen haben, an ſeine Lippen. Die damalige Inlage war jedoch jetzt herausgenommen. Mannerſtedt betrachtete die Stickerei auf der einen Seite deſſelben, und wie ſchwellte nicht ſein Herz von ſeligen Gefühlen, als ſein Blick auf jene Scene traf, wo er das Pferd hielt, während Roſa aus der Droſchke ſprang. Franz wagte es nicht, in die⸗ ſem Augenblicke die Geberin zu betrachten; er wandte das Portefeuille, und auf dem dunkeln Grunde deſſelben ſtand nur das einfache Wort: Dankbarkeit! „O Roſa,“ ſtammelten ſeine Lippen, und ſein Blick ſuchte den ihrigen,„Dankbarkeit gegen mich, der Ihnen für die wenigen lichten und ſeligen Stunden, die ich hier verlebte, ja für die ſüßeſten meines Lebens zu danken hat! Und dieſes Leben,“ ſetzte er hinzu und faßte Roſa's Hand, „gäbe ich gerne für dieſen Augenblick! O Roſa, daß Sie mich ſo unausſprechlich glücklich machen wollten!“ „Warum ſollte ich es nicht wollen, guter Manner⸗ ſtedt?“ erwiederte ſie mit dem holdeſten Lächeln, zog jedoch dabei ſachte ihre Hand zurück,„zumal da Sie ſo Weniges glücklich machen kann? Sie wiſſen, daß ich Ihre gute, theilnehmende Freundin bin, und es immer ſein werde, obwohl das Verhältniß, das ich eingegangen habe, vielleicht verurſachen mag, daß wir einander weni⸗ ger oft ſehen dürfen. Mein Wohlwollen und meine warme Theilnahme an Ihrem Schickſal wird jedoch ſtets ſich gleich ſein; verlaſſen Sie ſich darauf.“ „Was kann ich mehr begehren?“ ſagte Mannerſtedt, und ungeachtet der Glückſeligkeit, die ſein Herz durch⸗ ſtrömte, entfuhr ein Seufzer ſeinen Lippen.„Ich habe nicht einmal ſo viel zu hoffen gewagt. O, in Roſa eine Freundin zu beſitzen, jetzt, wo ich ſo ganz allein bin, wo —.— —“ le 143 ſich mein Herz ſo innig darnach ſehnt, zu wiſſen, daß es ein Weſen auf Erden gibt, das einen Gedanken, einen freundlichen Wunſch, ein theilnehmendes Gefühl für mich hat, das iſt viel, und meine Seele iſt von der reinſten Dankbarkeit für dieſes Glück erfüllt.“ Er ſchwieg; auch Roſa war ſtille. Ihre Gefühle waren zu mächtig, um ſich in der einzigen Sprache, die ihnen erlaubt war, äußern zu können, und es war ein Glück, daß ſich in dieſem Augenblicke ein Paar von den Kindern einfanden, um Schweſter Roſa um die Schlich⸗ tung eines Streits zu bitten, der zwiſchen ihnen entſtan⸗ den war. Etwas ſpäter kam die Kommerzienräthin. Man konnte es ihrem ſtrahlenden Geſichte anſehen, daß ſich das Glück in den Karten gewendet, oder auch daß Frau Bern aus Mitleid für die Betrübniß der gnädigen Frau die Trauer in Freude umgewandelt hatte. Dies iſt jedoch etwas, was wir nicht wiſſen können; jedenfalls aber war die Kommerzienräthin in ihrer gewöhnlichen liebenswürdigen Laune. Doch hatte ſie den Befehl ge⸗ geben, das Abendeſſen frühzeitig zu ſerviren, um dem langweiligen Tage ein Ende zu machen. Als Mannerſtedt fort war, und Mama, Papa und die kleinen Geſchwiſter ſich zur Ruhe oder wenigſtens in ihre Schlafzimmer begeben hatten, ſetzte ſich Roſa an das Piano, da ſie ſich nicht vor der gewöhnlichen Zeit niederlegen wollte; aber ehe noch ihre Finger die Taſten berührt hatten, fiel ihr ein zuſammengebundenes Papier in die Augen. Unter heftigem Herzklopfen machte ſie es auf, es waren die Muſikalien, die Mannerſtedt ihr zu⸗ gedacht hatte; aber zu ſchüchtern, um ſie ſelbſt zu über⸗ geben, hatte er ſie vor ſeinem Weggehen an einen Platz geſteckt, wo er wußte, daß die, für welche ſie beſtimmt waren, ſie bald finden würde. Roſa erkannte mit über⸗ ſtrömender Freude die kleinen ſeelenvollen und herrlichen Lieder, welche Mannerſtedt aus ſeinem eigenen reichen Herzen geholt hatte. Sie probirte ſie ſogleich, und die Luſt, die ſie dabei empfand, war namenlos. Erſt lange nach Mitternacht ſchloß ſie das Piano, legte ihre Noten zuſammen und nahm ſie mit ſich, um die Worte noch einmal auf ihrem Zimmer zu durchleſen. Am folgenden Mittag, als man bei Tiſche ſaß und ſowohl der Kapitän als auch Mannerſtedt zugegen waren, ſagte der Erſtere zur Kommerzienräthin:„Helfen Sie mir doch Roſa überreden, beſte Tante, daß ſie dem Ball heute Abend beiwohnt; ich bin in Verzweiflung, wenn Sie meinen Wunſch nicht achtet.“ „Will Roſa nicht auf den Ball gehen?“ fragte Madame Widen verwundert.„Was iſt denn das für ein Eigenſinn? Du biſt ja geſund, und dann muß ein junges Mädchen an einer ſolchen Gelegenheit Vergnügen finden, wenn ſie nicht eine ſonderbare Ausnahme ma⸗ chen will.“ „Das will ich gewiß nicht,“ verſicherte Roſa; aber ich habe den ganzen Tag an heftigem Zahnweh gelitten und die Schmerzen würden ſich verdoppeln, wenn ich mich ſo dünn kleiden müßte, wie es für einen Ball er⸗ forderlich iſt. Und das Tanzen ſelbſt würde ganz uner⸗ träglich für mich ſein.“ „Zahnweh!“ ſagte die Kommerzienräthin und rümpfte die Naſe.„Hätteſt Du Kopfweh geſagt, ſo würde ich es für ſehr glaublich gehalten haben, denn Du phanta⸗ ſirteſt meiner Treu heute Nacht recht artig auf dem Piano. Ich meinte, ich könnte gar nicht einſchlafen, und wünſche im Ernſt, daß dergleichen Schwärmereien Dich nicht öfter heimſuchten; denn in dieſem Fall müßten wir das Inſtrument umquartiren.“ Die Kommerzienräthin war offenbar ſehr erzürnt, da dies einer der wirklichen wenigen Fälle war, wo Roſa Verweiſe hinnehmen mußte. Sie ſaß indeſſen ſtill mit geſenkten Augen da, und eine glühende Röthe bedeckte ſie bis an die Schläfe. Bei den erſten Worten, welche Madame Widen über das Piano und das Phantaſiren äußerte, hatten Man⸗ nerſtedts und Roſas Blicke einander begegnet. Ein un⸗ oten noch und ren, mir Zall henn agte für 145 gewöhnliches früher nie empfundenes Feuer flammte in ſeinem Auge und eine heftige Röthe übergoß ſeine Wan⸗ gen, als er ſah, wie Roſa mit allen Zeichen einer tiefen und ungewöhnlichen Bewegung haſtig ihr ſchönes Auge niederſchlug, anſtatt wie früher frei und freundlich in das ſeinige zu ſchauen. Namenloſe Gefühle ſtürmten in dieſem Augenblicke in ſeinem Buſen und wollten mit Gewalt einer Hoffnung den Weg bahnen, welche ſeine Vernunft und ſeine Schüchternheit mit gleicher Kraft zu⸗ rückwarfen. Und er wünſchte ſelbſt jetzt, in dem aufge⸗ regten Gefühl, in dem er ſich befand, jene Hoffnung möͤchte nur ein Wahn ſein. Es war indeſſen ein Glück, daß Niemand auf Mannerſtedt ſah. Alle Blicke waren auf Roſa gerichtet, deren glühende Wangen man natür⸗ lich der ungewöhnlichen Strenge der Mama zuſchrieb. Endlich erhob der Großhändler mit hausväterlicher Würde ſeine Stimme:„Liebe Brigitte Marie, Du biſt zu ſtreng. Du haſt vergeſſen, wie Du ſelbſt in Deinen jungen Tagen gewiſſe kleine Launen hatteſt; das iſt nun einmal allen Mädchen eigen, und Roſa's Zahnweh dürfte ſich wohl bis auf den Abend geben. Wir haben noch manche Stunde bis zum Balle. Glaubſt Du nicht ſelbſt, Kind, daß Papa recht hat? Laß hören, wie?“ „Ich weiß nicht, beſter Papa; aber wird es beſſer mit mir, ſo will ich gern beweiſen, daß ich nicht eigen⸗ ſinnig bin.“ „Schön, ſchön,“ ſagte der Großhändler,„nun iſt ſie ja auf gutem Wege. Ich wußte, daß Roſa vernünf⸗ tig ſein würde.“ Jetzt rückte man die Stühle und verſammelte ſich im Wohnzimmer um den Kaffeetiſch. Ferdinand nahm zur Seite ſeiner Braut Platz, und ſchien den Vorſatz gefaßt zu haben, nicht bälder zu ruhen, als bis ſie ihm verſprochen hätte, dem Balle anwohnen zu wollen. Bald entfernte ſich der Kommerzienrath und ſeine Frau, um in einem guten Mittagsſchläfchen Erquickung zu ſuchen, Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. 10 2* und Mannerſtedt nahm Abſchied; denn, wenn er nicht, wie dies ſchon oft bei ſolchen Gelegenheiten der Fall ge⸗ weſen war, ſich der Kinderſpiele annehmen wollte, ſo mußte er jetzt überflüſſig ſein. Er wählte deßhalb lieber die Einſamkeit ſeines kleinen Kämmerleins, um dort die Menge ſüßer und trauriger Gefühle zu überdenken und zuſammenzufügen, die wechſelweiſe ſein Her klopfen und beben machten; denn ſie waren mit Gefahr und neuen Kämpfen verkettet. Roſa hatte es heute nicht gewagt, Mannerſtedt zum Bleiben zu nöthigen, und Kapitän Fer⸗ indn war froh, endlich einmal allein mit ſeiner Braut u ſein.. 4„Es thut mir leid,“ begann er, ſobald der Kandidat die Thüre geſchloſſen hatte,„ich bereue es auf's Tiefſte, liebe Roſa, Dir einen Vorwurf zugezogen zu haben, in⸗ dem ich die Sache vor Deine Mutter brachte. Kannſt Du es mir verzeihen? „Gern,“ erwiederte ſie,„obwohl es mir lieber ge⸗ weſen wäre, wenn Du es bei meiner eigenen abſchlägigen Antwort hätteſt beruhen laſſen. Ich wollte Dir den Vor⸗ ſchlag machen, anſtatt auf den Ball zu gehen, zuſammen einen Beſuch zu machen, den ich ſchon längſt hätte ab⸗ ſtatten ſollen, und wobei Du, wie ich glaube, mich mit Vergnügen begleitet hätteſt.“ „Wo denn, meine Kleine?“ fragte der Kapitän ein wenig neugierig. „Bei Deiner Tante, Frau Borgenſköld. Hilda, Deine Couſine, iſt ein ſehr liebliches und gebildetes Mäd⸗ chen, und ich ſehne mich von Herzen nach ihrer näheren Bekanntſchaft und Freundſchaft, ſofern ich die letztere verdienen könnte; auf alle Fälle iſt es meine Abſicht, es zu verſuchen.“ Kapitän Ling fuhr mit dem Tuch über das Geſicht, huſtete entſetzlich, benützte ſein großes ſeidenes Nastuch mit gewaltigem Nachdruck, ſprach jedoch dann ganz gleich⸗ gültig:„Bei Tante Borgenſköld, meine Kleine? Sie 147 und der Profeſſor leben nicht in dem beſten Einverſtänd⸗ niß, oder vielmehr ſie ſtehen in gar keinem. Ich weiß deßhalb nicht, ob dies dienlich wäre.“ „Dienlich?“ wiederholte Roſa.„Ich kann es nicht von einem andern Geſichtspunkte aus betrachten. Deine Couſine und ich können einander wohl begrüßen, wenn auch Deine Oheime in Uneinigkeit leben. Und es wäre höchſt unrecht, wenn wir dem Profeſſor zutrauen wollten, daß er eine ſo unſchuldige Sache mißbilligen würde; nein, ſo parteiiſch und eigenſüchtig iſt er gewiß nicht; und weißt Du, daß ich mich recht ſehne, das liebe Mäd⸗ chen zu treffen. Pflegſt Du nicht das Haus Deiner Tante zu beſuchen, Ferdinand, ich meine doch gehört zu haben, daß Du früher dort ſehr oft verweilteſt?“ „Ja ehemals,“ antwortete der Kapitän nicht ohne Rührung,„ehemals war es ſo, aber jetzt iſt es nicht mehr; und wenn Du durchaus hingehen willſt, liebe Roſa, ſo mußt Du mich entſchuldigen, daß ich Dir dabei keine Geſellſchaft leiſten kann.“ „Ich weiß nicht, ob ich Deine Nachläſſigkeit im Beſuchen als Entſchuldigung annehmen darf,“ erwiederte Roſa lächelnd.„Das iſt ja nur ein Eigenſinn von Dir, beſter Ferdinand, und ſo was läßt Euch Männern auch nicht gut.“ „Es iſt kein Eigenſinn, gute Roſa,“ verſicherte der Kapitän, der ſich gezwungen ſah, ein wenig aufrichtig zu ſein, um die Sache los zu werden. „Kein Eigenſinn, ich ſchwör' es Dir bei meiner Ehre; ſondern gewiſſe Verhältniſſe, die zu zart ſind, um ſie näher zu berühren, machen es mir zur Pflicht, den Umgang im Hauſe meiner Tante bis auf Weiteres ab⸗ zubrechen.“ Verwundert und überraſcht blickte Roſa ihrem Bräu⸗ tigam in's Auge. Dort flammte raſch ein düſteres Feuer auf, und der Ernſt, der aus jedem ſeiner Züge ſprach, bewies, daß er in dieſem Augenblick weit entfernt von 10* 5 148 allem Leichtſinn war, und alſo ſeine Aeußerung Wahr⸗ heit enthielt. „Wenn es ſo iſt, lieber Ferdinand,“ ſagte ſie lang⸗ ſam, dann will ich nicht länger darauf beſtehen. Ich be⸗ klage es jedoch von ganzem Herzen, daß ein ſolches Ver⸗ hältniß vorhanden iſt. Inzwiſchen ſehe ich auch darin nichts, das mich abhalten ſollte, Hilda's Freundſchaft zu gewinnen. Verzeih' mir daher, wenn ich bei meinem Vor⸗ ſatz bleibe, heute Abend ſie anſtatt des Balles zu beſuchen. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß ſie ebenfalls nicht dort ſein wird.“ „Aber warum,“ wandte der Kapitän ein,„ſoll es gerade heute Abend geſchehen? Willſt Du denn meinen Bitten nicht die geringſte Rückſicht ſchenken? Ich werde ja kein Vergnügen haben, wenn mir nicht Deine Gegen⸗ wart den Werth des Feſtes erhöht; und als einer der Direktoren darf ich nicht wegbleiben. Sage mir, meine Roſa, warum muß denn jeder meiner Wuünſche ſtets auf Widerſtand ſtoßen, da du doch ſonſt gegen alle Andern ſo ſanft, ſo gut und liebevoll biſt!“ „Lieber, beſter Ferdinand,“ ſprach Roſa und reichte ihm mit einem freundlichen Blick die Hand,„Du ſollſt keinen Grund haben, Dich künftig über mich zu beklagen; aber was dieſen Ball betrifft, ſo muß ich um Deine Nachſicht bitten. Glaube mir, daß ich gerne, wenn es mir nur moglich iſt, Deinen Wünſchen entgegenkomme; diesmal jedoch gibt es ein Aber. Ich will Dir ſogar geſtehen, daß ein beſonderer Umſtand meinen Widerwillen verurſacht, den ich Dir jedoch nicht mittheilen kann; denn,“ ſetzte ſie hinzu und ſah ihm bedeutungsvoll in's Auge,„auch ich kann ja ein kleines Geheimniß haben. Aber mein lieber Ferdinand, Du darfſt mir doch nicht böſe ſein, verſprich mir das! Ich bin wahrhaftig nicht in der Stimmung, heute Abend einen Ball aushalten zu können.“ Der Kapitän küßte ſeiner Braut die Hand und ſtand auf.=„Ich will hoffen,“ ſprach er,„daß wir * —SSSg — e —————,—— 8 2—,— 2—— S 2—— —.g — — hr⸗ ng⸗ be⸗ ger⸗ rin zu or⸗ hen. icht es nen rde een⸗ der eine auf ern hte llſt en; eine es ne; gar len 149 künftig mehr in Gedanken und Anſichten harmoniren. Ich habe kein Recht, Dein Geheimniß zu begehren; aber da ich Dich nicht überreden kann, ſo muß ich fort, denn der Rathhausſaal nimmt meine Thätigkeit in Anſpruch.“ Er verbeugte ſich leicht und verſchwand. Roſa ſah ihm ſorglich nach und ſeufzte:„ich bezweifle, daß dieſe Zeit kommen wird; denn mit jedem Tag überzeuge ich mich mehr, daß unſere Charaktere, Anſichten und Ge⸗ fühle durchaus verſchieden ſind. Doch ich werde Allem aufbieten, um ſeine Neigung zu gewinnen, da ich ein⸗ mal ſein Weib werde; und wenn mir das gelingt, dann hoffe ich, können wir mit der Zeit und mit Vorſicht un⸗ ſere Neigungen ſo viel als möglich in einem gemein⸗ ſamen Ziele vereinigen. Wenn es mir nur glückt, ihm Vertrauen zu meinen Grundſätzen und meinem Urtheil, und einigen Widerwillen gegen die oft ſchlimmen Ge⸗ ſellſchaften, die er jetzt beſucht, einzuflößen, ſo werde ich unſer häusliches Leben vielleicht wenigſtens zu einem freundlichen und angenehmen machen können.—— Viel Klugheit, viel Anſtrengung von meiner Seite bedarf es jedoch, da uns jenes Gefühl fehlt, welches alle Pflich⸗ ten erleichtert.— O Mannerſtedt!“ flüſterten ihre Lip⸗ pen kaum hörbar, und ſie ſtützte die brennende Wange auf die Hand,„kann ich tanzen, wo Deine Seele ſo von Kummer niedergedrückt iſt! Nein, ach nein! Das wäre zu viel für mich geweſen, das hätte meine Kräfte überſtiegen!“ Roſa wollte ihren Gedanken nicht erlauben, länger bei dem Gegenſtande zu weilen, wohin ſie ſich ſo gerne wieder wendeten. Sie ſuchte ſich mit Gewalt von dem allmächtigen Gefühle loszureißen.—„Mein Beſuch,“ rief ſie ſchnell und ſprang auf. In größter Eile wurde die Toilette gemacht, und nach einer kleinen Weile trat Roſa in das uns wohlbekannte Wohnzimmer der Frau Borgenſköld. Alles darin hatte ein behagliches und ein⸗ ladendes Ausſehen. Die Alte, freundlich und aufgehei⸗ tert bei dem Anblick des lieben, langte erſehnten Gaſtes, 150 ſtand ſchnell von ihrem Stuhle am Kamin auf und be⸗ willkommte Roſa mit allen Zeichen einer herzlichen Freude. Filda legte die Guitarre hinweg und blieb wartend etwas in der Ferne, bis die Umarmungen und Glückwünſche der Mama zu Ende waren. Dann reichte ſie Roſa die friſchen Lippen zu einem ſchyweſterlichen Kuſſe und bat ſie freundlich, ja innig, willkommen zu ſein. Bald war Roſa in dem kleinen, angenehmen Kreiſe zu Hauſe. Mama ging, um den Thee zu be⸗ ſorgen, Hilda zeigte ihre Arbeiten und erzählte von ihren Hoffnungen in Betreff der Reiſe nach Lindfors, wovon der Papa geſchrieben hatte, daß es ſo ſchön und die Nachbarn umher ſo freundlich und gut ſeien. Roſa hörte Alles mit dem größten Vergnügen an und wünſchte Hilda von Herzen Glück, eine ſo angenehme Reiſe ma⸗ chen zu dürfen; freilich ſei ſie etwas beſchwerlich wegen des leidigen Seeweges, aber doch im Ganzen von rei⸗ chem Intereſſe, da es dabei nicht an Gelegenheiten feh⸗ len dürfte, neue Bekanntſchaften zu machen, beſonders bei ihrer Ankunft an dem neuen Aufenthaltsort. Die beiden Mädchen verbrachten einen höchſt angenehmen Abend zuſammen, und gelobten mit gleichem Eifer, ein⸗ ander öfters zu beſuchen. Von Ferdinand ſprachen ſie kein Wort; Beide fühlten, daß dieſer Gegenſtand Con⸗ trebande war. II. Der Neujahrsmorgen in H. Die große Stadtglocke hatte eben zum erſtenmal in den Gottesdienſt geläutet, als die lange, ſchwarze Reihe der Herren vom Rath die breite Treppe zum Oberhaupte des Hochlöblichen Magiſtrats, dem Bürgermeiſter B, hinaufzog. Zur ſelben Zeit ſah man mehrere Gruppen —,—-——— SSͤ=A — 8 S ——S— — S— 2 ——— 151 von wohlgekleideten Herren in blauen Mänteln, die mit rothem oder grünem Zeuge elegant gefüttert waren, und beide, Herren wie Mäntel zum geehrten Handelsſtande gehörten, um die Ecke des kleinen Palaſtes herumſchwen⸗ ken, der dem Kommerzienrath Widen gehörte, und nicht eher innehalten, als bis ſie in den Schatten der hohen, ſtrahlenden Perſon des Großhändlers gekommen waren. Etwas ſpäter trippelten die zierlichſten Schaaren von Hofgerichtsnotarien, bunt vermiſcht mit den raſchen, ta⸗ pfern Söhnen des Mars, Arm in Arm aus jenen Häu⸗ ſern, deren Bewohner auf eine ſolche Auszeichnung An⸗ ſpruch machen konnten, das heißt, wo es entweder ſchöne Töchter, eine junge, reizende Frau oder— gute Vor⸗ räthe von Rheinwein und Champagner gab. An an⸗ dern Orten hinterließ man nur Karten. Aber erſt nach Beendigung des Gottesdienſtes ſcharrte das eine oder das andere Individuum, das zu dem magern Stande der Adjunkten gehörte, in dem Vorzimmer ſeines Vorgeſetzten oder Goönners. In dem Speiſeſaale des Kommerzienraths ſtand ein langer, reich beſetzter Tiſch, wo alle, die es nur immer gelüſtete, die Freiheit hatten, am Neujahrsmorgen die Augen und die Eßluſt zu ſättigen. Es war großer Cour⸗ tag, und der Zutritt ſtand ſogar den Handlungsdienern, erſten Wachtmeiſtern und ſo weiter offen. Der Groß⸗ händler ſelbſt, in einen ungeheuern Morgenrock von grü⸗ ner Seide gekleidet, ſaß in einem großen Lehnſtuhl von Mahagony am obern Tiſchende, und blieb dort von neun Uhr Morgens bis ein Uhr Nachmittags, um welche Zeit der ermüdete Mann endlich die Freiheit bekam, in einem erquickenden Mittagsſchläfchen auf ſeinem bequemen So⸗ pha Troſt zu ſuchen. Während dieſer langen Zviſchenzeit wackelte die Kommerzienräthin unaufhörlich vom Vorzimmer zum Speiſeſaal, ab und zu. Im erſteren wurde Wein und Konfekt ſervirt, und hier flatterte Alles, was die Stadt von Jugend, Glanz, Geſchmack und Reiz zu bieten hatte, ———= — — ——— um einander. Hier finden wir die reichen Schaaren aller jener unerreichbar vortrefflichen, edeln, ſtolzen und mann⸗ haften Lieutenants, Kornets, Rittmeiſters und ſo wei⸗ ter: einzig und allein geſchaffen, um entzückt zu werden und zu entzücken,— ſo wie verſchiedene Schaaren von Friedensrichtern, Jüngern des Aeskulap, erſten Buch⸗ haltern und mehreren Andern von demſelben Schlag, nebſt einer großen Maſſe von Grazien, die ſich auf Ta⸗ bouretten an den Fenſtern oder in den Ecken des Zim⸗ mers gruppirt hatten, und von dem nächtlichen Götter⸗ feſte der großen, herrlichen Maskerade flüſterten. Roſa ſtand an dem letzten Fenſter. Ihre Ohren und Augen waren auf der Straße; aber noch leitete ein anderer Sinn oder Inſtinkt die Antworten, welche ſie drei oder vier jungen Herren gab, die ſie mit den gleichgültigſten Fragen darüber beſtürmten, warum man nicht das Ver⸗ gnügen gehabt habe, Fräulein Widen auf dem letzten Balle zu ſehen. Es konnte nicht wohl der Kapitän Ferdinand ſein, nach dem Roſa ſchaute, denn er war ſchon ein paar Stunden vorher da geweſen, und hatte ihr da mit tauſend zärtlichen Phraſen verſichert, daß er für den ganzen Vormittag ſo in Anſpruch genommen, und dann nach allen dieſen Geſchäften, dieſem Saus und Braus wahrſcheinlich ſo müde ſein werde, daß ſie ihn nicht vor Nachmittag erwarten dürfe. Aber Mannerſtedt hatte ſich noch nicht eingefunden, und war ſeit dem zweiten Feſttage nicht mehr im Hauſe des Kommerzienraths geweſen. Roſa's Herz hatte wäh⸗ reend dieſer Woche wahre Martern erduldet. Sie hatte ſſich genöthigt geſehen, ihrer Mutter von einem Vergnü⸗ gen zum andern zu folgen, ſie hatte in kleinen, präch⸗ tigen Privatgeſellſchaften ſpielen, ſingen und tanzen müſ⸗ ſen, während ſie von der unerträglichſten Angſt gequält wurde; denn Mannerſtedt war wieder krank geworden, zwar nicht gefährlich, aber doch hinlänglich, um mehrere Tage lang ſein Zimmer nicht verlaſſen zu können. Die heftigen Gemüthsbewegungen von ſo ungleicher Art, deren 153 Raub er geweſen war, verbunden mit der Unvorſichtig⸗ keit, die er begangen hatte, als er ſo bald nach dem hef⸗ tigen Fieber das Bett verließ und in die friſche Luft ging, alles das zuſammen hatte ihm ein neues Unwohlſein zugezogen, das vielleicht ſchlimmer als das erſtere war, obwohl er ſich auf befand und mit langſamen Schritten ſeine einſame Kammer durchmaß. Alle dieſe Umſtände, ſo weit ſie das äußerliche Leben betrafen, kannte Roſa ſehr wohl; denn die Kommerzienräthin hatte jeden Tag nachfragen laſſen, wie ſich ihr Schützling befinde. Sie hatte ſich in den Kopf geſetzt, daß der Geſangunterricht mit Karolinchen beginnen ſollte, ſobald der Kandidat die verwünſchte Trauer und die verwünſchte Erkältung, die er ſich überdies zugezogen hatte, los ſein würde. Was den letztern Umſtand betraf, ſo hatte Larsſon, der früh am Morgen bei Mannerſtedt geweſen war, die Nachricht heimgebracht, daß es jetzt wieder gut mit ihm ſei und er geſagt habe, er wolle heute ausgehen. Es war daher nicht zu verwundern, wenn Roſa's Augen beſtändig auf das Fenſter geheftet waren; aber ſie war auch genöthigt, ſich oft zu ihren Gäſten zu wenden, und konnte deßhalb nicht wohl jede Minute dort ſein. Ge⸗ rade als das fröhliche Geplauder die Höhe ſeines fri⸗ ſchen Lebens im Zimmer erreicht hatte, und man vor Lärm und lautem Geſpräch kaum ein Klopfen an der Thüre hören konnte, vernahm jedoch Roſa's aufmerkſam lauſchendes Ohr ein ſolches. In demſelben Augenblicke ging das Schloß und Mannerſtedt trat ein. Er hatte ſeine neuen und feinen ſchwarzen Kleider an, die mo⸗ dern gemacht waren und ausgezeichnet gut ſaßen. Mit dem Hute in der Hand verbeugte er ſich gewandt und anmuthig gegen die Geſellſchaft, worauf er zu Roſa hintrat— die Kommerzienräthin war gerade auf einer ihrer Wanderungen begriffen— und ihr mit einigen ein⸗ fachen, aber gewählten Ausdrücken ſo viel Glück in dem kommenden Jahr wünſchte,— als— nur immer das Loos eines Sterblichen umfaſſen konnte. 154 Die im Wohnzimmer verſammelten Gäſte erſtaun⸗ halt ten in hohem Grade ſowohl über die neue Tracht des Kandidaten als ſein Benehmen, das jetzt eine gewiſſe gan Aehnlichkeit mit ſeiner Haltung während jenes Walzers bhern am Verlobungsballe verrieth. Man flüſterte einander erbl in's Ohr:„Ci, ei! was mag das bedeuten?— die mer Grazien verzogen die Oberlippen auf's Zierlichſte, und digt die Herren hatten ganz vergeſſen, daß ſie noch wenig⸗ mit ſtens zehn Viſiten zu machen hatten. Mannerſtedt blieb pen indeſſen nicht drei Minuten ſitzen, ſondern ſtand auf und den verließ mit einer neuen Verbeugung das Zimmer. Die ſche Aufwartung bei dem Kommerzienrath erforderte Zeit, leiſ und er hatte außerdem noch mehrere Schuldigkeitsbeſuche im zu machen. Während der wenigen Augenblicke, wo Franz mei ſaß, hatte er ſeine Handſchuhe und ſeinen Hut auf einen dan daneben ſtehenden Tiſch gelegt, und vergaß in ſeiner fäm Zerſtreutheit die erſtern, als er ſich verabſchiedete, um Ge ſich zur Audienz in den Speiſeſaal zu begeben. Hier ſein ward er durch einen gnädigen Wink des Großhändlers ſein genöthigt, Platz am Speiſetiſche zu nehmen. Während heil dieß vor ſich ging, war die Geſellſchaft im Wohnzim⸗ der mer nach und nach abgeſchwebt, und Roſa ſtand allein. Fri Sie war eben im Begriff, Unterhaube und Hut aufzu⸗ ſetzen, um ſelbſt auszugehen, als Mannerſtedt wieder gift — — —. — — eintrat, um die zurückgelaſſenen Handſchuhe zu holen. nich In der größten Haſt wurde Hut, Schleier und Tuch auf Ro den Tiſch geworfen. chen „Fräulein Widen will wohl in die Kirche?“ fragte lich Mannerſtedt, und näherte ſich dem Tiſche, wo Roſa ganz unſchuldig die Handſchuhe unter allem Uebrigen be⸗ war graben hatte. ſeid „Ja, ich glaube— es wird wahrſcheinlich geſchehen,“ geb antwortete Roſa, darüber äußerſt verlegen, da ſie ſich dan jetzt zum erſtenmale ſeit jenem Auftritte bei Tiſche mit Er dem allein ſah, der immer gefährlicher für ihre Ruhe Br zu werden ſchien. atſchuldigen Sie, wenn ich Sie vielleicht auf⸗ 5 = aun⸗ des wiſſe lzers nder die und nig⸗ blieb und Die Zeit, uche ranz inen iner um Hier lers rend im⸗ ein. fu⸗ eder len. auf igte oſa be⸗ n,“ ſich mit ühe 155 halte,“ ſtammelte Franz faſt eben ſo verwirrt wie ſie; „ich wollte nur meine Handſchuhe holen.“ Und nun be⸗ gannen beide mit der größten Eilfertigkeit herum zu ſtö⸗ bern. Endlich warf Roſa alle ihre Sachen bei Seite, erblickte das verlorene Gut und reichte es dem Eigenthü⸗ mer mit einem ſchüchternen:„Ich bitte um Entſchul⸗ digung!“ hin. Mannerſtedt nahm die Hand zugleich, mit dem Inhalt, und wagte es zum erſtenmal ſeine Lip⸗ pen auf ihrem Schnee brennen zu laſſen; aber ſchnell den Sturm der Gefühle mit ſeiner Willenskraft beherr⸗ ſchend, beruhigte er ſich, ließ die Hand fahren und ſprach leiſe, aber mit feſtem Tone:„Kapitän Ling beſuchte mich im erſten, faſt für mich ſelbſt bewußtloſen Augenblick meines Schmerzes, und eher wollte ich ſterben, als un⸗ dankbar ſein.“— Er hielt inne, und ſchien mit ſich ſelbſt zu kämpfen; aber bald darauf fuhr er fort:„Mein wärmſtes Gebet ſoll ſtets ſeiner und Roſas Glückſeligkeit gewidmet ſein. Dieſe Glückſeligkeit muß immer in Eines verflochten ſein, denn die Unverletzlichkeit einer ſolchen Verbindung iſt heilig, heilig für ſie ſelbſt, heilig für jeden unerlaubten Wunſch der ſich unter der Geſtalt der Schlange in das Paradies des Friedens und der Unſchuld einſchleichen, und dort durch ſeinen bloßen Athemzug ihr friſches, üppiges Leben ver⸗ giften könnte. Nein! ſolche Wünſche dürfen ſich dort nicht eindrängen. Sie ſchweigen und ruhen; denn die Roſe iſt ihnen heilig, und nur von ferne und in der rei⸗ chen Welt der Erinnerung dürfen ſie ſich an ihrer Herr⸗ lichkeit freuen.“ Mannerſtedts Blick ſuchte das Auge Roſas; aber es war geſenkt. Er ſah jedoch eine Thräne in den langen ſeidenen Wimpern perlen. Sein Leben hätte er hinge⸗ geben, um ſie hinweg küſſen zu dürfen, aber er würde dann ſich ſelbſt verachtet haben und vielleicht auch ſie. Er dachte an das letzte Vermächtniß ſeiner Mutter, den Brief,— und floh. Eine Stunde ſpäter wandelten zwei junge wohl bepelzte und verſchleierte Mädchen Arm in Arm die 156 Hafenſtraße hinab. Sie blieben vor dem Hauſe des Pro⸗ vor- feſſors Ling ſtehen und traten dort ein.—„Komm einige komm, liebe Hilda!“ ſagte Roſa Widen, und zog Fräu⸗ ihm lein Borgenſköld mit ſich fort durch den kleinen Saal, befeſt „ich muß nothwendig Onkel Ling beſuchen und Du ſollſt am 2 mich begleiten. Ich bin gewiß, ich ſtehe dafür, daß Du feſſor willkommen biſt.“ heftet „So fällt es auf Dein Gewiſſen,“ antwortete Hilda und mit einem ſchwachen Lächeln,„wenn er ſich unwirſch ſer 2 zeigt. Es iſt mir aber unmöglich, etwas gegen Deinen jedes Willen zu thun, wenn ich auch ſelbſt darunter leiden weiße müßte; und ich verſichere Dich, meine gute Roſa, ich des? würde ſehr leiden, wenn der Profeſſor ſeine ſcharfen, tödt⸗ in ei lichen Blicke mit jenem Ausdruck auf mich heften würde, Stoc der ihm zu Gebot ſteht, wenn er will.“ „Nein, nein,“ beruhigte ſie Roſa,„das kann er un⸗ Stir möglich thun. Komm nur und verlaß Dich auf mich.“ Die Mädchen traten in das Studirzimmer. Es ſtreit war leer; aber Roſa öffnete dreiſt die Thüre zu dem es g kleinen gelben Wohnzimmer. Sie hielt Hilda, die hin⸗ ſein ter ihr ſtand, bei der Hand, ſteckte den Kopf hinein ſeein. und blieb mit der Frage:„Haben wir die Erlaubniß, Onkel?“ auf halbem Wege ſtehen. Aber tauſend ver⸗ es d rätheriſche, böſe Purpurwolken goſſen ihren Schimmer ener über Wangen und Stirne, als ihr Auge außer der Fi⸗ So! gur des Profeſſors noch einen Andern auf dem So⸗ die pha gegenüber von der Thüre entdeckte,— einen Andern Euc der— wie konnte ſie wohl vermuthen, ihn hier zu tref⸗ ſtehe fen? Aber es war dennoch Er, es war Mannerſtedt, der dort zum Profeſſor Ling gegangen war, um ſeinen warmen hab Dank für die reiche Hilfe abzuſtatten, die dieſer ihm ge⸗ den reicht hatte.. Art „Nun was gibt's, Kind? Komm herein, komm her⸗ ſch ein,“ rief der Profeſſor, und ein ſcharfer Blick wandte ſich von Roſas erröthenden Wangen auf den jungen Kan⸗ gen didaten; aber Mannerſtedt war aufgeſtanden, und ſtand h durch eine raſche Wendung in der tiefſten Bewunderung 4 157 vor— einer ſchönen Vaſe. Profeſſor Ling verſtand ſich einigermaßen auf derartige Bewunderungen, und wenn ihm auch das wahre Verhältniß nicht ganz klar war, ſo befeſtigte ſich doch ein Argwohn, deſſen erſter Funke ſich am Verlobungsfeſte entzündet hatte. Das Auge des Pro⸗ feſſors war damals mit Theilnahme auf Mannerſtedt ge⸗ heſtet geweſen, den er nie vorher geſehen, von deſſen Fleiß und Armuth er jedoch hatte ſprechen hören; und bei die⸗ ſer Muſterung hatte er deutlich das Feuer bemerkt, das jedesmal in des Jünglings Auge aufflammte, wenn Roſa's weißes Kleid vorüberſchimmerte. Die ſtillen Schlußſätze des Profeſſors ſprachen ſich auch jetzt, wie gewöhnlich, in einem langen:„hm!“ aus, worauf er mit Hülfe ſeines Stocks aufſtand, um die Mädchen zu begrüßen. „Willkommen, mein Kind;“ er küßte Roſa auf die Stirne;„und auch Du, Hilda— hm!“ „Guter, beſter Onkel!“ bat Roſa ſchmeichelnd und ſtreichelte die runzligen Wangen des Profeſſors,„ich habe es gewagt, Hilda zu verſichern, daß ſie Dir willkommen ſein werde, und ich ſterbe vor Angſt, ſie möchte es nicht ſein.“ „Du kleine Närrin,“ ſagte der Profeſſor,„ich kann es doch nicht wohl auf mein Gewiſſen nehmen, Dich an einem ſolchen Uebel ſterben zu laſſen. Komm her, Hilda! Sol iſt es jetzt recht?“— auch ſie bekam einen Kuß auf die Stirne.—„Nun, Ihr ſeid beide willkommen, ſetzt Euch jetzt. Aber was Teufels, Herr Mannerſtedt, was ſtehen Sie denn da und gaffen die Blumen in der Vaſe dort an, da wir hier lebendige Blumen zu betrachten haben? Nun wenden Sie ſich hübſch um und zeigen Sie den Damen, daß Sie nicht Ihren ganzen Vorrath von Artigkeit oder gutem Ton vergeſſen haben, wie Ferdinand ſchwatzt.“ Der Name Ferdinands in Verbindung mit dem Uebri⸗ gen bewirkte gerade keine ſchnelle Ordnung in dem zer⸗ ſtreuten und wirren Gedankengang der jungen Geſellſchaft. Allmälig erholte man ſich jedoch, und Mannerſtedt ge⸗ 158 wann hinreichend Faſſung, um eine zuſammenhängende und angenehme Unterhaltung in Gang zu bringen, wozu auch die heute beſonders angenehme Laune des Profeſſors manchen Beitrag lieferte. 1 „Wir ſollten etwas Wein, Backwerk und dergleichen Zeug haben,“ ſagte der Profeſſor, etwas ungeduldig, daß er Madame Brun nicht zu Geſichte bekam. Die drei Gäſte hatten freilich ſolche Dinge nicht nöthig; aber der Wille des Wirths war Geſetz, und Hilda, die von früheren Tagen her hier ſo gut wie daheim war, ſtand ſchnell auf und mit einem:„Erlauben Sie, Onkel,“ war ſie zur Thüre hinaus und kam bald wieder, einen Teller mit dem begehrten Traktament in der Hand, zurück. „Wo Teufels ſteckt Madame Brun?“ fragte der Profeſſor, der ſich ein wenig verlegen fühlte, als er Hilda wieder ſo zu Hauſe ſah. „Sie iſt in der Küche beſchäftigt, beſter Onkel, da ſie eben erſt aus der Kirche kam,“ antwortete das Mäd⸗ chen und begann dabei ruhig und unbefangen herumzu⸗ bieten und die Wirthin zu machen. Man ließ ſich den alten, trefflichen Muskatwein des Profeſſors wohl ſchmecken, als plötzlich die Thüre mit Geräuſch geoffnet wurde, und Kapitän Ferdinand mit Sporen und Säbel hereinraſſelte. „Nun, in des Herren Namen! was gibt es denn hier, Onkel?“ rief er verwundert, als er die Gläſer, die Bouteillen, das Backwerk und die Gäſte, die um den großen runden Tiſch des Profeſſors herum ſaßen, erblickte. Denn hier thronte ſonſt gewöhnlich nur ein Glas Waſſer oder Dünnbier. Aber beim Anblick Hilda's erbleichte er, unz ſeine Fröhlichkeit verwandelte ſich in einen erkünſtel⸗ ten und gezwungenen Ton, der, wie er wohl fühlte, am unrechten Platze war; aber er war dennoch außer Stands, ſeinen gewöhnlichen Ton wieder anzunehmen. Dies bewirkte eine Verſtimmung auf allen Seiten; nur Hilda Borgenſköld's ſtolzen Sinn vermochte die Macht des Augenblicks nicht niederzudrücken. Mit dem gleich⸗ 5 159 gültigſten Tone, jedoch nicht unfreundlich, fragte ſie: „Nun, Ferdinand, in wie viel verſchiedenen Masken wirſt Du heute Abend auftreten?“ „Ich werde in keiner Maske als meiner eigenen auf⸗ treten,“ erwiederte der Kapitän beleidigt und verletzt. Er glaubte, Hilda wollte einige Stichelworte gegen ihn rich⸗ ten, und habe deßhalb das Geſpräch auf den Maskenball ebracht. Ferdinands Mißverſtehen und ſeine beinahe un⸗ böfliche Antwort jagte das Blut in einem raſcheren Laufe durch Hilda's Adern und haſtig erwiederte ſie:„Dieſe möchte Abwechslung genug darbieten, meine ich.“ Der Kapitän glühte vor Zorn, Schmerz und Wein. Er fühlte, daß dieſer vereinigte Wirbel ihm zu Kopfe ſtieg, und er hatte noch Beſinnung genug, aufzuſtehen, eine ſtumme Verbeugung zu machen, und das Zimmer zu verlaſſen. Roſa, ſowie der Profeſſor und Mannerſtedt waren dieſer kleinen Zwiſchenſcene aufmerkſam gefolgt. Nach Ferdinands Entfernung war das vortreffliche ange⸗ nehme Verhältniß noch mehr geſtört, als bei ſeinem Auf⸗ treten, weßhalb die Mädchen bald darauf Abſchied nah⸗ men, und Mannerſtedt allein bei ſeinem Wirthe zurück⸗ blieb. Lange ſchwiegen Beide. Endlich ſagte Profeſſor Ling: „Hm! hm!l die Welt iſt und bletbt thöricht. Wiſſen wohl die Menſchen, was ſie wollen? Nein, meiner Seel', das wiſſen ſie nicht!“ „Wohl dürften ſie wiſſen, was ſie wollen,“ wandte Franz beſcheiden ein;„aber wenn ihr Willen, ihre Wünſche im Streite mit der eiſernen Macht der Nothwendigkeit liegen, ſo wird das Nachgeben eine nothgedrungene Tu⸗ gend.“ „Meint Er das, mein lieber Kandidat?“ ſprach der Profeſſor mit einem gutmüthigen Lächeln.„Ja, ja, es dürfte wohl ſo ſein; inzwiſchen verwickeln ſich die Men⸗ ſchen durch ihre unbedachten Handlungen in eine Maſſe Nothwendigkeiten und Pflichten, ohne die ſie wohl ſein 160 könnten, und die dann ihrerſeits wieder unberechenbare Folgen nach ſich ziehen. Mannerſtedt, der mit den inneren Verhältniſſen der Familie durchaus unbekannt war, wußte nicht, worauf der Profeſſor hindeutete, und hielt es deßhalb für's Beſte, zu ſchweigen; aber der alte Herr richtete ſeinen ſcharfen Blick feſt auf Franz und fuhr fort:„Mein Neffe und ſeine Braut zum Beiſpiel?“ Er machte eine kleine Pauſe. „Wie ſo?“ fragte Mannerſtedt in ziemlich ruhigem Tone, obwohl derſelbe ein wenig zitterte. „Dieſe ſind meiner Meinung nach nun gerade in ein ſolches Verhältniß eingetreten, und haben Pflichten über ſich genommen, die, wie ich fürchte, ſowohl dem Einen als dem Andern nachgerade etwas ſchwer fallen; denn ſie paſſen nicht mehr zuſammen, als ich und das Mädchen thun würden.“ „Ich habe nicht die Ehre, den Kapitän näher zu kennen,“ antwortete Mannerſtedt, über die bekümmernde Rede ſeines Wirths betrübt;„über ihn kann ich deßhalb nicht urtheilen. Aber Fräulein Widen kenne ich ſchon lange und ich weiß nicht, wie der Mann beſchaffen ſein müßte, den ſie nicht durch ihre liebenswürdigen und wahr⸗ haft weiblichen Eigenſchaften glücklich machen ſollte.“ „Nun, er müßte gerade ſo qualificirt ſein,“ ſprach der Profeſſor,„wie es mein lieber Neffe iſt. Ich kenne die Sache, und ichemuß die Verblendung dieſer beiden Leutchen beklagen; ch wünſche ſogar herzlich, daß die ganze Partie wieder rückgängig würde. Aber was ſagt Herr Mannerſtedt dazu? Wenn man einſieht, daß die Sache zum Henker geht, oder feiner geſagt, wenn man findet, daß man einen Schritt gethan 8 gethan wünſchte; mit einem Wort, wenn man fühlt, daß man nicht zu einander paßt, iſt es dann nicht beſſer, ein⸗ ander bei Zeit Lebewohl zu ſagen?“ 1 Der Ton des Profeſſors hatte während des letztern Theils ſeiner Darſtellung einen Anſtrich von jener Bit⸗ terkeit bekommen, die 6 at, den man un⸗ darin lag; und es war un⸗ und dank zen für Feſt Ver als ande bare der rauf eſte, rfen und euſe. gem ein tber inen ſie chen zu ende 161 möglich zu beſtimmen, ob ſeine Aeußerung Ernſt oder Scherz, oder nur ein Verſuch war, Mannerſtedts An⸗ ſicht über die Sache herauszulocken. Was nun aber auch ſeine Abſicht geweſen ſein mochte, ſo erweckte ſie bei Franz nur ein höchſt widriges Gefühl, das aus den Grundſätzen hervorging, die er frühzeitig eingeſogen hatte, und die nicht einen Augenblick wankten, obſchon der Ge⸗ danke an den Vortheil, an die Glückſeligkeit eines gan⸗ zen Lebens, die möglicherweiſe aus einem ſolchen Falle für ihn hervorgehen konnte, ſo nahe lag. Mit Ernſt und Feſtigkeit erwiederte er:„Ich meines Theils halte eine Verlobung in Betreff ihres Beſtandes für eben ſo heilig, als die Ehe ſelbſt; ſollte das Verſprechen, das man ein⸗ ander, wenn auch nur vor den Augen des Allwiſſenden gibt, weniger heilig ſein, als das, welches vor den Men⸗ ſchen gegeben wird? Beide Gelübde können gebrochen werden; aber ob es recht iſt, das laſſe ich dahin geſtellt ſun wenigſtens wage ich nicht, darüber ein Urtheil zu ällen.“ Ein gewiſſes herzliches Wohlwollen ſpiegelte ſich in dem Blicke, womit der Profeſſor bei dieſen Worten Man⸗ nerſtedt betrachtete, und das Lächeln, das ſeine Lippen kräuſelte, war voll Güte, als er kurz darauf ſprach: „Das lautet nun zwar nicht ſo toll, mein lieber Kandi⸗ dat! Es ſind ſogar recht hübſche Grundſätze, die ich mit ihren Schlußfolgen gerne überall befolgt ſehen möchte; aber ſie ſind doch keineswegs für jedes Verhältniß dieſer Art anwendbar. Um dies zu beweiſen, werde ich vor Herrn Mannerſtedt ein Kapitel abhandeln, das vielleicht dem Herrn eine neue Anſicht der Sache beibringen dürfts. Die Ehen ſind, ohne die Nüancen zu zählen, welche eben ſo mannigfaltig ſich geſtalten, als das Farbenſpiel zwiſchen Schwarz und Weiß— hauptſächlich dreierlei Gattung. Die erſten Stellen nehmen die Glücklichen ein. Sie gehen aus der Uebereinſtimmung zweier guten Charaktere her⸗ vor. In ihnen bedarf es desjenigen Worten nicht, das Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. 16² ſonſt von ſo großem Gewicht in der Ehe iſt:— der Verzeihung; denn nichts braucht vergeſſen zu werden. Es mag vielleicht hie und da eines oder das andere Nach⸗ ſehen erforderlich werden; aber dieſes gegenſeitige Nach⸗ ſehen iſt in demſelben Augenblicke vergeſſen, wo es geſchah. Es war eine Handlung des Herzens, nicht des Verſtan⸗ des oder der Erinnerung. Solcher Ehen gibt es wenige. Die meiſten ſind von der Mittelſorte; hier iſt weder von Achtung noch Verachtung die Rede. Die Gewohnheit, das phyſiſche Bedürfniß der Nahrung, Kleidung und ſofort, halten ein Band zuſammen, das oft von der Gleichgültigkeit oder noch ſchlimmeren Beweggründen ge⸗ knüpft wurde. Dieſes Band würde ſich, wenn es eine mögliche Ausſicht auf beſſere Umſtände gäbe, eben ſo leicht auflöſen, wie die Bekanntſchaft zweier Reiſenden, die ſich zum erſtenmale in einem Wirthshauſe treffen und einander die Hand reichen, um wieder getrennt ein Jeder ſeinen eigenen Weg zu wandern.— Nach ihnen folgen die unglücklichen Ehen. In dieſen bedarf es eines beſtändigen Verzeihens, welches nicht vergeſſen wird; denn die heilende Wunde wird immer von Neuem aufgeriſſen. Dieſe Ehen werden nicht gleich, was ſie am Ende ſind. Sie beweiſen, wie ſchwer es iſt, zu vergeſſen. Dazu würde es die Vernichtung unſeres ganzen Weſens erfor⸗ dern, oder es müßte wenigſtens ein verbeſſertes Verhält⸗ niß allmälig den Gedanken an das Verſloſſene verwiſchen; wenn aber ein ſolches nie eintritt, oder wenigſtens nie von Dauer wird, dann werden ſich die giftigen Schlangen der Erinnerung immer feſter in unſerem Herzen einſaugen, und die Genien, des Friedens und der häuslichen Glück⸗ ſeligkeit fliehen uns mit der traurigen Gewißheit, daß ſie nie wiederkehren werden.— Wir können mit Sicherheit annehmen, daß Ferdinands und Roſa's Ehe, wenn ſie je zu Stande kommt, nie zu der erſten Klaſſe gehören wird, da ihre Charaktere in hohem Grade verſchieden ſind. Zu der zweiten werden ſie nicht herabſinken, das 163 glaub' ich mit Gewißheit; aber ich fürchte, daß wir ſie zu der dritten zählen müßten. Und in dieſem Falle frage ich noch einmal, iſt es billig, iſt es klug, ſich ſelbſt und ſein ganzes zukünftiges Wohl aufzuopfern, um der blinde Sklave eines übereilten Verſprechens zu ſein?“ Mannerſtedt war tief gerührt und erſchüttert. Der Profeſſor hatte durch ſeine weitläufige und ſonderbare Abhandlung ihn mit ſeiner eigenen Ueberzeugung vom Rechten entzweit. „Ich kann, ich wage es nicht, mich in dieſem Falle auszuſprechen,“ ſagte er langſam;„ich darf mich nicht auf mein eigenes Urtheil verlaſſen. Ich bin noch jung, und habe noch nicht viel Erfahrungen ſammeln können; ich kann mich alſo getäuſcht haben. Aber das weiß ich mit Gewißheit, daß ich warm und innig wünſche, mein Ohr möchte nie von der Nachricht getroffen werden, daß es Roſa war, die die Verbindung brach, wenn ihre Auflöſung je erfolgen ſollte; denn es würde mich tief be⸗ trüben, bei einem ſo ſchönen und liebevollen Gemüthe einer Handlung des Leichtſinns zu begegnen.“ Mit einem freundſchaftlichen Blick reichte der Pro⸗ feſſor Mannerſtedt die Hand:—„Ich glaube nie, daß es von ihrer Seite geſchehen wird,“ ſagte er;„doch laſſen Sie uns von etwas Anderem ſprechen. Wann hofft der Herr Kandidat, die Graduirung erhalten zu können?“ „Erſt in einem Jahre. Noch liegt das Examen vor mir, ehe ich das Ziel erreichen kann, nachdem ich lange geſtrebt habe, und das nur durch meine häufigen Condi⸗ tionen verzögert wurde; aber ich präparire mich jetzt auch aus allen Kräften darauf.“ „Gut! was für Ausſichten hat Herr Mannerſtedt dann für ſein zukünftiges Unterkommen?“ „Nach dem, was mir einer meiner alten Freunde, der Rathsherr Sifver, dieſer Tage ſchrieb, habe ich das beſtimmte Verſprechen, ſobald ich meinen Kurs vollen⸗ det habe, das Vikariat bei dem Rector nnder Schule 1 meines Geburtsortes zu erhalten. Und wenn der jetzige Rector, der ein ſchon bejahrter Mann iſt, das Paſtorat erhält, was nicht mehr lange anſtehen kann, ſo habe ich Hoffnung auf ſeinen Dienſt.“ „Das lautet ja ganz gut,“ ſagte der Profeſſor;„und da ich immer einen Gefallen an jungen Männern gehabt habe, die durch Sparſamkeit und Fleiß vorwärts ſtrebten, ſo wird es mir ein Vergnügen ſein, wenn ich dazu bei⸗ tragen kann, daß Herr Mannerſtedt je eher deſto beſſer von hier abreiſen kann.“ Stumm von dankbarer Rührung verbeugte ſich Man⸗ nerſtedt tief.„Ich habe keinen höheren Wunſch; ich will und muß von hier fort.“— Verwirrt über die Bedeu⸗ tung, die der Scharfſinn des Profeſſors Ling möglicher⸗ weiſe aus dieſem Muß ziehen konnte, ſtand er auf, um Abſchied zu nehmen, aber der gaſtfreie Wirth erwiederte, indem er ihn zurückhielt:„Ich befahl heute Morgen Madame Brun, ſich für zwei Perſonen vorzuſehen, im Fall ich einen Gaſt zum Mittageſſen aufſchnappen würde.“ Mannerſtedt dankte herzlich und ſetzte ſich auf's Neue, worauf die Unterhaltung eine allgemeinere und freiere Wendung nahm. Als der Kandidat am Abend fortgegangen war, murmelte der Profeſſor: Ein verdammt braver Burſche; ein wahrer Kernjunge; es wäre eine Sünde, wenn ich ihm nicht hälfe; hm! hm! ich begreife das Bräutchen nicht; warum zum Teufel hätte ſie nicht warten können; ſie konnte ſich ja darauf verlaſſen, daß ihr die ehrliche Seele nicht entlaufen wäre! Aber ſie fürchtete wohl, der Großhändler und die Großhändlerin würden nie ihre Zu⸗ — ſtimmung dazu gegeben haben. Junge Mädchen geben ſich überhaupt nie damit ab, über Möglichkeiten und die Wendungen nachzudenken, die die Dinge nehmen könnten. Der Tag dürfte kommen, wo der Kommer⸗ zienrath noch dankbar einen Rector als Schwiegerſohn V ann geh 165 annähme. Hm! hm. denn mit Ferdinand, das ſehe ich, geht es zum Henker! hm! hm!“ 12. Der Fremdling.— Die Verwirrung der Kommerzienräthin. 71 Vorſchläge und ſo weiter. Weihnachten mit ſeinen Vergnügungen war vorüber, und ein Stillſtand eingetreten, der eine Oede und Schlaff⸗ heit erzeugte, welche beſonders in der Einförmigkeit des Alltagslebens gefühlt wurde. Kapitän Ling hatte wäh⸗ rend des ganzen Zeitraums der geräuſchvollen Feſte mit ſeinen ewigen Bällen und Schmauſereien gleichſam das Gedächtniß für den Kummer verloren, der ſonſt ſeine treue Geſellſchaft ausmachte. Aber als der zwanzigſte und Schlußball ausgetanzt war, und er nach ein Paar Tagen Ruhe ſich wieder davon heimgeſucht fühlte, da wuchs ſeine Unruhe und Angſt in dem Maaße, als die Tage bis zu dem Termine ſich verminderten. Der Kom⸗ merzienrath war unbeweglich in Betreff der Beſtimmung des Hochzeittages, ehe der Kapitän einen ſchriftlichen Zeugen von der Vorſorge ſeines Onkels beibringen konnte. Ferdinand wußte, daß er dieſen nie erhalten würde, und ſeine Rathloſigkeit bei einer ſo ſchwierigen Lage der Dinge ſtieg allmählig bis zur Verzweiflung. Endlich, nach un⸗ glaublichem Hin⸗ und Herſinnen, und nachdem er alle möglichen Pläne entworfen, und alle für gleich unausführ⸗ bar erkannt hatte, gerieth er auf den Gedanken, ſein ge⸗ drücktes Herz vor Roſa zu öffnen, und ihr edles und weibliches Gefühl als Fürſprecherin bei dem Profeſſor anzurufen. Mit der Vorſtellung einer ſolchen Vermitt⸗ lerin vereinigte der Kapitän die einer vollſtändigen Ver⸗ zeihung, das heißt, er hoffte, daß die bedeutende Schuld bezahlt werden würde. 166 Eines Morgens, gegen Ende Januars, begab er ſich mit dieſem lobenswerthen Vorſatz in das Haus des Kom⸗ merzienraths. Auch Roſa war von mannigfachen Sor⸗ gen beklemmt. Seit mehreren Tagen hatte ein vollkom⸗ men ungewöhnliches und deßhalb um ſo deutlicheres Düſter die Herrſchaft über das Weſen des Kommerzien⸗ raths erhalten. Man ſah leicht, daß er nur mit der äußerſten Anſtrengung einen Schein ſeiner früheren ſiche⸗ ren und unbekümmerten Haltung zu bewahren vermochte. In unbewachten Augenblicken aber, wo er ſeine Rolle vergaß, erſchien er in ſolchem Grade jammervoll und niedergedrückt, daß es Roſa, die ſeine Bewegungen beob⸗ achtete, tief ins Herz ſchnitt. Die Erinnerung an die Worte, welche ihre Mutter vor einigen Wochen geäußert hatte, erwachte jetzt auf's Neue, obwohl in einem ganz andern Lichte als damals. Sie ahnte einen Zuſammen⸗ hang und eine Wirklichkeit, die ſie beſonders um ihrer Eltern Willen zittern und beben machte. Aber wenn ſie dies auf der einen Seite quälte, gab es auch noch auf der andern mächtige und tiefe Gefühle, die das Herz der armen Roſa beſtürmten. Mannerſtedt hatte gleich nach jenem merkwürdigen Neujahrsmorgen erklärt, daß er ſich nunmehr im Stande ſehe, eine Reiſe nach Lund zu unternehmen, und daher die Vollendung ſeiner akademiſchen Laufbahn nicht länger aufſchieben wolle, weßhalb er den erſten Februar zu ſeiner Abreiſe von H— beſtimmt habe. In dieſer Zwiſchenzeit ſchloß er alle ſeine Lektionen und übrigen kleinen Angelegen⸗ heiten ab. Auch im Hauſe des Kommerzienraths hatte er aufgehört, ſich einzufinden. Als Urſache gab er an, daß die tiefe Trauer ſeines Herzens ihn für alle Geſell⸗ ſchaft untauglich mache, überdieß ſei er genöthigt, die bisher verſäumte Zeit für ſeine Studien wieder einzuho⸗ len. Roſa ahnte, Mannerſtedt habe die Entdeckung ge⸗ macht, daß ſie beide am Rande eines Abgrundes ſchweb⸗ ten, und ſeine ſtarke Seele habe mit ihrer ganzen männ⸗ lichen Kraft gearbeitet, um ſich und ſie empor zu halten. gen⸗ zatte an, ſell⸗ die uho⸗ ge⸗ veb⸗ inn⸗ lten. 167 Roſa ſchätzte ihn doppelt dafür, und es verwundete nicht mehr ihr weibliches Zartgefühl, daß er geahnt hatte, wie innig ſie ihm ergeben ſei. Mannerſtedt konnte eine ſolche Gewißheit nicht mißbrauchen, davon war ſie feſt überzeugt; denn wie männlich und edel hatte er nicht gerade in dem Wendepunkt gehandelt, wo jeder andere Jüngling mit gleich warmen Gefühlen, aber weniger hel⸗ lem Kopfe und minder wahrem Ehrgefühl, den günſtigen daenätſc ergriffen und zu ſeinem Vortheile benützt ätte! Mannerſtedt handelte anders. Der beinahe über⸗ zeugende Blick, den er in Roſa's Herz zu werfen gewagt hatte, die an Sicherheit grenzende Hoffnung, daß er ihr theuer war, daß ſeine Gefühle in der, welche er anbetete, ein Echo gefunden hatten, dies erfüllte ihn mit einer Seligkeit, wovon er nie geträumt hatte, daß ſie in einer Menſchenbruſt wohnen könnte. Aber feſt überzeugt, daß die Unmöglichkeit ihrer Vereinigung Roſa in dem Be⸗ ſchluſſe beſtärkt habe, dem Kapitän Ling ihre Hand zu geben, begriff Mannerſtedt, daß ihm jetzt, wie immer, die Pflicht Entſagung gebot. Nicht einmal, um ſie zu be⸗ ſitzen, wollte er eine niedrige oder weniger rechtliche Hand⸗ lung begehen, welche ihn in ihrer oder ſeiner eigenen Achtung herabſetzen konnte. Dies Gefühl leitete die Antwort, die er dem Profeſſor gegeben hatte, als von einem Bruch der Verbindung zwiſchen Roſa und Kapitän Ling die Rede war. Mannerſtedt dachte: Geſchähe dies von ihrer Seite, ſo wäre es wenigſtens eine Unmöglich⸗ keit, daß die Gefühle, die ſie für ihn hegte, einen Theil an ihrem gebrochenen Worte haben könnten; und wäre dies letztere nicht eine Probe von Schwachheit geweſen, welche er an der nicht finden wollte, der er die ſtille An⸗ betung ſeines Herzens geweiht hatte, und welche er we⸗ nigſtens nicht billigen konnte, da er ſelbſt die Urſache dieſer Schwachheit geweſen wäre. Vielleicht würde er nicht ſo ſtreng in ſeinen Anſichten geweſen ſein, wenn er nicht ſelbſt auf das Verhältniß eingewirkt hätte. Jetzt 168 dagegen konnte er es von keinem andern Geſichtspunkte aus betrachten, und ſein Entſchluß ſtand feſt, das Haus des Kommerzienraths nicht eher wieder zu beſuchen, und Roſa nicht wieder zu ſehen, bis der Tag der Abreiſe da ſei. Einſam und in Gedanken an Mannerſtedts hohes Beiſpiel verſunken, ſaß Roſa, die Arbeit auf ihren Knieen ruhend, im Wohnzimmer, als Kapitän Ling eintrat. Er war blaß, und der Schmerz und Kummer, der aus ſeinem Blicke ſprach und ſeine Stirne, die ſonſt ſo ſtolze Stirne, beſchattete, erſchreckte ſie. „Was gibt es, guter Ferdinand?“ fragte ſie theil⸗ nehmend.„Iſt etwas geſchehen?“ „Gerade nicht jetzt ſchon,“ antwortete er;„aber ich fürchte, daß bald etwas Unangenehmes geſchehen wird. O Roſa, wenn ich es wagen dürfte, aufrichtig vor Dir zu ſprechen!“ Die Gedanken des Madchens ſielen ſogleich auf den Vater, und zitternd ſagte ſie:„Sprich, Ferdinand, ich bin auf das Schlimmſte vorbereitet. Schon ſeit mehreren Tagen habe ich bemerkt, daß Etwas unterwegs ſein müßte, aber wie haſt Du das erfahren können, der Du ja ſeit dieſer Zeit nicht hier warſt?“ Der Kapitän ſchien verwundert und betrübt, denn das ſah einem neuen Un⸗ heil gleich.—„Ich verſtehe nicht, was Du meinſt, meine liebe Roſa,“ ſagte er,„aber die Sache, worüber ich Deinen Rath einholen möchte, berührt einzig mich allein.“ „Ach! ich glaubte, es ginge Papa an,“ erwiederte Roſa.