b deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für närchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mtr.— Pf. 1 Mer. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Aſſar Lindeblad. Eim launenhaftes Weid. Erſtes Capitel. Die Mutter. Ernſt Helmer war Tag und Nacht geeilt, um das Ziel zu erreichen, welches ſeinem Leben allein einigen 1 Werth geben zu können ſchien: das Wiederſehen ſeiner Mutter. Aber ſo oft die Hoffnung ihm auch die tröſtende * Ueberzeugung zugeflüſtert hatte, daß Gott ihm geſtatten möchte, jenes Glückes zu genießen, ſo wohnte dennoch 8 in ſeiner Bruſt nichts Anveres mehr, als Mißmuth und Angſt, als er am Morgen des vierten Tages zwiſchen vier und fünf Uhr in die Stadt fuhr, in welche er vor ſechs Monaten ſeine Mutter gebracht hatte, und der Mißmuth und die Angſt hatten den höchſten Gipfel er⸗ 1 reicht, als er vor der Thüre des Hauſes hielt, in welchem 3 ſie wohnte.. Der Schein, welchen er durch das„Herz“ in den Fenſterladen erblickte, machte gleichwohl eine, wenn auch 1 nur ſchwache Hoffnung rege; und während er ſich be⸗ ſann, ob er es zu dieſer Zeit wohl wagen dürfte anzu⸗ klopfen, wurde die Hausthür leiſe geöffnet, und es zeigte ſich ein junges Dienſtmädchen, erzogen auf dem Gute, das Helmer einmal ſein genannt hatte, mit Licht in der Hand. 4— „dO Du mein großer und lebendiger Gott! welch Freude, daß Sie hier ſind, Herr Patron! Ich verſtand das leich ſo wie ich hörte, daß draußen ein Wagen ielt.“ 4 4 Und mit zwei Sprüngen war er die Stufen hinauf De und ſtand in der Hausflur. obe „Gott ſei gelobt, ſie lebt, und hat ſich in den letzten Tagen gleichſam ein wenig erholt. Sie hat mir mehr— Ge als einmal geſagt, ſie fühle, daß Herr Ernſt kommen ſch würde, und von der Freude könnte ſie ſich unmöglich d B leicht trennen.“ fre „Dank, gute Barbro, tauſend Dank für dieſe Nach⸗ fa⸗ zicht 2 Meinſt Du, ich könnte gleich zu ihr hinein⸗ gehen?“ „Wenn der Herr Patron ſich nur einen Augenblick hier im Beſuchzimmer gedulden wollen“— Barbro zir öffnete die Thür eines zierlichen und angenehmen Zim⸗ S mers—„ſo will ich horchen, wie es iſt. Vor einem S Augenblick ſchlief ſie ein wenig, aber ich denke, ſie iſt B. ſchon wieder wach.“ S Barbro zündete die Lichter an und ging leiſe hinaus. ge Allein in dem fremden Zimmer, in welchem er noch niemals geweſen war— Frau Helmer war um⸗-⸗ S gezogen— deſſen ſämmtliche Gegenſtände jedoch aus da alten Tagen bekannt zu ihm redeten, warf ſich Helmer 4 ül auf jenen vertrauten und lieben Sopha, vor welchem 2 er als Kind ſo oft geſpielt, vor welchem er ſpäterhin we als älterer Knabe oft geſtanden und mit Ehrfurcht die M ſanften Vorwürfe von den Lippen ſeiner Mutter ver⸗ nommen, und auf welchem er endlich als Mann ſo oft ka 1 an der Seite dieſer zärtlichen und klugen Mutter geſeſſen, de ihr ſeine Bekümmerniſſe mitgetheilt und ihre Rathſchlage gehört hatte. ne „O du liebreichſte unter den Müttern!“ ſeufzte er, indem er die Hände hart gegen das Geſicht drückte,„iſt S es nicht ſchrecklich, daß Dein einziger Sohn nicht im br Stande war, Dir die Heimath zu behalten, wo Du ihm de das Leben gabſt, jene Heimath, welche Du liebteſt, in zu welcher Du ſo viele Jahre glücklich warſt, und in wel ſo cher Du ſo herzlich gewünſcht hätteſt, Deine Augen he ſchließen zu können! Doch ſollſt Du es wenigſtens nie erfahren, warum keine Hülfe möglich war. Arme, F 5 vertrauensvolle, vortreffliche Frau! möchteſt Du nur Deinen Sohn anklagen, möchteſt Du nicht einmal dort oben klarer ſehen, als Du hienieden ſahſt!“ Das Klopfen des Skjutsbauers rief Helmer in die Gegenwart zurück; und kaum hatte er das kleine Ge⸗ ſchäft mit der Annahme der Sachen und Bezahlung des Bauers beendigt, ſo kehrte Barbro zurück mit der er⸗ freulichen Nachricht, daß ihre Gebieterin ſich vor Freuden faſt geſund fühle. Auf den Zehen ſchlich Ernſt durch ein kleines Zwiſchen⸗ zimmer, in welchem ein aufgemachtes Bett auf dem Sopha zeigte, daß er erwartet worden war, in das Schlafzimmer, wo das Licht der Nachtlampe ſeine bleiche Beleuchtung über das weiße Bett warf, worin der Schatten einer noch jetzt ſchönen Frau mit auf die Thür gerichteten Augen ruhte. Als der Sohn nahte und in tiefem, wortloſem Schmerz vor dem Lager der Mutter auf die Kniee ſank, da verbreitete ſich ein Licht von himmliſchem Urſprunge über das Geſicht der ſchneeweißen Frau. Ihre Augen vergoſſen Thränen ſeliger Freude, während ihre matte Hand die geſenkte Stirn des jungen Mannes erhob. „Mein Ernſt, mein Kind, mein Eingeborener! Du kamſt und alle Schmerzen, alle Leiden ſind verſchwun⸗ den: wie gütig iſt Gott!“ „Meine Mutter!“ flüſterte der Sohn mit von Thrä⸗ nen erſtickter Stimme,„ich ſehe es, ich ſehe es!“ „Du ſiehſt nichts Anderes, Du Liebling meiner Seele, als das, wofür Du Gott danken mußt: eine ge⸗ brechliche Hütte, welche ſich zu ihrem Falle neigt, während der Geiſt, welcher ſie noch aufrecht zu halten ſucht, ſich zu der letzten Wanderung anſchickt. O mein Ernſt, ſollte ich wohl klagen? Wie viel Herrliches und Schönes habe ich nicht erlebt!“ und wie viele Leiden!“ „Es iſt wahr, daß ich auch mit dem Schmerz nicht unbekannt geblieben bin, doch im Vergleich mit Andern iſt mein Schmerz doch nur gering geweſen, und kein einziger hat mich heimgeſucht, für welchen ich nicht Troſt gefunden hätte durch den Gedanken an Dich — könnte jede Mutter in ihren letzten Augenblicken ſo zu ihrem Sohne reden!“ „Und möchte jeder Sohn mit größerer innerer Zu⸗ friedenheit als ich ſo liebliche Worte vernehmen!“ ſagte Helmer, indem er die Hände der Mutter zärtlich an ſeine Lippen drückte.„Es gibt eine Liebe, die reich und groß genug iſt, um Alles zu bemänteln. Eine ſolche Liebe iſt die Liebe meiner Mutter geweſen.“ „Und es gibt eine Liebe, die reich und groß genug iſt, um ſogar in dem Augenblicke der Trennung die Rechtfertigung zu verſchmähen, weil dadurch nicht nur auf Jemanden, der ſich nicht mehr vertheidigen kann, ein Schatten geworfen, ſondern auch ein Herz verwundet werden würde, für deſſen Frieden ſie ſo viele und große Opfer gebracht hat.“ „Was höre ich!“ rief Ernſt aus, und ſeine großen von ſtarker und mannigfaltiger Rührung flammenden Augen hefteten ſich auf die Mutter,„wie iſt es mög⸗ lich, daß dieſes Geheimniß, welches ich keinem Men⸗ ſchen verrathen habe“... „Bis zu mir gedrungen iſt? Ja, Gott wollte es. Schon lange habe ich's gewußt; doch erſt am Ende meines Lebens wollte ich Dir geſtehen, daß ich es wußte: denn das Erröthen der Gattin ſoll ſich erſt im Tode an der Bruſt des Sohnes verbergen,“ Ernſt vermochte nicht zu antworten. „Mein edler, zärtlicher Sohn!“ fuhr ſie nach einigen Augenblicken fort,„ich habe Dir gedankt, habe Dich unter ſüßen Thränen geſegnet, daß Du unter allen Deinen Be⸗ kümmerniſſen und Anſtrengungen niemals mit dem gering⸗ ſten Worte meine Ohren verletzteſt. Glücklich die Gattin, die dereinſt meinen Ernſt den Ihrigen nennt! Wer ſo auf⸗ opfernd, ſo feinfühlend, ſo unausſprechlich reich an Liebe — wuß keite ſehen war Heln ten ſen men 7 als Sohn geweſen iſt, der wird es auch als Gatte nicht weniger ſein.“... „Aber ſage mir,“ fiel Helmer ein, der das Letzte nicht gehört zu haben ſchien,„ſage mir, geliebte Mutter, wie hat jene Perſon es wagen können, derjenigen, die ſte ſo ſchrecklich beleidigt hatte, unter die Augen zu treten— denn nur ſie allein kann geredet haben, Doch dieſer Gegenſtand macht Dir Schmerz. Ich will lieber gar nichts wiſſen.“ „Jetzt vermag ich es Dir auch nicht zu erzählen, denn ich fühle mich ſchon ermattet! doch morgen. Ja, ſei ruhig, theurer Sohn! uns ſind noch mehrere Tage übrig, als Du mir vielleicht ſchenken kannſt.“ „Keine Macht reißt mich von hinnen! der Augenblicke, die uns beſcheert ſind, mögen wenige oder viele ſein.“ „Geh nur in das Nebenzimmer, mein Liebling, denn ich bedarf der Ruhe, um mein Glück recht ſammeln... und Gott recht inbrünſtig dafür danken zu können.“ In ſeinen Kleidern warf Ernſt ſich in ſeinem Zim⸗ mer auf das Bett. Ein Gefühl inniger Glückſeligkeit kämpfte mit dem Schmerz. Er ſtand vor den Augen der verehrten Mutter nicht länger im Schatten. Zwar wußte ſie, daß er nicht ohne menſchliche Schwächen, nicht ohne große Fehler war — er legte Nachdruck auf das Wort große— aber ſie wußte doch jetzt, daß er mit weit groößeren Schwierig⸗ keiten zu kämpfen gehabt hatte, als was die Welt ge⸗ ſehen hatte. Und ihre Achtung zu beſitzen, o, das war ihm mehr als alles Andere....— In den nachgelaſſenen Büchern des Vaters hatte Helmer entdeckt, daß ſchon während des Laufes der letz⸗ ten zwölf Jahre ein geheimer Kanal vorhanden gewe⸗ ſen ſein mußte, in welchen quartaliter bedeutende Sum⸗ men verſchwunden waren. Da jedoch dieſe Summen immer nur unter der ——— —— Rubrik„eigene Ausgaben“ vorkamen, ſo konnte er ſchwer auf die richtige Spur kommen, wohin ſolche floſſen. Hätte übrigens Ernſt ſeine Erinnerungen recht genau prüfen wollen, ſo hätte er gleichwohl die Richtung finden können. Aber er hatte große Achtung gegen ſeinen Vater gehegt, welcher ein allgemein geachteter und auch guter Mann geweſen war; darum dachte der Jüngling auch jetzt nicht daran, eine Sache bis auf den Grund zu ver⸗ folgen, die nun doch nicht mehr zu ändern war, außer bisweilen, wenn ſich die Erinnerung an gewiſſe mit einer ungeübten Frauenzimmerhand geſchriebene Briefe, die der Vater in ſeiner Gegenwart entgegen genommen und mit einer leichten Verwirrung eingeſteckt hatte, ſich auf ihn eindrängen wollte; doch fuchte er ſolche Gedan⸗ ken als einem Sohne nicht anſtehend, von ſich zu ent⸗ ernen. Leider war es nicht ſo leicht, auch die ernſten und Koßen Verlegenheiten von ſich zu entfernen, welche der erluſt dieſer enormen Geldſummen, die während der letzten zwölf Jahre verſchwunden waren, dem Erben verurſachte, der in den überdieß ſchon hinlänglich ver⸗ wickelten Geſchäften Kummer genug hatte. Aber es ſollte dabei nicht verbleiben. Etwa ſechs Wochen nach dem Tage, da Ernſt ſein mit Schulden belaſtetes, väterliches Gut angetreten hatte, erhielt er einen Brief, der ſein ganzes Blut in Gäh⸗ rung brachte und ihn noch obendrein in eine ganze Welt von neuen Verlegenheiten warf. 3 Dieſer Brief, unterzeichnet„Mademoiſelle Hermina B.“, war von einem Frauenzimmer, welches ſich ſelbſt als die Geliebte ſeines verſtorbenen Vaters ankündigte und als die Mutter„von zwei allerliebſten Kindern, die der Patron Helmer gewiß nicht der Armuth zu über⸗ laſſen gedacht hätte, da er bisher immer ſo ordentlich für die Bedürfniſſe derſelben geſorgt hätte.“ Eine Abſchrift von der Verpflichtung des Vaters über den jährlichen Unterhalt war beigefügt nebſt eini⸗ —— gen eigenhändigen Briefen, in denen er in Ausdrücken, ei denen Ernſt's Wangen vor Röthe flammten, indem er an ſeine keuſche, ſanfte Mutter dachte, auf das Be⸗ ſtimmteſte verſicherte, daß er im Falle ſeines Todes ſowohl auf die Zukunft der Mamſell Hermina als auch ihrer Kinder bedacht ſein würde. b nun aber entweder der Tod— welcher wirklich ſo unvermuthet und plötzlich kam, daß an keine welt⸗ lichen Geſchäfte zu denken geweſen war— ihn an der Erfüllung ſeines Verſprechens hinderte, oder ob er, ein⸗ ſehend, daß er ſein Haus ohnehin einem ſicheren Untergang bntgegengeführt hatte, die Abſchließung dieſes Geſchäftes der Ehre und dem Rechtsgefühle ſeines Soh⸗ nes überließ— genug: es fand ſich keine geheime Ver⸗ fuͤgung vor. enſt fühlte jedoch, daß er den guten Namen ſeines Vaters im Grabe und den Frieden ſeiner Mutter im Leben um jeden Preis retten müſſe. 1 Alſo wurde beſchloſſen, daß er zu Gunſten der Mamſell Hermina B. und ihrer Kinder ein Kapital ausſetzen ſollte, welches hinreichend war zu ihrem Aus⸗ kommen und zur Beſtreitung der Erziehung der Kin⸗ der. Ueber die Größe des Kapitals aber entſtand jetzt ein harter Streit, indem die keineswegs betrübte Geliebte forderte, was ſie bisher gehabt hatte, widrigenfalls ſie ſich gezwungen ſähe, ſich an die„edle“ Wittwe zu wen⸗ den, deren Menſchenliebe— deſſen wäre ſie gewiß— für deſe armen unſchuldigen Weſen Mitleiden haben würde. Gekränkt, erbittert, aber zurückſchaudernd vor dem Gedanken, daß dieſe Geſchichte vor ſeine Mutter kom⸗ men könnte, gelang es Helmer endlich nach unſäglicher Mühe und mit einer für einen Sohn in ſeiner Lage beiſpielloſen Aufopferung, Alles in's Klare zu bringen. In keinem Falle würde er dieſe Kinder ihrem Schickſale überlaſſen haben; hätte aber ſeine Mutter nicht gelebt, ſo hätte er nicht die Hälfte von dem ge⸗ than, wozu er ſich jetzt gezwungen ſah; denn es war mehr, als ſeine Vernunft rechtfertigen konnte, wenn er ſich ſelbſt in Betrachtung zog. Inzwiſchen war Mamſſell Hermina, auf deren Dank⸗ barkeit er einen ſo gerechten Anſpruch hätte haben ſollen, weit eutfernt, ſolche gegen ihn zu hegen. Im Gegentheil: er zog ſich ihren Haß dadurch zu, daß er das Kapital wohlbedacht unter die Obhut eines Vormundes ſtellte. Die Eigennützige hatte aus dieſer Affaire ſelbſt den ganzen Gewinn ziehen wollen, und da dieſes nicht ging, ſo fühlte ſie ein Bedürfniß, ſich zu rächen, ein Vergnügen, hinter Ernſt's Rücken ihr ihm heilig gegebenes Verſprechen zu brechen, und durch das Verrathen des Geheimniſſes die noch übrigen Tage ſeiner Mutter zu verbittern. Von dieſer Zeit an ſpeeculirte Ernſt Helmer unauf⸗ hörlich und ſtrengte ſich mit ſeinem von Natur feſten und nicht leicht niederzuſchlagenden Charakter auf alle nur erſinnliche Weiſe an, um einen Ausgang aus dieſem verworrenen Labyrinthe zu finden; wie er aber auch ſtrebte und Tag und Nacht arbeitete, er fand keinen Ariadnefaden. Da kam nach drei erfolgloſen Jahren eine Periode des Mißmuthes und der Finſterniß. Er ſah einen ſichern Untergang vor Augen, er fühlte ſich gereizt, gehetzt, gejagt von jenen tauſend⸗ köpfigen Plagegeiſtern, deren Macht nur derjenige recht verſteht, der ſelbſt, trotz aller Anſtrengung ſich aufrecht zu halten, den Abhang vom Reichthum zur Armuth herabgerollt iſt. Ermüdet von den zahlloſen Mühen des Tages, ſuchte er nun, wenn der Abend kam, den Spieltiſch, und es war nahe daran, daß der Reiz zu einer Leiden⸗ ſchaft geworden wäre, als die zärtliche, warnende Stimme der Mutter, welche nie ungehört verklang, ihn von einem Ruine zurückzog, der vielleicht tiefer hätte werden kön⸗ nen, als derjenige war, den der Leichtſinn des Vaters ihm bereitet hatte. Mit wiederkehrender Kraft warf Helmer die ſchimpf⸗ 4 — —— H SG&cd 8dA — lichen Feſſeln von ſich, die ſeine Seele ſchon zu drücken zum Leben die Rede gar nicht mehr ſein könnte, ſo hätte er dennoch die ſichere Hoffnung, daß die vortreff⸗ 11 begannen, und ſchaudernd vor dem Gedanken, daß er der edelſten unter den Müttern einen unheilbaren Kum⸗ mer hätte bereiten können, waffnete er ſich nun mit Muth, um dem Unglücke zu begegnen. 5 Und als dieſes ihm in der Wirklichkeit entgegentrat, dachte er da wohl an ſich ſelbſt? Nieein, wiederum dachte er nur an die Mutter. Mit dem geretteten Kapitale, das ihr ausſchließlich gehörte, konnte ſie immer ſorgenfrei leben und ſogar noch ein wenig für den Sohn übrig haben, wenn er zu der Annahme deſſelben zu bewegen geweſen wäre; aber er entging mit gerettetem Gewiſſensfrieden dem großen Schiffbruche ſeines Glückes, und mehr bedurfte 1 der junge und kraftvolle Mann nicht, um ſeine Bahn— auf's Neue zu beginnen. Zweites Capitel. Vertrauliche Ergießungen. Die herbſtliche Sonne hatte ſchon lange auf die Gardinen in Helmer's Zimmer geblickt, als er, der ſeine Betrübniß auf einige Stunden in den freundlichen Armen des Traumes vergeſſen hatte, plötzlich auffuhr, da fremde Männertritte durch das Zimmer ſchlichen. Es war der Arzt, welcher der Kranken ſeinen Be⸗ ſuch abſtattete.— Mit geſpannter Unruhe erwartete Helmer in dem Nebenzimmer ſeine Rückkehr; und als der alte Doetor nach einer Viertelſtunde wieder herauskam, ſo gab er die offene Verſicherung, obgleich von einer Beſſerung * 8 5 — liche Frau noch in mehreren ſchmerzenfreien Tagen des Umganges ihres Sohnes genießen würde. „ Alſo keine Hoffnung— keine!“ Der tief erſchütterte junge Mann drückte die Hand des Arztes.„Sie ſagte es mir heute Morgen ſelbſt— ich ſah es ja auch; aber ich wollte weder ihren Worten, noch meinen eigenen Augen glauben: es gibt Dinge, die ſo bitter ſind, daß wir ſie nie glauben wollen.“ „Dennoch fühlen wir ſie nicht ſo bitter,“ entgegnete der theilnehmende Doctor,„wenn wir den einfachen Ausweg einſchlagen, ſie mit noch ſchlimmeren zu ver⸗ gleichen. Wenn Sie bei ihrer Ankunft das Haus leer gefunden hätten— das wäre beinahe der Fall geweſen!“ „Der Himmel war gnädig gegen mich, und ich bin undankbar, daß ich es wage, zu klagen. Doch dieſe zärtliche Mutter war mein Alles. Sie erſetzte mir alle Bande, die ſchon gebrochen ſind; mit ihrem Hintritt brechen ſie von Neuem.“ Der Doctor erwiederte nichts mit Worten, ſein Blick ruhte jedoch voller Theilnahme und Wärme auf dem hoffnungsloſen Sohne; darauf entfernte er ſich, um neue Gemälde in den Wohnungen des Leidens zu betrachten; Ernſt dagegen trat an das Bett der Mutter, um die lange Wache ſeiner Liebe zu beginnen. „Willkommen, mein Liebling! willkommen!“ ſagte ſie lächelnd.„Ich fürchte, Du haſt ſchlecht geruht in dem Hauſe Deiner Mutter!“ „Ach, Mutter, wie ich ruhe, das iſt einerlei!“ „Armes Kind!— ich ſehe, Du haſt mit dem Doctor geredet.“ Er wendete das Geſicht hinweg. „Mein Ernſt! Du zeigteſt Dich immer männlich in Deinen häuslichen Bekümmerniſſen, jetzt fordere ich von Deiner Zärtlichkeit, daß Du Dich auch in der Beküm⸗ merniß des Herzens ſtark zeigſt. Dieſe Tage, die uns noch bleiben, können ſo angenehm werden, wenn Du ſie uns nur ſo genießen läſſeſt, als ob uns nur eine kurze 13 Trennung bevorſtände. Und was iſt es auch eigentlich anders? Welche Sandkörner in der Ewigkeit ſind nicht einige Jahre des Erdenlebens!“ „Ich will ſtark ſein, Mutter, ich will es! Sieh mich jetzt an;“ er lächelte traurig, indem er ſich neben das Bett ſetzte,„bin ich nicht jetzt gut?“ „Ja, ja, Deine Züge werden wieder gleichmäßig und klar; noch kann ich ſtolz ſein über meinen ſchönen Sohn— wenn Du nur ein wenig an die Bedürfniſſe des Körpers denken wollteſt; aber Du haſt ſeit Deiner Ankunft noch gar nichts genoſſen. Gehe jetzt um mei⸗ netwillen zu Barbro und laß Dir etwas geben; hernach wollen wir plaudern, denn heute bin ich zum Verwun⸗ dern ſtark.“ Mit einem Kopfnicken und einem Blicke, der mehr ſagte als Worte, ſtand Helmer wieder auf und ging in das Beſuchzimmer, wo Barbro jetzt einen Kaffeetiſch ſo fein und nett gedeckt hatte, wie Frau Helmer es ſelbſt an den Geburtstagen des Sohnes und wenn dieſer nach Hauſe kam, zu machen pflegte. Ach, welche Gefühle ergriffen ihn bei den Erinne⸗ rungen, die jetzt erwachten! Welches Geheimniß in einigen Geranien⸗ und Roſen⸗ blättern, die auf eine gewiſſe Weiſe gelegt ſind! Was Andern eine Kleinigkeit zu ſein ſcheint, das kann oft für uns die größten Schätze enthalten— die Schätze des Herzens und der Liebe. Ernſt Helmer's Thränen fielen wie Thau auf die friſchen Blätter.. Darauf kehrte er ſie zu Barbro's großem Schmerze und noch größerem Erſtaunen zuſammen, trank ihren wohlſchmeckenden Kaffee und aß von ihrem friſchen Waizenbrod mit einer Heftigkeit und Zerſtreutheit, daß kein Gedanke zum Lobe der guten Barbro übrig blieb. „Es war wohl nicht gut?“ fragte ſie, als ihr jun⸗ ger Herr den Tiſch verließ. „Ja, ſehr gut, ausgezeichnet gut!“ ſagte Ernſt mit einem freundlichen Blick. Vollkommen verſöhnt ſetzte ſich Barbro hin, um in guter Ruhe den Reſt ſelbſt zu expediren; denn ob⸗ gleich Barbro eine ſehr theilnehmende, treue und freund⸗ liche Seele war, ſo konnte ſie doch unmöglich einſehen, welchen Nutzen ihre kranke Herrin davon haben könnte, wenn ſie, Barbro, ſich auf die Bleiche gelegt hätte.“ „Ich wollte Dich ſo gerne über das Eine und das Andere fragen, das mir aus Deinen Briefen nicht ganz klar geworden iſt,“ ſagte die Mutter, welche jetzt, unterſtützt von den Kiſſen, die der Sohn für ſie geord⸗ net hatte, in halb aufrechter Lage ſaß;„zuvor aber ſollten wir vielleicht noch mit einigen Worten den Gegen⸗ ſtand berühren, den wir heute fruͤh abbrachen.“ „Wenn es Dich nur nicht allzu ſehr plagt, meine Mutter!“ O nein, Ernſt, dieſer Schmerz hat ſich gelegt! Dein Vater war immer ein guter Mann; aber er war ein Menſch, und... und fehlen iſt ſo menſchlich.“ „Ich kann ihn nicht vertheidigen, und das iſt das Bitterſte für einen Sohn.“ „Du darfſt nichts mehr ſagen, Ernſt! Ich ſehe es Dir an, wie ſehr dieſe Erinnerungen Dich um meinet⸗ willen ſchmerzen. Und ich wollte Dir nur ſagen: als Du ein Jahr nach dem Tode des Vaters nach n 4 gereist warſt, um die Verbeſſerungen kennen zu leinen, die Du ſpäter auf Torsholm einzuführen ſuchteſt, erhielt ich eines Tages einen Beſuch von einem noch jungen und im Aeußern anſtändigen Frauenzimmer, dne mit mir über geheime Angelegenheiten zu reden ver⸗ angte.“ Jadie Undankbare, welche mir das beſtimmteſte Ver⸗ ſprechen gegeben hatte, Dich niemals zu beunruhigen! Was konnte ſie als Grund dieſer Unverſchämtheit an⸗ führen?“ „Sie wollte meine Verzeihung anflehen, deren ſie, 15 wie ſie ſagte, nebſt meinem Mitleiden fuͤr ihre beiden verlaſſenen Kleinen bedürfte; ſo erregt und verletzt ich jedoch war, hatte ich dennoch den Muth, mich nach den näheren Umſtänden zu erkundigen, und da ich er⸗ fuhr— denn ſie verhehlte es nicht— was Helmer in ſeinen Lebenszeiten und was Du nach ſeinem Tode ge⸗ than hatteſt—(Du, der Du geſchwiegen und gelitten hatteſt, und, wie ich ſogleich einſah, wegen dieſer un⸗ glücklichen Sache noch ſo Vieles leiden ſollteſt), ſo hatte ich auch die Kraft, ſie mit Würde, wie ich glaube, zurückzuweiſen. Von dem Augenblicke an habe ich nichts weiter von ihr gehört.“ „Das war auch nicht weiter nöthig: es war ihr gelungen, deine Ruhe zu ſtören, und weiter wollte ſie nichts.“ chte da fürchte ich auch, doch es gelang meinen Worten, ſie zu rühren. Sie ging erröthend und mit Thränen von mir hinweg.“ „Den Schmerz aber ließ ſie zurück!“ „Das that ſie zwar, doch, mein Ernſt, es hat Augen⸗ blicke gegeben, und ihrer ſind nicht wenige geweſen, da das Glück der Mutter über den feinfühlenden Edelmuth des Sohnes die geheimen Thränen der Mutter vollkom⸗ men erſetzt hat.“ „O Mutter!“ „Wie gut entſinne ich mich nicht jenes Tages, da Du nach ſo vielen fruchtloſen Anſtrengungen ohne ein Wort der Klage oder des Vorwurfes aus dem Hauſe gingſt, das mit Recht Dir gehören ſollte, nun aber Beenblingen gehörte! Wie einfach, wie warm und doch wie beſonnen und feſt war nicht Dein Abſchied von allen jenen Leuten, die ſich um uns drängten, um noch einmal ihren geliebten jungen Herrn zu ſehen! Es war Dir gelungen, die Folgen des Leichtſinnes Deines Vaters zu bedecken, Du hatteſ jedermann recht gethan, und die Gewißheit deſſen ſtrahlte aus Deinem Blicke, da Du mich Arme mehr in den Wagen trugſt als führ⸗ teſt. O, ſchon damals, als Du mir zuflüſterteſt:„Vergib 16 mir dieſe ſchwere Reiſe, meine Mutter!“— ſchon da⸗ mals hätte ich Dir zuflüſtern wollen:„Ich weiß, um weſſentwillen Du dieß alles vermocht haſt.“ Aber die Worte erſtarben auf meinen Lippen, ich konnte Dich nur ſegnen... ich kann Dich nur ſegnen!“ „Dank, tauſendmal Dank für dieſe ſchönen Worte! doch nun nichts mehr davon!“ „„Nur noch ein paar Worte, Ernſt! Du wirſt, ich weiß es, ungerechnet, was Du ſchon gethan haſt, dieſe armen Weſen nicht vergeſſen; Du willſt ja ihre Er⸗ ziehung nicht aus den Augen verlieren?“ „Ich habe ſie nicht aus den Augen verloren, ſo lange es nothwendig war; doch vor anderthalb Jahren ſtarb der Knabe und jetzt vor einigen Wochen das Mäd⸗ chen, und die Mutter, wenn ſie das Opfer war, was ich jedoch kaum glaube, iſt, ſo lange ſie lebt, ganz wohl verſorgt durch die Zinſen des Kapitales.“ „d8, geprieſen ſei Gott, daß er Dich von einer ſo ſchweren Verantwortlichkeit befreit hat! Sollte aber dieſes Kapital nicht bei dem Ableben der Kinder in Deine Hand zurückgehen?“ „Leider war ich nicht klug genug, es ſo einzurichten. Nur in dem Falle, daß ſie ſtirbt, oder ſich verheirathet, fallen dieſe ſechstauſend Reichsthaler Banko an mich rde Aber ſie kann länger leben als ich und wird i ch wohl in Acht nehmen, durch eine Heirath das Sichere vor dem Unſichern auf's Spiel zu ſetzen. Doch betrübe Dich darüber nur nicht, geliebte Mutter: für mich gibt es wohl Rath. Ich habe die ſichere Hoffnung, noch einmal auf einen grünen Zweig zu kommen.“ „Davon bin auch ich in meinem Herzen ſo voll⸗ kommen überzeugt, daß ich in dieſer Hinſicht Dich weit ruhiger verlaſſe, als wenn Du noch dem Namen nach Beſitzer von Torsholm geweſen wäreſt. Auch erhältſt Du jetzt ein kleines Kapital, mit dem Du von Neuem anfangen kannſt, wenn auch nicht im Großen; doch mit Klugheit angewendet, entweder als baares Kaufgeld für 17 ein kleines Gut oder eine größere Pachtung können den⸗ noch zehntauſend Reichsthaler...“ „O ſtill, um Gottes Barmherzigkeit willen! Dieß geht über meine Kräfte: ſollten wir mit Plänen über dasjenige umgehen, was Dein Hintritt mir einbringt?“ „Wir reden kein Wort weiter davon... vielleicht biſt Du wirklich mit Deiner jetzigen Stellung ſo zufrie⸗ den, wie Deine Briefe andeuten?“ „Das bin ich, und in den erſten Jahren wenigſtens will ich an keine Veränderung denken.“ „Das verſtehſt Du ſelbſt am beſten; eigentlich aber wünſchte ich, daß mein Ernſt eine andere Art von Glikt kennen lernen ſollte... „Ja, könnten Wünſche Glück bringen, meine Mutter, ſo bin ich überzeugt, daß die Deinigen mir ſchon das höchſte geſchenkt hätten, doch...“ Doch?“ „9, ich wollte nur ſagen, daß ich Deine Hoffnung — denn daß Du auch in dieſer Sache für mich hoffſt, das weiß ich— als einen Wechſel auf die Zukunft betrachte.“ „Ja, was das Glück ſelbſt betrifft, denn Glück und Liebe ſind nicht immer in Geſellſchaft. Doch werden ſie mit der Zeit ſchon einig.“ „Die Liebe?“ wiederholte Ernſt erröthend. „Ja,“ ſagte die zärtliche Mutter mit einem herz⸗ lichen Lächeln,„haſt Du Dir vielleicht eingebildet, Du könnteſt Deine Gefuͤhle ganz verbergen, wenn Du an Deine Mutter ſchreibſt? Wußteſt Du nicht, daß ich ſie erſpähen könnte, wo Du Gleichgültigkeit und Ruhe hineingelegt zu haben vermeinteſt?“ „Aber ich begreife nicht...“ Es iſt leicht zu begreifen, mein Kind, daß ich, die ich Dich ſo genau beobachtet und lange mit Verwunderung Deine Kaltſinnigkeit geſehen hatte, nicht hinter das Licht zu führen war, als dieſe Kaltſinnigkeit aufgehört hatte.“ „Deine Worte, liebe Mutter, zwingen mich, einen Ein launenhaftes Weib. II. 2 — . 18 tieferen Blick in mein Herz zu werfen, als ich bis jetzt gewollt habe. Ja, ich glaube, daß ich liebe; wenn wir das nun aber als abgemacht anſehen, ſo iſt es au 5 eben ſo abgemacht, daß der Gegenſtand dieſes Gefühles mir niemals näher kommen kann.“ „Wie?“ „Ich wage faſt zu ſagen, daß ich es nicht einmal wünſche, denn dieſes Mädchen kann wohl eine Lei⸗ denſchaft einflößen, aber nicht die tiefe und warme Achtung, die bei mir bei der Wahl einer Gattin die erſte Bedingung iſt.“ „Du machſt, daß ich zittere: alſo iſt es jene junge, etwas leichtſinnige Wittwe, von der Du geredet haſt? Ich geſtehe, ich hatte nicht geglaubt, daß ſie es wäre.“ „Sie iſt es auch in der That nicht; vielleicht aber habe ich die Frau von Y. zu ſtrenge beurtheilt. Sie iſt zärtlich und kindiſch, vor allen Dingen jung und unerfahren, ihr Herz aber iſt, wie ich glaube, unſchul⸗ dig und... und...“ „Sie liebt Dich?“ „Ja, das Feingefühl ſollte mir wohl gebieten, keinen ſolchen Schlußſatz zu ziehen; doch bei meiner Mutter kann ich dieſe Pflicht um ſo weniger beobachten, als ich eben in dieſer Sache mir Deinen Rath erbitten wollte.“ „So laß denn hören, mein Ernſt!“ „An dem Abende, da ich Deinen Brief erhielt, war ich, verſteht ſich früher, in Geſellſchaft der Frau von Y. auf einem benachbarten Gute— wir waren dort zu Gevatter gebeten. Der Zufall fügte es ſo, daß ich auf der Rückreiſe ihr Kutſcher wurde. Es hatte mich vorher etwas aufgeregt, heftig aufgeregt, und ich weiß nicht ganz gewiß— denn ich befand mich auch borperli nicht wohl und hatte noch dazu viel getrunken— o ich ihre unbewußte Aufrichtigkeit mit meiner gewöhn⸗ lichen, ruhigen Gleichgültigkeit behandelte.“ „Du weißt doch woh ſagteſt, was Dich bindet?“ l ganz gewiß, daß Du nichts „O nein, ich weiß ganz gewiß, daß ich das nicht that Ralt das von unr jung verle Heut zurü 19 that. In dieſem Falle würde ich Dich nicht um Deinen Rath, ſondern um Deinen Segen bitten. Aber es war das erſte Mal in meinem Leben, daß ich mir dieſe Art von Galanterie erlaubte, welche ſo gefährlich und ſo unrecht iſt, beſonders wenn ſie einer Perſon gewidmet wird, deren eigene Gefühle derſelben eine ernſte Deutung geben können.“ „Ich bin weit entfernt, Dich zu entſchuldigen, mein Sohn, da Du das Bewußtſein von dem Unrichtigen in Deiner Handlung hatteſt; auf der andern Seite aber wäre es eine allzu theure Verguͤtung, wenn Du Deine Unvorſichtigkeit mit einer andern, noch größeren und gefährlicheren Unvorſichtigkeit bezahlen wollteſt.“ „Das meinſt Du, meine Mutter?“ Ja, beſtimmt; aber ich glaube zugleich auch, weil Du mit Deinen Grundſätzen das Bedürfniß fühlteſt, Dich mit einem ſolchen Spiele zu zerſtreuen, ſo iſt nicht nur Etwas vorgefallen, das nicht allein Dein Blut in Gährung gebracht, ſondern auch Dein Herz tief gekränkt und verwundet hat. Und ich kann es leicht errathen, daß dieſe Kränkung von dem Mädchen ausgegangen iſt, welches Du im Stillen anbeteſt— iſt es nicht ſo? hat ſie Dich nicht verletzt?“ „Verletzt? oh, das wäre eine Kleinigkeit: ſie hat mich beſchimpft, gedemüthigt, herabgeſetzt— wenigſtens hat ſie das Alles gewollt. O, dieſes Mädchen ohne Gefühle, ohne die Feinheit und Sanftmuth des Weibes! Nein, ſie verdient nicht die Qualen, welche ſie mich ſchon gekoſtet hat, obgleich ich, bei Gott, erſt jetzt recht fühle, was ich von ihrem Hochmuthe, ihrer Reizbarkeit, ihren zahlloſen Launen gelitten habe.“ „Mein Sohn, mein Ernſt, ſo heftig, Du, der immer die Ruhe ſelbſt war! Jetzt ſehe ich, daß meine Ver⸗ muthung mich nicht getäuſcht hat. Und die Macht dieſes jungen Mädchens über Dich iſt in der That groß. Doch verlaß mich nun, ich will in der Einſamkeit denken! Heute wollen wir auf dieſen Gegenſtand nicht weiter zurückkommen.“ 2 20 „Ach vergib, vergib; ich hätte nicht ſo offenherzig ſein ſollen! Was habe ich nun gethan: Dieſes Geſpräch hat Dich allzu ſehr angegriffen! Deine geringen Kräfte ertragen das nicht!“ ie Mutter drückte die Hand ihres Sohnes. „Beunruhige Dich nicht, ich bin nicht ſchwächer! Um aber noch einmal mit Dir über dieſe wichtige An⸗ gelegenheit reden zu können, will ich alle meine Kraft auf morgen ſammeln. Auch Du, mein Ernſt, bedarfſt auf einige Augenblicke der Einſamkeit— ſuche Du die friſche Luft, ſie wird Dir wohlthun.“ Nachdem Barbro hereingerufen worden war, ge⸗ horchte Ernſt dem Rathe ſeiner Mutter. Drittes Capitel. Eine Ahnung. Es war ein klarer und kalter Herbſttag. Helmer empfand einen Genuß darin, ſeine Küh⸗ lung auf ſeinen Wangen, auf ſeiner heißen Stirn zu fühlen. Doch ſo kalt auch der Wind um ihn wehte, ſo vermochte er dennoch nicht die Flamme zu kühlen, welche in ſeinem Herzen ſo gewaltſam aufgelodert war. Es war ihm nicht unbewußt, daß dieſes Feuer ſchon lange unter der Aſche geglimmt hatte, beſonders wußte er es ſeit der Ankunft des Grafen Hermann und ſeit dem vertraulichen Geſpräche mit Edith. Und hätte er noch gezweifelt, ſo würde die letzte Scene während der Reiſe zur Taufe, ſo wie Edith's beleidigende Behand⸗ lung daſelbſt ihm vollkommene Aufklärung darüber er⸗ theilt haben, wenn nämlich nicht ſeine Gedanken bei der Rückkehr von Glanberg durch den Brief, der ihn erwar⸗ tete, eine ganz neue Richtung erhalten hätten. Während ſeiner ganzen Reiſe kam Edith's Bild 84 erzig dräch räfte cher! An⸗ eraft arfſt die ge⸗ Küh⸗ n zu ehte, olen, vwar. chon ußte ſeit e er der and⸗ er⸗ der var⸗ Bild 21 kaum in ſeine Seele; jetzt aber hatten die Worte der Mutter Demjenigen Klarheit verliehen, was er vor ſich ſelbſt zu verbergen wünſchte. Es war ein Feuer, das, nachdem es lange erſtickt geweſen, plötzlich durch einen Zugwind in vollen Brand gerathen war. „Wohl— nichts iſt verändert!“ ſagte er zuletzt zu ſich ſelbſt, da er nach einer Wanderung von einer Stunde außerhalb des Städtchens, ſeine Schritte derſelben wieder zukehrte. „Was“— fuhr er fort—„was kann dieſes Mäd⸗ chen für mich ſein? Nichts!“ Dieſelbe Antwort auf eben dieſe Frage hatte auch Edith ſich gegeben, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie „dieſer Maͤnn“ geſagt hatte, während er ſagte„dieſes Mädchen.“ „Auch wenn ihr grenzenloſer Hochmuth ſie in ihrer Einbildung nicht ſo hoch uͤber mich, den armen, bürger⸗ lichen Bruksverwalter, ſtellte, ſo würde doch ihr gänz⸗ licher Mangel an wahrem weiblichem Gefühl uns auf jeden Fall trennen... Mit dieſem Schlußſatze wollte er Alles abgemacht haben, und ging ſchnell vorwärts, um deſto eher der Geſellſchaft ſeiner eigenen Gedanken loszuwerden... doch dieſen konnte er nicht entgehen... „Wenn... wenn ſie gezwungen wäre, einem andern Geſetze zu gehorchen, als ihrem Willen... wenn ſie ein Herz haͤtte, das die Sprache der Zärtlichkeit redete — ſo würde ſie es zum Schweigen bringen, darüber lachen, zu träumen vermeinen... Stolzes, kaltes Mäd⸗ chen! warum haſt Du nicht auch Deine Augen in Deiner Gewalt? Warum erniedrigſt Du Dich ſo ſehr, daß Du in dem einen Augenblicke einem Eindrucke nachgibſt, den Du in dem andern mit Spott und Hohn in Deinen Handlungen verläugneſt? Ja, wozu dieß Alles? Meine Gedanken und Wünſche erſtrecken ſich nicht ſo hoch— das hätteſt Du längſt einſehen ſollen!“ 22 Es vergingen einige Tage, ehe Frau Helmer auf nich den Gegenſtand zurückkam, obgleich derſelbe ſowohl ihre hat als des Sohnes Gedanken erfüllte, ſelbſt wenn ſie von Stu anderen Dingen redeten. wele Endlich an einem Abende begann ſie: „Erzähle mir Alles, mein geliebter Ernſt, theile mir genau alle einzelnen Grundzüge von Fräulein Edith's Charakter mit, ohne ſie zu vergrößern oder zu ver⸗ ſich kleinern.“ „O, liebe Mutter, da würde ich wahrlich nie an das Ende kommen: ihr Charakter hat ſo viele Ver⸗ ſie ſchiedenheiten, wie der Regenbogen Farben hat, ja viel⸗ leicht noch mehr— ihre Zahl iſt Legion.“, „Sie iſt alſo wohl ſchlecht erzogen?“ „Ich glaube, die Hofräthin, obgleich im Ganzen nied ein kluges und achtungswerthes Frauenzimmer, hat es nie verſtanden, ſie zu leiten. Ihr gegenſeitiges Verhält⸗ niß iſt auch nicht ſo, wie ich es mir zwiſchen einer Mutter und einer Tochter gedacht habe. Zwiſchen ihnen entſtehen oft jene kleinen Diſſonanzen, welche gerade ſtets durch ihre öftere Wiederholung darauf hindeuten, daß eine innere Sonderung, und nicht der Zufall ſie hervor⸗ gerufen hat. „Da ſehe ich gleich eine Verminderung der dunklen Seiten dieſes jungen Mädchens.“ der „Vielleicht.“ Wo „Wer, wenn nicht die Mutter, ſoll in dem Charak⸗ ter der Kinder ſowohl Licht als auch Schatten aufſuchen? Das Gewiſſe Charaktere bedürfen zu ihrer Entwickelung einer wärmeren Atmoſphäre: Kälte und Strenge erſticken jedes eben keimende Samenkorn zu einer ſchöneren Frucht.“ „Das iſt wahr; ich habe ſie mild und nachgiebig gegen ihren Onkel geſehen, gegen jenen liebenswürdigen alten Mann, den ich Dir in meinen Briefen geſchildert ſpiel habe, und der ſie ſelbſt mit einer ſo milden und lieben⸗ den Güte behandelt.“ „Siehſt Du?“ 6 „Ja, doch das bedeutet nicht viel. Wie hat ſie 23 nicht geſpielt mit der Ruhe vieler Männer! Ein Herz hat für ſie gar keine Bedeutung, wenn es ſie eine Stunde lang beluſtigen kann, Hoffnungen zu vernichten, welche zu erwecken, ſie ſich niemals ein Gewiſſen macht.“ „Haſt Du das geſehen?“ „Sehr oft!“ „Und hat die Ruhe dieſer Männer, mit welchen ſie ſich dieſes Spiel erlaubte, denn auch wirklich gelitten?“ „Ich glaube kaum, daß dieß bis jetzt der Fall ge⸗ weſen iſt. Sie iſt eine reiche Erbin, und Viele haben ſie ohne Zweifel nur darum geſucht.“ „Und ſind, vielleicht oft gerecht genug, getäuſcht wor⸗ den; denn wie beleidigend muß es nicht für ein ſtolzes und edles Herz ſein, ſich nur als das Mittel zu einem niedrigen Zwecke betrachtet zu ſehen?“ Ernſt ſchwieg. „Sage mir, mein Sohn, hat ſie jemals bei Dir auch nur die allerentfernteſte Hoffnung geweckt?“ „Nein, niemals! Im Gegentheil behandelt ſie mich mit... „Mit bloßer Achtung? „Achtung? Nein, ganz im Gegentheil!“ „Was willſt Du damit ſagen? „Daß ſie gegen mich einen Ton angenommen hat, der mich auf eine ſolche Entfernung ſtellt, daß das bloße Wort Hoffnung nicht einmal ausgeſprochen werden kann.“ „Und haſt Du Dich mit dieſem Platze begnügt? Das ſieht Dir nicht eben ähnlich.“ „Nein, ich habe die Entfernung als wenigſtens eben ſo groß angeſehen, als ſie ſelbſt.“ „Du haſt alſo...“. „Ich habe ſie bisweilen erröthen laſſen über den verunglückten Verſuch, mich die Rolle eines Dieners ſpielen zu laſſen.“ „O— ſie iſt im Stande geweſen...“ „Beunruhige Dich nicht, Mutter! Kein Menſch hat es jemals verſucht, ihrem Beiſpiele zu folgen.“ „Nun, das war gut! Eigentlich dachte ich an etwas 1 ſtets —ỹᷓ 24 ganz Anderes. Ich meinte, wenn ſie im Stande geweſen iſt, wenn ſie das Bedürfniß gefühlt hat, die Entfernung zwiſchen! Euch größer zu machen, ſo iſt es in keiner andern Abſicht geſchehen, als weil ſie Gefahr für ſich ſelbſt ahnte. Niemand, der nur den geringſten Ver⸗ ſtand hat, macht ſich ohne Urſache ſo lächerlich... Er⸗ zähle mir einige nähere Umſtände aus ihrem Betragen gegen Dich!“ Ernſt theilte nun vollſtändig alle Theile ſeines Verhältniſſes zu Edith mit; hier aber kam ein neuer Faden der Verwirrung hinein durch das Auftreten des Grafen Hermann und Edith's ſichtbare und zunehmende Gunſt gegen ihn. Die kleinen Scenen auf der Reiſe nach Ramswik und die Taufe ſelbſt machte Alles noch ver⸗ worrener. „Ich bin faſt ſicher,“ ſchloß er— doch der Ton, womit er dieſe Worte ausſprach, war alles Andere, nur dic ſicher—„daß ich ſie bei meiner Rückkehr verlobt nde.“ „Nein, ich glaube nicht, daß ſie das iſt; nach Demjenigen aber, was Du mir erzählt haſt, fürchte ich, daß ſie den unglücklichen Grafen bethören wird, trotz deſſen, daß ſie Dich mit einer heftigen Liebe liebt— und das thut ſie!“ „Und wenn es wirklich der Fall wäre, daß ſie mich liebte— vorausgeſetzt, daß das Undenkbare denkbar wäre, nämlich daß die höchſt liebenswürdige, aber doch kalte und ſtolze Mutter einwilligte— köͤnnte ich dieſes als ein Glück anſehen? Nein! Denn nachdem das Feuer ausgebrannt wäre, was ganz gewiß ſehr bald geſchähe, würde ſie ſich mit Abſcheu von dem Wahne abwenden. Sie würde meinen, daß ſie mich zu ſich emporgezogen hätte und eben darum auch ein Recht zu haben vermeinen, mich dieſes fühlen zu laſſen. Ich aber würde mich niemals in ein ſolches Verhältniß fü⸗ gen können und würde, ſelbſt wenn ich ſie mit Wahn⸗ ſinn liebte, ganz gewiß kein guter Gatte werden.“ „O, mein Ernſt, Du thuſt Dir großes Unrecht! — Du Frar recht Herz geſch Zutr Gru den dem um Ged Gat in 6. wied auch wird das wele nah des rweſen rnung keiner ir ſich Ver⸗ . Er⸗ ragen ſeines neuer n des mende nach ver⸗ Ton, „ nur erlobt nach eich, trotz bt— mich nkbar aber e ich hdem bald 25 Du würdeſt ſie im Gegentheil zu einer vollkommenen Frau erziehen. Wie ſehr können nicht Gatten, die ſich recht lieben, ſich gegenſeitig verbeſſern! An Deinem Herzen würden die ſcharfen Ecken ihres Charakters ab⸗ geſchliffen werden. Es iſt ſonderbar, aber ich habe mehr Zutrauen zu dem wirklich Guten, das bei ihr auf dem Grunde liegt. Und obgleich ich weit entfernt bin, nur den geringſten Wunſch zu hegen, daß ſie, nachdem ſie dem Grafen Hermann Hoffnungen gegeben hat, dieſe um Deinetwillen täuſchen ſoll, ſo kann ich dennoch den Gedanken nicht unterdrücken, daß ſie dereinſt Deine Gattin werden wird.“ „Sie? nein, das iſt ein Traum, der nimmermehr in Erfüllung geht!“ „Das ſollſt Du mir ſagen, wenn wir uns dort oben wieder treffen, und da werde ich auch erfahren, ob nicht auch meine zweite Ahnung erfüllt worden iſt?“ „Welche Ahnung?“ „Daß ſie Dich dereinſt ſo vollkommen glücklich machen wird, wie ein ungetheiltes Herz ein ſolches Herz, wie das Deinige, machen kann.“ Ernſt ſenkte ſein Haupt auf das Kiſſen herab, auf welchem das Haupt der Mutter ruhte. Er glaubte nicht an das Sehervermögen des heran⸗ nahenden Todes, wohl aber an die glänzenden Träume des zunehmenden Fiebers. Hier aber laſſen wir Ernſt. Der lieblichen Geſpräche, die noch während vierzehn kurzer Tage zwiſchen ihm und der ſo geliebten Mutter Statt fanden, waren viele. Dann ließ der Tod ſeinen Vorhang herab. Es legte ſich eine tiefe Finſterniß um die Seele des jungen Mannes. Welche Einſamkeit läßt ſich vergleichen mit der Einſamkeit des Herzens? 26 Viertes Capitel. Couſin Abbé. Inzwiſchen war auf Daßby eine neue Perſönlichkeit, ein Nebenbuhler und ein Gegenſtück des von Helmer zepräſentirten ruhigen Verſtandes und der in der Geſtalt des Grafen Hermann irrenden Schwärmerei aufgetreten. Dieſer Ankömmling— den der Onkel Janne den Tanzmeiſter, die Hofräthin den luſtigen jungen ann, Mamſell Octavie den aimablen Tauſend⸗ künſtler, Olga den Süßen, allzu Süßen, Sdith den Schwätzer und der Graf den Plagegeiſt nann⸗ ten— dieſer Ankömmling, der ebenſo viele Benennun⸗ gen hatte, wie Argus Augen, denn in der Welt hieß er auch„der luſtige Kauz“,„der Maitre de Plaiſir“,„der Unentbehrliche“ u. ſ. w.