Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei 9 ückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Pinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt. Pf. 1 Mt. 50 Pf. A Mat.— Wf. „„* 8 11— ur 1— 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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In einer gewiſſen Gegend einer gewiſſen Landſchaft — gleich gut, wo— liegt ein kleines Herrengut. Dieſes Gut beſitzt ein kleines Thal. In dieſem Thale ſteht ein kleines Haus; und hinter dem Häuschen, das ein ganz unbeſchreibliches Ausſehen von patriarchaliſcher Ruhe hat, fließt ein kleiner Bach(denn Fluß kann er eben nicht genannt werden), welcher von den befiederten Be⸗ wohnern des Patriarchates während des Sommers, nicht allein als Badeplatz, ſondern auch als Wettſegelbahn bei ihren muntern Spielen gebraucht wird. Um das Thal, das Haus und den Bach erhebt ſich eine junge Generation der poetiſchſten Tannen... wir wagen es, uns dieſes Ausdruckes zu bedienen; denn wenn es jemals in irgend einem Baume Peoeſie gibt, ſo iſt es ohne Zweifel in der Tanne. Wo zum Beiſpiel, wenn man nicht in die Tropenländer hinaus ſchwärmt und ſeine Einbildung in den Schlaf wiegt bei dem Säuſeln dieſer geheimnißvollen Cypreſſen, die etwas von dem Himmel, der Mythe und der Poeſie in ſich tra⸗ gen... wo— wenn wir nüchtern bei dem theuren Norden bleiben— finden wir wohl einen Baum mit einem ſchlankeren und anmuthigeren Wuchſe, als die junge Tanne? Welche Braut trägt wohl eine entzücken⸗ dere Krone auf ihren Locken, als die Tanne in ihren zarten, hellgrünen, in Roſa ſchillernden Knoſpen zeigt, wenn das Pfingſtfeſt ihr zum Hochzeitfeſte winkt? Wel⸗ ches Saitenſpiel übertrifft wohl das Säuſeln in ihren weichen, ſchattigen Zweigen, man mag dieſes Säuſeln hören, entweder an einem Sommerabende, accompagnirt von den Melodien der Droſſel, oder an einem Herbſt⸗ aobende, wenn Aoeolus ſeinen mächtigen Baß ſtreicht. und dann— welche Jugend iſt ewiger, als die ihrige? Steht ſie nicht, wenn die Erde ſich in ihre erſte Schnee⸗ decke gehüllt hat, immer noch grün, noch ſtolz in ihren reiferen Reizen und trägt immer noch voll Anmuth ihren hehren Wuchs, ihre kühne Krone? Und wenn nun Januarius kommt und um dieſe Krone ſeine Schnüre von glimmendem Reif ſchlingt, wo gibt es da ihres Gleichen, beſonders wenn man ſie in der ſternhellen Winternacht ſieht, da der Mondſtrahl ſein Beilager mit der Kryſtallperle feiert, welche zitternd in ihrer grünen Schaukel hängt. Es war dieſe Generation von jungen Tannen, welche dem Thale ſeinen Namen Grandalen*) gegeben hat. Und der unumſchränkte Beherrſcher dieſes kleinen Flecks, er, der alles Lebendige in der Natur liebte, hatte eine faſt religiöſe Ehrfurcht vor ſeinen Tannen. Wenn er bisweilen mit ſich ſelbſt nicht einig war, wie eine Reichsfrage abgeurtheilt werden ſollte, ſo ging er in ſeinen Hain, wie die Römer in den ihrigen gingen. Die Tannen waren ſeine Tempelprieſter, das Säuſeln in ihren Zweigen die Orakelantwort, und in ſo vielen Zungen redete dieſe vor dem eingeweihten Ohr des On⸗ kels Janne, daß er ſtets einen Wink von Demjenigen, was er wiſſen wollte, zu vernehmen meinte. An einem dunklen Abende, in den erſten Tagen des October, klopfen wir an die Thür des kleinen grauen Hauſes in Grandalen. Nur der Streifen des Nordlichtes, welcher dann und wann über dem Himmel ſchwebt, läßt uns die *) Zuſammengeſetzt aus gran(Tanne, Weiß⸗, Edeltanne, pinus abies); dal(Thal) und dem beſtimmten Artikel en; alſo wörtlich: das Tannenthal. Anm. d. Ueberſ. 9 hohen, ſchlanken Tannen unterſcheiden, welche gleich treuen Vorpoſten den Eingang in das kleine Haus bewachen. Der Bach ſteht halb zugefroren und verlaſ⸗ ſen da; die glänzenden Stockroſen auf dem Hofe im Blumenquartiere, haben ihre Häupter geſenkt; der La⸗ vendel⸗ und der Balſamwald ſind in die Winterquar⸗ tiere gegangen gleich den Kartoffeln, dem weißen Kohl und den Wurzeln. Nicht einmal der Kettenhund, der gute Björn, welcher ſonſt während des Sommers die Rolle eines Wächters vor dem grauen Hauſe ſpielte, iſt zu ſehen, denn Onkel Janne vermag es nicht über ſein Herz, nur einen Hund frieren zu laſſen. Es iſt alſo abgemacht, daß Björn jetzt dem Murre vor dem Kamine des Sammlungszimmers Geſellſchaft leiſtet. Wenn aber auch Björn und Murre den aller⸗ erſten Platz eingenommen haben, um einigen Raum für ihre gymnaſtiſchen Uebungen zu haben— ſie liegen ſtets um jedes Stuck Brod und jeden Knochen in Fehde mit einander— ſo iſt doch der übrige Theil des von dem Kaminfeuer beleuchteten Zimmers, keineswegs leer, wie wir gleich ſehen, wenn wir unſere Blicke auf das dop⸗ pelte Dreieck werfen, welches von den ſechs kleinen höl⸗ zernen Schemeln gebildet wird. Ehe wir jedoch die vornehmſten Mitglieder des Pa⸗ triachates näher betrachten, wollen wir uns ein wenig im Zimmer umſehen. Das dauert nicht lange, dann haben wir den viereckigen Raum von zehn Ellen über⸗ ſehen und dabei den Blick vier weiße Wände auffangen laſſen, welche mit allerlei Geräthſchaften zur Verferti⸗ gung von Hausgeräthen nebſt einer ganzen Reihe von kolorirten Gemälden geſchmückt ſind, und haben wir zu⸗ nächſt eine dunkle Decke betrachtet, von der beinahe gar nichts zu ſehen iſt vor den reihenweiſe auf ihren Stan⸗ gen hängenden Brodkuchen,*) ſo können wir gleich unſer *) Man backt in Schweden auf dem Lande nur einmal des Jahrs das harte Brod, welches kreisförmig und in der Mitte durchlöchert, unter der Decke des Wohnzimmers Ein launenhaftes Weib. IV. 2 Gemüth erfriſchen durch die Bekanntſchaft mit zwei un⸗ geheuren Kiſten, in denen der Wintergarten blüht unter der Aufſicht zweier weißen Katzen, die, jede auf ihrer Kiſte, ihre Wohnungen aufgeſchlagen haben zum größten Aerger ſowohl des Björn, als auch des Murre, die ſchon oft eine große Neigung geäußert haben, ihr Hochquar⸗ tier am Kamin zu verlaſſen. Aber die weißen Katzen laſſen nicht mit ſich ſcherzen, wie jeder weiß, der die großen Fehden zwiſchen den Bewohnern der Kiſten und des Kamines mit angeſehen hat. Bei dergleichen Ge⸗ legenheiten, wenn man in eine große Bataille geht, hal⸗ ten es Murre und Björn immer mit einander, müſſen aber nichtsdeſtoweniger gewöhnlich mit Schande den Wahlplatz verlaſſen, was um ſo kränkender iſt, als Pri⸗ mus von ſeinem erhabenen Platze auf der Hobelbank durch Geberden und Worte ſie unaufhörlich anreizt, fort⸗ zufahren, und endlich ruft:„Ihr Bönhaſen, ihr elen⸗ digen Meiſen, laßt euch von zwei Weibsſtücken beſiegen! Aber es iſt wahr,“ fährt dann Primus bei ſich ſelbſt fort,„die eine von dieſen Weibsſtücken heißt auch Lotta“ — die Katzen werden nämlich immer umgetauft und er⸗ halten die Namen der letzten Geliebten des Primus— „und die andere Barbro! Ich will mich alſo nicht ſo ſehr darüber wundern, denn ich habe ſelbſt dieſen Schlan⸗ gen weichen müſſen!“ Doch nicht allein der Wintergarten und die weißen Katzen haben ein Recht auf unſere Aufmerkaamkeit; wir haben ferner vor uns einen Wallnußſchrank, der ſich an Alter mit dem Methuſalem, an Gediegenheit mit den ägyptiſchen Pyramiden, und an„weiſen Einrichtungen“ mit den lykurgiſchen Geſetzen meſſen zu wollen ſcheint. Dieſer Schrank iſt bewunderungswurdig. Er räumt alles Denkbare, er iſt die Haushaltung der ganzen Haus⸗ ——ʒ— auf Stangen gehängt, und ſo getrocknet wird. Dieſes Brod zieht der Bauer dem weichen Brode vor, und es ſſt auch wirklich ganz vortrefflich. 11 haltung. Er hat ſchon in dem Fuße, auf welchem er ruht, ſo geräumige Schiebladen, daß dieſe als Bettſtellen angewendet werden könnten, doch werden ſie als Garde⸗ roben benutzt. Drei Laden nebſt zwei Compagnons zu jeder, machen im Ganzen ſechs Garderoben aus. Wir wollen es aber verſchweigen, daß in Abweſenheit des Onkels bisweilen über dieſe Laden Fehden von nicht geringerem Eigenſinn und Ernſt entſtehen, als diejenigen ſind, welche um den Wintergarten geführt werden. Uebrigens iſt der Kobold, welcher den Auftrag er⸗ halten hat, dieſen Schrank zu bewachen, von ſehr paſ⸗ ſivem und ſanftem Charakter; es iſt nämlich ein zahmer Igel, der niemals böſe wird, ja nicht einmal dann, wenn die beiden Weiber, welche über die mittlere Lade disponiren, ihm bisweilen von der einen und bisweilen von der andern Seite einen Tritt geben. Sehen wir aber nach, ob wir nicht noch mehr ha⸗ ben, das unter Bewachung ſteht. Ja, dieſer eichene Tiſch, welcher urſprünglich bei den Mahlzeiten der Wikinger benützt worden zu ſein ſcheint, und vollgeſchnitten iſt mit Herzen und mit den Namen aller Jungfrauen, die das eigene zündbare Herz des Primus in Flammen geſetzt haben, dieſer Tiſch, — deſſen einer ſchraubenförmige Fuß kaum von drei Mann gehoben werden kann, und wenn die eine Scheibe aufgehißt werden ſoll, die ganze Beſatzung„zum Ma⸗ növer geblaſen werden muß“— hat ein achtunggebie⸗ tendes und feierliches Ausſehen, und wenn die ſechs Be⸗ wohner des Patriarchates um denſelben ſitzen, ſo zeigt er durch ſeine unharmoniſche Harmonie einen Charakter, den kein anderer Tiſch zu zeigen vermag: hier ein ſtill⸗ ſtehendes Alter ohne Ruinen, dort ein Ricfſtendes Alter in voller Ruine. Wenn aber der Onkel Janne die Geſellſchaft mit ſeiner Gegenwart illuſtrirt, ſo nimmt das Ganze den Anblick eines Richtertiſches ein: der Onkel ſitzt zu Ge⸗ richt in ſeinem großen Stuhl, und die alten Männer und Weiber geben ihre Rapportz n von der Petten. riode ab. Das Patriarchat wird gewiſſermaßen in Olympia⸗ den eingetheilt: von jeder Reiſe des Onkels bis zu ſeiner Rückkehr, zählt man einen neuen Zeitraum, eine neue Olympiade. 3 Aber wir vergaßen zu erwähnen, daß auch der Tiſch ſeinen beſonderen Waͤchter hat, und man kann auf die Größg dieſes merkwürdigen Tiſches ſchließen, wenn wir erwäynen, daß ſein Wächter zur Runde um die eine Scheibe ebenſo viele Zeit gebraucht, als die Erde zu ihrer Tagesrunde nöthig hat. Das könnte übertrieben ausſehen, iſt es aber nicht, denn in dem Wächter erken⸗ nen wir— eine Schildkröte. Wir dürfen uns aber nicht länger bei Einzelheiten aufhalten, obgleich es uns wirklich ſchwer wird, den gewaltigen Stuhl des Onkels ohne Vorwort zu laſſen. Mögen wir uns begnügen, zu erwähnen, daß das Modell der berühmten Weſten von dieſem Altvater aller Stuhle hergenommen iſt, denn zu beiden Seiten der hohen Leh⸗ nen befinden ſich ſechs oder ſieben größere oder kleinere lederne Taſchen, in denen der Onkel ſeine Papiere, Lie⸗ der und Sagen, ferner ſeine Nähgeräthſchaften, ſeine Handbibliothek, ſeine Nüſſe und Abendäpfel zum Braten in der warmen Aſche, ſeine Patiencekarten, die Brille, die Schnupftabaksdoſe und das Reſerve⸗Schnupftuch ver⸗ wahrte. Dieſer Stuhl war eine rollende Welt, in wel⸗ chem der Alte ſich vergnügt durch das ganze Zimmer ſchob. In der Abendſtunde, da wir kommen, um bei unſe⸗ rem ehrlichen Onkel Viſite zu machen, ſieht es in der Reſidenz ganz ſo aus wie gewöhnlich. Der Onkel ſelbſt iſt erſt vor Kurzem nach Hauſe gekommen und hat— nachdem er den ganzen Tag mit der Oekonomie, mit dem Beſehen und Prüfen alles deſ⸗ ſen, was geerntet worden iſt, zugebracht hat— eben die Bibel zugemacht, welche er in der Einſamkeit ſeiner Kammer geleſen hat(dieſe Kammer zeichnet ſich durch nichts Anderes aus, als durch eine Prunkloſigkeit, die den Apoſteln geziemt haben könnte), und hat ſich eben jetzt in das Sammlungszimmer begeben, woſelbſt Primus— 8 13 ſeinen Lehnſtuhl in die Mitte deſſelben— verſteht ſich vor dem Kamin— und genau ſo geſchoben hat, daß ein Dreieck von Stühlen zu jeder Seite des Herrſchers ſich befindet. Auf dem zur Linken haben wir erſtlich den Inva⸗ lidenkorporal Dunder,*) welcher trotz ſeines Nantens, ein gutmüthiger Mann iſt, und niemals, wie das Sprüch⸗ wort ſagt, den Mund zum Sprüchworte öffnet. Er iſt ge⸗ wiſſermaßen ein Philoſoph. Er liest jährlich zweimal die bibliſche Geſchichte von Anfang bis zu Ende und vergleicht alle Muſter, welche er darin findet, mit ſeinem Herrn, welcher immer den Vorzug erhält; ferner prüft er alle Unterſchiede zwiſchen denjenigen, welche die Macht haben, und denjenigen, welche der Macht gehorchen, und iſt dadurch auf den befriedigenden Schlußſatz gekommen, daß alle Unterſchiede wenigſtens zu Einer Einheit füh⸗ ren, nämlich, daß es im Grabe keinen Unterſchied gibt. ... Das Amt des Korporals iſt, im Sommer den Pflug zu regieren, und im Winter hölzerne Löffel zu ſchneiden. Neben ihm ſitzt ein Mann, der ehemals eine bril⸗ lante Carriere in der Welt gemacht, und einmal in der Nähe einer von den Höhen der menſchlichen Geſellſchaft geſtanden hat, nämlich in der Nähe des— Galgens. Er war nänlich in die Verſuchung gerathen, die Affai⸗ ren ſeiner eigenen Bank zu verbeſſern.**) Von der Zeit an, gab er ſich wirklich alle nur erſinnliche Mühe, zu vergeſſen, daß er jemals einen Namen gehabt hatte: er entfloh, verbarg ſich, wurde ertappt, und entfloh von Neuem. Nach vielen Jahren der Armuth und des Jam⸗ mers fand ihn eines Tages in einem Graben neben der *) D. h. Donner. Anm. d. Ueberſ. ) Wer Banknoten verfälſcht oder verfälſchen läßt ꝛc., wird nach ſchwediſchen Geſetzen gehenkt; doch wird dieſe Strafe gewöhnlich in Zuchthausſtrafe verwandelt, nachdem der Verbrecher einige Stunden im Halseiſen öffentlich zur Schan geſtanden hat und mit Ruthen gepeitſcht worden iſt.* Anm. d. Ueberſ. 14 Landſtraße unſer Onkel, und meinte, es ſchiene in der Seele des Sünders noch ein kleines Feld vorhanden zu ſein, das willig wäre, eine beſſere Ausſaat entgegen zu nehmen— und wer wollte der Säemann ſein, wenn nicht der Onkel... Petter Einſiedler, wie man ihn in der Colonie wegen ſeiner zurückgezogenen Verſchloſſen⸗ heit nannte, war in Grandalen eine Art von Statthalter geworden, und führte in Abweſenheit des Onkels ein ruhiges, aber ernſtes Scepter. ein ſehr häßlicher, rothhaariger und einäugiger Jüng⸗ ling, der wegen gewiſſer Umſtände ein Bedürfniß gehabt hätte, in eine Anſtalt für ſchlecht erzogene Kinder zu kommen; da er aber keine ſolche gefunden hatte, ſo ſetzte er ſeine Raufereien fort, bis er in einer Schlägerei das eine Auge verlor, worauf er— verlaſſen, geplagt, ab⸗ gemergelt— bettelnd nach Grandalen kam, wo zu jener Zeit eben ein Platz leer geworden war. Olle erhielt denſelben, und hatte ſich nun in ſechs Jahren ſo an Leib und Seele erholt, daß Alle ihn lobten; auch war er Derjenige, welcher die ſchwerſte Arbeit aller Art ver⸗ richtete und bisweilen ſeine Vorgeſetzten und das weib⸗ liche Perſonal mit allen luſtigen Erzählungen unterhielt, die er auf ſeinen Bettelwanderungen gehört hatte. Doch wir haben des weiblichen Perſonales erwähnt, und dürfen dieſes nicht vergeſſen. Zwei alte Wittwen— die in ihrer Jugend in der großen Spinnanſtalt des Staates ſpinnen gelernt haben, jetzt aber ſeit vielen Jahren würdige Matronen im Pa⸗ triarchate ſind— waren die Aufſeherinnen über Haus und Viehhof, und trafen in dem einen Augenblicke ſingend beim Kaffeethränchen zuſammen und in dem andern kei⸗ fend am Herde, wo ihnen die halbgekochten Kartoffeln als Bomben dienten. bisweilen ein kleines Scharmützel mit einander hatten, Die letzte Perſon in dem maskulinen Dreieck, war Wenn aber auch Mutter Siſſa und Mutter Trina um das Gemüth zu erfriſchen, ſo vereinigten ſie ſichum 1⁵ ſo mehr in der Liebe zu der reizenden Bolla, der Näh⸗ terin und Aufwärterin des Hauſes. 4 Bolla hatte ebenſo gut wie manche Andere ihre Liebesgeſchichte gehabt, und wie für manche Andere hatte die Romantik ſich in jene Wirklichkeit aufgelöst, welche keine Seufzer, keine Thränen und keine Bitten in einen Traum zu verwandeln vermögen. Bolla— aus ihrem Dienſt weggejagt und ohne Schutz, denn Vater und Mut⸗ ter waren todt, und der Geliebte hatte einen andern Schatz bekommen— ſtand an einem ſchönen Morgen vor einem ſchönen Waldſtrome und beſann ſich, ob es wohl nicht das Beſte wäre, ehe ihr Kind die erſte Sonne dieſes ſchwarzen und laßweiligen Lebens ſähe, ſeinem und ihrem Leben ein Ende zu machen; da, als ſie ge⸗ rade hierüber nachdachte und das Vorhaben auf ihrem Geſichte zu leſen war, offenbarte ſich ihr ein freund⸗ licher Engel, der ihr Retter und Beſchützer wurde. In Grandalen fand ſie eine Heimath für ſich⸗und für ihr Kind; das Kind aber vertauſchte dieſe Heimath bald mit einer andern, Bolla indeſſen blieb, wo ſte war, und bemühte ſich, dem Herrn ihre Dankbarkeit zu beweiſen durch den Geiſt der Ordnung und Gemüthlichkeit, wel⸗ chen ſie durch das ganze Haus verbreitete.. Es ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, daß Primus, Aller Goldkind und Viceherr, ihr eine Zeitlang ſeine Huldigung widmete— aber es war nun ſchon ſehr lange her, ſeitdem die eine von den beiden weißen Katzen Bolla hieß. Onkel Janne ſaß auf ſeinem Stuhl und rauchte. Mut⸗ ter Siſſa und Mutter Trina traten die ſtillen Spinnräder. Bolla ſtrickte an einem Strumpf. Der Korporal ſchnitt an einem Löffel. Petter Einſiedler verſah einen alten Kübel mit Reifen. Olle ſpaltete kleines Holz, und Primus ſaß auf einem Schemel vor dem Kamin, legte Feuerung auf und reizte Björn und Murre einander in die Haare. Das ganze Gemälde hatte einen Farbenton, den 16 wir den des Herzens nennen möchten, denn alle dieſe einzelnen Figuren blickten mit Augen, aus denen die herzlichſte Liebe leuchtete, zu dem empor, welchen ſie ſchlecht und recht„Herr“ nannten. „Nun ſitzen wir hier ganz nach der alten Weiſe, ½ Kinder!“ ſagte der Onkel, indem er ſich im Kreiſe um⸗ her ſah.„Ich kam in dieſem Jahre früh nach Hauſe, ℳ weil ich doch zu Weihnachten wieder wegzureiſen denke.“ „Wie?— zu Weihnachten ſchon?“ riefen ſechs Stimmen aus, die in eine einzige verwandelt waren. „Ja, ſo wird's. Ich will meine Brudertochter be⸗ 1 ſuchen. Doch wir haben noch eine lange Zeit mit einander zu leben, Freunde; wir haben noch ſo manche vergnügte Stunde zuſammen, ehe ich aufbreche.“ „Herr, haben Sie nichts Merkwürdiges geſehen?“ fragte der Korporal, der unerhört gerne Geſchichten hörte: ſie lieferten ihm immer einige Beiträge zu ſeiner Logik über die Unterſchiede. „Wie dumm Ihr fragt!“ fiel Mutter Siſſa ein, 4 welche im eigentlichen Sinne die Hausfrau war.„Sollte 4 der Herr aus geweſen ſein, ohne etwas Merkwürdiges geſehen und gehört zu haben?“ 3 „Wenigſtens,“ entſchied Mutter Trina, auch Mut⸗ ter Steifnacken genannt, denn ſie war die mannhafteſte in der ganzen Kolonie,„wenigſtens kann der Herr immer etwas erzählen, ſei es nun mit oder ohne Merkwürdigleit Bolla erhob einen bittenden Blick zu dem Onkel. Olle grinste vergnügt und verzog den Mund bis zu den Ohren. Ja ſogar der Einſiedler wendete den Kübel um und hielt mitten in der Arbeit inne.. „Herr!“ rief Primus, indem er mit ſeinem kleinen Stiefel dem Björn einen Tritt gab, da dieſer einen Knochen an ſich reißen wollte, welchen Murre ihm vor⸗ her weggenommen hatte,„Herr, geben Sie die Geſchichte zum Beſten, welche Lars Hakansſon in Korswik Ihnen erzählte! Das war eine Geſchichte, die da taugt!“ „Du drückſt Dich ſchlecht aus, Primus!“ entgegnete der Onkel zurechtweiſend.„Es war Gottes Finger, der —. — —— — ————— 17 über dieſes Ereigniß, ſowie über alle andern Begeben⸗ heiten hier in der Welt, das Urtheil ſchrieb. Und da ich es Euch anſehe, Kinder, daß Ihr gerne etwas hören wollt, das Euer Blut ein wenig abkühlen kann, ſo hört: Es war einmal vor nicht gar vielen Jahren.. Doch, Primus, nimm Du die Aepfel und lege ſie zum Braten in die Aſche!... Es war einmal, ſage ich, ein altes Ehepaar, ſogenannte Herrenleute; ſie hatten eine einzige Tochter, welche ſie über Alles liebten, und welche ſie auch erſt neulich verheirathet hatten. Nun, das war Alles recht gut, der Schwiegerſohn gefiel ihnen, die Tochter ſagte, ſie wäre ſo glücklich, daß ſie mit kei⸗ ner Chriſtenſeele tauſchen wollte, und was ſie mehr ſagen konnte von Demjenigen, was junge Leute in den Tagen des Glückes zu ſchwatzen pflegen. Als aber ein Jahr zu Ende war, da wurde ihre Wange weiß wie eine Lilie auf dem Felde: die rothen Roſen hatten ihre Blätter verloren und waren dahin. Jetzt fragten die Eltern ſie mit Unruhe, was ihr fehlte; aber ſie war verſchämt und ſtill und gab nur ausweichende Antwor⸗ ten. Sie wendeten ſich an den Schwiegerſohn, aber er wußte von nichts.“ Deer Onkel hielt einen Augenblick inne und erfriſchte ſich mit einer Priſe; darauf ließ er die Doſe zu dem Korporal hinüber wandern. „Wieder war eine Zeit vergangen,“ fuhr der Alte in ſeiner Erzählung fort,„als eines Tages der Schwie⸗ gerſohn die Eltern beſuchte und ihnen erzählte, er hätte ſeine junge Frau, um ſie zu erheitern, zu einer Freun⸗ din in einer entfernten Provinz gebracht. Die Eltern freuten ſich über die Zärtlichkeit des jungen Ehemanns und daß ihre Tochter Fröhlichkeit und Geſundheit von der Reiſe mitbringen würde, wunderten ſich aber, daß ſie nicht gekommen war, um Abſchied von ihnen zu nehmen... Mehrmals fragten ſie ſpäterhin den Schwie⸗ gerſohn, ob er ſie nicht bald holen wollte. Er ſagte immer ja, und reiste auch, wie er ſagte, um ſie zu⸗ rückzuholen, aber ſie hatte dort, wo ſie war, immer ſo viel Vergnügen und ſo gute Luſt, noch länger zu bleiben, daß er ſie unmöglich mitbekommen konnte... „Jeſus! das iſt nimmermehr richtig!“ ſeufzte Bolla und warf einen fragenden Blick auf Mutter Siſſa, welche nickte und ſagte:„Still!“ Und in demſelben Augenblicke wurden Bolla's theilnehmende Gedanken getheilt, indem ein von Primus geworfener Apfel ganz behende auf ihren Schooß gehüpft kam— alte Liebe roſtet nicht: zwiſchen Primus und Bolla war immer noch ein inniges Verhältniß. „Wie Bolla ahnte,“ fuhr der Onkel fort,„war es nicht ganz richtig— und ſo ahnten auch die Eltern, deren Angſt ſtets zunahm. Um dieſe Zeit glaubte die Mutter, einen Beſuch von der Tochter im Traume zu haben, und dieſe ſagte zu ihr:„Mutter, Mutter! erbarme Dich! Ich habe nicht eher Ruhe, als bis ich in geweihte Erde komme! Mein Mann zwang mich, zu reiſen. Er liebte eine Andere, mich, die er los ſein wollte, brachte er mit Liſt unterwegs in eine Scheune“— ſie gab den Ort ganz genau an und beſchrieb ihn—„dort mordete er mich und ſcharrte meinen Leichnam unter der fünften Bohle von der Thüre ein. Sucht mich dort und Ihr findet mich: ſucht bald, damit ich bald Ruhe haben mag!“ So erzählte ſie und verſchwand. Die Angſt der Eltern war fürchterlich; aber ſie dachten:„In zwei Tagen kommt der Schwiegerſohn zurück, und da bringt er ſie wohl mit!“ In den beiden Näͤchten vor ſeiner Rück⸗ kehr hatte inzwiſchen die Mutter wieder dieſen Traum, und als nun der Schwiegerſohn von Neuem vor ihnen ſtand und klagte, daß ſeine Frau unter keiner Bedingung nach Hauſe wollte, da meldeten die Eltern die Sache an zu einem polizeilichen Verhöre. Die Frau war nicht an dem Orte, den der Mann angegeben hatte, und war niemals dort geweſen. Und als nun vor dem Ge⸗ richte der Traum in Gegenwart des Mannes erzählt wurde, da kam ein ſolcher Schrecken über ihn, als er Gottes Urtheil vernahm, welches er hierin ſah, daß er ſogleich bekannte, ja, Kinder, bekannte, Alles wäre ſo, —4— 5 2 — 19 wie ſeine ſelige Frau ihrer Mutter erzählt hätte. Er hatte eine unerlaubte Liebe zu einer Andern gehegt und Diejenige gemordet, welcher er Liebe im Leben und im Tode geſchworen hatte; doch ging er, Gott ſei Preis, als ein reuiger Sünder den letzten Weg. Die armen Eltern waren ſchon vorangegangen: die Trauer hatte ſie getödtet... Doch, Kinder, hört Ihr nichts? Es iſt mirr gerade ſo, als ob ich den Donner hörte.“ Ein Zittern durchflog alle Mitglieder des Patriar⸗ chates. Sie dachten an die junge Frau, welche in der 4 Scheune unter der fünften Bohle lag... ſie machte wohl in jeder Nacht ein großes Geräuſch. Aber Primus— der ein wenig Freidenker war und Geſchichten nur darum liebte, weil ſie Geſchichten waren, und nicht um des Wunderbaren willen— Primus eilte an das Fenſter, ſtieg auf einen Stuhl und ſpähte hinaus. „Merkſt Du Etwas?“ fragte der Onkel. „Ja, Herr, und noch dazu etwas ganz Neues!“ .„Was denn?“ „Das Geraſſel eines Wagens, Herr, ſo wahr ich lebe; denn ich glaube kaum, daß es der Nirx iſt, welcher geht und im Bache ein ſolches Spiel anſtellt... Nein... wie ich ſage, der Nix hat hier keine Schuld— ein Wa⸗ gen iſt es!“ „Das iſt ſonderbar!“ meinte der Onkel. „Ein Wagen, ein Wagen!“ dieſe beiden Worte gingen von Munde zu Munde. Die Ankunft eines Wagens war in Grandalen eine ſo wichtige Neuigkeit, daß ſie wenigſtens ebenſo große Senſation erweckte, wie die vorhergehende Geſchichte. — Zweites Capitel Verzweiflung. Als Helmer auf Edith's angſtvolle Frag im Himmel! wo ſind wir?“ antwortete:„In dem ⁵ mer, wo wir heute vor einem Jahre unſern Hochzeit⸗ abend feierten;“ da ſank das junge Weib wie vom Blitz getroffen zu Boden. 1 Zu eben dieſer Stunde im vorigen Jahre war eben dieſer Saal illuminirt und mit Blumen geſchmückt ge⸗ weſen, ein feſtlicher Tiſch hatte die Neuvermählten em⸗ pfangen, die Freude auf ihren Lippen geſpielt, der mäch⸗ tige Rauſch der Glückſeligkeit ihre Seele durchbebt und das heilige Feuer der Liebe ihr Weſen mit einem Scheine übergoſſen, vor dem der über den Blumen ſchimmernde Lichtſchein erblich. Was beleuchtet heute das einſame, flackernde Talglicht? Sind wohl die Perſonen in dieſer Gruppe noch die⸗ ſelben, welche das entzückende Brautpaar ausmachten? Iſt dieſes bleiche, ermattete, in den Staub gebeugte Weib die liebliche, lächelnde, bezaubernde Braut? Iſt dieſer Mann, welcher düſter, ſtill und unbeweglich, wie das Schickſal ſelbſt, ſeinen kalten Blick auf das Weſen zu ſeinen Füßen heftet, iſt er der glückſelige, der ſcher⸗ zende, der anbetende Bräutigam? Ja, es ſind dieſelben Perſonen, und nur ein Jahr, ein einziges, kurzes Jahr iſt nöthig geweſen, um dieſe Veränderung hervorzurufen. Asmodeus blickt verſtohlen zum Fenſter herein: Er reibt ſich die Hände, er lächelt, er fingt:„es iſt vortreff⸗ lich gelungen.“ „Ernſt!“ begann Edith mit leiſer, gebrochener Stimme,„in drei Tagen habe ich es nicht gewagt, Dich anzureden!“ Und ohne ihren Blick zu erheben, umfaßte ſie ſeine Kniee. Auf ihrer geſenkten Stirn ſtand Tod und Ver⸗ zweiflung zu leſen. „Wenn die Scham Deine Lippen drei Tage lang geſchloſſen hat,“ entgegnete er bitter,„ſo ſcheint es mir, als ſollte dieſer Ort ſie nicht geöffnet haben. Doch, ſteh auf— unſere Scenen find ausgeſpielt!“ Golt: w „Rein, Ernſt! Du kannſt nicht härter ſein, als wagt es nicht der reuige Verbrecher, ihm zu nahen? 21 „Gott iſt Gott, der Menſch aber nur ein Menſch. „Du, Ernſt, wirſt mir alſo niemals verzeihen?“ ſtotterte ſie ſchaudernd. 1 „Es iſt möglich, ja wahrſcheinlich, daß ich eines Tages Dir nicht allein verzeihen, ſondern ſogar danken kann, daß Du meine kurze Illuſion ſo bald zerriſſeſt, denn früher oder ſpäter wäre ſie auf jeden Fall zerriſſen; was aber noch weit gewiſſer iſt, das iſt: die Gefuhle, welche Du mir jetzt einflößeſt, ſind von der Beſchaffen⸗ heit, daß es für unſere beiderſeitige Würde das Beſte iſt, wenn wir jedes Zwiegeſpräch vermeiden. Das Geſetz löst den formellen Theil unſerer Ehe auf, der moraliſche iſt ſchon gebrochen.“ O, himmliſcher Gott, was fiebert er!... Das Geſetz, das Geſetz!— willſt Du mich wahnſinnig machen?“ Und ſie umfaßte ihn immer heftiger, indem ſie, trotz ſeiner vielfält gen Verſuche ſie aufzuheben, zu ſeinen Füßen im Staube liegen blieb. 1 „Wenn wir denn nothwendig noch einige Worte wechſeln müſſen, ſo geſchieht es wenigſtens nicht, ſo lange Du in dieſer Lage bleibſt. In meinen Augen erniedrigt ſie Dich nicht mehr, als Du ſchon erniedrigt biſt; doch, um der Leute willen, welche kommen können, wünſche ich...“ „So?“ rief Edith aus, und die grauſamen Worte ihres Gatten gaben ihr Muth, ſich wieder aufzurichten; „Du meinſt, ich kann in Deinen Augen nicht mehr er⸗ niedrigt werden, als ſchon geſchehen iſt? Und doch mußt Du begreifen, ja, Du begreifſt es ſehr gut, daß dieſer ſcheinheilige Schurke mich mit ſeinen Netzen umwebt hat!“ „Und deſſen phantaſtiſche Leidenſchaft ſich frei er⸗ gießen durfte vor der keuſchen Gattin eines Mannes, um deſſen Ehre man feilſchte.“ „War ich aber wohl meiner Sinne mächtig? Es war der Fürſt der Finſterniß ſelbſt, der mich in Ver⸗ ſuchung führte.“. 4 „Und der das ehrliche Vertrauen Deines Ma verhöhnte, herabſetzte, beſudelte, und zur Belohnung für die Geſchicklichkeit, womit er dieſes Werk ausführte— zur Belohnung für ſeine bilderreiche Liebesſprache und ſeine freche Frage, ob er nicht nach dieſem Allem auf das Vertrauen rechnen könnte, Dich zu Deinem natür⸗ lichen Beſchützer, Deinem Schwager, zu führen— die Antwort erhielt:„Ich verachte Sie nicht länger, und... und ich willige ein!““ Vernichtet verbarg Edith das Geſicht in den Händen. Wie konnte ſie wohl den Gedanken wagen, daß es möglich wäre Ernſt zu verſöhnen? „Laß uns ein Ende machen!“ ſagte er. „Ernſt, Du willſt Dich nicht überzeugen laſſen, daß meine Reue, mein Abſcheu über das Verbrechen, welches ich zu begehen auf dem Wege war— doch wage ich darauf zu ſchwören, daß ich es nimmermehr began⸗ gen haben würde; denn wäre ich auch nicht früher zur Beſinnung gekommen, ſo wäre es geſchehen auf der Schwelle der Heimath, die Du mir gegeben hatteſt— daß meine Reue, mein Abſcheu über dieſes Verbrechen, ſage ich, ebenſo groß iſt, wie das Verbrechen ſelbſt?“ „Was iſt denn eigentlich die Abſicht bei allen die⸗ ſen Reden?“ „Die Abſicht?... kann dieſe wohl mehr als eine ſein? haſt Du ſie denn noch nicht verſtanden?— mein Gott! ſollteſt Du wohl glauben, daß ich es noch freiwillig wünſchte, von Dir zu ſcheiden?“ Bei dieſen Worten wurde Edith von einem Blick aus den Augen ihres Mannes getroffen, welcher weit mehr ſagte, als Worte. In demſelben lag ein ſo tiefes Erſtaunen, daß ſie, welche eine Minute gehofft hatte, ihr Mann hätte ihre Abſicht vielleicht mißverſtanden, jetzt— in der fürchterlichen Gewißheit, er habe gar nicht die Abſicht, ſie zu verſtehen, Alles wäre zu Ende und müßte zu Ende ſein— in der Heftigkeit ihrer Verzweiflung und ihres tödtlich verletzten Stolzes ausrief: „ Und Du Du trittſt das Weib unter Deine Füße, welches Dir Alles opferte, was das Leben Heiliges hat, —— 1 2 23 Alles, was es Blendendes hat an Reichthum, Anſehen und Rang!“ „Ganz im Gegentheil,“ antwortete Ernſt eiskalt: „ich bin Derjenige, welcher das Weib, das jetzt auch ihren Gatten, ihre Pflichten opfert, daran hindert, ſich noch einmal über die gemachten Aufopferungen zu beklagen, auf welche ſie ſich ſelbſt noch in dem Augen⸗ blicke eines aufwallenden Sinnenrauſches beruft, dem ſie den Namen Reue zu geben beliebt!“ „Ha, welche Bitterkeit, welche ſchreckliche Bitterkeit!“ „Ich ſage es noch einmal: laß uns ein Ende machen! Keine Worte von menſchlichen Lippen können dieß hier wieder in's Geleiſe bringen. Nachdem ich Dich der Sorgfalt des Onkels anvertraut habe, wählſt Du nach Belieben Deinen Aufenthaltsort, und durch ihn erfahre ich, wann ich in den Blättern bekaznt machen laſſen kann, daß Du weg biſt.“ „Und es ſollte alſo vorbei ſein, ewig vorbei zwiſchen uns?— O Ernſt, bedenke: noch, weiß die Welt nichts!“ „Sie erfährt es bald genug.“ „Wenn ſich aber in Deiner Bruſt nur ein halbes Gefühl der Verſöhnung fände...“ Er machte eine ungeduldige und abwehrende Bewe⸗ gung mit der Hand.„Nichts mehr von dieſer Art! Ein Mann, der ſo in ſeinen innerſten und heiligſten Gefüh⸗ len gekränkt worden iſt, wie ich, ein Mann, der in ſeinem Anſehen als Gatte ſo unerhört beleidigt iſt, der kann vielleicht verzeihen; doch, glaube mir, und laß Dir das ein⸗ für allemal geſagt ſein, er vergißt nie!“ Edith, welche neben dem Sopha ſtand, ſchwankte und ſank auf denſelben. „Nie?“ wiederholte ſie.„Was iſt da die Liebe, die Liebe, deren Macht Alles zu ebnen weiß, was Auf⸗ ruhr und Sturm geweſen iſt?“ „Was die Macht der Liebe vermag, duvon glaube ich Dir in den letzten drei Monaten unſerer Che eine beſſere Deutung gegeben zu haben, als Du jetzt anführſt. Die Liebe kann Vieles ertragen, Vieles leiden, Vieles vergeben; doch eine Liebe, der nur die Vergangenheit gehört, die keine Gegenwart und keine Zukunft beſitzt, die... doch genug!... Das Einzige, welches ich nach dem achtundzwanzigſten September(dem ſtürmiſchen To⸗ destage meiner Liebe und meines Glückes) Derjenigen anbieten kann, welche die Außenſeite des Lebens höher ſchätzte, als die tiefe, innere Bedeutung deſſelben, iſt— die Freiheit! Sobald er dieſes geſagt hatte, ſtand er auf, gab Edith einen Wink, daß Jemand auf der Treppe zu hö⸗ ren wäre, und entfernte ſich eilfertig.— Edith war ganz außer Stande, ſich nur zu bewegen. Gleichſam durch einen Nebel ſah ſie, wie eine Fi⸗ gur eintrat, wie dieſe einen Tiſch hinſchleppte und ein Abendeſſen vorſetzte. —— Zwei Stunden waren verfloſſen. Zum Schein hatten die beiden Gatten— wenn ſie ſo noch heißen konnten— bei der Abendmahlzeit bei einander geſeſſen.“ Jetzt war dieſe längſt verzehrt und Edith in ihrem Zimmer. Während dieſer drei Tage hatte ſie faſt ausſchließlich von Thränen und Qualen gelebt.„Und womit,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, indem ſie unausgekleidet auf das Bett ſank und ſich darüber wunderte, wie lange ſie es wohl nooch ſo aushalten würde,„womit ſoll ich Verlaſſene, von Allen Verworfene, mich wohl künftig nähren, wenn nicht von Qualen und Thränen?“ Der letzte Funke von Stolz war verſchwunden. In dieſem ganzen Chaos eines zerſplitterten Lebens⸗ glückes blieb ihr nur ein einziges überwiegendes Gefühl ubrig— das ewige, welches nicht ſterben konnte: die Liebe zu Ernſt. 8u meiner Mutter,“ überlegte ſie,„will ich nicht Aliehen: da wäre alle Hoffnung auf eine Verſöhnung verloren.. Habe ich wohl noch eine Hoffnung, ich? ——— — ———% ☛— 4 25⁵ O nein, keine! Wenn er klagte, wenn er tobte, wenn er mir Vorwürfe machte, die davon zeugten, daß ſein nicht, was er verkündigt hat: ewige Trennung?.... Wie?— Scheidung: Geſetz... Bekanntmachung in den Zeitungen?“ e. Sie ſprang wieder auf. Sie warf mit wilder Verzweiflung ihren Blick über dieſes Zimmer, welches ſie erſt jetzt recht erkannte. Ein Ruf von zuſammengepreßtem, aber tödtendem Schmerz drängte ſich über ihre Lippen. „Und keinen Freund, kein menſchliches Weſen, zu dem ich fliehen und bei dem ich ausweinen kann!“ „Ach, ja, bald bin ich bei dem Einzigen, der Er⸗ barmen mit mir haben wird!— Aber, bin ich erſt bei ihm, ſo bin ich auch allein... gleich allein. Nein, ich will noch nicht reiſen... noch nicht... noch nicht!“ Nach einem Ausbruch der fürchterlichſten Gemüths⸗ unruhe, verſuchte ſie ihre Gedanken von Neuem zu ordnen, eine Ueberſicht über ihre Lage zu gewinnen, ſie zu erwä⸗ gen und zu ſehen, ob es nicht möglich wäre, in derſelben die Dämmerung eines kommenden Lichtes zu entdecken. .„Warum ſchreckt mich Ernſt's Anerbieten der Frei⸗ heit ſo? War ich nicht auf dem Wege, mir ſie ſelbſt zu geben? „Ja wohl; doch damals war ich verblendet, verleitet, wahnſinnig. von Neuem in die Welt einzutreten, welcher ich ange⸗ 3. „ 8 . —— höre? Glanz und Reichthum, die Genüſſe des Lurus und des Geſchmackes— ſind ſie gar nichts werth? Hat es denn gar keinen Werth, von einem Lande zum andern reiſen zu können? Wie viele Schätze für den Schönheitsſinn, wie viele Triumphe für die Eitelkeit?. iſt das Alles gar nichts? Ein launenhaftes Weib. IV. 3 7 g „Enthält nicht dieſe Freiheit für mich das Recht, t 4 . ₰ 8 3 1 4 8f 2 2 4 ———össEͤEͤͤͤnI 26 Nichts, wenn ich es vergleiche mit Ernſt's Liebe. Könnte ich dieſe Vorzüge mit ihm genießen, da hätten ſie einen großen Werth— ohne ihn, ja, ohne ihn wür⸗ den ſie, anſtatt mich zu beleben, zu tröſten und aufrecht zu erhalten, mich nach und nach toͤdten, denn ſie würden mich täglich daran erinnern, daß ich um ihretwillen das Höchſte verloren habe. Aber meine Mutter, meine Mutter, welche mir ihre Arme entgegen ſtreckt, welche mich ſegnet, mich liebt, mich mit tauſend Beweiſen ihrer niemals ver⸗ ſchwundenen, nur unterdrückten Zärtlichkeit überhäuft! ſiſt es nicht lieblich, an ihrem Herzen ruhen zu fönnen? An dem Herzen einer Mutter läßt ſich ſo Vieles vergeſſen... Doch nicht für die täglich erneuerte Reue und Qual einer geſchiedenen Gattin.. ein Gott, mein Gott, überall dieſe Liebe! Warum iſt dieſes Gefühl das einzige, welches mir treu bleibt durch das ganze Leben? Vermag ich es nie zu beſiegen, werde ich mich ewig umherſchleppen mit dem Andenken— dem ſchweren, mordenden Andenken an ſeine bittere Kälte? Nein, nie kann ich dieſe Liebe beſiegen, ja, ich will es nicht einmal, denn ſie iſt ein Theil, ſie iſt der vor⸗ nehmſte Theil meiner Seele, und überall muß ich die Erinnerung an die Strafe, welche mein Leichtſinn, mein Wahnſinn, meine Sünde mir bereitet hat, umherſchlep⸗ pen... Ja ſelbſt in dieſem Augenblicke, da er mich in den Staub inatdrice iſt er dennoch der einzige, der unumſchränkte Herrſcher über mein Schickſal, uͤber mein Herz... und er verbleibt auch der einzige Herr⸗ cher, ſelbſt wenn unſer Band tauſendmal von dem Ge⸗ Da dieſes ſchreckliche Wort jetzt zum dritten Male vor ihrer Seele ſchallte— eine dunkle Grabglocke bei dem Begräbniſſe des Glückes ihrer Liebe und ihrer Ehe — warf ſie ſich auf die Kniee und betete, betete ſo, wie ein Menſch, der im Sterben liegt, betet um ſeine Er⸗ — 27 löfung von aller Angſt und von der Finſterniß, die ihn noch umgibt. „Ich verlange nicht mehr des uͤberſchwenglichen Glückes zu genießen, welches ich von mir geſtoßen habe,“ ſagte ſie;„ich bin ſeiner ſo ganz unwürdig, daß ich nicht ohne Erröthen daran denken kann. Ich verlange nur die Befreiung von der qualvollen Gewißheit, daß ein Tag kommen kann, kommen wird, da ich nicht länger das Recht habe, Ernſt meinen Gatten zu nennen — denn an dieſem Tage müßte ich entweder meinen Verſtand verlieren, oder auch mein Leben! O mein Gott! wie ſoll ich ihn überreden, daß er mich nicht von ſich verſtößt?... 3ch will zufrieden ſein mit ſo Wenigem, ſo Wenigem, mit der allereßtfernteſten Hoff⸗ nung! Aber mongen Abend ſind wir da, er verläßt mich, reiſ't zurück— Khrt niem ls zurück. Und in jenem Augenblicke, 38 ich ihn zum letzten, zum allerletzten Male ſehe, wie werde ich es da fühlon in meinem Her⸗ zen?... Ach, dieſes Uebermaß des Leidens verwirrt wieder meine Sinne!“ 3 Ihre Thränen ſtrömten, ihr Körper zitterte vor Schmerz⸗ „Vater im Himmel, ſieh' meine Angſt an!.. Erbarmen! Erbarmen!. O, gib mir in dieſer qual⸗ vollſten Stunde meines Lebens einen Gedanken, der mich auf den rechten Pfad führt, gib mir ein Zeichen der Erhörung, damit meine Seele nicht untaggeht in Ber⸗ Wweiflumg. 1 Drittes Ge Das Zeichen. Lange hatte Gdith in tiefe, brünſtige Gebete ver⸗ ſenkt gelegen, aber kein barmherziger Engel hatte ſie mit ſeinem weißen Fittich berührt. Hoffnungslos ſtueri 8 ihr Blick empor zu dem ſternklaren Himmel. 2 28 Da ging plöͤtzlich eine mächtige Bewegung durch das ganze Weſen des jungen Weibes. Es war, als hätte ein blendender Schein ihr Antlitz erleuchtet und verklärt, und wer in dieſem Augenblicke die unausſprechliche Veränderung geſehen hätte, die mit ihr vorging, wer bemerkt hätte, wie ſie mit verhaltenem ¼ Athem, jede Fiber in leiſem Beben, auf eine neue Offen⸗ barung zu warten ſchien, der hätte eine faſt göttliche Erſcheinung zu ſehen gemeint. Die von einer innern Kraft gehemmte Thräne hing noch in der langen ſeideweichen Franſe ihres Augenlides, und die Augen, von denen jeder Ausdruck eines irdiſchen Leidens geflohen war, um einer heiligen Begeiſterung, einem lieblichen Beben Platz zu machen, waren unver⸗ wandt auf die bleichen Sterne gerichtet. Ihre Hände, die ſte noch vor einem Augenblicke in weiflung rang, ruhten ſtill gefaltet über der Bruſt. So verblieb ſie eine volle Viertelſtunde. Jetzt fuhr ſie wieder heftig zuſammen die Hände R wurden von Neuem gefaltet, aber nicht mehr in Ver⸗ zweiflung, ſondern zu einem ſo lebendigen, ſo unend⸗ lichen, ſo inbrünſtigen Gebete, daß keine Worte einer menſchlichen Sprache dieſelben wiederzugeben vermocht hätten; aber ihre von einer immer höheren Begeiſterung flammenden Augen drückten aus, was in ihr vorging, und die hohe, verſchämte, heilige Röthe auf ihren Wangen redete ebenfalls, von Allem am meiſten aber redete der Ausdruck in ihrem Antlitze, dieſer Ausdruck von Stolz, von Glüͤckſeligkeit, Demuth und Gewißheit.. Mit einem neuen elaſtiſchen Leben, als wäre gleich⸗ 4 ſam alle Müdigkeit und Angſt, aller Schmerz und Kampf 8 in einem einzigen Augenblick begraben worden, erhob ſie ſich von ihrer knieenden Lage, und ohne ſich eine halbe Sekunde zu beſinnen, nahm ſie das Licht vom Tiſche, eilte ſchnell über den Saal zu der andern Seite, wo. Ernſt's Zimmer belegen war. Sie öffnete die Thür ſo leiſe, daß er, der noch in die Tiefe ſeiner düſtern Gedanken verſunken, vor der 4. +— * ³ 29 niedergebrannten Gluth im Ofen ſaß, ſie nicht eher hörte, als da ſie ſchon im Zimmer war. Helmer erhob ſeine Augen und erhielt gleichſam einen elektriſchen Stoß, da er Edith ſo überirdiſch ſchön, ſo ſtrahlend von der Rückwirkung einer erhabenen, einer göttlichen Macht vor ſich erblickte. Noch nie hatte er, weder in der Natur, noch in der Kunſt, etwas geſehen, das ſich mit ſeiner Gattin vergleichen ließ in dem Augen⸗ blicke, da ſie mit dem Lichte in der Hand vor ihm ſtand und ihn mit einer zu gleicher Zeit geheimnißvollen, ver⸗ ſchämten und vor Freude zitternden Zärtlichkeit betrachtete. „Was iſt, Edith?“ fragte er mit einem leichten Schauder. Er ſchauderte davor, daß er ſich gleichſam von Neuem unter dem Einfluſſe einer Macht befand, die er nie wie⸗ der anzuerkennen dachte. „Siehſt Du es nicht, Ernſt? faſſeſt du es nicht? O, ich glaubte, du müßteſt es begreifen!“ 1 „Was?“ ſtotterte er,„was ſoll ich begreifen?“ „Daß Du mich jetzt nicht länger von Dir ſtoßen kannſt!... Sieh', Ernſt, jetzt bin ich ruhig: thue mit mir, was du willſt, nie ſoll eine einzige Klage über meine Lippen kommen, denn ich weiß zwei Dinge, die ſtets meinen Muth aufrecht erhalten werden: ich bin die Deinige und ich werde es auch bleiben. Ich fürchte dieſe durchbohrenden Worte nicht länger, die Du mir zugedonnert haſt: Geſetz und Bekanntmachung; denn ſie haben keine Macht mehr über mich.“ „Jetzt aber fürchtete Ernſt ſtatt ihrer, daß Edith's exaltirtes Gemüth alle dieſe Erſchütterungen nicht zu ertragen vermocht hätte. „Armes, verwirrtes Weib!“ ſagte er mit zitternder Stimme. „‚Nein, Ernſt, nun bin ich nicht länger arm, ſon⸗ dern reich!... Glaube nicht, daß ich in Verwirrung rede, oder daß ich Dich betrüge. Wäre ich nicht ſo jung, ſo unerfahren und ſo unglücklich mit m. Wahne beſchäftigt geweſen, hätten wir nicht in den letz⸗ em verrückten ſͤſoͤſ“ —] ſ —ÿÿ ͤ 1 Verirrung unveränderlichen Liebe, das heilige Unterpfand 3 ten Monaten ein ſo getrenntes und ſchmerzhaftes Leben gelebt— was Alles meine Schuld, ganz allein meine Schuld iſt— ſo hätten wir gewiß ſchon längſt dieſes Geheimniß gewußt. Ernſt, theurer, tauſendmal mehr als ſonſt geliebter Ernſt! haſt Du wohl den Muth“... ſie hielt inne, legte ihre glühende Wange an die ſeinige und flüſterte:„die Mutter deines Kindas zu. verſtoüen.“ „O!“ rief er ünd kaͤmpfte mit tauſend neuen auf ihn hereinſtürmenden Gedanken,„das iſt nur eine neue Täuſchung! Ja, Sdith, dieſes unausſprechliche Glück, um das ich Gott ſo oft gefleht habe, weil... weil es eine Zeit gab, da es nur an einer Glückſeligkeit fehlte, die vielleicht allzu groß war, um dauerhaft zu ſein— es kann jetzt unmöglich kommen! o nein, nein!“ „Ja, es kommt eben jetzt, da wir deſſelben beſſer ebrauchen, als in den reichſten Tagen unſeres Glückes. Ich lag auf meinen Knieen und betete zu Gott ſo, wie wir nur dann beten, wenn wir einem unermeßlichen Unglücke nahe ſind, welches, wie drohend es auch aus⸗ ſieht, dennoch vielleicht durch Gottes unergründliche Macht noch zurückgehalten werden kann. Ich hatte mich ſelbſt ſowohl rückſichtlich der Vergangenheit, als auch der Zukunft ſorgfältig geprüft. Und ich hatte mir ruhig und feſt geantwortet, daß es keinen, keinen Erſatz gibt für Deinen Verluſt. In meiner tiefen Bedrängniß betete ich um Aufklärung, wie ich die Härte Deines Gemüthes gegen mich mildern könnte, betete um einen einzigen leitenden Gedanken, ein Zeichen, daß Gott ſich meiner erbarmen wollte— da, o Ernſt, da erbarmte er ſich nicht nur über mich, ſondern auch über uns beide, und er hatte es ja ſchon längſt gethan, wenn wir es auch nicht wuß⸗ ten. Und in dem Augenblicke, da mein inbrünſtiges Gebet ſeinen Thron erreichte, da fühlte ich auch ſein Verſprechen der Erhörung, denn in dieſem Augenblicke wurde von ihm das Weſen zum Leben geweckt, deſſen Pflege de u Behe anvertraut hat, dieſes Weſen, Ernſt, das heilige Andenken einer ſelbſt noch in ihrer —— 34 einer in jeder Hinſicht ſchönen und lieblichen Zukunft, denn ſogar die Prüfungen, welche Du mir aufzuerlegen Willens ſein kannſt, werden mir ein Genuß: ſie werden mir dazu dienen, zu zeigen, daß ich niß nach dem un⸗ ausſprechlichen Gluͤck, das Gott mir beſcheert hat, von meinen bisherigen Fehlern verſucht werden kann. Ich will mir alle Tugenden erwerben, damit mein Kind ſie von mir lernen möge.“ Helmer's Gefühle waren ſo erregt, ſo getheilt, ſo erſchüttert, daß ſeine einzige Antwort auf Edith's rüh⸗ rende Erklärung ein tiefer, ein unermeßlicher Seufzer war. „Armer Ernſt!“ ſagte das junge Weib mit einer Reſignation und einer Mildigkeit, welche mächtig auf ihren Gatten einwirkte,„wie unglücklich mußt Du nicht ſein, da dieſe Neuigkeit, dieſe Wahrheit, dieſe große und herrliche Gnade der Vorſehung von Deiner Seele nicht die Laſt hinwegwälzt, welche dort ruht, da dieſe beiden mächtigen Worte„unſer Kind“ Dich nicht zu einem neuen Daſein wecken und Dich das Bedürfniß fühlen laſſen, der ganzen Welt zu verzeihen!“ „Ja,“ antwortete er mit unſicherer Stimme,„ich bin ſehr unglücklich, denn die Offenbarung dieſes Ge⸗ heimniſſes— welches, wenn es fruͤher gekommen wäre, uns in die reinſten Freuden des Paradieſes eingeweiht haben würde— wirft nun nur eine doppelte Finſterniß auf meine Seele.“ „Wie?“ „Höre mich mit Ruhe an, Edith! Ich rufe Gott um Zeugen, daß ich Dich nicht beleidigen will; doch ahrheit bleibt Wahrheit, und was Dir allen Kummer, alle getheilten Gefühle und Intereſſen auszugleichen ſcheint, das thut es nicht bei mir. Was geſchehen iſt, das kann ja keine göttliche und keine menſch iche Macht ungeſchehen machen, und wenn auch die Erinnerung ſtirbt, ſo ſtirbt ſie doch nicht augenblicklich. Und es wäre unbedachtſam, unverantwortlich, Micht bloß um meinet⸗, ſondern auch um Deinetwillen, wenn ich mich noch einmal bethören ließe. Jetzt iſt der Entſchluß 8 7 gefaßt, eine Wiedervereinigung kann nur verdoppelte Schmerzen in ihrem Gefolge haben, denn unter der Ruhe würde ich eine verborgene Gefahr fürchten, ſogar in Deinem Lächeln die Dämmerung eines neuen Planes ſehen, Dich von der Feſſel zu befreien, der Du jetzt nur darum huldigſt, weil es Dir angeboten wird, ſie zu brechen.“ „Ernſt!“ entgegnete ſie ernſthaft und mit hoher Würde,„es iſt ganz natürlich, daß Du Mißtrauen hegſt gegen meine Kraft, die Schwachheiten meines Charakters zu beſtegen. Aber es iſt unnatürlich, daß Du nach mei⸗ ner Mittheilung noch daran denken kannſt, Dich von der Mutter Deines Kindes zu trennen. Habe ich denn in der Treue gefehlt? Iſt mein Gefühl auch nur flüchtig an einen Andern gefeſſelt geweſen? Du hätteſt ja nicht mehr als Scheidung fordern können, wenn Du mich auf dem Wege geſehen hätteſt, mit dem Gegenſtande einer verbrecheriſchen Liebe zu fliehen!“ „In einem ſolchen Falle würde Dein Fehler in meinen Augen geringer geweſen ſein: da hätte die Lei⸗ denſchaft Dich in einen Taumel verſetzt, Du hätteſt auf⸗ gehört, mich zu lieben, und weder Deine Erniedrigung, noch auch Deine Pflichten gefühlt; aber Du überlegteſt mehrere Monate, Dich freiwillig von dem Manne zu trennen, den Du liebteſt, und warum?— für ein Leben voll Flitter... für Eitelkeit und Hochmuth... und Du hatteſt den Muth, ſeine Liebe, ſein treues Herz der Todesqual hinzugeben, zu bewei...“ Er beſann ſich und brach ab. Nach einem Augen⸗ blicke fuhr er fort: „Wir können nicht daran denken, zu vereinen, was ſo geſondert iſt!“. „Wohlan,“ entgegnete Edith mit bewunderungs⸗ würdiger Ruhe,„wenn wir dieſe Vereinigung nicht als möglich annehmen können, welches ſind da Deine Ge⸗ danken über das Schickſal des Ungeborenen? Glaubſt Du, ich werde mein Kind von mir laſſen 2 Kannſt Du auf immer davon abſtehen?“ „Fur's Erſte.... 5 =S= hSͤͤ 33 „Rede nicht von einem Zwiſchenzuſtande!“ ſagte die junge Mutter mit blitzenden Augen. „Aber,“ ſagte Ernſt, und ſeine zitternden Lippen bezeugten ſeine ſtarke Bewegung,„auf dieſe Art wäre ja unſere Wiedervereinigung nur eine zwingende Folge 1 der Nothwendigkeit. Und was wäre ſie da? Kann dieſe Nothwendigkeit die tiefe Wunde heilen, welche ich er⸗ halten habe?“ „Da dein Gedanke mit Erbitterung bei dieſer Wunde verweilt, Ernſt, ſo darfſt Du es nicht ganz überſehen, daß die Verſöhnung mit meiner Mutter über alle Ver⸗ ſuchungen, die mir bereitet wurden, einen veredelnden Schleier warf. Aber ich ſagte Dir ja eben(und mein ganzes Betragen hat es ja bekräftigt), daß ich nicht aran dachte, ein Leben beginnen zu können, in welchem Du fehlteſt, denn Du warſt mir mehr, denn alles Andere. Jetzt gibt es aber etwas, das ich Dir an die Seite ſetze: das iſt mein Kind, und dieſes flößt mir ſchon den Muth ein, mit Ergebung den Schmerz zu tragen, da ich ſehe, daß die Nachricht von ſeinem Daſein nicht Alles wirkt, was ich gehofft hatte, aber es flößt mir auch den Muth ein, ſein künftiges Recht zu vertheidigen. Ich will nicht, daß dieſes Kind eines von jenen unglücklichen Weſen werden ſoll, deſſen Gefühle zwiſchen geſchiedene Eltern zerriſſen und getheilt werden müſſen, und die ſtets Urſache zu haben meinen, über eines von ihnen zu erröthen. Und darum, Ernſt, was Du auch thun magſt, ſo ſchwöre ich, daß ich nie in eine geſetzliche Scheidung willige: die moraliſche wird früher oder ſpäter aufhören. Ich weiß, Du wirſt dereinſt zu mir zurück⸗ kommen, und dann werde ich nur eine verdoppelte Liebe haben. Dann will ich es vergeſſen haben, daß Du in der Selbſtſucht Deines eigenen Schmerzes grauſam genug warſt, nicht die Einweihung Deines Kindes in das Leben zu ſegnen, daß Du ſeiner Mutter nicht einen einzigen Blick der Verſöhnung gabſt und daß Du ſie behandelteſt, als hätte ſte Deinen Namen entehrt.