„y—,—,— Leihbibliothe eihbibliothe f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher 3 von.. 4 Eduard Ottmann in Gie⸗ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 Seih- und Leſebedingungen. 2 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buchen 7 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu den angenommen. 3. C(aution. eines Buches, hinterlegen, wird. 4. Abonnement. beträgt: — eine dem Werthe deſſelben 2 Bücher: —— 1 Mt.— Pf. 4 Bücher: der Bücher 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgeg 1 e entſprchende welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurüc el. auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu U 8 Daſſelbe muß voraus bezahlt werd 6 Bü 1 Mk. 50 Pf. 2 M. zerriſſene, verlore defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) n. Ladenpreis erſetzt werden.— lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. ieſ Iſt das zerriſſene, beſchmutzte Werkes für wöchentlich 1. 2——— Jauf 1 Monat:— 3. 2 7— 671 3—*—. 4 1 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ⸗ . Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt un beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterven der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . 8 Diejenigen, welch —y—y e ——*— “ — 4 Ein launenhaftes Weib. Roman von Emilie Flygare⸗Carlén. Aus dem Schwediſchen von C. F. Friſch, Subrector am deutſchen National⸗Lyceum in Stockholm. Erſtes bis drittes Bändchen. Stuttgart. Aerlag der Franckh'ſchen Buchhand 4849. Erſtes Buch. Das freie Mädchen. Erobern, ja, das verſtand ſie gut! Sie konnte wärmen das männliche Blut! Mit jeder Gunſt verſtand ſie zu wuchern, Die Galle ſogar zu überzuckern. Wen ſie mit ihrem Auge anſah,— Der wußte ſelbſt nicht, wie ihm geſchah. . v. Branm. eben ſo gut, wie das des Reichen. er Mond auf die hohen, ſchmalen Kirchenſanſt att Erſtes Capitel. Auf dem Kirchhofe. Es war Nacht, aber eine von jenen entzückenden Julinächten, deren geheimnißvolle Schönheit, wenn man ſie in Gottes freier Natur ſchaut, die Seele umſtimmt und macht, daß ſie ſich mit Widerwillen von ihren ab⸗ genutzten und ermüdenden Alltagsgedanken hinwegwendet. Eine ſolche Nacht iſt der Sabbath der Seele, ihr Sommertraum. Auf einem ländlichen Kirchhofe, neben deſſen fried⸗ licher Mauer ein Waſſerfall rauſchte, ſaß in dieſen ein⸗ ſamen Stunden ein Mann auf dem Poſtamente eines prachtvollen marmornen Grabmales. Er ſaß dort ſo unbeweglich, als wäre er mit dem kalten Steine zuſam⸗ mengewachſen. Daß aber ſein Herz nicht kalt war, das konnte man ſchließen aus der Kraft, mit welcher er die eine Seite des Sarkophages umfaßte. Eben war der Mond aufgegangen über der Stadt der Todten und leuchtete klar durch zwei rieſige Pappeln, deren laubreiche Kronen ein durchſichtiges Dach bildeten über dem erwähnten Monumente, einem mit eiſernem Gitterwerk umgebenen Familiengrabe, durch deſſen jetzt. halbgeöffnete Thür man in den Friedensplatz treten konnte. Der Mond aber beleuchtete das Grab des Armen⸗ Jeder grünende Hügel war verſilbert, jeder ſandige Gang ſchneeweiß, und die dunkeln Tempelmauern ſogar wurden hell durch den Wiederſchein des Glanzes, den Ein launenhaftes Weib. I. Die Winde, welche während des verfloſſenen Tages in friſcher Bewegung geweſen waren, legten ſich allmälig und ſchaukelten ſich ſtill und gemächlich in den Schlaf auf den Armen der Bäume, während der Nix in dem Waſſer⸗ falle dort unten ſowohl ihnen, als auch den einſamen Waldglocken und den Ringelblumen auf den Gräbern vorſang; uns eingeſchläfert von dem Geſange und ge⸗ ſättigt von dem näͤchtlichen Thau ſenkten auch die Blu⸗ men ihre Häupter und entſchlummerten. Alles ſchlummerte, von dem Johanniswürmchen an, welches dort in dem dunkeln Sande des neulich aufge⸗ worfenen Grabes ſchimmerte, bis zu der Schwalbe, welche ihr Haus in der Spitze des Kirchthurmes gebaut hatte. Nur die Seufzer des Waſſerfalls und die Seufzer aus einer Menſchenbruſt ſtörten das Schweigen. Der Mann, welcher ſo lange unbeweglich an ſei⸗ nem Platze geſeſſen hatte, erhob nun das Haupt und blickte um ſich her, als ſuchte er eine lebendige Geſell⸗ ſchaft. Er fand auch bald eine ſolche, indem ſein Fuß einen Froſch aufſcheuchte, welcher in den Blumen verſteckt gelegen hatte.. „Ach ſo!“ ſagte der Nachtwanderer, indem er ſeinen großen, ſeelenvollen Blick, unverdunkelt von den Thränen, welche in den Wimpern hingen, mit einer Art von Zärt⸗ lichkeit auf dem kleinen Leben ruhen ließ, welches dort umherkroch,„Du und ich, wir wachen mit einander? Habe Dank dafür! Aber es war Unrecht von mir, daß ich Dich weckte; geh Du zurück in Dein Blumenbett— und glaubſt Du mir irgendwie Dank ſchuldig zu ſein, ſo ſchone der Würmer ſo, wie ich Deiner ſchone; denn, ſiehſt Du, wenn der Wurm in Ruhe mit ſeiner Arbeit fortfahren kann, ſo erhält die Erde um ſo früher ihre Anleihe zurück und da wird Alles gut.“ Indem er dieſe Worte halblaut ſagte, rollte das leichte Gewölk hinweg, welches auf einige Klarheit auf das Geſicht des Mannes. Dieſes ſpiegelte ſtarke Gefuhle, fromme Gedanken, faſt die reinen Ge⸗ Augenblicke 1 den Mond verdunkelt hatte, und ſein Schein ſiel mit herv weſe iges älig auf ſſer⸗ men bern ge⸗ Blu⸗ an, rfge⸗ elche atte. ufzer ſei⸗ und eſell⸗ Fuß ſteckt einen änen, Zärt⸗ dort nder? „daß ett— ſein, denn, Arbeit r ihre te das blicke e mit diegelte n Ge⸗ 3 danken eines Kindes, ab, und dennoch ſah man, daß ein ſtarker und ruhiger Geiſt in dem kleinen Körper wohnte. Ja, dieſer Koͤrper war weit unter der mittleren Größe, aber er war ſo gut proportionirt, er ſah ſo abgehärtet, ſo ſtark aus, daß er, weit entfernt ein Lächeln zu erregen, vielmehr den Gedanken an Zuverläſſigkeit weckte, und wenn man die Augen auf dieſes Geſicht warf, welches nicht einmal in der tiefen Betrübniß eine jovialiſche Gutmüthigkeit unterdrücken konnte, ſo empfand man faſt jenes Gefuhl, welches erwacht, wenn man bei der Betrachtung einer friſchen und idylliſchen Landſchaft plötzlich die Töͤne einer leiſen, klagenden Melodie ver⸗ nimmt, deren friedevolle, faſt ſpielende Worte dem Ac⸗ compagnement widerſprechen.— Es gibt dergleichen Verſchmelzungen in gewiſſen See⸗ len: das Lächeln iſt eine Thräne, die Thräne ein Lächeln. Dieſe Seelen haben immer ihre eigenthümlichen Kennzeichen: ſie ſind zufrieden, dankbar, ſich ſelbſt genug, und dennoch ſuchen ſie die ganze Welt, um von ihrem Frieden mitzutheilen. Sie ſind wirkliche Apoſtel, auf einer ewigen Wanderung begriffen; aber ſie lehren nicht mit Worten oder irgend einer Art von Anſtrengung, ſondern durch Thaten und Beiſpiele. Eine ſolche Seele war Onkel Janne. Höre hier ſeine Geſchichte— höre, warum er auf dieſem Grabmale weint, deſſen Pracht einen ſo grellen Gegenſatz gegen ſeine eigene, einfache Kleidung bildet! Zweites Capitel. Onkel Janne. Aus einem armen adeligen Hauſe gingen zwei Söhne hervor, um ihr Glück zu ſuchen. Aber ſo unzertrennlich die Träume der Kinder ge⸗ weſen waren, eben ſo verſchieden wurden i Junglinge 8 1 6 † —— nd Erbe des Sohnes iſt des Vaters ehrlicher Bald ſahen ſie es auch ein, daß ſie den Schutz der Göttin an verſchiedenen Orten ſuchen würden; Eines aber tröſtete ſie; ſie wußten, daß ſie immer wenigſtens irgend einen Ort finden würden, wo ſie ſich treffen konnten, um die vertraulichen Ergießungen über ihre verſchiedenen Beſtrebungen auszutauſchen. In einem Alter von neunzehn Jahren waren die beiden Brüder ſich und ihren eigenen Kräften gänzlich überlaſſen. Die ſchöne Heimath ihrer Kindheit, woſelbſt eine liebende, zärtliche Mutter, ein vortrefflicher Vater ſie bis⸗ her mit offenen Armen empfangen hatten, war ihnen jetzt verſchloſſen, auf immer verſchloſſen. Das Haus war in fremden Händen, denn der Vater und die Mutter waren in eine andere, eine ruhigere Heimath gezogen. „Dort oben,“ ſagten die Jünglinge, indem ſie ſich feſt umarmten,„werden ſie wenigſtens erfahren, wie unſere Träume in Erfüllung gegangen ſind!“ Die Träume führten Franz Sternfelt auf ſtolzen Flügeln zu Ehrenſtellen, Anſehen, Reichthum und Macht. Janne, war blöder und mit ſeinem einfachen Gemüthe nicht im Stande, das Glück zu würdigen, nach welchem Franz ſtrebte, und hatte daher nur ein einziges Ziel, aber dieſes war auch der höchſte, brennende Wunſch ſeiner jungen, poetiſchen Seele: eine Reiſe nach Italien, um zu ſtudiren und ſich auszubilden. Janne war ein Dilettant in der Malerkunſt, und dachte, er könnte es vielleicht eines Tages ſo weit brin⸗ gen, daß man ihn einen verdienſtvollen Landſchaftsmaler nannte. Franz war Student, und dachte, daß er wohl eines Tages den Namen„Ihre Excellenz“ führen könnte. Franz war, wenn auch nicht eben ſtolz auf ſeit adeliges Wappen, doch herzlich zufrieden mit demſelben. * DL.2 7 7——* Janne meinte, es ſei ganz einerlei, ob er Stensſon oder Sternfelt, Paul oder Per hieße, er dachte niemals daran, außer wenn er bisweilen zu ſich ſelbſt ſagte: tz der ines gſtens reffen ihre n die nzlich eine 2 bis⸗ ihnen s war varen te ſich „wie tolzen und fachen nach aziges zunſch alien, und brin⸗ maler eines ſein Aben. nsſon mals ſagte: rlicher 5 Name; ich will gewiß dafür ſorgen, daß er keinen Schaden erhält, ſo lange ich ihn trage.“ Und der Name war auch beinahe des einzige Erb⸗ theil der Jünglinge, denn das kleine Kapital, welches ſie bei mündigem Alter erhalten ſollten— ein Zeitpunkt, der für Janne zwei Jahre ſpäter eintraf, als für Franz— war nur ſo groß, daß es dem Letztern erlaubte, ſeinen akademiſchen Curſus zu beendigen und ſeine Schulden zu bezahlen, und dem Erſtern, die unſchätzbare Reiſe nach dem für ihn heiligen Rom anzutreten. Ein gemeinſamer Schatz aber, der nie abnahm, war ihre gegenſeitige Liebe und das warme Intereſſe für ihre gegenſeitigen Pläne. Franz ſchwärmte mit Janne und brachte die kalte Sprache ſeines Ehrgeizes zum Schweigen, um nicht den unſäglichen Frieden, die ſchöne Harmonie in dem Weſen des Bruders zu ſtören; Janne bemühte ſich, ein Welt⸗ mann zu werden, zu berechnen, Luftſchlöſſer zu bauen, Franz zu erfreuen und ihn zu überzeugen, daß er, Janne, an Franzens Beruf und Kraft glaubte. Wie entwickelten ſich nun ihre Träume? Franz verliebte ſich in ein junges Fräulein, die einzige Erbin eines anſehnlichen Reichthumes; ſie er⸗ wiederte auch ſeine Liebe und gelobte, ihm ihre Treue zu bewahren, bis er ſich eine Stellung und einen Titel erworben hätte, der es für ihn zu einer Möglichkeit machte, offen als ihr Freier aufzutreten. Die Liebe des Fräuleins war nämlich nicht von der recht ſchwärmeriſchen Art, und doch war ſie erſt fünf⸗ zehn Jahre alt. Der zwanzigjährige Liebhaber glaubte an alle Wun⸗ derwerke des Glückes, nachdem es ihn ſchon ſo ſehr begun⸗ ſtigt hatte; er legte daher die unverbrüchlichſten Gelübde eines Fleißes, einer Ausdauer und einer Verſchlagenheit ab, die nicht ihres Gleichen haben ſollten. Und ehrlich that Franz Alles, was in ſeinen Kraf⸗ ten ſtand, um zu beweiſen, was ein feſter Wille vermag; aber er hatte nicht mehr als zwei Jahre verlebt, ſo ſah er ſich auf der einen Seite von tauſend eigenſinnigen Gläubigern und auf der andern von einer ebenſo unab⸗ weislichen Armuth beläſtigt, in tauſend langweilige und oft ſchwierige Verlegenheiten verſetzt, welche ſtörend wa⸗ keen fur ſeinen Fleiß und nicht im Mindeſten paßten, um ddeen Schein der Eleganz und Unabhängigkeit zu unter⸗ halten, welchen er zu Anfang anzunehmen das Gluͤck gehabt hatte. Um dieſe Zeit kam Janne in die Hauptſtadt, um, ehe er ſeine Wallfahrt in das gelobte Land anträte, ſeinen Bruder zu beſuchen, und ſich an dem Glücke zu freuen, das dieſer, als verlobt mit einem zu gleicher Zeit reichen und geliebten Mädchen, fühlen mußte und, wie ſeine Briefe verſicherten, auch wirklich fühlte. Aber wie ging es wohl mit Janne's eigenem Glücke, als er vernahm, daß Franz ihn hinter das Licht geführt hatte, um ihn nicht zu betruͤben, und als er hernach mit eigenen Augen die große Bedrängniß und die un⸗ ſäglichen Bekümmerniſſe des Bruders bei dem Gedanken an das Ziel ſah, welches die Braut als den Preis ihrer Hand geſetzt hatte! „Ach ſo,“ ſagte Janne,„ſie will Dich alſo nicht eher haben, als da etwas Großes aus Dir geworden iſt?“ „Kannſt Du ſie darum tadeln?“ entſchuldigte Franz. „Sie kann wohl nicht einen Hofgerichtsnotar heirathen und ſich ſelbſt und mich ebenfalls dem Gelächter Preis geben? Wir ſind ja beide jung, wir können warten!“ Janne antwortete nicht; er hatte nur ſeine Ge⸗ danken. „Könnte ich mich nur aus meiner jetzigen ſchwie⸗ rigen Lage retten,“ fuhr Franz fort, ſo würde es her⸗ nach wohl gehen— wenn man aber zwei Jahre lang ni nn auf Credit gelebt hat, ſo... Du verſtehſt mich!“ Janne ſchüttelte das Haupt. „Aurora hat mir mehrmals mit der größten Zärt⸗ lichkeit mit Gewalt Geld aufdringen wollen; doch ehe man glauben ſoll, daß meine Braut mich unterhält, — — —— igen nab⸗ und wa⸗ um nter⸗ blüͤck um, räte, e zu Zeit wie ücke, ührt nach un⸗ nken threr nicht ſt?“ anz. then Freis 144 en! Ge⸗ wie⸗ her⸗ lang ſtehſt Zärt⸗ ehe hält, 7 will ich lieber hungern, ja in's Schuldengefängniß wandern.“ „Das iſt Recht; aber während Du im Schulden⸗ gefängniß ſitzeſt, kannſt Du nicht für Deine Zukunft arbeiten.“ „Ein ſolches Ereigniß würde mich auch bei meinen Gönnern ganz herabſetzen und mir vielleicht auf immer die Bahn verſchließen, die ich zu betreten gehofft habe.“ „Das kann und das ſoll nicht geſchehen,“ ſagte Janne feſt.„Du nimmſt mein kleines Kapital und da⸗ mit iſt Dir geholfen!“ „Was? Dein Geld, für welches Du Deinen einzigen kleinen, enthuſtaſtiſchen Traum befriedigen wollteſt? Nein, Janne, lieber laſſe ich meine Hoffnung auf Aurora und alle meine Luftſchlöſſer fahren! Ich waͤre ja ein wirklich elender Menſch, wenn ich Deine Aufopferung annähme!“ „Du mußt ſie annehmen und dennoch alles Andere ſein, als ein elender Menſch, denn was die Gabe hei⸗ ligt, das iſt unſere warme Bruderliebe, und Du ver⸗ ſtehſt wohl, daß ich dabei glücklicher bin, als Du!“ „Führe mich nicht in Verſuchung, erniedrige mich nicht vor mir ſelbſt, ſage kein Wort mehr davon!“ „Wie Du willſt, mein Entſchluß aber ſteht feſt; ich habe mir ſchon einen andern Lebensplan entworfen. Siehſt Du, liebſter Bruder, ich kann es Dir gerne ge⸗ ſtehen: mit meinen Talenten iſt es nichts: Ich werde alſo Lehrer bei einer Erziehungsanſtalt; das gibt mir Brod und doch noch ein wenig darüber zu Buchern, Farben und Leinwand— was brauche ich mehr? Jeder, der ſeine Bedürfniſſe befriedigen kann, iſt reich.“ Es bedarf keiner Worte weiter: Janne brachte und Franz nahm das Opfer. eit dieſer Zeit verfloſſen viele Jahre. Franz, deſſen Verlobung mit dem reichen Fräulein Aurora von H'“ jetzt veröffentlicht war, avancirte zwar nicht ſchnell, aber er ging doch Schritt für Schritt vorwärts, während Janne in ſeiner Erziehungsanſtalt blieb, wo er mit beiſpielloſer Geduld ſeinente dreifachen Amte als Lehrer in der Logik, im Zeichnen und in der Botanik vorſtand. Der ſchöne verlorene Jugendtraum lebte jetzt in ſeiner Erinnerung nur noch wie ein geliebter Abgeſchiedener. Er fand ein Vergnügen daran, ihn zurückzurufen, ihn zu hätſcheln, über ſeine kleinen Illuſionen zu lächeln; dann aber wendete er ſich wieder der Gegenwart zu und fühlte ſich dankbar und ganz zufrieden mit und in ſeinem kleinen Wirkungskreiſe. Für die Erſparungen von ſeiner Einnahme hatte er ja ſchon manches werthvolle Andenken geſammelt, das ihn zu noch größerer Sparſamkeit ermunterte. Selbſt war er niemals in Verlegenheit, denn hätte er auch nicht mehr gehabt, als ein Stück Brod und ein Glas friſches Waſſer, ſo hätte er dennoch ſeinen ruhigen Muth, ſeinen gleichmäßigen, genügſamen Sinn nicht ſinken laſſen; und wer war lebhafter als er, wenn er ſich draußen im Walde und auf der Wieſe befand als der Anführer einer jubelnden Schaar von Knaben, die ihm bald kleine Streiche ſpielten, bald aufmerkſam auf die Lehren von dem innern Leben der Pflanzen, bald auf ſeine Abenteuer lauſchten, denn„Onkel Janne,“ wie er ſchon damals hieß, ſammelte gerne Geſchichten, be⸗ ſonders ſolche, die eine Verwandtſchaft mit dem Ueber⸗ ſinnlichen hatten, und erzählte dieſelben auch gerne; doch wehe dem, der da nicht aufmerkſam war: der kam nicht ſo bald wieder in Gunſt.. Rebenbei war es ſein höchſter Genuß, mit dem Bru⸗ der zu correſpondiren und mit Wort und Herz an ſeinem Emporkommen Theil zu nehmen; denn wenn Onkel Janne irgend eine Leidenſchaft hatte, ſo war es ſeine innige Liebe zu dieſem Bruder, der ihm vielleicht noch theurer geworden war, ſeitdem er ihm geopfert hatte, was ihm nächſt dem Bruder das Theuerſte geweſen war. Nach einer fünfzehnjährigen Verlobung brach für Franz endlich der Hochzeittag an. Jetzt endlich hatte er eine Stellung im Leben und auch— einen Titel, Weiter als bis zum Hofrathe begr dieſe ſollte in d das wahr der iner ner. ihn eln; und nem ſeine noch atte, var. für und athe 9 brachte er es jedoch nicht, denn nachdem er in den hei⸗ ligen Stand der Ehe getreten war, und außer einigen andern Gütern in Wermland das große Hüttenwerk Dagby erhalten hatte, wo er ſich mit ſeiner, jetzt nicht mehr jungen Gattin niederlaſſen konnte, nahm er Ab⸗ ſchied, ließ den Excellenzentitel fahren, und begnügte ſich damit, der Vater ſeiner Unterthanen zu ſein. In dem Laufe einiger Jahren wurde er auch der Vater zweier Töchter. Jetzt, da er ein reicher und mächtiger Herr geworden war, wollte Franz, der von Dankbarkeit brannte, auch ſeinen Bruder Janne mit den Glücksgütern überhäufen deren er ſelbſt genoß. Janne aber wollte in keiner Art von Verbindlichkeit zu ſeiner Schwä gerin ſtehen, welche er, wenn wir das gelindeſte Wort anwenden ſollen, nicht liebte; denn wäre nicht ihre Eitelkeit geweſen— mochte man auch übrigens ihre Treue und Standhaftigkeit loben, ſo ſehr man wollte— ſo hätte Franz ſchon lange zuvor glücklich ſein können. Darum war es auch un⸗ möglich, ihn dahin zu bringen, daß er mehr nahm, als ſein einſt vorgeſchoſſenes Kapital. Mit dieſem konnte er ja immer noch ſeinen Jugendtraum verwirklichen. Und in ſo fern es von der Reiſe abhing, wurde derſelbe auch verwirklicht. Drei Jahre lang brachte er mit der großen Reiſe zu. Als er zurückkam, bemerkte Franz zum erſten Male in ſeinem Geſichte und Weſen einige Spuren eines leichten Schwermuthes, einer ſtillen Niedergeſchlagenheit — ach, Janne hatte es ſich geſtehen müſſen, daß er zu ſpät gekommen war! Der junge, feurige Künſtler fand ſich ſelbſt nicht mehr. Noch brannte zwar das Feuer in dieſer Bruſt, welche immerwährend jugendlich bleiben ſollte; doch die Begeiſterung, die Kraft, das Elaſtiſche in dem erſten Fluge der Phantaſie— das Alles war begraben. Mit einem ſo feſten und ergebenen Gemüthe, wie das des Onkels Janne, mit einer ſo einfachen und wahren Gottesfurcht, wie die ſeinige, konnte es jedoch nicht lange dauern, ſo kam die Seele wieder in ihr Gleichgewicht, und das dauerte auch nicht lange, ob⸗ gleich, wie ſchon erwähnt, ſein ganzes Weſen oft auf eine wehmüthige Melodie mit luſtigen Worten hindeutete. Der Lehrerberuf kam aber nicht weiter in Betracht. Die Einförmigkeit deſſelben vermochte die Stunden, welche er der Freiheit zu widmen gewohnt geworden war, nicht länger auszufüllen, geſchweige denn ihnen Flügel zu ertheilen, und auch das Leben in dem Hauſe des Bruders gab ihm nicht die Gemüthlichkeit, nach welcher er ſich ſehnte. Die Unabhängigkeit und die Anmuth der Reiſen und der Einſamkeit hatten ihn ſo gänzlich gefeſſelt, daß er ſein ganzes übriges Leben auf einen reiſenden Fuß einzurichten beſchloß, und zu dieſem Zwecke machte er ſich los von allen Banden, die dieſer Art von Noma⸗ denleben, welches er zu beginnen gedachte, im Wege ſtehen konnten. Nachdem er ſeinem Bruder und ſeiner Schwägerin — die Hofräthin ſetzte großen Werth auf„den ehrlichen Narren“, wie ſie ihn in ihren Gedanken nannte, ja ſie liebte ihn wirklich— verſprochen hatte, den Winter auf Dagby zuzubringen, um ihren Abendkreis zu be⸗ leben, der vierte Mann beim Spieltiſche zu ſein, und endlich dem Wirthe ſelbſt die volle Gemuͤthlichkeit zu ſchenken(denn der Hofrath war niemals glücklicher, als wenn er mit der Pfeife im Munde, beim Glaſe mit Janne vertraulich plauderte), kurz, nachdem dieſes Ver⸗ ſprechen gegeben und angenommen war, und nachdem Franz für einen Preis, den er ſelbſt zu beſtimmen das Glück hatte, einen großen Theil von Janne's Zeichnun⸗ gen eingekauft hatte, begab dieſer ſich auf ſeine erſten Fußwanderungen durch das Vaterland. Auf dieſen machte er eine Menge von regelmäßigen Bekanntſchaften, zu welchen er alljährlich zurückkehrte. Bald hielt er ſich mehrere Monate hinter einander an gewiſſen Orten auf, und bezahlte da ſeinen Unterhalt auf den Herrenhöfen durch Unterricht im Zeichnen, Schr Bau Vate flüch an e nen wie Din fraue Men theil⸗ als er, freurn weile Miß er de Dieſ nützl Freu ches hatte über ſeine für klein Zwec Onke daß dem auch wäre Zeug ihr ob⸗ auf tete. acht. nden, rden hnen auſe nach eiſen daß Fuß te er „ma⸗ Wege gerin ichen ßigen kehrte. er an erhalt chnen, 11 Schreiben von Rechnungen und dergleichen, auf den Bauernhöfen dadurch, daß er die Kinder leſen und den Vater rechnen lehrte; bald dagegen kam er nur auf flüchtige Augenblicke, weil er zu einer beſtimmten Zeit an einem Orte ſein mußte, wo er eine Ausſicht abzeich⸗ nen wollte, für welche er weite Wege gegangen war. Wo er kam und wohin er ging, war er ſogleich wie zu Hauſe und bald beliebt, denn wie viele nützliche Dinge für die Haushaltung lehrte er nicht die Bauern⸗ frauen, wie viele desgleichen für die Geſundheit der Menſchen und des Viehes, wie viele Pfefferkuchen ver⸗ theilte er nicht an die Kinder, wie froh nahm er nicht als Arbeiter an der Ernte Theil. Nichts verſchmähte er, bei Allem war er gern mit, und Allem gab er durch freundliche Geſpräche Anmuth und Reiz. Zuletzt blieb er den halben Winter aus, ja bis⸗ weilen ein ganzes Jahr, und wenn Franz ihm dann im. Mißmuth dieſe Ungerechtigkeit vorwarf, ſo antwortete er dann mit lakoniſcher Heimlichkeit: „Eine kleine, hübſche Freundin lag mir im Sinne!“ Dieſes bedeutete ſo viel, als: er hatte gemeint, daß er nützlich ſein könnte, wo er eben war, denn eine„hübſche Freundin“ hatte noch niemals dieſes Herz gerührt, wel⸗ ches Raum genug hatte für Jeden, der einen Kummer hatte, um deſſen willen er traurig war, eine Hoffnung, über welche er ſich freute. Bei zunehmendem Alter ſetzte jedoch der Hofrath. ſeinen unausgeſetzt erneuerten Plan durch, daß Janne für ſeine Lebenszeit zu vollkommenem Beſitze einen kleinen, netten Hof annehmen ſollte, den Franz zu dieſem Zwecke beſonders angekauft hatte. Und endlich ging Onkel Janne auch hierauf ein, unter der Bedingung, daß diejenigen Perſonen, welche bei ſeinem Tode auf dem Hofe wären, dort in Ruhe verbleiben dürften, bis auch ſie begraben oder auf eine andere Weiſe verſorgt wären. Dieſes wurde durch einen ſchriftlichen, von Zeugen unterſchriebenen Contract förmlich abgemacht. Man würde jedoch fehlgreiſen, wenn man glauben wollte, der neue Herr hätte ſich jetzt zu Hauſe in Ruhe hingeſetzt, um ſeinen Kohl zu pflanzen und nach ſeiner Saat und nach ſeinen Kartoffeln zu ſehen; nein, er ſetzte ſein bisheriges freies Leben, welches ihm immer theurer geworden war, nach wie vor fort, und ſchickte bald einen alten Invaliden, den er auf der Landſtraße auf⸗ gefiſcht hatte, bald eine brodloſe, verlaſſene Wittwe, bald ein Kind, das bei einem Verbrechen ertappt war und nun der moraliſchen Abwaſchung unterworfen werden ſollte, nach Hauſe. Kurz: der Zuwachs der Colonie nahm faſt den ganzen Ertrag des kleinen Gutes Gran⸗ dalen weg. Darüber war Onkel Janne gleichwohl nicht im Mindeſten betrübt; er gab ſeinen Untergebenen nur zwei Rathſchläge, nämlich: ſie ſollten um ſo mehr arbei⸗ ten und um ſo weniger eſſen, damit noch Mehrere eſſen und ihm zuhören könnten, wenn er zu Hauſe wäre und beim Kaminfeuer in der Mitte des vergnügten Kreiſes ent⸗ weder ſeine Abenteuer erzählte, oder ein Capitel aus der Bibel las, oder nach Befund eine kleine Predigt über dieſe oder jene Tugend oder Nothwendigkeit hielt. Onkel Janne war gleichwohl weit entfernt von dem Wunſche, ſich immer ſelbſt zu hören; nein, er hörte auch Andere ſehr gern. Und jeder in der Geſellſchaft, der etwas zu erzaͤhlen wußte, entweder eine Geſchichte oder ſonſt etwas, oder wer einen Vorſchlag zum Beſten des Gutes zu machen wußte— das Gut wurde unter der Aufſicht eines Waiſen von der ganzen Geſellſchaft ge⸗ meinſam bewirthſchaftet— der war ſeines Ohres ſtets ewiß. 3 So, während Onkel Janne's Herz in vertraulichen Stunden ſeine Dankbarkeit gegen den Bruder ergoß, deſſen Liebe ihm Mittel zu dieſen Genüſſen bereitet hatte, war endlich eine ganze Reihe von glücklichen und frohen Jahren dahin geſchwunden, als ihn plötzlich auf einer Reiſe durch Norrland der ſchreckliche Schlag von dem Tode des geliebten Bruders traf. Dieſer Schmerz kam ſo heftig, ſo ganz ohne alle Vorbereitung— er war vor Kurzem von dem geſunden, in Gat gew allz geg⸗ Töe Ruhe ſeiner ſetzte heurer bald auf⸗ bald und erden Slonie zran⸗ nicht mnur arbei⸗ eſſen 2 und s ent⸗ aus redigt ielt. ndem auch , der oder n des r der ft ge⸗ ſtets lichen ergoß, h atte, rohen einer n dem e alle unden, 13 lebensfrohen Franz geſchieden— daß er den armen Janne beinahe ebenfalls getödtet hätte. Es war ihm, als hätte er einen Theil ſeines eige⸗ nen Weſens, als hätte das Herz ſeine Wärme, die Seele ihr Leben verloren— mit einem Worte, als wäre er plötzlich alt geworden.... Ach, dieſe Liebe war ja auch der klarſte, der ſchönſte Stern an dem Himmel ſeines Lebens ge weſen; und obgleich er mit unendlicher Hin⸗ gebung die Kinder ſeines Bruders liebte, die er als ſeine eigenen betrachtete, ja trotz der ganzen Menſchheit, die ihm immer noch blieb, ſo fühl te er ſich dennoch jetzt, zum erſten Male in ſeinem L Leben, unglücklich. Er war nicht im Stande, der Aufforderung ſeiner Schwägerin nach zukommen und zu ihr zu eilen— nein, es war ſonderbar, daß Onkel Janne ungeachtet der auf⸗ richtigen, unverkennbaren Betrübniß, welche ſie äußerte, dennoch fühlte, daß ſein alter Widerwillen gegen ſie drbßer wurde. Er hatte ſo Vieles gegen ſie, obgleich er offen und in ſeinem Innern ihren vortrefflichen Eigenſchaften als Gattin Gerechtigkeit widerfahren ließ. Aber ſie war in gewiſſen Fällen allzu beſtimmt, allzu viel verlangend, allzu ſtreng in ihren Anſichten, in gewiſſen Fällen da⸗ gegen, beſonders hinſichtlich der erſten Erziehung der Töchter, allzu nachgiebig. Ueberdieß war ſie eine bei weitem kältere als warme Frau, kurz, ihre Seele war ein ſo vollkommener Gegenſatz zu der des Onkels Janne, daß ſie ſich nicht recht wohl bei einander befanden. Sie paßten ſich einander nur ſo viel wie möglich an, und ſo war es immer geweſen, obgleich ſie in mancher Hin⸗ ſicht Achtung gegen ihre beiderſeitigen Anſichten hegten. Erſt anderthalb Jahre nach dem Tode des Bruders, als Janne's Shmer⸗ zwar nicht begraben war, denn das wurde er niemals ganz, aber doch allmälig unter ſeinen wieder angenommenen Beſchäftigungen und Lebens⸗ gewohnheiten abgeſtumpft worden war, kam er den Diedethulten Aufforderungen der Hofräthin nach, und am Tage vor jener Nacht, da wir ihn auf dem Kirchhofe — weinend vor dem Grabſteine antrafen, der Franz Stern⸗ felt's Staub bedeckte, war er auf Dagby eingetroffen und hatte ſeine alten Zimmer in Beſitz genommen. Er hatte dieſe einſamen Stunden zu einem Beſuche gewählt, der durch die Blicke und die Gegenwart Ande⸗ rer nicht entweiht werden durfte; obgleich ſein Schmerz ſtill war, ſo war er dennoch jetzt groß, und um ſo größer, als das Leben zu Dagby nicht auf die Betrübniß hin⸗ deutete, welche er erwartet hatte. Onkel Janne, welcher ſo ſelten ungerecht war, vergaß die neunzehn Monate, welche verfloſſen waren, und daß er alſo kein Trauer⸗ haus treffen konnte. In tiefen, wehmüthigen Gedanken, die ſämmtlich das Bild des Vorſtorbenen und das entflohene Leben zurückriefen, während welches keine Unfreundlichkeit, nicht die geringſte Kälte ihre Freundſchaft getruͤbt hatte, verträumte der Zurückgebliebene die Stunden. Er dachte, wie er ſchon tauſendmal gethan hatte, ob wohl der Geiſt ſeines Franz ſich ihm nicht offenbaren könnte, ja er wünſchte es beinahe, und ein geheimniß⸗ voller Schauder durchbebte ſeine Seele. Doch wie lange er wartete, wie lange er umherſpähte über die vom Monde beleuchteten Gräber— Alles verblieb ſtill. „Nein,“ ſeufzte der Trauernde,„er kommt nicht! Ich bin dieſes Gluͤckes nicht würdig, und dennoch... dennoch...“ Der gute alte Mann huldigte dem Glauben an die Verwandtſchaft der Todten mit der Sinnenwelt, wenig⸗ ſtens ſo lange, bis die Erde das Ihrige zurückgenom⸗ men hätte. Der Tag begann anzubrechen, als Onkel Janne endlich aufſtand. Mit einem zärtlich weilenden Ab⸗ ſchiedsblick auf das Grab wiſchte er ſeine Thränen ab und wanderte langſam nach Hauſe. Als er durch das Kirchhofthor hinaustrat, erhoben ſich aus dem Graſe plötzlich zwei Geſtalten, welche dort verborgen, ſtill und wartend gelegen hatten. Beide ſpran Verdt ſtreiff Jann dung⸗ dern tern⸗ offen ſuche nde⸗ merz ößer, hin⸗ lcher nate, auer⸗ itlich Leben nicht jatte, jatte, aren aniß⸗ ange vom nicht! n die enig⸗ nom⸗ ganne Ab⸗ n ab hoben dort Beide 1⁵ ſprangen auf Onkel Janne zu, welcher mit erkünſteltem Verdruſſe ſagte: „Was nun, Mosje Primus! was gibt's? Warum ſtreifft Du um dieſe Zeit mit Murre umher?“ Doch Primus und Murre ſtehen mit dem Onkel Janne in einer allzu nahen und vertraulichen Verbin⸗ dung, als daß wir ſie dem Leſer nicht in einem beſon⸗ dern Capitel vorſtellen ſollten. Drittes Capitel. Onkel Janne's Anhängſel. Wir haben oben erwähnt, daß Onkel Janne ein ungewöhnlich kleiner Mann war, und wir müſſen hin⸗ zufugen, er würde, obgleich er es für eine Sünde hielt, wenn man nicht mit Allem hier auf Erden zufrieden wäre, es dennoch ſehr gerne geſehen haben, wenn er einmal um einen Fuß größer erwacht wäre. Da ſich aber dieſes nun einmal nicht thun ließ, ſo beluſtigte er ſich aus Herzensgrunde über ſeinen Schat⸗ ten und war außerordentlich zufrieden, wenn er bei ſei⸗ nen Promenaden ſah, wie kraftvoll, groß und mannhaft ſich dieſer vor ihm darſtellte. Aber bei dieſer Art von Geſellſchaft war dennoch ein Fehler anzumerken. Onkel Janne plauderte ſehr gerne, und obgleich er es nicht verſchmähte, bisweilen die Worte an ſeinen geliebten Doppelgänger zu richten, ſo war und blieb es doch immer einförmig, allein zu reden, weßhalb er mehr⸗ mals im Begriff geweſen war, ſich einen kleinen Hei⸗ ducken, eine Art von Mittelding von Schüler, Geſell⸗ ſchafter und Ranzenträger anzuſchaffen. Dann aber bedachte er wieder, wen er auch an⸗ nähme, ſo könnte er ſich immer darauf ge aßt machen, daß der Schüler dem Lehrer bald über den opf wachſen würde, und daher ließ er die Sache wieder fallen; denn da es nur auf ſeinen einſamen Wanderungen geſchah, daß er das Vergnügen hatte, ſich ſelbſt in großer Geſtalt zu erblicken, ſo würde es faſt eine Dummheit deweſen ſein, wenn er ſich dieſes Vergnügen verdorben hätte und gezwungen geweſen wäre, zu erlauben, daß auch ſein Shat e gleichſam vernichtet worden wäre. Der ganze Plan war alſo ſchon längſt bei Seite gelegt, als Onkel Janne auf einer Reiſe zwiſchen Werm⸗ land und Norwegen eines Tages langſam an einem von den wilden, faſt pfadloſen Felſenbergen in Dals⸗ land emporklomm. Er hatte eben die Höhe erreicht, als er ein ſtarkes und gellendes Hundegebell vernahm und gleich darauf einen kleinen, langhaarigen ſchwarzen Hund erblickte, der auf ihn zugelaufen kam. Der Hund machte eine Menge von einladenden Künſten, tanzte auf zwei Beinen, ſetzte ſich und winkte mit den freien Vorderfüßen; dar⸗ auf ſprang er auf und begann von Neuem zu bellen, als hätte er genug gethan, um ſich das Recht auf Er⸗ kenntlichkeit von Seiten des Fremdlings zu erwerben. Onkel Janne war auch keinesweges gefühllos gegen die Bemühungen ſeiner neuen Bekanntſchaft, ihn für ſich einzunehmen. Und da er überdieß verſtand, daß dieſe eine beſondere Urſache haben mußten, ſo riß er ſich augenblicklich los von den Gedanken„die ihn beſchäftig⸗ ten, und folgte dem Hunde, welcher mit dem Schwanze wedelnd und ſich unaufhörlich umſehend voranging. Bald ſah der wohlwollende Wanderer vor ſich eine kleine Hütte, gleichſam eingebettet unter den hohen Föh⸗ ren des romantiſchen Gebirges; doch nicht zu dieſer Hütte führte ihn der Hund, ſondern etwas weiter auf die Seite zu einer Art von Erdhöhle, über welche ein großer flacher Stein gewälzt war. Hier ſtand Onkel Janne's Begleiter ſtill und ſtimmte einen Klagehymnus an, welcher an Stärke und Wild⸗ heit ſich mit den indianiſchen Todtengeſängen meſſen zu k wollen ſchien. 5 ———————— Onkel Vorſte nieder noch 8 de eufzer L an, u Stein 4 großer kleine und w 5 ſen ich! nücht, 2 mit 2 er des O jetzt ſ ; denn eſchah, roßer nmheit dorben „ daß wäre. Seite Werm⸗ einem Dals⸗ ſtarkes darauf blickte, e eine einen, gegen n für daß er ſich äftig⸗ vanze eine Föh⸗ dieſer r auf e ein mmte Wild⸗ n zu 17 „Was wird hieraus werden?“ dachte unſer ehrlicher Onkel, indem er nicht ohne Herzklopfen und mit der Vorſtellung von Meſſerſtichen, Leichen und Blut ſich niederbückte und lauſchte. Und das Herzklopfen wurde noch vermehrt, die Phantaſie noch unheimlicher, als er in dem improviſirten Gefängniſſe einen Menſchen deutlich ſeufzen hörte. Ohne Zeitverluſt aber wendete er ſeine ganze Stärke an, und da dieſe nicht unbedeutend war, ſo hatte er den Stein bald hinweggeſchafft. Doch wie beſturzt war nicht Janne, als er in der großen Aushöhlung der Grotte anſtatt einer Leiche, eine kleine, allzu kleine Menſchenfigur fand, welche zitternd und weinend auf einem hervorſpringenden Felſenblock ſaß. Wenn wir ſagen„eine kleine, allzu kleine Men⸗ ſchenfigur,“ ſo iſt dieß buchſtäblich geredet. Denn die Perſon, welche man in der Grotte eingeſperrt hatte, war nich t volle drei Fuß hoch, und mit ihr verglichen, konnte Onkel Janne für einen Rieſen gelten. Wer biſt Du, kleiner Knirps?“ „Ich bin der Knirps!“ antwortete das arme Weſen mit einer ſo betrübten Miene, daß die Herzensthüren des Onkels Janne, welche ſchon ein wenig offen ſtanden, jetzt ſperrangelweit aufflogen. „Armes Kind! Wie alt biſt Du?“ „Ich bin im zwanzigſten Jahre.“ „nud Du biſt hier zu Hauſe?“ a.“ „Warum hat man Dich denn eingeſperrt?“ „Um mich zu ängſtigen.“ „Wer wollte das?“ „Mein Bruder.“ „Er iſt alſo böſe?“ Der Jüngling ballte die Fauſt mit einer drohen⸗ den Geberde. 4 ihm Ein launenhaftes Weib. I. „Ich verſtehe!“ entgegnete Janne; Du möchteſt es gerne wieder heimgeben?“ „Ja, ja— aber er iſt ſtark!“ „Komm heraus und laß uns mit einander plaudern! .. Wie heißeſt Du?“ wir „Däumling, ſagen ſie; aber der Prieſter nannte 35 mich wohl nur Thomas, meine ich!“ 6 Es lag in ſeinem Tone ein tief verletztes Selbſt⸗ gefühl, ein nicht zurückgehaltener Verdruß. 8 Mit ſympathiſirender Zärtlichkeit und immer größe⸗ rem Intereſſe gab der freundlich Fragende dem Geſpräche eine weniger perſönliche Wendung. Am „Iſt das Dein Hund?— er war es, der mich hie⸗ 1 her führte.“ blich „Dank, Murre! Du biſt ein beſſerer Bruder!“ der treff Zwerg ſtreichelte mit ſeiner kleinen Hand den Hund über den Kopf und den Rücken. jzem „Den haſt Du gewiß ſehr lieb?“ enn „Ja; er thut mir nie etwas zu Leide.“ lin „Du wuͤrdeſt alſo dankbar ſein gegen denjenigen, un der Dir Gutes erweiſen würde?“ Arin „Ich war immer dankbar gegen Swen, der die und Thiere zeigte. Er war wohl auch nicht ſehr freundlich m gegen mich, aber er ſperrte mich niemals ein, wo es finſter war, und ängſtigte mich auch ſonſt nicht.“ 0 „Wann warſt ubei dieſem Manne?“ nat „Er reiste vor vier Jahren hier vorbei; ich geſiel Luſt ihm, und er nannte mich nicht den Däumling, den— Knirps oder den Affen, ſondern er redete mit Vater und alt Mutter, daß er mich mitnehmen wollte, und das that! von er; und ſo reisten wir nach Norwegen und nach Däne⸗ von mark. Er zeigte mich für Geld, die Leute aßften mich an und gaben mir die Mütze voll Kupfergeld.“ „Und Du meinteſt, das war luſtig?“ woh „Ja wohl,“ antwortete der Däumling, welcher wäh⸗ ſehen rend des Geſpräches und beſonders, nachdem er mit Onkel 1 Janne's Hulfe aus der Höhle gekommen war, immer ehr⸗ Bbhafter und geſprächiger wurde,„es war munter 14, raihn Und bei den ſtolzen Erinnerungen erhob er ſeinen großen werk Kopf und ſtreckte die kleinen Gänſebeine. „Warum gingſt Du denn von Deinem Herrn?“ dern! nannte Selbſt⸗ roße⸗ vrache h hie⸗ -!“ der d über enigen, der die undlich wo es geſiel g, den ter und as that Däne⸗ en mich er wäh⸗ t Onkel immer unter!“ großen rn?“ 19 „Er wollte ſich in Ruhe begeben, ſagt' er, und als wir einmal hier vorbei kamen, ſo gab er mich der Mut⸗ ter wieder, die inzwiſchen Wittwe geworden war.“ „Und ſeit der Zeit biſt Du zu Hauſe geweſen?“ Der Däumling ſeufzte und nickte. „Warum iſt denn Dein Bruder ſo böſe gegen Dich?“ „Weil ich Vieles geſehen habe und Vieles erzählen kann; er dagegen hat nichts geſehen und kann mit nichts Anderem prahlen, als mit den Fäuſten.“ Onkel Janne lächelte; dann ſchwieg er einige Augen⸗ blicke und dachte nach über ſeinen alten Plan in Be⸗ treff eines Begleiters. Hier mußte derſelbe ausgeführt werden, wenn er jemals zur Ausführung kommen ſollte. Nicht zu reden von dem Umſtande, daß es ſich ſo gut paßte— Däum⸗ ling wurde ja nicht größer— ſo war es ohne Zweifel eine Pflicht, eine Gott wohlgefällige Handlung, dieſes arme Weſen von ſeinem bisherigen Leben zu befreien und zu einem nützlichen und zufriedenen Menſchen zu machen. „Komm mit mir 2 Deiner Mutter!“ ſagte Onkel Janne, der jetzt ſeinen Entſchluß gefaßt hatte;„ich will mit ihr reden. Will ſie Dich laſſen, und haſt Du ſelbſt Luſt, ſo nehme ich Dich mit!“ „Aber Murre auch! Wenn er auch erſt zwei Jahre alt iſt, ſo iſt er dennoch ſchon ſo klug und hält ſo viel von mir, daß ich mich in meinem Leben nicht gutwillig von ihm trenne.“ „Nun, ſo muß ich wohl auch den Murre mitnehmen!“ „Und dann,“ fuhr der Kleine fort,„bekomme ich wohl auch ſchöne Kleider? Wollen Sie mich für Geld ſehen laſſen?“ Nein, mein Junge, nicht für Geld! ich will Dich lehren, Gott zu fürchten; ferner ſollſt Du ſchreiben und rechnen lernen, und dann auch wohl eine Art von Hand⸗ werk, damit Du Dich ſelbſt ernähren kannſt, wenn ich Dir ſterbe.“ 1. „Ich nehme dieſe Bedingung gn!“ enſgegnete der Kleine mit feierlicher Würde.„Uebrigens ſollen Sie wiſſen, daß ich auch nicht ſo ganz unwiſſend bin, wenn ich auch nicht allzu gut leſen kann, wie der Prieſter ſagte, als er mich im letzten Frühlinge zum Abendmahl gehen ließ.“ „Du biſt alſo gottlob ein wenig bekannt mit den Wahrheiten des Chriſtenthumes?“ „Ja, verſteht ſich, ein wenig— und es wäre ſehr gut, wenn ich mehr lernte, doch.. ich ſoll wohl nicht immer mit dem Buche in der Hand ſitzen?“ „O nein, zum Theil wirſt Du Deine Bekanntſchaft mit Deinem aden Wanderleben erneuern— ich gehöre zu den Leuten, die bald hier, bald da Haus halten.. und dann ſollſt Du wohl auch einen hübſchen Anzug haben, worin Du glänzen kannſt, wenn wir des Sonn⸗ hug in der Kirche ſind oder auf einem Hofe uns auf⸗ alten.“ „Ja, wir werden ſchon einig, das höre ich wohl. Und da Mutter keinen höhern Wunſch hat, als zwei Eſſer los zu werden— wir haben Beide guten Appetit, Murre und ich— ſo läßt ſie mich wohl ſehr gerne fahren.“ Und das that Mutter wirklich. Sie knixte, dankte und ſegnete den guten, ehren⸗ werthen Herrn, der ihren armen Däumling nehmen und als einen ehrlichen Menſchen und nicht als einen Nar⸗ ren halten wollte, über den andere Leute lachen mußten. Nachdem zwiſchen Janne und der dankbaren Mut⸗ ter eine Art von förmlicher Uebereinkunft über den Kleinen und ſeine Zukunft getroffen worden war, ſo ſetzte unſer ehrenwerther Onkel ſeinen Wegeforh wenn auch nicht eben drei Mann hoch— denn Murre konnte natürlich für keinen Mann gelten— ſo doch wenigſtens drei Leben hoch. Und herzlich vergnügt war er, den kleinen, allzu kleinen Schatten neben ſeinem eigenen Rieſenſchatten zu ſehen, und überdieß ungemein inter⸗ 1 * 8 eſſir⸗ groß kleid der I dem wicht gewe. einen er zu treffl L den K Ereig mußte Tag ( dem 1 — und neben dem 6. Primu Y den K Schrif verkün fortan E 4 nicht, eine g anzufa 4 1 3 8 2 D. — 8 genen inter⸗ 21 eſſtrt von den ſtolzen Erzählungen des Kleinen an den großen Beſchauungstagen, da er in Roth und Gold ge⸗ kleidet auf Hunden und Bären geritten hatte. etzt war nur noch eine Frage übrig, nämlich, wie der Däumling heißen ſollte, denn dieſer Name gefiel weder dem Beſitzer, noch auch dem neuen Herrn und Gebieter. Nachdem Onkel Janne, der dieſe Frage für ſehr wichtig hielt, dieſelbe nach allen Seiten gedreht und gewendet hatte— er wollte nämlich, daß der Name einen beſtimmten Begriff ausdrücken ſollte— ſo hatte er zuletzt eine Idee, welche ihm gar ſehr gefiel. „Ich will ihn Minus“) heißen; das paßt vor⸗ trefflich und klingt gut. Nun aber hatte der Onkel die Gewohnheit, daß er den Kalender viel zu Rathe zog, und alſo, da das wichtige Ereigniß des Tages auf jeden Fall angezeichnet werden mußte, ſo konnte er ja nachſehen, welchen Namen der Tag führte. Geſagt, gethan: der Kalender tauchte hervor unter dem Unzähligen in der großen Rocktaſche des Onkels — und ſieh, was iſt es wohl für ein Name, auf den jetzt neben dem neunten Juni der Zeigefinger deutet, und dem Suchenden recht in die Augen fällt? Primus... ja, wirklich— der Tag hieß Primus!**) Mit einer gewiſſen Ehrfurcht machte Onkel Janne den Kalender wieder zu, und gedenkend der Worte der Schrift: die Letzten ſollen die Erſten ſein, und umgekehrt, verkündigte er dem Däumlinge ſeinen Entſchluß, er ſollte fortan Primus heißen. Eine Erklärung über den Namen gab er jedoch nicht, denn er merkte ſehr wohl, daß der kleine Mann eine große Portion Hochmuth beſäße, die man nicht anzufachen brauchte. Von dieſem Tage an hatten Onkel Janne, Primus ) Der(das) Kleinere. **) Der Erſte, Vornehmſte. und Murre, welcher letztere ebenfalls an allen vortreff⸗ lichen Eigenſchaften zunahm, ein unzertrennliches und herzlich vergnügtes Leben mit einander geführt. Zwar iſt es wahr, daß Primus als Ranzenträger keine Dienſte leiſten konnte— denn der Ranzen reichte ihm bis auf die Ferſen herab— ſtatt deſſen aber mußte Murre den Pfefferkuchenbeutel und Primus den Herbariumporteur tragen, wodurch die Bürde des Herrn doch wenigſtens ſtrei etwas leichter wurde. Um Murre's Verdienſt und Aufopferung aber nicht den allzu übermenſchlich zu machen, müſſen wir erwähnen, und daß die Pfefferkuchen in einen ledernen Beutel gelegt waren, ſo daß Murre zur Bewahrung ſeiner Tugend tete nur von dem Geruch in Verſuchung geführt wurde. 3 Und ein kleiner und luſtiger Zug war es, wenn man dieſe Drei ſah: Murre an der Spitze— darauf Onkel Janne mit 4 dem Ranzen und dem Wanderſtabe und neben ihm güte Primus mit dem Porteur auf dem kleinen Rücken und vergr dem Portefeuille auf der Bruſt. Wie munter plauderte niß nicht der Herr mit ſeinem kleinen Geſellſchafter, und den 4 welche Feſtlichkeit in den Ruheſtunden, wenn Alle in Anſe der Nähe einer belebenden Quelle lagerten. der E Nur um des Reſpectes willen und damit nicht. Primus, ſigürlich geredet, ſich ihm auf die Naſe ſetzte, hatte Onkel Janne ſich zuweilen gezwungen geſehen, ſcheir gegen den Herrn Primus einen ſehr hohen Ton anzu⸗ blickl ſchlagen. Aber, um die Wahrheit zu ſagen, kehrte dieſer ſich nicht viel daran, wenn er auch ſeinen Herrn über Alles auf Erden liebte und lieber alles Mögliche über zur 9 ſich ergehen laſſen, als ihm Verdruß machen wollte. Hielt des J man ſich jedoch zu Hauſe in Grandalen auf, ſo war es ſeine Herr Primus, welcher den Gebieter über die Colonien in ein ſpielte, zu gleicher Zeit aber auch ihre Spielpuppe warg denn er nahm es nicht ſo genau, mit ſeiner Wüͤrde und mein geſtattete es, daß man üͤber ihn lachte. 3 i4 tr aallein rtreff⸗ 3 und Zwar HDienſte is auf re den vorteur igſtens r nicht ähnen, gelegt Lugend de. wenn ane mit en ihm ken und lauderte er, und Alle in E nicht ſe ſetzte, geſehen, in anzu⸗ te dieſer ern über che über e. Hielt war es Colonie ppe war ürde und Viertes Capitel. Dagby. Heimathliche Napporte. „Was nun, Mosje Primus! was gibt's? Warum ſtreifft Du um dieſe Zeit mit Murre umher?“ Mit dieſen Worten redete Onkel Janne ſeine bei⸗ den Anhängſel an, als er durch das Kirchhofthor trat und ſich von denſelben umgeben und bewacht ſah. „Wir ſind nicht umhergeſtreift, Herr,“ antwor⸗ tete Primus, indem er mit einer Miene von Bangigkeit vor dem barſchen Tone weit zurückſprang; wir haben hier ganz ruhig und ſtill geſeſſen und gewartet!