f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 2 Stun⸗ den angenommen..— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. be 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: üt mchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1—————xãx— auf 1 Monat: 14 Mer.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 3 4 5 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feltgeſeht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 Veiterverleihen b der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — — d Ein launenhaftes Weib. Roman von Emilie Flygare⸗Carlén. Aus dem Schwediſchen von C. F. Friſch, Subrector am deutſchen National⸗Lyceum in Stockholm. Siebentes bis zehntes Bändchen. b Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. Drittes Buch. Die Gattin. 4 Wen ſoll ich fragen? Meinſt du die muntre Lerche, & Die jetzt aus der Wolke gerettet herabſank? Oder den Habicht, der dort mit geſpannten Segeln 3 Seine luftige Jagd hält?— 3 Runeberg. paſſenden Wohnung hätte machen ſollen. Dieſes meinten Erſtes Capitel. Das entflohene Jahr. Dreizehn Monate ſind vergangen ſeit dem ſchwarzen Freignifſ, welches die zweite Abtheilung dieſes Werkes endigt. „Wir beſinden uns in den letzten Tagen des Monats ärz. Helmer, welcher über die Hälfte dieſer Zeit ganz allein auf Dagby reſidirt hatte, war jetzt in voller Beſchäftigung, die Familie zu empfangen, welche ſehr bald von ihrer„großen Tour“ zurück erwartet wurde.. Zwei Monate lang hatte es ausgeſehen, als ob Edith's junges Leben ihren Handlungen als Sühnopfer anheimgefallen wäre, und ſie ſelbſt hatte während dieſer Zeit keinen höheren Wunſch gehabt, als ſterben zu dürfen. Sie, die perſonificirte Ungeduld, war unter ihren Martern ſo beiſpiellos geduldig, ſo ſanft, ſo dankbar, ja gleich einem Engel gegen ihre ganze Umgebung, daß Alle wahrſagten, dieſe Veränderung könnte unmög⸗ lich etwas Anderes ſein, als ein Vorbote einer andern, noch aroßertn Umwälzung. ... ur in einem einzigen Punkte zeigte ſie in ihrem Eigenſinne einen Zug ihres alten Charakters. Man konnte ſie nämlich aus dem Zimmer, welches ſie zuletzt gewählt hatte, unmöglich hinaus bekommen, cobgleich die Erinnerung an den unglücklich en Auftritt mit dem Grafen Hermann es zu der am wenigſten — —— —“ auch wirklich der Doctor, die Hofräthin und alle klugen Leute, beſonders weil ſie oft ſchaudernd nach der Thür hin lauſchte und bei ſich ſelbſt leiſe wiederholte: „Graut Liebchen auch?— der Mond ſcheint hell! Hurrah! Die Todten reiten ſchnell! Graut Liebchen auch vor Todten?“ „Höre, meine Du!“ ſagte der Onkel einſt— indem er mit einer Zärtlichkeit, die eher einem Weibe und einer Mutter, als einem alten Hageſtolz angehörte, um ſeinen Liebling beſchäftigt war—„höre, meine Du! jetzt mußt Du artig ſein und Dir ſagen laſſen... Wir müſſen Dich nach der andern Seite bringen!“ „Ich kann es nicht hindern; Ihr könnt mit mir machen, was Ihr wollt,“ antwortete ſie leiſe;„wenn Ihr mich aber von dieſem Zimmer ſcheidet, ſo ſcheidet Ihr mich ſchon von dem Leben!“ Ihr Blick fiel unbewußt auf das gegenüberliegende Fenſter— ganz gegen die Gewohnheit kranker Perſonen litt Edith es nicht, daß die Rollgardinen immer herabeg gelaſſen ſein durften. Bisweilen wollte ſie die Sonne und bisweilen wieder die Sterne ſehen. „Hm, hm!“ murmelte der Onkel, und als er in eben dieſem Augenblicke eine Hand gewahrte, welche in jenem Fenſter, nach welchem Edith ihren Blick hatte verirren laſſen, Blumen ordnete und begoß, ſo fügte er noch drei„hm!“ hinzu, auf welche kurz darauf noch ein viertes folgte, als der Verwalter in ſeiner Ordnung gleich dem übrigen Perſonal des Hauſes in die Bibliothek kam, um ſich nach dem Befinden des Fräuleins zu er⸗ kundigen und dabei dem Onkel— dem gewöhnlichen Austheiler der Bulletins— einen ausgezeichnet ſchönen Blumenſtrauß vom Gärtner überlieferte, um denſelben an das Fräulein abzugeben. Edith wußte nicht, daß der Onkel ſo gute Augen hatte. Sie ahnte nicht, daß er es merkte, wie fein ſie es anſtellte, um, während ſie den Duft der Blumen ein⸗ zuſchlürfen ſchien, die eine nach der andern zu küſſen. — 9 Als ſie aber ein anderes Mal ſagte:„Beſter Onkel, ich habe in meinem Leben die Blumen ſo ſehr geliebt, daß ich wünſchte, falls ich ſterben ſollte, möchte mein Haupt auf einem Kiſſen ruhen, das mit denjenigen Blumen angefüllt iſt, welche wir während meiner langen Krank⸗ heit getrocknet und geſammelt haben“— da antworlete er, gleichwohl mehr bei ſich ſelbſt, als an ſie gewendet: „Ja, es wäre vielleicht das Beſte, wenn Du auf Deinen Roſen ruhen könnteſt, denn ich glaube, Du wirſt nie mehr darauf tanzen!“ Die Hofräthin, welche im Anfange der Krankheit niemals von der Seite ihrer Tochter gewichen war, beſchränkte ſich, ſeitdem die Gefahr aufgehört hatte, ihre Nerven in Spannung zu ſetzen, auf gewiſſe tägliche, regelmäßige Beſuche. Sie hatte im Aeußern ſchon ihre Ruhe und ihre Gewohnheiten wieder angenommen, denn ſie konnte ja unmöglich ihre Olga in ihrer Con⸗ firmationszeit gänzlich verſäumen, um ſich ausſchließlich mit Edith zu beſchäftigen, deren Pflege überdieß in keine beſſeren Hände kommen konnte, als in die des Onkels. Die Hauptſache war jedoch, daß bei Edith das Kranken⸗ zimmer und alles Andere auf eine äußerſt unangenehme und anhaltende Weiſe Scenen in ihr Gedächtniß zurückrief, welche die Hofräthin für ihre Pflicht erachtete, zu ver⸗ geſſen,„ſo wie es,“ ſagte ſie,„die Pflicht eines jeden Menſchen iſt, ſeine Kraft und ſeinen thätigen Muth nicht dadurch zu ſchwächen, daß er in der Einbildung Dinge noch einmal erlebt, welche, nachdem ſie einmal paſſirt ſind, auch begraben ſein müſſen.“ Dennoch mag kein Menſch ſie für ſo abenteuerlich gefühllos halten, weil ihr dieſes gelang. Nein, mit jedem hoffnungsloſen Rapport, der von dem Arzte des Hoſpitales und mit Nilman eintraf— mit denen Helmer in ihrem Namen correſpondirte— gerieth ſie immer in eine Erſchütterung, welche ſie auf mehrere Stunden, ja bisweilen ſogar Tage, für Alle unzugänglich machte. Dann verblieb ſie in ihren inner⸗ ſten Zimmern, und nur Onkel Janne— er, der ſie ——mmmmö mer werden könnte. gewarnt hatte und ihr jetzt kein einziges Wort des Vor⸗ ſ wurfes ſagte, ſondern theilnehmend und troſtreich a ihrer Seite ſtand— nur er ahnte es, daß ihr Inneres keinesweges die ruhige Farbe beſaß, welche ihre täg⸗ a lichen Handlungen an ſich trugen. k Nächſt dem Onkel war Helmer derjenige, vor wel⸗ chem ſie ſich am wenigſten verſtellte. Die ruhige, ein⸗ U fache Würde in Helmer's eignem Weſen, ſeine große, u ja außerordentliche Kraft, ſich in dieſer Zeit, die mehr L denn einmal ſeine Selbſtbeherrſchung auf die Probe ſetzte., d. in Schranken zu halten— dieſes, das mit den eigenen ſtolzen Gefühlen der Hofräthin ganz ſympathiſirte, in Verein mit der thätigen Freundſchaft, die er zeigte,. brachte ein Verhältniß hervor, welches ſich der Vertrau⸗ il lichkeit immer mehr und mehr näherte. Sobald Edith im Bette ſitzen und eine Feder halten m konnte, ſchrieb ſie ſelbſt an Nilman, und dieſer Brief verrieth eine ſo tiefe Betrübniß und eine ſo grenzenloſe tr Theilnahme für den Zuſtand des Grafen Hermann, daß ve Nilman, der in ſeinem Herzen ſie des geſchehenen Un⸗ B glückes ſehr oft angeklagt hatte, ſich nicht ſo kalt und de hart machen konnte, wie er ſich vorgeſetzt hatte. Leider w konnte er ihr keinen Troſt geben, aber er konnte ihr ſch ſagen, daß er Tag und Nacht über ſeinen geliebten Herrn wachte, und daß er ihrem Wunſche ſehr gerne fe nachkäme, direct mit ihr Briefe zu wechſeln. Doch von m ihrem Vorhaben, den Grafen zu beſuchen— dieß hatte ſie A beſchloſſen, aber Niemanden ein Wort davon geſagt— un rieth er ganz und gar ab, weil der Arzt, mit weichmn de er ſich hierüber berathen, es für ſo unpaſſend erklärt da hätte, daß er es gänzlich verbieten müßte, als Etwas, Li wodurch es mit dem Grafen wo möglich noch ſchlinmmn ſei Ddieſer Brief ſchlug den geringen Muth gänzlich darnieder, welcher wiederum in Edith's Bruſt zu leben beginnen wollte. 3 8 1 8 „Ich muß eine mündliche Botſchaft von ihm haben!“ N ̈— A —-— 11 ſagte ſie endlich zu ihrer Mutter und Onkel Janne. „Liebe Mutter, bitte Helmer, daß er hinreist!“ Liebes Kind, er iſt ja ſchon einmal dort geweſen; aber wozu nützte das? Der bedauernswürdige Hermann kannte ihn ja nicht einmal!“ „Ja, aber er ſieht ihn doch. Er erfährt das Eine und das Andere von Nilman und dem Doctor, das ſie uns nicht geſchrieben haben. Könnte er nur unter die Obhut ſeines alten Arztes nach Paris kommen, ſo wäre das wenigſtens ein großer Troſt.“ „Nun wohl, Helmer mag reiſen!“ Und Helmer reiste. Er hatte keinen Abſchied von Edith nehmen dürfen; ihr Feingefühl verbot es. Als er jedoch vierzehn Tage ſpäter zurückkehrte, ſaß ſie in der Bibliothek, und nun ſah er ſie und redete mit ihr zum erſten Male nach der inhaltſchweren Nacht. Doch in dieſem Augenblicke hätten ſie ſich allein treffen können, ohne daß Edith's verſchämtes Gefühl verletzt worden wäre, ſo beſchäftigt waren die Gemüther Beider: das ihrige mit Demjenigen, was ſie hören, das ſeinige mit Demjenigen, was er mittheilen und n wazü beitragen ſollte, ihr einige Ruhe wieder zu enken. Zu Anfang der Woche, die Helmer bei dem Gra⸗ fen verlebt, hatte dieſer ſich nichts merken laſſen, woraus man die geringſte Hoffnung ziehen konnte; als aber am Abende Helmer ſeine mitgebrachte Violine hervorholte und anfing die ſchmelzenden Melodien zu ſpielen, welche den Grafen entzückt hatten, als er Saul zu ſein glaubte, da begann er mit Aufmerkſamkeit zu lauſchen. Ein Lichtſtrahl drang durch die Nacht des Wahnſinnes in ſeine Augen, und er ſagte mit ſeinem unbeſchreiblich ſanften Lächeln zu Nilman: „Hörſt Du: David iſt zurückgekommen!“ Bei dieſen Worten warf ſich der treue Diener auf die Kniee zu den Füßen ſeines Herrn und weinte wie 12 ein Kind. Er war allzu glücklich, als daß er Worte † für ſein Glück hätte finden können. „Armer Nilman,“ ſagte der Kranke. 84 Gleich darauf aber waren David und Nilman wie⸗ der vergeſſen, der Lichtſtrahl erloſchen. Inzwiſchen wurden die Verſuche täglich wiederholt und lieferten immer eine Belohnung, wenn ſie auch nicht lange dauerte. Und als Helmer abreiste— Graf Hermann hatte damals ſchon über zwei Monate in ſeiner Geiſtes⸗ nacht gelebt— da erklärte der Arzt, er könnte es faſt wagen, dafür zu bürgen, daß der Graf gegen das Ende des Sommers wenigſtens ſo viel Verſtand wieder erhalten haben würde, daß man es wagen könnte ihn nach Pa⸗ ris zu bringen; und bis dahin, verſicherte er, ſollte nichts unverſucht bleiben, was die Kunſt und die Theil⸗ nahme vermöchten. Dieſe Nachrichten belebten Edith. Hermann war wohl als Bräutigam auf immer todt; doch als ein ge⸗ liebter Freund, als ein Mann, mit welchem ſie ſich auf ewig verbunden fühlte, blieb er ihr auch auf ewig theuer. Inzwiſchen lag immer noch eine Düſterheit über ganz Dagby, und als nun gegen Pfingſten Olga ihren erſten Nachtmahlsgang gefeiert hatte, die Wieſen grün waren, die Blumen dufteten, aber dieſe Düſterheit im Hauſe immer noch nicht nachlaſſen wollte, da be⸗ ſchloß die Hofräthin— zu deren Ohren überdieß verſchie⸗ dene Klatſchereien und Verläumdungen gekommen waren, welche der Schild des Couſin Abbé nicht hatte hindern können durchzudringen— allem Gerede und Geklatſche ein plötzliches Ende zu machen, indem ſie, wie es nach einer ſo unangenehmen Epiſode einer reichen und unab⸗ hängigen Dame anſtand, mit ihrer Familie eine Reiſe antrat. — dann etwa ein halbes Jahr eine Ausflucht in di Welt zu machen, wohin die Neigung ſie rief, und zuletz über Paris zurückzukehren, wo man dann mit ottes Suͤlfe den lieben Grafen vielleicht geſund treffen konnte.— Es war noch eben Zeit, erſt Carlsbad zu beſuchen 13 Ohne alle Frage war dieß auch die beſte Arznei für Sdith und ſollte ihr die Friſche der Seele, die jetzt verloren war, zuruͤckſchenken. Wenn jedoch die Hofräthin reiste, ſo ſollte dieß keinesweges incognito geſchehen— ſie war gewohnt, Staat zu führen— und jetzt, da ſie auch auf ihre beiden Töchter Rückſicht zu nehmen hatte, konnte der Staat auf keinen Fall vermindert werden. Es wurden große Zurüſtungen gemacht. Onkel Janne durfte es nicht ausſchlagen, ſeine Verwandten zu begleiten, obgleich ſein Herz tief ſeufzte bei dem Gedanken an ſeine geliebte Sommerwanderung, denn er war ja, wie die Schwägerin ſagte,„ihre ein⸗ zige Chrenwache.“ Häͤtte jedoch der Onkel, da er um Edith's willen ſein Verſprechen gab, vorher gewußt, welche Aufopferungen von ihm gefordert würden, ſo iſt ſehr ungewiß, ob er dieſes jemals gegeben haben würde. Sein ganz unentbehrlicher geſtreifter Sommerrock, ſeine pfirſichfarbene Weſte mit den zwanzig größeren und kleineren Taſchen, ſeine vortreffliche ſchwarze Leder⸗ mütze und Alles dieſes, an welches er ſich ebenſo ſehr wie an ſich ſelbſt gewöhnt hatte— paßte das jetzt, da der Fußwanderer in den eleganten Wagen kriechen mußte? „Nein,“ ſagte er, da man ihn in den neumodiſchen Rock einklemmte,„das iſt ganz unmöglich— das halte ich nicht aus!“ Da betheuerte aber die gnädige Frau bei ihrer Ehre, es wäre total unmöglich, daß er ohne eine paſſende Garderobe nach Carlsbad oder anderswohin reiſen könnte, und ſo ließ ſich denn der Alte in Gottes Namen heraus⸗ putzen, brachte die größte Aufopferung, welche in ſeiner Macht ſtand, und hoffte, der ſelige Prang würde noch von ſeinem Himmel ein freundliches Auge auf ihn herabwerfen, daß er Edith nicht Wind und Wogen überließe. Wenn jedoch Onkel Janne über die Reiſe ſeufzte, ſo gab es einen Andern, der darüber jauchzte. Das kluge Betragen des Rittmeiſters, ſelbſt als er während der inneren Unruhen gewiſſermaßen verwieſen war, für die Ehre des Hauſes Sternfelt gekämpft zu haben, ſeine überall auspoſaunte Ueberzeugung, daß keine Frau in Svea⸗ und Götaland ſich mit der Hof⸗ räthin an Verſtand, Beſonnenheit, Würde und aller Art von Vortrefflichkeit meſſen köͤnnte— das Alles trug jetzt ſeine Frucht, da die Hofräthin eines Tages agte: ſas„Mein lieber Couſin Abbé! es iſt Zeit für uns, daß wir wieder anfangen aufzuleben, und ich glaube kaum, daß es ſchädlich ſein würde, eine muntere und angenehme Geſellſchaft auf unſerer Reiſe zu haben, be⸗ ſonders, wenn Sie ſowohl das ökonomiſche Detail, als auch das Amt eines Cicerone übernehmen wollten.“ Und auf ſeine Bereitwilligkeit in dieſer Sache ſchwur der Rittmeiſter bei der Ober⸗ und Unterwelt. Mamſell Octavie, welche jetzt den großen Curſus von Olga's Erziehung beendigt hatte und von allen Seiten her Winke von neuen Eleven erhielt, nahm den⸗ noch das Reiſeanerbieten als Geſellſchaftsdame— eine Belohnung für treue Dienſte— mit nicht geringerem Ver⸗ nügen, als der Rittmeiſter ſein Kaſſenführeramt an. ieſe beiden Perſonen, welche große Sympathie und ein unbegrenztes Vertrauen zu einander hegten, knüpften ihre Intereſſen und Hoffnungen an die Hofräthin. Wenn nun zu den drei Hauptperſonen— Mutter und Töchter— der Onkel(die Ehrenwache), Mamſell Octavie(die Geſellſchaftsdame) und der Rittmeiſter(der Intendant) hinzu addirt wurden, ſo waren es ihrer ſechs; hiezu kam, wie Couſin Abbé ſich ausdrückte, das ſtumme Perſonal, der Kutſcher— welcher bis Yſtad mitreiste— die Kammerjungfer, der Bediente und Primus, der Jockey, dem zum ewigen Aerger des Onkels, aber zu dem un⸗ ausſprechlichen Entzücken des„Däumlings“ eine ſo präch⸗ tige Livree gemacht wurde, wie ſie jemals ein Zwerg⸗ jockey getragen hat. Jeyn Perſonen! ja, wirklich zehn Perſonen!“ ſagte 1⁵ die Hofräthin lachend, indem ſie an den Fingern zählte. „Das iſt ja eine recht artige Karawane, und recht herzlich angenehm und luſtig ſoll es werden, wenn man einmal den Zwang der Haushaltung wegwerfen und frei leben kann, wo man will und wie man will, bald in der Stadt, bald an der See, bald auf dem Lande, bald im Walde.“. Und augenblicklich, belebt von der ungewöhnlich guten Laune der gnädigen Tante, war der Rittmeiſter bei der Hand, mit einem Liede einzufallen: „Im Wald, im Wald, Im friſchen grünen Wald, Wo's Echo ſchallt— Im Wald, wo's Echo ſchallt. Da tönet Geſang und der Hörner Klang Ganz luſtig den ſchweigenden Forſt entlang.. Trara! Trara! Trara!“ „Wenn der uns nicht das Leben aus dem Halſe hinaus ſchwatzt, ſo ſingt er es wohl hinaus!“ raunte der Onkel Helmer'n in's Ohr, als Couſin Abbé gleich „darauf bei Edith's Eintritt Precioſa's Romanze zu ſin⸗ gen begann: „Einſam bin ich nicht allein...“ Um nun aber über Edith zu reden, für welche alle dieſe Umſtände eigentlich gemacht wurden, ſo war ſie nicht unzufrieden damit, daß ſie die Heimath verlaſſen durfte. Jetzt, ſo unmittelbar nach den durchlebten ſchreck⸗ lichen und ſchmerzhaften Ereigniſſen, war es dort ſo gezwungen; vor allen Dingen gebrauchte ſie Zeit, und es war nicht zu bezweifeln, daß es am beſten war, wenn dieſe Zeit ihr anderswo verfloß, als auf Dagby.. Helmer dachte in dieſem Falle ſo übereinſtimmend mit Edith, daß er mit einer Bereitwilligkeit und Uner⸗ müdlichkeit, die ihn wo möglich in der Gunſt der Hof⸗ räthin noch mehr erhob, ſeine Perſon vervielfältigte, um Alles zu beeilen. „Nun wohl,“ flüſterte die gnädige Frau der erröthen⸗ den Manſell Octavie zu, wir kommen wohl zurück und dann— wenn ſo Vieles geheilt iſt— wollen wir an 16 eine paſſende Belohnung für ihn denken!“ Nie ſuchte Edith nur eigen Augenblick mit Helmer allein zu ſein, und auch er machte keinen Verſuch dazu. Als er ihr aber an dem Morgen der Abreiſe den Blu⸗ menſtrauß reichte, der jetzt eine freundſchaftliche Gewohn⸗ heit geworden war, ſo ſagte er mit zitternder Stimme, ungehört von denen, welche in den ganz umgekehrten Zimmern hin und her liefen:„Wage ich es zu hoffen, daß die Erinnerung Desjenigen, der dem Fräulein Edith mit den letzten Blumen von Dagby aufgewartet hat, länger leben wird, als bis die Blumen verwelkt ſind?“ Bei dieſer allererſten Hindeutung auf ſeine Ge⸗ fühle, die Helmer jemals gemacht hatte, wurde Edith's feinblaſſes Geſicht von einer ganzen Purpurfluth über⸗ goſſen. 3„Darf ich Sie erſuchen, Herr Helmer, dieſes kleine Kiſſen, welches ich mir eben für die Reiſe genäht habe, hinunter zu tragen und mir zu geben, wenn ich in den Wagen geſtiegen bin?“ Und indem ſie dieſe Worte in einem kurzen und eilfertigen Tone ausſprach, reichte ſie ihm ein kleines blaues Sammetkiſſen. Mit großer Verwunderung nahm Helmer dieſe Ant⸗ wort auf ſeine Frage an. Als er jedoch das anver⸗ traute Gut in ſeinen Händen hatte und bei dem leichten Drucke fühlte, daß Etwas darin raſſelte, ſo verſtand er die Antwort, und ein ſtrahlendes Licht ging ihm vor dem Auge ſeiner Seele auf. Es waren ſeine Blumen, welche ſie getrocknet hatte und mitnahm. Allzu feinfühlend, um noch ein Wort hinzuzufügen, konnte er es ſich doch nicht verſagen, auf eine andere Weiſe zu zeigen, daß er es wagte, ſie zu verſtehen. Mit einer Bewegung ehrfurchtsvoller Anbetung führte er ſchnell den blauen Sammet an ſeine Lippen. Edith ſah es und ihr Herz ſchwoll.. In dem einzigen Blick, den ſie darauf wechſelten, lag Alles, was ſich jetzt erklären ließ. „O!“ dachte Helmer, als Edith ein Stunde ſpäter ] 3 4 4 b 1 4 1 17 abgereist war,„wenn ſie die Probe hält auf dieſer Reiſe, dann, dann... doch keine thörichte Hoffnung— es könnte mir gehen, wie dem armen Grafen Hermann!“ Dieſe Reiſe ausführlicher zu ſchildern, iſt nicht unſere Abſicht. Wir müßten da viele Capitel einzig und allein mit den Triumphen füllen, welche Edith, oder richtiger die Hofräthin durch ihre ſchöne, bewunderte Tochter feierte. Der Rittmeiſter, welcher auf dieſe Reiſe die ſan⸗ guiniſchſten Hoffnungen gebaut hatte— er wußte, wie wichtig und unentbehrlich in vieler Hinſicht der Zufall ihn machen konnte, und wie ſehr die Macht des Zufalles auf eine gewiſſe Dame einwirkte— der Rittmeiſter hatte um des größeren Effectes willen einen Theil ſeiner Grund⸗ ſätze zu Hauſe gelaſſen...„Niemand darf ſich mit einem Titel brüſten, den er nicht aufrecht zu halten ver⸗ mag!“ hatte er oft geantwortet, wenn man ihn gefragt hatte, warum er ſich nicht, wie es ihm zukäme, Baron nennen ließe. Doch auf Reiſen, und beſonders in den Wirthshäuſern klang der Baronentitel ſo ehrfurchtgebie⸗ tend, daß er, wenn er die Würde noch hinzulegte, welche er als eine Art von Hauptperſon bei der reiſen⸗ den Geſellſchaft inne hatte, es ſich nicht verſagen konnte, ſeinen neuen Pflichten dieſe Aufopferung zu machen. Auch nannte Olga ihn ſtets Monsieur le Baron, und mit Olga's Aufmerkſamkeit mußte er ſich begnügen. Edith war gefühllos für alle ſeine Aufopferungen und Aufmerkſamkeiten: er konnte nicht einmal eine ſcherz⸗ hafte Antwort von ihr erhalten. Denn Edith nech ſchaute die neuen Pläne des Monsieur le Baron, hatte aber jetzt die Luſt zum Spielen verloren. Ihre jetzige Laune— wenn es nänlich eine ſolche war, wie wenigſtens die Hofräthin behauptete— war eine eiskalte Gleichgültigkeit gegen jede Art von Huldi⸗ zung: ſie zeigte ſich mit dem Ausſehen und der Haltung einer Königin, für welche Alles dieſes ſo alt iſt, daß Ein launenhaftes Weiv. III. 2 — ſie es nicht der Mühe werth erachtete es zu bemerken; * zugleich aber legte ſie in ihr Weſen jene verbindliche Nei Feinheit, welche machte, daß ſich Niemand beleidigt fühlen du konnte, weil er nicht weiter kommen konnte, als bis an hätt die äußerſten Schranken des Geſellſchaftslebens. 1 buch Ihrer Toilette und ihrer Schönheit aber widmete 4 ſie inzwiſchen eine Aufmerkſamkeit, die zu verrathen hetri ſchien, daß ſie gegen die Aufmerkſamkeit, welche ſie allen weckte, nicht ganz ſo gleichgültig war, wie es den An⸗ vela ſchein hatte. Und da nun der Jufall es ſo fügte, daß will unſere Reiſenden mit einem Engländer Bekanntſchaft allen machten— wer reist jetzt, ohne einen von Albions Uebe Abkömmlingen zu treffen?— der ein vornehmer Gentle⸗ ſchie man war, wenn auch ein wenig zurückgekommen in auf ſeinem Aeußern und in ſeinem Reichthume, aber doch immer ausgezeichnet genug, um mit ſeiner Courtoiſie ſtand bei einem ſchwediſchen Fräulein Glück machen zu können, Mut da der engliſche Titel Lady für ſie einen ſolchen Zauber⸗ 4 klang hat, ſo glaubten ſowohl die gnädige Frau, als unb⸗ auch der Onkel Janne und die Uebrigen— ja ſogar einm der Rittmiſter, welcher ſchon alle Hoffnung aufgege⸗ Ged ben hatte— daß die Stunde geſchlagen hätte. „Edith iſt hoffärtig,“ ſagte die Hofräthin;„ſie in ei hat wohl den Baron und den Grafen ausgeſchlagen... nicht ich glaube beſtimmt, daß ſie einen Lord nicht ausſchlägt— ſich wenn er Ernſt daraus macht.“ Eitel Und an Clinton von C. machte vollkommen Ernſt, eine, denn er wi nicht nur entzückt, ſondern ganz hingeriſſen er iſ von der bezaubernden und ſchönen Schwedin; aber er Sinn bekam ſowohl das erſte als auch das zweite Mal einen Korb; denn Seine Lordſchaft hatte hinſichtlich des Eigen⸗ ſinnes einige Aehnlichkeit mit den Finnen; vielleicht hatte er auch gewettet, er wollte Edith gewinnen; genugt nachdem ſie in Carlsbad von einander Abſchied genom⸗ men und nach verſchiedenen Richtungen gereist warem ſuchte er gleich nach Neujahr die Familie der Hofräthin in Paris auf, und dort— noch mehr angefeuert durch die geheimnißvolle Hindeutung der Hofräthin, daßt ditſ wwa 19 bn. Reiſe nach Paris eigentlich den Zweck hätte, einen lche unglücklichen Freund, den Grafen P., wieder zu ſehen, dem der Kaltſinn ihrer Tochter den Verſtand geraubt Wan hätte— machte der Lord ſeinen dritten Verſuch, aber „Haauch dieſen vergebens. mete Während dieſes Mißgeſchick noch auszugleichen war, then betrieb die Hofräthin bei ihrer Tochter die Sache mit alie allem Eifer, den man von einer Mutter erwarten kann, u welche durchaus die Schwiegermutter eines Lords werden daß will. Sie griff Edith von allen möglichen Seiten mit chaft allen möglichen Waffen an. Aber Edith blieb ſtandhaft. ehfs Ueberdieß hatte ſie den Onkel Janne auf ihrer Seite: er ntte ſchien nicht im Geringſten geneigt zu ſein, ſeinen Liebling auf dieſe Art von ſich zu laſſen. doch Doch lange noch nach Beendigung dieſes Gegen⸗ toiſte ſtandes glaubte Edith den Wiederhall der Worte ihrer Mutter zu hören: ls„Wohl, jetzt iſt die Reihe an Dir geweſen, Deine als Unbiegſamkeit zu zeigen— vielleicht kommt ſie auch einmal an mich, und da kannſt Du Dich auf ein gutes gege: Gedächtniß verlaſſen!“ 7 Etwas ſpäter ergoß die Hofräthin ihre Gedanken „ſie in einem Briefe an Helmer; denn ſie hoffte, er würde nicht ſo verſchwiegen ſein, daß er die Neuigkeiten für gt— ſich behielte, welche zu Hauſe in Umlauf zu ſetzen ihre Eitelkeit ſich geſchmeichelt fühlte. Es iſt auch für ihn eine gute Kur— für den Fall, daß er... doch nein!... er iſt klüger... Nun,“ fügte die Hofräthin, in ihrem engr Sinne hinzu,„die Vorſicht iſt immer eine Tugend!“ ligen⸗ hatte enug:— nom⸗ daxen, käthin durch 5die 14 7 7 —— —y—-—— —— 20 Zweites Capitel. Der Brief. Andere Nachrichten. Mein vortrefflicher Herr Helmer! a, ich bin zufrieden, ſehr zufrieden mit Allem, was Sie zu Hauſe vornehmen, und ich würde bei der allerbeſten Laune ſein, wenn ich nicht Urſache hätte, bei der allerſchlechteſten zu ſein. Zuerſt aber etwas über Geſchäfte... Und nach⸗ dem dieſe beſeitigt waren, hieß es vertraulich: Es iſt natürlicher Weiſe immer mein Wunſch ge⸗ weſen, und ich glaube auch, daß dieſer ein gerechter iſt, daß Edith eine ihrem Stande angemeſſene Partie machen ſollte; da jedoch bis jetzt keine einzige ihr convenirt hat — mit Ausnahme d unglücklichen, aus welcher nichts wurde— ſo konnte man ſich wohl keine brillantere und paſſendere denken, als diejenige, welche ſich jetzt in der diſtinguirten Perſon des Lord Clinton von C. darbot. Er iſt ſo von ihr eingenommen, daß er uns hier aufgeſucht hat, um noch einmal ſein ehrenvolles Aner⸗ bieten zu erneuern; da ſie jedoch beſchloſſen hat, mich ſowohl an Geduld als auch an Moderation zu ruiniren, ſo... hat ſie ihren Vorſatz auch wirklich ausgeführt. Doch gratulire ich ihr, wenn wir bei einer andern Ge⸗ legenheit verſchiedener Anſicht ſind! Unter uns geſagt, fürchte ich, ſie ſchwärmt wieder für den Grafen Hermann und für einige romantiſch⸗ bizarre Pflichten gegen ihn, den armen Mann, der jetzt gewiß an keine Liebe mehr denkt, denn er hat ihr ſelbſt den Verlobungsring zurückgegeben. Doch muß man geſtehen, ihr Zuſammentreffen war von unbeſchreiblich rührendem Effect. Onkel Janne hat ſchon einen ganzen Monat oder 8 ſeit unſerer Ankunft— doch das wiſſen Sie ja ſcho täglich den theuren Freund beſucht, welcher jetzt— geprie⸗ ſſen ſei der Himmel und der geſchickte Arzt!— wiederuſe 7 ₰ Ff . der ſch Me in Ve ſch ver ges faſt hat ſehe Sei Gen kön On Pfli die ihn ein mal Ohn mich rück ſuch denn Gra betri Du mein Dein welke hätte * Uem, der ätte, ach⸗ e⸗ ih chen hat chts und der . hier rer⸗ nich den Gebrauch ſeiner Sinne, aber leider auch eine ſo ſcheue und ſchwermüthige Laune hat, daß er kaum einen Menſchen ertragen kann, ſondern faſt als ein Eremit in ſeinen alten Zimmern bei ſeinem alten Doctor lebt. Ich hatte mehrmals vergeblich um das traurige Vergnügen angehalten, ihn beſuchen zu dürfen, und ſchon fürchtete ich, wir würden genöthigt ſein, Paris zu verlaſſen, ohne ihn geſehen zu haben, als er eines Ta⸗ ges nach einem kleinen Billet von Edith— ich hege faſt den Verdacht, daß ſie ihm mehrere ſolche geſchickt hat— zu dem Onkel Janne ſagte, er wünſche ſie zu ſehen, wenn ſie ihn in ſeiner Einſamkeit aufſuchen wollte. Sein Arzt hatte es geſtattet, weil er glaubte, daß dieſe Gemüthserſchütterung eher nützlich, als ſchädlich ſein önnte. Ich ließ mich nicht überreden, Edith der Sorge des Onkels allein zu überlaſſen: ich begkeitete ſie, wie meine Pflicht es heiſchte. Und, Herr Helmer, als ich ihn wieder ſah— ich, die ich ihn ſo herzlich und aufrichtig liebe, ich, die ich ihn in einem andern Zuſtand geſehen habe— ging mir ein tiefer Stich durch das Herz.. Hätte er doch nie⸗ mals ſeinen Fuß auf Dagby geſetzt! O, wie verändert war er! Edith wäre beinahe in Ohnmacht geſunken; doch ſie erholte ſich. Und ich zog mich ſogleich mit dem Onkel in das andere Zimmer zu⸗ rück, während ſie mit einander redeten. Ich will es ver⸗ ſuchen, die kleine Scene zwiſchen ihnen zu beſchreiben, denn ich weiß ſehr wohl, wie warm Sie ſich für den Grafen Hermann, ſo wie für Alles, was mein Haus betrifft, inetereſſiren. „Sei nicht traurig, geliebte Edith!(geliebt bleibſt Du immer von mir)“ ſagte er;„ſei nicht traurig um meinetwillen: ich bin jetzt weit glücklicher, als wenn ich Dein Leben an das meinige gebunden und Dich dahin⸗ welken und ſterben geſehen hätte... Unſer Schickſal hätte ſchrecklich werden können““ KeAber wie unerhört haſt Du nicht um meinetwillen geelitten!“ Das arme Kind— in jenem Augenblick war ſtill es wirklich Schade um ſie— konnte vor Thränen die als Worte kaum hervorbringen. gab „Mehr hätte ich leiden können!“ erwiederte er mit löſt jener melancholiſchen Sanftmuth in der Stimme, die ihm ſo eigenthümlich iſt.„O, es war ein großer und ein gefährlicher Wahn, worin ich ſchwebte— nein, ich weiß es jetzt: die Ehe würde mir den Traum nicht verwirk⸗ ſch licht haben, welchen ich träumte, denn er war zu hoch nac für die Erde, und beſſer iſt's, den Traum zu beweinen, als als die Wirklichkeit... überdieß“— er blickte ſie an, des wie wohl ein Engel das menſchliche Weſen anblicken ein mag, welches er mit ſich ſelbſt verſöhnen will—„über⸗ ſo! dieß, theure Edith, wirſt Du dereinſt Alles wieder gut machen, was Du ſo willig verſuchteſt, aber nicht vollen⸗ wol den konnteſt... weil Gott es nicht zuließ.“ Sie ſah ihn fragend und zärtlich an. Wi „Späterhin, wenn ich vollkommen wieder hergeſtellt bin, wenn Du ganz glücklich biſt, und ich Dich ohne ſelb alle Beſoßnſhen kann, da komme ich als ein Gaſtfreund das in Dein Hauls— und dann wirſt Du meine Schweſter. Gre Eine ſolche Liebe kannſt Du mir in Frieden ſchenken, ern und ich weiß, daß Du es auch immer thun wirſt. Ja, Edith, Du ſollſt in der Zukunft wieder mein guter, mein dem wirklicher Engel werden, denn dann miſcht ſich keine gen Leiden ſchaft in meine Wünſche und Hoffnungen.“ wor Ich hörte nicht, was ſie antwortete, denn ſie ſprach ſehe leiſe; aber ich ſah, wie ſie Hete und mit einem Blick, gnü— für welchen Lord Clinton ſein halbes Vermögen hinge⸗ höh geben hätte, ihre Hände in die ſeinigen legte. neh Ein Lächeln des Glückes beſeelte die bleichen Lippen thei des Grafen; in dieſem Augenblicke war er gewiß ſelig. vor Darauf, als ſiele ihm plötzlich etwas ein, zog er den RNing von ſeinem Finger— Niemand hatte es gewagt, dieſen All⸗ zurückzufordern— und reichte ihn Edith mit einem fra⸗ fan genden Blicke auf ihre linke Hand. iſt Sie zog ſeinen Ring hervor, welchen ſie an einem Bande um den Hals trug. Der Austauſch ‿½ — 2 —. 23 war ſtill; und eine Umarmung— ich glaube, ſie war inniger, die als die beim erſten Wechſeln der Ringe geweſen war— . gab dem Augenblicke, welcher die ſchon geſchehene Auf⸗ mit üöſung beſtätigte, eine eigene Bedeutung. die„ Ich möchte aber doch,“ ſagte er endlich,„ſehr gerne und ein Andenken von Dir beſitzen.. gib mir eins!“ weiß Sie ergriff eine Scheere, ſchnitt eine von ihren virk⸗ ſchönſten Locken ab, reichte ihm dieſelbe dar und ſagte, hoch nachdem ſie auch von ihm eine genommen hatte:„Dieſes nen, als Unterpfand unſeres neuen und unverbrüchlichen Bun⸗ an, des!... Wann Du auch kommen magſt, ſo findeſt Du icken ein Herz, das Dein Bild und Dein Andenken verwahrt, ber⸗ ſo lange es lebt!“ gut Hiemit war es aus: ſie ſchieden. Werden ſie ſich llen⸗ wohl jemals wieder treffen? Er und ich, wir wechſelten nur wenige Worte... Wir litten beide gleich viel von dem Wiederſehen. ſtellt Späterhin habe ich von Nilman, dem immerwährend ohne ſelbſtaufopfernden, unermüdlichen Diener, gehört, daß eund das Zuſammentreffen mit Edith wohlthätig auf den eſter. Grafen gewirkt hat. Dennoch will er es um keinen Preis aken, erneuern. Ja, Iſt es aber nicht ſonderbar, daß Edith, die nach nein dem Beſuche bei Hermann einer vollkommenen Ruhe keine genießen könnte, ſtatt deſſen wirklich melancholiſch ge⸗ worden iſt? Nichts intereſſirt ſie mehr, weder das Auf⸗ -rach ſehen, welches ſie erregt, noch der Reichthum von Ver⸗ Blick, gnügen, welcher ſich hier darbietet, noch auch die Schätze nge⸗ höherer Natur, welche dieſe Stadt bewahrt. Die ange⸗ nehmen Bekanntſchaften, welche wir hier gemacht haben, ppen theils mit berühmten Landsleuten, theils mit verſchiedenen elig. vornehmen franzöſiſchen Familien, ſind ihr alle ganz Ring gleichgültig. Geſehen haben wir jetzt auch ſo ziemlich ieſen Alles, und wenn wir hinzurechnen, daß wir Alle an⸗ fra⸗ fangen, den Einfluß des Heimwehs zu empfinden, ſo iſt kein Grund zu einem längeren Aufenthalt weiter inem vorhanden. ganz Alſo, mein beſter Herr Helmer, machen Sie ſich 4 1 24 4 auf unſere baldige Rückkehr gefaßt, denn ſpäteſtens in zehn bis zwölf Tagen will ich die Rückreiſe antreten, und wenn ich wieder auf meinem lieben Dagby bin, ſo wollen wir vertraulich über eine Angelegenheit reden, welche mir lange auf dem Herzen gelegen hat.. Ihre ausgezeichnete und thätige Art, meinen Eiſen⸗ hammer und alle übrigen Geſchäfte zu leiten, würde ſtets meine Achtung gewonnen haben, doch ihre perſön⸗ lichen guten und liebenswürdigen Eigenſchaften haben meine Freundſchaft gewonnen— was auch dieſer ver⸗ trauliche Brief bezeugen kann— und es würde mir höchſt angenehm ſein, wenn ich auf eine beſtimmtere Anut, als durch Worte, Sie überzeugen könnte, daß das zukünftige Glück meines Verwalters mir am Herzen liegt, und einer meiner aufrichtigſten Wünſche iſt, Sie auf immer an Ihr jetziges Amt binden zu können. Wollen ſehen, ob nicht das Projeet, welches ich im Sinne habe, dazu bei⸗ tragen wird! Inzwiſchen verbleibe ich mit Achtung und Freundſchaft hre gewogene Aurora Sternfelt. P. 8. Ich hatte Unrecht, als ich ſagte, daß Edith ſich durch gar nichts intereſſiren ließe. Es wäre auch ganz undenkbar, daß ſie in den acht Monaten unſerer Abweſenheit nicht mehr als nur die einzige Laune hätte haben können, ſich kaltſinnig und abſtoßend zu zeigen. Sie hat mit dem Onkel Janne alle jene, ich ſage ge⸗ wiß nichts Anderes, als höchſt geſegnete Anſtalten durch⸗ ſtreift, welche die moderne Philanthropie erfunden hat, und welche ſo viele Namen beſitzen, daß ich ſtocken würde wie ein Kind bei dem ABC, wenn ich nur den Verſuch machen wollte, ſie namhaft zu machen. Ich ſchmeichle mir damit, eine gute und gerechte Gebieterin zu ſein— Sie können es am ſicherſten be⸗ urtheilen, ob meine Untergebenen ſich über etwas zu beilagen haben— doch mein Wahlſpruch iſt: halte ſtets ——— 25 Maß; die Neulgkeitsſucht hat ihre kritiſchen, ihre ge⸗ fährlichen Seiten. Ich will nichts vorherſagen, aber ich wünſche, daß Edith, nachdem ſie ſich müde gelaufen hat’, um zu beobachten, und ſich müde geleſen hat, um zu einer größeren Klarheit über alle dieſe vortrefflichen Dinge zu kommen, welche ſie wohl auf Dagby zu experi⸗ mentiren denkt, nur nicht als Leſerin*) endigen möge.“ — Dieſer Brief gab Helmer nicht ſo viel zu denken, als es wohl den Anſchein haben könnte. Er wußte durch den Onkel Janne eben ſo viel, ja noch mehr, als die Hofräthin ſelbſt. So zum Beiſpiel wußte er, daß Edith's edler Wunſch, mit ihren Reichthümern etwas Gutes im Großen zu gründen, ſich vorzüglich von ihrem warmen Verlangen herleitete, gegen Viele wieder gut zu machen, was ſie gegen Einen verbrochen hatte, und wenn man die Hef⸗ tigkeit, mit welcher ſie ſich auf dieſe neuen Ideen ge⸗ worfen hatte, auch vielleicht eine Laune nennen konnte, ſo ruhte dieſe wenigſtens auf einem allzu reinen Grunde, um etwas Anderes zu erregen, als Bewunderung, be⸗ ſonders da ſie in Edith's Gemuth zu einer Zeit entſtand, da ſie von ſo vielen eitlen Vergnügungen, ſo vielen glänzenden Verſuchungen umgeben war. Bei dem Gedanken, daß Edith mit feſter Beſtimmt⸗ heit jede Einwirkung hinſichtlich der ihr angetragenen vornehmen Partie zurückgewieſen hatte, wurden in Hel⸗ mer Gefühle des Stolzes, des Stolzes, ja... ſollen wir es von ihm, dem Manne der Vernunft ſagen?... faſt der Verehrung geweckt.„Denn,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wie treu, wie begeiſtert muß ſie wohl nicht eine Erinnerung bewahren, da ſie, die ſonſt ſo flüchtige, ſo *) Ueber die Bedeutung dieſes Wortes ſiehe:„Eine Nacht am Bullar⸗See. Roman von E. Carlen. 3 Thle. Anmerk. d. Ueberſ. 26 5 verrathen zu ſehen, Edith in die Arme des Grafen* 27 geworfen hatte. Hätte er das Alles gewußt und ferner, daß die Hofräthin der Meinung war, er ſelbſt hätte durch ſeine Klugheit und Zurückgezogenheit bewieſen, wie weit er von allen Anſprüchen auf das Unmögliche entfernt war; hätte er endlich begriffen, daß die Freundſchaft der ſtolzen Mutter gegen ihn eben dadurch entſtanden war, daß ſie ihm zeigen wollte, wie ſehr ſie ſeinen Verſtand ſchätzte und wie dankbar ſie dafür war, ſelbſt wenn ſie, wie jetzt, ihn nicht mehr fürchtete— denn Edith hatte ja zu ſo vielen Vergleichungen Gelegenheit gehabt— ſo hätte er ſich viele von ſeinen Hoffnungen geſpart und wenigſtens den Worten, welche in dem Briefe der Hof⸗ räthin ihren Aerger über Edith's abſchlägige Antwort an den engliſchen Freier ausdrückten, eine farbenreichere Bedeutung gegeben, als er ihnen jetzt gab:„Doch gra⸗ tulire ich ihr, wenn wir bei einer anderen Gelegen⸗ heit verſchiedener Anſicht ſind!“ Acht Tage ſpäter erhielt Helmer von dem Onkel die Nachricht, daß ſie von Paris abgereist wären, und kurz darauf kam die noch angenehmere Neuigkeit von der Ankunft der Reiſenden auf der ſchwediſchen Erde an, nebſt der Beſtimmung des Tages ihres Eintreffens auf Dagby, welche noch ferner bekräftigt wurde durch den Vorboten, der ſogar die Stunde angab, an welcher man ſie erwarten konnte. Und mit dieſem Tage nehmen wir den Faden unſe⸗ rer Erzählung wieder auf.. Drittes Capitel. Der zweiundzwanzigſte April. — mein ſtolzes, mein ſchönes Dagby!“ rief die Hofräthin mit einem Anſtrich von wirklichem Gefühl aus, als der Wagen, in welchem ſie ſelbſt mit ihren . Töchtern und der Ergouvernante ſaß, gegen Abend des genannten Tages an einem jener pittoresken Anhöhen hinabrollte, welche die Kette von Höhen und Vertiefun⸗ gen begannen, an deren einen Gren nze der große Eiſen⸗ hammer ſich erhob. Der Rittmeiſter, welcher auf dem Kutſchbock ſaß— ein Platz, den er oft gegen ſeinen beſtimmten neben dem Onkel im kleinen Wagen austauſchte— wendete ſich jetzt um mit der Anmerkung, es wäre ganz ſonderbar, daß Helmer immer noch nicht, obgleich nur noch eine halbe Meile entfernt, der gnädigen Tante entgegen käme, und eben war er dabei, aus dem Vorrathe ſeines Ge⸗ dächtniſſes(welches ihn jedoch jetzt bisweilen im Stiche ließ) eine alte Sentenz hervor rzuſuchen, welche auf die BVerſäumniß des Angeklagten paſſen konnte, alsm an einen Reiter erblickte, der mit verhängtem Zuͤgel vor ihnen durch das Thal ſprengte. „Sieh, da haben wir Lyn ja!“ rief die gnädige Fudu aus, und ſo haſtig wendeten ſich bei dieſen Worten Mamſell l Octavie und Olga um, welche rückwärts ſaßen, daß Edith die hohe Röthe ihrer Wangen und das hef⸗ tige Zittern, das von ihrem Herhen ſich durch alle ihre Glieder verhraſtete, ungeſehen verbergen konnte. Da ſie jedoch einſah, ſie wi lrds die 3 Zielſcheibe einer doppelten Aufmerkſamkeit werden, ſtrengte ſie ihre ganze Seelenkraft an, um ſich gleich den Andern heiter und froh zu zeigen bei dem Zuſammentreffen mit einem Men⸗ ſchen, den ihre Mutter„zu einem von uns ſelbſt“ zu er⸗ höhen beliebt hatte. „Couſin Abbe!“ rief Olga fröhlich— Olga wollte jetzt eine vollkommene Dame ſein und ahmte nicht un⸗ gern Edith's abgelegte Faconen nach—„ſagen Sie, ob ich mich über meine vaterländiſchen Sympathien be⸗ klagen oder mir Bralullern ſoll: trotz alle dem, was ich im Auslande geſehen und bewundert habe, kann ich mich in dieſem Augenblicke nicht entſinnen, einen ſchäneren Mann geſehen zu haben, als unſern Bruksverwalter. ſehen Sie nur, wie ſtattlich er ausſieht!“ 29 „Ach,“ ſeufzte Mamſell Octavie,„wie artig, wie leicht er reitet! „Barmherzigkeit, meine Damen!“ antwortete der Rittmeiſter— obgleich er nur auf Olga blickte—„laſ⸗ ſen Sie Ihren ergebenſten Diener ſeine Bahn nicht ſo ſchließen, daß er auf die Lorbeeren ſtürzt, die ſeinem Nachfolger bereitet werden.“ ttvogel!“ drohte die gnädige Frau.„Doch eite, wenn ich den Lord Clinton ausnehme, sgezeichnete Feinheit, jenen unnach⸗ oiz hatte, der nur dem höheren andes angehört, ſo ſage ich mit Olga, entſinnen kann, jemand geſehen zu männlicher ausſieht, als Helmer. er iſt noch ſchöner geworden— „Ja, Mutter, mich dünkt, er reitet faſt ebenſo gut, „Aha,“ entgegnete die Hofäthin, welche in der Eile den leichten Spott nicht beachtete,„Seine Lordſchaft hat alſo doch einiges Verdienſt!.. Nun, nun, er wird mit der Zeit wohl mehr erhalten, wenn Du Dich in Gedan⸗ ken mit Deinen Erinnerungen unterhältſt.“ 1— A 30 lich. Ein einziger Blick auf ihr liebliches Antlitz und ein zweiter auf das kleine blaue Sammetkiſſen, das unter einem von ihren Armen lag, raubte ihm den Athem und in ſeiner Verwirrung ergriff er die Hand der Mamſell Octavie und drückte dieſelbe mit einem Ent⸗ zücken an ſeine Lippen, daß dieſe mit Erſtaunen ahnte, ſie hätte die Macht ihrer eigenen Reize nicht hoch genug angeſchlagen. Hierauf war er in einem Nu bei dem Onkel Janne und vechſelte mit ihm einen treufeſten Handſchlag.. „Lieber Herr Helmer, kommen Sie zurück!“ ertönte die Stimme der Hofräthin.„Ich habe ſo Vieles zu ſagen und zu fragen.“ 2 „Ich flehe um Aufſchub bis ſpäterhin! Jetzt, da ich das Glück gehabt habe, meine geehrte Patronin zu bewillkommnen— ſo artig war Helmer noch nie gewe⸗ ſen—„fliege ich zurück, um der Erſte zu ſein, der Sie zu Hauſe empfängt.“ „Nun wohl,“ entgegnete die Hofräthin, die eine angenehme Ahnung erhielt,„ſteigen Sie auf— wir kommen bald nach!“ Helmer ſchwang ſich auf das Pferd und flog wie ein Pfeil davon. Laſſen Sie uns jetzt nicht zu ſchnell fahren, mein lieber Rittmeiſter: es kommt mir ſo vor, als ob mein artiger Bruksverwalter einen kleinen Vorſprung wünſchte — vielleicht hat er uns eine kleine Ueberraſchung bereitet.“ Edith, die ſonſt nicht ſehr für Ueberraſchungen war, die ſie nicht ſelbſt bereitete, war gleichwohl ſehr entzückt darüber. Wo konnte ſie wohl ihre heftigen Ein⸗ drücke, ihre Gefühle, welch ſchon unter der erzwungenen Ruhe ſtürmten, beſſer verbergen, als in dem Gewimmel unter muntern Gäſten! Ach, er wußte es gewiß recht gut und berechnete, daß ein Blick, ein Wort ſich leichter wechſeln läßt, wo hundert Augen auf uns blicken, als wo nur acht oder zehn vorhanden ſind. Und ihn mit dem Lord der Mutter zu vergleichen, das war ihr zweiter Gedanke: der Eine ein lebendes, * — ⏑ᷣ—— ☛——— BN 8— 31 ſeelenvolles, göttliches Weſen an Leib und Seele— Edith hatte es jebi ganz vergeſſen, wie oft ſie bedauert hatte, daß dieſer Mann weiter nichts beſäße, als eine ſchöne Statur— der Andere eine Ruine von dem Allem. „Und er liebt mich... liebt mich ſo, wie ich ge⸗ liebt ſein will, wie ich ſelbſt liebe“... war ihr dritter Gedanke. Dann hatte ſie weiter keine Gedanken mehr, ſondern ſie verſank in einen Zuſtand von behaglicher Träumerei, in welchem ſie ſich überzeugt fühlte, daß er nach den überſtandenen Proben ſie nicht länger für wankelmüthig halten konnte. Cdith verblieb in einer faſt unbeweglichen Lage, bis der Wagen mit Geräuſch durch die Allee auf den großen Hof fuhr. Hier aber ſah man nicht die geringſte Spur von einer Ueberraſchung oder von Pomp. Die inneren Fen⸗ ſterladen der großen Staatswohnung waren verſchloſſen, ſo wie damals, als die Herrin abreiste, und anſtatt einer Reihe mit Blumen geſchmückter Damen und feiner Herren erblickte man nur alte Bauern, Bauersfrauen und einen Theil der Jugend des Gutes auf dem Hofe. „Ich hoffe,“ ſagte Helmer, indem er die Wagen⸗ thür öffnete,„die gnädige Frau werden nichts dagegen haben, daß dieſe Leute an dieſem Abende munter ſind. Die Scheunendiele iſt als Tanzſaal hergerichtet und Spiel⸗ leute und Bierfäſſer ſind in Ordnung.“ „Ach, lieber Herr Helmer,“ antwortete die Hofräthin, ein wenig verlegen über ihren Irrthum,„die guten Leute mögen ſehr gerne munter ſein. Wir wollen ſpäterhin, wenn das Vergnügen erſt recht in Gang kommt, hin⸗ untergehen und zuſehen.... Doch um Alles in der Welt keine Reden oder Aufenthalt hier draußen!“ Helmer lächelte und bot ſeiner Patronin den Arm, um ſie durch die lange Reihe von Untergebenen zu führen, welche bis an die Treppe, ja ſo viel man in der zunehmenden Abenddämmerung wahrnehmen konnte, ſogar noch weiter hinauf reichte. 32 „Danke für Eure gute Abſicht, Kinder! Dank, meine Freunde! Ihr wißt, daß ich an Euch denke und Euer Beſtes will!“ Und rechts und links die ſich verbeugenden und ver⸗ neigenden Kinder grüßend, beeilte die gnädige Frau ihre Schritte, ohne ſich den Anſchein zu geben, als ließe ſie ihren Blick auf irgend jemand ruhen, damit ſie nicht nöthig hätte, mit irgend jem and beſonders zu reden, was jetzt, da ſie ſich auf etwas ganz Anderes gefaßt gemacht hatte, nicht im Geringſten nach ihrem Geſchmacke war. Doch ſo leicht kam ſie nicht davon. Als ſie ſchon den Hafen— den Anfang der Treppe erreicht zu haben meinte, kam ihr die gefürchtete Rede entgegen in der Geſtalt eines luſtigen Bauers... und ſo luſtig, kühn und freiredend waren die Dinge, mit welchen er ſeine Herrin bewirthete, daß die Hofräthin, wenn auch ver⸗ wundert, ſich dennoch unterhalten fand und ſich eben an Helmer wenden wollte, den ſie noch immer an ihrer Seite vermuthete, um ihn zu fragen, wer dieſer Bauer wäre— denn zu ihrer Verwunderung erkannte ſie ihn nicht— als der Bauer die eine von ihren gnädigen Händen, eine Bauernfrau auf der andern Seite die andere ergriff... und eins, zwei, drei war die Hofräthin mit ſolcher Eilfertigkeit verſchwunden, als wäre ſie auf dem Beſenſtiele der Hexen davon geführt worden, und hüpfend und ſpringend ſchwärmte die übrige Schaar nach imt der ganzen zurückkehrenden Karawane. Als Helmer ſich von dem Arme der Hofräthin befreit ſah, eilte er voran, und als ſie eben glücklich in die zweite Etage herauftransportirt war, ſo flogen die Thüren des Vorſaales auf. Eim Lichtmeer ſchlug den eintretenden Reiſenden entgegen; eine muntere und fröhliche Muſik erſchallte, während ein Haufen tanzender Bajaderen ſich gleich einer Kette um ſie ſchlang und ſie in den großen Tanzſaal führte. Dieſer Saal, welcher die eine Seite des ſtattli⸗ chen Herrenhauſes auf Dagby bildete, war jetzt in einen gewaltigen Waldpark verwandelt mit dreifachen Reihen von Lampen, die in den launenhafteſten und angenehmſten ——— 33 Formen angeordnet waren und ihren blendenden Schein nicht nur auf eine Menge von kleinen einladenden Grotten warfen, ſondern auch auf ein großes Zigeunerzelt im Fond, vor welchem Gruppen von phantaſtiſchen Figuren um ihre vom Lichte beleuchtete Abendmahlzeit ruhten; während Andere nach dem Takte ihrer Tambourins tanzten. „Aber, aber,“ rief die Hofräthin aus, als das zahl⸗ loſe Bauernperſonal gleichſam aus der Erde emporge⸗ ſtiegen kam und wohl zwanzig dienſtbare Geiſter ſie von den Reiſekleidern befreiten, während zwanzig andere Geiſter den Fräuleins denſelben Dienſt erwieſen—„aber, aber.. laßt mich doch in Gottes Namen Athem holen, ich bin ja ganz außer mir!“ Und außer ſich war die gnädige Frau wirklich bei der angenehmen Beſtürzung, die ganze Bevölkerung von Dagby, ihre ergebenſten Diener, plötzlich in Bruks⸗ patrone, Offiziere, Barone, Grafen, Freiherrinnen, Patro⸗ ninnen, Gräfinnen, Fräulein und Mamſellen ohne Zahl verwandelt zu ſehen... Und dieſer glänzende Park, der ſo ehrfurchtgebietend ausſah, und dieſe kleinen pikanten, nur ſparſam erleuchteten, aber reichlich mit lockenden Erfriſchungen verſehenen Grotten.. und dieſes effectreiche Zelt mit ſeiner lebhaften Bevölkerung, welche durch um⸗ herwandernde Wahrſagerinnen noch lebhafter wurde— welch ein vortrefflicher Wille, das alles zuſammen⸗ zubringen, was auch ſo herzlich angenehm zu ſehen war, wenn man vom Auslande kam, wo man alles Mögliche ſehen konnte außer einem ganzen Walde, angefüllt mit alten Bekannten, die ſich alle erſinnliche Muͤhe geben, nne fühlen zu laſſen, daß wir wieder unter den Unſrigen ind.— „O, biſt Du es, Julia? unmsdlich hätte ich Dich erkennen können.. und Du, meine liebe Laura.. und meine ſüße Hortenſe— jetzt verlobt— gratulire, gra⸗ tulire!— wie nett Du ausſiehſt!... und Baron B., mein würdiger Unterthan, der eine ſo ſtattliche Rede hielt... Aber wo iſt denn Helmer geblieben?..Meine Ein launenhaftes Weib. III. 3 —— — ſſſſ . 88—ö——— guten Freunde, Ihr entzückt mich!... Wo iſt aber Helmer? Wo iſt Onkel.. und Edith und Olga... 2“ So klang es. Inzwiſchen hatte Helmer im Saus und Braus Edith von dem Mantel befreit, ihre Handſchuhe und ihr Ta⸗ ſchentuch gehalten, während ſie vor einem Spiegel im Seitenzimmer ihre Locken aufrollte— und endlich hatte er noch in eben dieſem gutmüthigen Spiegel geſehen, daß ſie eigentlich nur beſchäftigt war, ſein Bild zu be⸗ trachten, welches der Spiegel ebenfalls aufnahm. Zwar hätten ſie in der Eile auch einige Worte austauſchen können, doch ehe noch Eines von ihnen Macht über die Stimme erhielt— welche von dem Ungeſtüm der Ge⸗ fühle faſt erſtickt war, denn bei dieſem„Unter vier Augen“ wechſelten die Blicke im Spiegel den Gruß der Seele— mußte Helmer, welcher ſich überall rufen hörte, hinweg, um die Dankſagungen der gnädigen Frau zu empfangen. „Aber in des Hi amels Namen“— ſo lautete das Ende der ganzen Reihe von„Ach“ und„Gott behüte uns, mein vortrefflicher Herr Helmer“ und mehr der⸗ gleichen— was haben Sie denn allen dieſen Leuten vorzuſetzen?“ O, ſie müſſen ſich auf die Weiſe der Zigeuner be⸗ helfen!“ antwortete Helmer fröhlich. O ja, das taugt wohl, wenn man nach der An⸗ ordnung in den Grotten urtheilen darf.“ Und es taugte auch wirklich dermaßen, daß die Hof⸗ räthin ſelbſt mit Vergnügen geſtand, daß noch nie ein feineres und beſſer arrangirtes Souper auf Dagby gegeben worden wäre. Und wann war dort wohl jemals ein ſo friſches, munteres, ausgelaſſenes Leben geweſen? Nach und nach wurden die Bauerntrachten gegen paſſendere vertauſcht. Und nachdem die gnädige Frau und die Fräuleins mit ihrer Toilette fertig geworden waren — zuvor hatten ſie leichwohl das Feſt der wirklichen Unterthanen in der cheune beſucht, woſelbſt die Frä leins, der Verwalter und der Rittmeiſter nebſt vielen An⸗ Hof⸗ ein geben 3 ein egen Frau varen lichen Fräu⸗ vielen 35 Andern unter den Fremden an dem Tanze Theil nah⸗ uen— wurde der Ball der vornehmen Geſellſchaft er⸗ öffnet. Nur eine einzige der Scheunengeſellſchaft angehörende Perſon hatte die Freiheit, beiden Feierlichkeiten beizu⸗ wohnen, nämlich Primus, deſſen bloße Figur beluſtigte, wohin ſie kam. Aber du mein Himmel, wie mächtig und vornehm war Primus geworden! Als die muntern Knechte ihn auf ihren verſchlungenen Armen im Triumph umhertrugen, blickte er ſo verächtlich auf Lotta herab— welche jetzt mit ihrem vorigen Liebhaber, dem Kutſcher, verheirathet war— daß es an ein Wunder grenzte, daß ſie bei einem ſolchen Blick nicht in die Erde verſank. Aber Primus konnte jetzt auch prahlen und das Erſtaunen ſeiner Zuhöbrer mit andern Heldenthaten und andern Abenteuern erregen, als er ſie auf dem Rücken des Löwen Pan und auf ſeinen ſpäteren Fußwanderungen er⸗ lebt hatte. Hatte er nicht geſehen... doch es wäre ein ver⸗ geblicher Verſuch, wenn wir herzählen wollten, was Pri⸗ mus alles geſehen hatte— wir koͤnnen nur verſichern, daß es eine ganze Maſſe war, von dem keiner ſeiner Reiſegefähr⸗ ten das Allergeringſte geſehen und gehört hatte... und alle dieſe Könige— von den Königen auf dem Throne bis zu den Bergkönigen und Elfenkönigen und Meerkönigen, ja bis zu der großen Königsſchlange herab— die er alle ebenſo gut hatte betrachten können, wie die Geſellſchaft ihn jetzt betrachtete! Mit einem Worte: der Däumling war ein neuer Münchhauſen geworden... Und die Furore, welche er in der Geſellſchaft machte, wurde nur dann ein wenig herabgeſtimmt, wenn er bei der Ankunft des Herrn es füͤr nöthig erachtete, von dem Gebiete der Phantaſie auf das feſte Land hinabzuſteigen. Und gewiß war es ein großer Verdruß für Primus, daß ſein ſonſt ſo ſehr geliebter Herr ſo oft die Herr⸗ ſchaftswohnung verließ. Aber der Onkel hatte in Rückſicht der Geſellſchaft mit Primus einerlei Geſchmack, und darum ſah man ihn während des grüßten Theiles des 36 Feſtes auf der Scheunendiele mit den Alten plaudern, mit den Mädchen ſcherzen und den Kindern Kunſtſtücke vor⸗ machen... Ach, wie ſchwoll dem Onkel Janne das Herz bei dem wohlthuenden Gefühl, dieſe Reiſe vollendet zu haben— welche aber doch auch ſo manchen ſchönen Augenblick gehabt hatte— um wiederum zu dem Alten, dem Theuren zurückkehren zu können! Doch wir müſſen die Scheune, Primus und den Onkel verlaſſen, um uns bei dem großen Balle um⸗ zuſchauen. Vor den Augen der Fremden und Uneingeweihten ſah es aus, als ob von dem Anfange des Feſtes bis zu dem Ende deſſelben die Freude gleich neu geblieben wäre! doch für zwei Perſonen hatte ſie ſchon vor Mitternacht ihren mächtigen Zauber verloren. Helmer hatte, zurückgehalten von einem blöden und zarten Feingefühl, es nicht gewagt, Edith zu dem erſten Tanze aufzufordern; doch dieſes Feingefühl war nicht nach Edith's Geſchmack, denn ſie glaubte darin ihre alte Furcht bekräftigt zu ſehen, daß Helmer es nie wagen würde, ihr vertraulich zu nahen. Dagegen tanzte Helmer mit einer jungen Dame, welche Edith noch nie geſehen hatte, Gräfin Roſalie T., die während der Abweſenheit der Sternfelt'ſchen Familie mit ihrem Manne in dieſe Gegend gezogen war. Und Edith wurde überraſcht von der Art von Vertraulichkeit, die zwiſchen Helmer und dieſer Dame herrſchte. Natürlich konnte Edith nicht wiſſen, daß die Gräfin Roſalie einſt als ein armes Fräulein mit Helmer in einem und demſelben Kirchſpiele gewohnt, daß ſie fleißig in dem Hauſe ſeiner Eltern Umgang gepflogen hatte, und daß ſie jetzt, ſowie auch ihr Mann, welcher mit Hel⸗ mer zugleich auf der Univerſität geweſen war, eine Ehre darein ſetzte, ihm alle verbindliche Aufmerkſamkeit zu zeigen, welche ſeine veränderte Stellung von ihnen fot⸗ derte, da ſie in anderen Zeiten ſo oft mit ihm die Freuden des Geſellſchaftslebens auf dem gaſtfreundlichen 1 G 1 Torsholm getheilt hatten; und bei dem häufigen Umgange, 7 7 37 wozu die Nachbarſchaft jetzt einlud, hatte man ſich egenſeitig ſo kennen und beurtheilen gelernt, daß die Bekanntſchaft in Freundſchaft übergegangen war. Doch waren Edith's Reflexionen ſowohl hierüber, als auch über alles Andere in eben der Secunde ver⸗ ſchwunden, als Helmer, ſie gleichſam in das Feuer von ſeinen tiefen Augen einhüllend, den Arm um ihren Leib legte, um den Walzer zu beginnen. Dießmal ging es nicht wie mit dem Walzer auf Ramswik, daß er ſchon mit der zweiten Runde endigte. Jetzt fühlte Helmer mit himmliſcher Freude, daß er zu ſchwärmen wagte— keine Gelübde ſtanden länger hin⸗ dernd zwiſchen ihnen, ſondern nur weltlicher Rang, Hoch⸗ muth und Ehrgeiz— und gewiß lag eine poetiſche Schwärmerei in dieſem Tanze, der ſie auf ſeinen luftigen Flügeln in geahnte Räume trug. Als die Muſik ſchwieg und alle walzenden Paare durch einander wimmelten, führte Helmer ſeine Dame in das in dieſem Augenblicke leere Zigeunerzelt, welches nur von einem ſchwachen, magiſchen Scheine erleuch⸗ tet war. Während des Walzers hatten ſie nur einzelne un⸗ zuſammenhängende Worte gewechſelt. Zitternd und mit geſenkten Augen ſetzte ſich Edith auf eine mit weichem, grünendem Mooſe belegte Bank. Helmer ſtand vor ihr; ſeine Augen konnten ſich nicht losreißen von ihr, deren Anblick er ſo lange entbehrt hatte und die ihm jetzt in dieſer geheimnißvollen halben Beleuchtung, unter dieſem beredten Schweigen, das ſo ſehr gegen das bunte Gewimmel draußen abſtach, bis zum Verblenden ſchön erſchien. 4 Eine verſchämte, liebliche, unſägliche Verwirrung, ſo gans verſchieden von ihrer gewöhnlichen vornehmen Haltung und ihrem ſtolzen Weſen, vollendete den Sieg über Helmer's letzte Selbſtbeherrſchung. „O ESdith, Edith!“ liſpelte er mit einer Stimme, welche die Leidenſchaft unſicher machte;„ſchenke mir einen einzigen Blick aus Deinen leuchtenden Sternen, und ich will nichts mehr begehren, bis Du es erlaubſt?“ Woher aber kam es wohl, daß Edith, welche noch in vor einem Augenblicke ſich ſelbſt mit Verzweiflung ge fü ſagt hatte:„er wird es nie wagen, ſich mir vertraulich ur zu nahen,“ jetzt, da er es wirklich wagte, da dieſes be: ve deutungsreiche„Du“ zum erſten Male uͤber ſeine Lippen glitt, gleichſam durch ein unſeliges Wunder ſich wieder er in ihr voriges Weſen zurückgezaubert fühlte? je Konnte wohl ein Menſch, der ihr ſo plötzlich ver⸗ he andertes Geſicht ſah, ſich darin irren? War das nicht Hochmuth, was ihre geſenkte Stirn erhob, als ſie daran dachte, daß es der Bruksverwalter war, der ſich N dieſe Sprache erlaubte? War es nicht Hochmuth, der ſi ihre Lippe zu einem Hohngelächter kräuſelte, und war m. es nicht eben jener falſche und unſelige Hochmuth, der fi in ihrem Auge blitzte und in ihrer Stimme wieder⸗ 3 klang, als ſie ſpottend fragte:„Was wollten denn n wohl der Herr Bruksverwalter noch mehr begehren?“ Arme Edith! Gewiß hatte ſie unglücklichere Launen h gehabt; doch nie eine, welche ihr hernach größere Demü⸗ b in thigungen, peinigendere Folgen gekoſtet hatte. ſi Auch Helmer's Geſicht war verändert; doch lag 9 darauf kein trotziger Hohn, ſondern ein tödtlicher, bitterer a Schmerz. Nach einigen Augenblicken antwortete er, aber doch mit einem Tone, welcher eine bewunderungs⸗ G würdige Ruhe beſaß: 3 e „Was ich zu begehren dachte, habe ich jetzt ver⸗ 6 geſſen, und es wird gewiß nie wieder in mein Gedächt⸗ 1 niß zurückkehren.“ 5. Als er ſich umgewendet hatte und in der Zeltthür 1 war, hatten Edith's leidenſchaftliche Gefühle ihre Herr⸗ G ſchaft ſchon wieder eingenommen; die Reue folgte augen⸗ 1 blicklich dem Hochmuthe. 1 „Selmer!“ rief ſie beſinnungslos,„komm zurück!“ 3 Doch Helmer war nicht der Mann, welcher dem 2 Strome der Launen ſeiner Beherrſcherin folgte und ſeine Welt von der Sonne oder von Wolken beherrſchen ließ, 39 je nachdem bei der Herrſcherin Sonne und Wolken wechſelten. Zwar hörte er es an der Gemüthsbewegung in ihrem Tone, daß ſie die ganze Herrſchaft der Reue fühlte; doch was geſchehen war, das war geſchehen, und der Eindruck davon ließ ſich aus ſeiner Seele nicht verwiſchen. „Befehlen das gnädige Fräulein Etwas?“ fragte er; doch in der Stimme war kein halber Ton von Dem⸗ peüigen: was ſich vor einem Augenblicke dort offenbart atte. „Nichts!“ antwortete Edith. Er eilte hinweg. „O,“ dachte ſie mit trotziger Zuverſicht,„das ibt ſich wohl!“ und die Eitelkeit flüſterte:„er wird ſchon mit dem reichen, ſchönen, gefeierten Fräulein Sternfelt fürlieb nehmen!“ Bald darauf, da andere Gäſte das Zelt in Beſitz nahmen, ging ſie hinaus in den Saal. In der Ueberzeugung, daß Helmer ſich zurückgezogen hätte, um der Bewegung Luft zu verſchaffen, welche er in ihrer Gegenwart beherrſcht hatte, wollte ſie eilen, ſich in die fröhlichen Gruppen zu miſchen: bei ſeiner Rückkehr ſollte er ſie lächelnd und gegen alles Andere als das Vergnügen gleichgültig finden. Aber bald ſank ihre ſtolze Hoffnung. Die Fran⸗ caiſe wurde aufgeſpielt, und ruhig und artig, als gäbe es gar keine ſtörenden Eindrücke in der elt, führte Helmer ſeine ehemalige„Flamme“, die hübſche und lächelnde Hortenſe— jetzt verlobt, aber immer noch ebenſo gefallſüchtig wie ehedem— an ihren Platz... und Edith, welche ebenfalls von ihrem Cavalier auf⸗ geſucht wurde, mußte an dieſer Francaiſe Theil nehmen und ſehen— ſie, welche ſelbſt ſo aufgeregt war, daß ihr der Aerger und die Liebe wechſelsweiſe in dem Grade das Bewußtſein raubten, daß ſie ſogar nicht auf die Touren Acht gab— wie leicht und ungekünſtelt er ſich nicht nur mit Hortenſe, ſondern auch mit der Gräfin Roſalie unterhielt, die dicht neben ihm ihren Platz hatte, 40 und wie anmuthig und munter er ſich auch noch bei einer dritten Dame, der unausſtehlichen Octavie, ent⸗ ſchuldigte, als dieſe die dumme Unvorſichtigkeit beging, ſich in ihr eigenes Kleid zu verwickeln und ihm gerades Weges in die Arme zu fallen, bei welcher kleinen Zwi⸗ ſchenſcene er hörbar ſagte:„Die nächſte Francaiſe ge⸗ hört ja mir, Mamſell Octavie?...“ worauf ſie in ſchmelzendem Tone antwortete:„Ja, ſie gehört uns!“ „O, das iſt abſcheulich!“ ſagte Edith in ihren hin⸗ und herfahrenden Gedanken:„eine ſolche Kälte, eine ſolche Beherrſchung kann kein Menſch beſitzen, der wirklich liebt; und liebt er nicht wirklich, dann...“ Sr⸗ Nacht voll tiefer Finſterniß umhüllte ſie bei dieſem ann. Sie befinden ſich gewiß nicht wohl, Fräulein? Be⸗ fehlen Sie aufzuhören?“ fragte Edith's Cavalier, ver⸗ wirrt über ihr eigenſinniges Schweigen. „Ich?“ erwiederte Edith lachend,„ſollte ich mich nicht wohl befinden an einem ſo muntern Feſte?