4 2 ½ * * 8 2— 1 Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und rfransb öſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Oießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. VLeih- und Jeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Veerth deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für uschentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —,—,———— auf 1 Monat: 4 der— iſ. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Abſchnitt II Abſchnitt III. Abſchnitt IV. Abſchnitt V Inhalt des erſten Theils. * —2 — — 8 ☛ — — — —2 — = — AÄ————)——— ESͤSͤ=ASSͤ= SS= BA In Walujews Hauſe hatte ſich äußerlich nichts ver⸗ andert, ſeine Bewohner waren dieſelben, wie einen Monat früher, ehe Praskowa als Dienerin der Czarenbraut erwählt worden war. Walujew wies ſich nur ſchweigſamer als damals, ſein ernſtes Geſicht ſchien die Fähigkeit, ſich zu einem Lächeln zu verziehen, verlernt zu haben, dagegen hatte der Mann an Frömmigkeit gewonnen, denn die Seinen überraſchten ihn oft vor dem kleinen Hausaltar betend auf den Knieen liegen; aber Segen brachte ihm dieſes inbrünſtige Beten doch nicht, es mußte finſter in des Mannes Herz ausſehen, wie ſein Blick finſter und faſt ſchen unter den dichten Brauen hervorſchaute. Ephim war noch ganz derſelbe, das ſanfte gute Gemüth, die ſtille anſpruchsloſe Heiterkeit; an ihm war nichts verwandelt, im Gegentheil ſchien er viel glücklicher ſich zu fühlen als früher. Man konnte von ihm behaupten, er ſei der kindlich heiterſte Shiwopiſſetz(Heiligenbilderma⸗ ler) in ganz Moskau. Seine Bilder wuchſen ihm unter der 1861. 22. Eine lat. Czarin. II. 1 2 fleißigen Hand ſchnell zur Vollendung und obwohl ſeine Malerei nur auf der unterſten Stufe der Kunſt ſtand, ſo war er doch voll jenes beſeligenden Aufſchwungs, wie ihn große berüͤhmte Künſtler ihren eigenen von Allen bewunder⸗ ten Gebilden gegenüber empfinden und ſich zu neuen Schöpfungen erheben und begeiſtert fühl len. Es war ein Gluͤck für ihn, daß er ſeine Bilder ſo ſehr liebte, denn von ihnen aus ging wahrhafter Zauber auf ihn über. Sie veredelten ihren Schöpfer und breiteten über ſein einfaches Gemüth die ſchöne ruhige Klarheit eines kindlichen von keinen trübenden Leidenſchaften geſtörten Weſens. Zu dieſer glücklichen Stimmung trug Praskowa's Gegenwart im väterlichen Hauſe nicht wenig bei. Er hatte durch ihre Abweſenheit erſt fühlen gelernt, wie ſehr er ſie liebe. Früher, wo voch keine Trennung zwiſchen ihr und ihm ſtattgefunden, war er ſich dieſer geſteigerten Empfindung gar nicht klar bewußt gewe ſen, weil ihm da⸗ mals die Erfahrung noch fremd war, Entbehrung eines gewöhnten Gluͤ uckes uns erſt deſſen wahren Werth er⸗ kennen läßt. Jetzt wußte er es, wie innig ſein Herz an ihr hing. Freilich war mit Praskowa eine große Veränderung vorgegangen. Sie war nicht mehr das unbefangene Mäd⸗ chen wie früher, das unbelaſtet von jeglichem Kummer heiter in's Leben ſchaute, glücklich in der kleinen Welt, in der es aufgewachſen und wo es zu Allem gehöͤrte wie ein ———— 1 4 3 unmittelbar hineinverwebtes Eigenthum, wie Alles zu ihm; es war ihr Vieles im Vaterhauſe fremd geworden, als wäre ſie jahrelang ſern geweſen und doch war es nur eine Abweſenheit von wenigen Wochen. Wie Blumen ihre Farbenpracht verändern und ihr ausſtrömendes Aroma ſchwächer wird oder ſich ganz verliert, wenn ſie in fremde Erde, unter fremden Himmel verſetzt werden, ſo auch drückt der Wechſel des Kreiſes, in den das Geſchick den Men⸗ ſchen drängt, in ſeinem veränderten Fühlen und Denken ſich aus. Praskowa vermißte im Vaterhauſe ſo Manches, woran ſie ſich in der kurzen Zeit ihres Aufenthalts im Kreml ſchnell gewöhnt, weil es wie ein Wohllaut zu ihrem leicht empfänglichen Herzen geſprochen hatte. Ihr ſehlten zwei Weſen, zu denen ſie ſich unwillkürlich gezogen ge⸗ fühlt: die Czarin Marina und der ſchöne Julian Gol⸗ ezewski. Deshalb laſtete es wie ſchweres Weh auf ihrem Herzen, über Beider Schickſal eben ſo viel wie gar nichts zu wiſſen. Nur, daß Marina im Krem!l als Gefangene gehalten werde, hatte ſie erfahren, von Julian Golczewski aber keine Silbe. War er als Opfer des mordluſtigen Volkes gefallen im Kampfe, oder hatte er ſein Leben retten koͤnnen? Dieſe Frage, auf welche ſie ſich keine Antwort zu geben ver⸗ mochte, betrübte ſie tief und doch mußte ſie dieſe Betrüb⸗ niß ſorgſam geheim halten, der Vater durfte ſie nicht ein⸗ mal ahnen, ſein gegen die Lateiner von Haß erfülltes Herz . 1* kannte keine Milde. Praskowa fühlte vor ihm jene Ab⸗ neigung, welche ein Schrecken erregender Gegenſtand dem Gemüthe einflößt. Von Ephim hatte ſie nichts zu ſürchten, er war gut und keines Verrathes an ihr fähig, das wußte ſie; aber eben dies Bewußtſein ſchlug ſie auch mit Kummer. Sie ſah es, wie glücklich in der Liebe zu ihr er ſich fühlte, wie er in ſeiner ſtillen herzlichen Weiſe Alles that, was, wie er glaubte, ihr Freude bereiten konnte und deshalb drückte ſie der Vorwurf um ſo mehr, ihn täuſchen zu müſſen. Ach, wie wenig Aehnlichkeit bot ſein Erſcheinen mit dem ſchö⸗ nen Bilde Julians! Ephims baumlange Geſtalt ohne alle kräftige Haltung erſchreckte ihr Auge, wenn ſie an Julian dachte. Sein Geſicht erſchien ihr ausdruckslos gegen das Jenes, aus deſſen Blicken Muth und Lebensluſt blitzte. Sie hätte gern dieſe äußeren Vorzüge des jungen polni⸗ ſchen Cavaliers vergeſſen, aber ſie waren zu feſt ihrer Erinnerung eingeprägt und die ſchwungreiche Phantaſie des jungen Mädchens lieh ihnen immer friſche Farben. Schuldbewußt fühlte ſich Praskowa in Ephims Nähe. So gut auch Nataͤſcha war, ſo fehlte ihr doch Alles, um nur annähernd ein größeres Vertrauen von des Mädchens Seite zu rechtfertigen. Nataſcha kannte Nichts, was über ihre ſehr beſchränkte und tief untergeordnete Sphäre im Hausweſen hinausreichte; der Ilia, ihres Vaters Diener, war es allein, der jetzt, wo Praskowa ſo viel Kummer 4 5 verſchleiert im Herzen trug, ſich ihr als ein wahrer, erge⸗ bener und nützlicher Freund zeigte. Der alte treue Burſche nahm in weitausgedehnteſter Beziehung des Wortes die Stellung eines für Alles auf⸗ merkſamen Haushundes in Walu jews Hausweſen ein. Er würde für ſeinen Herrn, deſſen Tochter und Ephim, deren künftigen Gatten, durch's Feuer gelaufen ſein, darin beſtand ſeine Tugend, die er durch eine jederzeit außerge⸗ wöhnliche Eßluſt zu unterſtützen verſtand. Praskowa hatte ihn bisher wenig beachtet, ſeine Stellung hielt ihn zu ſehr von ihr entfernt, als daß ſie jemals hätte glauben können, der gute Eſſer ſei für zartere Angelegenheiten als für die niederen Hausdienſte zu verwenden, indeß das Unvermu⸗ thete drängte ſich ihr bald als eine willkommene Ueber⸗ zeugung auf. Ilia war die lebendige Zeitung in Walujews Hauſe und wenn auch die über die kleinen Ereigniſſe in der Nachbarſchaft von ihm eingezogenen Nachrichten ſehr oft der Begründung entbehrten, weil er ſie in der Regel aus trüber Quelle, nämlich vom Hörenſagen, ſchöpfte, ſo berei⸗ tete er doch mit der Wiedererzählung von dergleichen nur für die mit den Umſtänden bekannteren Perſonen Intereſſe habenden Dingen ſeiner guten und ſeine ſtets rege Eßluſt protegirende Freundin Nataͤſcha ungemein großes Ver⸗ gnügen damit. Sie erfuhr mit vieler Selbſtbefriedigung von ihm, wie bei dem reichen Kaufmann Iwan Iwantſch, 6 welcher für Kitai⸗Gorod, dem Kaufmannsviertel, ein be⸗ wunderter Matador war, Haus gehalten und die Küche beſtellt werde, für eine ſorgſame Wirthſchafterin wie Na⸗ taͤſcha gewiß eine hoͤchſt erquickliche Kenntniß.. wie Saſchinka Michai tſch, die nach dem Tode ihres Mannes mit erſtaunenswerther Energie deſſen Silbergeſchäft fort⸗ ſetzte und eine der glänzendſten Buden in den Rjädi beſaß, ihr Haus verwalte, was bei einer Menge von Arbeitern, die dazu gehörten, gar nicht ſo leicht war. Ilia wußte genau zu ſagen, wie viel Hochzeitskronen*) und zuweilen auch ſogar für wen ſie bei Saſchinka Michailtſch(die in dieſem nationalen Artikel einen beſondern Ruf ſich er⸗ worben hatte) beſtellt worden waren, welche Kenntniß für Nataͤſcha als eine höchſt anziehende Erfahrung galt, denn ſie rechnete feſt darauf, daß Papinka(Papachen) Walujew die Hochzeitskrone für ſeine Praskowa nicht ohne ihre(Nataͤſcha's) Zuſtimmung und vorheriger Be⸗ *) Die Hochzeitskronen ſpielen ſeit uralter Zeit in Rußland eine große Rolle, ſie werden dem Brautpaare in der Kirche aufgeſetzt. Es ſind die wunderlichſten Kronen, die man ſehen kann und beſtehen aus vielen ſilbernen Blättern, Halmen, Aehren, Blumen u. ſ. w., in welches Geflecht man noch Sternchen aus Goldblech, Perlen, geſchliffene Kryſtalle, Edelſteine, gemachte Blumen und viele andere Dinge hineinhängt. 7 rathung mit ihr über dieſen wichtigen Gegenſtand bei Sa⸗ ſchinka Michailtſch beſtellen, und ihr Geſchmack dabei ein entſcheidender ſein werde. Jermolai's, des größten Wachs⸗ kerzenhändlers von ganz Moskau umfangreiche Bude am wothen Platze ſollte zu der bevorſtehenden Hochzeit Pras⸗ lowa's die ſchönſten vergoldeten Kerzen liefern; Ilia war genau mit einem der vielen Diener diefes reichen Wachs⸗ kerzenfabrikanten bekannt und erzählte Fabelhaftes von den ungeheuren Geſchäften dieſes wächſernen Handels⸗ mannes, der von dem emſigen Fleiße der ukrainiſchen Bie⸗ nen ſo fett geworden. Was in Katai⸗Gorod halbwegs nur einen Anſpruch auf Intereſſe hatte, trug Ilia redlich ſeiner Freundin Na⸗ taͤſa zu, um ſie gleichſam für den Vorſchub, den ſie ſeintm guten Appetite leiſtete, zu entſchädigen. Daß auch Ilia im Kreml Bekanntſchaft habe, erfuhr Pras⸗ kowa zufällig. Ilia's Bruder Petruſchka war von dem nunmihrigen Czaren Baſil Schuiski zum Aufſeher über die geangen gehaltene Gemahlin des ermordeten Czaren Demetrius beſtellt worden. Ilia erzählte dies mit allem Aufward von Stolz auf einen Bruder, den ein ſo wich⸗ tiges und mit ſchwerer Verantwortlichkeit verbundenes Amt zu bekleiden man für fähig erkannt hatte.„Was aus einen Kutſcher Alles werden kann!“ ſagte er... „aber freilich, er hat ſeinen gnädigen Herrn mit ſolcher Zufriedenteit deſſelben gefahren, daß dieſer ihn jetzt, wo 8 er unſer allergnädigſter Czar geworden, gar nicht an⸗ ders hat belohnen können. Ich ſehe es kommen, daß Pe⸗ truſchka, von dem man früher glaubte, er verſtände ſich nur darauf, ein Geſpann zu lenken, noch dereinſt im Bo⸗ jarenrathe Sitz und Stimme erhalten wird.“ Auf dieſe ihr gewordene Kenntniß baute Praskowa einen Plan, zu dem ihr Herz ſie drängte.„Ilia,“ fragte ſie gelegentlich den treuen Burſchen...„haſt Du mich, Deines Herrn Tochter, lieb?“ „Ich will mein Lebtag keinen Schtſchi(Kohlſuppe) mehr eſſen und der Teufel ſoll mich holen, wenn ich je⸗ mals nur eine Krume von Nataſchas Pirogen(Paſtet⸗ chen) oder Blinni anrühre!“ betheuerte Ilia und in ſei⸗ nem Munde und bei ſeiner unermüdlichen Eßluſt war das ein Schwur, der mehr in's Gewicht fiel, als wenn der orthodoxeſte Rechtgläubige alle Heiligen angerufen hitte. Praskowa ſagte ihm, wie er ihr den größten Dienſt erweiſe, für den ſie ihm lebenslänglich dankbar ſein wolle, wenn er ihr durch ſeinen Bruder Petruſchka die Moglich⸗ keit verſchaffe, ihre jetzt ſo unglückliche Herrin Narina ſehen und tröſten zu können. Ilia meinte, das ſei ein Wageſtück, von dem er ſich wenig Erfolg verſpreche, denn Petruſchka würde ſich wohl ſchwerlich dazu verſte⸗ hen, indeß er wolle es verſuchen, wenn ihm Nraskowa das Mittel der Ueberredung bei ſeinem Bruder, der ein großer Liebhaber von gebrannten Waſſern ſei, ge⸗ 9 währen wolle. Der Branntwein, damals ſchon ſehr ge⸗ liebt von den Ruſſen, gehörte jedoch noch nicht zu den ganz wohlfeilen Getränken, die ſich Jeder verſchaffen konnte, wenn er Appetit dazu verſpürte, und darum konnte ein Geſchenk von einigen Krügen Wodka(Wäſſerchen) wohl das pflichtgetreue Gewiſſen eines ehemaligen Kutſchers verführen und Ilia brachte einige Tage ſpäter die höchſt günſtige Nachricht, daß Petruſchka in Rückſicht auf ihr gutes Herz und weil er ſelbſt mit ſeiner Gefangenen, obgleich ſie eine Lateinerin ſei, großes Mitleid empfinde, ihr ſeinen Beiſtand zuſichere. Praskowa's Freude war außerordentlich, ſie konnte kaum die Stunde erwarten, in der ſie wie täglich am näch⸗ ſten Tage zur Meſſe in die am rothen Platze gelegene Kirche ging. Dort harrte Ilia ihrer und eilte mit ihr nach dem Kreml. Dem Mädchen bebte das Herz vor Schmerz beim Anblicke des verwüſteten Palaſtes, in welchem noch vor wenigen Wochen ihre Gebieterin und deren Gemahl um⸗ geben von Glanz und Pracht gewohnt hatten. Hohläugig wie ein Geſpenſt ſtand das ſtolze Gebäude da; die aus⸗ geſchlagenen Fenſter deuteten die Vernichtung an, die über daſſelbe ergangen war. Jetzt hielten keine in Sam⸗ met und Seide gekleideten deutſchen Hellebardierer mehr Wache an deſſen Portale, Verödung und Schweigen wohnten in demſelben. Zitternd von dem Weh dieſes Anblickes folgte Praskowa ihrem Führer in den Hof, die 10 große Freitreppe war noch mit Blutſpuren von dem hier ſtattgefundenen Kampfe getränkt. Alles war ſtill und un⸗ heimlich ringsum. Ueber eine Wendeltreppe gelangten ſie zu der Amtswohnung Petruſchka's, neben der ein Gemach zur Wachtſtube für eine kleine Anzahl Strelitzen diente. Petruſchka hatte ſich an dem reichlichen Geſchenke Praskowa's ungemein ergötzt und als Zeichen ſeiner Er⸗ kenntlichkeit ſein Staatsgewand, das er als Kutſcher ge⸗ tragen, und das ihm, der kräftigen Mannsgeſtalt, unge⸗ mein wohl ließ, was er auch zu wiſſen ſchien und mit einer Art von Nobleſſe kund gab, zu ihrem Empfange angelegt. Sein blauer feintuchener Kaftan, von drei ſil⸗ bernen Knöpfen unter dem linken Arme und einem bunt⸗ ſeidenen Gürtel um die Mitte des Leibes feſtgeſchloſſen und eng anliegend, fiel in reichen langen Falten ihm bis zu den Füßen herab. Die hohe vierkantige mit koſtbaren Thierfellen beſetzte Mütze deckte ſeinen bedeutend großen Kopf, deſſen brandrothes Geſicht von einem langen bu⸗ ſchigen Bart eingerahmt war. Das kragenloſe Gewand ließ den Nacken frei, der überaus fleiſchig und breit etwas Stierähnliches hatte, da Petruſchka den Kopf nach vorn geneigt trug. „Es ſoll nicht ſein, daß irgend Jemand mit meiner Gefangenen ſpricht; aber... die Heiligen mögen mir's vergeben!... ich bin ein zu gutes Herz, kann Niemand etwas abſchlagen,“ ſagte Petruſchka.„Ich denke in 11 meiner unverzeihlichen Gutmüthigkeit, wenn Alles wäre, wie es ſein ſollte, hätten wir in unſerm guten heiligen Rußland niemals nöthig, den guten Spruch„Kak ni Budg(So oder ſo) anzuwenden und wir würden um ein rechtſchaffenes und ſehr vernünftiges Wort ärmer ſein. Kann ein guter Ruſſe dergleichen wünſchen? darum halte ich viel auf's„Kak ni Budg.“ Gott ſei bei uns! Jeder muß etwas für's Vaterland thun.“ Nachdem der würdige Petruſchka ſolchergeſtalt ſich in den Augen Praskowa's, die ſeine Gewiſſenhaftigkeit zu unerlaubter Ausſchreitung verführt hatte, vollkom⸗ men gerechtfertigt glaubte, führte er ſie zu dem Gemache, welches der ſo unerwartet aus den Himmeln ihrer Hoheit geſtürzten Czarin zum Gewahrſam diente.„In einer halben Stunde hole ich Dich wieder ab,“ flüſterte er Praskowa zu, nachdem er ihr die mit Schlöſſern wohl⸗ verwahrte Thüre öffnete. „Praskowa!“ Mit dieſem Rufe, der zugleich Freude und Erſtau⸗ nen ausdrückte, begrüßte Marina die Genannte, die vom Schreck, ihre frühere Herrin in einer Umgebung zu ſehen, die ſo wenig mit deren Hoheit harmonirte, in Thränen ausbrach. Es war ein enges Zimmer, deſ⸗ ſen vier kahle Wände an vielen Stellen ſelbſt von dem Abputz entkleidet ſich wieſen. In einer Mauervertiefung befand ſich das ärmliche Lager der Beſitzerin, von ein 12 paar Wolldecken überbreitet. Ein Schemel und ein ro⸗ her Tiſch vollendeten die ganze Ausſtattung dieſes Ge⸗ fängniſſes, deſſen einziges halb erblindetes kleines Fen⸗ ſter mit dem Rahmen an die Decke anſchloß und demnach G der Gefangenen auch nicht einmal die Möglichkeit geſtat⸗ tete, hinauszuſehen. Das durch dies Oberlicht erhellte Gemach ſchien ehedem zur Rumpelkammer gedient zu ha⸗ ben. Wenn ein ſolcher jeder Annehmlichkeit entbehrende Aufenthalt eine bittere Demüthigung für Marina ſein mußte, ſo zeigte ſie ſelbſt in ihrem Aeußeren, welche entſetzliche Verwandlung in ihrem Geſchick vorgegangen. Man hatte ihr nichts gelaſſen, als ihren Schlafmantel, alles Uebrige war ein Raub des Pöbels geworden, der die von ihr bewohnten Zimmer gänzlich verwüſtete. Die Schlauheit Baſil Schuiski's hatte den Aus⸗ bruch des Aufſtandes klug bis nach der Vermählung des zum Blutopfer auserkorenen Demetrius mit Marina zu verſchieben gewußt, um ſomit die koſtbaren Juwelen, welche der Czar ſeiner Braut nach Polen zum Geſchenk geſchickt hatte und mit denen ſie, wie wohl zu erwarten war, ſich bei den Hochzeitsfeſten ſchmücken werde, wie⸗ der nach Rußland übergeſiedelt zu wiſſen. Dies Calcül hatte ſich als eine ſehr kluge Vorausſetzung bewährt. Mit 4 den reichen Geſchenken des Demetrius, welche in den Staatsſchatz als zu dieſem urſprünglich gehörend, nun zu⸗ rückgekommen, waren aber auch Marina's eigene Ge⸗ 13 ſchmeide mitgenommen worden. Ein förmlicher Raub al⸗ ler ihrer Habe war an ihr geſchehen, ſo daß ſie nun als eine tief Verarmte vor Praskowa ſtand, die ihr zu Füßen kniend ihre Hand mit Kuſſen und Thränen bedeckte. „Stehe auf, Kind,“ befahl Marina...„ſtehe auf. In dieſem Lande muß man keine Thränen der Liebe wei⸗ nen, es ſind nur verlorene Perlen. Darum ſiehſt Du mich auch ruhig und gefaßt. Wir ſind Thoren, wenn wir unſere eigene Kraft beugen durch ein Beklagen deſſen, das zu ändern uns die Mittel fehlen.“ „O meine gute gnädigſte Herrin, was würdeſt Du von meinem Herzen denken, wenn ich keine Thränen für Dein Unglück hätte!“ rief Praskowa. „Ja Du biſt gut, Kind. Der Himmel hat in dieſem Lande, das mir und den Meinigen zum Fluch geworden i*ſt, auch guten Saamen ausgeſtreut,“ ſagte Marina be⸗ wegt.„Ich danke Dir für deine Liebe. Siehe, ſo arm hat man mich gemacht, daß ich blos ſagen kann: ich danke Dir! Weiter iſt mir nichts geblieben von aller Macht und Hoheit.“ „Ich verlange ja keinen Dank,“ entgegnete Prasko⸗ wa.„Es iſt füͤr mich eine Wohlthat, Dich wieder zu ſehen, um die ich ſo vielen Kummer empfunden habe. Gewiß, gütige gnädigſte Herrin, Du biſt noch nicht arm, Du weißt immer noch ein Herz, das Dich liebt, nicht wegen Deiner Freigebigkeit in Geſchenken, ſondern um Deiner 14 ſelbſt willen... es iſt das meine. Würde ich denn ſonſt hergekommen ſein?“ Marina küßte ſie auf die Stirne.„Du ſollſt ſehen, Kind, daß ich ſolch ein Herz wie das Deine, durch Ver⸗ trauen zu würdigen weiß. Siehe, daß ich jetzt über mein Schickſal ruhig bin, hat ſeine Urſachen,“ ſprach ſie.„Ich will mich nicht ſchämen, zu bekennen, daß ich in den er⸗ ſten Tagen meines Aufenthaltes hier viele Thränen ver⸗ goſſen habe. Ach, die Erzählung vom Sturze der Engel aus den lichten Himmelshöhen in die finſtern Tiefen der Verdammniß hatte an mir ihre Wahrheit beſtätigt. Der furchtbare Wechſel meines Geſchickes erſchien mir ſo nie⸗ derſchmetternd, daß ich auch nicht einen troſtreichen Ge⸗ danken in mir fand, auf den geſtützt ich mich aufzurichten vermocht hätte. Erſt nach mehreren Tagen kehrte mir die Beſonnenheit zurück und ich ergab mich in mein Geſchick. Der Stolz hob meine Seele wieder und ich ſagte zu mir: Wie? im Glücke ſtolz auf unſern Werth ſein, iſt kein Verdienſt, denn das Glück ſelbſt iſt die beſte Amme deſſelben, doch im Unglück, im Leiden es zu bleiben, das erhebt uns über alle niedere kleinliche Geſinnung, das macht uns unſerer ſelbſt würdig. Wir dürfen nicht vor unſerer Schwäche erröthen. So fand ich mich wieder, und jetzt bin ich voll Hoffnung auf einen neuen Wechſel des Geſchickes.“ „Ich verſtehe Dich nicht, meine gnädigſte Herrin.“ 4 15 „Ich glaube Dir das. Wie könnteſt Du auch wiſſen, welche Hoffnung mir geworden iſt! Höre! der Czar, mein Gemahl, iſt nicht todt, das Glück hat ihn in der wilden Verwirrung des abſcheulichen Aufruhrs begünſtigt. Er entfloh.“ 5 „Er entfloh?! rief Praskowa in höͤchſter Ueber⸗ raſchung. „Nicht ſo laut,“ warnte Marina.„Ja er wurde gerettet. Freilich will man es in Abrede ſtellen, daß man nach ſeinem vermuthlichen Tode im Marſtalle des Kremls die vier ſchönſten arabiſchen Renner vermißte und wenige Tage ſpäter Gerüchte umlie⸗ fen, welche die glückliche Flucht meines Gemahls be⸗ ſtätigten. Baſil Schuiski hat ſogar einen Fährmann ge⸗ fänglich einziehen laſſen, weil dieſer Mann unter ſeinen Freunden und Nachbaren erzählt hat, daß er drei ruſſiſch gekleidete, aber polniſch ſprechende Herren über die Oka geſetzt und der Eine von ihnen beim Ausſteigen aus dem Kahne ihm ſechs Dukaten mit den Worten gegeben habe: „Du haſt ſo eben den Czar übergeſetzt. Wenn er mit einem polniſchen Heere nach Moskau zurückkehrt, wird er Dir dieſen Dienſt nicht vergeſſen.“ Auch andere an der Straße nach Polen Wirthshäuſer habende Leute haben das Zeugniß abgelegt, den Czaren geſehen zu haben. Baſil zittert auf dem Throne bei dem Gedanken, daß der er⸗ 16 mordet Geglaubte von ihm, dem Thronräuber, ſchwere Rechenſchaft fordern wird.“ Praskowa ſchien vor Erſtaunen ſtumm geworden zu ſein. „Nun, Kind, haſt Du die Sprache bei dieſen guten Nachrichten verloren?“ fragte Marina,„habe ich nicht volle Urſache zur Hoffnung auf den neuen Wechſel des Geſchickes?“ „Ach, meine gütige gnädigſte Herrin, ich bin wie von einem Zauber gefeſſelt,“ redete Praskowa...„darf ich mich denn Deiner ſchoͤnen Hoffnung wirklich ſo in gan⸗ zer Seele freuen? hat man Dich nicht vielleicht getäuſcht mit dieſer fröhlichen Nachricht?“ „Hier iſt keine Täuſchung moglich,“ entgegnete die Czarin..„Xaver Golczewski entweiht ſich nicht durch lügenhafte Erfindungen.“ Bei dieſen Worten zog Marina ein paar Briefe aus ihrem Schlafmantel hervor, welche ſie ſorgſam bei ſich verborgen trug.„Siehe Kind, dieſe beiden Schreiben ſind mir durch irgend einen guten Geiſt, den ich nicht kenne, zugekommen,“ ſagte ſie... Einer der mich verhörenden Bojaren iſt ein unbekannter Freund, der ſeiner ſelbſt willen ſich gegen mich in's Gewand des Geheimniſſes hüllt. Ich fand, wenn dieſe Herren mich ver⸗ ließen, die Briefe auf mein Bett geworfen. Sie ſind Bal⸗ ſam für mich geworden, in ihnen fand ich Nachricht über mei⸗ nes gnädigen Herrn Vaters und der Seinigen Geſchick. Pater 17 Taver Golczewski, mein... Pflegebruder, theilt mit ihm das gleiche Loos unrechtlicher Gefangenſchaft. Auch Ju⸗ lian, ſein Bruder, bewohnt daſſelbe von Strelitzen um⸗ ſtellte Haus mit ihm.“ „Slawa Bogu(Gott ſei geprieſen)!“ rief Prasko⸗ wa tief Athem ſchöpfend...„Julian lebt!... ſie ha⸗ ben ihn nicht getödtet, wie ich fürchtete.“ „Glaubſt Du nun an meine Hoffnung auf baldi⸗ gen Wechſel meines Geſchickes?“ fragte Marina lä⸗ chelnd. „Ja, meine gnädigſte Herrin, und ich bitte Gott, daß er den Czaren, Deinen Gemahl, unſeren allergnädigſten Herrn, mit Sieg begleite bei ſeiner Rückkehr nach Moskau.“ Die Zeit, welche Praskowa zum Beſuche bei der Czarin gegönnt war, flog in ſtürmiſcher Eile ihrem Ende zu. Sie hörten ſchon wieder die ſchweren den Corridor entlang hallenden Tritte des für die Wahrheit der Sprich⸗ wörter ſeines Vaterlandes ſo angelegentlich beſorgten Petruſchka.„Ich rechne darauf, daß Du wieder kommſt, Kind... bringe mir alles zum Schreiben Nothige mit, ich wünſche meinem gnädigen Herrn Vater Nachricht von mir zu geben,“ flüſterte ihr die Czarin zu, und Praskowa verſprach es. Petruſchka rief in die Gefängnißzelle hinein: „Die Zeit iſt um... heraus da, Praskowa Walujewna. 1861. 22, Eine lat, Czarin. II. 2 18 Hier gilt kein„Kak ni Budg(ſo oder ſo),'s iſt ein Aus⸗ nahmefall.“ Petruſchka durfte nicht durch Zögern erzürnt werden und ſo verließ Praskowa, ihm folgend, ihre Herrin.„Vä⸗ terchen,“ ſagte ſie zu ihm unterwegs,..„würdeſt Du mir böſe werden, wenn ich Dir einige ſchöne Heiligenbilder verehre, denn Du biſt ſo gütig gegen mich und wenn ich morgen zur Kirche gehe, will ich recht aus vollem Herzen beten daß die heilige Nutter von Wladimir das? Verdienſt Deines guten Herzens belohne durch ein hohes und ein⸗ trägliches s Amt, deſſen— wer es auch ſeinmöge— gewiß Niemand würdiger iſt, als Du.“ „Du biſt ſehr einſichtsvoll, ich hätte das bei Deiner Jugend nicht für möglich gehalten, aber es freut mich recht ſehr,“ antwortete Petruſchka geſchmeichelt.„Nun ich glaube Dir ſagen zu können, daß Du ſehr gut in der Welt Dein Fortkommen finden wirſt, den Du begreifſt den Werth des Sprichwortes„Kak ni Budg.“ Es iſt eine große Weis⸗ heit darin.. ſo oder ſo, gut oder übel, es taugt für alle vorkommende Fälle und ich bin ſ ſo ſehrfͤr den guten Spruch, daß ich, ohne Dich zu ehren, die Heiligen und den guten Wodka(Wäſſerchen) von Deiner Einſicht annehme „Es wird mir zur Freude gereichen, Dir durch Dein Brüderchen Ilia Beides ſchicken zu duͤrfen.“ Petruſchka äußerte ſich ſehr günſtig gegen Ilia über die vortreffliche Erziehung ſeiner Herzent chte und be⸗ —,——— 19 hauptete in ſchmeichelhafter Anerkennung des Werthes derſelben, daß jeder ſeine Kinder gut und einſichtsvoll er⸗ ziehende Vater vom Himmel auch die Anlagen zu einem guten Kutſcher empfangen habe. Voll Vergnügen über die angenehme Ausſicht auf das ihm von Praskowa verſpro⸗ chene Doppelgeſchenk, welches ihn geiſtig und leiblich er⸗ quicken ſollte, begleitete er ſie bis zu dem an der Treppe befindlichen Wachtpoſten, von wo aus ſie an Jlia's Seite eilig den verwüſteten Palaſt verließ. In den nächſtfolgenden Tagen bereitete Czar Baſil Schuiski den Moskauern ein ganz unerwartetes Feſt, das im Ganzen nichts Anderes als eine ſich ihm als un⸗ ausweichlich aufdrängende Erfindung ſeiner Angſt und zugleich eine grobe aber für die ruſſiſche Geiſtlichkeit höchſt angenehme Schmeichelei war, indem es ihre ohne⸗ in an Heiligen reiche Kirche um einen derſelben berei⸗ cherte. Baſil fühlte den für ſeine Sicherheit auf dem Throne nöthigen Zwang, die Gerüchte, welche über die Rettung ſeines gemordeten Vorgängers ſich von Mund zu Mund verbreiteten und auf die Bemerkungen verſchie⸗ dener Perſonen hinſichtlich des Bartwuchſes und der gänzlich anderen Hautfarbe an der angeblichen zerfetzten Czarenleiche ſich ſtützten, durch ein kühnes Täuſchungs⸗ manöver niederzuſchlagen und damit zugleich den Wider⸗ ſtand, welchen faſt alle Provinzen des ruſſiſchen Reiches ſeinen Befehlen entgegenſetzten, zu beſeitigen. Das ck Volk in den Provinzen verhehlte keineswegs ſeinen Ab⸗ ſcheu gegen Baſil. Ueberall ſagte man:„Der Czar war ein wackerer Mann. Er hat kaum ein Jahr regiert und ſchon zitterten ſeine Nachbaren. Gott wird unſere Boja⸗ ren richten, die zwei Kaiſer nach einander getödtet haben. Werden wir deshalb glücklicher ſein?“ Dem neuen Czar lag es daran, ſeines Blutopfers An⸗ denken als das eines Betrügers zu brandmarken und der jederzeit dienſtfertige griechiſche Klerus war ihm dazu ein treuer Beiſtand. Der in Uglitſch gemordete Czarewitſch Demetrius ſollte deshalb zu einem Heiligen gemacht werden. Es war leicht, Erzählungen auszuſtreuen, die von einer Menge bei dem Grabe des kleinen Prinzen geſchehener Wunder ſtrotzten und auf dieſe das dumme abergläubiſche Volk zum ehrerbietigſten Staunen anre⸗ gende Erfindung Schuiski's erfolgte nun deſſen Befehl, die Leiche des heiligen Prinzen auszugraben. Man fand jedoch in dem Grabe, wo ſich die Wunder gezeigt haben ſollten und die darin beſtanden, daß die an dieſem angeb⸗ lichen Grabhügel des Czarewitſch betenden Lahmen und Blinden Heilung erlangt hatten, zur größten Beſtürzung aller Anweſenden keinen Sarg. Auf vieles Gebet der Prieſter kam endlich der tagelang vergeblich geſuchte Sarg aus der Erde emporgeſtiegen. Ueberraſchend war es, den kleinen Leichnam friſch und roth und mit eben ſo friſch erhaltenen Haſelnüſſen in der Hand zu erblicken, ob⸗ 58 — N 21 wohl ſich kein Menſch von denen bei ſeiner Ermordung gegenwärtig Geweſenen entſinnen konnte, daß der kleine Prinz mit Haſelnüſſen in der Hand begraben worden ſei. Im Triumphe unter dem Geläute aller Glocken wurde der neu regiſtrirte Heilige aus Uglitſch in die Kirche des Erz⸗ engels Michael überſiedelt, trotzdem Viele behaupteten, daß Schuiski die Leiche des wahren Demetrius(wenn nämlich der kleine Czarewitſch wirklich begraben worden) mit dem Körper eines friſch gemordeten Kindes vertauſcht und auf dieſe Weiſe das doppelte Verbrechen eines Menſchenmor⸗ des und eines abſcheulichen Frevels gegen die Religion begangen habe. War Czar Demetrius wirklich ein kecker Abenteue⸗ rer geweſen, der durch eine kühne, aber mit Muth durch⸗ geführte Lüge den Thron ſich errungen, ſo wies ſich ſein Nachfolger als ein Betrüger vom gemeinſten Schlage, der ohne Selbſtvorwurf am Himmel wie an ſeinem Volke frevelte. Zum Unglück log er nicht einmal logiſch, wie die über das Verhältniß der Czarin⸗Mutter Marfa zu Czar Demetrius auf ſeinen Befehl und Leitung aufge⸗ nommenen Protokolle zur Genüge darthaten, denn dieſe Schriftſtücke enthielten die gröbſten Unwahrheiten, indem Marfa darin erklärte, zugegen geweſen zu ſein, als ihr kleiner Prinz auf Befehl des Boris Gudonow getödtet worden. Jeder Denkende fühlte bei dieſer Erklärung, daß Marſa derſelben fern geblieben ſei. Indem durch dieſe 22 Lüge Boris Gudonow zum wirklichen Urheber des Mor⸗ des an dem Czarewitſch geſtempelt wurde und Baſil ihm dem Fluche von ganz Rußland preis gab, erſchien es dem Letzteren jedoch auch wieder rathſam, die Anhänger dieſer wenn auch geſtürzten, aber immer noch mächtigen Familie für ſich zu gewinnen, indem er aller Conſequenz ſeines Lügengewebes vergeſſend, Boris Gudonow's Leichnam mit großem Pomp in das berühmte Kloſter von Troiza bringen ließ. So lag auf dem heiligen Rußland der Fluch der abſcheulichſten Ränke, denen als Brandmal ſogar der ſinnvolle Zuſammenhang mangelte. Baſil Schu⸗ iski hatte jedoch gar nicht ſo ſchlecht ealeulirt, als er durch die pomphafte Ueber iedelung der ſterblichen Ueberreſte des Czaren Boris deſſen Anhängern eine Conceſſion mach⸗ te und ſie ſich zum Danke verpflichtete. Der Zug, welcher die Straßen Moskau's paſſirte, gab Zeugniß von der un⸗ geheueren Menge der Freunde dieſer geſtürzten Czaren⸗ familie. Der nämliche Tag, welcher dieſen geiſtlichen Prunk für einen officiellen proclamirten Mörder ſah, bot Pras⸗ kowa eine Freiheit, die ſie nicht unbenützt vorübergehen ließ. Ihr Vater hatte ſich als eifriger Anhänger der Gudonows dem Leichenzuge angeſchloſſen und Ephim vertrat ſeine Stelle in der Bude. Unbeängſtet konnte Praskowa in Ilia's Geleite nach dem Kreml zur gefan⸗ genen Czarin eilen. Das reichlich an Petruſchka geſpen⸗ — — 23 dete Doppelgeſchenk hatte ihr deſſen ganzes Wohlwollen gewonnen und der würdige Schließer, welcher mit unge⸗ meinem Scharffinne die Talente eines ſein Kind gut er⸗ ziehenden Vaters und eines ſeine Pferde ſicher im Zügel haltenden Kutſchers als gleichbedeutend anſah, öffnete ihr ohne Zögern das unfreundliche Gemach ſeiner Gefan⸗ genen. Marina's Stolz und Muth erlitt eine harte Probe. Sie ſah kein Ende ihrer Gefangenſchaft ab und mußte ein noch viel ſchlimmeres Loos fürchten, als das, welches jetzt ſchon ſie niederdrückte. Die Verhöre, die man mit ihr anſtellte, bezweckten nichts Anderes, als ſie zu dem für ihren Vater ſowohl als für alle mit ihr nach Moskau gekommenen Polen ſchwer gravirenden Geſtändniß zu bringen: ſie hätten um die von Demetrius, ihrem Ge⸗ mahl, geſpielte Betrügerrolle gewußt. Mit Abſcheu wies Marina dieſes Anſinnen zurück, ſelbſt als man ihr Straf⸗ loſigkeit und Freiheit verſprach, indem man ſie in dieſem Falle nur als eine zu böſem Trug Verführte betrachten wolle. „Wie ſehr verachte ich Euch, daß Ihr einer auf ihre hohe Abkunft mit Recht ſtolz ſein könnenden polniſchen Dame ſolche Entehrung ihrer ſelbſt zutrauen könnt!