“ 4 Nachdem Cdith ſanft, aber doch mit großem Feuer — ,— ſo ihre Gefühle ausgedrückt hatte, wendete ſie ſich um und wollte gehen. „Edith!“ flüſterte Ernſt faſt lautlos,„bleib... bleib noch einen Augenblick!“.. Seine Arme öffneten ſich. Edith ſtürzte an ſein Herz. Ihre Thränen, ihre Gebete, ihre Seufzer vermiſchten ſich. Das Inſiegel der Verſöhnung war von Beider Lip⸗ pen bekräftigt worden. Aber in dieſer Verſöhnung lag nichts von dem Namenloſen, das die Liebe in ihrem höchſten Myſterium zweier Seelen ertheilt. Sie fühlten auch Beide, daß dieſes Höchſte fehlte, und ſie hatten den Muth, es zu geſtehen. „Dein Kuß, theurer Ernſt,“ ſagte Edith, welche uerſt redete,„hat nichts mehr von jenem flammenden Peruſr, das einſt auf Deinen Lippen wie in Deinem Herzen brannte, aber ich fühlte dennoch, daß Verzeihung darin lag.“ „Ja, meine Edith, und dieſe Verzeihung iſt nun auch in meinem Herzen— überlaſſe das Uebrige Gott, der Zukunft und unſerem Kinde. Und kommſt Du in Ver⸗ ſuchung, mir Vorwuürfe zu machen, daß ich die Entdeckung Deines heiligen Geheimniſſes nicht warm genug aufnahm, ſo bedenke: ehe ich mir noch das Glück der Gefühle eines Vaters dachte, hatte ich die Gefühle eines Gatten.“ „Ich will zufrieden und geduldig ſein, Ernſt! Habe ich nicht überdieß noch die Hoffnung, Deinen Blick einſt wieder ſtrahlen zu ſehen wie ehemals— und ſo wird er ſtrahlen, wenn Dein Herz wieder ſchlägt wie ehemals. Das kommt gewiß, ich muß dieſe Hoffnung beſitzen; denn das Leben ohne die wirkliche Liebe(ich rede nicht von der Liebe der Pflicht) iſt kein Leben. Sollte ich aber niemals, niemals mehr in Deinen Augen eine andere Zärtlichkeit leſen, als die ruhige alltägliche, die der Mann ſeiner Lebensgefährtin widmet... „Was dann?“ fragte Ernſt forſchend.„Es iſt noth⸗ wendig, uns alle Möglichkeiten zu denken. Immer werde ich in Dir das Weib lieben, dem ich Treue bis in den e— ₰ † wi ſie ba m ein jet wi 4 8 d ſſſſſͤſͤͤſſ 3⁵ Tod geſchworen habe, ob aber in mir jemals wieder das höhere Feuer aufflammen wird, das weiß nur Gott.“ „O,“ ſagte Edith mit geſenktem Blick und einem leiſen Zittern in der Stimme,„da glaube ich, daß die Strafe weit größer iſt, als meine Fehler! Aber dennoch Ernſt, dennoch fühle ich, daß ich nunmehr auch da ertragen könnte, denn ich habe das Andenken an Das⸗ jenige, was geweſen iſt... und ich habe die Liebe meines Kindes— dieſe werde ich mir zu erhalten wiſſen!“ Und ſie würde Dir Erſatz ſein können?“ rief Hel⸗ mer mit einem Blick und Ton aus, daß Edith's Herz hüpfte. Doch wagte ſie nicht zu verrathen, welche Hoff⸗ nung ſie ſchöpfte aus dieſer vielleicht unbewußten Eifer⸗ ſucht, aus dieſem kaum gedämpften Verdruſſe. „Ich weiß nicht,“ ſagte ſie,„ob ſie mir das Ver⸗ lorene erſetzen wird... aber ſie wird mich wenigſtens tröſten.“ Helmer ſchwieg. „Du forderſt ja nicht, Ernſt,“ fuhr ſie fort,„daß wir morgen die Reiſe fortſetzen? Ich muß jetzt ſehr vor⸗ ſichtig ſein: es iſt eine doppelte Gnade, für die ich dank⸗ bar ſein muß, daß nicht alle dieſe Erſchuͤtterungen ſchon mein unbekanntes Glück zerſtört haben.“ „In des Himmels Namen,“ fiel Helmer ganz blaß ein,„laß uns hier bleiben, ſo lange Du willſt!— Und jetzt geh zur Ruhe, geliebte Edith! geh gleich!“ „Dank, Ernſt, für dieſe zäͤrtliche Sorgfalt! Wenn wir morgen hier bleiben, ſo haben wir auch beſſer Zeit zur Ueberlegung, ob wir umkehren oder die Reiſe fort⸗ ſetzen wollen“... „Umkehren!“ Ernſt konnte, ſo ſehr er ſich jetzt auch bemühte, den Abſcheu nicht bergen, den dieſer Vorſchlag ihm eingab.„Nie,“ ſagte er mit der feſteſten Stimme, die er anzunehmen vermochte,„nie führe ich Dich wieder an dieſen Ort, den... den ich ſogleich verlaſſen werde. Ich übergebe Dich der zärtlichen Pflege des Onkels Janne ſo lange, bis ich im Stande bin, meine durch dieſe neue Stellung in der That recht ſchwierigen Angelegen⸗ 1 36 heiten zu ordnen. Und, Edith, auch das verdient in Erwägung gezogen zu werden: wirſt Du nicht dereinſt einen Blick der Verzweiflung auf dieſe Wiedervereini⸗ gung zurückwerfen, die Dich vielleicht wirklich erblos macht? Ich darf es Dir nicht verhehlen, daß, wohin ich Dich auch führe, es nicht“— ſeine Stimme ſenkte ſich—„zu dem kleinen Wohlſtande geſchieht, den wir gehabt haben.“ „Kein Wort mehr, Ernſt! Ich bin nicht ſo unwiſ⸗ ſend, daß ich nicht einſehe, in welche unerhörte Verle⸗ genheit mein Leichtſinn Dich auch rückſichtlich der Oeko⸗ nomie verſetzt hat. Vielleicht erhältſt Du bei dieſem plötzlichen Abſtand nicht die Hälfte von Demjenigen, was Du im Frühlinge für den Jahreswuchs erhalten hätteſt, vielleicht nicht die Hälfte von dem Kapital wie⸗ der, welches Du für Vieh und nothwendige übrige In⸗ ventarien angewendet haſt. Ich will in jeder Hinſicht auf das Aergſte gefaßt ſein. Und glaube mir, Ernſt, dießmal ſoll es keine Parodie werden, wenn ich Dir ſagen„eine Hütte und Dein Herz“ ſind mir genug!“ —„Dank, Edith, daß Du Dich ſo weit in die Ver⸗ hältniſſe hineindenkſt! Bis zur Hütte zwar iſt es noch ic gekommen, doch die Zukunft ſteht immer in Gottes and.“ Viertes Capitel. Ankunft in Grandalen. Ja, Primus, auf Ehre und Glauben, Du haſt Recht! es iſt wirklich ein Wagen!“ ſagte der Onkel, und indem er ſich an die Syiße des ganzen ihm folgenden Patriarchates ſetzte, ſchritt er in die Hausflur hinaus, um den Reiſenden Gaſtfreiheit zuzuſicheen. Primus allein blieb zurück, um das Feuer zu unter⸗ halten— Björn und M * Glied eingenommen und hielten ſich gleich zwei Trom⸗ urre hatten bellend das erſte —————+—— 37 petern einige Schritte vor dem Onkel— Primus aber war dennoch nicht ganz allein; denn die weißen Wäch⸗ terinnen des Wintergartens zeigten nicht die geringſte Neigung, ihr Abendeſſen abzubrechen, welches ſie eben aus zwei kleinen hölzernen Schüſſeln einnahmen, und der Igel und die Schildkröte hatten in ihrem Leben noch um keines Fremden willen die geringſte Aenderung in ihren friedlichen und ruhigen Gewohnheiten gemacht. „Oeffne Du die Thuür, Korporal!“ ſagte der Onkel, „warte aber noch ein Paar Augenblicke, noch ſind ſie nicht hier. Mutter Siſſa ſoll es ſo einrichten, daß wir warmen Thee bekommen, und Mutter Trina, daß wir eine ehrliche Feſtgrütze erhalten, während Bolla das grüne Zimmer in Ordnung ſetzt, das Olle gleich heizen mag. Du, Petter, nimmſt die Pferde an und ſiehſt ihnen zu Gute, und Du, Korporal, hilfſt den Reiſen⸗ den mit ihren Sachen. So!“ Kaum hatte der Onkel ſeine Befehle ausgetheilt, ſo hielt der Wagen. Der Korporal zog den Riegel hinweg von der Thür, und der Onkel ſelbſt trat mit dem Licht in der Hand auf die Schwelle. Aber, o Himmel, wie wurde dem Alten zu Muthe, als Helmer vom Kutſchbocke ſprang! „In Gottes Namen, Bruder! wer iſt im Wagen?“ Helmer bückte ſich ſchnell an das Ohr des Alten und flüſterte: „Geheime, teufliſche Intriguen von Dagby haben dieß veranlaßt. Doch zeige Ruhe, Onkel, bis Alles erklärt iſt! Edith iſt im Wagen, und ich brauche wohl nicht zu ſagen, daß ſie vor allen Dingen Schonung nöthig hat. Ihre Geſundheit iſt zart.“ „Sohn, Sohn, Du erhieltſt ein ſchweres Kreuz in Deiner Che! Verzeihe Gott es denen, die alles Böſe veranſtalten! Ehe wir aber die Wagenthür öffnen, ſage mir in Gottes Namen, ob es Deine Meinung iſt, daß ſie nach Dagby zuruͤck ſoll!“ 8 „Als wir dieſe Reiſe antraten, war das fo b ſchloſſen, doch ein ganz unvorhergeſchenes Greigniß hat —— — es verändert: davon ſpäterhin!... Jetzt geh, Onkel, und laß ſie nicht länger warten!“ „Olle!“ rief der Onkel,„eile hin, und heitze beide Stuben, die grüne und die blaue!“ Und nun ſtand der „Onkel an der Wagenthür. Als er dieſe öffnete, befand ſich Edith in einer ſol⸗ chen Spannung, verbunden mit einer ſolchen Ermat⸗ tung, daß ſie gar nicht den Verſuch machen konnte, ihre Stimme zu erheben. „Meine Du, meine Du, Du biſt krank! Herr Gott, Bruder! was bedeutet das? Edith, Kind, ſo antworte doch! komm zu Deinem alten Onkel! Ich ſchwöre... ich würde ſchwören, wenn ich jemals geſchworen hätte, daß Du hier gut aufgehoben biſt!... So, mein Blüm⸗ chen, mein Auge, mein Herzchen! biſt Du nun zufrieden?“ „Wir wollen ſie ſogleich hineinbringen— die Ge⸗ müthsbewegung iſt zu ſtark geweſen!“ ſagte Helmer und ſchob den Alten ſanft auf die Seite.„Liebe Edith, ſei ſtark!“ Er legte ſeinen Arm um ſie, hob ſie leiſe und vorſichtig aus dem Wagen und trug ſie die Treppe hinauf. Waͤhrend dieſer Augenblicke berührten ſeine Lippen die ihrigen eilfertig, und wie die Blume Leben erhält durch den Sonnenſtrahl, ſo wurde auch Edith zum Leben er⸗ weckt durch dieſen Kuß, der auf ihrem ſchönen erblaßten Mund einen heißen Purpur zurückließ. O, Ernſt! wird Onkel Janne mir verzeihen?“ „Er wird Dir verzeihen und Dich lieben, jetzt wie immer. Aber, Edith, Du mußt ſelbſt ſtark, ſehr ſtark ſein, denn ſonſt kann es möglich ſein, daß wir dieſe Reiſe noch mehr beweinen müſſen.“ „ So, Bruder! ſetze ſie dort in meinen Lehnſtuhl! Gott ſei gelobt, daß Du Dich wieder erholſt, Kind. So umarme mich doch, und ſei tauſendmal willkommen! Alle dieſe guten Menſchen, die Du jetzt hin⸗ und her⸗ laufen ſiehſt, werden mir helfen, Dich auf den Häuden tragen, mein Hühnchen! Wenn Du nun nur ein wenig — hehen woltieſ⸗ da Du zum erſten Male im Hauſe Deimes alten Onkels als Gaft biſt!“ 239 „Guter, geliebter Onkel Janne! Du biſt immer mein Troſt, mein Segen! wie froh, wie dankbar bin ich nicht auch, daß ich dieſen ſichern Hafen gefunden habe nach.. dem letzten kalten Sturm, der... der...“ Sie ſenkte ihr Haupt und ſchwieg. „Ach ſo, meine Du!“ entgegnete der Alte ebenſo leiſe wie Edith geredet hatte,„es hat wirklich Stürme gegeben?... das war nicht gut! Aber ſie kamen wohl nicht von ihm?“ Der Alte deutete mit einer Bewegung der Augenbrauen auf Helmer, der inzwiſchen ſeine junge Begleiterin von den beſchwerenden Reiſekleidern“ befreit hatte. „Ach!, von ihm kommt meine Glückſeligkeit jetzt und immer; wenn ich aber dieſe Glückfeligkeit ſelbſt auf's Spiel ſetze, ſo iſt es billig, daß ich vor ihrem Verluſt ittere. Laß uns aber das auf morgen ſparen, geliebter nkel; Wir erhalten wohl Zeit zu Mittheilungen.“ „Recht ſo, meine Du!... Jetzt aber wirf die Au⸗ gen um Dich in Deiner neuen Heimath! Was ſagſt Du von unſern Einrichtungen?“ „Hier iſt ſo wunderbar wohnlich, das Herz fühlt 5 ſich beglückt, wenn es dieſe ruhigen Gegenſtände be⸗ trachtet... Ach, ſieh, ein ganz kleiner Garten— ſo friſch und ſo ſchön!“ Und von dem Wintergarten an machte Edith allmählig Bekanntſchaft mit allen Eigen⸗ thümlichkeiten des Zimmers, ſogar mit den kleinen Ko⸗ bolden; und jetzt fand der große Kobold, Herr Primus, es endlich fuͤr gut, aus ſeinem Incognito unter dem Tiſche hervorzurollen. Niemand ſah es inzwiſchen, weder als er dahin ging, noch als er von dort kam; denn, wenn jemals Etwas geheimnißvoller iſt, als„eines jungen Mannes Weg an einer Magd,“ ſo iſt es des Lauſchers Weg zu einem paſſenden Verſteck. Primus lauſchte niemals darum, weil er Klatſchereien anrichten und Böſes thun wollte, ſondern weil die Neugierde und das Intereſſe an den Geheimniſſen Anderer zu ſeiner Natur gehörten Dieß⸗ mal wurde er aber nicht recht klug aus der Sache Er— — ſ verſtand nur ſo viel, daß die Nachricht, welche er ſelbſt der Mamſell Berntſon gegeben hatte, daß nämlich Herr Helmer und ſeine Frau glücklicher wären, als die Che⸗ rubim des Himmels, nicht ganz mehr mit der Wahrheit übereinſtimmen müßte.„Ach,“ ſeufzte er,„wäre doch nur Barbro mitgekommen!“ Zuletzt wurde das ganze Perſonal des Partriarchates vorgeſtellt, wobei Bolla natürlicher Weiſe den Vorzug erhielt, obgleich Edith Jedem ein freundliches Wort ſagte. Nach dem wärmenden Thee kam endlich die feſtliche Grütze, die Ruhe und ein folgender Morgen, an welchem Edith das Zimmer recht betrachten konnte, welches ſie während ihres Aufenthaltes beim Onkel bewohnen ſollte. Der Alte hatte ihr am vorhergehenden Abende ge⸗ ſagt, daß ihr Vater ehemals bei ſeinen Beſuchen in Grandalen dieſes Zimmer bewohnt hätte. Und als Edith ſich in dem Bette, worin ihr Vater geſchlafen, zur Ruhe begab, ſo war es ihr, als ob ſein Geiſt herabblickte, ſie ſegnete und über ihre müden Augenlider Frieden her⸗ abgöͤſſe. Und mit dem Gefühle dieſes Friedens erwachte ſſiie auch wieder. Obgleich es ein Herbſtmorgen war, ſo ſchien den⸗ noch die Sonne klar herein, und ihre freundlichen Strah⸗ len ſpielten auf den großen, roſigen Bettgardinen. Ueber dem Bette hing eine Silhouette des Onkels Janne und eine Uhr, die dem Hofrathe gehört hatte. Alles war ruhig und friedfertig; ſogar dieſe dunklen, mit Damen in Schäferhüten und Herren in Zöpfen bemalten Wände ſahen nicht kalt und öde aus. Sie harmonirten mit den ſchmalen, hochlehnigen Stühlen, dem ſchwarzen Pult von Ebenholz, und dieſem ſogenannten Nachttiſche mit einem Labyrinth von Schiebladen in jeder von den maſ⸗ ſiven Säulen. Das ganze Ameublement mit dem Ein⸗ drucke von Alter, Weisheit und Ruhe, wirkte auf Edith wie ein Morgengruß von den Lippen des zärtlichſten Vaters. 8 8 41 ſſt„Es iſt Alles gut,“ ſagte ſie halblaut,„und wenn,“ fuhr rr ſie fort und warf einen forſchenden Blick auf die halb⸗ e⸗ offene Thür in das Nebenzimmer, wo Ernſt wohnte, wo iit aber Alles ſtill war—„und wenn dieſes kleine Zimmer ch beſtimmt wäre, meine letzte Wohnung auf Erden zu 5 ſein, wenn ich hier meinem Kinde das Leben geben es ſollte, um nur einen kurzen Augenblick des Glückes einer ig Mutter zu genießen, ſo würde Ernſt das Zimmer lieben 9. und immer, wenn er herkäme, um unſer Kind zu beſu⸗-⸗ he chen, hier wohnen wollen— da würde er mich auch in m ddeer Erinnerung lieben wie früher, da hätte er alle meine ie Fehler vergeſſen, und dächte nur noch an meine Liebe.“ e. Ein leiſes Geräuſch hinter der Gardine zeigte an, daß Edith nicht allein war. „Wer weint mir ſo nahe?“ rief ſte heftig aus. 6. In dieſem Augenblicke ging es in der Thür. in„Ich, meine Dul ich ſaß hier und erwartete Dein th Erwachen. he Edith ſtreckte dem Alten die Arme entgegen. 2,„O Dank!... Wie ganz anders iſt ſes jetzt, als r⸗ ehemals, da wir uns am Morgen in dem großen Saale te auf Dagby trafen, oder ſpäterhin in unſerm ſchönen, freundlichen Arbeitszimmer an jenem Orte, den ich nie 1 wieder ſehen werde, nie mehr nennen will!“ h⸗„Ja, Kind, gewiß iſt Vieles anders. Aber auch er nach den Prüfungen und Sorgen, die wir ſelbſt uns ud bereitet haben, laͤßt Gott die Sonne ſcheinen. Sein ar verzeihender Arm iſt geöffnet für alle Reuigen, für Alle, en die ſich nach Veredlung ſehnen.“ de„Wenn nur Andere, als wir ſelbſt und Er, der it allein in unſere Herzen zu ſchauen vermag, an dieſes lt* Streben nach Veredlung glauben wollten!“ it„Zweifle nicht daran, Kind! Doch eine nothreife Frucht weckt nie die ſichere Hoffnung auf die Dauer gleich einer andern, die langſam unter manchem Wetter⸗ h wechſel gereift iſt. Sieh zu, meine Du, vie Du durch n KChaten eine neue Entwickelung Deines Weſens die Ueber⸗ zeugung von Deiner Veränderung einflößen kannſt! Und Ein launenhaftes Weib. IVv. 4 — —— 4 42 fordere nicht, daß Diejenigen, welche Dich am höchſten lieben, ſich uͤber die bloße Hoffnung freuen ſollen, denn Du weißt, wie betrüglich ſie iſt, und Du weißt auch, wenn wir ſelbſt die Wurzel derſelben aus der Bruſt Derjenigen geriſſen haben, welche ſie ſo gerne behalten wollten, daß wir es ohne Klage mit anſehen müſſen, wenn eine Zeit vergeht, ehe ſie von Neuem Wurzel faſ⸗ ſen kann.“ „Weißt Du Alles, Onkel?“ „Nein, meine Dul ich erhielt geſtern nur einen Wink von Deinem Manne, daß etwas Geheimnißvolles und Unglückliches, welches mit Dagby Gemeinſchaft hat, ſich ereignet und dieſe Reiſe veranlaßt hat. Da ich jedoch Helmer's Charakter ſo genau kenne, ſo weiß ich leider auch, daß aus einer Reiſe von dieſer Beſchaffen⸗ heit nie etwas geworden wäre, wenn Du ſie nicht zu einer Nothwendigkeit gemacht hätteſt.“ „Schläft Ernſt noch?“. „Noch, ſagſt Du? Er hat gar nicht geſchlafen.“ „Nicht geſchlafen? Großer Gott! er iſt doch wohl nicht ſchon abgereist?“... Sie wurde blaß wie der Tod. „Nein, nein, meine Du, er hat über Deinen Schlaf gewacht. Du ſahſt auch geſtern Abend recht krank aus, und eben fand ich ihn dort hinter den Gardinen ſitzend.“ „Iſt es möglich? Iſt es wirklich wahr, Onkel? Er wachte über mich! O ſage, wie ſah er aus? War ſein Blick zärtlich? oder hatte er nur jenen ſtierenden, ge⸗ dankenvollen Ausdruck, den er jetzt gewöhnlich hat?“ „Komm hervor, Sohn, ich kann mich nicht ver⸗ ſtellen! Und ſo ſchlimm iſt es wohl doch nicht, daß ſie nicht wiſſen darf, wer hier geweint hat!... Ich war es nicht, Kind: ich kam eben jetzt herein und erhielt ein Zeichen von ihm.“ „Ich war unruhig wegen Deiner Geſundheit, Edith!“ ſagte Ernſt, indem er ſchnell hervorkam. „Ernſt, Ernſt!— das habe ich nicht verdient... aber“(ſie legte ihre Lippen an ſein Ohr)„hörteſt Du, was ich ſagte?“ — 2e—„ ſſ.„.1 43 Er antwortete nur mit einem Kopfnicken. „Geh jetzt, theurer Ernſt, geh und verſuche zu ſchlafen, während ich vor dem Onkel das ſchwere Be⸗ kenntniß ablege!“ 8 4 „Willſt Du das ſelbſt thun?“ Ja 74 Ernſt verließ das Zimmer. In der folgenden Stunde wurde der Onkel Janne in ein Vertrauen eingeweiht, bei welchem er mehr denn An erröthete, erblaßte und die ſonſt ſo glatte Stirn 1 altete.. Nur ein einziges Geheimniß hatte Edith geſpart, um zu ſeiner Zeit den ebenſo ſtrengen als nachſichtigen Richter, den ſie erwartet hatte, zu verſöhnen. „Kind, Kind!“ ſagte er mit faſt erloſchener Stimme, gſo ſehr konnteſt Du dich bethören laſſen, nachdem Du Monate lang das Leben Deines Gatten zu der bitterſten Strafe für ſeine redliche und vertrauensvolle Zärtlichkeit gemacht hatteſt, daß Du endlich dem liſtigſten und ge⸗ fährlichſten Menſchen verſprachſt, mit ihm das. ich kann es kaum über die Lippen bringen.. das Haus Deines Gatten heimlich zu verlaſſen— den zu verlaſſen, welchem Du geſchworen hatteſt, Du wollteſt ihn bis an das Grab lieben und ihm angehören, den Gat⸗ ten zu verlaſſen, welchen Du liebteſt, und der für Dich mehr geweſen iſt, als jemals ein Mann für eine Frau ſein kann: Vater, Gatte, Geliebter, Freund... nein, meine Du, das war zu viel, auf Ehre und Glauben, Kind, allzu viel— das war eine ſchwarze, verab⸗ ſcheuungswürdige Sünde!“ „Ja,“ liſpelte Edith mit gefalteten Händen,„ja, Onkel, Du haſt ein Recht, über mich zu ſchaudern. Alles kommt mir auch jetzt vor, wie ein magnetiſcher Traum aus dem Irrenhauſe— aber es ſiſt mein feſter Glaube, daß ich erwacht wäre, wenn wir den Wagen beſtiegen hätten, der beſtimmt war, mich von Ernſt hinweg zu führen. ſſ „Das iſt ungewiß— und Ernſt horte Alles hörte, 44 wie Du Dich und ihn erniedrigteſt? hörte, wie der un⸗ würdige Mörnburg, auf den der gute Gott gewiß ein wachſames Auge halten wird, eine Sprache führte, die... 2 Doch es iſt ja wahr: da Du Dich mit ihm eingelaſſen hatteſt, ſo konnte er Dich nicht ſehr reſpectiren? „O Barmherzigkeit, Onkel!— er hatte ja nicht 8 die Kühnheit, zu glauben, daß er in mir eine Eroberung gemacht hatte.“ „Ich meine aber doch, er hat genug erobert, da er Dich ſo weit gebracht hat, daß Du göͤttliche und menſch⸗ liche Geſetze vergaßeſt!— Doch, ich frage Dich, ob Ernſt Alles gehört hat, was Du mir erzählt haſt?“ „Gehört und geſehen.“ „Nun, ich bin ſelbſt ein Menſch von geduldiger Gemüthsart, aber ich kann es dennoch wahrhaftig nicht begreifen, welches unvorhergeſehene und glückliche Ereig⸗ niß den rechtmäßigen Aerger zurückhalten konnte, in welchem Dein Mann Dich aus ſeinem Hauſe führte! das haſt Du mir noch nicht geſagt!“. „Gleich komme ich dahin Onkel, glaube aber ja nicht, daß Ernſt allzu milde war, nein, er war ein unbeweglicher Richter, und noch fühle ich, wie mein Blut gerinnt, wenn ich an ſeinen Blick und an ſeinen todtkalten Ton denke, als er, plötzlich hereintretend, ſagte: „Ich will ſelbſt dieſes ehrvergeſſene Weib von dem Hauſe hinwegführen, welches ſie verlaſſen will!“ Von Mörn⸗ 8 burg entſinne ich mich weiter nichts, als daß er in meinen Augen wie ein elender Wicht ausſah, da Ernſt ihn mit kraftvoller Hand aus dem Wege ſchleuderte.“ „Und darauf führte er Dich ſogleich hinweg?“ „Sogleich, ohne daß ich ein Wort zu ſagen wagte.. Mir war bange vor Ernſt, ſo bange, daß daß ich bei dem bloßen Gedanken, ſeinem Auge begegnen zu muſ⸗ ſen, zitterte, und dennoch fühlte ich, daß ich nur ſo lange in Sicherheit war, als ich bei ihm war. Zwei Tage lang, während welcher ich oft in eine phyſiſche Be⸗ täubung verſank, welche den Schmerz linderte, redeten. wir nicht mehr, als die allernothwendigſten Worte 45⁵ . Aber am dritten Abende— ach, Onkel! denke, was ich 1 litt!... es war eine bittere Strafe von enſt: unſer Nachiquartier war eben dort, wo wir an demſelben Tage vor einem Jahre unſern Hochzeitabend feierten. Ich weiß nicht, wie ich das überleben konnte!“ 8 „Armes Kind!“ „Hier wagte ich es Fu ruſß um Barmherzigkeit an⸗ zu flehen; doch er verbl ieb nicht allein ungerührt bei r meinen Bitten, er redete ſogar von geſetzlicher Scheidung.“ .„Meine Du!“ ſagte der Onkel flüſternd und mit einem 6 geheimen Blick auf die Thür,„iſt es auch ganz wieder gut? Er hat einen ſo feſten Charakter. Da er dieſe Worte einmal geſagt hat. r„So würde er ſte auch gehalten haben... ja, ganz t gewiß; doch Gott wollte es nicht. höre!“ ⸗ Und Edith erzählte nun ihr liebliches Geheimniß 1 und die Verſöhnung. — Auf dem ſchönen, ſanſten Antlitze des Onkels Janne leuchtete eine Freude, die kaum geringer und reiner war, 1 als auf Edith's Antlitz. n„Kind! wenn Dn es jemals vergiſſeſt, wie Gott n ſeinen Finger zwiſchen Dich und ein unermeßliches Un⸗ n glück legte, ſo biſt Du der großen, umſag ichen Freude : nicht wuͤrdig, welche er Dir beſcheert! Nicht bloß Dei⸗ e nen vorher ſchon ſo eifrig erſeufzten Wunſch hat er ⸗ 5 gehört, ſondern er ſchenkt Dir auch in dieſem Kinde das n einzig mögliche Verſöhnungsmittel. Segen über Dich, t meine Tochter!“ Der Alte bückte ſich und berührte die Stirn des jungen Weibes mit ſeinen Lippen. .„Nie, lieber Onkel, nie kann ich jenen Augenblick i vergeſſen. Doch, obgleich wir ganz verſöhnt ſind, ſo“ 2— Edith ſeufzte tief—„ſo liegt dennoch eine unermeß⸗ 0 liche Kluft zwiſchen Ehemals und Jetzt, das habe ich 1 wohl gemerkt. Wird er mich wohl jemals wieder lieben 5 7. ie, chanals⸗ 2 wird er wohl im Stande ſein, zu ver⸗ ge en 44 8 „Auf dieſes Glück darfſt Du Dir nit Hoſffnung machen, meine Du! denn ſo tiefe und ernſte und ſo verletzte Gefühle, wie die ſeinigen, flammen nicht, ſo leicht wieder auf, das ſage ich Dir aufrichtig, und was das Vergeſſen betrifft, ſo glaube ich, dazu gehört eine noch längere Zeit.“ „Wie werde ich aber im Stande ſein, die ſchwere Laſt zu tragen, wenn ich zu meinen Selbſtvorwürfen noch eine ſo grauſame Furcht hinzulegen muß? Ich frage nicht aus Ungeduld— Gott weiß, Niemand fühlt es beſſer, als ich, daß ich kein Recht habe, ungeduldig zu ſein— ſondern nur darum, weil ich es nicht verſtehe.“ „Du wirſt es ertragen, weil es erſtlich Deine Pflicht iſt, zu leiden, was Du verdienſt, und dann, weil Du ſicherlich dieſe Zeit der Buße zu einer ernſtlicheren Prüfung Deines Lebens und Deiner Pflichten anwenden wirſt, als Du bisher gethan haſt. Und ich ſage Dir, meine Du: auf dem Betragen, welches Du jetzt und noch eine lange Zeit beweiſeſt, wird Dein ganzes künf⸗ tiges Glück beruhen. Suche Dir die Achtung Deines Gatten zu erwerben, ehe Du an ſeine Liebe denkſt. Und dann noch einen Rath, deſſen Wichtigkeit Dein Feinge⸗ fuͤhl gewiß einſehen wird: verſchließe Dein eigenes, hef⸗ tiges Gefühl in Deiner eigenen Bruſt, gehe nie ver⸗ ſchwenderiſch um mit Deiner Liebesſprache, und noch weniger mit den Bezeigungen Deiner Zärtlichkeit... ſei wachſam! Euer ſeit mehreren Monaten geſondertes Ver⸗ hältniß ſteht jetzt auf einem Punkte, wo die Liebe, ſo zu ſagen, eine neue Bahn beginnen wird. Je verſtändiger und überlegter Du handelſt, deſto beſſer für Dich. Sage kein Wort davon, daß Du mein Haus verlaſſen willſt, und überrede ihn nie, hieher zu kommen! Ueberlaß es ſeinem eigenen Gefühl, Alles abzumachen. Und nun, entſchuldige, Kind, wenn Du meinſt, daß der Alte zu offenherſig geweſen iſt!“— das, was ich gehört habe, nicht der Rath des zartlichſten und weiſeſten Vaters geweſen— ja, gewiß! Und da es auch der Rath des geachtetſten iſt, ſo ch gehorchen!“ werde 47 „Dank, Kind! Nun aber noch Eins, ehe wir dieſe wichtige Unterredung abbrechen! Haſt Du es Dir auch recht vorgeſtellt, was Armuth heißt? Dein Leben als Gattin hat Dir bisher noch keinen Begriff davon ge⸗ geben. Doch magſt Du wiſſen, es iſt eine ſchreckliche und ernſte Sache für Alle, die keinen großen Muth, keine lebendige Gottesfurcht und und keine unermüdliche Arbeitskraft haben. Du weißt, da Du Dich weigerſt, auf den, ich muß ſagen, ſündigen Vorſchlag Deiner Mutter einzugehen— der doch ganz gewiß nicht ur⸗ ſprünglich von ihr ausgegangen iſt— ſo reizeſt Du auch damit ihr ſtolzes Gemüth, daß Du es beinahe als abgemacht annehmen kannſt, daß ſie ihre Drohung ausführt. Haſt Du das bedacht, und haſt Du auch bedacht, daß Ernſt's Affairen durch ſeine doppelten Un⸗ glücksfälle ſehr ſchlecht ſtehen?“ „Ja, geliebter Onkel, ich habe Alles bedacht, und weiß mit voller und klarer Gewißheit, daß keine Ver⸗ ſuchung ſo mächtig iſt, mich jetzt noch zu verführen, Mag das große Erbrecht für mein Kind verloren gehen, es ſchmerzt mich, ſchmerzt mich tief. Doch wenn ich um dieſes geliebten Kindes willen genöthigt bin, zwiſchen dem weltlichen Reichthum und dem Reichthum zu wäh⸗ len, den ſeine Seele durch die Erziehung eines ſolchen Vaters, wie Ernſt ſicherlich wird, gewinnen muß, ſo wähle ich den letztgenannten, ohne nach mir ſelbſt zu fragen.“ ge dnd Du wählſt, was eine zärtliche und kluge Mutter für ihr Kind wählen muß. Und nun, Tochter, nimm von mir die Verſicherung, daß wir mit einander daran arbeiten werden, Deine Seele ebenſo reich an edlen und anſpruchsloſen Tugenden zu machen, wie ſie bisher mit aller ihrer Güte an Leichtſinn, Unbedacht⸗ ſamkeit und Flüchtigkeit reich geweſen iſt, und ohne das Geringſte von der Friſche Deiner Jugend zu verlieren, wird dann Dein Charakter ſo ruhig und ſanft werden, wie er bis jetzt heftig und launenhaft geweſen iſt.“ Jetzt erhob ſich der Alte, um ſeinen Liebling zu „ verlaſſen, und, wie er ſagte, Bolla herein zu rufen. Sdith aber hielt ihn noch einen Augenblick zurück und äußerte mit leiſer Stimme: „Wie befindet ſich Hermann? Wie wird die trau⸗ rige Epiſode mit ihm aus meiner Erinnerung ſchwinden — wenn ich in der Zukunft nicht recht glücklich werde, ſo iſt es nur allzu ſehr verdient.“ „Gott ſei gelobt, ſein letzter Brief der noch keinen Monat alt iſt, und den Du hernach leſen kannſt, ſpricht von Geſundheit und Seelenfrieden. Er dachte damals an eine längere Reiſe zu wiſſenſchaftlichen Forſchungen, die ihn jetzt beſchäftigen.“ 4 „Ach, wie freut mich das! Einſt, da Alles wieder Ruhe und Friede iſt, wird Hermann, wie er wünſchte, kommen und an unſerm Herde ſitzen, und wie lieblich wird nicht mein Leben werden, wenn ich meine Sorgen unter vier mir ſo theure Weſen theilen kann; denn nie werde ich aufhören, Hermann mit der Zärtlichkeit einer Schwe⸗ ſter zu umfaſſen. Die Erinnerung an unſere Fehler und Verirrungen werden uns zu den Tugenden verhel⸗ fen, denen wir nachſtreben.“ —ꝛꝛyy,— Fünftes Capitel. Ein Abend auf Dagby. V Etwa eine Woche nach den zuletzt geſchilderten Sce⸗ nen ſaßen die Hofräthin, die Freiherrin von Linden und Mamſell Octavie am Divantiſche in dem gewöhnlichen Geſellſchaftszimmer. Die in eine Geſellſchaftsdame verwandelte Gouver⸗ nante war beſchäftigt, zur Ergötzung und Zerſtreuung der jungen gnädigen Frau Patience zu legen. „Nun,“ rief Olga aus, indem ſie ſich über den Tiſch herabbeugte, kommt Abbé bald nach Hauſe? Kommt ſonſt noch Jemand?““ ſchwager ganz vernarrt iſt— denn i 49 „Es ſieht ſo aus,“ fiel die Hofräthin mit einem Tone ein, der ungenirt ſein wollte, für das geübte Ohr der Gouvernante aber Zwang und Intereſſe verrieth, „es ſieht ſo aus, als wäre unſere gute Octavie ein we⸗ nig verlegen?“ „Ja, und das nicht ſo wenig: ſo ſchlecht ſind mir die Karten noch nie gefallen.“ „Kleinigkeit! Die Karten bedeuten gar nichts, und eigentlich iſt es recht kindiſch von meiner kleinen Olga, daß ſie ſo neugierig iſt!“ 2 Und mit dieſen Worten zerſtörte die gnädige Frau ſelbſt mit eigener Hand die ſibylliſche Lage der Karten. Mamſell Octavie nahm lächelnd ihre Sticknadel wieder, und das Geſpräch hörte für einige Augenblicke auf. Da war es wieder Olga, die von Neuem begann: „Hu, welch ein abſcheulicher Wind! Denke, Mutter, in welcher unangenehmen Jahreszeit Du reiſen mußt, und noch dazu ſo weit!“ „Nur die aufopfernde Liebe einer Mutter ſieht nicht auf ſolche Beſchwerden!“ meinte Octavie. „Ihr ſprecht von dieſer Reiſe, als wäre ſie ſchon abgemacht! Aber faſt ebenſo entſchieden fühle ich bei mir ſelbſt, daß nichts daraus wird.“ „Aus welchem Grunde ſollte nichts daraus werden, Ihro Gnaden?“ „Aus dem ganz einfachen, daß der Anlaß zu der⸗ ſelben ausbleibt.“ „O. Mutter! wie kannſt Du das nur glauben? Sie iſt ihres Drama's ja ſo von Herzen müde.“ „Und ſo reuevoll, ſo ſehnſüchtig nach Verzeihung,“ ſtel Octavie ein,„daß ſie weder Tag noch Nacht Ruhe hat.“ „Und dennoch war ſie noch an Weihnachten ſo glück⸗ lich, glücklich, obgleich ſie von ihrer Mutter verſtoßen war!“ „Aber, liebe Mutter, wer hat denn das Alles er⸗ zählt? Erſtlich Onkel in ſeinem Prieſterbriefe. Und ſollte wohl er die Wahrheit verrathen, er, der Edith über alles Andere liebt, und der, wie ich Alanhe, in meinen En 50 Augenblicke wird die Schwägerſchaft wohl größtentheils zu Ende ſein? Und ferner dieſes Schäfchen, Mamſell Berntſon, welche, weil ſie mit dem Patron Helber eine Francaiſe getanzt und von der Frau Helber eine dia⸗ bantene Nadel erhalten hat, behauptet, ſie leben glück⸗ licher als alle Cherubibe des Hibbels... Ja, das iſt mir eine Autorität! Schenkte ich ihr neuen Bollbußlin zu einem Kleide— das vom Bruder Bichael iſt jetzt wohl ein wenig verbraucht durch alle Einladungen, die ſie ſeit ihrer ſmaländiſchen Reiſe gehabt hat— ſo würde man bald hören, daß auch ich und Abbé mit auf die Liſte der Cherubibe kämen. „Auf keinen Fall,“ entſchied Octavie,„konnte wohl das theuer erkaufte Himmelreich nicht viel weniger als drei Monate dauern. Jetzt aber iſt das Jahr voll und neun zu drei gelegt iſt etwas ganz Unermeßliches, wenn die Illuſion zerriſſen iſt.“ „Ja,“ entgegnete die Hofräthin, und ihr Gefühl verrieth ſich dießmal in der Stimme,„dieſe billigen Prüfungen haben nun ein Ende. Und wenn ſie, wie Abbé und Octavie verſichert haben, mit dankbarer Freude den Vorſchlag annimmt, den ich ihr gemacht habe, ſo werde ich mich ſtolz und glücklich fühlen, ſie wiederum meine Tochter nennen zu können. Habt Ihr mich aber dadurch, daß Ihr ſelbſt ſchlecht unterrichtet ſeid, wider Euren Willen hinter das Licht geführt, rückſichtlich der doppel⸗ ten Reue, die ſie empfinden ſoll, ſowohl uͤber die Ehe ſelbſt, als auch über die Betrübniß und den Schimpf, den ſie mir zugefügt hat, ſo würde es mich tief betrü⸗ ben, daß ich ihr einen Weg zur Verſöhnung gezeigt habe. Eine abſchlägige Antwort von ihr würde mich über alle Beſchreibung ſchmerzen.“ Eine abſchlägige Antwort? Nein, Ihro Gnaden! Der Großhändler Mörnburg, dieſer vollendete Weltmann und durch und durch vortreffliche Menſch, der ihr Ver⸗ trauen beſitzt— und das ſtolze Fräulein Edith würde ſich einem Fremdling nicht anvertrauen, wenn zwiſchen ihr und ihrem Manne noch ein Fünkchen Vertrauen —;yy 7 ————— ——— — . 28ͤ———e a — O 899°— 8nA—** A—— ⁸ ²⁵ ◻α◻—— —y 51 * übrig wäre— der Großhändler Mörnburg(der mit tiefer Theilnahme ihr geheimes Leiden, ihre verborgenen Thränen und wirklich unglückliches Zuſammenleben mit ihrem ehemaligen Idol mit angeſehen hat) ſagt ja ſowohl in ſeinen Briefen an den Herrn Baron, als auch an mich, ſeine alte Jugendbekannte, es wäre unverantwortlich von der Familie der armen jungen Frau— Ihro Gnaden entſchuldigen, daß ich mich ſei⸗ ner eigenen Worte bediene!— ſie noch länger ihrem unglücklichen Schickſale zu überlaſſen und auf den ſtür⸗ menden Wogen treiben zu laſſen. Ferner ſagt er: er verbürge ſich, daß ſie auf jede Bedingung eingeht, um ſich auszuſöhnen, obgleich ſie allzu furchtſam iſt, den erſten Schritt zu thun.“ „Ich war ſelbſt immer überzeugt, daß ſie eines Tages Reue fühlen würde, aber darauf war ich nicht vorbereitet, daß ihre Liebe zu Helmer ſo ſchnell erlöſchen würde. Der Mann hat eine Art und Weiſe, eine Würde, die ohne Zweifel ſelbſt dann noch auf ſie einwirken muß, wenn die erſte Heftigkeit des Gefühls ſchon gebrochen iſt, und nach meiner Berechnung war es erſt die Ar⸗ muth— welche noch nicht gekommen iſt, obgleich die Affairen ſchlecht ſtehen— welche Edith die Augen über ihren Fehlgriff öffnen ſollte, als ſie ſich einbildete, die Liebe reichte hin, um das ganze Leben zu füllen, und die Roſen derſelben würden niemals erbleichen vor dem Hauch der Reue.“ „Nun,“ ſagte Mamſell Octavie,„wenn ſie auch noch keine eigentliche Armuth geſchmeckt hat— obgleich es am Beſten daraus hervorgeht, wie ſie es haben, da ſie genöthigt geweſen iſt, ihre Juwelen heimlich zu ver⸗ äußern— ſo hat ſie doch wohl den himmelweiten Un⸗ terſchied erfahren, was es heißt, Herrn Helmer's Frau zu ſein, und die reiche Erbin, welche Alles erhielt, was ihre Laune erfinden konnte.„. Die Hofräthin gab keine Antwort. „Ihro Gnaden ſind ſehr mißtrauiſch gegen meine Angaben!“ Octavie nahm eine Miene des verletzten Selbſtgefühls an. „Ja,“ fiel Olga ein,„Du glaubſt nicht einmal Abbé immer, liebe Mutter, und er gibt ſich doch ſo viele Mühe.“ „Ich mißtraue ihm nicht, liebe Olga; es ſcheint mir nur, daß Alles nicht recht natürlich iſt.“ „Aber, beſte, gnädige Frau, wenn keine Entzweiung zwiſchen den Herzen der jungen Eheleute ſtattgefunden hätte, glauben Ihro Gnaden da wohl, daß ſie drei Mo⸗ nate lang ihre beſonderen Zimmer gehabt haben würden?“ „Ich kann das Alles nicht beurtheilen. Wenn ich aber die Wahrheit geſtehen ſoll, ſo würde es mir weit beſſer gefallen, es mag ſo ſonderbar klingen, wie es will, wenn ſie ſich in dieſer unglücklichen Sache conſe⸗ quenter gezeigt hätte. Ich ſelbſt habe einen ſo beſtimm⸗ ten Charakter, daß ich trotz des Schmerzenden und Be⸗ leidigenden, das in einer abſchlägigen Antwort auf meine Propoſition läge, dennoch eine gewiſſe Achtung gegen ſie hegen würde, wenn ſie den Muth gehabt hätte, ſie zu geben. Und überhaupt— da ich doch einmal im Zuge bin, Euch mein Vertrauen zu ſchenken— bin ich unzufrieden, daß Ihr mich zu dieſen Maßregeln jetzt ſchon uͤberredet habt. Sie hätte eine weit längere Prü⸗ fungszeit nöthig gehabt.“ „Ach, Ihro Gnaden, in dieſem Falle habe ich keine Vertheidigung anzuführen! Einzig und allein mein Herz hat meine Handlungen geleitet: dieſes fühlte Mitleiden mit der armen Verirrten, die ſich mit Thränen nach dem mütterlichen Hauſe und nach der mütterlichen Bruſt ſehnte. Und wenn ich auch ſo eitel wäre, daß ich glauben könnte, ich hätte nur im Allergeringſten auf Ihren Entſchluß ein⸗ gewirkt, ſo brauche ich nicht über mein Motiv zu erröthen.“ „Das iſt wahr, Mutter! Octavie iſt edel geweſen, aber Niemand doch in ſo hohem Grade, wie Abbé. Eine ſolche zärtliche, brüderliche Sorge für die leichtſinnige, unbeſonnene Edith zu hegen, ihr ſelbſt entgegen zu rei⸗ ſen, damit die Sache ein anſtändiges Ausſehen erhalten 4 SͤSSSSSS— ‿ł— 53 —* 4 möchte— das Alles iſt um ſo ſchöner, als in dem 5 Falle, daß Du die Abſicht gehabt hätteſt, Edith zu ent⸗ erben, Niemand weniger als Abbé an ihrer Ausſöhnung mit ihrer Familie gewinnt.“ 1 1 „Ich ſehe es nicht gerne, meine liebe Olga, daß 6 man dieſen Punkt berührt, an welchen Niemand nur f zu denken ein Recht hat, ſo lange ich noch lebe. 1 Was wird aber Onkel Janne ſagen? Er ſcheint noch 1 ¹ gar nichts zu ahnen.“ 8 4„Onkel Janne's Meinung,“ entgegnete Olga, noch roth uͤber die erhaltene Zurechtweiſung,„iſt wenigſtens ) mir vollkommen gleichgültig. Er gab ſich nicht einmal t die Mühe, auf meine Hochzeit zu kommen, obſchon ich 3 ihm einen drei Seiten langen Brief ſchrieb. Aber da⸗ . gegen konnte er von Norrland herabkommen, um hei . der Trauung der verlaufenen Edith zugegen zu ſein... ⸗ Nun, er hat erfahren, daß es eben kein großes Glück f war, aus ſeiner Hand einen Bräutigam zu erhalten!“ g„Still, ſtill, mein liebes Kind! Onkel Janne iſt „ ein ſehr achtungswürdiger Mann und der Bruder Dei⸗ l nuaes ſeligen Vaters. Ich will nicht hören, daß Du Dich n unehrerbietig über ihn äußerſt... auch gefällt es mir t nicht, daß Du in dieſem Ton über Edith redeſt. Be⸗ ⸗ denke, wenn ſie zurückkehr...“ 1 „Ihro Gnaden, es kommt ein Wagen!“ ſiel Octavie e ein.„Das können ſie ſein!“ und eine flammende 3 KRöthe bedeckte ihr ganzes Geſicht. n O, war ſie alſo endlich dieſem ſchönen, lange vor⸗ bhereiteten Augenblicke ſo nahe, daß Edith zurückkäme, um es gewiß bald wieder zu bereuen— aber ohne xe, Verſöhnung, denn Helmer würde ſich gewiß nie wieder verſöhnen laſſen! Und er, der Vermeſſene, welcher eine I treue Liebe verſchmäht und verachtet hatte, um einem Maädchen zu huldigen, das ihn ſo ſehr oft verachtet ne hatte, er ſollte nun ebenfalls den ganzen Schmerz, die ganze Erniedrigung empfinden, von ihr— verlaſſen zu ſein! Welche vollſtändige, Pelche herrliche und angenehm e¶n Rache an Beiden— welche ukunft für ſiel‚? 4 4 1 3. 5☛ 4. 8 4 54 „Ja,“ wiederholte die Hofräthin lauſchend,„es kommt ein Wagen!“ aber anſtatt der Röthe erhielt ihre Wange eine gelblich bleiche Schattirung.„Iſt Alles geordnet für den Fall, daß... daß...“ „Complet in Ordnung, Ihro Gnaden!“ Olga war aufgeſprungen und klingelte heftig. Ein Bedienter trat herein. „Schnell, lauf hinunter und komm augenblicklich zurück mit der Nachricht, wer auf den Hof gefahren kommt!“. „Während der Zeit, daß der Bediente weg war, wurde kein Wort geſprochen; nur eine ſtarke Spannung, wenn auch ſehr verſchieden, war auf den Geſichtern der drei Frauenzimmer zu leſen. Endlich ging die Thür von Neuem auf. „Der Herr Baron!“ meldete Lundin. „Ach, ſo luſtig!“ rief Olga und eilte hinaus. „Doch wohl nicht allein?“ ſtotterte Octavie. „Ja wohl, Mamſell! der Herr Baron iſt allein. Die Hofräthin hatte ſich erhoben. Ihre Lippen zitterten leiſe und ihre Kniee ebenfalls. Sie ſank mehr in den Armſtuhl, als ſie ſich ſetzte. Lundin trat ab. Eine Viertelſtunde ſpäter ſtand der ehemalige Tau⸗ ſendkünſtler— welcher von der Künſtlerbahn abtrünnig geworden war, nachdem er ſich zu einer reichen Braut gekräht, geſungen, geſchwatzt und declamirt hatte— vor ſeiner bleichen, ſtummen Schwiegermutter. Seine junge Frau, die ihn ſchon in ihrer eigenen Wohnung getroffen hatte, hing an ſeinem Arm, denn ſie bildete ſich ein, daß ſie in ihren Mann außerordent⸗ lich verliebt wäre, und dieſer, wenn er die großen Ge⸗ ſellſchaften auch nicht länger mit ſeinen Talenten unter⸗ hielt, machte doch dieſelben noch vor ſeiner Frau geltend, die den glücklichen Glauben hatte, daß ſie eben ſo viele Beweiſe ſeiner zärtlichen Flamme wären. — 1——& 8ANB—— — 5⁵ „Alſo,“ begann die Hofräthin mit Faſſung,„wir hatten uns getäuſcht? Sie will ihren Mann nicht verlaſſen?“ „Sie hat das Haus ihres Mannes ſchon verlaſſen.“ „O, was ſagſt Du?“ „Die vollkommene Wahrheit, meine geehrte Mutter! Mitdieſer Abreiſe aber war eine ganze Tragödie verbunden.“ „Eine Tragödie?“ ſtotterte die gnädige Frau. Mamſell Octavie konnte vor Gemüthsbewegung kein einziges Wort über die Lippen bringen. Olga glaubte vor Neugierde vergehen zu müſſen.“ „Als ſie eben im Begriff ſtand, ſich Mörnburg's Schutz anzuvertrauen— der Wagen wartete, und ihre dankbaren Thränen floſſen bei dem Gedanken an das bevorſtehende Wiederſehen— wer kommt wohl da wie von den Wolken herabgefallen? wer anders, als der Herr Patron, den man erſt am folgenden Tage zurückerwar⸗ tete, denn es hatte ſich ſo glücklich getroffen, daß er auf einige Tage verreiſ't war. Nun wohl: unſer Held hat incognito Alles geſehen und gehört: gehört, daß ſeine Frau ihn zu verlaſſen denkt, und was beginnt er da?.. Er kommt hereingeſtürzt wie ein Tollhäusler, ſtürzt Mörnburg über den Haufen, wirft die halb ohnmächtige Edith in ſeinen eigenen angeſpannten Wagen und ſteigt ſelbſt auf den Kutſchbock.. wohin er aber mit ihr ab⸗ gefahren iſt, das geht über meinen Horizont. Mörnburg, der mich am folgenden Morgen in Werjö traf— woſelbſt ich ritterlich auf meinem Poſten geweſen und beinahe zehn ganze Tage gewartet hatte— glaubte, er hätte ſie in meine Hände gegeben.“ Die Hofräthin war erſtaunt, Octavie aber konnte nur mit Mühe die Worte hervorbringen:. „Sie ſind verſöhnt?“— „Nein, ich wette mein halbes Vermögen“— ein neuer Favoritausdruck des Rittmeiſters—„daß ſie das nicht ſind, denn unſer alter Adonis, der immer noch ſeinen noblen Stolz beſitzt, beliebte aufklärend zu äußern: ger ſelbſt wollte dieſes pflichtvergeſſene Weib von dem Hauſe hinwegführen, welches ſie verlaſſen wollte.“ „Da verſöhnen ſie ſich nie!“ war Octavie's nächſte Aeußerung, und dieſe klang faſt muſikaliſch lieblich. „Aber, mein Gott, wenn er ſie in ſeiner Wuth nur nicht gemordet hat!“ rief Olga aus, welche meinte, daß dieſe tragiſche Auflöſung für den Effekt nicht im Ge⸗ ringſten ſtörend war.„Dergleichen hat man wohl ſchon früher gehört.“ „Närrchen!“ ſagte endlich die Hofräthin, tief Athem ſchöpfend,„kannſt Du nicht einſehen, daß er ſie zum Onkel Janne gebracht hat? Nun, der Bruch iſt jetzt auf jeden Fall gegeben, und gerade durch die Oeffent⸗ lichkeit deſſelben iſt er um ſo vollſtändiger.“ „Und wie geht es nun, Mutter?“ fragte Olga eifrig.„Sollte Helmer wohl hieher kommen?... Sollte er wohl einen unerhört großen Erſatz fordern... viel⸗ leicht Edith's halbes Erbtheil?“ „Ich fürchte,“ entgegnete die Hofräthin, und ihre Stirne legte ſich in gedankenvolle Falten,„daß er ſich auf keine Geldfragen einläßt. Armer Mann! er machte keine Fortüne bei der Heirath— aber das ſagte ich ihm ja vorher.“. „Keine Fortüne?“ murmelte der Rittmeiſter, und bei ſich ſelbſt fuhr er fort:„O, die Fortüne, welche er machte, iſt wenigſtens ebenſo viel werth, als meine Mitgift!“ Sechstes Capitel. Fortſetzung eines Abends auf Dagby. „Die Poſt, Ihro Gnaden!“ ſagte Lundin, indem er eintrat. 1 „Die Poſt! Gib her!— wollen ſehen, ob nicht unſeren Grübeleien irgend ein aufklärender Brief zu Hülfe kommt!... Schnell, Abbé, öffne die Poſttaſche!“ Der Baron folgte augenblicklich der mütterlichen Aufforderung, und nicht ein Brief, ſondern drei zeigten ſich den lüſternen Blicken der Neugierigen. m ht zu 14 en en 57 Zwei waren an die Hofräthin, der dritte an den Baron Abbé. „Lies laut, mein Schwiegerſohn! Deinen Brief erſt, wenn Du beliebſt... ich ſehe, er iſt von Helmer's Hand.“ Der Baron konnte nicht dafür, daß ſeine Hand zit⸗ terte, als er das Siegel brach. Er hätte viel geben wollen, wenn ſeine Schwiegermutter die Handſchrift nicht erkannt hätte— Gott allein wußte, was in dieſem Briefe ſtehen konnte— doch hier war kein anderer Rath, als ſich auf das Talent zu verlaſſen, deſſen er ſich von Ju⸗ gend auf befliſſen hatte, nämlich im Falle der Noth, ſchwarz zu weiß und umgekehrt machen zu können. „Nun, wohlan! Was hat der gute Mann zu ſagen? Nicht werde ich um meiner Dienſtbefliſſenheit willen ſehr viel Lob ernten, darauf kann ich mich bereit machen!“ Und mit einem Lächeln, in welchem zur Hälfte Mitlei⸗ den, und zur Hälfte die Nachläſſigkeit eines vornehmen Mannes lag, entfaltete er den Brief und ſchickte ſich an, ſeinem Geſichte das gleichgültigſte Gepräge zu geben: „Herr Baron! „Da ich es als abgemacht anſehe, daß Mörnburg den Ausgang Ihrer gemeinſamen ſaubern Affaire ſchon mitgetheilt hat, ſo brauche ich nur noch Folgendes hin⸗ zuzufügen: „Ich habe rückſichtlich der Heiligkeit der Ehe gewiſſe Grundſätze, welche nicht mit den Ihrigen übereinſtimmen. Ferner habe ich rückſichtlich der Forderungen der Ehre, gewiſſe andere Grundſätze, welche mich veranlaſſen, an⸗ att Ihnen über Ihr Verfahren Rechenſchaft abzufor⸗ dern, ganz einfach zu erklären, ich wuͤrde mich fuͤr er⸗ niedrigt erachten, wenn ich nur irgend eine Erklä⸗ rung von einem Menſchen annähme, welcher im Stande peweſen iſt, ſo niedrig, ſo verächtlich zu handeln“(.. Ha, ha, ha! niedrig, verächtlich!“ interfoliirte der Rittmei⸗ ſter, deſſen ſiedende Unruhe über den Ausgang, den die Sache jetzt erhalten konnte, etwas von dem Glücke ge⸗ mildert wurde, daß Helmer nur in allgemeinen Aus⸗ Ein launenhaftes Weib. IV. 5 drücken redete und nicht die inneren Details der Mörn⸗ burg⸗Linden'ſchen Kabale aufdeckte...)„Drittens und letztens habe ich ein Gewiſſen, und beſonders dieſes iſt Dasjenige, was mich abgehalten hat, in der ſo klug berechneten Schlinge ſtecken zu bleiben. „Ich bin überzeugt, daß es Edith's wirkliches Unglück ſein würde, wenn ich ſie jetzt ihrem Schickſal überließe, oder vielmehr Denjenigen, welche ſich die Mühe geben wollen, dieſes zu ſchaffen. Hätte ſie ihre Pflichten als Gattin verletzt, ſo würde mich nach dem Schritte, den ſie zu thun im Begriff ſtand, gar nichts verſöhnen können. Doch verblendet und durch die ſchwärzeſten Künſte zu dieſem Schritte verleidet, an welchen ſie jetzt nicht ohne Abſcheu und Reue denken kann, und den ſie ſicherlich ſchon ungeſchehen zu machen geſucht haben würde, ehe ſie ihn ausgeführt hätte, hat ſie meine Ver⸗ zeihung gewonnen... und hiemit iſt Alles geſagt. Helmer.“ „Welche unerhörte Dummdreiſtigkeit! welch ein un⸗ verſchämter Uebermuth!“ fuhr der Baron heraus, bleich vor Wuth bei der Gewißheit, daß gar nichts gewonnen war, und daß Edith fortwährend ſeinem gehaßten Neben⸗ buhler angehören würde. Doch nicht er, der Baron, war ja Derjenige, der die ſchwerſte Wunde erhalten haben durfte. O nein, nicht er war es, und wenn es alſo nicht möglich war, die Gährung der Galle zurückzu⸗ halten, ſo war es wenigſtens möglich, der faſt allzu großen Gemüthsbewegung, welche er nicht zügeln konnte, eine paſſende Deutung zu geben. Alſo wurde denn die erſte Aufwallung an folgende Sätze geknüpft: .„Ja, welche unerhörte Unverſchämtheit, ſich zu er⸗ kühnen, unſere Mutter auf eine ſolche Weiſe zu belei⸗ digen; denn nicht ich— das wäre eine Kleinigkeit ge⸗ weſen— ſondern Mutter wird durch dieſe ſchamloſen Ausdrücke beleidigt. Ich bin überzeugt, daß es Edith’s wirkliches Unglück ſein würde, wenn ich ſie jetzt ihrem 8* 3. 2 Schickſale uͤberließe, oder vielmehr Denjenigen, welch 59* ſich die Mühe geben wollen, dieſes zu ſchaffen!“ Bei Gott, ich hätte Luſt, den Schlingel mit meiner Reit⸗ peitſche zu züchtigen!... Iſt es nicht gleichſam die größte Barmherzigkeit, die ihr erwieſen werden kann, daß er mit ſeiner Gattin fürlieb nimmt? O, ich bin überzeugt, er hat ſie mit Gewalt zur Nachgiebigkeit ge⸗ zwungen, und ginge es nach meinem Kopfe, ſo zeigte Mutter, was die Macht einer Mutter bedeutet.“. „Du ärgerſt Dich und lamentirſt wie ein Schul⸗ knabe!“ ſagte die Hofräthin verdrießlich.„Du weißt wohl, daß die Macht des Mannes die der Mutter auf⸗ hebt, und da es ging, wie ich ahnte, daß Edith es be⸗ reuen würde; denn ich wage mein Leben darauf, daß er ſie weder gebeten, noch auch gezwungen hat, bei ihm zu bleiben, ſo iſt nur meine Würde gekränkt worden, und dieſe weiß ich ſelbſt in Acht zu nehmen, ohne ſo viele Umſtände und ohne Lärm.“ „Ja, die gnädige Frau weiß ſchon, was erforderlich iſt!“ ertönte die wogende Stimme der Mamſell Octavie. „Und gewiß iſt Vieles erforderlich, um die unver⸗ gleichlich gekränkte Ehre der gnädigen Frau wieder her⸗ zuſtellen.“ „Wem aber danke ich das Alles, meine Herrſchaften, wenn nicht gerade meinem Herrn Schwiegerſohn und Ihnen, Mamſell? Ich meine nicht den Aerger und die Kränkung, welche mich durch Edith's Reue getroffen hat— denn das beweist doch wenigſtens etwas Cha⸗ rakter, daß ſie nicht ebenſo beſinnungslos ihrem Mann weglief, wie ſie ihre Mutter verließ— ſondern ich rede von dem Aerger, welcher darin liegt, daß ſowohl das junge Paar ſelbſt, als auch Onkel Janne und eine Menge anderer Leute glauben können, ich hätte eine Intrigue geſpielt, um meine Tochter von ihrer Pflicht abzuleiten. Einer ſolchen Nichtswürdigkeit konnte ich mich nicht ſchuldig machen. Aber aus mehreren Ausdrücken in Helmer's Brief geht es deutlich hervor, als wäre Edith geradezu verführt worden, und das I der gerade 60 Gegenſatz der Angaben, welche ich erhalten habe, in denen es heißt, daß ſie in Reue über ihre Heirath mich ver⸗ zweiflungsvoll um Verſöhnung anfleht.“ „Und das hat ſie gethan; wer aber kann den ver⸗ trakten Abwechſelungen in ihrem flüchtigen Gemüthe fol⸗ gen!“ rief der Rittmeiſter in einem Tone aus, welcher zu verſtehen gab, daß er bald nicht länger geſonnen wäre, ſich ſo aushunzen zu laſſen. „Lieber Abbé, mein Beſter, werde nicht noch hitzi⸗ ger!“— bat Olga, welche die Gelegenheit unmöglich aus den Händen laſſen konnte, den ſchönen Ton einer zärtlichen und klugen Gattin anzunehmen— um mei⸗ netwillen, wenn auch aus keinem andern Grunde, züch⸗ tige nicht den armen Wahnſinnigen: er hat es nicht beſſer verſtanden, wie er dieſe Sache behandeln ſollte!