„Er iſt ſeit ein paar Tagen ſo gedankenvoll und unruhig, daß ich fürchtete, Du möchteſt eine unangenehme Urſache davon erfahren haben. Es iſt recht gut, daß es nicht ſo iſt! Laß mich deßhalb hören, was Du mir an⸗ vertrauen wollteſt, und ich brauche Dich wohl nicht zu verſichern, daß Du bei mir Theilnahme und den innigen Wunſch finden wirſt, Deine Unruhe zu lindern. Setze — zu mir her, und benütze die Zeit, wo wir allein ſind.“ — V— O— JO l 2 2 169 Von der Milde und Herzlichkeit ſeiner Braut auf⸗ gemuntert, begann der Kapitän eine Erzählung zuerſt von ſeinen jüngeren Jahren und ſeinem unglückſeligen Hange zum Spiel, der ihn in ſo manches ſchlimme und kitzlige Abenteuer verwickelt hatte. Hierauf folgte die Reiſe in die Reſidenz, der luſtige Schmaus, die Stichel⸗ worte der Kameraden, als er ſich weigerte, am Spiele Theil zu nehmen, und die brennende Begierde, es nur ein einzigesmal zu verſuchen, und hierauf Schritt vor Schritt ſeine Kämpfe, ſeine Schwachheit und die unglücklichen Folgen der unglückſeligen Nacht, mit Ausnahme deſſen jedoch, was mit Hilda Borgenſköld in Verbindung ſtand, was er vorſichtig ausſchloß. Still und bleich ſaß Roſa da, als er geredet hatte. Es war ihr jetzt klar, warum Ferdinand, der ihr früher nie mehr als gewöhnliche Aufmerkſamkeit erwieſen hatte, zu derſelben Zeit, als er ſein Kapitänspatent erhielt, ſo heftig verliebt geworden war, mit gleicher Haſt gewor⸗ ben hatte und nach einer übereilten Verlobung eine eben ſo übereilte Hochzeit wünſchte. Die Urſache zu all'“ Dieſem war nun keinem Zweifel mehr unterworfen. Wenn dann Roſa in Gedanken das ſonderbare Verhält⸗ niß zum Hauſe ſeiner Tante, beſonders zu Hilda, durch⸗ ging, und ſich ſeines eigenen Geſtändniſſes erinnerte, daß ſich damit Umſtände vereinigten, die er nicht zu er⸗ klären wagte, ſo ſtand der ganze, gelinde geſagt, ſcham⸗ loſe Plan des Kapitäns hell vor ihren Augen. Im erſten Augenblick war Aerger das herrſchendſte Gefühl bei Roſa, aber wenn ſie den Leichtſinn ſeines Charakters, ſo wie die große Freiheit ſeiner Anſichten bedachte, wel⸗ cher das Militär im Allgemeinen größtentheils huldigt, ſo fand ſie, daß er ſich zwar ſchwer vergangen hatte,— aber doch mehr der Spielball ſeiner eigenen Schwach⸗ heit und der zuſammentreffenden Umſtände, als wirklich ſchlecht geweſen war. Jetzt erhob ſich jedoch Roſa's Bruſt in einem dankbaren Seufzer gegen den hohen Len⸗ ker unſerer Schickſale; denn das unbedachtſame Ver⸗ 170 trauen des Kapitäns rettete ſie von der Verbindung mit einem Manne, der ſo ohne alles Herz und ohne alles feinere Gefühl war.— Aber es that ihr um ihn in ſei⸗ ner gegenwärtigen gedrückten Lage leid; denn daß er jetzt ſowohl an Reue, als an verletztem Stolze, viel⸗ leicht auch an Selbſtvorwürfen litt, das zeigte ſich deut⸗ lich. Um keinen Preis wollte daher Roſa dieſen Augen⸗ blick wählen, um Ling die Nothwendigkeit aus einander zu ſetzen, daß ein Band aufgelöst werden müſſe, das auf ſolche Gründe von ſeiner Seite hin und von ihr aus im Vertrauen auf die Redlichkeit und Feſiigkeit ſeines Charakters geknüpft war, welche Eigenſchaften ſie ihm nun nicht mehr zuerkennen konnte. Nein, dies mußte aufgeſchoben werden; aber ſie faßte den Vorſatz, ſobald als möglich eine Gelegenheit zu ſuchen; und war das Verhältniß ihres Vaters ein ſolches, wie ſie fürchtete, ſo würde der Kapitän gewiß keine großen Schwierigkei⸗ ten machen, ſich überzeugen zu laſſen, daß es am beſten gethan wäre, wenn man eine Verbindung auflöste, die für Beide ein ſo geringes Glück verſprach. Mit wah⸗ rer Selbſtbeherrſchung und ohne ein Zeichen des Un⸗ willens brach ſie nun das Schweigen, das nach dem Ge⸗ ſtändniſſe des Kapitäns eingetreten war, und welches er bis jetzt durch keine Frage oder Bemerkung zu ſtören gewagt hatte. „Armer Ferdinand!“ ſagte Roſa,„es thut mir leid, Dich ſo tief vom Kummer niedergedrückt zu ſehen. Frei⸗ lich kann ich Dich nicht von Fehlern und Schwachheiten freiſprechen; aber Deine Reue und Dein heiliges Ge⸗ löbniß, nie wieder zu ſpielen, ſollte doch Deinen Onkel verſöhnen können. Ich werde wenigſtens zu dieſem End⸗ zweck Alles thun, was ich vermag; aber ich wage nicht, Dir eine beſtimmte Hoffnung des Erfolgs zu verſprechen. Ich will Dir nicht verhehlen, daß ich es für ſehr zwei⸗ felhaft halte; aber wenn es möglich iſt, Ferdinand, ſein Herz zur Milde zu bewegen, ſo verlaß Dich darauf, daß 171 Deine Sache keinem beſſeren Fürſprecher für ihre glück⸗ liche Beendigung anvertraut ſein kann.“ E „Ich danke Dir, gute, beſte Roſa,“ ſagte Ling mit einem leichten Seufzer und küßte die Hand ſeiner Braut. „Wann willſt Du zum Profeſſor gehen?“ „Morgen,“ antwortete Roſa;„und,“ ſetzte ſie mit einem aufmunternden Lächeln hinzu,„ſei wenigſtens davon überzeugt, daß ich die Kraft meiner Beredtſamkeit erproben werde.“— Jetzt trat die Kommerzienräthin ein, und da der Kapitaͤn nicht bei Laune war, um ſich in eine Unterhal⸗ tung über gleichgültige Gegenſtände einzulaſſen, gab er Dienſtgeſchäfte vor und entfernte ſich, obſchon ſeine künf⸗ tige Schwiegermutter ihn auf das Dringendſte bat, da zu bleiben.—„Er iſt difficile und verdrießlich, und das nicht gar unbedeutend,“ ſagte die Kommerzienräthin, als Ferdinand die Thüre geſchloſſen hatte, worauf ſie ihre Arbeit nahm und ſich an's Fenſter ſetzte. Es war noch nicht volle Dämmerung eingetreten, als ein langſames, aber ſtarkes Raſſeln von Rädern die Ankunft eines größeren Wagens verkündete. „Wer mag das ſein?“ rief die Kommerzienräthin neugiexig, als ſie eine Maſchine, die eher einem kleinen Hauſe als einem Wagen glich, vor dem größten Wirths⸗ hauſe der Stadt, gegenüber von dem Hauſe des Groß⸗ händlers Widen, halten ſah.„Was meinſt Du, liebe Roſa! Sieh, wie der Traiteur ſelbſt, der Kellner und das halbe Haus⸗Perſonal auf die Treppe hinauseilt.“ Während die Kommerzienräthin ſprach, öffnete ſich die Wagenthüre, und ein ſehr langer und hagerer Herr in der Mittagshöhe des mittleren Alters ſtieg heraus, und ging mit einer feſten und, wie Madame Widen ſich ausdrückte, verteufelt vornehmen Haltung die Treppe hinauf.—„Ich möchte doch wiſſen, was das für eine Perſon iſt,“ ſing die Kommerzienräthin nach ein paar Sekunden wieder an,„das möchte ich wiſſen. Ich will nur ſehen, auf welcher Seite man Licht anzünden wird. 6 ——f X 172 de„Wenn es auf dieſer Seite geſcheht, dann iſt es gewiß 3 * ein Mann von Bedeutung;, denn hier liegen ja die Staatszimmer.“ heeen d Roſa ſchenkte dem Reiſenden, ſeinem Wagen, ſeiner 1 Haltung und Vornehmheit, kaum einen Blick; ſie hatte 3 ſo unendlich viel Anderes zu denken.Mlber jetzt ſchrie 6 die Kommerzienräthin ſchnell:„Sagte ich es nicht! n 8 War es nicht gerade, ſo wie ich dachte! das Prachtzim⸗ 2 maer ſelbſt wird erleuchtet! Sieh nur, was für ein Ge⸗— . I Fläufe von Jungfern und fremden Bedienten das iſt; und ſt jetzt kommt der Herr ſelbſt mit dem Wirth voraus, der . 4 zwei Lichter trägt. Wer um's Himmelswillen mag das 8 8— 8 ſein, daß ſie ſo viel Weſens mit ihm machen! Aber nein! wie verdrießlich, das ſchnippiſche Zofchen läßt die X- S Gardinen herab! Hm!l das kann ich nicht begreifen! doch n es iſt wahr, ich hätte über dem Plunder beinahe ver⸗ d t geſſen, der Frau Bern einige Anordnungen mitzutheilen.“; Und ſchleunig eilte die Kommerzienräthin hinaus. 3 8„Frau Bern, Frau Bern! wo iſt Sie? o r —7„Hier, hier, was befehlen die gnädige Frau?“ er⸗ 1 8 wiederte die Haushälterin, die haſtig aus der Küche 1 . X herausſprang, einen Spühlkumpen in der einen und einen ſ 8 Schaumlöffel in der andern Hand. d „Hat Sie die Kalbsbruſt verrauchen laſſen, Frau b Bern?“ fragte die Kommerzienräthin, die durch ihre f Nnig Bewegung die neugierigen Blicke des Geſindes auf ſich gezogen hatte, und deshalb zuerſt dieſe durch eine natürliche und gewöhnliche Frage zu entfernen wünſchte. —„Ei, bewahre, das verſteht ſich doch,“ ſagte die b SHaushälterin;„aber vielleicht will die gnaͤdige Frau ſo 3 gut ſein, und das Apfelgelée verſuchen.“ 3 Frau Bern war durch Uebung bei dergleichen Ge⸗ 3 legenheiten ſcharfſinnig genug, um zu begreifen, daß 3 Wihre Gebieterin einen beſondern Auftrag für ſie hatte, nd deßhalb ließ ſie ſo liſtigerweiſe die Frage wegen des † Apfelgelées einfließen. Ja, das ware nicht ſo gm unrechten Platze. Sie r,i. 173 macht es gewöhnlich zu ſüß,“ entgegnete die Kommerzien⸗ räthin, trat mit ihr in die Speiſekammer und verſchloß die Thüre. „Meine liebe Frau Bern,“ nahm ſie jetzt in einem höchſt herablaſſenden Alltagstone das Wort,„gerade eben hielt ein Wagen vor dem Wirthshauſe drüben und ein langer, ſehr vornehmer und blonder Herr ſtieg aus, wegen deſſen ſie nun dort ein entſetzliches Leben und Weſen machen. Wie ſollen wir es nun anſtellen, um über all das Aufklärung zu bekommen? Ich weiß, daß Sie ſich vortrefflich auf ſolche Sachen verſteht, Frau Bern; gibt es keinen dienlichen und ſchicklichen Grund, daß man zu Frau Svanſtedt hinüber ſchicken könnte, um ganz wie aus Zufall Eines und das Andere zu erfahren?“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich, gnädige Frau, wir werden, ſo wahr ich lebe, bald Alles klar heraus haben! da ſehe man nur; blond, ſagt die gnädige Frau. Ja, ja, was hab' ich geſagt? das lag nicht bloß der Ergötz⸗ lichkeit halber ſo in den Karten; nun, wir werden ſehen, wie es geht! Inzwiſchen will ich Louiſe hinaufſchicken, um den großen Puddingmodel herunter zu holen, den uns die Svanſtedtiſchen vorgeſtern liehen. Louiſe verſteht ſich gerade recht auf's Ausfragen. Und wenn die gnä⸗ dige Frau jetzt hineingeht, ſo werde ich Alles gehörig beſorgen. Wenn ich dann unter die Thüre komme und frage, ob wir heute Abend Pfannenkuchen haben werden, ſ wei die gnädige Frau, wie viel Uhr es geſchlagen ha.* 4. Eine lange, peinliche Stunde brachte die Kommer⸗ zienräthin damit zu, ſich auf dem Sopha hin und her zu werfen. Die Neugierde war zwar im Allgemeinen eine ihrer Lieblings⸗Schwachheiten; aber da ſich damit noch die Aehnlichkeit mit dem Helden in Frau Bern's Prophezeihungen vereinigte, ſo bekam die Sache ein außer⸗ ordentliches Intereſſe, um ſo mehr, da die letzten Tage ſo langweilig geweſen waren, daß eine Abwechslung wirk⸗ lich Noth that. Endlich ging die Thüre, und die Stimme „.. 174 der Frau Bern ließ das verabredete Signal hören:„Be⸗ fehlen die gnädige Frau Pfannenkuchen oder Plätze auf heute Abend?“ „Ich weiß noch nicht recht, was ich will,“ ſprach die Kommerzienräthin mit erkünſtelter Gleichgiltigkeit.„Ich will in einer Weile hinauskommen und meine Befehle deßhalb geben.“ Aber dieſe kleine Weile, in welcher ſie ſich um des Scheins halber peinigte, und ſitzen blieb, wurde faſt un⸗ erträglich.—„Wie widerwärtig ſind doch dieſe Haus⸗ haltungsgeſchäfte,“ ſagte ſie, und erhob ſich mit erheu⸗ cheltem Unwillen, da ſie nicht länger auf dem Sopha zu ſitzen vermochte, der unter der gequälten Frau im buch⸗ ſtäblichen Sinne brannte. Sie ging auf das Zimmer der Frau Bern, warf ſich in einen Stuhl und rief eif⸗ rig;„Nun, was hat Louiſe heimgebracht?“ „Ja, wir haben Folgendes erfahren,“ ſagte Frau Bern, und ſtellte ſich in eine rapportirende Poſitur vor die Kommerzienräthin. Erſtens, daß der Herr von Dä⸗ nemark kommt; zweitens, daß er nach Stockholm zu rei⸗ ſen beabſichtigt; drittens, daß er ganz ungeheuer, ja eigent⸗ lich ſteinreich ſein muß; viertens, daß er Wittwer iſt; und zum Fünften, Letzten und Wichtigſten, daß er gefragt hat, ob der Kommerzienrath Widen weit von hier wohne, und da man ihm antwortete, daß das Haus geradeüber ihm zugehöre, hatte er geſagt:„das iſt ſchön!“ auf ſeine Uhr geſehen und hinzugeſetzt:„es wird für heute Abend zu ſpät.“ Seinen Namen konnte Louiſe nicht recht auf⸗ faſſen; ſie vergaß ihn auch in der Eile, bei der Erfor⸗ ſchung der andern Umſtände. Aber was ſagt die gnädige Frau dazu?“ „Es iſt wahrhaftig ſehr ſeltſam,“ ſprach die Kom⸗ merzienräthin nachſinnend.„Dachte ich nicht vom erſten Augenblick an, als ich den Menſchen zu Geſicht bekam, daß es derſelbe ſei, den Frau Bern ſchon ſo lange vor⸗ her in den Karten ausgeſpäht hatte! Herr Gott! wie wunderſam! Reich, vornehm, Wittwer, hm, hm!— Nach 175 dem Kommerzienrath Widen hat er gefragt?— Ja, ja, das gibt etwas Wichtiges! und morgen kömmt er gewiß, — weiß Sie, Frau Bern, daß der Kapitän anfängt, mir zu mißbehagen; ich glaube nicht, daß der Menſch brav iſt. Das ſagte ich auch Widen im erſten Augen⸗ blick; aber wann laſſen ſich die Männer Etwas ſagen? Kurzum, Ling und Roſa paſſen nicht für einander. Aber wo um's Himmelswillen ſollen wir jetzt ſo Hals über Kopf Auſtern und Hummern herbekommen? Das Schlimmſte iſt, daß ich Widen nicht wohl einen Wink geben kann, ich wiſſe etwas von dem zugedachten Beſuche; denn dann erräth er, wie es zugegangen iſt, und das möchte ich nicht.— Aber es iſt auch nicht nöthig, daß er Kenntniß davon erhält.— Laß einmal ſehen, wir haben ja Haſen und Birkhühner. Es iſt zu verdrießlich, daß wir den letzten Auerhahn Sonntags nehmen mußten. So muß Sie eben Schinken einlegen, Frau Bern, im Fall er ſich einige Zeit hier aufhalten ſollte. Morgen können wir den noch nicht benützen; wir müſſen auf etwas Anderes denken; denn es iſt ſicher, daß ihn der Alte zum Mtedeſin einladet, wenn er Vormittags einen Beſuch macht.“ Der wichtige Gegenſtand, der jetzt zwiſchen der Kom⸗ merzienräthin und ihrer Haushälterin abgehandelt wurde, nahm beinahe zwei Stunden hinweg, ehe man damit zu einem glücklichen Schluſſe kam, und Frau Bern ging dann, um alle ihre Dienſtboten, Geiſter und geringeren Kräfte in Bewegung zu ſetzen. Die Kommeräfenräthin er ſetzte ſich an den ſchon lange wartenden Theetiſch; a ihre Phantaſie war ganz und gar von ihren Luftſchlöſſern eingenommen; und faſt zum erſtenmal in ihrem Leben, hatte ein Gegenſtand ihre Aufmerkſamkeit ſo ausſchließlich in Beſchlag genommen, daß ſie alle äußeren Umſtände vergaß, und in der Verwirrung Waſſer und Rahm auf den Tiſch einſchenkte, ſo unſchuldig, wie ein ſiebenzehn⸗ jähriges Mädchen, wenn ſie über ihren erſten Hofmacher dder Freier nachſinnt. Als die Familie am folgenden Morgen um halb neun Uhr am Kaffeetiſche verſammelt war, trat Larsſon mit einer Karte herein und fragte, wann der Herr, deſ⸗ ſen Namen auf jener ſtand, die Ehre haben könne, dem Herrn Kommerzienrath aufwarten zu dürfen. Der Be⸗ diente legte die Karte auf den Tiſch und zog ſich zurück, um die Antwort ſeines Herrn zu hören. Der Kommer⸗ zienrath nahm ſie und ſtrengte ſeine ſchwachen Augen an, um bei dem noch nicht vollkommen hellen Tag die feinen Buchſtaben zu leſen. Plötzlich wurden ſeine Wangen ganz aſchgrau, die Lippen zuckten, und ſein ganzes ſtolzes Weſen ſank zu der äußerſten Unbedeutendheit zuſammen. Doch ſchien ihm das Bewußtſein, daß der Bediente zu⸗ gegen ſei, bald wieder etwas von ſeiner alten Gewalt in der Beherrſchung ſeine Gefühle zu geben. Er erhob den Kopf und ſagte mit einer erzwungenen Würde, die ſtark gegen die vorherrſchende Gemüthserſchütterung ab⸗ ſtach:„Mit dem größten Vergnügen bin ich für den Großhändler Garben zu jeder Stunde, die ihm beliebt, zu Hauſe.“ Sobald Larsſon die Thüre geſchloſſen hatte, ſtand der Kommerzienrath auf und winkte ſeiner Frau, mit ihm zu gehen. Als ſie ſchon unter der Thüre waren, wandte er ſich mit den Worten zu Roſa:„Zieh' Dich an, mein Kind, öffne das Staatszimmer und ſetze Dich in die blaue Stube.“— Roſa neigte ſtumm den Kopf, um Zeichen des Gehorſams; aber mit Schmerz dachte ſe an den armen Ferdinand, der in tödtlicher Angſt heim⸗ gegangen war und den Erfolg ihrer Bemühung bei dem Profeſſor abwartete. In höchſter Eile ſchrieb ſie ihm ein paar Worte und benachrichtigte ihn, daß die Ankunft eines Fremden ſie verhindere, vor Mittag auszugehen. Wenn aber kein unvorhergeſehenes Ereigniß eintreffe, wolle ſie auf den Abend den Profeſſor beſuchen und 1 ihr Möglichſtes thun. Als ſie ihr Billet abgeſchickt hatte, ging ſie auf ihr Zimmer, um nach dem Wunſche 177 des väterlichen Befehls eine ausgezeichnete Morgentoi⸗ lette zu machen. ndeſſen war die Kommerzienräthin mit heftig klo⸗ pfendem Herzen ihrem bleichen, verſtörten Manne auf ſein Zimmer gefolgt. Nachdem beide eingetreten waren, und der Großhaͤndler den Schlüſſel herumgedreht hatte, rief er in einem beinahe ſterbenden Tone:„Brigitte Ma⸗ rie, ich bin ruinirt! ich bin verloren!— es iſt ganz aus mit mir!— Himmel und Hölle! ich ſehe, wie es iſt,— er hat Winke erhalten,— der Teufel hole alle Winke! — war ich nicht ſchon vorher genug in der Klemme! Der einzige Strohhalm, der mich aufrecht erhielt, war mein Kredit bei dieſem Hauſe. Aber jetzt iſt Alles vor⸗ bei! Dieſer Garben hat ungeheure Schuldverſchreibun⸗ gen von mir; denn während der letzten zehn Jahre ha⸗ ben wir weitläufige Geſchäfte mit einander gemacht. Und wenn es nun, wie ich nicht bezweifle, ſeine Abſicht iſt, eine Bereinigung der Dinge, vielleicht eine Einlöſung der Verſchreibungen zu erhalten, ſo iſt es ganz und gar mit mir zu Ende, und ich kann nie wieder mein Haupt erheben, ſondern werde zu Spott und Schande vor der ganzen Schaar, die ſo lange den Machthaber in mir geſehen und verehrt hat. O ich unglücklicher, ruinirter Mann!“— der ſtolze Großhändler rang die Hände und ſank jammernd auf den Sopha. „Um Gotteswillen, lieber Widen, gib Dich zufrie⸗ den,“ bat die Kommerzienräthin beweglich.„Laß uns irgend ein Mittel ausfindig machen, um den erſten Sturm abzuwenden; denn keine Spur darf von dem wahren Verhältniß ſichtbar werden. Erinnere Dich, mein Alter, der Vorſchriften, die Du mir ſelbſt am Abend an Roſas Verlobungstag gabſt, als Du mir zum erſtenmale die mißliche Lage Deiner Angelegenheiten vertrauteſt. Be⸗ herrſche jetzt Deine Geſichtszüge, ſei artig, frei und un⸗ bekümmert in Deinem Weſen, und laß uns ihn ſo durch Scchmeicheleien, Gaſtmahle und allerhand Anordnungen Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. 12 einſchläfern, daß er nicht zu ſchnell Gelegenheit bekommt, an den wahren Zweck ſeiner Ankunft zu denken. Mir fällt allerhand ein. Ich habe gehört, daß er Wittwer iſt, Ach lieber Widen, wenn Du nur auf meine Worte ge⸗ hört hätteſt. Ich war nie für die Partie mit Kapitän Ling. Das wirſt Du Dich erinnern. Wer weiß, wie ſich das fügen könnte? Roſa iſt reizend; wenige Män⸗ ner haben ſie geſehen, ohne das zu ſinden. Denke..“ „Ja, denß, die Peſt entrückte uns. Wenn morgen unſer Weltſyſtem vergeht!“ unterbrach ſie der Kommerzienrath ärgerlich.„Ihr Wei⸗ ber ſeid doch ſtets bereit, Pläne zu ſchmieden.“ „Iſt denn das nicht unſere Pflicht, lieber Widen,“ antwortete ſein Weib demüthig; denn zu ihrer Ehre müſſen wir ſagen, daß ſie ein ſehr gutes und verſtändi⸗ ges Weib war.„Iſt das nicht unſere Pflicht, wenn wir glauben, unſern Männern damit helfen zu können? Wenn Du aber ſelbſt einen beſſern Plan weißt, ſo— überdies habe ich gehört, daß der Großhändler Garben auf einer Reiſe nach der Hauptſtadt begriffen iſt.“ „Hm, hm!“ ſagte der Kommerzienrath und begann wie zum Zeichen eines neuen Lebens im Zimmer auf⸗ und abzugehen.—„Brigitte Marie, mein Schatz, Du meinſt es gut, das weiß ich, und wenn ich genauer über das nachſinne, was Du geſagt haſt, ſo war wenigſtens die Hauptſache nicht ſo toll. Gott gebe ebenſo gewiß, daß wir ein Mittel auffinden könnten, um den erſten Sturm in einen ſchönen Sonnenſchein übergehen zu laſ⸗ ſen! Iſt es nur gewiß, daß er, wie Du ſagſt, von hier nach Stockholm reist, und es glückt mir, die Sache ſo zu betreiben, daß wir die Geſchäfte bis zu ſeiner Rück⸗ kehr aufſchieben können, dann ſind zwei Wochen gewon⸗ nen, ein Schatz von unberechenbarem Werth bei ſolchen Wendepunkten. Meine Meinung iſt, daß er ſich dann wird umſehen müſſen, wo er einige Sicherheit für ſein Geld erhalten kann, da ich unngen bin, ſämmtliche Anſprüche meiner Gläubiger auf eine Art zu ordnen, die 179 zwar nicht angenehm, aber die einzige iſt, die mir übrig bleibt, damit ſie eine gemeinſchaftliche Kaſſe bekommen.“ „Widen, mein lieber Schatz,“ ſagte die Kommer⸗ zienräthin mit zitternder Stimme und einem nicht un⸗ merklichen Kopfſchütteln,„Du erſchreckſt mich. Wäre das nicht eben ſo ſchlimm, ich möchte beinahe ſagen, eben ſo ehrenrührig, als etwas Anderes?“ „Pah, mein Schätzchen, das verſtehſt Du nicht,“ ſiel der Großhändler in einem feſteren Tone ein.„Ueber⸗ laſſe das mir; ſo etwas ſind Alltagsdinge. Nach eini⸗ ger Zeit iſt es vergeſſen, und man iſt deshalb ein ſo ehrlicher Kerl wie vorher, wenn man es nur verſteht, die Sache richtig zu behandeln, und ſich glücklich mit ſeinen ſchlimmſten Drängern abzufinden. Es verſteht ſich jedoch,“ ſetzte er hinzu, als er ſah, daß ſeine Frau durch dieſe Gründe wenig getröſtet ſchien,„daß, wenn er Roſa eine ſolche Aufmerkſamkeit ſchenkt, daß ſich daraus ab⸗ nehmen läßt, die Sachen ließen ſich noch auf eine an⸗ dere Art bereinigen, dieſes natürlicherweiſe das Beſte wäre; denn da wir es nun einmal für entſchieden an⸗ ſehen können, daß der Profeſſor ſeinem eigenſinnigen Vorſatze getreu bleibt, ſo gedenke ich auf alle Fälle die⸗ ſer Parthie ein Ende zu machen. Doch wir dürfen die Zeit nicht hinwegplaudern, mein Engel! Jetzt, nachdem ich wieder einigen Raum zum Athemholen erhalten habe, fühle ich, wie meine gewöhnliche Kraft zurückkehrt. Es war nur der erſte Augenblick, der mich rathlos und ver⸗ wirrt zu machen vermochte. Ich werde jetzt um ſo mehr über den entworfenen Plan nachdenken; der Deine oder der meine muß durchgehen. Kleide Dich jetzt an, liebe. Brigitte Marie, und begib Dich in's Wohnzimmer, wo ich in Kurzem ſelbſt eintreffen werde: denn es ſei ferne von mir, ihn auf meinem Zimmer zu empfangen, wo ſich die Unterhaltung nothwendig um einen einzigen Punkt, um ſpecielle oder allgemeine Geſchäfte drehen würde. Nein, dem muß man insbeſondere ausweichen, 12* und hiebei ſeid Ihr Frauenzimmer der beſte Bundesge⸗ noſſe. Gib Roſa einen Wink, mein Schatz, daß ſie einen Mann, gegen den ihr Vater in ſo großen und mannichfachen Verbindlichkeiten ſteht, mit beſonderer Artigkeit empfängt.“ „Ja, ja, ich werde wohl Alles thun, was von mir abhängt,“ antwortete die Kommerzienräthin;„und ich hoffe, wir werden ihn ſo beſchäftigen, daß er nicht viel Zeit übrig haben ſoll. Aber wie iſt es, ladet man ei⸗ nige Fremde auf heute Mittag ein?“ „Für heute nur einige Herren, meine Alte! Bleibt er abee länger, ſo müſſen wir morgen ein Hauptgaſtmahl geben.“ „Wie Du willſt,“ ſagte die Frau und ging hinaus, um eine neue Berathung mit der Haushälterin zu er⸗ öffnen, während ihr Kopf von der Menge Gedanken ſchwindelte, die ihn zum Tummelplatze erwählt hatten. Nachdem ſie die Thüre geſchloſſen hatte, ſtand der Groß⸗ händler ein paar Sekunden ſtumm mit gekreuzten Armen, dann begann er mechaniſch ſeine Toilette, und warf da⸗ zwiſchen einen Blick in den Spiegel, um zu ſehen, ob es ihm glückte, ſeine gewöhnliche, ſichere Haltung wie⸗ der anzunehmen, jedoch jetzt mit einem Beiſatz von zu⸗ vorkommender Artigkeit. 13. Die Vorſtellung.— Das Mittageſſen.— Fol⸗ gen des Morgenbeſuchs beim Kommerzienrath. In dem großen, prachtvollen, nur bei Feierlichkeiten geöffneten blauen Zimmer ſaß die Kommerzienräthin und Roſa, eine jede an ihrer Stickerei; die erſtere in der Ecke eines zierlichen Sophas, die letztere auf einem Tabouret am Fenſter. Der Kommerzienrath ſtand an — man wand reich ſchm entge zeug die j Hern Mar dem Wir Krei rathe Fol⸗ ath. eiten äthin te in inem d an raths verneigte ſich die Kommerzienräthin einmal über 181 einem Tiſche, und ergötzte ſich ganz unbefangen damit, einen Papagei zu necken, der von ſeinem vergoldeten Gefängniſſe aus nach einem Zuckerſtück in der Hand ſei⸗ nes Gebieters hakte. Dies war noch nicht lange ſo fort⸗ gegangen, als die Doppelthüren von Larsſons derben Händen aufgeriſſen wurden, und gerade wie die Worte: „Der Großhändler Garben!“ über ſeine Lippen gingen, trat auch der erwartete und gefürchtete Gaſt in eigener Perſon herein. 1 Es war ein bleicher und magerer Herr, von einer mehr als gewöhnlichen Länge. Seine ziemlich ſchönen Züge waren von einigen dünnen, hellen Haaren beſchat⸗ tet, welche zierlich über die gefurchte Stirne gekämmt waren, und die kleinen dunkelblauen Augen drückten Ernſt mit Güte vermiſcht aus. Aber um ſeine Lippen ging ein Zug von Kraft und Beſtimmtheit, der auch dann dort ſtehen blieb, wenn ſie ſich zu einem Lächeln öffneten, oder wenn es je bei einem ſolchen zu verſchwinden ſchien, ſo fand man gleich, daß dieſes Lächeln wie ein leichter Hauch vorüberflog, und nur die Oberfläche kräuſelte. Doch ſchien er kein ſteifer, langweiliger Schreibtiſch⸗ menſch zu ſein, ſondern ein ernſter, aber feiner Welt⸗ mann. Er war modern und reich gekleidet. Mit ge⸗ wandter Anmuth verbeugte er ſich vor den Damen und reichte dem Kommerzienrath die Hand, der mit der ge⸗ ſchmeidigſten und artigſten Miene dem geachteten Gaſte entgegenging, und ihn unter herzlichen Freundſchaftsbe⸗ zeugungen willkommen hieß. „Sehen Sie hier meine Frau und meine Tochter, die ſich ſchon längſt geſehnt haben, die Bekanntſchaft des Herrn Garben zu machen. Und hier, liebe Brigitte Marie, und Du, mein Kind, ſeht ihr den Mann, von dem ich ſo oft und mit ſo vieler Achtung geſprochen habe. Wir wollen hoffen, daß er nicht verſchmäht, in unſeren Kreis einzutreten.“ Bei dieſer ſeltſamen Vorſtellung des Kommerzien⸗ 182 das andere. Roſa machte einen tiefen Bückling mit ihrem ſchönen Köpfchen, ließ aber vor Verwunderung über dieſe Aeußerung ihres Vaters beinahe alle ihre Nähſachen auf den Boden fallen; denn ſo weit ſie ſich erinnern konnte, hatte ſie den Namen des fraglichen, ſo ſehr geachteten Mannes nie ausſprechen hören, außer in Verbindung mit einer Salz⸗ oder Getreidelieferung. Der däniſche Groß⸗ händler ſchien ebenfalls über dieſen außerordentlich freund⸗ ſchaftlichen und vertraulichen Empfang ein wenig ver⸗ wundert, und ſein ernſthafter, forſchender Blick überflog die Anweſenden mit einem feſten Ausdruck, worauf er mit einer höflichen Verbeugung den Stuhl nahm, den ihm der Wirth hinſetzte. Die Kommerzienräthin begann ſogleich mit einer Menge Fragen über die Beſchwerlich⸗ keiten der Reiſe und die ſchlechte Beſchaffenheit der Wege; aber da der Fremde ſie nicht ſonderlich weitläufig beant⸗ wortete, hielt ſie es für's Beſte, dem Geſpräch eine an- dere Wendung zu geben. „Wie lange werden wir das Vergnügen haben, den Herrn Großhändler bei uns zu ſehen?“ Der däniſche Herr ſah auf ſeinen Wirth, und ant⸗ wortete artig:„Wenn es dem Herrn Kommerzienrath nicht beſchwerlich fällt, ſo könnten wir wo möglich heute unſere Angelegenheiten vornehmen. Morgen beabſichtige ich, im Falle wir mit jenen zu Ende ſind, meine Reiſe nach Stockholm anzutreten.“ Herr Widen ſandte ſeiner Frau einen finſtern Blick zu, der ſie ſchnell überzeugte, daß ſie die Sache unge⸗ ſchickt angegriffen habe, und während ſie in der großen Angſt ihres Herzens an einen Ausweg dachte, um ihrem Mißgriff abzuhelfen, antwortete der Kommerzienrath ruhig und in einem zum Voraus wohleinſtudirten Tone:„Dar⸗ über können wir heute Mittag privatim reden, wenn es Herrn Garben ſo recht iſt.“ Die Sicherheit, womit dieſe Worte ausgeſprochen wurden, und das nicht unmerkliche ſtolze Mißbehagen das ſich in dieſen Worten kund gab, daß der Gaſt in F be li u w u n 2 a a n e g 3 G G 1 f 1 den ann lich⸗ ege; ant⸗ an⸗ den ant⸗ rath heute ztige Reiſe Blick inge⸗ oßen hrem uhig Dar⸗ n es ochen hagen ſt in 183 Gegenwart der Damen einen ſolchen Stoff berührte, über⸗ zeugten Garben mehr, als alle Verſicherungen es gethan haben würden, daß ſein erſter unbehaglicher Argwohn nur eine Folge jener Einflüſterungen geweſen ſei, die ſein Ohr erreicht hatten; denn dieſe Sicherheit, dieſe Freiheit, dieſen Stolz konnte ein Mann nicht wohl annehmen, der ſich in einigen Stunden am Rande des Abgrunds wußte. Nein, im Gegentheile, der ganze Ausdruck im Geſichte des Kommerzienraths zeugte von einem edlen Unwillen bei dem halben Schimmer von Mißtrauen in ſeinen Wil⸗ len und ſein Vermögen, die gewünſchte Rechenſchaft ab⸗ zulegen. Herr Garben glaubte daher, durch die Haſt, womit er zur Hauptſache kommen zu wollen ſchien, die Familie, von der er ſo freundlich empfangen worden war, beleidigt zu haben, und ſprach demgemäß in einem herz⸗ lichen Tone, der dem Kommerzienrath tröſtlich durch Mark und Bein drang:„Heute Nachmittag oder morgen früh, wie es Ihnen gefällig iſt. Ich befinde mich wohl genug, um mich nicht nach einer Beſchäftigung zu ſehnen, wo⸗ mit wir Merkursſöhne uns beſtändig abmühen.“— Hier⸗ auf wandte ſich Herrn Garbens Blick und Aufmerkſamkeit auf Roſa, und nachdem er ziemlich gewöhnlich damit angefangen hatte, die Kunſtfertigkeit zu bewundern, wo⸗ mit ſie immer neue Blumen auf das Tuch pflanzte, brachte er mit Gewandtheit die Unterhaltung auf diejenigen Ge⸗ genſtände, über die ein artiger unbekannter Mann vor⸗ zugsweiſe mit einem gebildeten Mädchen ſprechen kann, auf Kunſt, Literatur, Poeſie und ſo weiter. Ein Paar Stunden verflogen ſchnell, wobei Herr Garben immer mehr Gefallen an den feinen Bemerkungen Roſa's zu finden ſchien, die er ſelbſt fein hervorzurufen wußte. Ihr richtiger Takt und ihr angenehmer, ungekünſtelter Geſell⸗ ſchaftston verfehlten nicht, jetzt, wie immer, den zu ent⸗ zücken, mit welchem ſie ſprach. „Wir haben doch die Ehre, Herrn Garben auf Mit⸗ tag wieder zu ſehen,“ ſagte die Kommerzienräthin in dem ſüßeſten Tone, als der Gaſt aufſtand und dabei auf ſeine Uhr ſah. Der Großhändler dankte verbindlich, und ging, um noch ein Paar Vormittagsbeſuche zu machen. Die Familie hielt ſich ſtill auf ihren Plätzen, bis der letzte Schimmer von Herrn Garbens feinem, mit blauem Pelz gefüttertem Mantel hinter der Ecke des nächſten Hauſes verſchwunden war. Dann aber ſagte der Kommerzien⸗ rath zu ſeiner Frau, indem er tief Athem holte:„Nein, was Du für eine Gans biſt, Brigitte Marie! War das auch eine Frage unter ſolchen Umſtänden? Wenn ich nicht eine ſo außerordentliche Selbſtbeherrſchung beſeſſen hätte, ſo würdeſt Du damit eine recht hübſche Revolution angerichtet haben; aber glücklicherweiſe benahm ich mich auf eine Art, die eine höchſt vortheilhafte Wirkung auf ihn machte; das zeigte ſich deutlich. Aber die Augen⸗ blicke ſind koſtbar und müſſen klug angewendet werden. Was ſollen wir mit dem Kapitän anfangen? Haſt Du ihn auf Mittag einladen laſſen?“. „Sei deßhalb ganz unbekümmert, lieber Widen! Roſa hat ein Billet bekommen, das ſie benachrichtigt, daß Ferdinand heute auf's Land geht, um einige Tage abweſend zu ſein.“ „So, nun, das iſt gut! Ich hatte ſchon auf einen andern Ausweg gedacht; aber dieſer iſt am beſten, ja ganz vortrefflich! Und höre jetzt, Roſa, mein Kind!“ wandte ſich der Vater zu dem vor Erſtaunen verſtummten Mädchen,„höre jetzt wohl, was ich Dir ſagen will, und nehm'’ es Dir zu Herzen. Dieſer Mann, den ich, wie Du geſehen haſt, mit einem ſo ungewöhnlichen Grade von Artigkeit empfing, iſt mein größter Gläubiger, der mich, verſteh' mich wohl, wenn es ihm behagt, verhaften laſſen und uns Alle zu Bettlern machen kann. Ich habe aus Veranlaſſung dieſer leidigen Umſtände es für das Beſte gehalten, Dir ſelbſt zu ſagen, was das Ende vom Lied ſein kann, wenn wir nicht unſerer Seits Allem auf⸗ bieten, um dem Unglück zuvorzukommen, oder es wenig⸗ ſtens zu verzögern. Von Dir, Kind, hängt viel ab. Der Großhändler Garben hat offenbar an Deiner Unter⸗ 185 haltung Vergnügen gefunden. Biete Allem auf, um ihm zu gefallen. Du thuſt es ja nur um Deines Vaters willen,“ ſetzte er hinzu, und klopfte der Tochter auf die Wange, die bei dieſem zweideutigen Auftrag vor Unwillen erglühte.„Ja, Roſa, um Deines Vaters willen,“ wie⸗ derholte er noch einmal mit unverſtellter Rührung.„Wer weiß, vielleicht hältſt Du in Deinen zarten Händen den Faden, der ſtark genug iſt, um alle übrigen zu umſchlin⸗ gen, die jetzt nahe daran ſind, zu brechen und die zwei⸗ felsohne brechen müſſen, wenn ſie nicht bald feſter ge⸗ bunden werden.“ Roſa ſtand ſchweigend, ſie wagte nicht aufzuſehen; aber der Kommerzienrath las auch in dem niedergeſchla⸗ genen Blick die Antwort, und ſetzte deßhalb ſchnell hin⸗ zu:„Wenn all das geſchehen, und das alte Widen'ſche Haus zerſtückelt iſt, wie ſich aus einer Kette Ring von Ring löst,— dann, Roſa, haſt Du vielleicht keinen Va⸗ ter mehr, dem Du den Gehorſam verweigern kannſt.“ Der Kommerzienrath hatte wohl berechnet, wie weit er gehen durfte, um den Plan zu befördern, der ihm an⸗ fangs ungereimt erſchien, der aber jetzt— er mußte es zugeben,— einen fernen Schein von Wahrſcheinlichkeit hatte, wenn er richtig behandelt wurde; denn ausge⸗ zeichnet, ja mehr als gewöhnlich aufmerkſam und zuvor⸗ kommend hatte ſich Herr Garben gegen das Mädchen gezeigt. Es war klar, daß ſie ihm gefiel, und in dem⸗ ſelben Maaße fand es der Kommerzienrath angenehm, ſich mit dem möglichen Gedanken an eine Vereinigung der beiden Häuſer zu beſchäftigen. Deßhalb mußten Roſa's Gefühle auf's Aeußerſte gedrängt werden. Ihre Thränen ſtrömten auf die väterliche Hand, welche ſie ſchmeichelnd hinwegwiſchte, und als der Kommerzienrath ſo weit gekommen war, ſetzte er nur noch hinzu:„Ich ſehe, daß Du mich verſtehſt, mein Kind, und Du brauchſt Dir keineswegs Vorwürfe zu machen; denn unſere An⸗ gelegenheiten mögen nun ausfallen, wie ſie wollen, ſo 187 heute früh; aber Netze auszuwerfen, um ihn zu fangen, das iſt mir unmöglich.— O wie finſter und umwölkt zeigt ſich nicht die Zukunft!— Mannerſtedt, Du herr⸗ licher, ſtrahlender Stern! unſere Bahnen laufen wohl nie zuſammen!“ Roſa's Gedankengang blieb hier wie von ſelbſt ſtehen. Sie lehnte den Kopf gegen die Sopha⸗ kante, und ſiel in einen betäubungsähnlichen Zuſtand; aber mit einer gewaltſamen Anſtrengung riß ſie ſich aus dieſer Art Schlummer empor, und heftete mit der Kraft ihres Willens die Gedanken auf Ferdinand.—„Was war es denn, das er ſchrieb?“ ſagte ſie,„ich will es noch einmal leſen.“— Dabei nahm ſie das Billet des Kapitäns, welches die Antwort auf ihr eigenes enthielt und durchlief Folgendes: „Theuerſte Roſa! „Ich bin in der betrübteſten und hoffnungsloſeſten Gemüthsſtimmung, und jener Fremde, den Du erwähnſt, erhöht meine Unruhe. Ich fürchte, dieß möchte ein ge⸗ fährlicher Beſuch für Deinen Vater werden, man flüſtert hier ſchon Eines und das Andere, das mich auf das Höchſte erſchreckt. Da Du unmöglich heute und viel⸗ leicht auch Morgen nicht eine Gelegenheit findeſt, um meinen Angelegenheiten eine Stunde beim Onkel zu wid⸗ men, ſo ziehe ich es vor, während dieſer peinlichen Tage auf dem Lande zu verweilen, überzeugt, daß Du, engel⸗ gute Roſa, ſobald Du einen freien Augenblick haſt, zum Profeſſor eilen und die ganze Kraft Deiner liebenswür⸗ digen Beredtſamkeit an ſeinem gerade noch nicht erſtarr⸗ ten Herzen verſuchen wirſt. Vermag irgend ein menſch⸗ liches Weſen jenes zu erweichen, ſo biſt es Du allein! — In tödtlicher Angſt bringe ich drei Tage in der Ferne zu. Mittwoch Abend bin ich zurück, und hole Leben oder Tod von Deinen Lippen. Ferdinand.“ „Wie leid thut es mir um ihn!“ ſeufzte Roſa, in⸗ 188 dem ſie das Billet zuſammenfaltete und wieder zu ſich ſteckte.„Das Leben von meinen Lippen, armer Ferdi⸗ nand, wird ziemlich ſchwach ausfallen. Gott weiß, was ich Dir zu verkündigen habe; aber ich wage es nicht, an eine Hoffnung zu denken. Könnte ich nur zum Pro⸗ feſſor kommen, ehe Papa Gelegenheit findet, ſeinen neuen Plan in's Werk zu ſetzen. Dieſer Vorſchlag erfüllt mich jedoch mit einem Gefühl, dem ich keinen Namen zu ge⸗ ben weiß. Hätten nicht die heute zuſammentreffenden, finſtern Ereigniſſe alle meine Sorgen für die Zukunft wie in einen Brennpunkt gedrängt, ſo würde ich die⸗ ſes Gefühl für eine Seligkeit gehalten haben, denn wenn wir arm werden, kann ſich Vieles verändern. Was aber mag das jetzt nützen?— Für Ferdinand hatte ich we⸗ nigſtens Freundſchaft, Theilnahme und herzliches Wohl⸗ wollen; ich hätte ihn vielleicht glücklich machen, ſeinen Charakter vielleicht ändern, und auf ſeine beſſeren Ge⸗ fühle einwirken können— aber dieſer Fremdling iſt mir ganz gleichgiltig.— O Du armes Herz, mußt Du denn ewig ſchweigen! doch wer weiß, welche Hinderniſſe dieſem zweiten Plan Papa's begegnen können! Garben ſcheint mir ein Mann von klarem Verſtande zu ſein. Ich fürchte und hoffe, daß ſein ſcharfer Blick den ſchim⸗ mernden Schleier durchdringen wird, den mein Vater über die dunkle Tiefe geworfen hat; und dann, ich ſchau⸗ dere, wenn ich daran denke! wollte Gott, daß er Muth genug beſäße, um anſtatt dieſes falſchen Prunkes das wahre Verhältniß einfach zu erklären, und an ſeine Ehre und ſeinen Edelmuth bei einer Vergleichung appelliren! Gewiß würde der Mann nicht unbeweglich ſein; denn er hat Gefühl und Bildung. Und wie gerne wollte ich nicht ein gutes, bittendes Wort einlegen! das wäre einer Tochter würdig, nicht aber die Rolle, die man mir zu ſpielen zumuthet.— Ach, wenn ich zu ihm hinauf gehen und ihm ganz offen meine Gedanken ſagen dürfte; aber er hört mich nicht, das weiß ich zum Voraus. Doch 189 will ich mich nicht abſchrecken laſſen. Heute Abend, wenn Alles ſtill geworden iſt, will ich ihn auf meinen Knieen anflehen, daß er dieſen Ausweg wähle.“ „Roſa, Roſa,“ rief jetzt Carolinchens Stimme durch die halbgeöffnete Thüre.„Mama fragt, warum Du nicht heraus kommſt und ihr hilfſt. Eile Dich, eile Dich, Roſa! Du ſollſt den Tiſch anordnen, ſagte Mama.“ „Ich komme, Kleine,“ antwortete die ältere Schwe⸗ ſter, und über die Unthätigkeit erröthend, da alle Andern die Hände voll hatten, eilte ſie in den Speiſeſaal. Als ſich der Großhändler Garben einige Minuten nach drei Uhr wieder in dem Saale des Kommerzienraths zeigte, war eine Verſammlung von Herren in verſchie⸗ denen Gruppen dort zerſtreut. Ueber Tiſche wurde po⸗ litiſirt, und als der Kaffee getrunken war, ſetzte ſich Roſa auf einen Wink ihres Vaters an das Piano. Sie war ſo gewöhnt, ihr Talent vor Fremden hören zu laſ⸗ ſen, daß es jetzt wie immer vortrefflich ging. arben nahte ſich mit der eigenen ſtillen Vorſicht eines Muſik⸗ liebhabers und ſtellte ſich hinter ihren Stuhl. Hier war er ſo ganz und gar Ohr, daß er einige Fragen des Bürgermeiſters unbeantwortet ließ, welcher, weit entfernt den Geſchmack des Fremden zu theilen, eifrig die Abhand⸗ lung fortzuſetzen wünſchte, die der däniſche Kaufmann auf eine ſo neue und intereſſante Art mit ihm beſpro⸗ chen hatte, die aber jener zur unglaublichen Freude des Kommerzienraths und ſeiner Frau, die jetzt in der Stille den Erfolg ihres Planes bemerkten und einander ver⸗ ſtohlen zulächelten, ganz vergeſſen zu haben ſchien. Als die letzten Töne zitternd hingeſtorben waren, und der Bürgermeiſter nebſt einigen anderen Herren ein lautes: „Danke gehorſamſt!“ angebracht hatten, beugte ſich Herr Garben zu ihr nieder und ſagte artig:„Ein ſolcher Ge⸗ nuß wird meiner Anſicht nach durch platte Dankbezeu⸗ gungen nur entweiht; aber ich ſehe hier Geſangnoten, und ich würde mich unendlich glücklich ſchätzen, wenn ich 190 einen der reinen Töne hören dürfte, die in dem Herzen einer nordiſchen Nachtigall wohnen.“. Roſa erröthete über die feine Schmeichelei, neigte leicht den Kopf und antwortete freundlich lächelnd: „Gerne; aber Herr Garben wird ſich ſelbſt die Schuld beimeſſen müſſen, wenn die Nachtigall die Erwartung ihres Lobredners täuſcht.“ „Darein will ich mich finden,“ ſagte der Großhänd⸗ ler verbindlich, und zog ſich an das andere Ende des Zimmers zurück, wohin ihm die übrigen Herren folgten. Roſa präludirte nicht lange, denn Ziererei war ihr zum Ekel, und bald ließ ſie das Accompagnement zu Geijer's Freibeuter hören. Der herrliche Schluß deſſelben bebte wie ein Geiſterhauch durch den Raum, und ſchlug manche ſanftere Saite in den mehr oder weniger muſikaliſchen Seelen der ſtummen Zuhörer an. Der Erſte, der ſeine Stimme erhob, als Roſa geendet hatte, und in demſel⸗ ben Augenblicke aufſtand, war der Bürgermeiſter B— „Auf meine Ehre!“ ſagte er,„Fräulein Roſa ſingt den Freibeuter beſſer, als meine Frau! Sie müſſen das zu⸗ ſammenüben; denn Aurora's Piano iſt auf alle Fälle weit beſſer. Es koſtete mich auch ein hübſches Geld, 600 Reichsthaler Banko. Was gab der Herr Bruder für das hier?“ „Nicht viel weniger,“ erwiederte der Kommerzien⸗ rath etwas ärgerlich und die Kommerzienräthin betheuerte laut, daß der Kandidat Mannerſtedt, der, wie jeder wußte, mehrere Inſtrumente ſo geſchickt zu behandeln verſtünde, und allgemein die Piano's in der Stadt ſtimmte, oftmals verſichert habe, Roſa's Piano ſei dop⸗ pelt, ja dreifach ſo gut, als das der Frau Bürger⸗ meiſterin. „Wie hat er ſo etwas ſagen können?“ entgegnete der Bürgermeiſter blutroth.„Er hat über Sachen ge⸗ urtheilt, die er nicht verſteht. Aber da ſieht man die Folge davon, wenn man aufgeblaſene, eigenliebige 191 Burſche in ſein Haus aufnimmt, die glauben, ſie ver⸗ ſtehen Alles, und nicht einmal das können, was ſie am nothwendigſten wiſſen ſollten, nämlich wie ſie ihre Zunge bemeiſtern ſollten.“) „Nun, nun, das war ja kein Majeſtätsverbrechen,“ ſcherzte die Kommerzienräthin ſchadenfroh.„Herr Man⸗ nerſtedt hat immer einen Grund, wenn er etwas be⸗ hauptet, und iſt überdies,“ ſetzte ſie in einem wichtigeren Gönnertone hinzu,„einer meiner Lieblinge; ein recht hübſcher Jüngling, gelehrt, verſtändig und beſcheiden; ein wahrhaft ungewöhnlicher junger Mann.“. „Ein eigenliebiger, eingebildeter Narr iſt er,“ ant⸗ wortete der Bürgermeiſter, durch das Lob noch mehr er⸗ bittert, das die Wirthin an ihn verſchwendete.„Und hätte er nicht dieſer Tage ſelbſt ſeine Lektionen in meinem Hauſe aufgeſagt, ſo würde ich ihn verabſchiedet haben; denn ein ſolcher Muſiklehrer verdirbt durch ſeine Unge⸗ ſchicklichkeit die Anlage der Kinder, anſtatt ſie auszu⸗ bilden. Wahrſcheinlich hatte der gnädige Herr eine Ah⸗ nung von meiner Abſicht, und hielt es deßhalb für beſ⸗ ſer, mir zuvorzukommen.“ „Nein, darin täuſchen Sie ſich ſehr,“ verſicherte die Kommerzienräthin; ich glaube nie, daß er daran gedacht hat, aber er iſt jetzt im Begriff, nach Lund ab⸗ zureiſen, und hat deßhalb alle ſeine Lektionen aufgeſagt. Uns thut dies ſehr leid, nicht allein, weil er ein uner⸗ ſetzlicher Verluſt bei den Kindern iſt, ſondern auch, weil wir an dem armen, beſcheidenen Jüngling eine ange⸗ nehme und gute Geſellſchaft verlieren.“ Der Bürgermeiſter zuckte mit einem verächtlichen: „Ich bedaure!“ die Achſeln, und während hier der kleine Zwiſt fortging, hatte ſich der Großhändler Garben Roſa genähert, welche, indem ſie ihre Arbeit zuſammennahm und ordnete, mit der größten Aufmerkſamkeit zuhörte, wie die Mutter den Abgott ihres Herzens vertheidigte „Ich preiſe meine Kühnheit und mein Ahnungs⸗ 192 vermögen,“ ſagte der däniſche Herr, und nahm an der Seite des Mädchens Platz.„Fräulein Widen hat ihr Talent bis zu einem ſeltenen Grad über den Punkt hin⸗ aus ausgebildet, wie man es bloß zu ſeinem Vergnügen übt.“— Er ſah ihr freundlich und dankbar in's Auge. „Herr Garben iſt ſehr artig,“ lächelte Roſa;„man kann überdies nie wiſſen, wozu Talente nützen können; oder beſſer geſagt, ob man ſie nicht einmal zu etwas Anderem, als ſeinem Vergnügen nöthig hat.“ Garben wollte etwas darauf antworten, als der Kommerzienrath herzu trat, und ihm meldete, daß der Spieltiſch ſeiner warte. Der däniſche Kaufmann ſtand auf und verließ mit einer verbindlichen Verbeugung die ſchöne Göttin des Hauſes. Es war über zwei Uhr in der Nacht, als ſich die Geſellſchaft trennte, und der Gaſt ſchien froh und zufrie⸗ den, als er Abſchied nahm, um ſo mehr, da der Kommerzien⸗ rath eine Frage, die auf ſeinen Lippen ſchwebte, ihm da⸗ durch abnahm, daß er zu ihm ſagte:„Morgen, bei Zeiten werde ich mir das Vergnügen nehmen, Herrn Garben meine Aufwartung zu machen und ihn zum Frühſtück zu holen,“ dies ſetzte er hinzu, als der Großhändler ſchon auf der Straße unten war. Als Alle fort waren, und der Hausvater, der in Wahrheit nach einer ſo mehrſtündigen Anſtrengung der Ruhe bedurfte, das Licht nahm, um ſich in ſein Schlaf⸗ zimmer zu begeben, faßte Roſa ſeine Hand, und während ſie allein waren— denn die Kommerzienräthin befand ſich draußen und die kleinen Geſchwiſter waren zu Bette gegangen— benützte ſie die Gelegenheit, und bat ihren Vater demüthig und beweglich, wie auch der Zuſtand ſeiner Angelegenheiten ſein möge, ſich lieber der Redlich⸗ keit des Fremden anzuvertrauen, als— als— ſie ſchwieg, ſie wagte es nicht, ihre Gedanken auszuſprechen; aber das bittende, thränenvolle, auf den Vater gerichtete Auge drückte mehr aus, als Worte vermochten. betrr Satz Du mich dem ter, In ich in d Farl habe meir betr. iſt e kein he legte Dun einer beſit ihre Doc ich! Kin ſchle gen ſein meld Her gnü⸗ 4 Danr und ſehe 8 3 zen der iund en-⸗ ben ber 193 „Als durch einen falſchen Schein ihn blenden und betrügen,“ ſchloß der Kommerzienrath den unvollendeten Satz.„Aber glaube mir, meine Tochter, das verſtehſt Du platterdings nicht, und mußt es nicht verſuchen, mich ſo etwas kennen lernen zu wollen, denn es ſteht dem Weibe nicht an, am allerwenigſten aber der Toch⸗ ter, ſich in die Angelegenheiten des Mannes zu miſchen. In allem Andern höre ich gerne Deine Meinung, da ich weiß, daß Du ein verſtändiges Mädchen biſt; aber in dieſem Falle urtheilſt Du wie der Blinde von der Farbe. Thue deßhalb nur ganz einfach, was ich geſagt habe, und Alles kann noch gut endigen, ja recht gut, mein Kind.“ „O Papa, beſter Papa!“ bat Roſa und ſchüttelte betrübt und ungläubig ihr ſchönes Köpſchen,„dießmal iſt es mir unmoͤglich, zu gehorchen; ich kann und will keinem Manne nach Berechnung gefallen.“ „Mit oder ohne Berechnung,“ erwiederte der Kom⸗ merzienrath ungeduldig, indem er die Hand auf's Schloß legte,„das iſt daſſelbe. Genug, wenn es geſchieht und Du Dich im Uebrigen ſo aufführſt, wie ich es von einem Mädchen erwarten kann, das Verſtand genug beſitzt, um einzuſehen, daß ſie im andern Falle ſich ſelbſt, lihren Vater und ihre ganze Familie in's Unglück ſtürzt. in e Doch wir wollen nichts mehr von der Sache ſprechen; ich habe außerdem Kummer genug. Gute Nacht, mein Kind!“ Er küßte ſeine Tochter auf die Stirne und ſchloß die Thüre. Der Großhändler Garben ſaß am folgenden Mor⸗ gen bei ſeiner Pfeife und Kaffeetaſſe, als man zu ſeinem großen Vergnügen den Kommerzienrath Widen meldete. Nach einigen vorausgehenden Artigkeiten von Herrn Garben's Seite in Betreff des geſtrigen Ver⸗ gnügens, erkundigte er ſich nach dem Befinden der Damen. Der Kommerzienrath dankte verbindlichſt, un bat ihn, ſelbſt zu kommen und nach ihnen zu ehen. Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. 13 194 „Ich fürchte, es iſt mir unmöglich,“ ſagte der der däniſche Herr;„es dürfte ſonſt auch heute Nichts aus Be unſern Geſchäften werden.“ „Ei, wir haben ja den ganzen Tag vor uns,“ an entgegnete der Kommerzienrath;„denn ich hoffe, Herr put Garben gedenkt nicht vor morgen abzureiſen?“ und „Das wäre mir ſehr ungeſchickt,“ meinte der Er⸗ zuſ ſtere.„Ich ſollte eigentlich ſchon heute Abend lunter⸗ das wegs ſein; denn ich muß durchaus an einem beſtimmten und Tage dort eintreffen; doch ich hoffe, es wird gehen, nät wenn ich morgen bei Zeit abreiſe.“ mo „Wie lange beabſichtigt Herr Garben in Stock⸗ Mi holm zu bleiben?“ fragte der Kommerzienrath. ſpr „Höchſtens acht Tage, und bei meiner Rückkehr ich können wir das durchſehen, woran wir heute nicht mehr Rü kommen; aber ich wünſche, daß wir je eher je lieber damit beginnen. Deßhalb erbitte ich mir von dem Wi Herrn Kommerzienrath als die größte Gefälligkeit, zien wenn Sie ſich nicht mit Geſellſchaft beläſtigen wollten, an da dieß ernſtere Geſchäfte hindert; und da ſich meine Reiſe nicht länger aufſchieben läßt, ſo bitte ich um Erlaubniß, den Herrn Kommerzienrath um halb eilf die Uhr auf ſeinem Zimmer beſuchen zu dürfen.“ und „Wie Herr Garben beſiehlt; ich hatte freilich die die Abſicht, einige Freunde auf Mittag zum Eſſen zu bitten; wel aber wir können damit bis zu Ihrer Rückkehr warten; En denn zuerſt Geſchäfte und dann Vergnügen, pflegte mein läch ſeliger Vater zu ſagen und darin hatte er Recht. Alſo Wi um halb eilf! Höchſt willkommen bis dahin! Alles wird in Ordnung ſein. Herr Garben nimmt wohl zier zuerſt ein kleines Frühſtück mit meiner Familie ein? thu nachher ſind wir dann ganz ungeſtört.“ gle 6 Herr Garben wollte ſich das Frühſtück verbitten; aber der Kommerzienrath erhielt endlich ſeine Einwil⸗ rien ligung, verbeugte ſich und nahm Abſchied. ſi Als der bedrückte Mann heim kam, winkte er fei⸗ ner Frau mit den Augen, ihm in das nächſte Zimmer zu folgen. Die Kommerzienräthin ahnte nichts Gutes, mit — ,— à — — —„ — ehr ehr ber em eit, een, ine um eilf die en; en; ein Ulſo les ohl in? en; vil⸗ ſei⸗ 1 mer — tes, mit viel Genauigkeit unterſucht, und nnn ſchnell zwei 195 denn ſie ſah, daß ſeine Kniee zitterten, und nachdem Beide unter tiefem Schweigen ſich geſetzt hatten, ſagte der Kommerzienrath in dumpfem Tone:„Denke nicht an ein Mittageſſen; daraus wird Nichts. Er kommt punkt halb eilf Uhr, und Einwendungen, Ausſlüchte und Einladungen, wenn wir auch die ganze Stadt zuſammen brächten, führen zu Nichts. Alles das rückt das Ziel unſeres Strebens nicht näher; es iſt beſtimmt, und ich faßte deßhalb den beſtmöglichen Entſchluß, nämlich den, ihn ſo ruhig und feſt, als ich es ver⸗ mochte, zu den Geſchäften willkommen zu heißen. Mit größter Schwierigkeit nöthigte ich ihm das Ver⸗ ſprechen ab, mit uns zu frühſtücken, und hierauf baue ich meine letzte Hoffnung auf Aufſchub bis zu ſeiner Rückkehr.“ „Nun aber, was um's Himmels willen, lieber Widen, mag Dein Plan ſein?“ fragte die Kommer⸗ zienräthin zitternd, und ſchmiegte ſich voll Unruhe 4 den gequälten Mann.„Sprich, mein Alter, laß hören!“ Der Kommerzienrath beugte ſich vorſichtig zurück, die Kommerzienräthin hielt ihr Ohr an ſeine Lippen und jetzt folgte eine lange und flüſternde Unterhaltung, die von leiſen Ausrufen der Frau unterbrochen wurde, welche jedoch Befriedigung auszudrücken ſchienen. Endlich erhob ſie ſich und ſprach halb ängſtlich, halb lächelnbe„Wenn das nur nicht gefährlich iſt, lieber iden.“ „Nicht im Geringſten,“ verſicherte der Kommer⸗ zienrath;„ich glaube im Gegentheile, daß es mir gut thun wird. Gehe jetzt nur, ſei vorſichtig, und komme gleich zurück!“ Die Frau ging hinaus, trat in das Schlafzimmer, riegelte die Thüre und ließ die Gardine herab, worauf ſie ſtill und eilig eine kleine Schatouille öffnete, in der allerhand verwahrt wurde. Sie beſah verſchiedene Päck⸗ chen in Form von Pulver; die Ueberſchriften wurden 196 herausgenommen, welche ſie behend zwiſchen die Falten des Rockes ſteckte, und nachdem Alles wieder in gehörige Ordnung gebracht war, kehrte Madame Widen zu dem wartenden Gatten zurück. Hier wurden ebenfalls die Gardinen herabgelaſſen; ſie nahm das verſteckte Gut hervor und ſagte in faſt weinerlichem Tone:„Es iſt zu toll, lieber Widen! glaubſt Du denn, daß es keine andere Hülfe gibt?“ „Nein, hab' ich Dir geſagt,“ erwiederte der Kom⸗ merzienrath ungeduldig;„mit dem Mädchen kann durch⸗ aus Nichts ausgerichtet werden, bis er zurückkommt. Das Einzige, was wir erreichen können, iſt, daß wir Zeit gewinnen. Verſchwende ſie alſo nicht unnöthig, Brigitte Marie, ſondern eile Dich.“ Die Kommerzienräthin ſchüttete ohne eine weitere Einwendung die beiden Pulper in ein Glas, goß etwas Waſſer darauf, ſchüttelte es um und reichte es ihrem Manne. Der Kommerzienrath verſchluckte es grinſend, ſpuckte aus und ſagte:„Pfui Teufel, wie ſchlecht! Doch wenn es nur hilft, ſo mag es hingehen.