“ rief ſie entrüſtet.„Sagt Euch die Vernunft nicht, daß an keinen Betrug gedacht werden konnte, da Se. Majeſtät der König von Polen meinen Gemahl als rechtmäßigen Sohn 24 Iwans anerkannt hatte? Was bedurfte es da eines Be⸗ truges? fragt doch Eure Geſandten, ob ſie nicht die Ein⸗ willigung des Königs Sigismunds zum Ehebunde zwi⸗ ſchen mir und meinem von Euch ſo abſcheulich gemordeten Gemahl zu erbitten hatten? Alles geſchah öͤffentlich ohne irgend einen Rückhalt oder Geheimnißkrämerei und Ihr redet von Betrug? aber Ihr bedürft dieſes Wortes, um Eure ſchwarze That dahinter zu verbergen. Es fehlt Euch jede andere Entſchuldigung dafür... eine Lüge ſoll einen Mord verdecken. Ich bin von Gottes und Rechtswegen Eure Czarin und werde es bis zu meinem letzten Hauche bleiben. König Sigismund von Polen wird als Rächer, des Mordes an ſeinem Verbündeten, neinem Gemahl, und als Vertheidiger meiner Rechte ſein Heer in Eure Län⸗ der einbrechen laſſen und was Alles dann geſchieht, nehmt als Lohn für Eure himmelſchreienden Verbrechen hin.“ Dieſe Entgegnung ließ nicht erwarten, daß Marina je zu einem Geſtändniſſe, wie man es wünſchte, zu bringen ſein werde. Man legte ihr eins der Protokolle vor, wel⸗ ches Marfa's, der Czarin⸗Mutter, Bekenntniſſe enthielt. Dies Schriftſtück bildete eine Zuſammenwürfelung eben ſo dummer, als ſchnöder Lügen, die den Stempel der Verworfenheit an der Stirne trugen. Man ließ Marfa darin erklären, daß der Betrüger Griſchka Otrepiew, als welchen ſeinem Kloſter entlaufenen Mönche ſchon Czar Boris den Prätendenten Demetrius dem Volke glauben 25 machen wollte, ſie und ihre ganze Familie mit dem Tode bedroht habe, wenn ſie ihn nicht für ihren Sohn anerken⸗ nen würde; daß derſelbe Thronräuber außer dem ab⸗ ſcheulichen Frevel, eine Lateinerin zu heirathen, ohne ſie taufen zu laſſen, nicht nur die Ermordung ſämmtlicher Bojaren, ſondern auch den Untergang der rechtgläubigen Religion und die Einführung des lateiniſchen und lutheri⸗ ſchen Glaubens im Schilde geführt habe. „Pfui! welche Abſcheulichkeit!“ rief Marina, das Schriftſtück mit größter Verachtung zu Boden werfend. „Es iſt nichts als Betrug in Eurem Lande! eine Lüge ſoll die andere todtſchlagen. Welche gemeine Art ſich und ſein Thun zu verſtecken! Begreift Ihr nicht, daß Ihr Schande auf Euch häuft, wenn die Welt erfährt, daß Eure Kunſt, das Reich zu regieren, nichts Anderes als ein Gewebe ſinnloſer Ränke, der niederträchtigſten Heuchelei, des abſcheulichſten Betrugs iſt? Wie erbärm⸗ lich müßt Ihr doch ſein, wenn Ihr dies Bekenntniß der Czarin⸗Mutter als Wahrheit anſehet! Geht, ſagt das Eurem Herrn Baſil Schuiski, dem Meiſter aller Lügen.. ſagt ihm aber auch, er ſolle auf eine neue Lüge ſinnen, wenn des Königs von Polen Heer ſiegreich als Rächer ſo vieler Schändlichkeiten in Moskau einzieht.“ Jedes neue mit ihr angeſtellte Verhör ergab kein anderes Reſultat, als daß Marina auch auf's Neue ihre Verachtung, ihren Abſcheu ausſprach. Aber in den Stun⸗ den der Einſamkeit, deren ſie ſo viele hatte, ward ſie das Opfer einer Menge ihren Kopf durchkreuzenden Gedan⸗ ken, die nicht ſelten als ein Heer von Widerſprüchen ge⸗ gen einander ſtritten; aber aus dieſem Wirrwarr von Ideen, Erzeugniſſen der Angſt um ihre Zukunft, des Zornes, eine Gefangene zu ſein, deren Rang man rück⸗ ſichtslos beleidigte, des verletzten Stolzes und der gebro⸗ chenen Eitelkeit, die ſo vielen Theil an ihr hatte, ent⸗ ſtiegen auch wieder Gedanken, die ſie feſt wie leitende Engel in dunkler Nacht hielten und ihr zu Stützen in ihrer traurigen Verlaſſenheit wurden. Jetzt erſt erkannte ſie, welch' ein Retter Pater aver für ſie geweſen, denn ohne ihn würde ſie nun, wo ſie vom Ungluͤck gleichſam einge⸗ ſargt, einer höchſt ungewiſſen Zukunft entgegenſah, auch ihren Gott verloren haben. Daß ſie dieſen Troſt noch hatte, dankte ſie ihm. Es lag eine Wohlthat in die ſem Bewußtſein füͤr ſte. Der Vorwurf der Abtrünnigkeit von ihrem väterlichen Glauben um eines Vortheils willen, der jetzt mit einemmale in Nichts verſunken war, würde ſie ganz elend, vor ſich ſelbſt verächtlich gemacht haben. Er wäre eine noch viel traurigere Demüthigung ihres Stolzes in ihrer jetzigen Lage geweſen, als dieſe ſelbſt, und ſie würde nicht mehr auf die Theilnahme ihrer Glau⸗ bensgenoſſen und Landsleute haben rechnen können, auf welche noch ein Theil ihrer Hoffnungen ſich gründete. Sie ſchämte ſich ihrer noch rechtzeitig durch Pater Xaver 27 zur Beſonnenheit zurückgeführten Verirrung, und es war nur natürlich, daß ſie den innigſten Dank für ihn fühlte, der ſelbſt in ihrer Verlaſſenheit noch Mittel und Wege gefunden, ihr als truſtender Freund beizuſtehen. Wie ſchön verklärte ſich die Liebe dieſes jungen Prieſters zu ihr! ſie war geheiligt durch ein reines Herz, das weltli⸗ chen Hoffunngen entſagt, und in dem großen und erha⸗ benen Berufe des Prieſterthumes ſich dem Himmel zuge⸗ wendet hatte. Aber auch andere Gedanken tauchten bei Marina auf. Wenn ſie daran ſich erinnerte, mit welchen Erwar⸗ tungen ſie dieſes Land betreten, wie ſtolz ſie ſchon ganz im Bewußtſein ihrer Hoheit beim Abſchied von ihren Freun⸗ dinnen und Geſpielinnen geweſen, und jetzt Alles dieſes in Nichts zerronnen, ſie zum Gegenſtand des Mitleids und des geheimen Spottes geworden war, drängten ſich Thränen des Zornes in ihre Augen. Nur der eine Wunſch ſtand dann vor ihrer Seele, wieder zur Macht zu gelan⸗ gen, um ſich der geheimen Schadenfreude zu entreißen, der Verachtung, die nicht ſelten der geſtürzten Größe zu Theil wird. Welche Opfer konnten zu groß ſein, dieſes ſehnſüchtigen Wunſches Erfüllung zu verwirklichen, wenn ſich ihr ſolche Gelegenheit jemals bieten würde! Die ihr von Pater Xaver zugegangene Kunde vom Leben ihres Gemahls erfüllte ſie deshalb mit außerordentlicher Freude, ſie ſah in derſelben einen neuen Aufgang ihres Gluͤcksſter⸗ 28 nes. In ihrem Gemahl liebte ſie den Ruhm, Beherr⸗ ſcherin des großen Rußlands zu ſein und ſeine Rückkehr mit einem Heere nach dem aufſtändiſchen Moskau war daher für ſie eine fröhliche Hoffnung. Ihre lebhafte Phentaß ie ſtellte ihr die Niederwerfung der Rebellen, deren tiefe Demüthigung vor dem Czar vor. Dann mußte daſſelbe Rußland, das übermüthig gegen ſeinen Herrn ſich erhoben, unter der Gewalt deſſen eiſer⸗ ner Zuchtruthe ſich wieder fügen und die Gewalt iſt ſtets das ſicherſte Mittel, ſeine Feinde unſchädlich für immer zu machen. Ehe dies jedoch bis zur Wirklichkeit reifte, konnten noch Monden kommen und vergehen. Die erſte Nothwendigkeit für Marina war daher natürlich der Wunſch, ſich von ihrer Gefangenſchaft befreit zu ſehen. In dieſer Abſicht ſchrieb ſie mit dem von Praskowa ihr mitgebrachten Schreibmaterial einen Brief an ihren Va⸗ ter, ihm Nachricht von ihrem traurigen Geſchicke gebend und zugleich ein Reſumsé deſſen, was ſie in den mit ihr angeſtellten Verhören ausgeſagt. „Dieſe Zeilen, Kind, mußt Du, auf welche Art es auch ſei, in meines’ g gnädigen Herrn Vaters Hände brin⸗ gen,“ ſagte ſie zu Praskowa...„ich hoffe, daß ich viel⸗ leicht dadurch dieſem ſür mich eben ſo unſchicklichen als beleidigenden Aufenthalte entriſſen werde.“ „Himmel, wie ſoll ich das bewerkſtelligen!“ rief das Mädchen erſchrocken. 29 Marina entgegnete:„Ich kann Dir leider keine An⸗ leitung dazu geben, wie Du es möglich machen kannſt; aber ich erwarte dieſen Dienſt von Dir. Daß ich ihn Dir auftrage, ſei Dir der Beweis meines unbedingten Vertrauens auf Dich. Gäbe es denn wirklich eine Un⸗ möglichkeit für ein treues Herz, wie das Deine? Nein, nein, ich glaube das nicht. Der Gedanke, daß Du zu meiner Befreiung von hier beiträgſt, wird Dich leiten. Praskowa! Deine Herrin bittet Dich, einen Weg aus⸗ findig zu machen, dieſe Zeilen...“ „Nein, nein, keine Bitte, meine gütige hohe Herrin,“ unterbrach das Mädchen ſie haſtig, um die unglückliche Czarin dem niederdrückenden Bewußtſein ihrer Hilfloſig⸗ keit ſchnell zu entreißen.„Ich bin Deine treue Dienerin geblieben, wenn ſich auch Dein Schickſal verwandelt hat zum Unglück. Die Heiligen werden mir einen Gedanken eingeben, der mir es möglich macht, Deinen Befehl zu erfüllen. Ich bin recht froh, daß Du mir gerade das Schwere aufgetragen. Wie könnte ich Dir ſonſt beweiſen, wie ſehr ich Dir ergeben bin?“ Praskowa's feinfühlendes Herz wollte die Hoffnung ihrer Herrin nicht trüben, obwohl ſie nur mit Mühe die Beängſtigung verbarg, die ihr die Ausführung dieſes ſchwierigen Auſtrages verurſachte. Niemand durfte ja von der Correſpondenz zwiſchen ihrer Herrin und deren Vater wiſſen und in welchem Lichte würde ſie, die Tochter eines 30 Rechtgläubigen, erſchienen ſein, wenn ſie irgend Jemand dazu hätte vermögen wollen, das ungeſchloſſene Blatt in die von Strelitzen bewachte Wohnung des Palatins von Sendomir zu befördern! Nur ihr allein war dies Geheimniß anvertraut, dies durfte ſie nicht außer Augen laſſen. Schwer bedrückt von dem Kummer, auf welche Weiſe ſie ſich des Wunſches ihrer Herrin entledigen werde können, eilte ſie in Ilia's Geleit nach Hauſe. Wenn ein günſtiger Umſtand ihren Muth auf eine Möglichkeit glück⸗ licher Erfüllung ihres Auftrages noch zu heben vermochte, ſo war es die Abweſenheit ihres Vaters, der, wie ſchon erwähnt, die ſterblichen Ueberreſte des Czaren Boris als treuer Anhänger deſſelben bis in deſſen Gruft im Troiza⸗ kloſter begleitete. Ehe Ephim am nächſten Abend aus der Verkaufs⸗ bude zurückkehrte, mußte ſie ein Mittel zur Ausführung ihrer Miſſion gefunden haben. Sie verließ alſo höchſt beunruhigt am Nachmittage das väterliche Haus und be⸗ gab ſich in die Rjädi. Ephim war ſehr erfreut, ſie zu ſehen, denn er betrachtete ihr Kommen als einen Beweis ihrer Neigung zu ſeiner Perſon und erzählte ihr, daß er ganz vorzügliche Geſchäfte gemacht habe, worüber Väter⸗ chen Walujew ſehr vergnügt ſein werde.„Die Heiligen haben mich nun einmal lieb, das muß wahr ſein,“ be⸗ hauptete er fröhlich.„Kann wohl Jemand das Gegen⸗ theil davon ſagen?“ redete er weiter...„haben ſie nicht 7 31 Dich mir beſcheert? Das iſt ein Glück, für das ich ihnen nicht genug Dank ſagen kann. Gewiß, wir werden ſehr glücklich ſein und an meines Kopfkiſſen Ende will ich den heiligen Spruch) aufhängen:„„Die gepflanzt ſind in den Vorhöfen des Herrn, werden in unſers Gottes Vor⸗ höfen grünen.““ Unmöglich konnte ein frommes ſanftes Herz, wie das Ephims, einen ſchöneren Ausdruck ſeiner Empfindun⸗ gen und der Ueberzeugung von einem ihm bevorſtehenden häuslichen Glucke finden; er charakteriſirte damit nur ſein Denken und Fühlen in einfacher und doch inniger Weiſe. Praskowa erröthete tief. Sie wußte ja, daß ſie ihn täuſchte, weil eine Neigung zu einem Anderen ſie gefeſſelt hielt und die Scham, an ſolch einem edlen und jedem Argwohn fernſtehenden, kindlich vertrauensvollen Herzen zu ſündigen, bemächtigte ſich ihrer. Wie gern hätte ſie ihm ihr Ver⸗ brechen an ihm geſtanden; aber da trat der Gedanke an den Zorn ihres Vaters erſchreckend vor ihre Seele und ſie ſchwieg, mühſam ein Lächeln erkünſtelnd, was Ephim in glücklicher Selbſttäuſchung für eine nach Mädchenweiſe verſchleierte Uebereinſtimmung mit ſeinem Gefühle anſah und ſehr zufrieden damit war. *) Dieſer Gebrauch iſt nicht nur in den ruſſiſchen Klöſtern, ſondern auch in vielen orthodoxen Familien noch be⸗ ſtehend. 32 Der Trubel des lebhaften Marktes nahm ihn zu viel in Anſpruch, um auf einen andern Gedanken kommen zu können.„Kauf, Väterchen, kauf! ſchöne, prächtige Hei⸗ lige, gerade ſo wie ſie im Himmel ſind,“ rief Ephim unter Anderen einem jungen Diakon von der ſchwarzen Geiſt⸗ lichkeit zu, der an der voll Heiligenbilder glänzenden Bu⸗ denreihe langſam hinſchritt.„In Deiner Zelle werden ſie am würdigſten Platze ſein und ich würde mich freuen, einen meiner lieben Heiligen bei einem frommen Manne unter⸗ gebracht zu wiſſen.“ Der Diakon wendete den Blick nach ihm. Sein blaſſes Geſicht bewirkte bei Praskowa einen Schreck, denn ſie erkannte in ihm jenen lateiniſchen Prieſter, den ſie zweimal bei der Czarin geſehen und von dem ſie wußte, daß er Julian Golezewski's Bruder war. Wie kam er zu dem Gewande eines griechiſchen Diakons? Und daß ſie ſich nicht getäuſcht hatte, belehrte ſie deſſen voll Erſtaunen auf ihr ruhender Blick. Von dieſer Erkennung, wie ſie, ſichtbar überraſcht, trat er zur Bude; aber faſt gleichzeitig nahmen auch Landleute Ephims Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch, und diefer ſagte deshalb zu ihm:„Väterchen, wenn Du einige Augenblicke Zeit haſt, ſo laß Dir's wohl gefallen bei den Heiligen hier, bis ich die guten Leute hier bedient habe. Sie brauchen die Heiligen noch viel nöthiger als Du, welcher ja ſelbſt ein angehender Heili⸗ ger iſt.“ w u na ☛ 8—-—— n 33 „Mache immerhin Deinen Handel und möge er ge⸗ ſegnet ſein. Ich warte hier,“ antwortete der um Geduld Angeſprochene im vollkommenſten Ruſſiſch.„Du erlaubſt es doch, daß mir dies Mädchen eins oder das andere der Bilder zur Anſicht geben darf?“ „O, Väterchen, das wird für Praskowa ein Ver⸗ gnügen ſein. Verlange nur.“ Mit dieſen Worten wendete ſich Ephim ſeinen kaufluſtigen Kunden vom Lande zu, die eben nicht ſehr ſchnell mit der Entſcheidung über die Wahl der ihrer Tochter als Hochzeitsgeſchenk mitzugebenden Heiligen fertig wurden. Unterdeß ſprach Pater Xaver mit Praskowa. Es bedurfte nur weniger Worte, um ihm die Ueberzeugung zu geben, daß er von ihrer Seite keinen Verrath ſeiner geheimnißvollen Rolle zu fürchten habe. Praskowa be⸗ trachtete ihre Begegnung mit ihm als eine Fügung des Himmels, der ihr dadurch das Mittel zeigte, ihrer Her⸗ rin Brief in deren Vaters Hände gelangen zu laſſen. Von Niemand bemerkt wußte ſie ihm das Blatt zuzu⸗ ſtecken. „Es iſt hier nicht der Ort, daß Du mir auseinan⸗ der ſetzen könnteſt, wie es Dir möglich geworden iſt, Zu⸗ tritt zu Deiner unglücklichen Herrin zu finden,“ redete der Pater leiſe. Laß es uns als eine Gnade Gottes an⸗ ſehen, der dem vom Unglück Heimgeſuchten immerdar noch treue Helfer ſchickt und ſiehe mich in dieſer Verkleidung 1861. 22. Eine lat. Czarin. II 3 34 als einen ſolchen an. Dies Kleid iſt ein Schutz meiner Perſon, ich trage es jetzt, um meinen Landsleuten in der großen Noth, in welche ſie der greuelvolle blutige Auf⸗ ſtand geſtürzt hat, Dienſte zu leiſten. Bleibe Deiner un⸗ glücklichen Herrin treu, beſſere Tage warten ihrer, wo ſie Dich wird belohnen können für Deine guten Dienſte.“ „Ich habe nicht auf Belohnung gerechnet, mein Herz trieb mich, ſie zu tröſten in ihrer Verlaſſenheit,“ flüſterte Praskowa, auf den Wangen das Erröthen der Scham, ſich in die Claſſe der Lohnſüchtigen erniedrigt zu ſehen. Pater Xaver erkannte ſchnell ſeinen Irrthum; die Schamröthe auf des Mädchens Wangen belehrte ihn, daß es einen anderen Standpunkt als gewöhnliche Mit⸗ leidige einnehme, deren gutes Herz die Speculation auf eine Erkenntlichkeit nicht ausſchließt.„Ich wollte Dich nicht kränken,“ begütigte er...„unſere UÜrtheile ſind oft falſch und verkehrt und ſo war das meine über Dich. Es iſt eine traurige Gewohnheit, daß wir faſt unabſichtlich das Verdienſt edler Motive herabſetzen, weil uns der Glaube an das wahrhaft Edle im Menſchenherzen fehlt. Verzeihe mir.“ „Ich gedenke nicht mehr daran.“ Pater Xaver ließ eine kurze Pauſe eintreten.„Wie heißeſt Du, gutes Mädchen?“ fragte er dann. Nachdem ſie ihm leiſe ihren Namen genannt, fragte er:„Wirſt Du wieder Gelegenheit haben, Deine Herrin zu ſehen?“ 35 „Ich hoffe es.“ „Und könnteſt Du ihr dann eine Antwort auf ihre Zeilen zuſtellen?“ Zum größten Leidweſen des Paters waren die Land⸗ leute mit ihrem Handel zu Ende gekommen und Ephim übernahm ſogleich die Sorge, das Geſchäft mit dem Diakon abzuſchließen, welcher ein paar kleine Bilder kaufte.„Laß den Namen Walujew Dir beſtens empfoh⸗ len ſein, Väterchen, wenn irgend einmal Dein Kloſter Heiligenbilder bedarf,“ ſagte Ephim freundlich.„Ich glaube, ohne ruhmrederiſch zu ſein, Dir ſagen zu können, daß Papinka Walujew große und prächtige Geſchäfte mit den Klöſtern macht. O, ganz Moskau weiß ſeinen Namen.“ „Walujew... Walujew... ich werde den Na⸗ men nicht vergeſſen, habe ihn ſchon nennen hören.“ „Nicht wahr?“ fragte Jeuer erfreut.„Es iſt aber nicht viel zu verwundern dabei. Unſere Heiligen finden überall Beifall, was mir eine große Ehre und Vergnügen iſt, denn ich male die meiſten und habe ich einen fertig, bin ich ſo fröhlich, als ſäße ich mit ihm im Himmel unter den ſeligen Geiſtern.“ Mit großer Vertraulichkeit beugte ſich Ephim zu ſeinem Ohre und flüſterte ihm zu: „Väterchen, habe ich Recht, wenn ich in Dir einen Diakonen ſehe, die im Gefolge des vom Czaren an Stelle des als Ketzer abgeſetzten Patriarchen Ignatius 3* nach Moskau berufenen hochwürdigen Metropoliten von Kaſan, Hermogen, hierhergekommen ſind?“ Pater Paver beantwortete die Frage durch ein ſchwei⸗ gendes Kopfnicken, worauf Ephim ſehr erfreut über ſein Talent, die Leute richtig zu erkennen, vertranlich weiter redete: „Sollte vielleicht einer Deiner ehrwürdigen Brüder ein großes Bild für Euer Kloſter mitzunehmen Belieben tragen und Du mir die Freude zuwenden wollen, es ma⸗ len zu dürfen, ſo würde ich Dir ſehr dankbar ſein, Vä⸗ terchen. Du ſollteſt mit meiner Arbeit zufrieden ſein. Fin⸗ deſt du mich nicht hier, ſo iſt doch Papinka Walujew in der Bude, und er würde für den Fall mich ſchnell rufen, oder Dich, wenn Du es wünſcheſt, durch Jemand zu mir in ſein Haus führen laſſen.“ Der Diakon äußerte zur größten Selbſtbefriedigung Ephim's, daß dies vielleicht der Fall ſein könnte und ver⸗ ließ mit einem Segensſpruche die Bude. Ephim ſelbſt hatte unbewußt ihm das Mittel angegeben, in Annähe⸗ rung zu Praskowa treten zu können und ſo einen gehei⸗ men Verbindungsweg zu der gefangenen Czarin ſich anzu⸗ bahnen. Froh, eine ſolche Möglichkeit gewonnen zu haben, eilte Pater Xaver nach ſeiner Wohnung in des Palatins Hauſe. Sein Kleid war in den Augen der wachehalten⸗ den Strelitzen ein Freipaß, ſie ahnten keinen lateiniſchen Prieſter unter dieſer Verhüllung, welche ihm ein der ka⸗ 37 tholiſchen Kirche ſchon früher gewonnener, aber ſeinen Reli⸗ gionswechſel verheimlichender Bojare verſchafft hatte. Derſelbe Convertit war unter den jetzt für die Lateiner oder Polen eingetretenen, ihre Freiheit und Lebensſicher⸗ heit gefährdenden Umſtänden ihnen ein Freund von we⸗ ſentlichem Nutzen, und durch ihn, welcher zu den die Cza⸗ rin Marina Verhörenden gehörte, wurden auch die von Pater Xaver an ſie geſchriebenen Briefe auf ihr unerklär⸗ bare Weiſe befördert. Doch die kaum eingeleitete Verbin⸗ dung zwiſchen den in der Stadt befindlichen und unter Haft gehaltenen Landsleuten der Czarin und dieſer im Kreml in ſo unwürdiger Weiſe Gefangenen wurde durch eine von Baſil Schuiski dieſem geheimen Religionsge⸗ noſſen der Polen aufgetragene Sendung in die Provinz unterbrochen. Pater Xaver, fürchtend, daß Marina, in ihrer trau⸗ rigen Lage ohne jeglichen Beiſtand von Außen bleibend, in den mit ihr fortgeſetzten Verhören ſich in Angſt um ihre Zukunft verwirren, die Hoffnung auf Hülfe verlie⸗ ren und Zuſagen machen könne, die ſie ſpäter zu bereuen Urſache haben dürfte, trachtete einen neuen geheimen zu ihr führenden Verbindungsweg aufzufinden; doch dieſe Hoffnung ſchien vergeblich, obwohl er ſich der Gefahr ausſetzte, von irgend Jemand in ſeiner Verkleidung er⸗ kannt zu werden, was ihm unter Umſtänden ſogar das Leben koſten konnte. Darum eilte er jetzt frohen Herzens 1 38 zu dem Palatin, ihm das von Marina vollbeſchriebene Blatt übergebend. Es war die erſte Kunde, die Georg Misznek von ſeiner Tochter ſelbſt empfing, und mit Thrä⸗ nen im Auge umarmte er den jungen Prieſter für dieſe ihm gewährte Wohlthat. „Wer hätte geglaubt, daß ein frommer Pater von der Geſellſchaft Jeſu dergleichen waghalſige Abenteuer beſtehen könnte!“ rief einer der jungen polniſchen Cava⸗ liere aus des Palatins Umgebung. Und ein Anderer ſetzte hinzu:„Das liegt nun einmal bei den Golczewski's im Blute. Der geiſtliche Herr Bruder kann doch dem weltli⸗ chen keinen Vorrang laſſen. Iſt's nicht ſo, Julian?“ Der Genannte ſtimmte lachend bei:„Freilich, Je⸗ der von uns muß ſein Theil haben, das iſt bei uns herge⸗ brachtes Abkommen. Aber ich fürchte für meinen geiſtlichen Herrn Bruder, wenn er nicht einen Stein ſtatt des Her⸗ zens in der Bruſt hat. Praskowa iſt ein allerliebſtes klei⸗ nes ruſſiſches Mädchen, ich kenne es. Wär's ein Wunder, wenn mein heiliger Bruder, der die Gottſeligkeit ſelbſt iſt, ſich in ſie gelegentlich verliebte?“ Dieſer frivole, dem Ohr des jungen Prieſters fern bleibende Scherz erregte viel Heiterkeit unter den jungen polniſchen Edelleuten, die trotz der üblen Lage, in der ſie ſich befanden, ſich noch all' den Leichtſinn bewahrt hatten, in welchen Eigenſchaften die polniſchen Edelleute von je her, eben ſo wie in Tapfer⸗ keit und männlichem Muth ſich auszeichneten. +———+,,-——„„.„.„ 39 Da Ephim ſelbſt dem Pater die Art und Weiſe be⸗ zeichnet hatte, in der es demſelben möglich werden konnte, in Walujew's Hauſe Eintritt zu finden, nämlich als Dia⸗ kon eines Kloſters von Kaſan, ſo entſchloß ſich dieſer, die ihm angedeutete Rolle durchzuführen. Seine Fertig⸗ keit in der ruſſiſchen Sprache, deren er ſo vollkommen mächtig war, daß nur ein feines Ohr den Unterſchied zwiſchen Anlernen und Angeboren herauszufinden ver⸗ mochte, ſeine Kenntniß in den mit den Geſetzen der morgen⸗ ländiſchen Kirche ſo innig verwachſenen Nationalſitten und Gebräuchen der Ruſſen, ſein umfaſſendes Innehaben der Kirchen⸗ und Klöſterſtatiſtik und aller dahin gehören⸗ den Eigenthümlichkeiten der Nationalkirche und deren gottesdienſtlichen Formeln, ſo wie der günſtige Umſtand, daß er im Auftrage ſeines Ordens einmal in Kaſan auf Monatsdauer ſich aufgehalten und dieſe Stadt mit ihren Kirchen, Klöſtern und ſonſtigen Oertlichkeiten ſo ziemlich genau kennen gelernt hatte, verbürgten ihm einen günſti⸗ gen Erfolg ſeines Unternehmens. Er hatte auch wirklich das Vergnügen, des wieder zurückgekehrten Walujew's Vertrauen zu erwerben. Der orthodoxe Rechtgläubige achtete es als eine beſondere Ehre, den Kaſanſchen Dia⸗ kon zuweilen in ſein Haus kommen zu ſehen. Weder er noch Ephim hatten eine Ahnung der eigentlichen Urſacche, und daher ward es auch Praskowa geſtattet, zugegen zu bleiben, wenn Bruder Afrael, ſo nannte ſich Javer, an⸗ 40 weſend war, um das Fortſchreiten des von ihm im Namen ſeiner Oberen beſtellten Bildes, des ſein Grab in Beglei⸗ tung von Engeln verlaſſenden Erlöſers, zu beobachten. Pater Pavers ſanſtes liebreiches Weſen ſchien vor⸗ züglich auf den finſtern oft wie ſtumpfſinnig vor ſich hin⸗ brütenden Walujew einen guten Eindruck zu machen. Er benutzte jede ſich ergebende Gelegenheit, mit ihm über re⸗ ligiöſe Gegenſtände zu ſprechen; aber es war herauszu⸗ fühlen, daß ihn weniger der Drang, ſich zu erbauen, als ſeine Seele in's Geheim beunruhigende Vorſtellungen von ſich abzuwehren dazu veranlaßte. Dem Scharfblick des jungen Jeſuitenprieſters entging es nicht, wie der Mann vergebens Beängſtigungen zu verbergen ſtrebte und bald kam Pater Xaver zu dem Schluſſe, daß wohl Selbſtanklage eines Verbrechens die Baſis ſeiner ſo auf⸗ fallenden Seelenangſt ſein müſſe; er glaubte ſich zu die⸗ ſer Annahme um ſo mehr berechtigt, als die religiöſen Themas, welche Walujew anſchlug, ſich jederzeit ganz gleich blieben und in der vielfach veränderten Frage über das Recht eines Rechtgläubigen, Ketzer zu haſſen, und zu vernichten, beſtanden. „Väterchen,“ ſprach der Pater bei einer ſolchen Ge⸗ legenheit...„das Leben jedes Menſchen iſt ein Ge⸗ ſchenk Gottes. Es abzukürzen, um irgend einer Urſache willen, die dem verblendeten Menſchenauge als groß und wichtig, im Auge Gottes aber unwürdig des zu ihm, —, ⁷—+HX— 6Cdu K u A U 41 dem Lenker aller Dinge, Vertrauen haben ſollenden, nach ſeinem Ebenbilde geſchaffenen Menſchen erſcheint, iſt ein Verbrechen gegen Gott, eine unverantwortliche Anklage gegen ſeine Schöpferweisheit und Allwiſſenheit, ein fre⸗ velhafter Eingriff in ſein ewiges Recht. Iſt dies mit dem Selbſtmord nun der Fall, ſo iſt er es auch mit dem Morde an einem Anderen. Nirgends läßt ſich ein Geſetz auffinden, das den Mord heiligte. Du ſollſt nicht töd⸗ ten, heißt das Gebot, und es iſt ein weiſes von Gott ſelbſt gegebenes. Da der ewige Geſetzgeber ſich nie in einem Widerſpruche mit ſich ſelbſt befindet, ſo überhebt ſich der Mörder in thörichter Verblendung vor ihm, wenn er ſeine That als gerechtfertigt betrachtet. Wer ſagt ihm mit Gewißheit, daß der Gemordete verworfen vor Got⸗ tes Auge war? Niemand kann dies behaupten, wenn er nicht zugleich die göttliche Weisheit leugnen will. Sage Dir ſelbſt, wie fehlerhaft der Menſch iſt, wie böſe und verkehrt ſeine Leidenſchaften ſind, wie Haß und Rache das göttliche Theil in ihm überwuchern und ihn verblenden, ſo wirſt Du finden, daß nur in dem Falle, wenn unſer eigenes Leben mit dem Tode bedroht iſt, der Mord eine Rechtfertigung erhalten kann. Er iſt dann erlaubte Selbſt⸗ rettung.“ Walujew hatte die Augen zu Boden geſenkt, ihm ſtillſchweigend zugehört; aber wie von einzelnen elektriſchen Schlägen durchzuckt, ſchauerte er zuweilen zuſammen. 42 Plötzlich warf er den Kopf auf, ſein Blick war ſtier, un⸗ ſicher.„Nein, nein, jeder Ketzer iſt von Gott und den Hei⸗ ligen verflucht!“ rief er...„einen Ketzer zu tödten, iſt Verdienſt vor Gott!“ Pater Xaver ließ eine Pauſe eintreten und ſagte dann ſanft:„Laß uns ſchweigen von dieſem Thema, Väterchen. Ich billige nichts, was eine Beleidigung Gottes iſt und keine Religion der Erde hat einen ſolchen traurigen Grund⸗ ſatz in ihrer Lehre; nur irrende Menſchen können derglei⸗ chen ſchlimme Anſchauungen ihres verkehrten Geiſtes he⸗ gen. Der Mord iſt und bleibt ein auf der Seele des Möoͤrders laſtender Fluch, ein Kainszeichen, das der Böſe auf ſeine Stirne gebrannt hat. Der Glaube an ein durch Blut und Uebelthat errungenes Verdienſt vor Gott iſt ſchon deshalb ein Unding, weil er das wahre Kennzeichen des Chriſten, die Reue, ausſchließt. Glaube ohne Reue aber iſt todte Schlacke, denn in der Reue liegt die Ver⸗ ſöhnung und die Liebe gleich einem ſüßen Kerne in bitterer Schaale eingeſchloſſen.“ Und auf das Haupt des vor ihm Sitzenden die Hand legend, ſprach er mit ungemeiner Milde:„In inbrünſtiger Reue findet ſich der verloren gegangene Menſch wieder, denn es giebt eine göttliche Er⸗ barmung.“ Pater Xaver hatte ihn ſchon lange Zeit verlaſſen, als Walujew noch in derſelben gedrückten Stellung verharrte. Die erſte Regung ſeines Körpers war ein Griff nach ſei⸗ 48 ner Stirne, die er angſtvoll mit den Fingern betaſtete. „Wo iſt es denn?“ murmelte er unruhig vor ſich hin... „wo iſt es nur? ich fühle es nirgends... auf der Stirne ſoll es gebrannt ſein?... er hat's geſehen an mir... verſinke die Welt in Verdammniß ich finde das Zeichen nicht... aber er hat es geſehen... ich bin gezeichnet wie Kain!