— hatte jetzt auf Dagby unge⸗ fähr drei Wochen lang in wenigſtens ebenſo vielen Ge⸗ ſtalten debutirt, als er Titel hatte. Der Mann war eigentlich nicht ſo ganz aus den Wolken herabgefallen; doch bildete man ſich etwas der⸗ gleichen ein, als er an einem Vormittage mit der aller⸗ ungenirteſten Freiheit in den Salon geſprungen kam und ſich ſelbſt ungefähr mit folgenden Worten vraͤſentirte: „ Entſchuldigen Sie, meine gnädigſte Vofräthin, daß ich es vorziehe, auf dieſe Art vielleicht ein wenig unver⸗ ſchämt die Bekanntſchaft der Herrſchaften auf eigene Hand zu machen! Mein Schwager, der Baron G.— der gute, aber etwas langweilige Menſch— erbot ſich zwar, er wollte mich einfüͤhren, doch ich gab ihm den Rath, er ſolle ruhig zu Hauſe bleiben und den Ritt⸗ meiſter Linden(das heißt: den Unterzeichneten) ſich ſelbſt überlaſſen. Auf meine Ehre glaube ich auch, wir ſind ein wenig alte Bekannte, wenn es nämlich wahr iſt, daß ältere Damen für die Söhne ihrer ehemaligen An⸗ beter ein kleines Attachement haben. Nun, kein Wort weiter über dieſe Sache! Ich erinnere mich jetzt glück⸗ licher Weiſe, daß meine Mutter die Ehre hatte, im 6 dritten Gliede eine Couſine der gnädigen Frau zu ſein, 8 eine und; halte als e Grac noch räthit ſich f natür wende 1 dame dige zu pr 1 tenliſ der d ſeine wußt möge Gebu und habe, um habe meine licher mittel telmã mäßit welch liren daß Und lichkeit, Helmer Geſtalt etreten. ie den ungen ſe nd⸗ Edith nann⸗ ennun⸗ hieß er „„der unge⸗ n Ge⸗ is den s der⸗ aller⸗ kam atirte: 1, daß inver⸗ eigene 8 tt ſich 7 n den Ritt⸗ 27 und zufolge dieſer ausgezeichneten Gunſt des Schickſales halte ich um das Glück an— verſteht ſich, keinesweges als ein bloßes Recht, ſondern als eine außerordentliche Grace— Tante ſagen zu dürfen!“ „Wenn ich mich auch ſo genau weder des Einen noch auch des Andern entſinnen kann,“ äußerte die Hof⸗ räthin artig,„ſo habe ich doch, da der Herr Rittmeiſter ſich für die Richtigkeit der letzten Angabe verbürgt(was natürlich das Wichtigſte iſt), gar nichts dagegen einzu⸗ wenden, einen neuen Verwandten zählen zu können.“ „O, meine Tante, dieſe Antwort war einer Ma⸗ dame Maintenon würdig!... Doch belieben meine gnä⸗ dige Tante mich jetzt meinen Couſinen, den Fräuleins, zu präſentiren.“. „Recht gerne.“— „Pardon einen Augenblick!— zuvor meine Meri⸗ tenliſte, wenn ich bitten darf!“ „Die Meritenliſte mag paſſiren!“ „Dieſe lautet folgender Maßen: ein junger Mann, der durch die unerforſchlichſte Schickung des Schickſales ſeine Bahn gemacht hat, denn— ſo viel mir ſelbſt be⸗ wußt— habe ich keinen Antheil daran, und mein Ver⸗ mögen noch viel weniger, ſintemal ich ſchon bei der Geburt nebſt der Fähnrichsvollmacht den Rang, die Ehre und die Würde eines„Pauvre⸗honteur“ entgegennahm, eine Würde, die ich, ſonderbar genug, bis dato inne habe, ſo vielen reichen Erbinnen ich auch meine Bitten um Befreiung von derſelben in die Ohren geflüſtert habe Demnächſt bin ich(notabene nach dem allge⸗ meinen Urtheile— mein eigenes ſuspendire ich natur⸗ licher Weiſe) ein Mann von ſehr mittelmäßiger Bildung, mittelmäßigen Kenntniſſen, mittelmäßigem Ausſehen, mit⸗ telmäßigem Verſtande, kurz: man hält mich für mittel⸗ mäßig in Allem, außer in der Kunſt zu gefallen, in welcher ich zufolge der Behauptung meiner Freunde excel⸗ liren ſoll; doch darf ich hiebei auch nicht verſchweigen, daß meine Feinde nicht ſo ganz dieſer Meinung ſind... und nun, meine gnädige Tante, weiß ich nichts mehr 28 hinzuzufügen, als daß ich mit Herzklopfen den Eindruck erwarte, den ich auf meine Couſinen zu machen hoffe.“ wenn Mit dieſen Worten verbeugte der Rcheurh fi Schön nur um einige Zoll tiefer vor Edith als vor Olga. dazu d . Er war der erſte Mann, welcher Olga damit ent⸗ der, he zückte, daß er ſie eben ſo hoch ſetzte als ihre Schweſter. mit a „Ich meines Theils, Herr Rittmeiſter,“ entgegnete veralte Cdith ſcherzend,„werde Sie keinen Augenblick in Unge⸗ wenn wißheit laſſen.“ da wo „Ich rolle mich im Staube!“ den V „Ehe von einer Art von Eindruck nach unſerer wird j Bekanntſchaft die Rede ſein kann, Herr Rittmeiſter, nur d werden Sie genug zu thun haben, den Eindruck zu ver⸗ immer wiſchen, den ich vor derſelben erhielt.“„ „Was beliebt?“ verſich „Wie konnten Sie den unverzeihlichen Fehler be⸗ dacht gehen, den Fuß zu verrenken, da Sie wußten, daß Sie Olga beſtimmt waren, einer Couſine im vierten Grade gegen⸗„ über Gevatter zu ſtehen?“ muſike „O, nichts Anderes?“ fliegen „Nichts Anderes?— iſt das alſo eine Kleinigkeit?“ gerade „Ganz im Gegentheil: dieſer Fehler iſt eben mein noch Triumph und widerſpricht glücklicher Weiſe ganz ent⸗ mich ſchieden dem dummen Jargon von meinem mittelmäßi⸗ tauſen gen Verſtand.“ trifft f „Welche Anſpruchsloſigkeit!“ wenn „Die Anſpruchsloſigkeit gehört beſonders zu meinen bin. Cardinaltugenden, ſie iſt ein Theil meines Weſens; da etwas ich jedoch vor der Welt ſo wenige Geheimniſſe habe, ſo ich me mache ich mir eine Ehre daraus, dieſe für mich ſeibſt von 1 zu behalten.“— von em „Welche bewunderungswürdige Aufopferung! Um Mitte aber... die G „Um aber, meinen Sie, von der Vertheidigung meiner Anſpruchsloſigkeit zu der Vertheidigung mei⸗ nes Verſtandes überzugehen— ja, eben dahin kehre ich jetzt zurück. Wenn ein Mann es ſich vorge⸗ 8 ſetzt hat, ſich zu verlieben, und das thut er immer, 5 8 6 herwie Eindruck hoffe.“ ter ſich ga. nit ent⸗ hweſter. ggegnete Unge⸗ unſerer meiſter, zu ver⸗ ler be⸗ aß Sie gegen⸗ gkeit?“ mein az ent⸗ lmãßi⸗ neinen igung mei⸗ kehren vorge⸗ nmer, 29 wenn ihm die Bekanntſchaft mit einer allmächtigen Schönheit verſprochen wird, beſonders wenn dieſe noch fliegen auf den Schwingen der Töne durch die Ohren gerades Weges in das Herz hinein! Und ſage ich nun noch Couſine Olga, dann fehlt wenig daran, daß ich mich in meinem Entzücken verſetzt fühle in... Bitte tauſendmal um Entſchuldigung, mein Fräulein! es trifft ſich wohl bisweilen, daß ich den Nachſatz verliere, wenn ich mit dem Vorderſatze ſo recht in der Fahrt bin. Doch dieß iſt ein Fehler in meiner Organiſation, etwas, wofür ich nichts kann; es iſt ein Schickſal, dem ich mich unterwerfen muß; doch iſt es ganz verſchieden von meinen Gefühlen; denn, wenn ich nolens volens von einer unſichtbaren Macht gezwungen werde, in der Mitte meiner Beredtſamkeit ſtehen zu bleiben, ſo erſetzen die Gefühle in reichem Maße was den Worten fehlt: Gefühl, du Macht, du herrſcheſt über Stunden! Gefühl, du ernteſt mehr ſchon in Secunden, Als tauſend Seckel ausgeſä't!“ Olga wußte nicht recht, was ſie auf dieß Alles erwiedern ſollte und ſah daher Mamſell Octavie an. 30 Mehr als dieſes Blickes bedurfte es nicht, um den ſcharffinnigen Rittmeiſter zu drate in dem Stramin die ſchmücken. Aber die kalten Züge der Mademoiſelle Octavie gaben heute keine Antwort(der Rittmeiſter h noch nicht an ſie gewendet) und darum antwort ein wenig gezwungen und einfältig: meiſter machen ſich allzu große Mühe!“ „Hören Sie, meine Tante“ pellirte an die gnädige Frau— habe! Doch darf ich mir benachrichtigen, bis jetzt nicht allein unter der Aufſicht ihrer Bo muſter nähte, ſondern auch ebe meiner vierten Präſentation ausbitten?“ Er ließ bei dieſen Worten ruhen. förmlichen Präſentation. ſeinen Blick voll Ehr⸗ furcht und geheimer Bewunderung auf der Gouvernante Hier hatte die Hofräthin endlich Gelegenheit zu einer Der Rittmeiſter aber hatte es kaum weiter gebracht, als daß er in Erſtaunen gefallen war über die bewun⸗ derungswürdige Aehnlichkeit der Ma mit der göttlichen Mamſell Emilie Höaquiſt,*) beſon⸗ ders als Jungfrau von Orleans, und inſpirirt von dieſem intereſſanten Zufall, ein Stück aus Jeanne d'Arc's Rolle declamirt, als der Graf eintrat und mit einer ge⸗ wiſſen Unſicherheit an der Thür ſtehen blieb. „Beſter Graf Hermann!“ rief ihm die Hofräthin zu, ſobald der Rittmeiſter ſchwieg,„kommen Sie und 7 *) Eine Zierde des Stockholmer Theaters, gegen Ende des Jahres 1847 auf einer Reiſe erntete zwar in allen Rollen ders als Jungfrau von Orlea zu Turin geſtorben. Sie Beifall, doch ganz beſon⸗ ns. Ihre Schönheit und ihr wohlthätiger Charakter waren allgemein anerkannt. Anmerk. d, Neberſ. daß Olga nne Stick⸗ nſo artig wie die Qua⸗ Erlaubniß derſelben er⸗ wartete, um ſich mit lächelnden oder ernſten Farben zu atte ſich ete Olga „Der Herr Ritt⸗ — der Rittmeiſter ap⸗ „welches Unglück ich eine kleine Leitung bei demoiſelle Horner Sen nehme für ei ſchaft gemei ein f von meiſte er jor werde Fräul Peha inu das r Stärk durch der 1 ſtimm er ſte wurd gleich dieſer zweite ſchien keiten und dem. weger 4 die e tiſche ſtehli im den 3 Olga 3 Stick⸗ Qua⸗ een er⸗ ben zu Oeta vie te ſich 2 Olga Nitt⸗ er ap⸗ ick ich ig bei . Ehr⸗ F rnante einer rracht, ewun⸗ dorner beſon⸗ von Are's 2r ge⸗ äthin 2 und de des Sie beſon⸗ t und kannt. rſ. 31 nehmen Sie Platz bei uns! Dieſer Herr erklärt ſich für einen Verwandten, obgleich ich glaube, die Verwandt⸗ ſchaft beſteht nur in der großen, allgemeinen von unſerm gemeinſchaftlichen Stammvater. Doch gleich viel, er iſt ein fröhlicher junger Mann. Der Rittmeiſter Baron von Linden— Graf Hermann von P.!“ Der Graf verbeugte ſich ziemlich ſteif, der Ritt⸗ meiſter aber nahm die entzückendſte Stellung an, indem er jovialiſch begann: „Kann nicht helfen, Herr Graf, wir müſſen Rivale werden. Ich habe mich ſchon als Ritter im Dienſte der Fräulein engagirt, und Fräulein Edith hat die Güte ehabt, mich zu verſichern, daß ſie mit mir volle vier inuten ihre Gedanken zu beſchäftigen beliebt hat, und das noch obendrein ehe ich mehr gethan hatte, ihr die Stärke und die Tiefe meiner beabſichtigten Huldigung durch etwas Anderes, als einen Purzelbaum zu zeigen, der mir eine Verrenkung des Fußes koſtete.“ Der Graf, deſſen Laune ſeit Helmer's Abreiſe ver⸗ ſtimmt geweſen war— denn von dieſem Tage an hatte er ſtets Sonnenfinſterniß an ſeinem Himmel gehabt— wurde nicht ſehr erbaut durch dieſen Wortſchwall, der gleich einem Platzregen über ihn kam. Er ſah ſich nach dem Onkel Janne um, da jedoch dieſer nicht im Zimmer war, ſo nahm er— nach einer zweiten Verbeugung und einem Blick, der zu ſagen ſchien:„Thun Sie mir das Vergnügen, Ihre Luſtig⸗ keiten anderswo zu Markt zu bringen“— ſeine Partie und ſetzte ſich auf einen Stuhl in dem Winkel zwiſchen dem Ofen und Edith's kleinem Sopha. Der Rittmeiſter war aber nicht der Mann, der wegen einer ſolchen Kleinigkeit die Faſſung verlor. Als der Graf ihm den Rücken zukehrte, füllte er die entſtandene Unterbrechung mit einer großen drama⸗ tiſchen Geſte aus, als hätte er das Geſpenſt im Hamlet eſehen, wovon er auch ein paar Worte murmelte. Darauf warf er ſich, wie von einer Art von unwider⸗ ſtehlicher Gewalt getrieben, über die guf dem Tiſche 32 liegende Guitarre, und ehe ihn Jemand gefragt hatte, ob er ſingen könnte(ihn dazu aufzufordern nach einer halbſtündigen Bekanntſchaft, konnte natürlicher Weiſe Niemand einfallen), war er mitten in Kaspar's Rolle im Freiſchütz, und ſang und declamirte dermaßen, daß der Geiſt des Hamlet aus der Ecke vom Ofen an die Thür gejagt war, und ganz gewiß ebenſo ſchnell und ſtill wie durch eine Falllucke im Theaterfußboden ver⸗ ſchwunden ſein würde, wenn nicht das arme Geſpenſt auf den Onkel Janne geſtoßen wäre, der ihm recht munter zurief: „Was gibt's, mein lieber Graf?“ mpertinenten Genauigkeit daran er⸗ innert, daß der Stern der Familie Linden noch von 6 E Sie f blicker 33 hatte, Gewölk umhüllt iſt.... Doch ich ſchwatze mir mit dem heiner Allem den Athem aus dem Halſe.“ Weiſe Während Onkel Janne, der anfänglich den„jungen Rolle Narren nicht ſo übel“ fand, mit dieſem lebhaft plauderte , daß— der Onkel hatte gleich den Uebrigen(mit Ausnahme an die des Grafen) angefangen zu merken, daß die Luft auf ll und Dagby etwas ſchwül geworden war— trat Edith zu nver⸗ dem Grafen Hermann, der noch immer geſonnen zu eſpenſt ſein ſchien, den Rückzug anzutreten. recht Mitt ener ſo freundlichen Miene, wie er ſeit langer Zeit nicht erhalten hatte, ſagte ſie, indem ſie ihn lächelnd an den Platz zurückführte, den er verlaſſen hatte:„mein litzes⸗ beſter Graf! ſein Sie doch nicht ſo ſcheu vor etwas in ich Scherz— es iſt nichts Uebles mit dem Manne.“ Fhren⸗„‚Daran habe ich auch keine Secunde gedacht; doch anzen ſeine Gewohnheiten ſind den meinigen ſo unähnlich, daß ſeiner ich mich zu ihm nicht hingezagen fühle.“ Fuß⸗„O, ſollte ich alle Menſchen fliehen, zu denen ich ei den nich nicht hingezogen fühle, ſo wären ihrer wahrlich teſpek⸗ viele...“ eſpek„Alſo, mein Fräulein, verſtellen Sie ſich wirklich finur— vielleicht oft?⸗ el, ſo„Ja, ſehr oft: wer würde mir meine Aufrichtigkeit danken?“ Onkel„Ich wenigſtens, Fräulein: denn wenn.... wenn ſtarre Sie ſich gegen mich verſtellen.... in gewiſſen Augen⸗ srief: blicken...“ lchen!„Was dann?“. auf⸗„Dann würde ich verzweifeln über meine eigene Be⸗ runde ſchränktheit, daß ich den Schein für die Wirklichkeit ge⸗ dem halten habe... Doch ich glaube nicht, Fräulein, daß u Sie ſich gegen mich verſtellen.“ Ehnn euund Herr Graf, worauf gründen Sie dieſe Ueber⸗ . zu uf Ihre Veränderlichkeit— dieſe zeigt, daß Sie onen⸗ weil s nicht der Mühe werth erachten, mir Ihre Eindrücke oerbergen.“ a lgunenhaftes Weib. II. 3 H 34 „Wahrhaftig, Herr Graf, Sie haben Recht; doch iſt es ja auf jeden Fall ein ſchlechtes Freundſchaftsge⸗ ſchenk, unſern Freunden die dunkelſten Seiten unſeres Charakters zu zeigen.“ „Nein, glauben Sie mir, dieſe Aufrichtigkeit hat wenigſtens für mich unendlich höheren Werth, als kalte Artigkeit— wenn Sie mir einen freundlichen Blick, ein freundliches Wort ſchenken, ſo glaube ich an Beides und kann mich mit demjenigen begnügen, was ich er⸗ halten habe, bis...“ „Sch!... unſer neuer Couſin ſcheint mit ſeinen vortrefflichen Eigenſchaften auch die zu vereinigen, daß er ſeine Ohren an zwei Orten haben kann— ach, welche Vielſeitigkeit! Ich werde gewiß noch die Zahl ſeiner Bewunderer vermehren!“ Der Graf antwortete nur durch einen Blick der vollkommenſten Sicherheit.. Er wollte ihr nicht zeigen, wie niedergeſchlagen er durch die plötzliche Unterbrechung war. Fünftes Capitel. Mehr aus dem Debut des Couſin Abbé. — Als es Abend wurde— der Rittmeiſter war nach alter guter Sitte eingeladen worden, bis zum folgenden Tage zu bleiben— der Graf in ſeinem Zimmer einen Hafen geſucht und der Onkel ſpazieren gegangen war, unterhielt der Spaßvogel die Damen mit einer von ſeinen vielbewunderten Geſellſchaftstalenten, nämlich mit ſeiner Kunſt, andere Perſonen nachzuahmen. Jetzt kamen nun zwar nicht die armen Schauſpieler auf das Tapet, auch nicht die guten weſtgötiſchen Bauern oder die bekannten Smaländer auf dem Jahrmarkte Wer dam die wik Frei liche die der die der wie Brul Sopl Auge ich n beeilt Linne Moll Gott das 3 7 erne it b unübe 2) ; doch aftsge⸗ unſeres it hat 3 kalte ck, ein 35⁵ Wernamo*), nein, der Rittmeiſter begnügte ſich dießmal damit, ganz einfach eine kleine Scene wiederzugeben, die am Tage nach der Taufe beim Baron G. auf Rams⸗ wik geſpielt worden war. Er zeigte ſich dabei bald als ſeine Couſine, die Freiin Louiſe, bald als die Hausmamſell, die freund⸗ liche Loviſa Berntſon, deren unglücklicher Fehler, durch die Naſe zu reden, ſo daß m in h verwandelt wurde, der Rittmeiſter ſich ebenſo gut anzueignen wußte, wie die vornehme Nachläſſigkeit der Freiin, vermiſcht mit der allergnädigſten ſcherzhaften Herablaſſung. „Nun, liebe Mamſell Loviſa! es war ja ſchrecklich, wie allarmirt Sie geſtern waren, als Sie dem hübſchen Bruksverwalter gegenüber Gevatter ſtehen ſollten!“ Die Freiin redete in einer bequemen Stellung im Sopha ſitzend. Jetzt trat Mamſell Loviſa mit niedergeſchlagenen Augen auf. „Ihro Gnaden! wie Ihro Gnaden ſcherzen!.... ich weiß nicht, ob er anders ausſieht, als Andere. Ich beeilte bich, ich....“ „Ja, das thaten Sie! Wozu war es nöthig, das Linnenkleid zu plätten? Hier im Hauſe wäre das neue Mollmouſſelinkleid wohl gut genug geweſen!“ 4 1 Das Boll⸗Buſſlinkeid, Ihro Gnaden— behüte 0 t 44 „Nun, ſo hatten Sie ja das blaue kattunene Kleid, das Ihr Bruder Ihnen zu Weihnachten ſchenkte!“ „O, Ihro Gnaden, Bichael ſagte, ich könnte es herne zu Alltag brauchen.. Bichael beint's ſo gut it bir!“ Jetzt aber gab es— denn der Rittmeiſter ahmte unübertrefflich nach— ein ſolches Gelächter auf Koſten *) Ein Ktrchſpiel in Smaland, 7 ſchwediſche Meilen von Jönköping und 7 ½ von Wexjö, in welchem in der Mitte des Juni und des September ſehr beſuchte Jahrmärkte gehalten werden. Anmerk. d Ueberſ. 4 der guten Mamſell Loviſa, daß der Spaßvogel einſah, vor er könnte aus der frommen Seele keinen Nutzen weiter zu ziehen, weßhalb er ſie auch ſogleich abziehen ließ, um im von dieſem Gegenſtande eine Brücke zu einem andern ma zu bauen, über welchen man zwar nicht lachte, welcher Wo aber dennoch bei allen Zuhörern ein tauſendfältig höheres bett Intereſſe erweckte. paf „Er muß wohl auf jeden Fall ein Adonis von zu Primaqualité ſein, dieſer Vogel Phönix von Bruks⸗ ein verwalter, den meine gnädige Tante ſich hält!“ „Ja, ja, das iſt nicht ganz ohne Grund!“ gro „Darauf hätte ich auch ſchwören können, da ſogar ihn die vornehmen Roſen aus la haute Volte es gar nicht verſchmähen, für ihn zu duften.“ mü „Nur keine Contrebande eingeführt!“ warnte die hör Hofräthin und erhob den Finger. Se Edith war bei dieſer Anſpielung ſo ſtark erröthet, der daß keine Roſen ſich vergleichen ließen mit derjenigen, Ha deren Gluth das battiſtene Schnupftuch kaum zu ver⸗ ma bergen vermochte, welches indeſſen dazu dienen mußte, geg eine unſichtbare Fliege zu verjagen.— Aus den Augen der Mamſell Octavie ſchoß ein doe Blitz hervor. Olga ſah aus wie das perſonificirte Er⸗ me ſtaunen. da „Gnädigſte Tante! Bei Gott“— der Rittmeiſter ein legte die Hand auf die Bruſt—„ich habe die Nachricht die aus der vierten Hand, und ich glaube kaum, daß Contre⸗ An bande, genau gerechnet, durch mehr als drei geht, näm⸗ all lich durch die Hand des Schmugglers, durch die des ſich Abſenders und durch die des Empfängers.“ Se „Wo bleibt denn aber die Zollkammer, welche Be⸗ und ſchlag darauf legt und dann die Paquete öffnet?“ fiel Se die Hofräthin ein..* wir „Ei der Tauſend, an die hatte ich in der Eile gar den nicht gedacht! Doch um ſo beſſer, daß ſie da iſt! Die bis Zollkammer iſt eine ehrfurchtgebietende Auctorität, und ode ich kann daher nicht eigentlich darunter leiden, wenn ich mit derſelben verglichen werde. Ich ſchlage daher . 37 vor, mich zu der Ehre und Würde eines Zollbeamten zu erheben. Von dem Beſchlage zu reden, welchen ich im Namen der Königlichen Majeſtät und der Krone ge⸗ macht habe, kann mir da kein Sterblicher verbieten. Was ſagen Sie nun, meine gnädigſten Damen? Ich betheure, daß ich nie in meinem Leben als ehrlicher Kerl paſſiren will, wenn nicht das, was ich zu erzählen weiß, zu den ausgezeichnetſten Dingen gehört, die jemals in einem Kaffeeconſeil verhandelt worden ſind!“ Und der Rittmeiſter nippte bei dieſen Worten mit großer Anmuth von dem orientaliſchen Tranke, der neben ihm ſtand. 3 Einſehend, daß von einem Abenteuer die Rede ſein müßte, welches nicht zu den Annalen von Dagby ge⸗ hörte, war Edith, nachdem ſie ihren unfreiwilligen Schrecken überwunden hatte, die Erſte, welche vorſchlug, der Rittmeiſter ſollte ſeine Anekdote aus der vierten Hand erzählen, wenn er ſich notabene anheiſchig machte, zu erklären, durch welche drei Hände ſie vorher gegangen wäre. „Ei, ei, Fräulein! Das war keine Couſinenbedingung; doch gleich viel— ich kann nicht lügen: das iſt gegen meine Natur. Alſo bekenne ich, daß von der Zeit an, da man zuerſt anſing Anekdoten zu fabriciren, keine einzige ältere Ahnen hat, als dieſe; denn obgleich ſonſt die Klatſcherei im Allgemeinen die Stammmutter aller Anekdoten der ganzen Welt iſt, ſo iſt es dennoch über allen Zweifel erhaben, daß die eigentliche Urklatſcherei ſich von jener gefährlichen Secte herſchreibt, welche ich Schlüſſellochverehrer nennen will. Die Kammerjungfer und der Bediente fangen den Flüchtling direct von dem Salon oder dem Schlafzimmer auf, und augenblicklich wird er zu den Liebhabern und Liebhaberinnen, Freun⸗ den und Vertrauten des Nachbarhauſes hinübergejagt, bis er von Stufe zu Stufe zuletzt wieder einen Salon oder ein Schlafzimmer erreicht.“ „Und wenn inzwiſchen der arme Flüchtling ſo in die Hohe geſchoſſen iſt, daß man ihn nicht mehr erkennen ——————— 3 ——— 38. kann, ſo iſt das nur der gewöhliche Gang des Lebens!“ meinte Mamſell Octavie mit dem Tone einer Perſon, welche die Schlechtigkeit der Welt kennt und verabſcheut. „Es beweist weiter nichts,“ fiel Olga pfiffig ein, denn die Sprache des Rittmeiſters machte ſie jetzt nicht mehr verlegen,„als daß er, wie die Opfer der Rieſen in den Märchen, mit einer Menge guter Biſſen ge⸗ füttert worden iſt.“ „Aber auf dieſe Weiſe,“ ließ die Hofräthin ſich vernehmen,„kommen wir ja im Leben nicht einmal bis zum Anfang!“ „Wir ſind ſchon da, meine geehrte Tante! Zuerſt will ich nur, gemäß dem Befehle des Fräuleins Edith, die Quelle meiner Geſchichte angeben.“ „Aha!“ ſcherzte Edith,„ſie iſt alſo jetzt aus einer Anekdote zu einer Geſchichte herangewachſen!“ „So viel müſſen wir wohl mit Allem, was geſagt worden iſt, ausgerichtet haben. Alſo um vorn anzufan⸗ gen, die Kammerjungfer der Frau v. Y...“ „Frau v. N!“ riefen alle vier Damen aus. „Ja, iſt eine von den Herrſchaften da, welche gegen ihr Auftreten als Diana an der Seite des Endymion⸗ Helmer an dem mehrerwähnten Taufabende auf Rams⸗ wik ein Klage einzureichen hat?“ „Das läßt ſich ja recht romantiſch an!“ ſagte Mam⸗ ſell Octavie mit Blicken, in denen Eiferſucht und Schaden⸗ freude glühten; denn was Niemand ſah, das ſah ſie, nämlich daß die brennenden Roſen auf Edith's Wangen plötzlich einer ſchneeweißen Bläſſe Platz machten. „Ich hörte, daß er auf der Rückreiſe ihr Kutſcher geweſen,“ ſiel die Hofräthin ein,„keineswegs aber wußte ich, daß er mehrere Rollen geſpielt hat, mein gentiler Bruksverwalter. Sonſt iſt er, genau gerechnet, in Damengeſellſchaften eher difficil als aufgeräumt.* „Hm, hm, meine Tante, ſtille Waſſer.... Do weiter im Terte: Die Kammerjungfer der Frau von Y. hat ein ganz kleines Attachement mit dem Statthalter auf Ramswik, und dieſer, gälte es auch ſein Leben, geſch rath ew ſec neu mei zu ſtär der gen 39 kann ſeiner beſten Freundin, der Haushälterin, nichts verbergen, welche wiederum in ihrer Ordnung ſo beſorgt iſt, in gutem Vernehmen zu der Hausmamſell zu ſtehen, daß ſie gar keinen Anſtand genommen hat, dieſer ſchwa⸗ chen Evatochter das ganze Geheimniß anzuvertrauen, und ſie würde im Stande ſein, dem liebenswürdigen Rittmeiſter Linden für eine geſchnittene Feder ihre eigenen, geſchweige denn anderer Leute Liebesgeſchichten zu ver⸗ rathen. Und hiemit iſt unglücklicher Weiſe der Würfel geworfen, denn ich verbürge mich, kein Menſch wird ſechs Runſtücke Banco auf die einzige Möglichkeit gegen neunundneunzig Unmöglichkeiten ſetzen, daß der Ritt⸗ meiſter Linden im Stande iſt, ein Geheimniß bei ſich zu behalten.“ Natürlich wurde dieſes fröhliche und heroiſche Ge⸗ ſtändniß mit ſo vielen lächelnden Blicken belohnt, wie der Rittmeiſter erwartet hatte, und er fuhr daher auf⸗ gemuntert fort: „Und nun, meine Allergnädigſten, laſſen Sie es uns geſtehen, daß die Klatſchereien ihren Reiz haben! Sie ſind die vornehmſte Würze in den Nachmittags⸗ Converſationen von der Mitte des September bis zu der Mitte des März, da die Dämmerungen aufhören. Ich ſetze eine picante Klatſcherei auch beinahe eben ſo hoch, wie ſpäter am Abende eine Geſpenſtergeſchichte.“ „Aber,“ fiel Edith ungeduldig ein,„Ihre Art zu erzählen iſt höchſt langweilig! Was haben wir nun mit allem Geſchwätz erfahren?“ „Es gehört zu der verfeinerten und neueren Kunſt, meine Couſine, eine Sache immer ſo zu erzählen, daß die Zuhörer in einer angenehmen Ungewißheit ver⸗ hleiben.“—. Doch,“ entſchied die Hofräthin in einem Tone, der ein wenig nach getäuſchter Erwartung ſchmeckte,„dieſe halben Winke konnen gefährlicher ſein, als ein offener Angriff: arme, gute Hortenſe!— ihr Ruf kann leicht dabei leiden!“ „Sie wird es doch wohl nicht verſäumen, dieſen 6 — ————— 40 ſelbſt zu vertheidigen! doch glaube ich nicht, meine gnädige Tante, daß ich mich ſehr irre in der Ver⸗ muthung, daß ſie zur Hälfte mit dem Bruksverwalter verlobt iſt.“ „Nun wenn das der Fall wäre, ſo würde ich ſagen, daß Ihre Neuigkeit etwas werth iſt! Hortenſe iſt von guter, alter Familie und hat außer Glanberg noch ein kleines recht hübſches Capital. Da hätte Helmer ſein Glück wahrhaftig nicht verſchlafen! Doch das iſt ganz unmöglich.“ Unter der Sonne iſt gar nichts unmöglich. Und ſo viel iſt wenigſtens ausgemacht, daß Frau von Y., welche geſtern auf Ramswik war, ſich nicht im Gering⸗ ſten beleidigt fand, als man ſie damit neckte, daß ſie ſich von Herrn Helmer das vorige Mal nach Hauſe fahren ließ. Und ich kann auch den Geſchmack des annes wirklich nicht tadeln, denn ſie iſt ein recht nettes und ſüßes Weſen. Was dagegen ihren Ge⸗ ſchmack betrifft, ſo ſchiebe ich mein Urtheil auf, bis ich erſt den Gegenſtand betrachtet habe.“ „Und Gott weiß, wann das geſchehen wird!“ ſagte die Hofräthin mit einem tiefen Seufzer über die unend⸗ liche Beſchwerde, die ſie ſeit der Abreiſe Helmer's ſchon gehabt zu haben meinte, und ferner über diejenige, welche ſie noch bis zu ſeiner Rückkehr erwartete— und nun wurde der Anlaß ſeiner Abweſenheit erzählt, variirt mit Jeremiaden ſowohl über den Buchhalter und Werkmei⸗ ſter, als auch über den Statthalter. Herr Helmer war die Hauptperſon in Allem, was den Eiſenhammer und was die Landwirthſchaft und das Gut betraf und... mit einem Worte: er war unerſetzlich. „Herr du mein Gott, beſte Tante!“ rief der Ritt⸗ meiſter in einem ganz neuen Tone aus, in welchem der verſtändigſte Verſtand ſich mit dem ernſthafteſten Ernſte paarte;„wenn ich Ihnen während dieſer Vacanz nß lich ſein kann, ſo belieben Sie nur über mich zu befeh len! Ich kenne nichts Angenehmeres, als meinen Freun⸗ · 2 3 den zu dienen.. Da ich auf jeden Fall nichts zu thur kann wirt ich Vice dürf lich allen einer meiſt der und Rittt nehn werd eigen Entſ o w zähler meine Ver⸗ walter 41 thun habe, wenn ich es ſelbſt ſagen darf, einige Be⸗ kanntſchaft mit dem Gange ſowohl einer größeren Land⸗ wirthſchaft als auch eines Hüttenwerkes beſitze, ſo habe ich keinen größeren Wunſch, als bis auf Weiteres den Wiree Mieidanten meiner gnädigen Tante ſpielen zu dürfen.“ Die Hofräthin, welche ein ſolches Anerbieten unmög⸗ lich hatte erwarten können, complimentirte dagegen aus allen Kräften an. Sie ſah ein, daß man auf einen Holzweg, ja auf einen Gebirgsweg gerathen könnte, wenn man den Ritt⸗ meiſter zu einem Familiengliede erhöbe, ſo lange noch der Graf auf Dagby war— und da der Graf beſtimmt und auserleſen war, der Schwiegerſohn zu werden, der Rittmeiſter aber weiter nichts ſein ſollte, als ein ange⸗ nehiner Geſellſchafter, ſo.... mußte er aufgeopfert werden. Couſin Abbé aber war allzu entzückt über ſeinen eigenen Vorſchlag, daß er ihn an dieſem Abend zur Entſcheidung hätte kommen laſſen ſollen. Er vermengte die ganze Geſchichte unter einem ſolchen Wirrwarr von Poſitivem und Negativem, daß er die ganze Geſellſchaft beinahe unter den Tiſch geplau⸗ dert hätte, wenn nicht mit der Zeit des Thees und des Feuers im Ofen auch der Graf Hermann und Onkel Janne erſchienen wären.......... „Lieber Schwager!“ begann die Hofräthin, welche die größte Furcht hegte, daß die vertrauliche Zudring⸗ lichkeit des Rittmeiſters mit der kalten Zurückgezogenheit des Grafen in Colliſion gerathen möchte;„lieber Schwa⸗ ger! Du wäreſt ſehr artig, wenn Du uns heute Abend ſo wie in der alten fröhlichen Zeit eine Geſchichte er⸗ zählen wollteſt, die ein wenig Schrecken und Ernſt in uns ſetzte! Wir können das nach allen Narrenspoſſen des Rittmeiſters wohl brauchen.“ hach, guter, ſüßer Onkel, eine „Alſo eine Spukgeſchichte!“ fiel Olga lebhaft ein— Spukgeſchichte!“ ——— 3 1 — Und mit Olga einſtimmend rief die ganze Geſell⸗ ſchaft, ja auch der Graf mit eingeſchloſſen: „Eine Spukgeſchichte! eine Spukgeſchichte!“ „Nun warum denn nicht!“ ſtimmte der Alte aufge⸗ räumt bei.„Doch keine witzigen Commentarien, und auch keine anderen Unterbrechungen— die verbitte ich mir zum Voraus, denn da breche ich augenblicklich ab!“ Sechstes Capitel. Onkel Janne's Geſchichte und ihre Folgen. Es geht immer ein intereſſanter Geiſt der Unheim⸗ lichkeit, halb à la Rinaldini, halb à la Spieß, durch den kleinen vertraulichen Kreis, der ſich an einem kühlen Herbſtabende in Ruhe um ein angenehmes Feuer geſetzt hat, um einem Freunde der Familie zuzuhöoren, von dem man weiß, er kennt und glaubt das Wunder⸗ bare, welches hinter dem Vorhange zwiſchen dem be⸗ kannten Leben und demjenigen, was wir nur zu ahnen im Stande ſind, ſpielt. Und kaum können wir uns eines theilnehmenden Schauders enthalten, wenn wir die Worte vernehmen:„Es war einmal in meiner Jugend,“ oder: „Ich hörte einmal von einem akademiſchen Preunde eine merkwürdiges Ereigniß,“ und ſo weiter. So ſaß auch jetzt die Familie auf Dagby vertraulich um das Feuer und wartete auf die Geſchichte des On⸗ kels, während der Sturm draußen in dem dunklen Herbſt⸗ abende ſeine langen Töne pfiff und die entlaubten Lin⸗ den vor den Fenſtern erſchütterte. „Vor mehreren Jahren“— ſo begann der Onkel— „kam ich eines Tages auf meinen Wanderungen zu einer Gerichtsſtelle, wo eben ein außerordentliches Gericht ge⸗ halten wurde auf Veranlaſſung einer criminellen Unter⸗ ſuchung, welche aber nicht hieher gehört.“ beendit und fo ſchaft. bei un Erzäh wieder dieſen der w. wiſſen niema und 2 eigniß des G T gericht S es ihr matter haufer T Knieer ſitzend haus dunkel 43 zeſell. Der alte Mann ſchwieg einen Augenblick und blickbe auf das Feuer, wahrſcheinlich um ſeine Gedanken zu ſammeln. ꝛufge⸗„Am Abende, da der Diſtrictsrichter ſeine Arbeiten und beendigt hatte, machten wir mit einander Bekanntſchaft, te ich und fanden uns recht gut in unſere gegenſeitige Geſell⸗ ab! ſchaft. Wir ſaßen und verplauderten die halbe Nacht bei unſern Pfeifen; und zur Belohnung für einige kleine Erzählungen, die ich ihm auftiſchte, tractirte er mich wieder mit mehreren ſonderbaren Prozeßgeſchichten. Von dieſen geriethen wir ganz natürlich auf das Capitel von der wunderbaren Leitung einer höheren Macht bei ge⸗ wiſſen Entdeckungen, die durch Menſchenweisheit gewiß en. niemals gemacht worden wären; und als eine Erklärung . und Bekräftigung dieſer Sache theilte er mir ein Er⸗ heim⸗ eigniß mit, deſſen Urkunden er ſelbſt in dem Archive durch des Götha⸗Hofgerichtes geleſen hatte.““ einem Die Blicke aller Anweſenden waren auf den Onkel Feuer gerichtet, nur nicht Edith's. Jetzt ſtarrte ſie das Feuer an. hören, Sie ſchaute dort zwei luftige Gebilde, die, ſo kam under⸗ es ihr vor, immer mehr und mehr Leben erhielten, je n be⸗ matter der rothe Schein auf den erbleichenden Gluth⸗ r en im haufen ſtel. 4. eines Das eine dieſer Gebilde zeigte ihr Helmer auf den Worte Knieen vor dem Todtenbette ſeiner Mutter, das andere oder: ſitzend an der Seite der ſirenenhaften Hortenſe. ee eine„O, ich muß, ich will wiſſen, ob den Hindeutungen aulich dieſrs Schwätzers irgend etwas Wahres zum Grunde iegt!“ 3 On⸗ Und vertieft in ſolche Gedanken, war es nur Edith's derbſt⸗ Koörper, welcher eine lauſchende Stellung zeigte. Lin⸗ Der Rittmeiſter war die perſoniſicirte Aufmerk⸗ fel famteſt— einer Der Onkel huſtete und fuhr fort: „Es war ſpät in einer Mitternacht, da der Richter ht ge⸗ in der Gegend, wo das Ereigniß ſich zutrug, das Wirths⸗ Unter⸗ haus neben der Gerichtsſtelle erreichte. Da es überall dunkel war, obgleich er wußte, daß man ihn erwartete, 44 ſo hielt er es für abgemacht, daß das Dienſtmädchen„ müde geworden war, länger zu ſitzen; und da er ein dort i guter Mann war, der keinen großen Gefallen daran über! fand, Leute in ihrer Ruhe zu ſtören, ſo beſchloß er, daß e nachdem er durch den Skjutsbauer den Mantelſack auf Endlie die Hausflur hatte tragen laſſen, deſſen Thüren nur mit Li angelehnt waren, ſich auf eigene Hand den Weg in erſt a⸗ das ein für alle Mal ihm beſtimmte Gaſtzimmer zu Kaffee ſuchen. Aber er hatte kaum die Thür des Saales ge⸗ 2 öffnet, als der Gaſtwirth ſelbſt ihm ganz freundlich mit ſagte dem Lichte in der Hand entgegen kam und ihn in ſein und v Schlafgemach geleitete..„ „Nun, Vater!“ ſagte der Richter, den der Anblick ding, des Gaſtwirthes augenblicklich an die wichtige Unter⸗ Mant ſuchung erinnerte, welche am folgenden Tage vorkommen auska ſollte,„habt Ihr noch immer über Britta Lena's Ver⸗ kunft brechen keine Spur gefunden?“ 3 Britta Lena, die ehemals im Wirthshauſe gedient wie er hatte, ſaß eben damals im Gefängniſſe, angeklagt, ihr„ Kind ermordet zu haben; doch ſie läugnete ebenſo eigen⸗ habs ſinnig, daß ſie ein Kind gehabt, als daß ſie es ermor⸗ det hätte.„ „Ja,“ entgegnete der Gaſtwirth,„eben darüber, Saal⸗ Herr Häradshöfding, wollte ich mit Ihnen gllein reden.“ 4 5 „Aha!“ meinte der Richter,„es gibt alſo Beweiſe beinal gegen ſte?“ Härat „Nein, keine ſolche, die durch menſchliche Sprache„ klingen. Wir wollen es aber dennoch verſuchen, eine.„ Entdeckung in der Sache zu verſchaffen; denn ich habe wirth ſicheren Ortes erfahren, daß das Mädchen einem Kinde Zünn das Leben gegeben hat, und daß es unter dem großen Birnbaume hier auf dem Hofe begraben liegt... Doch,“ unterbrach ſich plötzlich der Gaſtwirth,„ich will Ihre Ankunft melden!“ Und damit verſchwand er, ohne, dern, nur dem Gaſte das Licht anzuzünden...“ aus i „Ach, lieber Onkel, was iſt denn das für eine! mers Geſpenſtergeſchichte?“ fiel Olga halb unzufrieden ein f Bank „das Alles iſt ja gar nicht unheimlich!“ meinſ 8 nädchen er ein daran loß er, ack auf en nur Leg in ner zu les ge⸗ ich mit in ſein Anblick Unter⸗ ommen 3 Ver⸗ gedient gt, ihr eigen⸗ ermor⸗ rrüber, feden.“ heweiſe prache „eine h habe Kinde großen h will ohne 3 eins ein— 45 „Geduld, meine Du!... Der Häradshöfding ſaß dort inzwiſchen ſo lange und wartete und dachte nach über dasjenige, was der Gaſtwirth ihm erzählt hatte, daß er beinahe auf dem Stuhle eingeſchlafen wäre. Endlich, ſich darüber wundernd, daß das Mädchen nicht mit Licht hereinkäme, kroch er in das Bett und erwachte erſt am folgenden Morgen, da das Mädchen mit der Kaffeetaſſe vor ihm ſtand. „Ja, Du biſt mir ein unordentliches Mädchen!“ ſagte der Richter,„warum kamſt Du nicht heute Nacht und verſahſt mich mit Licht und etwas Warmem?“ „Das iſt wohl zu entſchuldigen, Herr Häradshöf⸗ ding, da man mich nicht weckte! Hätte ich nicht den Mantelſack in der Hausflur geſehen, da ich heute früh her⸗ auskam, ſo hätte ich noch jetzt nichts von Ihrer An⸗ kunft gewußte. „Da ſchliefſt Du wohl ſehr feſt, als der Gaſtwirth, wie er mir verſprach, Dich rief?“ „Der Gaſtwirth?“ rief das Mädchen aus und wurde anz blaß—„Sie werden ihn doch wohl nicht geſehen aben?“ „Warum denn das nicht?“ Er kam mir ſelbſt im Saale entgegen und führte mich hier herein.“ „Der Gaſtwirth?“ ſchrie das Mädchen, indem ſie beinahe ohnmächtig wurde;„o, wie können der Herr Häradshöfding ein armes Mädchen erſchrecken, und...“ „Was meinſt Du?“ fragte der Richter erſtaunt. „Was ich meine? was anders, als daß der Gaſt⸗ wirth vorgeſtern geſtorben iſt und hier in dem nächſten Zimmer neben dem Saale als Leiche liegt!“ Alle Zuhörer des Onkels gaben nun in einem ge⸗ meinſchaftlichen leiſen„Hu!“ ihren Gefühlen Luft. Der Onkel fuhr fort:„Ohne ein Wort zu erwie⸗ dern, warf der Richter die Kleider an, ging haſtig hin⸗ aus in den Saal und öffnete die Thür des andern Zim⸗ mers— dort lag der Gaſtwirth unbeweglich auf der Bank in das Laken gehüllt. Und in der Nacht hatte er 6” ! 75 doch in ſeinen gewöhnlichen Kleidern und mit ſeiner ge⸗ gehen’ wöhnlichen rothen Mütze auf dem Kopfe den Gaſt ſetzt empfangen! 4 eiſt Der Richter fühlte, wie ſein Blut erſtarrte. Stalle. Gedanken ſpielten um das verbrecheriſche Mädchen und 3 um Dasjenige, was vielleicht innerhalb weniger Stunden lich d entdeckt werden würde. Und da wurde denn auch im„ der That Alles offenbar. Anfangs läugnete die Mör⸗ den 4 derin mit ihrer gewöhnlichen frechen nnd beſtimmten gen k Weiſe; ſobald jedoch der Richter geſagt hatte, er hätte redens Grund, den großen Birnbaum auf dem Hofe unter⸗ fuhr ſuchen zu laſſen, da ſank ihr der Muth, und das Ge⸗ ſehen ſtändniß war ſchon erfolgt, ehe noch der Beweis ihrer nehm verabſcheuungswürdigen Handlung aufgegraben war. bin i Der Onkel ſchwieg; Alle ſaßen einige Augenblicke. ſtill— Jeder fuͤhlte die myſtiſche Spannung, welche entget gewöhnlich auf ähnliche Erzählungen in der Abend⸗ trat, dämmerung ſolgt. Endlich ſagte Mamſell Octavie mit er wungenem ſo lie Lächeln:„Es iſt dennoch nichts Anderes, a8s eine von des. jenen alten, lächerlichen Märchen der Kinderſtube, die wiede man, verſteht ſich, gehörig geſpielt hat.“ ſchuld „Wie? Mamſell?“ rief der Onkel mit einem Tone und einer Miene aus, die genugſam andeuteten, daß es chung ſich nach einer ſolchen Beleidigung der Mühe nicht ver⸗ Hofra lohnte, ihn um noch mehrere eſchichten zu bitten; Kränt „wie können Sie ſo gottlos ſein, den Finger des Herrn demſe zu läugnen?“ bei e „Gunderin zweifelſt Du?“ erſcholl in demſelben funde Augenblicke aus dem andern Zimmer eine Stimme ſo grabähnlich, dumpf und unheimli„ daß faſt die ganze nicht Geſellſchaft erſchrocken aufſprang, während Mamſell Octavie beinahe vom Stuhle geſunken wäre. b Auf den Grafen Hermann aber war der Eindruck löſer ganz entſetzlich. Er ſaß unbeweglich mit aufgeſperrten Augen und Jeſus wilden Blicken da, während ſein ganzer Körper zitzerte. Es war ihm— deſſen Blut ſchon durch die vorher⸗ 47 ier ge⸗ gehende Erzählung in einen allzu heftigen Umlauf ver⸗ Gaſt ſetzt worden war— als hätte er ſeinen alten Plage⸗ ber gehört. Er wartete nur darauf, das Phantom Sehe örperlicht hervortreten zu ſehen. en und Der Eine blickte fragend auf den Andern, bis end⸗ tunden lich der Rittmeiſter fröhlich ausrief: uch in„Nun, meine Herrſchaften! Sie ſehen ja hier Mör⸗ den Herenmeiſter vor Ihren Augen! Zu meinen übri⸗ umten gen kleinen Talenten gehört auch die Kunſt des Bauch⸗ hätte redens. Doch auf Treu und Glauben, Herr Graf!“ unter⸗ fuhr er fort, ſich an dieſen wendend,„hätte ich vorher⸗ s Ge⸗ ſehen können, daß Jemand den Scherz ſo ernſthaft auf⸗ ihrer nehmen würde, ſo wäre er nie gewagt worden. Ich ar. bin in unendlicher Verzweiflung über mein Verſehen!“ ablicke„Das war ein unglücklicher und ärgerlicher Scherz!“ velche entgegnete der Onkel, indem er zu dem Grafen Hermann bend⸗ trat, um ihn zu unterſtützen. Edith aber war ſchon an der andern Seite, und ſo beruhigend war ihr Flüſtern, genem ſo lieblich ſchmeichelnd ihre Stimme, daß die Sinne 2 von des Kranken allmälig ihre gewöhnliche Beherrſchung „ die wieder annahmen. Er war ſogar im Stande, eine Ent⸗ ſchuldigung hervorzubringen. Tone Inzwiſchen war jetzt eine unangenehme Unterbre⸗ aß es qHhung eingetreten, und der Rittmeiſter, welcher von der ver⸗ Hofraͤthin einen Wink über die Nervenſchwäche und itten; Kränklichkeit des Grafen erhielt, betheuerte, daß er in Herrn demſelben verzweifelten Zuſtande wäre, in welchem einſt bei einem Hausverhöre einer ſeiner Soldaten ſich be⸗ elben funden hätte. e ſo„Wie war es denn mit ihm?“ konnte die Hofräthin Zanze nicht unterlaſſen zu fragen. mſell„Als der Paſtor ihn fragte:„Kannſt Du mir ſagen, mein lieber Modig,„wann unſer Herr und Er⸗ druck löſer ſtarb?“ da antwortete der Kerl ganz verblüfft, da er ſich deſſen gar nicht entſinnen konnte:„Ach, Herr duud Jeſus! ich habe nicht einmal gewußt, daß er krank war!“ terte.„Sie ſind mir ein arger Spaßvogel!— ein Glück, rher⸗ daß Onkel Janne nichts gehört hat!“ antwortete die 5 1 48 Hofräthin, indem ſie mit einem Lächeln von ihm trat. Sie ging jetzt, um ſich neben ihren lieben Grafen zu ſetzen, welcher, betrübt über ſeine unfreiwillige Senſibi⸗ lität und bemüht, ſeiner Herrſcherin zu eigen, daß auche er einen feſten Willen hätte, ſich die Pein auferlegte, in dem Geſellſchaftszimmer zu bleiben, wo er ſich gleich⸗ wohl— ausgenommen bei den Sonnenblicken, die Edith zuweilen unter kleinen entſtehenden Gewiſſensbiſſen vor ihm leuchten ließ— ſich eben ſo befand, wie ein Geiſt im Fegfeuer... In dieſer Nacht fand der Graf Hermann wieder keine Ruhe. Der Rittmeiſter ſpukte in ſeiner Einbil⸗ dung und nahm die Geſtalt eines andern, nicht viel weniger verabſcheuten Phantomes, als des alten, an. Der Graf hatte ſehr wohl bemerkt, daß der Ritt⸗ meiſter beim Abendeſſen alle ſeine Kräfte aufgeboten hatte, um Edith zu feſſeln und ihr zu gefallen, und ebenſo hatte er mit ſtiller Verzweiflung gewahrt, daß Edith ihn wenigſtens nicht zurückwies. 4 Zwiſchen alle dieſe Gegenſtände ſchlich ſich das Bild des todten Gaſtwirths mit ſeiner rothen Nachtmütze auf dem Kopfe... „Ja, ohne Zweifel gibt es eine Verbindung zwiſchen den beiden Welten! Doch nur die Auserwählten können dieſe ſchauen. O!“ dachte er weiter,„wer doch ſchon jetzt wußte, was dieſer neue Plagegeiſt ausrichten wird! ird er meinen Frieden morden und begraben?“ Und er plagte und wendete ſich auf ſeinem Lager und vermied die Blicke des aufmerkſamen Nilman; denn dießmal war es kein ſolches Uebel, das er mit⸗ theilen konnte. An dieſem Abende ſchrieb Olga in ein neulich ein⸗ gerichtetes Tagebuch(das des Nachis unter ihrem Kopfe, des Tages in dem innerſten, verborgenen Fache des Nähkaſtens zu ruhen pflegte, um der ſtrengen Nachfor⸗ ſchung der Mamſell Octavie zu entgehen): lich 4 daſſen wenn A meiſter macht an de halb ) welche hinau⸗ Ein 49 „Heute habe ich den erſten Mann geſehen, der wirk⸗ lich Verſtand hat... Es war ein recht kindiſcher und einfältiger Traum, doſſen Held eine gewiſſe unbedeutende Perſon war— mag Hortenſe ihn behalten— mag Edith ihren Mond⸗ ſchein⸗Grafen behalten! Ich weiß einen Mann, der eine Andere ebenſo hoch ſetzt, wie die hochmüthige Edith... ich weiß auch ein Mädchen, das ſich vielleicht eines Tages herabläßt, das Gefühl zu belohnen, welches das Genie zwang, hervorzubrechen. Er war nicht im Geringſten verlegen, als er mit Edith redete: er fühlte nicht das Bedürfniß, ſeine Rede zu ihr mit Poeſie zu endigen. Nachher, als er uns nach der Erzählung des Onkels ſo angenehm und intereſſant ängſtigte, ergriff er eilfertig meine Hand;„Verzeihung, Couſine Olga!