“ Und das Feſt ging auch ſeinen gleichmäßigen, fröh⸗ lichen Gang, erhöht von den tauſend Poſſen des Barons Abbés; denn jetzt machte er keine Schwierigkeiten länger: er hatte ſeit langen Zeiten keine gewaltigen Lachſalven gehört, die durch ſeine Talente hervorgelockt waren, und wollte ſich daher dieſen Triumph nicht verſagen— ja, hinſichtlich der Skizzen und Anekdoten von der Reiſe entſprach der Platz des Rittmeiſters im Salon dem, welchen Primus in der Scheune inne hatte. Während der ganzen Zeit erfüllte Helmer die ſämmt⸗ lichen Pflichten eines Wirthes zur Zufriedenheit der Hofräthin und der Gäſte ſo vollkommen, daß, als die vollgepfropften Wagen nach dem großen Frühſtücke ab⸗ fuhren, ſein Lob überall wiederhallte...... „Gute Octavie,“ ſagte die gnädige Frau, indem ſie ihre jetzige Geſellſchaftsdame zu ſich in die ungeſtörte Ruhe des Schlafzimmers winkte;„es ſieht mir wirklich ſo aus, als ob unſere Pläne von ſelbſt gingen: ich bin — —————2,——— b0——& 41 frappirt von der unverſtellten Freude, welche er beim Wiederſehen zeigte— und dann ſeine Artigkeit auf dem Balle!... Ich werde ſehr bald mit ihm reden 1 „Aber ich glaube,“ flüſterte Maͤmſell Octavie, welche fürchtete, man könnte durch eine allzu große Eile mit der Sache Alles verlieren— gich glaube, wenn Ihro Gnaden belieben, es wäre das Beſte, noch zu warten.“ „Dieſes Feingefühl iſt natürlich... und ich ver⸗ 4 ſpreche, ihn zu ſondiren, ehe ich mit meinem Vorſchlage zum Vorſchein komme. Inzwiſchen iſt ſeine kleine Flamme für Edith ganz erloſchen.“ „Ich glaube beinahe. „Beinahe?“. „So ſage ich, weil es beim Walzer vor meinen Augen anders ausſah. Nachdem ſie jedoch darauf einige Augenblicke im Zelte zugebracht hatten— vielleicht iſt dort Etwas vorgefallen— ſo fahen ſie ganz verändert aus. Er kam zuerſt heraus und war ein wenig blaß, hatte aber dabei einen Ausdruck von ſo geſammelter Kraft, daß ich rieth, er hätte es nöthig gehabt, dieſe anzuwenden. Sie dagegen zeigte ſich ſtolz und kalt wie ehedem.“ „Um ſo beſſer, um ſo vortrefflicher! Er hat eine kleine Artigkeit verſucht, und dieſe iſt abgeſchnitten wor⸗ den. Nichts konnte uns mehr beruhigen und beſſer zu Nutzen kommen. Er iſt meiner Treu nicht der Mann, welcher ſeine Artigkeit vergebens wegwirft. Was ſie betrifft, ſo habe ich meine Vermuthung: ſie bereut es ſchon, daß ſie den Lord ausgeſchlagen hat!“ Viertes Capitel. Onkel Janne nimmt Abſchied. Als nach der Abreiſe der Gäſte unſere Heldin in ihr Zimmer trat, war ihr erſtes Geſchäft, die Gardine herabzulaſſen; das zweite, ihr brennendes Geſicht über die Vaſe mit friſchen Blumen herabzuſenken, welche geſtern Abend dahin geſetzt worden war, ſie wußte wohl von wem. Sollten wohl dieſe Blumen— die ſtillen Boten einer geheimen Liebe— morgen mit andern vertauſcht werden, wie es im vorigen Jahre geſchehen war? Sie wagte das nicht zu hoffen— und ſie irrte ſich nicht: es kamen keine neuen Boten. Doch... das blaue Sammetkiſſen, das in der Eile wer hatte wohl dieſes nehmen können?... Aber nicht einmal dieſen Wahn durfte ſie behalten; denn als ſie ſich darüber wunderte und träumte, kam Fräulein⸗Kerſtin erzählte lachend:„es wäre ein wahres Spectakel mit den Sachen geweſen, ſo wären ſie durch einander ge⸗ worfen worden... Können Sie rathen, Fräulein, wohin dieſes geflogen war?“ „Nein!“ antwortete Edith mit erblaßter Wange. welcher mich eben rief und ſagte, er könnte gar nicht begreifen, wie es zu ihm hinauf gekommen wäre. Ich aber begriff es, denn der hoffärtige kleine Primus ſollte etwas von den Sachen des Rittmeiſters auf das Zim⸗ mer des Verwalters tragen, und ſo iſt dieſes kleine Ding mitgegangen.“ a, das iſt ſehr möglich... aber Du kannſt den alten Sammet zu einem Bruſtlatz bekommen— gib mir den Bettel her!“ Und in einem Augenblicke hatte Edith das Kiſſen aus einander getrennt, die getrockneten Blumen— ihren Troſt, ihre Hoffnung und ihr Ent⸗ ücken auf der langen Reiſe— herausgeriſſen, dieſelben in das Feuer geworfen und den Ueberzug der ſich tief verbeugenden Kerſtin gegeben, welche dem Bruksverwal⸗ ter auf der Hausflur begegnete, als ſie eben von dem Fräulein hinausging. 3„Sehen Sie, was ich von dem Fräulein Edith be⸗ kommen habe“ ſagte Kerſtin, indem ſie ihren künftigen Bruſtlatz in die Höhe hielt. beim Auspacken des Wagens verloren gegangen war.. mit dem verlorenen Schatze in der Hand herein und „Ich bekam es meiner Treu vom Bruksverwalter, 43 — e„Warum iſt das Kiſſen nicht mehr ganz?“ fragte er. te„O, verſteht ſich, ich konnte es ja ſo nicht brauchen!“ e„Und darum warfſt Du weislich weg, was darin war?“ n„Nein, behüte; das Fräulein ſelbſt verbrannte die 2 alte Spreu!“ und hiemit eilte Kerſtin davon. h„Gut!“ ſagte Helmer in ſeiner Seele,„ſie hat mich verſtanden; dieſe Erinnerungen ſollten verbrennen und e verkohlen.“ . Ob jedoch die Erinnerungen mit den Blumen wirk⸗ bt lich verkohlten, das war eine andere Frage, die auf ie beiden Seiten ziemlich zweifelhaft ausſah... n Inzwiſchen hatte auf Dagby Alles ſein gewöhn⸗ d liches Ausſehen wieder angenommen. Daß Helmer nicht it mehr die friſche Lebhaftigkeit des erſten Abends beſaß, - war ſo natürlich, daß kein Menſch ſich darüber wunderte, n denn jener Abend war ja ein ganz außergewöhnlicher 4 geweſen. Ueberdieß hielten ihn ſeine Geſchäfte entfernt, welche ſeiner Ausſage zufolge jetzt bedeutender waren, r, 8 als ſonſt; und einen großen Theil der Zeit, welche er hi 3 ſonſt dem Salon der Hofräthin geweiht hatte, verlebte ch er jetzt auf Sorrby bei dem Grafen T. Und endlich te machten die zahlloſen Einladungen, welche an die Zurück⸗ n⸗ 98 gekehrten ergingen, das Alles weniger merkbar. Gegen ig die Hofräthin war er ſtets ſo artig und aufmerkſam, daß ſie keinen Unterſchied ſehen konnte— und d en war auch kein ſolcher vorhanden. „ Zetzt, meine Du, ſollſt Du mir offen ſagen, ob ich Dir in irgend Etwas mit Rath und That helfen kann!“ So fragte der Onkel an dem Abende vor dem Tage, da er, dieſer glänzenden Unterbrechung ſeiner alten Ge⸗ wohnheiten herzlich müde, die pfirſichfarbene Weſte, die Mütze und den Ranzen wieder nehmen wollte, alſo an dem Abende vor ſeiner Abreiſe. Als er jetzt Edith wiederum in der Heimath wohlgeborgen und dem An⸗ ſcheine nach glücklich ſah, konnte ihn nichts bewegen, ſich zu dieſen welche ihm doppelt unangenehm mit denjenigen vergli Vergnügungen umherſchleppen Nomadenleben genoß. und lockend durch den F ſchon längſt mit einer Botſchaft vom Frühl kommen, und die Anemonen entfalteten ſi dem jungen, feinen Graſe. ſonderes, geliebter Onkel! Wenn „Ich weiß nichts Be Gedanken die lange Reiſe durchfli nder gemacht haben, wenn ich mir die vielen ich jedoch in wir mit eina ch, die er auf ſeinem zu laſſen, wurden, wenn er ſie einfachen Die Winde ſäuſelten ſo ſchn ichtenwald— die Vögel waren ſchönen und guten Ideen in das Gedächtniß welche Du in mir geweckt haſt, ſei es, da wir die Natur, ſt, das menſchliche Leiden oder die großen und herrlichen Anſtalten zur Linderung der⸗ die Denkmäl ſelben betrachteten... reiner Glückſeli nd durch nichts? Augenblicken Herz enge, u Dankbarkeit er der Kun und Liebe Etwas gethan habe, we kehrſt.“ Deine Liebe und Zärtli ie ein Thau auf m wäre dieſe nicht wie ei ſo wäre ic oft ermüdet. Deine hochg wendig, daß Du Deine inge ange⸗ ch ſaftig in ege, welche zurückrufe, Da— wenn ich bei allen dieſen keit verweile— wird mein nderes kann ich Dir meine beweiſen, als dadurch, daß ich un Du das nächſte Mal wieder⸗ Dank, meine Dul! der Himmel ſegn Deinen alten Onkel: mein Herz gefallen, Doch, liebes Kind, um über chkeit gegen eſinnten Wünſche zu reden, ſo Du haſt ja noch übe nicht mit ihr re Onkel, überlaß mir überreden.“ „Nein, Gute ganz verſöhnen, weiter haben, Handwerksſ chule, wir ja eini thätige und den? Ich fürchte, r nichts zu gebieten. und will von meinem guten alten g. O, wie für die Ge aus ihr hervorgehen!“ als nur gute Rathſchläge. womit wir den Anfang machen, ſind nützlich ſoll ſie werd ſellſchaft nützliche Mit e Dich für iſt es noth⸗ Mutter mit in das Spiel ziehſt: Sollte ich ſie iſt nicht leicht zu Alles! Ich muß dieſes allein wirken. Ich habe das Bedürfniß, zu Onkel nichts Ueber die en, wie viele glieder ſollen — — — —₰ ASSBS2Sn US — — 45. „Und welche Segnungen werden auf Dich zurück⸗ fallen!“ „Und auf den edlen Hermann, den edelmüthigen Dulder. Wie wird es ihn ruͤhren, und wie wird er mich verſtehen, wenn er hört, daß meine ſchöne Stiftung den Namen„Hermann's Handwerksſchule“ führt!“ „Du haſt Recht, meine Du, er wird dieſe Verſöh⸗ nung ſchön finden, und er wird glücklich ſein in dem Bewußtſein, daß Du ihn ſtets in warmem Andenken behältſt... Haſt Du aber auch Geduld, Dein Vorhaben auszuführen? Du kannſt uͤberzeugt ſein, nicht allein Mittel und ein guter Wille ſind hier erforderlich, ſondern auch eine weite und tiefe Bedachtſamkeit, eine nie er⸗ müdende Menſchenliebe und eine unverminderte Ausdauer bei den Tauſenden von größeren und kleineren Beküm⸗ merniſſen und Widerwärtigkeiten, die Einem dort begegnen können; denn nicht gleich nach unſerer Ausſaat dürfen wir auf die Ernte rechnen.“ „Ich begehre nichts, was nicht wohl erwogen iſt, lieber Onkel, und ich will die Geduld ſelbſt, ſein. Sollte überdieß meine Kraft auch abnehmen— mein Wille bleibt auf jeden Fall unverändert— ſo kommſt Du, um mir zu helfen und mich aufrecht zu halten!“ „Topp, meine Dul ich will Dein Lehrmeiſter, Dein Intendant, Dein Bedienter, ja Alles ſein, was Du willſt! Und nun ſage: liegt Dir nicht noch etwas Anderes auf dem Herzen, und wirſt Du es wohl auch bereuen, zueni ich weg bin, daß Du mir Nichts davon geſagt aſt? Edith bedachte ſich einige Augenblicke, ehe ſie ant⸗ wortete; ſie kämpfte mit ſich ſelbſt: ſie wollte ſich wohl dem Alten anvertrauen und wollte es auch wieder nicht. „Nein,“ dachte ſie endlich,„wozu nützt es, eine verſchmähte Liebe zu verrathen? kann man ſie wohl tief genug ver⸗ bergen? Wenn aber der Onkel— er iſt ſo gut, ſo liebevoll— wenn er ein Mittel wüßte!... O nein!⸗ keine Schwäche: ſie wäre meiner ja jetzt ganz un⸗ würdig!“ 46 „Du überlegſt, meine Du?“ „Ja, Onkel; aber ich finde Nichts, das ich ſagen darf... weil es auf jeden Fall zu Nichts dient.“ „Wie Du willſt, Kind!“ Der Onkel verſtand dieſe Worte als ein Geſtändniß, daß Edith ihren Jugendtraum aufgegeben hatte; und obgleich Onkel Janne keinen Mann kannte, dem er Edith lieber anvertraut hätte, als Helmer, ſo ſah er doch auch ein, da ſie zu entſagen entſchloſſen war— was er bei der Erinnerung an viele Dinge ſowohl vor der Reiſe, als auch während derſelben nicht geglaubt hatte— daß ſie die Schwierigkeiten, welche ſich ihr entgegen ſtellen würden, am beſten beurtheilt hätte. Vielleicht hatte ſie auch beim Wiederſehen bemerkt, daß ihr Gefühl nicht ſo ſlart war, wie ſie es in der Einbildung ſich vorgeſtellt hatte. Am folgenden Morgen war Edith früh auf. Sie wollte den geliebten Freund ein Stück Weges begleiten. Von der Hofräthin und allen Uebrigen hatte der Onkel ſchon am Abend Abſchied genommen. Als aber der Alte jetzt mit dem Ranzen auf dem Rücken und dem Knotenſtocke in der Hand auf den Hof herabkam, begleitet von Primus, auf deſſen kleinem Rücken der Porteur baumelte, und von Murre, der dießmal ſich damit begnügte, anſtatt der Pfefferkuchen den Tabaks⸗ beutel ſeines Herrn zu tragen, traf er nicht allein Edith — welche dem Alten ſchon früher Kaffee ſervirt hatte— ſondern auch Helmer kam aus ſeinem Flügel heraus, um dem ſo hoch geachteten alten Manne noch ein Lebe⸗ wohl zu ſagen. Bei dieſem Zuſammentreffen wendete Edith das Geſicht hinweg, damit der Onkel nicht merken möchte, wie ſehr ſie doch vielleicht ſeines Rathes benöthigt ge⸗ weſen wäre, und ehe ſie noch Zeit gehabt hatte, den leichten Strohhut auf den weichen ſeidenen Locken in Ordnung zu bringen, in denen ein gefangener Sonnen⸗ —AͤS 8 47 ſtrahl ſpielte, hatten der Onkel und der Verwalter ſchon das Thor erreicht. „Nun, meine Du! wo bleibſt Du?“ Der Alte wendete ſich um. 8 1 Augenblicklich war Edith an ſeiner Seite. d„öier, lieber Onkel! Ich gehe ſo weit mit, daß ich Dir das erſte Frühſtück aufdecken kann.“ 1 ) Sie deutete auf einen kleinen Korb, den ſie auf dem i Arme trug.. 3 1„Und dennoch haſt Du meine Taſchen ſo voll ge⸗ 5 ſtopft, daß mir das Gehen wirklich ſchwer wird!“ n„Das kommt vielleicht eher davon,“ meinte Helmer, e„daß Sie nun ſo lange Ihre Promenaden im Wagen 0 gemacht haben.“ t„Ja, Herr!“ ſagte Primus, der mit ſeinem Körper und ſeiner leichten Bagage vorwärts ſtrebte,„es iſt accurat ſo, wie der Verwalter ſagt: man wird ſo fürch⸗ terlich gemächlich, wenn man auf den Wegen hinrollt, e anſtatt zu gehen, daß es den Gliedern wirklich wehe b. thut, wenn man ihnen einmal zuſprechen ſoll. Und r. wohl hätten Sie den Wagen ſo weit nehmen können, r 1 als Ihnen die gnädige Frau ihn anbot!“ d„Meinſt Du das, Du kleiner Schlingel?“ entgegnete , der Onkel.„Doch, ſiehſt Du, ich will mich nun nicht r länger verwöhnen. Und Du wirſt wohl mit Deinen h 1 Gliedern reden müſſen, daß ſie die Güte haben, ſich ⸗ wieder in unſere alten Gewohnheiten zu fügen.“ h Primus machte eine mächtig ſaure Miene, der Onkel aber freute ſich herzlich, daß er Gelegenheit gehabt 3, hatte, ſeinem Primus einen ſo anſehnlichen Verweis zu ⸗ geben; doch ſah er dabei ſo herzlich gut und ſchelmiſch aus, daß Edith und Helmer über die Verweiſe des Alten 8 lachen mußten. 4 e, Helmer ging nicht weit mit. Als er jedoch von dem ⸗ Onkel Janne, dem einzigen guten Engel von Dagby, Abſchied nahm, bebte ein doppelter Stich des Schmerzes durch ſeine Bruſt: jetzt ſtand kein freundlicher Genius da und wartete des Herdes. Welche bittere Auftritte Z 48 „ waren nicht erfolgt, als er das erſte Mal von dort ge⸗ ſchieden war! Und ferner... und ferner... war er das einzige verbindende Glied zwiſchen... Helmer unterdrückte das Ende dieſes Gedankens— es bedurfte ja keines ſolchen Gliedes mehr. 4 „Ich bin überzeugt,“ ſagte der Onkel, indem er dem jungen Manne den letzten Handſchlag gab,„daß die Arbeiter auf Dagby einen ſchweren Verluſt erleiden würden, wenn Sie, Herr Helmer, einmal von ihnen ſchieden. Sollte ich jedoch einmal hören, daß dieſes geſchehen iſt, ſo werde ich ſtets überzeugt ſein, daß Sie die achtungswertheſten Urſachen dazu gehabt haben.“ Bei dieſer Anſpielung wurde Helmer blutroth, und nur ſein Blick gab eine Antwort........ „Ein ehrenwerther und vortrefflicher Mann!“ ſagte der Onkel, als der Verwalter gegangen war.„Ich ſchätze den Mann, nicht weil er Beluſtigungen für die Schwä⸗ gerin anſtellt und den Herrſchaften in der Umgegend gefällt, ſondern weil ich weiß, daß er ohne viele Be⸗ ſchwerde und Prahlerei, ohne Raiſonniren und Dociren mehr wirklich Gutes auf Dagby, welches er doch nur verwaltet, ausgerichtet hat, als mancher Gutsbeſitzer in der Umgegend für ſeine eigenen Untergebenen gethan hat. Es würde mich ſo recht von Herzen freuen, wenn ich erführe, daß er ſein Glück gemacht hätte.“ „Das Glück verſäumte er, als es ihm angetragen wurde!“ antwortete Edith mit jener erkünſtelten Gleich⸗ ültigkeit, welche ſie ſich jetzt bisweilen anzueignen ver⸗ tand. Du entſinnſt Dich wohl, Onkel, daß Du gehört haſt, wie Hortenſe von Y. eine Zeitlang keinen ſehn⸗ licheren Wunſch hatte, als Frau Helmer zu werden. 0 44 „Er hatte zu viel. Ehre im Leibe, als daß er ein armes Weib um ihres Geldes willen betrügen wollte.“ „Ich meinte, es war Schade, daß er nicht länger Bedenkzeit hatte. Hortenſe's Verlobung mit dem Major ——— * 49 H. kam ſo ſchnell. Sie werden ſchon im Herbſt Hoch⸗ zeit machen.“ Gleich gut, mit wem die Schlange Hochzeit macht! Helmer glaubt gewißt nicht, daß er etwas dabei ver⸗ loren hat.“ Nachdem ſie ein Paar Stunden gewandert, machte die kleine Geſellſchaft Halt und ließ ſich in das junge Maigras unter einer Gruppe von Birken nieder, deren junges Laubdach einen hinlänglichen Schatten vor der Sonne gewährte. Edith deckte auf, der Alte und Primus halfen, und jetzt, indem Edith bald lachte und bald weinte, entfloh wiederum eine Stunde: es war ſo ſchön, friſch und fröhlich, und dabei doch ſo wehmüthig angenehm hier draußen unter dem Dache des Himmels, wo der junge Frühling aus jeder Knoſpe, aus jedem Blatte hervor⸗ blickte, wo der muntere, liebenswürdige Onkel Janne neben ihr ſaß und Primus mit Murre ſich in Vorder⸗ grunde herumwälzte, daß das Herz ſich erweiterte und zuſammengepreßt wurde. A ber die Beklemmung wurde überwiegend, als end⸗ lich der Alte ſagte: „So, meine Dul kredenze mir jetzt das letzte Glas, und dann kein Gewinſel! Stecke Du die Ueberreſte ein, Primus, und ſieh munter aus, Junge!“ Bei dieſer Aufforderung zog aber der Onkel ſelbſt den Rockärmel über die Augen. Doch das geſchah ganz unvermerkt, nicht weil der Onkel, der die Natur ſelbſt war, ſich ſeiner Thränen ſchämte, ſondern weil er ſah, wie gerührt Edith war... „Alles klar und eingepackt, Herr!“ rapportirte Pri⸗ mus, indem er die letzte Paſtete mit Murre theilte. Onkel Janne ſtand auf und ſtreckte die Arme nach ſeinem Liebling aus. „Sollteſt Du irgend eine Art von Bekümmerniß 8 bekommen, meine Du...“ Hier wurde die Stimme un⸗ klar— der Alte ſah ſich wirklich gezwungen, nach dem Schnupftuche zu greifen. Ein launenhaftes Weib. III. 4 wenig bedeuten? Das werden ſie gleichwoßl um ſo 51 Wenig half es ihr, daß ſie zu ſich ſelbſt ſagte „Ich habe dieſe Pein verdient, habe ſie tauſend Mal verdient, weil ich, obgleich ich ſo harte Prüfungen we⸗ gen meines Leichtſinnes habe beſtehen müſſen, doch dem Hochmuthe es noch einmal geſtattete, die Thür zwiſchen mir und dem Paradieſe zu verſchließen, und noch dazu in dem Augenblicke, da ich ſchon auf der Schwelle ſtand. Werde ich denn nie mein eigenes Weſen verſtehen lernen, ſondern ewig fremde und flüchtige Eindrücke das wenige Gute, das vorhanden iſt, verwiſchen laſſen?“ . Fünftes Capitel. Edith's Schule. Nach einigen Tagen wendete ſich Edith, welche jetzt das doppelte Bedürfniß der Seelenthätigkeit hatte, an die Mutter mit den Plänen, welche ſie bei ſich ſchon beſchloſſen hatte. Kaum hatte ſie jedoch feurig und kraft⸗ voll ihre Gedanken entwickelt, ſo antwortete die Hof⸗ räthin ganz langſam mit einer Kälte, die Edith's war⸗ mes Blut in Bewegung ſetzte: „Liebe Edith, überlaß die Sorge für dergleichen dem Staate! Wollten Privatperſonen ſich mit der Grün⸗ dung ſolcher unerhört koſtſpieligen Anſtalten befaſſen, ſo würden ſie bald ihr Vermögen verſpeculiren. Du mußt Dich mit Etwas zerſtreuen, mein Kind, das nicht ſo theuer iſt!“ „Aber ich fühle mich zu keiner andern Zerſtreuung geneigt. Und bei dem großen Reichthum, den ich habe, können wohl fünfundzwanzig oder höchſtens dreißig tau⸗ ſend Reichsthaler— mehr koſtet es nicht— nur ſehr wenig bedeuten!“. „Biſt Du wahnſinnig? Dreißigtauſend Reichsthaler 52 mehr, als Du jetzt noch gar kein Vermögen haſt. Du weißt, daß Dein Vater kein Erbe hinterlaſſen hat.“ „Das habe ich nun ſchon ſo oft gehört, daß ich es nicht gut mehr vergeſſen kann! Doch, Mutter, haſt Du denn nicht immer Odensborg zu meiner Mitgift beſtimmt gehabt— könnte denn nicht von den Einkünften dieſe Summe abgehen?“ „Ich vermuthe, daß jede von Euch nach meinem Tode zweimalhunderttauſend Reichsthaler Banco erben wird; aber in Betreff Eurer Mitgift habe ich noch keinen andern Beſchluß gefaßt, als daß ſie ſich nach der Wahl richten wird, die Ihr trefft. Hätteſt Du den engliſchen Lord geheirathet...“ „Ich weiß nicht,“ fiel Edith ein, und der Verdruß blitzte aus ihren Augen,„wo man anfangen ſoll, da⸗ mit nicht am Ende dieſer engliſche Lord zum Vorſchein kommt! Sollen denn alle Leute, welche von der Hand⸗ werksſchule, die ich zu ſtiften gedenke, Nutzen haben würden, dafür büßen, daß ich mich nicht mit dieſem abgelebten Roué verbinden wollte, der mir ſo zuwider iſt, daß ich wohl bald krank werde, wenn ich nur ein Wort von ihm höre.“ „Welche Sprache, meine Tochter!— man ſieht wohl, daß der Onkel uns verlaſſen hat, und daß Deine lie⸗ benswürdigſte Laune wiederkehrt!“ 3 Geſchlagen von dieſer Anmerkung und an die letzte zärtliche Ermahnung des Onkels ſich erinnernd, ſagte ſie nachgiebig: 4 „Vergib, liebe Mutter! ich war wirklich viel zu heftig. Aber es that mir weh, daß Du nicht einmal dieſen Vorſchlag, der das Beſte unſerer Mitmenſchen bezweckt, in Ueberlegung ziehen wollteſt.“ „ Daß ich ihn nicht in Erwägung ziehe, das kommt daher, weil ich nie meine Einwilligung dazu gebe. Und darum nützt es zu Nichts, daß wir weiter darüber reden’! „O,“ rief Edith aus,„dieſer Unmündigkeitszuſtanda, der den Menſchen mitten im Reichthume zu einem ——,——— —8—ͤ ——,— 8——.+ 1—+ —— 12 —„220———, —“ 53 Sclaven macht, iſt fürchterlich! Welchen Nutzen habe ich von der gewiſſen Ausſicht auf dieſe zweimalhunderttau⸗ ſend Reichsthaler Banco, wenn ich nicht die Freiheit habe, den allergeringſten Theil davon zur Wohlfahrt Anderer anzuwenden?“ „Dieſe Klage hätteſt Du nicht zu führen nöthig gehabt, wenn Du Dich verheirathet hätteſt...“ Mit dem Lord Clinton— nicht wahr?“ fiel Edith ein.„Gut, da ich mich dießmal verſäumte, ſo muß ich daran denken, den Schaden wieder auszubeſſern; denn ich merke wohl, nur die Verheirathung verſetzt mich wenigſtens in einen Zuſtand halber Mundigkeit. In⸗ zwiſchen, bis dieſes ſich rangiren läßt, verkaufe ich meine Juwelen und alle Koſtbarkeiten, die ich entbehren kann, um wenigſtens eine Mädchenſchule in Ordnung zu bringen. Die läßt ſich mit geringen Reſſourcen zu Stande bringen, und ich will ſelbſt die oberſte Aufſicht dabei haben.“ „Wie Du beliebſt: willſt Du ohne Juwelen ſein, ſo iſt das Deine Sache— doch rechne auf keine neuen!“ „Ich rechne nicht darauf, ich brauche keine Juwelen. Doch, noch ein Mal, liebe Mutter, wirf einen einzigen Gedanken auf alles Gute, Große und Schöne, das wir wirken könnten, wenn Du wollteſt! Wie glücklich und nützlich könnte nicht mein unbeſchäftigtes Leben werden, welches mich jetzt bis zum Tode ermuͤdet— und welche hueden Segnungen würden nicht auf Dich zurück⸗ allen!“ „Du biſt eine Schwärmerin, mein Kind, eine große Schwärmerin! Glaube meiner Erfahrung: das iſt keine Arbeit für ein junges Mädchen. Wenn Du dereinſt als Gattin Dein geerbtes Vermögen in Beſitz nimmſt, ſo berathe Dich mit Deinem Manne über dieſes Project, und geht er darauf ein, ſo baue und richte ſo viele Arbeitshäuſer und Kolonien ein, wie Dir beliebt. Auf Dagby aber haben wir ohnehin ſchon Arbeit und Um⸗ ſtände genug. 3 „Gut, Mutter! ich muß meine Pläne verſchieben, doch ſie werden wohl dereinſt wieder zum Vorſchein kommen!“ — An dem Tage nach dieſem Zwiegeſpräch reiste Edith in die Stadt. Die Juwelen und eine Menge von gol⸗ denen Koſtbarkeiten wurden verkauft und das Project ausgeführt. Die ganze Gegend redete jetzt von nichts Anderem, als Edith's originellen Ideen und ihrem großen Eigen⸗ ſinne, und die Hofräthin wurde wegen ihrer beiſpielloſen Nachgiebigkeit bewundert. Bei einer ſolchen Rede lächelte die ſtolze Dame und antwortete vornehm: „Das mag ſie gerne wegwerfen, wenn damit etwas wirklich Gutes zu erreichen iſt. Doch ſie iſt jung, hef⸗ tig, unerfahren— ich kann ſie nicht über mehr dispo⸗ niren laſſen, als über ihre Handkaſſe und über ihre Koſtbarkeiten.“ Wenn nun Jemand da war, welcher nicht wußte, wie groß die Handkaſſe war, die das Fräulein Sternfelt jährlich zu ihrer Toilette anwenden durfte, ſo konnte er fragen, und da es Gottlob keines Geheimniſſes in dieſer Hinſicht bedurfte, ſo war es auch nicht ſchwer zu erfahren, daß dieſe Handkaſſe ungefähr dem entſprach, wovon eine ſparſame Familie das Jahr hindurch leben konnte. Nach drei Wochen, welche Edith in einer Thätig⸗ keit verlebte, die faſt die Liebe hemmte, war das an⸗ derthalb Viertelmeilen von Dagby eingerichtete Haus in völliger Ordnung, um als Schule für die beſtimmte Anzahl— vierzig— von jungen Mädchen eingeweiht zu werden.— Edith hatte vier arme Frauenzimmer als Lehrerin⸗ nen angenommen, zwei für die ſprachlichen Kenntniſſe, und zwei für Nähen, Weben, Spinnen, Sticken und dergleichen. Sie ſelbſt wollte die Aufſicht über das Ganze führen, und ſie war ſo jubelnd froh, als ſie am 5⁵ erſten Tage die Jugend um ſich ſammelte, als ſie aus ihrem Herzen warme Ermahnungen zu ihnen reden konnte, daß ſie ihr durch Fleiß und Gehorſam die Mühe leicht machen ſollten, wogegen ſie ihnen eine zärtliche Mutter ſein und ihnen, wenn ſie mit ehrenvollen Zeugniſſen die Schule verlaſſen hätten, gute und paſſende Plätze verſchaffen wollte. Auch wurden damals die Präm ien für das erſte Quartal feſtgeſetzt. An dieſem Abende ſchrieb Edith einen Brief an den Onkel Janne, welcher uͤberfloß von dem Geiſte, der ſie beherrſchte, und am Ende deſſelben hieß es: „Nun, geliebter Onkel, für's Erſte bin ich mit die⸗ ſem Wenigen zufrieden. Es iſt unbedeutend— doch nein, nichts iſt unbedeutend, das für einen guten End⸗ zweck wirkt. Ich übe und erziehe mich nun zu einer künftigen größeren Thätigkeit und fühle mich dem lang⸗ weiligen, mühſeligen Alltagsleben entrückt, wenn ich an die reine Freude denke, welche meine vierzig Mäd⸗ chen mir bereiten werden, wenn ich daran denke, daß ſie zu ſittſamen, nützlichen und vernünftigen Weſen her⸗ angebildet werden und eben deßhalb einſt in ihrem haus⸗ mütterlichen Berufe die Sittlichkeit und Arbeitſamkeit auf die Ihrigen übertragen werden. Und ich lebe alſo nicht allein in ihnen, ſondern auch in dem Guten, das ſie je nach ihren Kräften dereinſt wirken werden. Ach, warum habe ich nicht ſchon längſt eine ſolche Thätigkeit gewählt! Da hätte ich nicht nathi gehabt, mich von der Langweile martern zu laſſen. ie ſehne ich mich darnach, daß es wieder Morgen wird!“..... und als der folgende Morgen kam, ſtand Fräu⸗ lein Edith's Droſchke wieder vor der Thür; und ſo be⸗ ſchäftigt war ſie während des Vormittages durch ihren Lehrerberuf— denn ſie nahm auch daran Theil— und am Nachmittage durch Planzeichnungen über neue An⸗ ſtalten nebſt dem Leſen von allen möglichen Schriften, welche über dieſe Gegenſtände herausgekommen waren und herauskamen, daß ſie nicht Zeit hatte, eine einzige Einladung anzunehmen. 56 Helmer ſchwieg wie die Andern und ſah zu. Hätten ſie in einem andern Verhältniß zu einander geſtanden, wie gern hätte er ſie nicht unterſtützt und ihr geholfen; doch jetzt wären dergleichen Geſpräche und Zuſammen⸗ künfte allzu gefährlich geweſen. Ueberdieß war er auf das Höchſte intereſſirt, zu ſehen, wie lange ihr flüchtiger Sinn bei dem Ziele, auf das ſie ſich geworfen hatte, verharren würde. „Auch die Hofräthin hatte dieſes Intereſſe— und mit ihr die ganze Umgegend. In den beiden erſten Wochen begab ſich Edith an jedem Tage in ihre Schule; in der dritten geſchah es je den zweiten Tag und in der vierten nur zweimal in der Woche. Sie liebte immerwährend noch ihre Schule, ſie eiferte für alles Gute und träumte manchen lebhaften Traum von erweiterter Thätigkeit, doch, o weh!... es war denn doch ſehr trivial und wurde zuletzt tödtend lang⸗ weilig, den immer gaffenden und erſtaunten Kindern Tag aus Tag ein ſtets eine und dieſelbe Sache zu er⸗ klären. „Es iſt auch wohl nicht nothwendig“— ſagte ſie, um eine Entſchuldigung für ſich ſelbſt zu finden—„daß ich immer Hand an das Werk lege. Ich habe es in's Werk geſetzt, jetzt geht es ordentlich— eine übel ange⸗ brachte Geſchäftigkeit dient zu nichts.“ Mit dem Ende des Reizes brach auch der verdämmte Strom ihrer Gefühle wieder los, denn das Einzige in Edith's Seele, welches den einen Umſturz nach dem an⸗ dern überlebte, war ihre Liebe... und auf's Neue be⸗ freit, legte dieſe ihr Herz in ſtärkere Feſſeln als jemals. Sie wurde gleichgültig gegen Alles, außer ihrem eigenen Schmerz; und indem ſie ſich mit demſelben in die ver⸗ borgene Einſamkeit ihres Zimmers oder des Parkes ein⸗ ſchloß, vermochte ſie ſich mit gar nichts weiter zu⸗ beſchäftigen— die Schule war vergeſſen. Helmer ſah dieſe neue Veränderung und beurtheilte ſie auch richtig. Doch die tiefe Wunde, welche er erhal⸗ ten hatte, war noch nicht geheilt. Die Vernunft, welche ˖ — 1—ͤ S SSOOe —— 2 ——r——— —— 57 ihre Macht von Neuem eingenommen hatte, ſagte ihm, daß dem Weibe nichts heilig genug ſein würde, welches in dem Augenblicke, da die Allmacht der Liebe ihr Herz berührte und nahe daran war, es mit einem andern zu . vereinigen, dennoch einer hochmüthigen Laune es geſtattet hatte, die heiligen Gefühle zu verlöſchen, welche ſo eben 4 in einer reinen Flamme aufloderten. Nein, die Ehe konnte weder für ſie noch mit ihr glücklich werden. Und da ſie durch das traurige Drama mit dem Grafen Hermann noch immer nicht von ihrem Leichtſinne ge⸗ heil war, wann konnte ſie es wohl werden? Wir haben ſchon geſagt, daß auch Helmer ſeinen Stolz hatte. Und dieſer war vielleicht hier nicht ſo ganz unthätig; eigentlich aber war es ein würdigeres Motiv, das ſeine Leidenſchaft in den Schranken einer äußeren Ruhe hielt. Außer dem ſchon Angeführten war er ge⸗ zwungen, ſich ſelbſt zu geſtehen, daß Edith, ſo oft ſie nicht unter dem Einfluſſe der Leidenſchaft ſtand, ſeinen geringen Stand mit Verachtung betrachtete, und alſo keine große Hoffnung gab, daß ſie in einer vielleicht möglichen Ehe dieſen weſentlichen Theil vergeſſen würde. Die Reue konnte kommen); entkleidet von aller Poeſie und Liebe— die Reue entblößt... „Nein, nicht dieſes!“ ſagte er mit ſtolzem Unwillen zu ſich ſelbſt, und die Lippe zitterte, die Bruſt ſchwoll, das Auge blitzte—„keine Reue, keine Verachtung für treue und heilige Liebe!... Beſſer iſt eine ewige Tren⸗ nung— als eine Vereinigung, welche der Tod wäre!“ * War aber Helmer wohl der Einzige, welcher auf Edith's merkliche und unglückliche Veränderung Acht gab? war er der Einzige, der die Urſache ahnte, der den kaum verhüllten Eindruck bemerkte, den ſeine Ankunft und Entfernung auf ihrem Geſichte hervorrief? Nein, auch der Hofräthin waren jetzt die Augen aufgegangen, wobei ihr drei verſchiedene Oculiſten behülflich waren. 58 Der erſte war der Rittmeiſter. Nach einer Entfernung von ſechs Wochen beim Exer⸗ zieren kehrte er an dieſen Ort zurück, wo er für immer ſeine irdiſche Hütte aufſchlagen zu wollen ſchien, und wurde nun auf die ſchlagendſte Weiſe von Edith's ver⸗ kndertem Zuſtande überraſcht. Zwar hatte der Rittmeiſter mehrmals die Hoffnung auf dieſe Eroberung aufgegeben, aber immer wieder hatte er nach beſſerer Ueberlegung ſich des alten Sprüchworts erinnert:„Geduld und Zeit macht möglich die Unmöglichkeit,“ zu welchem er noch den durch die Erfahrung beſtätigten Satz hinzufügte, daß ein Mädchen, welches lange alle Anerbietungen verworfen hat, gewöhnlich zuletzt Denjenigen nimmt, welcher, treu und oft verſchmäht, immer noch bleibt, wenn die Andern längſt verſchwunden ſind. Aber jetzt, jetzt ſtieg ein Geſpenſt auf, das ſchlim⸗ mer war, als das Hamlet'ſche: eine Liebe, an die der Rittmeiſter nicht geglaubt hatte, an die er nicht hatte glauben wollen und können, ſo wahnſinnig war ſie in der Wirklichkeit; und dennoch war er bei dem Zeugniſſe, das ſeine Augen ablegten, zu dem Geſtändniſſe genb⸗ thigt, daß es keine bloße Phantaſie war, was in Edith lebte. Nein, es war Liebe, wahnſinnige, ſtürmiſche Liebe, und obgleich der Rittmeiſter bei dieſer Neberjeu⸗ gung wüthete, ſo pries er ſich dennoch glücklich, weil er es wohlbedacht immer ſo geſtellt hatte, daß im Nothfalle ſeine Huldigung ebenſo gut Olga zum Gegenſtande haben konnte, als Edith.. Doch für die Verrechnung, daß er gezwungen ſein ſollte, anſtatt der Venus den Zlutus zu verehren, ſollte Edith, aus deren Feſſeln er ſich nicht frei machen konnte, ſchwer büßen— ſowohl ſie, als auch ihr Adonis.... „Meine theure, gnädige Tante!“ hieß es, indem ein ehrfurchtsvoller Kuß auf die Hand der gnädigen Tante die nothwendige Pauſe zwiſchen dieſen Worten und den folgenden füllte... ich weiß kaum, ob ich es wagen darf, meine warme, herzliche Theilnahme für Ihre bitteren Bekümmerniſſe auszudrücken; aber ich weiß, — — N G N im Vergleich mit dem Fräulein Sternfelt!“ 59 daß kein Menſch ſchmerzlicher darüber betrübt ſein kann als ich, der ich die exemplariſche Reſignation deſehen habe, womit Sie genöthigt geweſen ſind, Ihre Lieblings⸗ idee mit dem liebenswürdigen und edlen Lord Clinton zu opfern.“ „Was meinen Sie, Herr Rittmeiſter?“ Die Hof⸗ räthin machte große Augen, denn noch war ſie in ihrer glͤcklichen Finſterniß. Jetzt aber begann die Operation. „Gnädige Tante! Ihre Frage ſetzt mich in Ver⸗ legenheit... ſollte ich mich des unverzeihlichen Verſe⸗ hens ſchuldig gemacht haben, von einer Sache zu reden — die, die... Ihnen noch unbekannt iſt, obgleich ſie ſchon das Gelächter der Geſellſchaftskreiſe bildet; denn nicht einmal die beſten unb treueſten Freunde des Fräu⸗ leins Edith können hier mehr ausrichten, als den Scher⸗ zen mit dem Schweigen der Verachtung begegnen.“ „Wovon iſt denn die Rede?— Sagen Sie es ganz einfach!“ Das Geſicht der Hofräthin hatte eine dunkle Farbe angenommen, dennoch aber behielt ſie ihre ganze kalte Faſſung. „Von der unſeligen Neigung des Fräuleins zu dem Bruksverwalter...“. „Ein aſchgrauer Farbenwechſel ging über die Wange der gnädigen Frau, als dieſes Geheimniß, das ſie für todt und begraben gehalten hatte, ſich jetzt von Neuem erhob und noch dazu ſchon mit dem allgemeinen Ge⸗ lächter gebrandmarkt, denn ſie glaubte den loſen Phraſen des Rittmeiſters. Ehe ſie ſich jedoch geäußert hatte, beeilte ſich dieſer, noch ferner hinzuzufügen: „ Doch ſind wir genöthigt zu geſtehen, daß die Ver⸗ irrung des Fräuleins nicht allein da ſteht: auch Frau v. M. theilte dieſelbe eine Zeitlang.„Doch, o Himmel,“ rufen ſie in jeder Geſellſchaft,„was iſt dieſe kleine Wittwe . 1 Die Stimme der Hofräthin verrieth kaum ein Zit⸗ 3 2. 60 tern, als ſie antwortete:„Sein Sie ganz ruhig, Herr Couſin— es iſt meine Sache, das Anſehen des Stern⸗ felt'ſchen Hauſes wieder herzuſtellen!“ Am folgenden Tage ſtellte ſich Octavie mit bleichen Wangen und verweinten Augen ein, und ihre Stimme zitterte vor Eiferſucht, als ſie ſagte: „Gnädige Frau! Ich habe den Muth gehabt zu ſchweigen, ſo lange es nur mich betraf; aber ich ertrage es nicht, zu ſehen, daß die ganze Würde unſeres Ge⸗ ſchlechts gekränkt wird. Solche Blicke, ſolche ſchmach⸗ tende Mienen, wie in den letzten Wochen das Fräulein dem Herrn Helmer gegeben hat— ſie beſitzt ja nicht die allergeringſte Beherrſchung mehr— gibt kein Frauen⸗ zimmer, das nicht alles Bewußtſein ihres eigenen Wer⸗ thes verloren hat.“ „Still, Mamſell! Sie vergeſſen ſich!“ ſagte die mehr und mehr gereizte Mutter.„Morgen rede ich mit meiner Tochter und auch mit dem Verwalter. Entweder ſoll mein Vorſchlag ſogleich in Erfüllung gehen.. oder er verläßt Dagby. Alſo nichts mehr davon!“ Aber die Hofräthin hatte noch eine Poſt zu erwarten. An jenem Abende kam Olga in ihr Zimmer ge⸗ laufen. „Mein Gott, liebe Mutter! welche Schande und welch ein Aerger, daß ich gezwungen bin für diejenige zu erröthen, die mir gute Beiſpiele geben ſollte! Eben ſaß ich im Park und las; Edith ſaß an einer andern Stelle: ich ſah ſie recht gut, aber ſie mich nicht. Nun was meinſt Du wohl?.... Helmer ging vorbei. So wie ſie ſeine Schritte vernimmt, läßt ſie das Buch fallen, welches ſie, wie ich glaube, verkehrt in der Hand hatte, und— was ſagſt Du dazu?— breitet die Arme aus. Nein, Mutter, ich kann nicht anders, ich muß lachen!“ Und Olga lachte, daß ſie beinahe erſtickt wäre, und ahmte Edikh's Bewegungen nach, bis die Arme gleichſam ge⸗ lähmt niederſanken....„Ich weiß nicht gewiß,“ fuhr ſie fort,„ob er nicht einige Bewegung im Gebüſch be⸗ merkt hat, denn es ſah mir faſt ſo aus, als ob er „ daß 61 erröthete, doch beſchleunigte er ſeine Schritte. Gs iſt ſo klar wie der Tag, auch er ſieht ein, daß das ſtolze Fräu⸗ lein Edith ſich lächerlich macht.“ „Du ſchweigſt!“ entgegnete die Mutter mit einer wirklich fürchterlichen Kälte.„Morgen ſoll das ein Ende nehmen!....“ In demſelben Augenblicke ſprach auch Edith, welche immer noch an dem Orte ſaß, wo Olga ſie beſpäht hatte, dieſe Worte aus. „Morgen ſoll das ein Ende nehmen— ja, beſtimmt, denn fährt dieß noch länger ſo fort, ſo verliere ich den Verſtand! Ich muß dieſe dumme Blödigkeit beſiegen, welche hier nur Ziererei iſt! Er liebt mich noch, ich habe mit Aufmerkſamkeit jede ſeiner Bewegungen, jeden 3 ſeiner Blicke beobachtet— er iſt nicht im Stande ge⸗ weſen, ſich immer mit dem Stolz zu ſchützen— und dieſer Stolz, den ich zu gleicher Zeit anbete und verab⸗ ſcheue... was hat er mich nicht gekoſtet.... was wird er mich noch koſten!“— Sie verbarg das Geſicht in den Händen. „Aber,“ fuhr ſie mit klarem Blicke und erhobenem Haupte fort,„ich will nicht länger zaudern: nein, ich will dieſen Sieg über das Vorurtheil gewinnen.... und kann ich mich noch beſinnen, da ſeine verdoppelte Liebe meine Belohnung wird? Nie wieder nach Dem⸗ jenigen, was vorgefallen iſt, wird er, der den Stolz der Armuth, die Würde des Selbſtbewußtſeins hat, mir wieder nahen; aber ich will ihm nahen!.... Und wie wird er nicht zittern, wie überraſcht und entzückt wird er ſein bei dem unermeßlichen Glück, welches ich ihm anbieten will!... Dieſer Schritt iſt ein außergewöhnlicher. Meinethalben— was thut das? Unter dummen Formen iſt die allerdummſte, daß das wichtige, entſcheidende Wort unbedingt von den Lip⸗ pen des Mannes kommen ſoll. Wenn zwei Weſen wiſſen, ſie ein und daſſelbe Gefühl haben, kann es da nicht ch einerlei ſein, welches von Beiden dem Gefühle Luft 62 4 gibt? O, mein Gott!... alſo morgen! Mir ſchwindelt vor dem Schwindel, der gewiß auch ihn erfaſſen wird!... Grauſam habe ich ihn beleidigt... glänzend ſſt auch die Genugthuung!“ 8 Sechstes Capitel. Edith's Freierei. Gewiß hatten an dieſem Tage die Sonne, der Him⸗ mel, die Erde, die Blumen ein anderes Ausſehen, als ſonſt. Wenigſtens erſchien Edith's Augen Alles in einem roſenfarbigen, blendenden, herrlichen Lichte. Selbſt die Vögel hatten ihre Zungen von den Seraphen des Him⸗ mels geliehen, und Alle und Alles, Himmel, Erde und Luft, war nur ein einziger Hymnus... der Siegeshym⸗ nus der Liebe. Weit entfernt, mit beſonneneren Gefühlen erwacht zu ſein, die mit ihrer weiblichen Würde und empfindlichen Delicateſſe übereinſtimmender waren, hatte Edith im Traume nur die Rolle repetirt, in welche ſie ſich ſeit meh⸗ reren Tagen hineingedacht hatte. Und kein einziger Hauch der Furcht oder Unentſchloſſenheit verdunkelte das triumphi⸗ rende und vollkommene Glück, welches ſie empfand, als ſie zu ſich ſelbſt ſagte: 1— „Er wird meinen Muth bewundern, er wird ihn ſegnen und ſtolz ſein über das Mädchen, welches um ſeinetwillen den Schranken trotzte, welche die Welt er⸗ richtet hat.“ „Bis jetzt,“ fuhr ſte fort, immer mehr verſunken in den gemiſchten Rauſch von ungezügelter Leidenſchaft, Stolz und Hochmuth,„bis jetzt iſt es nur Königinnen geſtattet geweſen, unter ihren ünterthanen zu wählen.. Jedes Weib, das Anbeter beſitzt, hat auch Unterthanen und das Recht, eine Königin zu ſein.“ 3 Wie wollte ſie es nun aber ausführen? * e‧“ elt ſen nd 63 Heute mußte es geſchehen.... Schon beſpähten alle Blicke ſie— das ſah ſie und trotzte in Gleichgül⸗ tigkeit— bald wartete ihrer vielleicht eine Erklärung mit ihrer Mutter; doch ehe dieß geſchähe, ſollte eine andere Erklärung alle anderen überflüſſig gemacht haben. Sollte ſie ſchreiben?... Unmöglich. Ein Zuſammentreffen beſtimmen?... Eben ſo un⸗ möglich. Ihn zufällig treffen?.. Das ließ ſich machen. Als dieß einmal beſchloſſen war, hielt ſie ſich mit keinen weiteren Ueberlegungen auf, ſondern machte ſogleich ihre Morgentoilette mit einer Sorgfalt und Ele⸗ ganz, wie ſie nicht einmal in dem eigentlichen Vater⸗ lande der Toiletten der Mühe werth erachtet hatte, ob⸗ gleich ſie es dort keineswegs verſchmäht hatte, die Kunſt gründlich zu ſtudiren. Sie wollte ſchön ſein, und ihr Spiegel ſagte ihr, daß ſie es war. Es war um die Zeit des Morgens, da Helmer, den ſie ſchon vor langer Zeit nach der Schmiede hatte gehen ſehen, von dort zurückzukehren pflegte. Sie ergriff ein Buch, eilte ſchnell durch die Geſellſchaftszimmer, wo noch kein Menſch war, die Treppe hinunter auf den Hof. Aber als ſie eben das Thor öffnen und den Fuß in die Allee hinausſetzen wollte, war es auf einmal aus mit ihrem Muthe und ihrer Zuverſicht: das Weib be⸗ hauptete ſein Recht in ihrer Natur; und zitternd vor dem Gedanken, daß ſie gerade in dieſem Augenblicke Helmer treffen könnte, jetzt, da er ohne Zweifel in ihrem Geſichte ihren Entſchluß würde leſen können, ſchlug ſie das Thor heftig zu und floh nach dem entgegengeſetzten, welches an dem andern Ende des Hofes in den Küchen⸗ garten und aus dieſem auf das Feld hinausführte, wel⸗ ches ſie faſt athemlos erreichte. Als ſie aber jetzt, ſich endlich in Sicherheit wähnend, an dem Fuße einer großen Eiche die Augen aufſchlug, ſchrie ſie laut auf und ſank, ohne weiter einen Laut von ſich zu geben, zu Boden. ——— 64 Er, dem ſie erſt hatte begegnen und dann, von einem reineren Gefühle beherrſcht, hatte fliehen wollen, war dennoch von dem Schickſale ihr in den Weg geworfen worden. Helmer ſtand dicht vor ihr und hatte lange mit erſtaunter Verwunderung zugeſehen, wie ſie mit dem leichten Flügelſchlage einer geſcheuchten Taube über das Feld floh, ohne daß es ſchien, als wüßte ſie, wohin ihre Flucht ſie brachte. „Um des Himmels willen, Fräulein Edith, ſind Sie durch Etwas erſchreckt worden?“ Er beugte ſich zu ihr herab. Sein warmer Athem berührte faſt ihre Wangen. u gleicher Zeit berührte auch der zitternde Laut in ſeiner Stimme ihre Seele. Sie erhielt ſchnell wieder ihre Beſinnung und Kraft, ſie erhob ſich und ſetzte ſich unter die ſchattige Krone der Eiche. Aber noch konnte ſie nicht die Sprache der Lippen reden. Sie ſchwiegen einige Minuten. Da plötzlich rief Edith, welche in dieſer zufälligen Begegnung ein Zeichen vom Himmel erblickte, und mit ewim ſolchen Glauben auch ihre Begeiſterung wieder erhielt: „O, laß jetzt dieſes lange Mißverſtändniß ein Ende nehmen! Habe ich nicht genug geweint, habe ich nicht genug bereut, habe ich mich nicht genug gedemüthigt, ſo ſieh, daß ich es jetzt thue, da ich laut bekenne, daß ich tauſendmal lieber ſterben will, als dieſes elende, un⸗ ſelige Leben noch länger fortſetzen, welches ich nun ſchon zwei Monate lang trotz aller meiner Verſuche, es durch Thätigkeit zu veredeln, geführt habe! Ich weiß, was ich jetzt geſagt und gethan habe, würde ſtrenge ge⸗ tadelt werden von jenen kalten, pedantiſchen Frauen⸗ zimmern, welche gar nicht wiſſen, was Gefühl iſt; aber Du, o Du wirſt, Du allein kannſt die Genugthuung begreifen, die ich Dir biete, die einzige, welche Deiner und meiner würdig iſt!“ Schon meinte Edith in ihrer ſchwärmenden Ein⸗ bildung den Geliebten zu ihren Füßen zu ſehen, ſchon —.,— 6⁵ meinte ſie ihn vor Entzücken und Dankbarkeit jubeln und in wilder, halb wahnſinniger Begeiſterung vor ihr ſeine vorhergehenden Schmerzen, ſeine jetzige Seligkeit ergießen zu hören. Als jedoch ihr eigener Taumel ihr erlaubte, die leiblichen Augen anzuwenden, da— o Demüthigung, o Todesqual ſonder Gleichen!— da ſtand Helmer immer noch an demſelben Orte, und auf ſeiner Stirn ruhte eine Wolke, in ſeinem Auge ein Ernſt, aus dem ſich nichts Anderes ahnen ließ, als daß das eben gehörte Bekenntniß ſeine Seele mit Kummer erfüllte; und wenn ſte es noch weiter wagen ſollte, dieſe Falten an ſeinen ſchönen Augenbrauen zu deuten, ſo konnte ſie leicht auf den Glauben kommen, daß er, weit entfernt, ihr Betragen zu ſchätzen und zu bewundern, daſſelbe viel⸗ mehr auf das Höchſte mißbilligte. 3 Helmer's Gefühle ſind ſchwer zu beſchreiben. Zuerſt ſchlug ihn eine tiefe, unwiderſtehliche Rüh⸗ rung bei dieſer ſo offenen, unerwarteten und leidenſchaft⸗ lichen Sprache, bei dem Blendenden in dem Gedanken: „ſo vermag dieſes ſtolze Mädchen ſich zu demüthigen, um eine Verirrung zu verſöhnen; ſo edel und groß kann ſie handeln, obgleich ich, wenn ich auch nicht im Stande geweſen bin, jeden Blick, jede Geberde zurückzuhalten, welche mich verrathen konnte, dennoch gezeigt habe, daß ich es ſo gewollt habe!... Doch“... hier warf ſich ſein Ideengang augenblicklich in eine andere Richtung .„ſie ſah klar und deutlich meine Bemühung, ihr zu entfliehen... durfte alſo ſte, das reine junge Mädchen, der ſchönſten Zierde ihres Geſchlechtes, der Schamhaftig⸗ keit, entſagen, um ihren Liebhaber aufzumuntern? Würde ſie das wohl gethan haben, wenn ein höheres Gefühl, als eine wilde Leidenſchaft, fluͤchtig wie alle ihre Eindrücke, neben dieſer einen Raum gehabt hätte? Und vor allen Dingen: würde ſie das wohl gethan haben, wenn ſie dieſen Geliebten als ihresgleichen angeſehen hätte? Nur einem Manne unter ihrem Stande, Ein launenhaftes Weib. III. 5 3 von dem ſie meinte, er ſtände ſo niedrig, daß nicht ein⸗ mal ihre Schamhaftigkeit von der umgekehrten Ordnung der Dinge verletzt würde, konnte Edith ſich antragen. Die römiſchen Frauenzimmer badeten in Beiſein ihrer il ein Sklave kein Mann war!“ Nach die⸗ Sklaven, wei ſen bittern Reflexionen, zu denen Helmer in ſeinem auf's Neue verletzten Stolze und Selbſtgefühl,— wie man eingeſtehen muß— gewiſſermaßen berechtigt war, ließ es ſich ſchon von vorn herein erwarten, daß er nicht die Rolle ſpielen würde, welche Edith für ihn ſchon ge⸗ wählt hatte. Erſtaunen, Verwunderung, Scham, Reue und uletzt Verzweiflung— das waren die Bewegungen, maiche ſich wechſelsweiſe auſ Edith's Antlitze malten, während ſie die verſchiedenartigen Ausdrücke auf Helmer's Geſicht beobachtete. Schon ſein Schweigen war genug, und ſo erniedrigt, ſo bitter gedemüthigt kam ſie ſich in ihren eigenen Augen vor, daß ſie die Bäume hätte bitten wollen, über ſie zu fallen und ſie zu bedecken. Vor allen Dingen hätte ſie fliehen wollen, wenn ſie Kräfte dazu gehabt hätte; aber ihre Erſchütterung war ſo mächtig, daß ſie keine Macht über den Körper hatte. Das Licht, in welchem ſie jetzt ihre eigene Handlung erblickte, ver⸗ nichtete ſie gänzlich. „Fräulein Edith!“ begann endlich Helmer, indem er mit tauſend verſchiedenen Eindrücken kämpfend— alle gleich heftig— ſich neben ſie ſetzte...„Verzeihung, wenn mein Schweigen verletzt, doch.. doch.* „Es bedarf nichts mehr!“ fiel Edith ein, und die edle und ernſte Bewegung, welche ſie dabei mit der Hand machte, zeugte von einer wiederkehrenden Selbſtach⸗ tung.„Dennoch rufe ich Gott zum Zeugen, wenn ich es nur ein einziges Mal geahnt hätte, daß meine Hand⸗ lung auf ein als worauf ich ſie ſelbſt wog, ſo haͤtte ich lieber... Doch,“ fuhr ſie fort, indem ſ ohne daran zu denken, was ſie verrieth,„welch ein ſchreck⸗ liches Schickſal war es nicht: ich fliehe von der Alle ner andern Wage gewogen werden köͤnnte, ſie ſich heftig unterbrach, ndem —— zung, d die Hand ſtach⸗ in ich dHand⸗ onnte, erag, chreck⸗ Allee 67 hinweg, zu welcher ich erſt gehen wollte... fliehe, nie⸗ dergedrückt von dem Gedanken, daß mein Vorhaben— über welches ich doch noch ſo eben als über das edelſte triumphirt hatte— auf meinem Geſichte zu leſen ſein würde... fliehe hieher... und glaube an eine Vor⸗ ſehung... Dieſes letzte Bekenntniß, in welchem ein ſo ver⸗ ſchämter und ſchöner Farbenton, ein ſo rührender Vor⸗ wurf lag, beſiegte Helmer's Bitterkeit gänzlich. Hatte er nicht ſelbſt ihre Flucht geſehen, hatte er nicht geſehen, daß ſie athemlos an dieſer Stelle niedergeſtürzt war, zu welcher Gott ihrer Meinung nach ihre unbewußten Schritte geleitet hatte? „Theures Fräulein Edith!“ ſagte er mit tiefer und zärtlicher Stimme,„ich war ungerecht, mehr denn un⸗ gerecht. Ein armer, aber ſtolzer Mann wird das wider ſeinen Willen, weil er mißtrauiſch iſt, ſogar dann noch, wenn es ſich von ſeinem eigenen Glücke handelt. Aber,“ er ſchloß plötzlich die Hand des jungen Mädchens, welche jetzt zitterte wie ein Eſpenlaub, in die ſeinigen, während ſeine ſtrahlenden Augen ſich tief in die ihrigen ſenkten, „wenn ich es wagen dürfte, vertrauensvoll zu glauben, daß dieſes Glück mehr als ein bald verſchwindender Irrwiſch wäre, da würde ich zu Dir ſagen, zu Dir, die ich zwei Jahre lang angebetet habe: nimm ihn ein, den Raum in meinem Herzen, den noch Keine ent⸗ weiht hat, und nur meine Dankbarkeit ſoll ſich mit mei⸗ nem Glücke vergleichen laſſen!“ Edith’s Antlitz, flammend von Röthe und heiligen Thränen, war auf ihre eine Hand geſenkt. Sie wollte reden, doch das Glück kam ſo heftig nach dem ſchreck⸗ lichen Schmerz, daß es durch jede Nerve zuckend ihr die Kraft zu Allem raubte, außer zu fühlen. 1 Ergriffen von Furcht, daß Edith ihr Herz und ihr beiderſeitiges Glück opfern wurde, um die einzige Ge⸗ nugthuung zu erhalten, welche ſie jetzt vielleicht haben wollte, dabei aber auch fühlend, daß eine leichtſinnige Handlung in dieſem Augenblicke ſie auf ewig trennen würde, betrachtete Helmer ſie einige Augenblicke unter fühle mächtig geworden war, hatte der Rittmeiſter ſich ſchon entfernt. 8 ſteigender Angſt. Und da keine Antwort erfolgte, ſagte mit er zuletzt leiſe und traurig: vor AäAlſo eine neue Täuſchung?“— Setzt erhob ſich Edith's Mick langſam zu ihm. Er„D war faſt demüthig, dieſer Blick.„Wenn,“ liſpelte ſie, wenn Du nach einer ſo großen Schwäche, wie ich ge⸗ hei zeigt habe, mich des Raumes würdig erachteſt, den Du Mi mir in Deinem Herzen geweiht haſt, ſo will ich darin wa meinen Palaſt, meinen Schutz, meinen Himmel ſehen!“ Wäre wohl Helmer ein Mann geweſen, würde er dar wohl geliebt haben wie er liebte, wenn er nicht jetzt. Mi ein wenig geſchwärmt hätte, trotz Allem, was die Ver⸗ nunft bei dieſem Liebesbunde noch hinzuzuſetzen hatte?“ Vergeſſend, daß ſie ſich auf dem offenen Felde befanden, Ich wo Kommende und Gehende ſie in jedem Augenblicke mel ſtören konnten, ſchlang er ſeinen Arm feſt um Edith's Hit feine Geſtalt. Aber während ihr Haupt an ſeine Bruſt ſtei herabſank, während ihre heftig fliegenden Pulſe zu dem Hymnus, der nun von Neuem vor ihren Ohren, vor ſtei ihrer Seele angeſtimmt wurde, den Takt ſchlugen, wäh⸗ wã⸗ rend ſſte faſt bewußtlos ſeine Küſſe auf ihren Händen, 0 4 ihrer Stirn, ihren Lippen fühlte, und während er eben ſo bewußtlos war wie ſie, gab es noch eine dritte Perſon, und welche, obgleich ſie das Alles nur in der Entfernung wir ſchaute, ſich ebenfalls von Bewußtloſigkeit erfaßt fühlte, doch war dieß die Bewußtloſigkeit der Raſerei; und wenn Edith und ihr Geliebter in dieſem Augenblicke aufge⸗ ſch ſehen und gewahrt hätten, wie der Rittmeiſter— der aus mit dem Gewehre auf der Schulter von der Jagd zurück⸗ kehrte— ſie betrachtete, ſo würden ſie auch verſtanden nich haben, daß dieſer Mann, entſchloſſen war, Alles zu wagen, unndd um ihr neu entkeimtes Glück zu morden.— Ehe jedoch Helmer ſich gefaßt hatte und ſeiner Ge⸗ „Cdith, meine Edith! weißt Du, daß meine Mutter * nden gen, Ge⸗ ſih heftig: Du verdirbſt Alles.“ atter 4 69 mir auf dem Sterbebette dieſes faſt unbegreifliche Glück vorherſagte? Gewiß haben ihre Gebete es mir ausgewirkt.“ „Wie?“ forſchte Edith mit verſchämter Neugierde, „Du hatteſt ihr alſo geſagt...“ „Sie ahnte Alles— o, wenn Du wüßteſt, welches heilige und ſchöne Verhältniß zwiſchen mir und meiner Mutter ſtattfand! Sie vertheidigte Dich, als ich es wagte, Dich anzuklagen.“ „Ach, warum kann ich ihr nicht auf meinen Knieen danken— ſie würde mich geſegnet haben, dieſe zärtliche Mutter, deren Andenken ich ſchon liebe.“ „Sie ſegnet uns auch dort, wo ſie jetzt iſt: doch ... geliebte Edith, was wird Deine Mutter thun? Ich glaube mich nicht geirrt zu haben, wenn es mir mehr denn einmal ſo vorgekommen iſt, als wären die Hinderniſſe zu unſerer Vereinigung beinahe unüber⸗ ſteiglich.“ „Ich will nicht, daß Du von irgend etwas Unüber⸗ ſteiglichem redeſt!“ ſagte ſie lächelnd und ſorglos, als wäre jetzt ſchon Alles abgemacht.„Iſt es nicht wahr, o Helmer: es gibt gar nichts Unüberſteigliches?“ „Nenne mich Ernſt!— dieſer Name, den meine unvergeßliche Mutter ſo zärtlich ausſprach, wie ſchön wird er nicht von Deinen Lippen klingen!“ „Ernſt— ach ja, ſo will ich Dich immer nennen ..„ Du weißt nicht, Du, wie oft ich mir dieſen Namen ſchon vorgeſagt habe... Werde ich ihn aber auͤch ſo ausſprechen können, wie Deine Mutter, mein Ernſt?“ „Tauſendmal lieblicher!... Doch wir dürfen es nicht wagen, länger zu ſchwärmen— wir müſſen denken und überlegen... Deine Mutter?“ 1 „Ich will mit ihr reden, ſobald ich nach Hauſe komme.“ 3 „Das darfſt Du nicht, Geliebte!— Du biſt ſo „Nein, fürchte nichts, ich will ſchon klüger ſein. Und ich muß nothwendig die Erſte von uns ſein, die unſern Bund bekannt macht.“. 4 „Aber,“ ſagte Helmer lächelnd,„Du haſt nun Deinen Willen ſchon faſt ganz weggegeben: Du weißt wohl, daß die Frau ſich nach dheene Manne richten muß?“ „O! Du betrachteſt mich ſchon als Deine Frau? — Um ſo beſſer, das gefällt mir am allerbeſten, denn ich entſetze mich vor dem Namen Braut. Du ſagſt alſo, es iſt Dein Wille?“ „Daß Du gar nichts thuſt und mich allein handeln läſſeſt... das iſt kein Scherz, geliebte Edith! Um unſerer künftigen Gluͤckſeligkeit willen mußt Du dieſem Wunſche nachkommen.“. „Ja, wenn Du mir verſprichſt, daß ich ein anderes Mal befehlen darf. Du weißt wohl, mein Ernſt, ich bin des Gehorſams ſo wenig gewohnt, daß wir in Be⸗ treff dieſer Angelegenheit einen Tractat abſchließen müſ⸗ ſen: Jedem die Hälfte des Scepters— biſt Du damit zufrieden?“ „Sehr, ſehr zufrieden, wenn ich nur den Plan der Theilung entwerfen darf; doch bis wir dieſes beſtimmen können, ſo“— er küßte ihre kleinen roſenfarbenen Fin⸗ ger—„bleibt es ja bei dem abgeſchloſſenen Tractate? Im Ernſte geredet, meine Edith: der Widerſtand, wel⸗ cher unſer harrt, muß leiſe, vorſichtig und mit Klugheit untergraben, nicht gebrochen werden; denn in dieſem Falle— vergiß nicht, daß ich es Dir ſage— müſſen unſere Hoffnungen darunter leiden.“ „Ich verſpreche Dir, Du geliebter, ach, allzu ſehr geliebter Ernſt! daß ich von dieſem göttlichen Augenblicke an mich als Deine Gattin betrachten will, von welcher Du das Recht haſt, die Erfüllung Deines Wunſches zu erwarten— und glaube mir: was ich auch in meinem SGllücke ſcherzen mag, ſo macht es mir dennoch ein wah⸗ res Vergnügen, Dir zu gehorchen, einmal dieſe Eigen⸗ maächtigkeit abzulegen, die mir bis jetzt ſo natürlich vor⸗ gekommen iſt. Ja, ich bin ſtolz darüber, daß Du iä dem erſten Augenblicke unſerer Vereinigung— obgleich ich diejenige bin, die Dich vor allen anderen Männern gewählt hat, ſo wie auch Du unter allen Frauenzimmern, 71 die Dich zu feſſeln geſucht haben, mich wählteſt— mich haſt fühlen laſſen, daß ich in Dir keinesweges einen bloßen Liebhaber, einen gehorſamen Sclaven meiner Launen gewonnen habe; denn hätteſt Du das werden können, ſo würdeſt Du, auch zum erſten Mal, da von einem Willen die Rede war, keinen andern Willen ge⸗ habt haben, als den meinigen, und da wäreſt Du auch zufrieden geweſen, wenn ich allein den erſten Sturm ausgehalten hätte.“ „Ich werde für die Zukunft und für den Fall, daß Du anderer Meinung wirſt, dieſer Worte gedenken!“ ant⸗ wortete Helmer mit ſeelenvoller Fröhlichkeit.„Doch jetzt, o weh, jetzt müſſen wir uns trennen und zurückkehren! Ich nehme den längeren Weg, um Zeit zu haben, dar⸗ über nachzudenken, wie ich die Sache einleiten ſoll.“ „Sage mir doch, ob Du bald, vielleicht ſchon heute, mit der Mutter zu reden denkſt!“ „Das weiß ich noch nicht, Geliebte... ich will mich um Alles in der Welt nicht übereilen— doch der Zufall kann mich zwingen, einen ſchnelleren Entſchluß zu faſſen... Und nun lebe wohl, meine Geliebte, meine Theure! Wohin ich auch gehe, ſo trage ich den Himmel in mir; dann geſchehe, was da wolle, Du biſt jetzt doch mein.“ „Ja, Gott ſei gelobt, Aber Du ſollſt mich Deine Frau nennen, ehe ich Dich verlaſſe: das wird mir allen Muth ertheilen, deſſen ich bedarf!“ „Meine Frau, meine Gattin, meine theure und heilige Gattin!— ja, dafür halte ich Dich— und ſei überzeugt, ich werde die Rechte, welche Dein Gelübde mir ertheilt hat, nicht wieder Fahren laſſen, und legten ſich mir auch noch ſo viele Hinderniſſe in den Weg!!“ — Siebentes Capitel. Die Patronin und der Bruksverwalter. Als Cdith zurückkam, ſaß Olga unter der Linde auf dem Schaukelbrette und lachte aus Herzensgrunde über den Rittmeiſter, der in der Eigenſchaft eines Trut⸗ —O;—-———ÿ—ÿ—ÿ—ᷣ—ͦ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ˖· 1 hahns auf die zierlichſte Weiſe mit ſeinen ausgebreiteten, a aus den Rockſchößen gebildeten Fächern, einherſtolzirte. ei „Klo⸗ klo⸗ klo⸗ klock!“ rief der Truthahn, der, ſeiner n Natur igttren ſehr böſe wurde, ſobald er Edith's rothes Halstuch erblickte— man weiß, daß dieſe ſtolzen Thiere die d. rothe Farbe nicht leiden können. Dieſer Truthahn hatte aber w noch eine andere Eigenſchaft: er gehörte zu den redene 2 den Vögeln, obgleich er, um dieſes ungewöhnliche Talent u zu maskiren oder um mit dem noch ungewöhnlichern der Bauchrednerei zu prahlen, die Stimme aus einer andern Richtung erſchallen ließ, als er laut und deut: w lich folgende kleine Strophe ſang: el „Vom Stelldichein das Mädchen kam!“ 3 Froh und überglücklich, wie Edith war, konnte ſie er einem Gefühle von Verdruß keinen Platz einräumen; fe ihre Beſtürzung vermochte ſie jedoch nicht ganz zu ver⸗ d bergen, da ſie ſah, daß ihr liebes Geheimniß ſchon aus⸗ a ſpionirt und verrathen war. „Wie luſtig, wie vortrefflich er iſt!“ ſagte Olga in li die Hände klatſchend, als der Truthahn ſich plötzlich in h eine ſumſende Fliege verwandelte, welche das kleine ſi gnädige Fräulein umkreiste und gegen die Sitte der Fliegen bat: „Herrſcherin, nimm mich in Deinen Schutz! Ich u hatte mich in einem Spinnennetz verfangen und war ſe ſchon nahe daran, mich für verloren zu halten, als eine vermeſſene Weſpe kam und ſich über meine Spinne und und ihr Gewebe ſtürzte. Ich erhielt meine Freiheit, doch erſchrecke vor dem gerechten Zorne der Tante, welcher, 73 die arme kleine Spinne— es thut mir doch leid um ſte— wird gewiß keine Netze mehr ſpinnen.“ „Welche ſüße Fabeln er improviſirt! La Fontaine's ſind gewiß nicht ſchöner, oder was meinſt Du, Edith? — ſoll ich den kleinen Bettler erhören?“ „Ich meine, die Fliege— ein ſo kleines kriechendes Ungeziefer ſie auch immer ſein mag— hätte ſich lieber in offener Fehde mit der Weſpe verſuchen ſollen, als daß ſie hinwegſchlich, um einen neuen Schutz zu ſuchen, als ſie den der Spinne verlor! Ich meines Theils liehe Kithein,ſo feigen Inſekt ganz beſtimmt meinen Schutz ni Edith ſagte dieſes ſcherzend und lächelnd, indem ſie die Treppe hinaufſtieg; dennoch fühlte ſie, daß ihr Blut wärmer wallte bei der unverſchämten Keckheit dieſes Menſchen, der ſich ſelbſt in dem Spinngewebe, das er um ganz Dagby zog, feſtgewebt hatte.. Weſſen Einfluß dankte er es, daß er ſo ſicher ſtand? Hätte ſie ſich Zeit gelaſſen, dieſe Frage zu beant⸗ worten, ſo würde ſie hinzugefügt haben, daß der Einfluß eben in dieſer unverſchämten Keckheit lag, welche ihm die Macht und den Muth ertheilte, ſich mittel⸗ oder un⸗ mittelbar in Alles zu miſchen, was ſich in der Familie ereignete, und durch ſeine unendlich glaubwürdige, ein⸗ fache und doppelte Gefälligkeit, ſich immer mehr das Ohr der gnädigen Tante zu verſchaffen, während auf einer andern Seite ein intimeres Verhältniß entſtanden war... Ja, zwiſchen ihm und Mamſell Octavie herrſchte wirk⸗ lich eine engere Freundſchaft: wie ſie jetzt ihre Ge⸗ heimniſſe, Intriguen und Intereſſen theilten, ſo hofften ſie dereinſt auch eine feſtere Macht theilen zu können... „Ich bedauere ſie!“ ſagte Olga mit einem großen und vornehmen Blicke, da ihre Schweſter im Hauſe ver⸗ ſchwunden war. „Und ich,“ erwiederte der Rittmeiſter, indem er ſich gegen die künftige Dame ſeiner Gedanken wendete,„ich 74 als ruhig und kalt, um ſo größer iſt. Doch im Gan⸗ zen“— hier that der Rittmeiſter ſein Beſtes, um einen ſchwatzhaften Blick in ſeine Augen zu legen, welcher ihm um ſo ſchwerer wurde, als hier nichts auszuſchwatzen war—„im Ganzen iſt die Sache von ſeiner Seite menſchlich genug... Es gibt Damen, welche die Ver⸗ nunft bei uns zu einer bloßen Spielſache gemacht... Sehr Viele außer dem vermeſſenen Helmer haben trotz der Ueberzeugung von ihrer Geringheit es dennoch nicht vermocht— o Olga!— Gefühle von ſich abzuwehren, welche ihnen ihre Ruhe gekoſtet haben!“ Auf das Höchſte intereſſirt und aufmerkſam hörte Olga die Galanterie des Rittmeiſters, welche heute deut⸗ licher zum Vorſchein kam, als bisher— eine ſehr natürliche Sache, da er eben heute eingeſehen hatte, daß Olga ſein Schickſal war und daß es nothwendig ſein möchte, dafür zu ſorgen, daß ihm das Schickſal nicht aus den Händen ginge. Aber ſchrecklich gepeinigt von ſeiner eigenen Heuchelei, welche einen ſchrecklichen Gegenſatz bildete gegen das convulſiviſche Zucken in ſeinen Nerven, und der ſiedenden Eiferſucht in ſeiner Seele, war er nicht im Stande, die Rolle fortzuſetzen, ſondern wollte ſchon zu ſeinen ubri⸗ gen Talenten ſeine Zuflucht nehmen, als die Hofräthin auf den Hof herabkam. Bei ihrem Anblicke ſtand der Rittmeiſter auf und erwartete mit der Miene eines Marſchalls, welcher be⸗ reit iſt, ſich an die Spitze einer Leichenproceſſion zu ſetzen, ehrfurchtsvoll ihre Ankunft. Er hatte ſchon Ge⸗ legenheit gehabt, ſeinen giftigen Rapport abzuſtatten; die Wirkung deſſelben zeigte ſich jedoch nicht auf dem Geſichte der Hofräthin— es war unleſerlich gleich einem unbeſchriebenen Pergamente. „Lundin!