“ „Lege Du Dich nicht darein, mein Kind!“ verwies die Hofräthin,„und ſei Du ganz ruhig vor der Reit⸗ peitſche! Wenn ich Helmer recht kenne, ſo würde Abbé ebenſo ſehr zu kurz kommen bei der Affaire, wie bei der jetzigen, in welche ich zu meinem Bedauern den Namen einer fremden Perſon auf eine wenig ehrenvolle Weiſe eingemiſcht finde.“ „Aber, liebe Mutter, zu ſagen, Abbé hätte ſo nie⸗ drig und verächtlich gehandelt, daß Herr Helmer ſich nicht einmal herablaſſen will, ihm Rechenſchaft abzu⸗ fordern!... von einer ſaubern Affaire zu reden!... iſt das nicht naſeweis?“ 3 „Ja, eben das nimmt auch mich Wunder, denn Helmer war niemals Derjenige, welcher ſich von der Hitze übermannen ließ. Er beſinnt ſich zweimal, ehe er ſich ſolcher Ausdrücke bedient. Doch, nun genug da⸗ von! Nimm Edith's Brief, Abbé. Mit Anſtrengung ſeiner ganzen Beherrſchung, un nicht ſeine Schwiegermutter noch mehr zu reizen— deren Oberherrſchaft und ziemlich fühlbare Vormundſchaft er jedoch ſchon bedacht war, von ſich abzuſchütteln— nahm er Edith's Brief, und begann von Neuem ſein Vor⸗ leſeramt: — — N —& kN —jj BnNr———— N Au—«X½ —,—— 61 „Theure, geehrte Mutter! „Ich hatte mich ſelbſt getäuſcht. Ich meinte um jeden Preis Deine Verzeihung wieder erkaufen zu können, doch der vorgeſchriebene überſtieg meine Kräfte. Von Ernſt mich zu trennen, das war— da es zur Entſchei⸗ dung kam— eben ſo viel, als mich vom Leben zu trennen, und nun will ich lieber vom Leben Abſchied neh⸗ men, als von der Hoffnung, daß es mir mö lich ſein wird, durch mein künftiges. Betragen bei Ernſt die Erinnerung an dieſe Zeit zu verwiſchen, denn.. ach, Mutter, ſieh mit Mildigkeit dieſe Worte an!... ich werde Mutter werden.“ Ein gemeinſchaftliches„Oh!“ entſchlüpfte den Lip⸗ pen der vier in dieſem Auftritte handelnden Perſonen. Die Hofräthin riß den Brief an ſich und las das Uebrige für ſich ſelbſt. „Erſt jetzt, geliebte, vermißte, ewig vermißte Mut⸗ ter! ſehe ich recht die ganze Wichtigkeit und Größe der Fehler ein, welche ich als Tochter begangen habe, doch darf ich dieſe nicht dadurch noch groͤßer machen, daß ich auch als Gattin und als Mutter eine Verbrecherin werde... Mutter! heiliger und theurer Name! wie rragen, ich, die... o, wie bitter und drückend ſind nicht dieſe Erinnerungen! Doch täglich will ich Gott anrufen, daß der Segen, deſſen ich mich verluſti machte, auf mein Kind fallen möge. Wie himmliſe lieblich iſt der Gedanke, daß dieſes ſchönſte von allen Erbtheilen ihm zufallen werde! Mit dieſer Hoffnung will ich geduldig warten... vielleicht wird ein Tag kommen... Doch hier wage ich nicht zu hoffen, nicht zu bitten, ſondern nur in Demuth zu warten. „Lebe wohl, meine Mutter! Zürne nicht Deiner weerde ich es lernen, ihn recht zu verdienen, ihn recht zu ergebenen Tochter Edith.“ „Das war gewiß ſehr rührend, liebe Mutter?“ fragte Olga. ds 2 Die Hofräthin antwortete nicht. Sie erbrach ſelbſt. Brief des Onkels, welcher nur folgende Zeilen enthielt: — ——,— 62 „Ich bin an Vaters Statt für die arme junge Frau und werde ſie nie verlaſſen. Aber wie Du, Schwaͤ⸗ gerin, Deine Einwilligung geben konnteſt zu dem ſchänd⸗ lichen Plane, ſte von dem das iſt eine Sache, die D Gott und dem ſeligen Fra würdigſten Gatten zu trennen, u mit Deinem Gewiſſen, mit nz abzumachen haſt. „Ich wünſche nichts Böſes über Dagby, als ich aber das letzte Mal von dort ging, ſo ſchüttelte ich den Staub von meinen Füßen. Ich will nicht einmal da⸗ hin gehen, um auf dem Grabe meines Bruders zu wei⸗ nen, denn ich fürchte, ſeine Klagen aus demſelben her⸗ aufſteigen zu hören. Janne.“ Ein peinigendes und drückendes Schweigen herrſchte in dem Kreiſe— man wartete darauf, daß die Hof⸗ räthin reden ſollte; aber ohne ein Wort legte ſie die Briefe zuſammen nnd ging in ihr Schlafzimmer „So!“ rief Olga aus „ nnun iſt es aus mit dieſer Confuſton! Laßt uns nun nicht weiter daran denken, ſondern thun, als ob gar nichts vorgefallen wäre... Süßeſter Abbé! Haſt Du mir gar nichts mitgebracht?“ Während der langen Unterbrechung hatte der Ritt⸗ meiſter Zeit gehabt, ſich wieder in ſeine neue Stellung zu verſetzen. 1 „Wie ſollte ich wohl meiner kleinen Königin einen Beweis mitzubringen, daß nach Hauſe kommen, ohne ſie ſtets in meinen Gedanken gelebt hat! Ich habe... laß mich denken!... ja, i Goldſiſche und Böttiger's ch habe zwei der allerſchönſten neueſte Gedichte— das ſind doch wohl Liebesherolde, ſollte ich meinen!“ „Ich nehme ſie an als die Schätze zu beſichtigen, bracht hat!“ Olga flog hinaus. Einige Augenblicke ſtanden der Baron und Octavit einander gegenüͤber; darauf— indem er ſo ungenirt, daß man wohl ſah, es geſchähe nicht zum erſten Mal., ſeinen Arm um ihren Leib warf— murmelte er:„Neiy d ſolche, und eile hinauf, um welche mein Ritter mitge⸗ * f. 8* 63 dieß iſt unausſtehlich! Der Elende wird ſie von Neuem beherrſchen, während ich gezwungen bin, vor dem Schäf⸗ chen den Adonis und vor meiner geehrten Frau Schwie⸗ germutter den ergebenſten Diener zu ſpielen! Octavie! hätten unſere Sympathien nicht uns zuſammengeführt, ſo hielte ich es nicht aus! Doch in dem Verhältniſſe, wie Olga unerträglich wird, finde ich meine Belohnung bei Dir! Du biſt ein Mädchen mit Gefühlen, mit Gedanken und mit Kopf.. und Deine Lippen ſchwellen wie Trauben.— Du biſt wirklich ſchön, Octavie!“ „Still, Schmeichler, ſtill! die Wände haben Ohren!“ „Ja, hier auf Dagby; aber, ſiehſt Du, ich denke jetzt— nachdem dieſe göttliche Affaire verloren iſt(o, wie hätten wir uns weiden wollen an ihren Thränen, an ihrer Sehnſucht, da keine Verſöhnung mehr möglich war)— meiner Schwiegermutter anzuzeigen, daß ich geſonnen bin, nach Odensborg zu ziehen und ihr ſelbſt die Regierung über Dagby zu überlaſſen.“ „Ich glaube kaum, daß ſie dafür iſt. Sie will Olga gerne bei ſich behalten.“ „Einerlei— ich bin es müde, länger unter der Vormundſchaft zu ſtehen... Du ſollſt ſehen, wie fein ich das einfädeln will, und Olga muß ihre Mutter über⸗ reden, daß ſie die theure Freundin mitnehmen darf. Wenn das Alles rangirt iſt, ſo können wir uns einiger⸗ maßen tröſten... und die Kleine tröſten wir mit einer Puppe oder einem andern Spielzeuge: ſie hat die unbe⸗ greifliche Selbſtliebe— die uns ſehr gelegen kommt— daß ſie gar keinen Verdacht hegen kann über die Macht, welche ihre kleinen Reize über mich beſitzen.“ „Ja, das leidet keinen Zweifel... Aber, daß dieſe Beiden, die ich für jeden Preis getrennt haben wollte, wieder vereint ſind, vielleicht enger vereint, als jemals... o, dieſer Gedanke!... Und Mörnburg bekam gar nichts für ſeine Mühe?“ „Er zehrt noch an der Hoffnung, und ich bin gewiß nicht derjenige, der ihn aus ſeinem Irrthum reißt. Er hat mir nicht gedient um meine twillen:; er mag für ſich ſelbſt ſorgen!.. doch ſt!— noch einen Kuß!— ich höre, meine ſüße Gattin kommt zurück! Wahrſcheinlich hat ſie die Goldſiſche nicht gefunden, und darüber wun⸗ dere ich mich nicht im Allergeringſten, da ich ſelbſt nichts von ihrem Daſein weiß... ich hatte meiner Treue andere Fiſche zu ſchuppen!“ Olga ſtürzte herein. 1 Abbé, Abbé, wo ſind meine Goldſiſche? Lundin ſagt, ſie wären gar nicht im Wagen geweſen!“ „Wie?“ rief der Baron mit ausdrucksvollem Er⸗ ſtaunen,„nicht im Wagen? Ich hatte ſie ja doch in einer gläſernen Kugel, wo ſie mit der größten Lebhaf⸗ tigkeit ſpielten— nun, der Henker! da habe ich ſie in der Zerſtreuung in Werjd ſtehen laſſen!“ Siebentes Capitel. Das Wiederſehen. Seit dem Abende, da Edith in die Kolonie des Onkels Janne eintrat, waren mehrere Monate verſloſſen. Helmer hatte ſich nur einige Tage aufgehaͤlten. Aber er ſchrieb regelmäßig, und wenn auch ſeine Briefe nicht überfloſſen von dem Feuer, welches den ungeduldigen Liebhaber während der Trennung von dem Gegenſtande ſeiner Liebe auszeichnet, ſo trugen ſie den⸗ noch ſämmtlich das Gepräge einer umfaſſenden Zärt⸗ lichkeit und einer wachſamen Unruhe für Edith und für den Zeitpunkt, welcher herannahte. Von ſeinen Vermögensumſtänden ſagte er nicht viel, aber er verhehlte ſie auch keinesweges. 1 „Ich habe an dieſer Pachtung“— ſo ſchrieb er ein⸗ mal—„dadurch, daß ich ſie nach der koſtſpieligen Ein⸗ richtung nicht länger, als ein Jahr behalten konnte, und durch die ſo plöͤtzlich angeſtellte Auction— über zwei⸗ tauſend Reichsthaler Banco verloren. Dieſes, verbunden —— O—B—ꝛ—ꝛ—;—;’:A:nao —.— 65 mit der unglücklichen Kornſpeculation, iſt ein fühlbarer Verluſt. Doch wenn der Herr meine Arbeit ſegnet, ſo kann noch Alles wieder gut werden, und weit entfernt, mich von dieſen Widerwärtigkeiten muthlos machen zu laſſen, ſpornen ſie mich vielmehr zu neuen Anſtrengungen. Der Hof, über welchen ich— von dem Orte aus, wo ich mich jetzt befinde— in Accord ſtehe, iſt bei weitem kleiner als Lärkholmen, und hat leider ein ſo unanſehnliches Wohnhaus, daß ich nicht ohne einen Seufzer daran denken kann, daß Du dort wohnen ſollſt. Doch gilt dieſer Seufzer nur meinem Unvermögen, etwas Beſſeres anſchaffen zu können, keinesweges aber einem Mißtrauen gegen Dich, denn es iſt meine volle Ueber⸗ zeugung, daß Du, meine dith, Dich dort dennoch wohl beſinden wirſt in den neuen und reichen Pflichten, die Dich bald beſchäftigen werden.“ „Ja, das iſt ganz gewiß!“ ſagte Edith, indem ſie dem Onkel Janne dieſen Brief reichte.„Wo Ernſt zufrieden ſein kann, dort iſt es auch für mich gut genug, und wäre es auch noch ſo ärmlich.“ „Ich glaube Dir, meine Du, denn ich ſehe, daß Dein Charakter ſehr verändert iſt, und feſt ſteht meine Hoffnung, daß er nicht länger dem Winde gleichen wird.“ „Bei den ernſten und hohen Gedanken, die mich hier unter unſern einfachen Arbeiten beſchäftigen, ge⸗ iebter Onkel, kann der Charakter ja nicht anders als veredelt werden. Welche wohlthätigen Gefühle ergreifen mich nicht, wenn Du des Morgens und Abends das Ge⸗ bet ſprichſt mit allen dieſen guten Weſen, die mit einan⸗ der wetteifern, ihrem Wohlthaͤter dadurch ihre Dankbarkeit zu beweiſen, daß ſie mich mit allem nur möglichen Wohlwollen umfaſſen! Ach, das iſt ein rührender Anblick, und er macht auf mich einen doppelten Eindruck, weil es mir ſo vorkommt, als geſchähen alle dieſe warmen Gebete zum Beſten meines Kindes.“ Der Onkel lächelte, ohne zu antworten, Edith aber las die Antwort in ſeinen Augen. 1 „Weißt Du, Onkel,“ fuhr ſie nach einigem B 66 denken fort,„ich ſage: Gott ſei gelobt für Alles, was ge⸗ 8 ſchieht, ſowohl für Schmerz, als auch für Freude! Wäre in ich nicht hieher gekommen, hätte ich nicht in Deinem h kleinen Patriarchate gelebt und mit eigenen Augen ge⸗ g ſehen, wie glücklich, wie froh man mit dem Geringen ſein kann, wenn man nur gut und arbeitſam iſt und n ſeine Pflichten erfüllt, ſo hätte ich es auch niemals recht a begriffen, und noch weniger ausüben gelernt.“ n „So, meine Du! kein Lob mehr— Du darfſt den n Alten nicht hoffärtig machen!“ 2 „Und Du, lieber Onkel, darfſt nicht läugnen, daß k von allen Lehranſtalten, in denen ich bis jetzt geweſen z bin, mir keine ſo nützlich geworden iſt!“ g —„Das kann wohl ſein. Aber Du mußt mir auch 1 glauben, wäre Dein Herz nicht reif geweſen, die guten. 1 Eindrücke entgegen zu nehmen, ſo hätteſt Du Dich in meiner kleinen Kolonie zu Tode gegähnt und nicht drei Tage darin ausgehalten. Denke: wenn ich Dich während der Zeit eingeladen hätte, da Du noch Mädchen warſt!.. ei, ei, welche Langeweile würdeſt Du gehabt haben, nach⸗ dem der erſte Eindruck vorüber war!“ So plauderten ſie ſtundenlang, während Edith fleißig Kleider für das Erwartete nähte. 1 Dazwiſchen ging ſie in die —yp— Haushaltung unter der vereinten Anleitung der Mutter Siſſa und Trina, denn dieſe beiden jetzt hochſt achtungswerthen Matronen waren ſo recht zu Hauſe in der wahren Kochkunſt, aus den ein⸗ fachſten Gegenſtänden die geſundeſten und ſchmackhafteſten Gerichte zu bereiten. Von den klugen und nützlichen Vorleſungen der alten Frauen wendete ſie ſich an den Invalidenkorporal, der mit einer Arbeit beſchäftigt war, welche Edith nie zu oft anſehen und mit ihrem ausdrucksvollen Lächeln er⸗ muntern konnte. Der Korporal war nämlich beſchäftigt, eine Wiege anzufertigen. Und während Edith bei ihm ſaß, redeten ſie ſtets über das Lieblingsthema des Kor⸗ porals, welches Edith ſchon kannte; und ſie fühlte ſich wirklich unterhalten von den einfachen Reflexionen des —— 67 Invaliden, die ihn ſelbſt ſo glücklich machten, weil er in ihnen eine Weisheit entdeckt hatte, die ihn Zufrieden⸗ heit mit dem Leben lehrte, welches er zuvor allzu un⸗ gleichförmig und unbefriedigend eingerichtet befunden hatte. Ueberhaupt fand Edith ſehr viel Vergnügen in ihrem neuen Kreiſe, wo oft ein Kernausdruck, ein Einfall, ein altes Sprichwort, dem Nachdenken Stoff gab. Sie, die noch niemals mit dieſer Klaſſe in Berührung gekommen war, hatte mit vielen Anderen unbewußt jener ſchiefen Anſicht gehuldigt, daß Gefühl, Nachdenken und die Fähig⸗ keit, die Poeſte und die Schattenſeiten des Lebens auf⸗ zufaſſen, nur der höheren Bildung angehören. Jetzt aber lernte ſie Vieles, worüber ſie noch nie nachgedacht hatte. Und bei dem ſilberklaren Klange von Bolla's Stimme, wenn ſie eine Ballade ſang, oder bei den geheimnißvollen, melancholiſchen Tönen von Olle's Schalmei, welche in den Morgen⸗ und Abendſtunden durch Grandalen klangen, fühlte ſie einen ganzen Gottesdienſt in ihrem Innern. Was aber die Converſation anbetrifft, ſo floß dieſe am lebhafteſten beim Wintergarten, wo Primus, um⸗ geben von ſeinen Freundinnen, den weißen Katzen, ſaß und den allernetteſten kleinen Wurzelhimmel flocht, der über der Wiege ſitzen ſollte. „Lieber Primus! mache ihn nur nicht zu dicht: ich fürchte, es kommt nicht Luft genug hindurch.“ „Luft?“ wiederholte Primus ein wenig verdrießlich, indem er ſein Meiſterſtück gegen das Licht hielt,„wenn hier nicht Luft genug hindurch kann, ſo verſtehe ich mich nicht darauf! Ich dachte, wir wollten die Zugluft abhalten.“ „Du haſt ſehr Recht— mache ihn nur recht dicht: die Luft kommt auf jeden Fall von vorne.“ Bolla war für Edith faſt eine Geſellſchaft, beſonders darum, weil ſie, die den Verluſt ihres eigenen Kindes ſo außerordentlich tief betrauert hatte, kaum mit weniger Ungeduld auf die Zeit harrte, da ſie der jungen Mutter helfen ſollte, das neue Mitglied des Patriarchats zu pflegen . und zu hätſcheln. Und ſo geübt war Bolla in der Kunſt, prächtige, breite Hohlſäume zu nähen, daß ſie A“ 8 nicht nur Barbro übertraf, ſondern ſogar mit Edith wetteifern konnte— was ſie auch thaten— welche von ihnen zuerſt ihre Kiſſen, ihre Laken fertig haben würde. Wie glücklich war Edith bei dieſem Wetteifer, wie ſchnell rollten die Stunden dahin, trotz aller heißen Sehn⸗ ſuchtsſeufzer, die von ihren Lippen zu dem entbehrten und vermißten Gatten flogen! Aber nicht bloß Edith ſelbſt, Bolla, der Korporal und Primus waren beſchäftigt für den neuen Koloniſten: Alle legten mit Hand an die kleine Niederlaſſung, denn Alle liebten Edith und waren herzlich eingenommen von ihrer Freundlichkeit und Anſpruchslofigkeit. Mutter Siſſa und Mutter Trina übertrafen ſich ſelbſt in der Kunſt, kleine Röcke von der ſuperfeinſten weißen Wolle zu verfertigen, denn der Onkel hatte feierlich er⸗ klärt, kein Menſch dürfte in ſeinem Hauſe in Zwang und Windeln gelegt werden: Grandalen wäre ein freier Staat und verwerfe Alles, was den Anſchein von Deſpotismus hätte. Olle hatte mit großem Stolz den Stickbogen ver⸗ fertigt, in welchem die Wiegendecke geſtickt werden ſollte, und ſogar Petter Einſiedler zeigte Bereitwilligkeit und ſein uͤberlegenes Talent. Er hatte nämlich eine Komode hemacht von der Höhe einer ganzen ile mit vier ordent⸗ ichen Schubladen, welches Stück, nachdem der Onkel es ſelbſt polirt und vergoldete Beſchläge angebracht hatte, von den Andern wirklich ein wenig beneidet wurde, weil ſie ſahen, daß es ihre eigenen Arbeiten übertraf. Aber ſie tröſteten ſich bald damit, daß dieſer kleine Triumph das Mürriſche in Petter's Laune milderte. Dieſe Periode, an welcher Alle Theil nahmen, auf welche Alle ſich freuten, und welche in Grandalen ſo ganz neu war, erweichte auch wirklich ſogar Petter in ſolchem Grade, daß er, der noch nie jemanden etwas angeboten hatte, ſich jetzt eine Schnupftabaksdoſe anſtatt der Düte anſchaffte, und dieſe wenigſtens dreimal des Tages mit einem Kopfnicken dem Korporal hinreichte. —9—— ½ Ʒ—.— 69 4 4 „So,“ ſagte der Onkel, als Edith wohl zum zwanzig⸗ ſten Male die ganze Garderobe in der eleganten Kom⸗ mode umgeräumt hatte,„jetzt mag Helmer kommen— wann er will, und wir haben ihn auch gewiß nächſter Tage hier.“ „Ja, beſtimmt!“ entgegnete Edith,„ich fühle es im Innern, daß meine lange, lange Sehnſucht bald ein Ende haben wird. Möchte ich nur nicht ſo froh werden, daß es gefährlich ſein kann! O mein Gott, nach einer mehr denn viermonatlichen Trennung meinen Ernſt wieder zu ſehen!“ Sie warf ſich dem Alten in die Arme und ſchmiegte ſich feſt an ſein treues Herz. „Behüte Gott, Kind! weiche Heftigkeit kommt nun über Dich! Du biſt ja doch die ganze Zeit hindurch ſo artig und ruhig geweſen.“. Ja, Onkel, ich habe Dir und meinem Ernſt zeigen wollen, daß ich geduldig ſein kann; glaubſt Du aber, ich hätte jemals aufgehört, die Tage und Stunden zu zählen? Wenn ich rückwärts ſah, ſo war ich dankbar dafür, daß ſie unter allen dieſen frohen Arbeiten ſo leicht dahingeflohen waren; wenn ich aber vorwärts ſchaute, ſo bebte ich im Geheimen. Doch ſie ſind dahin geeilt, auch dieſe Tage und Stunden, und jede, die mich meinem doppelten Gluͤcke näher führte, habe ich geſegnet.“ „Nun, das war billig.“ „Und ſo habe ich hundertmal zu mir ſelbſt geſagt: wie wird jetzt Ernſt mich wohl anblicken? wird ſeine Umarmung nicht bloß freundlich zärtlich ſein, wie bei ſeiner Abreiſe... wird...“ „Hüte Dich, Kind!.. war ſeine Umarmung nicht ſo zärtlich und treufeſt, wie die Umarmung eines guten Gatten ſein muß?— Du warft ſelbſt nicht bewegter, als er.“ „Ich zeigte mich nicht bewegter als er, Oakel, denn ich dachte an Deinen weiſen Rath und geſtehe gerne, daß Ernſt's Umarmung ſo zärtlich und treufeſt war, wie die Umarmung eines guten Gatten ſein muß— doch was iſt wohl das?“ „Was das wohl iſt?“ „Wenn ich ſie mit Ehemals vergleiche.. ſo verſtehe mich doch, Onkelchen! Darum frage ich mich mit klopfen⸗ dem Herzen: wie wird er mich jetzt anblicken? wie wird ſeine Umarmung ſein? werde ich darin die Heftig⸗ keit und Wärme der Liebe erkennen? werden ſeine Augen verrathen, daß ich meine ganze Macht über ſein Herz 4 wieder eingenommen habe? werde ich auf ſeinen Lippen jenes ſeelenvolle Lächeln wiederfinden, das mich bezaubert und beherrſcht hat? Ach, ich werde wahnſinnig, wenn ich an das alles denke!“ „So denke denn um des Contraſtes willen daran, wenn Du jetzt auf ewig von ihm getrennt wäreſt, wenn Du in dieſem Augenblicke Deine Klage, Deinen unnöthigen Jammer den Mauern einer italieniſchen Villa vorgeſeufzt hätteſt!... Nein, da glaube ich, Du ziehſt es vor, in ber Willa Grandalen zu erwarten, was Gott beſchließen wird.“ „Ach, theurer Onkel, dieſe Erinnerungen ſcheuchen die Freude und Hoffnung aus meiner Seele: es iſt kaum 4 möglich, daß ich meinen vorigen Platz in Ernſt's Ge⸗ fühlen wieder einnehmen kann.. und noch viel weniger habe ich ihn ſchon wieder eingenommen: da wäre er, ob⸗ gleich ich ihn mit keinem Worte darum gebeten habe, wohl einmal in dieſer Zeit hergekommen.. er hätte es wohl nöthig gehabt... Wenn man aber nicht ſehr liebt, ſo kann man auch viel entbehren, ohne es zu vermiſſen.“ In tiefſter Heimlichkeit— und nicht ohne Unruhe— theilte der Onkel dieſen Gedanken; dennoch aber gelang es ihm, äußerſt verwundert auszuſehen, als er antwortete: „Biſt Du wahnſinnig, meine Du? Er wäre mir klug, wenn er, der vor allen Dingen ſparſam und thätig ſein muß, hieher käme, ehe es nöthig wäre, nur um mit Dir ein wenig zu dahlen! Nein, nein, Kind, das hätte nicht getaugt! Jetzt aber iſt es etwas ganz Anderes, und jetzt wird er auch nicht auf ſich warten laſſen.“ Noch an demſelben Tage kam auch ein Brief von Helmer mit der Nachricht an, daß er zwei Tage — 8. 71 eintreffen würde. Er ſchien in tiefer Unruhe zu ſein, daß ſeine Geſchäfte ihn ſo lange aufgehalten hatten— es war ſeine Abſicht geweſen, ſchon eine Woche früher zu reiſen. Edith jubelte!„Ach, er kommt dennoch zu dem Zeit⸗ punkte, da ich ihn erwartete!“— „Ja, und das iſt das Beſte!“ ſagte der Onkel.... 4 Als aber der Onkel am folgenden Tage erwachte, fuhr er heftig zuſammen bei einem in Grandalen gan ungewöhnlichen Laute— einem Laute, bei dem man ſich nicht leicht irren konnte, daß er von dem neuen Mitgliede des Patriarchates herrührte. „Herr Gott!“ ſtotterte der Onkel, erſtaunt, entzückt, erſchrocken,„ſollte wohl Alles“... Und er wiſchte ſich die Schweißtropfen von der Stirn bei dem Gedanken, daß ſein Liebling in dieſem Augenblicke dem Tode näher wäre, als dem Leben. Er hatte nicht den Muth, ſich von der Stelle zu bewegen. Jetzt aber ging die Thüre auf, und Mutter Siſſa, Mutter Trina und Bolla zeigten ſich in einer Art von feierlicher Prozeſſion. Der Onkel ſchwitzte, er meinte, ſie ſähen alle aus wie bleiche Geſpenſter, und nicht eher, als da ſie ihm faſt in die Ohren ſchrieen:„ein großer, geſunder Junge, t Herzensherr!“ erhob er den Kopf und ſaltete die Hände, während er das einzige Wort:„die Mutter?“ hervorſtöhnte. „O Herr Gott! ſie iſt ja wie der Neumond im Winter.. nun, nun, verſteht ſich vergleichsweiſe!“ ließ ſich Mutter Siſſa vernehmen.„Sie iſt an Geduld ein wahrer Engel Gottes!“ ſagte Mutter Trina; und Bolla, die arme Bolla, deren Thränen mit denen des Onkels um die Wette rannen, ſagte leiſe:„Später am Vormittage ſoll der Herr ſie ſehen, jetzt ſchlafen ſie Beide.. Sie hat ſchon nach Ihnen gefragt!“ „Geht, Kinder, geht jetzt, und laßt mich allein!. Einige Stunden ſpäter ſaß der alte Mann neben 1 ſeinem Liebling. Seine zitternden Hände hatten ſchon ſegnend das Haupt des Kindes berührt, und Edith's Lippen hatten ſchon leiſe die Worte geflüſtert:„Ich weiß, daß mein Sohn glücklich wird, Onkel, da er unter Deinem Dache geboren iſt!“ 1 „Und wenn Ernſt jetzt kommt,“ ſagte der Onkel mit einem frohen Lächeln,„ſo ſoll es wohl eine Ueberraſchung geben, kann ich mir denken?“ „Ach ja, Onkel! ſage ihnen Allen, es würde mir ſehr leid thun, wenn ſie ſich das Geringſte merken ließen. Nein, er darf gar nichts wiſſen, ehe er herein kommt; aber dann, dann.. wie gerührt und glücklich wird er ſein, wenn er ſieht“... Und Edith's zärtlicher Blick ſuchte das Kind. Am dritten Tage darauf hielt um die Mittagszeit Helmer's Schlitten vor der Thüre in Grandalen. Keine Miene Derjenigen, die ihn empfingen, verrieth die Neuigkeit. Der Onkel ſah ſich ſelbſt ſo ganz ähnlich, daß Helmer, der auf dem ganzen Wege an einer fürch⸗ terlichen Unruhe gelitten hatte, mit beruhigtem Tone ſagte: „Alles gut, wie ich ſehe, theuerſter Onkel? Meine Edith iſt noch munter und raſch?“ „Ja, behuͤte; doch war es hohe Zeit, daß Du kamſt, denke ich! Sie wollte heraus ſpazieren, verſteht ſich, doch ich ſagte: Paß!— es iſt zu kalt in der Hausflur. Du kannſt wohl denken, man muß vorſichtig ſein.“ „Ja, Onkel, Du biſt immer klug!“ entgegnste Helmer; in der Stimme aber lag eine verſteckte Unzufriedenheit. Er und Edith hatten ſich ja ſeit dem Anfange des Oc⸗ tobers nicht geſehen, und jetzt war man in der Mitte des Februar. Zwar war es klug, vorſichtig zu ſein, um jedoch der Vorſicht gehorchen zu können, ſoll man nicht an einer allzu übertriebenen Sehnſucht leiden. Der Onkel verſtand augenblicklich, wo„der Schuh drückte,“ ließ ſich aber nichts merken, ſondern ſagte nur: „Recht, mein Sohn! ſchüttle Du hier vor dem ——————=. in 73 Feuer im Alltagszimmer den Winter ab!.. So recht!.. Jetzt, denke ich, Du kannſt bald hineingehen, ſonſt bekommt ſie wohl Fieber, die arme Kleine!“ Bei dem Gedanken an den nächſten Augenblick, da er ſie wiederſehen ſollte, nach welcher er ſich mehr und mehr geſehnt hatte, obgleich er immet noch bei der ſchmerz⸗ haften Erinnerung an die Wunde, welche er erhalten hatte, im Stande geweſen war, ſeiner Ueberzeugung zu folgen und das Wiederſehen auf den Zeitpunkt zu ver⸗ ſchieben, da die Nothwendigkeit daſſelbe heiligte— fühlte er, wie ſein kleiner Verdruß verdunſtete, und als er vor ihrer Thuͤre ſtand, hatte er kaum noch Macht über die Gefühle. Er wurde von ihrer Stärke überraſcht: er hatte den Symptomen, die er vorher in ſich gefunden, nicht glauben wollen— jetzt mußte er. Er ſtand einen Augenblick ſtille, um Athem zu ſchöpfen. Der Onkel öffnete leiſe die Thüre, ſchob ihn hinein, blieb aber ſelbſt in dem gelben Zimmer. Ernſt's erſter Blick ſiel auf den Sopha, dieſer war leer; der zweite fiel auf das Bett— und mit einem leiſen Ausruf ſtürzte er auf dieſes weiße Bett zu und ſank vor ihm auf die Kniee; denn dort lag Edith— jetzt eine ſchneeweiße Lilie— mit ihrem Kinde auf dem Arme und lächelte ihm entgegen.. und in dem Lächeln lag ein ganzer Himmel. Noch vermochte er nicht in der Sprache der Worte ſeine Gefühle auszudrücken; doch der Blick, der Blick, welcher über das verklärte Antlitz ſeiner jungen Gattin fuhr, der Blick, welcher über das Kind fuhr— er redete... Und nun dieſer lange, heilige Kuß, in welchem die theuerſten Erinnerungen einer verfloſſenen Zeit, die lieblichen Hoffnungen einer geahnten Zukunft zuſammen⸗ ſchmolzen, was verſprach er nicht!— Edith verſtand, was er verſprach: ein neues Eden. Und da ſein Arm Gattin und Kind umſchlang, und ſeine Lippen ſtammelten:„O, habe Dank, du unaus⸗ ſprechlich Geliebte, für dieſes theure Geſchenk, das unſere Liebe ſtärker macht, als den Tod!“ da meinte Edith, wie Ein launenhaftes Weib. Iv. 6.8 heaatte, blieb auf der Erde. der Menſch immer meint, wenn die Erde ihre Glück⸗ ſeligkeit verſchwendet, es möchte gut ſein, wenn ſie über⸗ gehen könnten zu dem, was ewig iſt. „O!“ liſpelte ſie,„iſt das nicht allzuviel? Wäre es nicht das Schönſte, wenn wir alle Drei dahin fliehen könnten, wo keine Veränderung iſt?“ „Fürchteſt Du die äußeren Veränderungen, meine Edith, wenn vielleicht...“ „Die äußeren?“ entgegnete ſie mit einem Blicke, deſſen Glaubwürdigkeit er nicht mißdeuten konnte;„o, nein, daran dachte ich nicht! Aber es kommt mir vor, als hätteſt Du mich noch niemals höher geliebt, als in dieſem Augenblick— wäre das eine Täuſchung, hätte nur die Größe dieſes Augenblickes Dich vergeſſen laſſen...“ „Sei ruhig, meine Edith— ich habe Alles ver⸗ Pfen, nur nicht meine Dankbarkeit gegen Ihn, der mir ich gab! Und in dem Reichthum unſerer Liebe können wir die Armuth ertragen.“ „Nachdem Du mir dieſe himmliſchen Worte geſagt haſt mein Ernſt, fühle ich mich ſo ruhig, ſo ſelig auf rden, daß ich mich nur nach Gelegenheit ſehne, Dir zu zeigen, wie ſtark und entſagend ich in den geringeren Dingen ſein kann, da ich im Beſitz des Höchſten bin!“ Und Edith, die noch mehr Prüfungen zu beſtehen An einem ſchönen Sonntage wurde Franz Johann Ernſt getauft. Der Onkel trug ihn ſelbſt zur Taufe, und das ganze Patriarchat ſtand Gevatter. Alle meinten Theil an dem jungen Müügliede zu haben, Alle wollten und durften ihn eine Weile halten; und ein ſo überaus großes und frohes Feſt, wie dieſer Tauffeier— bei welcher der Onkel ſich auch wirklich angriff— hatte man in Grandalen noch nie gefeiert. Die Erinnerung daran lebte noch viele Jahre fort, und das war um ſo natürlicher, als der Tag als Ausgangs⸗ punkt einer neuen Zeitrechnung angenommen wurde ———-— 75 Man ſagte nicht mehr:„es war vor oder nach der Reiſe des Herrn in dem oder dem Jahre,“ ſondern man ſagte:„es war vor oder nach der Taufe des kleinen Janne.“ So groß aber auch die Freude geweſen war, ſo bitter wurde auch die Trauer, als Helmer in den erſten Juni⸗ tagen zum dritten Male in Grandalen ankam; denn dießmal reiste er nicht allein wieder ab, ſondern er nahm ſeine koſtbarſten Schätze mit. Achtes Capitel. Anderthalb Jahre ſpäter. Es war ein dunkler, regneriſcher und unangenehmer Herbſtabend gegen das Ende des November. In einem halbdunkeln Zimmer, auf dem kleinen Hofe, den Helmer jetzt in Uppland gepachtet hatte, ſaß Edith und nähte bei dem Schein einer Lampe. Auf dem Antlitze des jungen Weibes lag eine feine, aber keineswegs kränkliche Bläſſe; der Ausdruck ihres Antlitzes verrieth eine leichte Unruhe. Wenn ſie aber von der Arbeit den Blick auf den Fußboden richtete, wo ihr kleiner Sohn auf der ausgebreiteten Matte mit ſich ſelbſt und ſeinen Spielſachen umhertummelte, ſo ve ſchwand die Unruhe, und ein Lächeln, ſo lieblich und hell wie der Sonnenſtrahl an einem Sommermorgen, giug über ihre Lippen und beſeelte ihr ganzes Weſen. Die Uhr hatte eben acht geſchlagen. „Ach, wie lange er ausbleibt!“ ſeufzte Edith, indem ſie nach dem Fenſter hinlauſchte...„Aber es iſt nicht ſeine Schuld,“ fuhr ſie in ihren Gedanken fort:„dieſe Jahrmärkte ſind ſo unangenehm— wenn er nur ſeine Pferde gut bezahlt bekommt!... wozu brauchen wir jetzt wohl Wagenpferde? ſie hätten uns allzu viel Futter gekoſtet in dieſem ſchweren Futterjahre 34 Wie es — ſtürmt und regnet!... Mein armer Ernſt, der in ſolchem Wetter hinaus muß!“ 2 Edith legte die Arbeit weg; und nachdem ſie, noch in ihren Gedanken mit ihm beſchäftigt, einigemal in dem nicht großen, aber nett möblirten Zimmer(das ihr Beſuch⸗ und Arbeitszimmer bildete) auf⸗ und abge⸗ gangen war, warf ſie ſich plötzlich neben ihr Kind auf die Matte und begann— ſelbſt ein frohes Kind— mit dem Kleinen zu ſpielen. Inzwiſchen kam Barbro herein und fragte, ob die Frau den Thee bald haben wollte. „Ach, liebe Barbro, ich dachte, Ernſt ſollte kommen! Wir warten noch eine Stunde mit unſerem kleinen Souper... Aber bringe mir den Brei des Kleinen, ich will ihn ausziehen, und inzwiſchen vielleicht...“ „Nein, liebe Frau, es verlohnt ſich nicht der Mühe, den Herrn ſo bald zu erwarten; ich will Ihnen ſagen, es geht nicht ſo ſchnell, Pferde und kleines Vieh zu verkaufen.“ Edith ſeufzte, nahm ihren Sohn auf die Arme und ging mit ihm in das Schlafgemach, woſelbſt neben dem großen Bette ein ganz kleines von ſchneeweißen Gar⸗ dinen umgebenes an der Seite der jungen Mutter ſtand. Und jetzt hätte man dieſe junge Mutter in ihrer holden Beſchäftigung ſehen ſollen! Mit welcher entzückenden Schalkhaftigkeit reizte ſie nicht den Appetit des Kleinen, wie kindlich lächelte ſie nicht über ſeinen Verſuch, ſich ſelbſt den Löffel zuzu⸗ eignen, und welchen Genuß hatte ſie nicht endlich von ſeinem Pſtiedenen Lächeln, als der kleine Napf geleert war! Aber noch vermochte ſie es nicht, ihn zu legen: ſie mußte ihn erſt noch mehrmals gegen das Licht halten, um ſich recht an ſeiner engliſchen Schönheit zu weiden — und der kleine Janne war wirklich ein ſeraphiſches Weſen. Seine tiefblauen Augen, ſeine dunklen ſeidenen Locken waren ganz beſonders Edith's Entzücken— den ſie erinnerten an den Vater; und Helmer's Entzücken war das feine und edle Proſil des Knaben und der Zug um den korallenrothen Mund, der eine Erinnerung an 77 die Mutter war, und das gemeinſchaftliche herzliche Ver⸗ gnügen Beider war, ihn ſich aus den Armen des Einen in die des Andern werfen zu laſſen. Wenn er dann ermüdet in dem Schooße des Einen entſchlummerte, mit welchen Blicken von lebendiger Zärtlichkeit betrachteten ſie da nicht ihren Erſtgeborenen, welche Schätze des Glückes und Genuſſes beſaßen ſie nicht in ihm und in ſich ſelbſt! Und andere Genüſſe und Vergnügungen hatten ſie nicht und ſehnten ſich auch nicht darnach. Ihre Umſtände waren jetzt ganz bedeutend einge⸗ ſchränkter, als da ſie vor drei Jahren als Neuvermählte nach Lärkholmen zogen. Ueberdieß hatte in dieſem Jahre die Ernte in jeder Hinſicht Verluſt gegeben; doch das wär ein Verluſt, welcher die ganze Gegend getroffen hatte, und obgleich er für die jungen Eheleute unendlich fühlbarer war, als für viele Andere, ſo klagten doch Beide nicht ängſtlich üher das Schickſal. Sie nahmen ſich nur vor, durch die Aufopferungen, welche ſie machen konnten, das Unglüer ſo viel wie möglich zu mildern. Und bei der Berathung über ihre Bekümmerniſſe— denn jetzt beriethen ſie gemeinſchaftlich Alles— war Edith die Erſte, welche gewiſſe Einſchränkungen und Er⸗ ſparungen vorſchlug, deren Nutzen Helmer zwar einſah, die er aber nie zu nennen Muth gehabt hätte; und da ſie in ſeinen Augen ſein zunehmendes Vertrauen, ſeine warme Dankbarkeit las, ſo würde ſie zu jeder Entſagung Muth gehabt haben. „Siehſt Du“— ſagte ſie eines Tages, da er mit einem ausdrucksvollen Laͤcheln ihr bei den Geſchäften der einfachen Haushaltung folgte, der ſie jetzt ruhig und ſtill ohne Fehlgriffe und Kindereien vorſtand—„ſiehſt Du nun, geliebter Ernſt, daß ich doch endlich vernünftig⸗ wurde?“ „Ach, Du Engel!“ entgegnete er,„Du biſt weit mehr als vernünftig geworden: aber wie ſchmerzt es mich, daß ich nicht im Stande bin, dir dieſe Art von Arbeiten zu ſparen, die... nicht für Dich beſtimmt waren!“ 78 „Kein Wort, kein Gedanke darüber, mein Ernſt! Wollte ich wohl dieſe meine dürftige, ſchöne Heimath, welche Dich und unſer Kind einſchließt, gegen eine Welt vertauſchen, in der Ihr Beide fehltet? Nein, im Leben gibt es nur zwei Dinge von wirklichem Gewinn: Wider⸗ wärtigkeit und Liebe— beide veredeln.“ „Möchte uns nur nicht allzu viel von dem erſten Wewinn zu Theil werden,“ ſagte Ernſt fröhlich,„denn ... „O, fürchte Nichts, der zweite reicht zu für alle Veränderungen!“ Dieſes kleine Geſpräch ſiel kurz vor der Zeit vor, zu welcher wir jetzt gekommen ſind. Der Uhrzeiger war bis über Elf geſchritten. Der kleine Janne lag in ſeinem Bette. Er war eingeſchlafen unter den Gebeten der Mutter. Aber ſie ſaß wieder in dem äußeren Zimmer, deſſen Fenſter nach dem Hofe hinaus lagen, ſo daß ſie hören konnte, wenn Jemand gefahren kam. Edith's Finger zogen fleißig die Nadel auf und ab; ſie mußte für Viele nähen und hatte keine Hülfe dabei, denn außer Barbro, die jetzt eine Menge von Aemtern bekleidete, hatten ſie nur eine Viehmagd. „Endlich!“ rief es laut in Edith's Herzen, und ihre Wangen erhielten einen hochrothen Purpur, den Purpur der Freude.„O,“ fuhr ſie fort,„er glaubt wohl, daß ich zu Bette gegangen bin... ich will bei meiner Arbeit ſitzen bleiben, da wird er es mir vorwerfen, daß ich noch auf bin und meine Augen nicht in Acht nehme... Dieſe Vorwürfe ſind ſo angenehm!“. Edith lauſchte mit geſchärfter Aufmerkſamkeit. „Es konnte doch wohl kein Irrthum ſein?... nein, jetzt ſchob Barbro den Riegel von der Hausthür weg!... Aber wie langſam das geht, ehe er einkommt!.. O, er zieht ſich im Hausflur die Oberkleider aus!“ ——— y—— = SSSSn — r ½—— — ☛ —- O 79 Und langſam ging es, denn Edith war gewiß zehn⸗ mal auf dem halben Wege nach der Thür geweſen und hatte eben ſo oft hinaus eilen wollen, wenn nicht ihre kleine Berechnung, bei der Arbeit überraſcht zu werden, ſie auf ihren Stuhl zurückgeführt hätte. Endlich aber ging die Thür auf und Helmer trat herein. 4 Doch anſtatt des Ausrufes von frohem Erſtaunen, anſtatt der ſanften, zärtlichen Vorwürfe, die Edith er⸗ wartet hatte, kam Helmer ganz ſtill und mit langſamen Schritten dem Tiſch näher.. Das ſchelmiſche, bezaubernde Lächeln erſtarb auf Edith's Lippen. Sie erhob ſich mit fürchtender Unruhe, um der Umarmung ihres Gatten entgegen zu gehen. Und dieſe Umarmung, lag in ihr wie gewöhnlich — ſelbſt nach der kürzeſten Abweſenheit— die volle, reine Freude eines ſehnſüchtigen Herzens? Nein; es lag darin Geiſtesabweſenheit und ein faſt krampfhaftes Be⸗ mühen, eine ihn beherrſchende Unruhe zu verbergen und zu unterdrücken. „Geliebter Ernſt!“ Edith zitterte an Händen und Füßen,„biſt Du krank?— ja, ganz gewiß, Du biſt rank!“ 3 „Ich bin nicht krank!“ „Biſt Du unzufrieden mit Etwas?... Ich habe doch wohl nicht...“ 1 3 ihrer Stimme, in ihrem Tone lag eine tödtliche nruhe. „Was könnteſt Du, armes Kind, wohl für Schuld haben?“ ſagte er leiſe. „Gott ſei gelobt, daß Du ſo denkſt! Aber Deine außerordentliche Bläſſe, Ernſt, der wunderlich brennende Glanz in Deinen ſonſt ſo klaren und ſanften Augen, Dein ganzes Weſen, Dein Gang, Deine Stimme, vor allen Dingen Deine Umarmung, ſagen mir, daß, wenn Du auch nicht krank biſt, doch etwas ſehr Wichtiges vorgefallen iſt.“ ſ „Kehre Dich daran nicht, Edith! Ich bin müde, ich bin ſchläfrig.“)—. 8 80 „ Ach, mein Ernſt! wie kannſt Du mich in dieſer ſchrecklichen Furcht ſchweben laſſen? Iſt Dir etwas ge⸗ ſchehen, ſo iſt es auch mir geſchehen, und kannſt Du mit Deinem feſten und ruhigen Gemüth beunruhigt werden, ſo iſt es etwas ſehr Ernſthaftes... O rede! ſei aufrichtig! Was es auch ſein mag, ſo wird es Dir leichter werden, wenn Du Deinen Schmerz mit mir getheilt haſt.“ „Nein, es wird mir nicht leichter davon. Laß es nun genug ſein!“ „Aber, mein Gott, ich kann mich hiemit nicht be⸗ ruhigen!“ „Nun bitte ich Dich aber, das zu thun, denn Deine Zudringlichkeit peinigt und reizt mich.“ Dergleichen Worte waren von Ernſt's Lippen ganz neu, und nicht weniger neu war der ungeduldige, ſtreng abweiſende Ton. Edith verlor den Muth. Sie begann zu glauben, ihr Mann könnte in einer von jenen muntern Geſell⸗ ſchaften geweſen ſein, welche an ähnlichen Verſammlungs⸗ örtern ſo häufig vorkommen. Ernſt war ja aber immer ſo mäßig: ſie hatte ihn noch niemals in dieſem Zuſtande geſehen, welcher zwar bei Vielen gewöhnlich iſt, aber dennoch immer erniedrigt. Das konnte es auf keinen Fall ſein; Alles, was er ſagte, war vernünftig und be⸗ ſtimmt... nein, getrunken hatte er nicht. „Du willſt doch wohl wenigſtens ein wenig eſſen, mein Lieber, ehe Du zu Bette gehſt?“ „Nein, ich danke!“ „Nicht einmal eine Taſſe warmen Thee trinken?... ich habe Alles in Ordnung.“— „Nichts, gar nichts!“ Edith ſah, daß es ſich nicht der Mühe lohnte, noch mehr zu ſagen... Und da ſie in das Schlafzimmer kamen, und Ernſt nicht einmal einen Blick nach der Seite warf, wo ihr Kind ſchlummerte, da verſtand ſie recht, wie ſtark die Seelenerſchütterung oder vielmehr Seelenerſchlaffung war, die ihn beherrſchte. „Wenn ich nur die Urſache ahnen könnte!... * 8¹ʃ vielleicht fürchtet er Mangel an Muth bei mir— o„ mir fehlt der Muth nicht! Sollte aber Ernſt mich für unwürdig halten, ſeine Leiden zu theilen, ſollte er mich als ein Kind behandeln, dem man nur mit weniger kummervollen Tagen die Zeit vertreibt, dann fühlte ich mich beleidigt und troſtlos, denn ich habe das Recht, Alles mit ihm zu theilen... Doch ich will mich nicht ungeduldig, beleidigt, kindiſch zeigen— da würde er ſich nur noch tiefer in ſich ſelbſt zurückziehen— ich will ruhig, klug, muthig ſein. Das iſt eine neue Seite der Ehe, und ich will mich vor keiner Art der Erfahrung ſcheuen, die mir in der Zukunft nützlich werden kann.“ Während ſie knieend vor der Wiege ihres Kindes ſo dachte und beſchloß, hatte Ernſt ſich gelegt. Eine halbe Stunde ſpäter war die Lampe gelöſcht und mit der Finſterniß breitete ſich eine tiefe Stille über das Schlafgemach des jungen Paares aus. Wie lange Ernſt wachend lag, wußte Edith nicht, denn ermüdet vom Wachen und beruhigt von ihren guten Vorſätzen entſchlummerte ſie bald, fuhr aber auf und erwachte, da ſie fühlte, wie Ernſt ſich leiſe erhob. Doch ſtellte ſie ſich, als verfiele ſie von Neuem in einen tiefen Schlaf, der doch jetzt weit von ihr ent⸗ fernt war, denn bei dem blaſſen Mondſtreifen, der die nächtlichen Nebel zu brechen begann, ſah ſie Ernſt's Geſicht bis zur Wildheit entſtellt. Es war nicht jener Ausdruck von concentrirtem Schmerz und Zorn, den ſie dort einmal— an dem letzten unglücklichen Abende auf Lärkholmen— geſehen hatte. Dieß war eine zur Ra⸗ ſerei getriebene peinigende Angſt, welche ſein eigenes Entſetzen zu wecken ſchien. Einige Augenblicke ſpäter ſtand er auf, zog ſich an, nahm die Lampe und ging hinaus in das andere Zim⸗ mer, wo er Licht anzündete, und, wie Edith hörte, ſein Schreibbureau öffnete, vor welches er ſich vermuthlich ſetzte; denn nachdem Alles einen Augenblick ſtill geweſen war, hörte ſie das Geraſſel von Papier und das Gekritzel einer Feder, aber mit unaufhörlichen Unterbrechungen. 82² „Nein,“ ſagte ſie bei ſich ſelbſt,„ich ertrage dieß nicht! Nicht um meinet⸗, ſondern um ſeinetwillen muß ich hinaus... ich bin überzeugt, da er ſo gemartert wird, ſo iſt es nothwendig, daß ſeine Seele ſich aus⸗ ſchüttet. Und ſollte er auch böͤſe werden— er, der nie böſe geweſen iſt, ſo will ich ihm doch ſeine harten Worte nicht anrechnen, denn er weiß ſelbſt nichts von ihnen, und ich will mich ſelbſt ganz vor ihm vergeſſen.“ Mit dieſen Worten warf ſie eben ſo ſtill als eil⸗ fertig die Kleider über ſich und ging mit feſtem Ent⸗ ſchluſſe auf die Thür zu. Hier aber ſtand ſie noch einen Augenblick ſtill und prüfte ihren Entſchluß. Wenn Ernſt in dieſem Zuſtande ſie auf eine Weiſe beleidigen könnte, die ſpäter in der Erinnerung bitter wäre...„Nein, ich fuͤhle es,“ wiederholte ſie,„wenn ich mich jetzt vielleicht allzu ſehr in Gefahr begebe, ſo Babe ich uch Kraft, daran zu denken, daß ich es ſelbſt wollte!“ Sie drehte den Schlüſſel um und trat hinaus. Neuntes Capitel. Die Demüthigung. Ernſt war ſo tief in ſeine Gedanken verſunken, daß er die leichten Schritte ſeiner Frau gar nicht hörte. Erſt als ſie ihre Arme um ſeinen Hals ſchlang, erſt als ihre zärtliche Stimme flüſterte:„O, laß mich Deine Qualen theilen!“ zuckte es in allen ſeinen Gliedern. In der nächſten Sekunde ſchob er ſie leiſe zurück und ſagte heftig:„Was bedeutet das? belauſcheſt Du mich?“ Ernſt!“ „So laß mich doch in Ruhe! Kann der Mann nicht Kummer und Kämpfe haben, die ihm allein an⸗ gehören?“ Soll er gezwungen ſein, ſie zu verrathen“ „Ja, Geliebter! damit er hernach ruhiger werde.“ — ¶☛*8 8 — 8⁸8 8&☛ 83 „Still! verlaß mich!“ „Nein, mein Ernſt, ich kann mich ſo nicht abwei⸗ ſen laſſen! Ich bin nicht länger das kindiſche, ſelbſt⸗ ſüchtige, launenhafte und leichtſinnige Weib, welches Du vor drei Jahren an Deine Bruſt zogſt. Ich habe die bitteren Folgen meiner Fehler gelitten, und doppelt gelitten, weil ſie auf Dich zurückgefallen ſind. Aber nachdem ich mir Deine Achtung, Deine Liebe wieder erworben habe, nachdem ich die Mutter Deines Kindes geworden bin, habe ich auch ein heiliges Recht, Alles mit Dir zu theilen. Und wenn Du mich bis jetzt nicht würdig erachtet haſt, den ganzen Umfang der Pflichten einer Gattin zu faſſen, ſo prüfe mich jetzt, und Du wirſt ſehen, ob nicht eine doppelte Wahrheit in den Worten liegt, die Du mir einmal ſagteſt„von dem Augenblicke an, da ich Mutter wurde, hätte ich erſt die volle Bedeutung einer Gattin gelernt.““ „Edith, ich kann nicht! Ich kenne den ganzen Adel Deinas Herzensz doch glaube mir, es gibt Dinge, die...“ „Die?“ „ Unmoöglich ſind.“ „Zwiſchen Dir und mir glaube ich an gar keine Unmöglichkeit. Und ſei überzeugt, ich würde nicht zu⸗ dringlich ſein, ich würde die Erſte ſein, die Deiner düſte⸗ ren Laune aus dem Wege ginge, wenn ich nur eine ſolche Wolke ſähe, die über jedes Menſchen Seele kom⸗ men kann, und die am beſten von ſelbſt verſchwindet — doch dieſe Wolke, welche heute Abend auf Deine Seele drückt, iſt von drohenderer Beſchaffenheit und be⸗ darf eines Ausbruches. So, theurer, geliebter Ernſt! rede! ich höre, und hernach gibt mir Gott gewiß ein, was ich Dir ſagen ſoll.“ „Alſo willſt Du mich vor Dir erröthen ſehen?“ „Du, Ernſt? Du ſollteſt in irgend einem Falle vor Deiner Gattin, vor irgend einem Menſchen erröthen müſſen?— Nein, das iſt ganz gewiß eine Phantaſie, wenn irgend etwas das iſt.“ „Eine Phantaſie!“ wiederholte er mit Bitterkeit. 84 „Was willſt Du denn, daß ich annehmen ſoll?“ „Nimm an, daß es keine Phantaſie iſt, daß⸗der Mann, der bisher, in dem ruhigen und ſtarken Bewußtſein, daß er ſich ſelbſt keine Vorwürfe zu machen hat, mit einer gewiſſen glücklichen Sicherheit, mit einem gewiſſen angenehmen Selbſtgefühl das Opfer der faſt anbetenden Zärtlichkeit ſeiner Gattin entgegengenommen hat.. nimm an, daß er, der den ganzen Stolz empfunden hat, ihr Abgott zu ſein, zu ſich ſelbſt ſagen muß“— hier ging plötzlich ſeine Stimme aus dem bittern Hohn in eine tiefe, durchgreifende Betrübniß über—„wenn ſie wüßte, welche Schuld Du auf Dich geladen haſt, ſo würde dieſe Anbetung ſich in.. in Verachtung verwandeln!“ Er hielt einen Augenblick inne, doch ehe Edith nur ein einziges Wort zu ſagen vermochte, fuhr er fort: „Begreifſt Du nun, was ich leide? Du wirſt auf⸗ hören, den Gatten zu lieben, zu welchem Du nicht länger mit dem Berugigendin Gedanken hinaufzublicken vermagſt: „wenn ich mich auch mit einem Manne verbunden habe, der an irdiſchen Gütern arm iſt, ſo iſt er dennoch wegen der Fleckenloſigkeit ſeines Charakters der Hochachtung würdig.“. Mit ſteigender Verwunderung und Rührung hatte Edith dieſes Bekenntniß angehört. „Ernſt!“ ſagte ſie, da er ſchwieg,„ich behaupte noch, daß Deine Strenge gegen dich ſelbſt Dich verwirrt. Du kannſt einen Fehler begangen haben, denn Du biſt ein Menſch, aber unmöglich eine verbrecheriſche und ent⸗ ehrende Handlung. Was Du aber auch gethan haben magſt, ſo ſteh es an meinem Blicke, an meiner Ruhe, daß ich bereit bin— wenn dieſes Wort in Frage kommen kann— Dir zu verzeihen, wie Du mir verzieheſt, als ich erröthend vor Dir ſtand und um Nachſicht flehte.“ „Ja, ſiehſt Du nicht jetzt ſchon den Unterſchied zwiſchen der Selbſtſucht des Mannes und der edlen, himmliſchen Zuverſicht des Weibes! Ich ließ Dich um Verzeihung bitten, ja flehen für ein Vergehen, das Du noch nicht begangen hatteſt... Du dagegen erbieteſt — ₰ℳ 9 ͤ —.— —,—— ————-- ——+ ͤ— 8⁵ mir Verzeihung für ein begangenes Vergehen, das du nicht einmal kennſt.“ „Aber ſo beſinne Dich doch, Geliebter, die Handlung, welche ich zu thun im Begriff ſtand, war ein Verbrechen gegen unſere Liebe; Du warſt verletzt in Deinen heiligſten Gefühlen. Dergleichen iſt fürchterlich, und wäre es etwas, das dieſe ſo zarten Punkte betrifft, dann Ernſt, dann...“ „Was dann?“ „Dann würde ich zwar noch den Muth haben, für mein Kind zu leben, doch nimmermehr könnte ich ver⸗ geſſen, und alle Roſen des Lebens wären für mich ver⸗ bluͤht Aber ich ſehe es Deinem Blicke an, daß ich meine Seele an den Rand eines Abgrundes führe, den Du niemals vor mir öffnen wirſt: Du kannſt unmöglich der Gattin untreu werden, die Dein Herz beſitzt.“ „Dir untreu?... Wenn nicht mein Herz Dir mit einem wärmeren und ſtärkeren Gefühle als jemals hul⸗ digte, würde ich wohl, wie nun der Fall iſt, vor dem tödtenden Gedanken zurückſchaudern, daß ich den aller⸗ kleinſten Funken von der tiefen Zärtlichkeit, deren ich gewohnt worden bin, verlieren könnte?“ „O, fürchte nichts dergleichen!“ ſagte Edith, und der Blitz ihres Auges warf ſich in das ſeinige.„Aber, mein Ernſt, überwinde dieſe nicht edle Selbſtliebe des Mannes, immer als eine Art von höherem Weſen vor dem Weibe ſtehen zu wollen! Laß unſere Fehler auch dieſen letzten Abſtand ausgleichen, laß auch ſie noch ein Glied der Vereinigung werden!“ „Ja ich will meinen Stolz unterdrücken— und unterdrückt wird er wahrhaftig, wenn ich Dir meine elende Schwäche verrathe!— Du haſt wohl ſchon ver⸗ ſtanden, daß ich in einer Art von Taumel geweſen bin, da ich ſo zu Dir reden konnte!“ „Das verſtand ich gleich, und darum ſagte ich zu mir ſelbſt: was er auch ſagen mag— wenn Du auch ſeinen Zorn in einem noch höheren Grade erweckſt— ſo mußt Du ihn dennoch dahin bringen, daß er redet!“ 4 86 „Du haſt recht gehandelt, das ſehe ich ſchon ein! Aber dieſes Bekenntniß iſt ſchrecklich...“ „Muth, mein Ernſt!“ „Ich habe verbrecheriſch und meiner Pflichten gegen Dich und unſer Kind vergeſſend, uns in eine grenzenloſe Verlegenheit geſtürzt. Die Armuth wartet unſer... Ich habe alles Geld verſchwendet, das ich ſowohl für die Pferde als auch für das junge Vieh eingenommen hatte, und nicht genug damit, nicht genug, hörſt Du, dieſes Geld zu verſchwenden— und das ſollte doch in Getreide für den Winter und zur neuen Ausſaat verwandelt werden, — ich habe mich auch noch in Schuld geſetzt für zwei⸗ hundert Reichsthaler Banko, die übermorgen Mittag bezahlt ſein müſſen, denn mein Ehrenwort ſteht im Pfande.“ „Du haſt geſpielt, Ernſt?“ ſagte Edith mit einer Ruhe, die ihr nicht geringe Anſtrengung koſtete— denn in ſofern waren die Tage der Romantik vorbei, daß ſie jetzt die ſchwere Verlegenheit, welche dieſes Ereigniß auf ihre nächſte Zukunft wälzen würde, vollkommen einſah. „Ja, Sdith, ich habe geſpielt! Denke Dir, daß ein Mann, der da weiß, daß eine angebetete Gattin zu Hauſe ſitzt und auf das Nothwendige ſieht, um durch ihren Vorbedacht dem Gatten in ſeiner Sorge zu nützen, denke Dir, daß dieſer Mann, ergriffen von dem Dämon des Spieles, Alles vergißt; denke Dir, daß dieſer Mann, nachdem er das Geld verſpielt hat, welches er zur Nah⸗ rung für Frau und Kind anwenden wollte, noch ferner in ſeinem wilden Fieber auf ſein Ehrenwort ſpielt, und denke Dir dann ſeine wilde Verzweiflung, ſeine Wuth, da er entdeckt, daß derjenige, an den er ſein Geld ver⸗ loren und von dem er geglaubt hat, nur der Zufall habe ihn in ſeinen Weg geführt, ein naher Bekannter und ohne Zweifel ein Abgeſandter iſt von...“ „Ha!“ rief ſie heftig aus—„von dem Rittmeiſter ⸗ „Ich glaube ſo, denn dieſer Fremde, den ich zuerſt in** ſah, hat jedesmal, wenn er mit mir zuſammentraf, — obgleich ich nicht darein gewilligt und erſt jetzt dieſen 44 87 Umſtand verdächtig gefunden habe— Spiel proponirt, in welchem man wußte oder ahnte, daß eine Gefahr für mich lag. Zufälligerweiſe hörte ich da, daß er ein Be⸗ kannter oder Handlanger Linden's war.