“ Gleich Fieberſchauern durchlief ein Zittern ſeinen ſtämmigen Körper, ſein ohnehin vom finſterſten Glauben verſchleierter Geiſt hatte die Kraft verloren, ſelbſtmächtig ſich von den ihn umſchlingenden Banden des Entſetzens zu befreien, mit welchen ihn die Erinnerung an den von ihm an dem Czaren begangenen Morde ſchlug. Der damals empfangene Eindruck des Entſetzens, als deſſen blutüber⸗ ſtrömte Leiche vor ihm lag, wirkte nachhaltig bei ihm fort, überwucherte ſeine Kraft allmählig ſo ſehr, daß er bald nur noch in einzelnen Momenten ſich davon aufzu⸗ raffen fähig war und dieſer traurige Zuſtand war es, der zwiſchen ihm und ſeiner Tochter die bereits gefallene Kluft immer mehr erweiterte. Walujew hatte geglaubt, daß ſein inbrünſtiges Ge⸗ bet am Sarge ſeines Herrn und Wohlthäters, Boris Gudonow, deſſen Feind der von ihm gemordete Demetrius geweſen, ihn wieder ſich ſelbſt zurückgeben und die ſchwere Selbſtanklage des Mordes an dem geſalbten Herrſcher des heiligen Rußlands von ihm weichen werde; aber er 44 ſah ſich getäuſcht, ſeine Gebete blieben unwirkſam; eben ſo elend, wie er den Leichenzug begleitet hatte, kehrte er nach Moskau zurück. Pater Xavers Worte waren daher tief in ſein verfinſtertes Gemüth gefallen; aber nicht als gute fruchterzeugende Saamenkörner, ſondern als harte, wenn auch nicht beabſichtigte Vorwürfe. Nicht der Fana⸗ tismus allein hatte ihn zu dem Morde getrieben, ſondern die Rache, welche der alten Nataͤſcha Mittheilung, ſie habe Praskowa im Arme des Czaren geſehen, in ſeiner Seele entzündet hatte. Auffällig mußte es dem Pater Paver ſein, daß Wa⸗ lujew ihn von nun an ſichtbar vermied. Unter andern Um⸗ ſtänden würde deſſen Scheu den jungen Prieſter ſehr be⸗ kümmert haben, wenn es nämlich ſein eigentlicher Zweck geweſen wäre, in ihm einen Proselyten zu gewinnen, da ihn dieſe Abſicht aber nicht leitete, ſo ſah er darin nur die Beſtätigung ſeiner Vermuthung, daß ein ſchweres Ver⸗ brechen auf Walujew's Seele laſte, welches ihn nun einer furchtbaren Selbſtpein anheim gab.— Die geheime Ver⸗ bindung, welche mittelſt Praskowa zwiſchen der gefange⸗ nen Czarin und dem Pater Taver beſtand, wurde bald un⸗ nöthig, da Baſil Schuiski der drängenden Aufforderung des Palatins hinſichtlich der Freigebung deſſen Tochter entſprach. Enkblößt von aller ihrer Habe ward Marina bei Nachtzeit aus dem Gefängniß in die Wohnung ihres Vaters gebracht. Welch ſchmerzliches Wiederſehen zwi⸗ 45 ſchen Beiden! Ihre ſtolzen Pläne waren in Nichts zerron⸗ nen und wenn das Gerücht von der glücklich gelungenen Flucht des Czaren Demetrius ſich nicht beſtätigte, ſo war Marina die Trägerin eines Geſchickes geworden, das unter die ſeltſamſten gehörte. Es hatte ſie dann nur des⸗ halb zum Gipfel der Hoheit emporgehoben, um ſie faſt im Augenblicke des Erreichens deſſelben in die Tiefe zurück⸗ zuſtoßen. Als Pater Xaver ſie begrüßte, reichte ſie ihm die Hand mit den Worten:„Ich erinnere mich des ſchönen Spruches: Ein treuer Freund liebt mehr, und ſtehet feſter bei, denn ein Bruder. Der Spruch ſchließt Alles in ſich, was ich Dir ſagen kann, Xaver. Laß ihn meinen Dank für Dich ſein, der Du mir ein ſolcher treuer Freund biſt.“ Der junge Jeſuitenpater verbarg mit Mühe die große und tiefe Bewegung ſeines Herzens, er durfte ihr keine Worte geben. Als er einen Tag ſpäter der Tochter Walujew's die Entlaſſung ihrer Herrin aus dem Gefäng⸗ niſſe mittheilte, faltete Praskowa die Hände über die Bruſt und ſagte nach einer Weile kummervoll und leiſe: „Nun werde ich ſie nie wieder ſehen.“ Dieſe Gemüthsinnigkeit des Mädchens veranlaßte den Pater zu der Andeutung, daß Marina ſich freuen werde, ihr, der ſie ſo viel zu danken habe, dies mündlich ſagen zu konnen und es würde ſich gewiß eine Möglichkeit 46 auffinden laſſen, ihr in dem Hauſe des Palatins Eintritt zu verſchaffen. Er ſelbſt böte ihr gern die Hand dazu. „Nein, es darf nicht ſein,“ entgegnete Praskowa kopfſchüttelnd...„Ich muß mich vor mir ſelbſt behüten.“ Dem Pater blieb der Sinn dieſer Rede ein Räthſel, das er nicht zu löſen vermochte und welches ſich ihm erſt ſpäter enthüllte. II. riſchen, in einer Conföderation gegen ihn verbundenen Großadel verwickelt, nahm eben deshalb die ihm von Ba⸗ ſil's Geſandten gebrachte Nachricht von den zu Moskau geſchehenen Ereigniſſen mit einer Ruhe auf, welche zwar 48 vor der Hand keine kriegeriſche Rüſtung Sigismunds ge⸗ gen Rußland, um den ſchmachvollen Mord an ſeinem Verbündeten Demetrius und das durch den Aufruhr der Moskauer vergoſſene Blut ſeiner polniſchen Unterthanen zu rächen, befürchten ließ; aber nur Selbſtverblendung hätte Baſil ſo ſehr täuſchen können, um aus dieſer ruhi⸗ gen Entgegennahme auf ſeines königlichen Nachbars fried⸗ liche Geſinnungen zu ſchließen. Sobald die aufrühreriſche Adelsbewegung in Polen beendet war... auf welche Weiſe dies geſchah, blieb gleichgültig... mußte Baſil auch harten Krieg erwarten. Wie ein erſchreckender Ruf aus dem Jenſeits drang daher der Name Demetrius in ſein Ohr. War es im wilden Getümmel des Aufſtandes dem Czar wirklich gelungen, ſich durch Flucht zu retten? Baſil's Spione berichteten Seltſames. Nach Einigen von ihnen war der, welcher jetzt den Namen Demetrius ange⸗ nommen, nichts als ein Werkzeug der Freunde der Familie des Palatins von Sendomir, ein Menſch ohne alles Ta⸗ lent, der früher als eine Art von Geiſtlichen, Namens Iwan, aus Sokol in Weißrußland gebürtig ſei, wo er das wenig einträgliche Gewerbe eines Schulmeiſters aus⸗ geübt, nach Anderen aber ein Jude, Michael Moltſcharow mit Namen. Und bald verlautete es auch in dieſen Be⸗ richten, König Sigismund ſei nicht ganz unbetheiligt bei der Intrigue, einen ſolchen Menſchen als Werkzeug zu brauchen, um Rußland in Feuer und Flamme zu ſetzen. ——.,—4—, U 49 Wenn durch den Namen Demetrius die Leidenſchaften zur wildeſten Gährung aufgeregt waren, innerer Krieg die Macht Rußlands ſchwächte und aus einander fallen machte, mußte es den einbrechenden Polen leicht werden, ſich dieſes Reiches zu bemächtigen. Das Werkzeug, wel⸗ ches den gemordeten Demetrius vorgeſtellt hatte, kam dann in keinen Betracht mehr, man konnte es auf eine oder die andere Art beſeitigen. So lange als König Si⸗ gismund mit ſeinem Großadel im Kampfe begriffen war, gelang es den Ruſſen, die Schaaren der Abenteurer und Koſaken des den Namen Demetrius mißbrauchenden Be⸗ trügers fern zu halten; aber plötzlich änderte ſich die Lage der Dinge. Der polniſche Großadel, müde des Kampfes gegen den eignen König, ſchien ſich verſchworen zu haben, der Sache des Demetrius ſich mit aller Thatkraft anzu⸗ nehmen. Ein glänzendes Heer von Huſaren, unter dem Befehle vornehmer Anführer, der Rozynski, der Sapieha, der Tißkiewicz, der Liſſowski, kurz die Blüthe der polni⸗ ſchen und litthauiſchen Ritterſchaft, eilte zu ſeinen Fahnen. Fürſt Adam Wißniewiecki, der erſte Beſchützer des De⸗ metrius und Schwiegerſohn des Palatins von Sendomir, führte ihm in eigener Perſon zweitauſend Reiter zu. Dies entſchied in den Augen aller Derer, welche in den Glau⸗ ben an die Identität der Perſon des jetzigen Demetrius mit dem Gemordeten wankend geworden waren. Wie Poſaunenſchall drang das Gerücht von dieſem Rußland 1861. 22. Eine lat. Czarin, II. 4 50 bedrohenden Zuzug in die Ohren der Moskauer. Baſil ſuchte nach Mitteln, den Sturm zu beſchwören. In der Ueberzeugung von der Unechtheit des Demetrius, den die Polen jetzt als Puppe gebrauchten, glaubte er nichts Beſſe⸗ res thun zu können, als den Palatin von Sendomir dahin zu bewegen, die Erklärung abzugeben, daß der den Namen ſeines gemordeten Schwiegerſohnes mißbrauchende oder vielmehr der polniſchen Armee als Panier und Loſungs⸗ wort dienende Führer nichts als ein Betrüger ſei. Er hatte den Palatin deshalb zu ſich in ſeinen Palaſt bringen laſſen. „Sage mir, Czar, haſt Du ſchon geſehen oder ge⸗ hört, daß ein Mann ſich die rechte Hand abhaut, weil es einem Andern mißfällt, daß er mit dieer Hand Schwert oder Feder führt?“ fragte Georg Misznek.„Du ver⸗ langſt ein Gleiches von mir. Ich werde nie gegen meinen Schwieger ohn Demetrius zeugen.“ „Ich verlange das auch nicht, nur der Wahrheit die Ehre geben ſollſt Du. Hier lies dieſe Berichte, Du wirſt darin finden, daß der Menſch, den man als Popanz braucht, ein ab cheulicher Lügner und nicht Dein Schwiegerſohn iſt.“ Der Patatin wies die Berichte von ſich mit der Ver⸗ achtung, welche er überhaupt gegen alles Ruſſiſche hegte. „Verſchone mich mit dieſen Lügen,“ ſagte er kurz... „frage Dich ſelbſt, ob es denkbar iſt, daß Männer von ſolchen Namen, wie die Führer, welche an der Spitze der — u— ö ——— 51 polniſchen Armee ſtehen, ſo blind ſein ſollten, einen Fur⸗ ſten, den Hunderte von ihnen perſönlich gekannt und Gna⸗ denbeweiſe von ihm empfangen haben, in einem rohen un⸗ gebildeten Menſchen wieder zu erkennen? Die Lüge iſt zu groß, um natürlich zu erſcheinen, und zu gemein, um nur den Anſpruch einer Beachtung zu finden. Ha, Ihr Ruſſen habt eine treffliche Art, Euch durchzufinden und eine noch ſchönere, Euch beliebt zu machen. Ihr ſchlagt mit der einen Fauſt und liebkoſt mit der andern. Solches habt Ihr an uns bewieſen. Wie lange ſchon ſind wir Eure Gefangenen? über anderthalb Jahre ſind ſeit der Zeit ver⸗ floſſen, wo der von Euch Bojaren angeſtiftete Pöbel nach unſerm Blute ſchrie und in einer Nacht der Verdammniß uns überfiel. Ich fürchte, Czar, es wird der Tag kom⸗ men, wo Du in Deiner Seele Vieles ungeſchehen wün⸗ ſchen wirſt, das nicht für Dich ſpricht.“ Baſil ſchien nachdenkend. Er war kein Held, der begierig ſeine Wehrkraft mit der des Feindes zu meſſen trachtete, er war nur ein Intriguant, der im ſchlimmſten Falle eine Lüge mit der andern todtſchlug und wenig wäh⸗ leriſch in den Mitteln zur Erreichung ſeiner Zwecke war. Der Widerſtand, den der Palatin und deſſen Tochter bei den Verhören, in denen man ihnen ein Geſtändniß, den Sturz Rußlands bezweckt zu haben, abpreſſen wollte, be⸗ wieſen hatten, war ihm mehr als fatal geweſen, weil dieſe Entſchiedenheit Beider die Rechtlichkeit des geſche⸗ 4*½ 0 02 henen Umſturzes nicht nur in Zweifel ſtellte, ſondern gänzlich niederſchlug. Damals ſchien es Baſil zweckmä⸗ ßig, etwas den Palatin Verſöhnendes zu thun, Marina's ſchmachvolle Haft ward deshalb aufgehoben; jetzt glaubte er durch ähnliche Großmuth ſeinem Ziele, Misznek zu der Erklärung der Unechtheit des jetzt ſich geltend ma⸗ chenden Demetrius zu bewegen, näher zu kommen. Wenn auch nicht gleich, vermeinte er doch im Laufe der Zeit ihn dahin zu bringen, eine ſolche vielgewichtige Erklä⸗ rung abzugeben.„Du überſchütteſt mich mit Vorwür⸗ fen, Pan(Herr) Misznek, die ungerecht ſind und die Dich vergeſſen laſſen, daß ich der Czar Rußlands bin,“ entgegnete Baſil. „Seit wann beliebt es Dir, mich Pan Misznek zu nennen?“ fragte Jener ſtolz.„Und läge ich in einem Eurer ſcheußlichen Kerker, würde ich immer der Palatin von Sendomir bleiben. Ein polniſcher Palatin dünkt ſich keinen Deut geringer als ein auf den moskowitiſchen Thron gelangter Großbojar.“ „Ich bemerke dies an Dir,“ ſtimmte der Czar lä⸗ chelnd bei...„aber es freut mich, Dich in ſolcher guten Laune zu ſehen, denn der Stolz iſt ein Zeichen, daß es Dir noch nicht ſo ſchlecht ergangen, als Du Dir es ſelbſt glauben machen möchteſt. Wie, Herr Palatin von Sen⸗ domir, war ich nicht Dein Wohlthäter? Gedenke doch aran, was ich für Dich that! Mein Anſehen bewirkte ——— — — — 53 Dir und den Deinen Sicherheit des Lebens und als Czar gab ich Dir Deine Tochter zurück. Iſt das Nichts? Stand Jemand hinter mir, der mich dazu zwang?“ „Nicht hinter Dir, in Dir befand ſich Jemand, dem Du nicht zu widerſtehen wagteſt und das war die Furcht. Du fandeſt es für zweckmäßig zum Feſthalten der Opfer der Intrigue, durch welche Du Dich zum Throne aufgeſchwungen, Sammethandſchuhe anzuziehen, um die harten Griffe Deiner Fauſt minder auffallend zu machen,“ antwortete der Palatin mit Verachtung. „Es iſt ſchlimmes Umgehen mit Dir, Väterchen,“ ſagte der Czar, in den kindlichen gutmüthigen Ton ſeines Volkes überſpringend.„Nun, nun, man muß die Leute nehmen, wie ſie ſind, ſo oder ſo. Ich bitte Dich, denke darüber nach⸗ was ich von Dir verlangt habe, es iſt nichts Schlimmes. Du ſollſt ſehen, daß ich kein harter CEzar bin. Denn ich hebe hiermit die bisher ſtattgefun⸗ ⸗ dene Bewachung Deines Hauſes durch Strelitzen auf. Du und die Deinen ſollt Euch ungefährdet in unſerer Hauptſtadt bewegen können, nur das lleberſchreiten der äußeren Thore kann ich Eunch nicht geſtatten. Auch will ich Einen der Deinen die Erlaubniß gewähren, Moskau zu verlaſſen, um ſich mit eigenen Augen von der Betrü⸗ gerei Deſſen zu überzeugen, der ſich den Namen Deines Schwiegerſohnes angemaßt hat. Du erſtaunſt? ſcheint Dir meine Sicherheit zu gewagt für mich oder für die ——qç— Täuſchung, in der Du Dich hinſichtlich des Wiederauf⸗ lebens Deines Eidams befeſtigen möchteſt? Ich wage nicht zu viel dabei, denn ich bin meiner Sache gewiß. Meinſt Du, Herr Palatin von Sendomir, wir, die von Euch Polen verachteten Ruſſen, wären zu ſchwachköpfig, um nicht den Schein von der Wahrheit trennen zu kön⸗ nen? es wäre ein ſchädlicher und böſer Irrthum. Meine Kundſchafter ſind nicht die ſchlechteſten, verſichere ich Dich. Sie wiſſen ſehr gut, wie der Fürſt Schachowskoi und Pan Michawiecki eifrig bemüht waren, einen Menſchen zu ſuchen, der einige Aehnlichkeit mit Demetrius hat, und wie ſie in Sendomir den Gefundenen in ſeine Rolle ein⸗ weihten. Unterbrich mich nicht. Es ſcheint unglaublich, daß man unter den Augen Deiner Gemahlin dieſe Vorbereitung durchführen konnte. Die Frau Palatina mußte doch ihren Eidam erkennen, eben ſo Deine Söhne, die Freunde Deines Hauſes. Das Unglaubliche aber ſchwindet, wenn man erwägt, wie eine ſolche Poſſe allein im Stande iſt, die Anſprüche Deiner Familie an Rußland als vor der Welt gerechtfertigt darzuſtellen. Macht und Herrſchaft ſind zwei gleich verlockende Ziele, was wagt man nicht um ſie!“ „Ich bewundere Dein Calcül,“ bemerkte der Palatin. „Habe Dank für dieſe mir erzeigte Ehre, Väter⸗ chen,“ fuhr der Czar in dem gemüthlichen Tone ſeines Volkes fort...„es iſt die erſte, die mir von Deiner — — E 55 Seite wird und deshalb erfreut ſie mich beſonders. Aber laß mich weiter über dieſe Angelegenheit ſprechen, denn ich möchte dieſer Ehre gern noch würdiger werden. Du kannſt mir einwenden, zuletzt müßte die angeſponnene Intrigue doch ſcheitern, wenn Deine Tochter dieſen nach⸗ gemachten Gemahl nicht anerkennte. Nun, ich meine nicht, daß man darum beſorgt zu ſein braucht. Die Aus⸗ ſicht wieder auf den Thron zu gelangen und die Ueberzeu⸗ gung von dem Tode des erſten Gemahls legen einer jun⸗ gen Frau leicht ein Schloß vor den Mund und bleibt es ſich zuletzt nicht gleich, ob ſie einem zweiten Betrüger die Hand reicht?“ Der Palatin von Sendomir fuhr heftig auf:„Sie müßte ruſſiſches Blut in ihren Adern haben.“— Der Czar blieb bei dieſer keineswegs rückſichtsvollen Entgegnung ſo ruhig, als wäre ihm eine Schmeichelei geſagt worden.„Wollen wir uns nicht darüber ſtreiten,“ ſagte er...„ein Weib kann Alles und Deine Tochter iſt. Mutter. Du ſiehſt, ich greife in keinen leeren Topf. Weiter nun. Dem König Sigismund iſt dieſes ernſte Ränkeſpiel nicht fremd, es giebt ihm Gelegenheit, ſeine unruhigen Edelleute auswärts zu beſchäftigen, das heilige Rußland iſt eine gute Beute und der Betrüger bleibt bis zu der Stunde, wo man ihn nicht mehr braucht, ein Werkzeug wie jedes andere, das man nach dem Ge⸗ 56 brauche beſeitigt. Scheint dieſe Moral dem Herrn Palatin von Sendomir ſo unmöglich?“ „Bei Gott, Czar, Du haſt Deine Politik in der Hölle ſtudirt!“ rief Georg Misznek. „Dann wäre Polen die Hölle,“ antwortete Baſil lächelnd.„Würden wir Ruſſen nicht beklagenswerth ſein, wenn wir von unſeren Nachbaren gar nichts profitir⸗ ten? Genug jetzt davon. Ich biete Dir das Mittel zur Ueberzeugung, ergreife es.“ Dieſe Unterredung machte auf den Palatin einen tiefen und kummervollen Eindruck. Gehörte er auch zu der großen Zahl der Leichtſinnigen unter dem polniſchen Großadel, deren Streben allein nach Glanz und Schim⸗ mer gerichtet war und die im Uebermuthe ihre Güter ver⸗ geudeten, um zu prunken, ſo war er doch ein zu ehren⸗ hafter Charakter, um ſich zu einem Intriguant zu ernie⸗ drigen. Er verachtete den ränkevollen Baſil im tiefſten Herzen, konnte aber ſich ſelber nicht verhehlen, daß viel Wahres in deſſen Auseinanderſetzung einer Intrigue läge, von deren Exiſtenz er, der argloſe Palatin, nichts geahnt hatte. Bisher war er feſt in dem Glauben an die Ret⸗ tung ſeines Schwiegerſohnes Demetrius geweſen; die von Pater Xaver eingezogenen Nachrichten verlauteten nichts von einer Perſonenfälſchung und da ihm keine andere Kunde zukam, ſo knüpfte er wie ſeine Tochter und alle ſeine Haft Theilenden die feſte Hoffnung daran, daß der — * — —— ——— 57 Sieg des geretteten Demetrius ſie über lang oder kurz befreien werde. Der Frühling des Jahres 1608 war ſtark im Anzuge, nur wenige Monate fehlten an zweijähriger unwürdiger Gefangenſchaft, in welcher Baſil ſie gehal⸗ ten; der Wunſch nach Freiheit war ein ſo natürlicher in ihren Herzen, daß ſie ſich mit Vergnügen den ſchönen Phantaſiebildern hingaben, welche ſie an die Fortſchritte ihrer Landsleute in dem gegen Rußland aufgenommenen Kampfe knüpften. Obwohl die Hoffnung auf den Sieg der Polen, da jetzt die Blüthe deren Ritterſchaft ſich bei dem Kriege betheiligte, um nichts gemindert, im Gegen⸗ theil erhoht, befeſtigter wurde, ſo fühlte ſich der Palatin doch tief niedergedrückt von der Möglichkeit der Folgen, wenn Czar Baſils Worte Wahrheit enthielten und der jetzige Demetrius nur das Werkzeug einer Staatsintrigue war, welche König Sigismund im Stillen ſanctionirt habe. In welche üble Stellung gerieth der Palatin und ſeine Tochter dann! Konnten ſie auftreten und durch Verweigerung der Anerkennung des nachgemachten Prä⸗ tendenten faſt ganz Polen an den Pranger ſtellen, eine abſichtliche Täuſchung vertheidigt zu haben? Dieſer mög⸗ liche Ausgang bekümmerte den Palatin ſchwer und er be⸗ ſchloß über die ihm von Baſil gemachte Mittheilung ge⸗ gen Alle, ausgenommen Pater Xaver, Schweigen zu be⸗ obachten. Ihn, deſſen Treue er kannte, beſtimmte er zur 58 Erforſchung der Wahrheit über die angefochtene Perſön⸗ lichkeit des jetzigen Demetrius. Der junge Prieſter war zu einer ſolchen Sendung der allein Fähige. Seine Vertraut⸗ heit mit der ruſſiſchen Sprache und den Volksſitten ver⸗ bürgte im Voraus ein ſicheres Paſſiren durch die ruſſi⸗ ſchen Provinzen zu dem polniſchen Heere. Georg Misznek war ein zu zärtlicher Vater, um ſei⸗ ner Tochter das einzige Glück zu trüben, deſſen ſie jetzt in der Haft genoß, die Hoffnung nämlich, durch ihren Ge⸗ mahl wieder zum Throne erhoben zu werden. Die lebhaf⸗ te Einbildungskraft Marina's hielt feſt an dieſem Traum ihres ſtolzen und eitlen Herzens und er wurde ihr um ſo mehr ein Bedürfniß, als ſie durch die Liebe des Mutter⸗ herzens ſich berechtigt fühlte, die Zukunft ihres Kindes ſich auf das Herrlichſte im Geiſte auszumalen. Bei ihr ſtieg kein Gedanke an die Möglichkeit auf, daß nur der Name ihres Gemahls, nicht auch deſſen Perſönlichkeit von ſo großer entſcheidender Wirkung auf die Polen wie auf die Ruſſen ſein könne. 1 Die Strelitzen verließen auf Befehl des Czaren das große weite Gehöfte, welches der Palatin und die Sei⸗ nen bewohnten und ſomit war für dieſe eine Stufe zur Freiheit errungen.„Ha, der Pelzhändler*) giebt klein nach, *) Man nannte Schuiski ſpottweiſe ſo, entweder wegen des Pelzes„Schuba,“ den er als Czar zu ſeinem Ceremonien⸗ ——— y— — 9——„— 59 das Feuer fängt an, ihn auf die Nägel zu brennen, er wird gutmüthig, der Schubiak,“ ſpotteten die jungen pol⸗ niſchen Edelleute.„Was gilt's? er wird allmählig die Saiten ſo herunterlaſſen, daß er noch unſere Gnade er⸗ bitten wird.“ Pater Xaver war tief von dem erſchüttert, was der Palatin im Geheim ihm mittheilte und gleich bereit, ſich auf die Wanderung zu begeben, um durch perſönliche Ueberzeugung hinſichtlich der Identität des jetzigen mit dem früheren Demetrius die Wahrheit zu erforſchen. Von dieſen Zweifeln erfuhr Marina natürlich nichts, der Pa⸗ latin ſagte ihr nur, Pater Xaver habe eine geheime Sen⸗ dung an Demetrius übernommen, ihn von ihrer Lage hier zu unterrichten. „O mein theurer Freund,“ rief die Czarin, als der Jeſuit Abſchied von ihr nahm....„Alles, was ich Dir an meinen Gemahl auftragen könnte, ſagt Dir dein eige⸗ nes Herz. Wäre es nicht thöricht, wollte ich Dir Worte an ihn in den Mund legen, wo Du der treue Gefährte coſtüm trug, oder auch in Folge eines ſchlecht genug be⸗ gründeten Wortſpieles auf die Aehnlichkeit des Namen Schniski mit dem Worte Schubnik(Pelzhändler) oder vielmehr dem Adjektiv Schubsky(pelzig), welches gleichbe⸗ deutend mit Schubiak als gewöhnliches Schimpfwort ge⸗ braucht wird und ſo viel wie„Lumpenkerl“ gusdrückt. 60 unſerer Leiden bis jetzt geweſen biſt? Erzähle ihm von ſeinem kleinen Czarewitſch, meinem geliebten Kinde, das wird ſeine Eile nach Moskau beflügeln, ſage ihm, wie ich die Stunden zähle bis zu ſeiner Ankunft als Retter, als Rächer. Ach, Xaver, Du wirſt ihm ein lieber Bote ſein, ein Bote, wie es die mit lindem Frühlingshauche zu⸗ rückkehrenden Vögel für unſer Ohr und Herz ſind. Nie⸗ mand lehrt ihnen ihre Lieder und doch ſingen ſie ſie aus voller Bruſt heraus. Thue ihnen nach, mein Freund, und Du haſt Alles gethan, was ich Dir auftragen könnte.“ So ſchied Xaver von ihr. Marina fühlte ſich glücklich in dem Gedanken, ihren kleinen Czarewitſch in ſeine Geburtsrechte eingeſetzt zu ſehen. Jetzt war es ſo ärmlich um ihn her, kein Schimmer der Hoheit, auf die er den gegründetſten Anſpruch hatte, umgab ihn und dieſer Mangel verwundete oft ihr ſtolzes Herzz; es ſehnte ſich nach dem Glanze des Thrones, in dem ſie ſich nur wenige Tage lang geſonnt hatte. Für ihre Gefangenſchaft war eben das Mutterglück eine Stütze. Mit ungemeiner Sorge war ſie um das Wohl ihres klei⸗ nen Czarewitſch bemüht, jedes Lächeln des Kindes erhob ſie, aber auch jede ſeiner Aeußerungen von Weh erfüllte ſie mit Angſt und Schreck. Wenn ihr etwas beſonders ſchmerzlich war, ſo lag dies in der Entbehrung eines mit ihr gleichfühlenden weiblichen Herzens. Sie beſaß zwei polniſche Dienerinnen, aber zu keiner fühlte ſie ſich mit — 109— ⏑˙— ———— A* — 61 größerem Vertrauen hingezogen, ſie erſchienen ihr eben nur als Miethlinge, deren Theilnahme nicht über ihre Pflicht hinaus reichte. Oft gedachte ſie an Praskowa; lag auch eine unüber⸗ ſpringbare Kluft zwiſchen ihren beiderſeitigen Geburts⸗ und Standesverhältniſſen, war auch die Tochter des ruſſi⸗ ſchen Bilderhändlers nicht geeignet, die öffentliche Freun⸗ din einer Czarin zu ſein, ſo übte doch das natürliche ſanfte Weſen Praskowa's einen großen zauberhaſten Reiz auf ſie aus. Bei dem jungen Mädchen war die Demuth und Ergebung gegen ihre Herrin keine leere Schmeichelei, ſondern ein folgerechter Erguß ihrer ungekünſtelten einfa⸗ chen Empfindung und es war daher eben ſo natürlich als wohlthuend für Marina ſelbſt geweſen, mit wohlwollen⸗ dem Vertrauen ihr zu lohnen. Praskowa's Treue hatte ſich ihr im Unglück bewährt und was knüpft die Herzen feſter, als bewieſene Treue im Leiden? Faſt anderthalb Jahre waren verfloſſen, ſeit Ma⸗ rina keine Kunde mehr von Praskowa hatte. Mit der Rückreiſe der dem neuen Patriarchen als Begleiter dienen⸗ den Diakonen nach Kaſan mußte auch der Jeſuitenprie⸗ ſter, wollte er ſein Geheimuiß nicht ſelbſt verrathen, nun dem Hauſe Walujew ferne bleiben. Marina's Befrei⸗ ung aus dem Gefängniſſe hatte übrigens ſchon faetiſch die Urſache aufgehoben, weshalb er die Beſuche bei dem Bilderhändler begonnen und obwohl er den ſtillen Ephim 62 und Praskowa liebgewonnen, ſo überwog doch die Vor⸗ ſicht bei ihm. Unter welchem Vorwande hätte er ſeine Beſuche fortſetzen wollen? Würde es eine Unmöglichkeit geweſen ſein, das die von ihm feſtgehaltene Täuſchung entdeckt worden wäre? Ein kleiner Zufall konnte eine ſol⸗ che Enthüllung ſeines wahren Charakters herbeiführen und zum Uebel für ſeine eigene Perſon ſowohl als über⸗ haupt für ſeine in Haft gehaltenen Landsleute ausſchlagen. Unter den Bewohnern des Walujew'ſchen Hauſes erſtarb jedoch die Erinnerung an ihn nicht mit ſeinem Ausbleiben. Der ſtille Ephim gedachte oft ſeiner, beſon⸗ ders wenn er einen Spaſſittel(Erlöſer) malte, redete er von dem guten freundlichen Diakon Afrael. Es that dem ſanften Gemüthe Ephims wohl, dies oder jenes in's Ge⸗ dächtniß zurückzurufen, wovon das fromme Väterchen von Kaſan geſprochen hatte.„Es war ein recht geſegneter Tag, als er an unſere Bude trat, ein ſehr geſegneter Tag,“ redete der in der Erinnerung fröhliche Ephim. O, ich weiß es noch ganz genau, Du Praskowa, ſtandeſt mit in der Bude, als ich Väterchen Afrael einlud, einen unſerer lieben Heiligen zu kaufen. Ich hatte ihn gleich auf den erſten Augenblick liebgewonnen. Es iſt doch närriſch, wie manche Menſchen Einen zu Herzen ſprechen, ohne nur ein Wort mit uns geredet zu haben! Ich ſagte das auch zu Väterchen Afrael und er meinte, darin ruhe ein ſchönes Geheimniß der Seelen, die im großen Weltall alle unter 63 einander verbunden wären, weil ſie alle Kinder eines Gottes ſeien; aber Viele hätten ſich von dieſer Gemein⸗ ſchaft losgeriſſen und das innere Licht ſei in ihnen verlo⸗ ſchen, weshalb die Guten auch Scheu und Trauer bei ihrer Annäherung empfänden. Ja, Väterchen Afrael war eine von den Seelen, in denen das Licht hell und klar leuchtete. Wie mag es ihm gehen? ob er unſerer gedenkt? v gewiß, gewiß! meinſt Du nicht auch, Praskowa?“ „Ich glaube es,“ antwortete die Gefragte...„die Erinnerung iſt eine Ranke, die ſich um einen hohen Ulmen⸗ baum ſchlingt. Wie dieſe nicht von ihm läßt, ſo auch die Exrinnerung nicht von uns, ſie grünt immer neu.“ Ephim war mit dieſem Vergleich ſehr zufrieden ge⸗ ſtellt, er fand ihn treffend. Ueberhaupt ſchien das Verhaͤlt⸗ niß zwiſchen Praskowa und ihm inniger geworden zu ſein. Das junge Mädchen ſchloß ſich offenbar mehr als früher an ihn an. Ephim ſelbſt hatte davon keine Ahnung; er hielt das ſo und nicht anders als ganz in der Ordnung. Die Zeit verwiſcht die ſtärkſten Farben, ſie iſt die unſichtbare Verminderin von Wünſchen, deren Erfüllung uns durch Ver⸗ hältniſſe entrückt wurde. Nicht daß Praskowa auf ihre Herrin Marina vergeſſen, nicht mehr des ſüßen ſchmei⸗ chelnden Eindrucks der ihr von dem ſchönen Julian von Golczewski bewieſenen Neigung gedacht hätte, ſolche Erinnerungen ſchlafen in Maͤdchenherzen nicht ſo leicht ein; aber ſie erinnerte ſich mit mehr Ruhe daran, ihr de⸗ 64 muthsvoller Sinn ergab ſich in das ihr ſchon früher be⸗ ſtimmte Verhältniß, Ephim's Weib zu werden. Bald nahte dieſe Zeit heran; Praskowa hegte keine ſo große Scheu mehr vor dieſem Gedanken, als in jenen Tagen, wo ſie im Kreml lebte und dann in der Erſtlingszeit nach dem furchtbaren Auftritte im väterlichen Hauſe. Damals hatte das Neue, Unbekannte ihr einfaches Denken über⸗ wältigt. Dieſe große Unruhe ihres Weſens war aber jetzt bedeutend gemildert, die Friſche der Farben ihrer Erinne⸗ rung verblich und zuweilen gab es ſogar Stunden, wo ſie über ſich ſelbſt lächelte. „Was war ich doch für ein thörichtes Ding, daß ich es nur als möglich denken konnte, eines vornehmen pol⸗ niſchen Edelherrn Braut zu werden!“ ſagte ſie zu ſich. „Es war eine ſchlimme Ueberhebung meiner Niedrigkeit, ich war mir ſelbſt entriſſen. Was könnte ich denn an Ephim ausſetzen? iſt er nicht gut von Herzen und liebt er mich nicht mit aller Innigkeit? warum denn ſo hoch hinaus, Praskowa? ſind die ſtolzen Bäume Dir weniger werth, als die Gräſer?“ Ob dieſe Anſprachen auſich ſelbſt von ſo unbedingtem Einfluſſe waren, daß ſie jeden in ihrem Herzen aufdäm⸗ mernden Gedanken an den ſchönen Julian Golczewski ver⸗ drängten, blieb ihr wohl verſchwiegenes Geheimniß. Die Nothwendigkeit, wenigſtens eine Seele im Hauſe zu ha⸗ ben, der ſie ſich vertraulich zuwenden konnte, war es ge⸗ 65 wiß nicht minder, welche Theil an ihrem innigeren An⸗ ſchluß an Ephim hatte. Ihr Vater war im Verlaufe der Zeit ganz unzugänglich geworden; die Schwermuth, die ſich ſeiner bemächtigt hatte, machte ihn abwendig von je⸗ der ſanfteren Regung. Finſter und in ſich verſchloſſen lebte der Mann nur ſeinem Geſchäfte; er war der unermüdlich⸗ ſte Bilderhändler der Moskauer Kjädi. Man hätte mei⸗ nen ſollen, der Mann ſteuere unaufhaltſam auf das Ziel eines Habſüchtigen zu, nur ſo viel als möglich zu erwer⸗ ben und zuſammen zu ſcharren, und doch wußte Jeder, der ihn kannte, daß dies nicht der Fall ſei. Niemand verbrauchte ſo viel Wachskerzen als Walujew, in den verſchiedenen Kirchen der Stadt empfingen die Heiligen dieſe leuchten⸗ den Huldigungen; man erfuhr mit Erſtaunen, daß er eine Schaar Armer an beſtimmten Tagen mit Kerzen ausrü⸗ ſtete und ſie gegen Bezahlung ihrer Mühen in die Kirchen ſchickte, um den Heiligen ein Licht zu weihen. „Er iſt ſehr fromm,“ ſagte man und dies Urtheil die Urſache, daß ſein Geſchäft das renommirteſte unter al⸗ len ſeines Gleichen ward; man drängte ſich an die Bude Walujew's in der Meinung, die Fürbitte der bei ihm ge⸗ kauften Heiligen ſei in allen Angelegenheiten viel wirk⸗ ſamer. Ephim hätte wenig Einſicht haben müſſen, wenn die ſonderbare Umwandlung in Walujews Weſen ihm nicht aufgefallen wäre, aber er äußerte nichts darüber gegen 1861. 