“ ſagte die gnädige Frau in ihrem gewöhn⸗ lichen Tone zu dem Bedienten, welcher ſie begleitete, „gehe hinab in die Schmiede und bitte Herrn elmer, Du magſt ihn nun dort oder auf dem Felde treffen, er moͤchte die Güte haben, zu mir in den Pavillon zu kom⸗ 75 V men, um mir bei der Durchſicht einiger Rechnungen zu helfen!“ Zu Olga und dem Rittmeiſter ſagte ſie nickend, indem ſie ohne Aufenthalt an ihnen vorbeiging!„Es iſt eine ſolche Hitze in den Zimmern, daß ich die Kuͤhle des Pavillons ſuchen muß, wenn ich zur Arbeit im Stande ſein will.“ b Edith, welche an ihrem offenen Fenſter ſtand und jedes Wort hörte, ahnte, daß ihr Geliebter keine Zeit „haben würde zu überlegen, was er thun ſollte,— denn gewiß war die unbegreifliche Kenntniß des Rittmeiſters b ſchon auf diejenige übergegangen, welche vor Allen davon intereſſirt war— und ohne Zweifel wurde Helmer zu ganz andern Dingen gerufen, als um Rechnungen zu prüfen. ſe eum wohl,“ ſagte Edith mit klopfendem Herzen und unruhig ſchlagendem Pulſe,„was auch daraus wer⸗ den mag— ich gehöre dem Einzigen, den ich jemals geliebt habe, und den ich jemals lieben werde, und ich will meinem Ernſt gehorchen und mich in nichts miſchen... Wenn es ſich auch ſchwierig und verwickelt für uns geſtaltet, ſo begegnet ſein ruhiger und ſchneller Blick den Verhältniſſen beſſer, als der meinige... Und daß ich noch vor Kurzem fürchtete, er wüͤrde nie den Muth haben, zu mir empor zu blicken.. zu mir... o Wun⸗ der der Liebe! jetzt blicke ich zu ihm empor. Welche Macht beſitzt er über mich! wie liebe ich ihn, wie bete ich ihn an!... Ach könnte ich nur hören, wie er mit der Mutter redet... ruhig, beſonnen, würdig!... Nun, ich werde es ja bald hören... wenn nur nichts Schreckliches eintrifft! Was Mutter will, das will ſie unwiderruflich... O Gott... mein Gott.. ſei gnädig gegen uns!— denn was ich will, das will auch ich unwiderruflich!“ * 76 Der Bediente hatte Helmer bald gefunden, und die Hofräthin hatte kaum Zeit, ihre liebenswürdigſte und inſinuanteſte Miene aufzuſetzen, ſo erſchien der Ver⸗ walter ſchon. „Nun, mein beſter Herr Helmer! ich glaube, wir Beide können wohl, ohne die Bosheit der Welt zu fürch⸗ ten, ein kleines Stelldichein haben... Kommen Sie, mein Freund, und ſetzen Sie ſich hier auf das Sopha neben mich, damit wir in aller Vertraulichkeit plaudern können!“ „Ihre verbindliche Güte, gnädige Frau“— verſetzte Helmer mit einer Verbeugung, in welcher ebenſo viele Artigkeit lag, wie in der einladenden Bewegung, welche die Hofräthin mit der Hand machte, und mit einem Lächeln, das eben ſo inſinuirend war, wie ihr eigenes —„verſichert Sie ſtets, daß Sie bei mir ein williges Ohr bei jedem Befehle finden!“ „Ja, mein guter Herr Helmer, wir leben auf einem ſolchen Fuße, daß die überflüſſige Convenance zwiſchen der Patronin und dem Verwalter Gottlob gänzlich aufgehört hat. Ich bin auch immer der Meinung geweſen, wir müß⸗ ten uns der patriarchaliſchen Sitteneinfalt unſerer Väter ſo viel wie möglich nähern. In jenen guten Zeiten lebten Herr und Diener als Gleiche mit einander, ohne daß dadurch gleichwohl das Geringſte von den Verhältniſſen verletzt wurde, welche die Natur und die geſellſchaftlichen Be⸗ riff beſtimmt hatten. So Mancher glauet, dieſe beiden inge ließen ſich unmöglich mit einander verbinden, aber das iſt falſch, denn es liegt in der Natur der Sache, daß jeder feinfühlende Menſch ſich wegen des größeren Vertrauens, das ihm erwieſen wird, zu doppeltem Fein⸗ gefühl verpflichtet fühlen muß. Doch das alles gehört gar nicht hieher; ich wollte nur ganz in der Kürze ſagen: mein Wunſch iſt, daß wir als Freunde reden, denn ich habe Ihnen einen wirklich mütterlichen Vor⸗ ſchlag zu machen.“ In der Wendung, welche die Hofräthin der Sache gegeben, in der Delicateſſe, womit ſie ihn ihre Kenntniß * 77 hatte ahnen laſſen, ohne ihn durch einen Vorwurf zu verletzen, lag Etwas, das mächtig zu Helmer's ſtarkem Ehrgefühle redete. Er konnte nicht läugnen, daß er gewiſſermaßen das Vertrauen, welches ſie in ihn geſetzt, mißbraucht hatte, und wäre dieſes Geſpräch geſtern anſtatt heute vorgefallen, ſo würde es entſcheidend geweſen ſein; jetzt aber blieb weiter nichts übrig, als zu ſehen, wie das Gefehlte ſich verſöhnen laſſen könnte. „Einen Vorſchlag?“ „Ja, und noch dazu einen ſehr wichtigen. Sie ſind jetzt in dem Alter, daß Sie an eine Verbindung denken können. Wer ſo ſteht, daß dieß möglich iſt, ſollte ſein ehen ſo früh wie möglich auf den angenehmſten Fuß tellen.“ Helmer erröthete ſtark und hatte ein Gefühl des tiefſten Unbehagens; da er jedoch noch nichts Beſtimm⸗ tes ahnte, ſo hielt er es für das Beſte, die entſtandene Pauſe durch die Hofräthin ſelbſt beendigen zu laſſen. „Ihre Stellung auf Dagby erlaubt Ihnen nach der Erhöhung Ihres Einkommens, die ich gemacht habe, und mit der Mitgift, welche ich der Braut beſtimmt habe, wenn ich nämlich bei der Wahl ein Wort mit⸗ reden darf, aus einer ſolchen Veränderung Ernſt zu machen. Ich brauche nicht hinzuzuſetzen, welches Ver⸗ gnügen es mir bereiten würde, in dem Hauſe meines Bruksverwalters einen angenehmen und heitern Um⸗ gangskreis zu haben, welches für mich einen um ſo größeren Werth erhält, als ich wohl nicht darauf rech⸗ nen darf, eine von meinen Töchtern beſonders lange zu behalten.“ „Gnädige Frau, Sie überraſchen mich, und es ſchmerzt mich, daß ich in dieſem Augenblicke nicht im Stande bin, die Dankbarkeit zu zeigen, auf welche Sie Ffür ihre liebevolle Sorge, welche ich auf keinen Fall verdiene, ſollten rechnen können. Zu dem Allem aber gibt es nur einen Grund, den ich offen geſtehen zu müſ⸗ ſen glaube, nämlich: mein Herz iſt ſchon vergeden.“ „Das habe ich längſt geahnt, mein beſter Herr 78 Herr Helmer!“ das Lächeln der Hofräthin wurde jetzt ganz bezaubernd. „Wirklich? Ich fürchte, daß die gnädige Frau ſich irren.“ „,D nein, der Blick der Frauen iſt in dieſer Hinſicht ſicher. Alſo, mein Freund, keine Prüderie! überlaſſen Sie dieſe den Frauenzimmern, und laſſen Sie mich ſagen, meine vortreffliche Octavie wird Ihnen in jeder Hinſicht eine würdige Gattin werden.“ „Mamſell Octavie“— entgegnete Helmer ruhig und nicht im Mindeſten in der Beſtürzung gefangen, welche die Hofräthin zufolge ihres geſchickten Manövers berech⸗ net hatte—„iſt ein recht achtungswürdiges Frauen⸗ zimmer und gewiß der Wahl eines jeden Ehrenmannes würdig, deſſen Liebe ſie zuvor gewonnen hat. Doch, gnädige Frau, wie ich mir ſchon die Freiheit genommen habe zu ſagen: Sie irren ſich!“ „Kann wohl ſein, lieber Herr Helmer... dann aber“— die Hofräthin lächelte mit einer bezaubernden Schalkheit—„will ich auch wetten, daß es eine Ineli⸗ nation iſt, die kein Menſch errathen kann, und die alſo auch kein Hinderniß gegen meinen gemachten Vorſchlag zu werden braucht: Octavie bringt zwölftauſend Reichs⸗ thaler als Brautſchatz mit... und ich übernehme es noch dazu, den Cavaliersflügel zu einer paſſenden Woh⸗ nung für meinen verheiratheten Bruksverwalter einrich⸗ ten zu laſſen.“ „Ich kann nur wiederholen, daß die Gunſtbezeigung der gnädigen Frau mich ſchmerzt, weil ich ſie nicht er⸗ wiedern kann. Und um dieſes vollſtändig zu beweiſen, muß ich ſie ganz aus Ihrem Irrthume reißen. Es iſt..“ „Halten Sie einen Augenblick, Herr Helmer!“ ſagte die Hofräthin mit einer leichten Veränderung in der Stimme, wobei das Lächeln plötzlich von ihren Lippen wich,„beſinnen wir uns erſt einige Minuten, ehe wir fortfahren! Es gibt Dinge, die, einmal ausgeſprochen, zu ſo ſchmerzhaften und ſchweren Brüchen Anlaß geben, daß man ſich hüten muß, ſie unbedachtſam zu verrathen.“ ———— —— 79 „Ich fühle Alles,“ entgegnete Helmer immer mehr erregt,„was Sie, gnädige Frau, mir mit Ihrer Groß⸗ muth und Ihrem Feingefühl erſparen wollen. Zwingen Sie mich aber nicht zu einem Schweigen, welches keine andere als unglückliche Folgen haben kann! Dieſer Gegenſtand muß jetzt zur Sprache kommen: meine Ehre, mein Gewiſſen verbieten mir alle Schleichwege.“ „Wohlan denn: von dieſer Rechtſchaffenheit erwarte ich die beſten Folgen, und obgleich ich mit Betrübniß ſehe, daß wir uns trennen müſſen, ſo will ich dennoch eine vollkommene Offenheit nicht länger ſcheuen. Herr Helmer! Sie lieben Edith, und meine Tochter erwie⸗ dert dieſes Gefühl!“ Daß die Sache ſo ohne alle Umſchweife zur Sprache kommen könnte, hatte Helmer nie geglaubt. Er faßte eine ſchwache Hoffnung, und dieſe Hoffnung wurde noch geſteigert, als die Hofräthin, ehe er Zeit zu einer Ant⸗ wort hatte, ganz ungekünſtelt hinzufügte: „Ich kann Ihnen Beiden wegen dieſer Gefühle keine Vorwürfe machen.“ „Wie, gnädige Frau!“ rief Helmer mit einem Ent⸗ zücken, das er kaum zu dämpfen vermochte,„Sie wären ſo edel, ſo frei von Vorurtheilen, daß Sie...“ „Ja, mein guter Herr Helmer, gewiß bin ich ſo frei von Vorurtheilen, daß ich als Menſch mich nicht zur Herrſcherin über die Gefühle anderer Menſchen aufwerfen will. Doch in meiner Eigenſchaft als Mutter habe ich Pflichten, die ich erfüllen muß, ſo ſchwer es mir auch wird. Und da ich einſah, daß Diejenigen, welche dieſe erwähnten Gefühle nähren, anſtatt ihnen mit der Vernunft zu begegnen, ſie zu beſiegen und zu⸗ letzt gänzlich zu unterdrücken, dieſelben zu Hoffnungen heranwachſen ließen, welche niemals realiſirt werden können, ſo hielt ich dafür, daß es Zeit wäre, ihnen ein Ziel u ſetzen. Und ich hatte die Hoffnung bewagt, daß der ann, dem ich bisher meine ganze Achtung geſchenkt habe, die Art und Weiſe, mit welcher ich meine traurige 80 Pflicht erfüllte, verſtehen und mir auf halbem Wege eentgegen kommen würde.“ „Das wäre aber eine Feigheit geweſen, die meinem Charakter fremd iſt. Erſt heute habe ich zum erſten Male in directen Worten dem Fräulein Edith meine Ge⸗ fühle zu erklären gewagt. Sie hat mein Opfer ange⸗ nommen. Und wenn die Verſicherung der ehrfurchts⸗ vollſten Zärttichkeit eines Sohnes, das unermüdlichſte Beſtreben, die heilige Dankbarkeit eines warmen Herzens im Stande wäre, den kleinſten Theil Ihres Widerwillens zu beſiegen, ſo...“ „Genug, mein Herr! Das geht allzu weit!“ fiel die Hofräthin ein, welche ihre Selbſtbeherrſchung verlor: „Das wird ja eine förmliche Brautwerbung! Ein Mann ohne Vermögen, ohne Connexionen, ohne Aus⸗ ſichten, und vor allen Dingen ohne Alles, was man eigentlich unter einem Namen verſteht, bewirbt ſich um eine der reichſten Erbinnen des Landes.... iſt das nicht, ſehr gelinde ausgedrückt, ſo lächerlich, daß Sie ſelbſt zu allererſt darüber erröthen ſollten?“ „Ich erröthe inzwiſchen nicht darüber!“ ſiel Helmer mit einer ſo würdevollen Einfachheit ein, daß die gnä⸗ dige Frau beinahe ſelbſt über ihre letzten Aeußerungen erröthete.„Es iſt wahr, ich bin kein Edelmann und habe weder Vermögen och dichtige Connexionen; dagegen aber bin ich aus einer Familie, die ehrenhaft und ge⸗ achtet genug iſt, um meiner Bewerbung um Fräulein Edith jeden Schein einer Beleidigung zu nehmen. Hiezu lege ich einen unbefleckten Charakter und einen feſten und warmen Vorſatz, ihr wirkliches Glück zu bereiten, ein Glück, welches ſie mit keinem Andern erreicht, denn ſie liebt nur mich.... Und,“ fügte er zögernd hinzu, „ich will es wagen, noch etwas zu ſagen: eine tiefe und lebendige Liebe, ſo wie diejenige iſt, welche das Fräulein Edith mit mir vereint, iſt eine mächtige Kraft— ſie wird alles Schöne und Edle, das in ihr iſt, vollenden, wird ſie zur Einheit mit ſich ſelbſt bringen und alle Dunſtbilder verjagen, nach denen ſie bis jetzt gehaſcht hat.“ ———— 81 „Es iſt gut, Herr Helmer; ich zweifle nicht, daß Sie Wunder thun würden, doch das hindert nicht, daß dieſe nicht gethan werden dürfen, denn mit meiner Einwilligung wird ſie nie die Gattin meines Bruksver⸗ walters!“ „Das glaube ich wohl; doch in demſelben Augen⸗ blicke, da ich die Rechte eines Sohnes erhielte, verſchwaͤnde ja auch dieſer Titel.“ „Dieſe Rechte aber werden Ihnen nie zuerkannt werden, das ſage ich beſtimmt, feierlich, auf mein Wort, welches ich zu halten pflege! Und nach Demjenigen, was jetzt vorgefallen iſt, ſehen Sie wohl ſelbſt ein, daß Sie Ihren Poſten auf Dagby nicht länger behalten können — und mit übermorgen hört er alſo auf: ich weiß, Sie haben Ihre Bücher ſo in Ordnung, daß dieſes geſchehen kann... auf jeden Fall muß es geſchehen!“ „Und Edith's Herz und Glück ſollen alſo aufgeopfert werden— weßhalb?— weil ich keinen adeligen Na⸗ men trage, keinen Titel beſitze, alſo ſollen ſie einem bloßen Schatten geopfert werden?... Denn der Mangel an Glücksgütern iſt es nicht, ich weiß, gnädige Frau, Sie denken in dieſer Hinſicht zu edel, als daß Sie Rück⸗ ſicht auf etwas nehmen ſollten, wovon in dieſem Hauſe ohnehin ſchon genug vorhanden iſt... Jetzt aber werfen Sie einen Blick auf den Charakter des Fräuleins Edith und auf ihre Gefühle. Jener iſt trotzig, dieſe ſind heftig. Sie wird zu einem verzweifelten Entſchluß ihre Zuflucht nehmen, wenn ſie auf das Aeußerſte gebracht wird. O, bringen Sie ſie nicht dahin, gnädige Frau! Ich darf nicht bitten, weil meine Unbedeutſamkeit in Ihren Augen es mir zu einer Pflicht macht, mich nicht derjenigen Waffen zu bedienen, die ich mir als reicher und vorneh⸗ mer Mann erlauben würde. Wenn ich es aber nicht wage, meine Kniee vor Derjenigen zu beugen, die ich aus ganzer Seele um Erhörung flehen möchte, vor Der⸗ jenigen, zu welcher ich mit Ehrfurcht und ſohnlicher Ergebung aufblicke, ſelbſt wenn ſie wider mich iſt— denn es iſt ihr Vorurtheil, nicht ihr edles Herz, was Ein launenhaftes Weib. III. 6 8² gegen mich iſt— ſo wage ich es wenigſtens, Sie zu erinnern, daß es die Zukunft, das Gluͤck, das Leben einer Tochter iſt, worüber hier entſchieden wird.“ „Herr Helmer!“ Die Stimme der Hofräthin ver⸗ rieth ein leiſes Zittern. Sie war ſichtlich gerührt.„Ich ſchätze Sie noch in dieſem Augenblicke; ich wünſchte, die Verhältniſſe wären anders, als ſie ſind, aber ich kann ſie nicht ändern. Und was Edith betrifft, ſo bürgt mir eben die Heftigkeit ihrer Gefühle, daß ſie bald vor⸗ übergehen... Ueberdieß“— hier blitzte es in den Augen der Hofräthin und ein Ausdruck tiefer, ärgerlicher Er⸗ bitterung folgte der kleinen Rührung—„überdieß gelobte ich ihr, als ſie, taub gegen meine Bitten, ja Thränen, den letzten Antrag des Lord Clinton ausſchlug, daß ich ihres Ungehorſams gedenken würde, und ich habe ihn nicht vergeſſen. Sie mag kommen!“ Bei dieſer ſo grellen Veränderung— wo Schaden⸗ freude und Nachſucht ſich mit dem Hochmuthe miſchten— konnte Helmer kaum eine Bewegung des Abſcheus be⸗ meiſtern: jetzt verſtand er, daß dieſer Frau nicht beizu⸗ kommen war, trotz des ſchönen Firniſſes ihres Betragens und des im Grunde guten, aber kalten Herzens, das in ihrer Bruſt ſchlug. Ohne zu antworten ſtand er auf und ergriff ſeinen Hut. „Ich ſehe, wir haben uns verſtanden!“ fuhr ſie ruhiger fort.„Laſſen Sie uns nicht als Feinde ſcheiden! Aber ich kann mich ja darauf verlaſſen, daß Sie über⸗ morgen reiſen?“ „Ganz gewiß— wenn ich die Nächte zu Hülfe nehme, ſo wird es mir möglich ſein, Alles abzuſchließen.“ „Und, mein beſter Herr Helmer, keine Seenen!... wir haben von dieſer Art genug gehabt. Unter gebil⸗ deten Leuten muß Alles gentil zugehen: man muß glau⸗ ben, daß Sie in Geſchäften reiſen.“ „Das geht ſehr gut. 4 „Und Edith.... wäre es nicht das Beſte, wenn auch ſie dieſes glaubte?“.— „Ich kann ſie nicht täuſchen und will es auch nicht!“ wenn iht! 83 „Wenn es aber doch auf jeden Fall völlig zu Ende iſt, Herr Helmer... Und das ſehen Sie doch wohl ein?“ „Ich ſehe weiter nichts ein, als was offen am Tage liegt. Sie, gnädige Frau, ſchlagen mir Edith's Hand ab. Das iſt Ihr Recht, welchem ich keine Macht ent⸗ gegenzuſetzen habe. Doch mir gehört Edith's Herz, ihre Treue ebenfalls— und kein Anderer kann mir Beides rauben, als nur ſie allein.“ „Das iſt nicht würdig, nicht rechtſchaffen!... Sie hegen alſo Anſprüche?“ „Keine Anſprüche, wohl aber Hoffnung, immer Hoffnung, bis Fräulein Edith erklärt, daß ich keine länger habe.“. „Vortrefflich! Ich rechnete auf Vernunft und Ehr⸗ gefühl, finde aber alles Andere. Edith's trotzige Laune wird noch wachſen bei einer ſolchen Hülfe— aber ich..“ Sie brach ab und warf einen durchbohrenden Blick auf den Verwalter. Ein merkliches Erblaſſen zog ſich über Helmer's Geſicht. Doch antwortete er mit Beherrſchung:„Gnädige Frau! auf mein Ehrgefühl können Sie ſtets rechnen. Wenn ich einige Macht über das Fräulein beſitze, und ich glaube ſie zu haben, ſo werde ich dieſelbe nie zu einem ſo unwürdigen Zwecke anwenden, um ſie gegen ihre Mutter in Harniſch zu ſetzen— von mir ſoll ſie nur Ergebung und Geduld lernen. Ob ſie jedoch den Nutzen und die Pflicht dieſer Gefühle zu ſchätzen ver⸗ man, da ihr Herz ſo tief verletzt wird, das weiß ich nicht!“ Nach dieſen Worten verbeugte er ſich tief und ver⸗ ließ ſchnell den Pavillon. 5 84 Achtes Capitel. Die erſte Hälfte einer Intrigue. Als Edith mit klopfendem Herzen zum Mittags⸗ tiſche herabkam, in der Hoffnung, durch einen ausge⸗ tauſchten Blick mit ihrem Geliebten einen Telegraphen⸗ rapport über ſeine Zuſammenkunft mit der Mutter zu erhalten, war Helmer's leerer Platz das erſte nieder⸗ ſchlagende Zeichen. Das zweite, noch niederſchlagendere Zeichen waren Mamſell Octavie's aſchgraue Wangen und funkelnde, beißende Augen. Aber das dritte, das allerärgſte, das ſprechendſte, war die Zärtlichkeit und die gute Laune der Hofräthin. Wider Willen mußte Edith an die Redens⸗ art denken, die ſie über ihre Mutter gehört hatte:„Greif die Katze nicht ohne Handſchuhe an!“ Doch ging es noch ſo iemlich mit der Mahlzeit; und froh, einem beſonderen Verhöre zu entgehen— auch der Hofräthin war es ſehr angelegen, eine Zuſammen⸗ kunft mit Edith zu vermeiden— eilte die Letztgenannte in ihr Zimmer, welches ihr wenigſtens den Troſt ſchenkte, zu ihrem Geliebten hinaufſehen zu können. Sobald ſie eintrat, erblickte ſie ſogleich einen Brief, der in die Blumen eines großen Bouquets eingeſteckt war. Das offene Fenſter hatte die Reiſe der Blumen ſehr leicht gemacht.. Mit einem Ausdrucke von faſt wildem Entzücken riß Edith den Brief an ſich, warf ſich auf das Sopha und las Folgendes: „Geliebte! Alles iſt erklärt zwiſchen mir und Deiner Mutker. Zufolge des Vorſchlages, den ſie mir machte in Betreff einer Verbindung zwiſchen mir und Mamſell Octavie, onnte meine Ehre es nicht erlauben, ſte in dem Irrthunme zu laſſen, den ſie mit ſo ausgezeichnetem Takt zu behalten wünſcht uch nachdem ſie die Gewißheit des Aergſten ens⸗ Breif zeit; auch nen⸗ nnte ukte, Brief, ſteckt imen ücken opha utfer. getreff tavie, hume zalten rgſten 8⁵ erhalten hatte, zeigte ſie weit größere Schonung und De rtese⸗ als worauf ich gewagt hatte mir Rechnung zu machen. Jetzt aber Muth, geliebte, theure Edith! Denn ſo gewiß, als Du mir Deine Treue bewahrſt, ſo gewiß wirſt Du auch einſt meine Gattin: Du biſt es ſchon durch den Bund unſerer Herzen und unſerer Gelübde. Das Ende dieſer Zuſammenkunft— Du ahnſt es ſchon— war ein feſtes, beſtimmtes und wenigſtens für dießmal unwiderrufliches Nein, begleitet mit einer Entledigung von meinem Poſten und mit der Weiſung, übermorgen Dagby zu verlaſſen.“ Als Edith dieſe Worte las, ſtieß ſie unfreiwillig einen Schrei des namenloſeſten Schmerzes aus. Dieſen Schrei faßte die in der Bibliothek beſchäftigte Octavie auf.... er linderte ihre eigenen Schmerzen, dieſer Schrei, denn ſie verſtand ihn zu deuten. Mit dunklem Blick las(Sdith weiter. „Jetzt, meine geliebte, meine herrliche Edith, jesi gilt es, zu zeigen, daß Du zu mir das Vertrauen hegſt, welches Du gelobt haſt. Deiner Mutter habe ich es un⸗ widerruflich erklärt, daß ich die Hoffnung niemals fahren laſſe, ehe Du ſelbſt ſie mir raubſt— und da Du Dei⸗ nem Ernſt dieſen ſchrecklichen Schmerz nicht bereiten wirſt, ſo habe ich guten Muth mitten in der Qual, denn ich wäre ja Deiner Liebe unwürdig, wenn nicht die Ge⸗ wißheit, daß dieſe mir gehört, mir eine Zuverſicht ein⸗ flößte, welche groß genug iſt, ſogar die Bitterkeit der Trennung zu beſiegen. Wird aber auch die Gewißheit meiner Liebe Dir dieſen Muth einflößen, Geliebte? Laß mich das hoffen! Wir müſſen warten. Ich muß reiſen. Dieſe beide Dinge ſind abgemacht. Aber ich beeile mich, eine neue Bahn zu beginnen. Ich bin nicht ganz ohne Mittel, und durch Thätigkeit und Arbeit wird es mir mit Gottes Hülfe und mit Deinen Fürbitten wohl gelingen, in eine einigermaßen unab⸗ hängige Lage zu kommen, und für jeden Seufzer der 86 Entſagung, den ich nicht zurückzuhalten vermag, werde ich auch eine Hoffnung haben. Wir ſind beide jung: die Zukunft wird uns ſchenken, was uns der gegenwär⸗ tige Augenblick verſagt. Aber ſo grauſam auch dieſer gegenwärtige Augen⸗ blick gegen uns iſt, ſo dürfen wir dennoch nicht vergeſſen, daß er die Zukunft in ſeinem Schooße trägt. Alſo, Ge⸗ liebte, warte ſorgfältig der zarten Hoffnungen, welche ſie birgt, denn auf Dir beruht für's Erſte Alles. Es iſt von der größten, ja von der allergrößten Wichtigkeit, daß Deine Mutter zu keinem Schritte von beſtimmterer Be⸗ ſchaffenheit gereizt wird. Durch Nachgiebigkeit und Geduld läßt ſie ſich vielleicht beſänftigen, durch die Standhaftigkeit, die Reinheit und den Ernſt unſerer Liebe zuletzt rühren. Zuerſt aber iſt erforderlich, daß Du mit Sanftmuth, Zärtlichkeit und Verträglichkeit die Betrübniß verſöhnſt, welche Du ihrem ſtolzen Gemüthe bereiteteſt, als Du die Partie ausſchlugſt, welche ſie vor allen andern wünſchte. Heute Abend komme ich wie gewöhnlich hinab— Deine Mutter beſitzt allzu viel Welt, um ſich etwas merken zu laſſen— und Da kann ich veniſſtehs Dich ſehen und einen Blick mit Dir wechſeln... O, ich bitte Dich, laß mich meine Edith ſtark finden!... Ich kenne ſo gut die warme Heftigkeit Deiner Gefühle, doch will ich nicht glauben, daß Du im Stande biſt, unſern Schmerz, den heiligen Schmerz unſerer Liebe, den Witze⸗ leien des Rittmeiſters Preis zu geben. Nein, um Deines Ernſt's willen wirſt Du Dich bemühen, heldenmüthig zu ſein: er wird Dich darum doppelt lieben, denn er ſieht in dieſem Heldenmuthe die Wirkung Deiner Liebe. Vor meiner Abreiſe ſehen wir uns noch, denn glück⸗ licher Weiſe hat Deine Mutter nicht die Aufopferung begehrt, daß ich ohne Abſchied von Dir ſcheiden ſoll. Lebe denn wohl bis heute Abend, Du meine ſchöne Herrſcherin— denke an den heutigen Morgen und an 8 einen Ernſt.“ 87 Edith hatte geleſen bis an das Ende, hatte geleſen mit ihrem ganzen Herzen, mit jedem Tropfen ihres Blutes, und ihre Lippen hatten auf allen Stellen des Briefes ihres Lieblings geruht, wo er ſeine Gefühle ausdrückte. Die zärtlichen Ermahnungen, welche er an ihre Vernunft ergehen ließ, hatten dagegen nicht die beabſichtigte Wirkung hervorgebracht, denn ſie rang in troſtloſer Verzweiflung die Hände. Die Trennung war ihr der Tod, ärger als der Tod, denn es war ja nicht einmal von einer Zeit des Wiederſehens die Rede— nein, Trennung war nicht möglich, konnte nicht, durfte nicht geſchehen! Und ſchon ihr theures Gelübde vergeſſend, ihm Alles zu überlaſſen, ausgenommen was ſie durch Geduld und Ergebung wirken konnte(und war es jetzt wohl Zeit, an dergleichen zu denken?), entwarf ſie hundert Pläne, um dem Unglücke vorzubeugen, welches ſie in der Tren⸗ nung ahnte.„Iſt er nur erſt abgereist,“ ſagte ſie in der ge⸗ waltſamen Aufwallung ihres Schmerzes,„o, da ſehe ich, ja, ich ſehe wie es geht: zahlloſe Beleidigungen von Seiten meiner Mutter werden ihm jede Annäherung un⸗ möglich machen. Er wird nie wieder zurückkehren— oder auch müſſen wir warten, bis die Jahre ſeine Liebe abgekühlt, die Roſen von meinen Wangen hinweggebleicht haben, und wir uns nur als zwei Mumien wiederſehen, welche von dem entflohenen Frühlingstraume ihrer Jugend nur noch eine ſchlaffe Erinnerung übrig haben, Nein, darauf gehe ich nicht ein!... ich will des Lebens ge⸗ nießen, weil ich noch jung bin, oder....“ Ein halb unterdrücktes Nieſen in der Bibliothek machte, daß Edith zuſammenfuhr. „O, wieder Spionerie!— das iſt Octavie, welche in ihrer Eiferſucht alle böſen Mächte wieder mich herauf⸗ beſchwört— arme Octavie, arme Hortenſe! Ich habe uber Euch gelacht, ſo lange ich Euer Schickſal theilte; doch jetzt, da er mir gehört, könnte ich Mitleiden mit Euch hegen, wenn ich nicht trotz meines hohen Glückes Mitleiden für mich ſelbſt nöthig hätte!.. Indeſſen ſie ———õÿõ— 88 iſt boshaft, Octavie: ſie könnte zu Allem fähig ſein, um mein Unglück zu bereiten.“ Bei dieſer Reflexion, die an und für ſich nichts Erfreuliches zu enthalten ſchien, flog dennoch ein Freude⸗ zucken durch Edith's Seele. „Hier habe ich's!“ ſagte ſie leiſe jubelnd zu ſich ſelbſt.„So muß es gehen: dieſer Plan iſt der einzig mögliche und er wird am wahrſcheinlichſten gelingen— am wahrſcheinlichſten? was ſage ich? Er gelingt be⸗ ſtimmt, und ich verſuche ihn...“ Sie ging in großer Spannung einige Minuten auf 1 und ab. „Wenn Ernſt es erfährt— was hernach geſchieht, denn ich ſehe ein, er würde ſogar die Hoffnung, mich zu beſitzen, lieber fahren laſſen, als darein willigen— ſo wird er es mir verzeihen um der unermeßlichen Liebe willen, welche mir eine ſolche Idee einflößen konnte.“ Und nur ein Weib mit Edith's ſanguiniſchem Cha⸗ rakter, mit ihrer brennenden Ungeduld, die Alles augen⸗ blicklich zur Reife zwingen wollle, vor Allem ein eib mit Edith's glühenden Gefühlen und kühnem Geiſte konnte einen ſolchen Plan erfinden und ausführen. Zwar ſtiegen einige kleine ganz neue Skrupel auf, welche ſie noch nie zuvor bei ihren launenhaften Einfällen empfunden hatte, nämlich die Furcht und die Unruhe, einem Andern zu mißfallen— ihrem Ernſt zu mißfallen, das war ein Gedanke, in welchem Ver⸗ weiſlung lag— aber bei der Betrachtung des gege⸗ enen Vortheiles auf der einen Seite, und der unendlich kurzen Zeit zum Handeln, welche ihr auf der andern übrig war, durfte man die Mittel nicht lange wägen. Sobald Edith ihren Entſchluß gefaßt hatte, ſich blind in die Gefahr zu ſtürzen, ſchrieb ſie einige Zeilen auf ein Papier, rollte dieſes zuſammen und ſteckte es be⸗ umſchloß. 4 hende unter die Schärpe, welche ihren ſchlanken Leib Kaum war ſie damit fertig, ſo fuhr ein Wagen auf den Hof.. 4 89 „Gut!“ ſagte Edith entzückt,„Fremde machen die Converſation allgemein und den Druck der Familie we⸗ niger fühlbar.“ Es waren Helmer's Freunde, Graf Patrik T. und ſeine junge Gräfin, welche auf Beſuch kamen. Der Kaffee war getrunken. Erdbeeren und Apfel⸗ ſinen ſtanden auf dem Tiſche und glänzten auf den prächtigen kryſtallenen Tellern; die Damen umgaben die⸗ ſen Tiſch und wurden von dem Rittmeiſter unterhalten, welcher ſeine ganze Kunſt aufbot, liebenswürdig zu ſein. Auch Edith ließ es ſich heute angelegen ſein, liebens⸗ würdig zu ſcheinen. Sie begegnete ihrer Mutter mit der ausgezeichnetſten Aufmerkſamkeit, und ihre Fröhlichkeit war ſo friſch, ſo natürlich, daß die Hofräthin und Oc⸗ tavie Blicke des Erſtaunens wechſelten, denn ſie waren vollkommen überzeugt, daß Edith irgend einen Rap⸗ port von der Lage der Dinge erhalten hatte. Graf T., welcher zu den Wenigen gehörte, die ſich von den Poſſen und Geſprächen des Rittmeiſters nicht unterhalten fanden, war vor Kurzem hinaus gegangen, um Helmer zu ſuchen. „Ich glaube, meine ſüße Roſalie,“ ſagte die gnä⸗ dige Frau, als die Theezeit heranrückte,„daß Dein Mann ſich auf dem Felde vergißt. Er ſoll auch, wie es ver⸗ lautet, ein ſehr tüchtiger Landmann ſein.“ „Ja,“ antwortete die junge Dame lächelnd,„mein Patrik iſt ein wahres Muſter in der edlen Kunſt Mo⸗ räſte und Waldland urbar zu machen; ich glaube, er kann Felder aus Nichts ſchaffen. Was aber ſeine jetzige Deſertion betrifft, liebe Tante, ſo glaube ich beſtimmt, wir dürfen ſie weniger auf die Rechnung Deiner Aecker als Deines Verwalters ſchreiben. Patrik iſt ſo gerne in Helmer's Geſellſchaft. Aber er könnte wohl weniger Sgennüzis ſein; denn ich plaudere ſehr gerne mit dem Herrn Ernſt, wie ich mir von alten Zeiten her noch bisweilen die Freiheit nehme, ihn zu benennen.“ . 2 2 2 4 84 8 5 — 90 „wLiebe Roſalie,“ fiel Olga ein,„Du biſt ja oft in dem Hauſe ſeiner Eltern geweſen— wie war es bei dieſen Leuten?“ „Dieſe Leute hatten es gerade ſo, wie wir andern verzogenen Schooßkinder des Glückes es haben, obgleich ich meines Theils damals gewiß kein ſolches Schooßkind war. Ich war in jenen Zeiten ein armes Fräulein mit ſehr geringer Ausſicht auf das Glück, welches mir her⸗ nach zu Theil wurde, und eine der angenehmſten Erin⸗ nerungen aus meiner Jugend iſt der Umgang in dem eleganten Helmer'ſchen Hauſe.“ „So?“ fiel die Hofräthin ein,„man lebte dort auf vornehmem Fuße?“ „Ja, wirklich vornehm! Frau Helmer ſelbſt, die Tochter einer alten adeligen, wenn auch nicht reichen Familie, war eine ſchöne Dame mit feiner Bildung und feinen Gewohnheiten, und ich glaube kaum eine Frau in den vornehmſten Kreiſen geſehen zu haben, die mit mehr Geſchmack die Honneurs bei ihren Feſten machte. Aber ihr größter Werth lag doch in ihrem Verſtande und in ihrer Sanftmuth— ſie war eine exem⸗ plariſche Gattin und Mutter.“ „Und ihr Mann?“ „Der Patron Helmer ſelbſt hatte mehr Geſchmei⸗ digkeit und Eleganz, als innern Werth. Es war ein Mann ganz für den Schein und für die Welt. Sehr angeſehen, weil er theils jene äußere Würde für ſich hatte, welche immer imponirt, theils auch, weil er im⸗ mer bereit war Allen, die ſich an ihn wandten, mit Rath und That beizuſpringen, verſtand er es doch nicht, nach ſeinen Einkünften zu leben— und als der junge Helmer ſein väterliches Gut, das prächtige Torsholm, übernahm, ſo flüſterte man davon, daß er mit Aufopfe⸗ rungen anfangen und endigen mußte. Gewiß iſt aber, daß er für das Andenken ſeines Vaters Alles gethan hat, und daß er ein Mann von ſeltenem und achtungswürdigem Charakter iſt.“ Mit Entzücken und Dankbarkeit lauſchte Edith auf dieſe Ritt ten gede ſprã er ſ gnã weil beſit möc Her könn rück Doc der weif höhe Affe jem run⸗ 91 dieſe Details, die für Dagby ganz neu waren. Der Rittmeiſter dagegen bekam einen Anfall von unterdrück⸗ ten Aerger, denn er gewahrte, daß die gnädige Tante gedankenvoll wurde; alſo mußte er ſich mit in das Ge⸗ ſpräch miſchen. „Man könnte in die Verſuchung gerathen,“ ſagte er ſcherzend,„zu glauben, daß die gnädige Gräfin ſehr gnädig gegen unſern Expatron geſinnt geweſen ſeien, ieil die Erinnerungen noch jetzt ein ſo friſches Colorit eſitzen.“ boa, ja,“ antwortete Gräfin Roſalie lachend,„das möchte nicht ſo ganz unwahr geweſen ſein! Wenn die Herrſchaften ſich nur eine Vorſtellung davon machen könnten, wie viele zermalmte Herzen er jedes Mal zu⸗ rückließ, wenn er von der Akademie nach Hauſe kam! Doch Scherz bei Seite: es gibt vielleicht keinen Mann, der ſeine Vortheile ſo wenig gemißbraucht hat. Ich weiß in jener Gegend ein Paar Erbinnen, die keinen höhern Wunſch hegten, als ihm bei dem Ordnen ſeiner Affairen helfen zu können. Aber ich weiß nicht, ob er jemals verliebt geweſen iſt.“ „Vielleicht,“ äußerte die Hofräthin mit bewunde⸗ rungswürdiger Kaltblütigkeit,„ſchlägt ſeine Stunde wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit. Er wird eben in dieſen Tagen in Angelegenheiten des Hüttenwerkes eine längere Reiſe antreten, unſer lieber Verwalter.“ „Nun davon habe ich noch nichts gehört, liebe Tante!“ „Es wurde erſt heute beſchloſſen.“ Eine bleiche Wolke ſchwebte bei dieſen Worten über Edith's Wangen, der Rittmeiſter dagegen erhielt die aller⸗ brillanteſte Farbe. Mamſell Octavie war genöthigt, ſich umzuwenden, um eine verrätheriſche Thräne hinwegzu⸗ ehlen. deh Faſt in demſelben Augenblicke traten die Herren ein. Niemand konnte es weder der Hofräthin noch auch Helmer anſehen, daß zwiſchen ihnen das Geringſte unklar war. 92 Als die gnädige Frau ihre Netznadel zufällig fallen ließ, war es Helmer, der ſie ſogleich aufnahm und ihr mit einer artigen Verbeugung zurückgab, wobei die Hof⸗ räthin ſagte:„Mein beſter Herr Helmer! wir ſitzen eben hier, Gräfin Roſalie und ich, und bedauern, daß die fatalen Affairen Sie zwingen, uns zu verlaſſen. „Wohin reiſeſt Du?“ fragte Graf Patrik,„bleibſt Du lange weg?“ „Ich reiſe nach Smaland, vielleicht auch nach der Gegend von Stockholm. Wie bald ich aber wiederkom⸗ men werde, das kann ich nicht ſagen, das beruht auf meiner gnädigen Patronin.“ „Nein, lieber Herr Helmer! werfen Sie die Schuld nicht auf mich! Es kommt gewiß weit mehr darauf an, wie bald Sie die verwickelten Verhältniſſe in Ordnung bringen können.“ Helmer gab der Hofräthin das feine Lächeln zurück, welches dieſe Worte begleitete, indem er ganz ungenirt ſagte:„Ich verſichere Sie, gnädige Frau, daß ich nichts unverſucht laſſen werde, dieſe verwickelten Verhältniſſe zu ordnen!“ „Welche Sicherheit! Welche Beherrſchung!“ dachte Edith; doch ſie mußte die Augen auf die Stickerei hef⸗ ten, damit ſie ſich nicht verrathen möchten. „Was ſagen Sie, Herr Helmer? ſollten wir nicht heute Abend das Duett verſuchen, welches ich noch nicht konnte, als wir uns zuletzt ſahen?“ fragte Gräfin Roſalie. „Aha!“ ſiel die Hofräthin ein;„alſo iſt doch Je⸗ mand da, der Herrn Helmer dahin bringen kann, ſi im Salon hören zu laſſen!... Ich bin wirklich neu⸗ gierig.“ Helmer eilte, um ſeine Violine zu holen— mit Roſalien konnte er immer ſpielen— während aber das Duett auf eine Weiſe ausgeführt wurde, daß die Gräfin von Zeit zu Zeit einen leiſen Beifall nickte, ſaß Edith nachläſſig in einer Sophaecke und ſchien in Gedanken verſunken zu ſein. Mamſell Octavie ſaß auf einem ym⸗ auf uld an, ung ück, nirt chts nſſe chte hef⸗ nicht nicht alie. Je⸗ ſich neu⸗ mit das rfin Pdith nken inem . 93 Stuhle neben ihr und theilte ihre Aufmerkſamkeit zwi⸗ ſchen der Muſik und Edith's ſichtbarer Zerſtreutheit. Endlich erhob ſich Edith zur Hälfte und ſtützte ſich auf den Ellbogen; bei dieſer Gelegenheit aber glitt das kleine zuſammengerollte Papier aus ſeinem Verſteck auf das Sophakiſſen hinab. Edith merkte es nicht, aber der Falkenblick der Mamſell Octavie erſpähte Raub, und ſie brannte vor Ungeduld, über das Geheimniß zu kom⸗ men, welches das Papier enthielt— doch wie? Edith konnte vielleicht ihren Verluſt bemerken, er lag ja dicht neben ihr. Als aber das junge Fräulein ſich jetzt mit einem träumenden Blick auf das Inſtrument ganz erhob, da erhellte ſich die Ausſicht für die Gouvernante, und kaum war Edith einen Schritt vom Sopha entfernt, ſo hatte Octavie ſchon ihr Schnupftuch über das Billet geworfen und... in der nächſten Secunde ruhte es ſicher in der Taſche ihres Kleides. Erſt als man ſich in Ordnung machte in den Speiſe⸗ ſaal zu gehen, konnte Edith einen Blick mit dem Ge⸗ liebten wechſeln. Und während er das Fortepiano zu⸗ machte und ſie die Noten durch einander warf, hatten ſie auch Gelegenheit einige Worte zu flüſtern: „Du biſt viel muthiger und ſtärker geweſen, als ich zu hoffen wagte, theure Edith!— wie ſehr danke ich Dir dafür!“ „Ich habe Dir aber ſo viel zu ſagen, Ernſt!... Wenn Du heute Nacht promenirſt und zurückkommſt, ſo weile einige Augenblicke unter dem Altan! Gegen ein Uhr nehme ich meine Blumen herein!“ 8 3 Ernſt konnte die Antwort nur mit den Augen ab: geben. 94 Neuntes Capitel. Die zweite Hälfte der Intrigue. Die Bewohner von Dagby lagen in ihrem beſten Schlummer, wenigſtens diejenigen derſelben, denen nicht die Sorge für eigene Intereſſen die Reize der Ruhe raubte. Alles war ſtill, nur das Säuſeln in den Pappeln und das Getöſe des tiefen Waſſerfalles unterbrachen die Stille. Es war eine myſtiſche und liebliche Nachtdäm⸗ merung, die letzte, welche Juni und Juli ſchied. Edith hatte ihr Zimmer längſt verlaſſen. Sie ging auf und ab in der Gallerie, welche, wie wir wiſſen, neben dem Saale lag. Bald blickte ſie zum Fenſter hinaus, um Helmer's hohe Geſtalt zu entdecken, bald hielt ſie die Uhr gegen das ſchwache Nachtlicht, fand jedoch immer, daß die Zeit ſie betrog. Endlich, da nur noch eine Viertelſtunde übrig war, fiel ihr ein Mittel ein, dieſelbe zu verkürzen: ſie ging zurück in ihr Schlaf⸗ zimmer und zündete von Neuem Lichter an, um noch einen prüfenden Blick auf ihre Toilette zu werfen. Ueber einem weiten, langen Blouſenkleide von weißem Mouſſelin, trug ſie eine kurze rubinfarbene ſeidene Robe mit offenen Aermeln, die ſich geſchmeidig an ihren ela⸗ ſtiſchen Wuchs ſchloß. Die in Flechten verwandelten Locken waren mit nachläſſiger Koketterie in Wogen be⸗ feſtigt unter einer kleinen mit Tüll beſetzten Haube mit Brüſſeler Spitzen, deren leichte Wolke ſich an das ent⸗ zückende Geſichtchen ſchmiegte und unter dem Kinn in einer roſenrothen Schleife ſchloß, deren Schnibben ver⸗ rätheriſch auf dem Battiſt zwiſchen den mit Poſamentier⸗ arbeit eingefaßten Aufſchlägen der Robe ſpielten. Bei der Muſterung vor dem Spiegel ſchien Edith zufrieden zu ſein; denn in dieſem ſo einfachen, aber doch ſo gefallſuͤchtigen Anzuge war ſie noch ſchöner, als in dem vollen Glanze einer ausgezeichneten Toilette. Doch war ſie allzu ſehr mit wichtigen Gedanken beſchäftigt, 95⁵ als daß ſie bei dieſem Triumph lange verweilen konnte. Bald war das Licht wieder gelöſcht und ſie ging hinaus, dießmal bis in den Saal, und bald, da ſie Schritte zu vernehmen meinte, lag ihre Hand auf dem Schloſſe der Thür des Altans— im nächſten Augenblick war ſie draußen. „Ich habe Dich ſchon einige Minuten erwartet, meine ſchöne Gebieterin!“ ſagte Ernſt und ſah zu ihr, welche ſich anmuthig über das Gitterwerk lehnte, mit Blicken empor, in denen Edith, obgleich es nicht ganz hell war, dennoch eine Berauſchung las, welche in ihrer eigenen Bruſt eine Antwort fand, obgleich ſie ſonſt in dieſem Augenblicke an Gedanken reicher war, als an Gefühlen. „Theurer Ernſt!“— ſagte ſie mit einer leichten, aber doch recht merklichen Unruhe—„ich kann nur hoffen, daß Dich Niemand ſieht!“ „Fürchte nichts! Die ſämmtlichen Schlafzimmer lie⸗ gen nach der Gartenſeite hinaus: ſonſt hätte ich es nicht gewagt, mich zu dieſen freudenreichen Augenblicken zu ſtehlen, welche meine tröſtenden Sterne bleiben ſollen, wenn ich hinweg bin...“ „Hinweg!... O, Ernſt, ich werde wahnſinnig, wenn ich nur an Deine Abreiſe denke!.. Du weißt nicht, welche Anſtrengung es mir heute Abend gekoſtet hat, dieſe Ruhe zu zeigen!“ „Sollte ich das nicht verſtehen, ich, der ich mich ſo glücklich und ſo ſtolz über meinen Einfluß fühle? Ich habe zu mir ſelbſt geſagt: um meinetwillen, um ſich in meiner Liebe und meiner Achtung noch mehr zu erheben, hat ſie ihre Heftigkeit, ihre ſtolze, eigenſinnige Natur überwunden und iſt meinem Rathe gefolgt... O, welch ein Himmel liegt in dieſem Glücke!“ „Ernſt, Ernſt!... Das Alles iſt recht gut, ich verſuche— doch was willſt Du, daß ich thun ſoll, wenn... da.. Ach, ich höre kaum Deine Stimme vor Angſt.. es iſt ſchrecklich 5.. ich kann nicht ber⸗ gen, daß ich ängſtlich bin... wenn Jemand über den 96 Hof ginge... welche Geſchichten!... komm herauf... ach, komm lieber herauf!... In einer Secunde ſchwingſt Du Dich über das Gitter, dann ſind wir ſicher.“ „Nein, nein, Geliebte, mache mir nicht dieſen Vorſchlag!“ „Und warum denn nicht? Du weißt ja, daß mein Ruf— Ernſt— mein Ruf!— einen gefährlichen Stoß erhalten würde, wenn Dich Jemand um dieſe Zeit hier fände!“ „So will ich lieber gleich gehen, meine Edith!“ „Um Gottes willen, nein, da bin ich außer mir! Gehen— da wir nur noch einen Tag haben, an dem wir uns ſehen können, und das noch obendrein in Ge⸗ ſellſchaft, ohne daß wir ein Wort mit einander wechſeln dürfen— kannſt Du das?“ „Ich muß ja.“ „O Ernſt, Du biſt grauſam in Deinem allzu fei⸗ nen Zartgefühl!“ „Edith, Edith!“ „Geliebter, theurer Ernſt!“ „Nein, nein!“ „O, iſt das Liebe, welche Bedenklichkeiten hegt?“ „Es iſt die Vernunft— führe mich nicht in Ver⸗ ſuchung!“. hn, mich friert— die Furcht tödtet mich!“ „Gute Nacht, Geliebte!“ „Gute Nacht denn! Das iſt alſo unſer letztes Zu⸗ ſammentreffen; denn, umgeben von Octavie, Olga und dem abſcheulichen Rittmeiſter, dürfen wir nicht daran denken, daß wir die Freiheit einer Lnzigen Minute er⸗ halten. Doch lebe wohl, guter Ernſt! ich widerſetze mich Deinem Willen nicht länger, obgleich er mir Thrä⸗ nen koſtet— ich will Dich nur daran erinnern, daß es Deine eigene Schuld iſt, wenn wir vor Deiner Abreiſe uns nicht mehr ſprechen dürfen. Gott ſegne Dich!... Gute Nacht! Gute Nacht!“ Sie zog ſich zurück von der Baluſtrade und gab ſich die Miene, als wollte ſie die Thür des Altans zumachen. 97 „Edith, Du machſt mich wahnſinnig!“ „Gute Nacht, gute Nacht!“ In der folgenden Secunde war Ernſt über das Gitterwerk geklettert, die Thür des Altans zugemacht, und in der zweiten Secunde befand er ſich mit der Geliebten in der Bibliothek. „Welch ein gefährliches Mädchen Du biſt, Edith!“ „Gefährlich— das glaube ich kaum!. Do um recht ſicher zu ſein, dürfen wir hier nicht verweilen — denke, wenn Jemand nicht ſchlafen könnte und ſich ein Buch holen wollte!“ „Und das ſagſt Du ſo ruhig?“ „Muß man denn nicht auf Alles gefaßt ſein?“ „Ja, wenn es möglich iſt; nun aber haben wir nicht mehr als zwei Auswege: entweder wir bleiben hier, oder ich ſpringe wieder hinunter.“ „Oder wir gehen in ein Zimmer, wo wir ganz ſicher ſind.“ und indem ſie dieß ſagte, öffnete ſie die Thür und ſchob den Geliebten hinein. Eine prachtvolle Lampe in der Ecke des Zimmers erleuchtete mit einem ſchwachen Schein den jungfräu⸗ lichen Tempel, der mit ſeinen weißen Gardinen, ſeinen Blumen, ſeiner An ith und ſeiner Friſche machte, daß Ernſt's Sinne ſchwindelten.. ſih„„Edith!“ ſagte er leiſe,„Du biſt ſchrecklich unvor⸗ tig!“ „Was fällt Dir ein, Ernſt? meinſt Du, ich habe gedacht, wir wollen hier allein bleiben?“ „Nicht allein?“ „Weit entfernt davon: mit einem einzigen Worte mache ich Dich ebenſo ruhig und ſicher, wie ich ſelbſt bei Dir bin: wir beſchwören den Geiſt Deiner Mutter, uns nahe zu bleiben— und kannſt Du wohl glauben, daß ſie uns verlaſſen wird?“. „Dank, meine Edith! Du haſt eine Schutzheilige genannt, aus deren Nähe Alles entweicht, was nicht rein iſt...So laß uns denn in dieſem Heiligthume bleiben, welches ich jetzt zu betrachten wage, ſo wie ich Ein launenhaftes Weib. III. 7 — 98 es auch wage, Dich zu betrachten... Wie entzückend ſchön biſt Du doch! Du mußt mir geloben, dieſen An⸗ zug zu einer ſeligeren Zeit aufzuſparen. Wie ſchön iſt das Bewußtſein, daß die Blicke keines Mannes, außer den meinigen, Dich darin ſehen werden...“ „O, ich habe mir ſchon für dieſe Zeit eine ganze Maſſe von picanten und bezaubernden Anzügen ausge⸗ ſonnen— Du ſollſt ſehen, wie gefallſüchtig ich werde.“ „Daran zweifle ich nicht im Mindeſten, und wenn Du nur die Macht Deiner Sirenenkünſte auf mich beſchränkſt, ſo magſt Du ſo gefallſüchtig ſein, wie Du willſt. Weißt Du aber: wenn ich urtheilen ſoll nach der Unruhe, die ich ſchon ſo unzählige Male empfunden habe, ſo werde ich gewiß nicht ſehr entzückt ſein, wenn Du Deine alten Gewohnheiten wieder annimmſt und vor Allen kokettirſt. Eine Gattin, meine Edith... ja ſogar eine Braut, hat...“— „Stille, mein Herr! ich habe ſchon die Ehre, Ihre Denkungsart über dieſen kritiſchen Punkt zu kennen. Bisweilen, dann und wann eine kleine Aufopferung; aber ja nicht ſo oft, daß es zu einer Gewohnheit wird; dergleichen wäre höchſt gefährlich; denn die Gewohnheit erzeugt unmerklich Forderungen und...“ „O, Du kleine Boshafte, welch ein Gedächtniß!“ Er zog das entzückende Mädchen an ſich und ſetzte ſich mit ihr auf das Sopha. 8 Dieſes Sopha ſtand der Thür gegenüber. „Mein Ernſt!“ flüſterte Edith in verändertem Tone, „wie können wir ſcherzen, da wir nur einige Stunden zu leben haben— wenn...“ Sie ſchwieg. Ein Strahl von faſt wilder Freude ſprang in ihrem Auge auf... Sie hatte einen leiſen Laut im Saale vernommen— und dieſer Laut ließ ſich unterſcheiden, denn mit Ausnahme der Thür zu Edith's Zimmer, ſtanden alle übrigen offen. „Was für wenn, Geliebte?“ fragte Helmer, der nichts gehört hatte. „Ich meinte nur: das Leben, welches ich führen —,y,—— der Hofräthin das Billet, welches ſie an dieſem Ab —yjj 99 muß, wenn Du hinweg biſt, iſt ſchlimmer als der Tod, denn dieſer gibt, wie ich hoffe, Vergeſſen.“ „Keinen Mißmuth!... Wir wollen jetzt vernünftig überlegen. Deine Mutter war heute Abend ja liebens⸗ würdig: ich ſah, daß ſie einige Mal ihren Blick mit einem Ausdruck von Zärtlichkeit auf Dir ruhen ließ, ja ich möchte ſogar die Behauptung wagen: auch auf mir weilte ihr Blick mit dieſem Ausdrucke; gewiß üͤberlegte ſie, und wenn ſie nur nicht durch Widerſtand gereizt wird, wenn nur Du immer bleibſt, wie jetzt, ſo ſollſt Du ſehen, ſchon nach einem halben Jahre, ja vielleicht ſchon früher, nachdem ſie geſehen hat, daß ihr Anſehen reſpectirt wird, können wir es auf's Neue verſuchen.“ „Ein halbes Jahr!—— Ernſt, Ernſt! nennſt Du das ſchon?... Doch ſch!... höre! was iſt das?“ Kurz zuvor, da Edith die letzten Worte ſagte, hatte Mamſell Octavie vorſichtig den Kopf in das Schlaf⸗ zimmer der Hofräthin geſteckt. „Ich bitte ganz ergebenſt um Verzeihung, Ihro Gnaden!“ „Was gibt's in des Himmels Namen? Brennt's?“ „Gewiſſermaßen, Ihro Gnaden, doch nicht im hier ſtehe, hat Schlafzimmer: geſehen, wie er ſich üͤber den Altan ſchwang und hinein ging.“ Mamſell Oetavie zündete ſchnell Licht an und gab ende auf dem Sopha gefunden, wo Edith geſeſſen hatte. 86 . — 3 4 ] E. 100 Das Billet enthielt nur folgende Worte: „Mein Ernſt! wir müſſen uns treffen. Ich halte die Thür des Altans und noch ein paar andere um ein Uhr offen.“ „Ha, die Unwürdige!“ rief mit zitternder Stimme die Hofräthin, da ſie den Beweis des kühnen Leichtſinnes ihrer Tochter in der Hand hatte.„Ihre Ergebenheit, ihre ſanfte Nachgiebigkeit war alſo nur eine Maske— und ich thörichte Mutter fühlte mich wirklich ſchon er⸗ weicht, glaubte, daß er ihr ihre Pflicht gezeigt hatte, denn er hat ein Benehmen, dieſer Kerl, der...“ Jetzt aber will ich ſehen, ob es möglich iſt, daß ſie ſich ge⸗ ſtattet hat, ſich und mich zu entehren— Kommen Sie!“ „Das Aergſte,“ fügte der liſtige dienſtbare Geiſt hinzu, iſt, daß die Fremden oben Aules erfahren. Mein Gott, welch ein unglücklicher Skandal in der ganzen Umgegend!“ „ Still, Octavie!“ ſagte die Hofräthin mit tiefer und kurzer Stimme, indem ſie mit dem Lichte in der Hand voranging.— „Was iſt das?“ hatte Edith geſagt und dabei, an⸗ ſtatt ſich der Umarmung des Geliebten zu entziehen, noch näher an ihn geſchmiegt. „Beim Himmel, wir ſind belauſcht!“ rief Helmer aus und ſeine Wange erblaßte vor Schmerz.„O, Sdith, Dein Ruf!“ „Was ſchadet's?“ antwortete ſie mit einer Ruhe, vor welcher er erſchrack— denn er bildete einen allzu rullen Gegenſatz zu der Unruhe, welche ſie auf dem ltan gezeigt hatte—„will ich nicht Deine Gattin werden? Habe ich nicht das Recht, Abſchied zu neh⸗ men, von demjenigen, welchem ich meine Treue ge⸗ kommen kann, ſo bin ich jetzt hier 14 „Was auch ſagte er mit wieder erlangter Faſſung;„und geſchehe, — ⏑△ ☛ —,0edo-W3—— A—eS——— ☛&ᷣ 82½ 8 ⏑☛ ———.—+ —— 101 was da wolle, ſo ſtehſt Du jetzt auf ewig unter meinem S u 144 cj 5 wußte ich ja!“ dachte Edith. Und in demſelben Augenblicke flog die Thür auf. Mit funkelnden Augen ſtand die Hofräthin auf der Schwelle, Mamſell Octavie, zitternd vor Eiferſucht und befriedigter Rachſucht, hinter ihr. „Wiſſen Sie, Herr!“— es war der Liebhaber, an den die Mutter ſich mit einer von Gemüthsbewegung beinahe erſtickten Stimme wendete—„wiſſen Sie, welche niedrige Nichtswürdigkeit Sie begehen, da Sie mit Schande das Haus brandmarken, das Sie mit Vertrauen auf⸗ genommen hat?“ 4 „Dieſe Beſchuldigungen,“ entgegnete Helmer, welcher ſchnell aufgeſprungen war,„laſſen ſich hier nicht anwen⸗ den, gnädige Frau, wenn Sie ſich die Zeit gönnen, alle Umſtände zu prüfen. Ich habe um Sdith's Hand an⸗ gehalten, bin aber nicht allein mit Hohn abgewieſen, ſondern auch meines Poſtens entſetzt worden. Dazu hatten Sie das Recht; aber meine Liebe, meine mit Edith gewechſelten Gelübde hatten ebenfalls ein Recht: ich war nicht im Stande, ohne Abſchied zu reiſen, und da jede andere Gelegenheit dazu geſperrt war, ſo war ich genöthigt, meine Zuflucht zu Demjenigen zu nehmen, was ich ſelbſt am meiſten verabſcheue— zu Schleichwegen.“ „Nein, Mutter, glaube ihm nicht! Nicht er hat dieſe Schleichwege angewendet; ich betheuere es vor Gott, er wußte nichts von dieſem Zuſammentreffen, welches ich ſchon vorher beſchloſſen hatte! Ich bin es, die ihn mit Bitten, mit allen Künſten der Koketterie dazu ver⸗ leitet hat, als er, wie ich ihn gebeten hatte, bei der Rückkehr aus dem Parke unter dem Balkon ſtehen blieb...“ „Ach ſo, unter dem Balkon!... Doch dieſes Billet, welches Du verloren haſt, ſtimmt nicht ganz zu Deiner Ausſage.“. Bei dieſen Worten wurde Helmer von einer heftigen Unruhe ergriffen; er ahnte, daß hierunter etwas ganz Anderes lag, als was er wußte. . 8 8 102 „Das Billet,“ entgegnete Edith,„war nur für Rech⸗ nung derjenigen geſchrieben, welche daſſelbe in der Ab⸗ ſicht, mich zu verrathen, auffing. Ich verlor es abſichtlich ... Und dieſes geheime Zuſammentreffen, welches ich unter anderen Verhältniſſen nicht gewagt hätte, vorzu⸗ ſchlagen, war jetzt, da Du Ernſt's Anerbieten ſo beſtimmt ausgeſchlagen hatteſt, mein letzter Ausweg; denn ich konnte mich gar nicht irren, welchen Gebrauch die Mam⸗ ſell von ihrer Kenntniß machen würde. Morgen weiß die ganze Umgegend, daß ich in meinem Zimmer meinen Geliebten aufgenommen habe... um Deiner eigenen Ehre willen kannſt Du alſo unſerer Vereinigung Deine Zuſtimmung nicht verſagen: ich habe meinen Ruf preis⸗ gegeben, um das einzige Glück zu gewinnen, für welches ich meine, daß es ſich der Mühe verlohnt, zu leben, und ich habe es nicht zu theuer bezahlt... O Ernſt!“ fuhr ſie in ganz anderem Tone fort, denn jetzt war dieſer weich, unruhig, flehend, da ſie die düſtere, flammende Röthe auf ſeiner Wange, die tiefen Falten auf ſeiner Stirne ſah,„vergib, vergib, daß ich nicht im Stande war, Deinem Rathe zu folgen und Ergebenheit, Geduld und Alles, was mir fremd iſt, haben konnte! Doch, o wehe mir! ich ſehe, ich habe Dich gröblich beleidigt, da ich einen Schatten auf meine Ehre warf.“ „Nein, bei Gott, das iſt denn doch das Wahnſin⸗ nigſte von Allem, was ich in meinem ganzen Leben gehör habe! Während ihre Mutter, ihre ſo tief beleidigte utter hier von Erſtaunen geſchlagen ſteht über eine beiſpielloſe Kühnheit, fleht ſie ihren Liebhaber um Ver⸗ zeihung!“ „Und ſie hat Urſache dazu!“ fiel Helmer mit einer Stimme ein, welche mitten in dem Tumulte der gekränk⸗ ten und gereizten Gefühle der Hofräthin Achtung gebot —„denn durch dieſen überlegten Plan hat ſie ebenſo ſehr ihren Geliebten beleidigt, als ihre Mutter. Ich hatte ihr heiliges Gelübde, daß ſie nichts thun wollte, und ich wage es, zu betheuern, gnädige Frau, daß mein Schmerz hiebei ebenſo groß iſt, wie der ihrige. Edith's 103 Ehre war mir theurer, als ihr Beſitz, und ich werde niemals aufhören, mir Vorwürfe zu machen, daß ich der Schwäche eines Augenblickes nachgab.“ „Herr Helmer!“ ſagte die Hofräthin, welche jetzt, da ſie redete, einen Schein von Beſinnung wieder erhielt, gdas iſt eine würdige Sprache. Gehen Sie nun, ver⸗ ſteht ſich, den gewöhnlichen Weg! Morgen erhalten Sie meine letzte Antwort— leuchten Sie dem Herrn Ver⸗ walter, Mamſell Octavie!“ Helmer verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und verließ das Zimmer, ohne nur einen Blick auf Edith zu werfen. Es koſtete ihn dieſer Muth eine fürchterliche An⸗ ſtrengung: er konnte mit den Augen der Seele den ver⸗ zweifelten Blick ſehen, den ſie ihm nachwarf, aber er fühlte, daß dieſe ſtrenge Behandlung für ſie jetzt dien⸗ licher ſein würde, als ſeine Schwäche, und gerade um ihretwillen beſiegte er dieſe Schwäche, die noch in der letzten Secunde der Reuigen ſeine Augen zuwenden wollte. Als Mamſell Octavie, welche dem Befehle der Hof⸗ räthin nachgekommen war, zurückkehrte, ſtanden ſich Mutter und Tochter noch immer unbeweglich gegenüber. „Verlaſſen Sie uns; die Bibliothekthür mag jedoch offen bleiben!“ ſagte die Hofräthin mit einer Bewegung der Hand. Höchſt unzufrieden mit der Anweiſung, auf jeden Fall aber zufrieden mit Demjenigen, was geſchehen war, eilte Mamſell Octavie hinweg, um dem Rittmeiſter, den ſie in das Vertrauen mit eingezogen hatte, und der in dem Vorſaale des oberen Geſchoſſes mit der heftigſten Unruhe das Reſultat abwartete, Rechenſchaft abzulegen.. „Nun?“ ſagte endlich die Hofräthin mit einem lan⸗ gen und tiefen Blick auf ihre Tochter,„was denkſt Du, zu thun, nachdem Du auf dieſe Weiſe Deine Familie entehrt haſt?““ Ich denke, mich zu ſeinen Füßen zu ſchleppen und ihn ſo lange um ſeine Verzeihung anzuflehen, bis ich ſie erhalte.“.“ 104 „Alſo nur Er, nichts Anderes, als nur Er?“ „Nichts Anderes, als nur Er!“ „Die Liebe hat Dich nicht allein der Verſchämtheit, alles Gefühles Deines eigenen Werthes, ja beinahe des Verſtandes, ſondern ſogar des letzten Bewußtſeins der Pflichten eines Kindes beraubt. Du wirfſt nicht einmal einen Gedanken auf den Umſtand, daß Du— hörſt Du, was ich Dir ſage?— daß Du Deine Mutter bis zum Tode beleidigt haſt, und Du weißt doch wohl, daß dieſe Mutter gewiß nicht geſonnen iſt, ſich in ihren eigent⸗ lichen muͤtterlichen Rechten kränken zu laſſen?“ „Strafe mich, wie Du willſt, Mutter, ich verdiene es, und ich wage nicht einmal“— hier ſan Edith zu den Füßen ihrer Mutter—„um Verzeihung zu bitten . Allem, Allem unterwerfe ich mich, außer dem Einen .. reiße ihn nicht von mir! Es iſt ja wahr— ja, es iſt wahr, daß Du das nicht mehr kannſt!“ „Wenn Du in dieſem Glauben beharrſt, ſo biſt Du ſehr im Irrthum! Ich kann ſchon morgen mit Dir hinwegreiſen und in einem fremden Lande die Schmach verbergen, welche Du auf uns herabgezogen haſt, bis die Heftiakeit des Tadels nachläßt. Es mag Dir eine gerechte Strafe ſein, zu erfahren, daß, wenn Du den Rath Deines Liebhabers befolgt und nachgiebig und untergeben geweſen wäreſt, Du mich in einer Zukunft vielleicht hätteſt bewegen können; dagegen haſt Du jetzt durch dieſen Scandal von ſo abſcheulicher Art, den Du angerichtet haſt, die letzte und einzig mögliche Ausſicht, das Ziel zu erreichen, zerſtört.“ „Dieſe Strafe wird mir geſpart werden!“ ſagte Edith, indem ſie ſich erhob.„Höre jetzt auch mich, Mutter! Ich rede ruhig und mit feierlichem, beſtimmtem Ernſte. Die Trennung von ihm denke ich nicht zu überleben. Bald wirſt Du— ſperre mich ein, wie Du willſt— zu der Nachricht von dem verlorenen Rufe Deiner Tochter auch noch die hinzufügen können, daß ſie in dem Wahnſinn ihrer Liebe dort unten geendigt hat!“ Sie riß ſchnell die Gardine hinweg und deutete 4——29—— p auf den Strom, deſſen majeſtätiſches Rauſchen eine düſtere Antwort zu geben ſchien— und ſo wild, ſo verzweifelt, t ſo herzzerreißend war der Ausdruck ihres marmorweißen 3 Antlitzes, daß die Hofräthin ſie ſchaudernd von dem r Fenſter hinwegriß. 5. 1„Du magſt ihn haben, Unglückliche, Verhärtete!“ 4. ſagte ſie mit gepreßter Stimme; doch nur unter gewiſſen ... Bedingungen— wenn du den Muth haſt, darauf ein⸗ ſe zugehen.“..— „Ich gehe auf jede Bedingung ein!“ 1„Wir werden ſehen!“ ne u en. n Zehntes Capitel. a, 2 Auflöſung der Intrigue. 1 ſ. Früh am folgenden Morgen erhielt Helmer folgen⸗ ch den Brief von der Hofräthin: is Nach Demjenigen, was geſchehen iſt, und nach der ne letzten Erklärung meiner halsſtarrigen Tochter, welche en ſie wohl im Stande ſein möchte, zu halten, wenn ich nd ihren Charakter und ihre bis zum Wahnſinn geſteigerte ft Leidenſchaft bedenke— nämlich lieber als Selbſtmörderin zt ihr Leben endigen zu wollen, als ſich meinem Willen du zu unterwerfen und ſogleich abzureiſen und ihrem thörich ſt ten Wahne zu entſagen— bin ich gezwungen, gegen 2 meinen Willen zu dieſer Verbindung meinen Beifall zu te ertheilen. Doch iſt dieſelbe vielleicht ſchon an ſich eine h, hinlangliche Strafe, weil ich mit meiner Zuſtimmung m Bedingungen verbinde, zu deren Abänderung mich nichts zu in der Welt vermögen wird. du Dditeſe Bedingungen ſind folgende:. ffe Zufolge der tiefen Kränkung, die Edith durch ihre aß ſccandalöſe Intrigue dem Herzen und Anſehen ihrer Mut⸗ igt ter zugefügt, und zufolge der ebenſo unwürdigen und 15 munnedlen Arr, mit welcher ſie hernach, anſtatt Reue zu —· 106 2 zeigen, ſich die Zuſtimmung ihrer Mutter ertrotzt hat— ich ſage nur vielleicht, denn es iſt ſehr ungewiß, ob ſie dieſelbe jemals erhalten haben würde— muß ſie, wenn ſie bei ihrem Entſchluſſe verharrt, gegen meinen Willen ſich zu verbinden, mein Haus ohne meinen mütter⸗ lichen Segen und ohne einen einzigen Schilling von der ihr beſtimmten Mitgift verlaſſen. Kann ſie dieſen beiden Dingen entſagen, kann ſie ſich dazu verſtehen, ein armes, kummervolles und, wie ich mir vorſtelle, bald reuevolles Leben zu führen— denn glauben Sie mir, Cdith iſt nicht diejenige, welche ohne Reue Pracht, Bequemlichkeit und Vergnügen länger entſagt, als ſie von ihrer Leidenſchaft verwirrt iſt— ſo laſſen Sie ſich aufbieten, ſobald Sie wollen... Hier aber noch eine Bedingung: An dem Tage, da Ihre Verbindung öffentlich ver⸗ kündet wird, verläßt auch Edith ihr elterliches Haus, zu einem öͤffentlichen Zeichen, daß das Band zwi⸗ ſchen ihr und ihrer Mutter gebrochen iſt. Sie ſteht von dieſem Augenblicke an unter dem Schutze ihres künftigen Gatten. Und der Pfarrhof dürfte einen paſſenden Zu⸗ fluchtsort darbieten, bis die Trauung geſchehen iſt. Verſuchen Sie weder ſelbſt, noch durch Andere, auf mich einzuwirken: das iſt vergebens! Von dem Augen⸗ blicke an, da Edith auf ſolche Art das Haus ihrer Mutter verlaſſen hat, iſt ſie dort auf immer ein Fremdling. Ich habe jetzt Alles geſagt, und füge nur noch dieſe Worte hinzu: überlegen Sie den Schritt, ehe Sie ihn unwiderruflich thun, denn er möchte für Sie beide gleich gefährlich ſein. Der Weg zu Sdith ſteht heute Vormittag offen; doch auf jeden Fall erwarte ich, daß Sie, wie beſchloſſen iſt, Dagby morgen verlaſſen. Aurora Sternfelt.“ Nachdem Ernſt zwei Stunden lang dieſen feſten und ruhigen, aber harten Brief überlegt und geprüft die ſie mit Geduld vielleicht eines Tages erhalten hätte; 6 dem Herzen zugeſtroömt, wo jetzt jeder Tropfen ihres 107 hatte, ging er hinüber in das große Haus und direct in die Bibliothek. Edith, welche noch früher die Bedingungen ihrer Mutter erhalten, hatte dieſe Stunden der Erwartung in einer ſchrecklichen Spannung verlebt. Aber trotz ihrer brennenden Sehnſucht, Helmer's Ausſchlag zu vernehmen, zu hören, ob er die arme, die verſtoßene, die getadelte Edith mit ebenſo großer Freude annehmen wollte, als die reiche, gefeierte Erbin, war ſie dennoch ſo voller Furcht vor dem Augenblick, der bald kommen mußte, daß ſie Helmer's Beſuch ebenſo oft zu verzögern als zu beſchleunigen wünſchte. Daß er ſie in der letzten Nacht ſo ſtreng beurtheilt hatte, trug ebenfalls nicht zu ihrer Beruhigung bei. Sie fühlte es mit einem Schauder, der faſt ihr Herz zwang, ſtille zu ſtehen, daß in demſelben Augenblicke, da ſeine Achtung verloren wäre, auch ſeine Liebe nicht länger die vorige werden könnte. Und dieſe zu verlieren... „Möchte ich nur nicht leben, um ſo ſchrecklich geſtraft zu werden!“ bat ſie mit gefalteten Händen.„Dann, o meine Mutter, wäreſt Du allzu grauſam gerächt an Deiner flehenden Tochter!“ In dieſem Augenblicke ließen ſich Helmer's Schritte vernehmen. „Das iſt Er!“ Sie blieb unbeweglich auf dem Ruheſeſſel ſitzen. „Darf ich eintreten?“ Ein kaum hörbares„Ach!“ war Edith's zitternde Antwort. Und jetzt war er bei ihr. Er ſtand, ſelbſt faſt athemlos, vor dem jungen Mädchen, das mit geſenkten Augen und fliegendem Herzen Leben oder Tod erwartete.. Die friſche Purpurwoge, welche ſonſt die üppigen Roſen auf ihrer ſammetweichen Wange unterhielt, war 108 Blutes ſich geſammelt zu haben ſchien, während die lange dunkle Augenfranſe, in welcher noch ein glimmen⸗ der Thautropfen hing, ſich verſchämt an die leichte blaue Wölbung ſchloß, die ſich unter den Augen auf dem weißen Marmor abzeichnete... ihre ganze entzückende Geſtalt ſchien ein ideales Meiſterwerk in Marmor zu ſein, ein Meiſterwerk, das an die bereute Angſt der Pſyche erinnerte, als ſie, nachdem ſie ihr heiliges Gelübde ge⸗ brochen, den Geliebten vergebens zurückzuhalten ſucht. Und das ſchwarze ſeidene Kleid, welches in anmuthigen Wogen ihre Glieder umſloß, erhielt durch ihre halblie⸗ gende Stellung das Ausſehen eines nächtlichen Gewölkes, welches jedoch nur dazu diente, den ergebenen, bittenden, aber ſogar in ſeiner Verwirrung noch leidenſchaftlichen Ausdruck auf ihrem Geſichte noch zu erhöhen. Ein brennender Seufzer von Helmer's Lippen machte endlich, daß ſie langſam ihren Blick erhob. Und wenn jetzt die Schläge ihres Herzens gehemmt wurden, ſo kam dieß von einer andern Bewegung, als von der Furcht. Auch hatte ſie kaum das zärtliche, milde Lächeln, das über Helmer's Lippen ſchwebte und gleichſam ſein Antlitz verklärte, den tiefen und liebewarmen Blick in ſeinem Auge gewahrt— als ſie mit einem Freudenſchrei aufſprang. Seine Arme öffneten ſich ihr, und zitternd ſchmiegte 5. ſich an dieſe Freiſtätte, welche ihre Wahl geheiligt hatte, an dieſen einzigen Hafen ihres Glückes und ihrer Hoff⸗ nungen. „Armes, geliebtes Mädchen!