“ Primus, der, wie er ſelbſt behauptete, ſeinen Herrn „auswendig und inwendig“ kannte, hatte die Herzens⸗ güte oder vielmehr den Takt, eine von den Lieblings⸗ vergnügungen deſſelben zu erfinden, um ſeine Betruͤb⸗ niß 5 zertheilen. Ein ſolches Lieblingsvergnügen für den Onkel Janne war es immer, wenn er durch ſein Anſehen den Primus in eine kleine heilſame Angſt vor der Strenge des Herrn verſetzen konnte. Sobald jedoch die gute Seele in dem großen, gut⸗ müthigen Geſichte des Wriens nur den geringſten An⸗ ſchein davon zu bemerken glaubte, ſo war er augen⸗ blicklich zufrieden und hatte keine Luſt mehr, ſeine Macht noch weiter zu ſteigern. Jetzt war Onkel Janne überdieß um ſo geneigter zur Nachſicht, als die raurige und demüthige Stimme des Primus ſowohl ſeine warme Theilnahme, als auch ſeine Unruhe darüber v ieth, daß er dieſe Theilnahme in einem allzu hohen Guͤnde gezeigt haben möchte. „Nun, Du brauchſt eben nicht ängſtlich zu werden, mein Junge! ich will Dich nicht ängſtigen! Aber wenn ich traurig bin, ſo will ich meine Traurigkeit für mich allein behalten.“ „Das wollen Sie wohl, Herr; wenn Sie aber fließt immer etwas über, das auf meinen traurig ſind, ſo Antheil kommt.“ „Wie ſo? Ich habe Dir doch wohl kein einziges böſes Wort geſagt?“ Geſagt? Was wäre darüber weiter zu ſagen? Eine Betruͤbniß iſt eine Betrübniß, und wenn Sie eine ſolche im Herzen haben, ſo können Sie ſie nicht beſſer einſchließen, als daß ich ſehe, wie ſie aus den Augen herausguckt. Nun, da bekomme ich meinen Antheil— denn ich bin gleichſam ein kleiner Zweig von Ihnen— und dann erhält Murre den ſeinigen, denn er iſt gleichſam ein Stück von mir, und ſo geht es zu, daß weder Murre noch ich zu Hauſe in Ruhe bleiben konnen, wenn Sie gehen und in der Betrübniß umherſchweifen.“ Onkel Janne lächelte— dieſes Lächeln entſprang aus ſeinem Herzen. „Dank, Primus! es liegt ein freundlicher Troſt in Deinen Worten, ſo daß mir beſſer zu Muthe iſt. Do komm nun und laß uns nach Hauſe gehen!“ Primus und Murre zogen ſich ein wenig zurück. Onkel Janne ging langſam voran, ſtand aber von Zeit zu Zeit ſtille, um das ſchöne Gemälde zu betrachten, welches er vor Augen hatte. Unterhalb eines von jenen Bergen Wermlands, welche mit dem„ewigen Walde“ als Mantel ihren Fuß in dem Gewäſſer der Klarelf baden, war der Ort für das Hüttenwerk Dagby gewählt worden, und von Zeit u Zeit erweitert, ſtellte es ſich jetzt dar, wie ein kleiner Plecken zwiſchen den Bergen. Eine gewölbte Brücke führte über den Fluß in einen von ſchlängelnden Alleen durchſchnittenen Park, an deſſen rechter Seite die Schmieden, mit den Wohn⸗ rothen ſpitzwink⸗ ligen Dächer über die ſchäumenden Waſſerfälle erhoben. In der Nähe der Brücke minderte jedoch der Strom ſeinen Ungeſtüm, und vertheilte ſich zur Linken in einen ruhi⸗ häuſern der Arbeiter hinter ſich, ihre en Spiegel um den Vorſprung. auf welchem das Herrenhaus mit ſeinen gelben Steinmaſſen, langen wirkli Onkel in Bo bis e gekom nen 4 zur 9 ſ agte gebäu antwe einen ziges igen? eine beſſer lugen eil— ien— chſam Nurre n Sie prang doſt in Doch zurück. r von achten, alands, n Fuß ört für on Zeit kleiner luß in Park, Wohn⸗ itzwink⸗ rhoben. nſeinen en ruhi⸗ em das langen 1 9 1 25 Terraſſen und ſchattenreichen Gärten den Herrſcherplatz einnahm. Das Leben, welches von dem Geklapper der Häm⸗ mer, dem Gebrauſe der Waſſerräder und dem Geraſſel der Karren an den Bergen wiederhallte, war mit den letzten Tönen aus den Hörnern der Hirten erſtorben. Es war die Nacht vor einem Sabbathstage, und die ganze Gegend, magiſch beleuchtet von dem klaren Mondſchein, lag verſenkt in den Frieden der Ruhe. Verſunken in der Anſchauung dieſer nordiſchen Landſchaft ſtand Onkel Janne und lehnte ſich an das maſſive Gitterwerk der hochgewölbten Brücke. 1 Nachdem ſeine Blicke lange auf dem Kirchhof am andern Ufer geruht hatten, ſenkte er ſie auf den Silber⸗ fluß hinab, in welchem ſowohl das prächtige Herren⸗ haus mit ſeinen breiten Fenſterreihen, als auch die Kirche mit ihren gewaltigen Pappeln ſich abſpiegelten; zuletzt aber weilte ſein Auge auf dem Waſſerfalle, deſſen hüpfende Perlen, vor Kurzem noch blutfarbig durch die Feuer⸗ funken aus den Schornſteinen, jetzt erblichen, leuchteten gleich Funken, die von der hellen Fackel dort oben herab⸗ gefallen waren. „Meinen Sie nicht, Herr,“ begann Primus, indem er den Onkel Janne leiſe beim Aermel zog,„daß es iſt, als hätten Sie im Regen gelegen? Der Nachtthau iſt wirklich naß.“ „Ach ſo! Du meinſt, ich vergeſſe mich!“ entgegnete Onkel Janne, indem er ſich ohne weitern Verzug wieder in Bewegung ſetzte, und nun nicht eher anhielt, als bis er durch die lange, dunkle Allee an das Gitterthor gekommen, und auf den von hohen Linden eingeſchloſſe⸗ nen Hof getreten war, wo er auf das Flügelgebäude zur Rechten zuſchritt. „Wer kann wohl um dieſe Zeit noch auf ſein?“ ſagte Onkel Janne, indem er auf ein Fenſter des Haupt⸗ gebäudes deutete. „Das Licht iſt in dem Zimmer des Fräuleins Edith,“ antwortete Primus, der Alles wußte. „O nein! Edith wohnt ja im weſtlichen Giebel.“ „Ja, Herr, dort wohnte ſie, als Sie zuletzt hier waren; doch Fräulein Edith iſt längſt mit jenem Zim⸗ mer unzufrieden geweſen. Seit dem Frühlinge hat ſie bis vor wenigen Tagen im Pavillon gewohnt, und jetzt iſt ſie in die Ecke der Staatswohnung gezogen. In dieſem Augenblicke wohnen Fräulein Olga und die Gou⸗ vernante in Fräulein Edith's alten Zimmern.“ „Alles weißt Du, Primus!“ „Das kommt daher, Herr, daß Alle gern mit mir plaudern.„O, guten Tag, Primus!— Willkommen, Primus!— O, der Tauſend, biſt Du da, Primus! le Und ſo frage ich nach Dieſem und Jenem— das iſt ja nicht unrecht, wenn Einer in runden neunzehn Mo⸗ naten nicht an einem Orte geweſen iſt, wo es Einem ſo ſehr gut gefällt?“ „Ach ſo, es gefällt Dir alſo auf Dagby?“ „Ja, Herr, ſo gut, daß ich, wenn es Ihnen nur halb ſo gut hier geſiele, bis an meinen Tod hier bleiben möchte. Doch, das iſt wahr: Sie waren heute Abend kaum ausgegangen, ſo kam Fräulein Edith an unſer Fenſter und klopfte an eine Scheibe.“ „Wollte ſie von mir etwas?“ „„Biſt Du da, Onkel,“ ſagte ſie,„ſo komm und ſetze Dich hier ein wenig mit mir unter die Linden!..“ „Ich bitte um Verzeihung, Fräulein!“ ſagte ich, und huͤpfte hinauf auf das Fenſterbret,„aber ich glaube, daß mein Herr jetzt allein ſein will, denn er ging nach dem Kirchhofe hin.“ „Gut, gutt ich treffe ſie wohl morgen!“ Onkel Janne ſtieg die Treppe hinauf und trat in ſeine Zimmer. — „Ja, aber Herr,“ fuhr Primus fort, der nachge⸗ watſchelt kam,„ich hatte noch nicht ausgeredet!“ „Nun, was gab's denn weiter?“ „Nachdem das Fräulein lange mit mir— denn ſehen Sie, das Fräulein und ich, wir ſind immer gute Freunde geweſen— darüber geredet hatte, wie es uns in di „Gut morg Sie i beſtin Kam! Korb Mal rekel ſchma 1. kannſ nicht, Geda gange gnädi Woll . 1 in de f 1 fürzli ging, gewiß Flug⸗ 1 der 1 9) ebel.“ hier Zim⸗ at ſie jetzt . In Gou⸗ it mir umen, 61.l4 as iſt Mo⸗ Einem en nur bleiben Abend unſer m und en!.. hi, und glaube, ig nach trat in nachge⸗ 4 — denn ner gute es uns 27 in dieſem ganzen Jahre gegangen wäre, ſo ſagte ſie: „Gute Nacht, Herr Primus! laß mich ſehen, daß Du morgen den Jonsſon recht in Verzweiflung ſetzeſt!“ Sie iſt ſo ſcherzhaft, Fräulein Edith, ſie glaubt ganz beſtimmt, daß ich ſeit alten Zeiten entzückt bin über die Kammerjungfer Lotta, die dem Jonsſon zweimal den Korb gegeben hat und ihm wohl auch noch zum dritten Mal einen geben kann. Lotta mag ſolche lange Kutſcher⸗ kahe nicht leiden, denn ſie hat einen viel beſſeren Ge⸗ ſchmack?“ „Haſt Du mir nichts Anderes zu verkündigen, ſo kannſt Du nur zu Bette gehen, Du Dummerjan!“ „Vergeben Sie, Herr; es war meine Meinung nicht, Seitenſprünge zu machen, das geſchah nur ſo in Gedanken; ich wollte nur ſagen: als das Fräulein ge⸗ gangen war. ſo kam Lotta mit dieſem Brief von der nädigen Frau. 3„Gut; ich werde ihn wohl morgen leſen können!“ „Gute Nacht, denn, Herr! Komm, Murre!.... Wollen Sie Licht, Herr?“. „Nein! Doch ſieh, wer zündet um dieſe Zeit ſchon in dem andern Flügelgebäude Licht an?“ „Das weiß ich, Herr!“ „Nun?“ „Es iſt der neue Bruksverwalter.*) Er war erſt kürzlich nach Hauſe gekommen, als ich mit Murre aus⸗ ging, um zu ſehen, wo Sie geblieben waren. Er kann gewiß nicht ſchlafen, da er wieder Licht angezündet hat.“ „Der Bruksverwalter hat ja immer hier in dieſem Flügel gewohnt?“ „Ja, das war der alte. Doch, ſehen Sie, Herr, der neue iſt ein ſolcher Herr, glaube ich, daß er im ) Ein Hüttenwerk heißt auf ſchwediſch Bruk; der Beſitzer deſſelben Brukspatron, und der Verwalter Bruksver⸗ walter. Wir haben hier und im Folgenden vieſe Titel beibehalten, weil ſie beſſer klingen, als eine Ueberſetzung derſelben. Anmerk. d. Ueberſ. Kaiflügel wohnt— ſo nenne ich ihn, denn es iſt ſo abſcheulich lang, Kavalierflügel zu ſagen Doch, gute Nacht, Herr! eine angenehme Nacht!“ Als Onkel Janne am folgenden Morgen nach einer— trotz den Wünſchen ſeines Primus— gar nicht angenehmen Nacht erwachte, ſo war der erſte Gegenſtand, auf den ſein Blick ſiel, das kleine Billet der Hofräthin. Gähnend und etwas murmelnd von der Sonder⸗ barkeit zu ſchreiben, da man zu jeder Stunde mit einan⸗ der reden könnte, ſtreckte er die Hand aus nach dem zierlichen Dreiecke, erbrach daſſelbe und las: „Lieber Schwager Janne! In unſerem allzu zahlreichen Abendkreiſe finde ich keine Gelegenheit, Dir zu ſagen, wie ſehr ich mich nach einer vertraulichen Unterredung ſehne, und da Du vermuthlich Deiner alten Gewohnheit folgſt und nicht beim Frühſtück ſichtbar biſt, ſo muß ich Dich auf dieſe Weiſe um die Güte bitten, mir morgen gegen elf Uhr im Pavillon einen Augenblick zu ſchenken, falls Du nicht in die Kirche gehſt. „ Aurora.“ „Was ſoll's nun geben?“ ſagte Onkel Janne mit einer Miene, welche auf alles Mögliche, ausgenommen auf Entzücken über dieſe Zuſammenkunft, hindeutete. Inzwiſchen ließ dieſelbe ſich nicht ausſchlagen, und ich obgleich der alte Mann höchſt ungerne die Kirche ver⸗ ſäumte, ſo wollte er dennoch der Wittwe ſeines Bruders keinen Anlaß geben, ſich über Mangel an Theilnahme zu beklagen.. Um jedoch die Wahrheit und Onkel Janne's eigene, innerſte Gedanken zu ſagen, ſo ſchien es nicht eigentlich mit ſein Gelegenh ſeine An die Wittwe zu ſein, welche in ihrer Betrübniß Theil⸗ nahme ſuchte Die Hofräthin trauerte, oder richtiger geſagt, hatte um ihren Mann ſo viel getrauert, als mit ihrer wegs konnte gebroc ſich in gewiß behalt daß di hat!“ eigener wie oft barkeit in Betre Sonnenf wegs der Blute de ſtets in iſt ſo Doch, nach nicht ſtand, äthin. onder⸗ inan⸗ h dem de ich ) nach a Du nicht f dieſe if Uhr 8 Du d.“*t ne mit mmen ete. , und ze ver⸗ ruders nahme eigene, hentlich Theil⸗ ichtiger ls mit 29 ihrer Natur übereinſtimmend war. Sie war aber keines⸗ wegs die Frau, welche mit einem brechenden Herzen leben konnte, und noch viel weniger die, welche mit einem gebrochenen ſtarb. Und falls nicht vielleicht das Leben ſich in allzu verwickelten Formen geſtaltete, würde ſie gewiß immer ihre ruhige Kälte, ihr gefaßtes Weſen bei⸗ behalten. „Ich kann es nimmermehr in meinen Kopf bringen, daß dieſe Frau den ſeligen Franz recht glücklich gemacht hat!“ dachte Onkel, indem er es gleichwohl zu ſeiner eigenen Beruhigung dabei in's Gedächtniß zurückrief, wie oft Franz mit Ausdrücken der Zärtlichkeit und Dank⸗ barkeit von ſeiner Gattin geredet, und es ſogar Janne zum Vorwurf gemacht hatte, daß dieſer ſie ſo unge⸗ recht beurtheilte. „Nun, Du mein Herr und Gott!“ fuhr die fromme Seele fort,„ich hege ja keinen höheren Wunſch, als daß ich der ungerechteſte Menſch von der Welt geweſen ſein möge. Vielleicht bin ich es auch wirklich geweſen, vielleicht bin ich es jetzt noch. Ja, ich fürchte, daß ich immer ein Vorurtheil gegen Aurora gehegt habe. Und obgleich ſie ohne Zweifel meine Ueberzeugung beſtechen will, um mir auf irgend eine Weiſe zu dienen, ſo will ich dennoch ſchlau und glatt ſein wie ſie ſelbſt, und mich wenigſtens beſtreben, Geduld zu zeigen.“ Man könnte vielleicht glauben, daß dieſes Gelübde in Betreff der Geduld, welches er ſich ſelbſt gab, ſo ziemlich überflüſſig war, da es einem Manne galt, wel⸗ cher, gleich unſerem Onkel, ohne Galle, ohne Selbſt⸗ ſucht, ohne Reizbarkeit geboren zu ſein ſchien, welcher— um uns kurz zu faſſen— das Bild eines beſtändigen Sonnenſcheins darzuſtellen ſchien. Doch war dieß keines⸗ wegs der Fall: der ganze kleine Zorn, welcher in dem Blute des Onkels Janne verborgen liegen konnte, kam ſtets in Gahrung, ſobald er in eine nahe Berührung it ſeiner Schwägerin kam, welche bei einer ſolchen Gelegenheit, ſie mochte ſagen was ſte wollte, immer eine Antipathie weckte und ihn gegen ſeinen Willen an — —O—————— 30 das Sprüchwort erinnerte: Greife die Katze nicht ohne; Handſchuhe an! nich Sein Ideengang wurde durch die Ankunft des Pri⸗ ſpioꝛ mus mit den feingebürſteten Sonntagskleidern unter⸗ t brochen— an den Wochentagen trug der Onkel während Re 4 des Sommers nie andere Kleider, als ſeinen Rock von aff Wadmal*) und ſeine Beinkleider von Hanfleinwand— die Ankunft des Primus, ſagen wir, unterbrach ſeinen unte Ideengang und leitete denſelben in einen neuen Kanal. geſa „Ich höre einen Wagen! Wer reist ſo früh ab? zie Iſt es einer von den Freiern, ſo gebe ihm Gott eine helle glückliche Reiſe!“ 2Lls „Ja, der Tauſend auch,“ entgegnete Primus, in- a dem er auf einen Stuhl kletterte, das Fenſter öffnete uf und ſich, um beſſer ſehen zu können, in daſſelbe legte— kels „es iſt nur der neue Bruksverwalter, welcher in dem geric Jagdwagen abkutſchirt. Nein, Herr, die Freier des kwi Fraͤuleins Edith ſind klüger. Aber, Herr Du mein 8 Gott! daß ſie, die ſo ſchön iſt, als wäre ſie unter den Diej übrigen Blumen im Roſenquartier aufgewachſen und bene⸗ eben erſt abgebrochen worden, damit man daran riechen felter kann, daß ſie ſolche Vogelſcheuchen nur anſehen will— Schn ft, fi, fi!“ „Lege Du Dich nicht in ſolche Dinge!... Jeder lu Menſch hat ſeinen Geſchmack.“ daß gebie 3 „Das iſt wahr, Herr, und ich bin überzeugt, ſum auch die Gouvernante ihren Geſchmack hat. Ich glaube, daß ſie ſich jetzt bald den Hals aus dem Ge⸗ Anſ lenke ſtreckt, um den Bruksverwalter verſchwinden zu p ſehen, da er um die Ecke biegt. Nun, nun, ich tadlet ande auch ihren Geſchmack nicht, denn ewiß iſt er beſſer, als der Fräulein Edith's... Doch wahrhaftig, Fräuleinß keit Edith iſt auch ſchon auf und zieht die Gardine in die angel Höhe... Ja, wirklich: ich erkenne ihre kleine, weiße f In Seidenhand.“.“ *) Grober, wollener Zeug. Anmerk. d. Ueber t ohne 8 Pri⸗ unter⸗ ährend ck von and— ſeinen Kanal. ih ab? btt eine s, in⸗ öffnete legte— dem er des mein ter den en und riechen will— nden zu ich tadle r beſſer, Fräuleint e in die „weiße eberſ. 31 „Willſt Du Dich hinunter packen, Schlingel, und nicht länger im Fenſter hangen, um auf die Damen zu ſpioniren!“ „Gleich, Herr, im Augenblik! Ich muß doch hin⸗ unter und der Kammer⸗Lotta aufmachen, die mit dem Kaffee getrippelt kommt!“ Einige Stunden nach der angeführten Morgen⸗ unterhaltung ſpazierte Onkel Janne— der, in Parentheſe geſagt, ein ausgezeichnet angenehmer Mann in den Sechs⸗ zigen, ohne ein graues Haar in ſeinen ſchwarzen Locken war— friſch raſirt in ſeinem breiten, ſchwarzen Frack, hellgrauen Sommerbeinkleidern und in einer von ſeinen aller vortrefflichſten Weſten vor dem Pavillon im Parke auf und ab. Es iſt zu bemerken, daß der einzige Luxus des On⸗ kels Janne in einer ganzen Serie von wunderlich ein⸗ gerichteten Weſten beſtand. Ja, jede derſelben hatte gewiß zehn größere und kleinere Taſchen, dafür waren ſie aber auch ſämmtlich von einer reſpectablen Länge. Diejenige, welche er heute trug, war von pfirſichfar⸗ benem Corderoi mit zwei Reihen blanken und gewür⸗ felten Knöpfen, welche ſowohl die Farbe, als auch den Schnitt ungemein erhöhten. Ein weißes Halstuch mit flatternden Ecken, ein gelbgeblümtes ſeidenes Schnupf⸗ tuch und ein Hut von unbeſtimmtem, jedoch Ehrfurcht ebietendem Alter— im Allgemeinen trug Onkel Janne immer eine lederne Mütze— vollendeten die Tollette, eine der ausgeſuchteſten, die der Onkel mit ſeiner großen Anſpruchsloſigkeit ſich jemals erlaubte. Einige Minuten vor elf Uhr näherte ſich von der andern Seite eine dunkelhaarige, hohe, ſtattliche Dame. Es war die Hofräthin, welche mit großer Leichtig⸗ keit ihre fünfzig Jahre trug. Ihre Wuͤrde ſchien ihr angeboren zu ſein, und ihr Geſicht, das wohl niemals ſchön genannt zu werden verdient hatte, beſaß dennoch einen feinen und vornehmen Ausdruck. Sie grüßte ihren Schwager mit Anmuth; aber als wärf keine Zeit zu verlieren, nahm ſie augenblicklich den mitgebrachten Schlüſſel, und in dem nächſten Augen⸗ blicke zeigte ſich das elegante Innere eines jener ſo netten und luftigen Gebäude, welche ein ſo entzückendes Mittelding zwiſchen Wohnhäuſern und Luſthäuſern ſind. Dieſes war auswendig faſt ganz von Epheu bedeckt, zwiſchen deſſen dunklen Bläͤttern hie und da eine pur⸗ purne oder ſchneeweiße Roſe ihr Haupt erhob. Fünftes Capitel. Die Beſchuldigungen. Die Hofräthin verſchloß die Thüren des Pavillons 8 einer Sorgfalt, als gälte es ein geheimes Stell⸗ ichein. „Nun, Frau Schwägerin?“. Onkel Janne ſah ſich mit einer gewiſſen Aengſt⸗ lichkeit um. Er hatte ſchon ein Vorgefühl von der Un⸗ annehmlichkeit, welche das Wubſichtigte Vertrauen ihm trotz aller ſeiner guten Vorſätze ganz gewiß bereiten würde. „Nimm Plas, lieber Schwager!“ 1 „Ich ſitze! Was weiter?“. „Ich fühle in der That ein Bedürfniß, mein Herz zu erleichtern, um einen guten Rath zu erhalten.“ „Den werde ich nach beſten Kräften geben.“ „Und Dein Urtheil, mein beſter Janne, iſt immer gut und klar geweſen, wenn Du es recht haſt anwenden wollen!“ Ohne direct darauf zu antworten, begann Onkel Janne das alte Lied zu ſummen: „Miau, miau, ſagt' die Katze“— Die Hofräthin biß ſich auf die Lippe und chlug einen andern Ton an „Ich habe oft bei mir ſelbſt gedacht, wenn die untere dillons Stell⸗ lengſt⸗ er Un⸗ n ihm würde. n Herz immer wenden Onkel ſolug e untere 33 Klaſſe, ja wenn ſogar nur die Bürgerklaſſe ein einziges Mal in die Verhältniſſe der vornehmeren Familien blicken, und alle dieſe bitteren Schmerzen ſehen könnten, die unter dem Lächeln verſteckt liegen, ſo würden ſie unſern Reich⸗ thum, unſern Lurus, unſere in Livreen gekleidete Diener⸗ ſchaft, unſere Pferde und Wagen, was jetzt Alles mit einander ihren größten Neid erweckt, mit geringerem Aerger betrachten.“ „Das iſt mir eine ſonderbare Vorausſetzung!“ „Wie ſo?“ „Weil ſie anzudeuten ſcheint, daß jene bittern Schmer⸗ zen, welche unter dem Lächeln verſteckt liegen, für ſie neue Bekanntſchaften ſein ſollen.“ „O nein, das eben nicht! Ich weiß ſehr gut, daß auch ſie ihr Kreuz haben, doch.. 49 „Entſchuldige, Frau Schwägerin; doch wenn wir fortfahren wollen, nichts mehr von dieſer Art! Glaube mir, die Welt hat Rangunterſchiede genug, ohne daß man nöthig hat, die Schmerzen zu elaſſificiren, und es iſt ſchändlich, wenn man glaubt, daß ſie eine höhere Theilnahme wecken werden, weil ſie in einer Bruſt leben, die auswendig gleich der Deinigen mit Juwelen bedeckt iſt. Dieſe Broche und dieſe Uhr da würde hin⸗ reichen, die Lumpen von mehreren Dutzenden leidender Mitmenſchen mit reinlichen Kleidern zu bedecken, und dadurch wenigſtens einem Theile ihrer Schmerzen ein Ende zu machen.“ „Mein lieber Janne, man darf nicht auf Dich zäh⸗ len— Du biſt immer ein Träumer geweſen!“ „Meinethalben! Auf jeden Fall bin ich der Mei⸗ nung, es ſei beſſer, das Leben zu verträumen, als zu verſchnarchen,“ „So, ſo! ereifere Dich jetzt nur nicht!“ „So rede doch etwas Vernünftiges, meine liebe Aurora!“ „Ich bin überzeugt, daß Du trotz aller Deiner Son⸗ derbarkeiten mich dennoch ſehr liebſt.“ „Hm!“ Ein launenhaftes Weib. I. Der ehrliche Mann war nicht im Stande, ſeine kleinen freundlichen grauen Augen auf die Redende zu eften. „Sollte Dir nicht die Wittwe Deines Bruders am Herzen liegen, Dir?“ „Ja wohl, wenn ſie meiner herzlichen Theilnahme nöthig hätte— doch, was ſehlt Dir denn?“ „Zuerſt und vor allem Er, der nie zurückkehrt, deſ⸗ 1 ſen ganzes Glück ich war, und der auch mein ganzes Glück bildete von dem Tage an, da wir unſere Gelübde austauſchten, bis zu jenem, da ſeine liebevollen Augen ſich auf immer ſchloſſen.“ „Ich bitte um Verzeihung; aber ich meine, dieſe Sache kann wirklich eine Berichtigung zulaſſen.“ „Berichtigung!“ rief die Hofräthin aus.„Ich glaubte, Gott und die ganze Welt hätten gewußt, wie glücklich unſere Ehe geweſen iſt!“ „Was die Ehe betrifft, ſo glaube ich gewiß, ſie iſt ſo glücklich geweſen, wie ſie werden konnte, da Ihr Euch in einem Alter verheirathetet, in welchem Geſetzt⸗ heit und Ruhe auf die erſten heftigen Gefüͤhle gefolgt waren; daß jedoch der ſelige Franz von dem Tage an, da Ihr Eure Gelübde austauſchtet, nicht das einzige Glück ſeiner fünfzehnjährigen Braut ausmachte, das geht am Beſten daraus hervor, daß Du trotz Deines großen Reich⸗ thums ſelbſt dreißig Jahre alt wurdeſt und er beinahe vierzig, ehe etwas aus der Hochzeit werden konnte.“ „Das hatte ſeine triftigen Gründe.“ „Ja wohl; der Grund war, daß Franz ſich erſt einen klingenden Titel ſchaffen mußte. Während er aber unter der eifrigſten Sklavenarbeit darauf wartete, ver⸗ ſchwanden fünfzehn Jahre, die beſten Jahre Eueres Le⸗ bens, die Ihr hättet beſitzen und genießen können, wäh⸗ rend Ihr noch im Stande waret, Euere Jugend zu ge⸗ nießen.“ Bei dieſen ſtrengen und allzu wahren Erinnerungen 3 ſtahl ſich eine Thräne in die Augen der Frau Aurora „Es war ſo übel nicht gemeint, liebe Schwägerin nein weich ſeine nahr nach leich groß kenn blieb ſeine Abſi⸗ Hofr buhl konn unſer genel größ. lung⸗ mein kein einig mir . waru leu? ſehen ber 9 vorau 1 heit; bring ſeine nde zu rs am nahme rt, deſ⸗— ganzes Helübde Augen , dieſe glaubte, glücklich „ſie iſt da Ihr Geſetzt⸗ gefolgt an, da ge Glück geht am a Reich⸗ beinahe ie.“ ſich erſt er aber te, ver⸗ teres Le⸗ n, wäh⸗ d zu ge⸗ eerungen Aurora vägerin * 8— 3⁵ nein, das war es nicht!“ Onkel Janne's Herz wurde weich, und dieſe gemilderten Gefühle ſpiegelten ſich in ſeinen Blicken ab, welche jetzt mit unverkennbarer Theil⸗ nahme auf der Gattin ſeines Bruders ruhten. „Wenn ich nun zugebe,“ entgegnete die Hofräthin nach einigem Beſinnen,„daß ich der Eitelkeit oder viel⸗ leicht richtiger dem Hochmuthe in meiner Jugend zu großen Eingang geſtattete, ſo wirſt Du wenigſtens er⸗ kennen, daß ich immer conſequent geweſen bin. Ich blieb meiner orſten Liebe treu.“ „Ja, das bliebſt Du trotz aller Verſuchungen.“ Dieſe kleine Artigkeit war berechnet, die Bitterkeit ſeiner vorigen Aeußerungen zu überzuckern, und dieſe Abſicht erreichte er vollkommen; denn es ſchmeichelte der Hofräthin, daß ihr Schwager wußte, wie viele Neben⸗ buhler der ſelige Franz gehabt hatte. „Dank, Jannel! ich wußte wohl, daß Du billig ſein konnteſt. Um nun aber auf den eigentlichen Gegenſtand unſeres Geſpräches überzugehen, ſo urtheile, wie unan⸗ genehm es für mich ſein muß, die ich immer in meinen größten und in meinen kleinſten Entſchlüſſen und Hand⸗ lungen beſtimmt und feſt geweſen bin, daß ich in Edith meinen vollkommenſten Gegenſatz erwachſen ſehe.“ Nach einer ſo langen Abweſenheit kann ich noch kein Urtheil über Edith haben. Ich ſah ſie geſtern nur einige Stunden; doch da— ich geſtehe es— kam ſie mir ſfüß und einnehmend vor.“ „Ja, das war eben gerade ihre Laune... Doch warum willſt Du im Uebrigen den Ausweichenden ſpie⸗ leu? Du haſt wohl bei Deinen jährlichen Beſuchen ge⸗ ſehen mwie ſie iſt?“ „Wohlan denn, da Du eine volle Aufrichtigkeit lie⸗ ber haſt! Sie iſt geworden, wie ich's vor zehn Jahren vorausſagte.“ „Geſchwätz!“ Das iſt kein Geſchwätz, ſonderu die reine Wahr⸗ heit; doch die Mütter können es nie in ihren Kopf bringen, daß ſie mit ihrem Gehätſchel unt ihrer Ver⸗ götterung, wenn die Kinder klein ſind und Eindrücke wie Wachs annehmen, etwas Böſes zu Wege bringen.“ Weſe „Das alles gehört jetzt nicht hieher!“ damit „Ja, eben das gehört hieher! That oder ſagte ſie ſter a damals wohl etwas, ſo vertrakt und naſeweis es auch„ ſein mochte, das Du nicht für liebenswürdig und witzig hafte erklärteſt? Wenn ſie für ihren Eigenſinn eine paſſende eigent Strafe hätte haben ſollen, ſo hieß ſie ein Engel; wen„ ſie in einer Stunde mehrmals ihren Geſchmack änderte, heit, ſo wurde ſie wegen ihrer Seelenfülle und Lebhaftigkeit 2 bewundert. Was von dem Allem zu erwarten war, das hat, ſ iſt ganz richtig eingetroffen: ſie iſt Dir über den Kopf Jeman gewachſen.“„ „Wähle doch Deine Worte beſſer, Janne! Mir über„0 den Kopf gewachſen?... Nein, ich will ſie regieren, wenn; ich will ihr zeigen, daß ich es kann!“ „Das hatteſt Du verſuchen ſollen, da es noch Zeit gen M war; jetzt...“ ganze „Wie?“— Die Wangen der Hofräthin ſprangen„1 von ihrer gewöhnlichen Mohnfarbe in den grellſten Kar⸗„T moiſin über—„Du bezweifelſt meine mütterliche Macht?“ tich i „Ja, ein wenig!“ „Das klingt ja faſt wie eine Beleidigung!“ wenn m. „Sonderbar, daß die Sache, weil ich ſie ſage, ein machern anderes Anſehen erhalten ſoll, als wie ſie wirklich iſt! zu ſetzen Wenn Du wirklich dieſe Macht beſitzeſt, die ich nicht murde ir bezweifeln ſoll, was hat's da für Noth? Wende ſie an lieutenar und mache das Mädchen zu einem Muſter von Klugheit ſich mich und Feſtigkeit!“ ſchied. „O, man möchte verzweifeln!“ 1 würde, „Das iſt keine eigentliche Antwort! Doch worüber ſein Ehen haſt Du Dich denn jetzt zu beklagen?“ daß kein „Mein Gott, das iſt ſo viel, daß ich, wenn ich eg er⸗ der e aufzählen ſollte, kaum weiß, womit ich anfangen ſoll⸗e vinn gez „Nun, zuerſt und vor Allem?— Denn zu irgend„Lie einem Reſultat müſſen wir doch wohl kommen... „Ja, zuerſt und vor allen Dingen: welches Beiſpielt gibt ſte wohl ihrer Schweſter Olga, dieſem engliſchen t wirflic “ ndrücke ngen.“ agte ſie s auch witzig aſſende ; wenn underte, fftigkeit ur, das n Kopf eir über egieren, och Zeit prangen en Kar⸗ Nacht?“ ge, ein lich iſt! ch nicht e ſie an Klugheit Beiſpiel aliſchen 37 Weſen, das ich wohl bald aus dem Hauſe ſchicken muß, damit ſie nicht von den Fehlern und Launen ihrer Schwe⸗ ſter angeſteckt wird!“. „Aber,“ fiel Onkel Janne ein, der jetzt eine fieber⸗ hafte Ungeduld zu fühlen begann,„welches ſind denn eigentlich die ärgſten unter dieſen Fehlern und Launen?“ „Was ſagſt Du davon, daß ſie trotz ihrer Schön⸗ heit, ihres Reichthumes und ihres guten Kopfes, trotz des Anſehens, in welchem unſer Haus im hat, ſich zum allgemeinen Gelächter macht? Ich wollte Jemanden über mich lachen laſſen, ich!“ „Ach ſo! Man lacht alſo über Edith?“ „Gewiß lacht man, und wie kan wenn man ſieht, daß ein junges Mädchen ihren Lieb⸗ habern— lauter ſchönen, ausgezeichneten gen Männern— den Abſchied gibt, um ſtatt ihrer eine ganze Schleppe abgelebter Greiſe an ſich zu ziehen.“ „Und der Grund ihres Verfahrens?“ „Das Fräulein hat die Laune, ſich mit einem äl⸗ teren, geſetzten Manne zu verheirathen. Und iſt es ſt„das man haben kann, ſen, grauhaarigen Cour⸗ machern umringt ſieht? Sie weiß ſie ſchon in Bewe zu ſetzen! Der Präſident, der ſüßliche Pfefferkuchenmenſch, wurde im vorigen Winter fünfzig Jahre alt. Der Oberſt⸗ lieutenant mit ſeiner affectirten Geradheit nahm, ich mich recht entſinne, vor ſchied. Und der Baron S., würde, ſchwüre bei dieſer Gelegenheit ruſſe Luft machte,„Du charakteriſirſt Deine Schwieger⸗ öhne vortrefflich.— Doch,“ fuhr er ernſthaft fort,„das t wirflich. 4 38 „Ja, das will ich meinen!“. „Warum brach ſie denn ſo plötzlich mit dem Lieu⸗ tenant H.? Als ich das letzte Mal hier war, ſchien er ſehr gut bei ihr zu ſtehen.“ Aus einer Ürſache, die ihrer eben ſo würdig iſt, wie die, aus welcher ſie den Capitain Wendelſtedt und den Kammerjunker U. ausſchlug.“ „Nun?“ „Der Eine war zu ſchön— und ſchöne Männer haben gewöhnlich den Fehler, daß ſie ſich ſelbſt vor Der Kammerjunker war zu allen Andern bewundern. reich, weil er reicher war, als ſie ſelbſt— und dadurch würde ſie in ein abhängiges Verhältniß gerathen. Und endlich der Lieutenant war bei näherer Betrachtung viel zu jung: ſie würde zu alt als Frau ſein, während er ſich noch in ſeinen beſten Jahren befände.“ Wiederum konnte Onkel Janne ein Lächeln nicht unterdrücken. „Ja, man muß wirklich lachen, Schwager! Meinſt Du aber nicht, man ſollte eher darüber weinen?“ „Haſt Du das jemals verſucht, Schwägerin?“ „Ach, ich habe Alles verſucht. Man kann ſich nichts Impertinenteres denken, als ihre Antwort:„Liebe Mut⸗ ter! ich bin ja diejenige, die einen Mann wählen ſoll, und nicht Du; ſo laß mich ihn denn nach meinem eige⸗ nen Sinne wählen!“. „Darin liegt denn doch endlich einmal Vernunft!“ „Ja, wenn Du das meinſt, ſo habe ich von Dir und von dem Rathe, den ich von Dir erwartete, wohl nicht viel zu hoffen!“ „Ich will es aber dennoch verſuchen, Dir einige Rathſchläge zu geben?“ 4 „Und dieſe ſtnd?“ 1 „Ermu n reize ſte nicht dazu, ihre Launenhaftigkeit zu zeigen, zärtlich gegen ſie, und ſuche vor allen Dingen, ein in nigeres Verhältniß zu Stande zu bringen!“ In des Himmels Namen, was willſt Du mit der 1 üde ſie nicht mit allzu vielen Anmerkungen 1 . 7 überzeut Du zu . 2 7 8 4 8 Aller ihrer Herzl nünft liebe da T iſt ni ſo we Mal redet.“ beſſer nichts zu ver Liebe wünſch iſt nie wenn von der als da zugegen walter, 1 — Lieu⸗ ien er ig iſt, dt und Nänner öſt vor war zu dadurch Und ng viel rend er n nicht Meinſt 26 2 h nichts He Mut⸗ len ſoll, em eige⸗ rnunft!“ von Dir e, wohl ir einige erkungen eligen, ſ ein in 4 mit den 39 Allem ſagen? Zweifelſt Du daran, daß ich ſie trotz aller ihrer Fehler nicht liebe? Fehlt es an Innigkeit und Herzlichkeit von meiner Seite, wohl verſtanden: an ver⸗ nünftiger Herzlichkeit?“ „Du liebſt ſie, das weiß ich; doch dieſe Verſtandes⸗ liebe, die Du in den letzten Jahren angenommen haſt, da Du ſelbſt gebietender und fordernder geworden biſt, iſt nicht paſſend im Umgange mit Edith— ſie hat ein ſo warmes Herz.“ „Und ein ſo heftiges Gemüth. Sie vergißt tauſend Mal bei unſeren Geſprächen, daß ſie mit ihrer Mutter redet.“ „Ich ſage kein Wort mehr, ehe ich die Stellung beſſer beobachtet habe. Sei aber überzeugt, ich werde nichts außer Acht laſſen, um ſie zu gewinnen und dann zu verſuchen, wie ich auf ſie einwirken kann.“ „Ja, eben weil ſie immer Standhaftigkeit in ihrer Liebe gegen Dich bewieſen hat, habe ich es ſo ſehr ge⸗ wünſcht, Dich hier zu ſehen... Aber noch Eins: ſie iſt nicht nur launenhaft, ſondern auch ſo übermüthig anaheſſährtig, daß ſie ſich dadurch ebenfalls lächerlich macht.“— „Da muß auch der Hochmuth ein Anflug von einer Laune ſein, denn noch nie habe ich dieſen Fehler an ihr bemerkt.“ „So iſt es aber dennoch. Du wirſt es bemerken, wenn Perſonen, die ihr entweder nicht gefallen, oder von denen ſie meint, daß ſie allzu tief unter ihr ſtehen, als daß ſie Rückſicht auf dieſelben zu nehmen braucht, zugegen ſind. Zum Beiſpiel: meinen neuen Bruksver⸗ walter, der vor drei Monaten hier ankam, einen wirk⸗ lich ſo achtungswerthen, angenehmen und gebildeten Mann, als man nur ſehen kann, behandelt ſie ſo, daß ich bisweilen bald erröthe, bald erblaſſe; denn hoffähr⸗ tig bin ich— Gott ſei gelobt— niemals geweſen.“ „Wenigſtens nicht gegen Jemanden, von dem Du überzeugt warſt, daß er zu Dir hinauf ſah; dazu haſt Du zu viele Weltklugheit gehabt.. Doch, ſieh hier! 40 Wen haben wir da, wenn nicht das junge Fräulein, umgeben von den antiken Rittern! Ha, ha, ha! Das iſt meiner Treu recht luſtig! Ja, bei meiner Ehre, das iſt es!“ „Sie reiten um die Wieſe herum,“ ſagte die Hof⸗ räthin aufſtehend,„wenn wir aber den kleinen Weg gehen, ſo kommen wir vor ihnen an, und da kannſt Du das Vergnügen haben, ſie abzuſteigen zu ſehen.“ Unausſprechlich zufrieden griff Onkel Janne nach ſeinem Hute und fühlte ſich ſo leicht darüber, daß das Tete⸗à⸗Tete mit der Schwägerin beendigt war, daß er ihr trotz ihres weißen Mouſſelinrockes, ein Kleid, das er an fünfzigjährigen Damen gar nicht leiden konnte, den Arm bot.— „Ach, lieber Janne!“ ſeufzte die Hofräthin mit einem milden und vertraulichen Tone—„der ſelige Franz im Himmel freut ſich gewiß, wenn er uns ſo vertraut und herzlich ſieht! Vereint können nahe Ver⸗ wandte immer das Ziel erreichen, und daß wir in die⸗ ſer Sache einer Meinung ſind, bedarf wohl gar nicht der Rede.“— „Gut, gut, Frau Schwägerin! Iſt aber vielleicht noch etwas Anderes auf dem Tapete, verſtoht ſich in Deinen Gedanken?“ „Im nächſten Monate erwarte ich wirklich einen Beſuch hier auf Dagby, von welchem Edith nichts weiß: doch davon ſpäterhin... Meinſt Du nicht, daß das Korn ſehr gut ſteht?“ Sechstes Capitel. 4 Edith. „Sind Fräulein Olga und Mademoiſelle Horner nooch nicht aus der Kirche zurück?“ fragte die Hofräthin, indem ſie an dem Arme ihres Schwagers würdig und tiſche kurz abg gezi Bed ten, wöh und zimt und Perſ Abg ſonn Jan das Gitt ſeher der drau ſehen wenn Fenſt trat. um Ausſ alle dieſer geſtel nenge in ein für 2 kannſt en.“ nach aß das daß er d, das konnte, in mit ſelige uns ſo ſe Ver⸗ in die⸗ ir nicht ht noch Deinen ) einen 8 weiß: daß das Horner ffräthin dig undt 41 abgemeſſen die breite, mit großen ſächſiſchen Blumenvaſen gezierte Treppe hinaufwanderte. „Nein, Ihro Gnaden!“ antwortete der tiefgebückte Bediente. „Iſt der Bruksverwalter zu Hauſe?“ „Nein, Ihro Gnaden!“ Ihro Gnaden fragten nicht weiter, ſondern ſchrit⸗ ten, gleich einer Königin, durch den Hausflur in die ge⸗ wöhnliche Reſidenz der Familie. Die Prachtwohnung war eine Treppe hoch gelegen, und zwei Treppen hoch gab es noch einige nette Giebel⸗ zimmer, beſtimmt für die Fräulein, die Gouvernante und ehrenwerthen Wittwen, Nähterinnen und dergleichen Perſonen, welche Wochen und Monate lang ſich in dem Abglanze des Ueberfluſſes der reichen Brukspatron in ſonnen durften. Das Zimmer, in welches die Hofräthin und Onkel Janne ſich verfügten, der ſogenannte Arbeitsſaal oder das alltägliche Geſellſchaftszimmer, lag dem großen Gitterthore gegenüber, welches in die Allee hinausführte. Dieſes lange, tiefe und mit hohen Fenſtern ver⸗ ſehene Zimmer erhielt durch die natürlichen Jalouſien der vor demſelben ſtehenden Topfgewächſe, ſo wie der draußen befindlichen Linden ein gewiſſes myſtiſches Aus⸗ ſehen, deſſen ruhige Anmuth nicht vermindert wurde, wenn man durch ein paar Glasthüren zwiſchen den Fenſtern auf einen mit Blumen erfüllten Balkon hinaus⸗ trat. Dieſe Thüren ſtanden gewöhnlich offen, und ſowohl um der friſchen Luft, des Blumenduftes und der ſchönen Ausſicht zu genießen, als auch wegen des Vergnügens, alle Kommenden und Gehenden zu ſehen, waren vor dieſen Lieblingsplatz der ganzen Familie mehrere Ruheſitze geſtellt worden. Uebrigens waren hier Inſtrumente, Zeich⸗ nengeſtelle, Nähtiſche, Blumentiſche, Leſetiſche, Schreib⸗ tiſche, Tiſche mit Modellen von Marmor und Gyps, kurz alle Arten von Tiſchen und Bequemlichkeiten, die in einem reichen Hauſe zum Vergnügen und zur Arbeit für Damen zu finden ſein können. Zu den heiden Seiten des Saales waren zwei Paar Zimmer, von denen das eine Paar die Bibliothek und die Gemäldegallerie — beide nicht eben in großer Scala— und das andere Paar der kleine Salon und das Schlafzimmer der Mut⸗ ter benannt wurden. Auf der andern Seite des Haus⸗ flures lagen die eigenen Zimmer des Hofrathes, welche bis jetzt heilig und unberührt geſtanden hatten, von der Hofräthin jedoch ſchon für den Gaſt beſtimmt waren, deſſen Beſuch noch ein Geheimniß war. Nachdem wir alſo die Localitäten in Augenſchein genommen haben, können wir mit der Wirthin und dem Onkel Janne die Ankunft der reitenden Geſellſchaft abwarten. „Jetzt könnten ſie auch wohl hier ſein!“ meinten Ihro Gnaden, indem ſie ihre Lorgnette ungeduldig auf die Allee richtete. Onkel Janne, der in dem bequemen Stuhle zuſam⸗ mengeſunken mit gekreuzten Beinen ſaß, hatte während der wenigen Minuten, die vergangen waren, faſt ver⸗ geſſen, worauf er wartete. Statt deſſen waren ſeine Augen auf Primus ge⸗ fallen, welcher außerordentlich geputzt in ſeinem gras⸗ grünen bombaſſinenen Rocke und der ſcharlachrothen Weſte mit den Händen in der Taſche auf dem Hofe hin⸗ und herſpazierte und verſtohlen bald ſeine ſpiegelblanken kleinen Stiefel, bald die im Geheimen angebetete Lotta betrachtete, welche eben jetzt ſo ſittſam mit der Florhaube und dem Geſangbuche aus der Kirche zurückkam. Bei dem Anblicke der ſichtbaren Selbſtvergötterung des Zwerges hatte Onkel Janne, wie ſchon ſo oft vorher, an das Wunderliche denken müſſen, das in der Citelkeit liegt. Dieſe kleine, in den Augen Anderer ſo lächerliche und in ſeinen eigenen ſo anmuthige und vollendete Figur, war ſie nicht dennoch der Sitz einer warmen und innig liebenden Seele?„O,“ philoſophirte der Onkel 8 bei ſich ſelbſt,„man darf nie verzweifeln: das Böſe und das Gute wohnen immer beiſammen, und gewöhnlich ſind if die Geb Ach gers Sie inde das quer und war tigk ung ſpra wöl maf die unr Aug der abn ſo v wie friſe und deſſe ſelb⸗ gelt Lau mit Str viel iſt, in d zu enen lerie ndere Mut⸗ aus⸗ elche t der aren, chein dem ſchaft inten auf ſam⸗ hrend ver⸗ ge⸗ gras⸗ othen hin⸗ anken Lotta haube erung orher, telkeit erliche endete n und Onkel ſe und h ſind 1 43 die Menſchen beſſer, als ihre in die Augen fallenden Gebrechen ſie ankündigen.“ „So, lieber Janne!“ begann die Hofräthin, die nicht Achtung gegeben hatte auf die Zerſtreutheit ihres Schwa⸗ gers;„ſteh nun auf: hier haben wir die Gruppe!... Sie verdient es ja, daß man ſie betrachtet, oder wie?“ „Ja, auf Ehre und Glauben!“ antwortete der Onkel, indem er ſich auf die Thürſchwelle ſtellte, die Arme auf das Gitterwerk des Balkons ſtützte und ſich's recht be⸗ quem machte, um Alles ganz genau betrachten zu können. Auf einem hohen ſilbergrauen Pferde, deſſen feine und ſtolze Formen einer arabiſchen Abſtammung würdig waren, ſaß ein junges Mädchen und zügelte mit Leich⸗ tigkeit und unnachahmlicher Anmuth das Feuer ihres ungeduldigen Lieblings. In dieſem Augenblicke ent⸗ ſprach ſie dem Blicke eines eben aus erröthenden Ge⸗ wölken erſtandenen neugeborenen Tages. Ein Ueber⸗ maß von Leben ſchien in jedem Pulſe zu zucken, während die feinſte Purpurfluth, welche in ihren Adern brannte, unruhig unter der weißen Oberfläche wogte. Und dieſe Augen, braun und glänzend wie der weiche Sammet, der ihren Schwanenhals umſchloß, dieſe Augen, deren abwechſend ſchelmiſche und melancholiſche Schönheit in ſo vielen Herzen das Feuer anfachten, leuchteten ſie nicht wie Morgenſonnen, und war nicht ihr ganzes Weſen ſo friſch, ſo lieblich, ſo lächelnd, wie der junge Tag ſelbſt? Dieſes Mädchen mit einem Wuchſe, ſo ſchlank, edel und elaſtiſch wie Diana, und mit einem Geſichte, in deſſen dunkelfarbigen Zügen ein kühner, lebhafter und ſelbſtherrſchender Geiſt ſich bei jeder Bewegung abſpie⸗ gelte, iſt die neunzehnjährige Edith. Und, ſei es aus Laune oder Geſchmack, ihr Anzug iſt ſo einfach, daß mit Ausnahme eines Eichenzweiges, der von dem runden Strohhute auf ihr Reitkleid herabweht, nicht einmal ſo viel wie ein Endchen Band an dieſem Hute zu ſehen iſt, welcher allein von dem Zephyr auf ihren ſeideweichen, in dunkler Bernſteinfarbe glänzenden Locken feſtgehalten zu werden ſcheint. Spielend mit ihren drei faſt gihem⸗ loſen Begleitern ſcherzend— denn der Ritt war bis⸗ weilen ein Galopp geworden— wendete ſie ſich bald an den Einen, bald an den Andern. Der Oberſtlieutenant, welcher zur Rechten reitet, iſt immer noch zur Ehre des Standes der Einzige, wel⸗ cher ihr zu antworten vermag. Der Präſident hat ſich mit einer Miene von ſublimer Entſagung ein wenig auf die linke Seite gezogen. Er ſeufzt im Stillen und beißt ſich auf die Lippe, um nicht laut zu ſeufzen, wäh⸗ rend der Baron, der ſich ein wenig hinter den Präſiden⸗ ten zurückgezogen hat, vor Athemloſigkeit eben erſticken will und im Stillen bei ſich ſelbſt ſchwört: wenn ihm nicht„die kleine Hexe“ vor Ablauf der Woche eine be⸗ ſtimmte Aufmunterung gibt, ſo will er ihr gerne die Freiheit geben, aus jedem Andern das Leben zu jagen, nur nicht aus ihm. Primus, welcher voreilte, um das Gitterthor zu öffnen, erhielt einen freundlichen Blick und den ganzen Reſt der Munition, welchen das Fräulein in einer am Reitſattel hängenden Taſche von grünem Safftan verwahrte. Dieſe Art von Munition beſtand in Ro⸗ ſinen, Mandeln, Nüſſen und dergleichen, womit die junge Herrſcherin immer verſehen war, wenn ſie ausritt, um damit die Kinder der Arbeiter zu traktiren, welche dem engelſüßen Fräulein denn auch immer mit unverſtelltem Entzuͤcken die Gitterthore öffneten., „Ich danke den Herren ſämmtlich für ihre ritter⸗ liche Artigkeit!“ ſagte Fräulein Edith, indem ſie vor der Treppe das Pferd anhielt, und, umringt von allen drei Freiern, für einen Augenblick unentſchloſſen zu ſein ſchien, welchem von ihnen ſie das Recht geſtatten ſollte, ſie aus dem Sattel zu heben. Wie jedoch die guten Herren vor ihr dahin ge⸗ kommen waren, das läßt ſich nur daraus erklären, daß Edith mit dem eigenthümlichen Takte eines guten Herzens einige Male in einem muntern Carriere um die Rotunde auf dem Hofe geritten war, um ihnen, wie ſie ſagte, zu 8 ihr die er dieſ and ma Jal liſp er b die ſchu ihr Fing es h mit von mir hafte um auf heral Eine doch wiede 45 bis⸗ ihrer Beluſtigung eine kleine Scene zu geben, die an bald die Kunſtfertigkeit der Kunſtreiterinnen erinnerte. „Hier, Fräulein!“ ſagte der Oberſtlieutenant, indem eitet er die eine Hand unten hielt, als wünſchte er, daß ſie wel⸗ dieſelbe als einen Tritt benutzen möchte, während er die ſich andere als einen Stützpfeiler emporſtreckte. 4 eenig Die ganze Stellung würde ſich nicht ſo übel ge⸗ und macht haben, wenn der Oberſtlieutenant ſie vor zwanzig wäh⸗ Jahren verſucht hätte. 1—. den⸗„Meine Gnädige! belieben Sie, meine Gnädige?“ icken liſpelte der Präſident, und ſah dabei aus, als wollte ihm er buchſtäblich zur Erde ſinken vor— Entzücken; doch be⸗ die Hand, welche er hinreichte, ſah ſogar in dem Hand⸗ die ſchuh ſo ſchwach aus, daß das Fräulein Mitleiden mit gen ihr hatte. Der Baron begnügte ſich damit, nur die De Fingerſpitzen und ſeinen nickenden Kopf zu zeigen, denn zu es hatte dem armen Manne noch nicht gelingen wollen, nzen mit ſeinen Lungen in Dedunng zu kommen. einer„Nein, nein, mein Herr! Mir fehlt der Muth, Einem ffian von Ihnen Unrecht zu thun— und darum werden Sie Ro⸗ mir erlauben, daß ich auf dieſe Art Ihrem ſchmeichel⸗ unge haften Wetteifer ein Ende mache!“ umn Mit dieſen Worten warf die junge Dame ihr Pferd dem um und ſtand mit einem leichten Sprunge ohne Hülfe ltem auf der Erde..— „Schön, ſchön!“ rief Onkel Janne vom Balkon tter⸗ herab,„keine Prinzeſſin hätte gerechter handeln können!“ vor—„Warum nicht ebenſo gut eine Göttin, beſter Onkel? lllen Eine Prinzeſſin bin ich ja ſelbſt in meinem Reiche... ſein doch leben Sie wohl, meine Herren!“ wendete ſie ſich llte wieder zu ihren Begleitern,„eine angenehme Ruhe! 2 Klagen Sie mich nicht an, wenn ich eine allzu große ge⸗ Lebhaftigkeit bei unſerer Promenade gezeigt habe, denn daß es war Ihre eigene Jugendlichkeit, die mich bisweilen zens zu dem Glauben brachte, daß ich von munteren Lieute⸗ nde nanten bedient ſei, bisweilen wieder auf den Glauben, zu daß ich aus einem der Rahmen in unſerer Gemäͤlde⸗ gallerie herabgeſtiegen wäre— woſelbſt ich uh in Chignon und Korſett mich gar nicht übel ausnehme — um noch einmal das Vergnügen zu haben, in der Geſellſchaft meiner ehemaligen Anbeter einige flüchtige Augenblicke aus unſerer entflohenen Jugend zu verleben.“ Nachdem ſie mit reizender Schalkheit dieſes geſagt hatte, begrüßte ſie anmuthsvoll ihre drei alten Ritter und verſchwand in der Treppe des großen Gebäudes, während dageghen die Herren mit einer gemeinſchaftlichen Miene, die auf Erlöſung aus dem Fegfeuer hindeutete, die Treppe hinaufſtrebten, welche zu dem„Kaiflügel“ führte.* 8 „In meinem Leben habe ich kein ſo ſchönes Mäd⸗ chen geſehen!“ ſagte Onkel Janne mit artiſtiſcher Be⸗ wunderung.„Was iſt Menſchenwerk gegen die Werke des großen Meiſters!“ „Gewiß iſt ſie ſchöͤn!“ entgegnete die Hofräthin mit einem Tone des grellſten Hochmuthes;„aber... aber ‚aber, mein lieber Schwager Janne...“ Die mütterlichen Commentarien wurden durch ein wichtiges und bedeutungsvolles Kopfnicken beendigt. Siebentes Capitel. Die kleine Schauſpielerin und die Madonna. Nach einigen Augenblicken zeigte ſich auf dem Hofe eine neue Gruppe.. Es war Fräulein Olga, welche aus der Kirche kam mit ihrer Gouvernante und einem Bedienten in Livree hinter ſich, denn die Mutter liebte Pracht, und Olgat hatte gelernt, daß gute Kinder ihrer Mutter nicht wider⸗t ſprechen dürfen. „Willkommen, mein Täubchen!