22. Eine lat. Czarin. II. 5 66 Praskowa. Es würde ihr weh gethan haben, beſonders da es ſichtbar genug war, welche ſchroffe Schranke einer unerklärbaren Abneigung oder Scheu den Vater von der Tochter trennte. Die Letztere berührte ebenfalls dieſen unerfreulichen Punkt mit keiner Sylbe; nur die alte Na⸗ taſcha ſagte zuweilen: „Der Herr iſt wie ausgewechſelt, gar nicht mehr er ſelber, wie vor Zeiten. Was meinſt Du, Ephim, ob man einmal den Verſuch macht, einen finniſchen Zauberer dar⸗ über zu befragen? Es ſind kluge Leute, die mehr verſtehen als andere, und einen herbeizuſchaffen ſollte mir nicht ſchwer werden. Beim Lawotſchnik(Vietualienhändler) Iſaje⸗ witſch Loffkow in der Tafarskaia(Straße) drüben kom⸗ men viele Leute hin, die allerlei Dinge treiben. Hat mir doch die alte Malanja, meine gute Freundin, als Geheim⸗ niß vertraut, daß ihr Herr, der Lawotſchnik, ſelbſt einen finniſchen Hexenmeiſter unſerm allergnädigſten Czaren und Herrn Baſil Schuiski... Gott laſſe ihn gedeihen!... zugeführt habe.“ Indem Nataſcha von einer Sache redete, welche da⸗ mals als würdiges Seitenſtück mit der abergläubiſchen Religioſität der Ruſſen in vollkommenſtem Einklang ſtand und ein trauriger Beleg für die niedere Culturſtufe dieſer Nation war, glaubte ſie an Ephim einen Beiſtand in dieſer Beziehung zu finden und erſtaunte nicht wenig, als dieſer ihr antwortete:„Es iſt nichts damit, Mütterchen. Wer 6 67 möchte ſo närriſch ſein, an dieſe Dinge zu glauben! Die Finnen ſind geſcheidte Leute, die vom Beutel der Dum⸗ men leben; ſie haben weder über die Lebendigen noch über die Todten Recht und Macht. Was würde denn aus Gott und ſeinen lieben Heiligen, wenn es einem Finnen gefallen dürfte, etwas zu thun, was übernatürlich wäre?“ Nataͤſcha ſtand an der Gränze ihrer Weisheit, der⸗ gleichen Widerſpruch hatte ſie von Ephim nicht erwartet; er überſtieg ihr Begriffsvermögen. Mit ſehr bitteren Gefühlen über das Einreißen von Unglauben an Dinge, welche von uralter Zeit her feſten Grund im Volke gefaßt hatten und welche Vornehme wie Geringe als unumſtöß⸗ liche Wahrheit betrachteten, ſah ſich die Magd zurück⸗ gewieſen. Was Ephim ihr entgegnet hatte, ſtammte nicht aus ſeiner urſprünglichen Anſchauung, ſondern war der Nachhall der Lehren Afraels, welcher zuweilen, wenn es die Gelegenheit mit ſich brachte, über derartige Gegen⸗ ſtände ſich ausgeſprochen hatte. Das einfache und fromme Gemüth Ephims empfing dadurch Läuterung, auf die es nicht ſtolz wurde, weil er es nur als natürlich fand, die Anſicht eines Mannes zu der ſeinigen zu machen, der ſein ganzes Vertrauen und ſeine innigſte Zuneigung beſaß. Nach Väterchen Afraels Fernbleiben vom Walujew⸗ ſchen Hauſe, was in Ephims Augen in der Rückreiſe der Diakonen nach Kaſan hinlänglich begründet war, fühlte der ſtille Shiwopiſſetz eine große Leere um ſich. Mit Wa⸗ 5 68 lujew war wenig mehr zu ſprechen, wenn es nicht das Ge⸗ ſchäft angehende Gegenſtände betraf, ja zuweilen wurde es Ephim ganz unheimlich in der Nähe ſeines künftigen Schwiegervaters, der ſelbſt von Blicken erſchreckt wurde. Wenn Walujew, wie es immer öfterer der Fall war, in Hinbrüten verſunken daſaß und beim Wiederaufſchlagen der Augen gelegentlich einmal Ephims theilnahmsvollen Blick auf ſich haften bemerkte, fuhr er ſichtbar erſchrocken zuſammen und griff mit der Hand haſtig nach der Stirn. „Was ſiehſt Du mich ſo unverwandt an?“ fragte er dann...„iſt etwas Auffallendes auf meiner Stirne?“ „Was ſoll's denn ſein?“ entgegnete Ephim von der ſonderbaren Frage überraſcht. „Was? weiß ich es?... ein Fleck vielleicht... ein... Zeichen... ein dunkler Schatten... ſiehſt du vielleicht ſo etwas?“ „O, das machen die Falten, weil Du die Stirne ſo ſehr runzelſt, Väterchen, das verfinſtert ſie, ſonſt ſehe ich nichts.“ Walujew ſchien wenig von dieſer Antwort befriedigt, ſein Blick deutete den darüber gehegten Zweifel an und eine gewiſſe Scheu, von der Ephim ſich gar keine mögliche Urſache denken konnte, nahm immer mehr Beſitz von ihm. Brachte Ephim zuweilen das Geſpräch auf Afrael, be⸗ merkte er mit Erſtaunen, daß ſich Walujew's eine große Unruhe bemächtigte und er auffallender Weiſe Alles ver⸗ 69 mied, was von ſeiner Seite eine Unterſtützung der Fort⸗ führung dieſes Geſprächsſtoffes, der Ephim doch als ein ſehr würdiger erſchien, ähnlich geſehen hätte. Es war un⸗ heimlich in dem Hauſe geworden, ohne daß ſich dies Ge⸗ fühl gerade als ein beſtimmtes hätte bezeichnen laſſen, da dem äußeren Anſchein nach Alles ganz in der alten Weiſe wie ehemals geblieben war, dieſelben Menſchen und der⸗ ſelbe ſich zwiſchen ihren täglich erneunende Verkehr. Und doch war dies nicht ſo ganz der Fall, denn ſelbſt zwiſchen Praskowa und der alten Nataſcha machte ſich eine Er⸗ kältung der Zuneigung von Seite der Erſteren gegen die Letztere bemerkbar, wovon der in ſeine Heiligenbilder⸗ malerei vertiefte Ephim jedoch nichts gewahrte. Der alten Nataͤſcha würde es das Herz abgedrückt haben, wenn ſie nicht gelegenheitlich ihrem„Blümchen“ eine Andeutung darüber hätte geben ſollen, daß ſie ſie im Arme des Czaren geſehen. Sie erzählte dies Erlebniß, das ihr ſo viel zu ſchaffen gemacht hatte, als eine ihr zufällig beikommende Erinnerung, ohne jedoch zu äußern, daß ſie Praskowa erkannt habe. Die Umſtändlichkeit bei ihrer Erzählungsweiſe konnte Praskowa nicht im Zwei⸗ fel über die Wahrheit des Letzteren laſſen; ſie fühlte es heraus, wohin Nataſcha ziele, welche ſich zuletzt in hef⸗ tige Schmähungen gegen einen Czar ergoß, der ein Heide und Boöſewicht geweſen ſei. Praskowa beobachtete Schwei⸗ gen, was für Nataͤſcha zur höchſt unangenehmen Veran⸗ 70 laſſung wurde, daß auch ſie dieſen ihr hoͤchſt intereſſanten Geſprächsgegenſtand ſallen laſſen mußte. Die Folge die⸗ ſer übel angebrachten Vertraulichkeit, die einem beſchämen⸗ den Vorwurf ſehr ähnlich ſah, war eine Entfremdung in der alten herzlichen Umgangsweiſe von Seiten des jun⸗ gen Mädchens gegen die Magd, welche bisher einen Theil mütterlichen Anſehens bei ihr genoſſen hatte. Praskowa fühlte ſich nicht berufen, die Täuſchung Nataſcha's, nach welcher dieſe in dem als Huſar gekleide⸗ ten Julian Golczewski den beim Balle an ſeinem Ver⸗ mählungs⸗ und Krönungsfeſte in gleichem wenn auch rei⸗ cherem Coſtüm erſchienen Czar zu ſehen gewähnt hatte, zu berichtigen. Das junge Mädchen fand ſich unange⸗ nehm von dieſer es bedrückenden, wenn auch irrigen Kenntniß Nataſcha's um ſeine Liebe berührt; es hatte das Gefühl, als würde ihm ein theures Geheimniß von rau⸗ her Hand aus dem Herzen geriſſen. Praskowa's Schwei⸗ gen und Nichtbeachtung war das einzige Mittel, auch Nataͤſcha Schweigen außzulegen; aber einen ſchweren Kampf hinterließ dieſe auf eben ſo unerwartete, wie un⸗ zarte Weiſe zu neuem Aufleben wachgerufene Erinnerung an ihre Liebe zu Julian in ihrem Herzen. Es koſtete ihr viel Mühe, dieſen Sturm zu bewältigen, der von ihrer lebhaften bilderreichen Phantaſie unterſtützt wurde. Was ihr nur mit Anſtrengung gelang, das vollendete die Zeit; ſie wurde ruhiger und bald glaubte ſie den Wohllaut in⸗ 71 neren Friedens erworben zu haben. Wie trügeriſch war dieſer Wahn des jungen Mädchens, welches noch nicht wußte, daß Leidenſchaften wohl zum Schlummer ge⸗ bracht werden können, aber bei der leiſeſten Mahnung mit neuer Kraft erwachen. Eines Tages, nachdem faſt zwanzig Monate ſeit jener Zeit des Aufruhrs verfloſſen waren, welcher Moskau zum Schauplatze blutigen Mordes gemacht hatte, eilte Pras⸗ kowa flüchtigen Schrittes aus dem Rjädi, wohin ſie für den Vater und Ephim einen wohlumwickelten Krug Sbitin (warmes aus Meth bereitetes Getränk) in Abweſenheit Ilia's, dem für gewöhnlich dieſe Beſorgung oblag, ge⸗ bracht hatte, nach Hauſe. Ein leiſes„Pſt! Pſt!“ hemmte für einige Secunden ihre Eile, ſie ſah ſich um, und ge⸗ wahrte kein bekanntes Geſicht. Das„Pſt!“ hatte alſo nicht ihr gegolten und ſo ſetzte ſie ihren Weg raſch weiter fort. Schon am väterlichen Hauſe angelangt, hörte ſie das„Pſt!“ wieder. Mehr mechaniſch als ſelbſtbewußt blickte ſie nach der Richtung zurück, von wo ſie herkam. Eine in einen Mantel gehüllte Geſtalt fiel ihr auf, von der ſie ein Zeichen erhielt zu warten, indeß das junge Mädchen leiſtete dieſer Aufforderung keine Folge, es ſchlüpfte raſch in das väterliche Gehöfte hinein, deſſen Thüre hinter ſich verriegelnd. Daß der ſie zum Warten Auffordernde kein Moskauer ſei, war ihr klar, denn er trug ja einen Mantel wie ein Ausländer und ſein Kopf 72 wurde von einem großen breitkrempigen Hut ſo bedeckt, daß die Züge ſeines Geſichtes auf eine Entfernung von zwanzig Schritten unkenntlich blieben. Dieſelbe Geſtalt entſann ſich Praskowa bereits geſehen zu haben, als ſie ſich bei dem erſten Merkzeichen umgeblickt hatte. Sie empfand Angſt vor der Zudringlichkeit des Fremden, aber die Sicherheit, welche ihr das verriegelte väterliche Ge⸗ höfte verlieh, ließ ſie ſchnell darauf vergeſſen. Sie dachte mit keiner Sylbe mehr an den kecken Mantelträger, als ſie am Abend, nachdem der Vater und Ephim aus dem Rjädi nach Hauſe gekommen waren und Nataͤſcha das Nachtmahl bereitete, aus dem Gehöfte ein Gefäß heraufholen wollte. Sie fühlte ſich plötzlich von einem kräftigen Arm umſchlungen und eine männliche Stimme flüſterte ihr zu:„Ich bins, Julian Golczewski!“ Schreck und freudiges Erſtaunen machte das junge Mädchen verſtummen; es befand ſich genau in der Lage eines Vogels, der, wie die Sage geht, vom Anblick der Rieſenſchlange erſtarrt, willenlos deſſen Beute wird. Praskowa fand bei dieſer Ueberraſchung kein Wort zu einem Ausdrucke ihres Gefühls. „Mein kleiner Moskauer Engel ſoll mir jetzt nicht ſo ſchmetterlingsartig davonflattern, wie er es heute am Tage gethan,“ redete Julian leiſe. Daß ich hierher mich gewagt habe, wird, hoffe ich, Dir ein Beweis meiner Liebe und Du wirſt noch die Nämliche ſein, wie vordem im 73 Krem!, ehe dies beſtialiſche Volk meuterte. Beim Satan, wenn ich daran denke, will mir's Blut aus den Finger⸗ ſpitzen vor Wuth. Aber das beiſeite. Ich habe Dich wie⸗ der, meine Schöne, und das Glück überwiegt Alles. Wäre die Hölle in Trümmer zerfallen, was kümmerts mich! ich halte den Himmel in meinem Arm und ver⸗ dammt will ich ſein, wenn ich jetzt von der Stelle weiche, ohne zu wiſſen, ob Du noch wie ehedem mein ſüßes Lieb⸗ chen biſt.“ „Ums Himmels willen, laßt mich los, Herr von Golezewski, wenn der Vater... der Ephim... oder der Ilia, unſer Diener, der vom Vater ausgeſchickt je⸗ den Augenblick zurückkehren kann... mich hier mit Euch überraſchte... heilige Mutter, ich ſtürbe vor Schreck,“ hauchte Praskowa in größter Herzensangſt. „Was da!“ rief der junge polniſche Edelmann keck, „laßt dieſe Sorge zum Teufel fahren, ich bin da, das iſt genug. Es wird wohl Niemand ſo dummdreiſt ſein wollen, Dich mir mit Gewalt zu entreißen, ich würde ihm mit meiner guten Klinge eine Lehre für's ganze Leben erthei⸗ len. Ephim... Jlia... was das für heidniſche Na⸗ men ſind! ha, Ilia war wohl das Faulthier, das vor einer Viertelſtunde hier aus dem Gehöfte ging und glück⸗ licherweiſe mich nicht ſah? Warum zitterſt Du wie eine Espe, Mädchen? bei meinem Schutzpatron, Deine Hand bebt ja wie vom Fieber. O, ſei nicht närriſch, Kind, Furcht iſt die ſchlechteſte Krankheit, die ein Menſch haben kann. Thue mir nach, ich weiß nichts von Furcht, nur vom Glücke, Dich wieder in meinen Armen zu halten. Denke Dir, bis jetzt ſind wir, die Czarin, Deine frühere Herrin, ihr Vater, der Herr Palatin, und wir, deren Landsleute, von dem ſchuftigen Pelzhändler Schuiski, der ſich Czar des heiligen Rußlands nennt, gefangen gehalten worden gleich wilden Thieren, und nun, wo ich heute zum Erſten⸗ male wieder die Freiheit mit vollen Zügen genieße,iſt mir das Glück wie ſeinem beſten Schooßkinde günſtig... ich finde Dich... es hätte mir keine Ruhe gelaſſen, wenn ich die Nacht hätte vorübergehen laſſen müſſen, ohne mit Dir geſprochen zu haben; dieſe Abſicht führte mich hier⸗ her und... mein gutes Glück ſtand mir bei.“ Nach kurzer Pauſe fragte er:„Du bleibſt ſtumm, Praskowa? wie ſoll ich das deuten? Mädchen, ſprich offen und ehrlich, hat die Zeit meiner Gefangenſchaft mein Bild in Deinem Herzen verwiſcht?“ Ein leiſes kaum hörbares„Nein“ entſchlüpfte Pras⸗ kowa's Lippen. „Nein!“ rief der junge polniſche Cavalier in ſtür⸗ miſcher Freude, ſie feſt in die Arme ſchließend...„ach, mein heißgeliebtes Täubchen, das iſt ein Wort, das mir alle Himmel aufſchließt. Bei Gott und der heiligen Jungfrau, Du biſt das rechtgläubigſte Weſen im Mos⸗ kowiterlande, denn Du glaubſt an mich.“ 75 Das Knarren der etwas ſchwer aufgehenden Thüre deutete Ilia's Rückkehr an.„Hierher, daß er uns nicht gewahr wird,“ flüſterte Praskowa in großer Angſt und zog den ihr bereitwillig Nachgebenden hinter den Vor⸗ ſprung eines Holzſchuppens. Das Geräuſch des ſchweren Holzriegels mit Kraft von Ilia durch die Eiſenklammern geſchoben und die etwas ſchwerfälligen Tritte des Die⸗ ners nach dem Hauſe folgten einander bald und befreiten das Mädchen ein wenig von der Furcht entdeckt zu wer⸗ den. Ohngefähr zehn Minuten ſpäter bemühte ſich Julian, den Holzriegel wieder ſo geräuſchlos als möglich von der Thüre zurück zu ſchieben und als er auf die Straße in's Freie hinaustrat, rief er leiſe dem ihn geleitenden Mäd⸗ chen zu:„Es bleibt bei der Abrede. Gute Nacht, träume von mir.“ Der Abend war düſtergrau, aber ganz geſchaffen, das Geheimniß zu verhüllen, welches Praskowa trotz aller Freude des Wiederſehens doch eine unendliche Angſt ver⸗ urſachte. Mit einemmale war aus ihrem Herzen der Friede verſchwunden, den ſie im Verlaufe der Zeit errun⸗ gen hatte; der wieder mit aller Kraft in ihr erwachte frü⸗ here Zwieſpalt ihres Herzens machte ſie zu ſeiner willen⸗ loſen Beute. Und doch übte das Geheimniß, von dem ſie ſich zauberhaft umſchlungen fühlte, einen ſo ſüßen über⸗ wältigenden Reiz auf ſie, dem ſie ſich nicht zu entziehen vermochte! Von den Bewohnern des Hauſes ahnte Nie⸗ 76 mand, daß ein kleiner unbedeutender Kreideſtrich an der Gehöftethüre das Zeichen für eine Zuſammenkunft zwi⸗ ſchen Praskowa und einem von ihnen gehaßten Lateiner ſei. Wenn der Abend niedergeſunken, ſein finſteres Ge⸗ wand über die Stadt breitete, fand Julian von Gol⸗ ezewski den Riegel von der Gehöftethüre weggeſchoben und ſchlüpfte geräuſchlos an der Mauer im Innern des Hofes nach einem kleinen niedrigen Seitengebäude hin, welches Walujew zum Aufbewahren von ſeinem Vorrath Heiligenbilder gebrauchte und deſſen Fenſterläden feſt verſchloſſen waren. Hier fand er beim Schein einer Hand⸗ lampe Praskowa ſeiner warten. Es waren kurze Viertel⸗ ſtunden ſtillen verſchwiegenen Glückes, in denen das Mäd⸗ chen alle Angſt vergaß, mit welcher der Gedanke an die Möglichkeit einer Entdeckung es den Tag über peinigte. Aber Frauen⸗Augen ſind ſcharfe, unausweichliche Späher. Es entging der alten Nataſcha nicht, daß Pras⸗ kowa eine Unruhe und Aengſtlichkeit zu verbergen ſtrebte, welche ſich auf verſchiedene Weiſe ausdrückte. Das Mäd⸗ chen war jetzt ungemein ſchnell zum Schreck geneigt, fuhr auf, wenn es unerwartet, ohne daß es vorher Jemand in ſeiner Nähe geſehen hatte, angeredet wurde. Es zeigte eine außerordentliche Zerſtreutheit bei Allem, was es that. Nataͤſcha wußte nicht, wie ſie dieſe auffällige Verände⸗ rung oder dieſen unerklärlichen Zuſtand Praskowa's deu⸗ ten ſolle. Der Zufall war ihr nach einiger Zeit zu dieſer 77 Enträthſelung behülflich. Sie bemerkte nämlich eines Abends, durch ein kleines Geräuſch aufmerkſam gemacht, wie das ſich unbemerkt glaubende Mädchen aus dem Wohnhauſe einen umgeſtürzten Topf trug, aus deſſen unterwärts gekehrter Mündung der Schein eines Lichtes herabſtel. Das war zu auffallend, als daß Nataͤſcha ſich nicht hätte veranlaßt fühlen ſollen, dieſe Entdeckung zu verfolgen. Ihre Baſtſchuhe eigneten ſich trefflich zum Nachſchleichen. Sie ſah das Mädchen mit dem Lichte unter dem Topfe nach dem kleinen Seitengebände gehen und deſſen Thüre, nachdem es in das Innere eingetreten, leiſe hinter ſich anlehnen. Natäſcha war ſo erſtaunt von dieſem Gebahren, daß ſie im Zweifel war, ob ſie wirklich wache. Die Sdene veränderte ſich indeß bald, denn leiſe knarrte die Ge⸗ höftethüre und Schritte kamen dann längs der Mauer hin. Der Spätabend war zu dunkel, um die in den tiefſten Schatten ſich drückende Lauſcherin etwas mehr erkennen zu laſſen, als daß die nahende Perſon eine ſich in dem Nachtgrau abhebende dunkle Männergeſtalt ſei. Erſt als dieſe die Thüre des kleinen Gebäudes öffnete und in den aus deſſen Innern ſchimmernden Lichtſchein trat, konnte Nataſcha ſie ganz überſehen; aber ihr Erſtaunen war dabei ſo ſchreckhafter Art, daß ſie unwillkürlich zit⸗ terte. Der Fremde hatte den Mantel zurückgeſchlagen und ſie erblickte den leibhaften Czar, wie ſie ihn in der 3 78 ſchönen polniſchen Huſarenuniform beim Balle an ſeinem Krönungs⸗ und Vermählungsfeſte Praskowa umſchlungen durch die Gemächer führend, geſehen hatte.„Alle Heili⸗ gen!.. bin ich behext?“ ſtammelte Nataſcha. Sie lauſchte an der dem Fenſter nahen Wand, die Beiden darinnen flüſterten, ſie konnte nichts hören. Nun aber trat ein entſetzlicher Gedanke vor Nataͤſcha's Seele. Der Czar war ja todt ſchon ſeit langen Monaten, folglich konnte es nur ein Gefpenſt ſein, das ſie geſehen hatte. Die abergläubiſche Perſon verlor darüber alle Be⸗ ſinnung, ſie eilte in's Haus in der Ueberzeugung, Pras⸗ kowa ſei von einem Zauber umfangen und ſolle die Beute eines Geſpenſtes werden. Dabei fielen ihr alle die er⸗ ſchrecklichen Wunderdinge ein, welche man von dem todten Czar erzählt hatte und die es außer Zweifel ſetzten, daß er ein boͤſer Geiſt in Menſchengeſtalt geweſen fei. Athem⸗ los ſtürzte ſie ins Wohnzimmer ihres Herrn. Walujew lag müde auf einer Bank, Ephim ſaß leſend bei einer Lampe. Beide fuhren erſtaunt auf, als die Magd in wirren Worten, die anfänglich jedes Sin⸗ nes zu entbehren ſchienen, ihnen Kunde von dem ihr eben zu Theil gewordenen unerhörten Erlebniß gab.„Der Czar... der todte Czar!“ kreiſchte Nataͤſcha die Hände ringend...„Praskowa iſt in der Gewalt dieſes Geſpen⸗ ſtes... o Herr, Herr, rette Dein Kind, ſonſt iſt es ver⸗ loren auf ewig!“ Die überraſchende Erinnerung an den *ᷣu RK[ð⏑ 8—§£˙ 79 von ihm Gemordeten erfaßte Walujew mit ſolchem Ent⸗ ſetzen, daß er kein Wort fand, nach dem Weiteren zu fra⸗ gen; Ephim, obwohl auch von dem Plötzlichen ergriffen, doch von keinem ſolchen Schreck wie ſein künftiger Schwie⸗ gervater durchſchauert, fand endlich Worte, Nataͤſcha zu befragen. Auch diesmal, wo die Anſteckungskraft des Schreckens ſo überwältigend war, zeigte ſich die Nach⸗ wirkung des belehrenden Umganges Ephims mit dem Vä⸗ terchen Afrael. „Wer weiß, was Du geſehen haſt,“ ſagte er... „es giebt keine Geſpenſter, Väterchen Afrael hat mir dies erklärt.“ Und dann redete er Walujew zu, ſich Pras⸗ kowa's wegen zu überzeugen von dem, was Nataͤſcha in ihrer übermäßigen Angſt geſehen haben wolle und was ſich ſicher ganz anders verhalten werde. Solcher dringen⸗ den Zuſprache konnte Walujew, da es ja ſein Kind be⸗ traf, nicht ausweichen. Von der an allen Gliedern be⸗ benden Nataͤſcha und Ephim begleitet, ging er nach dem kleinen Seitengebäude. Indem ſie deſſen nur angelehnte Thüre öffneten, wurde ihnen eine außerordentliche Ueberraſchung.„Der Czar! das iſt der leibhafte todte Czar!“ kreiſchte Nataͤ⸗ ſcha in die Kniee ſinkend; denn ſie erblickte den jungen Polenherrn, wie er den Arm um Praskowa geſchlungen, dieſe an ſeine Bruſt geſchloſſen hielt. Das im Hinter⸗ grunde des Raumes brennende Lampenlicht erhellte Bei⸗ 80 der Geſtalten ſo ziemlich. Ephim war von dem, was er ſah, verſteint, es griff eiſigkalt an ſein Herz, als wenn es von einem Todeswehen berührt werde. „Mein Vater!“ ſchrie Praskowa auf, von Nata⸗ ſcha's Gekreiſch aufgeſchreckt. „Tod und Teufell will man mir an's Leben?“ rief Julian von Golczewski, den Säbel aus der Scheide rei⸗ Jend. Eine Pauſe ſolgte dieſen Ausrufen der Angſt und der Ueberraſchung.—„Praskowa!“ rief Walujew, das Schweigen endend, ſeiner Tochter zu, welche gleich einer geknickten Lilie im Arme des Polen hing und dadurch vom Niedergleiten bewahrt wurde..„Praskowa! wer iſt dieſer freche Menſch, der in mein Eigenthum gedrun⸗ gen und in deſſen Arme ich Dich finde?“ Das Mädchen konnte keine Antwort geben, denn der Schreck hatte es bewußtlos gemacht. Dies Schweigen, deſſen Urſache Walujew in der Aufregung, die ſich ſeiner bemächtigte, nicht ahnte, trieb ihn unverweilt zu einem Ausdruck ſei⸗ nes Zornes, welcher ihm ſelbſt in Rückſicht auf die blanke Waffe Julians leicht gefährlich werden konnte. Auf Pras⸗ kowa zuſtürzend, wollte er ſie mit Gewalt von Julian losreißen.„Weg da von dem Heiden!“ ſchrie er, ihre Hand angreifend...„eher will ich Dich im Grabe wiſ⸗ ſen, als im Arme eines gottvergeſſenen Lateiners!“ „Sei verdammt, Götzendiener!“ rief Julian, ihn 81 mit einem Stoße ſeines Säbelgriffes vor die Bruſt tref⸗ fend, daß Walujew zurücktaumelte.„Denkt Ihr Schufte von Juden*), Ihr habt einen Eures Gleichen vor Euch?“ Paſakrew(Hundeblut)! ich zeichne Euch mit rother Farbe, daß Ihr fühlen lernt, welcher Unterſchied zwiſchen einem Ruſſen und einem polniſchen Edelmann iſt.“ „Daß die Erde Dich verſchlinge, polniſcher Weg⸗ wurf!“ brüllte Walujew...„lauf, Nataſcha! ſchreie die Nachbaren zu Hülfe! fort Ephim, rufe die Nachtwache herbei! es gilt einem polniſchen Luſtigmacher einen Strick um den Hals zu legen.“ „In die Verdammniß mit Dir, Hund!“ fuhr Ju⸗ lian, empört von dieſer Ausſicht auf, die ihm Walujew zu bereiten Willens war und ſeine ſcharfe Klinge ſauſ'te nach Jenem hin, den ſie ſicher getroffen haben würde, wenn nicht Praskowa von dem gewaltſamen Fauſtgriffe ihres Vaters aus der im Schreck ſie überkommenen Be⸗ wußtloſigkeit zur Beſinnung zurückgerufen, rechtzeitig Ju⸗ lians Arm gefaßt und den tödtlichen Streich von des Vaters Haupt abgewendet hätte.„Julian, erbarme Dich, es iſt mein Vater!“ rief ſie, an ſeinen rechten Arm ſich *) Polen und Koſaken pflegten die Moskauer und überhaupt die Ruſſen Juden zu nennen, wahrſcheinlich wegen deren langen Bärte. 1861, 22. Eine lat. Czarin. II. 6 82 klammernd, damit er nicht auf's Neue die Waffe erhe⸗ ben koönne. „Wie? ſoll ich mich ſelbſt in ihre Hände liefern? entgegnete der um Erbarmen Angerufene...„beim Teu⸗ fel, ich wäre eine lebendige Schande für die polniſche Ritterſchaft und nicht des Sonnenſtrahles werth, der mich je wieder träfe.“ 3 „O, habe Erbarmen!“ wiederholte Praskowa in geſteigerter Angſt...„ich bin ſeines Blutes, ich bin ſein Kind. Was Du an ihm thuſt, thuſt Du an mir.“ „Jammere nicht,“ ſagte Julian etwas milder.„Was will ich denn? nichts als freien Weg. Iſt das ſo viel verlangt? wer giebt ihm ein Recht zu Schimpfworten? Ehrlos müßte ich ſein, wenn ich ſie duldete. Wofür trägt der Edelmann den Säbel an der Seite? Wie? mein König würde es nicht wagen, Schimpf auf einen ſeiner Edelleute zu laden und ich ſollte hier ſolchen demüthig hinnehmen, wie ein die Ruthe fürchtender Bube! Freien Ausgang will ich... nichts weiter!“ Mit einem Blicke voll Verzweiflung ſchaute das Mädchen auf den Vater, auf Ephim und auf Nataſcha, ein Gedanke ſchien es zu durchzucken. Den noch ſeſtgehal⸗ tenen Arm Julians loslaſſend, eilte es zu Ephim und warf ſich vor ihm auf die Knie, ſeine linke Hand haſtig ergreifend.„Ephim! habe Mitleid mit mir! ich beſchwöre Dich bei allen Heiligen des Himmels!... vergelte nicht 83 Böſes, was ich an Dir gethan, mit Böſem... habe Er⸗ barmen.. verhindere Schlimmes zwiſchen ihm und dem Vater...o Ephim, Du biſt ſo gut, ich weiß es, Du biſt ein ſanftes Herz, ich flehe zu Dir aus der Tiefe mei⸗ ner Seele, laß kein“... „Schleudere den giftgeſchwollenen Scorpion weit weg von Dir, Ephim!“ ſchrie Walujew plötzlich auf, Praskowa's Flehen unterbrechend...„tritt die gottes⸗ vergeſſene Abtrünnige in den Staub. Verflucht, millio⸗ nenmal verflucht ſei die Stunde, in der ihre Mutter ſie mir gebar. Verworſen von Gott und allen Heiligen ſei ſie in Ewigkeit. Wie Ausſatz und Peſt am Körper hafte mein Fluch an ihrer Seele; jeder Tropfen Blut in ihren Adern werde freſſendes Gift, jede Nahrung, jeder Trunk ihr zum Verderben, jeder ihrer Gedanken ſei Höl⸗ lenqual für ſie und der Tod gönne ihr keine Ruhe in der Erde. Verlaſſen unter der Laſt aller Verwünſchungen ſei ſie von der Erbarmung des Himmels ausgeſtoßen und von der Hölle um ihrer Abtrünnigkeit vom Vater willen ver⸗ worfen, ein Spott der Verdammten. Anaèfema*) über ſie! Anaͤfema über Alles, was ſie thut! Anafema über *)„Auaàfema“ heißt das Verſluchungswort, welches die ruſſiſch⸗ griechiſche Kirche über alle politiſchen wie religiöſen Ketzer ausſpricht. 6* 84 ihren Leib und Seele! Anafema dereinſt über ihr Grab! Anafem...“ das entſetzliche Wort erſtickte im Munde des im höchſten Grade der Wuth wie von einem tödtli⸗ chen Fieber zuſammenſchauernden Mannes, welcher un⸗ fähig dieſe Ueberſpannung ſeiner im wildeſten Aufruhr befindlichen Geiſteskräfte zu überdauern, ohnmächtig zu Boden fiel. „Der Herr ſtirbt!“ rief die an allen Gliedern zit⸗ ternde Nataͤſcha, zu dem Bewußtloſen eilend. Ephim hatte keinen Ausdruck für dieſen entſetzlichen Moment, der ſo wenig zu der friedenvollen Stille ſeines Gemüthes paßte; er war wie geiſtig gelähmt und ſtarrte auf den bewußtlos am Boden liegenden Walujew.„Ich bin verflucht vom Vater!“ rief Praskowa, die Hände in Verzweiflung ringend. Eine ſchauerliche Pauſe folgte die⸗ ſem Aufruhr aller Empfindungen. Ephim erholte ſich zu⸗ erſt von dem Eindruck des Entſetzens. Sein Blick fiel auf Praskowa, dann auf Julian. Er ſagte leiſe, als fürchte er ſich, den Ton der eigenen Stimme zu hören: „Das Schlimmſte iſt geſchehen und Gott erbarme ſich Deſſen, der es auf der Seele hat. Geht von hier... es hält Euch Niemand mehr. Ich will kein Anèfema über Euch rufen, Gott mag's thun nach ſeiner Weisheit. Geht ſchnell!“ Julian überwand den Eindruck des Schreckens, der ſich auch ſeiner unwillkürlich bemächtigt hatte, obgleich o— 8⁵ ſeine Frivolität ihm eine mächtige Stütze dagegen gebo⸗ ten, aber von dem Ueberwältigenden dieſer Scene in den Hintergrund gedrängt worden war. Er zog Praskowa zu ſich mit den Worten:„Komm mit mir. In dieſem Hauſe des Wahnſinnes iſt keines Bleibens mehr für Dich. Narr⸗ heit und Wuth feiern hier ihre Hochzeit.“ Praskowa entwand ſich ſeiner Hand.„Laß mich, Julian, laß mich! Hier iſt mein Platz... hier muß ich bleiben, den Vater anflehen, daß er das über mich ausge⸗ ſprochene Anafema zurücknimmt. Vom Vater verflucht „ſein!... o, wie elend bin ich heute geworden!“ „Der Fluch eines Wahnſinnigen hat keine Bedeu⸗ tung,“ ſagte Julian, aber dieſer Troſt fand kein Ohr bei dem in Thränen ausbrechenden Mädchen, es warf ſich neben der ſich mit ihrem Vater beſchäftigenden Nataſcha nieder und bedeckte des Bewußtloſen Hand mit Thränen und Küſſen.„Praskowa!“ rief der junge Pole wie ge⸗ rührt von dem ſichtbaren Schmerze ſeiner Geliebten und vielleicht auch fühlend, wie unpaſſend und überlei ſein längeres Verweilen hier ſei...„Du weißt den Ort, wo Du Freunde findeſt. Ich erwarte Dich dort!