— Jetzt ſchnell, Brigitte Marie, Alles in Ordnung gebracht, Vorſicht und Klugheit!“— Das Ehepaar ging nach verſchiedenen Seiten hinaus. 14. Das Frühſtück.— Eine Scene bei Profeſſor Ling. Als der Großhändler Garben um die feſtgeſetzte Zeit anlangte, wurde er von der Familie im Speiſe⸗ ſaal empfangen, wo man ein kleines vortreffliches Früh ſtück aufgetragen hatte. Mit leichtem Herzen ſah Herr Garben, daß auf keine Fremde gerechnet war und Alles eine baldige Erledigung des gewünſchten Zweckes zu 4 verſprechen ſchien. 197 Das ganze Frühſtück hatte ein geſchäftsmäßiges Ausſehen: kalte Speiſen und eine geordnete ſchnelle Bedienung, wie wenn man Eile hätte.—„Wir werden Allem aufbieten, um ein deſto beſſeres Mittageſſen zu haben,“ lächelte die Kommerzienräthin, indem ſie artig dem Gaſte zuſprach, etwas mehr à la daube zu neh⸗ men;„aber ich muß mir doch die Ehre nehmen, Ihnen zu ſagen, daß mein Mann die Langſamkeit nicht liebt, ſobald von Geſchäften die Rede iſt. Ich wollte daher unſerem geſchätzten Gaſte zeigen, wie die ſchwediſchen Frauen den Wünſchen ihrer Männer zu begegnen wiſſen, und das Frühſtück wurde deßhalb etwas übereilt.“ „Ich finde es ausgeſucht,“ verſicherte Herr Garben, und zeigte durch ſein Benehmen, daß er nach beſter Ueberzeugung ſprach.„Aber,“ ſetzte er hinzu,„was den freundlichen und gütigen Charakter der ſchwediſchen Damen betrifft, ſo halte ich es für meine Pflicht, zu verſichern, daß, ſo vollkommen ich auch von ihren lie⸗ benswürdigen Eigenſchaften überzeugt bin, die däniſchen Frauen ihren Schweſtern in dieſen Tugenden Nichts nachgeben; und da ich bald ſelbſt Ehemann ſein werde, ſo ſehe ich mich deſto mehr veranlaßt, dieſe Behauptung zu verfechten.“ Bei dieſer unvermutheten Neuigkeit ließ die Kom⸗ merzienräthin eine Eſſigſchale über ihr neues Thibet⸗ kleid fallen, und der Kommerzienrath ſagte:„Wir haben die Ehre, zu gratuliren,“ ſtürzte aber in dem⸗ ſelben Athemzug ein Glas Portwein hinab, wie wenn es Leben oder Tod gälte, wer zuerſt ein ſolches ver⸗ ſchlinge. Inzwiſchen war die Frau wieder hinlänglich zu ſich ſelbſt gekommen, um, während ſie mit der Serviette die Eſſigflecken auf ihrem Kleide abtrocknete, in dem ſüßeſten Tone zu ſagen:„Ach, wie angenehm, eine ſo intereſſante Neuigkeit zu hören! Wir dürfen doch hoffen, Herrn Garben mit ſeiner Frau bei uns zu ſehen, wenn Sie das nächſtemal Schweden beſuchen?“ 198 Als Mama geendet hatte, erhob Roſa frei und anmuthig ihr Glas, ſtand etwas auf und ſagte mit unverſtellter, herzlicher Freude:„Glück und Wohl⸗ fahrt und einen freundlichen Gruß für Herrn Garben’s Braut!“ „Ich danke, ich danke auf das Verbindlichſte,“ er⸗ Glas an ſeine Lippen.„Meine Braut hat die Ehre, Fräulein Widen ſehr zu gleichen, und ich habe mich deßhalb ſo heimiſch und behaglich in der Geſellſchaft ihres Abbilds gefühlt.“ „Sehr verbunden,“ lächelte Roſa. Ich glaubte vich. daß Herr Garben eine ſo junge Braut gewählt hätte.“ „Nun, obwohl ich mich ſelbſt im mittleren Alter befinde, ſo liebe ich doch noch das Jugendliche, beſon⸗ ders bei Bräuten. Meine Rika iſt nicht viel über neunzehn Jahre alt.“ „Iſt Alles in Ordnung?“ fragte der Kommerzien⸗ rath in eiligem und ungeduldigem Tone den erſten Buchhalter, welcher aus allen Kräften bemüht war, einen Birkhuhnflügel zu zerſchneiden, der etwas zäh zu ſein ſchien. „Alles, Herr Patron!“ Der Buchhalter ſprach und aß mit gleicher Geſchwindigkeit; denn er ſah den Augenblick herannahen, wo die Stühle gerückt werden würden; und er fühlte, daß er noch nicht Ladung genug eingenommen hatte, um damit ausreichen zu können, bis man ſich wieder zu Tiſche ſetzen würde, was, wie er befürchtete, ſich weit in den Tag hinein verzö⸗ gern könnte. „Wie bald dürfen wir die Herren zurück erwarten?“ fragte die Kommerzienräthin unbefangen, und rückte den Stuhl. „Um drei Uhr, wie gewöhnlich, Brigitte Marie,“ ſprach der Kommerzienrath und ſah auf ſeine Uhr: „doch jetzt iſt es Zeit, wenn es Herrn Garben gefällig iſt.“— Dieſer nickte beifällig; aber in demſelben wiederte der däniſche Großhändler, und brachte das 1dOSͤ= —— — h———9————.— — Augenblick, als ſich der Kommerzienrath erheben wollte, ſchwankte er auf ſeinem Stuhle hin und her; einige heftige Zuckungen, wie von einem tödtlichen, innern Schmerz, verzerrten ſeine Züge, und er ſchien nahe am Umſinken. Die Frau kreiſchte in einem herzzer⸗ reißenden Tone:„Widen, mein lieber Freund, um Gotteswillen, was iſt Dir?“ Jetzt ſprang die Geſellſchaft Hals über Kopf vom Tiſche auf, der erſte und zweite Buchhalter liefen herzu und unterſtützten ihren Patron, der zum Sopha mehr geſchleppt wurde, als ging. Dort ſank er unter hefti⸗ gen Zuckungen und erſchöpft vom gedämpften Schreien nieder. Roſa lief mit Waſſer herbei, die Kommerzien⸗ räthin brachte Tropfen, und Alles war Lärm und Be⸗ wegung. Der erſte Buchhalter wurde nach dem Arzte geſandt, und Herr Garben ſuchte freundlich und mit⸗ leidig die Frauenzimmer zu tröſten; aber ſo weit es die bekümmerte Gattin betraf, war aller Troſt vergeb⸗ lich, alle Worte umſonſt. In tödtlicher Angſt flog ſte ab und zu, weinte und rang die Hände mit einer Ver⸗ zweiflung, die höchſt rührend und natürlich ſchien. Jetzt zeigten ſich Symptome zu gewaltſamem Erbrechen bei dem Kranken, und Madame Widen beruhigte ſich. „Frau Bern, Frau Bern!“ rief ſie aus allen Kräften.„Komm' und helfe Sie! wo iſt Larsſon?— und Stinna— und Louiſe? wir müſſen meinen armen Alten zu Bette bringen, ehe der Doctor kommt!“ Mit größter Schwierigkeit wurde die irdiſche Hülle des Kommerzienraths in das Schlafzimmer gebracht, wo er noch gerade zu rechter Zeit anlangte; denn Roſa und der Großhändler Garben, die im äußern Zimmer geblieben waren, hörten ſehr deutlich durch die offene Thüre, daß die Symptome nicht gelogen hatten. Es war ein unerhörtes Schreien und Lärmen, und als nun der Kommerzienrath matt und kraftlos auf die Kiſſen niederſank, ſchluchzte die Kommerzienräthin überlaut, kniete am Bette nieder und flüſterte ihrem Manne leiſe in's Ohr:„Lieber Widen, Du biſt ſo blaß, Du machſt 200 mir wirklich Angſt!— Sieh' auf!— Ich ſterbe vor Schreck!“ Aber der Kommerzienrath ſah nicht auf, ſondern blieb bleich und mit geſchloſſenen Augen liegen, und jetzt ging ein neuer Bote an den Arzt ab. Endlich ſtand dieſer am Bette des Kranken, und erklärte, der Kommerzienrath habe ſich heftig erkältet, und wahrſcheinlich noch dazu am vorigen Tage etwas Unverdauliches gegeſſen. Als der Doctor ſchweißtrei⸗ bende Mittel und Ruhe verordnet hatte, erklärte er weiter, daß die Sache von keiner Bedeutung ſei, und der Kommerzienrath wahrſcheinlich in einigen Tagen wieder ganz geſund ſein würde, wenn nämlich kein Fieber dazu käme. Herr Garben und Roſa hörten jedes Wort.„Gott ſei Dank!“ ſagte das Mädchen,„der Doctor gibt gute Hoffnung! Und wenn der Herr Großhändler morgen noch da bleiben könnte, ſo wäre er vielleicht dann ſo weit hergeſtellt, um die ſo unglücklicherweiſe aufgeſcho⸗ benen Geſchäfte wieder vornehmen zu können.“ „Es iſt mir leider unmöglich, länger zu zögern. Ich muß im Gegentheile noch heute abreiſen; denn da hier jetzt Nichts gethan werden kann, ſo bringt mir eine ſchleunige Abreiſe wenigſtens den Gewinn, daß ich um ſo bälder zurück ſein kann, und ich hoffe, mit Gottes Hülfe den Herrn Kommerzienrath dann wieder voll⸗ kommen hergeſtellt zu finden.“ Da der Kranke verſuchen ſollte, etwas Ruhe zu genießen, trat der Doctor und die Kommerzienräthin in das Wohnzimmer heraus. „Ach, wie traurig, mein beſter Herr Garben!“ ſeufzte Madame Widen, und ſchüttelte betrübt den Kopf;„wie wenig wiſſen wir arme Menſchen in der einen Minute, was die andere bringt. Ich hatte auf einen ſo angenehmen Abend im häuslichen Kreiſe, nach den Arbeiten der Herren, gerechnet; nun iſt es für dießmal mit der Freude vorbei. Wir werden aber zu ſehen?“ doch bald das Vergnügen haben, Herrn Garben wieder ——, e=—— 2 ——————-—— ·⸗—Hõ/—, 201 „In vierzehn Tagen hoffe ich zurück zu ſein; doch ich will Ihnen bei der Unruhe, die in Ihrem Hauſe herrſcht, nicht länger beſchwerlich fallen.“— Herr Garben nahm Abſchied, küßte den Damen artig die Hand, und wurde von der Kommerzienräthin unter unanſherlichen Bedauern bis zu der unterſten Treppe egleitet. Zwei Stunden ſpäter, als Madame Widen allein im Krankenzimmer ihres Mannes ſaß, fuhr der große Reiſewagen vor der Svanſtedtiſchen Thüre vor. Das Wirthshausperſonale trieb ſich mit eben ſolcher Dienſt⸗ fertigkeit herum, wie bei der Ankunft des Reiſenden. Endlich war Alles im Reinen. Der Kutſcher klatſchte mit der Peitſche, Großhändler Garben lüftete artig die Reiſemütze, der Wirth verbeugte ſich mit dem Hute in der Hand, der Wagen rollte die Straße da⸗ hin und die Kommerzienräthin ſagte, tief Athem holend:„Gott ſei Lob und Dankl jetzt iſt er fort, mein Alter!“ Der Kommerzienrath erhob ſich im Bette, und ſagte mit einem halb ſüß, halb ſauern Lächeln:„Das ging verflucht hart, doch es ging. Jetzt müſſen wir auf etwas Anderes denken. Es war eine Gnade des Himmels, daß er von ſeiner Verbindung ſprach; ſonſt hätte ich bei den Hoffnungen, die wir auf Roſa ſetzten, Nichts als eine Friſt von vierzehn Tagen gewonnen. Jetzt dagegen, da es mit dem Mädchen nichts werden kann, muß ich meinem erſten Plane folgen; dabei bleibt's!“ Als der Kommerzienrath ſah, daß ſich ſeine Frau auf einige Einwendungen bereit machte, ſetzte er in einem Tone, deſſen er ſich ſelten bediente, und gegen den ſie deshalb keinen Einwurf wagte, hinzu:„Bri⸗ gitte Marie, meine Alte, geh' in das nächſte Zimmer; ich muß meine Gedanken ſammeln.“ Den Tag darauf hüllte ſich Roſa in ihren Man⸗ tel, und ging in der Dämmerung nach dem Hauſe des Profeſſors, um den kitzligen Auftrag, den ſie Ferdinand zu liebe übernommen hatte, auszuführen. Profeſſor Ling ſaß mit der Pfeife im Mund in dem bequemen Lehnſtuhl vor ſeinem guten Kaminfeuer; und während er ſchmauchte, tönte das gewöhnliche:„hm, hm!“ von ſeinen Lippen. Leiſe ſchlich Roſa auf dem weichen Teypich zu ihm hin und klopfte ihm auf die Achſel.„Guten Abend, beſter Onkel! Wie ſteht es?“ „Ei, biſt Du es, liebes Kind?“ Der Profeſſor wandte ſich freundlich um;„kommſt Du doch noch und ſiehſt nach mir? Das hätte ich nach dem, was vorge⸗ fallen iſt, kaum erwartet; aber Du biſt ein herzliebes und braves Mädchen, und jetzt wie immer, innig will⸗ kommen.“ „Ich verſtehe nicht, was Onkel meint,“ ſagte Roſa verwundert,„warum ſollte ich nicht herkommen?“ „O, ich dachte nur: ſeitdem mir Dein Vater geſtern Morgen den Brief dort ſchrieb, den er Dir vermuthlich nebſt meiner Antwort gezeigt hat, könnteſt Du Dich veranlaßt finden, daſſelbe zu thun, was die Mädchen bei ſolchen Gelegenheiten zu thun pflegen, und Dich zurückziehen.“ „Weder von ſeinem eigenen Brief,“ betheuerte Roſa,„noch von der Antwort des Onkels hat er mir ein Wort geſagt. Papa iſt ſeit geſtern Vormittag bedeutend erkrankt, und ich glaubte ihn nur von den Angelegenheiten in Anſpruch genommen, die gerade vorlagen.“ „Nun, ſo ſetze Dich, liebes Kind,“ fuhr der Pro⸗ feſſor fort,„dann magſt Du das Billet ſelbſt leſen, das mir Dein Vater geſtern Morgen ſchrieb. Siehe, dort auf dem Tiſche liegt es; das Uebrige werde ich Dir nachher erzählen.“. Mit einem nicht geringen Zittern nahm Roſa das Papier; zündete das Wachslicht an und las bei deſſen düſterem Scheine folgende Zeilen von der Hand des Kommerzienraths: 4 . 3— ——— ö——— 203 „Hochgeehrter lieber Freund und Bruder! „Schon lange her war es meine Abſicht, die freund⸗ ſchaftliche Frage an den Herrn Bruder zu thun, ob er geſonnen ſei, ſeinem Neffen entweder eine größere Summe in baarem Gelde oder in einem Grundſtücke zu über⸗ machen, was, wie der Herr Bruder einſehen dürfte, durchaus nothwendig iſt, wofern er in eine Verbindung mit meiner Tochter treten wilkl; denn obwohl ich hoffe, Roſa eine paſſende Mitgift geben zu können, ſo wird dieß doch nicht weit ausreichen, da der Kapitän weit bedeutendere Schulden hat, als der Herr Bruder wahr⸗ ſcheinlich ahnt, die doch natürlich bezahlt werden müſſen, ehe man an etwas Anderes denkt. Ich bin weit ent⸗ fernt, dieß wie eine Forderung zu verlangen. Der Herr Bruder wird natürlich nach eigenem Gutdünken über ſein Vermögen verfügen. Nur ſo viel will ich geſagt haben, daß im Fall der Herr Bruder dieſen Vorſchlag unbillig findet und nicht darauf eingehen will, ich mich hiemit genöthigt ſehe— ſo lieb es mir auch geweſen wäre, mit einem alten Freunde in ein verwandtſchaftliches Verhältniß zu treten,— die Ver⸗ bindung des Kapitäns mit meiner Tochter aufzulöſen; denn der Herr Bruder wird leicht einſehen, daß es nur das Unglück der jungen Leute begründen hieße, wenn man ſie ohne beſtimmte Ausſichten auf ein Aus⸗ kommen mit einander vereinigte. Ich wollte mich in dieſer kitzligen Sache lieber geradezu an den Herrn Bruder ſelbſt wenden, da ich mehreremale ohne Erfolg mit Kapitän Ferdinand darüber geſprochen habe, der ſich wahrſcheinlich nicht die Mühe nahm, die Sache Ihnen vorzubringen. Deßhalb iſt es meine Pflicht, dieß zu thun, und ich ſetze hinzu, daß die Verlobung nie veröffentlicht worden oder vielmehr gar nie zu Stande gekommen wäre, wenn ich einmal daran ge⸗ zweifelt hätte, mein Herr Bruder würde zur Einrich⸗ tung der jungen Leute mit Vergnügen das Seinige beitragen. 3* 3 20⁰⁴ „In Erwartung einer Antwort habe ich die Ehre zu ſein des Herrn Bruders gehorſamſter Diener Peter Widen.“ Tief erröthend und verlegen legte Roſa das Blatt zuſammen. „Davon wußteſt Du nicht das Geringſte, Kind?“ fragte der Profeſſor, und ſein ſcharfer Blick ſchien die dunkelſten Verſtecke ihrer Seele durchdringen zu wollen. „Von dem Briefe kein Wort, beſter Onkel,“ ver⸗ ſicherte Roſa;„aber vorgeſtern Abend ſchon ſagte mir Papa, daß er geſonnen ſei, aus den hier angegebenen Urſachen ſein Verſprechen zurückzunehmen. Wie das geſchehen ſollte, ohne daß er ſich an den Herrn Onkel zu wenden beabſichtigte, davon erwähnte er kein Wort.“ „Das mag wohl ſein; aber ſage mir jetzt anihti, mein Kind, was für Gefühle empfandeſt Du abei? Aber Du mußt vollkommen aufrichtig ſein.“ „Darf ich das wagen, beſter Onkel?“ fragte Roſa bittend, und ſtrich ihm ſchmeichelnd die grauen Haare aus der gerunzelten Stirne. „Freilich, mein Kind,“ ſprach der Profeſſor;„ganz ſo, wie wenn Du vor einem höheren Richter ſtuͤndeſt als ein armer, ſündiger Menſch. Sprich, mein Kind!“ „Nun wohl,“ ſagte Roſa, war zwar etwas unklar; denn es vermiſchte ſich damit noch eine Menge anderer, die mit ihm kämpften. Aber doch war es mir eine Erleichterung, mich frei zu fühlen; denn während der Zeit, als wir verlobt waren, habe ſammen zu wandern. Aber wenn ich auch, was ich oft that, annahm, daß dieſe ſich mit der Zeit einander an⸗ paſſen könnten, ſo gab es doch noch Etwas, was mir den Gedanken an Glückſeligkeit durchaus verbot; denn „ich will die Wahrheit reden. Mein Gefühl bei dieſen Worten meines Vaters ich Ferdinand's Charakter genau beobachtet und geſunden, daß wir keineswegs jene Uebereinſtimmung in den An⸗ ſichten und Gefühlen beſitzen, die nothwendig iſt, um mit der Hoffnung auf einiges Glück ein ganzes Leben zu⸗ —— — — — — —½ — — — 205 erſt neulich habe ich erfahren, daß es ein ganz anderes Gefühl als Liebe war, das Ferdinand veranlaßte, um meine Hand anzuhalten.“ „Hm!“ ſagte der Profeſſor;„Du haſt viel Auf⸗ klärung in dieſer Sache erhalten. Willſt Du jetzt nicht auch ſo aufrichtig ſein und mir ſagen, ob es Liebe war, was Dich zum Jawort vermochte, als es in Deiner freien Wahl ſtand, Nein zu ſagen?“ Roſa glühte wie die herrlichſte ihrer Namens⸗ ſchweſtern.—„Beſter Onkel, ſei nicht ſo ſtreng,“ bat ſie.„Ein Mädchenherz iſt ja eine verbotene Stätte für jeden fremden Blick! iſt es nicht ſo?“ „Keineswegs,“ ſagte der Profeſſor ernſt;„Verlo⸗ bung und Heirath ſind gerade auch keine Spielwerke. Wa gabſt Du ihm Dein Verſprechen, wenn doch allem Vermuthen nach Dein Herz dabei kalt blieb?“ „Lieber, beſter Onkel, ich will geſtehen, daß ich Ferdinand nicht liebte; aber ich glaubte, er liebe mich, und wenn ich damit die Achtung und das Wohlwollen vereinigte, das er mir einflößte, ſo wagte ich zu glau⸗ ben, daß dieſe Gefühle ein hinreichender Bürge für unſer künftiges Glück ſeien. In dem Augenblick, wo ich ihm anzugehören gelobte, empfand ich auch, daß es von nun an meine Pflicht ſei, für die Beförderung ſeines Glücks zu leben. Aber ich habe gefunden, daß dieſes nie durch den Beſitz meiner Hand begründet wer⸗ gen konnte, wenn auch mein Herz ſie begleitet hätte; wäre er mir hingegen wahrhaft ergeben geweſen, und hätte ſeine beſſere irdiſche Glückſeligkeit auf mir beruht, dann, mein beſter Onkel, würde ich dieſen Pflichten, wenn auch nicht mit Liebe, ſo doch mit dem innigen Wunſche und feſten Vorſatze entgegengekommen ſein, mich des heiligen Namens ſeiner Gattin würdig zu machen.“ „Das iſt wohl möglich,“ ſagte der Profeſſor;„aber auf alle Fälle war es unrecht, mein Kind, daß Du in dieſer Jugend Deine Hand ohne Dein Herz weggeben wollteſt. Früher oder ſpäter wäre wahrſcheinlich das mächtigſte aller menſchlichen Gefühle auch in Deiner Bruſt erwacht, und wie grenzenlos unglücklich wäret Ihr nicht dann geworden; denn der Verſucher iſt mäch⸗ tig, und auch in der ſtärkſten Seele wird er nicht ohne Qual und Kampf beſiegt.“ Roſa ſchwieg; aber ſie lehnte ihren Kopf an die Schulter des Profeſſors, und als ſein alter Arm die zarte Geſtalt umſchlang, fühlte er ſie von einer gewalt⸗ ſamen Bewegung erſchüttert. Der Profeſſor wandte ſein Geſicht gegen das ihre; es war mit Thränen über⸗ ſchwemmt.„Nun, nun,“ ſprach er ſanft und gutmüthig, „laß es jetzt gut ſein! Ich ſehe, wie es ſteht, und wußte es vor; aber verlaſſe Dich darauf, daß Du in mir einen Freund haſt, der Dir unter allen Wechſeln treu bleiben und ſo lange er den Kopf aufrecht zu er⸗ halten vermag, an Deinem Glücke arbeiten wird. Ich hätte gewünſcht, Mädchen,“ ſetzte er tief gerührt hinzu,„daß Ferdinand Deiner würdig geweſen wäre, und Du ihn ſo geliebt hätteſt— wie Du Manner⸗ ſtedt liebſt. Ich hätte Dich ſo gerne Tochter genannt; doch in meinem Herzen ſollſt Du ſtets dieſen Namen tragen.“ Er ſchwieg und zwei große Thränen, heilige Bürgen ſeines heiligen Verſprechens, rannen über ſeine Wange herab und vermiſchten ſich mit denen des Mädchens, die vor Staunen und Rührung ver⸗ ſtummt war. In tiefem Stillſchweigen vergingen einige Minuten; endlich fanden Beide ſo viel Faſſung, um den abgebro⸗ chenen Gegenſtand fortſetzen zu können.—„Was für eine Antwort gab mein guter Onkel meinem Vater 2, fragte Roſa, und ſtrebte, ihrem Tone einige Sicherheit zu geben. 5 8 „Nun, Kind, ich antwortete auf meine gewöhnliche, kurze und beſtimmte Art, und ſagte ihm meines Herzens Meinung, daß ich für die häusliche Niederlaſſung mei⸗ nes Neffen keinen Heller hergeben würde, da er mich . meiner Seel ſchon vorher genug gekoſtet habe; weiter —— ———————— ————— —————————,——[8——— — — 207 ſetzte ich noch hinzu, daß es in der Ordnung geweſen wäre, wenn man ſich hierüber Gewißheit verſchafft hätte, ehe man zur Verlobung ſchritt und ſo weiter. Ich brauche Dir wohl nicht zu ſagen, daß meine Antwort nicht ſo⸗ ausgefallen wäre, wenn ich nicht vom erſten Augenblick an eingeſehen hätte, daß ihr mit einander unglücklich ſein würdet; ſo aber war es mein Wunſch und iſt es von Anfang geweſen, daß aus der Heirath nichts werde, und nach der Antwort, die Dein Vater von mir erhielt, iſt Eure Verbindung als vollkommen aufgelöst anzu⸗ ſehen. Sobald Ferdinand heimkommt, werde ich ihm den Beſchluß des Kommerzienraths, ſowie auch den meinen kund thun, und Euch bleibt nichts weiter übrig, um die Auflöſung zu vervollſtändigen, als daß Ihr Euch die Ringe zurückgebt.“ „Ja, das wird ihm keinen großen Kummer machen, ſo wie die Angelegenheiten meines Vaters jetzt ſtehen,“ meinte Roſa.„Mein armer Ferdinand, er hat ohne⸗ dieß Sorge genug“ „O das wird ſich geben,“ antwortete der Profeſſor, der an Ferdinand's elaſtiſches Herz und an Hilda dachte. „Das iſt der geringſte Kummer!“ „Nein, beſter Onkel, das iſt gewiß nicht der ge⸗ ringſte Kummer, im Gegentheile, es iſt wohl der aller⸗ ſchlimmſte, den er je gehabt hat, und nur durch eine kräftige Hülfe kann derſelbe überwältigt werden. Aber wenn die tiefſte Reue und der aufrichtigſte Vorſatz, ſich zu beſſern, den väterlichen Freund zu beſänftigen ver⸗ mögen, den er durch ſeine Schwachheit und ſeine eftigen Leidenſchaften beleidigt hat, dann möchte vielleicht der arme, tiefbetrübte Ferdinand Vergebung erhalten.“ „Was zum Henker iſt denn das?“ fragte der Profeſſor verwundert.„Ich glaubte, Du meinteſt ſeine Liebe zu Hilda!— Eine Thorheit, wie Alles, was er ſich in den Kopf ſetzt!— Aber wenn es nicht das iſt, was kann es denn für eine neue Narrheit ſein, die er Dir anvertraut hat, mein Kind? Sprich ohne Furcht,“ 208 ſetzte er freundlicher hinzu, als er bemerkte, wie Roſa mit der Antwort zu zögern ſchien.„Er hat wenigſtens die Klugheit gehabt, die beſte Fürſprecherin zu waͤhlen, die er für ſeine Sache gewinnen konnte.“ „Gott gebe, daß es ſo wäre, beſter Onkel!“ be⸗ gann Roſa mit weicher und zitternder Stimme,„und meine Bitte vermöchte, Ferdinand die Verzeihung ſei⸗ nes guten Onkels, und damit einen Erſatz für den Verluſt eines Lebensplans auszuwirken, den er in ſei⸗ ner großen Noth umfaßte, und der jetzt für ihn zu Grunde gegangen iſt! Ja nur dieß war es, was ihn veranlaßte, meine Hand für etwas Wünſchenswerthes anzuſehen. Doch ich habe ihm gerne verziehen, ſoweit ſein Leichtſinn mich berührte, denn mein Herz leidet durch ſeinen gegenwärtigen Kummer, den ich wie eine ſchweſterliche Freundin theile.“ Nun ſchilderte Roſa mit lebhafter und feuriger Beredtſamkeit all' die gefährlichen und verführeriſchen Verſuchungen, die das Spiel für Ferdinand hatte, beſonders in jener böſen Nacht, ſowie ſeinen Kampf, als er die Akkordsſumme angriff, und ſeine Angſt und Reue an dem ſchrecklichen Morgen, wo er ſich hülflos und unglücklich ſah, ein Gegenſtand ſeiner eigenen Verachtung, und unaufhörlich von der Vorſtellung verfolgt, daß er durch dieſe gränzenlos leichtſinnige Handlung den letzten guten Gedanken, den ſein Onkel von ihm hatte, verloren habe, wenn dieſer jene un⸗ glückliche Schwachheit erführe. Dieß Alles erhielt von Roſa's Lippen ein Leben und eine Färbung, welche einen bedeutenden Theil des Tadelnswerthen darin hin⸗ wegnahm. Sie ſchloß mit dieſen Worten:„Beſter, theuerſter Onkel, wenn Sie im Geringſten etwas auf mich halten, ſo ſeien Sie nicht taub für meine Bitten und für Ferdinand's Reue. Verzeihen Sie ihm; ich würde ja nie mehr eine ruhige Stunde haben, wenn ich ihn all den widrigen Zufällen, die ſeiner warten, bloß⸗ geſtellt und mit dem Allerbitterſten belaſtet wüßte— ——— —— ³ 209 mit den Vorwürfen, vielleicht der Verachtung ſeines Onkels.“ Sie ſchwieg und drückte mit einem ſo rührenden und bittenden Blick, daß es hätte einen Tiger erbar⸗ men können, die runzligte Hand des Alten an ihre Lippen, und überſchüttete ſie mit ihren Thränen. Der Profeſſor ſaß ſtumm. „Laß ſein, Kind,“ ſagte er endlich und zog die Hand mit einer Bewegung zwiſchen Zorn und tiefem Schmerz zurück.„Siebenhundert Thaler Banko von der Akkordsſumme, hm! hm!— und all die Ermah⸗ nungen, die ich ihm auf den Weg gab, wie Spreu in den Wind geſtreut! Großer Gott! Der Burſche ruinirt mich nicht allein, er zerſtört mit ſeinen Thorheiten die Ruhe meiner letzten Tage. Dennoch, mein Kind, müßte ich härter ſein, als ich bin, wenn ich Deinen Bitten, Deinen Thränen und ſanften, flehenden Blicken wider⸗ ſtehen könnte. Du haſt mich ſo weich gemacht, daß ich mich deſſen beinahe ſchäme. Aber um Deinetwillen, und weil er noch ſo viel Ehrgefühl beſaß, daß er mich nicht durch Kniffe und Umwege betrügen wollte, ſon⸗ dern ſeine ſchlechte Sache meinem Urtheil unterwirft, will ich ihm verzeihen und bezahlen. Wird er nicht von dieſer Stunde an ein rechtſchaffener und braver Kerl, ſo hat er Dein Fürwort und meine Schwachheit nicht verdient. Doch wir müſſen hoffen, daß dieſes Mittel mehr auf ſein moraliſches Gefühl einwirken wird, als die äußerſte Strenge. Ich will wenigſtens dieſe Hoffnung hegen, denn der Burſche iſt noch an mein Herz feſtgewachſen, und verhaftet darf er nicht werden, obwohl er es wegen ſeines Leichtſinns verdient ätte.“ 3 Roſa ſchlang in froher und dankbarer Rührung, ja in einem Gefühl ſeliger Luſt ihre Arme um den Hals des Profeſſors, und eine jener heiligen, tief in's Herz eingreifenden Minuten trat ein, deren es nicht viele im Leben gibt. Jetzt knarrte die Thüre, und in demſelben Augenblick erſchien Ferdinand mit bleichen, Der Profeſſor und ſeine Schutzlinge. 14 Zügen. Er war eben heimgekommen, und da er kein Billet von Roſa fand, was ihn von ihren Bemühungen für ſein Beſtes beim Profeſſor unterrichtet hätte, ſo nahm er für gewiß an, daß ſie nicht habe hingelangen können, und ſeine aufgeregte Gemüthsſtimmung gab von den unerträglichen Qualen der Angſt gezeichneten — ihm einen Muth, den er bei ruhigerer Beſinnung nie gehabt hätte. Er ging, um ſeinem Onkel ſeine Noth zu entdecken, und ſeiner Verzeihung oder Verachtung und Verweiſung das Urtheil ſeiner Zukunft zu über⸗ laſſen. Da ſtand er nun ein Paar Schritte von der Thüre entfernt. Ein einziger Blick auf die Gruppe, die vor ſeinen Augen lag, ſagte ihm, was Roſa aus⸗ gewirkt hatte. Er ſtürzte hinzu, und ohne ein Wort hervorzubringen, bog er ſein Knie und drückte in ſelt⸗ ſamer, durchdringender und nie gefühlter Rührung die Hand ſeines Onkels an ſeine Lippen und an ſein ge⸗ waltſam klopfendes Herz. 8 „Nun ſteh auf, Du Tollkopf,“ ſprach der Profeſ⸗ ſor, indem er ſich bemühte, das eigene tiefe Gefühl, das ihn faſt überwältigte, unter einem erkünſtelten Lächeln zu verbergen.„Steh' auf und danke Gott, daß Du noch ſo viel Vernunft hatteſt, um Dich durch die⸗ ſen Engel an Deinen alten Onkel zu wenden“ „Mein guter, mein theurer, mein geliebter On⸗ kel!“ ſtammelte Ferdinand,„Ihre Güte trifft mich weit ſchwerer, und läßt mich das Gefühl meiner eigenen Unwürdigkeit weit tiefer empfinden, als Ihr gerechter Zorn es gethan hätte. Doch dieſer väterliche Edel⸗ muth ſoll nicht verloren ſein. So wahr mir Gott helfe, er ſoll in meinem bisher leichtſinnigen Herzen Früchte tragen. In dieſer Stunde, die nie in meinem Gedächtniſſe erlöſchen wird, ſchwöre ich heilig und kererlich. in meinem ganzen Leben nie mehr zu ſpie⸗ en.“ „Nun wir wollen ſehen, ob Du Wort hältſt wie ein Ehrenmann, mein Junge, ſagte der Profeſſor in gütigem, Futeylicm Tone.„Du wirſt dann meinem —— eten kein igen „ ſo ngen gab nie doth tung ber⸗ der ppe, aus⸗ Vort ſelt⸗ g die 1 ge⸗ ofeſ⸗ fühl, elten daß die⸗ On⸗ weit eenen chter Edel⸗ Gott erzen inem und ſpie⸗ wie r in nem 211 Herzen ſtets ſo nahe ſein wie in dieſem Augenblicke. „Aber eins muß ich Dir ſagen. Deine Fürſprecherin haſt Du für immer als Braut verloren. Der Kommerzien⸗ rath hat ſeinen Sinn geändert und die Verbindung durch einen Brief an mich aufgelöst. Ueberdieß hat Deine bisherige Verlobte durch Dein großes Vertrauen in Erfahrung gebracht, daß es keine große Bewandtniß mit Deiner feurigen Liebe hatte und eben ſo wenig mit der ihrigen. Deßhalb findet ſie ſich ohne Zwang in den Beſchluß ihres Vaters. Iſt es nicht ſo, mein Kind? Habe ich nicht recht geredet?“ „Ganz der Wahrheit gemäß, beſter Onkel! Ferdi⸗ nand ſieht das ſelbſt ein, Läugne nicht, lieber Ferdi⸗ nand, daß es ſo iſt! Aber wir können deſſen ungeachtet Freunde ſein. Die Auflöſung unſerer Verbindung ſoll uns nicht das Vertrauen zu einander rauben; im Ge⸗ gentheile wir können jetzt ohne alle Bedenklichkeit un⸗ ſere Gedanken gegen einander ausſprechen. Du wirſt mich alſo immer wie eine Freundin betrachten, beſter Ferdinand?“ „O Roſa!“ entgegnete der Kapitän beſchämt, denn er ſah jetzt den ganzen Zuſammenhang, ſo weit er ihn berührte, ein,„kannſt Du mir verzeihen, und willſt Du mich zudem noch durch Deine Freundſchaft glücklich machen, ſo biſt Du ein Engel an Güte; und ich wäre dieſer Stunde unwürdig, wenn ich ein Gefühl zu er⸗ heucheln ſuchte, das ich ſchon längſt einer Andern ge⸗ weiht habe.“ „Was, was!“ rief der Profeſſor ihn unterbrechend; „daß heißt etwas zu weit in den Erklärungen gehen. Laßt es jetzt genug ſein mit der platoniſchen Freund⸗ ſchaft, und denkt darauf, Eure Ringe abzulegen.— Nun, nun keine Umſtände! Legt ſie hübſch dort auf meinen Schreibtiſch. Ferdinand's werde ich an Ort und Stelle behalten als ein Zeichen ſeiner Verlobung mit der Redlichkeit und Charakterfeſtigkeit. An eine andere Braut zu denken, iſt er bis auf Weiteres nicht 14* 212 werth. Ich werde beſorgen, daß der Roſa's morgen dem Kommerzienrath zugeſtellt wird.“ Schweigend und mit weit tieferer Rührung, als ſie damals empfanden, wo ſie die Ringe anſteckten, zo⸗ gen ſie jetzt dieſe Wahrzeichen ab, deren Bedeutung ſie Beide auf eine gewiſſe Art mißbraucht zu haben fuͤhl⸗ ten und die freien Hände vereinigten ſich jetzt in einem wärmeren und ehrlicheren Druck, als ſie dieß je wäh⸗ rend der vergangenen Tage gethan hatten. „Es wird ſpät, Kinder,“ ſprach der Profeſſor, der fürchtete, daß noch mehr Bitten nachkommen könnten, die er keinentheils zu bewilligen geneigt war.„Erin⸗ nert Euch, daß ich alt bin und dem Schwung Eurer Gefühle nicht mehr folgen kann.— Gute Nacht, Kin⸗ der! Gott ſegne Euch! Du kannſt Roſa heim begleiten, Ferdinand; und Du, Roſachen, ſieh nach wie vor, hie und da nach Deinem alten Onkel; Du biſt immer gleich willkommen, mein Kind!“ Während der kleinen Abſchiedsrede des Profeſſors hatte Roſa ihren Pelz umgethan. Sie war ſo an die kleinen Eigenheiten des Alten gewöhnt, daß ſie ſte nie übel nahm.—„Leben Sie wohl, beſter Onkel! Gott ſegne den Onkel für alle ſeine Güte und ſein Wohl⸗ wollen! Ich werde bald wieder kommen.“ Roſa bekam einen Kuß auf die Stirne wie ge⸗ wöhnlich, und Ferdinand einen kraftvollen und freund⸗ lichen Handſchlag mit der Einladung, ſich folgenden Morgen beim Frühſtück einzufinden. Madame Brun, die durch des Profeſſors Glocke gerufen worden war, geleitete die jungen Leute durch den kleinen Saal hin⸗ aus, und auf der Straße angekommen, bot Kapitän Ling Roſa ſeinen Arm ſo herzlich und freundſchaftlich, wie wenn er heute Abend ein Ja anſtatt eines Korbs bekommen hätte.. „Ach!“ ſagte Ferdinand, als ſie an Frau Borgen⸗ ſköld's Fenſter vorbeigingen, die ein einſames Licht ſparſam erleuchtete,„ach, Roſa! noch einen Wunſch 213 mfllt, und ich wäre der glücklichſte Menſch auf der rde! „Wir müſſen nicht zu viel auf einmal begehren,“ meinte Roſa.„Sei für jetzt mit dem zufrieden, was Du erreicht haſt und laſſe, auch der Zukunft etwas übrig.“— Sie ſtanden am Eingange zum Haus des Kommerzienraths und trennten ſich mit einem leichten Handdruck. 15. Der Erſte Februar. Es ſchlug halb 11 Uhr am 1. Februar Vormit⸗ tags, als der Bürgermeiſter B— in dem gewaltigen Richterſtuhl auf der Rathsſtube Platz nahm. Die Herrn Rathsherrn hatten ebenfalls ihre Sitze einge⸗ nommen, und ein großer Theil flüſternder Zuhörer ſich in Gruppen da und dort verſammelt, als ſich der Groß⸗ händler Widen mit geſenktem Blick und zuſammenge⸗ fallener, unſicherer Haltung dem Tiſche näherte, wo der Lenker der Stadt präſidirte Der Großhändler ver⸗ beugte ſich und legte einen recht artigen Bündel Pa⸗ piere, den er vorher unter dem Arm gehalten hatte, auf den Tiſch nieder. Und was enthielten dieſe Pa⸗ piere? Nun, das Geſuch des Kommerzienraths Widen um Ceſſton, nebſt den dazu gehörigen Beilagen. So launig und veränderlich iſt der Glücksſchimmer vor Allem am Handelshorizonte. Als der Großhändler Widen, der ſtolze ſtattliche Mann, vor dem ſich noch eben ganz H— mit dem Hute in der Hand gebeugt hatte, jetzt wieder von der Rathsſtube zurückkehrte, um ſich nach Hauſe zu begeben, fand er kaum den einen und den andern Handelsdiener, der ihm dieſe Höflich⸗ keit erwies. So aufgeregt er auch war, bemerkte er 214 doch dieſen Mangel an Aufmerkſamkeit, und dieß trug nicht wenig dazu bei, das unbehagliche Gefühl zu ver⸗ mehren, womit er ſeine Wohnung betrat. Seine Fa⸗ milie wollte er nicht ſehen, ſondern ſchloß ſich in ſein Zimmer ein, wo ſeine langſamen und eiſenſchweren Tritte ein ſchauerliches Echo in dem heute ſo ſtillen und unbeſuchten Hauſe fanden. Doch wir wollen in das Schlafzimmer der Kom⸗ merzienräthin ſchauen. Dort war es finſter und einſam. die Vorhänge waren herabgelaſſen, ſo daß kein Blick eines neugierigen Nachbars oder vorübergehenden Be⸗ kannten erſpähen konnte, was darin vorfiel. Madame Widen's gewöhnlich eingebildete Stärke war bis auf die letzte Spur verſchwunden, als das Unglück in ſei⸗ ner ganzen Nacktheit vor ihr ſtand; und während der langen Ohnmachten, welche ihre bittere Gefühle be⸗ täubten; tönten unaufhörlich die Unglücksworte in ihr Ohr:„Ei, haben die Herrſchaften auch ſchon gehört, daß der Kommerzienrath Widen ſeine Zahlungen ein⸗ geſtellt hat?“— Seltſam, daß der Gedanke an die kleinen nadelſcharfen Stiche, welche jetzt das Uebel⸗ wollen und die Schadenfreude gegen ſie und ihr Haus richten würden, ſie tiefer und ſchmerzhafter verwundete, als die Sache ſelbſt. Madame Widen war noch nicht ſo weit gekommen, daß ſie die Folgen der heutigen Scene in ihren Gedanken ordnen konnte. Die mög⸗ liche Verhaftung ihres Mannes durch ſeine Gläubiger und ihre von drückenden Sorgen, ja ſogar von täg⸗ lichem Mangel ſchwangere Zukunft, dieſe ſo gewöhn⸗ lichen Dinge lagen ganz außerhalb des Geſichtskreiſes, den Madame Widen zu umfaſſen vermochte. War es nicht eine mehr als hinreichende Laſt für ihre Kräfte, daß ſie das tragen mußte, was ſchon eingetroffen war? Madame Widen war eine herzensgute und verſtändige Frau in den Tagen des Glücks; aber ſie beſaß eine jener ſchwachen Seelen, die ſich nicht über die Gering⸗ fügigkeit des Alltäglichen erheben können, und nicht einmal den Willen haben, es zu verſuchen. 215 Die Kommerzienräthin lag auf einem Sopha, die Kleidung in Unordnung, das Haar aufgelöst und die Stirne, ſo wie die bleichen Wangen von einer Menge Umſchläge durchnäßt, die in Waſſer und Eau de Co- logne getaucht waren und ſie zum Leben und Bewußt⸗ ſein zurückrufen ſollten. Die kleinen Kinder ſtanden weinend um das Lager der Mama, weil ſie meinten, daß die, welche in einer Stunde ſo oft vor ihren Blicken geſtorben war, endlich ſo ſterben möchte, daß ſie weder Waſſer noch Tropfen mehr erwecken könnten, aber zu ihrer innigen Freude half dieſes doch jedesmal. Still und verwundert ſchmiegten ſie ſich feſt an einan⸗ der, betrachteten die Mama von Ferne und gaben flüſternd ihr Erſtaunen darüber zu erkennen, daß es heute ſo ſonderbar ſei. Kein Fremder erſchien und Papa war fort; Roſa weinte, und Mama war am Ster⸗ ben. Endlich kam Frau Bern herein, und ſprach in einem herriſcheren und beſtimmteren Tone als gewöhn⸗ lich:„Was ſtehen die Kinder hier und gaffen? Geht in das Geſindezimmer und eßt; dort iſt für euch gedeckt! Dann gehen die Knaben hübſch ordentlich in die Schule, und Karoline und Joſephine ſollen ihre Puppen vor⸗ nehmen und mit ihnen ſpielen. Aber ſchnell jetzt! Thut wie ich ſage!, Mama muß ſchlafen, und die vunigens verpaſſen die Schulſtunde, wenn ſie ſich nicht eeilen.“ „Liebe Frau Bern,“ ſagte eines der kleinen Mäd⸗ chen,„ſag uns nur, warum wir heute im Geſinde⸗ zimmer zu Mittag eſſen ſollen, anſtatt im Speiſeſaal? Und wo iſt Papa und Roſa, und die Komptoirherren, und alles miteinander?“ „Alles hat Geſchäfte,“ antwortete Frau Bern ent⸗ ſchieden.„Kommt deßhalb und beeilt Euch!“ „Aber Frau Bern kann uns doch ſagen, wo Papa iſt?“ fragte der Aelteſte der Knaben. „Papa iſt auf ſeinem Zimmer, und hat befohlen, daß Linus und ihr andern gehorſam ſein und thun 216 ſollt, was ich ſage. Nun alſo, Linus, nimm Deine kleinen Schweſtern mit Dir, und geht hinein, und nehmt etwas zu Euch; denn es iſt ſchon längſt Früh⸗ ſtückszeit. Und damit ihr Kinder recht artig und ge⸗ horſam ſeid, habe ich euch Heidelbeerkréme zubereitet und Pfannenkuchen gebacken.“ „Ach liebe, gute Frau Bern!“ jubelten alle Viere; „Heidelbeerkreme und Pfannenkuchen! wir wollen auf der Stelle gehen— wie gut Frau Bern iſt! Danke, danke— meine liebe Frau Bern! Gebt auch Mama, wenn ſie erwacht und Roſa, wenn ſie zurückkommt, etwas von unſerer Bewirthung!“— Und jetzt war aller Kummer und Schmerz von den runden vollen Zü⸗ gen verſchwunden, und die leichte Schaar hüpfte zu dem Geſindezimmer. Indeſſen ſtand Roſa in tödtlicher Angſt an der Kammerthüre ihres Vaters und lauſchte. Der Schlüſ⸗ ſel war abgezogen, und die Schritte des Kommerzien⸗ raths hatten aufgehört zu tönen. Es war ſtille darin⸗ nen, wie in einem Grab. Roſa's Herz klopfte heftig; ſeine Schläge ſchienen ihr die Bruſt ſprengen zu wol⸗ len, denn die Stärke derſelben nahm mit jeder neuen Sekunde zu.—„Soll ich anklopfen?“ flüſterte ſie bei ſich ſelbſt.„O Gott, wenn keine Antwort erfolgte! Ich weiß nicht, was für eine entſetzliche Angſt ſich meiner Seele bemächtigt. Mein Blut will bis zu Eis erſtarren— ich muß Gewißheit haben, ich halte es nicht länger aus.“ Und jetzt pochte ſie dreimal leiſe an die Thüre; ſie vermochte nicht einmal das einzige Wort„Papa“ auszuſprechen.— Aber ſchnell rief eine barſche Stimme von innen:„Wer iſt da, wer ſtört mich?“ Roſa fuhr vor Schreck und Freude zugleich zu⸗ aumeu; aber bald erholte ſie ſich wieder, um in einem beweglichen Tone zu ſagen:„Mein beſter Vater, ich öbin es! Laſſen Sie mich hinein; ich habe weder Raſt noch Ruhe, bis ich Sie ſehe.“. 4 217 „Biſt Du es, mein Kind?“ antwortete der Kom⸗ merzienrath mit einem veränderten Ausdruck in der Stimme. Roſa war ſein Liebling; er hatte nicht das Herz, ſie abzufertigen, ſo ſchmerzlich es auch für ihn war, ſich in dieſem Augenblicke vor Jemand von dem Seinigen zu zeigen. Der Kommerzienrath hatte ſich in die Sophaecke gelehnt, um nach der Schlaflofigkeit der vergangenen Nacht ein paar Augenblicke des Schlum⸗ mers zu genießen. Er ſtand auf und öffnete die Thüre. „O mein Vater, mein geliebter, theurer Vater!“ Mehr vermochte Roſa nicht hervorzubringen; aber nie war die väterliche Hand von ihr mit tieferer und innigerer Rührung geküßt worden. Nie war es ihr ſo ſüß erſchienen, Tochter zu ſein, als jetzt, wo ihre Liebe und Zärtlichkeit dem bekümmerten und nieder⸗ gedrückten Vater ein ſanftes, obwohl trauriges Lächeln abzwang. Er ſtrich ihr die goldnen Locken aus der Stirne, und küßte ihre Thränen hinweg, obwohl ſie ſeine Lippen brannten. „Wie ſteht es mit Deiner Mutter, mein Kind?“ fragte er nach einigem Schweigen. „Beſſer als ich zu glauben wagte,“ erwiederte Roſa, die es nicht über ſich vermochte, ihren ohnehin tief genug erſchütterten Vater durch die Angabe des wahren Verhältniſſes noch mehr zu betrüben;„und ich hoffe, Mama wird, bald wieder vollkommen geſund ſein, wenn ſie nur erſt wieder hinlänglich zu ſich ſelbſt gekommen iſt.“ „Nein, meine Liebe,“ entgegnete der Kommerzien⸗ rath.„Ich kenne ſie beſſer,“ ſetzte er langſam hinzu. „Wenn ſie zur Beſinnung gelangt iſt, wird es erſt recht ſchlimm werden; beſonders, wenn wir durch ir⸗ gend ein leicht mögliches Ereigniß getrennt werden ſollten, und meine arme Brigitte Marie(worauf ſie ſich gefaßt machen darf) das Haus, in dem ſie ſo viele Jahre in Ehre und Glanz gelebt hat, gegen eine ge⸗ ringe Wohnung austauſchen muß, wo ſie geſchieden von 218 dem Umgange, der ihr ſo nothwendig geworden iſt, wie die Luft, ſtill und einſam ihr Leben hinſchleppen müßte. Dann, meine liebe Roſa, fürchte ich mit Grund, daß ihr Muth ſinken wird!“ „Gott, der Alles vermag,“ antwortete Roſa, in⸗ dem ſie mit Anſtrengung den eigenen Schmerz bekämpfte, der bei dem dunklen Gemälde ihres Vaters in ihr auf⸗ ſtieg,„wird ihr auch Kraft geben, dieß zu ertragen, wie es ſich für ein Weib geziemt, das den Kummer ihres Gatten, den boͤſen Tag wie den guten mit ihm theilen muß, und wie es einer Chriſtin geziemt, welche in jedem Leiden wahren Glauben und Ergebung zei⸗ gen ſoll. Deſſen ſei gewiß, mein beſter Vater, und lege wenigſtens nicht auch dieſe Qual noch zu den übrigen.“ Der Kommerzienrath klopfte ſeiner Tochter auf die Wangen.„Du warſt immer ein verſtändiges und gutes Mädchen, meine Roſa, Du ſollſt auch in den Tagen der Betrübniß mein Troſt ſein. Aber geh' jetzt, Kind, ich erwarte einige Herren, die meine Papiere verſie⸗ geln und alle, bei ſolchen Gelegenheiten üblichen, For⸗ malitäten vornehmen werden. Verſuche wo möglich Deine Mutter zu tröſten, aber nicht etwa durch eine falſche Hoffnung, denn dieß dient zu nichts, ſondern mit Deiner eigenen Stärke und Ergebung, die Dir Muth geben wird, die Entſagungen zu tragen, die leider Gottes! nicht ausbleiben können, und die Dir auch Worte eingeben wird, die in ihr Herz, wo nicht tröſtend, ſo doch beruhigend eindringen mögen. Mein Schickſal wird hauptſaͤchlich von dem Großhändler Garben und einigen andern Gläubigern abhängen, und ich habe Grund, das Schlimmſte zu fürchten, doch ich bange am meiſten um die Weſen, die ich ohne Schutz zuruͤcklaſſe.“* „Sie ſind nicht ohne Schutz, mein theuerſter Va⸗ ter!“ fiel Roſa mit einem Tone der innigſten Ueber⸗ zeugung ein;„wir werden nicht verzweifeln. Doch ich 219 muß gehen. Darf ich vielleicht noch vorher fragen, ob ich etwas zum Eſſen bringen ſoll, ehe die Herren erſcheinen?“ „Nein, mein Kind, nicht das Geringſte! ich will ſehen, ob ich bis Abend Dir zu Willen ſein kann; jetzt vermag ich nichts zu genießen.“ 2 Roſa wollte eine freundliche Einwendung dagegen machen; aber der Vater küßte ſie ſchnell auf die Stirne und gab ihr ein neues, obſchon ſanftes Zeichen, ihn allein zu laſſen. Die Tochter gehorchte mit einem ſtum⸗ men Kopfnicken. In dem kleinen Saale des Profeſſors Ling ſaßen drei Perſonen um den einfach geordneten Tiſch. Es war der Wirth mit ſeinen zwei Gäſten, dem Kapitän Ferdinand Ling und dem Kandidaten Mannerſtedt, welcher ſeinen letzten Mittag in H— bei ſeinem alten Gönner halten ſollte. Um ſechs Uhr ſollte Manner⸗ ſtedt abreiſen. Es war Mondſchein, und dem gemäß meinte der Profeſſor, daß, obwohl die Reiſe vom Morgen bis zum Abend aufgeſchoben worden war, es doch immer beſſer ſei, wenn auch ſpät, heute noch ei⸗ nige Entfernung zurückzulegen, als einen neuen Mor⸗ gen abzuwarten, da die Tage noch ſo kurz ſeien, daß man ſie mit den Abenden vermehren müſſe. Unſer gu⸗ ter Profeſſor führte allein das Wort. Das in der Stadt ſchnell herumgekommene Gerücht von dem Falli⸗ ment des Kommerzienrath Widen war ſchon abgehan⸗ delt, und jetzt entſtand eine Pauſe im Gange der Unter⸗ haltung, was den Wirth veranlaßte, einen neuen Gegenſtand zu beginnen. „Was zum Henker betrachtet Herr Mannerſtedt ſo genau? Ich glaube Ferdinand's linke Hand? Ha, ha! jetzt begreif' ich! Das Auge des Herrn vermißt ein Zeichen, was vor nicht langer Zeit noch einen Finger derſelben zierte. Aber ſo etwas iſt wandelbar, das hab' ich immer geſagt, und die Ereigniſſe haben ein⸗ ander in den letzten Tagen ſo raſch gedrängt, daß der 220 Herr, der in ſeiner einſamen Kammer eingemauert war, wohl nicht die Hälfte davon kennt. Ich will deßhalb in wenig Worten Herrn Mannerſtedt damit bekannt machen. Der Kommerzienrath Widen bekam in der vorigen Woche einen Beſuch von einem ſeiner bedeutendſten Gläubiger, dem Großhändler Garben aus Dänemark. Dieſen, der reich und Wittwer iſt, ſah die ſpekulirende Kommerzienräthin und auch der Kom⸗ merzienrath ſelbſt als eine gute Priſe für Roſa an, die jedoch, beiläufig geſagt, ſich wahrſcheinlich nicht dazu bewegen ließ, als Lockſpeiſe zu dienen. Inzwi⸗ ſchen war es unmöglich, die Sache gehörig anzugrei⸗ fen, ehe man ſich vorher von dem Prätendenten befreit hatte, der bereits Anſpruch auf die Hand des Mäd⸗ chens hatte; und da Ferdinand auf dem Lande war, benützte der Kommerzienrath die Gelegenheit und wandte ſich an mich, um dieſe Angelegenheit abzu⸗ machen. Es verſteht ſich, daß ich ihm reinen Wein einſchenkte, und die Sache ſchloß nun damit, daß die jungen Leute einander die Ringe hübſch ordentlich zu⸗ rückgaben. Es nahm jedoch für den Kommerzienrath und ſeine Frau eine ganz andere Wendung, als Herr Garben ſie mit dem kleinen Umſtande bekannt machte, daß er ſchon verlobt ſei und ſeine Aufmerkſamkeit für Roſa ſich nur von ihrer Aehnlichkeit mit ſeiner Braut herſchreibe. Jetzt war alle Hoffnung vorbei; eine wahre oder verſtellte Krankheit, Gott allein mag das entſcheiden, befreite den Kommerzienrath von der Re⸗ chenſchaft, die Herr Garben vor ſeiner Abreiſe gefor⸗ dert hatte, der ſich aber jetzt genöthigt ſah, dieſelbe bis zu ſeiner Rückkehr aufzuſchieben. Inzwiſchen hat der Kommerzienrath die Zeit nach ſeinem beſten Wiſ⸗ ſen und Können benützt. Um ſeiner Familie willen wäre es zu wünſchen, daß ihn Herr Garben nicht ſo hart drückte.— Aber trink Er das Glas aus, Herr Mannerſtedt, und ſitz' Er nicht da und träume Er. Wenn der Herr in die Welt hinaus kommt, und eine 221 Zeit lang mit dabei geweſen iſt, ſo wird er bald die Erfahrung machen, daß die eine Neuigkeit ſo gut wie die andere ein Alltagsding iſt. Proſit alſo auf Ro⸗ ſa's Wohl! Das Mödchen iſt mein Augapfel und ſoll nie Noth leiden, ſo lange der alte Ling lebt.“ Die Herren ſtießen an. Jeder war lebhaft für die beſorgt, welcher der Toaſt galt; aber Mannerſtedt's Bruſt war nahe daran zu zerſprengen. Das Blut ſchoß in glühend heißen Strömen durch ſeine ſchwel⸗ lenden Adern und nur mit der größten Anſtrengung vermochte er es, auf ſeinem Platze zu bleiben. Es drängte ihn hinaus, gleichviel wohin, wenn er nur mit der unermeßlichen Seligkeit allein ſein durfte, die ſein Innerſtes durchbebte. Roſa war frei, frei durch den Willen ihres Vaters, ohne ſelbſt ihr Gelübde ge⸗ brochen zu haben. Ueberdieß war ſie jetzt arm, kein Nebenbuhler mehr vorhanden, und: Roſa's Herz, ihre wärmſten Gefühle, hatten ſie nicht längſt ihm angehört? Alle dieſe ſußen Gedanken erleuchteten hell und ſtrah⸗ lend wie Blitze die finſtere Mitternacht, die ihren Schleier über Mannerſtedt's Herz geworfen hatte. Sein Kopf verwirrte ſich, es ſauste an ſeinen Ohren vorbei; Alles ging um und um; das Zimmer, der Tiſch und die Gläſer, alles war ein verworrenes Durcheinander; er wußte kaum, wo er ſelbſt war.. „Herr Mannerſtedt,“ ſagte der Profeſſor, nachdem er ſeinen Gaſt eine Weile betrachtet hatte,„was zum Henker geſchieht da? Iſt der Herr auf ſeiner Himmel⸗ fahrt oder auf dem Weg unter den Tiſch zu fallen? Hm! ich kann meiner Seel' nicht recht unterſcheiden, was von beiden der Fall iſt; aber der Herr ſieht mir gerade aus: als wollte er in Bälde einen Sprung in die Höhe oder in die Tiefe thun?“ Mannerſtedt faßte ſich mit einer jener gewaltſa⸗ men Anſtrengungen, deren ſeine Seele mächtig war, wenn ihm die Nothwendigkeit gebot, ſeinen Gefühlen einen Zaum anzulegen.„Verzeihen Sie mir,“ bat er 222 leiſe, faſt ſchüchtern,„ich war ſo ſehr erſtaunt. Seit mehreren Tagen bin ich nicht mehr ausgegangen; ich hatte demnach gar nichts gehört.“ „Es ſieht wahrhaftig ſo aus,“ meinte der Pro⸗ feſſor mit einem bedeutungsvollen Lächeln.„Herr Mannerſtedt hat alſo ſeinen Abſchiedsbeſuch im Wi⸗ den'ſchen Hauſe noch nicht gemacht?“ „Ach nein, ich hatte dieſen bis zuletzt aufgeſpart; aber jetzt darf ich wohl nicht hoffen, Jemand von der Familie zu treffen. Das thut mir wahrhaftig ſehr leid, da ich ſo manchen Beweis des Wohlwollens und der Güte in dieſem Hauſe genoſſen habe.“ „Die Frauenzimmer werden wohl anzutreffen ſein, wenigſtens Roſa,“ ſagte der Profeſſor gleichgiltig. „Ich müßte mich ſehr in ihr getäuſcht haben, wenn ſie bei einem Schlag, wie der gegenwärtige iſt, unter⸗ läge oder nur ſchwankte. Nein, ich glaube, daß ſie V I V ziemlich ruhig iſt; denn ſte beſitzt einen ſanften und gleichmüthigen Charakter, gerade wie ich ihn allen Weibern wünſchen möchte. Dann würden ſie in den Tagen des Unglücks ihre Männer nicht mit Klagen und Jammern über Dinge quälen, die nicht mehr zu ändern ſind. Ihre Frau Mutter dagegen gehört zu dem allergewöhnlichſten Schlag, und ich wette, daß ſie jetzt im beſten Zug von Ohnmachten, Konvulſionen und anderem Satanszeug begriffen iſt; denn dieſe Nuß war doch zu hart aufzubeißen, nachdem ſie ſo lange nur an Süßigkeiten gewöhnt war.“ Der Kapitän und Mannerſtedt ſaßen ſchweigend; der Erſtere, weil trotz ſeines Mitleids mit den Damen des Kommerzienraths alle ſeine Gedanken doch bei Hilda Borgenfköld weilten, welche alle ſeine Bemü⸗ hungen, ſie allein zu treffen, bisher unbarmherzig vereitelt hatte; Mannerſtedt, weil ſein Herz einen ſol⸗ chen Reichthum von Gefühlen in ſich ſchloß, daß er fürchtete, ſie durch ein einziges Wort über diejenige zu verrathen, deren bloßen Namen er unmöglich hören — s SEͤSͤSͤ OAͤSͤ—= ESS=S S SE— 2 ——— 223 konnte, ohne eine erſchütternde Bewegung unter der linken Knopfreihe zu empfinden. Da keine Unterhaltung in Gang kommen wollte, rückte der Profeſſor den Stuhl und man ging wieder in das gelbe Zimmer, wo Kaffee und Pfeifen bereit ſtanden. Der Kapitän entfernte ſich bald, indem er Dienſtgeſchäfte vorgab, und Mannerſtedt nahm auf einen Wink des Profeſſors in der andern Sophaecke Platz. Nachdem dieſer das gewöhnliche„hm, hm!“ hatte ertönen laſſen, und ein Paar gewaltige Züge aus ſeiner Pfeife der Unterhaltung als Einleitung vorangegangen waren, ſprach er endlich ſehr ſchnell: „Nun, mein lieber Kandidat, erinnert Er ſich noch unſeres Geſprächs am Neujahrsmorgen? Ich meine, ich ſagte damals, ich würde froh ſein und Gott dan⸗ ken, wenn aus der Parthie zwiſchen meinem Neffen und Roſa nichts würde; und da dieſe nun wirklich aus iſt, ſo ſag' ich es nur um ſo gerner; hat der Herr das Herz, das Nämliche auszuſprechen?“ Das war eine allzu direkte Frage: aber der Pro⸗ feſſor war kein Liebhaber von Umſchweifen und be⸗ diente ſich derſelben nie. Mannerſtedt wußte es wohl, fühlte ſich aber dennoch in hohem Grade verwirrt; denn er war nicht allein ſchüchtern, ſondern in dieſem Falle ſogar blöde. Ein Ja ſchien ihm zu viel Kühn⸗ heit zu enthalten; ein Nein würde ſeine Lippen durch eine Unwahrheit entweiht haben, und ein längeres Schweigen ſtempelte ihn zu jenem Mittelding, das der Profeſſor eine Memme zu nennen pflegte. In je⸗ dem Falle mußte er daher in der Achtung ſeines alten Freundes und Gönners ſinken. Vor dieſem Unglück zitternd, nahm Mannerſtedt ſeinen Muth zuſammen, und mit erröthenden Wangen, und in einem Tone, der von widerſtreitenden Empfindungen bebte, ant⸗ wortete er:„Ja, ich danke Gott, daß nichts daraus wurde, weil es nicht Roſa war, die ihr Verſprechen brach, und weil“— aber hier ſtammelte er und ſchwieg, 224 nachdem er ein paar Mal verſucht hatte, den Satz zu vollenden. „Nun, warum weil?“— nahm der Profeſſor den abgebrochenen Satz wieder auf.„Weiter im Text.“ „Beſter Herr Profeſſor, ich— in Wahrheit— nein.“ „Beſter Herr Mannerſtedt, es iſt wahrhaftig zu kläglich, wenn man ſieht, wie ſich ein junger Mann ſo linkiſch benimmt. Weil, ſagte der Herr?“ „Weil— da Roſa jetzt vollkommen frei iſt, und ihre Gefühle dem Kapitän Ferdinand doch nie in dem Maaße gehörten, wie ſie es bei der Abſchließung einer ſo wichtigen Verbindung hätten ſein ſollen— ich mög⸗ licher Weiſe in der Zukunft— aber nein, der Herr Profeſſor lacht mich aus. Die Träume eines Jüng⸗ lings können immerhin vermeſſen ſein, aber es würde das Lächeln eines verſtändigen Mannes verdienen, wenn man ſie in Worte kleiden wollte.