“ flüſterte er mit einem Tone, einem Tone... Und welches Fein⸗ gefühl, die Karten zu miſchen, bei Tiſche ſich zu ſtellen, als wäre er nur von Gdith gefeſſelt— der Suße, allzu Süße!— wie er mich beluſtigt! In meinem ganzen Leben habe ich nicht ſo viel gelacht, wie heute! Ach wenn es doch erſt morgen wäre!“ Siebentes Capitel. Ein Selbander. An dem Morgen nach der Präſentation des Ritt⸗ meiſters auf Dagby trafen zwei Umſtände ein, welche machten, daß die Hofräthin trotz ihrer erſten Abneigung an den Vorſchlag dachte, den ihr Gaſt halb im Ernſt, halb im Scherze hingeworfen hatte. Der erſte Umſtand war ein Brief von Helmer, welcher die Zeit ſeiner Rückkehr als ganz unbeſtimmt hinausſchob; der zweite ein ernſthaftes Uebelbefinden, Ein launenhaftes Weib. II. 4 50 das in der Nacht den Statthalter auf das Krankenbett geworfen hatte. Alſo wurde für das Erſte eine kleine hülfreiche Hand von dem dienſtwilligen muntern Mann, der be⸗ wunderungswürdig vortrefflich ein ernſter Herr ſein konnte, wenn dieſes nothwendig war, angenommen; da jedoch mit jedem Tage der Beſchwerden und der Verlegenheiten mehr wurden— denn der Buchhalter war eine von jenen gutmüthigen Ziffern, die nur in der Geſellſchaft mit ihren eigenen Ziffern vorhanden, aber doch an ihrem Platze vortrefflich ſind— kam es endlich dahin, daß der Rittmeiſter, der anfänglich nur jeden zweiten und dritten Tag gekommen war, ſich ordentlich in Hel⸗ mer's Amt inſtallirte. War er aber bewunderungswürdig, der liebe Ritt⸗ meiſter, wegen ſeiner Artigkeit, der gnädigen Tante das Joch von der Schulter zu nehmen, und wegen ſeiner Geſchicklichkeit, auf Dagby den Herrn und Gebieter zu ſpielen, ſo war er es gewiß nicht weniger wegen ſeiner Bemühungen, Alle zu beluſtigen und zu gewinnen. Er war Alles, er that Alles, und Alles paßte ihm, er mochte bei dem Fräulein Edith den Anbeter, bei Olga den Tanzmeiſter und Spielkameraden, bei der unter einer Eiſeskälte ſchmachtenden Octavie den Troubadour, oder bei der ganzen Geſellſchaft den Acteur ſpielen. Er verſchmähte es nicht einmal, bei den Abend⸗ unterhaltungen gewiſſe Thiere nachzuahmen: beſon⸗ ders zum Entzuücken ſpielte er die Fliege und bellte ſo natürlich wie ein Hund, daß Olga's Herz— das, wie wir geſehen, ſchon am erſten Abend ſeiner erſten Neigung untreu geworden war— nach und nach dieſe „kindiſche Neigung“ dem„ſüßen, allzu ſüßen Couſin Abbé“ aufopferte, welcher beſonders in einſamen Augen⸗ blicken zu vergeſſen ſchien, daß Olga erſt im nächſten Jahre confirmirt werden ſollte. 1 Was Sdith betraf, ſo wendete ſie behen den Mt ren ehemaligen meiſter dieſelbe Weiſe an, die ſie bei i Anbetern erprobt hatte— das heißt: ſie machte ihn abhän Zwan 9 Herme wechſe Couſir hande Wahl ſie nie 8 wie n neigt, Edith kam G komm ihrem laſſen mich räum f eines Frage den L à-tél der d „ob unſer ließen prom die 3 einen da, b kenbett ffreiche der be⸗ konnte, jedoch rheiten e von lſchaft an dahin, weiten 1 Hel⸗ Ritt⸗ e das ſeiner ter zu ſeiner ihm, „ bei unter adour, 1. lbend⸗ beſon⸗ bellte das, erſten dieſe vouſin ugen⸗ chſten Riit⸗ lligen ihn 51 abhängig von allen ihren Launen, ohne ſich ſelbſt einen Zwang aufzuerlegen.—. Nicht einmal die melancholiſchen Blicke des Grafen Hermann und die Fieberröthe, die auf ſeinem Geſichte wechſelte, vermochte ſie, den vom Himmel herabgefallenen Couſin abzuweiſen, nein— denn hätte ſie anders ge⸗ handelt, ſo hätte es ausgeſehen, als wenn ſie ſchon eine Wahl getroffen hätte, und um Alles in der Welt wollte ſie nicht, daß Jemand dieſes glauben ſollte. Mit Edith's guten Vorſätzen war es gerade ſo, wie mit dem berühmten Thurme in Piſa, der ſich immer neigt, ohne daß dieſes ſchon Etwas bedeutet. Auch Edith neigte ſich nach einer gewiſſen Seite, weiter aber kam es nicht... Sie ſcheute ſich davor, mit ſich ſelbſt in's Reine zu kommen, ſie ſcheute ſich, zu bekennen, daß ſie ſich von ihrem Mitleiden mit dem Grafen hatte zu weit treiben laſſen— wenn es nämlich nicht noch weiter gehen ſollte. ... Sie ſagte nur:„Wer nicht warten will, bis ich mich beſonnen habe, der hat die Freiheit, das Feld zu räumen!“ „Sagen Sie mir, Herr Rittmeiſter,“ begann ſie eines Tages, nachdem ſie eine Weile über die fatale Frage nachgedacht hatte, welche ihr ſchon ſo lange auf den Lippen lag,„ſagen Sie mir jetzt, da wir uns téete- a-tête befinden,“ und ſie lächelte ſo verführeriſch, daß der Rittmeiſter ſich der Erde beinahe entrückt fühlte, „ob jener Scherz, den Sie ſich vor einiger Zeit über unſere einnehmende Nachbarin, Frau von Y., entfallen ließen, wirklich einigen Grund hat!“ Siie eröffnete das Geſpräch auf einer Vormittags⸗ promenade, da Couſin Abbé ſie begleitete. „Um Alles in der Welt ſtellen Sie mich nicht auf die Zinnen des Tempels, verſuchen Sie mich nicht mit einem ſolchen Lächeln, einem ſolchen Blick— ich ſehe da, beim ganzen Olymp mit der Venus Kn ber Spitze, 52 daß es mir gerade ſo geht, wie„Bichaels“ lieblicher Schweſter, daß ich mein Geheimniß nicht behalten kann.“ „Es iſt ja auch die Abſicht, daß dieſes zu mir über⸗ gehen ſoll. Nun, nur ſchnell, mein Couſin!“ „Ich Unglücklicher, wohin fliehe ich vor dieſem Machtſpruche! Ich fühle, o weh, weh, daß meine Seele ſich in das Faß der Danaiden verwandelt: Alles rinnt hindurch— üben Sie Barmherzigkeit!“ „Nein, das gehört heute nicht zu meiner Laune!“ ſagte Edith lachend. „Heute?“ „Nein, auch morgen nicht: ich habe ein ſtarkes Ver⸗ langen, immer zu gebieten.“— „Beſtes Fräulein, wie können Sie in dem Grade unvorſichtig ſein, dergleichen ſelbſt dem geringſten ihrer Seclaven zu erzählen?“ „Wie ſo?4 „Wenn ich die Königin gewonnen habe(wir ſup⸗ poniren nur, daß dieß geſchieht— es wäre auf keinen Fall mehr, als das achte Wunder der Welt), ſo denke ich, mich nicht an den Spinnrocken ſetzen zu laſſen, wie Omphale es mit Herkules machte.“ „Gut, daß dergleichen rebelliſche Vorſätze ſich bei Zeiten verrathen! Die Königin will nur von Unter⸗ thanen Etwas wiſſen.“ „Und gut, daß ſolche Geſtändniſſe ſo früh gemacht werden! Sien legen ſich gleich einem ſchönen kalten Bade über die heißen Gefühle des Herzens.“ „Gefühle? Wenden Sie auch ſo triviale Redens⸗ arten an?“. „Wenn ich verliebt bin, ſo halte ich es immer für paſſend, dann und wann ein Wort über meine Gefühle fallen zu laſſen. Zwar iſt das Wort mir zuwider, rück⸗ ſichtlich ſeiner lächerlichen Verbindungen mit allen La⸗ n fontaine'ſchen Idyllen, die noch immer geſpielt werden, doch was wollen Sie, daß man thun ſoll? Eine Liebe ohne Gefühle, wäre ja gleich einem Sommer ohne Sonne!“ .„ ein. der ve herabl werth, Anzal ein o der R Ton es nit hinter der S ſeine um ſe ieblicher kan u. 1 ir über⸗ dieſem e Seele 3 rinnt aune!“ es Ver⸗ Grade n ihrer ir ſup⸗ keinen denke n, wie ich bei nter⸗ emacht Bade edens⸗ er für efühle rück⸗ 1 La⸗ erden, Liebe ohne 5³ „Und das würde den Effect ſtören. Ich ſehe das ein. Kann ſich aber ein Mann mit Genie wirklich zu der verkommenen und abgetragenen, kindiſchen Einfalt herablaſſen und verliebt werden 2“ „Ja, ach ja, davon bin ich ein redendes Beiſpiel— o, wenn meine angebetete Couſine nur einen halben Blick in mein Herz zu werfen beliebte.. Ich bin verliebt, ſchrecklich verliebt, zum Sterben verliebt!“ In mich oder in meine Tonnen Gold?“ „In Alles vereinigt, denn eben die Harmonie iſt dasjenige, was die vollendete Schönheit macht.“ „Dieſe göttliche Aufrichtigkeit iſt wenigſtens mehr werth, als zwanzig fade Liebeserklärungen.“ „Ich habe ja geſagt, daß die Aufrichtigkeit zu der Anzahl meiner Tugenden gehört. Ach, wer nur durch ein offenes Spiel Etwas gewönne! Doch— hier fiel der Rittmeiſter plötzlich in einen natülichen Ton, einen Ton voller Ernſt, voll energiſcher Beredſamkeit—„iſt es nicht erbärmlich, daß die Damen im Allgemeinen hinter das Licht Seführt werden wollen, und daß ſie der Stimme der Schmeichelei mehr glauben, als ihrem eigenen geſunden Urtheile, das ihnen ſagen ſollte, wie bezauberd, ja himmliſch ſie ſein mögen, dennoch ihre äußere Stellung ebenfalls auf den Anbeter einen Ein⸗ fluß hat, beſonders wenn er arm iſt? Iſt er reich genug, um lieben zu können, ohne daß er die Oekonomie in ſeine Gefühle zu miſchen braucht— à la bonne heure, um ſo beſſer für ihn! Aber er wird dennoch nicht im Stande ſein, dem Gegenſtande ſeiner Anbetung jene bei weitem tiefere und dauernde Flamme zu beweiſen, welche Liebe und Dankbarkeit in ſich vereinigt. Und glauben Sie mir, Fräulein Edith, der Mann, welcher den Muth hat, dem Mädchen, nach deſſen Hand er ſtrebt, zu geſtehen, daß das erhabenſte Gefüͤhl ſeine Wünſche nicht allein lenkt, der wird auch dankbar, wenn dieſe kühnen Wünſche ſich einſt verwirklichen!“ — Nun konnte dieſes wohl für eines von den aller⸗ 54 vortrefflichſten Spielen des Rittmeiſters glücklicherweiſe war ihm Edith zu klug. Sie durchſchaute jetzt ſeinen ganzen Plan. Sie ſah ein, daß er, der von Andern ihre Sonderbarkeiten ehört, mit Klugheit berechnet hatte, daß die kühnſte Offenherzigkeit eben wegen ihrer Originalität auf ſie anſchlagen und ſie einnehmen müßte; und wäre der Rittmeiſter aufgetreten, ehe Edith ſo reich an Erfahrun geworden war, ſo wäre ihm ſeine Abſicht wahrſcheinlich gelungen. Nun aber lächelte ſie nur auf eine Weiſe, die er unmöglich mißverſtehen konnte, und ſagte darauf ſchnell und kurz:„Nein, jetzt verlieren wir ganz den Faden unſeres Geſpräches! Hortenſe!“ Der Rittmeiſter ſah augenblicklich ein, daß er zu vorſchnell Sturm gelaufen hatte, und lenkte daher ſchnell in einen andern Weg ein:. „Ei, ei, welch ein Stoß für meine Eigenliebe— wenn ich nämlich eine ſolche hätte— hier in alle vier Winde geſchwatzt zu haben, ohne daß es möglich iſt, Sie, mein Fräulein, von ihrem grauſamen Einfalle abzubringen, meine Verſchwiegenheit auf die Probe zu ſetzen! Es ſieht wirklich ſo aus, als müßte ich mich unterwerfen.“. gelten; aber un⸗ „Gut, daß wir ſo weit gekommen ſind!“ fiel Edith mit brennender Wange ein;„Die Neugierde Erbſünde.“ „Und die Schwäche gegen die Befehle der Damen meine Thatſünde.“ „Vortrefflich! Alſo... 2“ „Alſo: da unſer Adonis ſeine Schöne nach Hauſe geführt hatte— natürlich kann ich es nicht übernehmen, zu erzählen, was unterwegs vorftel: das kennen nur die bleichen Sterne!— wurde er zu einem kleinen Souper eingeladen, während ein anderes Fuhrwerk zu ſeine Heimreiſe angeſpannt wurde.“ „Weiter, weiter!“ C. iſt meine 4 das iſt ſehr unartig gegen „Ja, ferner ſoll ſich auf Glanberg ein kleiner, hübſcher 4 2 1 Züge redete nur eit erhielt in der oder f den ſo G „ laſſen Tone, ber un⸗ . Sie arkeiten kühnſte auf ſie re der ahrung heinlich Weiſe, darauf nz den gegen Edith meine amen Hauſe zmen, ur die ouper feeiner ſcher 55 Salon, faſt ganz mit Blumen angefüllt, befinden; in dieſem kleinen Salon wurde ein kleiner Tiſch für zwei Perſonen gedeckt, bei welchem eine kleine, hübſche Wirthin präſidirte. Durch das Augenglas der Phantaſie ſehe ich Alles. Und das ganze Gemälde, eingefaßt, in ſeinem Rahmen von Licht und Blumen, ruft(verſteht ſich ganz wider meinen Willen) das Andenken an jene Petits⸗Maiſons in mir hervor, welche ehemals in Frank⸗ reich die heiligſten Tempel der Liebe waren.“ Eine todtenähnliche Farbe hatte ſich über Edith's Züge verbreitet, und eine ſo ſtolze und kalte Würde redete aus ihrem ganzen Weſen, daß Couſin Abbé, der nur einen einzigen, aber hinlänglich ausdrucksvollen Blick erhielt, ſchnell mit ganz veränderter Stimme fortfuhr: „Verzeihen Sie, gnädigſtes Fräulein Edith, daß ich in der Eile zu einer Vergleichung griff, welche, wahr oder falſch, nie bei dieſer Gelegenheit hätte gemacht wer⸗ den ſollen!“ Edith nickte nur, ohne zu antworten. „Sollten wir nicht jetzt die junge gnädige Frau laſſen?“ ſiel der Rittmeiſter ein, halb beläſtigt von dem Tone, den er einmal angenommen hatte. „Nein, denn gewiß war es etwas mehr!“ „Sehr, ſehr wenig.“ „Wenig oder viel— erzählen Sie nur „Herr Helmer ſoll das fatale Unglück gehabt haben, von einem Uebelbefinden befallen worden zu ſein, ich glaube, es war Schwindel— das war ja doch zu verzeihen— oder etwas Aehnliches. Er wollte gehen, ſank aber ſtatt deſſen halb bewußtlos auf das Sopha ... In dieſem Augenblicke war es, da die boͤſen Augen durch das Schlüſſelloch gewahrten— ein tauſendfältiges Wehe über alle Kammerjungfern!— wie ſich die ſchöne Diana über ihren bleichen Endymion beugte und in der Angſt die Hände rang, ohne den Muth zu haben, zu rufen oder zu klagen. Eben jene böſen Augen ſahen gleich darauf, wie der Held in unſerm Drama erwachte, 14 ſich erhob, um ſich blickte, dann Hals über Kopf aufſprang, 56 der Heldin die Hand ein⸗ oder zehnmal küßte— das wurde nicht gezählt— und endlich hinaus eilte, ſich in den Wagen warf und abfuhr wie eine Rakete. Bin ich jetzt vollſtändig genug geweſen?“ „Vollkommen!“ „Dieß, meine Gnädigſte, heißt ſehr kurz abe efer⸗ tigt für den, der ein Lächeln und wenigſtens zehn Worte zur Belohnung hoffte. Bedenken Sie, Couſine, welche Gewiſſensbiſſe ich mir zugezogen habe, da ich Ihren Willen erfüllte!“ „Mich friert— laſſen Sie uns hinauf eilen!“ Und von dieſem Augenblicke an hatte Edith immer⸗ während Fieberfroſt im Herzen, und dieſer wurde keines⸗ wegs gemindert bei Hortenſe's nächſtem Beſuche und bei dem ſichtlichen Wunſche der kleinen Wittwe, vertraulich mit Edith zu reden. „Ja, nun fehlte es nur noch“— ſagte unſere Hel⸗ din in dem überfließenden Aerger ihres Herzens zu ſich ſelbſt—„daß ich ihre Vertraute würde!“ „Als Hortenſe ſah, daß Edith ſie ſo deutlich und abſichtlich vermied, zog ſie ſich ein wenig beleidigt zurück. Späterhin, bei einem Anfalle von Mißtrauen gegen Hortenſe's Ergießungen anzunehmen! doch da war die junge Frau ſo ſtumm und verſchloſſen, daß Edith ſich ihrerſeits zurückzog, um auf eine paſſendere Weiſe die Zerſtreuung zu ſuchen, deren ſie jetzt ſo ſehr bedurfte. Die Zerſtreuung aber beſtand bloß in Folgendem: Nachdem ſie in den Geſellſchaftszimmern ſich den einen Augenblick mit dem Rittmeiſter luſtig und mit dem Grafen Hermann ſenſibel gezeigt hatte, ſo lag ſie den 1 folgenden weinend auf dem Sopha in ihrem eigenen das ganze Märchen des Rittmeiſters, fiel es Edith ein, 4 Zimmer und betete zu Gott um Muth, dieſem ganzen „dummen Elende“ recht bald ein Ende machen zu 4 können. ſa n ſich in Bin ich bgefer⸗ dere welche Ihren fu 3 mmer⸗ keines⸗ nd bei raulich e Hel⸗ 1 zu ſich h und zurück. gegen h ein, ar die ih ſich iſe die fte. ndem: h den t dem e den genen anzen n zu 57 Achtes Capitel. Ein anderes Selbander. Seit Helmer's Abreiſe war jetzt ein Monat ver⸗ ☛ „Herr Gott, ſie iſt ja nun ſchon einige Wochen todt, und wenn wir nicht den jungen luſtigen Mann, unſern ehrlichen Rittmeiſter, hätten, ſo weiß ich wirklich nicht, wie es gegangen wäre.“ „O, ich denke, mit dem Buchhalter, dem Werkmeiſter und dem Statthalter, der ſo ſchnell wieder geſund wurde, wäre es ſchon gegangen. Jeder hätte ſeine Befehle von Helmer erhalten, und im Nothfall hätte wohl auch ich einigen Nutzen ſtiften können. Kein Menſch wird es dem Manne verdenken, daß er eine kurze Zeit nöthig hat, ſowohl um etwas ruhiger zu werden, als auch den Nachlaß der Mutter in Ordnung zu bringen.“ Wer aber unter der Aegide des Gutmeinens auf eine feine Art die Hofräthin gegen ihren Günſtling in Harniſch brachte, das war der Couſin Abbé, der uner⸗ müdlich und thätig, zu ſeiner Betrübniß und Ueber⸗ raſchung ſo Vieles ungethan fand, daß er nicht recht begreifen konnte, wie es ungethan ſein konnte. Couſin Abbé hatte zwar keine beſtimmte Abſicht, Helmer um e ſeinen Dienſt zu bringen, aber er hatte auch gar nichts dagegen— zu einer paſſenden Einleitung noch höherer Vortheile— die Gunſt der gnädigen Tante allein zu beſitzen, und wo möglich, ſtets als eine Art von Ober⸗ ſteuermann ſowohl uͤber das Eiſenwerk und das Gut, als auch ſelbſt über den Bruksverwalter angeſehen zu werden. Jetzt kam es darauf an, wie er ſeine Karten ſpielen ſollte, um in dem Falle, daß er an dem großen Ziele vorbeiſchöſſe, wenigſtens das kleine zu treffen. Es war ein Vormittag in der Mitte des October. Edith war nach dem Swenstorp gegangen, um für paſſend hielt, die Zeit zu benutzen, da das gnädige Fräulein ſo„gemein beſcheiden“ war, nach dem Kleinen zu ſehen, ſelbſt ſich nach ihren beiden lebhaften Kälbern umzuſehen., So ſaß nun Edith auch Hae allein in dem rein⸗ lichen und freundlichen Stübchen mit dem kleinen Kinde auf dem Schooß. Sie hatte daſſelbe in den Schlaf ge⸗ lullt, und indem große Thränen herabfielen auf die Halskrauſe des Knaben— ſo weiß und fein, wie nur ein kleiner Junker ſie haben konnte, denn das Fräulein nähte ſelbſt ſeine Wäſche und ſeine Kleider— dachte ſte ſo manchen lieblichen Gedanken über die Zeit, da auch ſie ein Weſen haben würde, das ſie lieben, warten und für das ſie leben ſollte. „O, dann, dann,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„dann habe ich aufgehört hin⸗ und herzluwanten, dann weiß ich mit Gewißheit mein Ziel! och bis dahin, bis dahin! Dieſe gegenwärtige Zeit voll ewiger, ver⸗ zehrender Unruhe, dieſe Gewiſſensbiſſe für den Einen, deſſen bittende, fragende Blicke ich bald nicht länger er⸗ ichts erer zu ber⸗ Gut, zu elen iele 59 trage.... Dieſe Pein der Eiferſucht und dieſer tödtliche, peinigende Schmerz, den der Zweite mir zufügt, ohne ſelbſt davon zu träumen.... Beinahe möchte es das Beſte ſein, wenn ich mich, für den Dritten entſchlöſſe. Mit dieſem Manne iſt nichts zu wagen. Er iſt ſchlau. Er hat es verſucht, mich zu begreifen. Er kann leben ohne die Liebe ſeiner Gattin. Der arme Hermann da⸗ gegen will nur Liebe haben.... ihn betrügen wäre wohl anfänglich eine Wohlthat, aber eine Wohlthat, die ſich vielleicht bald genug in ein Verbrechen umwan⸗ deln möchte... O, dieſes Chaos!’“ Sie neigte ſich tief auf das Kind herab. Da wurde die Thüre leiſe geöffnet; doch nicht die Schritte der jungen Mutter näherten ſich. Edith wendete heftig das Haupt. Helmer ſtand vor ihr, bleich und in Trauerkleidern, dher mit einem Ausdruck ruhiger Beherrſchung auf ſeinem ntlitz. S dieſem Augenblicke, bei dieſem ſo unvermutheten Wiederſehen war Helmer in der Wirklichkeit weit ent⸗ fernt, ſich der Ruhe rühmen zu können, die ſein Aeuße⸗ res ſcheinen laſſen wollte; und wenn Edith im Stande geweſen wäre, etwas zu beobachten, ſo würde ſie ge⸗ ſehen haben, daß ſein ganzes Weſen erſchüttert war; ſie würde geſehen haben, daß er zweimal den Verſuch machte zu reden, ohne daß er eine Macht über ſeine Stimme bekommen konnte. Doch Edith wußte nur, daß er da war. Sie hatte ſich erhoben mit dem Kinde in ihren Armen. Sie hatte keine Ahnung davon, wie heilig, wie rein ſie ihm in ihrem mütterlichen Amte erſchien. Sie ahnte es nicht, daß in dem Blicke, den ſie in verſchämter Verwirrung auf ihn heftete, noch die Thränen blitzten. „Fräulein Edith! Verzeihung!... Ich konnte nicht vermuthen....“ „Alſo ſind Sie endlich wieder zu Hauſe, Herr Helmer 2“ „Ich komme eben jetzt an. Aber ich ließ den Wagen 60 voran fahren, um im Vorbeigehen mich nach dem kleinen Weſen umzuſehen, an welchem auch ich einigen Antheil zu haben meine.“ und dennoch ſchlugen Sie es aus, in der Kirche ſein Pathe zu werden?“ „Das that ich— doch dazu hatte ich einen Grund.“ „Und welchen?“ Natürlicher Weiſe konnte Helmer nicht bekennen, daß dieſer Grund in ſeiner inſtinktartigen Furcht be⸗ ſtand, mit ihr, die er ſchon damals fliehen zu müſſen glaubte, in eine ſo vertrauliche Berührung zu kommen. Er antwortete daher nur: „Ich wage es nicht, mein Fräulein, Ihnen zu ſagen, welchen Grund ich zu meiner Weigerung hatte. Doch glauben Sie mir, er war ganz verſchieden von dejenigen, dir Sie abhielt, auf Ramswik Gevatter zu ſtehen.“ Helmer ſagte die letzten Worte ſo ſchnell, daß er keine Zeit hatte, ſie zu erwägen. Gleich darauf aber war er unzufrieden mit ſich ſelbſt, daß er dieſen gefähr⸗ lichen Gegenſtand berührt hatte, und bald bekam er noch mehr Urſache zur Reue, als Edith den Knaben in die Wiege legte und mit unverkennbarer Heftigkeit äußerte: „Herr Helmer! Ich hatte die Abſicht, mich bei Ihnen wegen dieſer Laune zu entſchuldigen, welche ich ſogleich bereute, und ich würde dieſes auch gethan haben, wenn ich Gelegenheit dazu gehabt hätte; als ich jedoch hinaus kam, ſo erfuhr ich von Primus, daß Sie es ganz ritter⸗ lich übernommen hatten, der Kutſcher einer andern Dame zu werden— und wenn man den kleinen Neuigkeiten, welche in der Gegend ihre Runde gemacht haben, Glau⸗ ben beimeſſen darf, ſo haben wir vielleicht bald das Vergnügen, zu gratuliren!“ „Wozu?“ fragte Helmer mit einem ſo veränderten Ausdruck und einem ſolchen faſt ſtrengen Ernſte, daß ſich jetzt Edith ebenfalls unzufrieden fühlte. Ja, ſie er⸗ röthete ſtark darüber, daß ihre eigenen heftigen Gefühle ſie ſo weit gebracht hatten, daß ſie alles Feingefühl, * „ 61 Alles, was man gute Erziehung nennt, verletzt hatte. War dieſes ein Gegenſtand, den man in dem Augen⸗ blick ſeiner Rückkehr verhandeln konnte, ehe ſie noch ein einziges Wort der Theilnahme über den erlittenen Ver⸗ luſt geſagt hatte, deſſen tiefen Einfluß man aus ſeinem Aeußern abnehmen konnte! „Wozu?“ mußte Helmer noch einmal wiederholen, und Edith irrte ſich nicht, als ihr der Ton eiskalt vorkam. „Zu einer guten Partie!“ ſagte ſie endlich mit einem erkünſtelten Lächeln. „In dieſem Falle fürchte ich, daß die ganze Gegend ſich geirrt hat, da weder Frau von Y. noch auch ich etwas davon wiſſen. Mein Gemüth— das kann ich verſichern— iſt üͤberdieß weit entfernt, ſich mit Liebes⸗ angelegenheiten und mit Heirathen zu beſchäftigen.“ „Ich glaube,“ ſagte Edith— jetzt unter dem Ein⸗ fluſſe einer andern Macht, einem Gefühl von Glückſelig⸗ keit, von Gewt heit, von Triumph über die arme Hor⸗ tenſe, denn in Helmer's Worten lag eine ſolche Beſtimmt⸗ heit, daß kein Zweifel übrig blieb—„ich glaube, es war unrecht, dieſes Gerüchtes zu erwähnen, beſonders in dieſem Augenblicke, und ich begreife um ſo weniger, wie es kam, da mir ganz andere Worte auf den Lippen ſchwebten. Ich wollte nämlich etwas ſagen von meiner herzlichen Theilnahme an ihrem tiefen Schmerze— viel⸗ leicht aber wird dieſe Theilnahme verſchmäht, weil ſie von einer Fremden kommt?“ Bei den letzten Worten war ihre Stimme, ja ihr ganzes Weſen ſo vollkommen umgewandelt, daß Helmer, als er die dargereichte Hand entgegen nahm, welche ſie ihm mit einem melancholiſchen und lieblichen Lächeln reichte, ſich eines Schauders des ſeligſten Entzückens nicht erwehren konnte. Aber ſchon in dem darauf folgenden Augenblicke ließ er dieſe Hand los, ohne ſie an ſeine Lippen geführt zu haben. Hiezu aber bedurfte er einer Anſtrengung, die nur ihr Gegengewicht in ſeiner bergfeſten Ueberzeu⸗ gung finden konnte, daß die Kenntniß von dem wirklichen 62 Zuſtande ſeines Herzens bei Edith gleich nach dem flüch⸗ tigen Triumphe nichts Anderes erwecken würde, als eine ſtolze Verachtung; und es mochte koſten was es wollte, dieſen Triumph ſollte Edith nicht haben. Seine Antwort war achtungsvoll, aber in den ge⸗ wöhnlichen Formen des Herkommens. Edith fühlte ſich, ſie wußte nicht weßhalb, tief ver⸗ letzt, unglücklicher, unruhiger als jemals. „Wenn er mich auch wirklich liebt,“ dachte ſie,„ſo ſteht er ſelbſt deutlich ſeinen eigenen niedrigen Stand⸗ punkt ein und hat nicht einmal ſo viel Muth, als zu dem Verſuche erforderlich iſt, ſich mir zu nähern.... Armer Mann! einen ſo vermeſſenen Traum hat er noch niemals geträumt!“ 3 Die Ankunft der Frau machte der Verlegenheit Beider ein Ende. Still wanderten ſie neben einander den Weg nach dem Hofe. Wunderlich genug war in dieſem Augenblick Edith's bitterſtes Gefühl, die Gewißheit von Helmer's Unbedeut⸗ ſamkeit in ſeinen eigenen Augen, etwas, das ſie als ausgemacht anſah, und das ſie eben darum kränkte, weil es ſie ſelbſt in ihren eigenen noch tiefer herabſetzte... O, welche Schande, welche verabſcheuungswürdige Schwäche, für einen Mann zu ſeufzen, der ſogar nicht einmal in der Einbildung zu ihr aufblickte!“ Was würde ſie geſagt haben, unſer ſtolzes Fräulein, wenn ſie den wirklichen Grund eingeſehen, wenn ſie ge⸗ wußt hätte, daß Helmer ſehr gut fuͤhlte, ſowohl daß er ſelbſt liebte, als auch daß er wieder geliebt wurde, daß es ihm aber dennoch gar nicht angelegen war, ſie zu ſeiner Gattin zu erhalten, nicht darum, weil er es nicht wagte ſich zu ihr zu erheben, ſondern darum, weil er bedauerte, daß ſie mit ihrem fluchtigen Herzen, mit ihrer ewigen Flatterhaftigkeit ſich nie zu ihm würde erheben können, denn er forderte tiefe und ernſte Gefühle bei derjenigen, die ihn durch das Leben begleiten ſollte. 63— Sie waren noch nicht weit gegangen, als der Ritt⸗ meiſter ihnen entgegen kam. „Was hat das zu bedeuten, ſchöne Couſine? Ein anderer Ritter als ich, und noch obendrein Ritter einer Andern! Ich ſchwöre es bei den Schatten der Unter⸗ welt: Endymion iſt zurückgekehrt! Präſentiren Sie mich, beſte Couſine!“ „Herr Helmer— Rittmeiſter von Linden, auch be⸗ kannt unter der vertraulicheren Benennung Couſin Abbé, gegenwärtig vicarirend in dem Amte des Herrn Bruks⸗ verwalters, ſo wie in einer ganzen Menge anderer Aemter,“ Helmer verbeugte ſich mit einer Miene kalten Stolzes, welche Edith frappirte und die angenehme Naſeweisheit des Rittmeiſters in gehörigen Schranken hielt. Darauf ſagte er mit Artigkeit: „Ich wünſche mir Glück, daß ich ſehe, wie mein Platz mehr denn als erſetzt iſt, und ich wünſche Dagby Glück zu einer ſo wichtigen Verſtärkung. Ich meinte, Fräulein, Sie ſagten etwas von einer Couſinage?“ „Ja, Couſinage bis auf Weiteres!“ fiel der Ritt⸗ meiſter lachend ein.„Noch ſind wir nicht bis zu der Frage von Mariage gekommen. Doch, nicht wahr, Fräulein, ich habe die Erlaubniß erhalten, eines Tages darüber meine Vorſchläge vorzulegen?“ „Ja wohl, wenn es nur zu einer Zeit geſchieht, da ich bei Laune bin, mich zu beluſtigen, ſonſt betheure ich, daß der Couſin Abbé einen Korb erhält, und bei einem ſolchen Mißgeſchick muß wohl ein nur einiger⸗ maßen romantiſcher Liebhaber ſeine Zuflucht zu Gift oder Dolch nehmen— welches von beiden würde nach ihrer Meinung den beſten Effect machen?“ „Ich bitte um Verzeihung, Fräulein,“ ſiel Helmer ein,„wenn ich mir die Freiheit nehme, Sie zu ver⸗ laſſen; da Sie ſich aber in ſo angenehmer Geſellſchaft befinden, ſo hoffe ich leicht eine Entſchuldigung für meinen Wunſch zu finden, ſobald wie nur immer möglich der gnädigen Frau meine Aufwartung machen zu dürfen.“ 64 Und Helmer eilte hinweg. „Der Henker, ich bin ganz verwirrt über die ari⸗ ſtokratiſche Tournüre unſeres Helden! Auf meine Ehre, ſehe ich nicht ſelbſt aus, als könnte ich mit Vortheil ſeinen Bedienten ſpielen, wenn wir eine kleine ange⸗ nehme Komödie aufführen würden, zum Beiſpiel„Don Ranudo de Colibrados“, wenn wir nicht ſtatt derſelben Dagby mit dem bekannten Drama des ſeligen Kotzebue: „Armuth und Cdelſinn“ illuſtriren wollen. Doch, bei meiner Ehre, der Kerl iſt ſuperb!“* „Ja, ich glaube beinahe!“ ſagte Edith nachläſſig. Neuntes Capitel. Großer RNapport. „Wie ſteht's Primus, mein Junge?“ fragte Onkel Janne, nachdem er ſeit einigen Tagen bemerkt hatte, daß die kleine gerade Geſtalt des„Däumlings“ gleich⸗ ſam unter der Laſt gewiſſer Bekümmerniſſe zuſammen⸗ ſank, und wie ſein breites, gutmüthiges Geſicht, das gewöhnlich hell wie der Vollmond glänzte, ſich jetzt fort⸗ während verfinſtert wie der Neumond zeigte, während ſich dann und wann ein Seufzer über ſeine Lippen bahnte. „Mit mir iſt es nicht anders, Herr, als daß ich denke, Sie werden wohl bald die Mühe haben, mich be⸗ raben zu laſſen, wenn wir noch länger hier in dieſer Löwengrube bleiben.“ b „Was ſagſt Du da? Dich hat ja doch Dagby immer ſo entzückt!“ „Entzückt, ja den Henker auch!.... Nein, lieber Herr, wenn ich das geſagt habe, ſo habe ich geträumt. Doch ſehen Sie, wenn Einer verrückt iſt, ſo träumt man ſo viel Hokuspokus, wofür man nicht einſtehen will, zu ſ iſt ſo Kopf Es Kopf Sie 1 eine dünkt werd Du nur wollt zum Stieg in m lieber ich ſ ſo do zuſan ſchäͤn bin, dieſer agby ieber umt. iumt ehen 6⁵ will, wenn man wieder zu ſeinem rechten Verſtand und u ſeiner guten Beſinnung kommt. Ho, hol.... es iſt ſo ſchwer zu leben!“ „Du haſt wohl wieder irgendwis Liebeszeug in den Kopf bekommen, Du kleine Krabbe?“ „Ja, Herr, Sie ſind in ſolchen Dingen erfahren! Es wäre keine Noth, wenn das Teufelszeug nur im Kopfe ſäße; aber ſehen Sie, das Herz, das Herz! Haben Sie nie ein Gefühl davon gehabt, Herr?“ „Ja, Gott ſei Lob und Dank, jeden Tag; doch eine Liebespein habe ich niemals gehabt, und mich dünkt, mein lieber Primus, Du könnteſt auch wohl fertig werden, ohne Dich zu einem Narren zu machen; denn Du verſtehſt wohl, armer Junge, daß die Mädchen Dich nur zum Beſten haben.“ „Das Wort ſagten Sie, Herr! Einem Andern wollte ich es nicht rathen, ſo mit mir zu reden! Mich zum Beſten haben, mich, der ſo ſchlau iſt, daß eine Stiege ſolcher Köpfe, wie der dumme Jonsſon einen hat, in meinem Kopfe Platz finden könnten! Nein, mein lieber Herr, ich bin nicht der Mann, der ſich ſtoßen läßt: ich ſtoße wieder, wenn auch nicht mit den Ellenbogen, ſo doch mit Worten. Es iſt eine ſchöne Sache, Worte zuſammenfügen zu können, ſo daß es geht wie geſchmiert.“ ch„Du ſollteſt Dich wirklich uͤber eine ſolche Eitelkeit ämen!“ 3 „Es iſt keine Eitelkeit, Herr! Ich weiß, wer ich bin, und meine, daß derjenige, welcher in Huſarenuni⸗ form auf dem Rücken eines Bären geſeſſen, und die Leute hei und hurrah hut ſchreien hören, ſich wohl mit Einem meſſen kann, der nur auf dem Pferderücken oder Kutſchbock gehangen und nie etwas Anderes gehört hat als„fahr hierhin, fahr dorthin!“ Doch das iſt einerlei — kommen wir nur erſt weg von hier, ſo erhole ich mich wohl auch von dem Schlage, denn ein Menſch muß ſo Vieles leiden.“ „Was haſt Du denn jetzt für einen Schlag erhalten?“ „Zwingen Sie mich nicht, Herr, es Ihnen zu ſagen!“ Ein launenhaftes Weib. II. 5 66 Und nun begann Primus zu ſchluchzen. Aller Stolz war verſchwunden.„Sie..(Lotta meine ich).. heira⸗ thet im nächſten Frühling den Jonsſon. Das iſt ſchon ganz abgemacht. Sie haben mit der gnädigen Frau geredet!“ glaube wohl, daß Deine Gefühle ſo bitter ſind, wie ein Menſch ſie haben kann, aber laß das keinen Menſchen merken, und beruhige Dich! Ich denke mich hier durch nichts lange mehr halten zu laſſen, und ſobald nir in Grandalen Weihnachten gehalten haben, begeben wir uns auf eine lange Reiſe. Da bekommſt Du viele Zer⸗ ſtreuungen und viele andere Gedanken, und kannſt Dir ⸗ Muth in die Bruſt ſchaffen.“ „Dank, Herr, herzlichen Dank für die Freundlich⸗ keit! Es iſt mir faſt, als wäre mir ſchon ein wenig leichter zu Muthe! Herr Gott, wie ſchön iſt es doch, einen guten Herrn zu haben! Ja, ich wollte um Alles in der Welt nicht den Tag erleben, da mein Herr ein⸗ geſcharrt würde. Was ſollten Murre und ich denn noch auf der ſchwarzen Erde anfangen?.... Dieſe lange Reiſe, auf die ich mich ſchon ſo lange gefreut habe?.. Ach Gott! Laſſen Sie mich Ihre Hand küſſen, Herr!“ „Narr, laß mich in Ruhe!“ „Ja, und Lotta ſoll auch in Ruhe bleiben— es freute mich doch, daß ſie ſich vor Nilman vergebens ab⸗ mühte! In dem reinen Aerger darüber gab ſie Jons⸗ ſon ihr Ja.... Aber ich hoffe, es wird nicht viele Freude herauskommen!“ „Fi, Junge! Biſt Du in ſo vielen Jahren mit mir gewandert, und hegſt dennoch Wünſche von Rache, wenn es Dir nicht nach Wunſch geht? Laß mich nicht glauben, daß Du ſolche Bosheit in Deinem Herzen trägſt!“„.— „O, Herr, ſo übel war es nicht gemeint! Nein, das war es nicht... Doch um nun von etwas Ande⸗ rem zu reden, Herr, was meinen Sie von dem neuen Herrn hier auf Dagby?“ „O, Du armer Junge, gib Dich zufrieden! Ich den; laub miſch Sie ſchon rede⸗ Trep Pute kam die und Luſti will es n ſchle 67 Stolz„Wer ſollte das ſein, Du Naſeweis?“ heira⸗„Nun, Herr, wiſſen Sie nicht einmal, daß er es ſchon iſt, der wie vom Monde herabgefallen kam? Geſtern Frau ging es luſtig her zwiſchen ihm und dem Bruksverwalter. „Wollen Sie's hören?“ Ich„Immer weißt Du ſoviel zu klatſchen!“ pie ein*„Als ob Sie nicht oft genug darüber geſchmunzelt nſchen hätten! Uebrigens ging es ſo zu, daß der Bruksver⸗ durch walter ganz roth im Geſichte auf den Rittmeiſter zukam, vir in dem er auf dem Hofe begegnete.„Ich wollte fragen,“ Mnwir ſagte er, und Sie können glauben, Herr, daß er eine e Zer⸗ Miene dabei aufſetzte, die gewiß nicht honigſüß war, t Dir„wie Sie, Herr Rittmeiſter zu dem Verſehen gekommen ſind“— war es nicht recht ſchlau, Herr, daß er es ein nlich⸗ Verſehen nannte?—„den Befehl zu ändern, den ich wenig hinſichtlich des Ausrodens gegeben hatte?“—„das ge⸗ doch, ſchah nicht aus Verſehen,“ entgegnete der Rittmeiſter, Alles ſah aber ſehr verlegen aus;„die Hofräthin wollte mehr r ein⸗ Leute bei dem Steinſetzen im Gartenteiche haben.“— nnoch,„Wenn die Hofräthin Veränderungen vorzuſchlagen hat,“ lange meinte da der Verwalter,“ ſo mag ſie ſich an mich wen⸗ be?. den; doch ſo lange ich hier als der Regierende bin, ſo er⸗ rr laube ich es keinem Andern, ſich in meine Geſchäfte zu miſchen!“ Und damit ging er ſeines Weges; doch, Herr, — es Sie dürfen nicht glauben, daß der Schmaus damit s ab⸗ ſchon zu Ende war.“„ Jons⸗„Willſt Du nicht erſt Athem ſchöpfen?“ viele„O, Herr, wie Sie ſcherzen können!... Aber ich rede wohl doch. Der Rittmeiſter flatterte ſogleich die mit Treppe hinauf. Und ſo aufgeblaſen ſah er aus wie ein rache, Puterhahn, der den ganzen Fächer ausgebreitet hat. Er nicht kam wie ein Pfeil in das Zimmer hereingeſchoſſen, wo eerzen die gnädige Frau und die Fräulein in aller Ruhe ſaßen, und da er ſie zu Geſicht bekam, ſo geberdete er ſich vor Luſtigkeit wie verrückt, und nun legte er los damit— ich will es nicht einmal verſuchen ihm nachzuahmen; denn es war auf eine doppelte Art und obendrein auf eine ſchlechte Art— daß der Verwalter gewagt hatte⸗ etwas 68 ſo vortrefflich Luſtiges zu ſagen: er hätte geſagt, daß kein Menſch das Recht hätte, auf Dagby Befehle zu ertheilen, ſo lange er dort wäre.“ „Wo warſt Du, mein lieber Primus, als Du das Alles hörteſt? Unmöglich konnteſt Du doch auf dem Hofe ſein?“ wendete der Onkel ein. „O nein, Herr, doch das ſage ich hernach.... jetzt fahren wir fort hiermit!„Sagte er wirklich ſo?“ fragte die gnädige Frau und wurde bleich um den Mund. Darauf ließ ſie ſogleich einen expreſſen Boten an Herrn Helmer abgehen, der ihr hurtig und dreiſt unter die Au⸗ gen trat.“ „Nun, da Du doch einmal mit dem Erzählen in der Fahrt biſt, ſo wärezes wohl luſtig zu hören, was die Schwaͤerin nun verlauten ließ.“ „Erſt ſchwieg ſie einige Augenblicke, heftete aber auf Herrn Helmer ein Paar Augen, ſo groß und blank, wie die Knöpfe an Ihrem braunen Frack. Ich ſah auch, daß Fräulein Edith wirklich traurig war; ſie ging an das Fenſter und ſtellte ſich, als ob ſie hinaus ſähe. Darauf ſagte die gnädige Frau und nahm den Mund ſo voll, als ob die Konigin ſelbſt geredet hätte. Ich weiß nicht,“ ſagte ſie,„ob Sie, Herr Bruksverwalter, nicht Ihre Macht ein wenig zu weit ausdehnen, da Sie meine Befehle tadeln!““ Der Onkel murmelte etwas zwiſchen den Zähnen, und Primus verſtand, daß er fortfahren könnte: „Gnädige Frau!“ antwortete der Bruksverwalter, „ich habe geſagt, wenn Sie eine Veränderung vorzu⸗ ſchlagen haben, ſo mögen Sie ſich an mich wenden und an keinen Andern; dieſes wiederhole ich, denn ſo lange ich dem mir anvertrauten Amte vorſtehe, werde ich dieſes auch mit keinem Menſchen theilen.““ „Weiter!“ „Herr Helmer!“ ſagte die gnädige Frau und wurde roth wie Blut im Geſicht,„dieß iſt das erſte Mal, da eine Unannehmlichkeit entſteht— das thut mir leid. „Mir ebenfalls,“ ſagte er,„doch ſo gewiß es das erſte Mal denn, Ihre zum d verber mich zimme fuhr.“ Tage ſehr ſ freund Fräul auch i nicht wie ei Dritte Dagbe weiß denkt.“ der An wik ka obgleie bekomn derjeni gar N. — 69 Mal iſt, hoffe ich auch, daß es das letzte ſein wird, denn, gnädige Frau, erhalten Sie noch einmal Grund, Ihre Unzufriedenheit zu erklären, ſo geſchieht es nicht zum dritten Male, das kann ich verſichern!“ und damit verbeugte er ſich und ging ſo eilfertig hinaus, daß er mich beinahe umgeſtoßen hätte, als ich dort im Vor⸗ zimmer ſtand und nach dem Ofen ſah.“ „Ich fürchte, Du ſtandeſt eher am Schlüſſelloche! doch nun verſtehe ich, daß wegen dieſer Geſchichte der Rittmeiſter geſtern Abend ſo eilfertig nach Ramswik uhr.“ inh„Ja, ja, der arme Graf wird nun wohl auf einige Tage von ihm befreit ſein. Herr Gott, es iſt allzu ſehr ſchade um den Grafen! Er nickt mir immer ſo freundlich zu, ſo oft er mich trifft— und das ſage ich, Fräulein Edith, ein ſolcher Engel des Himmels ſie ſonſt auch iſt, hat nimmermehr gut gegen ihn gehandelt!“ „Still! kein Wort uͤber dieſe Sache!“ „Nein, behüte! Ich kann ſchweigen... Ich ſage nicht einmal etwas davon, daß das Fräulein ebenſo gut wie ein Anderer an Herzensqualen leidet, und wie ein Dritter und Vierter dazu, denn von der Art iſt auf Dagby kein Mangel, kann ich wohl ſehen.“ „Was haſt Du nun wieder aufgeſiſcht? So viel veif ich, daß Edith an keinen Menſchen beſonders denkt.“ „Ja wohl, das thut ſie doch! Ich habe ſie ſo in der Angſt geſehen in jener Nacht, da wir von Rams⸗ wik kamen, daß ich weiß, wo der Schuh klemmt. Und obgleich er wohl einſieht, daß er ſie niemals auf Erden bekommen kann, ſo bin ich dennoch überzeugt, daß er derjenige iſt, der ihr am beſten paßt.“ „Wen meinſt Du in des Himmels Namen? Du machſt mich zum erſten Male wirklich nelgierig!“ 1„O, Herr, ſind Sie denn ſo blind, daß Lie ſelbſt gar Nichts merken?“ 1 „Nein, ich habe nichts gemerkt, außer daß ſie ſegen den Grafen veränderlicher geworden iſt. Ich glaube 1 70 gleichwohl nicht, daß der Rittmeiſter daran den geringſten Theil hat.“ „Nein, doch der Verwalter.“ „Biſt Du raſend? Helmer?... Er...2“ Jetzt aber ging plötzlich ein Licht in der Seele des Onkels auf. O, dieſer ſonderbare und übertriebene: Widerwillen, konnte der nicht erkünſtelt ſein, um andere Gefühle zu bemänteln?„Armes Kind!“ ſeufzte der Alte in ſeinem Herzen, Verwirrungen ohne alles End.. doch Er.. hm.. hm.. ja, wo habe ich meine Augen gehabt? Habe ich nicht ſo oft geſehen, daß er mit ſonderbaren Blicken ihre flüchtigen Gunſtbeweiſe gegen den Grafen Hermann betrachtet hat? Und habe ich nicht eben jetzt während der acht Tage, da er zu Hauſe geweſen iſt, geſehen, daße erröthet und erbleicht iſt bei den koketten Streichen, die ſie mit dem Tanzmeiſter Linden vorgehabt hat!“ Der Onkel wollte weiter keine Frage an Primus „iſt das wahr, dann gibt es hier richten, der wirklich ſeit der Reiſe zur Taufe ſehr klug geworden war und ſowohl auf der Hin⸗ als auch auf der Rückreiſe mehrere Entdeckungen gemacht und über⸗ dieß ſeine langen Ohren offen gehabt hatte in Betreff Desjenigen, was auf Ramswik vorgefallen war. Der Alte beſchloß lieber offen mit Edith zu reden, und das noch an dieſem Abende, da der Rittmeiſter bei ſeinen Verwandten, Helmer in einer Angelegenheit für die Hof⸗ räthin bei dem Ting, und der Graf, wie der Onkel ver⸗ muthete, in ſeinem Zimmer war; denn er hatte ſich ſeit mehreren Tagen nicht wohl befunden und ſich heute nicht einmal beim Mittageſſen gezeigt. Unſer Ehren⸗Onkel ging ſogleich hinauf, in der Abſicht, Edith hauptſächlich Folgendes zu ſagen: „Meine Du, wenn Du von Herzen liebſt und näm⸗ lich Deine Liebe ernſtlich iſt und die Prüfungen zu be⸗ ſtehen vermag, die Deiner erwarten, ſo ziehe dieſes Glück jedem andern vor; denn, Kind, es iſt beſſer das Herz zu befriedigen, als den Hochmuth und die Eitel⸗ keit.” 8 — Uebe ihm Jan Men Edit und entge als Edit Wie bewe⸗ Selb hatte durch und er ſie konnt u be duße ſtritte warte den, im S ingſten ele des riebene andere er Alte s hier hm.. abe ich Blicken rmann ährend eſehen, eichen, 14 rimus r klug ch auf über⸗ Betreff Der d das ſeinen Hof⸗ lver⸗ h ſeit heute n der nän⸗ u be⸗ dieſes r das Eha. 71 „Iſt aber jemals in ſeinem Leben ein Menſch einer Ueberraſchung ausgeſetzt geweſen, einer Ueberraſchung, die ihm Sprache und Muth geraubt hat, ſo war es Onkel Janne, als er durch den Salon, in welchem er keinen Menſchen fand, in die Gemäldegallerie trat, woſelbſt Edith ſich oft aufzuhalten pflegte. Welches neue Gemälde erblickte er hier! Den Grafen Hermann auf dem Sopha ſitzend, und Edith in ſeinen Armen; und wer kommt dem Onkel entgegen und ſchließt ihn in die Arme? Niemand anders als ſeine Schwägerin, welche eifrig ausruft: G „Welche frohe, welche unvergleichliche Neuigkeit!... Edith iſt Braut!