“ „Nun gut, Ernſt, mag nun dieſer ſchreckliche Ver⸗ dacht Grund haben oder nicht, ſo iſt das Unglück einmal geſchehen; aber es wäre Deiner ganz unwuͤrdig, wenn Du Dich länger einer Muthloſigkeit und einer Verzweiflung hingeben wollteſt, die nichts Anderes wirken, als Dein Gemüth noch mehr zu verbittern. Und ich betheuere, weit entfernt, die Gefühle zu haben, die Du bei mir zu fürchten ſcheinſt, ſage ich mit einem Gefühle des Stolzes zu mir ſelbſt: Jetzt iſt die Reihe an Dir, die Verträglichkeit, den Verſtand, die grenzenloſe Güte zu bezahlen, welche Ernſt bei allen Deinen Schwächen bewieſen hat! Ihm iſt es gelungen, Dich auf die Bahn des Guten zu leiten, jetzt wird er es dir erlauben, ihn von der einzigen Verirrung zurückzuleiten, welche ſeine männlichen Tugenden verdunkelt, welche aber— wenn es nämlich bei dieſer einen bleibt— eher als ein Ge⸗ winnſt betrachtet werden kann, denn die Erfahrung läßt ſich nicht zu theuer kaufen, und ihre Frucht fällt wohl⸗ thätig zuruͤck auf unſer Leben, wenn nur die erſten Be⸗ kümmerniſſe überwunden ſind!“ „O Edith, Edith! Deine Liebe, Deine Mildigkeit, Dein unſägliches Feingefühl demüthigt mich tauſendmal mehr, als Vorwürfe und Klagen gethan haben würden, und dennoch liegt eine Glückſeligkeit in dem fürchterlichen Schmerz, die Glückſeligkeit, daß ich Dich noch mehr hochachten und bewundern kann. Wenn es demnächſt für mich noch einen lichtvollen Gedanken geben kann, ſo iſt es dieſer: Du willſt ihrer von Neuem würdig werden. Und ich werde es... Jetzt aber beſchwöre ich Dich, Jaß mich allein, damit ich im Stande bin, meine Gedanken zu ordnen! Meine Seele beginnt wieder in ihr Gleichgewicht zu kommen, und ich muß Mittel auf⸗ ſuchen, wie ich von der Schuld abkommen kann, die ich gemacht habe.“ 88 „Ernſt,“ ſagte ſie mit leuchtenden Augen,„denke Dir mein Glück: Du brauchſt keine Sekunde in Angſt zu ſchweben, daß Du Dein Ehrenwort nicht einlöſen kannſ. 22 Ich, ich habe dieſe Summe!“ 77. u 24 „Als ich in Grandalen von dem Onkel Abſchied nahm, ſteckte er mir eine Banknote von fünfzig Reichs⸗ thalern in die Hand mit den Worten:„für unvorher⸗ geſehene Bedürfniſſe, meine Du!“ und mit eben dieſen Worten gab er mir eine ebenſo große Summe, als er uns in dieſem Sommer beſuchte.“ „Aber, aber,“ ſagte Ernſt und kämpfte mit ſeinem widerſtrebenden Stolze,„wenn ich auch wirklich im Stande wäre, zu dieſer Reſſource, die Du Dir ſo fröhlich rauben willſt, meine Zuflucht zu nehmen— ſo iſt das doch erſt die eine Hälfte.“ „Die zweite Hälfte habe ich während dieſer achtzehn Monate erſpart, theils von dem Nadelgelde, das Du mir bisweilen gegeben haſt, und theils von dem kleinen Gewinn, den ich beim Verkauf der Milch und Beeren gehabt habe, und jedesmal, wenn ich meinen kleinen Schatz vermehrte, habe ich zu mir ſelbſt geſagt: wenn Ernſt einmal in großer Noth iſt, ſo ſoll er ſehen, daß ich vorausſehend geweſen bin, daß ich immer, immer an ihn denke!“. Hier ſagte jedoch Edith eine von jenen Unwahr⸗ heiten, von denen man ſagen kann, daß ſie ſublim ſind. Nicht für Ernſt war dieſer kleine Schatz mit ſo vielen Entſagungen, die er nicht kannte, geſammelt worden, ſondern für die Zeit, da die Erziehung des kleinen Janne ihre Ausgaben und ihre Verlegenheiten ver⸗ mehren würde. Für ihr Kind hatte ſie geſpart und wollte von Neuem anfangen, zu ſparen; denn kein Fünkchen von Hoffnung auf eine andere Huͤlfe hatte ſie . mehr: ſie ſchien todt zu ſein für ihre Mutter, von welcher ſie ſeit dem großen Streite kein Wort vernommen hatte. „Und dieſes Geld!“ rief Ernſt aus,„dieſes Geld, das du mit Gott weiß welchen Aufopferungen geſammelt —& ᷣ☛—+— sͤ Sͤ—,—— ————— + 32—- ☛&-S—O— 12 89 haſt— denn das Einkommen, welches Du aus dem Garten und dem unbedeutenden Milchverkauf gehabt haſt, iſt ja in der Haushaltung darauf gegangen— dieſes heilige Geld ſollte Dein Gatte ſich zueignen, um eine Spielſchuld zu bezahlen? In dieſem Gedanken liegt etwas ſo Schreckliches und Vernichtendes, daß ich ihn nicht faſſen kann... Fluch über dieſe ſchimpflichen, ver⸗ ächtlichen Sinnesreizungen!... Ein Spielball ſeiner eigenen nichtswürdigen Leidenſchaft geweſen zu ſein, in eine Falle gelockt und dem Raubthiere ähnlich geworden 8 ſein, welche Erniedrigung! Denn wie dieſes, wo es lut riecht, ſich über ſeinen Raub gtürzi, ſo ſtürzt ſich der Spieler, wenn ſein wilder Inſtinkt geweckt wird, über die Karten und vergißt Alles außer ſeiner Leidenſchaft, ja er würde ſeine eigene Seele verpfänden, wenn Jemand dieſen Einſatz annehmen wollte!“ „Ernſt, theurer Ernſt, jetzt erſchreckſt Du mich! Wie kannſt Du es über das Herz bringen, meine frohe Hoffnung zu vernichten? Nimm dieſes Geld, Geliebter! denn ich fuͤhle es in meiner Seele, es wird eben darum, weil es auf eine ſolche Weiſe erworben iſt, eben darum, weil Deine Gattin es Dir reicht, Dich auch ganz und auf immer retten. Du wirſt nie wieder ſpielen.“ „Nein, bei dem Andenken an unſere Mutter, bei Deiner Liebe und bei unſerem Kinde! Ich habe zum letzten Male in meinem Leben geſpielt. Und Du haſt Recht! Dieſes Geld, ſo erworben und aus Deinen Händen angenommen, wird mich auf immer retten! Ach Edith! in dieſer Stunde haben wir eine ſchreckliche Prüfung beſtanden. Hätteſt Du nicht mit dieſem tiefen und klaren Blick, den nur Deine veredelte Zärtlichkeit hat ſchärfen können, augenblicklich eingeſehen, wie Du handeln, oder eigentlich mich behandeln müßteſt, hätieſt Du es nicht ſo ſorgfältig vermieden, mich zu verletzen und zu reizen (und dazu hätte ſehr wenig gehört), wie hätte es da wohl geendigt, wenn ein Wort das andere gegeben hätte? Mir ſchaudert, wenn ich daran nur denke.“. „Aber Dir ſchaudert auch vor Dingen, die niemals Ein launenhaftes Weib. IV. 7 90 geſchehen können. Der Inſtinkt, welchen Gott in ſein göttlichſtes Geſchenk, die Liebe, gelegt hat, muß die Gattin ſtets die Pflichten verſtehen lehren, welche eben dieſes mächtige Gefühl ſtets lieblich macht.“ „Nein, geliebte Edith, was Dich geleitet hat, das iſt nicht bloß dieſer Inſtinkt des Herzens, ſondern auch Dein tiefer, gereifter Verſtand. Es iſt Dir gelungen, das Demüthigende in meiner Lage zu vermindern, und doch fühle ich es immer noch, wenn auch nicht mehr mit der alten Bitterkeit. Und mein Stolz, der vor dem Gedanken zurückſchauderte, daß er ſich vor Dir entblößen ſollte, wie zärtlich, wie behutſam haſt Du ihn nicht zu heilen geſucht! O Du theures, herrliches Weib, deſſen Werth ich nicht einmal zur Hälfte ahnte, welchen un⸗ veränderlichen Schatz fand ich nicht in Dir! Eines Tages will ich meinem Sohne dieſe erinnerungsreiche Stunde mittheilen— und er ſoll ſeine Mutter anbeten lernen.“ „Und ich will ihm mit Stolz ſagen: dieſe Verirrung war die einzige in dem Leben Deines Vaters, denn aus Liebe zu uns beſiegte er ſich ſelbſt.“ Zehntes Capitel. Eine fatale Ueberraſchung. Tage, Wochen, Monate waren vergangen, aber die düſtere Wolke, welche ihren Himmel umhüllt hatte, ver⸗ theilte ſich nicht ſo leicht, wie Edith ſich vorgeſtellt hatte. Eine tiefe, nicht klagende und ſchmachtende, wohl aber männliche Melancholie raubte Helmer's Seele die Ruhe und den Frieden. Er konnte nicht vergeſſen. Edith's unzählige Erſparungen und ihr unermüdlicher Fleiß mehrte nur ſeine Selbſtvorwürfe, und die täglich 4 zunehmende Verlegenheit verminderte ſie keineswegs. Die eine Koſtbarkeit nach der andern von ihren Hausgeräthen mußte verkauft oder verpfändet werden. —, 91 Doch ehe noch der Frühling eingetreten war, hatte das ein Ende genommen, und eine neue Discontanleihe mußte für die Sommerſaat und andere Bedürfniſſe ge⸗ nommen werden. 8* Mitten in dieſen häuslichen Verwicklungen und Ver⸗ legenheiten, durch welche Edith's Seele ſich entfaltete und vollendete, ward ihr eine von jenen kleinen, aber bittern Prüfungen bereitet, die wir gewöhnlich weit tiefer empfinden, als die großen. Es iſt dieß eine bedauernswürdige Erfahrung, denn ſie zeigt, daß die Eitelkeit einer der weſentlichſten Theile unſers Weſens bildet, und daß dieſe von uns mit grö⸗ ßerer Sorgfalt gehätſchelt wird, als wir unſern übrigen Gefühlen widmen.. Es war im April. Edith hatte eben die einfache Milchſuppe und das ebenſo einfache Vorgericht,*) be⸗ ſtehend aus zerſchnittenen und mit Kartoffeln und Zwie⸗ beln gebratenen Ueberbleibſeln von Fleiſch auf den Mit⸗ tagstiſch geſetzt. Ernſt, unraſirt und nachläſſig gekleidet — er, der immer die Feinheit ſelbſt geweſen war, dachte jetzt an dergleichen gar nicht, ſondern nur an das täg⸗ liche Brod— war eben von einer Feldarbeit hereinge⸗ kommen. Edith, mit dem kleinen Janne auf dem Arm, bot ihrem Manne den Stuhl an, der dem ihrigen ge⸗ genüber ſtand. Edith war ſonſt immer ausgezeichnet gut gekleidet, ſie hatte es ſich ſtreng zum Geſetz gemacht, hierin nichts zu vernachläſſigen, ſondern ſich immer nett vor ihrem Manne zu zeigen, was ihr um ſo leichter wurde, als ihre Garderobe, welche ſie verändert hatte, ihr für alle Lagen Reſſourcen hergab. Selbſt noch in der Armuth war ſie gefallſüchtig, und es wäre unrecht, wenn wir läugnen wollten, daß dieß eine von den Waffen war, durch welche ſie die Liebe ihres Mannes immerwährend neu erhielt. Doch an dieſem verdrießlichen Tage— *) In Schweden wird immer das Gemüſe oder das Fleiſch voor der Suppe gegeſſen. Anm. e Ueherſ. 9 8 92 denn es gibt Tage, an denen alle Verdrießlichkeiten ſo verdrießlich zuſammentreffen, als hätten ſie ſich mit ein⸗ ander dazu verabredet— wurden noch obendrein in dem Zimmer an der andern Seite der Hausflur, wo ſie gewöhn⸗ lich aßen, gebacken; und Edith hatte ſolche Eile gehabt, denn der Ofen wartete, daß ſie ſich nur zur Noth das Mehl abgeſchüttelt hatte. „Vergib, guter Ernſt,“ ſagte ſie, daß ich auf dieſe Weiſe hereinkomme; aber ich muß augenblicklich wieder hinaus!“ „Wie auf dieſe Weiſe?“ fragte er zerſtreut. „O,“ entgegnete Edith, die immer noch ſehr gut ſcherzen konnte,„dieſe Frage verhilft mir zu einer unangenehmen Entdeckung: Du ſiehſt gar nicht mehr, daß ich täglich um Deinetwillen kokettire und mich kleide.“ Helmer's Antwort beſtand in einem zärtlichen Lächeln; darauf warf er zufällig ſeinen Blick in den gegenüber beſindlichen Spiegel und gewahrte jetzt erröthend ſeine eigene Unordnung. „Beſte Edith!“ ſagte er,„ich glaube, Deine Ent⸗ ſchuldigung enthält eigentlich einen Wink für mich, und Du haſt auch wanruch ein Recht dazu, denn es iſt eine unverzeihliche Schwäche— aber ich habe noch nicht Achtung darauf gegeben— wenn man den Körper einen Theil des Böſen ertragen läßt, welches die Seele getroffen hat. Du ſollſt auch mich nie mehr auf dieſe Weiſe ſehen.“ „Nicht darum, Ernſt, daß Du nicht immer der ſchönſte Mann von allen biſt, die ich kenne, aber dieſe kleine Sorgfalt mit uns ſelbſt iſt der einzige Luxus, den wir beſtreiten können, und mag man ſagen, was man will, ſo macht er immer einen angenageen Ein⸗ druck.. Nun ſieh, ob nicht auch der kleine Janne⸗ dieſe unharmoniſche Familientoilette complettirt! Sein Rock und ſein Halskragen waren heute Morgen blen⸗ dend rein, aber nachdem er mit ſeiner Mutter gebacken hat, iſt er nicht nur mit Puder coöffirt, ſondern auch ſeine ganze Schürze mit Teigklümpchen beſäet worden. —— ——. 93 ... Nun, Du kleiner Bäcker! willſt Du nun hier blei⸗ ben, oder mußt Du nothwendig hinüber zum Vater?“ Sie mußte den Knaben loslaſſen, und dieſer wat⸗ ſchelte unter ſtetem:„Vater, Vater!“ um den Tiſch zu dem Stuhle des Vaters.. Helmer nahm ihn ſogleich auf und ſetzte ihn auf ſeinen Schooß. „Nein, lieber Ernſt, nun wird es wirklich allzu dumm!“ und Edith begann mit jener vollen Herzlich⸗ keit zu lachen, welche das Kennzeichen eines friſchen Gemüuͤthes iſt—„wenn Du in den Spiegel blickſt, ſo ſiehſt Du, daß Du jetzt auch noch ein halber Müller geworden biſt... und dann kannſt Du ja auch nicht in Ruhe eſſen.“ „Es ſchmeckt mir doppelt ſo gut mit dieſem kleinen Intereſſenten: er ſieht ſo aufmerkſam und entzückt auf jede Kartoffel, daß es wirklich meinen Appetit reizt.“ „Nun, in dieſem Falle mag er gerne fortfahren, Dich zu beläſtigen. Aber morgen, da ich hoffe, ich werde Dir etwas Beſſeres anzubieten haben, ſoll er ſich hübſch an meiner Seite halten.“ „Was haſt Du denn morgen, meine Liebe? Dieß iſt ja recht gut!“ „Ja,“ ſagte Edith mit einem Erröthen, das ihrem Manne nicht entging,„da habe ich ein Gericht, das Du gerne iſſeſt.. „Aha, Hühnerfricaſſee! Du kochſt es jetzt etwas beſſer, als damals, da Du Dein hausmütterliches Amt antratſt... Aber, wahrhaftig, ich begreife nicht, wie die Hühner zureichen: ich meine, Du haſt ſo wenige, daß ſie längſt zu Ende ſein ſollten.“ „O, mein Freund, verſtehſt Du denn nicht, daß neue Generationen kommen?“ „Ja wohl, aber ich ſehe keine Küchlein.“ „„Das wirſt Du ſehr bald, denn dieſe Zeit naht jetzt... wie wird ſich Janne über dieſe Geſellſchaft freuen!... Aber,“ fuhr ſie, ſich unterbrechend, fort,„Du ſollſt ſehen, wie gemüthlich ich's uns heute Abend 94 machen werde! Denke Dir die allerſchönſten Weizen⸗ Kuchen zum Thee!“ Ohne ein Wort zu erwfedern, reichte Ernſt ſeiner Gattin die Hand über den Tiſch. Edith nahm dieſelbe und drückte ſie. Und wenn er nicht den Muth hatte, zu ſagen, er ahnte, daß eine Menge Kleinigkeiten, welche ſie für die Bauersfrauen der Nachbarſchaft ſtickte, gegen Hühner, Eier und But⸗ ter vertauſcht würde— denn die Milch war in dieſem Frühlinge ſehr knapp— ſo hatte auch ſie keine Luſt, zu hören, daß er ihren kleinen Induſtriezweig kannte. Aber der Blick, welchen ſie mit dem Händedruck tauſchten — obgleich der ſeinige ebenſo verdunkelt war, als der ihrige Lu— ſagte eine Maſſe von Dingen. „O,“ rief Edith lächelnd aus,„ich ſage mit Ebba Brahi: Ich bin vergnügt mit dem Looſe mein, Und dank' Gott für die Gnade ſein.“*) Aber obgleich ihr Mann nicht mit den Worten der ſtrengen Königin antwortete, ſo traf dennoch Etwas ein, das andeuten zu wollen ſchien, daß, wie zufrieden man auch mit ſeinem Schickſale ſein mag, man dennoch bisweilen zu dem Geſtändniſſe genöthigt iſt, daß ein *) Ebba Brahe, die erſte Liebe Guſtav II. Adolf's, ſpäter⸗ hin verheirathet an den Grafen de la Gardie durch die Mutter des Königes, welche das Verhältniß ihres Soh⸗ nes mit dem ſchönen Hoffräulein nicht billigte, denn der König wollte ſie zu ſeiner Gemahlin erheben, hatte ein⸗ mal mit einem Diamanten an ein Fenſter vhige Verſe geſchrieben, welche ſchwediſch ſo lauten: „Jag är fornöjd med lotten min Och tackar Gud för naden ſin.“ Die Königin ſchrieb darüber! „Det ena du will, det andra du fkall: Det plär meſt ſa ga i vylika fall.“ d. h. wörtlich:„das Eine Du willſt, das Andere Du ſol es pflegt meiſtens ſo zu gehen in ähnlichen Fällen. 4 Anm. d. Ueberſ. + ——, ſchnell waren ſie vom Wagen gekommen. 8 9⁵ großer Theil Zwang in der Zufriedenheit liegt, und daß es gar nicht unangenehm ſein würde, wenn man ſich für gewiſe Augenblicke aus der Wirklichkeit hinaus verſetzen könnte. Edith gab eben die Suppe auf— aber plötzlich bielt ſie inne mit dem Löffel in der Hand über dem eller. Sie hatte zufällig einen Blick durch das Fenſter geworfen. 8 „Was iſt denn das?“ ſagte ſie mit zögernder, un⸗ ſicherer Stimme und mit einem Erröthen, das erſt in Roſa, darauf in Purpur und zuletzt in Scharlach ihr Wange, Stirn und Hals bedeckte. „Ein Wagen!“ antwortete Helmer ruhig.„Nun, meine Liebe, es iſt zwar nicht angenehm, fremden Blicken ſeine Armuth Preis zu geben; da wir aber keine andere Zimmer, als dieſes und das Schlafgemach möblirt und folglich auch nicht geheizt haben, ſo... „Guter Ernſt, laß mich dieß in aller Eile in die Küche hinaus tragen!“ „Nein, liebe Edith, das wäre ſchlimmer: erſtlich könnteſt Du ihnen in der Hausflur begegnen und ferner würde der zurückgebliebene Geruch und dieſes ganze Ausſehen der Eilfertigkeit von dem Schrecken der Wirths⸗ leute es ausplaudern, daß man ſie bei ihrer ärmlichen Mahlzeit überraſcht hat. Laß lieber Alles ſein... wir ſind arm, aber wir haben immer noch unſere Würde.“ Und dieſer Rath war klug, wie Edith gleich ſah; denn wäre ſie ihrem eigenen Kopfe gefolgt; ſo würde ſie den Fremden auf der Schwelle begegnet ſein, ſo Gewiß aber ging Fieberhitze und Fieberkälte durch ihr Blut, als Barbro mit ſchwülſtiger Artigkeit die Thür öffnete und den Aſſeſſor Werner und ſeine Frau hereinließ. Unberechnet die vernachläſſigten Toiletten und das unglüͤckliche Mittagseſſen, das heute, um des unglück⸗ lichen Backens willen, in dem einzigen Geſellſchaftszimmer ſervirt worden war, unberechnet das ganze ili 2. gemälde, welches dadurch noch einen neuen Anſtrich von Unannehmlichkeit erhalten hatte, daß der kleine Janne, als Niemand mehr auf ihn Achtung gab, ſich über den Tiſch geſtreckt und den Vorlegelöffel aus der Suppen⸗ terrine geworfen hatte, ſo daß ſich jetzt die ganz weiße Suppe wie ein Bach über das Tiſchtuch hinſchlängelte— unberechnet das Alles, ſagen wir, wie ſchrecklich belei⸗ digend war es nicht für Edith's Stolz, dieſe Leute wie⸗ derzuſehen, welche ihre beabſichtigte Flucht kannten oder ahnten, und welche wenigſtens wußten, daß ſie auf eine höchſt myſtiſche Weiſe Laͤrkholmen verlaſſen hatte; und daß dieſe ſie jetzt in einer dem Ausſehen nach weit troſt⸗ loſeren Lage wieder fanden, als worin ſie wirklich war— das war allzu viel! Sie konnten nur nach Demjenigen urtheilen, was ſie ſahen: ſie konnten nicht wiſſen, daß ihre gegenſeitige Liebe aller dieſer Dunkelheit einen roſen⸗ farbigen Schein lieh.. Stand aber Edith da wie ein Bild und ohne alle Faſſung— eine Ueberzeugung, die ihre Verlegenheit nur noch vermehrte— ſo kam um ſo mehr Leben in Helmer. Er zeigte ſogleich, was ein guter Takt und eine geübte Selbſtbeherrſchung vermochten. Nachdem er mit der ausgezeichnetſten Herzlichkeit ſeine alten, täglichen Freunde bewillkommnet hatte, ſagte er lächelnd, indem er auf ſeine Frau blickte, die in⸗ zwiſchen, wir müſſen es geſtehen, Jenny's warme Um⸗ armung ziemlich kühl erwiederte: „Nun, eben da Edith und ich hier ſitzen und uns gegen einander über die Mängel unſerer Anzüge ent⸗ ſchuldigen— ſie war mit Backen beſchäftigt, und ich kam nicht allein von einer langen, ermüdenden Wan⸗ derung aus dem Walde zurück, ſondern konnte mir auch vor allen Dingen nicht erlauben, meiner kleinen Frau durch eine ſorgfältigere Toilette einen Wink über die ihrige zu geben— kommen Sie wie aus den Wolken herabgefallen und zeigen uns die Gefahr, ſich dem Com⸗ fort der Nachläſſigkeit hinzugeben; doch dieß betrifft einzig und allein mich; denn man kann unmöglich verlangen, —y — 97 daß eine Frau an dem Tage, da ſie backt, andere Reize, als die der Häuslichkeit haben ſoll. Doch, meine Freunde, was Sie auch bei uns vermiſſen werden— wie Sie ſehen können, iſt unſere Wohnung etwas verändert, ſeitdem wir auf Lärkholmen lebten— ſo iſt das doch eine Klei⸗ nigkeit, wenn wir vergleichen, was uns damals fehlte, und was wir jetzt beſitzen.“ Helmer nahm ſeinen Sohn auf und legte ihn in Jenny's Arme.„Mit dieſem Kleinod,“ fuhr er fort, „haben wir nicht allein das hohe Glück wieder gefun⸗ den, deſſen wir im Anfange unſerer Ehe genoſſen, ſon⸗ dern ein weit höheres.“ Ein Blick, der von Dankbarkeit glänzte, flog aus Edith's Auge zu ihrem Gatten. Wie hoch ſchätzte ſie jetzt nicht ſeine Fertigkeit, ſich zu finden, und wie viel höher ſchätzte ſie nicht die liebevolle Leichtigkeit, mit welcher er die drückende Vergangenheit überhüpft und die Gegenwart in ihrem ganzen, ſchönſten Lichte ge⸗ zeigt hatte! Jenny's Thränen fielen in die weichen Locken des kleinen Janne.„Ach,“ ſagte ſie mit einer Stimme, die wie Muſik in Edith's Ohr klang,„Ihr jetziges Glück ſteht himmelhoch über dem ehemaligen— dieſes ſchöne Kind... ich habe keines, ich!“ „Keines?“ rief Edith—„Deine kleine Tochter?“ „Dahin... dahin auf ewig!“ „Arme Jenny“ Edith riß beinahe ihr Kind an ſich, und als ſie daſſelbe heftig an ihre Bruſt drückte, verſchwand vor ihrer Seele die Erinnerung an das dürftige Zimmer, an den Mittagstiſch, an Alles. Sie war ja reich, und Jenny war eine Arme, die des Troſtes bedurfte; denn konnten wohl ſchöne Zimmer, prachtvolle Kleider und ein bequemer Wagen auf irgend eine Weiſe den Verluſt eines Kindes erſetzen? 8 „Ich führe meine Frau auf einer kleinen Luſtreiſe nach Stockholm, um ſie zu erheitern und zu zerſtreuen,“ ſagte Aſſeſſor Werner,„und da wir erfahren hatten, 98 daß Sie hier in der Gegend wohnten, ſo fragten wir uns hieher— denn es iſt ein wahrer Genuß, Freunde zu treffen, die wir in allen Wechſelungen des Schickſals lieben und hochachten können.“ „Und wenn Sie das Fehlende in meinen kleinen Anordnungen entſchuldigen wollen— welche wirklich heute auf ſchwächeren Füͤßen, als gewöhnlich ſtehen, ſo wie es auch ein Zufall iſt, daß wir hier in unſerm Arbeitszimmer gedeckt haben— ſo ſind ſie tauſendmal willkommen!“ ſagte Edith, und warf einen, man konnte wohl ſagen, beherzten Blick über den Tiſch.„Doch,“ fuhr ſie erröthend fort, da ſie die Revolution erblickte, die der kleine Janne angerichtet hatte,„erſt müſſen Sie erlauben, daß wir noch einmal decken und einige Ver⸗ ſtärkung holen. Sieh nur, Jenny, wie dieſer Wild⸗ fang ſeine Freiheit angewendet hat, da wir die Augen von dem Tiſche auf den Wagen warfen. Ich merke wohl, er iſt nicht beſonders gut erzogen.“ Man lächelte über Edith's Verlegenheit, über ihren Sohn, und Jenny antwortete: „Da ich ein wenig Appetit hatte, als wir im Sta⸗ tionswirthshauſe ankamen, ſo aßen wir dort Mittag; wenn wir aber einige Stunden mit Euch verplaudern können, bis der Mond aufgeht— ich kann des Nachts oft nicht ſchlafen, nnd dann iſt es ſchön zu reiſen— ſo wird uns das ein köſtlicher Genuß ſein.“ 2„So tretet denn auf einen Augenblick in unſer Schlafzimmer“— dieſes hielt Edith fein, wie ein Hei⸗ ligthum, und ſo war es auch heute— bis wir unſer Mittag beendigen und ich das Back⸗Koſtüm abwerfen kann.“ Jenny fing den Kleinen mit ihrer Uhrkette, die ihm in die Augen blitzte......,..... Sobald die Thür zwiſchen den beiden Ehepaaren geſchloſſen war, ſtreckte Helmer mit einem theilnehmen⸗ den Blick die Arme nach ſeiner Gattin aus. „Darf ich dieſen kleinen Liebesgott mitnehmen?“ ne arme Edith! das war ein bitterer Augen⸗ — — — der Aſſeſſor theilte zwei Neuigkeiten mit. 99 blick, ich fürchte, der ſchmerzhafteſte, den Du ſeit lan⸗ ger Zeit gehabt haſt.“ „Dieſe Zärtlichkeit verdiene ich nicht, Ernſt; denn nur mein Stolz, meine Eigenliebe wurde verletzt; aber Du hörteſt ja ſelbſt: wir ſind reich, wenn wir uns mit ihnen vergleichen. Fühlt Jenny wie ich, ſo wird ſie mich beneiden.“— Ein halbe Stunde ſpäter ſtand das Zimmer aufge⸗ räumt, geräuchert und mit den Ueberbleibſeln ſeines Ameublements auf die beſte Art geordnet da. Ein Feuer im Ofen und ein gedeckter Tiſch, worauf ſich die jetzt von Barbro gebackenen Weizenkuchen in einer an⸗ muthigen Pyramide aus dem Korbe erhoben, vollen⸗ deten die Gemüthlichkeit. Wirth und Wirthin, in aller Eile umgekleidet, nah⸗ men noch einmal ihre Gäſte in Empfang, und die fol⸗ genden Stunden trugen an ſich ein ebenſo ſichtbares Gepräge von lieblicher und vertraulicher Ruhe, als die erſte Zwang und Verlegenheit gehabt hatte.. Eine Abendmahlzeit, bei welcher Edith's beſchränkte Speiſe⸗ kammer und Barbro's bekannte Kochkunſt alles Mögliche vereinigten und leiſteten, erhöhte und beendigte das Feſt. In einem einſamen Augenblicke, da Edith und Jenny mit einander im Schlafzimmer plauderten, be⸗ nutzte der Aſſeſſor Werner die Gelegenheit, Helmer eine Anleihe anzubieten; aber das Selbſtgefühl Helmer's konnte ihm unmöglich geſtatten, den zufälligen Beſuch des Freun⸗ des als einen oͤkonomiſchen Gewinn zu benutzen. „Nein,“ ſagte er, da Werner ihn mit ſeiner freund⸗ ſchaftlichen Zudringlichkeit nicht loslaſſen wollte,„unſere Umſtände ſind zwar ſehr eingeſchränkt; wenn mir jedoch die Ernte des nächſten Jahres nur wiedergibt, was dieſe mir genommen hat, ſo ſind meine Affairen ganz wieder auf feſten Füßen, das verſichere ich Dich.“ Werner war wirklich traurig; da er jedoch ſah, daß Helmer's Entſchluß feſt war, ſo brach er davon ab. Das Geſpräch fiel auf verſchiedene Gegenſtände, und 100 8 Die eine war, daß der Großhändler Mörnburg ſich wieder auf Reiſen begeben hatte, die zweite, daß der Aſſeſſor ſelbſt in Aecord ſtand, um den Dienſt des Kronenvogtes in der Vogtei von Wermland, worin Dagby lag. Für Helmer waren dieſe beiden Neuigkeiten von Intereſſe. Er hatte in ſeinen Gedanken oft geſchaudert vor dem Zuſammentreffen mit dem Manne, der einen ſo großen Antheil an der Haupturſache ſeines Unglückes hatte. Auf der andern Seite war es ihm lieb, daß es durch den Aſſeſſor Werner der Hofräthin bekannt werden konnte, wie muthig, klug und würdig Edith ihre Armuth ertrug. Wenigſtens, ſo hoffte Ernſt, würde ſie jetzt— nachdem der Baron mit ſeiner jungen Gemahlin und Mam⸗ ſell Octavie längſt nach Odensborg gezogen waren— weit leichter dahin zu bringen ſein, Denjenigen das Ohr zu lei⸗ hen, welche von der verſtoßenen Tochter zu erzählen wüßten. Inzwiſchen hatte Edith, ganz erwärmt von Jenny's zärtlicher Theilnahme, faſt ihr ganzes Leben entſchleiert und in klaren Zügen die inneren Lichtpunkte dieſes in ſeinem Aeußern ſo armen Daſeins gezeichnet. Sie hatte mit Jenny geweint und gelacht, ſie hatte das Glück ge⸗ noſſen, vor einer Andern dieſe Gefühle ausgießen zu können, die ſo lieblich ſind zu theilen und von denen Frauenzimmer in vertraulichen Augenblicken ſo gerne mit einander reden. Auch erzählte ſie mit einer unnach⸗ ahmlichen Miſchung von Stolz und Naivetät, daß ſie ihre Gefallſucht niemals nothwendiger und reicher be⸗ lohnt gefunden hätte, als jetzt, da ſie ſelbſt unter den überhangenden und ſchweren Bekümmerniſſen immer noch ihre Macht über Ernſt ausübte. 3 Der ganze Beſuch ihrer Freunde war alſo aus einer Prüfung in einen Gewinn für das junge Paar ver⸗ wandelt worden. Er hatte Helmer's Geiſt erfriſcht, und Edith tiefer in ihr eigenes Weſen blicken laſſen. Dieſe Selbſtbetrachtungen trugen Frucht, und obgleich ſich immer düſtrere und düſtrere Wolken um ihre Häupter zuſammenzogen, ſo ſpiegelten ſie ſich doch gegeuſeitig nn dem Lichte ihrer Blicke. 1“ ——.—— —— ——'‚—,— 101 „Wie achtungswürdig ſind ſie in ihrem Unglücke!“ ſagte Jenny zu ihrem Gatten, als der Wagen hinweg⸗ rollte.„Edith iſt jetzt tauſendmal liebenswuͤrdiger, und Helmer iſt mir noch nie ſo imponirend vorgekommen.“ „Ja,“ entgegnete der Aſſeſſor,„bei Ihnen wird, Gott ſei gelobt! das Sprüchwort nicht wahr, daß die Armuth die Liebe verdrängt und ſogar unſere edelſten Gefühle beſchmutzt.“ „Ihre Liebe iſt im Gegentheil erhöht worden, und ſie flößen jetzt eine Rührung ein, die wohlthut und auch ſchmerzt— erſteres über das, was man ſieht, Furcht vor der Zukunft, welche man nicht ſehen kann... Doch, ich hoffe für ſie das Beſte. Ueberdieß haben ſie ja ein ſo theures Kleinod in ihrem Kinde.“ „Aber ſtolz, ſtolz noch in ihren drückenden Um⸗ ſtänden!“ fiel Werner ein. „Sie haben ein Recht dazu, mein Beſter.“ „Nein, Jenny, das glaube ich nicht. Und Du hätteſt Deinen Einfluß auf Frau Helmer anwenden ſollen, ſich an ihre Mutter zu wenden, da es noch Zeit iſt. ielleicht wartet dieſe nur auf eine Bitte, um „O, ſage nichts mehr!“ vertheidigte Jenny:„Fami⸗ lienintereſſen, oder richtiger: Familienintriguen ſchieden ſie ja von dem Frieden und von dem kleinen Wohlſtande, den ſie beſaßen. Alſo muß die Verſöhnung von Den⸗ jenigen ausgehen, welche die Macht haben. Die Armuth entblößt ſich nicht gerne, wenn ſie von einem edlen Stolz bewacht wird, und der Stolz kann nicht betteln lernen.“ „Nun, möge Gott es nicht dahin kommen laſſen, daß es reiner Zwang wird! Aber dieſe verdammten Pachtungen, wenn Unglück auf Unglück folgt, laſſen nicht mit ſich ſpaßen— noch ein einziges Unglück, und Helmer's allergrößte Anſtrengung rettet ſie nicht vor dem gänzlichen Untergange.“ me —-muöö 102 Elftes Capitel. Ein Brief der Freiherrin Olga an ihre Mutter. „Geliebte Mutter! Du fragſt mich ſo genau, ſo ausdrücklich, daß ich nicht den Muth habe, mich länger zu verſtellen. Wie ſehr aber danke ich Dir, daß Du nicht mündlich bei Deiner Anweſenheit fragteſt! Ich weiß nicht, wo ich die Augen hätte laſſen ſollen. Wenn man ſchreibt, ſo vermag man eher offen⸗ herzig zu ſein; noch dazu gibt es ja nichts, das eine Tochter nicht an ihre Mutter ſchreiben kann. Sogar Dasjenige, was ſie gerne vor ſich ſelbſt verbärge, darf ſie Derjenigen zuflüſtern, die ihr beſtes Gewiſſen iſt. Ehmals, ſo ſcheint es mir jetzt— und in einem Alter von zwanzig Jahren hat man ſchon ein Ehe⸗ mals— war ch nicht ſo dankbar gegen Dich, wie ich hätte ſein ſollen. Ich fürchte, es lag von meiner Kind⸗ heit an ein Gefühl des Neides in meiner Seele, welches Octavie beibehielt und immer mehr anblies. Die in ſo vielen Hinſichten höher begabte Edith erweckte in mir ſtets einen launenhaften Aerger, und oft machte ich Dich auf eine keineswegs ſchweſterliche Art auf ihre Fehler aufmerkſam. Arme Edith! warum empfinde ich jetzt eine ſo tiefe Theilnahme für ſie? Ohne Zweifel darum, weil ich ſelbſt ſo bittere Erfahrungen gemacht habe, daß ich dieſen leeren Schein, der dem Kinde genug war, nicht länger zurückzuhalten vermag— weil ich ſelbſt unglücklich bin. O mein Gott, liebe Mutter, dieſes Wort kam ſo ſchnell, daß ich nichts davon wußte, ehe es ſchon dort ſtand. Ich hatte die Abſicht gehabt, Dich langſam darauf vorzubereiten: doch vielleicht iſt es ebenſo gut, daß ich gar keine Umwege ſuche. Alſo, geliebte Mutter, laß mich iederholen, daß ich Sdith's Unglück tief empfinde, weil mein eigenes fühle. Und wenn ich eine Vergleichung —, 8 ◻ uVd*A8g 103 zwiſchen uns anſtelle, wie es wohl bisweilen geſchieht, ſo kommt mir immer in das Gedächtniß, was der Aſſeſſor Werner einmal über Helmer zu der Gräfin Roſa ſagte: zihre gegenſeitige Liebe iſt ſo unvergleichlich, daß ſie alle Widerwärtigkeiten mildert und ebnet,“ und dann ſage ich zu mir ſelbſt:„Du biſt reich, Du gebieteſt über Alles was du dir wünſchen kannſt, doch das Einzige, das du nicht beſitzeſt, das hat Edith— ein Kind und die Liebe ihres Gatten. Du wunderſt dich, liebe Mutter, über dieſes letz te Wort; denn Gott ſei gelobt, Du haſt drei Jahre lang, oder ſeit dem Augenblicke, da meine und Abbé's Ehe geknüpft wurde, in dem frohen Irrthum gelebt, daß mein Mann mich liebte und ſchätzte, daß ich zufrieden und glücklich wäre. Und wollte man die Liebe, die Achtung und das Glück nach der Außenſeite beurtheilen, welche die Welt ſieht, ſo hätte ich auch über gar nichts zu klagen. Mein Mann zeigt mir eine ebenſo vollendete als ununter⸗ brochene Aufmerkſamkeit, er ſucht meinen Wünſchen rück⸗ ſichtlich neuer Halstücher und Kleider zuvorzukommen, er überhäuft mich in dieſer Hinſicht mit den allerent⸗ zückendſten Ueberraſchungen und beliebt ſich wohl noch bisweilen herabzulaſſen und mit mir zu ſpielen, als wäre ich ein Kind, welches man genöthigt iſt, zu der Ueberzeugung zu zwingen, daß es der Puppe noch nicht entwachſen iſt, aber man ſieht nicht die Thräne, die an der Wimper hängt— das Kind wird ja unterhalten, und es muß lächeln. Doch mein Herz— welches, als ich mich mit Abbé verheirathete, an dieſe glänzenden Redensarten glaubte— iſt zur Beſinnung erwacht; es fühlt ſich allein, und zwiſchen dieſen Sprüngen von Thränen und Sehnſucht zu einer ſtürmiſchen Fröhlichkeit kommt eine Mudigkeit, eine Gleichgültigkeit, eine tödtende Niedergeſchlagenheit über mich. Ich ſehne mich nur darnach, daß Alles ein Ende nehmen möge und kann nicht begreifen, wie die Menſchen es aushalten, ſich durch eine ganze Strecke 8 3 104 von Jahren bis ſechzig, ſiebzig, achtzig zu ſchleppen.. ich bin ja überſatt bei zwanzig. Wenn ich doch nur nicht mehr zu betrauern und zu beweinen hätte, als was ich nie beſeſſen habe— Abbé's Liebe— ſo ginge es noch an: da könnte es ſich noch der Mühe verlohnen, dieſe wo möglich zu erwerben; aber unglücklicher Weiſe werde ich es niemals der Mühe werth erachten, denn ich habe es längſt eingeſehen, daß auch ich ihn niemals geliebt habe. Vielleicht aber hätte ich ihn dennoch geliebt, wenn ſeine Gefühle etwas Anderes als Heuchelei geweſen wären. Jetzt— es iſt ſchrecklich zu ſagen, aber es iſt die reine Wahrheit— iſt es ſchon ſo weit gekommen, daß mich ein großer Widerwillen bei ſeinen faden Verſuchen, den verliebten Mann zu ſpielen, ergreift. Wenn ich ſeine Schritte höre, ſo wundere ich mich über die Freude, welche ſie ehedem in mir weckten: ſeine Nähe beläſtigt mich, und ich ſuche gewöhnlich einen Vorwand, zu ent⸗ kommen. Sind wir„en famille,“ ſo ſucht er mich auch nicht allzu eigenſinnig; darum liebe ich bisweilen die Ein⸗ ſamkeit. Ohne ein Wort darüber geſagt zu haben, aber gleichſam durch ein ſtilles Uebereinkommen, beläſtigen wir uns da ſo wenig wie nur immer möglich iſt. Kom⸗ men jedoch plötzlich Fremde, ſo werden die Masken augenblicklich wieder aufgeſetzt. 4 Aber dieſes Leben iſt auf jeden Fall abſcheulich, es iſt tödtend! Und dazu ſoll ich noch, wenn auch nicht in meinem Herzen— denn dieſes fühlt wohl Verachtung und Aerger, kann aber keine Eiferſucht empfinden— ſo doch in meinem Hauſe durch ein Verhältniß gekränkt werden, von welchem Du mit aller Deiner Scharfſichtigkeit niemals geträumt haſt, und das ich vielleicht gar nicht erwähnen ſollte. Aber ich kann es nicht verſchweigen, da ich Dir jetzt die ganze innere Geſchichte meines Lebens vor Augen lege— und dazu werde ich ebenſo ſehr aufgefordert durch Deine zärtlichen Fragen, als von meinem eigenen 10⁵ Bedürfniſſe, eine Linderung für meine unausſprechliche Müdigkeit zu ſuchen in der Ergießung der Pein, welche ſie mir verurſacht. Das Verhäͤltniß, von welchem ich ſprach, iſt ein geheimer Liebeshandel— wahrſcheinlich ein ziemlich alter— zwiſchen Abbé und Octavie, dieſer Schlange, die Du genährt, und die uns Alle geſtochen hat. Wäre ſie nicht geweſen, ja, mit Schmerz muß ich es ſagen, wären nicht ihre Complotte mit Abbé— die ich erſt weit ſpäter recht begriffen habe, ſowie ich auch hernach erſt verſtand, daß er Edith leidenſchaftlich liebte— ſo infernaliſch vortrefflich durchgeführt worden, ſo wäre es mit Edith gewiß nie zu dem unglücklichen Ertreme ge⸗ kommen, wohin es nun gekommen iſt. Sie, gerade ſie beide, reizten Dich, ohne daß Du es merkteſt, auf tau⸗ ſenderlei Arten, und ich, kindiſch, unwiſſend, neidiſch, ein unbewußtes Werkzeug in ihren Händen, half ihnen fleißig; denn damals nahm ich gerne nach Abbé den Ton an: früher hatte meine werthe Gouvernante mir den ihrigen gegeben. Doch ich kehre zurück zu dem Gegenſtande, der mich am meiſten beleidigt.. zu ihrer Amourette im Hauſe. Abbé kann nicht wohl bezweifeln, daß ich ſchon längſt dieſes Geheimniß durchſchaut habe, obgleich ich mich niemals zu einem Vorwurfe oder einer Verſtellung herabgelaſſen habe; aber er thut gar nichts, um es ab⸗ zubrechen: er ſtellt ſich, als merkte er gar nichts. ch ſagte ihm einmal vor einigen Monaten, daß ich die Mamſell Octavie nicht länger gebrauchte. Da hatte er die Kühnheit, mir mit folgenden Worten zu antworten: „Mein Engel, Du irrſt Dich ſicherlich: Mamſell Octavie iſt ja ganz unentbehrlich!“ Und ſie: ihre feilen Schmeicheleien gegen mich zu ſehen; zu ſehen, wie ſchamlos ſie die Wirthin ſpielt, wenn ſte ſteht, daß ich mich ermüdet zurückziehe, und auf welchen ungenirten Fuß ſie ſich übrigens im Hauſe rangirt hat! Das Alles kann nur ein Engel aushalten, Ein launenhaftes Weib. lv. 8 106 deſſen Güte an Dummheit gränzt, oder auch.. eine Gattin, die in ihrer ſchleppenden Gleichgültigkeit Alles verachtet. Aber um der Ehre, um meiner Selbſtachtung willen, muß dieß ein Ende nehmen, ehe es ein Gegen⸗ ſtand des allgemeinen Geſprächs wird, und daß es dieß nicht ſchon längſt geworden iſt, hat mich mehr denn ein⸗ mal verwundert. Aber ſie ſind Beide kluge Schauſpieler. Jetzt, geliebte Mutter, jetzt verſprich mir, für's Erſte nicht die Hand an dieſe Sache zu legen! Ich denke ſie ſelbſt ohne alles Aufſehen abzuſchließen. Sieh hier, wie ich es zu machen denke: Es iſt nun beinahe ein Jahr ſeit der Zeit, da wir eine längere Reiſe gemacht haben. Ich habe Abbé ge⸗ ſagt, daß ich nach Stockholm zu kommen wünſche, und da er gewöhnlich zu Allem, was ich begehre, ja ſagt, ſo hat er auch jetzt augenblicklich eingewilligt, und im nächſten Monate reiſen wir. Dort an einem von unſeren Gegenden entfernten Orte denke ich mich gegen Octavie auszuſprechen; dort kann ſie eine paſſende Gelegenheit, einen Vorwand finden, unſer Haus zu verlaſſen— und auf jeden Fall iſt es mein beſtimmter Wille, daß ſie nicht mit uns zurückkeh⸗ ren ſoll. Wenn ich eine offene Sprache rede, ſo kann Abbé es nicht wagen, in dieſem Falle einen Einwand zu machen. 3 Nachher wird er mich vielleicht verabſcheuen, ja vielleicht haſſen— gleichviel, ich frage nicht darnach, welch. ſühl⸗ ich erwecke: ich wäre allzu glücklich, wenn ich litte. Dann wäre doch wenigſtens etwas! Und nun genug über mich! Aber in Gottes Namen, liebe Mutter, wo ſind Helmer und Edith geblieben, nachdem ſie im letzten Herbſt das kleine Gut verlaſſen haben, welches ſie in Uppland gepachtet hatten?““ ch habe an den Onkel Janne geſchrieben und ihn um Nachricht darüber gebeten, denn ich wollte nothwen⸗ dig— vergib mir, Mutter! doch einerlei, was ich wollte. Die Antwort des Onkels war freundlich genug; doch war 107 leicht zu verſtehen, daß er kein rechtes Vertrauen in den Ernſt der Gefühle ſetzte, welche ich äußerte— ehemals war er nicht mißtrauiſch, aber es waren auch im Herbſte vier Jahre ſeit Edith's Hochzeit— dieſe Gefühle ſchie⸗ nen ihm alſo etwas ſehr ſpät zu kommen, und es iſt mir nicht möglich geweſen, ihm wie Dir die Umſtände zu entſchleiern, welche mich ſelbſt geweckt haben. Ich entſchuldige daher den Onkel, daß er nicht in mein Herz blicken konnte; aber ich beklage es von Her⸗ zen, denn dadurch erfuhr ich weiter nichts, als daß ſie durch mehrere zuſammentreffende unglückliche Umſtände, beſonders durch eine langſame Krankheit, die Helmer im vorigen Sommer gehabt hat, gezwungen worden ſind, ihre Pachtung aufzugeben, und daß ſie an einen entlegenen Ort gezogen ſind. Der Onkel hatte ſie vor dem Abzuge getroffen— mein Gott, welches Glück das wohl für Edith geweſen iſt!— aber er ſagt weiter nichts, als dieſe Worte, welche mir ſo oft vor die Seele treten: „Der Herr wird ihnen wohl ihr Kreuz abnehmen, wenn er ſieht, daß es Zeit iſt.“ O Mutter, Mutter! ich weiß ſehr gut, was Du mir ſo ſtreng verboten haſt; ich ſoll kein Wort über dieſe Angelegenheit äußern, ſeitdem aus der beabſichtigten Scheidung nichts wurde— aber ich vemag nicht länger zu ſchweigen, Ich ſehe fortwährend vor meinen Augen den kleinen Janne, das ſchöne Kind, das vielleicht blaß und abgemergelt dahinſchwindet, während ſeine Mutter — dieſe Mutter, welche jetzt verändert und vendelt in Arbeit lebt und geduldig die Armuth erträgt, wahrend ich in Unthätigkeit lebe und kaum den Ueberfluß ertragen kann— ihre betrübten Liebesblicke auf ihn heftet und ſeufzt:„wann werde ich Dich wieder blühen ſehen?“ Ich will nicht mehr ſagen, liebe Mutter„ als daß er ganz unſchuldig iſt, und daß ich es mir niemals verzeihen kann, daß ich in meiner Lauheit und Gleich⸗ gültigkeit gegen Alles nicht längſt an Mittel gedacht habe, den Meinigen nützlich zu werden. Ich habe ge⸗ dacht: es kann doch wohl ſo ſchlimm nicht ſein— und 8 k 108 iſt es ſchlimm, ſo wollen ſie gewiß von mir, von Abbé, nichts annehmen! Sie können nicht anders, ſte müſſen uns Beide verabſcheuen. Ach, Mutter, ich bin allzu lahm in meinen Ge⸗ danken geweſen! Wenn ſie auch keine Gnadengaben von uns annehmen wollen— dieſe würde der Onkel nicht einmal für ſie annehmen— ſo hätte ich dennoch andere⸗Auswege erfinden ſollen. Aber gibt es wohl eigentlich mehr als einen, und ſteht dieſer in meiner acht? Leider nein— ich habe keinen Einfluß! Hier ſchließe ich, geliebte Mutter, um in mein Pflanzenleben zurückzuſinken. Nur einen einzigen Um⸗ ſtand gibt es, der im Stande ſein könnte, mich aus demſelben herauszureißen, und dieſer ſteht ganz allein in Deiner Macht. O, meine Mutter! könnteſt und wollteſt Du dieſes Eine errathen, welches beglücken würde Deine verlaſſene und einſame Den 46. Februar 18.. Olga.“ 3 Zwölftes Capitel. Eine Mutter. Als die Hofräthin obigen Brief erhielt, war auf Daghy eine große Mittagsgeſellſchaft. Obgleich ſie ihre Töch nicht mehr zu Hauſe hatte, wurde dort dennoch auf ebenſo prächtigem Fuße gelebt— die ſtolze Frau hätte es dem nicht leicht verziehen, der es gewagt hätte, das chtnfelriche Haus weniger angenehm als früher zu finden. Und gewiß waren die Gäſte vergnügt, den war ausgeſucht von dem Geſellſchaftskreiſe bis z zu den Speiſen und den Weinen. Außerdem waren Baron Linden's ſo oft zum Beſuche da, daß ſie Dagby eben ſo ſehr anzugehören ſchienen, als dem zwolf Meilen von. * —-—— b —— 109 dieſem Eiſenhammer entfernten Odensborg, jenem ſtatt⸗ lichen Gut, welches die Hofräthin ihrem Schwiegerſohne abgetreten hatte.. Edith's Name wurde niemals in den Geſellſchaften ihrer Mutter erwähnt, das heißt: wenn dieſe Mutter zugegen war, denn nur eine halbe Hindeutung auf die alte Zeit machte, daß ihre Wange erblaßte, ihr Auge ſich ver⸗ dunkelte, wenn auch ihre kalten Lippen unbeweglich und verſchloſſen blieben.. Nur in einer einzigen Periode ſeit Edith's Hochzeit war das Eis um das Herz der Hofräthin geſchmolzen. Das war damals, als die Hofräthin die verlorene Toch⸗ ter wieder zu gewinnen hoffte und zwar durch die eigene Reue derſelben. Inzwiſchen konnte dieſe Verſöhnung nicht auf ge⸗ wöhnliche Weiſe geſchehen. Edith's Beleidigung und Widerſetzlichkeit gegen ihre Mutter und deren Macht und Willen war von ſo öffentlicher Beſchaffenheit geweſen, daß ihre Rückkehr unter den mütterlichen Schutz mit Eelat geſchehen mußte. Sie mußte wählen zwiſchen ihrer Mutter und ihrem Gatten. Daß dieſe Idee ihr nach und nach eingeimpft worden war, davon hatte die Hofräthin niemals eine Ahnung gehabt. Sie war feſt überzeugt, daß dieſelbe in ihrem eigenen Kopſe entſtanden war, denn Gott weiß, welche Unmöglichkeit ſie nicht lieber angenommen hätte, als die, daß eine Idee bei ihr der Abdruck von der eines Andern ſein könnte. Nachdem aber der Würſel zum zweiten Male ge⸗ fallen war, nachdem Edith— was ihr, wie wir wiſſen, ſogar die Achtung ihrer Mutter erworben hatte— von Neuem ihrer Mutter entſagt und den Mann, den ihre Liebe gewählt, vorgezogen hatte, da, trotz der Billigung ihres Betragens, das eine gewiſſe Verwandtſchaft mit der eigenen Standhaftigkeit der Hofräthin hatte, ſchloß ſich ihr Herz wieder, und ſchloß ſich um ſo härter, als ſie jetzt einen gewiſſen Verdacht hegte gegen die Nach⸗ richten, welche ſie früher über Edith’s Reue erhalten 110 hatte. Der Gedanke, man hätte intriguirt, um Edith zu einem Schritte zu vermögen, den die Hofräthin von ihrem eigenen freien Willen, von ihrer köchterlichen Liebe forderte, verdroß ſie und verletzte ſie ſo tief, daß alles mütterliche Gefühl, das in dieſem Zeitpunkte in ihrer Bruſt erwacht war, ihrem eiſernen Willen gehorſam wiederum in die verborgenſten Schlupfwinkel zurückſank. Sie erwiederte kein Wort auf die Nachricht, welche Edith ihr gegeben hatte— denn Edith wollte todt ſein, und ſie ſollte die Freiheit haben, es zu ſein.“ Den oben angeführten Verdacht welcher über die Maßregeln des Bärpu und der Mamſell Octavie er⸗ wacht war, zu vergeſſen, gab ſich Niemand mehr Mühe, als die Hofräthin ſelbſt. Es that ihrem Stolze immer weh, daran zu denken, daß ſie in einem Augenblicke von unbewachter Gemüthsbewegung ganz offen geſtanden hatte, die unrichtigen Darſtellungen, welche ihr von Edithis ehelichen Verhältniſſen gemacht worden wären, hätten ſie ſelbſt auf unrichtige Gedanken gebracht. Auch erklärte die Hofräthin an dem Morgen nach den Auftritten auf Dagby, deren Zeugen wir zuletzt ge⸗ weſen ſind, daß Niemand— bei der Strafe ihrer höch⸗ ſten Unzufriedenheit— es künftig wagen ſollte, in ihrer Gegenwart über Edith, über ihre Angelegenheiten oder über etwas, das mit ihr in Berührung ſtände, den Mund u öffn 3 fen that ſie ſelbſt ihr Möglichſtes, das Daſein ihrer älteſten Tochter zu vergeſſen, und wenn ja bis⸗ weilen eine kleine Bewegung in ihrem Gewiſſen ihr an⸗ zeigte, daß dieſes nicht ganz gelingen wollte, ſo ver⸗ theidigte ſie gleichſam zu ihrer eigenen Beruhigung den Schritt, welchen ſie geihan hatte: „Der Weg der Verſöhnung“— ſo hieß es— fhun zog ih einmal offen; wohl, ſie verachtete ihn, ſie z Mann und ihre Armuth vor; dieſe Schäͤtze mag ſie im Frieden behalten. Vielleicht aber kommt dennoch der Tag, wo ſie es auf's Neue bereut, im Ernſte berut 8 und wo ſie fleht, wenn nicht ein Scherflein von — —— ²+—ñ—— ———, 87—— G 111 Zärtlichkeit ihrer Mutter, ſo doch ein Scherflein von ihrem Ueberfluſſe zu erhalten... Ja, ja, in den Staub ſollſt Du Dich demüthigen!“— Bis dahin aber war es noch nicht gekommen. Graf W. nebſt ſeiner Gattin, die beſten Freunde, welche Helmer und Edith hinterlaſſen, hatten oft eine natürliche Wiedervereinigung zu Stande bringen wollen. Doch mit einer ſo ſtrengen und unangreifbaren Kälte hatte die Hofräthin ſie zurückgewieſen, daß ſie, betrübt und ärgerlich, ſich endlich gezwungen geſehen hatten, Alles der Zukunft zu überlaſſen, von welcher jedoch dem Ausſehen nach nur ſehr wenig für das junge Paar zu hoffen war. Inzwiſchen wußte man nicht, ob die Hofräthin ihr Teſtament ſchon aufgeſetzt hatte. Nur Einer wußte, daß ſie es nicht gethan hatte, und dieſer Eine, der Baron Abbé, zitterte immerwährend vor dieſem Aufſchube. Eine Zeitlang hatte er die beſte Hoffnung gehabt, die erzürnte Mutter dieſe glänzende Rache nehmen zu ſehen, da aber die Hofräthin Nichts in der Uebereilung that, ſo that ſie auch dieſen wichtigen Schritt nicht gleich nach Edith's Vermähluug— zu jener Zeit, da der Baron am höchſten in der Gunſt ſtand— und hernach, wenn er dieſe Saite mit Vorſicht berührte, ſetzte die Schwieger⸗ mutter jedesmal ihre große Miene auf, und da wagte der Schwiegerſohn nichts Anderes, als in demuthsvoller Paſſivität ihr Alles ſelbſt zu überlaſſen. Als der Aſſeſſor Werner in dieſem Herbſte in die Gegend zog, kamen zwar eine Menge Gerede über Helmer und die ſchöne Edith in Umlauf; was jedoch davon der Hofräthin zu Ohren kam, wurde nicht von ihrem Herzen aufgefaßt. Noch war Edith nicht zu be⸗ klagen: ſie hatte häusliches Glück und Brod— wenn auch letzteres nicht im Ueberfluß— noch war nicht da⸗ rauf zu rechnen, daß ſie die Barmherzigkeit ihrer Mutter ſuchen würde. Wenn aber das Herz der Hofräthin für die älteſte Tochter matt ſchlug, ſo ſchlug es um ſo lauter für die jungſte. 11² Olga, die keinen ſelbſtherrſchenden Geiſt hatte, konnte ebogen werden und war immer damit zufrieden geweſen, ſch nach dem Willen der Mutter zu beugen. Ueberdieß liebte ſie dieſe gegen ſie ſo zärtliche Mutter, und je klarer Olga's Liebe immer daſtand, einen deſto grelleren Un⸗ terſchied bildete ſie auch gegen Edith's Liebe. In dieſer Hinſicht war es eine ziemlich natürliche Selbſtſucht, welche machte, daß die Hofräthin ſich an diejenige anſchloß, welche ſich am wärmſten an ſie ſchloß. Aber dieſe Selbſtſucht hatte gar Nichts zu ſchaffen mit ihrer Strenge gegen Edith— hier wurde ſie einzig und allein von ihrem Eigenſinne, von ihrem Stolze, von ihren niemals richtig gefaßten Grundſätzen regiert— und ſogar Olga hatte in dieſem Punkte keine Macht: das hatte ſich ſchon früher gezeigt, als Olga es in der letzten Zeit hatte verſuchen wollen. Aber nicht allein dieſe behutſamen und unerwarteten Verſuche von Seiten Olga's hatten die Aufmerkſamkeit der Hofräthin rege gemacht— ſie waren und blieben immer noch ein Verdienſt mehr auf der Rechnung ihrer jungen Tochter— was bei ihr beſonders den Gedanken Lewech hatte, daß eine ihr unbekannte Veränderung mit lga vorginge, war die träge Windſtille, die ſich immer mehr und mehr in der Laune und dem Weſen derſelben zu offenbaren begann. Sie, die ehemals ſo beweglich, ſo intereſſirt von Allem, ſo neugierig geweſen war, Alles zu ſehen und zu höoren, ſaß oder lag jetzt ganz gleich⸗ giltig den halben Tag in ihrem Ruheſtuhl. Wenn ſie las und das Buch zufällig fallen ließ, ſo hörte ſie lieber mit ihrer Lectüre auf, als daß ſie ſich die Mühe gab, das Buch aufzunehmen. Nachdem die Hofräthin ſowohl während der Anwe⸗ ſenheit ihrer Tochter auf Dagby zu Weihnachten, als auch bei ihrem eigenen ſpäteren Beſuche auf Odensborg zu der vollkommenen Ueberzeugung gelangt war, daß der Veränderung ihrer Tochter kein für die Zukunft angenehmer Anlaß zugeſchrieben werden könnte, ſo begannen ſich bei ihr wirkliche Spuren einer ernſten —ÿÿj r — — 113 Unruhe zu zeigen; da ſie aber auch merkte, wie ſorgfältig die junge Freiherrin allen Fragen auszuweichen ſuchte, ſo ſparte die Hofräthin ihre Forſchung für den erſten Brief nach der Rückkehr auf— und eben dieſen Brief beantwortete jetzt Olga. Unmöglich konnte die Hofräthin einen Verdacht hegen, daß„Couſin Abbé“, der aus dem Staube zu der Höhe des Reichthums und der Macht erhoben worden war, es wagen ſollte, nur im Allergeringſten gegen die hohe Liebe und unbegrenzte Dankbarkeit zu fehlen, welche er ſeiner Gattin, durch die er dieſen plötzlichen Sprung gethan hatte, ſchuldig war— nein, dieſes wurde als ganz unmöglich und um ſo unmöglicher verworfen, als ſie ſich erinnerte, daß er ſelbſt mit dem zärtlichſten Tone geäußert hatte: „Meine geehrte Mutter! wenn wir unſere geliebte Olga nicht bald wieder ſo munter wie früher ſehen, ſo thue ich mir gewiß bald ein Leid an. Dieſer Engel iſt mein Leben.. wenn ich ihr ein Lächeln entlocke, ſo bin ich im Himmel; wenn ſie mich nicht hört, ſo iſt Alles finſter vor meinen Augen— o Liebe, du Wunder des Himmels und der Erde!“ „Armer Mann!“ hatte bei ſolchen Gelegenheiten die Hofräthin zu ſich ſelbſt geſagt,„es iſt ganz natürlich, daß er dieſes liebenswürdige Kind anbetet, und auch ſie ſelbſt, die arme Kleine, iſt nicht Schuld daran, wenn ſie von einigen kleinen Romangrillen erfaßt worden iſt.