“— Raſch verließ er das Gehöfte. „Bald darauf kam Ilia nach Hauſe und mit ſeiner Hilfe trug Ephim den bewußtloſen Walujew in das Haus. III. Einen ungeheuren Umſchwung der Dinge im heiligen Rußland bewirkte die am 24. April 1608 erfolgende Schlacht bei Wolchow zwiſchen dem Polenheere des De⸗ metrius und der ruſſiſchen Armee, auf welche der Czar Baſil Schuiski ſein ganzes Vertrauen geſetzt hatte. Sein Bruder Demetrius, von ihm zum Oberbefehlshaber dieſer Truppen ernannt, war auf dem Schlachtfelde ein eben ſo unglücklicher wie ungeſchickter General, während die Po⸗ len, befehligt von dem alten Kriegsknechte, Fürſten Adam Rozynski, welcher ſchon ſeit lange daran gewöhnt war, ſich mit den Moskowiten herumzuſchlagen, und deſſen Name allein ſchon ſeinen Gegnern einen paniſchen Schrecken ein⸗ floͤßte, dem Siege mit Gewißheit entgegenſehen konnte. Ein einziger Choe der polniſchen Huſaren genügte, um die ruſſiſche Linie zu durchbrechen. Alles, was den Lanzen der Polen und Koſaken entkam, floh in wilder Verwirrung nach Moskau, das ſiegreiche Heer Rozynski's folgte ihnen auf dem Fuße und um die ruſſiſche Hauptſtadt wäre es 87* geſchehen geweſen, wenn der Sieger ſein Glück verfolgt hätte. Welche geheime Abſichten die polniſchen Generale hatten, nicht ſogleich das reiche Moskau in Sturm zu nehmen, iſt ein Räthſel geblieben. Das polniſche Heer machte, ſeinen von Angſt und Mukhloſigkeit erfüllten Gegnern ſelbſt unerwartet, in dem 12 Werſte von der Hauptſtadt entfernten Dorfe Tuſchino Halt, welches Letztere bald das Anſehen einer Stadt er⸗ hielt und für die Polen zu einem Capua ward, wo Alles im Ueberfluß von Fern und Nah zuſammengebracht wurde; denn täglich ausziehende Schaaren erhoben in der Umge⸗ gend auf viele Meilen weit Contribution, plünderten die Dörfer und zündeten die Landſitze der Edelleute an. De⸗ metrius etablirte ein glänzend militäriſches Hauptquartier, das bald alle Räuber der ſlaviſchen Länder nach Tuſchino lockte. Polen, Koſaken, Saxorogen und Tataren eilten herbei, um unter die Fahnen eines Czaren ſich zu ſchaaren, welcher ſeinen in Hülle und Fülle ſchwelgenden Soldaten Alles erlaubte. Moskau zitterte vor der Rache der ſchnell auf hunderttauſend Mann anwachſenden Truppen im La⸗ ger von Tuſchino. Baſil Schuiski war in Verzweiflung, wagte es deſſen ohngeachtet aber nicht, es auf eine Ent⸗ ſcheidung der Waffen ankommen zu laſſen, ſondern ſchloß ſich in einem wohlverſchanzten Lager vor den Mauern der Stadt ein und ließ unaufhörlich daran arbeiten, es durch neue Werke zu befeſtigen. Nicht allein die äußeren Feinde 88 waren es, die ihn ängſteten, ſondern mehr noch die inne⸗ ren. Er wußte, wie leicht gereizt das Volk ſei, alles Un⸗ glück, von dem es getroffen wird, ſeinen Führern beizu⸗ meſſen und wie Viele es gab, die ihn haßten. Sein Arg⸗ wohn ahnte in Jedem, der ſich ihm nahte, einen Verräther und er verübte Grauſamkeiten aller Art gegen die, welche ihm als Rebellen bezeichnet wurden. Trotz dieſer Strenge und den ſcheußlichſten Zaubermitteln, mit denen er ſein Lager(nach Angabe ruſſiſcher Chroniſten) umgürtete, machte er die unangenehme Erfahrung, daß täglich Hun⸗ derte ſeiner Soldaten den durch Beſchwörung als undurch⸗ brechbar gemachten Zauberkreis ſeines Lagersnicht achtend, zu dem im Wohlleben ſchwelgenden Feinde übergingen. Eine ſicherere Hilfe, als dieſe traurigen Selbſttäu⸗ ſchungen gewährten, erwarb er(gegen Gebietsabtretungen und eine bedeutende Geldſumme) mittelſt eines mit dem König von Schweden geſchloſſenen Vertrages, indem ihm dieſer ein Hilfsheer von 5000 Mann unter Befehl von Jacob Pontus de la Gardie, desſelben Generals, wel⸗ chen der große Guſtav Adolf ſpäter ſeinen Lehrer in der Kriegskunſt nannte, zum Beiſtand ſchickte. Wohl fühlend, daß er ſelbſt nicht der Mann für das Schlachtfeld ſei, übergab Baſil ſeinem Vetter, Michael Skopin Schuiski, einem jungen, kühnen und von dem Heere wie vom Volke geliebten Helden, den Oberbefehl. Dieſe von der Noth⸗ wendigkeit ihm gebotene Wahl grollte ihn tief, denn er 8 Kͤ-— 88 — —2—8 8B8—. A A 89 haßte den von der Volksgunſt beglückten jungen Ver⸗ wandten. Moskau war noch die einzige Stadt, auf welche er einiges Vertrauen ſetzen konnte, weshalb er alle in's Innere des Landes abgeführten polniſchen Gefangenen in die Hauptſtadt bringen ließ, um ihrer ſicherer zu ſein. Er hatte den Plan gefaßt, ſie zu ſeinen Beſchützern zu machen, und unterhandelte mit ihnen gegen die Bedingungen, ſie frei zu laſſen und ihnen ſogar ihre Verluſte bei dem Auf⸗ ſtande zu entſchädigen, wogegen ſie den Schwur leiſten ſollten, das ihnen angethane Unrecht nicht zu rächen, nicht die Waffen gegen Rußland zu führen und den im Lager von Tuſchino reſidirenden Demetrius als Betrüger anzu⸗ erkennen. Unter ſolchen Umſtänden, wie die gegenwärti⸗ gen, war es äußerſt ſchwierig, die Polen dahin zu bewe⸗ gen, einem Manne, der zur Beſtrafung eines Aufruhrs, durch den ihre theuerſten Verwandten gemordet und ſie an ihrer Habe die empfindlichſten Verluſte erlitten und lange Haft erduldet hatten, an der Seite eines gewaltigen Heeres in Rußland erſchienen war und jetzt als Sieger wenige Werſte entfernt von Moskau ſtand, täglich bereit, einen Sturm auf die moskowitiſche Hauptſtadt zu unter⸗ nehmen, das Brandmal eines Betrügers aufzudrücken. Es hieß eben ſo viel als ſich ſelbſt ſchmähen, wenn ſie den natürlichen Rächer der an ihnen verübten Ungerechtigkei⸗ ten und Grauſamkeiten als lügenhaften Abenteurer vor der Welt an den Pranger ſtellen wollten; denn ſelbſt, wenn 90 er auch nicht der rechte Demetrius war, blieb er ihnen doch ein natürlicher Helfer, ein Beiſtand, der nothwendi⸗ ger Weiſe ihre Rechte und Anſprüche ſchützen mußte, um Polens Freundſchaft ſich zu bewahren. In des Palatins Hauſe war eben dieſer Bedingung wegen ein bedeutender Zwieſpalt ausgebrochen. Ohnge⸗ achtet der vom Czar anbefohlenen ſtrengen Ueberwachung der gefangenen Polen war doch an den Palatin ein Schreiben des Demetrius gelangt, in welchem derſelbe ihn und Marina beſchwor, ſich zu ihm in das Lager zu Tuſchino zu begeben. Der Schluß dieſes durch einen Spion überbrachten Briefes lautete:„Kommt zu mir, ſtatt Euch in Polen zu verbergen, um der Verachtung der Welt zu entfliehen.“ „Er iſt, was der Czar ſagt, ein Betrüger,“ ſprach Misznek zu ſeiner Tochter.„Baſil hat zum Erſtenmale die Wahrheit geredet. Betrachte die früheren Briefe Dei⸗ nes Gemahles, die er an uns nach Polen ſchrieb und Du wirſt den Unterſchied mit dieſem Schreiben leicht heraus⸗ finden. Die Formeln, deren ſich Dein Gemahl gegen mich in ſeiner Schreibweiſe bediente, mangeln hier ganz, der Schreiber kennt ſie nicht einmal und ſelbſt die uns bekannte Unterſchrift ſeines Namens iſt eine andere, fremde.“ „Seit wann iſt mein gnädiger Herr Vater ſo ſtreng in kleinlichen Dingen? fragte Marina.„Mir ſcheint 91 faſt, Baſil Schuiski habe an Ew. Gnaden einen guten Freund gewonnen. Es iſt offenbar, einer ſeiner Schrei⸗ ber hat in ſeinem Namen den Brief geſchrieben: ich ver⸗ miſſe allerdings Manches, was wohl hätte darin ſtehen können; aber wie ſollte ein Fremder darum wiſſen, ein Menſch, der nur den Willen ſeines Herrn nach dem Worte erfüllt, ohne tiefer einzugehen in deſſen Verſtändniß? Und kann mein Gemahl nicht eine geheime Urſache gehabt ha⸗ ben, nicht ſelbſt zu unterzeichnen? Darf man es einem Manne, der an der Spitze von 100.000 Mann ſteht, als Fehler anrechnen, wenn er von der Sorge für dieſe un⸗ geheure Zahl zu ſehr in Anſpruch genommen, einem An⸗ dern eine Angelegenheit überläßt, von der er im Voraus überzeugt ſein muß, daß ſie bei uns ein tiefer Griff in's Herz iſt, weil ſie mit unſerm Daſein eng zuſammenhängt? „Meine Tochter, Du überſiehſt nur, daß eine der Hauptſorgen für jeden Prätendenten die Mittel zur An⸗ erkennung ſeiner Rechtmäßigkeit ſind. Wenn Du ihn an⸗ erkennſt, ſo iſt er vor Gott und der ganzen Welt der rechtmäßige Czar, Dein Gemahl. Deine Anerkennung wiegt mehr auf, als das Geſchrei von Tauſenden. Das muß er wiſſen. Eben deshalb iſt der gänzliche Mangel jeder vertraulichen zwiſchen uns gangbaren Formel in dieſem Schreiben ein Beweis gegen die Echtheit deſſen, von dem er kommt. Es giebt keine Rückſicht, die ihn zur Aufgebung dieſer Formeln bewogen haben könnte. Im 92 Gegentheile mußte es jetzt ihm beſonders angelegen ſein, uns von ſich zu uͤberzeugen.“ Marina verſtummte, ihr Vater hatte das Recht ſo offenbar für ſich, daß es wohl zur Unmöglichkeit gehörte, ihn mit überwiegenden Gründen, welche ihn zwangen, ſeine Anſicht aufzugeben, zu widerſprechen. Sie wußte ihm nichts zu erwidern, als die Antwort:„Ich kann Euch, mein gnädiger Herr Vater, nicht zu meiner Anſicht bewegen; aber ich beanſpruche die Freiheit, von Ew. Gna⸗ den auch die meinige geachtet zu ſehen.“ „Ich finde es natürlich, daß Dir kein Gedanke lie⸗ ber iſt, als Dich von der Wahrheit des Lebens Deines Gemahls überzeugt halten zu können.“ Indem der Palatin dies ſprach, bezeichnete er tref⸗ fend den Standpunkt ſeiner Tochter in dieſer Sache. Ma⸗ rina befand ſich in einer außerordentlichen Aufregung. Stolz und Eitelkeit, die ſo leicht in ihrem Herzen über⸗ wucherten, hatten jetzt einen mächtigen Hebel erhalten, der ihre reiche geſchäftige Phantaſie auf's Kräftigſte un⸗ terſtützte. Der Gedanke an die ihr entriſſene Hoheit ver⸗ urſachte ihr jedesmal ſchmerzlichen Kummer; was konnte zu deſſen Verſcheuchung mehr beitragen, als das Bewußt⸗ ſein, bald wieder im Beſitze des ihr geraubten Gutes zu ſein? Deshalb war es ihr nicht möglich, der Anſicht ihres Vaters beizutreten, wenn ſie auch zu ihrem eigenen Ver⸗ druſſe ſich ſagen mußte, daß ſo Vieles für dieſe ſprach. 93 Der Schluß des Schreibens des Demetrius:„Kommt zu mir, ſtatt Euch in Polen zu verbergen, um der Ver⸗ achtung der Welt zu entfliehen,“ deutete ihr als finſterer Gegenſatz von Glanz und Hoheit die Schmach an, der ſie entgegenging, wenn ſie in die Heimath zurückkäme. Spott und Hohn würde ſie vielleicht mit Selbſtverleug⸗ nung ertragen haben, aber das Schlimmſte, was ſie fürch⸗ tete, war das Mitleid, mochte es aus ehrlicher Meinung hervorgehen oder der Ironie zum Gewande dienen. Das Mitleid Derjenigen, densn ſie im Gefühl der ihrer harren⸗ den Würde, Czarin des Ruſſenreiches zu werden, beim Abſchied ihr ferneres Wohlwollen als eine ihnen erzeigte Gnade verſprochen hatte, erſchien ihr jetzt als ein jede Hoffnung, jeden Werth des Lebens vernichtender Urtheils⸗ ſpruch. Sie ſchauerte bei dem Gedanken an dieſe Demü⸗ thigung zuſammen, er verletzte das Innerſte ihres Her⸗ zens auf eine ſchonungsloſe Weiſe. Und wenn nicht jetzt, wer ſollte ſpäter ihres Kindes Rechte auf den Thron der Czaren unterſtützen? Sie vermied, um nicht noch mehr mit troſtloſen Vorſtellungen dieſer Art gequält zu wer⸗ den, das Zuſammenſein mit ihrem Vater. Was war aus Pater Paver geworden? Er war nicht zurückgekehrt von der Miſſion, die der Palatin ihm über⸗ tragen, auch nicht die Spur einer Nachricht von ihm war ihnen zu Ohr gekommen. Da nicht an ſeiner Treue zu zweifeln war, ſo konnte nur der Tod ſein Loos geweſen ſein. Marina vermißte ihn jetzt, wo eine entſcheidende t Schmerz. Sein Zukunft ihr ſo nahe gerückt war, mi Rath würde ein Wink für ihr Verhalten geweſen ſein, denn kam er nicht aus einem Herzen, welches— das ſagte ſie ſich mit Stolz— ihr angehörte? Sie fühlte ſich nicht glücklich geſtimmt und ſaß, dem Zwieſpalt ihres Denkens ſich hingebend, am Abende deſſelben Tages, wo der Brief des Demetrius ſie mit ihrem Vater in Widerſpruch ge⸗ bracht hatte, an dem Lager ihres kleinen Czarewitſch, der ſorgenlos ſchlummerte und deſſen keimende Seele nichts wußte von der großen Unruhe im Gemüthe ſeiner Mutter und von all' den widerwärtigen Ereigniſſen, die den Thron ſeines gemordeten Vaters umwirrten. Marina wurde weichen Herzens im Anſchauen des Kindes, das ſo ahnungslos, ſo ſtill und friedevoll vor ihr ruhte. Wenn jemals des weiſen Solon's Ausſpruch:„Lobe den Tag nicht vor dem Abend,“ ſich verwirklicht hatte in dem Leben eines Menſchen, ſo war es au ihr geſchehen. Jetzt noch in voller Jugendblüthe war ſie ſchon von den nächtlichen Schatten des Unglücks überbreitet; aller Schimmer war von ihr abgefallen und bittere ſchmerzliche Enttäuſchungen hatten ihr eine Dornenkrone um's Haupt geſchlungen. Nichts von all' dem Glanze war ihr geblie⸗ ben, als die traurigen Erinnerungen an deſſen kurze Dauer. Eine arm gewordene gefallene Größe fühlte ſie das Nichts, in welches ſie das Geſchick vom Throne herabge⸗ — G——-—- 060 E 95 ſtürzt, tauſendfach und der Ausgang dieſes Nichts, dieſer hülfloſen Abhängigkeit von jedem günſtigen oder ungün⸗ ſtigen Zufall drohte ihr mit dem herben Spotte, der alle Geſtürzte zu übergeifern pflegt. Nur ihm entgehen, das war jetzt ihr einziger Gedanke. Sie zitterte in Selbſt⸗ ſcham, daß es ſo weit mit ihr gekommen. Konnte ſie nichts thun, die ſchmachvolle Ausſicht, in Polen der Ge⸗ genſtand der Verachtung zu werden, zu ändern? Die Furcht, daß ihr Vater von ſeiner Anſicht, Demetrius ſei nicht ihr Gemahl, geleitet, und um die Freiheit aus der drü⸗ ckenden Haft zu erwerben, ſich mit dem verhaßten Baſil einverſtehen und jede Möglichkeit, ſich wieder empor zu ſchwingen, durch eine an Schuiski gegebene Erklärung der Unechtheit des Demetrius vereiteln könne, peinigte ſie außerordentlich. Sie mußte ein Mittel finden, dieſem drohenden Geſchicke zu entgehen; lieber ſterben als zu⸗ rückkehren nach Polen und ſich dort der Verachtung der Welt auszuſetzen. Was verlor ſie, wenn Demetrius wirklich nicht ihr Gemahl war? Nichts; im Gegentheil, ſie konnte nur ge⸗ winnen, ſich zu ſeiner Herrin machen durch die von ihrer Seite ihm werdende Anerkennung ſeiner Rechtmäßigkeit. Ihr Ausſpruch mußte entſcheidend für ganz Rußland, für die ganze Welt werden, ein unumſtößliches Urtheil ſein, das ihn zum Herrſcher ſtempelte. Von Gedanken dieſer Art beſtürmt, wurde ſie durch die Meldung ihrer Dienerin, 96 ein ruſſiſches Mädchen wolle ſie ſprechen, geſtört. Sie war unwillig über dieſe Unterbrechung ihres Nachdenkens und ließ die um Gehör Bittende abweiſen; aber die Dienerin kehrte zurück mit der Meldung, das Mädchen weine erſchrecklich und ringe wie in Verzweiflung die Hände. Das klang ſo ſeltſam, daß Marina ſich bewo⸗ gen fand, die Weinende vor ſich zu laſſen. „Praskowa!“ rief ſie erſtaunt, als dieſe auf der Schwelle des Zimmers erſchien. „Ach, meine gütige hohe Herrin, ich bin ſehr unglück⸗ lich und ſuche Schutz und Hülfe bei Dir,“ entgegnete die Genannte in heftiger Bewegung ihr zu Füßen fallend. „Wenn Du mich von Dir ſtößeſt, habe ich Niemand mehr auf Erden, der mir im Unglück ein Erbarmer ſein könnte!“ Marina hob ſie empor, der Zuſtand, in dem Pras⸗ kowa Walujewna ſich befand, war ein zu greller Contraſt gegen ihr gewöhnlich ſanftes kindliches Weſen. Das Mäd⸗ chen zitterte an allen Gliedern, über ſeine Wangen rollten große ſchwere Tropfen. „Mein Himmel, was iſt Schreckliches über Dich ge⸗ kommen, Kind?“ fragte die Czarin.„Faſſe Dich, ſage mir Alles und ſei im Voraus jedes Beiſtandes verſichert, der ich, ſelbſt eine hülfloſe Gefangene, Dir gewähren ann.“ Praskowa uͤberdeckte ihre Hände mit Küſſen.„Ich 97 wußte das!“ rief ſie.„Ich kenne das Herz meiner gu⸗ tigen gnädigen Herrin, es verläßt mich nicht im Unglück.“ Das Mädchen war dem Vaterhauſe entflohen, in dem es ſeit jenem Abende, wo Nataͤſcha zur Verrätherin ſeiner Zuſammenkunft mit Julian von Golczewski gewor⸗ den, mehr als unheimlich war. Vergebens mühte ſich Praskowa, ihres Vaters Verzeihung zu erbitten, der Mann ſtieß ſie hart von ſich, er hatte kein Wort der Milde, ſelbſt nicht einmal einen Ausdruck des Zornes für ſie; in ſeinem Blicke lag aber die Verwerfung, der Fluch, den er ausge⸗ ſprochen, gepaart mit jener Starrheit beginnenden Wahn⸗ ſinnes, die jeden Nahenden mit Schreck erfüllt. Die Ueberreizung ſeiner ſchon vorher von Schwermuth hart an⸗ gegriffenen Geiſteskräfte konnte nicht ohne Folge auf ihn bleiben; die dem entſetzlichen Abend folgenden Tage fanden ihn auf dem Krankenlager; Ephim verſah das Geſchäft in der Bude, Nataſcha pflegte den Kranken, der mit einem thieriſchen Brüllen ſeine Tochter, wenn ſie ſich ihm zu nahen verſuchte, von ſeinem Lager abwehrte. Praskowa hatte nur Thränenſtröme für dies Unglück, ſie flehte Na⸗ taͤſcha an, bei dem Vater für ſie zu bitten. „Was würde es helfen,“ entgegnete die Magd hart, „der Herr iſt ein rechtgläubiger Chriſt, der kein Kind an⸗ erkennen kann, das zu lateiniſchen Heiden hält. Hätteſt Du das Haus in Brand geſteckt, es wäre lange nicht ſo ſchlimm, als das, was Du gethan haſt.“ 1861. 22. Eine lat. Czarin. II. 7 98 Praskowa fühlte das Harte, Widerwärtige in dieſer Antwort zu ſehr, um noch eine Sylbe an ſie zu ver⸗ ſchwenden. Der gemeine Sinn, welcher jede beſſere Re⸗ gung leicht überwuchert, hatte von Nataͤſcha vollkommen Beſitz genommen, ſie gehörte der großen Menge an, wel⸗ che heute Hoſtannah ruft und morgen ein„Kreuzige!“ Es iſt keine Kunſt zu lieben, wenn uns der Gegenſtand unſe⸗ rer Zuneigung fleckenlos erſcheint, aber die wahre Liebe wandelt ſich nicht ſo leicht um, wenn der Geliebte menſch⸗ lich fehlt und zum Sünder geworden iſt. Zu ſolcher Liebe gehört aber ein edles an Vergebung reiches Herz; das Na⸗ taͤſcha's war aber reich an Schlacken niedriger Empfindun⸗ gen, die das Beſſere ſchnell erſticken durch Liebloſigkeit. Indeß auch ſie ſollte die Strafe für ihren Verrath fühlen. Mehrere Tage ſpäter redete der in ſtarrem Schwei⸗ gen auf ſein Lager hingeſtreckte Walujew plötzlich zu ihr: „Es war gut, daß Du in die Täuſchung gerietheſt, der Hund von Lateiner ſei der Czar, in deſſen Arme Du ſie damals am Vermählungs⸗ und Krönungsfeſte geſehen hatteſt. Gott und ſeine Heiligen müſſen mich verworfen haben, da ſie mir eine Tochter gaben, welche ſich den Heiden zum Gegenſtand ihrer Lüſte in die Arme wirft. Verflucht ſei mein Blut in ihren Adern!... wie kamſt Du zu dieſer Täuſchung?“ „Ach, Väterchen, da es nicht der todte Czar war, den ich an dem unglückſeligen Abende vor wenigen Tagen 99 ſah, ſo war es doch derſelbe, von deſſen Arme umſchlun⸗ gen Praskowa bei dem Feſte durch die Gemächer des Pa⸗ laſtes ging. Ich glaubte damals, er ſei der Czar, denn ſein Kleid war ganz ſo wie das, was Jener trug. Und daß er es war, den ich damals geſehen und für den Czar ge⸗ halten, wie ich Dir auch ſo erzählte, erkannte ich an der Schmarre über ſeine linke Wange wieder.“ „Wie?“ rief Walujew, ſich langſam aufrichtend... „Du ſagſt, es ſei derſelbe geweſen von damals, alſo nicht der Czar?“ „Ich war in einem ſchlimmen Irrthum, Väterchen,“ antwortete Nataͤſcha bebend, denn ihres Herrn Augen glichen glühenden Kohlen, die ſtier aus ihren Höhlen her⸗ ausbrannten und in ihre Seele ſich einbrennen zu wollen ſchienen...„die Aehnlichkeit der Kleidung täuſchte mich.“ Eine Pauſe folgte, Walujew's Blicke hingen un⸗ verwandt an Nataſcha, welche unter dem Gewichte deren Furchtbarkeit kleinmüthig in die Knie ſank. Plötzlich ſtieß der Mann einen Schrei aus, der das Haus durchhallte, und wie von übernatürlicher Kraft geſtählt ſprang er vom Lager auf und rief, Nataſcha bei den Schultern pa⸗ ckend:„Es war nicht der Czar?“ „Ich täuſchte mich, Väterchen,“ ſtammelte die Magd unter ſeinem gewaltigen Griffe zuſammen brechend. „„Nicht der Czar?! Nicht der Czar! 24... brüllte Walujew wie raſend... und darum wurde 7* 100 ich zum Mörder an ihm, den Geſalbten!... darum trage ich die Qualen dieſes Verbrechens auf der Seelel... darum!... darum!... in die Hölle mit Dir, falſche Schlange, die Du mir die Unthat in's Herz gebrannt!... in den Abgrund der Verdamm⸗ niß! mir voran! mir voran! dort finde ich Dich wieder, dort ſollſt du mir zuflüſtern als ewige Marter für meine Seele: es war nicht der Czar!“— Um Nataſcha's Leben würde es geſchehen geweſen ſein, wenn es ihr nicht gelun⸗ gen wäre, ſich ſeinen Fäuſten zu entringen, die ſich gleich Eiſenklammern um ihren Hals ſpannten und ihr mit Er⸗ droſſeln drohten. Ihrer Körperkraft hatte ſie es zu ver⸗ danken, daß ihr das Entkommen aus den Händen des Raſenden möglich wurde. Seit dieſem Augenblick gehörte Walujew zu jenen be⸗ klagenswerthen Irrſinnigen, bei denen ſich Geiſtesverdun⸗ kelung und Geiſtes⸗Bewußtſein ſo ſeltſam durcheinander miſchen, daß weder das Daſein der einen noch des andern klar von einander zu unterſcheiden iſt. Zuweilen erfolg⸗ ten Ausbrüche einer zum höchſten Grade geſteigerten Lei⸗ denſchaftlichkeit, von Verzweiflung, wenn der Mord an dem Czaren, als an einem Geſalbten, ſich ſeiner Seele bemächtigte. Heulend, Haar und Bart zerraufend, wälzte er ſich auf dem Boden umher wie ein von dem ſchrecklich⸗ ſten Schmerze Gepeinigter, gräßliche Verwünſchungen ge⸗ gen ſich ausſtoßend, und dazwiſchen hinein zahlloſe„gos- O R& XXAU¼ᷣDoSoSh d. d8*— nu X —,—õ—. u, N Sͤd A 101 Podi pomilui(Herr, erbarme dich)!“ ſchreiend. Nur erſt, wenn ihn die Körperkräfte verließen, endete dieſer tobende Zuſtand, dem wie nach heftigem Sturme die Wind⸗ ſtille, eine tiefe Erſchöpfung folgte. Gewöhnlich wurde er dann ſanft, faſt kindiſch gut und in dieſer Unterbrechung ſeines Irrſinnes nahte ihm Ephim. Nataͤſcha wagte es nicht mehr in ſeine Nähe zu kommen. Ilia pflegte ihn an ihrer Stelle. Ephim vermied es ſorgſam, mit Praskowa zu ſpre⸗ chen. Nicht allein, daß das Bewußtſein, in ihr ſich ſo arg getäuſcht zu haben, ſchwer auf ſeinem ſtillen ſanften Ge⸗ müthe laſtete, deß mit dieſem Bewußtſein aller Nimbus, den er im Geiſte um ſeine Zukunft an Praskowa's Seite erblickt hatte, zerſtiebt war, er fühlte auch die Beängſti⸗ gung mit, die ſie ihm gegenüber empfinden müſſe, wenn er mit ihr hätte ſprechen wollen. Was würde er ihr auch haben ſagen können? Vorwürfe gegen ſie ausſprechen, dazu mangelte ihm jene Rückſichtsloſigkeit, welche dem Zorne und Verdruß freien Lauf läßt, vielleicht auch ſelbſt die dazu erforderliche Stärke der genannten Empfindun⸗ gen. Ephim's mehr weibliches Gemüth entbehrte nicht die Tiefe der Innigkeit, wohl aber die ausdauernde Kraft der Leidenſchaft, die ihren Träger überwächſt, ihn ſich unterthan macht. Er zog ſich gleichſam in ſich ſelbſt zu⸗ rück, trug den Schmerz der unerwarteten Enttäuſchung mit der ihm eigenen Stille, wie er das Glück trug und 102 ſein mildes Weſen bewahrte auch der Sünderin an ihm noch eine Vergebung und Mitleid. So lebte alſo Praskowa Tage der Angſt und Ver⸗ laſſenheit im väterlichen Hauſe. Sie hatte Nataͤſcha's boͤſe Worte nicht vergeſſen und hielt ſich fern von ihr, nur das Nöthigſte mit ihr verhandelnd. In ihre Schlafkam⸗ mer meiſt eingeſchloſſen, lebte ſie traurige Stunden hin, unſchlüſſig, was ſie thun ſollte, dieſen peinlichen Zuſtand zu enden. Konnte ſie nach dem, was Entſetzliches vorge⸗ gangen, je die Hoffnung hegen, daß es vergeſſen werde?“ Mußte nicht ſtets die Scham vor Ephim, ihn, der es ſo wenig verdiente, getäuſcht zu haben, auf ihren Wangen brennen? Und dann das Anafema, welches ihr Vater über ſie ausgeſprochen, ſtand es nicht wie dereinſt der Cherub mit dem bloßen hauenden Schwerte vor dem Garten Eden vor ihrer Vergangenheit, ſo daß keine Rück⸗ kehr mehr zu dem Glücke der ohne Fluch verlebten Tage möglich war? Wenn das Anafema ſich erfüllte an ihr, mußte ſie das unglücklichſte Weſen auf Erden werden und durfte ſie, mit dieſen entſetzlichen Verwünſchungen be⸗ laden, ſich in die Gemeinſchaft Anderer wagen, ohne von ihnen zurückgeſtoßen zu werden? Vielleicht aber war es möglich, daß der Vater das Anafema, welches er im höch⸗ ſten Grade der Wuth auf ſie geſchleudert, widerrief! Dieſer Gedanke erſchien ihr wie ein Lichtblick in dunkler Nacht; ſie hielt ihn mit Seelenangſt feſt, an ihn knüpfte 103 ſich die einzige Hoffnung, die ihr noch geblieben war. Sie kannte ihres Vaters Zuſtand nicht, weil ſie weder mit Ephim, noch mit Nataͤſcha davon geſprochen. Daß er ihre Verſuche, ſich ihm zu nahen, mit Geſchrei abgewehrt hatte, hielt ſie für Nachfolge der ungeheueren Aufregung, in der er ſich befunden; ſie wußte nicht, daß ſich ſeine Sinne verwirrt hatten. Auch ſtieg in ihr die ſchlimme Vermuthung auf, daß die jedesmal bei dieſen Annähe⸗ rungsverſuchen anweſende Nataſcha vielleicht Urſache ſei, daß er ſie von ſich geſtoßen habe. Wenn ſie nur eine Gelegenheit fand, ſich ihm zu nahen, wenn er allein war, vielleicht gelang es ihr dann, ihn für ſich zu gewinnen, durch die Wahrheit ihres großen Schmerzes ihn zu rühren. Dieſe Gelegenheit ergab ſich ihr am Abend vor einem Feſttage. Ephim war noch in der Bude, da an ſolch einem heilig gehaltenen Abende mehr als je Ge⸗ ſchäfte in Heiligenbildern gemacht werden. Ilia ging mit Nataͤſcha an ihrer Kammer vorüber, ſie hörte ihn ſa⸗ gen:„Nun, Mütterchen, rücke etwas heraus, das man mit den Zähnen beißen und kleingemacht in den Magen beſorgen kann. Ach, mein heiliger Schutzengel, da denke ich ja daran, daß wir heute Faſttag haben wegen morgen! Es iſt ſehr ſchlimm, daß man nicht gleich morgen für heute eſſen darf, ich hätte alle Tage und beſonders an Faſttagen ſchöne Anlage dazu; aber wo bliebe dann das Geſetz? Schirmen uns alle guten Heiligen, heute Fleiſch 104 zu eſſen, obwohl ich, unter uns geſagt, mit einer kleinen Hammelkeule verlieb nehmen wollte. Alſo ein Dutzend Blinni oder Pirogen, eine Schüſſel Schtſchi müſſen's für heute ſchon thun in der Hoffnung auf die morgende Ent⸗ ſchädigung. Ich denke einmal ein Stündchen in Ruhe eſſen zu können. Väterchen Walujew iſt kindgut, liegt ſtill und ſingt ſeine Gospodi pomilui vor ſich hin... nun, Mütterchen, ich meine, es wird nun wieder beſſer mit ihm werden...“ Seine Worte verhallten im Gange nach der Küche zu. Für Praskowa waren ſie ein Fingerzeig, ihr Heil zu verſuchen. Sie eilte auf den Fußſpitzen geräuſchlos nach der Stube ihres Vaters, Ilia hatte deren Thüre nur an⸗ gelehnt gelaſſen, ſie trat leiſe ein. Im Zimmer herrſchte Zwielicht, Walujew lag ſtill auf ſeinem Bette, mit dem Geſicht gegen das Fenſter gekehrt, die Hände über der Bruſt zuſammengelegt und ſang halblaut das Gospodi pomilui, jene ſich bei der griechiſchen Meſſe wie überhaupt bei allen dienſtlichen Uebungen der griechiſchen Kirche un⸗ zählige Male in allen Weiſen wiederholende Geſangs⸗ formel. Die Stille im Zimmer und der eintönige Ge⸗ ſang des ohne Regung daliegenden Mannes, vereint mit dem langſam ſinkenden Dämmerlichte, machten einen tie⸗ fen feierlichen Eindruck auf Praskowa. Geräuſchlos trat ſie hinter das Kopfende ſeines Bettes und ſtimmte leiſe mit in das Gospodi pomilui ein, welches bald ſtärker 10⁵ von den Lippen Walujew's zu hören war. Die immer ſchönen melodiſchen Gänge dieſes uralter Zeit entſtam⸗ menden Kirchengeſanges ſchwebten in leiſen und lieblichen Tönen gleich Blüthen über den tiefen auf⸗ und abſteigen⸗ den Baß ſeiner Stimme hin, ſie wiegten den Sinnenwir⸗ ren in eine Täuſchung ein, die Praskowa bald mit Schre⸗ cken und Entſetzen durchſchauerte. Nach einer langen Weile endete Walujew ſeinen Geſang und auch Praskowa ſchwieg. „Du biſt es, mein heiliger Schutzengel,“ hob der Mann an...„das iſt ein großer Segen für mich. Ach Gospodi pomilui! ich bin ein großer Sünder. Wo warſt Du, mein heiliger Schutzengel, als ich die ſchlim⸗ me That vollbrachte? Weißt Du davon? Die heiligen Engel ſind fern, wo Böſes geſchieht, darum warſt Du nicht bei mir; aber Du mußt Alles wiſſen, daß Du mein Gospodi pomilui vor den Thron Gottes bringeſt und mir vergeben werde. Hörſt du mich, mein heiliger Schutz⸗ engel?“ Praskowa flüſterte ein leiſes„Ja“ über ſein Haupt hin. Nach einer kurzen Pauſe begann Walujew auf's Neue zu ſprechen:„Du weißt es, mein Heiliger, ich war immer fromm, habe immer gebetet und die Kirche und ihre Gebete gingen mir über Alles.„. ach, wie wenig iſt das gegen das Böſe, was ich gethan habe! der Czar kam 106 in's Land... der Lateiner, der uns Alle betrog und un⸗ ſere heilige Kirche ſtürzen wollte... ich haßte ihn als einen Heiden, der die Rechtgläubigen vertilgt um ihrer Rechtgläubigkeit willen; aber ich hätte doch nicht gegen ihn die Hand erhoben zu ſeinem Tode, denn er war ein Geſalbter des Herrn, wenn er auch ein Falſcher war zur ſchweren Prüfung unſerer heiligen rechtgläubigen Kirche; ich hatte nur Verwünſchungen gegen ihn in Herz und Mund. Ach, Gospodi pomilui! ach, meine Sünde frißt an mir wie glühend Feuer!... Da ſagte mir Nataſcha, ſie habe mein Kind in ſeinen Armen geſehen... das ſagte ſie... und der Zorn ſträubte mir die Haare auf dem Kopfe zu Berge... mein Kind zur Dienerin ſeiner Luſt.. eines Rechtgläubigen Tochter von einem Heiden zu Schanden gemacht!“... der Sprechende ſtieß einen gurgelnden Ton aus, als ergriffe ihn Wuth...„jetzt mußte ich ihn treffen.. ſeinen Frevel rächen; denn das Kind iſt des Vater's Kleinod.. und wer's ihm raubt, den kann er tödten. Ach, Gospodi pomilui! ich hatte keinen Gedanken mehr als den. Du hatteſt mich verlaſſen, hei⸗ liger Schutzengel.“ Eine Pauſe folgte. Walujew wendete ſich voll Un⸗ ruhe nach beiden Seiten ſeines Lagers, rieb die Stirne, wie wenn er in derſelben Schmerz fühle, ſchnaufte tief, als mangele es ihm an Athem und gab alle Zeichen großer Aufregung von ſich. Praskowa zitterte in gränzenloſer an————— 107 Angſt, ſie war unerwartet zur Ohrenzeugin einer Beichte geworden, die zwar erſt begonnen, aber Fürchterliches vermuthen ließ. Walujew in dem Wahne, vor ſeinem ihm unſichtbaren, aber bei ihm weilenden Schutzengel ein Ge⸗ ſtändniß abzulegen, um deſſen Fürbitte bei Gott zu ge⸗ winnen, erging ſich in Schilderung der Einzelnheiten der Aufruhrsnacht. Sein Geiſt war ſo ungemein lebhaft von den ihm verbliebenen Eindrücken derſelben ergriffen, daß der ſich deutlicher Verſinnlichungs⸗Fähigkeit erfreuenden Phantaſie des Zuhörenden es leicht werden mußte, das ſich vorzuſtellen, was Walujew ſchilderte; denn immer mehr ergriffen von dem ihn beſchäftigenden Gegenſtande hatte er ſich ſogar auf ſeinem Lager aufgerichtet, ſeine Arme flogen thätig auf und nieder, ſeine Stimme drückte in den mannigfaltigſten Modulationen die Affecte aus, welche die aufregenden Scenen bei jenem Ereigniſſe in ſeiner Seele bewirkt hatten; er durchlebte ſie gleich⸗ ſam neu. „Dort iſt er! dort! hei! ihm nach! wir haben den polniſchen Dudler! Urrah(Hurrah)! jetzt iſt er unſer! nieder mit ihm!“ rief er,... aber er iſt entkom⸗ men, es ſind nur ſeine Goldkinder, die deutſchen Hunde⸗ ſöhne... alle Horden Teufel haben ihm beigeſtanden, denn er iſt fort... fort... die Zimmer ſind leer... verſinke er in den Abgrund der Verdammniß!... das Suchen war Alles vergeblich, die böſen Geiſter haben ihn 1 gerettet... Schüſſe knallen... muß die Hölle ihr Spiel treiben? ſie ſchießen ihn nieder... nur ich habe das Recht dazu. er hat mein Kind, die Tochter eines rechtgläubigen Chriſten zu Schanden gemacht.. verdamme Gott den Hei⸗ den in Millionen von Ewigkeiten!... ich durchraſe die Zimmer, um hinunter zu kommen, ſeine Leiche noch mit den Zähnen zu zerreißen... meine Augen ſind mit Blindheit geſchlagen, ich finde den Ausgang nicht... kein Fluch hilft in dieſer Noth, kein Heiliger ſteht mir bei, mich zu rächen. Verzweiflungsvoll wälze ich mich am Boden, er iſt meiner Rache entgangen!“ Walujew ſchnaufte wie von einem tollen Laufe er⸗ hitzt, der nöihige Athem ſchien ihm zu mangeln, eine kurze Pauſe trat ein; Praskowa hielt ſich bebend am Kopfende ſeines Lagers feſt, Angſt und Entſetzen machten ſie wan⸗ ken. Endlich fuhr der Vater fort in kurzen abgebrochenen Sätzen, die die Steigerung ſeiner zum höchſten Grade aufgeregten Erinnerung kund gaben. „Jetzt ſchallt Gebrüll durch die Zimmer... hei! ſie bringen ihn... in einem Paſtetenbäckerkleide bringen ſie ihn unter Gelächter und Schreien... ſie ſchleifen ihn, ſein Bein iſt zerſchmettert... er kann nicht mehr entrinnen.. ſein Geſicht iſt von Fauſtſchlägen blutrün⸗ ſtig.. Säbelhiebe haben ſeine Schultern zerfleiſcht.. aber mir gehört er,... mir!... ich habe mit dem Hei⸗ den abzurechnen... ich breche durch die Menge... ha, da ſteht er, der Czar, der Lateiner, der mein Kind zu Schanden gemacht... ich hore ihn Beichte und ſpende ihm mit einer Kugel durch ſein Herz die Abſolution”... Eine Pauſe folgte unmittelbar den letzten Worten Walu⸗ jew's; dann, wie von aller Kraft plötzlich verlaſſen, ſagte er kaum verſtändlich:„Ich hatte im Irrthume den Geſalb⸗ ten ermordet, Nataͤſcha hatte falſch geſehen... es war ein Anderer geweſen, der mein Kind... In dieſem Moment ſchallte ein Schrei des Ent⸗ ſetzens von Praskowa's Munde. „Wer ſchreit?... wer ſchreit hinter mir?!