“ Zehntes Capitel. Wie ein launenhaftes Weib Braut werden kann. Mit einer in ſo hohem Grade heftigen Gemüths⸗ bewegung, daß ſie ihre ganze bisher ſo wenig geprüfte Selbſtbeherrſchung aufbieten mußte, um ſie zu verbergen, hatte Edith dem Auftritte beigewohnt, den auch Primus durch die nur angelehnte Thür zwiſchen dem Vorzimmer und dem Saale mit angeſehen hatte. Der kleine Hausſpion hatte erſt auf dem Hofe, wo er ſich umhertrieb, die eine Abtheilung gehört, und er konnte es daher unmöglich verſäumen, ſein Wiſſen noch 8 bertichen, und folgte daher dem Rittmeiſter auf dem uße nach. e war nämlich immer derjenige, welcher das unbe⸗ ſtrittene Recht hatte, des Feuers im Vorzimmer zu warten. In dem Augenblicke, da Helmer beim Hinausgehen den„Däumling“ beinahe umgeworfen hätte, und dieſer im Schrecken ſich durch die andere Thür zurückzog, weß⸗ 8 72 halb ihm auch das Ende dieſes häuslichen Drama's kar unbekannt blieb, hatte Edith's Bruſt, ſchwellend vor no Aerger und Stolz, das Jdol ihrer Phantaſie in dieſer mü zu gleicher Zeit erniedrigenden und befehlenden Lage zu iſt ſehen, für nichts Anderes länger Raum, als für dieſe an Gefühle. Der Aerger wurde inzwiſchen überwiegend und nicht weniger gegen ihre Mutter, als gegen den die improviſirten Couſin gerichtet. mi Edith dachte nicht länger an die Rolle des Hoch⸗ Du muthes und der Gleichgültigkeit, welche ſie bis jetzt ge⸗ ma ſpielt hatte, dachte nicht länger an das verſchämte Zart⸗ gib gefühl des Weibes, das, wenn es vertheidigt, ſanftere. Worte finden muß, dachte ſogar nicht länger an ihr kei töchterliches Verhältniß, ſondern wendete ſich bei dem Gelächter, das zu gleicher Zeit von den Lippen der Hof⸗ we räthin, Olga's und des Rittmeiſters ausbrach, ſchnell ſtel von dem Fenſter hinweg und fragte mit Augen, von for denen man wirklich ſagen konnte, daß ſie funkelten, was hal denn eigentlich dieſe allgemeine Munterkeit hervorriefe. me „Und darnach fragen Sie, Fräulein?“ antwortete mü⸗ der Rittmeiſter, indem er die Larve eines lachſüchtigen ſich Geſellſchaftsmannes wegwarf und ſchnell, ſo gut er es Ve vermochte, Helmer's Weiſe und Haltung annahm.... Hierauf eilte er an den Platz dicht bei der Thür, den † mi dieſer eben verlaſſen hatte, und begann Helmer's Worte ſo zu citiren und ſeine Geberden nachzumachen, und das ein mit einem Glücke, daß er noch einmal Alle zum Lachen aut brachte, außer Edith und Mamſell Octavie. err Die Letztgenannte hatte ſich kalt und verſchloſſen in jen einen andern Theil des Zimmers urückgezogen. we „Iſt denn wohl nicht dieſe ehe Attitude, welche an me die Ruhe der Antike erinnert, und dieſe impoſante Würde, die die bei einem kleinen Bruksverwalter ſo lächerlich iſt, ein ihr würdiger Gegenfland, auf den Lippen meiner ſchönen 1 Couſine ein Lächeln hervorzurufen?“ fragte der Ritt⸗ lich meiſter, indem er ſein eigenes Weſen wieder annahm. und „Ja wohl, ich lächle ja auch— ob aus Mitgefühl ich bei einer lächerlichen Sache oder aus Mitleiden, das* 1 3 8 ama's d vor dieſer ge zu dieſe egend 4 n den Hoch⸗ zt ge⸗ Zart⸗ nftere n ihr dem Hof⸗ hnell von was riefe. ortete tigen er es den Vorte das ichen n in e an ürde, „ein nen Ritt⸗ n.— fühl 73 kann hier einerlei ſein; denn Sie ſind wederer erſte noch auch der letzte Schauſpieler, der unter ſeiner Be⸗ mühung, einen Adel wieder zu geben, der allzu einfach iſt, als daß er ſich nachahmen ließe, das Mitleiden anſtatt des bloßen Lächelns hervorruft.“ „Edith! was iſt das wieder für ein neuer Einfall?“ fragte die Hofräthin erſtaunt.„So oft Du auch Deine Freunde mit einer Veränderung Deines Geſchmackes überraſchſt, Du wirſt doch wohl ebenſo gut wie wir einſehen, wenn man nicht über die Air lachen wollte, die Helmer ſich gibt, ſo wäre man gezwungen, ſich darüber zu ärgern.“ „Oder auch ſich zu ſchämen... denn es gibt ja keine Sache, die nicht wenigſtens drei Seiten hat.“ „O, nein, liebe Edith!“ fiel die Hofräthin ein, welche ihre beſonderen Gründe hatte, ſie nicht zu ver⸗ ſtehen,„dazu würde ein weit intimeres Verhältniß er⸗ forderlich ſein: eine Mutter, eine Schweſter, eine Gattin haben Grund und Recht, ſich für ihre Nächſten zu ſchä⸗ men, wenn dieſe zu einer ſolchen niederſchlagenden Ge⸗ müthsſtimmung Anlaß geben; doch eine Herrin ärgert ſich oder lacht auch nur über eine ſchlecht angewendete Vermeſſenheit ihrer Untergebenen.“ „Der letzte Zuſatz, liebe Mutter, beweiſt, daß Du M mich gar nicht verſtanden haſt. Da ich„ſchämen“ ſagte, ſo glaubte ich nicht, wenn Herr Helmer eine Mutter, eine Schweſter oder eine Gattin gehabt hätte, daß dieſe aus einem andern Grunde, als aus Mitgefühl für ihn erröthet ſein würde. Dagegen glaubte ich, daß die⸗ jenigen, welche ihn in das Verhältniß verſetzt haben, in welchem er vor einem Augenblicke hier ſtand, ſich ſchä⸗ men müßten bei der männlichen Sprache, mit welcher er die Bemühungen zurückwies, welche man machte, um ihn zu demüthigen und herabzuſetzen.“ „Herabzuſetzen? Was meinſt Du mit einem ſo lächer⸗ lichen Ausdruck? Ich kann nicht herabſetzen, was an und für ſich ſelbſt ſchon hinlänglich herabgeſetzt iſt, aber 3 ich kann den Hochmuth eines Menſchen, welcher von das . 4 74 mir abhängig iſt, dadurch niederdrücken, daß ich ihn brodlos mache. Er kann ſich in Acht nehmen!“ „Doch,“ entgegnete Edith mit erbleichter Wange und indem ein Zittern ihren Körper bewegte, wie der Wind das Laub leicht und wogig in Bewegung ſetzt, ehe der Sturm ausbricht,„doch wäre das vielleicht nicht die rechte Art, den Hochmuth der Herrſchbegierde zu befriedigen; der Brodloſe könnte dadurch mehr Brod bekommen, als er bisher gehabt hat!“ Zwei Blicke, die ſich von den beiden Seiten des Saales her kreuzten, die der Hofräthin und der Mamſell Octavie, liehen bei einander im Vorbeifahren Feuer, und der Schein, welcher dabei in die Seele der Hofräthin fiel, war ſo klar, daß er ſie die verſchmähte Warnung der Mamſell Octavie in einem ganz andern Lichte als bisher ſehen ließ. Edith's Worte, Stellung und Geberde, vor allem Andern der energiſche, beinahe trotzende Ausdruck in ihrem ſchönen Geſichte, das Feſte in ihrem Tone ſagten der in ihrer gränzenloſen Beſtürzung beinahe rathloſen Mutter, daß der nächſte Ausdruck ihrer kühnen Tochter vielleicht eine noch beſtimmtere Erklärung werden könnte. Und da die Hofräthin zu gleicher Jeit wußte, daß ſie ſelbſt noch hundert Mal beſtimmter war, ſo bebte ſie in doppelter Hinſicht für dieſe Erklärung, die nim⸗ mermehr ein gutes Ende haben konnte. Während der augenblicklichen Unterbrechung, die entſtanden war— jede Unterbrechung verleiht Demjeni⸗ gen, was zuletzt geſagt worden iſt, immer eine ver⸗ mehrte Bedeutung— ſetzte der Rittmeiſter eine Miene von harlequinartigem Erſchrecken auf. „Welche dunkle Rede haben unſere Ohren vernom⸗ men!“ flüſterte er laut neben Olga,„welche finſtere Macht inſpirirt die Tochter der Götter, daß ſie hinabſteigt in die Unterwelt und uns Räthſel heraufholt, die zum allerwenigſten werth ſind, von den ehemals umherwan⸗ dernden Minſtrels errathen zu werden!“ „Ja, wie luſtig Edith doch ſein kann!“ rief Olga 75 mitleidig aus.„Sie iſt ſo hoch und ſteif und ſo oft unartig gegen Herrn Helmer geweſen, und nun verthei⸗ digt ſie ihn, als ob ſie ſeine Braut wäre!“ Ein ganz zum Erſtaunen ſtrenger Blick von der Mutter brachte Olga zum Schweigen; aber dieſer Blick glitt an dem Couſin Abbé vorbei und konnte alſo nicht zu gleicher Zeit auch ihn zum Schweigen bringen. „Nein, Fräulein Edith, ſo hören Wie doch den beißenden Witz der kleinen Couſine Olga! bedenken Sie, welche pieante Auflöſung ſie dem Räthſel gab!“ „Ja, in der That picant; doch hat man wohl ſchon früher ebenſo Luſtiges gehört, nicht wahr, mein Couſin?“ „Nein, ich betheure: wenigſtens ich habe in meinem Leben noch nie etwas Luſtigeres gehört.“ „Und warum denn, wenn ich fragen darf? Ich werde in dieſen Tagen neunzehn Jahre alt... ſollte es alſo wohl zu früh ſein, wenn ich daran dächte, meine Wahl zu treffen?“ mwiKeinesweges— dieſes Alter ſcheint mir eben das paſſende zu ſein. Zu einer Wahl aber, meine ich, iſt erforderlich, daß gewiſſe Candidaten im Vorſchlag ſein müſſen!“ „Nun, was denn weiter?“ „Ferner bilde ich mir ein: zu dem Aufſetzen eines ſolchen Vorſchlages iſt es auch erforderlich, daß die Candidaten ein wenig davon wiſſen, daß ſie Candidaten ſind. Doch iſt es wahr, daran denke ich eben jetzt erſt, daß Sie Ihr Herz regal machen können gleich den kö⸗ niglichen Pfarren, die auch an Andere, als an Suchende verſchenkt werden.“ „Der Menſch ſchwatzt uns in's Unglück hinein!“ ſagte die Hofräthin zu ſich ſelbſt;„er reizt ſie zu noch einem Ausbruch!“ Und ehe die kalt denkende Mutter(noch tief belei⸗ digt und ſelbſt gereizt durch Edith's Betragen) eine Norm für ihre Handlungsweiſe feſtgeſtellt hatte, war Edith’s Antwort ſchon erfolgt: IWch nache Ihnen mein Compliment, Herr Ritt⸗ 2 76 meiſter, über Ihr glückliches Gleichniß, und gebe Ihnen die Freiheit, mein Herz als eine regale Pfarre zu be⸗ trachten, nur mit dem Unterſchiede, daß daſſelbe, anſtatt daß es mir freiſteht zu verſchenken, es ſchon verſchenkt iſt.“ „Wo nur die ſchöne Braut bleibt? Hilf, Samiel!“ declamirte der Rittmeiſter mit dumpfer Stimme aus ſeiner Lieblingsoper, dem Freiſchütz... doch der Blick, der bei dem Scherze auf Edith fiel, war ſcharf und kalt; er drang durch ihr erhitztes Blut in ihre Seele und hinterließ einen ſchmerzhaften Stich. p 5— ch der Schmerz ſtillte nicht Edith's fliegende ulſe. Alles, was der Rittmeiſter ſagte und that, hatte die Folge, welche die Hofräthin vorausſah; es reizte ihren Sinn; ſie war in einem Rauſche. Sie wollte Allem trotzen, um, nachdem es einmal gethan und nicht mehr zu ändern war, Alles zu gewinnen. „Wo bleiben Bräute?“ wiederholte ſie, nicht mit ausſchweifender Fröhlichkeit, ſondern in einem kalten und ſichern Tone;„folgen ſie nicht ihrem Bräutigam?“ „Bräutigam? Ha, der Himmel ſiegt! Es iſt um mich geſcheh'n! Dieſer Bräutigam hat alſo einen Namen, und es iſt er⸗ laubt, darnach zu fragen?“ „Er hat einen Namen, den ich mit Stolz nennen werde!“ „Ich bin ganz Ohr!“ Jetzt aber erhob ſich die Hofräthin mit gebietendem Ernſte, ſchlang den Arm um Edith, und ehe dieſe noch ein Wort geäußert hatte, war ſie mit der Mutter in der Schlafſtube und die Thür zwiſchen dieſer und dem klei⸗ nen Salon geſchloſſen. „Was thun wir mit aller dieſer Feierlichkeit?“ fragte Edith ſchnell, indem ſie wieder zu ſich ſelbſt kam. „Es wird gewiß auf keine Weiſe feierlich werden. Ich habe, wie ich glaube, nur das Recht, Deine dank nen be⸗ tatt ſt.“ aus lck, alt; und nde atte zte llte icht nit ten 24 . er⸗ en em ch er ei⸗ 2 u. n. k⸗ 77 barkeit dafür entgegen zu nehmen, daß ich Dich abhielt, einen Wahnſinn auszuſprechen, der bei jeder andern Gelegenheit wohl für einen närriſchen Scherz gelten könnte, heute aber, nach demjenigen, was vorgefallen iſt, eine ganz andere Farbe erhalten haben würde. Biſt Du jetzt erwacht aus dem wilden Traume, der Deinen Verſtand einen Augenblick umnebelt hat?“ Edith's Stirn brannte vor Röthe. „Ja, ich glaube faſt, daß ich wahnſinnig bin, oder daß ich es werde, oder—“ hier ſiel ſie in ein ſchneiden⸗ des Gelächter—,„daß ich wirklich meine Rolle meiſter⸗ haft ſpielte.“ „Ja, ſo göttlich meiſterhaft, daß es nie beſſer hätte geſchehen können, wenn es reine Natur geweſen wäre; doch höre: Du ſiehſt jetzt ein, aus dem Bedürfniß, das mit dem Stolze wieder in Dir erwacht— ich meine das Bedürfniß, Andern Dein Geheimniß zu verbergen, wenn Du es auch Dir ſelbſt nicht länger verbergen kannſt— daß Du nicht geſchaffen biſt, um die Heldin in einem einfältigen und verliebten Roman zu werden. Edith ſchwieg. „Zum erſten Male in Deinem Leben haſt Du Dich Deinen glühenden Gefühlen ſo gänzlich hingegeben, daß Du mit der trotzigen Halbwildheit Deiner Natur es gerne geſehen hätteſt, wenn ſie vor Andern entſchleiert wäre, um hernach ein um ſo beſſeres Recht zu haben, ihnen ſelbſt zu huldigen. Doch ſobald Du zu einiger Ver⸗ nunft zurückgekehrt biſt, ſchämſt Du Dich ſchon ſowohl Deiner Gefühle, als auch des Gegenſtandes, der dieſel⸗ ben geweckt hat, und haſt keinen höhern Wunſch, als daß die Menſchen, welche Dich gehört und geſehen haben, an ihren Augen und Ohren zweifeln ſollen. Dieß kann inzwiſchen nicht geſchehen... was denkſt Du da zu thun?“ Die Hofräthin redete mit einem eiskalten Hohn, der ſo entfernt war von der zärtlichen Theilnahme einer Mutter, daß Edith mit einem Gefühle des Schreckens ihre Einſamkeit empfand. „Onkel Janne!“ ſagte ſie leiſe. . 78 „Nein, nicht ein einziges Wort zu ihm! Von dieſem Auftritte darf er nichts wiſſen— oder kannſt Du ihn um nath fragen, ohne den Anlaß Deines Scherzes an⸗ zugeben?“. „Meines Scherzes?“ „Den Menſchen wegzuſchicken, wäre das Einfachſte und ohne Zweifel auch das Richtigſte; doch das gäbe Anlaß zu fürchterlichen und unangenehmen Klatſchereien. Indeſſen, wenn kein anderer Rath da iſt...“ „O nein, thue noch nichts in dieſem Augenblicke . um Gotteswillen kein Aufſehen! Laß Alles bleiben, wie es iſt, wenigſtens noch einige Tage... ich will nachdenken!“ „Und Du, Edith— Du mit Deinem Stolze!“ „Aber ich war ein Menſch!“ ſagte Edith, indem ſie ſich ſchluchzend in eine Ecke des Sophas warf,„und warum,“ fuhr ſie heftig auffahrend fort,„warum ſoll ich nicht den Muth haben, es zu ſein? Wenn ich ihn heirathete?“ „Ehe es ſo weit käme, fürchte ich, Du würdeſt die Erfahrung machen, ſo viel Du auch auszurichten ver⸗ magſt, ſo kannſt Du doch nicht Alles ausrichten... Doch reden wir nicht weiter davon, mein verirrtes Kind! Du wirſt Dich doch wohl nicht bei vollkommener Be⸗ ſinnung mit demjenigen verheirathen wollen, der ein Diener in dem Hauſe Deiner Mutter geweſen iſt? Noch dazu liebt er Dich nicht einmal!“ „Nein, das glaube ich, und das eben iſt das Un⸗ glück. Wenn er meine Schwäche unterſtützte!“. „Still, ſtill!... Geh nun dieſen Weg hinauf auf Dein Zimmer! Was unſer höchſter Wunſch ſein muß, iſt, daß der hochmüthige Narr dieſen Auftritt gar nicht erfährt. Doch wer mag ſich wundern, wenn er hoch⸗ muthig wird: er braucht ja nur zu wählen. Liebe wird ihm von allen Seiten und Händen angeboten. O welche Demüthigung, daß auch Du, das hochgeborene, reiche unſſchuit Fräulein von Sternfelt, dich ihm antragen willſt!“ 8 eſem ihn an⸗ chſte gäbe eien. licke ben, will dem und ſoll ihn die ver⸗ ind! Be⸗ ein Noch Un⸗ auf nuß, nicht voch⸗ wird elche eiche agen 79 „Ich?— ich ſollte mich dieſem ſchmählichen Schimpfe unterziehen? Nein, ſo tief bin ich denn doch noch nicht geſunken!... Hätte er meine Liebe begehrt, dann— ich will es offen geſtehen— dann weiß ich nicht, welchen Hinderniſſen ich für ihn und mit ihm hätte trotzen kön⸗ nen. Aber ſie ausbieten, das thue ich nicht.“ Sie eilte heftig auf ihr Zimmer, wo ſie bis zum folgenden Mittage eingeſchloſſen blieb. Das Mittageſſen geſchah ganz en famille. Der Rittmeiſter war zufolge einer gewiſſen Deli⸗ cateſſe nach Ramswik, Helmer, wie wir wiſſen, zum Ting gereist, der Graf aber wurde von Kränklichkeit in ſeinem Zimmer zurückgehalten. Edith, welche jetzt die Nothwendigkeit, ſich zu be⸗ herrſchen, vollkommen fühlte, hatte es wirklich dahin gebracht, ihre gewöhnliche Art und Weiſe ſo anzuneh⸗ men, daß der Onkel Janne gar nichts merkte. Nicht einmal die ſpähenden Blicke Olga's und der Mamſell Octavie vermochten einen Schatten von der Wolke zu entdecken, die den geſtrigen Horizont verfinſterte. Die Hofräthin hatte mit ihrer Tochter ſeit dem Augenblicke, da ſie ſich geſtern Abend trennten, kein Wort gewechſelt. Es war deutlich zu ſehen, daß Edith es vermeiden wollte, noch ferner auf den kritiſchen Gegenſtand zurück⸗ zukommen, denn durch eine erkünſtelte Fröhlichkeit ſuchte ſie alle Erinnerungen von ſich abzuhalten. Nachdem aber Onkel Janne ſeinen Kaffee erhalten und wie gewöhnlich zu dieſer Zeit in ſein Zimmer ge⸗ gangen war, und Olga— die ganz erſchrecklich viel mit Weihnachtsgeſchenken zu thun hatte, welche die Mutter nicht ſehen ſollte— die Mamſell Octavie mit ſich in ihr Zimmer gezogen hatte, wäre nichts vorhan⸗ den geweſen, das Edith von einem tete-à-léte mit ihrer Mutter hätte retten können, wenn nicht gerade jetzt 80 gemeldet worden wäre, daß eine alte Wittwe, die auf dem vornehmen Dagby Decken zu nähen pflegte, ange⸗ kommen wäre und mit der gnädigen Frau zu reden wünſchte. „So muß ich wohl mit der Setterwall ein paar Worte reden;“ ſagte die Hofräthin, indem ſie ſich erhob; „nachher aber, liebe Edith, ſollte ich meinen, hätten wir Enwas mit einander zu verhandeln.“ Sdith athmete tief, als die Mutter die Thüre ſchloß. Das Reſultat von Allem, was dieſes flüchtige, hef⸗ tige und glühende junge Mädchen ſeit der geſtrigen Scene gedacht und gefühlt hatte, war folgendes:. Sie wollte ihren ſtolzen Hochmuth erniedrigen und ... Helmer's Gefühle prüfen. Befänden ſie ſich nun gleich den ihrigen... ſo würde ſie wohl ferner ſehen und hören, ob er des großen doppelten Kampfes werth wäre, welchen ſie— bei dem bloßen Gedanken an eine Vereinigung mit ihm— zu beſtehen hatte. Sie ſtand auf und ging in die Bibliothek, durch deren Fenſter man ſehen konnte, wann in Helmer's Zim⸗ mer Licht angezündet wurde. „Jetzt muß er bald nach Hauſe kommen!“ Als ſie jetzt mit brennender Wange und klopfendem Herzen, in ihre Träume verſenkt, den Kopf auf den Fenſter⸗ pfoſten herabſenkte, hörte ſie nicht, daß leiſe Schritte nahten; erſt als ein Seufzer dicht hinter ihr ſich hören ließ, wurde ſie geweckt.. Sie wendete ſich ſchnell um. Der Schein des Feuers im Ofen fiel auf die faſt todbleichen Züge des Grafen Hermann. „Ach, mein Gott! ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„ihn hatte ich in meiner Selbſtſucht ganz vergeſſen! Er war nicht mit in der Rechnung, und darum kommt er jetzt ſelbſt, um mich an meine Ungerechtigkeit zu erinnern. Armer Mann! willſt Du den Sireit entſcheiden? Willſt Du mir Ruhe bringen?..Wie war es noch? Was ſagte ich geſtern zu dem Plagegeiſt, der mich ſo weit über mein Beken angef ſoll e dieß Mutte angſt, zerd mer ich di allerg meine das m einme hier 1 . 1 6 tönen zur auch von ſehe, Freut unter in de und los reden ber worte einen Ei wortete nicht, ſondern 81 über alle Grenzen der Vernunft hinweglockte? Ich hätte mein Herz ſchon verſchenkt?... Nun gut: aus dieſem Bekenntniß hat er bald zwanzig ſinnreiche Anekdoten außefertigi. Wenn er heute Abend hieher kommt, ſo ſoll er ſehen, daß ich die reine Wahrheit ſagte... Gut; dieß iſt das Beſte! Erſtlich rettet es mich von einer Mutter, die nur herrſchen will, ferner von der Gewiſſens⸗ angſt, die letzte Hoffnung des unglücklichen Schwärmars zerört haben, und endlich von der Entehrung, Hel⸗ mer verſtehen zu laſſen... o, ich war wahnſinnig, als ich dieſen Gedanken hatte— und noch ein Endlich, das allerglücklichſte: auf dieſe Art werde ich von allen meinen eigenen verrückten Irrthümern gerettet. Ja, das war eine lichte, eine vortreffliche Idee; ich habe ſie ſchon einmal gehabt; jetzt ſoll Ernſt daraus werden!“..... „Welches unerwartete Glück, Sie, mein Fräulein, 4. hier zu treffen— ohne, ohne. „Ohne was?“ „Ohne Geſellſchaft.“ „Wünſchten Sie mich denn allein zu treffen?“ Sdith's Stimme klang in jenen ſchmelzenden Moll⸗ tönen, welche ſich in das Herz ſtehlen und daſſelbe ſowohl zur Wehmuth als auch zur Freude ſtimmen— denn auch die Wehmuth hat ihre Freude, obgleich ſie nicht von der grellſten Roſenröthe iſt. Ich weiß nicht; wenn ich Sie in großer Geſellſchaft ſehe, ſo denke ich, ein Augenblick wie dieſer wäre die höchſte Freude. Ich bin ſo unbedeutend neben dieſen fröhlichen, unterhaltenden Geſellſchaftsmenſchen. Nun aber, da ich in der Wirklichkeit den erſehnten Augenblick erlangt habe und weiß, wie ſchnell er vergeht, ſo fühle ich mich muth⸗ los und außer Stand geſetzt, aus meinem Herzen zu reden... Mein Blut iſt in der letzten Zeit voller Fie⸗ ber geweſen.“ „Auch das meinige!“ dachte Edith; aber ſie ant⸗ ſchob nur ihrem bleichen Liebhaber einen Stuhl hin. Ein launenhaftes Weib. II. 6 teter Glückſeligkeit verſetzt ſieht. 82 „Dank! tauſendfältigen Dank!.. doch hier iſt es ſehr warm: ich ſitze lieber dort im Schatten.“ Er nahm auf einem Ruheſeſſel in der Nähe der Chaiſe⸗longue Platz, auf welche Edith ſich ſetzte. — Während einiger Augenblicke wurde die Stille im Zimmer durch nichts als das leiſe Kniſtern des Feuers unterbrochen. Aber plötzlich, ohne ein Wort, lag der Graf zu den Füßen ſeiner Geliebten; faſt convulſiviſch umfaßte er ihre Hände, und ſeine Augen blickten hinauf in die ihrigen mit der Beredſamkeit von tauſend Bitten. In dieſem Augenblick raſſelte ein Wagen über den Hof. „Edith glaubte, es wäre Helm er; und augenblicklich ergriffen von dem Gedanken, daß es mit ihrem neuen Entſchluſſe ohne Zweifel ebenſo gehen würde, wie mit allen vorhergehenden, wenn ſie ſich der Gefahr ausſetzte, Helmer zu ſehen, ehe Alles entſchieden wäre, entſchied ſie in der Eile Alles. Ebenſo ſtill, wie die Brautwerbung des Grafen, war Edith's Antwort. Sie ſchlang ihre Arme um den Knienden und ſenkte ihre Stirn auf ſeine Schulter. 3 „Träume ich?“ flüſterte er mit zitternder Stimme, „oder hat Gott endlich Barmherzigkeit gehabt? Hat er meine brennenden Gebete gehört und den Engel vom Himmel herabſteigen laſſen?. Rede, o rede!... Soll ich nicht länger in der Finſterniß der Einſamkeit — wandeln?“ Miicht, wenn ich Etwas vermag zu Vertreibung derſelben.“ Mehrere Worte wurden nicht ausgetauſcht, denn die Hofräthin kam zurück. Wir unterlaſſen es, ihre Ueberraſchung zu ſchildern. Dieſe war ſo, wie wenn ein Menſch in einem drücken⸗ den Traume eine unleidliche Angſt ausgeſtanden ha und beim Erwachen ſich in einen Zuſtand von unerwa 3 4 83 E 3 1* A N X N M NM iſt es ihe der Elftes Capitel. 1 Die Veröffentlichung. lle im Feuers So war alſo Edith jetzt Braut. „Dem Himmel ſei Dank,“ ſagte die Hofräthin bei zu den ſich ſelbſt,„daß unſer Roman ſchon in der Wn Ab⸗ ißte er iheilung ſein Ende erreichte!“ 6, Vrn N in die 1 Welch ein Glück für uns ad te Sterbliche, daß dn ddie Zukunft verhüllt iſt! Wie viele frohe und ſtolze en Hof. Hoffnungen, in welche wir uns jetzt einwiegen, würden licklich ſonſt nicht verloren gehen! neuen Wenig ahnte die weltlich geſinnte Dame, daß dieſer ie mit Roman noch eine dritte und vierte Abtheilung erhalten Sſetzte, könnte. tſchied„Gott der Vater im Himmel ſegne ſie!“ ſagte der Onkel Janne aus der vollſten Tiefe ſeines Herzens. rafen, Als er aber GEdith in ſeine väterlichen Arme druͤckte, ſagte er mit leiſem Flüſtern:„Meine Du, meine Du! ſenkte was Du da a agt haſt, iſt ein hohes Spiel; ſieh Dich nnun nur vor, daß der Einſatz richtig iſt, und nicht falſch. timme,„Iſt er nicht richtig, ſo ſoll er es werden. Verlaß Hat er Dich auf mich, Onkel! Ich will jetzt nicht falſch ſpielen.“ vom„Iſt nicht mein Glück zu groß, als daß ich daran B glaͤuben kann?“ ſagte Graf Hermann, indem ſeine von amkeit einem gedämpften Feuer brennenden Blicke Edith's ſchöne . Geſtalt überfuhren:„Sage, Onkel, iſt es nicht einem eibung Traume ähnlicher, als der Wirklichkeit?“ „Wenn Du die Wirklichkeit umarmen kannſt, ſo denn 3 iſt ſie wohl kein Traum. Doch, um die Wahrheit zu ſagen: das kam unerwartet!“ ildern. Ja, ſo unerwartet, daß ich von dieſem, dem wich⸗ ücken⸗ tigſten Augenblicke meines Lebens, nichts mehr zu ſagen n hat. weiß, als daß ich mich noch vor einer Stunde mit einem wr Korper umherſchleppte, der ſo ſchwer war wie Bla und uufhorlich von Fieber brannte; es war die Erde, 5 weiche miy anklebte, Jetzt weiß ich nichis mehr von — 84 dieſem Gewichte, denn mein Geiſt iſt befreit und ſelig Ho ſelig... und das danke ich meinem Engel!“ Er nahm die Hand der Braut und führte ſie ver⸗ ſchämt über ſeine heiße Stirn, ſeine heißen Lippen. Edith's Blick antwortete mit Zärtlichkeit... Wie heilig gelobte ſie es in ihrem Innern, das Vertrauen des Mannes nicht zu täuſchen, dem ſie das Gelübde ihrer Treue gegeben hatte! Mit der Theeſtunde erſchien die erſte Prüfung ihrer Standhaftigkeit. Die Glückwünſche der in ihrem Innerſten jubeln⸗ den Mamſell Octavie und der nicht weniger entzückten Olga, welche nun den„ſüßen, allzu ſüßen“ Couſin Abbé für ſich ſelbſt behalten durfte, waren ſchon vorüber. Man erwartete nur noch die Herren, denn faſt zu gleicher Zeit waren der Rittmeiſter und der Bruksverwalter auf den Hof gefahren. Edith hatte es ſich vorgeſetzt— mit Schmerzen müſſen wir bekennen, daß ſie ſogar in dieſem wichtigen Augenblicke Gedanken von ſo kleinlicher Beſchaffenheit hegte— über die verunglückten Berechnungen des Couſin Abbé recht höhniſch zu triumphiren... Wie ſie dagegen Helmer behandeln ſollte, das wußte ſie nicht: ſie fühlte nur, und in dieſer Hinſicht fühlte ſie richtig, daß ſie nie mehr im Stande ſein würde, den alten, hochmüthigen, kalten und ſpöttiſchen Ton gegen ihn wieder anzunehmen. Wozu ſollte das jetzt auch dienen? Sie hatte ſich ja einen Beſchützer angeſchafft. Und mit einem halben Seufzer fiel ihr Blick auf die belebten Züge des Bräutigams. „St, ſt! hier haben wir unſern luſtigen jungen Freund!“ ſagte die Hofräthin mit einem feinen Lächeln. „Ich hoffe, es ſoll uns einmal gelingen, ihn zu uüber⸗ raſchen... Nein, um Alles in der Welt, lieber Hermann, mleih neben Deiner Braut auf dem Sopha ſitzen! um 8⁵ in der Theaterſprache des Couſin Abbé zu reden, ſo bil⸗ det Ihr die eigentliche Scene: wir Andern hier um den Theetiſch dagegen ſind nur Zuſchauer.“ Die Hofräthin hatte kaum ausgeredet, ſo verkün⸗ digte durch die geöffnete Thür des Vorzimmers ein Duft von Roſe und Eau de Portugal die Nähe des Rittmei⸗ ſters. In dem darauf folgenden Augenblicke kam er auch ſelbſt mit ſeiner gewöhnlichen eleganten Nachläſſig⸗ keit hereingeflattert. Er war(wie es ſeiner Klugheit angemeſſen war) mit ſich ſelbſt einig geworden, den Auftritt des geſtrigen Abends gänzlich vergeſſen zu haben. Doch umſonſt iſt der Tod: er wollte ſich zu eigenem Nutzen Edith ver⸗ binden, wenn er die Delicateſſe zeigte, zu vergeſſen, daß ſie ſich lächerlich gemacht hatte. Ohne etwas Ungewöhnliches zu merken, verbeugte er ſich ehrfurchtsvoll vor der gnädigen Tante, flüſterte Olga einen improviſirten Witz in das Ohr, ſchüttelte dem Onkel die Hand, ließ ſich beinahe auf die Kniee hinab, um das Knäuel der Mamſell Octavie aufzuneh⸗ men, und wollte ſich eben nach allen dieſen Schuldigkeits⸗ huldigungen nach der eigentlichen Gottheit umſehen— denn wir wollen es nur verrathen, daß der Rittmeiſter ebenſo verliebt in Edith's Perſon als in ihr Gold war — als er ohne die geringſte Art von Spiel vier Schritte zurücktrat. Edith's Hand ruhte in der des Grafen, und ihre Blicke, ihr Erröthen erklärten Alles, wenn die vertrauliche Stellung noch Etwas zu errathen übrig gelaſſen hätte. „Nun, ſo zaudern Sie doch nicht eine halbe Ewig⸗ keit mit dem Glückwunſche!“ ſagte Edith, indem ſie auf⸗ ſtand und ihm mit einer anmuthigen Geberde die Hand reichte.„Ich ſagte es ja ſchon geſtern, da Sie mein Herz mit einer regalen Pfarre zu vergleichen beliebten, daß die Pfarre ſchon verſchenkt wäre.“ Sagteſt Du das dem Rittmeiſter geſtern?“ fragte der Graf, und ſeine Augen flammten von einem dort nie geſehenen Stolze. 8⁶ Edith wurde befreit von einer Antwort, und ſie hätte auch wahrſcheinlich nicht Faſſung genug gehabt, ſie zu geben; denn mehr als dieſer erſten Secunden be⸗ durfte der Rittmeiſter nicht, um wieder der Couſin Abbé zu werden, und niemals hatte er auf einem Geſellſchafts⸗ theater ſeine Rolle beſſer geſpielt als jetzt, da er anſtatt des Glückwunſches, die letzten Worte des Freiſchützen eitirte: „Du, Samiel! ſchon hier? So hieltſt Du Dein Verſprechen mir? Nimm Deinen Raub! Ich trotze dem Verderben! Dem Himmel Fluch!— Fluch Dir!“ Und um des größeren Effectes willen ſank der Ritt⸗ meiſter ſcheintodt auf den naheſtehenden Armſtuhl. Das Beifallklatſchen am Theetiſche hatte noch nicht aufgehört, als, ganz wie auf dem Theater, die Thür von Neuem geöffnet wurde. Dießmal aber war von Scherz nicht die Rede. Die Hofräthin, welche Helmer's ſogenannte Kühn⸗ heit jetzt ganz vergeſſen wollte und uberdieß trotz ihres eigenen kalten Herzens es ſehr gut begriff, daß Edith hier eine Stunde harter Prüfung zu beſtehen haben würde, ſtand ſogleich auf, reichte Helmer ihre Hand, und da ſie auf ſeinem ernſten und ruhigen Geſichte keine Spur von Groll ſehen konnte, ſagte ſie ſehr gnädig: „Mein beſter Herr Helmer! wir ſind ja einig, zu ver⸗ geſſen, daß wir uns geſtern durch den Rittmeiſter ver⸗ führen ließen, auch eine kleine Scene zu geben? Was mich betrifft, ſo verſichere ich, daß ich mich derſelben gar nicht mehr entſinne!“ „Ich noch viel weniger!“ entgegnete Helmer, ange⸗ nehm und tief überraſcht von dieſer feinen Güte der Hofräthin, und zum Beweis, daß er aus ſeinem Herzen rede, führte er die Hand der Hofräthin mit der ehr⸗ furchtsvollen Rührung eines Sohnes an ſeine Lippen. „Dank, Dank, Herr Helmer! Doch ſehen Sie hier, 4 — 87 welche wichtige Dinge während Ihrer Abweſenheit vor⸗ gefallen ſind!... ein neu verlobtes Paar!“ Und ſie deutete auf das kleine Sopha, in welchem Cdith nicht mehr ſaß, ſondern neben welchem ſie bleich und zitternd ſtand, und den Arm des Bräutigams faſt krampfhaft umfaßte, um nicht zu fallen. Niemals in ihrem ganzen Leben hatte Edith Etwas empfunden, das ſich vergleichen ließ mit dem unermeß⸗ lichen, verzehrenden und dabei dennoch berauſchenden Schmerze, der ihr Herz, ihre Seele und ihr ganzes Weſen durchzitterte, als bei den Worten der Mutter Helmer, der in der Mitte des Zimmers unter dem großen hell brennenden Kronleuchter mit einem von reiner Freude verklärten Geſichte ſtand, wirklich einem in eine Bild⸗ ſäule verwandelten Menſchen ſo vollkommen glich, daß jeder Blick ſich auf ihn heftete. Einmal hatte Edith geſagt:„Welche göttliche Sta⸗ tue würde er nicht ſein, wenn er in Stein gehauen in einer Ecke des großen Salons ſtände!“ Jetzt war er für einige Augenblicke wirklich eine göttliche Statue. Der flimmernde Schein des Kronleuch⸗ ters brach ſeine magiſchen Strahlen über ſeinem bei⸗ nahe alabaſterweißen Antlitze, dem die dicken ſchwarzen Locken einen ſchönen Relief ertheilten. Seine tiefblauen Augen, in denen auf einmal ein Blitz hervorleuchtete und erſtarb, waren auf Cdith gerichtet, und ihr Aus⸗ druck verrieth ebendaſſelbe, was man aus ſeinen Zügen und ſeiner Stellung Lrſah: eine gewaltige, aber unter⸗ drückte Bewegung. Aber die Bezauberung wich. Und als das Blut wiederum in Stromen den Wan⸗ gen zufloß, als die langen, dunklen Wimpern herab⸗ ſanken und verbargen, was in dem Innern vorging, da nahte er mit feſten Schritten den Verlobten und ſagte, ohne zu ſtottern oder ein einziges Wort zurückzunehmen, einige von jenen bedeutungsloſen Phraſen, die der Ge⸗ brauch vorſchreibt.. Er entſchuldigte ſich nicht wegen der Verwirrung, 88 die er gezeigt hatte, er ſchien ſich derſelben nicht einmal bewußt zu ſein, und als Mamſell Octavie mit weicher Stimme ihm Thee bot und ihm neben ſich einen Platz anbot, da ließ er Alles nach ihrem Belieben geſchehen. Er hielt ſogar ihre Seidenlocke, die ſie ſelbſt mit un⸗ endlicher Mühe zwiſchen ſeinen Händen aufſpannte. Noch niemals war die Gouvernante glücklicher ge⸗ weſen. Sie ſchien auch ganz entſchloſſen zu ſein, ihn nunmehr als eine gute Priſe ganz als ihr Eigenthum zu betrachten: denn ſo viel hatte ſie ſchon bei dem Be⸗ ſuche gemerkt, welchen Hortenſe nach Helmer's Rückkehr auf Dagby abgeſtattet hatte, daß ſie, Octavie, nicht an⸗ gelegener ſein konnte, ihn auf dieſer Seite frei zu ſehen, als er ſelbſt. Dennoch gehörte eine reiche Einbildungskraft dazu, mit einem Automaten glücklich zu ſein. Und mehr war Helmer nicht. Onkel Janne's menſchenfreundliches Herz konnte es ihm jedoch nicht erlauben, dieſes länger mit anzu⸗ ſehen, beſonders da der Rittmeiſter jetzt mit ſichtlich aufgefriſchten Lebensgeiſtern ſich dem Tiſche wieder näherte. Helmer ſollte ſeinen Sarcasmen nicht ausgeſetzt ſein. „Herr Helmer! wollen Sie nicht eine Partie Bret mit mir auf meinem Zimmer ſpielen?“ fragte der Onkel und ſah Helmer mit einem Blick von der Art, die faſt immer beachtet wird, in die Augen. „Ich danke!“ Helmer erhob ſich augenblicklich und verſchwand mit dem Alten. 3 Als ſie auf den Hof hinabkamen, ſagte der Onkel ſanft:„Ich glaube faſt, wir ſchieben das Bretſpiel auf. Wollen Sie ein Stündchen verplaudern, ſo gehen wir ein wenig in die Allee, oder wollen Sie allein ſein, ſo ſagen Sie es ohne Umſtände!“ Das Letzte am liebſten!“ Helmer drückte die dar⸗ gereichte Hand und eilte in ſein Zimmer. Was er jetzt, obgleich zu ſpät, dachte, davon reden wir in einem anderen Capitel. Jetzt wollen wir lieber mittheilen, daß Edith ſich bei weitem ſchneller erholte. nmal eicher Platz ehen. un⸗ unte. r ge⸗ ihn thum unte nzu⸗ tlich herte. n. Bret onkel faſt und onkel auf. wir ſo dar⸗ eden eber olte. dieſer„Expoſition“, die unbedingt das Aergſte war. Ja, 89 Ihre Erſchütterung war ganz unermeßlich geweſen, aber ihre gegenwärtige Exaltation war hinlänglich groß, um alle Bewegungen zum Schweigen zu bringen, die ſich gegen ihre angenommene Ruhe in Streit einlaſſen wollten.... Auch war noch etwas Anderes da, was, wie wir eben ſagten, den Schmerz berauſchend machte, ja ſo berauſchend, daß ſie ihn kaum theuer genug erkauft zu haben meinte. Sie hatte eine Gewißheit erhalten, die wohl jetzt zu nichts mehr diente, die ſie aber doch um keinen Preis hätte weggeben wollen; denn dieſe— ſo dachte ſie jetzt — ſollte eben ihre vornehmſte Stärke werden... Sie litten ja zuſammen, wenn auch getrennt.. Am folgenden Tage zeigte ſich jedoch Helmer mit ſo vollkommen wieder erlangter Faſſung, daß, wenn nicht in Edith's Herzen das Andenken von geſtern auf ewig da geblieben wäre, ſie ſich hätte können hinter das Licht führen laſſen durch den ruhigen und freundſchaftlichen Ton, mit welchem er ihr zum zweiten Male Glück wünſchte. Zwölftes Capitel. Die Verlobten. Die Neuigkeit von Edith's Verlobung führten von allen Seiten Viſiten nach Dagby. Der Graf ſeufzte, ſuchte ſich jedoch auf die beſte Art und nach beſten Kräften in Dasjenige zu finden, was ſeine künftige Schwiegermutter für unvermeid⸗ lich erklärte. Doch obwohl er, wie ſich von ſelbſt verſteht, weit zugänglicher war als ſonſt, ſo fühlte er ſich dennoch be⸗ läſtigt von dieſer Bewegung und vor allen Dingen von △ — 90 der arme Mann ſah wirklich in aller ſeiner Glückſelig⸗ keit höchſt bedauernswürdig und unglücklich aus, ſo oft die Hofräthin hören ließ: „Sehen Sie hier meinen künftigen Schwiegerſohn.. Mein lieber Hermann, Du ſiehſt hier einen alten Freund unſeres Hauſes“ und ſo weiter. Es war wohl wahr, daß der Rittmeiſter, der ganz unvermuthet eine außerordentlich nothwendige Reiſe hatter machen müſſen, nicht mehr in jedem Augenblick bei der Hand war, ihn mit ſeinen Einfällen, ſeinen Citaten, ſeinen Sticheleien zu plagen; aber dennoch— trotz dieſes Gewinnes— wäre Graf Hermann auch des Erſatzes ſehr gerne überhoben geweſen. Denn von dem Punkte aus, von welchem er die Liebe und die Verlobung be⸗ trachtete, ſollte man ſeines Glückes allein genießen und den driis um ſich her ſo eng ziehen, wie nur immer möglich. Huldigte aber auch Edith dieſem Satze? Es ſah faſt ſo aus.... wenigſtens zeigte ſie keine beſonders große Zufriedenheit bei den unaufhörlichen Be⸗ ſuchen und den in allen möglichen Tonarten ausge⸗ ſprochenen Glückwünſchungen. Bisweilen fiel es ihr ſogar ein, ſich gar nicht zu zeigen, zu ihrem Bräutigam aber ſagte ſie nichts deſto weniger, man wäre, um in dem engen Kreiſe einen um ſo höheren Genuß zu ſinden, bisweilen genöthigt, ihn zu erweitern. Bei einer ſolchen Rede lächelte der Graf, küßte die ſchönen Hände der Braut und ließ die Lippen ja ſagen, während das Herz mit nein antwortete. Die Hofräthin ging ganz ſtolz in ihrem Sinne, und wo ihr flatterndes Haubenband ihre Gegenwart ſignali⸗ ſirte, da erhielt Onkel Janne ein Kopfnicken, und dieſe vertraulichen Zeichen hatten die Bedeutung, zu ſagen: „Nun, Du mißtrauiſcher Menſch, ſiehſt Du, wie gut es ging, wie richtig ich Alles beurtheilte?“ Der Alte nickte zurück, aber matt, und hätte man horen können, was er dabei für ſich ſelbſt murmelte, ſo hätte das etwa folgendermaßen gelautet: 2 — ——— —— V 1 ſ 91 „Gott laſſe es nicht ſo kommen, wenn wir erſt ein Stück Weges weiter ſind, daß die Schwägerin weniger über ihre Klugheit zu ſtolziren braucht!“ Etwa eine Woche nach dem wichtigſten Abende ſeines Lebens, da der Graf mit ſeiner Geliebten allein war, begann er:„Wenn Du einſt meine Gattin biſt, theure Edith! ſage, wie wollen wir uns da einrichten?... Es macht mir eine ſo unausſprechliche Freude, Deine Gedanken zu hören über Alles, was wir in dieſer himm⸗ liſchen Zukunft, von welcher ich beſtändig träume, ver⸗ nehmen können.“ „Mich erfreut Alles, was Dir Freude macht, aber ich glaube wirklich, daß dieſes Leben auf reiſendem Fuß für uns Beide von großem Intereſſe ſein wird, und ferner glaube ich, daß es Dein Gemüth ſehr erheitern wird.“ „O, ſprich nicht davon!“ „Warum nicht?“ „Weil mein Gemüth nicht länger krank iſt.“ „Nicht krank?.... Ach, daß es ſo wäre!“ „Glaube mir, meine Seele iſt geſund, vollkommen geſund, kann ſich aber leider nicht auf ſo leichten Fit⸗ tichen erheben, wie die Seelen Anderer. O Edith, an⸗ gebetetes Mädchen! wird wohl Dein lebensvoller Geiſt ſich wohl befinden mit dem meinigen, während einer ganzen langen Wanderung?“ 2 Es lag eine geheime Angſt in dem Ton ſeiner Frage. „Ich hoffe es!“ ſagte ſie herzlich.„Du biſt ſo gut, ſo warm, ſo voller Vertrauen.“ „Aber mir fehlt ſo Vieles von Demjenigen, was— ich ſage es mir ſelbſt— bei Demjenigen vorhanden ſein ſollte, der im Stande wäre, Dein Herz zu feſſeln.“ „Du biſt allzu beſcheiden, mein Freund; doch kann ich Dir die Verſicherung geben, daß der Dedenſaße den Du zu andern Männern bildeſt, in keiner inſicht un⸗ vortheilhaft für Dich iſt.“ 92² „Immer willſt Du mich mit mir ſelbſt verſöhnen.. Wenn ich es aber wagte, ſo würde ich Dir einen Ge⸗ danken vertrauen, der ſich bisweilen in meine grenzen⸗ loſe Glückſeligkeit drängen und ſie trüben will. Soll ich es wagen, ſo offen zu ſein?“ „Wage es, guter Hermann— wir müſſen es uns zu einem Geſetze machen, unſere Gedanken uns nicht zu verbergen. Wie viele Mißverſtändniſſe zwiſchen Ver⸗ lobten ſind nicht einzig und allein durch Mangel an Vertrauen entſtanden!“ „Wie befriedigen und beglücken mich Deine Worte! Gerade ſo habe auch ich die Pflichten in dem heiligſten Bündniſſe aufgefaßt, und jetzt habe ich den Muth, Dir dieſen Gedanken mitzutheilen, den Du verjagen ſollſt, wenn es in Deiner Macht ſteht.“ „So rede denn!“ „War es nicht.... Doch nein, ich glaube, ich darf Dich nicht ſo fragen!,.. Ich fürchte, daß ich es in Zukunft bereuen muß!“ „Ich will Dich alſo nicht zu überreden ſuchen!“ ſagte Edith leiſe und mit einer dunkeln Ahnung. „Wenn ich nun aber nicht frage, wie kann ich da beruhigt werden— nein, ich muß aufrichtig ſein!... War es nicht in dem Augenblicke, da ich in ſtummer Bitte vor Dir kniete, Dein Mitleiden, das mir die ſtille Antwort auf meine Frage gab? Und war es nicht bloß der Stolz, der Dir hernach befahl, nicht zurückzuneh⸗ men, was Du einmal gelobt hatteſt?“ „Nein, gewiß nicht der Stolz, o weit entfernt! Ich habe nie gewünſcht und wünſche nicht, daß das Geſche⸗ hene ungeſchehen ſein möchte, das betheure ich heilig.“ „Du beantworteſt mir nur den zweiten Theil meines Gedankens!“ ſagte er mit einem ſchmerzhaften Zucken ſeiner Lippen.„O, warum behielt ich nicht lieber den Zweifel!“ 4 „Wenn Du den Zweifel behalten hätteſt, ſo hätteſt Du ja keine Gewißheit erhalten können!“ entgegnete Edith, zwar mit einer ſtärkeren Farbe, aber auch mit eine den Dei ſie Her hab frag mich Mo etw en.. Ge⸗ nzen⸗ Soll uns nicht Ver⸗ el an erte. gſten Dir ollſt, ich ß ich en!“ h da imer ſtille loß neh⸗ Ich ſche⸗ lig.“ eines lcken den 93 einem offenen Blick in die Augen ihres Bräutigams, denn hier konnte ſie offen reden. „Welche Gewißheit? welche?“ „Die, daß mein Entſchluß gefaßt war, ehe Du mir Deine ſtumme Bitte ſchickteſt. Ich glaube faſt,“ fuhr ſie mit einem Lächeln fort, das ihm den Kopf und das Herz berauſchte,„daß ich Dich ein wenig aufgemuntert habe, wenigſtens ſo viel meine Verſchämtheit es erlaubte.“ „O, es war.... es war alſo keine Täuſchung?“ fragte er heftig.„Vielleicht— Deine Worte machen mich vermeſſen— träumte ich auch an einem gewiſſen Morgen nicht, ich meine den Morgen nach....“ Nun fürchte ich wirklich, Du treibſt Deine Neugierde etwas zu weit, mein Lieber!“ antwortete Edith mit einem ſchwachen Verſuch, zu ſcherzen.„Genau gerechnet, glaube ich nicht, daß Du ein Recht haſt, nach etwas zu fra⸗ gen, das vor dem zehnten November vorgefallen iſt!“⸗ „Vergib, vergib mir! Mein Kopf ſchwindelt bei dem, was Du mir zu ahnen erlaubſt, und dennoch ſagt mir meine Vernunft und ein Gefühl, das ſich nicht be⸗ ſtechen läßt: es iſt unmöglich, daß mein Glück ſo uner⸗ meßlich ſein kann!.... Du mußt es mir verſprechen, daß Du mir einſt in der Zukunft die Motive mittheilen willſt, die Dein Herz geleitet haben. Darf ich das er⸗ warten?“ „Ja, ſpäterhin will ich ganz offen gegen Dich ſein, guter Hermann; jetzt aber genüge Dir die treufeſte Ver⸗ ſicherung, daß Dein Glück mir theurer iſt, als alles Andere!“ „Und auf dieſe Verſicherung baue ich meine Zu⸗ kunft. In der Zukunft liegt für mich Alles! Die unheimliche Finſterniß der Vergangenheit ſoll mich nie⸗ mals mehr erreichen. Wie herrlich ſind nicht das Licht und die Freiheit in meinem neuen Daſein!“— 94 Dreizehntes Capitel.⸗ Eine zerriſſene Illuſion. Es war an einem Sonntagsnachmittage. Auf dem ſchönen Glanberg, deſſen Inneres mitten im Herbſte einen mit Blumen gefüllten Luſtgarten bil⸗ dete, und deſſen Aeußeres während des Sommers ein ganzes Schäfergedicht verwirklichte, ſchwebte die nymphen⸗ ähnliche Beſitzerin mit leichten Schritten hin und her. Zwei Kinder, zwei wirkliche Amorinen ſpielten um ſie, und ſie ſpielte mit ihnen, ſelbſt ein frohes Kind, denn ſie fühlte ſich voll ſtürmender Entzückung. Edith war verlobt— und bei der Kirche hatte Hor⸗ tenſe heute von Helmer gehört, daß er am Nachmittage einen Beſuch auf Glanberg zu machen gedächte. Die ganze Scene, die junge Mutter, die einneh⸗ menden Kinder, welche mit einander zwiſchen Pome⸗ ranzenbäumen und ganzen Gebüſchen von ſchlängelndem Epheu um die Wette liefen, glichen einer anmuthigen Idylle. Und Hortenſe's Anzug, ſo reizend und doch ſo kunſtlos in ſeiner kunſtvollen Vollendung, machte ſie zu einer entzückenden Daphne. Sie war eben mitten im Spiele mit ihren Hülfs⸗ truppen, die Wange glühte, die Augen ſtrahlten, und die Locken, die ſchönen Goldlocken, flogen ganz losge⸗ laſſen um Hals und Schultern, als die Kammerjung⸗ fer— eben jene, welche nach der Andeutung des Ritt⸗ meiſters der weit verbreiteten Secte der„Schlüſſelloch⸗ verehrer“ angehörte— hereinkam und den Bruksverwalter on Dagby meldete. Und der Bruksverwalter kam ihr auf dem Fuße nachgegangen. Doch welchen Lohn erhielt ſie jetzt, die kleine Wittwe, für ihre frohe Mühe, für ihre ſo natürliche Anordnungi Helmer'’s Verbeugung ſagte nicht im Geringſten mehr, als was die Verbeugung jedes andern höflichen —— — —— — 9⁵ Menſchen ſagen muß, und das Schrecklichſte von Allem— ſein Blick ſagte nicht mehr, als ſeine Lippen. „Es thuk mir wirklich leid, daß ich ein ſo ſchönes und lebhaftes Familiengemälde ſtöre! Die kleinen Fräu⸗ lein ſind wahre Elfen!