“ ſagte er leiſe, indem ſeine Lippen die erſte Roſe auf ihre weiße Wange zurück⸗ führten,„was haſt Du mir Alles in Deiner Hingebung geopfert! Ich habe mich ſtreng ſelbſt gefragt, ob ich das Opfer annehmen kann.“ „O, Du redeſt von meinem Opfer, Du, der Du das Recht hätteſt, mir die ernſtlichſten Vorwürfe zu machen!“ „Vorwürfe?“ wiederholte er, indem ſeine Augen ſich in der Anſchauung der neuen, rührenden Schönheit verloren, welche ſie heute offenbarte... da ſollteſt Du mich nicht mit dieſem Blicke anſehen, der... ach, Edith! ——— 12— 12 + 2—sͤi——— ——— —:—;ʒÿ3———e—;— —— Du ſollſt mich nicht durch Mißtrauen betrüben! Zwar bin ich flüchtig, leichtſinnig, launenhaft geweſen, aber dennoch habe ich auf dem Grunde meiner Seele einige Kraft, und daß ich in meinem Gefühle gegen Dich 1⁰9 ich möchte wünſchen, daß...“ Er vollendete nicht. Er wollte ihr ſagen, daß er den Einfluß dieſer magnetifiren⸗ den Schönheit über ſeine Vernunft fürchtete. Edith verſtand ihn jedoch ohne Worte. „O Ernſt!“ ſagte ſie beinahe demüthig,„haſt Du Deinen Entſchluß nicht ſchon gefaßt, ehe Du herkamſt, ſo gehe zurück... Du ſollſt dieß in der Einſamkeit mit Dir ſelbſt thun, nicht bei mir, nicht unter einem andern Einfluſſe, als unter Deinem eigenen.“ „Du lieſeſt klar in meiner Seele, Geliebte!... Aber Du irrſt Dich dennoch in Betreff Desjenigen, was die Gegenwart betrifft— denn mein Entſchluß iſt ge⸗ faßt, ſo feſt ich ihn faſſen konnte, ehe ich mit Dir ge⸗ redet hatte.“. „Aber, Ernſt, ſo arm, ſo gänzlich von Allem ent⸗ blößt, zu kommen, wie ich jetzt bin!“ „Glaube mir, meine Edith, daß ich um meiner ſelbſt willen Dich lieber arm entgegen nehme, ja, Du mir ſo tauſendmal theurer biſt. Denn wie reich an Freuden ſoll mir nicht die Arbeit werden, da ich für Dich arbeite! Aber um Deinetwillen bebe ich: Du biſt gewöhnt an Ueberfluß, Luxus und Verfeinerung. Ich kann zu unſerm Lebensunterhalt nur ein Gut pach⸗ ten. Paſſeſt Du zu der Gattin eines Pächters?“ „Wenn Du mich mit Deiner Sanftmuth und Klug⸗ heit liebſt, ſo hoffe ich, mich von meinen bisherigen Ge⸗ wohnheiten entwoͤhnen zu köͤnnen. Weißt Du nicht, Ernſt, daß der Himmel iſt, wo die Liebe wohnt?“ „Doch, geliebte Edith, die Liebe in der dürftigen Hütte und bei den dürftigen Arbeiten, die auf das Loos einer Pächtersfrau fallen, möchten Dir nicht ebeſo romantiſch und lieblich erſcheinen, als...“ „Nein, theurer Ernſt, Du darfſt nicht ausreden;. „* 110 3 wenigſtens nicht flüchtig geweſen bin, das weißt Du, weil dieſes ſchon zwei Jahre lang gedauert hat.“ „Aber in dieſen zwei Jahren haſt Du fortwährend aufreizende Schwierigkeiten zu bekämpfen gehabt, erſt in Deinem eigenen Stolz, dann in Deinem Herzen und ann... „O Ernſt, wie kannſt Du Dich deſſen jetzt noch entſinnen?“ —„Es iſt nothwendig, meine Edith, daß wir uns ſowohl deſſen, als auch noch manches Andern entſinnen; vor allen Dingen aber iſt es nothwendig, daß Du die Zukunft ruhig und deutlich ſiehſt. Wenn wir vereint ſind durch das Band der Ehe und alſo dieſe ſämmt⸗ lichen excentriſchen Reizungen aufgehört haben, ſo miſcht ſich in dieß Glück— ſo hoch dieſes auch ſein mag, und ich bin überzeugt, daß es hoch und rein wird— immer eine ganze Maſſe von Proſa, die auf Deine poetiſche Seele nicht allein ſtörend einwirken, ſondern auch Betrachtungen über die Einförmigkeit dieſes Glückes hervorrufen kann.“ „Aber Ernſt,“ ſagte Edith, nachdem ſie einige Augen⸗ blicke Stillſchweigen beobachtet hatte, was ſoll ich denken von aller Deiner Sorgfalt, die Du zeigſt, um die Schat⸗ ten hervorzuziehen?... Soll ich nicht glauben, daß... „Du ſollſt glauben, meine Edith, daß es die Pflicht des Mannes iſt, der Dein Schickſal in das ſeinige herein⸗ zieht, Dir, ehe dieſes geſchieht, eine deutliche und klare Anſchauung der Stellung zu geben, welche Du als Gattin zu erwarten haſt. Wiſſe, Geliebte; wenn ich in dieſer entſcheidenden Stunde in romantiſchen Träumen ſchwärmte, die ich hernach nicht zu verwirklichen ver⸗ möchte, ſo wäre ich der tiefen und ſtarken Liebe, die Du mir weihſt, ganz unwürdig.“ „Ich fühle, daß ich dieſes glauben muß, mein Ernſt, und ich ſchätze Dich tauſendmal höher, daß Du das Mädchen nicht bethören willſt, welches ſich ſo beſinnungs⸗ los in Deine Arme geworfen hat. Willſt Du nun aber auch überzeugt ſein, daß ich den Vorſatz habe, die Proſa — mit der Poeſie, die Arbeit mit dem Glücke zu verbinden Willſt Du glauben, daß Deine Liebe mir allzu theuer iſt, um ſie durch eine Schwäche auf's Spiel zu ſetzen?“ „Ich habe die feſte Ueberzeugung, daß Du es ver⸗ ſuchen wirſt, aber nur der Zukunft iſt es vorbehalten, die Erklärung auf das Fragezeichen zu geben, welches ich zu Deiner Erklärung ſetze...“ „Iſt es noch mehr? Ja, ich leſe es in Deinen Augen, Ernſt, daß meine Prüfung noch nicht beendigt iſt!“ „Edith! Geliebte! Ehe wir dieſen entſcheidenden Entſchluß faſſen,“ ſagte Helmer mit einer Stimme, welche vor tiefer Gemüthsbewegung zitterte,„laß mich Dir noch eine Frage vorlegen... ſie ſchmerzt mich über — ☛ᷣ alle Beſchreibung, aber ich kann ſie nicht zurückhalten.“ „Rede! was meinſt Du?“ „Haſt Du bedacht, was das für eine Tochter be⸗ deutet, von der Schwelle ihrer Mutter zu dieſem wichtigen Vorſatze zu gehen ohne... ohne ihren Segen? Ich ſchaudere ebenſo ſehr vor der Reue, die Dich vielleicht bald d ergreifen wird, als vor dem grauſamen Gedanken, daß * V Deine Liebe ſo unbedacht ſein könnte, Dir den Gedanken — 8SSS 1 ☛ 8 d einzuflöͤßen, daß dieſes gar kein Unglück wäre. Der Eltern Segen bauet den Kindern Häuſer. Wie ſollen wir unſer Haus bauen können, wenn uns das Wich⸗ tigſte fehlt?“ 8 „Ich muß tief vor mir ſelbſt erröthen bei Deinen Worten!“ entgegnete Edith in leiſem, zitterndem Ton... „Nicht immer bin ich eine gute Tochter geweſen, das muß ich geſtehen, und Du haſt das Recht zu der Be⸗ ſorgniß, daß ich auch keine beſſere Gattin werden mag. och, Ernſt, wenn ich auch das Benehmen meiner Mutter gegen mich nicht tadeln darf, ſo hat dieſes den⸗ noch von meiner früheſten Kindheit an einen tiefen Einfluß geübt. Bald gehätſchelt und vergöttert, bald in den Staub getreten, um einen Gehorſam zu lernen, ddee meine trotzige Laune ſich bisweilen nicht unterwerfen wollte, bin ich erwachſen, und im Lauf der Jahre ſind immer mehr und mehr Unebenheiten entſtanden. Wir 3 — àu——& XN——- ͤ2A8 . 4 * 8 4 5 .–* 112 forderten Beide allzu viel. Doch das Alles wird ſich auflöſen, ſobald ich von ihr getrennt bin. Da werde ich ihr ſchreiben und ſagen können, daß ich das Herz⸗ einer Tochter habe, ſo groß auch meine Fehler geweſen ſind. Und weit entfernt, mich über die Strafe zu be⸗ klagen, welche ſie beſtimmt hat, finde ich dieſelbe gerecht, und dereinſt, Ernſt, dereinſt, das iſt meine feſte Hoff⸗ nung, werden Mutter und ich uns weit inniger lieben, als wir jemals uns geliebt haben.“ „Dieſe Deine Worte, dieſer Glaube, vor Allem die ruhige Ergebung, womit Du die Bedingungen be⸗ trachteſt, welche ſie geſtellt hat, ſchenken auch mir Hoff⸗ nung... doch, meine Edith, die endliche Beſtätigung unſerer Gelübde darf jetzt noch nicht geſchehen!“ „Wie?“ rief Edith entſetzt aus. „Muth, meine Geliebte! Drei Monate ſind ja eine kurze Ewigkeit; doch dieſer müſſen wir uns aus zwei Gründen unterwerfen. Erſtlich weil ich dieſe Zeit nöthig habe, um meine Oekonomie in Ordnung zu bringen, und dann aus dem noch wichtigeren, weil es für Dich nothwendig iſt, in der Einſamkeit mit Dir ſelbſt Deine Kräfte zu prüfen und Dich auf die Veränderung vorzube⸗ reiten. Vielleicht, o Edith, bedarf es nicht mehr, als dieſer drei Monate, um Dich auf andere Gedanken zu bringen.“ „Ernſt! vergib mir, aber... aber... das iſt grauſam von Dir! Was willſt Du, daß ich in dieſem elterlichen Hauſe thun ſoll, in welchem ich ſchon von heute an ein Fremdling bin?“ „Ich will, meine geliebte, arme Edith, daß Du Dich eben in dieſen ſchmerzhaften Verhältuſſen von allen Fehlern reinigen ſollſt, welche den Glanz Deines im Grunde ſo ſchönen und edlen Charakters verdunkelt haben. Es gibt keine Lage, ſo ſchwierig ſie auch ſein. mag, in welcher man ſich nicht durch ſeine eigene Würde aufrecht halten kann. Und ſei Du überzeugt: ſo kalt auch Deine Mutter gegen Dich iſt, ſo wird ſie dennoch in ihrem Herzen mit dieſem Aufſchub zufrieden ſein. Hätte es nicht in den Augen der Welt den Anſchein 113 eines wirklichen Scandales bekommen, wenn Du gleich nach der Scene in dieſer Nacht das Haus Deiner Mutter verlaſſen hätteſt, um die Gattin eines Mannes zu werden, der noch nicht im Stande iſt, Dir eine Heimath zu bereiten?“ „Ach, mein Ernſt, wie klug, wie vorſichtig, wie edel, wie bedächtig Du biſt! Ich füge mich in Alles, was Du anordneſt. Und während dieſer drei Monate will ich es mir ohne Unterlaß wiederholen; wenn mir Mutter auch Alles genommen hat, ſo hat ſie mir doch das Wichtigſte geſchenkt, da ſie mir erlaubte, mein Schickſal mit dem Deinigen zu verbinden— denn Keiner, kein Mann auf Erden könnte ſo für mich gepaßt haben, wie Du!“ „Dieſes wage ich ſelbſt zu glauben, Geliebte; und wäre das nicht meine Ueberzeugung geweſen, ſo würde ich mit meiner ganzen Seele Dich zu überreden geſucht haben, einzig und allein auf Deine Pflichten als Tochter zu ſehen und bis auf beſſere Zeiten zu entſagen. Doch vielleicht wird meine Edith ſich am ſchönſten in Widerwärtigkeiten entwickeln.“........ Was ſie einander noch ferner ſagten, das können wir überſpringen. Es wurde beſchloſſen, daß Ernſt wöchentlich durch wei Briefe die Länge der Zeit verkürzen, daß er in der Mitte des dritten Monates ſeine Papiere zum Aufgebot ſchicken, ſelbſt aber erſt am Abende vor der Hochzeit kommen ſollte. Ehe er jedoch Dagby verließ, wollte er überdieß mit dem Probſt reden, denn obgleich Graf T. ewiß miß Freuden ſein Haus Edith anerbieten würde, 5 wäre es dennoch das Paſſendſte, den Ort zu wählen, welchen die Mutter ſelbſt vorgeſchlagen hätte. Ernſt bekam während ſeiner Anweſenheit die Hof⸗ räthin nicht mehr zu ſehen. Aber er ſchrieb an ſie einen Brief voll ehrfurchtsvoller Dankbarkeit, und ent⸗ wickelte in demſelben faſt diejenigen Grüͤnde, welche er Edith vorgeſtellt hatte, als die Ürſache des Aufſchubes. Eine kurze, aber ganz vollſtändige Erklärung Ein launenhaftes Weib. III. 8 114 geſchah an dieſem Vormittage noch zwiſchen Ernſt und dem Grafen T. nebſt deſſen Gattin, und dieſe erfuhren mit tiefer Theilnahme den Bericht von dem neuen nächt⸗ lichen Drama auf Dagby.— 1 Mit unbeſchreiblichem Wohlwollen erbot der Graf Patrik ſeine Dienſte im Geſchäftswege, und die ſanfte Gräfin Roſalie war nicht weniger bereit, die Rolle einer 2 Schweſter bei der armen Edith zu übernehmen.„Wenig⸗ ſtens,“ ſagte ſie,„kann ich ihr den Troſt ſchenken, daß ſie von Demjenigen reden darf, dem ſie mit grenzen⸗ loſer Liebe ergeben ſein muß, weil ſie ſo fabelhafte Ruf⸗ opferungen für ihn gemacht hat und zu machen gedenkt.“ „O, keinen allzu ſtrengen Tadel!“ bat Ernſt.„Wenn ich ſie auch nicht entſchuldigen kann, ſo ſchmerzt mich dennoch ganz ſchrecklich jedes harte Urtheil, welches man über ſie fällt.“. „d, beruhige Dich!“ ſiel der Graf ein.„Wenn Du zu beſcheiden biſt, die Entſchuldigung zu billigen, ſo können wir Anderen dennoch ſehr gut begreifen, daß die Liebe bei ihrer heftigen, glühenden Natur ſich auch* bei ihr weit mehr ſüdländiſch geſtalten muß, als bei 4 denjenigen, welche ſich einer unzerſtörbaren Ruhe rüh⸗ men können. Und reiſe Du mit Muth: Du läſeeſt hier Freunde zurück, welche über Deinen theuren Schatz wachen werden— denn wahrhaftig, auf alle Weiſe iſt ſie ein Schatz von ungewöhnlichem Werthe!“ Und glauben Sie ja nicht,“ fügte Roſalie hinzu, indem ſie ihm die Hand reichte,„daß auch ich nicht im Stande bin, mir eine Vorſtellung von Allem zu machen, was auf ſie eingewirkt und die Begebenheiten beinahe mit Gewalt auf den Punkt gebracht hat, auf welchem 4 ſie jetzt ſtehen! Wer nicht in ſolchen harten Verſuchungen 82 geweſen iſt, der hat am wenigſten das Recht, zu richten.“ ₰½ —= ecd Rn e SS 1— „„„ ſ— Nachdem Helmer den noch übrigen Theil des Tages zum Ordnen ſeiner Buͤcher angewendet hatte, uͤbergab 115 er dieſelben dem Rittmeiſter, welcher, während ſein Herz vor Freude hüpfte, eine große Theilnahme heuchelte, die Helmer jedoch mit Kälte zurückwies. Am folgenden Morgen ſchied er, nachdem er ſeiner Geliebten das letzte Bouquet überliefert hatte, von welchem ſie ihm die Hälfte mit dem Thau ihrer Thränen befeuchtet zurückgab— mit einer Ruhe, die weit größer war, als er gehofft hatte, von dieſem Dagby, wo er ſo unglücklich und ſo glücklich geweſen war, und von welchem er jetzt das Andenken einer Liebe mitnahm, die, wie er hoffte, ſeine künftigen Tage mit Roſen krönen ſollte, wenn auch hie und da ein Dorn ihn daran erinnerte, daß die Erde ihre Roſen nicht ohne Dornen trägt. Helmer's ganz einfach aufgebaute Hoffnungen und Pläne waren auch keinesweges aus der Luft gegriffen. Er beſaß außer der Erſparung ſeines anderthalbjährigen Lohnes auf Dagby als Erbe von ſeiner Mutter zehntauſend Reichsthaler nebſt ihrem kleinen und ſchönen Ameuble⸗ ment, welches er nicht hatte verkaufen wollen, weil darin für ihn ſo viele und theure Erinnerungen lagen. Und dazu beſaß er wenigſtens die Hoffnung, gegen eine Penſion, die ebenſo groß war, wie die Zinſen des Kapi⸗ tals, welches er für die Seitenerben ſeines verſtorbenen Vaters abgeſetzt hatte, mit der Zuſtimmung der Mutter jetzt, da dieſe Seitenerben todt waren, das Kapital ſelbſt zurückzubekommen, welches ſich durch eine gute Specula⸗ tion ſehr leicht verdoppeln ließ. Elftes Capitel. Edith verläßt das Haus ihrer Mutter. SHelmer hatte Recht gehabt, als er ſagte, dieſe drei Monate würden für Cdith eine nützliche, wenn auch ſſchwere Schule werden. Das wurden ſte wirklich. 887 116 Aber Gdith gedachte auch ſeiner darauffolgenden uu Worte, daß es keine Lage gibt, ſo ſchwierig ſie auch ſein ſa mag, in welcher man ſich nicht durch eigene Würde auf⸗ lei recht erhalten kann; und dieſe ſeine Verſicherung nebſt ge ſeinen zärtlichen und aufmunternden Briefen hielt ſie be wirklich aufrecht und gab ihr Kraft, mit Ruhe und A wirklichem Muth alle dieſe kleinen Scharmützel zu beſte⸗ hen, welche während dieſer keinesweges kurzen Ewigkeit in in dem Salon auf Dagby geliefert wurden. nt Die Hofräthin, welche den ſtrengen Befehl gegeben h⸗ hatte, daß Niemand mit dem geringſten Worte eine An⸗ n ſpielung auf Edith's beabſtchtigte Heirath oder auf das er Vorgefallene machen dürfte, zeigte ſich gegen ihre älteſte Tochter immer unveränderlich. Und dieſe Unveränder⸗ lichkeit beſtand in einer kalten Abgemeſſenheit, welche niemals nur dem geringſten Anſchein eines mildernden Lächelns Raum gab. „Olga war naſeweis und ſpöttiſch geworden, und holte Gſobald die Mutter den Rücken gewendet hatte, 24 ihren Schaden wieder ein für den Zwang, den ſie ſich in Gegenwart der Mutter auferlegen mußte. Da hagel⸗ ten unter der Einkleidung des Scherzes die boshafteſten und giftigſten Anmerkungen, welche ſie gewiß nicht ſelbſt machte, ſondern nur gehört hatte. Und Olga, welche von Natur die gefährliche Anlage beſaß, anderen Leuten nachahmen zu können— ein Talent, das unter der Leitung des Couſin Abbé ganz bedeutend erweitert wor⸗ den war— gab ſich bei ſolchen Gelegenheiten alle er⸗ ſinnliche Mühe, in ihrem Tone ſowohl, als auch in ihrer Stellung und in ihren Geberden diejenigen Per⸗ ſonen wiederzugeben, welche es auf ihre Rechnung er⸗ hielten, dieſe Ergüſſe ihres eigenen unedlen und unbedach⸗ ten Gemüthes zu verantworten.“ MMitit zwei ſo einflußreichen Erziehern, wie Oectavie und dem Abbé, darf man ſich nicht wundern, wenn Olga keine Zeit hatte, auf ihr eigenes Herz zu lauſchen, den dieſes war keinesweges böſe. „Wenn Du nur wüßteſt, liebe Edith,“ hieß es bisweilen, 117 „wie göttlich lächerlich Frau P. war, als ſie die Hände zu⸗ ſammenſchlug und ausrief:„wie? dieſes hochmüthige Fräu⸗ lein, das ſich auf Ramswit für zu gut hielt, dem Verwalter gegenüber Gevatter zu ſtehen— die Arme, jetzt iſt ſie vernarrt in ihn geworden, ſo daß ſie ſich ihm in die Arme wirft; und ich will darauf ſterben, daß er nicht einmal für die Katze zu eſſen hat!— Aber ſo iſt es immer mit dem Hochmuth gegangen.... Nun, nun, nun! gewiß hat das Fräulein ſich ein gutes Bad ge⸗ heizt!“... Aber, liebe Edith, Du wirſt es doch wohl nicht übel nehmen, daß ich Dir eine ſolche Dummheit erzähle? Ich habe keine böſe Abſicht dabei, denn ich glaube, die Milch wird wohl auch noch für den Hund reichen, und ich weiß wahrhaftig nicht, warum die Katze es beſſer haben ſoll; und dann, liebe Edith, hat Dein Mann immer noch den Ausweg, Modell zu werden— Du weißt wohl noch ſelbſt, daß Du ihn damals, als Du noch glaubteſt, zwiſchen Dir und ihm wäre ein größerer Abſtand, als zwiſchen der Erde und der Sonne, partout zu einer Statue haben wollteſt? Alſo, ihr müßt nach Rom reiſen, denn dort wird gewiß irgend ein Mei⸗ ſter froh ſein, unſern guten Bruksverwalter in Marmor verewigen zu können.“ Auf dergleichen Geſchwätz antwortete Edith bisweilen kein Wort— ſie fühlte, daß ſie ſich darüber hinweg⸗ ſetzen konnte; bisweilen ſah ſie ihre junge Schweſter ernſthaft an und ſagte: „Olga! Schämſt Du Dich denn gar nicht über Dein Benehmen? Paßt das einer Schweſter?“ Doch dann lachte Olga laut auf und eilte hinweg. Der Rittmeiſter, welcher jetzt eine feſte Stellung erhalten hatte, war artig geworden, ſtatt vertraulich zu ſein; doch dieſe Artigkeit war noch unausſtehlicher, als ſeine alte Naſeweisheit; denn darin lag ſchon etwas von — dem herablaſſenden Schwager; und es wurde mit jedem Tage immer klarer, daß man ihn ſehr bald in dieſer Eigenſchaft auftreten ſehen würde. Er hatte— eben dieſe Zeit benutzend, da ſie eines männlichen und kräftigen Beiſtandes bedurfte— ſchon in aller Unterthänigkeit mit der Hofräthin geredet, welche dann ihrer Seits ihre jüngere Tochter ausgeforſcht hatte; dieſe ſchien ſehr geneigt zu ſein, Freün zu werden, und da Olga überdieß mit ihren kleinen äußeren Reſſourcen auf keine recht brillante Partie rechnen konnte, außer wegen ihres Reichthums, ſo war der Ritt⸗ meiſter oder der Baron, wie er ſeit der Reiſe ſtets ge⸗ nannt wurde, ein annehmbarer Schwiegerſohn, um ſo annehmbarer, als er ein ſehr kluger Geſchaͤftsmann, ſeiner Schwiegermutter ergeben und unterthänig war. Alſo wurde die Sache ganz im Geheimen abgemacht, ſollte aber nicht eher veröffentlicht werden, als wenn die un⸗ glückliche Epiſode mit Edith ganz überſtanden war. Als die Hofräthin zuerſt von einem dreimonatlichen Aufſchube hörte,— ging ein Freudenſtrahl in ihrer Seele auf. Sie kannte ihre Tochter und dachte wie Helmer, daß dieſe Zeit hinreichend ſein würde, ſie auf andere Gedanken zu bringen. Und als Edith in dem Anfange der Prüfungszeit oft trotz der zurückweiſenden Kälte der Mutter, ihr nahte, ſich zu ihren Füßen auf den Schemel ſetzte, ihre Hand ergriff und liebevoll ihre Lippen darauf drückte, ſo konnte die Hofräthin nicht anders— ſie mußte wieder hoffen. 3 Eines Tages ſagte ſie:„Wenn ich Deiner Rührung glauben darf, Edith, ſo wünſcheſt Du noch einmal an dem Herzen, Deiner Mutter zu ruhen... iſt es nicht ſo?“ „Ach!“ entgegnete Edith, indem ſie ihren flehenden Blick zu der Mutter erhob,„das würde mein allergrößtes Glück ſein!“ „Wohl! Du weißt den Weg: einige Zeilen an ihn, daß Du wieder zur Vernunft gekommen biſt, und mor⸗ gen ſind die Koffer gepackt, die Pferde vorgeſpannt und wir reiſen. Ich reiſe mit Dir, wohin Du willſt. In dem ſonnigen Italien, wohin alle Kranken ihre Zuflucht nehmen, wollen wir Heilmittel für Dein krankes Herz ſuchen!“ Edith's erhobener Blick ſank nieder. —— — 119 16 Alles Andere, liebe Mutter— Alles, nur dieß nicht!“ „Wie Du willſt; wir haben einander alſo nichts zu ſagen 14 Ein anderes Mal winkte die Hofräthin ihrer Tochter in die Bibliothek. Der gewöhnliche Stolz ſchien bei dieſer Gelegenheit einer großen, kaum unterdrückten Be⸗ wegung gewichen zu ſein. „Edith!“ ſagte ſie kurz, nich will keine Einleitung zu Demjenigen machen, was ich zu ſagen habe; doch wenn... wenn Du vielleicht unbewußt zu dem Gefühle der in der That erniedrigenden Lage erwa t biſt, in welcher Du Dich befindeſt, ſo wird Dir jetzt die Gelegen⸗ heit geboten, Dich nicht allein auf eine glänzende Weiſe zu erheben, ſondern auch Deiner Mutter die vollſtän⸗ digſte Genugthuung für alle Leiden zu geben, welche „Wes kannſt Du meinen, Mutter?“ „Ich habe heute einen Brief erhalten. Ich ſehe es Dir an, daß Du erräthſt von wem.. Mem Gott! Iſt es etwas, das Ernſt betrifft? Hat er ar Dich geſchrieben?“ „Unverſtändige! verlohnte ſich's auch wohl der Mühe, davon viel Aufhebens zu machen!... Der Brief iſt von Lord Clinton. Was meinſt Du wohl: er ſagt, ihm ſei unſere Jagd, unſere Fiſcherei und unſer Land au eine Weiſe geſchildert worden, daß er wirklich neugierig geworden näre, Alles kennen zu lernen... Iſt das nun i Wenn ich ihn wohl nicht ſo deutlich wie moͤglich?. zu uns einlade, wie er zu erwarten ſcheint, ſo läßt ſich der Erfolh gar nicht bezweifeln. Er hält beſtimmt zum vierten Male um Deine Hand an, und anſtatt Dein Vaterhaus arm, verachtet, allein und verſtoßen zu ver⸗ laſſen, um Schutz zu ſuchen bei einem Manne, der— ir offen ſagen— mit keinem allzu großen int, Dir denſelben zu geben, kannſt Du als die reiche, elegante, beneidete und gefeierte Lady Elinton, die uͤber Pferde, Wagen, — 120 Bedienung und vor allen Dingen über ihren Mann zu gebieten hat— denn der Lord iſt zwanzigmal mehr in Dich verliebt als Helmer— nach Beendigung einer glänzenden Hochzeit aus dieſem Hauſe gehen, überſtrömt von den Thränen Deiner Mutter und mit einem Braut⸗ ſchatze, der dem Stande entſpricht, welchen Du wählſt.“ „Gute Mutter!“ antwortete Edith ſanft,„dieſes Ge⸗ mälde, ſo farbenreich es auch immer ſein mag, hat mit Ausnahme Deines Segens, gar nichts Lockendes für mich. Mag es romantiſch und einfältig klingen, aber ich ſage: lieber eſſe ich Kartoffeln und Häringe mit Ernſt, 8 daß ich mit Lord Clinton an der leckerſten Tafel tze.“ „Nun, ich gratulire zu den Häringen und den Kar⸗ toffeln! Das ſind Leckereien, die gewiß nicht ausbleiben werden.“ Edith ſchwieg. „Wie kommt es,“ fuhr nach einigem Stillſchweigen die Hofräthin fort,„daß Du Dich nur zu dem materiellen Vergleich hältſt? Ich ſagte: Lord Clinton liebt Dich zwanzigmal höher, als Helmer— biſt Du amch dieſer vhirung, weil Du mit Stillſchweigen darüber hinweg e 2“ 1 4 Mit einem frohen Lächeln ſchlug Edith ihte ſchönen Augen zu der Mutter auf.„Warum ſollte ich einen Scherz widerlegen? Ernſt liebt mich ſo, wie Lord Clin⸗ ton nicht einmal zu faſſen vermag.“ „So? Glaubſt Du das? Höre, ich will Dir geſtehen, daß ich mich für berechtigt hielt, den Geſpräche zuzuhören, welches Helmer an jenem Morgen, da er meinen Brief erhielt, mit Dir hatte, und ich hörte Alles — glei t wo. Nun gut: dieſer Mann mit ſeiner klaren, en Vernunft, ſeinen vortrefflichen Rechts⸗ prinzipien ann meine Achtung(denn ich bin immer gerecht), aber ich ſagte zu mir ſelbſt: er liebt ſie nicht o hoch, nicht über alles Andere, ja nicht einmal mit einem Schatten von der Leidenſchaft, welche ſie wahn⸗ ſinnig macht, da er in einem ſolchen Augenblick dieſer 4— 1 — ——+ 2=·2 ——— 121 ruhigen Auffaſſung mächtig iſt— und wenn dereinſt Edith von ihrer Illuſion erwacht, ſo wird ſie dieſes ebenfalls meinen.“ Bei dieſen ſo grauſamen Worten— welche doch faſt die volle Ueberzeugung der Hofräthin waren— wankte Edith, und ihr Schmerz war ſo heftig, daß ſie ſich nur mit Mühe aufrecht halten konnte. „O Mutter!“ flüſterte ſie mit leiſer, halb erſtickter Stimme,„käme dereinſt ein Tag, an welchem ich dieſe Prophezeiung bekräftigt ſähe, da.. da... Nein, nicht eine Secunde lang will ich einem ſolchen Gedanken Raum gönnen, denn dann wäre es aus mit mir.“ .„Ich habe das nicht aus Rachgier geſagt,“ fuhr die Hofräthin fort,„ſondern nur darum, weil ich es glaube. Und ich bitte Dich, die faſt unglaubliche Kraft zu bedenken, mit welcher er ſeine Liebe ſo lange unter⸗ drückte. Ich weiß nicht, auf welche Weiſe er um Dich warb, aber ich müßte mich ſehr irren, wenn nicht irgend eine Schwäche oder Unvorſichtigkeit von Deiner Seite den Anlaß zu einer Sache gegeben hätte, von welcher unter anderen Umſtänden vielleicht niemals die Rede ge⸗ weſen wäre.“ Edith meinte vor Scham in die Erde ſinken zu kön⸗ nen— ſie hatte ja nicht allein den Anlaß gegeben, ſondern auch...„Ach,“ dachte ſie weiter,„wenn Mutter Alles wüßte, wenn ſie wüßte, wie er es erſt aufnahm! . Dennoch,“ fuhr ſie froh fort, weil ſie ſich dieſen Troſt geben konnte,„redete er beim Feſte zuerſt... und er liebt mich ſo, gerade ſo, wie er von mir geliebt wird!“ Von dieſer Unterredung an, dem letzten Verſuche, den die Mutter machte— hatte Edith keinen Wugenblick Ruhe, bis wieder ein Brief von Helmer. Wie prüfte ſie nun nicht mit der Seele in den en jedes Wort! Und bei der tiefen, innigen, wenn auch nicht excentriſchen Zärtlichkeit, welche ſich dort in jeder Zeile ausſprach, verzogen ſich die Wolken von ihrem Leben, und es kam wieder Friede und Licht in ihr Herz. In dem Ge gleich entziehen wollte, wohin jedoch das Machtgebot der Mutter ſie zwang, begegnete man ihr ganz mit der Auf⸗ merkſamkeit wie früher. Ja, welches Vergnügen es auch gemacht hatte, einander in tauſend Auflagen mit den Schilderungen über die tollen Abenteuer auf Dagby zu unterhalten, ſo wunderte man ſich dennoch nicht ſehr arüber;„denn,“ ſagte man,„von Edith kann man ja lles erwarten;“ und da überdieß bei dieſer Gelegenheit Helmer— der Liebling der ganzen Umgegend— der Held in ihrem Roman war, ſo fühlte man ſich mehr zur Nachſicht geneigt, als das vorige Mal. Viele waren gegen ſie jetzt im Unglüuͤcke herzlicher als vormals; aber obgleich Edith dankbar dafür war, ſo war es dennoch ein Schmerz mehr für ſie, daß ſie bei Fremdlingen fand, was ihr zu Hauſe fehlte. Graf T. und ſeine Gattin luden ſie oft zu ſich ein, und bei ihnen, mit denen ſie über Ernſt reden konnte, fühlte ſie ſich glücklich. Demnächſt war es noch eine Andere, welche ihr eine wahre Theilnahme zeigte, Eine, die, nachdem ſie ſich lange von Dagby entfernt gehalten hatte, außer bei größeren Feſten, jetzt wiederum dort zu erſcheinen begann, nämlich Hortenſe. Und ſo wohlwol⸗ lend und ſchweſterlich, mit ihrem ganzen kleinen Herzen auf den Lippen, kam ſie Edith entgegen, daß dieſe ihr unmöglich eine Vertraulichkeit weigern konnte, die bisher zwiſchen ihnen nicht Statt gefunden hatte. Nachdem Hortenſe im Anfange des Auguſt mit dem Major B.— einem Manne, der ſich in der Uni⸗ form gut ausnahm, ein Glück, welchem er nebſt dem „Talente, Guitarre zu ſpielen, Hortenſe's Ja verdankte— ihre Hochzeit gefeiert hatte, ſuchte ſie Edith zu überreden, auf einige Wochen nach Glanberg zu kommen. Aber ſo bitter auch das Leben zu Hauſe ſein mochte, ſo zog Edith es dennoch vor. Sie ſollte ja bald von dieſer ge⸗ liebten Heimath ihrer Kindheit verwieſen werden. Auch meinte ſie der Zeit zu bedürfen, um ſich vor⸗ 4 zubereiten. ſellſchaftsleben, welchem Edith ſich ſo⸗ 4+. und nun wendete ſie ſich zu dem Bereiche der Statthalterin, 123 Sie nähte ſich nicht, wie ſie früher gedacht hatte, eine ganze Maſſe von netten und pikanten Anzügen von Sammet, Seide, Flor und dergleichen, ſondern ſtatt dieſer eine Serie von einfachen Kleidern, in denen das ärmliche weſtgöthiſche Zeug,*) der Kattun und der ehr⸗ bare Camelot den ehemaligen Luxus verdrängten. Sie wollte von ihrer ganzen prachtvollen Garderobe nicht mehr mitnehmen, als ein ſchwarzes ſeidenes Kleid und einige dunkle ſeidene Röcke, welche für ſie darum einen eigenthümlichen Werth beſaßen, weil ſie bemerkt hatte, daß Helmer dieſelben geſchmackvoll gefunden hatte. Ihr Brautkleid, welches Hortenſe nähte, beſtand nur aus weißem Linon. Aber nicht allein mit der Kleidung nahm ſie Refor⸗ men vor. Auch ihre Gewohnheiten wurden verändert. Sie ſtand früh auf, um mit der Hausfrau die Milchkammer zu beſuchen und dort zu lernen, wie man die Milch be⸗ handelt, den Rahm von derſelben ſchöpft und Butter bereitet. Von der Milchkammer ging ſte in den Webe⸗ ſaal, wo ſie die ganze Kunſtſchule, einfachere Gewebe aufzuſpannen, durchmachte, und wenigſtens ſo viel lernte, daß ſie ſehen konnte, ob das Gemachte recht war oder nicht. Später am Vormittage kam die Reihe an die Kuͤche, und dort nahm ſie unter der Leitung der Haus⸗ hälterin ihre meiſten Lectionen; als jedoch die Hofräthin eines Tages ein Wort fallen ließ, daß die Art der Speiſe⸗ bereitung, welche für den herrſchaftlichen Tiſch auf Dagby üblich wären, für einen Pächtertiſch nicht paſſend ſein möchte, ſo war Edith weit entfernt, ſich darüber belei⸗ digt zu fühlen, ſondern gab vielmehr Acht auf den Wink, *) In dem ſüdlichen Theil von Weſtergöthland, in der Ge⸗ gend der Stadt Boras, werden viele einfache baum⸗ wollene Zeuge gewebt, mit denen die Leute einen Hauſir⸗ handel durch ganz Schweden treiben. — Anm. d. Ueberſ. 8. —j———, 124 Als aber die Statthal Bohnen und Rüben kochen lernen wollte, ſich jedoch da⸗ bei verbrannte, erſchrocken hineilte, um Salz zu holen, damit die feine Hand des gnädigen Fräuleins keine Blaſen bekommen möchte— da fühlte ſie ſich wohl ein wenig entmuthigt, und als ſte ſich hernach in jener häuslich babyloniſchen Verwirrung von Plunder und Arbeit, dieſen materiellen Beweiſen genen Gewohnheiten des ſimplen La 2 da bekam ſie ein ſtarkes Herzklopfen. Und ſo ereignete es ſich denn, daß eine Thräne auf die Brandwunde fiel, wobei die Statthalterin ſagte:„Ja, ja, ich dachte meiner Seel', daß es tüchtig weh thun müßte!“ er wäre jetzt in Ordnung, er hätte ſeine Papiere an den Probſt geſchickt und das Aufgebot ſollte in der Mitte des September Statt finden... da ſtieg die Freude bis in die Wolken hinauf, und an dieſem Tage kochte ſie, zum unbeſchreiblichen Erſtaunen der Statthalterin, nicht allein Lungenmus und Bohnen, ohne ſich zu verbrennen, ie half auch der mit vielen Geſchäften über⸗ tter beim Brodbacken, Vorſchneiden und Allem meinte Edith einen unbeſchreib⸗ on Wirthſchaftskenntniſſen zu beſitzen. — 4 aber war er da, dieſer wichtige Tag, an wel chem Edith das Haus verlaſſen ſollt e, in welchem ſie unter ganz anderen Ausſichten, als diejenigen waren, denen 4 i den war Je näher der wichtige Augenblick kam, deſto angſt⸗ voller dachte ſie an ihre verlaſſene Einſamkeit. Häͤtte e jetzt entgegen ging, geboren und erzogen wor⸗ — 125 ſie zu ihrer Aufrechthaltung nur ihren alten Onkel gehabt, ſo wäre Alles gut und ſicher geweſen; doch in ihrer un⸗ beſchreiblichen Zärtlichkeit gegen ihn hatte ſie auf ſein ſanftes Herz nicht die ſchwere Qual werfen wollen, ver⸗ mittelnd zwiſchen Mutter und Tochter zu treten, beſonders da ſicherlich kein Mittler im Stande ſein würde, den Beſchluß ihrer Mutter zu ändern. „Nein,“ ſagte ſie oft zu ſich ſelbſt,„er wird in dieſem meinem Schweigen zwei Gründe ſehen, die ihn in gleichem Grade freuen werden. Erſtlich, daß ich den Muth hatte, lieber allein zu leiden, als ihm den Schmerz zuzufügen, mit mir leiden zu müſſen, ohne mir helfen zu können; zweitens, daß ich, da ich in meinen Pflichten als Tochter ſehr gefehlt habe, mich nun auch ſo ergeben in die Strafe fuͤge, daß ich es nicht einmal verſuchen will, ſie von mir abzuwenden.“ Die Hofräthin hatte zwar ſelbſt einen langen erklä⸗ renden Brief an den Onkel geſchrieben, doch ſo ſpät, daß er ihn auf ſeiner Wanderung durch Norrland nicht frü⸗ her erreichen konnte, als da es unmöglich war, Dagby früher zu erreichen, als wenn Alles vorbei war. Die Hofräthin wußte ſehr wohl, daß Onkel Janne nimmer⸗ mehr, nicht einmal wenn er mit ihr im Namen des ſeligen Franz redete, ſie dahin bringen würde, nur einen Zoll breit von dem Wege abzuweichen, den ſie für ihre Handlungsweiſe beſtimmt hatte: dagegen war ihr ſchreck⸗ lich bange vor den ſanften Predigten des Onkels, vor ſeinen Bitten und vor ſeiner Berufung auf Alles im Himmel und auf Erden... vor allen Dingen geſiel ihr der Schein von Würde und Nachgiebigkeit nicht, den die Anweſenheit des Onkels dieſer Trauung leihen würde, welcher ſie allen ſolchen Schein rauben wollte, damit Edith recht klar die Folgen fühlen möchte, ſich auf dieſe Weiſe, welche ſie gewählt hatte, zu verheirathen. Nicht ein einziges milderndes Gefühl redete jetzt im der Bruſt der Hofräthin. Von Natur ſtolz, herrſch⸗ ſüchtig, eiferſüchtig auf ihre Macht und in ihren Be⸗ ſchlüſſen unerſchütterlich beſtimmt, würde ein halbes 126 Rittmeiſter und Octavie, bewahrt, welche die Kunſt gründlich verſtanden, die Bitterkeit, ganz unmerklich zu auch alle Hoffnung aus— die Hofräthin hatte noch in dem letzten Augenblick auf Edith's Rückkehr die ſtolze Mutter auch tief. In ihr zwar keine Veränderung, doch in der Na entſcheidenden Wendepunkte in dem Leben ochter— in ihrem eigenen Leben— kam kein Schlaf in ihre Augen; und Mamſell Octavie flüſterte dem Ritt⸗ meiſter die Nachricht zu, als ſie früh am Morgen hin⸗ eingekommen wäre, ſo hätten die Aug ochzeit gefeiert werden. Srich derobe ihr Piano, ihr Bücherſchrank und ihr Lehnſtuhl — lauter Geburtstagsgeſchenke ihres Vaters— waren ſchon vorher nach dem Pfarrhofe geſchafft worden. Von allen unendlich koſtbareren Dingen, ihrer Mutter erhalten hatte, nahm ſie nichts; denn dieſes gehörte zu der Toilette und dem Staate, welchem ſte jetzt entſagte. 127 ſtern, ſo hätte man glauben können, man wäre bei einem Begräbniſſe. Zwanzigmal wollte Edith ſich zu den Füßen ihrer Mutter werfen, aber eben ſo oft wurde ſie zurückgehal⸗ ten, wenn der Blick der Mutter dem ihrigen mit eis⸗ kalter Ruhe begegnete. Der Rittmeiſter hatte für heute ein anſtändiges und gedankenvolles Stillſchweigen an⸗ genommen, um ſeine wirklichen Gefühle zu verbergen. Olga zwang einige Thränen hervor, welche Octavie mit der Miene einer mütterlichen Zärtlichkeit abwiſchte. Aber Octavie's eigene Thränen, die glühenden Thränen der Eiferſucht, blieben zurück hinter den Augenlidern, zvelche ſie jedoch roth gebrannt hatten, wie geglühtes iſen. Ergriffen von einer zunehmenden, einer ſchrecklichen Angſt, welche Niemand zu ſtillen verſuchte, und ſchau: dernd vor dieſem Augenblicke, der bald nicht länger hinausgeſchoben werden konnte— der Zeiger nahte ſchon der verhängnißvollen Sieben— konnte Cdith ihre kleinen Geſchäfte nicht länger ausdehnen. Sie war fertig. Sie nahm den Shawl, kein Menſch gab Achtung darauf... die Handſchuhe.. es ſchwindelte vor ihren Augen... den Hut... das Schnupftuch. Kein Menſch rührte ſich von der Stelle, Keiner, Keiner redete; Alles todt und ſtill. „Mein Gott ſollte ſie denn begraben werden?“ Sie warf Alles hin, was ſte genommen hatte, ſtürzte heftig zu den Füßen ihrer Mutter, ſchlang die Arme um ihre Kniee und beſchwor ſte um ein Wort, um einen Blick der Liebe.„O laß mich... laß mich nicht ohne Segen von hier gehen!“ ſtammelte ſie. „Ich kann nicht ſcheinheilig ſein,“ war die feſte Antwort:„was nützen Dir die äußerlich ausgeſprochenen Worte, wenn das Herz keinen Theil daran hat? Hätte Deine Mutter dieſe Verbindung geſegnet, ſo gingeſt Du nicht auf dieſe Weiſe von ihr.“ „O Gott, er barme Dich über mich!“ jammerte Edith in immer gewaltſamerem Schmerz. Meine Mut⸗ ter, meine Mutter!... Du verfluchſt mich doch wenig⸗„n ſtens nicht?“ todtenblaß, ihre Hände kalt wie Marmor. Es braucht keine Bedienung gerufen zu werden. Und, das iſt wahr“— die Hofraͤthin zog ſchnell Etwas aus der Taſche—„um Weihnachten pflegſt Du immer Dein Nadelgeld für das ganze Jahr zu erhalten— ſieh hier die gewöhnlichen tauſend Reichsthaler!“ mit einigermaßen feſter Stimme;„da ich ohne Segen, mit einem von Qual halbgebrochenen Herzen gehen muß, ſo kann ich auch kein Geld nehmen. O, hätte ich lie⸗ ber eine einzige Thräne erhalten, welches ſchöne An⸗ denken hätte da nicht die lange, finſtere Nacht verkürzt, die mir bevorſteht!“ 128 „Nein, ich glaube, das gehört nur dem Roman bl und Melodram an. Ich wünſche Dir nichts Böſes. Ich wünſche Dir nicht die Reue, die Du beſtimmt empfinden wirſt. Ich habe Deinen Ungehorſam auf d ſch meine Art beſtraft, und nun wollen wir dieſen Auftrit ſte nicht unnöthig verlängern... H habt, Edith's Droſchke zu beſtellen?“ at Abbé die Güte ge⸗ de „Ich brauche doch wohl nicht zu fahren, liebe Mutter? al Laß mich lieber zu Fuße gehen— das paßt mir am beſten!“ ſi „Nein, aus meinem Hauſe ſoll Fräulein Sternfelt b nicht zu Fuße gehen, da ſie dieſes verläßt— überdieß k gehört die Droſchke Dir.“ ſi Mit unerträglichen Qualen kämpfend, lag Edith, S obgleich tief gekränkt von der unnatürlichen Bitterkeit den Mutter, noch zu ihren Füßen, als der Rittmeiſter einttat und mit einem keinesweges erkünſtelten Zittern der Stimme ſagte: „Der Wagen des Frälleins iſt vorgefahren!“ Edith erhob ſich langſam. Ihre Wangen waren „Olga! reiche Deine Schweſter Hut und Mantel! „Nein, Mutter!“ ſagte Edith demüthig, aber doch. „Wenn,“ ſagte die Hofräthin leiſe und langſam, 129 als wollte ſie jede Silbe wenn Du die Länge und Finſterniß dieſer Nacht fürch⸗ teſt, ſo... ſo iſt es jetzt noch nicht zu ſpät, hier zu Ohne ein Wort zu erwiedern, ſchob die Hofräthin das kleine Paquet, welches die Tochter zu berühren ver⸗ ſchmäht hatte, an den vorigen Ort zurück, gab ihr eine ſtreng ceremoniöſe Umarmung, und machte ein Zeichen, daß ſie ſich entfernen ſolle. Was ferner geſchah, das wußte Edith nicht eher, als da ſie ſich angekleidet auf der Hausflur befand. Aber hier in der Anweſenheit der Bedienung fühlte ſie, daß ein Hauch des alten Stolzes ſie von Neuem berührte. Sie ließ den Arm des Rittmeiſters, deſſen krampfhaftes Zittern ſie nicht einmal bemerkte, warf ſich in die Droſchke und rief mit kurzer, aber feſter Stimme: „Zum Pfarrhofe!“ Zwölftes Capitel. Die Trauung. die ſanfte R ſ (ESdith! was würde Ernſt ſagen, wenn er Betrübniß wüßte? Verſpricht ſie ihm etwas G „ Ich hoffe es,“ antwortete Edith leiſe: ief und bitter, wie ich jetzt, ſich betrübt, einer Mutter gekränkt zu haben, wird weni eines Gatten ehren.“ a, mit den Rechten mag es ganz Ein launenhaftes Weib. III. in Edith's Seele einprägen,— — 8 130 dooch die Liebe, Edith!— Biſt Du wohl ganz überzeugt, wenn jetzt Alles noch zurückgehen könnte, daß Du das nicht wünſchen möchteſt?“. „Ich? rief Edith mit einem ſo tiefen Ausdruck des Erſtaunens, daß die Gräfin augenblicklich beruhigt war, „nein, Roſalie, ſelbſt dann nicht, wenn ich auch noch größere Pein ausſtehen ſollte— wenn es nämlich noch größere gäbe, als ich ſchon ausgeſtanden habe. O, er, mein Ernſt, wird mir Alles erſetzen!“ „Ja, das iſt auch meine Ueberzeugung. Und, Edith, jetzt mußt Du Dich in jeder Hinſicht beruhigen! Deine Mutter hat— tief beleidigt, das geſtehe ich— doch eine ſo energiſche Strenge und Feſtigkeit in ihrem Willen gezeigt, daß Du nun den Stoß, welchen ihr Hochmuth erhalten hat, genug betrauert haben kannſt. Wäͤre es ihr Herz allein geweſen, ſo hätte ſie verziehen. Und auf jeden Fall heiratheſt Du mit ihrer Zuſtimmung und noch dazu einen Mann, dem ſie in ihrer Gerechtigkeit ſelbſt die Achtung ſchenkt, welche er verdient...“ Aber das Alles, ſo oft Edith es ſich auch wieder⸗ holte, wirkte nicht lange. Ihre tiefe Muthloſigkeit nahm eher zu, als ab, und am Abende vor dem Tage des letzten Aufgebotes, der auch ihr Hochzeitstag werden ſollte— Helmer hatte geſchrieben, daß er erſt am Mor⸗ gen eintreffen konnte— ſchlich ſie in der Dämmerung allein hinaus und ging auf den Kirchhof, wo ſie an dem Grabe des Vaters lange und warm betete. Dann, unwiderſtehlich weiter getrieben, ging ſie langſam über di Vrüche und ſo Schrit für Schritt weiter bis nach agby. 4. Es war jetzt ganz dunkel geworden. Cdith hörte nicht wie der Wind in den entlaubten 9% Zweigen klagte, fühlte nicht, daß er ihre Glieder durch⸗ kältete und mit ſeinem kalten Hauche ihre Stirn fauche efühl, tete. Sie hatte nur einen Gedanken, ein G eine Gewißheit: Sie ſtand an der Thür zu dem Hauſe einer Mut⸗ ter und wagie es nicht, hinein zu gehen. 8 132 Tone ſagte:„O, Edith, ſollte unſer Wiederſehen ein ſol⸗ ches werden?“— erſt da wurde das Centnergewicht, welches ſeit ihrer Trennung von dem Vaterhauſe auf ihrer Bruſt gelegen hatte, mit einem Male hinweggerückt. Sie ſchlang ihren Arm um ihn, der morgen ihr Gatte werden ſollte, und ſagte mit klarer und feierlicher Stimme:„Ich ſchwöre Dir, Ernſt, bei dem Grabe meines Vaters, das ich eben beſucht habe, daß die Reue ebenſo weit von meiner Seele entfernt iſt, als ein ſchlechter Gedanke von der Deinigen! Ich bin betäubt geweſen von den Qualen, welche der eiskalte Abſchied meiner Mutter in mir zurückgelaſſen hat, von den kleineren Stichen will ich gar nichts ſagen, aber nicht eine einzige Seeunde lang habe ich dieſe Pein vertauſchen wollen— denn der Tauſch hätte mir Dich gekoſtet, und Du biſt mir mehr als Alles. Geliebter, theurer Ernſt, ſieh mich an, ſieh Deine Braut, Deine Gattin an!... Du weißt, ſie kann Dir nichts Anderes als Wahrheit ſagen, und Du weißt, daß Du mir glauben kannſt; denn nicht einmal in dieſer Zeit der Prüfung bin ich ohne Ver⸗ ſuchung geweſen.“ „Aber das war vor dem Aufgebot!“ „O, Ernſt, willſt Du mich durch einen ſo unge⸗ rechten Zweifel erniedrigen! Was forderſt, was begehrſt Du? Du haſt mich weinend an dem dunklen Abende vor der Thür der Heimath meiner Kindheit gefunden. Aber einſt ſagteſt Du, Du würdeſt ſchaudern, wenn meine Liebe ſo unbedacht wäre, daß ſie mir das Gefühl der Reue raubte, welches ich meiner Mutter ſchuldig bin. Ich habe ihr das Opfer meiner Thränen, meines Her⸗ zens, das ſich noch immer nach dem ihrigen ſehnt, ge⸗ Peben; ſie hat es verſchmäht, und ich... ich fliehe zu ir. Du biſt meine Welt: wenn Du mich an Deine nuifte legſt ſo werden mir die Thore des Himmels geöffnet!“ „So geh denn ein in Deinen Himmel, Du lieb⸗ liche Schmeichlerin!“ ſagte er, indem er ſie zärtlich und 1s„Die ſer Hafen ſteht Dir feſt in ſeine Arme ſch 133 wenigſtens immer offen. Und nun, ſchnell hinweg von hier, und hinweg mit allen traurigen Gedanken!. Ich habe der Braut meines Herzens tauſend Dinge zu ſagen. Sieh dort den glänzenden Stern, der über das Gewölk hervorblickt, er iſt ein Bild von unſerer Zu⸗ kunft— glaubſt Du das nicht?“ „Ja, ebenſo gewiß glaube ich, was Du an dem Stern ſiehſt, als ich an das glaube, was in mir vor⸗ geht. An dieſem Abend kam ich mir ſo einſam, ſo ganz verlaſſen vor; ich hatte ein Bedürfniß, mit einem Male allen Schmerz auszugießen, der mir übrig war, um morgen, da Du kommen wollteſt, zu einem neuen Le⸗ ben zu erwachen. Aber ich ſehe Dich heute Abend, und das neue Daſein hat ſchon begonnen. O, wie ſegne ich Dich, daß Du gerade jetzt kamſt, in dieſem Augen⸗ blicke, da ich Deiner ſo ſehr bedurfte!“ „Glaubſt Du nicht, daß ich in meiner Seele dieſes ahnte? Und nun, meine CEdith, kann ich Dir auch die ſchreckliche Angſt geſtehen, in welcher ich dieſe drei Monate verlebt habe. Ich habe die Unruhe und den Sturm in meinen Gefühlen nicht aus den Briefen hervorblicken laſſen wollen, die Du erhalten haſt— ich bin ſo ſelbſt⸗ ſüchtig geweſen oder ſo edel(ich weiß ſelbſt nicht, welches von beiden), daß ich dieſe Zeichen meiner Schwäche auf Dich nicht wollte einwirken laſſen. Aber ich habe die Macht der Furcht in einem ſolchen Grade erfahren, daß, wenn Du Deinem Gelübde ungetreu geworden wäreſt, wenn die Vergleichungen, die Du zu machen Gelegenheit hatteſt, Dich zu einem Abfall von Deiner Liebe gelockt hätten, ich einen Stoß erhalten haben würde, nach welchem ich nie wieder geworden wäre, was ich geweſen bin, und nie— das verſichere ich heilig— nie wäre aus einer Verbindung zwiſchen uns etwas geworden, ſelbſt wenn Du Dich zu Bitten erniedrigt, und die Einwilligung Deiner Mutter und ganz Dagby mitgebracht hätteſt!“ 8 „Ach, Ernſt! dieſe Erklärung macht mich glücklich und ſtolz— ſie erſetzt millionenmal das Verfloſſene 0 134 denn wiſſe: meine ſchrecklichſte Qual ſind die Zweifel über die Stärke Deiner Liebe geweſen, welche meine Mutter mir in die Seele geworfen hat. Doch da habe ich zu mir ſelbſt geſagt: er liebt mich höher, als er gezeigt hat!“. „Und Du haſt Recht gehabt!“ antwortete er mit leiſer Stimme.„Späterhin kann ich es Dir anvertrauen, wie die Leidenſchaft mit der Vernunft ſich um die Herr⸗ ſchaft über meine Gefühle geſtritten haben.“ „Ich bin zufrieden,“ liſpelte Edith tief erröthend, „und wenn ich auch einen Schmerzensſeufzer nicht zu⸗ rückhalten kann, ſo gilt er doch nur meinem theuren, lieben Onkel Janne. O, Ernſt, ich bin wirklich ſo ſchwach geweſen, meinen Edelmuth zu bereuen... Doch ich habe Unrecht gehabt... denn nun erfährt er nichts von meiner Unruhe, als wenn ſie in Frieden und Ruhe übergegangen iſt.“ Unter dieſen vertraulichen Ergüſſen ihrer Herzen kehrten ſie in den Pfarrhof zurück. So klar jemals eine herbſtliche Sonne aufging, ſtrahlte ſie auf den Tag, welcher die Myrthenkrone auf Edith's ſchönen Locken erblicken ſollte,. Gleich nach der Rückkehr des Probſtes aus der Kirche ſollte die Trauung vor ſich gehen, und gleich nach dem Mittageſſen wollte das junge Paar abreiſen. Hel⸗ mer hatte auf der Herreiſe ſchon Pferde beſtellt, und ihre Wirthsleute waren allzu delicat, um unter den ob⸗ waltenden Verhältniſſen ſie überreden zu wollen, bis zum folgenden Tage zu bleiben. 3 Hortenſe und die Gräfin Roſalie hatten ſich Beide früh Morgens eingefunden, um Edith bei ihrer letzten Toilette als Mädchen zu bedienen. Als ſie jedoch eben mit ihrer Arbeit anfangen wollten— Edith hatte große Eile, um in Ordnung zu kommen, damit ſie um ſo eher ihren Ernſt wieder ſehen könnte— kam die Probſtin 13⁵ ſelbſt und gab Edith ein Käſtchen, welchts von Dagbi gekommen war. Dieſes Käſtchen, welches Edith mit ahnendem Zit⸗ tern öffnete, enthielt die Juwelen, welche ſie für die An⸗ lage ihrer Mädchenſchule verkauft hatte. Obenauf lag ein Papier, das nur folgende Worte enthielt: „Da ich auf Dein Verlangen die Anſtalt über⸗ nehme, welche Du gegründet haſt, ſo iſt mein Wunſch, daß ich auch die Mittel dazu hergegeben habe.“ „Und das iſt Alles.. Alkes!“ ſagte Edith, in⸗ dem eine große Thräne auf die blitzenden Diamanten herabſiel. Dann aber erhob ſie das Haupt, und ihr ganzes Weſen nahm eine ſo hohe und reine Würde an, daß ihre Freundinnen ſie mit Bewunderung betrachteten. Sie lächelte.„Laßt uns nun beginnen! Ich bedarf keiner Diamanten, da ich dieſe Blumen habe, welche mein Bräutigam mir geſchickt hat— ich ſehe es der rubinrothen Farbe dieſer Roſe an, daß ſeine Lippen ſie geweiht haben“......... Muth So redete Edith und tapfer behielt ſie ihren Muth bis zu dem wichtigen Augenblicke, da die Gräfin ihr an der Mutter Stelle die Krone auf das Haupt drückte; aber jetzt fuhr ein Zittern durch ihr Herz, und als ſie endlich ganz fertig war, als Hortenſe den Blumenſtrauß und den Brautſchleier feſtgemacht, Roſalie ihr die weißen Handſchuhe gereicht hatte, da fuhr ein Zittern, noch hef⸗ tiger und ſtärker als das erſte, ihr durch jeden Nerv. Das Geſicht— auf deſſen durchſichtigem Liliengrunde eben noch ein Blut ſpielte, ſo warm, als wäre es unter der heißen Sonne von Andaluſten genährt worden— wurde plöͤtzlich ebenſo weiß, wie das luftige Gewebe, welches ihre junoniſche Geſtalt umſchloß. Es klopfte an die Thür. „Iſt die Braut in Ordnung?“ fragte die Stimme des Bräutigams, und man hörte, daß auch dieſe Stimme zitterte, aber vor Freude und Ungeduld. Edith wollte verſuchen zu antworten, doch in athem⸗ —— —— — 3 — — loſem Beben, daß ihr Ton dieſen heftigen Anfall von Angſt verrathen könnte, der Angſt, ohne Segen in den Brautſtuhl gehen zu müſſen, konnte ſie kein Wort hhrdarhringen. Doch die Gräfin Roſalie antwortete erzend: 3,Cs iſt eine alte Sitte, daß die Braut nicht reden darf, während ihr die Krone aufgeſetzt wird... Gehen Sie, Ungeduldiger, und kommen Sie nicht eher wieder an die Thür unſeres geheiligten Tempels, als da wir, die Prieſterinnen in ihm, ſelbſt öffnen!“ „Da iſt wohl kein anderer Rath, als ſich zu fügen!“ Und der Bräutigam verſchwand. „Wie froh er iſt!“ ſagte Hortenſe, indem ſie einen leichten Seufzer unterdrückte. „Ach ja,“ fiel Roſalie ein,„ich redete bei meiner Ankunft mit ihm, und weißt Du, Edith, er ſah mir gerade ſo aus, als hätte er heute Morgen ſchon eine Reiſe in den Himmel gemacht.“ „O, Du Spottvogel!“— das Blut begann in Edith's Wangen zuruͤckzukommen—„er ſah alſo ſehr glücklich aus?“ „Ebenſo glücklich als ſchön... ja, Du haſt ihn noch niemals ſo ſchön geſehen... Doch, nicht wahr, ortenſe? wir haben auch Ehre von der Braut? wir? Der Bräutigam wird ſeine Blicke kaum von ihr hin⸗ wegwenden können!“ Edith's Wange wurde immer röther. Jetzt trat ſie mit ihren Brautdienerinnen der Thür näher. „Wißt Ihr,“ ſagte ſie, als dieſe die Thür eben öffnen wollten,„wißt Ihr, was mich ſo niederdrückte? Es war der bittere Gedanke, daß keine Vaterhand mich führt...“ Und nun wurde es wieder ebenſo ſchlimm: dieſen Schmerz konnte keine Beherrſchung überwinden. „Es wird nicht eher beſſer, als bis erſt Alles vor⸗ über iſt!“ ſagte Hortenſe, indem ſie einen raſchen Druck auf das Schloß wagte— die Thür wich und zeigte den Hochzeitſaal mit der Brautmatte und den Tabouretten. Es wurde dunkel vor Edith's Blicken und ſie war f 1 7 5 4 137— nahe daran, die Beſinnung zu verlieren, als ein kurzes bekanntes Huſten ganz in ihrer Nähe von Neuem ihre Augenlider öffnete, welche ſich ſchon über ihre ſchönen, feuchten Augen geſchloſſen hatten. Ein durchdringender Freudenſchrei flog über ihre Lippen.. ſie ſtürzte dem Onkel Janne in die Arme. Edith brauchte nicht ohne Segen in den Brautſtuhl zu gehen. Mehrere Secunden vernahm man nur die heftigen Athemzüge und die ſeligen Seufzer aus der Bruſt Edith's und des Greiſes. Nun aber begann der Onkel mit kurzen Unterbrechungen, die von der Stärke und der Tiefe ſeiner Rührung zeugten, einige Töne der alten freundlichen Stimme hören zu laſſen: „Siehſt Du, meine Du, hier haſt Du nun den Alten!... Nein, nein! es wurde nichts aus der Berech⸗ nung, daß der Tochter des ſeligen Franz an dieſem ge⸗ ſegneten Morgen der Segen fehlen ſollte! Ich komme, Kind, mit Deines Vaters und meinem eigenen Segen... und ſiehſt Du, meine Du, auf die Art gibt es dennoch Segen vollauf, wenn wir den des Probſtes und der Freunde hinzulegen!“ „Aber wie, wie,“ ſtotterte Edith,„wie konnteſt Du wiſſen, Onkel... herkommen?“ 3 „Frage ihn dort!“ Der Onkel deutete auf Ernſt, deſſen Antlitz bei dem Glücke, welches er ſeiner Edith bereitet hatte, vor Freu⸗ den ſtrahlte. Ol warſt Du es— Du?... das hätte ich wiſſen müſſen!“ Mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck ſtreckte ſie die Hand nach dem Bräutigam aus: ga wohl, verſteht ſich! Eigentlich hätteſt Du ihn aber nicht eher ſehen ſollen, als da der Probſt mit der Agende in der Hand bereit ſtand. Doch einerlei! dieſe Hochzeit iſt eine außergewöhnliche; und ſiehſt Du, Kind, wenn Ihr beide abgereist ſeid, dann gehe ich hinauf, und dann will ich der Schwägerin den Tert leſen, damit der ſelige Franz im Himmel zufrieden iſt; denn 138 hier bin ich an ſeiner Stelle... Nun, nun, meine Dul ſiehſt Du: eigentlich war es immer ein garſtiger Poſſen, den Du ihr ſpielteſt; aber Raiſon und Maß in Allem! Als ſie ihre Zuſtimmung gab, ſo hätte ſie dieſe auch als Mutter geben ſollen und... ja, ja, wenn ich ein wenig hitzig bin, ſo darfſt Du nicht auf dieſelbe Weiſe rechnen. Wir wollen nachſichtig ſein, immer nach⸗ ſichtig, Kind!... Und nicht einen Stüber bettle ich von ihren Reichthümern; denn dieſer Paragraph, wenn er ein wenig moderirt wird, war nicht ſo dumm... nein, das war er nicht... Und es ſoll eine wahrhaft himmliſche Wonne ſein, zu ſehen, wie glücklich Du ohne allen dieſen Plunder ſein kannſt, der doch nur dummes Zeug iſt, meine Du, und dem Menſchen nur Mühe und Beſchwerde macht.“ Während der Alte auf dieſe Weiſe argumentirte, hinzulegte und wieder wegnahm, um— während ſein Herz ſich gegen die Frau Schwägerin Luft machte— dennoch in den Augen der Tochter ihre mütterliche Würde wo möglich aufrecht zu erhalten, verſchwand die Zeit ſchnell... und jetzt hörte man die Schritte des Probſtes auf der Hausflur knarren. Bei dieſen für Edith ſchon bekannten Lauten, be⸗ trachtete Helmer ſie mit einem tief forſchenden Blicke. Ihre Augen antworteten den ſeinigen, und eine Ruhe on himmliſcher Lieblichkeit ſenkte ſich herab auf ſeine eele. „Aber ſo bald wieder zu ſcheiden, geliebter Onkel!“ flüſterte ſie dem Alten in's Ohr... O, komm mit uns nach unſerer Heimath!“ „Ja, das wäre mir das Rechte, meine Du! Nein, die Neuvermählten ſollen, um recht mit einander zu Hauſe zu ſein, allein gelaſſen werden. Auch gebe ich Dich jetzt, Gott ſei Lob und Dank, in die Hände, welche ich Dir ſchon längſt gewünſcht habe. Wenn ich aber hier und dann zu Hauſe meine Geſchäfte aus⸗ gerichtet habe, ſo komme ich, wenn Gott mir Leben — Vͤ——— — — 139 und Geſundheit verleiht, zu Euch und verlebe das Weih⸗ nachtsfeſt in Eurer Geſellſchaft.“ Was konnte Edith mehr begehren? Der Probſt, der Adjunct, Graf Patrik und Major H.— Hortenſeis Gatte— traten nach einander herein, und da jetzt alle Zeugen, welche bei der Ceremonie zu⸗ gegen ſein ſollten, verſammelt waren, gab der Probſt einen Wink. Der Onkel Janne ergriff die Hand der Braut, Graf Patrik die des Bräutigams... und innerhalb des kurzen Zeitraumes einer halben Stunde waren dieſe beiden Weſen, deren Herzen ſich ſehnten, an einander zu ſchla⸗ gen, für die Ewigkeit vereinigt. Als Helmer ſeiner Geliebten den Ring an den Finger ſteckte*), lag etwas Höheres als irdiſche Gluth in ſeinen Augen: dort ſtand ein treufeſtes Gelübde, ein heiliges und theures Gelübde, des Schatzes zu warten, welchen er entgegennahm. Edith vergoß Thränen; aber ſie waren nur ſelige Zeichen ihrer uͤberſchwellenden Rührung. Onkel Janne weinte wie ein Kind; und Primus, der hinter dem Schutze des breiten Rockſchooßes des Adjuncts in das Zimmer *) In Schweden bringt bei der Trauung(nachdem die Ver⸗ lobten längſt die Verlobungsringe gewechſelt haben) der Baäutigam einen Ring mit, welchen er und die Braut halten, während er ſagt:„Ich N. N., nehme Dich N. N. zu meiner Ehegattin, Dich zu lieben in Noth und Luſt, unr zu einem Wahrzeichen gebe ich Dir dieſen Ring,“— worauf ſie antwortet:„Ich N. N. nehme Dich N. N. zu meinem Ehegatten, Dich zu lieben in Noth und Luſt, und zu einem Wahrzeichen nehme ich dieſen Ring an.“ Darauf ſteckt der Bräutigam ihr den⸗ ſelben an den Ringfinger der linken Hand, während der Paſtor ſagt:„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes, Amen!“ Anm. d. Ueb rſ. ——— * 140 gekrochen war, weinte ebenfalls, weil er daran dachte, wie ſchön es doch ſein müßte, wenn man Bräutigam iſt. Die Mahlzeit— zur Hälfte Frühſtück, zur Hälfte Mittageſſen— ging in aller Eile: Geſundheiten, Reden, Umarmungen, Segnungen, und zuletzt, nachdem die Braut ihren Brautputz gegen die Reiſekleider umgetauſcht hatte, der Wagen, an deſſen Fußtritt der Onkel Janne der Allerletzte war. 5 Dreizehntes Capitel. Der Hochzeitabend. Stundenlang war es durch Wälder und Thäler, über Berge und Ebenen dahin gegangen, ohne daß das Brautpaar viel davon wußte, daß Pferde ausgeſpannt und Pferde eingeſpannt wurden. Helmer's Kutſcher hatte ſowohl in Rückſicht auf das Skjutsgeld, als auch das Trinkgeld ſeine Befehle erhalten, und ſo hatten ſie, welche in dem einfachen, aber dabei bequemen und zier⸗ lichen Wagen ſaßen, nichts anders zu thun, als— was ſie auch thaten— zu vergeſſen, daß es etwas dergleichen, wie Zeit, Wagen und Wege gab. Schon war der Mond aufgegangen, und beluſtigte ſich eben damit, durch die Oeffnungen in dem großen Fichtenwalde Guckaus zu ſpielen, als Edith, welche ſich zuerſt aus der Bezauberung des berauſchten Schweigens ihrer Gefühle losriß, endlich anfing, ſich zu wundern, wo ſie wohl ſein könnten, wie weit ſie gereist wären und mehr dergleichen.— „Ja, wer hat darauf Acht geben können!“ ant⸗ wortete Ernſt fröhlich;„und genau genommen ſehe ich auch gar nicht ein, wozu wir das eher zu wiſſen brauchen, als wenn wir heute Abend ſtill halten.“ Nacht hindurch reiſen?“ 4 —— „Still halten?— wollen wir denn nicht die ganze .“ 141 „Wie ſagſt Du?... die ganze Nacht reiſen?“ „Ja, gewiß iſt das tauſend Mal beſſer, als Gaſt⸗ freundſchaft zu ſuchen in einem dieſer abſcheulichen Neſter, kalt, ſchwarz, ängſtlich...“ 1 „Beruhige Dich, meine ſchöne Herrſcherin! Ehe Du es Dir verſiehſt, kommt vielleicht eine freundliche Fee und benachrichtigt uns, daß Alles bereit iſt— mich ſollte es nicht im Mindeſten Wunder nehmen, wenn es ſo geſchähe mit einem romantiſchen Paare, wie wir ſind.“ „O, wie eitel!... die Feen, dieſe guten Kinderchen, haben ſchon längſt Menſche und Romane verlaſſen. Schmeichle Dir nur nicht damit! daß es einſt von uns heißen wird: Edith und Ernſt, oder die Feerei der Kunſt und der Natur,“ wie Madame de Genlis ihren Roman nannte, mit dem Unterſchiede verſteht ſich, daß es anſtatt Edith und Ernſt heißt: Alfons und Dalinda.“ „Und ich ſage Dir, Du kleine Zweiflerin, ein ſo bewundernswürdiges Genie, wie Madame de Genlis würde ihrem Buche nimmermehr einen ſo ſinnreichen Titel gegeben haben, wenn ſie nicht mit dem vorher⸗ ſehendem Blick, welcher dem Genie ei enthümlich iſt, geſehen hätte, daß er einem künftigen Paare ein Erbe werden könnte. Die Feerei der Kunß. und der 4 Natur— der bloße Laut kann ja einen Menſchen be⸗ zaubern!“ .„Aber, Ernſt, was bedeutet das? Gibt es denn wirklich Feen im Walde?“ rief Edith plötzlich froh und erſtaunt aus...„Sieh, welch ein Lichtſchein— oder habe ich nur Viſionen?“ „Ich ſehe gar nichts!“ erklärte Helmer, indem er das Fenſter aufzog und hinausblickte. —„So? Du ſiehſt gar nichts?— ich aber ſehe und hoͤre!“ „Und was hörſt Du denn?“ „Daß der Kutſcher zu dem Skjutsbauer ſagte:„So, es iſt tüchtig gegangen; gleich ſind wir da.“ 142 „Nun, was konnte das wohl bedeuten, außer daß wir bald beimt nächſten Pferdewechſel ſind?“ A „s bedeutet ganz einfach, daß wir dreimal ſo weit gefahren ſind, als ich mir denken konnte, und daß wir gewiß bei Sonnerby ſind.“ F „Ein ſchwarzes, kaltes, ängſtliches Neſt... hu!“ „Geſchwätz! Sonnerby iſt eine Krone unter vor⸗— nehmen Stationsgaſthäuſern. Aber, Ernſt, wie in H Gottes Namen ſind wir hieher gekommen? Es iſt mir, un als wären wir erſt ganz vor Kurzem in den Wagen geſtiegen.“ „Wenn ich nach dem Monde urtheilen darf, o ei glaube ich, es geſchah dieß vor ungefähr ſieben Stunden.“ in „Sieben Stunden!.. Koönnen ſieben Stunden zu ſo hinwegfliegen?... Da iſt es abgemacht, daß die G Zeit Flügel hat.“ m „Ohne Zweifel: Gott Amor, der immer hülfreich iſt, hat wohl ſeine eigenen hergegeben... Sieh' aber T nun, Du Mißtrauiſche, wie die Feen und Madame de 1 Genlis ſich rächen!... Was ſchauſt Du dort?“ 4; Der Wagen hatte jetzt den Saum des Waldes er⸗ bl reicht, und als er um eine Krümmung des Weges ge⸗ kommen war, lag vor Edith's Blicken eine ganze Reiihe m von erleuchteten Fenſtern. Und nicht allein Fenſter 2 wmaren es. Mehrere geſchmackvolle Bogen mit grünen ſe Reiſern umwunden, zwiſchen denen hie und da eine er glänzende Herbſtblume hervorblickte, erhoben ſich über A einander, während die in phantaſtiſchen und reichen u Feſtons geordneten Lichter dieſen kleinen Orangerien, 85 die ohne Zweifel eine geübte Hand geordnet hatte, einen A ſtrahlenden Glanz verliehen. „Ernſt, Ernſt!... Nein, ich will nicht ſentimental er werden; aber gewiß biſt Du ein Engel!“ 3 „Verſteht ſich! Alle Verliebte haben in ihren Gefühlen 1 eine kleine Verwandtſchaft mit dieſen erhabenen Weſen, und da ich ſehr, außerordentlich, ja unerhört verliebt bin, ſo iſt es auch gan natürlich, daß ich auf die Art m ein vollſtändiger Doppe engel werde.“— m * eſen, liebt Art 143 „Und noch niemals biſt Du ſo geweſen wie heute Abend, ſo aufgeräumt, ſo wirklich ſeelenverwandt mit mir!“ „Ich bin auch noch nie Hochzeiter geweſen, ich habe noch nie ſagen können: dieß wird vielleicht meiner Frau Freude machen und ihr gefallen.“ Hier wurde das Geſpräch unterbrochen. Der Wagen hielt vor der glänzend erleuchteten Thür. Helmer ſprang hinaus, hob in ſeinen Armen Edith herab und trug ſie hinein, wo die ſich verbeugenden und ver⸗ neigenden Wirthsleute das Brautpaar willkommen hießen. Aber nach einigen leichten und freundlichen Grüßen eilten die Neuvermählten die Treppe hinauf und hinein in einen großen, prächtigen Saal, wo ein Tiſch für zwei Perſonen gedeckt ſtand, über deſſen ſchneeweißes Gedeck, Silber und Blumen der Schein von den illu⸗ minirten Fenſtern einen blendenden Schimmer warfen. Das war jedoch immer noch nicht Alles. An der Thür eines andern Zimmers, des Brautgemaches, ſtand mit der Schürzenecke vor den ſonſt lebhaften, jetzt ein wenig feuchten Augen ein junges Dienſtmädchen, und blickte verſtohlen auf die ſchöne, feine Dame. G „Sieh hier Deine Herrin, Barbro!