“ rief die Hofräthin,, indem ſie ſich über den Balkon, den der Onkel Janne verlaſſen hatte, hinabbückte. Dank, liebe Mutter!“ 8 nehme in der üchtige eben.“ geſagt Ritter äudes, tlichen deutete, flügel“ zin mit . aber ich ein gt. nna. m Hofe che kam 1 Livree d Olga t wider⸗ fräthin,t [Janne 4 47 Fräulein Olga, eine kleine, ſommerfleckige Blondine von gewöhnlichem Ausſehen und mit ziemlich gerunde⸗ ten, wenn auch noch unentwickelten Formen, warf ihr Stumpfnäschen in die Höhe, während ſie der Mutter einen Kuß zuwarf. Darauf, als hätte ſie ſich plötzlich an eine Sache erinnert, nahm ſie eine ſehr ernſte und wür⸗ dige Haltung an, welche, wenn dieſelbe hei einem fünf zehnjährigen Mädchen zu einer Gewohllheit übergeht, was mit Olga's Würde beinahe der Fall war, ihr gewöhn⸗ lich die verdrießliche Benennung von altklug verſchafft. Die Gouvernante dagegen, Mademoiſelle Octavie Horner, hatte ein ſolches Aeußere, von dem es heißt, daß es Einem ſchwer wird, es zu vergeſſen, wenn man es einmal geſehen hat. Am ähnlichſten war ſie einem Mondſcheinſtücke in einer Winternacht, wir meinen ein angenehmes Mond⸗ ſcheinſtück, welches Alles an ſich hat, was nöthig iſt, um es in ſeiner Art vollkommen zu machen, eben ein ſolches, deſſen Illuſion ſo vollkommen iſt, daß, wenn man es an einem warmen Sommertage betrachtet, man un⸗ willkürlich die Kleider um ſich hüllt und ein Fröſteln empfindet. Schneeweiß, mondſcheinartig und ſteif trat Mamſell Octavie in den Saal, begleitet von der jungen Olga, welche ſich alle mögliche Mühe gab, ihrer Lehrerin nach⸗ zuahmen, weil ſie dieſelbe für ein vollkommenes Muſter ielt. Auch die Hofräthin ſelbſt war wohl nicht ganz frei von dieſen Gedanken. Denn in der Art und Weiſe, wie Mamſell Octavie ſich benahm, ebenſo verſchieden von der Weiſe der blöden, koketten oder nachgiebigen Gouvernanten— die drei Aaßfn, welche die Hofräthin ſchon geprüft hatte— lag Elwas, das ſo zu ſagen, ihre Perſon außer der Schußweite der vornehmen Herab⸗ laſſung ſetzte. Ihre abgemeſſenen Formen, ihre unver⸗ wüſtliche Steifheit, ertheilten ihr ein gewiſſes Nir, das der ſtolzen Hofräthin geſtattete,„ſehr glücklich“ zu ſein, daß ſie in der Lehrerin ihrer Tochter auch eine paſſende Geſellſchaft beſaß. 48 Um gleichſam die vortrefflichen Eigenſchaften dieſes Frauenzimmers noch mehr zu erhöhen, müſſen wir er⸗ wähnen, daß ſie, obgleich erſt neunundzwanzig Jahre alt, nicht nur im Stande war, einen ganzen Abend Tanzmuſik zu ſpielen und an einem andern ganzen Abend unbeweglich wie ein Wachsbild am Sprieltiſche zu ſitzen, ſondern auch mit einem bewunderungswürdigen Takte oder einer noch bewunderungswürdigeren Witterung Alles aufzuſpuͤren, was in und außer dem Hauſe vor⸗ ging und es ihrer Patronin ſo vorzutagen, daß dieſe die Sache ſelten aus einem andern Geſichtspunkte ſah, als Mamſell Octavie, falls nämlich nicht Ihro Gnaden ſchon zuvor einen andern Gedanken gefaßt hatten; denn in dieſem Falle vermochten weder Octavie noch irgend ein Anderer ihre Ideen umzuſtoßen. Mit dem Allem war gleichwohl das kalte Mond⸗ ſcheinsgeſicht der Gouvernante nicht immer einer friſchen Winternacht ähnlich. Bisweilen, wenn ſie allein war, glich es einer von der brennenden Mittagsſonne glühen⸗ den Sommerlandſchaft, welche ſichtbarlich ſich nach Küh⸗ lung ſehnt. Onkel Janne, welcher mehr als andere Menſchen in der Geſellſchaft der Mamſell Octavie fror, wollte eben ſeine Verwunderung laut verkündigen, daß Edith ſich noch nicht ſehen ließe, als eine feine und gellende Stimme auf der Treppe ſowohl ſeine als auch der Uebrigen Aufmerkſamkeit auf ſich zog. „Jonsſon! Jonsſon! Fräulein Edith's Droſchke ſoll ſogleich angeſpannt werden— das Fräulein fährt in die Kirche!“ „Nun, ich hätte es wohl vorherſehen können, daß ſie davon fahren würde,“ ſagte die Hofräthin verdrieß⸗ lich,„da ſie ſich heute früh ſo lebhaft freute, die Frauß ei von Y. zu treffen, welche wir noch vor dem Mittaget 44 erwarten!““. „um dieſe Zeit in die Kirche?“ wiederholte Onkel 4* 1 8 74, Jan Mie fälli dien hätte freie Zeit dieß ſchul Refo muß hatte Mäde nung erſche Zimn grüße darf; imme ausge von großes der ko Ein 49 Janne, während Olga mit einer gottesjämmerlichen Miene die Achſeln zuckte, und Mamſell Octavie zu⸗ fällig ein Gelenk an ihrer Halskette abbrach. „O ja, Schwager, es iſt ja in Duringe Spätgottes⸗ dienſt. Ich möchte jedoch wünſchen, der ſelige d hätte ihr keinen eigenen Wagen geſchenkt und ihr keine freie Dispoſttion uͤber den Stall gegeben; über ihre Zeit hat ſie ſich ſelbſt zur Disponentin eingeſetzt. Doch dieß kommt mir wirklich ein wenig ſonderbar vor!“ ledun⸗ nun, Schwägerin, das iſt ja ganz un⸗ uldig!“ ſc„Ja, ſo unſchuldig, daß ich wohl bald an eine Reform ſowohl in dieſen als in anderen Dingen denken muß! Du mein Eng....“ Hier wurden Ihro Gnaden unterbrochen. Jene Stimme, die ſich vor Kurzem auf der Treppe hatte hören laſſen, und welche die Geſellſchaft als dem Mädchen der beiden Fräulein, auch unter der Benen⸗ nung„Fräulein Kerſtin“ bekannt, angehörend erkannte, erſcholl jetzt aus der halboffenen Thür eines kleinen Zimmers vor dem Saale. „Fräulein Edith läßt den Herrn von Sternfelt grüßen und fragen, ob ſie nicht den Primus leihen darf; denn der kleine Swen, welcher das Fräulein immer zu begleiten pflegt, iſt mit dem Bruksverwalter ausgefahren.“ „Herzlich gerne!“ antwortete Onkel Janne. Eine halbe Viertelſtunde ſpäter fuhr Herr Primus vor mit der eleganten Droſchke des Fräuleins Edith: der Kleine ſchien ſehr ſtolz über das Vertrauen zu ſein. Edith ſelbſt ließ nicht lange auf ſich warten. Nach einem flüchtigen und eilfertigen Abſchiedsgruße, von welchem man kaum ſagen konnte, daß er inner⸗ halb der Thür geſchah, dagegen in einer Toilette, welche ebenſo ausgeſucht prachtvoll war, wie der Morgenanzug einfach geweſen war, eilte Edith hinunter. Und ohne großes Mitleiden mit dem roſen farbigen Krepkleide und der koſtbaren Mantille von ſchwarzem Sammet, warf Ein launenhaftes Weib. I. 4 50 ſie ſich eher in den Wagen als ſie hineinſtieg, ergriff no ſelbſt die Zügel, wies mit einer Kopfbewegung dem O Primus den Platz hintenauf an, und ſo, mit einem vertraulichen Kopfnicken nach dem Balkon hinauf, m hatſchie ſie mit der Peitſche, und die Droſchke fuhr„es dahin. hErſt als die Staubwolke nach der Equipage des gel ſelbſtherrſchenden Fräuleins ſich aufgelöst hatte und verſchwunden war, löste ſich auch die verdrießliche iſt Spannung, welche eine Zeitlang die Zunge der Hof⸗ En räthin gefeſſelt gehalten hatte, und ſie knüpfte den Satz St wieder an, der bei dem Auftreten der Fräulein Kerſtin abgebrochen worden war.— „Du mein Engel“— die Worte waren an Olga Mo gerichtet, deren helle Haarflechten dabei zärtlich geſtrei⸗ To chelt wurden— bekommſt gewiß nie über ſo viel zu be⸗ er fehlen, ſo lange Du bei Deiner Mutter biſt!“ als „Und ich,“ entgegnete Mamſell Octavie in einem feierlichen Tone,„die ich Olga's reines Gemüth ſo ſorg⸗ fältig ſtudirt habe, ich bin uͤberzeugt, ſie würde, wenn ich ſie auch ein ſolches Recht hätte, daſſelbe niemals an⸗ Na wenden wollen!“ nich „Mamſell Octavie kennt mich beſſer, als ich ſelbſt, mit liebe Mutter!“ antwortete Olga verſchämt.„Ich weiß ja nur, wenn Du mir auch dieſe Freiheit gäbeſt, die Edith Diſc hat, ſo würde ich dennoch immer fragen: erlaubſt. Du, liebe Mutter, daß ich ſo thue? Glaubſt Du, daß mit es ſich ſchickt?“ mit „Man ſieht wenigſtens, daß Du Deinen Unterricht ihr benützt haſt!“ fiel Onkel Janne mit einer bei ihm ganz aber ungewöhnlichen Bitterkeit ein. „Ich will hoffen, daß ſie dafür keine Vorwürfe dad verdient.“* Der Blick der Lehrerin fiel mit einem eiskalten erſt Fragezeichen auf den warmherzigen Mann. ſagt⸗ „Wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ſo glaube dennoch, daß ſie ſolche verdient; denn was Olga j ehe von ſagte, das ſchmeckte wirklich nach Bitterkeit gegen Edit ergriff 3 dem einem hinauf, 2 fuhr Satz Olga geſtrei⸗ zu be⸗ einem o ſorg⸗ wenn ls an⸗ ſelbſt, h weiß Edith aubſt u, daß terricht n ganz rwürfe skalten ibe ich a jetzt Edith; 51 noch nie habe ich gehört, daß Edith ſich bitter über Olga äußerte.. „Nein, das glaube ich wohl!“ rief die Hofräthin mit einem Ausdruck von unverſtelltem Erſtaunen aus „es iſt nicht ſo leicht, gegen Engel bitter zu ſein!“ „Geſchwätz! Ich möchte wohl wiſſen, wo die Engel gehen— ich wenigſtens habe noch keinen geſehen!“ „Das iſt eben nichts Neues, wenn es auch traurig iſt!“ meinte das kleine Fräulein, indem ſie ſich trotz ihrer Engel⸗ und Taubenwürde mit ſichtbarem Verdruß vom Stuhle erhob. „Was iſt denn das, was nicht neu iſt, meine Du?“ — Meine Du war ein Schmeichelwort, das der alte Mann oft bei ſeinen Bruderstöchtern anwendete, und der Ton, in welchem er es jetzt ſagte, klang ſo herzlich, daß er ein blödes Schwanken in Olga's Stimme verurſachte, als ſie zögernd antwortete: „Lieber Onkel, Du haſt Edith immer vorgezogen!“ „Ich liebe Euch Beide, Ungerechtigkeit aber liebe ich nicht, und ich leide es auch nicht, daß man den Namen der Engel mißbraucht. Werde aber darum nur nicht traurig, meine Du! Wir wollen ſchon einmal mit einander plaudern, wenn wir allein ſind; und glaube ja nicht, daß das Herz Deines alten Onkels nicht für Dich ebenſo gut Raum hat, wie für Edith!“ „Und damit Punctum!“ ſagte die gnädige Frau mit einem eſſigſüßen Lächeln, welches bewies, daß ſie mit der Art und Weiſe nicht zufrieden war, mit welcher ihr Schwager Olga's Verdienſte beurtheilte, daß ſie aber auch jetzt, da ſie in ihm einen Bundesgenoſſen gegen ihre ältere Tochter zu erhalten hoffte, ihn nicht dadurch beleidigen wollte, daß ſte eine Parteilichkeit zeigte. Die Hofräthin war aufgeſtanden und indem ſie erſt ihre Uhr und dann Mamſell Oectavie betrachtete, ſagte ſie nachläſſig: „Man muß wohl an ſeinen Anzug denken; denn ehe wir's uns verſehen, haben wir unſere kleine Frau von Y. hier!“ . 4* „Was iſt das für eine Frau?“ fragte der Onkel. „Eine Nachbarin, die Du nicht kennſt, die Dir aber gewiß gefallen wird; übrigens iſt ſie eine junge, reiche und beſonders einnehmende Offizierswittwe, die im verwichenen Herbſt nach Glanberg zog, welches ihre Kinder von der alten Frau Kämpe erbten.“ „Wie viele Freier hält ſie ſich denn?“ „Darüber kann ich wirklich nicht Beſcheid geben; vielleicht iſt aber Mamſell Octavie beſſer unterrichtet?“ „Ich habe wirklich nicht das Glück, in den Heiraths⸗ angelegenheiten der Frau von Y. zu Hauſe zu ſein.“ „O, Mamſell Octavie iſt ſtreng wie eine Puri⸗ tanerin, wenn von Brautbewerbungen und Heirathen die Rede iſt! Wenigſtens werden Sie doch wohl geſtehen, daß die kleine Hortenſe von Y. die Lobeserhebungen als reizend und liebenswürdig verdient?“ „Da Ihro Gnaden ihr dieſe Eigenſchaften zuerkennen, ſo macht ſie wahrſcheinlich Anſprüche darauf, und es kan mir niemals einfallen, Ihre Urtheile verbeſſern zu wollen.“ „Mutter!“ fiel Olga ſchnippiſch ein,„ich meine, es iſt ſonderbar; daß Hortenſe von Herrn Helmer ſo viel Aufhebens macht!“ „Und warum ſollte ſie denn, das nicht, Du ſüßes Kind? Behandelt Deine eigene Mutter den Herrn Hel⸗ mer nicht als einen Mann von unſerer Societät? Ich glaube, es können nicht Viele ſich eines ſolchen Bruks⸗ verwalters rühmen!“ „O ja, Mutter, Herr Helmer iſt ein ſehr angeneh⸗ mer Mann; das meinen Alle, außer Edith; aber Hor⸗ tenſe befindet ſich ja niemals wohl, da ſie hier iſt, wenn nicht Herr Helmer bald mit dem Einen und bald mit dem Andern ihr hilft.“ „Nein, da höre nur ein Menſch mein kleines Hühn⸗ chen! Ich Nlaube wahrhaftig, ſie iſt jalouſe auf Herrn Helmer'’s Aktigkeiten... Doch nun Adieu!... Du Olga, ſollſt hier bleiben, um die Honneurs zu machen, bis ich komme!“ 1 nkel. e Dir junge, , die ungen ennen, und es ern zu ne, es o viel ſüßes Hel⸗ 2 Ich Bruks⸗ geneh⸗ Hor⸗ wenn d mit Hühn⸗ Herrn Du, dachen, 53 „Willſt Du nicht die Güte haben, lieber Onkel, das zu übernehmen?“ fragte Olga, nachdem ſowohl die Mutter, als auch Mamſell Horner das Zimmer ver⸗ laſſen hatten. „Nein, ich danke, meine Du, ich denke vor Mittag noch ein Schlaͤfchen zu machen!“ Und hiemit ſtand der Alte auf und ging ſeines Weges. [— Als Olga allein war, fing ſie an, ſich auf eine Weiſe zu beſchäftigen, welche ein ziemlich klares Licht auf ihre wirklichen Eigenſchaften und ihren Charak⸗ ter warf. Sie ſtellte ſich vor einen von den Wandſpiegeln, und nachdem ſie lange mit dem tiefſten Intereſſe ihr Geſicht betrachtet hatte, legten ſich die Falten von Miß⸗ vergnügen, welche anfänglich dort zu ſehen geweſen waren. Einige Secunden ſpielte ein ſelbſtzufriedenes „Warte nur! ich will und werde Die Pantomime, welche ſie jetzt zu ſpielen beginnt, verräth vielleicht Etwas davon. Als Einleitung machte ſie eine ganze Serie von Verneigungen und Bewegungen des Körpers in der graziöſen aber etwas koketten Form durch. Und indem ſie ſich bald rechts, bald links beſchaute, ſagte ſie mit einer kurzen und heftigen Simme:„O, meine ſüße Frau von Y ich glaube faſt, ich mache dieß ebenſo gut und vielleicht noch ein wenig beſſer... wenigſtens werde ich es bald beſſer machen kön nen! Und dieſe Madonnen⸗ blicke..“ Olga begann nun die Augen zu drehen— „und dieſes verſchämte Niederſchlagen der Augen iſt ja eine bloße Kleinigkeit; und dieſe halben und ganzen Sätze 54 mit O uud Ach, ganzen, halben und Viertelsſeufzern— wer konnte die wohl nicht lernen?“ „ ZJetzt iſt nur die Frage“— und mit einem halb⸗ lauten Gelächter befreite ſie ſich von der Madonna— „was ihm zuletzt am beſten gefällt, dieſes... oder dieſes!“ Bei dem letzten Worte begann ſie eine andere Art von Spiel, welches für einen Zuſchauer ſehr luſtig zu ſehen geweſen ſein würde. Sie erhob ſich auf den Zehenſpitzen, um größer zu werden, warf die Haarflechten zurück, um ihrem Ge⸗ ſichte einen freien, fröhlichen und unbekümmerten Aus⸗ druck zu geben, und begann ein Opernlied zu ſummen, indem ſie mit ihrer kleinen Figur umſchwenkte und ſchnell in eine Promenade einfiel, bei welcher ſie ſich dann und wann nachläſſig mit dem Schnupftuche fächelte. „Nein, nein!“ rief ſie ärgerlich;„ich bin nicht im Stande, dieſe impertinente, leichte und gefallſüchtige Nach⸗ läſſigkeit, die mir noch das Leben raubt, nachzuahmen...“ „Nein! es war ſo!“ Olga fing von vorn an und machte ihren Gang halb tanzend, um ihn noch luftiger zu bilden; aber ſie ermüdete ſich vergebens; es wollte ihr damit nicht ſo gut gelingen, wie mit der Madonna. „Ueberdieß,“ fuhr ſie fort, indem ſie nach und nach eine traurige, ernſte, gedankenvolle und zuletzt eine me⸗ lancholiſche Miene verſuchte, und nach jeder den Gang abpaßte,„überdieß kann wohl kein Menſch, wenn er ſich auch herabließe, es zu wollen, es wirklich aushal⸗ ten, einen ſolchen Wechſel nachzuahmen... doch ich will es ſchon durchſetzen, wenn er wirklich Werth hierauf daft glaube ich aber, es iſt... dieſes!“ ind nun war Edith genöthigt, der Mamſell Octavie Platz zu machen, und Olga excellirte wirklich, die ab⸗ gemeſſene und ſteife Manier derſelben nachzuäffen. „Ja, das iſt ſtattlich!“ dachte ſie mit Entzücken⸗ „Weder die kokette, heilige Hortenſe, noch auch die hoch⸗ müthige, launenhafte und herrſchſüchtige Edith können —— 3 kind! Han Wor ſterbe Aber wie fürch lauer ſagie der 2 mit 2 3 f. wenn halb⸗ d— oder gt im Nach⸗ 74 Gang er ſie ht ſo nach me⸗ Gang n er shal⸗ )ich erauf tavie 2 ab⸗ icken. hoch⸗ nnen 5⁵ einen Vergleich aushalten mit Octavie, denn an ſte adreſſirt er ſich meiſtens... vielleicht“— hier lächelte ſie mit einem ſolchen Anſtrich von Eigenliebe, daß man Grund hatte zu dem Verdachte, daß ſie jetzt ſich ſelbſt ſpielte—„vielleicht thut er es darum, weil die Mamſell immer einer andern Perſon ſo nahe ſitzt, an welche er ſich nicht zu adreſſiren wagt... doch ſt! es fährt!... kann er das ſein?...“ ie flog an das Fenſter...„Uſch! Hortenſe! Wenigſtens ſoll ſie eine lange Naſe bekommen und ihn nicht bei Tiſche ſehen! Ach, wie luſtig!... Und wie entzückend ſie ſich herausgeputzt hat in dieſem gezierten Coſtüm als Hirtin! Ich wollte wünſchen, daß er morgen erſt zurückkäme! .. Nun aber iſt ſie im Vorzimmer!“— Und augen⸗ blicklich war auch Olga dort. „O, willkommen, willkommen, ſüße Hortenſe! Mit dem Scheine der allergrößten Freundſchaft warf Olga ſich in die Arme der jungen Wittwe.„Wie zum Ent⸗ zücken Du heute biſt! Ich glaube, Du verdrehſt allen Anbetern Edith's den Kopf!“ Eine kleine, feine ätheriſche Frauengeſtalt mit einem kindlichen und ſchönen Geſichte ſchwebte nun an Olga's Hand in den Saal und ſank hier, ohne ein einziges Wort zu erwiedern, auf einen der Ruheſeſſel. „Befindeſt Du Dich nicht wohl, gute Hortenſe?“ „Ach, ich bin ganz aufgelöst— ſo warm, daß ich ſterben möchte! Es iſt heute auch eine ſchreckliche Hitze. Aber wie göttlich iſt dieſes Zimmer, wie kühl— und wie einladend ſieht der Balkon aus!“ „Wenn Du Dich nicht vor dem Feuer aller Blicke fürchteſt, die hinter den Gardinen im Kavaligig.— lauern, ſo geh' hinaus auf den Balkon!“ 2 Ghe⸗ „O, ich hoffe, ſie werden mich ja nicht— ſagie Hortenſe lächelnd.„Doch, im Ernſte, liebe Blga, der Balkon iſt ohne alle Widerrede am kühlſten, und mit Deiner Erlaubniß...“. „Frage lieber die Blumen: ſie werden gewiß neidiſch, wenn Du hinauskommſt!“ ——— „Schmeichlerin!“ „Warum ſagſt Du das?“ „O nein, ich will es auch nicht ſagen; ich weiß, Du liebſt mich!— liebſt Du mich nicht?“ „O, ſehr, ſehr!“ „Nun, meine Liebe, wie befindet ſich die Tante?“ „Ich danke, ſehr gut— ſie wird gleich kommen.“ „Und Edith?“ „Sie iſt allein nach Duringe gefahren.“ „Ich bedaure!“ Dieſes„ich bedaure“ fand ſeinen Widerſpruch in dem erhöhten Feuer, das plötzlich in dem Auge der jungen Frau aufflammte. Olga ſah zum Fenſter hinaus. „Und unſere gute Mamſell Octavie, wo hält ſie Haus?“ „Sie iſt bei der Toilette.“ „Alſo, Edith ausgenommen, ſeid Ihr Alle zu Hauſe?“ „Ja, Alle, und noch etwas mehr; denn Onkel Janne iſt angekommen.“ „„Ach, wie unſchuldig Du biſt! komm, damit ich 2 küſſe! Begreifſt Du nicht, Du kleine Einfalt, daß ſicch an Reiz nichts mit dem Gedanken vergleichen läßt: Du kannſt ungenirt ſein?“ „Was würdeſt Du denn thun, wenn Du überzeugt wäreſt, daß Dich außer mir kein Menſch ſähe?“ „Ich würde mich über die Balluſtrade ſtrecken und ange und verm ander Plätz Heyrn 57 einen großen Zweig von dieſer ſchönen Linde nehmen — ich vergehe vor Sehnſucht nach der friſchen Luft, die ich mir da verſchaffen könnte!“ „Nun, wenn es ſo iſt, daß Du ſolche Sehnſucht haſt, ſo muß ich wohl barmherzig ſein und es Dir an⸗ vertrauen, daß die drei armen betagten Courmacher, er⸗ müdet von dem Ritte, mit welchem ſie heute ihre Herr⸗ ſcherin begleitet haben, wahrſcheinlich jetzt ein Schläf⸗ chen halten.“ „Und es iſt ganz beſtimmt, daß kein Anderer dort iſt?“ „O, Du biſt allzu garſtig, mich ſo hart zu preſſen: ich bin nicht in jedem Zimmer dort unten geweſen, kann aber dennoch verſichern, daß wir dort weiter keine Fremde haben, als den Baron, den Präſidenten und den Oberſtlieutenant.“ „Nun denn, auf Dein Wort!... Und hiemit bog Hortenſe ſich anmuthig und entzückend vor; ſie ſtreckte ſich ſo weit über das Geländer, daß ſie faſt mit dem halben Körper in der Luft ſchwebte, und das leichte Flor⸗ tuch, das kaum auf ihren weißen Schultern blieb, machte hiebei einen ganz ausgezeichneten Effect. Auch war die boshafte Olga nur mit der äußerſten Anſtrengung im Stande, ein lautes Gelächter zu unterdrücken, als ſie daran dachte, daß ſie ganz allein dieſem Manöver zu⸗ ſah, welches auch zuletzt damit gekrönt wurde, daß Hor⸗ tenſe den erſehnten Zweig erreichte, welcher der ſchönen Wittwe, ſo lange ſie auf dem Balkon blieb, außer dem angegebenen noch tauſend Vortheile gewährte. Jetzt aber vernahm man die Schritte der Hofräthin, und Frau von N. verließ ſchnell ihr kleines Theater. Allmälig verſammelte ſich die ganze Geſellſchaft, vermehrt durch den Probſt, den Diſtrictsrichter und eini e andere Perſonen, welche in der Kirche geweſen waren* Das Mittageſſen wurde angemeldet; doch zw Plätze blieben leer: der des Fräuleins Edith und des Heyrn Helmer. Achtes Capitel. Farbenveränderungen der Herrſcherin. Etwas über Moſes. Die Damen ſaßen vor einem Tiſche mit Beeren und Früchten, die Herren am Spieltiſche. In dem Zim⸗ mer herrſchte jene Temperatur von Verſtimmtheit und Trägheit, welche immer Neigung zum Gähnen herbei⸗ zuführen pflegt. „Du biſt nicht bei guter Laune, meine liebe Hor⸗ tenſe!“ ſagte die Hofräthin. „O ja, liebe Tante; aber ich denke an meine Kleinen zu Hauſe, arme Kinder!“— Hortenſe erhob jetzt ein paar wirkliche Madonnenblicke an die Decke—„ſie ſind ſo glücklich, wenn ich mit ihnen ſpiele!“ „Hier iſt es auch heute allzu langweilig,“ verſetzte die Hofräthin.„Daß unſere Kirchenfremden ſo bald reiſ'ten!“ „O, liebe Mutter, daran iſt eben nichts verloren!“ meinte Olga. Die Hofräthin lächelte.„Es gab eine Zeit, und es iſt noch nicht ſo lange her, da es ein angenehmeres Leben auf Dagby war. Doch“— ſie warf einen ge⸗ heimen Blick auf den Spieltiſch—„wird der Umgangs⸗ ion ſo angeſchlagen... Nun, gleich gut! Ich verzeihe es Ihnen von ganzem Herzen, meine jungen Damen, wenn Sie ein wenig gähnen!“ „Aber ſieh da!“ rief Olga aus, indem ſie auf die Thüre des Balkons deutete,„da kommt Diejenige, welche Bildſäulen Leben einhauchen und ihre Geſellſchafts⸗ Kaben in Thätigkeit ſetzen wird!... Gib nur Achtung — ſieh, wie ſie ſchon lauſchen!“ „Edith kommt!“ rief ſie laut, und bei dieſem Signal war augenblicklich Onkel Janne der alleinige Beſitzer des Spieltiſches. —-— was eeren Zim⸗ und erbei⸗ Hor⸗ einen ein „ſie eſetzte bald ren!“ und meres n ge⸗ angs⸗ rzeihe amen, if die velche hafts⸗ htung zignal eeſitzer — Q— 1 * 3 1 E 59 Die drei Freier eilten hinweg, um ſich den Vorrang bei der erſten Aufwartung abzulaufen. Wo war ſie aber geblieben, dieſe ſpielende und rei⸗ zende Herrſcherin, die am Vormittage ſo gnädig gegen ſie geweſen war? Hätten ſie nicht einen flüchtigen Gruß erhalten, ſo würden ſie geglaubt haben, daß ſie keinen von ihnen geſehen hätte, als ſie langſam und gedankenvoll und mit einer Miene, die alles Andere abſpiegelte, nur nicht Sonnenſchein, die Treppe zu ihren eigenen Zimmern hinaufſtieg.— Die drei Herren blieben mit ſtarren Blicken ſtehen und waren verlegen, daß ſie in ihrer gegenſeitigen An⸗ weſenheit dieſe Niederlage erlitten hatten. Endlich aber gereichte ihnen gerade dieſes zu einem Troſte, denn es bewies wenigſtens, daß die Unzufriedenheit ihrer Göttin nicht gegen einen Einzelnen gerichtet war, ſondern daß dieſelbe, wenn ſie nämlich wirklich vorhanden ſein ſollte, ſie alle gemeinſchaftlich anging. „Ihre ſenſiblen Gefühle ſind von der Predigt er⸗ ſchüttert worden!“ ſagte der Baron, welcher ſich zuerſt äußerte. 1„Ich glaube eher,“ fiel der Präſident ein,„daß der höchſt infame Geruch von Stabwurz und Salvey auf ihre Nerven eingewirkt hat. Ich entſinne mich noch, als ſie mir letziens die beſondere Grace erwies, um meine Geſellſchaft zur Kirche zu bitten, ic ich leiden mußte: ich hatte wirklich das eine Schwitzbad nach dem andern.“ „Ich meines Theils,“ ließ ſich der Oberſtlieutenant vernehmen,„bin vollkommen überzeugt, daß die Herren in ihren Vermuthungen beide Unrecht haben, und daß es weder mehr noch weniger iſt, als eine von ihren gewöhnlichen Capricen.““ „Ha!“ ſagte der Baron. „Hm, hm!“ ſagte der Präſident.. Beide ſahen ein, daß dieß kein Gegenſtand war, über den man disputiren könnte. 60 „h weiß nicht,“ fuhr der Oberſtlieutenant fort, „was den Herren Ihre Zeit erlaubt; ich denke jedoch bald nach Hauſe zu reiſen und nachzuſehen, daß mein Getreide ordentlich einkommt.“ „Und ich,“ erklärte der Baron,„bin gezwungen, mit dem erſten Tage nach Hauſe zu reiſen, um nach meiner großen Waſſerleitung zu ſehen— das iſt eine wirkliche Rieſenarbeit, die mir einen unbeſchreiblichen Nutzen verſchaffen ſoll!“ „Ich,“ vollendete der Präſident,„bin ſchon längſt zu einer Badereife entſchloſſen, wenn ich auch aus Ar⸗ tigkeit gegen die Hofräthin meine Landtour nicht habe unterbrechen wollen. Aber es iſt ſonderbar, daß auch die angenehmſten Stellen im Grünen nach einigen Wochen einförmig werden!“ „Befehlen das Fräulein Ihr Mittag hier herauf oder belieben Sie in den Speiſeſaal zu gehen?“ fragte Kerſtin: „Keins von beiden!“ Fräulein Edith warf den Hut auf einen Tiſch, die Mantille auf einen Stuhl und ſich ſelbſt ohne allen Styl auf den mit Purpurſchagg überzogenen Sopha, auf welchem ſich aber ihre Geſtalt in der muthwilligen Stellung, die Füͤßchen herabhangend, recht gut ausnahm. „Darf ich Ihnen den Kaffee bringen?“ „Löſe meine Schuhbänder auf!“ Kerſtin kam dem Befehle nach, als aber die kleinen eſtickten Pantoffeln richtig angezogen waren, wiederholte her Alber der Kaffee, gnädiges Fräulein?“ „ eh!“ Nicht ſehr verwundert, aber doch ſehr unzufrieden, daß das Fräulein weder Mittag noch Kaffee haben wollte, war Kerſtin ſchon auf dem Wege, das Zimmer zu verlaſſen, als das Fräulein ſie mit einem:„warte ein wenig!“ zurückrief. fort, tedoch mein ngen, nach eine ichen ängſt Ar⸗ habe auch ngen rauf ragte die allen pha, igen aihm. inen holte den, aben mer arte auf den Sopha und weinte leiſe mit jenem Ausdrucke * 4 61. d „Gib mir das Buch dort her und das Schnupftuch! ... ſetze mir ein Glas friſches Waſſer her, und ſage dann unten, daß ich nicht geſtört zu werden wünſche! Ich bin ſchläfrig!“ Kaum war Kerſtin gegangen, ſo ſprang Edith wieder auf. Doch weit entfernt, eine Zerſtreuung mit dem Buche zu ſuchen, öffnete ſie dieſes nicht einmal. Dagegen er⸗ griff ſie das Waſſerglas mit einer Heftigkeit, welche eine ſtarke Gemüthsbewegung bewies; und nachdem ſie den Inhalt deſſelben geleert hatte, begann ſie im Zimmer auf⸗ und abzugehen, bald ſchnell, bald langſam, wäh⸗ rend die Farbe auf ihrem Antlitze ſich eben ſo ſchnell veränderte, als ihr Buſen ſich hob und ſenkte. Auch ſo, unter dem Einfluſſe einer ſichtlich tiefen Gemüthsunruhe, war Edith ſchön. Ihre großen hell⸗ braunen Augen wurden in dem einen Augenblicke gleich⸗ ſam in einen Schleier von Thränen gehüllt und fun⸗ kelten in dem andern wieder von einem unerklärlichen Aerger; im dritten dagegen nahmen dieſe Spiegel eine ſo redende Demüthigung an, welche dleichwah blitzes⸗ ſchnell einer neuen geheimnißvollen Macht Platz machte, ſo daß ſie von einem überirdiſchen Glanze leuchteten, gleich darauf aber auch zuſammenſanken „Nein!“ war das einzige Wort, welches bisweilen ihren Lippen entfloh;„nein! millionenmal nein!“ Jetzt ſchienen aber ihre Kräfte auch erſchöpft zu ſein. Sie brach in Thränen aus, legte ſich von Neuem von Troſtloſigkeit, der beinahe alle Hoffnung verloren gibt... 3„Wir bekommen alſo Edith heute Abend nicht uu ſehen? ſagte eine Stunde ſpäter die ſchöne Hortenſe zu der Hofräthin, welche wirklich dagegen ankämpfte, ihren großen Verdruß zu verbergen. „Ich ſollte meinen,“ entgegnete ſie mit einer feier⸗ * lichen Miene,„dieſes wäre etwas ſo Gewöhnl.... 8 62 Weiter kam jedoch die Hofräthin nicht, denn einige Töne einer weichen, klingenden Stimme ließen ſich im Vorzimmer vernehmen, und gleich darauf trat Edith, die perſonifieirte Ruhe, Milde und Anmuth, herein. Nachdem ſie mit einer leichten Verneigung die Ge⸗ ſellſchaft begrüßt hatte, trat ſie zu der Mutter, küßte ihr ehrfurchtsvoll die Hand und ſagte mit einem Lächeln und mit einem Blick, der im Stande geweſen ſein würde, das feſteſte Mutterherz zu ſchmelzen:„Vergib mir, beſte Mutter! aber ich war wirklich von allen meinen An⸗ ſtrengungen ſo ermüdet, daß ich eine halbe Stunde ſchlafen mußte!“ „Ich habe Dich heute kaum geſehen!“ antwortete die Hofräthin, welche ihre ſtattliche und ſteife Haltung noch beibehielt. „So ſollſt Du mich ſtatt deſſen den ganzen Abend ſehen, und morgen den ganzen Tag, und übermorgen den ganzen Tag; denn ich denke von Sonnenaufgang bis zu ihrem Untergange hier zu ſitzen und zu arbeiten an.. gleichviel was es iſt; werden's ſchon ſehen; denn Du, liebe Hortenſe, wirſt doch wohl heute Abend nicht von uns hinweg reiſen wollen?“ „Ach, meine Kleine! woran denkſt Du?“ Und Hortenſe nahm eine Miene an, welche zu beweiſen ſchien, wie himmelſchreiend es ſein würde, ihr ein ſolches Ver⸗ ſprechen abzunöthigen.. „ Nun darüber reden wir hernach; jetzt muß ich meinem lieben Onkel Janne guten Tag ſagen!“ Und ehe noch der alte Mann vom Spieltiſch auf⸗ kommen konnte, lag Edith's runder Arm um ſeinen Hals. Mit der Vertraulichkeit einer Tochter bot ſie ihm darauf ihre Lippen, und das den drei Freiern, die dabet im Fegfeuer zu ſein vermeinten, gerade vor der Naſe. „Du überrumpelſt mich ja ordentlich, meine Du!“ ſagte Onkel Janne, indem er ſich ſchmunzelnd um den Mund ſtrich. Jeder konnte ſehen, daß Edith ſein Liebling, ſein Augapfel, Olga dagegen nur ſeine liebe Nichte war. biet Lar neh der nie Waͤ Red es ſein ſind zu Her bitt den wo feie ſtro wa ihr ihr Pr⸗ jed wer hat nan wu die me einige ch im Sdith, erein. Ge⸗ küßte icheln zürde, beſte An⸗ tunde ortete ltung Abend orgen fgang beiten denn nicht Und ſchien, Ver⸗ uß ich auf⸗ Hals. arauf ei im Du 14 n den ſein gr. „Kein Spiel mehr, meine Herren!“ befahl die Ge⸗ bieterin.„Wie können Sie etwas ſo Tödtendes und Langweiliges an dieſem warmen Nachmittage vor⸗ nehmen?“ „Ich habe,“ meinte der Präſident mit einem Blicke, der beſtimmt war, ſublim und intereſſant zu ſein,„noch nie gehört, daß man nach Sonnenuntergang von der Wärme leidet.“ „Sagen Sie mir, Herr Präſident, ob dieſe ſchöne Redensart vor oder nach der Sündfluth gedrechſelt iſt; es würde mir wirklich Vergnügen machen, das zu wiſſen ... doch ſehen Sie, wie unſer guter Baron mich mit ſeiner Artigkeit in Verlegenheit ſetzt! Nein, unmöglich ſind Sie allein im Stande dieſe Chaiſe longue hieher zu rollen! Ja, meiner Treu!... Danke ergebenſt! Herr Oberſtlieutenant! Darf ich um den kleinen Tiſch bitten! Onkel gibt mir wohl die Karten, ſo will ich den Herrn die Karte legen!“ „So!“ flüſterte Olga der jungen Wittwe zu,„jetzt wollen wir ſehen, ob's hier kein Leben gibt!“ Und auf dem kleinen Sopha ſaß Edith mit der feierlichen Miene einer Sibylle. Ihr entzückendes Antlitz ſtrahlte wieder wie der junge Tag: keine einzige Spur war davon zu ſehen, daß jemals eine Wolke den Glanz ihrer lebhaften Augen getrübt oder einen Schatten über ihre weiße Stirn geworfen hatte. Die vier Herren hatten in einem Halbkreiſe vor der Prophetin Platz genommen, Onkel Janne bat es ſich jedoch aus, von der Prophezeihung ausgeſchloſſen zu werden; denn, um die Wahrheit zu ſagen, der Onkel hatte ſeine kleine Ehrfurcht vor der Kunſt, wenn ſie nämlich von einer weniger profanen Perſon ausgeübt wurde, als von der jungen, fröhlichen Edith. „Wollen die Herren es dem Schickſale überlaſſen, die Farben zu beſtimmen, oder wollen Sie ſelbſt wählen?“ „Ich ſtimme für das Schickſal, mag dieſes beſtim⸗ men!“ erklärte der Oberſtlieutenant. 64 Auch die beiden andern Herren ſtimmten für dieee Läu Göttin. ich Mit großer Fertigkeit miſchte nun Edith die vier den Aſſe, und nachdem ſie daraus einen Fächer gebildet und ſo gefallſüchtig in ihrer weißen, mit blitzenden Ringen ge⸗ fäll ſchmückten Hand mehrmals hin und her geſchwenkt hatte, wel bot ſie dieſelben endlich umher. Jal „Gut, gut! wir haben alſo den Oberſtlieutenant in geke Treffle, den Baron in Coeur und den Präſidenten in 4 Carreau!“ 4 3 4 .„Ach,“ ſeufzte der äſident mit einem verſchämten Blick,„das iſt die Farbe der Treue! das Schickſal hat mir alſo wenigſtens in Einem Falle ſchon Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen.“ „Wer könnte wohl ſo undankbar ſein, die Gerech⸗ tigkeit des Schickſals bezweifeln zu wollen— wenigſtens nimmermehr derjenige, welcher nicht alle Hoffnung auf⸗ gegeben hat!“ Und Cdith plauderte, miſchte und breitete auf dem Tiſche die eine Reihe nach der andern aus, bis alle Karten ausgelegt waren. „Jetzt gilt es, meine Herren! Sind Sie bereit, mit Reſignation entgegen zu nehmen, was ich Ihnen zu verkuͤndigen habe?“ 8 Die drei Freier lächelten nur. DOhr „Wohl! es iſt Ihr eigener Wille; bedenken Sie ſcha naur, daß ich unſchuldig bin, wenn Sie nicht zufrieden— ſeein ſollten!“ 5*½ 5 n Ddie Herren nickten, aber mit Mienen, welche alle Aufmunterung enthielten, deren Edith zu bedürfen meinte. „Hier haben wir zu einem Anfange einen langen ſehr— langen Weg. Wie Sie wiſſen, meine Herren, haben die Wege in dem Kaffeeconſilium der Nornen eine qeh bedeutende Rolle geſpielt: ich glaube gar, ſie gebrauchen den Kaffee⸗ ſatz als Sand auf den Wegen, und darum nehmen auch dieſe ihre Wege niemals ein Ende— dieſer aber, de wir vor uns haben, iſt... laſſen Sie mich ſehen! ein zwei drei, vier, fünf... von einer faſt unermeßli⸗ dieſe vier und n ge⸗ hatte, nt in n in mten l hat chtig⸗ erech⸗ gſtens auf⸗ f dem alle t, mit en zu a Sie frieden he alle neinte. en, ſehr e Wege eutende Kaffee⸗ en auch r, den — eins, eßlichen 65 Länge. Reiſen Sie hinweg auf dieſem Wege, ſo mag ich mich nur lieber gleich in Sack und Aſche kleiden, denn da bekommt der Park von Dagby Ihre Stimmen ſo bald nicht wieder zu hören... Doch apropos! es fällt mir ſo lebhaft ein, daß wir in dem Gegenſtande, welchen wir geſtern Vormittag abhandelten, da Onkel Janne's Ankunft uns unterbrach, zu keinem Reſultate gekommen ſind. Ich hatte Ihnen Allen eine Frage vor⸗ elagt. Entſinnt ſich derſelben noch wohl Einer von hnen?“ „Ja, o ja,“ ſagte der Baron mit einem kurzen Gelächter;„daß war eine verwickelte Frage!“ „Ich meines Theils“— der Präſident begann ſich ein wenig verlegen hin und her zu ſchrauben—„kann mich nicht entſinnen...“ „Ich wollte,“ ſagte Edith,„Ihre Meinung wiſſen über den langen Zug des Moſes mit den Kindern Iſraels. Und da ich geſtern keine Antwort erhielt, ſo wäre es mir angenehm, wenn ich jetzt erfahren könnte, was Sie von der vierzigjährigen Wanderung halten!“ Als das Geſpräch dieſe Wendung erhielt— und welche Wendung konnte nicht ein Geſpräch erhalten, in welchem Edith das Wort führte?— ſtand Onkel Janne auf und trat an das Fenſter. Doch hörte er mit einem Ohr zu, obgleich er in dem Beſchauen der ſchönen Land⸗ ſchaft vertieft zu ſein ſchien. „Davon iſt wohl nicht viel zu halten,“ meinte der Dberſtlieutenant,„Die Wüſte war wohl nicht eher zu nde!“ „Das iſt auch meine Meinung!“ fiel der Baron ein. „Auch die meinige,“ ſagte der Präſident;„denn nimmt man an, daß er ſich unaufhörlich verirrte, und daß das Volk uberdieß der Ruhe bedurfte, ſo iſt dieß ſehr wahrſcheinlich, beſonders da es keinen wahrſchein⸗ licheren Grund gibt.“ „Ich glaube aber dennoch einen andern gefunden zu haben— vielleicht habe ich ihn auch irgendwo ge⸗ Ein launenhaftes Weib. I. 5— leſen... das will ich nicht beſtimmt entſcheiden,“ ſagte Edith mit einer Miene von philoſophiſcher Reizbarkeit. „Aber unſere Schickſale in den Karten, meine Gnä⸗ dige!“ fiel der Baron ganz ängſtlich ein; denn er wußte nichts Langweiligeres, als wenn Edith auf Gegenſtände dieſer Art verſiel. „O, Herr Baron, nichts läßt ſich mit einer ange⸗ nehmen Spannung vergleichen. Die Zeit, da wir auf ein Vergnügen warten, iſt immer angenehmer, als das Vergnügen ſelbſt. Laſſen Sie uns daher, ehe wir zu unſern eigenen Beſchäftigun gen zurückkehren, unſere kleine Abhandlung über Moſes arſchließen. Glauben Sie mir, er war ein allzu geiſtreicher und großer Mann, daß er dieſen Weg genommen haben würde, wenn er nicht ein beſonderes Intereſſe dabei gehabt hätte, da er einen kür⸗ eien wählen konnte. Und meine Ueberzeugung iſt, daß doſes..“ (Jetzt entſtand bei dem andern, dem Damentiſche, eine Bewegung, welche Edith ſehr wohl bemerkte. Hor⸗ tenſe glättete die Falten an ihrem Mouſſelinkleide und ließ die Finger durch die Locken gleiten. Olga wurde purpurroth, indem ſie draußen nach den Blumen ſah. Mamſell Octavie heftete ihren ſteifen Blick unverwandt auf ein Gemälde, welches ſie täglich ſah. Nur die Hof⸗ räthin aß ihre Kirſchen, ohne ſich von mächtigen Neben⸗ gedanken ſtören zu laſſen.) „Und meine Ueberzeugung,“ fuhr Edith fort, ohne ſich durch den Eintritt einer neuen Perſon im Mindeſten ſtören zu laſſen,„iſt die, daß Moſes—(Guten Abend, Herr Helmer!)...“ dieſe Parentheſe, begleitet von einem kurzen und vornehmen Kopfnicken, erwiederte die tiefe und artige Verbeugung eines jungen Mannes—„nur aus dem Grunde ſein Volk vierzig Jahre lang in der Wüſte aufhielt, weil er mit ſeinem überlegenen Verſtande einſah, daß dieſes ſelaviſche und entnervte Volk nichts würde ausrichten können, und darum verzögerte er klüg⸗ lich die Zeit, dis der alte Stamm einem neuen und kraftvollen Geſchlechte Platz gemacht hatte. Das war ja a woh dem geſte ſchen Herr ſo p Gen mein und Sibe dern durch genſt denn und ſie I. ſchne für L der a ſehr 1 lieute ergeh man . 1 keine welch Mun ſagte rkeit. Gnä⸗ vußte tände ange⸗ r auf 3 das dir zu kleine emir, aß er ht ein 1 kür⸗ daß tiſche, Hor⸗ 2 und wurde n ſah. wandt e Hof⸗ teben⸗ ohne deſten Abend, einem e tiefe „nur in der ſtande nichts klüg⸗ n und 3 war welche ihrer unwürdigſten Jüngerin die 67 ja auch ſehr ſinnreich— oder wie?— und ich möchte wohl wünſchen, daß in jedem Jahrhunderte und in je⸗ dem Lande eine ſolche Wanderung durch die Wüſte an⸗ geſtellt würde; das würde die ganze Menſchheit auffri⸗ ſchen, und ohne Zweifel müßte die Generation von den Herren der Schöpfung, welche da entſtände, einen eben ſo pikanten als angenehmen Gegenſatz zu unſerer eigenen Generation bilden. Doch verzeihen Sie, verzeihen Sie, meine Herren! ich ſehe, Ihre Geduld iſt gänzlich erſchöpft, und darüber wundere ich mich auch nicht, weil ich mein Sibyllenamt gänzlich vergeſſe, um ein Genie zu bewun⸗ dern, welches vor ſo vielen Jahren lebte!“ Keiner unter den drei Herren ſchien Luſt zu haben, durch die geringſte Einwendung zur Fortſetzung des Ge⸗ genſtandes Stoff zu geben. Edith mußte dieſes auch gar nicht erwartet haben, denn ſie ließ ihren Blick wieder auf die Karten ſinken und ihn dort einige Augenblicke ruhen. Plötzlich rief ſie luſtig aus:„Was ſoll das bedeuten?“ und kehrte ſchnell die Karten in einen Haufen zuſammen. „Nun, meine Gnädige! was hatten Sie denn dort für Offenbarungen?“ liſpelte der Präſident, der jetzt wie⸗ der auf die große Landſtraße gekommen war. „Soll ich das ſagen?“ Edith ſenkte ihren Ton herab zu einer Art von ſehr verführeriſchem Flüſtern. „Ja wohl, ja wohl!“ „Wenn es nun aber allen drei Herren gölte?“ „Wir wagen es darauf los!“ antwortete der Oberſt⸗ lieutenant lachend.„Ich bin wohl ärger daran geweſen.“ „Doch Sie, Herr Baron?“ „Der Tauſend! es kann mir wohl nicht ſchlimmer ergehen, als Anderen, und in guter Geſellſchaft erträgt man ſehr viel!“ „Wie es Ihnen alſo beliebt— überdieß redet hier keine arme Sterbliche, ſondern die Norne die ſtrenge, Worte in den Mund legt.“ 5* „Wir lauſchen!“. „ Ich ſah...“ Edith redete jetzt eilfertig, zugleich aber ſo leiſe, daß außer dem kleinen Kreiſe Niemand etwas hören konnte—„ich ſah vor dem eben erwähn⸗ ten großen Wege, einen Zuſammenfluß von Schwarz, eine große Maſſe von Wolken, deren Stellung zu ein⸗ ander ſo war, wie man ſie bei der Annäherung von— — nicht Ungluck, nein, weit entfernt— aber wohl von großen Verdrießlichkeiten oder Epidemien ſieht... Ja, ja, glauben Sie mir, ich ſcherze nicht! auf meine Ehre, ich rede im Ernſte und möchte darüber verzweifeln, daß die Luft auf Dagby nicht immer heilſam iſt!“ Einige Augenblicke ſtarrten die drei Freier mit ſtum⸗ mer Beſtürzung ihre Gebieterin an: ſie ſuchten zu er⸗ Krunden ob dieſe wohl nicht trotz ihrer entgegengeſetzten ehauptung dennoch ſcherzte. Dießmal aber war Edith's Blick ernſthaft; er ver⸗ rieth einen hohen Grad von Ermüdung, dabei aber au eine ſo wohlwollende, wenn auch vollkommen beſtimmte Abweiſung, daß keiner der Herren den ſo unvermuthet gegebenen Wink mißverſtehen konnte. Alle Drei aber hatten ſo viele Weltkenntniß, daß ſie in einem gezwun⸗ genen Scherze über die Wahrſagekunſt des Fräuleins ihren gemeinſchaftlichen Verdruß verbargen. Und in dieſem ſchönen Unternehmen unterſtützte Edith ſie mit großer Bereitwilligkeit; denn ſie nahm ſo augenblick⸗ licc ihren ſpielenden Ton wieder an, daß kein Menſch pemerken konnte, wie derſelbe während einiger Secunden ddie ganze Scala hindurch gerollt war. * Jetzt aber möchte es wohl Zeit ſein, einen Blick auf den neuen Ankömmling zu werfen. — — zugleich iemand rwähn⸗ ſchwarz, zu ein⸗ von— oöhl von d .. Ja, e Ehre, In, daß it ſtum⸗ n zu er⸗ geſetzten er ver⸗ ber auch eſtimmte ermuthet rei aber gezwun⸗ räuleins Und in ſie mit — genblick⸗ Menſch Secunden ten Blick kommener 69 Neuntes Capitel. Der Bruksverwalter. Der junge Mann, welchen wir jetzt vorſtellen, und deſſen artige Verbeugung Edith ſo oberflächlich und vor⸗ nehm abgefertigt, hatte, ohne ſeine Faſſung im Min⸗ deſten zu verlieren, ohne einmal die Demüthigung, welche ihm beſtimmt zu ſein ſchien, zu bemerken, den Platz eingenommen, welchen die Hofräthin ihm mit den gnä⸗ digen Worten:„Kommen Sie, Herr Helmer, und unter⸗ halten Sie uns!“ bei dem Tiſche angewieſen hatte, wo ſie präſidirte. Mit einer hohen und wohlgebildeten Geſtalt, welche bewegte, welche bewies, daß er den Kleidern Werth ver⸗ lieh, und nicht dieſe ihm, zeigte ſich Ernſt Helmer— ohne daß wir es nöthig haben, von dem ſo oft be⸗ nutzten Olymp einen Typus zu leihen— als ein fernt von einer träumenden Melancholie, als von einer gedankenvollen Verſchloſſenheit, ſchien der Hauptcharakter loſigkeit von der Beſchaffenheit war, d dunkelblauen Augen, ſein Lächeln, das aus der Seele kam und nicht bloß beabſichtigte, die Friſche ſeiner Lip⸗ pen zu zeigen, in dem Herzen ſo manches jungen Mäd⸗ chens anrichteten, ſo übte er doch dieſe Macht niemals mit Abſicht aus, denn er hatte gewiſſe Grundſätze, die ein ſolches, jedes denkenden Weſens unwürdiges Spiel verwarfen. Gerieth alſo demungeachtet ein leicht ent⸗ zündbares Herz in Flammen, ſo konnte er ſich wenig⸗ ſtens von der Beſchuldigung freiſprechen, daß er dieſes Feuer angefacht hatte— ein beruhigender Gedanke, wel⸗ cher doch vielleicht— um ihm kein allzu großes Ver⸗ dienſt zuzueignen— vielleicht eine eben ſo große Stütze in ſeiner angeborenen Gleichgültigkeit gegen Liebesaben⸗ teuer fand, als in ſeiner Verachtung gegen jene kleinen Betrügereien und Heucheleien, welche die Männer unter der Benennung von Galanterie ſich ſo oft erlauben. Dieſe artige Gleichgültigkeit, welche das weibliche Geſchlecht leider nie zu ſchätzen weiß, hatte ihm ver⸗ ſchiedene Beſchuldigungen verſchafft. Bald hieß es, er wäre ſo voller Eigenliebe, daß er, ein zweiter Narciſſus, ſich nur in ſich ſelbſt verlieben könnte, bald, er wäre ſo ſtolz, daß keine weibliche Perſon ihm würdig zu ſein ſchiene, der Gegenſtand ſei⸗ ner Verehrung zu werden, bald, er wäre von der Natur ſo träge und ſo kalt erſchaffen, daß er außer Stande wäre, ein Gefühl zu empfinden. Als eine Milderung dieſer Vorausſetzungen wurde ſeine Gleichgültigkeit auch ſo erklärt, ſie könnte vielleicht aus dem nicht unglaublichen Umſtande herfließen, daß er ſein Vermögen durchgebracht und nachdem er ein reicher Gutsbeſitzer geweſen war, zu eigenem Lebensunterhalte die Verwaltung der Güter Anderer zu übernehmen ſich genöthigt geſehen hatte... Man flüſterte auch Kleinigkeiten von großen Ver⸗ luſten im Spiele, von Schulden, die ihn immer noch genirten, und um in dieſe Proſa auch etwas Romantiſches hinein zu bringen, wollte man wiſſen, daß der Mann bittere Leiden hätte von Gewiſſensqual und von Reue; b wußt Gut Seele Lip⸗ Mäd⸗ mals e, die Spiel tent⸗ enig⸗ dieſes wel⸗ Ver⸗ Stütze aben⸗ einen unter n. bliche ver⸗ aß er, ieben bliche d ſei⸗ der außer vurde leicht aß er eicher thalte ſich Ver⸗ noch iſches Rann teue; 1 71 denn hatte er nicht zu gleicher Zeit, da er ſich zu Grunde richtete, auch eine alte Mutter unglücklich gemacht, welche jest Don den Broſamen ſeiner armſeligen Ablohnung ebte?