“ Doch die armen kleinen Fräulein, welche Compli⸗ mente erhielten, während die Mutter keine bekam, wur⸗ den ſogleich weggeſchickt, und Jungfer Bina erhielt den Befehl, ihnen im Kinderzimmer einen Schmaus von Lingonkreme und Pfannkuchen anzurichten. „Nein, nein, nein, liebe Mutter!“ erklärten die Elfen mit einem Munde;„wir wollen hier bei Mutter bleiben!“ und ſie hängten ſich feſt an ihrem Kleide. „Doch die Daphne⸗Schäferin war verſchwunden, und mit dem erſt nach oben gerichteten und dann auf die Kleinen herabgeſenkten Madonnenblicke, ſagte die junge Mutter: „Seid nicht ungehorſam, meine Lieben; da betrübt Ihr Eure Mutter! Nur wenn wir allein ſind, dürft Ihr ſo lärmen.“ Und die Kleinen trappten ab. In dem folgenden Augenblicke mußte Hortenſe einige Blumen in der Vaſe unter dem Spiegel in Ordnung ringen. Natürlich nahm ſie die Gelegenheit wahr, zu glei⸗ cher Zeit auch ihr Geſicht zu ordnen. Sie fühlte, daß dieß nothwendig war; denn an gewiſſen Symptomen merkte ſie es deutlich, daß ſie auf dem Wege war, heftig aufgeregt zu werden, und zwar eben aus dem Grunde, weil es ſo ausſah, als würde ſie keinen Anlaß zu einer andern Gemüthsbewegung, als der betrogenen Erwar⸗ tung bekommen.— Während Hortenſe die Blumen hin und her biegt, um ein iéte-ä-téte mit dem Spiegel zu erhalten, wenden wir uns an ihren Gaſt, um eine Ueberſicht über Das⸗ jenige zu erhalten, was ſich in ſeinem Innern abſpiegelt. 96 Von dem Augenblicke an, da Ernſt Helmer zurück⸗ he war es ſeine Abſicht geweſen, dieſen Beſuch zu machen. Er war es ſich ſelbſt und beſonders der jungen Wittwe ſchuldig, ſie in keinem gefährlichen Irrthume zu laſſen, falls, wie es ſchien, ſein letzter Beſuch an jenem ver⸗ wirrten Abende einen ſolchen hervorgerufen hatte. Es that ihm leid, daß dieſe Pflicht um einige Wochen verſpätet worden war; doch ſeine eigenen Ge⸗ fühle waren während dieſer Zeit auf ſo viele und harte Proben geſetzt worden, daß ihm wenig Zeit und noch weniger Kraft geblieben war, ſich den Gefühlen An⸗ derer zu widmen. Das erſte Zuſammentreffen mit Edith war ent⸗ ſcheidend geweſen. 3 Er konnte nicht den geringſten Zweifel länger hegen, daß er geliebt wurde, und noch weniger bezweifelte er es, daß ſein eigenes Herz auf immer gefeſſelt war. Aber ſchon bei dieſer Gelegeuheit erwachte der alte Schmerz. „Sdith ſchien keiner anbetenden Zärtlichkeit werth zu ſein. 4 Innerhalb weniger Minuten hatte ſie die Gluth ſeiner Gefühle abgekühlt, indem ſie ſich eiferſüchtig, mißtrauiſch, launenhaft zeigte und unaufhörlich zwiſchen der Hitze des Aequators und dem Eiſe des Poles ſchwankte. Nicht einmal bei dieſem erſten Wiederſehen konnte ſie wahr ſein. „Sie wird es auch niemals werden,“ ſagte er ſpä⸗ terhin, da er auf das oft leichtſinnige, bisweilen halb muthwillige Spiel mit dem Rittmeiſter lauſchte... Dann, als er ſeinen Blick auf das leidende Geſicht des Grafen Hermann richtete, auf welchem die Spuren ihrer zuvor gewichenen Aufmunterung in jedem Zucken, in jedem Ausdruck eines unterdrückten Schmerzes zu leſen waren, wendete er ſich mit faſt halbem Widerwillen zurück von dem Mädchen, das trotz ihrer hohen Schönheit, ekück⸗ zu ttwe ſſen, ver⸗ nige Ge⸗ arte noch An⸗ ent⸗ gen, e er alte eerth luth htig, chen akte. ſie ſpo⸗ halb des uren cken, zu illen heit, 97 ihrer lebhaften, warmen und edlen Seele dennoch ſo unvollkommen war. Es war ihm, als könnte er über ſie weinen, ſie ewig lieben, aber dennoch nicht wünſchen, ſich mit ihr zu verbinden. Das Alles und noch viel mehr hatte ſich in Helmer's Seele mit der Erinnerung an die Vertheidigung der tief betrauerten, ewig vermißten Mutter über Edith's beſſeres Weſen vermiſcht. Doch nicht einmal dieſe Ver⸗ theidigung fand Gehör, denn er war nun einmal ſo geſchaffen, daß er ganz gegen die gewöhnliche Sitte der Liebhaber vor der Möglichkeit zitterte, daß dieſes Gefühl kommen und ſich zum Meiſter über ſeinen Verſtand erheben könnte. Dazu wußte Helmer ſehr gut, daß auch er ſeinen Stolz hatte. Er war eben ſo ſtolz auf ſeine Armuth und Bür⸗ gerlichkeit, als die Hofräthin auf ihren Reichthum und ihren Adel. Und er ſchauderte vor der bloßen Vorſtel⸗ lung von einem Augenblick, da er als Supplicant vor dieſer herzloſen und ſtolzen Frau ſtehen würde, welche im alltäglichen Leben ſo einfach und freidenkend und gleich Andern, ja oft noch zuvorkommender und freund⸗ licher als Andere zu ſein ſchien, und dennoch den ver⸗ abſcheuungswürdigen Muth gehabt hatte, fünfzehn Jahre lang auf den Titel zu warten, der ihrem Verlobten das Recht ertheilen ſollte zu dem Glücke, ihr Gatte zu werden. Welche Bedeutung konnte wohl die Liebe in den Augen einer Mutter haben, welche im Stande geweſen war, ihr eigenes Herz mit mehr denn ſpartaniſcher Grauſam⸗ keit zu härten und zu behandeln? Nein, um das Alles zu überwinden, um nur den Anfang zu machen, die faf unzähligen Schwierigkeiten bei einer Partie zwiſchen ihm und Edith zu llaſſtficiren, wäre es nöthig geweſen, daß er mit Leidenſchaft geliebt hätte... Die Leidenſchaft raiſonnirt ſchnell, bahnt überall den Weg... Doch Helmer's Liebe war noch Ein launenhaftes Weib. II. 7 98 keine Leidenſchaft und ſollte es auch, wie er ſelbſt glaubte, niemals werden— weil der Gegenſtand derſelben nur über ſein Herz Macht hatte. Edith's Vereinigung mit dem Grafen, die er vor ſeiner Reiſe für möglich, faſt wahrſcheinlich gehalten hatte, fiel ihm nicht mehr ein; denn nun war kein Anlaß mehr, ſie zu vermuthen. Und ohne daß Helmer es wußte, war es eben die Gewißheit, daß für den Augenblick kein gefährlicher Nebenbuhler vorhanden war — den Rittmeiſter wollte er nicht für gefährlich aner⸗ kennen— was ihn in ſeine Sicherheit einwiegte. Wie plötzlich er zu einer andern Gewißheit geweckt wurde, wiſſen wir; doch wir wiſſen nicht, daß die mäch⸗ tige Revolution, welche, ſo zu ſagen, den Grundwall ſeiner Liebe erſchütterte, anſtatt der umgeſtürzten eine neue Welt entſtehen ließ. Die auf ewig verlorne Edith erhielt einen andern Werth, als ſie zuvor gehabt hatte. Wie vieles Große, Herrliche, Gute und Reine war nicht vereinigt in dieſem ſeltenen Weſen, das bisher Niemand hatte faſſen und verſtehen wollen! Wie klein wurden nicht jetzt ihre Fehler, ihre Launen, ihre leicht⸗ ſinnigen Handlungen, ſämmtlich entſprungen aus einem ſeelenvollen, unruhigen Geiſte, der ſtets nach Quellen ſuchte und ſuchen mußte, um in dieſelben ſeinen Ueber⸗ fluß abzuleiten, bis er ihn auf ein einziges feſtes Ziel richten konnte... Und wie vieles Gold von unverän⸗ derlicherem Werthe, als das irdiſche, könnte nicht der Mann, dem ſie ihr Herz und ihre Hand geſchenkt hätte, aus dieſer reichen Grube ihrer Seele zu Tage gefördert haben!... Doch, o weh! wozu diente nun die Reue— die Reue, nicht einmal verſucht zu haben?... Edith's Schickſal war nun entſchieden; ihre Hand war Einem gelobt, während ihr Herz ſich einem Andern hingegeben hatte: drei Menſchen unglücklich für immer; denn Graf Hermann war nicht der Mann, welcher Edith leiten konnte, ſelbſt wenn ſie— im beſten Falle— recht lange 8 tubte, nur r vor alten kein elmer den dwall eine ndern war isher klein ſeicht⸗ einem iellen leber⸗ Ziel erän⸗ t der hätte, ordert die dith's inem geben Graf leiten lange 99 von der edlen Hoffnung, dem warmen Verlangen beherrſcht bleiben ſollte, ſein guter Engel zu werden. Es gibt eine ernſte, eine ſtarke Kriſe, wenn dieſe raiſonnirenden Vernunftmenſchen mit ihrer Ruhe und Selbſtbeherrſchung ſich ihrer gewöhnlichen Vortheile be⸗ raubt ſehen, wenn ſie keine Gründe mehr finden können, und wenn ſie wirklich ſolche finden, es verſchmähen, ſie anzuwenden. Für Helmer, wenn er wirklich jetzt im Stande ge⸗ weſen wäre zu denken, würde es beſonders demüthigend geweſen ſein. Er war ſo überzeugt geweſen, daß er während der tiefen Trauer über eine angebetete Mutter keine Gefühle hegen könnte, die heftig genug wären, um dieſe Trauer zu vermindern. Jetzt, in der Wildheit einer losgelaſſenen Leidenſchaft, war dieſe Trauer nicht vermindert; denn... ſie war vergeſſen. Sein Stolz war vernichtet. Er wußte nur zwei Dinge: er liebte über alle Grenzen der Vernunft... und er hatte verloren. Er durchwachte dieſe Nacht, welche an Fieberträu⸗ men überfließender war, als jemals eine Nacht des Grafen Hermann. Als aber der Morgen kam und das Licht des Tages ſeine entſtellten Züge beleuchtete, da ſank das ſtürmiſche Bilderſpiel der Phantaſie hinab in die unbekannte Tiefe, aus welcher es von unſichtbaren Geiſtern hervorgerufen worden war. Er fühlte ſich wieder im Stande zu denken, und er ſuchte ſeine Gedanken unter die wiederkehrende Gewalt der Vernunft zu ordnen. Eiskalt vor Schrecken über Dasjenige, was ſich mit ihm während dieſer zwölf Stunden im Abgrunde zugetragen hatte, gelobte er es ſich ſelbſt, daß wenig⸗ ſeens kein menſchliches Auge die Spuren davon ſehen ſpollte Das Loos war geworfen, er wollte keinen Verſuch machen, es zu ändern, und ſo mächtig iſt di Gewohnheit 100 der Selbſtbeherrſchung, daß er halten konnte, was er gelobt hatte... Welche Kämpfe ihn aber dieſe Beherr⸗ ſchung jetzt koſtete, Kämpfe, von denen er disher keine Ahnung gehabt hatte, davon wollen wir ſchweigen. Erſt acht Tage nach der großen moraliſchen Um⸗ wälzung in ſeinem Leben, und nachdem er ſowohl mit Freude, als auch mit Verzweiflung geſehen hatte, wie vortrefflich Edith ſich in das neue Verhältniß zu ſchicken wußte, ſielen ſeine Gedanken wieder auf Hortenſe. Hätte er dieſe Liebe als etwas Anderes anſehen können, als einen romantiſchen Rauſch, einen vorüber⸗ gehenden Einfall, ſo würde er nie in ſeinem Leben ge⸗ neigter geweſen ſein, ihr Schickſal mit dem ſeinigen zu verbinden, als eben jetzt, da er mit aller Macht den Abſtand zwiſchen ſich und Edith zu erweitern wünſchte und gerne auf eine paſſende Art ſeine Stellung auf Dagby verlaſſen hätte, was er aber jetzt nicht konnte, ohne ſeine Schwäche zu verrathen. Aber Hortenſe's ganzes kleines Weſen war zuſam⸗ mengeſetzt aus lauter Kindlichkeiten und Koketterien. Ihr Leiden konnte alſo nicht von langer Dauer ſein. Und Helmer ſah die Nothwendigkeit nicht ein, ſich für eine ſolche Frau aufzuopfern, wie er es wohl für eine Andere gethan haben würde, deren Herz ernſthaft ver⸗ letzt wäre. Reichthum, Unabhängigkeit kamen gar nicht in Betracht. Er hatte allzu hohe Gefühle, als daß er unter irgend einer Bedingung ſeine Freiheit gegen die Ausſicht auf ein bequemes Leben verkaufen wollte... jetzt konnte davon noch weniger die Rede ſein. Und alſo beabſichtigte ſein heutiger Beſuch, der Illuſion dieſer jungen Wittwe ein Ende zu machen— denn bei ihrem Zuſammentreffen auf Dagby hatte er geſehen, daß ſie ſogar den Abſtand, auf welchem er ſich hielt, mißdeutete.. Doch es iſt Zeit, daß wir uns wieder nach unſerer Wirthin umſehen. Die Blumen fſind jetzt in die vollendetſte Unordnung 101 gerathen— dabei aber hat die kleine gnädige Frau elbſt ihr tete-à-tete mit dem Spiegel beendigt und wendet ſich jetzt mit einem entzückenden Erröthen an Herrn Helmer, welchen ſie erſucht, auf dem Sopha Platz zu nehmen. Sie ſelbſt ſetzt ſich auf die äußerſte Kante eben dieſes Sopha's und unterhält ſich damit, die kleinen roſenfarbenen Fingerſpitzen durch die Löcher der Spitzen ihres Schnupftuches zu ſtecken. „Meine gute Frau von Y.,“ begann Helmer und heftete einen halb melancholiſchen Blick auf die junge Frau,„wie Vieles hat ſich nicht verändert ſeit dem Abende, da ich zuletzt die Ehre hatte, auf Glanberg zu ein!“ „Ach ja, Vieles, Herr Helmer!— welche große Prü⸗ fung haben Sie nicht zu beſtehen gehabt!“ „Ja, eine ſehr große, und ich möchte mich faſt ver⸗ ſucht fühlen, an die Macht der Ahnung zu glauben, wenn ich daran denke, wie aufgeregt, wie wunderlich ich an jenem Abende war, da die Trauerpoſt mich traf. Die gewaltige Spannung war auch von einem Krank⸗ heitsanfall begleitet, den ich noch niemals gehabt habe. Ich habe mich mehr als einmal geſchämt, wenn ich die Unruhe in mein Gedächtniß zuruͤckrief, welche ich da⸗ durch meiner guten, theilnehmenden Wirthin verurſachte.“ „O Herr Helmer, glauben Sie nicht, daß dieſe Un⸗ ruhe nur um Ihretwillen für mich bitter war!“ entgeg⸗ nete ſie leiſe. „Nein, wer ſo mild iſt, der iſt auch nachſichtig.. ich weiß es.“ „Nachſichtig?— dieſes Wort kann hier gar nicht in Frage kommen!“ „Um die Wahrheit zu ſagen, bin ich deſſen nicht ſcher. Eines aber weiß ich ganz beſtimmt.“ 1„Was denn?“— 10² —„Was ich auch in dieſen Stunden geſagt haben kann, ſo iſt es nie meine Abſicht geweſen, etwas zu äußern, das nur einen Schein von Beleidigung gegen diejenige enthalten kann, der ich eine ſo ehrfurchtsvolle Achtung weihe.“ Zu allem Unglück faßte Hortenſe dieſe Worte nur in der Bedeutung auf, die ſie ihnen zu geben, nicht in der, welche Helmer auszudrücken wuͤnſchte. Und der Eindruck, den ſie hervorbrachten, offenbarte ſich ſogleich in dem verſchämten, aber ſtrahlenden Blick, der dem ſeinigen begegnete. Dennoch verfloſſen einige Secunden, ehe ſie mit unſicherer Stimme antwortete. „Herr Helmer! Ich habe mich nicht durch Ihre Worte beleidigt gefühlt; ich habe nur geglaubt, daß... Sie ſelbſt dieſelben bereut haben!“ Hierauf war eine Antwort in der That ſchwer, und um ſo ſchwerer, als Helmer nie im Stande geweſen war, ſich recht zu entſinnen, wie dieſe unüberlegten Aus⸗ drücke, die nur eine Galanterie hatten ſein ſollen, aber ernſthaft aufgenommen worden waren, eigentlich gelau⸗ tet hatten. Die ſtarke Röthe, welche ſein Angeſicht bedeckte, das ſichtliche Zaudern, welches in ſeinem Schweigen ſich offenbarte, waren Zeichen, die Hortenſe's Hoffnungen noch erhöhten. Sie dachte: „Sollte er wohl ſo übertrieben blöde ſein, daß er das Gelingen bezweifelte, daß er eine abſchlägige Ant⸗ wort fürchtete?... Iſt er ſo blind, daß er Alles, von dem er ſich vielleicht überzeugen will, nicht ſehen und verſtehen kann?“ Ihre Verwirrung nahm zu. „Beſte, gute Frau von Y., hören Sie mich!“ Hortenſe Varte mit Seele und Ohr, ja mit ihrem ganzen Wefen. „Es gibt leider Dinge, die ſo delicat ſind, daß man ¹ ſte mit Worten nicht beruͤhren kann.“ aben 3 zu egen volle nur zt in der leich dem mit Ihre und deſen Aus⸗ aber lau⸗ eckte, ſich ngen 3 er Ant⸗ von und 103 Hortenſe's kleines Herz zitterte wie ein Eſpenlaub; ſie vermochte nicht aufzublicken.* „Höchſtens,“ fuhr Helmer fort,„wagt man es, ſie zu ahnen.“ „Ach, ich ertrage nicht mehr!“ flüſterte ſie, indem ſie mit einer Geberde der unbeſchreiblichſten Liebenswür⸗ digkeit ihre kleine Hand darreichte. Die arme Hortenſe! Sie meinte, hiemit wäre Alles abgemacht. Sie dachte, daß Sie auf dieſe Weiſe ſich und ihrem Liebhaber— ſo nannte ſie ihn jetzt— von der drückenden Angſt, der unruhigen Spannung befreite, welche eine ſoche Erklärung zu begleiten pflegt. Doch zum Allerwenigſten hätte ſie gewünſcht, daß die Erde ſich geöffnet und ſie bedeckt hätte, als Helmer, nachdem er einen leichten Kuß auf dieſe Hand gedrückt, dieſelbe losließ, und mit einem Tone, der unmöglich Liebe enthalten konnte, dieſe entſcheidenden Worte deut⸗ lich ausſprach: „Beſte Frau von Y.! empfangen Sie den Ausdruck meiner ewigen Erkenntlichkeit, meiner warmen, wenn ich ſo ſagen darf, brüderlichen Freundſchaft, und glau⸗ ben Sie, wenn nicht mein Herz längſt ein Bild in ſich aufgenommen hätte, das ſelbſt der Tod nicht erbleichen kann, ſo wäre es nimmermehr kalt geblieben gegen die⸗ jenige, der ich nicht wagen würde, das Opfer von Ge⸗ fühlen anzubieten, welche nur Armuth ſein können, da das Vornehmſte fehlt; und nun verzeihen Sie mir meine Vermeſſenheit, daß ich ſo ganz unumwunden ge⸗ redet habe! Ich hatte es nicht beabſichtigt, doch... ich glaube, meine Pflicht heiſchte es.“ Mit den Händen vor dem bethränten Antlitze ver⸗ gaß Hortenſe Alles, was ſie von der Achtung des Weibes vor ſich ſelbſt, Alles, was ſie von Würde, Selbſtbe⸗ herrſchung und dergleichen gehört und geleſen hatte. Sie fuhlte nur die Scham darüber, daß ſie ſich durch ein Mißverſtändniß ſo herabgewürdigt hatte. Ihr nächſtes bewußtes Gefühl war kindliche Neugierde. Wer konnte wohl diejenige ſein, die Helmer's Herz geſtohlen hatte. 104 Plötzlich ergriffen von dem fürchterlichen Gedanken, ſond daß Helmer ſie mit Verachtung und Triumph betrach⸗ imm tete, ſprang ſie heftig auf und wollte hinaus eilen. Jetzt aber zeigte Helmer ſich angelegener, ihr Ge⸗ meit heimniß zu bewahren, als ſie ſelbſt. dieſe Mit ſanfter Gewalt führte er ſie zurück, indem er jene ſie mit der äußerſten Delicateſſe darauf aufmerkſam mit machte, daß ihre Gemüthsbewegung vielleicht die Auf⸗ will merkſamkeit der Dienſtboten rege machen und dadurch ihre ihre Neigung zu Klatſchereien in Thätigkeit ſetzen könnte.„Es iſt kühn, ja vielleicht unrecht von mir, ew Rath geben zu wollen,“ fügte er mit einer Stimme der ſi unwiderſtehlichſten Herzlichkeit hinzu,„aber der Rath iſt Ver ein freundſchaftlicher. Befolgen Sie ihn, er bezweckt Gef nur Ihr Beſtes!“ eber „Soll denn,“ ſtotterte ſie,„das Geſchehene niemals voll über Ihre Lippen kommen?“ dem „Niemals, bei meiner Ehre, bei der Todesſtunde meiner Mutter, niemals!“ tige „Dank!... ich will es verſuchen, die Welt zu und täuſchen... und nun leben Sie wohl!— ich muß erw allein ſein!“ Ver in kon daf Me Vierzehntes Capitel. 33 Sonnenſchein. 1 n Der Herbſt war vergangen, das Weihnachtsfeſt Br vorbei, Onkel Janne abgereist.* rur Der Alte hatte kurz nach Edith's Verlobung Dagby ihn verlaſſen, und jetzt nahte das Ende des zweiten Monats eerl dieſer wichtigſten Periode in Edith's Leben. Noch immer war das Glück des Grafen Hermann im Steigen, denn ſieben Wochen lang— welch uner meßlicher Zeitraum! hatte Edith nicht nur täglich geſagt, lich 10⁵ ſondern auch in ihrem Betragen bewieſen, daß er ihr immer theurer wurde........... „Edith übertrifft fortwährend ſich ſelbſt und alle meine höchſten Hoffnungen,“ ſchrieb die Hofräthin um dieſe Zeit an ihren Schwager....„und da Du mir jenen Wink über ihre früheren Gefühle gegeben haſt, mit deren Zuſtand ich Dich nicht bekannt glaubte, ſo will ich Dir geſtehen, daß ich ſelbſt verwundert bin über ihre Stärke, ihren Verſtand und ihre Feinheit. „Es iſt— verſteht ſich unter uns geſagt!— ganz ewiß, daß ſie Hermann in einem Zuſtand nahm, da e zu Allem fähig geweſen wäre, um nur der unſeligen Verwirrung zu entgehen, welche damals ſowohl in ihren Gefühlen, als auch in ihren Gedanken herrſchte; aber ebenſo gewiß iſt es auch, daß ſie jetzt dieſe Gefühle ſo vollſtändig unterdrückt, daß dieſelben ſich nicht einmal dem ſcharfſinnigſten Beobachter verrathen können. „Gott ſei gelobt, daß ſie ſelbſt bei Zeiten, oder rich⸗ tiger immer, den Wahnſinn in dieſer Liebe einſah, und welches unausſprechliche Glück, daß dieſelbe nicht erwiedert wurde; denn obgleich ich an dem Abende ihrer Verlobung mit dem Grafen wirklich einigen Verdacht in dieſer Hinſicht hegte, ſo habe ich mich ſpäterhin voll⸗ kommen überzeugt, daß ich mich irrte. Es iſt möglich, daß er ein kleines Attachement gegen ſie hegte— alle Männer, die in ihre Nähe kommen, verbrennen ſich ge⸗ wöhnlich ein wenig— doch war es nichts Ernſthaftes, das iſt abgemacht: dann wäre er weggezogen. „Dazu, mein lieber Janne, kannſt Du Dir gar nichts Angenehmeres denken, als das jetzige Verhältniß des Bruksverwalters zu der Braut, und nichts Bewunde⸗ rungswürdigeres, als ihren freundſchaftlichen Ton gegen ihn, ſo ganz verſchieden von der alten affectirten Bit⸗ terkeit und dem bizarren Stolze.... Immer iſt es mein Princip geweſen, keinen Stolz gegen Perſonen 3 zeigen, die unter uns ſtehen. „Auch die Verbindung mit dem Grafen, die natür⸗ licher Weiſe auf ein Mädchen mit Edith's Gemüth und 106 Charakter Eindruck machen mußte, hat bedeutend auf ſie eingewirkt. Ich habe Grund zu dem Glauben, daß ſie ihn aufrichtig hochachtet, ja ſogar ihn recht herzlich liebt. Und er, die edle Seele, iſt im Himmel vom Mor⸗ gen bi an den Abend. „Geſtern redete er von der Hochzeit und von ſeinem Wunſche, gleich nach derſelben mit ſeiner jungen Gattin eine Reiſe nach den Rheingegenden anzutreten, wo er hoffte, daß ſie für's Erſte gerne wohnen würde. Mir ganz recht, dachte ich; je eher es vorüber iſt, deſto beſſer; Edith aber antwortete ausweichend. Sie meint ver⸗ muthlich, daß es mit der Hochzeit keine Eile hat. „Unſer Rittmeiſter, fürchte ich, nahm die Sache ernſter, als Helmer. Er hat nichts mehr von ſich hören laſſen, obgleich er zu Weihnachten zurückzukommen verſprach). „Was übrigens dieſes betrifft, eine Sache ernſthaft zu nehmen, ſo iſt es ganz gewiß, daß es Leute gibt, die ihre Stellung in der Geſellſchaft nicht verdienen. Was meinſt Du wohl, unſere kleine Wittwe auf Glanberg ſcheint ebenfalls— und das in vollem Ernſt— geneigt geweſen zu ſein, mir meinen Verwalter abſpenſtig zu machen; doch dieſer Mann gehört gottlob zu den Weni⸗ gen, welche den edlen Stolz beſitzen, ſich nicht um Geld und Anſehen verheirathen zu wollen. „Wie Du aus dieſem Briefe ſiehſt, mein guter Schwager, bin ich ſehr ruhig und zufrieden. Ich bin ufrieden mir mir ſelbſt wegen meiner guten Idee; ich bin zufrieden mit meiner Umgebung, die mir nicht das Leben durch ſogenannte Auftritte verbittert— dieſe ſind mein Abſcheu; und zuerſt und zuletzt bin ich zu⸗ frieden mit Edith, denn noch nie iſt ſie eine beſſere äh geweſen. „Möchte nun nur alles dieſes Gute fortdauern, ſo daß wir im Frühlinge Hochzeit feiern können— denn länger wird es ſich denn doch wohl nicht verſchieben laſſen—— und dann, mein lieber Schwager, erwarten wir Dich, damit Du Vaterſtelle vertrittſt“— u. ſ. w..... 107 Wie Viele haben wohl nicht mit der Hofräthin aufrichtig ausgerufen: möchte alles Gute fortdauern!“ — doch launenhafter als irgend ein irdiſches Weib iſt die Göttin, welche nach Belieben Freude und Schmerz über ihre in der Zeit wohnenden Unterhanen ausſtreut. Dießmal ſah es inzwiſchen ſo aus, als ob das mütterliche Gebet erhört worden wäre; denn nur Son⸗ nenſchein leuchtete über Dagby und die Verlobten. „Du reiſeſt ja zu dem glänzenden Balle?“ So fragte Graf Hermann an einem Abende kurz nach Neujahr ſeine Braut, indem er ihr den Stramin aus einem Stickrahmen auftrennen half. „Willſt Du denn hinreiſen?“ entgegnete ſie mit einem ſchelmiſchen Lächeln. „Ich auf einen Ball?“ „Wäre das denn ein Wunder?“. „O nein, ich würde dort nur eine traurige Figur ſpielen— doch,“ fügte er mit einem unterdrückten Seufzer hinzu,„Du bekommſt wohl Einen, der Dich fährt!“ „Ja, ich bekäme wohl Einen, der dieſe Mühe über⸗ nähme, und ich geſtehe, ein Ball, der mit einer Schlit⸗ tenpartie anfängt, hat immer zu meinen Favoritver⸗ gnügungen gehört. Nichts deſto weniger würde ich“... Sie ſchien über das Ende nachzudenken. „Würdeſt Du.... 2“. „Ja, lieber Hermann, ich würde dießmal nicht ver⸗ gnügt ſein können, wenn ich wüßte, daß Du hier zu Hauſe umhergingeſt und die Stunden zählteſte „Aber,“ fiel er ein, kämpfend zwiſchen dem Ver⸗ langen, ihre Aufopferung anzunehmen, und deit Ver⸗ langen, ſich deſſelben noch wuͤrdiger zu zeigen, wenn er dieſelbe ausſchlüge—„aber es wäre unedel gon mir wenn ich nur wünſchen wollte, Du möchteſt zu Hauiſe bleiben— und ich wünſche es nicht.“ 108 „Jetzt ſollte ich Dich eigentlich dafür ſtrafen, daß Du nicht aufrichtig biſt! Kannſt Du mich wohl anſehen und behaupten, daß Du wünſcheſt, ich möchte zu Hauſe bleiben?“ „Nein, meine geliebte Edith, laß mich lieber meine Augen verbergen!“ Er warf ſich neben ſie hin und neigte das Haupt in ihren Schooß........ „Wie glücklich ſie ſind!“ flüſterte die Hofräthin, die am andern Ende des Saales mit ihrem Verwalter an einem Tiſche ſaß und einige Rechnungen durchſah. „Ja, ſehr glücklich... zweihundert dreiunddreißig manhie à zehn Reichsthaler vierundzwanzig Schillinge macht..... „Es thut Einem ſo recht im Herzen wohl, ſie zu betrachten!“ „.. Macht 2430 Reichsthaler Banco— ein guter Handel, beſonders unter den jetzigen Conjuncturen!“... „Siehſt Du!“ fuhr Edith fort, die für nichts Ande⸗ res, als nur den Stramin und den Bräutigam Augen zu haben ſchien;„ſiehſt Du nun, daß Du nicht weit damit kommſt, wenn Du den Aufopfernden mehr als zum Schein, und kaum das, ſpielen willſt? denn ich ſehe mich genöthigt, Dir zu ſagen, mein Freund, daß Deine Miene die Wahrheit ausplauderte.“ „Aber Du Engelgute! ich muß mich ja doch ein⸗ mal an dieſe Entſagungen gewöhnen; nicht immer kannſt Du, jung, lebhaft und gefeiert, Dich ſelbſt um meinetwillen verbergen. Wenn ich auch ſo ſchwach bin, daß ich davor zittere, ich könnte eines Tages von Dir geſchieden ſein, ſo verſichere ich Dich dennoch, ich bin nicht ſo feige, das ich das fortwährende Opfer der Freude und Huldigung, die Dich in den Geſellſchafts⸗ reeiſen erwarten, und an welche Du gewöhnt biſt, an⸗ naehmen will.“ Brruhige Dich, mein guter Hermann, das Opfer groß nicht!“ und ihre weiße Hand fuhr über die dunnen Locken des Geliebten. daß ſehen Hauſe neine teigte , die r an eißig linge e zu guter 74 nde⸗ ugen weit als rich daß ein⸗ umer um bin, Dir bin der afts⸗ an⸗ pfer die 109 Er blickte zu ihr auf— und mit der irdiſchen Gluth in ſeinen Augen miſchte ſich eine anbetende Verehrung. „Nun mußt Du gewiß wieder zu dem Federmeſſer greifen!“ fuhr Edith fort, die während der ganzen klei⸗ nen Scene mit der einen Hand die Ecke des Stramins feſtgehalten hatte—„ich nehme es Dir ſehr übel, wenn Du keine Neugierde zeigſt, meine erſte Arbeit für Dich zu beſchauen!“ „Ach, laß mich zu Deinen Füßen ſitzen: glaube mir, in den langen Stunden der Nacht habe ich Zeit genug, dieſer Arbeit, die ich liebe, weil ſie von Dir kommt, meine Huldigung zu zollen... doch jetzt— in dieſem Augenblicke— bin ich nicht im Stande, ihren Werth zu fühlen.“ Ein faſt lautloſer Seufzer, der in dieſem Augen⸗ blicke über Edith's Lippen flog, entging dem Grafen nicht, denn man konnte behaupten, daß er mit ſeiner Seele jeden Laut, jede Bewegung von ihr auffaßte. „Dieſer Seufzer, Geliebte,“ ſagte er leiſe,„war kein Seufzer des Gluͤckes: er fand keine Erwiederung in meiner Seele... Du dachteſt an nichts Gutes.“ „Ich dachte an Deine kleinen Eigenheiten, mein Lieber, und ſagte zu mir ſelbſt:„wann wird er ſo frei und ſtark werden, wie ich ihn zu machen hoffte?“ „Das werde ich erſt dann recht, wenn ich an der Hand des Engels in das Paradies trete!“ flüſterte er zärtlich und vertrauensvoll. „Immer Engel— wenn Du doch einmal ſehen wollteſt, wie irdiſch ich bin!“ „Auch die Erde hat ja Engel!... O Edith, wenn Du wüßteſt, wenn Du begreifen wollteſt, wie ver⸗ andert meine Phantaſien ſind! Mich verfolgt nicht lan⸗ ger jenes Geſpenſt, das Deine Macht in Ketten gelegt hat, ſeine höhnende Stimme erreicht nie mehr mein Ohr; doch meine Nächte— immer des ruhigen Schlafes beraubt— ſtellen jetzt andere Gebilde dar; bald ſind ſie dem klarſten Morgen des Himmels entwandt, hald der ſinſterſten Nacht des Abgrundes entnommen.“ 1¹⁰ „Mein armer Hermann!“ „Höre!“... Bald biſt Du mein, meine angebetete Gattin, die ihre warme Wange an die meinige legt und Liebe athmet, bald wieder biſt Du nicht mein: ich bin gezwungen, zu ſehen, wie Deine entzückende Geſtalt meinen Dir nachſtrebenden Armen entſchwindet, Du fliehſt mir, fliehſt... und andere Arme nehmen Dich auf... Ich höre es, wie Deine Seufzer ſich mit den Seufzern eines Andern miſchen, ich höre, daß andere Liebesworte als die meinigen in Deine Ohren geflüſtert werden, und ich weine, ich tobe, ich leide tauſendfältig grauſamere Plagen, als ich jemals litt unter meinen ſchrecklichſten Viſionen.“ „Du erſchreckſt mich, Hermann, ja, Du erſchreckſt mich wirklich mit dieſer unſeligen Wildheit, die ich weit entfernt war, zu ahnen!“ erwiederte Edith in einem Tone, der ebenſo leiſe war, als der ſeinige. „Nein, fürchte Dich nicht! Ich ſage mir oft, ſehr oft, daß es unwürdig von mir gehandelt iſt, mich die⸗ ſem Wahnſinne hinzugeben; aber ich beſitze dagegen keine Macht— nur Du, einzig und allein Du kannſt mich befreien!“ „Ich?“ „Wenn Du unwiderruflich die Meinige wirſt, ſo habe ich nichts mehr zu fürchten.“ „Was kannſt Du wohl jetzt fürchten? Bin ich nicht Dein durch ein heiliges, und was noch mehr iſt, ein freiwilliges Gelübde?“ „Ich weiß ſelbſt nicht, was ich fürchte; ich weiß nur, daß Du mir noch nicht gehörſt durch das einzige Band, das mich vollkom men befriedigen kann.“ „Das iſt nicht Recht, mein Hermann; das zeigt, daß Du kein volles Vertrauen gegen mich hegſt— Du beleidigſt mich!“ Ich hege zu Dir das höchſte Vertrauen, das ein Menſch zu dem andern hegen kann. Und ich hege ein feſtes Vertrauen zu der liebevollen Vorſehung, die mir nach ſo vielen bitteren Prüfungen erlaubt hat, ein Ziel betete 2 legt ¹: ich heſtalt „Du Dich t den ndere üſtert fältig einen reckſt weit einem ſehr die⸗ gegen annſt 5 8 — zu erreichen, auf das ich nicht einmal das Recht hatte ... O, ich bin auch ſo dankbar, daß Du von mir unmöglich eine Prüfung verlangen kannſt, die ich nicht mit Freuden beſtehen wollte. Nichts deſto weniger bin ich in den erwähnten Stunden ſowohl dem Himmel, als auch dem Fegefeuer anheimgefallen.“ „Wenn Du aber bei mir biſt?“ „Wenn ich bei Dir bin, ſo gibt es keine Finſterniß in meiner Seele: Du biſt ihr Licht— wenn ich nur Dich ſehe, ſo iſt Alles Friede.“ „Dank für dieſe Verſicherung, auf die ich mich ver⸗ laſſe! Verlaſſe Du Dich auch auf mich und auf meine Verſicherung, daß es meine eifrigſte Sorge ſein ſoll, in Dir den Frieden zu erhalten und die Wolken zu ver⸗ jagen. Warte nur, und Du wirſt ſehen, wie Deine letzten tollen Träume ſich auflöſen werden!“ „Wann darf ich auf dieſe Auflöſung hoffen? Sage mir, wo nicht den Tag, ſo doch einen beſtimmten Monat! ... Welch ein Talisman wäre das nicht gegen die fin⸗ ſteren Mächte... Im Mai, in dieſem Monate, da es ſich ſo ſchön reist— in dieſem Monate, da die ganze Aabi zu einem neuen Daſein erwacht... den erſten ai?“ „Wir werden ſehen!“ „Gott, mein Gott, Du hörſt es: ſie ſagt nicht nein!“ „Ich ſage nicht nein, Du unruhiger, ungeduldiger Menſch! Ich habe nicht das Herz dazu.“ „Jetzt trotze ich dem ganzen Anhange der Unter⸗ welt, mir nahe zu kommen! O, Segen über Dich, mein Engel, meine Seele, mein Leben!“ Und er badete ihre Hände mit den Thränen des Glückes............... „Auch über dieſes andere Geſchäft kann ich nicht klagen, mein beſter Herr Helmer; es iſt eine recht artige Summe. Nun aber, glaube ich, iſt es Zeit, unſere Lieben⸗ den in ihren vertraulichen Ergießungen zu ſtören!... Sie haben ſich einen fatalen Schnupfen zugezogen, 112 Herr Helmer, und Bruſtſchmerzen dazu; Sie müſſen Yſopsthee trinken!“ „Nein, um Alles in der Welt, nichts in dieſer Hin⸗ ſicht!— ich möchte mich nicht gerne verwöhnen laſſen.“ „O,“ beliebte die gnädige Frau zu ſcherzen,„ſo lange es eine, Dame in meinen Jahren iſt, die Sie ver⸗ wöhnt, ſo hat es nichts damit auf ſich! Und meine Huldbeweiſungen, Yſopsthee und Honig, müſſen Sie an⸗ nehmen; denn, aufrichtig geſprochen, dieſer trockene Huſten gefällt mir nicht, damit iſt nicht zu ſpaſſen.“ Helmer blieb die Antwort ſchuldig auf die herab⸗ laſſende Artigkeit ſeiner Patronin. Er wußte eine beſſere Kur gegen ſeinen Huſten, die er jedoch nicht vorſchlagen konnte, nämlich nicht mehr genöthigt zu ſein, in dem Saal zu ſitzen, wenn man uͤber Geſchäfte zu reden hatte; denn es übertraf beinahe die Kräfte eines Menſchen, dieſe Art von Prüfung aus⸗ zuhalten. Fünfzehntes Capitel. Häusliche Auftritte. Eine Unterredung. Noch ſcheint die Sonne. „Mach auf, gute Edith, ich bitte Dich!... ich muß nothwendig mit Dir reden!“. „Bald, liebe Olga! Jetzt habe ich zu ſchreiben.“ „Aber es iſt ſehr, ſehr dringend... Liebe, ſüße Edith, mach auf, mich friert hier draußen! Und ich be⸗ greife nicht, warum Du die Thür verriegelt haſt!“ „Warte noch eine Viertelſtunde, mein Kind; ich kann Dich jetzt nicht einlaſſen!“ „So muß ich denn wohl gehen, garſtige Edith! Mach Dich aber darauf gefaßt: Du haſt mich ba wieder hier!“ 4 1 — ſie Sch verſ das Thr ſein weil weit ſolch um laß 113 nüſſen Olga hielt Wort: nach einer Viertelſtunde ſtand ſie wieder vor Edith's Thür. r Hin⸗ Dießmal war der Riegel weggezogen. 4 aſſen.“ Das junge Mädchen kam in das Zimmer ihrer 1,„ſo Schweſter gehuͤpft. e ver⸗„Edith!“ rief ſie heftig aus,„Du haſt geweint; reine veerſuche es nur nicht zu verbergen! und das iſt nicht 1 ie an- das erſte Mal ſeit Deiner Verlobung, obgleich Du Deine Huſten Thränen verheimlichſt. Er ermüdet Dich auch ganz mit ſeiner Sentimentalität, ſeiner Selbſtſucht und ſeiner Lang⸗ jerab⸗ V weiligkeit... Gott, wie langweilig er iſt!“ „Fi, Olga, wie kannſt Du ſo reden! Habe ich ge⸗ 1 g n, die“ weint— und ich hoffe, Du liebſt mich ſo, daß Du einer mehr V ſolchen Sache nicht erwähnen wirſt— ſo iſt das nicht man um Hermann geſchehen: er gibt mir gewiß keinen An⸗ einahe laß zu Thränen.“ aus⸗„Aber, liebe Edith, er gibt Dir Anlaß zum Gähnen!“ „Haſt Du mich denn ſchon gähnen geſehen?“ „O ja, das habe ich, wenn er es nicht ſehen konnte.“ „Jetzt biſt Du wirklich boshaft!“ — „Nein, ich wage es Dir nur zu ſagen. Du willſt es Dir vielleicht nicht einmal ſelbſt geſtehen... Doch was wäre wohl da zu verwundern, wenn Dir bei dem eewigen Einerlei Tag aus und ein endlich die Zeit lang Noch vouiürde: er ſieht und hört ja keinen Menſchen, als nur Ddich. Ich begreife gar nicht, wie Du es aushältſt!“ .„Du biſt ſo wenig delicat, meine kleine Olga, daß . ich ich mit Dir hierüber gar nicht reden kann. Und ich vermuthe noch überdieß, daß Du nicht, um mir das 1. 4 V Alles zu ſagen, ſo große Eile hatteſt!“ ſüße„Nicht eigentlich; ich wollte Dich aber doch herzlich h be⸗ gerne bitten, Du ſollteſt Dich dießmal nicht um ihn be⸗ ümmern. Gute Edith! komme mit nach Ramswik! ; ich Ddieſes Feſt, das ſo lebhaft wird, um den Rittmeiſter zu bewillkommnen, verdient es wohl, daß Du mit dabei biſt.“ „Das glaube ich auch, aber...“ „Keine Aber, keine Aber! Siehſt Du, liebſte, beſte Edith, ſonſt komme ich nicht mit dahin, und es wäre Eim launenhaftes Weib. II. 8 7 114 doch wirklich grauſam, ja ganz unmenſchlich, wenn Du Schuld daran ſein wollteſt— Du weißt ja, daß ich jetzt, da mein Confirmationsunterricht beginnen ſoll, an keinen Vergnügungen Theil nehmen kann.“ „Was kann Dich aber von der Reiſe abhalten, wenn Mutter fährt?“ „Mutter ſagt: ſie reist nicht ohne Dich; denn ſie meint, es ſchickt ſich nicht, daß Du mit Deinem Bräu⸗ tigam allein zu Hauſe bleibſt.“ „Nun, ſo wird es ſich doch wohl ſchicken, wenn Du mit Deiner Gouvernante fährſt?“ „Ja, die wird fahren! Denkſt Du, ſie zieht irgend ein Vergnügen in der ganzen Welt der himmliſchen Hoffnung vor, mit Herrn Helmer allein zu Hauſe blei⸗ ben und für ihn Fliederthee zuſammenrühren zu können! O, wie ärgerlich und unausſtehlich können doch die Menſchen ſein! Wenn der Verwalter ſich nicht zierte und reiste— er hat nicht mehr Huſten als ich— da bnde wohl Mamſell Octavie Luſt... nun aber— 0 0 14 „Gib Dich zufrieden, liebe Olga, wir finden ſchon einen Ausweg! haicht um meinetwillen ſollſt Du dem Vergnügen entſagen, beim Balle den Couſin Abbé wirvergüſehen „O, nicht eben darum, obgleich er ſeine Dame in dem Walzer ſehr gut führt und den Cotillon wie ein Engel anführt. Doch wärſt Du ſehr artig, wenn Du einen Ausweg finden könnteſt!“ „Ich will es verſuchen!“ „Und ſei nur nicht böſe auf mich, weil ich das von Hermann ſagte! Ich war verdrießlich über ihn, weil ich meinte, er wäre Schuld an der ganzen Geſchichte.“ Edith lächelte, ohne zu antworten. Olga aber flog hinauf in ihr Zimmer, um bei der neu erweckten Hoffnung, den Cotillon mit dem Couſin Abbé tanzen zu dürfen, ſich mit ihrem Spiegel und ihrer Garderobe zu berathen. Du zich ,an lten, n ſie räu⸗ Du 115⁵ Dieſes Geſpräch zwiſchen den Schweſtern fand einige Tage nach dem Auftritte ſtatt, welcher das vorhergehende Capitel beendigte. Und da Edith hinabkam, fand ſie eben dieſen Gegenſtand, den Olga ihr vorgetragen hatte, in vollem Gange zwiſchen ihrer Mutter und ihrem Bräutigam.— „Wenn Ihr es denn ſo wollt, ſo mag ſie es meinet⸗ halben ausſchlagen, mit in den Tableaur Theil zu neh⸗ men,“ ſagte die Hofräthin;„das mag ſein; aber ich betheure es Dir, mein lieber Hermann, daß ſie ſich zu einem Gegenſtande des Geſpräches in der ganzen Gegend macht, wenn ſie fortfährt, ſich auf dieſe Weiſe einzuſper⸗ ren, und das noch dazu in einer Zeit, da ſich die ganze Welt vergnügt.“ „Nun, gute Mutter,“ fiel Edith lächelnd ein,„es wäre ja auf keinen Fall das erſte Mal, daß ich der ganzen Gegend Stoff zu Klatſchereien gäbe.“ „Nein, mein Engel! das iſt eben ſo wahr, als daß Du immer ſowohl das Eine, als auch das Andere bis zum Ertrem treibſt. Aber ich bin überzeugt, daß Her⸗ mann ſelbſt ſo billig und verſtändig iſt, ſich Deinem Vorhaben zu widerſetzen rückſichtlich dieſes Feſtes auf Ramswik, welches ohne Zweifel recht glänzend werden Als der Graf endlich Gelegenheit hatte, ſich in Ge⸗ enwart ſeiner Braut zu äußern, ſagte er mit großer Herzlchkeit zu ihr: „Tante hat Recht, und ich verſichere Dich heilig, daß ich untröſtlich bin, wenn man um meinetwillen un⸗ vortheilhaft von Dir redet. Nein, nein; das darf wirk⸗ lich nicht geſchehen!“ „Doch,“ meinte Edith mit einem Anſtrich ihrer alten befehlenden und entſcheidenden Laune,„wenn ich nun nicht reiſen will— und ich will es beſtimmt nicht— ſoll ich denn gezwungen werden? dieſe großartigen und glänzenden Feſte haben für mich keinen Reiz mehr.“ „Sieh hier,“ rief die Hofräthin aus,„kommt Herr Helmer eben recht, um ihn in ein kleines Namilieneonteit 116 einzuweihen!“ Und mit einigen Worten hatte die gnädige Frau, welche glaubte, Helmer könnte aus Artigkeit keiner andern Meinung ſein, als ſie ſelbſt, und ferner glaubte, ſeine Meinung würde einigen Einfluß auf Edith aus⸗ uͤben, ihm den Anlaß ihrer verſchiedenen Anſichten mit⸗ getheilt.„Dieſer Einfall meiner Edith iſt ja ganz widerſfinnig,“ ſo ſchloß ſie,„daß ſie auch nicht nach Ramswik fahren will!“ Bei der Appellation an Helmer ging eine leichte Farbeveränderung über Edith's Wange. Auch er er⸗ röthete, antwortete aber dennoch, ohne ſich im Mindeſten zu bedenken: „Ich wage, mich mit dem Grafen und der gnädigen Frau gegen das Fräulein zu vereinigen. Es iſt wirk⸗ lich wahr, man wehklagt allgemein darüber, daß Fräu⸗ lein Kdith von dem Geſellſchaftsleben Abſchied genom⸗ men hat.“ „Eben dieſe Wehklage habe ich auch über Sie ge⸗ hört, Herr Helmer!“ entgegnete ſie lächelnd. „Meine Entfernung iſt eine allzu unbedeutende Sache, als daß ſie Bedauern erregen könnte. Ueberdieß wiſſen Alle, daß der Verluſt, den ich vor Kurzem erlitten habe, mich hindert, in Geſellſchaften Vergnügen zu finden. „Nun wohl, Herr Helmer! Haben Sie eine Ent⸗ ſchuldigung in dem Verluſte, den Sie erlitten haben, ſo finde ich meine Entſchuldigung in dem Gewin, der auf mein Loos gefallen iſt. Ich denke künftig ausſchließlich der Pflicht zu leben, welche ich übernommen habe, und kehre mich gar nicht daran, was die Welt von mir ſagt.“ Helmer verbeugte ſich und ſchwieg. Die Hofräthin aber fiel ein: Nun, das war mir die allerbizarrſte Verdrehung einer Pflicht, die je ein Menſch gehört hat; oder ſage mir, was thuſt Du denn eigentlich Hermann für Gutes, wenn Du während dieſer wenigen Stunden zu Hauſe bleibſt?“ „Nicht ich habe zu beſtimmen, wie viel oder wenig Gutes ich ihm thue, wenn ich zu Hauſe bleibe, mein eigenes Gefühl aber kann beſtimmen: ich würde mir ädige einer ubte, aus⸗ mit⸗ ganz nach eichte — er⸗ eſten igen virk⸗ räu⸗ tom⸗ 117 ſelbſt Böſes zufügen, wenn ich ihn verließe. Und laß uns nun kein Wort weiter über dieſe Angelegenhei verlieren!“ „Nun, ich weiſſage, dieſe Manier, anſtatt der Braut die Heilige zu ſpielen, wird die unglücklichſte von allen Launen, die Du ſeit Deiner Geburt gehabt haſt; denn merke, meine Tochter, Niemand auf Erden iſt für dieſe Rolle weniger geſchaffen, als Du!“ Als Edith ſich eben umwendete, um durch einen zärtlichen Blick den bittern Eindruck zu verwiſchen, den die Worte der Mutter wahrſcheinlich auf den Bräutigam hervorbrachten, ſah ſie, wie dieſer— ſichtbarlich gepeinigt durch den Streit— ſtill das Zimmer verließ. Faſt in demſelben Augenblicke ſchwenkte auch die Hofräthin hinaus, ärgerlicher als ſie ſeit langer Zeit darüber geweſen war, daß ihr Wille nicht durchging. Zum erſten Male ſeit ihrer Verlobung war Edith jetzt plötzlich allein mit Helmer. Dieſes hatten Beide bisher ſorgfältig vermieden, jetzt aber war nichts dagegen zu thun. Inzwiſchen ſuchte Edith die ruhige Faſſung bei⸗ zubehalten, deren Studium ihr täglich eine Mühe koſtete, welche nur ſie ſelbſt kannte und Helmer ahnte. Mit feſtem Tone ſagte ſie, indem ſie ziemlich ungenirt ihren Blick auf ihn heftete: „Warum hielten Sie mit meiner Mutter in einer Sache, die ich nothwendig am beſten beurtheilen kann?“ „Da die gnädige Frau mich mit ihrem Vertrauen beehrte, ſo wollte ich nicht gegen meine Ueberzeugung reden.