“ „Ich lachte nicht über die Träume des Herrn, auch nicht über die Worte, worein ſie ſich kleiden,“ ſagte der Profeſſor freundlich, und ſtreckte Mannerſtedt die Hand hin.“„Ich war ja ſelbſt einmal jung, und habe mir zudem jetzt ſelbſt die Mühe gegeben, dieſe Träume hervorzulocken, um zu ſehen, wie ſtie ſich aus⸗ nehmen würden, wenn ſie in Worte gekleidet ſind. Und wenn mir aus alter Gewohnheit ein Lächeln über die Lippen ſchwebte, ſo war es gewiß nicht, um über die Sache ſelbſt zu lachen, ſondern über die Schwierigkeit und Schüchternheit, womit ſie Herr Mannerſtedt behandelt. Meines Bedünkens nach liegt keine Vermeſſenheit darin, eine ſolche Hoffnung zu hegen. Merk' er wohl, ich ſage Hoffnung, nichts weiter. Ein Mann muß ſich nie binden, noch die Hand eines Mädchens zu gewinnen ſuchen, ehe er ihr ein Brod bieten kann, das für beide hinreichend iſt. Sei Er deßhalb frohen und guten Muthes, ſtreb'’ Er und arbeit' Er; eine kleine Unterſtützung ſoll nicht fehlen; 225 und wenn der Herr einmal das Rektoramt in B— mit dem ſchönen angenehmen Schulhauſe in Beſitz genom⸗ men hat, dann iſt es Zeit, an deſſen vornehmſte Zierde, eine hübſche, junge Hausmutter zu denken. Jede nähere Erklärung für jetzt wäre im höchſten Grade unpaſſend. Wenigſtens jede bindende Erklärung,“ ſetzte der Profeſ⸗ ſor nach einer kleinen Pauſe hinzu, da er die Schwach⸗ heit des menſchlichen Herzens kannte, und Mannerſtedt keinen zu ſtrengen Zwang auferlegen wollte.—„Keine bindende Erklärung, mein lieber Kandidat, präg' Er ſich das wohl ein, und laß Er Gott für den Ausgang ſorgen. Eure Herzen ſind gut und treu; ſie werden Probe halten!“ Mannerſtedt athmete tief; er wagte es nicht, auf⸗ zuſehen; aber ſeine Bewegung war namenlos. Da ſprach der Profeſſor:„Und hier läſſeſt Du einen Vater zurück, mein Junge, der die zarte Ranke beſchützen wird, die dereinſt die Krone Deiner Lebensfreude, der Lohn für alle Deine Entſagungen, Dein Mühen und Stre⸗ ben werden ſoll. Reiſe mit Gott und ſei getroſt! Mein und ihr Segen begleiten Dich!“ Tief in den innerſten Räumen von Mannerſtedt's Seele fand die weiche und ſanfte Stimme des ſonſt ſo ſtrengen Mannes ein Echo. Von mächtigen, heiligen Gefühlen ergriffen, ſprang er auf und eilte in die Arme, die ſich ausſtreckten, um ihn zu empfangen.— „Vater!“ war das einzige Wort, das ſeine Lippen her⸗ vorzuſtammeln vermochten; aber in dieſem einzigen Wort, das er ſo lange nicht mehr ausgeſprochen hatte, und das ihm jetzt ſo wohl bekannt, ſo freundlich und ſo ſchön klang, in dieſem Wort lag eine unermeßliche Luſt für Mannerſtedt's Herz. „Wir werden beide zu weich, mein lieber Junge,“ ſagte der Profeſſor und bemühte ſich, ſeine gewöhnliche, ruhige Faſſung wieder vorzunehmen.„Ich liebe Dich, wie wenn Du mein eigener Sohn wäreſt; aber geh' jetzt Der Profeſſor und ſeine Schuͤtzlinge. 15 226 heim und ſuche Dich etwas zu erholen, ehe Du ſie be⸗ fuchſt Um ſechs Uhr erwarte ich Dich zurück. Lebe wohl!“ hlöhne zu wiſſen wie, kam Mannerſtedt in ſein ein⸗ ſames Dachſtübchen heim, wo Alles eingepackt und zur Abreiſe bereit ſtand. Er warf ſich auf einen Stuhl und ließ ſeinen Blick auf jedem Gegenſtande ruhen, der ſeinem Ich ſo vertraut war. Dieſes Zimmer, in dem er ſo manche, an Schmerz und Kämpfen reiche Stunden verlebt hatte, war ihm theuer geworden; jetzt endlich durfte es Zeuge ſein, wie ein glänzender Strahl der Hoffnung und Freude die lange, dunkle Nacht durchbrach, die das Herz des einſamen Bewohners um⸗ düſtert hatte. Mannerſtedt ſtand auf und öffnete me⸗ chaniſch ſein Geigenfutteral, und da er ſich jetzt mit der älteſten Vertrauten ſeiner Schmerzen und Freu⸗ den allein fühlte, beruhigten ſich ſeine Gefühle und verſchmolzen ſtill und heilig in den Tönen der Violine. Die Dämmerung brach an. Mannerſtedt warf ſei⸗ nen Mantel um und ſchlug mit hochklopfendem Herzen den Weg zum Hauſe des Kommerzienrathes ein. Alle Fenſter, die auf die Straße gingen, waren dunkel; nur aus dem Schlafzimmer der Kommerzienräthin ſchimmerte ein einſames Licht. Mit einem faſt unheim⸗ lichen Gefühle ſtieg Mannerſtedt die Treppe hinauf. Der große Corridor war nicht, wie gewöhnlich, erleuch⸗ tet, ſondern überall herrſchte eine Finſterniß und Stille, welche bei dem Gaſt eine unbehagliche Empfindung er⸗ weckte. Er klopfte an die Thüre des Wohnzimmers; kein freundliches„Herein!“ ertönte von Innen. Er drückte am Schloß und fand zu ſeinem Entſetzen, daß die Thüre verriegelt war.—„Großer Gott!“ ſeufzte er leiſe,„wenn ich abreiſen müßte, ohne von ihr Ab⸗ ſchied nehmen zu können, das wäre doch zu hart!“— Nachdem er ein paar Minuten überlegt hatte, was wohl zu thun ſei, um ſeinen Wunſch zu erreichen, ging 227 er nach der andern Seite der Wohnung, in die Küche. Hier traf er nur einen Jungen, der von der Haushäl⸗ terin, Frau Bern, als Handlanger und Bratenwender benützt wurde. Die Bedienten waren auf eigene Rech⸗ nung ausgegangen; Frau Bern befand ſich bei der Kommerzienräthin, und die Jungfern hatten den Auf⸗ fead bekommen, die Kinder in ihrem Zimmer ruhig zu halten. „Guten Abend, Sven,“ ſagte Mannerſtedt zu dem Jungen, der eifrig beſchäftigt war, das Feuer unter einem Theetopfe anzublaſen.„Iſt die Herrſchaft zu Hauſe?“ „Ja wohl iſt ſie zu Hauſe,“ antwortete der Knabe, „aber die Frau iſt ſchrecklich krank, und den Herrn darf, Niemand ſtören. Deßhalb iſt es daſſelbe, als ob Nie⸗ mand zu Hauſe wäre.“ „Nun aber, wo iſt Fräulein Roſa? iſt denn die auch nicht zu ſehen?“ „Ja, das kann ich dem Herrn nicht ſo genau ſagen; aber ſie iſt auf ihrem Zimmer, das weiß ich; denn ſie ging eben hier durch und zündete ein Licht an. Und da ſagte ſie, daß ſie dorthin gehe, im Falle Frau Bern etwas von ihr wollte.“ „Nun ſo geh' hinauf, mein artiger Sven, und richte eine Empfehlung von dem Kandidaten Mannerſtedt aus, und frage, ob ich vom Fräulein Abſchied nehmen dürfe. Du mußt ihr ſagen, daß ich in einer Stunde abreiſe. Spute Dich, mein Junge, ich habe Eile!“ „Ja, ja, das will ich ſagen,“ verſicherte Sven, und faßte das einzige im Herd befeſtigte Licht, um ſich da⸗ mit die Treppe hinaufzuleuchten. Ewig lang erſchienen Mannerſtedt die Minuten, die der Knabe fort war. O wie ſein Herz von Angſt und Unruhe klopfte, er hoffte beſtimmt, daß ſie ihn annehmen würde; denn konnte ſie ſich wohl weigern, ihn jetzt zu ſehen, wo er auf eine ſo lange, ja uner⸗ meßliche Zeit ihr Lebewohl ſagen Wwollte Nein, nein, 228 ſo hart konnte ſie nicht ſein! Aber Sven war der lang⸗ ſamſte Schlingel, dem je ein Geſchäft in Amors Dienſt anvertraut worden war. Endlich kam er langſam zu⸗ rückgeſchlurft. „Nun, was ſagte ſie?“ rief Mannerſtedt und holte tief Athem. „Sie ſagte, der Herr könne heraufkommen. Soll ich dem Herrn leuchten?“ Sven zündete bei dieſem wohlmeinenden Vorſchlag das Licht wieder an, das ihm ein Luftzug ausgeblaſen hatte, ließ es jedoch aus reinem Entzücken fallen, als ihm Mannerſtedt den unermeßlichen Schatz von einem ganzen Achtzehnſchillingſtück in die Hand drückte.„Herr Gott! was für ein nobler Herr!“ rief Sven aus und zündete ſein Licht zum drittenmal an.—„Kommt jetzt, ich will vorausgehen; aber geht leiſe, denn wir müſſen hier ganz ſtille ſein.“ Und mit dieſen Worten begab ſich Sven die Treppe hinan. Mannerſtedt hüpfte leicht und leiſe nach. Man ging über einen langen, ſchönen Gang, an mehreren verſchloſſenen Thüren vorüber. Jetzt blieb Sven ſtehen und ſagte:„So, hier iſt es.“ Aber wie ein Blitz war er wieder die Treppen hinab und am Kochherde, da er für ſeine Ohren fürchtete, wenn Frau Bern wäh⸗ benn der Zeit käme und der Theetopf nicht fortgekocht ätte. Inzwiſchen ſtand unſer Held im Finſtern da und hatte die Hand am Schloſſe zu Roſa's Zimmerthüre. Er bemühte ſich, den haſtigen Athem ein wenig zu hem⸗ men; aber es war ihm, als ob das unruhige, unlenk⸗ ſame Herz aus der Bruſt ſpringen wollte, da er jetzt im Begriffe war, das Heiligthum zu betreten, wohin er nicht einmal in ſeinen kühnſten Träumen einen Blick zu werfen gewagt hatte. Dieß nun in Wirklichkeit zu ſchauen, kam dem ſchüchternen, unbeſchreiblich zart füh⸗ lenden Jüngling faſt wie ein Kirchenraub vor; aber ſte nicht zu ſehen, das war mehr, als er über ſich ver⸗ -3eu nSSͤ 2— ⏑³- 229 mochte. Er drehte ein wenig am Schloſſe, und bei dieſer Bewegung war es ſchwer zu entſcheiden, welches Herz am heftigſten pochte: das, welches innerhalb, oder das, welches außen ſchlug. Endlich ſprang das arme Schloß auf und Mannerſtedt trat über die Schwelle. Jetzt befand er ſich alſo in Roſa's Zimmer, wovon er geradezu nichts ſah; denn am Kamine ſaß die holde, liebliche Geſtalt, die alle ſeine Gedanken und Gefühle ausſchließlich in Beſchlag nahm. Er verbeugte ſich tief, aber ſtumm. Das große, angenehme Zimmer war nur von dem Licht in der Glaslampe erleuchtet; aber vor Mannerſtedt erſchien dieſes ſowohl, als ſeine Bewohne⸗ rin, in einem verworrenen Strahlenkranz, der ſeine Augen ſo ſehr blendete, daß er ſie mit der Hand ſchir⸗ men mußte, um nicht noch irrer im Kopfe zu werden. „Willkommen, Herr Mannerſtedt!“ tönte die ſanfte, ſchöne Stimme, und Roſa ſtand auf und bot ihm einen Stuhl. Mannerſtedt meinte im Paradieſe zu ſitzen, und er wünſchte, nicht ſprechen zu müſſen, nur um deſto länger ſein Trugbild feſthalten, und einzig und allein ſchauen zu können, was er auch mit leiblichen und gei⸗ ſtigen Augen that. Roſa fühlte zwar etwas Aehnliches, aber ſie war Weib, und fand deßhalb, daß es nicht an⸗ ging, ſich ſo ſeinen Gefühlen zu überlaſſen. Man uſir irgend einen Gegenſtand zur Unterhaltung auf⸗ nden. „Herr Mannerſtedt kann meine Eltern nicht ſehen! Ach, wie betrübt das iſt; aber die Lage der Dinge in unſerm Hauſe erlaubt es heute nicht.“— Sie ſchwieg. Jetzt war es an Mannerſtedt, ſich dem ſüßen, wachen Traume zu entrücken. Er beugte ſich etwas gegen Roſa hin. „Mein theures Fräulein Widen, ich habe dieß mit tiefer und inniger Theilnahme gehört. O ich habe ſo Manches vernommen!“ Roſa's Erröthen ſchien ihre Wangen verbrennen zu wollen; ſie wehte ſich mit ihrem Tuche Kühlung zu, von einer Antwort hierauf war natürlich keine Rede. „Ich werde um ſechs Uhr abreiſen,“ begann Man⸗ nerſtedt wieder nach einer kleinen Pauſe,„und aus die⸗ ſem Hauſe nehme ich die Erinnerung an meine ſchön⸗ ſten und ſeligſten Stunden in H. mit. Dieſe Erinne⸗ rungen werden die Tage und Jahre verſüßen, die dahin⸗ gehen können, bis ich wieder ſo unausſprechlich glücklich werde; doch— ich werde vielleicht Fräulein Widen nie wieder ſehen.“ Der unendlich tiefe Schmerz, den dieſer Gedanke in ihm erweckte, gab Mannerſtedt den Muth, ſeinen Stuhl Roſa drei Schritte näher zu rücken. In den Augen des Mädchens ſchimmerten die hellen Thränen. Es war ja ſchon ſo bitter, ſich von ihm zu trennen; aber ſich die⸗ ſen Augenblick als den letzten zu denken, wo ſie ihn ſah— ihn, der ihr Alles war— in dieſem Gedanken lag ein Abgrund von Qual. Sie ſaßen ſchweigend. „Wird Roſa mich vermiſſen?“ fragte er leiſe; und als ihr Blick dem ſeinigen begegnete und ihm die Ant⸗ wort gab, welche die Lippen nicht auszuſprechen ver⸗ mochten, da faßte er ihre Hand, betrachtete genau den Finger, der noch eine leichte Spur von dem etwas engen Verlobungsringe trug, und ſeufzte mit gedämpfter Ruh⸗ rung:„Wenn ich einſt wiederkehre, dann wird dieſer wohl ſchon längſt mit einem neuen Symbole der Treue geſchmückt ſein?“ „Nein, gewiß nicht!“ antwortete ſie beſtimmt, und Purpurwolken jagten über Roſen und Lilien. Mannerſtedt ſah ihr tief in das Auge, in die Seele, und ſein Herz ſchwellte von namenloſer Seligkeit. Jetzt gute Nacht Furcht, Unruhe und Mißtrauen! Es gibt Augenblicke im Leben, wo man alle Feſſeln abſchüttelt. Unwillkürlich ſchlang ſich Mannerſtedt's Arm um Roſa, und ihr Kopf ruhte an ſeiner Schulter, als er hinzu⸗ fügte:„O möchte es ſo ſein! Ja, ich will mit einer außerordentlichen Kraft arbeiten, um deſto bälder zu⸗ rückzukommen und mich dieſes Glücks zu verſichern. Und dann, Roſa, Abgott meiner Seele, Angebetete 231 meines Herzens, ich will den Schwur der Trene nicht von Dir begehren; aber...“ „Das braucht es auch nicht,“ flüſterte Roſa, und lächelte durch Thränen;„ich werde ihn nie Jemand anders weihen, als Dir.“ Und jetzt ſtand der Himmel offen, und als Man⸗ nerſtedt den erſten Kuß auf Roſa's Lippen drückte, da war ihnen Zeit und Raum verſchwunden. Das Erſte, was ſie an den Schmerz des Abſchieds und die Wirk⸗ lichkeit erinnerte, war Sven Stimme, der von außen rief:„Des Profeſſors Ling's alter Larsſon iſt hier, um zu melden, daß der Profeſſor auf den Kandidaten warte. Es habe ſieben geſchlagen, ſagte er.“ „Ich komme gleich,“ rief Mannerſtedt und ſprang auf.„O wo iſt die Zeit hingekommen!— Lebe wohl, meine Roſa! Meine! o welche Seligkeit liegt in dieſem Wort! Ich wage keinen Augenblick länger zu zögern; denn das Gefühl der Freude iſt doch das mächtigſte Von ullen und am ſchwerſten zu beherrſchen. Ich muß ort!“ „Ja, das mußt Du,“ ſeufzte Roſa;„aber auch in der Trennung liegt eine Seligkeit; denn getrennt oder vereint leben wir doch von demſelben Leben, von dem unſerer Liebe.“ Mannerſtedt's Lippen fingen den Schluß dieſer Worte auf; und jetzt war er draußen, auf der Treppe, auf der Straße, und hielt nicht eher, als bis er mit flammen⸗ den Wangen, blitzenden Augen und heftig klopfendem Herzen vor dem Profeſſor ſtand, der in ſeinem großen Lehnſtuhl ſaß und drohend den Finger gegen den Jüng⸗ ling erhob. „Nicht eine halbe Linie über die Erlaubniß,“ ſagte Mannerſtedt aufgeräumt und küßte jetzt vergnügt die magere Hand des Profeſſors.. „Ja, ja, Du ſiehſt mir gerade aus, als ob Du an Linien und Erlaubniſſe gedacht hätteſt,“ meinte die⸗ ſer.„Das haſt Du wohl vergeſſen, ich kann mir's denken!“ 1 232 „Nein, ich betheure es Ihnen, mein väterlicher Freund,“ verſicherte Mannerſtedt ernſt.„Hätte ich Ih⸗ rer Güte ſo unwürdig ſein können? Konnte ich Ihre Ermahnungen vergeſſen? Nein, gewiß nicht! Aber ſag⸗ ten Sie nicht ſelbſt: wenigſtens keine bindende Er⸗ klärung?“ „Freilich ſagte ich ſo etwas, und Du haſt wohl daran gethan, es Dir einzuprägen; aber die Erklärung Eurer gegenſeitigen Gefühle wird wohl nicht ausgeblie⸗ ben ſein, wenn nicht alle Zeichen trügen: das wirſt Du doch nicht läugnen, mein lieber Mannerſtedt?“ „Der Himmel bewahre mich, mein zweiter Vater, die glückſeligſte Stunde meines Lebens vor Ihnen zu verläugnen! Doch habe ich ihr Verſprechen nicht be⸗ gehrt, aber ich hoffe darauf, und ich kann nicht ver⸗ hehlen, daß ſie es mir freiwillig gab.“ „Ja, die Mädchen ſind immer mit Verſprechen bei der Hand,“ meinte der Profeſſor lächelnd;„doch glaube ich, daß ſie dießmal Wort hält. Aber jetzt mußt Du fort, mein Junge! Da haſt Du meinem Verſprechen gemäß etwas, um Dir damit weiter zu helfen. Es be⸗ darf keiner Ermahnung zum Fleiß, da Du das Ziel ſchon vor Augen haſt. Gott ſei mit Dir! Keine Dank⸗ ſagungen! Du weißt, ich kann das nicht leiden. Du wirſt ſte mir durch Deine Handlungen beweiſen, davon bin ich überzeugt. Schreibe oft, und willſt Du etwa einmal im Monat Roſa einen kleinen Wiſch zuſchicken, ſo kannſt Du ihn in meinen Brief legen und der alte Mann wird dann in ſeinen alten Tagen noch den Lie⸗ besapoſtel machen, und bisweilen ein Paar Zeilen mit zurückfolgen laſſen.“ In tiefer, dankbarer Rührung umarmte Mannerſtedt den Profeſſor, ſchickte Roſa ſeinen letzten Gruß, und eine halbe Stunde ſpäter ſaß er im Schlitten und eilte zum Südthore hinaus. Die Bahn war gut, und raſch glitt das leichte Fuhrwerk, von den wartenden Poſtpfer⸗ den gezogen, die Straße dahin. Ein ſchöner, mond⸗ heller Abend erfreute den Reiſenden; und jeder funkelnde 8G 233 Stern am Himmelszelte ſchien ſeinen Strahlenglanz in Mannerſtedt's Seele wiederzuſpiegeln. Er hatte ja den Himmel darin. 16. Die Reiſenden.— Die neue Heimath. An einem entſetzlich heißen Junitag deſſelben Jahrs fuhr eine leere altmodiſche Kutſche, die ehemals grün bemalt geweſen, jetzt aber innen und außen abgenützt und verſchliſſen war, den ewig langen und ermüdenden Gylticker Bergrücken hinauf, der ein Paar Meilen von Halmſtad an der Smaländiſchen Grenze liegt. Dem Wagen folgten ein Paar gewaltige Packkarren, die von Ochſen gezogen wurden, welche man dort zur Beförde⸗ rung der Reiſenden vorfindet. Dießmal ſtanden dieſe noch in ſcheinbarer Unentſchloſſenheit in einer Wirths⸗ ſtube im Thale, und ſchienen darüber nachzuſinnen, wie ſie auf die beſte Art über alle dieſe zuſammenhängen⸗ den, kleinen Kirchthürme hinwegkommen könnten. Im Wagen ſitzen bleiben, war eine reine Unmöglichkeit; hinauf gehen, wäre entſetzlich ermüdend geweſen, denn der Gylticker Rücken iſt kein gewöhnlicher Berg, das können Alle bezeugen, welche dieſen Weg gemacht haben. In den Reiſenden erkennen wir zwei uns wohl bekannte Damen, Frau Borgenſköld und Hilda, die nun auf der Reiſe nach Lindfors begriffen waren, jenem Gute, wo Lieutenant Borgenſköld die Inſpektorsſtelle erhalten hatte. Die Seereiſe war glücklich überſtanden, und mit frohen und gerührten Gefühlen ſahen ſie der Stunde entgegen, wo ſie den Gatten und Vater wiederſchauen ſollten. In dieſem Augenblicke jedoch war ihre ganze Aufmerkſamkeit von der unermeßlichen Höhe in An⸗ ſpruch genommen, die vor ihnen lag und welche ſie un⸗ widerruflich paſſiren mußten, wenn ſie weiter kommen 234 wollten. Hilda ſowohl als ihre Mutter waren wenig an Reiſen und deren Beſchwerlichkeiten gewöhnt; es iſt deßhalb nicht zu verwundern, daß ſich die Unterhaltung nur um den nächſten Gegenſtand vor ihnen drehte. „Meine liebe Hilda,“ ſagte Frau Borgenſköld, die eben aus dem Chauſſeehauſe gekommen war, wo ſie ſich mit einem Glas Milch erfriſcht hatte,„meinſt Du, daß ich je hier hinauf komme? Es war nicht recht, daß wir nicht dieſelbe Straße einſchlugen, wie unſere Sachen. Wenn ich auf dem Weg vor Mattigkeit umſinke, oder bei dem Anblick der unendlich tiefen Abhänge einen Schwindel bekomme, wer ſoll mir da helfen? Ich bin in großer Furcht; es wird nicht gut gehen.“ „Mama macht mir recht Angſt,“ antwortete Hilda,„es wird wohl nicht ſo gefährlich ſein. Wir wol⸗ len oft ausruhen; aber dann darf Mama durchaus nicht in die Tiefe hinabſehen, ſondern muß ſich feſt auf meinen Arm ſtützen. Ich bin ſtark, verlaſſe Dich dar⸗ auf.“ Als Hilda die letzten Worte ausgeſprochen hatte, Hörte man auf dem Weg hinter ihnen ein neues Fuhr⸗ werk. „Ruhig, halt Polle!“ tönte eine wohlklingende männliche Stimme. Ein wenig neugierig wendeten ſich die Frauenzimmer um, und gewahrten ein ſehr hüb⸗ ſches und wohlgepolſtertes Fuhrwerk, aus welchem in demſelben Augenblick ein junger Mann herausſprang. Mit der Reiſemütze in der Hand machte er den Damen eine Verbeugung, die von einer näheren Bekanntſchaft mit den Sitten feinerer Geſellſchaft zeugte, während er mit dem Taſchentuch die heißen Tropfen von der Stirne trocknete, und Bart und Kragen in Ordnung brachte. Nach dieſer kleinen Koketterie wandte er anſcheinend ſeine Aufmerkſamkeit auf das hübſche, feurige Pferd, das ungeduldig in dem Geſchirr des Fuhrwerks wie⸗ herte. Nachdem es ausgeſpannt war, und der Eigen⸗ thümer es mehrmals mit der flachen Hand über den ſtolzen Hals geſtreichelt, und ihm endlich ein gutes Fut⸗ ter gegeben hatte, war nichts weiter mit ihm zu ſchaffen. 235 Der Reiſende wandte ſich jetzt wieder zu den Damen und als Frau Borgenſköld den Prieſterkragen erblickte, den der Fremdling unter der weißen Blouſe trug, welche er jetzt gewandt abwarf, faßte ſie mit jener, ältern Damen bei ſolchen Fällen eigenen Entſchloſſenheik den Muth, den Herrn Pfarrer zu fragen, ob er vielleicht den nämlichen Weg über dieſen abſcheulichen Berg⸗ rücken fahren werde, in welchem Falle ſie höchſt glück⸗ lich ſein würden, Geſellſchaft zu bekommen, da Kutſcher und Wagen bereits voraus ſeien. „Es iſt allerdings gerade auch mein Weg,“ ſagte der junge Geiſtliche mit einer neuen Verbeugung, die an Gewandtheit und Anmuth dem Benehmen eines weltlichen Elegants nichts nachgab.„Wenn ich Ihnen zu Dienſten ſein kann,“ ſetzte er mit einem freundlichen Lächeln hinzu,„ſo ſoll es mit dem größten Vergnügen geſchehen.“ Dabei war ſein ſchwarzes blitzendes Auge zwiſchen den unendlichen Wolken von Frau Borgenſkölds gro⸗ ßem Reiſehut und Hilda's Sonnenſchirm hindurch ge⸗ drungen, und hatte gerade das Angeſicht des ſchönen, verlegenen Mädchens getroffen. Erröthend und verwirrt über die flinke Art der Mama, Bekanntſchaften auf der Landſtraße zu machen, ſtand Hilda da und ließ den Sonnenſchirm beſchatten, was ihm beliebte; doch wurde das Angeſicht nicht eher bedeckt, als bis ſie die Augen erhoben und den Pfarrer gewahrt hatte, der ſeine Blicke mit einem Ausdruck auf ſie heftete, welche deut⸗ lich ein Intereſſe an der jungen reiſenden Dame aus⸗ ſprachen. „Ach, mein Herr!“ fing Frau Borgenſköld wieder an,„Sie würden uns den größten Gefallen erzeigen, wenn Sie uns da hinauf Geſellſchaft leiſten würden. Aber darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe zu ſprechen,“— die Frauen vergeſſen ihre Neugierde nicht einmal in der Angſt über einen ſolchen Bergrücken, wie der Gylticker iſt. 236 „Recht gern, Madame,“ antwortete der Fremdling lächelnd.„Mein Name iſt Wallinder, Pfarrverweſer bei der Pfarrei B— by in Smaland. „Ach, das trifft ſich ja ſehr ſchön! Gott ſei Dank!“ rief Frau Borgenſköld vergnügt.„Der Herr Pfarrer iſt dann gewiß auch mit dem Lieutenant Borgenſköld bekannt, der Inſpektor in Lindfors iſt? Ich weiß, das Gut liegt in dem Kirchſpiel B— by?“ „Ja, ich habe die Ehre, oftmals eine Pfeife bei dem Herrn Lieutenant zu rauchen, und vermuthlich bin ich ſo glücklich, ſeine Frau und Tochter vor mir zu ſehen, die er gegen das Ende dieſes Monats bei ſich erwartete?“ „Ja, Du lieber Gott!“ rief Frau Borgenſköld, „Sie haben ganz recht gerathen! Ach wie angenehm das iſt; ich darf mit Recht ſagen, es iſt eine Schickung der Vorſehung, daß wir ſo hier zuſammentreffen ſoll⸗ ten. Das iſt meine Tochter! Wie angenehm, mein Hildchen, daß wir jetzt auf die ganze Reiſe Geſellſchaft bekommen! Ich erinnere mich jetzt, daß Papa mehrmals in ſeinen Briefen von dem Herrn Paſtor Wallinder ſprach; aber nie glaubte ich, daß wir in unſerem geiſt⸗ lichen Lehrer zugleich einen ſo jungen und artigen Mann kennen lernen ſollten.“ Endlich verſtegte die Quelle der mütterlichen Be⸗ redtſamkeit. Hilda verneigte ſich vor dem Paſtor Wal⸗ linder, und dieſer verſicherte in dem überzeugendſten Tone, daß es ihm ganz beſonders ſchmeichle, der Be⸗ ſchützer der Damen auf dem Reſt der Reiſe zu ſein. Nachdem man noch einige weitere Freundſchafts⸗ und Glückwunſchsphraſen ausgetauſcht hatte, ſpannte Pa⸗ ſtor Wallinder an und nöthigte Frau Borgenſköld, in ſein Fuhrwerk einzuſteigen, indem er artig verſicherte, daß er ſogleich halten würde, ſobald es unmöglich ſei, länger zu fahren, und jetzt ging es allmählich hinan. Hilda ſpazierte voraus und der Pfarrer ging neben der Droſchke her, indem er ſeine Aufmerkſamkeit zwi⸗ 237 ſchen Frau Borgenſköld und Polle theilte. Blickte er aber vorwärts, ſo ward jene dem ausgezeichneten rei⸗ zenden Wuchſe Hilda's und dem kleinen allerliebſten Röckchen gewidmet, das von geblümtem Moll war und ſie leicht und anmuthig umfloß. Paſtor Wallinder fand ein beſonderes Vergnügen an wohlgekleideten Mädchen. Seit er in dem etwas einſam gelegenen B— by war, genoß er ſeltener dieſen Anblick, obwohl er als Kenner zugab, daß die Moden in W—, denen die Frauenzim⸗ mer dieſer Gegend treulich folgten, auch nicht zu ver⸗ achten ſeien; aber ſelten kleideten ſich jene paraden⸗ mäßig, außer bei feſtlichen Gelegenheiten; an Werk⸗ tagen begnügten ſie ſich mit ihren eigenen ländlichen Trachten. „Nein, nein, mein lieber Herr Paſtor!“ unter⸗ brach Frau Borgenſköld Wallinder's ſtille Betrachtun⸗ gen über Hilda, ihren Wuchs, Rock und Hut.„Mein lieber Herr Paſtor, Gott ſei vor, daß es noch lange ſo bergan geht! Laſſen Sie mich heraus, ich bitte Sie. Ich ſterbe vor Angſt.“ Der Paſtor hielt artig ſtille und rief einem Poſt⸗ knecht, der auf der Höhe ſtand und herabgaffte, zu: „Komm herunter und nehme das Pferd!“ Als dieſer dem Rufe nachgekommen war, bot Wallinder Frau Bor⸗ genſköld den Arm, und nach unzähligen Beſchwerlich⸗ keiten erſtieg die Geſellſchaft endlich den mühevollen, von Frau Borgenſköld, Hilda und Wallinder nie ver⸗ geſſenen Gylticker Rücken. Nachdem die Frauenzimmer mit Hülfe des Paſtors glücklich in die alte Kutſche ein⸗ geſchachtelt waren, ſprang der junge Mann in ſein eigenes hübſches Fuhrwerk, und ſo ging es raſch fort den ganzen Tag. Man raſtete nur ſo kurze Zeit als möglich an ein paar Punkten, um eine kleine Erfri⸗ ſchung einzunehmen, die größtentheils aus Kaffee be⸗ ſtand, der von Hilda's eigener Hand zubereitet wurde. Neun Uhr Abends kam die Geſellſchaft in Sken's Wirthshauſe an, wo man das Nachtquartier aufſchlagen 238 ſollte. Hier beklagte ſich Frau Borgenſköld entſetzlich, daß ſie vor dem ſchrecklichen Rauſchen des Stromes kein Auge würde zuthun können, ſie ſchlief jedoch deſſen ungeachtet vortrefflich, und war noch nicht erwacht, als ſchon Hilda früh am Morgen, von der Hitze in dem dumpfen Zimmer gequält, hinabſchlich und die friſche Luft aufſuchte. Im Oehrn begegnete ſie Paſtor Wal⸗ linder, der roth und warm von einer Wanderung in der ſchönen Gegend zurückkehrte. „Will Fräulein Borgenſköld einen Morgenſpazier⸗ gang machen?“ fragte er artig, als er ſie im Hut und Shawl ſah. „Ja, es würde mir wirklich ein großes Vergnügen nachen, wenn ich mich ein wenig umſehen könnte. Die Wusſicht iſt nicht ohne Intereſſe, und die kleinen Holme im Fluſſe nehmen ſich allerliebſt aus.“ „So laſſen Sie uns denn dieß Vergnügen genie⸗ ßen,“ ſagte Wallinder ungekünſtelt.„Dieſe Gegend gleicht Ihrer künftigen Heimath, Fräulein Borgenſköld. Lindfors iſt ſehr ſchön gelegen; aber ehe wir dahin ge⸗ langen, müſſen wir noch manche häßliche Gegenden paſſiren, und in ein paar Stunden ſogar die unend⸗ lichen flachen Haiden von Lungby. Es iſt deßhalb um ſo beſſer, das Schöne, das wir jetzt vor Augen haben, nicht unbetrachtet zu laſſen.“ Wallinder bot Hilda den Arm, den ſie ohne Zie⸗ rerei nahm, und jetzt wanderten ſie zu Sken'’s ſchönem Herrenhofe hinan. Der Morgen war herrlich; Alles war ſo ruhig, ſtill und friedvoll in der ganzen Natur. Schweigend gingen ſie einigemale auf und nieder; da kam ein Bote mit der Nachricht, daß die Frau Mama wach ſei und auf das Fräulein und den Kaffee warte. Die jungen Leute kehrten eilig zurück. Um zehn Uhr war die Geſellſchaft in Lungby, wo ſie frühſtuͤcken ſollten. Aber mit einem kleinen unruhi⸗ gen Herzklopfen für ihre Kaſſe machte Frau Borgenfköld 239 bei ſich die Bemerkung— denn ſtie fand keine Gelegen⸗ heit, ſie Hilda zuzuflüſtern— daß es ſich nicht wohl paßte, den Speiſeſack in einem Wirthshauſe hervorzu⸗ nehmen, das ſich ſo vieler in die Augen fallender Herr⸗ lichkeiten rühmen konnte, wie das in Lungby. Seuf⸗ zend warf Frau Borgenſköld wie aus Zufall den Mantel über den vom Kutſcher heraufgetragenen Speiſeſack und forderte ein Frühſtück für drei Perſonen; aber als un⸗ ſere gute Frau die Rechnung erhielt, war ſie nahe daran, vor Entſetzen in Ohnmacht zu fallen, ſo unver⸗ ſchämt groß war dieſe ausgefallen. Aber hier ging es nicht an, zu feilſchen, und mit ſchwerem Herzen machte ſie ſich, etwas abſeits ſtehend, bereit, die kleine wohl⸗ verwahrte Schreibtafel hervorzunehmen, um die Schuld zu bezahlen. Ehe ſie jedoch dies bewerkſtelligen donnee, ward ſie durch einen Boten benachrichtigt, daß die Rechnung ſchon von Paſtor Wallinder bezahlt ſei. Mit einem Gefühl, das die Mitte zwiſchen Freude und einer gelinden Demüthigung hielt, ſteckte Frau Bor⸗ genſköld die kleine Reiſekaſſe wieder an ihren Ort, worauf man einpackte und abreiste. Am folgenden Mittag war endlich das Ziel der langen Reiſe erreicht.„Mein Weg geht dorthin,“ ſagte Paſtor Wallinder, und ſchlug nach einer artigen Be⸗ grüßung und freundlichen Dankſagung für die gute und angenehme Reiſegeſellſchaft die Straße zur Linken ein. „Die Damen haben jetzt nur noch eine Viertelmeile, und wenn es mir erlaubt iſt, ſo werde ich morgen Abend kommen und nachſehen, wie ſich die Herrſchaften nach der Reiſe befinden.“ Frau Borgenſköld dankte herzlich und verbindlich, und verſicherte den Herrn Paſtor, tauſendmal willkom⸗ men zu ſein. Hilda war zwar nicht ſo wortreich, als Mama, aber ſie ſagte einfach, daß es ihr ein Vergnü⸗ gen machen würde, ihren angenehmen und munteren Reiſegefährten wieder zu ſehen. 240 „Gehorſamſter Diener, meine Damen!“ tönte es von den Lippen des Paſtors, und in einem Nu war die Droſchke um die Krümmung herum, und Wallinder's hohe ſtattliche Figur verſchwand in einer Staubwolke. Lange blickte ihm Hilda nach und Mama ſagte:„Herr Gott! was für ein hübſcher Menſch! Ich hätte mir nicht vorgeſtellt, daß man auf dem Lande einen ſo an⸗ genehmen Geiſtlichen treffen könnte. Es ſollte mich wundern, wenn er verheirathet wäre; ich dachte nicht daran, zu fragen. Der Pfarrhof würde dann eine ſehr angenehme Nachbarſchaft ſein.“— Frau Borgenſköld wünſchte jedoch herzlich bei ſich ſelbſt, daß der Paſtor noch Junggeſelle waͤre. „O, er iſt gewiß nicht verheirathet,“ meinte Hilda, „er iſt noch ſo jung!“— Aber Frau Borgenſköld wollte beſſern Beſcheid haben.—„Höre, Väterchen!“ o— dabei klopfte ſte den Poſtknecht auf den Rücken, „iſt der Paſtor in B— by— verheirathet?“ „O ja wohl, er iſt ſeit manchem lieben Jahr her verheirathet.“ „Seit manchem lieben Jahr her,“ unterbrach ihn Frau Borgenſköld verwundert.„Er iſt doch noch nicht ſo alt, meine ich?“. „Nicht ſo alt?“ wiederholte der Fuhrmann,„ja, aber er iſt auch kein heuriges Häslein mehr.“ „Nun, wie alt mag er denn ſein, liebes Vä⸗ terchen?“ „Ja, das weiß ich nicht ſo genau, aber ich denke, er iſt ſo ungefähr zwiſchen fünfzig und ſechzig. Ja ſo ungefähr.“ Frau Borgenſköld und Hilda brachen in ein herz⸗ liches Gelächter aus, und etwas erzürnt über dieſe Un⸗ terbrechung fuhr der Fuhrknecht fort:„Das muß ich wohl wiſſen, denn ich hab' ihn ja ſeit Kindesbeinen an gekannt, und es wird nicht viel fehlen, daß der älteſte Sohn ſo alt iſt, wie der Magiſter.“ „Welcher Magiſter?“ fragte Hilda haſtig, da ſie 241 zu ahnen begann, daß hier ein Mißverſtändniß ſtatt⸗ gefunden habe. „Nun, den Magiſter meine ich, der eben von uns ging; die Herrſchaften müſſen ihn wohl kennen, da ſie ihn bei ſich hatten.“ „Ja aber, Väterchen,“ ſprach Frau Borgenſköld beſänftigend,„war das nicht der Paſtor? Er ſteht ja der Pfarrei B— by vor?“ „Ja wohl thut er das,“ erklärte der Fuhrmann; „aber er iſt doch nur Magiſter. Das verhält ſich ſo, der Probſt iſt alt und blind; deßhalb ſchickte das Conſiſtorium vor drei Jahren den Herrn Wallinder her, der ein recht braver Prediger und bei Hohen und Niedern beliebt iſt. Aber dieſer Geiſtliche hier in B— by, iſt nur der erſte Helfer.“ Hilda lächelte und Frau Borgenſköld war mit dem Mißverſtändniß wohl zufrieden; die Unterhaltung mit dem Kutſcher ergötzte ſie und ſie fragte deßhalb weiter:„Nun, der Probſt hat wohl viele huͤbſche Töchter?“ „Ja wohl, vier Stück, ſchön wie der Tag.“ Frau Borgenſköld fand dieß gewiß weniger in⸗ tereſſant, als das Vorhergehende; wenigſtens würde ein aufmerkſamer Zuhörer einen nicht unbedeutenden Zuſatz von Unruhe in ihrer Stimme entdeckt haben, als ſte die weitere Frage machte, ob ſchon eine von ihnen verlobt ſei. „Ja, es iſt ſchon lange her, daß ſie verlobt wa⸗ ren,“ meinte der Kutſcher lachend;„die letzte hat vor zwei Jahren Hochzeit gehabt.“ „Sol ei da ſind ja ſchon alle verſorgt,“ läͤchelte Frau Borgenſköld ſehr freundlich; aber das iſt wohl Lindfors, liebes Väterchen, das dort zwiſchen dem Laubwerk durchſchimmert?“ „Nein, es ſteht noch eine kleine Weile an; der Hof dort gehört dem Steuereinnehmer; Lindfors ſieht erade nicht ſo aus. Es iſt alt und verfallen; und ſeit dem letzten Jahr in ganz ſchlechtem Zuſtand.“ Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. 16 Frau Borgenſköld ſeufzte, und da der Kutſcher glaubte, dieß geſchehe in Folge der Länge des Weges, tröſtete er die Damen durch die Verſicherung, daß ſie in einem Nu drüben ſein würden.— Jetzt klatſchte die Peitſche, die Pferde trabten an und man fuhr zwiſchen ſchönen Feldern und Wieſen dahin. Da rief Hilda plötzlich:„Halt, halt, Väterchen, um's Him- melswillen! Fahr nicht ſo ſchnell; ich ſehe dort den Papa auf dem Ackerfeld! Halte, damit ich ausſteigen kann!“ Der Wagen hielt ſtille, und mit einem leichten Sprunge ſtand Hilda auf dem Wege und flog dann wie eine kleine Elfe raſch über Aecker und Wieſen auf einen ältlichen Herrn von mittlerer Größe zu mit einem länglichen und ſonnverbrannten Geſichte, der dort ſtand und mit den Arbeitsleuten ſprach. Er war in einen langen grauen, leinenen Rock gehüllt, der im Sommer höchſt bequem war, und ſein ganzes Aus⸗ ſehen bewies, daß er zu den nicht ſo ſeltenen kleinen Seelen gehörte, von denen nichts weiter zu ſagen iſt, als daß ſie faſt auf dieſelbe Art vegetiren, wie ihre materielle Hälfte; Menſchen, deren ganze Standhaf⸗ tigkeit und Feſtigkeit davon abhängt, ob ihr Eigen⸗ ſinn in's Spiel kommt oder nicht, in welchem erſteren Fall ſie dann eben ſo feſt ſein können, wie andere Leute aus Ueberzeugung. Ferner gehörte Lieutenant V Borgenſköld zu der Art von Männern, die nur unvoll⸗ ſtändige Exemplare ſind, wenn nicht ihre Weiber ihnen als Beilage, immer mit Rath und That bereit, vor⸗ ſehend und nachſehend zur Seite ſtehen, wie ein Ka⸗ lender, wo ſie jeden Umſtand aufſchlagen können, an deſſen Erinnerung ihr ſchwaches Gedächtniß oder ihre Stumpfheit ſie hindert. Der Leſer kann ſich leicht vorſtellen, wie angenehm die Ankunft ſeiner erſehnten Gattin und innig gelieb⸗ ten Tochter für ein ſo von der bisweilen ſtiefmütter⸗ lichen Natur ausgerüſtetes Weſen ſein mußte, als 243 Lieutenant Borgenſköld war. Als er die alte Kutſche gewahrte, jenes Fragment aus „Früheren, beſſeren Tagen, Wo man auf Bälle d'rin ward getragen,“ ſtürzte er mit ausgebreiteten Armen und weithin flat⸗ terndem Rocke ſeinem Abgott, ſeiner kleinen lieben Hilda, entgegen, denn das Vaterherz klopft gleich warm, ob die Bruſt, die es umſchließt, ſtolz und kraftvoll ſich erhebt, oder auch nur kaum eine Schutzwehr für den edleren Theil iſt. Eine lange und innige Umar⸗ mung ſchloß Vater und Tochter an einander. Das bär⸗ tige Kinn hatte Hilda's feine Wangen gekratzt, und halb lächelnd, halb weinend, nunter dieſer Luſt des Wiederſehens ſagte ſie:„Papa muß nicht ſo unordent⸗ lich mit dem Raſiren ſein, obwohl wir auf dem Lande wohnen.“— Sie hielt die Hand gegen die gewöhnlich bleiche, aber jetzt hochrothe Wange. „Ach das hatte ich vergeſſen,“ erwiederte der Papa und fuhr mit der flachen Hand über das Kinn. „Ja, ja, mein Mädchen, das war ein garſtiger Kuß: aber da Du mich daran errinnerſt, werde ich es nicht unterlaſſen, mich zu ſäubern. Doch, wo iſt die Mama, mein Kind? Es war hohe Zeit, daß ſie kam.“ Und bei dieſen Worten ſetzte ſich der graue Rock wieder in flatternde Bewegung und Lieutenant Bor⸗ genſköld hatte bald den kleinen Zwiſchenraum zurück⸗ gelegt, der ihn von ſeinem andern Ich trennte. Sein Angeſicht ſtrahlte von Freude, als er ſeine theure Eli⸗ ſabeth wieder ſah, und auch Frau Borgenſköld fühlte ſich ſo froh und glückſelig, als ſie am Herzen ihres war. Arm in Arm ging das Ehepaar nun dem Hofe zu. Herzlich und vertraulich ſprachen ſie unterwegs über das angenehme Leben auf dem Lande, die Ma⸗ ſtung der Schweine und des Rindviehs, die Mehl⸗ bereitung aus Kartoffeln und die Nation Getreide, Mannes ruhte, wie ſie es am Hochzeittage geweſen 244 die für den Inſpektor beſtimmt war. Ueber alle dieſe Gegenſtände und wenigſtens einhundert andere holte Lieutenant Borgenſköld die Anſichten ſeiner Frau ein, und froh und herzlich vergnügt, die geliebten Eltern wieder einmal ihre Gedanken in einer lebhaften Unter⸗ haltung austauſchen zu ſehen, hüpfte Hilda nebenher und bückte ſich oft zum Grabenrande nieder, um eine der ſchönen Blumen zu pflücken, auf die ſie Wallinder unterwegs aufmerkſam gemacht hatte. Sie ſchickte dann wohl auch einen freundlichen Gedanken an ihren angenehmen Reiſegefährten zurück und wünſchte, er möchte ſchon am folgenden Abend zurückkommen. Aber jetzt wurde Hilda ebenfalls mit in die Unterhaltung gezogen; denn von der Haushaltung, den Knechten, Mägden und Arbeitsleuten war Papa und Mama zu einer Muſterung der Nachbarn übergegangen und dabei ſollte Hilda zuhören und ſich über die ſinnreichen Be⸗ ſchreibungen Papa's freuen. Der Anblick des roth gemalten Gatterthors brach jedoch jede weitere Mittheilung ab. Mit einem kleinen Schritt war man jetzt wieder in ſeiner eigenen Welt. Lieutenant Borgenſköld ließ den Arm ſeiner Frau fah⸗ ren und öffnete den Eingang zu der neuen Heimath, die mit einer einige Klafter langen Allee anfing, an deren Schluſſe ein paar graue gewölbte Thore in den Hof führten, wo das Wohnhaus ſtand. Der Theil, welcher früher der Mannhof genannt wurde, war zum Theil eingeſtürzt und ſo verwittert, daß ſich Niemand dorthin wagte; der eine Flügel wurde von den Dienſt⸗ leuten benützt und diente zugleich zur Speiſekammer, zur Webſtube und zum Speicher für das Getreide, die Geräͤthſchaften u. ſ. w.; der andere enthielt Lieu⸗ tenant Borgenſköld's Wohnung. Dahin alſo lenkten unſere Reiſende ihren Schritt. Dieſes Flügelgebäude war ehedem, wie die übrigen, weiß getüncht geweſen, hatte jedoch vor Alter dieſelbe graue Farbe angenom⸗ men, wie ſeine Kameraden. Die Thore der Vorhalle fah⸗ nath, „ an den heil, zum nand lenſt⸗ mer, eide, Lieu⸗ nkten bäude beſen, nom⸗-⸗ halle 245 ſtanden offen, und über den mit hohem Gras bedeckten Hof führte Lieutenant Borgenſköld ſeine Frau und Tochter in den ſogenannten Saal. Dies war ein lan⸗ ges, aber ſehr ſchmales, jedoch ziemlich helles Zim⸗ mer, obwohl die Fenſter klein waren. Die Wände waren weiß und zierlich mit rother und blauer Farbe beworfen. Dieſe glückliche Veranſtaltung des zärt⸗ lichen Gatten, um ſeiner Eliſabeth eine Freude zu machen, hatte jedoch die Ungelegenheit, daß auch der Boden etwas von den Farben bekommen hatte. Dies war jedoch ziemlich durch darübergeſtreutes friſches Birkenlaub bedeckt. Die Fenſter hatten zwei Flügel in der Höhe, aber das Glas war etwas grünlich und die Gardinen ebenſo wie man ſie bei einem„Stroh⸗ wittwer“ finden konnte, wie der Lieutenant heiter be⸗ merkte. An der andern Seite des Saals ſtand ein gewaltiger Heerd mit einem friſchen Fichtenſtamme geziert, und auf dem oberſten Rande des Heerdge⸗ mauers war ein Gemälde aufgeſtellt, deſſen Gegen⸗ ſtand einer von Lindfors' früheren Beſitzern in Lebens⸗ größe war. Die Möbel beſtanden ſämmtlich aus einfachen, ungepolſterten Sopha's und eben ſolchen Stühlen. „Was meinſt Du, mein Schatz, glaubſt Du Dich darein finden zu können?“ fragte Lieutenant Borgen⸗ ſköld, und ſah dabei ſein Weib freundlich an. Die Frau huſtete und nießte, indem ſie ihr Nas⸗ tuch benützte, um den Schmerz zu verbergen, der ſich hier mit der Freude des Wiederſehens vermiſchte. Sie liebte jedoch ihren Mann zu ſehr, um ihn mit dem Anblick des Mißvergnügens verletzen zu wollen, das ſie in dieſem Augenblicke empfand. Nachdem ſie ſich etwas erholt hatte, antwortete ſie freundlich:„Gewiß werde ich mich darein finden, lieber Hermann: wo Du biſt, fühle ich mich immer wohl; es wird ſchon recht werden.“ „Ja, meine Eliſabeth, das glaube ich gerade 1246 auch. Wir brauchen wenigſtens nicht um das tägliche Brod beſorgt zu ſein, und was das Uebrige betrifft, ſo muß man ſich eben behelfen, ſo gut man kann. Aber was ſagſt Du dazu, Hildchen?“ „Ach Papa, ich meine, es iſt hier überall länd⸗ lich und friſch, wohin ich komme, und ich finde es im Ganzen weit beſſer, als ich es mir nach den Beſchrei⸗ bungen Papa's vorzuſtellen gewagt hatte. Ich denke ſchon darüber nach, wie ich mit den Dingen, die ſich auf unſeren Packkarren befinden, unſerem Saale ein beſſeres Ausſehen geben will, und ich hoffe, es ſoll mir gelingen. Wir werden dann dem Uebrigen nach und nach ſchon aufhelfen.“ „Nun, Gott ſei Dank, mein Mädchen! Du weißt Dir zu helfen und zu rathen wie immer! doch wir wollen jetzt weiter gehen.“ Und nachdem man ſich hinlänglich im Saale umgeſehen hatte, öffnete Lieute⸗ nant Borgenſköld die Thüre zu einem kleinen, vier⸗ eckigten Zimmer, das in früheren Tagen gelb bemalt geweſen war und wahrſcheinlich zum Wohnzimmer ge⸗ dient hatte. Dieſes Zimmer hatte helle Fenſter, und eine goͤttlich ſchöne Ausſicht.„Daraus ſoll etwas wer⸗ den,“ dachte Hilda, und ſah ſich ſchon im Geiſte mit dem Malertopf und Pinſel hier ſtehen. Von da führte eine Thüre zu dem Schlafzimmer, welches finſter und unangenehm war, und endlich kam man in die Küche, wo man wieder in neuen Ueberlegungen ſtehen blieb, und der Lieutenant ſagte:„Jetzt haben wir die ganze Herrlichkeit geſehen bis auf zwei kleine Dachkam⸗ mern.“ „Ich finde es nicht ſo arg, lieber Hermann,“ verſicherte ſeine Frau.„Ich habe jetzt Alles durchge⸗ gangen, und ſehe ein, daß es mit ein wenig Mühe und Arbeit recht ordentlich werden kann. Sei gewiß, mein Alter, in Kurzem wirſt Du die alte Höhle nicht mehr erkennen.“ „Das bin ich überzeugt, liebe Eliſabeth,“ ſagte V 247 der Lieutenant herzlich vergnügt.„Wenn Du hier ordnen und hanthieren darſſt, ſo müßte es ja ein Wunder ſein, wenn ich die Rumpelkammer wieder er⸗ kennen würde. Nein, ich bin überzeugt, ich werde künftig Alles mit andern Augen anſehen; und ich weiß ja auch, daß unſere kleine Hilda Alles vortrefflich ein⸗ zurichten verſteht, wohin ſie kommt.“ M Und hierin hatte der gute Mann recht; denn am folgenden Abend, wo man den Paſtor oder wie er all⸗ gemein genannt wurde, den Magiſter Wallinder er⸗ wartete, ſtand der Saal ſo geſcheuert, gefegt, mit Blumen geziert, und reinlich da, wie eine Braut um Johannis. Die von der Stadt mitgebrachten Gar⸗ dinen, die ſo weiß und friſch geſtärkt waren, hatte man geſchmackvoll aufgemacht, und vor dem mit brau⸗ nem Bombaſſin überzogenen Sopha, dem lieben, alten Sopha der Mama, ſtand der wohlbekannte Theetiſch mit den echten Taſſen, der ſeit Hilda's Geburt mit⸗ gemacht hatte, und bei der großen Auktion der übrigen Mobilien von dem Profeſſor für Hilda erſtanden wor⸗ den war. In der Mitte des Tiſches ſtand ein feiner Weidenkorb mit friſchen Bretzeln, die von Hilda's eigenen ſchönen Händen gebacken waren; denn weit entfernt, auf die Beſchwerlichkeiten der Reiſe auszu⸗ ruhen, war ſie ſchon ſeit drei Uhr Morgens auf und hatte überall herum gewirkt und angeordnet; und ſo ward ihr jetzt auch die Befriedigung, Alles in einem zm ich ordentlichen und angenehmen Zuſtande zu ehen. Es war ſchon ſechs Uhr Abends. Hilda ſaß an einem Fenſter und nähte an Einlagekrägen für den Papa; aber bei jedem dritten Stich blickte ſie auf die Straße hinaus. Dieſe Erwartung begann nach und nach lange zu werden. Frau Borgenſköld hatte ſich freundlich und vergnügt in einer Sophaecke niederge⸗ laſſen und war damit beſchäftigt, den Spinat für den Abend zu reinigen, und Papa ſelbſt wanderte, die 248 Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab und erzählte kleine Stücke aus einer Abhandlung über die Landwirthſchaft, die er neulich von dem Beiſitzer ent⸗ lehnt hatte und die beſonders intereſſant und nützlich für den angehenden Praktikus waren. Mitten im ſtärkſten Laufe der väterlichen Beredt⸗ ſamkeit ließen ſich feſte männliche Schritte von außen hören, zur großen Freude Hilda's, die bei Papa's ſchönen Reden über Kohl, Kartoffeln und Rüben un⸗ barmherzig gegähnt hatte. Die Thüre zu dem um⸗ laubten Oehrn war offen, und in einem Nu ſtand unſer Magiſter in einem leichten, ſchönen Jagdrocke mit der Büchſe und Waidtaſche über der Schulter, und einem feinen runden Strohhut in der Hand, mit⸗ ten im Zimmer. „Ich glaube, eine Fee hat in einem einzigen Tage Lindfors' altes Neſt in einen Götterpalaſt ver⸗ wandelt,“ ſagte Magiſter Wallinder lächelnd und küßte, ſo altmodiſch es auch war, der Mama die Hand, um es nachher auch der Tochter thun zu können. „Ja, bin ich nicht ein glücklicher Mann?“ fiel Lieutenant Borgenſköld eifrig ein, indem er all' die neuen Verſuche vergaß, für die er noch ſo eben geei⸗ fert hatte.„Alles das haben Mama und Hilda ſeit geſtern zu Stande gebracht. Aber laſſen Sie mich nicht vergeſſen, Ihnen, Herr Magiſter, auf das In⸗ nigſte für den Schutz zu danken, den Sie ſo gütig waren, meinen Frauenzimmern auf der Reiſe zu wid⸗ men.“. Wallinder verſicherte artig, daß dieß Zuſammen⸗ treffen einer der glücklichſten und intereſſanteſten Um⸗ ſtände geweſen ſei, die ihm je begegnet wären, und da Hilda jetzt die Näherei hinweglegte und aufſtand, um den Thee herein zu holen, nahm der Magiſter ſeine wohlverſehene Waidtaſche herab, und eilte ihr nach. „Fräulein Hilda, um Vergebung, warten Sie noch einen Augenblick.“— Man war gegen das Ende der Reiſe hin ſo bekannt geworden, daß„Fräulein SSS —-—— —.—, 249 Borgenſköld“ Wallinder zu froſtig vorkam.—„Um Vergebung, erlauben Sie mir, Ihnen dieſe kleine Probe meiner Geſchicklichkeit im edlen Waidwerk zu übergeben!“— Er öffnete die Taſche und zog zwei Birkhühner heraus. Hilda verneigte ſich auf der Schwelle, ein Huhn in jeder Hand.—„Dank, herz⸗ lichen Dank,“ ſagte ſie läͤchelnd;„Magiſter Wallinder ſoll zur Belohnung für ſeine Artigkeit heute Abend eine davon bekommen.“ „Wird das jedesmal meine Belohnung ſein?““ fragte Wallinder, und ſah Hilda dreiſt und ſchalkhaft in’s Auge. „Ja, ich glaube wohl nicht, daß ſie zu groß iſt,“ antwortete ſie leicht erröthend und warf einen Blick auf Mama. „Nein, das glaub' ich wahrhaftig auch,“ lachte Frau Borgenſköld ſehr behaglich.„Das Geringſte, was wohl ein Schütze für ſeine Mühe bekommen kann, iſt, daß er das Wildbrät koſten darf.“ „Das iſt auch meine Meinung,“ fiel Papa ein, der als Wirth doch auch etwas ſagen zu müſſen glaubte, obwohl der Ausſchlag ſchon gegeben war, in⸗ dem ſich ja bereits ſeine Frau geäußert hatte. „Nun, es iſt gut, wenn der Jäger weiß, was er für eine Belohnung für ſeine leichte Bemühung zu erwarten hat,“ fuhr Wallinder in heiterem Tone fort. „Ich beſitze übrigens noch eine andere Kunſtfertigkeit, in der ich Meiſter bin.“ „Welche denn, wenn man ſo neugierig ſein darf?“ fragte Frau Borgenſköld.— Hilda hatte ſchon die Thuüre geſchloſſen. „Wenn meine Wirthin erlaubt, ſo werde ich die Antwort auf eine andere Gelegenheit aufſparen,“ er⸗ wiederte Wallinder und ſetzte ſich ganz unbefangen neben Frau Borgenſköld auf den Sopha, wo er ihr mit aller Gewandtheit den Spinat reinigen half. Nach einigen Minuten kam Hilda mit dem Thee⸗ brette zurück.„Ich glaube, wir ſetzen den Tiſch hin⸗ 250 aus in den Hof unter die große Linde,“ ſagte ſie fra⸗ gend und hielt noch das Theebrett, in Erwartung, was die Geſellſchaft entſcheiden würde. „Ach ja! das wäre herrlich, ganz ausgezeichnet,“ verſicherte der Magiſter, und war gleich bereit, bei dem Umzuge zu helfen. Mama nahm ihre grünen Sachen in die Schürze und die Tabaksdoſe und Zuckerbüchſe in die Hand. Lieutenant Borgenſköld hob die Taſſen hinweg, und jetzt nahm Wallinder den Tiſch mit dem Korb darauf und trug Alles zuſammen mit feſtem Arm in den Hof hinaus unter die Linde, die bereits Hilda's Lieblings⸗ plätzchen geworden war, und wo Papa eine kleine Holzbank hatte aufſchlagen laſſen. Aber wo der Magiſter die Augen hatte, als er den Tiſch niederſetzen ſollte, das iſt ungewiß: vermuth⸗ lich waren ſie jedoch nicht auf den Punkt gerichtet, wo ſie es hätten ſein ſollen; denn der Tiſchfuß ſtieß gegen die Bank, worauf der Korb mit allen Bretzeln in das hohe, weiche Gras hinabfuhr. „Ach, alle meine ſchönen Bretzeln!“ rief Hilda herzlich lachend und fiel zugleich mit dem Magiſter auf die Kniee, um ſie wieder zuſammen zu leſen. „Ich bitte tauſendmal um Vergebung, Fräulein Hilda!“ bat Wallinder, während er aufſtand und den Korb wieder auf den Tiſch ſtellte. Zugleich ſetzte er jedoch, während ſie zuſammen die Taſſen ordneten, hinzu:„Wenn es nicht ſo fad und altmodiſch wäre, alle Phraſen zu gebrauchen, die von Körben veranlaßt werden, ſo wuͤrde ich ſagen, es ſei ein gutes Zeichen, daß dieſer mir entfiel.“ Hilda erröthete leicht, bat jedoch den Magiſter munter, Platz zu nehmen, damit ſie Gelegenheit be⸗ käme einzuſchenken. Der Abend verfloß ſchnell und angenehm, und als Wallinder ſpät die breite Treppe zum Pfarrhofe hinauf ſtieg, dachte er bei ſich ſelbſt, daß es wohl der ſeligſte Abend ſei, den er ſeines Wiſſens erlebt hatte. Nachdem Hilda ihr dürftiges 251 Bett auf dem kleinen Sopha in dem ehemals gelben Zimmer zurecht gemacht hatte, ſagte ſie leiſe, indem ſie ihre Locken aufwickelte:„Wallinder iſt wahrhaftig ein ſehr artiger und angenehmer Menſch. Welch ein Glück, hier auf dem Lande eine ſolche Geſellſchaft zu finden! Er iſt auch recht hübſch und einnehmend. Wie ſehne ich mich nach dem Sonntag, um ihn pre⸗ digen zu hören; denn ein geiſtlicher Herr, ſo weit ich ihn zu würdigen verſtehe, muß doch etwas mehr ſein, als ein angenehmer und gebildeter Geſellſchafter. Er muß eben ſo gut auf meine Seele einwirken können, als auf meine Phantaſie und meinen Geſchmack.“— Hilda wollte nicht von dem Herzen ſprechen; ſie ſchloß es ganz unſchuldig aus und ſetzte bloß hinzu:„Ach wenn es nur Sonntag wäre!“ worauf ſie gut und ruhig einſchlief, mit dem Gedanken an Wallinder und ſeine Predigt. 17. Die Kirche.— Die Ausfahrt Nachmittags. Geſpräch zwiſchen Frau Borgenſköld und ihrem guten Mann. Freitag und Samſtag waren unter verſchiedenen nützlichen Hausgeſchäften ziemlich ſchnell vergangen; doch hatte Hilda niemals in ihrem Leben ſo oft nach der Uhr geſehen, oder gewünſcht, der Zeit Schwingen geben zu können. Endlich war es denn Sonntag Mor⸗ gen, und Hilda war ſchon frühzeitig auf, um allein dieſe erſten ſchönen Stunden zu genießen; denn es war ein ſo herrlicher, ruhiger und klarer Sonntag Mor⸗ gen, daß die Engel ihre Luſt daran hätten haben können. Als Hilda von einem Spaziergang zurück⸗ 252 gekommen war, auf welchem ſie einen göttlich ſchönen Morgen auf dem Lande ſo recht genoſſen hatte, brachte ſie ihren Eltern den Kaffee hinein und ging dann an die Toilette, die heute mit etwas mehr als gewöhnlicher Sorgfalt gemacht wurde. Papa und Hilda ſollten zur Kirche gehen, da das eine Pferd den Fuß beſchädigt hatte, und man alſo die Kutſche nicht benützen konnte. Die Mama fuhr in der alten, einſitzigen Chaiſe, einem Stüͤcke, das zum Hofe gehörte. Als der Zug endlich bereit war und langſam ſich in Bewegung ſetzte, konnte Hilda nicht umhin, an den Landprediger von Wakeſield und den Zug ſeiner Familie nach dem Jahrmarkte zu denken. Sie lächelte, als ſie ſah, wie ſogar das Pferd, welches Mama in der Chaiſe zog, hinkte und keuchte. „Er hat den Huſten, mein Schatz“,“ ſagte Lieute⸗ nant Borgenſköld zu ſeiner Frau, während er neben⸗ her ging und den Berg hinauf ſchob.„Weißt Du nichts dafür, liebe Eliſabeth?“ „Ja, ich glaube, ich habe gehört, daß man Peter⸗ ſilie kocht, und es den Pferden für das Uebel gibt; das Waſſer nämlich, in dem ſie gekocht wird.“ „O das wird vortrefflich, mein Schatz! Wir ha⸗ ben ja einen ganzen Haufen Peterſilie, oder wie? Ich habe auch gehört, daß man dieſes Heilmittel noch ge⸗ gen eine andere Krankheit gebrauchen kann; aber es ſchadet nichts, den Verſuch zu machen, meine Kleine. Hilft es nichts für das Eine, ſo muß es wohl für das Andere helfen oder der Teufel..!