“ In dem Augenblicke, da die Geſellſchaft ſich von dem Mittagstiſche erhob, erhielt die Hofräthin den Brief ihrer Tochter. Meine liebe Hortenſe,“ flüſterte ſie der jetzigen jungen Majorin H. zu,„willſt Du die Gute haben, bis zu meiner Rückkehr meinen Platz als Wirthin zu über⸗ nehmen? Sieh hier meine Entſchuldigung; ein Brief von Olga!.. Laß nun den Kaffee ſerviren, meine Liebe!“ — 114 Die gnädige Frau entfernte ſich majeſtätiſch. Als Hortenſe ſich umwendete, erblickte ſie dicht neben ſich die Gräfin Roſa und die junge Aſſeſſorin Werner — es war das erſte Mal, da dieſe mit ihrem Manne die Ehre hatte, auf Dagby eingeladen zu ſein, obgleich ſie ſchon ein halbes Jahr in der Umgegend gewohnt hatten und vertraulich mit mehreren von den vornehmen Häuſern umgingen. „ Ach, meine Freunde,“ ſagte die kleine Majorin, „wie verändert iſt es doch hier, obgleich die Hofräthin immer noch ebenſo gaſtfrei iſt, wie ſonſt! Liebe Jenny, hätteſt Du zu Edith's Zeiten dieſes Haus geſehen!... Ja, ja, wir waren wohl immer ein wenig neidiſch auf ſie, liebten ſie aber dennoch, wenigſtens ich.“ „Und ich auch!“ fiel die Gräfin ein.„Wir beide waren ja ihre Brautführerinnen... doch Frau Werner's Beſchreibung von Helmer's und Sdith's gegenſeitiger Liebe iſt ſo romantiſch und ſchön, daß es mir vorkommt, als verlohnte es ſich wohl der Mühe, arm zu ſein, wenn man ſich dadurch zu Gefühlen erheben kann, die ſich ſonſt vielleicht niemals entwickelt hätten.“ „Ja, ſagte Frau Werner— die drei ſchönen Frauen hatten ſich während ihres Geſpräches in die Bibliothek, in jenes Zimmer, woſelbſt Edith ſo viele Scenen gehabt hatte, zurückgezogen—„ja, glaube mir, Edith iſt glück⸗ licher in ihrer dürftigen Kammer, wo dieſelbe jetzt auch ſein mag, als ſie mit den vorgeſchriebenen Bedingungen hier geweſen ſein würde: dort ſpiegelt ſie ſich in den liebesreichen Blicken ihres Gatten.. in dieſen glän⸗ zenden Gemächern hätte ſie ſich nur in den kalten Wand⸗ ſpiegeln ſehen können.“ „Aber doch,“ entgegnete Hortenſe, indem ſie eine Thräne zerdrückte,„ſo arm zu ſein, wie ſie jetzt ſind! Dieſe Lage ſcheint für Beide nicht zu paſſen. Sage mir, Jenny— Du, die Du ſie ſo in der Nähe geſehen haſt 4 — paßt die Armuth für Helmer?“ Frau Werner, die das Eine und das Andere von Hortenſe's ehemaliger Neigung hatte munkeln hören, 415 antwortete offen, doch jetzt wie immer die Melancholie verſchweigend, die ſte in Helmer's Reſignation gemiſcht gefunden hatte:„Du hätteſt ihn ſelbſt zu der Zeit ſehen ſollen, da ich ihn zuletzt ſah, und Du würdeſt überzeugt ſein, daß es Leute gibt, welche von den Bekümmerniſſen nicht unterdrückt, ſondern erhoben und geſtärkt werden. Ich bin ganz vollkommen überzeugt, daß er nie einen Gedanken der Reue gehabt hat.“ „Und dieſe ganze Geſchichte?“ fiel die Gräfin Roſa ein;„ich meine die von der beabſichtigten Entführung.“ „O nein, ſie wurde nicht halb ſo romantiſch,“ ent⸗ gegnete Jenny lachend,„aber es war dennoch ein ſchreck⸗ licher Streich von“... Sie brach ab. „O, ſage es nur gerade heraus: von dem Baron Abbé!“ fiel Hortenſe ein, und ihre Augen glänzten vor Aerger. „St!“ ermahnte die Gräfin. „Kleinigkeit! hier hört uns kein Menſch— man kann gerade herausſagen, was man denkt. Eben er war derjenige, der dieſen Herrn Mörnburg überredete, den Liebhaber zu ſpielen, glaube ich.“ „Niemand ſpielte den Liebhaber,“ verbeſſerte Frau Werner:„Mörnburg betrieb ſchon ſeine eigene Angele⸗ genheit. Doch einerlei, von wem der Plan ausging, ſo war es nahe daran, daß er ein ſehr unglückliches Ende genommen hätte.“. In dieſem Augenblicke vernahm man draußen im Saale eine gewiſſe Unruhe, ein Gelaufe und ein Ge⸗ plauder, das etwas Ungewöhnliches bedeuten mußte. „Was kann das ſein?“ ſagten die drei jungen Damen zu einander, indem ſie ſchnell zurückgingen. Draußen erſchallten durch einander folgende Aus⸗ rufungen: „Was in Gottes Namen!“ „Ach, ſo traurig!“ 4 „Nein— iſt es möglich?“ „Dergleichen iſt noch nie geſchehen!“— * 116 „Nein, noch nie!— ſollte man nicht gleich einen Arzt kommen laſſen?“ „Wer iſt denn aber krank? Kann man denn gar keine vernünftige Antwort bekommen?“ fragte die Gräfin Roſa, indem ſie die gute Mamſell Loviſa Berntſon, die auf die Empfehlung des Rittmeiſters im letzten Herbſte das Amt einer Hausmamſell auf Dagby erhalten hatte, im Fluge auffing. „Ach, beſte Frau Gräfin, es iſt ſchlibb, ſehr ſchlibb! die gnädige Frau iſt auf deb Schlafkabberſopha in Ohn⸗ bacht gefallen— und die Tropfen.. gnädige Gräfin, laſſen Sie bich!.. die Tropfen: Hoffbanns und Prinzens!“ Und Mamſell Loviſa flog davon. „Mein Gott!“ flüſterte Frau Werner Hortenſen zu, „der Brief war gewiß von Edith! Vielleicht ein neues Unglück!— Bedenke, ſeit dem Herbſte hat man keine Spur von ihnen, und jetzt ſind wir in der Mitte Februar!“ „Ach nein, ſie ſchreiben gewiß nicht: wovon ſollten ſie ſchreiben?— Dieſer Brief war von Olga: die Tante ſagte es ſelbſt.“ Man hatte noch nie davon gehört, daß die Hof⸗ räthin jemals in ihrem Leben in Ohnmacht gefallen war. Sie fiel nicht einmal dei dem Sterbebette ihres Gatten, nicht bei den fürchterlichen Scenen, in denen Graf Herman der Held war, nicht als ihre verſtoßene Tochter das Haus verließ, in Ohnmacht— was konnte denn auf die ſtählernen Nerven dieſer Frau eine ſo ge⸗ heimnißvolle, aber doch ſtarke Macht ausüben? Die Geſellſchaft wußte es nicht und erfuhr es auch natürlicher Weiſe niemals, denn ſobald die Hofräthin wieder zum Bewußtſein kam, ſo nahm auch ihre ge⸗ wöhnliche Charakterſtärke ihr Recht wieder ein. Sie ſuchte den Brief und fand ihn auf der Matte neben ſich; und nachdem ſie ihn aus den Händen der demüthigen Mamſell Loviſa entgegengenommen hatte, ſorderte ſie ihre Schatulle, ſchloß ihn ein und zeigte ſich eine halbe Stunde ſpäter wieder unter ihren Gäſten mit der Er⸗ klärung, der allzu ſtarke Parfüm, womit Mamſell Loviſa ——jjjüü4 4 117 in den Zimmern geräuchert, hätte bei ihr einen Schwin⸗ del verurſacht. 8 Jede Frage, ſowohl der Theilnahme als auch der Neugierde, wurde durch die kalte, aber ausgezeichnet artige Weiſe der gnädigen Frau abgeſchnitten. Man konnte ihr unmöglich beikommen, und nicht die aller⸗ kleinſte Wolke hatte ihre Stirn verdunkelt, bis am Abende der letzte Wagen weggerollt war. Aber dann, nachdem ſie ihre Umgebung entlaſſen und die Thür verriegelt hatte, ſuchte ſie Olga's Brief von Neuem hervor, las und las ihn, und Thränen der Angſt, des Schmerzes, des Aergers und der De⸗ müthigung badeten ihre Wangen, brannten ihr Herz. Dieſe Tochter, welche ſie liebte, unendlich liebte, dieſe Tochter, welche Alles beſaß, ſollte alſo doch Alles vermiſſen! Und er, dieſer elende Heuchler, dieſer Kunſt⸗ macher und Charlatan, der ſich in ihre Gunſt einge⸗ ſchlichen, der ſich ſo zugethan und nachgiebig gezeigt hatte, dem es gelungen war, Olga zu bethören, ihr Wohlgefallen und darauf ihre Hand zu gewinnen— er wagte es, ſie durch eine entehrende Verbindung ge⸗ rade vor ihren Augen zu beleidigen und zu kränken! Die Hofräthin mußte einen Augenblick in dem wilden Sturm ihrer Gedanken inne halten. Es war nahe daran, daß dieſelben ſie auf's Neue betäubten. „Und dieſe Octavie, dieſer Abſchaum des weiblichen Geſchlechts, die— ich muß es jetzt wirklich glauben— einen geheimen Einfluß auf mich ausgeübt hat; ſie, die Olga erzogen und ſo oft verſichert hat, daß ſie ſie ſo zärtlich liebte... auch ſie konnte das Vertrauen der Mutter und der Tochter täuſchen! Und noch weit ſchreck⸗ licher— wenn es noch etwas Schrecklicheres geben kann, als die Demüthigung in dem Allem— iſt das Unglück, daß Olga nur mit Verachtung auf ihren Gatten herab⸗ blickt. Nur die Ehre leidet: das Herz leidet nicht... es iſt erkaltet, ermüdet, faſt erſtarrt.“ Die Hofräthin war aufgeſtanden und an das Fenſter getreten, an welches ſie nun ihre brennende Stirn lehnte. 118 „Janne, Janne!“ fuhr ſie fort,„als Du das letzte Mal von hier weggingſt, da ſagteſt Du mir, nicht nur mein Stolz würde dereinſt geſtraft werden, ſondern ich würde auch in meinen eigenen verwundeten Gefühlen die Strafe empfinden, wegen meiner Ungerechtigkeit egen.... 1„Nein!“ unterbrach ſie ſich heftig,„es war keine Ungerechtigkeit! Ich ließ ihr, der Undankbaren, die freie Wahl, und es iſt vielleicht ihr Neid, ihr Haß gegen Olga, was die böſen Mächte heraufbeſchworen hat... ein, o nein, es iſt leider die Folge meiner eige⸗ nen Blindheit: warum ließ ich mich von dem Ränke⸗ macher umgarnen?... Sie haben mich mit einem Netz umſponnen, ſie haben mich geleitet... mich... Ja, wenn ich dieſe Erinnerung ſtreng prüfe, ſo glaube ich faſt, daß die erſte Idee von einer Trennung von Abbé herrührt... Hal das iſt allzu viel! Mich von meinem Schwiegerſohn leiten zu laſſen, ich, die i nicht einmal meinen eigenen Mann auf mich einwirken ließ!... Nun, nun, Couſin Abbé, wollen ſehen, wel⸗ ches Ende das Spiel nimmt!.. Kein Scandal! Olga's Name darf nicht mit eingemiſcht werden in eine ſolche... Laß ſehen— ſie reiſen gegen das Ende des näch⸗ ſten Monats nach Stockholm; das iſt ſehr gut von Olga eingerichtet. Ein wenig Geduld! Gehorcht er nicht dem Willen ſeiner Frau, erſt dann kommt die Reihe an mich, erſt dann werde ich mich in die Sache miſchen!“ Dieſe ſo einſeitige Mutter hatte kaum beachtet, was Olga über Edith geſchrieben hatte. Was war ihr Edith jetzt, da Olga litt? Edith hatte ſie weder im Glück, noch auch im Unglück geſucht. Olga dagegen hatte nur ihre Mutter.. Ach, eben dieſe kalte Mutter hatte alle jene ſuchen⸗ den Blicke vergeſſen, die das Auge ihrer älteſten Tochter während der drei Monate der Prüfung zu ihr erhoben hatte, und in ihrer grauſamen Selbſtſucht wollte ſie nicht glauben, daß Edith eben jetzt, nachdem ſie ſelbſt Mutter geworden war, ſich ſo ſehr nach dem Glücke 4ℳ ———⏑ʃ—⏑——ỹn n..— 119 ſehnte, an dem Herzen einer Mutter ruhen zu können. . Wäre das der Fall geweſen, ſo hätte ſie ja ſchrei⸗ ben, flehen und betteln können, ſo vergeblich es auch geweſen wäre. Und wieder vergaß die Hofräthin, daß Edith nach der Geburt ihres Sohnes einen zärtlichen und unaus⸗ ſprechlich demüthigen Brief geſchrieben, aber keine Anid erhalten hatte... Darauf hatte ſie nicht mehr geſchrieben. 1 „Ach, Olga!“ rief das leidende Weib aus, und der Gedanke umſchwebte wieder ihren Liebling,„Olga, mein Kind, meine theure, meine einzige Hoffnung!— Kann ich denn gar nichts für Dein Herz thun? In einem Alter von zwanzig Jahren biſt Du des Lebens ſatt, und doch beſitzt Deine Mutter viermalhunderttauſend Reichs⸗ thaler Banco... viermalhunderttauſend Reichsthaler Banco!“ wiederholte ſie in einem Anfall von faſt wilder Verzweiflung—„und dennoch ſoll ich mein Kind un⸗ glücklich ſehen!“* Dreizehntes Capitel. Ein Geburtstag. Die Uhr hatte in dem St. Katharinenkirchthurme eben vier Uhr des Morgens geſchlagen. Zwiſchen tiefen Wolkenwänden hindurch leuchteten die Sterne in feierlicher Klarheit herab auf den großen Schauplatz der Hauptſtadt, klar beleuchtet von dem Monde, welcher gleich einer Theaterlampe in ſeinen Schimmer alle auf einander gethürmten Amphitheater einhüllt, die ſich hinter Polhem's Schleuſen über die vwogende Scene mit ſtehenden Couliſſen von Holmen, Thuͤrmen und reichen Kaufmannshäuſern erheben. Der Strom war wie immer frei und ungefeſſelt von den eiſigen Banden des Winters, und ſetzte hie und . 1 4 6 120 da die langen Alleen der Maſten, den entlaubten Wald der Schiffbrücke, in eine leiſe Bewegung. Nur in den Häuſern armer Leute ſah man hie und da durch die Fenſterſcheiben ein einſames Talglicht, das ſeinen matten Schein mit dem Glanz der Sterne Weg zeigt, dorthin wollen wir gehen, um einen Mann und eine Frau aufzuſuchen, welche hier ihre Armuth und ihren Stolz vor den Augen der Welt verborgen haben. In einem kleinen Hauſe ganz oben in der Urwäder⸗ Gaſſe*) finden wir jetzt das ehemals ſo glänzende Fräu⸗ lein Edith wieder. Doch das Licht, welches wir geſehen haben, leuchtet nicht aus dem Zimmer, in welchem ſie noch ſchlummert mit einem Kinde, einer drei Monate alten Tochter, auf dem Arme und dem kleinen Janne in einem Korb⸗ bette ganz in ihrer Nähe. Nein, das Licht ſcheint aus dem Zimmer neben demſelben und hat ſchof ſeit drei Uhr ſeinen ängſtlichen Schein über die Geſtalt eines Mannes geworfen, der ehemals der Typus männlicher Schönheit war, aber vermiſcht; und wohin uns eines von dieſen Lichtern den. — *) Eine ſteile, kleine Gaſſe in der ſüdlichen Vorſtadt(Sö⸗ der⸗Malm), dem größten, unebenſten Theile der Stadt Stockholm, welche von der eigentlichen Stadt durch die von dem großen Mechaniker Polhem 1746— 1756 zur Ver⸗ bindung des Maͤlar mit der Oſtſee angelegten Schleuſe getrennt wird. Im Oſten der Stadt iſt der Hafen mehreren kleinen Inſeln bedeckt. Die ſüdliche Vorſtadt mit ihren beiden Kirchen St. Katharina und St. Mariaß erhebt ſich amphitheatraliſch, wogegen die nördliche Vor⸗ ſtadt und die übrigen Stadttheile ebener ſind. — Anm. d. Ueberſ. C GRc- Sedn O————— D G—hSSSSͤB „A= 121 Unrichtig würde es jedoch ſein, wenn wir ſagen wollten, daß die Schönheit den Geſichtszügen ſelbſt ge⸗ fehlt hätte, aber die Friſche, die Elaſticität, das ſchim⸗ mernde Jugend⸗Colorit— ſie waren dahin, und an ihrer Statt ſah man an einigen ſcharfen Linien, die ſich zwiſchen Helmer's Augenbrauen geblildet hatten, daß die gemeinſchaftlichen Kräfte der Seele und des Körpers ihre Galle im Blute zurückgelaſſen hatten. Der geſchloſſene, aber hohnvolle Zug um ſeine Lippen, und das ſcharfe, unruhige Feuer in ſeinem ehemals ſo ruhi⸗ gen Auge deutete ebenfalls auf eine merkliche Verän⸗ derung hin. Aber nicht der geringſte Zug zeugte von einer Erſchlaffung der Seele, im Gegentheil, was den Körper aufrecht hielt, das ſchien einzig und allein ihre Herrſchermacht zu ſein. Helmer ſaß vor dem Tiſche und ſchrieb, ſchrieb mit feſter und eilfertiger Hand, obgleich die Kälte des Zim⸗ mers machte, daß er bisweilen ſammenſchauderte. Er ernährte ſich und die Seinigen jetzt thells mit Abſchreiben, theils auch mit dem Abfaſſen von Feuilleton⸗ artikeln, für welche es ihm gelungen war unter einer angenommenen Signatur in einem Blatte Platz zu er⸗ halten. Aber das Honorar war wie immer für An⸗ fänger ſo klein, daß es nebſt dem Abſchreiben nicht hin⸗ gereicht haben würde, den vierten Theil der Ausgaben 8 beſtreiten, wenn er nicht zu gewiſſen Stunden des Vormittages auf dem Comptoir eines Kammerhändlers, eines von Helmers ehemaligen Bekannten, Arbeit gehabt und ferner bei dem Abzuge von ſeinem letzten Pachthofe noch eine kleine Summe Geld übrig behalten hätte. Mit offenen Händen und offenen Armen hatte Onkel Janne ſeine Lieblinge anhaltend und zärtlich gebeten, fuͤr's Erſte ihren Wohnſitz in Grandalen aufzuſchlagen. Doch wie konnte Helmer's Ergefühl dergleichen zulaſſen! Bei dem bloßen Gedanken, das Gnadenbrod mit den Ein launenhaftes Weib. IV. 9 8 122 Andern im Patriarchate zu eſſen, brannte ſein Blut fieberhaft, und vergeblich redete der Onkel von Vorſteher⸗ ſchaft, Pachtung oder Abtretung. Nichts wollte helfen. Da wendete der Onkel ſich mit ſeiner Klage an Edith und ſuchte ſie zu überzeugen, daß wenigſtens ſie und der kleine Janne ihr Winterquartier bei ihm auf⸗ ſchlagen müßten. Doch mit Feſtigkeit antwortete Edith: „Nein, geliebter Onkel, ich will mit Ernſt leben und ſterben! 8 Wir ziehen an den Ort, wo man ſo arm ſein kann, wie man will, ohne daß man es zu zeigen braucht.“ So redete Edith. Und mit ſchwerem Herzen, nach⸗ dem er ſich wieder von ſeinem einzigen Sparpfennig ge⸗ trennt hatte, nahm der Onkel Abſchied, und ſein letztes Wort war ein Verſprechen, das er Ernſt und Ediih gab, ihren Zufluchtsort nicht zu verrathen, um keine Almoſen 7 123 Etwa eine Stunde noch fuhr Helmer ohne Unter⸗ brechung in ſeiner Arbeit fort. Nur in den Morgenſtunden beſchäftigte er ſich mit ſeiner Schriftſtellerei, die bei dem Publikum des Fueille⸗ tons ſchon Glück gemacht hatte. Doch während er dieſe lächelnden Züge auf das Papier zu werfen ſuchte, welche zuſammengenommen das Humo⸗ riſtiſche bei den Helden des Stückes bilden ſollten, zogen ſich ſeine Lippen zu einem noch höhniſcheren Lächeln zuſammen. Er war eben dabei, einen Kirchſpielſchuhmacher zu ſchildern. Helmer's ſämmtliche Skizzen waren glückliche Copien der Originale, die ihm hie und da begegnet waren, und deren Leben die friſche, hurtige Fröhlichkeit oder die weiche Melancholie enthielt, welche ſein reflectirender Geiſt leicht aufgefaßt und aufbewahrt hatte und dieſelben jetzt für ihn ſelbſt fruchtbar machte. Aber das höhniſche Lächeln, welches in ſo beſtimm⸗ tem Widerſpruche ſteht gegen die lebensluſtigen Raiſon⸗ nentents, die er dem Schuhmacher in den Mund legt, fließt aus dem Gedanken an das Lächeln her, welches die Eigenheiten und jovialiſchen Einfälle ſeines Helden belohnen werden, und ferner aus dem Gedanken an die bethränten Blicke, welche vielleicht theilnehmend denſelben begleiten werden, wenn ſeine Bahn ſich zwiſchen Licht und Finſterniß zu brechen beginnt und immer mehr von jenem verliert, bis endlich der Pfriem zum letzten Male aus ſeiner zitternden Hand fällt, und das letzte Lied auf ſeinen zitternden Lippen erſtirbt— denn der Schuhmacher hat ſein einziges noch übriges Gut, ſeinen einzigen Freund, ſeinen vieljährigen treuen Begleiter verloren— ſeinen Hund. „Ja,“ dachte Helmer,„dieſe Menſchen lachen und weinen wechſelsweiſe über die Bilder in den Gemälden, welche vor ihnen aufgerollt werden; wirft aber wohl ein einziger einen theilnehmenden Blick auf denjenigen, welcher hinter dem Schirm die Figuren in Bewegung ſetzt?“ 92 124 „SOb Thranen ſein Auge feuchten, während er ein luſtiges Lied niederſchreibt; ob Qualen ſein Herz aus⸗ dörren und verzehren, während er über die Seligkeit des Herzens, über ſeine unveränderlichen Freuden ſchwärmt; des Elendes ſinken ſieht— wer denkt daran, wer weiß davon?„der Schuhmacher und ſein Hund“ erwirbt ſich Theilnahme, der Verfaſſer und ſein Leiden keine, ſofern er nicht auch davon eine Skizze macht, denn gedrucktes Leiden hat Eigenſchaften, die das ungedruckte niemals erhalten kann.“ Es lag eine kraſſe und kalte Weltanſicht in dieſen düſteren Reflexionen; ſie zeugten von einer großen inneren Erbitterung, der natürlichen Folge der unzaͤhligen Wider⸗ wärtigkeiten, gegen welche Helmer unter dem Laufe faſt ſeines ganzen Lebens, beſonders ſeines ehelichen, ange⸗ kämpft hatte. Das Geſchehene war nur ein nebliger tand die Gegenwart da und erinnerte daran, daß keine Widerwärtigkeiten die Kraft nieder⸗ ſchlagen duͤrfte, welche die Kraft ſo vieler theurer Weſen Mit Ausnahme des einzigen Males, da ſeine Leiden⸗ ſchaft für das Spiel aufgeflammt war— Stunden, die hernach ſo reich waren an Reue und Selbſtvorwürfen— 12⁵ hätten ſich äußere und innere Umſtände gegen ihn ver⸗ ſchworen, um ihm in's Ohr zu ſchreien: „Wo nicht der Eltern Segen den Kindern das Haus baut, dort beſteht kein Segen.“ Oft ſagte er zu ſich ſelbſt, wenn ſeine Gedanken ſich auf ſeine unbewegliche Schwiegermutter wendeten: „Wäre ſie arm, wie wir, ſo wollten wir zu ihr gehen, mit unſern Kindern, und ſie auf unſern Knieen ſo lange um ihre Verzeihung anflehen, bis ſie uns dieſelbe gäbe; doch jetzt, jetzt iſt es unmöglich! Könnte wohl ihr Gold, wenn ſte uns etwas davon zuwürfe, erſetzen, was meine arme Edith in allen dieſen Jahren von ihrer grauſamen Selbſtſucht gelitten hat? Nein, nur Liebe kann es ihr erſetzen, und wie wäre es wohl möglich, auf Liebe zu hoffen bei einem Herzen, das ſo lange ver⸗ ſchloſſen geblieben iſt?“ Vielleicht ahnte Helmer, daß ein nicht zu unter⸗ drückender Stolz im Hintergrunde ſeines Raiſonnements verſteckt lag; aber er gab ſich keine Mühe ihn zu be⸗ ſiegen, denn lieber hätte er als Taglöhner gearbeitet, als daß er als Bettler vor die eitle, ahnenſtolze und reiche Mutter ſeiner Gattin getreten wäre..... Wir ſagten oben, daß Helmer etwa eine Stunde in ſeiner Arbeit fortfuhr. Was ihn da ſtörte war das leiſe Geräuſch beim Oeffnen der Ofenthüre. „Noch nicht, Barbro!“ ſagte er, ohne ſich umzu⸗ ſehen,„ſonſt brennt es aus, ehe meine Frau heraus⸗ kommt— wir dürfen nicht eher einheizen, als wenn ſie wach iſt!“. „Sie iſt aber ſchon wach!“ entgegnete eine ſanft klingende Stimme, und zu gleicher Zeit kam die faſt geiſtergleiche Geſtalt ſeiner jungen Frau an ſeinen Stuhl. Ein weicher Arm ſchlang ſich um ſeinen Hals und ein Blick von treufeſter Zärtlichkeit begegnete dem ſeinigen. „O, Cdith, Geliebte, wie Du Dich plagſt!“ ſagte er mit zärtlichem Vorwurfe, und der kalte, düſtere Ausdruck auf ſeiner Stirne, der höhniſche Zug um ſeinen Mund 126 verſchwand durch die geheimnißvolle Allmacht der Liebe. „Willſt Du denn gar keine Rückſicht auf meine Bitten geſund geweſen,“ erwiederte Edith mit einem Lächeln, das noch ſeinen ganzen ehemaligen Zauber beſaß,„und ich begreife gar nicht, mein geliebter Ernſt, warum i nicht das Uebermaß von Lebenskraft anwenden ſollte, welches ich in mir fühle.“ „Ja,“ ſagte er,„Du ſiehſt auch darnach aus, daß Du dieſes Uebermaß von Lebenskraft beſitzeſt! Ach, was Dich ſtark macht, das iſt nur Deine zärtliche Liebe gegen mich hnd gegen unſere Kleinen!“ aund iſt es nicht eben dieſes himmliſche Gefühl, was auch Dich ſtark macht? Kenne ich nicht den unbe⸗ zwinglichen Muth, mit welchem Du Dir alles entziehſt, ja ſogar die Ruhe der Nacht, um für uns arbeiten zu können! Wenn ich des Morgens erwache und Deinen Platz leer fühle, ſo weine ich bisweilen vor Schmerz „Ja, vor Schmerz darüber, daß ein ſchleichendes Fieber in Deinen Adern glüht, ohne daß... ohne daß Du an die Möglichkeit einer Gefahr glaubſt; vor Glück⸗ ſeligkeit darüber, daß Du unaufhörlich Deine Gedanken, Deine Kraft opferſt für eine Gattin, die... die Du nicht begehrt haſt, und die Dich ganz allein in alle Liſe eiden geſtürzt hat, welche auf unſere Hochzeit ge⸗ folgt ſind.“ 3„Eine Gattin, die ich nicht zu begehren wagte,“ verbeſſerte Ernſt,„und die ſeit drei Jahren— wir wiſſen wohl, welchen Tag wir meer größern Anlaß zur Dankbarkeit gegeben hat. Ja, heute haben— mir täglich im⸗ — 8 —— 127 Geliebte, heute vor drei Jahren, da unſer kleiner Janne ſeine erſte Morgenſonne begrüßte, wurdeſt auch Du ſelbſt zu einem neuen Weſen geboren! Niemals einen einzigen Augenblick haſt Du ſeitdem meine Hoffnungen getäuſcht.“ „Mein Ernſt! Deine Worte fallen wohlthätig auf mein Herz, wie der Thau des Himmels auf die Erde. Und dennoch!...“ „Dennoch?“. „Dennoch habe ich bisweilen gedacht— aber ich weiß nicht, ob...“ „Du haſt alſo wirklich Etwas gedacht, das Du mir nicht ſchon geſagt haſt?“ „Ach, ich bin nicht ungenügſam!“ Edith erröthete ſtark bei der Gemüthsbewegung, welche ſie empfand. „Ich ſehe es Dir an, meine Edith, daß Du mir eine Frage vorlegen willſt. Könnte ich ſie errathen, ſo brauchteſt Du gar nicht zu fragen, ehe ich Dir geant⸗ wortet hätte.“ „Das iſt vielleicht nicht ſo gewiß, wie Du glaubſt, denn ſiehſt Du...“ 4 „Nun?“ „Es iſt eine Gewiſſensfrage!“ „Aha!“ ſagte er lächelnd. „Alſo eine Beichte, Ernſt!“ „Gut, ich bin bereit!“ „Auf jeden Fall aber,“ fuhr ſie fort mit einer Geberde, die ſich unmöglich wiedergeben läßt,„fürchte ich, daß Du nicht allzu aufrichtig ſein wirſt in dem Falle, daß...“ „Daß?“ „Daß Du ſie nicht zu meiner völligen Befriedigung beantworten kannſt.“ „Es iſt alſo eine ſehr ſchwierige Frage?“ „Unbeſchreiblich!“ „In dem Falle rathe ich Dir, die letzte Bedingung zu ſtreichen; denn ſonſt verbleibſt Du immer in einer Ungewißheit, die Dich vielleicht peinigen könnte.“ „Das iſt wahr.“ —* 128 „Du fragſt mich alſo?2.. „Ich will Dich nicht direct fragen, dazu fehlt mir 1 i hlen, daß ich bisweilen „man ſieht es wohl, daß Ernſt mi mit einer eben ſo innigen, als unvergänglichen Liebe i würde ich mich ganz über alle Beſchreibung glücklich fühlen, wenn ich wüßte.. wenn... wenn. wiederholte ſie noch einmal, und die verſchämte Ver⸗ wirrung, die ſich in ihrer Stimme und in ihrem ganzen Weſen ausſprach, lieh ihrer jetzt ſo ſublimen Schönheit die zarteſte jungfräuliche Anmuth. „Aber was wollteſt Du denn wiſſen, mein theurer Engel?“ „O, es iſt allzu kindiſch, ſo ungenügſam zu ſein: ich wollte wiſſen, ob Du fühlſt, daß dieſe neue, unver⸗ gängliche Liebe ſich von der jungen, ſtarken, brennen⸗ en Flamme herſchreibt, die Du mir vor jenem unglück⸗ ob, mit einem Worte, dieſe Liebe noch jung iſt?“ hr Haupt an ſeine Bruſt legte,„nimmermehr hätte ich gegl 5 Du darnach zu fragen brauchteſt! Ich glaubte, Du könnteſt es 1 laub i .„der ich von Tag zu Tage dieſer Entwickelung gefolgt bin, ich, der ich meine Kraft von der Deinigen geholt habe, ich ſollte Dich nicht lieben mit einer tieferen, einer ſchöneren Liebe, als ehe⸗ — 2=—,=SO— 4— —S—, ̃= 2 A — 2„— ——.,— — 129 mals? Gott hört es, meine Edith; er hört es, wenn ich Dir ſage, daß dieſes Gefühl, welches meine Kraft, ja mein Leben iſt, auch noch leben wird, wenn ſchon die lieblichen Roſen auf Deinen Wangen und dieſe ganze feſſelnde Schönheit, welche jetzt meine Sinne berauſcht, entflohen iſt; denn mir bleibt ja die unvergängliche Schönheit Deiner Seele, mir bleiben ja dieſe Schätze Deiner Seele, die ich von Neuem aufleben ſehen werde bei unſeren Kindern, dieſen kleinen Engeln, um deretwillen Gott nicht zulaſſen wird, daß unſer Streben ohne Se⸗ gen bleibt.“ Während ſo die jungen Gatten in ihren Herzen alles Dasjenige laſen, was ſie tröſten und erfreuen konnte, war Barbro eingetreten und hatte Feuer im Ofen an⸗ gezündet. Bald flammte es luſtig auf, und wenn es auch finſtere Wände und eine Dürftigkeit an Hausgeräthſchaf⸗ ten beleuchtete, die man beinahe Armuth hätte nennen können, ſo beleuchtete es auch ein Gemälde von ſo rei⸗ ner und anfopfernder Liebe, ſo vielem wahren Muth, daß Derjenige, welcher in dieſes Zimmer hätte blicken können, nicht geglaubt haben würde, daß es neben dem Lichte auch ſo viele Finſterniß in ſich ſchließen konnte. Für den feſtlichen Tag, der heute angebrochen war, hatten beide Gatten ihre kleinen Erſparungen gemacht, welche im Laufe des Tages an den Tag kamen. Was CEdith geſchafft hatte, wurde zuerſt ſichtbar. Es offenbarte ſich bei dem zierlichen Kaffeetiſche, wo alle Ueberbleibſel ihres ehemaligen kleinen Luxus ge⸗ ſammelt erſchienen. Es war nun ſchon ſehr lange her, ſeitdem der weiße, raffinirte Zucker in der ſilbernen Doſe glänzte, welche Helmer von ſeiner Mutter geerbt hatte, und faſt ebenſo lange, ſeitdem man einen ganzen Korb voll Weiß⸗ brod ſah. Die beiden Paare echter vergoldeter Taſſen, welche vor der Auction gerettet worden waren, und die wirkliche Sahne in der kryſtallenen Schnecke, waren eine nicht viel weniger angenehme Augenweide. 130 „ Ich habe auch noch ein dreiarmiges Licht,“ ſagte mit Stolz die junge Mutter;„doch dieſes ſparen wir bis heute Abend; jetzt, da wir allein find, begnügen wir uns mit dieſen!“ Und Edith ſetzte zwei Lichter auf den Tiſch— und hierauf wurde Ernſt eingeladen zu kommen und das Feſt zu beginnen. Sie ſetzten ſich, ſie lächelten einander zu. Und während Edith ſich bückte, um durch das Einſchieben eines kleinen weggeglittenen Holzſpahns den Tiſch feſt zu bekommen, hatte Ernſt Zeit, ſich eine Thräne aus dem Auge zu wiſchen. Zu ſehen, daß ſie, die im Schooße des Ueberfluſſes erzogen, an alle Genüſſe und Bequemlichkeiten eines verfeinerten Lebens ewöhnt war, durch ihre Liebe zu ihm in eine ſolche Nage verſetzt war... ſie ſo engel⸗ ähnlich, ſo kindlich froh in der Freude über dieſe kleine Feſtlichkeit zu ſehen, und dennoch genöthigt zu ſein, ſo viele, bittere Gedanken zu haben, zu denken, daß viel⸗ leicht ſein Tod das Einzige wäre, welches für ſie und ihn allein: ſie hatte ohnehin genug. „Ach, geliebter Ernſt, ich meine, dieß iſt prächtig!“ ſagte Edith, indem ſie ſich noch einmal erhob...„Nun ſo ſieh doch! ein Glas voll Veilchen!— glaubſt Du, wir wollten keine Blumen haben an dem Geburtstage unſeres kleinen Janne? Und welchen Kaffee: warte nur!.. Doch da Sdith eben den Kaffee in die Taſſe ihres Gatten gießen wollte, wen erblickten ſie wohl da in der Thür an Barbro's Hand, wen anders als den Helden des Tages, hell ſtrahlend, ſtampfend und hüpfend vor Entzücken über alle dieſe Pracht?... Und wie iſt wohl der junge Herr Janne gekleidet? In den allernetteſten kleinen, rothen Rock, den Barbro's eigene Hände in der allertiefſten Heimlichkeit geſtrickt haben und zwar von Wolle, die ſie für ihre eigenen Erſparniſſe eingekauft hat. Auch iſt es ſchwer zu entſcheiden, was heller leuchtete, der rothe Rock mit ſeiner nachgemachten Hermelinborte 131 von ſchwarzen Flecken auf weißem Grunde, oder Bar⸗ bro's freundliche Augen, als ihre geliebte Herrin, nach⸗ dem ſie den hurtigen, fröhlichen Knaben aus ihren eige⸗ nen Armen in die des Vaters gelegt hatte, aufſtand und mit einer Rührung der innigſten Dankbarkeit Bar⸗ bro die Hand reichte, indem ſie ſagte: „Sieh, Ernſt, wie dieſe gute und treue Seele ihre Liebe gezeigt hat! Dieſen kleinen, netten Rock, in wel⸗ chem Janne ſo ſtattlich ausſieht, hat Barbro von Wolle gemacht, die ſie ſelbſt eingekauft hat. O, es kann Einem Thränen in die Augen locken!“ „Du treue Helferin, unſer Alles in Allem!“ ſagte Ernſt mit einem Blick, der Barbro's höchſte Belohnung war—„möge der Tag kommen, wo wir im Stande ſind, Dir auf eine andere Weiſe, als mit bloßen Wor⸗ ten die Dankbarkeit zu zeigen, die Du längſt an uns verdient haſt, und die wir nie vergeſſen werden! „Barbro iſt artig, Barbro iſt meine Barbro!“ entſchied der kleine Janne, indem er zurückeilte zu der freundlichen Wärterin, die inzwiſchen auf ihre bekannte Weiſe bei großer Rührung mit dem Schürzenzipfel vor den Augen daſtand, und mit einer Stimme, ſo muthig, als ſie ſie annehmen konnte, ſich erkundigte, ob der Kaffee gut ſchmecke. „Ich war ſo ſtill,“ plauderte der Kleine, der noch ganz ſchlaftrunken drauf los ging und Lärm machte; „ſtill, Janne! ſagt' Barbro, ſo ſoll Janne das drei⸗ armige Licht ſehen, wenn Janne artig iſt!... Aber Janne ſieht kein dreiarmiges Licht, Mutter, und Janne war ſo artig, ſo artig!“ „Heute Abend, mein kleiner Engel, ſollſt Du es ſehen!... Jetzt bekommſt Du dieſe große Bretzel— und Kaffee in Deiner kleinen ſchönen Taſſe!... So, ſitz nun ſtill! Du darfſt nicht an den Tiſch ſtoßen!“ „Janne mag das dreiarmige Licht ſehr, ſehr gerne leiden, Mutter! Suße Mutter, Janne will der kleinen Schweſter und der Miß die Bretzel geben, wenn er das ſchöne Licht ſehen darf!“ 132 Edith ſah den Vater an. Ihr kamen faſt die Thränen in die Augen: wurde aber jetzt das Licht an⸗ gezündet, was hatte man da am Abende?“ atze, ſeiner intimen und einzigen Spielſchweſter; aber die„Miß“ war auch, wenn ſie mit einem Tuche um den Kopf ausgekleidet wurde, eine recht nette Dame, die Janne ungemein viel Vergnügen machte. Und Edith zu ſehen, wie Janne und die Miß mit einander Polkette tanzten, welchen Tanz Beide con amore al ber noch dauerte es lange bis Sonnenaufgang. an den Tiſch. Wahrend ſie die Nähnadel flink gehen ließ, las er ihr ſeine Skizze über den Kirchſpielſchuh⸗ macher vor, und Edith lobte, lächelte, berichtigte und „Du ſollſt ſehen,“ ſagte ſie, als Ernſt das Ma⸗ nuſcript zuſammenlegte und ſeine Abſchreibearbeit vor⸗ nahm—„Du ſollſt ſehen, guter Ernſt, daß auch i T „Das haſt Du, meine Edith, und wir wollen an den Onkel ſchreiben, daß er uns das kleine Heft ſchickt; „O, ich merke,„Du haſt einen kleinen Plan, den Geburtstag unſeres Lieblings zu feiern?“ 8 4 133 „Ja wohl!“ „Laß hören! Du kannſt Dir wohl denken, wie neu⸗ gierig ich bin.“ „Ja, ſiehſt Du, mein Engel,“ entgegnete Ernſt, „ich habe eine kleine Ertra⸗Einnahme gehabt, die ich füͤr den heutigen Tag beſtimmt habe.“ „Dieſe Extra⸗Einnahme fürchte ich: Du mußt viel⸗ leicht darum noch eine Stunde länger aufbleiben?“ „Nein, beunruhige Dich nicht, Geliebte— es iſt wie ich ſage: ſie iſt ſchon verdient. Es war Jemand, der in der vorigen Woche meine Hülfe gebrauchte, um ſeine Rechnungen durchzuſehen.“ „Gut!... Alſo Dein Plan?“ „Dieſer beſteht darin, daß, weil Du ſeit vielen Monaten nur auf kleinen Promenaden ausgeweſen biſt, und Du ſo ſehr der Bewegung und der friſchen Luft nöthig haſt, wir uns einen Schlitten miethen und...“ „Ernſt, was ſagſt Du?— einen Schlitten?“ „Ja wohl!“ „Ach, es iſt ſo theuer, in Stockholm auszufahren.“ „Das läugne ich nicht. Aber der Geburtstag un⸗ ſeres kleinen Janne kommt nur einmal im Jahre... bedenke, welche Freude es ihm machen würde!“ „Ja, ja! Alſo nehmen wir den Schlitten.“ „Und darauf fahren wir nach einem der weniger beſuchten Landwirthshäuſer und nehmen ein ganz ein⸗ faches Mittageſſen ein.“ „Du ſcherzeſt!“ „Weit entfernt!... Du ſollſt ſehen, wie vergnügt wir ſein wollen.“ O, führe mich nicht in Verſuchung, Ernſt!... ich ſehe es wohl ein, aber...“ „Was für Aber?... feiern wir nicht auch damit den Geburtstag?“ „Aber ſo bedenke doch, welche unerhörte Ausgaben!“ Bei dieſer Anmerkung ſeufzte Edith tief— es war ſchon ſo lange her, ſeitdem ſie Sonne und Luft vollauf gehabt hatte— und dieſer Mittag. dieſer Mittag... 6 1 4 3 1 4 — 134 Aber ſie wußte recht gut, für wen Ernſt dieſe Aufopfe⸗ rung machte: ſie durfte nicht einwilligen. „Die Koſten habe ich vorher berechnet, meine Edith, und wenn Du mich jetzt nicht betrüben willſt, ſo machſt Du keine Umſtände weiter!“ „Leider fehlt mir die Kraft, noch mehrere zu machen — und doch habe ich die wichtigſte noch gar nicht an⸗ geführt: wenn wir vielleicht dieſe kleine unvorhergeſehene Einnahme zu einer unvorhergeſehenen Ausgabe gebrauch⸗ ten?.. Doch ich ſage nichts mehr, denn auch Du, geliebter Ernſt, bedarfſt einer Unterbrechung dieſes für Dich ſo ungewohnten und eingeſchloſſenen Lebens. Und hiemit war die Sache abgemacht. Nachdem Barbro in Betreff der„Kleinen“ tauſend Ermahnungen erhalten hatte, fuhren die Drei um die Mittagszeit ab, und es iſt ſchwer zu ſagen, wer den größten Genuß hatte: Helmer und Edith von ihrer gegen⸗ ſeitigen oder der kleine Janne von ſeiner eigenen Freude. Dieſer Tag war ein Sonnenſchein mitten in einer großen Wolkenmaſſe. Doch die Wolken blickten neidiſch auf den Sonnen⸗ ſchein, und gaben ſich nicht eher in Ruhe, als da ſie ihn verdrängt hatten.. Vierzehntes Capitel. Die Betrübniß. In der folgenden Nacht, während Edith, ermüdet von der frohen Spazierfahrt, welche ſie ſo mächtig er⸗ friſcht hatte, in lächelnden Träumen ſanft ſchlummerte, wurde Helmer plötzlich von dem Laute einer leiſen Klage geweckt.. Aengſtlich, ſeine Gattin zu wecken, ſtand er behende ze nefte ſich über das Bett des kleinen Janne, wel⸗ 5 es an 1 t wie iſt es mit Dir, mein kleiner Junge?“ einer Seite ſtand, und fragte leiſe und unruhig: — — 13⁵ „Vater, ich brenne; alle Lichter im Tannenbaum thun den Augen ſo weh; nimm ſie weg, Vater, ſie ſtechen ſo in den Kopf. ach, ach, ach!“? Entſetzt ergriff der Vater die Hand des Kindes— ſie war gluͤhend heiß; der Knabe lag in ſtarkem Fieber. Wenige Augenblicke betrachtete Helmer ſeine Frau. Nein, dieſer erquickende Schlaf durfte nicht unterbrochen werden. Nachdem er ſich angekleidet hatte, nahm er das Bett des Kleinen und trug daſſelbe hinaus in das andere Zimmer. Barbro wurde herbeigerufen und um Rath gefragt; aber bei der bloßen Nachricht, Janne ſei krank, verlor Barbro den Kopf ſo total, daß ſie im Schrecken ſich keiner einzigen von allen Hauskuren ent⸗ ſann, in denen ihre ſelige Herrin für ſchnell eintretende Fieber ſo zu Hauſe geweſen war. Nach einigen Stunden begann der Knabe zu phan⸗ taſiren. Das dreiarmige Licht, die Schlittenfahrt, die Miß, die kleine Schweſter und der Tannenbaum ver⸗ miſchten ſich bunt in ſeiner Phantaſie. 1 Als Edith erwachte, vernahm ſie mit Verwunderung einen ſonderbaren, verworrenen Laut aus dem andern Zimmer. Ein Angſtgeſchrei rief Ernſt zu ihr, und ein Ausruf der Freude, da ſie ihn erblickte, zeigte an, daß ſie ge⸗ glaubt hatte, es wäre ihm etwas zugeſtoßen. „O, gelobt ſei Gott!“ rief ſie mit gefalteten Händen aus.„Es war mir— hu! wie kann man ſich doch ſelbſt erſchrecken— als hörte ich ein Wehklagen!“ Helmer drückte ihre Hände; er war nicht im Stande, zu antworten. „Ernſt, ſieh mich an!.. Ja, jetzt ſehe ich's: Du biſt blaß, ſchrecklich blaß— Du warſt krank, und ich...“ In ihrer Stimme drückte ſich eine zitternde Angſt aus. „Sei ruhig um mich, meine Edith! ich bin geſund — o, verſprich mir nur, daß Du ruhig ſein willſt, denn...“ „Alſo iſt es etwas Anderes?“ Ihre Hand fuhr nach der Wiege. Darauf warf ſie die Augen nach der andern Seite. Janne's Bett war nicht da. 136 Mit einem entſetzten Blicke ſtarrte ſie nach dem leeren Platze hin. Sie vermochte kein Wort hervorzubringen. „Edith, meine Theure, Geliebte! denke an das Kind, welches Du nährſt! bedenke, daß dieſes durch Deine Ge⸗ müthsbewegung gepeinigt wird, wenn Du Dich nicht zu beherrſchen ſuchſt!“ „Rede!.. ſage mir...“ „Janne beſindet ſich nicht ganz wohl, aber Du weißt ja, wie ſchnell dergleichen bei Kindern kommt: glücklicher Weiſe verſchwindet es faſt ebenſo ſchnell wieder — morgen haben wir ihn mit Gottes Hilfe wieder friſch und geſund.“ „Lebt er? iſt es auch gewiß, daß er lebt? Aber dieſe Laute, die mich vor einem Augenblicke ſo erſchreckten, warum höre ich ſie nicht mehr? O, mein Kind, mein Kind! ich war dieſes himmliſchen Glückes nicht werth — es iſt dahin!“ Sie wollte aus dem Bette herausſpringen. Ernſt hielt ſie ſanft, aber ernſthaft zurück. „Ich ſchwöre Dir, daß er lebt!.. höre nun ſelbſt, daß er wieder anfängt, zu jammern. Sobald es Tag wird, ſchaffe ich einen Arzt. Doch wenn Du Dich bei dieſer Prüfung— die unſere Herzen ſo nahe angeht— nicht muthig und ſtark zeigſt, wie ſoll es da gehen? Gerade die Pflege thut bei einer Krankheit das Meiſte: wenn Du Dich der Verzweiflung hingibſt, ſo biſt Du nicht allein nicht im Stande, nach ihm zu ſehen, ſondern Du raubſt auch mir die Faſſung, deren ich ſo ſehr be⸗ darf, ſowohl um Deine Sorgfalt zu theilen, als auch für unſere Bedürfniſſe zu ſorgen. Darthen meine Edith, lege ich Dir meine Bitte warm an das Herz, entwickle alle Deine Kraft und denke zuerſt und zuletzt an dieſes kleine, ſchwache Weſen! Auch ſie könnte krank werden, und dann wäre ja unſer Leiden verdoppelt.“ „Ich bin im Stande geweſen, Dich zu horen, Ernſt, und will mich bemühen, mich zu faſſen, um meine hei⸗ ligen Pflichten gleich theilen zu können, Halte mich οα— ꝙ— 137 nun aber nicht länger ab, aufzuſtehen und mein Kind zu ſehen, denn ſonſt werde auch ich krank!“ „Behüte mich Gott, daß ich Dich von Deiner erſten Pflicht abhalten ſollte! Jetzt, nachdem ich Dein Ver⸗ ſprechen habe, auf welches ich mich verlaſſe, gehe ich zurück und erwarte Dich.“ Mit dieſer Nacht begann für Edith ein Kampf, ein Leiden, eine Kette von Aufopferungen, die keine Worte beſchreiben, die aber eine Mutter in Edith's Lage oft empfunden hat. Hier ein mit dem Tode ringendes Kind, dort ein anderes Kind, deſſen Geſundheit und Leben von der Ruhe der Mutter abhängt, dort ein Gatte, der ſich des Tages zu einer verdoppelten Thätigkeit anſtrengt, um in den langen Stunden der Nacht Zeit zu haben, die er ſeiner hohen Zärtlichkeit, ſeiner unermuüdlichen Sorgfalt gegen den Liebling widmen kann, den die Mutter dann faſt immer verlaſſen muß. Und dieſen Gatten, in deſſen Augen jetzt noch ein beherrſchender Wille leuchtet, zu ſehen, wie ein unterdrücktes körperliches Leiden bis⸗ weilen ſeinen Körper durchzuckt, zu ſehen, wie Röthe und Bläſſe auf ſeiner Wange wechſelt, während ein leiſer Schauder dann und wann darauf hindeutet, daß Hitze und Froſt in ſeinem Blute wechſeln— das Alles zu ſehen und dennoch nicht zu wagen, es zu ſehen, das war ein Uebermaß der Qual; aber vielleicht eben darum, weil es ein Uebermaß von ſo vielen Qualen war, widerſtand Edith auf eine ſo bewunderungswürdige Weiſe. An einem Abende ſchien ihnen der Todesengel an der Seite des geliebten Kindes Platz genommen zu haben, der Arzt hatte ihnen auch keinesweges die Gefahr dieſer Nacht verhehlt. Mit einem Blicke voller Ruhe und Feſtigkeit, die Ernſt nicht begriff, hatte Edith geſagt:„Ich muß hier bleiben!“ Und nun ſaßen ſie dort beide ſtumm, unbe⸗ Ein launenhaftes Weib. IV. 10 138 7 weglich, und betrachteten bald einander, bald den lei⸗ denden Knaben, der jetzt ſchlummerte.. „Ich möchte wünſchen,“ ſagte endlich Ernſt, indem er die Hand ſeiner Gattin ergriff,„daß Du weinen könnteſt, und ich auch— das wurde uns den großen Schmerz leichter machen.“ „Wenn erſt Alles vorüber iſt, ſo ſchickt mir Gott die Erleichterung der Thränen, und dann iſt es auch ſchön, ſie zu ſinden.“. „Mir iſt faſt bange vor der Ruhe, meine Geliebte, welche Du in den letzten Tagen bewieſen haſt.“ „Das brauchſt Du nicht, mein Ernſt, denn es iſt keine ſeelenloſe Ruhe, keine Erſtarrung der Sinne. Ich habe mich in dieſen Zuſtand hineingedacht; aber meine Gedanken würden wenig vermocht haben, wenn nicht Gott in ſeiner unendlichen Barmherzigkeit mein inbrün⸗ ſtiges Gebet um eine große Kraft, eine Kraft, die Vieles, ja das Aergſte ertragen könnte, wenn es kommen ſollte, erhört hätte.“ „Und wie konnteſt Du Deine Seele dahin bringen, Gedanken zurückzuhalten? Es gehört ein feſter Wille dazu, denken zu können unter dieſen Verhältniſſen, da die Gefühle Alles verſchlingen wollen“.. „Habe ich nicht Dein Beiſpiel? Wir müßten ja vergehen in unſerem Elende, wenn Du nicht mächtig wäreſt, zu denken und zu handeln in Deinem Schmerze. Aber höre, wie es war... ſch!.. er bewegt ſich!“ „Nein, er ſchläft!“ 4 „An einem Abende ſaß ich hier allein, und mein Herz war ſo betrübt, daß mir in meinem wilden Sche rze war, als könnte ich mein Kind nicht überleben. Da kam ein Gedanke an den Onkel Janne, und mich ergriff ein warmes Verlangen, ſeinen letzten Brief zu leſen.“ „Das war ein glücklicher Gedanke, meine Edith, denn dieſe von einem ſo reinen, einfachen und chriſtlichen Geiſte erfüllten Briefe ſind ganz geeignet, eine Seele zu ſtärken und aufrecht zu halten, die von Betrübniß heim⸗ 8 geſucht iſt,“ —————ͤ ͤIN———e=.ßöö..öö 139 „Auch über mich kam ein Geiſt des Friedens, der Geduld und der Ergebung. Ich fuhlte ein Bedürfniß, die Vergangenheit in mein Gedächtniß zurückzurufen. Ich dachte an meine fehlerhafte Jugend, an meine Un⸗ weiblichkeit, meine Kühnheit, meine Launenhaftigkeit und meinen Hochmuth. Demnächſt dachte ich an Hermann und an meinen ſchrecklichen, ſündhaften Leichtſinn gegen ihn.. das Regiſter wuchs, ich ſchauderte zurück vor mir ſelbſt. Aber noch war Vieles übrig: die Ereigniſſe, welche unſere Hochzeit beſchleunigten, der Schimpf und die Betrübniß, welche ich meiner Mutter verurſachte, meine ſtolze und kalte Widerſetzlichkeit gegen ſie, und endlich jener Flecken an meinem Leben, da ich, bethört von den Ränken eines nichtswürdigen Mannes und von meiner eigenen elenden Eitelkeit, im Begriff war, Dich zu verlaſſen, zu...“ „O, dieſe Verirrungen haſt Du ja längſt geſühnt!“ „Nein, das meinte ich nicht, als ſie einzeln vor meinem geiſtigen Auge vorüberzogen, im Gegentheil, ich vernahm eine flüſternde Stimme— und dieſe Stimme glich ganz der des Onkels Janne:„Zwar haſt Du für die Folgen Deiner Handlungen gebüßt, doch nur eines Theiles, denn von allen Deinen Widerwärtigkeiten hat noch keine Dein Lebensblut berührt: Du haſt in Deinem Gatten, in Deinem Kinde Troſt gefunden. Wenn Gott nun das Kind Deines Herzens, dieſes Leben Deines Lebens, zu ſich rufen ſollte, ſo mußt Du ohne Murren dieſen Ver⸗ luſt ertragen und Gott dafür preiſen, daß Du ihn ſo lange behalten durfteſt, um Deine Beſtimmung auf E verſtehen zu lernen... Murrſt Du dennoch, ſo bedeite, wenn Du ſtatt ſeiner vor dem Sterbebette Deines Gatten ſäßeſt!.. Als dieſe Erinnerung wie ein Blitz in meine Seele herabſchlug, ſo löste ſich meine Angſt in einen Seufzer heiliger Dankbarkeit auf. Durch dieſen. Engel“— ſie deutete auf ihr Kind—„bin i ſo glücklich geweſen, wenn Gott ihn zurücknähme, ſo bleibſt Du mir... Nähme er dagegen Dich, o, dann gäbe ess keinen, keinen Erſatz!“ 10* Mit unendlicher Rührung drückte Helmer das ge⸗ liebte Weib an ſeine Bruſt. Die Heftigkeit ſeiner eigenen Gefühle ließ ihn keine Worte finden, denn da er ſeine Augen in die Zukunft warf, ſo konnte er nicht umhin, an den Augenblick zu denken, da Edith vielleicht vor einem andern Sterbe⸗ bette ſäße. Und obgleich dieſes gewiß Alles verſöhnte, ſo wußte doch Helmer— und das war ſein höchſter Troſt und ſein höchſter Schmerz— daß nichts von Allem, was dieſe Welt bieten könnte, aus Edith's Herzen jemals die Erinnerung an ihre erſte und einzige Liebe verwiſchen könnte— dieſe Liebe, welche durch das Fegefeuer der Armuth und des Leidens gegangen und dort gereinigt worden war. Aber Gott hatte Mitleiden mit Edith: ſie war nur bis an den äußerſten Rand der Prüfung geführt worden. Dort ſtreckte er ſeine Hand aus, als wollte er ſagen: es iſt genug! Der Tod entwich und der Schmerz ver⸗ barg ſein Antlitz hinter der Himmelstochter, der Freude, wel che einen friſchen Schößling entfaltete mit jeder Roſe, die wiederum auf den Wangen des kleinen Janne zu knoſpen begann, mit jedem Tage, da das ſchleichende Fieber das Blut ihres Gatten nicht brannte. Und dieſe ſelige Freude verdankte ſie nächſt Gott dem Arzte, einem Manne mit Herz und hohem Sinn, welcher, nachdem er erſt bei der kleinen Familie einge⸗ führt war, ihr ſeine Sorgfalt widmete mit dem lebhaf⸗ ten und warmen Intereſſe, welches ihr Unglück, ihre Ergebung, ihre gegenſeitige Liebe in ihm geweckt hatten. Nachdem er erklärt hatte, der kleine Janne wäre 141 niſſes hätte ſeine Geſundheit hülflos unterliegen müſſen, denn er meinte, er brauchte jetzt noch keinen Arzt um 8 Rath zu fragen, das heißt, er hätte, ſo lange er noch gehen, denken und arbeiten könnte, weder Zeit noch Vermögen, krank zu ſein. Jetzt, unter dem ſanften Scepter des Doctors, er⸗ friſcht von ſeinen langen, angenehmen Geſprächen, be⸗ freit von der Arbeit, Mediein und Bewegung nehmend, und gepflegt von der vorherbedachten, faſt Alles ſehenden Sorgfalt ſeiner Gattin, die ihm nicht einmal eine Frage geſtattete, woher Alles käme, fühlte er, wie das Leben zurückkehrte und eine junge und friſche Kraft von Neuem die Nerven ſpannte und die Seele zu Leben und Ge⸗ ſundheit öffnete. Und Edith, ſelbſt ein ſo ſchwaches und feines We⸗ ſen, wie bewunderungswürdig hatte ſie nicht dieß Alles ertragen! Jetzt zwitſcherte ſie wie die Lerche im Frühlinge denn nach fünf langen Wochen gab es weder Krankheit noch Mediein, noch Kummer in den kleinen, dunkeln Zimmern in der Urwädergaſſe, ſondern nur Dankbar⸗ keit, Glück und Freude........ An einem Abende, da das Feuer im Ofen flammte, und Janne wieder Polketta tanzte mit der Miß, die von der langen Einförmigkeit während der Zeit der Krankheit ganz melancholiſch geworden war, ſagte Ernſt zu Edith, welche eben die Kleine in den Schlaf gelullt batte und nun herauskam, um mit ihrem Manne zu plaudern:„Setze Dich hierher zu mir, Geliebte, und er⸗ zähle aufrichtig, wie Du es gemacht haſt, um zu Allem, was für mich während dieſer Zeit dienlich war, die Mittel anzuſchaffen!“ cieber Ernſt!“ entgegnete ſie erröthend und lächelnd, „für einen Reconvalescenten biſt Du wirklich allzu vor⸗ witzig! Um Dich jedoch aus dem Glauben zu reißen, als hätte ich eine ſehr bedeutende Aufopferung gemacht, ſo muß ich geſtehen, daß die Sache ſehr einfach iſt.“ „So laß denn hören!“ 142 „Ich will Dir ſagen, es war ſo, daß ich wirklich Mitttel beſaß, an welche ich noch nie gedacht hatte; aber jetzt, da alle meine Sinne geſchärft. waren, fand ich ſie leicht. Ic nahm eine Generalmuſterung mit meiner Garderobe vor, nämlich mit der Abtheilung, die jetzt weggelegt iſt, und da fand ich denn mit Erſtaunen und Entzücken nicht weniger, als ſechs ſeidene Kleider, von denen ich nicht wußte, was ich mit ihnen anfangen ſollte, wenn ich ſie nicht verkaufte, ehe Feuchtigkeit und Motten ſie verzehrten.“ „Meine arme Edith! als Du in dieſen Kleidern glänzteſt, wie wenig konnteſt Du damals ihr Schickſal vorherſehen!“ „Nun, mein Ernſt, das ſagſt Du in einem Tone, der wirklich allzu feierlich iſt! Du weißt gar nicht, Du, daß ſie mir eine ganze Komödie verſchafften. Unten bei unſerer Wirthin war ein wahres Conſeil von Trodlerin⸗ nen, welche ſie zuſammengebracht hatte— und dieſe edeldenkenden Weſen, die es übernehmen, Alles in Geld zu verwandeln, uberboten ſich. Ich bekam ſo gut be⸗ zahlt, daß ſogar die Wirthin Gelegenheit hatte, für ihre vierteljährige Miethe zu danken.“ „Was ſagſt Du, Geliebte!“ rief Ernſt, der die Freude nicht verbergen wollte, die er bei dieſer Nachricht empfand. „Ich ſage, mein Freund, daß Du Dich nicht auf ſeidene Kleider verſtehſt, wenn Du Dich darüber wun⸗ derſt!“ antwortete Edith ſtolz.„Und nun, theurer Ernſt, nachdem Du mir mein kleines Geheimniß entlockt haſt, ſo glaube mir auch, wenn ich Dich verſichere, daß mein Kapital noch eine Zeitlang reicht, und daß Du wenig⸗ ſtens noch einige Wochen nicht nöthig haſt, Dich abzu⸗ mühen, denn, ſiehſt Du, es waren auch außer den Kleidern noch einige Kleinigkeiten da, die ich nicht naihis hatte. 1 enſt gehorchte dießmal der Bitte ſeiner Gattin, denn er fühlte, daß dieſe Ruhe, dieſe Befreiung von einer raſtloſen Unruhe ſeine Kräfte befeſtigen und ihm zu neuer Arbeit doppelte Luſt geben würde. 