“ ſagte Ernſt mit einem Tone, der aus ſeinem Herzen kam, denn Barbro war ja ſo zu ſagen ein Glied zwiſchen ihm und ſeiner abgeſchiedenen Mutter...„Meine Edith,“ fuhr er zärtlich fort,„dieſes gute Mädchen wird für Dich Alles werden, was ſie für meine Mutter war; eine gute und treue Dienerin, Deine Kammerjungfer, Deine Huͤlfe, Dein häusliches Alles in Allem. Sie hat Anlagen zu Allem, was Du willſt.“ „Und ſie war mir auch das Allerwillkommenſte!“ entgegnete Edith mit einem dankbaren Blick auf ihren Galken, deſſen Feingefühl ſie jetzt immer mehr kennen ernte. Darauf reichte ſie der verlegenen Barbro ihre Hand. „Komm, liebe Barbro! wir wollen gleich Bekanntſchaft machen; und ſei überzeugt, Diejenige, welche der Mutter meines Ernſt lieb geweſen iſt, wird mir 8s guch werden!“ —— 3 144 und ehe Barbro ein einziges von allen ihren überdach⸗ ten zierlichen Worten vorgebracht hatte, war ſie mit ihrer jungen Herrin in der ſchnell verſchloſſenen Braut⸗ kunmer, wo ſie dieſer behulflich war, die Reiſekleider abzulegen. 1 „Und Du, gute Barbro, haſt dieſes nette Stübchen Peordett. fragte Edith, indem ſie hoch erröthend um i ickte. „Ja, ich habe es ſo gut gemacht, wie möglich. Ich fuhr mit dem Herrn Patron hieher. Und dieſen Hohlſaum habe ich genäht, als die ſelige Patronin noch lebte. Sie ſagte immer, er ſollte für den Herrn Ernſt zuſammengelegt werden, und ſo nahm ich ihn mit, und die Laken und Kiſſenüberzüge auch, denn ich kann mir wohl denken, daß die Gaſtwirthin keinen ſo breiten Hohlſaum hat— wenn ſie ja einen hat.“ „ Du biſt vortrefflich, Barbro!“ Und Barbro zwang Edith zu einem Geläͤchter, welches lieblich in Helmer's Ohren klang. Ihm war ſo bange geweſen, Edith würde trotz ihrer Liebe mit Schmerz empfinden, daß die Brautkammer auf einem weit von der Heimath entfernten Gaſthofe bereitet war; aber dieſes ſo herzliche Gelächter, auf welches bald ein anhaltendes und fröhliches Geplauder folgte, gab ihm die Ueberzeugung, daß Edith keinen einzigen bittern Gedanken hegte. Und ſo war es auch wirklich. Edith war jetzt nur mit der Sorge beſchäftigt, ihre Toilette zu ordnen. Und da dieſes geſchehen war, und Helmer ſchon zum dritten Male mit lauter Stimme verkündigt hatte, daß der Tiſch ſervirt wäre, ſo kam die junge Frau heraus und nahm den Arm ihres Mannes. Und welches Hochzeitmahl begann jetzt! Dieſe beiden jungen, frohen, verliebten, ſeelenvollen Aufwartung! Die Speiſen gut, die Weine das Obſt und das Confect nur von etwas ft leidend, denn es war in Barbro's —— 145 großem Korbe auf ihrem eigenen Schooße hieher gereist; aber die Neuvermählten nahmen dennoch damit fürlieb. Sie ſervirten einander gegenſeitig und lachten aus Her⸗ zensluſt über die unendliche Würde, mit welcher Barbro das Eine nach dem Andern vorſetzte, indem ſie mit einigen leitenden Worten verſtehen ließ, daß nichts da war, bei welchem ſie nicht ihre Hand mit im Spiele gehabt hätte. „Was iſt ein ſteifer, langweiliger Hochzeittiſch mit ſteifen Menſchen, Krachtorten und ſchleppenden Reden im Vergleich mit dieſer kleinen Mahlzeit, zu welcher wir recht gut die Bewohner des Olymps mit einladen könn⸗ ten!“ ſagte Helmer, indem er ſeiner Geliebten eine große rothe Birne, friſch wie ihre rubinrothen Lippen ſchalte. „Du haſt Recht, und keine Art von Hochzeit in der Welt läßt ſich vergleichen mit dieſen, die ich reiſende Hochzei⸗ ten nennen will: kein Zwang, keine Ceremonie... Nein, nicht dieſe große Birne, mein Ernſt!... Nun, ſo gib ſie denn her, Du bekommſt die Hälfte ab— o, ſie war ſehr friſch und gut.“ „Dieſes Obſt, Geliebte, iſt in unſerer neuen Hei⸗ math gewachſen, und dort liegen große Haufen und warten auf die geſchäftige Hausmutter. „Vortrefflich, welche Suppen und welche Créème will ich uns machen! Das ſind Leckereien für den Sonn⸗ tag. An den Wochentagen wollen wir ſehr ſparſam leben.“ „Keine allzu ſtrenge Diät, wenn ich bitten darf!“ ſagte Ernſt luzend.„Wir haben auch Fiſcherei und Jagd... Du weißt nicht, was für ein gewaltiger Nimrod ich bin... Nun aber genug von der Oeko⸗ nomie: jetzt kommt Barbro an die Reihe!“ Und ſo ſchnell, daß Edith kaum wußte, wie es zugegangen war, hatte Ernſt den Stuhl umgeſchwenkt, den Arm um den Leib ſeiner jungen Frau geſchlungen und mit ihr um den Hochzeittiſch gewalzt. „So, Barbro! ſetze Dich nun ohne Umſtände!“ ermahnte Ernſt, als Barbro ihre Herrſchaften angaffe ID — ſich rücklings nach dem Ofen zurückzog. icht wahr, Ein launenhaftes Weib. III. —— —————ͤͤͤ1 meine liebe Edith, jetzt warten wir Barbro auf. Sie muß nothwendig an unſre Hochzeit denken, ſo lange, daß ſie ihren Kindern davon zu erzählen weiß, ſo wie auch wir es unſern...“ „Gehorche!“ fiel Edith unterbrechend ein, und zog mit munterem Scherz die verlegene Barbro an den Tiſch. Und nun, da das endlich geſchehen war, hätte man ſehen ſollen, wie ſyſtematiſch genau Barbro das Meſſer in die eine und die Gabel in die andre Hand nahm, wie langſam und bedächtig ſie den Braten zerſchnitt! Die Brodſcheiben wurden nie ſorgfältig genug mit der Hand geſtrichen. Und wie ſie dann ſo nett Wein nip⸗ pend ſagte:„Ihr Wohlſein, Herrſchaften! glückliche Reiſe!“ und dann anfing, Confect zu eſſen, wobei ſie ſchmunzelte, die Wand, den Ofen und die Gerichte be⸗ trachtete, welche ſie überhüpft hatte, um hernach, wenn ſie erſt allein wäre, das Souper gründlicher wiederholen zu können. „Nun mag es genug ſein!“ erklärte ſie endlich, indem ſie aufſtand, betete und zwei kurze Verneigungen mit dem angenehmſten Effect machte. „Gut, Barbro!“ meinte Ernſt:„jetzt iſt die Reihe wieder an Dir, der ſchönen Herrin zu dienen.“ „Sie ſoll wohl erſt abdecken?“ ſagte Edith und gab Barbro einen Blick, der aber, wenn Barbro ihn ja verſtand, nicht im Geringſten anſchlagen wollte. Wie wuͤrde ſich das geſchickt haben, an einem Hochzeitabende zu Bette zu gehen, ohne ſich erſt recht ſatt gegeſſen zu haben? Ihre Antwort fiel daher auch ein wenig ent⸗ ſcheidend aus:— „O nein doch, es iſt das Beſte, ich helfe erſt der Frau.“ „Siehſt Du?“ fiel Ernſt mit einem ſchelmiſchen Blick auf Edith's erröthende Wangen ein.„Barbro iſt allzu gut erzogen, als daß ſie nicht wiſſen ſollte, daß alle ich ihrer Herrſcherin an die Hand zu gehen!“ ihre übrigen Pflichten der erſten nachſtehen müſſen, ———— Sie nge, wie Zog iſch. nan eſſer ihm, nitt! der nip⸗ liche ſie be⸗ venn olen 147 Vierzehntes Capitel. Die Neuvermählten unter ihrem eigenen Dache. Wie oft hatte ſich nicht Edith in Gedanken ihre neue Heimath vorgeſtellt! Helmer hatte niemals mehr geſagt, als daß er ein Gut in Smaland gepachtet hätte, und Edith hatte aus einem leicht begreiflichen Feingefühl nicht fragen und forſchen wollen, wie dieſes Gut rück⸗ ſichtlich ſeiner Lage, Bauart und Einrichtung ausſehen könnte. Inzwiſchen machte ſie ſich keine großen Hoffnungen. Die höchſte beſchränkte ſich auf ein einſtöckiges, roth ange⸗ ſtrichenes Wohnhaus mit einer kleinen, netten Idylle auf dem Dache. Wie man weiß, wachſen in Smaland die Idyllen auf dem Dache, denn dort erſetzt oft der Raſen die Stelle der Ziegel.*) Man kann alſo überzeugt ſein, daß Edith, welche, in Parentheſe geſagt, keine beſondere Vorliebe gegen ⁵) Strohdächer ſind in Schweden ſelten, beſonders in Sma⸗ land und in den nördlichen Provinzen, und werden als eine ſündhafte Verſchwendung des Viehfutters betrachtet; wo ſie ſich jedoch finden, dort gehören ſie zu dem aller⸗ erbärmlichſten Machwerk und ſind mit den deutſchen gar nicht zu vergleichen. Man deckt daher auf dem Lande die überall ganz von Holz gebauten Häuſer entweder mit Ziegeln oder auch wohl nur mit Brettern, welche letz⸗ teren man der Dauerhaftigkeit wegen erſt mit Birken⸗ rinde und dann mit Raſen bedeckt, welcher letztere dann oft luſtig emporwächst und ſogar dem Vieh eine ganz gute Weide gewähren würde, wenn nur anzukommen wäre. rothangeſtrichene Häuſer mit grünenden Dächern hatte, nicht wenig überraſcht wurde, als ſie ein perlgraues, ziemlich hohen Fenſtern zwiſchen zwei kleinen Landſeen er⸗ blickte, welche ihre Arme ſo weit vorſtreckten, daß es ausſah, als könnten ſie einander unter der Erde umarmen, auf welchem das Haus mit einem Hintergrunde von Linden und Birken lag. „Iſt es hier? iſt es wirklich hier?“ fragte Edith mit Herzklopfen. „Ja, meine theure geliebte Edith, dieß iſt das Dach, unter welchem wir unſere Liebe und unſer himmliſches Glück verbergen wollen. Das Erdgeſchoß disponiren wir. Die obere, auf gleiche Weiſe eingerichtete Wohnung iſt durch einen Paragraphen im Pachteontract dem Be⸗ ſitzer, dem Großhändler Mörnburg in*s', vorbehalten, der das Gut immer noch ſehr gerne als einen Zufluchts⸗ ort für ſich und ſeine Familie während der Sommer⸗ monate betrachten will. Herr Mörnburg ſchien mir ein gebildeter und ausgezeichnet angenehmer alter Mann zu ſein... und ich glaube kaum, daß ein ſolches Ein⸗ dringen Unannehmlichkeiten haben kann.“ Entzücken athme ich die Luft des Hauſes, unſers Hau⸗ ſes!... Ernſt, es iſt dumm, aber ich kann nicht an⸗ ders... wir Frauen haben Thränen ſowohl für unſere Freude, als auch für unſern Schmerz.. „ und auf unſern Theil iſt es gekommen, die Thrä⸗ nen hinweg zu küſſen, mit denen ihr vor uns coquettirt, um uns dahin zu bringen, wo ihr uns haben wollt.“ Gleich darauf war unſer junges Paar unter Dach — und die Runde begann.* Der Saal war ſehr einfach. Ernſt wollte ſeine Ge⸗ liebte nicht verziehen. Und er hatte auch kein Vermögen dazu; doch in Edith's Augen war Alles, von dem run⸗ m n Wanduhr mit ihrer ſtarken Stimme und ihren . zweiſtöckiges Haus mit einem gewölbten Ziegeldache und „Gewiß kann hier nichts unangenehm werden: mit den, marmorirten Speiſetiſch an bis zu der großen, alt⸗ 8 149 tie auf braunem Boden vergoldeten Ornamenten unendlich .. einladend. ind Edith hatte, ſie wußte nicht recht wie, die Vorſtel⸗ en lung, daß eines Pächters und eines Statthalters Haus ah, einigermaßen gleichbedeutend ſein müßten, und daher oft duif bei dem Gedanken an ihre künftigen Möbel Doppel⸗ gänger der blauangeſtrichenen Sproſſenſopha's der Statt⸗ halterin erblickt. Und ſo ſtark war dieſe Einbildung ith geweſen, daß ſie zu ihrer eigenen Beſchämung ſo kindiſch froh wurde, als ſie bei ihrem Eintritt in das Beſuch⸗ ach, zimmer noch einmal auf ein weiches Federſopha ſank, hes daß es ihrem Manne nicht ſehr ſchwer wurde auf ihrem 8 Geſichte die Befürchtungen zu entdecken, welche ſie gehegt„ 8⁸ hatte, ſowie die Befriedigung, welche ſie jetzt empfand, 4 da dieſelben nicht wahr geworden waren. en,„Glaube nicht, meine Edith!“ beeilte ſich Ernſt zu hts⸗ ſagen,„daß meine Vermögensumſtände mir das Ameuble⸗ dee ment, welches in dieſem Zimmer iſt, erlaubt haben würden, wenn ich's nicht von meiner Mutter geerbt hätte. Es Iu iſt das letzte Ueberbleibſel eines Lurus, in welchem ich erzogen bin. Dieſes Sopha hat aber für mich einen unvergleichlich höheren Werth, als ihm der rothe mit 8 Brocat verleiht. Meine Mutter hat unzählige Mal darauf Au geſeſſen: Alles, was hier iſt, hat ihr gehört. Dieſer an- Siſch von Nußbaumholz ſtand an eben jenem Platze ſere in dem Hauſe meiner Eltern... vor dieſer breiten „ Conſole ſah ich als Kind meine Mutter ſo oft in eben zuir. jenen chineſiſchen Vaſen, welche jetzt dort ſtehen, ihre ⸗ Ari, Blumen ordnen, und es iſt mir, als ſähe ich im Spiegel z immer noch ihr ſchönes, edles Antlitz. O Edith, geliebte ach Gattin! merkſt Du hier nicht überall ihren Geiſt? Mit Ge⸗ Gottes Hülfe wird er uns auch nie verlaſſen.“ gen Edith vermochte nicht zu reden, aber ſie nickte nur ihrem Manne zu, und ſo troſtreich war ihr Lächeln, ſo un⸗ treufeſt ihr Blick, daß er fühlte, wie die leichte Furcht, welche ſeinem Herzen genaht hatte, mit einem Male hinweggeweht war.. 5 „Ich habe kein eigenes Kabinet für er wieder in ſeiner vorigen frohen Gemüthsſtimmung, „erſtlich darum, weil ich nicht die Mittel hatte, ein ſolches b anzuordnen, und zweitens, weil ich meinte, es wäre am beſten, wenn Du keine Gelegenheit hätteſt, mir zu ent: laufen. Sieh hier unſer gemeinſames Arbeitszimmer!’ Er öffnete eine Thur des Beſuchzimmers, und jetzt fand Edith, was ſie noch eingepackt in der Bude des Probſtes glaubte, was jedoch zufolge eines Ueberein⸗ kommens zwiſchen Helmer und dem Probſt ſogleich ab⸗ geſchickt worden war, nämlich ihr Piano, ihren Bücher⸗ ſchrank, ihren Ruheſeſſel und ihren Nähtiſch, und außer⸗ dem Helmer's Arbeitstiſch und ſeine Violine auf dem 4 Piano... und an der einen Wand ein Gemälde, über welches Edith augenblicklich alles Andere vergaß. Es war nämlich ihr eigener Ernſt, gemalt zu der Zeit, da er noch Student war. Mit einer ſolchen Wohnung— zu welcher man noch das netteſte Schlafgemach, das einzige Zimmer, welches Ernſt ausſchließlich ſelbſt möblirt hatte, hinzu⸗ fügen muß; auch hier ſah man in den kleinſten Einzeln⸗ heiten Geſchmack, Schönheit und zarte Sorgfalt— konnte wohl Jeder ſich begnügen. Auch war Edith's Dankbar⸗ keit unbegrenzt, und ſie war uberzeugt, daß ſte im ihre Arbeitſamkeit, ihre Häuslichkeit, ihren Ordnungsſinn dieſe Wohnung für ihren Gatten zu einem Paradieſe machen würde, wie er dieß ſchon für ſie gethan hatte. Wir überſpringen den Tag der Ankunft, welcher bloß mit Runden bis in den Viehhof und den Stall ausgefüllt wurde.— Beſonders in der Milchkammer fühlte Edith ſich zu Hauſe, und unterhielt ſich mit dem Milchmädchen mit einer oberflächlich, aber dennoch hinreichend war, um Ernſt in Erſtaunen zu ſetzen— was Edith nur noch mehr und erklärte ihre Zufriedenheit mit der Sachkenntniß, die wohl im Ganzen nur ziemlich 1 cher Stall ſich mit tlich Ernſt nehr der 151 Ordnung, worin ſie Alles fand, zeigte aber auch zu gleicher Zeit an, daß ſie künftig dieſe Angelegenheit ſelbſt übernehmen würde. Als hernach die Rede auf die innere Oekonomie fiel, da bedauerte Ernſt, daß wegen der Größe der Land⸗ wirthſchaft der Leutetiſch gegenwärtig ſehr zahlreich be⸗ ſetzt war, tröſtete ſie aber wieder damit, daß der bevor⸗ ſtehende Winter das Perſonal vermindern würde. O, die Wirthſchaft iſt nicht größer, als daß ich ſie ſehr gut übernehmen kann!“ erwiederte Edith, ganz ſtolz über ihre bewieſenen Kenntniſſe in der Milchkammer und gänzlich vergeſſend, daß ſie bisher noch gar nichts übernommen hatte, außer den Geſchäften bei dem Herde der Statthalterin, während dieſe werthe Herrin ſelbſt dabei ſtand, fertig mit Rath und That, mit Kellen und Quirlen........... Am folgenden Morgen, dem erſten, da Edith die Ausübung ihres hausmütterlichen Berufes antreten ſollte, war ſie gleich nach Ernſt aufgeſtanden, welcher ſie ſchlafend zu verlaſſen glaubte. Um aber nicht überredet zu werden, noch länger zu liegen— denn das war ja ganz unmöglich, da ſie ſo Vieles zu beſorgen hatte— ſtellte ſie ſich, als bemerkte ſie gar nicht, wie ihr Mann ſie mit zögernden und ver⸗ götternden Blicken beobachtete, ehe er ſich hinausſchlich. Und noch weniger ſtellte ſie ſich— ſo hoch auch ihr Herz vor Entzücken ſchlug— als merkte ſie, wie er, nachdem er in ſichtbarer Furcht, ſie zu wecken, lange gezaudert hatte, zuletzt dennoch der Verſuchung nicht widerſtehen konnte, ſondern einen leichten Kuß auf ihre Wange drückte. 3 Kaum aber war er über die Hausflur, ſo flog Edith auf. Und nachdem ſie nach Barbro geklingelt hatte, pelche ihr einen Koffer mit noch unausgepackten Klei⸗ dern durchwühlen half, fand ſie endlich Alles, was ſie in ihrem neuen Stande nöthig zu haben glaubte. v ſehr mufrieden mit ſich ſelbſt. rſtlich ſteckte ſie ihre ſchöͤnen Füßchen in ein paar grobe und derbe lederne Schnürſtiefel— denn ſie konnte den kleinen Schuh und die Grütze der Statthalterin nicht vergeſſen— demnächſt kam die Reihe an ein ein⸗ faches braungeſtreiftes, baumwollenes Kleid, auf welches ein graugeblümtes kattunenes Tuch, eines von den ſechſen, die Edith ſich heimlich auf dem Markte verſchafft hatte, ſehr ehrbar mit über das Kreuz unter der Schürze gelegten Ecken befeſtigt wurde. Und dieſe Schürze von ſchwarzem Bombaſſin, weit und breit, wie das der Nämnde⸗ mannsmutter*)— CSdith hatte wirklich das Modell Und ehe eine halbe Stunde verging, ſtand ſie da, darnach genommen— war mit ſo vielen Taſchen von verſchiedenen Dimenſionen geziert, daß man deutlich ſah, dieſes merkwürdige Stück Zeug war beſtimmt, eine Copie der Weſten des Onkels Janne zu ſein. Die letzte Arbeit bei dieſer Toilette beſtand in dem Anlegen einer Art von Kopfzeug, ebenfalls aus der Fabrik der Statthal⸗ terin, welches Edith— die eine ſichtbare Schwäche hatte, der Statthalterin Alles nachzuahmen— für eine ernſt⸗ hafte Hausmutter äußerſt zweckmäßig gefunden hatte. Dieſes beſtand in einer Art von ſteifen Mütze, auch „Krähe“ genannt, von grauer Leinwand, welche mit einem großen ſchattenreichen Rande zurückgeſchlagen oder herabgelaſſen werden konnte, je nachdem die Tem⸗ peratur war. Das Beſte von Allem war aber doch der unbeſchreib⸗ liche Ernſt und die unvergleichliche Würde, mit welcher Edith ihre Arbeit begann und vollendete. „Barbro!“ ſagte ſie mit einer ſehr feierlichen Miene, indem ſie nach den Schlüſſeln griff,„ich gehe jetzt in *) Bei jedem Ting(Gericht auf dem Lande) ſind zwölf Bauern als Beiſitzer zugegen; dieſe heißen namnd, und jeder derſelben Nämndemann. Sind ſie alle einſtimmig gegen den Richter, ſo gilt ihre Meinung, ſonſt aber nicht. Anm. des Ueberſ. da, vaar unte terin ein⸗ lches den hafft ürze von nde⸗ odell von ſah, Lopie rbeit Art hal⸗ atte, rnſt⸗ atte. auch mit agen Lem⸗ reib⸗ lcher iene, zt in zwölf und mmig nicht, ſ. 153 die Milchkammer, um Kaffeeſahne abzuſchöpfen... Laß ſehen, mein Kind, daß Du hier hübſch aufräumſt! Hernach deckſt Du den Kaffeetiſch im Arbeitszimmer; doch brauchſt Du Dich nicht ſo zu beeilen, daß Du Deine Sache ſchlecht machſt, denn ich gehe auch in die Speiſe⸗ kammer und in die Küche.“ Als jedoch Edith in den Saal trat, ſo begegnete ſie ihrem Manne, der ſchon aus der Scheune zurück⸗ gekommen war, und in der Ueberzeugung, daß er ihre Häuslichkeit bewundern, und anerkennen wuͤrde, erwartete ſie, daß er in die größten Lobeserhebungen ausbrechen würde. Aber kann man ſich wohl ein ſolches Unglück denken? Ernſt fiel anſtatt deſſen in ein ſo lautes, ſo herzliches und ungezwungenes Gelächter, daß Edith er⸗ ſtaunt ihn und dann ſich ſelbſt anſah. Es verhielt ſich nämlich hiemit ſo, daß Edith jene Art der Schönheit nicht beſaß, auf welche die Romanheldinnen im Allgemeinen das ausſchließliche Privilegium haben — nämlich diejenige, welche auch noch„in einem Sacke“ Jedermann entzückt— auch beſaß ſie nicht jenen ebenſo geprieſenen Geſchmack, der den ſimpelſten Anzug zu. etwas, wo nicht Elegantem, ſo doch wenigſtens höchſt Nettem, Reizendem und dergleichen zu machen weiß. Nein, das Alles fehlte unſerer Heldin. Im Ge⸗ gentheil: ihre Schönheit war von der Art, welche ganz zum Verblenden in die Augen fällt, wenn man ſie in dem Rahmen ſieht, welcher ihr angehört, nämlich in einer ausgeſuchten Toilette, ſei es, daß dieſelbe die glän⸗ zende Pracht für den Salon bezweckt, oder die reizende Einfachheit, welche für die möglichſt geringſte Anzahl von Augen aufgeſpart wird. Aber in braungeſtreiftem weſtgöthiſchem Zeuge, mit einem ſolchen Halstuche, großen Schnuͤrſtiefeln, einer Schürze nach dem Modell der Nämndemannsmutter, und mit der vortrefflichen„Krähe“ der Statthalterin auf dem Kopfe ging die Schönheit nicht nur beinahe gänzlich verloren, ſondern ſie nahm auch einen ſo lächerlichen Charakter an, daß man Edith unmöglich ſo herausgeputzt ſehen konnte, ohne an einen Maskeradenpoſſen zu denken. Etwas dergleichen ſchwebte gewiß auch Ernſt vor, als er noch mit dem Lächeln auf den Lippen fragte: Aäber, in des Himmels Namen, was iſt das fuͤr ein „ Aufzug?“ „Aufzug?“ wiederholte Edith, ganz beleidigt, daß er ſie nicht beſſer verſtand...„Soll ich nicht an meine Geſchäfte gehen, Ernſt?“ m „Meine geliebte Edith!“ antwortete er und konnte ſich nur mit Mühe enthalten, noch einmal bei dieſer ernſthaften Antwort, die ihm Alles aufklärte, in Lachen ½ zu fallen,„für einen Beſuch in der Milchkammer brauchſt Du Dich wohl ſo nicht zu kleiden? Iſt dieß vielleicht eines von den Coſtümen, die Du Dir für Deinen neuen Stand zugelegt haſt, wie Du mir erzählteſt?“ „Ja, das iſt ſo... findeſt Du meinen Anzug nicht paſſend?“ „Und Du willſt Deinem Manne gefallen?“ „Das hoffe ich vor allen Dingen, Ernſt!“ „Wohl! willſt Du auf eine Uebereinkunft eingehen? Du behältſt dieſe Ausſteuer, wenn Du fünf Minuten vor dem Spiegel ſtehen kannſt, ohne ſelbſt zu lachen... kannſt Du das nicht, ſo gehört ſie mir; und ſtelle ich auch kein Autodafé damit an, ſo ſchenke ich ſie wenigſtens der erſten Köthnerfrau, welche auf den Hof kommt.“ Nach dieſen Worten zog Helmer ſeine Frau fröh⸗ lich mit ſich in das Beſuchzimmer. Drei volle Minuten ſtand Edith ſo unbeweglich ernſthaft vor dem Spiegel, daß Ernſt ſchon anfing, zu fürchten, er würde alle Tage gezwungen ſein, das be⸗ kannte Kopfzeug der Statthalterin auf Dagby hier auf Lärkholmen ſpuken zu ſehen; in der vierten Minute aber verzog Edith den Mund, und ehe die fünfte zu Ende war, mußte auch ſie lachen und zwar von ganzem Herzen, denn ſie ſah endlich ein, daß ſie nicht allein einen gänzlichen Mangel an Geſchmack gezeigt hatte, nen vor, gte: ein daß eine unte teſer chen ichſt eicht euen richt hen? iten auch tens röh⸗ lich zu , be⸗ auf nute zu zem Uein atte, Du aus der Scheune kommſt, gut und angenehm in 15⁵ ſondern auch dermaßen in's Extrem übergegangen war, daß ſie wirklich lächerlich wurde. Schnell warf ſie die große„Krähe“ weg, und hiebei fiel das noch nicht zuſammengebundene Haar in ſeiner ganzen Pracht und ungewöhnlichen Länge herab, und ſo— mit einem Male wieder ſchön; denn der ſchwel⸗ lende Reichthum verhüllte faſt ihre ganze Geſtalt— flog ſie in die offenen Arme ihres Mannes. „Alles geht unglücklich, was ich vornehme!“ rief ſie aus, indem ſie aus dem Lachen in halbes Weinen überging.„Denke, geliebter Ernſt: ich habe mir eine ganze Maſſe ſolcher Kleider genäht und beinahe meine ganze ehemalige Garderobe auf Dagby gelaſſen!“ „Was Du ſagſt!... O, welch ein Haar! wie ſchön und ſeidenweich!... ſo etwas Schönes habe ich in mei⸗ nem Leben nicht geſehen!— Deine ganze Garderobe auf Dagby?— Du ſcherzeſt wohl nur?“ „Nein, gewiß nicht, lieber Ernſt! Ich dachte, ich ſtellte mir vor... ich wußte ja nicht, wie eine Pächters⸗ frau ſich eigentlich kleiden ſollte! Ich verſichere Dich, daß ich es ſehr klug zu machen dachte, und daß Dir Alles ſehr gefallen würde.“ „O Du gutes, liebes Herz, Du kleines geliebtes Närrchen! Das ſieht Dir ſo ähnlich! Konnteſt Du denn aber nicht verſtehen, daß wir nicht nöthig haben bis an die Grenzen des Extrems zu gehen, wenn unſere Lage auch wirklich einfach und eingeſchränkt iſt? Und fiel es Dir denn gar nicht ein, dein Mann, welcher ge⸗ wohnt geweſen iſt, ſich von Deiner ausgeſuchten Eleganz entzücken zu laſſen, könnte bei dieſem grellen Unterſchiede ſehr leicht auf die Idee verfallen, daß Du in der Ein⸗ ſamkeit mit ihm es nicht der Mühe werth erachteſt, ſchön zu ſein?“. „Jetzt betrübſt Du mich, Ernſt— doch, verſteht ſich, Du ſcherzeſt nur!— Du weißt recht gut, daß mein ganzes Daſein nur ein Gedanke daran iſt, wie ich Dir gefallen kann... Und da ich nun ſehe, daß Du, obgleich 156 dieſem Morgenrock gekleidet biſt, ſo begreife ich es recht, wie lächerlich ich Dir vorgekommen ſein muß. Aber warte!“ fuhr ſie mit einem zurückkehrenden Lächeln fort; gich bin doch noch nicht ſo ganz ohne alle Reſſourcen. Wir werden wohl ſehen!“ „Wenigſtens,“ erwiederte Helmer,„bin ich überzeugt, daß Du den bezaubernden Anzug haſt, welchen Du in jener unglückſeligen glückſeligen Nacht trugſt!“ „Ach nein, dieſen wagte ich nicht mitzunehmen. Ich glaubte, Du haßteſt ihn!“ „Haſſen? nein; ich vergeſſe in meinem Leben nicht die kleine rothe, offene Robe von Seide auf dem weißen 4 Mouſeelinkleide... eben dieſer gefallſüchtige Anzug machte nich ganz verwirrt im Kopfe: wäre er nicht geweſen, ſo wäre ich nimmermehr über das Altangitter geſprun⸗ gen, und dann wäre auch Deine Intrigue nicht gelungen .. und wir jetzt nicht vereinigt.“ unter welcher das ſchöne, ſchnell aufgerollte Haar ver⸗ borgen wurde.„Trotz alles Deines Spottes ſoll ſie dießmal ſitzen... aber ich will mich beeilen, ſo gut ich kann, um ein wenig beſſer auszuſehen, wenn wir uns beim Kaffeetiſche wieder treffen.“ Und beim Kaffee war Edith herrlich in einem von den beabſichtigten Staatskleidern des neuen Standes, welches elegant und modern gemacht war. Am Abende aber, da Ernſt, welcher am Nachmittage einige Punkte in ſeine Bücher einzutragen gehabt hatte„in das Schlafzimmer trat, wer ſtand wohl da vor dem Spiegel? Niemand anders als ſeine Geliebte von dem Altane!“ Edith war allzu klug, um dieſen Anzug zu Hauſe vergeſſen zu können. „So! verplaudere mir jetzt die Zeit nicht länger!“ ſagte Edith, indem ſie ihre„Krähe“ wieder aufnahm, ner nicht. Glaubſt Du, ich habe nichts Anderes thun, als zu ſpielen, zu leſen und zu ſticken? Das 4 1 4 157 Fünfzehntes Capitel. Drei Monate. Keiner, der nicht Edith's unruhigen Charakter recht begriffen hat, kann ſich eine Vorſtellung machen von dem übertriebenen Fleiße, mit welchem ſie ihrer Haus⸗ haltung vorſtand. Sie liebte die Milchkammer, weil ſie eine wirkliche Begierde hatte, Sahne zu ſchöpfen und dicke Milch für Ernſt zu bereiten. Sie liebte die Speiſekammer, wo ſie zwiſchen Haufen, Tonnen, Schinken und Brodſtapeln die eilfertigſten, luftigſten Sprünge machen konnte; ſie ließ Alles wohl mehr als einmal des Tages aufräumen, denn. ſie hatte gehört, daß eine thätige Hausmutter immer⸗ während nach ihren Vorräthen ſähe. Sie liebte die Kuche, weil ſie kaum ein Vergnügen wußte, das ſich damit vergleichen ließ, Pfannkuchen zu backen, wenn nicht etwa, eine Berichtigung zu geben und zu ſagen, wie ſie es haben wollte, wie ſie gewohnt war, es zu machen und dergleichen. Und bei dem Allem war es ihre unumſtößliche Ueberzeugung, daß ſie auf die zweck⸗ mäßigſte Weiſe ihren wichtigen Beruf erfüllte. „Du ermüdeſt Dich, Edith!“ ſagte Ernſt oft,„ich verſichere Dich, das wird Dir bald alt und dann kom⸗ men Dir auch alle Deine Arbeiten trivial vor.“ „Wie Du redeſt, Ernſt! Welche Gattin und Haus⸗ mutter mit dem Gefühle von der wichtigen Pflicht, die ſie übernommen, findet wohl jemals dieſe Arbeiten trivial?“ „Wenigſtens nicht ſo angenehm. Gehorche meinem Rathe, Geliebte— Du glaubſt ja immer, daß ich ver⸗ nünftig bin— und verlaß nicht ganz Dein Piano, Deine Lectüre, Deine kleinen Stickereien... Du brauchſt es ja nicht!“ Cheurer, geliebter Ernſt! Das verſteht Ihr Man⸗ zu recht ſchön und angenehm des Abends, wenn wir zu⸗ ſammen ſind. Doch ſieh, Ernſt, meine Wirthſchaft, meine Küche, meine Leute, mein kleines Vieh mit einem Worte: dieſe ganze innere Welt, die meine Auf⸗ ſicht fordert, muß dem Vergnügen vorgehen!“ Ernſt lächelte, doch unter dem Lächeln lag eine Furcht verborgen. Er würde weit ruhiger geweſen ſein, wenn Edith einigen Widerwillen gegen dieſe Art der Häuslichkeit gezeigt hätte, welche ihr ſo neu war. Wie viel beſſer wäre es geweſen, wenn ſie ſich allmälig daran gewöhnt und ſie niemals übertrieben hätte, denn das war wirklich gar nicht nothwendig. Ueberdieß merkte Ernſt— was er aber nicht das Herz und den Muth hatte, ſeiner jungen Gattin zu ſagen— daß die Dienſtmädchen bei ihren Befehlen, die bisweilen recht luſtig waren, den Mund verzogen, und wenn ſie den Rücken gewendet hatte, einander mit aus⸗ drucksvollen Mienen anſahen. Edith hatte faſt immer das Kochbuch in der Taſche. Sie wollte es Niemand wiſſen laſſen, wie unwiſſend ſie war; denn unglücklicher Weiſe paßten hier ebenſo wenig die wenigen Gerichte von à la Daube, Paſteten und Puddingen, welche ſie der Haushälterin auf Dagby ab⸗ gelernt hatte, als das Lungenmus und die Bohnen der Statthalterin. Und wenn auch die Sypeiſen ſelbſt nach dem Kochbuche angerichtet werden konnten— Sdith mußte ſehr oft mit demſelben in die Einſamkeit der Speiſekammer fliehen, um es dort zu Rathe zu ziehen— ſo mußte doch Der Zubereitung ſelbſt eine ganze Maſſe von Dingen vorangehen, über welche ſie in einer fort⸗ währenden Finſterniß ſchwebte. So konnte ſie zum Beiſpiel um neun Uhr des Vor⸗ rittags(die Speiſeſtunde war zwiſchen eins und zwei) u der Köchin ſagen: „Heute, Stina, ſollſt Du Kabeljau mit Eierſauee machen ſollſt!“ kochen... ich will Dir ſelbſt zeigen, wie Du die Sauce zu⸗ zaft, mit Auf⸗ eine ſein, der Wie ran das das zu die und us⸗ 159 „Aber, gute Frau, wir haben ja keinen Kabeljau ins Waſſer gelegt!“ „Ins Waſſer gelegt... das wird wohl ſchnell ge⸗ than ſein... Und Du kannſt ihn ja in mehr Waſſer kochen.“ Ein andermal, an einem Sonntage, da die Frau ſpäter aufgeſtanden war und erſt nach elf Uhr in die Küche kam, hieß es: Seute Stina, wollen wir eine gebratene Gans haben... Laß mich ſehen, daß Du Deine Sache gut machſt— ich komme ſelbſt heraus und ſehe zu!“ „Aber, Herr Gott! Sie haben ja noch nichts von der Gans geſagt, liebe Frau!— Die muß doch erſt ge⸗ ſchlachtet und gepflückt werden, weiß ich, und vieles Andere, weiß ich!“ Behune was ſind das für Kleinigkeiten!... Bar⸗ bro! hilf D u mit!— Die Uhr iſt ja nicht viel über elf. 74 Jetzt aber zupfte Barbro die junge Frau leiſe am Kleid und ſagte ſo ausgezeichnet klug: „Vielleicht wäre es ebenſo gut, wenn wir die Gans auf ein andermal ſparten, und heute den Lammbraten nähmen. Ich glaube kaum, daß er ſich länger hält— auch ißt der Patron Lammbraten ſehr gerne.“ „Nun, ſo nehmen wir ihn; doch ſieh zu, Stina, daß Du ein andermal immer eine Gans gepfluͤckt haſt— man muß niemals unvorbereitet ſein, liebe Stina!“ „Meinſt Du nicht, meine Geliebte!“ ſagte eines Tages Helmer, indem er gewaltig mit dem Flügel in einem Hühnerfriecaſſee kämpfte, welches Edith ſelbſt zu⸗ bereitet hatte,„meinſt Du nicht, es würde angenehm ſein, einige von den Speiſen kennen zu lernen, welche in dem Hauſe meiner Eltern üblich waren? Ich bin überzeugt, daß Barbro ſich noch der vortrefflichen Beef⸗ — ſteakes und der delicaten Speckcotelette entſinnt, die wir Iin jeder Woche auf Torsholm hatten. Wenn Du Bar⸗ bro als Nähterin fahren laffeſ ſo glaube ich beſtimmt, — 16⁰ Du wirſt mit ihrer Kochkunſt zufrieden ſein, denn ſie iſt wirklich eine tüchtige Haushälterin.“ „Ich will Dir dieſe Beefſteakes ſelbſt braten, mein Ernſt! Barbro ſoll mir nur die Methode Deiner Mutter mittheilen. O wie ſchön und wie glücklich, daß wir gerade in dieſem Augenblick ein Kalb haben!“ „ Aber man nimmt ja Rindfleiſch zu Beefſteakes— nicht wahr, Barbro?“ „Ja, Herr Patron!“ erklärte Barbro, welche bei Tiſche aufwartete,„und wenn die Frau mir nur Ver⸗ trauen ſchenken wollte, ſo würden wir hier bald Eſſen haben, das da auges,/nus eben ſo würde, wie bei der ſeligen Patronin.“ „Liebe Barbro! Ich hege Vertrauen zu Dir; aber Du biſt ſo flink in Deinen Händen, daß ich Dich am beſten ſtill ſitzen laſſen kann, da ich doch auf jeden Fall die Oberaufſicht ſelbſt haben muß.“ Und dabei blieb es.— Edith bereitete Beefſteakes nach Barbro's Vorſchrift, mußte aber mit ihrem Manne herzlich lachen, als weder ſie noch er dieſelben auf irgend eine mögliche Weiſe zer⸗ theilen konnten. Die arme Edith hatte zwar die Beefſteaks nach der erwähnten Methode ihrer Schwiegermutter geſchnitten, dabei aber zwei wichtige Umſtände vergeſſen, nämlich, daß ſie geklopft, und dann, daß ſie nicht zu hart ge⸗ braten werden durften— dieſes letztere ſchien ihr jedoch um ſo nothwendiger zu ſein, als nach ihrer eigenen Logik die Zähigkeit, welche bemerklich war, wenn ſie mit der Gabel hineinſtach, ſich geben müßte, je länger ſie ge⸗ braunt wurden... auch wurden ſie gebräunt, bis ſie eben ſo braun als hart waren.— „Es thut mir leid, daß ich Dir das Mittageſſen verdorben habe, geliebter Ernſt! Aber Du weißt ſelbſt, daß es nicht aus Mangel an gutem Willen geſchehen iſt.“ „Beunruhige Dich daruber nicht, mein lieber Engel. Laß aber Barbro morgen die Cotelette machen.“ „Da troͤſte ich mich in meinem Leben nicht— Eiin launenhaftes Weib. III. 11 161 bedenke, daß auch ich meinen Willen haben muß!... Du entſinnſt Dich ja des Tractates: jedem die Hälfte des Scepters.“ um Edith's Wirthſchaftsmanie abzuleiten, ſchlug Ernſt Beſuche in der Nachbarſchaft vor. Die Nachbarn hatten dazu ſchon viele Einladungen gemacht. Doch bei dem geringſten Worte, ihr Haus und ihre zahlreichen Geſchäfte zu verlaſſen, war Edith gleich außer ſich. Und dann: welch ein Vergnügen konnten die Nach⸗ barn ihnen ſchenken, da ſie alle Reſſourcen zu dem höch⸗ ſten, möglichen und denkbaren Glücke zu Hauſe hatten? Als man aber den November erreichte und es tüch⸗ tig kalt wurde, da begann Edith die Milchkammer, die Speiſekammer und die Küche etwas weniger angenehm zu finden. Sie gab zu, daß Ernſt Recht hatte, wenn er ſagte, ſie bekäme rothe Hände: ſie ſah ſelbſt ein, daß ſie ihre Füße erkältete, und daß ſie— aber ganz gegen ihren Willen— gezwungen wäre, auf ihre Geſundheit einige Rückſicht zu nehmen. „Liebe Barbro, nimm Du für heute die Schlüſſel!“ hieß es im Anfange. Späterhin hieß es: „Für dieſe Woche übertrage ich Dir die Wirthſchaft Barbro; wirthſchafte ſo, wie Du weißt, daß ich ſelbſt thue!“— Und als die Woche zu Ende war, hieß es weiter:„Höre, Barbro, ich bin mit Deiner Wirthſchaft und Deinem Ordnungsſinn ſo zufrieden geweſen, daß ich Dir eine paſſende Aufmunterung geben will: Du ſollſt die Wirthſchaft bis Weihnachten behalten, wo der Onkel kommt.“ 4 „Nun, Gott ſei gelobt, daß dieß Fieber ſich ein wenig gegeben hat!“ ſagte Ernſt herzlich und vergnügt. „ Wenn Du täglich Aei⸗ oder dreimal hinausgehſt und Dich nach Deiner Wirthſchaft umſiehſt, ſo iſt das ge⸗ Auaefdn Du Barbro haſt, auf die Du Dich verlaſſen kannſt.. 162 Aber von dem warmen Sopha zwei⸗ oder dreimal aaufzuſtenen, um in Küche, Buden, Boöden und Kellern umherzufliegen, wurde bald ziemlich unintereſſant. „Ich will Dir ſagen, lieber Ernſt, dieſes häufige Hin⸗ und Hergehen ſieht nur aus, als wäre ich ſehr mißtrauiſch. Ich gehe nur, wenn es nöthig iſt!“ Und ſonderbar genug, es wurde immer ſeltener und ſeltener nöthig, obgleich ſich die Geſchäfte, wie gewöhn⸗ lich, gegen Weihnachten vermehrten. Ernſt— neuvermählt, verliebt, immer mehr und mehr entzückt in ſeine ſchöne, zärtliche Gattin, und überdieß unendlich ängſtlich um ihre kleinen Hände und Füße— hatte nicht das Herz, den ſchnellen Uebergang mit einem Worte zu berühren. Aber leider bekam Edith bald ein anderes Fieber, welches ihm ernſthafte Beküm⸗ merniſſe machte. Statt daß ſie bisher mit gefallſüchtiger Koketterie ihn bei ſich zu feſſeln geſucht hatte, was ihr nur allzu leicht geworden war, veränderte ſie ſich mit einem Male. Er bekam ſie den ganzen Tag nicht zu ſehen, außer auf flüchtige Augenblicke, und da hatte ſie ſo eilig, daß ſie ſich kaum Zeit ließ, ſeine Worte und Liebkoſungen zu erwiedern. Und bald mußte ſogar die Hälfte der Nächte ebenfalls zu Edith's anhaltender Arbeit verwendet werden, welche ſie in dem für den Onkel beſtimmten Gaſtzimmer vorhatte. „Geliebte!“ ſagte Ernſt eines Tages,„ich muß wirk⸗ lich verzweifeln, wenn Du länger fortfährſt, mich auf dieſe Weiſe zu verlaſſen. Wenn es Weihnachtsgeſchenke ſind, die Du vorhaſt, ſo ſitze doch in unſerem Arbeits⸗ zimmer! Ich will nicht hinſehen, wo Du ſitzeſt, ſon⸗ dern ganz gutmüthig die Augen auf meinen Büchern haben; aber ich weiß, daß Du bei mir biſt, daß ich mit Dir reden und, verſteht ſich nach vorhergegangener War⸗ nung, aufſpringen und mir einen Kuß ſtehlen kann.“ „Gerade um Dir keine Gelegenheit zu dieſer Art voon Diebſtahl zu geben, worin Du ſchon allzu große Geſchicklichkeit haſt, ſchließe ich mich ein!“ entgegnete ſie — le——— 16³ iman ſcherzend.„Es könnte leicht ſein, daß Dir das begeg⸗ ern nete, wovor Du mich immer warnſt, nämlich daß Du 5 meiner überdrüßig würdeſt— ich muß alſo zuſehen, ünge daß ich mir bisweilen den Reiz der Neuheit verſchaffe.“ ſehr„Das iſt ein Reiz, um welchen Du nicht im Min⸗ und— deſten verlegen zu ſein brauchſt, Du kleine Bosheit... 3 Nun bleibſt Du ja aber den ganzen Abend bei mir?“ ohn⸗„Nein, gewiß nicht; das wäre unmöglich; doch ohne d Scherz, Ernſt, glaube nicht, daß es Weihnachtsgeſchenke und ſind, an denen ich arbeite. Während des ganzen Jah⸗ und res, da ich mit meiner Mutter weg war... Ach!“ und unterbrach ſie ſich plötzlich und fuhr mit der Hand über duß die Augen, um die hervorbrechenden Thränen hinweg⸗ dith zuſchieben—„nun habe ich ſchon zwei Briefe geſchrie⸗n um ben, aber keine Antwort... ich bekomme auch keine!“ .„Nein, noch nicht, ich glaube es— erſt muß die eri Zeit wirken. Meine arme Edith! Wie bitter iſt für pllzu 3 mich der Anblick, daß Du dieſe Thraͤnen vergießeſt! Sie 4 gle. 4. find aber ganz natürlich.“ 4 ißer K„Sieh, nun weine ich nicht mehr! Gott ſei gelobt, daß daß Mutter Olga hat, welche ſie nun doppelt lieben gen kann, ſeitdem ihr Herz gegen mich kalt geworden iſt. der Ich— o ſollte das wohl ein großes Verbrechen ſein? det ich bin nicht ſo betrübt darüber, wie ich wohl ſollte iten.. das Gluck, Dir zu gehören, erlaubt allen bittern irk⸗ Gedanken nur kürzere Beſuche bei meiner Seele...“ 3 r„Alſo um für dieſes unſchuldige Verbrechen Buße auf zu thun, ſchließeſt Du Dich ſo ein? Es find keine nke Weihnachtsgeſchenke, an denen Du arbeiteſt?“— ts⸗„Nein, ich wollte eben ſagen: während des Jahres, on⸗ da ich mit meiner Mutter reiste, und auch hernach zu en Hauſe, habe ich ſo viele Stickereien vorräthig gemacht, nit daß ich ein Lager für mehrere Weihnachten habe.“ Aber in Gottes Namen, was thuſt Du denn de ganzen Tag, den ganzen Abend, die halbe Nacht?“ „iwas Nützliches, Ernſt! Habe Geduld, Di wirſt ſchon ſehen. Und ich bin ſo ſtolz, daß ich glaul Du wirſt zufrieden ſein.“ 164 „Bis dahin aber langweile ich mich in der Ein⸗ ſamkeit. Biſt Du Deiner Sache gewiß, daß dieß recht iſt, meine Edith?“ „O, ich bin ja nicht weit!“ „Aber Du biſt ſo beſchäftigt, daß Du nicht einmal an mich denkſt?“. „Wie? nicht an Dich denken? wie ſollte das zu⸗ dehen Du biſt ja mein einziger und beſtändiger Ge⸗ anke!“ „Auch wenn Du arbeiteſt?“ „Da zuerſt und zuletzt!“ Ernſt langweilte ſich wirklich bei dieſem neuen Fie⸗ beranfall ſeiner Edith in dem Grade, daß er bisweilen das Bedürfniß fühlte, auszufahren. Bisweilen, wenn er ſich in Herrengeſellſchaft befand— ſowohl bei dem Lagmanne, als auch dem Aſſeſſor, den vornehmſten und beſten Häuſern in der Nachbarſchaft, zu denen er Edith vergeblich zu überreden geſucht hatte mitzukommen— geſchah es, daß er höflicher Weiſe nicht umhin kannte, an einer Spielpartie Theil zu nehmen. Er gewann das eine Mal, verlor aber das andere doppelt, und kam unzufrieden mit ſich ſelbſt und auch ein wenig unzufrieden mit Edith nach Hauſe. Doch ihre Gedanken und Sinne waren ſo ausſchließlich be: ſchäftigt mit Demjenigen, was ſie vorhatte, daß ſie, die doch ihren Ernſt ſo zärtlich liebte, nicht einmal die leichte Wolke auf ſeiner Stirn gewahrte. Und dieſe Wolke kehrte noch einmal zurück, und zwar ernſter; denn an einem neuen Tage bei dem Lag⸗ mann C-ſtjerna hatte er an den Schwiegerſohn deſ⸗ ſelben, den Aſſeſſor Werner, eine Summe Geld verloren, —8 welche, wenn ſie auch nicht bedeutend, ſo doch hinreichend groß war, um ihn zu ärgern, und das um ſo mehr, 3 als er ſich nicht von dem Gedanken befreien konnte, die n Urfſache, warum er Vergnügen außer dem Hauſe ſuch wäre keine andere, als daß er ſeine Frau vergebl ebeten hatte, ihm zu Hauſe ihre Geſellſchaft zu ſchenke 4 f war ſie, ſo flink, auf's Neue Wohnlichkeil im Dazu kam nun noch, daß Barbro und die übrigen Dienſtmädchen jetzt die Wirthſchaft ganz unter ihren Händen hatten. Man durfte die Frau nicht einmal ſtören; denn ihre unerhörte Thätigkeit nahm mit jedem verſchwindenden Tage zu. Früher war es ihr Entzücken, ihr Stolz geweſen, das nette Arbeitszimmer, ihren gewöhnlichen Aufenthalts⸗ ort, nicht wie einen Puppenſchrank zu halten— denn ſie beſaß allzu viel Geſchmack, um jene ängſtliche Ord⸗ nung zu lieben, welche ſich mit ihrer ſyſtematiſchen Zier⸗ lichkeit gleich einen Alp auf unſere Bruſt legt— ſon⸗ dern wie ein kleines irdiſches Paradies voller Anmuth und Wohnlichkeit aufzuputzen. Jetzt, wenn Barbro draußen viel zu thun hatte(wie es immer der Fall war), ſtan⸗ den die Blumen da, bekamen kein Waſſer und ließen die Blätter hängen, der Staub durfte ſowohl auf Hel⸗ mer's Schreibtiſch, als auch auf den übrigen Möbeln ſeinen völligen freien Willen haben, und ganz nieder⸗ geſchlagen ſah er der Möglichkeit entgegen, daß das ganze Paradies in Staub aufgehen könnte. So flog für die Frau, ſo kroch für den Mann die Zeit vorwärts bis Weihnachten. Sechzehntes Capitel. Ankunft des Onkels Janne. Edith's großes Geheimniß. Einige Tage vor dem Weihnachtsabende kam Edith mit hochgepurpurten Wangen und glänzenden Blicken u ihrem Manne und verkündigte ihm, daß ſie für dieß⸗ mal ihre Arbeit beendigt hätte.“ Und ſo bezaubernd, ſo entzückend ſanft und ſchaffen, ſo geneigt, an allen Wirthſchaftsar — —— — zu nehmen, daß Alles, was Wolken hieß, ſowohl von Ernſt's Stirn, als auch von ſeiner Seele wegzog. Unter unaufhörlichen Anordnungen, die faſt alle auf Weihnachten und den Onkel ſich bezogen, Edith aber keineswegs hinderten, des Tages wohl zwanzg Mal zu Ernſt einzuſehen, flog die Woche dahin wie eine Secunde. Und mit dem Weihnachtsabende, den 5 Weihnachtslichtern und dem ſüßen Reisbrei kamen auch Onkel Janne, Primus und Murre. 3 Und nun ſtand die Freude bis in die Wolken des Himmels hinauf. „Nun, meine Du, der Alte iſt ein wenig erfroren, 1 klemme ihn nur nicht todt! Doch glücklich ſiehſt Du aus; ja, Gott ſei gelobt und geprieſen, Du ſiehſt aus, wie eine wirklich glückliche Gattin!“ „O, Onkel, nur glücklich zu ſein, das wäre eben nicht viel: ich bin wenigſtens die allerglücklichſte Gattin, die in dieſem Jahrhunderte auf Erden gegangen iſt!“ Nun, Du kannſt darauf losgehen, daß es ver⸗ 16 ſchlägt! Was ſagſt Du nun, Bruder? artet ſie ſich? Habe ich Ehre von ihr?“ „Ich ſage, theuerſter Onkel, ſie iſt mir eine kleine Wetterfahne: den einen Tag wendet ſie ihre Sirenen⸗ künſte an, um ihren Mann halb verrückt zu machen, und an dem andern ſetzt ſie ſeine Geduld auf ſo harte Proben, daß dieſe in Gefahr iſt zu reißen. Ja, ja, Madamel ſieh mich nur nicht ſo an.. ich denke mich nicht beſtechen und meine Klage fallen zu laſſen!“ „Der Henker, ich will zu Gericht ſitzen!“ ſagte der Onkel.„Sage ſchnell: in welchem Falle haſt Du die Geduld Deines Mannes auf die Probe geſetzt?“ 1 „In weiter nichts, Onkel, als daß ich meinen eigen nen Willen haben wollte!“ entgegnete Edith, indem ſie ſpielend ihren Arm unter des Alten ſteckte und ihn mit ſich vorwärts zog. Willen?.. behüte, meine Du! mir wird bange, wenn ich mich daran erinnere, wie Du immer in der Kunſt, ihn anzuwenden, zu Hauſe geweſen biſt. Nun, —. 1—8—ꝗ———— 8———— ————+G—.,——V—.— - 167 auf welche Art wendeteſt Du denn Deinen eigenen Willen an?“. „Auf eine ſehr einfache, Onkel! Ich benutzte alle meine freie Zeit und beſchäftigte mich in der Einſam⸗ keit mit Etwas, das, wie ich glaube, ſehr nützlich ſein wird.“ „Aha, war es nichts Aergeres, ſo erkläre ich, daß Du eine ungerechte Anklage erlitten haſt; doch iſt damit Ernſt noch keineswegs das Recht genommen, nach näherer Prüfung ſeine Anklage zu erneuern oder zurückzunehmen. Und nachdem ich nun geprüft und gerichtet habe, und zwar meiner Meinung nach zu Eurer beiderſeitigen Zu⸗ friedenheit, Kinder, ſo bin ich fertig, mich in den Hochſitz zu werfen und Weihnachtsruhe zu halten. Geprieſen ſei der Herr für ſeine Gnade!... ich fühle, hier iſt's für mich gut ſein!“ „Du ſiehſt, ob es ſich der Mühe lohnte, mich an⸗ klagen zu wollen!“ flüſterte Edith mit einem ſchelmiſchen Blick auf ihren Mann, und ging dann, um an dem im Beſuchzimmer gedeckten Theetiſche zu präſidiren. Nach dem Thee kam die Rede ordentlich und ernſt⸗ haft auf Dagby, die große Debatte mit der Schwägerin, die weniger glücklichen Seiten der kleinen Olga und das Glück, das allzu mächtige Glück des Tanzmeiſters, Couſin Abbé, denn jetzt war er verlobt mit dem jungen Fräulein. „Aber denkt an meine Prophezeiung!“ ſagte der Onkel:„die Schwägerin ſchafft ſich da einen Schwieger⸗ ſohn an, der gewiß eines Tages eine andere Miene als jetzt aufſetzt; denn jetzt iſt er der allerunterthänigſte Diener und kriecht und krümmt und ſtreicht den Katzen⸗ buckel, ſo daß ich, da ich ihn ſah, recht die Verſuchung fühlte,... ja, ihn, ja— ihn wirklich zu verachten.“ Das war ein hartes Wort aus dem Munde des Onkels Janne, das ärgſte, welches er von einem Men⸗ ſchen ſagen konnte; denn er warf ſeine Urtheile nicht leicht hin, ſondern ſah ſie als Etwas an, für welches er verantwortlich war. Zu erkennen, daß er einen Men⸗ ſchen— ein von Gott erſchaffenes Weſen— verachtete 168 war alſo eine wirkliche Urkunde, eine Meinungsäuße⸗ rung, über welche er ſehr betrübt war, die aber dann auch feſt ſtand. Darauf berichtete der Onkel ausführlich ſeine Unter⸗ 15 redungen mit der Schwägerin, verſicherte, daß er ſie warm gehalten, Worte geredet, und keine Lieder geſun⸗„ gen hätte, daß es ihm aber Leid thäte, auf die Frau E ſeines eigenen Bruders das Sprichwort anwenden zu müſſen:„es war eben ſo, wie wenn man Waſſer auf — „Ja,“ fuhr der Onkel fort und erröthete noch bei der Erinnerung an dieſen den ſchärfſten Streit, welchen „Und da will ich zu ihren Füßen fliegen, Onkel, 4 denn, obgleich ich jetzt— das iſt volle Wahrheit—— mein kleines, ſchönes, ſonniges Haus ungerne mit dem roßen, ſtattlichen Dagby vertauſchte, ſo bin ich dennoch ereit, ihr das Opfer zu bringen, wenn ſie es wünſcht.“ „O, ſie wird Dich nicht auf die Probe ſetzen, meine „Es wäre auch auf jeden Fall zu früh,“ entſchied der Gnkel:„Edith hat noch keine Prüfungen und Be⸗ kümmerniſſe verſucht. Hier ſcheint ſie meiner Seel' keine Noth zu leiden, und erſt nachdem ſie von Allem ein wenig erfahren hat, kann man urtheilen, ob ſie Kraft und Muth hat, das Schickſal zu tragen, welches ſie ſich geſchaffen hat.“ „Das habe ich, Onkel! Wenn auch Prüfungen 4 und Bekümmerniſſe über mich bagelten, ſo bliebe ich ennoch gleich muthig, denn mein Muth liegt in meiner ie 9.“„ 1 r. Inderm Gut, meine Du!... Jetzt reden wir von etwas n: ich habe neulich einen Brief vom Grafen Her⸗ chalten... ſieh hier!“ Der Onkel tauchte in — 1— —— 169 ſeine Weſtentaſchen und fiſchte aus der einen derſelben einen Brief hervor und aus der andern eine Brille.„Ich hatte von Deiner Verheirathung geſchrieben, Kind, und — zum Theil— die Zuſtände und Verhältniſſe mitge⸗ theilt. Es ſchien mir dieß eine Pflicht gegen ihn zu ſein.. Und ſo antwortete er: (Aus dieſem Briefe des Grafen Hermann führen wir nur an, was auf die Neuigkeit des Onkels Bezug at.)................. j„Eine große Veränderung iſt mit meinem Weſen vorgegangen. Ich genieße jetzt einer Ruhe, die mit heilender Kraft auf mich wirkt. Dieſe Ruhe iſt bewun⸗ derungswürdig: es iſt keine todte, aber doch wenigſtens eine ſchmerzloſe. Urtheile ſelbſt: Als mein Blick zuerſt auf die drei Worte ſiel:„Edith iſt verheirathet,“ ſo ſchob ich ſchnell den Brief von mir. Mir ward bange. Ich ſtellte mir vor, daß die Furien zurückkehren und von Neuem anfangen würden, mein Herz zu zerreißen. Nachdem ich jedoch eine Weile nur gefühlt hatte, daß mein Blut in einer heftigeren Wallung war, als zuvor, erhielt ich die Macht uͤber meine leichtbewegten Gefühle wieder, welche ich jetzt beſitze. Und endlich konnte ich wohl zehn Mal nach einander dieſe Gefühle wiederholen, ohne daß ich dabei eine übertriebene Plage empfand. Für mich war ſie in jedem Falle auf ewig ver⸗ loren. Es war eine Idee von einer unbedingten Glück⸗ ſeligkeit, die ich in ihr verlor, und eben dieſe betrauerte ich eine Zeitlang ſo tief und ſchmerzhaft. Ihren Ver⸗ luſt, als den eines ſchönen und herrlichen Mädchens habe ich bei völliger Vernunft niemals zu beweinen gewagt; denn meine Leidenſchaft war ein Traum, de mich in ſchreckliches Unglück geſtürzt haben würde gut, daß es ein Ende hatte mit dieſem. Ich konnte es alſo wagen, den Brief wieder nehmen. 170 Und da ich ſah, wen ſie gewählt hat, da empfand ich jene liebliche Wehmuth, welche faſt ein Glück iſt. Ja, Saul's freundlicher Tröſter mußte auch Saul's guten Engel beſitzen!... Nur betrübte es mich, daß ſie nicht in jeder Hin⸗ ſicht glücklich ſein durfte. Die Menſchen haben ſo viele ſonderbare Nebenintereſſen. Ich verſtehe das nicht, hoffe jedoch und glaube, daß eine Mutter ſich ihres Kindes nicht berauben kann, wo nicht auf eine kurze Prüfungs⸗ zeit— und dieſe wird für Edith's edle Seele von hö⸗ herem Nutzen ſein, als wenn das Glück ſogleich alle ſeine Schätze über ſie ausgeſchüttet hätte.“ „Verſteht ſich,“ fiel der Onkel in Parentheſe ein, „daß ich um der Schwägerin willen nicht die ganze Wahrheit ſchrieb.“ Ein warmer Gruß an Edith und ihren Gatten ſchloß den Brief. Und lieblich und wohlthuend war auch die Gemüthsſtimmung des jungen Paares, als ſie ganz ohne Unruhe an den edlen entfernten Freund den⸗ ken konnten, und ohne Furcht, daß ihr Glück ihm Schmerz verurſache. Sie verſtanden ſehr wohl, wenn er auch nicht jene ganze Ruhe beſaß, deren er ſich rühmte, ſo bürgten ſeine Bemühungen, es zu zeigen, am beſten für die ſchöne Hoffnung, daß ſein Geiſt eine höhere Gewalt über ſeine Sinne erhalten hätte, als ſie vielleicht je⸗ mals beſaßen. Späterhin am Abende gingen der Onkel und die Neuvermählten in die große Stube der Leute, wo die Weihnachtstiſche florirten und die Weihnachtsſpiele, an⸗ eführt von Primus, der ſchon wieder in Gefahr war in Herz zu verlieren, in vollem Gange voran. druck auf die Gefühle des Zwerges gemacht, und er eben in der Fahrt, ihr zu erklären, daß er weder Die huͤbſche Barbro hatte einen ſchrecklich heftigen — —.——-—„y —& 4 8 7 171 die inländiſche noch auch die ausländiſche Sonne auf ein ſo ſchönes Mädchen hätte herabſcheinen ſehen, als er zu der harten Prüfung gezwungen wurde, der Artigkeit ſein Vergnügen, der Gebieterin die Dienerin zu opfern— denn Edith wollte ebenfalls Etwas von Primus haben— und er konnte nur in der ſtolzen Befriedigung, daß alle Arten Frauenzimmer ein gutes Auge auf ihn hätten, einigen Troſt ſinden. Zum Glück des kleinen, eitlen Liebhabers kam über die junge Frau ſchnell eine Unruhe, ein Fieber, welches die Weihnachtsgeſchenke und dann die große Ueberraſchung, das nun bald entſchleierte Geheimniß betraf, welches ſie ſechs volle Wochen beſchäftigt hatte. Mit beflügelten Schritten flog ſie zurück in das Beſuchzimmer. 3 „Nun, Onkel!“ ſagte Ernſt, indem ſie feſt und ruhig nachwanderten,„können wir es nicht bekennen, daß ſie mehr vom Engel, als vom Weibe hat?— daß ſie ſich ſo zu finden weiß!“ 3 „Drei Monate, mein Bruder, und das noch oben⸗ drein im Flitterfrühling, bedeutet eben noch nicht viel! Aber, auf Dein Gewiſſen, haſt Du noch gar keine Zeichen ihrer alten Veränderlichkeit bemerkt?“ Ernſt konnte das nicht ganz verbergen, milderte aber augenblicklich die Unruhe des Onkels dadurch, daß er ſeine Neugierde auf Dasjenige lenkte, was ſie vorge⸗ habt hatte. Endlich, als der Reisbrei und die Weihnachtsge⸗ ſchenke abſolvirt waren und Edith ſich von ihrem Ent⸗ zücken und Erſtaunen erholt hatte, wie Ernſt im Slaghe geweſen war, alle ſchönen, kleinen und angenehmen Dinge anzuſchaffen, mit denen er ſie überraſcht und erfreut hatte, Dinge, die für ſie einen tauſendmal höhern Werth hatten, als die prächtigen Seidenzeuge und Brochen und Shawls, die ehedem über ſie herabregneten.— Nachdem das Alles vorbei war, kam Edith nach kurzer Entfernung zurück mit Etwas, das ſie vorſichtig unter dem Taſchen⸗ tuche verborgen hielt. 4 ⁸ —— 172 „Ich bitte Euch Beide,“ ſagte ſie,„beſonders Dich, Ernſt— denn Onkel iſt noch milder und nachſichtiger als Du— daß Ihr mich nicht auslacht!“ Sie ſagte das ſo ſanft und demüthig, daß Beide, von gleichem Gefühle überraſcht, ihr die Hände reichten. Edith nickte freundlich und legte dann das Mitge⸗ brachte auf den Tiſch. Es war eine Papierrolle... ein kleines Manuſeript. Onkel Janne reckte zuerſt die Hand darnach aus und las laut: „Handbuch für junge Gattinnen.“ „‚Nicht ein Wort dürft Ihr ſagen!“ rief ſie ſchnell; „ich bitte, ſchweigt, bis ich mich ausgeſprochen habe!“ Ihr von hervorbrechenden Thränen gefeuchteter Blick ſchwebte von dem Einen zu dem Andern hinüber. „Ich war eine unvollkommene Tochter, habe mir aber vorgenommen, eine um ſo vollkommenere Gattin zu werden. Und da ich mitten im Genuſſe meines eige⸗ nen Glückes daran dachte, wie viele junge Frauen— eben ſo unvollkommen, wie ich— ſich in die Ehe ge⸗ worfen haben, ohne einen Gedanken an die Forderungen derſelben, ohne zu erwägen, wie groß und heilig das Feld iſt, welches ſich vor der Gattin und Hausmutter öffnet, da ſchien es mir unrecht zu ſein, daß ich allein eines ſo hohen und unermeßlichen Glückes genießen ſollte, ohne dieſe durch Rath, Hinweiſungen, Anweiſungen und Reflexionen für Andere fruchtbar zu machen. War das Unrecht?“ „Nein, meine Du!“ antwortete zuerſt Onkel Janne. „Gott ſoll wiſſen, ich denke von Herzen, daß es eine ſchöne und Deiner ganz würdige Idee war. Aber, Kind, ceeinen großen Nutzen haben kann... In einer Zukunft, wenn... Es iſt auch nur die erſte Abtheilung, Onkel!“ „Ich verſtehe!“ ſagte der Onkel ſchmunzelnd,„dieſes * bis jetzt haſt Du ja in Deinem Berufe ſo wenig erlebt, geprüft und gewirkt, daß Deine Erfahrung für Andere andelt von Gattinnen und Hausmüttern; hernach kom⸗ 173 men wir auf das Capitel von... nun, nun, werde nur nicht roth, meine Tochter;... alles zu ſeiner Zeit! In⸗ zwiſchen werde ich mit vieler Freude Dein Manuſeript leſen; ich bin überzeugt, daß ich darin viele ſchöne Ge⸗ danken finde, und von Jahr zu Jahr— denn wir wollen uns nicht übereilen es herauszugeben, ehe Du viele Erfahrungen gemacht haſt— wollen wir an den Rand ſchreiben, wie ſie mit den vorhergehenden eingetroffen ſind. Und da iſt es dann angenehm, zu vergleichen und zu ſehen, wie Deine jetzigen Anwendungen und Reflexionen ſich gegen die neuen ausnehmen. Das war eine vor⸗ treffliche Idee, beſonders für Dich ſelbſt.“ Ernſt ſagte kein Wort; doch der ſeelenvolle Blick, mit welchem er die ſo hoch geliebte Gattin betrachtete, zeigte vollkommen, daß er das Gefühl, welches ſie belebt hatte, verſtand und ſich davon geruhrt fühlte. Ebenſo gut verſtand aber Edith auch, daß Ernſt in dieſem Blick nicht Alles geſagt hatte, was er ſagen wollte. So zärtlich derſelbe auch war, ſo machte er ihr dennoch Unruhe. Als ſie in der kleinen vertraulichen Schlafkammer allein waren, fragte ſie leiſe:„Es iſt Etwas, Ernſt— was kann das ſein?“ Da nahm Ernſt ſeine junge Gattin auf den Schooß und ſagte mit ernſter, aber unausſprechlich ſanfter Stimme:„Es iſt Etwas, das Dir eine Illuſion rauben wird; aber dennoch hoffe ich, Du wirſt den Muth haben, es zu hören und zu beherzigen.“ t5 „Rede, Ernſt!“ „Während Du Dich ſo plöͤtzlich einſchloſſeſt, um Dich anderthalb Monate lang mit einer Arbeit zu beſchäfti⸗ gen, die junge Gattinnen lehren ſollte, wie ſie ihre „Pflichten als Gattin und Hausmutter recht auffaſſen ſollten, ſtand Dein eigenes Haus ohne alle andere Auf⸗ ſicht, als die Deiner Dienerinnen, und Dein Gatte— nachdem er Dich vergebens gefleht hatte, Du möchteſt zu ihm zurückkommen und ihm Deine Geſellſchaft gönnen— wurde durch die Unordnung, welche in Deinem kleinen Tempel herrſchte, wo Dein Geiſt ſich nicht länger offen⸗ —— . . ——— 174 barte, gezwungen, ſeine Zuflucht außer dem Hauſe zu ſuchen. em Spieltiſche, der in Männergeſellſchaften ſo gewöhnlich iſt, wurde zugeſprochen, und zweimal ver⸗ lor ich mehr Geld, als ich gedurft, als ich gekonnt hätte. Ich kam nach Hauſe, unzufrieden mit mir ſelbſt, aber auch nicht recht zufrieden mit Dir; Du warſt jedoch ſo beſchäftigt, über die Pflichten einer Gattin zu ſchreiben, daß Du keine Zeit hatteſt, dieſe Pflichten auszuüben, nach meinem Kummer zu fragen.“ „O Ernſt! und Du hatteſt dennoch Liebe, Geduld und Engelgüte genug, daß Du mir gar nichts ſagteſt! Das war eine ſcharfe aber wohlverdiente Lection. Morgen werfe ich mein Manuſcript in den Ofen.“ „Nein, geliebte Edith! füge dieſe neue Erfahrung Hinzu! Auf dieſe Art kann Dein Buch mit der Zeit eine nützliche Arbeit werden.“ Siebenzehntes Capitel. Wie unſere Heldin der erſten Prüfung widerſteht. Obgleich die jungen Herrſchaften auf Lärkholmen keine Viſiten gemacht hatten, ſo veranlaßte dennoch die perſönliche Bekanntſchaft mit dem Perrn und der Ruf — Gerüchte gehen, wie man weiß, mit Siebenmeilen⸗ ſtiefeln—, welcher der jungen Frau vorangegangen war, daß die Neuvermählten eine ganze Fluth von Weih⸗ nachtseinladungen erhielten. Es war nun wohl nicht die Rede von der vornehmen Geſellſchaft, welche die Säle auf Dagby zu füllen pflegte, obgleich es ſich verſteht, daß die Gegend, ſo wie ſie war, es für eine ſehr naſeweiſe, wo nicht ſogar niedrige In⸗ ſinuation gehalten haben würde, wenn Jemand hätte ehaupten wollen, daß nicht auch dieſe ihre notable Welt 4 hätte. Dieſe hatte ſie gewiß: der reiche Lagmann Nr. 1, A.— 4 — — 175 der Aſſeſſor Nr. 2; ferner einige adelige Landjunker nach altem, angenehmem ſchwediſchem Muſter und verſchiedene wohlhabende Gutsbeſitzer... der Probſt verſteht ſich von ſelbſt. „Ach, lieber Ernſt! was ſollen wir bei allen dieſen Leuten, die wenigſtens ich nicht kenne?“ ſagte Edith, und ein gewiſſer kleiner Ton in der Stimme erinnerte an das ehemalige Fräulein Sternfelt, die Erbin von zweimalhunderttauſend Reichsthaler Banco. „Wir wollen luſtig ſein, meine Geliebte!“ ſagte Ernſt ungekünſtelt, ohne ſich den Anſchein zu geben, als ver⸗ ſtände er, was Edith meinte. „Können wir aber auch wohl in dieſem Kreiſe Ver⸗ gnügen finden?“ „Das hoffe ich meines Theils beſtimmt und glaube auch, daß Du es wirſt, denn ich kenne eine junge Dame von Deinem Alter, angenehm, lebhaft, liebenswürdig; ſie wird Dir ganz gewiß gefallen.“ „Das iſt wohl die Frau Aſſeſſor Werner, die Tochter des Lagmanns C— ſtjerna? Du haſt ſchon von ihr geredet.“ „Eben ſie, und hätteſt Du nur auf meine Bitte ge⸗ hört und Beſuch gemacht, ſo wäre die Bekanntſchaft jetzt in vollem Gange.“ „O, man wird immer noch früh genug bekannt. Ich habe gar keine Eile.“ „Aber ſiehſt Du, meine liebe Edith! da dieſe Herr⸗ ſchaften, die auf ihren ignen Gütern ſitzen, Pächters⸗ leute bitten wollen, ſoutieine ich, es hieße ſie beleidigen, wenn wir es ausſchlügen— und aus welchem Grunde wollten wir das?“ 4 Eine flüchtige Röthe brannte auf Edith's Wange. „Es iſt genug, daß Du es willſt, Ernſt! Ich bin bereit zu gehen, wohin es auch ſein mag... Was meinſt Du, Onkel? „Ich meine * 8 —* 176 ————— Anſtrich von dem Fortſchritte der Zeit angenomnle hat uf⸗ 8 — ᷣ 2 * 5 — —˙ . — A S 8 8 — S . 83 — οα G 8 — f — π — 8 8 8 — — — — N REEnOA-—SO==ͤSS— 177 „wie klein und knapp dieß Alles der Frau Helber vorkobben buß, die an ſolche vornehbe Ge⸗ ſellſchaften gewöhnt iſt!“ Jetzt aber mußte doch die gute Mamſell Loviſa, mit oder ohne Takt, aus Edith's Miene begreifen, daß ſie etwas geſagt hatte, welches der jungen Frau nicht ſchmeckte, und überzeugt, daß ſie nichts Beſſeres thun könnte, als ein anderes Geſpräch auf die Bahn zu bringen, nahm ſie auch augenblicklich ein anderes auf: „Die gute Frau Helber hat wohl ſchon von deb brillanten Ball gehört, der auf Dagby an deb Abende gegeben wurde, als Fräulein Olga ſich bit deb Baron Abbé verlobte? Da war es dort ganz göttlich, ſtattlich, und wie prächtig war nicht Fräulein Olga in ihrem weißen Boirékleide! Sie hatte ein Halsband, das tauſend Reichsthaler gekoſtet haben ſoll, und das die Hofräthin ihr ab Borgen geſchenkt hatte. Üb des Rittbeiſters willen — en iſt ibber ſo aufberkſab gegen bich geweſen— wurde ich auch gebeten. Und da ich ſagte, ich hätte nun die Erlaubniß, in dieſe Gegend zu reiſen— er hatte ſo artig bei der Freiherrin für dich gebeten— ſo bat er bich, wenn ich die Herrſchaften irgendwo in der Nach⸗ barſchaft in Geſellſchaft träfe, ſein ergebenſtes Cobpli⸗ bent an Frau Helber zu beſtellen. Ich bin überzeugt, ſagte er, Frau Helber führt auch in ihrer neuen Ub⸗ gebung den Scepter als Königin.