“ „Still, lieber Borgenſköld, es paßt ſich nicht, an einem Sonntag Morgen etwas mit einem Fluche zu bekräftigen. Das iſt eine üble Gewohnheit, die Du dir abthun mußt. Es lautet nicht gut und ge⸗ ittet.“ Man war jetzt den Berg hinauf und gerade als der fromme Ehemann verſichert hatte, daß er Allem auf⸗ bisten wolle, um ſich vor dieſer üblen Gewohnheit in Ihe W,au. —SS S SENSOS 253 Acht zu nehmen, ſchwang Frau Borgenſköld die Peitſche über Brunte's Rucken, bis er ſich in einen langſamen Trab ſetzte und an einer Schaar grüßender Kirchen⸗ leute nach der andern vorüber humpelte. Als Lieutenant Borgenſköld die Geſellſchaft ſeiner Frau nicht mehr genießen konnte, wartete er auf Hilda, die hinten nachkam und artig auf dem Grasſaume am Graben hüpfte, um den Staub auf der Landſtraße zu vermeiden.—„Ich bin begierig, mein Kind,“ ſagte Papa und legte den Stock bedächtlich an die Naſe, „ob wir heute in unſerer Kirche den Magiſter Wallin⸗ der oder den alten Stenberg hören werden.“ „Den alten Stenberg!“ rief Hilda verwundert, und war nahe daran, in eine große Waſſerpfütze zu eeten„Predigt denn der Magiſter nicht jeden Sonn⸗ tag hier?“ 4„Nein, bewahre, mein Kind, nur jeden dritten. Es gibt hier drei Kirchen und drei Geiſtliche; ſie wechſeln jeden Sonntag.“ „Nun, dann muß ja Papa wiſſen, an wem heute die Reihe iſt, in B— by zu predigen?“ „Ich bin ſchon ſeit ein paar Sonntagen nicht in der Kirche geweſen, meine Liebe, und habe deßhalb die Ordnung vergeſſen.“ Hilda ſchwieg, dachte jedoch bei ſich ſelbſt:„Es wäre doch zu ärgerlich, wenn ich jetzt in der Hitze und im Staub eine ganze viertel Meile gegangen wäre, nur um das Vergnügen zu haben, über der ſchleppenden Predigt des alten Stenberg zu gähnen! Daß ich auch Niemand fragte, ehe ich mich auf den Weg machte! Das wäre ja zu langweilig!“ Jetzt kam ein Bauer auf einer andern Rozinante hergetrabt.—„Guten Tag, Vater Ola von Ringſtad,“ ſagte Lieutenant Borgenſköld, und lüftete den grauen Hut etwas.„Wißt Ihr, Vater Ola, wer von den Geiſtlichen heute in B—by predigen wird, und wie geht es mit Eurer Geſundheit?“ „Dank der Nachfrage, Herr Spektor,“ antwortete 254 der Rozinanten⸗Reiter.„Es geht ſo ſo! So viel ich weiß, werden wir heute den Vierar Dahlſtedt hören;“ und damit hinkte Vater Ola von Ringſtad weiter. „Haſt Du jetzt gehört, Hilda, mein Kind, wir haben heute nicht unſern artigen Magiſter, ſondern Dahlſtedt, der ganz entſetzlich langſam und langweilig, ja ſogar weit ſchlimmer als Stenberg iſt. Ich fürchte, wir werden vor Abend nicht zum Mittageſſen kommen. Das wäre zu verdrießlich; oder was ſagſt Du dazu, Hilda?“ „Ich bin ganz der Meinung, wie Papa, und zu⸗ dem ſchon ſo müde, daß ich beinahe glaube, ich kehre wieder um.“ „Ja, das wäre nicht ſo dumm, meine Liebe; ich hätte gute Luſt, es auch ſo zu machen. Aber wie ging es dann mit Mama; ſie würde ſich entſetzlich darüber ängſtigen, wo wir wohl hingekommen wären, und Brunte könnte ſtörrig werden, das geſchieht ihm hie und da: Nein, meine Liebe, ich darf nicht umkehren; die Unruhe würde mich dann eben ſo ſehr plagen, wie Pon dit Hitze und der Gedanke an Dahlſtedts lange redigt.“ „Nun, ſo laßt uns denn gehen,“ ſagte Hilda mit dem Tone ächter Ergebung. Bald lag die Kirche, die auf einem vorſpringenden Berge ſtand und von hohen Birken umgeben war, ſo einladend im Morgenglanz vor ihrem Auge, und der Anblick des Tempels, die mit Blumen geſchmückten Gräber und der feierliche Schall der Glocken drang wohlthuend in ihre Seele, wo der beſſere, heiligere Gottesdienſt ſeinen Anfang nahm. Die getäuſchte Hoffnung in Betreff des Predigers wurde uber dem hohen Eindruck vergeſſen, den die Gegenwart des großen Lehrers im Tempel des Herzens machte; das Irdiſche entſchwand bei einem leichten Berühren von der gött⸗ lichen Schwinge des Friedensengels. Jetzt wurde zuſammengeläutet, und man trat in die Kirche. Die Bank, welche Lindfors zugehörte, lag im 255 Chor. Die Frauenzimmer hatten ſich in Ordnung geſetzt, der erſte Pſalm war geſungen, und jetzt öffnete ſich die Thüre zur Sakriſtei. Hilda ſah nicht auf; aber als der erſte Ton der geiſtlichen Stimme ſo tief und melodiſch ihr Ohr traf, daß ſie davon erbebte, da erhob ſie die Augen; und ſiehe!— vor dem Altare ſtand im Prie⸗ ſtergewande Wallinder's hohe, imponirende Geſtalt. Ruhig und mild, aber voll Ernſt, fiel ſein Auge auf Hilda. In ſeinem Blick lag ſo viel Hoffnung eines Friedens und einer Seligkeit, die nicht mit dem Irdi⸗ ſchen verwandt war, daß das Mädchen gleichſam ihr ganzes Weſen davon durchbebt fühlte, und ihr Herz ſchwoll von Empfindungen, die ſo ſüß und ſeltſam, ſo unfaßlich und doch ſo heilig waren. Sie konnte ihr Auge nicht von Wallinder losreißen. War der Lehrer, der jetzt dort kniete und mit kraftvoller und doch ſo weicher Stimme das Sündenbekenntniß ablas, war das derſelbe junge, lebensfrohe Mann, der ihr vor Kur⸗ zem noch ſo einnehmend erſchienen war, und jetzt ſo geoß. und heilig daſtand, daß ſie ſich ein Nichts vor ihm ühlte? Während der andere Pfalm abgeſungen wurde, wa⸗ ren Hilda's Augen faſt beſtändig auf ihn gerichtet; aber als die letzten Töne der Orgel hinſtarben und Wallinder ſich gegen die Verſammlung wendete, und ſeine tiefe Stimme ſo herrlich und klangvoll den Raum durchwehte, da meinte Hilda, ihre Bruſt müßte ſprin⸗ gen vor mächtigen Gefühlen; ſte beugte ihr Haupt und ſüße, ſelige Thränen ſtürzten über ihre Wangen. Nie hatte ſie einem Gottesdienſte beigewohnt, der einen ſol⸗ chen Eindruck auf ſie gemacht hatte. Von der Kanzel aus ſprach Wallinder mit derſelben Haltung und Sicherheit, die wohl manche Andere auch beſitzen mögen, aber zugleich auch mit einem Feuer und einem Gefühl, das deſto ſeltener iſt. Es war jener glückliche Mittelweg, der eben ſo ſehr zum Gefühle, als zum Verſtande ſpricht, und der den Prediger jedem 256 Stande und jedem Herzen gleich ſehr begreiflich macht. Er ſank weder zur Sprache des Alltagslebens herab, noch prahlte er mit all' den geordneten und unterge⸗ ordneten Blumen der Rhetorik. Seine Worte waren ein Kranz von Glaube, Hoffnung und Frieden, der ſich tröſtend um jedes Herz wand, das darnach ſeufzte, und jede Seele ſeiner Zuhörer mit heiligen und ſanften Empfindungen erfüllte. Als der Gottesdienſt zu Ende und die Verſamm⸗ lung auf den Kirchhof hinausgetreten war, ging Hilda ſchweigend an der Seite ihrer Mutter. Frau Borgen⸗ ſköld trocknete gerade die letzten Thränen, indem ſie ſich leicht auf Hilda's Arm ſtützte und fragte:„Mein Kind, kannſt Du Dich erinnern, jemals in H— eine ſo ſchöne Predigt gehört zu haben?“ Hilda antwortete nur mit dem einen Worte:„Nie!“ Hierauf ſetzten ſie ſchweigend ihren Weg fort, bis ſie die Stimme Papa's hörten, der ihnen nachkeuchte: „Eliſabeth, meine kleine Alte, willſt Du den Herrn Magiſter nicht begrüßen? Ich habe ihn da bei mir.“ Die Damen wendeten ſich um und ſahen den Papa mit Wallinder unter dem Arme auf ſie zukommen. Auf den ſchönen, männlichen Zügen des jungen Predigers lag noch ein heiliger und ruhiger Ernſt. Frau Bor⸗ genſköld grüßte herzlich und dankte einfach und tief ge⸗ rührt für die erbauliche Predigt. Wallinder verbeugte ſich ſchweigend; aber als er ſich gleich darauf gegen Hilda wandte, die ſtumm geblieben war, und ſich erkun⸗ digte, wie ſie ſich ſeit dem letzten angenehmen Abend befunden habe, den ſie in Lindfors mit einander zuge⸗ bracht, da ergriff der Lieutenant die Gelegenheit und flüſterte ſeiner Frau die Frage zu:; ob es ſich nicht thun ließe, den Magiſter zum Mittageſſen zu bitten. Frau Borgenſköld nickte beifällig ihrem Manne zu und wandte ſich ſodann zu Wallinder mit der freundlichen Einladung, ihnen nach Lindfors Geſellſchaft zu leiſten und dort den Reſt des Tages zuzubringen. Wallinder machte einige Komplimente und ver⸗ 257 ſicherte, daß er ihnen gar zu oft beſchwerlich falle; aber dieſen kleinen, nicht allzuernſt gemeinten Einwendungen wurden bald durch Frau Borgenſkölds Beredtſamkeit und die Verſicherung des Lieutenants ein Ende gemacht, daß, je länger man ſich auf dem Kirchhof bekompli⸗ mentirte, man auch deſto länger auf das Mittageſſen warten müſſe, welchen Grund er ſeinerſeits für den beweglichſten hielt. Die Sache war ſomit bald ent⸗ ſchieden. Jetzt fuhr die alte, einſitzige Chaiſe vor, und da Wallinder nur für eine Perſon Platz darin ſah, fragte er, gegen Hilda gewandt, ob das Fräulein fahre. „Ich gehe mit Papa.“ „Dann iſt Fräulein Hilda vielleicht ſo gut und fährt mit mir? Es iſt wahrhaftig eine hinlänglich lange Promenade, wenn man in die Kirche geht, ohne daß man auch noch den Rückweg zu machen braucht, und ich hoffe, das Fräulein ſchlägt meine Bitte nicht ab.“ „Aber,“ wandte Hilda ein,„es würde zu langwei⸗ lig für Papa werden, wenn er allein gehen müßte. Nieein, ich kann das nicht zugeben.“ „Nun, ſo machen wir es auf eine andere Art,“ ſiel Wallinder ſcharffinnig ein. Lieutenant Borgenſköld fährt in meiner Droſchke, da wir nicht alle Drei darin fahren können, und ſo leiſte ich Fräulein Hilda Geſell⸗ ſchaft. Geht das nicht an, Herr Lieutenant?“ fragte er den eben zurückkehrenden Ehemann, der jetzt den letzten Riemen am Fußſacke zugeſchnallt und Brunte mit ſeiner theuren Häͤlfte den Heimweg hatte antreten ſehen. „O bewahre, das braucht es nicht! Hilda kann wohl in der Droſchke fahren; denn ich bekomme einen Platz beim Pächter von Bro, deſſen Weg an Lindfors vorbeiführt. Für mich brauchſt Du alſo nicht zu ſor⸗ gen, mein Kind.“ „Nun, dann iſt ja Alles recht,“ lächelte Hilda, und Wallinder half ihr in ſeine beguemie huͤbſche Der Profeſſor und ſeine Schuͤtzlinge. 258 Droſchke. Nachdem er ſelbſt hinaufgeſprungen war und ſich an ihrer Seite in Ordnung gebracht hatte, begann die Fahrt; aber ſie ging nicht ſonderlich geſchwind; denn Wallinder meinte, daß es zu ſtark für Fräulein Hilda ſtaube, weßhalb er ſich zur Seite hielt und das ganze Bauernperſonale mit einem„Fahrt zu! fahrt zu, guten Leute!“ vorbeipaſſiren ließ. Dabei hielt Polle ſtill, obwohl mit einiger Muhe, und man wandte ſich lächelnd gegen einander, um den Staubwolken auszu⸗ weichen, elche, wie Hilda behauptete, jetzt weit ſchlim⸗ mer ſeien als wenn man gleich zugefahren wäre und die Andern häatte nachkommen laſſen. „Da ſehen Sie wie es geht, wenn man es wohl meint,“ ſiel Wallinder halb in Schet halb in Erzſt ein.„Wenn Fräulein Hilda auf den heg ſehen wollten ſo würde ſie leicht finden, daß wir recht daran gethand haben, ein wenig zu zögern; jetzt iſt keine* Staubwolke mehr da, ſondern die Luft frei und Iſt's nicht ſo?“* „Freilich; aber wir kommen auch etwas ſpättt heim, als die Andern.“. „Darin ſollen wir nicht zu Schaden kommen,“ verſicherte Wallinder, und raſch trabte Polle die kurze Strecke nach Lindfors hin. Frau Borgenſköld war ſchon ſeit einer guten Weile zu Hauſe, weßhalb der Tiſch ſchon gedeckt ſtand und das einfache Mahl ſie bereits in ſauberer und zierlicher Ordnung erwartete. Als man ſich ſetzte, ſprach Lieutenant Borgenſköld, indem er in ſeinen unermeßlichen Taſchen zu ſuchen begann:„Ich traf die Poſt unterwegs, und ſoviel ich mich erinnern kann, waren zwei Briefe an Dich dabei, Hilda.“— Als Papa den Bündel mit den Zeitungen aufge⸗ macht und nebſt der Brille, der Schreibtafel, dem Ras⸗ tuch und verſchiedenen kleinen, netten Rollen, von denen Papa ein großer Liebhaber war, neben ſich auf den Tiſch gelegt hatte, kamen endlich auch die Briefe zum Vorſchein. 4 8 ragſt re. han 2 e 1 . 4 vohl b A en,“ kurze chon Tiſch reits man er in „Ich mern ufge⸗ Nas⸗ denen den zum 259 „Ach, von Roſa!“ ſagte Hilda mit freudiger Be⸗ wegung und legte den erſten hinweg.„Sie hielt alſo Wort, meine gute, geliebte Roſa, und erfreut mich gleich nach meiner Ankunft in meiner neuen Heimath mit einem Briefe! Da iſt aber noch einer; von wem mag der wohl ſein?“ Sie warf einen Blick auf die Ueber⸗ ſchrift, und das Blut ſtieg ihr raſch in die Wangen, ſo mächtig kann ſogar noch eine verſchwundene Liebe wirken. Es war Kapitän Ferdinands Handſchrift. Wallinder ſah ihre Bewegung und erbleichte. Er hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, daß Hilda's Herz ſchon einem Andern gehören könnte. Dieſer Gedanke fuhr jetzt wie ain Blitz durch ſeine Seele und warf ein unbehaglich“s Licht hinei zilda ſah auf und las ne Schmierigkeite. ees Zlick eine Furcht, Keue. wohl aus einer andern Urſache erröthen machte. Dieſer Brief iſt von meinem Vet⸗ ter, dem Kapitän Ling,“ ſagte ſie mit ziemlicher Faſ⸗ zung.„Er war einige Zeit lang mit meiner beſten Freundin, Roſa Widen, verlobt; aber gewiſſe leidige Familienverhältniſſe hoben die Partie wieder auf.“ Wallinder verbeugte ſich ein wenig, wie man es im Allgemeinen zu thun pflegt, wenn man glaubt, man erzähle Einem etwas, das ſich noch auf eine andere Art erklären laſſe. Die Unterhaltung bei Tiſche war nicht ſehr belebt, und als man den Kaffee getrunken hatte, ſprach Hilda, indem ſie die Briefe gegen Wallinder hielt:„Der Magiſter weiß ja, daß die Neugierde un⸗ ſere Erbſünde iſt; erlauben Sie mir deßhalb, ſie zu befriedigen.“— Als nun Hilda hinaufgegangen war, und der Lieutenant ſich, wie er glaubte, ganz unver⸗ merkt auf ſein Zimmer geſchlichen hatte, um auf das Eſſen ſein Schläſchen zu machen, winkte Frau Bor⸗ genſköld dem Magiſter, neben ihr auf dem Sopha Platz zu nehmen. Der Himmel mag wiſſen, aus welchem Grunde ſie es für nothwendig hielt, allen Mißverſtänd⸗ niſſen zuvorzukommen. Sie erzählte alſo dem auf⸗ 17* 260 merkſam zuhörenden Wallinder von Anfang bis an's Ende das Verhältniß des Kapitäns Ferdinand zu Hilda mit allen größeren und kleineren Umſtänden, ſowie auch das gegenwärtige Streben des Kapitäns, mit ihr wieder auf den alten Fuß zu kommen, und Hilda's be⸗ immten Widerwillen in dieſer Beziehung,„welcher ſtets derſelbe bleiben wird,“ ſo ſchloß Frau Borgenſköld ihre vertrauliche Mittheilung,„denn Hilda verachtet ihn, und nie wird ſie ſich mit einem Manne vermäh⸗ len, der ſich einmal ihrer Achtung unwürdig gemacht hat. Nein, er bekommt ſie nie, das bin ich gewiß, und könnte er ihr auch das ganze Vermögen ſeines reichen Onkels zu Fußen legen.“ „Aber die Liebe hat wohl größere Wunder voll⸗ bracht, meine beſte Frau,“ wandte Wallinder ein, jedoch gewiß nur, um das Vergnügen zu haben, widerlegt zu werden. „Die Liebe, ja das wäre etwas Anderes, mein lie⸗ ber Magiſter Wallinder, aber ich habe ja geſagt, daß es ſchon längſt mit Hilda's Liebe vorbei iſt, und ich denke, da Ferdinand es nicht vermochte, jene Liebe wäh⸗ rend der Zeit wieder zu beleben, die zwiſchen dem Bruch mit Fräulein Widen und unſerer Abreiſe von H— verging, ſo hat er gewiß keine Hoffnung, dieß jetzt thun zu können, da ſte ſich ferne befindet. Nein, damit iſt es für immer ganz und gar vorbei.“ Als Hilda nach einer guten Stunde wieder kam, ſchwebte ein gedankenvoller, ſchmerzlicher Zug um die ſonſt lächelnden Lippen. Sie fand ihre Eltern und Wallinder im Erker ſitzen, und in einer Unterhal⸗ tung über die viel verſprechende Ernte und den üppi⸗ gen Flachs begriffen, der die Mama ſo innig freute. „Nun, waren es gute Neuigkeiten, Hildchen?“ fragte Papa, und ſtopfte eine neue Pfeife. „So, ſo,“ antwortete Hilda ausweichend,„der Kummer dauert noch immer im Hauſe des Kommer⸗ zienraths Widen fort. 1 Pape ſerig⸗ den in u unter Wall wohl ließ, Kirch nem erhol mehr talen den: zu g ben, wahr woll ſollte ſo r⸗ hatt Müd geha noch türl den Dir lach war in 261 „Ach ja, an Kummer iſt nie ein Mangel,“ meinte Papa.„Apropos von Kummer, da fällt mir der un⸗ ſerige von heute Früh ein, Hilda! und ich muß jetzt den Magiſter Wallinder fragen, warum wir ihn heute in unſerer Kirche zu hören bekamen; man ſagte uns unterwegs, daß Dahlſtedt predigen würde?“ „Die Reihe war wirklich an ihm,“ erwiederte Wallinder;„aber er fühlte ſich geſtern Abend ſo un⸗ wohl, daß er mir einen Boten ſchickte und mich bitten ließ, heute für ihn ſeinen Dienſt zu übernehmen. Die Kirche, wo ich predigen ſollte, liegt ganz nahe an ſei⸗ nem Wohnort.“ „Das war ein Glück für uns,“ ſprach Hilda und erhob ihr Auge mit einem Ausdruck zu Wallinder, der mehr ſagte, als die reichſte Lobrede über ſein Prediger⸗ talent in ſich faſſen konnte. Wallinder erröthete leicht und antwortete beſchei⸗ den:„Fräulein Hilda iſt zu artig. Ich wage nicht zu glauben, daß dieſe Anſicht Ihre Ueberzeugung iſt.“ „O ja, das kann der Herr Magiſter wohl glau⸗ ⸗„ ben,“ verſicherte der Lieutenant;„denn iſt es nicht wahr, Hilda, daß Du unterwegs wieder umkehren wollteſt, als wir erfuhren, daß Dahlſtedt predigen ſollte?“ „Nein, nicht deßhalb,“ antwortete Hilda und ward ſo roth wie die Roſe, die ſie in ihre Locken geflochten hatte.„Erinnert ſich Papa nicht mehr, daß ich über Müdigkeit klagte? Und da ich noch keine Gelegenheit gehabt hatte, weder den Herrn Magiſter Wallinder, noch den Paſtor Dahlſtedt zu hören, ſo konnte ich na⸗ türlicherweiſe auch nicht beurtheilen, wer von Beiden den Vorzug verdiente. „So, ſo, mein Kind, es war nur Müdigkeit, was Dir ſo ſchnell Luſt machte, umzukehren?“ ſagte Papa lachend und herzlich vergnügt, daß er einmal— es war das erſtemal, daß er ſich erinnern konnte— Hilda in die Enge gebracht hatte. Aber Wallinders Blick hatte ſich aufgeklärt, und indem er aufſtand, ſprach er, um einen Gegenſtand fallen zu laſſen, der Hilda quä⸗ len mußte:„Wollen wir nicht einen Spaziergang ma⸗ chen, um den angenehmen Abend zu genießen? Die Gegend beſitzt viele Schönheiten.“ Frau Borgenſköld entſchuldigte ſich mit ihren Hühneraugen, die durch die beſchwerliche Reiſe ſo böſe geworden ſeien, und der Lieutenant ſagte, er erwarte den Pächter von Bro, mit dem er ein Geſchäft für Rechnung ſeines Patrons abzumachen habe. „Dürfte ſich dann Fräulein Hilda nicht allein meiner Obhut anvertrauen?“ fragte Wallinder in leichtem Scherz.„Ich muß jedoch zum Voraus er⸗ wähnen, daß es hier herum in der Gegend eine Berg⸗ grotte gibt, die nach der Sage noch von Hexen be⸗ wohnt iſt.“ „Ich wage es dennoch,“ erwiederte Hilda fröh⸗ lich und ſprang hinein, um Hut, Sonnenſchirm und Handſchuhe zu holen. Wallinder bot ihr den Arm, und ſie ſchwebte an ſeiner Seite leicht zum Thore hiu⸗ aus und die kleine Allee hinab, indem ſie Mama und Papa freundlich zunickte, welche im Erker zurückblieben und dem jungen, ſchönen Paare nachſahen, das bald in der Krümmung des Wegs verſchwand. „Er iſt zu artig, der Magiſter,“ ſagte Frau Bor⸗ genſköld zu ihrem Mann.„Weißt Du nicht, ob er ſchon das Paſtorexamen gemacht hat, mein Freund? denn ich halte es für ausgemacht, daß ein Mann von ſeiner Bildung und ſeinen Kenntniſſen nicht als Pfarr⸗ helfer vertrocknen will.“ „Wie Du ſagſt, mein Schatz, er will gewiß nicht Pfarrhelfer bleiben, und was das Paſtorexamen be⸗ trifft, ſo machte er es letzten Winter, und man glaubt allgemein, daß er einen Ruf an die Pfarrei von B= by erhält, wenn der Paſtor ſtirbt; denn Wallinder hat nicht allein alle Honoratioren auf⸗ ſeiner Seite, ſon⸗ dern auch die ganze Volksmaſſe.“ 263 „Ja, das iſt nicht zu verwundern,“ meinte Frau Borgenſköld.„Er hat eine ſo einnehmende Art mit Allen, daß er nothwendig beliebt ſein muß. Aber iſt der Probſt ſchon ſehr alt? Er dürfte vielleicht noch manches Jahr leben.“ „Das iſt freilich möglich, meine Alte,“ antwor⸗ tete Lieutenant Borgenſköld, der nicht immer den Ge⸗ danken ſeiner Frau zu folgen vermochte:„das iſt frei⸗ lich möglich, aber er iſt ſehr alt, und dazu kränklich und blind. Aber warum intereſſirſt Du Dich ſo ſehr dafür, meine liebe Eliſabeth, ich meine, Du fragteſt mich geſtern daſſelbe?“ „ Ach nein, da hab' ich von etwas ganz Anderem geſprochen. Als Nachbarn iſt es übrigens immer gut, wenn man nach Einem oder dem Andern fragt. Haſt Du nicht gehört, ob Magiſter Wallinder verlobt iſt?2 Aber das kannſt Du wohl nicht wiſſen.“ „Ja, mein Schatz, das weiß ich ſehr wohl, er iſt es nicht, denn der Patron S— von Skallerbo hat, wie man zu ſagen pflegt, mit Händen und Füßen gear⸗ beitet, um ihn zum Schwiegerſohn zu bekommen; aber es wurde nichts daraus, denn Wallinder iſt in gewiſſen Fällen ſo ſtörriſch und hartnäckig, wie ein Niera⸗ Man bringt ihn zu nichts, wenn er nicht ſelbſt will.“ „Nun, lieber Hermann; die Männer ſollen aller⸗ dings immer beſtimmt in ihren Handlungen ſein; ſie müſſen ſtets ſelbſt ſo ziemlich wiſſen, was ſie wollen, oder nicht. Aber warum hatte Wallinder keine Luſt, in Skallerbo zu werben?“ „Ja, meine liebe Alte, hol! mich der Teufel, wenn ich mehr behalte, als ich weiß. Vermuthlich, weil das Mädchen häßlich und auch dumm iſt, ſo ſagen wenig⸗ ſtens die, welche ſie kennen; aber reich iſt ſie, und das tüchtig.“. „Es erhöht meine Achtung vor Wallinder,“ fiel die Frau ein,„daß er nicht wie die jungen Maͤnner 264 unſerer Zeit Alles dem Reichthum aufopfert. Es thut Einem wohl, wenn man hört, daß noch hie und da Ei⸗ ner daran denkt, daß es etwas mehr als Geld braucht, um glücklich in der Ehe leben zu können.“ „O ſie gleichen wohl nicht Alle Ferdinand, meine Alte! Ich, meines Theils, habe immer gedacht, daß— doch da kommt mein Pächter von Bro. Meinſt Du, mein Schatz, daß ich darauf eingehen kann, ihm die Bretter für jenen Preis zu laſſen, ehe ich die Ant⸗ wort des Patrons einhole? Es möchte nicht zu ra⸗ then ſein.“ „Das mußt Du ſelbſt am beſten verſtehen, mein lieber Hermann, aber wenn es der gangbare Preis in der Gegend iſt, ſo mag es wohl angehen.“ „Ja, ſo denk ich auch. Siehe da, guten Abend, Vater Pächter! wie iſt es mit der Saat in Bro, ſteht ſie hier in Lindfors nicht ſchön? Ach, mein lieber Schatz,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich gegen ſeine Frau wandte,„willſt Du nicht eine kleine Erfriſchung für den Nachbar auf mein Zimmer beſorgen?“ Frau Borgenſköld faßte den Schlüſſelbund und entfernte ſich mit einem ſtillen Seufzer über die Unge⸗ legenheiten, die auf dem Lande vorkommen, worunter die ſchlimmſte war, daß man Allen, die da kamen und gingen, Eſſen und Trinken anbieten mußte. Unterdeſſen gingen Hilda und Wallinder, Arm in Arm, das ſchöne Ufer am Fluſſe entlang. Weiter unten lag ein kleines Fahrzeug. Als ſie dort anlangten, ſagte Wallinder:„Sehen Sie die kleine Inſel dort, mitten auf dem klaren, blauen Spiegel, iſt ſie nicht recht herr⸗ lich und einladend? Darf ich Fräulein Hilda hinuͤber⸗ Ebern, Bort 6 23 „Haben dort die Hexen ihre Wohnſtätte,“ fra te Hilda ſcherzend. hnſt frag „Nein, aber Necken vielleicht. Wollen wir nicht ſehen, wie es in ſeiner kleinen Reſidenz ausſieht?“ „Immerhin,“ ſiel Hilda ein und ſtieg in das kleine Boot, das Wallinder ſchützend mit Laub bekleidete und 265 am Boden mit Moos bedeckte, damit Hilda von den feuchten Brettern nicht naß in den Füßen werden möchte. Jetzt faßte Wallinder die Ruder, und leicht glitt das Fahrzeug auf der ſpiegelhellen Woge dahin. Sie ſaßen einander gegenüber und betrachteten bald die kräuſeln⸗ den Wellen, die ſie zu Neckens Burg hinüber trugen, bald die herrlichen Ufer, deren mit Büſchen beſetzter Rand ihnen einen leiſen Gruß beim Vorüberfahren zu⸗ wehte. Auf ſich ſelbſt ſahen ſie nicht. „Das iſt ſehr hübſch, ſehr lieblich,“ ſagte Hilda und ſah dankbar auf ihren Gefährten. „Wie glücklich macht es mich, daß Fräulein Hilda es ſo findet,“ erwiederte Wallinder, und ließ das eine Ruder ruhen, indem er ſich niederbeugte und einen leichten Kuß auf Hilda's Hand drückte, mit der ſie ſich an die Seite des Bootes ſtützte. Etwas verlegen zog ſie ſte zurück, und ohne ein einziges Wort weiter ge⸗ wechſelt zu haben, kamen ſie zum Holme. Wallinder ſprang heraus, befeſtigte das Fahrzeug und half dann ſeiner Begleiterin an der kleinen, entzückenden Stelle an's Land, die würdig ſchien, Necken zur Wohnung zu dienen. Die Inſel war faſt zirkelrund und von kleinen Ge⸗ büſchen bekränzt, die ihre Ränder beſchatteten. Auf ihrem höchſten Punkte hatte man ein paar neue Ra⸗ ſenbänke angebracht. Dort war die Ausſicht auf die umliegende Gegend am reizendſten. Dorthin führte Wallinder Hilda und lud ſie zum Sitzen ein. „Wer pflegt dieſen kleinen, reizenden Holm?“ fragte ſie und nahm auf der von friſchem Grün ſchwellenden Raſenbank Platz;„die Bank ſcheint ja ganz neu zu ſein, und iſt nicht der kleine Plan da vornen mit Blu⸗ men beſtreut?“ „Vermuthlich hat Necken eine Ahnung von dieſem Beſuche gehabt, und deßhalb ſeine Wohnung auszu⸗ ſchmücken geſucht,“ erwiederte Wallinder, indem er mit einem Stocke Züge in den Sand malte, welche Hilda 266 nicht ſehen zu dürfen glaubte, denn bei einem flüchtigen Blicke, den ſie auf ſeine Arbeit warf, als ſie die Blu⸗ men betrachten wollte, hatte ſie ein H gewahrt und ſchloß daraus, daß ſte ihren Namen geleſen haben würde. „Necken iſt ein ſehr artiger Wirth,“ ſprach Hilda endlich, als das Stillſchweigen zu lang dauerte, und hoch erröthend ſetzte ſie hinzu:„Ich wollte, er wüßte, wie dankbar ich ihm für die Freude bin, die er mir bereitet hat.“ „Sprechen Sie nur die reine Wahrheit,“ ſiel Wal⸗ linder ein, und im Klang ſeiner Stimme lag etwas wehmüthig Hinreißendes.„Necken's ſcharfes Auge dringt durch Fräulein Hilda's Herz, und ſchmerzlich möchten die Töne werden, in denen er ſeine Klage aus⸗ gießt, wenn er findet, daß ſie ihm bloß eine Artigkeit ſagen wollte.“ „Necken ſoll keine Urſache zu einer ſolchen Klage haben,“ antwortete ſie raſch und ließ Wallinder in die klaren, ſchwarzen Augen blicken.„Dieſer Tag, dieſer ganze Tag war mit Ausnahme des Kummers, den mir der Brief meiner Freundin brachte, einer der ſchönſten meines Lebens.“. „Dann hoffe ich Ihnen noch manche ſo ſchöne Tage zu bereiten,“ antwortete Wallinder mit Rührung;„und da ich ſchon geſtern Abend, als ich hier war, die Hoff⸗ nung hegte, Fräͤulein Hilda heute führen zu dürfen, ſo ließ ich etwas zurück, das, wie ich glaubte, meine Be⸗ gleiterin ergötzen und unterhalten könnte.“ Wallinder ging zu einer Aushöhlung hin, die ſich im Stamme eines alten Baumes befand, und nahm eine Flöte daraus hervor. Er ſetzte ſich auf den zur Hälfte umgeſtürzten Stamm, und entlockte dem Inſtru⸗ mente reiche und ſchöne Töne, die von dem fernen Echo wiederholt wurden. Hilda war ganz entzückt. Einen herrlicheren Abend hatte ſie nie erlebt; nie eine ſolche Seligkeit ihr Herz durchſtrömt.„O, wie betrübt, daß Mama nicht dabei iſt,“ ſeufzte ſie, als Wallinder die Flöte hineinlegte.„Sie hat ein großes Vergnügen entbehrt. Doch, wir müſſen es bald wiederholen.“ Die Sonne tauchte ſchon ihre letzten goldenen Strahlen in den blauen, wogenden Spiegel, als unſer junges, glückliches Paar wieder nach dem Strande von Lindfors hinſchaukelte, deſſen hohe, dickbelaubte Bäume ſich wie gewaltige Rieſengeſtalten über die Ränder des Fluſſes hinbeugten. Sachte ſchoß das Boot gegen den Strand, und leicht und fröhlich wanderten ſie die kleine Allee hinauf und traten in den Hof. Papa ſaß wie⸗ der, die Pfeife rauchend, im Erker, und Mama rief ihnen von dem offenen Fenſter entgegen:„Wo um’s Himmelswillen waret Ihr ſo lange? Ich fing ſchon im Ernſt an, zu fürchten, meine liebe Hilda, daß die Hexen Dich geholt haben.“ „Nein, dießmal war ich es,“ entſchuldigte Wallin⸗ der, indem Beide in den Saal traten und er, vom Ru⸗ dern erhitzt, die Schweißtropfen von der hohen Stirne trocknete,„ich war es allein, meine beſte Frau Bor⸗ genſköld, der das Fräulein entführte. Wir haben eine kleine, ſo unendlich ſchöne und liebliche Inſel dort un⸗ ten im Fluſſe. Dahin führte ich ſie, damit ſie die ent⸗ zückenden Ausſichten, die wir hier haben, recht genie⸗ ßen könnte.“ „Nun, darin war nichts Schlimmes,“ ſagte Mama lächelnd,„aber jetzt werdet Ihr wohl recht hungrig ſein, da Ihr die Theezeit verſäumt habt?“ „Man muß im Alter der Frau Borgenſköld ſein, um eine ſolche Frage machen zu können,“ flüſterte Wal⸗ linder Hilda zu, ſprach jedoch laut und mit einer ver⸗ bindlichen Verbeugung:„Ach nein! ich wenigſtens nicht.“ „Aber Du biſt gewiß hungrig, Hilda, das weiß ich gewiß,“ fuhr die Mama fort.„Ich weiß, wie gerne Du Abends Deinen Habergrützbrei iſſeſt.“ „Wir aßen ſo ſpät zu Mittag,“ verſetzte Hilda ausweichend;„doch, wir können wohl noch Mama's Brei eine Ehre anthun, Magiſter Wallinder.“ ——— 268 Sie gab ihm die Hand und führte ihn an den Tiſch, der ihrer ländlich und behaglich wartete. Beim Abſchied ſprach Wallinder:„Ich komme bald wieder!“ und Lindfors' drei Bewohner erwiederten ein:„Herz⸗ lich willkommen! ſtets willkommen!“ Von frohen, glückſeligen Gefühlen voll, fuhr Wal⸗ linder auf dem ſchönen Wege zum Pfarrhofe hin, und was er dabei dachte, dürfte der Leſer errathen, ohne daß wir es ihm mitzutheilen brauchen. Wir kehren daher lieber zurück und blicken in Hilda's Zimmer. Lange ſaß ſie ſchweigend, die Hände auf dem Knie über einander gelegt, da, bald ſeufzend, bald lächelnd. Wir wollen uns bei ihren Gedanken und Gefühlen nicht aufhalten. Sie hatten wahrſcheinlich daſſelbe Ziel, wie Wallinder's, obwohl wir keineswegs behaupten, daß Hilda damals zu weit in die Zukunft blickte. Nein, ſie hob nur ein ganz klein wenig den Vorhang, der jene verhüllte, aber das Wenige, was ſie ſo erblickte, war ſchon hinreichend, um ihr Herzblut in einen ſchnel⸗ leren Lauf zu bringen. Sie wollte dieſe Gedanken zer⸗ ſtreuen und Wallinder's Bild verjagen, da es Roſa's verdunkelte, die ſie doch nach dem erhaltenen Briefe einzig und allein hätte beſchäftigen ſollen.— So meinte Hilda, und ſich ihre Schwachheit vorwerfend, nahm ſie wieder Roſa's Brief, um ſich nur mit ihr zu unterhal⸗ ten. Ferdinand's warf ſie bei Seite. Wir wollen in⸗ deſſen unſeren Leſern die beiden Schreiben von H— vorlegen. 269 m 18. 3⸗ Neuigkeiten von unſerer Heldin. 3 Roſa an Hilda. ne H— den 15. Juni 1827. en„Meine theure Freundin! wie ſehr betrauere und er. vermiſſe ich Dich, Dich, die Einzige, der ich mich wahr⸗ nie haft anvertrauen, der ich mein Herz mit all ſeinen rei⸗ nd. chen Gefühlen, mit ſeinen tiefen Schmerzen und ſeiner cht unermeßlichen Luſt öffnen konnte! Zwar habe ich mei⸗ vie nen guten und innig geliebten Onkel Ling; aber ſein aß Alter und Geſchlecht machen es doch unmöglich, ihm in, jedes Gefühl anzuvertrauen, das mein Herz durchbebt. der Nur Dir konnte ich das.— O Filda, das Leben trägt te, bittere Früchte in reichem Maß! Doch ich will nicht el⸗ darüber klagen, wenn ich nur einmal die Hand ausſtre⸗ er⸗ cken darf, um die guten und edlen Früchte zu ernten. a 8 Wie viel iſt nicht in der kurzen Zeit ſeit Deiner Abreiſe efe geſchehen! Ach, wie wenig Tage bedarf es, um Ruhe nte und Freude in Unruhe und Qual zu verwandeln! In ſie meinem Herzen wohnen jetzt die Letztern; noch geſtern al⸗ ahnte ich nicht, daß ſie heute darin herrſchen würden. in⸗ Ich will Dir Alles treulich berichten, denn es iſt mir — ein Bedürfniß, allen Kummer meines Herzens in das Deine auszugießen, und ich weiß ja, wie warm und aufrichtig Du Dich für Alles intereſſirſt, was Deine Roſa betrifft. Du weißt, beſte Hilda, wie ſtill und eingezogen wir in unſerer kleinen, engen Wohnung lebten, ſeitdem Papa die Zahlungen eingeſtellt hatte, und wir genö⸗ thigt waren, unſer großes, prächtiges Haus und alle ſeine Haupt⸗ und Nebendinge zu verlaſſen. Wir hat⸗ ten jedoch Grund, Gott zu danken, daß Papa einen ſo glücklichen Akkord mit ſeinen Gläubigern geſchloſſen 270 hatte und dadurch dem Schuldthurme entging. Papa fürchtete Herrn Garben am meiſten, und wahrſcheinlich wirſt Du Dich erinnern, wie ich Dir in einer vertrau⸗ lichen Stunde den eben nicht hübſchen Auftritt erzählte, der nach ſeiner Rückkehr von Stockholm bei uns ſtatt⸗ fand, als er anſtatt der erwarteten Abrechnung fand, daß Papa mit ihm nur Komödie geſpielt und ſeine Ab⸗ weſenheit benützt hatte, um Bankerott zu machen. Ich will Dir nicht ſagen, wie zornig und durchdringend der Blick war, den er Papa zuwarf, als er uns beſuchte; und hoch und theuer verſicherte er, daß er ſeine Rechte bis auf den letzten Pfennig in Anſpruch nehmen oder meinen Vater dort feſthalten würde, wohin er am mei⸗ ſten zu kommen fürchtete. Mama und Papa ſprachen viel hin und her, über ihr eigenes Unglück und der⸗ artige Unfälle im Allgemeinen, die immer ſchwere Fol⸗ gen nach ſich zögen; aber Herr Garben hörte nicht darauf, ſondern kehrte ſchleunig in ſein Quartier bei Svanſtedt zurück. Von all dem, meine gute Hilda, mußt Du eine dunkle Erinnerung haben, und ich er⸗ wecke dieſe nur deßhalb wieder, um die Urſache der Milde mitzutheilen, die Garben ſpäter bewies, wor⸗ üͤber ſich Alle verwunderten, und die ich nicht einmal Dir entdeckt haben würde, wenn es nicht nothwendig wäre, um das Folgende zu verſtehen. Als die Dämmerung kam, war ein Entſchluß in mir gereift, der ſich ſo oft beim Anblick des Kummers, welcher Papa verzehrte, in meinem Kopfe hin und her gewälzt hatte. Mit einem kleinen Zittern warf ich den Mantel um, ſchlich ſtill und ſchnell über die Treppe des Svanſtedt'ſchen Hauſes und kam glücklich und ohne Jemand zu begegnen, an die Thüre eines Zimmers, wo ich ſtehen blieb, da ich ſeſte, männliche Tritte darinnen gehen hörte. Ich öffnete leiſe, warf den Mantel ab, und beugte zum erſtenmale mein Knie vor einem menſchlichen Weſen. Ich erinnere mich nicht, was ich in dem wirren, bebenden Gefühl des erſten Augenblicks 271 ſagte; aber es war eine warme, innige Bitte, daß er die einzige Stütze von fünf ſchutzloſen Kindern ſchonen möchte. Herr Garben lächelte ſanft, und trug mich mehr, als er mich führte, zu einem Sopha, da ich nicht aufſtehen wollte, ehe ich ſein Verſprechen erhal⸗ ten hatte, und er nicht reden wollte, bis ich dieſe Stel⸗ lung verlaſſen würde. Jetzt ſaß ich neben ihm, faßte ſeine Hand und ſprach innig und beweglich zu ſeinem Herzen, von der traurigen Lage meines Vaters, von der Verzweiflung meiner Mutter und der Entblößung meiner kleinen hilf⸗ loſen Geſchwiſter von Allem, in einem Zeitpunkte, wo ſie am meiſten Stütze und Leitung nöthig hätten. Ich malte ihm die Armuth, die unſerer wartete, und die unendliche Bitterkeit, die für die darin lag, welche an den Ueberfluß gewöhnt waren. Ich ſagte ihm, daß ich für meine Perſon die Kraft zu haben glaube, es aus⸗ halten zu können, aber alle die, welche ich liebte, ſo hilflos und niedergedrückt zu ſehen, dies ſei mehr, als mein Herz zu ertragen vermöge. Und wie tief demü⸗ thigend es auch war— das wirſt Du leicht begrei⸗ fen, Hilda— ſo bat ich doch um ihretwillen um Schonung.“ „Ich hätte verſchont, ich hätte um Ihretwillen viel gethan, und der Kommerzienrath hätte nie dieſen Aus⸗ weg zu ergreifen gebraucht, wenn er Vertrauen zu mir gehabt und mir bei meinem erſten Hierſein ſeine miß⸗ liche Lage entdeckt hätte; aber ſo offenbar ſeinen Hohn mit mir zu treiben, ſo durch Liſt und.. 4 „O nicht weiter, beſter Herr Garben!“ unterbrach ich ihn.„Mein Schmerz war grenzenlos, als ich mei⸗ nen Vater nicht vermögen konnte, dem Vorſchlage zu folgen, den ich ihm zu machen wagte, daß er ſich näm⸗ lich Ihnen anvertrauen ſollte, ſo lang es noch Zeit war. Schon den erſten Abend, den Herr Garben hier zu⸗ brachte, bat ich meinen Vater, dieſen Weg einzu⸗ ſchlagen.“ 1 „Und das thaten Sie?“ ſprach er herzlich, und ſah 272 mir mit einer kienen ſeltſamen Bewegung tief in'’s Auge.„Sie hielten mich alſo für gut?“ „Vom erſten Augenblick an,“ antwortete ich,„und ich bitte Herrn Garben, überzeugt zu ſein, daß ich ohne dieſen beruhigenden Glauben in dieſer Minute nicht hier wäre; denn an einem harten, gewöhnlichen Gemüthe hätte ich keine einzige Bitte verſuchen mögen. Der Gedanke an die Möglichkeit, daß ich mit Bitterkeit und Unwillen zurückgeſtoßen werden könnte, hätte mir den Muth genommen, in einem ſolchen Geſchäfte einem Menſchen zu nahen, von deſſen Edelmuth ich nicht zum Voraus überzeugt war.“ Mit innig gerührter Stimme ſprach Garben: „Niemand, meine Gute, Liebenswürdige, würde Sie urückſtoßen können, wenn Sie auf ſein Gefühl und Feine Ueberzeugung einzuwirken ſuchten; und was mei⸗ nen Entſchluß, Ihre Bitte zu erhören, befeſtigt, iſt der Umſtand, daß es eine Bitte, nicht aber die Vertheidi⸗ gung einer ſchlechten Sache iſt. Eine Tochter, die für ihren Vater bittet, kann und muß Vieles nachſehen. Und vielleicht,“ ſetzte er mit einem Blicke hinzu, den ich wohl verſtand,„vielleicht iſt dies das Bitterſte bei Ihrer edlen Hingebung.“ Ach, wie ſehr ſchäͤtzte ich ihn, Hilda, wie edel, wie feinfühlend war er! Er hatte mein Herz durchſchaut. Schweigend und die hervorquellenden Thränen bekämpfend, ſtand ich vor ihm; da beugte er ſich gegen mich und ſchnell, wie wenn er fürchtete, daß ich ihn unterbrechen wollte:„Kein Wort mehr! Morgen will ich meine An⸗ gelegenheiten mit Ihrem Vater auf eine Art in's Reine bringen, worüber er keinen Grund haben ſoll, ſich zu beklagen.“— Ich wandte mich um, um zu gehen. Mit Worten vermochte ich nicht ihm zu danken; aber ich hoffe, daß er in meinem Auge las, was ich fühlte. Als ich der Thüre nahe war, faßte er meine Hand und flüſterte bit⸗ tend:„Roſa wird mich doch nicht vergeſſen, auch dann nicht, wenn die ſtürmiſchen Tage uͤberſtanden ſind und der nehn Der 273 's Himmel ſich wieder aufgeklärt hat?“„Nie, nie! edler, hochgeſinnter Mann!“ antwortete ich, und eilte die nd Treppen hinab. Auf meinem Zimmer angekommen, lösten ſich die ite überſtrömenden Gefühle meines Herzens in einen dank⸗ en baren Seufzer gegen die Vorſehung und in einem war⸗ umſchwebt, in denen nur mein Liebling, meines Herzens em Abgott herrſchte, und ſein reiches Leben in mein Weſen ich m nächſten Vormittag war mein Vater mehrere Stunden bei Garben, und am Abend dankte er mir mit einem warmen Handdruck. Er begriff, wie Alles = ᷣ — — S — — 5 — ο 8 — 8 — S ☛ — 8 — — ◻ — 2. — — — — S — S — ◻. = — — — = — — — ₰ — —/ —. — — —. — ◻ 28 — — — G⸗ —₰ = ₰ S — ð — ₰ Seligkeit, und doch weißt Du, Hilda, daß ich keine der Schwärmerin bin. Mein vergangenes Leben hat das it⸗ hinreichend bewieſen, und ich möchte die ſehen, welche nn die Werktagsſeiten des Lebens, jene zahlloſen kleinen der Wechſelfälle zwiſchen Pflicht, Nothwendigkeit und Der Profeſſor und ſeine Schützlinge 18 274 Verträglichkeit beſſer als ich zu würdigen vermöchte. Aber ich faſſe auch die poetiſche Seite deſſelben auf; dieſe liegt in der Liebe, jenem göttlichen Gefühle, das uns geſchenkt ward, damit wir deſto beſſer die unermeßliche Tiefe ſeiner Liebe verſtehen und faſſen könnten. Da Du mich ſo vollkommen kennſt, gute Hilda, und weißt, was Mannerſtedt und der Beſitz ſeines edlen, ſchönen Herzens für mich iſt, ſo mußt Du auch begreifen, wie tief, wie unendlich und grenzenlos mein Schmerz ſein würde, wenn ſich die entfernteſte Spur einer Mög⸗ lichkeit zeigte, daß ich der Hoffnung, dem Himmel meiner Zukunft entſagen müßte. Du haſt geſehen, wie mein Vater, von ſeiner Unthaͤtigkeit gequält und nie⸗ dergedrückt, wie ein Schatten jenes Ichs hinſchleicht, welches ehedem ſein Weſen beherrſchte; Du haſt gehört, daß die Klage und der Jammer der Mama ſich durch⸗ aus nicht ſtillen laſſen wollen, da ſie ſich nie von dem Gedanken an das, was ſie war, lostrennen kann; Du haſt geſehen, wie ich in einem fortgeſetzten Kampfe zwiſchen den getrennten Elementen in den Gemüthern meiner Eltern leben mußte, nur damit ſie nicht, wie dennoch oft geſchah, einander durch Vorwürfe darüber plagen und beleidigen ſollten, wer an dem Verfall ihres Glückes Schuld ſei. So war das Leben bei uns, als Du H— verließeſt. Höre jetzt, meine Hilda, was ſich heute Morgen zugetragen hat. Es war noch ganz früh; ich hatte eben mein Amt als Lehrerin meiner kleinen Schweſtern begonnen, welche ich, wie Du weißt, in den wenigen Kenntniſſen unterrichte, die ich ſelbſt beſitze, ſeit wir die Mittel nicht mehr haben, ſie in die Schule zu ſchicken; und der Kreis war noch durch einige Halbpenſtonäre vermehrt, die ich angenommen hatte, um verſchiedene Ausgaben in der Haushaltung, der ich vorſtehe, ſeit Frau Bern uns verlaſſen hat, beſtreiten zu können. Nachdem wir uns in Ordnung geſetzt hatten, trat mein Vater mit einem Angeſichte herein, das von Freude ſtrahlte. Es war leicht zu „ — Mei mein recht die Kint ging zuruͤͦ ſie n ahnte den 275 ſehen, daß etwas Außerordentliches vorgefallen war. —„Komm her, mein Mädchen!“ ſagte er in einem Tone, der die Erinnerung an vergangene Tage wieder erweckte;„ich will mit Dir reden.“— Er ging mit dieſen Worten in das kleine Seitenkabinet, und von dunklen, unerklärlichen Ahnungen ergriffen, folgte ich ihm. Er ſchloß ſorgfältig die Thüre, und drückte mich dann mit einem Ausdruck väterlicher Freude, ich möchte faſt ſagen, mit Stolz in ſeine Arme, was jedoch meine Ahnungen von einem neu bevorſtehenden Kampfe nur noch mehr beſtärkte. „Was iſt geſchehen, mein beſter Vater?“ fragte ich, faſt vor der Antwort zitternd.„Was macht Papa ſo heiter?“ „Das glücklichſte, unerwartetſte Ereigniß, meine Roſa! Eine außerordentliche Gnade der Vorſehung,“ ſetzte er mit wahrer Rührung hinzu, und wiſchte eine Thräne aus dem Auge.„Ein Ereigniß, mein Mäd⸗ chen, das mein Herz nicht allein mit der höchſten Se⸗ ligkeit, die ich je in meinem ganzen Leben empfunden habe, ſondern auch mit einer Dankbarkeit gegen das höchſte Weſen erfüllt, wie ich ſie nie ſo lebhaft fühlte.“ Ich bebte immer mehr; mein Herz zog ſich in einer fürchterlichen Ahnung des kommenden Schmerzes zu⸗ ſammen. Ich konnte mich nicht erinnern, meinen Vater während der vergangenen Jahre jemals in einer ſolchen Gemüthsbewegung geſehen zu haben. Wir ſetzten uns. Mein ganzes Weſen zitterte. Jetzt ſprach mein Vater; mein Kopf ſchwindelte; mit Mühe hielt ich mich auf⸗ recht, und von Allem, was er ſprach, tönten nur noch die letzten Worte in mein Ohr:„Freue Dich, mein Kind, und preiſe Gott mit Deinen Eltern!“ Hiemit ging er hinaus und ließ in meinen Händen zwei Briefe zuruck.. Und dieſe Briefe, meine Hilda, von wem waren ſie wohl? o, Du haſt es ſchon geahnt, und ich, ich ahnte es gleich! Sie waren von Garben. Der erſte, den ich öffnete, war an meinen Pater und beſagte 2 276 bloß mit einigen Worten, daß ſeine Verbindung mit ſeiner frühern Braut abgebrochen ſei, und er es jetzt, da er frei ſei, für das höchſte Glück halten würde, wenn eine Verbindung zwiſchen des Kommerzienraths und ſeinem Hauſe zu Stande gebracht werden könnte; es würde ihm ein unendliches Vergnügen machen, ſei⸗ nem künftigen Schwiegervater wieder auf die Beine zu helfen und ſo weiter. Den Brief an mich ſchreibe ich wortgetreu ab. „Holde, theure Roſa! „Eine Reihe von Umſtänden, zu bitter, als daß ich ſie angeben könnte, hatte während meines Aufent⸗ halts in Schweden einen Kaltſinn in das Herz meiner Braut gelegt, der ſie vollkommen veränderte. Sie ſah ein— ſie hatte während meiner Abweſenheit einſehen. gelernt,— daß ich ſie nicht glücklich machen könnte; ihr Herz ſpräche für einen Andern. Da ich dies erfuhr, gab ich ihr das Verſprechen einer Hand zurück, die ich nicht beſitzen wollte, da ihre Gefühle nicht mehr mir gehörten. Nach dieſen unangenehmen Begebenheiten ſind vier Monate vergangen, während welcher meine Gedanken oft bei Roſa verweilten. Jeden Tag habe ich ſie vor meinem geiſtigen Auge ſo geſehen, wie ſie in jener Stunde vor mir ſtand, wo ſie zu mir für ihren Vater flehte und mir ſagte, daß ich in ihren Augen einen Werth beſitze; und jeden Tag habe ich geſeufzt: O daß es ſo wäre, daß Roſa mich nicht ver⸗ geſſen hätte, daß ſie es für möglich hielte, mit einem Manne glücklich zu werden, der zwar zwanzig Jahre älter iſt, als ſie, aber auch ein Herz beſitzt, deſſen innigſter Wunſch ihre Glückſeligkeit, ihre Wohlfahrt und ihr tägliches Glück ſein würde, ein Herz, das treu und heilig ihr Bild in ſeinem Innerſten bewahrt hat! Die kühne Hoffnung, die mein Herz belebt, die mich bewegt, dieſe Zeilen zu ſchreiben, iſt der Gedanke, daß Roſa das Anerbieten der Liebe und der Hand eines redlichen Mannes nicht verſchmähen werde, eines — 8̈ 25 — mich Elter! 277 Mannes, der keinen andern Wunſch hat, als den, Roſa als ſeine Gattin in ſeine nun einſame Heimath zu führen. Wenn ich eine glückliche Gewißheit über dieſe ferne Hoffnung, eine freundliche Antwort erhalte, ſo werde ich nicht länger zögern und in eigener Perſon meine Huldigung und meine Dankbarkeit darbringen. Garben.“ O Hilda! welche bittern und unſeligen Gefühle empfand mein Herz, als ich dieſen einfachen, herzlichen und vertrauensvollen Brief las! O wie ſchmerzlich war das! Ich ſchätzte und achtete den edlen Garben unendlich; aber lieben konnte ich ihn ja nicht, da ich das Bild nicht aus meinem Herzen losreißen konnte, das dort ſeine Heimath gefunden hatte, da ich ihn um keinen Preis verlaſſen konnte, ohne dem Leben, wenig⸗ ſtens dem beſſeren und höheren Leben zu entſagen. Und was würde ich dann ſein? Eine ſchwindende Pflanze, die an Mangel von Nahrungsſaft ſterben müßte.— Nein, nein! das kann ich nicht! Mein Herz bricht vor Qual bei dem Gedanken, daß ich nicht mehr das Recht haben ſollte, ihn zu lieben. Aber wenn ich auf der andern Seite die innige Luſt meines Vaters, die ſtürmiſche Freude meiner Mutter bedenke, die ſchon im Geiſte in meine Ohren tönt; wenn ich bedenke, wie alles das in ein Nichts vergehen, wie es ſich in ein ſtürmiſches Meer von Vorwürfen und peinigenden Vorſtellungen über meinen unbegreiflichen Eigenſinn, ein ſolches Glück von ſich zu ſtoßen, verwandeln wird — Gott! was kann ich wohl darauf antworten! Ich fühle, daß die Verbindung mit einem ſo redlichen und braven Manne, wie Garben iſt, mit Grund ein Glück genannt werden könnte, wenn ich nicht vorher Man⸗ nerſtedt kennen und lieben gelernt hätte. Jetzt gibt es für mich kein Glück mehr ohne ihn. Er iſt für mich der Einzige. Dies wage ich jedoch nicht meinen Eltern anzuvertrauen; ſie würden lachen und meine 278 heiligſten Gefühle durch Spott und Verachtung kränken. Aber damit nicht genug, wie tief und bitter ſchmerzt es mich auch, gegen den Mann undankbar zu ſein, der ſo viel für mich that! Er wird, er muß mich ver⸗ achten; und wie ſchmerzlich, ſeine Achtung zu verlieren! Doch wenn ich ihm mein Herz öffne, wenn ich noch einmal ſeinen Edelmuth um Erbarmen anflehe, dann wird er vielleicht— Mitleid mit mir haben und mir verzeihen, daß ich ihm meine wärmſten Gefühle nicht als einen Dank darbringen kann. Ich bettle nicht um ein elendes Almoſen. Ich weiß, daß er zu hochgeſinnt iſt, um ein Weib haben zu wollen, das nicht ihr Alles in ihm findet. Indeſſen ſind dieſe Stunden voll quälender Kämpfe, Kämpfe nach allen Richtungen hin: zwiſchen Liebe und Pflicht auf der einen und kindlicher Zärtlichkeit und Dankbarkeit auf der andern Seite. O mein armes, armes Herz! Und die Zeit entflieht ſo ſchnell; der Abend naht heran und meine Freiheitsſtunden ſind bald zu Ende. Du mußt wiſſen, daß ich, als mein Vater mich heute Morgen verließ, den Schlüſſel abzog und begehrte, bis Abends allein bleiben zu dürfen. Meine Eltern haben mir dies erlaubt; aber um ſieben Uhr hat Mama gebeten, daß ich herab kommen ſollte. Ich habe dies nicht abſchlagen können; denn es muß ja doch zu einer Erklärung kommen. Ach, ich kann mir vorſtellen, wie ſie ſo froh in ihrer glücklichen Er⸗ wartung unten ſitzen und glauben, daß es nur jung⸗ fräuliche Scheu ſei, die, wie gewöhnlich, einige Stun⸗ den Bedenkzeit begehrte. Und ich, ihr Kind, jetzt ihre einzige Hoffnung, bin es, die ihre Freude zerſtoͤren und die eben entfalteten Blumen, an deren Farbenglanz ſie ſich ergötzen, zerpflücken wird! Ich frage mich ſelbſt, ob ich Verzeihung erwarten kann, da ich fühle, was eine zerſtörte Hoffnung für ſie ſein muß. Dieſe Stunden der Freiheit und Stille habe ich benützt, um meinen Kummer in Dein theilnehmendes Herz niederzulegen; aber es iſt eben ſo gut, daß ich nken. nerzt , der ver⸗ eren! noch dann mir nicht t um ſinnt Alles ipfe, und und rmes, der ſind mein bzog rfen. ijeben ollte. muß kann Er⸗ ung⸗ Stun⸗ ihre und 3 ſie elbſt, was e ich ndes ich K 279 Dir den Brief ſo ſchicke, wie er jetzt iſt; denn mit der Fortſetzung dürfte es wohl eine Zeitlang anſtehen. Bei dem Sturme, der bevorſteht, ſchwindelt mein armer Kopf ſchon zum Voraus, und ſchwerlich werde ich ſo bald eine Stunde bekommen, um Dir dieſes genau be⸗ richten zu können. Lebe wohl, meine Hilda! Der Zeiger läuft ſo ſchnell! Tröſte bald mit einigen Zei⸗ len Deine arme, betrübte Roſa.“ Den andern Brief vom Kapitän Ferdinand müſſen wir unſern Leſern ebenfalls mittheilen. Er lautete, ganz im Style des Kapitäns, folgendermaßen:; „Geliebte, angebetete Hilda! „Noch einmal— denn es wäre ja zu bitter, wenn ich die Hoffnung für immer aus dem Herzen reißen müßte; nein, das kann ich nicht über mich vermögen! — Alſo noch einmal, o Hilda, frage ich Dich, ob nicht ein ganzes Leben voll Reue und Liebe wieder gut machen kann, was ich in meinem Leichtſinn und noth⸗ gedrungen verbrochen habe. Du weißt ja, daß ich auch während dieſer Periode Dir nie in meinem Herzen untreu war, obwohl— doch gleichviel— das habe ich Dir ja ſchon ſo oft erklärt. Es war ein Unglück, eine Raſerei; es war mit einem Wort mein Schickſal! Aber Du, Hilda, könnteſt mein guter Genius ſein.— Auch dürfte Alles noch gut werden, ja eine Seligkeit, ein Himmel könnte es werden; denn der Profeſſor iſt jetzt mild und gut, und er hat ſich in der letzten Zeit ſo ſehr daran gewöhnt, Dich und Roſa beſtändig um ſich zu ſehen, daß es ſich deutlich zeigt, wie er Dich vermißt; und oft ſagt er, wenn Roſa in Folge ihrer vielen Geſchäfte zu Hauſe ihre Beſuche zu verkürzen oder zu vermindern genöthigt iſt, und Madame Brun den Thee nicht mehr recht beſorgen kann:„Es iſt ſchade, daß ich Hilda vermiſſen muß! Sie war ein flinkes 280 und gewandtes Mädchen, und wußte immer meinen Thee gerade recht zu machen! Jetzt iſt er entweder zu ſchwach oder zu ſtark. Ja, in dieſer Kunſt übertrifft ſie ſogar Roſa.“ Hilda, wenn er ſo ſpricht, ſo ſehe ich ein, daß es nicht viel bedarf, um ihn zu Befeſtigung meines Glückes zu vermögen, wenn nur Du nicht ſo grauſam und unbeweglich wäreſt. Theure, geliebte Hilda! ſage, daß Du verzeihen willſt, und ich fliege nach dem alten, abſcheulichen Lindfors, um Euch Allen Frieden und Verſöhnung zu bieten, da ich bei mir ſelbſt fühle, daß ich dann die Kraft beſäße, dies auszuwirken. In der qualvollſten Unruhe erwarte ich Deine Antwort, Deine letzte Entſcheidung in dieſer Sache; denn das ſchwöre ich, Hilda, ich ſchwöre es heilig und theuer, ich werde Dir nie mehr mit meinen Bitten beſchwerlich fallen, wenn Du mich jetzt auch zurüuck⸗ weiſen könnteſt!— Doch, Du biſt nicht ſo hart! O ſei ſo gut und verzeih, meine Hilda! ſei gütig und freundlich, wie Du es ehedem warſt! darum bittet Dein reuevoller Ferdinand.“ „Nein, mein lieber Vetter!“ ſagte Hilda, als ſie Ferdinands Brief noch einmal durchblickte,„nein, das iſt Alles vergebens, und jetzt mehr als jemals.“— Hilda's Gedanken ſchwärmten nach Necken's Inſel hinüber.—„Ferdinand wird ſich ſchon wieder tröſten,“ ſetzte ſie halblaut hinzu;„ſeinetwegen bin ich unbeſorgt. Schlimmer, weit ſchlimmer ſteht es mit meiner guten, armen Roſa! O wie manchen qualvollen Kampf wird nicht ihr Herz in dieſen Tagen ausſtehen müſſen! Ja ſie leidet grenzenlos! Ich kenne ſie und weiß, wie tief ihre Liebe iſt. Ihr zu entſagen, wäre jetzt ihr Tod; und die einzige Freude, den einzigen Troſt ihrer armen Eltern zu verbittern und ihre einzige Hoffnung zu ver⸗ nichten, das wird einer Seele, wie die ihrige iſt, nicht leicht. Und dann die Undankbarkeit gegen Garben! 