143 Die Bekanntſchaft mit dem vortrefflichen Doctor war ein großer Gewinn für die beiden jungen Eheleute. Er ſetzte aus Gewohnheit und Wohlwollen ſeine Beſuche fort, obgleich er als Arzt nicht länger erforderlich war. Mit dieſer feinen Aufmerkſamkeit, die nicht beleidigen konnte, brachte er Edith faſt täglich einige ausgeſuchte Früchte oder eine Blume aus ſeiner kleinen Orangerie, wie er ſagte, und mit einem lieblichen Lächeln, einer innigen Dankbarkeit nahm ſie dieſe Artigkeiten an. Da bei einem ſolchen Arzte von einer Bezahlung die Rede gar nicht ſein konnte, ſo nahm Edith eine neue Generalmuſterung mit den weggelegten Herr⸗ lichkeiten vor und war ſo glücklich, eine faſt ganz fer⸗ tige Stickerei zu finden, eben jene, bei welcher Frau Werner ihr vor mehreren Jahren geholfen hatte, als ſie eine Ueberraſchung zu Ernſt's Geburtstag werden ſollte, eine Ueberraſchung, aus welcher nichts geworden war, weil, wie wir uns entſinnen, ſo ſehr vieles Andere dazwiſchen kam. Und wer war jetzt wohl glücklicher, als Edith, als ſie ihren Fauteuil⸗Ueberzug fertig genäht hatte und denſelben jetzt dieſem Freunde übergab, bei dem ſie ſich ſo ungenirt fühlte, daß ſie in ſeiner Gegen⸗ wart gar nicht daran dachte, daß er ſie in der Dunkel⸗ heit und in der Armuth ſah. Dem Retter ihres Gatten und ihres Kindes konnte ſie ihre Dankbarkeit nicht genug beweiſen.. „Du ſiehſt,“ ſagte eines Tages der Doctor lächelnd zu Ernſt, als ſie mit einander ſpazieren gingen,„daß ich in Deine Frau ein wenig verliebt bin. Ich will nichts ſagen von ihrer Schöndeit. Ich rede von ihrem innern Werthe, den ich Gelegenheit gehabt habe zu ſtudiren und zu bewundern. Welch ein Weib, welche Gattin, welche Mutter!“ „Und dennoch,“ entgegnete Ernſt,„war ſie vormals das eitelſte, ſtolzeſte und launenhafteſte Mädchen. Es iſt der Triumph der Liebe,“ fuhr er mit glänzenden Blicken fort,„daß ſie wurde, was ſie jetzt iſt. Die 3 — MNutterliebe und der theure Beruf, über die Weſen zu wachen, welche Gott in ihre Hand gegeben hat, haben ihre Veredlung vollendet. Sie ſagte einſt, und ſie hat Wort gehalten:„Ich will alle Tugenden erwerben, um ſie meinem Kinde zu lehren.“ Und dann, welches Herz, welche Liebe!... In der Mitte aller meiner Bekümmerniſſe ſteht auch immer eine Thür des Himmels offen für mich.“ Und in dieſer vertraulichen Abendſtunde erhielt der Doctor eine vollſtändige Ueberſicht über die früheren Schickſale des jungen Paares. „Ach,“ ſagte er,„ich bin neugierig, die Auflöſung dieſes Romans zu erfahren, denn unmöglich kann er in der Urwäder⸗Gaſſe endigen!“ „Nun, ſo endigt er wohl in einer andern Gaſſe,“ entgegnete Helmer halb melancholiſch, denn zu, einer rechten Straße kommt er wohl nicht. Fünfzehntes Capitel. Ein Brief von dem Onkel Janne. Um eben dieſe Zeit, die wir zuletzt geſchildert haben, wurden die jungen Eheleute von ihrem väterlichen Freunde durch eine kleine Epiſtel erfreut. „Es war die Antwort auf den Brief, der dem Al⸗ ten von Edith's Betrübniß und Freude Nachricht ertheilt hatte; denn ſie meldete jene nicht eher, als da ſie den Onkel auch mit dieſer erheitern konnte. Und dieſe Antwort lautete folgendermaßen: In der Kammer, meine Du, wo Gott Dir die Gnade verlieh, Mutter zu werden, habe ich Gott ge⸗ prieſen und gedankt, daß er den bittern Kelch von Dei⸗ nen Lippen nahm, als Du nahe daran warſt, ihn zu leeren. Siehſt Du, Kind, ſiehſt Du, wie reich Gott an Liebe iſt? Er gibt immer mehr, als er nimmt. Und nimmt er uns das Höchſte, das Schönſte, das wir auf 1 —9—S 8S— Q——=— — S 5 ASS — —— — 145 Erden haben, ſo gibt er den Geduldigen und Ergebenen dafür das Höchſte und Schönſte, das vom Himmel kommt: einen feſten Glauben und eine demüthige Hoffnung. „Aber nicht ich allein habe ihm gedankt. Meine ganze kleine Kolonie— Du weißt, wie ſie Dich lieben und ſchätzen— hat meine Gefühle, meine Freude und meine Dankbarkeit getheilt. Und in der Freude über die Geneſung des Jungen feierten wir ein kleines Feſt, nicht mit Geräuſch und Spiel, ſondern ſo, daß wir über⸗ legten, wie viel wir von unſerem Getreidevorrath einziehen könnten, und daß wir dann an einem gewiſſen Tage an zehn arme Familien, die weniger hatten, als wir, den Ueberfluß austheilten. Die warmen Segenswünſche dieſer frohen Menſchen— denn das Gute, welches ich zu thun im Stande war, erhielten ſie im Namen des kleinen Janne— legen wir nun zu unſeren eigenen, und davon ſoll das Kind wachſen und zunehmen gleich einem jungen Baume, der im Frühlinge junge Blätter ausſchlägt und einen Ueberfluß an Lebensſaft hat.— Ja, Kind, ich zweifle gewiß an nichts von Allem, was Helmer gethan hat. Aber ich zweifle, das heißt... nun, nun, meine Du, werde nur nicht unruhig!... ich meinte nichts Gefährliches: ich wollte nur ſagen, daß er ſehr vorſichtig ſein muß. Dem Doctor, dem Biedermann, kannſt Du die Hand geben und ihm ſagen, daß Du einen alten QOnkel haſt, der im Frühlinge nach Stockholm gewandert kommt, um ihn in ſeine Arme zu ſchließen. Aber, meine Du, ich habe außerdem dort auch wohl noch etwas mehr zu thun; denn, Kind, in dieſem Winter habe ich gefühlt, daß ich nach dieſer wohl nicht viele große Wanderungen mehr unternehmen werde. Ich bleibe nun längere Zeit in Ruhe bei meiner kleinen Kolonie. Doch im Mai, wenn ich lebe, will ich nach Birger's Stadt, und dann, wenn bei Euch noch einige Liebe zu Eurem alten Onkel lebt, ſo begleitet Ihr mich auf dem Dampfſchiffe— der Alte kann wohl auch einmal 146 eine Dampfſchiffsreiſe ausführen!— und ſo bleiben wir den ganzen Sommer in Grandalen. Aufrichtig geſagt, meine Kinder, dieß iſt die einzige Hoffnung, die meinen Muth aufrecht hält! Ja, ja; die Schwägerin bekommt eine ſchwere Rechnung mit dem ſeligen Franz abzuſchließen. Nun, nicht darüber wollten wir jetzt reden, ſondern von meiner Hoffnung, die Ihr erfüllen müſſet, wenn ich nicht ganz vergehen ſoll. Hätte ich nicht den Primus gehabt, ſo fürchte ich, es wäre ſchon geſchehen. Doch er hat eine kleine artige Manier, mich zu unterhalten, und wenn er mit ſeinem göttlichen Lächeln mir einen Traum erzählt— er fa⸗ bricirt dergleichen immer— ſo fühle ich mein Herz er⸗ leichtert, denn dieſe Träume haben eine eigenthümliche belebende Bedeutung. „Herr!“ ſagt er,„ich hatte in der letzten Nacht einen recht ſchönen Traum über Ihre Sommerfreuden.. Sie ſaßen ſo fein im Grünen vor der Laube und ſpielten mit dem kleinen Janne, und die junge Frau ſaß dabei und ſchenkte Ihnen Kaffee ein; Herr Helmer ſtand daneben und ſtopfte Ihre Pfeife, und ich... ja, ich ſaß ein wenig weiter weg und ſang der kleinen Neuen was vor. Nun Herr, war das nicht ein Gemälde, das Farbe hat? Sie war ſo ſchön, wie die Sonne am Johannis⸗ morgen; mir kamen wirklich ein paar große Thränen in die Augen, und Bolla auch, die daneben ſtand und die Deichſel eines kleinen Korbwagens angefaßt hatte, und wir ſeufzten einen Seufzer mit einander, denn es war ſo lieblich und luſtig im Grünen. Iſt es nicht ſonder⸗ bar, Herr, daß Einer immer ſeufzen will, wenn es am aller⸗ lieblichſten iſt? Ich möchte wohl wiſſen, ob das ſein kann, weil Einer aus dem Himmel Luft zu ſich ziehen will!“ Wenn er das Alles ſagt— denn ſeine Träume haben eine freundliche, brüderliche Aehnlichkeit— ſo wird mir, wie geſagt, warm um das Herz, und ich fühle nicht, daß es noch rund um uns her Winter iſt. Und ferner ſind alle dieſe lieben Kinder hier ſo, daß ſie mich au den Händen tragen könnten. Alles iſt gut. Der Winter: —===e,= 8-S g50—6S* 147 garten in den Laden blüht, als wäre es um die Pfingſt⸗ zeit, die Katzen befinden ſich wohl, der Igel bewacht immer noch den Schrank, und die Schildkröte geht ihren ruhigen Gang um den Tiſch. Bei dem Abendfeuer ſitzen wir alle eben ſo ruhig und vergnügt wie ſonſt: Mutter Siſſa, Mutter Trina und Bolla auf der einen Seite; der Korporal, Petter und Olle auf der andern; ich in meinem Lehnſtuhle und Primus auf dem Schemel vor dem Ofen bei Murre und Björn. Aber wir ſind in dieſem Winter noch drei Mann ſtärker geworden— das Jahr iſt hart, und ich danke Gott, daß der Keſſel zureicht.. In der vorigen Woche hatte ich einen Brief von unſerem theuren Grafen, der nun von ſeiner langen Reiſe nach Paris zurückgekommen iſt. Er ſagt, nicht nur ſeine Geſundheit ſei vollkommen wieder hergeſtellt, ſondern auch ſeine Laune ſei jetzt gottlob ſo, daß er der Sehnſucht nicht entgegen zu arbeiten brauche, welche ihn nach Schweden zurückzieht. In dieſem Sommer denkt er die Luft des Vaterlandes und die alten Freunde zu ſuchen, und mit Gottes Hülfe ſoll er ſie vor der Laube verſammelt finden, wie Primus geträumt hat. Und nun, meine Du, genug für heute! Der Herr halte ſeine ſchützende Hand ausgebreitet über Dich, Deinen Gatten und Deine Kinder! Sei geſegnet, Du meine edle Tochter, deren Standhaftigkeit mein Stolz iſt! Ich meine hier nämlich dieſen demüthigen Stolz, den ein Chriſt zu haben berechtigt iſt, wenn Gottes Werk vorwärts geht. Und das thut es ja. Ich weinte vor Freuden, als ich Deines Mannes Brief las. Auch wenn er wirklich Deine Verdienſte ein wenig übertrieb, ſo bleibt dennoch das Weſentlichſte ſtehen. Dein eigener alter Onkel Janne. Poſtſcriptum. Obgleich Du ſagſt, daß Helmer auf dem Comptoir, wo er arbeitet, hinlänglichen Verdienſt hat, ſo ſchicke ich Dir dennoch dieſes Wenige für den kleinen Pathen. 148 Ich bin jetzt ſparſam, ja zur Hälfte ein Geizhals geworden, um die Reiſekaſſe zum Sommer zuſammen zu bringen. Denn bedenke, Kind, ich bin es, der Euch einladet!“ In einem zweiten Poſtſcriptum ſtand von Primus' Hand mit großen Buchſtaben Folgendes: „Ich wollte ganz ergebenſt ſagen, daß ich mich ſehr wohl befinde, und daß ich und Bolla vor lauter Freuden um die Wette lachten, daß der kleine Janne wieder auf die Beine kam. Der Korporal grüßt und ſagt, er habe ein hölzernes Pferd für ihn fertig, und Mutter Siſſa und Mutter Trina haben eine kleine hübſche Ziege; ſie behaupten es ſei ſchrecklich geſund, ſolche Milch zu trinken. Petter iſt dabei, ein Füllen zu zähmen— der dreijährige Kleine ſoll wohl auf etwas Anderem reiten, als auf einem hölzernen Pferde, kann ich mir denken! Und Olle hat einen kleinen Schlitten gemacht, für den Fall, daß er den Winter über hier bleibt.. da, wenn er vier volle Jahre alt wird, kann er wohl mit dieſem Vergnügen anfangen.. Es iſt nicht anſtändig, von ſich ſelbſt zu reden— und Bolla hat auch mein Verſprechen, daß ich von ihr ſchweigen will, und darum ſchweige ich auch. Erbötigſter Diener Primus. „O mein geliebter Onkel, wir kommen!“ ſagte Edith gerührt und dankbar.„Und alle dieſe freundlichen Seelen, wie lieben ſie nicht unſere Kinder!“ und ſie lächelte ſo froh über das Poſtſeriptum des kleinen Primus. 4 Das Geſchenk des Onkels kam auch ſehr gelegen zur Bezahlung der noch unbezahlten Apothekerrechnung. ₰ℳ d 4—— 1 Sechzehntes Capitei. Der elfte April.. EFrtwa vierzehn Tage nach der Ankunft dieſes Briefes 8 ſagte Helmer an einem Mittage, da er eben nach Hauſe gekommen war: p ₰ 149 „Morgen kehre ich zu meinem alten Arbeitsleben zurück, und Du ſollſt ſehen, mein Engel, mit welcher friſchen Fahrt es jetzt gehen ſoll, da Geſundheit und Kräſte mit dem Willen gleichen Schritt halten können!“ „Wäre es nur genug mit den Tagen, ſo wäre es recht gut,“ antwortete Edith, niedergeſchlagen von dem Gedanken an das, was jetzt wieder kommen ſollte,„doch dieſe Nachtarbeit raubt Dir alle Kräfte.“ „Nachtarbeit?— Iſt es denn Nacht um drei oder vier Uhr Morgens? Nun darfſt Du mich nicht länger hätſcheln, Geliebte! Und eben ſo wenig darfſt Du— wenn ich mich auch noch ſo früh von Dir hinweg⸗ ſchleiche— vor ſieben Uhr aufſtehen: ſonſt beginnen unſere kleinen Debatten wieder!“ Edith antwortete nur mit einem leichten Seufzer. „Du biſt heute nicht bei Deinem gewöhnlichen Muthe, und Du glaubſt, ich errathe die Ürſache nicht! Nun wohl, ich will ſie Dir ſagen! Dein kleiner Schatz iſt zu Ende, und Du fürchteſt, ich wäre noch nicht im Stande, ſo viel zu verdienen, wie früher. Aber fürchte Du gar nichts: ich fühle, was ich vermag. Schlägt ein Ausweg fehl, ſo öffnet ſich ſchon ein anderer.“ „Gott ſei gelobt, mein Ernſt, daß Du ſo reich an Hoffnung biſt!“ „Das bin ich, und weißt Du was? ich ſchlage Dir vor, dieſen letzten Abend, an dem ich noch nicht arbeite, zu feiern— es iſt ja eine Ewigkeit her ſeit dem Februar, da wir unſere kleine Luſtparthie machten. Seit dieſer Zeit biſt Du eingeſchloſſen geweſen, ſo daß Dir eine Zerſtreuung wohl Noth thun kann.“ „Eine Zerſtreuung? Nein, Geliebter, ich bedalf ge⸗ wiß keiner andern Zerſtreuungen, als die mir meine Kinder, Deine Geſellſchaft in einer müßigen Stunde und ein gutes Buch geben... Noch dazu kommt ja unſer guter Doctor bisweilen zu uns.“ „Ich glaube aber dennoch, Du wirſt dieſen nicht widerſtehen!“ ſagte Ernſt lächelnd, indem er zwei Thea⸗ terbillette fuür die dritte Reihe an der Seite präſentirte. 150⁰ „Aber, Ernſt!“ „Aber, Geliebte, ſoll man denn gar nicht das Recht haben, ſeiner kleinen Frau eine Ueberraſchung zu be⸗ reiten? Du glaubteſt, wir wären ganz ohne Geld. Du irrteſt, denn heute erhielt ich einige Thaler für meinen Kirchſpielſchuhmacher, der, wie Du weißt, beinahe fer⸗ tig war, als der kleine Janne krank wurde, und den ich hernach vollendet habe... Hier haſt Du die Hälfte für die Haushaltung.“ „Ach, Ernſt!“ die Freude ſtrahlte aus Edith's Au⸗ gen,„ich will Dir gerne geſtehen, daß dieſes Geld ganz außerordentlich gelegen kommt... Aber die Theater⸗ billette“— ſie wendete ſich zur Hälfte von ihnen hin⸗ weg—„müſſen wir dennoch zurückſchicken!“ „Wie ſo? Von morgen an verrichte ich ja wieder meine Arbeiten in dem Comptoir des Herrn H., und nach einigen Tagen bitte ich ihn um einen kleinen Vor⸗ ſchuß, den er mir gerne bewilligt.“ „Aber dennoch...“ „Was dennoch?“ „Es iſt ſo, guter Ernſt, daß... daß mein Hut wirklich ſehr altmodiſch iſt, und daß ich noch allzu eitel bin, um mich lächerlich machen zu wollen.“ „Barbro!“ rief Ernſt in der Thür;„haſt Du Etwas draußen?“ Barbro zeigte ſich ſchmunzelnd auf der Schwelle miteeiner Schachtel in der Hand. „Ernſt! was hat das zu bedeuten?“ Edith riß den Deckel von der Schachtel. Ein kleiner Hut von ganz einfachem Zeuge, aber dennoch modern und geſchmackvoll zeigte ſich 8G Entzückt und glücklich ſah Ernſt, daß eine Freuden⸗ rüfhe 8 der bleichen Wange ſeiner jungen Gattin auftauchte. A Aber ich fürchte, ich muß Dich tüchtig ausſchelten!“ Aief Edith, indem ſie ſich in die Arme ihres Mannes ſtuͤrzte:„welche Verſchwendung, und doch welche Freude!“ 8 — 151 Prächtige Equipagen, mit ſtolzen, vornehmen Kut⸗ ſchern vorne, und in Livreen gekleideten Bedienten hinten auf, kreuzten ſich vor der Thür des Opernhauſes, als das anſpruchsloſe Paar von der Urwäder⸗Gaſſe ſich einen Weg durch das Gedränge ſuchte. Man gab eines von jenen Stücken, die in den Ruf gekommen ſind— ein hinreichender Grund für die Leute, ſich zu drängen, um es zu ſehen. Edith mit ihrem neuen Hute und ihrem verbliche⸗ nen, mit ſeidenen Franſen beſetzten Kaſimir⸗Mantel— dem letzten Reſt ihres ehemaligen Lurus— machte dem Namen, den ſie ſich zu Hauſe lachend ſelbſt gegeben hatte, keine Schande; ſie nannte ſich nämlich eine Sonn⸗ tagsfrau, das heißt: eine von jener Klaſſe von Sonn⸗ tagsfrauen, welche während der ganzen Woche wie Ar⸗ beitsameiſen im Schweiße ihres Antlitzes dafür arbeiten, daß ſie am Sonntage an dem Arme ihres Cavaliers, mit einem in dem Trödelladen gekauften eleganten Mantel einherſtolziren köͤnnen, welcher Mantel ehemals mit geweſen iſt, und folglich eben darum den neueren Schnitt des Hutes aufwiegen kann. Trotz dieſer kritiſchen Beſchaffenheit der Toilette, lag jedoch in Edith's feiner Schönheit und ſtets vor⸗ nehmen Haltung ein gewiſſes Etwas, das es einem Beobachter ſehr ſchwer gemacht haben würde, zu beſtim⸗ men, welcher Klaſſe ſie eigentlich angehöre. Mit Helmer wäre es vielleicht noch ſchwerer gemnſen. Seine große, herrliche Geſtalt, ſein bleiches, edles Geſicht, auf welchem ein Zug von kaltem, bitterem Stolz — dem Stolz der Armuth— ſo deutlich ausgeprägt war, ſtand in merklichem Contraſt gegen ſeinen faden⸗ ſcheinigen Ueberrock, der längſt von Blau in eine zwi⸗ ſchen Grau und Braun ſchillernde Farbe übergegangen war. Der ſchwarze Rock, den er darunter trug, hatte ebenfalls, trotz aller Verſuche Barhro's, jene Verwandt⸗ ſchaft mit der Zeit, welche gewiſſe Röcke zu einem ſo ängſtlichen Gegenſtande der Anſchauung macht. Helmer trug inzwiſchen den Ueberrock und den Rock mit eben 1⁵² der Würde, als wären beide neulich erſt vom Schneider gekommen, und dieß machte den Abſtand zwiſchen dem Beſitzer und ſeinem Rock noch merklicher. „Wie unachtſam fahren doch dieſe Kutſcher!“ ſagte Edith, und zog mit einem ganz kleinen Verdruſſe den Mantel feſter um ſich. „Sie würden ganz gewiß den Fußgängern größere Achtung beweiſen, wenn ihre Herren ehemals gewohnt geweſen wären, ſich in der Maſſe durchzudrängen. Aber Diejenigen, welche über ihre eigenen ECquipagen ge⸗ bieten, fragen im Allgemeinen nicht viel darnach, wie die Wichte, die keine haben, ſich durchhelfen.“ „Das iſt unglücklicher Weiſe wahr, Ernſt! Ich entſinne mich, daß auch ich einmal ganz bequem im Wagen lag und mit Ungeduld darauf wartete, daß der Kutſcher zufahren würde.“ „Sollteſt Du noch einmal einen ſolchen Platz in der Welt einnehmen,“ entgegnete Ernſt,„ſo würdeſt Du gewiß ganz andere Gefühle haben!“ „Ja, ganz gewiß!... Doch ſieh, welch ein glän⸗ ender Wagen dort hergerollt kommt, als wären wir knsmenſchen nur beſtimmt, um zur Wegebeſſerung über⸗ fahren zu werden!“ Als Edith dieß ſagte, war es ihr eben mit Hülfe ihres Mannes gelungen, auf die nächſten Steine vor der Hausflur des königlichen Theaters zu kommen; da je⸗ doch der Eingang ganz von Menſchen überfüllt war, ſo verzogen ſie einige Minuten draußen. In dieſem Augenblick hielt der elegante Wagen und der Fußtritt wurde von einem der beiden mitkom⸗ menden Bedienten herabgelaſſen. Wie von einem Zauber berührt blieb Edith unbe⸗ weglich ſtehen. In dem Wagen ſaß, nachläſſig an den prächtigen Ueberzug deſſelben gelehnt, eine junge Dame mit einem Ausſehen, als erwachte ſie eben aus dem Schlafe. Ihr Anzug war der ausgeſuchteſte von Allem, was, wo nicht der Geſchmack, ſo doch wenigſtens der Lurus zu 8 ————, ——,—-——— e ——2—9—— — 153 geben vermag. Aber die große Gleichgültigkeit, mit welcher ſie den an ihrer Seite ſitzenden Mann— er war meiner Treu nicht länger der anſpruchsloſe Bajazzo, ſondern ein ſtolzer, ernſter und vornehmer Magnat— ihre Hand nehmen ließ, um ihr beinn Ausſteigen be⸗ hülflich zu ſein, zeigte deutlich an, daß alle dieſe Pracht für ſie ſo ermüdend einförmig war, daß er ihrer Seele nicht einmal einen halben Gedanken zu entlocken vermochte. Lundin, beſtelle den Wagen um neun Uhr!“ ſagte ſie mit ſchleppender Stimme, und warf. dabei einen hal⸗ ben Blick auf den B Bedienten, der mit dem Theatergucker der gnädigen Frau in der Hand, da ſtand. „Willſt Du nicht das Stück“ zu Ende ſehen?“ fragte der vornehme Mann, ohne daß gleichwohl etwas Ueber⸗ redendes in ſeinem Tone lag. „Nein, dazu fehlt mir gewiß die Kräfbt⸗ war die kurze Antwort. „Geh Du vor uns her, Lundin, und, Mrache Platz!“ befahl der Herr, und bot hieraͤuf der Däme den Arm. „Hieher, Herr Baron!“ Und Lundin ſchickte ſich eben an, mit dem Arm die Leute hinweg zu ſchieben, welche am nächſten n ſtanden. Er hatte keine Ahnung davon, daß ſeine ehemalige junge Herrin ſſich unter dieſen befand und von ihm nur durch einige Frauenzimmer geſchieden war, deren Glied augenblicklich gebrochen wurde. Ehe. aber Lundin weiter kam, hatte Helmer, den Hut tief über das Geſicht ge⸗ drückt, ſich heftig umgewendet und mit ſeinem Rücken dem Bedienten eine ſo nachdrückliche Zurechtweiſung ge⸗ geben, daß dieſer fluchte und meinte,„es wäre doch der Satan ſelbſt, hier durchzukommen!“ „Wenn dieſe guten Leute ſich doch bei Zeiten hinweg begeben wollten!“ murmelte der Baron Lin dan— nin mer ſtehen ſte und ſperren den Weg!“ Edith zitterte an Händen und 7 üßen.. Ffte zitterte ſo heftig, daß ſie nicht im Stande dereiie ſein würde, ſich aufrecht zu halten, wenn nicht ihr Mann ſie geſtützt hätte. Ein launenhaftes Weib. IV. 41 154 Doch auch er zitterte gewaltig. Inſtinktmäßig ſuch⸗ ten ſie ihren gegenſeitigen Blicken auszuweichen. Aber ohne Worte und Blicke fühlten ſte, daß dieß der demü⸗ thigendſte Augenblick während ihres ganzen ehelichen Le⸗ bens war. Inzwiſchen war es Edith, die zuerſt das Beiſpiel von Faſſung gab. „Komm, Ernſt!“ flüſterte ſie, ohne darauf hinzu⸗ deuten, was ſie geſehen hatten:„das Stück könnte an⸗ fangen.“ „Du willſt doch nicht hinaufgehen?“ fragte Helmer. Der heftige, kurze Athem zeugte hinlänglich von der Stärke ſeiner Gemüthsbewegung. „Ja wohl... müſſen wir das nicht, Ernſt? Es wäre feige von uns, die wir nur einen einzigen Tag in vielen Monaten, ja im ganzen Jahre im Stande ſind, uns einen Genuß zu verſchaffen, wenn wir uns von der Eitelkeit und von einer falſchen Scham davon zurückhalten ließen. Wir ſitzen an der Seite der dritten Reihe, ſie wahrſcheinlich auf dem oberen Amphitheater ſie ſehen uns nicht. Laß uns auf jeden Fall gehen: da nieh Prüfung noch übrig war, ſo will ich ihr nicht ent⸗ iehen.“ „Du biſt ſtärker als ich, haſt aber vollkommen Recht! Es wäre feige, hier der Eitelkeit den Sieg ein⸗ zuräumen, und wenn ich richtig hörte, ſo waren die Beiden in dem glänzenden Wagen ärmer als wir.“ „Ja, ſo kam es mir auch vor. Sie hatte einen Anſtrich von Trägheit und Müdigkeit, den ich gar nicht bei ihr kenne... Ach, ſie hat keine Kinder!“ Inzwiſchen hatte das Gedränge ſich völlig aufge⸗ löst: unſer junges Paar ging nun ganz unbehindert an ſeinen Platz. Es dauerte eine Weile, ehe ſie den Muth hatten, ſich überzubücken und ihre Augen auf die eleganten un⸗ teren Regionen zu werfen. Als ſie es aber thaten, ſo bemerkten ſie keinen Menſchen, vor dem ſie zu erröthen brauchten,. —————— mals dieſes Schauſpiel. 1⁵⁵ Der Baron Linden und ſeine Freiherrin ſaßen wahr⸗ ſcheinlich an derſelben Seite in der Loge der erſten Reihe. Nach dieſer Entdeckung ging ein erleichternder Seuf⸗ zer aus der Bruſt der beiden Ehegatten.. Sie ſahen einander an, lächelten und begannen den Schauſpielzettel zu ſtudiren, den Helmer am Eingange gekauft hatte. 4 Glücklicher Weiſe war nun keine Prüfung weiter zu befürchten. Jetzt aber wird die Logenthür geöffnet. Ein junges, hübſches, gut gekleidetes Frauenzimmer mit bloßem Kopf und mit einer kleinen netten Capote tritt herein. Edith, die zufälliger Weiſe einen Blick auf ſie warf, vermuthete, daß ſie eine„Ladenmamſell“ oder etwas dergleichen wäre. Sie hatte ihren Platz hinter Edith. Kaum aber hatte ſie dieſen Platz in Beſitz genom⸗ men, ſo ging die Thüre von Neuem auf— und ohne ſich umzuwenden, vernahmen Helmer und Edith, daß eine bekannte Stimme folgende Worte ſagte: „Jungfer Marie! die Freiherrin fährt unt neun Uhr nach Hauſe: verſäume Sie ſich nicht!“ Dank, Lundin! Er könnte ſo gut ſein, heraufzu⸗ kommen, wenn Er mit dem Wagen zurückkehrt! Wenn ich aufpaſſe und die Freiherrin im Corridor treffe, ſo läßt ſie mich gewiß mitfahren.“ Lundin machte die Thür wieder zu ohne Antwort— vielleicht hatten ſeine Augen ſie gegeben. „O! Olga's Kammerjungfer und ich in Einer Loge!“ Edith drückte hart die Hand ihres Mannes. Der Vorhang ging auf. 4 Sie ſahen nichts, aber dennoch vergaß Edith nie⸗ 1 156 ſpä Siebenzehntes Capitel. Se Der zwölfte April. der er 3„Herr Gott, daß der Herr heute ſo lange ausbleibt!“ nn jammerte Barbro, indem ſie wenigſtens zum fünften Ol Male nach der Uhr ſah.„Der arme Janne hungert ſaf todt.. der Fiſch geht entzwei und die Kartoffeln wer⸗ der den kalt!“ Aa „Gedulde Dich, liebe Barbro!“ ermahnte Edith,— „die Uhr iſt ja erſt ein Viertel auf Drei, und Janne We erhielt eben einen Zwieback zu ſeinem Troſte.“ zu .„ Janne iſt ſehr hungrig, Mutter, Janne will noch mi einen Zwieback!“ rief der Knabe, indem er auf einem tau Stock, vor welchem die Miß geſpannt war, in vollem Galopp im Zimmer umherritt, wobei alle Einwendun⸗ gen, welche die Miß mit ihrem„Miau, Miau!“ machte, zu gar nichts dienten; denn obgleich Janne ſeine Miß in dem Grade liebte, daß er ſeine eigene Suppe, ja ſogar ſeinen eigenen Kaffee mit ihr theilen konnte, ſo war er doch im Ganzen ein kleiner Tyrann gegen ſie. . Inzwiſchen erhielt Janne gute Zeit, den Herrn zu ſpielen, und die Miß, ſich in der liebenswürdigſten und nothwendigſten von allen weiblichen Tugenden, in der Geduld, zu üben, denn die Uhr ſchlug halb, drei Viertel auf Drei und endlich Drei, ohne daß ihr Ver⸗ gnügen durch irgend etwas geſtört wurde. Jetzt begann auch Edith unruhig zu werden, wenn len auch wegen einer ganz andern Urſache, als Barbro. „Sollte es wohl möglich ſein,“ ſagte ſie zu ſich felbſt,„daß die kleine Schwäche, welche ich geſtern nich Abend im Schauſpiele verrieth, Ernſt beleidigt hätte?— Nein, das kann nicht ſein, denn auch er ſelbſt hatte dieſe Schwäche und noch dazu in einem weit höheren Grade. Aber das hindert nicht, daß er bitter verletzt werden konnte eben dadurch, daß ich.. Und mit erwachtem Kummer betrachtete ſie jetzt ſen Na * * * * ſpäter beobachtetes Schweigen von einer ganz andern Seite, als ſie bisher gethan hatte. „Alſo nicht aus Zartgefühl, ſondern aus Unzufrie⸗ denheit ſagte er geſtern Abend und auch heute früh, ehe er ausging, kein Wort! Mein Gott, wie unglücklich und wie dumm, daß ich dieſe Worte fallen ließ! Ob Olga's Kammerjungfer oder eine Andere in der Loge ſaß, was that das mir? Aber es wäre ſchrecklich, wenn der geringſte Verdacht in Ernſt's Seele geweckt würde!... Ach, er ſollte doch wohl wiſſen, daß ich auch hier“ — ſie warf einen muſternden Blick auf die dunkelgrauen Wände, die kleinen Fenſter und die wenigen, alten, nicht zu einander paſſenden Möbel—„ja, daß ich auch hier mir nicht für eine einzige Secunde Olga's Glück ein⸗ tauſchen wollte.“ „Nun, Frau! was ſagen ſie jetzt?“ fragte Barbro. „Ich will nicht ehrlich ſein, wenn ich einen einzigen Biſſen Fiſch ganz anſchaffen kann— und dieſer hat doch ſechzehn Schillinge gekoſtet!“ „Bekamſt Du den Hecht ſo billig? da haſt Du noch etwas übrig von dem Gelde, das ich Dir gab?“ „Gewiß habe ich— ganze zwölf Schillinge. Ich bin nicht verruͤckt, daß ich lebendige Fiſche kaufe... nein, nein, da hätte es das Doppelte gekoſtet. Dieſe garſtigen Fiſchweiber ſchämen ſich gar nicht!“ „Warſt Du bei der Putzhändlerin? Ich vergaß Dich zu fragen, was ſie antwortete.“ „Ich wuͤrde aber nicht vergeſſen haben, es zu erzäh⸗ len, wenn es ſich der Mühe verlohnt hätte, es zu hören.“ „Mein Gott! was ſagte ſie denn?“ „Daß dieſe Arbeit nun altmodiſch iſt, und daß ſie nicht mehuere Kragen nehmen kann.“ Die traurige Miene der getäuſchten Erwartung miſchte ſich mit der vorigen Unruhe auf Edith's Geſicht. „Dann ging ich aber aus eigenem Antriebe zu einer andern am Eiſenmarkte, und ſie ſagte, ſie könnte einige Nachtmützen brauchen... nein, Morgenmützen waren es... wenn ſie ſie bald bekäme,“ 1 . 8* 1⁵8 „Vortreffliche, gute Barbro! es wird mir ganz leicht ſein, ſte des Vormittags zu fertigen, wenn Ernſt auf dem Comptoir iſt... Ach, daß er nicht kommt... es iſt... Jetzt ſchlug die Uhr ein Viertel auf Vier. Aber in dieſem Augenblicke vernahm man auch eil⸗ fertige Schritte auf der Treppe. Gleich darauf riß Ernſt die Thür auf. Auf ſeiner Wange glänzte eine üppige Farbe und ſeine Augen ſtrahlten vor Freude, als er auf ſeine Frau zueilend faſt athemlos ausrief: „Edith! geliebte Edith! Gott hat unſere Geduld, unſere Liebe angeſehen... ſieh hier!“ Er warf einen Brief mit ſchwarzem Siegel auf den Tiſch.„Dieſer überzeugt uns, daß wir wenigſtens unſere finſterſten Tage geſehen haben.“ „In des Himmels Namen, Ernſt!“ rief Edith mit zitternder Stimme,„der Brief iſt wohl nicht von...“ „O, könnteſt Du glauben, ich würde jubeln bei einer Trauerpoſt, die Dir den tiefſten Schmerz verurſacht haben würde?“ entgegnete er vorwurfsvoll. „Ich weiß nicht, was ich ſagte, Ernſt! vergib mir, Du verwirrteſt mich. Doch woher kommt dieſer Brief? Rede!...o redel“ „Das werde ich hernach! Jetzt ſei glücklich in der Gewißheit, daß wir ſchon in einigen Tagen aus dieſen kalten, unangenehmen Löchern in eine nette und ange⸗ nehme, wenn auch kleine Wohnung ziehen.“ „Wohnung?“ „Gerade ſo ſagte ich und bin ſchon drei Stunden lang umhergelaufen, um nach den Anzeigen, die ich im Tageblatte fand, Zimmer zu miethen.“ „Was ſagſt Du?— Ich fürchte, daß ich nur träume!“ „Ich ſage, mein Engel, daß ich ſchon ein Local weiß, das Dir gefallen wird. O, wie froh wird unſer einziger Freund, der Doctor, ſein, wenn er uns in. un⸗ ſerer neuen Wohnung beſucht! Doch ſoll er nichts wiſſen, ehe wir umgezogen ſind. Blumen, die Du ſo gerne haſt, habe ich ſchon für alle Fenſter beſtellt... die * 159 ſchöne Gruppe, die wir auf dem Wege in's Schauſpiel in dem Fenſter des Gypsarbeiters ſahen, ſoll uns eben⸗ falls Geſellſchaft leiſten. Und es wäre eine Ungerechtig⸗ keit gegen das Schickſal, wenn ich daran zweifelte, daß ich nicht irgendwo einen ſolchen kleinen Sopha auffiſchen werde, wie Du ihn in dem Schlafzimmer auf Lärkhol⸗ men hatteſt; zweifle nicht, ich gebe mir nicht eher Ruhe — o, Du ſollſt ſehen, Du ſollſt ſehen!“ Edith war geblendet bei allen dieſen ſo unvermuthe⸗ ten und glänzenden Ausſichten. Und weder ſie noch auch Ernſt wußten, wie oder was ſie aßen. Niemand hörte auf Barbro's Entſchuldigungen über den zerfallenen Fiſch, woran ſie auch gewiß nicht Schuld war. Nur Janne beehrte die großen gelben Kartoffeln, welche faſt ganz allein auf dem Tiſche figurirten, bis ſie Geſellſchaft erhielten an einer großen Kumme Hage⸗ buttenſuppe, von welcher Barbro erklärte, die Herrſchaf⸗ ten müßten davon eſſen, weil ſie von den letzten Hage⸗ butten gekocht wäre, welche ſie mit vom Lande gebracht hätten. „O, ſchwatze nur nicht von Deinen Hagebutten, liebe Barbro!“ antwortete Ernſt fröhlich.„Morgen gehſt Du aus und kaufſt Dir das ſchönſte Tuch, das Du finden kannſt; und dann bekommſt Du endlich die Freude, Janne mit grünen ſafſianenen Schnürſtiefeln auszuputzen, wovon Du immer geträumt haſt!“ „Herr Jeſſes!“ rief Barbro aus, die von allen die⸗ ſen Worten nicht ein einziges verſtand, da ſie eben aus der Küche kam,„ſollte Jemand außer Landes geſtorben ſein, wie es bisweilen in den Papieren ſteht, und Sie erben?“ Ernſt nickte geheimnißvoll, und nachdem der Tiſch ab⸗ gedeckt war, und Barbro und Janne ſich in das innere Zimmer zurückgezogen hatten, ſetzte er ſich mit ſeiner Gattin vertraulich und froh auf den alten wackligen Sopha, dieſen wirklichen Doppelgänger der blau ange⸗ ſtrichenen Sopha's der Statthalterin.“ Edith war nahe daran, vor Neugierde zu vergehen; ———; Nf 9 160 ſie hatte kaum Zeit und Luſt, die liebevollen Schmeiche⸗ leien ihres Mannes zu erwiedern. Endlich begann Ernſt: „Sieh, Geliebte, wie bewunderungswürdig die Vor⸗ ſehung Alles zum Beſten lenkt! Dieſes Ereigniß iſt wirklich würdig, Onkel Janne's viele Beiſpiele uͤber den Satz, daß man nie verzweifeln darf, zu bereichern.“ „Aber ſo eile doch, mein Beſter! Ich muß geſtehen, daß ich gar nicht geneigt bin zum Reflectiren— ich will genießen!“ 1 „So höre denn, Du Ungeduldige! Als ich vor zehn Jahren mein ererbtes Gut antrat...“ Hier erzäͤhlte Ernſt ſeiner Frau den entdeckten Mangel in den Buchern ſeines Vaters, die Urſache deſſelben und die darauf fol⸗ gende nothgedrungene Aufopferung, worauf er fortfuhr: „Es war hart für mich, der ich ſchon ſo übel daran war, den Anſprüchen dieſes Weibes eine ſo bedeutende Aufopferung zu machen. Aber Du ſiehſt wohl ein, Ge⸗ liebte, wozu ein Sohn, der ſeine Mutter liebt und ver⸗ ehrt, im Stande iſt, von ihr einen Schmerz zu ent⸗ fernen, der tiefer iſt, als daß die Liebe eines Sohnes ihn jemals heilen kann. Auch war ich dieſen armen Kindern etwas ſchuldig— mit einem Worte: ich erfüllte eine Pflicht, und dieß bringt mir jetzt durch den Tod der Mamſell Hermina B. meine ſechstauſend Reichs⸗ thaler Banco, von denen ſie die Zinſen immer erhielt, wieder ein.“ „Ach Ernſt, theurer Ernſt, wie ſtolz bin ich über Dich!“ ſagte Edith, indem ſie mit der größten Zärtlich⸗ keit die Augen auf ihren Gatten heftete...„O, hätte nur Deine Mutter Deine edle Handlung ahnen können!“ „Sie erfuhr das unglückliche Geheimniß, wenn auch nicht durch mich. In meiner Abweſenheit hatte die liſtige Mamſell B.— wahrſcheinlich in der Hoffnung, noch mehr zu gewinnen, und erbittert auf mich, weil ich das Capital ſo geſtellt hatte, daß ſie nicht an daſſelbe kom⸗ men konnte— meine Mutter beſucht. Dieſes erzählte * ſie mir erſt auf dem Sterbebette, aber ſie ſagte mir ———————— ——— — — 161 8 dabei auch einige ſchöne Worte, an die ich ſeitden immer mit dem größten Glücke mich erinnert habe.“ „Und was enthielten dieſe Worte?“ „Eine holde Verſicherung, daß das Glück der Mut⸗ ter über das Feingefühl des Sohnes die geheimen Thrä⸗ nen der Gattin erſetzt hätten.“ „Das glaube ich. Aber dennoch, welch ein ſchreck⸗ liches Leiden muß es geweſen ſein, über denjenigen zu klagen, der todt war, zu ſehen, daß ſie zwölf Jahre lang betrogen war, da ſie allein in ſeinem Herzen zu wohnen glaubte!... Ach, Ernſt, wenn das mein Loos würde, hätte ich wohl den Muth, es zu überleben? Ich zweifle daran.“ „Wenn das Dein Loos würde?“ wiederholte Ernſt lächelnd.„O, Du hältſt mich ſchon beſſer feſt!“ „War nicht Deine Mutter ſchön, Ernſt? war ſie nicht ſanft, einnehmend, edel?... und ihr Mann ver⸗ ließ ſie dennoch!“ „Meine Geliebte, Du vergiſſeſt eine Sache!“ „Welche?“ „Daß die Liebe, welche meine Eltern vereinigte, nicht geprüft und gereinigt worden iſt, wie die unſrige.“ „Das iſt wahr!“ „Mein Vater hatte meine Mutter ſo geliebt, wie man in der Jugend liebt, und ſo, wie man liebt, wenn man ein feuriges, aber flüchtiges Gemüth hat. Ich bin in den Jahren unſerer Vereinigung allmälig immer mehr und mehr durchdrungen worden von dem Gefühle, welches nur einem Manne möglich iſt, der nicht mehr als einer Liebe mächtig iſt— ich meine das Gefühl, welches die Sinne mit der Seele vereinigt, welches die Liebe in eine wärmere und tiefere Anbetung verwandelt, als gewöhnlich unter dieſem Worte begriffen wird.“ „Gut,“ ſagte Edith froh;„jetzt bin ich zufrieden!... Laß uns nun wieder auf unſer Capital kommen!... Sechstauſend Reichsthaler Banco! das iſt ja etwas ganz Unerhörtes!“ 5 „Ja, für uns: in unſerer jetzigen Lage iſt es wirk⸗ lich ein Vermögen.* 16² „Und ein Vermögen, das Segen bringen wird, mein Ernſt; denn es iſt die Frucht von einer edlen Ausſaat. 24 „Wenigſtens,"entgegnete er,„wird es ein großes Glück bringen— bedenke nur meine Gefühle dabei, daß ich d Dir wieder einen kleinen Wohlſtand bereiten kann!“ Einige Tage ſpäter war die kleine Familie von der Urwäder⸗Gaſſe in eine kleine Dachwohnung gezogen, die außer Barbro's eigener Kammer drei ganze Zimmer enthielt— und das noch dazu an einer rechten Straße! Achtzehntes Capitel. Die Frau, die Geliebte und der Mann. „Ich gehe auf eine Junggeſellenmittagsmahlzeit, meine Liebe ſagte der Baron Linden, indem er vor dem Wandſpiegel in dem Salon ſeiner Frau ſtehend, da⸗ mit beſchäftigt war, ſeine Locken und ſeinen Schnurrbart in Ordnung zu bringen. „Gehſt Du?“ antwortete die Freiherrin, welche, be⸗ graben in einem Ruheſeſſel, ſich nicht einmal die Mühe gab, ihre Augenlider zu bewegen. „Ich hoffe, Du biſt nicht traurig darüber, mein Engel?“ „Behüte, nein!“ „ und Dir wird die Zeit nicht allzu lang werden?“ „ Das hoffe ich auch.“ „Mamſell Octavie erſinnt wohl etwas zu Deiner Zerſtreuung!“ „Dießmal denke ich es zu übernehmen, die Mamſell Octavie zu zerſtreuen.“ „Du biſt ſehr gütig— aber ſie verdient es auch!“ „Ja, ich weiß.“ „Sie liebt Dich ſo uneigennützig!“ „Ganz uneigennützig.“ „Und nun lebe wohl, meine ſüße Olga!... Darf ic Deine Hand küſſen?— Du weißt, ich thue das ρ— 163 genau mit ebenſo vielem Vergnügen, als am Morgen nach unſerer Hochzeit!“ „Ja, ungefähr.“ Die junge Freiherrin behielt ihre unbewegliche Lage bei! aber der Mann ſchien ſich nicht zu geniren; er nahm drei von den Fingerſpitzen ſeiner Frau, berührte ſie leicht mit ſeinen Lippen und eilte dann hinaus, indem er die Arie einer neuen Favoritoper ſummte. Olga verblieb eine volle Viertelſtunde in dieſem Zuſtande der Trägheit, und das einzige Zeichen, daß ſie einiges Gefühl hatte, war der unbewußte Aerger, womit ſie dann und wann die Quaſten des Ruheſeſſels auf- und abwarf. Jetzt trat die Mamſell Octavie ein. Sie trug ihr Haupt ſo hoch, wie nur irgend eine allmächtige Geſellſchaftsdame es tragen kann; daneben aber hatte ſie einen weit freieren und fröhlicheren Ton angenommen, als damals, da ſie an ihrer Leidenſchaft für Helmer und zugleich an dem Zwange litt, unter der Aufſicht der Hofräthin zu ſtehen. „Sieh, unſere kleine gnädige Frau! ſo einſam und gedankenvoll!... Ich bin in der Stadt geweſen und habe eingehandelt... Iſt das nicht ein geſchmackvolles Muſter? Ich habe an eine Surpriſe für die Hofräthin gedacht, wenn wir nach Hauſe kommen.“ „ und Mutter denkt uns mit einer Viſite hierin Stockholm zu beehren— wir können ſie gegen das Ende der Woche erwarten.“ 4 „Aber mein Gott, davon habe ich ja noch kein Wort gehört! Ich glaube nicht einmal, daß der Baron es weiß.“ „Nein, aber er ſoll es erfahren. Inzwiſchen...“ Olga hielt inne. Mamſell Octavie ſchien verwundert zu ſein. „Ich glaube, die Freiherrin wollte noch etwas ſagen?“ „Nur das wollte ich ſagen: weil ich etwas zu denken habe, ſo beabſichtige ich, allein zu ſpeiſen. Wenn aber —* —— 164 Mamſell Octavie um fünf Uhr wieder zu kommen beliebt, ſo werde ich ihr etwas mitzutheilen haben.“ Dieſes vornehme Air, dieſer kalte Ton machte die ehemalige Gouvernante zwar keinesweges verwirrt, ärgerte ſte jedoch um ſo mehr. Sie hatte ſchon oft bemerkt, daß Olga es für nothwendig erachtete, zwiſchen ſich und ihre vorige Lehrerin eine gewiſſe Schranke zu errichten; doch ſo deutlich war das noch niemals geſchehen...„Ich ſpeiſe allein!.. die Wangen der Mamſell Octavie glühten — daß ſie es gewagt hatte, ſie ſo zu beleidigen! Dennoch war ſie viel zu ſtolz, ihrem Verdruſſe Luft zu machen: ſie hatte ja ſchon früher ihre Zeit abgewartet, und das konnte ſie wohl noch einmal. Mittag war vorüber. Die Freiherrin ſaß jetzt am Fenſter und betrachtete mit gleichgültigen Blicken die Fahrenden und Gehenden, welche ſich an dem ſchönen Frühlingstage die Regierungs⸗ ſtraße auf⸗ und abbewegten. „Ach, wie langweilig das hier iſt!“ rief ſie endlich aus.„Was kümmert mich alles dieſes Gewimmel, dieſes Gelaufe und Geſpringe— ich kann nur diejenigen be⸗ neiden, welche etwas zu thun, welche Eile haben, vorwärts zu kommen.“ Ihr Haupt ſank auf die Hand herab. „Ich habe keine Eile; ich erwarte nichts, denn ich weiß, daß ich bei dieſer Einförmigkeit an der Schwind⸗ ſucht ſterbe. Dieſe Leute dort“— ſie erhob den Blick und ließ ihn über eine Reihe von hübſchen Dachfenſtern hingleiten, welche dem niedrigeren Hauſe gegenüber an⸗ gehörten—„dieſe Leute ſind gewiß tauſendmal glück⸗ licher: ſie haben wahrſcheinlich nicht Zeit zu gähnen... vielleicht ſind die ſchönen Blumen, welche die Fenſter zieren, ihr einziger Reichthum.“ Sie fuhr fort nach der kleinen Wohnung hinüber zu ſpähen, die ihr ſo angenehm vorkam. 5. 165 „O,“ rief ſie aus und beugte ſich eifrig vorwärts, „ſie haben einen weit köſtlicheren Reichthum Welch ein Engelgeſicht hat dieſes Kind, das ſo fröhlich durch die grünen Bäume hindurch blickt! Ich begreife nicht, daß ich nicht das Alles ſchon bemerkt habe— und doch habe ich mehrmals nach dieſen Fenſtern geblickt.“ Olga konnte es natürlicher Weiſe nicht wiſſen, daß die Wohnung wegen eines Todesfalles einige Monate leer geſtanden und erſt ganz neulich andere Miethsleute erhalten hatte. Die reiche, die beneidete Freiherrin von Linden— die ja doch ſelbſt ſehr gut wußte, daß ihr nicht ihre Perſon, ſondern ihr Reichthum Anſehen und Reize gab— war froh, daß ſie an den anſpruchsloſen Dachfenſtern einen Gegenſtand gefunden hatte, der ſie nicht ermüdete, ſondern zerſtreute. Sie ſaß noch da, als die Uhr fünf ſchlug und Mamſell Octavie eintrat. „Ich bin ſehr pünktlich mit der Zeit geweſen,“ ſagte die Ergouvernante,“ denn ich verſtand, daß nicht eine Freundin, ſondern eine Herrin mich zu rufen beliebte.“ „Es war keine von beiden, Mamſell!“ entgegnete Olga und betrachtete mit einem Blick der tiefſten Ver⸗ achtung die ganz unbefangene Oectavie. „Wer war es denn?“ „Es war eine beleidigte Gattin, die ſich nicht zu Vorwürfen, noch weniger zu Erklärungen herablaſſen will, ſondern Sie ganz einfach erſucht, morgen um dieſe Zeit ihr Haus verlaſſen zu haben!“ „Was bedeutet das?“ rief das kühne Weib mit einem herausfordernden Blicke.„Begegnet man mir auf dieſe Art? Soll ich zum Dank für alle meine Bemühungen ſo beleidigt und verunglimpft werden?— Das iſt, bei Gott! allzuviel!“ „Still, Mamſell! Es ſteht Ihnen in keinen Hinſicht an, dieſen Ton gegen mich anzunehmen! Ich habe längſt das Verhältniß gekannt, welches zwiſchen Ihnen und meinem Manne ſtattfindet und gehofft, es würde ein 166 Fünkchen von Ehre bei Einem von ihnen mir alle Er⸗ klärungen ſparen. Das iſt nicht geſchehen; und wiſſen Sie, ich habe dieſe Reiſe einzig und allein aus der Ur⸗ ſache beſchloſſen, daß Sie ohne Aufſehen Gelegenheit finden möchten, Ihre Stelle als meine Geſellſchafts⸗ dame zu verlaſſen.“ „Oh, das haben wir noch nicht geſehen! Wenn es mir daran läge, nach einer ſolchen Behandlung hier zu bleiben, ſo glaube ich wirklich, es möchte etwas windig ausſehen, mich...“ „Verlaſſen Sie mich!“ fiel Olga mit wirklicher Würde ein.„Ich habe Ihnen geſagt, was Sie zu wiſſen brauchen und rathe Ihnen, meinen Befehlen nachzu⸗ kommen! Wo nicht, ſo...“ „Wo nicht?“ „So bleibt der Scandal auf Ihrer Seite, Mamſell; denn merken Sie: meine Mutter weiß Alles— ſie dürfte nicht ſo ſchonend mit Ihnen umgehen, wenn ſie kommt.“ Vor Wuth beinahe erſtickt, flog Mamſell Octavie zur Thüre hinaus, und da ſie keinesweges Luſt hatte, nach Demjenigen, was jetzt vorgefallen war, die Hof⸗ räthin noch zu treffen, ſo fing ſie ſogleich an, ihre Sachen durch einander zu werfen, indem ſie den Jungfern er⸗ ählte, daß die unerträglich mürriſche Laune der gnädigen Vehn es ihr nicht länger erlauben könnte, zu bleiben, um ſich unter der kleinen Tyrannin, dem undankbaren Weſen, das ihr die ganze Erziehung zu verdanken hätte, zu Tode peinigen zu laſſen. „Nun, es iſt gut, es iſt gut!“ ſo plauderte ſie vor ihren verwunderten Zuhörerinnen,„meine Verwandten, in Norrland haben mich ſchon ſo lange um einen Be⸗ ſuch gebeten und gefleht, daß ich mich faſt mit ihnen allen entzweit hätte, weil ich ſo ſchwach war, daß ich das Schäfchen nicht verlaſſen wollte. Nun aber reiſe ich— das habe ich ihr entſchieden und beſtimmt geſagt; und es ſoll lächerlich zu hören ſein, wie ſie ſich ohne mich helfen wird. Ich meines Theils weiß nur: wenn ſie auch auf ihren bloßen Knieen läge und mich anflehte, —᷑—᷑—;—ʒ:—·„ ,·,·yéõ— —½— — .———õ———,—— —— 8NSSANSE US 167 ich möchte bleiben, ſo thäte ich es dennoch nicht... Ziehe den Koffer vor, Marie!“ Gegen Morgen um drei Uhr kam der Baron von ſeinem Junggeſellenmittag zurück. Die Zimmer der Mamſell Octavie lagen an der ihein Seite des Speiſeſaales, durch welchen er paſſiren mußte. Mit Verwunderung ſah der Baron die Thüre offen und Licht ſich hin und her bewegen. Die verabſchiedete Geſellſchaftsdame war jetzt allein und beſchäftigt ihre Koffer vor offenem Vorhange zu packen— ſie wußte recht gut, was ſie that. „Was in des Himmels Namen gibt es hier?“ flüſterte der Baron, welcher zwar ein wenig aufgeſpielt, aber doch keinesweges überlaſtet war—„Sollteſt Du, mein tröſtender Engel, eine kleine Revolution vorgenom⸗ men haben, um Dich bis zu meiner Rückkehr zu zer⸗ ſtreuen? Antworte, holder Engel! was gibt's?“ „Was es gibt? Ja, frage darnach! Das gezierte Huhn drinnen hat mir die ſchändlichſten Dinge geſagt...“ „Was hat ſie denn geſagt?“ „Genug— ſie hat Alles durchſchaut: ich habe meinen Abſchied erhalten und reiſe gleich morgen früh.“ „Geſchwätz, Geſchwätz, meine Liebe!— Du reiſeſt „Aber ich ſage ja: ſie weiß Alles, hat es ſchon längſt gewußt!“ „Hat ſie es lange gewußt, à la bonne heure, um ſo beſſer! Da iſt ſie alſo nicht eiferſüchtig.“ „O nein, gewiß nicht: ſie ſetzt nicht mehr Werth auf Dich, mein armer Abbé, als ich auf dieſen Pan⸗ toffel!“... und mit einem höhniſchen Gelächter ſtieß Octavie mit dem Fuße den armen Pantoffel, daß er weit weg in die Ofenecke flog... „Nun, nun, meine ſchöne Beherrſcherin, nicht die⸗ ſen Ton.. er entſtellt Dich! Die Kleine hat ihre ni 168 Kindereien im Kopfe, das kann wohl möglich ſein; ſie thut aber dennoch Alles, was ich will.“ „Ja, well ſie ſo gleichguͤltig iſt, daß ſie ſich nicht einmal mit Widerſprüchen abgeben will. Glaube aber, ſie nahm geſtern Abend gegen mich einen Ton an, der Nun, nun, ich gratulire zu dem téte à teéte, das Deiner morgen früh wartet!“ „Reize mich nicht, Octavie, wozu dient das?“ „Nein, das iſt wahr, mein guter Freund, das wäre wirklich unrecht von mir, beſonders da Du ganz artig Deinen kleinen Aerger verbergen wirſt.“ „So, meinſt Du das?“ „Ach ja, was ſollte ich ſonſt meinen!— Ein Mann, der dem Reichthum ſeiner Gattin ſubordinirt iſt, muß ja immer ihr ergebenſter Diener ſein.“ „Höre, Octavie!“ ſagte der Baron, indem eine dunklere Röthe als die, weſche ſchon auf ſeinem Geſichte war, ſich über daſſelbe zu verbreiten begann;„Du kennſt mich nicht, wenn Du glaubſt, ich bedurfe dieſer Stiche, um zu dem Gefühl meiner eigenen Würde t Jerrißt zu werden!“ „O der Tauſend!“ „Ich habe Urſachen gehabt, Olga gut zu behandeln, denn ſie hat ſich ſtets vernünftig gezeigt in ſolchen Punk⸗ ten, worin ein Mann Gründe hat, ſeiner Frau für ihre Nachſicht zu danken; kommt es jedoch dahin, daß ſie ihre Taktik ändert, ſo möchte es ſich ereignen, daß ich ebenfalls die meinige ändere!“ „Wir werden ſehen!... Ich habe noch eine Neuig⸗ keit mitzutheilen. 4 „Nun? „Die Hofräthin kommt in einigen Tagen hieher!“ „Was Teufel! meine Schwiegermutter?“ „Und ſie weiß Alles!“ „Hol's der Teufel!“ „Dieſe ganze Reiſe war arrangirt, um mir Gele⸗ genheit zu einer anſtändigen Retraite ohne Aufſehen zu unrſchaffen. .† hele⸗ ehen 169 Bei dieſen Neuigkeiten war der Baron gezwungen, ſich zu ſetzen. Seine Schwiegermutter als Richterin!... „Satan!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen. „Samiel hilf!“ declamirte Octavie, in den ehema⸗ ligen Ton ihres Liebhabers einfallend. „So?“ rief er jetzt wirklich gereizt aus,„Du— Du, um derentwillen dieſe ſakramentiſche Sturzſee über mich kommt, Du beliebſt...“ „Ja, ich beliebe, Dich daran zu erinnern, daß ich meine Liebe nicht ausgeboten habe, und daß ich die in jeder Beziehung Beleidigte bin, und daß ich den Mann verachte, der nicht vor allen Dingen das Mädchen ſchützt, deren Unſchuld er verletzt, deren Ehre er gekränkt hat!“ „Wird nicht das ein wenig allzu ſtark, ma chére Amie? Du biſt wirklich... wirklich 4 „Was denn?“... „Ein wenig unverſchämt! Habe ich nicht genug mit zwei Weibern gegen mich? Sollſt auch Du noch Auf⸗ ruhr machen?... Aber Du ſollſt Dich beruhigen: ver⸗ ſprichſt Du mir das nicht? Es gibt hier in Stockholm ſo viele nette Wohnungen, und.. „O Schande und Entehrung!“ rief die gereizte Ge⸗ liebte,„mir, mir eine Wohnung anzubieten!— Nein, wiſſe, ich habe ſo viele Ehre, daß ich in demſelben Augenblicke, da ich meinen Gehelſchatsplaßz bei Olga nicht länger bekleiden kann, mit Abſcheu und Verachtung Alles von mir weiſe, was einen Schatten auf meinen Ruf werfen kann. Hätte ich mich jemals zu dieſer verächtlichen Rolle erniedrigen wollen, die Du mich ſpielen laſſen willſt, ſo hätte ich über Haus und Land⸗ gut, und nicht bloß über eine armſelige Wohnung ge⸗ ieten können: es gab eine Zeit, da Mörnburg Alles hätte zu meinen Füßen legen wollen. Doch genug: hier bedarf es keiner weiteren Erklärungen— ich reiſe zu meinen Verwandten in Norrland!“ Der Baron— obgleich immer noch gefeſſelt von dieſer liſtigen Kokette, die bald die Sirene, bald die ehrbare, beleidigte Tugend, bald eine recht deſpotiſche Ein launenhaftes Weib. IV. 12 ———y—— —— 170 Herrſcherin ſpielte— ſah doch ein, daß für den Augen⸗ blick nichts beſſer ſein konnte, als dieſe Reiſe. „Octavie!“ ſagte er ſchnell,„ich will Dich nicht länger mit dieſem Vorſchlage beleidigen— es war eine verflogene Idee, hervorgerufen durch den Schmerz, den ich bei dem Gedanken an eine Trennung von Dir em⸗ pfinden mußte... So reiſe denn! Eines Tages dürften die Verhältniſſe ſich anders geſtalten, und dann...“ „Dann bin ich vergeſſen!“ 4 Hier floß eine etwas zärtlichere Scene ein. Doch die zerſtreuten Sinne des Barons erlaubten ihm nicht, allzu ſehr bei dem Schmerze des Abſchiedes zu leiden, denn in dieſer Sache ſeiner Frau und ſeiner mächtigen Schwiegermutter ganz offenbar zu trotzen, konnte keinen Augenblick ein Gegenſtand ſeiner Ueber⸗ legung ſein. Hiezu kam noch, daß er an den Schimpf denken mußte, den er Olga zugefügt hatte. So lange ſie nichts davon wußte, oder ſich ſtellte, als wiſſe ſie nichts, bedeutete eine Untreue nichts; nachdem ſie dieſelbe jedoch entdeckt hatte, mußte man auf den„Anſtand“ Ruckſicht nehmen. Beim Kaffeetiſche trafen ſich am folgenden Morgen der Ehemann und ſeine Frau. Der Baron konnte trotz ſeiner gewöhnlichen Unge⸗ nirtheit dießmal keine Miene hervorbringen, in welcher nicht Verlegenheit lag. Olga dagegen zeigte ſich ganz wie gewöhnlich. So lange ſie Kaffee tranken, ſchwiegen beide; als aber das Service hinausgetragen war, begann die junge Freiherrin ohne alle Einleitung: „Hat die Mamſell Octavie Dich von dem Befehle benachrichtigt, den ich ihr geſtern Abend gab?“ 4 „Sie hat mir geſagt.. das heißt, ich habe mit Verwunderung... ich bin erſtaunt...“ „Ja, Du haſt vielleicht Urſache über die Paſſivität 171 erſtaunt zu ſein, welche mir erlaubt hat, dieſen Schritt ſo lange aufzuſchieben. Doch gleich meiner Mutter haſſe ich alle ſogenannten Scenen— wir haben in unſerer Familie genug davon gehabt, und darum wartete ich, bis ein Bruch ohne allen Eclat geſchehen konnte.