“ rief Walujew auffahrend. „Vater, erbarme ſich Gott Deiner Seele, Du biſt ein Mörder geworden... und ich die ſchuldloſe Urſache der ſchrecklichen That!“ rief das Mädchen an der Seite ſeines Lagers niederſtürzend. Für wenige Augenblicke feſ⸗ ſelte die Ueberraſchung den ſinnwirren Mannz; als aber die⸗ ſer unerwartete Eindruck ſeine Wirkung verlor, brach eine unſägliche Wuth bei ihm aus. Mit der Linken in ihre Haar⸗ flechten greifend, riß er ſie bei dieſen an ſich.„Du mußt auch fort.. ich auch... ich auch... Anafema über uns Beide! Heute ſtirbſt Du unter meiner Hand.. morgen ich am Strick.. ich will nicht allein in die Hölle... nicht allein der Verfluchte von Allen ſein!“ ſchrie er. In der wilden Gährung ſeiner Sinne hatte er kein 110 Ohr für ſeiner Tochter Schmerzgeſchrei, die Wuth ſtählte ſeine Kräſte; nur mit der höchſten Anſtrengung entriß ſich Praskowa ſeiner um ihren Hals ſich ſpannenden Fauſt, aber mit der andern hielt er ſie noch an den Haarflechten feſt. Ihm ſich entwinden wollend, wurden ihre heftigen Bewegungen Ürſache, daß er aus dem Bette ſtürzte, doch trotz des Falles ließ ſeine Fauſt ihr Haar nicht los. Wie ein Bleiklumpen an dieſem Schmuck ihres Hauptes hän⸗ gend, wurde er von ihr mit aus dem Zimmer fortgeriſſen. Nataͤſcha und Ilia kamen herbeigeſtuͤrzt, ſie wollten ſie feſthalten.„Sie muß ſterben! ſie muß ſterben!“ ſchrie der hinter ihr her Geſchleifte... mit mir! mit mir muß ſie ſterben!“ Angſt, Schmerz und Entſetzen verwirrten Praskowa ſo ſehr, daß ſie Nataͤſcha und Jlia auswei⸗ chend der Treppe ſich zuwendete. Dieſer Ausweg zur Flucht befreite ſie von dem an ihren Haarflechten hän⸗ genden wahnſinnigen Vater. Die Aufſchläge, die ſein Körper von Stufe zu Stufe empfing, mochten ſo ſchmerz⸗ haft für ihn ſein, daß ſeine Fauſt endlich von ihrem Haar los ließ; er ſtürzte polternd hinter ihr drein die Treppe herunter, welche zu ſchmal war, um Nataſcha oder Ilia, die Beide fürchterlich ſchrieen, die Möglichkeit zu geſtat⸗ ten, die ihm voran Fliehende zu ergreifen. Blind vor Entſetzen ſuchte Praskowa ihre Rettung auf der Straße, im Freien; ſie lief, als ſie dem Gehöfte entſprungen, eine große Strecke weit auf dem rothen Platze hin, bis —,—8——— 1——, 2 111 ſie erſchöpft von der Angſt und der Haſt ihrer Flucht nicht mehr fort konnte. Der tief niedergeſunkene Abend war ihr Schützer, ſonſt würde der Zuſtand, in dem ſie ſich befand, den Vor⸗ übergehenden aufgefallen ſein. Als ſie ſich ein wenig er⸗ holt und die wild um ihren Kopf hängenden auseinander geriſſenen Flechten unter Schmerzen und vielen Thränen wieder befeſtigt hatte, war natürlich ihr erſter Gedanke, was jetzt aus ihr werden ſolle? Zurück in's väterliche Haus zu kehren getraute ſie ſich nicht mehr, ſie fürchtete, ermordet zu werden vom Vater, mit dem ſie Nataͤſcha und Ilia im Einverſtändniß glaubte. Nur Ephim hätte ſie vor einem Angriff auf ihr Leben ſchützen können und gewiß auch geſchützt, ſo viel gerechte Urſache er auch hatte, ſie zu haſſen. So traurig auch das Bewußtſein für ſie war, das väterliche Haus nicht mehr als den Mit⸗ telpunkt ſich denken zu dürfen, um den ſich ihr Leben von deſſen erſtem Augenblicke an gedreht hatte, an den ſie mit allen Fäden des kindlichen Herzens hing, ſo überwog doch die ihr gewordene entſetzliche Kenntniß des Mordes ihres Vaters an dem Czar die um ihr eigenes Schickſal Ge⸗ ängſtete für jetzt bei Weitem, weil eben die Gewißheit, mit welcher Walujew jeden einzelnen geringfügigen die⸗ ſer Blutthat angehörenden Umſtand erzählt hatte, bei ihr die Ueberzeugung begründete, daß es auch wirklich der Czar geweſen ſein müſſe, an deſſen geweihtes Leben er 112 im Irrthum die frevelnde Hand gelegt hatte. Mit die⸗ ſem Gedanken fiel auch die Behauptung der Czarin Ma⸗ rina, ihr Gemahl habe ſich gerettet, in Nichts zuſammen. Das Bewußtſein, ihr Vater ſei Mörder an dem Leben des Geſalbten, durchbebte ſie mit Fieberſchauern. Nie⸗ dergedrückt von dieſer Ueberzeugung und dem Schmerze, ihr Vaterhaus meiden zu müſſen, wußte ſie keine andere Hülfe, als eben in des Palatins Haus zu flüchten. Freilich konnte das nicht mit ſo freiem Herzen ge⸗ ſchehen, weil die Kenntniß von der blutigen That ihres Erzeugers ſie ſchwer bedrückte; aber wunderbarer Troſt, der ihren Muth wieder ein wenig aufrichtete, lag für ſie in dem Gedanken, daß der Schritt, den ſie jetzt that, eine Zulaſſung Gottes ſei, damit ſie durch treuergebene Liebe gegen Marina die große Schuld ihres Vaters an derſelben in etwas ſühne. Einem frommen gläubigen Ge⸗ müthe, wie das Praskowa's, wird es leicht, einen wenn auch nur ſcheinbar tröſtenden Gedanken ſich bald ganz zum Eigenthume zu machen, ſich in denſelben ſo raſch hinein zu leben, daß er, kaum entſtanden, ſchon zum Anker für das leidende Herz wird. Ohne dieſen Troſt, den ſie aus ſich ſelbſt gewonnen, wo ſo große Angſt auf ſie nie⸗ derdrückte, würde es ihr an Muth gefehlt haben, den Beiſtand ihrer ehemaligen Herrin, obwohl dieſe ihr Dank ſchuldig war, in ihrer Verlaſſenheit aufzurufen. Marina ahnte nicht, was Praskowa ihr verbarg, als dieſe von ————,——2—“ &ᷣ 8 AD.—— — — — 1 8 — B X—— 113 ihr aufgefordert zum Geſtändniß deſſen, was ſie aus dem Vaterhauſe getrieben, unter vielen Thränen ihre Verſto⸗ ßung als eine Folge der Entdeckung ihres geheimen Ver⸗ hältniſſes zu Julian von Golczewski erwähnte. „Nun, beruhige Dich, Kind,“ ſagte die Czarin gü⸗ tig, ihr die thränenfeuchten Wangen klopfend...„Du biſt bei mir in der Obhut einer Dir Dank verpflichteten Freundin, die Dich nicht von ſich läßt. Geht Alles gut, ſo iſt dies nämliche Moskau, das mir jetzt zum Kerker dient, in wenig Wochen wieder die Hauptſtadt des einem treuloſen Rebellen entriſſenen Reiches meines Gemahls. Ein Augenblick kann Alles umgeſtalten und dieſer Augen⸗ blick iſt nicht fern. Du haſt einen Vater verloren und dafür das Herz Deiner Herrin und Freundin gewonnen. Kann Dich das beruhigen, meine Kleine?“ „O, wie habe ich ſo viele Gnade und Huld ver⸗ dient!“ rief Praskowa, ihr den Saum des Gewandes küſſend. Marina ſagte lächelnd:„Durch Dich ſelbſt, Närr⸗ chen, weil Du es einmal wiſſen willſt. Doch weg mit Deinem Kummer jetzt, er iſt unnöthig, Du biſt nicht verlaſſen. Siehe her, meinen kleinen lieben Czarewitſch.. den habe ſo lieb wie mich. Dir übertrag ich ſeine Pflege, ich weiß dann, welcher Hand, welchem Herzen ich ihn anvertraut habe... und wahrhaftig, Kind,“ fuhr ſie faſt ſcherzend fort zu ſprechen...„es iſt auch der ein⸗ 1861. 22. Eine lat, Czarin. II. 8 114 zige Beweis von Gnade und Huld, den ich Dir geben kann; denn ich bin eine blutarme Czarin, mit deren Herrlichkeit es noch gar trübe ausſieht; aber es wird bald anders werden... auch mir wird der Tag des Triumphes kommen. Ach, wie ſehne ich mich nach ihm!“ Praskowa hörte nicht auf dieſe Selbſttröſtung ihrer Czarin, ſie war mit dem kleinen Czarenprinzen beſchäf⸗ tigt, der erwacht aus dem Schlummer, die Händchen nach ihr ausſtreckte und gar nicht fremd und unwirrſch that gegen ſie, ſondern ſo freundlich, als habe er ſie ſchon immer geſehen. Das Mädchen erlangte durch die feſt aus⸗ geſprochene Ueberzeugung Marina's, daß Rußland bald wieder ihrem Gemahle gehören werde, eine große Er⸗ leichterung von der Angſt, ihren Vater als Verbrecher am Leben des Czaren zu wiſſen. Verminderte ſich die That Walujews auch nicht zu gänzlich Ungeſchehenem, blieb auch immer der Vorwurf des Blutvergießens an ihm haften, ſo erſchien in ihren Augen doch ſeine That geringer, da ſie nicht das geweihte Leben des Czaren an⸗ getaſtet hatte; wie hätte Marina ſonſt mit ſo vieler Ge⸗ wißheit die Hoffnung von dem bald über ſeine Feinde zu erwartenden Siege ihres Gemahls ausſprechen können?! Dieſer Gedanke war ein großer weſentlicher Troſt für Praskowa. Am nächſten Tage erſt ſah ſie Julian. Die Czarin hatte den jungen Cavalier zu ſich beſchieden und ihn ſelbſt von der Ürſache des Hierſeins Praskowa's un⸗ terrichtet. έ 25 8 A—————— + u——² 115 „Bei der Mutter Gottes!“ ihr Vater war wie ein angeſchoſſener Eber, und ſo wenig ich furchtſam zu ſein pflege, gnädigſte Frau, ſo muß ich doch bekennen, daß mir der Mann ein Fröſteln durch die Glieder jagte, als er ſich in ſeinen Verwünſchungen überbot, daß ihm die Seele auszulöſchen ſchien und er wie todt zuſammenſtürzte,“ entgegnete Julian.„Wer ſollte glauben, daß ein ſo bitter⸗ böſer Stößer ein ſo liebliches Täubchen ſein Fleiſch und Blut nennen könne!“ „Nun, Herr von Golczewski, ich erwarte, daß Ihr nicht vergeßt, was Praskowa Euretwegen gelitten hat, und Ihr Euer Betragen gegen ſie darnach einrichtet,“ ſprach Marina. Julian machte ihr eine tiefe Verbeugung und ant⸗ wortete leichthin:„Ich bin Cavalier, gnädigſte Frau, und wenn auch meine Güter im Monde liegen, ſo halte ich doch auf eben ſo viel Ehre, wie ein Edelmann mit Gütern auf dieſer Erde.“ Wie Julian dieſe Antwort verſtanden wiſſen wollte, blieb der Czarin für jetzt unbe⸗ kannt, und ſie nahm ſie in dem Glauben an edelmänniſche Ehrenhaftigkeit hin. Dieſe kleine Epiſode zerſtreute in etwas ihren Unmuth über ihres Vaters entſchiedene Hart⸗ näckigkeit im Zweifel an der Echtheit des im Lager zu Tuſchino befindlichen Demetrius. Sie wollte den Glau⸗ ben an ihn nicht aufgeben, und erſchrak daher nicht wenig, als der Palatin ihr ankündigte, daß er dem Czar Baſil 8'e* 116 das Verſprechen geleiſtet, ohne ſich in die Angelegenheit des ſich ſeinen Eidam nennenden Prätendenten miſchen zu wollen, auf gerader Straße nach Polen mit ihr, ſeiner Tochter, und den bei ihm ſich befindenden Cavalieren zu⸗ rückzukehren.„Es iſt nicht möglich, daß Ihr, gnädigſter Herr Vater, meine und meines Kindes Rechte ſo ſehr vergeſſen haben könnt, um Euch zu etwas zu verpflichten, was jeden unſerer Anſprüche für immer vernichtet!“ rief Marina. „Wir haben nur noch einen Anſpruch zu erheben, den Erſatz des uns geraubten Eigenthums, deſſen Werth⸗ ſumme ich bereits dem Czar und ſeinem Bojarenrathe als unſere gerechte Forderung bezeichnet habe und mir die Erfüllung dieſes Anſpruches auch zugeſtanden iſt,“ ent⸗ gegnete der Palatin.„Alles Andere iſt für uns unerſetz⸗ lich verloren und es wäre lächerlich, darum zu ſtreiten. Ich bin dieſes Landes und aller hier ſich abſpinnenden Ränke müde und werde dem Himmel danken, wenn ich wieder im Schloſſe zu Sandomir mein Haupt ohne Kum⸗ mer für den nächſten Tag werde niederlegen können. Ueber⸗ morgen früh verlaſſen wir Moskau in Begleitung einer Sicherheitswache.“ Marina verharrte im Schweigen, welches ſonderbar gegen ihren früheren Proteſt hinſichtlich dieſer dem Czar Schuiski gegenüber bezeigten Nachgiebigkeit des Palatins contraſtirte. Nach einer Weile ſagte ſie wie kleinmüthig: ..ͤ——— ——2-ä— 117 „Ach, mein gnädigſter Herr Vater, was bleibt mir Armen unter dieſen Umſtänden noch übrig, als mich unter die von Eurer Weisheit getroffene Maßregel zu beugen! Die Hoffnung muß mich aufrecht erhalten, daß man in Polen noch Herz genug haben wird, um früher oder ſpäter mei⸗ nes Czarewitſch Geburtsrecht auf Rußlands Thron zur Geltung zu bringen.“ Der Palatin war ungemein erfreut, ſeine Tochter ſo fügſam zu finden. Um ſie zu tröſten, entgegnete er, ſie umarmend:„Meine liebe Tochter, es iſt nicht geſagt, daß unſere jetzige Nachgiebigkeit unſer Thun für immer be⸗ ſtimmen ſoll. Nein, nein, das wäre unklug; wir geben nur für jetzt ein verlorenes Spiel auf, um es in beſſerer Zeit von Neuem und mit ſicherem Erfolge wieder aufzu⸗ nehmen. Welcher Feldherr giebt ſich nach einer verlorenen Schlacht für immer verloren! Heute verloren, morgen ge⸗ ſiegt. Das Leben iſt wie ein Schachſpiel, dem Klugen bleiben viele Züge zur Rettung. Man weicht aus, ja man giebt Figuren hin, um einen Plan durchzuführen, der zuletzt den Feind ſchwach und matt macht.“ Als der Palatin ſie in der guten Ueberzeugung, daß ſein Wille ihr Entſcheidung ſei, verlaſſen hatte, glitt über Marina's Antlitz ein feines heimliches Lächeln. An dieſem Tage hatte ſie mehrere geheime Beſprechungen mit Julian von Golczewski.— Mit Anbruch des dritten 118 Tages zog in aller Stille, von einer Abtheilung Strelitzen geleitet, eine kleine Reiſegeſellſchaft durch die noch öden Straßen Moskau's; es war der Palatin mit ſ einer Tochter und ſeinem eben nicht zahlreichen Gefolge von Edelleuten und Dienern; auch Praskowa befand ſich, jedoch in polni⸗ ſcher Tracht, die ihrer ſchlanken und zarten Geſtalt unge⸗ mein wohl ließ, unter den wenigen Begleiterinnen der Czarin. Freilich ſchlug ihr das Herz gewaltig, als ſie in der Morgenſtille durch die Straßen der Vaterſtadt fuhr. War auch ihre junge Vergangenheit gleichſam verſchüttet, ſo hing doch ihre Seele mit tauſend Fäden an ihre Erin⸗ nerungen feſtgeknüpft. Mit Moskau ſchien ihr die Welt zu ſchwinden; ſie glaubte ſich losgeriſſen von Allem, was ihr theuer geweſen und manche Thräne rollte insgeheim über ihre von Kummer gebleichten Wangen. „Denke an das, was ich Dir vertraut habe,“ flü⸗ ſterte die Czarin ihr zu. „Ach ja, meine gütige gnädigſte Herrin, ich will daran denken,“ antwortete Praskowa...„zürne mir nicht, ich bin ein unverſtändiges Ding und weiß nicht immer mit mir fertig zu werden.“ Schon war der Vormittag weit vorwärts gerückt, als die kleine Reiſegeſellſchaft und ihre bewaffnete und durch den Marſch ermüdete Begleitung in einem Dorfe Halt machten; aber dieſe Raſt wurde bald unterbrochen, — 11— 119 denn mit wildem Geſchrei ſtürmte eine zahlreiche polniſche Reiterſchaar in den Ort ein. Der Kampf entſchied ſich ſchon nach wenigen Minuten zu Ungunſten der Ruſſen, die ſolches Ueberfalls nicht gewärtig, ſich nur ſchwach ver⸗ theidigten und theils Opfer der ſcharfen Klingen der Polen wurden, theils, jedoch nur eine ſehr kleine Zahl, in athem⸗ loſer Flucht nach Wegwerfung ihrer Waffen ihr Heil ſuchten.„Ich danke Euch, Herr von Golczewski, Ihr habt meinen Auftrag gut beſorgt und ich hoffe nun bald Gelegenheit zu haben, Euch einen Beweis meiner Dank⸗ barkeit geben zu können,“ ſagte Marina leiſe zu Julian, nachdem der die ſiegreichen Polen commandirende Offizier dem Palatin eröffnet hatte, daß er Befehl vom Czaren habe, ihn und ſeine Tochter nebſt Beider Gefolge nach Tuſchino zu führen. Bald darauf bog der Wagenzug der Reiſenden, nun unter der anſehnlichen Begleitung eines ſtarken Reiter⸗ trupps von der Straße nach Polen ab und fuhr in der Richtung gegen Tuſchino hin. Ehe jedoch dieſes zu einem großartigen Heerlager umgewandelte Dorf erreicht war, ließ der Commandirende vor einem Schloſſe Halt machen. Der Palatin und ſeine Tochter wurden höflichſt erſucht, ſich in daſſelbe zu begeben, und von mehreren ihrer am Hauptthore harrenden Dienern ehrerbietigſt empfangen, doch Jeder in ein anderes Zimmer geleitet. 120 „Was bedeutet das?“ fragte Misznek verwundert über dieſe Trennung. „Befehl des Czaren,“ war die Antwort. Der Wa⸗ genzug blieb auf der Straße von der Reiterſchaar umge⸗ ben halten. IV. Marina war am Wendepunkte ihres Lebens ange⸗ langt. Sie fühlte das ſelbſt, da, wie ſie ganz recht ver⸗ muthete, die Vorſicht, ſie von ihrem Vater zu trennen, auf das Beſtreben des Befehlgebers hinwies, ſich ihrer Zu⸗ ſtimmung ohne Einſpruch eines Andern zu verſichern. Eine ungemeine Beklommenheit legte ſich anfänglich wie eine ſchwere Laſt auf ihr Herz, indeß dieſes beängſtigende Ge⸗ fühl verſchwand ſchnell, denn ſie fand ſich von ihrer Um⸗ gebung ungemein wohlthuend angeſprochen und für einige Augenblicke in den Wahn verſetzt, Alles, was ſie bisher Unangenehmes erlebt, ſei Nichts als ein toller Traum geweſen und keine Unterbrechung ihres Glückes habe ſeit jenen Tagen ihres Vermählungs⸗ und Krönungsfeſtes ſtattgefunden. Das Zimmer, in welches man ſie geführt hatte, glich dem liebſten ihrer Wohngemächer im Mos⸗ kauer Czarenpalaſte auf's Haar. Nicht nur dieſelben prachtvollen Hauteliſſe⸗Tapeten mit den wundervollen Blumenſtücken, welche der Czar aus der berühmten Fabrik 122 zu Arras hatte kommen laſſen, bekleideten die Wände dieſes Gemaches, ſondern auch die Möbeln in demſelben wieſen ſich ganz in jenem Geſchmacke, wie ſie im Prunk— zimmer im Schloſſe Königs Sigismund von Polen zu fin⸗ den waren und welche ihr ſo außerordentlich gefallen hatten, daß die Aufmerkſamkeit ihres Gemahls ſie mit einem ganz gleich möblirten Gemache unter der ihr im Moskauer Czarenpalaſte eingeräumten Gallerie Zimmer überraſchte. In Mitte dieſes ſo reich ausgeſtatteten mit dem Wohllaut der Schönheit ihr Aug' und Herz berühren⸗ den Zimmers ſtand ein prächtig gearbeiteter Marmortiſch, auf welchem eine bedeutende Auswahl koſtbarer Ge⸗ ſchmeide zur Schau ausgelegt war. Bei dieſem ſinnen⸗ ſchmeichelnden Zauber erhob ſich alle Eitelkeit ihres Herzens, ſich wieder als die gefeierte Herrin des großen Ruſſenreiches zu wiſſen, zur vollſten Geltung, und was lag dieſem Gedanken näher und folgerechter, als die Ueber⸗ zeugung, ihr Gemahl Demetrius ſei der, der ihr dieſes Gluͤck bereitet habe. Es lag ein wunderbarer Reiz für ſie in dem Gedanken, ihr Gemahl wünſ che die Leiden, welche eine einzige furchtbare Nacht über ſie gebracht, durch dieſe Täuſchung ihr vergeſſen zu machen, und wolle die lange Zeit ihrer Trennung von ihm, die Lage des ſie demüthi⸗ genden Unglücks, wie mit einem einzigen Hauche aus ihrem Gedächtniſſe verwiſchen. Voll dieſer ſchönen als zarteſte Huldigung ſie be⸗ 123 glückenden Ueberzeugung wurde ſie von dem Geräuſch leb⸗ haft nahender Schritte überraſcht, ihre Augen wendeten ſich erfreut nach der faſt ungeſtüm aufgeriſſenen Thüre. „Demetrius!“ rief ſie dem Eintretenden entgegenfliegend; aber kaum noch einen Schritt von ihm entfernt prallte ſie erſchrocken plötzlich von ihm zurück... er war es nicht, ein Anderer, ihm ſehr ähnlich in Geſtalt und Ge⸗ ſicht, ſtand vor ihr. Der ihr Fremde ſchritt raſch auf ſie zu, ergriff ihre Hand und dieſe mit tiefer Verbeugung küſſend, ſagte er: „Ich bin Demetrius, gnädigſte Frau, nicht der, den Ihr Euren Gemahl nanntet... die Lüfte, in die man ſeine Aſche verſtreut hat, ſind mit ihr verweht,... ſondern ſein Nachfolger, der entſchloſſen iſt, den Thron der Czaren zu erobern, und Euch, wenn Ihr nicht unempfindlich gegen den ſchönen Gedanken ſeid, Gebieterin eines großen Reiches zu bleiben, das Euch und Eurem Kinde auf die ſchändlichſte Weiſe entriſſen worden iſt, die Hand zu deſſen Wiedererlangung zu bieten. Ihr erſtaunt, mich ſo auf⸗ richtig von einer Sache ſprechen zu hören, die ſchwerer als irgend etwas in der Welt in die Wagſchaale fällt; aber ich meine, Euch, gnädigſte Frau, die vollkommenſte Offenheit ſchuldig zu ſein, da zwiſchen uns Beiden keine Geheimnißthuerei am rechten Orte iſt. Ihr bedürft meiner, um Eurem Kinde den väterlichen Thron wieder erobert 124 zu ſehen, ich bedarf Eure Anerkennung meines Rechtes auf denſelben als Euer Gemahl.“ „Als mein Gemahl,“ rief Marina beſtürzt von der rückſichtsloſen Manier des Fremden, eine derartige Ver⸗ bindung ihr ohne Weiteres anzutragen.„Wer ſeid Ihr?“ „Nichts Anderes, als Euer Gemahl geweſen iſt, ein glücklicher Spieler um eine Krone,“ war die Antwort. „Ich glaube, wir wiegen Beide gleich leicht oder auch ſchwer in dieſer Beziehung, er wie ich. Das Glück iſt die Amme, an deren Bruſt wir uns gelegt haben. Was ich früher geweſen? gnädigſte Frau, dies Wiſſen kann Euch keinen Nutzen bringen und ich halte Euch für klug genug, um mein Schweigen darüber nicht als ein Hinderniß zu be⸗ trachten, einen Vertrag mit mir einzugehen. Die Verſchie⸗ denheit zwiſchen Eurem Gemahle und mir beſteht nur einzig darin, daß er mit einer Lüge Euch gewann, ich dagegen Euch offen ſage, was Ihr von mir zu halten habt. Ent⸗ ſcheidet Euch ſchnell, bitte ich.“ Das raſche haſtige Weſen des Fremden, ſeine eigen⸗ thümliche Manier, ſich ihr ohne Hehl als Glucksritter vor⸗ zuſtellen und kein anderes für ſeine Perſon ſie gewinnen ſollendes Beſtechungsmittel zum Eingehen auf den unge⸗ heuren Betrug, den ſie im Angeſichte Rußlands, ja der Welt ihm durchführen helfen ſollte, in Anwendung zu bringen, als die Nothwendigkeit für ihre und ſeine Zukunft, war zu ſeltſam und überraſchend, als daß ſie davon ſich nicht hätte eingeſchüchtert fühlen ſollen. Sie leugnete ſich nicht, daß die Aehnlichkeit zwiſchen ihrem Gemahl und ihm groß und für Alle die täuſchend ſein müſſe, welche den Er⸗ ſteren nicht ganz genau gekannt hatten. Er war ebenſo raſch und feurig, eben ſo ſicher auf ſeinen Glücksſtern bauend wie Jener, und ſeine offene Weiſe ſich zu geben, wie er dieſe ihr gegenüber anwendete, ſprach ein ungemei⸗ nes Vertrauen auf ihre Klugheit aus. Von den Kennzei⸗ chen ihres Gemahls beſaß er nur eine ſchwache Andeutung, nämlich eine Warze auf der rechten Wange, während ſein Vorgänger eine auf der Stirne, eine zweite unter dem rechten Auge gehabt hatte. Seine Arme waren beide von gleicher Länge und demnach bildete nur die Form des Ge⸗ ſichts, der wie bei Marina's Gemahl ſo ſichtbar hervor⸗ tretende Ausdruck des ſlaviſchen Typus, in Verbindung mit dem Schnitt feiner Züge und der leichten Beweglich⸗ keit derſelben, nebſt der gedrungenen, nicht die Mittelgröße überragende Geſtalt die Aehnlichkeit, auf welche geſtützt er die große Täuſchungsrolle ſpielte. Auch die Gewohn⸗ heit ſeines Vorgängers, das Auge geſenkt zu halten, man⸗ gelte ihm, er blickte in die Höhe und man konnte leicht bemerken, daß er das Raſirmeſſer bedeutend in Anſpruch nahm, um den ihn dem erſten Demetrius unähnlich ma⸗ chenden ſtarken Bartwuchs zu verbannen, welche Abſicht der Unterpartie ſeines Geſichtes eine dunklere Färbung gab. 126 Da er bemerkte, daß Marina's Augen von ihm ab ſich wendend, die prächtige Ausſtattung des Gemaches überflogen, und ſchließlich auf dem Glanzpunkte des Ganzen, auf dem mit koſtbaren Geſchmeiden bedeckten Marmortiſche haften blieben, ſagte er zu ihr:„Laßt dieſe geringe Aufmerkſamkeit zu meinen Gunſten bei Euch ſprechen, gnädigſte Frau. Ich glaubte, einer Dame Eu⸗ res Ranges Beweiſe geben zu müſſen, wie ſehr ich wün⸗ ſche, ihren Beifall zu erwerben. Mein gutes Glück lieh mir die Mittel, Euch in die Täuſchung früherer Tage des Glanzes zu verſetzen und ich bekenne, daß ich auch dadurch einen günſtigen Eindruck für mich bei Euch zu erwecken beſtrebt war. Betrachtet dieſe Juwelen als Euer Eigenthum, das heißt, ich bitte Euch, mit ihnen vor der Hand vorlieb zu nehmen; wenn ich den Czaren⸗ thron errungen habe... und bis dahin iſt es keine Ewig⸗ keit... werde ich erſt vollkommen in den Stand geſetzt, Euch ſo würdig zu ſchmücken, wie es für die Herrin eines ſo großen Reiches gebührt.“ „Glaubt Ihr wirklich, mein Herr, daß Ihr bei Rußland, bei der Welt Anerkennung finden, daß man Euch als echtem Czar huldigen werde?“ entgegnete Ma⸗ rina erſtaunt über die von ihm ausgeſprochene Sicherheit. „Ob ich dies glaube?!“ rief der Glücksritter über⸗ raſcht von dieſem Zweifel...„ich bin es überzeugt. Es i*ſt ja ſo natürlich, daß kein Zweifel daran Raum faſſen 127 kann. Laßt heute einen ſchmutzigen Bauer durch den Fund eines großen Schatzes zum reichen Manne wer⸗ den, ſo ſchwört morgen dieſelbe Welt, die ihn vorge⸗ ſtern noch nicht kannte, feſt darauf, daß er zur Vor⸗ nehmheit geboren ſei und Talente beſitze, die ihn der neuen Stellung würdig machen. Die Macht der Waffen iſt noch eine ganz andere, viel entſcheidendere, ſie unter⸗ drückt mit einem Schlage alle Zweifel. Thöricht wäre es, einen Gewiſſensſerupel über das Recht zur Macht oder überhaupt zur Herrſchaft zu hegen. Blickt zurück in jene Zeit, wo die jetzt herrſchenden Geſchlechter entſtanden! Die Gewalt gab ihnen das Recht, vor dem ſich heut zu Tage noch die Völker beugen. Rußland iſt ein Kind, das ſich ſchnell gewöhnt und leicht gängeln läßt...; wohlan, dies Kind an ſeinen Herrn zu gewöhnen, bedarf es eben nur der Macht, der Gewalt. Ich zage nicht darum und werde die Erfahrungen benutzen, die Euer Gemahl mit dem Le⸗ ben bezahlte. Doch laßt uns, gnädigſte Frau, nur von dem ſprechen, was uns Beide betrifft. Ich will Euer Gemahl werden. Ihr verletzt keine Pflicht dabei, Euer erſter Gemahl iſt todt, das Leben hat große Anſprüche an Euch, und die Dame, welche mir geſtern durch meine Späher Nachricht von ihrer heutigen Reiſe zukommen ließ, iſt gewiß zu einſichtsvoll, um bei der Ausſicht auf eine glänzende Zukunft vor Zweifeln und Aengſten, die nur in einer ihrer unwürdigen Feigheit wurzeln könnten, zurück⸗ zubeben, und lieber ſich in der Einfamkeit auf Schloß Sandomir der ihr ſicher zu Theil werdenden Verachtung der Welt preis zu geben. Die letztere Andeutung, nicht abſichtlos ausgeſpro⸗ chen, war von großer Einwirkung auf ein ſo eitles und in ſeinem Stolze leicht verletztes Herz, wie das Marina's. Wie ein Schauer durchfröſtelte ſie der Gedanke, verachtet und verſpottet zu werden. Um dieſem troſtloſen Geſchicke zu entgehen, blieb ihr nichts übrig, als den ihr gebotenen einzigen Ausweg zu ergreifen, und überſtürzt von dem Drange, ſich einer traurigen Zukunſt zu entreißen, ant⸗ wortete ſie nach einigem Zögern: „Es bedürfte einer Rückſprache mit meinem Vater.“ „Nein,“ entſchied Jener feſt,...„dies iſt unnöthig. „Eine Czarin bedarf keines Vormundes. Von Eurem Herrn Vater wird nichts als Schweigen gefordert.“ Des Fremden keckes, energiſches Weſen verfehlte nicht, Marina zu imponiren, um ſo mehr, als es das Erſtemal in ihrem Leben war, daß ein Mann mit ſolcher Entſchie⸗ denheit, die jeden Zweiſel, jedes Zagen als ſeiner unwür⸗ dig ausſchloß, ihr entgegen trat. Es war für ſie eine neue Art von Schmeichelei, von dieſem künftigen beſtimmten Charakter als ſeiner ebenbürtig beachtet zu werden und mit dieſer wohlthuenden Empfindung paarte ſich zugleich die von ihm auf ſie übergehende Zuverſicht des Gelin⸗ gens ſeiner Unternehmung. Marina unterlag, ohne ſich “—“ — 129 deſſen ſelbſt klar bewußt zu ſein, jenem allgemeinen Ge⸗ ſetze der Unterwerfung, nach welchem des Weibes Wille, gleich der emporſteigenden Ranke ſich an den feſten von Wettern ungefährdeten Stamm der Eiche, an den des ſtarken Mannes ſich anſchmiegt. Die natürlichen Empfindun⸗ gen der Bewunderung und Hochachtung, die ihr ſo unwill⸗ kührlich eingeflößt wurden, erzeugten Vertrauen zu ihm, durch den ſie ſich gehoben in ihrem Selbſtwerthe fühlte, und nach Verlauf eines kleinen Stündchens erklärte Ma⸗ rina unter den Bedingungen einer geheimen Trauung ihr „Ja“ zu der von ihm geforderten Täuſchung. Der davon in Kenntniß geſetzte Palatin fand in der erſten Ueberraſchung keine Worte, um ſeinen Unwillen auszudrücken; dann über⸗ häufte er den Abenteuerer und Marina mit heftigen Vorwürfen.— „Mein erlauchter Herr,“ entgegnete der Pſeudo⸗ Czar mit einem Anklang von Hohn...„ich erkenne die Ehre an, ein Mitglied Euerer Familie zu werden, aber ich erkenne Euch kein Recht zu, mich für unwürdig dieſer Ehre zu ſchelten. Im Gegentheil, glaube ich, habt Ihr alle Urſache, mit dem zwiſchen Eurer Frau Tochter und mir getroffenen Uebereinkunft vollkommen zufrieden zu ſein. Was wollt Ihr machen, wenn ich, ſobald es Euch belie⸗ ben würde, mich einen Abenteuerer zu ſchelten und den Glauben des Volkes an mich zu zerſtören, Euch vor aller Welt die Beweiſe vorlege, daß Euer erſter Schwieger⸗ 4861. 22. Eine lat. Czarin, II. 9 ſohn meines Namens, für den Ihr Euch ſo angelegent⸗ lich bei König Sigismund verwendetet, nichts Beſſeres war, als ein etwas ſchlauer zu Werke gehender Betrüger? Dieſe Beweiſe, mein Herr Palatin, ſchlummern in mei⸗ nem Beſitze ſo lange von aller Welt ungekannt, ſo lange Ihr Euer Benehmen gegen mich darnach einrichtet. Der Tag jedoch, an dem Ihr dieſe Anerkennung mir entzieht, verkundet der Welt, welcher Tauſchung ihr Euch hinge⸗ geben habt, um eines Czaren Schwiegervater zu werden, .. und offen herausgeſagt, mein Herr Palatin... Euren mißlichen Finanzen einen Aufſchwung zu verſchaf⸗ fen und nebenbei noch Eurem Stolze zu ſchmeicheln. Was Eure Finanzen anlangt, ſo verpflichte ich mich, die Sorge darum Euch durch meine Hülfe zu erleichtern. Mit dem⸗ ſelben Rechte, wie mein Vorgänger, werde ich in der Egenſchaft eines Schwiegerſohnes Euch Schenkungsur⸗ kunden ausfertigen laſſen, durch die Ihr bald die Mittel erlangen werdet, Eure Vermögens⸗Angelegenheiten zu Eurer Zufriedenheit zu ordnen und in Ruͤckſicht der Ehre, mein Herr, wird es ſich gleich bleiben, meine ich, wenn nur ein Czar zu Eurer Familie gehört.