281 Wohin ich meinen Blick wende, ſehe ich kein Licht; es iſt ſo dunkel, ſo düſter. Ich bebe davor, daß ihr heißeſtes Gefühl der Pflicht und Dankbarkeit weichen könnte.“ Hilda ſeufzte tief, ſie fühlte innig die Leiden Roſa's, und dankte Gott, daß ſie nicht ſolche Kämpfe durchzumachen hatte. Sie ſehnte ſich nach der Fort⸗ ſetzung des Briefes und bebte davor, und berechnete in Gedanken, wie lange es wohl anſtehen könnte, bis ſie eine ſolche erhalten würde. 19. Eine häusliche Scene.— Der Brief von Lund.— Der Rath des Profeſſors an den Kapitän. Briefe können freilich viele Dinge erzählen; doch wir vermuthen, daß der Leſer lieber die Perſonen ſelbſt auf der Scene hört und ſieht. Wir ſchauen deßhalb in ein kleines Eckzimmer in dem ärmlichen Hauſe, wo jetzt die Familie Widen lebte. Während Roſa jenen Brief an Hilda ſchrieb, ſaß der Kommerzienrath mit ſeiner Frau in dem genann⸗ ten Zimmer, und beide waren in der lebhafteſten Be⸗ rathung begriffen. Jeder Groll, jeder Gedanke an Vorwurf war auf beiden Seiten vergeſſen. In den düſtern und ſtürmiſchen Tagen hatte das Ehepaar ein⸗ ander keinen Troſt mitzutheilen gehabt; im Gegentheile ſie verbitterten einander dieſelben nur noch mehr. Aber jetzt, da es ſich ein wenig aufklärte, da die Sonne hinter den Wolken hervorſchaute und der ſchwarze Schleier zurückwich, da war ihr Herz eitel Liebe und Harmonie, da paßten ſie vortrefflich zu einander und waren die zärtlichſten und freundlichſten Gatten, die man ſehen konnte. 282 „Herr Gott, lieber Widen, mein Alter,“ ſagte die Kommerzienräthin und ſtrich mit der Hand ihrem Manne üͤber die abgemagerten Wangen,„welchen Se⸗ gen bringt es nicht immer, wenn man das Unglück mit einer ſolchen Stärke und Entſagung, einer ſolchen Geduld und edlen Hingebung erträgt, wie wir es getra⸗ gen haben. Es iſt, wie ich es immer geſagt habe, die Prüfung trägt ihre Frucht. Ja, Gott ſei Dank, das thut ſie, wenn man das Unglück in Liebe, Einigkeit und Standhaftigkeit getragen und mit Heiterkeit und Dank den böſen Tag hingenommen hat, wie den guten, wie wir es gethan haben.“ Dabei ſeufzte Madame Widen und weinte vor Empfindſamkeit. Es war ſo rührend, an das über⸗ ſtandene Unglück zu denken, das man ſchon in weiter Ferne liegen ſah. Der Kommerzienrath hielt zwar keine Rede über Liebe, Einigkeit und Standhaftigkeit; aber er ſagte ſehr freundlich als Antwort auf die etwas ungewöhnliche Schmeichelei ſeines Weibes:„Ja, liebe Brigitte Marie, es iſt eine Gottesgnade, ein großes Glück. Ich muß jetzt auf einen paſſenden Compag⸗ nan denken, der in meine neuen Geſchäfte eintreten ann.“ „Ich habe ſchon darauf gedacht, mein Alter,“ fiel die Frau ein und nannte drei oder vier Namen, wobei jedoch der Kommerzienrath den Kopf ſchüttelte.„Nun, es wird wohl Rath damit werden,“ meinte das Weib. „Sobald wir wieder etwas im Handel haben, bekom⸗ men wir immer wieder einen Compagnon. Die große Freudenbotſchaft macht mich noch etwas wirr im Kopfe, und betäubt meinen gewöhnlichen Scharfſinn. Herr Gott! wie wunderbar es doch zugeht! Ich ſagte immer, daß dieſer Mann noch etwas in un⸗ ſerem Hauſe zu bedeuten habe. Ich denke darauf, wie wir ihn jetzt mit aufrichtigem Herzen bewillkomm⸗ nen und bei ſeiner Ankunft bewirthen wollen.“ „Ja, das verdient er auch in Wahrheit,“ ſagte 283 der Kommerzienrath.„Aber ich begreife nicht, warum Rofa ſo lange allein ſein will. Kannſt Du mir das erklären, mein Schatz?“ „O mein Alterchen, die Sache erklärt ſich aus ſich ſelbſt. Der Uebergang von Sorge und Kummer zu Freude, Glück und Wohlſtand iſt für ſo feine, zärt⸗ liche Weſen, wie Roſa, eben ſo erſchütternd, als ein Uebergang im entgegengeſetten Falle. Das liebe Kind braucht recht wohl einige Stunden, um ſich zu ſam⸗ meln. Ich bin ja ſelbſt ſo glückſelig, daß ich kaum weiß, wo mir der Kopf ſteht. Aber das ſage ich, das Erſte, was geſchehen muß, iſt, daß wir aus dieſem elenden Neſte herauskommen, worin ich ſicher geſtorben wäre, wenn ich länger hätte drinnen bleiben müſſen. Widen, mein Alter, ich lege Dir's auf's Gewiſſen, daß dies das Erſte iſt. Ach unſer ſchönes, großes Haus!“ — und dabei ſeufzte die Kommerzienräthin andächtig und mit gefalteten Händen— ach, das bekommen wir nie wieder, nie!“ „Es gibt ja noch viele andere, große und ſchöne Häuſer,“ tröſtete der Kommerzienrath;„wenn wir nur erſt Mittel haben, ſo werden wir auch Häuſer genug bekommen; aber es iſt Geräuſch an der äußern Thüre; jetzt wird Roſa kommen.“ Das Mädchen trat leiſe ein; ſchon ihr Gang hätte einem aufmerkſameren Ohre geſagt, daß er in keinem glücklichen Verhältniſſe zu den Hoffnungen ſtehe, die der Gegenſtand der elterlichen Unterredung geweſen waren. Aber weit entfernt, auf die bleichen, entſtellten Züge ihrer Tochter Achtung zu geben, ſprang Madame Widen ihr entgegen, und 196 ſte mit ſtürmiſcher Freude an ihr Herz, indem ſie mit wahrem Entzücken ausrief:„Mein Kind, meine Roſa, wie ſelig, wie beneidenswerth biſt Du! Ich weiß und fühle an mei⸗ nem eigenen Herzen, wie freudig ergriffen das Deine ſein muß. Du haſt gewiß nicht vergeſſen, Gott zu hanben, der Alles ſo wunderbar zum Beſten gelenkt at?“ 284 „Ich habe innig zu Gott gebeten,“ ſprach Roſa, und hob ihre thränenvollen Augen gegen das Angeſicht der Mutter,„gebeten, daß meine theuren, geliebten Eltern mir möchten verzeihen können, wenn ich dies erſte und einzige Mal in meinem Leben genöthigt bin, ihnen ungehorſam zu ſein. Mein Herz iſt für Garben verſchloſſen, und er iſt ein zu edler Mann, als daß ich wagen ſollte oder wollte, ihm eine Hand anzubieten, die mein Herz nicht begleiten könnte.“ Die Kommerzienräthin taumelte drei Schritte zu⸗ rück, und dies ohne alle Ziererei. Sie war ſo tief von Schmerz und Verwunderung ergriffen, daß ſie ſich nicht einmal durch ihre gewöhn⸗ lichen Ergüſſe Luft machen konnte; und da die Bewe⸗ gung ſo natürlich und überraſchend war, ſo vergaß ſie ganz in Ohnmacht zu fallen. Sie ſuchte im Gegen⸗ theil alle Kräfte zu ſammeln, um ſich aufrecht zu er⸗ halten; denn ſie fühlte, von welcher Wichtigkeit es war, bei einem ſolchen Querſtrich ihre Geiſtesgegen⸗ wart beizubehalten. Sie war jedoch noch nicht im Stande, zu ſprechen, ſondern ſtützte den Kopf auf die Hand, und ſetzte ſich ganz ſtill nieder. Auch der Kommerzienrath ſtand wie in eine Bild⸗ ſäule verwandelt, und ſtierte düſter auf das Mädchen, das kaum zu athmen wagte. Der arme Mann bildete das jammervolle Gemälde einer getäuſchten Hoffnung. So verging eine Weile, bis ſich die Kommerzienräthin wieder ein wenig zu erholen begann. Und wie das Leben von Neuem in die faſt erſtarrten Adern zurück⸗ kehrte, erwachte auch das alte Bedürfniß wieder, ihre Gefühle in Worte zu kleiden. „Was hör' ich, unwürdiges, unartiges Kind?“ rief ſie faſt weinend aus.„Was muß ich hören? Du weigerſt Dich, die Hand des beſten, ehrenwertheſten und reichſten Mannes anzunehmen, und das, weil Dein Herz für ihn verſchloſſen iſt, wenn Du je ein Herz gehabt hätteſt! Ach mein Gott, daß eine Mutter ſo Æ—2ß N AGnn donn A 285 etwas erleben muß! Sprach wohl Dein Herz für Kapitän Ferdinand, und ließeſt Du Dich nicht deſſen ungeachtet ohne allen Widerſpruch mit ihm verloben? Mit einem armen Teufel, mit Schulden bis über die Ohren, der Dich nicht einmal liebte? Was haſt Du denn jetzt für Grillen in den Kopf bekommen? Du mußt über einen Roman gerathen ſein, der Dich be⸗ hert hat; aber die Liebe, die Du dort findeſt, exiſtirt nicht in unſerer Welt. Das iſt nur Wind und nichts weiter! Die wahre Liebe, wie ſie ein vernünftiges Weib für ihren Mann fühlen muß, kommt ſchon mit der Zeit. Verlaſſe Dich auf meine Erfahrung, und ſei verſichert, daß Garben ſie wohl zu gewinnen weiß; damit hat es keine Gefahr. Aber Deine Hand ver⸗ weigern, das Anerbieten ſeines Herzens verſchmähen, iſt das die Dankbarkeit, von der Du in den erſten Monaten nach ſeiner Abreiſe ſo oft ſprachſt? Doch Du darfſt Dich nicht weigern! Ich, Deine Mutter, ſage Dir, daß es nicht geſchehen darf! Und Du mußt wohl bedenken, daß es Deine Schuldigkeit iſt, Deinen armen Eltern all' die unendliche Zärtlichkeit und Güte zu vergelten, die ſie Dir gewidmet haben. Ja, es iſt wahrhaftig Deine Schuldigkeit, meine liebe, kleine Roſa; das wirſt Du wohl einſehen, mein Kind? Sage, kleine Roſa, thuſt Du das nicht? Sprich, mein Kind! Es iſt Deine zärtliche, gute Mama, die Dich darum beſchwört.“ „O, meine Mutter, es bedürfte nicht ſo viel! Nicht dieſe Ermahnungen an meine Pflicht und mein kindliches Gefühl, wenn ich nur zu gehorchen ver⸗ möchte; aber o Gott! ich werde grenzenlos unglücklich, wenn ich mich zu einem Ja überreden laſſe, wozu mein Herz ewig Nein ſagen wird. Verzeiht, und habt Er⸗ barmen mit Eurem Kinde!“— Sie ſtreckte ihre Arme bittend gegen den Vater, der ſich bleich und zitternd auf den Sopha niedergeſetzt hatte. „Beruhige Dich, mein Kind,“ ſagte der Kommer⸗ 286 zienrath in einem ſo weichen und gebrochenen Tone, daß es dem Mädchen durch Mark und Bein ging. Er öffnete ſeine Arme und Roſa weinte laut an ſeiner Bruſt.—„Ich weiß jetzt ſelbſt, was Unglück iſt, und will meine väterliche Autorität nicht mißbrauchen, da ſie Deinen eigenen Anſichten ſo vollkommen wider⸗ ſtreitet. Nein, mein Kind, meine gute Roſa, Du ſollſt Deine Freiheit behalten, und ich will mein ſchweres, thatenloſes Leben, die Folge meiner eigenen Fehler, geduldig hinſchleppen. Es war eine ſchöne Hoffnung, die einige Augenblicke ſtrahlte; ſie iſt vor⸗ bei! Wir wollen nicht mehr davon ſprechen. Ich weiß, daß Du Dich nicht geweigert hätteſt, wenn es Dir möglich geweſen wäre, unſern Wunſch zu erfüllen.“ Er ſtand auf, und indem er einen leichten Kuß auf Roſa's bleiche, thränenfeuchte Wange drückte, ſetzte er hinzu:„Wenn Du die Antwort an den edlen, redli⸗ chen Garben fertig haſt, ſo gib ſie mir; ich werde ſie in die meinige einſchließen.“ Mit dieſen Worten ging er raſch hinaus und ſchloß ſich in ſein eigenes kleines Zimmer ein.. Es dürfte wohl noch einigem Zweifel unterworfen ſein, in wie weit die ungewöhnliche Milde des Kom⸗ merzienraths eine Folge ſeiner väterlichen Liebe oder eines wohlberechneten Eigennutzes war. Im gegen⸗ wärtigen Augenblicke war er gewiß gerührt und be⸗ wegt; aber er beſaß auch hinlängliche Kenntniß von Roſa's Charakter und weichem, mildem Herzen, um leicht einzuſehen, das einzige Mittel, um zum Ziele zu kommen und auf ſie einzuwirken, ſei, wenn man nicht durch eine Ermahnung zur Pflicht, ſondern durch ein großes Beiſpiel von Edelmuth an ihr tiefes Ge⸗ fühl und ihre kindliche Liebe appellire. Wahrſcheinlich war es eine dunkle Ahnung von dem glücklichen Er⸗ folge eines ſolchen Verſuches, was, verbunden mit dem Gedanken an das, was Roſa ſeinem Herzen in dieſen Tagen des Kummers geweſen war, gemeinſchaftlich die — 287 Handlungsweiſe beſtimmte, deren ſich der Kommerzien⸗ rath gegen ſeine Tochter bediente. Gewiß iſt es jedoch, daß der beſte und wohlbedachteſte Plan keine glückli⸗ chere Wirkung hervorbringen konnte, als ein ſolches Benehmen. 4 Roſa hatte keineswegs eine ſo milde, aufopfernde Zärtlichkeit erwartet; ſie hatte ſich auf einen harten Kampf um ihre Freiheit, beſonders mit ihrem Vater, gefaßt gemacht. Jetzt hatte da egen gerade das Ge⸗ gentheil Statt gefunden, und Peih Liebe und Nach⸗ giebigkeit, ſein edler, großartiger Verzicht auf alle eigenen Vortheile, nur um Roſa's Gluck zu ſichern, brachte den erſten wankenden Gedanken in ihren Ent⸗ ſchluß. Stumm ſtand ſie da, die Hände feſt egen das kämpfende Herz gepreßt. Dieſer Streit zwiſchen der Liebe zu Mannerſtedt und zu ihren Eltern begann jetzt auf ihre Ueberzeugung einzuwirken. Sie fühlte, daß zwei Mächte an ihrem Herzen riſſen, und daß ſie verbluten würde, auf welche Seite ſich auch der Sieg neigte. Da kam die Mutter, nahm ihre Hände, drückte ſie an ihre naſſen Augen und ſagte ſtill und mild:„Meine Roſa, mein geliebtes Kind! Auch ich will Dich nicht mehr bitten; ich will ſchweigen, ſchweigen, wie Dein edler, unglücklicher Vater. Ich will Dich nur erinnern, ſo lange es noch Zeit iſt, daß die Reue eine bittere, verzehrende Frucht iſt, durch deren wurmſtichige Wurzeln ſich das Gift in's Herz ſchleicht und ſein friſches Leben zerſtört. Sieh’ Dei⸗ nen Vater an!— Es iſt klar, daß nur ein neues, thätiges Leben ſeine erſtarrten geiſtigen und körper⸗ lichen Kräfte wieder erwecken kann. Wenn dagegen das elende Schneckenleben, das er jetzt führt, fort geht, dann können wir uns bald auf das Schlimmſte gefaßt machen. Fünf ſchutzloſe Kinder ohne Bater! Doch thue, was Du willſt; von mir ſoll Dir nicht mehr zugeredet werden. Deine Eltern ſind, Gott ſei Dank! zu edel, um Dich gegen Deinen Willen zu zwingen.“ 288 Die Kommerzienräthin, die inſtinktmäßig die Ab⸗ ſicht ihres Mannes begriffen hatte, verſuchte es, ſeinem Beiſpiele zu folgen, und bediente ſich jetzt deſſelben Auswegs, wie er; Sie ging und ließ Roſa allein mit ihren Betrachtungen.* „Das iſt fürchterlich,“ ſprach Ris arme, hart geprüfte Mädchen, und ſank flehend auf ihre Kniee; „ſoll ich, muß ich denn?“—— ſie hatte nicht die Kraft, den Satz zu vollenden. Mannerſtedts Bild in jener heiligen Abſchiedsminute, ſein froher, feſter Glauben an ihre Treue, der von Liebe und Glück⸗ ſeligkeit ſtrahlende Blick, der ſie damals getroffen hatte, dieſes Bild trat jetzt zwiſchen ihr Herz und die Worte, die ſie ausſprechen wollte, und ſchien Roſa vorzuwerfen, daß ſie um Stärke bitten wolle, um ihm zu entſagen, der das ganze Glück, das ganze Leben ihrer Zukunft zu ſein ſchien.—„Wie würde Mannerſtedt in einer ſolchen Lage handeln?“ fragte ſie ſich ſelbſt.„Würde er mich aufopfern, um die Seinen von einem Uebel zu retten, das ein Nichts iſt im Vergleich mit der Entſagung, durch welche jene beſſere Lage gewonnen würde?“—„Nein, nein,“ antwortete das mächtige Gefühl, das in ihrer Seele die Obergewalt behielt,„er würde es nicht thun. So edel und hochgeſinnt er iſt, könnte er mein Herz nicht brechen laſſen, um ſeinen Eltern ein Mittel zu irdiſchem Gewinne zu verſchaffen. Dennoch“— Roſa fühlte, daß ſie nicht recht über⸗ zeugt war, ob Mannerſtedt ſo handeln würde oder nicht; ſie meinte beinahe, ſie wolle ſich nur ſelbſt bethören. Und wenn jetzt der Anblick ihres Va⸗ ters auf dem Sterbebette, umgeben von den klei⸗ nen, weinenden Geſchwiſtern, wieder unwillkührlich vor ihr geiſtiges Auge trat, ſo erwachten auch wieder alle die Gefühle, die gegen die Wünſche ihres Her⸗ zens ſtritten.—„Ich verirre in dieſem Chaos von Gedanken, dieſem Dunkel, das meine Seele umhüllt,“ — 290 der Mutter traf, daß dieſer Schlag ſein Tod ſein werde.—„O, mein Gott!“ ſchluchzte Roſa,„woher würde ich denn Troſt nehmen? Nicht einmal an Man⸗ nerſtedt's liebendem Herzen könnte ich ihn finden! Ruhe und Frieden wären für immer dahin; denn der Gedanke, daß meine unedle Selbſtſucht den Tod meines Vaters bewirkt habe, ſtünde unaufhörlich ſchlafend und wachend vor mir, und verdürbe jede Freude, die auf meinem Wege blühte. Ich könnte ſie nicht mehr genießen, denn auf meinem Herzen würde eine Schuld ruhen.“ 3„Beruhige Dich in's Himmels Namen, mein lie⸗ bes Kind!“ ſagte der Profeſſor und ſtrich ſchmeichelnd über die glühenden Wangen des aufgeregten und er⸗ ſchreckten Mädchens.„Laß Dich nicht ſo von Luft⸗ gebilden überwältigen, ſondern gönne auch Deiner Vernunft eine Stimme, und höre, was ich, Dein al⸗ ter erfahrener Freund, Dir ſage. Alſo vor Allem weg mit den Thränen! Ich möͤchte wohl wiſſen, was Mannerſtedt ſagen würde, wenn er Dich in dieſer Stunde ſähe, wie Du zwiſchen der Pflicht, die Ent⸗ ſagung gebietet, und der andern unſchlüſſig hin⸗ und herſchwankteſt, welche Dir gebietet, Dein und ſein zu⸗ künftiges Glück und Eure Liebe nicht aufzugeben. Denn dieſe Liebe muß wohl nicht von dem gewöhn⸗ lichen Schlage ſein, da ſie eine ſolche Revolution in dem Herzen und den Gefühlen meiner ſonſt ſo ruhigen und vernünftigen Roſa bewirken konnte.“ „Ja, was würde er denn ſagen?“ ſiel Roſa ein, und bei dem bloßen Namen deſſen, der ihr üͤber Alles theuer war auf Erden, glänzte ein Freudenſtrahl durch ihre Thränen.„Was würde er ſagen, beſter Onkel?“ — Ein leichter, inniger Ausdruck ergoß ſich über alle ihre Züge. Vielleicht ſteht etwas davon in dem Wiſch da,“ meinte der gute Profeſſor lächelnd und zog einen klei⸗ nen allerliebſten Brief aus einer Schublade ſeines Schreibtiſches. ͤ 291 „Wie, von Mannerſtedt?“ rief Roſa, und die bleichen Wangen bedeckten ſich ſchnell mit einem glü⸗ henden Purpur, während die heftigen Schläge des Herzens ihr beinahe den Athem benahmen.„O, ich wußte nicht, ich glaubte nicht, ich konnte nicht hoffen, daß ſchon jetzt—“ Roſa war vor Freude ganz ver⸗ wirrt und wußte weder, was ſie hoffte, noch was ſie glaubte. Der lächelnde Blick des Profeſſors hätte ihr das ſagen können, wenn ſie ihn nur angeſehen hätte. Aber daran war jetzt nicht zu denken. Ihr geiſtiges wie ihr leibliches Auge war jetzt nur für den Brief des Geliebten da, und nachdem ſie das Siegel trotz der Gegenwart des Profeſſors wenigſtens zehnmal ge⸗ küßt hatte, ſchritt Roſa endlich an die Eröffnung ihres Schatzes. Mannerſtedt ſchrieb aus Lund: 1 „Meine einzig Geliebte! Da ich gerade unſerem väterlichen Freunde eine frohe Zeitung zu verkünden habe, indem nämlich mein Examen glücklich überſtanden iſt, worüber er Dir das Nähere ſagen ſoll, ſo kann ich die gewöhnliche Zeit nicht abwarten, um Dir zu ſchreiben, da ich zu glück⸗ lich bin, um meine Luſt allein zu tragen. Zwar ſagte der gute Profeſſor in der Abſchiedsſtunde, daß ich nur hie und da in ſeinen Brief einen kleinen Wiſch an den Abgott meines Herzens einlegen dürfe; aber in dieſem Einen Fall bin ich ungehorſam. An ihn zu ſchreiben, ohne einen Gruß an Dich zu ſagen, ohne Deinem Herzen ein Wort der Liebe zuzuflüſtern, das iſt unmöglich.— O meine Roſa, wenn Du wüßteſt, wie ganz und gar Du meine Seele erfüllſt! Ich machte mein Examen zwei Monate früher, als ich an⸗ fangs beabſichtigte; denn meine Liebe und die Gewiß⸗ heit der Deinigen hat meine Kraft verdoppelt, ja verdreifacht, und die nächſte Magiſterpromotion wird mir den Lorbeerkranz ſchenken. S zviſchen werden die 292 freundlichen Genien der Liebe und Hoffnung die Krone zuſammenflechten, die ich, ehe zwei Johannisſonnen ihr Gold über die grüne Erde geſtreut haben, mit Gotteshülfe um Deine weiße Stirne winden werde.— Meine Roſa,— o wenn Du faſſen könnteſt, welche Seligkeit, welche namenloſe Luſt für mich in der Wiederholung dieſer zwei Worte liegt! Ich habe mich jetzt ſo an Glück und Freude gewöhnt, daß kein Ge⸗ danke an eine mögliche Veränderung ſich in das leben⸗ dige Paradies einzuſchleichen vermag, das friſch in meinem Herzen blüht. Nein, ich bin ruhig; denn ich vertraue auf Dein Wort, wie auf einen göttlichen Ausſpruch. Dein Herz iſt mein Tempel, und kein Gedanke kann ſich dort einſchleichen, den ich nicht klar und rein leſe. Du biſt mein Leben, mein Frie⸗ den, mein guter Engel, die Hälfte meines Ich! Dich verlieren!— ſchon der Gedanke an eine Möglichkeit eröffnet einen Abgrund in meiner Seele, in den hin⸗ abzublicken ich mich ſcheue, da die unermeßliche Tiefe mich ahnen läßt, da unten erwarte mich ein Kampf, dem meine Kraft nicht gewachſen wäre. Doch dieſe beunruhigenden Gedanken ſoll keine Macht über mein Herz erhalten; denn dann wäre es vorbei mit mir. Nein, licht, klar und rein ſtrahlt der Stern unſerer Liebe. Laß uns beten, mein Roſa, daß er nicht untergehe, und mit Rieſenkraft will ich arbeiten, um das Ziel, das große ſchöne Ziel zu erreichen! Lebe wohl, lebe ruhig, meine Einzige, meine Ange⸗ betete! und ſchicke bald ein paar freundliche, friedliche Zeilen Deinem Mannerſtedt.“ Mit einem freundlichen Lächeln betrachtete der Profeſſor Roſa's von der ſchönſten Seelenröthe über⸗ goſſenen Züge. Jede Spur von Schmerz, Unruhe oder Kampf war während der Lektüre dieſes Briefes ——————— — 1 9 A- d— έ— ==9— 293 verſchwunden. Die Allmacht der Liebe offenbarte ſich ſo deutlich in dem ganzen Ausdrucke ihres Weſens. „Nun,“ ſprach der Profeſſor,„ſteht denn da etwas drinnen, was Dir erklärt, wie er davon denken würde, wenn er von Deiner Verlobung mit Garben hörte?“ Roſa ſchauderte zuſammen; ſie drückte den Brief ſtumm an ihre Lippen; aber bei Garben's Namen war der gedämpfte Sturm ihres Innern wieder erwacht.— „Ach beſter, guter Onkel Ling!“ ſagte ſie mit wei⸗ cher, zitternder Stimme und preßte die Hand des alten Freundes innig zwiſchen den ihrigen.„Ich werde ſterben, wenn ſie mich von ihm reißen; aber wie kann ich leben, und täglich in Papa's abge⸗ zehrten Zügen ſeinen Kummer und ſeine ſtillen Vor⸗ würfe leſen!“ „Höre mich, liebes Kind,“ ſprach der Profeſſor, indem er ruhig ſeine Pfeife anzündete und die Brille abnahm.„Es hat keine Gefahr mit Deines Vaters Kummer, ſo wenig als mit ſeinem Edelmuth und ſeiner Entſagung. Ich begreife das Alles wohl.— Das war nur ein gelegentliches Mittel, um zu bewir⸗ ken, daß Du von Deinem erwachten Pflichtgefühl und Deiner kindlichen Liebe weichen ſollteſt. Ich bezweifle keineswegs, daß Deinem Vater Dein Glück am Her⸗ zen liegt; aber da er Deine Liebe nicht kennt, ſo iſt er der Meinung, daß es durch eine Verbindung mit Garben befeſtigt werden würde, und hält es deßhalb für billig, zu dieſem Endzweck jedes Mittel zu be⸗ nützen, da dieſes Glück zugleich ſeinem eigenen verlo⸗ renen Kredit wieder aufhelfen würde. Dies iſt jedoch nicht zu verwundern; denn für einen Mann in ſeinen beſten und kraftvollſten Jahren iſt ein ſo unthätiges Leben die ſchwerſte, drückendſte Laſt, um ſo mehr, da er eine große Familie hat. Doch beruhige Dich jetzt! Ferne ſeie es von Deinem alten Freund, Dir ein Ge⸗ fühl einflößen zu wollen, das Deiner kindlichen Pflicht 294 widerſtritte; ich wollte Dir nur klar machen, daß Deines Vaters Glück weniger auf Deiner Verheira⸗ thung mit Garben, als auf dem natürlichen Verlangen beruht, wieder auf die Beine zu kommen. Gäbe es keinen andern Ausweg, ſo wäre es Deine und jeder guten und rechtdenkenden Tochter Pflicht, Dein Gefühl aufzuopfern, um die Freude und die Wohlfahrt Dei⸗ ner Eltern zu ſichern, und in dieſem Falle würde auch ich als Dein aufrichtiger Freund Dir dazu rathen. Aber, mein Mädchen, Du weißt nicht, was ich thun könnte, um nicht allein Deine Liebe, ſondern auch das feine Gefühl der zärtlichen Tochter zu beruhigen, mit einem Worte, um Dein irdiſches Glück zu begründen. Nun keine Thränen mehr! Sei ruhig, ſei getroſt! Dein alter Freund wird für Dich wachen. Hab' ich das nicht Mannerſtedt gelobt? Nimm alſo Deinen Brief, gehe nach Haus und baue in Ruhe die Luft⸗ ſchlöſer, worin Du mit Mannerſtedt einſam reſidirſt, ſo werde ich inzwiſchen auf einen Ausweg denken, um weiteren Stürmen vorzubauen. Du weißt, daß ich Dich zu ſehr liebe, um mit anſehen zu können, wie Du ein Raub dieſer Kämpfe würdeſt. Morgen will ich ſelbſt mit Deinem Vater ſprechen.“ Von einer Wonne erfüllt, die zu groß war, um ſich durch Worte ausdrücken zu laſſen, beugte ſich Roſa über die Hand des Profeſſors, die ſie mit ihren Thränen benetzte, und das heilige Gefühl warmer Dankbarkeit, das in ihrem Herzen flammte, ſpiegelte ſich in dem Blick voll unbeſchreiblicher Zärtlichkeit, womit ſie die Züge des Greiſen betrachtete. Dann eilte ſie fort mit Manner⸗ ſtedt's Brief feſt in die Hand gepreßt. „Das Mädchen macht mit mir, was ſie will,“ murmelte der Profeſſor.„Aber ich habe ſie und den Jungen einmal unter meinen Schutz genommen; und wenn ich ihr Glück begründen will, ſo muß ich zuerſt ihre Ruhe und den Frieden mit ſich ſelbſt wieder her⸗ ſtellen. Ich will mit dem Kommerzienrath ſprechen, ———— —, 295 und dem Mädchen zu liebe thun, was ich kann. Ueberdies iſt es jetzt Schade um ihn, und es hat mir ſchon lange in's Herz geſchnitten, ihn wie ein Geſpenſt über die Straße ſchleichen zu ſehen. Ja, morgen will ich mit ihm ſprechen; dabei bleibt's. Der Profeſſor war eben im Begriff, nach dieſem Beſchluß ſeinen Folianten wieder vorzunehmen und die abgebrochene Lectüre auf’'s Neue zu beginnen, als Kapitän Ferdinand eintrat und ſeinen Onkel be⸗ grüßte. „Guten Abend, mein Sohn,“ ſagte der Profeſſor mild.„Warum gehſt Du jetzt immer einher und hängſt den Kopf? das kann ich durchaus nicht leiden. Ein junger Mann, der eben ſeine beſchwerlichen Gläubiger begraben hat, muß meiner Meinung nach heiter und fröhlich ſein, wenn er ſeinen alten Onkel beſucht und nicht ausſehen, als ob er ſich auf die Aſtronomie gelegt hätte und beſtändig nach dem Mond und den Sternen guckte.“ 8 „Ach, mein beſter Onkel, verzeihen Sie mir, wenn ich nicht ſo bin, wie ich ſein ſollte,“ antwor⸗ tete Kapitän Ferdinand bittend.„Gott weiß, daß ich ſo dankbar bin, wie nur irgend ein armer Kerl ſein kann, dem man aus einer ähnlichen Klemme geholfen hat; aber, Onkel, mein Herz will es mir nicht ver⸗ gönnen.“ „Eitel Geſchwätz, mein lieber Ferdinand! das gibt ſich mit der Zeit; es iſt nicht der Mühe werth, daß Du von Liebe ſprichſt: ſchlage Dir nur die Sache aus dem Sinn, mein Junge, bis Du älter und geſetzter wirſt. Ueberdies verlohnt es ſich nicht der Mühe, an eine Heirath mit Hilda zu denken; denn das Mädchen weiß, ſo wahr ich lebe, was ſie will, und daß ſie beſtimmt Dich nicht will, darauf kannſt Du Dich verlaſſen.“ „Wie können Sie das ſo gewiß wiſſen, Onkel?“ fragte der Kapitän blutroth, indem er an den zaͤrtlich 296 bittenden Brief dachte, den er mit der heutigen Poſt an ſie abgeſchickt hatte. „Gleichviel, woher ich das weiß,“ meinte der Profeſſor,„das thut wenig zur Sache; genug, Du bekommſt ſie nie, Du kannſt Dich auf meine Worte verlaſſen.“ „Ich habe jedoch eine ſchwache Hoffnung,“ fuhr Ferdinand fort,„und ich muß dem Herrn Onkel an⸗ vertrauen, daß ich heute zum letzten, ja zum aller⸗ letzten Male an ſie geſchrieben und um ihre Einwilligung gebeten habe, und ich ſchmeichle mir mit der Hoff⸗ nung, daß ſie jetzt, wo ſie ihre neue, traurige Heimath betreten hat, auf meine Bitte hören, verzeihen, ver⸗ geſſen und als mein Weibchen zurückkehren werde.“ „Das könnteſt Du Dir Alles erſpart haben,“ meinte der Profeſſor ein wenig ärgerlich.„Sie wird Dir freilich verzeihen, aber nie wird ſie vergeſſen, daß Du ihr, aus was für einer Urſache es immer geſchah, eine Andere vorzogſt. Du bekommſt einen Korb, ſo wahr ich der alte Ling bin, verlaß Dich darauf! Hilda war ſchon damals, als ſie noch im Flügelkleide der Unſchuld ging, hartnäckig und beſtimmt; aber durchaus nicht wie ihr Vater oder ihre Mutter, deren Eigenſinn einen andern Grund hat. Sie iſt ein bra⸗ ves Mädchen und hat mehr Feſtigkeit in ihrem Cha⸗ rakter, als Du und ein halbes Schock ſolcher Männer zuſammen.“ Ferdinand erwiederte nur die zwei Worte: „Mein Onkel!“ aber ſein Auge blitzte und ſeine Wan⸗ gen glühten von einem Unwillen, dem er jedoch nicht durch Worte Luft zu machen wagte, da er fürchtete, dann zu weit von dem Wege abzukommen, den ihm Pflicht und Dankbarkeit vorzeichneten, wenn er mit ſeinem alten, väterlichen Freunde ſprach. „Nun, hab ich unrecht?“ fuhr der Profeſſor fort; da er Ferdinand's Bewegung bemerkte und daraus Nutzen ziehen wollte.„Habe ich Unrecht oder willſt Du, daß ich Dir Deine Aufführung von Anfang bis ₰ h—,— de——— n. SS=— 3 D 297 an's Ende wiederholen ſoll. Und das Schlimmſte iſt meines Bedünkens noch, daß Du ihr den Triumph gönnen mußt, Deine Bitten einmal nach dem andern abzuſchlagen. Wäreſt Du ein Mann von dem gering⸗ ſten Selbſtgefühl, von der geringſten Entſchloſſenheit, ſo gäbſt Du ſie auf, nachdem Du Alles gethan haſt, um eine Uebereilung wieder gut zu machen, was man Malicherweiſe von einem ehrenhaften Kerl fordern ann.“ Die Aeußerung des Profeſſors geſiel Ferdinand's Ehrgefühl und verletzte es zu gleicher Zeit; aber ſie ſprach auch kräftig und aufmunternd zu ſeinem männ⸗ lichen Stolze, und indem er ſeinem Onkel die Hand reichte, ſprach er:„Schlägt ſie es mir diesmal ab, ſo will ich kein ehrlicher Kerl mehr heißen, wenn es nicht das letztemal iſt; glauben Sie mir, Onkel! Meine Schwach⸗ heit für Hilda iſt mit der Vernichtung der letzten Hoffnung vorbei. Ich werde ein Weib nicht länger lieben, das ſo unverſöhnlich iſt, und ich werde ſie dann vergeſſen.“ „Gut,“ erwiederte der Profeſſor;„halte Wort, dann ſollſt Du um Urlaub zu einer Reiſe auf einige Monate bitten dürfen. Das iſt ja die alte, gewöhn⸗ liche Art, eine unglückliche Liebe zu kuriren, und überdies denke ich, daß es nützlich und intereſſant für Dich ſein müßte, wenn Du Dich ein wenig in der Welt umſäheſt.“ Dieſer Gedanke, ſo neu und reizend, den Ferdi⸗ nand ſchon lange in der Seele genährt hatte, ohne Ausſicht, ihn verwirklichen zu können, bewirkte jetzt, als er ſo unvermuthet und herrlich vor ihm ſtand, eine Revolution in ſeinem, wie ſich der Profeſſor aus⸗ drückte, elaſtiſchen Herzen; und es war ſchwer zu ent⸗ ſcheiden, ob er mehr ein Nein oder ein Ja ſeiner alten Geliebten fürchtete; denn er ward abwechslungsweiſe von dem Gedanken an eine angenehme Reiſe, mit einer Menge neuer und reizender Abenteuer, bald von der Vorſtellung eines ſtillen, häuslichen Lebens an Hilda's Seite, beherrſcht. Inzwiſchen bereitete er ſich vor, fo die wichtigen Worte, die ſein Schickſal beſtimmen und je den Wendepunkt ſeiner neuen Laufbahn entſcheiden ſoll⸗ le ten, mit aller möglichen Kaltblütigkeit zu empfangen. ge A ih kle die la 20. dn Der Beſuch des Profeſſors.— Neue Verwir⸗ rung für die Kommerzienräthin.— Kapitän da Ferdinand's Entſchluß. 5 ef Den folgenden Morgen um zehn Uhr begab ſich b unſer guter Profeſſor im grauen Nankinrock, grüner wi Safſianmütze und dem koſtbaren Stock mit dem Gold⸗ bel beſchläge in der Hand, nach der ärmlichen Wohnung wi des ehemaligen Kommerzienraths Widen. Der Kom⸗ me merzienrath und ſeine Frau ſaßen in dem kleinen Eck⸗ im zimmer, das auf die Straße ging, und vertrauten ſo einander unter häufigen und tiefen Seufzern ihren Lir Kummer und ihre getäaͤuſchten Hoffnungen in Beziehung auf all' das Glück, das der neue Freier um ſie ge⸗ im ſchaffen hätte. Mitten in dem reißendſten Strome frer ihrer Ergießungen gewahrte die Frau einen Schimmer am von der langen, magern Geſtalt des Profeſſors, als ſpr er die Treppe herauf humpelte. lin „Ach, um's Himmels willen, lieber Widen,“ rief wü ſie und ließ einen Teller mit Erbſen, welche ſie in ſeh⸗ aller Häuslichkeit gerade leſen wollte, auf den Boden mei fallen,„ſtehſt Du denn nicht! Eile doch hinaus! Ach nich Herr Gott, alle meine Erbſen! Lieber Widen, mein Pa Alter, es war ja der Profeſſor! Springe, was Du blie kannſt und führe ihn in's Wohnzimmer, ich komme gleich nach.— Ja, ja, habe ich nicht immer gedacht gan daß es ſo gehen wuͤrde,“ fuhr die Kommerzienrathin. 299 fort, als ihr Mann die Thüre geſchloſſen hatte;„aber jetzt iſt es einmal ſo. Da ſie den reichen Großhänd⸗ ler Garben nicht haben will, wird ſie den leichtſinni⸗ gen, verſchwenderiſchen Kapitän noch weniger wollen. Ach, das Mädchen, ſie bringt mich in's Grab durch ihren Eigenſinn!— Karoline und Joſephine, meine kleinen Püppchen! Kommt herein und helft der Mama die Erbſen aufleſen.“ Und während die Püppchen lachend auf den Knieen lagen und das Mittageſſen aufſammelten, ſetzte Madame Widen in größter Haſt Locken und Haube auf, warf ein Halstuch über den minder zierlichen Morgenrock und begab ſich dann in das ſogenannte Wohnzimmer, gepeinigt von der uner⸗ träglichen Neugierde, was wohl der Beſuch des Pro⸗ feſſors eigentlich bedeuten könne. „Willkommen, beſter Profeſſor! ach wie angenehm, wieder einmal einen alten Bekannten zu Geſicht zu bekommen! Es iſt meiner Treu ſchon lange her, daß wir die Ehre hatten, mit dem Herrn Profeſſor zuſam⸗ men zu treffen. Doch Roſa hat, glaube ich, noch immer das Glück, der Liebling zu ſein. Seien Sie 5 gut, und nehmen Sie Platz, mein beſter Profeſſor ing!“ Mit ſeinem gewöhnlichen Lächeln nahm der Alte im Sophaeck Platz, und ſprach dann in einem weit freundlicheren und liebreicheren Tone, als er zuletzt am Verlobungstage mit der Kommerzienräthin ge⸗ ſprochen hatte:„Ja, Roſa iſt in der That mein Lieb⸗ ling, und ein liebes und braves Mädchen iſt ſie! Ich würde auch gerne etwas thun, um ſie glücklich zu ſehen; aber ich ſah immer ein, daß ſie das nie mit meinem Neffen geworden wäre, weil ihre Charaktere nicht zuſammen paßten und deßhalb war ich gegen die Parthie, obwohl ich das Mädchen vom erſten Augen⸗ blick an liebte, wo ich ſie ſah.“ Jetzt war der Kommerzienrath und ſeine Frau ganz aus dem Concept. Sie hatten einen neuen An⸗ trag für den Kapitän erwartet, und beide hatten einen gewiſſen Stolz gefühlt, da ſie hofften, eine abſchlägige Antwort geben zu dürfen; aber was der Profeſſor jetzt eigentlich wollen konnte, das war nicht leicht zu er⸗ gründen und der Blick bedeutungsvollen Forſchens, den die beiden Gatten wechſelten, überzeugte ſie, daß ſie gleichweit vom Ziele entfernt waren, nach welchem ſie das erſtemal fehlgeſchoſſen hatten. Nach einem ziem⸗ lich langen Schweigen ſprach endlich der Kommerzien⸗ rath:„Ich weiß wahrhaftig nicht, mit welchem Manne ſich Roſa glücklich fühlen könnte, und ich fange an zu glauben, daß mein Weib recht hat, wenn ſie behauptet, das Mädchen habe gar kein Herz für die Liebe. Wenn es aber ſo wäre, ſo ſehe ich wieder nicht ein, warum ſie das vortheilhafte Anerbieten ausſchlagen ſollte, das ihr wirklich gemacht wird.“ Bei dieſer Erklärung erwartete der Kommerzien⸗ rath und ſeine Frau, daß der Profeſſor in die größte Verwunderung gerathen und fragen würde, wer dieſen Antrag gemacht habe. Aber auch dieſer Triumph ward ihnen verſagt; denn der Profeſſor antwortete ganz einfach:„Gerade wegen dieſes Heirathsantrags des Herrn Garben habe ich mir die Freiheit genom⸗ men, hieher zu kommen, um gemeinſchaftlich mit Roſa's Eltern zu überlegen, was für ihr Glück und ihre Wohlfahrt gethan werden kann.“ Der Kommerzienrath und ſeine Frau ſahen aber⸗ mals einander an; aber bei den letzten Worten ihres Gaſtes hellten ſich die Blicke der letzteren zu einem eigenen lachenden Ausdrucke auf. Jetzt ſchien ihr ein Licht aufzugehen; der Profeſſor konnte ja möglicher⸗ weiſe die Idee in den Kopf bekommen haben, ſelbſt um das Mädchen zu werben. Roſa's häufige Beſuche bei dem Alten bekamen jetzt zum erſtenmale eine wichtigere Bedeutung bei der Kommerzienräthin; dazu kam der Umſtand, daß Roſa dem Profeſſor ſchon Garben's Antrag anvertraut hatte; wün und endlich, da man ja nicht erklären konnte, wo die Sonderbarkeiten des menſchlichen Herzens anfangen und noch weniger, wo ſie aufhören, ſo dachte die Kommerzienräthin, es wäre wohl nicht das Ungereim⸗ teſte, was ſie von dergleichen Eigenheiten gehört habe, wenn Roſa— aber es wäre jedenfalls zu alt Dedeſen— vielleicht den Profeſſor heirathen wollte.“ „Wir ſind dem Herrn Bruder unendlich für die⸗ ſes Wohlwollen verbunden,“ ſprach der Kommerzien⸗ rath, der zuerſt ſeine Faſſung und Entſchloſſenheit wieder bekam;„es iſt ein wahrer Troſt für beküm⸗ merte Eltern, wie wir leider ſind, wenn ſie Jemand haben, mit dem ſie über das rathſchlagen können, was ihrem Herzen zunächſt liegt, nämlich über das Glück und irdiſche Wohl ihrer Kinder, und hält es der Herr Bruder nicht ebenfalls für ſehr ſonderbar, ja wahrhaft für unglaublich, daß ein Mädchen mit Roſa's geſundem Menſchenverſtand und dazu noch mit einem freien Herzen ein ſolches Anerbieten ausſchlägt, zumal da ſie weiß, daß ſie dadurch den ruinirten Umſtänden ihres Vaters wieder aufhelfen könnte; denn außer Garben gibt es Niemand, der mir die nothwendige Summe vorſtrecken wollte, um, wenn auch noch in ſo geringem Grade, mein Geſchäft wie⸗ der anzufangen.“ „Das iſt wohl noch nicht ſo entſchieden,“ ſprach der Profeſſor in einem Tone, welcher der Vorſtellung, die ſich Madame Widen von der Muſik der Engel beim ſeligen Erwachen in einer beſſern Welt gemacht hatte, ziemlich nahe kam. In ihren und ihres Man⸗ nes Ohren klang dieſe Stimme wenigſtens weit mehr himmliſch als irdiſch. Der Profeſſor ſetzte hinzu: „Ich dachte mir wohl, daß es hauptſächlich dieſe Urſache war, warum der Herr Bruder die Verbin⸗ dung zwiſchen Roſa und dem Großhändler Garben wünſchte.“ 302 „Freilich, freilich, mein hochgeehrter Herr Bruder; was hätte mich ſonſt dazu veranlaſſen ſollen? Garben iſt zwar ein braver und ehrlicher Mann; aber es konnte wohl nicht gerade mein Wunſch ſein, ein Kind, das ich ſo ſehr liebe, wie Roſa, und die für mein Glück ſo nothwendig iſt, wie ſie, in ein anderes, wenn auch noch ſo nah gelegenes Land verſetzt zu ſehen; um ſo mehr, da es gegen ihre eigene Neigung geſchehen ſollte,— wenn nicht, wie ſchon geſagt— und ich muß frei herausſprechen— mein Vortheil dieſes geboten hätte.“ „Indeſſen,“ ſprach der Profeſſor,„ſagte mir Roſa geſtern Abend, daß der Herr Bruder in dieſer Sache ſeine väterliche Autorität nicht gebrauchen wolle, eine Macht, welche die Väter nur zu oft zum Verderben ihrer Kinder und zu ihrer eigenen Reue mißbrauchen. Dies finde ich auch ganz richtig, und weiß es unter den gegenwärtigen Umſtänden dem Herrn Bruder wohl anzurechnen.“ Jetzt ſah ſich der Kommerzienrath ſchwer in der Klemme. Wenn er nur hätte ahnen können, wohin der Profeſſor zielte; aber dieſer hatte. ein und das andere hoffnungsvolle Wort ſo geſchickt hingeworfen, ohne deßhalb an ſeine Erfüllung gebunden zu ſein, daß der Kommerzienrath nicht recht wußte, was er jetzt ſagen ſollte, um in Beziehung auf den väter⸗ lichen Edelmuth nicht mehr oder weniger zu thun, als ſein künftiges Benehmen rechtfertigen konnte. Endlich begann er in etwas unſicherem Tone:„Roſa's unendlicher Schmerz bei dieſer Gelegenheit, der mir ganz unbegreiflich iſt, rührte mich geſtern Abend im höchſten Grade, und ich erinnere mich, damals etwas der Art geſagt zu haben, um ſie zu beruhigen. Aber nachdem ich beſſer über die Sache nachgedacht habe, halte ich es doch für meine Pflicht, als Vater ihr vor⸗ zuſtellen, daß eine ſolche Parthie auch um meinetwillen in nähere Betrachtung gezogen zu werden verdient; 303 doch ohne Zwang, das verſteht ſich; davon iſt durch⸗ aus keine Rede. „Ja ſchon gut, aber es gibt eine Art, ſolche Dinge vorzubringen,“ meinte der Profeſſor,„die weit ge⸗ fährlicher iſt, als der beſtimmteſte Zwang. Raſa kam geſtern Abend ſo aufgeregt und erſchreckt zu mir, daß ich alle Mühe hatte, um das Gleichgewicht in ihrem ſonſt ſo ruhigen und ſtillen Gemüthe wieder herzu⸗ ſtellen. Solche heftige Aufwallungen taugen nichts, und es wird Roſa's Geſundheit, ihren Frieden, viel⸗ leicht ihr Leben koſten, wenn die Herrſchaften den Plan verfolgen, der jetzt entworfen zu ſein und darin zu beſtehen ſheinn, daß Sie auf ihr allzu feinfühlendes und weiches Herz einwirken wollen. Das iſt wenig⸗ ſtens meine Anſicht. Ueberdies kann es wohl keine Unmöglichkeit ſein, daß ſie ſchon eine andere Wahl getroffen hat.“ „Nein, unmöglich wäre das freilich nicht,“ ſtam⸗ melte der Kommerzienrath und ſeine Frau zu gleicher Zeit, indem ſie im Geiſte die dämmernde Hoffnung ſchon in all ihrem Glanze ſich entwickeln ſahen.„Aber,“ ſetzte der Kommerzienrath ſchnell hinzu, um den Ge⸗ genſtand nicht aus den Händen zu laſſen,„wir haben keine Veranlaſſung, dies zu vermuthen. Wenn es ſich jedoch ſo verhielte, und es wäre ein redlicher und braver Mann, der das Mädchen verſorgen könnte, dann würde es freilich wenig zur Sache thun, ob er Garben hieße oder nicht, wenn er nur einen ehrlichen Namen hätte.“ „Ja, das denke ich gerade auch,“ ſprach der Pro⸗ feſſor vergnügt.„Doch, um wieder auf die Geſchäfte zu kommen; im Fall der Herr Bruder Vertrauen zu mir hat, und ſich mit einem Manne aſſociren will, den ich als thätig und redlich kenne, und dem ich frü⸗ her die Summen vorſtreckte, womit er ſeine erſten Geſchäfte machte, und wenn der Herr Bruder weiter ordentlich und beſtimmt die Zahltermine einhalten 304 will, ſo mag er morgen Abend bei mir einſprechen, wo ich dann auch den Herrn M.— zu mir bitten werde. Wir können dann gemeinſchaftlich die Sache abmachen, und über die näheren Umſtände übereinkommen.“ „Iſt das meinem Herrn Bruder Ernſt?“ fragte der Kommerzienrath in einem Tone, der eben ſo ſehr ſeine Freude als ſeine Befürchtung ausdrückte, er möchte ſich in dieſem unerwarteten Vorſchlage täuſchen. „Mein vollkommener Ernſt,“ verſicherte der Pro⸗ feſſor, und reichte dem Kommerzienrath die Hand. „Freiwillig thue ich gern das geringe Gute, das ich thun kann. Aber wenn es das Ausſehen hat, als wolle man mir etwas abnöthigen, ſo geht es etwas langſam damit. Ich muß überdies hinzuſetzen, daß es haupt⸗ ſächlich geſchieht, um Roſa's Gluͤck zu ſichern; denn es verſteht ſich, daß eben ſo unwiderruflich ich dem Herrn Bruder mein Wort gebe, er mir auch ſicher und „beſtimmt das ſeine geben muß, mit umgehender Poſt dem Großhändler Garben eine dankbare, aber abſchlä⸗ gige Antwort ſchicken zu wollen. Und habe ich dann das Verſprechen des Herrn Bruders, ſo kann der Herr Bruder wieder ſein altes Verhältniß als thätiger Ge⸗ ſchäftsmann beginnen. Verſteht ſich jedoch mit Klugheit und Sparſamkeit, ſonſt hält ſich die Sache nicht!“ „Hier iſt mein Handſchlag, ſowohl für das Eine als für das Andere,“ antwortete der Kommerzienrath mit unverſtellter und tiefer Rührung.„Mein Herz iſt dankbar für Garben's Güte; aber tauſendmal lieber nehme ich mein Glück aus den Händen eines Mannes, der nichts an mir verloren hat, und es mit Gottes Hilfe auch nicht thun ſoll.“ Die Hände der beiden Männer vereinigten ſich in einem treuen Handſchlag, und die Kommerzienräthin hielt das Nastuch vor die Augen und weinte diesmal aus wahrer und natürlicher Freude, und da ſie bei dieſer Ge⸗ legenheit nicht darauf bedacht war, daß ihre Thränen eine Wirkung haben ſollten, ſo folgte ſie der gewöhnlichen Ein⸗ ſinn dem ſel. den ohne Lohl Aber ſie e . , gebung und verbarg ihr thränenvolles Angeſicht im Sacktuche. Aber lange und tiefe Ausbrüche des Ge⸗ fühls waren ein für allemal gegen die Natur der Kom⸗ merzienräthin. Ihre Augen klaͤrten ſich deßhalb bald wieder auf, und ſtrahlten von doppelter Freude und Hoffnung, denn es that ſich jetzt eine füße Ausſicht auf einen Schimmer jenes verſchwundenen heiteren Lebens uaf, anſtatt der langen, traurigen und langweiligen Tage, die ſie jetzt dahin ſchleppen mußten. In vielen und reichen Worten dankte ſie dem Profeſſor für den Edelmuth, womit er ihrem Gatten beizuſtehen gelobt hatte; dann aber wand ſie behend den Draht der Un⸗ terhaltung nach allen Richtungen hin, um ausfindig zu machen, warum der Ehrenmann das alles that; denn ſie wußte wohl, daß es mit ſeinem herzlichen Wohlwollen für Roſa in Verbindung ſtand. Dieſer Beweggrund ſchien ihr jedoch zu unbedeutend; es mußte nothwendig etwas Wichtigeres ſein; und hatte er nicht ſelbſt, angedentet, daß Roſa ſchon eine Wahl getroffen habe? Vergebens ſchlug Madame Widen mit ihren ſcharf⸗ ſinnigſten Bemerkungen um ſich; es war verlorene Mühe, denn jetzt war der Profeſſor verſchloſſen wie ein Räth⸗ ſel. Mit nicht geringem Verdruſſe mußte ſie deßhalb den Ehrenmann aufſtehen und Abſchied nehmen ſehen, ohne eine Erleichterung ihrer Neugierde oder einen Lohn für ihre ſpitzfindigen Bemühungen davonzutragen. Aber als der Greis ſchon unter der Thüre war, ergriff ſie eine Art Angſt, in einer ſolchen Ungewißheit leben zu müſſen. Und ohne ſich deßhalb viel zu beſinnen, faßte ſie ihn beim Rockſchoß und brachte ihn durch ein: „Um Vergebung, lieber Herr Profeſſor!“ noch einmal herum, und jetzt ſprach die Kommerzienräthin in höchſt rührendem Tone:„Ach, mein guter Herr Profeſſor, Sie haben meinem Mutterherzen recht Angſt gemacht! Sollte wohl— wäre es möglich— daß das liebe Kind ein Gefühl hegte,— das ich, ihre Mutter, ihre 20 Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. ———— —— —, —— 306 zärtlichſte Freundin und der Natur gemäß ihre nächſte Vertraute in Herzensangelegenheiten, nicht kennen ſollte?“ „Seien Sie ohne alle Sorge, meine beſte Frau,“ antwortete der Profeſſor lakoniſch,„wenn Sie den ge⸗ ringſten Werth auf die Freundſchaft ſetzen, die ich zu Ihrem Hauſe gefaßt habe, ſo quälen Sie Roſa nicht mit einer einzigen Frage oder Hindeutung auf die Sache. Wenn die Zeit da iſt, komme ich wieder und melde den Prätendenten an.“ Hiemit ſchloß der Profeſſor die Thüre, und wurde von dem Kommerzienrath bis an die unterſte Treppe geleitet. Inzwiſchen blieb die arme Madame Widen allein, und verlor ſich weit ärger als vorher in ein Laby⸗ rinth von Vermuthungen. Endlich, nach vielem Kopf⸗ zerbrechen und Hin⸗ und Herdenken, um einen Aus⸗ weg zu finden, blieb ſie doch bei ihrer erſten Vermu⸗ thung ſtehen, daß der Profeſſor ſich ſelbſt meinte. Ja, es war vollkommen klar! Aber ſie ſeufzte doch bei dem Gedanken, ihre holde, blühende Roſa bald als Gattin an der Seite des alten, ausgetrockneten Pro⸗ feſſors zu ſehen. „Herr Gott! was für Einfälle haben doch die Mädchen in jetziger Zeit,“ ſprach ſie halblaut.„Wer hätte ſich vorſtellen können, daß ſie den alten, abgeleb⸗ ten Greis einem Manne wie Garben vorziehen würde, der noch in ſeinen beſten und kraftvollſten Jahren iſt? Doch ich ſchweige; ich weiß von nichts— und ſo lange kann er doch auch nicht leben.“— Und jetzt ging die Kommerzienräthin in ihren Gedanken ohne Weiteres auf die Zeit über, wo Roſa als eine junge und reiche Wittwe gefeiert und angebetet, ein Haus machen würde, das an Pracht und Glanz Alles übertreffen ſollte, was H— je dergleichen geſehen hatte, und wo es, in Betracht der Jugend und Unerfahrenheit der Hauswirthin, natürlich der Mama zukäme, das Wort der zu führen.— Nun ja, mein Alter, es wird ſich doch nicht ſo übel machen, wenn ich die Sache recht be⸗ denke,“ begann Madame Widen, als ihr Mann wieder eintrat.„Und wir können immerhin ſchweigen, bis er ſelbſt ſprechen will; das können wir gewiß, um ihm zu Willen zu ſein, der ehrlichen Seele. Aber Du be⸗ greifſt doch, lieber Widen, was die Uhr geſchlagen hat. Ich errieth es gleich; und obwohl ich Dir nie etwas davon ſagen wollte, ſo habe ich doch die Sache ſchon längſt in der Stille bemerkt, und wußte recht gut, daß es auf dieſe Art enden würde. Ja, das hab' ich im⸗ mer gedacht!“ „Auf welche Art, liebe Brigitte Marie? ich ver⸗ ſtehe nicht recht, was der Profeſſor meinte, ich be⸗ kenn' es.“ „Ach, lieber Widen, Du begreifſt Alles ſo lang⸗ ſam! Gewiſſe Dinge werden Dir erſt klar, wenn Du ſie durch meine Augen ſiehſt. Merkteſt Du denn nicht, mein Alter, daß er ſich ſelbſt mit dem Prätendenten meinte? Und hörteſt Du ihn nicht ſagen, daß er im⸗ mer gegen die Parthie mit dem Kapitän geweſen ſei? Alles das liegt vollkommen klar am Tage; und wenn man dazu die häufigen Beſuche Roſa's bei ihrem al⸗ ten Freunde nimmt, und ihr freudeſtrahlendes Ge⸗ ſicht, jedesmal wenn ſie von ihm kommt— denn das Mädchen hat nun einmal einen Geſchmack, der dem Anderer durchaus nicht gleicht— ſo meine ich, daß es nicht viel Beweis bedarf, um die Glaubwürdig⸗ keit meiner Anſicht zu bekräftigen. Jetzt verſtehſt Du gewiß den ganzen Zuſammenhang, mein Alter, iſt's nicht ſo?“ „Nein, meine Alte, das thue ich gewiß nicht, und Du mußt entſchuldigen, wenn ich glaube, daß Dein Scharfſinn diesmal fehlgeſchoſſen hat; denn wäre jetzt von ihm ſelbſt die Rede, ſiehſt Du, ſo hätte er jetzt recht wohl Zeit, ſich zu verheirathen, wenn nicht dieſe Bort Tage ſchon längſt als vergangen angeſehen werden 308 dürften. Demgemäß halte ich die Sache nicht für denkbar.“ „Aber, mein Widen,“ klagte die Kommerzienräthin mißtrauiſch,„wie magſt Du ſo eigenſinnig ſein! War ich nicht ſtets ſcharfſinnig, und habe klar und deutlich in allen Dingen geſehen, die in meinem Horizoönte lie⸗ gen? Früher hatteſt Du immer Vertrauen zu der An⸗ ſicht Deines Weibes; aber wie es ſcheint,— die Zei⸗ ten ändern ſich in ſo mancher Hinſicht; ja, ja, das iſt der gewöhnliche Lauf der Welt.“— Hier fand es die Kommerzienräthin angemeſſen, eine Anzahl Seufzer und Thränen von jener Gattung anzuwenden, die ſie ſtets bei der Hand hatte, wenn ſie ſich überzeugt glaubte, daß ihr Mann ſie beleidigt habe. „Liebe Brigitte Marie, was ſind das für Kinde⸗ reien?“ ſprach der Kommerzienrath in freundlich ſchmei⸗ chelndem Tone.„Ich glaube gewiß gerne, was Du ſagſt, und zweifle keineswegs an Deinem Scharfſinne, den ich von Alters her kenne, und da kein Ding un⸗ möglich iſt, ſo kannſt Du möglicher Weiſe auch hierin Recht haben; aber wie das nun auch ſein mag, mein Schatz, ſo erinnere Dich, daß Du Roſa keinerlei Fra⸗ gen machen, noch ihr den geringſten Wink über Deine Gedanken geben darfſt.“ Einige Wochen nach den eben geſchilderten Bege⸗ benheiten ſaß der Kommerzienrath Widen auf ſeinem neuen Komptoir, und beſprach ſich vergnügt mit ſeinem Aſſocie, dem Herrn M—, über eine Gewinn verſpre⸗ chende Spekulation, welche die neue Firma zu unterneh⸗ men geſonnen war. In dieſem Handelsuhrwerk, das der Profeſſor ſo glücklich zu Stande gebracht hatte, war Herr Widen als Seele, Herr M—als Körper zu betrachten, der mit Eifer und Fleiß allen Bewegungen der herrſchenden Kraft folgte, aber zugleich eine Feſtigkeit und Geſetztheit zeigte, welche es der Seele unmöglich machte, ohne die Bei⸗ hülfe ihres untergeordneten Mitbruders das Geringſte aus⸗ zuführen. Im nächſten Zimmer ſaßen die jungen Komp⸗ & ͤSER G SX8S= X*ᷣ uARͤR= g toiriſten vor ihren Pulten und betrieben die Geſchäfte eifrig und raſch. Das ganze Haus hatte ein echtes kaufmänniſches Anſehen. Den oberen Stock bewohnte die Familie des Kommerzienraths, und Herr M—, ein Junggeſelle aus der alten Schule, begnügte ſich mit den Parterrezimmern, die auch am beſten für ihn wa⸗ ren, da ſie in Verbindung mit dem Komptoire ſtan⸗ den. Die Kommerzienräthin hatte wieder angefangen, das Haupt zu erheben, und begrüßte jetzt ihre alten Bekannten vom Fenſter aus, mit einer Miene, die zu verkünden ſchien, daß ſie ſich noch einmal für die Gleichgiltigkeit zu rächen hoffte, die man ihr während der letzten Monate bewieſen hatte. Zwar war dieſe Wohnung unbedeutend gegen die, welche ſie früher be⸗ herrſcht hatte; aber es war doch ein paradieſiſcher Aufenthalt im Vergleich mit der kleinen, niederen und ſinſtern Hütte, aus der ſie kam; und im Allgemeinen fühlte ſich die gute Frau ſehr wohl, ja gluͤcklich in ihrer nauen, hellen und heiteren Wohnung. Aber die Dankbarſte und Glücklichſte unter allen Gliedern des Hauſes war Roſa. Ihre Seligkeit und innige Erkenntlichkeit gegen den alten, edlen Freund war mit jedem Tage gleich neu. Sie fühlte tief und lebhaft, wie viel ſie der Zärtlichkeit und Vorſorge des Profeſſors zu danken hatte. Auf ſeine Rechnung durfte ſie mit Gewißheit das Zartgefühl ſetzen, welches ihre Eltern vermochte, des Vorſchlags mit Garben nie wieder zu erwähnen. Als ſie ihrem Vater den Brief übergab, der die abſchlägige Antwort enthielt, hatte dieſer nur ganz freundlich geſagt:„So, mein Mädchen, iſt es ſchon fertig?“ und Mama hatte mit dem ſüßeſten Lächeln hinzu geſetzt:„Der Himmel bewahre Eltern vor dem Unverſtand, ihre Kinder in ſo wichtigen An⸗ gelegenheiten zwingen zu wollen!“ Und von da an ſprach man nie mehr über die Sache. Eben ſo wenig wurden die andern Angelegenheiten, in der der Pro⸗ ſeſſor Stillſchweigen anempfohlen hatte, durch unge⸗ 310 hörige Fragen berührt. Somit ſtand Alles ruhig und gut. Wer war glücklicher als Roſa! Sie verſchwen⸗ dete aber auch die freundlichſten und holdeſten Bemü⸗ hungen ihres warmen, reichen Herzens an ihren alten Freund. Jeden Tag war ſie mehrmals bei ihm; denn das Haus, welches der Kommerzienrath bewohnte, lag zunächſt dem des Profeſſors. Jeden Abend berei⸗ tete ſie ſeinen Thee und gab damit nicht eher nach, als bis ſie den Triumph genoß, daß er ſie verſicherte, er ſei jetzt ganz ſo wie ihn Hilda zu machen pflegte.