“ . einahe erſtickt von dieſen dummen Mittheilungen, die den großen Contraſt zwiſchen den hohen, luftigen, glänzenden Sälen auf Dagby mit ihrer nach den Tönen einer prächtigen Regimentsmuſik ſich bewegenden Be⸗ völkerung und dieſen kleinen, engen, niedrigen, von Talg⸗ lichtern erhellten Jimmern, worin man an einander kaum vorbei kommen konnte, und wo man nach den anſpruchs⸗ loſen Inſtrumenten zweier der anſpruchloſeſten Muſtkan⸗ ten tanzen ſollte, vor ihren Augen aufrollten— beinahe erſtickt, ſagen wir, von dieſen Mittheilungen, dieſen Er⸗ innerungen, die mit unerwarteter Stärke auf ſie ein⸗ drangen, wollte ſich Edith plöͤtzlich erhehen. Da fragte Ein launenhaftes Welb. III. die Lagmannin mit einer Feinheit, welche der jungen Frau eine wirkliche Linderung gab, ſchnell:„Sollte es Ihnen wohl Vergnügen machen, Frau Helmer, einen Beſuch in dem Zimmer der Großmutter zu machen?“ .„Ach ja, ſehr!“ antwortete Edith, nahm ſogleich den dargebotenen Arm der Lagmannin und befand ſich bald an der andern Seite der Hausflur, wo in einem einfachen aber angenehmen Zimmer die alte Großmutter des Wirthes mit aufgekämmten Haaren und ſteifer Haube ganz zierlich in ihrem Lehnſtuhle ſaß und von den Frem⸗ den Viſiten erwartete. Die angenehme Freundlichkeit in dem Geſichte der alten Frau und ihre Art, ſich auszudrücken, und die einfache Anmuth der Lagmannin, welche bedauerte, daß ihre Tochter Jenny noch nicht angekommen wäre, vor llem vielleicht die kleine vornehme Würde der Lagman⸗ nin, mit welcher Edith, ſo zu ſagen, eine gewiſſe Seelen⸗ verwandtſchaft fühlte— das Alles wirkte beruhigend auf Edith's Sinne; und ſo vortrefflich befand ſie ſich hier, daß ſie die Geſellſchaftszimmer ganz vergaß, bis Whr Mann ſie fragen ließ, ob ein Uebelbefinden die Urſache ihrer Entfernung wäre. Jetzt kam Edith in keine kleine Verlegenheit. Noch brannten ihre Wangen in blutrother Farbe. Onkel Janne hatte aus Feingefühl von dieſem neuen Beweiſe der Verachtung ihrer Mutter kein Wort geſagt: mit Jubel, Trompeten und glänzenden Feſten die Ver⸗ lobung ihrer jüngſten Tochter faſt in demſelben Augen⸗ blicke zu feiern, da ſie die älteſte aus ihrem Hauſe, aus ihrem Herzen, von allen Rechten eines Kindes verjagte! Als aber Edith ihre Gefühle zu prüfen begann, konnte ſie es ſich ſelbſt nicht verhehlen, daß noch etwas mehr als dieſe Nachricht ſie ſo heftig aufgeregt hätte. Es war ja auch die Vergleichung zwiſchen ehemals und jetzt geweſen. Sollte ſie dieſes wohl ihrem Manne anvertrauen? Dieß würde ihn ohne Zweifel ſchmerzen— oder ſollte ··“ ſie zum erſten Male ihm einen Gedanken verheimlichen? 179 Dieſes hatte ſie noch nicht entſchieden, ſondern war nur eben erſt nach dem Abſchiede von der Großmutter und der Lagmannin, die auf Bitten der alten Frau noch da blieb, in den ſchmalen Gang hinaus gekommen, als Helmer ſelbſt ihr unruhig entgegen geeilt kam. „Geliebte Edith, Du biſt über eine ganze Stunde weg geweſen und biſt noch jetzt feuerroth. Wie iſt es? Du ſcheinſt doch nicht krank zu ſein— kann Etwas hier Dein Mißfallen erregt haben?“ „O nein, aber ich ſagte ja, es würde unausſtehlich ſein; ich wußte das vorher, aber Du wollteſt nichts davon hören!“ „Edith!“ „Laß uns hineingehen, lieber Ernſt!“ „Wünſcheſt Du nach Hauſe zu fahren?“ „Woran denkſt Du? Fahren, jetzt da eben der Ball eröffnet werden ſoll? Kann ich denn nicht hoffen, von dieſen entzückenden Eleganten, die vermuthlich eben jetzt die orangegelben Handſchuhe hervorſuchen, aufgeboten zu werden?— Nein, von dieſem mir ſo vollkommen neuen Vergnügen kann ich gewiß nicht hinwegfahren!“ Helmer war ſo erſtaunt, daß er kein einziges Wort ſagen konnte. Er verſtand augenblicklich, daß irgend Etwas vorgefallen war, doch der Ort, an welchem ſie ſich befanden, war nicht geeignet zu Erklärungen. Und darum führte er ſeine Frau auch ſogleich in den Saal, wo er ſie an der Thür des Beſuchzimmers verließ. „Er achtete es nicht einmal der Mühe werth, nach der Urſache meiner veränderten Laune zu fragen!“ ſagte Edith unter dem Einfluſſe eines neuen Aergers.„Waͤre ich es geweſen, die bei ihm die Macht einer geheimen Gemüthsbewegung geahnt hätte, ich würde ihn nicht ſo an der Thüre eines mit lauter fremden Leuten gefüllten Zimmers ſtehen gelaſſen haben.“ Der Tanz hatte ſchon begonnen. „Einer der vornehmſten Tänzer kam ſogleich und bückte ſich vor Frau Helmer; ſie nahm die Einladung an, tanzte aber mit einer ſo vornehmen Gleichgultgkeit ließ er ſeinen Blick in den Saal hinausſpähen, um 180 daß die Herrſchaften unter ſich flüſterten, die junge Dame bildete ſich gewiß ein, daß ſie ſich noch auf dem ſtolzen Gute ihrer Mutter befände und ſich dort herabließe, mit den Peiten in tanzen. Nach Beendigung der Francaiſe drängten ſich viele junge Herren zu der ſchönen Frau, welche überall, wohin 5 ſie kam, ihre Macht geltend machte. Sie wurde auf⸗ gefordert und nahm es an; ſobald jedoch der Platz leer wurde, ſtand Helmer an der Seite ſeiner Frau. Ohne ſich etwas über das Vorgefallene merken zu laſſen, ſagte er lebhaft:„Vergiß nur nicht den Walzer, den Du mir verſprochen haſt!“ Edith fuhr zuſammen. In Helmer's Stimme lag die Ueberzeugung, daß ſie nicht im Stande wäre, dieſen Walzer zu vergeſſen, und dennoch hatte ſie leider in ihrem aufgeregten Zuſtande— ſich der gemachten Uebereinkunft gar nicht entſonnen.. „Verzeihung, Ernſt!“ ſagte ſie erröthend,„ich hatte es vergeſſen! Ich verſprach jenem langen Lieutenant den een Walzer.“ k „Da muß ich mir wohl ein langes Fräulein ſuchen?“ 3 antwortete Helmer lächelnd. 1 Aber das Lächeln war nur auf den Lippen vor⸗ handen... Konnte Edith einen ſchon ihm verſprochenen Walzer vergeſſen? 1 d „Theurer Ernſt! wirſt Du mir böſe?“ „Wie Du fragſt! Iſt es nicht in allen Tagen Sitte geweſen, daß die EChemänner weichen müſſen, wenn...“ „Keinen ſolchen Scherz!“ fiel Edith ein;.„ach nein, er ſcherze nicht! Du ſiehſt ja“— ſie neigte ſich nahe an 5 ſeine Wange—„wenn nicht alle dieſe Menſchen mich 2 d angafften, ſo wollte ich mich augenblicklich an Deine th Bruſt werfen und Dich bitten, mir meine Narrheit zu verzeihen!“.. Als Edith ihrem Manne dieſe Worte zuflüſterte, w ſicher zu ſein, daß Niemand die Bewegung ſeiner Frau emerkt haͤtte. Doch plötzlich fuhr ein tiefer Stich durch * 4 181 Helmer's Herz. Er hatte Mamſell Berntſon gewahrt, und ihr Anblick ließ ihn augenblicklich begreifen, was auf Edith gewirkt hatte.. Zu einer längern Reflexion kam er jedoch nicht, denn jetzt ſah er, wie die rührige Mamſell Loviſa, welche ihn auch bemerkt hatte, ſich zu ihm durcharbeitete; doch erreichte ſie das Ziel nicht eher, als da Edith ihre völ⸗ lige Befinnung wieder erhalten hatte. Und dieſe erhielt ſie durch einige Worte, die Helmer ihr in einem Tone zuflüſterte, welchen Edith bis jetzt noch nicht don ihm gehört hatte. Dieſer Ton war gebrochen, traurig und doch bei⸗ nahe ſtreng; die Worte waren folgende: „Edith, bedenke, daß Du meine Gattin biſt!“ „Herr Helber, ſo ſchön und ſo angenehb! Ich kann vielbal grüßen von unſern Gegenden. Frau Helber hat wohl ſchon erzählt von deb prächtigen Ball an Fräu⸗ lein Olga's Verlobungstage?“ „Ja, meine Frau ſagte mir eben, ſie hätte gehört, er wäre außerordentlich glänzend geweſen. Mamſell Berntſon iſt vermuthlich bei einem von den Nachbarn in dieſer Gegend auf Beſuch?“ Glücklicherweiſe kam der Tanz gleich darauf in Gang, und der lange Lieutenant fuhr wie ein Blitz mit der jungen Frau ab. Helmer war gewiß nicht zum Tanz disponirt; da er ſich aber einbildete, daß ſogar die einfältige Mamſell Loviſa ſeine innere Erſchütterung bemerken möchte, wenn er ſie nicht beherrſchte, ſo eilte er, die Erſte, die er treffen würde, aufzubieten, und dieſe Erſte war eine junge Frau, die eben in dieſem Augenblicke nach allen Uebrigen mit ihrem Manne angekommen war. Wäre Edith nicht da geweſen, ſo wäre die ſchöne Aſſeſſorin Werner unbedingt die Krone des Balles ge⸗ weſen, ſo wie ſie lange die Krone der Gegend geweſen war, nicht allein, weil ſie die Schönſte war, ſonder weil ſie eine gute Erziehung mit Seelenbildung, Fröh⸗ * lichkeit, Herzensgüte und vieler natürlichen Anmuth in ihrem ganzen Weſen verband. Helmer hatte ſie ſchon mehrmals in dem Hauſe ihrer Eltern, einmal auch in ihrem eigenen Hauſe ge⸗ ſehen und mit ihr geredet, und er war froh, daß der Wunſch hatte, als in ſeinem ganzen Betragen zeigen zu können, daß er kein beunruhigendes Gefühl hätte. Die Aſſeſſorin kam ſeiner Bemühung zu einem leb⸗ haften Geſpräch auf halbem Wege entgegen, denn ſie war immer lebhaft, immer bereit, während der Pauſen in einem Walzer die Lücken mit jenen Converſations⸗ phraſen zu fuͤllen, welche ſo luſtig und doch ſo von Herzen unbedeutend ſein können und geworfen und ge⸗ fangen werden wie die Bälle im Ballſpiele. Edith, welche mit ihrem Tänzer einige Mal in die Nähe ihres Mannes und ſeiner Dame zu ſtehen kam, konnte gar nicht begreifen, von woher dieſer Stern herabgefallen war; dagegen Ernſt, ſehr beſchäftigt war, daß er ſich unterhalten fühlte und daß er ſelbſt unterhalten wollte, er, der ſich als Junggeſell nicht einmal viel damit abgegeben hatte, Damen zu unterhalten..... Zufall ihm eben jetzt ſo günſtig war, da er keinen höhern 4 Onkel Janne, der beim Bretſpiele feſtgekettet ſaß, wußte nicht das Mindeſte von dem, was im Tanzſaale vorging, und erfuhr auch nichts, denn man redete auf der Ruͤckreiſe ſehr wenig. Sdith war ſchrecklich ſchläfrig, ohne es zu ſein; der Onkel dagegen wollte es nicht ſein, nickte aber dennoch unaufhörlich, und Helmer erhielt immer kürzere Ant⸗ worten. Endlich war man zu Hauſe, und Onkel Janne zögerte nicht, gute Nacht zu ſagen. — Aber jetzt, da die Treppe zwiſchen dem Onkel und dem Ehepaar lag, als die Thür des Schlafzimmers ſich hiinnter der knixenden Barbro ſchloß, die den Herrſchaften leuchtete, wußte Edith nicht, wie es kam, daß ihr vor Ernſt's Schweigen bange wurde, und noch weniger wußte. * begriff ſie, daß Cenſt, ihr —————ͤͤͤͤͤ 6— 183 ſie, warum die junge Dame, die ihr als die Aſſeſſorin Werner präſentirt worden war, ſie in der Einbildung fortwährend mit ihrer blendend ihren glänzenden ſchwarzen Augen und ihrem luftigen Florkleide verfolgen ſollte, von welchem letzteren ſie noch das Rauſchen unter Ernſt's Hand zu vernehmen glaubte, Mehrere Minuten waren ſeit dem Eintrit te der jun⸗ gen Ehegatten in ihr Heiligthum verfloſſen— Beide waren mit ganz unnöthigen Dingen beſchäftigt— ohne daß noch ein Wort gewechſelt worden war. Da ſagte endlich Edith, indem ſie langſam den BZlick zu ihrem Manne erhob: FEFrnſt! warum ſchließeſt Du mich nicht in Deine Arme, wie Du pflegſt, wenn wir in dieſe kleine theure Freiſtätte kommen? Habe ich Dich auf irgend eine Weiſe eleidigt?“ „Eine Frage ſetzt voraus, daß Du es nicht weißt; wenn Du es aber nicht weißt, warum räthſt Du denn ſo?“. „Weil ich es fürchte, als das Aergſte, das mir be⸗ gegnen kann, wenn ich gegen meinen Willen bei der unerwarteten Nachricht oder Neuigkeit, oder...“ Sie erröthete und mußte ſchweigen. „Als ich Dir in der Hausflur begegnete, als ich zärt⸗ lich und unruhig kam, um nach Deiner Geſundheit zu fragen, was hinderte Dich damals an der Aufrichtig⸗ keit? Weißt Du das ſelbſt, meine Edith? Du mußt mir aufrichtig darauf antworten!“ „Aber da darfſt Du mich nicht ſo ernſthaft anſehen, das ertrage ich nicht!“ „Ich kann jetzt nicht anders ausſehen, ohne mich zu verſtellen, ſund ich will und darf vor Dir nicht 1 heucheln. Folge Du dieſem Beiſpiele!“ „Wohl, weil Du es forderſt, ſo will auch ich nicht weißen Geſichtsfarbe, 184 heucheln, Ernſt! Nein, ich will ſogar aufrichtiger ſein, als vielleicht recht iſt.“ „Laß hören!“ „Unter dem Geſchwätz, das dieſes läppiſche Weſen mir aufdrang...“ „Unter dem Geſchwätz...“ „Fühlte ich etwas... etwas ſehr Kindiſches.“ „Weiter!“ „Es war weiter nichts, als daß ich dachte an...“ „An was?“ G „Und verglich...“ „Ach ſo, Du verglichſt?“ „dan die Féten auf Dagby und... o, Ernſt!“ n 2“ „Und die, bei welcher ich geſtern Abend war.“ Helmer ſchwieg einen Augenblick. „Du ſiehſt wohl, Ernſt, daß es kindiſch war?“ „So kindiſch, daß es Dein Blut in heftige Wallung ſetzte, und daß Du genöthigt warſt, eine volle Stunde draußen zu ſein! Wie läßt ſich das wohl nicht auslegen von Denjenigen, die klüger ſind, als Mamſell Berntſon! Und als Du zurückkamſt, hatte da wohl dieſe verräthe⸗ riſche Wallung des Blutes Zeit gehabt, ſich ganz zu egen?“ 3 8„Aber... „Gegen mich, Deinen Gatten, warſt Du verſtimmt, höhniſch, ſpöttiſch... Du vergaßeſt ſogar den Tanz, den Du mir verſprochen haſt!“ „Das Alles war ſchlimm; aber... „Das Alles wäre gar nichts, wenn es veranlaßt worden wäre von dem natürlichen Schmerze, den Du empfinden mußteſt bei der geringen Delicateſſe, welche Deine Mutter bewieſen hat, als ſie unmittelbar darauf, da ſie Dich verſtieß, mit ſo öffentlicher Pracht die Ver⸗ bindung ihrer zweiten Tochter feierte. Aber als eine Folge der Vergleichungen, welche Du anſtellteſt zwiſchen Deinem ehemaligen Geſellſchaftsleben und demjenigen, —y—ÿõ;//———— —˖,— welches Dir jetzt zu Gebote ſteht, mit einem Worte zwiſchen Ehemals und Jetzt, bedeutet das ſehr Viel.“ „Theurer Ernſt! es bedeutet weiter nichts, als eine flüchtige Bewegung, die Du verzeihen mußt. Ach, ich „Das iſt wahr; und nun laß uns hievon abgehen — laß uns an die Ruhe denken!“ „Aber Du biſt nicht zufrieden, Ernſt, nicht glück⸗ lich; das ſehe ich an Deiner Stirn! Du warſt ja doch ſo artig, ſo froh, ſo einnehmend, als Du mit der ſchönen rau Werner tanzteſt!“ „Vor Fremden zeigt man ſich am artigſten und fröhlichſten, wenn man das Bedürfniß hat, ſeine Ge⸗ müthsbewegung zu verbergen. Wenn Mamſell Berntſon bei ihrer Rückkehr nach Ramswik erzählt: Frau Helmer ſah nicht ſo glücklich aus, wie man nach den Aufopfe⸗ rungen, die ſie gebracht hat, ſchließen ſollte, ſo wird ſie wenigſtens hinzuſetzen können: um ſo glücklicher ſah ihr Mann aus, und das beweist wenigſtens, daß er dank⸗ bar zu ſein verſteht.“ „Ja, Du handelſt immer mit ſo vieler Klugheit, Du: die Gefühle erhalten nur den zweiten Raum.“ „Laß uns nicht weiter darüber reden, Edith; denn eben dieſe Klugheit, welche Du tadelſt, flüſtert mir zu, daß dieß das Beſte iſt.“.......... Aber zum erſten Male ſeit ihrer Hochzeit ſchwebte der Genius des Friedens nicht um das Bett der jungen Ehegatten. Ernſt ſtellte ſich bald, als wäre er eingeſchlafen. Edith lag lange wach, dachte und prüfte; endlich aber entſchlief ſie doch wie gewöhnlich auf Ernſt's Arm. Doch ſobald er vernahm, daß ihre Sinne unter der Macht gefeſſelt waren, welche ihm nicht nahen wollte, zog er ſeinen Arm leiſe unter ihrem Haupt hinweg, richtete ſich auf und betrachtete genau ihr Antlitz, auf welches der Mond ſeinen klaren, ſchneeweißen Schein warf.* Edith's lange, lichtbraune Locken, die ſie heute 186 Abend vergeſſen hatte zu ordnen, wogten über der weißen Nachtkleidung, und die kleine Haube, welche ein wenig zurückgeſchoben war, ließ ihre Wange frei. Dieſe war bleich und ein Ausdruck des Schmerzes lag darauf, und noch zitterte bisweilen ein Seufzer über die purpurglü⸗ henden Lippen, obgleich der Druck von einigen perlen⸗ weißen Zähnen zu beweiſen ſchien, daß ſie ſich bemüht hatte, dieſe Seufzer zu unterdrücken. „Gott, mein Gott!“ ſagte Ernſt, und die tiefſte Angſt malte ſich auf ſeinem Geſichte,„wenn ſie es be⸗ reute, wenn ſie vielleicht noch einmal der Macht des Hochmuthes und des Leichtſinns unterläge, wenn dieſe eitlen Verführer damit anfangen ſollten, die edelſten Gefühle ihres Herzens zu verhöhnen— dann würde dieſes Herz auch hald abfallen von dem Jdol, welches es ge⸗ wählt hat... Nein, nein! der bloße Gedanke daran tödtet mich.... etwas ſo Grauſames, ſo Schreckliches kann nicht geſchehen!“ „Ernſt! geliebter Leuü. flüſterte Cdith im Schlafe, zich ſehe Dich nicht!... Wo biſt Du?... Ach!“ Ihr geiſtiges Auge ſchien ſein Bild aufgefangen zu haben, denn ihre Lippen verzogen ſich jetzt zu einem lieblichen Lächeln...„Gott ſei gelobt, daß Du kamſt!“ „Ach,“ dachte Ernſt und konnte es kaum unterlaſſen, ſie zu wecken,„es war, wie ſie ſagte, nur ein lindiſchet und flüchtiger Eindruck. Aber dennoch... dennoch.. Achtzehntes Capitel. Ein Beſuch. Ein kleiner Funke. Am folgenden Morgen erwachte Edith zuerſt. Sie hörte an den unregelmäßigen und heftigen 5 Athemzügen ihres Gatten, daß ſein Schlaf nicht gut en ut und ruhig war. Wahrſcheinlich plagte ihn ein ſchwerer Traum. Und nun zog der düſtere Traum von geſtern Abend ſchnell an ihrer eigenen Seele vorüber. Die eine Er⸗ innerung nach der andern ſtellte ſich ein, bis ſie heftig ihre Hände faltete und mit einem ſprechenden Ausdruck von Schrecken ſo laut ausrief, daß ſie Helmer ſogleich weckte, obgleich er die Augen nicht öffnete: „O, was war das Alles, das mich ankam? Ernſt, Ernſt! erwache ſchnell! Sieh mich an, ſteh mich ſo an, wie Du pflegſt! Sie mögen gerne, ja ſehr gerne, ihre Bälle und ihren Luxus behalten— mir fehlt nichts, nein, gar nichts, ſo lange ich nur Dich habe!“ Und Edith war zufrieden mit Demjenigen, was ſie in Ernſt's Augen las. Hatte er wohl einen höheren Wunſch, als überzeugt zu werden? Der Onkel erfuhr nichts. An dieſem Morgen lag, wo möglich, ein noch wär⸗ meres und ſchöneres Colorit als gewöhnlich über dem gegenſeitigen Verhältniſſe der beiden Gatten. Und mit einer Ungezwungenheit, welche Edith nimmermehr im Stande geweſen wäre nur nachzuahmen, erzählte ſie dem Onkel ſelbſt, daß ſie geſtern Abend mit der Haus⸗ mamſell des Barons G. auf Ramswik in Geſellſchaft geweſen wäre, und daß dieſe von dem glänzenden Feſte bei Olga's Verlobung erzählt hätte. Bei dieſer Nachricht erröthete der Alte, weil er da⸗ von nichts erzählt hatte, obgleich es ihm nicht unbekannt geweſen war, denn er war damals nicht weit von Dagby entfernt geweſen, ſo daß er durch das Gerücht Alles gehört hatte. Auch konnte er jetzt nichts weiter antwor⸗ ten, als die einſylbigen Worte:„Ach ſo!“ Edith lächelte ſchelmiſch und ſchlug den Onkel herz⸗ lich auf die Schulter. „Nun, nun, meine Du!“ hieß es jetzt,„ich wußte nicht, ob man ſich ganz auf Dich verlaſſen könnte. Doch jetzt ſage ich Dir, Kind, jetzt, da ich ſehe, daß Du dieſe 188 Lumpereien für nicht höher achteſt, als was ſie wirklich ſind: ich bin in der That ſtolz, daß ich Dir geſtehen kann, wie ſehr Du meine Hoffnungen übertriffſt. Und das haſt Du Deinem Manne zu verdanken. Er iſt auch meiner Seele mehr werth, als was Du um ſeinetwillen geopfert haſt.“ „ Sollte ich das nicht wiſſen, Onkel! Aber Du weißt nicht, wie vortrefflich, klug und zärtlich er iſt.“ „Gut, meine Tochter, ich glaube Dir, aber auch ich habe meinen Blick. Und da Du eine ſo große Klug⸗ heit zeigſt, ſo will ich Dich jetzt in einem andern, bei weitem wichtigeren Falle prüfen.“ „Prüfe mich, Onkel!“ „Ich weiß nicht, wie das Gerücht aufgekommen iſt— ich fürchte beinahe, daß der Rittmeiſter dafür ge⸗ ſorgt hat— genug, man ſagt, die Schwägerin gehe mit dem Plane um, ihre älteſte Tochter ganz von aller Erbſchaft nach ihrem Tode auszuſchließen. Doch ſagte ſie, verſteht ſich, kein Wort davon zu mir. Die Schwä⸗ gerin wich mit ihrem geſchliffenen Takte immer dieſem Gegenſtande aus— und ich glaube nicht, daß ſie nur einen Gedanken daran gehegt hat. Wie dieſes Gerücht bei einer andern Gelegenheit auf Edith gewirkt haben könnte, iſt ungewiß; jetzt aber hatten ihre romantiſchen Gefühle einen ſo hochgeſpannten Flug genommen, daß nichts im Stande war, dieſelben herabzuſpannen, was man auch ihrer Antwort anhörte. „Mutter mag mit ihrem Vermögen thun, was ſie für gut ſindet; ich beneide Olga nicht.“ „Ich glaube kaum, daß ſie das kann,“ ſagte Helmer ruhig.„Das Geſetz ſagt zwar: wenn die Tochter ſich gegen den Willen des Vaters und der Mutter verheira⸗ thet, ſo haben die Eltern das Recht, ſie zu enterben— Edith hatte aber die Einwilligung ihrer Mutter.“ „Ja, gewiſſermaßen Bruder! Aber wir müſſen ugeben, es war eine recht ſonderbare Einwilligung, die— ei gehbriger Gelegenheit wohl als keine gedeutet wer⸗ gefäh 5 quch 189 den kann, etwas, das noch mehr Kraft dadurch gewinnt, daß ſie nicht bei der Hochzeit war.“ Helmer glaubte wohl, daß die Hofräthin thun konnte wus ſie wollte, aber er wünſchte nicht, daß Edith— deren Stärke er am beſten kannte— einen neuen Ge en⸗ ſtand bekommen möchte, auf den ſie ihre lebhafte Ein⸗ bildung werfen könnte. „Nun, nun!“ fuhr der Onkel fort, der Helmer's Blick verſtand;„wir haben noch Zeit genug, davon zu reden. Die Schwägerin hat Gottlob Geſundheit und Kräfte, daß ſie noch zwanzig bis dreißig Jahre leben kann. Und inzwiſchen erhält Edith wohl Gelegenheit, ihre töchterlichen Rechte geltend zu machen.“ Ein gedeckter Schlitten, der in dieſem Augenblicke vorfuhr, brach ein Geſpräch ab, das nicht wieder er⸗ neuert wurde, denn Alle fühlten, daß der Gegenſtand zu delicat war, um mehr als einmal berührt zu werden. Helmer eilte hinaus, um die Pflichten eines Wir⸗ thes zu erfüllen, und Edith, die an das Fenſter getreten war, ſah bald, daß er beſchäftigt war, einer Dame beim Ausſteigen zu helfen. „O!“ rief ſie aus und eine lebhafte Röthe färbte plötzlich ihre Wangen,„das iſt ja die junge Dame, mit welcher Ernſt geſtern walzte!“ „Warum errötheſt Du, Kind, da Du das ſagſt? Und warum klingt Dein Ton ein wenig ärgerlich?“ „Klingt er ärgerlich?“ fragte Edith und erröthete noch ſtärker.„Es würde mir gewiß ſchlecht anſtehen, wenn mir eine Bekanntſchaft nicht gefallen wollte, für welche Ernſt ſo geeifert hat. Du weißt ja, Onkel: die einnehmende Frau Werner, die liebenswürdige Frau Werner, die angenehme, ungekünſtelte Frau Werner, die Ernſt mir als Umgang gewünſcht hat, und die er mir geſtern präſentirte, obgleich wir nur wenig mit ein⸗ ander reden konnten, da wir beide tanzten.“ „Meine Du, meine Du! hüte Dich vor der erſten gefährlichen Gemüthsbewegung: bedenke, ſo klein ſie auch iſt, ſo kann ſie doch wachſen, Ich ſagte eben, da —— 1 Dein Mann es hörte, Du hätteſt in ihm mehr gewonnen, als Du geopfert haſt; jetzt, da er es nicht hört, ſage ich Dir meine aufrichtige Meinung, und dieſe iſt, daß er für Dich mehr werth iſt, als das ganze Erbtheil. Hege daher nie eine närriſche Einbildung, die ihn be⸗ leidigen kann! Sei ängſtlich beſorgt, daß Du nicht den allergeringſten Funken ſeiner Liebe verlierſt, ſetze aber ſeine Achtung Allem voran, denn geht dieſe verloren— ich brauche nicht mehr zu ſagen.“ „Herr Gott, Onkel! wie wichtig kannſt Du eine Kleinigkeit machen!... Doch höre, jetzt haben wir unſern Beſuch hier!“ Edith eilte an die Thür und bewillkommnete, wenn auch nicht herzlich, ſo doch wenigſtens ſehr artig, die junge Frau Werner, welche in ihrem ſchwarzen ſeidenen Pelzmantel, ihrem kleinen ſchwarzen dito Hut mit einer ſchwankenden Feder und ihrer friſchen Farbe auf den — Phon gerundeten Wangen noch ſchöner ausſah, als geſtern end. „Meine beſte Frau Helmer!“ ſagte mit vieler Leich⸗ tigkeit die„Aſſeſſorin“, wie ſie in der Umgegend allge⸗ mein genannt wurde— auf dem Lande und in den Pro⸗ vinzen überhaupt ſind Titel eine wichtige Sache—„ich bin nicht recht ſicher, ob in dieſem Willkomm noch etwas mehr liegt, als bloße Höflichkeit. Doch gleich viel,“ fuhr ſie fort— und ihre großen ſchwarzen Augen, in welchen wirklich jener nicht auszudrückende Ausdruck liegt, von denen der Inſtinkt oft einer anderen Frau ſagt, daß ſie gefährlich und verſtrickend für einen Mann ſein kön⸗ nen, hefteten ſich jetzt mit einem halb trotzigen, halb ſchelmiſchen Blick auf Edith—„gleich viell Ich habe mir vorgenommen, alle Förmlichkeiten zu brechen oder zu untergraben, und mich willkommen zu machen, wo nicht eben heute, ſo doch ſpäterhin, wenn wir erſt ein wenig näher mit einander bekannt geworden ſind.. Edith war überraſcht— und zwar vielleicht nicht gepe Per war ner'” ließ wette nung der was jovia ziges Stun des 2 gewif gegne ſchaft Rede der und geſteh Abend letzt 7 ſich de von Frau aller darau kleiner mein 4 4„ 1. ganz angenehm— zu hören, daß man ſie ſo familiur jenigen anredete. Das war ja eine Sprache, die ihr beſſer machen 2838E8SEg= N VNANR — — — 191 gepaßt haben würde, eine Sprache, die ſie ſelbſt oft gegen Perſonen angewendet hatte, welche ſie aufmuntern wollte. Da ſie alſo von vorn herein ungünſtig geſtimmt war, überſah ſie die Herzlichkeit, welche in Frau Wer⸗ ner's Worten verborgen lag. Sie fühlte ſich beleidigt, ließ ſich jedoch natürlicher Weiſe nichts merken, ſondern wetteiferte eher mit ihrem Gaſte an Artigkeit und Hoff⸗ nung auf einen angenehmen Umgang. Jetzt kam die Reihe an den Onkel. Und als hätte die Aſſeſſorin ein doppeltes Fernrohr der Seele in ihrem Dienſt, ſo ſah ſie augenblicklich, was dieſer Mann war. Sein Anzug weckte ihr Vergnügen, ſein launiges, joviales Geſicht ihr Entzücken, ſein einfaches, treuher⸗ ziges Weſen ihre wärmſte Sympathie; und ehe eine halbe Stunde vergangen war, hatte ſie ſich ſo in die Gunſt des Alten eingeſchwatzt, daß Edith erklärte, hier käme gewiß bald Eiferſucht ins Spiel. „O, unſern Onkel theilen wir mit einander,“ ent⸗ gegnete die junge Frau munter,„es befördert die Freund⸗ ſchaft, ein Gefühl für dieſe zu haben. Iſt aber die Rede von unſern Männern, tröſte uns da Gott vor der Freundſchaft!... Patron Helmer!“ fuhr ſte fort und wendete ſich jetzt an Ernſt,„ich bin genöthigt zu geſtehen, daß mein Mann auf der Rückreiſe geſtern klbend meine Gefühle auf eine ſehr fühlbare Weiſe ver⸗ etzt hat.“ „O, wirklich?“ fiel Helmer lächelnd ein,„er ſollte ſich davor nicht in Acht genommen haben?“ „Nicht im Mindeſten! Er ſprach eine volle Stunde von nichts Anderem, als den göttlichen Augen der Frau Helmer, von ihrem Wuchſe... o, ich will mich aller der ſchönen Zuſätze gar nicht entſinnen, die er darauf verſchwendete— und dann ihre ſcharmanten kleinen Füße! Es war bei dem Allem nur ein Unglück, mein armer Moje hatte nicht den Muth, ſich bei Der⸗ jenigen, die er im Stillen bewunderte, bemerkbar zu machen, oder ſich auch nur präſentiren zu laſſen,“ 192 Ich will aber doch hoffen,“ erwiederte Ernſt in gleichem frohen Tone,„er wird nicht ärger entzückt ſein, als daß er zu kommen und meine Frau in ihrem eigenen Hauſe zu bewundern wagt?“ „Wir wollen hoffen, Herr Patron Helmer, daß es nicht ärger iſt; doch will ich die Sache ſondiren, ehe ich ihn herbringe. Aber nun bekomme ich erſt Zeit, mich umzuſehen!... ein ſuperbes Fortepiano und eine Vio⸗ line! Nun, das Alles macht ſich ganz vortrefflich, meine beſte Frau Helmer!... wir werden kleine muſikaliſche Soiréen haben.“ „Wirklich?“ ſagte Edith,„wir bekommen alſo alle Arten von Vergnügungen!“ Darauf können Sie ſich verlaſſen!„Wir ſind hier auf dem Lande auch nicht gan vom Zaune gebrochen. Damals, als mein guter, ehrlicher Moje ſich noch nicht ganz in den Aktenſtößen begraben hatte, das heißt: damals als er noch der erſte dienſtbare Geiſt meines Vaters war, pflegte er mir im Mondſchein oder in der Sommernacht die ſchönſten Serenaden zu bringen, denn er hat einen recht hübſchen Tenor, der ſich zur Guitarre, unſerer ſchwediſchen Man⸗ doline, gar nicht übel ausnimmt. Ein kleines Flöten⸗ concert dann und wann bei eintretenden Bruſtſchmerzen — denn Serenaden im Herbſtnebel ſind nicht immer die geſündeſten— nahm ebenfalls meine Dankbarkeit in Anſpruch; und obgleich mein lieber Moje in den letzten Zeiten die Stimme und die Saiten hat raſten laſſen — man hat einige Erfahrung geſammelt, Frau Helmer, wenn man drei Jahre verheirathet geweſen iſt— ſo weifle ich dennoch nicht im Mindeſten, daß er jetzt Alles in der Welt thun wird, um ſich auf's Neue angenehm zu machen... Wollen zu einem Anfange ſehen, ob er nicht heute Abend den Spieltiſch vergißt... Doch Sie wiſſen nicht, meine Herrſchaften, daß ich wegen einer wichtigen Angelegenheit hergekommen bin. „Laſſen Sie hören!“ ſagte Edith. 1 8 Elte „Ich bin auf einer Reiſe nach Atorp, um meine rn zu beſuchen— mein Mann kommt nach— und 193 ich gehe mit keinem andern Gomplot um, als Sie ſammt und ſonders mitzunehmen; denn obgleich wit uns dort am Sonntage treffen, ſo würde dieſer Beſuch dem Vater und der Mutter äußerſt angenehm ſein.“ „Ich hatte wirklich die Abſicht, ſagte Helmer,„mei⸗ ner Frau für morgen dieſe Viſtte beim Lagmann zu miachen, die wir längſt abgeſtattet haben müßten, wenn nicht unſer Flittermonat— den neuvermählte Leute gerne für ſich haben— bei uns zufällig ſich in drei onate ausgedehnt hätte, und das iſt ein triftiger Entſchuldigungsgrund. Heute muß ich leider in einer Geſchäftsreiſe hinaus. Aber Du, geliebte Edith, findeſt keine beſſere Gelegenheit, wenn Du zu einem Ausfluge disponirt biſt.“ „Ich geſtehe gerne, daß der Vorſchlag verführeriſch iſt; doch wie kann ich den Onkel verlaſſen, und wie ihn mit mir bekommen? Er iſt immer ſo ſchwer zu über⸗ reden.“ „Da überreden wir ihn lieber gar nicht,“ fiel Frau Werner ein;„wir tragen ihn ganz einfach in den Schlitten!“ Und nach einigen kleinen Einwendungen von Seiten des Onkels wurde die Sache glücklich abgemacht und der Alte mit den jungen Damen in den Verdeckſchlitten eingeſtaut. Von dieſem Tage an war der Umgang mit den Häuſern des Lagmanns und des Aſſeſſors auf feſtem Fuße. Als Ernſt noch ſpäter als Edith nach Hauſe zurück⸗ kehrte, fand er ſie auf eine große Kiſte herabgebeugt, mit deren Inhalt ſie und Barbo gleich eifrig beſchäftigt zu ſein ſchienen.. „Ach lieber Ernſt,“ rief die junge Frau, indem ſie ihrem Gatten entgegen eilte, ich habe einen ſo ange⸗ nehmen Tag gehact, als ich ihn getrennt von Dir jemals haben konnte! Das Haus des Lagmanns iſt wirklich Ein launenhaftes Weib. III. 13 194 ein feines und ſuperbes. Weißt Du aber, wer inzwi⸗ ſchen hier geweſen iſt?“ fuhr ſie fort, indem Barbro ſich auf einen Wink entfernte:„keine geringere Perſon, als Mamſell Loviſa Berntſon, und ſie hat dieß Alles mitgebracht.“ „Aha, Deine zurückgelaſſene Garderobe?“ „Ja, man hat Alles, was der verſtoßenen Tochter gehörte, ganz von ſich entfernen wollen.“ „Warum dieſe Deutung, Geliebte?“ „Nein, es iſt wahrſcheinlicher, daß man geglaubt hat, man könnte mich mit dieſen Erinnerungen demü⸗ thigen und peinigen, und hoffte, ich würde darin jetzt nur Reliquien ſehen.“ „Es iſt weiter nichts, als daß Deine Mutter Dir hat ſchicken wollen, was Dir gehörte.“ „Du deuteſt Alles zum Beſten, mein Ernſt! Nun, meinetwegen! Auf jeden Fall bin ich ſehr zufrieden, daß ich ein wenig mehr erhalten habe, worin ich bril⸗ liren kann, als mein ewiges ſchwarzes, ſeidenes Kleid.“ „Ich bin überzeugt,“ ſagte Ernſt,„meine Edith wird immer dieſes Nichtzuviel, dieſen vorzuͤglichen Reiz, den jeder ſelbſt am beſten fühlt, einzulegen wiſſen!— Doch höre zu, meine Geliebte! Ich habe auf der Rück⸗ reiſe eine Idee gehabt.“ 3 „Das ſagſt Du mit einer Miene, welche meine Neugierde reizt. Laß hören!“ 1 „Wohl! es bezieht ſich auf nichts weniger, als unſern Nachbarn ebenfalls einen Ball zu geben.“ „Wie, mein Ernſt? Reicht unſer Vermögen auch dazu hin? In dem Falle ſähe ich es unbeſchreiblich gerne, wenn die gute Loviſa etwas weniger Angenehmes zu erzählen bekäme, als worauf man ſich ohne Zweifel gefaßt gemacht hat.“ „Sei Du üuͤberzeugt, wenn ich es vorſchlage, ſo können wir es auch ohne Ungelegenheit. Bei dieſen ſo anſpruchsloſen Feſten iſt man meiſtens mit ländlichen Produkten zufrieden. Und willſt Du mit meiner Hulfe die Beſchwerde uͤbernehmen, ſo iſt die Sache abgemacht, 195⁵ denn wir können uns ja recht gut einmal der Artigkeit des Großhändlers Mörnburg bedienen, ſeine Wohnung als die unſrige anzuſehen.“ 6 MWelch ein friſcher Wind kam nicht jetzt in Edith's eele! Und nun, nachdem die Herrſchaften Helmer ſich überall gezeigt hatten, und Mamſell Loviſa ſo überzeugt war, wie ein Menſch es werden kann, daß Frau Hel⸗ mer die letzte Perſon auf Erden wäre, die leidend und unglücklich genannt zu werden verdiente, entſchied das fröhliche Feſt auf Lärkholmen— einfach, aber geſchmack⸗ voll und ſehr munter— das Uebrige. Die gute Seele war faſt bereit zu der Behauptung, daß das Paradies nach Lärkholmen verſetzt wäre. Neunzehntes Capitel. Ein Blick auf die Gegend von Dagby. Mamſell Loviſa Berntſon, die man bisher wenig geſehen und noch weniger geſucht hatte, ſah gleichwohl bei ihrer Rückkehr von dieſer Reiſe, daß ſie eine ſehr wichiige ja faſt unentbehrliche Perſon geworden war. an riß ſich ordentlich um das Vergnügen, ſie zu beſitzen, mit ihr zu reden, ihr jede Neuigkeit abzupreſſen, die ſie von der Gegend mitbringen konnte, wo ſie mit eigenen Augen geſehen hatte, wie das ehemals ſo glän⸗ zende Fräulein Sternfelt als die Frau eines unbegüter⸗ ten Pächters lebte........!... „Nun, liebe Mamſell Loviſa, aufrichtig unter uns geſprochen, wie war es eigentlich? Wie ſehen ſie aus, die armen Leute? Ein Roman in der Wirllichkeit gleicht einem ſolchen, den man in Büchern liest, nur ſehr wenig — er kann zwar ſchlimmer und beſſer ſein, aber, Herr Gott, wer weiß nicht, wo der Schuh brüt 196 „Gute Mamſell Loviſa, ein Wort im Vertrauen! Ich bin im Allgemeinen gewiß nicht neugierig, aber Herr Helmer hatte etwas ſo Imponirendes an ſich, daß ich lachen und weinen möchte, wenn ich mir die ſma⸗ ländiſche Idylle denke. Ich kenne jenen Theil von Smaland: Armuth, armſtolze Herrſchaften, eine wahre Wüſte!*) Und Edith! Edith!— mußten Sie nicht weinen, als Sie Edith in ihrer neuen Lage erblickten?“ Leben ſie noch von Liebe und Schwärmerei, oder ſteht die Proſa ſchon vor der Thür?“ Aufalle dieſe Fragen hatte Loviſa ungefähr nur eine Antwort: „Sie leben wie die Engel, verſichere ich, und woh⸗ nen richtig wie große Herrſchaften. Frau Helber war bunter und lebhaft, tanzte auf allen Bällen und Alle waren charbirt von ihr. Und ihr eigener Ball war der allercharbanteſte. Herr Helber war ſo gut, und tanzte ein Francaiſe bit bir, und Frau Helber nahb bich hinun⸗ ter in ihre eigene hübſche Wohnung und zeigte bir das Beſuchzibber und das Arbeitszibber und die Schlaf⸗ kabber, und dort war Alles ſehr charbant. Und ſo gab ſie bir dieſe Diabantnadel dafür, daß ich die Beſchwerde gehabt hatte, ihr die Sachen zu bringen, vergeſſen hatte. Rapport erhielt, Trotz dieſer Geſichte eine get „So reiſen " antwortete Couſin Abbé, welche ſie da auch er dieſen nicht Alles Gold, was glänzt.“ „es iſt auf ſeinem Antwort las man aber doch äuſchte Hoffnung. Sie ſelbſt hin!“ ſagte Mamſell Loviſa, die ſich ein wenig be gaben bezweifelte,„ aron, ob ich ein leidigt fühlte, daß man ihre An⸗ und Sie werden wohl ſehen, Herr Wort geſagt habe, das nicht volle *) Smaland iſt wirklich im Allgemeinen ein ſehr armes Land, ausgenommen der an der Oſtſee gelegene Theil oder Calmarelän, welcher die beiden andern, Kronobergs⸗ und Jönköpingslän, bedeutend übertrifft. “ Anm, d. Ueberſ. „ 3 —— uen! aber daß ma⸗ von ahre nicht ten?“ ſteht eine voh⸗ war Alle der anzte nun⸗ bir hlaf⸗ gab verde e ſie dieſen nzt.“ einem vviſa, An⸗ Herr volle armes Theil bergs⸗ 197 Wahrheit iſt! Ich habe bir nie denken können, daß es nur böglich wäre, zwei Benſchen zu finden, die ſo ver⸗ liebt in einander ſind, wie dieſe beiden.“ „Ja, in Loviſa's Augen.“ „Der Rittbeiſter iſt ein wahrer Thobas, das kann ich ſagen, und da der Rittbeiſter bir nicht glaubt, ſo will ich erzählen, daß ich den kleinen Pribus ausfragte, und er ſagte, es wäre nicht einbal böglich, ib Hibbel⸗ reiche zwei Cherubib zu finden, die an Glück und Liebe ſich bit Patron Helber und ſeiner Frau beſſen könnten.“ Me e— eemne e. MR.. 2Z— e 6 , u Als der Baron nun ſeiner Seits die erhaltenen Neuigkeiten ſeiner künftigen Familie auftiſchte, gab er— ſich eine unglaubliche Mühe, ſie ſo lächerlich ausſtaffirt wie möglich und mit ſo vielen beißenden Sarcasmen zu 6 geben, daß Olga, deren Herz immer mehr und mehr e vergiftet wurde, vor Lachen erſticken zu müſſen glaubte..C Dagegen fühlte die Manſell Octavie, die ihre ge⸗ e. 2e heime, verachtete Flamme noch nicht beſiegt hatte, wie— ein Fieberſchauer ihre Nerven erſchütterte, denn ſie ſah de. 3 die Wahrheit durch alle Schleier hindurch, in welche der Rittmeiſter dieſelbe zu verhüllen ſuchte. Und der einzige lindernde Gedanke in ihrer bittern Gemüthsſtim⸗ 2 mung war der, daß ein Vierteljahr noch nicht viel be⸗⸗ ln deute. Es kämen wohl noch Tage, und Veränderungen †.£Q A£ und Wendungen, die man benützen könnte, und zwar)..4 um ſo leichter als.... 8 Octavie's Gedankenbau erhob ſich plötzlich um eine+ Perſon, die weder Ernſt noch auch Edith kannten, die—— ſie jedoch kannte; und in ihrer Seele begann Octavie al zu pflügen und zu ſäen— an die Ernte war aber ſo⸗ 8 bald noch nicht zu denken. Die Hofräthin gab weder durch Worte noch Mienen— zu erkennen, daß ſie auf das Geſpräch Achtung gab— ſeitdem Edith von Hauſe gereist war, hatte ſie kaum 198 dreimal ihren Namen ausgeſprochen— aber dieſe Gleich⸗ gültigkeit war wenigſtens in dieſem Augenblicke nur eine angenommene. Sie hörte ſehr gut, und ließ ſich eben ſo wenig wie Octavie von der Bitterkeit des Rittmeiſters hinter's Licht führen. Hätte man einen Blick in ihr Inneres werfen können, ſo würde man gefunden haben, daß ſie ſich beleidigt fühlte durch den Gedanken, Edith könnte glücklich ſein. Was ſie uͤbrigens dachte und beſchloß, das werden wir erſt ſpäterhin erfahren. Wer aber herzlich an den zuverläſſigen Nachrichten eines Augenzeugen Theil nahm und ſich freute, das waren Graf T., ſeine Gräfin und Hortenſe. „Gewiß iſt inzwiſchen,“ flüſterte Olga eines Tages, da das Geſpräch wieder auf dieſen Gegenſtand fiel, ihrem verliebten Bräutigam in das Ohr,„daß es Leute gibt, welche ebenſo glücklich ſein müßten— oder was meinſt Du, mon ami?“ „O Königin, bezaubernde Fee des poetiſchen Traums meiner entſchwundenen Jugend! Dein Sklave⸗ hat nur Eine Antwort zu geben.“ „Und dieſe Antwort?“ ſagte die bethörte Olga, indem ſie die Hand ausſtreckte. „Laß ihn ſie den Winden vorſeufzen, denen er oft das Uebermaß ſeiner Gefühle vorgeſeufzt hat. Du könnteſt ihn vielleicht mit einem Blicke der Ungnade beſtrafen, wenn er die Höhe ſeiner Schwäche verriethe.“ „Ich bin nicht ſo grauſam! Ich lauſche!“ „O, Du lauſcheſt!— entzückende Worte, die mein Herz mit im Himmel geborenen Ahnungen erfüllen!“ „Doch die Antwort! die Antwort!“ „Das war es ja eben, was ich Dir anvertrauen wollte! Wenn es Leute gibt, deren Glück ſich mit dem meinigen vergleichen läßt, ſo... ſo bedaure ich ſie!“ „Du bedauerſt ſie?“ „Ich ſchenke ihnen meine innigſte Theilnahme.“ „Du ſchwatzeſt Dummheiten.“ 4 lie leich⸗ eine eben ſters ihr aben, Fdith erden ichten das ages, hrem gibt, neinſt aums nur Olga, er oft Du gnade he 74 mein rauen dem ſie! 44 . 199 „Nein, Wahrheit!“ „So erkläre Dich deutlicher!“ „Es gibt eine Glückſeligkeit von der unbeſchreib⸗ lichen WBeſchaſfenheit, daß... „Da „Daß ſie beinahe tödtet.“ „Was ſagſt Du?“ „Haſt Du mich jetzt verſtanden?“ „O, ich glaubte nicht, daß Du mich ſo ſehr liebteſt!“ „So ſehr?— Ich bete Dich ja an wie eine Göttin!“ „Und ich!“ „Nun, Du?“ „Ich meine, es iſt recht angenehm, angebetet zu wer⸗ den! Doch, warum blicken Sie ſo eifrig durch das enſter, mein Baron?“ „Meine Göttin, ich beluſtige mich damit, Deinen Namen auf die Fenſterſcheibe zu ſchreiben.“ Mamſell Octavie, welche ſich in dieſem Augenblicke ebenfalls dem Fenſter zuwendete, bekam zu ſehen, womit der Rittmeiſter ſich wirklich beluſtigte.— Das war eben nichts Neues: er unterdrückte ein Gähnen.. 7 Zwanzigſtes Capitel. Der Funke hat Feuer gefaßt. Ernſthafte Folgen. Schon hatte der Frühling Wieſen und Wälder mit Grün bekleidet, der Kuckuk und die Nachtigall ließen ſich in den Hainen von Lärkholmen hören, und jetzt ließ auch der Onkel Janne die gefuͤrchteten Worte vernehmen: „So, Kinder! nun iſt's Zeit, daß der Alte aufbricht. Und da ich Euch jetzt verlaſſe, habe ich nur Einen Wunſch; nämlich, wenn ich zu Weihnachten wieder komme, daß ich Euch dann eben ſo ſtark in Eurer Liebe 3 — ſonderbaren 200 und in Eurem Vertrauen zu einander finden möge, als ich Euch bei meiner Ankunft fand!“ „Und wie Du uns jetzt findeſt, Onkel, da Du uns verläſſeſt!“ fiel Helmer ein. „O ja, ja wohl, verſteht ſich!“ Helmer, welcher eben müde und warm vom Felde gekommen war und ſich auf das Sopha geworfen hatte, um ein wenig auszuruhen, hatte den Onkel nicht recht angeſehen; als er es aber jetzt that, da er etwas über⸗ raſcht war, daß dieſer die Worte ſo zu erwägen ſchien, ſo gewahrte er einen Zug des Kummers auf der Stirne des Alten, und als er von dem Onkel die Augen auf ſeine Frau warf, ſo bemerkte er, daß ſie ihr Geſicht zu verbergen ſuchte durch die Bemühung, Etwas von der Erde aufzunehmen.. Während der letztverfloſſenen vier Monate meinte Helmer immer mehr UÜrſache gehabt zu haben, den Him⸗ mel für ſein Loos zu preiſen. Mit Ausnahme der einen und der andern Uneben⸗ heit in der Laune, der einen und der andern kleinen Verſäumniß in den hausmütterlichen Pflichten, welches Allles ſich wohl mit der Zeit abhelfen ließ, hatte Edith — wenn dieß überhaupt möglich war— ſich zärtlicher und liebender gezeigt, als jemals. Alſo war es für ihren Gatten unmöglich, zu begreifen, welchen Sinn der Onkel in ſeine Worte legen wollte; noch viel weniger verſtand er die Verlegenheit, welche Edith's Wange mit hoch⸗ rothen Blumen färbte, und jetzt, da ſie genöthigt war, ſich wioder zu erheben, in ihrem ganzen Weſen ſichtbar wurde.. — ebieber Hukel Du ſagſt dieſe Worte in einem Vertrauen zu einander ſein, als wir es an Weihnachten waren?“ RKRind, ich kann nicht ſchweigen!“ entgegnete der Onkel mit einem Blick auf Edith, deren Augen um dieſes Schweigen zu flehen ſchienen. 8 * one— ſollten nicht meine Edith und ich jetzt noch eben ſo ſtark in unſerer Liebe und in unſerem als uns elde atte, recht ber⸗ dien, irne auf t zu der einte dim⸗ ben⸗ inen ches dith icher hren ankel tand och⸗ war, tbar nem Hich erem hten der um 201 „In Gottes Namen“— das Erſtaunen malte ſich auf Helmer's erröthendem Antlitze—,ich ahne gar nichts!“ „Du ahnſt nichts, mein Sohn, weil Du zu recht⸗ ſchaffen biſt und Deine Frau allzu warm liebſt, als daß Du ahnen könnteſt, was ſeit einiger Zeit mit ihr vor⸗ gegangen iſt.“ „Aber was, was iſt denn vorgegangen?“ „Meine Du, ich, Dein alter Onkel, nächſt Deinem Manne Dein beſter Freund, ich ſage Dir, Du mußt offenherzig ſein! Haſt Du nicht ſelbſt in Deinem Hand⸗ buche für junge Gattinnen geſagt, daß das Vertrauen eine der nothwendigſten Bedingungen einer glücklichen Ehe iſt?“ „Rede, Edith!“ ſagte Helmer mit einer bei ihm ſeltenen Heftigkeit.„Haſt Du mir etwas vorzuwerfen?“ „Ich weiß nicht...“ ſtotterte Edith. „Du weißt nicht?“ „ Bruder! Du mußt ſie behandeln wie ein krankes Kind; denn das iſt ſie wahrhaftig!“ „O nein, Onkel, ich bin kein Kind: da hätte ich wohl nicht ſo verbergen können, was in mir vorgegangen iſt, daß Ernſt gar nichts gemerkt hat.“ „Wie, Edith?“ es ging eine Bläſſe über Helmer's Wangen—„Du hätteſt mir eine Rolle vorgeſpielt?“ „Ja,“ ſagte ſie, indem ſie die Selbſtbeherrſchung verlor, welche ſie vorher auf das Aeußerſte zu treiben geſucht hatte,„ich geſtehe, daß ich Fröhlichkeit geheuchelt habe, während mir die Thräne in den Augen hing; ich habe Deine mechaniſchen Liebkoſungen erwiedert, damit Du nicht merken möchteſt, daß ich fühlte, wie lau ſie geworden ſind— ja,“ fuhr ſie fort, und ein Blitz ſchoß hervor aus ihren Augen,„ich bin zu dem Allem im Stande geweſen, weil ich Dir zeigen wollte, daß ich Deiner Achtung würdig bin, obgleich Du Deine Liebe von mir genommen haſt!“ Helmer's Ueberraſchung war ſo groß, daß ſie ihn in den erſten Secunden keine Worte finden ließ. Aber er nahm die Hand ſeiner Frau ungefähr mit jener Art 202 von Zärtlichkeit, welche ein guter und freundlicher, dabei aber ernſter und ſtrenger Arzt einem Patienten widmet, welcher ſich zwar oft launenhaft und ein wenig unartig gezeigt hat, aber dennoch dem eigenen Herzen des Doctors allzu theuer geworden iſt, als daß er ihn anders, als mit der mildeſten Schonung behandeln könnte. „Meine Edith, komm zu Dir ſelbſt!“ ſagte er.„Du weißt nicht, wie ſehr Du mich beleidigt haſt; doch da Du leideſt, wenn auch nur durch eine Einbildung, ſo will ich an mich gar nicht denken. Ich verſtehe, meine durch die Frühlingsarbeit vermehrten Geſchäfte, die mich oft Stunden lang von Dir trennen, haben Deiner frucht⸗ baren Phantaſie dieſe neue Nahrung gegeben.“ O, wäre es weiter nichts,“ entgegnete Edith, und die Farbe kam und floh in beſtändigem Spiele auf ihrem Geſichte—„obgleich auch das, wenn ich nicht größeren Scherz zu bekämpfen hätte, mich hinlänglich ſchmerzen onnte!“ Jetzt vermochte Helmer, trotz ſeiner tiefen Betrübniß, es nicht, ein Lächeln zurückzuhalten. „Geliebte Edith, denke Dir nur, welche Leiden da jede Frau zu ertragen gezwungen iſt! die Geſchäfte des Mannes ſind ja gewöhnlich von der Beſchaffenheit, daß er ſie außer dem Hauſe verrichten muß. Und eine Tren⸗ nung auf wenige Stunden, da die Gatten an verſchie⸗ denen Orten beſchäftigt ſind, iſt ja eher erfriſchend als ſtörend für die Liebe.“. Ja,“ erwiederte Edith mit einer Stimme, die von faſt unbezähmbaren Gefühlen zeugte,„ich glaube gewiß, daß einige Stunden, da die Gatten an verſchiedenen Orten beſchäftigt ſind, für die Liebe erfriſchend ſind!“ Helmer begriff nicht die wilde Bitterkeit in dieſer Andeutung, um ſo beſſer aber verſtand der Onkel ſie, * und er zerhieb ſchnell den Knoten, indem er einfiel: „Laßt uns lieber gleich zur Hauptſache kommen: Edith iſt auf dem Wege, vor Eiferſucht den Verſtand zu verlieren!“ —— —————— ————— 203 „Vor Eiferſucht?— Nein, ſo unglücklich wird es denn doch wohl nicht ſein?“ Helmer's Stimme zitterte. „Ja, ſo unglücklich iſt es wirklich!“ Von dem erſten Augenblicke an, da Du mit Jenny Werner, der kleinen guten Jenny, die es nicht verdient hat, von Edith ſo behandelt zu werden, wie es oft der Fall geweſen, beim Director Borell tanzteſt, hat ſich dieſe arme Närrin hier der ſixen Idee hingegeben, daß Du— o, es iſt allzu raſend!“ „Weiter!“ bat Helmer. „Ich hatte gleich zu Anfang eine Ahnung von der Sache und warnte damals Edith vor dergleichen Ge⸗ danken: aber ſie ſchlug es mit Scherz ab, und wußte hernach dieſe zunehmende Krankheit ſo zu verbergen, daß ich gar keinen Grund hatte, die Anweſenheit derſelben zu argwöhnen, bis ich ſie jetzt vor einem Monate in Deinah Abweſenheit einmal in Thränen überraſchte.“ „Ach!“ Dieſer einzige Ausruf verrieth einen unterdrückten, aber ſtarken Schmerz. „Bei dieſer Gelegenheit,“ fuhr der Alte fort,„hatten wir eine ernſte Erklärung mit einander, und nachdem ich ihr ihren verrückten Irrthum klar bewieſen hatte, ver⸗ ſprach ſie, vernünftig zu werden, wenn ich ihr Geheimniß bewahren wollte. Und ich kann es gerne geſtehen, ich fand ihre Grillen ſo raſend, daß ich dachte: gehen ſie ohne Erklärungen vorüber, ſo iſt es vielleicht ſo am beſten. Aber ſeit geſtern, da Du, wie die Höflichkeit es forderte, Jenny in der Droſchke nach Hauſe brachteſt, nachdem ſie zu Fuße hieher gegangen war, und ihr Mann nicht Zeit hatte, ſie abzuholen, habe ich mich hinreichend von Edith's Verzweiflung überzeugt— ja ich könnte wohl ſagen, von ihrer wahnſinnigen Thorheit— um zu be⸗ ſcliehen, daß wir eine Erklärung haben m üſſen, ehe ich ahreiſe.“ Mehrere Minuten ſchon hatte Onkel Janne geſchwie⸗ 204 Naen, und noch immer vernahm man keinen Laut von Helmer's Lippen.— Er ging im Zimmer auf und ab und kämpfte ſicht⸗ lich mit den peinigendſten Eindrücken. 2 Da erhob Edith von Neuem ihre Stimme, in welcher die Leidenſchaft immer noch vibrirte: „Ernſt! biſt Du im Stande zu leugnen, daß meine Zweifel einen Grund haben?— was ſage ich, Zweifel? ... Ach, wäre es nichts Anderes! Aber ich habe oft, wenn Du glaubteſt, ich ſchliefe, zugehört, wie unruhig Du dich hin und her warfſt, während tiefe Seufzer— Seufzer eines verborgenen Schmerzes— über Deine Lippen gegangen ſind, und haſt Du nicht bei einigen Ge⸗ legenheiten meinen Wunſch, mit Dir nach Swärdsnäs zu fahren, abgewendet? Ha, Du errötheſt!... Bedarf f6 wohl einer andern Bekräftigung? Du kannſt nicht ügen!“ „Ja, Edith, ich erröthe!“ antwortete er langſam mit einer bedeutungsvollen Betonung des letzten Wortes; „doch merke: ich erröthe nicht über mich, ſondern über Dich!“ „Möchteſt Du mir beweiſen können, daß Du ein Recht dazu haſt!“ „Ich erröthe darüber, daß Du im Stande geweſen biſt, unſer heiliges, ſchönes Verhältniß ſo zu beflecken. Dein Gatte, der Dir eine reine und treue Liebe geweiht hat, der in Dir das einzige Weib anbetet, welches jemals ſein Herz in Flammen geſetzt hat, und der hoffte, daß er Deiner Achtung würdig wäre— ihn haſt Du im Verdacht, und das ohne allen Grund, wegen eines Verbrechens, welches, wenn es vorhanden wäre, ihn mit Entehrung und Verachtung ſtempeln würde! Doch nicht genug mit Verdacht: Du heuchelſt ihm Gefühle der Liebe und Zärtlichkeit, während ganz andere Gefühle in Deiner Bruſt toben!... Woher kommt es, daß Du ihnen nicht gehorchſt, daß Du mich nicht, da Du mich für ſo un⸗ würdig hälſt, mit Abſcheu von Deiner keuſchen Umarmung zurückſtößeſt?“ „Habe ich nicht immer gehofft, ich würde Dich zu⸗ 20⁵ rückführen, habe ich nicht unaufhörlich zu mir ſelbſt ge⸗ ſagt: du täuſcheſt dich, es iſt, es muß unmöglich ſein; und da ich mir nicht den Muth zugetraut, Dir Kälte zu zeigen...“ Sie verbarg ſchnell das Geſicht in den Händen, und eine glühende Röthe bedeckte ihre Wangen und ihre Stirn. Darauf fuhr ſie mit Anſtrengung fort: „Ich bin genöthigt, zu erkennen, meine Schwäche iſt ſo groß, daß ich ſogar in den grauſamen Augen⸗ blicken, da ich fürchtete, Dein Härz haͤtte mich verlaſſen, ein doppeltes Bedürfniß gefühlt habe, Dich noch feſter an mich zu ketten, damit Du nicht fliehen könnteſt. Doch haͤtte ich Dich einen Augenblick“— ihr Athem war in der heftigſten Bewegung—„der Untreue im Verdacht gehabt, ſo wäre es etwas ganz Anderes ge⸗ weſen. Aber nein, ſch weiß nicht, was ich ſage; es iſt genug, mehr denn genug mit der Untreue des Herzens — und noch in dieſem Augenblicke bin ich nicht befreit von dieſen Zweifeln aus dem Abgrunde: Du haſt nichts geſagt, was beweiſen kann, daß der Verdacht, der in mir rege geworden, ungegründet geweſen iſt.“ „Das will ich jetzt thun!“ „Du haſt gehört, daß ich mich unruhig hin und her gewendet habe, Du haſt meine Seufzer gehört, während ich Dich im Schlafe glaubte?“ „Ja, ja! Du geſtehſt das alſo ein?“ „Ich geſtehe es ein. Aber anſtatt von einer ver⸗ brecheriſchen Liebe gepeinigt zu ſein, die mich weit von Deiner Seite hinweg geführt haben würde, geſchah es aus Sorge für Dich, aus Furcht, daß es mir unmöglich ſein könnte, Dir fortwährend den geringen Wohlſtand in Deiner neuen Heimath beibehalten zu können.“ „Was ſagſt Du, Ernſt!“ „Ich ſage: nachdem ich einen bedeutenden Theil meines Capitales ausgegeben habe, um die Inventarien zu dieſem Gute anzuſchaffen, habe ich in dieſem Winter einen andern Theil zu einer bedeutenden Kornſpeculation 206 angewendet. Im Frühlinge fielen aber unvermuthet die Kornpreiſe, und ich konnte alſo mein Getreide nicht ver⸗ kaufen— denn ich hätte es mit Verluſt thun müſſen—, da jedoch dieſes eine Zeit iſt, in welcher der Landmann Geld braucht, ſo war ich gezwungen, eine Discont⸗Anleihe zu machen, die Werner beſorgt hat... daher meine Reiſen zu ihm. Und nun haſt Du auch die Erklärung meiner Zerſtreutheit, die ſich vielleicht bisweilen ſogar in meiner Liebe gezeigt hat. Aber, Edith, wenn meine Liebkoſungen, wie Du ſagſt, nur mechaniſch waren, ſo waren ſie es nur der Form nach. Meine Seele, mein Herz war immer bei Dir, mein Kummer, meine Unruhe, meine Arbeit, meine Furcht, Alles für Dich!“ „Siehſt Du nun, meine Du!“ fiel der Onkel ein, indem er auf die verſtummte junge Frau einen faſt vor⸗ wurfsvollen Blick warf,„ſiehſt Du nun, wie Du Deinen Mann beleidigt haſt? Welche unglückliche Leiden haſt Du Dir nicht ſelbſt geſchaffen, während er ſich bemühte, die wirklichen zu entfernen! Ach, wann wird Dein heftiges Blut einmal ruhig fließen?“ „Wenn ich todt bin,“ antwortete ſie leiſe,„und wozu verlohnt es ſich, länger zu leben, nachdem ich Ernſt beleidigt habe!“. „Biſt Du wenigſtens nun überzeugt, meine Edith, daß Du Dich geirrt haſt? fühlſt Du, daß es ein Wahn, eine Thorheit geweſen iſt, die Dich getäuſcht hat, fühlſt Du die ganze Möglichkeit deſſen, daß ich“— welche Höhe der Zärtlichkeit ſprach ſich nicht bei dieſen Worten in ſeinen Augen aus!—„daß ich Dir untreu werden könnte?“ „Wenn Du mich ſo anſiehſt, ſo glaube ich Alles, 3 was Du willſt. Doch, Ernſt— um mich ganz zu be⸗ ruhigen...“ Sie brach ab. „Iſt es mir alſo noch nicht gelungen, Dich zu be⸗ ruhigen?“.. „Schwöre bei dem Andenken an Deine Mutter, daß Du für denng niemals ein Gefühl gehabt haſt!“ „Wie? 207 „Ich wußte wohl, daß Du es nicht thun würdeſt!... Ach, Jenny iſt ſehr ſchön, und Du biſt ſo zuvorkommend gegen ſie... immer artiger, als gegen Andere... Es kommt mir auch vor, als ob ſie das Vergnügen zu ſehr zeige, welches ſie in Deiner Geſellſchaft findet... immer beſchäftigt ſie Dich... O, haͤtteſt Du nicht dieſes Ausſehen, welches...“ „Edith, Edith! jetzt wirſt Du kindiſcher, als einem vernünftigen Menſchen erlaubt iſt.“ „Vernünftig? Kann ich vernünftig ſein, Ernſt, da Du ſo ſchön biſt, daß ich auf jedes weibliche Weſen, das von Dir bemerkt zu werden wünſcht, eiferſüchtig werde? Es gibt nur Ein Mittel mich zu beruhi⸗ gen... ſchwöre, wie ich Dich bat, bei dem Andenken Deiner Mutter, daß ich ruhig ſein kann, und da werde ich es dann auch fur immer ſein.“ „Nein!“ erwiederte Ernſt mit Feſtigkeit,„da die ernſte, aus meinem Herzen kommende Erklärung Dir nicht hinreichend geweſen iſt, ſo iſt es meine Palichr⸗ es dabei bewenden zu laſſen, und ebenſo iſt es Deine Pflicht, den Worten Deines Mannes zu glauben, ohne daß ſie die Bekräftigung des Eides bedürfen!“ Nachdem er dieſe Worte geſagt hatte, verließ er ſo ſchnell das Zimmer, daß Edith keine Zeit hatte, Etwas zu erwiedern. „Mein Kind, ich kenne Dich gar nicht mehr! In dem Augenblicke, da ich erwarte, daß Du Dich mit Scham uͤber Dich ſelbſt reuevoll in ſeine Arme werfen und ihm Deine Fehler abbitten wirſt, verlangſt Du mit einem Eigenſinn ohne Gleichen, er ſoll daraußſchwo⸗ ren, daß er kein elender Verbrecher iſt. Meine Du, meine Du, das wirſt Du bereuen, das fühle ich an mir.. „Ja, da wäre es nicht das Erſte, das ich zu be⸗ reuen habe!“ antwortete ſie, indem ſie ſich auf das Sopha warf und das Geſicht in den Kiſſen verbarg. „Nicht das Erſte?... ach ſo... Du haſt ſchon ſonſt Etwas bereut?“ — 1 — 208 Der alte Mann fing an zu ſchwitzen. Edith ſchwieg. 3 hit „Du betrübſt Deinen alten Onkel ſehr, Kind! Und ich konnte glauben, daß es ein Paradies hier gäbe!“ „Das Paradies iſt ein bloßes Märchen— wenig⸗ ſtens hat es wohl niemals auf Erden gelegen?“ „Läſtere nicht! Du erſchreckſt mich... geh lieber und ſuche Deinen Mann auf und rede ſo zu ihm, wie es einer Frau anſteht, welche gehandelt hat, wie Du.“ „Und nun vielleicht hoch Armuth obendrein— wie ſie hohnlachen werden!“ „Aha, auch der Hochmuth und die Eitelkeit erwa⸗ chen und miſchen ſich in die Eiferſucht! Du wählſt eine häßliche Art, meine Du, die Bekümmerniſſe Deines Mannes zu theilen. Das werde ich morgen in Dein Handbuch ſchreiben. Gott tröſte mich um Dich!“ „ Habe ich denn keine Bekümmerniſſe, keine Leiden?“ fragte ſie, indem ſie ſich wieder erhob.„Sage ich es nicht täglich zu mir ſelbſt:„Darum, weil Du, als ein verſtoßenes Weſen von der Schwelle Deiner Mutter gingſ. unwürdig ihres Segens, darum wirſt auch Du ſel nie ein Kind ſegnen!“ O, das iſt fürchterlich!“ „Wie nun, meine Du? Kannſt Du ſo verirrt ſein, daß Du Gott, der Quelle aller Gnade, das Bedürfniß zuſchreiben willſt, ſich gleicſſam an uns, ſeinen Ge⸗ ſchöpfen, gegen die er täglich mit unendlicher Liebe ſeine Arme ausbreitet, rächen zu wollen? Nein, Kind, mit ſolchen unwürdigen Gedanken verſtehſt Du Deinen Gott ſehr ſchlecht. Was haſt Du übrigens bis jetzt ſo zu betrauern und zu fürchten?... Du der Freude würdig, nach welcher Du ſeufze wenn ſie Dir nützlich iſt. Aber wie willſt Du, die Du Dich ſelbſt nicht regieren kannſt, ein anderes Weſen lei- ten und erziehen? Und nun laß uns aufhören. Ich bin unruhig, daß Helmer in dieſer Stimmung von Dir ing... und ich bitte Dich, ſuche ihn ſo auf, wie Du ihn ſuchen mußt!“ 48 1 — ſo erhältſt Du ſie, ddie Pächersleute auf den 209 Einundzwanzigſtes Capitel. Eine unerwartete Unterbrechung. Ehe Edith— die bei den letzten ernſten Worten des Alten einige Macht über ſich ſelbſt erhielt— der Auf⸗ forderung nachleben konnte, welche ihr eigenes Herz ebenſo eifrig machte, obgleich ſie aus Eigenſinn dem⸗ ſelben widerſtrebte, kam Barbro mit dem Rapport her⸗ ein: es wäre ein Bedientenjunge mit einem Brief an den Patron und einer ganzen Koppel Hunde angekommen. „Nun, was habe ich damit zu thun?“ entgegnete Edith, deren Laune bei dem Gedanken an Fremde noch ſchlechter wurde.„Warum ſagſt Du das nicht dem Herrn?“ „Der Herr iſt ausgegangen.“ „So mag es ſein! Vielleicht will einer der Nach⸗ barn hier jagen?“ „O nein, Fraul es iſt der Großhändler, der junge Großhändler, ſagt der Junge; und der Wagen, ſagt er, kommt in zwei, höchſtens drei Stunden.“ „Gut!— gib dem Jungen etwas zu eſſen, und ſchicke die Hunde ſo lange in die Knechteſtube!“ „Gott ſei Lob und Dank!“ dachte der Onkel in ſeinem Herzen,„das kam eben zu rechter Zeit.“ „Wohin kann er gegangen ſein?“ begann Edith, da Barbro die Thür zugemacht hatte:„ſoll ich auf's Feld hinaus gehen— oder...“ „Jetzt nicht; das würde zu viele Zeit wegnehmen— Du mußt wohl nachſehen, ob die Wohnung oben in Ordnung iſt.“— „Ja, das iſt wahr!“ rief ſie bitter,„wenn die Herrſchaft kommt, ſo gehart es mit zum Stück, daß ehen ſtehen!“ Sie klingelte heftig. Barbro kam zurück. „Oeffne Fenſter und Thüren in der obern Woh⸗ Ein launenhaftes Weib. III. 14 4 210 nung, nimm Stina zu Hülfe und ſetze flink Alles in Ordnung...“ „Stina hat Außenarbeit.“ „Vortrefflich!... Nun ſo bitte denn Primus, daß er Dir hilft... und, liebe Barbro, laß es raſch gehen— Du biſt hier ſo nothwendig.“ Und auf einen neuen Wink verſchwand Barbro. „Nun, iſt nicht das Alles göttlich?“ ſagte Edith, indem ſie mit einem ausdrucksvollen Blick den Onkel ken, alle ſeine Zärtlichkeit ſich drehte— o, das woer unwürdig, das war unglaublich, das war eine Hexerei.. 4 — — 4— —— 211 Demnächſt begann ſie vor den Folgen zu erſchrecken, welche ſich in tauſend verſchiedene Geſtalten kleideten. Endlich, da ihre lebhaften Phantaſien faſt jeden Blutstropfen von ihren Wangen hinweg geſcheucht hatten, als ſie bereit war, hinaus zu eilen, um ihren Mann zu ſuchen und ihn um ſeine Verzeihung anzurufen— denn jetzt ſtand es klar vor ihrer Seele, welch ein Wahn⸗ ſinn es geweſen war, zu glauben, daß Ernſt ſie betrü⸗ gen könnte— da, in der Mitte dieſes Tumultes von Gefühlen und Gedanken, ſtand plötzlich der dumme Um⸗ ſtand von der Ankunft des Gutsherrn mit der ganzen Folge von Aergerlichkeiten vor ihr. Welche Pein, welche Schwierigkeit für Edith, für ſie, die ſich noch nie hatte beherrſchen können, außer zu einem romantiſchen Zweck, wo ſie ſich mit der Rolle einer Heldin tröſtete, daß ſie hier genöthigt war, ſich Faſſung zu erzwingen für den jämmerlichen Zweck, unter Zuckererbſen mit Coteletten, Spinat mit gebratenen Fiſchen, unter Waffeln, Pfannkuchen und Nonnenkuchen zu wählen! Doch wäre weiter nichts geweſen, als nur zu wählen!... die Fiſche waren ja zu Mittag ge⸗ geſſen worden und die Coteletten zu morgen beſtimmt, und wurden die Coteletten heute genommen, ſo wurde auch der morgende Tag mit einer neuen Sorge belaſtet. Welch ein kleinliches, ſtechendes Kopfzerbrechen! Dieſer materiellen Proſa ein kluges Nachdenken zu weihen, das erforderte eine größere Reſignation, als auf Edith's Loos gefallen war. Darum beſtand auch ihre vornehmſte Arbeit in der Küche darin, daß ſie Alles umkehrte und jeden Augenblick an die Treppe lief, um zu rufen: „Barbro, Barbro! ſiehſt Du den Herrn nicht?“— oder:„Barbro, Barbro! kommſt Du nicht endlich wie⸗ der herunter? wirſt Du nie fertig?“ Auch ging es dießmal nicht ganz ſo hurtig bei Barbro, wie gewöhnlich. Daran aber lag die Schuld nicht an ihr. Barbro, die gute Seele, that Aüss in der Welt, 212 um den friedlichen Staub auf⸗ und hinauszujagen. Aber ſie hatte einen Helfer in der Noth, welcher meinte, daß die Gelegenheit paſſend wäre, um ſich zu beluſtigen. „Primus! ich ſage Ihm: ich ſperre Ihn dort im Schranke ein, wenn Er noch länger eigenſinnig iſt und gar nichts thut! Nehm' Er augenblicklich die Kreide und den Eſſig, ſage ich, und den wollenen Lappen, ſage ich, und reibe Er damit die Ofenthüren, ſage ich, und zuch, die Schlöſſer an allen Thüren, ſage ich— hört r— Aber was that wohl Primus, der Schelm? Er hüpfte wie ein Liebesgott hinauf und ſetzte ſich ganz bequem zurecht auf Barbro's Schultern, als ſie eben im Schweiße ihres Antlitzes den großen Spiegel putzte. „Hi, hi, hil! wie verrückt Er iſt, Er kleiner Schelm! Ja, das ſieht ſchön aus! Kuſſe Er nur den Finger vor dem Affen, Seinem Bruder, den Er im Spiegel ſieht!“ „Nein, lieber betrachte ich meine Schweſter. Sie iſt weit hübſcher!“ ſagte Primus, und fing an, ſeine kleinen Anlagen zur Courtoiſie auf die netteſte Weiſe zu entwickeln. gleich, wenn Er ſich nicht beträgt wie ein Menſch!“ „Was ſagſt Du, ſchöne Barbro? Betrage ich mich nicht wie ein Menſch? Wie nennſt Du denn dieß... und dieß... und dieß?