“ „Und Ihre Ueberzeugung iſt alſo, daß ein Frauen⸗ zimmer, welches ſich verpflichtet hat, ihr Leben einem Andern zu weihen, dennoch höhere Pflichten gegen das Geſellſchaftsleben hat, als gegen den Mann, der ihr Gelübde erhalten hat?“ — „Nein, weit entfernt: ich bin gewiß der Letzte, wel⸗ ſcher einem ſo unglücklichen Satze huldigt... Wenn Sie mir aber erlauben wollten, meine Meinung ohne Umſchweife zu ſagen...“ „Was würde ich dann vernehmen?“ „Sie würden vernehmen, daß meiner Meinung nach dieſe plötzliche Reform aller Gewohnheiten nicht eben natürlich iſt.“ „Und doch kann nichts natürlicher ſein. Ich bin der alten Gewohnheiten herzlich müde, und alle Refor⸗ men bezwecken Verbeſſerung.“ „Ich glaube nicht, Fräulein, daß Sie anfänglich von dieſem Geſichtspunkte ausgingen... Habe ich anders die Sache richtig verſtanden, ſo wünſchten Sie zu Hauſe zu bleiben, zum dem Grafen ein Vergnügen zu machen, welches er gar nicht begehrte.“ „Das gebe ich gerne zu.“ „Und ich gebe zu, daß mir eben dieſe Ihre Auf⸗ faſſung vorſchwebte, als ich mir die Freiheit nahm, von dem Unnatürlichen, wenigſtens dem Aeußern nach, in Ihren Reformen zu reden.“ „Eh bien! was weiter?“ „Werden Sie nur nicht böſe, wenn ich allzu auf⸗ richtig rede!“ „O nein, das gehörte ebenfalls zu den alten Ge⸗ wohnheiten— jetzt bin ich viel zu ruhig, um mich reizen z laſſen, beſonders durch Etwas, das mir in guter bſicht geſagt wird.“ „Dann, mein Fräulein, will ich ohne Furcht, Sie zu beleidigen, fragen, ob nicht ein Mädchen Demjenigen, welchen ſie erkoren hat, ihre Zuneigung auf eine beſſere und für ihn glücklichere Weiſe zeigen kann, als dadurch, daß ſie einer Menge von unbeſchäftigten Zungen Gelegen⸗ heit gibt, ſich mit ihren Angelegenheiten zu beſchäftigen?“ Edith erröthete ſtark. „In dieſer Sache,“ ſagte ſie leiſe,„glaube ich, daß Hermann anders denkt... Aus welchem Grunde aber wel⸗ Venn ohne nach eben bin efor⸗ glich iders Hauſe chen, Auf⸗ von , in auf⸗ Ge⸗ eizen guter Sie zu igen, eſſere urch, egen⸗ en?“ daß aber 119 koanten dieſe kleinen, ſo ſehr getadelten Beweiſe der Zu⸗ neigung für ihn nicht glücklich ſein?“ „Aus dem einfachen, daß er dereinſt— wenn ſie ihm nicht mehr geſchenkt werden— eine peinigende Leere fühlen wird.“ „Nichts Anderes?... Eine ſolche Leere wird ihm wahrſcheinlich geſpart werden.“ „Ach, glauben Sie das nicht, Fräulein Edith... Wenn Sie ſelbſt rückſichtlich dieſer Abſonderung nicht länger mit ihm ſympathiſiren, ſo kehren Sie zurück zu dem frohen Leben und kommen vielleicht in demſelben Verhältniſſe Ihrem Schaden wieder nach. Dann wird Graf Hermann unglücklich: er kann über keine Sym⸗ pathien zu Gunſten der neuen Reform gebieten, er kann nur darüber ſeufzen, daß ſein Glück aufgehört hat.“ „Herr Helmer, Sie ſind ein allzu ängſtlicher Pro⸗ phet!“ ſagte ſie halb gezwungen, halb betrübt.„Doch fahren Sie fort.... ich ſtelle mir vor, daß ich die Vorleſung einer moraliſchen Betrachtung höre, und er⸗ warte, daß dieſe, wie alle ſolche Betrachtungen, auf eine. gute und klare Hülfsquelle hinweiſen wird.“ „Gnädiges Fräulein, ich will Sie einzig und allein auf Ihr eigenes klares Urtheil verweiſen und Sie bitten, dieſes nicht zu unterdrücken!“ „Was könnte mir denn mein eigenes Urtheil rathen, vorausgeſetzt, daß es nicht unterdrückt wäre?“ „Daß Sie bisweilen, aber nicht immer, dem Grafen ein Vergnügen, einen Einfall oder dergleichen, das ihn von Ihrer Zärtlichkeit überzeugen könnte, aufopferten.. Dieſe Beweiſe Ihrer Zuneigung würden dann ſeinem Herzen ebenſo viele theure Feiertage werden.“ „Wenn mein Urtheil ſich ſo ausdrückt, ſo können wir gerne geſtehen, daß nicht viele Eigenliebe darin liegt ſonſt hätte ich gewiß dieſes„dann“ ausgeſchloſſen, wel⸗ ches die Abſicht zu haben ſcheint, mich zu überzeugen, daß die erneuerten Beweiſe meiner Gunſt die Stunden der Feſttage leicht zu einer Gewohnheit machen könnten.“ „Ich vermuthe, daß man ſogar im Himmel an ie Seligkeit gewöhnt wird.“ 4 „Ach ſo, Herr Helmer, Sie vermuthen dast Aber iſt das iſt ja abſcheulich!“ F nie „Wie ſo?“ 4 Ge „Nichts mehr hoffen, nichts mehr genießen zu können!“ „Sie ſprechen da eine ſonderbare Definition der Gewohnheit aus, mein Fräulein. Was wenigſtens die au irdiſche betrifft, ſo liegt im Gegentheil darin— wenn Ja von einem großen Glück die Rede iſt— die ſtille Hoff⸗ lich nung, daß das Angenehme derſelben nicht unterbrochen fae werden möchte.“ „Nun, das iſt ja Alles gut!“ Ja „Vielleicht dennoch nicht ſo ganz gut; denn die Ge⸗ die wohnheit erzeugt unbewußt Forderungen; dieſe verbergen wa ſich in der Hoffnung, und ferner....“ reie „Ferner?“ „Ferner könnte es ſein, daß, während die Forde- nich rungen anwachſen, Sie eines Tages fänden, daß Sie lich nichts mehr zu geben haben.“ „Nun gut, iſt man bankerott, ſo iſt ja Alles aus!“ ren Bei dieſen Worten warf Edith ſich nachläſſig auf nac das Sopha und fuhr mit dem Schnupftuche hin und laſſ her über das flammende Antlitz. Wi Helmer zögerte einen Augenblick mit der Antwort, ſich aber er betrachtete das junge Mädchen mit einem Blick eilf der tiefſten und ernſthafteſten Theilnahme. mat Es war ein ſchneidender Gegenſatz zwiſchen ſeinem diar Blick, ſeiner ruhigen Miene und den fuͤrmiſchen Be⸗ tige wegungen, die ſeine Bruſt hoben. heiſ Weil ſie jedoch nur das Aeußere ſeines Weſens uns ſah, ſo hatte er die Kraft, das Geſpräch fortzuſetzen, in wen der Hoffnung, daß es ihr nützlich werden könnte. Und lläßt wegen der Hoffnung, ihr nützlich zu werden, war ihm jedes Opfer gleichgultig. wied „Fräulein Edith! Verzeihen Sie, wenn ich, ver⸗ ich leitet von meiner innigen Freundſchaft gegen Sie, ſage, denk daß ſolche Worte äußerſt ſchmerzhaft zu hören ſind!“ Aeu „Wie ſo?“ fiel ſie heftig ein. „Die Braut, welche zu der Vorausſetzung im Stande iſt, daß ſie an Zuneigung bankerott werden kann, hat nicht den wahren Vorſatz, das Glück ihres künftigen Gatten zu bereiten.“ „Und.... und das können Sie von mir ſagen!“ „Das kann ich von jedem Menſchen ſagen, der ſich auf dieſe Weiſe in dieſem Verhältniſſe äußert. Das Jagen nach einem Scheine, welcher der Wahrheit ähn⸗ lich ſieht, iſt nicht die Wahrheit ſelbſt; dieſe iſt ſo ein⸗ fach, daß es keiner Bemühung bedarf, ſie zu finden.“ „Das mag ſo ſein: wenn nun aber gerade in dieſem Jagen ein Verlangen liegt, zu.... mit einem Worte: die Wahrheit läßt ſich auf verſchiedene Weiſe ſuchen— warum ſollte ſie ſich denn nicht auch auf dieſe Art er⸗ reichen laſſen?“ „Sie läßt ſich auch ſo erreichen, daran zweifle ich nicht: damit jedoch die künſtliche Wahrheit in eine wirk⸗ liche übergehe, iſt es nöthig, daß man prüft, ob der Grund ſicher iſt, worauf ſie ruht. Die geringſte Ver⸗ renkung zerſtört das ganze Werk, und hier läßt ſich nicht nachbeſſern. Um aber die Bilderſprache ganz zu ver⸗ laſſen: wer einen wirklichen, nicht einen eingebildeten Willen beſitzt, ein gewiſſes Ziel zu erreichen, der nehme ſich in Acht, daß er nicht zu Anfang ſeiner Arbeit allzu eilfertig zu Werke geht, denn dann ſieht es aus, als ob man blind und gleichgültig, ob es hält oder bricht, darauf losgeht.... Eine zarte Sorgfalt, eine bedäch⸗ tige Prüfung deſſen, was die Unternehmung von uns heiſcht, ein gerechtes Abwägen unſerer Kräfte, damit ſie uns an das Ziel tragen, ſehen Sie, das wird erfordert, wenn wir dieſes erreichen wollen, und nur die Schwäche läßt ihr Ziel auf halbem Wege fahren.“ „Dank!“ ſagte Edith, indem ſie ſich mit ſichtlich wieder erlangter Ruhe erhob.„Dieſer Unterredung werde ich gedenken.... werde ſie nie vergeſſen, und.... und denken Sie nicht mit Schmerz an meine unüberlegte Aeußerung— ſie war nur auf den Lippen!“ 4. 4 — Sie verneigte ſich leicht und verließ ſchnell das Zimmer................ Hätte Helmer ahnen können, daß ſie noch einige Augenblicke im Vorzimmer verweilte, daß ſie durch die nicht ganz geſchloſſene Thür einen forſchenden Blick zurück⸗ warf, ſo würde er ſich gehütet haben, aus der Rolle ſeiner gewöhnlichen Selbſtbeherrſchung zu fallen. Doch nun, da er meinte, er wäre allein und würde von Niemand geſehen, nahm er das Schnupftuch, wel⸗ ches Edith vergeſſen, und welches noch vor einem Augen⸗ blick ihre erröthenden Wangen verborgen hatte; druͤckte daſſelbe mehrmals an ſeine Lippen und warf ſich dann auf das Sopha, wo er das Geſicht an dem Kiſſen ver⸗ barg, auf welchem ihr Haupt geruht hatte.... Eine verzehrende Glut brannte in Edith's Adern, als ſie, von Angſt gejagt, die Treppe hinauf in ihr Zimmer flog. Jetzt aber tobte ſie nicht, wie ehemals bei einer ſtarken Gemüthserſchütterung, ſie ſiel nicht in eine Extaſe der Verzweiflung. Zwar ſank ſie faſt leblos auf einen Stuhl, aber ſie behielt dennoch Faſſung genug, um zu ſich ſelbſt ſagen zu können: „Aus kleinlichem Hochmuth entſagteſt Du dem Him⸗ mel!.... Aus einer unwürdigen Laune, erzeugt von dem Bedürfniſſe, Dir ſelbſt zu entfliehen, da Du in Verſuchung gerietheſt, den Hochmuth zu überwinden, gabſt Du das Gelübde Deiner Hand und Deiner Treue einem Manne, den Du niemals lieben kannſt. Das Alles iſt geſchehen.... und nur die Schwäche läßt ihr vorgeſtecktes Ziel auf dem halben Wege fahren.“ „O!“ fuhr ſie fort, indem einige Thränen leiſe auf die Hand fielen, welche die Augen beſchatteten,„wie habe ich ihn doch verkannt! Welche Liebe, welche Auf⸗ opferung, welche Selbſtbeherrſchung in ſeinem ganzen Benehmen! Und wie beſeligend iſt es dennoch im Schmecze, Gewißheit zu beſitzen— die Hoffnung zu haben, daß ein ſolches Verhältniß fortdauern wird!“ 4 inde ab Mai zeige went ſchon Glü denn meirn es i reife wike Kiſc gelin ſie r geſp zufu⸗ mein Verl vorz! Edit unter Du ſägli mei ſetzeſ alsg — innes 123 das. 4 3 5 „Die Dauer“— flüſterte ſie mit erſtickter Stimme, . indem ſie aufſtand und mit ſchnellen Schritten auf und ige ab ging—„die Dauer iſt aber doch nur kurz.... der die Mai kommt.... und dann... ja, dann will ich c⸗ zeigen, daß ich nicht blind vorwärts geeilt bin. Dann olle wenigſtens iſt der Schein Wahrheit geworden.... ja, ſchon von dieſem Augenblicke an füͤhle ich, daß das irde Glück des armen Hermann eine Wirklichkeit iſt.... vel⸗ denn ich will ihm, ohne Uebertreibung, mit mehr Ernſt gen⸗ maeine Kräfte weihen!“ 1 ckte ann ver⸗ . Als ſie zu Mittag ihren Bräutigam wiederſah, war ſern, es ihre Abſicht, ihn zu benachrichtigen, daß ſie nach K ihr reiferer Ueberlegung ihren Entſchluß in Betreff des Rams⸗ wiiker Feſtes geändert hätte. Aber man war ſchon vom einer Kiſche aufgeſtanden, und noch immer hatte es ihr nicht rtaſegelingen wollen, die zarten Ausdrücke zu finden, welche inen ſie noͤthig zu haben vermeinte nach der ſo beſtimmt aus⸗ n zu geſprochenen Verſicherung, daß„ſie ſich ſelbſt Böſes zufügen würde, wenn ſie zu Hauſe bliebe.“ dim⸗„Darf ich nicht ein paar Worte mit Dir reden, von meine theure Edith?“ ſagte der Graf, indem er ſeine u in Verlobte in die Bibliothek führte. den, In der Hoffnung, zu Demjenigen, was ſie ſelbſt ¹ reue vorzuſchlagen gedachte, überredet zu werden, wartete Das Sdith, daß Hermann das etwas verlegene Stillſchweigen läßt unterbrechen würde, welches auf ſeine Worte gefolgt war. „Geliebte Edith! Mit welcher Standhaftigkeit haſt auf Du nicht allen Bitten widerſtanden, um mir ein un⸗ „wie ſägliches Glück zu bereiten, und zu zeigen, daß Du Auf⸗ meine Zufriedenheit und mein Wohlbefinden über Alles nzen ſeteſt..... zeeze,„Guter Hermann! ich....“ baß„Still, ſtill! Du darfſt kein Wort ſagen, ehe ich gasgeredet habe!“ ſagte er mit Blicken, die von einem innern Triumph, einer heiligen Zärtlichkeit ſtrahlten. * 124 „So fahre denn fort!“ „Ich habe dieſen Beweis Deiner Hingebung nicht annehmen können, ohne Dir zu zeigen, daß es auch mir ein Bedürfniß iſt, meinen Geſchmack dem Deinigen aufzuopfern.“ „Du?“ „Ja.... vielleicht gebe ich mich der Einſamkeit allzu viel hin. Als Dein Beſchützer in der Zukunft muß ich mich ja dennoch etwas in der Welt zeigen, denn Deine Jugend ſoll nicht in der Ehe ganz begraben wer⸗ den: der Arm Deines Gatten ſoll keineswegs ein Kloſter für Dich werden; darum will ich es verſuchen, dieſe Apathie zu überwinden, und damit will ich morgen den Anfang machen, indem ich Dich nach Ramswik begleite.“ Der Graf ſagte dieſes mit einer ſo einfachen Würde, und es lag ſo viel wahre und reine Seelengüte in ſeiner Aufopferung, daß Edith's Augen vor Bewunderung und Dankbarkeit glänzten, als ſie ihm mit einem unverkenn⸗ baren Ausdrucke der Zärtlichkeit die Hand reichte. Welch ein Beiſpiel war nicht ſein Entſchluß für ſie, die für alles Edle und Schöne ſchwärmte! Und der Entſchluß wurde auch wirklich ausgeführt. Sechzehntes Capitel. Das Feſt. Ramswik gehörte nicht zu jenen alten ariſtokrati⸗ ſchen Herrenſitzen, welche bei Banketten eine endloſe Reihe von großen Sälen und tiefen Gemächern darbieten. Ramswik war nur ein kleiner, netter Hof mit einem ſchönen Herrenhauſe, deſſen ganze jetzt erleuchtete Fagade ſehr einladend ausſah; und nicht weniger einladend mad angenehm war es im Innern von dem feſtlich geſchmutf ten Tanzſaale an bis zu dem kleinen Schenkzimmer, 9 Lovif einen virte über haber auf könn! es ni ſeinen genro und und läum Zeit pflich welch daß ſie es nien die 3 mane dieſer laſſen die man wurde nicht ;Z auch inigen amkeit ukunft denn wer⸗ Kloſter dieſe n den leite.“ Lürde, ſeiner g und rkenn⸗ ür ſie, führt. krati⸗ Reihe inem noude und nüc⸗ 3 i 9 4 125 Loviſa Berntſon in ihrem neuen„Bollbußlin⸗Kleide“, einem Geſchenk des theuren„Bichael“, ſtand und ſer⸗ virte, während ſie in ihrem Herzen ſehr viel nachdachte über die wichtigen Fragen, wie viel Zeit ſie wohl übrig haben würde, um ſich im Tanzſaale aufzuhalten, und auf wie viele Tänze ſie da wohl zu rechnen haben könnte. Gewiß würde der gute und muntere Rittmeiſter es nicht vergeſſen, daß ſie ihm„ſo banchen Knopf an ſeinen Weſten, ſo banchen Haken an ſeinen alten Bor⸗ genrock“ genäht hätte....... In den beiden Zimmern zwiſchen dem Tanzſaale und der Schenkſtube ſchwebten die glänzenden Gäſte auf und ab. Man plauderte, ſcherzte, complimentirte, ver⸗ läumdete einander wie gewöhnlich, während man von Zeit zu Zeit die ſchönen Arrangements der Wirthsleute pflichtſchuldigſt bewunderte, und nicht begreifen konnte, welche Zauberkraft ſich immer auf Ramswik offenbarte. Es war gewiß eine Thatſache(ſo meinten Einige), daß die Freiherrin keine Schönheit länger war— wenn ſie es jemals geweſen war— und daß der Baron eigentlich niemals auffallende Geſellſchaftstalente gehabt hatte; die Zimmer waren ebenfalls nicht ſo groß, daß nicht mancher Andere ſie größer hätte, und die Soupers(in dieſer Hinſicht mußte man ihnen Gerechtigkeit angedeihen laſſen) auf keine Weiſe überlaſtet. Trotz alle dem waren die Feſte auf Ramswik ſo merkwürdig belebt, daß man ſich ſtets nach der Zeit ſehnte, wann ſie gegeben wurden. „Aber,“ flüſterte ein junges Fräulein ihrer Nach⸗ barin zu,„die Feſte beim Baron G. ſind dennoch gar nichts im Vergleich mit denen, die in der großen Pracht⸗ wohnung auf Dagby gegeben wurden, da der Hofrath noch lebte. Darauf kam erſt die Trauer und dann die Verlobung des Fräuleins Edith. Dort ſind im vorigen und in dieſem Winter nur kleine Geſellſchaften geweſen.“ „Und etwas Anderes wird es auch wohl nicht ge⸗ ben, wenn nicht bei Edith's Hochzeit,“ entgegnete die 126 Nachbarin, ebenfalls eine der ehemaligen Ballköniginnen auf Dagby;„denn,“ fuhr ſie lachend fort,„Edith hat ſich ihrem geſpenſterhaften Bräutigam ganz ſo verſchwo⸗ ren, wie man ſich in alten Tagen den böſen Mächten verſchwor.“ „Ja wohl, meine Liebe; doch das iſt ihr eigener Fehler: ich würde ihn auf eine andere Art behandelt haben!“ 1 „O, Du bildeſt Dir ein, daß er ein Mann iſt, den man führen kann, wohin man will; nein, glaube das nicht, wenn es auch wirklich den Anſchein hat, als könnte ſie ihn um den Finger wickeln. Mein Gott, welches unheimliche Leben führt ſie jetzt, ſie, die früher mit bei allen Vergnügungen war! Und wie viele Ge⸗ ſchichten ſind nicht von ihm im Gange! Man kann ſich wirklich krank darüber lachen, wenn Baron Linden ihm nachahmt, unter andern, wenn er bisweilen hinaus in Geſellſchaften ſoll. Man ſagt, er ſei ſo menſchenſcheu, daß er ſelbſt auf der Landſtraße, um nur keinen Men⸗ ſchen zu ſehen, in einem kleinen ſorgfältig verſchloſſenen Panſe Feist— das, verſteht ſich, mit Rädern verſe⸗ hen iſt.“ „Abſcheulich! Sollte ſie wohl heute Abend hieher kommen?“ „Wie kannſt Du nur daran denken! Sie ſitzt zu Hauſe und füttert ihren Wehrwolf mit Liebkoſungen, damit er ſie nicht beißt. Nun, nun, jetzt war ich viel⸗ leicht ein wenig garſtig. Aber wahrhaftig, bisweilen ſteht er ſo finſter, verſchloſſen und langweilig aus, daß man Herne glauben möchte, er hätte große Luſt, wenig⸗ ſtens Alle zu beißen, welche nach Dagby kommen.“ „Was meinſt Du aber wohl, daß dieß hier zu be⸗ deuten hat?... Der muntere Rittmeiſter, der den Grafen den Geiſt in Hamlet zu nennen pflegt, wird jetzt große Augen machen... Siehe dorthin!“ „Alle Heilige! was bedeutet das?... Die Hof⸗ räthin in dem gewöhnlichen königlichen Staate mit der ſchnippiſchen Olga! Und Edith blendend ſchon wie Frau ᷣ4 d wirkl ſucht ſuper ſentat und Stuh paßt Sdith orden Zung eine ( ¹ und Vielſe der 1 konnt ſpiele gebra das 2 vorzu — 8 kannt und Mann geneig Abſich könnt bergen 5 Jema ginnen th hat ſchwo⸗ üchten igener andelt t, den e das , als Gott, früher e Ge⸗ n ſich nihm us in ſcheu, Men⸗ ſſenen verſe⸗ hieher zt zu ngen, viel⸗ veilen „daß henig⸗ u be⸗ rafen große Hof⸗ it der Frau 127 Hebe ſelbſt an dem Arme des... Ritters Alonzo!... Ich betheure, dieſer berühmte Held iſt aus ſeinem Grabe auferſtanden, um Imogene die Schöne zurückzufordern.“ „Armer Graf, kein Menſch kann ſagen, daß er übel ausſieht! Aber wie verlegen und unbeholfen ſieht er aus— er thut mir wirklich leid... Sahſt Du den Blick, den Edith ihm gab? der war ſo ſchön und könnte wirklich aufmunternd genannt werden: er lächelt, er ſucht ſeine Verlegenheit zu beſiegen— jetzt geht's ja ſuperb!... Hier haben wir Wirth, Wirthin und Prä⸗ ſentation, aimable Knixre und ſteife Verbeugungen... und jetzt iſt, Gottlob, der Hafen erreicht hinter dem Stuhle der ſchönen Imogene: mit dem Ofen im Fond paßt dieſer Platz vortrefflich— ich will hingehen, um Edith guten Abend zu ſagen, ſo kann ich ihn mir ordentlich beſehen.“ Ehe jedoch das kleine Fräulein mit der geſprächigen Zunge dieſes Manöver ausführen konnte, ſtand ſchon eine andere Perſon an Edith's Seite. Es war der Rittmeiſter. Als einen Beweis, daß der Mann mit allen Titeln und allen Talenten nicht immer über ſeine berühmte Vielſeitigkeit gebieten konnte, ſehen wir nun, wie er, der mit ſo vieler Leichtigkeit alle Rollen annehmen konnte, nur mit Mühe im Stande war, ſeine eigene zu ſpielen, ja, mit ſolcher Mühe, daß er mehrere Minuten gebrauchte, ehe er einen wortkargen Glückwunſch über das Vergnügen, Fräulein Sternfelt wiederzuſehen, her⸗ . vorzubringen vermochte. Für Denjenigen, der den Charakter des Rittmeiſters kannte, war es leicht, zu ſehen, daß ſein Herz weit tiefer und ernſter verletzt worden war, als man es bei einem Manne mit ſeinem Charakter für möglich zu halten Peneigt war. Doch litt es keinen Zweifel, daß er die bſicht hatte— wenn er nur erſt recht hinein kommen donnte— die Wunde unter der Narrenkappe zu ver⸗ bvergen; denn er würde untröſtlich geweſen ſein, wenn Zemand von ihm geglaubt hätte, er habe Cdith ſeine 128 Cour in einer andern Eigenſchaft gemacht, außer in der eines pfiffigen Speculanten auf die zweimalhundert⸗ tauſend Reichsthaler, welche dereinſt ihr Erbtheil werden ſollten... ohne Erfolg ſich um dieß beworben zu haben, das war keine Schande. Er redete alſo über ſein Vergnügen, das Fräu⸗ lein Sternfelt wieder zu ſehen. In der Bemühung, ſeine Gemüthsbewegung zu verbergen, vergaß er der ganzen Verwandtſchaft, welche er ſo glücklich improvi⸗ ſirt hatte. „Was bedeutet das, Herr Rittmeiſter?“ fragte Edith munter;„entſagen Sie ſo ohne alle Umſtände der Cou⸗ ſinage? Nun, wenn ich das geglaubt hätte, ſo würde ich gewiß niemals darein gewilligt haben. Das heißt nicht nur mich compromittiren, ſondern auch, was noch ſchlimmer iſt, meine Macht. Was meinſt Du wohl, mein Lieber“— ſie wendete ſich mit einer ſchnellen und anmuthigen Bewegung an ihren Verlobten—„Du mußt wiſſen, zu jener Zeit, da der Herr Rittmeiſter und ich noch in der Couſinage ſtanden, gab er mir auch den Titel einer Königin.“ „Und jetzt fürchteſt Du, mit dem einen Titel auch den andern zu verlieren?“ ſagte der Graf. Aber ſein Lächeln war hierbei ſo leer, daß man ſehr gut ſehen konnte, wie dieſer Ton eine Art von geheimer Tortur für ihn war. „Der Verluſt eines Unterthanen iſt gering, wenn die Königin einen Selbſtherrſcher gewonnen hat, und alle Könige ſind Selbſtherrſcher!“ fugte der Rittmeiſter hinzu mit einem Lächeln, das frei und munter ſein ſollte, aber doch einen unangenehmen Anſtrich von Sarcas⸗ mus erhielt. Gleich darauf entfernte ſich der„junge, muntere Mann“ mit dem Vorgeben, er habe bei den Tableaur, die arrangirt werden ſollten, etwas zu thun; doch ver⸗ ließ er das Zimmer nicht, ehe er die Hofräthin(welche er gnädige Tante zu nennen nicht vergaß) complimentirt n die Couſine Olga zu dem erſten Walzer engagirt atte. unſ wird Natt wenn man gen man jetzt ſolch ler, gung — — V ßer in undert⸗ verden haben, Fräu⸗ ühung, er der provi⸗ Edith Cou⸗ 8 129 „Sieh da, ein Feind unſeres Glückes!“— er ſagte unſeres, der gute Graf:„ein verſchmähter Liebhaber wird ſelten ein Freund.“ „Dennoch ereignet es ſich wohl zuweilen mit edleren Naturen. Das darf man aber von unſerm Rittmeiſter wenigſtens jetzt noch nicht erwarten.“ „Ich verlange es von Keinem,“ antwortete Her⸗ mann mit leiſem Flüſtern; denn ich würde keinen ruhi⸗ gen Augenblick haben, wenn ich wüßte, daß irgend Je⸗ mand, der früher Liebe gegen Dich gezeigt hat, Dich jetzt ſeine Freundin nennte und mit Dir als mit einer ſolchen umginge.“ „Aha, mein Lieber, Du verräthſt da einen Feh⸗ ler, von dem ich nichts gewußt habe, eine kleine Nei⸗ gung zur Eiferſucht!“. „Kann man lieben ohne Eiferſucht?“ „Das ſollte ich meinen.“ „Laß uns über dieſen Gegenſtand hier nicht reden!... Du denkſt natürlicher Weiſe zu tanzen?“ „Ja, das verſteht ſich!“ Edith verſtand zwar den eigentlichen Sinn der Frage, doch da ſie ſich ihrer jetzt feſtgeſtellten Principien erinnerte, mit den Reformen nicht zu eilen, die Auf⸗ opferungen nicht zu einer Gewohnheit zu machen, ſo ſtellte ſie ſich, als merkte ſie gar nichts, obgleich ſie wirklich mit vielem Vergnügen von dem Tanze befreit geweſen ſein würde. Der Graf antwortete nur mit einem Seufzer, und gleich darauf folgte ein neuer Seufzer, als Edith ein Ingagement nach dem andern annahm. Ein Geräuſch an der Thür des Speiſeſaales, der jetzt zu einer Art von Theaterſalon verwandelt und decorirt worden war, gab das erſte Signal zu der Er⸗ offnung des Feſtes. Gleich darauf zeigte ſich der Wirth ſelbſt. Munter, roth, eifrig und mit jener Miene von Geſchaftigkeit, die mit dergleichen Anordnungen auf dem Lande gewöhnlich perbunden iſt, zeigte er an, daß Alles 4 Ordnung wäre. 6 8 A Ein launenhaftes Weib. II. 9 13⁰ Eine ganze Reihe von ſchönen Tableaux nahm nun die Bewunderung der Gäſte in Anſpruch, und der kleinen gnädigen Frau von Glanberg wäre vor Ent⸗ zücken das Herzchen faſt geſprungen bei der Furore, welcher ſie in jeder Scene machte, worin ſie ſich zeigte... und es iſt immer eine große Erleichterung der Qualen, wenn man ſich gewürdigt ſieht, wenn auch nicht Alle verſtehen, was Reiz und Liebenswürdigkeit eigentlich iſt. Endlich war noch ein Tableau übrig. Edith, welche ſowohl der Gemälde, als auch der unaufhörlichen Wiederholung der einförmigen Phraſen „charmant! ſuperb! ach, entzückend!“ u. ſ. f. müde geworden war, hatte ſich eben zu dem Grafen Hermann umgewendet, um ſeine Meinung zu hören, als der Vor⸗ hang wieder aufging, ohne daß Jemand ſeinen Beifall laut zu erkennen gab. „Ha!“ rief der Graf leiſe aus. Edith wendete ſich wieder um, fuhr aber in demſelben Augenblicke ſo heftig auf, daß der Bräutigam ſich er⸗ ſchreckt zu ihr herab bückte. Doch bekam er Edith's Geſicht, auf welchem zwei Blumen von dunklem Purpur plötzlich entſprangen, nicht zu ſehen. Ihre Augen warfen unverwandt ihren funkeln⸗ den Glanz auf die Scene. Dieſes Gemälde, welches einen ſo großen Eindruck hervorgebracht hatte, daß es im Saale ſtill geworden war, ſtellte den Marius im Gefängniſſe dar und zwar in dem Augenblicke, da der Cimber, welcher hingeſchickt iſt, ihn zu morden, ergriffen von der ſtillen Ruhe und der beherrſchenden Hoheit in dem Geſichte des Marius, den Dolch wegwirft. Es war unmöglich, etwas Täu⸗ ſchenderes zu ſehen, als den gefallenen römiſchen Hel⸗ den, ſitzend auf einem Abſatze der hervorſpringenden Mauer ſeines Gefängniſſes— dieſes Gefängniſſes, das ſein Vaterland ihm zur Belohnung ſeiner großen Dienſte gegeben hatte. Der Ausdruck in dem kraftvollen und erhabenen Antlitze des Marius, ſowie auch in ſeiner ganzen Ste der Inn ew Aug dun glar Ben Pat die man der trat eine Hel dert das ein mitt mar G. wov kom ſchr bea wol entf zeu⸗ in mie run daß 1 daß ich zu reiſen dächte.“ 13¹ Stellung, war ſo, wie man bei Demjenigen ahnen konnte, der mit der Gunſt des Volkes nicht das Zeugniß ſeines Innern von Demjenigen, was er eben dieſem Volke eweſen iſt, und was er noch jetzt in ſeinen eigenen Augen iſt, verloren hat. Selbſt in der Art, wie ſein dunkler Mantel in Falten um ihn geſchlungen war, glaubte man die bewußte Hoheit zu entdecken, die keine Bewegung machen kann, welche nicht den wirklichen Patricier verräth. Erſt nachdem der Vorhang gefallen war, brachen die lebhaften Beifallsäußerungen hervor; doch wie oft man auch da Capo rief, ſo ließ ſich Marius nicht wie⸗ der ſehen, und erſt da man ſich im Tanzſaale ſammelte, trat ſein Repräſentant herein. „Das war eine ganz unvergleichliche Ueberraſchung, eine höchſt intereſſante Ueberraſchung, mein beſter Herr Helmer!“ rief die Hofräthin, und winkte ihren bewun⸗ derten Bruksverwalter zu ſich.„Wie in aller Welt ging das zu? Sie waren ja zu Hauſe, als wir abfuhren!“ „Ich hatte auch nicht die Abſicht zu kommen, doch ein überredendes Billet des Barons bewirkte heute Nach⸗ mittag eine Veränderung. Man iſt immer ſchwach, wenn man unentbehrlich genannt wird, und da der Baron G. keine andere Hauptfigur für ſein Tableaux hatte, wovon er ſchon früher mit mir geredet, ſo mußte ich kommen.“ „Aber warum reisten Sie denn nicht mit uns?“ Helmer erröthete ein wenig: es würde ungemein ſchwer geweſen ſein, das„warum“ der Hofräthin zu beantworten; denn, hätte er ſich an die Wahrheit halten wollen, ſo hätte er ſagen müſſen:„ich wollte mich nicht entſchließen, bevor ich mich mit eigenen Augen über⸗ zeugt hatte, ob Edith wirklich fuhr— eine Aenderung in ihrem Entſchluſſe wäre ſo leicht möglich geweſen, für mich aber wäre es nicht möglich geweſen, eine Aende⸗ rung zu treffen, wenn ich vorher davon geſagt hätte, 9* Laut ſagte er:„Ich konnte mich erſt im letzten Augenblicke entſchließen, aber es ging um ſo ſchneller, nachdem der Entſchluß einmal gefaßt war, denn ich war eine Viertelſtunde nach den Herrſchaften hier.“ „„Und meine gute Octavie ſitzt zu Hauſe, um den Patienten zu pflegen!“ Die Hofräthin drohte mit dem Finger. „Es iſt nicht mein Fehler,“ entgegnete er lächelnd, „daß die gnädige Frau und Mamſell Octavie beſchloſſen haben, mir alle Arten von Kränklichkeiten aufzubürden: das Gewiſſe bei der Sache iſt, daß ich ſelbſt keine ein⸗ zige kenne.“ Jemand von den großen Celebritäten kam nun, um Helmer zu becomplimentiren; er wurde von der Seite der Hofräthin in demſelben Augenblicke geriſſen, da der Walzer aufgeſpielt wurde... Der Ball nahm ſeinen Anfang. Immer die Erſte durch ihre Schönheit, ihren Reich⸗ thum, ihren überſtrahlenden Glanz, ſchwebte Edith an dem Arm eines mit Orden geſchmückten Offiziers in den Reihen des Tanzes. Ihr ſtolzer, geſchmeidiger Wuchs, ihre üppigen Formen, leicht umhüllt von dem himmel⸗ blauen, mit weißen eingewebten Blumen gezierten Atlaß⸗ kleide, deſſen weiter Beſatz an der einen Seite von einem geſchmackvollen Blumenſtrauße getragen wurde, ſchien ſo recht für dieſe anmuthigen und lebhaften Bewegungen geſchaffen zu ſein. Und ihr Antlitz, auf welchem unter den Blitzen einer funkelnden Begeiſterung, einer lebens⸗ vollen Fröhlichkeit eine ſehnſüchtige Melancholie hervor⸗ ſchimmerte, hatte noch nie ein ſo blendendes Colorit gehabt, ſo wie auch ihre bernſteinfarbigen Locken nie eine ſo reiche Pracht gezeigt hatten; ſie warfen die Flam⸗ men zurück, welche die Lichter auf die Smaragde des Stirngeſchmeides ſtreuten. Graf Hermann hatte ſich in einen Winkel zurück⸗ gezogen, er fühlte ſich nicht allein genirt, ſondern ganz aus ſeiner gewöhnlichen Lage geriſſen; jedes Wort, wo⸗ mit er die Bemühungen der frohen Gaͤſte, ihn wenig⸗ — ſten zwu von ſein mit obgl denn kalt Gra meh ſuch konn ja i ſuch Kro zes, flatt miſe viell nie ihn licht eine war zu bem tiſch und iſt men letzten zeller, hwar n den helnd, loſſen rden: ein⸗ , um te der 2 der einen deich⸗ h an t den uchs, imel⸗ tlaß⸗ inem chien ngen unter bens⸗ rvor⸗ blorit nie lam⸗ 2 des rück⸗ ganz wo⸗ enig⸗ 133 ſtens in ein Geſpraͤch zu ziehen, erwiederte, war ge⸗ zwungen, und in Folge deſſen erhielt er eine ganze Legion von Zungen gegen ſich. Anfangs kam er nach jedem Tanze regelmäßig zu ſeiner Braut, und ſie lächelte und plauderte freundlich mit ihm. Aber obgleich ſie von Herren umgeben war, obgleich ſie mit Allen kokettirte und ſcherzte, ſah es dennoch ſo aus, als ob ſie bisweilen einen ſo fremden, kalten und gleichgültigen Blick um ſich werfe, daß der Graf fühlte, wie ſein Herz fror; ja dieſes erſtarrte noch mehr, als er ſich einbildete, daß ihre Augen mit einem ſuchenden Ausdruck den Saal durchflogen— doch das konnte wohl nicht ſein, denn dieſer ſuchende Blick traf ja ihn nicht. Bald aber vermochte er ſeinen Stern nicht mehr zu ſuchen— es ſchwindelte vor ſeinen Augen. Der Lichtſchimmer, welcher in den Facetten der Kronleuchter zitterte, die Muſik, das Geräuſch des Tan⸗ zes, der Duft der Blumen, die fliegenden Locken und flatternden Kleider der tanzenden Damen, Alles ver⸗ miſchte ſich zu einem bachanaliſchen Tanze von Furien. Er war nahe daran zu fallen, und würde auch vielleicht gefallen ſein, wenn nicht Helmer, welcher ihn nie aus den Augen verloren hatte, vorgetreten wäre, ihn leiſe berührt und ihm mit einer Stimme der herz⸗ lichſten Theilnahme zugeflüſtert hätte: „Wenn Sie befehlen, Herr Graf, ſo ſuchen wir einen Hafen in einem andern Zimmer, wo es nicht ſo warm iſt!“ Mit einem behaglichen Gefühle, nicht ganz verlaſſen zu ſein— er hatte die vielen Winke der Hofräthin nicht bemerkt, die artige Einladung des Wirthes zum Spiel⸗ tiſche nicht gehört— ergriff er heftig Helmer's Arm und ſagte: ₰ „Ja, führen Sie mich hinweg von hier... dieſe Luft iſt tödtend, dieſe Muſik, dieſer Tanz teufliſch... kom⸗ men Sie, kommen Sie!“ Und Arm in Arm wanderten ſie durch den großen 134 Saal in eines der Eckzimmer neben dem kleineren Be⸗ ſuchzimmer. Aber welche Augen folgten ihnen wohl, welche Ohren vernahmen wohl ſelbſt in dem Geräuſche des Tanzes Worte, wie dieſe: „Hat man wohl jemals zwei merkwürdigere Contraſte geſehen? Wüßte man nicht, wer der Graf und wer der Bruksverwalter iſt, ſo könnte man in Verſuchung gerathen, einen verzeihlichen Fehlgriff zu thun!“ Es war die Braut, welche ſah und höͤrte, welche die Gedanken der Nebrigen verſtand und dieſelbe theilte, und welche nicht im Stande war, einen Seufzer zu unterdrücken, als ſie ihren gebeugten, gelblich⸗bleichen Bräutigam, deſſen Geſicht jetzt von innerer Pein ſchreck⸗ lich entſtellt war, von dem hehren, in der Manneskraft blühenden Helmer, dem Alle einen huldigenden Blick ſchenkten, geſtützt erblickte. Doch trotz des Seufzers und der Gedanken war der Tanz kaum zu Ende, ſo eilte Edith in das Zimmer, in welches der Graf geflohen war, und in welchem er jetzt auf dem Sopha neben Helmer ſaß, der aber dem Fräulein augenblicklich ſeinen Platz abtrat. „Mein guter Hermann! Das Alles macht Dir Pein, ich ſehe es wohl, und ich mache es mir ſelbſt zum Vorwurf, daß ich Dein Opfer annahm!“ Sie ſtreichelte mit ihrer weißen Hand die bleiche Stirn des Bräutigams. „Dank, o Dank!“ flüſterte er.„Aber ich bin müde, ſo müde, daß Du es nicht übel nehmen darfſt, wenn ich abreiſe!“ „Nein, das werde ich nicht; aber Du darfſt nicht allein reiſen, auch geht es wohl nicht gut an, daß ich .. dieſe dummen Förmlichkeiten mit allen unausſteh⸗ lichen Prätentionen über das Paſſende und Unpaſſende, würden Ach und Weh ſchreien, aber ich eile hinein und rede mit der Mutter: ich hoffe, wir reiſen Alle!“ „Wenn ich,“ ſagte Helmer,„das Vergnügen haben —— Be⸗ hren anzes traſte wer hung velche eilte, r zu ichen Freck⸗ kraft Blick r der mer, m er dem Dir zum eiche 13⁵ darf, den Herrn Grafen zu begleiten, ſo bin ich augen⸗ blicklich bereit.“ „Unmöglich! Kann ich nicht allein reiſen, ſo bleibe ich hier. Das iſt abgemacht, vollkommen abgemacht!“ Doch der Graf brauchte weder zu bleiben noch auch allein zu reiſen; denn jetzt entſann ſich Edith mit Freu⸗ den, daß ſie aus eigenem Antriebe Nilman gebeten hatte, nachzukommen... und als Helmer, der ſogleich hinaus eilte, um ſich zu erkundigen, ob der unentbehrliche Nil⸗ man da wäre, mit der willkommenen Nachricht zurück⸗ kehrte, daß dem ſo wäre, ſo wurde der Graf ſchnell eben ſo ruhig, wie ein Kind zu werden pflegt, das ſich vor Geſpenſtern fürchtet und ſich plötzlich wieder in der Nähe ſeiner Wärterin ſieht. Mit großer Zärtlichkeit, dießmal aber doch auch mit unverſtellter Freude, nahm er Abſchied von ſeiner Braut, die in dem leeren Zimmer ſo lange zurückblieb, bis Helmer, der den Grafen hinab begleitete, mit den letzten freundlichen Grüßen des Abgereisten zurückkehrte. „Nein,“ ſagte Edith, indem ſie ihre eigenen Ge⸗ danken, nicht aber Helmer's Rede beantwortete,„ich ſehe wohl, daß ich mich von dieſen Zerſtreuungen des Lebens entwöhnen muß— und das kann auch einerlei ſein, der Verluſt iſt nicht ſo groß.“ Ihr Ton hatte nicht ſeinen ſilberklingenden Wohl⸗ laut: er klang höhniſch. „Aber,“ wendete er ein,„es ſchien mir, mein Fräu⸗ lein, als wären Sie heute Abend ſehr vergnügt geweſen!“ „Ja, verſteht ſich— ſehr vergnügt— o, ſehr, ſehr vergnügt!“ Sie ſtreifte mechaniſch über die Juwelenbracelette, die ihren weißen, feſten Arm umſchloß; das Schloß ſprang auf, der Schmuck ſiel auf die Erde. 1 Helmer bückte ſich ſchnell, nahm ihn auf und reichte ihn ihr. In der Verwirrung begann ſie ſelbſt zu ver⸗ ſuchen, ihn wieder zu befeſtigen, doch das Schloß wollte nicht faſſen.. „Darf ich behülflich ſein?“ 136 Helmer ſagte ſich ſelbſt, es würde lächerlich ſein, weni er ſich dieſem kleinen Höflichkeitsdienſte entziehen wollte. „Ich bin Ihnen ſehr verbunden!“ Sie reichte ihm den Arm hin. Als er ſich jedoch näher herab bückte, um das Schloß beſſer ſehen zu können, und ſtatt deſſelben dieſen ſammetweißen Arm mit ſeinen feinen blauen Adern und ſeiner Form— ſeiner Form!— ſah, ſtieg ihm das Blut zu Kopfe, und ſo ſehr er ſich auch bemühte, ſo bekam er den Haken nicht in das Schloß. Er athmete ſchwer... ſeine Stirn berührte den Arm— noch ein⸗ mal ſiel die Bracelette auf die Erde. „Geben Sie her!“ ſagte Edith mit einem Schein von Ungeduld.„Ich will im Saale Jemand bitten, mir zu helfen!“ Sie riß Helmer den Schmuck aus der Hand und näherte ſich eilfertig der Thür. „Fräulein Edith! Einen Augenblick, wenn ich es wagen darf, Sie aufzuhalten!“ Sie ſtand ſtill und wendete ſich um. „Ich habe noch nie das Glück gehabt, mit Ihnen zu tanzen, und in dieſem Winter ſollte ich eigentlich gar nicht tanzen; doch wenn... wenn Sie einen Walzer uͤbrig hätten...?“ Man hörte es ſeiner Stimme an, ſo ruhig er ſie auch zu machen verſuchte, daß er noch unter dem Ein⸗ fluſſe des Rauſches ſtand. „Nein, tanzen Sie nicht!“ ſagte Edith, welche der Gefahr inſtinktartig zu entgehen ſuchte,„verwiſchen Sie nicht den Ausdruck, welchen Marius zurückgelaſſen hat!“ Dießmal hatte jedoch Helmer keine Macht über ſeine Vernunft. Die unglückliche Bracelette war Schuld daran, daß er nur der Leidenſchaft Gehör ſchenkte. „O, einen dind en armſeligen Tanz könnte Fräu⸗ lein Edith dem unbedeutenden Verwalter doch wohl ſchenken! „Wollen Sie es denn wirklich?“ halb fort: heut war tion der ſowe herz ter, gege bens Tan Har werd er ſ figu lach ſchie Wel — d Pub ſchä⸗ ben. eine im E aus? als Aug 137 „Ja 10 „Wohlan denn!“... Ihr Blick ruhte faſt mit einem halben Vorwurf auf ihm; darauf fuhr ſie kaum hörbar fort:„den, der auf dieſen folgt!“ Sie eilte hinweg. Jetzt ſollte Edith mit dem Rittmeiſter walzen, der heute Abend ſo ganz außer ſeiner gewöhnlichen Laune war, daß Niemand ihm einen Einfall oder eine Cita⸗ tion zu entlocken vermochte... Er gab Müdigkeit nach der Reiſe vor und ließ es ſich gar nicht beikommen, daß ſowohl Wirth und Wirthin als auch die Geſellſchaft es herzlich bedauerten, daß ſie den intereſſanten Geſellſchaf⸗ ter, Baron von Linden, vermiſſen mußten. „Wie kann man ſo viele Beileidsbezeigungen ent⸗ gegennehmen und dennoch nicht eine einzige ſeiner lie⸗ benswürdigen Talente zeigen?“ fragte Edith, als ſie im Tanze ruhten. b „Das iſt ja bloße Politik, mein Fräulein! Auch Harlekin läßt das Publikum warten: durch dieſe Finte werden die Beifallsbezeigungen um ſo ſtürmiſcher, wenn er ſpäterhin ſeinen Hokus⸗Pokus wieder macht.“ „Welch ein Ehrgeiz!“ „Ja, jeder Menſch hat ſeine Ehrbegierde: der Eine figurirt ſelbſt als Thor und läßt die Welt über ſich lachen, der Andere zieht das Marionettenſpiel vor und ſchiebt einen andern Thoren vor ſich her, damit die Welt zur Abwechslung einige Thränen vergießen kann — das Alles iſt gleicher Dankbarkeit werth, und das Publikum wird gewiß auch das Eine ebenſo gut zu ſchätzen wiſſen, wie das Andere.“ Edith hielt es unter ihrer Würde, eine Antwort zu ge⸗ ben. Aber ſie verſtand, daß Derjenige, den die Gefühle in einem ſolchen Grade beſinnungslos machten, daß er im Stande war, ſo bittere, kühne und beleidigende Worte auszuſprechen, als ein Feind zu betrachten wäre— und als einen ſolchen betrachtete ſie ihn auch von dieſem Augenblicke an. 2* Die tiefe Bosheit des Rittmeiſters würde auf Edith 138 einen noch größeren Eindruck gemacht haben, wenn nicht ihre ganze Seele auf den Walzer gerichtet geweſen wäre, der auf dieſen folgen ſollte; und nachdem einige„ewig lange“ Francaiſen ſich durch den gewöhnlichen Kreis⸗ gang geſchleppt hatten, erklangen wieder, nicht die Straußiſchen Töne— dieſe hatten noch nicht angefangen zu entzücken und zu verzücken— ſondern die Töͤne, welche damals das junge Blut etektriſirten. Wer aber, außer Cdith, ſelbſt Herzklopfen bekam, das war die Hofräthin und die kleine gnädige Frau von Glanberg, als Helmer, den man am Spieltiſche glaubte, weil man ihn ſo lange nicht geſehen hatte, von einer bei ihm ganz ungewöhnlichen Lebhaftigkeit ſtrahlend zu Edith trat, und als dieſe ſich augenblicklich erhob und ihre Hand in die ſeinige legte. „Hm!“ ſagte die Hofraͤthin zu ſich ſelbſt:„das war etwas ganz Unerwartetes, ja, höchſt Unerwartetes!“ Die gnädige Frau konnte ihre Augen nicht von dem wal⸗ zenden Paare abwenden. 9 Und welch ein Walzer! Edith, umſchloſſen von Helmer's Armen, faſt von ihm getragen, ſchwebte dahin, ohne irgend ein Bewußt⸗ ſein zu haben, außer der dunklen berauſchenden Selig⸗ keit von dem Genuſſe des Augenblickes. Ihr kurzer, flammender Athem miſchte ſich mit dem ſeinigen. Hel⸗ mer's Augen ſuchten und fanden die ihrigen— ſein Arm erkühnte ſich, ihre ſchlanke Geſtalt feſter zu um⸗ ſchließen.... Er fühlte ſich beinahe vom Schwindel ergriffen. Plötzlich aber ſtand er ſtill. „Ich will Sie an Ihren Platz zurückführen, beſtes Fräulein!“ ſagte er mit unſicherer Stimme.— „Danke!“ antwortete ſie faſt lautlos, und mit dieſen Worten war der Walzer beendigt, ehe ſie zweimal rundum getanzt hatten. ennoch hatte er lange genug gedauert, um ſie Beide zu überzeugen, daß ſie ihn niemals hätten begin⸗ nen ſollen. war tigen herz abw um 139 nicht„Befandeſt Du Dich nicht wohl, liebe Edith? was wäre, war Dir, da Ihr ſo bald aufhörtet?“ fragten die geſchäf⸗ „ewig tigen Freundinnen.„O, er führte Dich göttlich! wie Kreis⸗ herzlich tanzt er!... oder wurde er vielleicht krank?“ t die„Keines wurde krank!“ antwortete Edith kur und angen abweiſend.„Aber ich bin ſo müde, daß ich heute Abend D welche um keinen Preis mehr tanzen will.“ Und ſie tanzte auch an dieſem Abende nicht mehr. ekam, n von 1 aubte, nd zn V Siebenzehntes Capitel. und Federwolken. s war Am Tage nach dem Balle auf Ramswik hatte 3 Die Helmer eine Geſchäftsunterredung mit der Hofräthin, 2 wal⸗ deren Reſultat war, daß eine längere Reiſe, die Helmer für Rechnung des Hüttenwerkes erſt gegen Ende des Februar hätte antreten ſollen, ſchon auf den folgenden t von Tag feſtgeſetzt wurde. Er brauchte kaum die Nothwen⸗ wußt⸗ digkeit der Beſchleunigung zu beweiſen— das Stabeiſen Selig⸗ und die Nägel konnten ja vielleicht im Fallen ſein— urzer, ſo erklärte die Hofräthin ſogleich ihren Beifall; und es Hel⸗ war unmöglich, zwei Perſonen zu finden, die über die ſein Wichtigkeit einer Angelegenheit einiger ſein konnten, an. um⸗ welche doch Beide vorher gar nicht gedacht hatten. pindel„Der Menſch,“ dachte die Hofräthin, als ſie wieder allein wat,„hat an Verſtand ſeines Gleichen gar nicht; er iſt in hohem Grade zu ſchätzen! Sichtbarlich kam beſtes er geſtern zu der Kenntniß ſeiner oder auch ihrer Schwäche . Nun, mit einem ſolchen Ehrgefühl iſt leicht fertig ieſen zu werden. Ich werde ihm ſagen, daß ich, von ſeiner dum Rückkehr an gerechnet, ihm ſeinen Lohn mit einigen hundert Reichsthalern zu erhöhen gedenke. Das ver⸗ i ſie dient er!