— „Ach Hilda!“ ſeufzte dann oft Roſa,„ach wenn nur ſte hier wäre! Dann könnte wohl auch einmal der arme Ferdinand glücklich werden; denn endlich würde ſte doch nachgeben, wenn ſie wahrhaft Etwas auf ihn hielte. Glauben Sie es nicht auch, Onkel? Zwar hat mir Hilda mehrmals verſichert, daß ſie ihr Schickſal um keinen Preis mit Ferdinand's vereinigen möchte; aber ich glaube ſchwerlich, daß dies die ernſte Mei⸗ nung ihres Herzens iſt, wofern Sie ihm je einmal zugethan war.“ „Das Erſte darfſt Du nicht bezweifeln, mein Kind,“ erwiederte der Profeſſor ernſt;„das Zweite können wir nicht beſtimmt wiſſen; aber Hilda's Charakter iſt feſt wie Eiſen, und zu Deiner Ehre, Roſa, will ich glauben, daß wenn Mannerſtedt,— was freilich un⸗ denkbar iſt, ſich ſo gegen Dich benähme, wie Ferdi⸗ nand gegen Hilda, Du auf die nämliche Art handeln würdeſt.“ „Das iſt nicht ſo ganz gewiß, beſter Onkel,“ ſeufzte Roſa.„Ich liebe ihn grenzenlos, und Gott weiß, was ich ihm nicht Alles verzeihen könnte.“ „Das iſt gut ſagen,“ ſprach der Profeſſor, ein wenig ärgerlich,„wenn man weiß, daß von ſolchen Prüfungen nie die Rede ſein kann. Aber ich ſage Dir, mein Kind, unterhalte bei Ferdinand durchaus keine Hoffnung in dieſer Hinſicht; denn ich will Dir jetzt anvertrauen, und Di allein, daß ich am Abend 311 nd vor ihrer Abreiſe ſie hiehier kommen ließ, um ihr ein h⸗ kleines Andenken für etwaige Nothfälle mitzugeben. ü⸗ Damals, ſiehſt Du, fragte ich ſie im Vertrauen, ob en ſie Ferdinand nicht verzeihen und als Weib ſein Loos nn theilen könnte, in welchem Falle ich ihre Hände ſeg⸗ te, nend zuſammen legen würde.— Aber nein! es war ei⸗ vergebens. Hilda iſt ein Weib, wie es unter Hun⸗ ch, derten kaum Eines gibt. Sie weiß, was ſie will, und te, was ſie für Recht erkennt, davon weicht ſie kein — Haar breit ab. Ich wußte, daß ſie jetzt einem ärm⸗ ur lichen und unbemerkten Leben auf dem Lande entgegen⸗ der ging, und glaubte daher, ihre Stärke könnte mög⸗ de licherweiſe bei der Probe ſchwanken, der ich ſie unter⸗ hn warf. Aber ſie blieb ſich gleich, und ich kann ihr jat meine Achtung und mein Wohlwollen nicht verſagen, ſal obſchon ich beinahe gewünſcht hätte, daß ſie weniger“ te; ſtolz geweſen wäre. Sie dankte mir innig, und weinte ei⸗ vor Freude, daß ich ihr in meinem Hauſe und Herzen 1 nal die Stelle einer Tochter einräumen wollte— denn ich 4½ war ſchwach genug, ſie beide hier bei mir haben zu d,“ wollen. Aber ſie verſicherte zugleich, nie würde ſie nen ihre Denkungsart ändern, und nach dem, was vorgefal⸗ 1 iſt len ſey, wäre es ihr unmöglich, Ferdinand je wieder ich ein Gefühl zu widmen, das in ihrer Bruſt auf immer un⸗ für ihn erloſchen ſei. Ich wollte keinen Verſuch ma⸗ 5 di⸗ chen ſie zu überreden; aber es thut mir recht leid um eln den Burſchen, da er ſeine Schwachheit nicht beſiegen kann; und ich habe ihm deßhalb verſprochen, daß er J,“ auf einige Monate reiſen und ſich in der Welt umſe⸗ ott hen dürfe, wenn er auf ſeinen letzten Brief ebenfalls wieder einen Korb bekomme, worauf er ſich mit Sicher⸗ ein heit gefaßt machen darf.“ 4 hen Den Tag nach dieſer Unterredung führten wir den age Leſer in die neue Wohnung des Kommerzienraths aus Widen. Roſa ſaß an ihrer Näherei und träumte von Dir ihrem Liebling, als ſie einen Brief erhielt, deſſen end Poſtſtempel ihr verkündigte, daß er von Hilda war. Hocherfreut erbrach ſie ihn, und fand darin eingeſchloſ⸗ ſen ein kleines, ſehr dünnes Billet an Ferdinand, aus welchem Roſa das Schlimmſte für ihn ahnte. Hilda's Brief athmete die innigſte Theilnahme an dem Schick⸗ ſal ihrer Freundin; dann ging ſie auf ihre eigenen Angelegenheiten über; beſchrieb die Reiſe und die Be⸗ kanntſchaft, die ſie auf derſelben mit Magiſter Wallinder, dem anziehendſten, geſetzteſten und angenehmſten Manne gemacht habe, deſſen ſich Hilda erinnern konnte:„und der, meine liebe Roſa, beinahe ſo ſchön iſt wie Manner⸗ ſtedt.“— Ferner erzählte Hilda von ſeinem Beſuche an dem feſtlichen Sonntage, von dem herrlichen Got⸗ tesdienſt und der kleinen Abendfahrt nach Neckens Inſel. Kurz, Hilda's Brief war ganz von Leben und Poeſte durchweht und in einer Sprache gegeben, deren ſich Hilda früher nie bedient hatte. Roſa lächelte und dachte bei ſich ſelbſt:„Kein Wunder, daß ſie Ferdinand nicht verzeihen konnte. Sie hat ihn nie geliebt.“ Eine Nachſchrift lautete: „Liebe Roſa, gib das Inliegende meinem Vetter, und mahne ihn von allen weiteren Verſuchen ab. Sie würden doch ſtets fruchtlos ſein.“ G „Ja, jetzt wäre es verlorene Mühe,“ ſprach Roſa mit einem leichten Seufzer.„Ferdinand muß ein Mann ſein! Er ſoll und wird, ſo hoffe ich, Hilda vergeſſen und eine Liebe beſiegen lernen, welche von nun an nur Schwachheit genannt werden könnte.“ An demſelben Abend traf Roſa den Kapitän Fer⸗ dinand beim Profeſſor. Das Billet brannte in ihrer Hand und doch ward ſie von einem ſo ſchmerzlichen Gefuhle erfaßt, daß ſie es jedesmal wieder zurückhielt, wenn ſie es ſeinem Herrn übergeben wollte. Endlich nahm ſie ihren Muth zuſammen und winkte dem Ka⸗ pitän, ihr in das kleine, gelbe Kabinet zu folgen. Sie ſetzten ſich; Roſa wagte kaum zu athmen; Ferdi⸗ nand wurde bald roth, bald blaß; er ahnte, wo ſie 'naus wollte, und fragte mit einem nicht unbedeuten⸗ —————————,———,— 1O ☛☛2 —-———„„» den Zittern der Stimme:„Du haſt vermuthlich von Hilda Briefe erhalten.“ „Ja, beſter Ferdinand, das hab' ich, und. ℳ „Und ſie hat Dir aufgetragen, mir auf meinen Brief zu antworten,“ unterbrach ſie der Kapitän. „Ich habe alſo nicht einmal verdient, daß ſie es mir ſelbſt mittheilte! In Wahrheit, Hilda hat ſich ſehr verändert.“ „Sie hat mir nur aufgetragen, Dir dieſes zu übergeben.“— Roſa reichte ihm das Billet, Ferdi⸗ nand riß es haſtig auf. Die drei oder vier Zeilen, die es enthielt, waren bald durchleſen und Roſa ſah an dem ungewöhnlichen herben Druck der Zähne gegen die Oberlippe, an der tief gerunzelten Stirne und den flammenden Wangen, ja an dem Ausdruck des ganzen Geſichts, daß das Gefühl, welches ihn beherrſchte, eher Zorn, als Schmerz war. Ohne ein Wort zu ſa⸗ gen, reichte er Roſa das Billet hin. Hilda ſchrieb: „Wie oft willſt Du es noch hören, Ferdinand? Nein und tauſendmal nein, ich werde nie die Deine! Höre deßhalb auf, uns Beide durch dieſe erneuerten Bitten zu quälen, die Dich herabſetzen und mich ſchmer⸗ zen. Ich habe nur eine einzige Bitte an Dich: Vergiß „ Hilda.“ „Ja, ich werde ſie vergeſſen, die Herzloſe, die Undankbare, die es kaum verdient, einem einfältigeu Landjunker den Kopf zu verdrehen,“ rief Ferdinand endlich und ging mit großen Schritten im Zimmer anf und nieder.—„Eine ſolche Antwort, ein ſolcher Uebermuth, ein ſolcher Mangel an aller Liebe, ja an aller Weiblichkeit! Ich habe ſie niemals, nein, nie⸗ mals geliebt; es war nur ein Spuk meiner Phantaſie, was mir dieſen Traum vorgaukelte, und Du darfſt mir glauben, Roſa, von dieſer Stunde an iſt mein Herz frei, und kein Weib ſoll ſich je wieder dort eindrängen. —— Die Freundſchaft iſt das einzige Gefühl, dem ich jetzt huldigen will, und Du ſollſt ſehen, ich werde künftig ſo vernünftig und geſetzt ſein, daß Ihr Eure Freude daran haben ſollt.“ Am Schluß dieſer Ergießung, die eben ſo ſchnell über die Lippen des Kapitäns floß, als ſeine Füße das Zimmer durchſchritten, nahm er das Billet wieder, preßte es heftig zuſammen und ging dann in das Zim⸗ mer des Profeſſors.—„Ganz aus, Onkel!“ rief er, und warf Hilda's Antwort auf den Schreibtiſch,„aber Gott ſei Dank, ich bin ruhig, vollkommen ruhig!“ „Ja, das ſeh' ich, mein Junge,“ antwortete der Profeſſor und betrachtete theilnehmend die von Schmerz und Jorn entſtellten Züge.„Aber Du wirſt ruhig werden; die Zeit muß dieſe Wirkung thun, und wir ſprechen nicht weiter von der Sache. Mache nur, daß Du Urlaub bekömmſt, dann magſt Du eine Tour in die Welt hinaus machen, wohin es Dich am meiſten gelüſtet. Ich gebe Dir Reiſegeld für ſechs Monate. Und wenn Du zurückkömmſt, biſt Du kurirt, verſiehſt Deinen Dienſt mit Eifer und Thätigkeit, leiſteſt Dei⸗ nem alten Onkel Geſellſchaft und ergibſt Dich einem ernſten und geſetzten Weſen, wie es ſich für einen Mann geziemt.“ „Topp!“ antwortete der Kapitän und reichte dem Profeſſor die Hand.„Sie ſollen ſich meiner nicht zu ſchämen haben, Onkel. Wenn ich heimkomme, werde ich zeigen, daß ich ein Mann geworden bin und meine alte Schwachheit ganz und gar überwunden habe.“ Vierzehn Tage darauf ging Kapitän Ferdinand bei ziemlich guter Gemüthsſtimmung an Bord eines Dampfſchiffs nach Kopenhagen, wo er zuerſt ſich ein wenig unterhalten und dann weiter in Gottes weite Welt hinausziehen wollte, wohin ihn immer ſeine Laune oder ſeine zufällige Neigung führen würde. Möge Gott ihn wohlbehalten wieder heimſenden,“ ſagte der Profeſſor und trocknete eine Thräne ab, „05228 A SSg — ———— 315 welche die Abſchiedsſtunde auf ſeiner Wange zurück⸗ gelaſſen hatte.„Du, Roſa,“ ſetzte er hinzu und faßte des Mädchens Hand,„Du biſt jetzt mein einziger Troſt, meine einzige Luſt. Sie ſind jetzt Beide fort,— Ferdinand und Hilda!— Hm, weißt Du, Kind, daß es mich bisweilen beinahe reut, daß ich dem Burſchen nicht zu Willen geweſen bin, als noch Alles gut ſtand, und Hilda gerne ſein Schickſal mit ihm getheilt hätte. Ich war damals zu eigenſinnig, wie ich immer war.“ „O ſprich nicht ſo, lieber, guter Onkel,“ ſprach Roſa ſchmeichelnd, und wirklich über die Weichheit des Profeſſors beunruhigt.„Iſt es nicht immer am beſten, wie es einmal iſt? ja gewiß, und dießmal glaube ich mit aller Beſtimmtheit, daß es das Aller⸗ beſte war; denn es iſt mir klar, daß Hilda Ferdinand nie recht liebte. Sie wären gewiß nicht glücklich ge⸗ worden.“ „Woraus ſchließt Du das?“ fragte der Profeſſor lebhaft; es war klar, daß er einen giltigen Grund für dieſe Vermuthung zu finden ſuchte, da er ſich wirklich etwas über dieſe Sache beunruhigte. „Nun, ſehen Sie, Onkel, hier iſt der Beweis!“— Hilda's Brief an Roſa wurde jetzt hervorgezogen, ge⸗ leſen und beſprochen. Der Profeſſor ſagte einmal über das andere:„Hm, hm! nicht ſo dumm; aber wo ſoll Ferdinand eine herbekommen? Weder Du noch Hilda paßten recht für ihn.“ „O, damit wird ſchon Rath werden, Onkel,“ meinte Roſa. Die Welt iſt leider von Weibern voll. Ferdinand wird wohl ein Weib auffinden, die für ihn taugt. Wir können froh ſein, daß er ſich Hilda für immer aus dem Sinn geſchlagen hat, und wenn das Herz wieder ganz geſund iſt, ſo denke ich, wird es nicht lange anſtehen, bis er die alten Symptome für einen neuen Gegenſtand fühlt,... „Dann wäre es zu wünſchen, daß ſeine Wahl auf * 316 einen würdigen und guten Gegenſtand träfe,“ fügte der Profeſſor hinzu,„damit ich von Herzen Amen ſagen könnte. Aber Roſa, mein Kind, gib mir jetzt die Pfeife und ſehe, daß ich ein wenig Thee bekomme, um meine Betrübniſſe damit hinab zu ſchwemmen, es ko⸗ ſtete mich doch viel, mich von dem Burſchen zu tren⸗ nen; denn entweder iſt er mir jetzt theurer, oder bin ich ſchwächer geworden. Ja, ja! das Alter gibt ſich aus mancherlei Dingen zu erkennen. Doch bringe den Thee und die Pfeife, Kind, und ſetze Dich dann mit Deiner Näͤherei neben mich her, dann werde ich Dir eine Magiſterpromotion beſchreiben. Ich weiß, daß Du ſo etwas gerne hörſt. Nun, nun! es iſt nicht mehr ſo lange bis zur nächſten und dann geht der Hoffnungsſtern ſtrahlend von B— aus auch für Dich au 74 Roſa lächelte ihrem alten Freunde zu, und nach⸗ dem die kleinen Geſchäfte beendigt waren, ſetzte ſie ſich vergnügt in die andere Sophaecke, und die ſonſt ſo fleißigen Hände ruhten, während ſie auf die intereſſan⸗ ten Beſchreibungen des Profeſſors hörte. Familienſcenen in Lindfors. An einem heißen Auguſt⸗Nachmittage ſtand Hilda Borgenſköld auf einem ziemlich hohen Gerüſte in dem kleinen, ehemals gelben Zimmer, und malte die dunk⸗ len, trüben und unfreundlichen Wände mit heller Waſſerfarbe an. Hilda war in der That, wie ſich Papa ausdrückte, ein ſehr tüchtiges Mädchen, das ſich in Alles fand, wohin ſte kam, und ſich nie ſcheute, ſelbſt Hand an jede Arbeit zu legen, wenn damit Ni mꝗ un 317 Nutzen und Gedeihen befördert wurde. Jetzt hätte man einen Maler in's Haus nehmen müſſen; aber unglücklicher Weiſe gab es in der ganzen Gegend kei⸗ nen ſolchen, und einen von weiter her zu holen, hielt man bei einer ſo unbedeutenden Arbeit nicht der Mühe werth. Indeſſen wollte Hilda durchaus das kleine Zimmer in Ordnung haben; denn man beſaß mehrere, ſehr hübſche Meubles, die es zieren und ihm ein be⸗ hagliches Ausſehen geben konnten, wenn nur erſt die Wände einen ſolchen Anſtrich hatten, daß ſie damit übereinſtimmten. Zu dieſem Endzweck las Hilda mit aller möglichen Aufmerkſamkeit die alten Beſchreibun⸗ gen, welche der Papa in einer kleinen Bibliothek beſaß, und die von der edeln Kunſt, die Farben zu miſchen, handelten. Sie glaubte endlich hinlänglich theoretiſche Kenntniſſe zu beſitzen, um mit dem prak⸗ tiſchen Theile anfangen zu können, und nachdem die Farbe ſelbſt beſtimmt war, wurde der Pächter von Bro nach der Stadt beordert, um den nöthigen Zube⸗ hör zu holen. Wer war froher als Hilda, als ſie ſich im Beſitze all der Herrlichkeiten ſah, die dazu behilf⸗ lich ſein ſollten, das ihr ſchon ſo theuer gewordene Lindfors zu verſchönern! Sie wartete jetzt nur noch auf eine gelegene Zeit, um ihre Arbeit vorzunehmen; das heißt auf eine Zeit, wo ſte ſicher ſein konnte, von Wallindern nicht überraſcht zu werden, und dieſe Zeit kam bald. Der Magiſterzſollte in einem Amtsge⸗ ſchäft nach W-— verreiſen und vier Tage fort ſein. Schon an dem nämlichen Abend, als Wallinder in Lindfors war und vor der langen Fahrt Abſchied nahm, begann Hilda, gleich nachdem er fort war, die große Salbung der Wände mit Waſſer und Pinſel. Nach ihrer Berechnung brauchte ſie fünf Tage zu der Arbeit; denn Wallinder konnte früheſtens erſt am Sam⸗ ſtag Abend wieder eintreffen, und es war ungewiß, ob er vor Sonntag nach Lindfors kommen konnte. Fröhlich und getroſt und erfüllt von dem Gedan⸗ ———— ken, was für eine angenehme Ueberraſchung ſie Wal⸗ lindern bei ſeinem nächſten Beſuche bereiten würde, arbeitete Hilda mit Eifer und Beharrlichkeit an ihren Verbeſſerungen. Dem Papa wurde aufgetragen, die Fenſterrahmen und Thüren mit Oelfarbe anzuſtreichen. Freitag Nachmittag war die Arbeit gleich vollends zu Ende. Hilda ſtand auf der oberſten Treppe des Stän⸗ ders, mit aufgeheftetem Kleide, und beſtrich eben zum drittenmale mit ihrem Pinſel die gleich ſam neugeborenen Wände, als ein:„Was um's Himmels Willen hat Fräulein Hilda vor?“ von der Thüre her tönte. Hilda meinte, ſie müſſe in den Boden ſinken, und ließ den Pinſel, friſch eingetaucht wie er war, ihrem kleinen Handlanger in's Geſicht fallen, der unten ſtand und wieder ſeiner Seits vor Schrecken den Topf mit ſeinem ganzen Inhalte auf den Boden fallen ließ. Mit einiger Schwierigkeit kam Hilda von dem Stän⸗ der herab und auf ihre Beine; es hätte nicht viel ge⸗ fehlt, ſo wäre ſie auf den Kopf gekommen. „Magiſter Wallinder,“ ſtammelte ſie erröthend, indem ſie ſchnell das aufgeheftete Kleid durch einen kleinen Zug, an der Stecknadel in Ordnung brachte. „Sie kommen bald zurück, und ich möchte faſt ſagen zur ungelegenen Zeit.“ „Schönen Dank!“ erwiederte Wallinder lächelnd. „Sehen Sie nur einmal auf, Fräulein Hilda, und Sie werden finden, wie unartig es von Ihnen iſt, daß Sie die Mühe, die ich mir genommen habe, mit ſo viel Kälte und Gleichgiltigkeit belohnen. Ich komme gerade von Neckensholme und bringe Fräulein Hilda eine ganze Laſt Hechte und Brachſen.“ Jetzt ſah das Fräulein auf, und da ſtand Wal⸗ linder, naß wie ein Seegott, und keineswegs wie ein Geiſtlicher ausſtaffirt, mit einem großen Korb Fiſche auf dem Arm. Nun war es vorbei mit Hilda's Ver⸗ druß; ſie lachte von ganzem Herzen. 1— Ja, wir ſehen recht hübſch aus, wir zwei!“ meinte 77 319 ſie;„aber wer um's Himmels willen hat Sie ſo übel zugerichtet, Herr Magiſter?“ „Ja, ſehen Sie, Fräulein, das hatte ſich ſehr ſchnell. Als ich aus dem Kahn ſpringen wollte, ge⸗ ſchah es, daß ich in der Eile zwei oder drei Schritte zu kurz ſprang, und anſtatt auf dem trockenen Lande mich im Waſſer befand.“ „ Ach Gott, wie unvorſichtig!“ ſprach Hilda in verändertem Tone.„Aber was ſollen wir jetzt an⸗ fangen? Mama und Papa ſind draußen, und ſehen nach den Feldarbeiten; jedoch wenn Sie ſo gut ſein, und ſo lange in meines Vaters Zimmer gehen wollen, ſo werde ich Ihnen trockene Kleider ſchicken, und dann können wir wieder aus Herzensgrund lachen, wenn Sie in Papa's ſtahlgrauem Frack, mit den breiten, altmo⸗ diſchen Schößen herauskommen.“ „Dies Vergnügen ſoll Fräulein Hilda nicht zu Theil werden,“ verſicherte Wallinder, indem er, nach⸗ dem Hilda den Fang empfangen hatte, mit einer Ver⸗ beugung zurücktrat,„denn ich ſandte den Jungen, den ich als Gehülfen bei mir hatte, gleich nach dem Pfarrhofe zurück, um einen paſſenderen Anzug zu holen, in welchem ich dem Fräulein aufwarten könnte. Inzwiſchen wird es wohl am beſten ſein, wenn ich ſeine Rückkehr auf dem Zimmer des Lieutenants ab⸗ warte, und Fräulein Hilda Zeit laſſe, von ihrer Ver⸗ wunderung und Verwirrung zurückzukommen.“— Wal⸗ linder verſchwand mit einem ſchelmiſchen Blick auf das hocherröthende Mädchen. Eine Stunde ſpäter ſaß Hilda reinlich, nett und einfach, aber immer reizend unter der hohen Linde im Hofe, und wartete auf Wallindern, der auch bald in dem ſchönen Jagdkleide zurückkam, das er bisweilen zu tragen pflegte, und das ihm ſo wohl ſtand. „Wer, der jetzt Magiſter Wallinder ſähe, ohne ihn zu kennen, ſollte glauben, daß dieſe leichte und elegant 320 weltliche Tracht einen geiſtlichen Herrn umhüllte,, ſagte Hilda mit einem feinen Lächeln, und reichte ihm jetzt erſt die Hand zum Willkomm. „Ich will hoffen,“ erwiederte Wallinder ernſt, und drückte ſreundlich die dargebotene Hand,„daß das Geiſt⸗ liche bei mir am wenigſten am Rocke hängt. Innerlich bin ich Prieſter; aber was mein Aeußeres betrifft, ſo mache ich mir ein Vergnügen daraus, mich, wenn ich nicht im Amte bin, gerade ſo zu kleiden, wie andere Weltkinder auch; denn ich vermuthe, Fräulein Hilda hat ſchon längſt bemerkt, daß ich ebenſo ſehr weltlich als geiſtlich bin?“ „Ja, gerade recht,“ meinte Hilda;„aber ſagen Sie mir, Herr Magiſter, wie es kommt, daß Sie ſo⸗ bald wieder von Ihrer Reiſe nach W- zurück ſind?“ „Nun, weil ich wegen der großen Wärme und auch noch aus einer andern Urſache die Nächte zu Hülfe nahm, und ſo die vier Tagreiſen in zweimal vierundzwanzig Stunden machte; deßhalb war es auch natürlich, daß ich, da ich noch etwas ſchläfrig war, fehl ſprang, als ich mit meinem Fiſchfang an's Land hüpfte.“ „Das finde ich ſehr natürlich,“ fiel Hilda ein, „was mich allein verwundert, iſt, daß Sie nicht den Schlaf einem Fiſchfange vorzogen.“ „Ich kam gegen Mittag heim, und verſuchte, ein paar Stunden zu ruhen; aber kaum war ich einge⸗ ſchlafen, als es mir träumte, daß Fräulein Hilda mir befohlen habe, aufzuſtehen, mein Fahrzeug in Ordnung zu bringen und es mit Brachſen und Hechten zu füllen. Gehorſam und froh, dem Schlaf zu entgehen, ſprang ich, von dieſem angenehmen Traume geweckt, auf, und eilte, mein Glück zu verſuchen, welches reich genug ausfiel, inſofern es wirklich und nicht ebenfalls er⸗ träumt war.“ „Ja, ich ſehe, der Herr Magiſter iſt immer glücklich, ſowohl in der Jagd, als in der Fiſcherei,“ antwortete —— 321 Hilda heiter,„und kommt nie ohne gute und reiche Beute zurück.“ „Und doch befriedigt mich das bei weitem nicht,“ fuhr Wallinder fort.„Ich wünſche von ganzem Herzen, das Glück möchte mir noch in andern Dingen, als in der Jagd und Fiſcherei beiſtehen. Glaubt Fräulein Hilda, daß die launiſche Göttin mich zum Beiſpiel in der Liebe verlaſſen würde?“— Er ſah ihr dabei dreiſt unter den Strohhut, und tief in das lächelnde, ſeelenvolle Auge. „Das iſt mehr, als ich weiß, und wahrlich auch mehr, als ich beantworten kann,“ ſagte Hilda munter; gaber ich habe ſagen hören, daß man nicht in Allem Glück haben könne, und wer es in dieſen beiden Fällen hat, wird es ſchwerlich auch in dem dritten haben.“ „Wie unartig Fräulein Hilda iſt,“ entgegnete Wal⸗ linder leicht erröthend, indem er ſich niederbeugte, ihre Hand von der Arbeit hinwegzog, und ſie ein Paar Se⸗ cunden lang an ſein hochklopfendes Herz legte.—„O, ſa⸗ gen Sie, ſollen dieſe Schläge ewig unerwiedert pochen?“ fragte er mit einer Stimme, die ihr tief in die Seele drang. Laut ſprach ihre innere Stimme ein Nein; aber ihre Lippen ſchwiegen beharrlich. „Fräulein Hilda iſt doch zu hart,“ fuhr Wallinder mit finſterem Blicke fort, hielt jedoch die Hand feſt, die ſie aus der ſeinigen loszumachen ſtrebte. „Herr Gott!“ rief Hilda ängſtlich aus,„ſieht der Herr Magiſter nicht, daß der Pächter von Bro durch das Thor ſegelt, laſſen Sie meine Hand los! Ich bin nicht hart; aber ich kann doch wohl jetzt nicht ant⸗ worten!“ Und im Augenblick war Wallinder empor; doch der freudeſtrahlende Blick, den Hilda's letzte Worte ſeinem Auge entlockt hatten, verdüſterte ſich wieder etwas bei dem höchſt unwillkommenen Anblick von dem Pächter ki Bro, der immer etwas mit dem Spektor zu ſprechen hatte. Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. 21 322 „ Der Herr Lieutenant iſt draußen auf dem Brach⸗ feld, mein guter Vater Lars,“ ſprach Wallinder mit dem einladendſten Blick auf das Thor. „Ja, aber er wird gleich hereinkommen,“ fiel Hilda ein.„Ich ſehe ihn und die Mama dort auf dem Acker⸗ feld.“— Und mit dieſen Worten öffnete Hilda artig dem reichen Pächter die Thüre, der nie mit leeren Händen zu kommen pflegte, ſondern immer etwas für das kleine, vortreffliche Fraͤulein mitbrachte, das ſowohl dem Ma⸗ giſter als dem Pächter ein Engel ſchien. „Nun, was ſagt das Fraͤulein zu den Farben, die ich von der Stadt heimbrachte?“ fragte der alte Lars, und zog ganz gemächlich einen Stuhl an die Thüre. „ Sie ſind ganz vorzüglich,“ verſicherte Hilda;„ich bin bald vollends mit meinem Malen fertig.“— Und jetzt mußte der alte Lars herein und die Herrlichkeiten betrachten, an denen er ſich nicht ſatt ſehen konnte, ſo ſchön war es. „Ei, ei! man ſehe nur! Ja, das Fräulein iſt ſo geſchickt in Allem, daß ſie gerade zu einer Predigerfrau auf dem Lande paßte, verſteht ſich, zu einer Probſtin. Ja, ja, damit hätte es keine Gefahr; ich habe kurioſere geſehen.“ Eiwas verwirrt ſuchte Hilda die Geſprächigkeit des Vater Lars von dieſem Gegenſtande abzulenken; dieſe gerieth auch bald in einen andern Kanal, als ihm der Korb wieder zu Geſichte kam, den er bei ſeinem Eintritt hingeſtellt hatte.—„Ach ſiehe da! Meine Alte ſteckte dem Fräulein da etwas hinein. Nehmen Sie es nicht übel auf; es iſt nur zu Ihrem Vergnügen, und ſie gönnt es Ihnen herzlich, weil das Fräulein ſo freundlich iſt und ſich nie für zu gut hält, um mit den alten Weibern nach der Kirche zu ſchwatzen.“ Hilda nahm den Korb mit freundlicher Artigkeit, und dantte ungekünſtelt für deſſen Inhalt, der ſehr 323 mannigfaltig war. Und dann traktirte ſie dienſtfertig Vater Lars mit Dünnbier, und lud ihn, als das größte Zeichen von Achtung, ein, in den Erker zu ſitzen und zu rauchen. Aber ward nun der Pächter mit der Ehre, die ſei⸗ ner Perſon widerfuhr, höchſt zufrieden, ſo war es Wal⸗ linder nicht minder, als er ſah, wie ſich Hilda gegen die gemeinen Leute benahm.—„Ja, der Alte hat voll⸗ kommen recht,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„ſie paßt vor⸗ trefflich zu einer Predigerfrau auf dem Lande. Aber darin hat er unrecht, daß er ſo ungelegen kommt und mich ſtört; das iſt ſehr verwünſcht.“ Jetzt kam Lieutenant Borgenſköld mit ſeiner Frau von der langen Wanderung zurück. Die Mama keuchte entſetzlich und betheuerte, daß der Alte ſie nie wieder zu einer ſolchen Anſtrengung verführen würde.„Hilda, mein Kind, Du haſt wohl etwas Himbeerſaft und Waſſer bei der Hand? Ach, ſiehe da! willkommen, Magiſter Wal⸗ linder! Guten Abend, Vater Lars! Liebe Hilda, beeile Dich! Ich ſterbe vor Durſt.“— Und jetzt ſank die gute Frau athemlos in einen Lehnſtuhl, den ihr Wallin⸗ der eilig hinſtellte. Heiter und angenehm verfloß der Abend. Man war ſo häuslich glücklich beiſammen, und fühlte dies tief in der Seele, beſonders Wallinder und Hilda. Als der Pächter von Bro ſein Geſchäft mit dem Lieutenant been⸗ digt hatte und ſich auf den Heimweg machte, begleitete ihn dieſer ein Stück weit. Es war die Zeit, wo die Mama die Milchkammer in Augenſchein nehmen mußte, und ſo⸗ mit blieben die jungen Leute allein. „Fräulein Hilda näht ſo emſig,“ ſagte Wallinder, und rückte ſeinen Stuhl näher.„Es iſt eine wahre Plage, Jemand ſo fleißig zu ſehen, wenn man ſelbſt nichts thut.“ „Nun, warum machen ſie ſich keine Beſchäftigung?“ entgegnete Hilda heiter.„Da ſteht ja ein großer Korb mit Spinat, den die Mutter da gelaſſen hat; ſäubern Sie ihn“ „Ich fürchte, daß ich wenig Dank für meine Mühe ernten würde,“ meinte Wallinder,„da ich heute Abend zu nichts geſchickt bin.“ „Wie ſo?“ fragte Hilda. 2„Nun darum, weil ich nicht eher ruhig werde, als bis mir Fräulein Hilda auf die Frage geantwortet hat, die ich vor ein Paar Stunden an ſie ſtellte. „Ich beantwortete ſie ja,“ ſagte Hilda ganz arglos, „ich ſagte ja deutlich, daß ich es nicht wüßte, aber daß ich davon habe ſprechen hören...“ Ein Lächeln vollendete den Satz. „Iſt das auch artig? Macht es Fräulein Hilda ein Vergnügen, mich ſo unbarmherzig zu quälen? Oder wozu jetzt Scherze, da mein Herz ſo voll Ernſt iſt? O, laſſen Sie mich wenigſtens in Ihrem Auge ſehen, ob es nicht eine andere Sprache hat, als Ihre Lippen!“ Wallinder wollte die Näherei hinwegziehen; aber Hilda ſtritt tapfer darum. Sie war zugleich ſo ſchüch⸗ tern und ſo glückſelig. Ihn anſehen, hätte geheißen, ihm Alles ſagen, was ſie jetzt in ihrem Herzen empfand, und das wollte ſie nicht. Sie wollte ihn beſſer kennen lernen, denn war ſie nicht ſchon einmal ſo ſchmerzlich getäuſcht worden? Wallinder verſtand ihre Bewegung nicht; ſie flößte ihm mehr Furcht als Hoffnung ein. Er ſtand deß⸗ halb auf und ſprach nicht ohne Bitterkeit:„Leben Sie denn wohl, Fräulein Hilda! Vielleicht bekomme ich auch keinen Abſchiedsblick?“ „ Und warum wollen Sie denn ſo frühzeitig fort?“ fragte ſte leiſe und nicht ohne ein merkliches Zittern der Stimme. „Wollen Sie, daß ich da bleiben ſoll?“ Er ſetzte ſich wieder. „Die Frage, meine ich, war ſehr überflüſſig.“ „Warum mir aber dann einen freundlichen Blick verweigern, wenn Sie mir kein freundliches Wort geben wollen? Das mußte mir ja weh thun.“ „Und doch wollte ich Ihnen nicht weh thun,“ fiel Hilda ein,„ſeien Sie davon überzeugt; aber...“ „Aber ſehen Sie mich doch einmal an,“ bat er be⸗ weglich;„nur einen einzigen Blick, und ich werde heute Abend nicht weiter fragen.“ „Auch morgen nicht,“ ſagte Hilda, wieder lächelnd, als ſie an Wallinders Stimme hörte, daß er ruhiger war. „Nein, nein! weder morgen noch übermorgen; eine ganze Woche lang werde ich von nichts Anderem ſprechen, als von Spinat und ſchönem Wetter, wenn mich nur Hilda anſehen will.“ „Und jetzt ſah Hilda auf, und in dem Blicke, den Beide wechſelten, lag all die Seligkeit und innige Hin⸗ gebung, die ein Blick ausdrücken kann. Wallinder ſchaute tief in ihre Seelenwelt, und las dort die Bürgſchaft für ſeine künftige Hoffnung. Gott mag wiſſen, wie es mit ſeinem Verſprechen gegangen wäre, wenn nicht in dieſem Augenblicke ein Junge von Schweiß triefend von einem ſchäumenden Pferde geſprungen und dreiſt in den Saal geſtürmt wäre mit der Botſchaft, daß der Magiſter un⸗ verzüglich heim eilen ſolle. Den Probſt hatte der Schlag getroffen, und er rang mit dem Tode. Wallinder ſprang erbleichend auf.„Geh,“ rief er dem Knaben zu;„ich komme in der Minute. Leben Sie wohl, theure Hilda! jetzt wird es einen entſetzlichen Auf⸗ ſtand und Geſchäfte in Menge geben; aber ſagen Sie, daß ich willkommen bin, und wenn ich kann, ſchleiche ich mich weg und fliege hieher.“ „Herzlich willkommen, beſter Wallinder,“ ſagte Hilda; „laſſen Sie uns nicht zu lange warten!“ „Uns?“ wiederholte Wallinder, indem er den Hut 8 —— — —— ———— nahm und noch einmal ſuchte ſein Blick mit einem leich⸗ ten Ausdruck des Vorwurfs den ihrigen. Der Abſchied und die Furcht, derſelbe möchte ſich zu lang hinausziehen, machten Hilda ſchwächer, als ſie möglicherweiſe zu wer⸗ den glaubte. Faſt ohne daß ſie es wußte, ſetzte ſie hin⸗ zu:„Laſſen Sie mich nicht zu lange warten; aber eilen Sie jetzt!“ „O Hilda!“— Und ehe ſie eine ſolche Freiheit ahnen konnte, hatte ſie Wallinder an's Herz gedrückt und ihr in’'s Ohr geflüſtert:„Jetzt biſt Du auf ewig mein!“ Es war das Werk eines Augenblicks. Und ehe Hilda von dieſer Ueberraſchung zu ſich ſelbſt gekommen war, war Wallinder ſchon draußen und ſaß im Sattel. Feſt drückte er dem Pferde die Sporen in die Seite, ſchwenkte den leichten Hut zum Abſchied und eilte raſch an das Bett des Todes, das, wie er hoffte, für ihn ein Vor⸗ bote zum Eintritt in die Herrlichkeiten des irdiſchen Pa⸗ radieſes ſein würde. Bei ſeiner Ankunft im Pfarrhofe fand Wallinder die Probſtin in untröſtlichem Schmerz an dem Sterbebette des bleichen Greiſes, er athmete nur noch ſchwach, und ehe am folgenden Morgen der Arzt aus der Stadt an⸗ langte, war er ſchon entſchlummert. Wie man erwartete, erhielt Wallinder den Befehl, der Pfarrei während des Gnadenjahres der Wittwe vor⸗ zuſtehen, und Niemand zweifelte, daß er den Ruf an dieſe Stelle erhalten würde; denn mit Ausnahme des Bergherren von Skallerbo konnte Wallinder darauf rechnen, die Stimmen aller drei Kirchſpiele einhellig zu erhalten. Bei ſolchen Ausſichten konnte ein junger Mann wohlh, werben und ſich verloben, um ſo mehr wenn die Auserkorene bei den Leuten ſo wohl angeſchrieben war wie Hilda; und da Wallinder dem Satze huldigte, daß man ſo viel vom Lebensglück genießen müſſe, als ſich uns darbiete, und daß man ſo bald als möglich damit und die die dal her Lie mi der nu 327 ch⸗ anfangen ſolle, ſo warb er förmlich um Hilda Borgen⸗ ſköld, erhielt das Jawort, die Einwilligung der Eltern und zudem ihren Segen. Auf Neckens Inſel wechſelten en⸗ die jungen Leute ihre Ringe, und jeden Abend, ſo lange. in⸗ die Jahreszeit es erlaubte, ruderte Wallinder ſeine Braut len dahin, bis der kühlere Herbſt kam und aus Neckens blü⸗ hendem Holme ein ödes Grab machte. Nun blühte ihre eit Liebe unter dem friedlichen Schutze der Heimath, und ind mit jedem Tage fühlten ſie ſich glücklicher; denn ſie wur⸗ 11u¹ den einander immer theurer, und der Winter trug ihnen nur Roſen, die von keinen Dornen vergällt waren. lda ar, eſt—— kte das dr⸗ 22. za⸗ Ein Blick auf die Gegenwart und ein noch die weiterer in die Vergangenheit. tte— nd Mit Erlaubniß des Leſers machen wir jetzt einen in⸗ Sprung von anderthalb Jahren in unſerer Erzählung und verlegen ſie in die gute Stadt B—. hl, An einem ſchönen und angenehmen Maimorgen im or⸗ Jahre 1830 ſchauen wir in das neu hergeſtellte Schul⸗ an haus, das in einer der breiteſten und beſten Straßen ge⸗ des legen und auf den Seiten von kleinen, netten und wohl⸗ auf geordneten Gärten umgeben iſt. Durch den hohen, hellen zu Oehrn gelangt man zur Linken in ein Schulzimmer, wo nn ein gewaltiges Geräuſch von leſenden Jungen dem Ohre die des Beſuchers entgegentönt. Hier ſehen wir den Rector ar Mannerſtedt mit Bröders oftmals durchgepeitſchter la⸗ aß teiniſcher Grammatik in der Hand auf⸗ und abgehen, ich und die Knaben ihre Lectionen überhören. Aber plöͤtzlich it und laut genug, um in der halben Stadt gehört zu wer⸗ den, ruft eine Stimme:„Herr Rector, es hat zwölf ge⸗ ſchlagen!“— Der Rector ſieht auf ſeine Uhr, findet, daß die Sache ihre Richtigkeit hat, und entläßt die Knaben, indem er ihnen noch an's Herz legt, über den Genitiv in der Syntax bis morgen noch beſſer nachzuleſen, und ſie ermahnt, nicht ſo entſetzlich zu lärmen, wenn ſie die Schule verließen, ſondern anſtändig und beſcheiden heim zu gehen. In einem Nu waren alle Knaben auf den Beinen, ſcharrten im Chorus und eilten dann mit méglichſt größ⸗ ter Anſtändigkeit durch den Oehrn über die Treppen auf die Straße hinab, wo dann ein Jeder ſeinen eigenen Beluſtigungen nachging.. Lächelnd ſah Mannerſtedt der muntern Schaar nach, ſchloß dann die Schule und öffnete die Thüre, welche in das andere Zimmer führte. Er ging durch einen ziem⸗ lich großen und ſchönen Saal, der zu einem wohl mö⸗ blirten Wohnzimmer führte; von da trat er in ein aller⸗ liebſtes Kabinetchen und zuletzt in das Schlafzimmer, wo er ſich auf den einfachen Sopha niederſetzte, ſeinen Blick über alle Gegenſtände hinſchweifen ließ, und end⸗ lich in die Worte ausbrach:„Das iſt Alles, was ich meiner Roſa zu bieten habe! Es iſt zwar nicht viel; aber gebe ich ihr nicht auch ein Herz, worin ſie allein wohnen und herrſchen ſoll? Und wie viel Urſache habe ich nicht, mir Glück zu wünſchen! Als ich ihr vor etwas mehr als zwei Jahren in jenem Heiligthume Lebewohl ſagte, wo ich damals zum erſten und einzigen Male Zu⸗ tritt erhielt, und wo mir meine holde Roſa Treue ge⸗ lobte, wie weit war ich damals nicht von dem Gedan⸗ ken entfernt, daß ich ſo bald am Ziele meiner Wünſche ſtehen würde! Ach wie gnädig war nicht die Vorſehung gegen mich! Kaum hatte ich vor einem Jahre die Gra⸗ dirung erhalten, als ich das Vicariat meines gegenwär⸗ tigen Dienſtes bekam, nachdem ich dieſe zehn Monate ——,—,—,,————,———— verſehen hatte, wurde mein alter Prinzipal zum Paſto⸗ rate befördert, und ich bin jetzt ſein glücklicher Nachfol⸗ ger: Rector in B— und Beſitzer einer ſehr angeneh⸗ men Wohnung, die ich meiner theuern Braut anbieten darf. Meine Einkünfte können nicht groß genannt wer⸗ den; aber mit Fleiß, Verſtand und Sparſamkeit, hoffe ich, ſollen ſie hinreichen. Ueberdies hat mich ja mein zweiter Vater, mein braver, edelmüthiger Profeſſor Ling, oftmals verſichert, daß er Roſa eine kleine Mitgift geben wolle. Alles lächelt mir Frieden und Seligkeit zu! in zwölf Tagen haben wir Pfingſten, und auf dies fröhliche Feſt hat mich der Profeſſor nach H— eingeladen mit dem Verſprechen, daß bis dahin Alles abgemacht ſein ſolle. O wie unruhig ſchlägt nicht mein Herz, wenn ich mir den Moment vorſtelle, wo der Profeſſor dem Kom⸗ merzienrath und ſeiner Frau die Neuigkeit von meiner und Roſa's Verlobung mittheilen und um ihre Zuſtim⸗ mung bitten wird! Darf ich die Hoffnung wagen, daß ſie mich als Sohn annehmen werden? Mit Gottes Hülfe! Hat ſich nicht mein alter, edler Freund dafür verbürgt? Und er kennt das Menſchenherz und die Ver⸗ änderung, welche Zeit und Verhältniſſe mit ſich bringen. Ach meine Roſa! Sie wieder zu ſehen, ſie vor der gan⸗ zen Welt meine Braut nennen, und als mein Weib heimführen dürfen, das iſt beinahe zu viel Seligkeit für ein Menſchenherz!“ Und der junge Rector ging in allen ſeinen Zim⸗ mern hin und her, betrachtete und muſterte jedes ein⸗ zelne Ding und dachte beſtändig:„Wird es ihr ſo ge⸗ fallen; wird ſie ein Behagen daran finden, wird ſie mei⸗ nen Geſchmack loben, daß er mit ſo wenig Mitteln doch einige Annehmlichkeit geſchaffen habe! Doch wenn ſie erſt ſelbſt kommt, wenn ihre Hände Alles anordnen, dann kommt Wohlbehagen in jeden Winkel, und in meinem Herzen geht ein Feſttag auf, der durch das ganze Leben währt!“ — —— — ——— —— — Er mußte hinaus; die Gefühle wurden zu mächtig für ihn, und es ward ihm in der Bruſt und Stube zu enge. Bei ſolchen Gelegenheiten flüchtete er ſich in den ſtillen Friedhof, zum Grabe ſeiner Mutter, über dem er ein einfaches Denkmal errichtet hatte. Es war für ihn ein 12 ſüßer und ſchöner Gedanke, derjenigen nahe zu ſein, G deren unendliche Liebe beſtändig in ſeinem Herzen fort⸗ lebte, und deren geliebtes Bild dort auf den heiligen 8 Roſen der Erinnerung ruhte. Ruhig und friedlich war v es um ihn in der Nachbarſchaft der Seligen. Er lehnte a die glühende Stirne an den kalten Grabſtein, und Thrä⸗ n nen der kindlichen Dankbarkeit und Liebe fielen auf den Staub Derjenigen, welche die Pflichten einer Mutter T ſo ſehr gekannt und erfüllt hatte. ic „Treffe ich Dich hier, mein lieber Mannerſtedt?“ ſ ſprach eine freundliche Stimme, und eine kräftige Hand A klopfte dem jungen Rector auf die Schulter. Es war ol der Rathsherr Sifver, der ihn aufgeſucht hatte, und ihm ſe jetzt wohlwollend ſeine einſamen Wanderungen vorwarf, deren wohlthuende Wirkung auf Mannerſtedts Herz und ſt Gemüth er nicht zu faſſen vermochte.„Du betrauert ko Deine Mutter zu ſehr, mein Junge. Laß die Todten ruhen; Du ſtehſt jetzt im friſchen, fröhlichen Leben und de mußt es auch genießen. Du haſt in Deinen jungen ni Tagen hinlänglich Kummer und Sorgen gefühlt. Komm alſo und geh mit mir, und iß ein einfaches Mittagsbrod ne in unſerem Hauſe, ſo können wir unterdeſſen über eines ſah und das andere ſprechen, was alle Grillen verjagen kann.“ ſc Mannerſtedt war bereit, ſeinen alten redlichen Freund I zu begleiten, und dieſer erzählte ihm unterwegs, daß er ſie heute auf dem Rathhaus eine wichtige und kitzlige Frage, go die ſchon mehrmals vergeblich vorgebracht worden ſei, dit durchgeſetzt habe, nämlich die Erhöhung des Rectorge⸗ haltes.—„Das iſt heute durch Stimmenmehrheit ent⸗ fra ſchieden worden,“ ſetzte der Alte innig vergnügt hinzu; vo 331 „und ſomit wirſt Du mit Gottes Hülfe Deinem Weibe ein recht anſtändiges Auskommen bieten können.“ Gerührt und herzlich dankbar drückte Mannerſtedt ſeinem alten Gönner die Hand.„O wie wuüͤrde meine Mutter Sie ſegnen, wenn ſie noch lebte und ſähe, wie Sie ſich bemühen, die Zukunft Ihres Lieblings zu ſichern,“ ſprach er und betrachtete mit heiliger Rührung das graue Haupt, das ihm der letzte Ueberreſt aus einer längſt verſchwundenen Zeit zu ſein ſchien, aus einer Zeit, wo auch er noch Eltern und eine Heimath in ihrem Herzen, wie in ihrer Wohnung gehabt hatte. „Gelobte ich das nicht Deiner Mutter auf dem Todtenbette?“ erwiederte der Rathsherr Sifver;„und ich habe immer meine Ehre darein geſetzt, mein Ver⸗ ſprechen heilig zu halten, das weißt Du, mein Junge. Aber wie iſt es, haſt Du bereits ein Weib in petto, oder wie? Im andern Falle hätte ich Dir auch in die⸗ ſer Beziehung einen Vorſchlag zu machen.“ „Nein, um Alles in der Welt nicht!“ bat Manner⸗ ſtedt.„Für mich gibt es nur Eine als Gattin! Be⸗ komme ich die nicht,— ſo...“ „So gehſt Du doch wohl nicht hin und hängſt Dich deßhalb,“ meinte der Rathsherr Sifver lächelnd, ſondern nimmſt Dir als vernünftiger Mann ein anderes Weib.“ „Das Erſtere würde ich zwar nicht thun,“ ſiel Man⸗ nerſtedt ein,„das verbieten mir meine Grundſätze, ſo ſchwer es mir auch würde, das Leben ohne ſie hinzu⸗ ſchleppen; aber das wäre wenigſtens gewiß, daß ich mich nie vermählte, Sie war die Einzige für mein Herz, ſie iſt und wird die Einzige ſein, die es je von jenem göttlichen Gefühle klopfen machen kann, die Einzige, für die es immer klopfen wird, bis es erſtarrt.“ „Aber biſt Du denn ganz toll, mein lieber Franz?“ fragte der Rathsherr Sifver, verwundert über das Feuer von Mannerſtedts Rede.„Wir ſind ja auf offener —— ͤͤſͤſſſſſſ⁄⁄ 33² Straße! Warte wenigſtens, bis wir unter Schloß und Riegel kommen. Ich wünſche Dir übrigens von ganzem Herzen, daß Du das Kleinod heimführen möchteſt, das Du allen andern Weibern vorziehſt; und wenn ſie nicht zu fein und geziert iſt, ſondern das Haus des alten Sif⸗ ver als ihre Heimath anſehen will, ſo ſoll ſie herzlich willkommen ſein. Ich will ſie gerne wie eine Tochter aufnehmen.“ „Das wird ſie hoch erfreuen,“ verſicherte Manner⸗ ſtedt,„ſie iſt ſo einfach, wahr und gut, daß ſie jedes Herz gewinnt, und gewiß komme ich ſehr oft mit meinem angebeteten Weibe, um den theuren, einzig übrig geblie⸗ benen Freund meiner Eltern zu begrüßen.“ „Nun, Ihr werdet ſtets herzlich willkommen ſein! Wann reiſeſt Du ab und begehrſt ſie von ihren Eltern?“ „Bis Pfingſten, und ſo Gott will! bringe ich ſie noch zeitig im Herbſte; wenn Alles gut geht, vielleicht bis Johannis.“ „Nicht zu eilig, nicht zu eilig,“ ermahnte der alte Sifver;„es iſt ja kaum möglich, in dieſer Zeit hin⸗ und herzureiſen. Bis an den Herbſt hat es ſchon noch Zeit.“ „Nein, das wäre der ſpäteſte Termin,“ verſicherte Mannerſtedt lächelnd;„doch wir wollen ſehen, wie es lautet, wenn ich ankomme.“— An demſelben Tag, als dieſe Unterredung in B— ſtatt fand, wanderte Profeſſor Ling ziemlich langſam über die Straße hinüber zu ſeinem Nachbar, dem Kom⸗ merzienrath Widen; der Profeſſor hatte beſonders in dem letzten halben Jahre ſehr gealtert. Er ſtrauchelte merk⸗ lich beim Gehen, und alle Anzeichen verkündeten, daß der Edle bald den ſtillen Weg wandern würde, von dem man nicht wieder zurückkehrt. Er hatte nicht die Hälfte der kurzen Entfernung zurückgelegt, als ihm der Kapi⸗ tän Ferdinand nachgeſprungen kam.„Ounkel, beſter On⸗ kel, wohin ſo allein?“— Er bot dem Profeſſor bei 333 dieſen Worten mit der herzlichſten Aufmerkſamkeit den Arm, den dieſer mit einem wohlwollenden Lächeln annahm und ſagte:„Biſt Du es, mein Junge? Ich glaubte Dich nicht zu Hauſe!“ „Gerade war ich auf dem Sprunge, zu meiner Braut hinauszureiſen,“ erwiederte Ferdinand;„doch ich warte gerne, um dem Onkel behülflich zu ſein.“ „Sei deßhalb unbeſorgt, mein Sohn, ich werde mich ein wenig bei dem Kommerzienrath verweilen, und Roſa begleitet mich gewiß, wenn ich heim will. Kehre alſo um, Ferdinand, grüße mir Deine künftigen Schwieger⸗ eltern, und gib Karolinen einen Kuß auf meine Rech⸗ nung.“ 3. Soll nicht vergeſſen werden, Onkel,“ erwiederte der Kapitän und war mit drei Sprüngen wieder zurück im Hauſe des Profeſſors, wo er jetzt wohnte, ſeitdem der Alte den obern Stock hatte einrichten laſſen. Gleich darauf warf ſich der Kapitän in die Droſchke und rollte die Straße durch das Oſtthor hinaus. Inzwiſchen wollen wir in möglichſter Kürze mitthei⸗ len, was ſeit unſerem letzten Beſuche in H— dort vor⸗ gefallen iſt. Nachdem Kapitän Ferdinand in den ſechs Monaten, die ihm der Profeſſor als eine Radikalkur gegen das langwierige und bösartige Liebesfieber verſchrie⸗ ben hatte, gehoͤrig umhergeſchwärmt war, kehrte er ruhig und heiter und geſund an Leib und Seele zurück. Von dieſer Zeit an zog er zu ſeinem Onkel, der immer ſchwä⸗ cher wurde, je älter er ward, und mit jedem Tag mehr fühlte, wie unentbehrlich ihm Ferdinand's und Roſa's Geſellſchaft war. Ferdinand hatte ſich aber auch jetzt ſo verändert, daß er des Profeſſors Stolz und Freude aus⸗ machte. Und nie pflegte ein Sohn einen alten, oft kränk⸗ lichen und mürriſchen Vater mit größerer Zärtlichkeit. Von ganzem Herzen liebte er den alten Mann, der ihn von einem zarten Schößling zu einem kraftvollen Stamme ——ͤͤͤ— —— aufgezogen hatte, deſſen Krone, wie er hoffte, einſt gute Früchte tragen würde. Vorſorglich bot er Allem auf, um dem dafür er⸗ kenntlichen Profeſſor jede Stunde zu verſüßen, und als die Nachricht von Hilda's Verlobung mit Paſtor Wal⸗ linder eintraf, klopfte zwar ſein Herz etwas ſtärker, als gewöhnlich; aber dies verging bald, und war der letzte Schmerz, der in dieſer Beziehung bei ihm auftauchte. Ferdinand wurde wieder ein artiger und feiner Ge⸗ ſellſchafter, der Günſtling aller Damen, aber nie wieder ein Bruder Liederlich. Die väterliche Güte des Profeſſors und Roſa's ſchweſterliche Freundſchaft wirkten wohlthuend auf ſein Herz. So war ein Jahr verfloſſen, als der Greis eines Abends zu ihm ſagte:„Mein lieber Ferdi⸗ nand! es fängt an, mit dem alten Ling zu Ende zu gehen. Ich fühle täglich mehr, daß meine Kräfte ab⸗ nehmen, und da ich weiß, daß Du jetzt ein geſetzter und braver Burſche, ein wahrer Mann geworden biſt, ſo würde es mir eine große Freude machen, wenn ich Dich vor meinem Hingang gut verheirathet ſähe. Ich möchte ſo gerne außer Roſa noch eine Tochter um mich haben, da jene uns wahrſcheinlich bald verlaſſen wird.“ Der Kapitän wußte im Vertrauen von Mannerſtedts Verbindung mit Roſa, und verſtand deßhalb die Andeu⸗ tung des Onkels; offenherzig erwiederte er:„Auch ich, beſter Onkel, habe viel über dieſe Sache nachgedacht, und mir in meinem Herzen ſchon ein Mädchen auser⸗ ſehen, das, wie ich hoffe, dieſen Platz ausfüllen kann, und mit dem ich glücklich werden dürfte, wenn ſie mich liebt; aber das weiß ich noch nicht, und wage es kaum zu glauben.“ „Nun, wer ſollte denn das ſein? fragte der Pro⸗ feſſor in freudiger Verwunderung.„Diesmal haſt Du es verſtanden, Dein Geheimniß zu bewahren. Ich habe nicht die geringſte Ahnung davon, wen Du meinen kaunſt, bin jedoch neugierig, es zu vernehmen.“ ‿ ☛ A — ‿———9 n——— 2* gleich zur Feier der Vorſtellung auserſehen. Dabei ſo „Meine Auserwählte,“ erwiederte Ferdinand,„iſt die ſchöne Tochter des Kronvogtes Ahlmark, Ka⸗ roline.“ „Aha! ich konnte mir wohl denken, daß es etwas Neues ſein würde,“ lächelte der Profeſſor.„Die Mäd⸗ chen in H— ſind zu altmodiſch, Du haſt ſie zu lange geſehen. Der Kronvogt Ahlmark iſt ja erſt in die Ge⸗ gend gekommen; nicht?“. Vor einem halben Jahre. Ich war ſchon vorher näher mit ſeinem Sohne, dem Lieutenant Ahlmark, be⸗ kannt, und ſeitdem ſind wir noch vertrauter geworden. Der Herr Onkel wird jetzt leicht begreifen, woher ſich meine Liebe zur Jagd ſchrieb, über die ſich der Onkel ſo ſehr verwundert hat, da ich mich vorher nie ſonder⸗ lich damit befaßt hatte. Bei dieſen Fahrten und unter dieſem Vorwand kam ich oft nach Brantingfors, wo ich immer wohl aufgenommen wurde, und mit jedem Beſuche fühlte ich es immer wärmer unter der linken Bruſttaſche.“ „Hm!“ ſagte der Profeſſor;„ich möchte das Mäd⸗ chen ſehen, ehe ich meine Meinung über die Sache aus⸗ ſpreche. Wir müſſen es auf irgend eine Art anſtellen, daß ich ſie hieher bekomme.“ „Nichts iſt leichter,“ meinte Ferdinand.„Wir müſſen mit Roſa rathſchlagen; ſie iſt mit Karolinen bekannt, und kann ſie ſehr wohl leiden. Wir werden die Sache bald im Reinen haben.“ Im Augenblick war der Ka⸗ pitän über der Straße und im Hauſe des Kommerzien⸗ raths, von wo er in einigen Minuten in Geſellſchaft Roſa's zurückkam. Jetzt begann eine ordentliche Be⸗ rathung über die paſſendſte Art, wie man Fräulein Ahl⸗ mark im Hauſe des Profeſſors einführen ſollte. Bis 5(künftige Weihnachten gab es reiche Ausſichten für dieſen Wunſch, und der Ball am zweiten Feſttage wurde ju⸗ lte 336 es folgendermaßen zugehen: Roſa ſollte Karoline von Seite ihrer Eltern einladen, während der Zeit ihres Aufenthalts in der Stadt in ihrem Hauſe zu wohnen. Wenn ſich Roſa zum Balle oder zu irgend einem andern Vergnügen angezogen hatte, pflegte ſie immer zuerſt zum Profeſſor hinüber zu gehen, um ſich zu zeigen und Ab⸗ ſchied zu nehmen. Natürlich würde ſie auch diesmal daſ⸗ ſelbe thun, und dabei Karoline Ahlmark bitten, ſie zu begleiten, was dieſe wahrſcheinlich nicht abſchlug, wenn ſie ein zärtlicheres Gefühl für Ferdinand hegte. Geſagt, gethan. Der zweite Feſttag kam, und mit ihm Fraͤulein Ahlmark wohl eingepackt in die Schlitten⸗ decke, mit Ferdinand als Führer und ihrem Bruder als Beſchützer. Die Geſellſchaft ſtieg bei dem Kommerzienrath ab, wo ein guter, warmer Kaffee ſie erwartete. Bald darauf gingen die jungen Mädchen auf Roſa's Zimmer, um über den Anzug Rath zu halten, und als Alles fertig war, und der Spiegel die reizenden Bilder im vollen Glanze ihrer geſchmackvollen Balltrachten zurückwarf, ſagte Roſa einfach und unſchuldig: „Weißt Du, liebe Karoline, daß ich gewohnt bin, nie zu einem Vergnügen zu gehen, ohne zuvor bei meinem alten lieben Freund, dem Profeſſor Ling, geweſen zu ſein? Willſt Du nicht mit mir gehen, es iſt gleich hier neben an?“ „Ach nein, meine Beſte! das geht gewiß nicht!“ antwortete Karoline erröthend, ſchien jedoch nicht ungerne zu hören, daß Roſa ſie zu überreden ſuchte. Roſa, wohl⸗ bewandert in dieſen Myſterien, ſpielte ſo glücklich die Rolle des liebenswürdigen Eigenſinns, daß Karoline end⸗ 4 lich nachgab; und in ihre Mäntel gehüllt eilten ſie über ſddie Straße. Der Profeſſor hatte es ſo veranſtaltet, daß er allein war, wenn ſie anlangten, daß ſich aber Ferdinand eine Weile ſpäter einſtellen ſollte. Im Saale legten die 1 . wiſſe 1 und keit Klei muth worfe gekär in ei uten ieblie beugt lich, Rühr! und v bracht Gemü gewich Ballſt S leichter blinzel hat ſei Der naete die Thüre zu dem gelben Zimmer, das ungewöhnlich 4⸗„Guten Abend, beſter Onkel,“ ſagte Roſa,„erlaube Ballſtaat und von Lebensluſt und frohem Muthe ſtrahlend. 337 — geſchmückten Mädchen ihre Oberkleider ab, und Roſa öff⸗ erleuchtet war, und wo der Profeſſor in einer Sophaecke ſaß und wartete. mir, Dir eine gute Freundin vorzuſtellen, Karoline Ahl⸗ mark; ich habe ſie mit mir genommen, weil ich weiß, daß der Onkel an ſchönen Mädchen Gefallen hat.“ Schüchtern und zitternd, zugleich aber mit einer ge⸗ wiſſen Ahnung, daß dies nicht von einer reinen Zufällig⸗ keit herrühre, nahte ſich die reizende Karoline. Ein weißes Kleid umſchloß in reichen Falten ihre üppigen Formen, zund über die blendenden Schultern war leicht und an⸗ muthig ein langer Shawl von hellblauer Florſeide ge⸗ worfen. Das Haar von glänzender Schwärze war glatt gekämmt und ohne weitere Zierde als eine weiße Roſe in einen Immortellenkranz verflochten. Die einfache, ſchmuckloſe Tracht behagte unſerem“ guten Profeſſor ſehr, und noch mehr that dies die holde, liebliche Geſtalt, die ſich tief über ſeine Hand herab⸗ beugte, um ſie zu küſſen.. —„Willkommen, Karoline,“ ſagte der Profeſſor freund⸗ lich, und küßte das Mädchen auf die hohe, ſchöne Stirne. Karoline erröthete tief. Sie konnte ſich die große Rührung nicht erklären, die ſie bei dieſer freundiſchen und vertraulichen Begrüßung des Greiſen empfand. Roſa brachte jedoch bald mit ihrem gewöhnlichen Takte das Gemüth des verwirrten Mädchens in das nöthige Gleich⸗ gewicht. Man ſetzte ſich, und jetzt kam der Kapitän im Die Augen des Profeſſors waren bei Ferdinands“ leichter Begrüßung auf Karoline geheftet, und zufrieden blinzelte er Roſa zu, wie wenn er ſagen wollte:„Alles hat ſeine Richtigkeit. Die Sache macht ſich!“ Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. 22 338 mich morgen früh, meine jungen Damen; ich lade Euch zum Frühſtück ein.“ Mit Vergnügen verſprachen die Mädchen ſich ein⸗ e zufinden, verneigten ſich noch einmal, hüllten mit Fer⸗ dinands Hülfe die Mäntel um die leichten, reizenden Ge⸗ ſtalten, und fuhren ſo zu dem großen Balle auf dem Rathhaus. Am folgenden Morgen, etwas früher als ſich die jungen Damen zum Frühſtück des Profeſſors Ling be⸗ geben ſollten, kam Ferdinand, um nachzufragen, wie ſie ſich nach dem Balle befänden. Da Roſa merkte, daß der Kapitän damit noch einen andern Zweck verband, entfernte ſie ſich unter einem ſchicklichen Vorwande; und da Ferdinand dieſe Gelegenheit benützen wollte, ſetzte er Karolinen von ſeinen Gefühlen in Kenntniß, bat um ihre Gegenliebe, und erhielt ihr züchtiges Jawort. Jetzt konnte man mit Grund ſagen, daß das Früh⸗ ſtück des alten Ling ein wahres Feſtmahl wurde, da der alte, ſchlaue Profeſſor wohl begriff, wie weit die Sache ſeit geſtern gediehen war. Er war jedoch zu behutſam, um dies merken zu laſſen, ehe Ferdinand in gewöhnlicher Ordnung ſich an die Eltern gewendet und um die Hand des Mädchens angehalten hätte. Aber ſobald Karoline abgereist war, ſprach er zu ſeinem Neffen:„Jetzt, mein Junge, mußt Du Dich auf den Weg machen, und zwar auf eine anſtändige Art, wie es ſich für einen braven Kerl geziemt, wenn er freien und ſich verheirathen will. Du biſt jetzt ſchuldenfrei, haſt Deine Gage, ohne daß Andere Dein Einkommen theilen, und dazu meine väter⸗ liche Einwilligung zu dieſer Verbindung; denn Karoline iſt, ſo weit ich beurtheilen kann, ein gutes, anſpruchloſes und liebenswürdiges Mädchen, das am beſten von all denen, die in Vorſchlag waren, für Dich paſſen wird. Doch die Ballſtunde war da; die jungen Leute ſtan⸗ den auf. Beim Abſchied ſagte der Profeſſor:„Beſucht Ihr mög genu Nun zude näch Nack ſchre Prof bat um e man liegen Man war. den empfe günſt mark dem Verſi Tocht trag 8 und d die E auf vor ſi und 3u gerühr ſorech dieſem Mann Ihr ſollt hier bei mir wohnen, bis ich ſterbe. Dann mögt Ihr höher bauen, wenn Euch das Haus nicht groß genug ſcheint, aber bis dahin muß es bleiben, wie es iſt. Nun, nun! es iſt ſchon noch Zeit, weiter darüber nach⸗ zudenken; wir wollen uns jetzt an das machen, was zu⸗ nächſt vorliegt; und, um Deinem Antrag einen größeren Nachdruck zu geben, will ich einige Zeilen an Ahlmark ſchreiben.