“ Und bei jedem Dieß eroberte 213 zornig geſtimmt, und griff ohne Umſtände nach der Ofengabel. Aber mit einigen Sprüngen über Stühle und Tiſche ſaß Primus im Schutz oben auf dem Ofen, wo er einer großen chineſiſchen Nickpuppe gar nicht unähnlich war. Jetzt konnte Barbro nicht bleiben laſſen zu lächeln; darauf aber ſagte ſie feierlich: „Primus! wenn Er ein Herz im Leibe hat, ſo nimmt Er nun den Eſſig und die Kreide!— dieß geht nimmermehr gut! Die Frau ruft ja in Einem weg, die Köchin Brita iſt krank, der Herr nicht zu Hauſe— o Jeſſes, ſo ſchlimm! Guter, beſcheidener, feiner Pri⸗ mus! nehme Er den Lappen und laſſe Er es nun hur⸗ tig gehen!“ „Dergleichen läßt ſich hören!“ antwortete Primus vornehm,„und will Barbro mir ohne Umſtände zwei Küſſe geben, ſo, dieſer, und jener, bringe ich ganz allein die Zimmer in ſo gute Ordnung, wie nur ein Menſch ſie ſehen will: ich weiß wohl, wie es ſein muß, ich; denn ich habe geſehen, wie ſie's in großen Hotels im Auslande haben... Nun, Barbro! will Sie bezah⸗ len?— Ja oder Nein?“ „Iſt's denn auch wirklich ſicher, daß Er hernach...“ „Das iſt ſo ſicher wie Banco— her mit den Küſ⸗ ſen!. ich laſſe mich am liebſten voraus bezahlen!“ Der Zwerg hüpfte auf den Stuhl herab. „Kann es denn gar nicht anders ſein?“ ſagte Barbro und begann die Unterhandlung damit, daß ſie den Zipfel der Schürze über den ſchönen Mund hin und her bewegte. Doch, o weh! bei dieſer reizenden Vorbereitung, die Primus mit Entzücken betrachtete, verblieb es auch: durch den unergründlichen Beſchluß des Schickſales ent⸗ ging der contractmäßig abgemachte Kaufpreis dem Pri⸗ mus; denn in dieſem Augenblicke vernahm man das heftige Raſſeln eines Wagens. Barbro fuhr weg an das Fenſter, ſchlug die Hände 214 zuſammen und rief in entſchiedenem Tone, der keinen Widerſpruch erlaubte: „Alle Wetter! der Fremde ſchon hier! Schere Er ſich nun im Augenblicke herunter, und bringt Er jetzt nicht Alles in Ordnung, ſo ſoll Er heute Abend den Beſenſtiel ſchmecken— Ich hab's Ihm geſagt, Pri⸗ mus!“ 1 Und wie der Wind war Barbro die Treppe hinunter. Ebenſo ſchnell war auch Primus vom Stuhle herab, und bald waren unter ſeinen Händen Ofenthüren und Schlöſſer ebenſo blank, wie Barbro's leuchtende Augen — eine Vergleichung, mit welcher ſich Primus trotz aller Eile erheiterte. Nachdem er darauf noch gleich einem Hauche des Zephirs mit der Serviette und dem Federſtäuber über die Möbel gefahren war— jetzt kam es ja darauf an, Barbro dahin zu bringen, ihm als eine Belohnung den Preis zu geben, welchen ſie aus Zwang zu bewilligen auf dem Wege geweſen war— eilte er hinab in die Küche, denn er wußte, daß er dort ebenſo unentbehrlich werden konnte. Und bald ſtand er mit einer vorgebundenen Serviette auf einem Schemel vor der Bank und ſpielte den Koch, mit dem Fleiſchſtück 5 der einen und der hölzernen Krucke in der andern and. Was hatte inzwiſchen die Wirthin gethan? In Ermanglung ſowohl ihres Mannes als auch des Onkels Janne, hatte ſie mit einer kleinen vorneh⸗ men Falte, einer wirklichen Dagbyer Falte, auf ihrer ſchönen Stirn ſich auf die Hausflur hinausbegeben, um, wie es der Frau des Pächters gebührte, den rechtmäßigen Herrn von Lärkholmen zu bewillkommnen. In ihrem Kopfe hatte ſie einen Typus für alle Handelsleute, welche von den Stadtbällen her ihre horri⸗ belſte Prävention geweſen waren. Sie ſah ſtets— denn Edith vermengte Kaufleute, Handelsbuchhalter und Laden⸗ — diener— ein d 3 aar rothe Hände, welche hinter dem Tiſche geſch teria Hän Han geni wen! das dieſe Verd werd Stü ſchw ganz ſchlo hend ſchw mach dieſe Reiſ welc der flohe voll Lipp der ſehe und daß gan heit chen mei 21⁵ geſchwollen und noch ſchrumpflich waren von den Ma⸗ terialien, welche durch dieſelben geglitten; wie beſagte Hände am Ballabende Hausraum ſuchten in weißen Handſchuhen, die ſie in Edith's Augen immer mit einem genirten Ausſehen trugen, woher es denn auch kam, wenn die Beſitzer dieſer Art von Handſchuhen ſich an das vornehme Fräulein Sternfelt hinauf wagten, daß dieſe dann jedesmal ſchon aufgeboten war. Und nun an dieſem Tycho⸗Brahe⸗Abende, da alle Verdrießlichkeiten zuſammenſtießen, ſollte ſie gezwungen werden, Wirthin zu ſein, und noch obendrein ein ſolches Stück Menſch entgegen nehmen!“ Noch waren die ſtolzen Dagbyer Falten nicht ver⸗ ſchwunden, als der Wagen, deſſen ausgezeichnete Ele⸗ ganz ſie wirklich peinigte, vor der Thür hielt. Aber jetzt, da der Wagen geöffnet und ein großer, ſchlanker Herr mit einer afrikaniſchen Hautfarbe, glü⸗ henden, pechſchwarzen Augen und einer Wolke von ſteifen ſchwarzen Haaren um eine Stirn, worauf die Herrſcher⸗ macht zu leſen ſtand, ſichtbar wurde, und da ferner dieſer Magnat ſich in einem nachläſſigen und pittoresken Reiſeanzuge zeigte, von dem er ſelbſt am beſten wußte, welchem Lande er angehörte, ſo wirkte die Sympathie der Neuheit auf Edith's Gemüth. Die Falten ent⸗ flohen, ohne daß ſie etwas davon wußte, und ein Lächeln voller Anmuth und Liebenswürdigkeit lagerte auf ihren Lippen. Die Verlegenheit war total verſchwunden, als der Reiſende die Hausflur erreichte. „Ohne Zweifel habe ich die Ehre, Frau Helmer zu ſehen?“ begann der Fremde in einem ungezwungenen und achtungsvollen Tone. Edith machte eine ſuperbe Verneigung. „Der Vorbote des Herrn Großhändlers kam ſo ſpät, daß ich ſehr bedauern muß, die Wohnung noch nicht ganz im Stande zu haben, weßhalb ich mir die Frei⸗ heit nehme, Sie in unſere Zimmer zu bitten und zu erſu⸗ chen, mit meiner Geſellſchaft fürlieb zu nehmen, bis mein Mann und mein Onkel nach Hauſe kommen.“ 216 Der Großhändler warf ſein weites Oberkoſtüm ab, unter welchem er einen ebenſo eleganten als ſorgfältig angelegten Anzug trug, verbeugte ſich noch einmal vor der jungen ſchönen Frau, und folgte ihr dann mit einer kurzen, aber verbindlichen Dankſagung durch das Be⸗ ſuchzimmer in die Arbeitsſtube, wo, wie Edith's Takt ihr ſagte, die Converſation durch die Gegenſtände er⸗ leichtert werden konnte. In dieſem Punkte hatte ſie ſich auch keineswegs geirrt. Der Großhändler Mörnburg junior, der Compag⸗ non des Großhändlers Mörnburg senior, war ein ſehr bereister Mann, der nicht ungerne Gelegenheit fand, dieſes merken zu laſſen, obgleich er weit entfernt war, jener Art von Touriſten zu gleichen, die jeden Satz be⸗ ginnen mit:„Auf meiner letzten Reiſe durch Deutſch⸗ land, Frankreich, Italien“ und ſo weiter. Herr Mörnburg ſagte kein Wort von ſeiner letzten Reiſe; doch die großen Gemäldeſammlungen, welche Edith von Dagby mitgebracht hatte, gaben ihm Gelegen⸗ heit, über die Orte zu reden, welche er betrachtete, und zwar auf eine Weiſe, aus welcher man abnehmen konnte, daß er ſie zuvor im Original geſehen hatte, und ſo fiel hier ein Wort und da ein Wort, aus welchem Edith abnahm, daß ſie einen gebildeten Mann vor ſich ſah, der ſich ſowohl im Oriente als auch anderswo umge⸗ ſehen hatte, und der über Kunſtwerke, Ruinen, Literatur, Muſik, Architektur, Religionsgebräuche, Harem und morgenländiſche Galanterien ſo ungekünſtelt und ohne Uebertreibung redete, daß Edith gar keinen Grund hatte ſich zu wundern, als auch einige kleine Abenteuer unter den Wilden in Afrika dem Ganzen einen feſten Relief ertheilten. Indeſſen ſchritt die Zeit vorwärts. Der Thee kam, aber immer noch ließen ſich weder Helmer noch auch der Onkel ſehen. Edith fing an unruhig zu werden. Wenn der Gaſt dieſes bemerkte, ſo iſt gewiß, daß er ſich wenigſtens den Schein gab, als bemerkte er es 217 nicht. Er machte ſich vertraut mit dem Piano, mit dem Bücherſchranke, mit Allem was da war, und ſagte endlich ohne Umſchweife: „Wie glücklich bin ich, einen ſo angenehmen häus⸗ lichen Umgang bei dieſem Landaufenthalt zu finden, wozu mein Arzt mich genöthigt hat, weil ein Kaufmann doch niemals in der Nähe des Comptoirs die Geſchäftsfrei⸗ heit haben kann, deren die Geſundheit bisweilen bedarf!“ „Ich meine, Ihre Familie hält ſich jährlich einige Monate auf Lärkholmen auf?“ 8 „Meine Eltern haben oft an dieſem ſehr ſchönen Orte gewohnt, ich bin jedoch, außer einigen kurzen Be⸗ ſuchen, eigentlich nie hier geweſen. In dieſem Jahre kann mein Vater nicht abkommen, meine Mutter reist in's Bad, und ich armer Junggeſelle würde mich gewiß ſehr ſchlecht befinden, wenn ich nicht auf die chriſtliche Barmherzigkeit meiner Nachbarn zu rechnen wagte. Doch,“ fuhr er fort, da eine leichte Röthe ſich über Edith's Wangen verbreitete,„wenn die Einmiethung, die ich ſo ſehr wünſchte, in irgend einer Hinſicht geniren ſollte— gleichwohl bin ich ſehr genügſam in meinen Gewohn⸗ heiten— ſo wollte ich um Alles in der Welt kein Wort davon ſagen, ſondern müßte dann wohl zuſehen, wie ich meine eigene kleine Wirthſchaft einrichten kann. „Wenn Sie den Tiſch des Pächters nicht allzu ein⸗ fach finden, ſo ließe ſich das wohlarrangiren!“ entgegnete Edith mit gaſtfreier Artigkeit. Im nächſten Augenblick, da Herr Mörnburg er⸗ wähnte, daß ſein Brief an Herrn Helmer eben dieſen Wunſch enthielte, den er jetzt ſeiner Wirthin geſtellt hätte, that es Edith leid, daß ſie etwas abgemacht hätte, ehe ſie Ernſt gefragt hätte, was er darüber meinte. „Aber auf keinen Fall konnte man es vermeiden;“ fügte ſie in Gedanken hinzu.„Wenn nur Ernſt käme!“ Endlich erſchien der Onkel— aber allein. Edith ſtand ſogleich auf, denn jetzt, da der Onkel zu Hauſe war, konnte ſie hinaus kommen. Im Vorbeigehen flüſterte ſie mit einer Stimime, die 218 vor Unruhe zitterte:„Lieber Onkel! haſt Du ihn nicht geſehen?“ „Nein!“ antwortete der Alte ebenſo leiſe; laut aber ſagte er:„Ich glaube, Helmer iſt auf ſeiner Promenade ſo weit hinweg gekommen, daß er bei einem Nachbar ingeſeben hat und nun nicht wieder herauskommen ann.“ 1 Endlich war es Zeit zum Souper. Edith hatte ſo lange wie möglich gezögert in der Hoffnung, ſie würde ihren Mann eintreten ſehen, und in dem Gefühle, daß das Wiederſehen in Gegenwart des Fremden leichter ſein müßte. Nun aber ſchob man die Stühle vom Tiſche zurück .... Gleich darauf nahm der Großhändler ſeinen Hut und empfahl ſich. Zu gleicher Zeit ſagte auch der Onkel gute Nacht, denn er war mit dieſem Allem nicht recht zufrieden. Er war unzufrieden mit Edith, hatte jedoch nicht das Herz, ihr noch weitere Vorwürfe zu machen. Edith ihrer Seits wollte den Onkel ebenfalls nicht zurückhalten. Sie wußte, daß ſie nicht den geringſten Troſt zu erwarten hatte. Zweiundzwanzigſtes Capitel. Mann und Frau. 6 2* Die Uhr hatte zwölf geſchlagen. Es war ſtill im ganzen Hauſe, nur Edith wachte und ging über alle Beſchreibung unruhig im Schlafzimmer auf und ab. „Nein!“ ſagte ſie, indem ſie zum zehnten Mal das Fenſter aufriß,„dieß iſt unerträglich!... Was ſoll ich thun?“— ſie blickte nach allen Seiten umher—„ich werde wahnſinnig... und ſogar Ernſt kann ſo grau⸗ ſam gegen mich ſein, und doch Habe ich um ſeinetwillen..“ nur zule wele wär And und 219 Sie unterbrach ſich und ſchlug das Fenſter zu. Aber die Phantaſie flog ebenſo frei. „Wie? wenn Mutter Recht hätte! Wenn er mich nur mit jener ruhigen, lauen, trägen Liebe liebte, welche zuletzt ſich in der Profa des Alltaglebens abnutzt, in welchen Abgrund würde ich da fallen! Aber nein, das wäre noch tauſendmal ſchrecklicher, als wenn er eine Andere liebte!“ Sie hielt einen Augenblick inne, ſchloß die Augen und zwang ſich, an etwas Anderes zu denken. 8. Sie vermochte es nicht. „In der Eiferſucht, ſo peinigend ſie auch iſt, liegt doch wenigſtens ein Reiz, der, weil er ſtets wechſelt zwiſchen Furcht und Hoffnung, unſerm Weſen Leben, ein wildes tyranniſches Leben ertheilt... Doch dieſes Weſen in einer ehrbaren, geduldigen, unerträglichen, unleidlichen Ruhe hinſchleppen— o mein Gott: in einer Ruhe, die ebenſo einförmig iſt, wie die Einförmigkeit der häuslichen Freuden— kann es wohl möglich ſein, daß ein Menſch dieſes aushalten und doch daran denken kann, daß dieſe paſſive Ruhe Liebe vorſtellen ſoll?... St! dort kommt Jemand!... Nein... Einbildung! .. ja, wirklich!“ Sie eilte an die Thür und lauſchte. „Ach ja, er iſt's— er iſt's!“ Und er war es. Helmer war ausgegangen, um die Wallung ſeines Blutes zu beruhigen, um mit ſich ſelbſt zu erwägen, wie aüliac dieſem peinigenden Auftritte Edith behandeln ollte. Dieſe Gedanken hatten ſeine Seele ſo ſehr be⸗ ſchäftigt, daß er eine ganze Meile gegangen war, ehe er zu bemerken begann, daß er die Zeit gänzlich ver⸗ geſſen hätte. Er fühlte ſich müde, denn er war den ganzen Tag in Bewegung geweſen, und in dem bittern Gedanken, der ſich zum erſten Male einſtellte:„es wartet Deiner 220 zu Hauſe nichts Angenehmes,“ zauderte er noch eine ganze Stunde, ehe er den Rückweg antrat. Als er dieſes that, war ſein Beſchluß gefaßt, es möchte dem widerſpenſtigen Herzen ſo ſchwer werden wie es wollte, ſich gegen ſeine vergötterte Edith kalt zu zeigen. Es war unmöglich, ihr zu zeigen, wie zerriſſen ſeine Seele von Beſorgniſſen war, wie bitter verletzt er ſich fühlte über ihre Gleichgültigkeit bei ſeinen Bekümmer⸗ niſſen, bei der Erklärung, welche er gegeben hatte, um ihre nur in der Phantaſie vorhandenen Qualen zu lin⸗ dern. Nein, ſie durfte nicht wiſſen, daß ihre Macht ſo groß war, wie ſie wirklich war, denn da würde es ihr ein kindiſches Vergnügen machen, dieſe Macht zu miß⸗ brauchen— und wie es dann gehen könnte, das wußte nur Gott. Als er eintrat, ſtand Edith— die jetzt alles Andere vergeſſen hatte und nur an das Wiederſehen. dachte— ſo demuthsvoll, ſo ſchön, ſo unausſprechlich verführeriſch in ihrer netten weißen Nachtkleidung an der Thür, daß Helmer ſeine ganze Kraft aufbieten mußte, um eine Gleichgültigkeit zeigen zu können, die von ſeinem Herzen weit entfernt war. Doch um der Zukunft willen durfte ihr der Sieg nicht allzu leicht werden. Sie hatte gefehlt, und mußte fühlen, daß ſie gefehlt hatte. „Ernſt! ich bin in der fürchterlichſten Unruhe ge⸗ weſen!“ „Wie ſo?“ „Weil Du auf dieſe Weiſe weggegangen biſt. Wenn Du mich nur recht anſehen wollteſt, Ernſt“— er hatte aber hiemit keine Eile—„ſo würdeſt Du ſehen, wie ſehr ich gelitten habe!“. „Du hätteſt zu Bette gehen ſollen, liebe Cdith! Du darfſt nicht unruhig ſein, wenn ich einige Stunden länger ausbleibe, als gewöhnlich.“ „Sonſt nicht, aber jetzt, da Du ſo aufgeregt, da Du unzufrieden mit mir warſt, da Du Urſache hatteſt, 8 unzufrieden zu ſein.“ 221 „Laß uns darüber nicht weiter reden, Edith! Wenigſtens will ich mich bemühen, es zu vergeſſen.“ „Vergiſſeſt Du es aber auch von Herzen, Eynſt?“ „Wir wollen hoffen, daß ich es mit der Zeit ver⸗ „Wie? mit der Zeit!“ rief Edith heftig.„Das wäre ja ein Aufenthalt in Deinen Gefühlen, wenn Du ſo dächteſt!— Liebſt Du mich denn nicht mehr ſo, wie vor ſechs Stunden?“ Ernſt ſchwieg. „Großer Gott! Laß mich doch nicht in dieſer Un⸗ gewißheit!“ Sie ſtreckte ihm flehend die Arme entgegen. „Ernſt, Du weißt, daß ich Dich anbete mit den Ge⸗ fühlen einer Gattin, einer Geliebten, einer Sclavin— aber wenn Du mich weniger lieben ſollteſt...“ „Nicht ſo, Edith!“ ſagte er, indem er, ohne ihre Rührung zu erwiedern, ſie neben ſich auf den Sopha ſetzte.„Dieſe Heftigkeit iſt kein Beweis einer hohen und wirklichen Liebe; nur der blinde Inſtinkt leitet Dich in ſolchen Augenblicken. Liebteſt Du mit einer heiligeren Flamme, mit einer vertrauensvolleren Hingebung, ſo wäre die Eiferſucht und der Verdacht weit entfernt von Dir. „O, Du tadelſt alſo meine Liebe, ſie beläſtigt Dich — ſieh da den Lohn dafür...“ Sie beſann ſich, aber zu ſpät: die unſeligen Ge⸗ danken, die ſie an dieſem Abende gehabt, hatten jetzt laut auf ihren Lippen geſpukt. „Lohn?“ wiederholte Ernſt mit flammenden Mangen. elche ganz andere Richtung erhielten nicht jetzt ſeine Geſuͤhle! Edith ſchauderte vor dem Blicke, der das Wort be⸗ gleitete. „Du zwingſt mich, Ernſt, Dinge zu ſagen, von denen ich ſelbſt nichts weiß!“ flüſterte ſie leiſe. „Edith! dieß iſt ein bitterer Augenblick,“ ſagte er, „ein ſchrecklich bitterer!“ mag 222 „Die Bitterkeit tritt ein, wenn die Liebe flieht: Dein Herz iſt nicht mehr mein, wie es geweſen iſt.“ „Edith, mein Herz iſt Dein, es kann nie einem andern Weibe huldigen, ſelbſt wenn die eheliche Treue unſern Bund nicht heiligte. Doch laß mich Dir ſagen, daß Auftritte, wie dieſer, nicht geeignet ſind, die Liebe zu erhöhen.“ Edith lauſchte mit geſenkter Stirn. „Heile, o Sdith, heile das Böſe, welches Du mir gethan haſt! Du kannſt es dadurch, daß Du mir in Deinem Benehmen zeigſt, wie Dein Vertrauen zurück⸗ gekehrt iſt, und ferner, daß das Wort, welches Dir eben entfuhr, die Frucht einer Uebereilung und keiner Ueber⸗ legung war— und Du wirſt ganz gewiß den ſchmerz⸗ haften Eindruck verwiſchen, welchen ich jetzt von Dir habe.“ „Aber, wie willſt Du, daß ich mit der Gewißheit leben ſoll, daß Du einen ſchmerzhaften Eindruck von mir haſt? Ach, dazu iſt mehr Muth erforderlich, als ich habe... So, Geliebter!“ rief ſie plöͤtzlich, indem ſie von dem Schmerze in das Lächerliche überging und ſich der Waffen bediente, in deren Handhabung ſie ſo geübt war, nämlich der Waffen der Gefallſucht—„dieß darf nicht länger ſo bleiben: ich werde ängſtlich, ich werde todtkrank!— Keine Wolken mehr! lächle mich liebevoll an.. lächle, ſage ich Dir! ſonſt...“ Und ſte ſchlang ihren ſchönen runden Arm um ſeinen Hals. 3— „Meine Cdith, ſo verſcherzen wir eine ernſte Sache nicht! Ich bin heute Abend nicht zum Lachen geſtimmt. Du biſt mir ſelbſt dann noch theuer, wenn Deine Fehler den Glanz Deines edleren Weſens in Schatten hüllen, aber ich bin nicht materiell genug, als daß eine ver⸗ führeriſche Koketterie meiner Gattin, ſo ſchön, ſo reizend ſie auch ſein mag, in einem Augenblicke die Wolken verſcheuchen könnte, die ihr vorhergehendes Betragen hervorgerufen hat. Auch Du müßteſt den Mann ver⸗ achten, über den Du durch die bloße Macht Deiner Reize gebieten könnteſt!“ 3 jut ner die 1 meine Geduld allzu ſehr zu prüfen?“ 223 Auf dieſe in Edith's Gedanken gimmelſchreiende Beleidigung antwortete ſie nicht mit Worten— was auch vielleicht ſchwer geworden ſein möchte,— denn ſie war vor Gemüthsbewegung beinahe erſtickt. Aber ſie verließ ſchnell ihren Mann und machte ſich an dem andern Ende des Zimmers Etwas zu thun. Eine Stunde war verfloſſen. Ernſt, der längſt zu Bette gegangen war, hatte mit ſtiller Verwunderung, zugeſehen, wie Edith unaufhörlich zu thun hatte und nie fertig werden zu können ſchien. „Wie lange willſt Du denn noch auf ſein?“ „Bis ich ſchläfrig werde!“ „Bedenke, Edith, daß ich früh, wie gewöhnlich, bei meiner Arbeit ſein muß!“ „Was weiter?“ „Was weiter?— werde ich nicht beunruhigt, wenn Du Dich legſt?“ „Nein, das wirſt Du gewiß nicht!““ „Wie weißt Du das?“ „Genug, daß ich es weiß!“ „So ſage es doch!“ „Ich lege mich dort!“ Sie deutete auf das Sopha. „Edith, ich bitte Dich, ſei vernünftig!“ „Das denke ich eben zu werden!“ Erfinde nicht noch mehr Anlaß zu Auftritten!“ Die junge Frau ſchwieg. „Vielleicht willtt Du an Deinem Handbuche für junge Gattinnen ſchreiben. Hier iſt Gelegenheit zu einem neuen Kreu am Rande.“ Keine Antwort. „Geliebte Edith, laß mich nicht glauben, baß Du dieſe Laune bis zum Ernſt treiben kannſt!“ „Ich thue es!“ „Wenn ich nun aber ſagte: nimm dih in Acht. 224 „ Da würde ich ebenſo antworten. Und ich würde hinzufügen: hüte Dich vor allzu lautem Sprechen, denn es fällt mir jetzt ein, daß der Gutsherr angekommen iſt. Und das Allerwenigſte, was er von ſeinem Pächter ver⸗ langen kann, iſt wohl, daß ihm ſeine Nachtruhe nicht geſtoört wird.“ Es lagen ſo viele reizbare Punkte in dieſer Antwort, daß Ernſt kaum den Verdruß bekämpfen konnte, den ſie in ihm weckte. 1 Ueber die Ankunft des Großhändlers reden wir morgen früh,“ ſagte er—„jetzt aber frage ich Dich venftbten Male, ob Du von Deiner Laune abgehen willſt?“ „Nein, das will ich nicht!“ „Bei Gott, Edith, Du gehſt zu weit! Ich bitte Dich, bitte Dich um deinet⸗ und meinetwillen, treibe dieſen Einfall nicht noch weiter! denn ich muß Dir ſagen: bleibſt Du bei Deinem Vorſatze, ſo— magſt Du von morgen an allein über dieſes Zimmer verfügen!“ „Hafir bin ich ſehr verbunden!“ ut 74 Ernſt ſagte nicht mehr, als dieſes eine Wort; aber Edith begriff jetzt nicht alle Feſtigkeit, die darin lag.. So lange ihre Heftigkeit, ihr flammender Zorn dauerte, ſagte ſie zu ſich ſelbſt: „O, man wird nicht Frau, um ſich wie eine Sclavin behandeln zu laſſen!— Nein, die Geduld kann wirklich einmal reißen, und ich habe Wunder gethan, daß ich ſo lange ausgehalten habe..— Sie fing an, die Kiſſen auf dem Sopha in Ord⸗ nung zu legen. „Gott, wie undankbar ſind doch die Männer! Hat nicht mein thörichtes Herz, ſelbſt als ich fürchtete, daß er mich betrüge, ſich immer beglückt gefühlt, wenn er mich nur anlächelte! Er wußte nicht, daß ich unglücklich war, daß ich litt, daß ich zitterte vor Furcht, den kleinſten Atom von ſeiner Liebe zu verlieren, während er in aller 22⁵ Gemächlichkeit ſeine Cigarre rauchte, mit der abſcheulich⸗ ſten Genauigkeit ein Zeitungsblatt ſuhfts oder bisweilen einige armſelige Phraſen fluͤſterte, in denen ſein ganzer Vorrath von Leidenſchaft lag... Was ſage ich? liebt man ſeine Frau mit Leidenſchaft, beſonders wenn man ihrer gewiß iſt?“ Sie legte ſich auf das Sopha und warf ein Hals⸗ tuch über ſich. „Ich will nur ſehen, wie lange er dieß aushalten kann— ich war recht ernſthaft, und das mußte ich ſein — höchſtens dauert es eine halbe Stunde, ſo fängt er wieder an zu reden. Aber ich bin es meiner Würde ſchuldig, nicht zu antworten... eine volle Stunde über⸗ ſteigt gewiß ſeine Kräfte... eine volle Stunde in der Unruhe, daß ich mich nicht zur Verſöhnung bewegen laſſe... Doch er verdiente es— ich nehme keine einzige Minute ab von der Stunde!“ Aber die Stunde und Stunden vergingen, ohne daß Beliner regelmäßiger Schlaf unterbrochen zu werden ien.. Edith's Gemüthsſtimmung variirte inzwiſchen in vielen Graden. Endlich, da die Sonne durch die Fenſtergardinen ſchien, ſank ſie in einen tiefen Schlummer, doch trug ihr Schlaf Zeugniß von den wogigen Bewegungen, die ihm vorangegangen waren, und wurde auch bisweilen von einem leichten Fieber unterbrochen. Der ſcharfe Frühlingsmorgen hatte ſeine Kälte durch ihre Glieder verbreitet. Da ſtand Helmer auf, kleidete ſich in Eile und trat leiſe an das Sopha, vor welchem er niederkniete. Hätte Edith das geſehen, hätte ſie die Stimme ver⸗ nommen, die von ſeinem Herzen ging:„Ich habe wohl gehört, wie Du Dich in Schlaf geſchluchzt haſt!“— ſo würde ſie gemeint haben, ſie erwachte im Himmel. Aber ſie ſchlief. Jetzt nahm er ſie leiſe in ſeine Arme— ſie war ſo kalt, ſie lag ſo ſchlecht— trug ſie in das Bett, ließ Ein launenhaftes Weib. III. 15 226 die Gardinen herab, und, nachdem er leidenſchaftlicher, als jemals, einen Kuß auf eine ihrer weichen Seiden⸗ flechten gedrückt hatte, eilte er hinaus und befähl Bar⸗ bro, die Frau unter keiner Bedingung zu ſtören, ehe ſie klingelte. Jetzt erhielt er den Brief und eine vollſtändige Nachricht von der Ankunft des jüngern Mörnburg. Dieſer lange Beſuch in dieſem Augenblick war ihm äußerſt unangenehm, weil er die artige Bitte der Ein⸗ miethung nicht abſchlagen konnte. Edith damit zu be⸗ ſchweren, da ſie ſich dann ſo genirt fühlen mußte— doch es gibt einen Zwang, dem man ſich unterwerfen muß, denn er ſteht unter der verſüßenden Rubrik von Vergnügen. Ein vertrauliches Geſpräch zwiſchen Ernſt und dem Onkel Janne beruhigte die Furcht des Alten beinahe gänzlich: 8 „Gott ſegne Dich, mein Sohn, wegen der großen Vernunft, die Du bei der Behandlung dieſes uns Bei⸗ den ſo theuren Kindes bewieſen haſt; ſie täuſcht ſich ſelbſt ſo oft, obgleich ſie ſonſt ein Herz hat wie Gold und einen Verſtand, der ſie vor kindiſchen Thorheiten ſchützen ſollte. Aber mit allen ihren Fehlern iſt ſie dennoch Deiner Zärtlichkeit würdig, denn in ihrer Liebe iſt ſie unveränderlich.“ 4 „Im dieſer Ueberzeugung liegt auch meine einzige Kraft!“ entgegnete Ernſt:„Sollte ich aber eines Tages dieſe verlieren, ſollte ſie einmal im Ernſt Reue empfin⸗ den— ich wage es gar nicht, in eine ſolche Zukunft zu blicken, und dennoch kann ich die Augen nicht ganz vor den Symptomen ſchließen, welche mich überraſcht haben.“ „Ja, lieber Sohn, vor den Symptomen kannſt Du ruhig die Augen ſchließen. Ihre Gefühle für Dich ſind zwar von einer ziemlich gewaltſamen Heftigkeit; doch, auf Gewiſſen, in dieſem Punkte iſt ſie nicht flüchtig: ſie hat zuvor nie geliebt und wird auch nicht öfter, als 227 einmal lieben. Inzwiſchen bin ich ſehr neugierig, zu ſehen, wie ſie ſich heute zu benehmen denkt, melche Miene die kleine Närrin aufſetzen wird!“ „Ja, wollen ſehen!“ „Auf jeden Fall, Bruder— hm... Du biſt doch nicht allzu ernſihaft⸗ 24 Helmer ſah gleichwohl ſehr ernſthaft aus. „Ich fühle faſt,“ ſagte er nach einigem Schweigen, „daß ſie die Laune habem kann, Bur nicht heraus zu kommen.“........ Hierin aber irrte Ernſt. Als Edith erwachte— und das geſchah ziemlich früh— und ſich im Bette ſah, zärtlich vor der Sonne geſchützt, welche ſie auf dem Sopha ſchon längſt ge⸗ weckt haben würde, ſo fühlte ſie ſogleich mit einem un⸗ beſchreiblichen Gefühl der Ruhe und Freude, daß ſie an Ernſt's Herzen geruht und daß dieſes Herz ſich nur zu den ernſten Worten gezwungen hatte, m lche über die Lippen gegangen waren. Der ganze verfloſſene Abend mit der darauffolgenden nächtlichen Scene kam ihr jetzt in dem klaren friſchen Lichte vor wie ein böſer Traum, wie ein Werk der Mächte der Finſterniß. „Nein,“ ſagte. ſie entſchloſſen,„eine Glückſeligkeit von mehr als ſieben Monaten— denn ich will die Augenblicke der Todesqual abziehen, welche mich meine eigene Thorheit gekoſtet hat— ſind eine allzu große und heilige Bürgſchaft für Ernſt's Charakter und Ge⸗ fühle, als daß ich mit voller Vernunft noch den aller⸗ geringſten Zweifel hegen könnte...“ „Aber,“ fuhr ſie fort, nachdem ſie einige Augen⸗ blicke tief nachgedacht hatte,„ebenſo gewiß, als ich ſeine einzige Liebe bin, ebenſo gewiß wird er auch nach allen dieſen unüberlegten Worten, die ich in dieſer Nacht ge⸗ ſagt habe, aus eigenem Antriebe nie wieder zurückkehren Ich war mehr denn kindiſch, mehr denn eigenſinnig, mehr denn unvernünftig, ich war wirklich eine verab⸗ 228 ſcheuungswürdige Gattin! Wollen ſehen, wie ich es nun anfangen kann, dieſes Knäuel zu entwirren— ohne Scenen, denn deren haben wir genug gehabt, und ohne daß ich meiner Würde zu nahe trete.“ Wiederum dachte ſie, kaute an den kleinen roſen⸗ rothen Nägeln und ſchüttelte das entzückende Köpfchen. „Es iſt leicht geſagt: laß uns denken, laß uns rangiren! Aber man knüpft nicht ſo ſchnell zuſammen, als man zerreißt.“ Ein kleines ärgerliches Nieſen erweiterte die feinen Nüſtern. „Wenn ich recht heftig klingelte... ein plötzliches, paſſables Fieber? Laß mich fühlen... ach, wie ver⸗ drießlich, ich bin ja nicht im Geringſten warm!... Aber man hat ja auch kalte Fieber, und ich fühle wirk⸗ lich einige kleine Schauer... Ein kaltes Fieber alſo— was läßt ſich daraus machen 2“ Sie ſtützte das Haupt mit der Hand und ſtrengte ihr ganzes Denkvermögen an. „Man iſt ſehr blaß bei einer ſolchen Krankheit, und dadurch erhalten die Geſichtszüge eine gewiſſe Melan⸗ olie; man fühlt ſich verſtimmt, matt, müde. Und attigkeit und Müdigkeit gewährt rückſichtlich der Art, wie man liegt, einen ungemeinen Vortheil vor einem andern Fieber, wo gar kein Styl in Frage kommen kann, wenn er natürlich ſein ſoll...“ „Wir nehmen alſo an, ich rangire mich zu einem kalten Fieber, ich nehme das Sopha ein, ich laſſe Ernſt nicht rufen, ſondern ſage wohlbedacht zu Barbro, die nicht im Stande iſt, zu ſchweigen: Hörſt Du, Du darfſt den Herrn„nicht beunruhigen, ich verbiete es Dir— denn ich e, auch keinen Arzt haben.“ So weit ging es gut. Die junge Frau war zufrieden. Nun aber kam der zweite Theil. „Barbro iſt mit dem anvertrauten Geheimniſſe zu Ernſt geflogen; dieſer beſinnt ſich vielleicht erſt ein wenig und fragt dann, ob es ausſehe, als wäre es ernſthaft. bald wieder geſund zu ſein, und will gte und an⸗ Und Irt, nem men nem ernſt die arfſt will den. e zu venig faft. 229 Und da Barbro erklärt, daß es ganz gewiß ernſthaft ſei, ſo ſchleicht mein Ernſt, ohne daß er es länger vermag, mit ſeinem Stolze zu unterhandeln, an die Thüre des Schlafzimmers, bleibt draußen vor derſelben ſtehen und fragt: Befindeſt Du Dich nicht gut, Edith?... Wenn man aber matt und müde iſt, ſo redet man nicht ſo laut, daß es durch eine verſchloſſene Thüre zu hören iſt... alſo vernimmt Ernſt meine Antwort nicht. Er kommt herein, ſetzt ſich neben mich, blickt mir in die Augen und ſagt mit einer Zärtlichkeit, die er nicht länger zurückhalten kann:„O mein Gott, Geliebte! es iſt doch wohl nicht gefährlich?“ „Nein!“ rief ſie aus, indem ſie plötzlich in einen Ton des tiefſten Ernſtes überging,„nein, ich wäre nimmermehr im Stande, dieſen zaͤrtlichen, forſchenden Blick zu ertragen! ich würde geſtehen, daß ich geheuchelt hätte, und da wäre denn der letzte Betrug ärger denn der erſte— es iſt unmöglich, es geht nicht!“ Sie fühlte ſich ganz niedergeſchlagen. Aber blitzesſchnell wurde ſie von einer neuen Idee berührt. „Vortrefflich!— Das iſt ebenſo einfach als un⸗ fehlbar! Aha, mein Herr Mann, nun wollen wir ſehen, in weſſen Hände der Sieg kommt!“ Sie flog auf, nahm Schreibmaterialien und ſchrieb in der Eile folgendes Billet: „Beſte Jenny! Faſt fürchte ich, Du haſt mich vorgeſtern ganz un⸗ ausſtehlich gefunden. Ich habe bisweilen meine kleinen beſonderen Launen, welche, wie alle meine Freunde be⸗ haupten— nur mein Mann nicht; denn, ſo lange die Männer verliebt ſind, ſehen ſie gottlob unſere Fehler nicht— gewiß nicht die allerliebenswürdigſten ſind. Aber ich wage, Dir die Verſicherung zu geben, daß heute mein beau jour iſt, und willſt Du ſehen, wie ich mich da benehme, ſo überrede Deinen Mann, daß er Dich zum Mittageſſen herbringt. Zur Belohnung, daß Du mir das Vergnügen Deiner Geſellſchaft verſchaffſt, ſollſt Du auch meinen A mit ihm plaudern— un meinſt, es verlohne deßhalb zu reiſen. Damit Du indeſſ war, klingelte die junge 230 frikaner betrachten, ja ſogar d wollen ſehen, ob Du nicht ſich der Mühe, eine halbe Meile een vor Neugierde nicht krank werden mögeſt, muß ich Dir wohl ſagen, daß mein Afrikaner von ſchwediſcher Herkunft iſt und den diſtinguirenden Namen Mörnburg führt. Willkommen zu Deiner Edith Helmer. Morgens, den 16. Mai.“ Sobald dieſe Einladung mit einem Siegel verſehen Frau und Barbro trat herein. Das Billet wurde abgeſchickt, und nachdem eine ge⸗ hörige Berathung gehalten war in Betreff des Mittageſſens — das Barbro ganz allein übernahm mit Hülfe der Köchin Stina, die wenigſtens ſchon ſo weit hergeſtellt war, daß ſie beim Herde ſitzen konnte, und des Primus, der decken und aufwarten konnte— ging Edith faſt ganz beruhigt an die Arbeit mit ihrer Tollette. Die Toilette war aber heute von der größten Wichtig⸗ keit. Sie ſollte ſo Vieles ausdrücken: Häuslichkeit, Ruhe, Anmuth, Beſcheidenheit— ſie durfte nicht zu ein⸗ fach, aber auch wieder nicht zu ausgeſucht ſein— und ein eigenes feines Gefühl half ihr. Sie ſah recht zu⸗ frieden aus, als ſie den Spiegel verließ. * Dreiundzwanzigſtes Capitel. Wie Edith alle Verwickelungen löst. So lebendig friſch, wie die Roſenkn Platz an dem Saume Saale und ordnete den Frühſtückstiſch, der Onkel eintraten. oſpe, welche ihren der kleinen Schürze von violetter Seide erhalten hatte, ſtand die junge Hausmutter im als Helmer und ſo li 4 gelie gar burg Erſt würd bekor ewi etr weiſ als war meir könn men Gro ihrern ſchör groß konn die ſale weit ein verl mitt ſie ang en in. ge⸗ ns der ellt us, anz tig⸗ keit, ein⸗ und zu⸗ ihren Pletter er im r und 231 „Guten Morgen, lieber Onkel!... Guten Morgen, geliebter Ernſt!“— ſie reichte ihm ihre Lippen, als ob gar nichts vorgefallen wäre—„haſt Du Herrn Mörn⸗ burg ſchon getroffen?“ Ernſt und Onkel Janne wechſelten einen Blick des Erſtaunens und der Freude. Edith's heutige Laune war die Vernunft und Liebens⸗ würdigkeit ohne alle Uebertreibung. „Ja, liebe Edith, ich bin oben geweſen, und wir bekommen in ihm eine angenehme Geſellſchaft, was Du Pewiß auch meinſt, da Du ſchon ſein Begehren in etreff eines Platzes an unſerm Tiſche bewilligt haſt.“ „Daß ich einwilligte, ohne ihn erſt an Dich zu weiſen, mein Beſter, geſchah aus keiner andern Urſache, als daß ich Deinem Wunſche zuvorkommen wollte. Ich war überzeugt, daß Du nicht nein geſagt hätteſt, und meinte, das Einkommen, welches du daraus ziehen könnteſt, lohnte wohl meine kleine Mühe.“ Ernſt konnte ſeiner Frau nur mit einem zuſtim⸗ menden Kopfnicken antworten, denn die Ankunft des Großhändlers gab dem Geſpräche eine neue Richtung. Edith zeigte ſich als eine bezaubernde Wirthin: jede ihrer wegungen war Grazie, vereint mit Würde. Herr Mörnburg hatte eine unzählige Menge von ſchönen Frauenzimmern geſehen— er war auch ein großer Kenner des weiblichen Geſchlechtes— aber er konnte ſich nicht entſinnen, jemals eine gefunden zu haben, die er dieſer jungen Frau vorziehen konnte, deren Schick⸗ ſale— welche ihm ſehr wohl bekannt waren, ja bei weitem bekannter, als Ernſt und Edith glaubten— ihr ein doppeltes Intereſſe, einen doppelt mächtign Reiz verliehen. Die Herren verlebten den übrigen Theil des Vor⸗ mittags auf dem Felde, bei der Rückkehr aber waren ſie überraſcht, als ſie im Fenſter Fremde ſahen. Ohne Zweifel war aber Ernſt's Ueberraſchung die angenehmſte, nicht wegen des Aſſeſſors und ſeiner Frau, ſo liebenswürdige Geſellſchaftsleute ſie auch waren, ſondern 232 wegen des Zartgefühles, das Edith entwickelte. Daß ſie gerade heute, und ohne ein Wort vorher darüber zu ſagen, die Frau Werner einlud, war ein beſſerer Beweis, daß ſie ihre Ungerechtigkeit einſah, als wenn ſie tauſend Verſicherungen gegeben hätte... Aber er nahm ſich auch vor, in ſeinem Umgange mit der ſchönen Jenny nicht die geringſte Aenderung zu machen. Zum Mittage hatte Edith einen Anzug gewählt, del vielleicht für den Alltagsgebrauch einer Pächtersfrau etwas zu elegant ſein mochte, welchem ſie jedoch nicht hatte widerſtehen können, weil er ihre Schönheit im vollſten Glanze hervorhob. Ihre innere Aufmerkſamkeit war ganz ausſchließlich darauf gerichtet, ihrem Manne zu gefallen, doch nicht gegen ihn wurde die eigentliche Artillerie gerichtet. in, während ſie Jenny ihm ganz überließ, welche auch gar nicht abgeneigt war, ihn anzunehmen, war es Herr Mörnburg, gegen welchen die äußere Aufmerkſam⸗ keit ſich offenbarte. Er war Derjenige, der ihrer leichten Unterhaltungsgabe genießen, der mit ihr über ihre ſcherz⸗ haften Anmerkungen lachen, und der ſich ihrer unge⸗ theilten Theilnahme bei den recht intereſſanten Dingen, die er erzählte, erfreuen durfte. 3 Helmer war nicht ganz zufrieden mit dieſer Thei⸗ lung. Er wollte das Geſpräch allgemeiner haben; doch der Onkel und der Aſſeſſor waren in eine Abhandlung über Volksbildung, Volksſchulen und Volksſchriften ge⸗ rathen, welche dieſe Beiden ſo beſchäftigte, daß an keine Unterbrechung zu denken war— und ſo regelrecht artig die Antworten des Großhändlers immer waren, wenn er angeredet wurde, ſo waren ſie doch auch immer mög⸗ lichſt kurz... oEs iſt ihr gutes, warmes Herz,“ dachte Helmer—— und hierin dachte er richtig—„welches mir zeigen will, wie vertrauensvoll ſie iſt!“ Und er wendete ſich wieder an Frau Werner... doch ſonderbar genug, heute wollte die Converſation mit ihr gar nicht glücken. Helmer war nicht neugierig, noch weniger neidiſch, 233 denn dieß wäre lächerlich geweſen rückſichtlich des Vor⸗ zuges, den ſeine Frau einem Fremden gab, und noch dazu ihrem Gaſte. Aber dieſer Gaſt war ſo ſichtlich eingenommen, daß es angenehm ſein konnte, zu hören, was er wohl ſagte.— Und was er ſagte, das trug an ſich das Gepräge von Verſtand, Gefühl und Takt, nichts mehr und auch nichts weniger. Edith ſah ſehr wohl den Vorzug, welchen Herr Mörnburg ihr gab. Dieß war jedoch eine ſolche Kleinig⸗ keit, daß dieſelbe ſich ihres weiteren Nachdenkens nicht ver⸗ dient gemacht haben würde, wenn Ernſt nicht ein wenig genirt ausgeſehen hätte. Doch war ſie weit entfernt, es auf ſeine Eifer⸗ ſucht anzulegen. Das würde ſie für unwürdig ange⸗ ſehen haben. H Auf dem Spaziergange am Nachmittage erblickte man den Großhändler nach einem flüchtigen Geſpräche mit Frau Werner wieder an Edith's Seite. Als ſie ſpielte und ſang, war er Derjenige, welcher die Noten⸗ blätter umwendete, und als ſie den Thee ſervirte, hätte er in ſeinem Dienſteifer beinahe die Theekanne über ſich und ſie ausgegoſſen. „Das war doch der Henker, wie der da Süßholz raſpelt!“ raunte der Onkel in Helmer's Ohr, dieſer aber lächelte und antwortete eben ſo leiſe: „Kein Unglück in der Artigkeit, Onkel, wenn ſie ſich ſo offen ausſpricht!“.......... eieb⸗ Jenny!“ ſagte Edith, und zog die junge Frau mit ſich hinaus in das Schlafzimmer,„was ſagſt Du von dieſer Tapiſſerie, an welcher ich im Geheimen arbeite?“ Sie zeigte ein wirkliches Prachtwerk, denn in der⸗ gleichen war Edith Meiſterin.— Frau Werner brach, wie Damen bei ähnlichen Ge⸗ legenheiten pflegen, in eine Menge von ſuperlativen Ausdrücken der Bewunderung aus. 234 „Es ſoll der Ueberzug eines Fauteuils ſein, den ich Ernſt in ein paar Wochen zu ſeinem Geburtstage zu ſchenken gedenke; aber ich ſehe gar keine Möglichkeit, den Grund fertig zu bekommen, denn er ſucht mich auf, ſo oft ich aus dem Wege bin, wenn er nach Hauſe kommt.“ „Liebe Edith, komm auf einige Tage nach Swärds⸗ näs, ſo helfe ich Dir! Laß uns gleich darüber zu Rathe gehen, wie wir es anfangen wollen! Ja— ich überrede Dich heute Abend, mitzukommen, und übermorgen kom⸗ men Deine ſämmtlichen Herren zum Mittag und holen Dich ab.“ Edith hatte dieſen Vorſchlag vorhergeſehen und be⸗ chnet, natürlich aber hatte ſie mehrere Einwendungen zu machen, welche Jenny jedoch mit der Verſicherung über den Haufen warf, daß Edith die tüchtige Barbro zu Hauſe hätte und reiſen könnte, wohin ſie wollte, es nur eine ſo kurze Zeit beträfe. Dieſes Motiv ließ ſich nicht beſtreiten, und war überdieß unwiderſtehlich..... „Mein beſter Herr Helmer!“ hieß es, als die Damen wieder ſichtbar wurden,„jetzt komme ich zum zwei Male, um Edith zu entführen. Sie hat mir eine kleine Handreichung verſprochen— verſteht ſich, ein Frei⸗ maurergeheimniß unter uns Frauen und unſern Ta⸗ piſſerien— und ich hoffe, das heißt: ich bin überzeugt, Sie werden die Artigkeit haben, unſerer kleinen Intrigue Ihre Zuſtimmung zu geben... Ich überlaſſe es Dir, beſte Freundin,“ fuhr ſie fort, mit einem Blick auf Edith, „Deine Herren zu überreden, daß ſie übermorgen kom⸗ men und Dich aufſuchen.“ „Uebermorgen?“ ſiel Ernſt ein wenig erſtaunt ein. „Liebe Edith, kannſt Du ſo lange von hier ſein?“ „O, ich will es ſchon ſo einrichten, daß die Haus⸗ mutter hier nicht allzu ſehr vermißt wird. Sollte es aber dennoch geſchehen, ſo bin ich eigennützig genug, mich nicht ſehr darüber zu betrüben. Nun, lieber Ernſt, du haſt ja nichts dagegen, einen Tag Strohwittwer zu ſein?“ — — — η —. 23⁵ „Einen Tag?“— iſt das nur ein Tag?“ „Ja,“ entgegnete ſie ſcherzend,„ich glaube kaum, daß es mehr wird, da Du mich noch heute Abend haſt und mich übermorgen ſchon wieder bekommſt!“ Ernſt verſtand Edith's Plan ſehr gut, und obgleich er ſehr gerne einen vertraulichen Augenblick mit ihr allein gehabt hätte— ſie hatten ja an dieſem ganzen Tage kein einziges vertrauliches Wort mit einander ge⸗ wechſelt— ſo war es dennoch vielleicht das Beſte, ihr ihren Willen zu laſſen. Zwiſchen ihnen war eine Frage des Zartgefühls, die keine Erklärung erlaubte... ver⸗ geſſen konnte ſie ebenfalls nicht werden— das ging nicht um des lieben Reſpekts willen... alſo war es wohl das Beſte, wenn Edith ging; dieſes ſparte ihnen Beiden eine Verlegenheit. Wenn ſie übermorgen zurück⸗ kam, ſo war es wohl nicht viel beſſer, aber.. es war doch noch lange, ja erſchrecklich lange bis dahin. Als die Damen im Wagen ſaßen, und der Aſſeſſor noch damit beſchäftigt war, ſich auf dem Kutſchbocke zu ran⸗ giren, ſprang Ernſt auf den Fußtritt, beugte ſich herab über die Hand ſeiner Frau und küßte dieſelbe faſt mit blöder Zärtlichkeit. Wie innig wünſchte er nicht zu wiſſen, was in ihrem Innern vorging! Und wie gerne hätte er ihr nicht geſagt, daß er ſchon anfinge, ſich nach ihr zu ſehnen, ehe ſie abgereist wäre; doch... davon mußte er ſchweigen. „Ernſt!“ flüſterte Edith und neigte ihre Wange ſo nahe an die ſeinige, daß nur er ſie hören konnte,„biſt Du heute mit mir zufrieden geweſen?“ Die Antwort auf die Frage wurde ihm erſpart, denn in dieſem Augenblick klatſchte der Aſſeſſor mit der Peitſche, indem er mit lauter Stimme den Zurückbleibenden zurief: Ergebenſter Diener, meine Herren! willkommen zum Don⸗ nerſtag!“— und der Wagen, von deſſen Tritt Ernſt nur noch mit genauer Noth herabkam, rollte ſchnell hinweg. Die beiden entzückenden Frauen waren verſchwunden. 236 „So viel iſt gewiß,“ ſagte der Onkel,„Frau Wer⸗ ner iſt ein prächtiges Frauenzimmer.“ Der Onkel war wirklich ein wenig verliebt in die ſchöne, muntere und ſcherzhafte Jenny. „Unläugbar,“ entgegnete Herr Mörnburg,„beſttzt dieſe junge Dame ungewöhnliche Reize, doch hat ſie jene Art von Schönheit, welche mehr zu den Sinnen als zu der Seele redet.“ „Nein, darauf gehe ich nicht ein; denn ſte macht Eindruck auf mich, und da rührt es das Herz und nicht die Sinne.“ „Vielleicht,“ meinte der Großhändler mit einem feinen Lächeln,„hat dennoch das Herz Eindrücke von den Sinnen angenommen. Ueberdieß beſtreite ich der Frau Werner gewiß nicht die allervortrefflichſten Eigen⸗ ſchaften— ich rede nur von den allgemeinen Regeln für die verſchiedenen Arten von Schönheit.“ „Als ob man ſogar der ſchöpferiſchen Kunſt un⸗ ſers Herrgotts Regeln vorſchreiben könnte!“ murmelte der Alte, indem er ſeines Weges ging. 7* 1 Ernſt hatte von Allem kein einziges Wort gehört. Am folgenden Tage kämpfte er mit ſich ſelbſt: jämmerlich wurde er von Sehnſucht gepeinigt und jeden Augenblick war er bereit, den Befehl zu geben, ſein Reitpferd zu ſatteln; doch ſo oft er auch hinausging, wurde dennoch kein Pferd geſattelt. Der Onkel bemerkte dieſes Fieber ſehr gut und lachelte in ſeinem Innern, hütete ſich aber ſehr, daſſelbe zu befördern, denn für Edith war es am heilſamſten, daß ſie wartete. Vermuthlich war es der getheilte Gedanke hierüber, eiche die Urſache war, daß auch Ernſt die Verſuchung eſtegte. Endlich ging die Sonne zum zweiten Male auf. Auf eine ſo lange Zeit war Ernſt ſeit ſeiner Hoch⸗ zeit nicht von der Geliebten getrennt geweſen— denn ße oder kleine Touren er auch zu reiſen hatte, kaum ſo gro 8 Ver⸗ die dieſe jene 3 zu acht nicht nem von der gen⸗ geln un⸗ nelte ört. lbſt. jeden ſein ging, und 237 er doch immer zum Abend wieder— und ſo brennend war nun das Bedürfniß, ſie wieder zu ſehen, daß er mehrmals zu ſich ſelbſt ſagen mußte, das alles wäre ſehr närriſch. Was er aber auch ſagen mochte, ſo diente es zu gar nichts, und er konnte kaum ſeine Ungeduld über die Langſamkeit beſtegen, mit welcher Onkel Janne ſich bereit machte. Der Großhändler dagegen war die Pünktlichkeit ſelbſt. Jetzt aber galt es, bei der Ankunft die Mittelſtraße zu halten. Dieſe Kunſt lernte ſich jedoch ſelbſt, denn obgleich Edith gewiß bei der Ankunft ihres Gatten glücklich aus⸗ ſah, ſo lag dennoch in ihrer Bewillkommnung keine Heftigkeit, ja nicht einmal Lebhaftigkeit. Heute lag eine tiefe, natürliche Wehmuth in ihrem Weſen, ein ſo ſchwärmeriſch poetiſcher Ausdruck in ihrer Schönheit, daß Ernſt, der ſie in ſo vielen verſchiedenen Geſtalten geſehen hatte, ſie doch noch nie in dieſer er⸗ blickt hatte: es war keine Magdalena in einem lebenden Tableau, auch keine verſchleierte Heilige, die nur einen günſtigen Augenblick erwartet, um den Schleier fallen zu laſſen— es war ein irdiſches Weib mit keiner Spur von einer Heiligen, und dennoch hatte ihr Blick, ihre Stirn etwas ſo unſchuldig Reines, ſo Sanftes und Ernſtes, daß man in Verſuchung gerieth, es heilig zu nennen. Aber es war jene Art von Heiligkeit, die aus unſchuldigen, reinen und ernſten Gedanken entſpringt. Es war heute eben ſo unmöglich, ihr einen Scherz zu entlocken, als ſie in eine ordentliche Converſation einzuleiten. Sie war freundlich, aber oft zerſtreut. Der Großhändler mußte ſich ganz mit der Wirthin begnügen, und that das auch mit ſo guter Miene, daß niemand bemerken konnte, wie er ſich weniger unter⸗ halten fühlte, als es den Anſchein hatte. Bisweilen, wenn Ernſt mit dem Ausdrucke der Zärtlichkeit ſich Edith nahte, wurde er von der Betrüb⸗ niß überraſcht, mit welcher ihr Blick dem ſeinigen ant⸗ —ÿÿ— 238 wortete— die Sprache der Lippen war nur für die Fremden da.. Als es ſpäter wurde, ſchien eine kaum gedämpfte Unruhe ihr Weſen einzunehmen. Das Blut kam und floh von ihrem Antlitze— einigemal warf ſie einen ſcheuen Blick auf ihren Gatten. „Ich fürchte,“ ſagte Herr Mörnburg, welcher, ob⸗ gleich er ſich mit Frau Werner beſchäftigte, Edith kaum einen Augenblick aus dem Geſichte verlor,„ich fürchte, Frau Helmer zwingt ſich... Sie befinden ſich heute gewiß nicht wohl!“ 1 Dieſer Gedanke war Ernſt gar nicht eingefallen und es verdroß ihn, daß er von einem Andern als von ihm kommen konnte. Wem kam es wohl zu, wo nicht ihm, zu ſehen, daß Edith krank war, wenn es ſich wirklich ſo verhielt? „Ich befinde mich vollkommen wohl!“ ſagte Edith mit einem ſo beſtimmten Tone, daß an der Wahrheit gar nicht zu zweifeln war. „Aber ich,“ fiel Jenny ein,„halte es mit dem Herrn Großhändler— und thue das um ſo lieber, als wir ſo den allervortrefflichſten Vorwand haben, Sie alle mit einander hier zu behalten. Wie entzückt wird nicht Moje über eine Partie Wira ſein, zu welcher er ſich mit der angenehmen Ausſicht ſetzen kann, daß ſie ſo bald nicht unterbrochen wird... Wir Frauen haben ja, wie Du weißt, noch ein wenig an unſerer Frei⸗ maurerſtickerei zu arbeiten.“ „Das laſſe ich auf Ernſt beruhen!“ antwortete Edith, doch war es nicht ſchwer, dieſes Lächeln des Vergnügens zu deuten, den der Vorſchlag auf ihren Lippen hervorrief. „Und ich,“ ſagte Helmer— ohne gleichwohl ſeine Gattin recht anſehen zu können—„ſchiebe es wiederum zu Dir zurück; beſtimme Du es! Aber was ſagt der Onkel und was der Großhändler?“* „Sie,“ entſchied der Aſſeſſor,„haben gar keine Stimmen. Die Motion iſt ſchon durchgegangen. —õ 4 — —⁹ ,» 239 die Die Spielpartie der Herren verzog ſich ein wenig in die Nacht hinein. pfte Edith war ſchon in das Gaſtzimmer gegangen, das und für ſie und ihren Gatten beſtimmt war. inen Sie ſetzte ſich an das Fenſter, um in den ſchönen Frrühlingsabend hinauszublicken und zu warten. Ihre ob⸗-⸗ Wange war bleich, ihr Herz ſchlug ſtark. aum In einem fremden Hauſe konnte Ernſt ſie nicht be⸗ ichte, leidigen. Hatte ſie nicht jetzt alles Mögliche gethan, um, ſo jeute ſehr ihr Feingefühl und ihre weibliche Würde es er⸗ laubte, die Wunden zu heilen, die ſie ihm in ihrer allen leichtſinnigen Heftigkeit geſchlagen hatte? Fühlte ſie nicht von eine ſo tiefe, lebhafte und ernſte Reue, daß ſie Nachſicht nicht verdiente? ſich Sie hoffte es. Eine Stunde ſpäter trat Ernſt ein. Edith Die friſche, ſtarke Röthe auf ſeiner Wange contra⸗ rrheit ſtirte mit Edith's Bläſſe, ſo wie auch ſeine ſtrahlenden Augen einen Gegenſatz bildeten gegen die ihrigen, in dem d denen ſich anſtatt der bezaubernden Schalkhaftigkeit oder als des flammenden Gefühles ein ruhiger und tiefer Ernſt alle abſpiegelte. wird„Theurer Ernſt!“ ſagte ſie eilfertig, als wünſchte her er ſie ſeiner Rede zuvorzukommen—„ich habe ſo viel ß ſie über das gegrübelt, was Du mir neulich über Deine haben Affeairen und jene Kornſpeculation ſagteſt, bei welcher Frei⸗ Du vielleicht verlierſt, daß ich nicht froh werden konnte, als ich erſt recht zum Nachdenken gekommen war. Was vortete mich aber peinigt, iſt nicht ſo ſehr der Verluſt, den des Du vielleicht erleiden kannſt— denn für dieſen haſt ihren du Hülfe in meinen Iuwelen, die ich, wie du weißt, gar nicht gebrauche— ſondern vielmehr der ſchmerz⸗ ſeine hafte Gedanke, daß Du mich nicht würdig erachteſt, derum Deinen Kummer zu theilen. Und in der That, es iſt gt der das Schlimmſte, daß Du darin Recht hatteſt. Verblen⸗ . det von einer wilden Idee, die ich jetzt bei reiflicherer keine Ueberlegung gar nicht begreifen kann, wie ich im Stande geeweſen bin, ſie zu nähren, verblieb ich nicht nur W. 240 ungerührt bei Deinen Worten, ſondern ich beleidigte Dich ſogar. Ich wage Dich gar nicht einmal zu fragen, ob Du mir ſchon verziehen haſt! Aber ich werde es ſo ein⸗ richten, daß Du es thuſt!““ „Edith! Geliebte! wenn ich Dich dieſe ſo edle und würdige Sprache reden höre, ſo erfüllſt Du meine ganze Seele mit himmliſcher Freude! Da iſt Deine Macht uͤber mich ſo groß, daß mein Herz ſich erweitert, um die Anbetung in ſich aufnehmen zu können, die ich Dir weihen will. Wie lieblich, wie heilig iſt nicht das Ge⸗ fuhl, welches eine lebendige und tiefe Achtung mit einer lebendigen und tiefen Liebe vereinigt!“ „Das iſt wahr, Ernſt! Doch ſage,“ fuhr ſie mit geſenktem Blicke fort,„iſt dieſes Gefühl von gegenſeiti⸗ ger Achtung, welches Gatten vereinigen muß, iſt dieſes wohl auch eben ſo ſtark, eben ſo dauerhaft und feurig, als das, welches Liebende vereint?“ „Fühlſt Du das nicht in Dir ſelbſt, meine Edith?“ „Ja, ich fühle es, aber ich zweifelte, ich wußte nicht... oder richtiger, ich habe gehört, dieſe Zuneigung, welche in Achtung übergeht, verſtehe mich nicht⸗ falſch Ernſt: man pflegt ja immer zu achten, wenn man liebt — wird endlich ſo lau, daß ſie von der bloßen Achtung leben kann. Man ſagt ſogar“— Edith's Stimme zitterte merklich, als ſie dieſe Worte ausſprach—„Die Ehe iſt ein Mauſoleum über die Liebe.“ „Wie, meine Edith? wie haſt Du ein ſolches ver⸗ abſcheuungswürdiges Sophisma über Deine Lippen brin⸗ gen können? wie iſt es zugegangen, daß Du nur an dergleichen denken konnteſt?“ „ Ich kann Dir nicht ſagen, warum mein Ge⸗ dächtniß dieſen traurigen Gedanken bewahrt hat, welcher vorgeſtern Abend während unſers Seſgäches zufällig einen Willen Herrn Mörnburg entſiel. Er iſt wider zurückgekehrt.“ „Und Herr Mörnburg wählte einen ſolchen Gegen⸗ 1 ſtand, da er mit Dir redete?“ Es lag ein tiefer Verdruß in Helmer's Ton. Dich , ob ein⸗ und ganze Nacht um Dir Ge⸗ einer e mit ſeiti⸗ dieſes zeurig, ith?“ vußte gung, aüſch liebt htung itterte he iſt ver⸗ brin⸗ ir an Ge⸗ elcher fällig Lillen egen⸗ 241 „Wenn er mit mir redete, ſo war der Gegenſtand ja doch ein allgemeiner, lieber Ernſt!“ „Er hätte es dennoch nicht thun ſollen. Und wie unrecht hat er nicht! Die echte, die eheliche Liebe reinigt die Flammen, aber es iſt grundfalſch, daß ſie dieſelben auslöſcht, ſofern nämlich— darauf kommt Alles an — die Liebe nicht bloß dem Namen nach eine wahre iſt. Weißt Du, was Thorild, dieſer große und tiefe Denker, ſagt: die wahre Liebe iſt nicht ein gereiztes Wohlgefal⸗ len, eine entzückte Einbildung, eine bezaubernde Laune, ſondern ſie iſt eine reelle Harmonie von Vergnügen und die höchſte Harmonie des Vergnügens, die für einen Menſchen in der Natur möglich iſt.“ Und er ſagt wei⸗ ter:„Dieſe Harmonie iſt nur möglich in einer eheli⸗ chen Verbindung.““ „Es iſt recht gut, daß Thorild ſo ſagt; aber biſt Du ganz überzeugt, daß Diejenigen Unrecht haben, welche der entgegengeſetzten Meinung huldigen?“ „Davon bin ich nicht nur überzeugt, ſondern habe davon auch den ſchönſten Beweis in meiner eigenen Er⸗ fahrung. Liebe ich Dich wohl jetzt mit eben jener Liebe, wie damals, als ich noch im Geheimen für Dich ſeufzte?“ „Nicht mit jener Liebe?“ rief Cdith erſchrocken aus.„O Ernſt, ich will nichts wiſſen von dieſer Ver⸗ nunftliebe!“ „Beruhige Dich, meine theure Gattin, und verſtehe erecht, was ich Dir ſage! Damals war mein Gefühl, wenn auch brennend, dennoch eine wirkliche Vernunft⸗ liebe— Du weißt das ja am beſten, da ich ihre Macht beſtegen konnte— glaube mir, was mich zurück⸗ hielt, das waren nicht allein die äußeren Hinderniſſe.“ „Was war es denn?“ „Es war eben die Furcht, Du möchteſt nicht im Stande ſein, mir in eben dem Grade, wie Du meine Sinne beherrſchteſt, eine warme Achtung vor Deinem innern Weſen einzuflößen.“ 1 Mein Gott, Ernſt!.. und jetzt?“ Ein launenhaftes Weib. III. 46 242 „Jetzt iſt, wie ich Dir ſage, meine Liebe verändert, veredelt, erhöht, ja tauſendfältig erhöht. Es gab eine Zeit, da ich daran denken konnte, Dich zu verlieren. da ich Dich wirklich hätte verlieren können, ohne auch mich ſelbſt zu verlieren... Jetzt dagegen, Sdith, iſt mein Leben ſo zuſammengegoſſen mit dem Deinigen, daß nur der entfernteſte Gedanke, Du könnteſt eines Tages gegen mich kalt werden, mir Dein Herz nehmen, für mich eine Holle iſt. Sieh, Geliebte, ſo hat die ehe⸗ liche, die reine Liebe auf mich gewirkt! Dein Gatte iſt mehr ein Liebhaber, als es Dein Liebhaber war!“ Und indem er dieſe Worte ausſprach, lag er zum erſten Male in ſeinem Leben zu den Füßen eines Weibes. Und wenn ſeine Lippen ſchwiegen, ſo redeten ſeine Augen. „Edith's Herz ſchlug ſo gewaltſam, daß ſie meinte, es müßte erſpringen vor Gluͤckſeligkeit. ! Ernſt! dieß iſt kein Traum: Du 3— ja, ich ſehe es, Du liebſt ebenſo glühend wie ih. Haſt Du jemals daran gezweifelt?“ 3 Waäͤhrend der glücklichen Tage, die auf dieſen Abend folgten, ſchied Onkel Janne von den Lieblingen ſeines erzens. Es war in der Blüthenzeit des Frühlings und der Liebe. Vierundzwanzigſtes Capitel. Asmodeus.* Monate waren vergangen, doch, o weh! mit Son⸗ nen⸗ und Mondfinſterniſſen. Die Tage des Paradieſes waren nun entſlohen, entflohen waren die Stunden, die ſchönſten des Lebens, da das Vertrauen und die Liebe in ihrer himmliſchen 1 ndert, Heine Son⸗ lohen, bens, iſchen 243 Vereinigung, in ihrem himmliſchen Urſprunge das Schönſte ſchenken, das dem Menſchen verliehen iſt. Das heilige und reine Feuer, das in den Herzen der Ehegatten brannte, hatte ſeine keuſche Reinheit ver⸗ loren, denn es war ſo oft angefacht worden mit dem un⸗ reinen Hauch der böſen Leidenſchaften, und hatte darauf ſo oft halberloſchen unter der Aſche gelegen und war unterdrückt worden, daß, obgleich es noch nicht erloſchen war, und gewiß auch nie ganz erlöſchen konnte, dennoch Gefahr vorhanden war, daß der Funke nie mehr die Macht haben würde, ſich aus dem ſchweren Aſchenlager herauszuarbeiten, das darauf drückte. Wie es möglich geweſen war, daß die Verhältniſſe von dem glänzenden Punkt, auf welchem wir dieſelben zuletzt verließen, auf den düſtern Punkt gerathen konn⸗ ten, bei welchem wir ſie jetzt finden, das wollen wir ſogleich anführen. Wenn Asmodeus mit ſeinen ſchwarzen Trabanten zu Rathe ſitzt, ſo findet er immer Jemanden, der ge⸗ neigt iſt, die Hauptrolle heim Unterminiren desjenigen ehelichen Glückes zu übernehmen, welches ihm in die Augen fällt und daher zerſtört werden muß. „Dann,“ ſagt Asmodeus mit dem großen franzö⸗ ſiſchen Romanverfaſſer,„Niemand hat Recht zum Ueberfluſſe, ſo lange nicht Jeder das Noth⸗ wendige hat.“ Nachher aber trennen ſich der Franzoſe und Asmo⸗ deus in der Anwendung ihrer Marime! denn während Jener mit edlem und warmem Eifer ſich beſtrebt, um zu zeigen, wie ein jeder das Nothwendige erhalten ſoll, arbeitet Asmodeus mit noch größerem Fleiße daran zu beweiſen, daß ein Jeder lernen kann, ſelbſt des Noth⸗ wendigen zu entbehren. Und blättern wir in den geheimen Memoiren der Ehegeſchichten, ſo finden wir leider, daß die Siege des Asmodeus auf eine fürchterliche Höhe geſtiegen ſind. Jetzt bleibt uns übrig, zu ſehen, ob es ihm gelingen wird, ſich einen neuen Lorbeer zu ſchneidene. —ÿyyn 244 Als der große Teufel ſich gegen dieſe von dem Ver⸗ im O trauen, der Liebe und der ruhigen Vernunft bewachte zune kleine Ehemonarchie zum Kriege rüſtete, ſah er mit— ſeinem ſcharfen und geubten Blicke ein, daß er die ſicher⸗— 2 ſten Bundesgenoſſen in dem eigenen Gebiete der Mo⸗ war narchie fände. Aber er bedurfte auch einer Hülfe von liche, Außen, und er fand nicht nur eine Hand, ſondern drei, Haar die ſo weit ausgeſtreckt waren, daß er nur ſeine Finger⸗ lage ſpitze auszuſtrecken brauchte, um ſie zu erreichen, und ſtens als er ſie erreichte, da war der Bund abgeſchloſſen. velch 6 Wir wollen für's Erſte zwei von dieſen Händen aus einfa dem Spiele laſſen und uns damit begnügen, nachzuſehen, wem die dritte gehört........... kſti die 4 In dem ſtarren, ſchwarzen Haare, das ſich gleich lung einer Wolke um die bronzirte Stirn des Großhändlers nen Mörnburg erhob, in den ſchwarzen brennenden Augen, uns die in ihre tiefen Quellen vielerlei Bilder, ein ganzes dami Schattenſpiel von Luzifer bis zum Erzengel aufnahmen, aus in ſeiner ganzen Zigeunerphyſtognomie, geadelt von dem iſt v Gepräge des Herrſchers, lag zuſammengenommen ein welch Etwas, das(wie wir gemeldet haben) im erſten Au⸗ und genblicke ſeines Auftretens ſo auf Edith einwirkte, daß keit die Falten, welche ihre ſchöne Stirn verdunkelten, als ſchlie ſie in die Hausflur hinaustrat, um den Gaſt zu be⸗. willkommnen, bei ſeinem Anblicke entflohen, ohne daß bisw ſie es merkte, während ſtatt deſſen ihre Lippen ſich zu Norn ihrem anmuthigſten Lächeln öffneten.— friedl Es kann läͤcherlich ausſehen, anzuführen, daß die wund Haare, die Stirne und die Augen des Mannes dieſe wäch Wirkung hervorbrachten, da es aber weniger lächerlich lichen als gewöhnlich iſt, wenn die Intelligenz einer Perſon Heim mit dem Materialismus, der in die Augen fällt, ver⸗ gegen miſcht wird, ſo wollen wir gar nicht verſuchen zu ent⸗ linge ſchuldigen, was Jeder, der in ſeiner Erfahrung einige wenn Vorräthe hat, ſelbſt beantworten kann. uns Aber dieſe augenblickliche Macht bewies gar nichts, ein nicht das Allermindeſte, außer daß Edith noch immer 7 Ver⸗ dachte mit icher⸗ Mo⸗ von drei, nger⸗ und naus ehen, gleich ndlers ugen, anzes hmen, dem n ein t Au⸗ daß „als u be⸗ e daß ich zu iß die dieſe rlich berſon ver⸗ u ent⸗ einige nichts, Immer 245 im Stande war, dergleichen Eindrücke leicht in ſich auf⸗ zunehmen. Was hier wirkte, war jedoch nicht die Schönheit — Mörnburg war nicht einmal hübſch— ſondern es war... ja, es war nichts Anderes, als das Unergründ⸗ liche, das von ſeiner Hautfarbe, ſeinen Augen, ſeinen Haaren repräſentirt wurde. In dem ganzen Menſchen lag etwas von Don Juan, außer in dem Weſen, wenig⸗ ſtens in dem Weſen, das er hier zur Schau trug, und welches in ſeinem Aeußern widerſprechendes Gepräge von einfacher und ungekünſtelter Offenherzigkeit an ſich hatte. Inzwiſchen iſt es nicht nöthig, daß eine Charakte⸗ riſtik des Herrn Mörnburg die Blätter füllt, welche für die Handlung beſtimmt ſind. Er tritt in dieſer Erzäh⸗ lung nur ſo auf, wie man im täglichen Leben Perſo⸗ nen begegnet. Sie kommen, leben eine Zeitlang mit uns und verſchwinden dann von unſerm Schauplatz; damit iſt aber keineswegs geſagt, daß ſie auch ſchon aus unſerer Erinnerung verſchwinden. Ihr Auftreten iſt vielleicht oft mit Begebenheiten verbunden geweſen, welche, wenn ſie ſich auch auf einen noch ſo kleinen und kurzen Zeitraum beſchränken, dennoch die Wichtig⸗ keit eines ganzen Lebens in ſich aufnehmen und be⸗ ſchließen können. Sie kommen, dieſe zufälligen Bekanntſchaften— bisweilen verkleidete Schwarzelfen, ausgeſchickt von den Nornen oder von Asmodeus— ſetzen ſich an unſern friedlichen Herd, wärmen ſich an unſerm Feuer und be⸗ wundern offen oder im Stillen alle dieſe prächtigen Ge⸗ wächſe, die farbenreichen und ſchöͤnen Gewächſe des häus⸗ lichen Glückes, welche überall in unſerer freundlichen Heimath blühen und duften. Sie ſcheinen gar nichts Böſes gegen uns im Schilde zu führen, dieſe neuen Ankömm⸗ linge, im Gegentheile, ſie ſind unſere Freunde, und wenn wir nicht geneigt ſind ſie zu lieben, ſo tröſten wir uns doch immer mit der Gewißheit:„dieß nimmt bald ein Ende— zu allem Glück iſt es keine alte Bekannt⸗ 246 ſchaft, die man nicht leicht brechen kann; dieſe bricht ſchrſteone ch ch; dieſe brich Und das geſchieht denn auch wirklich. Glücklich Diejenigen, für welche dieſe zufaͤllige Be⸗ kanntſchaft hernach iſt, als wäre ſie niemals geweſen! Für einen Theil fällt der Bruch anders aus— er iſt bisweilen von einer Erſchütterung begleitet, die mäch⸗ tig genug iſt, ſowohl den Herd, als auch das Haus zu ſprengen. Und dennoch iſt und bleibt dieſe ganze Revolution nur eine kurze Epiſode, hervorgerufen durch jene flüch⸗ tigen Bekanntſchaften, von denen es heißt: „Ich weiß weiter Nichts von ihm, als daß er ein ſehr ehrenwerther Mann iſt.“ — Helmer wußte von Herrn Mörnburg weiter gar Nichts, als daß er ein ſehr ehrenwerther Mann war. Als er demungeachtet nicht im Stande war, die geheime Antipathie zu erklären, von welcher er ſich bald gegen dieſen Fremdling beherrſcht fühlte, der mit ſeinem humanen Weſen, ſeinem gebildeten Betragen, ſeiner Ein⸗ fachheit, ſeiner Geradheit ihm doch eigentlich gar nicht hätte zuwider ſein ſollen, ſo tröſtete er ſich damit,„daß es bald ein Ende nehmen würde.