“ gin⸗ Sdith wußte von gar nichts. Sie hatte den ganzen Tag, wie Olga es höhniſch 4 ———— 140 nannte, mit ihrem Verlobten getändelt. Der Graf lag, heimgeſucht von Fieber, Kopfſchmerzen, Unruhe, Mattig⸗ keit und einem kleinen Anſtrich von Ungeduld, auf dem Sopha in der Bibliothek. Die Ungeduld offenbarte ſich darin, daß er jeder Bewegung Edith's mit den Augen folgte, wenn ſie ſich nur der Thüre näherte. „Du gehſt immer von mir hinweg!“ klagte er am Abende, als die Ungeduld ſich nicht länger auf die Sprache der Blicke beſchränken laſſen wollte. „Lieber Hermann, ich ging ja nur, um Dir Deinen Trank zu holen!“ „Was frage ich nach dem Trank? Ich frage nur nach Dir?“ „Aber mich intereſſirt es um ſo mehr, daß Du be⸗ kommſt, was Du einnehmen mußt, mein guter Hermann! ... So; ſei jetzt nur ruhig— hier haſt Du mich!“ „Reiche mir Deine Hand!... wie Viele haben dieſe nicht geſtern berühren dürfen!“ „Ja, im Tanze!“ „Das iſt hinreichend... ſehr Vieles kann ſich im Tanze ereignen.“ Edith konnte bei dieſer Anſpielung, die der Wahr⸗ heit ſo nahe kam(oder vielmehr die Wahrheit ſelbſt war), nicht über ihr Blut gebieten; die rothen Wolken ſtiegen empor bis zu ihrer Stirn und redeten ihre eigene Sprache, während die Lippen ſchwiegen. „Warum errötheſt Du, Geliebte, bei dieſer zufälligen Aeußerung?“ fuhr er fort, indem er ſich heftig erhob und ſie mit Blicken betrachtete, in denen gar kein Arg⸗ wohn, wohl aber Verwunderung lag. Edith fühlte einen Stich in ihrem Herzen. Doch ſie mußte ſich faſſen, und ſie that es. „Hermann, woher kommt das? Willſt Du mir ein ebenſo zufälliges Erröthen zum Vorwurf machen? Ich muß Dir ſagen, daß Du mich faſt beleidigſt!“ „Ach vergib, vergib! Mein Kopf iſt krank: ich weiß wirklich nicht, was ich ſage... ich Dich beleidigen ich, der 2 ich n guter Grill müth biſt, Tone ich m krank Doch wolle, Du bin. nur d tig!. * ich n Kräng iſt. wenig 7 3 — jer ein in wir D ſein 1 3 der N geplag wogeg hinbr. Soller Leben lag, attig⸗ dem e ſich lugen r am rache einen nur u be⸗ ann! 414 aben h im Lahr⸗ ſelbſt olken gene ligen erhob Arg⸗ Doch rein Ich weiß 8ic, 4 4 8 f 141 der Dich anbetet und ehrt! Aber, o Gott! warum bin ich nicht wie die Andern?“ „Wenn Du Dich nur ernſtlich bemühen w ollteſt, guter Hermann, ſo könnteſt Du gewiß viele von Deinen Grillen überwinden. Aber Du unterhältſt Deine Ge⸗ müthskränklichkeit gerade dadurch, daß Du zu furchtſam biſt, der Macht dieſer Kränklichkeit zu trotzen.“ „O Edith, was ſagſt Du!“ rief er aus mit dem Tone des bitterſten Schmerzes;„Du willſt andeuten, daß ich wieder unter dem Einfluſſe... meiner Gemüths⸗ krankheit ſtehe! Wie konnteſt Du ein Herz dazu haben? Doch Du haſt Unrecht. Wenn Du, was Gott verhüten wolle, mich ſäheſt, wenn ich wirklich krank bin, da würdeſt Du es verſtehen, daß ich jetzt geſund, völlig geſund bin. Dieſe kleinen Unpäßlichkeiten, die, wie ich glaube, nur dem Körper angehören, bedeuten gar nichts.“ „Um Gottes willen, Hermann, werde nicht ſo hef⸗ tig! Ich meinte nicht— nein ich war weit entfernt, die Gemüthskrankheit zu meinen, an welche Du denkſt; ich meinte nur, Du müßteſt es verſuchen, die kleine Kränklichkeit auszurotten, die noch in Deiner Seele übrig iſt. Laß uns friſche Luft, Bewegung und bisweilen ein wenig Geſellſchaft verſuchen!“ „Hu, rede doch davon nicht!“ Wenn wir aber unſere Hochzeit erſt gefeiert haben“ — jetzt war es Edith, die bei ihren eigenen Worten ein inneres„Hu!“ nicht unterdrücken konnte—„wenn wir Dagby verlaſſen und reiſen, da mußt Du ja draußen ſein und immer neuen Gegenſtänden begegnen!“ Das iſt etwas ganz Anderes. Bei dem Anblicke der Naturſcenen wird nicht das Auge, nicht das Ohr geplagt; im Gegentheile, ſie geben der Seele neues Leben, wogegen alles Andere den Geiſt ermüdet.“ „Doch ſage: können wir denn unſer Leben ſtets hinbringen, einzig und allein von Naturſcenen umgeben? Sollen die Städte, die Menſchen und das bewegliche Leben nur eine dunkle Sage für uns ſein? Vorgeſtern, 142 da Du Dich zu dem kleinen Ausfluge nach Ramswik entſchloſſeſt, redeteſt Du ganz anders.“ „Das that ich, doch... Armes, junges, ſchönes Mädchen!“ fuhr er in einem ſchmelzenden Tone fort, „ich verſprach Dir wohl, daß der Arm Deines Gatten kein Kloſter für Dich werden ſollte, und jetzt fürchte ich, er wird für Dich das kalte Grab!“ „Du biſt heute Abend düſter, mein armer Hermann, darum denkſt Du ſo... Laß mich Dir jetzt ein kleines Lied vorſingen!“ Er nickte dankbar und drückte ſeine heißen Lippen auf ihre Hand. Edith nahm die Guitarre, präludirte leiſe und ſang, bis das Haupt des Bräutigams immer tiefer auf das Kiſſen hinabſank und er entſchlummerte. Der Mond ſchien in das Zimmer und beleuchtete das bleiche Geſicht des Grafen. Das junge Mädchen faltete ihre Hände und erhob ſie gen Himmel.„Welchen Beruf habe ich übernom⸗ men! Gott, mein Gott, gib mir Kraft, ihn auszuführen!“ Die Guitarre glitt hinab auf die Matte; das Ge⸗ räuſch weckte den Grafen. Er fuhr auf.„Was war das?... wo biſt Du?“ „Hier neben Dir!“ „O, es war mir, als ſähe ich Dich in dem infer⸗ naliſchen Tanzſaale, und als ſuchten Deine Augen Je⸗ mand, aber das war ich nicht.“ „Du träumſt, mein Hermann!“ „Ja, ja, ich weiß wohl, daß ich nur träume, doch das iſt ſchon genug.“ 3 Die Nachricht von Helmer's Abreife— wir müſſen es zu Edith's Ehre ſagen— machte ihr mehr Freude als Schmerz.. „Da er ſich einen Vorwand geſucht hat, mehrere ochen lang von hier entfernt zu ſein, ſo hat er die Gefahr ſeiner Anweſenheit auch für uns Beide eingeſehen.“ G ſein; Ueber: heimn dieß nicht gewiſſ deſſen muth immer keit ar gleich aber k er ſo klärte dieſer U S hatte Allem mit ih warme ſeine Rathſe nur f nicht i ſeine u V gar ni ein Ja 5 orgt: Hofrät * berahn genehn 3 uswik hönes fort, gatten e ich, tann, eines ippen ſang, das chtete erhob nom⸗ ren!“ Ge⸗ Du?“ nfer⸗ 1 Je⸗ doch Ho ſperden— daran zu denken, war eben nicht ſo an⸗ ſoeenehm.— . 8u der unausſprechlichen Marter des Grafen trat 3 G 143 Sie ſagte das Wort Beide mit vollem Bewußt⸗ ſein; denn obgleich ſie nicht wußte, woher ſie die Ueberzeugung genommen hatte, daß Helmer ihr Ge⸗ heimniß durchſchaut hätte, ſo wußte ſie dennoch, daß dieß der Fall war; und ſie wußte auch, daß ſie ſich nicht beleidigt, ſondern eher ſicher fühlte, weil ſie auf gewiſſe Art unter ſeiner Obhut ſtand... unter ſeiner, deſſen feſten und hohen Charakter ſie jetzt, da der Hoch⸗ muth und das Vorurtheil weggefallen waren, ſtets in immer klarerem Lichte ſah. Zwar ließ es ſich nicht läugnen, daß ſeine Feſtig⸗ keit auf dem Wege geweſen war zu ſchwanken, daß er, gleich ihr, von dem Schwindel ergriffen worden war; aber konnte ſie wohl den Blick vergeſſen, mit welchem er ſo plötzlich den Walzer ſchloß? Mehr als Worte er⸗ klärte er den kraftvollen Entſchluß ſeiner Seele— und dieſer Entſchluß, zeigte er ſich nicht klar in ſeiner Abreiſe? Und jetzt war er fort. Seit dem November, da Onkel Janne gereist war, hatte er mit Edith fleißig Briefe gewechſelt. Aber unter Allem, was Cdith ſchrieb, war nichts zu finden, das mit ihren neuen Pſtichten in Widerſpruch war, und die warmen, herzensguten Antworten des alten Mannes, ſeine ſanften Warnungen und einfachen, aber weiſen Rathſchläge wirkten gut auf Edith's Herz. Sie zitterte nur für die Zeit, da dieſer wohlthuende Briefwechſel nicht mehr regelmäßig bleiben konnte, da er bald auf ſeine und ſie ſpäter auf ihre große Wanderung ſich begäben ... Doch vorher ſollten ſie ſich ja noch einmal treffen. Von häuslicher Einrichtung und dergleichen wurde gar nichts geredet; die Neuvermählten wollten wenigſtens ein Jahr oder noch länger ausbleiben, und wenn ſte dann zurückkämen, ſo hätte wohl die Mutter dafür ge⸗ ſorgt: Odensborg, das zweite von den drei Gütern der räthin konnte bis dahin wohl tapezirt und decorirt 144 jetzt auf Dagby ſein Plagegeiſt, der Rittmeiſter, von Reuem auf, und das beinahe in ſeiner alten Narren⸗ appe. Jetzt gab es Vorſchläge und Arrangements aller Art: Schlittenfahren, Schlittſchuhlaufen, kleine extempo⸗ rirte Scenen, bald aus der Köthnerſtube, bald aus dem Geſellſchaftsleben, bald aus dem— Thierleben; und gewöhnlich kamen dieſe Phantaſien ſo plötzlich zum Vor⸗ ſchein, daß man an gar Nichts dachte, da der Rittmeiſter alle Lichter von den Tiſchen riß, ſie in eine Reihe auf den Fußboden ſetzte, um eine Rampe zu bilden, und eins, zwei, drei, war er ein Schauſpieler und ſchnitt ſo bizarre Geſichter, daß kein Menſch— mit Ausnahme des Grafen— ſich des Lachens enthalten konnte. Zwiſchen Edith und dem Rittmeiſter war es nicht wieder in das alte Geleis gekommen und konnte auch unmöglich jemals wieder dahin kommen; aber man hatte ſich an einander gepaßt, und es ging recht gut, als man erſt in Ordnung war. ESdith konnte ſeine Bosheit nicht vergeſſen; aber ſie hatte mehrmals gegen ihre Ver⸗ nunft, die ſein ſpäteres Beſtreben, ſich wieder einzu⸗ ſchmeicheln, immer verwarf, den Satz aufgeſtellt, daß man keinem Menſchen wegen ſolcher Worte den Stab brechen dürfe, die er in der Aufwallung eines verwun⸗ deten Gefühles geſagt hätte. Doch wir kehren zu dem Grafen zurück. Zu ſei⸗ nen häuslichen Widerwärtigkeiten zählte er bald eine andere größere und ſchwerere, die er dem Rittmeiſter urſprünglich ebenfalls zu danken hatte.. An dem Geburtstage der Hofräthin, der in die Mitte des Januar ſiel, waren die Nachbarn einig ge⸗ worden, wie man ſagte, ſie zu überraſchen mit einer Art von Maskeradenarrangement oder Carnevalsſcherz, an deſſen Spitze Couſin Abbé ſtand, und von welchem die Hofräthin natürlicher Weiſe gar Nichts wußte. Bei dieſer Gelegenheit wurde noch einmal bis an den hellen Tag getanzt und zwar in der großen Pracht⸗ woht gezo ſeine er ſe Vor thigt ganz Thee lobu kom: Edit wärt , von arren⸗ aller empo⸗ s dem ; und 1 Vor⸗ neiſter he auf , und nitt ſo nahme nicht auch man it, als vosheit e Ver⸗ rwun⸗ u ſei⸗ d eine neiſter in die lig ge⸗ ler Art z, an em die bis an rracht⸗ 145 wohnung, welche Edith, die man mit in das Vertrauen gezogen, hatte heizen laſſen. Graf Hermann verließ an dieſem peinigenden Abende ſeine Zimmer nicht; aber mehr denn zwanzigmal fragte er ſeinen Nilman, ob er nicht höre, daß Jemand im Vorzimmer ginge, und Nilman war eben ſo oft genb⸗ thigt zu antworten: „Ich höre Nichts, Herr Graf.“ Und Niemand kam in das Vorzimmer während des ganzen Abends, außer bei den Gelegenheiten, da man den Thee und das Souper einbrachte. Edith hatte es heute zum Erſtenmal ſeit ihrer Ver⸗ lobung eingeſtanden, daß man ermüden könnte, voll⸗ kommen zu ſein. Und in demſelben Augenblick, da Edith dieß geſtand, ging ſie auch einen Schritt rück⸗ wärts auf dem Wege der Vollkommenheit, auf jenem Wege, auf den Onkel Janne ihren Sinn ſtets zu richten bemüht war— doch ſeine Briefe ruhten unberührt im Secretär, auch kam keine Strophe aus denſelben in Edith's Gedächtniß. Ebenſo wahr iſt es aber auch, daß der Bräutigam heute nicht nur ihre Geduld auf die Probe geſetzt hatte — das wäre vielleicht nur eine Kleinigkeit geweſen— ſondern er hatte ſich auch der Sünde ſchuldig gemacht, ihre weibliche Eitelkeit zu verletzen, und dieſe konnte einen ſolchen Stoß unmöglich ertragen. Die erſte Prüfung floß her aus ſeinem Eigenſtun — jetzt hieß es: ſein unausſtehlicher Eigenſinn— daß er nicht einmal auf einige Minuten ſich in der Ge⸗ ſellſchaft zeigen wollte, um welches Edith ihn gleich⸗ wohl nicht nur gebeten, ſondern wozu ſie ihn auch mit ihrer ganzen Macht zu überreden geſucht hatte. Die zweite, noch ärgere, beſtand in dem gleichgültigen, faſt ſchleppenden Blick, womit er ſie beſchaute, da ſie in ihrem prachtvollen Maskeradenkoſtüm, vor ihm ſo glän⸗ zend, ſo ſchön ſtand und erwartete, daß er in Ausru⸗ fungen des Entzückens und der Bewunderung ausbrechen würde.— Ein launenhaftes Weib. II. 10 — 146 Wie merkwürdig iſt nicht die Eitelkeit! Edith hatte es ertragen können, daß ihr Verlobter ihrer Beredtſamkeit widerſtand, aber ſie konnte es nicht ertragen, ja kaum verzeihen, daß er der entzückenden Miſchung von Seide, Flor, Panaſchen und Perlen wi⸗ derſtehen konnte, welche, zuſammengeſetzt, die Waffen bildeten, womit ſie wpußte, daß ſie heute jeden Mann zu ihren Füßen legen würde. Und da ſie, ihren Verdruß noch beherrſchend, ſagte: „Gefalle ich Dir ſo? meinſt Du, daß mir der Anzug gelungen iſt?“ und er mit einem traurigen Tone ant⸗ wortete:„Aller dieſer Plunder, den jede Theaterkönigin haben kann, macht Dich in meinen Augen nicht im Mindeſten ſchöner, als Du zuvor biſt“— da verſchluckte Edith nur mit Mühe ihren Aerger, grüßte flüchtig und eilte hinaus mit dem feſten Entſchluß, da er allein ſein wollte, ihn auch allein zu laſſen. Die Hofräthin, obgleich verdrießlich, daß ſie genö⸗ thigt war, bei einem Feſte an ihrem Geburtstage allen Menſchen zu antworten:„Unſer lieber Graf iſt durch ein kleines Uebelbefinden abgehalten, uns Geſellſchaft zu leiſten,“ erinnerte dennoch Edith mehrmals, zu ihm hinunter zu gehen. Aber Edith flog von dem einen Tanze zu dem an⸗ dern, und antwortete ſtets: „Es würde mir das Leben koſten, wenn ich, ſo warm wie ich bin, die kalte Treppe hinunter gehen wollte!“ Am folgenden Tage mußte der Graf den ganzen Vormittag warten, bis die Braut, welche erſt gehörig ausſchlief, ſichthar wurde. Als ſie endlich erſchien, hatte ſich zwar eine Klei⸗ nigkeit von Reue in ihre Gefühle gemiſcht, denn ſie wünſchte ihm mit wirklicher Herzlichkeit einen guten Morgen; als aber der Graf antwortete:„Für mich iſt es ſeit geſtern Nachmittag nicht Morgen geweſen,“ da verſchwand augenblicklich der Sonnenſchein von Edith's Stirn, und der Kuß, welchen ſie ihrem Bräutigam bewi Seu zeit, auch gnüt Nich Jah liche mit aller hatte ihren Helr ſchw Gen Zeit Sell ſelbe hatt genn mac Wir nag und 147 bewilligte, war ſo kalt, daß er ſich mit einem ſtillen lobter Seufzer zurückzog. nicht enden n wi⸗ zaffen Achtzehntes Capitel. zu Drohende Wolken. ſagte: Anzug Es war jetzt unglücklicher Weiſe diejenige Jahres⸗ ant⸗ zeit, da die ſchwediſche Sitte ſowohl in der Stadt, als nigin auch auf dem Lande, eine ordentliche Jagd nach Ver⸗ ht im gnügungen geſtattet. luckte Die Weihnachtsvergnügungen ſind eigentlich gar g und Nichts in Vergleich mit der Serie, welche mit dem neuen mſein Jahre beginnt, und noch dazu war dießmal eine ordent⸗ 3 liche Wuth über die Nachbarn um Dagby gekommen, genö⸗ mit einander zu wetteifern und ſich in Anordnungen allen aller Art zu übertreffen. durch Und wie machte es jetzt Edith?. aft zu Gerade ſo, wie Helmer gefürchtet und vorhergeſagt ihm hatte: ſie holte die beiden Monate wieder nach, die ſie ihren Pflichten geweiht hatte. nan⸗ Edith's beide wahre Freunde, Onkel Janne und Helmer, waren nicht da, und immer ſchwächer und h, ſo ſchwächer erklangen die Stimmen dieſer ihrer guten gehen Genien. Die Bezauberung, in der es ihr gelungen war, eine anzen Zeitlang zu leben— die Bezauberung der Tugend, der hörig Selbſtaufopferung und der Großmuth— war in, dem⸗ . ſelben Augenblick gebrochen, da ſie es ſich geſtanden Klei⸗ hatte, daß ſie gebrochen werden konnte. n ſie Sie dürſtete nach Vergnügungen, ſie bekam nicht guten genug davon, nicht darum, weil ſie ihr wirklich Freude ch iſt machten, ſondern darum, weil ſie in dem brauſenden da Wirbel meinte, daß ihre verzehrende Unruhe weniger nagte. Es lag eine ewige Beſchäftigung in dieſem Hin⸗ und Herfliegen, und Beſchäftigung mußte ſ haben, um 6 148 von der Langweile und der Einſamkeit mit dem Bräu⸗ tigam abzukommen. Und bald— denn mit Edith's Bekehrung ging es immer ſchnell— war ſie ſo weit gekommen, daß ſie nicht ohne einen Schauder daran denken konnte, von einem glänzenden Feſte abzuſtehen, um ſtatt deſſen den niedergeſchlagenen Grafen Hermann zu hören mit ſeinen ſchmerzhaften, aber zärtlichen Vor⸗ würfen über ihre Veränderung, nebſt der Klage ſeiner ewigen Seufzer und den jetzt wirklich verabſcheuten An⸗ ſpielungen auf ihre bevorſtehende Verbindung, zu wel⸗ cher er mit ſeinen Gedanken immer noch ſeine à uflucht zu nehmen ſchien. Nicht ein einziges Mal in drei langen Wochen ſetzte Edith ihren kreuztragenden Ritter— und das war er jetzt wirklich— auf die Probe, ihr die volle Dank⸗ barkeit ſeines Herzens für eine bewieſene Gunſt zu zei⸗ gen; nein, ſie achtete es nicht einmal der Mühe werth, zu bemerken, daß eine faſt demüthige Geduld an die Stelle der fluͤchtigen Ungeduld getreten war. Der verzweifelte Kampf in Edith's Innerem hatte wiederum begonnen, und da die Illuſton von ihrer See⸗ lenſtärke aufgehört hatte und ſie ſelbſt heftig litt, ſo war ſie nicht länger gut. Sie war ungeduldig, reizbar, un⸗ verträglich, und dennoch meinte ſie, daß ſie mehr er⸗ trüge, als ſie eigentlich zu tragen im Stande war. Unter dieſen Verhältniſſen, unter dem Einfluſſe von Leidenſchaft und Sturm— ihre wilde Sehnſucht nach Helmer verbitterte ihr Gemüth— gab ſie gar nicht Achtung auf die immer mehr abmagernde Geſtalt des Grafen Hermann; ſie hörte nur den Laut einer mono⸗ tonen Stimme, welche ihr Ohr peinigte, wenn er ihr die Erzählung von ſeinen Fieberphantaſien, den grauſa⸗ men Träumen ſeiner Nächte, zuflüſterte. „O!“ fügte er wohl bisweilen hinzu,„wenn Du, Geliebte, mich nur mit den Ohren Deiner Seele hörteſt, da würde es für uns Beide beſſer!... Aber, weh, v weh, Du hörſt mich nicht!“ „Es iſt ja gut, ſehr gut!“ konnte ſie antworten, ihn anſel aufge die K ohne äußer mere Onke er m Nord ſie, z ſelbſt hoch konnt Glau ihre ren 1 werde ( rimen änder weſen lichen vielen als d ( Hand Unru 5 nicht zu we wahre wahrer Liebe und war überdieß der Einzige, der beur⸗ 149 ihn aber dabei mit jenem fremden, inhaltloſen Blick anſehen, der ihm ſagte, daß ſie nur die todten Worte aufgefangen hatte. Krampfhaft preßte dann der Graf ſeine Lippen auf die Hand der Braut— bis ſie entweder aufſtand und ohne ein Wort zu ſagen, ging, oder auch gleichgültig äußerte:„Beruhige Dich, lieber Hermann, dieſe Schwär⸗ merei iſt wirklich langweilig!“ Mehr denn einmal wollte die Hofräthin an den Onkel Janne ſchreiben und ihn um Gotteswillen bitten, er möchte zurückkommen, ehe er ſeine Wanderung nach Norden begönne; aber ihr unglücklicher Stolz hinderte ſie, zu geſtehen, daß dieſes ganze Arrangement, das ſie ſelbſt anfänglich ausgedacht und noch vor Kurzem ſo hoch geprieſen hatte, jetzt ganz mißlang... nein, das konnte ſie nicht, wenigſtens jetzt noch nicht. Die Hofräthin uͤberredete ſich überdieß mit dem Glauben, daß Edith, welche in Allem ſo flüchtig war, ihre neue Manie bald verlaſſen, zu der alten zurückkeh⸗ ren und dann wohl endlich ſo vernünftig wie Andere werden würde.— Daß inzwiſchen der Graf ein Gegenſtand der Expe⸗ rimente und nicht der Liebe war, das ließ ſich nicht ändern. Die Partie war die freie Wahl Beider ge⸗ weſen; und warum ſollte es auch wohl mit ihrer ehe⸗ lichen Werbindung nicht ebenſo gehen können, wie mit vielem Andern? Es konnte ja weit glücklicher ausfallen, als die Ausſichten verſprachen. Einer Mutter, die dergleichen Argumente bei der Hand hat, fehlt der Troſt niemals, wenn bisweilen die Unruhe anklopft und Gehör verlangt. Aber auf Dagby lebte ein Mann, der das Alles nicht ſehen konnte, ohne in ſeinem Innerſten erſchüttert zu werden, denn er liebte den Grafen Hermann mit 1⁵⁰ theilen konnte, was ſeine Leiden ihn koſteten, wie ſehr ſie die Geſundheit ſowohl ſeines Körpers als auch ſeiner Seele untergruben. Dieſer Mann war Nilman, und ſo viele natür⸗ liche Würde lag in ſeinem Weſen und in ſeinem Aeußern, daß Edith nicht anders konnte, als den Verſuch machen, eine kalte und ſtolze Miene aufzuſetzen, als Nilman eines Tages mit ihr zu reden begehrte und ihr in Worten der feinſten Höflichkeit, aber auch der unver⸗ deckteſten Offenherzigkeit ſagte, entweder das Leben oder auch der Verſtand des Grafen könnte in Gefahr gerathen, wenn das gnädige Fräulein die plötzliche Veränderung, die auf die Maskerade gefolgt wäre, noch länger fortſetzte. „Wählt der Graf ſeinen Kammerdiener zum Ge⸗ ſandten an ſeine Braut?“ fragte ſie mit erkünſtelter Verachtung. „Nein,“ entgegnete er,„dazu beſitzt der Graf zu viel Artigkeit und auch zu viel Feingefühl. Die Auf⸗ forderung, welcher ich folge, kommt einzig und allein aus meinem Gewiſſen: ich hatte es gewagt, mir einzu⸗ bilden, daß es mir gelingen würde, das gnädige Fraͤu⸗ lein zu rühren, und ich würde es auch gewiß, wenn Sie nur eine einzige Nacht die Seelenpein des Grafen ſehen könnten.“ „Dieſe Qualen ſind ja alt!“ „O nein, gnädiges Fräulein, ſie ſind ganz neu. Und ich bin genöthigt, zu ſagen, daß er niemals in dieſen unglücklichen und troſtloſen Zuſtand gerathen wäre, wenn er nicht vorher zwei Monate lang in die Hoffnung eingewiegt worden wäre, ſeine Glückſeligkeit würde ewig dauern. Ich, ſein Diener, habe kein Recht zu der Frage, warum das gnädige Fräulein damals in ihrer Zärtlichkeit und in ihren Aufopferungen ſo weit gingen, daß der Verluſt für ihn doppelt werden mußte, da das Alles ein Ende nahm. Was ich jedoch zu fragen nicht wage, das wird Er, der das Recht hat, von Allen Rechenſchaft zu fordern, übernehmen.“ „Nilman! Sie gehen wirklich ſo weit, wie ein treuer Herrt ſchuld lichen nicht V außer Entſe langſ macht düſter in ſei Leben 9 * Wirkt ihrem ſchütte Gewi getrof die ih von d ſonder nehm V forder Edith einer ſchien aus i Zärtli jemal 2 2 ſehr ſeiner natür⸗ ißern, chen, lman r in inver⸗ oder athen, erung, tſetzte. Ge⸗ ſtelter af zu Auf⸗ allein einzu⸗ Fräu⸗ wenn Brafen neu. ls in rathen in die ligkeit Recht als in Hweit nußte, ch zu hat, e ein 151 treuer Diener, der zugleich der aufrichtige Freund ſeines Herrn iſt, in ſeinem Eifer gehen kann! Und die Ent⸗ ſchuldigung, welche Sie in Ihrer vieljährigen und zärt⸗ lichen Pflege des Grafen beſitzen, macht, daß ich es nicht ſo genau nehmen will mit der Freiheit, die ſonſt außer den Grenzen der Gebühr zu liegen ſcheint.“ Nilman verbeugte ſich ſteif, als bedürfe er dieſer Entſchuldigung nicht. Darauf ſagte er, indem er ſich langſam der Thüre zuwendete: „Alſo verſprechen das gnädige Fräulein Nichts?“ Ein ſtolzer und befehlender Blick aus Edith's Augen machte dem Geſpräche ein Ende. Wirkung geweſen. Nur mit Der Kammerdiener ging, aber ſein letzter Blick fiel düſter und vorwurfsvoll auf Diejenige, welche ſein Herr in ſeiner unglücklichen Phantaſie den Schutzengel ſeines Lebens genannt hatte. Aber Nilman's emüßund war keineswegs ohne ühe wurde Edith von ihrem Stolze aufrecht gehalten bis an das Ende. Sobald er hinaus war, warf ſie ſich, gewaltig er⸗ ſchüttert und aufgelbst in Thränen der Reue und der Gewiſſensbiſſe, auf das Sopha. Und tief in das Herz getroffen von den ernſten Worten des treuen Dieners, die ihr mit einem Male den Schleier der Selbſtverblendung von den Augen geriſſen hatten, wiederholte ſie ſich be⸗ ſonders, was er geſagt hatte. „Was ich zu fragen nicht wage, das wird Er über⸗ nehmen, der das Recht hat, von Allen Rechenſchaft zu fordern!“ An dieſem dem Nachdenken geweihten Tage zeigte Edith ſich nicht mehr; doch am folgenden— da ſie von einer ſchon angenommenen Einladung hinweg blieb— ſchien gleichſam eine lichte Frühlingswolke alle Nebel aus ihrer Seele verſcheucht zu haben: ſie war mit ihrer Zärtlichkeit gegen den Bräutigam verſchwenderiſcher als jemals. Wiederum hieß es: „Setze dich zu mir her, mein guter Hermann!“— 152 und zu der freundlichen Aufforderung kam der liebliche Zuſatz—„wir wollen mit einander dieſe ſchönen Ge⸗ mälde über die Rheingegenden betrachten: dort wünſcheſt du ja unſern Wohnſitz zu wählen?“ Gerührt und überraſcht ſank der Graf zu den Füßen des launenhaften Mädchens und genoß noch einmal den Vorgeſchmack der geahnten Seligkeit des Paradieſes. „O Gott!“ ſtotterte er mit dem Ausdrucke beredter Dankbarkeit voll ſchwindelnden Entzückens,„ſie hat mich dennoch nicht ganz verlaſſen! Meine Gebete, meine Thränen haben den Engel zurückgerufen!“ „Um dich nicht mehr zu verlaſſen, mein theurer und beſter Freund!“ „Wie? Du wollteſt... 2“ „Von Herzen wieder gut machen, was Du in dieſer bunten Carnevalszeit gelitten haſt— dieß iſt das letzte Opfer, welches ich der Thorheit gebracht habe. Ich be⸗ reue es und habe keinen beſſern Wunſch, als daß Du dieſ Reue als eine Bürgſchaft meiner Aufrichtigkeit gelten äſſeſt.“ „Ach Edith! Du vernichteſt mich durch dieſe himm⸗ liſche Guͤte! Ich hätte tauſendmal mehr leiden ſollen, um ihrer würdig zu werden... Wie bete ich Dich an! Du machſt mit mir, was Du willſt, ich fürchte, daß ich zu ſchwach bin; kann ich aber anders ſein unter deiner Herrſchaft? Das Glück, welches Du mir bisweilen be⸗ reiteſt, iſt ebenſo ſehr über jede Beſchreibung erhaben, 9.. „Als die Pein, welche ich Dir bisweilen bereite.. ich überſetze ja ſehr ſchnell Deine Gedanken? Doch ſei ruhig und habe Vertrauen: jetzt haſt Du mich wieder.“ Und er hatte ſte wieder während dreier ganzen Tage, in denen ſie kaum eine Minute von ſeiner Seite wich. Ihnen folgten jedoch drei andere Tage, an denen ſie, um nicht zu erſticken, hinweg mußte, gleichviel wohin, und dann kamen wieder einige, an denen ſie ſich auf ihrem Zimmer einſchloß und dort die Stunden in Seelenqualen verlebte, die faſt ebenſo groß waren, wie dieſer letzte h be⸗ Du gelten die des Grafen, denn ſie konnte mit ihrem unſeligen, veränderlichen Geiſt im buchſtäblichen Sinne des Worts nicht„aus der Stelle kommen.“ An dem einen Tage that ſie ſich ſelbſt das Gelübde, ſie wollte, ſo ſchwer es ihr auch immer werden möchte, die Pflicht vollenden, die ſie in dem Anfalle einer wahn⸗ ſinnigen Laune übernommen— an dem andern ſagte ſie ſich, es wäre noch tauſendmal wahnſinniger, ihr Leben zu einem Todesopfer zu weihen: das wäre unnatürlich, denn man hätte auch Pflichten gegen ſich ſelbſt. An einem dritten Tage machte ſie die geheime, aber ſchreckliche Tortur der Selbſtvorwürfe durch— und an einem vierten trotzte ſie Allem, um zu vergeſſen, daß es etwas der⸗ gleichen, wie ein Band für ihren freien Willen gab; und mitten in dieſem ganzen Chaos ſtand Helmer's Bild, umſtrahlt von allen Erinnerungen, die an ihm hingen, und er, immer er war es, der in den Weg trat und ihr die kleinſte Liebkoſung des Grafen ſo unausſprechlich widerlich machte, daß es ihr vorkam, als wollte ſie ſich lieber von dem Tode umarmen laſſen, als von ihrem Bräutigam. Bisweilen wünſchte ſie, daß ſie wahnſinnig werden möchte, um ſich ſelbſt zu entgehen. Es war in der Stunde der Dämmerung an einem jener Tage, da ſie wieder in die Nähe ihres Liebhabers getrieben wurde. Sie ſaßen in der Gemäldegallerie auf eben jenem Sopha, auf welchem ſie ihre Gelübde der Treue ausge⸗ tauſcht hatten. Ebenſo wie damals waren ſie allein, ſo wie damals brannte das Feuer im Ofen und warf ſeinen Schein über die lebende Gruppe. Aber wie verſchieden waren nicht die Figuren! Auch damals waren Kämpfe vorgegangen, hatten Hoffnung und Furcht, Eis und Hitze gewechſelt, doch war Alles zurückgeſunken in die Nacht der Vergangen⸗ 154 heit, ſobald ſich ihre Hände und ihre Schickſale vereinigt hatten, und die Antlitze Beider und ihr ganzes Weſen hatten— verklärt von tiefer und ſtarker Liebe auf der einen und von feſter und ernſter Reſignation auf der andern Seite— das erhabene Gemälde zweier durch die Seelenverwandtſchaft in Eines verſchmolzenen Weſen dargeſtellt. Jetzt dagegen warf das Feuer ſeine blaßrothen Flammen auf zwei Weſen, die zwar beſtimmt waren, Eines zu werden, die ſich jedoch deutlich ſo getrennt fühlten, als lägen Meere und Wüſten zwiſchen ihnen. Edith hatte ſich lange bemüht, die alte Illuſion wieder hervorzuzaubern, und ſein an ihren Lippen hän⸗ gender Blick hatte mit zunehmender Angſt bemerkt, daß ihre Worte matter wurden, daß ihr Ton gradweiſe her⸗ abſank von dem Tone der Zärtlichkeit zu einer müden und dumpfen Gleichgiltigkeit... Endlich war ſie ganz verſtummt und ſaß jetzt mit abgewendetem Geſichte, den Blick ſtarr auf das phantaſtiſche Schattenſpiel gerichtet, das ſich durch den Schein des Feuers an der Wand abzeichnete. „Du vermochteſt das einſchläfernde Wiegenlied nicht länger zu ſingen!“ ſagte der Graf, nicht bitter— nein, weit ſchlimmer— tief ſchneidend...„Doch Muth! nur noch einige armſelige Töne, und du wirſt es nicht mehr nothig haben, Almoſen zu ertheilen!“ er arme Graf hatte jetzt aufgehört, ſich ſelbſt zu bethören: er glaubte ſeine letzte Täuſchung überlebt zu haben. Aber er glaubte auch ebenſo feſt, daß der Tod, in welchem er jetzt ſeinen einzigen rettenden Engel er⸗ blickte, und den er jetzt vollkommen aufgehört hatte zu fürchten, bald ſeinen Fittich über ihn ausbreiten würde. Und darum machte es einen ſo wohlthätigen Eindruck auf ihn, wenn die einſchläfernden Töne ſeinem Ohre ſchmeichelten. „Warum redeſt du ſo, guter Hermann? Gibt es wohl einen Menſchen, der ſich immer zu beherrſchen vermag? Und gibt es nicht in jeder Bruſt ein Bedürfniß, 1⁵⁵ — vergib mir, daß ich es ſage— zu weinen, wenn auch nicht dieſe Thränen, welche man ſieht, ſo doch eine an⸗ dere Art derſelben, ſolche, die in das Herz fallen?“ „Ja, auch ich habe oft ſolche Thränen geweint— ſie heißen Blutthränen, und unterſcheiden ſich von den natür⸗ lichen dadurch, daß, während dieſe das Gemüth kühlen und gleichſam ſeine Federkraft erneuern, jene brennen, liegen bleiben und das Lebensmark ſelbſt verzehren.“ „O, Du malſt mit fürchterlicher Klarheit!“ „Das iſt ja natürlich: Du haſt nicht den tauſend⸗ ſten Theil dieſer geheimnißvollen Thränen geweint, die ich... Schon da ich noch ein Kind war, begannen ſie, die eine nach der andern, auf mein Herz zu fallen. Als Jüngling fühlte ich, wie ſie durch mein Herz dran⸗ gen und es mit Feuer erfüllten; aber das war noch nichts in Vergleich mit Demjenigen, was der Mann er⸗ tragen mußte: da wurden dieſe Thränen aus dem Ge⸗ hirn gepreßt. O, möchteſt Du niemals nur den entfern⸗ teſten Begriff erhalten, von.. von... O, meine Gnadenzeit iſt aus!— Die Dämonen erfaſſen mich wieder!“ Und mit einem ſo durchdringenden Ausrufe, daß er durch das ganze Haus ſchallte und die ganze kemili herbei rief, ſank er faſt leblos auf die Sopha⸗ ehne. „Nein, er darf nicht weggebracht werden! ich will ihn ſehen, wenn er erwacht!“ ſagte Edith mit geſammelter und beſtimmter Kraft, da Nilman ſeinen kranken Herrn in das Zimmer deſſelben führen wollte. Man ließ Edith ihren Willen, und Nilman ver⸗ mochte weiter nichts, als daß alle Andern ſich entfernten. Es dauerte eine volle halbe Stunde, bis die Er⸗ ſtarrung, die den Grafen gefeſſelt hielt, es ihm erlaubte die Augen zu öffnen, und er mit einem ſtarren Blicke um ſich ſah. Doch da fiel ſein Auge nicht auf Edith. „Meine Wächter, meine Wächter!“ murmelte er... „Der Schreckliche kehrt zurück, ich fühle es an dem Feuer in meinem Blute!... Der Engel ging von mir ——— —— ——— ——— —yõ—B 156 und ließ den Abgrund offen... weh, weh!— ich ſinke, ich ſinke! „O nein,“ rief Edith, welche neben ihm auf den Knieen lag,„ſie, die Du Deinen Engel nennſt, ſie hat Dich nicht verlaſſen!... Hörſt Du mich?— ich bin hier!“ „Ich höore und ſehe Dich,“ entgegnete er leiſe,„doch die Täuſchung, die himmliſche und liebliche, iſt ver⸗ ſchwunden... O, wie wagte ich es auch, ich Elender und Verworfener, zu glauben, daß ein Engel herab⸗ ſteigen würde!... Vergib mir,“ fuhr er fort mit einem unſäglich klagenden Blick auf ſeine Verlobte,„nicht die Geſtalt eines Engels konnte mich retten, ſondern die Reinheit, der Edelmuth, die Seelengröße des Weſens, das dem armen Kranken gelobte, ſein Leben zu theilen.“ „Hermann, Du vernichteſt, Du zerreißeſt meine Seele!“ „Wie?“ rief er mit einer plötzlichen Veränderung, welche die Rückkehr der Fieberphantaſien ankündigte, „Du wagſt es davon zu reden, Du, die Du ohne Er⸗ barmen meine Seele zerriſſen haſt? Sieh, dieſe iſt jetzt in Atome aufgelöſt und hat nichts mehr, das ſie zuſammen⸗ hält. Und das iſt Dein Werk, ganz Dein Werk, Du guter Engel, der ſich bald überreden ließ, ein Bündniß zu ſchließen mit meinem zweiten Ich, dem Teufel, deſſen Feſſeln die Kraft meines Willens ſchon gebrochen hatte, die ich aber jetzt unter Todespein wieder annehmen muß, denn gegen Zwei vermag ich nichts... Ach, falſcher, falſcher Engel, der Du mit Deiner Sirenenzunge mir meine Seele ſtahlſt, was haſt Du daraus gemacht?... Hörſt Dul ich frage, ich rufe!... Ha, Du ſchweigſt, feiges, liebloſes Weib! Meinſt Du, ich verſtehe nicht, daß Du ſie an ihn verkauft haſt?... Und dazu warſt Du im Stande— Du? Und doch hatteſt Du an mei⸗ ner Bruſt geruht!“ 4 „Halt ein, Hermann! rufe Deine Vernunft zurück, Du biſt nicht wahnſinnig; doch Du gibſt einer Erſchlaf⸗ fung nach, die Du befegen kannſt, die Du beſiegen muß ſieh, ganz’ von weil verſck len, begri erlöſe die il jetzt ſah 1. qual ſchwa Phan 6 deſſen man Zucku angin daſſell ren 2 ſein( ſtarker Auger bis zu 2 mehr S hatte ſpiege! zweifl fielen, mit d aus ih ein ru kein ruhigerer Zuſtand eintrat und ſie ihn auf die ver⸗ mußt! Hefte Deine Blicke auf mich, ich will es, und ſieh, wie Deine Anſchuldigungen das Blut in meinem ganzen Körper zu Eis verwandeln! Du haſt ein Gefühl von Deiner Grauſamkeit!“ Er hob mechaniſch ſeine Augen zu ihr empor, und weil ihre Worte und ihr Blick einen Theil des Nebels verſcheuchten, ſo bemerkte er die unausſprechlichen Qua⸗ len, welche ſich auf ihrem Antlitze abſpiegelten. Er begriff ſogar ihre Abſicht und ſtrengte ſeine ganze letzte, erlöſchende Kraft an, um ſich der Macht zu entreißen, die ihn zu ergreifen begann. Aber Edith täuſchte ſich: jetzt beruhte leider nichts mehr auf ſeinem Willen, das ſah man ſeinem Blicke an, der mit unſäglicher Seelen⸗ qual an dem ihrigen hing, bis das Bewußtſein gänzlich ſchwand und er als ein Raub ſeinen ſchreckenvollen Phantaſien anheimfiel. So vergingen einige ſchwere Stunden. Er phantaſirte unaufhörlich von ſeinem Plagegeiſt, deſſen Anweſenheit ſich endlich zu bekräftigen ſchien, wenn man nämlich nach der Steifheit und den krampfhaften Zuckungen urtheilen wollte, denen heftige Schauer vor⸗ angingen, welche ſchnell auf das Fieber folgten und daſſelbe unterbrachen. Während dieſer Zeit von mehre⸗ ren Minuten redete der Graf kein einziges Wort, aber ſein Geſicht war ſchrecklich blaß und entſtellt, und ein ſtarker kalter Schweiß bedeckte Stirn und Wangen. Die Augen ſtanden beinahe ſtill, aber ſie waren verwildert bis zur Unkenntlichkeit. Was Cdith während dieſer Zeit litt, das ging nie mehr aus ihrer Erinnerung. Selbſt Nilman, der ſonſt gegen ſie geſtählt war, hatte jetzt Mitleiden mit ihren Qualen, und dieſe ſpiegelten ſich nicht nur ab in den Thränen der Ver⸗ zweiflung, welche auf den unglücklichen Grafen Hermann fielen, ſondern beſonders in den hoffnungsloſen Blicken, mit denen ſie bisweilen Nilman's Augen ſuchte, um aus ihnen Troſt zu erhalten. Als bei dem Kranken endlich 158 einten Vorſtellungen ihrer Mutter und Nilman's verließ, geſchah dieß mit einem Blute, in welchem Fieber brannte. Die Hofräthin, welche nur bisweilen durch die Thür geblickt, hatte dennoch genug geſehen und gehört, um zu fühlen, wie bei dem Gedanken an das kuͤhne Spiel, das ſie gewagt hatte, ihr die Haare auf dem Kopfe zu Berge ſtiegen. Ihre Nacht war ebenſo ſchlaflos wie die Edith's. Neunzehntes Capitel. Ein Sternfall. Sobald Edith ſich am folgenden Morgen umgeklei⸗ det hatte— zu Bette war ſie nicht geweſen— eilte ſie mit zitternder Angſt die Treppe hinunter. Sie klopfte ſelbſt an die Thür des Grafen Hermann und erhielt von Nilman die Verſicherung, daß der Graf den Umſtänden nach weit beſſer ſei, als man hätte hoffen können. Er hatte nach der Rückkehr in ſeine Zimmer mehrere Stunden hinter einander geſchlafen und vor Kurzem, da er erwacht, nach ſeiner Braut gefragt. Was das Verfloſſene betraf, ſo glaubte Nilman, daß er nur eine dunkle Erinnerung davon hätte,„doch,“ fügte er hinzu,„nach der forſchenden Unruhe des Herrn Gra⸗ fen zu ſchließen, muß man auf jeden Fall glauben, daß er einen Verdacht hegt, daß das gnädige Fräulein einen Theil ſeiner Phantaſien gehört hat.“ „Gut!“ ſagte Edith mit einem Tone kalter Ruhe, welche nach der in der vorigen Nacht gezeigten Ver⸗ zweiflung Nilman ſo ſehr Wunder nahm, als irgend etwas an der Beherrſcherin ſeines Herrn im Stande war—„gut, benachrichtigen Sie den Grafen, daß ich ſelbſt hier geweſen bin und mich nach ſeinem Befinden erkundigt habe, und ſagen Sie ihm, wenn ſeine Kräfte es ih anden das i eigen heute gehei Schr dritte tage: ſpanr unged Zwech nicht Onkel würde ſcheid⸗ habt 2 Du. geklei⸗ lte ſie mann Graf hoffen mmer d vor fragt. daß er fügte Gra⸗ auben, äulein Ruhe, Ver⸗ gend Stande aß ich finden Kräfte 159 es ihm verſtatten, aufzuſtehen oder ſich wenigſtens auf die andere Seite zu legen, ich ihm Etwas mitzutheilen habe, das ihm Vergnügen machen wird. Kann er dagegen ſein eigenes Zimmer nicht verlaſſen, ſo werde ich ihn etwas ſpäter heute Vormittag beſuchen.“ Nilman bückte ſich tief und verſchwand mit der geheimnißvollen Botſchaft, Edith aber ſeßte mit feſten Schritten den Weg in das Zimmer ihrer Mutter fort. „Wie? Biſt Du ſchon in Ordnung, liebe Edith? Ich habe bei Gott in dieſer Nacht kein Auge zugemacht, und wollte eben jetzt noch einen Augenblick ſchlafen.“ „Wenn du erſt die Güte haben wollteſt, liebe Mutter, zu hören, was ich zu ſagen habe...“ „Ich ahne es.. Du wünſcheſt Deine Verbindung zu brechen, und um offenherzig zu ſein, muß ich geſtehen, daß ich Dich darum nicht verdammen kann. Doch Du haſt mit freiem Willen Deine Wahl getroffen, und es iſt meine Pflicht, Dich zu bitten, daß Du Dich erſt beſſer beſinnſt, ehe Du ein ſo wichtiges Band auflöſeſt, als Du thateſt, da Du es knüpfteſt!“ „Ich bin ſo weit entfernt von dem Gedanken an eine Auflöſung, daß ich im Gegentheil komme, um Dich zu erſuchen, Alles mit dem Probſt abzumachen, damit das Aufgebot am nächſten Sonntage ſein kann. Am dritten Sonntage iſt dann die Trauung, und am Mon⸗ tage über vierzehn Tage reiſen wir.“ „Haſt Du den Verſtand verloren?... Die Hofräthin ſpannte ein ſo verwundertes Augenpaar auf, daß Edith ungeduldig ausrief: „Mutzzar! Haſt Du ihn nicht eigentlich zu dieſem Zwecke bei Dir aufgenommen? Wohl, jetzt taugt es nicht länger, daß wir ſcherzen oder uns bedenken! Wäre Onkel Janne hier, ſo weiß ich beſtimmt, daß er ſagen würde:„es gibt nur Eine Stimme, welche hier die Ent⸗ ſcheidung haben muß, und das iſt die des Gewiſſens— habt Ihr es ſo weit getrieben, ſo vollendet Euer Werk!“ „Edith, mein geliebtes Kind! glaube mir, jetzt irrſt Du Dich. Du haſt ihm die Hochzeit nicht vor dem 160 erſten Mai verſprochen. Laß uns mit dem Aufgebot ſo lange wie möglich warten. Er hat ja Anfälle, die Dich bis zum Tode erſchrecken können.“ „Und ich ſage, daß eben dieſe ſchrecklichen Anfälle mich beſtimmen. Mit vollem Verſtande kam er hieher, er kam, um ſein Glück zu ſuchen, nach welchem er ſich ſo lange geſehnt hatte; noch mehr Mutter: er kam auf Deine eigene Einladung! Soll er von hier abreiſen, allein, unglücklich, verlaſſener als vorher... todtkrank in ſeinem Herzen, vielleicht auch im Kopfe? Könnten wir wohl die Laſt der Vorwürfe ertragen, welche uns die ganze Umgegend offen und heimlich machen würde— könnten wir wohl vor allen Dingen die Stimme unſerer eigenen Vorwürfe ertragen? Nein, jetzt keine Schwäche, da es zu ſpät zur Reue iſt, doch vielleicht nicht zu ſpät zur Vergütung! Doch ſchnell muß es geſchehen: ich habe das Bedürfniß, Alles ſchnell abzumachen.“ „Um, nachdem Deine Exaltation Dich verlaſſen hat, Dich einer Verzweiflung hinzugeben, gegen welche es dann kein Heilmittel gäbe? Ich beſchwöre Dich, ſei ruhig und laß Dir ein einziges Mal in Deinem Leben Zeit, zu denken, ehe Du handelſt! Du willſt es nicht glauben, daß dieſes, gleich Deinen meiſten Handlungen, eine Laune iſt, dießmal hervorgerufen von den Schreck⸗ niſſen, die Du geſtern Abend erlebt haſt. Jetzt aber höre die warnende Stimme Deiner Mutter, nur dieß Mal, dieß eine Mal! Sonſt, ich ſchwöre es Dir, bereiteſt Du Dir eine Reue, die tauſend Mal bitterer iſt, als die Du jetzt empfindeſt!“ „Ich kann, ich will, ich darf Nichts hören!.. Zu unſerm beiderſeitigen Beſten laß mir meinen Willen! Heute habe ich die Kraft, das Opfer zu vollenden, und ich rufe Gott zum Zeugen, daß meinen Lippen keine ein⸗ zige Klage entfallen ſoll, wenn es erſt vollendet iſt, denn es iſt eine gerechte Strafe für meinen vorigen Leichtſinn. Noch hoffe ich, durch dieſe verſöhnende Hand⸗ lung und eine unermüdliche Zärtlichkeit, Hermann wie⸗ derherſtellen zu können. Sollen aber dieſe Kämpfe noch zwei endlie das es iſt ſie ar gegen iſt es Bede nicht 6 mit e aber vielle ſtreng Bruch darar moch ander drück daß ſie v⸗ ſchluf man J laubf Hauf bewo ſo wi eine kamn Zerſt Werk Plun Eit vot ſo Dich nfälle ieher, r ſich n auf eeiſen, kkrank nnten e uns rde— nſerer väche, ſpät habe laſſen velche „, ſei Leben nicht ungen, chreck⸗ aber Mal, ſt Du ie Du . Zu gillen! , und e ein⸗ et iſt, origen Hand⸗ 1 wie⸗ enoch Plunder hinaus ſchaffen und auf den Boden bringen. zwei oder drei Monate dauern, und breche ich vielleicht endlich das Band, was wird dann aus ihm? Bedenke das Alles, Mutter, da es noch Zeit iſt, und ſage Ja!“ „Leider haſt Du in mancher Hinſicht Recht, und es iſt in der That eine ſchwere Gewiſſensſache, wie man ſie auch wendet! Aber vielleicht, obgleich ich jetzt ſowohl gegen meine Ueberzeugung, als auch mit derſelben rede, iſt es das Beſte, dem Streite ein Ende zu machen. Bedenke aber, daß, wie es auch enden mag, ich Dir nicht gerathen habe! Du magſt ſelber entſcheiden.“ Die Hofräthin ſprach dieſe Art der Zuſtimmung mit einem zaudernden und niedergeſchlagenen Tone aus, aber es war dennoch immer eine Einwilligung; und vielleicht war es beſonders Edith's Erinnerung an den ſtrengen Tadel, der, im Falle eines unglücklichen Bruches, ſie treffen würde, was nebſt der Erinnerung daran, daß man doch auch ein Gewiſſen hat, ſie ver⸗ mochte, der Heftigkeit der Tochter nachzugeben, oder mit anderen Worten, vor Edith's Zukunft ein Auge zuzu⸗ drücken. „Es iſt alſo abgemacht!