“ Misznek verſtummte; die höflich, aber entſchieden ausgeſprochene Drohung, der Welt als ein Getäuſchter dargeſtellt zu werden, erſchreckte ihn außerordentlich. Er fühlte, daß der Drohende, von anderem Schlage als der gemordete Demetrius, der es liebte, durch ſeine ſchmei⸗ — —‿ο— 2Q, ͤ———— „ 5—— der das Heerlager von Tuſchino in den nächſten Tagen 13¹1 chelnden Manieren für ſich einzunehmen, ein Mann ſei, der zu Allem fähig und entſchloſſen, keine Scheu trage, mit ſeinem Falle auch die mit niederzureißen, welche deſſen Urheber waren, und ſo wendete ſich, von Rückſichten dieſer Art geleitet, der Ausgang der ſo unangenehm begonnenen Scene unerwartet einer Einigung zu, die, verbarg auch der Palatin nicht ſeinen Unwillen über den ihm angetha⸗ nen Zwang, doch das Vorſpiel eines Schauactes wurde, zu Ausbrüchen des Jubels trieb. Demetrius bewies in den Anordnungen betreffs der nothwendigen Einholung ſeiner Gemahlin nach dem Haupt⸗ quartier von Tuſchino eine geſunde Menſchenkenntniß, in⸗ dem er dieſen Aet der Täuſchung zu einem feierlichen Schau⸗ ſpiele für Heer und Volk machen zu wollen erklärte.„Man muß die Gemüther beherrſchen, um ihrer Herr zu werden, und Nichts iſt dieſem Zwecke dienlicher, als die Augen zu blenden,“ ſagte er.„Bei einem nicht denkenden Volke er⸗ ſetzen Aug' und Ohr die Stelle geiſtiger Anſchauung. Des Volkes Seele liegt in Beiden, es hat ſonſt keine Ur⸗ theilskraft. Die Kunde von dem glänzenden Schauſpiele unſerer Wiedervereinigung, gnädigſte Frau,“ fuhr er lächelnd fort...„wird als millionenfaches Echo durch ganz Rußland fliegen und meine Echtheit beſtätigen.“ Nach ſeiner Verabſchiedung von Marina und deren Va⸗ ter beſtieg er ſeinen von einem treuen Diener, der ihn 9*½ 132 zu dieſer geheimnißvollen Zuſammenkunft bisher begleitet, bereit gehaltenen Renner und jagte auf Umwegen nach Tuſchino zurück, wo er mit ſichtbarer Freude die Nachricht vernahm, daß ſeine ſo lange von ihm getrennte Gemah⸗ lin gluͤcklich im Schloße Goſſowiez angekommen ſei. Der Palatin verharrte in düſterem Schweigen. Ma⸗ rina ergriff ſeine Hand und ſagte:„Mein gnädigſter Herr Vater, es iſt der letzte Wurf, den ich an ein bereits verloren betrachtetes Spiel wage. Ich bin meinem Kinde und mir dieſen Verſuch, das entflohene Glück auf's Neue zu feſſeln, ſchuldig. In Polen erwartet mich Spott und Verachtung. Indem ich den Weg einſchlage, zu dem ich mein Ja erklärt, nehme ich auch von Euch die Laſt des Hohnes, der Euch mit mir treffen müßte, kämen wir Beide zuſammen zurück nach Sandomir. So kann man höchſtens von Unglück ſprechen und Unglück bringt keine Schande. Seht meinenEntſchluß auf dieſe Weiſe an und bleibt mir. gnädig und gewogen, ich bitte Euch ſehr. Bedarf ich denn nicht des Bewußtſeins, Eure Liebe zu beſitzen, jetzt mehr als je?“ „Daß Dich das gefährliche Spiel nur nicht verſchlin⸗ ge!“ rief Misznek wie von trüber Ahnung ergriffen. „Aber Du willſt es... nun, ſo gehe Deinen Weg und möge Dich das Unglück nicht in ſeine Wirbel verſtricken. Ich werde nach Sandomir zurückkehren, müde dieſes Trei⸗ dens und Ringens, gebrochen in meinen Hoffnungen. 133 Das Glück ſtreut Lorbeeren, das Unglück Dornen... mein Theil ſind dieſe Letzteren geworden, ſie haben ſich von ſelbſt zu einer Krone für mich verſchlungen. Schloß Goßowicz, einem dem Czar Baſil Schuiski ergebenen Bojaren gehörend, der vor der Rache deſſen Feindes entflohen war, diente nun zum Aufenthalte für Marina, deren Vater und Beider Begleitung. Durch Demetrius Sorgfalt wurden ſie mit allem Nöthigen ver⸗ ſorgt. Wenige Tage ſpäter kam Demetrius im Incognito, von einigen polniſchen Offizieren begleitet, als gälte die⸗ ſer Beſuch nur dem Herrn Palatin, bei dem ſich kurz vorher einige Prieſter der Geſellſchaft Jeſu unter glei⸗ chem Vorwande eingefunden hatten. In aller Stille be⸗ reiteten die Letzteren ein Gemach zur Kapelle vor, in dem zur Nachtzeit und von keinem weiteren Zeugen als dem Palatin begleitet, der Czar und Marina die kirch⸗ liche Weihe ihres unter ſo ſeltſamen Umſtänden geſchloſ⸗ ſenen Bundes empfingen. Erſt jetzt glaubte Misznek, der mit ſchwerem Herzen bei dieſer religiöſen Handlung be⸗ theiligte Zeuge, eine Andeutung zu erkennen, welcher Art das Geheimniß ſei, das ſich in der Perſon des neuen ihm aufgezwungenen Eidams gipfelte; denn der die Copula⸗ tion verrichtende Prieſter endete ſeine Anrede an Marina mit folgenden Worten:. „Du willſt mit ihm den Thron Rußlands theilen ſo theile auch mit ihm ſein Gelübde, die päpſtliche Kirche zur herrſchenden in dieſem Reiche zu machen. Dies Ge⸗ lübde iſt ihm die Leiter zur Erreichung des hohen Zieles, die Völker Rußlands zu beherrſchen; getragen von dem ſichtbaren wie unſichtbaren Beiſtande der geſchworenen Freunde und Stützen der heiligen römiſch⸗katholiſchen Kirche hat er den Weg zum Herzen des ruſſiſchen Reich es bis hierher unter dem Geklirre der Waffen zurückgelegt; noch ein Sieg, und dies Herz, dieſe Metropole des Fein⸗ deslandes, iſt in ſeiner Gewalt, und von dem Tage an wird unſere heilige Kirche ſich auch die ſegensreiche Mut⸗ ter des großen nordiſchen Reiches nennen. So baue mit ihm an dieſer Kirche Ausbreitung, Du mit weiblicher Milde und gewinnender Freundlichkeit, während er die Macht anwendet, ſeine Völker den Irrlehren des Schisma zu entreißen und ſie der großen allein ſeligmachenden Ge⸗ meinſchaft unſerer erleuchteten Religion zuzuführen.“ Daher kam alſo die große thätige Hülfe der Polen; man hatte die Gemüther derſelben in's Geheim zum Kampfe für den Glauben zu begeiſtern gewußt, und die⸗ ſer Kreuzzug gegen Rußland fand in der Perſon des De⸗ metrius nur ein rechtzeitiges Aushängeſchild, das über die wahre Bedeutung des Kampfes die Ruſſen täuſchte, und für die Tauſende ſeiner polniſchen Krieger eine Fahne war, der ſie blindlings folgten, um für ein großes ihnen verhülltes Geheimniß, um das nur deſſen Urheber wuß⸗ ten, ihr Leben einzuſetzen. Auf den Palatin machte dieſe 2 n 9 0Q& n n—— 13⁵ Erkenntniß einen ſehr gemiſchten Eindruck; wenn er auch hinſichtlich des Sieges ſeines Eidams keinen Zweifel hegte, denn der Beiſtand, auf den dieſer fußte, erweckte ihm ja große Hülfsquellen gleich dem erfriſchenden Waſ⸗ ſerſtrahl des Moſis aus dürrem Fels, ſo war er deſto⸗ mehr um die weitere Ausführung zu deſſen Aufgabe be⸗ ſorgt, da er den Fanatismus der Ruſſen aus eigener Er⸗ fahrung kannte und mit Recht einen gegenſeitigen Ver⸗ tilgungskrieg daraus entflammen ſah. Aber was konnte er noch thun, ſeine Tochter dieſem raſenden dann Alles verſchlingenden Wirbel zu entreißen? Nichts... es war das Verhängniß, das ſie ſich ſelbſt erwählt hatte. Am Nachmittage des folgenden Tages donnerten ſämmtliche Geſchütze des Heeres von Tuſchino, der Czar feierte die Wiedervereinigung mit ſeiner Gemahlin durch ein großartiges militäriſches Schauſpiel. Längs des We⸗ ges nach Tuſchino waren die Schaaren der Reiter aufge⸗ ſtellt und ihre Hurrah's begrüßten das Czarenpaar. Alles wogte in Jubel und Luſt. Der Palatin hatte von ſeiner Tochter, als ſie vor den auf dem Platze vor dem Schloſſe aufgeſtellten polniſchen Huſaren ihrem Gemahl, zum Zei⸗ chen der Freude ihrer Wiedervereinigung mit ihm, in die Arme ſank, zu gleicher Zeit Abſchied genommen.— Ma⸗ rina ſah abermals ein, wenn auch durch die gänzliche Ver⸗ ſchiedenheit der Staffage verändertes, ſonſt aber ganz mit jenem Punkt übereinſtimmendes Bild vor und um ſich auf⸗ 136 gerollt, wie ihr vor drei Jahren geſchehener Einzug in die Hauptſtadt Moskau ein ſolches ihr geboten hatte. In einem prachtvollen von einem herrlichen Achtgeſpann gezo⸗ genen Wagen, neben dem ihr Gemahl auf einem köſtlichen in Gold geſchirrten Schweißfuchs einherritt, zog ſie, ihren kleinen Czarewitſch im Arm haltend, in Tuſchinv ein, wo ſie von lärmender Kriegsmu ſik, Kanonendonner und Hur⸗ rahgebrüll der Soldateska empfangen wurde. Das kleine Herrenhaus des Ortes vertrat hier die Stelle des Czaren⸗ palaſtes. Als am Abende dieſes Freudentages Praskowa ihrer Gewohnheit gemäß, einen Gutenachte kuß auf ihrer Her⸗ rin Hand drückte, bemerkte dieſe mit Ueberraſchung eine große Unruhe an ihr.„Was haſt Du, Kind?“ fragte ſie. — Praskowa wollte mit der Antwort ausweichen. „Du verbirgſt mir etwas... habe ich Dein Ver⸗ trauen verloren?“ Mit tiefem Gefühl ſagte das Mädchen leiſe und furchtſam:„Er iſt es nicht.“ Die Czarin verſtand den Sinn dieſer Worte, die aus dem über dieſe Gewißheit erſchrockenen Herzen des Mäd⸗ chens ſie wie ein Urtheil berührten. „Er iſt es, Kind, Du täuſcheſt Dich nur, weil Du ihn faſt zwei Jahre lang nicht geſehen haſt,“ entgegnete ſie haſtig...„laß ja Niemand dieſen Zweiſel hören, er könnte viel Schlimmes anſtiften.“ 137 Praskowa legte die Hand auf's Herz und antwortete: „Ich ſchweige, meine gutige, hohe Herrin.“ Marina fühlte ſich durch die wenigen aber ſo inhalts⸗ vollen Worte Praskowa's zum Nachdenken über ihre ver⸗ änderte Lage angeregt. Welch einen Wechſel des Geſchickes hatte ſie erlebt! führte die Täuſchung, der ſie ihren Bei⸗ ſtand lieh, zum Ziele? Die Zukunft mußte das enthüllen, ihr freier Wille war ja der Schöpfer derſelben geweſen. Nur ſich ſelbſt hatte ſie anzuklagen, wenn der Endpunkt ihres Zieles in Unglück auslief. Eine Fluth von Gedanken durchwirrte ihren Kopf; ſie war außer Stande, einen der⸗ ſelben feſtzuhalten, und erlag faſt der ihr Denken über⸗ ſtürzenden Wucht von Erinnerungen, die die widerſpre⸗ chendſten Empfindungen in ihr wach rieſen. Endlich aber wurde ſie von einer Erinnerung beſonders und anhaltend gefeſſelt, ſo daß neben dieſer jedes andere ſich ungerufen ihrem Geiſte aufdrängende Bild an Farbe und Halt ver⸗ lierend, in Nichts zerfloß. Es war die Erinnerung an Marfa, die Czarin⸗Mutter. Ihres jetzigen Gemahls Behauptung, die Beweiſe zu beſitzen, daß Demetrius, ihr erſter Gemahl, nur die Rolle eines Betrügers geſpielt habe, ſchien ihr in dem von Marfa gegen ſie ausgeſprochenen Urtheile:„Rühme Dich nicht, daß Du zur Herrſcherin über ein Reich erzo⸗ gen ſeieſt— Du haſt keine Herrſchaft über Dich ſelbſt und Deine Vorurtheile ſind mehr als Du,“ eine Begründung 138 beſonderer Art zu finden. Ein Charakter wie Marfa, ſtolz, kalt, geheimnißvoll, jeder Selbſtverleugnung fähig, eine unter Eis verborgene Glut, lag in dieſem Ausſpruche be⸗ ſtätigt.„Iſt mein Gedanke, daß ſie, ſich ſelbſt verleug⸗ nend, einen Fremden als Sohn anerkannte, um ihrem Stolze, ihrem Haß gegen ihre früheren Feinde zu genügen, kein Irrthum, ſo hat Rußland unbewußt durch mich ein zweites Beiſpiel dieſer Art erlebt,“ ſagte Marina zu ſich und der Gedanke, ſich über dergleichen Vorurtheile erho⸗ zben zu haben, gewährte ihrer Selbſtliebe großes Vergnü⸗ gen und erhob ihren durch Leiden ſo tief gedemüthigten Stolz zu einem neuen Aufſchwunge. Leider machte Marina die Erfahrung, wie ſehr die Wirklichkeit von der Selbſttäuſchung entfernt iſt. Das kräftige, energiſche Weſen ihres Gemahls erweckte bei den Führern der polniſchen Truppen großes Aergerniß und heftigen Zwieſpalt mit ſeinen Meinungen; Polens Erbübel, jener unruhige, zu Aufſtand und Anarchie ſehr leicht gereizte Geiſt nahm ſchnell überhand, unterſtützt von anmaßendem Soldaten⸗Hochmuthe und Selbſtüberſchä⸗ tzung. Man vergaß in luſtigen Gelagen und wilden Or⸗ gien das eigentliche Ziel des Kampfes, die Einnahme Moskau's, deſſen Vertheidiger in eben dem Grade an Muth gewannen, als ihre Gegner Tuſchino zu einem Capua umſchufen, wo ſie in dem durch viele Meilen weit ausgedehnten Räubereien herbeigeſchafften Ueberfluß 139 ſchwelgend, ihren Ruhm verloren. Empört von der Un⸗ thätigkeit einer ſo ſtarken und bisher ſiegreichen Armee, welche jetzt die Rolle einer auf der Lauer liegenden Katze übernommen hatte, und ſtatt mit geſammter Kraft ſich über Baſil's die Hauptſtadt vertheidigende Truppenmacht zu werfen, es vorzog, das große Moskau auszuhungern, fand Demetrius nur zu oft Anlaß, in heftige Vorwürfe gegen Rozynski und Sapieha auszubrechen. Dieſe Un⸗ einigkeit, die noch durch einen beſonderen zwiſchen den ge⸗ nannten beiden Polenführern ausbrechenden Zwiſt vervoll⸗ ſtändigt wurde, lähmte die kriegeriſchen Unternehmungen vollends. Die gelegentlichen Zuſammenſtöße zwiſchen den einzelnen Abtheilungen des Heeres des Demetrius und der Truppen Baſil's waren Menſchen freſſend, aber Nichts entſcheidend. Tuſchino gerieth bald in die Kategorie der Schlupfwinkel großer Räuberbanden. Alle jene Zügelloſigkeiten und Rohheiten, welche den Auflöſungen großer Armeen vorherzugehen pflegen, fanden im Heerlager zu Tuſchino einen Tummelplatz; der Auswurf der polniſchen wie ruſſiſchen Nation feierte da⸗ ſelbſt große Räuberfeſte und vergebens ſuchte Demetrius dieſem Verfalle durch ſtrenge blutige Strafen entgegen zu wirken, die er natuͤrlich nur über die Ruſſen verhängen konnte. Von Tage zu Tage mehrte ſich ſeine Abneigung gegen ſeine Bundesgenoſſen, die Polen, und ſeine frühere Sympathie für ſie wendete ſich ausſchließlich den ruſſi⸗ 140 ſchen Kriegern zu, die von ſeiner blutigen Strenge nicht abgeſchreckt, ihr Leib und Leben als ſein rechtmäßiges Eigenthum betrachteten. Er ſuchte ſie den Polen gleich zu bilden, um dieſe im Verlaufe der Zeit entbehren zu kön⸗ nen. Was ſein Glück vielleicht nicht bewirkt hätte, rief ſein Unglück hervor, Marina liebte ihn wirklich und ſie wußte die Falten ſeiner Stirne zu glätten, wenn der Un⸗ muth über alle dieſe Vorgänge ihn verdüſterte. Nur ihr allein verdankte er es, daß das loſe Gewebe zwiſchen ihm und ſeinen Bundesgenoſſen ſich nicht auflöſte, ſie bewährte in dieſem Gewirr von wilden Leidenſchaften aller Art einen bewundernswerthen Scharfblick, der es ihr zuweilen möglich machte, eine, wenn auch nur für kurze Zeit bin⸗ dende Herrſchaft über die einander anfeindenden Gemüther zu erlangen. Vorzüglich war es Sapieha, den ſie für ſich gewann, und ihr den Gedanken lieb machte, den feſteſten Stützpunkt Baſil Schuiski's, das St. Sergiuskloſter von Troiza, welches 100,000 Bauern beſaß, von zahlreichen Mönchen bewohnt war und unſchätzbare Reichthümer an Gold und Edelſteinen umſchloß, womit die Czaren ſeine Kirche geſchmückt hatten, in der nun Boris Gudonow's ſterbliche Ueberreſte ruhten, zu erobern. Wenn Moskau die weltliche Hauptſtadt des heiligen Rußlands zu nennen war, ſo machte das St. Sergiuskloſter von Troiza den gegrün⸗ detſten Anſpruch auf den Ruhm, die geiſtliche Metropole des großen Reiches zu fein. Es bildete eine Stadt oder 141 vielmehr Citadelle, von tiefen Gräben umgeben, die von hohen Thürmen beſchützt wurden. Von hieraus gingen un⸗ aufhörlich Manifeſte aus, das Volk zur Vertheidigung des heiligen Moskau aufrufend; die Mönche von Troiza fanati⸗ ſirten Alles in der Nähe und in der Ferne und ihre Bannſtrah⸗ len gegen den erſten Demetrius wegen ſeiner Heirath mit einer Lateinerin bewährten nun auch gegen den zweiten dieſes Namens ihre Wirkung. Fiel dies von Hundert⸗ tauſend die Ketzer verfluchenden und freudig ihr Leben im Kampfe opfernden Bauern, denen die orthodoxen Moͤnche mit dem rühmlichſten Beiſpiele des Muthes vorangingen, vertheidigte Kloſter, ſo war Baſil's Macht, für welche Troiza die beſte Unterſtützung und mehr werth war als eine Armee, mit Einem Schlage vernichtet. Sapieha ver⸗ ließ mit 30,000 Mann und 60 Kanonen das Lager von Tuſchino, um ſein Glück vor Troiza zu verſuchen. Es ſchien, als könne ſich jetzt noch Alles zum Beſten geſtalten, der Fall Troiza's, an dem Demetrius nicht zweifelte, mußte alle ſeine Erwartungen erfüllen. Die dü⸗ ſtern Falten auf ſeiner Stirne verſchwanden; er glaubte wieder an Glück und war fröhlich, ja er hoffte ſo⸗ gar, daß es der von ſeiner Gemahlin geſuchten Verwen⸗ dung der einflußreichſten Mitglieder ihrer Familie gelin⸗ gen werde, den in Polen reſidirenden und an Sigismund's Hofe in hohen Ehren ſtehenden päpſtlichen Nuntius für ſeine Angelegenheit zu gewinnen. Er ahnte nicht, welche 142 drohende Wetter ſich dort gegen ſein Haupt und ſeine Si⸗ cherheit bereits aufthürmten. Zu dem kleinen Kreiſe von Cavalieren, die ſeinen kriegeriſchen Hofſtaat ausmachten, gehörte Julian von Golezewski. Das Wohlwollen, welches die Czarin, rück⸗ ſichtlich der Neigung Praskowa's zu dieſem jungen Edel⸗ mann, demſelben bewies, ſtimmte auch ihren Gemahl ſehr günſtig für ihn, und der Eifer, mit welchem Julian ihm ſichtlich anhing, vermehrte deſſen Gunſt täglich für ihn. Bald machte er ihn zu ſeinem Vertrauten, dem er, feſt auf ſeine Treue rechnend, keinen ſeiner geheimen Pläne ver⸗ ſchwieg, um ſo mehr, als Julian ihm für Alles die regſte Theilnahme zeigte. Praskowa hatte den Vorſtellungen ihrer Herrin nachgegeben und war zur katholiſchen Kirche in's Geheim übergetreten,„weil,“ wie Marina ſagte, „dieſer Schritt unumgänglich nöthig ſei, wenn ſie Julians Gemahlin werden wolle.“ Es war ein großes und ſchwe⸗ res Opfer, welches das im ſtrengſten Glauben an die Heiligkeit der väterlichen Religion erzogene Mädchen ſei⸗ ner Liebe brachte, ein Opfer, um deſſen willen ſein Herz von den Folterqualen der heftigſten Gewiſſensvorwürfe gepeinigt, faſt brach. Zerriß Praskowa nicht jedes Band, welches ſie mit unſichtbaren Fäden noch an das Vater⸗ haus knüpfte, indem ſie den ihr anerzogenen Glauben abſchwor? Mit dieſem Schritte mußte für immer eine Kluft zwiſchen ihr und der Hoffnung niederfallen, je wie⸗ 143 der als Tochter die Stätte ihrer Kindheit betreten zu dürfen; keine Vergebung war mehr möglich, ausgeſchloſſen von aller Gemeinſchaft mit dem Vaterhauſe, ausgeſtoßen aus der der Rechtgläubigen, trug ſie dann auch noch das Safemn Aller, wie ſchon das des Vaters auf ihrer Seele. „Wie? Du kleines Heidenkind, das beſchwert Dein Herzchen mit ſo großem Kummer?“ fragte Julian lachend, als ſie ihm unter heißen Thränen vertraute, wie entſetzlich ſchwer ihr der Kampf um dieſes Uebertritts willen werde. „Biſt ein Närrchen. Was giebſt Du eigentlich hin mit Deiner Rechtgläubigkeit? nichts als Tand, der ſich wie eine Klette Dir angehängt hat. Iſt es nicht läch erlich, um Nichts ein ſolches Aufhebens zu machen? Friſch ge⸗ wagt, mein Täubchen, flattere in den Schooß der allein ſeligmachenden Kirche hinein und mache mir das Vergnü⸗ gen, zu wiſſen, daß Du dir die Anwartſchaft auf eine Hei⸗ ligſprechung erworben haſt, denn unter uns geſagt, man kann nicht wiſſen, ob Dir nicht noch dieſe Ehre zu Theil wird.“ Dieſer frivole Spott mit dem Heiligſten ſchnitt tief in das Herz des Mädchens, er durchſchrillte gleich einem ſcharfen das Ohr verletzenden Mißton deſſen Seele, ſie durchſchauernd. Die im Gemüth der Ruſſen tief gewur⸗ zelte Hinneigung zu religiöſen Gefühlen verleugnet ſich ſelbſt in Demjenigen nicht ganz, welcher, ſei es aus 144 Ueberzeugung oder anderer Urſachen willen ſeiner väter⸗ lichen Religion abtrünnig geworden; immer bleibt ihm eine Scheu vor Spolt mit dem Heiligſten; um ſo mehr mußte dies der Fall bei Praskowa ſein, bei welcher, in der ernſte⸗ ſten Religioſität erzogen, der vorwiegende Hang zur Fröm⸗ migkeit gleichſam mit ihrem ganzen Weſen eins und ein unablösbarer Theil der Kindlichkeit deſſelben geworden war. Aber die Liebe iſt verſöhnungsreich, ſie vergiebt, und wie ſchmerzlich auch der Gedanke für Praskowa war, daß er ihr großes Opfer nicht zu ſchätzen wiſſe, ſo ließ ſie ſich doch gern von dem Glauben beruhigen, daß es nur der tolle überſprudelnde Muthwille, nicht der wahre Aus⸗ druck ſeines Herzens ſei, welcher ſie ſo tief betrübt habe. Julian wußte ſie leicht zu verſöhnen, er hatte ſich nie ſo liebenswürdig, ſo ſanft und doch ſo innig gegen ſie ge⸗ zeigt, als er es nun that. Dieſe Schmeichelei, da ſie neu an ihm war und einen ſo wohlgefälligen Eindruck auf ſie bewirkte, legte ſich verſtrickend an ihr Herz, durchglühte ihr Gemüth als ſchöner beſeligender Rauſch; ſie lebte im Wahne eines Glückes, das jede Bedenklichkeit um ihre Zukunft von ihr fern hielt. Eines Tages flüſterte Ju⸗ lian ihr zu:„Ich weiß ein Geheimniß. Kannſt Du ſchweigen?“ „ Wie das Grab.“ 2„Der Czar iſt nicht der rechte Demetrius, ſondern ein...“ 145 „Um Himmelswillen, ſprich nicht davon,“ fiel ihm Praskowa angſtvoll in's Wort..„das ganze Lebensglück meiner gütigen Herrin hängt davon ab.“ „Du wußteſt alſo darum?“ „Ja,“ ſagte leiſe das Mädchen...„ach, dies Ge⸗ heimniß hat mir vielen Kummer wegen meiner Herrin be⸗ reitet.“ „Und mir verſchwiegſt Du es?“ „Ich hatte der Czarin Schweigen gelobt.“ „Nun, es iſt nichts weiter dabei. Mir kann es gleich⸗ gültig ſein, wer auf dem Czarenthrone ſitzen wird, Der oder Jener.“ Somit war ein Gegenſtand berührt, der wichtig genug war, um Julian zu einem längeren Nachdenken zu veranlaſſen, beſonders da ſich mit dem Glücke Desjenigen, der mit einer Sicherheit ohne Gleichen eine falſche Rolle ſpielte, auch beziehungsweiſe das Seinige verknüpfte. Das Glück des zweiten Demetrius neigte ſich jedoch ſtark der Abnahme zu, Julian konnte das nicht überſehen. In den erſten Tagen des Jahres 1609 begannen der junge Kriegs⸗ held Michael Skopin Schuiski, Baſils Vetter, und Jacob de la Gardie, der ruhmreiche Befehlshaber der ſchwedi⸗ ſchen Hülfstruppen im Norden Rußlands, einen glänzen⸗ den Feldzug, die Polen wurden in mehreren Treffen ge⸗ ſchlagen, viele der abgefallenen Städte kehrten zum Ge⸗ horſam gegen Baſil zurück; die zum Aufſtande bereit ge⸗ 1861, 22. Eine lat. Czarin. II. 10 146 weſenen Provinzen ſendeten nun bei ſo plötzlicher Um⸗ wandlung der Dinge ihre Rekruten und Hülfsgelder ſtatt an Demetrius zu Michael Skopins Heer. In Moskau herrſchte nach dieſen Siegen Ueberfluß, während in Tu⸗ ſchino ein trauriger Umſchlag der Verhältniſſe erfolgte. Schaaren, weder von kriegeriſcher Ehre noch von Einigkeit zuſammengehalten, geſchwächt durch Ausſchweifungen aller Art, empfanden in mehreren ſehr blutigen Treffen Baſils vernichtendes Schwert und an Stelle des bisherigen Ueber⸗ fluſſes trat nun Mangel nebſt deſſen unzertrennlichen Be⸗ gleitern, der Unzufriedenheit, der Uneinigkeit und des muth⸗ loſen Mißtrauens. Unterdeß ſich unter ruſſiſchem Himmel das Glücksge⸗ ſtirn des Demetrius von Tag zu Tage mehr umwölkte, ballte ſich ein noch ſchwereres Unwetter gegen ihn am Hofe des Polenkönigs zuſammen. Dort hatte man die Idee, den jungen polniſchen Kronprinzen Wladiſlaw zum Herrſcher über Rußland zu machen, in aller Stille bis zur Ausführung vorbereitet. Was konnte dem Polenkönig ſchmeichelhafter ſein, als ſeinem Sohn den Thron eines ſo großen Reiches zu verſchaffen und was dem polniſchen Volke erwünſchter, als ein Einfall im Großen in Ruß⸗ land? Der Reichstag theilte des Königs kriegeriſche Stimmung, da derſelbe ſeinen Rechtsanſpruch hinſichtlich des Beſitzes des Czarenthrones auf ſeine Abſtammung mütterlicher Seits von den Jagellonen gründete, indem 147 die warägiſche Dynaſtie ja nun in Rußland erloſchen ſei. Um dieſem Grund, ein Erbe anzutreten, noch ein Gewicht mehr anzuhängen, erhob Sigismund auch die bereits öfterer gemachten Anſprüche Polens auf das Fürſtenthum Smo⸗ lensk von Neuem, und ſchnell rückte unter Befehl des Kron⸗ generals Stanislaus Sholkiewski, eines alten, Kühnheit mit Vorſicht vereinenden Kriegers, ein Polenheer vor Smo⸗ lensk. Baſil's Lage ward eine eben ſo mißliche, als die des Demetrius, deſſen Anſprüche unter ſolchen veränderten Umſtänden natürlich von dem König von Polen keine An⸗ erkennung zu finden erwarten durften. Sich von dem ihm nächſten der Feinde zu befreien mußte daher Baſtl's erſte Aufgabe ſein. Durch das Schlachtenglück dies zu erreichen, war zu gewagt; ein Glücksfall konnte den Gegner begünſtigen, und auf das freiwillige Auseinandergehen des demſelben noch umge⸗ benden Polenheeres war nicht ſo leicht zu rechnen, da es ſämmtlich aus Conföderirten beſtand, die früher die Waf⸗ fen, gegen Sigismund, ihren König, geführt hatten und bevor der Letztere ihnen nicht eine allgemeine Amneſtie be⸗ willigte, um ihres eigenen Selbſt willen um Demetrius ge⸗ ſchaart bleiben mußten. Errangen ſie unter ſeinem Na⸗ men Siege oder auch nur Vortheile, war noch obendrein eine abermalige bis jetzt noch gar nicht vorauszuſehende Umwandlung der Dinge zu fürchten; Baſil ſuchte andere Mittel zu finden, welche ſeinen Zweck, ſich von Demetrius 10* 148 zu befreien, mehr und ſicherer zu begünſtigen verſprachen. In Tuſchino war es unheimlich geworden, tiefe Miß⸗ ſtimmung hatte ſich aller Gemüther bemächtigt, zumal noch die entſchieden ſchlechte Nachricht von einer totalen Niederlage hinzukam, welche den das Kloſter von Troiza belagernden Sapieha betroffen und ihn gezwungen hatte, ſich mit dem Reſte ſeiner Schaaren in die Mauern von Dmitrow einzuſchließen, um nicht ganz vernichtet zu wer⸗ den. Demetrius war der Verzweiflung nahe, jeder Tag entblätterte ſeine Hoffnungen um eine, die Kugel ſeines Geſchickes rollte ſichtbar abwärts... ein Sieg allein war im Stando, ſie aufzuhalten, vielleicht ſie wieder emporzu⸗ treiben. Miſtrauen, Groll und Entmuthigung rangen in ſeiner Seele. Selbſt ſeines Narren Koſchelew's Witz be⸗ gann zu verſtummen. Es giebt Lagen, die allen Witz er⸗ ſticken oder die, ſtreng betrachtet, ein einziger boshafter Witz des Schickſals ſind. Gleich dem wilden König Saul gerieth Demetrius oft in Ausbrüche des Zornes, in denen er ſein Schickſal verfluchte. In ſolchen Momenten, wo im Ver⸗ ſcheiden des Glückes die Ohnmacht noch mit den Aeußer⸗ lichkeiten der Kraft ſich ſchmückt, war Marina es allein, die ihn wieder auſrichtete. Mit ſeltener Hingebung ertrug ſie die harten Launen des Wüthenden; er bedurfte ja eines Herzens, das ihn liebte, ſo ſehr. Unglück macht ungerecht und ſo überlud er ſie oft mit mißtrauiſchen Vorwürfen und lehnte ſich ſelbſt gegen die Wohlthat auf, ein Herz ſein 1⁴9 nennen zu dürfen, welches ſo treu zu ihm hielt, wie das ihre. „Alles iſt feil!“ rief er...„Alles! Du ſelbſt... ſo lange noch der geringſte Gedanke an Möglichkeit in Deiner Seele iſt, daß mein erblichener Glücksſtern wieder im alten Glanze aufleuchten könne, ſo lange wirſt Du zu mir halten; aber dann, wenn der letzte Strahl von mir gewichen, und keine Hoffnung mehr da iſt, daß Dein Czare⸗ witſch auf den Thron kommen wird, dann fällſt auch Du ab.. ja, ja, auch Du, nur der Vortheil hat Dich an mich gekettet. Du mußt Jemand haben, der für Deines Knaben Anſpruch in die Schranken tritt... das iſt Deine Liebe. Heuchle nicht, Weib, dieſe ergebungsvolle Demuth, ich verachte die Unnatur zu ſehr, um daran zu glauben. Wie? Dein hoffärtiger Stolz ſollte ſich mit den Lumpen eines Bettlers begnügen, dem nichts als ein Stab geblie⸗ ben iſt, um aller Hoffnungen bar aus dem Lande zu ſchlei⸗ chen? Ich kenne Dich zu gut. Was hätte ich für ein Vor⸗ recht in Deinen Augen, daß Du mich lieben ſollteſt? Ich weiß keins.“ Marina ſchöpfte tief Athem, als müßte ſie von der ſchweren Laſt dieſes Vorwurfs ſich erholen, dann trat ſie vor ihn hin und ſprach:„Sieh, mein Freund, jetzt iſt eine Stunde zwiſchen Dir und mir gekommen, die ich... mit derſelben Demuth ertragen muß, wie ein Sünder die auf⸗ erlegte Buße, denn der ſchwere Vorwurf der Hoffart aus 150 Deinem Munde iſt ein gerecht mich treffender, wenn gleich Du nicht das Recht haſt, darüber mich anzuklagen.“ „Wer ſonſt?“ rief der Czar. „Ich mich ſelbſt,“ antwortete Marina feſt.„Du ſtaunſt? Vergönne mir zu reden. Ich habe Einkehr bei mir gehalten, weil die Nothwendigkeit mich dazu trieb, und dieſe Schau auf meine Vergangenheit war leider nicht von dem Segen des innern Friedens begleitet, ob⸗ wohl ich ſagen koͤnnte, daß an dem Schlimmen in mir ich nicht allein die Schuld trage. Im Glüͤcke und höchſten Wohlleben erzogen, verhätſchelt von der Zärtlichkeit eines Vaters, der jeden meiner Wünſche erfüllte und mich für die Krone, den Glanz ſtrahlenden Stern ſeines Hauſes anſah, gehuldigt von Allen, die mir nahten und meinen Willen als unerläßliche Befehle betrachteten, denen ſie augenblicklich Folge leiſteten, mußten Hoffart und Eitel⸗ keit meine junge Seele ſchwellen. Mir fehlte der treue Freund, der mich dieſen Neigungen entriſſen hätte. Wer würde gewagt haben, der Glanz umgebenen Tochter des Palatins von Sandomir einen Spiegel vorzuhalten, der ihr die Flecken an ihrem eigenen Bilde gezeigt hätte? Niemand! So wurde die Schmeichelei, die Jeder für mich hatte, zum nährenden Quell meiner üblen Neigungen. Da erſchien Demetrius mit ſeinen Anſprüchen an den Czarenthron. Mein Freund, es iſt ein Rauſch für ein ſtolzes Herz, ſich erhoben zu wiſſen auf den Gipſel irdi⸗ 151 ſcher Macht. Meine Seele war trunken von dieſem Glücke, ich hielt es für ein verdientes... mir unter Allen mußte es kommen, dachte ich. Ob ich Demetrius liebte? jetzt weiß ich erſt, daß ich ihn nicht liebte, nur den Glanz, den er mir geben konnte, nur den Gedanken, die Ge⸗ ſchmeichelte, Bewunderte einer ganzen Nation zu wer⸗ den, machte mir ihn angenehm und er ſchmeichelte mir... ich wußte, daß ich als ſeine Gemahlin die Herrin des Herrn eines Reiches würde. Wie traurig der ſchöne Traum ausging im Beginn, Du weißt es, darum ſchweige ich davon. Laß mich von jenem Tage reden, wo ich Dich zum Erſtenmal ſah. Du trateſt offen vor mich hin, verhüllteſt Dich nicht, ſagteſt, welches gefährliche Spiel Deine Aufgabe ſei, und ich... glaubte an Dich. Da⸗ mals freilich war noch ein gut Theil von Hoffnung, meine ſtolzen Wünſche zu befriedigen, in mir und miſchte ſich mit dem mir bisher fremden Gefühle, das Du in mir wach gerufen. Siehe, mein Freund, dies fremde Ge⸗ fühl iſt wunderbar in meinem Herzen gewachſen. Mit jedem Tage, an dem Dein Glück abnahm, wuchs es mehr, es iſt mächtig und ſtark geworden, ein Räthſel für mich im Anfange, weil ich nur mich, nur meine Hoffart liebte, gar nichts Anderes zu lieben verſtand. Jetzt weiß ich es erſt, ich gehöre Dir an, ich bin an Dein Schickſal gebunden. Dein Unglück iſt zum Vorrecht für Dich in meinem Herzen geworden. Laß mich feſt an Dich halten, 1⁵² Beide an einander gewieſen, Beide vereint dem Schick⸗ ſale entgegengehend. Das ſei jetzt mein einziger Stolz, meine einzige Eitelkeit.