“ In allen dieſen Gerüchten lag, wie gewöhnlich, etwas Falſches und etwas Wahres. Helmer war kaum mündig und befand ſich auf der Univerſität, als er ganz unvermuthet durch den plötzlichen Tod des Vaters in den Beſitz ſeines großen und fruchtbaren Gutes kam— ein Umſtand, welcher die Urſache war, daß er den Juris⸗Candidaten nebſt der langſamen Bahn in den Collegien fahren ließ, um ſogleich ſein eigener Herr zu werden. Dieß that er um ſo lieber, als er nicht allein große Luſt und wirk⸗ liche Neigung zur Landwirthſchaft hatte, ſondern auch dadurch den letzten Willen des Vaters erfüllte. Er wußte es am beſten, wie ſehr es nöthig war, daß das Gut in kraftvolle Hände kam. Jetzt hielt man den jungen Helmer für einen wohl⸗ habenden Mann; aber das Gut hatte in dem⸗Laufe der Jahre ſo viele Immiſſionen erhalten, die nur der Erbmeines Hauſes, in welchem die Ausgaben immer größer geweſen waren, als die Einnahmen, genau kannte, ſo daß es ſich ſchon damals, als der letzte Beſitzer daſſelbe über⸗ nahm, gar ſehr zu ſeinem Untergange neigte. Einige Jahre hielt ſich inzwiſchen Helmer aufrecht; ob aber ſeine Speculationen zur Verbeſſerung ſeines Vermögens nicht die klügſten waren, oder ob er von andern Verluſten heimgeſucht wurde, die ſeine Anſtren⸗ gungen fruchtlos machten— eine Sache, über welche wir vielleicht ſpäterhin Aufklärung erhalten werden— genug: nachdem er ſich in Unternehmungen geſtürzt hatte, welche weit größere Kapitale gefordert hätten, begann es ſchnell bergab zu gehen. Und Ernſt, welcher— um die Wahrheit nicht zu verbergen— bei der Academie und ſpäterhin auf einer ausländiſchen Reiſe eine nicht unbedeutende Neigung für die Reizungen des Spiels gezeigt hatte, wurde nun wiederum von dieſer Leidenſchaft errrwA- umnnn verſucht, welche doppelt gefährlich wurde durch die Ver⸗ Phlichteit welche dieſes Vergnügen ſeiner von täglichen ekümmerniſſen und geheimen Verwicklungen verbitter⸗ ten Laune gab. Ob er wirklich bedeutende Verluſte erlitt, das iſt nicht ſo abgemacht; ganz beſtimmt aber iſt, daß er von dem Augenhlacke an, da ſein väterliches Gut aus ſeinen Händen ging, bis auf dieſe Stunde niemals die Karten berührt hatte, außer je zuweilen, um zu dem geſellſchaft⸗ lichen Vergnügen beizutragen, und ein ſolches Vergnü⸗ gen ſoll doch für einen Spieler das langweiligſte von allen ſein. Auch lebte Helmer's Mutter keineswegs von den Broſamen ſeines Lohnes; denn ihre Mitgift, freilich eine unbedeutendes Kapital, war niemals angerührt worden, und die Zinſen dieſes Kapitals, welches der Sohn trotz der liebevollen Bitten der Mutter niemals mit in ſeine Geſchäfte gezogen hatte, waren völlig hinreichend zu ihren Bedürfniſſen. Jetzt lebte ſie in einer der kleineren Provinzialſtädte. In einem Alter von fünfundzwanzig Jahren war alſo Ernſt Helmer ohne Vermögen, doch auch ohne Schulden, denn dieſe waren gedeckt worden; und ihm blieb nur noch übrig— er war nämlich einer von jenen Charakteren, welche ſich durch das Unglück weder niederdruͤcken noch erſchlaffen laſſen— entweder die bei dem Tode des Vaters abgebrochene Bahn von Neuem zu betreten, oder eine Pachtung oder einen Verwalters⸗ poſten zu ſuchen. Er konnte es ſich ſelbſt nicht verhehlen, daß nach einer ſo langen Unterbrechung und da er jetzt auch ohne Mittel war, der erſtgenannte Weg eine Thorheit wäre; der zweite aber konnte ihn von Neuem in Weitläufige keiten verwickeln, alſo blieb ihm nichts Anderes übrig, als ſich nach Wegraiſonniren einiger Serupel, die der Hochmuth hinwarf, für den dritten zu beſtimmen, und das Glück ließ ihn durch ſeine zahlreichen Bekanntſchafe⸗ ten auf dem Eiſenhammer Dagby eine Stelle finden,. 1 4 die meh ſelb⸗ ſeine unte denn welt aufg beib ſein Sell Cha Alle Fall Züg⸗ ſtehe ſchre eines recht gen bisw doch unter müſſ Scha ten4 ſchaf wurd gehü ſie g hinw als führt ihre Ver⸗ ichen itter⸗ 3 iſt von einen arten haft⸗ gnü⸗ von den feilich rührt der mals vollig ie in war ohne ihm von weder r die teuem lters⸗ nach auch orheit äufig⸗ übrig, ie der und kſchaf⸗ inden, 4 —— 73 die ſeinen Wünſcen entſprach, beſonders da dieſe durch mehrere Provinzen von dem Orte geſchieden war, wo⸗ ſelbſt ſeine erſte Lebensſonne aufgegangen und die Sonne ſeines weltlichen Glückes und ſeiner Selbſtſtändigkeit untergegangen war. Doch dieſer letztere Ausdruck iſt nicht ganz paſſend; denn Helmer zweifelte nie daran, daß die Sonne ſeines weltlichen Glückes durch Arbeit und Beſonnenheit wieder aufgehen könnte; und wer nur eine ſolche Hoffnung feſt beibehält, dem iſt eigentlich in keinem Falle die Sonne ſeines weltlichen Gluͤckes untergegangen; und was die Selbſtſtändigkeit betrifft, ſo gehörte Helmer zu jenen Charakteren, welche, ohne ihre eigene Wichtigkeit im Allergeringſten ſcheinen zu laſſen, dennoch dieſelbe im Falle der Noth geltend zu machen wiſſen. Wir haben hier nur einen Theil der äußeren Züge in Helmer's Leben berührt, und dabei wollen wir ſtehen bleiben; überzeugt, ſo viel man auch in dem be⸗ ſchreibenden Style es verſuchen will, das geiſtige Daſein eines Menſchen klar zu machen, daß dieſes dennoch nie recht gelingen wird, denn immer werden die Handlun⸗ gen dasjenige ſein, was da redet, und wenn dieſe auch bisweilen einiger Commentare bedürfen, ſo dürfen dieſe doch nicht zuerſt kommen, gleichſam um den Leſer zu unterweiſen, wie er jene betrachten ſoll, ſondern ſie müſſen nur als eine Beleuchtung desjenigen, was im Schatten liegt, vorkommen..... In dem Augenblicke, da Helmer mit jener ungenir⸗ ten Leichtigkeit, welche der Gewohnheit mit dem Geſell⸗ ſchaftsleben angehört, den dargebotenen Platz annahm, wurden alle drei junge Damen von einer Purpurwolke ein⸗ gehüllt, und es ſchien eine Gefahr vorhanden zu ſein, daß ſie gleich den Prinzeſſinnen in den Sagen von derſelben hinweggeführt worden wären, wenigſtens ſah es ſo aus, als wären ihre Sinne auf einige Minuten hinwegge⸗ führt. Ja ſogar Mamſell Octavie war nicht im Stande, ihre angenehme Bewegung zu beherrſchen. Er kam ja —— 74 ſo ganz unvermuthet— es war unverantwortlich, den f Wagen auf dem Hinterhofe halten zu laſſen! ken Olga's Augen waren immer noch in die Blumen l auf dem Balkon vertieft; Hortenſe in ihrer Verwir⸗ de rung wendete ſich nach dem Tiſche hin, wo Edith ſaß doch welchen Gewinn hatte ſie davon? Fen und wahrſagte; ein veraͤchtliches Lächeln von Edith's Lippen. Z M ihrem größten Glücke bemerkte Hortenſe es nicht, denn 9 ſie— ſaß in der Wolke. den „Kommen Sie und unterhalten Sie uns!“ hatte er die Hofräthin geſagt, und Helmer hatte geantwortet: dn „Ich ſtelle Ihrer Gnaden meine kleinen Gaben zur pelcq Dispoſition, unter der Bedingung, daß ich nicht ange⸗ ſollt klagt werde, wenn es mir mißlingt.“„ „Gut, Herr Helmer, man kann nicht billiger ſein... Y. v Doch ſehen Sie hier meinen Schwager Janne, deſſen war ich ſo oft erwähnt habe!“ Helmer erhob ſich augenblicklich und ging mit einer felbſt Miene, die viel Intereſſe und eine kleine Neugierde ver⸗ rieth, auf den Mann zu, deſſen Leben und Gewohnhei⸗ ſell L ten er nicht allein hochachtete, ſondern von denen er ſich ſollte, auch gerührt fühlte. Onkel Janne's launiges und freundliches Geſicht helfen ſchien nicht verfinſtert zu ſein, als er mit einem kräfti⸗ gen Handſchlage und ſeiner eigenthümlichen kleinen, kur⸗ gewiß 8 Verbeugung den ehrfurchtsvollen Gruß des jungen Bruksverwalters erwiederte.. die F „Ich bin ein Mann des Ranzens, will ich Ihnen ſagen,“ ſagte der Onkel freundlich,„weder mehr, noch erröth Ihren wenigerl!.* „Und ich,“ entgegnete Helmer mit einem offenen Lächeln, indem er zum erſten Male ſeit ſeiner Ankunft in Dagby auf ſeine eigenen Umſtände anſpielte,„ic bin ein Mann, welcher den Ranzen mit Allen, darin war, verloren hat, und ſich jetzt eben 3 Entdeckungsreiſe beſindet, um Materialien zu naeuen zu ſuchen.“ 4 8„Schoͤn, ſchon!“ der Onkel nickte mit einer ſe den men wir⸗ ſaß von? Zu denn hatte 1 zur ange⸗ n... deſſen einer e ver⸗ ynhei⸗ er ſich Geſicht kräfti⸗ n, kur⸗ ungen Ihnen „noch offenen nkunft e,„1 was einer er ſehr 75 ſten Sibylle dort die Wahrſagekunſt abſtehlen, ſo wollte ich wohl verbürgen, daß Sie nicht ſehr alt werden, ehe der Schaden reparirt iſt.“ Nach dieſen Worten trat der Onkel wieder an ſein Fenſter, um auf Edith's Auslegung über den Zug des Moſes durch die Wüſte zu lauſchen. Inzwiſchen war die Hofräthin hinausgerufen wor⸗ den, und Helmer, welcher dem kleinen Tiſche nicht die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien, ſondern an te Platz zurückgekehrt war, ſagte zu Hortenſe, welche ſchon darauf gewartet hatte, daß er ſie anreden ſollte: „Ich kann das Vergnügen haben, die Frau von Y. voß einer Bekannten zu grüßen— Fräulein von H. war heute in Duringe.“ „Danke, Herr Bruksverwalter! Sie waren alſo ſelbſt. hei der Spätpredigt?“ „O, darauf hätte ich wetten können!“ ſagte Mam⸗ ſell Octavie in einem Tone, der ſehr geheimnißvoll ſein ſollte, eigentlich aber einen geheimen Aerger verrieth. „Wie ſo?“ fragte Helmer.„Können Sie mir rathen helfen, Fräulein Olga?“ „Wenn ich auch könnte, ſo iſt es noch nicht ſo gewiß, ob ich auch will!“ meinte Olga lachend. 1 „O, wie boshaft!— Da bin ich überzeugt, daß die Frau von Y. barmherziger iſt!“ „Ich? nun das war luſtig!“ erwiederte Hortenſe erröthend.„Jetzt müſſen Sie erſt erklären, worauf Sie Ihren Glauben an meine Barmherzigkeit gründen.“ „Iſt das ein beſtimmter Befehl?“ „Nein, nur ein Wunſch.“ „Das iſt ganz einerlei! laſſen Sie uns jedoch an⸗ zufriedenen Miene;„und ſollte, ich unſerer allergnädig⸗ nehmen adaß meine Erklärung Ihr Mißfallen fände!“ „O, ich bin ganz überzeugt, Herr Helmer, daß Sie einem mir nichts ſagen können, das dieſe Wirkung hat!“ „Da die Frau von Y. davon überzeugt ſind, ſo will lich dreiſt erklären, daß Ihre Stimme mir den Gedan⸗ ken eingeflößt hat, um welchen ich jetzt zur Verant⸗ wortlichkeit gezogen werde. Dieſe Stimme iſt nämlich allzu ſanft und zu muſikaliſch“— Hortenſe's Stimme hatte wirklich dieſe Eigenſchaften—„um eine nicht nothwendige Weigerung ausſprechen zu können.“ „Welche Thorheit, ſich auf etwas ſo Unzuverläſſi⸗ ges zu ſtützen! Wenn“.... Doch aus der Fortſetzung wurde nichts, denn jetzt kam Edith, welche ihre große Scene mit den drei Freiern beendigt hatte, um mit Hortenſe zu plaudern. „Gute Edith! mache uns das Vergnügen und ſetze dich zum Fortepiano!“ bat die junge Frau mit herz⸗ licher Dringlichkeit. „Herzlich gerne!“ Edith ſtand wieder auf; doch Hortenſe, welche auf eine Gelegenheit gehofft hatte, ihr intereſſantes, inhalt⸗ loſes Geſpräch mit dem Bruksverwalter fortſetzen zu können— ſie ahnte nicht, daß er ſchon jedes Wort ver⸗ geſſen hatte— fühlte ſich auf das Aeußerſte beleidigt, als ſie ſah, wie er an das Inſtrument eilte, dieſes öffnete und für Edith einen Stuhl zurechtſetzte. Um jedoch auf die gewöhnliche Weiſe ſolcher jungen Damen eine Linderung in ihrem Verdruſſe aufzuſuchen, flüſterte ſie der Gouvernante zu: „Welche lächerliche Geſchäftigkeit! Aber ich fürchte wirklich, daß die Mühe verloren iſt!“ Mamſell Octavie gab keine Antwort, von undecidirtem Naſenlaut. Und die Mühe war, wie Hortenſe geweiſſagt hatte, wirklich eine verlorene; denn ohne ein Wort zu ſagen, wendete ſich Edith von dem Fortepiano hinweg und nahm die Guitarre, zu welcher ſie, einzig und allein zu dem Vergnügen des Onkels, einige kleine Volksmelodien als eine Art ſang. die letzten Töne falſch, Fräulein!“ Edith's Blick, in „Sie ſingen ſagte Helmer und ertrug ganz ruhig welchem das unverſtellteſte Erſtaunen lag. 7* 7 ant⸗ nlich ume nicht lãſſi⸗ jetzt eiern ſetze herz⸗ e auf ahalt⸗ en zu t ver⸗ eidigt, dieſes Um Damen üſterte fürchte ne Art hatte, ſagen, g und llein zu telodien ulein!“ lick, in 77 Edith war ſo gewohnt, ihre Stimme, ihren Geſchmack, ihre Methode und vor Allem ihr muſikaliſches Ohr über allem Tadel anzuſehen, daß ihr Helmer's Anmer⸗ kung als eine Dummdreiſtigkeit vorkam, die nur in ſei⸗ hen Mangel an Erziehung eine Erklärung finden konnte. „Ja, ich nehme mir die Freiheit, dabei zu bleiben, mein Fräulein, daß Sie nicht richtig geſungen haben!“ „So haben Sie denn die Guͤte, mich zu corrigi⸗ ren!“ antwortete Edith, indem ſie ihm mit einem ſpötti⸗ ſchen Lächeln die Guitarre reichte. „Das will ich ſehr gerne thun!“ ſagte Helmer mit einer Einfachheit und Sicherheit, welche Hortenſe, Olga und Mamſell Octavie entzückten, und machte, daß ihre Herzen vor Erwartung und bald vor Triumph über die Ueberraſchung der hochmüthigen Edith klopften, als Helmer, nachdem er die Guitarre umgeſtimmt hatte, ganz ungenirt dieſelbe kleine Volksmelodie mit einigen Ver⸗ änderungen ſang, wodurch dieſelbe doppelt ſo ſchön wurde. 2 Wenn auch Helmer's Stimme ſich durch keine un⸗ gewöhnliche Schönheit oder durch großen Umfang aus⸗ zeichnete, ſo war ſie dennoch ſo rein, ſo tief und ſeelen⸗ voll, daß ſie ſogar und vielleicht am allermeiſten Edith's Beifall gewann, obgleich ſie nur ganz kurz ſagte: „Ich danke für die Lection!“ „Und ich habe gar nicht gewußt, daß Herr Helmer ſingt!“ ſagte die Hofräthin mit einer Miene und einem Tone, als hätte er einen Diebſtahl begangen, da er ſie mit dieſem Talente nicht bekannt gemacht hatte.„Viel⸗ leicht, wenn man recht nachhört, ſo ſpielen Sie auch die Violine ſo, daß Sie ſich recht gut hören laſſen könnten, obgleich Sie von dem Augenblicke an, da ich erfuhr, daß ſie eine Violine haben, allzu diffieil geweſen ſind, uns die Beurtheilung Ihrer Fertigkeit anheimzuſtellen!“ „Ich weiß nicht,“ entgegnete er mit einiger Beto⸗ nung,„ob ich ſo ſpiele, daß es ſich der Mühe verlohnt, meine Blödigkeit zu ermuntern; doch das weiß ich, daß ich niemals ſpiele, außer wenn ich beſonderen Trieb dagu fühle.“ ich „Und das iſt heute Abend nicht der Fall?“ ſiel Edith nachläſſig ein. verſ „Sehr wahr— heute Abend nicht!“ 1 gen weſe Zehntes Capitel. enu An der Hinterthür. Das Billet. die Genau eine Woche war ſeit der Ankunft des Onkels ausg Janne verfloſſen.* Es iſt wieder Sonnabend Abend. jenig Dießmal treffen wir ihn jedoch nicht bei dem Grabe Stin des Bruders, ſondern auf der Höhe eines Hügels, von tin welchem man eine freie Ausſicht auf die Landſtraße hat. Sditt Die Sonne, welche eben untergehen wollte, war* Kdit dem Ehrenmanne ſehr beſchwerlich, und trotzdem, daß an der Schirm ſeiner Mütze und ſein Arm den Augen als 8 ſehr Schutz dienten, waren dennoch ſeine Augen unzufrieden de et mit der Stellung. Plötzlich zeigte ſich im Hintergrunde daran eines kleinen Gebüſches Edith's ſchöne Geſtalt; doch an⸗ Grun ſtatt auf dem geraden Wege fortzuwandeln, bog ſie in d rit einen kleinen Waldweg ein, welcher auf einem Umwege das zu der Hinterthür des Parkes führte. 1 Aoi 1 Es iſt nicht ausgemacht, ob ſie den Onkel Janne Adieu ſah; vielleicht ſah ſte ihn nicht, vielleicht wollte ſie auch ſchnel ein Zuſammentreffen vermeiden. Wie dem aber auch ſein mag, ſo offenbarte ſich die ganze Erſcheinung und verſchwand eben ſo ſchnell, wie die Figuren in einem Schattenſpiele. Und als der Alte die Augen wieder ſo weit in Ordnung gebracht hatte, daß ſie zum Dienſte beu waren, und aufblickte, ſagte er halblaut zu ſich elbſt: 79 „Ich kann ihr ebenſo gut entgegen gehen, als daß azu ich hier ſtehe und der Sonne in das Geſicht ſehe!“ ditl Und damit wanderte er herab von dem Hügel und tih verſchwand bald auf dem Wege, den Edith eben gegan⸗ gen war. Unſer Fräulein war in einem von den Kathen ge⸗ weſen, woſelbſt ſie etwas zu thun gehabt hatte, das aus dem Folgenden erhellen wird, und hatte eben jetzt auf dem Waldpfade den Park erreicht. Als ſie im Begriffe war, die Thure zu öffnen, vernahm ſie folgende Worte, welche mit einer beſtimmten, aber nicht ſcheltenden Stimme kels ausgeſprochen wurden: 9„Höre endlich auf mit Bitten! Es bleibt bei dem⸗ jenigen, was ich geſagt habe!“”“ „Doch das Anſchreiben? ſtotterte eine demüthige labe Stimme—„das Anſchreiben?“ wo Bei dem Laute dieſer letzteren Stimme, welche haf. Sdith ebenſo gut kannte, wie die erſte, wurde ihre bar Wange von einer dunklen Wolke gefärbt. Sie ſchien ſehr wohl zu begreifen, wovon hier die Rede war, und 0 ſie erröthete noch mehr, da ſie die Antwort vernahm: 8„Das Anſchreiben verſteht ſich von ſelbſt, da ich ande darauf eingegangen bin. Und wenn ich auch meine Al⸗ Gründe habe, das Kleine abzuſchlagen, ſo ſei überzeugt, e in daß ich das Große, nämlich die Verantwortlichkeit fuͤr pege 9. Zukunft, nicht verſäumen werde..... Und nun 1 dieu!“ dun Die Redenden trennten ſich. Der Eine ging mit au ſchnellen Schritten zurück in den Park, der Andere kam auch auf die Hinterthüre zu, und Edith hatte kaum ſo viele ndd Zeit, zur Vermeidung eines Zuſammentreffens, welches r ſo ſte nicht wünſchte, daß ſie hinter eine gigantiſche Hangel⸗ enſte birke ſchluͤpfen konnte, als ein ſauber gekleideter Bauer ſich heraus trat und ſich auf dem Fußpfade entfernte. Sobald der Mann verſchwunden war, trat Edith Aallzu zudringlich halten wollten,“ ſagte Helmer, der ganz wieder vor und eilte in den Park hinein, wo ſie nach einer kurzen Wanderung ſich auf einer kleinen Anhöhe niederwarf und die hier wachſenden friſchen Blumen mechaniſch ausriß, zerpflückte und in die Luft ſtreute. In dieſem Augenblicke war Edith nicht ſchön. Ein höhniſches Lächeln ruhte auf ihren trotzigen Lippen, und ein unweiblicher Zorn— wenn derſelbe auch in der That einen vollkommen weiblichen Grund hatte — entſtellte den Adel und die Lieblichkeit ihrer Züge. Doch ebenſo ſchnell, wie der Hauch des Windes die kleinen Baumzweige ſenkt und wieder erhebt, eben ſo ſchnell änderte ſich Edith's Miene; denn annähernde Schritte ſagten ihr, daß ſie nicht länger allein war. Und wer jetzt die gedankenvolle Gleichgültigkeit in ihrem Geſichte und in ihrer ganzen Stellung ſah, der hätte unmöglich die heftigen Bewegungen ahnen können, die erſt vor einem Augenblicke ſie erſchütterten. Es war der Bruksverwalter, welcher langſam auf den ſchlängelnden Wegen gegangen war. Noch bemerkte er Edith nicht, denn ſein Blick war ſuchend auf die Erde geheftet; bald ſpähte er zur Rech⸗ ten, bald zur Linken, und aus der leichten Unruhe, die ſich auf ſeinem Geſichte abſpiegelte, konnte man er⸗ dehen daß er das Verlorene ſehr gerne wieder gehabt. ätte. Er war an dem Platze, wo Edith ſaß, ſchon vor⸗ übergegangen, als er ſich umſah. 1 „O Fräulein— ich bitte um Entſchuldigung!“ Helmer grüßte verbindlicher als gewöhnlich, Edith dagegen wo möglich noch nachläſſiger und gleichgültiger, als ſie ſonſt pflegte. Entweder aus Gedankenloſigkeit oder um eine me⸗ chaniſche Beſchäftigung zu haben, hatte ſie eben aus der Taſche ein kleines Billet gezogen, welches ſich ſeit geſtern darin befand, und jetzt war ſie eifrig beſchäftigt, daſſelbe um die Finger zu wickeln. „Wenn Sie, mein 5 d 2 1 Ve räulein, meine Bitte nicht für ini erſt tau ſtat ſie, abe wie gin nack lich mög ſirte nen iſt. zu Edit drü chen Pap felt“ 81 nach in ihrer Nähe ſtehen geblieben war,„ſo möchte ich Sie wohl nhöhe erſuchen, mir die Adreſſe dieſes Billets mitzutheilen.“ lumen Edith ſah ihn mit einem Lächeln an, das noch ule. nſendma Krder ichen war, als wenn ſie ihm ihr Er⸗ . ſtaunen offen gezeigt hätte.„Ich fürchte wirklich,“ ſagte otzigen ſie,„daß Ihre Furcht nicht ca brah iſt 1 en ſag e auch Helmer erröthete bei der abſichtlichen Beleidigung; hatte aber er antwortete dennoch ohne Verlegenheit: 3 e..„Ich bin doch nicht ſo indiscret, mein Fräulein, Lindes wie Sie zu glauben ſcheinen. Als ich kürzlich hier eben ging, ſo verlor ich ein dreieckiges Billet, welches ich erſt hernde nachher vermißte, und da ich Sie mit einem ganz ähn⸗ 1 war. lichen ſpielen ſah, ſo meinte ich, es wäre nicht ganz un⸗ ihen moöglich, daß Sie es gefunden haben könnten. le„Ich habe kein an den Herrn Bruksverwalter adreſ⸗ n, die ſirtes Billet gefunden!“ „Wenn Sie die Güte haben wollen, ſich zu entſin⸗ m auf nen, ſo habe ich nicht geſagt, daß es an mich adreſſirt 1G iſt. Ich ſagte nur, daß ich ein Blatt verloren hätte.“ ck war„Adreſſirt an?“ Rech⸗„Haben Sie die Güße, mein Fräulein, die Adreſſe nruhe, zu leſen, falls Sie es nicht ſchon gethan haben!“ an er⸗ Dieſe Worte änßen er mit höflicher Kälte; doch gehabt. Edith ſpürte in dem Tone einen Anſtrich von unter⸗ . drücktem Verdruß. n vor⸗ Ohne zu antworten, aber mit einer unnachahmli⸗ 1u chen Geberde des Stolzes, reichte ſie ihm das kleine Edith Papier hin. 1l ldith Helmer las die Aufſchrift—„Fräulein Edith Stern⸗ altiger, felt“— entſchuldigte ſich und entfernte ſich ſchnell... ae ues 5 h darauf ſetzte Edith ihre Promenade nach 1 auſe fort. Aſat Jetzt ging ſie in einer ſolchen Zerſtreutheit, daß ſie beinahe auf eine kleine Schlange getreten wäre, welche ſich üͤber den Weg ringelte. Erſchreckt daruͤber, trat ſie ſeitwärts auf das Blumenbeet, und ſieh, als ſie ſich nun 4 ückte, um den Schaden wieder guszubeſſern, den ihr i launenhaftes Weib. I. 6 cht für er ganz ſſſſſſſ ö— 82 Fuß verurſacht hatte, was lag wohl da in den Zweigen eines Roſenbuſches, wenn nicht das allernetteſte Billet? O, ich ſollte es doch finden!“ Sie nahm ſchnell das Billet und las die mit Hel⸗ mer's Handſchrift geſchriebene Adreſſe, welche folgender⸗ maßen lautete: „Der Hochwohlgebornen Frau Hortenſe von Y.“ Mit einer verächtlichen Bewegung ließ Edith das Brieſchen an ſeinen Verwahrungsort zurückfallen. Wahr⸗ ſcheinlich hatte ſie jedoch einen neuen Einfall, denn nachdem ſie einige Secunden ganz ſtille geſtanden, nahm ſie daſſelbe ſchnell wieder und ging mit dem Billet in der Hand eilfertig weiter. Als ſie auf den Hof kam, ſaß ihre junge Schwe⸗ ſter mit ihrer Lehrerin unter dem Schatten der großen Linden. Mamſell Octavie ſtickte, Olga las laut in einem franzöſiſchen Roman. „Ach, ich bin ſo müde!“ ſagte Edith, indem ſie ſich neben den Andern auf die grüne Bank warf und dabei gedankenlos das Schnupftuch und das Billet auf den Tiſch fallen ließ. „Haſt Du von Deinen abgereisten alten Freiern ſchon einen Brief erhalten?“ plauderte Olga, indem ſie den Roman weglegte und den neuen, dem Anſchein nach aufgegebenen Fang ergriff. „Was iſt denn das? Dieſer Brief iſt ja verſiegelt und an Hortenſe adreſſirt mit der Aufſchrift von der Hand des Bruksverwalters! Wie kommt es, daß Du ihn darum gebeten haſt?“ „Ja, Du!“ „Wie weißt Du es denn ſo gewiß, daß der Brief von mir iſt?“ „Von wem ſollte er denn ſonſt ſein?“ „Bitte den Herrn Helmer, das zu rathen; er kommt hier eben zu rechter Zeit, um deine Neugierde zu befriedigen.“ „Wenn oas ein Scherz iſt“ ließ ſich Mamſelth Octa men, dara ligte Editl klang die U zu ko daß len! jetzt behat einer ohne ſich uͤ ging: nach warte die kl ganz dirt!“ eigen llet? Hel⸗ nder⸗ 9. 4 das zahr⸗ denn rahm et in chwe⸗ roßen it in e ſich dabei den keiern m ſie nach iegelt der 3 Du Brief er gierde mſelth 83 Octavie mit dem ſtrengen Tone einer Richterin verneh⸗ men,„ſo meine ich, es paßt ſich für Olga nicht, daß ſie daran Theil nimmt. Ueberdieß ſind wir ganz unbethei⸗ ligte Perſonen bei Vertrauen von dieſer Art; Fräulein Edith läßt Ihre Adreſſen ſchreiben, von wem ſie will.“ „Herr Bruksverwalter!“ rief Edith und ihr Lachen klang ſo ſchallend, herzlich und unſchuldig, als wäre ſie die Unſchuld ſelbſt,„haben Sie doch die Güte, hierher zu kommen und mich von der Beſchuldigung zu befreien, daß ich Sie zu meinem Handſecretär habe machen wol⸗ len! Man will es unmöglich glauben, daß ich eben jetzt im Parke dieſes Billet gefunden habe, ſondern man behauptet, daß ich es geſchrieben habe.“ „Das Billet gehört mir!“ antwortete Helmer mit einer Würde, die ihn ganz unangreifbar machte; und ohne den Damen weiter ein Wort zu ſagen, wendete er ſich um, und rief einem Laufburſchen, der über den Hof ging:— „Swen! nimm dieſen Brief und trage ihn ſogleich nach Glanberg! Auf Antwort brauchſt Du nicht zu warten!“ „Ah!“ rief Olga, die mit ſtummer Verwunderung die kleine Scene mit angeſehen hatte,„das war etwas ganz Neues, daß Herr Helmer mit Hortenſe correſpon⸗ dirt!“ „Ich antworte ſchriftlich oder mündlich jedem, der mir eine Frage vorlegt. Frau von Y. wünſcht ſich morgen mit mir über eine Frage zu berathen, welche ihre Oekonomie betrifft. Und das Billet enthält die Nach⸗ richt, daß ich ihrem Befehle nachkommen werde.“ Bei dem zu gleicher Zeit ſanften und ernſten Blick, der jetzt, ſei es aus Zufall oder Berechnung, auf Edith ſiel, hatte die ſtolze Edith ein Gefühl, das an Erſticken grenzte. Wie konnte dieſer Mann— der Bruksverwalter, der erſte Diener ihrer Mutter— es wagen, durch ſein aanzes ruhiges, achtungsvolles, aber dabei beſtimmtes 4 Pentagen ihr beinahe einen Verweis üher das Unpaſ⸗ der Stege willen!“ ſende in ihrem eigenen Betragen zu geben! Wie konnte er einen ſolchen Blick von vertraulicher Unzufriedenheit wagen— denn in ſeiner ernſten Sanftmuth lag eine Unzufriedenheit und noch dazu eine vorwurfsvolle Unzu⸗ friedenheit; und dennoch war dieſe Beleidigung nur ein Kleinigkeit, wenn man ſie mit derjenigen verglich, welche in der dem Bauer auf ſeine Bitte ertheilten abſchlägigen Antwort lag. Zu allem Glücke erſchien eben jetzt Onkel Janne im Eingange der Allee.— 6 Edith ſtand ſogleich auf und eilte demjenigen entgegen, — aufge ſein, viel, 6 8 welchen ſte, um mit ihren eigenen Gedanken allein zu bleiben, vor einer Stunde vermieden hatte, und welchen ſie jetzt dagegen, um dieſen Gedanken zu entgehen, zu treffen wünſchte. Mit einem Vorwurfe gegen ſich felbſ kam ſie wie ein Sonnenſchein und liebkoste ihn mit ihrer belebenden Wärme. Elftes Capitel. Fragmente aus Edith's Gedanken über ſich ſelbſt und über ihre Eindrücke. O, meine Du, daß wir uns nicht treffen konn⸗ ten! Ich wollte Dir entgegen gehen; doch Du ver⸗ zogſt, und es that mir ſo weh in den Augen, zu ſtehen und in die Sonne zu blicken, darum ging ich gerades Weges hin nach Swen's Kathen— aber Du warſt ſchon nach Hauſe gegangen.“ 4 „Ich ging den Waldſteig, lieber Onkel lu 3 „Du ſagteſt ja geſtern, daß Du dort nie gingſt, un „ Ja, aber heute dachte ich nicht daran.“— „ Ja, ja; das ſieht dir aͤhnlich. Nun, ſo gih m den Arm und laß unz ein wenig mit Vernunft plaudern „ —— Sterb 4 . einen würde ginali Ueber „ in De 5 war. hatte nerſtag es mir dent, d ich ein und ne mir ſe C . 7* Tage l ſo fleit das K. Onkelc zu der konnte henheit geine Unzu⸗ g nur rglich, heilten Janne gegen, ein zu velchen en, zu b felbſt n mit ſelbſt konn⸗ u ver⸗ ſtehen gerades warſt gſt, um gib mir 19 adern! 8⁵ „O Onkel, ich bin heute Abend zu dergleichen nicht aufgelegt! Ueberdieß, was kann wohl unvernünftiger ſein, als wenn man vernünftig iſt? Das iſt ebenſo viel, als wenn man verdrießlich, oder noch beſſer, zum Sterben langweilig iſt.“ „Fi, meine Du, das war ein ſchlechter Scherz!“ „Jetzt, lieber Onkel, rufe ich„fil“ denke, wenn ich einen von meinen drei Rittern hier gehabt hätte, ſo würden ſie ſausgerufen haben: welcher Witz, welche Ori⸗ ginalität!— Wahrhaftig, ich ſeufze ſchon über meine Uebereilung, daß ich ihnen den Abſchied gab!“ „Das war wohl das Klügſte von Allem, was Du in Deinem Leben jemals gethan haſt!“ 3 „Ich glaube im Gegentheil, daß es gar nicht klug war. Am Dienſtag, da der Oberſtlieutenant reiste, hatte ich ſchon einen Anflug von Fieber; am Don⸗ nerſtage, da der Baron ſeinem Beiſpiel folgte, ging es mir noch ärger; als aber heute Morgen der Präſi⸗ dent, der Tapferſte von Allen, Abſchied nahm, da fühlte ich eine Erſchütterung durch mein ganzes Nervenſyſtem, und noch in dieſem Augenblicke bin ich nicht wieder zu mir ſelbſt gekommen.“ „Ich meine dagegen, daß Du Dich von Tag zu Tage beſſer befunden haſt; Du biſt ja in dieſer Woche ſo fleißig geweſen, daß Du eine ganze Garderobe für das Kind in Swen's Kathen fertig bekommen haſt!“ „Der Arbeitseifer kam aus lauter Verzweiflung, Onkelchen, vielleicht auch aus einer kleinen Küſterliebe u der jungen Mutter. Du weißt wohl, Stina oder Fräͤutein Stina, wie ſie ehedem titulirt wurde, iſt immer mein Liebling geweſen!“ „Sie war ein tüchtiges Mädchen und iſt jetzt eine tüchtige Fruu. Wir ſaßen eben und plauderten, wäh⸗ rend ich ein Glas Milch trank und de Käſekuchen koſtete. Du kannſt glauben, ſie war eiſt wenig ſtolz darauf, daß du verſprochen haſt, das Kind zur Taufe zu tragen. Wenn man eine wirkliche Freude bereiten kann, ſo iſt es ein Vergnügen, wenn man nicht Nein zu. ſagen braucht.“ Fungen⸗ nich 3 hört „Das iſt wahr; doch, meine Du, warum haſt Du Sw Deiner Mutter nichts davon geſagt? da hätte ſie gerne chen den Paſtor hieher gebeten, und das Kind wäre hier auf wäh dem Hofe getauft worden.“ Stel „Ja, ſtehſt Du, Onkel, eben das wollte ich nicht!“ Du „Warum denn nicht?“ „Erſtlich, weil Mutter da gewollt hätte, daß das ganze Haus Gevatter ſtehen ſollte, und ich die Mühe. allein haben wollte. Zweitens hätte ſie dadurch Ge⸗ Deit legenheit zu einem ſogenannten„Impromptufeſte“ erhal⸗ ganz ten, und dieſe Feſte gehören zu meinen Preventionen. dein werd Und drittens meine ich, daß ein ſolcher Actus würdiger in der Kirche gefeiert wird, als hier auf dem Hofe, be⸗ gleitet von vielem Gepränge, das ſo wenig zu dem Ein⸗ Heln tritte des kleinen Weſens in die Welt paßt.“ erhie „Das kann Alles wahr genug ſein. Was ſagt mehr aber die Schwägerin, wenn Du mit den Bauersfrauen allein vor den Paſtor trittſt? Ich, meines Theils“... Uebr Onkel Janne huſtete— es war nicht leicht, durch einen Beifall gleichſam einen Entſchluß zu beſtätigen, von vor. welchem er ſchon angedeutet hatte, daß er der Hof⸗ lichen räthin nicht geſiele; und dennoch konnte er auch wieder Men nicht lügen. Edith lächelte.„Ich ſehe, Onkel, wie jämmerlich Du gefoltert wirſt; doch brauchſt Du auch kein Wort zu rung ſagen; denn ich weiß“— bei dieſen Worten ließ ſie Verſt einen Blick voll töchterlicher Zärtlichkeit auf den Alten gebil fallen—„wenn Andere auch in dieſer Handlung einen wiſſen Tadel finden, ſo billigt Einer ſie wenigſtens. Ueber⸗— dieß will ich's heute Abend der Mutter ſagen.“ „Gut, gut— Du ſollſt ja auf jeden Fall den Günſtlinge der Schwägerin, dem Bruksverwalter, gegen⸗ überſtehen.“*)— gebil *) In Schweden iſt der Gebrauch bei Kindtaufen ſo: es werden gleich viele verheirathete und unverheirathete ¹ ein zu iſt Du gerne ier auf nicht!“ äß das Muhe h Ge⸗ erhal⸗ tionen. ürdiger ffe, be⸗ n Ein⸗ s ſagt zfrauen 3 h einen n, von er Hof⸗ wieder merlich Vort zu ließ ſie n Alten 87 „Gewiß nicht!“ antwortete Edith ſchnell.„Ich hörte im Parke zufällig einige Worte zwiſchen ihm und Swen. Herr Helmer läßt ſich als Gevatter in’s Kir⸗ chenbuch ſchreiben, in der Kirche aber muß wohl, während der heiligen Handlung, irgend ein Bauer ſeine Stelle vertreten.“ „Nun, das war einzig... Er wußte doch, daß „Ach ſo, er wußte es?“ „Ja, Stina ſagte, da Du ſchon vor einer Woche Dein Verſprechen gegeben hätteſt, ſo wäre Swen ge⸗ gangen, um— wie ſie ſich recht naiv ausdrückte— mit dem Bruksverwalter zu reden, daß er Dein„Mann“ werden möchte.“ „Mein Mann?“ rief Edith lachend aus.„Herr Helmer mein Mann! Ach, welch ein Unglück— ich rßfelt einen Korb! dieß leidet nun gar keinen Zweifel mehr.“ „Aber ſage mir, warum ſchlug er es ab, mit den Uebrigen in die Kirche zu gehen?“ 3 „O, er hat wohl eine angenehmere Beſchäftigung vor. Aufrichtig geredet, ſtehe ich auch lieber einem ehr⸗ lichen Bauer gegenüber; denn unter allen Arten von Menſchen gibt es keine unausſtehlicheren, als dieſe halb⸗ gebildeten Halbherren mit einer Air von Seigneuren.“ „Es ſchmerzt mich, meine Du, daß ich ſolche Aeuße⸗ rungen von Dir höre, die Deinem Herzen und Deinem Verſtande ſo wenig Ehre machen! Helmer iſt kein halb⸗ gebildeter Halbherr. Du weißt ja recht gut, daß er ein wiſſenſchaftlich gebildeter Mann und überdieß von einer ſo u Gevatter und Gevatterinnen gebeten; nun ſtehen beide Geſchlechter einander bei der Ceremonie gegenüber, und die angeſehenſte Frau hält das Kind während der Taufe. Späterhin überreicht auf einem Teller jeder unverhei⸗ rathete Gevatter ſeiner Gevatterin eine Krone von Zucker⸗. werk und erhält dafür einen— Kuß. Anmerk., des Ueberſ. 7 3. ““ —— F. — ehrenhaften Familie iſt, ja daß er der Inhaber ſeines ererbten Gutes war, da ihn das Unglück traf.“ „Eben ſein Betragen während dieſer Periode zeigt hinlänglich, daß er ein Mann ohne Kraft und ohne Genie iſt. Tauſend Andere würden ſich durchgeſchlagen und nicht nöthig gehabt haben, von Haus und Hof zu gehen. Was that aber er? Unnütze Speeulationen, falſche Berechnungen machte er. Endlich huldigte er dem Satze,„genieße, während du lebſt!“ reiste in's Ausland und verſpielte den Reſt.“ „Aber Du biſt ja wirklich bitter gegen ihn, mein Kind! Glücklicherweiſe biſt Du die Einzige, welche ihn nicht leiden kann. Er hat ausgezeichnete Eigenſchaften.“ „Ja, wenn nämlich die Schönheit des Körpers eine Eigenſchaft iſt.“ „Alſo läugneſt Du wenigſtens nicht, daß er ſchön iſt?“ „Nein, ich will ſogar ſo weit gehen, und mit Schmerz geſtehen, daß er in ſeiner Perſon Alles verwirklicht, was die griechiſche Sculptur von fehlerfreien Formen und Geſichtszügen erdacht hat.“ „Mit Schmerz ſagſt Du? Du biſt recht närriſch!“ „Vielleicht, Onkel! Doch nur in einem einzigen Falle könnte ich mich von dieſer Schönheit entzücken laſſen, und das wäre, wenn ich einſt den Herrn Bruksverwalter in Stein gehauen in einer Ecke des großen Saales ſtehen ſähe. Welche göttliche Statue!“ „Das Schöne muß ſtets auf uns einwirken, ſei es, daß das Kunſtſtück aus Gottes oder aus Menſchenhand hervorgegangen iſt.“ „Das iſt wahr, Onkel, auch wirkt Herr Helmer, beſonders in gewiſſen Augenblicken, ſo auf mich ein, daß ich davon leide.“ „Hm, hm!“ Sich dieſes edle und herrliche Geſicht zu denken auf... auf einem Bruksverwalter, einem Diener! Sich dieſe Ariſtokratie der Seele, dieſe Hoheit der Seele ausgedrückt zu denken an einer Stirne, die in ſich die trivialen und guten kleinen Gedanken eines gutmüthigen Welt wollen gkeit Dich 89 Alltagsmenſchen verbirgt! O, das iſt eine Parodie, das iſt ein Elend! Dieſe ganze Schönheit, alles Göttlliche, das der Schöpfer in dieſes Werk gelegt hat, was iſt daraus geworden, als eine verächtliche Augenweide für Gouvernanten und liebeskranke Koketten? O, ich wende mich mit Abſcheu hinweg, und wäre ich wie dieſer Mann, und hätte das volle Bewußtſein von meiner Erniedri⸗ gung, ſo glaube ich, daß ich das Leben keinen einzigen Tag länger ertrüge.“ „Meine Du, meine Du! Ich fange an für Dich zu fürchten: Du ſprichſt da von Dingen, die...“ „Die höchſt närriſch, höchſt malplacirt ſind, Onkel⸗ chen!“— Edith fuhr mit dem Schnupftuche uüber das glühende Antlitz...„doch ich bin ja eine Närrin, und das kommt daher, weil ich Langeweile habe, Langeweile ſo, daß ich mich des Tages zehnmal zu Tode gähnen könnte. Glaube mir, Onkel, weibliche Perſonen können vor Sehnſucht ſterben, denn, wie ein Verfaſſer irgendwo ſagt, unſer Leben iſt nur ein Müßiggang von der Wiege bis an das Grab.“ „Vornehmer, weiblicher Perſonen, ja... doch das entſpringt einzig und allein aus der unſeligen Vornehm⸗ heit, der Feinheit, der Eitelkeit und dem Reichthume. Aus Mangel an nützlicher Thätigkeit ſetzt Ihr Euch hin und ſpinnt eine ganze Kette von überſpannten Ideen zuſammen.“ „Möglich— doch laß hören: wie ſoll man es machen, um der Wirklichkeit zu entlaufen?“ „Du würdeſt der Wahrheit näher kommen, wenn Du fragteſt, wie Du in die Wirklichkeit hinein kom⸗ men ſollteſt. Denn ſo viel kann ich Dir ſagen: Du biſt ſchon ein tüchtig Stück Weges aus derſelben hinaus. Ach, Edith, mein Kind! ich wollte wünſchen, daß die Welt nicht allzu hart mit Dir umginge! Inzwiſchen wollen wir mit einander Pläne zu einer nützlichen Thä⸗ tigkeit entwerfen, denn das thut Dir Noth und wird Dich heilen. Wahrlich Du biſt ſehr leichtſinnig, und 90 bisweilen kommt es mir ſogar vor, als hätteſt Du ſehr wenig Herz... doch das kann nicht ſein!“ „Ich wünſchte, ich hätte gar kein Herz... doch laß uns jetzt aufhören, Onkelchen, denn ich fühle, daß ich heute Abend beſtimmt nicht mehr reden will.“ „So ſchweige denn, meine Du; das hindert mich indeſſen nicht, zu ſagen, daß ich betrübt bin über den Uebermuth, mit welchem Du von Helmer geredet haſt. Wäre er wohl achtungswerther geweſen, wenn er, auf⸗ geblaſen von Hochmuth, ſich über ſeine Lage leichtſinnig hinweggeſetzt und einen betrügeriſchen Concurs oder eine Heirath für Geld einer ehrlichen Freiheit mit Arbeit in dem Brode anderer Leute vorgezogen hätte?“ „Beſter Onkel! der Mann, welcher einer unabhän⸗ gigen Freiheit in der Armuth es vorzieht, in den Dienſt eines Andern zu treten, der iſt zu einem Sklaven ge⸗ boren, der hat kein Gefühl ſeines eigenen Werthes!“ „Jetzt wirſt Du ganz verrückt, meine Du! Einen ſolchen Platz, wie Herr Helmer bekleidet— ich meine, er iſt ja ſo gut wie der wahre Herr in allen Dingen, die das Gut betreffen— könnte der ſtolzeſte Mann an⸗ nehmen. Siehſt Du nicht, welche Menge von armen Offizieren ſich um eine vortheilhafte Pachtung oder um einen Inſpectordienſt ſtreiten? Vorſteher des großen Hütten⸗ werkes Dagby zu ſein, darauf würde ein Oberſtlieutenant, weün er es nämlich nöthig hätte, mit Entzücken ein⸗ gehen.“ „Das Alles mag ſein; hätte jedoch Helmer einen Geiſt gehabt, der ſeiner äußern Wohnung würdig ge⸗ weſen wäre, ſo wäre er als Freiwilliger in den Krieg gegangen, wo ein ſolcher geführt wird, und hätte ſich entweder durch Muth und Thaten einen Namen ver⸗ ſchafft, oder eine feindliche Kugel die Sache abmachen laſſen. Gefallen zu ſein unter den Tapfern, welchen Vorzug hätte nicht ſchon das gehabt vor demjenigen, was er vorgezogen hat!“ „Ich kann Dir nicht länger zuhören, meine Dul! *△ Du unte zu Ben Eler Tra nur eine ſchö Ton 91 Was Du da ſchwatzeſt, das beweist, daß Du nicht allein eine Roman⸗Närrin biſt, ſondern es zeigt auch an, daß Deine Gottesfurcht nicht ſo iſt, wie ich ſie wuͤnſchte. Sonſt würdeſt Du wiſſen, daß das Unglück in der Bruſt des Rechtſchaffenen andere Gefühle erzeugt, als ſolche, die nothwendig ſind, um damit ſogar noch im Tode zu prahlen.“ Edith antwortete nicht, und der Alte ließ daher das Geſpräch fallen. Als ſie aber an das Gitterthor kamen, und die Gruppe unter den Linden, welche noch aus Helmer, der Gouvernante und Olga beſtand, ſich den Kommenden entgegenwandte, zog Edith leiſe die Hand des Onkels hinweg, welche ſchon auf der Klinke lag. „Was nun? wollen wir nicht hineingehen?“ „Ich meinte, lieber Onkel, Du wollteſt ein wenig mit Vernunft mit mir reden; ich glaube, daß ich jetzt...“ Wanen. meine Du, das verlohnt ſich heute nicht der ühe.“ „Verſuche es aber doch! der Abend iſt ſo ſchön, ich gehe noch nicht hinein. Aber laß es genug ſein von dem vorigen Gegenſtande!“ „Wohl; ſo will ich Dir denn eine andere Frage vorlegen: wozu ſollte die Komödie mit den alten Herren dienen?“ „Die Komödie?“ „Ja; warum lockteſt Du ſie in die Schlinge, indem Du das Gerücht ausbreiteteſt, Du wollteſt Deine Wahl unter bejahrteren Männern treffen?“ „Das ſagte ich laut, um mich von den jüngeren zu befreien. Ich war ermüdet von ihren widerlichen Bemühungen, mich zu fangen. Wie viel Kleinliches, Elendes und geiſtig Armes liegt nicht in dieſen Freier⸗ Transactionen, wo das Courmachen und die Artigkeiten nur die Scheidemünze im Wechſel ſind! Ich erhalte einen Mann, mein Mann erhält eine Frau, die gerade ſchön und verdrießlich genug iſt, um ſiehen vis acht Tonnen Gold eine pikante Erhöhung zu ertheilen. Keiner 92 von dieſen Erwähnten flößte mir Liebe ein, und auch von ihrer Seite war von einer ſolchen die Rede nicht— nämlich in der Bedeutung, wie ich ſie haben wollte.“ „Und darum riefſt Du neue Spielpuppen zu Dei⸗ nem Vergnügen herbei?“ der „War es mein Fehler, daß die älteren Männer, ein welche ſich meldeten, ebenfalls Puppen waren, daß ſie noch ſeelenloſer waren, als die Erſteren?... Nein, wel das war nicht mein Fehler; und ich behaupte noch jetzt: St wenn ich einen älteren, tüchtigen, edelgeſinnten und jub achtungswerthen, nicht abſchreckend häßlichen, vor allen Ett Dingen aber auch nicht ausgezeichnet ſchönen Mann mei kennen lernte— die Schönheit beherrrſcht nämlich die ein Sinne, und ich will nicht beherrſcht ſein—: ſo würde heit ich mit Freuden ſeine Gattin werden, denn Gott ſoll höc wiſſen, daß ich hier zu Hauſe keine Freude habe!“ „Aber, meine Du,“ wendete Onkel Janne ein, indem Anf er dießmal den letzteren ſchlüpfrigen Gegenſtand vermied Ger —„warum ſollte es denn gerade ein älterer Mann daß ſein?— Mir ſcheint ein jüngerer mit dieſen Eigen⸗ dieſe ſchaften weit paſſender zu ſein.“ ung „Das meine ich nicht: die jungen Männer beten brei ihre Gattinnen nicht immerwährend an. Ein alter bleibt mel dankbar. Ueberdieß beſitzt er Schätze— muß wenige find ſtens ſolche beſitzen— in ſeiner Erfahrung, ſeiner Welt⸗ ſieh, weisheit, ſeiner tieferen Seelenbildung; Schätze, welche ſieh den lebensluſtigen, aber leeren Ballherren fehlen.“ Tiſch „Nun, aber der Stand— ich bin neugierig, zu hören, was Du davon ſagſt!“ 3 ſich „Der Stand iſt mir einerlei, wenn nur ſeine Ge⸗ finde wohnheiten mit den meinigen einigermaßen überein⸗ ſtimmen. Wäre nicht dieſer Umſtand, ſo möchte ich faſt ſagen, daß ich meine Wahl ſchon getroffen habe.“ „O, meine Du, wäre es mir wohl erlaubt, noch mehr zu fragen?“ M „Gerne, Onkel! Ich weiß, Du biſt nicht im Standen, mich auszulachen. Ueberdieß habe ich ſchon etwas geſagt,. nen was dieſes zu einer Unmöglichkeit macht.“ A 93 „Nun, wen wollteſt Du denn wählen?“ „Den Reichstagsmann auf Enſta.“ „Wie, einen Bauer?“ „Ja, aber einen Mann mit dem klarſten Kopf, dem beſten Herzen, den erhabenſten Grundſätzen— kurz einen Mann!“ „Nun, Gott ſoll wiſſen, daß ich nicht derjenige bin, welcher Etwas dagegen einzuwenden hätte, wenn alle Standesunterſchiede einſtürzten: ich wäre der Erſte, welcher jubeln würde über einen ſolchen Entſchluß, wenn er Etwas zu Deinem Glück beitragen könnte— doch trotz meiner Sympathien ſowohl für den Vater Bernard, einen Ehrenmann, als auch für die Gleichheit inſonder⸗ heit, kann ich dennoch nicht anders, als den Gedanken höchſt vertrakt finden: Du eine Bauersfrau!“ „Ein ſelbſtſtändiger Bauer und ein ſogenannter Anſäſſiger ſind ja eigentlich ein und daſſelbe. Doch die Gewohnheiten, die Gewohnheiten! Ich habe eingeſehen, daß dieß nicht taugt. Und dennoch, wenn ich mich mit dieſem Manne unterhalte, ſo iſt mir, als ob ſeine Worte, ungeachtet ihrer Einfachheit, ein Licht um ſich her ver⸗ breiten, das mir wohlthut, das mich erhebt. Doch nichts mehr hierüber! Ich glaube kaum, daß ich einen Mann finden werde, der meinen Wünſchen entſpricht... doch ſieh, jetzt ſind die Andern hineingegangen,... und ſieh, dort kommt Primus, wahrſcheinlich um uns zu Tiſche zu rufen!“ „Sonderbares Mädchen!“ murmelte der Onkel bei ſich ſelbſt;„ich glaube auch kaum, daß Du jemals einen findeſt, der zu Deiner Laune paßt.“ 3 Zwölftes Capitel. Mutter und Tochter. Olga's Bekümmerniſſe. „Wenn ich aber nun— und ich ſehe wirklich kei⸗ nen andern Ausweg, da Du auf meine Vorſtellungen 94 keine Rückſicht nimmſt— wenn ich Dir nun aber be⸗. föhle, dieſes Narrenſpiel bleiben zu laſſen?“ mich Durch dieſe Worte gab die Hofräthin dem Geſpräche, ich: welches in der Bibliothek zwiſchen ihr und Edith ſchon eine halbe Stunde gedauert hatte, eine neue Wendung. Edit Der Gegenſtand deſſelben war Edith's feſter Vorſatz, Güte am folgenden Morgen in der Begleitung der Bauers⸗ frem frauen den kleinen Koſſathenſohn zur Taufe in die öfter Kirche zu tragen.. „Wenn,“ antwortete jetzt Edith mit leiſer aber feſter kung Stimme,„wenn Du, liebe Mutter, einen ſolchen Befeh plötz! geben ſollteſt, ſo würde ich ſehr traurig ſein, doch. die 2 „Genug!... ich verlange Gehorſam! Du bleibſt und zu Hauſe!“„Tak „Nein, Mutter, das kann ich nicht“— Cdith's geſag Bruſt erhob ſich gewaltſam; ſie kämpfte mit ſich ſelbſt; anzuf doch die Reizbarkeit ihres Gemüthes ſchien überhand zu nehmen—„ich will es nicht!“ ſelnde Die Hofräthin erblaßte. äärtel „Gott weiß, Edith,“ ſagte ſie nach einigen Augen⸗ Veräu blicken mit einer Stimme, deren eiſige Kälte Edith's V Herz ungerührt ließ,„was das Ende von dieſem Allem denn werden wird!“ Ich drücke die Augen zu und habe das komm ſo lange gethan, als es möglich war. Doch hier muß muth eine Veränderung getroffen werden! Ich, Deine Mutter, haften ſage Dir das, denn Dein Trotz, Deine Launen, Deine Anwer Wieerſpenſtigkeit haben jetzt eine Grenze erreicht, welche. 2 — die äußerſte ſein muß!“ Augen Edith ſchwieg.„ „Willſt Du Dich alſo in meinen Willen fügen?? licheE „Ja, in allen Dingen, die nicht gegen meine Ueber⸗ iſt nic zeugung ſtreiten.“ in De „Ich erkläre Dir aber, daß ich damit nicht zufrie⸗ jetzt le den bin! Ein Kind muß in allen Stücken ohne Auss„ nahme gehorchen, wenn eine vernünftige Mutter es Cdith fordert!“ 4 ſte zu „Solche Forderungen kann aber keine vernünftige Tochte! Feh ler Mutter machen!“ ͤ A be⸗ che, hon ng. atz, ers⸗ die ſter fehl ibſt th's bſt; zu gen⸗ th's lem das muß tter, eine lche 2 ber⸗ frie⸗ lus⸗ es ftige Fehler theilhaftig! Zerſtöre nicht das Paradies meiner 95 „Edith, dith, ich erſchrecke vor Dir! Du legſt mich in das Grab! O, wie glücklich wäre ich, wenn ich mein Recht ſchon an einen Andern abgetreten hätte!“ „Wenn Du nur die Trennung wünſcheſt,“ antwortete Edith mit kurzer Stimme,„ſo laß uns dieſe in aller Güte abmachen. Ich bin zufrieden, mich in einem fremden Hauſe einzuaccordiren; dieſe Idee hat mir ſchon öfter vorgeſchwebt!