“ Der Baron wollte antworten, doch die Worte blie⸗ ben ihm buchſtäblich im Halſe ſitzen. „Ich hoffe, Du wirſt zufrieden ſein mit der Deli⸗ cateſſe, die ich bewieſen habe?“ Noch verblieb der Ehemann ſtill; er fühlte, daß ſein Blut wärmer ſiedete, als es in langer Zeit der Fall geweſen. Kein einziger Vorwurf, kein einziger ärgerlicher Aus⸗ druck, keine einzige Thräne, kein einziges Ach und O, welches eine Hindeutung ſein konnte, daß Olga ſich ver⸗ letzt fühlte! Sie behandelte dieſe ganze Angelegenheit nur als eine häusliche Affaire, weiter nichts. „Ich könnte die ganze Sache abläugnen,“ antwor⸗ tete er endlich, gereizt von ihrer Ruhe;„doch wenn ich nach der Art und Weiſe urtheilen darf, womit Du ſie behandelſt, ſo wirſt Du wenigſtens nicht in der Ver⸗ zweiflung über die Fehler Deines Mannes ſterben.“ „Zum Unglück für uns Beide,“ entgegnete Olga, indem ſie ihren Blick ſenkte,„habe ich gar keine Ver⸗ zweiflung empfunden; das ſind bedauernswuͤrdige Zeichen; doch Du wenigſtens darfſt ſie nicht übel nehmen; denn über Deine Gefühle ſpricht ſich das Vorgefallene hin⸗ länglich aus.“ „Olga! ich ſchwöre, daß meine Reue, daß mein ganzes Leben“— der Baron ſah plötzlich die Nothwen⸗ digkeit ein, daß er ſeinen Actien durch eine große, effect⸗ reiche Scene helfen müßte—„ja, ich ſchwöre, theure, beleidigte Gattin! hat es jemals einen Mann gegeben, deſſen Herz mitten in der verblendenden Verführung die Macht der Gewiſſensqualen empfunden hat, ſo bin ich es geweſen, der, ſtets verfolgt von Deinem reinen Bilde...“ Olga machte eine Bewegung der Ungeduld und unter⸗ brach den bombaſtiſchen Wortſchwall mit folgenden Worten: „Ich befreie Dich davon, noch mehir in ſchwören, — —.— 4 4 1 1 4 A 3 1 —— 172 nachdem Du einmal den Eid gebrochen haſt, welchen Du mir im Brautſtuhl ſchwurſt. Lebe nach Deinem eigenen Wohlgefallen, aber reſpectire das Haus, in welchem Deine Gattin wohnt! Wir haben keine Kinder, wir lieben einander nicht, haben alſo keine feinen Ge⸗ fühle zu verletzen, kein häusliches Glück zu verlieren, aber wir haben dagegen unſere Ehre, unſer äußeres Anſehen zu bewahren, und ich bitte Dich, auf Beides Rückſicht zu nehmen.“ Aber was ſind das für gräßliche Worte, die Du mit einer ſolchen ſchrecklichen Kälte ausſprichſt, meine angebetete Gattin! Lieben wir denn einander nicht? O, glaube nicht, daß das Gefühl eines flüchtigen Sinnen⸗ rauſches die ſtarfe und reine Liebe zerſtört, die...“ „Die Du niemals gegen mich gehegt haſt— und die ich niemals gegen Dich gehegt habe! Ich war ein Kind, das Du durch alle jene Kuͤnſte und Aufzüge ver⸗ führteſt, welche ganz dazu paſſen konnten, ein Kind zu beluſtigen. Damals wußte ich noch gar nicht, was das Herz eigentlich iſt, und nahm daher die falſche Münze, die Du mir in Deinen Liebesphraſen gabſt, als ganz echt an. Doch von dem Augenblicke an, da ich das Spiel auffaßte, welches Du mit mir getrieben hatteſt und noch triebſt, da verſtand ich— aus der Kälte, aus der Gleichgültigkeit, welche ich anſtatt des Schmerzes empfand— daß mein Herz ſchon abgeſtorben war, ehe es noch erwacht war.. Und nun laß uns endigen! Mutter kommt in dieſer Woche hieher; aber Du kannſt ruhig ſein: nachdem wir dieſe Sache unter uns abge⸗ macht haben, wird ſie kein Wort ſagen— Alles bleibt bei der alten Einförmigkeit.“ „Bei der alten Einförmigkeit!“ wiederholte der Ba⸗ ron mit einem Tone, der ſehr bitter klingen ſollte. Aber es wurde ihm ganz außerordentlich ſchwer, dieſe Bitterkeit jetzt hervorzubringen, da ſein Herz vor Freuden huͤpfte bei der angenehmen Nachricht, daß hie⸗ mit Alles ein Ende haben würde. Olga ſchien nichts zu hören. —— t 1 NS — & π̈—— u= —0& ⏑8A&A ℳAN N— K8 N 7 ihren Schwiegerſohn nicht in's Verhör nehmen zu wollen. germutter bis in den Staub hinabſenkte, dermaßen in 173 8 „Ich verſtehe“— der Baron nahm eine tragiſche Miene an, indem er ſich der Thür näherte...„Mein Urtheil iſt geſprochen, und ich muß gehorchen! Doch ſei überzeugt, o Olga, daß Du in meinen Augen no nie einen ſolchen Werth, ein ſolches Intereſſe gehabt haſt, wie jetzt; denn erſt wenn wir nahe daran ſind, einen Schatz zu verlieren, ſehen wir klar ſeinen wahren Gehalt. Und höre mein letztes Wort: wenn ich auch genöthigt bin, zu glauben, daß ich niemals Deine Liebe beſeſſen habe, ſo ſoll doch mein ganzes noch übriges Leben ein einziger unaufhörlicher Gedanke an die Mög⸗ lichkeit und an die Art und Weiſe ſein, ſie mir zu er⸗ werben!“ Und mit majeſtätiſchen Schritten, ſo wie der Schau⸗ ſpieler von der Bühne abtritt, verließ der Baron das Zimmer ſeiner Frau. In der That hatte ſeine Frau ihm auch noch niemals ein ſolches Intereſſe eingeflößt wie jetzt, da er nicht länger auf ſie einwirken konnte. Neunzehntes Capitel. Im Wagen, in der Dachſtube und im Salon. Einige Tage waren verfloſſen, in denen Folgendes vorgefallen war: Mamſell Octavie war, wie das Sprüchwort ſagt, über Hals und Kopf dem Rufe ihrer theuren Verwandten gefolgt und nach Norrland gereist. Die Hofräthin war angekommen. Mutter und Toch⸗ ter hatten ſich gegen einander ausgeſprochen, und jene auf Olga's anhaltende Bitten das Verſprechen gegeben, Dieſer Schwiegerſohn aber war durch die ſelaviſche Demuth, mit welcher er ſich vor ſeiner gnädigen Schwi 174 ihrer Achtung geſunken, daß ſie ſich mit wirklichem Wi⸗ derwillen von ihm abwendete. Es hatte ihm nicht an Muth und Schamloſigkeit gefehlt, ſeine Frau zu beleidigen, nun aber glich er einem Haſen, als er in zitternder Furcht ging, dieſe Frau möchte vielleicht nicht im Stande ſein, ihn vor dem Verweiſe zu ſchützen, den er verdient zu haben, ſelbſt eingeſtand. Dennoch unterblieb dieſer Verweis— nicht allein aber unterblieb dieſer: auch das alte vertrauliche Verhältniß zwiſchen dem Schwiegerſohne und der Schwiegermutter war verſchwunden. Die Hofräthin war mit Olga einig hinſichtlich der Nothwendigkeit, die Oeffentlichkeit zu ver⸗ meiden— ſie hatte gewiß keine Luſt, zu geſtatten, daß auch die Ehe ihrer zweiten Tochter ganz Wermland An⸗ laß zum Geſchwätz geben ſollte— aber ſie konnte von dieſem Augenblicke an den Baron nicht mehr ausſtehen, und zwar weil die Beleidigung, welche er ſich erlaubt hatte, ſo war, daß die ſtolze und ſchwer vergeſſende Mutter ſie nie verzeihen konnte, ſelbſt wenn Olga den Stich nicht fühlte........... Es war gegen ein Uhr Mittags, als der elegante Wagen der Freiherrin von Linden— gezogen von den großen, ſchwarzen Pferden, die des Prunkes wegen von Odensborg nach Stockholm gebracht worden waren— vor dem Hauſe, in welchem Linden wohnte, ſtill hielt. Die Hofräthin und ihre Tochter waren umher ge⸗ fahren, um in den Kaufläden ihre Einkäufe zu machen, und wollte eben ausſteigen, als Olga ſich an die Mut⸗ ter wendete und mit Lebhaftigkeit äußerte: „Ach ſieh, Mutter, welch ein göttlich, ſchöner Knabe dort gegenüber in der Thür ſteht— ich habe ihn früher⸗ ſchon am Fenſter geſehen.“ „Ja, das iſt wirklich ein ſüßes Kind!“ antwortete die Hofräthin und heftete einen ungewöhnlich theilneh⸗ menden Blick auf das lebhafte Geſicht des Knaben. „Ich möchte wohl wiſſen, wem er angehört!“ fuhr Olga fort;„gewiß guten, ehrlichen Bürgersleuten, da 175 ſie in einer Dachwohnung wohnen... Höre Sie, Jungfer!“ Dieſe Worte waren an unſere werthe Barbro ge⸗ richtet, die mit dem kleinen Janne in der Thür der neuen Wohnung ſtand und ſich beluſtigte— es war ſo neu für Beide, dieſes Leben, dieſes Fahren und Gehen zu betrachten. Angenehm überraſcht und ſtolz, von den Damen in dem prächtigen Wagen angeredet worden zu ſein, trat Barbro mit dem kleinen Janne an der Hand vor, in⸗ dem dieſer ganz entzückt rief:„Hopp, Pferd! Hopp, ſchöne Pferde!“ „Ach, liebe Jungfer!“ bat Olga,„ſei Sie doch ſo gut, und hebe Sie das hübſche Kind zu uns in den Wagen... Willſt Du zu uns kommen, mein kleiner Junge?“ „Janne fahren, hopp! Janne fahren!“ rief er ganz laut zur Antwort, als Barbro ihn in den Wagen transportirte. „Er heißt Jannel ſagte Olga und ſah ihre Mut⸗ ter mit einem eigenthümlichen Blick an. „Nun, was bedeutet das, liebe Olga?— Es gibt kaum einen gewöhnlicheren Namen. „Er iſt ſo genannt nach dem Vaterbruder der Frau,“ fiel Barbro ein, welche meinte, es könnte ihr ſehr gut paſſen, Etwas zu ſagen...„Erzähle nun hübſch den Herrſchaften, wie Du mehr heißt!“ fuhr ſie fort in der lobenswerthen Abſicht, den Knaben zu lehren doch die⸗ ſer hatte nur für die prächtigen Pferde Aufmerkſamkeit. Bei Barbro's erſten Worten—„er iſt ſo genannt nach dem Vaterbruder der Frau“— hatte ſich ein tiefes Erbleichen ſchnell über das Geſicht der Hofräthin ge⸗ zogen. Sie ſchien noch Etwas mehr fragen zu wollen, aber ſie ſchwieg dennoch. Olga dagegen war purpurroth geworden. Sie wen⸗ dete heftig das Geſicht des Knaben an das ihrige, und ſagte dann mit einer Stimme, die ſo unſicher war, daß — — —, —— ÿ 1 — ſie kaum zu hören war:„Wie heißt Ihre Herrſchaft, Jungfer?“ „ Sie heißen Helmer!“ antwortete Barbro...„So, Janne! ſage nun doch, da die Herrſchaften ſo gut ſind zu fragen, wie Janne heißt!“ „Janne heißt: Johann Franz Ernſt Helmer... Bekomme ich nun dieß?“ rief er und ergriff Olga's brillantirte Uhr. „Laß uns, um des Himmels willen, aus dem Wa⸗ gen kommen!“ ſtotterte die Hofräthin, welche zitterte wie ein Eſpenlaub. Der Fußtritt wurde herabgelaſſen, und mit ſo ſchwan⸗ kenden Schritten, daß ſie ſich auf den Bedienten ſtützen mußte— der Baron war gerade nicht bei der Hand— kam ſie hinaus und die Treppe hinauf. Olga ſprang nach. Aber trotz Barbro's fortwäh⸗ rendem Rufen:„Liebe Herrſchaften, geben Sie mir doch das Kind wieder!“ zog ſie den kleinen Janne mit ſich, und Janne ſelbſt war ſo verwundert und ſo entzückt in die Uhr, welche er noch immer in der Hand hielt, daß er es für gut fand, zu ſchweigen. „Enrdlich fand auch Barbro für gut, gegenüber hin⸗ ein zu gehen, um vor ihrer Herrin Rechenſchaft über Dasjeniae abzulegen, was eben vorgefallen war. Edith, deren Schlafzimmer nach dem Hofe hinaus lag— auf welchen auch das Arbeitszimmer hinaus⸗ ſah, hielt ſich in ihrer neuen Wohnung meiſtens an dieſer Seite auf, denn außer dem Umſtande, daß die Straße nicht viel beſonders Reizendes für ſie hatte, ſo waren es eben dieſe Zimmer, die bei der Anordnung ihr am meiſten zu thun gegeben und ihre Arbeitskraft bis jetzt in Anſpruch genommen hatten. Aber der freundliche Saal war keineswegs am wenig⸗ ſten anmuthig mit ſeinen drei netten Dachfenſtern, wah⸗ ren kleinen Kammern, die unſer frohliches, glückliches 177 Paar mit einer Menge von Topfgewächſen geziert hatte. An jedem der beiden Pfeiler, welche dieſe„Wintergärten“ von einander ſchieden, ſtand ein ſchönes, weißes Gyps⸗ bild mit Ahnen aus dem Olymp, und daher auch gleich⸗ ſam in eine Goldwolke gehüllt, wenn die Sonne durch die rothe Draperie, welche ſich längs aller drei Fenſter erſtreckte, einzublicken und auf einen Augenblick einhei⸗ miſch zu machen beliebte. Und dieſe grünen Bäume, dieſe olympiſchen Bilder, dieſe rothen Gardinen, vor allen Dingen aber der Son⸗ nenſchein— ſie hatten in der Urwäder⸗Gaſſe niemals Sonnenſchein gehabt— waren ja eine wahre Pracht. Auch können wir verſichern, daß die Blicke weder an Zahl noch an Inhalt geringer waren, welche in jedem Augenblicke auf den Saal gerichtet wurden, welchen man, weil ein Speiſeſaal am wenigſten nöthig war, als Beſuchszimmer eingerichtet hatte, einfach, verſteht ſich, aber dennoch mit einem recht reputirlichen Divan⸗ tiſche vor dem bequemen Sopha— doch hatte Janne das ſtrenge Verbot erhalten, niemals auf denſelben zu ſteigen oder ihn zum Tummelplatz ſeiner Spiele mit der Miß zu machen. Kurz vor Barbro's Rückkehr ſagte Edith, welche eben die letzte Falte an den Gardinen des A veitszim⸗ mers geordnet hatte: „So, geliebter Eernſt, jetzt haben wir unſere ganze feſtliche Einrichtung in Ordnung!... Ich ſehe die großen Augen, die der Doctor machen wird, wenn Du ihn morgen aufſuchſt und hieher bringſt! Ich weiß auch nicht das Mindeſte, das noch fehlt, und es iſt mir, als hätte ich noch nie ſo bequem gewohnt... Der Saal ſieht von hier wie ein kleiner Park aus.“ „O, wie entzückt Deine Freude mich!“ entgegnete Helmer, indem er von der Treppe, die am Fenſter ſtand, ſeine Frau in ſeinen Armen empfing und herunter hob. „Und wenn ich hier in Deinem Zimmer auf dem kleinen Sopha ſitze, der für uns Beide und den kleinen Janne zwiſchen uns eingeklemmt ſo genau paßt, da kommt es 178 mir vor, als hätte ich ein Stück von dem Paradieſe in Beſitz genommen. Wir haben es auch wirklich recht ſchön um uns her!“ „So komm denn und nimm Dein Paradies in Beſitz!... So, wir ſitzen ja vortrefflich! Janne wird ſich gewiß auch bald einfinden. Ach, wie ſehr bedarfſt Du der Ruhe, Geliebte, nach allen Deinen Anſtrengun⸗ gen in dieſen frohen und lieben Tagen! Laß mich ſehen, ob auch Deine Hände Schaden genommen haben!“ Er küßte mit Zärtlichkeit dieſe kleinen Hände, welche ſo gerne Wohnlichkeit um ihn her bereiteten. „Ernſt!“ ſagte Edith ernſthaft, wie können wir Gott genug danken für ſeine Gnade gegen uns! Es iſt mir, als hätte ich das Bedürfniß, zu weinen!“ „Und ich fühle dagegen die Verſuchung, in meinem Entzückungsfieber immerwährend zu lachen— denn wenn Du die Pein fühlen könnteſt, die ein Mann em⸗ pfindet, wenn er gezwungen iſt, zu ſehen, wie das Weib, dem er ſogar...“ „Nein, Ernſt, das will ich nicht hören!“ „Nun gut, ſo will ich denn lieber ſagen: ich hätte Dir eine beſſere Wohnung ſchaffen können, aber ich halte dafür, daß wir die höchſte Dankbarkeit gegen die Vorſehung beweiſen, wenn wir uns vor allen unnöthi⸗ gen Ausgaben in Acht nehmen.“ „Darin haſt Du ſehr Recht!“ „Wir haben nun unſere Zimmer möblirt, unſere Speiſekammer verſorgt und für kommende Bedürfniſſe einige hundert Reichsthaler hingelegt, dazu ſind im Ganzen tauſend Reichsthaler Reichsſchuldenſcheine auf⸗ gegangen; die übrigen achttauſend Reichsthaler*) will ich auf eine ſichere Hypothek unterbringen. Das iſt weit klüger, als ſie zu einer Spekulation anzuwenden, da dieſe wieder verunglücken könnte; und mit den Zinſen *) Drei Reichsthaler Reichsſchulden(Riksgälp) ſind gleich zwei Thalern Banco. Anm. d. Ueberſ. † 179 unſeres kleinen Kapitales nebſt der Einnahme für mein Arbeit können wir recht anſtändig leben.“ 4 „Gott ſei gelobt, lieber Ernſt, daß Du beſchloſſen haſt, das Geld auszuleihen! Wir haben die Pflicht, an unſere Kinder zu denken. O, welchen Genuß werden die kleinen Engel in dieſem Sommer vor unſerem Aufent⸗ halte bei dem Onkel haben! Und nun können wir mit doppeltem Vergnügen reiſen. Ich ſehe den Onkel vor mir, da er unſern Brief erhält!“ In dieſem Augenblick trat Barbro ganz roth und eifrig herein und ſtattete folgenden Rapport ab: „Nun, Herrſchaft, das war meiner Seele etwas recht Luſtiges! Ich ſtand mit dem kleinen Janne unten in der Hausflur und hörte die Parademuſik mit an; denn man hört ſie ſehr gut bis hieher, wenn ſie über den Platz mit dem großen Pferde geht— ſo bezeichnete Barbro immer den Guſtav⸗Adolphs⸗Platz— da kam ein Wagen, ſo blank, daß es einem in den Augen weh that, mit zwei großen, ſchwarzen Pferden, daß man wohl ſah, er gehörte vornehmen Leuten an, und hielt hier gegenüber vor dem hohen Hauſe ſtill.“ Ernſt und Edith ſahen einander lächelnd an, Barbro ließ ſich jedoch nichts anfechten, ſondern fuhr fort: „In dem Wagen ſaßen zwei prächtige Damen oder gnädige Frauen, und die Eine, die Jüngſte, rief aus: „Ach ſieh, Mutter, welch ein göttlich ſchöner, kleiner Knabe!“— es war wohl ihre Mutter, verſteht ſich, die große Dame mit den Federn auf dem Hute— und ſo fagt' ſie:„liebe Jungfer,“ ſagt' ſie... denn ſie ſind nun ſo höflich hier in Stockholm...„ſei Sie ſo gut, und komm' Sie hieher, und hebe Sie den Kleinen auf in den Wagen“... Nun, ich ging hin und that, was ſte wollten, und Janne war ſehr zufrieden damit, denn er durfte mit der Uhr der Kleinen ſpielen— und ſie waren ganz vergafft in den Kleinen und fragten, wie ſeine Eltern hießen, was ich Ihnen auch ſagte und Janne dahin brachte, ſeinen ganzen Namen zu ſagen, wie ich's ihn gelehrt habe. Aber wie es nun ſo am 1 1 ——— 4 — 180 allerbeſten war, ſo wurde die Große mit den Federn krank, bleich wie eine Leiche und wollte gleich ausſteigen, was auch geſchah, denn behüte, es ſtanden dort augen⸗ blicklich zwei Livréebedienten bei der Hand, und die Junge fuhr wie der Wind ihr nach und riß in der Eite den Kleinen mit ſich hinweg, obgleich ich knixte und ſagte: „Liebe Herrſchaften, geben Sie mir doch das Kind wieder!“ Kein Wort hörte ſie, und Janne, er lachte recht vergnügt.“ Die beiden Gatten ſahen einander an, und als hätten ſie ihre gegenſeitigen Gedanken errathen, riefen ſie faſt zu gleicher Zeit aus: „Es iſt nicht möglich!“ „Wenn es aber dennoch möglich wäre!“ wiederholte Edith mit flammenden Wangen.„Barbro, antworte!— war nicht die lange Dame dunkel?... ſah ſie ſehr vornehm aus?“ „Ja, ſie war tüchtig dunkel im Geſicht und ſah aus, als meinte ſie, es gaͤbe nicht viele ihres Gleichen in der Welt.“ „Und die Junge,“ fuhr Edith mit ſchwächerer Stimme fort,„war ſie blond, klein und fein?“ „Accurgt!“ „Geh nach einer Weile hinauf und frage nach dem Jungen!“ ſagte Helmer;„erkundige Dich auch, wer dort im Hauſe wohnt!“ „Das will ich!“ verſicherte Barbro treuherzig, indem ſie auf einen Wink des Herrn verſchwand und auf einen andern Wink der Herrin in das Schlafzimmer eilte, um nachzuſehen, ob„die kleine Neueſte“ noch ſchliefe. Die Röthe auf Edith's Wangen hatte jetzt einer Todtenbläſſe Platz gemacht, ihr Haupt war auf Helmer's Schulter herabgeſunken. „Beruhige Dich, meine theure, geliebte Edith!“ bat Ernſt, ſelbſt nicht weniger bewegt.„Vielleicht iſt das Alles wieder ein Finger Gottes, und es kann ſein, daß wir Urſache haben, das Glück doppelt zu preiſen, welches uns Gelegenheit verſchaffte, hieher ziehen zu können. Puppen. Die Thüre war verſchloſſen. ſehen!“ und ganz unbefangen kehrte der Knabe an den acber ſieh dieſe Frau an und küſſe ihr die Hand: bald iſt ſie Dir ebenſo gut, wie Deine Mutter. kuſſen, wenn er etwas erhielt, und folgte daher gehorſum 4 A 1 181 Das Kind iſt der beſte Fürſprecher für die Mutter— können wir nicht in dem Umſtande, daß ſie den kleinen Janne mitnahmen, zu den angenehmſten Hoffnungen berechtigt ſein?“ „O, täuſche mich nicht mit dieſer eitlen Hoffnung! Mein Herz klopft, als wollte es zerſpringen!...“ Und Edith ſchluchzte laut bei dem Gedanken, daß ſie nur durch wenige Schritte von ihrer Mutter getrennt war, und daß dieſe vielleicht in dieſem Augenblicke ihr Kind in ihre Arme ſchlöſſe. „Weine, Geliebte, weine! Ich wage es, der Ahnung meines Herzens zu glauben, daß dieſe Thränen in Freuden⸗ thränen verwandelt werden.“ Die Hofräthin ſaß aufgeregt in der Chaiſe longue. Olga ſtand vor ihr mit einer Flaſche Tropfen in der Hand. Der kleine Janne war auf einen Stuhl geſtiegen und beluſtigte ſich mit zwei chineſiſchen porzellanenen „Wie iſt Dir jetzt, liebes Mütterchen?“ „Beſſer.“. „O, Gott ſei gelobt! und gelobt ſei er, daß mein Gemüth mit einem Male ſo beſchäftigt worden iſt, daß ich fühle, wie ich lebe!... Sieh Dir nun das Kind an — iſt es nicht ſo ähnlich, ſo ähnlich...“ Olga vollendete den Satz nicht; aber ſie eilte auf den kleinen Janne zu, nahm ihn auf ihre Arme und trug ihn zu den Füßen der Mutter. „Laß mich gehen, Du... Janne will die Puppen be⸗ Tiſch zurück. „Die kannſt Du mitnehmen und behalten. Nun . Janne war gewöhnt, ſeiner Mutter die Hand zu 182 der Aufforderung, doch die Augen waren unaufhörlich auf die unvergleichlichen Puppen geheftet. Bis jetzt ſpielte die Hofräthin immer nur eine paſſive Rolle, obgleich man wohl einſah, daß neue, ſtürmende Gefühle in ihrer Bruſt arbeiteten. Olga ſetzte den Knaben auf den Schooß der Groß⸗ mutter, wo Janne glücklicher Weiſe durch den Anblick einer neuen brillantirten Uhr gefeſſelt wurde, die ſeine Aufmerkſamkeit auf einige Zeit von den Chineſen ablenkte. Die zitternden Arme der Hofräthin hielten den Knaben feſt, aber ſie drückte ihn nicht an ſich, ſie redete nicht. Olga aber redete: „Biſt Du Deinem Vater ſehr gut, kleiner Janne? Iſt er immer gut und artig?“ Und mit einem Ausdrucke, welcher der jungen Frau ſehr gut anſtand, legte ſie den Arm des Kindes um den Hals der Hofräthin. „Vater iſt immer artig, Vater war krank, als Janne krank war, aber die kleine Schweſter war nicht krank.“ „Die kleine Schweſter?— Du haſt alſo eine kleine Schweſter?“— „Janne hat auch die Miß und eine große Schachtel mit Soldaten, und zum Sommer bekommt Janne einen kleinen Hund und ein hölzernes Pferd, und darauf will Janne reiten.“ „Du biſt ja ſehr glücklich!“ ſagte Olga lächelnd, mit Thränen in den Augen.„Aber ſage mir, wie heißt denn die kleine Schweſter?“ „Sie heißt Arura!“ abbrevirte Janne, ſeine Zuhö⸗ rerinnen verſtanden aber den Namen recht gut. „Höre, liebe Mutter! Edith's Tochter heißt Aurora — dieſer Name iſt ihr ſo theuer und heilig, daß ſie ihn täglich ausſprechen will.“ Ein leichtes Zucken fuhr durch die Glieder der Hof⸗ räthin, zwei Thränen ſielen auf die Stirne des Knaben. „Weine nicht, Du biſt ja artig!“ ſagte der kleine Janne, und indem er zu der Großmutter ſeine großen dunkelblauen Augen— zwei Himmel— erhob, ſtreichelte er ihr tröſtend mit ſeiner kleinen Hand die Wange. oß⸗ lick ine kte. ben chht. ne? cke, den als f.“ eine htel nen vill mit enn ihö⸗ ora ihn Hof⸗ ben. eine sßen elte 183 Durch dieſe Worte, durch dieſe Liebkoſung wurde das kalte Herz und das ſtolze, harte Gemüth der Hof⸗ räthin gebeugt. Sie druͤckte das Kind heftig an ihr Herz, ſte überhäufte es mit Kuͤſſen... Sie fühlte es in der innerſten Tiefe ihrer Seele, daß es ihr erſtes Kin⸗ deskind, das Kind ihrer verſtoßenen Tochter war, das jetzt an ihrer Bruſt lag. Jetzt warf ſich Olga auf ihre Kniee und umſchlang ihre Mutter mit ihren Armen. „Geliebte, geliebte Mutter! laß mich augenblicklich hinauf eilen und ſie holen, denn nachdem Du Edith's Kind an Deine Bruſt gedrückt haſt, wird Alles verſöhnt! Der kleine Janne hat nicht auf dem Schooße ſeiner Großmutter geſeſſen, um wieder verſtoßen zu werden.“ In dieſem Augenblicke wurde eine Seitenthüre ge⸗ öffnet, und der Baron trat herein. Doch verſtummt durch ſeine eigene Unfähigkeit, die Scene zu verſtehen, elche er vor ſich ſah, blieb er mitten im Zimmer ehen. „Abbé!“ rief Olga aus, indem ſie aufſprang und die Hand ihres Mannes ergriff,„alles Bittere, das zwiſchen uns geweſen iſt, will ich auf ewig vergeſſen, ja alles kann vielleicht noch wieder gut werden, wenn ich dieſes einzige Mal ſehe, daß Du ein Herz haſt.“ „O, meine Liebe, iſt nur von meinem Herzen die Rede, ſo beſiehl darüber, ohne mich erſt zu fragen, denn es iſt ja Dein Eigenthum!“ entgegnete der Baron, ganz entzückt über die Gelegenheit, ſeine Artigkeit zeigen zu können. „So beweiſe denn Deine Worte durch die That!... Siehſt Du dieſes Kind, das Mutter auf dem Schooße hat?“ „Ich verſtehe, meine Olga: Du haſt einen kleinen ſchönen Günſtling angetroffen, den Du als Deinen Schütz⸗ ling, als Deinen Pflegeſohn annehmen willſt— Du haſt ja ſchon früher etwas davon geſagt— und kannſt u wohl glauben, ich würde mich einer Handlung widerſetzen, die Dich zerſtreut und dabei auch ſo edel und liebenswürdig iſt?“... * 184 „Nun das war doch wenigſtens etwas, Abbé... Doch dieſes Kind werden wir gewiß nicht bekommen. Erräthſt Du denn nichts? Es iſt Edith's, hörſt Du, Edith's und Helmer's Kind!... Hilf mir nun bei der Mutter flehen, daß wir ſie in dieſem Augenblicke her⸗ holen dürfen! Dort in den armſeligen Dachfenſtern ge⸗ genüber wohnt ſie, die zu Lurus und Ueberfluß ebenſo viel Recht hat wie ich!“ Einen Augenblick ſtand der Baron Abbé geſchlagen von dieſer Neuigkeit, die ſeinem ſelbſtſüchtigen Herzen mehr denn einen Stich gab. Darauf entgegnete er mit einer Faſſung und Schlau⸗ heit, welche bewies, daß er noch in der letzten Hand die Puutiepfn behalten ſuchte: „Mein Gott, liebe, ſüße Olga! wie kannſt Du unſerer theuren Mutter ſo zuſetzen? ſiehſt Du denn nicht, daß ſie allzu heftig leidet? Sie hat Scharfſinn und Er⸗ fahrung genug, um das Liſtige in dieſer Intrigue einzu⸗ ſehen... Wahrhaftig, es iſt herrlich ausgedacht!— Sobald ſie aus den Jaitungen die Ankunft der Mutter erſehen, ſo miethen ſie ſchnell dieſes Local; denn vor einigen Tagen ſtand es noch leer!“ „Und das iſt Alles, was Du thuſt, um die Achtung Deiner Gattin wieder zu gewinnen?“ entgegnete Olga verächtlich. „Aber, meine beſte Olga!“... „Alles, was Du thuſt, fuhr ſie mit blitzenden Augen fort,„um Dein Gewiſſſen zu erleichtern, das Dir wenigſtens ſugen mußte, welchen Antheil Du an ihrem Unglücke a 24 „Ich vergebe Dir Deine Heftigkeit, Olga, und bin ſogar im Stande, die edlen Gefühle zu ſchaͤtzen, welche Dich hinreißen— doch, glaube mir, ſie können Dich allzu weit führen. Bedarf die Mutter überdieß wohl unſerer Aufforderung? Würde ſie ſelbſt in dieſer Sache neutral bleiben, wenn ſie entſchloſſen wäre, von ihren Grundſätzen, von ihrem einmal beſtimmten Willen ab⸗ zugehen?“ 185⁵ „Mein Gott, Abbé, wie ſchlecht erſcheinſt Du mir in dieſem Augenblicke!“ fiel Olga mit großem Abſcheu ein.„Es iſt ja klar, daß Du die Mutter in die bittern Gedanken zuruͤckbringen willſt, welche ſchon auf dem Wege waren zu weichen. Mutter aber hört nur zu, weil ſie ſehen will, wie weit Du gehen kannſt.“ „O, meine Liebe, Du beleidigſt mich! So höre denn die Wahrheit, weil Du mich zu dieſer Aufrichtig⸗ keit zwingſt, höre, ob dieſer Mann, den Du vertheidigen und beſchuͤtzen willſt, eines ſolchen Schutzes werth iſt! Er hat nicht allein das ganze kleine Vermögen, welches er von ſeiner Mutter geerbt hat, verſpielt, ſondern auch noch hernach, da ſie faſt gar nichts mehr hatten und er auf den Märkten umherreiste, um die einzigen paar Stück Vieh zu verſchachern, um Brod für Weib und Kind an⸗ zuſchaffen, ſo konnte dieſer Romanheld es nicht über ſich gewinnen, den Verſuchungen des Spiels zu widerſtehen. Von einem Manne, den ich kenne, weiß ich ſpeciell, daß er jeden Schilling verſpielte, den er für das verkaufte Vieh eingenommen hatte, und als er damit zu Ende war, ſpielte der Unſinnige noch auf ſein Ehrenwort. Die Folge war: nachdem ſie beinahe verhungert waren, mußten ſie endlich als Bettler von ihrem gepachteten Gute gehen... Und ein ſolcher elender Wicht ſollte Hülfe verdienen?“ „Und das haſt Du gewußt und geſchwiegen?“ fiel jetzt die Hofräthin mit einer Stimme ein, vor welcher Abbé erſchrack, doppelt erſchrack, weil er begriff, wie außerordentlich dumm und unpolitiſch er bei ſeiner Dar⸗ ſtellung der Sache gehandelt hatte. Und was hätte er nun nicht geben wollen, wenn er ſeine Hitze, ſeine Un⸗ ruhe über den Ausgang gezügelt und nicht den Sieg über die Vernunft geſtattet hätte. „Meine gute, verehrte Mutter!“ entgegnete er kriechend, „wie konnte ich es wagen, Dich mit dieſem Gegenſtande zu beunruhigen? das hätte mir ja als Verläumdung ausgelegt werden können.“. „Hoörſt Du, Mutter?“ fiel Olga mit ſchrecklicher Ein launenhaftes Weib. IV. 13 X△ ——— ———— — V — ——— Kälte ein.„Während Abbé ſeinem Schwager keine hülfreiche Hand reichen wollte, hielt er lieber Spione in ſeiner NRähe— o mein Gott, welche Entehrung!“ „Meine Tochter hat Noth, vielleicht ſogar Hunger gelitten, und ſich dennoch nicht an ihre Mutter gewendet!“ ſagte die Hofräthin mehr zu ſich ſelbſt, als zu den Andern. „Konnte ſie das wohl,“ vermittelte Olga,„ſeitdem ſie den Preis wußte, den Du auf die Verſöhnung geſetzt hatteſt? ach, konnte ſie um Geld betteln und Geld an⸗ nehmen, ohne Deine Verzeihung zu erhalten? Mußten ſie da nicht lieber Alles uͤber ſich ergehen laſſen? Was Edith Kraft ertheilt hat, zu leiden, das iſt ihre Liebe, ihre Achtung gegen ihren Mann.— Und wie viel oder wenig Grund in Abbé's Anklage liegen mag, ſo iſt gleichwohl gewiß, daß es niemals bis auf ein ſolches Extrem gekommen iſt. Betrachten wir nur dieſes Kind, iſt es nicht ganz gut bekleidet?.. und ſieht die kleine angenehme Wohnung dort aus, als wenn Bettler darin hausten?... Laß uns hingehen, laß uns nachſehen!“ In dieſem Augenblicke klopfte es an die Thüre. Olga eilte ſelbſt hin.. ſie dachte.. doch was ſie auch denken mochte, ſo täuſchte ſie ſich: es war der Be⸗ diente, welcher die Nachricht brachte, es wäre ein Mäd⸗ chen draußen, das nach dem kleinen Knaben fragte. „Erſuche ſie, einen Augenblick zu warten!“ ant⸗ wortete die Freiherrin und verſchloß die Thüre. „Jetzt, Mutter, jetzt!“ rief Olga wieder, indem ſie ſich auf die Kniee warf.„In meinem eigenen.. in des Vaters in Onkel Janne's.. und in dieſes armen unſchuldigen Kindes Namen Verſöhnung, Vorſöhnung! O, laß mich die Erſte ſein, welche ſie verkündigt, und ich will nie, nie ein Glück für mich ſelbſt wuͤnſchen, denn ich habe das höchſte erreicht, wenn ich Edith noch einmal von Deinen Armen umſchlungen ſehen darf!“ „Meine liebe, meine beſte Olga! Du biſt zu heftig, u warm.. gib mir jetzt Beſinnungszeit— ich muß e haben!., Schicke inzwiſchen den Kleinen zurück!“ 21 8 2 187 Sie küßte den Knaben mehrmals hinter einander und legte ihn darauf in die Arme ſeiner jungen Tante. Janne hatte unterdeſſen, obgleich natürlich Niemand auf ſein ruhiges Schweigen Achtung gab, ſich damit beluſtigt, die koſtbare Uhr zu öffnen und entzwei zu pflücken— und jetzt, da er hörte, daß er gehen ſollte, rief er mit einer Stimme, die ſo ſehr verſchieden war von allen ſtuͤrmiſchen Bewegungen und von den ſtrei⸗ tigen Worten rund um ihn her: „Janne will ſeine Puppen haben!“ Mitten in ihren überſchwellenden Gefühlen mußte Olga jetzt lächeln. Mit einem zärtlichen Blick auf die Mutter ſtand ſie auf, nahm den Knaben und die porzel⸗ lanenen Puppen und näherte ſich der Thüre. „Olga!“ rief die Hofräthin, da ſie ſchon an der Schwelle war—„keine Botſchaft!.. Gib das Kind an den Bedienten ab!“ Olga gehorchte. Sie war in ſtarker Verſuchung geweſen, eine Zeile an Edith zu ſchreiben; doch ſah ſie ein, daß ſie dieß nicht eher thun dürfte, als bis die Mutter ihren Ent⸗ ſchluß gefaßt hätte. Erſchüttert von einer tödtlichen Furcht wartete Edith auf Barbro's Rückkehr. „Gott ſei gelobt!“ dachte Helmer,„was auch ge⸗ ſchehen mag, ſo treffen ſie Edith nicht länger in der ſchrecklichen Lage, die uns noch vor Kurzem umgab!“ Und noch nie hatte er Gott lebhafter als in dieſem Augenblicke dafür gedankt, daß ſein Kapital an ihn zuruͤckgefallen war, und unaufhörlich wiederholte er bei ſich ſelbſt:„Denke, wenn dieſe ſtolze Frau ihre Tochter in dem elenden Loche, das wir nun verlaſſen haben, auf⸗ geſucht hätte!.. Oh, ich wäre vor Scham und De⸗ muͤth igung geſtorben!“ . 4 I — Endlich ließ ſich ein Geräuſch vor der Thüre hören, —— 188 Barbro öffnete, und Janne kam mit ſeinen Puppen im Arme hereingeſprungen. „Sieh, Mutter, was Janne hat!“ „Kind, wer gab Dir das?“ fragte Helmer. Edith war nicht im Stande, ein Wort hervorzu⸗ bringen. „Der Bediente, und er bat um Entſchuldigung im Namen der gnädigen Frauen, daß ſie den Knaben mit hinauf genommen hätten.“ „Weiter nichts?“ „Nein, behüte!.. Aber wahrhaftig der Braten brennt an, wenn ich nun nicht eile!“ Und Barbo verſchwand. „Sie haben ihn ohne ein Wort zurückgeſchickt!.. Du ſiehſt ſelbſt, Ernſt!.. Doch dieſes himmliſche Glück— wie konnte ich es auch wagen, einen einzigen Gedanken dͤran hegen!“ „Verzweifle noch nicht, Geliebte! verhöre erſt dieſen kleinen Poſtillon!“ „Ach, was kann er wiſſen?“ „Laß uns hören!— war es dort luſtig, mein lieber Junge?“ 1 „Janne bekam zwei Puppen!“ „Und viele Küſſe?“ „Viele Küſſe!“ „Siehſt Du!“ ſagte Ernſt mit einem lebhaften Blick auf ſeine Gattin. „War es eine junge Frau, die Janne auf dem Schooße hatte?“ forſchte Edith.. Nun aber ſiel die ſüße Miß Janne in die Augen, und nun erwachte die kleine Schweſter, und damit waren ſeine Sinne ſo zerſtreut, daß man nichts mehr als ſeinen erſten Rapport aus ihm herausbringen konnte: „Janne bekam zwei Puppen!“ — N n en er . 189 Zwanzigſtes Capitel. Schattenſpiel. Mehrere Stunden hinter einander blieb die Hof⸗ räthin allein mit ſich ſelbſt. Ihr Entſchluß ſtand nicht länger feſt. Es war längſt bei ihr ſelbſt entſchieden geweſen, daß Edith ihr Erbrecht nicht verlieren ſollte. 2 ber erſt von dem Augenblicke an, da wir ſie zuletzt verließen — ſo erſchuttert von Olga's Brief, daß ſie anfänglich nicht einmal einen Gedanken für die Darſtellung haben konnte, welche Olga über Edith gemacht hatte— war mit ihr eine ihr ſelbſt kaum bemerkliche Veränderung vorgegangen. Allmälig hatte die unaufhörlich wiederkehrende Er⸗ innerung an die Worte, mit denen die jüngſte Tochter ihren Brief ſchloß, ſich mit zu den Vorſtellungen geſellt, welche, wie oben gemeldet, ihr Gewiſſen je zuweilen hören ließ, und die Folge war geweſen, daß Sdith's Bild oft vor ihre Einbildung getreten war: und nicht allein das Bild ihrer Tochter, ſondern auch des Mannes, dem ſie mit ihrem von Natur ſo flüchtigen Gemuthe ſtandhaft treu geblieben war, nebſt dem Bilde des We⸗ ſens, welches die Hofräthin jetzt in ihren Armen gehal⸗ ten, hatte ſie umſchwebt und die großen, leeren Räume in ihrer einſamen, prächtigen Wohnung angefüllt, wenn keine Fremdlinge und reiſende Freunde da waren, um dieſelben zu füllen. Einmal wurde ſie ſogar von dem Gedanken über⸗ raſcht,„daß es ſpäterhin niemals ſo geweſen wäre,— wie zu Edith's Zeiten und damals, als Dagby noch die Hauptſtation des Onkels Janne geweſen war. Vergebens unterdrückte ſie bei der Erinnerung an ihn einen Seufzer. Sie ſehnte ſich nach dem Alten, dieſem Theil ihres verſtorbenen Gatten; aber ihn bitten, wiederzukommen, das war ebenſo viel, als allen Verſtoßenen die Arme öffnen. —— ⏑O⏑Q⏑ꝛ—BBB— 2 190 Und ſo weit war es trotz der geheimen Stimmen und Olga's flehentlichen Bitten dennoch nicht gediehen — wenigſtens war dieß ihre eigene, feſte Ueberzeugung. In ſolcher Gemüthsſtimmung kam ſie in Stock⸗ holm an. Die Stellung in dem Hauſe ihres Schwiegerſohnes verdroß und ſchmerzte ſie über alle Beſchreibung, und die geheime Pein, mit welcher ſie bei Olga eben die⸗ ſelbe Gleichgültigkeit in der Wirklichkeit entdeckte, welche dieſe in dem Briefe verrathen hatte, gab den von Haß erfüllten Gefühlen, die der Baron jetzt bei ihr erweckte, neue Nahrung. Es war ein Nichts, daß er ſich ihre eigene Gunſt erſchmeichelt und das Dispoſitions⸗ recht uͤber einen ſo großen Theil ihres Vermögens er⸗ ſchlichen hatte; aber daß er Olga betrogen, daß er ſie ermüdet, daß er ihr Herz leer und freudenlos gemacht, ja vielleicht ihr ganzes Leben vernichtet hatte, das konnte die Hofräthin niemals vergeſſen, niemals verzeihen, und dennoch mußte ſie ihn höflich, anſtändig behandeln ... denn was war zu thun? Aber jetzt, gerade jetzt konnte man etwas thun: man konnte einen großen Querſtrich durch ſeine niedrigen Berechnungen ziehen.“ Es war dieſer Gedanke, welcher ſich leider mit den lebhaften, warmen und edlen Gedanken kreuzte, die das unvermuthete Ereigniß des Vormittags, der Anblick ihres Tochterſohnes, in ihr erweckt hatte. Dieſen ſo erbärmlichen Gedanken, der es gar nicht verdient hatte, mit in die heiligen Gefühle zu dringen, welche ſchon begonnen hatten, ihren Buſen in eine angenehme und faſt ganz neue Bewegung zu ſetzen, vermochte ſie nicht, von ſich zu weiſen, denn in die vornehmſten und edelſten Gefühle dieſer Frau miſchte ſich ſtets ein niedrigerer Stoff mit ein. Alſo konnte ſie, anſtatt augenblicklich dem Inſtinkt zu folgen, welcher ſie zu ihrer Tochter zog, mit einem Tone höhniſcher und höchſt angenehmer Rachgier zu ſich ſelbſt ſagen: N A43. —— — 8SXNS — —O—ę——Q—Q—mn:V—·—— 191 „Der Elende! er wußte, daß mein Kind, die Schwe⸗ ſter ſeiner Frau, wirkliche Noth litt, und dennoch ſchwieg er... Als er ihnen ſchaden konnte, da ſchwieg er nicht! O, wie zitterte er vor Furcht, als er endlich ein⸗ ſah, wie ſehr er ſich verrechnet hatte, und welche Pein leidet er jetzt zwiſchen Hoffnung und Angſt!... Gut! — wollen ſehen, ob Du Dich rühmen kannſt, daß Du Deine Schwiegermutter am Gängelbande leiteſt, Du Charlatan! Du ſchmeichelteſt Deiner Frau, ſo lange Du glaubteſt, es wäre nichts zu verlieren, nahmſt aber ſogleich eine andere Maske, da Du merkteſt, daß die Hälfte des in Deiner dummdreiſten Einbildung berech⸗ neten Erbes einen andern Weg gehen könnte, und daß der ſo unſäglich gehaßte Nebenbuhler ebenſo ſtark wer⸗ den könnte, wie Du ſelbſt! Gut, mein Schwiegerſohn! wir werden ſehen... wir werden ſehen! Aber trotz dieſes wir werden ſehen verblieb dennoch die Hofräthin unbeweglich an ihrem Platze. Dieſes Wiederſehen... Sie hatten ja nichts be⸗ gehrt! Hatte wohl Helmer ſich jemals gedemüthigt? Vielleicht konnten ſie ohne die Liebe einer Mutter ſein, wie ſie auch durch ihr fortwährendes Schweigen bewieſen hatten, daß ſie ihre Almoſen entbehren konnten.— Sollte ſie dieſe Liebe anbieten? Und wenn ſie dieß wirklich thäte, wie konnte ſie ſie antreffen? Vielleicht konnte ſie Edith ſo verſunken in Armuth treffen und dabei ſo erniedrigt durch die gewöhnlichen Folgen der⸗ ſelben, daß ſie nicht mehr im Stande war, ſich zu dem Platze zu erheben, den ſie einſt inne gehabt hatte, und Helmer— vielleicht mit jenem Anſtrich von Schmarotzer, den man gewöhnlich bei zurückgekommenen Herrenleuten findet— niedergedrückt von Bekümmerniſſen, mit ver⸗ ſchwundener Schönheit, verlorener Eleganz und Spuren von Spielſucht und Nachtwachen auf ſeinem bleigelben, rothgeſprengten Geſichte, auf welchem man vielleicht ſogar auch noch Spuren von jenem Mittel der Tröſtung entdeckte, welches das allerletzte dieſer„Zurückgekom⸗ menen“ zu ſein pflegt. ——— — —— 192 Die Hofräthin ſchauderte zurück vor dem Gemälde, welches ſie ſelbſt hervorgerufen hatte, und ihr„wir werden ſehen“ wurde immer leiſer ausgeſprochen, denn ſie hatte eine neue Idee erhalten; vielleicht paßte hier nichts Anderes, als Geldunterſtützung. Das Mittageſſen war eingenommen, es war Abend geworden. In der ganzen Wohnung waren die Lichter ange⸗ zündet und die Gardinen herabgelaſſen; nur in dem Schlafzimmer der Hofräthin war es finſter. Sie hatte ſich ſo geſetzt, daß ſie in die kleine Wohnung gegenüber, welche an dieſer Seite noch keine Rollgardinen hatte, hineinblicken konnte. Zuerſt war es auch dort dunkel. Etwas ſpäter aber wurde ein luſtiges Feuer im Ofen angezündet, und als dieſes hell brannte und ſeinen Schein über das einfache, aber von keiner Armuth zeu⸗ gende Zimmer warf, trat aus einer Seitenthür eine weibliche Geſtalt; ſie war ſchlank, fein, edel und trug ſich noch ebenſo vortrefflich, wie früher. Die Hofräthin begann zu zittern. Die junge Frau, welche ein ganz kleines Kind auf dem Arm hielt, nahte leiſe, nur Schritt für Schritt, bis ſie in die Mitte des Zimmers kam, und ſchien von hier aus mit Unruhe nach der Wohnung gerade gegen⸗ über zu ſpähen. Und ohne Zweifel flößten ihr nur die herabgelaſſenen Rollgardinen den Muth ein, weiter zu gehen, und vielleicht war es eine geheime Anziehungs⸗ kraft, welche ſie veranlaßte, an dasjenige Fenſter zu treten, welches dem Zimmer gerade gegenuͤber lag, in welchem die Augen ihre Mutter ſie jetzt beobachteten. „Sie weiß, wer hier wohnt!“ murmelte die Hof⸗ räthin.„Es iſt klar, daß ſie ſich erkundigt haben, wie die Leute heißen, welche das Kind mit ſich nahmen.. Ach, wenn ſie doch das Geſicht hieher wenden wolltel“ 193 3 Und in dieſem Augenblicke wendete die junge Mut⸗ r ter nicht nur ſich, ſondern auch das Kind— an welches , ſie ihre Stirn gelehnt hielt— gerade nach der Seite, e von welcher die Hofräthin ſie am klarſten ſehen konnte. Edith's Geſicht, leicht gepurpurt von der ſtarken Gemüthsbewegung, welche dieſen ganzen Tag ihre Seele in Spannung gehalten hatte, trug in dieſem Augen⸗ blicke das Gepräge einer himmliſchen Ergebung. Und d noch nie hatte ſie in den Augen ihrer Mutter eine rei⸗ naere, vollkommnere Schönheit gehabt, als jetzt, da ſie ſtand und bald auf die Fenſter gegenüber und bald hin⸗ auf zu dem mit Sternen beſäeten Himmel blickte. Plötzlich te nahm ſie die Hände des Kindes in die ihrigen und ſtreckte r, dieſelben nach oben. e,„O!“ flüſterte die Hofräthin ganz leiſe in ihrem Herzen,„ſie betet, ſie lehrt ihr Kind beten und flehen bei der harten Mutter, welche ſie verſtoßen hat!... m Meine Tochter, meine Tochter, ich komme!“ en Und nun redete eine Mutter, nun ſtrömten die u⸗ Thränen einer Mutter,„Meine Tochter,“ wiederholte ne ſie noch einmal,„in dieſer Nacht ſollen die Engel des ug Himmels herabſteigen in Deine Seele; denn ehe Du ochöeſchläfſt haſt Du an der Bruſt Deiner Mutter geruht!“ uf Sie erhob ſich heftig. tt, Die ſtolze Dame hatte, Gott ſei gelobt, einmal in on ihrem Leben ihre Steifheit und ihre Würde vergeſſen, n⸗ hatte vergeſſen, daß ſie die große, reiche Hofräthin war, die welche nur Gehorſam wollte. Jetzt bedurfte ſie der zu Liebe, jetzt wollte ſie Liebe geben; denn die Gefühle gs⸗ ſchwollen über. Sie wollte hinaus und ohne weitere zu Umſtände mit Olga über die Straße eilen. in Aber ſie blieb wie feſtgezaubert ſtehen, denn jetzt ſah ſie, wie eine andere Thür geöffnet wurde, und eine* of⸗ andere Perſon auftrat. 4 Es war Helmer.* Eine feine Bläſſe, verwandt mit einer überſtandenen körperlichen Krankheit, ruhte auf ſeinem edlen und männ⸗ 194 lichen Antlitze, aber keine Spur deutete auf Verfall und Erſchlaffung hin. In dieſen immer noch bildſchönen Zugen zeigte ſich mehr Seele, als früher, und eine ru⸗ hige, anmuthige Haltung, eine einfache Würde, ſo ganz verſchieden von der gezierten Manier des Barons Abbé, offenbarte ſich in ſeiner ganzen Perſon. „Gott ſei Lob und Preis!“ Ddie Hofräthin ſeufzte und fühlte eine unbeſchreib⸗ liche Erleichterung. Sie glaubte kein Wort mehr von der Geſchichte des Barons. Edith wendete ſich zur Hälfte um, da ihr Gatte nahte, und nun ſah die Mutter in dem Blick, den die bei⸗ den Eheleute austauſchten, und in der troſtreichen Zärt⸗ lichkeit, mit welcher Helmer den Arm um den Leib ſei⸗ ner Gattin legte, daß bei dieſen Beiden die Liebe rein und heilig die Probe gehalten hatte. Jetzt brauchte ſie weiter nichts zu wiſſen.... „Mutter!“ flüſterte Olga's Stimme draußen vor dem Schlüſſelloche,„ich werde todtkrank von dieſer pei⸗ nigenden Angſt!... Um Gottes willen, laß mich we⸗ nigſtens ein!“ 3 Die Hofräthin öffnete und trat hinaus in das er⸗ hellte Zimmer. Olga bedurfte nur eines einzigen Blickes, um Alles zu begreifen.. it einem Freudenſchrei ſtürzte ſie in die Arme der Mutter.— „Wollen wir jetzt gehen, Mutter?— jetzt gleich?“ „Ja, jetzt gleich 4 19⁵ d 1 n Einundzwanzigſtes Capitel. ⸗ 3 Ein Auftritt, bei welchem leider Onkel , Janne fehlte. „Spiele, mein lieber Vater! Janne will tanzen mit 54 der Miß und den Puppen!“ rief der fröhliche Knabe, welcher in den Saal gelaufen kam, mit den porzellanenen 8 Chineſen im Arm, und in der Hand ein Band haltend, an das die widerſpenſtige Miß gebunden war. te„Das will ich thun, mein Junge!“ Ernſt nahm die 2 Violine. Edith wiſchte die Thräne ab, die in ihren t⸗ Augenfranſen hing, und ſetzte ſich mit ihrem Strickzeuge 4 i⸗ auf den Sopha, um zuzuſehen. in Barbro ſpielte mit der Kleinen im Schlafzimmer. Die Töne der Violine, welche ſich in einem fröh⸗ lichen Walzer hören ließen— begleitet von dem eigenen Geſange des kleinen Janne:„tu tu tu tu, Miß, tu tu or tu tu, artige Puppen“— überſtimmte jeden andern i⸗ Laut und zeigte zugleich denjenigen den Weg, welche e⸗ ſich draußen mit dem Lokale vertraut zu machen ſuchten. Die Thüre des Vorzimmers— die noch keine Ring⸗ r⸗ glocke erhalten und die Barbro zu ſchließen vergeſſen hatte, weil es ihr noch ganz neu war, ein Vorzimmer es zu haben— glitt leiſe auf.. wäre es auch lauter ge⸗ ſchehen, ſo wuͤrde doch im Zimmer kein Menſch etwas ne gehöort haben. Jetzt aber wurde auch die Saalthüre geöffnet, und 2 zwei weibliche Gäſte zeigten ſich. 8 „Eine große und ſtattliche Dame kam zuerſt, nach. ihr eine kleine, zarte and feine. R Bei dieſem ſo unerwarteten Anblicke hörten Muſik unnd Spiel auf. — Aber von Edith's und Helmer's Lippen erklang ſtatt deſſen zu gleicher Zeit gleichſam ein einziger Ton: es war ein ſolcher Ton, wie er in der Symphonie der ſeligen Geiſter zu finden ſein muß. 8 Beide waren aufgeſprungen. Aber Ernſt ſah, wie ſeine Frau wankte, und er war es, der ſie in ſeine Arme nahm und in die gegen ſie ausgebreiteten Mutterarme legte. Die folgenden Secunden wurden von der bedeutungs⸗ reichen Beredtſamkeit des Schweigens ausgefüllt. „Meine Tochter! mein Kind! meine Edith! ich bin's, ich komme endlich, um Dich aufzuſuchen, um Dich zu ſegnen, um Dich zu bitten, es Deiner Mutter zu ver⸗ zeihen, daß ſie Dich ſo lange geſtraft hat!“ „Und ich“— ſchluchzte Edith, welche ſich der Um⸗ armung ihrer Mutter entriß und zu den Füßen derſelben ſank—„ich ſollte hier noch ebenſo viele Jahre liegen und meine Schuld abbitten, denn wäre ich geduldig ge⸗ weſen, hätte ich nicht getrotzt und mir ſelbſt einen Weg gebrochen, ſo hätte ich ganz gewiß nicht nöthig gehabt, mein Vergehen vier und ein halbes Jahr lang zu be⸗ weinen... O herrliche, heilige, troſtreiche Worte, die ich vernehme gleich Stimmen von Gott— Verzeihung, Verſöhnung, Segen!.. und die Thränen meiner Mutter auf meiner Stirn!“.. Sie ſenkte das Haupt und weinte leiſe, während ſie ihr Antlitz an die gefalteten Hände der Mutter drückte. „So“— fluſterte Olga Helmer zu, nachdem ſie ihm ſchnell ihre Lippen zu einem ſchweſterlichen Kuſſe gereicht hatte—„ſo will ich mir die Freude der Auferſtehung, das Wiederſehen im Himmel denken Glücklich Du, mein guter Schwager, für den dieſe Feier der Auferſtehung, dieſe neue Morgenröthe hier ſchon beginnt!“ Dieſe Worte aus Olga's Munde überraſchten Helmer nicht allein, ſondern ſie fielen auch wohlthuend auf ſeine Seele. Er hatte ſtets bei dem Gedanken an eine mögliche Wiedervereinigung den beleidigenden und herablaſſenden Scherz der ehemals ſo gedankenloſen und ſchmähſüchtigen Olga gefürchtet. Wie ganz anders begegnete er ihr nun in der Wirklichkeit! „Auch in Deinem Herzen, meine zärtliche Schweſter,“ entgegnete er mit einem Ausdrucke feiner und herzlicher 197 Achtung,„iſt eine neue Morgenröthe aufgegangen. Jetzt will ich es wagen, Dich zu lieben, jetzt will ich es wagen, zu hoffen, daß durch Dich alle Glieder vereinigt werden!“ Ehe Olga Zeit hatte, eine Antwort auf dieſe Worte zu geben— deren Bedeutung ſie ſehr wohl verſtand, für deren Realiſation ſie jedoch bei ihrer Bekanntſchaft mit der Ungleichheit in den Charakteren der beiden Schwäget Nichts zu hoffen wagen konnte— erhob die Hofräthin ihr Haupt von der Schulter ihrer Tochter und ſagte mit leichtem Erröthen und mit einer Stimme, die noch von weichem Zittern vibrirte: „Jetzt, mein würdiger Sohn, kommt die Reihe an Dich! Lange habe ich Dir die Rechte eines Sohnes ver⸗ ſagt. Aber von dieſem Augenblicke an gehören ſie Dir.“ Mächtig war Helmer's Rührung, überſtrömend ſeine Gefühle, als er ſeine Kniee vor dieſer ſtrengen Mutter beugte, und nun plöotzlich fühlte, daß er ſie liebte und ehrte, weil ſie Diejenige war, welche das Bedürfniß gefühlt hatte, zu verzeihen, weil ſie ihn und nicht er ſie geſucht hatte— ein großer Unterſchied, welcher alle Demuthigung von dieſer Verſöhnung entfernte. Dieſe ſo theure und ſelige Ueberzeugung verlieh auch ſeiner Stimme einen unbeſchreiblich rührenden Ausdruck. „Meine Mutter, meine geliebte Mutter!“ ſagte er, „da ich jetzt das koſtbare Recht erhalten habe, die ehr⸗ furchtsvolle Ergebenheit und unbegrenzte Dankbarkeit eines Sohnes zu beweiſen, ſo möge die erſte Probe dieſer Dankbarkeit, welche ich gebe, ein demüthiges Er⸗ kennen meiner Schuld ſein. Ich hätte“— bei dieſen Worten ſenkte er jedoch die Stimthe zu einem Flüſtern— „ich haͤtte Dagby verlaſſen ſollen, ſobald ich einſah, daß ich meine Gefuhle nicht länger zu beherrſchen vermochte, denn nun weiß ich, daß es eine große Beleidigung war gegen Diejenige, welche ich damals meine Patronin nannte, meine Blicke zu ihrem vornehmſten Kleinod zu erheben. Ach, darf ich wohl jemals auf eine völlige Verzeihung hoffen?“ —— 198 Mein geliebter Sohn, antwortete die Hofräthin, deren Augen durch die Zufriedenheit mit dieſer Antwort einen erhoͤhten Glanz erhielten,„wenn ich verzeihe, ſo geſchieht es auch ganz! Und ich entſinne mich noch ſehr wohl, daß ich— ſelbſt als Du mir den Verdruß zu⸗ fügteſt, meine Plane zu durchkreuzen— immer meinte, daß der Titel eines Brukspatrons Dir weit beſſer an⸗ ſtände, als der eines Bruksverwalters. Ueberdieß“— und nun flüſterte auch ſie—„habe ich immer den Ver⸗ dacht gehegt, daß Du keine andere Wahl hatteſt, ſofern Du Dich nicht unritterlich beweiſen und dem armen Kinde einen Korb geben wollteſt.“ „Meine Mutter!“ antwortete Ernſt erröthend, aber mit einem Blick voller Lächeln und Glückſeligkeit. „Nun, nun; ich denke ja nicht zu plaudern!. Jetzt aber laß mich auch die Kinder ſegnen! Der liebe, ſüße Junge, dem wir am Ende vielleicht nächſt Olga dieſes ganze Glück verdanken, hat mir ſchon das Herz geſtohlen... Aber ach, ſieh dieſe Beiden!“— ſie deu⸗ tete auf die Schweſtern, welche einander in die Arme ſchloſſen—„ſind ſie nicht ebenfalls zwei Kinder?“ „Ach, meine Kleinen! ſie warten noch!“ rief in dieſem Augenblicke Edith, eilte in das Schlafzimmer und kam zurück mit einem lächelnden Engel auf dem Arme; und dieſen Engel legte ſie mit ſtolzem und hei⸗ ligem Entzücken in die Arme der Mutter, während der kleine Janne nach einigen leiſen Worten des Vaters ſelbſt hineilte und der Großmutter auf den Schooß kletterte. Von dieſer Gruppe vernahm man keine Worte; aber die Herzen der beiden Mütter ſchlugen, als wären ſie nur ein einziges......