“ entgegnete Edith, ohne daß das geringſte Zittern ihrer Stimme verrieth, daß ſie vor der unermeßlichen Wichtigkeit des gefaßten Ent⸗ ſchluſſes bebte.„Ich rede heute Vormittag mit Her⸗ mann!... Doch noch Eins, Mutter, eine Kleinigkeit!... Ich bedarf einiger Zerſtreuung— und wenn Du es er⸗ laubſt, ſo will ich während der letzten Zeit, da ich zu Hauſe bin, das kleine Eckzimmer neben der Bibliothek bewohnen!“ „Was iſt das für ein kindiſcher Einfall mitten in ſo wichtigen Dingen— und was würde das wohl für eine Wohnung werden? Es iſt ja nur eine Polter⸗ kammer!“ „Eine ſehr gute Wohnung, liebe Mutter! Ich will Zerſtreuung haben, und darum gehe ich ſogleich an das Werk, und laſſe die alten Gemälde und allen alten Ein launenhaftes Weib. II. 16² Es ſoll recht nett werden, das kleine Zimmer! Morgen habe ich Alles in Ordnung.“ Die Hofräthin dachte eigentlich gar Nichts bei die⸗ ſer Umzugsmanie, die ſonſt wohl zu keiner ſonderbare⸗ ren Zeit hätte kommen können... Edith's vorhergegan⸗ gener Vorſchlag hatte ihrem Nachdenken mehr denn genug Stoff gegeben. „Guten Morgen, liebe Mutter!“... Edith wollte ſich entfernen. „Bleib noch einen Augenblick, mein Kind! Um⸗ arme mich und... vergib es mir, daß dieſer Mann jemals hieher kam! Gott blickt in dieſem Augenblicke in mein Herz und weiß, daß ich Vieles geben wollte, wenn... wenn...“ „Kein Wort mehr, Mutter! Wir wollen hoffen und warm zu Gott beten für das Glück und den Frieden des armen Hermann... Erreiche ich das Ziel— und ich will des ſtärkenden Glaubens leben— ſo habe ich Nichts zu beweinen.“ Edith umarmte ihre Mutter. Einen Augenblick ſpäter war die Hofräthin allein. Floh aber Edith jetzt in die Einſamkeit ihres Zim⸗ mers, um ſich wirklich durch das Gebet zu ſtärken? Nein, ſie eilte mit fieberhaftem Ungeſtüm und Ungeduld an die Arbeit ihres Umzugs. Mit aufrichtigem Herzen, mit heiliger und kraft⸗ voller Ueberzeugung wollte ſie Buße thun für ihre Sün⸗ den, welche in ihren Augen ſtets wuchſen. Dabei aber hatte ſie die fixe Idee erhalten, daß ihre Stärke am beſten unterhalten werden würde, wenn ſie in das er⸗ wähnte kleine Zimmer zöge, welches nicht allein die Eigenſchaft hatte, daß es unmittelbar neben der Biblio⸗ thek lag, in welcher Graf Hermann ſich am liebſten aufhielt, ſondern daneben auch ein Fenſter hatte, das einem gewiſſen Fenſter im rechten Flügelgebäude gegen⸗ über und in gleicher Höhe mit demſelben lag— wir meinen das Fenſter in Helmer's Arbeitszimmer. rgen die⸗ bare⸗ gan⸗ denn vollte Um⸗ kann blicke ollte, und eden und e ich blick Zim⸗ ken? duld raft⸗ Sün⸗ aber am 3 er⸗ die blio⸗ bſten das -gen⸗ wir 163 Am Montag wurde dieſer erwartet. Aber ſchon am Sonntag ſollte das erſte Aufgebot ſtattfinden. Zwei Stunden nach der Erklärung zwiſchen Mutter und Tochter ſaß der Graf Hermann in halb liegender Stellung auf einem Ruheſeſſel. Sein bleiches Geſicht trug ſichtbare Spuren des Anfalles, welchen er geſtern Abend gehabt hatte, aber ſeine Lippen umſpielte ein ſchwaches Lächeln, denn es war Edith's Hand, welche die Kiſſen unter ſeinem Kopfe ordnete, ſeine Stirn mit Eau de Luce feuchtete und ſeine heißen Hände in den ihrigen kühlte. Endlich nahm ſie neben ihm Platz, ſah ihn an mit einem Blicke voll tiefer Theilnahme und ſagte leiſe. „Haſt Du Dir die Mühe genommen, darüber nach⸗ zudenken, was ich Dir wohl zu ſagen haben kann? „Ich habe nicht denken können. Und was ſollte ich wohl jetzt noch hoffen? Die Hoffnung habe ich mir ganz abgewöhnt.“ „Uns iſt ja aber die Hoffnung als eine ſtete Be⸗ gleiterin gegeben!“ „Ja, aber als eine Begleiterin, die uns auch ſtets täuſcht.... Nur Eines macht mir jetzt Vergnügen, nämlich Dich um mich zu ſehen; aber ich fürchte, nach dem Anfall, der geſtern über mich kam, flöße ich Dir nur noch mehr Abſcheu ein!“ „Du irrſt Dich ganz, wenn Du ſo etwas denkſt!... Abſcheu?... Gott im Himmellv ſollte ich Dich verab⸗ ſcheuen wegen dieſer Leiden?... Nein, mein Hermann, Dein Unglück verknüpft uns feſter!... Jetzt rathe!“ Eine flüchtige Röthe ſtieg auf den Wangen des Grafen Hermann auf.„O, was meinſt Du? Aus Barmherzigkeit— rede!“ „Wenn es Dir ein Gefühl des Glückes, einen Troſt in Deiner Prüfung bereitet, ſo bin ich bereit...“ Sie bemühte ſich, Athem zu ſchöpfen. „Bereit? wozu?“ „Jetzt gleich Deine Gattin zu werden!“ „Ha, Du treibſt Deinen Scherz mit mtrl, Er erhob ſich heftig, ſank aber, erſchüttert von der ſtarken Gemüths⸗ bewegung, ebenſo ſchnell wieder zurück. „Glaubſt Du denn, daß ich gar kein Herz habe? Ein Beweis, daß es mir mit meinen Worten Ernſt iſt, mag der Umſtand ſein, daß ich ſchon mit der Mutter geredet habe; Du mußt reiſen, denn Du mußt Deinen Wohnort verändern; aber Du ſollſt nicht reiſen ohne die Begleiterin, welche Du Dir erworben haſt.“ „Gott! Gott!“ Er vermochte nicht mehr als dieſe Worte hervor⸗ zuſtottern, aber er ſtreckte ſeine Hände zu einem beredten Dankopfer erſt gen Himmel und darauf zu ihr empor. Es verſchwanden einige Augenblicke. „Und jetzt,“ flüſterte er, indem er ihre Hand über ſeine brennenden Augen führte, aus denen die Thränen herabſtürzten,„jetzt ſollſt Du mich nicht täuſchen... denn thuſt Du das... ſo muß ich vergehen... Haſt Du Dich ernſtlich beſonnen, biſt Du gewiß, daß Du nicht bereuen wirſt, was Du in dieſer feierlichen Stunde gelobt haſt?“ „Vollkommen gewiß.... Ich opfere Dir mein Leben!“ „Und ich, ich... nein, ich will es nicht verſuchen, von Dankbarkeit zu reden... was kann dieſes matte Wort ſagen, was drückt es aus von den Gefühlen, die ich empfinde?... O Edith! Gott hat Dich gehört! 2 Meine Seele, mein Weſen iſt in Dir: Du biſt meine Welt— verwirf mich nicht wieder, laß mich zu Deinen Füßen ruhen und glauben, daß der Engel auf's Neue herabgeſtiegen iſt!“ „Noch wage ich dieſen Titel nicht anzunehmen, welchen ich mißbraucht habe— wenn ich aber erſt Deine Gattin bin...“ „Gattin!— heiliger Gott, laß keinen neuen Wahn⸗ ſinn uͤber mich kommen!— Wann, wann willſt Du es Herdedee ld D ſt! „Soba u wünſcheſt!“ Gleich?“ 165⁵ „Sobald die Aufgebote zu Ende ſind!“ „Aufgebot? das iſt wahr!... Können wir ſchon am Sonntage?“ „Mache das mit der Mutter ab... ſie kommt eben Und Alles wurde abgemacht, denn bis zum Sonn⸗ tage hatte man noch drei Tage. Noch einmal flammte der Lebensfunke auf in der Seele des Kranken. Alle düſteren Phantaſien waren ver⸗ ſchwunden, ſeitdem die Soum ſie beſchienen hatte. Er wurde ſogar körperlich geſund, denn das Glück iſt ein großer Arzt, und Graf Hermann war in den Vorſaal des Himmels getreten. Mit übermenſchlicher Anſtrengung beherrſchte Edith nicht nur ihre Gefühle, welche immer wilder und ſtür⸗ miſcher wurden, je näher die Zeit kam, ſondern ſie be⸗ herrſchte auch ihre Geſichtszüge, ihre Stimme, ihre Haltung. Sie ging mit Mamſell Octavie zu Rath über mehrere Sachen ihrer Brauttoilette. Olga erhielt die ernſteſten Ermahnungen, keine Blume in der Stickerei des Brautſchnupftuches zu verderben, und der Rittmeiſter, welcher eben jetzt nach einer achttägigen Abweſenheit aus Carlſtadt zuruckkehrte, erhielt einen freundlichen, aber be⸗ ſtimmten Wink, dem er auch ſogleich gehorchte, während dieſer kurzen Wochen, da man ſo große Eile hatte, Dagby zu verlaſſen: der Graf ſollte durch die Anſpielungen des Rittmeiſters nicht gepeinigt werden. Und in dem Allem ſah man das Bild einer Braut, die mit dem beſten Willen von der Welt ging, um ihr freies Mädchenleben gegen das mit größerer Verantwortlichkeit verbundene Leben einer Gattin zu vertauſchen. Olga⸗ nannte ſie ſchon Gräfin, und Cdith lächelte und verſicherte ihren Bräutigam, daß ſie ſich ſehr gerne benennen laſſen würde mit dieſem Titel, welcher ihr 166 immer als der ſchönſte und ſtolzeſte vorgekommen wäre von allen, die eine Frau führen könnte. „Und dann,“ ſagte ſie, denn ſie plauderte in dieſen Tagen ſehr viel und eifrig,„will ich unſer gräfliches Wappen nicht nur an unſerm Wagen haben, ſondern auch überall, wo es in die Augen fallen kann. Man hat mich immer des Hochmuthes beſchuldigt, und ich glaube wirklich, daß ich einen nicht ſo ganz kleinen Anſtrich davon habe; doch Du mußt mich wohl nehmen, wie ich bin, mein beſter Hermann!“ Und er war bei einer ſolchen Rede— die ja einen Beweis ablegte, wie gerne die Braut ſich dem Bräutigam anſchloß— nicht nur in dem Vorſaale des Himmels, ſondern er trat in ein noch anderes Gemach, in welchem die Luft von berauſchenden Wohlgerüchen erfüllt war, und in welchem die Seraphim in glänzenden Kleidern die dienſtbaren Geiſter waren, welche mit dem Braut⸗ himmel*) warteten. „Ich glaube, Gott verzeihe es mir!“ ſagte die Hof⸗ räthin zu Mamſell Octavie,„der Mann wird noch wahn⸗ ſinnig uber ſein eigenes Glück!“ „Dieſes ſcheint aber auch in voller Blüthe zu ſtehen!“ antwortete ſie, während ſie für vier Perſonen arbeitetete. Noch niemals hatte Octavie ſo gerne und ſo ſchnell genäht. Noch einige Wochen, und Edith war weg. Man redete eifrig davon, daß Hortenſe einen neuen Freier erhalten hätte, und die Hofräthin hatte es nicht undeut⸗ lich merken laſſen, daß ſie ihren Bruksverwalter und die Lehrerin ihrer Tochter ſehr gerne für immer auf Dagby behalten möchte. Welche Ausſichten auf eine glänzende und liebliche „Fortune“! *) In Schweden wird, beſonders auf dem Lande, bei Bauern⸗ hochzeiten, von vier unverheiratheten Perſonen, während der Trauung eine Art von Thronhimmel(hrudpelle) über Braut und Bräutigam gehalten. Anmerk. d. Neberſ. lan die Rit Bre˖ and väre eſen iches dern Man aube trich e ich inen gam nels, chem war, dern aut⸗ Hof⸗ ahn⸗ en!“ etete. pnell Man reier deut⸗ und auf liche ern⸗ hrend über rſ. 167 Und bei dem Gedanken daran, konnte ſie dem Ver⸗ langen nicht widerſtehen, ganz gegen ihre Gewohnheit die Arbeit mit einem Liedchen aus der Lieblingsoper des Rittmeiſters zu verkürzen: Wir winden Dir den Jungfernkranz Mit veilchenblauer Seide, Wir führen Dich zu Spiel und Tanz, Zu Luſt und Liebesfreude. Schöner grüner, ſchöner grüner Jungfernkranz!“ Und auch hiebei lächelte der Graf und nickte ſeiner Braut entzückt zu; er glaubte, daß Niemand an einen andern Jungfernkranz denken konnte, als an den ihrigen. Zwanzigſtes Capitel. Sturm. Es war Nacht, die Nacht zwiſchen dem Sonnabend und dem Sonntag. In ihrem neuen Zimmer, das jetzt ganz fertig war, lag Edith auf den Knieen und betete, betete aus inbrün⸗ ſtigem und brennendem Herzen, daß ſie im Kampfe be⸗ ſtehen, daß ſie die Krone des Sieges unverdunkelt be⸗ halten möchte. Sie wollte ihre Ohren, ihre Seele verſchließen vor dieſem Wehegeſchrei der Verzweiflung, welches aus ihrem Herzen aufſtieg, aus dieſem Herzen, das jeßt ſeine Ver⸗ irrungen mit ſeinem innerſten Lebensblute ezahlte. ie ſtolze Edith war nicht mehr— im Staube lag das zermalmte Weib. „Gott, mein Erlöſer, wie ſchrecklich habe ich ge⸗ ſündigt, wie zweckoidrig, wie leichtſinnig iſt mein Leben geweſen! Wie feige habe ich das Schönſte, das du uns gegeben haſt, das Höchſte, das Heiligſte auf Erden— 168 die Liebe zwiſchen zwei Seelen— einem elenden welt⸗ lichen Stolze geopfert!... Wie niedrig, ja ſündhaft habe ich gehandelt, da ich dieſen ohnehin ſchon ſo unglück⸗ lichen Mann zu einem Spielballe meiner flüchtigen Ein⸗ drucke machte! Ja, ich habe ihn tief, grauſam und unwürdig beleidigt; ich habe ihm dafür nur eine Sühne geben können, und er ſoll ſie erhalten— ich habe ſie ihm willig, aus eigenem Antriebe zugeſichert. Ich habe erklärt, gelobt, daß ich es nicht einmal bereuen will... Und ich bereue es nicht, o nein, gewiß nicht!...„Und jetzt“— ſagte er—„jetzt ſollſt Du mich nicht täuſchen!“ — ich höre dieſe Stimme, ich ſehe dieſen Blick—„denn thuſt Du das, ſo muß ich vergehen!“ Ihr Haupt ſank auf die Bruſt, an welche ſie die gefalteten Hände härter preßte. „Warum,“ ſtotterte ſie mit immer ſchwächerer Stimme, welche erkennen ließ, daß die Kraft, welche das Gebet hervorgerufen hatte, wieder zu weichen begann,„warum tödtet nicht der Schmerz? Er iſt noch nicht vollgehäuft ... er kann noch weit höher, ja bis zum Wahnſinn ſteigen!... Gibt es aber nichts Schrecklicheres, als Wahnſinn? Wahnſinn iſt ja ein Vergeſſen... die Pein des Bewußtſeins iſt die größte. Das Opfer wird in die Brautkammer geführt... bei der Fiebergluth in ſeinen Blicken erſtarrt ſchon jetzt mein Blut, ſteht mein Herz ſtille... O möchte es für immer aufhören zu ſchlagen!“ Während ihre erregten Gedanken ſo hin⸗ und her⸗ ſchweiften, waren ihre Augen geſenkt geweſen. Jetzt er⸗ hob ſie dieſelben. War es ein Geſicht der Phantaſie oder der Wirk⸗ keit? Das Fenſter gegenüber war erleuchtet... eine Geſtalt zeichnete ſich auf der Gardine ab. „Er iſt es!“ rief ſie aus— und in dieſem einzigen Ausrufe concentrirte ſich das ganze Vermögen ihrer Seele zu fühlen, zu leiden und zu genießen. Ihre Kräfte waren erſchöpft; ſie ſchleppte ſich an das Fenſter, wo ihr Haupt auf den kalten Rahmen nme, Bebet irum häuft rſinn als Pein wird luth ſteht bren her⸗ t er⸗ Virk⸗ eine igen Seele an men herabſank— zum erſten Male in ihrem Leben ſiel ſie in Ohnmacht. Als ſie lange nachher wieder zu ſich ſelbſt kam, da war es dunkel im Zimmer gegenuͤber und in ihrem eigenen: die Lichter waren ausgebrannt. Edith fühlte eine Todeskälte in ihren Gliedern, aber ihr Blut ſiedete dennoch in heißen Wogen. Die Morgenſonne des Tages, ſeines erſten Aufge⸗ botes, blickte herein in das Zimmer des Bräutigams. Der Bräutigam hatte ſein Gebet längſt vollendet— und wie verſchieden war dieſes von dem Gebete der Braut geweſen!— es enthielt das brennendſte und wahr⸗ hafteſte Dankopfer des wärmſten Herzens. Jetzt war Nilman mit geſchäftiger Ehrerbietung dabei, ſeinem Herrn beim Anzuge zu helfen, und der Graf war beinahe ſchön, denn die ſublime Begeiſterung, welche ſeine Seele erfüllte, zeichnete ſich auf ſeinem Ge⸗ ſichte ab. Mit Sorgfalt muſterte er jeden Theil ſeiner Toi⸗ lette, er, der noch niemals gewußt hatte, was Nilman ihm anzog— Nilman aber hatte einen angeborenen, durch Reiſen und eigene Bildung vollendeten Geſchmack. Er wußte vollkommen, was ſeinem Herrn paßte. „Ich glaube, jetzt iſt es gut!“ ſagte endlich der Graf, indem er mit einer Miene der Herzlichkeit ſeine Hand darreichte, welche der Kammerdiener mit einer tiefen Verbeugung ergriff. 3 Er ehrte ſeinen Herrn nicht nur wegen ſeiner Ge⸗ duld und unendlichen Sanftmuth, ſondern er liebte ihn auch, und heute ſchwoll Nilman's Bruſt vor Stolz, denn er glaubte ſteif und feſt, daß ſeine Worte auf die künf⸗ tige Herrin gewirkt hätten.* „Der Anzug und die Haltung des Herrn Grafen ſind in vollkommener Uebereinſtimmung,“ ſagte er. „Noch dazu haben der Herr Graf eine ſo geſunde Farbe, daß ſich das Ganze noch beſſer macht.“ —— 170 „Wenn ich aber dieſes Glück nur erleben darf— es kommt mir ſo groß, ſo überirdiſch vor!“ „Es iſt nicht größer, als es der Herr Graf ſehr wohl verdienen.“ „Ja, tauſend, tauſend mal größer! In wei Wochen reiſe ich mit meiner Frau... mit meiner Prau O, Du verſtehſt nicht, Du, wie viel in dieſen Worten liegt! Wirf all dieſen Plunder weg! Meine kleinen Wächter laſſen wir hier, ſie werden penſionirt, denn ſie haben ihre Dienſtzeit überlebt. Jetzt übernimmt die Liebe ganz allein ihre Wache. Reiß dieſe verdunkelnden Gardinen weg, laß friſche Luft, Ströme von friſcher Luft herein — hörſt Du, mein Freund! Die Liebe verlangt viele Sonne, viele Luft!“ „Ich verſtehe, Herr Graf! Wir wollen ganze Re⸗ volutionen anſtellen, und ich bin überzeugt, daß die Frau Gräfin ſich an die Spitze von Allem ſtellen wird.“ Nilman wußte, daß er für die Ohren ſeines Herrn kein wohlklingenderes Wort äußern konnte, als wenn er auf die neue Veränderung in ſeiner Lage hindeutete. „Hörſt Du, mein Freund! Du wirſt die Gräfin ja eben ſo ſehr lieben, wie mich? Du verſtehſt wohl, daß meine Gattin der beſte Theil meiner Seele wird, und ihren Befehlen müſſen wir Beide gehorchen. Ach, ſie iſt ſo ſanft, ſo entzückend und ſo ſchön, ſo ſchön.. ja, ja, allzu ſchoͤn: ſie werden ihr überall, wohin wir kommen, nachlaufen... und dieſe Opern... ſie hat geſagt, daß ſie dieſelben gerne ſieht, darum wollen wir ſie auch beſuchen. Aber dort gibt es ja immer grillirte Logen. Glaubſt Du, daß ſie aus Liebe gegen mich— denn ich mag es nicht, daß ſo viele Leute mich anſehen — daß ſie nichts dagegen haben wird, wenn wir ſolche wählen?“ „Ganz gewiß nicht: ſie iſt allzu gewohnt, geſehen zu werden, als daß dieſes ſehr viel Reizendes für ſie haben könnte.“ Sehr wahr, ſehr wahr!... Doch nun möchte es wohl Zeit ſein, daß ich mich zu meiner Gebieterin be⸗ 1 gebe lich, ganz ſie d Du dami Will nimn ken! kann was iſt's, Gatti die A mel leiche brenn Brau ( trite Auger dert: demſe ( nicht! müſſe 4 welche mung 7 mit ſe bei de geſehen für ſie chte es rin be⸗ gebe!. Du gehſt ja in die Kirche? Du biſt ſo glück⸗ lich, dieſe wichtigen Worte zu hören, welche wohl den ganzen Vormittag in meinen Ohren wiederhallen werden!“ „Wenn ich aber nach Hauſe komme, ſo will ich ſie dem Herrn Grafen wiederholen!“ Ja, oft, ſehr oft!... Hörſt Du, Du weißt ja, daß Du meinen Wagen nehmen ſollſt: dieſer ſoll offen ſein, damit er zierlich ausſieht, und es iſt mein beſtimmter Wille, daß Du meinen gewöhnlichen Platz darin ein⸗ nimmſt!“ iſt's, ſie, ſie!— ja, ſie iſt es wirklich: es iſt meine Gattin, welche kommt, um mich zu überraſchen!“ Er flog zu der Thür, riß dieſelbe auf und breitete reitete Herz des Grafen Hermann. Sein noch vor einem Augenblick ſo ſeelenvolles Antlitz war ſchrecklich verän⸗ dert: der Schrecken ſpiegelte ſich in allen Geſtalten auf 172 werden! Glaubſt Du, Weib, daß man ſo mit Eiden und Treue ſcherzt? Ha, welche ſchwarze Verrätherin! Doch fühle nun Deine Unmacht, und verſuche es nicht länger, mit mir zu ſpielen, denn ich ſchwore, daß ich's müde bin, und daß es für länger zu reizen!“ 778 Dich Zeit iſt, mich nicht Laß mich, um Gottes Barmherzigkeit willen, laß mich: Du erſtickſt mich, Du verbrennſt mich mit Deinem heißen Athem!“ „Und Du ſchauderſt nicht zurück, Gott anzurufen, den Hu doch durch Deine gebrochenen Gelübde geläſtert haſt? Du wagſt an Erbarmen zu denken von dem Manne, welchen Du zu bloßem Zeitvertreibe in einen Abgrund geſtürzt haſt, der 1 weit, weit tiefer iſt, als der, worin er früher war? Was hatte er Dir gethan, dieſer Mann, daß Du ihm den Glauben an Tugend und Rein⸗ heit vernichten mußteſt, welcher auf dem Wege war, ihn zu retten? Schien er Dir nicht ſchon bedauernswürdig genug u ſein durch das grauſame Schickſal, welches Gott ſe bſt ihm auferlegt hat, ſondern Du mußteſt noch ſeine Ehre in den Staub treten, und ihn nicht nur zu einem Gegenſtand des Mitleidens, ſondern auch des Spottes machen?.. Nein, keine Barmherzigkeit! Heute wird unſere eheliche Verbindung abgekündigt, oder— nimm Dich in Acht!— die Folgen fallen ſchwer auf Dich zurück!“ „Ich kann nicht, ich kann nicht!“ jammerte Edith und ſtrebte vergebens aus der Feſſel zu kommen, die ſie ſich ſelbſt geſchmiedet hatte. In dieſem Augenblick wurde die Thür von der Hof⸗ räthin geöffnet. Sie hatte nichts gewußt und nichts geahnt, bis Nilman mit verſteinertem Geſicht gekommen und ſie zu dem Grafen und dem Fräulein gerufen hatte. Als die ſonſt ſo ſtarke Frau jetzt die Braut in der harten Umarmung des Bräutigams faſt halb erſtickt fand: als ſie das funkelnde Feuer ſah, das aus ſeinen Augen ſprühte, als ſie die letzten Worte vernahm, die von ſ ihre. gung Beſtü U ſcharfe herab. der A er jed und ſe zu Bo Glo cke beſonn E Zimme die ſich nach O M in die das Ben St Kopfe fertigte Zeilen Fefrät ichen. Ein rei dem wit N * dieſer G Eiden zerin! nicht ich's nicht . laß einem rufen, läſtert dem einen s der, dieſer Rein⸗ r, ihn vürdig velches ſt noch nur zu ch des Heute der— er auf Edith die ſie er Hof⸗ t, bis hſie zu in der erſtickt ſeinen zm, die herab. Er ging ihr drei Schritte dieſer Gegenbefehl abgeſchickt werden, ſo ſei er wenigſtens 173 von ſeinen zitternden Lippen gingen, da fühlte ſie, daß ihre Kniee zitterten, und nur durch die höchſte Anſtren⸗ gung vermochte ſie ihre Würde hervorzurufen und ihrer Beſtürzung Worte zu geben. Und ſchon bei dem erſten Laute ihrer klaren und ſcharfen Stimme, ſanken die Arme des Grafen ſchlaff der Abſicht, ſeinen Beruf als Kläger fortzuſetzen. Ehe er jedoch den Mund geöffnet hatte, wurden ſeine Lippen und ſein ganzes Geſicht blau. Er fiel in Convulſionen zu Boden. „Schnell!“ rief die Hofräthin, indem ſie den ganzen Glockenzug herabriß, um Leute zu rufen;„laufe ſchnell Jemand hinauf, um Herrn Helmer zu holen!— Er iſt in dieſer Nacht angekommen!“ Und einige Minuten ſpäter ſtand Helmer da. Wie ſah er Edith wieder? Doch daran war jetzt gar nicht weiter zu denken. „Es war ein ſchrecklicher Aufſtand, ein Schreien, ein Hin⸗ und Herlaufen, ein Chaos, das eine ruhigere und beſonnenere Kraft erforderte. Edith, die ohne Beſinnung war, wurde in ihr Zimmer getragen. Der Graf erhielt alle mögliche Pflege, die ſich in der Eile nur erdenken ließ, und Boten flogen nach Oſten und Weſten, um Aerzte herbeizurufen. Mit großer Mühe brachte Helmer endlich Beſinnung in die Hofräthin, welche zum erſten Male in ihrem Leben das Bewußtſein verloren hatte, daß ſie die Regierende war. Sobald aber dieſes Bewußtſein wieder in ihrem Kopfe aufdämmerte, war der erſte Befehl, den ſie aus⸗ fertigte, folgender: Helmer ſollte augenblicklich ein paar Zeilen an den Probſt ſchreiben, um ihn im Namen der Hofräthin zu erſuchen, wegen einer heftigen und plötz⸗ lichen Krankheit des Grafen das Aufgebot einzuſtellen. Ein reitender Bote ſollte bis dahin bereit ſein, um mit dem wichtigen Documente abzufliegen. „Nein!“ entgegnete Helmer mit Unwillen.„Muß entgegen, deutlich in 174 von der eigenen Hand der gnädigen Frau, ſowie auch auf Ihre eigene Verantwortung. Ich kann ihn nicht ſchreiben.“ „So geben Sie denn her!“ Die Hand der Hofräthin zitterte wohl ein wenig, als ſie ſo das Todesurtheil des bewußtloſen Grafen Her⸗ mann unterzeichnete, aber dennoch wurden die Worte hingezeichnet. Und erſt als der Bediente zu Pferde ge⸗ ſtiegen und weggeſprengt war, holte ſie Athem und ent⸗ ſann ſich der Worte des Grafen von den Folgen. Doch kam in dieſem Augenblick ein anderer heller Gedanke über ſie. „Er weiß nicht, was er geſagt hat... wenn er zu ſich ſelbſt kommt, ſo weiß er— gar Nichts.“ Einundzwanzigſtes Capitel. Folgen des Sturmes. Alle Verwüſtungen, die ein verheerender Sturm hinterläßt, ſei es in der Natur oder in dem Leben des Menſchen, ſind ſchrecklich anzuſehen. Auf der Erde liegen die großen Bäume, abgemäht von den Aexten der Winde, und die halb umgeworfenen Hütten haben ſich den wilden Siegern ergeben, welche auf ihrem luſtigen Heerzuge hindurchziehen und die Be⸗ wohner aus ihren Hütten verjagen. Noch ernſter geht es auf dem Meere zu. Wo ſind ſie geblieben, alle dieſe ſchwimmenden: Häuſer, die Triumphe des menſchlichen Verſtandes, die noch geſtern vor einer muntern und friſchen Briſe und geſchmückt mit ihrem ſtolzen Segelgewande, gleichſam beflügelt über das mit Schaum gekrönte Reich der Meer⸗ frau ſchwebten?— Ja, wo ſind ſie geblieben?. Frage 3 dieſe vogel dieſe die ſ ſuche Todte deren bekar dieſer dieſel die ſi die S ſegne zerrif wenn müdli beſche lichen auch nicht venig, Her⸗ Worte de ge⸗ d ent⸗ heller er zu Sturm den des gemäht orfenen welche die Be⸗ menden es, die iſe und eichſam r Meer⸗ Frage 175 dieſe öden Geſtade, über welche der unheimliche Meer⸗ vogel ſeinen Leichenruf krächzt, frage dieſe blinden Klippen, dieſe treuloſen Wellen, dieſe umherfließenden Ueberbleibſel, die ſich durch die wolkenhohen Brandungen einen Weg ſuchen, und Alle werden Dir mit ihrer monotonen Todtenklage antworten:„in der Tiefe!“ Auch in der menſchlichen Seele gibt es eine Tiefe, deren Grund noch kein Taucher erreicht hat; düſter, un⸗ bekannt und unermeßlich wie das Meer, verbirgt ſie gleich dieſem ihre Geheimniſſe, bis eine mächtige Naturkraft dieſelben aus ihrem Grabe hervorzwingt. Ein Sturm, der alle feinen und weichen Gewächſe, die ſich über die Fläche geſchlängelt hatten und nur auf die Sonne und die Wärme warteten, um zu einer ge⸗ ſegneten Ernte zu reifen, in ſeiner gewaltigen Fahrt zerriſſen hat, übt bisweilen dieſe Wirkung aus; denn wenn die guten Pflegekinder zerſtört und vernichtet ſind, ſo beginnen die vergifteten Gewächſe in der Tiefe ohne Hinderniß emporzuſteigen, und dieſe wachſen mit Eile aus den Ruinen des zerſtörten Blumenlandes auf. In dem Herzen des Grafen Hermann hatte es einen kleinen grünen Platz gegeben, woſelbſt die milden Blumen ſproßten, aber ihre jungen und feinen Wurzeln waren ſchwach, allzu ſchwach; der Sturm kam, ſie wurden ver⸗ nichtet, zur Erde gebeugt— und erhoben ſich nicht mehr. Aber auf der verbdeten Stelle, wo ſo manche Knoſpe abgemäht worden war, welche die Beſtimmung hatte, eine reiche Blumenkrone zu tragen, ſchlängelte ch bald ein wildes Dickicht von Diſteln und Bilſenkraut... und ſie dufteten ihr Gift nach allen Seiten aus. Tage und Wochen theilte Helmer mit dem uner⸗ 2 müdlichen Nilman treulich die Pflege des Grafen, welcher, beſchäftigt mit ſeinen wilden Viſionen, von der körper⸗ lichen Krankheit gar Nichts wußte. Die Verſtandesverwirrung, welche vor einigen Jahren — 176 auf eine ſo bedauernswürdige Höhe geſtiegen war, ſchien wiederum, obgleich mit helleren Zwiſchenſtunden, die Herrſchaft über ſeinen Geiſt nehmen zu wollen. Er ſah ſich jetzt faſt immer in zwei verſchiedenen Weſen und vermiſchte zu ſeiner ewigen Pein den rechten und den falſchen Bräutigam. Bald war es ſein wirkliches Ich, das Edith in den Brautſtuhl führen ſollte, bald war es ſein Schatten, dem ſie ihre Treue geſchworen hatte, und in der Ueber⸗ zeugung, daß er mit dieſem ſeinem uͤbermächtigen Feinde nicht kämpfen konnte, weinte und tobte er dann über ſeine eigene Feisheit, daß er nicht den Muth hatte, die Geliebte dieſem ſeinem zweiten Selbſt zu entreißen. Sein Leiden war um ſo ſchrecllicher, als es mit vieler wirklicher Vernunft untermiſcht war. Sehr oft ſchätzte er mit voller Klarheit des Verſtandes ſein Elend, und zu dieſem kam jetzt noch die Grübelei über ein neues, ſchreckenvolles Räthſel, welches er niemals zu löſen vermochte. Hatte ſein Körper zwei Seelen, oder hatte die Seele, die in ihm thätig war, die Eigenſchaft, ſich in zwei Körpern zu verdoppeln?...... Edith's Zuſtand während dieſer Zeit beſchreiben zu wollen, wäre um ſo ſchwieriger, als wir keinen Namen beſitzen für die Eindrücke, welche ſie entgegennahm. Gewiſſensbiſſe und Reue hatte ſie ſchon früher empfunden, jetzt erſchien ſie ſich ſelber als ein verdammter, an die Erde gebundener Geiſt, der durch ſeine Sündenſchuld der Ruhe ſowohl des Lebens als auch des Grabes beraubt war. Sie zehrte ab unter der Geißel der Selbſtvorwürfe. Wenn der Graf Hermann in vernünftigen Augen⸗ blicken nach ihr fragte, ſaß ſie augenblicklich zu ſeinen Füßen. Ihre heißen Thränen thauten herab auf ſeine Hände, und ihre erblichenen Lippen ſtammelten die Bitte um Verzeihung. Bisweilen antwortete er nicht— bisweilen aber ſagte er mit einer Bemühung ſie zu tröſten:„Ich bin zufrieden mit Demjenigen, was geſchehen iſt!“ Zu einer andern Zeit da daß das Aufgebot abbeſtellt war, und ſchwärmte von ihrer Hochzeit, ihrer Reiſe und ihrem häuslichen Leben. Edith's Herz war zermalmt. Oft, wenn ſie Helmer zufällig begegnete, ſah ſie in ſeinen tiefen Augen einen Blick voll zärtlicher Theil⸗ nahme blitzen; doch ſie ſcheute denſelben ebenſo, wie ſie ihn ſelbſt ſcheute. War nicht ſein bloßer Anblick eine Beleidigung gegen den, der noch als ihr Verlobter galt? Bisweilen trotzte Helmer ihrer Scheu und redete zu ihr Worte des Troſtes, um ihren Muth zu ſtärken. Sie lauſchte einige Minuten, beherrſcht von einer geheimen Macht, aber ſie hatte nicht die Worte, ſondern nur ſeine Stimme gehört... Und wieder floh ſie und verbarg ſich, wo kein menſchliches Auge ſie ſah. Aber ſie konnte ſich nicht vor ſich ſelbſt verbergen. Endlich trat eine weniger düſtere und unglückliche Zeit ein. Die Nachtwachen hörten auf, der Arzt weiſſagte das Beſte, und der Graf war des Tages wieder in den Zimmern. Es war wohl wahr, daß er eher einem Geſpenſt als einem lebenden Menſchen glich, aber er war doch wenigſtens da, und man hoffte auf den Frühling und das neue, warme Leben. Aber jetzt hielt noch der Winter ſein weißes Leichen⸗ tuch über das Antlitz der Erde. Und um den häuslichen Jammer zu vollenden, war Onkel Janne ſchon im Januar abgereist. Der Brief 9 der Hofräthin traf ihn ſo ſpät, daß ſchon vor ſeiner Rückkehr das traurige Drama auf Dagby ausgeſpielt war. Die Laune des Grafen hatte in ſeinem geſunden Zuſtande ſich ſtets als ruhig und friedvoll ausgezeichnet. Er hatte ſich gerne mit mechaniſchen Arbeiten beſchäf⸗ tigt, um, ſeitdem er es nicht länger wagte, ſich durch Leſen und Nachdenken anzuſtrengen, dennoch etwas zu Ein launenhaftes Weib. II. 142 gegen hatte er vergeſſen, ͤͤͤͤͤ haben, das ihn feſſeln konnte. Jetzt war auf die Ruhe eine unheilbare Milzſucht, eine ſchlaffe Unthätigkeit ge⸗ folgt. Nur die Töne der Muſik vermochten wohl bis⸗ weilen ſeine müden Lebensgeiſter in eine leiſe Erſchüt⸗ ternng zu verſetzen, und darum ſpielte nicht nur Edith das Schönſte, das ſie aus den Tönen hervorzurufen im Stande war, ſondern auch Helmer ſaß bis ſpät in die Nacht hinein in der Schlafſtube des Grafen und ſchlä⸗ ferte mit den Tönen der Violine ſeine ſtechenden Schmer⸗ zen in eine wohlthätige Betäubung ein. Jetzt konnte Helmer ſpielen... und er ſpielte mit jener unnennbaren Kraft der Seele, welche ſich dem todten Inſtrumente mittheilt, ſo daß auch dieſes eine Seele erhält. Oft ſtand Edith mit flammenden Wangen und klopfen⸗ dem Herzen draußen an der Thür; ſchwieg jedoch die Violine, ſo fuhr ſie zuſammen und flog wie ein er⸗ ſchreckter Vogel zurück in ihr Neſt.. „Er wurde dennoch mein David!“ pflegte der Graf bisweilen von Helmer zu ſagen; und Helmer war wirk⸗ lich dieſem von den Mächten der Finſterniß angefoch⸗ tenen Saul ein David, der ſowohl durch ſeine milde, unermüdliche Sorgfalt, als auch durch ſein Saitenſpiel die böſen Mächte in die Flucht jagte. 1 Aber dieſe Ruhe war nur eine augenblickliche, und mit einer Art von wilder Genußſucht gab er ſich wieder der Milzſucht hin. Was er da dachte, das wußte Niemand. Er ſagte nicht einmal zu Edith ein Wort über das neue, dunkle Räthſel; aber oft äußerte er zu ihr:„Sei ruhig, der Himmel hatte Dich nicht beſtimmt, mein rettender Engel zu werden!“. „Ich verdiene es nicht zu ſein,“ entgegnete ſie eines Tages,„und ich wage es kaum,“ fügte ſie hinzu, indem ſie auf das mehr delicate und ſchwere Verhältniß, das ſo zu ſagen vorhanden war und auch wieder nicht vor⸗ handen war, zum erſten Male hindeutete—„ich wage es kaum, Dich zu fragen, ob Du Dich dieſem gefal⸗ lenen Engel jetzt noch anvertrauen willſt?“* „Nein, nein!“ antwortete er beſtimmt und ohne ſich zu bedenken,„um keinen Preis, ſeitdem Deine Macht gebrochen iſt!“ „Gebrochen, wirklich gebrochen!“ wiederholte ſie leiſe— vielleicht mit einem bewußtloſen Mißtrauen— „alſo haſt Du aufgehört, mich zu lieben?“ „Damit kann ich nicht aufhören; aber Du haſt aufgehört meine Kraft zu ſein: ich lebe nicht mehr in Deiner Seele, Du nicht mehr in meiner... Du ver⸗ ſtehſt mich ja? Es war mir, als hätte ich das Gelübde des Himmels, daß der Engel meinen Plagegeiſt zwin⸗ gen ſollte, mich auf ewig zu verlaſſen; doch der Engel beſaß nicht dieſe Macht. Ich kann darüber nur weinen und mich unterwerfen in der Hoffnung auf eine andere Erlöſung durch einen andern Engel.“ „Welchen?“ ſtotterte ſie. „Gibt es für mich noch mehr denn Einen, ſeitdem Du mich verließeſt?— Den Engel des Todes!“ Es war ein ſtarker Unterſchied zwiſchen dem ſtillen und traurigen Leben, das jetzt auf Dadb geführt wurde, und demjenigen, das noch vor Kurzem dort widerhallte, wo Gäſte kamen und abfuhren und der Ritt⸗ meiſter täglich neue Zerſtreuungen erfand, wenn Bälle und andere Luſtpartien nicht ausreichen wollten. Jetzt kamen keine Gäſte— man fürchtete ſich, zu „geniren“— und Dagby hätte nicht öder ſein koönnen, wenn es die Peſt in ſeinen Mauern gehabt hätte. Der Rittmeiſter hatte es wohl verſucht, ſich in dieſer Zeit der Betrübniß zu einem dauernden Vertrauens⸗ poſten unter dem Titel eines— Freundes in der Noth empor zu ſchwingen; aber wie es war, ſo hatte Helmer ſeit dem unglücklichen Morgen nach ſeiner Mäcfehr auch über die innern Angelegenheiten eine gewiſſe Macht er⸗ halten. Die Hofräthin befand ſich wohl bei ſeiner feſten und beſonnenen Ruhe, ſeiner Art der Anordnung, und nahm von ihm mehrere Rathſchläge an, unter andern, die Vertraulichkeit des Rittmeiſters nicht aufzumuntern; denn es wäre auf jeden Fall das Beſte, die Geheimniſſe der Familie ſo viel wie möglich innerhalb der Wände zu behalten. Da der Rittmeiſter merkte, daß für den Augenblick nichts zu gewinnen war, zog er ſich zurück, doch um der Zukunft willen floſſen von ſeinen Lippen die ſchönſten Reden über die ausgezeichnete Seelenkraft der Hofräthin, über ihre Würde in der Betrübniß und über ihre muſter⸗ hafte Geduld mit dem kranken Grafen. Er hielt mit Einem Worte gleichſam einen Schild vor das Sternfeltz⸗ ſche Haus, damit die Verleumdung nicht allzu übel damit verfahren ſollte; und klug war der Rittmeiſter: auf dieſe Art wirkte er für ſeine Zukunft mehr, als wenn er ſogar den Vertrauenspoſten Helmer's gehabt hätte. Mamſell Octavie, welche noch mit der Welt in Berührung ſtand, ſetzte die Verdienſte des Rittmeiſters in das klarſte Licht— denn der Rittmeiſter hatte ihre„Protection“ zu gewinnen gewußt............... Man war jetzt zu Ende des Februar. Der Mond ſtand im erſten Viertel und beleuchtete mit ſeinem weißen Glanz die Schneedecke, welche auf dem Hofe zu Dagby ruhte, und die tauſend funkelnden Eisperlen, welche auf den entlaubten Zweigen der Pap⸗ peln zitterten, und die vielen tauſend phantaſtiſchen Ge⸗ ſtalten, welche der Nebel in den dunkelgrünen Kronen der Fichten gebildet hatte. In Edith's Zimmer war die Nachtlampe eben er⸗ loſchen, und da es auch gegenüber finſter war, ſo hatte ſie die Gardine aufgezogen, um das ſchöne Winterſtück zu betrachten. Ihr Blick ruhte auf einer großen weißen Wolke, ——— — welche leiſe und majeſtätiſch über die Veſte des Himmels hinſchwebte und über die ſtrahlenden Sterne hinglitt und ſo viele verſchiedene Geſtalten auf ihrer Reiſe annahm, daß Edith ihr mit unverwandter Aufmerkſamkeit folgte, und in den leichten, dunklen Abwechſelungen bald einen Brautzug, bald einen Leichenzug zu ſehen meinte. Doch die weiße Wolke trieb ihren Scherz mit Edith's Einbildung, und wollte weder von einem Braut⸗ noch auch von einem Leichenzuge etwas wiſſen... Endlich ſchien ſie ſtehen bleiben und ſich auf Dagby herabſenken zu wollen: aber in ihrem Sinken wurde ſie dunkler: da ſchieden die ſtrahlenden Sterne, und ein undurch⸗ dringlicher Nebelſchleier verhüllte ſie in ihrer Nacht und ſegelte mit ſeiner Beute auf die Erde hinab. „O, wer doch dort wäre!“ ſeufzte Edith, indem ſie ſich ſchlaflos auf ihrem Lager wendete.„Wie himm⸗ liſch lieblich, nicht mehr zu leiden und ſich nicht mehr zu ſehnen nach demjenigen, was hier niemals vollendet werden wird!“ Ein ſonderbarer Laut in der Bibliothek zog in die⸗ ſem Augenblicke ihre Aufmerkſamkeit von der jetzt in ihrer Nebelhülle pechſchwarzen Wolke ab, welche bald das Ende ihrer Reiſe erreicht zu haben ſchien. Der Laut, welchen Edith ſo plötzlich in der ſtillen Nacht vernahm, klang ſo, als ob Jemand draußen um⸗ hertappte und etwas nachſchleppte. Sie wollte ſich zuerſt uͤberreden, daß dieß nur eine Einbildung war, aber bald unterſchied ſie wirkliche Schritte, obgleich dieſelben bisweilen inne hielten, und ſie konnte ſich nicht irren, daß dieſelben auf ihre Thür gerichtet waren. Plötzlich flog ein ſchrecklicher Gedanke durch ihre geängſtigte Seele. „Er iſt es!... Er hat plöoͤtzlich einen Anfall be⸗ kommen und ſich hinausgeſchlichen... Was will er?“ In dem nächſten Augenblick ſprang ſie aus dem Bette, warf ein Tuch über die Nachtkleidung und erreichte die Thür, deren Riegel ſie in demſelben Augenblicke 182 vorſchob, da draußen eine Hand an dem Schloſſe umher⸗ tappte. „Ach ſo!“ ſagte die Stimme des Grafen, doch ſie hatte einen andern Klang, als ſie gewöhnlich zu haben pflegte—„ſie hat mich nicht erwartet!“ Er kehrte um und ging einige Schritte vorwärts... blieb jedoch bald wieder ſtehen. Zitternd blickte Edith durch das Schlüſſelloch. Bei demjenigen, was ſie ſah, hätte ſie laut auf⸗ ſchreien mögen; doch der Schrecken lähmte ihre Zunge. Ihr Verlobter, nur in das lange Laken gehüllt, welches er nachſchleppte und das ſich an den im Wege ſtehenden Stühlen verwickelte, zeigte ſich jetzt von der Seite. Der Mond beleuchtete mit außerordentlicher Klarheit ſein Antlitz, welches faſt eben ſo weiß war, wie das Laken. Mit der einen Hand hielt er den weiten Mantel zuſam⸗ men; in der andern, die er unter dem Laken verborgen hielt— denn ihn ſchien zu frieren— hielt er etwas, das ſich aber nicht unterſcheiden ließ. Nachdem er ſich einige Minuten beſonnen hatte, trat er wieder an die Thür und klopfte dreimal leiſe an. Da aber keine Antwort erfolgte, ſo begann er mit dumpfem, höhnendem Tone, indem er immer ſtärker klopfte: „Graut Liebchen auch?— der Mond ſcheint hell! Hurrah! die Todten reiten ſchnell! Graut Liebchen auch vor Todten?“ „Jeſus Chriſtus!“ ſtotterte Edith in der Todesangſt. „Hal Du hörſt... Du biſt wach? Thu' auf, ich bin's..Mein Rappe ſteht geſattelt, ich hebe Dich auf ihn und wir fahren ab... Doch geſchwind, ehe der Hahn ruft... Hurrah! die Todten reiten ſchnell! Graut Liebchen auch vor Todten? „Hermann!“— ſie bemühte ſich, ihre erſtarrenden Lebenskräfte zurückzurufen—„biſt Du es, oder.. 24 „Still! kennſt Du nicht den Geiſt Deines Bräu⸗ tigams?... Doch, hu, hu, hu— mich friert!... Laß mich ein in die warme Kammer!“ „O, um Gottes Barmherzigkeit willen, geh zurück! ... Niemand hört mich... ich kann nicht rufen... und habe keinen Ausgang!“ „Nein, keinen andern Ausgang, als in meine Arme; doch beunruhige Dich nicht um ſeinetwillen, des andern Narren, der ſich einbildete, Du wäreſt ſeine Braut! Ich will ihn nun nicht länger plagen. Ich habe etwas bei mir, das ſein elendes Leben endigen ſoll, und im Tode hört der Wetteifer auf: dort gehörſt Du mir lein.. Zaudere nur nicht länger— die Zeit ent⸗ ieht!“ Jetzt glaubte Edith dasjenige zu unterſcheiden, was der in ſeiner Einbildung todte Mann unter dem Laken verborgen hielt, und ſie täuſchte ſich nicht: es war die Mündung einer Piſtole, die in dem nächtlichen Lichte ſchimmerte. Edith ſchleppte ſich an das Fenſter, ſchlug die Scheibe entzwei und rief mit Anſtrengung aller ihrer Kräfte um Hülfe. Helmer konnte ſie vielleicht hören, kein Anderer— ſofern nicht Gott Jemand über den Hof ſchickte. Und Helmer, der noch in ſeinen Grübeleien wachte, hörte gleich den Klang der zerbrochenen Scheibe, den Laut der hülferufenden Stimme, Edith's Stimme, die zu dem Ohre ſeiner Seele den Weg gefunden hätte, wenn er auch geſchlafen hätte oder noch weiter entfernt geweſen wäre. Schnell, wie der Blitz daherfährt, war er in den Kleidern, die Treppe hinab und über den Hof unter Edith's Fenſter. Sie hatte ihn geſehen. „Schnell,“ ſtotterte ſie athemlos,„doch vorſichtig! 5 hat Waffen, er iſt in der Bibliothek!.. er dringt erein!“ 184 Helmer war ſchon verſchwunden. Leute herauszupochen und die Hausthür öffnen zu laſſen, war ein Verzug, an den ſich nicht denken ließ. Ohne einen Augenblick zu verlieren, ſchwang er ſich da⸗ her über das Gitterwerk des Altans und ſchlug die eine Glasthür ein. Doch in demſelben Augenblick rief eine Stimme, die dem Grafen Hermann nicht mehr angehörte, Edith zu:„Treuloſe! Du haſt zu lange verzogen: jetzt kräht der Hahn, ich muß hinweg und habe nicht Zeit zu mehr, als ihn, den Andern, zu befreien, welchen Du ebenfalls betrogen haſt...“ ÜUnd als es eben Helmer gelang, durch die zerſchla⸗ Pne Thür, um welche die Glasſcheiben flogen, in den aal zu dringen, erſcholl ein Piſtolenſchuß durch das Haus, und weckte auf eine ſchreckliche Weiſe die Be⸗ wohner deſſelben... Von endloſem Wachen ermüdet, war Nilman ein⸗ mal ſo feſt eingeſchlafen, daß er es nicht hörte, wie der Graf den Koffer öffnete, in welchem die Piſtolen lagen, wie er dieſe lud und hinweg ſchlich. Der Graf hatte ſtets einen ſo tiefen Abſcheu vor Selbſtmord gezeigt, daß milmnan in dieſer Hinſicht niemals eine Furcht gehegt atte. ) Doch jetzt, da er in der düſtern Einſamkeit der Nacht dem grauſamen Irrthume anheim gefallen war, daß er mit ſeinem andern Ich das Weſen gewechſelt hatte, und über den Gedanken phantafirte, er müßte den Zwiſt um die Braut dadurch beendigen, daß er, der ſchon der Schattenwelt Angehörende, mit ihr ent⸗ flöhe, meinte er doch wieder, es ſei feige, den leben⸗ den Grafen Hermann der Pein, ſie zu beweinen, Preis u geben. Eine Piſtolenkugel— und auch er hatte die Feſſeln des Lebens gebrochen. Doch ſie wurden nicht gebrochen. Der Schuß, wel⸗ cher beſtimmt war, die Stirn zu durchbohren, hatte eine falſche Richtung erhalten. 1 Er tödtete nicht, aber er vollendete die Zerrüttung ddes Gehirns. So endigte dieſe Epiſode, für welche die Hofräthin in ihrer kalten Selbſtſucht ſo eifrig gearbeitet hatte. So 3 endete Edith's Verlobung. Als Onkel Janne in der folgenden Woche Dagby erreichte, welches er mit ſolch ahnender Furcht ver⸗ laſſen hatte, da lag die Braut als eine gebrochene Lilie auf dem Krankenlager, wohin die Folgen ihres eigenen Leichtſinnes ſie geführt hatten. Der Bräutigam war im Irrenhauſe. (Ende des zweiten Bändchens.)