“ Der Schrecken brachte auf die Hofräthin eine Wir⸗ kung hervor, daß es ungefähr ſo ausſah, als wäre plötzlich ihre Zärtlichkeit geweckt worden. Sie ſtreckte die Arme nach ihrer Tochter aus, denn ſie kannte dieſe und war nicht ſicher, ob ſie nicht, wenn ſie nicht mit „Takt“ behandelt würde, nachdem das Wort einmal geſagt, im Stande wäre, einen wirklichen Scandal anzuſtellen. Edith aber, welche ſeit mehreren Jahren dieſe wech⸗ ſelnden Veränderungen zwiſchen Deſpotismus und Ver⸗ Kärteluns gewohnt worden war, ließ ſich die plötzliche Veränderung der Mutter nicht ſehr anfechten. „O meine Edith, geliebtes, unglückliches Kind— denn Deine Launenhaftigkeit iſt Dein Unglück— es kommt Deiner Mutter zu, Dir ein Beiſpiel von Edel⸗ muth und Mäßigung zu geben! Laß uns dieſen ſchmerz⸗ haften Auftritt vergeſſen! Ach, ich hoffte, Onkel Janne’s Anweſenheit ſollte viel Gutes wirken!“ „Das hat ſie ja auch: iſt dieß nicht der erſte bittere Augenblick in der ganzen Woche?“ „Ach, ſelbſt in dieſen Ausdrücken liegt der ſchreck⸗ liche Beweis von der Kälte Deines Herzens! Wie kalt iſt nicht Deine Umarmung! O Edith! möchteſt Du nie in Deinem Leben als Mutter leiden, was Du mich jetzt leiden läſſeſt!“— „Um Gottes willen, nichts von dieſer Zeit!“ bat Edith mit bebender Heftigkeit, und augenblicklich lag ſte zu den Füßen ihrer Rutter,„mache nicht meine Tochter, wenn Gott mir dereinſt eine ſolche ſchenkt, meiner 96 Zukunft, wenn es vielleicht einſt ſo aufblühen ſollte, wie ich es in meinem Herzen trage! Ach, vergib mir Mutter! ich bin fehlerhaft, ich bin ungehorſam, ich bin ungerecht, o ja, ich weiß es, ich bin keine gute Tochter! Doch ſo weit es in meinen Kräften ſteht, will ich es verſuchen, beſſer, gehorſamer, verträglicher zu ſein!“ Entzückt, glücklich, wie die Hofräthin es ſeit langer Zeit nicht geweſen war, doch nicht im Stande, den Umfang der Rührung zu faſſen, welche die Tochter ſo demüthig zu ihren Füßen geworfen hatte, genoß ſie nur ihres Werkes. Da aber ſtarke Gemüthsbewegungen nicht zu den Schwächen dieſer Frau gehörten, ſo faßte ſie ſich auch bald wieder, und ihre erſten Worte waren folgende: 1 ceden entſagſt Du alſo der Gevatterſchaft in der irche?“ „Befiehl mir, was Du willſt; nur das nicht!“ Edith's Blick ruhte bei dieſen Worten mit einem ſo liebevollen, ſo überredenden Ausdruck auf der Mutter, paß dieſe nur ſchwach folgenden Einwand hervorſtammeln onnte: „Das wird allzu lächerlich ausſehen, wenn Du, ſelbſt noch beinahe ein Kind, ein anderes Kind zur Taufe trägſt. Das thun nur verheirathete Frauen.“ „Ich will in der beſten Bedeutung des Wortes die Pathin des Kindes ſein, und da muß ich es ja ſelbſt zur Taufe tragen!“ „Und Dich als ein kleines Wunderding unter die Bauersfrauen und die Bauern ſtellen! Glaube mir, liebe Edith, daß mich bei dieſer Sache etwas ſo Dummes, wie Hochmuth, nicht beherrſcht; nein, nein, wir ſind alle gleich vor Gott in ſeinem Hauſe! Aber die ganze Umgegend wird über dieſe Geſchichte plaudern und ihr alle möglichen Farben geben; Du wirſt nicht nach Dei⸗ nen Gefühlen beurtheilt werden; dieſe ſind edel, auch nicht nach Deinen Geſinnungen, dieſe ſind rein; ſondern man wird ſagen, daß Du dieſe ganze Seene angeordnet haſt, um Aufſehen zu erregen, Dich originell zu machen 3 und und Edit einen und en! FEr Dir daß nehr 97 ſollte, und zu zeigen, daß Du im Stande biſt, Gebräuchen b mir und Formen zu trotzen. Und das Alles, meine liebe Edith, iſt eben nicht das Vortheilhafteſte, was man von ochter! einem jungen Mädchen ſagen kann.“ ich es„Ich laſſe die ganze Gegend ſagen, was ſie will, und danke Gott, wenn es nur nicht ärger wird!“ langer„Aber, liebes Kind, ſogar Herr Helmer hatte Takt , den enug, um das Unpaſſende in dieſer Sache einzuſehen. dter ſo Er ſchlug es dem Swen ab, Gevatter zu ſein, das heißt 5 e nur Dir gegenüber zu ſtehen. Es war ſehr gut von ihm, nicht daß er nicht gleichſam an Deinem Einfalle Antheil zte ſie nehmen wollte.“ waren„Herr Helmer,“ entgegnete Edith mit unverſchleierter Verachtung,„iſt nicht der Mann, welcher auf meine in der Fandlungen Einfluß haben kann. Und ich hoffe, er wird auch nicht die Kühnheit gehabt haben, an der⸗ gleichen zu denken!“ 1 4 em ſo Nun ſo hat Graf B. um ſo mehr Recht, ſich über Gutter, Dein Betragen zu wundern. Du ſchlugſt es vor einigen nmeln Wochen aus, bei ſeinem Sohne Gevatter zu ſtehen.“ „Ebenſowohl würde ich es dem Baron G. ab⸗ 1 Du, ſcchlagen, wenn auch er— was wohl noch geſchehen d zur kann— mich dazu einladet. Ich ſtehe nur bei armen n. Kindern Gevatter, und auch dieſes nur in ſeltenen Fällen. es die Doch, gute Mutter, laß uns endigen und in der wohl⸗ ſelbt thuenden Gemüthsſtimmung, welche jetzt zwiſchen uns fattfindet, von einander ſcheiden!“ er die 6„Wohl, wenn auch ungerne, gebe ich meine Zu⸗ liebe ſtimmung, überzeugt, daß Du ein anderes Mal, da wir vielleicht wieder von verſchiedener Meinung ſein können, ſind mir dieſe Nachgiebigkeit zu Gute rechnen wirſt.“ ganze Edith antwortete nur mit einem feinen Lächeln. d ihr Darauf küßte ſie ihrer Mutter die Hand und wünſchte Si ihr ein gute Nacht. 8 Ein launenhaftes Weib. I. 98 Am darauf folgenden Sonntagsvormittage war es ſein für Diejenigen, welche ſich vor dem Anfange der Pre⸗ heim digt in der Kirche befanden— und das war beinahe b die ganze Gemeinde— ein rührender, wenn auch viel⸗ Lehre fältig getadelter Anblick, die junge Edith in dem luf⸗ Helm tigen weißen Kleide mit einem himmliſch ſtrahlenden Ausdrucke auf ihrer Stirn, mit dem Kinde in ihren etwas Armen, begleitet von einer langen Reihe Bauern und Bauersfrauen, durch die Kirche ſchreiten zu ſehen. wollte Wäͤhrend des ganzen Actes hatte Edith's engel⸗ Ach, ſchönes Antlitz, von welchem jeder launenhafte Wechſel verſchwunden zu ſein ſchien— dieſen Ausdruck, welchen nun wir(mit dem Bedürfniſſe, der Schönheit des Geiſtes aufge als der höchſten zu huldigen) überirdiſch zu nennen pfle⸗ gen; eine erhabene Würde lag in ihrem ganzen Weſen, in ihrer Haltung und Stellung: nicht das Mindeſte von der Verſchämtheit und Blödigkeit eines jungen Mäd⸗ chens, eine Zielſcheibe ſo vieler Blicke und Anmerkun⸗ gen zu ſein, war bei ihr zu ſpüren. Es war eine jung⸗ fräuliche Mutter, welche Alles vergeſſen zu haben ſchien, was um ſie her vorging. 1 Gegen das Ende der Ceremonie ſiel aber ihr Blick. auf die Sacriſtei, und jetzt mußte irgend ein irdiſcher Du w Eindruck auf ihre Sinne eingewirkt haben, denn ein zu hal höherer Purpur flammte auf ihren Wangen, während durchg ihr Blick noch einmal nach dieſer Richtung hinglitt, um auf de hernach ohne Unterlaß auf dem Kinde zu ruhen. lernt. In der halboffenen Thür der Sacriſtei ſtand Hel⸗ auf Lo mer an den Thürpfoſten gelehnt in einer Stellung, welche langen den ganzen Adel und die Weichheit ſeiner Geſtalt zeigte. wie Ra Der gewöhnliche ruhige und gleichmäßige Ernſt ſeines es gan Geſichtes ſchien heute einer— man möchte ſagen— um ni ſchwärmeriſchen Begeiſterung Platz gemacht zu haben. meinſt Warm und ſeelenvoll, faſt andächtig, ruhte ſein Auge man m auf Edith, und da ſie aufſah, trafen ſich ihre Blicke, D. ohne daß der ſeinige ſich veränderte oder ſenkte. Erſt einzigen als ſie ſich zum zweiten Male begegneten, da ſank auch Primus an ſein ar es Pre⸗ nahe viel⸗ luf⸗ enden ihren ihten nael⸗ echſe ahſe eiſtes pfle⸗ zeſen, von Mäd⸗ rkun⸗ jung⸗ chien, Blick iſcher mein hrend , um Hel⸗ velche eigte. eines 99 ſein Auge, als gäbe es nach vor dem Zwange des ge⸗ heimen Befehles in dem ihrigen. Mamſell Octavie!“ flüſterte Olga, indem ſtie ihre Lehrerin leiſe an dem Rermel zupfte,„ſieh nur Herrn Helmer! ſieh...“ „St! Olga, es ſchickt ſich nicht, in der Kirche an etwas Anderes zu denken, als an Gott!“ „Daß Herr Helmer das nicht zu thun ſcheint, das wollte ich eben bedauern... Doch wie ſteht's, Octavie?— Ach, ſüße Octavie, Du befindeſt Dich gewiß nicht wohl!“ „Ich? Olga, wie Du ſchwatzeſt!... Doch ſieh, nun iſt die Taufe vorbei— Haſt Du das Lied ſchon aufgeſchlagen?“ Dreizehntes Capitel. Hinter den Couliſſen. „Nein Murre, Du biſt ein glücklicher Fiſch, Du! Du weißt wenig davon, Murre, was es heißt, ein Herz zu haben, und noch dazu ein Herz, welches durch⸗ und durchgeſchoſſen iſt. Doch ich, ich habe die Traurigkeit auf der grauen und auf der ſchwarzen Seite kennen ge⸗ lernt. Erſt war ſie grau, da ich anfing, den Verdacht auf Lotta zu werfen, daß ſie vielleicht dennoch an dem langen Kutſcherrekel Wohlgefallen gefunden hätte, ſchwarz wie Ruß aber wurde ſie, als ich geſtern um dieſe Zeit es ganz genau zu ſehen bekam. Sie ing gewiß nicht um nichts und wieder nichts in den Stall, ader was meinſt Du, mein Murre?— Nein, nein, das hörte man wohl den Worten an, die ich aufſing!“ Durch dieſen klagenden Erguß vor Murre, ſeinem einzigen Vertrauten in Liebesangelegenheiten erleichterte mus ſein Herz, indem er mit dem treuen Freunde an ſeiner Seite in einem kurzen Trabe den Weg zwi⸗ 7*½ 10⁰ Perſon, welche ging, nicht auf dem Fußſteige ankam ſchen Dagby und Glanberg zurücklegte, an welchem letz⸗ ſonde teren Orte Lotta eben heute bei ihrer Schweſter, die ſchöt dort in Dienſt war, einen Beſuch abſtattete. auch Es war wohl eine offenbare Schwäche in dem Cha⸗ ren, rakter des Primus, daß er ſich noch weiter um diejenige welck bemühte, welche zufolge des Geſpräches, das er ſelbſt falls gehört, ihn nur als ihre Spielpuppe betrachtet hatte. Wie man jedoch weiß, hat die Liebe ihre Schwächen, oft e und Primus wollte ſich den herrlichen Genuß bereiten, hatte der ehemaligen geliebten Lotta zu ſagen, wie ſehr er ſie er ſie verachtete, und wie weit entfernt ſie von ſeinem Herzen geine wäre,„woſelbſt ſie übrigens noch nie geweſen wäre, ob⸗ Weik leich ſie aus weiblicher Eitelkeit und fuchsſchwänzelnder gall. eiberliſt ſich und Andern hätte einbilden wollen, daß jede Mannsperſon den Verſtand verlöre, wenn ſie nur Katze die Augen auf ihn würfe.“ ſo, d Als Primus mit ſolchen Gedanken in ſeinem Kopfe den ſ. von der Landſtraße in das zu Glanberg gehörende Ge⸗ büſch gekommen war, jedoch auf dem Fußſteige, welcher nach dem Hofe führte, Lotta noch nicht ſah, ſo beſchlos en 2 er zu deſto größerem Effect bei ſeinem unvermutheten Auf⸗ ſeine treten, ſich in dem Gebüſche zu verſtecken. Dadurch wäre auf n ihr auch die Möglichkeit benommen, eine unſchuldige Sie, Miene aufzuſetzen, ehe er gerade vor ihr ſtände und ihr und d anzeigte, daß mit ihm nicht zu ſpielen wäre. ſopha Zeſagt, gethan. 6 Die kleine Affengeſtalt des Primus verſchwand unter ſetzte den Büſchen, und Murre, der ſchon früher mit bei ſchöne Liebesabenteuern geweſen war, bewies einen Anſtand führt und eine Zurückhaltung, die ihn ſeinem Herrn doppelt die ſie theuer machten. Er hatte ſogar das Feingefühl, daß ſchon er ſich bequem zuſammenkauerte und entſchlief. Gehöf Etwa eine halbe Stunde war verfloſſen, als der ſeinen kleine Liebhaber— deſſen Wache an dem Abende jenes„ Sonntages ſtattfand, da wir Zeugen des Tauffeſtes in dem. der Kirche geweſen ſind— die Schritte eines Gehenden liche vernahm; doch zu ſeinem größten Aerger, daß diejenige 4 Bean 5 letz⸗ , die Cha⸗ jenige ſelbſt hatte. ächen, reiten, er ſie Herzen e, ob⸗ elnder daß ie nur Kopfe de Ge⸗ velcher eſchloß n Auf⸗ h wäre zuldige nd ihr unter nit bei nſtand doppelt , daß ls der jenes ſtes in henden ejenige 101 ſondern auf einem von denjenigen, welche nur in dem ſchönen jungen Walde umherführten. Bald merkte er auch, daß es nicht bloß die Schritte einer Perſon wa⸗ ren, nein, leider waren es zwei, und die Stimmen, welche ſich jetzt vernehmen ließen, ertheilten ihm eben⸗ falls die Verſicherung, daß Lotta nicht mit dabei war. „Wer kann das ſein?“ dachte Primus, welcher, ſo oft er mit ſeinen eigenen Angelegenheiten nichts zu thun hatte, auch gar nichts dagegen einzuwenden wußte, wenn er ſich mit den Geheimniſſen Anderer zerſtreuen konnte; geine Mannsperſon und ſo wahr der Tag licht iſt, eine Weibsperſon mit einer Stimme ſo fein wie ein Nachti⸗ gall... Ich muß nachſehen!“ Mit dieſen Worten glitt Primus leicht wie eine Katze weiter vorwärts in dem Gebüſch und legte ſich ſo, daß er, ohne ſelbſt geſehen zu werden, die Kommen⸗ den ſehr gut beobachten konnte. Es war Helmer mit der jungen Wittwe. „Sieh, das war ſchöͤn! ſie wollten mir einen luſti⸗ gen Augenblick bereiten!“ flüſterte Primus, indem er ſeine klugen Augen um die kleine Erhöhung ſpielen ließ, auf welcher Hortenſe mit einem leiſen:„Ach, verzeihen Sie, ich muß ein wenig ruhen!“ ſchnell Platz nahm und durch einen Blick ihren Begleiter einlud, den Ruhe⸗ ſopha mit ihr zu theilen. So zudringlich war aber Helmer nicht, ſondern er ſetzte ſich in das Gras einige Schritte entfernt von ſeiner ſchönen Wirthin, welche ihn in den jungen Wald ge⸗ führt hatte, um ſeinen Rath über die Veränderungen, die ſie dort vornehmen wollte, zu hören, ſo wie ſie auch ſchon früͤher in Betreff der Verpachtung eines kleinen Gehöftes, das von dem Gute getrennt werden konnte, ſeinen Rath nöthig gehabt hatte. „Wie verzweifelt ſieht ſie aus!“ dachte Primus, in⸗ dem er mit wundernder Aufmerkſamkeit das unaufhör⸗ liche Wedeln mit dem auf die Seite herabgeſpannten Sonnenſchirm betrachtete, welcher Sonnenſchirm, klein, roſenroth und gefallſüchtig wie Hortenſe ſelbſt, ſich außerſt 10²2 nett in ihrer kleinen Hand ausnahm, von welcher ſie Leute wegen der beſchwerlichen Wärme den Handſchuh abge⸗ iſt es zogen hatte. lich; „Doch ſieh den Bruksverwalter!“ ſetzte Primus ſeine Beobachtungen weiter fort;„er hat wahrlich die große Kirchenmiene aufgeſetzt! Das iſt ein verdammt hübſcher„Du Kerl, und wäre ich in ſeinen Kleidern, ſo... das iſt doch die Katze, wie ſie ſich fächelt; gewiß geht von der ſende Fächerroſe bald der Stengel ab, und dennoch wird ſie man immer röther und röther! Ich wette, man kann bald übrig einen kleinen paſſablen Weizenkuchen auf jeder Wange Man braten. Ich möchte wohl wiſſen, ob hier Eulen im ich il Mooſe ſind— hm, ich entſinne mich, gehört zu haben, als i daß es nicht ſo ganz ohne ſein ſoll!— Doch ſt! nun fertig huſtet ſie— jetzt gibt's Schnack! Lotta iſt nicht zu ſehen allem auf dem andern Steige, alſo kann ich mich einen Augen⸗ blick beluſtigen, wo ich bin!...“ tten u „Alſo, Sie rathen mir nicht, Herr Helmer, meine die ti Pläne mit dieſem ſchönen Walde auszuführen? Ach, Schu eine arme Frau, wie ich, kann ſich nicht ſo leicht in— dieſe ökonomiſchen Einzelnheiten und Geſchäfte hinein⸗„iſt g denken!“ kkeit u „Dieſe Sache iſt doch ſehr einfach. Das Gut hat den ſe keinen Ueberfluß an Wald— doch dieſer, gnädige Frau,„ welchen Sie in einen Park zu verwandeln dachten, wird, kann wenn er in Ruhe wachſen kann, künftig den Werth wäre Ihres Gutes bedeutend erhöhen.“ ganz „Ihre Meinung reicht hin, mich zu beſtimmen. Ich ſchickt werde meinen ſchönen Wald nicht anrühren.“ nehm „Meine Meinung wird jeder Landmann theilen...„ Jeder von Ihren eigenen Häuslern, den Sie gefragt ten, hätten, würde ſich ebenſo geäußert haben.“ und it „Das iſt gewiß möglich, ja ſehr wahrſcheinlich; ſonder aber ich ſtelle mir vor, daß ich als Herrin von meinen Untergebenen niemals einen Rath begehren darf.. „In Angelegenheiten, welche die äußere Landwirth⸗ nein, ſchaft betreffen, ſehe ich gar kein Hinderniß. Dieſe mir ei Herablaſſung— wenn man ſo ſagen darf— würde die ſer ſie abge⸗ ſeine große bſcher as iſt n der rd ſie bald Zange n im aben, nun ſehen ugen⸗ meine Ach, cht in inein⸗ it hat Frau, wird, Werth Ich n... efragt V nlich; reinen 103 Leute freuen und aufmuntern. Ueberdieß, gnädige Frau, iſt es ja natürlich, daß dieſe Leute ſolche Dinge gründ⸗ lich verſtehen, die Ihnen ſo vielen Kummer verurſachen.“ „Ja, ſchrecklichen Kummer!“ „Ja, ja,“ meinte der ſchlaue Primus„bei Seite“— „Du Arme ſiehſt auch wirklich ſehr bekümmert aus!“ „Ach,“ fuhr Hortenſe fort,„eine Wittwe hat Tau⸗ ſende von Schwierigkeiten vor ſich; man weiß nicht, ob man nicht ſo betrogen wird, daß zuletzt gar nichts mehr übrig iſt. Dieß iſt auch dasjenige, was mein ſeliger Mann immer fürchtete— ach, wie er mich liebte, und ich ihn ſchätzte, obgleich er zwanzig Jahre älter war als ich!— Armes Kind, ſagte er, wie wirſt Du allein fertig werden mit Statthaltern, Köthnern, Knechten und allem Gewirre!“ Hortenſe ſchwieg, ihre thränenden Augen aber ſpiel⸗ ten um ſo lebhafter die Rolle der Madonna, während die tiefen Seufzer den weißen Mouſſelin hoben, der ihre Schultern und ihren Hals umhüllte. „Der Statthalter zu Glanberg,“ meinte Helmer, iſt gleichwohl allgemein geachtet wegen ſeiner Tüchtig⸗ keit und Ehrlichkeit. Ich hoffe, ſeine Handlungen wer⸗ den ſeinen Ruf nicht widerlegen?“ „Behüte, nein, ſo viel ich weiß, nicht— doch was kann ich wiſſen?... Was meinen Sie, Herr Helmer? wäre es für mich wohl nicht das Allerbeſte, wenn ich ganz Glanberg verpachtete? Ach, wenn ich einen ge⸗ ſchickten und zuverläſſigen Mann fände, der es über⸗ nehmen wollte, ſo wäre ich aus aller Verlegenheit!“ „Wenn die gnädige Frau ſich dazu entſchließen woll⸗ ten, ſo würde es gewiß nicht an Speculanten fehlen, und ich muß geſtehen, daß dieſes ſehr klug wäre— be⸗ ſonders da man hoffen könnte, daß die Pachtbedingun⸗ gen vortheilhaft würden.“ „Ach, Herr Helmer, ich will nicht unbillig ſein, nein, auf keine Weiſe; wer das Gut nähme, der leiſtete mir einen wirklichen Dienſt, beſonders... „Beſonders wenn er Dich mit in den Kauf nähme,“ 104 flickte Primus ein,„denn ebenſo gewiß, wie mein Herz wegen der undankbaren Lotta entzweigeſprungen iſt, ebenſo gewiß fliegt Deines, Du, meine kleine, hübſche junge Frau, dem Bruksverwalter zu! Er aber ſollte ſich ſchämen, daß er da ſitzt wie ein Klotz und ein Stein und nicht begreifen will, daß ihm der Wind gerade in's Geſicht weht.“ „Beſonders?“ fragte Helmer mit ehrfurchtsvoller Aufmerkſamkeit. „Ich meinte nur,“ ſagte Hortenſe mit einer hohen, verrätheriſchen Röthe,„daß ich es am liebſten ſehen würde, wenn die Pachtung auch zum Nutzen desjenigen ſein könnte, der dieſelbe übernehmen wollte.“ „Dieſe Geſinnung iſt ſehr ehrenwerth,“ ſagte der junge Bruksverwalter mit unverkennbarer Artigkeit;„und da die gnädige Frau mir die Ehre erzeigt haben, meinen Rath einholen zu wollen, ſo will ich mir die Freiheit nehmen, Ihnen einen Mann vorzuſchlagen, welcher nicht allein mit Freuden und Dankbarkeit auf jede billige Be⸗ dingung eingehen, ſondern ſich auch dadurch im höchſten Grade glücklich fühlen würde.“ „Ach, Herr Helmer, was Sie ſagen! Wenn es einen ſolchen gibt, ſo....“ „Einen ſolchen gibt es, meine gnädigſte Frau, einen Mann, der in dieſem Augenblicke mit ſeiner Stellung unzufrieden iſt und keinen höheren Wunſch hat, als in eine eigene Thätigkeit treten zu können.“ „Wetter!“— Primus ſpannte ſeine Ohren noch ſchärfer an—„ich glaube, er beißt am Ende doch no an! Der letzte Nagel zog. Sonſt meine ich, wer ſo gut wie Herr auf Dagby iſt, der braucht eben nicht über Unzufriedenheit zu klagen.“ „Gut, Herr Helmer!“— Hortenſe's Blick ſenkte ſich zur Erde, und konnte ſich von dort nicht wieder los⸗ reißen—„wenn Sie für dieſen Mann gut ſagen, ſo.. iſt er ſchon.... ſchon angenommen.“ „Nein, das hieße meinem geringen Urtheile allzu ſehr vertrauen. Glücklicher Weiſe kennen die gnädigee 5 einen llung ls in noch no ver ſo t über te ſich r los⸗ fo.. allzu nädige 4 —— 10⁰⁵ Frau den Charakter dieſes Mannes ſelbſt ein wenig— und was übrigens eine Empfehlung betrifft, ſo glaube ich kaum, daß....“ „Nicht weiter, Herr Helmer!“ fiel Hortenſe mit einem Lächeln voll kaum zurückgehaltenem Entzücken ein. „Sollte ich noch länger zweifeln können? Nennen Sie ihn nur!“ „Es iſt der alte Ehrenmann, der Capitain Törn⸗ lund, welcher jetzt die Inſpection auf dem kleinen Grönbo hat.“ „Cap.. Cap.... Capitain Törnlund? Der alte Capitain Törnlund?“ Jetzt ſuchten Hortenſe's Augen Helmer, um ſich zu überzeugen, daß er nicht ſcherze. Aber in dieſen Augen lag nichts Anderes, als ein ruhiger und herzlicher Ernſt. „Gott tröſte uns!“ lächelte Primus,„welch ein garſtiger Stoß, und noch dazu gerade in die Herzgrube! Mir iſt bange, ſie fällt um vor lauter Verdruß und Schrecken. Aber in Jeſu Namen, was iſt er fuͤr ein Kerl, der das Glück nicht annimmt, da es ihm gerade in die Arme läuft? O, wer doch auch ein ſo glücklicher Käſe wäre!“ Primus ſtrich ſich mit dem Rockärmel über den Mund, und fühlte ſich ſo intereſſirt von dem kleinen Drama, welches er vor Augen hatte, daß er ſeine eigenen Angelegenheiten total vergaß; darum trippelte denn auch Jungfer Lotta ganz unbehindert vorbei auf dem andern Fußſeie und traf nicht weit davon nihren Herzens⸗ ſchatz“, mit welchem ſie Arm in Arm nach Hauſe ſpazierte. Welch ein Glück für Primus, daß er dieſen Zwiſchen⸗ act nicht ſah: er hätte ſonſt gewiß in ſeiner billigen Aufwallung mit dem langen Nebenbuhler Streit geſucht und wäre von ſeiner gewaltigen Fauſt ohne Zweifel gleich einer Fliege zerquetſcht worden, ſofern nämlich der große Mann nicht lieber dem kleinen die noch größere Verachtung gezeigt, und ihm einen Naſen⸗ ſtüber gegeben haͤtte, um ihn wegzuſcheuchen, wie man es wohl auch mit naſenweiſen Fliegen macht. 196 „Capitain Törnlund?“ wiederholte Hortenſe noch einmal mit einem tiefen und langen Athemzuge. „Ja, gnädige Frau! Haben Sie etwas gegen ihn?“ Er hat auf jeden Fall große und gründliche Kenntniſſe von der Landwirthſchaft.“ „Ich kann gewiß nichts gegen ihn haben, außer, daß ich fürchte, es möchte nicht ſehr angenehm werden, eine ſo zahlreiche Familie um ſich zu haben— ich glaube, ſte haben ein Dutzend unartige Jungen. Ueber⸗ dieß iſt die ganze Sache von allzu großer Wichtigkeit, als daß man ſich ohne eine längere Ueberlegung ent⸗ ſchließen kann. Alſo mag ſie ruhen, bis ich mich näher darüber beſonnen habe.... doch es iſt wohl Zeit... Die Fortſetzung blieb aus, die Handlung aber voll⸗ endete den Satz: unſere junge gnädige Frau ſtand auf und einige Secunden ſpäter war ſie mit ihrem Gaſte auf dem Wege nach Glanberg. „Adieu, Adieu! Danke für gute Unterhaltung und angenehme Geſellſchaft!“ nickte Primus, indem er ſelbſt zu ſeinem erſten Ausguckspoſten zurückeilte. Hier aber lag er über eine Stunde— keine Lotta erſchien. „Sollte ſie wohl vorbei gegangen ſein, während ich.... alle kleinen Teufel, das wäre ein Unglück! In meinem Leben bekomme ich keine ſo gute Gelegen⸗ heit mehr, der Elenden, dem Kranich, der ſchwarzhaari⸗ gen Feuerzange, die mir das Herz abgekniffen hat, zu ſagen, wie ſehr ich ſie bis in den bleichen Tod hinein verachte, wie ich auf den Rekel ſpucke, und wie ich gegen Beide ſo mache!“ Primus erlaubte ſich bei dieſen Worten ſeine Naſe mit beiden ausgeſtreckten Händen zu verlängern. Nach⸗ dem er ſich darauf noch ein Dutzend Haare ausgeriſſen, die Ellenbogen an den herabgefallenen Zweigen des jungen Waldes geſtoßen— höher hinauf reichte er nicht und endlich einen ernſthaften Kampf mit Murre beſtan⸗ den hatte, welchen er zu dergleichen Kämpfen immer durch Kneipen, Stoßen und allen möglichen Chikanen reizte, kurz: nachdem Primus auf ſeine eigenthuͤmliche anen liche 197 Weiſe Werther's Rolle zu Ende geſpielt hatte, fühlte er, daß ein vergleichungsweiſe ruhigerer Zuſtand in ſein Weſen einging. Jetzt ſtreichelte er ſeinen Murre, zum Zeichen, daß die Berſerkerwuth jetzt von ihm gewichen war, und ſetzte darauf die kleinen Beine wieder in Gang, that ſich aber ſelbſt das Gelübde, nicht eher mit ſeinen beiden Augen zu ſchlafen, als bis er ſich auf eine glänzende Weiſe an ſeinem Gegner gerächt hätte. Als er in den Park von Dagby gekommen, war er noch nicht weit gegangen, ſo hatte er, deſſen kleine Hahnenſchritte in der Ferne nie zu hören waren— einen neuen Anblick. „Was in Gottes Namen ficht die an? Sollte ſie Magenkrämpfe haben?“ ſagte Primus zu ſich ſelbſt, in⸗ dem er, von den laubreichen Bäumen verſteckt, zuſah, wie Mamſell Octavie— die natürlicher Weiſe allein zu ſein glaubte— auf der Erde ſaß und ſich bald rechts, bald links warf, unter einem unaufhörlichen Ge⸗ lächter, das wirklich etwas Krampfhaftes an ſich hatte: „Ha, ha, ha! vortrefflich, göttlich! ſie ſehen ſelbſt nichts, auch die Andern nicht; doch wartet, wartet! Ihr ſollt ſchon ſehen, wenn ich die Lichter anzünde! Und ich werde, ja ich werde— ha, ha, ha— ich werde ſie anzünden! Wenn eine ſo unbedeutende Perſon, wie ich, nicht ſelbſt leuchten kann, ſo iſt es wohl nicht zu viel verlangt, wenn ich Euch die Lichter an der Rampe des Spectakels putzen darf.... Und die Gans dort auch, und die Küchlein hier zu Hauſe, vier Stück, ha, ha, ha, ſo toll und beſeſſen!“— „Die iſt nun wohl ganz verrückt, oder auch hat ſie die Cholera bekommen!“ murmelte Primus bei ſich ſelbſt.„Sie ſieht wirklich aus, wie des Teufels Tochter! Hier iſt's am beſten, ſich zu trollen— ſie erſchreckt mich!“ Etwas weiter hin brachte ein neuer Anblick den Primus auf die Vermuthung, daß der Wald an den Sonntagsnachmittagen voll wunderbarer Dinge ſein müßte, und daß er ſelbſt ein ſogenanntes Sonntagskind wäre, weil ſich ihm Alles offenbare. 8 6 108 Was ſah er aber wohl jetzt? Gewiß etwas ſehr Schönes, denn ſein Geſicht nahm einen Farbenton von verſchämter Ehrfurcht, ſeine Stel⸗ lung den Ausdruck einer unverkennbaren demüthigen und herzlichen Ergebenheit an. „Ach, Herr Gott!“ ſtammelte er,„daß unſer Herr auch für ſie Traurigkeit geſchaffen hat, obgleich ſie ſo ſchön, ſo reich, ſo vornehm und in der Welt ſo aus⸗ poſaunt iſt!“ Primus widmete ſeine Theilnahme der jungen Edith, welche, auf der elaſtiſchen Grasmatte liegend, ſich an einen großen Kaſtanienbaum lehnte, der ſie in ſeinen tiefen Schatten hüllte. Sie weinte, ohne vielleicht ſelbſt etwas davon zu wiſſen, denn die Thränen rollten leiſe herab, eine nach der andern; doch keine Bewegung der im Schooße liegen⸗ den Hand verrieth eine Abſicht, dieſelben hinweg zu wiſchen. „Wenn mein Herr das ſähe,“ überlegte Primus, „ſo will ich mich hängen laſſen, wenn er nicht hinginge und ſie zu tröſten ſuchte. Nun, mein Herr und ich, ſind wir nicht ein Leib und eine Seele? Ich will ihr kein Wort ſagen— nein, behüte Gott, Reſpect muß ſein! — aber ich will dicht an ihr vorbeigehen; wenn ſie mich ſieht, ſo ſagt ſie vielleicht etwas, und dann will ich ſchnell das Eine und das Andere daran knüpfen.“ Dem Beſchluſſe folgte die That. 1 Primus ging ſchräge über den Weg und kam dem jungen Fräulein bald ſo nahe, daß ſie plötzlich zuſammen⸗ fuhr und aufblickte. Aber eben ſo ſchnell, wie der Blitz durch die Luft fährt, fuhr auch ihr Schnupftuch über die Wangen und verwiſchte die ſämmtlichen Spuren der eben gefallenen Thränen. Darauf ſagte ſie freundlich zu dem„Daͤum⸗ linge“, der anſtändig den Hut abnahm und ſich zierlich verbeugte: 1 „Biſt Du an dieſem ſchönen Abende auch draußen, Primus? Ich ſitze hier und ſehe die Sonne an, wie prachtig ſie untergeht.“ 9 1 6 wenn urü Art, Gung Er und inen n zu nach en⸗ en. enen uni⸗ rlich ßen, wie 109 „Ja, Fräulein, ich will meinen, das iſt ein herr⸗ licher Anblick! Die Sonne iſt doch das Schönſte von Allem, was unſer Herrgott geſchaffen hat. Gegen ſie will ich für den Mond und die Sterne nicht zwei Pfennige geben. Sie können für ſich auch wohl gut ſein, das verſteht ſich, und an einem ſpuckdunkeln Abende heiße ich ſie immer in aller Demuth willkommen. Doch ſie haben keine Wärme und Freude in ſich, wie die Sonne.“ „Und Wärme und Freude haſt Du gern, Primus?“ „Wer hat die nicht gern, gnädiges Fräulein! Doch das iſt wahr, ich ſah ja vor einem Augenblicke, daß nicht Alle die Wärme lieben“— und bei dieſen Worten ſetzte Primus eine wichtige und altkluge Miene auf, welche ſich etwa ſo überſetzen ließ: „Gib mir nur die geringſte Aufmunterung, ſo will ich etwas erzählen, das Geld, oder beſſer, ein freundliches Lächeln werth iſt!“ Um unſerem Primus Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, müſſen wir ſagen, daß er von allen Dingen, die er auffing— und ihrer waren viele, denn wo konnte man nicht Primus finden!— nicht die Hälfte in Um⸗ lauf ſetzte. Aber er ſah es gerne, wenn er ſich wichtig machen konnte, wo er gefragt wurde, und immer als derjenige gelten konnte, welcher die ganze innere Geſchichte von Dagby eben ſo gut wußte, wie ſein Vater⸗Unſer. Genau gerechnet waren aber nur ſein Herr und Murre ſeine wirklichen Vertrauten, denn in ſeinem nicht unbe⸗ deutenden Hochmuthe meinte Primus allzu hoch über den andern Bedienten zu ſtehen. Ja er hielt ſich immer für etwas ganz Beſonderes und hatte gar nichts dagegen, wenn die Kinder ihn„Herr“ Primus nannten. Um nun aber zu den vertraulichen Mittheilungen Aü dzukehren, ſo verhielt es ſich dießmal damit auf die Art, daß er augenblicklich die Verſuchung fühlte, zu Gunſten des Fräuleins Edith eine Ausnahme zu machen. Er wollte das gute, liebe Fräulein ſo gern erheitern, und er hatte einen ſo angeborenen Inſtinkt, eine ſo 110 richtige Auffaſſungsgabe, daß er es an ſeinen fünf Fingern wußte, daß Damen immer mit Aufmerkſamkeit und Intereſſe von ihren gegenſeitigen Niederlagen hören. „Nun, was haſt Du denn geſehen, Du Schwätzer — woher kommſt Du?“ „O, Fräulein, ich war zufällig— denn es iſt ſo angenehm, am Sonntagsnachmittage ſpazieren zu gehen — auf dem Wege nach Glanberg.“ „Nach Glanberg?“ Es ſah zwar aus, als wäre das Fräulein im Be⸗ griff zu gähnen, doch die Bewegung, welche das Mienen⸗ ſpiel in ihrem Geſichte veränderte, wollte nicht recht mit dem Gähnen zuſammenpaſſen. „Ja wohl, gnädiges Fräulein! Und im Gebüſche, wo ich in aller Ruhe mit Murre Verſteck ſpielte, ſah und hörte ich.... etwas Wunderbares.... ein ganzes Abenteuer.“ „Ein ganzes Abenteuer?“ „Ja, mit Anfang, Mitte und Schluß am Ende— doch, gnädiges Fräulein, Sie haben wohl die Güte und erzählen es nicht weiter, denn ich bin nicht Derjenige, welcher es will, daß die kleine feine, gnädige Frau um meinetwillen zum Gelächter in der ganzen Gegend wird, auch will ich dem Bruksverwalter nicht in die Hände gerathen, wenn er bei ernſter Laune ſein ſollte, denn ſie ſagen, daß er dann nicht mit ſich ſpielen läßt.“ Es dauerte einige Augenblicke, ehe Edith, welche von einem kühlen Abendhauche berührt worden war, es vermochte, das Zittern zu beſiegen, welches derſelbe in ihrem Blute hinterlaſſen hatte. Mit kurzer Stimme antwortete ſie endlich:„Schweige nur ſelbſt, lieber Primus! Ich bin nicht im Geringſten neugierig auf Dein Abenteuer im Gebüſch!“ „Aber, gnädiges Fräulein! Sie könnten ein wenig lachen, und es thut ſo wohl, wenn man nicht bei fri⸗ ſchem Muthe iſt.“ „Lachen?— alſo war Dein Abenteuer luſtig und gehörte nicht zu der ruͤhrenden Art? Dieſe mag ich nicht!“ 5 3 wen rühr Mel ſichen zen hauc Edit! Frau Frau den 2 den n die C Murr freund kleiner gewiß Helme 2 ſelbſt“ nig fri⸗ und t 14 1 wie er ſelbſt, und fing an ſich zu preizen, die 111 „Ich glaube gewiß, gnädiges Fräulein, es war— wenn ich mich nicht täuſche— die Abſicht, es noch weit rührender zu machen, als die Geſchichte von der ſchönen Meluſina und von dem Zauberſchwan, was aber ſo ſicher iſt, wie Banco, das iſt, es wurde aus dem Gan⸗ zen weiter nichts, als eine kleine Munterkeit.“. „So laß denn hören!“ Ein Sonnenblick, der eben jetzt den kalten Abend⸗ hauch ablöste, verbreitete eine angenehme Wärme über Edith's Glieder. Sie zitterte nicht länger. Sehen Sie, Fräulein, es war ſo: die kleine gnädige Frau auf Glanberg— eine wirkliche kleine Elfe von Frau— kam an der Seite des Bruksverwalters durch „den Wald getrippelt; da ſie aber vielleicht müde gewor⸗ den war, ſo ſetzte ſie ſich auf eine kleine Anhöhe.“ „Und er neben ſie?“ „Nein doch, gnädiges Fräulein! Er ſetzte ſich auf die Erde, und das ungefähr ſo weit von ihr ab, wie Murre jetzt von mir iſt. Und nicht im „Naſeweis, Fräulein?“ ſagte Primus laut— zu ſich ſelbſt aber ſagte er:„Ahal das iſt ſchon ein anderer Ton— ich wußte wohl, daß ſie Geſchmack an der Geſchichte finden würde— die Frauenzimmer!“ „Gewiß iſt es naſeweis, daß Du ſo ſpionirſt!“ „Ich ſpionire niemals, gnädiges Fräulein!“ ſagte Primus mit verletzter Würde—„ich höre nur— und ſehe.“ . 93 ut; ich darf wohl nicht allzu ſtreng ſein! Du ſahſt alſo“.... „Daß die junge Frau ſich mit der kleinen Fächer⸗ roſe, die ſie in der Fauſt hatte, ganz fürchterlich fächelte — gerade ſo!“ Und Primus ergriff einen weig ſo groß lugen zu 112 verdrehen und ſich Kühlung zuzuwehen, und zwar mit inei Talente, daß Edith ein Lächeln nicht unterdrücken onnte. „Du biſt ein wahrer Schauſpieler, Primus!“ „Ich bin ja auch mit Komödianten gereist, Fräu⸗ lein! Ich mochte nur wünſchen, Sie hätten mich geſehen, wenn ich in der großen Huſarenuniform auf Pan's Rücken ritt! Das war Ihnen ein Hund, accurat wie ein Löwe! Und wie regierte ich ihn! Ja, ja, ich brauche nicht zu prahlen; es gibt wohl noch Leute, die es ge⸗ ſehen huben. und wie man die Hände zuſammenſchlug und ſchrie:„Lebe der Däumling! lebe der große Huſar und der ſtarke Pan!“ Das war eine ſchöne Zeit, Fräulein!“ 4 Gerührt durch die Erinnerung an ſeine eigenen Triumphe, wiſchte Primus eine Thräne ab, die gleichwohl nur um des Effektes willen dahin gekommen war— denn Primus war gewiß nicht ſo dumm, daß er nicht auf ſein jetziges Leben größeren Werth hätte ſetzen ſollen, ja, wenn er an die ſchreckliche Zwiſchenzeit dachte, die er zu Hauſe zugebracht hatte, in der Geſellſchaft des böſen Bruders, der die Rolle des Gebieters auf eine ganz andere Weiſe ſpielte, als der Onkel Janne, ſo erhielt dieſes ſein jetziges Leben ein doppelt ſchöneres Licht. „Ich ſehe Dich, ſo oft ich will, in Deiner Huſaren⸗ uniform vor meinen Augen, Primus, und begreife ſehr wohl, wie vortrefflich Du den A5wen Pan regiert haben wirſt!. Doch mit dem Allem kommſt Du ja von der Geſchichte ab!“ „Sehr wahr, gnädiges Fräulein; ich will ſie alſo ſehr fein wieder zuſammenknüpfen. Ich blieb ſtehen bei dem Fächeln, das mir ſo unbeſchreiblich ſchön vor⸗ kam; doch der Bruksverwalter muß wohl nicht meinen Geſchmack gehabt haben, denn er ſaß da ſo ſteif, als ob ihm ein Centnergewicht am Nacken hinge. Da fing ſie an von Dieſem und Jenem zu reden, und wie ſchwer eine arme Wittwe es hätte, einem Gute vorzuſtehen, und dabei ſeufzte ſie ſo tief und blickte mit ſo ſchoͤnen Auge. Doch und Herz zuzau fra gte Frau lichkei war e eine g Glankl nicht zu den wäre, „ B walter chem e zufried B ſagte 4 er ſagt lich un erhielte „2 kräuſelt ein reck „L Fräulei ihn beſe und wa reit, de es 24— wortete Ein l mit ücken Fräu⸗ ehen, Jan's wie auche 3 ge⸗ chlug Huſar Zeit, genen gwohl denn ſein wenn Hauſe iders, Weiſe ſein aren⸗ ſehr haben von alſo ſtehen vor⸗ einen als ob ig ſie chwer tehen, hönen 113 Augen auf, daß ſie einen Stein hätte rühren können. Doch das war alles einerlei: er antwortete ſo höflich und geziert, daß ich— denn ich habe ein mitleidiges Herz— große Luſt gehabt hätte, ihn recht tüchtig durch⸗ zuzauſen.“ „War es denn nicht recht, daß er höflich war?“ fragte Edith, ſichtlich unterhalten. „Ich ſage gut dafür, Fräulein, daß die gnädige Frau es lieber geſehen haben würde, wenn er die Höf⸗ lichkeit der Herzlichkeit nachgeſetzt hätte. Nun aber war es einmal ſo, und darum gab ſie es ihm auf eine gute Art zu verſtehen, ſie hätte die Abſicht, ganz Glanberg zu verpachten, ſoferne— da ſehe man, ob nicht Weiberliſt über Schlangenliſt geht!— ſofern ſie zu dem Nutzen, den ſie ſelbſt erhalten könnte, im Stande wäre, zugleich auch einem Andern zu dienen.“ „Nun?“ Bei dieſer Rede kam ein wenig Leben in den Ver⸗ walter, und er meinte, er kenne einen Mann, von wel⸗ chem er wüßte, daß er mit ſeinem jetzigen Platze nicht zufrieden wäre.“ Biſt Du ſicher, daß Du nicht unrichtig hörteſt? ſagte Herr Helmer wirklich ſo?“ „Ja, Fräulein, ſo gewiß ich ehrlich ſein will, und er ſagte noch mehr; er meinte, der Mann würde glück⸗ lich und dankbar ſein, wenn er ein ſolches Anerbieten erhielte.“ „Alſo!“ ſagte Edith, und ein verächtliches Lächeln kräuſelte um ihre Lippen,„er verſprach Dankbarkeit— ein recht luſtiges Abenteuer!“ „Sie haben das Luſtige noch gar nicht gehört, Fräulein, aber warten Sie ein wenig;...„Ich nehme ihn beſtimmt auf Ihr Wort, Herr Helmer,“ ſagte ſie, und war in dieſem Augenblicke, wie es mir ausſah, be⸗ reit, den Herrn Helmer ſelbſt anzunehmen.„Wer iſt es?2—„Der Ehrenmann, Capitain Törnlund!“ ant⸗ wortete er ebenſo ruhig, wie der Schnee, welcher vom Ein launenhaftes Weib. I. 8 114 Himmel fällt, ohne ſich darum zu bekümmern, ob er jemand naß oder kalt macht.“ „Törnlund?“ rief das Fräulein mit einem gan andern Lächeln aus, als vor einem Augenblicke auf ihren Lippen weilte. „Gerade ſo rief ſie auch, Fräulein, aber nicht mit Ihrem Tone, ſondern accurat ſo, als wollte ſie auf der habt Stelle umfallen. Ich fühlte es ordentlich in meiner ſie a⸗ Herzgrube, welche„Revolution“ in ihr vorging. Wenig⸗ ſchaf ſtens dachte ich, ſie würde erſticken, die arme kleine Frau, verſa oder umſinken. Aber ſie erholte ſich und gab dem Ver⸗ Glat walter einen Blick— Jeſus, welch ein Blick!— der ſagte ſo: Du ſcherzeſt wohl nur? Du haſt gewiß nicht Tone das Herz, mich ſo zu behandeln! Doch der Verwalter deute muß ohne Gewiſſen geboren ſein, denn er ſah ihr ſtarr 1— in das Geſicht, ohne nur zu blinzeln oder zu erröthen—„iſt ja, er ſchien die Kunſt zu verſtehen, ebenſo unſchuldig Sche zu ſein, wie das Kind, das in dieſer Nacht geboren iſt. 2 Ang Da behauptete denn der Stolz zuletzt ſein Recht; denn mich ſie ſtand auf und ſagte ein paar Worte davon, daß es eine zu wichtige Sache wäre, um ſie ohne Ueberlegung Manu abzumachen; ſie wollte ſich erſt beſinnen— und damit richt gingen ſie, und damit ſchlage ich einen Knoten in die Geſchichte, denn nun iſt ſie zu Ende.“ Hals „Und meine Geduld auch— Du haſt mich allzu ſpiel lange aufgehalten, Mosje Primus!“ in e „Warum haben Sie mich denn nicht weggeſchickt, gnädiges Fräulein?“ antwortete Primus ſchlau. Da er der jedoch ſah, daß er mit dem Fräulein ſeine Abſicht er⸗ ſpiel reicht hatte, ſo verbeugte er ſich, lockte Murre zu ſich Tra und eilte im vollen Galopp davon. nich Was Edith von dem kleinen Drama im Walde gefu dachte, werden wir vielleicht ſpäterhin erfahren. Sii er ————ö— ob er gan e au ht mit uf der neiner Venig⸗ Frau, n Ver⸗ — der z nicht walter r ſtarr hen— chuldig een iſt. denn daß es legung damit in die allzu ſchickt, Da er cht er⸗ zu ſich Walde —x 115 Vierzehntes Capitel. Eine wichtige Neuigkeit. „Aber, meine Freunde, wo ſeid Ihr denn, oder wo habt Ihr Haus gehalten?“ fragte die Hofräthin, indem ſie aus ihren eigenen Zimmern in das tägliche Geſell⸗ ſchaftszimmer trat, woſelbſt ſich jetzt ſo allmälig Alle verſammelt hatten; nur Helmer war noch nicht von Glanberg zurückgekommen. Alles bei der Hofräthin— von dem ungeduldigen Tone bis auf die kurzen, eilfertigen Bewegungen— deutete auf etwas Wichtiges. „Meine Entſchuldigung,“ antwortete Onkel Janne, „iſt die, daß ich mich verſchlafen habe, Primus, der Schelm, ſollte mich wecken, aber er hat ſeine eigenen Angelegenheiten zu beſorgen, und darum mußte ich für mich ſelbſt ſorgen.“ „Und ich habe meine Kranken beſucht,“ fiel Mamſell Octavie mit einem Tone von gezwungener Auf⸗ richtigkeit ein. „Und ich,“ rief Olga, in dem ſie den Arm um den Hals der Mutter ſchlang,„ich habe ein altes Schau⸗ ſpiel, eine Komödie geleſen, die ich in der Polterkammer in einem Kaſten fand.“ Olga hatte, um ganz ungeſtört zu ſein, wirklich in der ſogenannten Polterkammer geſeſſen; doch das Schau⸗ ſpiel, welches keine Komödie, ſondern im Gegentheil eine Tragödie mit den wildeſten Effectſcenen war, hatte ſie nicht im Kaſten, ſondern in ihrem eigenen Köpfchen gefunden— und, ſonderbar genug— auch in Olga's Stück war Glanberg der Schauplatz und ein Theil der Perſonen eben jene, die Primus in ſeinem Schauſpiele geſehen hatte— und wahrſcheinlich hatte auch Mamſell Octavie ſich dieſelben Figuren bei demjenigen Spectakel gedacht, für welches ſie ſich die anſpruchsloſe Rolle einer Lampenputzerin vorbehalten hätie 116 „Und Du, liebe Edith?“ „Ich, liebe Mutter, habe im Grünen gelegen und geträumt; um aber nach Deinem Ausſehen zu urtheilen, ſo erhalten wir jetzt ganz gewiß einen gemeinſamen Ausgangspunkt für unſere Gedanken!“ „Ganz gewiß, mein Engel, und ich läugne nicht, daß ich, die ich ſonſt, wie Ihr alle wißt, die Ruhe ſelbſt bin, mich jetzt ſogar ein wenig alterirt fühle.“ „Mutter alterirt?“ „Hört! Ein Beſuch, von welchem ich noch kein Wort geſagt habe“— die Hofräthin ſchickte hiebei dem Onkel Janne einen Blick zu, welcher nebſt den Worten ihn an das Ende des Morgengeſpräches im Pavillon erinnerte—„trifft hier ſo unvermuthet ein, daß ich kaum weiß, wie wir es in der Eile ſo comfortabel und nett er⸗ halten ſollen, wie ich wünſche, daß er es auf Dagby finden möchte.“ „Da es ein Herr iſt,“ entgegnete Edith,„ſo brau⸗ chen wir ja nicht verlegen zu ſein! Steht nicht jetzt der ganze Cavalierflügel bis auf das Zimmer des Verwal⸗ ters leer?“. „O ja, das weiß ich wohl; doch mit dem Grafen iſt es etwas ganz Eigenes. Ich habe meine Gründe, daß ich ihn nicht in ein Local bringe, welches, da das Haus oft voller Fremden iſt, kein ſehr ruhiger oder an⸗ genehmer Zufluchtsort ſein kann.“ „Was für ein Graf, liebe Mutter?“ fragte Olga neugierig. „Graf Hermann von P., mein beſtes Kind!“ „Der Name iſt ja eine complette Neuigken“,“ ſcherzte Edith;„der Herr Graf kommt wie ein verſiegeltes Weihnachtsgeſchenk! Nur Schade, daß wir noch mitten im Sommer ſind; er bleibt alſo mehrere Monate lang unerbrochen liegen!“ „Meine gute Edith!“ ſagte die Hofräthin in einem ſanften und mütterlichen, dabei aber auch verweiſenden Tone;„ſcherze womit Du willſt, nur nicht hiermit; denn ich will Dir ſagen— und ich hoffe, daß Niemand dieſe jetzt erford Schw der Salz niem es gi Genn behar ſonen ſonde Sanf daß daß ſo bi wird, einen Held nehm ben, Zimr es m jenig Anor der bei u Alle von men, hat freun und eilen, ſamen nicht, ſelbſt kein i dem Vorten villon kaum tt er⸗ dagby brau⸗ zt der rwal⸗ rafen ünde, das r an⸗ Olga herzte geltes nitten lang einem enden rmit; nand 117 dieſe Nachricht überſieht— bei dem Gaſte, welchen wir jetzt empfangen, iſt eine ausgezeichnete Delicateſſe erforderlich!“ „Iſt dieſe erforderlich um des Titels willen, Frau Schwägerin?“ fragte der Onkel Janne in einem Tone, der ſeiner eigenen Meinung nach eine gute Portion Salz enthielt; doch— das Salz des Onkels enthielt niemals Bitterkeit. „O Schwager, Du ſollteſt mich beſſer kennen! Nein, es gibt wirklich eine andere, eine ſehr gültige Urſache. Genug, Graf Hermann muß nicht allein mit Artigkeit behandelt werden— die verſteht ſich von ſelbſt bei Per⸗ ſonen, welche eine gute Erziehung genoſſen haben— ſondern vor allen Dingen mit einer wohlwollenden Sanftmuth und einer feinen Achtung. Ich bürge dafür, daß er es verdienen wird; ſollte es ſich jedoch ſo fügen, daß er bisweilen einige Nachſicht bedürfte, nun wohl, ſo bürge ich ebenfalls, daß Niemand ihm dieſe verſagen wird, ſobald Ihr ihn erſt kennen gelernt habt.“ „Ich ahne beinahe, Ihro Gnaden, daß Sie irgend einen Romanhelden erwarten. „Beſte Mamſell Octavie! Vielleicht könnte mein Held beſſer als mancher Andere eine ſolche Rolle über⸗ nehmen. Um aber nur bei demjenigen ſtehen zu blei⸗ ben, was hieher gehört, ſo will ich ſagen, daß er die Zimmer des ſeligen Vaters bewohnen ſoll, und daß ich es mit beſonderem Vergnügen ſehen werde, wenn die⸗ jenige unter Euch, die den beſten Geſchmack hat, die Anordnung übernimmt.“ „Aber, gute Mutter,“ entgegnete Edith mit ahnen⸗ der Verwunderung,„was ſoll dieſer unbekannte Menſch bei uns? wann haſt Du ihn kennen gelernt?“ „Das iſt alles ſehr einfach, meine ſüße Edith! Ihr Alle kennt meine alte Freundſchaft mit der Oberſtin von Stein. Sie kann in dieſem Sommer nicht hieher kom⸗ men, bittet mich aber, ſtatt ihrer— oder richtiger: ſie hat mich ſchon vor mehreren Wochen gebeten, die Gaſt⸗ freundſchaft, welche ihr beſtimmt war, auf ihren Schweſter⸗ 118 ſohn, den Grafen P., zu übertragen. Er ſoll ein ſehr achtungswürdiger Mann ſein; doch da ſie ſelbſt ihn erſt in den letzten Monaten perſönlich kennen gelernt hat, ſo hat ſie auch nie von ihm geredet.“ „Das iſt aber denn doch ſonderbar!“ fiel Olga ein. „Das kann ich gar nicht einſehen— Verwandte, die wir nicht kennen, die wir, die uns nicht brauchen, ſind uns gewöhnlich auch gleichgültig. Die Schweſter der Oberſtin war in Jemtland verheirathet und ſtarb früh. Der Sohn, von dem jetzt die Rede iſt, wurde dort erzogen, iſt aber dann mehrere Jahre... mehrere Jahre im Auslande geweſen, und erſt neulich zurück⸗ gekommen. Seine Geſundheit iſt, glaube ich, etwas derangirt, und darum wünſcht er, anſtatt die großen Städte zu ſuchen, in einer geſunden, ſchönen und an⸗ genehmen Gegend auf dem Lande zu wohnen!“ Wenn es die Abſicht der Hofräthin war, eine ge⸗ wiſſe Senſation zu erregen, ſo erreichte ſie dieſen Zweck vollkommen, beſonders da ſie gleich darauf fortfuhr: „Ja, ja, meine Herrſchaften, Ihr müßt Euch ja nicht einbilden, daß mein Graf als ein armer„Pen⸗ ſionär“ zu betrachten iſt; er hat ſelbſt bedeutende Land⸗ güter in Jemtland; aber es gefällt ihm dort nicht, und darum hat er ſie verpachtet.