“ Am andern Vormittag reiste der Kapitän mit des Profeſſors Brief in der Taſche nach Brantingfors ab, bat mit einem wichtigen Lächeln den Herrn Kronvogt um eine Unterredung unter vier Augen, und trug, als man auf das Zimmer deſſelben gekommen war, ſein An⸗ liegen mit all' der Gewandtheit vor, die man von einem Manne erwarten konnte, der ſo geübt in Freiersgeſchäften war. Er ſchloß mit der Uebergabe des Briefs, was in den Augen eines künftigen Schwiegervaters ein höchſt empfehlender Umſtand war. Auch fiel ſeine Antwort ſo günſtig aus, als man nur wünſchen konnte, und Ahl⸗ mark ließ auf das Freundſchaftlichſte und Verbindlichſte dem Profeſſor ſeinen Gruß bringen mit der herzlichen Verſicherung, daß er ſowohl für ſich ſelbſt, als für ſeine Tochter höchſt geſchmeichelt und geehrt durch dieſen An⸗ trag ſei. 4 Als dieſer Punkt im Reinen war, wurde die Mama und die Braut gerufen. Die jungen Leute küßten ſich, die Eltern hielten Reden und nie ging eine Verlobung auf eine ordentlichere und weniger romantiſche Art vor ſich. Erſt ſpät am Abend kehrte der Kapitän in die Stadt und zu ſeinem alten, väterlichen Freunde zurück, der ihn zerühr in die Arme ſchloß und das feierliche Ver⸗ prechen gab, daß, wenn er bis Johannis lebte, er an dieſem ſeinem Lieblingsfeſte Ferdinands und Karolinens, Mannerſtedts und Roſa's Hochzeit zugleich feiern würde. 22* 340 Während der Weihnachten hielt ſich Karoline nach dem Wunſche des Profeſſors im Hauſe des Kommerzien⸗ raths auf; und während der täglichen Beſuche, die ſie während dieſer Zeit theils mit Roſa, theils allein bei ihm machte, lernte er Karolinen immer mehr lieben und ſchätzen. Dieſe bemühte ſich auch ihrerſeits auf das Höchſte, dem alten Manne zu gefallen und jeden ſeiner Wünſche zu errathen. Die nach der Anſicht des Profeſſors ſo wichtige Kunſt, Thee zu bereiten, erlernte ſie bald bis zur Vollkommen⸗ heit, und oft ſagte der Greis ſcherzend: daß ſie darin Noſa, ja ſogar Hilda übertreffe. Dieſe letztere und bis⸗ weilen auch ihre Eltern machten oft den Gegenſtand des Geſpräches in dem kleinen Kreiſe aus, und alle Briefe, die von Hilda anlangten, athmeten nur Freude und Seligkeit. Ferdinand hatte gleich nach ſeiner Verlobung mit Karoline Ahlmark einen langen und freundſchaftlichen Brief an Hilda geſchrieben, und ſie darin gebeten, ihm wie Roſa eine holde Schweſter und gute Freundin zu ſein, und ihm zur Bekräftigung deſſen die Verſicherung zu geben, daß er ihr wieder als Verwandter und Freund theuer ſei. Karoline ſchrieb einige Zeilen in eine Nachſchrift, und Hilda's herzliche Antwort auf dieſen Brief drückte die wärmſte Theilnahme an ihrem Glück und die freund⸗ liche Verſicherung aus, daß jetzt aller alte Groll vergeſſen ſei, da ſie ja beide zu glücklich wären, um ſich an etwas Anderes erinnern zu können, als an die reine Freund⸗ ſchaft ihrer Kindheit. Doch wir vergeſſen während unſerer langen Abſchwei⸗ fung, daß unſer alter, ehrlicher Profeſſor Ling noch auf der Treppe ſteht. Es iſt Zeit, ihn mit allen Chren in den Saal der Familie Widen zu geleiten. ſtets und mußt öſte, 3 ſche inſt, ꝛen⸗ arin bis⸗ des jefe, und mit chen ihm ſein, ben, ſei. rift, ickte und⸗ eſſen was und⸗ wei⸗ auf n in Die längſt erwartete Werbung. Der Kommerzienrath war jetzt durch geſchickte und glückliche Speculationen wieder ein ziemlich wohlhabender Mann geworden, der, wenn er auch den Kopf nicht ganz ſo hoch trug, wie in früheren Tagen, es doch hinlänglich that, um zu erkennen zu geben, daß er ſich wieder auf feſtem Boden fühlte. Das Kapital, welches ihm der Pro⸗ feſſor vorgeſchoſſen hatte, war längſt heimbezahlt. Und auch die meiſten ſeiner alten Gläubiger hatten vollen Erſatz erhalten. Der Handel war blühend und ſein Kredit offen; deſſen ungeachtet vergaß weder der Kommerzienrath noch ſeine Frau, die jetzt wieder ihre kleinen Geſellſchafts⸗ kreiſe hatte, wo ſie das Wort führte, daß ſie ihrem zu⸗ verläſſigen Freunde, dem guten Profeſſor, innige Dank⸗ barkeit ſchuldig waren. Und ſomit ſtanden ſie mit ihm ſtets auf dem freundſchaftlichſten Fuße. Die Hoffnung, daß der Profeſſor um Roſa werben würde, gab man jedoch auf, da man nie etwas davon verſpürte; doch blieb Ro⸗ ſa's Widerwillen gegen eine eheliche Verbindung, da ſie auch während des letzten Jahres ein vortheilhaftes Auer⸗ bieten erhalten hatte, noch immer unerklärlich. Als der Profeſſor an dieſem Nachmittage eintrat, fand er den Kommerzienrath mit ſeiner Familie beim Kaffee. Mit allen Zeichen der Achtung und Freude wurde der theure, ſeltene Gaſt begrüßt; aber Roſa, die einen Wink von dem Zweck des Beſuches erhalten hatte, nahm ihre Zuflucht zu einem entlegenen Zimmer, wo der letzte, von inniger Liebe volle Brief ihres Geliebten ſie über die lange, angſtvolle Stunde tröſtete, die ſie hier einſam une in der Erwartung eines Rufes von Papa, zubringen mußte. Nachdem der Profeſſor den Kaffee mit der Familie 342 getrunken, und die Kommerzienräthin ihm einen großen Lehnſtuhl hingeſetzt und all' die kleinen Bequemlichkeiten, die ſie erſinnen konnte, um ihn her gepflanzt hatte, ſetzte ſie ſich neben ihn und fragte ihn zum dritten Mal nach ſeiner Geſundheit. V „Nun,“ ſprach der Profeſſor, dem ſie jetzt einmal Zeit zur Antwort ließ; meine Geſundheit iſt nicht ſo übel; aber die Kräfte, die Kräfte nehmen immer mehr ab, und überzeugen mich täglich, daß man ſich in einem Alter von ſieben und ſiebenzig Jahren nicht mehr ſehr darauf verlaſſen kann. Kurz, ſie erinnern mich an meinen baldigen Hingang, und damit verknüpft ſich der Gedanke, ſo weit es in meiner Macht ſteht, das Glück derer zu begründen, die ich während meines Lebens geliebt habe, und die meinem Herzen zunächſt ſtanden.“ „Möchte dieſe Zeit noch weit entfernt ſein, mein würdiger Freund,“ entgegnete der Kommerzienrath nicht ohne wirkliche Rührung,„und möchten wir Alle den Herrn Bruder noch lange unter uns ſehen! Ich weiß, daß Niemand einen andern Wunſch hegt.“ „Ach nein!“ ſeufzte die Kommerzienräthin, höchſt gerührt bei der Vorſtellung, daß der alte Ehrenmann jetzt das Glück derer begründen wolle, die ſeinem Herzen zunächſt geſtanden waren,„ach nein! Niemand kann einen andern Gedanken haben, Herr Profeſſor! denn dieſe vä⸗ terliche Güte und Milde hat mit den ſtarken Banden der Dankbarkeit die Herzen derer an Sie gefeſſelt, die Ihrem Edelmuthe Alles zu danken haben.“ „Nicht ſo, meine liebe Frau!“ erwiederte der Pro⸗ feſſor, etwas verwirrt über ſo viel Herzlichkeit von Seiten der Kommerzienräthin.„Was die Herrſchaften betrifft, ſo iſt die kleine Beihülfe, die ich Ihnen gewähren konnte, längſt abgemacht. Ich dachte hauptſächlich an Roſa, die ich liebe, wie wenn ſie meine eigene Tochter wäre; und nun ohne Umſchweif zu reden, es iſt ihretwegen, daß ich heute hieher kam.“ 1 343 Jetzt erwachte der alte Argwohn einer Heirath auf's Neue und mit verdoppelter Stärke bei der Kommerzien⸗ räthin.—„Ach die edle Seele!“ dachte ſie,„er hat ſich nicht früher mit ihr verbinden wollen, als auf dem Dod⸗ tenbette; aber dann ſollte es geſchehen, um ſie geſetzlich zur Erbin einſetzen zu können.“— Bei dieſer Probe von Edelmuth und feinem Zartgefühl fing ſie an zu weinen, und antwortete demzufolge:„Ach, beſter Herr Profeſſor! wie glücklich macht mich nicht dieſer Gedanke, den ich längſt gekannt und zu ſchätzen gewußt habe! Aber warum können wir nicht hoffen, daß uns unſer alter, theurer Freund noch lange ſeine Gegenwart ſchenken wird.“ „Was hat denn die Frau Kommerzienräthin ſchon längſt gekannt und zu ſchätzen gewußt?“ fragte der Pro⸗ feſſor mit einem Lächeln, ganz dem ähnlich, welches ehe⸗ mals über ſeine Lippen ſchwebte, und das die gute Frau ganz und gar aus dem Konzept brachte. „Ich?— ach, ja! was ich gekannt und zu ſchätzen gewußt habe? Welche Frage, lieber Profeſſor Ling! Es iſt natürlicherweiſe das Wohlwollen unſeres theueren und geachteten Freundes für Roſa, was ich meine.“ „Ja, das glaube ich gerne; aber ich fürchte, Ma⸗ dame Widen hat ſich etwas über den Grund dieſes Wohl⸗ wollens getäuſcht. Doch Mißgriffe gehören zur täglichen Ordnung des Lebens, wir wollen das bei Seite laſſen.“ Und dabei verzog der Profeſſor recht herzlich den Mund zum Lachen. Etwas Würdiges, etwas, das bewies, daß es jetzt Ernſt werden würde, lag dagegen in ſeinem Tone, als er auf's Neue begann:„Die Herrſchaften dürften ſich erinnern, daß, als ich den Vorſchlag machte, dem Bruder Widen wieder zu Kredit und Auskommen zu verhelfen, ich zugleich erwähnte, daß Roſa wahrſcheinlich deßhalb Garbens Antrag abwies, weil ihr Herz ſchon ſeine Wahl getroffen habe?“ „Ach ja, ja!“ nahm die Kommerzienräthin heftig — — ——y — (Rr zegnt er es zmeem das Wort,„daran habe ich ſeit zwei Jahren beſtändig ge⸗ dacht. Sollte die Stunde jetzt da ſein, wo dieſes Räth⸗ ſel enthüllt wird?“ „Ja!“ antwortete der Profeſſor,„dieſe Stunde iſt wirklich da, und der, dem Roſa's Gefühle längſt und einzig gewidmet waren, bittet jetzt durch mich die gütigen Eltern um ihre Hand.“ „Und wer in Gottes Namen iſt es denn?“ tönte es zuleich von den Lippen des Kommerzienraths und ſeiner Frau. Langſam und mit Gewicht in ſeinem Tone ſprach der Profeſſor:„dieſer junge Mann, der Ihr Sohn zu heißen wünſcht, der mit der wärmſten kindlichen Liebe und Ach⸗ tung an den Eltern ſeiner Roſa hangen wird, und ihrer ſo vollkommen würdig iſt, daß ich, wenn ſie meine eigene Tochter wäre, ihn unter Hunderten, ja unter Allen wäh⸗ len würde, dieſer Eine iſt der Magiſter der Philoſophie und Rector an der Schule in B—, Herr Franz Man⸗ nerſtedt.“ Der Kommerzienrath ſaß ſtumm, die Frau ſprach nur mit etwas ſchleppendem Tone:„Ma— Ma— Man⸗ nerſtedt!“ „Der arme Kandidat in der Dachkammer!“ rief der Kommerzienrath, allmählig von ſeinem Erſtaunen zurück⸗ kommend.„Der Herr Bruder beliebt zu ſcherzen?“ „Scherzen?“ verſetzte der Profeſſor mit finſterem Blick. „Ich ſcherze jetzt eben ſo wenig, als ich damals ſcherzte, wo ich den Herrn Bruder mit meinem erſten Vorſchlage beſuchte. Was ich ſage, das ſage ich, und dabei bleibe ich, und Franz Mannerſtedt, nicht der arme Kandidat in der Dachkammer, ſondern der junge Rector in B—, der ein einträgliches Amt hat, das ihm mit der Zeit ein Pa⸗ ſtorat verſchafft, iſt am würdigſten, Roſamzu bekommen. Ueberdies erhält er von mir eine Ausſteuer, die ihn in den Stand ſetzt, ſein Haus zu einer ſehr angenehmen Stätte für ſeine junge Frau einzurichten.“ 345 Der Kommerzienrath ſchwieg; der alte, ſchlummernde, aber nicht vergeſſene Stolz begann auf's Neue ſeine Stimme in ihm zu erheben; aber ſeine Lippen blieben ver⸗ ſchloſſen, bis er den Ausſpruch ſeines Weibes in dieſer ſonderbaren Angelegenheit gehört hatte. Mannerſtedt war immer der Günſtling der Kommer⸗ zienräthin geweſen, und der Gedanke, den liebenswürdigen, beſcheidenen und artigen Jüngling wieder zu ſehen und ihn Sohn nennen zu dürfen, erfüllte ſie mit wahrer Freude, um ſo mehr, als ſie hörte, daß der junge Rector ſeiner Frau ein anſtändiges Auskommen bieten könne, und über⸗ dies eine Ausſteuer von ſeinem alten Freunde zu erwarten habe. Die Sache hatte ſomit nicht die geringſte Bedenk⸗ lichkeit vor ihren Augen; und von dem abgebrochenen Ausrufe:„Ma— Ma— Mannerſtedt!“ ging ſie in die herzlichen Worte über:„Was? er, der liebe Junge, mein eigentlicher Liebling, den ich mit wahrer Mutterliebe be⸗ ſchützte? Ja, mein beſter Profeſſor Ling, mit großer Freude werde ich ihn als Sohn empfangen. Ei was für ein ſchönes Paar wird er und Roſa geben! Aber Herr⸗ gott, daß ich davon nichts gewußt, nicht daran gedacht oder davon geträumt habe; ich, die doch ſonſt ſo ſcharf⸗ ſinnig in der Deutung ſolcher Dinge bin! Aber Widen, mein Alter, wie iſt's mit Dir? Du ſiehſt ſo mißmuthig drein, ich will nicht hoffen, daß Dir dieſe Wahl nicht behagt. Ei du meine Güte; hätte ich mir das nur träu⸗ men laſſen!“ Der Kommerzienrath fand allerdings ſeiner Anſicht nach die Parthie zu gering für ein Mädchen von Roſa's Talenten, Schönheit und Reiz; aber zugleich ſah er au⸗ genblicklich ein, daß es zu nichts führen würde, hier Ein⸗ wendungen zu machen, wo der Profeſſor und ſein Weib ſeine Gegneaden, und Roſa's bitten de Blicke, die ohne Zweifel nicht ausbleiben würden, als Bundesgenoſſen hal⸗ fen. Beſonders aber ergab er ſich deshalb darein, weil die Freundſchaft des Profeſſors, dieſer hohe Preis, leicht dabei verloren gehen konnte. Seine Antwort war deßhalb ſehr verbindlich:„Was Bruder Ling für Roſa's Zukunft beſchließt, oder, wie es ſcheint, ſchon beſchloſſen hat, be⸗ ſitzt meinen vollkommenen Beifall, obwohl mir freilich, ich kann es nicht läugnen, Mannerſtedts Bild noch immer in dem knappen, ſchwarzen Fracke und mit der Geige un⸗ term Kinn am Notenſtänder ſtehend, vorſchwebt. Doch ich zweifle nicht,“ ſetzte er ſchnell hinzu, als er einen Blick auf die gerunzelten Augbraunen des Profeſſors warf, „ich zweifle durchaus nicht, daß, ſeitdem er die Gradirung und Prieſterweihe erhalten hat und in einem Amte ſitzt, ſein Aeußeres in der einen, wie in der andern Hinſicht jedem Andern entſpricht, denn unläugbar war unſer klei⸗ ner Dachſtubenkandidat ein ſehr hübſcher Jüngling. Doch wo iſt Roſa? Wir müſſen ſie herbeiholen, um zu ſehen, wie ſie der neue Brautſtand kleidet.“ Mit dieſen Worten ging der Kommerzienrath ſelbſt nach dem Zimmer ſeiner Tochter, und führte die über⸗ glückliche Roſa zum Profeſſor hin, indem er ſagte: „Nun, ſo ſag' uns jetzt, mein Kind, ob ſich die Sache wirklich ſo verhält, wie Dein alter Freund behauptet? haſt Du wirklich ſchon ſeit mehreren Jahren den armen Muſiklehrer geliebt, und iſt es der höchſte Wunſch Deines Herzens, Pfarrerin in der kleinen Stadt B— zu werden?“ „Ja, das weiß Gott, mein geliebter Vater! ich kenne keinen höheren,“ antwortete Roſa klar und deutlich, indem ſie ſich über ſeine Hand beugte und ſie an ihre Lippen führte:„Nein, keinen höheren Wunſch,“ ſetzte ſie noch einmal hinzu,„als den, Mannerſtedts Loos theilen zu dürfen, mag es nun aus hellen oder düſteren Tagen beſtehen; denn mein Herz hat ihm gehört von dem Angen⸗ blick an, wo er als Bittender auf der Sähzwelle meines Vaters ſtand. Ja, ſeither habe ich ihn geliebt, und mein Leben iſt mit dem ſeinigen innig verkettet.“ „Nun, mein Schatz,“ ſprach der Kommerzienrath lachend und wandte ſich zu ſeiner Frau,„komm' jetzt her, und ſag' mir noch einmal, daß ſich Roſa nicht auf die Liebe verſtehe. Aber, mein Mädchen, antworte mir noch auf Eine Frage: wenn Du Mannerſtedt ſchon ſo lange Zeit liebteſt, warum gabſt Du denn dem Kapitän Dein freiwilliges Jawort, als er um Dich warb?“ Darum, beſter Vater, weil ich es damals für die undenkbarſte Sache hielt, daß ich je mit dem vereinigt werden könnte, deſſen Bild in meinem Herzen wohnte; und ich gab deßhalb Ferdinand mein Verſprechen, weil es mir gleichgültig war, wer es erhielt, wenn es nur ein Ehrenmann war.“ „Nun aber, wenn Du ſo nachgiebig dachteſt, liebe Roſa, warum nahmſt Du das Anerbieten des Großhänd⸗ lers Garben nicht aus demſelben Grunde an.“ „Ach, beſter Papa, die Dinge hatten ſich mit der Zeit ganz anders geſtaltet. Unſere damalige Armuth machte mich mit dem Gedanken vertraut, daß ich möglicherweiſe meine geheimen Wünſche verwirklicht ſehen könnte. Und als Mannerſtedt am Abend des erſten Februars 1828 kam, um Abſchied zu nehmen, und weder Papa noch Mama mit ihm ſprechen konnten, damals, o was ſoll ich weiter ſagen! damals fanden unſere Gefühle Worte, und er er⸗ hielt das Verſprechen meiner Treue.“ „Was ſagſt Du, Mädchen?“ brach die Kommerzien⸗ räthin los, außer Stand, länger zu ſchweigen, ſo gerne ſie auch weiter gehört hätte.„Nach dieſer Berechnung warſt Du ja ſchon mehr als zwei Jahre mit Manner⸗ ſtedt verlobt, und das ohne Deiner Eltern Wiſſen und Willen! Herr Gott, wie undankbar doch die Kinder ſind! Du, die eine ſo zärtliche und gütige Mutter hatte, konnteſt ihr Dein Vertrauen entziehen! Nein, Roſa, das hätt' ich nie geglaubt; ich meinte einigen Grund zu ha⸗ bere um von Dir mehr Offenheit und Liebe erwarten zu dürfen.“ 348 Doch die Mama konnte jetzt nicht weiter ſprechen; Roſa lag an ihrer Bruſt und bat ſie ſchmeichelnd um Verzeihung.„Liebe, gute Mama! wie viel Kummer hatte Mama nicht zu dieſer Zeit! Würde es nicht ein neuer für ſie geworden ſein, wenn ſie erfahren hätte, daß ich mein Herz und meine Hand einem armen Jüngling mit ſo geringen Ausſichten wie Mannerſtedt verlobt hätte? Und wahrſcheinlich würde er auch die Stelle noch nicht erhalten haben, die er jetzt einnimmt, wenn er nicht von unſerem beiderſeitigen edlen und väterlichen Freunde, dem Profeſſor Ling, und einem alten Bekann⸗ ten unterſtützt worden wäre, den mein Mannerſtedt in ſeiner Geburtsſtadt B— beſitzt.“ „Aha! alſo der Profeſſor iſt Dein Vertrauter ge⸗ weſen?“ ſagte die Kommerzienräthin, und ſah mit einem ſchalkhaften Lächeln auf den alten Mann, der mit einigem Vergnügen ſeine Arbeit vollendet ſah. „Ja, das war ich, meine beſte Frau,“ ſprach er in froher Rührung.„Ich muß es bekennen, die jungen Leute ſuchten ihre Zuflucht bei dem alten Ling, und ich faßte ſie unter die Arme, um den Schwingen etwas mehr Feſtigkeit zu geben, mit denen die Liebe ſie in weite Räume hinaustrug. Jetzt iſt mein Werk baldvollends geendet, und mein letzter Wunſch nächſt dem für die irdiſche Glückſeligkeit meiner Schützlinge iſt der, an einem Tag eine doppelte Hochzeit zu machen. Ja, Mannerſtedt und Roſa, Ferdinand und Karoline, ſollen ohne alle über⸗ flüſſigen Ceremonien in meinem Saale getraut werden; denn meiner Anſicht nach feiert man ſolche Feſtlichkeiten am beſten ſo ſtill als möglich.“ „Aber um Gotteswillen, mein lieber Profeſſor!“ fiel die Kommerzienräthin erſtaunt ein,„wozu denn jetzt ſchon von der Hochzeit ſprechen? Wir haben ja noch nicht einmal eine ordentliche Verlobung gehabt, und den Bränutigam noch nicht geſehen!“ ————,——,,— 9,————————,———— „Was das Erſtere betrifft,“ ſprach der alte Ling, „ſo meine ich, eine Verlobung, die zwei und ein halb Jahr gedauert hat, mag ordentlich genug ſein, und als Ant⸗ wort auf den zweiten Einwurf muß ich bemerken, daß wir den Rector am Tage vor Pfingſten hier haben wer⸗ den. Die Ringe habe ich beſtellt, und die können ſie ohne weiteres Weſen wechſeln, während wir Alten dabei ein Glas von meinem Rheinwein auf ihr Wohlergehen leeren. Dann iſt meine Meinung, daß wir ohne wei⸗ teres Zögern das Aufgebot ergehen laſſen, und an Jo⸗ hannis Hochzeit halten. Ueber das Letztere hat jedoch Mannerſtedt noch keine Gewißheit, ſondern nur eine ent⸗ fernte Hoffnung. Aber die Sache hat um ſo weniger Schwierigkeiten, als ich ſchon lange mit einem alten Freund ſeiner Eltern und mit ihm ſelbſt Briefe darüber gewechſelt habe; und dieſer Ehrenmann, der Rathsherr Sifver, hat mir verſprochen, während Mannerſtedts Ab⸗ weſenheit Alles vollends herrichten zu laſſen, was noch zum Empfange des jungen Paares fehlen könnte. Und ſollte eines oder das andere der jungen Frau nicht ganz gerecht ſein, ſo wird ſie ihre kleine Kaſſe unter die Hand bekommen, womit den etwaigen Mängeln abgeholfen werden kann. Der Rathsherr Sifver hat überdieß Man⸗ nerſtedt einen noch größeren Dienſt geleiſtet. Er hat ihm ſechs Wochen Urlaub verſchafft, was er nicht eher erfährt, als bis er hieher kommt, und außerdem wirkte er ihm noch eine zweite Vergünſtigung aus, die nicht zu verachten iſt: er hat nämlich Hoffnung, eine Frage durch⸗ zuſetzen, die ſchon längſt unentſchieden geruht hat, näm⸗ lich eine Erhöhung des Rectorgehaltes.“ Der gute Profeſſor wollte alle ſeine Neuigkeiten auf einmal auftiſchen, um dadurch der Kommerzienräthin jede Luſt zum Widerſtand zu benehmen. Und er erreichte auch dieſen Endzweck, denn Madame Widen war, wie wir wiſſen, höchſt erkenntlich; und als ſie jetzt, ſo ſchnell es 350 ihr beinahe ſchwindelnder Kopf erlaubte, den Sprüngen in der freundlichen Erzählung des Profeſſors folgte, war ſie am Ende ſo erfreut über Alles, und ſo müde, weiter zu gehen, daß ſie ganz zufrieden ausrief:„So mag es denn in Gottes Namen ſein, wie unſer edler Freund es ausgedacht hat! Seiner Bemühungen für Roſa waren ſo viele und ſo große, daß er das Recht verdient hat, die Feierlichkeiten nach ſeinem Geſchmack anzuordnen. Widen, mein beſter Mann, ich bin überzeugt, daß Du hierin ganz meiner Meinung biſt?“ „Durchaus, liebe Brigitte Marie,“ erwiederte der Kommerzienrath, der es ſehr zufrieden war, die Sache ſo ganz abgemacht zu ſehen, da ſie ja nun einmal auf alle Fälle durchgehen mußte.„Ich bin's zufrieden, und wir beide vereinigen unſeren herzlichen Dank gegen Bruder Ling für all die Mühe und Sorge, die er um das Wohl unſeres Hauſes gehabt hat.“ Der Profeſſor empfing die dargebotene Hand, und obſchon er recht wohl ſah, daß der alte Hochmuthsteufel noch immer im Kommerzienrath ſteckte, ſo nahm er doch Alles für baare Münze und that, als merke er es nicht, daß die Herzlichkeit etwas kalt und erkünſtelt war. Auf Seiten der Frau Mama fand er ſie jedoch etwas natür⸗ licher, und deshalb erhielt Madame Widen den erſten Handdruck während ihrer langen Bekanntſchaft. Roſa's Gefühle konnten ſich erſt gegen Abend recht Luft machen, wo ſie ihren alten, theuren Freund nach Hauſe begleitete. Als ſie nun auf dem wohlbekannten Sopha in dem kleinen gelben Zimmer bei einander ſaßen, da fühlte ſie ihr Herz leichter und mit der tiefſten Rüh⸗ rung dankte ſie ihm für ſeine unendlich reiche Liebe, die ſich während dieſer Jahre ſo oft erprobt und ihr endlich die höchſte Seligkeit des Lebens zugeführt hatte. „Es war hohe Zeit, mein Kind,“ erwiederte der Profeſſor, indem er von der ungewöhnlichen und langen ——,——„6— —— 10— — —, — 2 ⏑—* ——-——— 14—9—— ⏑— — 2.3 — 351 Anſtrengung ermattet gegen die Rücklehne des Sopha's zurückfiel.„Der alte Ling wird bald zur Ruhe gehen, das fühlt er an ſich; aber Du wirſt Dich bisweilen des Greiſen erinnern, nicht wahr, mein Mädchen, und ihm einen Seußzer weihen, als den einzigen kleinen Dorn unter den friſchen Roſen Deines Lebens? Doch auch dieſes Schmerzgefühl wird allmählig ſeine Bitterkeit ver⸗ lieren, und ſich in eine ſtille Sehnſucht nach Vollkommen⸗ heit verwandeln. Doch dieſes Ziel können wir hienieden nicht erreichen. Vollkommenheit gibt es erſt über den Sternen.“ Von ſtillen, heiligen Empfindungen erfüllt, beugte Roſa ihre Knie, und legte die magere, knochigte Hand des Alten über ihr thränenvolles Auge.—„O, mein Vater,“ ſeufzte ſie tief,„das Gemälde dieſer Zeit zer⸗ reißt mein Herz, und meine Seele füllt ſich mit Kummer bei der Vorſtellung, daß es nur Karolinen vergönnt ſein wird, dieſe geliebten Augen zu ſchließen, die ich gerne für die lange Ruhe zugeküßt hätte.“ „Ich hoffe, meine Roſa,“ ſagte der Profeſſor mit einem ſanften Lächeln, während er mit der Hand ihre von Schmerz und Unruhe blaſſe Wange ſtreichelte,„ich hoffe mit Gottes Hülfe, Du wirſt dieſen kleinen Neid nicht mit Dir nehmen müſſen. Das glaub' ich und hoff' ich!“ „O nein, nein!“ unterbrach ihn Roſa laut weinend. „Sprechen Sie nicht weiter; tauſendmal lieber will ich alle meine ſüßen Tochterpflichten an Karolinen abtreten. Ich weiß ja, daß ſie ſie wohl erfüllen wird.“ „Ja, meine Liebe, das glaub' ich auch; aber ich würde dann doch am liebſten euch Beide, ja alle Viere bei mir ſehen. Ich möchte ſogar wünſchen, daß mein Bruder und ſeine Familie, vor allem Hilda, hier wäre. Es war ein braves Mädchen, und ſiehſt Du, Roſa, wenn man fühlt, daß es mit Einem zu Ende geht, wenn man — ⁴—— ——— ——— — 35² ſich auf die lange, wichtige Fahrt reiſefertig machen muß, dann vergißt ſich alle Bitterkeit, jeder kleinliche Verdruß und die unſeligen Beſtandtheile des Erdenlebens. Man möchte ſo gerne verzeihen, und ſelbſt Verzeihung gewin⸗ nen; man fühlt eine Sehnſucht in ſich, ſie alle an's Herz zu drücken, mit denen man durch die Bande der Verwandtſchaft und Freundſchaft verbunden iſt. Doch wir müſſen uns mit dem bloßen Gedanken begnügen, da es nicht anders geſchehen kann.“. Nach einer kleinen Pauſe fing der Profeſſor wieder an:„Ich habe jedoch einen Brief an meinen Bruder und einen zweiten an Hilda geſchrieben, die Ihr unter meinen Papieren finden werdet. Dieſe ſollt Ihr ihnen mit dem Trauerbriefe ſchicken, der ſie von meinem Hin⸗ gange unterrichtet. Ich habe auch an Hilda gedacht. Sie und Du, mein Kind, haben eine gleich große Gabe erhalten, und mit Ausnahme einer beſondern kleinen Freundesgabe an Mannerſtedt und einer ähnlichen an meinen armen Bruder, gehört der Reſt Ferdinand; und ich hoffe mit Gottes Hülfe, daß ihr alle mit meinen Anordnungen zufrieden ſein werdet.“— Roſa konnte nichts erwiedern. Die bitteren Gedan⸗ ken, die ſie bei der Vorſtellung von dem Hingange des geliebten Greiſen erfüllten, drangen zu tief in ihre Seele und fanden keine Worte; ſie konnte nur leiſe ſchluchzen. „Jetzt mußt Du nach Hauſe, mein Mädchen,“ ſprach der Profeſſor, der mit inniger Theilnahme ihren Schmerz ſah, ohne ihn lindern zu können.„Ich bedarf der Ruhe, und Du mußt Dich auch hinlegen und von Deinem Bräutigam träumen.“ Roſa ſtand auf, drückte noch einen Kuß auf die häter⸗ liche Hand, und ging dann, um Madame Brun zu ifen. Am folgenden Morgen, als Roſa ihren treuen Freund beſuchte, fand ſie Ferdinand in der höchſten Unruhe und Sorge neben dem Ruhebette ſitzen, auf dem der Profeſſor lag. Dieſer klagte über kein eigentliches Uebel; aber p er war matter und kraftloſer, als gewöhnlich, und n 75 jedesmal, wenn ſich Roſa einfand, ſah ſie, daß er immer 4 mehr abgenomſnen hatte. Er war jedoch noch wenig⸗ 6 ſtens den halben Tag über auf, und der Gedanke an 3 Mannerſtedt's Ankunft, die bald erfolgen ſollte, erfüllte h ihn mit Freude und die damit verknüpften Umſtände 9 beſchäftigten uin euuten zugleich die ſeit Kurzem für immer gebrochenen Kräfte. 4 Sp M.. r 2„ u, .—₰ o 7 3 Dj,, n G3 2 J 5 U. 3 e 23. n 1 Das Wiederſehen. d n Einige Tage vor Pfingſten reiste Mannerſtedt von . B-— ab. Es wäre vergebliche Mühe, ſeine Gefühle ſ - 7oollmetichen zu wollen, ſie können nur von denstt be⸗ 3 öffen werdem, die nach einer langen und mühſamen e Pilgerfahrt auf den dornenvollen Straßen der Armuth . und Entſagung ſich endlich am Ziele einer lang genähr⸗ ten, obwohl entfernten Hoffnung ſehen. In dieſem 3 Augenblicke, an der Grenze zwiſchen den Tagen, über deren oft umwölkte und qualvolle Stunden der Schleier 1 der Vergeſſenheit ſeine dichten und reichen Falten ge⸗ worfen hat, und jenen, die wieder von einem ſtrahlenden Morgenroth beleuchtet ſind, deſſen Glanz Licht, Frieden und uhe bietet, zwiſchen dieſen bedeutungsvollen Wen⸗ dv depunlten ſteht die Seele wie zwiſchen zwei Welten. Die 1. 4 Vergangenheit iſt das materielle, zur Ruhe gegangene; 7 die Zukunft iſt der lebendige Geiſt, der ſich auf den Schwingen des Glaubens/zu höheren Sphären erhebt. Der Profeſſor und ſeine Schuͤtzlinge. 23 e. eee 4 7,. 354 8 Weithin in jene ſeligen Räume ſchwebten Man⸗ nerſtedts Gedanken, während er blitzſchnell auf der Straße nach H— dahineilte. Die vergangene Zeit, wo er ſich als armer Muſiklehrer auf der Schwelle des reichen Kommerzienraths verbeugt hatte, und nachher allmählig in der Gunſt geſtiegen war, bis er endlich eine Art Hausfreund wurde; alles das lag in einem dunklen Dämmerlichte, und nur der Abend, wo ihm Roſa das Gelöbniß ihrer Liebe und Treue gab, ſtand wie ein heller und ſtrahlender Stern am Himmel ſeines Lebens und leuchtete ihm jetzt freundlich zu dem Orte hin, wo ſeine Seele während der verfloſſenen Jahre mit Sehnſucht und Liebe geweilt hatte. Der Profeſſor hatte mit Fleiß den für Manner⸗ ſtedts Ankunft feſtgeſetzten Tag verheimlicht, ſo ſehr auch Roſa bat, um ihn zu erfahren. Es war ſchon Mitternacht vorüber, als Mannerſtedt zu Folge der Einladung ſeines alten Freundes, bei ihm zu wohnen, am Hauſe des Profeſſors anfuhr. Madame Brun, die auf ſeine Ankunft vorbereitet war, kam herab und em⸗ pfing ihn, und auf der Treppe ward er vom Kapitän begrüßt, der ihm im Schlafrock und Pantoffeln entge⸗ genſprang und ihn brüderlich an die Bruſt drückte, Arm 3 in Arm wanderten die beiden jungen Maͤnner in den Saal hinauf. „Wir müſſen uns ſtille verhalten,“ flüſterte Fer⸗ dinand;„der Onkel iſt ſchwach und eben eingeſchlum⸗ mert. Deßhalb iſt es beſſer, wir gehen auf mein Zimmer, und Madame Brun iſt ſo gütig und ſorgt dafür, daß wir eine kleine Erfriſchung hinauf bekommen.“— Hie⸗ mit ging der Kapitän voraus und zeigte den Weg, während Mannerſtedt leiſe nachſchlich. Als ſie in ein elegantes, ja ſogar dafür, daß es im Hauſe des Pro⸗ feſſors Ling war, beinahe uͤppiges Zimmer gekommen waren, bot Ferdinand dem erwarteten und theuren Gaſte noch einmal die Hand, und ſagte herzlich: „Willkommen, beſter Heyr Rector! Aber fol' mich der 4.„„ 7 Saee, ee eee ee 5 7,„ Eureee e 6..., 5 ò 3 ₰ — 2 2 —-———— e —.. — 1-— 8& ÆεN Æ 5E8 GQ ᷣ 8g —8 u Teufel, wenn ich den Herrn wieder erkenne,“ ſetzte er hinzu, indem er das Licht gegen Mannerſtedt hielt, und mit wahrer Ueberraſchung ſah, wie ſich der ſchöne ſchlanke Jüngling in einen kraftvollen und herrlichen Mann verwandelt hatte, deſſen edle und angenehme Züge in vollkommener Harmonie mit der Würde ſtan⸗ den, die ſeiner ganzen Haltung aufgeprägt war. Die prieſterliche Tracht, der kleine Halbkaftan, der ſich mit ſeinen Falten zierlich an einen vortheilhaften Wuchs anſchließt, und unſere jungen Geiſtlichen ſo wohl kleidet, gab Mannerſtedt's etwas bleichem Ge⸗ ſichte, das jetzt von einem dunklen und ſorgfältig ge⸗ pflegten Backenbarte beſchattet war, einen neuen und eigenen Reiz. Ferdinand rief noch einmal;„Hol' mich der Teu⸗ fel, wie ſich der Herr zu ſeinem Vortheil verändert hat!“ Mannerſtedt lachte und erwiederte: daß er in Beziehung auf den Herrn Kapitän ganz derſelben An⸗ ſicht ſei. „Nun, es iſt aber doch lächerlich,“ rief Ferdinand mit einem munteren Gelächter,„daß wir wie ein paar aeerden hier ſtehen und einander bekomplimentiren. eberlaſſen wir das unſern Bräuten, die ſich doch am beſten auf die Schätzung unſeres Werthes verſtehen, wenn ſie es uns auch nicht anvertrauen.“ „Ach, wenn es nur ſchon Morgen wäre!“ ſeufzte Mannerſtedt. „Geduld!“ ermahnte der Kapitän,„einige Stun⸗ den müſſen wir ſchon allein todt zu ſchlagen verſuchen. Um damit zu beginnen“— und bei dieſen Worten og er den Pfropf aus einer ſchäumenden Champagner⸗ donteille—„laß uns auf die Geſundheit unſerer Mädchen trinken. Doch nein, zuerſt den Willkomms⸗ und Brudertoaſt; denn Herr Kapitän und Herr Rector lautet doch gar zu fremd für uns, die wir ja in meinem alten redlichen Onkel einen Vater verehren und von ihm Söhne genannt werden.“ 25⸗ 356 „Sehr wahr,“ erwiederte Mannerſtedt, der ſein Glas nahm und mit Ferdinand anſtieß. „So, mein Freund und Bruder,“ ſprach der Ka⸗ pitän, nachdem eine herzliche Umarmung den Bruder⸗ bund beſiegelt hatte,„jetzt kommt die Reihe an die Damen. Unſere Mädchen ſollen leben! Möchten ſie Muſter von Frauen werden und uns zu den glücklich⸗ ſten Ehemännern machen!“ „Möchten wir Muſter von Ehemännern werden, und ſie zu den glücklichſten Frauen machen,“ berichtigte ihn Mannerſtedt und leerte ſein zweites Glas. „Meinetwegen!“ ſcherzte Ferdinand,„es geht auch en aber aufrichtig geſagt, ich meine, das Erſtere paßt eſſer.“ Jetzt kam Madame Brun mit dem Abendeſſen herein, und die erſten Strahlen des Tages grüßten bereits die Welt, als die jungen Herren noch mit dem Glaſe in der Hand beim Mahle ſaßen.„Nein, Fer⸗ dinand!“ ſagte Mannerſtedt und ſchob zum fünften Male die Bouteille zurück, die ihm der Kapitän immer wieder hinrückte,„jetzt müſſen wir wahrhaftig aufhören und ein paar Stunden ſchlafen. Ich bin es nicht ge⸗ wöhnt, ſo viel zu genießen, und werde krank, wenn Du mich nöthigſt noch mehr zu trinken.“ „Ach was, Geſchwätz! nur noch das Glas da. Zu Ehren unſeres wackern Alten! Auf die Freude und das Wohlergehen ſeiner letzten Tage! Nun, Manner⸗ ſtedt, weigerſt Du Dich, dieſen Toaſt zu trinken?“ „Wir haben ihn ſchon zweimal getrunken,“ fiel Mannerſtedt ein;„aber er verdient es, daß wir zum drittenmal darauf trinken. Doch jetzt, Ferdinand, keinen Tropfen mehr; bei Gott, keinen Tropfen mehr! Gute Nacht!“ „Nun, ſo muß ich wohl Erbarmen mit Dir haben, Du Armer,“ lachte der Kapitän. Die Stühle wurden gerückt und die Herren gingen zur Ruhe. Gegen neun Uhr Morgens trat Roſa in das Zimmer —— uE REn A— ◻☛— ——.,— 1 „ des Profeſſors. Der Greis lag angezogen auf dem Sopha und war gerade im Begriff, ſeine Morgenpfeiſe zu rauchen; aber es wollte nicht recht gehen, er war zu ſchwach. „Wie geht es heute, beſter Onkel?“ fragte Roſa theilnehmend und beugte ſich herab, um den gewöhn⸗ lichen Stirnkuß zu empfangen. „Nun, nun, mein Kind, es geht ſo ſo! Ich erwarte nur Mannerſtedt.“ „Ach, und ich!“ ſprach Roſa in einem Tone, der von der höchſten Ungeduld zeugte,„ich ſterbe beinahe vor Sehnſucht. Die Stunden wachſen zu Tagen und die Tage zu Ewigkeiten.“ „Ja, ja, meine Liebe, ſo iſt es, wenn man jung iſt und das Blut friſch und warm durch die Adern rennt; doch gehe jetzt in das gelbe Zimmer hinein, mein Mädchen, und hole das Buch, aus dem Du mir gewöhnlich vorlieſeſt. Wir müſſen Allem aufbieten, um uns in der Geduld zu üben.“ „Ja, das braucht es wahrhaftig,“ meinte Roſa, und öffnete die Thüre. Aber mit einem heftigen Freu⸗ denſchrei fiel ſie in Mannerſtedt'’s ausgeſtreckte Arme, und an ſein heftig klopfendes Herz. Drinnen wurde Alles ſtille, ſtill wie im Grab. „Nun, wie ſteht es, Kinder?“ fragte der Profeſſor, und ſtützte ſich lauſchend auf einen Ellbogen.„Kommt herein, daß ich Euch ſehen kann; kommt, ſage ich!“ Die Stimme ihres irdiſchen Schutzengels weckte die Glücklichen zum Leben und zur Wirklichkeit. „Abgott meiner Seele, meine Geliebte, mein hol⸗ des Mädchen!“ ſagte Mannerſtedt und betrachtete mit unausſprechlichem Entzücken das reizende, von tauſend Purpurwolken bedeckte Geſicht; er blickte in den reinen, offenen Himmel des blauen Auges und küßte die glü⸗ hend rothen Lippen noch röther. Da ſchob ihn Roſa leiſe zurück und flüſterte:„Der 358 Profeſſor ruft; laß uns zu ihm eilen, der uns dieſes Uebermaß von Seligkeit bereitet hat; unſere Gefühle Ne heren jetzt ihm.“ Hand in Hand ſlogen ſie zu dem lten, faßten knieend ſeine Hände, und drückten ſie in ſtummer, unendlicher Rührung. Ihre Freudenthränen fielen wie wohlthuende Thautropfen in das Herz des Greiſen. „Nun, Kinder, erholt Euch jetzt; das war ja eine rechte Ueberraſchung, oder wie, Roſa, mein Mädchen, hatteſt Du eine Ahnung davon?“ „Nein, beſter Onkel, nur eine unendliche Sehn⸗ ſucht,“ antwortete ſie, und wandte den ſtrahlenden Blick auf ihren Geliebten, deſſen Arm ſie umſchlang. Und jetzt war wieder Papa Ling und die ganze Welt ver⸗ geſſen; ſie ſahen nur ſich, alle Gedanken und Gefühle blieben wie von ſelbſt ſtehen, ihre ganze Seele lag in ihrem Blick. Aber bald kam Kapitän Ferdinand, und nachdem er einige Sekunden ein ſtiller Zuſchauer dieſer ſtum⸗ men, aber ſprechenden Gruppe geweſen war, trat er hinzu und unterbrach mit ſeinen muntern Scherzen ihre ſtille, träumeriſche Seligkeit. Um eilf Uhr ging Mannerſtedt in Geſellſchaft des Kapitäns, um bei ſeinen künftigen Schwiegereltern ſeine Aufwartung zu machen. Gern hätte der Profeſſor ſelbſt ſeinen Schützling begleitet; aber leider konnte er das Zimmer nicht mehr verlaſſen. Doch hatte er Alles ſo klug und vorſorglich vorbereitet, daß er wußte, Mannerſtedt würde mit Freude und ungeheuchelter Zärtlichkeit empfangen werden. Roſa war etwas früher nach Hauſe gegangen, um die Eltern von der Ankunft ihres Bräutigams zu be⸗ nachrichtigen. Der Kommerzienrath ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Er wünſchte nur einmal den verdammten knappen Frack und die kurzen Beinkleider aaaaoaöa— 359 aus dem Kopf bringen zu können. Im Uebrigen hoffte er, ſich mit dem Schwiegerſohne auszuſöhnen, den ihm das Schickſal gegeben hatte. Die Kommerzienräthin ſaß in der anmuthigſten Stellung auf dem Sopha, bereit, ihren alten Guͤnſt⸗ ling zu empfangen, den ſie ſich mit wahrer Freude als Sohn dachte.„Höre, Roſa, meine Liebe, erzähle mir ein wenig! Iſt er noch eben ſo hübſch und liebens⸗ würdig, wie ehemals?“ „Ach!“ antwortete Roſa,„hübſch iſt er freilich, weit hübſcher, als er je war; und was die Liebens⸗ würdigkeit und Anmuth betrifft, ſo mag Mama ſelbſt darüber urtheilen. Da kommt er mit Ferdinand!“— Die Herren traten ein, und der Kommerzienrath ging ſelbſt mit wichtiger Miene ſeinem künftigen Schwieger⸗ ſohne entgegen. „Nun, mein Lieber,“—— bei dieſen wohlbe⸗ kannten Tönen flog eine alte Erinnerung durch Man⸗ nerſtedt'»s Seele, und er erwartete nichts mehr und nichts weniger, als daß er jetzt die oft vernommenen Worte wieder hören würde:„Nun, mein lieber Kan⸗ didat, wird Er nicht“ u. ſ. w.; aber ſtatt deſſen kam Folgendes: „Nun, mein lieber Rector Mannerſtedt, willkom⸗ men! Als Freund und Sohn in meinem Hauſe willkommen! Der Profeſſor, der Ehrenmann, hat die Sache in Ordnung gebracht. Wir wollen alſo keine weitern Umſtände machen, oder lange Reden halten.“— Und mit dieſen Worten ſchloß der Kom⸗ merzienrath zwar noch etwas wichtig, aber im Ganzen doch recht väterlich, den jungen Mann in ſeine Arme. Mannerſtedt's Aeußeres, ſein Weſen und ſeine Haltung machte Eindruck auf ihn, und mit ſichtlichem Wohl⸗ wollen führte er ihn zu ſeiner Frau. „Herrgott, Mannerſtedt, mein lieber Junge!“ rief Madame Widen halb weinend, halb lachend,„wie 360 ſtattlich und männlich und anmuthig biſt Du geworden! Mein Gott, es geht doch ſonderbar hier in der Welt zu, beſonders was die Heirathen betrifft! Doch davon wollen wir nachher ſprechen. Gott ſegne Dich, und mache Dich und meine Roſa glücklich!“ Die Kommer⸗ zienräthin beugte ſich nieder, und drückte einen Kuß auf die Stirne des tief erröthenden, beinahe ſchüch⸗ ternen Bräutigams, und ſagte dabei recht mütterlich zärtlich:„Mein Sohn, mein Franz, habe ich Dich nicht immer geliebt?“ Nie war Madame Widen ſo einfach und wahr, vielleicht nie ſo gerührt geweſen, ſeit ihrem eigenen Verlobungstage. Ehrerbietig führte Mannerſtedt die dargebotene Hand an ſeine Lippen, an ſein von der reinſten menſch⸗ lichen Luſt ſchwellendes Herz.—„Meine gütige, meine unſäglich theure Mutter! Ewig wird Ihre unendliche Güte, Ihre freundliche, uneigennützige Sorgfalt in meinem Herzen leben, und kein Wechſel wird dieſe Schrift verdunkeln können.“— Am Abend deſſelben Tags war die ganze Familie bei dem Profeſſor verſammelt, wo man die Ringe wechſelte; aber am zweiten Feſttage wollte die Kom⸗ merzienräthin ihren Willen haben, und ſomit wurde die Verlobung auf's Neue in einer glänzenden Geſell⸗ ſchaft verkündigt, wobei die eingeladenen Gäſte be⸗ merkten, daß ſich Fräulein Widen ganz anders, als bei ihrer erſten Verlobung benahm. Jetzt konnte Nie⸗ mand, der ſie ſah, noch ein Bedenken darüber haben, ob ſie eine glückliche Braut ſei, was bei der erſten Gelegenheit nach Mancher Dafürhalten etwas zweifel⸗ haft geweſen war.. Mit dankbarem Entzücken empfing Mannerſtedt von dem Profeſſor die Nachricht von ſeinem ſechswöchent⸗ lichen Urlaube, und mit noch größerem Entzücken erfuhr er von ſeinen künftigen Schwiegereltern, daß — 4 8 ——y— ‿ 32 SV V v VN * NRn n Fvu dv n NS A B+. 361 die Hochzeit noch, ſo lange er in H— ſei, gefeiert werden ſolle. Bei der letzten Freudenbotſchaft wuchſen jedoch Mannerſtedt eine Menge Mücken im Kopfe, deren Han⸗ thieren dort, wie er dem Profeſſor anvertraute, höchſt natürlich davon herrühre, weil ſeine Junggeſellen⸗ wirthſchaft erſt noch einige weitere Anordnungen erfor⸗ dere. Aber als ihn der Profeſſor auch in dieſer Hinſicht durch die Verſicherung beruhigte, daß Alles bei ſeiner Heimkehr fertig ſein würde, überließ ſich unſer Held ausſchließlich der gegenwärtigen Glückſeligkeit, deren einziger Schatten die immer mehr zunehmende Schwäche des alten Ling war. Johannis war von dem Alten zum Hochzeitstag auserſehen, und dieſer ſollte nach ſeinem erſten Aus⸗ ſpruch in aller Stille in ſeinem Hauſe und nur in Gegenwart der nächſten Anverwandten gefeiert werden. Aber mit jedem Tag, mit dem man der doppelten Feierlichkeit näher kam, wurde der Profeſſor ſchlimmer, und konnte endlich das Bett nicht mehr verlaſſen. Der Kronvogt Ahlmark und der Kommerzienrath verſuchten deßhalb jeder für ſich die Bitte durchzu⸗ ſetzen, daß die Hochzeit in einem ihrer Häuſer gefeiert werden möchte, doch umſonſt, es ließ ſich nicht thun. Der Alte wollte ſich auf ſeinem Ruhebette in den Saal hinaustragen laſſen, um mit eigenen Augen ihre Ver⸗ bindung ſehen zu können. Niemand wagte dem zu widerſprechen, den Alle verehrten. Deßhalb machte man auch alle Vorbereitungen, um ſeinen Wunſch zu erfüllen, und der einzige Troſt der Kommerzienräthin, ſowie der Madame Ahlmark, war der Gedanke an das Hochzeitfeſt am andern Tag, das Beide gemeinſchaftlich geben wollten. Seit Mannerſtedt's Ankunft hatten häufige, leb⸗ hafte Berathungen zwiſchen ihm, dem Kapitän, Roſa und Karolinen ſtatt gefunden. Man ſandte Briefe ab und empfing welche, die offenbar ein Geheimniß 362 enthielten, denn ſie wurden nie in Gegenwart des Pro⸗ feſſors abgegeben oder geöffnet; doch weihte man endlich den Kommerzienrath und ſeine Frau in das Geheimniß ein, und jetzt gab es ein Schaffen und Ordnen im Gaſtzimmer, woraus man ſchließen konnte, daß Fremde erwartet wurden. „Ich weiß nicht,“ ſagte der Profeſſor eines Abends, einige Tage vor dem Feſte,„warum Ihr Alle ſo ein Geläufe und Weſen habt. Ich hab' Euch ja geſagt, Kinder, daß durchaus keine Extra⸗Feierlichkeiten ver⸗ anſtaltet werden dürfen. Recht und ſchlecht ſoll es ſein, und doch ſehe ich deutlich, daß Ihr Alle beſon⸗ ders heute Abend Euch gehabt, als ob Ihr Queckſilber in Euch hättet. Nicht mehr als Eines oder Zwei vermag es ja zugleich hier zu bleiben. Sitzt jetzt hübſch ordentlich zu mir her, und macht Euch kein Kopfverbrechen; die Sache wird dadurch nicht feierli⸗ cher oder heiliger.“ Die Verlobten ſahen einander etwas verlegen an. Es war klar, daß ſie etwas auf dem Herzen hatten. Und nicht ohne Unruhe blickten ſte nach dem gelben Zimmer, wo eine hohe Männergeſtalt und ein zartes, weibliches Weſen abwechslungsweiſe an der halbge⸗ ſchloſſenen Thüre vorüberſchwebte. Inzwiſchen ſetzten ſich die jungen Leute um das Bett; aber obwohl ſchwach, hatte der Profeſſor doch mit ſeinem alten Scharfblick ihre Bewegung und ihre Blicke nach der Thüre wahrgenommen. Seine Augen folgten den ihrigen, und mit einer Stimme, die ſeine geſpannte Erwartung verrieth, fragte er ſchnell:„Wer regt ſich im Wohnzimmer?“ Alle ſchwiegen; nur Mannerſtedt trat heran.„Mein theuerſter Vater,“ ſprach er leiſe und heftete den for⸗ ſchenden Blick auf die Züge des Profeſſors.„Wir ha⸗ ben einen Wunſch zu errathen gewagt, von dem wir glaubten, daß er in Ihrem Herzen ruhe. Sie ſind uns deßhalb doch nicht böſe?“ — — * 363 „Ach, nun weiß ich es,“ erwiederte der Alte, und ein Lächeln der reinſten Befriedigung ſpielte um die bleichen Lippen.„Gott ſegne Euch, Kinder, für die Freude, die Ihr mir dadurch bereitet habt! Laßt ſie hereinkommen!“ Roſa öffnete raſch die Thüre und winkte den Wartenden, näher zu treten. Wallinder führte oder trug vielmehr ſeine zitternde Braut über die Schwelle zum Bette hin. Tief erſchüttert beim Anblick des geliebten Alten ſank Hilda ſchluchzend an ſeinem Ruhebette nieder. „Nicht ſo, Kind,“ ſagte der Profeſſor und bemühte ſich, ſeinem ſchwachen und matten Tone einige Feſtigkeit zu geben, indem er eine Thräne im Auge zerdrückte. „Der alte Ling mußte ja doch einmal hinüberwandern. So ſieh' jetzt hübſch empor! Du blühſt ja wie eine Roſe, Hilda; und dies iſt alſo Dein Bräutigam? Willkommen, herzlich willkommen, Ihr Beide!“— Der Blick des Pro⸗ feſſors ruhte mit Wohlbehagen auf Wallinders edler Ge⸗ ſtalt. Dieſer beugte ſich tief über die Hand des Greiſen und drückte ſie mit warmer Rührung an ſeine Lippen. Mun, wie habt Ihr es denn angefangen, meine Kinder, daß Ihr mir dieſe Ueberraſchung bereiten konntet?“ ſprach endlich der Profeſſor und ſah fragend im Kreiſe umher. „Ich berieth mich mit Mannerſtedt und Ferdinand, beſter Onkel,“ begann Roſa,„und dann ſchrieben wir alle Drei an Hilda und Wallinder, die mit Freuden in den Vorſchlag eingingen, und es konnte ſich um ſo leichter bewerkſtelligen laſſen, als ſite auf alle Fälle nächſten Monat Hochzeit gemacht hätten, Wallinder ließ ſich ſogleich aufbieten! einer ſeiner Amtsbrüder nahm es auf ſich, ſeinen Dienſt zu verſehen, und jetzt ſind ſie hier, um an demſelben Tage wie wir unter den Augen unſeres geliebten Onkels zu einem ganzen Leben voll Glück und Frieden eingeſegnet zu werden.“ „Das geht ja im Galopp mit Deiner Erzählung, 364 liebes Kind,“ verſetzte der Profeſſor, und gegen Wallin⸗ der und Hilda gewandt, ſetzte er hinzu:„Ich fürchte, daß dieſe für mich ſo theure Stunde Euch viel Mühe gemacht hat. Was ſagte mein Bruder und meine Schwä⸗ gerin dazu, ſie konnten wohl nicht mitkommen?“ „Sie konnten nicht zu Hauſe bleiben,“ erwiederte Hilda und legte die Hand des Onkels über ihre thrä⸗ nenden Augen.„Sie mußten ebenfalls mit, um dem Freudentag ihrer Kinder anzuwohnen, und noch mehr um einige freundliche Worte von den Lippen zu erhal⸗ ten, die ſo lange für ſie geſchloſſen waren, die aber gewiß die Sehnenden jetzt mit einem Worte des Will⸗ komms beruhigen werden.“ Der Profeſſor erhob ſich ein wenig.„Sind ſte hier,“ ſprach er weich.„Mein Bruder— wo biſt Du, Hermann?“ Noch einmal ging die Thüre auf, und die Brüder lagen einander in den Armen. Frau Borgenſköld ſtand zitternd am Kopfkiſſen, bis Hilda ihre Lippen dem Ohre des Profeſſors näherte und bittend flüſterte:„die Mama!“ — Da ſtreckte er die Hand gegen ſeine Schwägerin aus, und ein leiſes, aber deutliches:„Ich war zu hart; verzeih' mir, Eliſabeth!“ vereinigte alle getrennte Her⸗ zen in einem heiligen und friedlichen ug. Am Täge vör der Trauung war der Profeſſor ſo ſchwach, daß es der Arzt kaum für möglich hielt, daß er die Feier, die er ſelbſt angeordnet hatte, erleben könnte. Lieutenant Borgenſköld fragte daher ſeinen Bruder, ob der Akt nicht an demſelben Abend noch vorgenommen werden ſollte; aber leiſe den Kopf ſchüttelnd ſchlug der Profeſſor jede Aenderung in dem einmal feſtgeſetzten Plane ab. Die Verlobten waren Alle um ihn, und wetteiferten mit einander, ſeine geringſten Wünſche zu errathen und ihnen zuvorzukommen. Allen ſeinen Schütz⸗ lingen lächelte er ſanft zu; doch ſchien dieſes Lächeln am weichſten zu ſein, wenn er in Roſa's thränendes Auge ſchaute. Wallindern flüſterte er zu:„Der Herr Bruder —— —— — 36⁵ bekommt ein vortreffliches Weib. Es iſt Kern in dem Mädchen! Sie ſieht aus, als ſei ſie ſo weich, wie Wachs; aber ihr Gemüth iſt feſt, wie Eiſen. Ich habe es erprobt, und ſie hat die Probe beſtanden, wo die meiſten Weiber geſchwankt haben würden.“ „ Ich kenne ihren Werth und werde getreu den edlen Schatz bewahren, den mir der Herr anvertraut hat,“ erwiederte Wallinder, indem er dankbar dem Profeſſor die Hand drückte für den Lobſpruch, den die⸗ ſer ſeiner Braut gegeben hatte. Gegen Mitternacht wollte der Profeſſor, daß die jungen Leute ihn verlaſſen ſollten; aber als ſich alle Hände flehend gegen ihn ausſtreckten, und alle Blicke ihn wärmer, als es Worte hätten thun können, um die Erfüllung ihres gemeinſchaftlichen Wunſches baten, ſprach er matt und kaum hörbar:„So bleibt denn da, meine Kinder; und Du, Mannerſtedt, lies mir vor.“ Er wählte ſelbſt ein paar Abſchnitte aus der Bibel und ſodann einige von Wallins herrlichen Pſalmen. Alles war ſo ruhig, ſo ſtill und friedvoll im Zimmer. Mannerſtedts tiefe, volle Stimme ſchwebte wie ein Geiſterſäuſeln, Hoffnung und Seligkeit verkündend, durch den Raum. 3. Gegen Morgen ſchlummerte der Profeſſor einige Stunden, und am Johannis⸗Abend fühlte er ſich beſſer, als er ſeit langer Zeit geweſen war, oder war es viel⸗ leicht nur das ſcheinbare Aufflammen der gebrochenen Kraft, die den zitternden Lebensfunken noch einige Stunden feſthalten wollte. Um ſteben Uhr Abends wurde er ſeinem Wunſche gemäß in den Saal getragen, der, zierlich mit Blumen geſchmückt, an die vielfache Feier erinnerte. Bald ſah man die drei ſeligen Paare die Kniee beugen und die prieſterliche Beſieglung des wichtigen Bundes empfan⸗ gen. Keine ſteifen Komplimente, keine feierlichen Glück⸗ wünſche oder Reden kühlten die reine Flamme ab, die in den Herzen der Neuvermählten brannte. Alles war 366 ſtille. Nach einer ſtummen, innigen Umarmung der Eltern traten die jungen Paare an das Lager ihres väterlichen Freundes. Da lag der alte Mann mit einem verklärten Lächeln auf den aſchgrauen Lippen, die Hände feſt zum Gebet zuſammengefaltet, und das Auge mit einem Blick voll tiefer, unendlicher Liebe auf ſeine Theuren geheftet. Mit Mühe trennten ſich die Hände, um ſich ſegnend über ſie auszuſtrecken. Dieſe Bewe⸗ gung war ſeine letzte. Kraftlos ſanken die Arme herab, die freundlichen Augen ſchloſſen ſich für immer, und um Profeſſor Lings lebloſe Hülle knieten weinend die Weſen, deren Glück er bereitet hatte. ——— Zur Nachricht! Bis jetzt erſchienen im belletriſtiſchen Auslande, herausgegeben von C. Spindler, folgende treffliche Romane: 1— 2ter Bd. Bremer, Friederike, die Töchter des 3— 7ter 8—12ter 13—14ter 15— 19ter 20— 21ſter 22—28ſter 29— 31ſter 32— 37ſter 38— 40ſter 41— 44ſter 77 71 — 1 77 — 7 7/ 77 Präſidenten. M — Nina. — Die Nachbarn. — Streit und Friede, oder Scenen aus Norwegen. — Das Haus, oder Familienſorgen und Familienfreuden. — Die Familie H. Flygare⸗Carlén, die Roſe von Tiſtelön. — Waldemar Klein. Czaykowski, Wernyhora, der Seher in der Ukraine. — Kirdſchali. Flygare⸗Carlén, der Skutsjung 45—Ttſter Bv. E. Sue, Pariſer Myſterien und Ge⸗ rolſtein. 72—7 7ſter Flygare⸗Carlén, Guſtav Lindorm, .= oder führe uns nicht in Verſuchung! 78—83ſter Marryat, Reiſen und Abenteuer des Monſieur Violet in Californien, Sonora und im weſtlichen Teras. 84— 87ͤſter„ Cooper, Edward Myers, oder Erinne⸗ rungen aus dem Leben eines See⸗ manns. 88— 9lſter Bremer, Friederike, Ein Tagebuch. 92—98ſter„ Boz, Ein Weihnachts⸗Jubelgeſang in Proſa.— Leben und Abenteuer des Herrn Martin Ehuzzlewit; ꝛc. 1— 6ter Theil. 99— 103ter Bv. Flygare⸗Carlén, der Stellvertreter. 104— 107ter„ Soulié, von Tag zu Tag. Ein Seitenſtück zu den t My⸗ 1 ſterien. 2 he ggee hafee, T I 8 2 1