ͤ.N. Dieſen ganzen Abend blieb die Hofräthin in der kleinen Wohnung bei ihren Kindern, und Helmer ſtieg in ihrer Gunſt ſo, daß auch er gleich den Uebrigen die Hofräthin„Du“ nennen mußte. die Erde Schönes und Freudenreiches hat, war es be⸗ Und in dieſen Stunden, ſo reich an Allem, was — 199 ſonders ein Gedanke, der ſich in Aller Herzen begegnete, ein Name, der oft über Aller Lippen flog, nämlich der des Onkels Janne. „Ich will ſeine Ueberraſchung im Großen haben!“ ſagte die Hofräthin.„Jetzt ſchreibe ich ihm von hier aus und erſuche ihn, mich zu Anfang des Mai in Dagby zu treffen, weil ich mit ihm mich über die Auf⸗ ſetzung des Teſtamentes zu berathen wünſche. Einige myſtiſche Worte ſollen es ihm ferner an die Hand geben, daß ſeine Mitwirkung jetzt recht gelegen kommen kann, und ich bürge dafür, bei dem erſten Rufe, der nach dieſer Melodie geht, kommt der Alte. „Und wenn er kommt?“ fiel Edith ein, die mit glänzenden Blicken auf einem Schemel zu den Füßen ihrer Mutter ſaß und ihre Hände in den ihrigen hielt. „Da bringe ich ihn in die Bibliothek, und dort findet er die Erben anſtatt des Teſtamentes... Nun, ich will ihn ſehen in dieſem Tableau vivant! Ich denke, er wird mir von dem Augenblicke an wirklich ein wenig gut werden. Ich meines Theils werde gleichſam ein neues Leben erhalten, wenn ich noch einmal ſeine pfir⸗ ſichfarbene, ſammtene Weſte erblicke, denn“— fügte ſie mit einem herzlichen und zärtlichen Lächeln auf den ſie umgebenden Kreis fort—„ſie ſignaliſirt die Wiederkehr alles andern Glückes. Während dieſe frohen und ſeligen Ergießungen in der Dachwohnung ſtattfanden, ging der gänzlich ver⸗ geſſene Baron Abbé in der großen Wohnung auf und ab, und ſein Körper litt ärgere Pein, als ein Wurm unter der Feſſel eines immer ſtärker und ſtärker drückenden Fußes. Und ebenſo wunderbar, als es iſt, daß der Wurm nicht erſtickt wird von dieſem Drucke, ebenſo wunderbar war es, daß die Seele des Baron Abbé nicht erſtickte unter dem ſchrecklichem Drucke, den ſie erlitt von der tyranniſchen Feſſel des Körpers. Denn dieſe Seele hatte 20⁰0 die größte Neigung von der Welt, ihre Feſſeln zu brechen, hinuͤber zu fliegen zu den hellerleuchteten Zimmern gegen⸗ über und dort Alles zu erſticken, was Leben und Odem hatte. Wenn er doch wenigſtens, da ſionen nicht auszuführen vermochte, es hätte unterlaſſen er dieſe heißen Illu⸗ können, die Gardinen aufzuheben und hinüber zu blicken! Aber es iſt etwas ſehr Sonderbares mit dem Menſchen, daß er, wenn er die größte Tortur moraliſcher Pein leidet, ein gereiztes Bedürfniß empfindet, dieſelbe noch zu vergrößern. Es i*ſt dieſes eine Art von geiſtiger Ga⸗ ſtromanie, und vermuthlich war der Baxon von ihr befallen; denn jedes Mal, wenn er auf- und abging, wurde er immerwährend nach dem Fenſter hingezogen. Und immer, immer begegnete er i rgend einem unange⸗ nehmen Anblicke, der ihn überzeugte, daß nichts ver⸗ geblicher ſein wuͤrde, als jetzt noch hemmend in das Rad des Schickſals eingreifen zu wollen. Und dort ſtand er unthätig und vergeſſen, nicht einmal ſeine eigene Frau hatte für ihn einen Gedanken. „Was iſt die Folge?“ war Frage, die er ſich vorlegte, und gendermaßen aus: die erſte vernünftige die Antwort ſiel fol⸗ „Der Mann, welcher mir das einzige Herz geſtoh⸗ len hat, nach welchem ich in der ganzen weiten Welt geſtrebt habe, der das unverdiente Glück hat, von einem Weibe angebetet zu werden, für welches ſogar ich die Thorheit hätte begehen können, ſie ohne Mitgift zu hei⸗ rathen— dieſer von mir bis in den Tod gehaßte Menſch wird jetzt, um das Maß meines Unglückes voll zu machen, durch meine eigene, ja, durch meine eigene Schuld für immer Herr auf Dagby. Denn da Odens⸗ borg vergeben und das andere Gut nicht in Ordnung iſt— Landswik iſt überdieß kein Bruk, und unſere ärtliche Schwiegermutter will natürlich einen Titel für ihren Schwiegerſohn haben— ſo Bei dieſem letzten Worte ba ohnmächtiger Wuth. wird es das dritte.“ llte er die Fäuſte in —;— —— 201 „O Octavie! Fluch über Deine Sirenenkünſte, die mich zu der Dummheit verführten, den ſichern Boden 2 verlaſſen, auf dem ich ſtand! Was iſt das, Herr auf densborg zu ſein, gegen das große Dagby?.. Octavie, ich möchte Dir den Hals umdrehen! Geſchah es nicht um Deinetwillen, daß ich meine unbändige Schwieger⸗ mutter beleidigte? Was vermag ich jetzt? Nichts. ſogar das Schäfchen, das ich wie ein Lamm am Leitbande führte, widerſetzt ſich mir!“ Er ließ von Neuem ſeinen forcirten Marſch beginnen, nachdem er einige Augenblicke geſtanden hatte, um gleich⸗ ſam Luft zu ſchöpfen.„Mein lieber Abbé! wenige Dummheiten haſt Du in Deinem Leben begangen; doch eine haſt Du dennoch begangen, als Du nicht den ganzen Nutzen einſaheſt, die Liebe Deiner Turteltaube zu erhalten!. Nun, es gilt noch einmal den Verſuch, gelingt er nicht, ſo mag der T—l den rührenden Scenen bei der Ankunft auf Dagby zuſehen. ich habe keine Zeit— eine Reiſe nach.. einerlei wohin.. Es iſt noch früh genug, wenn ich in einem Monat nachkomme.“ Zweiundzwanzigſtes Capitel. Vormittagsſeenen am folgenden Tage. 1. In dem Cabinet der Freiherrin Olga. Der Baron Abbé klopfte an die Thüre des Zimmers ſeiner Frau. „Erlaubſt Du es, meine Liebe, daß Dein Sclave Dir ſeine Aufwartung macht?“ „Tritt ein, wenn es Dir beliebt!“ Der Baron beeilte ſich, der Erlaubniß nachzukommen. r war mit der ausgezeichnetſten Sorgfalt und Eleganz gekleidet. Und nachdem er einen Augenblick ſcheinbar von Erſtaunen verwirrt geſtanden hatte, ſtürzte Ein launenhaftes Weib. Iv. 134 20²2 er beinahe ſeiner Frau zu Füßen, indem er mit einem Tone, nicht allein der lebhafteſten Ueberzeugung, ſondern auch des fortdauernden Erſtaunens heftig ausrief: „Mein Gott! träume ich oder biſt Du es ſelbſt?— Zwölf Stunden haben Dich alſo ſo verändert, ſo ver⸗ ſchönert, daß Dein Gatte mit zitterndem Entzücken fragt: Iſt ſie das wirklich? kann das Glück eine ſo tiefe und überſinnliche Wirkung ausüben? kann der Reflex der Seele den Körper ſo himmliſch verſchönern? Ich habe wirklich oft davon gehört, es jedoch nie bis auf dieſen Augenblick glauben wollen. Ach, Olga! ich ſchwöre hätte ich Dich jemals ſo geſehen, wie Du mir in dieſem Augenblicke erſcheinſt, ſo würde mein Herz Dich immer wie jetzt mit der feurigſten Flamme angebetet haben!“ Olga verbarg ein leichtes Gähnen und antwortete: „Ich ſaß eben und betrachtete mich im Spiegel, da Du kamſt, und ich ſah, daß die durchwachte Nacht mir die wenige Farbe, die ich ſonſt noch habe, ganz geraubt hat— ich bin blaß und ſchaurig— und Du ſibhſ wohl ein: da ich das Urtheil meines Spiegels vor dem Dei⸗ nigen erhalten habe, ſo bin ich geſtählt gegen Deine feine Schmeichelei.“ „Hal dieſe Bitterkeit!— ich ſähe es lieber, daß Du mich haſſeſt, als daß Du meine Gefühle verhöhnſt.“ Er erhob ſich mit großer Würde. „Ich habe nicht die Kraft, Dich zu haſſen, mein Freund, und was Deine Gefühle betrifft, ſo habe ich ſie ja immer zu ſchonen geſucht.“ „Und dieſe Schonung, woher kam die?— Von Deiner eigenen Kälte, die gerade die eigentliche, die ein⸗ zige Trennung zwiſchen uns iſt. Doch es iſt wahr: ich bin ja wahnſinnig, daß ich Dich, Engel, anzuklagen wage, da ich nur mich ſelbſt anklagen darf! Du warſt ein Kind, als wir uns verheiratheten— und Du konnteſt mir damals nicht die Gefühle einflößen, welche die Bruſt des Mannes ausſchließlich füllen müſſen, wenn eine Leidenſchaft daraus werden ſoll, die erhaben und groß genug iſt, um die niedrigeren Elemente in ſeiner Natur — n Se een e zu beherrſchen. Jetzt, Olga, jetzt ſtehſt Du als das vollendete Weib vor mir. Deine Kälte, Deine Gleich⸗ giltigkeit reizt meine Gefühle in demſelben Augenblicke, da ſie dieſelben verletzt. Jetzt fühle ich, fühle es tief, daß für uns ein anderes Leben, ein Leben voll unbe⸗ kannter Schätze beginnen kann— ſtoße mich doch nicht zurück, da ich komme und mit meiner Seele auf den Lippen reuevoll zu Dir ſage: Laß Alles verſöhnt ſein, laß uns ein neues Daſein beginnen!“ „Ungefähr dieſelben Worte ſagte ich Dir geſtern, ich zeigte Dir, auf welche Weiſe Du Dir meine Achtung wieder erwerben, auf welche Weiſe Du Alles verſöhnen konnteſt— was thateſt Du damals?... Doch nun genug mit dieſen Phraſen, welche nur die Einleitung zu der Hauptſache ſind, die Du mir zu ſagen haſt! Ich errathe, ſie betrifft Helmer.“ „Hartes Herz!“ „Zur Sache, wenn es Dir beliebt!“ „Da Du ſo ganz an mir zu zweifeln ſcheinſt, ſo überzeuge Dich nun wenigſtens, daß, nachdem Mutter eine Verſöhnung geſtattet hat, ich nicht derjenige bin, der ſich darüber unzufrieden zeigt.“ „—. „Jeder Menſch kann aus Irrthum fehlen, doch jeder Menſch kann auch ſeine Fehler erkennen und ſie verbeſſern.“ „Erkläre Dich!“ „Mein Wunſch iſt, daß Du, wenn Du mit mir einverſtanden biſt, der Mutter meine Hoffnung vorſtellen willſt, daß ſie mir, nachdem ſie die Güte gehabt hat, das Vergangene zu vergeſſen, die Gunſt beweiſen möge, ihr meine Dankbarkeit zu bezeigen.“ „Und dieſe Dankbarkeit?“ „Beſteht darin, daß ich bereit bin, Odensborg ab⸗ zutreten, ſo, wie es ſich befindet, damit Helmer ſogleich wohnen kann, wie es dem jetzt mit ihr verſoͤhnten Schwiegerſohne unſerer Mutter anſteht.“ „Wo wollten wir denn wohnen?“ „Ahnſt Du denn nicht, daß mein Henn auch an 204 Dich gedacht hat, daß ich, indem ich mich erbiete, meine Aufſicht über Dagby wieder zu übernehmen, mich gleich⸗ ſam unter die Aufſicht dieſer ſtrengen, aber zärtlichen Mutter ſtellen will? Du wirſt täglich Gelegenheit haben, bei derjenigen zu ſein, die Du auf Erden am höchſten liebſt, bei Deiner Mutter— und ich werde vor Euren beiderſeitigen Augen jene Proben meiner Standhaftigkeit ablegen, welche nothwendig find, um Deine zärtlicheren Gefühle wieder zu gewinnen, oder beſſer geſagt, zu erwerben.“ „Mein Freund!“ ſagte Olga mit einem ſo ſpitzigen Lächeln, daß der Baron wohl begriff, er wäre durchſchaut, „Deine Artigkeit gegen Deinen Schwager iſt ganz un⸗ vergleichlich; aber ich zweifle, daß Mutter es über ſich vermag, Dich auf eine ſo harte Probe zu ſetzen.“ „Wieder Mißtrauen?“ Ein Ausdruck von reſignirter Ergebenheit ſpielte auf den Geſichtszügen des Barons. „Weit entfernt: die ſchöne Geſinnung, die Du aus⸗ gedrückt haſt, iſt mir im Gegentheil eine vollkommene Bürgſchaft für die Freundlichkeit, die Du unſern Ver⸗ wandten beweiſen wirſt: wir werden jetzt täglich mit ihnen zuſammen ſein, obgleich ſie, während wir noch in Stockholm ſind, ihre kleine Wohnung nicht verlaſſen wollen. A propos! gehſt Du heute Abend mit? Sie werden dort ein kleines Feſt feiern, um ihren Arzt, einen menſchenfreundlichen Mann, zu überraſchen, dem ſie ebenſo ſehr verbunden ſind als Arzt, als wegen ſeiner beſondern Freundſchaft.“ „Heute Abend?.. Laß mich nachdenken!.. Nein, das iſt ganz unmöglich! Ich bin verzweifelt, daß ich eine ſo ſchöne Familienſcene nicht genießen kann! Doch ſchon vorgeſtern verſprach ich dem Grafen H., mit ihm und einigen Freunden zu ſoupiren... Inzwiſchen habe ich zum Mittag Gelegenheit, die Freude des Wiederſehens auszudrücken.“ Mit dieſen Worten verließ der Baron ſeine Gattin. 2. Um zwölf Uhr in dem Zimmer der Hofräthin. „Nun, mein lieber Sohn, nachdem wir einen Cours durch die Vergangenheit und ihre Schattenſeiten gemacht haben, iſt es wohl ganz in der Ordnung, daß wir das Blatt umwenden und auch einige Worte uͤber die Zukunft reden. Da ich inzwiſchen wünſche, daß zwiſchen uns ſtets ein offenes Vertrauen herrſcht, ſo iſt es gut, wenn wir mit dem Anfange beginnen. Ich möchte Dir alſo gerne noch eine Frage vorlegen.. „Frage, was Du willſt, geliebte Mutter, und ich werde Nichts verhehlen!“ antwortete Helmer, welcher vertraulich neben der Schwiegermutter im Sopha ſaß. „Alſo ohne Umſtände: man hat mir geſagt, Du ſpieleſt, ſpieleſt mit Leidenſchaft und unglücklich.“ „Als Junggeſell, lange vor der Zeit, da ich nach Dagby kam, hatte ich wirklich eine Neigung zum Spiel, und dieſe hätte ſehr leicht in Leidenſchaft ausarten können, wenn nicht die zärtlichſte der Muͤtter mich durch ihre ſanften Ermahnungen zurückgehalten hätte. Seit jener Zeit habe ich nie etwas Anderes geſpielt, als un⸗ bedeutende Geſellſchaftsſpiele, bis...“ Helmer hielt einen Augenblick inne— dieſer Gegen⸗ ſtand war äußerſt ſchmerzhaft für ihn. „Bis?— weiter, mein Sohn!“ „Bis an einem Tage, vor dem ich erröthen werde, ſo lange ich lebe, ſo oft ich daran denke. Doch die Folgen dieſes Tages haben mich auch für immer gerettet.“ „Weißt Du das gewiß?“ „Urtheile ſelbſt, meine theure Mutter!“ Und nun erzählte Helmer mit vollkommener Auf⸗ richtigkeit, und ohne nur den allergeringſten Verſuch zu machen, ſeine Schuld zu übertünchen, das ungluͤckliche Ereigniß auf dem Markte. Doch den Verdacht, welchen er ſeiner Frau verrathen hatte, rückſichtlich ſeines Mit⸗ ſpielers, verſchwieg er ſeiner Schwiegermutter— dieſer Umſtand verminderte ja ſein eigenes Vergehen nicht. 206 Aufgeregt durch die Erinnerungen, welche er ſich in's Gedächtniß zurückgerufen hatte, ſchloß er mit folgenden Worten: „Möchte ich in meinem Leben nicht mehr die Qualen empfinden, die ich empfand, als ich aus der berauſchenden Luft des Spielzimmers kam und zur Beſinnung, zu dem Gefühl meiner Erniedrigung erwachte! Und dennoch waren dieſe Qualen nur der Anfang der Strafe, welche be⸗ gann, als ich meinem Herde nahte, als ich meiner Gattin unter die Augen trat, dieſer Gattin, die ich anbetete und dennoch jetzt in ein noch tieferes Elend geſtürzt hatte. Ihr zärtlicher, fragender Blick vernichtete mich. Noch war aber das Aergſte übrig, das Geſtändniß. Bedenke, meine Mutter, was dieſes Geſtändniß mir koſten konnte, vielleicht ihre Liebe, ihre Achtung! Doch da lernte ich die ganze Größe des Herzens meiner Edith, den ganzen Adel und die ganze Stärke ihrer Zärtlichkeit kennen, und da erhielt ſie von mir ein Gelübde, das ich niemals brechen kann. Denn höre...“ „Erſpare Dir den Reſt, mein Sohn! Du weißt, Edith iſt den ganzen Morgen, bis ſie mit Olga ausfuhr, bei mir geweſen; ſie hat mir Alles erzählt und mir geſagt, wie vollſtändig Du dieſen einzigen Fehler geſühnt haſt. Sie hat mir auch die große Geduld, die Vernunft und die wahre Liebe erzählt, womit Du“— hier errö⸗ thete die Hofräthin ſtark—„ſie während der unglück⸗ lichen Periode behandelt haſt, da Mörnburg ein mir völlig unbekanntes Spiel in Deinem Hauſe ſpielte. Genug, mein Sohn, Deine ganze Handlungsweiſe— wenn ich ſage, die ganze, ſo verſtehſt Du, daß ich Alles weiß, hat meine vollſte Achtung, und als ich hörte, wie Ihr in der Armuth durch Eure Liebe, Eup 1 Geduld einander veredelt, wie Ihr gearbeitet habt, wie Ihr bei dem geringſten Sonnenſchein dankbar und zu⸗ frieden geweſen ſeid, da habe ich vor Dankbarkeit geweint, denn Du ganz allein haſt Edith zu dem gemacht, was ſte geworden iſt.“ 1 „Meine Mutter!“ nen, als ißt, uhr, mir hnt unft rrö⸗ ück⸗ mir elte. ich ich kur wie zu⸗ int, was 207 „Und vergiß mir nun, daß ich Dich durch die Frage über das Spiel beunruhigt habe! Ich wollte dieſe Sache von Dir ſelbſt hören, und die Gewiſſenhaftigkeit, die Reue und die volle Offenherzigkeit, womit Du ſie be⸗ richtet haſt, befeſtigt mein Vertrauen und meine Achtung noch mehr. Jetzt, mein Sohn, iſt Alles klar zwiſchen uns.“ „Ich habe keine Worte, um meine Gefühle auszu⸗ drücken, aber ich habe ein Herz, und ſo lange dieſes ſchlägt, werde ich niemals, meine theure, geliebte Mutter, dieſen Augenblick vergeſſen!“ „Gut, mein Sohn, ich auch nicht!.. Jetzt laß uns zu meinem andern Schwiegerſohne übergehen.“ Helmer erröthete leicht. Trotz aller Anſtrengung vermochte er nicht die bitteren Gefühlen, welche er ſo lange gegen ſeinen Schwager genährt hatte, zu unter⸗ drücken „Ich verſtehe, was Dich bewegt, mein lieber Ernſt, und kann mich darüber nicht wundern. Doch ſage mir— Edith ließ einige Worte fallen, und ich fürchte, ihr In⸗ halt kann wirkich gegründet ſein— jener Mann, mit dem Du ſpielteſt... glaubſt Du, daß er abgeſchickt war, um Dich in Verſuchung zu führen?“ „O, dieſen Verdacht hätte ſie verſchweigen ſollen— doch, nachdem ſie das nicht gethan hat, muß ich bei der Wahrheit bleiben... ich glaube, der Mann war ab⸗ geſchickt, um zu thun, was er that; doch um ſo ſchlim⸗ mer für mich, daß ich in eine gelegte Schlinge fiel.“ „Ja,“ entgegnete die Hofräthin,„der Verdacht iſt gewiß gegründet, denn geſtern, da er von einer Ver⸗ ſoöhnung reden hörte, verrieth er ſeine Kenntniß von dieſer Sache. Er macht mich beſorgt über Olga's Zukunft: unter der glatteſten Oberfläche ſchleicht er auf geheimen Wegen mit dem Böſen umher, welches er thut, und an Dich wollte er kommen ſowohl aus Habſucht als aus Eiferſucht. Du weißt wohl, daß er Dein Nebenbuhler geweſen iſt?“ „Das habe ich wohl fühlen müſſen, und ich will lieber glauben, daß ſeine Rachgier gegen mich von dem 208 Aerger herrührt, der in ſeinem Herzen zurückgeblieben iſt, als von einem niedrigen Eigennutze.“ „Auf keinen Fall darf zwiſchen Euch eine Erklärung Statt finden— hörſt Du das, mein Sohn! Ich will nicht, daß meine Schwiegerſöhne wie zwei Kampfhähne einander gegenüber ſtehen ſollen. Um der Welt willen muß man den Schein immer reſpectiren.“ „O, fürchte nichts, gute Mutter! Wenn wir auch niemals freundſchaftliche Gefühle gegen einander hegen ſollten— was wohl wahrſcheinlich iſt— ſo reſpectiren wir gewiß vor allen Dingen Deinen Wunſch und unſern Schwagertitel. Auf jeden Fall kann man ſich gegen⸗ ſeitig die äußere Achtung erweiſen.“ „Dieſe Verſicherung beruhigt mich vollkommen— und theilte ich nicht Deine letzte Anſicht, ſo müßte ich erſticken, ſo oft ich den Kerl ſehe!“ . Die Hofräthin ſagte dieſe Worte mit einem Aus⸗ druck von ſo tiefem Haß, daß Helmer merkte, ſie müßte eine noch mächtigere Ürſache haben, ſich uͤber dieſen Schwiegerſohn zu beklagen. „Weißt Du,“ ſagte ſie mit blitzenden Augen,„weißt Du wohl, wozu er im Stande geweſen iſt?“ „Nein, ich begreife nicht!“ „Du ſiehſt, daß Octavie fehlt— ſie iſt für immer weggezogen.“— „Dieſes Weib— o, noch kommt wirklich eine ſolche Gemüthsbewegung über mich, daß ich ſie kaum dämpfen kann!— ſie war ſeine Geliebte. Gerade vor den Augen ſeiner Frau betrieb er dieſe Intrigue.“ „Welch ein erbärmlicher Menſch!“ rief Helmer mit lammenden Wangen und zitternder Stimme.„Arme a!“ 3„Dank, mein Sohn“ Ich ſehe, Du fühlſt wie ich.. und Olga iſt in der That arm, denn ſie kann nicht einmal die Eiferſucht fühlen: ihr Herz iſt abgeſtorben, und dieſe Betrübniß legt mich in das Grab“.... „Meine zärtliche, gute Mutter!“— Ernſt ergriff 209 mit ſohnlicher Ehrerbietung die Hand der ſtolzen Frau und führte ſie an ſeine Lippen—„wir wollen unſere Bemühungen vereinigen und Alles in der Welt thun, um die Leere in ihrem Leben auszufüllen!“ „Ja, ja, nicht wahr, Ihr werdet Alles für ſie thun!... Nun aber noch ein Wort über Geſchäfte! Abbé, der Eigennützige, hat mir ſchon einen Wink gegeben, daß er, um eine⸗Probe ſeiner freundſchaftlichen Geſinnungen zu geben, bereit wäre, Dir Odensborg abzutreten und ſelbſt mit ſeiner Gattin nach Dagby zurück zu ziehen. Da er jedoch ſo eifrig war, ſeine eigene Haushaltung zu bekommen, um deſto leichter ſeinen geheimen Ver⸗ gnügungen nachgehen zu können, und da Odensborg mit großen Koſten nach ſeinem Kopfe eingerichtet iſt, ſo geſchieht in dieſer Sache keine Aenderung. Meine arme Olga kann ich dennoch längere Zeiten bei mir haben. Seine brüderlichen Bekümmerniſſe fur Eure Einrich⸗ tung verſtehſt Du natürlich wohl?“ „Ich kann mir in dieſer Hinſicht keine Vermuthung erlauben.“ „So will ich's denn ſagen: er iſt ein ſchlauer Mann, und darum hat er berechnet, daß derjenige von meinen Schwiegerſöhnen, welcher ſchon bei meinen Leb⸗ zeiten die Oberaufſicht über Dagby übernimmt, das Gut nach meinem Tode wahrſcheinlich behalten wird. Nun, ſo lange er von einem ſichtbaren Mitbewerber nichts vernahm, ſo meinte er, ich könnte mich wohl ohne die Geſellſchaft meiner Kinder behelfen, und da gefiel es ihm, auf Odensborg zu repräſentiren; ſobald er aber anfing zu fuͤrchten, daß er dort bis an ſeinen Tod repräſentiren müßte, ſo... Jetzt verſtehſt Du ja, mein lieber Prätendent, auf den man gar nicht gerechnet hatte?“ „Ach, ich verſtehe nur eine Sache,“ ſagte Helmer mit einem Blitz der Freude in ſeinen Augen:„meine Edith und ich werden immer bei unſerer Mutter ſein— alle dieſe Schmerzensjahre werden in einer doppelten Glückſeligkeit Erſatz finden, unſere Kinder werden ſpielen in dieſem Dagby, wo die Liebe ihrer Eltern anfing 210 Knoſpen zu treiben! Mein Gott, dieſes Glück iſt ebenſo ſchön, als unerwartet!“ „Nun, Gott ſei gelobt, daß dieſe Anordnung, die ich Dir eben vorſchlagen wollte, Dir ſo gefällt! Sonſt wäre Landswik meinem zweiten Schwiegerſohne zuge⸗ fallen mit einem Erſatz an Geld, denn Landswik iſt nicht ſo groß... Doch aufrichtig geſagt, es iſt für mich allzu einſam auf dem großen Dagby: ich will es belebt ſehen durch meine Kinder, und ein Herr iſt dort ebenfalls erforderlich— ich bin der Laſt müde. Wir theilen die Staatswohnung: Ihr erhaltet die eine Hälfte, und die anderere haben wir fuͤr beſondere Gelegenheiten gemeinſam. „Die Staatswohnung, beſte Mutter? Wir ſind un⸗ endlich gut in dem rechten Flügel logirt.“ „Mein Sohn,“ ſagte die Hofräthin mit einer ge⸗ wiſſen ängſtlichen Feierlichkeit,„ich bitte Dich, eine Sache ſehr wohl zu bedenken!“ „Was denn, Meine Mutter?“ „Daß von dem Bruksverwalter nicht länger die Rede iſt, ſondern von dem Brukspatron Helmer, der hunderttauſend Reichsthaler als Mitgift und Dagby als Erbtheil erhält!“ „Das läßt ſich gewiß nicht vergeſſen!“ entgegnete Helmer lächelnd. 2 [/¶¶[mꝑq+ 3. Auf einer Promenade durch den Hagaer Park. „Ja,“ ſagte Olga, während der Wagen langſam zum zweiten Male an dem poetiſchen Teiche voruͤber fuhr, „ſo iſt mein Leben dahin gefloſſen!“ 4 „Sdith ſaß da mit geſenktem Blick und bethrän⸗ tem Auge. Abende gewußt hätteſt, da Du vor dem Operneingange — „Wenn Du das alles,“ fuhr Olga fort,„an jenem 211 unter den Fußgängern ſtandeſt, während ich mich in meinem engliſchen Wagen ſchaukelte, ſo hätteſt Du mich nicht beneidet.“ „Das that ich auch ſo nicht,“ entgegnete Edith, denn gegen keinen Glanz hätte ich das Glück vertauſchen wollen, welches ich jedem andern immer vorgezogen habe.. Doch, Olga, geliebte Schweſter, vor Allem, was Du mir mitgetheilt haſt, ſetzt mich eine Sache am meiſten in Erſtaunen.“ „Welche?“ „Dieſe große, unbeſchreibliche Gleichgültigkeit, die der warmen Theilnahme, welche aus meinem Herzen ſtrömt, gar nicht zu bedürfen ſcheint. Du erzählſt alle dieſe Leiden, als beträfen ſie eine andere Perſon.. Du ſcheinſt den Schmerz gar nicht zu fühlen, der Schimpf ſcheint Dir gar keine Leiden zuzufügen.“ Olga läͤchelte bitter. „Weit beſſer würde es mir gefallen, wenn ich Thrä⸗ nen, Verzweiflung, Wuth, vor allen Dingen einen ge⸗ rechten Harm über ſein nichtswürdiges Betragen ſähe.“ „O, wenn ich das alles beſäße, ſo haͤtte ich ja einen wirklichen Lurus an Gefühlen. Dieſe würden mich gewiß zerſtreuen.“ „Was meinſt Du?“ fragte Edith erſtaunt. „Ich meine, daß ich an gar keinen Reichthum in dieſer Hinſicht gewöhnt bin, ich bin nur gewöhnt, daß mir die Zeit lang wird— doch nicht jetzt... jetzt bin ich glücklich. Aber ich fürchte...“ „Was?“ „Wenn ich mich erſt an das Glück gewöhnt habe, das ich mit Dir, Deinem Gatten und Euren kleinen Engeln empfinde, daß ich dann in meine gewoöhnliche müde Schläfrigkeit zurückfalle.“ „O nein, wir werden ja doch ein Mittel gegen 4,4— dieſe ſchreckliche Krankheit auffinden. Hörſt Du... „Ich höre!“ „Biſt Du entſchloſſen, Dein ganzes Leben bei Dei⸗ nem Manne hinzubringen??“ 4 * 5 5 35 1 1 4 1 212 „Was könnte ich wohl anders thun?“ „Nun, mein Gott, gibt es denn nicht für Dich eben jenen Ausweg, den er mir einmal vorſchlagen ließ?“ „Eine Scheidung?“ „Ja wohl!“ „Wie ſollte ich wohl alle dieſe Umſtände aushalten! Ich bekomme ſchon Schwindel, wenn ich nur an alle Kniefälle, zärtliche Phraſen und romantiſche Beſchul⸗ digungen denke, mit denen er mich überfluͤgeln würde! Nein, liebe Edith, da iſt es wirklich beſſer ſo, wie es iſt. Er iſt artig gegen mich und mag meinethalben leben, wie er will!“ „Ach ſo,“ ſagte Edith erröthend,„Du ſelbſt gibſt ihm eine ſolche Freiheit?“ „Ja wohl, was kümmern mich ſeine beſonderen Vergnügungen? Da ich für ſein Glück nichts thun kann, und auch er nichts für das meinige, ſo verlohnt es ſich auch nicht der Mühe, Prätentionen zu machen.“ „Liebe Olga!“ ſagte Edith mit unbeſchreiblicher Rührung,„es iſt ſündhaft, die Heiligkeit der Ehe ſo zu behandeln! Und da Du Dich nicht von ihm trennen willſt, ſo ſchlage ich Dir ein Ziel vor, das würdig wäre, Dich aus Deiner Erſchlaffung zu reißen.“ „Laß hören!“ „Du glaubſt gar nicht, wie viel der Eine von zwei Ehegatten den andern verbeſſern kann. Denke Dir, wenn ein großer Theil von Abbé's Fehlern eine Folge Deiner Kaͤlte und Gleichgültigkeit wäre!. Wenn Du jetzt noch ſein Herz gewinnen und bei ihm Eigen⸗ ſchaften erwecken könnteſt, welche ihn Deiner Achtung würdig machten, ſo könnteſt auch Du es allmälig ler⸗ nen, ihn zu lieben.“ „Dein Vorſchlag iſt ſehr ſchön, aber...“ „Er iſt nicht bloß ſchön, ſondern auch eine Pflicht; denn eine Pflicht iſt es immer, nach Kräften ſeine Lage zu verbeſſern. Das Leben iſt lang: ſo ſuche denn einige Roſen zu pflanzen, welche Dir den Weg erheitern können!“ „Ich will mir die Sache wenigſtens überlegen!... me wei ter Sage mir aber auf Dein Gewiſſen: iſt es möglich, an⸗ ders als aus Gewohnheit zu lieben, wenn man mehrere Jahre lang verheirathet geweſen iſt?“ „Und darnach fragſt Du mich?“ antwortete Edith, vor Verdruß erröthend. „Ich weiß, Du und Dein Ernſt, Ihr liebt Euch gegenſeitig ſehr innig, aber...“ „Ueber uns kann ich Dir gar keine Aber geſtatten, und Du wirſt auch keine mehr anwenden, wenn Du, meine geliebte Schweſter, erſt Gelegenheit gehabt haſt, unſere Liebe mehr in der Nähe zu betrachten. Wiſſe: wenn ich früher meinen Ernſt mit Leidenſchaft liebte, ſo bete ich ihn jetzt in eben dieſem Grade an— und er,“ ſetzte ſie mit einem verſchönernden Lächeln hinzu, „er iſt noch eben ſo ſehr Liebhaber als Gatte.“ Ein Seufzer entwand ſich Olga's Bruſt. „OQ!“ rief Edith aus,„wenn Du wüßteſt, wie bitter dieſer Seufzer auf mein Herz fällt! Du, meine theure, theure Schweſter! Du, die ich jetzt ſo warm liebe! Du, der ich vor allen Andern mein jetziges hohes Glück verdanke! .. wie werde ich auch Dir das Glück bereiten köͤnnen?“ „Das thuſt Du ſchon, da Du mir dieſe Liebe zeigſt, und hernach...“ „Was hernach?“ „O, nichts!... Fahr' zu, Torsſon!“ Der Gedanke, den Olga unterdrückte, war folgender: „„ Und hernach wird wohl die Müdigkeit und Lange⸗ weile ebenſo gut tödten können, als jede andere Krankheit!“ Dreiundzwanzigſtes Capitel. Der letzte Abſchnitt in Edith's Roman. Es war wieder Abend auf dem Kirchhofe bei Dagby. Ein lieblicher Maiwind ſpielte durch die jungen Blät⸗ ter in den Kronen der Bäume und liebkoste zäͤrtlich die 214 kleinen Gewächſe, welche ſich auf den Grabhügeln er⸗ hoben. Der Kuckuck ließ ſeine freudenreichen Töne hören und überſtimmte die Elſtern, welche lachend heimwärts in ihre Neſter zogen; der Waſſerfall rauſchte majeſtätiſch, der Eiſenhammer tönte, und Flammen aus den Schmie⸗ den tanzten weit über den Fluß hin. An dem Poſtament auf dem Grabe des ſeligen Hof⸗ rathes ſaß, wie vor beinahe ſieben Jahren, ein einſamer Mann, und an dem klaren, warmen Blicke, an der friedevollen Stirn, an dem ruhigen, ſanften, halb jo⸗ vialiſchen Lächeln, erkennen wir den Mann ſehr gut wieder. Gleichwohl ſchien er jetzt nicht wie an dem Abende, da wir zuerſt ſeine Bekanntſchaft machten, von dem Schmerze der Trauer berührt zu werden. Er war hieher gekommen, um, ehe er nach einer fünfthalbjährigen Abweſenheit Dagby und die Gattin ſeines Bruders wiederſähe, auf dem Grabe des ſeligen Franz Gott um die Gnade zu bitten, daß er im Stande ſein möchte, das harte Herz, welches endlich das Zeichen eines Gefühles gegen die verſtoßene Tochter zu geben ſchien, vollkommen zu erwärmen. Dießmal war der Onkel Janne zu Wagen nach Dagby gekommen. Wie wäre es auch wohl möglich geweſen, mit einer Fußwanderung die Zeit zu vergeuden! Der einfache Einſpänner war voraus gefahren; doch draußen vor der Kirchhofmauer ſaßen getreulich wartend die alten Begleiter.. „Ich fürchte mich, ihn anzuſtoßen, Du!“ ſagte Pri⸗ mus zu Murre, da er meinte, daß ſein Herr allzu lange und allzu viele Gebete hielt. Murre gab durch ein kleines, kurzes Gebell zu er⸗ kennen, daß er nichts dagegen hätte, die Wanderung fortzuſetzen. „Nein, nein!“ entgegnete Primus, der die Antwort verſtand, Du biſt ganz meiner Meinung, daß man nicht früh genug ankommen kann, wenn es noch einmal in der Welt nach Dagby geht. Es iſt mir auch, als röche ich den ſüßen Reisbrei bis hieher.... Möchte 215 wohl wiſſen, wie Lotta ſich jetzt mit ihrem langen Kut⸗ ſcherrekel befindet!... Vielleicht hätte ſie's nun beſſer gehabt, wenn ſie es klug angefangen hätte. Doch Klei⸗ nigkeit! Jetzt bin ich alt und geſetzt, und ſie darf mei⸗ ner Seel' nicht ausſehen wie Molken und Wehtage, wenn ich mich herablaſſen ſoll, dem Pinſel, ihrem Manne, einen kleinen Poſſen zu ſpielen. Aber ich glaube, ich thue es dennoch nicht; denn im Ganzen genommen, taugt das Weiberzeug alles nicht— ausgenommen unſere weißen Katzen zu Hauſe in Grandalen: ſie haben doch wenigſtens Charakter; denn ſie kratzen nur ſich gegen⸗ ſeitig, während die Weibsleute, welche Röcke tragen, auf uns los gehen. Wenn ich einmal meine Gedanken recht ſpielen laſſe— denn Gott ſei Lob und Dank! das Spiel verſtehe ich— ſo wäre es luſtig, dahinter zu kommen, warum wohl Gott, unſer Herr, die ganze Cleriſei ge⸗ ſchaffen hat: ich meine, wir wären auch ohne ſie fertig geworden. Nun aber, vergißt der Herr ſich ganz— ich muß wohl hin und ihn ein wenig am Rock zupfen!“ Und Primus trat auf den Kirchhof und nahte mit kleinen, gravitätiſchen Schritten dem Orte, wo Onkel Janne in ſeinen tiefen Gedanken ſaß. „Herr... hören Sie, Herr! Sein Sie doch ſo gut und ſehen Sie ſich um, und bedenken Sie, ob wir wohl nicht weiter gehen ſollten... Vielleicht fühlt die gnä⸗ dige Frau ſich beleidigt, wenn Sie ſo lange verziehen, und es gerade ſo ausſieht, als ob Sie nicht gerne kom⸗ men wollten!“ „Du kannſt Recht haben, Primus, aber ſte ſoll ſehen, daß ich noch niemals angelegener geweſen bin. Schnell, vorwärts!“ „Bleiben wir lange hier, Herr?“ „Wir werden ſehen!“ „Es wäre gut, wenn ich's ſehen könnte— es hat mir nirgends in meinem Leben ſo gut gefallen, wie auf Dagby, und damals als Fräulein Edith...“ „Still, ſprich nicht dieſen theuren Namen aus! 216 da werde ich ſo aufgeregt— und ich bedarf meiner ganzen Ruhe.“— Und ſtill gingen ſie auf dem alten, bekannten Wege dahin, über die Brücke, durch den Park und auf den Hof hinauf. Am Gitterthore wurde der Onkel von einem etwas corpulenten Mann von mittleren Jahren, mit einem hurtigen und klugen, aber nicht beſonders angenehmen Aeußern, der ſich ſelbſt als Bruksverwalter vorſtellte, empfangen. „Aha!“ dachte der Onkel,„das war mir ein an⸗ derer Bruksverwalter, als dieſer Helmer! Dieſe ehrliche Seele— denn das iſt er gewiß— würde gewiß nicht ſo viele Verwirrung angerichtet haben!“ Nachdem der neue Bekannte des Onkels, der gleich⸗ wohl jetzt auf Dagby ſchon alt war, den Onkel unter vielen Verbeugungen und Begrüßungen auf ſein ehema⸗ liges Zimmer begleitet hatte, erklärte er, die gnädige Frau hätte den lebhafteſten Wunſch geäußert, ihren lie⸗ ben Gaſt ſo ſchnell wie möglich, ſelbſt empfangen zu önnen. „Ich danke, ich danke! will mich nur erſt ein we⸗ nig putzen!“ Eyhemals hätte der Onkel ſich an eine ſolche Cere⸗ monie nicht gekehrt, da er jedoch an die Schwächen der Schwägerin dachte, ſo wollte er ihr alle mögliche Auf⸗ merkſamkeit zeigen; daher tauchte das eine Stück nach dem andern von der ehemaligen eleganten Reiſegarde⸗ robe aus dem Mantelſacke auf— ſogar die pfirſichfar⸗ bene Weſte, dieſe unſterbliche Freundin, wurde mit einem Seufzer auf die Seite gelegt, um einer andern Platz zu machen, die erſt vor fünf Jahren modern war. „Nun, nun,“ tröſtete ſich der Alte,„dieß gilt nur für heute!“ Und jett begab er ſich auf den Weg in das große Gebäude. Die Hofräthin war ſo gnädig, ihn ſchon in der Hausflur entgegen zu nehmen, woſelbſt ſie zur höchſten Verwunderung des Onkels keine Ceremonien — austauſchten, ſondern eine Umarmung, die noch dazu herzlicher war, als irgend eine von denen, die ſie mit einander bis jetzt ausgetauſcht hatten. Bald ſaßen ſie allein und ganz vertraulich bei ein⸗ ander im Saale und verſicherten ſich gegenſeitig mit großem Eifer und Herzlichkeit, daß die Zeit Keinem von ihnen bedeutenden Schaden zugefügt hätte. Als aber dieſe Verſicherungen erſchöpft waren, ſo begann der Onkel zu huſten und die Hofräthin verlegen auszuſehen. „Nein, Schwägerin, dieß taugt nicht länger!“ platzte endlich der Onkel heraus, und rückte ſeinem Stuhl dem kleinen Sopha der gnädigen Frau um drei Schritte näher, „es iſt das Beſte, den Knoten mit einem Hiebe zu zer⸗ hauen.“ „Lieber Schwager!“ „Ich ſah es gleich an dem Briefe, daß die Erin⸗ nerung an den ſeligen Franz wieder erwacht iſt, und mit dieſer auch noch andere Erinnerungen, und es macht Deinem Herzen wirklich große Ehre, daß Du nicht län⸗ ger widerſtehen kannſt.“ „Mein lieber Janne, ich fürchte, Du machſt allzu ſchnelle Schlußſätze!“ „Schnell mögen ſie meinethalben ſein, aber wahr ſind ſie dennoch; das fühle ich an mir ſelbſt, und ich bin hieher geeilt, um Dir in meinem eigenen und in des Verſtorbenen Namen eine ewige Dankbarkeit zu zollen. Ich komme jetzt von ſeinem Grabe, und es iſt mir, als hörte ich aus demſelben eine ſanfte Stimme einen Segen über Dein Vorhaben flüſtern.“ „Nun wohl, Schwager! ich geſtehe, daß gewiſſe Erinnerungen ſich auf mich eingedrängt haben; darum will ich jetzt an mein Teſtament denken— ſie ſoll ihr Erbtheil nicht verlieren.“ „Gut und ſchön mit dem Erbtheil, liebe Schwä⸗ gerin! Ich habe noch nie eine einzige Secunde an einer Gerechtigkeit in dieſer Hinſicht gezweifelt. Und es iſt vernünftig und gut, daß jeder Menſch an ſeinen Hintritt denkt; bleibſt Du aber dabei ſtehen, darf ſie Ein launenhaftes Weib. IV. 15 218 nicht wieder an Deinem Herzen ruhen— ein Glück, das ſie noch nie höher verdient hat, als jetzt— dann gehe ich von hinnen mit einer Seele voller Traurigkeit. Denn was ſie vor Allem braucht, das iſt Deine Liebe, Deine Verzeihung. Und ich ſchwöre Dir, meine Du!“— ein ſo zärtliches Wort hatte er gegen die Schwägerin noch niemals angewendet—„Helmer iſt der edelſte und wür⸗ digſte Schwiegerſohn, den Du Dir wünſchen kannſt, und der dankbarſte wird er auch! Ich kann Dir Züge von ihm erzählen, die Dir Thränen in die Augen locken werden, und jetzt, da Dein Herz dieſe heilige Ruͤhrung zu empfinden beginnt, welche das Inſiegel der Natur ſelbſt auf unſere beſſere Natur iſt, will ich Dir auch Alles er⸗ ählen.“. 4„Nein, mein guter Schwager, Du darfſt mich nicht überrumpeln! Jedes Ding will ſeine Zeit haben... doch komm mit mir in die Bibliothek, ſo will ich Dir einen Entwurf des Teſtamentes zeigen.“ „Das iſt ein ganz guter Anfang, liebe Aurora! Sähe ich aber eines Tages Edith und Helmer und ihre kleinen, gottgeſegneten Engel in dieſen Zimmern, ſo wollte ich vor Dir die Kniee beugen, wie ich es bis jetzt nur vor Gott gethan habe!“ Die Hofraͤthin antwortete nicht, ſondern ging vor ihm her durch die Gemäldegallerie. Vor der Thüre zur Bibliothek blieb ſie ſtehen und erblaßte vor der großen Gemüthsbewegung, welche ſie empfand: ſie betrachtete den Schwager mit einem Blick, der ihr ſelbſt ſo ganz unähnlich war, daß der Onkel, ergriffen von einem ſchwindelnden Gedanken, die Thure heftig aufſtieß. Und dort ſtürzten nun jubelnd an ſeine Bruſt ſeine ſo zärtlich geliebte Nichte, ſeine Edith, und Helmer, ja wirklich ſein Sohn Helmer, und der Augapfel des Alten, der kleine Janne. Nein, das war allzu viel, allzu viel— der Onkel unterlag beinahe der Laſt ſeines Gluͤckes. Jetzt aber ſuchten ſeine mit Thränen erfüllten Au⸗ ggen die der Schwägerin, jetzt ſtreckte er gegen ſie ſeine —n—— —S ͤgE S &2 SͤSGA 219 Arm aus, indem er mit einer Stimme, die von tauſend heiligen Gefühlen zitterte: ausrief: „Möge es mir Gott verzeihen, geliebte Schweſter, daß ich bis heute Deinen großen Werth nicht gekannt und nicht begriffen habe! Jetzt erſt verſtehe ich die Worte des ſeligen Franz:„Wenn Du ſie ſo kennen lernſt, wie ich ſie kenne, ſo wirſt Du ſie auch lieben!““ Und die Thränen des Alten fielen tropfenweiſe auf bi Hand, welche er zum erſten Male in ſeinem Leben üßte. Es war ein ſchöner Triumph für die Hofräthin, daß ſie den Onkel Janne beſiegt hatte. Und von dieſem Tage an herrſchte auch zwiſchen ihnen das allerfreund⸗ ſchaftlichſte Verhältniß. Der Alte ſagte nicht länger Schwägerin, ſondern Schweſter. In Betreff des außerordentlich glänzenden Feſtes, womit die Hofräthin die Rückkehr ihrer Tochter in das Vaterhaus feierte— ein Feſt, ſo völlig verſchieden von Edith's ſtiller Hochzeit— waren ſämmtliche Gäſte einig, daß daſſelbe in gar nichts Anderem etwas Entſprechendes finden könnte, als in ſeinem intereſſanten Zwecke. Man bedauerte nur, daß man bei dieſer großen Feſtlichkeit den andern Schwiegerſohn der Hofräthin, den liebenswürdigen Baron Abbé, vermißte. Doch was war zu thun! Man konnte nicht das Vergnügen haben, beide Schwäger zuſammen zu ſehen, denn Geſchäfte hielten den Baron nach in Stockholm zurück, und her⸗ nach mußte er eine Reiſe nach Hamburg machen. Dieſes flüchtige Bedauern hielt jedoch Niemanden ab, ſo fröhlich und entzückt wie möglich zu ſein, denn das Wiederſehen Edith's und Helmer's ſchlug mächtig an auf alle Seiten der Theilnahme. Dieſe Theilnahme, dieſes Entzücken äußerte ſich beſonders für den kleinen ..„. 9..„. Janne, der— ein wirklicher Amor— in dem Kreiſe der Damen aus der einen Hand in die andere oder richtiger, aus dem einen Arm in den andern wanderte. 15* —— —— 1 220 Und Cdith, wie vortrefflich trug ſie nicht ihre wieder erlangte Würde, ihre glänzende Stellung! Als ſie noch einmal— in einer ebenſo glänzenden, ausgeſuchten und geſchmackvollen Toilette wie früher— umſchloſſen von Ernſt's Armen durch dieſen Saal walzte, entſannen nur dieſe Beiden ſich, daß ſie noch vor Kur⸗ zem in der düſtern, kalten Kammer in der Urwäder⸗ Gaſſe ſaßen, umgeben von Krankheit, Armuth und Tod. Aber dieſe Erinnerung, die ſie gegenſeitig in ihren Blicken laſen, ſchloß ihre Hände und Herzen noch feſter an ein⸗ ander. Sie hörten die brauſenden Töne der Muſik, aber es war ihnen, als hätte ein berauſchender Traum ſie auf ſeinen Flügeln hinweggetragen. „Noch immer eben ſo ſtattlich, eben ſo ſchön!“ flüſterten die Gäſte;„kein Menſch kann wohl an ihren Geſichtern eine Spur von Leiden und Armuth entdecken! Es iſt nimmermehr ſo arg geweſen, wie man hier er⸗ zählt hat!“ Der Brukspatron iſt eine ganz ſuperbe Fi⸗ gur mit der nobelſten Würde, und ſeine junge Frau noch unſere erſte Schönheit, und tauſend, tauſendmal angenehmer und liebenswürdiger als früher.“ „Nun, nun!“ meinte eine philoſophiſche Matrone, „ſie iſt auch in die Schule des Lebens gegangen!“ „Aber iſt es nicht ſonderbar,“ ſagte eine Andere, „daß unſere junge Freiherrin, die in keiner ſolchen Schule geweſen iſt, ausſieht, als hätte ſie das ganze Leben abgeſchworen? Niemand kann ſie dahin bringen, daß ſie tanzt. Sie ſitzt wie eine alte Frau im Sopha.“ „Das kommt daher,“ entgegnete die philoſophiſche Dame,„daß der Magnet das Eiſen an ſich zieht, und daß der Magnet in Stockholm geblieben iſt.“ Zu dem Angenehmſten für Edith bei dieſem Feſte gehörte das Wiederſehen ihrer ſo theuren Freundinnen Hortenſe und der Gräfin Roſa, die ſie in den Braut⸗ ſtuhl, den Eingang in das Leben, welches ihr ſo reich an Qual und Freude geweſen war, begleitet hatten. Auch Jenny war dort, welche ſie auf der Höhe ihres häuslichen Glückes, aber auch in ihrer Erniedrigung ———]—. —&e— — à— ◻ —6 u 221 geſehen hatte. Ach, um ſie alle flochten ſich reiche und theure Erinnerungen! Auch wurden die vier jungen Frauen gleich einig, ſo lebhaften Umgang mit einander zu pflegen, daß dieſe Erinnerungen keine Gelegenheit hätten, jemals zu erblaſſen. „Darf ich jetzt mit der ſchönen Jenny walzen?“ flüſterte Ernſt mit einem ſchelmiſchen Blicke ſeiner Gattin in das Ohr. „Was iſt zu thun?“ antwortete Edith lachend;„mit drei alten Nebenbuhlerinnen um mich her bin ich wohl gezwungen, die Eiferſucht abzuſchworen, wenn nämlich die Freundſchaftsallianz, die ich eben mit ihnen ge⸗ ſchloſſen habe, fortdauern ſoll.“ —— 4 „Gott ſei gedankt für die Ruhe!“ ſagte der Onkel, als die großen Feſttage vorüber waren, und die ganze Familie an einem Abende häuslich und angenehm auf dem alten theuren Platze vor den Thüren des Altans im Saale ſaß...„doch was ſehe ich?“ fügte er in einem ungleich weniger frohen Tone hinzu—„kommt dort nicht ſchon wieder ein Wagen in der Allee?“ „Ja, wahrhaftig!“ antwortete Olga, und ſank nach der großen Anſtrengung, das Haupt erhoben zu haben, von Neuem in den Lehnſtuhl zurück. „Sie kommen, um für die Einladung zu danken!“ meinte Edith. „Schon ſo bald!“ fiel die Hofräthin ein. „Nein, das iſt Keiner von unſern Nachbarn,“ ſagte Helmer, welcher, an die Lehne des Stuhles ſeiner Frau gelehnt, den Blick hinaus richtete:„es iſt ein beſtäubter Reiſewagen.. und täuſche ich mich nicht, ſo ſitzt dort ein lieber Bekannter auf dem Kutſchbock.“ „Nilman!“ riefen Alle auf einmal. 3 Und dieſem Ausrufe folgte gleich ein zweiter: „Ach, mein Gott, es iſt Graf Hermann!“ 222 Und Graf Hermann war es. Er kam jetzt nicht angezogen mit dem ehemaligen Troß einer Compagnie von Wachthunden und einer Ladung von Sachen, auch bediente er ſich nicht eines kleinen verſchloſſenen Hauſes anſtatt eines Wagens, ſondern er fuhr in einer offenen Kaleſche, und ſchon der erſte Anblick ſeiner ſo vortheilhaft veränderten Per⸗ ſon zeigte an, daß er nach der großen geiſtigen Revo⸗ lution, die er überlebt hatte, einen großen Theil ſeiner wunderlichen Grillen, und mit denſelben auch alle dieſe kleinen Kindereien verloren haben müßte, welche ſich bei einem kranken Gemüth ſo gern einfinden wollen. Gewiß iſt, daß der Graf in der That ein anderer Menſch geworden war, denn ſeitdem nun ſowohl ſein Kör⸗ per als auch ſeine Seele völlig geneſen waren, hatte er nicht länger jene fürchterlichen Beſuche, welche ihn ehemals auf die Folter legten: ſeit der tragiſchen Nacht auf Dagby hatte er ſein doppeltes Ich niemals wieder geſehen. Es ar ein ebenſo feierlicher als rührender Augen⸗ blick, da Graf Hermann zum zweiten Male in die Familie eintrat, in deren Kreiſe er die qualvollſten Ereigniſſe ſeines Lebens erlebt hatte. Doch jetzt war der Schmerz vorüber, die Erinnerung erblichen: nur die Freundſchaft gegen Diejenigen, welche ihn geliebt und ihm doch zu gleicher Zeit ſo wehe gethan hatten, war in ſeinem Herzen zurückgeblieben. Und jetzt, da er gleichſam in ein neues Weſen eingetreten, war er ge⸗ kommen, um ihnen dieſes zu ſagen. Doch hatte er auch noch eine andere Abſicht gehabt. Durch den letzten Brief des Onkels in Paris unter⸗ richtet von der langen Bußübung, welcher Edith ſich hatte unterziehen müſſen— der Allte hatte dieß nicht länger verſchweigen können, da der Graf zurückkommen wollte— hatte er ſeine Rückreiſe beſchleunigt, um bei der Hofräthin mit Berufung auf ehemalige innige Ver⸗ hältniſſe nach beſten Krhften eine Verſöhnung zu Stande zu bringen. 5 —- SR uRBAg 223 Aber zu ſeiner innigſten Freude fand er dieſe Ver⸗ ſöhnung ſchon vollendet. Und als er in ſeinem tiefen, muſikaliſchen Ton ſagte:„Nehmt ihn auf, den armen Pilger, der auf allen ſeinen Irrfahrten immer an den Tag gedacht hat, wo er wieder unter Euch treten würde!“ — Da öffneten ſich vor ihm alle Arme, alle Herzen. „Immer, immer findeſt Du hier eine Mutter!“ ſagte die Hofräthin. „Und eine Schweſter!“ fügte Edith hinzu, indem ſie dem Zurückgekommenen die zaͤrtliche Umarmung einer Schweſter gab. „Wenn nur Helmer nicht mit meiner Ankunft un⸗ zufrieden iſt!“ fluͤſterte der Graf dem Onkel Janne ſpäter zu.„Ich habe aber mein Herz ſorgfältig geprüft — nur eine geliebte Freundin ſehe ich wieder.“ „Laß uns fragen, Bruder!“ entgegnete der Alte lächelnd.„Dergleichen muß man immer auf reinem Fuße haben!“ Der Onkel winkte den jungen Brukspatron zu ſich und Legie ihm den blöden Kummer des Grafen an das Herz. 4 „Ach, ich bitte, mich nicht zu verkennen,“ ant⸗ wortete Helmer mit einem treufeſten Handſchlage;„ihre Zärtlichkeit wird für uns Alle hinreichen!“ Und ſtie reichte wirklich hin. Der Graf bezog nicht wieder ſeine alten Zimmer — das widerſprach dem Zartgefühl. Er ließ ſich in dem Cavalierflügel nieder, und gehörte von dieſem Augen⸗ blicke an mit zu der Familie. Edith an den Onkel Janne. (EEin Jahr ſpäter.) „Große Neuigkeiten, geliebter Onkel! Ehe ich jedoch zu dieſen komme, ſo erlaube, daß ich Dich an das Datum erinnere, welches wir heute haben, damit wir recht nachdenken köͤnnen, wie wun⸗ 4. 224 derbar es mit unſern Schickſalen hier in der Welt zugeht. d Wir ſchreiben den dreißigſten Mai. An dieſen Zu⸗ es fall hat aber außer mir heute kein Menſch gedacht— no und ich will ſchon ſchweigen. Duentſinnſt Dich wohl, lieber Onkel, wie wir gleich nach der Ankunft unſers lieben Gra- ſen fen an einem Morgen beim Frühſtück ſaßen und plau⸗ Tt derten und die Poſt ankam— o, dieſer Brief von Stock⸗ ni holm! wir vergeſſen ihn gewiß nicht. Er enthielt die Nachricht, daß Abbé heftig erkrankt und geſtorben war. Dieſe Gehirnentzündung, woher ſie kam, nur Gott weiß chl es. Ich habe mich immer gefreut, daß er unſern ſ Arzt rief, ſo daß er gut behandelt wurde, und daß er noch ſo viel Beſinnung hatte, jene drei liebevollen Zei⸗ ſchr len an Olga zu ſchreiben. Dieſer Abſchied legt doch l noch ein gutes Zeugniß von ihm ab. 3 9 Jetzt ſchläft er in Frieden mit einem prächtigen M Marmorſtein über ſich. Aber was meinſt Du wohl, 1 was heute ſeine junge Wittwe thut? Das räthſt du nimmermehr, Onkel, denn Du biſt ſelbſt ein Zeuge der änzlichen und langſamen Melancholie geweſen, die auf d ihre Freiheit folgte. Nun, ſo höre denn: in dieſer d Abendſtunde verſucht ſie ihren neuen— Verlobungsring. her So, Onkel, das war eine von meinen Neuigkeiten, wer und die zweite hat eine ſtarke, geſchwiſterliche Aehnlich⸗ keit mit der erſten, denn ſie erzählt, von der Hochzeit, das die zu Johannis ſein ſoll. 8 Mit der nächſten Poſt kommt von der Mutter, der en Braut und dem Bräutigam die officielle Nachricht nebſt mem der Einladung zu der väterlichen Würde für Dich. Aber b 6 ich konnte unmöglich warten bis zur nächſten Poſt, dazu lief war ich allzu gluͤcklich, denn merke, geliebter Onkel!— außer meiner eigenen Hochzeit konnte keine andere mich näher angehen— der Bräutigam iſt: Graf Her⸗ 1 mann!.* Nun ſehe ich, Onkel, daß Du den Brief fallen läſſeſt. ge Da ſehe man nur, welch ein Ende das ewige Schachſpiel der jungen verwitiweten gnädigen Frau und iihr und holde Lebensgefährtin. Und eine ſolche habe ich —— 5 225 des Grafen Hermann und die ewigen Promenaden ge⸗ nommen haben! Und wir, die wir an gar nichts denken konnten, ſondern ſo vergnügt zu einander ſagten:„Wie ſchön iſt es doch von dem Grafen Hermann, daß er eine ſolche Theilnahme, eine ſolche Aufmerkſamkeit zeigt, er, der nicht ſehr dafür iſt, ſich artig zu zeigen!“ Nach Deiner Abreiſe gleich nach Neujahr bemerkten wohl Ernſt und ich, daß das Schachſpiel bisweilen ſehr ſchlecht ging, daß ganze zehn Minuten verfließen konnten zwiſchen den Zügen, und daß, wenn ſie dann plötzlich aufblickten, es ein Erröthen uund ein Stottern um Ent⸗ ſchuldigung gab, das recht poſſierlich ausſah. Indeſſen glaubten wir keinesweges, daß er die Königin ſo ſchnell kneifen würde, wir laächelten im Stillen, wir und die Mutter. Aber geſtern kamen Beide ganz verwirrt von einer Wanderung im Park zurück. Gleich darauf erhielten wir die Nachricht, wir möchten hinunter kommen. Und da war Alles abgemacht: der Graf und die junge Frei⸗ herrin waren verlobt. Die Melancholie hatte ſie zu einander gezogen, und jetzt ſehen ſie wahrlich nichts weniger als melancholiſch aus. Dem Himmel ſei Dank, daß Hermann dennoch das Glück ſeines Lebens auf Dagby erhielt und daß Olga endlich die Kraft zum Leben beſitzt! Geſtern ſagte ſie mir dieſe Worte, welche noch jetzt mein Herz erwärmen: „Gott ſei gelobt, liebe Edith, daß du mir Hermann ließeſt, denn er und ich, wir paſſen vortrefflich zu ein⸗ „ander!“ Ich konnte es hernach nicht bleiben kaſſen, dieſe Worte vor Hermann auszuplaudern, und er antwortete mit einem milden und glückſeligen Lächeln:„Ich be⸗ gehre nicht länger einen Engel, ſondern eine zärtliche gefunden. Mein ganzes Leben wird nicht hinreichen, ihr meine Dankbarkeit zu widmen.“ Ddie Mutter ſagt jeden Augenblick n, Ernſt, der 226 immer noch fortfährt, ſeinen hohen Platz als Günſtling inne zu haben:„Lieber Ernſt, ich bin ganz entzückt über dieſe Partie!“ Und ich füge hinzu:„Es war auch eine ganze Gewiſſenslaſt, die von uns genommen wurde.“ Nilman iſt nicht der am wenigſten Glückliche— der vortreffliche, gute Nilman! Doch im Eifer, von dem Glücke Anderer zu reden, habe ich noch nicht Zeit gehabt, zu erzählen, daß mein eigenes immerwährend im Steigen... Aber ach, jetzt kommt Ernſt mit der Kleinen auf dem Arm— die Kleine weint— und jetzt ſchleicht ſich Janne mit der „Miß“ durch die Thür.. und jetzt kommt ein großer Rapport, die kleine Schweſter hat ihm eine halbe Stadt und ein ganzes Pferd zerſtört, und hat darum von dem jungen Despoten eine paſſende Hauszüchtigung er⸗ halten.. o weh, mein Brief!“ Poſtſeriptum von Helmer. „Komm, geliebter Onkel, und hilf uns die junge Generation erziehen! Kein Menſch verſteht ſich ſo gut darauf, wie Du.“ Ende.