“ „und wann kommt denn der liebe Graf, Mutter?“ fragte Olga, die offenbar am meiſten intereſſirt war. „Morgen.“ „Iſt er jung? iſt er ſchön?“ „Ich glaube, er iſt in den mittleren Jahren— einige und dreißig Jahre, vielleicht etwas darüber. Ueber ſein Aeußeres weiß ich aber weiter nichts, als daß er nach der Ausſage der Oberſtin intereſſant ausſieht.“ „Aber,“ ſagte Edith mit einem fragenden Blick auf den Onkel Janne, der in Gedanken verſunken zu ſein ſchien und ſich nicht weiter in das Geſpräch miſchte, „liebe Mutter! warum ſoll ein Fremdling das Recht erhalten, in Vaters Zimmern zu wohnen?“ „Liebe Edith! dieſe Sache zu beurtheilen und zu entſch len n geſagt in Bo ertheil Deine L ſchen hier großen wollen Franz was 5 ganze wir ve nicht Lichte ſuchten und de nie, n dieß— Dir ei werden Seite da, da da da freuen. ſehr ihn elernt aein. undte, ichen, veſter ſtarb vurde ehrere rrück⸗ etwas roßen d an⸗ ne ge⸗ Zweck P: ich ja „Pen⸗ Land⸗ nicht, tter?“ ar. ick auf u ſein niſchte, Recht nd zu 119 entſcheiden, kommt mir allein zu. Späterhin wol⸗ len wir weiter darüber reden. Jetzt habe ich Alles geſagt, was ich für nothwendig erachte, und muß ſogleich in Betreff der Anordnung der Zimmer meine Befehle ertheilen. Darf ich hernach auf einen Augenblick um Deine Geſellſchaft in der Bibliothek bitten, Schwager?“ Was bei dieſer zweiten geheimen Berathung zwi⸗ ſchen dem Schwager und der Schwägerin vorfiel, braucht hier nicht angefuͤhrt zu werden; nur die letzteren, mit großem Nachdruck ausgeſprochenen Worte des Onkels wollen wir mittheilen: „Nicht in meinem, ſondern im Namen des ſeligen Franz, erſuche ich Dich, Aurora, wohl zu bedenken, was Du beginnſt! Es gibt Dinge, bei denen unſere ganze menſchliche Philoſophie ſo unzulänglich iſt, daß wir vor Verzweiflung vergehen würden, wenn wir uns nicht mit dem hellſten von allen Lichtern— mit dem Lichte des Glaubens— in aller Demuth einen Pfad ſuchten; doch dieſes Licht iſt nicht für Alle vorhanden, und die Irrlichter, welche ſich bisweilen zeigen, können nie, nein, niemals das einzig wahre Licht erſetzen. Ueber⸗ dieß— vergiß meine Worte nicht!— überdieß ruht auf Dir eine Verantwortlichkeit, die Dir ſchwer zu ertragen werden dürfte, falls Dir Deine Pläne auf der einen Seite gelingen, auf der andern dagegen fehlſchlagen.“ „Aber, lieber Janne, es iſt ja auch die Möglichkeit da, daß die Sache einen guten Ausgang nimmt, und da darf ich mich ja eines doppelt guten Erfolges freuen. Im ſchlimmſten Falle bleibt es beim Alten.“ 12⁰ Fünfzehntes Capitel. Der Vorbote des Grafen. Am folgenden Tage um die Mittagszeit, als eben Mamſell Octavie, welche die Güte gehabt hatte, der Hausmamſell an die Hand zu gehen, die letzte Hand an die faltenreichen Gardinen in den eigenen Zimmern des ſeligen Hofrathes gelegt hatte, kam ein ſchwer⸗ bepackter einſpänniger Wagen an. Auf dem Vorderſitze ſaß ein großer, bräunlicher Mann von ernſtem und reſpectablem Aeußern, und mit Formen, welche, wenn man nach der Breite der Schultern und der Bruſt urthei⸗ len wollte, athletiſch genannt zu werden verdienten. Es war ein Mann von ſichtbarlich großer phyſiſcher Stärke. „Kann das der Graf ſein?“ fragte Edith, während Olga ganz ungenirt den Kopf zum Fenſter hinaus ſtreckte. „Ich glaube nicht; ich weiß nicht beſtimmt, aber es iſt wohl nicht möglich, daß er ſo leger reist; überdieß ſieht ees aus, als wäre dieſer Mann älter, als der Graf, nach der Angabe der Oberſtin, ſein kann. Herr Helmer!“ (dieſer war eben auf den Ruf zum Mittageſſen einge⸗ treten)„gehen Sie doch hinunter und empfangen Sie den Herrn, und wenn es der Graf ſein ſollte, ſo führen Sie ihn in ſeine Zimmer und erkundigen Sie ſich, was er beſiehlt!“ In dieſen Worten:„erkundigen Sie ſich, was er befiehlt,“ lag nicht die geringſte beabſichtigte Beleidigung gegen Helmer— denn um die Wahrheit zu ſagen: ſo vertraulich auch die Hofräthin ihren Bruksverwalter behandelte, ſo träumte es ihr niemals, daß nicht eine Perſon in ſeiner Stellung im Nothfalle zu jedem Platze tauglich ſein konnte. Dennoch erröthete Helmer ſtark, da er hinausging, und Edith, welche neben dem Onkel Janne ſtand, flüſterte dieſem in das Ohr: „Nun? habe ich Recht oder nicht? Es ſteht ja dem belvederiſchen Apollo vortrefflich an, Bedientengeſchäfte eben „ der Hand mern hwer⸗ erſitze und wenn erthei⸗ Es ttärke. hrend reckte. ber es ß ſieht nach mer!“ einge⸗ n Sie führen , was as er digung en: ſo walter zt eine Platze ſtark, Onkel ja dem ſſchäfte S 8 121 zu verrichten und ſich zu erkundigen, was die Gäſte auf Dagby befehlen?“ „Würde es ihm beſſer angeſtanden haben, die Rolle einer verletzten Würde zu ſpielen? Ich meine, es kann ihm ſehr wohl anſtehen, die Gäſte Deiner Mutter zu empfangen... doch ſieh, da iſt er ſchon wieder!“ „Nun, lieber Herr Helmer!“ rief ihm die gnädige Frau entgegen. „Es war der Kammerdiener des Grafen. Ich habe den Lundin hinuntergeſchickt, um ſich zu erkundigen, was er zu melden hat. Bald kam Lundin— der eine von den in Livree gekleideten Tagedieben, welche die Hofräthin zum Staate unterhielt— mit dem Rapporte an, daß der Kammer⸗ diener des Grafen, Herr Nilman, gemeldet hätte, ſein Herr würde zwiſchen ſechs und ſieben Uhr eintreffen. Jetzt wünſchte Nilman in die Zimmer zu kommen, welche für den Grafen beſtimmt wären, um ſie in diejenige Ordnung zu ſetzen, an welche der Graf gewohnt wäre. Nach dieſer Botſchaft vertheilten ſich augenblicklich die leichten Wolken, welche während einiger Secunden über die Stirn der gnädigen Frau geflogen waren. Und augenblicklich wurde der Befehl ertheilt, dem Kammer⸗ diener des Grafen Mittageſſen zu geben, und für ihn zwei Treppen hoch ein Zimmer in Ordnung zu bringen. Herr Nilman zeigte indeſſen an, er pflege immer in dem Vorzimmer ſeines Herrn zu ſchlafen, erklärte aber auch ſeine gnädige Zufriedenheit über das eigene Zim⸗ mer, wo er rauchen und ein wenig ruhen könnte, wenn ſein Herr ihn nicht gebrauchte. Bei Tiſche wurden keine Anmerkungen gemacht, obgleich ein Jeder an den erwarteten Gaß dachte, und e als man aufſtehen wollte, ſagte die Hofräthin mit vorbindlicher Artigkeit zu Helmer: „Es würde höchſt angenehm ſein, wenn Sie heute 122 Abend hier ſein und unſern Reiſenden empfangen wollten!“. Schnell wie der Blitz ſiel Edith's Auge auf Helmer. Um ſeine Lippen ſpielte ein leichtes Lächeln, als hätte er verſtanden, was ſie meinte; doch antwortete er augenblicklich mit ungekünſtelter Artigkeit:„Recht gerne, wenn Ihro Gnaden befehlen!“....... In dem Zimmer des Grafen zeigte ſich inzwiſchen der gentlemanähnliche Herr Nilman wie der Geiſt des ſeligen Hohenſtaufen— überall und nirgends— denn bald war er hier, bald dort, und mit einer feenhaften Ge⸗ ſchwindigkeit geſchahen die verſchiedenen Anordnungen. Das Erſte war, daß er mit tauſend Entſchuldigun⸗ gen wegen ſeiner Freiheit die weißen Gardinen herab⸗ nahm, welche Mamſell Octavie mit ſo ausgezeichnetem Künſtlertalente aufgeſetzt hatte. Der Graf hatte unglücklicherweiſe einige kleine Eigenheiten, und zu dieſen gehörte auch, daß er in keinem Zim mer mit weißen Gardinen ſchlafen konnte. Statt derſelben, nachdem das Zimmer noch einmal gelüftet worden war, wurde das ganze Fenſter mit einem grünen chineſiſchen Wurzelgewebe, das Nilman mitge⸗ bracht hatte, überſpannt; dieſes bildete zu gleicher Zeit die Jalouſie und die Gardine, ließ aber auch kein Oeffnen des Fenſters zu, ohne das ganze Gewebe hinwegzuneh⸗ men, was nur geſchah, wenn der Graf nicht zugegen war; denn eine zweite Eigenheit war, daß er einen paniſchen Schrecken vor jedem Luftzuge hatte. Zufolge dieſes Umſtandes wurde wahrſcheinlich auch der Ofen ſorgfältig zugemacht und hierauf die Zimmer mit einigen ausgezeichnet feinen Eſſenzen geräuchert. Die Blumen wurden hinausgebracht, denn der Graf duldete ſie nicht im Zimmer, und dagegen die doppelte Anzahl von Lichtern, welche die Hofräthin befohlen hatte, hereingeſchafft. Bettſtelle und Betten wurden wegge⸗ nommen und ſtatt deſſen auf einem Ruheſopha, der mehrere Ellen von der Wand abgezogen wurde, eine Art von improviſirtem Lager eingerichtet. Von dieſer heite dig, Takt jeder es 3 den fragt des 7 ſie at nichts nahn Geſel igen mer. als ee er erne, chen des denn Ge⸗ gen. gun⸗ dune etem leine inem nmmal inem itge⸗ Zeit fnen neh⸗ gegen einen auch nmer chert. Graf pelte Zatte, egge⸗ „der eine dieſer 123 Schlafſtätte auf der Seite nach dem Zimmer zu wurden vier und auf der andern Seite zwei Kiſſen, die Nilman dieſe Anſtalten für die Bequemlichkeit einer einzigen Perſon, und Niemand mehr intereſſirt, als Edith, welche mmit Allem ſympathiſirte, was auf Laune und Eigen⸗ heiten hindeutete; die Hofräthin aber wiederholte beſtän⸗ dig, ſie hoffte, alle ihre Hausgenoſſen würden ſo viel Takt haben, daß ſie gar keine Verwunderung zeigten: jeder Menſch es ziemte den Wirthsleuten von Allen am wenigſten, Q˖-—(qN I( „Sind Sie ebenfalls neugierig, Fräulein Edith?“ fragte Helmer, welcher trotz der zurückweiſenden Kälte ddes Fraͤuleins ſich dennoch bisweilen die Freiheit nahm, ſie anzureden. „Ja, das geſtehe ich. Und es kann wohl auch nichts natürlicher ſein, da wir Frauenzimmer, mit Aus⸗ Geſellſchaft haben.“ nahme des Onkels Janne, hier gar keine männliche 124 „Erweiſeſt Du denn dem Herrn Helmer die Artig⸗ keit, ihn mit unter„uns Frauenzimmer“ zu zählen?“ fragte die Hofräthin lächelnd, um Edith's Unhöflichkeit in Scherz zu verwandeln. „Herr Helmer?— ach, ich beging den Fehler, ihn gar nicht mit zu rechnen!“ „Das war ein ganz unſchuldiges Verſehen,“ ent⸗ gegnete Helmer,„beſonders wenn man die kleine Ge⸗ wohnheit des Fräuleins, Alles zu ſagen, was auf die Lippen fällt, in Betrachtung zieht. Ich bin überzeugt, daß Sie nicht die Abſicht hatten, mich zu beleidigen.“ Bei dieſen Worten, die ohne allen Verdruß, aber nicht ganz ohne einen ſeinen Spott geſagt wurden, rich⸗ teten ſich alle Augen mit mehr oder weniger Schaden⸗ freude auf Edith, welche hoch erröthend auf den ver⸗ meſſenen Verwalter einen Blick ſchleuderte, ehe ſie er⸗ wiederte: „Da Herr Helmer ſelbſt meine Vertheidigung über⸗ nimmt, ſo bleibt mir nichts Anderes übrig, als zu ge⸗ ſtehen, daß das Verſehen ein abſichtliches war. Da aber Herr Helmer meine kleine Gewohnheit, Alles zu ſagen, was mir auf die Lippe fällt, eingeſehen und er⸗ kannt hat, ſo wird er gewiß ebenſo bereitwillig ſein, mich zu entſchuldigen, wenn ich offen erkläre, daß es nicht mein Fehler iſt, wenn er mir Antipathie einflößt, und daß dieſe keinesweges durch den vertraulichen Ton der Gleichheit, welchen er anzunehmen für gut findet, gemildert wird!“ „Edith! Du vergiſſeſt Dich! Du machſt, daß wir Alle über Dich erröthen müſſen!“ fiel die Hofräthin mit einem ſtrengen und verdrießlichen Blicke ein. Onkel Janne trommelte einen Marſch auf der Fen⸗ ſterſcheibe, während Olga und ihre Lehrerin Blicke wech⸗ ſelten, welche auf ein geheimes Entzücken deuteten; denn ohne Zweifel mußten ſie jetzt wohl einmal ſehen, daß Helmer böſe wurde. Aber obgleich ein augenblickliches Erbleichen über die männliche Röthe auf Helmer’s Wange fuhr, ſo verließ ihn leich ſo w welch einer artig da S unben einen möge Dam hört, 5 ebenſe Sieg ( lunger thigen reur, 1 4 Bulwe ebenfa redete dieſes zu viel G über d von de Morge res Ur E 125 rtig⸗ ihn dennoch ſeine Kaltblütigkeit nicht, welche Edith viel⸗ 2n“ leicht gerade darum am meiſten reizte, weil ſie ſich ſelbſt hkeit ſo wenig beherrſchen konnte. „Fräulein Edith!“ ſagte er, indem er ein Knäuel, ihn welches Edith hatte fallen laſſen, aufhob und ihr mit eeiner leichten Verbeugung zurückgab,„Sie ſind wirklich ent⸗ artiger, als es im erſten Augenblicke ausſehen möchte, Ge⸗ da Sie ſich auf dieſe Weiſe fuͤr die Erziehung eines ſo f die unbedeutenden Menſchen intereſſiren. Ich hege nur den ſeugt, einen Wunſch, daß ich nicht allzu hochmüthig werden n. möge; denn wenige Auszeichnungen von Seiten einer aber Dame laſſen ſich vergleichen mit der, wenn man ſelbſt rich⸗ hört, daß man ihre Antipathie iſt!“ aden⸗ Mit dieſem, wie Edith in ihrem Sinne es nannte, ver⸗ ebenſo⸗ ſcharfen als ſchamloſen Sarcasmus, blieb der ie er⸗ Sieg in Helmer's Händen. Er hatte vermocht, was noch keinem Manne ge⸗ über⸗ lungen war, nämlich Edith, wenn auch nicht zu demü⸗ u ge⸗ thigen, ſo doch wenigſtens zum Schweigen zu bringen. Da Aber kein triumphirendes Lächeln, das einen Mangel es zu an Erziehung verrathen haben würde, ſlog über Helmer's nd er⸗ Lippen. Als wäre gar nichts vorgefallen, wendete er ſein, ſich an Mamſell Octavie mit einer Frage über ihre daß es Meinung von dem Buche, in welchem ſie eben las. nflößt, Es war Bulwer's eben erſchienener Roman Deve⸗ a Ton reur, welcher offen vor ihr lag. findet,„Er iſt immer meine Morgenröthe, der geniale Bulwer,“ antwortete Mamſell Octavie, deren Wangen aß wir ebenfalls eine Morgenröthe erhielten, da Helmer ſie an⸗ in mit redete—„um jedoch meine beſondere Meinung über dieſes Geiſtesproduct zu ſagen, ſo iſt vielleicht ein wenig r Fen⸗ zu viel Philoſophie darin.“ ewech Das iſt vielleicht eine etwas abgenutzte Meinung z denn über die Arbeiten dieſes Verfaſſers im Allgemeinen; n, daß von denjenigen aber, die ihn unter dem Sinnbilde der orgenröthe anbeten, ſollte man wohl ein individuelle⸗ iber die hres Ürtheil vermuthen.“ verließ Che Mamſell Octavie die Phraſe fertig gedrechſelt 4 126 hatte, welche Helmer beweiſen ſollte, daß ſie auch wohl im Stande war, ein ſolches Urtheil abzugeben, vernahm man das Geraſſel eines Wagens— wahrſcheinlich kam alſo der Graf— und Helmer, ohne den Wink der Hof⸗ räthin zu erwarten, eilte ſogleich hinunter. „So, meine Du!“ flüſterte Onkel Janne der noch verſtummten Edith zu,„iſt er wohl noch zu einem Skla⸗ ven geboren? Aber Du biſt ein eigenſinniges Kind! das iſt Alles der Fehler derjenigen, welche nicht das Unkraut ausriſſen, da es noch feine Wurzeln hatte!“ „Du glaubſt doch wohl nicht, Onkel, daß ich ſchwieg, weil ich mich beſiegt fühlte 2“ „Hm, hm— etwas dergleichen „O, Onkel, das iſt unartig! Aber Du verſtandeſt nicht alle Kühnheit, die in ſeinen Worten lag— daß er es wagte, einer Dame dergleichen zu ſagen!“ „Beweist, daß er Kopf hat.“ „Kopf? Mein Papagei hat auch Kopf, was er aber ſchwatzt, das hat nichts zu ſchaffen mit den kleinen Organen, die dort ſind. Er weiß ſelbſt nicht, was er plaudert, plaudert aber dennoch. „Jetzt widerſprichſt Du Dir ſelbſt. Eine blöde Niedergeſchlagenheit, welche bewieſen hätte, daß er aus dem Concept gekommen wäre, oder eine Stichelei, die gezeigt hätte, daß er ſich beleidigt fühlte, würde ihn in einer Meinung herabgeſetzt haben⸗ Jetzt warf er mit einem kühnen Mandover das ganze Spiel um und zeigte dadurch, daß Du in der That nicht im Stande warſt, ihn herabzuſetzen. Selbſtbeherrſchung iſt kei⸗ nem Papagei gegeben.“. „Ich gehe ein auf Alles, was Du willſt, Onkel, wenn ich nur nicht länger über dieſe unbedeutende Per⸗ ſon Worte zu verſchmnden brauche!“... 74 . Kaum einige Augenblicke hatte Helmer auf der D Hausflur geſtanden, während welcher jedoch ein ganz anderer Ausdruck, als noch vor einem Augenblicke auff ſeinem Antlitze ruhte und ein paar gedankenvolle Falten auf ſchl kleid ige Helr kom ſechs ſten wohl ahm kam dof. noch Skla⸗ 1 das kkraut wwieg, andeſt — daß r aber kleinen vas er blöde er aus lei, die ihn in er mit d zeigte tande iſt kei⸗ Onkel, de Per⸗ auf der in ganz licke auff e Falten ſie nichts! War ich nicht auch 127 auf die hohe Stirne legte, als ein kleines, wohlver⸗ ſchloſſenes Haus vor die Treppe rollte. Nilman, der gnädige Kammerdiener, jetzt umge⸗ kleidet und ausgezeichnet ſtattlich in ſeinem olivenfar⸗ bigen Frack, eilte ſogleich an die Wagenthür. Doch Helmer, welcher darauf wartete, den Grafen zu bewill⸗ kommnen, mußte ſich ſo lange in Geduld faſſen, bis ſechs kleine Hunde, alle tigerfarben und von der ſchön⸗ ſten Race, heruntergelaſſen waren. Sechzehntes Capitel. Graf Hermann. „Olga hat die Güte, ihren Kopf nicht zum Fenſter hinauszuſtrecken warnte Mamſell Octavie in dem aller⸗ ſchärfſten Gouvernantentone. „Ich ſtrecke ja auch den Kopf nicht zum Fenſter hinaus, ſondern halte nur das Auge an eine kleine Oeffnung zwiſchen den Blumentöpfen. Ach, welche ſüße, entzückende Hunde er hat! eins, zwei, drei, vier, fünf, ſechs— aha, ſie ſollen alſo auf den kleinen Kiſſen lie⸗ gen!... Jetzt tritt Nilman— ja, das iſt mir ein Kammerdiener; Lundin wagt nicht anders als Herr zu ihm zu ſagen!— einen Schritt zurück, und Herr Helmer einen Schritt vor. Rufe nicht, liebe Mutter! warte nur einen Augenblick, und ich will Dir Seine Gnaden vom Kopf bis auf die Füße beſchreiben!“ „So mach ſchnell!“ ermahnte Edith. „Ja, der Henker auch; dem Tage bekamen E dumm, als ich mir einbildete, ein Romanheld könnte ohne Mantel ſein? Doch, Mutter, Edith, Mamſell Octavie, ſo kommt doch und ſeht, welch ein Aerger und Verdruß! er ſieht ja gerade ſo aus, wie ein anderer Menſch— aus unſerm 4 128 Roman wird nichts! Der Mantel iſt Alles, und jetzt zieht noch oben darein Nilman damit ab; und hier zeig ſich eine in Holz geſchnittene und mit Kupfer beſchla⸗ gene Figur mit einem Geſichte, worauf ich— wenn ich es betrachte— eine ganze Begräbnißceremonie tätowirt ſehe. Nun, nun, davon wollen wir ſchweigen; ich fürchte ſehr ſtark, daß der Herr Graf ſelbſt begraben geweſen iſt! Doch, mein Gott! ich glaube er bildet ſich ein, daß er in einem Muſeum ſteht und Herrn Helmer als ein Kunſtwerk betrachtet! Nein, jetzt beginnt er zu reden und ſich zu bewegen! Und Herr Helmer verbeugt ſich und macht Umſtände und ſegelt mit Seiner gräf⸗ lichen Gnaden die Treppe herauf— und hiemit fällt der Vorhang nach dem erſten Tableau!“ „Mein Täubchen! Du ſetzeſt mich in Erſtaunen mit Deiner Lebhaftigkeit!“ ſagte die Hofräthin, indem ſie ihrem Liebling mit dem Finger drohte;—„aber das war faſt zu ſarf— Mamſell Octavie hat gewiß für Deine Unart einen kleinen Verweis in Bereitſchaft!“ „Unart, Mutter?“ „Ja, was ſagteſt Du über den Grafen?— ſtl... er befindet ſich vielleicht nicht gut!“ „Er ſah gar nicht krank aus, liebe Mutter! Das habe ich nicht geſagt.“ „Aber Du ſagteſt, er ſähe aus, als wäre er begra⸗ ben geweſen!“ „Ja, da kann ich nicht helfen— ſo ungefähr ſieht er aus!“ Etwa eine halbe Stunde nach der Präſentation durch das Fenſter zeigte ſich der Graf in dem Salon ſeiner Wirthin. Er war ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, von einer ſchlanken, aber etwas gebückten Korperbildung und mit einem Aeußern, welches nur Diejenigen frap⸗ pirte, die ihn näher betrachteten. Bei einer ſolchen Muſterung aber konnte Niemand 129 jetzt umhin, durch den irrenden und melancholiſchen Blick zeig feiner großen grauen Augen ſich gerührt oder richtiger ſchla⸗ aufgeregt zu fühlen. Auf ſeiner breiten Stirn, die kaum in ich von dünnen braunen Haaren beſchattet war, zwiſchen towirt welche ſich hie und da ſchon ein Silberhaar eingedrängt ;z ich hatte, ruhte das Gepräge des Gedankens und der Nacht⸗ raben wache, während ſeine fein gebogene Adlernaſe, dünne, et ſich ein wenig nach oben gezogene Lippen und eine ſteife delmer Haltung ihm das Ausſehen kalter Vornehmheit gaben. er zu Olga, welche ein ziemlich ſcharfes Auge hatte, ſah — ◻ — 1 in dem Geſichte des Grafen eine ganze Begräbnißcere⸗ gräf⸗ monie. Aber es gab Leute, die darin den Wiederſchein t fällt von etwas noch weit Schrecklicherem gewahrten. Das Gewiſſe iſt, daß die Züge des Grafen gleichſam ein n mit Regiſter über eine Menge von mit Kreuzen bezeichneten em ſie Tagen bildeten... er das Als er eintrat und ſich mit einer gewiſſen genirten ß für Bewegung vor den Damen verbeugte, war das Alles ftl“ noch nicht zu bemerken geweſen und das allgemeine AUrtheil ſiel daher gegen ihn aus. ſt.. Edith ſagte zu ſich ſelbſt: Das„So etwas Beſonderes iſt an dem Manne eben nicht.“ as Doch bei dem erſten, einfachen Worte an die Hof⸗ räthin, auf welche er jetzt ſeine Augen heftete, in denen begra⸗ ein flackerndes Licht bald leuchtete und bald verſchwand, dachten ſowohl Edith als auch die Uebrigen, daß doch r ſieht wohl etwas Beſonderes an ihm ſein müßte, denn die Stimme, der Blick, die Worte, ja ſogar die Ge⸗ berde, welche jetzt ihre Steifheit ablegte, enthielten jene Beredtſamkeit, welche zum Herzen ſpricht. „Ich danke Ihro Gnaden,“ ſagte er,„daß Sie Ihr Haus einem armen kranken Fremdling öffnen wollen! Meine gute Tante verſichert mich, daß ich mich hier zu Jahren, Hauſe fühlen werde, und ich habe das Bedürfniß, dieſer bildung Prophe eiung zu glauben.“ frap⸗„Mein beſter Herr Graf!“ entgegnete die Hofräthin 1 mit einem Tone, der bei ihr äußerſt ſelten war— es iemand war naͤmlich kein Ton formeller Artigkeit, ſondern der I em launenhaftes Weib. 1. 9 ntation Salon 130 vollſten, einfachſten Herzlichkeit—„mein beſter Herr mes Graf! ſein Sie tauſend Mal willkommen auf Dagby!“ erſt Von dieſem Augenblick ſehen wir unſeren theuren Gaſt ſprä als ein Mitglied der Familie an... Dieß iſt meine meiſ älteſte Tochter... Dieß meine jüngſte! Ferner haben und wir hier Olga's Gouvernante und unſere gemeinſchaft⸗ feine liche angenehme Geſellſchafterin, Mamſell Horner. Dem⸗ günſ nächſt meinen guten Schwager; er iſt der Onkel der Erla ganzen Welt und bald, das weiß ich ganz gewiß, ein Gem guter Freund des Herrn Grafen. Und endlich iſt hier hätte mein Verwalter, Herr Helmer, ebenfalls einer der Un⸗ ſerigen. Wir leben ganz patriarchaliſch, wie Sie bald Heln ſehen werden— und nun haben Sie die Güte, hier man auf dem Sopha neben mir Platz zu nehmen, und mich in T etwas Neues von unſerer guten Oberſtin hören zu laſſen.“ Geſch „Das ging ja wie ein Tanz!“ dachte Edith und konnte nicht unterlaſſen, das Talent ihrer Mutter zu b bewundern, den Grafen ſo ohne alle Umſtände in die Male Familie einzuführen. Warum er aber als ein armer mäld Kranker betrachtet wurde, und warum er ſich ſelbſt für ner A einen ſolchen hielt, das vermochte ſie nicht zu ergründen. das Sie forſchte ſorgfältig darüber nach; doch mit Aus⸗ düſter nahme der kupferfarbigen Haut waren keine Spuren wohl eines körperlichen Leidens zu bemerken— was dagegen Inne die Krankheit der Seele betraf, ſo konnte man in dieſer Davi Hinſicht nicht leicht fehlgreifen, obgleich auch ſie weit die S tiefer in den Hintergrund gedrängt war, als die Außen⸗ ſtalt“ ſeite zeigte jene achdem der Graf, wenn auch in der gedrängteſten der de Kürze, mitgetheilt hatte was die Hofräthin zu wiſſen jenen wünſchte, ſtand er auf, indem er lächelnd äußerte, er Harfe wollte ſich jetzt auch„mit den Gegenſtänden der Zimmer wiegt. vertraut machen.“ J Er machte den Anfang mit den Blumen im Fen⸗ ſter, wobei er gleichſam zufallig die für den Luftwechſel geöffnete Scheibe zumachte. achdem dieſes gelungen war, ging er leiſe und ſichtbarlich ſchon ermüdet durch die ͤbrigen Zimmer und erklärte, daß ſie„ein angeneh⸗ ein p verſtol an, d einlad Hert y Gaſt neine haben chaft⸗ Dem⸗ l der Spuren agegen dieſer e weit Außen⸗ gteſten wiſſen rte, er immer n Fen⸗ wechſel lungen durch geneh⸗ 13¹1 mes und ſehr wohnliches Ausſehen“ hätten, blieb jedoch erſt in der Gemäldegallerie ſtehen, wo er in dem Ge⸗ ſpräche mit dem Onkel Janne— zu welchem er ſich am meiſten hingezogen fühlte— ſich als einen Liebhaber und Kenner der ſchönen Kunſt documentirte. Nach einer feinen Wendung, wozu ein ſeiner Meinung nach nicht günſtig placirtes Seeſtück Anlaß gab, bat er um die Erlaubniß, die Sammlung der Hofräthin mit einem Gemälde von einigem Werthe, welches er mitgebracht hätte, vermehren zu dürfen. Während er redete, ſiel jedoch ſein Blick oft auf Helmer. Und da die Hofräthin ihm ſcherzend zuflüſterte, man merke wohl, daß der Herr Graf mit den Damen in Betreff des Ausſehens dieſes jungen Mannes einerlei Geſchmack hätte, antwortete er ganz kurz: „Er ſoll mein David werden!“ Man erfuhr ſpäterhin, daß der Graf ein geſchickter Maler war und in dieſem Augenblicke an einem Ge⸗ mälde arbeitete, welches den Saul in den Stunden ſei⸗ ner Anfechtungen vorſtellte. Die Wildheit, der Schrecken, das unausſprechliche und verzehrende Leiden in ſeinem düſtern Antlitz war ſo meiſterhaft ausgeführt, daß man wohl glauben konnte, das Bild ſei aus dem eigenen Innern des Malers entſprungen. Aber noch fehlte ein David,— ein David, in deſſen Weſen nicht allein, was die Schrift verkündigt—„ſchöne Augen und ſchöne Ge⸗ ſtalt“— läge, ſondern auf deſſen jugendlicher Stirn auch jene ruhige Hoheit, jener reine und kräftige Ernſt ruhte, der den kuͤnftigen Herrſcher verkündigt, und der endlich jenen mächtigen Zauber beſäße, der nebſt den Tönen des Harfenſpieles die grauſamen Plagen Saul's in Ruhe wiegt. Mit Edith tauſchte der Graf an dieſem Abende nur ein paar Worte aus; doch betrachtete er ſie mehrmals verſtohlen, und einmal lächelte er ſie auf eine Weiſe an, daß ſie unfreiwillig dieſes Lächeln erwiederte, ſo einladend, ſo ſeelenwarm, ſo anſteckend war daſſelbe. Etwe eine Stunde blieb der Graf 8 dem neuen 0 und vouper eigen⸗ ißerſte ſeinem dem gleitet emals gſt Du Aus⸗ ch bei⸗ ſie zu h unter kaum größere ſein?“ „meine ß nicht, Helmer, n Theil andern wendete Fehlgriff s Theils m beſſern n, galt ing jetzt der rech⸗ 13³ ten Beleuchtung bei weitem ſchöner. Lange weilte Edith vor demſelben in tiefen Gedanken. Als ſie ſich umwen⸗ dete, ſtand Helmer in der Thür der Gallerie. Edith ſagte kein Wort, als ſie vorbei ging, aber ſie biß ſich auf die Lippen, als ärgerte ſie ſich, daß er ſogar in einer ſolchen Kleinigkeit einen Blick zu haben wagen konnte. Siebenzehntes Capitel. Eine Verlegenheit und eine Entſchuldigung. Wir übergehen eine Woche nach der Ankunft des Grafen Hermann. Während dieſer Zeit hatte man bei dem neuen Gaſte nicht mehr als drei Eigenheiten wahrnehmen können. Ddie erſte war, daß er die Luft ſcheute und ſehr unglücklich ausſah, wenn ihn Jemand zu einem Spazier⸗ gange verleiten wollte. Die zweite, daß er ſich an einem Orte unmöglich länger als einige Minuten aufhalten konnte, wenn er nicht eine mechaniſche Beſchäftigung hatte, eine Eigen⸗ heit, welche die Damen, und unter dieſen ganz beſonders Mamſell Octavie, in Verzweiflung brachte; denn er fragte nichts darnach, ihre Seide zu verwirren, ihre eleganten Muſter zwiſchen den Fingern zu zerreiben, oder, was noch ärger war, dieſelben mit den abſcheu⸗ lichſten Geſichtern vollzuzeichnen, weßhalb Mamſell Octavie ſich auch durch die Erklärung rächte, daß der Graf die„perſonificirte Schwindſucht“ ſei. Die dritte Eigenheit beſtand darin, daß er Alle, und vor Allen ſich ſelbſt, mit dem Auslegen ſeiner bizarren Elfenbeinſtücke unterhalten wollte, ſo wie mit der Ueberlegung, wie alle dieſe unzähligen einzelnen Stuͤcke zuletzt anwuchſen und ſich zu einem ſchönen Ganzen vereinigten. 8 † 3 4 134 In dieſes Vergnügen konnte er ſich mehrere Stunden lang ſo ausſchließlich vertiefen, daß er es ganz vergaß, wie diejenigen Perſonen, deren Aufmerkſamkeit er zu Anfange ſeiner Arbeit zu feſſeln geſucht hatte, ihn nach und nach verließen und ein wenig uͤber ihn und über ſeine Figuren gähnten. Wer jedoch eine nicht zu verkennende Geduld zeigte, das war Onkel Janne, den der Graf auch bald ſo ſchätzte, daß er ihn zu ſich in ſein Zimmer einlud. Onkel Janne war jedoch nichts weniger als beluſtigt, wenn er den ganzen Nachmittag feſtgenagelt ſitzen mußte, um über eine Sache nachzudenken, welche ſeine beweg⸗ liche Seele ſo bald ermüdete; denn dieſe befand ſich am beſten draußen in der freien Natur und reflectirte am liebſten über diejenigen Gegenſtände, welche ihm dort begegneten; da der alte Mann jedoch ſo ſeelengut war, ſo hätte er es unmöglich über das Herz bringen können, einen Ausdruck des Schmerzes auf dem Geſichte des Grafen hervorzurufen, geſchweige denn ihn durch ein ſchlecht ver⸗ hehltes Gähnen zu beleidigen. Der feinfühlende Onkel Janne! Wir müſſen es aber auch geſtehen, daß an den Abenden oft in den Zimmern des Grafen Gegenſtände des Geſpräches vorkamen, welche die ungetheilte Auf⸗ merkſamkeit des Onkels auf ſich zogen. Oft leitete nämlich Graf Hermann das Geſpräch auf die Lehren Swedenborg's, Jung's und anderer Den⸗ ker, über den Zuſammenhang zwiſchen der Sinnen⸗ und der Geiſterwelt, oder auf andere gleichartige Gegenſtände. Er entwickelte hiebei eine ſolche Beleſenheit in den meta⸗ phyſiſchen Werken, und ſeine Worte zeugten von einem ſo tiefen Studium dieſer für die Forſchung der Menſchen⸗ ſeele ſo dunklen Gegenſtände, daß Onkel Janne erſchrack — er, deſſen Forſchungen über dieſe Gegenſtände immer bei und in dem Satze geendigt hatten:„Je näher der Natur, um ſo näher Gott.“ Zu ſeiner großen Verwun⸗ 7 derung und Freude entdeckte jedoch Onkel Janne in dieſem Chaos von verwickelten Vernunftgründen und unden ergaß, er zu nach hüber zeigte, hätzte, uſtigt, mußte, beweg⸗ ch am rte am n dort t war, önnen, Grafen ht ver⸗ Onkel an den nſtände e Auf⸗ eſpräch r Den⸗ n⸗ und ſtände. nmeta⸗ einem nſchen⸗ rſchrack immer her der dere hin erfahren wirſt. Du mußt zärtlich, nachſichtig gegen n und 13⁵ Schlüſſen bisweilen einen klaren, freundlichen und rein chriſtlichen Gedanken, welcher mit ſeiner eigenen ein⸗ fachen und von allen Spitzfindigkeiten freien Seele in Einklang ſtand. An einem Nachmittage— da Olga mit ihrer Gou⸗ vernante auf Glanberg einen Beſuch abſtattete, der Graf noch in ſeinem Zimmer war, und Onkel Janne um des lieben Bretſpieles und des reſpectabeln Bieres willen auf den Pfarrhof ſpaziert war— ſaßen die Hofräthin und Edith allein im Saale. Bis jetzt hatte die gnädige Frau die Rede noch nie auf den Gaſt gebracht; jetzt aber, da die Gelegenheit ſo paſſend zu ſein ſchien, ſagte ſie in leichtem Tone: „Liebe Edith! iſt er nicht ein intereſſanter und ge⸗ bildeter Mann, unſer Graf?“ „Gebildet?— o ja, wenigſtens fragmentariſch.“ Das Geſicht der Hofräthin verfinſterte ſich. „Und intereſſant iſt er in ſo fern, als er nicht ſo abgenutzt ausſieht, wie Andere.“ „Das iſt gleich ein groͤßeres Lob, als ich jemals aus Deinem Munde gehört habe.“ Edith ſchwieg. „Gibt er Dir nicht einen vortrefflichen Begriff von dem Bilde des Hamlet?“ „Nein, er gibt mir nur die Vorſtellung von einem gezähmten Hausthier, mit welchem es gleichwohl gefähr⸗ lich ſein dürfte, wenn man mit demſelben ſpielen wollte.“ O, Edith, Du biſt allzu ſchonungslos in Deinen Ausdrücken!“ „Du wollteſt ja wohl wiſſen, liebe Mutter, welchen Eindruck er auf mich gemacht hat?“ „Und dieſer gefällt mir gar nicht. Der Graf trägt in ſeinem Innern ein großes Unglück, das Du ſpäter⸗ ihn ſein. Mir kommen die Thränen in die Augen, 136 wenn ich ſehe, mit welchem Blicke er Dich bisweilen betrachtet. Er ſcheint Dich zu bitten, daß Du ihn ver⸗ ſtehen ſollſt.“ „Thut er das?“ „Thut er das?“ wiederholte die Hofraͤthin beinahe verdrießlich. „Ja, ich habe es noch niemals bemerkt.“ „Und warum nicht?— weil Du ſeit dem Abende ſeiner Ankunft ſo ſtill und zerſtreut geweſen biſt, daß ich mich wirklich betrübt habe.“ „Liebe Mutter!“ „Olga gibt ſich wirklich weit mehr Mühe ihn zu unterhalten, als Du.“ „O, er unterhält ſich ja ſelbſt ſehr gut.“ „ Ja, Gott ſei gelobt, er hat ſeinen eigenen kleinen Zeitvertreib! Was wollen wir aber von Helmer ſagen?“ „Von Helmer?“ „Ja, iſt es nicht ſonderbar, daß er ſich hier obeng beinahe gar nicht ſehen läßt?“ Iſt er denn jetzt ſeltener hier, als ſonſt?“ „Liebe Edith, ich glaube wirklich, Du machſt Dich durch dieſe Frage einer kleinen Ziererei ſchuldig. Es kann unmöglich Deiner Aufmerkſamkeit entgangen ſein, daß er ſeit längerer Zeit nur bei Tiſche hier ge⸗ weſen iſt. „Nun was denn weiter?“ „Ich ſage aufrichtig, dieſer Mann ſteht meiner Oekonomie mit einer ſolchen Tüchtigkeit vor, daß ich die größte Achtung gegen ihn hegen muß, und ich würde 5 ſ ungerne ſehen, wenn er Grund zur Unzufrieden⸗ eit hätte.“ „Haſt Du Grund zu der Vermuthung, liebe Mutter, daß Jemand von den Arbeitern oder Köthnern ſich ſchlecht aufgeführt hat?“ „Fi, Edith!“ Edith ſah ihre Mutter an.... das glücklichſte Bild des Erſtaunens. „Du vergiſſeſt es immer, daß dieſer Mann nicht „* 2 b fühle. nicht — ſie B durch Graf ſo eig nahm S zu ſie digkeit lagen, Schon kleinen dieſem eilen ver⸗ nahe bende daß n zu einen en?“ obeng Dich Es ngen r ge⸗ einer 3 ich vürde eden⸗ utter, hlecht Bild nicht b 137 als ein bloßer Diener betrachtet werden darf. Du ſtehſt ja, daß er ein Mann von Erziehung iſt, daß alle unſere Nachbarn durch ihre Artigkeit gegen ihn die Art und Weiſe billigen, wie ich ihn bei uns aufgenommen habe. Warum willſt Du allein dieſen einfältigen und dummen Hochmuth zeigen, der in unſeren Tagen nur in einem niedrigeren Kreiſe zu finden iſt? Ich bin nicht im Stande, dieſen Mangel an Takt zu begreifen.“ „Aber wie gehört das hieher?“ „Inſofern, als Du— wie Du ſehr gut weißt— und nicht die Arbeiter und Köthner, ihn mit ſeiner Stellung bei uns unzufrieden gemacht haſt.“ „Liebe Mutter!“ „Und Du ſtellſt Dich ſelbſt zu hoch, und ihn zu niedrig, wenn Du glaubſt, daß er nicht einmal das Mecht haben ſoll, ſi durch Deine Unarten beleidigt zu fühlen.“ „Das iſt ein Recht, um welches ich ihn gewiß nicht beneide.“ Schritte im Vorzimmer unterbrachen das Geſpräch. Die Hofräthin dachte mit einem Male daran, daß ſie Briefe zu ſchreiben hatte— und als ſie ſich eben durch die eine Thür entfernte, trat durch die andere der Graf mit jenem ſtillen und träumenden Gang, der ihm ſo eigenthümlich war, in den Saal. Nach einem leichten Gruße und einigem Bedenken, nahm er neben Edith auf dem Sopha Platz. Ohne ein Wort zu ſagen, zog er ihren Nähtiſch zu ſich und begann langſam, aber mit großer Behen⸗ digkeit, ein Bund Sandperlen aufzulöſen, und dieſe lagen, ehe Edith, die ſelbſt ein wenig zerſtreut war, um Schonung gebeten hatte, durch einander gerührt auf einem kleinen kryſtallenen Teller, welcher recht eigentlich zu dieſem Zwecke da zu ſtehen ſchien. „O, Herr Graf, Sie machen mir ja eine unend⸗ liche Mühe!“ ſagte Edith in einem Tone, der von Aerger nicht ganz frei war;„wie ſoll ich nun jede Art wieder zuſammen ſuchen?“ 138 „Verzeihen Sie, Fräulein! Ich will ſie hernach wieder trennen.“ „Ja, das iſt keine leichte Arbeit!“ Iſt es nicht luſtig zu ſehen, wie munter, frei und ſelbſtſtändig ſie durch einander rollen? Denken Sie, wie langweilig muß es nicht für die armen Dinger geweſen ſein, immer ſtill und auf Fäden gereiht da zu liegen!“ „Warum wollten wir ſie bedauern, da ſie es nicht ſchlimmer haben, als wir ſelbſt?“ ſcherzte Edith. In dem Scherze lag jedoch eine kalte Bitterkeit nur ſchlecht verſteckt.“ „Wir ſelbſt?“ wiederholte der Graf. „Ja, leiden wir nicht auch Alle von dieſer Ver⸗ mengung, und ſind wir nicht ſämmtlich auf die Fäden der Formen gereiht, ſo daß wir uns nur mit Mühe be⸗ wegen können?“ „Wenn wir die Sache von dieſer Seite betrachten, ſo iſt es dennoch beſſer, eng zu wohnen in dem Gebiete der Formen, als geräumig außer demſelben. Sie wür⸗ den ſich, Fräulein Edith, nicht glücklicher in dem großen leeren Raume fühlen, wo man in Gefahr kommt, ſich ſelbſt zu verlieren. „Und noch vor einem Augenblick,“ antwortete Edith ſpottend,„prieſen Sie die Freiheit der Perlen?“ „Ihre Freiheit iſt begrenzt, ſie tanzen nicht außer dem Teller.“ „O, für eine ſolche Freiheit gebe ich nicht viel... Doch ſieh, jetzt emancipiren ſie ſich ſelbſt und ſchweifen hinaus in das Unendliche!“ ſagte Edith herzlich lachend, als der Graf in dieſem Augenblick den Teller fallen ließ und alle Perlen über den Saal dahin rollten. Als jedoch Edith jetzt einen Blick auf den Grafen warf, ſo war ſie kaum im Stande, einen Ausruf der Beſtürzung zurückzuhalten, ſo verändert war ſein Geſicht. Der Graf war ſo bleich geworden, daß es ausſah, als ob jeder Blutstropfen von ihm gewichen wäre; und indem ein Zittern ſeine Glieder noch in Erſchütterung ſetzte, drückte ſein Geſicht ein ſo tiefes und ſchreckliches Leiden aus, daß Edith mit unendlichem Intereſſe und rnach i und 2, wie weſen gen!“ nicht n dem teckt.“ Ver⸗ Fäden he be⸗ ichten, zebiete wür⸗ großen , ſich Edith außer bel... weifen ſchend, fallen Grafen uf der Geſicht. lusſah, 2; und tterung ckkliches ſe und 139 mit der wärmſten Theilnahme wartete, daß er ſich er⸗ klären möchte, Doch er ſchwieg; endlich legten ſich die wunder⸗ baren Erſchütterungen und ſein Haupt ſank machtlos auf die Bruſt herab, aus welcher ſich jetzt ein Seufzer von dem tiefſten Umfange hervorarbeitete. „Um Gotteswillen, beſter Herr Graf, reden Sie! — ſoll ich Etwas ſchaffen? ſoll ich Nilman holen 8 laſſen?“ Edith war unruhig, daß ſie mit dem ſonderbaren Gaſte allein war. „Rufen Sie keinen Menſchen, es geht bald vorüber,“ antwortete er leiſe—„thun Sie nur ein Werk der Barmherzigkeit an mir!“ „Sehr gerne! welches?“ „Nehmen Sie meine Hand in die Ihrige... O Dank— tauſend Dank für Ihre Güte!“ „Wird Ihnen jetzt beſſer?“ „Es iſt merkbar!“ ſagte er mehr zu ſich ſelbſt, als zu ihr.„Gott, es iſt bewunderungswürdig! Sollteſt Du es wohl geſtatten, daß ich endlich Troſt finde! Wie edel,“ fuhr er fort, indem er ſeinen Blick zu Edith er⸗ hob,„muß nicht Ihr Herz ſein, da das Gefühl, wel⸗ ches aus demſelben ſtrömt, meine Plagen lindert, da ich Sie bloß berühre!“ 5 Edith ſah ihm mit einem forſchenden Blick in das uge. Dort war keine Verwirrung, wohl aber eine Miſchung von Schmerz und himmliſchem Genuß. Und ſo ſehr waren Edith's ſämmtliche Sinne mit dem Grafen und ſeinem Benehmen beſchäftigt, daß ſie erſt, da ſie ihn mit der freien Hand eine freundliche, aber abweiſende Bewegung nach der Thüre hin machen ſah, ebenfalls dorthin blickte. Dort war Helmer, welcher mit einem Ausdruck des Erſtaunens ihre vertrauliche Stellung zu dem Grafen betrachtete, ſich aber auch ſogleich auf den Wink des Letzteren zuruckzog.* 140 „Herr Helmer, einen Augenblick, ich bitte!“ rief Edith, ohne ſich zu beſinnen.„Sie ſehen ja, daß der Herr Graf krank iſt! Rufen Sie ſeinen Kammerdiener!“ Helmer verſchwand. „Das war nicht edel von Ihnen!“ ſagte der Graf, indem er, alle ſeine Seelenkräfte anſtrengend, ſeine Hand Edith entzog. „Entſchuldigen Sie, Herr Graf! Doch... forderte wohl nicht das Feingefühl eine Erklärung?“ „Vielleicht— mir aber that es ſo unausſprechlich wohl, daß ich glauben durfte, Ihr Mitleiden, Ihre Theilnahme könnte ſo viel über Sie vermögen, daß Sie dieſe Formen vergäßen, welche in der Einbildung Ihnen noch vor einem Augenblick ſo verhaßt waren!“ Edith fühlte ſich betroffen.— Sie war einer Laune gefolgt, welche wahrſcheinlich auf einem ſtärkeren Bedürfniß gegründet war, als ſie zu widerſtehen vermochte, da ſie ſich zu einer Rechtfer⸗ tigung herabließ vor dieſem Helmer, den ſie gerne für ganz unbedeutend halten wollte. Jetzt folgte ſie einer neuen Laune, welche die Worte des Grafen ohne Zweifel hervorgerufen hatten, und in Verzweiflung, der Bruksverwalter möchte ſtolz ſein über eine Erklärung, welche ſie dem Primus oder jedem An⸗ dern, welcher eingetreten wäre, wahrſcheinlich ebenfalls gegeben haben würde, ergriff ſie mit einer Eilfertigkeit, die der Graf Hermann fuͤr ſo ungemein edel hielt, die in der That jedoch nichts weniger als edel war, den Arm des Grafen, als er aufſtehen wollte, und erbot ihm mit einer Stimme, an deren Zauberkraft ſie nicht einmal dachte, ihre Hülfe bis an die Thür— eine Freiheit, die der Zuſtand der Schwäche, in welchem er ſich noch befand, wohl rechtfertigen konnte. „Niemals,“ ſagte Graf Hermann, indem er ihre Hand an ſeine Lippen drückte,„niemals in meinem Leben werde ich dieſes vergeſſen! Nichts brauchte Sie u dieſer Nachgiebigkeit gegen die verletzten Gefühle eines Prenndlings zu zwingen. Keine von ſeinen Körper⸗ und endli Bedü ſehr das 3 hatte 141 Seelenleiden, ſo tief ſie auch ſein mochten, würden Sie hiezu überredet haben, wenn nicht die Engelreinheit Ihres Herzens Mitgefühl empfunden hätte an dem Schmerze, den Sie ohne ihren Willen mir zugefügt hatten. Gott lohne es Ihnen— ich werde gewiß auch einen weniger ſchlimmen Abend haben, als ich ſonſt erwarten durfte.“ „Möge es ſo ſein, mein guter Herr Graf!“ ant⸗ wortete Edith mit jener Gedankenloſigkeit, welche macht, daß wir von einer Sache reden, während unſere Sinne weit entfernt ſind und an etwas ganz Anderes denken.. „Doch ſieh, da iſt ja Nilman! Jetzt übergebe ich Sie guten Händen!“ Mit einer tiefen Verbeugung und mit einem Blicke, in welchem die höchſte Dankbarkeit lag, ergriff der Graf den Arm ſeines Kammerdieners und entfernte ſich. Die Thür wurde von Außen nicht zugemacht, denn Helmer trat wieder ein. Ohne jedoch Edith mit einem Geſpräche zu beläſtigen, holte er ein Buch aus der Bibliothek und ſetzte ſich auf der andern Seite des Saales. Edith hatte ihre Arbeit wieder vorgenommen und gab ſich alle Mühe zu glauben, ſie wäre allein. Und es verfloß eine volle Viertelſtunde, ohne daß 33 Anlaß hatte, über ihre unterbrochene Einſamkeit zu klagen. Achtzehntes Capitel. Warnungen. „Herr Helmer! wie finden Sie den Grafen?“ fragte endlich Edith, welche nicht im Stande war, einem neuen Bedürfniſſe zu widerſtehen, welches ſie gleichwohl ebenſo ſehr verachtete, als das vorhergehende— wir meinen das Bedürfniß, Helmer's Stimme zu hören.— Während dieſer ganzen abſcheulich langen Woche hatte er ſie kein einziges Mal angeredet, A 5 14² Helmer legte ſogleich das Buch weg und antwortete ſo ungenirt, daß Edith, wenn ſie wollte, es für einen bloßen Zufall halten konnte, daß er nun ſeit ſieben Tagen ſo unſichtbar geweſen war: „O, den Grafen?— ich finde ihn meiner ganzen und lebhafteſten Theilnahme würdig!“ „Warum denn gerade Ihrer Theilnahme?“ „Ich meine, Sie, mein Fräulein, zeigten vor einem nunendliche daß er auch Ihnen dieſes Gefähl eingeflößt at?“ „Das iſt wahr, Herr Helmer; aber Sie wiſſen nicht, was dieſes Gefühl veranlaßte. Es kam über ihn, ich weiß nicht welche Art von Entſetzen, ein geheimnißvoller Zuſtand, welcher....“ „Welcher?“ „.... Barmherzigkeit forderte.“ „Und der unglückliche Graf, ermuntert von ſo vieler Güte, wird ganz gewiß dieſe Barmherzigkeit mehr denn einmal in Anſpruch nehmen.“ „Von ſo vieler Güte?“ wiederholte Edith—„ich weiß nicht, ob es zu viel war!“ „Ich noch viel weniger.“ „Aber Sie ſcheinen es doch andeuten zu wollen!“ „Wie könnte ich dergleichen wagen?“ „Gerade das möchte ich gerne wiſſen!“ „Und wie wollen Sie das erfahren, mein Fräulein, wenn ich fragen darf, da ſchon die bloße Vorausſetzung einer ſolchen Kühnheit von meiner Seite eine undenk⸗ bare Herablaſſung von Ihrer Seite iſt?“ „Laſſen Sie uns keinen Wortkrieg führen!“ ent⸗ gegnete Edith, welche, um ihre Würde zu behaupten, gegen den Aerger ankämpfte.„Sagen Sie mir lieber ganz einfach, was Sie meinten— denn Etwas war es!“ „Ich meinte, Sie werden ohne Zweifel am ſicher⸗ ſten ſelbſt wiſſen, was Sie mit einer ſolchen Perſon wagen können und wagen wollen.“. „Haben Sie die Güte, etwas weniger in Räͤthſeln zu reden!„der unglückliche Graf,“„eine ſolche Perſon“ 5 und Ich nicht Wag rung es ge inden ſeine mich unno zurüc mit Stirn den( ſein, 1 ſowol Betre 1 Ehre, etwas natür ſein, 7 auf 7 Umſte len, e 8 5 „ 5 ortete einen ieben unzen inem eflößt vieler denn 7„ich 1!“ ulein, tzung denk⸗ ent⸗ pten, lieber res!“ icher⸗ terſon thſeln rſon“ 4 8 143 und ſo fort, ſind Redensarten, die ich nicht verſtehe. Ich meines Theils finde an dem Grafen Hermann gar nichts, das die Theilnahme, welche er einflößt, zu einem Wageſtücke machen kann.“ „Nach einer ſo beſtimmt ausgeſprochenen Aeuße⸗ rung ſehe ich nicht recht ein, wozu...“ Helmer brach ab. „Weiter?“ „Wozu meine Meinung dienen kann.“ „Nein, inſofern ſie mein Betragen betrifft, ſo iſt es ganz richtig, daß dieſe Meinung weder...“ „Ich glaube, mein Fräulein,“ fiel Helmer ein, indem er jetzt zum erſten Male in ſeinem Tone und in ſeiner Miene einige Ungeduld blicken ließ,„Sie haben mich dieſes ſchon ſo oft merken laſſen, daß es nur eine unnöthige Tautologie ſein würde, wenn Sie wieder darauf zurückkommen wollten.“ „Gut,“ entgegnete Edith und ihr ſchönes Auge weilte mit geheimer Anziehungskraft auf Helmer's gerunzelter Stirn;„wenn aber die Frage eine Inſinuation gegen den Grafen betrifft, ſo ſcheint es faſt eine Pflicht zu ſein, daß Sie offen reden!“ „Wie Sie befehlen!“ „Iſt er nicht ein vollkommen achtungswerther Mann, ſowohl hinſichtlich ſeiner Eigenſchaften, als auch ſeines Betragens?“ „Ich habe nicht den geringſten Grund, von ſeiner Ehre, von ſeinen Grundſätzen und von ſeinem Charakter etwas Anderes als Gutes und Vortreffliches zu denken; natürlich aber kann Ihnen der Umſtand nicht unbekannt ſein, daß er leidet an...“ „An?