“ Endlich mußte natürlich der Herr Großhändler der Jagd überdrüſſig werden, und da mußte er wohl reiſen, wenn er auch der anhaltenden, nie verhehlten Aufmerk⸗ ſamkeit nicht überdrüſſig wurde, die er Edith weihte. Worauf konnte Ernſt alſo eiferſüchtig ſein? Auf gar nichts; denn er wußte ja, daß eine Hul⸗ digung nichts bedeutet, wenn ſie einer Frau vor den Augen des Mannes gebracht wird. Ueberdieß ſah er auf Edith's Wange niemals ein Erröthen, in ihrem Auge niemals einen Blick, nie die geringſte flüchtige Bewegung, welche auf etwas Anderes, als das natür⸗ liche Intereſſe für die Geſellſchaft eines gebildeten und angenehmen Hausgaſtes hindeuten konnte. . — r gar Har. r, die ) bald ſeinem r Ein⸗ nicht 4„daß ler der reiſen, fmerk⸗ hte. e Hul⸗ or den ſah er ihrem üchtige natür⸗ n und 247 Nichts deſto weniger waren drei Dinge gewiß. Nr. 1: daß Ernſt eiferſüchtig war; Nr. 2: daß ein Geheimniß, welches er nicht im Stande war, zu erſpähen, zu begreifen und zu erklären, ſich in der Luft ſelbſt verſteckte; Nr. 3: daß Edith— und dieß war das Aergſte— gegen ihren Mann, dieſen Mann, welchen ſie noch vor Kurzem vergötterte, einen Ton von gedankenvoller Gleich⸗ gültigkeit angenommen hatte, je zuweilen variirt mit einem und dem andern Ausbruche von, wie es ſchien, unter⸗ drückter Leidenſchaft und auch einem und dem andern Ausbruch von gedankenloſem Uebermuthe. Das Alles war ſo unmerklich gekommen, daß Nie⸗ mand zu ſagen wußte, wann es eigentlich eingetroffen oder angefangen hatte. Aber lange war es nicht nach der Abreiſe des Onkels Janne und den ſo himmliſch lieblichen Sonnentagen, die auf die erſte Verſöhnung gefolgt waren, als etwas unklar wurde wegen einer Haushaltungsangelegenheit, die Edith nach einer Me⸗ thode abmachen wollte, welche noch nie in einer Haus⸗ haltung vorgekommen war. Helmer ſuchte mit ſeiner ruhigen Sanftmuth der Sache wieder aufzuhelfen, obgleich Edith's Eigenſinn wirklich in dem Gebiete der Dienſtboten Verdrießlich⸗ keiten veranlaßt hatte. Aber Edith, ſonſt ſo bereit auf Ernſt's geringſtes Wort zu lauſchen, nahm jetzt einen Ton von verletzter Würde an und gar keine Rückſicht auf die Vorſtellungen ihres Mannes. Beleidigt zog ſich Ernſt zurück. Sie bemerkte nicht einmal ſeinen betrübten Blick, oder wenn ſie ihn auch bemerkte, ſo gab ſie nichts dar⸗ auf und that nichts, um den bittern Eindruck zu mildern. Leider hatte er bald Anlaß zu mehreren Vorſtellun⸗ gen, zu liebevollen Ermahnungen, daß ſie an ihre Pflichten denken möchte. Das eine Mal lachte ſie über dieſes Mentor⸗Amt, das einem Manne bei ſeiner Frau gar nicht anſtände, das zweite Mal antwortete ſie gar nicht, das dritte Mal fielen Worte, die gar nicht hätten fallen 248 ſollen, und obgleich ſie hernach heftige Symptome von Reue zeigen konnte, ſo gingen doch dieſe bald vorüber. Endlich kam eine groͤßere und ſchmerzhaftere Scene — es war ebenfalls eine Abendſtunde, da ſie ſich zur Ruhe begeben wollte— und bei dieſer Gelegenheit äußerte Edith einige Worte, die auf Ernſt einen ebenſo ernſt⸗ haften als dauernden Einfluß hatten. „Haſt Du nicht,“ ſagte ſie,„an den Vorſchlag ge⸗ dacht, den Du in Frühling machteſt?“ „Welchen Vorſchlag?“ Er ahnte gar nichts. „O, Du entſinnſt Dich wohl, daß Du meinteſt, wir wohnten hier allzu enge!“ Ernſt gab keine Antwort. Seine erblaßte Wange aber that es, und von dem Augenblicke an bewohnte er das Zimmer, das früher Onkel Janne bewohnt hatte. Am Morgen nach dieſer Anordnung ging kein Bil⸗ let an Jenny ab, keine Arrangements wurden getroffen, die Verwirrung zu löſen— nein, es konnte gehen und ärger damit werden, wie es wollte. Auf beiden Seiten wurde kein Wort weiter darüber gewechſelt. Aber während Helmer in langen einſamen Nächten in tiefer Seelenangſt zu Gott um Aufklärung in aller dieſer Finſterniß betete, krümmte ſich Edith, ebenſo ſchlaflos auf ihrem Lager und rief dieſelbe Barmherzig⸗ keit um Aufklärung in der Finſterniß an, welche ſie einhüllte. Sie wußte gleichwohl, worin dieſe Finſterniß be⸗ ſtand; denn während ſie weinend Ernſt's Namen anrief, während ſie ſein Portrait— das ſie oft zu ſich nahm— mit heißen Küſſen bedeckte, und noch kämpfte zwiſchen der Liebe zu ihrem Gatten und einem andern Gefühle, deſſen geheime, aber ſtarke Macht den Sieg an ſich reißen zu wollen ſchien, brach ſie tauſendmal in die Worte aus: „Nein! ich kann es nicht, es wird mein Tod!... Doch dieſes Leben wird ebenfalls mein Tod; denn ſo wie es geweſen iſt, wird es nie mehr, o nie!“ 2 * 249 Der Großhändler Mörnburg ſah natürlicher Weiſe gar nichts von Allem, was ſich um ihn her zutrug. Er blieb ſich immer gleich: artig, freundlich und unterhaltend— nichts ſchien ihn in ſeiner platoniſchen Galanterie gegen Edith zu ſtören und nichts die behag⸗ liche Ruhe in ſeinen friedlichen Beſchäftigungen der Jagd, der Fiſcherei, der Studien und der ziemlich regelmäßigen Beſuche beim Aſſeſſor, wo immer ein Wiratiſch ſeiner wartete, zu unterbrechen. Ernſt ſpähte früh und ſpät mit dem ganzen In⸗ ſtinkte eines eiferſüchtigen Mannes. Aber er mochte ſo unerwartet hereinkommen, wie er wollte, Niemand ließ ſich dadurch ſtören oder geniren. Mörnburg ſaß ebenſo ungekünſtelt bei Edith's Nähtiſch und las ihr vor, oder unterhielt ſich mit ihr, und Edith nahm ſeine kleinen Aufmerkſamkeiten mit einer Miene entgegen, als könnte nich natürlicher ſein, als dieſe unbekuͤmmerte Vertrau⸗ ichkeit. Kurz, nichts war zu entdecken, außer daß Edith bisweilen auf Dinge anſpielte, welche Mörnburg ſehr gut zu verſtehen ſchien, für Ernſt aber hebräiſch waren. Außer Stande, die Gefühle von grauſamem Unbe⸗ hagen, die er ſeit langer Zeit gefühlt hatte, zu bekäm⸗ pfen, ſagte er eines Tages zu ſeiner Frau; „Ich weiß nicht, ob ich Mörnburg Unrecht thue, aber es kommt mir vor, als ob er mit oder ohne Wil⸗ len einigen Einfluß auf die ſchmerzhafte Veränderung ausübte, die mit Dir vorgegangen iſt.“ „Er?“ antwortete Edith, und ihre Wangen er⸗ rötheten ein wenig— es war das einzige Mal, da Ernſt ſie um Mörnburg's willen hatte erröthen ſehen— „welchen Einfluß ſollte er wohl auf mich ausüben?“ „Eben darnach muß ich Dich fragen.“ „Ich habe nichts zu antworten.“ „Denke doch genau nach!— Verbirgt Deine Seele einen einzigen Gedanken, von dem Du fürchten müßteſt, daß er mir bekannt werden möchte?“ 250 1 ſnhhan denkſt Du, Ernſt? Sollteſt Du eiferſüch⸗ ig ſein?“ „Wenn ich es noch nicht bin, ſo bin ich auf dem Wege, es zu werden.“ „Wirklich?— es gibt ja keine Eiferſucht in der reinen, der heiligen Liebe: in ihr lebt ja nur das Vertrauen!“ „Aber das Vertrauen kann getäuſcht werden, und dann...“ Sein Blick fiel mit einer Flamme von wilder und düſterer Drohung auf ſie herab, in deren Herzen dieſer Blick— der erſte von dieſer Beſchaffen⸗ heit, der ſie traf— ein gewaltiges Zittern hervorbrachte. Ihr Auge ſank zur Erde. „Haſt Du einen Grund zu der Art von Anklage, die Du mir machſt?“ fragte ſie nach einigem Schwei⸗ gen;„haſt Du bei mir nur den entfernteſten Schein gefunden, daß ich die Treue gebrochen habe, die ich Dir geſchworen? Ich frage dieſes ruhig, denn ich weiß, Du mußt Nein ſagen.“ Ernſt konnte auch nicht Ja ſagen, darum antwor⸗ tete er gar nicht. „Siehſt Du!“ fuhr ſie mit einer ſpöttiſchen Sicher⸗ heit im Tone fort. Was Dich ergreift, iſt eine bloße Einbildung, und Du biſt faſt noch ein wenig wahnſin⸗ niger, als ich in jener Zeit, da Jenny meine Eiferſucht rege machte.“ „Das war zu jener Zeit, da Du noch Deinen Gat⸗ ten liebteſt— jetzt... o Edith, Edith!“ Mit Gewalt hielt er eine hervorbrechende Thräne zurück— es war wenigſtens noch ein Troſt, daß er ſie vor ihr verbergen konnte.. „Mein beſter Ernſt!“ ſagte ſie mit einer Natürlich⸗ keit, in welcher nicht ein Anſchein von Leichtſinn lag, der ihre Bitterkeit hätte mindern können,„ſind wir nicht ſchon zehn Monate lang verheirathet geweſen? Da hat man Zeit gehabt, auszuſchwärmen, und alle fernere Schwärmerei wäre unverzeihlich: die Ehe iſt eine Ein⸗ richtung— wenigſtens in unſerer Lage— worin ſo 4A —- 8 x⏑⏑ —— ———½———.—. ——————-—,,——— —0—1—— 251 viele proſaiſche Einzelnheiten die ſanguiniſchen Träume abkühlen, daß wir nicht im Stande flnd, ſie zu unter⸗ halten. Doch was läßt ſich darüber ſagen? die Ord⸗ nung der Natur läßt ſich nicht ändern, und wenn wir auch noch ſo ſehr von ihrer Tyrannei gepeinigt werden.“ Bei dieſem eiskalten Hohn auf Koſten des geflohenen Glückes, bei dieſen beißenden Sarcasmen über Alles, was ihnen theuer und heilig geweſen war und nun mit ihrer jetzigen Lage verglichen wurde, kam Ernſt's Blut in eine ſo ſtarke Wallung, daß er nahe daran war, ſich von dem Zorn und der Verzweiflung übermannen zu laſſen und ſelbſt ebenfalls ein Wort mit drein zu reden, das dieſer Lage eine andere Beleuchtung gegeben haben würde— doch er vermochte ſich zu beherrſchen, denn dieſes Wort würde den Bruch unheilbar gemacht haben. Und um es nicht auf dieſen fürchterlichen Punkt zu bringen, lernte er das Blut, das Herz und die Stimme bezwingen. Die Zeit ging— doch der Himmel wurde nicht hell. Das Verhältniß zwiſchen den Gatten wurde immer ſchwieriger. Für Edith war es jetzt zu einer Gewohnheit gewor⸗ den, auf die Entbehrungen und Aufopferungen, die ſie gemacht hatte, anzuſpielen. Doch je länger und öfter ſie ſich vergaß, deſto unerſchöpflicher und unveränder⸗ licher ſchien Helmer's Geduld zu ſein, und ſein Beneh⸗ men gegen ſeine Gattin, während dieſes langſamen Todes⸗ kampfes ihrer Liebe, war ein Wunder von moraliſchem Muthe. Niemals eine kalte Miene, die in Gegenwart frem⸗ der Leute hätte verrathen können, wie dieſer Todeskampf immer weiter vorwärts ſchritt, nie ein ſcharfes oder ver⸗ weiſendes Wort, wenn innerer und äußerer Kummer ihn niederdrückte, aber auch nie eine Variation von Spiel und Liebkoſung, keine Scenen, in denen in dem einen Augenblicke der glühende Liebhaber den deſpotiſchen Ehemann ablöste, der in dem andern zurückkehrte. Nein, immer ruhig, immer ernſt, aber auch immer 252 ſanft, ſelbſt wenn er mit der ganzen Anſtrengung ſeiner Vernunft, ſeines edlen Gefühles Edith zurückzuführen ſuchte. Das Einzige, was er nicht anwenden wollte, waren Bitten— dieſe würden ihr ſeine ſchrecklichen Qualen offenbart haben, und ſie verdiente es nicht, die⸗ ſelben zu ſehen. Was er auch immer verlor, wollte er doch nicht die Achtung vor ſich ſelbſt verlieren, und er hielt dafür, daß dieß der Fall ſein würde, wenn er, be⸗ ſtegt von der Macht ſeiner halb wahnſinnigen Liebe, bei dieſem Weibe, das keine Erwiederung länger für ihn beſaß, um Barmherzigkeit gebettelt hätte. Wir ſprachen von innerem und äußerem Kummer, und der letztere war ebenfalls nicht unbedeutend. Mit der oben erwähnten Kornſpeculation war es folgendermaßen gegangen: Nachdem er erfahren hatte, daß an einem gewiſſen Orte die Preiſe wieder bedeutend geſtiegen wären, wurde das Getreide an den nächſten Hafen transportirt und in demſelben ein großes Boot befrachtet. Aber das Schickſal oder das Glück war ihm abgeneigt: ein Sturm warf das Fahrzeug auf die Klippen— das Wrack ſank mit ſeiner Ladung. Als Ernſt dieſe Hiobspoſt vernahm, kam jene augen⸗ blickliche Muthloſigkeit über ihn, welche auf fehlgeſchla⸗ gene Beſtrebungen zu folgen pflegt. Zwar konnte er noch in ſeinen Angelegenheiten die Ordnung wieder herſtellen, denn der Jahreswuchs war vortrefflich, aber der Ertrag war noch nicht gleich da. Durch dieſes Unglück gerieth er jetzt in ernſte und vielfache Verlegenheit. Die Verfallzeit des Pachtgeldes war nahe, ebenſo der Umſatz der Discont⸗Anleihe,*) und überdieß hatte er die *) Die ſchwediſche Bank leiht gegen Bürgſchaft auf fünf Procent Geld aus, verlangt aber, daß in jedem halben Jahre der fünfte Theil der Summe nebſt den Zinſen abbezahlt, ſo wie auf die reſtirende Summe eine neue Werſchrettung gegeben werde. Dieß heißt Anleihe durch mſatz. Anm. des Ueberſ. — 2⁵³3 täglichen dringenden Ausgaben zu der Ablohnung der Leute und endlich die Haushaltung, welche unter Edith's jetziger Leitung immer mehr und mehr wegnahm; denn Edith lud oft Fremde ein und wollte einen Tiſch haben, „den man wenigſtens ziemlich nennen konnte.“ Als Nothhülfe beſaß er noch zweitauſend Reichs⸗ thaler von ſeinem kleinen von der Mutter geerbten Kapital, aber dieſe waren ſo placirt, daß ſie nicht ohne viele Umſtände und großen Zeitverluſt erhoben werden konnten. In dieſer Noth entſchloß er ſich, ſo ſchwer es ihm auch wurde, mit Edith in Betreff der von ihr einmal an⸗ gebotenen Juwelen zu reden. An einem Abende, da ſie allein waren, erklärte er ihr in aller Kürze, aber deutlich, ſeine jetzige Lage und das Unglück, welches dieſelbe veranlaßt hatte. „Es ſchmerzt mich unendlich,“ ſagte er,„beſonders jetzt, daß ich Dich an das liebevolle Anerbieten erin⸗ nern muß, welches Du mir einſt machteſt“— ſein Fein⸗ gefühl verbot ihm die Gelegenheit zu erwähnen—„aber es kommt mir als eine Pflicht vor, meine Verlegenheit nicht noch durch meine Schulden zu vergrößern, ehe ich es Deiner freien Wahl anheimgeſtellt habe, der gegen⸗ wärtigen abzuhelfen... Deine Juwelen, Edith?“ „O, das iſt ſchrecklich!“ rief ſie aus und ſchlug die Hände zuſammen.„Daß man ſchon genöthigt ſein ſoll, eigene Kleinodien anzugreifen! Ich möchte wohl wiſſen, wie es ſpäterhin gehen ſoll!“ „Genug!“ ſagte Helmer, indem er aufſtand und ſich todtenbleich der Thür näherte. „Nein, warte Ernſt! warte! ich will Dir aufrichtig ſagen, wie es iſt. Ich habe... ja, ſieh, ich habe die Juwelen ſchon verkauft.“ „Und zu welchem Zwecke?— Bis jetzt hat Dir doch noch gar nichts gefehlt?“ „Ja, ſehr viel von dem, woran ich gewöhnt war! Ueberdieß wollte ich Dich nicht immer um Geld für die Haushaltung beläſtigen.“ 254 „Dazu haſt Du außer Demjenigen, was das Gut liefert, monatlich beinahe die ganze Summe bekommen, die Herr Mörnburg bezahlt. Zur Haushaltung kannſt Du kein Geld gebraucht haben.“ 1 „Nun, gleich viel, wozu ich's gebraucht habe!... Glaubſt Du, ich könnte meine Toilette mit gar nichts unterhalten? Glaubſt Du, das Service, welches ich vor einiger Zeit kaufte— Du glaubſt von Erſparungen— hat nichts gekoſtet? Eine Frau, welche erzogen iſt wie ich, hat vielerlei Bedürfniſſe; doch hat ſte das Fein⸗ gefühl, daß ſie dieſelben ſelbſt zu beſtreiten ſucht, wenn ihr Mann nicht im Stande dazu iſt, und dieß ſcheint mir eher Dankbarkeit als Tadel zu verdienen.“ Große Schweißtropfen ſtanden auf Ernſt's Stirn. Dieß war alſo das Weib, welches ihn ſelbſt beſchwo⸗ ren hatte, er möchte ihr erlauben, Glück und Unglück mit ihm zu theilen, das Weib, deren brennende, leiden⸗ ſchaftliche Liebe ſeine erneuerten Einwendungen gegen dieſe Vereinigung überwunden hatte! O, das war allzu ſchrecklich! Er entfernte ſich ohne ein Wort. Doch von dieſem Augenblicke an verlor Edith mehr von ſeinem Herzen, als ſie während dieſer drei Prufungsmondte zuſammen⸗ genommen verloren hatte. Fünfundzwanzigſtes Capitel. Asmodeus ſetzt im Geheimen den Krieg fort. Als Helmer auf den Hof kam, traf er Mörnburg, deſſen Pferd geſattelt daſtand. Als aber der Großhändler den finſtern Ausdruck gewahrte, welchen keine Beherr⸗ ſchung von Helmer's Geſicht zu verjagen vermochte, ſo ging er gerades Weges auf ihn zu und ſagte in dem offenſten und freundſchaftlichſten Tone, indem er ihn ein wenig auf die Seite führte: rg, ler rr⸗ ſo m hn 25⁵⁵ „Ein Wort, lieber Helmer! Ich habe das Unglück im Blatte geleſen; Dein Korn iſt verloren gegangen... Du biſt in Verlegenheit. Dergleichen ſind für uns Ge⸗ ſchäftsleute ex professo alltägliche Geſchichten, aber nicht für den, der nur einzelne Geſchäfte macht. Wohl, Bru⸗ der! ich fordere, ſofern Du mich nicht beleidigen willſt, Dein volles Vertrauen, denn, ſei überzeugt, in dergleichen Dingen kannſt Du keinen erfahreneren Rathgeber be⸗ kommen, und keinen, der es aufrichtiger wünſcht, Dir zu dienen.“ Einer ſolchen Sprache konnte Helmer nicht wider⸗ ſtehen— ſie mußte von einem wahren und uneigen⸗ nützigen Wohlwollen dictirt ſein— und ohne ſich auf einen detaillirten Bericht über ſeine Angelegenheiten ein⸗ zulaſſen, geſtand er, daß ein dreimonatlicher Aufſchub mit der Einbezahlung der Pacht für ihn ein ſehr werth⸗ voller Gewinn ſein würde. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Großhändler ſogleich bereit war, dieſe Sache zu arrangiren, daß es ihm dagegen leid that, Helmer nicht anderweitig dienen zu können, was dieſer jedoch ausſchlug. „Ich glaube aber doch,“ fuhr Mörnburg fort,„Du treibſt die Delicateſſe etwas zu weit, wenn Du einen Freund haſt, der Dir ſagt, daß er ohne Schaden für ſich ſelbſt dDir dienen kann... Wohll! ich ſehe es Deiner Miene an, daß Du nicht meiner Meinung biſt; doch würde es mir ſehr angenehm geweſen ſein, wenn ich die Erinnerung eines ſo freundlichen Beweiſes Deines Vertrauens gegen mich mitgenommen hätte, wenn ich nun bald das angenehme Lärkholmen und den ange⸗ nehmen Umgang mit Dir und Deiner liebenswürdigen Gattin verlaſſe.“. „Aha!“ ſagte Ernſt— und es war ihm, als ob nach dieſen Worten ſeine Lungen eine friſchere Luft ein⸗ ſogen—„Du biſt alſo der Milchkur und des Jagd⸗ ſiebers überdrüſſig geworden?“ „Haſt Du wohl glauben können,“ entgegnete Mörn⸗ burg vertraulich,„daß dieß die Abſicht mit meinem langen 2⁵6 Aufenthalte geweſen iſt? Nein, obgleich der Arzt für meine Geſundheit wirklich eine ſechsmonatliche Abſon⸗ derung von dem emfigen Geſchäftsleben vorſchrieb, in welchem ich— wenn ich meine Reiſejahre abziehe— meine ganze Jugend und auch meine männlichen Jahre verlebt habe, ſo gibt es doch noch einen andern Zweck, und ich habe bei unſerer näheren Bekanntſchaft keinen Grund, Dir denſelben zu verbergen.“ „Und dieſer Zweck? Ich geſtehe, er intereſſirt mich, da Du mir Dein Vertrauen ſchenken willſt.“ „Ich war verlobt mit einem Mädchen nach meiner eigenen Wahl. Sie hatte jene verführeriſche Schönheit, welche die Frau Werner auszeichnet, und Du haſt viel⸗ leicht auch bemerkt, daß ſie auf mich bisweilen einen ſtörenden Eindruck macht. Ich liebte meine Verlobte ſo ſehr, wie ein Mann mit einem ruhigen Temperamente zu lieben vermag. Sie betrog mich. Zu meinem Glücke that ſie es vor der Hochzeit. Und zum erſten Male in meinem Leben war ich jener Federkraft, jener Ruhe beraubt, welche die erſte Bedingung für einen tüchtigen Geſchäftsmann iſt. Ich ſage nicht, daß meine Seele unterdrückt war, denn ich kämpfte mit dem Schmerze als ein Mann; aber dennoch äußerte er auf mein Leben, meine Gewohnheiten, meine Conſtitution eine ſolche Wech⸗ ſelwirkung, daß ich gezwungen war, dem Rathe meines Arztes zu folgen und in der Einfachheit des Landlebens eine Reaction zu ſuchen.“ „Man köͤnnte aber doch in Verſuchung kommen,“ meinte Ernſt faſt mit Ironie,„zu glauben, daß Du nicht von allzu ſchrecklichen Leiden gepeinigt worden ſeiſt. Schon bei Deiner Ankunft war von Seelenleiden gar nichts zu ſpüren.“ „Iſt es denn die Eigenſchaft aller Seelenleiden, daß ſie auf unſerm Geſichte zu leſen ſind?“ fragte Mörn⸗ burg in ſeinem gewöhnlichen Tone, aber mit einem ſo tiefen, durchdringenden, und man möchte faſt ſagen durchſichtigen Blick, daß Ernſt in die Augen eines neuen 257 unbekannten Menſchen zu ſehen meinte, und mit leich⸗ tem Erröthen antwortete: „Es iſt möglich, daß es Gefühle gibt, welche im Stande ſind, ſogar die Verheerungen aufzuhalten, welche das Leiden auf der äußeren Geſtalt zurückzulaſſen pflegt.“ „Das iſt nicht allein möglich, ſondern ſogar ge⸗ wiß, obgleich ich nur ein ſolches Gefühl annehme nämlich das Gefuͤhl des Stolzes. Dieſes aber iſt au hinreichend, unſere Nerven zu ſtählen, wenn es noth⸗ wendig iſt.“ ) d ann wirſt Du abreiſen?“ fiel Helmer unterbre⸗ end ein. „Sobald ich die Arbeit vollendet habe, welche meine Morgen und auch ſo manche Stunde meiner Tage beſchäftigt hat— auch dieſe hatte einen Antheil an meinem Wunſche nach Ruhe... Sieh hier: ich habe einige Blätter bei mir. Es fällt mir bisweilen ein, wenn ich im Walde liege und meine Reflexionen mache, einen Ableiter bei der Hand zu haben.“ „Nun, was ſehe ich! Gemiſchte Skizzen von Reiſen in Perſien, Griechenland und der Türkei“— das läßt ſich hbien Warum ſind dieſe Skizzen nicht ſchon heraus⸗ gegeben?“ 3„Ich habe bis jetzt nicht Muße gehabt, meine Auf⸗ zeichnungen und meine Erinnerungen zu ordnen. Wäh⸗ rend dieſer Monate aber habe ich gar ſehr in der ent⸗ ſchwundenen Zeit gelebt, und in zwei, höchſtens drei Wochen werde ich hier mein Werk vollendet haben.“ Das Alles kam ſo ungekünſtelt hervor, daß gar kein Schein von Zweideutigkeit und Intrigue zu bemerken war. Und Ernſt verließ ſeinen Gaſt mit einer doppelten Erleichterung von der Bürde der Bekümmerniſſe. Erſtlich ſollte er nach zwei, höchſtens drei Wochen von dieſer täglichen peinigenden Geſellſchaft befreit und endlich wieder mit Edith allein ſein. Zweitens brauchte er ſich über die Pacht keine Sor⸗ gen zu machen Ein launenhaftes Weib. III. 17 Das war viel. Doch— das Schrecklichſte blieb noch immer. Die drei Wochen waren verfloſſen, doch ohne Reſul⸗ tat auf Mörnburgs Abreiſe.. Miit den Skizzen über Perſien, Griechenland und die Türkei ging es ſehr langſam, dagegen ſchien jedoch die Skizze, welche Lärkholmen umfaßte, und welche vielleicht Herr Mörnburg zu einem eigenen kleinen Werke beſtimmt hatte, ihrer Vollendung zu nahen. Es würde inzwiſchen peinigend ſein, allen Ver⸗ wickelungen zu folgen, durch welche man bisweilen kriecht und bisweilen ſtürzt, um zu jenem tiefen Abgrunde zu gelangen, den wir in der Alltagsſprache Kataſtrophe nennen.— Daß in den letzten Wochen zwiſchen dem Gaſtfreunde und ſeiner Gattin irgend eine Art von geheimem Ver⸗ hältniſſe Statt fand, das konnte Ernſt jetzt ſehen. Ja, er ſah es ganz deutlich, daß Edith— als ſie am Tage nach der im vorigen Capitel geſchilderten Scene in Be⸗ treff der Juwelen, ſich bisweilen heftig erhob, ohne Zweifel um ſich in die Arme ihres Gatten zu ſtürzen— durch einen langen magnetiſchen Blick aus Mörnburg's ſchwarzen Augen gleichſam an ihren Stuhl gefeſſelt wurde. Eine einzige Gewißheit hielt Ernſt's Muth noch aufrecht. herrſchte. War es lange ſo geweſen? Darauf konnte er ſich keine Antwort geben. Sollte es lange ſo bleiben? Darauf antwortete er ein feſtes Nein. Denn das Geld zur Pacht mußte er ſchaffen, er mochte es nehmen, woher er wollte, und wenn dieſes drückende Band nicht länger auf ſeinem Feingefühle lag, ſo wollte er offen reden mit dieſem Mann und.. Es war nicht Liebe. Edith liebte Mörnburg nicht. Aber eine ebenſo große Gewißheit war, daß er ſie be⸗ — — — ——ᷣ—— 259 Aber wieder ſchauderte er zurück vor dieſer Berüh⸗ rung; auf welche Art hatte Mörnburg ihn beleidigt, wenn es darauf ankam, dieſen Umſtand zu erklären? 3 Von welcher Seite war er anzugreifen? Wie konnte Helmer ſagen:„Ich hege Verdacht, welchen, weiß ich zwar nicht, aber ich fühle, daß ich Grund dazu habe. Du erregſt meinen Abſcheu, Dein Anblick verſetzt mich in einen Zuſtand von Schmerz und Wuth!“ Aber war das nicht ebenſo viel, als wenn er ſagte, daß er auch ſeine Frau im Verdacht hätte? Welcher Schimpf für ſie und für ihn ſelbſt! So konnte er nicht ſagen. Hier mußte ein anderer Ausweg gefunden werden......... Unzähligemal erfuhr Ernſt während dieſer unglück⸗ lichen Zeit Beweiſe der wirklichen und innigen Freund⸗ ſchaft, womit der Aſſeſſor Werner und ſeine Gattin ſich für ihre jungen Nachbarn intereſſirten. Die frohe Jenny mit ihrem im Grunde ſo guten und klaren Verſtande verwandelte ſich in eine würdige Matrone, um in der ernſthaften Sprache, welche hier erforderlich war, Edith vor ſich ſelbſt zu retten. Doch je mehr ſie Ernſt's edles Betragen und ſeltene Geduld an das Licht hielt— denn Jenny war allzu oft auf Lärkholmen, als daß ſie hinter das Licht geführt werden konnte— um ſo mehr wurde Edith erbittert, denn noch zerfleiſchte es ihr Herz, Ernſt's Lob von den Lippen eines andern Weibes zu vernehmen. Der Aſſeſſor dagegen redete mit ihm über Mörnburg. „Ich weiß ſehr wohl,“ ſagte er,„daß es ein Fein⸗ gefühl gibt, welches uns gebietet, unſere Freunde lieber in ihrem Schmerze vergehen zu laſſen, als die Deli⸗ cateſſe zu verletzen, dadurch, daß wir uns bemühen, denſelben zu theilen; aber dieſes Feingefühl habe ich nicht. Deine Frau iſt ein Prachteremplar unter den Frauen, und ich bin auch überzeugt, ſie iſt in ihrem Herzen ein Engel; doch auch Engel können vom Satan verleitet werden. Und obgleich ich ſehr hut ſehe, daß 4 1 — 260 Du glücklicher Weiſe nichts zu befürchten haſt, das nur im Allergeringſten ihren Werth oder Deine Ehre kom⸗ promittirk, ſo will ich dennoch mein Leben wetten, daß Mörnburg, dieſer ſchwarze Mulatte, irgend ein geheimes Spiel treibt... Er muß zum Hauſe hinaus; denn wenn er auch der Beſitzer des Gutes iſt und das Recht hat über eine Wohnung zu disponiren, ſo biſt Du doch jetzt Derjenige, welcher hier Herr iſt.“ „Er ſoll aus dem Hauſe!“ war Ernſt's kurze Antwort, in derſelben lag aber eine vollkommene Be⸗ ſtimmtheit. Helmer hatte ſchon längſt an eine angelegene Reiſe gedacht, und ſich jetzt auch zu derſelben entſchloſſen. Das Ziel dieſer Reiſe war der Ort, an welchem die ehemalige Geliebte ſeines Vaters ſich aufhielt— ungefähr ſechzehn Meilen von Lärkholmen— und der Zweck war, mit dieſem Weibe ein Uebereinkommen zu treffen, durch welches er gegen die geſetzlichen Zinſen ſein Kapital zurückbekommen konnte. Am fünfundzwanzigſten September rüſtete er ſich zur Reiſe. Sein Herz war beklommen, die Stirn aber einiger Maßen frei von Wolken. Cdith ſollte nicht ſehen, daß er noch ſchwach genug war, bei einer Trennung zu leiden, er, der zu Hauſe ebenſo ſehr von ihr getrennt war, als abweſend, ja vielleicht noch mehr, denn die Entfernung zertheilt viele Schatten. Sei es nun aus gezwungener Delicateſſe, oder wegen Geſchäfte, wie er vorgab— genug, der Großhändler Mörnburg hatte an eben dieſem Morgen Lärkholmen ſchon vor ihm verlaſſen. Als Helmer's Reiſe, von welcher er ſchon früher abſichtlich etwas erwähnt hatte, jetzt feſt beſchloſſen und der Tag beſtimmt war, hatte Mörnburg geäußert, er wolle die Zeit benutzen, da er doch ohne die Geſellſchaft ſeines Wirthes ſein müßte, um, ehe er die Gegend verließe, einen Abſtecher nach Wexjö zu machen. degen ndler lmen von hatte, hatte da er rüßte, nach 261 Als Ernſt in Reiſekleidern zu ſeiner Frau trat, um ihr die Abſchiedsumarmung zu geben— etwas, das jetzt eigentlich nur als eine Ceremonie angeſehen werden konnte— ſchien Edith auf einmal heftig aufgeregt zu werden. Sie brach in Schluchzen aus und legte ihre brennende Stirn an Ernſt's Schulter. Aber ebenſo ſchnell, wie dieſe Vewegeng gekommen war, ſchien ſie auch zu verſchwinden. Sie entriß ſich heftig ſeinen Ar⸗ men und ſtürzte in das Schlafgemach. Belebt, gerührt, verwirrt, mit einem Gefühle, das der Hoffnung ähnlich ſah, eilte ihr Ernſt nach; aber ſie hatte den Riegel vor die Thür geſchoben. „Oeffne, Edith! ich glaube, wir haben es nöthig, uns noch auf einige Augenblicke zu ſehen!“ „Nein,“ antwortete ſie drinnen,„das iſt eine Ver⸗ zögerung, die zu gar nichts dient.“ „Du willſt alſo nicht öffnen?“ Sie antwortete nicht. „Edith! ich beſchwöre Dich, ſchiebe den Riegel hin⸗ weg, laß mich Dich noch einmal betrachten!“ „Wozu das?“ „Um das Andenken an einen glücklichen Augen⸗ blick zu haben!— Du wirſt mir doch einen freundlichen Blick zum Abſchiede geben?“ „Ich kann nicht. Glücklicke Reiſe, Ernſt!“ Faſt betäubt von Schmerz ging er zurück. Eine Viertelſtunde ſpäter ſaß er im Wagem Mörnburg wollte erſt einen Tag nach Helmer zu⸗ rückkommen. Dieſer hatte ſeine Rückkehr auf den Sonn⸗ tag, den neunundzwanzigſten September, feſtgeſetzt. Doch gejagt von einer unaufhörlichen Unruhe, ver⸗ folgt von einer einzigen Erinnerung— Edith's plötz⸗ liche Rührung und ebenſo plötzliche Veränderung, reiste. er Tag und Nacht. Und ſo erfüllt war ſeine Seele von dem Gedanken an ſeine Gattin, daß er nicht im Stande war, mit vollem Bewußtſein das neue Unglück zu füh⸗ len, welches ihn in einer beſtimmten unwiderruflichen Weigerung von Seiten der Mamſell Hermina B. traf. Sie wollte„ſich auf keine Weitläufigkeiten einlaſſen,“ nicht einmal von Unterhandlungen hören. „Gut!“ ſagte Ernſt faſt mechaniſch,„dieſe Wider⸗ wärtigkeiten laſſen ſich uͤberwinden; es ſind ja nur Kleinigkeiten und Wirren, die ſich leicht entwirren laſſen — köͤnnte ich nur das Uebrige in Ordnung bringen!“ Freund Werner würde es wohl ſo zu ſtellen wiſſen, daß er von dem Lagmanne eine Anleihe bekäme— es war ſeinem Stolze ſchwer, zu den Freunden ſeine Zu⸗ flucht zu nehmen— doch hier mußte jede Bedenklichkeit weichen. Alles ſollte bei Mörnburg's Ankunft arran⸗ irt ſein, und wenn die Pachtſumme präſentirt war, ſo hatten alle Bedenklichkeiten ein Ende. Ernſt athmete ſchon leichter. Die Ehre ſollte, mußte Mörnburg zwin⸗ gen, endlich mit der Abreiſe Ernſt zu machen, und dann, dann.. Vielleicht hatte es für Edith nur dieſer kurzen Trennung von ihrem Gatten und des Andenkens an ihren Abſchied bedurft, um zu dem Gefühle von der Macht der Reue zu kommen. Vielleicht, wenn ſie ihn zurückkehren ſah, kam ſie ihm entgegen geeilt... wie ehemals... vielleicht ſtand ſogar das einzige Glück wartend an ſeinem Herde. Er fuhr dahin wie der Wind, oder richtiger, wie ein Verzweifelter, welcher der Hoffnung nachjagt. —xãx Sechsundzwanzigſtes Capitel. Asmodeus an dem letzten Belagerungstage. 3 Es war gegen acht Uhr Abends den achtundzwan⸗ zigſten September, als Ernſt, der um die Mittagszeit ſeine eigenen Pferde wieder genommen hatte, die er etwa⸗ ſechs Meilen von Lärkholmen entfernt zurückgelaſſen, in ſcharfem Trabe angefahren kam. Der Mond war noch nicht ſichtbar geweſen, an ge. wan⸗ gszeit etwa⸗ en, in 263 dem Horizonte aber zeichnete ſich eine helle Schattirung, welche dem Auge erlaubte, die Gegenſtände gut zu unter⸗ ſcheiden, und das Erſte, was beim Thorwege vor der Allee Helmer's Blicken begegnete, war eine mit drei Pferden beſpannte Kutſche, welche unter einer Gruppe von hohen Ulmen im Schatten ſtand. Helmer ſprang ſchnell aus dem Wagen. Er konnte es nicht einmal verſuchen, zu erklären, welch ein Druck ſeine Bruſt zuſammenpreßte. „Für weſſen Rechnung warteſt Du hier an dieſem Orte?“ fragte er die Figur, welche unbeweglich vor den Pferden ſtand, die er, wenn man nach dem Stück Brod ſchließen wollte, das er noch in der Hand hielt, eben gefüttert hatte. „Ich warte auf den, der mich beſtellt hat!“ ant⸗ wortete eine feſte und ſtarke Stimme. „Wer iſt das?... Sprich die Wahrheit, Kerl! Du redeſt mit dem, der hier Herr iſt und das Recht hat, die Wahrheit zu fordern.“ „Der Teufel mag wiſſen, wer hier der rechte Herr iſt, das geht mich nichts an; aber ich gehorche dem, der mich bezahlt— ſo ſteht's damit.“ Ernſt ſah augenblicklich ein, daß dieſes Verhör zu gar nichts diente. Nein, zu Hauſe konnte er Aufklärung erhalten, vielleicht mehr Aufklärung als... Er konnte die Gedanken nicht ausſpielen laſſen, er ſchämte ſich und erröthete, daß ſeine umherſchweifenden Phantaſien ihm übermächtig werden konnten. „Hörſt Du!“ ſagte er zu ſeinem eigenen Knecht, der auf dem Kutſchbock ſaß,„Du hältſt hier auch unge⸗ fähr eine halbe Stunde ſtill; hernach kannſt Du vor⸗ fahren— nicht eher.“ Nachdem er dieſe Worte geſagt, öffnete er eilig den Thorweg und trat in die Allee, welche er mit langen, beſchleunigten Schritten bald hinter ſich hatte. Jetzt war er auf dem Hofe.. Rund um das Haus herum war Alles ſtill und ruhig, dunkel im Beſuchzimmer, im Saal und in der 264 Küäche, folglich kein Fremder da. Auch in Mörnburg's Wohnung herrſchte Dunkelheit. Und dennoch dieſer Wagen, welcher wartete! Er ging um das Haus nach der Seite des Gartens, am Giebel kam er an dem Fenſter des Mädchenzimmers vorbei, wo dieſe beim Spinnrade ſaßen— Alles war ruhig. Hätte nicht der biſſige Skjutsbauer unten bei den Ulmen vor den Pferden geſtanden, ſo wäre er ge⸗ neigt geweſen, ſich zu überreden, der Anblick mit dem Wagen ſei ein Fiebertraum, ein Spuk, Alles, nur keine Wirklichkeit geweſen. Jetzt hatte er die Hinterſeite des Hauſes erreicht, welche nach dem Garten hinauslag. Die Fenſter des Arbeitszimmers waren erhellt, die Laden aber noch nicht zugemacht. Ein Paar ziemlich hohe Jalouſien waren das Einzige, welches vorwitzigen Blicken Dasjenige verbarg, was im Zimmer vorging. Helmer's Laͤnge war jedoch hinreichend, um über die Jalouſien hinwegſehen zu können. Er ſchlich hinter die Syringenhecke und ſtand bald dicht vor dem Fenſter dieſes ehemaligen geheiligten Tem⸗ pels ſeiner Liebe und ſeines Glückes. Hier den Anblick, der ſeinem Auge begegnete, wäh⸗ rend ſein Ohr die Worte des Räthſels vernahmen, nach deſſen Löſung er ſchon beinahe vier Monate lang ver⸗ gebens geſucht hatte. Edith ſaß auf dem Ruheſeſſel in halbliegender Stel⸗ lung. Ihre Wangen waren geſchminkt von einer hohen Scharlachfarbe, die Augen glänzten von einem phos⸗ phoriſchen Feuer, und die ſchwellende Korallenlippe war ein wenig über der weißen Zahnreihe zuſammengepreßt. Man ſah ſogleich, daß ſie ſich in einem von jenen dieſer Frau leider ſo groß war. exaltirten Augenblicken befand, deren Zahl in dem Lebe .* 11 Vort Alles mich ten, mit woh darf — ſo o bei ſein eine dure 1 Za, mei wir auf lich wen war 265 „Nein!“ ſagte ſie zu Mörnburg, der vor ihr ſtand mit der ſichern Haltung eines Menſchen, der die An⸗ näherung des Sieges ahnt und ſich eben darum in Acht nimmt, durch irgend eine Art von Heftigkeit ſeine 8 Vortheile zu verſcherzen.—„Nein! ich ſage Ihnen: das Alles iſt abſcheulich! ich habe eine große Schuld auf mich geladen, daß ich Sie nur angehört habe, und...“ Sie hielt einen Augenblick inne. „Wie?— und...“ „Sie können es nimmermehr vor Gott verantwor⸗ ten, daß Sie mich an dieſen Abgrund geleitet haben.“ „Wenn ich gefehlt habe, Madame,“ antwortete er mit weicher, überredender Stimme,„ſind Sie dann wohl Diejenige, welche es mir zum Vorwurf machen darf, daß ich für Ihr künftiges Intereſſe gearbeitet habe? — nund es iſt vergebens, jetzt zu läugnen, was Sie mir ſo oft geſtanden haben, daß es Augenblicke der Reue bei Ihnen gibt, Augenblicke, von denen Sie befreit zu ſſeein wünſchen von dieſem Bande, welches Sie ſich in V einer romantiſchen Verirrung angelegt haben.“ 5„Ja, das habe ich geſtanden, ich weiß es; doch durch welche Mittel haben Sie mich dazu gezwungen? Ja, durch ſolche, von denen Sie wußten, daß ſie auf meinen Charakter, meine Laune, meine Schwächen ein⸗ wirken müßten.“ „Sie ſind ſtreng gegen mich!“ „Ach, wäre ich das geweſen, hätte ich nicht gelauſcht auf dieſe carikirten Gemälde, welche Sie uͤber mein häus⸗ liches Glück gemacht haben, über dieſes Glück, welches, wenn auch eingeſchränkt, dennoch ſo himmliſch ſchön war, ehe Sie hieher kamen, und es noch ſein würde, wenn Sie nicht meine Ohren erfüllt hätten mit Ihren V giftigen, aber farbenreichen Vergleichungen zwiſchen mei⸗ nem beſchränkten und elenden Leben als Haushälterin und Gattin eines Mannes, der nicht einmal die uner⸗ hörten Opfer begreift, welche ich ihm gebracht habe, und dem Leben voller Glanz, Genuß und Würde, das 266 meiner im Verein mit der Verzeihung und Liebe meiner Mutter wartet, wenn ich... wenn ich...“ Die Stimme verſagte ihr— ſie konnte nicht wei⸗ ter reden. „Wenn Sie,“ fiel Mörnburg mit einem Tone ein, als ſpräche er von der gleichguͤltigſten Sache in der Welt,„wenn Sie in Ihr eigenes Glück einwilligen und eine Trennung beſchließen...“ „Was war das?“ rief Edith und fuhr hoch vom Stuhle auf...„Es war mir, als hörte ich ein Geräuſch!“ „Einbildung— aber dennoch will ich nachſehen!“ Mörnburg ging ſchnell durch die Zimmer bis in die Hausflur. Als er zurückkam, blickte er auch durch das Fenſter, ſah aber nichts. „Es war nur ein Irrthum!“ „Ja,“ murmelte Ernſt, der ſich in dieſem Augenblick mit verſtörten, geſpenſterhaften Zügen aus der Hecke er⸗ hob,„es war nur ein Irrthum, aber ich habe ihn doch ſehr theuer bezahlt!“ „Mein Gott! mir wurde ſo bange!“ begann Edith mit zitternder Stimme.„Es war mir, als fühlte ich ſeine Nähe!... wenn er früher zurückkäme, als er ge⸗ ſagt hat— wenn ich ihm in dieſem Augenblicke begegnete!“ „Ja, da würden Sie von Neuem die Kraft ver⸗ lieren, ſich zu entſchließen. Dennoch iſt es eine Schwäche, die Ihrer ſelbſt unwürdig iſt, daß Sie ſich von dieſem Steinbilde von Mann beherrſchen laſſen— ich ſchwöre, es geſchieht nur aus Gewohnheit— die Liebe iſt erloſchen.“ „Nein, nein, bis zu meinem letzten Athemzuge bleibt er für mich der Einzige.“. „Er?“ rief Mörnburg mit gewaltſam unterdrückter Bewegung aus,„er, der für Sie nicht mehr Gefühl hat, als daß er trotz der auffallenden Veränderung, die er an Ihnen erblickt— eine Veränderung, die hinrei⸗ chend ſein würde, einen andern Mann wahnſinnig zu machen— Faſſung und Kälte genug hat, an ſeine lum⸗ 4 A, pigen Pfenniggeſchäfte zu denken!“ wovo noch. war muß verſe daß werf digu und ſeine führ halt dure und den falle dert hebe — e gan Sie weck auf dene läng zurt ſter trat Sck N in 267 iner„Verſuchen Sie nur nicht, mich davon zu überzeugen, wovon ich nie überzeugt werde! Er liebt mich immer wei⸗ noch, trotz meiner Fehler. Ja, als er abreiste— o, es war ſo nahe daran, daß ich Alles verrathen hätte— ich ein, mußte eine verriegelte Thür zwiſchen mich und ihn ſetzen der... ich hatte die Kraft, ihm einen Abſchiedsblick zu und verſagen... O, wie verabſcheuungswürdig— ich wußte, daß Sie von dieſem Beſuche zurückkommen würden, und vom... und.... „Und wegen der zärtlichen Phraſen, die er hinzu⸗ ſ ch werfen beliebte, waren Sie ſogleich bereit, die Anſchul⸗ 3 in digungen zu vergeſſen, welche Sie ihm gemacht haben, zurch und welche Sie das Recht hatten, über ſeine Kälte, ſeine Trägheit, ſein Unvermögen, Sie zu faſſen, zu führen. O, in Ewigkeit wird er dieſes Unvermögen be⸗ blick halten! Hören Sie mich jetzt! Ich habe dieſen Mann e er⸗ durchſchaut: er iſt zuſammengewebt aus Vernunft, Ruhe doch und Ehrgefühl. Dergleichen Leute ſind ſehr gut auf den untergeordneten Plätzen, die ihnen gewöhnlich zu⸗ Sdith fallen, aber ihre angeborne Lauigkeit— welche ſie hin⸗ e ich dert, ſowohl zu dem äußerſten Wärmegrad ſich zu er⸗ ge⸗ heben, als auch bis auf den Gefrierpunkt hinabzuſinken ete!“— erhält ſie ſtets in jenem Zuſtande der Paſſivität, welche ver⸗ ganz unvereinbar iſt mit einer großen Leidenſchaft, wie äche, Sie, Madame, geſchaffen ſind, bei einem Manne zu leſem wecken, der ſelbſt eine Seele von Feuer hat.“ wöre, Er ſchwieg und richtete ſeine dunkel glühenden Augen e iſt auf ſein Opfer.. Seufzer hoben Edith's Bruſt— ſie antwortete nicht. zuge„Und nun,“ fuhr der Verſucher in einem entſchie⸗ deneren Tone fort, laſſen Sie uns dieſe koſtbare Zeit nicht ückter länger verſchwenden— ſie kehrt wahrſcheinlich nie mehr efühl zuruͤck. Schon eine ganze Woche lang iſt der Rittmei⸗ , die ſter in Werjö geweſen, bald werde ich Sie ihm anver⸗ inrei⸗ traut haben, und wenn Sie ſich wieder unter dem ig zu Schutze Ihrer Mutter und mit ihr weit auf dem Wege Aun⸗ inn das entzückende Italien befinden, wo ich Ihrer warte, da, ich betheure es, nimmt Ihr Gemüth ſeine Elaſti⸗ cität wieder an, Sie fühlen ſich leicht wie ein Vogel, der aus dem Käfig entſchlüpft iſt, Sie ſind erſtaunt, daß Sie eine Zeitlang dieſe Feſſeln haben tragen wollen, und Sie vergeſſen dieſer theuer bezahlten Laune Ihrer Phan⸗ taſie, wenn Sie ſich von den glücklichen und dankbaren Thränen Ihrer Mutter überſtrömt fühlen.“ „O, wie leide ich!“ In dieſem Ausruf offenbarte ſich Edith's ganze Un⸗ entſchloſſenheit. „Das kommt daher, weil Sie ſo ſenſible Nerven, ein ſo außerordentliches Gefühl haben— das Leiden iſt nicht im Herzen ſelbſt; denn, wenn Sie, wie Sie glau⸗ ben, Ihren Mann liebten... Ach, wie Sie ſich ſelbſt täuſchen können, arme Frau!“ Er hielt gleichſam aus Mitleid inne. „Was wollen ſie denn eigentlich ſagen?“ rief ſie mit einem wilden Blicke. „Ich will Sie ganz einfach fragen, ob es Ihnen wohl in den erſten Monaten Ihrer Ehe möglich geweſen wäre, Jemanden über eine Trennung von dem ver⸗ götterten Gegenſtande Ihrer Liebe reden zu hören, ohne daß Sie dieſen Rathgeber mit Verachtung und Stolz von ſich geſtoßen hätten, um ſogleich in die ſchützenden Arme Ihres Gatten zu eilen.. „Das iſt wahr!“ ſeufzte Edith mit halb erſtickter Stimme. Haben Sie dagegen nicht auf die Worte gelauſcht, welche die Freundſchaft und die Vernunft redeten? Ha⸗ ben Sie nicht das gefährlichſte Geheimniß vor Ihrem Manne verborgen— ein Geheimniß, das Sie mit mir verhandelten, während Ihr Mann Ihnen immer mehr und mehr Fremdling wurde? Ich frage Sie, ob das möglich, ob das denkbar geweſen wäre, wenn Sie ge⸗ liebt hätten? Wo Liebe iſt, dort kann es keine Ver⸗ handlungen, keine Intereſſen, keine Intriguen gegen den geliebten Gegenſtand geben.“ „O Gott, o Gott!“ „Sehen Sie nun endlich ein, daß Ihr ſogenannte bleib würd um Gefühl der letzte aufflammende Funke eines Leuchtfeuers ſn. Deſſen ſämmtliche übrige Funken längſt erloſchen ind?“ „Welchen Abgrund öffnen Sie vor meinen Blicken, ſchrecklicher Menſch!“ Auf Edith's Antlitz ſpiegelte ſich die größte Todes⸗ qual ab. „Nicht ich habe ihn geöffnet; nicht ich bin ſchuld daran, daß dieſer Mann, Ihr Held, nicht die Eigen⸗ ſchaften beſitzt, welche erforderlich ſind, damit Sie Ihr ganzes Leben hindurch das Märtyrerthum lieben können. Das iſt eine Sache, welcher ſich nicht abhelfen läßt; alſo bleibt nur übrig, zu betrachten, wie Ihr Leben werden würde, wenn Sie hier blieben.“ Die junge Frau machte eine Bewegung, gleichſam um ihn aufzuhalten. Aber er fuhr fort: „Ich wiederhole was ich ſchon geſagt habe; die Gegenwart kann als ein Himmelreich betrachtet werden in Vergleich mit Demjenigen, was da kommt, wenn dieſer Mann gänzlich eingefroren iſt in ſeine trivialen Allltagsbegriffe, und Sie in Ihre Pflichten als Köchin und Hausmutter. Ein einziges Jahr des Mißwachſes oder eine Viehkrankheit kann ſeine Umſtände gänzlich zu Grunde richten. Fügen Sie noch hinzu, daß, nach⸗ dem die Stellung auf den jetzigen Punkt gekommen iſt, die Liebe nie wieder aufbluͤhen kann, daß Ihre Mutter Sie enterbt, wenn Sie nicht in die vorgeſchlagene Tren⸗ nung willigen, und daß ein Leben voller Reue, Selbſt⸗ anklage, von tödtender Einförmigkeit, vielleicht ſogar von Noth, Elend und gegenſeitiger Erbitterung Das⸗ jenige iſt, was Ihrer wartet.“ „Ich vergehe in dieſen Kämpfen! Ich will, aber ich kann nicht!“ „Sehen Sie hier den Brief, welchen Linden mit⸗ brachte; leſen Sie ihn!“ „Ich vermag es nicht.“ „Soll ich? Edith gab eine ſtumme Antwort. Mörnburg brach das Siegel und entfaltete den Brief. Dieſer lautete folgendermaßen: „Verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ich es wage, dieſe Zeilen an Sie zu richten! Aber ſie ſind dictirt von dem Gefühle, das meine ganze Seele füllt, nämlich von dem Mitleiden mit dieſer ſtolzen, ſtarken Frau voller Selbſt⸗ beherrſchung, von deren Lippen noch keine Klage ge⸗ kommen iſt, ſeitdem ſie den koſtbarſten Edelſtein ihres Herzens verlor, deren abgefallene Geſtalt, deren ge⸗ dankenvoller Blick, deren matter Gang und deren gan⸗ zes freudenleeres Leben aber tauſendmal mehr als Worte von der Höhe des Leidens zeugen, welches ihre gelieb⸗ teſte Tochter ihr auferlegt hat. Der Ausſchlag, den ſie gegeben hat— Trennung und Verzeihung, oder Enterbung und ewige Entfernung— kann er wohl ſtreng genannt werden, wenn man bedenkt, wie tief ſie in ihren heiligſten Rechten gekränkt worden iſt? Sie ſagte mir geſtern folgende Worte: „Ich würde dieſes Opfer nicht von Edith gefordert haben, wenn ich nicht wüßte, daß es nunmehr wirklich kein ſolches iſt, nachdem ihr Chefrieden von den wider⸗ ſprechendſten Gefühlen geſtört worden iſt, welche ſie be⸗ herrſchen, und ihre Liebe in dem letzten Kampfe ſeufzt, denn ich ſehe es als entſchieden an, daß dieſes der Fall iſt, da ſie, die ihren Abgott ſo angebetet hat, ſich jetzt unter ſeinen Augen einem Manne anvertraut, der in dieſer Sache unſere Anſichten theilt.“ „Nichts, fuhr ſie fort,„darf ſie alſo nunmehr län⸗ ger an dieſen Mann binden, der— ich habe eine ge⸗ heime Ueberzeugung davon— ſich nicht allzu unglücklich fühlen wird bei dem Bruche dieſer Ehe, welche, wenn ſie fortbeſteht, auch für ihn eine drückende Bürde wird, was ſeine Vernunft gewiß auch nicht unterlaſſen wird einzuſehen— und mit ſeinem ſchönen Stolze wird er nicht eine Minute anſtehen, in eine Trennung zu wil⸗ gen, nachdem Edith in das Haus ihrer Mutter geſlohen iſt. Hätte er einen ſchwankenden Charakter, ſo dürſten wir Meit ihn gen, den, ſchlo allzu ſo he ken; wäre kann ſofer Liebe zu er die ¹ bei d an i er n beſie der fährt ewig ein! Dock ſehr habe ſoger dahi und denn rief. hage, von dem lbſt⸗ ge⸗ hres ge⸗ gan⸗ Jorte lieb⸗ nung 1g— enkt, miſt? rdert rklich ider⸗ e be⸗ eufzt, Fall jetzt r in län⸗ e ge⸗ cklich wenn wird, wird rd er wil⸗ lohen erften — 271 wir dieſen Schritt nicht wagen— jetzt iſt er ganz einfach. Mein einziger Wunſch iſt, daß kein falſches Ehrgefühl ihn hindern mag, in die Friedensbedingungen zu willi⸗ gen, die ich ihm zu bieten denke, und die beweiſen wer⸗ den, wie ſehr ich ſeine Zukunft ſichern will.“ „Wäre Edith“— mit dieſen merkwürdigen Worten ſchloß ſie—„Mutter, hätte Gott ihr geſtattet, dieſe allzu oft mit Wermuth gemiſchte Freude zu ſchmecken, ſo hätte ich Anſtand genommen, an dergleichen zu den⸗ ken; denn ich glaube kaum, daß ſie darauf eingegangen wäre, den Vater ihres Kindes zu verlaſſen. Jetzt dagegen kann ſie ohne widerſprechende Gefühle dieſen Schritt thun, ſofern ſie meint, daß es ſich der Mühe verlohnt, die Liebe einer Mutter und die Rechte einer Tochter wieder zu erhalten. Sagen Sie ihr, Octavie, daß ich ſchon die Arme nach ihr ausſtrecke.“ Und da ſie ſo redete, weinte die edle, ſtolze Frau bei dem ſeligen Gedanken, daß ihre Tochter bald wieder an ihrer Bruſt ruhen würde...“ „Genug!“ ſiel Edith ein,„genug, genug!“ Mörnburg legte den Brief zuſammen. „Ich ſehe,“ ſagte er mit einer Stimme, deren Freude er nur mit Mühe züͤgeln konnte,„daß Ihr letzter Zweifel beſiegt iſt! O, ſo zoͤgern Sie nicht, ich beſchwöre Sie! de Maßen wartet, jeder verlorene Augenblick iſt ge⸗ ährlich!“ „Der Wagen?— wie? Sie haben ſchon.. „Alles iſt bereit! Jetzt iſt keine Zeit zu Ihrem ewigen Schwanken— Ihrer wartet ja ein Schwager, ein Bruder!“ „Ein Bruder?— o, ich kenne ihn ſehr wohl! Doch ſagen Sie mir, Mörnburg, fühlen Sie ſich nicht ſehr erniedrigt durch die Rolle, die Sie hier geſpielt haben? Wie konnte die Freundſchaft zu dieſem Ihrem ſogenannten Jugendfreunde, meinem Schwager, Sie dahin vermögen, ſeine Aufträge auszurichten? denn er und Ihre alte Bekannte, die Mamſell Octavie, ſind dennoch diejenigen, welche durch ihre vereinte Geſchick⸗ 272 lichkeit meine Mutter auf die Gedanken gebracht haben, welche jetzt Früchte tragen. Dieſe Beiden hatten aber ihre Intereſſen, welche ich begreife: Rache und Eifer⸗ ſucht; doch Sie— ich geſtehe, früher habe ich mich in einem gewiſſen Grade von Ihnen beherrſcht gefühlt... jetzt aber, das ſage ich Ihnen offen, jetzt verachte ich Sie, denn Sie haben einzig und allein für den Genuß gearbeitet, Unglück anzurichten.“ „Glauben Sie das?“ erwiederte Mörnburg, und hätte er plötzlich eine Maske von ſeinem Geſichte hin⸗ weggeriſſen, ſo hätte die Veränderung nicht größer ſein können. Sein ſchwarzes Haar ſchien ſich förmlich in die Höhe zu richten, ſeine jetzt nicht dunkel brennenden, ſon⸗ dern heftig flammenden Augen begannen tauſend Funken auf Edith zu ſtrahlen, ſo daß dieſe ſich inſtinktmäßig zurückzog: ſeine bleiche, bronzirte Hautfarbe wurde roth wie Kupfer von dem heißen Blute, das in ſeinen ge⸗ waltſam angeſpannten Adern floß, und indem er zu den Füßen der jungen Frau ſtürzte, fuhr er in wilder Be⸗ geiſterung fort: „Nein, Edith, ſo ſehen Sie mich denn in meiner wahren Geſtalt! Nur darum habe ich mich den In⸗ tereſſen Anderer hingegeben, weil ſie meinen eigenen nutzten. Als ich— angeſpornt von der Neugierde, Sie zu ſehen, und aufgefordert von Linden's Bitten, Ihre häusliche Lage zu prüfen, Bitten, die er als Ihr Schwa⸗ ger und als Mittler zwiſchen Ihnen und Ihrer Mutter das Recht hatte, mit der Freundſchaft gegen Sie ſelbſt zu verſchleiern— mich zu dieſer Reiſe entſchloß, da hatte ich, ich ſchwöre es bei Gott, keine andere Abſicht, als einige Monate von der Beſchwerde des Geſchäfts⸗ lebens auszuruhen und mich mit einer von jenen leichten Galanterien zu erfriſchen, welche bisher die einzigen Opfer geweſen ſind, die ich auf den Altar der Liebe ge⸗ worfen habe, und dieſe Opfer, ich will es wagen, Ihnen dieß zu ſagen, ſind ſo unzählig geweſen, daß ich nicht aben, aber Eifer⸗ ich in te ich Benuß und hin⸗ rſein n die ſon⸗ unken näßig roth n ge⸗ n den Be⸗ neiner 273 glauben konnte, ich hätte noch etwas von Demjenigen uͤbrig, was die Phantaſten wirkliches Gefühl nennen.“ „Herr Mörnburg! dieſe Bekenntniſſe— wiſſen Sie nicht, daß Sie mich beleidigen?“ „Nein, nein, ſie enthalten nichts, das Sie belei⸗ digen kann— hören Sie mich nur an!l“— „Ich will nicht hören... es iſt genug!“ „Es iſt nicht genug: Sie müſſen mich hören, nach⸗ dem ich einmal angefangen habe, zu reden! Ich habe das Bedürfniß, Ihnen zu zeigen, Ihnen, die Sie ge⸗ glaubt haben, Sie liebten, was die Liebe eigentlich iſt!“ Sie hatte ſich 81 Hälfte erhoben, ſank aber wieder in den Stuhl zurück. Beide hörten nicht, wie bei dieſer ihrer faſt unfrei⸗ willigen Bewegung die Zweige draußen von den con⸗ vulſiviſchen Zuckungen der Hand, welche ſie umfaßte, erſchüttert wurden. „Ich ſah Sie, Edith; Sie weckten nicht nur Leiden⸗ ſchaft in meinen Sinnen— das war ein Nichts— Sie weckten jenen Götterfunken, deſſen Daſein ich als küh⸗ ner Zweifler ſtets geläugnet hatte; Sie legten meine. Seele, meine Vernunft, meine Gedanken, mein Leben in Ihre Feſſeln. Da, verſtehen Sie mich jetzt? Da be⸗ ſchloß ich, Andern zu dienen. Denn frei, unabhängig, ein Edelmann mit einem Reichthum, der mir leicht zu weltlichem Anſehen alle Auswege öffnet, und mit einer Liebe, deren unermeßliche Tiefe Sie nur zitternd erſchauen könnten, kann ich, nachdem Sie frei geworden ſind, nach Ihrer Hand ſtreben. Zu dieſem Zwecke handelte ich niedrig, was ſchadet das? Ich betrog und verrieth Ihren Mann, was ſchadet das? Ich ſchlich mich in Ihr Paradies und blies die Blumen hinweg, was ſchadet das? Nichts, gar nichts: nur um meiner Liebe willen wurde ich ja ein Verräther, ein Betrüger, ein Verführer, ja, wenn Sie wollen, ein Teufel. Und wer nicht ſo liebt, daß er ſeiner Leidenſchaft ſein Gewiſſen, ſeine Ehre und ſeine Seele, mit einem Worte, Alles opfern kann, außer dem Ein launenhaftes Weib. III. 18 274 Leben— denn dieſes Opfer würde ihm die Möglichkeit rauben, die Frucht ſeiner Ausſaat zu genießen— der verſteht das Geheimniß nicht, welches in der Liebe liegt.“ Arme Edith! Sie war bezaubert, geblendet, berauſcht. Eine ſolche Deutung der Leidenſchaft hatte ſie noch nie gehört. Wie matt, wie nichtsſagend waren gegen dieſe Worte nicht Ernſt's Ergießungen geweſen, ſelbſt in den wärmſten Tagen ihrer Liebe. „Sehen Sie,“ fuhr der würdige Repräſentant des Asmodeus fort,„das Alles vermag eine große Leiden⸗ ſchaft. Aber was iſt das Alles in Vergleich mit der Beherrſchung, die ich an den Tag gelegt habe, indem ich eine ſo offene Huldigung zeigte, daß Ihr Mann es nicht gewagt hat, ſich zu beklagen, daß Sie ſelbſt die hölliſchen Qualen nicht ahnen konnten, welche ich litt, wenn Sie Ihre Blicke auf jenen lebendigen Mechanis⸗ mus hefteten, der einen Menſchen darſtellen ſollte, der jedoch weniger Leben beſitzt, als eine Maſchine... Ha, Edith! Sie hören mich, ich ſehe, daß Sie mich verſtehen! Wagen Sie es nun, ſich dem Manne mit Zuverſicht anzuvertrauen, der ſein Geſicht, ſeinen Willen, ſeine Beſinnung, ja ſogar ſeine Stimme ſo in ſeiner Gewalt hat? Ich begehre kein Wort von Ihnen zur Erwiede⸗ rung, denn dieſes würde Sie jetzt erniedrigen. Und hören Sie: obgleich ich ſelbſt ein Teufel werden kann, ſo will ich in Ihnen doch ſtets den Seraph anbeten. Alſo: vergeſſen Sie dieſes Letzte, kommen Sie zurück auf das Erſte, erlauben Sie, daß ich, ein ehrfurchtsvoller Freund, Ihr ergebenſter Diener, Sie zu demjenigen führe, den die Welt Ihnen zu Ihrem jetzigen natürlichen Beſchützer gegeben hat!... Sie ſchweigen?“ Ein Strahl von kühner Hoffnung blitzte auf in Mörnburg's Augen. „Edith! Sie verachten mich nicht länger? Sie willigen ein?“ „Nein,“ entgegnete ſie;„ich verachte Sie nicht län⸗ 1 ger. und.. und.. ich willige ein. FSOo l᷑ rͤ 2˙ 22—n Es trat ein kurzes Schweigen ein Ueber das ergilbte Gras draußen eilten ſchnelle Schritte. Die Hausthür und die Saalthür glitten leicht auf in ihren Angeln. 1 Noch lag Mörnburg auf ſeinen Knieen; er betrach⸗ tete das ſchöne Weib mit einer überirdiſchen Vergötterung. „Ernſt!“ ſtammelte ſie. „O, kein Gedanke mehr an ihn— er wird ſich mit der Nothwendigkeit tröſten, und nicht einmal verſuchen, Sie zur Rückkehr zu überreden.“ „Er wird ſogar noch weiter dohen„“ fiel jetzt Hel⸗ mer ein, indem er die Thür des Beſuchzimmers aufriß, „er wird Dich ehrvergeſſenen Schurken von der Beſchwerde befreien, die Du haſt übernehmen wollen“— bei dieſen Worten ſchleuderte er augenblicklich Mörnburg(der ſich ſchnell erhoben und ſich gleichſam zum Schutze an Edith's Seite geſtellt hatte) gewaltſam hinweg—„und ſelbſt dieſes pflichtvergeſſene Weib von dem Hauſe hin⸗ wegführen, welches ſie verlaſſen will!... Sieh, hier liegt ja Alles in Ordnung!— Schnell nimm den Man⸗ tel um— die Pferde warten!“ In Helmer's ganzem Weſen lag eine ſo ſchreckliche Kälte, daß Edith, halb todt vor Furcht, nicht den ge⸗ ringſten Einwand zu machen wagte. Und Mörnburg, der ſeine Abſicht erreicht ſah— denn wäre dieſe ganze Scene beſtellt geweſen, ſo hätte ſie in ſeinen teufliſchen Berechnungen unmöglich ein lücklicheres Ende erhalten können: jetzt war ja alles Buruellteien unmöglich— Mörnburg ſah ein, daß er weiter nichts zu thun hatte, als ſich zu entfernen mit den Lorbeeren, die er geſchnitten hatte. Und er entfernte ſich ſchweigend, nicht eigentlich aus Feigheit, ſondern weil ſeine Rolle ſo ganz ausgeſpielt war, daß er keinen einzigen Buchſtaben weiter hinzuzu⸗ fügen hatte. Wozu ſollte er überdieß einen Menſchen noch mehr reizen, deſſen Glück er vernichtet hatte? Was er gethan hatte, das hatte er gethan fuͤr ſelde Liebe: 276 ſeine Liebe konnte gar nichts dadurch gewinnen, daß er dieſen verzweifelten Mann noch einen Schritt weiter brachte. „Ernſt“— Edith kramte mechaniſch unter den Sachen—„dieſe Kleider liegen hier nicht mit Berech⸗ nung... ich kam eben von Swärdsnäs... da wußte ihan t... da wußte ich nicht... o, Ernſt! ich wußte nicht... „Still!“ entgegnete Ernſt mit einer ſo harten und gebietenden Stimme, daß die zitternde Edith auf den Stuhl ſank; es ſchwindelte vor ihren Augen, es ſauste vor ihren Ohren, es war wohl ein Todeskrampf, der ihr Herz zuſammenpreßte. Warum konnte ſie jetzt nicht ſterben? „Ernſt, Ernſt!“ Er hatte ſchon den Glockenzug ergriffen und ge⸗ klingelt. Barbro kam herein. „Hilf der Frau, öffne aber die Lippen zu keiner einzigen Frage! Ich gehe voran.“ b Als er aber die Thür erreichte, ſtieß Edith einen herzzerreißenden Weheruf aus. „Erbarmen, Erbarmen! jage mich nicht von Dir! — ich will nicht mehr von hier!“ „Gleichviel was Du willſt— Du ſollſt!“ Er eilte hinaus. Es wurden friſche Pferde vorge⸗ ſpannt... alles war in Ordnung. Barbro raffte drinnen Alles zuſammen, was noth⸗ wendig war, um ihre junge Herrin gegen die Nachtkälte zu ſchuͤtzen; einige Kleider und Wäſche wurden in einen Koffer geworfen, inzwiſchen ſtand aber Edith da wie ein Bild, und ließ mit ſich hanthieren wie ein ſolches. „Iſt es fertig?“ fragte Helmer's Stimme draußen. Doch war es wohl ſeine Stimme?... man konnte es kaum glauben. Barbro antwortete„ja“, und in dem nächſten Augen⸗ blicke ſaß Edith in dem Wagen, der ſie aus dieſem ——— 4 1 — —— — 277 Hauſe führen ſollte, welches das ſchöne und heilige Glück ihrer Liebe hatte blühen, kränkeln und ſterben geſehen. „Zum Onkel Janne!... er iſt wahrſcheinlich jetzt zu Hauſe!“ waren Ernſt's einzige Worte, als er die Wagenthür zumachte. Darauf ſetzte er ſich ſelbſt auf den Kutſchbock— und dieſe Reiſe, von der Edith noch in der letzten Secunde eine dunkle Hoffnung gehegt hatte, dns. nichts aus ihr werden würde, nahm dennoch ihren nfang. Beinahe ohnmächtig ſank ſie zurück in die Kiſſen des Wagens. Drei Tage lang war die Reiſe vorwärts gegangen, ohne daß Ernſt ein einziges Wort mit ſeiner Gattin ge⸗ redet hatte, ausgenommen was nothwendig war, um ihr anzuzeigen, wann ſie raſten und reiſen ſollte. Edith befand ſich immerwährend gleichſam in einer Betäubung. Sie hatte noch nicht den geringſten Verſuch gemacht, ihren Gatten zu verſöhnen. So oft ſie ſein Antlitz erblickte, fuhr ſie auf aus ihrer Apathie; aber die kalte Härte dieſes Geſichtes er⸗ ſchreckte ſie, und ſie war zufrieden, wenn ſie in ihre Erſtarrung zurückſinken konnte. Da lebte ſie ja nur ein halbes Leben, und ſchon dieſes war zu viel. Aber das Gefühl und das Leben begannen zurück⸗ zukehren, und mit ihnen die ſchreckliche Gegenwart, die fürchterliche Zukunft. Sie war krank an Leib und Seele, und am Abende des dritten Tages kam eine ſo große Müdigkeit, ein ſo ernſtliches Uebelbefinden über ſte, daß ſte ſich kaum noch aufrecht erhalten konnte. Jetzt aber erwachte doch ein Schatten von Kraft. Sollte ſie nicht lieber das Unmögliche ertragen, als Ernſt's Barmherzigkeit anzuflehen? Der bloße Gedanke, ihn anzureden, machte, daß ihr Blut beinahe erſtarrte. Was ſollte ſie ihm ſagen? Sie vermochte ja kein Wort über ihre Lippen zu bringen, denn dieſer Blick... die⸗ ſer Blick.. und dieſes düſtre, eigenſinnige Schweigen!.. 278 — Endlich mußte wohl dieſes Schweigen gebrochen werden. Wer von ihnen ſollte das thun? Ach, geſchah das nicht immer noch zu früh? Es gibt Schmerzen, welche die doppelte fürchterliche Eigenſchaft haben, daß wir uns davon befreit wünſchen, und ſie dennoch auch zu behalten ſuchen. Ein ſolcher Schmerz war derjenige, welcher ſich in Edith's Seele bewegte, und dennoch ſiegte das Leiden des Körpers. „Ernſt, Ernſt!“ rief ſie,„aus Barmherzigkeit ſchleppe mich nicht weiter!... ich vermag nicht mehr... halte an, wo es auch ſein mag!“ „Gleich!“ war die Antwort. Kurz darauf hielt der Wagen ſtill; die Thür deſſel⸗ ben wurde geöffnet. 4„Wo ſind wir?“ ſtotterte Edith, indem ſie einen ſcheuen Blick um ſich warf. „Bei einem Stationswirthshauſe, bei welchem der Weg nach Grandalen abgeht.“ Edith war wirklich ſo ſchwach, daß Ernſt ſie die Treppe hinaufführen mußte. Sie kamen in einen großen, dunklen und leeren Saal, in welchem ein einſames Talglicht mit flackernder Flamme das Einzige war, was ſie bewillkommte. „Gott im Himmel!“ rief ſie noch einmal mit zit⸗ ternder Stimme aus,„wo ſind wir?“ „In dem Zimmer, wo wir heute vor einem Jahre unſern Hochzeitabend feierten.“ (Ende des dritten Bändchens.) 3.*. hen hah iche hen, in den aie ſel⸗ nen der die eren nder zit⸗ ihre —— — des Teufels. Nach⸗Louiſe Boyeldieu d'Auvigny, von In unſerem Verlag erſchien und iſt durch alle Buchhandlungen zu haben: Der Erzähler aus der Heimath und Fremde. Originalerzählungen und Aeberſetzungen. Herausgegeben von Carl Spindler. Jahrgang 1848. 4 Bde. in 8. Eleg. geheftet. Preis pro Band 1 fl. 36 kr. oder 1 Thlr. Inhalt: Erſter Band: 1) Eine Werbergeſchichte. Aus der guten alten Zeit, von C. Spindler. 2) Die ar- men Leut' von Au, von W. v. Chézy. 3) Der Bil- derſtürmer und ſeine Braut. Nach E. Gonzales, von A. Widerhorſt. 4) Der Piſtolenſchuß. Nach B. Gallet. 5) Der unglücklichſte Menſch. Nach Hawthorn, von A. Zoller. 6) Erinnerungen aus dem Soldatenleben. Ein Abenteuer auf der Heerſtraße. Nach Capitain S. d'Arpentigny, von A. Zoller. 7) Die Tochter des Reichskanzlers. Nach dem Schwed. des G. H. Mellin, von E. Zoller. Zweiter Band: 1) Aufſchneidereien des Cou- riſten Langenſtrich, genannt:„Grand⸗Fuſil.“(Frag⸗ mente aus ſeinen Memoiren) von C. Spindler, 2) Die gefahrvolle Nacht. Nach dem Engl. 3) Die Kerzen K. Smitt. 4) Juan Kloreda, der Sklavenjäger. Nach dem Engl. 5) Der Merxikaner. Nach Paul Dupleſſis, von A. Zoller. 6) Das Mädchen aus Creta. Novelle nach dem Engl., von E. Zoller. 7) Die beiden Fpitz- buben. Erzählung nach dem Berberiſchen des Ahmed⸗ ben⸗Abd⸗Ebn⸗Abu⸗Mehalli, aus der Wüſte Mleila. 8) Eine ungedruckte Liebe von Lord Byron. Nach Anſelm Houſſayn. Dritter Band: 1) Ein Duell in Flätz.(Zwei⸗ ter Theil der„Aufſchneidereien des Langenſtrick“), von C. Spindler. 2) Ethel van Dyk. Nach Peter Zaccone, von G. Widerhorſt. 3) Der Armenarzt. Nach Paul Legarde. 4) Die ſieben Noten der Ton- leiter. Nach Paul Smith, von A. Zoller. 5) Die Reitpeitſche. Nach Marie Aycand, von P. Bunz. Vierter Band: 1) Stunden vor'm Pinſel, von Spindler. 2) Die ſieben Noten der TConlriter. Nach Paul Smith(Fortſetzung und Schluß). 3) Mittag bis um vierzehn Uhr. Nach Alphonſe Karr. 4) Ein Abenteuer auf einer Hochzeitreiſe. Nach Dudley Ca⸗ ſtello. 5) Die Goldſucher vom Sacramento. Nach Paul Dupleſſis. Stuttgart, im November 1849. Franckh'ſche Verlagshandlung. T b 8 N —. 9* — 2„.„ 5 A