“ „An einer Gemüthskrankheit, welche ihm bisweilen auf Monate alles vernünftige Nachdenken raubt.“ „Nein, bei Gott, davon habe ich kein Wort gehört!“ „Ich kann mir denken, daß die Frau Hofräthin dieſen Umſtand aus Feingefühl nicht hat bekannt machen wol⸗ len, ehe er ſich ſelbſt verrathen würde. Meines Theils 144 bin ich ſeit vorgeſtern ſchon auf zweifache Weiſe damit bekannt geweſen.“ „Iſt es mir erlaubt, zu fragen, wie Sie zu dieſen Nachrichten gekommen ſind?... In ſeinem großen Unglücke flößt der Graf mir ein doppeltes Intereſſe ein.“ „Erſtlich durch ſeinen Kammerdiener, dem es ein Bedürfniß geworden war, ſich an mich zu wenden, und ferner durch einen Brief von einem Freunde, welcher den Grafen ebenfalls kennt und ſich ganz beſonders für ſeine Beſſerung intereſſirt, welche ſeit ſeiner Rück⸗ kehr von Paris, wo er ſich während der drei letzten Jahre aufgehalten hat und bei einem ausgezeichneten Arzte einaccordirt geweſen iſt, ſtete Fortſchritte gemacht hat.“ „Aber— aber, in Gottes Namen,“ rief Edith aus, als erwache ſie aus einem Traume,„was ſollte er denn hier?“ „Ohne Zweifel die Geſundheit ſuchen!“ Dieſes ſagte Helmer in einem Tone, daß Sdith nicht umhin konnte, zu merken, er wollte mehr ſagen, als in den Worten lag. Beide ſchwiegen einige Augenblicke. Sein Blick ruhte auf einer prunkenden Kamelia, der ihrige auf dem Fußboden. „Herr Helmer!“ begann endlich Edith, indem ſie ihre Augen langſam zu ihm erhob,„kann ich eine aufrichtige Antwort erwarten, wenn ich Ihnen eine auf⸗ richtige Frage vorlege?“ „Ja, mein Fräulein!“ „Wohl! Haben Sie nicht die Abſicht gehabt, mich zu warnen?“ „Das will ich nicht läugnen!“ „Und der Grund?“ „Wenn ich es wagte, dieſe Frage direct zu beant⸗ worten, ſo fürchte ich, Sie, mein Fräulein, würden mich von Neuem anklagen, daß ich die Grenzen überſchritte, hinter denen Sie mich zu halten wünſchen... „O, reden Sie jetzt nicht davon! Ich will Ihre wahre Abſicht mit dieſer Warnung wiſſen!“ 2 —, einer merk neu, keln; wahr 145 damit„Sie wollen?“ „Ja, war das nicht deutlich genug?“ dieſen„Ja, vollkommen; doch ich kann mir nur Ein großen Frauenzimmer denken; vor welcher ich mich vielleicht der ein.“ Schwaͤche ſchuldig machen dürfte, auf die Aufforderung es ein ihres bloßen Willens zu antworten.“ n, und„Nun?“ ſagte Edith, und ein Schneeduft thaute velcher auf die Roſen ihrer Wangen herab—„und dieſe wäre?“ onders„Diejenige, welche ich liebte, falls ich nämlich jemals Rück⸗ lieben werde.“ letzten„Da bleibt alſo einer ſo unbedeutenden Perſon, wie hneten ich bin, nichts Anderes übrig, als zu bitten. Darf ich that.“ es alſo wagen, Sie ganz ergebenſt zu erſuchen, daß Sie ) aus, die Güte haben, meine Bitte zu erfüͤllen?“ lte er„Wenn es Sie intereſſirt, mein Fräulein, über die M geheimnißvolle Krankheit des Grafen einige Nachrichten einzuziehen, ſo will ich dieſelben geben, und da verſteht 1 Edith ſich die Erklärung, welche Sie wünſchen, von ſelbſt.“ ſagen,„Gegen eine ſolche Delicateſſe habe ich um ſo we⸗ niger Etwas einzuwenden, als dieſelbe zugleich meine 1 Neugierde befriedigt. Haben Sie die Güte, den Anfang melia, zu machen— ich bin ganz Ohr!“ Helmer ſetzte ſeinen Stuhl ganz in die Nähe des em ſie Sophas, auf welchem Edith ſaß. 1 h eine Aber das ſtolze Mädchen ließ nicht einmal mit 4 e auf⸗ einer Miene ein Mißfallen über dieſe Vertraulichkeit merken. Dieſes ganz unerwartete„Selbander“ war ſo neu, ſo mächtig anziehend, daß ſie nur mit einer dun⸗ 3 mich keln Zufriedenheit an den Umſtand denken konnte, daß es 4 wahrſcheinlich nicht geſtört werden würde. * beant⸗ 3. n mich„Um mit der Kindheit des Grafen den Anfang zu ſchritte, machen, ſo verlor er früh Vater und Mutter und wurde als Knabe zur Erziehung einem alten Onkel übergeben, welcher auf eine einſeitige, von allen geſellſchaftlichen Ein launenhaftes Weib. 1. 10“ Ihre Gewohnheiten, abweichende Weiſe auf ſeinem Gute in Jemtland gewohnt haben ſoll, woſelbſt auch der Graf einen großen Theil ſeines Lebens zugebracht hat.“ „Ich denke mir ſchon ein altes, unheimliches Neſt mit einem Waffenſaale, wo in jeder Sonntagsnacht die Schwerter der Vorfahren raſſeln und klingen! Ich höre den Wind durch die Ritzen ſpielen und die Eule in den Ruinen des Thurmes ſchreien.“ „Ich fürchte wirklich,“ fiel Helmer lächelnd ein, „wir müſſen uns ohne dieſe Scenerie durchhelfen! Der Hof beſaß, ſo viel mir bewußt, gar nichts Romantiſches, wenn wir nicht ſeine iſolirte und öde Lage ſo nennen wollen.“ „Wenigſtens muß doch der Onkel eine von vielem Studiren übergeſchnappte, poetiſch⸗tragiſche Figur ge⸗ weſen ſein, die nach einer Kette von düſtern Schickſalen der Welt entſagt hat?“ „Wieder eine fehlgeſchlagene Hoffnung! Er ſoll im Gegentheil ein Mann ohne Bildung, ohne Poeſie, ohne alle tragiſche Beimiſchung geweſen ſein— ein mürriſcher, giiziger, abergläubiger alter Mann, der ſeinem jungen Muͤndel und Erben alle unſchuldige Freude raubte, welche ſein von Natur verſchloſſenes, melancholiſches und kränk⸗ liches Gemüth ſo nöthig gehabt haben würde.“ „Armer, verlaſſener Knabe! Ich will nicht länger lachen,“ und Edith's ſchöne und in dieſem Augenblicke ſo ſanfte Augen waren voller Thränen. „Wie gluͤcklich wäre er, Fräulein Edith, wenn er Sie mit mir in dieſem Augenblicke ſo ſähe!“ „Fahren Sie fort, Herr Helmer!— Ich glaube, wir halten uns bei der Einleitung allzu lange auf.“ „Er wurde in keine Schule geſchickt, ſondern zu Hauſe unter der Aufſicht eines Informators unterrichtet. Dieſer war ein wirklich gelehrter Mann, ein alter Philo⸗ ſoph, der ebenfalls nicht daran dachte, daß ſein Zög⸗ ling etwas Anderes als Gelehrſamkeit brauchte. Wenn das junge Gemüth bisweilen einer Erquickung bedurfte, ſo warf er ſich in Ermangelung von etwas Beſſerem— ſchi der, Sch⸗ Auf Jah⸗ eigen in n Nied te in Graf Neſt ht die höre n den ein, Der iſches, ennen vielem r ge⸗ kſalen oll im ohne iſcher, ungen welche kränk⸗ länger nblicke enn er laube, if.”* rn zu cichtet. Philo⸗ ög⸗ Wenn durfte, em — Schon als Knabe behauptete er, daß er ſich 147 obgleich er in dieſer Erquickung bald eine Grube voll unerſchöpflichen Genuſſes fand— über die Bücher her, welche er in der Bibliothek des Onkels fand. Und dieſe Bücher beſtanden zu ſeinem Unglücke gerade aus ſolchen, die ihm höchſt ſchädlich werde nmußten, wie Jung's Gei⸗ ſterlehre, Spieß' Romane, Sammlungen von Geſpenſter⸗ geſchichten, Legenden von bezauberten Schlöſſern mit wandernden Burggeiſtern, kurz: es war jene ganze Lite⸗ ratur, welche damals ihre Triumphe feierte, und welche nach und nach dazu beitrug, ſeinen Kopf mit Bildern aus einem verworrenen Chaos anzufüllen. Der Ge⸗ ſchmack für dieſe myſtiſchen Studien nahm mit den Jahren zu, und mit denſelben auch auf eine ſchreckliche Weiſe die Kränklichkeit ſeines Gemüthes, wozu vermuth⸗ lich auch die tiefe Einſamkeit, in welcher ſie lebten, das Ihrige mit beitrug.“ „Alſo dort iſt ſein Uebel zu ſuchen? Es ſieht ſonſt doch nicht aus, als wäre er ein Phantaſt.“ „Er iſt wohl etwas noch Schlimmeres!“ „Schlimmeres?“ „Ja, ein ſogenannter Doppelgänger.“ „Was iſt das?“ „Ein Mann in Duplo.“ „Lauter Räthſel!“ „Er lebt ſeiner eigenen Meinung nach in zwei ver⸗ ſchiedenen Geſtalten.“ „Hu, mir wird bange! Es wäre wahrlich kein Wun⸗ der, wenn er auf dieſe Art ganz wahnſinnig würde!“ „Sas iſt er auch wirklich ſchon zweimal geweſen!“ 2 h“ „Und ſeine Leiden ſollen ganz fürchterlich ſein. ich in zwei Auflagen ſähe und daß er gewöhnlich einige Mal im Jahre bald im Walde, bald zu Hauſe im Zimmer ſeinem eigenen Schatten begegnete. So lange aber das Uebel in nichts Anderes ausartete, ſoll er nur eine beſtändige Niedergeſchlagenheit gefühlt haben.“ Das iſt leicht begreiflich!“ 195 0 „Er verſuchte gleichwohl dieſer Niedergeſchlagenheit, dieſem erſtickenden Drucke entgegenzuarbeiten, und zwar in ſeinen früheſten Jahren durch anhaltende Arbeit, ſpäterhin— nachdem er nach dem Ableben des Onkels das ganze Vermögen deſſelben geerbt hatte— durch Reiſen und allerlei Zerſtreuungen.. „Und nichts wollte helfen?“ „Warten Sie, Fräulein hören Sie weiter! In dem Alter von fünfundzwanzig Jahren, da ſein Seelen⸗ zuſtand ſehr verbeſſert war, und er noch überdieß die gewiſſe Hoffnung hatte, durch die Abſchließung einer innigern Verbindung ſeinem bisher ſo freude⸗ und plan⸗ loſen Leben Form und Plan zu ertheilen, ſtarb die⸗ jenige, welche er liebte, und tief getroffen von dieſem Un⸗ glück, ſiel ſein Geiſt nicht allein unter die vormalige geheimnißvolle Macht zurück, ſondern er wurde auch noch dazu von neuen, weit ſchrecklicheren Phantaſien heimgeſucht.“ „Armer, bedauernswürdiger Mann!“ ſeufzte Edith. „Ja, in der That bedauernswürdig! Nunmehr begegnete er nicht allein ſeinem zweiten Ich, ſondern dieſes fand ſich des Tages an ſeiner Seite, des Nachts an ſeinem Bette ein, um eine Rechenſchaft über Alles abzulegen, was dieſes Doppelweſen während der Zeit ſeiner Entfernung von ſeinem Bruder gethan hatte.... Und dieſe Mittheilungen erfüllten die Seele des edlen und gebeugten Mannes mit allen möglichen Schreckniſ⸗ ſen, weil ſite eine Kette von Verbrechen enthielten, das eine immer fürchterlicher als das andere, welche aber ſämmtlich auf dem Gewiſſen des Unglücklichen laſteten und daſſelbe mit tauſend neuen, unbegreiflichen Qualen geißelten.“ „Daß er ſich nicht das Leben nahm!“ „Dergleichen ſoll er noch nie verſucht haben. Jahre lang aber war er ganz menſchenſcheu und konnte keinen Menſchen um ſich leiden, als Nilman, dieſen treuen Diener, der ſeinen Herrn ganz verſteht und ihn mit ebenſo großer Zärtlichkeit als Klugheit pflegt.... End⸗ 149 „ cheit, lich nahm ſeine Geſundheit in dem Grade ab, daß er zwar der Auflöſung ſeiner Leiden nahe zu ſein ſchien.“ beit,„Wie angenehm muß ihm nicht der Gedanke an nkels den Tod geweſen ſein!“ durch So war es doch nicht. Ohne Schlaf während der 4 Nacht, ohne Ruhe während des Tages, ſtets den Fieber⸗ phantaſien und jenen imaginären Luftzügen ausgeſetzt, In von denen er ſich ſtets angehaucht fühlt, ſobald ſein eelen⸗ zweites Ich naht, und zu deren Entfernung er im Stande 3 die wäre, ſich alle Luft zu entziehen, ſollte man wohl glau⸗ einer ben, daß er der Erlöſung aus einem Fegefeuer mit plan⸗ Freuden entgegen ſähe; doch keineswegs.... Und viel⸗ die⸗ leicht war es der wilde Schrecken vor dem Richterſpruch Un⸗ über ſein geträumtes Sündenregiſter, was die Krank⸗ ralige heit brach und ihn nicht zu einem Bewohner des Grabes, auch ſondern zu dem Mitgliede eines noch engeren Gefäng⸗ taſien niſſes, nämlich zu dem Gefängniſſe des Geiſtes machte. Er war mehrere Monate lang vollkommen wahnſinnig.“ Sdith. Edith's Herz ſchwoll vor Theilnahme. nmehr„O!“ ſeufzte ſie,„warum werden manche Geſchöpfe ndern nur zu Leiden geboren?“ kachts„Warum?— Ja, wohin ſollen wir uns wenden, Alles um auf dieſe Frage Antwort zu erhalten? Doch um Zeit auf den Grafen zurückzukommen, ſo trat endlich eine te.... hellere Zwiſchenzeit ein. Als jedoch dieſe Gnadenzeit edlen ihrem Ende nahte— dieß fühlte er ſehr gut— ſo eckniſ⸗ ceeiste er nach Paris, und dort hat er, drei Jahre lang 1, das von einem ausgezeichnet geſchickten Arzte behandelt, wie aber ich ſchon erwähnt habe, ſeine körperliche und geiſtige 2„ 9 4 1 aſteten Geſundheit in einem ſolchen Grade wieder erlangt, daß zualen zu ſeiner vollkommenen Geneſung die beſte Hoffnung vorhanden iſt. Weder in den beiden letzten Jahren ſeines Aufenthaltes zu Paris, noch in den Monaten, da Jahre er in Schweden geweſen iſt, hat er die geringſte Ver⸗ keinen ſtandesloſigkeit gezeigt.“ treuen„Auch die ſchrecklichen Beſuche nicht gehabt?“ on mit„Seine Erſcheinungen ſind leider nicht ganz gewi⸗ „End⸗ chen, kommen jedoch nur ſelten. Vielleicht aber leidet 1 * 3+ 4 5 4 er nicht viel weniger an ſeiner Furcht vor denſelben. Daß ihn immer noch eine ſieberhafte Spannung ver⸗ folgt, das ſieht man auch aus ſeinem Eifer, ſich wäh⸗ rend der Nachtwachen, da er müde iſt zu ſtudiren, andere Zerſtreuungen für den Gedanken zu ſchaffen, und ferner aus der kindiſchen Idee, viel Licht und zwei ſtets wachende Hunde um ſich zu haben, deren feinem Geruch er ſich anzuvertrauen ſcheint. Nilman hat mir geſagt: ſo lange er ſieht, daß dieſe Wächter ruhig bleiben, ſo lange hat auch er die frohe Ueberzeugung, daß nichts Störendes in der Nähe iſt.“ „Wir dürfen uns über dieſe Schwachheiten, ſo un⸗ menſchlich ſie auch zu ſein ſcheinen, kaum wundern; denn wer kann ſeine Anſichten, ſeinen Ideengang nach denen anderer Menſchen beurtheilen? Wahrlich, Herr Helmer, ſie iſt ſonderbar, dieſe Geſchichte von den ge⸗ heimen Leiden und Verirrungen einer Seele! Ich fühle mich mit meinen Gefühlen und Gedanken gerührt, intereſſirt, beſchäftigt— doch immer noch weiß ich nichts von demjenigen, was Sie mit Ihrer beabſichtigten War⸗ nung eigentlich meinten!“ „Mir bleibt noch etwas übrig hinzuzufügen. Seit zehn Jahren leidet er auch im Herzen. Eine unaus⸗ ſprechliche Leerheit, die ſeit dem Verluſte des Gegenſtan⸗ des ſeiner Zärtlichkeit niemals wieder gefüllt worden iſt, erweckt in ihm oft die Vorſtellung, die Finſterniß in dieſem Leben würde ſich vertheilen, wenn Gott ihm noch einmal einen guten Engel zuſchickte, der es nicht ſcheute, ſein Leben zu theilen. Mit einer rührenden Hoffnung, einer brennenden Sehnſucht hängt er feſt an dieſem ſchönen Glauben, daß dieſe Macht des Lichtes die Macht des Böſen unterjochen wird. Und begabt mit mächtigen, allzu ſchwärmeriſchen Gefühlen, wird es ohne Zweifel eine große und ernſte Leidenſchaft ſein, die er dieſem Engel weiht, welchen er ſucht, und welchen ſeine Gebete vielleicht von dem Himmel zu erflehen das Glück haben.“ ben. ver⸗ väh⸗ ndere rner dende ſich ange 2 hat endes rührt, nichts War⸗ Seit naus⸗ nſtan⸗ 5 iſt, niß in noch cheute, nung, dieſem s die öt mit ohne die er mſeine Glück und glauben Sie, daß nur ein Freund ſo reden konnte!“ 151 Während Helmer die letzten Sätze ausſprach, ruhte— ſein Auge unverwandt auf Edith.— Ihre Stirne und ihre Wangen waren mit einem dunklen Purpur übergoſſen, während der Ausdruck eines unbeſtimmten Leidens ihrem Antlitze jene Art von einer höheren und edleren Schönheit verlieh, welche ſich hei ihr nur in ſelteneren Ainden blfeten offenbarte. eendigt! ſagte Helmer, indem Heute Abend, Herr Helmer, können Sie ſagen, was Ihnen beliebt— ich bin nicht in der Laune, es übel zu nehmen!“ „Wohlan denn, Fräulein Edith! Als der Graf von hier ging, las ich in ſeinen Augen, daß ſeine Seele dicht an dem Lichte vorübergekommen war. Be⸗ denken Sie Alles, was ich Ihnen mitgetheilt habe, er⸗ wägen Sie es ernſtlich! Es wäre etwas Entſetzliches, wenn dieſer Mann mit ſeinem kindlichen und ver⸗ trauensvollen Herzen ein neuer Spielball in der Hand derjenigen werden ſollte, welche ſtets neuer Spielſachen bedarf, um ſie zu zerbrechen und wegzuwerfen, nachdem ſie nicht länger intereſſiren und beluſtigen!“ „Herr Helmer!“ Zitternd vor Beſtürzung und Gemüthsbewegung ſtreckte Edith ihre Hand aus—ob es geſchah, um ihn zu beſchwören, daß er gehen möchte, oder ob es aus einer andern Urſache, oder ob es ganz unbewußt geſchah, das ließ ſich nicht entſcheiden. Wie es aber auch ſein mochte: Helmer ergriff die Hand, und während er die⸗ ſelbe einige Secunden in der ſeinigen behielt, ſagte er leiſe mit einer Stimme, die in Edith's Seele drang: „Fräulein, wenn ich zu kühn war, ſo verzeihen Sie, Ueber Edith's Seele war eine Wolke gegangen. Als Helmer die Hand, welche er zu berühren gewagt hatte, achtungsvoll losließ, ſchien das junge Mädchen in einen Traum zu verſinken; ſie bewegte ſich nicht, redete nicht, ja ſie ſchien gleichſam aufgehört zu haben zu athmen. Plötzlich fuhr ſie jedoch auf, zerriß gewaltſam den Zauber, und ſagte in einem gezwungenen, ſpöttiſchen Tone: „Es lag etwas Altdeutſches in dieſer Geſchichte; ſie hat ſogar das Zimmer mit der ſentimentalen deutſchen Luft angefüllt. Laſſen Sie uns vor Allem in unſere gewöhnliche Sphäre zurückkommen!“ „ bin ſchon zurückgekommen!“ ſagte Helmer. Doch es iſt wohl Zeit für mich, eine Promenade nach 144 der Schmiede zu machen!.. „Und für mich,“ dachte Edith,„in mein eigenes Weſen hinein zu gehen!“ Neunzehntes Capitel. Ahnungen und Hoffnungen. Die Uhr hatte elf geſchlagen. In dem Schlafzimmer des Grafen Hermann, wel⸗ ches eher zu einem Peſte, als zu dem Gebrauche eines einzelnen Mannes erleuchtet zu ſein ſchien, lag er ſelbſt noch gekleidet zur Hälfte aus eſtreckt auf ſeiner Matraze. Zwei von den ſchönen unden ſaßen aufmerkſam auf ihrem Poſten mit erhobenem Haupte, während die vier andern ſich gemächlich auf ihren Kiſſen dehnten. Nilman, der Kammerdiener, Vertraute und Intendant ſeines Herrn, ſtand am Ofen und war mit dem Nacht⸗ trunk beſchäftigt. Auf dem Antlitze des Grafen lag ein Schimmer, der faſt noch blendender war, als derjenige, welcher von den Lichtern auf ſeine ganze Perſon fiel. —— „wel⸗ eines ſelbſt atraze. erkſam ad die hnten. endant Nacht⸗ mmer, r von e8 ige Male geſagt habe, daß Du durch Deine Ergeben⸗ 153 Sein Ideengang ſchien ſo geſpannt zu ſein, daß Nilman, der oftmals nach demfde hinſchlelte, mit Verwunderung bemerkte, daß die gewöhnlichen Zeitver⸗ treibe heute Abend nicht angerührt wurden. „Wollen der Herr Graf ſich jetzt nicht entkleiden?“ fragte er endlich mit einer gewiſſen freundlichen Ver⸗ traulichkeit, welche, wenn auch weit entfernt von Naſe⸗ weisheit, dennoch zu verſtehen gab, daß Herr und Dienes auf einem Fuße mit einander lebten, wo der Standes⸗ unterſchied nicht ſo genau berückſichtigt wurde. „Nilman!“ ſagte der Graf, ohne auf die Frage zu antworten,„komm und ſetze Dich zu mir!“ Nilman ſchien über dieſe Einladung nicht im Min⸗ deſten verlegen zu ſein. Er war wohl hundertmal während der einſamen nächtlichen Stunden der Geſell⸗ hater ſeines Herrn geweſen; doch jetzt ſeit längerer Zeit nicht. „Befehlen der Herr Graf vielleicht, daß ich die Schachfiguren in Ordnung ſetze?“ *„ SIch will nicht ſpielen, ſondern mit Dir plaudern.“ Der Kammerdiener nahm ganz ungenirt auf dem Lehnſtuhle, der in der Nähe des Lagers ſeines Herrn ſtand, Platz, und wartete nun mit ehrfurchtsvollem Schweigen auf die Anrede des Grafen. Hierauf mußte er jedoch lange warten. Der Graf ſchien auf's Neue in ſeine innere An⸗ ſchauung verſunken zu ſein, und eine volle Viertelſtunde war verfloſſen, ehe er, mit dem Blick in den leeren Raum hinausſchweifend, plötzlich ausrief: Nilman! wo biſt Du?“ „Hier, Herr Graf!“ 8„Nilman war augenblicklich an der Seite ſeines errn. „Dank!“ ſagte der Graf ſanft und verbindlich; hätte ich Dich nicht, ſo ſtände es ſehr ſchlimm mit mir!“ „Herr Graf!“ „Ja, ja, es iſt, wie ich ſage und Dir ſchon unzäh⸗ 15⁵4 heit, Aufmerkſamkeit, Unermüdlichkeit eigentlich mein zweites Ich biſt.... Haſt Du übrigens bemerkt, wäh⸗ rend Du hier ſaßeſt, daß... daß Frei und Oberon einige ungewöhnliche Symptome gezeigt haben?“ „Gar keine Symptome, Herr Graf!“ „Weißt Du das gewiß?“ „Ja, Herr Graf! die klugen Thiere ſind ſo ruhig, daß ſie ſehr gerne ſchlafen würden, wenn ſie die Erlaub⸗ niß erhielten.“ „Nein, nein, ſie dürfen nicht ſchlafen— hörſt Du! Du weißt, ich erlaube das niemals!“ „Es war nur ein„Wenn“, Herr Graf! „Frei, Oberon! kommt her, meine Jungen! rief der Graf eifrig. Die praͤchtigen kleinen Wächter eilten zu ihrem Herrn und erhielten nebſt ihrer beſtimmten Nachtkoſt— ein halbes Dutzend Zwieback— einige freundliche Liebkoſun⸗ gen von der ſtreichelnden Hand des Gebieters. „Wie findeſt Du mich?“ fragte Graf Herman, nachdem die kleine Unterbrechung vorüber war.„Ich habe kein Fieber, keinen Froſt— oder wie?“ „Der Herr Graf ſehen ganz geſund aus.“ „Iſt es aber nicht ſonderbar, daß ich mich in die⸗ ſer Ruhe befinde? Ich fühle nichts von demjenigen, das dem Fürchterlichen vorherzugehen pflegt.... Und dennoch, Nilman, als ich heute Nachmittag im Saale war— Du verſtehſt wohl?“ „Wie, Herr Graf?“ „Ja, er ſtand plötzlich vor mir, verſchwand jedoch ebenſo ſchnell wieder. Sage mir, was kann wohl die Urſache ſein, daß ich trotz dieſes Geſichtes auf eine Art reden kann, welche beweist, daß ich mich vollkommen zu beherrſchen weiß?“ „Ich glaube,“ entgegnete Nilman, der einen be⸗ wunderungswürdigen Scharfſinn hatte,„es liegt in der Luft hier zu Dagby etwas, das wohlthätig auf die Nerven des Herrn Grafen wirkt.“ Ta an lon ma in Kä abe Stu z zelt, bem dell rede ſo n Gra übri trach doch man ſie g kläre da, fühl heral mein wäh⸗ heron uhig, laub⸗ Du! rief Herrn — ein oſun⸗ rman, „Ich n die⸗ nigen, Und Saale jedoch hl die ne Art ien zu n be⸗ in der if die — fühlſt?⸗ 15⁵ „Sehr richtig. Auch ſegne ich die Idee meiner Tante, mich hieher zu ſchicken.“ „Sie ſah ein, daß der Herr Graf hier auch eine angenehme Geſellſchaft finden würden.“ „Ohne Zweifel— die Hofräthin iſt auch als Sa⸗ londame recht gut; doch dergleichen Leute wärmen nie⸗ mals das Herz; ſie gleichen den Strahlen des Mondes in einer Winternacht: ſogar ihr Glanz glimmt vor Kälte. Als überwiegendes Gegengewicht erhielten wir aber die Sonnenſtrahlen, und ein ſolcher geſegneter Strahl iſt Onkel Janne.“ Nilman hielt es nicht für paſſend, eine Antwort zu geben. Vielleicht hätte der Herr die Stirne gerun⸗ zelt, über eine Vertraulichkeit, welche wohl oft eine un⸗ bewußte war. „Mit dem jungen Bruksverwalter— der das Mo⸗ dell zu meinem David werden ſoll— möchte ich gerne reden, aber er iſt ſo ſelten oben.“ „Wenn er den Wunſch des Herrn Grafen erfährt, ſo wird es ihm gewiß Vergnügen machen, dem Herrn Grafen alle Zeit zu ſchenken, die ſeine Geſchäfte ihm übrig laſſen.“ „Die Gouvernante gefällt mir nicht.“ SrSi iſt nur als die Ausfüllung einer Lücke zu be⸗ trachten.“ „Die kleine Olga iſt zu altklug, bisweilen aber doch recht artig.“ „Sie iſt ja noch ein Kind.“ „Wie gefällt es Dir hier, Nilman?— Ich hoffe, man behandelt Dich gut?“ 1 „Ja, ſo gut, daß nur die große Theilnahme, welche ſie gegen den Herrn Grafen hegen, das Wohlwollen er⸗ klären kann, welches ich, ein bloßer Diener, genieße.“ „Du erfreuſt mich mit dieſen Worten— iſt jemand„ da, gegen den Du Dich ganz beſonders verpflichtet „Fräulein Edith, die mir von Anfang an eine herablaſſende Güte zeigte, hat heute Abend ſelbſt darnach * 156 zu ſehen beliebt, daß ich ein anderes Zimmer erhalten möchte, um dem Herrn Grafen um ſo näher bei der Hand zu ſein.“ „Ach, ſie iſt ein Engel an Güte, eine Heilige!— glaubſt Du das nicht auch, Nilman?“ „Von meinem niedrigen Standpunkte aus kann ich darüber nicht urtheilen— ohne Zweifel iſt aber das Urtheil des Herrn Grafen um ſo ſicherer.“ „Was iſt die Uhr?“ „Gleich Zwölf.“ „Ich athme leicht, mein Herz klopft nicht von jener ſiedenden Unruhe, die mich ſonſt während der Angſt der Erwartung verbrennt— weißt Du, was ich mir bei⸗ nahe einbilde?“ „Nein, Herr Graf!“ „Ich glaube, die Geſtalt meines ſchrecklichen Schick⸗ ſals hat nicht mehr die Macht, ſich mir länger als auf inen furzeu Augenblick zu zeigen.“ „Höre! In mir iſt ein Gefühl von gleichſam ge⸗ heimem Triumph, und dieſes ſagt mir, daß meine Geſund⸗ heit, die ſich in den letzten Jahren immer gebeſſert hat, bald vollkommen befeſtigt ſein wird, und daß zu glei⸗ cher Zeit alle dieſe Erſcheinungen, die mich bisweilen um den Verſtand gebracht haben, für immer in den Abgrund zurückſinken werden, aus dem ſie aufgeſtiegen ſind.“ „Gott gebe, daß der Herr Graf eine ſo wohlthuende Ueberzeugung recht lange feſthalten können!“ „Ja, ja, ſie wird mich nicht verlaſſen, und in die⸗ ſem Falle bin ich eher glücklich als unglücklich durch die Erſcheinung, welche ich heute Nachmittag hatte.“ „Wie ſo?7 4 Verſtehſt Du das nicht? durch die ausgebliebene gewöhnliche Wirkung ſowohl auf meine Seele, als auch meinen Körper zeigt es ſich ja deutlich, daß dieſer Zauber der Finſterniß ſich dem Augenblick ſeiner gänzli⸗ chen Vernichtung naht.“ „Das iſt ſehr wahr!“ — — wälz der kann Züge jener zſt der r bei⸗ Schick⸗ er als m ge⸗ eſund⸗ t hat, glei⸗ weilen in den ſind.“ huende liebene s auch dieſer gänzli⸗ — Erſt nach zwei Uhr begab ſich der Graf zur Ruhe mit einem Herzen, das faſt von einer fanatiſchen Dank⸗ barkeit gegen diejenige glühte, welche er von dieſem Abende an als ſeinen Schutzengel betrachtete. Wie war es wohl möglich, dieſes unverwerfliche Zeugniß ſeiner eigenen Sinne zu bezweifeln! Es war ihre Gegegenwart, die Berührung ihrer Hand, welche mit einer Art von magnetiſcher Kraft auf ſeine Seele eingewirkt und den unglücklichen Einfluß der Macht, welche ihn bisher beherrſcht, verjagt hatte. O himmliſche Freuden, unbegreiflich für Alle außer ihm ſelbſt!... Wie genoß er nicht ſeiner Befreiung!. Wie von Neuem geboren, wie friſch, wie ſchwellend von Muth und Hoffnung fühlte er ſich nicht!... Die Zeit der Ruckkehr des ſchrecklichen Geſichtes war ſtill und ruhig verfloſſen. Die Fieberphantaſie hatte nicht mit daguerreotypiſcher Genauigkeit das Bild ſeines Plagegeiſtes, den geſpenſter⸗ haften Schatten ſeiner ſelbſt abgezeichnet, welcher ſich neben ihn zu ſetzen, ihn höhniſch anzulächeln und ihm ohne Mitleiden mit der gräßlichen Angſt, die ſeine Seele marterte und ihm den Schweiß in großen, kalten Tropfen von der Stirne trieb, allerlei fratzenhafte Grimaſſen zu machen pflegte. Auch waren in dieſer glücklichen Nacht ſeine Ohren verſchont worden, die Stimme des fürchter⸗ lichen Phantoms zu hören. Kein neues Verzeichniß 8 gräßlichen Verbrechen wurde auf ſein Gewiſſen ge⸗ wälzt. Helmer hatte dem Fräulein Edith die Züge aus der Seelengeſchichte des Grafen mitgetheilt, welche er kannte, doch wie matt, wie wenig ſagend waren dieſe Zügerim Vergleich mit der Wirklichkeit! Sei es nun, daß die Natur, eine vernachläſſigte Erziehung oder eine ungezügelte Eraltation, geſteigert durch die Schriften, welche er in ſeiner Jugend ver⸗ ſchlungen hatte, ihn zu demjenigen gemacht hatte, was Per geworden war— wer vermag das zu ſagen— 158 gewiß aber iſt, daß er ſeit langer Zeit ein Märtyrer einer der ſchrecklichſten von allen Seelenkrankheiten war. Mit jedem Jahre hatte ſeine fire Idee ſich zu einer immer bedauernswürdigeren Genauigkeit ausgebildet, und die Arbeiten, welche er in ſeinen reiferen Jahren ſtudirte, um die Urſachen ſeiner Gemüthskrankheit und Heilmittel dagegen aufzuſuchen, machten dieſelben nur noch ſchlimmer. Daß er bei dem Nachdenken über die Geiſterwelt auf religiöſe Grübeleien kommen mußte, verſteht ſich von ſelbſt; doch er fand in keinem von dieſen Syſtemen, die der menſchliche Geiſt aufgebaut hat, um ſie bald wieder einzureißen, ſeine Befriedigung. Nachdem er bald mit älteren franzöſiſchen und eng⸗ liſchen Denkern das Chriſtenthum verlacht und verhöhnt, bald mit neueren deutſchen daſſelbe in Uebereinſtimmung mit der Vernunft zu erklären geſucht hatte, ohne dabei Beruhigung finden zu können, lenkte er auf einen neuen Weg ein, wo er durch das Läugnen des Daſeins Gottes und der Unſterblichkeit der Seele in ſeinem Leiden Troſt zu erhalten hoffte. „Nur der Tod,“ dachte er,„iſt ewig, das Leben iſt zeitlich: im Grabe werde ich meinen Plagegeiſt los und mit ihm auf ewig vernichtet werden.“ Als der unglückliche Grübler auf dieſes unheimliche Endreſultat gekommen war, wurde er gleichwohl bald von einer wilden Verzweiflung ergriffen. Er konnte, er wollte nicht mehr zufrieden ſein mit dem Troſte, den er ſich ſelbſt geſchaffen hatte; ihm war vor demſelben bei⸗ nahe ebenſo bange, wie vor dem Geſpenſte; denn auf dem Grunde ſeines Herzens lag ein unabweisliches Be⸗ dürfniß, welches ſtets zurückkehrte, nämlich das Be⸗ dürfniß, an ein Weſen von Licht und Liebe zu glauben. Und ſo hin⸗ und hergeriſſen zwiſchen zwei gleich fürch⸗ terlichen Mächten, zwei gleich tiefen Abgründen— ſei⸗ nem eigenen Schatten im Leben, Vernichtung im Tode— wurde er zum erſten Male wahnſinnig. Nach drei Monaten einer thieriſchen Vergeßlichkeit kehrte er zu dem Verſtande zurück, aber leider nur, um Seele kehrte zu tr Gott lange und e noch und konnte ten V 0 einer einer „ und nirte, mittel umer. elt auf ) von n, die wieder ——O)—e— deng⸗ höhnt, mung dabei neuen Gottes Troſt den iſt s und mliche bald ate, er den er n bei⸗ n auf s Be⸗ 6 Be⸗ auben. fürch⸗ — ſei⸗ ode— lichkeit u, um denſelben von Neuem in den Armen des Aberglaubens zu verlieren. „Es gibt einen Gott,“ ſo dachte er jetzt,„denn ich fürchte ihn; aber er hat mich verworfen, er hat mich den Mächten der Finſterniß überliefert... Kein guter Engel wacht über mich, ich rolle hinab in den ſchwarzen Fluß, und bis dahin verfolgt mich dieſer dienſtbare Geiſt, den der Satan heraufgeſendet hat, um mir ſchon in der Zeit einen Vorgeſchmack von meinen Qualen in der Ewigkeit zu geben. Anſtatt der Zweifel hatte er alſo eine Gewißheit, eine Vorſtellung von dem Künftigen erhalten, aber eine ſchreckenvolle, finſtere Gewißheit, die umheimlicher war, als die Vernichtung ſelbſt. Eiin Raub dieſer peinigenden Gedanken, wurde er von Neuem von dem Dämon des Wahnſinnes gefaßt. Aber noch einmal rollten die Nebel dahin und ſeine Seele genas. Die Geſpräche mit ſeinem Arzte und einigen an⸗ dern menſchenfreundlichen Männern mit umfaſſender Bil⸗ dung, die i warm für ihn intexeſſirten, zertheilten nach und nach die Finſterniß in ſeinem Gehirne und riefen lichtere, frohere Bilder in demſelben hervor. Ein wahres Chriſtenthum, ebenſo entfernt von Skep⸗ tieismus als von Aberglauben, das Vernunft und Glau⸗ ben in ſich vereinigte, fand endlich Eingang in ſeiner Seele. Und mit dieſer wohlthätigen Gemüthsſtimmung kehrte das Verlangen zurück, den Menſchen wieder näher zu treten, das Verlangen nach jenem Hauche, der von Gott ausgeht und wieder zu ihm zurückkehrt: das Ver⸗ langen nach Liebe. So zerriſſen ſeine Seele auch geweſen, ſo verbannt und elend er ſich auch gefühlt hatte, ſo meinte er den⸗ noch einige friſche Schößlinge im Herzen übrig zu haben, und wenn dieſe nur feſte Wurzel faſſen dürften, ſo konnten ſie vielleicht heranwachſen und unter ihrem Schat⸗ ten Vieles verbergen von demjenigen was geweſen war. Er überwand ſeine Blödigkeit und redete über dieſe 160 Angelegenheit mit ſeinem Arzte, zu welchem er ein unbegrenzies Vertrauen, eine unveränderliche Achtung hegte. Und wie ſchlug ihm nicht das Herz, wie eilten ihm nicht neue Lebensſtröme durch die Adern, als dieſer Mann, deſſen Worten er faſt glaubte wie den Worten Gottes, ihm die Verſicherung ertheilte, er könnte es wagen, an dieſen Schritt zu denken, und es wäre alle Hoffnung zu der Vermuthung vorhanden, daß die Liebe, dieſes Gefühl, welches im Stande iſt, die Seele ſo gänzlich zu erfüllen, daß ſie dieſelbe von allen andern Viſionen abzieht, ihn heilen würde, indem ſie ihm eine neue und geſunde Willenskraft verleihe. Er eilte zurück in das Vaterland. Einmal in ſeinem Leben hatte er geliebt, das war in ſeiner erſten Jugend geweſen. Aber dieſe Liebe hatte auf fremder Erde geknospet, darum war ſie auch geſtor⸗ ben, ehe ſie Früchte angeſetzt hatte. In den Tönen der Heimath klang die heilige Sprache der Liebe am ſchönſten. 5 Aber wo, wo ſollte er ſie ſuchen, die der Gegen⸗ ſtand ſeiner Liebe werden konnte? Er ſah viele Mädchen, viele, die ſich ihm freund⸗ lich nahten, aber noch nicht diejenige, welche beſtimmt war, ſein rettender Engel zu ſein, denn ſein Herz ſchwieg: es wollte um keinen Takt geſchwinder ſchlagen. Da floßte ihm, wie er nachmals eine Zeitlang glaubte, ſein guter Stern die Idee ein, die einzige Ver⸗ wandte aufzuſuchen, welche ihm noch übrig war. 2 Sein nach vertraulichen Banden ſehnſüchtiges Herz ſchloß ſich willig an diejenige, welche die Schweſter ſeiner Mutter geweſen war. Sie war doch, dieſe Tante, nur eine ganz gewöhnliche Frau; aber ſie hatte ein mildes Lächeln auf den Lippen und nichts Böſes im Herzen. Sie war es, die, gelockt von der gewöhnlichen Manie alter Damen, Ehen zu ſtiften, es im Stillen mit der Hafräthin abmachte, daß der Graf zu Dagby auftreten ſollte. Und ſo wie ſie ihrer Freundin den Schweſterſohn V V beſc als nach lich lich fehle wie kom wied Die Non Und ſo g. weni abſch klein ſeine Viele von daß mit i daß wenn einige ſehr 4 worde Sehn der e früher in ſei nach keit g Ein er ein chtung n ihm dieſer Vorten nte es re alle Liebe, ele ſo andern m eine s war 2 hatte geſtor⸗ prache Gegen⸗ reund⸗ ſtimmt hwieg: eitlang ee Ver⸗ 2 s Herz ſeiner te, nur mildes rzen. Manie nit der aftreten terſohn beſchrieb— nichts verhehlend— meinte ſowohl ſte ſelbſt, als auch beſonders die Hofräthin, daß er ein Mann nach Edith's Sinn ſein müßte. Er war ja in ſeinen mittleren Jahren, weder häß⸗ lich noch auch ſchön, mäßig reich, eigen, bizarr, unglück⸗ lich und auf jede Weiſe intereſſant: es fehlen, daß dieß Alles zuſammen paßte wie es ſich von ſelbſt verſteht, daß d kommen hergeſtellt würde, daß er ſeir konnte gar nicht — vorausgeſetzt, er Graf ſo voll⸗ ne Bizarrerie nie wieder ſo weit triebe, daß er den Verſtand verlöre. Ihm ſagte man jedoch kein Wort. Ein ordentlicher Plan würde Alles Die werthe Tante begnügte ſich damit, verdorben haben. Dagby als ein Non⸗plus⸗ultra von angenehmen Stellen zu beſchreiben. Und wenn ſie dann ja ein Wort über Edith fallen ließ, ſo geſchah es ohne berechnete Abſicht. wenig über ihre Einfälle, alle glänzende abſchieden, und glaubte, i Sie ſcherzte ein n Freier zu ver⸗ daß derjenige, welcher auf die kleine Olga warten könnte, eine glücklichere Wahl träfe. Die Hauptſache aber war, den Grafen hinzuſchaffen: ſeine Blödigkeit, ſeine angeborene Del icateſſe hatte ſo Vieles einzuwenden; nachdem ſie ihm jedoch einen Brief von der Hofräthin ezeigt hatte, in welchem dieſe ſagte, daß ſie ſich unendli für einen Mann intereſſtre, der mit ihrer beſten Freundin ſo nahe verwandt wäre, und daß ſie ſich eben ſo unendlich geſchmeichelt fühlen würde, wenn der Herr Graf auf ſeiner Reiſe d urch Wermland einige Zeit auf Dagby verweilen wollte— ſo war Alles ſehr bald angeordnet. Als erſt der Sinn des Grafen auf Dagby gerichtet worden war, ſo begann er einen ſolchen Anfall von der guten Tante verkürzte, um ſchon Sehnſucht zu empfinden, daß er ſeinen Aufenthalt bei einige Wochen früher das neue Daſein beginnen zu können, welches er in ſeiner Einbildung vorherſah, und welches ſich auch— nach dem Angeführten zu urtheilen— i keit ganz bekräftigen zu wollen ſchien. Ein launenhaftes Weib. I, n der Wirklich⸗ 11 162 Zwanzigſtes Capitel. Widerſprüche und Kämpfe. Im Laufe der folgenden Tage konnte jeder ſehen, daß der Graf Hermann mit einem Vertrauen, das durch nichts geſtört werden zu können ſchien, offen zu Edith ſeine Zuflucht nahm. Er mußte in ihrer Nähe ſitzen und konnte jetzt ganze Stunden lang keine andere Be⸗ ſchäftigung, als ſie zu betrachten. Daß er dabei ſehr wenig redete, hatte ſeinen Grund keinesweges in der Blödigkeit des Grafen— bei Edith fühlte er nicht jenes drückende Gefühl, welches ihn ehe⸗ mals in ſeiner Krankheit ſo ſehr beläſtigt hatte— ſon⸗ dern es war vielmehr die Folge einer innern Glückſelig⸗ keit, welche ihm für den Augenblick genügte. Bisweilen griff er eifrig nach einem Blatte Papier und begann zu zeichnen. Während er jedoch mit der einen Hand die Bleifeder führte, verbarg er mit der andern ſorgfältig ſeine Arbeit. Niemand fragte, Niemand beunruhigte ihn mit Anmer⸗ kungen. Und ſo war er denn noch auf eine andere Art glücklich, indem er von Edith's Bild den einen Entwurf nach dem andern vollenden durfte, worin nur der Aus⸗ druck des Geſichts verändert war, ſo wie derſelbe ſich jedes Mal zeigte, wenn er mit ihr redete. Und jetzt redete Edith oft zu dem dankbaren Gaſte in einem Tone feiner und herzlicher Achtung. Die Hofräthin war entzuͤckt, Olga und Mamſell Octavie erſtaunt; doch auf die ſonſt ſo glatte Stirn des Onkels Janne legte ſich bisweilen eine Wolke. Der Alte war nicht zufrieden. Obgleich ſeine Schwägerin ihn zu überzeugen ſuchte, daß es das Klugſte wäre, es Edith's eigenem Scharfſinne u überlaſſen, die Wahrheit zu errathen— wobei ohne weifel der Graf in einer vertraulichen Ergießung ihr helfen würde, und was ihr auf keinem Fall entgehen — ——— — vera blind in ei Reiz tiefſte ungl ſehen, durch Ehieh itzen re Be⸗ Grund Edith n ehe⸗ — ſon⸗ kkſelig⸗ —— Papier eifeder Arbeit. nmer⸗ rre Art ntwurf Aus⸗ be ſich Gaſte am ſell en des ſuchte, rffinne ohne ig ihr igehen 163 könnte, wenn ſie ſeine vielen Sonderbarkeiten ſähe— ſo billigte der Onkel doch keinesweges dieſe feinen Be⸗ trügereien, ſondern beſchloß mit Edith zu reden, was er auch in einer vertraulichen Stunde that. Zu ſeinem größten Erſtaunen hatte er kaum an⸗ gefangen, über die ſonderbaren Geſichte des Grafen zu reden, ſo ſiel Edith ihm mit dieſen Worten in die Rede: „O, Onkel, ich habe von Anfang an eingeſehen, daß er an einer Gemüthskrankheit gelitten haben muß, obgleich ich natürlicher Weiſe nicht ahnen konnte, unter welcher Form die Phantaſien des armen Mannes ſich offenbarten.“— Edith wollte nicht einmal den Onkel Janne den Kanal mittheilen, durch welchen ihre Kennt⸗ niß gekommen war.—„Ja, noch mehr,“ fuhr ſie fort, „in einem Augenblicke, da ich mit ihm allein war, habe ich ſogar geſehen, wie er auf eine kurze Zeit der Macht dieſer ſchrecklichen und ſonderbaren Viſionen hingege⸗ ben war.“ „Wie, meine Du! iſt es möglich, daß Du dieſes Phänomen geſehen haſt? Welche Symptome gewahrteſt Du denn?“ 1 Edith beſchrieb den Zuſtand des Grafen während jener Augenblicke, ſo wie ſein Bedürfniß, in ihrer Nähe zu ſein.„Der Mann,“ ſagte ſie,„war ein Kind ge⸗ worden.“. 8 Hatte Edith dieſen Inſtinkt nicht anders verſtan⸗ den, oder wollte ſie ihn nicht verſtehen? Wollte ſie überdieß Helmer's Warnung vergeſſen, verachtete ſie dieſelbe, trotzte ſie ihr, hatte ſie beſchloſſen, blind und taub zu ſein, oder hatte ſie beſchloſſen, ſich in eine Lage zu werfen, welche wegen der Neuheit einen Reiz für ſie hatte? „Wurde Dir bange?“ fragte Onkel Janne mit dem tiefſten Intereſſe;„fühlteſt unglücklichen Schwärmer?“ „Nein, im Gegentheil!“ „Was meinſt Du?“ 11* Du Widerwillen gegen den 164 „Ich fühlte eine Art von Vergnügen über den Einfluß, welchen ich auf ihn auszuüben ſchien.“ „Eine Art von Vergnügen?— O CEdith, mein Kind, eile hier nicht blindlings vorwärts mit Deinem gewöhnlichen Leichtſinne! Wäge Deine Worte, Deine Blicke, ja ſelbſt Dein Lächeln; denn über jedes Lächeln, welches Du ohne Bedeutung verſchwendeſt, wirſt Du dereinſt Rechenſchaft ablegen müſſen, wenn es, vielleicht in Thränen verwandelt, Dir auf Deinem Gewiſſen brennt!“ „Onkel!“ „Still, meine Du! Alles könnte ich Dir verzeihen, außer wenn Du dieſen Mann zerſtörteſt, deſſen ganzes Weſen neulich umgepflanzt worden iſt, und der eben derumn eine ſo behutſame und liebevolle Behandlung heiſcht.“ „Aber, lieber Onkel, Theilnahme und Mitleiden ſind ja Gefühle, welche alle Menſchen ehren— warum ſollte ich ſie in mir erſticken?“ „Behüte mich Gott, daß ich ſo etwas wünſchen ſollte! Doch in ihren Aeußerungen erfordern dieſe Ge⸗ fühle Nachdenken; denn— verſtehe mich recht, meine Du!— ſie können für mehr ausgelegt werden, als was ſie in der That ſind.“ „Wenn ſie nun aber etwas mehr werden könnten? Ich ſage nur: Wenn!“ „Deine Kraft iſt nur die Kraft einer jungen, wilden Phantaſie, nicht die tiefe Kraft des Geiſtes in einer ernſten Seele, welche ſich einer andern opfert.. Hüte Dich, Du biſt gewarnt!“ „Ja, zum zweiten Male,“ ſagte ſie halblaut, indem ſie einen Vorwand ſuchte, ſich zu entfernen. — Gegen Helmer war Edith jetzt ſo eiſig, beißend kalt, daß es klar war, er mußte es auf ewig vergeſſen, daß zwiſchen ihnen Beiden ein vertraulicher Augenblick Statt gefunden hatte. —ä eihen, anzes eben dlung n ſind ſollte nſchen e Ge⸗ meine als 1 inten? wilden einer Hüte indem d kalt, 1, daß Statt —— — 165 Helmer, welcher auf dieſe Wendung gefaßt zu ſein ſchien, zeigte nicht das mindeſte Zeichen von Verwun⸗ derung; er nahte ſich nicht einmal der Seite, wo Edith ſaß. Acht Tage lang dauerte der Sonnenſchein für den Grafen und die Finſterniß für den Bruksverwalter. An dem Morgen des neunten Tages aber verkün⸗ digte Edith, ſie hätte von einer jungen Frau unter ihren Bekannten(Edith hatte keine Freunde) einen Brief erhalten, in welchem dieſe ſie um einen Beſuch bäte, und ſie hätte daher beſchloſſen, gleich am Vormittage dieſe kleine Reiſe anzutreten. Das Gut, welches ſie beſuchen wollte, hieß Ternſta und war drei Meilen von Dagby entfernt. Die Hofräthin machte Einwendungen, und der Graf ſchien über die unerwartete Neuigkeit niederge⸗ ſchlagen zu ſein. Edith aber ſtand feſt bei ihrem Ent⸗ ſchluſſe, und um halb zwölf Uhr hielt die Droſchke vor der Treppe. Helmer, welcher artig das Pferd hielt, während der Bediente das vergeſſene Brod für daſſelbe holte, er⸗ hielt keinen einzigen Blick, geſchweige denn ein Wort, und mit genauer Noth nur einen vornehmen und ſteifen Gruß, als er ihr mit dem Hute in der Hand eine glück⸗ liche Reiſe wünſchte. „Dieſer Einfall kam— wie Edith's ſämmtliche Launen— ſehr ungelegen!“ ſagte die Hofräthin ein wenig ärgerlich, als ſie mit Mamſell Octavie in einem entlegenen Fenſter ſtand. „Glauben denn Ihro Gnaden, daß es ein anderer Einfluß, als eine Laune geweſen iſt, was Fräulein Edith's Handlungsweiſe während der letzten Tage ge⸗ leitet hat?“ „Es wäre wenigſtens dann die vernünftigſte Laune von allen, die ſie jemals in ihrem Leben gehabt hat, und die einzige, von der ich wünſche, daß ſie fort⸗ dauerte. Ja, das wünſche ich von ganzem Herzen!“ „Ich ebenfalls,“ ſagte Mamſell Ortavie mit einer 166 bei ihr ungewöhnlichen Stärke der Stimme;„denn, V denn— es wäre ohne Zweifel gut für Viele.“ „Für Einen ganz beſonders,“ erklärte die Hof⸗ räthin, indem ſie die Stimme ſenkte;„jetzt aber wollen wir es verſuchen, unſere geſellſchaftlichen Talente zu verdoppeln, wenn er wieder kommt.“ Der Graf ließ jedoch vor dem Mittageſſen nichts von ſich ſehen. Und kaum hatte man ſich um den Tiſch gereiht, ſo ging die Thüre auf, und wer trat herein?— Niemand anders als Edith, die einen neuen Einfall ge⸗ habt hatte und umgekehrt war. Es war rührend, die tiefe, unverſtellte Freude zu ſehen, welche ſich in dieſem Augenblicke auf dem Antlitze des Grafen malte und daſſelbe wirklich verſchönerte. Dieſe Freude war ſo beredt, daß ſie faſt auf Alle über⸗ ging, außer auf Helmer. Helmer's Geſicht war bleich geworden, da Edith ſich ſo unvermuthet zeigte. Was ahnte Helmer? Vielleicht ebendaſſelbe, was Onkel Janne dachte, nämlich: wenn Edith mit ihrer Reiſe die Abſicht gehabt hatte, frei überlegen zu können, die Abſicht mit ihrer ſchnellen Rückkehr keine andere wäre, als zu zeigen, daß es keiner weiteren Ueberlegung bedürfte.. Edith, deren lebhafte Augen mit einem einzigen Blicke Alle überflogen, bemerkte ſogleich den Farben⸗ wechſel auf Helmer's Geſicht. Ein Zittern zeigte ſich auf ihren Lippen, doch verſchwand es augenblicklich, indem ſie mit einer bezaubernden Freundlichkeit an der Seite des Grafen Hermann Platz nahm. Während der folgenden Stunden und während dieſes ganzen Abends war der arme Graf im Himmel. So ſeelenvoll, ſo ſanft, ſo engelähnlich war Edith noch niemals geweſen... Am folgenden Morgen aber war es wieder eine aus⸗ gemachte Sache, daß ſie reiſen mußte. Dießmal führte ſie ihren Beſchluß auch wirklich aus, doch mit der Veränderung, daß ſie die zu ihrer ——:ʒ:—ꝛ·,˖—— Abwe ſchrã ſender mals Weſe Ideer mein dieß iſt ei ſchlin zu 1 . verdie mir die S mel; brach das 2 die h Entzi wend⸗ oder Graf Schm nur; betra⸗ dith chte, habt hrer gen, igen ben⸗ ſich lich, der ieſes dith aus⸗ klich hrer ——Vʒ;:—— Abweſenheit beſtimmten Tage auf einen einzigen be⸗ ſchränkte. Bei ihrer Rückkehr ſchien ſte verwandelt zu ſein. Still und zerſtreut, haſchte ſie jetzt nach jedem paſ⸗ ſenden Vorwande, den Grafen zu vermeiden, doch nie⸗ mals unfreundlich; überhaupt zeigte ſte in ihrem ganzen Weſen jene Unentſchloſſenheit, welche ſtets wankende Ideen zu erkennen gibt. So verfloß wieder eine Woche. „Vielleicht beläſtige ich Sie mit meiner Gegenwart, mein Fräulein?“ ſagte der Graf eines Tages, da ihm dieß wirklich der Fall zu ſein ſchien.. „O nein,“ entgegnete Edith,„was mich beläſtigt, iſt einzig und allein meine Laune. Ich habe keinen ſchlimmeren Freund, als mich ſelbſt!“ „Und ich,“ ſagte er leiſe,„glaube keinen beſſern zu haben, als Sie mir in Ihrer unendlichen Güte ſind!“ Edith lächelte. Aber das Lächeln war matt. „Was habe ich wohl gethan, um dieſes Lob zu verdienen?— Gar nichts!“ „Um Gotteswillen, ſagen Sie nicht ſo! Sie haben mir ebenſo viel gethan, wie die Engel, als dieſe ehemals die Sterblichen beſuchten, um ihnen Botſchaft vom Him⸗ mel zu bringen; diejenigen, denen ſie dieſe Botſchaft brachten, wurden geſtärkt und getröſtet: ſie fühlten, wie das Paradies in ihrem Herzen erwuchs, und ſie beteten die heiligen Boten an in ſtummer, aber demüthiger Entzückung.“ In Cdith's Augen glänzte eine Thräne— ſie wendete ſich ab. „Habe ich etwas geſagt, das Ihnen beſchwerlich iſt oder mißfällt?“ „Das nicht; aber ich fühle mich beklemmt, Herr Graf, wenn Sie ſo ſchwärmen!“. „Entſchuldigen Sie— ich wußte nicht, daß dieſes Schwärmerei iſt, Fräulein Edith— ich glaubte hiemit nur zu ſagen, daß ich hoffte, Sie als meine Freundin betrachten zu dürfen.“ * 6* 168 „Betrachten Sie mich ſo, denn das bin ich von Herz und Seele! Entſchuldigen Sie jedoch, wenn ich es nicht immer zu zeigen vermag; denn,“ fuhr ſie fort, indem ſie plötzlich in einen ganz andern Ton ſiel,„Sie haben gewiß ſchon längſt bemerkt, Herr Graf, daß ich ein verzogenes Kind bin, deſſen Launen zahlreicher ſind, als die Tage im Jahre.“ „Sie klagen ſich ungerechter Weiſe an, Fräulein!“ „Ungerechter Weiſe?— das werden wir ſehen! Inzwiſchen gebe ich Ihnen den Rath, ſich zu verhärten; denn, glauben Sie mir, die Engelgeſtalt, in welcher Sie mich bis jetzt zu ſehen das Glück gehabt haben, fällt gewiß ſehr bald.“ „Ach, dieſer Scherz iſt allzu grauſam! Vermuth⸗ lich iſt es ein Converſationsausdruck, doch ein ſolcher, den ich nicht verſtehe. Ich bitte Sie, ſchonen Sie meiner!“ In einer ſolchen Laune war jedoch Edith in dieſem Augenblicke nicht. „Es gehört,“ entgegnete ſie,„dasjenige, was ich eben ſagte, keineswegs zu den ſtereotypen Converſations⸗ ausdrücken, und keineswegs dürfen Sie geſchont werden, Herr Graf— alle Illuſionen ſind gefährlich!“ Das war dem Grafen Hermann allzu ſtark. Er betrachtete Edith mit einer gewiſſen Bangigkeit. Sie that ihm weh, obgleich er ihrer Selbſtbeſchuldigung keinen Glauben beimeſſen konnte. „Ach nein,“ bat er ſanft,„rauben Sie mir meine Illuſion nicht— ich bin allzu glücklich darin! Aber es iſt auch keine Illuſion: für mich ſind Sie immer das Ideal des Guten und Reinen. Ihre Fehler— wenn Sie ſolche haben— ſehe ich gar nicht.“ „Aber Sie leiden durch meine Fehler,“ ſagte Edith in einem Anfall von Reue,„und das iſt ſchlimm.... um ſo ſchlimmer, als ich fürchte, daß dieſes nicht das letzte Mal iſt. Ich bin unverbeſſerlich!“ Einundzwanzigſtes Capitel. Ein nothwendiger Blick nach Innen. Wie war denn wohl eigentlich die Heldin dieſer Erzählung, dieſe Edith, welche wir bisher nur durch das Augenglas des äußeren Lebens betrachtet haben? Dieſes hat uns keineswegs ihre Handlungen mit allen Fehlern und launenhaften Schattirungen verbor⸗ gen, hat uns jedoch hinſichtlich der inneren Seite, welche die Urſache der Wirkungen enthält, nur einen rund um⸗ grenzten Horizont geliefert. Es war ein großes Unglück für Edith, daß ſie ſelbſt über jene Urſachen, jene geheimen Impulſe in Unwiſſenheit war, und ihnen nur blind gehorchte, ohne ſich Zeit zum Nachdenken zu geben, woher ſie kamen. Und dennoch weinte dieſes junge Mädchen oft im Stillen über ſich ſelbſt und über die vollkommene Un⸗ möglichkeit, eine Einheit in die unharmoniſchen Be⸗ liandiheile zwiſchen ihrer Vernunft und ihren Gefühlen zu bringen. Edith war nicht glücklich, weder in ihrer Umge⸗ bung, noch in ihrem Innern. Es war ihr bisweilen ganz unbeſchreiblich enge in ihren glänzenden Zimmern. Sie kannte nicht alles Himmliſche, das in dem Verhältniſſe zwiſchen einer Mutter und einer Tochter liegen kann. Sie kannte nur jene paſſive Zärtlichkeit, welche Kinder ihren Eltern zu zollen ſchuldig ſind, und den Gehorſam, welchen dieſe zu fordern das Recht haben. Doch ſo lieblich es für ſie geweſen ſein würde, Alles aus Liebe zu geben, ſo bitter war es ihr, alles aus Schuldigkeit geben zu müſſen. Und dennoch hatte die Hofräthin ſich gewöhnt, eben von dieſer ihren Tribut zu fordern, ſeitdem Edith's troziges Gemüth mit dem ihrigen in Oppoſition getre⸗ en war. 170 Edith hatte viele gute Neigungen, wenn ſie nur hervorgerufen worden wären, und eine ſolche Verachtung gegen alles Niedrige; doch feurig, romantiſch, mit einer ausſchweifenden Phantaſie, war ſie zugleich eigenſinnig, übermüthig, eine Sklavin ihrer Eindrücke, ein Spiel⸗ ball ihrer Launen. So war ſie, und wenn es möglich war, daß aus dem Allem etwas Gutes werden konnte, ſo war dazu eine Kraft erforderlich, unter welche ihre eigene ſich beugen mußte— doch woher ſollte dieſe Kraft kommen? Bis jetzt erkannte ſie keine andere Macht, als die ihrer Einfälle; und war es wohl denkbar, daß Graf Hermann— er, der den ermüdenden Ringkampf mit ſeinen eigenen Verirrungen ſo eben erſt beendigt hatte und ſich nur nach der Ruhe, dem Frieden und dem ſchützenden Engel ſehnte— im Stande ſein ſollte, ſo viele verſchiedene Elemente zuſammenzuhalten? Jetzt aber wollen wir einen Theil von demjenigen beleuchten, was für Edith ſelbſt noch finſter war. Bis vor drei Monaten hatte ſie ein Vergnügen ge⸗ funden an der Stellung, welche ſie ſich verſchafft hatte, ja ſogar an der Verleumdung, deren Ziel zu ſein ſie ſich bewußt war.... ein Vergnügen an ihren Erobe⸗ rungen, ein Vergnügen an ihrer Koketterie, ein Ver⸗ gnügen an der Verzweiflung, die ihre Veränderlichkeit hervorrief— mit einem Worte: ſie hatte bemenkt, daß gerade ihre Launen es waren, die ihr ſo ſinnreiche Zer⸗ ſtreuungen verſchafften. Sie hatte dieſelben daher be⸗ gänſin und ihnen erlaubt, ſie auf jede Weiſe zu zer⸗ reuen. Seit drei Monaten aber waren ihr alle Eroberun⸗ gen, alle Vergnügungen, ihr ganzes zweckloſes Leben zuwider, und ſie aller dieſer Dinge herzlich müde. Vor Allem war ſie eben jener Launen müde, welche ſie umher jagten und ſie die Feſſeln einer Sklaverei empfinden ließen, welche ſie nicht länger tragen wollte, und welche ſie dennoch trug. Wir haben geſehen, daß ein großer Kampf in Edith redete ſen v jenen ſchied kehr hinga 8 ſie in überg eingen auf d 8 Umſte S von inger hrer ihr g dem. Und d Hatte — ne gar 1 Viele nung den B g anders ₰ dem f Sie h ſich eit indem weilen Edith's Herzen, oder wie ſie ſich noch zu glauben über⸗ redete, zwiſchen ihrer Phantaſie und ihrem beſſern Wiſ⸗ ſen vorging. Und wir haben geſehen, wie ſie ſich an jenem Sonntage, da ſie ihre drei alten Freier verab⸗ ſchiedete, vorher auf ihrem Zimmer— nach ihrer Rück⸗ 35 dns der Kirche— der zügelloſeſten Verzweiflung ingab. Was hatte dieſe Verzweiflung hervorgerufen, welche ſie in eine ganz neue Welt warf? Sie hatte während des Gottesdienſtes Helmer gegen⸗ über geſeſſen und zum erſten Male mit wirklichem Schrecken eingeſehen, welchen tiefen Eindruck die äußere Geſtalt auf das Gemüth machen kann.. Auch über einen andern, ebenſo bedeutungsvollen Umſtand erſchrack und ſchauderte ſie.. Während ſie in ihrem Gedächtniſſe kein einziges von den Worten, die von den Lippen des Geiſtlichen ingen, zu behalten vermochte, wiederhallten in ihren hren unaufhörlich die wenigen Worte, welche Helmer ihr geſagt hatte, da ſie bei dem Zuſammentreffen auf dem Kirchhofe die Treppe zu dem Tempel hinaufſtiegen. Und dieſes Zuſammentreffen, war es wirklich ein Zufall? Hattenſte nicht eine Ahnung gehabt, eine Ueberzeugung — nein, ſie zwang ſich, an eine ſo tiefe Erniedrigung gar nicht zu glauben. Sie, die ihre Blicke auf ſo Viele werfen konnte, ſollte ſie auf eine ſchwache Hoff⸗ nung gereist ſein, um eine ſo unbedeutende Perſon wie den Bruksverwalter zu treffen? O, es war nur eine Phantaſie, es konnte nicht anders ſein. Inzwiſchen wurde ſie von einem tiefen Ekel vor dem faden Spiele mit den drei betagten Rittern ergriffen. Sie hielt es nicht länger damit aus, es war vergebens, ſich eine Zukunft mit Einem unter ihnen zu denken; und indem ſie ihre Laune auf etwas warf, wo dieſelbe nicht weilen durfte, mußten die armen Freier die Zeche bezahlen. Aber dieſer Tag war doch allzu unglücklich! Es war ein Tag voll von lauter böſen Einflüſſen. 172 Sie hatte bis jetzt Helmer's Geſangſtimme noch nicht gehört. Dieſe Stimme, dieſe Töne verfolgten ſie die ganze Nacht. Dieſes Alles, die mit jedem Tage immer deutlicher werdenden Beweiſe von der verabſcheuten Gewißheit, daß vernante, die kokette Hortenſe, ja die unreife Olga— vergötternder Hausmamſellen, Jungfern und Dienſt⸗ mädchen gar nicht zu gedenken— in Feuer und Flammen ſetzte, dieſe Beweiſe drohten ſie zu verzehren, denn ſie zermalmten ihren Hochmuth, ihren weiblichen Stolz, welcher ihr ſagte, daß ſie über den Sinnenrauſch er⸗ haben ſein müßte. Daß etwas Gefährlicheres, als ein bald verſchwin⸗ dender Sinnenrauſch zu befürchten ſein könnte, davon träumte ſie in dieſem Augenblicke noch nicht. Sie hatte nie geliebt. Außerdem waren die Sym⸗ ptome nicht ſo, wie ſie ſich dieſelben für dieſen Fall ge⸗ dacht hatte; was jedoch vorhanden war, das reichte voll⸗ kommen hin, daß ſie ſich ſelbſt verachten mußte. Wie unendlich gerne hätte ſie nicht auch ihn, der dieſen Aufruhr hervorgerufen hatte, verachten mögen, wenn ſie nur einen Anlaß dazu hätte finden können. Und hätte er es nur gewagt, ſeine Blicke zu ihr zu er⸗ heben, wie würde ſie ihn nicht mit ihrem Uebermuthe, mit ihrem unermeßlichen Erſtaunen über eine ſolche Kühnheit zermalmt haben! Aber von einer ſolchen Kühnheit ließ ſich gar nichts vernehmen, und der Aerger, u wiſſen, daß ein Mann, der täglich Gelegenheit hatte ſi zu ſehen, es vermochte, ihr zu widerſtehen, reizte ihr ahnchin ſchon erregtes und verletztes Gemüth nur noch mehr. ihricht war es eigentlich Helmer's vergleichungsweiſe niedrige Stellung in der Geſellſchaft, was da machte, daß ihr der Abſtand zwiſchen ihnen ſo unermeßlich er⸗ ſchien, daß ihr niemals die Möglichkeit einfiel, derſelbe könnte überſprungen werden. Aber er war eine Art von Diener im Hauſe, ein Titel, der— ſo achtungs⸗ auch ſie vor dem Gegenſtande brannte, welcher die Gou⸗ würd ſamn ein e ſowol dung ringe daß ſelber Mar worit offen! es ei weſer Geſch gan her nicht nicht ſie, er ſi welch unter einzit ſchan ſchrie wegg Aber der. ein, drign ihr 4 bebte hwin⸗ davon Sym⸗ ll ge⸗ voll⸗ „ der bögen, nnen. zu er⸗ authe, ſolche olchen erger, hatte te ihr noch zweiſe rachte, er⸗ erſelbe e Art ungs⸗ würdig er übrigens ſein mochte— mit der Liebe zu⸗ ſammengelegt, doch etwas Unbegreifliches war. Ferner gab ſie ſich alle erdenkliche Mühe, um ſich ein eigenes Syſtem von Helmer's Geringheit zu bilden, ſowohl was ſeinen Verſtand, als auch was ſeine Bil⸗ dung und ſeine Lebensgewohnheiten betraf. Je tiefer ſie ihn herabzuſetzen vermochte, deſto ge⸗ ringere Schwierigkeit machte es ihr, ſich zu überzeugen, daß der Enthuſiasmus, den er in ihr erweckte, von der⸗ ſelben Natur war, als derjenige, den ein Gemälde, ein Marmorbild oder ein Naturſtück, mit einem Worte Alles, worin die ideelle Schönheit ſich in dem kleinſten Detail offenbart, in ihr hervorgerufen haben würde. Ja, wäre es einer von den Arbeitern, einer von den Knechten ge⸗ weſen, der von der Natur mit eben dieſem göttlichen Geſchenk begabt geweſen wäre, ſo würde ſie ohne Zweifel ganz dieſelben Gefühle gehabt haben. Beherrſcht von den unwiderſtehlichen, ſtets hin und her wankenden Gemüthsbewegungen, konnte ſie ihn bald nicht oft genug ſehen, bald dagegen ſeinen Anblick gar nicht ertragen. Und ein unſägliches Leiden war es für ſie, zu ſehen, mit welcher Faſſung, ja Gleichgültigkeit er ſich in alle ihre kindiſchen Aus⸗ und Einfälle fand, welche ſie zwar ſelbſt verabſcheute, aber dennoch nicht unterlaſſen konnte, weil ihre Kälte und ihr Stolz das einzige Bollwerk bildeten, hinter welchem ſie ſich zu ver⸗ ſchanzen wußte. Seine Weigerung, ihr gegenüber Gevatter zu ſtehen, ſchrieb ſie anfänglich dem niedrigen, eigennützigen Be⸗ weggrunde zu, daß er ihrer Mutter gefallen wollte. Aber die Art, mit welcher er ſie während des Aktes in der Kirche betrachtet hatte, flößte ihr andere Gedanken ein, bei welchen die erſte Vorſtellung von einer Ernies drigung ihre Seele mit Blitzesſchnelligkeit berührte. Wie kam es aber, daß dieſe Vorſtellung, anſtatt in ihr Hohn und Verachtung zu wecken, ihr Weſen durch⸗ bebte, als wäre ein Strahl vom Himmel dort einge⸗ 174 drungen und hätte daſelbſt ein neues blendendes Licht, eine neue Wärme verbreitet? O Elend ohne Gleichen! Waren es nicht Thränen des Glückes, welche ſich mit den Thränen der Eiferſucht in jenem Augenblicke miſchten, als Primus ſie über⸗ raſchte und ihr eine Erklärung gab, die ſie zwar nicht zu bedürfen behauptete, die jedoch tauſend thörichte Ge⸗ danken der höchſten Glückſeligkeit in ihr erweckten. In der Mitte dieſer Umwälzung traf die Nachricht von der Ankunft des Grafen ein. Sogleich griff Edith mit Begierde nach der Hoffnung auf eine Zerſtreuung, die nie gelegener kommen konnte. Sie beleidigte Helmer abſichtlich, in der Hoffnung, ſeinen Verdruß zu wecken und ihn auf dieſe Art ganz von ſich zu entfernen. Die Folge war, daß Helmer ſie ein Uebergewicht fühlen ließ, welches ſie zum Schweigen brachte und ſie zu gleicher Zeit überzeugte, es müßte nur ein betruͤglicher Schimmer ſein, was ſie in der Kirche zu ſehen vermeint hatte. Hätte er es wirklich „gewagt, den Blick zu ihr zu erheben,“ ſo würde er nicht ſo kaltblütig geweſen ſein, die Beleidigung auf ſie ſelbſt zurückzuwerfen. Und welchen Gewinn hatte ſie endlich von ihrem erfüllten Wunſche? Helmer hielt ſich in der Entfernung, und ihre Laune wurde ſchlimmer als jemals. Nun aber kam wie aus den Wolken gefallen die einſame, vertrauliche Stunde, da er ihr die Geſchichte des Grafen Hermann erzählte, da er ſie warnte und ihre Hand einige Secunden lang in der ſeinigen hielt. In eben jenem Augenblicke, da ihre tiefen und ge⸗ waltſamen Gefühle ihr beinahe das Bewußtſein geraubt hatten— da ſie bei der Berührung ſeiner Hand, unter dem Einfluſſe eines Blickes, wie ſie ihn noch nie aus ſeinem Auge geſehen hatte, es ſchwach fühlte, daß ſie über dem Abgrund ſchwebte und ſich von demſelben hin⸗ wegreißen muͤßte— da vermochte ſie es auch durch eine von jenen Kraftanſtrengungen, in denen die Verſchämt⸗ heit und der Hochmuth ſich um den Sieg ſtreiten, Zau zu 3 keine ſollt trifft wirk ſie ſ Eng nicht und dener wollt mach Reich ſie ü nern, ziger kämz Gede ſch ja g⸗ wen wenig mann war eine den. muth lauf einige Licht, ränen rſucht über⸗ nicht . Ge⸗ hricht Edith uung, nung, ganz er ſie eigen nüßte der rklich de er rf ſie hrem ung, die ichte und zielt. ge⸗ aubt anter aus 3 ſie hin⸗ eine imt. ———— 175 Von dieſem Augenblicke an— den ſie faſt als eine Zauberei betrachtete— war ſie aber auch entſchloſſen, zu zeigen, daß ſie an keine Zauberei glaubte, und daß keine ihrer unwürdige Schwäche ſie ferner noch zwingen ſollte, vor ſich ſelbſt zu erröthen. as dagegen ihr Verhältniß zu dem Grafen be⸗ trifft, ſo war die Theilnahme, welche ſie gegen ihn hegte, wirklich von einer ſo wahren und innigen Natur, daß ſie ſich mehrmals ſelbſt fragte, ob ſie nicht der gute Engel dieſes Mannes werden müßte. Was hatte ſie wohl dabei zu verlieren?— Gar nichts. Mit allen ſeinen Viſionen war er weit intereſſa nter und tauſendmal mehr werth, als die Marionetten, mit denen ſie es bisher zu thun gehabt hatte. Mit ihm wollte ſie nicht ſpielen, nein: ſie wollte ihn glücklich machen; denn er fragte nicht im Mindeſten nach ihrem Reichthum, ſondern nur nach ihr ſelbſt. Ihm konnte ſie überdieß nützlich werden. Und unter allen Män⸗ nern, die um ihre Hand geworben hatten, war kein ein⸗ ziger, dem ſte ſo gewogen geweſen war. Sie reiste und kehrte zurück, ſie überlegte und kämpfte; es war ja ſo lächerlich, daß dabei immer ein Gedanke an den vwiderlichſten von allen Gegenſtänden ſich ihr aufdrängen wollte. Dieſer Gedanke gehörte ja gar nicht hieher. Ihr Herz war ja ganz frei, und wenn ſie litt, ſo war es ja nur eine Viſion, die kaum weniger wahnſinnig war, als die des Grafen Her⸗ mann. Sie paßten alſo vortrefflich zu einander, und darum war es gut und konnte unmöglich beſſer werden, bis wieder eine Serie von Wenn und Aber ihr neue Grillen in den Kopf und neue Leiden in das Herz ſetzte. Während dieſer bunte Wirrwarr von Liebe, Hoch⸗ muth, Mitleiden, Reue und Vernunft in ſtetem Kreis⸗ lauf durch Edith's Seele fuhr, verſchwanden wieder einige Wochen, und noch immer ſtand Alles auf gleichem 176 Punkte mit Ausnahme der Hoffnungen des Grafen Her⸗ mann, die ſtets neue Triebe ſchlugen. Zweiundzwanzigſtes Capitel. Schrecken in der Familie. Mamſell Oetavie beginnt ihre Lampen anzuzünden. Um dieſe Zeit— man war jetzt in der Mitte des September— begann Onkel Janne gewiſſe Zeichen von jener Unruhe zu empfinden, welche ihn immer heim⸗ ſuchte, wenn er ſich eine längere Zeit an einem und demſelben Orte aufgehalten hatte. Ueberdieß fühlte es der Ehrenmann, trotz ſeiner Liebe zu Edith, dießmal ſo peinigend leer auf Dagby. Es war nicht allein die Leere, welche aus dem Hin⸗ ſcheiden des ſeligen Franz entſprang— dieſe konnte dem Zurückbleibenden, deſſen Herz und Gedächtniß noch von ihm voll war, nichts rauben— ſondern es war die Leere, welche eine ſo gute und warme Seele empfin⸗ den muß, wenn ſie ſich gewiſſermaßen überflüſſig fühlt. Nicht daß Onkel Janne einen Werth darauf ſetzte, daß man ihm den Hof machte, oder in Worten ihm ſagte, daß ſeine Anweſenheit Freude bereitete; aber der Alte hatte es gerne, wenn er merkte, daß er Freude um ſich her verbreitete; er hatte auch die kleine Schwäche, daß er vergnügt war, wenn man ihn bat, ein Stück⸗ chen aus ſeinen Reiſeerinnerungen und von demjenigen zu erzählen, was dem ſeligen Franz ſo angenehm gewe⸗ ſen und ehemals in den vertraulichen Abendkreiſen auch die Luſt der Uebrigen geweſen war. Jetzt dagegen hatten Alle ſo viel zu thun, daß er keine andere Rolle erhielt, als die eines Vertrauten, der aus der einen Hand in die andere geht, ohne daß man ſich jedoch ſehr viel aus ſeinem Rath macht. obgle Looſe und da je zu d gewe nicht hiezu fäng. träun einen welch an ſi es fü geher dern, tiere und 5 einen Sonn merkt man wärn uns lauten 1 Her⸗ gewe⸗ reiſen aß er 1, der man Des Abends war es überdieß ſehr oft ſein Loos— obgleich Helmer und die gnädige Frau ebenfalls ihre Looſe hatten— mit dem Grafen Schach oder Tivoli und zur Abwechslung wohl einmal Wira zu ſpielen; da jedoch Kartenſpiel nie ſeine ſchwache Seite, ſondern zu den Zeiten des Hofraths nur eine Rachgeebigttit geweſen war, und der Graf das alte, ehrliche Bretſpiel nicht mochte, ſo ermüdete der Onkel immer mehr. Da hiezu ferner noch kam, daß der Graf, welcher ihn an⸗ fänglich gar nicht entbehren konnte, jetzt in ſeinem träumeriſchen Entzücken kaum bemerkte, wenn er an einem ganzen Vormittage gar nicht kam, und Edith, welche ſets zwiſchen Fieberhitze und Fieberfroſt ſchwebte, an ſich ſelbſt genug zu haben ſchien, ſo hielt der Alte ehlu das Beſte, den Ranzen zu packen und davon zu ehen 3 Es war gerade noch Zeit, einige Wochen zu wan⸗ dern, und ſich dann auf Grandalen in die Winterquar⸗ tiere zu begeben, wo es Zeit ſein konnte, von der Colonie und von der Ernte Notiz zu nehmen. Aber es war mit Onkel Janne's Anweſenheit an einem Orte gerade ſo, wie mit der Wärme und dem Sonnenſchein nach einer kalten und naſſen Zeit! man merkt, daß es beſſer, ruhiger, angenehmer wird; aber man weiß der Sonne keinen Dank dafür, daß ſie uns wärmt und wohlthut; man wird nur unruhig, wenn ſie uns zu verlaſſen droht. So gab es auch Unruhe auf Dagby, als es ver⸗ lautete, da der geliebte Onkel Aller aufbrechen wollte. „Nein, um Gottes willen!“ rief Edith aus und warf ſich dem Greiſe in die Arme; ich fühle, daß alles Unglück über uns kommt, Onkel, wenn Du uns ver⸗ läſſeſt Glaube mir: nur Deine Anweſenheit hält es ab.“ „Aber, meine Du, wie kannſt Du ſo kindiſch ſchwatzen! Es gibt vielleicht Menſchen, denen ich wirklich nützen kann. Hier bin ich ganz überflüſſig. 4 „Ueberflüſſig?“— wir werden's ſchon ſehen, Onkel, Ein launenhaftes Weib. I. 178 wenn Du nicht mehr hier biſt! Wie ſanft, gut und gnädig iſt nicht Mutter jetzt: ſie weiß, daß ich in mei⸗ nem Onkel einen Vertheidiger habe.“ „Kind! bei Deiner Mutter bedarfſt Du keines andern Berfheidigers, als ihres Herzens; doch Du haſt— ich muß es geſetzt.“ „Ach Onkel, Du weißt nicht, wie oft ſie die meinige auf die Probe geſetzt hat— doch gleich gut; ich will davon jetzt nicht reden, ſondern nur Dich, mein Onkel, anflehen, daß Du hier bleibſt!“ ir leider ſagen— ihre Geduld auf die Probe — „Unmöglich, Schwager! ganz unmöglich!“ erklärte die Hofräthin, als ſie den Alten in der Bibliothek, wo alle inneren An gelegenbeiten gewöhnlich abgemacht wurden, in eine Ecke eingekeilt hatte;„Du ſiehſt ja ſelbſt, daß einzig und allein Deine Anweſenheit Edith wenigſtens ſo vernünftig macht, wie ſie jetzt iſt. Zwar plagt ſie mich auch jetzt noch bisweilen, im Ganzen aber iſt ſie ihrer Pflichten unvergleichlich beſſer einge⸗ denk. Sie weiß es recht gut, daß ich doppelt ſtärker bin, ſo lange ich Dich an meiner Seite habe.“ „Geſchwätz, Frau Schwägerin! lauter Geſchwätz!“ „Nein, ich betheure, daß ich kein Wort ohne Be⸗ deutung ſage! Wenn Du nur noch ein wenig warten willſt, ſo denke ich, Du kannſt ihre Verlobung ſegnen: es ſieht in dieſer Rückſicht ſehr gut aus. Ich war über⸗ zeugt, daß ein ſolcher Mann auf ſie Eindruck machen wuürde............ Demnächſt kam auch der Graf mit ſeinen Bitten. Wohin ſollte er fliehen in den Stunden, ja wohl Tagen, da ſeine Sonne ſich in den Wolken verbarg, wenn er nicht zu dem geduldigſten von allen Menſchen ſeine Zuflucht nehmen konnte. In ſeiner feinfühlenden Delicateſſe wußte er auch nicht einmal, ob er bleiben könnte, wenn der einzige männliche Verwandte das er it und mei⸗ andern einge⸗ tärker hätz!“ Be⸗ arten anen: über⸗ achen itten. wohl barg, ſchen enden eiben das * Haus verließe, und jetzt von Dagby zu reiſen— hu! ſchon der bloße Gedanke regte ihn auf. Zuletzt war es Helmer, welcher bei einem Beſuche in den Zimmern des Onkels ganz im Vertrauen die Rede darauf lenkte, wie nothwendig ſeine Anweſenheit gerade jetzt ſein wuͤrde für den Fall, daß— ſich etwas ereignete. „Was ſollte ſich denn wohl ereignen können, das ich zu hindern vermöchte?“ fragte Onkel Janne auf⸗ merkſam. „Es gibt Dinge, welche, wenn ſie auch nicht zu hindern ſind, ſich dennoch durch Klugheit und herzliche Theilnahme mildern, ändern, verbeſſern laſſen, wenn— ich ſetze nur den Fall“... „Welchen Fall ſetzen Sie?“ „Daß der Graf“... „Weiter!“ „Daß der Graf um diejenige anhält, nach welcher er ſtrebt.“ „Was weiter?“ „Und daß ſie ihn ausſchlägt.“ „Hm!“ „Niemand kann vorausſehen, was das Fräulein in dieſem Falle thun wird.“ „Das iſt wahr; die Sache hängt von einer Laune ab.“ „Leider! Wird aber dieſe Laune ein Nein, ſo kön⸗ nen hier mit dem Grafen— einem Manne, der von einer ſo ſchrecklichen Gemüthskrankheit heimgeſucht und ſo lange in eine Hoffnung eingewiegt worden iſt, die vielleicht plöͤtzlich getäuſcht wird— Umſtände eintreten, bei denen nicht allein eine männliche Hilfe, ſondern vor allen Dingen ein Verwandter nothwendig iſt.“ „Herr Helmer, es iſt Ihnen meiner Treu gelungen, mich beſſer zu überzeugen, als irgend ein Anderer; und da es ſo iſt, daß ich vielleicht nützlich werden kann, ſo bleibe ich in Gottes Namen für's Erſte, wo ich bin. Eine Dummheit aber war auf jeden Fall die ganze Veranſtaltung mit dem guten Grafen; denn kommt er 12²* 180 „Das glaube ich kaum.“ 1„Nun, ſo wird ſie ihn doch auch wohl nicht hei⸗ rathen!“ „Das möchte ihr dennoch vielleicht einfallen.“ „Ach, welch ewiger Schade, daß ein ſo außerordent⸗ lich ſchönes und anmuthiges Mädchen ſo viele Fehler haben kann— und man kann nicht läugnen, daß ſie Fehler hat!“ Der Alte ſagte das Letzte in einem Tone, aus dem abzunehmen war, daß er es ſehr gerne ſehen würde, wenn Helmer ihm widerſprechen wollte. Helmer's einzige Antwort aber war ein leichtes Kopfſchütteln, und ein wenig verdrießlich, daß Niemand da war, der ſeinen Liebling vertheidigen wollte, da er 9 ſelbſt nicht konnte, brach der Alte das Geſpräch urz ab. 4 3 Rachdem Helmer gegangen war, wuͤlrde Primus gerufen und erhielt den Befehl, die hervorgeſuchten Sachen auf unbeſtimmte Zeit wieder einzulegen. „Das war ein ſchöner Entſchluß, Herr! erklärte Primus,„ein prächtiger Beſchluß! Wir haben's nicht ſo ſchlecht, wo wir ſind.“ „O, auch nicht ſo gut!“ meinte der Onkel, der mit dem beſten Willen von der Welt nicht umhin konnte, ſich nach dem freien Leben auf der Landſtraße mit ſeinen Beſchwerden, Vergnügen und tauſend Gelegen⸗ heiten zu guten und frohen Gedanken zu ſehnen. Ja, wie war es wohl möglich, eine einzige, ſo luſtige und angenehme, Entzücken ausdrückende Grimaſſe zu ſehe er d vor eine Wa und wele wer ſehe wie zeige nich muß mich das ſtark Bere trigu Kutſ laſſer die b. Lotta ihre und anſta platz die be eerhiel neuen inzen vagte enſch d— afen hei⸗ dent⸗ hler ſie dem irde, htes and i er räch mus hten ärte richt mit nte, mit gen⸗ 181 ſehen, wie die, über welche er ſo oft gelacht hatte, wenn er den ledernen Beutel von Murre's Hals losband und vor den Augen froh gaffender Köthner⸗Abkömmlinge einen Pfefferkuchen hervorſuchte, deſſen bloßer Anblick ihre Wangen zu der entzückendſten Trompete erweiterte. 5. und die Thräne, welche er hier abwiſchte, und die Freude, welche er dort theilte, wer hatte einen Begriff davon, wer kehrte ſich daran? „O Herr! man ſoll nicht die Sonne im Sinken ſehen, wenn ſie noch ſo ziemlich hoch am Himmel ſteht, wie jetzt! Sie müſſen die Sehnſucht fahren laſſen und zeigen, daß Sie ein Kerl für ihren Hut ſind! Es iſt nicht genug, ſein Wort und Verſprechen zu halten, es muß auch mit frohem Herzen geſchehen, ſonſt gebe ich mich Dieſem und Jenem darauf, Fräulein Edith weint das Schnupftuch voll und die Schürze dazu, denn ſie iſt ſtark in ihrer Liebe zu Ihnen— o Gott, wie ſtark ſie iſt!“ Primus hatte ſeine beſonderen Gründe zu ſo vieler Beredtſamkeit. Er war eben jetzt ſo recht im Zuge mit einer In⸗ trigue, die nichts Geringeres bezweckte, als den langen Kutſcherrekel ebenfalls etwas von Demjenigen fühlen zu laſſen, das Primus früher empfunden hatte. Primus hatte nämlich auf verſchiedenen Umwegen die beunruhigende Neuigkeit in Umlauf geſetzt, daß Jungfer Lotta für keinen Geringeren, als den vornehmen Nilman, ihre Angeln auswerfe. Und Jonsſon hatte ſo ſchnell, und ſo eifrig angebiſſen, daß er jetzt Lotta nur anglotzte, anſtatt ſie anzuſehen. Wie konnte wohl Primus geneigt ſein, den Schau⸗ platz eines ſo großen Triumphes zu verlaſſen! Einige Tage nach dem plöͤtzlichen Aufſtande, den die beabſichtigte Reiſe des Onkels Janne verurſacht hatte, erhielt Edith eine Einladung, als Gevatterin bei einem neuen Taufact zugegen zu ſein. 182 Es war jener Fall, über den ſie früher ſchon mit ihrer Mutter geredet hatte, und ſie war ſogleich ent⸗ ſchloſſen, eine abſchlägige Antwort zurückzuſchicken. „Nun ja,“ ſagte die Hofräthin, welche ſie dießmal nicht zu überreden ſuchte, ſie werden es wohl entſchul⸗ digen müſſen!“ Beim Thee an jenem Abende, da mit Ausnahme Edith's, die vor dem Piano ſaß und phantafirte, die ganze Familie vor dem nach anmuthiger Herbſtart flam⸗ menden Feuer in Ruhe Platz genommen hatte, erzählte die gnädige Frau der Mamſell Octavie— den Grafen hielt jedoch nichts ab, es zu hören— daß Edith die Einladung zum Baron G. ausgeſchlagen hätte. Es wäre wirklich wunderbar, wie gerne ſie jetzt zu Hauſe bliebe; und, um zu keiner Antwort Zeit zu laſſen, be⸗ gann die Hofräthin, ſich zu wundern, welche Gevattern dort wohl ſonſt noch gebeten ſein könnten. „ Ueber Einen wenigſtens kann ich Aufklärung geben,“ futgehni Helmer,„denn ich habe die Ehre, gebeten zu ein.“ „Nun, ich muß ſagen, das war recht artig... denken Sie hinzufahren?“ „Ich habe es gedacht!“ Das Geſpräch kam nicht weiter auf dieſen Gegen⸗ ſtand zurück, auch fragte Niemand Edith, was ihre ab⸗ geſchickte Antwort enthielt. Doch an dem Morgen des zur Taufe beſtimmten Tages erhielt die Hofräthin von der Mamſell Oectavie einen Wink, daß Fräulein Edith wahrſcheinlich einen beſondern Grund hätte, den ganzen Vormittag auf ihrem Zimmer zu bleiben. „Welchen beſonderen Grund meinen Sie?“ „Ich kann es nicht ſo genau wiſſen, Ihro Gnaden; ich fuͤrchte nur, Sie haben ſich ein wenig in der Ver⸗ muthung geirrt, daß eine gewiſſe Perſon einen Antheil daran hat, daß Fräulein Edith ſo viel zu Hauſe iſt. Eher glaube ich, wenn ich es wagen darf, damit zum Vorſchein zu kommen,“ fuhr in giftigem Tone das bosha ſie zu wagte räthin an, in „ fort,, daß ich ich ſe. Bezieh wie w 26 Sie wi „ Gnaden — 183 boshafte Geſchöpf fort,„daß eine andere gewiſſe Perſon ſie zur Reiſe veranlaßt.“ Es war das erſte Mal, daß Mamſell Octavie es wagte, eine ſolche Anſpielung zu machen. Die Hof⸗ räthin jedoch, welche unmöglich errathen konnte, was die Gouvernante meinte, ſagte in einem gutmüthigen Tone: „Ich bin wirklich neugierig, zu vernehmen, wer das ſein kann, denn ſo viel ich weiß, habe ich den Mann noch nicht geſehen, welcher Edith vermocht hat, aus Liebe einen Entſchluß zu ändern— alles Andere außer dieſem.“ Mamſell Octavie ſchwieg, nahm aber eine Miene an, in welcher zwanzig Widerſprüche lagen. „Ich weiß, meine gute Octavie,“ fuhr die Hofräthin fort,„daß Sie ein ſicheres Urtheil haben, und geſtehe, daß ich viel Vertrauen darauf ſetze; vielleicht aber bin ich ſelbſt auch nicht ganz bind, und ich habe in dieſer Beziehung gar nichts geſehen. Um damit anzufangen: wie wiſſen Sie, daß Edith reist? Ich meine, ſie kann ſich nicht gut ſo lächerlich machen, da ſie es einmal aus⸗ geſchlagen hat.“ „Wenn ſie es nun aber nicht ausgeſchlagen hätte?“ „Das war ja ganz ſicher.“ „Vielleicht iſt das noch ſicherer, was ich zu erzäh⸗ len habe.“ „So laſſen Sie hören!“ „Ich erfuhr geſtern im Pfarrhofe, ſie hätte ver⸗ ſprochen, zu kommen. Die Hausmamſell bei Baron G. hatte es erzählt und auch geſagt, Fräulein Edith würde einem Rittmeiſter von Linden gegenüberſtehen.“ „Ach ſo, dem Couſin der Freiherrin! Ich habe von ihm gehört und weiß, daß er erwartet wird; doch von ihm kann auf keinen Fall die Rede ſein, da Edith ihn noch nicht einmal geſehen hat.“ „Verſteht ſich, nein!“ „So ſingen Sie denn aus, Mamſell Octavie, was Sie wiſſen; denn dieſes wird langweilig!“ „Es iſt meine Pflicht, mich zu aͤußern, da Ihro Gnaden es ſo beſtimmt wünſchen! Inzwiſchen ſchmerzt 184 mich der Gedanke außerordentlich, daß ich die Erſte ſein ſoll, die Ihre Aufmerkſamkeit auf dieſen Gegenſtand lenkt.“ „Meine gute Octavie, beunruhigen Sie ſich darüber kichti d bin überzeugt, daß es ein lächerlicher Irr⸗ thum iſt.“ „Lächerlich iſt es gewiß, doch kein Irrthum... der Bruksverwalter....“ „Nun, ich muß ſagen, ich bin eine gute Prophetin?“ Und die Hofräthin fiel in das allerunſchuldigſte Gelächter. „Ihro Gnaden! es gibt Gefühle, die ſich nicht wägen und beſtimmen laſſen.“ „Mamſell Octavie! es gibt Thorheiten, die ſo außer⸗ ordentlich ſind, daß ſie nur für die Lachmuskeln erfun⸗ den zu ſein ſcheinen. Jedermann weiß, daß ich nicht zu denjenigen Leuten gehöre, die über Alles lachen; tractirt man mich jedoch mit ſo luſtigen Dingen, die nicht ein⸗ mal im Stande ſind, meinen Verdruß zu wecken, ſo erlaube ich mir es auch, luſtig zu ſein.“ „Halten Ihro Gnaden es denn aber für das achte Wunder der Welt, wenn das Fräulein ſich unter ihrem Stande verlieben ſollte?“ „Nein, das nicht! Wir haben in Romanen, ſo wie im wirklichen Leben tauſend Beiſpiele davon— und Helmer iſt hübſch genug, daß eine ſolche Liebe gar kein Wunder ſein würde.“ „Alſo geben Ihro Gnaden zu, daß es möglich iſt?“ „Nein, ich gebe nur zu, daß es ein ſehr natürliches Ereigniß ſein könnte!“ „Und dieſes ſagen Ihro Gnaden mit einer ſolchen Ruhe?“ „Ja, warum ſollte ich das nicht? Wenn Edith den Herrn Helmer liebte, à la bonne heure! ſie machte da Bekanntſchaft mit einer Epidemie, welche eben ſo ge⸗ wöhnlich, ja noch gewöhnlicher iſt, als die Maſern und die Blattern. Der ganze Unterſchied wäre nur der, daß ſie keines andern Arztes bedürfte, als ihres Verſtandes, der ſie gewiß auch zu rechter Zeit curiren würde.“ & Ir ihr daß vor ver wu Ab hör als wir paf an, ma wie Sie Fa vor ſie ſcha zu Sch o Die 18⁵ te ſein„Sollte dieſes wohl nicht bei dem Charakter des enkt.“ Fräuleins Edith einigem Zweifel unterworfen ſein?“ rrüber„Nicht im Mindeſten! Gerade ein Mädchen mit „Irr⸗ ihrem Charakter kann ſich niemals ſo weit vergeſſen, daß ſie dieſen Gefühlen im Ernſte nachgibt. Nein, Liebe . der von dieſer Beſchaffenheit kann zwar entſtehen, und ich verdamme dieſelbe eben ſo wenig, als ich mich darüber ttin?“ wundere, denn wer kann ſagen, woher die Liebe kommt? ldigſte Aber ſie entſteht, blüht, leidet und ſtirbt zu ihrer ge⸗ hörigen Zeit, und es bleibt nichts Anderes davon übrig, nicht als eine—— Erinnerung.“ „Ihro Gnaden haben Ihre eigene Philoſophie.“ ußer⸗„Vielleicht! doch dieſe ganze Abhandlung hätten erfun⸗ wir uns recht gut erſparen können; denn Edith's un⸗ cht zu paſſender Hochmuth hat dem armen Helmer einen Platz ractirt angewieſen, der hinlänglich zeigt, daß ſie ihn nicht ein⸗ t ein⸗ mal im Geſellſchaftsleben als Ihresgleichen erkennen will.“ n, ſo„Und Ihro Gnaden glauben...“ „Nichts mehr! Und um Ihnen deutlich zu zeigen, achte wie ungereimt ich dieſe Beſchuldigung finde, für welche ihrem Sdie nicht den geringſten Beweis haben, will ich in dem Falle, daß Edith wirklich reist, ihr Helmer zum Kutſcher o wie vorſchlagen.“ und„Oh, Ihro Gnaden! Ihro Gnaden!“ kein Die Stimme der Gouvernante zitterte. Was hatte ſie jetzt von ihrem erſten Manöver?“ iſt?“ Nichts weiter, als daß die Hofräthin ſie klar durch⸗ liches ſchaut hatte und im Geheimen über die Thorheiten lächelte, zu denen die Eiferſucht verleiten kann. Dlchen ) den e da In demſelben Augenblicke trat Edith mit einer o ge⸗ Schachtel voll franzöſiſcher Blumen in der Hand herein. und 3 Mit einem zur Hälfte gezwungenen, zur Hälfte daß ſcherzhaften Tone ſagte ſie: ndes,„Lache mich aus, liebe Mutter! Ich komme, um Dich über meinen Putz um Rath zu fragen. Soll ich 186 die Camelien nehmen, oder dieſen prachtvollen Halbkranz? — vielleicht iſt er doch beinahe zu glänzend?“ „Du fährſt alſo trotz Deiner Weigerung?“ „Ich habe es nicht ausgeſchlagen, denn...“ „Denn?“ „Ich hatte mich beſonnen.“ „Nun, ich bin Deiner Einfälle allzu gewohnt, meine liebe Edith, als daß ich mich ſehr wundern ſollte! Ich will den Landauer anſpannen laſſen, und da auch der Bruks⸗ verwalter hinreist, ſo braucht er keinen eigenen Wagen zu nehmen. Er kann ja das Vertrauensamt erhalten, Dich zu fahren.“ Ein paar ſehr natürliche Falten verdüſterten Edith's ſchöne Stirn, und man konnte kaum etwas Uebelgelaun⸗ teres ſehen, als ihre Miene, da ſie antwortete: „Liebe Mutter, wenn zum Beiſpiel von dem Grafen Hermann die Rede geweſen wäre— vorausgeſetzt, daß er es annehmen wollte— ſo könnte dieſes Project ein Vertrauensamt genannt werden; aber ich fürchte, gegen Herrn Helmer waͤre es nicht artig: bedenke, den Kutſcher mit dem Bruksverwalter zu remplaciren!“ Die Hofräthin warf einen herausfordernden Blick auf Mamſell Octavie. 3 Dieſe ſah hinweg, um ihr tiefes Erröthen zu ver⸗ ergen.. Und ſo wie die Hofräthin es beſchloſſen hatte, ſo geſchah es. Denn ehe Edith noch etwas Weiteres ein⸗ wenden konnte, hatte ihre Mutter mit den Worten: „oh, er wird ſchon verſtehen, daß es eine Artigkeit iſt!“ das Fenſter geöffnet, Helmern, der eben über den Hof ging, gewinkt und die Sache auf eine eben ſo artige als kluge Weiſe abgemacht. Die Hofraͤthin wollte ſich den Bruksverwalter ſehr gerne verbinden............ In einer Toilette, welche den Glanz ihrer vollen weiblichen Blüthe im höchſten Grade erhöhte, kam Edith gleich nach dem Mittageſſen herab, um Abſchied zu nehmen. wun gerö einer Auf weich hera Gra ſie! ſeine lich trat höhe ihren „wir ken, beſſer ſo la weni nun, verſch im ihm 32 187 Graf Hermann betrachtete ſie mit ſtummer Be⸗ wunderung. Niemals hatte ein wärmerer Purpur ihre Wangen geröthet, niemals hatten ihre großen, hellbraunen Augen einen größeren und zugleich milderen Glanz gehabt. Auf der weißen Stirn theilte ſich das ſchöne, ſeiden⸗ weiche Haar und fiel in mehreren Locken auf den Hals herab, deren Form und glänzend weiße Farbe den armen Grafen in gleichem Grade blendete. Edith aber bemerkte dieſe Bewunderung gar nicht, ſie hörte nicht den unterdrückten Seufzer, welcher ſich ſeiner Bruſt entwand, als ſie, anſtatt ihm, wie gewöhn⸗ lich einige liebliche Worte zu ſagen, an den Spiegel trat und ganz ungenirt den eleganten Kranz ein wenig höher auf die Flechte ſchob. Einige Minuten darauf war ſie verſchwunden. „Mein lieber Graf!“ ſagte die Hofräthin, indem ſie ihren Arm vertraulich auf die Schulter des Gaſtes legte, „wir wollen gemeinſchaftlich irgend eine Reform erden⸗ ken, welche die kleinen Zerſtreutheiten der jungen Damen beſſern kann. Doch Gott ſei mir gnädig! ich fürchte, ſo lange die Welt ſteht, ſind die Mädchen immer ein wenig zerſtreut, wenn ſie in Geſellſchaft gehen. Nun, nun, ſie werden um ſo klüger als Gattinnen!“ „Werden Sie das?“ fragte der Graf mit einem verſchämten Blick durch das Fenſter. „Natürlich!“ Der Graf hörte die Antwort nicht— Sdith hatte im Wagen mit einem freundlichen, warmen Blicke zu ihm heraufgeſehen. 8 188 Dreiundzwanzigſtes Capitel. Die Taufe. „Befehlen Sie ſchnell oder langſam zu fahren, mein Fräulein? die Wege ſtäuben noch ſo ziemlich!“ ſagte Helmer, indem er ſich umwendete und in den Wagen blickte, der eben jetzt die Allee verließ. „Wenn es die Zeit irgend zuläßt, ſo muß ich be⸗ kennen, daß ich ein wenig beſorgt bin wegen meines Putzes.“ Edith ſagte dieſes in einem Tone, welcher ihr ſelbſt vielleicht unbewußt die Eigenſchaft hatte, anzuzeigen— daßdie große Schranke fiel. Helmer ſah ſie an; es war ein ſchneller, aber tiefer Blick, halb ein Lächeln, halb ein Schauder. Darauf warf er die Augen auf ſeine Uhr und er⸗ klärte, daß keine Eile von Nöthen wäre. „Um ſo beſſer!“ erwiederte Edith. Mehr vermochte ſie nicht zu ſagen, denn Helmer's Blick hüllte gleichſam eine Wolke um ihre Seele. Sie empfand einen ſtechenden Schmerz. Sie hätte Alles geben wollen, um dieſen Blick noch einmal, aber lang⸗ ſam, ſehen zu können, damit ſie Zeit hätte, dasjenige zu deuten, was jetzt eine brennende Unruhe Finterließ. Doch die Augenblicke vergingen. Helmer's Auf⸗ merkſamkeit ſchien nur auf die Zäume gerichtet zu ſein. „Wie befindet ſich unſer kleiner Jockey an ſeinem Platze?“ fragte ſie endlich. fent gr iſt nicht zu ſehen, doch hoffe ich, er wird ſich eſthalten.“ „Behüte uns Gott vor andern Dingen! Ich habe die Schwäche, mit den Launen der Könige in der Vor⸗ zeit zu ſympathiſtren; Sie wiſſen wohl, Herr Helmer, daß die Großen der Erde in alten Tagen den Zwerg über die ganze Hofbedienung ſetzten; das thue ich auch, und ſo oft ich den Primus bekommen kann, ſo erhält — Lund mir höhe vern, tigen der n hang 3 „ chn des 2 Berg Liebh halb vom wenig ſich di ſeinen hätte. Helme / denn eine 9 um ſe reizen, nahme Däum 5 „ uf Dir m 0 772 lein gl er ſein Einbru tuch un nein agte igen be⸗ ines elbſt efer — 189 Lundin, ſelbſt wenn er in der neuen Livree brillirt, von mir Dienſtfreiheit. Dieſes ſagte Edith, während der Wagen eine An⸗ höhe hinabrollte. Ehe aber Helmer antworten konnte, vernahm man eine andere Antwort, nämlich einen hef⸗ tigen Schrei hinter ihnen. Faſt in demſelben Augenblicke hielt der Wagen an der nun erreichten Krümmung des Weges, wo der Ab⸗ hang endigte. „ECi, ei, mein Jockey!“ rief Edith ganz ängſtlich— „ſchnell, Jonsſon! eile!“ Der lange Kutſcher— der verhaßte Nebenbuhler des Primus— machte einige Lunkentus⸗Springe den Berg hinauf und kam gleich darauf mit dem zappelnden Liebhaber auf dem Arme zurück. Zwar war Primus ein wenig wirr im Kopfe, ja halb bewußtlos und an mehreren Stellen ſeines Leibes vom den heftigen Fall übel mitgenommen; nichts deſto weniger wäre er jedoch lieber gekrochen, als daß er ſich dieſer für ſeine Würde ſo ſchrecklichen Kränkung, von ſeinem Todfeinde getragen zu werden, unterworfen ätte. „Nun, wie ſteht's mit Dir, mein Junge?“ fragte Helmer freundlich.„Nichts Ernſthaftes— oder wie?“ „Ernſthaftes!“ knirſchte der in Wuth verſetzte Zwerg; denn es machte Jonsſon Spaß, ihn noch immer wie eine Puppe Ruf dem Arm zu behalten, indem er ihn, um ſeinen wohlbekannten Nebenbuhler noch mehr zu reizen, immerwährend ſtreichelte und mit deutlicher Theil⸗ nahme ſeufzte:„Armes Ding— mein armer kleiner Däumling! daß er ſich ſo übel ſtoßen mußte!“ „Aber, mein guter Primus! was ſoll ich nun mit Dir machen?“ fragte Edith bekümmert. „Ich bin nicht ſo ganz todt, wie das gnädige Fräu⸗ lein glaubt!“ entgegnete Primus; und um zu zeigen, daß er ſeine Kräfte wieder erhielt, begann er hurtig einen Einbruch zu machen zwiſchen Jonsſon's Hals und Hals⸗ tuch und ſeine zehn flüchtigen Finger ſo gründlich in 190 dem reſpectablen Hals des Kutſchers zu begraben daß dieſer ihn ſchnell von ſich zu Boden ſchleuderte mit einem:„Aha, Du kleiner Satan! ich glaube gar, Du willſt mich erdroſſeln!“ Als Primus ſich ſtolz wieder erheben wollte, ſo ſah man, daß es ihm außerordentlich ſchwer wurde, ſeine Perſon aufrecht zu erhalten. „Ich muß ihn in den Wagen nehmen,“ ſagte Seüth „Nein, Fräulein, um Alles in der Welt nicht!— Ich bin nicht im Stande rücklings zu fahren, da werde d0 ganz wirr in der Mütze!“ „Wäre es da nicht vielleicht das Beſte, wenn Sie, Herr Helmer, den von Primus verſchmähten Platz ein⸗ nehmen?“ Helmer ſchien ſich einen Augenblick zu beſinnen; doch auch nur einen. Darauf antwortete er ſcherzend:„Nein, mein Fräu⸗ lein, ich wage es nicht auf mein Gewiſſen zu nehmen, Ihre Geduld ſo ſehr auf die Probe zu ſetzen; das konnte ich ein anderes Mal entgelten müſſen. Ich weiß etwas Angemeſſeneres: Primus ſoll hier neben mir ſitzen, und Jonsſon kann ſeinen Platz einnehmen.“ Und dieſe Anordnung wurde getroffen zur größien Freude des Primus, welcher nicht wenig ſtolz ſeinen hohen Platz einnahm und ganz vornehm daſaß und die kleinen Füße baumeln ließ, während er mit Verachtung zuſah, wie Jonsſon mit geheimem Verdruſſe hinten auf⸗ ſteigen mußte. Mit tiefer, ärgerlicher, faſt erſtickender Bewegung ſagte Edith zu ſich ſelbſt: „Welch ein Klotz!... Doch, das wußte ich ja ſchon! Dieſer Menſch hat, keine Seele, keinen Geiſt, keine Bildung, nicht einmal den allergeringſten Schwung; er hat nichts außer dieſer Schönheit, welche abgeſchmackt, in wirklich ekelhaft wird, weil ſie ohne Leben iſt dieſe plötzliche Ver⸗ „wie ſehr verachte ich ihn!“ Aber es war eine Ehrenſache, △ änderung während des Reſtes der Reiſe nicht merken zu laffen. 3 Als Helmer ſich daher wieder zu ihr umwendete, ſo wurde er mit einem Lächeln belohnt, welches eine hin⸗ längliche Aufmunterung hätte ſein müſſen, wenn er nämlich im Stande geweſen wäre, unterhaltend u ſein. 1 Jetzt aber ging es ganz ſchief mit allen Verſuchen, die Helmer machte. Er begann mit vielen Gegenſtänden, immer aber war in Edith's Augen, Miene oder Kopfbewegung etwas, das ihn zwang, abzubrechen. Helmer war jedoch kein blöder Mann, kein Neu⸗ ling, kein Klotz. Zwar hatte er, mit Ausnahme jenes Nachmittages, da Graf Hermann der Gegenſtand ihres Geſpräches war, ſich vor Edith nicht offen und vertraulich gezeigt und er jedoch den rechten Ton nicht treffen. Wer hat aber „Gott ſei Lob und Dank!“ ſagte Edith, indem ſie ſich zwang zu gähnen,„ich glaube, wir ſind bald da.“ „Vielleicht friert Sie, Fräulein? Die Luft iſt neblig.“ . 9„Ich finde ſie nur ſchwül... gewiß aber friert Sie, err 192 „O, aus bloßer Sympathie— es iſt ja ſo viele Sympathie zwiſchen uns!“ „Davon habe ich nichts bemerkt!“ entgegnete Hel⸗ mer, der bei dieſem kleinen Kriege wieder zu ſich ſelbſt zu kommen anfing.„Ueberdieß, mein Fräulein, be⸗ klagten Sie ſich über die Hitze.“ „That ich das? Das habe ich ſchon vergeſſen— man iſt nicht im Stande, an Alles zu denken.“ „Aber, mein Fräulein, ſollten Sie wohl nicht an Ihren eleganten Haarputz denken? Ich verſichere, daß dieſer bedeutend leidet, wenn Sie den Kopf ſo gegen die Wagenkiſſen werfen!“ „Herr Helmer! Haben Sie den Jean Paul geleſen? haben Sie einen Cholerakranken geſehen? haben Sie Mhabtme Taglioni bewundert? ſind Sie zu Medevi*) eweſen?“ 8 Weiter aber kam Edith nicht mit ihren kindiſchen Einfällen, denn Helmer's erſtaunter Blick hinderte ſie. „Nun ja!“ rief ſie mit erzwungener Lache aus: „„friert Sie nicht, Fräulein? beklagten Sie ſich nicht über die Hitze? ſollten Sie nicht an Ihren eleganten Haarputz denken?... Sehen Sie denn nicht, daß ich weder friere, noch ſchwitze, ſondern daß ich ganz einfach hu Begrif bin, vor Müdigkeit und Schläfrigkeit zu erben?“ Ohne ein Wort zu erwiedern, gab Helmer den Pferden einen Klatſch, der ſie in ſchnellern Trab ver⸗ ſetzte, und dieſer Trab hörte erſt auf, da der Wagen vor dem Hauptgebäude von Ramswik, dem Gute des Ba⸗ rons G., ſtill hielt. 4 Nach einer nothwendigen Ueberſicht der wirklich etwas übel mitgenommenen Toilette trat Edith wieder ruhig *) Ein Badeort in Oeſtergöthland. b Anmerk, des Ueberſ. o viele te Hel⸗