“ Somit hatte Marina ein Zeichen ihrer Erhebung über ſich ſelbſt ausgeſprochen. Ihr Charakter hatte im Unglücke eine Verklärung erlangt, deren er früher nie fä⸗ hig geweſen wäre. Marina war ihres Gemahls treueſte Freundin und je mehr ſeine Freunde von ihm ließen, von denen er als Werkzeug großer Pläne gebraucht worden war, deſto inniger ſchmiegte ſie ſich an ihn. König Sigis⸗ munds Kriegszug nach Rußland machte, da er voraus⸗ ſichtlich jedenfalls von größeren und nachhaltenderen Er⸗ folgen begleitet war, als der des Demetrius, den Letzte⸗ ren entbehrlich. Wenn Sigismunds Heer ſich Rußland unterwarf und Wladiſlaw, der polniſche Kronprinz, den Czarenthron beſtieg, war der römiſch⸗katholiſchen Kirche der Eingang in das große Czarenreich ſicherer geöffnet, als wenn der Adoptirte einer Partei, der, wenn auch nur zum Schein, der griechiſchen Kirche ſich ergeben zei gen mußte, das Scepter ergriff. Dieſe Erkenntniß von der veränderten Lage der Dinge hatte faſt alle Jeſuitenpatres dem Lager von Tu⸗ ſchino entfremdet, ſie waren allmählig ohne Aufſehen verſchwunden. Es konnte für Demetrius kein ſichereres Zeichen ſeiner ſerneren Entbehrlichkeit geben, als dies Zurückziehen von Männern, die mit ſcharfem Blicke die 153 Ereigniſſe der Zeit zu beurtheilen verſtanden und ohne Verblendung den Werth derſelben gegen einander abwo⸗ gen. Demetrius fühlte ſich in tiefſter Seele über dies Fallenlaſſen ſeiner Perſon empört, aber er mußte ſchwei⸗ gen, ſonſt würde er ſich als Werkzeug verrathen haben und dieſer Selbſtverrath hätte auch den letzten Schimmer eines Nimbus ihm genommen, an den wenigſtens noch ein Theil des ruſſiſchen Volkes glaubte. An dies Letztere mußte er halten, es war ſeine einzige Stütze; mit Arg⸗ wohn blickte er auf die Polen im Lager, er fürchtete Schlimmes von ihnen und ſtellte Späher an, welche ihm über das Thun und Treiben deren Offiziere geheime Be⸗ richte abſtatteten. Nur Julian von Golczewski blieb von ſeinem Miß⸗ trauen verſchont; auf deſſen Treue glaubte er feſt bauen zu konnen; Julian hatte es verſtanden, ſich ihm unent⸗ behrlich zu machen, und jetzt, wo das Glück des Deme⸗ trius ſo ſtark im Sinken war, bewies er ihm noch den⸗ ſelben Eifer, wie früher, indem er ſelbſt den Beruf eines Spähers nicht ſcheute und ihn von den Unterhaltungen der polniſchen Offiziere in Kenntniß ſetzte. Marina's Gunſt war übrigens das Fundament geweſen, welches Julian bei deren Gemahl in ſolches unbedingtes Vertrauen brachte; ſie glaubte an die Ehrlichkeit ſeiner Liebe zu Pras⸗ kowa. Die drohenden Zeitumſtände geſtatteten der Cza⸗ rin nicht, mehr als vorübergehend ſich der Sorge um 154 des ihr ſo treu ergebenen Mädchens Glüͤck zu widmen. Wo ſo Vieles und Großes in Anregung war, verlor das kleinere, zum untergeordneten Ereigniß Herabſinkende, ſeinen Einfluß. Aber eines Tages fand ſie die mit dem kranken kleinen Czarewitſch ſich beſchäftigende Praskowa in Thränen. Das fiel ihr auf, glückliche Liebe hat nur Freudenthränen, keine, die der Kummer erpreßt und die der ſie Weinende zu verbergen ſtrebt, wie Praskowa dies zu thun verſuchte. „Warum Thränen, Kind?“ fragte ſie erſtaunt. Das Mädchen wollte das tiefe Weh verhüllen, um deſſen willen ſie gefloſſen waren, aber dem Andrängen Marina's konnte es nicht widerſtehen und dieſe erfuhr, daß es ſich Mutter fühle. Es war ein Praskowa auf's Tiefſte erſchütterndes Bekenntniß, welches ſie vor der Czarin ablegte. Marina hob ſie vom Boden auf, ſie empfand tiefes Mitleid mit ihr und ſagte gütig:„Ich verdamme Dich nicht um des Fehls willen, von dem Du ſo eben geſprochen... ich halte es für beſſer, Dich zu tröſten, Kind, indem ich Dir ſage, daß Deine Thränen, Julian gegenüber, mir nicht gerechtfertigt erſcheinen. Wie ezzweifelſt Du, daß er es treu mit Dir meine 5 Praskowa heftete den Blick zu Boden, ſie ſchauerte zuſammen, wie von einem plötzlichen Schmerze ergriffen. „Du bleibſt mir die Antwort ſchuldig?“ rief Ma⸗ 15⁵ rina.„Sage doch, wer hat dir Dein Vertrauen zu ihm Czarin allerdings nicht erwartet, ſie fühlte ſich zu unan⸗ genehm davon überraſcht. Es war eine Enttäuſchung ihres Glaubens an die Wahrheit eines Herzens, welches ſie für zu edel gehalten, um die Schuld einer Erbärmlich⸗ keit auf ſich zu laden. War der, in welchem ſie ſich ſo ſehr hatte täuſchen können, dann nicht auch jeder anderen ſchlimmen That fähig? Praskowa mußte ihr Alles er⸗ zählen.„Ich kann Dir dies Leid nicht erſparen,“ ſagte ſie...„ich ſehe ruhiger in dieſer Sache als Du. Viel⸗ leicht erſchien Dir Vieles ſchlimmer, Kind... vielleicht bedarf es nur einer Verſtändigung. Verbirg mir daher nichts.“ Es war wenig, was das Mädchen ihr zu ſagen hatte und doch auch wieder ſo viel, da es über ſein Lebensglück entſchied. Praskowa hatte nach langen Kämpfen mit ſich ſelbſt den Muth errungen, Julian von dem Zuſtande zu unterrichten, in welchem ſie ſich verſetzt fühlte. Sie bat ihn, ſie nicht der Entehrung preiszugeben, ſie von der Schande, eine Gefallene zu ſein, zu retten.„Närrchen, wie falſch faſſeſt Du das Leben auf!“ rief Julian lachend. „Ich ſehe keine Schande für Dich dabei. Es iſt viel tau⸗ ſendmal ſchon derſelbe Fall dageweſen, ohne daß es Je⸗ 156 mand eingefallen wäre, eine Schande darin zu finden. Was man nicht für die Oeffentlichkeit dienlich hält, ver⸗ traut man dem weiten Mantel des Geheimniſſes an... was iſt Erſtaunenswerthes dabei? Luſt und Leid ſind ein⸗ ander unähnliche Geſchwiſter; es kommt nur darauf an, wie man ſie nimmt, Beide zuſammen geben ein luſtiges Leid und darum rathe ich Dir, das Deine ſo zu nehmen.“ Bei dieſer Entgegnung Julian's fiel aller Muth Praskowa's wie von einem Sturmhauch niedergeweht; mit kaum vernehmbarer Stimme erinnerte ſie ihn nur noch an ſeine ihr gegebenen heiligen Verſprechungen. „Ach, ſprich nicht erſt von dieſen Thorheiten,“ ver⸗ ſetzte der junge Edelmann leicht.„Wer wird ſich an Worte halten! ſie ſind ſo leicht hingeredet, wie ſie ſchnell verhallen. Siehſt Du nicht ſelbſt das Poſſenhafte Dei⸗ ner Mahnungen an mich ein? Die Welt müßte ja lachen, wenn ſie erführe, daß ein polniſcher Cavalier ſo ſerupulös geweſen wäre, um einiger lange ſchon wieder vergeſſener ſchöner Verſprechungen willen der Tochter eines mos⸗ kauer Heiligenbilderhändlers die Ehre, ſeine Gemahlin zu werden, zuzuerkennen! Schlage Dir den närriſchen Gedanken aus dem Sinn, er iſt zu toll für Dich gedacht.“ Wenn ſchon die Frivolität Julians in ſeiner erſten Entgegnung Praskowa's Herz ſo ſchwer verletzte, daß ſie ſich auf's Tiefſte erſchüttert fühlte, ſo war ſeine letztere Antwort vollkommen geeignet, ſie ganz niederzuſchmettern 1⁵⁷ durch die Verachtung, mit der er ſie überhäufte. Welche entſetzliche Täuſchung war über ſie gekommen! Das Anaͤfema ihres Vaters begann an ihr in Erfüllung zu ge⸗ hen. Der, um deſſenwillen der Vater den Fluch auf ſie geſchleudert, der Urheber all' des Unglücks, das üb er ihr Vaterhaus gekommen und des entſetzlichen Leids, das ſie ertragen, verwarf ſie jetzt mit Verachtung! Sie war ihm nichts als ein Spielzeug, ein Gegenſtand ſeines überſpru⸗ delnden Muthwillens, ſeiner Herzloſigkeit geworden. Ver⸗ nichtet von dieſem Fluche, in den Staub gebeugt von dem ſchweren Vorwurf, ſelbſt ihren Glauben ihm aufgeopfert zu haben, von dem ſie jetzt voll Hohnes zurückgeſtoßen wurde, erlag ſie faſt dem Jammer ihres gebrochenen Her⸗ zens. Sie hatte Alles hingegeben, ihren Gott, ihre Ehre, und der Lohn dafür war die furchtbare Erkenntniß, ver⸗ worfen zu ſein, elend, gebrandmarkt von der Schande, die mit jedem Tage nun näher an ſie herantrat. Marina fühlte, daß beruhigende Worte hier nichts fruchten würden, daß ein ſo grauſam zerriſſenes Herz je⸗ der derartigen Tröſtung ſich verſchließe; ſie zog Prasko⸗ wa in ihre Arme, küßte ſie auf die Stirne und ſagte: „Du haſt noch mich, erinnere dich daran, Kind. Der Menſch iſt noch nicht ganz unglücklich, der ein Herz ſein nennen darf.“ „O meine gütige, hohe Herrin!“ rief Praskowa im ausbrechenden Gefühl...„weiſe mich weit weg von 158 Dir! mit mir iſt kein Segen. Die Tochter des Mannes, der Deinen Gemahl tödtete, kann Deiner Liebe nicht wür⸗ dig ſein.“ Jetzt erſt erfuhr Marina das Geheimniß jener That, die Praskowa's Vater, getäuſcht durch Nataſcha, im fa⸗ natiſchen Haſſe verübt hatte. Praskowa verhehlte ihr nichts, es war eine Wohlthat für ſie, ihr von ſo grauen⸗ voller Erinneruug ſo ſchwer belaſtetes Herz auszuſchütten, und als ſie faſt athemlos ſchwieg, ſtand Marina über einen Gedanken ſinnend vor ihr, ohne Bewegung, den Blick zu Boden geſchlagen. Dann aber warf ſie den Kopf ſtolz empor und ſagte mit einem ſichtbaren Aufraffen ihrer geiſtigen Kraft:„Wir gehören dem Augenblicke; die Vergangenheit darf kein anderes Recht über uns beſitzen, als uns zu lehren. Meine Vergangenheit war eine harte Lehrerin... aber ich danke ihr Eins, was ich ohne ſie nie erkannt haben würde: ich habe mich ſelbſt gefunden in all' den Wirren meines Geſchickes. Nicht wir ſind deſ⸗ ſen alleinige Urheber, es iſt uns beſtimmt. Deshalb haben wir auch kein wahrhaftes Recht zum Haß, zur Rache; die Geſchicke erfüllen ſich ſtets ohne unſer Zuthun. Sie ſind in einander zum anſcheinend unentwirrbaren Netze verſchlungene Fäden, die ſich nur allmälig löſen.“ Und die Hände auf Praskowa's Schultern legend, redete ſie, nachdem ſie ihr lange ernſt in die Augen geſchaut hatte:„Laß uns ſo verbunden bleiben, wie unſeres Schick⸗ ſals geheime Fäden es ſind.“ 159 Die Czarin überließ ſich dann einem langen tiefen Denken. Wenn auch der in ihr mit einem Male durch die ſeltſame Verſchlingung von Umſtänden, die ihrem erſten Gemahl den Tod durch Walujew's Kugel gebracht, der emporgereifte Gedanke an Beſtimmung ſcheinbar ihren Stolz, Selbſtherrin ihres Schickſals zu ſein, tief nieder⸗ drückte, ſo war doch aber dieſe fataliſtiſche Anſchauung ganz geeignet, ſie in jene Spannung zu verſetzen, welche allein zum Ertragen ſchwerer Lebensaufgaben, großer Widerwärtigkeiten zu befähigen im Stande iſt. Das Bewußtſein, die Trägerin eines ſeltenen Geſchickes zu ſein, erhob ſie zur Kraſt. Es ruhte eine Schmeichelei für ſie in der Ueberzeugung, wie wenige Frauen dieſe Befähigung beſitzen.„Der Augenblick entſcheidet Alles,“ ſagte ſie zu ſich...„nur große Charaktere ſind einer großen Zukunft werth, beſtehe dieſe im Glück oder im Unglück.“ Während ſie dieſen Halt in ihrer keineswegs glän⸗ zenden Lage mit Eifer ergriff, bot ſich ihrem Gemahle Gelegenheit zu einer ihn mit Schreck ſchlagenden Ueber⸗ zeugung. Julian hatte ihm die Nachricht gebracht, daß Offiziere des Königs ſchon feit dem vergangenen Abend im Lager von Tuſchino angekommen ſeien, und geheime Beſprechungen mit den polniſchen Oberoffizieren abhiel⸗ ten. Man ſpinnt alſo Verrätherei gegen mich!“ rief De⸗ metrius auflodernd. Julian gab ihm den Rath, bis zur —= — —— 160 Tiſchzeit zu erwarten, ob der Obergeneral Rozynski ihm die königlichen Offiziere vielleicht noch vorſtellen werde. Demetrius ging darauf ein; geſchah dieſe Vor⸗ ſtellung nicht, ſo lag es klar am Tage, daß man ein Ge⸗ heimniß verberge. Es erfolgte indeß von Seiten des Obergenerals keine Präſentation der Fremden und tief empört von dieſer Verheimlichung eilte der Czar zu dem alten Kriegsführer, den er eben vom Tiſche auftaumelnd in ſeinem gewöhnlichen Zuſtande halber Trunkenheit fand. Demetrius überſchüttete ihn mit Vorwürfen und ver⸗ langte die Angelegenheiten kennen zu lernen, welche die ſeinem Blicke ſich entziehenden königlichen Offiziere hier⸗ herführe. „Kümmere Dich um Deine Angelegenheiten, Schur⸗ ke!“ brüllte ihn der Trunkene an.„Der Teufel weiß, wer Du biſt! Zahle erſt den rückſtändigen Sold an uns, ehe Du den Herrn ſpielſt. Was? glaubſt Du, unſer Blut ſei Waſſer, daß wir uns um Nichts herumſchlagen ſollen für Dich, der vielleicht mit mehr Recht an einem Baum hängt, als er Czar iſt?“ „Wir finden uns, Rozynski!“ rief Demetrius, voll Wuth und Entſetzen in der Erkenntniß, einen ihn zu ver⸗ ſchlingen drohenden Abgrund vor ſich aufgethan zu ſehen, den ihm ein wildes Gelächter nachſchickenden General verlaſſend. Flucht war die einzige Rettung vor Verrath, welche ihm blieb. Sie mußte aber geheim gehalten wer⸗ 161 den vor den Polen ſowohl, wie auch vor den im Lager befindlichen ruſſiſchen Schaaren. Wie leicht konnte über das Lager hinaus zu den oft die Umgegend durchſtreifen⸗ den Truppen Baſil Schuiski's die Kenntniß dieſes Vor⸗ habens dringen? Niemand wußte um das Geheimniß, als die Czarin, Julian und Koſchelew, der Luſtig macher des Demetrius. Erſt wenn in der eilften Nachtſtunde der Mond unterging, war es möglich, dies Geheimniß in Ausführung zu bringen. Dann vermochte ein leichter Bauernſchlitten ungeſehen über die mit Schnee bedeckten Felder hin zu gleiten; Kaluga war das Ziel der Flucht, Koſchelew, ein toller Kutſcher, hatte die Sorge für das Fortkommen ſeines Herrn übernommen und Julian ſollte, ebenſo wie Demetrius in Bauernkleidern, deſſen Beglei⸗ ter ſein.. Im Lager ruhte der tiefſte Friede, die Krieger hat⸗ ten ſich dem Schlafe hingegeben, nur dann und wann verkündete ein millitäriſcher Anruf die Wachſamkeit der äußeren Poſten; auch im Herrnhauſe von Tuſchino, dem Quartiere des Demetrius, ſchien Alles dem Schlafe ver⸗ fallen. In ihre Schafspelze gehüllt lagen die den Dienſt habenden ruſſiſchen Soldaten im Flur des geſchloſſenen Hauſes, von der Wirkung des ihnen freigebig geſpende⸗ ten Branntweins gefeſſelt. Der zur Flucht bereite Czar, unter dem Bauernpelze einen Damascener und ein Paar geladene Piſtolen verborgen tragend, durcheilte zuweilen 1861. 22, Eine lat. Czarin. II. 11 162 mit haſtigen Schritten ſein Gemach, an's Fenſter tretend, als wolle er die Minuten zählen, welche der Mond noch zu ſcheinen haben werde. Er konnte die ihn beherrſchende Ungeduld kaum zügeln und die Aufregung in ihm wuchs mit jeder Viertelſtunde, da auch Koſchelew, der Alles zur Flucht bereitende, ſich noch immer nicht ſehen ließ, ob⸗ wohl das Mondlicht ſtark im Verſcheiden war. Marina ſaß ſchweigend am Tiſche, ſie blieb zurück, die Sorge um ihr Kind hielt ſie hier feſt. Die kalte Nachtluft würde es getödtet haben; dieſer Gefahr durfte ſie es nicht ausſetzen. Julian lehnte, die Arme über die Bruſt verſchränkt, ebenfalls ſchweigend an der Wand. Die Czarin machte die Beme kung, daß, wenn ihr ihren Gemahl bei ſeinem unruhigen Auf⸗ und Niedergehen be⸗ gleitender Blick auf ihn traf, er wie erſchrocken die Sei⸗ nen abwendete. Sie bezog dieſe Scheu auf das ihn pei⸗ nigende Bewußtſein ſeines unehrenhaften Benehmens ge⸗ gen Praskowa, deren Stimme zuweilen in einzelnen Lau⸗ ten aus dem nur durch ein kleines Gemach getrennten Zimmer hörbar wurde, wo ſie den kleinen kranken Cza⸗ rewitſch in Schlaf zu ſingen verſuchte. Nur der Zwang der Verhältniſſe legte Marina Stillſchweigen gegen Ju⸗ lian über ſeine abſcheuliche Täuſchung Praskowa's auf; ſie durfte es nicht wagen, einen Freund und Vertrauten in einen Feind zu verwandeln; das Unglück überwucherte ja ohnehin den Pfad ihres Lebensgefährten ſo reich, daß 163 es ein Verbrechen geweſen ſein wuͤrde, dieſe erdrückende Laſt auch noch mit dem Haß eines Feindes zu überhäufen, deſſen ſchamloſe Untreue an einem ihm theuern Weſen, das Alles für ihn hingegeben, was es nur ſein genannt hatte, das Schlimmſte befürchten ließ; aber ſie verach⸗ tete ihn von ganzer Seele. Wie unähnlich war er ſeinem Bruder Xaver, von deſſen Tode ſie feſt überzeugt ſein zu können glaubte, da auch nicht die leiſeſte Spur eines Lebenszeichens von ihm ihr zu Ohren gekommen war! „Wo bleibt Koſchelew? fünf Stunden iſt er ſchon fort! ſollte auch er an mir zum Verräther werden!“ rief der Czar in höchſter Unruhe. „Es wäre nur ein närriſcher Streich mehr von ihm,“ äußerte Julian...„ich habe dieſem Luſtigmacher nie viel Gutes zugetraut.“ „Verdammt ſei Dein Argwohn!“ rief der Czar. „Wenn der Narr zum Schurken wird, was ſoll man da vom Klugen erwarten! es iſt unmöglich... Koſchelew kann nicht falſch ſein, ich weiß ſchon, er war Dir ſtets zuwider, daher Dein Argwohn.“ Julian antwortete nichts darauf; Demetrius trat un⸗ ruhig zum Fenſter; draußen verdrängte tiefes Nachtgrau den letzten Mondſchimmer.„Daß ihn das Feuer der ewigen Verdammniß verſchlinge!“ grollte er wild vor ſich hin... „jede Zögerung iſt mir gefährlich. Ich laſſe ihn todtpeit⸗ 11* ſchen, wenn ich ſeine Seele ſchwarz ſinde.“ Ein unwill⸗ kührliches Gelächter entglitt ſeinem Munde.„Da ſieh nur, wie das Schickſal ſeinem Helden mitſpielt,“ rief er in einem fürchterlichen Humor ſeiner Gemahlin zu.„Es macht ihn von einem Narren abhängig, von einigen Be⸗ chern Branntwein, die der Narr in ſeiner verrückten Laune vielleicht mehr getrunken hat, als ihm gut war für Kopf und Magen. So greiſt Eins in das Andere, aufwärts und abwärts dreht der tückiſche Zufall den Faden, an dem wir wie am Gängelbande laufen, Czar wie Bauer... es iſt Alles nur ein abſcheuliches Spiel.... Das Große iſt wie das Kleine; aus einer Geburtsſtätte hervorgegan⸗ gen macht es uns zu Narren, denen die Schellenkappe vor die Augen gefahren iſt, ohne daß ſie es merken.“ Die große Aufregung des Czaren wurde durch die im Vorſaale hörbar werdenden ſchweren Tritte Koſche⸗ lews unterbrochen; gleich darauf hörten die im Zimmer Befindlichen einen Fall, als ob eine Laſt zu Boden ge⸗ worfen würde und unmittelbar nach dieſem auffallenden Geräuſche trat Koſchelew, eine eoloſſale vierſchrötige Männergeſtalt, das von Branntweingenuß kupfern ge⸗ färbte und durch Häßlichkeit ausgezeichnete Geſicht mit di⸗ cken Schweißtropfen bedeckt, in's Zimmer.„Die Peitſche für Dich, Hundeſohn!“ ſchrie ihm der Czar zornig entge⸗ gen, das bezeichnete Strafinſtrument ſchwingend. „Halt]“ rief ihm der Luſtigmacher zu...„das 165 wäre fehl geſchlagen, jeder Hieb muß ſeinen rechten Mann haben, auch der Narr hat ſeine Ehre. Dort ſteht der Hundeſohn, dem der rechte Hieb gehört, ich trete meinen Vortheil an ihn ab.“ „Verdammter Wicht, wie unterfängſt Du Dich, mich zu nennen?“ fuhr Julian auf. „Hundeſohn!... und Du biſt einer, den auch die Hunde aus ihrer Gemeinſchaft herausbeißen würden, weil Du zu ſchlecht für ſie wärſt,“ antwortete ihm Ko⸗ ſchelew dreiſt. „Was iſt das?“ rief Demetrius von dieſer Keckheit Koſchelews erſtaunt. „Nichts weiter, Herr, als ein kleiner luſtiger Streich von dieſem litthauiſchen Iſchariot, Dir heute Nacht das Vergnügen zu bereiten, mit Baſil Schuiski... möge dieſer Pelzhändler im tiefſten Meere ſein Ende finden!... genau bekannt zu werden. Hier lies, Herr, den Zettel an Iſajewitſch Galitſyn...'s war Alles gut eingefä⸗ delt, eine Stunde über's Lager hinaus wären wir ohne Aufſehen abgefangen worden. Den Heiligen Dank, die meinem Vater den Gedanken eingaben, mich in's Kloſter zu ſtecken, wo ich als tugendhafter Mönch leſen lernte, um heute des Satans Liebesbrief durchſtudiren zu können.“. Demetrius überflog den Zettel, deſſen kurzer Inhalt ein wohl durchdachtes Bubenſtück gegen ſeine Perſon un⸗ ————õÿõÿõ“——— 166 zweifelhaft machte. Um jede Spur des Einverſtändniſſes mit Baſil Schuiski bei der Gefangennahme des Deme⸗ trius von ſich abzulenken, wollte Julian ſich ſelbſt von den Soldaten Galitſyn's mit gefangen nehmen laſſen.— „Verräther!“ donnerte ihm der Czar, das Blatt ihm vor die Augen haltend, zu. „Verflucht ſei des Narren Zunge, der dieſe Lüge er⸗ funden!“ ſchrie Julian, ſich der ihn ſichtbar beherrſchenden Beſtürzung gewaltſam entreißend.„Ich ſpalte ihm den Schädel für ſeine ſchändliche Läſterung meiner Ehre.“ „Nicht mir, Herr,“ hoͤhnte Koſchelew..„ich bringe Dir einen Andern für Deinen guten Willen.“ Mit dieſen Worten ſprang der Luſtigmacher hinaus und erſchien nach wenigen Augenblicken wieder, einen an Händen und Füßen zuſammengeſchnürten und den Mund mit einem Knebel verſtopften Kerl, wie einen Sack über die Schulter gela⸗ den, hereintragend.„Hier iſt ſein Diener, Czar, der Ru⸗ ritſch... ich hab' ihn unter die Bank geſoffen, um ihm den Zettel abzunehmen; denn ich ahnte Schlimmes, weil ich ihn am äußerſten Ende des Lagers bemerkte. Was hatte Ruritſch dort zu thun? ich mußte es wiſſen... und mein luſtiger Streich war fertig. Wenn Du auf den Thron kommſt, Herr, mache mich zu Deinem Miniſter, ich ſaufe Deinen guten Freunden die ſchlechten Gedanken aus der Seele heraus; das können nicht alle Miniſter.“ Nach die⸗ ſem Scherze ließ Koſchelew ſeine Laſt von der Schulter 167 niedergleiten; dem harten Auffallen derſelben folgte ein Schmerzgewimmer des nun am Boden Liegenden. „Löſe ihm den Knebel,“ befahl Demetrius...„die Beſtie ſoll bekennen!“ Indem Koſchelew den Befehl zu vollziehen ſich nie⸗ derbückte, glaubte Julian den Moment zur Flucht als den ſicherſten ergreifen zu müſſen. Mit einem Kraftaufwand machte er einen gewaltigen Sprung nach der Thüre, De⸗ metrius bei Seite ſtoßend; aber Koſchelew ergriff ihn mit eiſernen Fäuſten am Pelze und faſt gleichzeitig ſauſte des Czaren Säbel in den Hinterkopf des fliehenden Verräthers, der mit einem dumpfen Laut zu Boden ſtürzte und augen⸗ blicklich die Schwelle des Zimmers mit ſeinem Blute färbte. Marina ſtieß einen Angſtſchrei aus.„Der ſchreibt nicht mehr an Iſajewitſch Galitſyn,“ ſagte Koſchelew la⸗ chend...„Du haſt ſeinen Gedankenkaſten zu übel ge⸗ troffen, er wird auch nicht eine einzige Idee mehr für ſich im Stillen behalten können.“ Marina's Angſtſchrei war bis in das Gemach, wo Praskowa den kleinen Czarewitſch erſt mit Muhe zur Ruhe eingeſungen, hörbar geweſen; das Mädchen eilte herbei und der Anb ick des in ſeinem Blute liegenden Ju⸗ lian warf es neben denſelben mit einem herzzerreißenden Jammerlaut zu Boden.„Nun fort, Herr.. die Nacht iſt dunkel, das Geſpann wartet, ich bringe Dich ſicher nach **ᷣ ———— — 1 168 Kaluga!“ rief Koſchelew, den noch feſtgeſchnürten Ru⸗ ritſch ſich wieder auf die Schulter ladend. „ Lebe wohl, Marina... der Himmel ſchütze Dich, wie er mich geſchützt hat vor Verrath,“ rief der Czar. „Ein Narr iſt mein Freund... aber ich bin ſicherer mit ihm, als im Schutze der Klugen. Folge mir bald nach.“ Mit dieſen Worten ſchritt er raſch dem ihm durch eine an⸗ dere Thür mit ſeiner Laſt voraneilenden Koſchelew nach. Tiefes Nachtgrau deckte die Flucht des mit ſeinem Luſtig⸗ macher im unhörbar über die feſte Schneedecke dahin glei⸗ tenden Schlitten dem Lager von Tuſchino entweichenden Demetrius, welcher glücklich die ihm wohlgeſinnte Stadt Kaluga erreichte. Am andern Morgen zog die Kunde, der Czar ſei ver⸗ ſchwunden, durch das Lager. Die ruſſiſchen Soldaten ver⸗ meinten, er ſei ein Opfer der mit ihm unzufriedenen Po⸗ len geworden, da der blutige Leichnam Julians, den man in Demetrius Zimmer fand, die ſtärkſte Veranlaſſung zu der Vermuthung gab, man habe in der Nacht den Czar überfallen und ſowohl ſeine als die Leiche Koſchelew's be⸗ ſeitigt. Obgleich auch am andern Tage Julian's Diener, Ruritſch, noch zuſammengeſchnürt an Händen und Füßen, ein bedeutendes Stück weit außerhalb des äußerſten La⸗ gerkreiſes aufgefunden wurde, ſo war von ihm doch nichts über den nächtlichen Vorgang in des Czaren Zimmer zu erfahren. Der übermäßige Branntweingenuß und die 169 Nachtkälte, der er im Freien ausgeſetzt geweſen, hatte ſeine Sinne ſo verwirrt, daß er zu jedem nur einigermaßen zuſammenhängenden Berichte über die Art und Weiſe, wie er in den Zuſtand, in dem man ihn gefunden, gekom⸗ men ſei, unfähig geworden war. Marina wies jede Kennt⸗ niß deſſen, was vorgefallen, entſchieden von ſich, und ſie konnte das um ſo eher, als Praskowa, ohnehin tief er⸗ ſchüttert von dem, was ſie früher ſchon gelitten und was ihre Seele faſt zermalmt hatte, durch das Erlebniß in die⸗ ſer Nacht ganz gebrochen in einen traurigen Fieberparo⸗ xismus verfiel, der ſchnell zu vollem Ausbruch gedeihend ihr Leben ernſtlich bedrohte, ſie alſo ebenfalls die Fähig⸗ keit entbehrte, irgend etwas das Geheimniß Aufklärendes zu verrathen. Marina durchlebte ſechs ſchreckliche Tage, ehe ſie eine Gewißheit von der glücklichen Ankunft ihres Gemahls zu Kaluga erlangte. Das Lager von Tuſchino ward für ſie zu einem grauenvollen Aufenthalt, denn die wildeſte Anar⸗ chie der herrenloſen Soldaten drohte auch ihr den Unter⸗ gang; nur der Muth, den ſie in dieſer gefährlichen Lage zeigte, war ihr einziger Schutz. Wollte ſie nicht Pras⸗ kowa im hilfloſeſten Zuſtande verlaſſen, ſah ſie ſich ge⸗ zwungen zu bleiben, zudem war auch ihr kleiner Czare⸗ witſch noch zu ſehr krank, als daß ſie ohne Gefahr für ſein Leben die Reiſe nach Kaluga in der kalten Jahreszeit hätte wagen können. So vergingen drei Wochen, Gene⸗ 170 ral Rozynski, der wüſte Kriegsknecht, hatte im Namen der bisher unter ſeinem Befehle ſtehenden Polen mit König Sigismund unterhandelt und nicht nur vollkommene Amneſtie für alle Confoͤderirten, ſondern auch die Auszah⸗ lung des Soldes, den ſie von dem entflohenen Demetrius zu fordern hatten, erlangt; das Lager von Tuſchino löſte ſich ſonach factiſch auf, die Polen verließen es, um zum vor Smolensk ſtehenden Heere ihres Königs zu ſtoßen, welches vergeblich an den Mauern dieſer feſten Stadt und an dem Muthe deren Vertheidiger ſeine Kraft erprobte. Während der größte Theil der zum Heere von Tuſchino gehörenden Soldaten ſich zerſtreute, um theils in ihre ver⸗ ſchiedenen Heimathsdörfer zurückzugehen und ihre frühere Lebensweiſe, das Land zu bebauen, wieder hervorzuſuchen; ein Theil, dem das wilde, wüſte Kriegsleben, das ihrem Hange zu Ausſchweifungen ſo viel Vorſchub leiſtete, lieb geworden, ſich zu größeren oder kleineren Räuberbanden ſchaarte, um auf eigene Fauſt den Herrn zu ſpielen, zog eine kleine Schaar Koſaken, welche Marina für ſich ge⸗ wonnen, mit ihr nach Dmitrow, wo Sapieha's geſchlage⸗ ner Heeresreſt ein Aſyl gefunden. Es war ein trauriger Zug ohne Glanz und Pracht, und immer von der Furcht geängſtet, von Baſil's Truppen angegriffen zu werden, denen die kleine aus 50 Köpfen be⸗ ſtehende Koſakenſchaar nicht hätte widerſtehen können. Indeß Marina erreichte glücklich Dmitrow; Sapieha war 171 der einzige Polenführer, dem ſie ritterlichen Sinn zutraute, und welcher, leicht beweglichen Geiſtes, ſich vielleicht zu einem neuen Wagniß für ihren Gemahl beſtimmen ließ. Wenn ſie ſich auch nicht in ſeinem Charakter getäuſcht hatte, ſo erſchrak ſie doch nicht wenig vor ſeinem feſten Entſchluß, ſie unter ſicherer Bedeckung nach Sandomir zu ihrer Familie bringen zu laſſen, um ſie den wilden Kriegs⸗ wirren zu entreißen. „Nein, mein Herr, die Czarin aller Reußen wird nicht in ihr Vaterland zurückkehren, um dort ihre Noth zur Schau zu tragen; ich werde mit meinem Gemahle das Loos theilen, welches Gott ihm vorbehalten hat,“ ant⸗ wortete ſie feſt. „Man muß Euch, gnädigſte Frau, alſo zu Eurem beſſeren Vortheil zwingen,“ verſetzte der Woiwode lächelnd. In dieſen Worten ſprach Sapieha die Abſicht aus, ſie wider ihren Willen ihrer Familie zuſühren zu laſſen und Marina fühlte die Nothwendigkeit, ſeinem Entſchluſſe zuvorzukommen. Der Winter war zu feindlich, als daß Sapieha ſeine Abſicht ſo ſchnell hätte in Ausführung brin⸗ gen können; aber eben dieſe Feindſeligkeit des Winters mußte für ſie zum Schutze für ihre weitere Flucht nach Kaluga werden. Als beſonders begünſtigenden Umſtand für dieſe mußte ſie es betrachten, daß ihre bewaffnete Be⸗ gleitung außerhalb der Stadt in Baracken untergebracht worden war; das erleichterte ihren Plan, ſich Sapieha's —————— 172 Entſchluß zu entreißen, ehe derſelbe noch zur Ausführung kommen konnte. Praskowa war noch lange nicht in dem Zuſtande, ihr folgen zu können; aber das Glück hatte ihr beigeſtanden, in der Perſon eines greiſen Popen einen Pfle⸗ ger für ſie zu finden. So war eine große und ſchwere Sorge von ihrem Herzen genommen. Der Abſchied von Praskowa war ein ſehr ſchmerzlicher für Marina; es dünkte ihr, als müßte ſie von dem letzten Schimmer ihres Glückes ſcheiden, wie ſie zum Letztenmale dieſer treuen Seele die Hand reichte. Bleich, abgezehrt lag Praskowa vor ihr, eine vom rauhen Herbſtſturme gebrochene Blume. „Ich habe viel gefehlt, ich muß viel büßen,“ ſagte ſie ſchwach...„ich will es auch. Gedenke meiner nicht mit Verachtung, meine gütige, hohe Herrin.“ „Mit Liebe, mit Liebe!“ rief Marina tief ergriffen .„habe Dank für Deine Treue und Gott ſei Dein Schutz... ich kann es Dir nicht mehr ſein; denn eine ärmere Czarin wie mich hat Rußland noch nicht geſehen.“ Den Augen der hohen Frau entfielen große ſchwere Tropfen. Eine Stunde ſpäter trug der greiſe Pope den kleinen ſorglich in einen Pelz gehüllten Czarewitſch zum Thore hinaus; in einiger Entfernung folgte Marina in der Klei⸗ dung eines polniſchen Huſaren, der der Kälte wegen einen Schafspelz umgehangen, und wie der Februarabend nie⸗ derdämmerte und ein ziemlich dichtes Schneegeſtöber das wenige Zwielicht noch mehr verdunkelte, zog Marina's 173 kleine Koſakenſchaar, in deren Mitte ſie ſich mit ihrem Knäblein befand, das ſie wohlverwahrt gegen das chlimme, aber zur Flucht ſo günſtige Wetter vor ſich auf dem Sat⸗ tel feſthielt, unbemerkt von dannen. Der immer dichter fallende Schnee überdeckte bald die Spuren der Hufe ihrer Roſſe, ſo daß am andern Morgen ihr Verſchwinden als ein räthſelhaftes erſchien. Ein nur auf das Nöthigſte un⸗ terbrochener Ritt von 200 Werſt(30 deutſche Meilen) brachte ſie und ihre Begleiter glücklich nach Kaluga. Das Unglück hatte der in Weichlichkeit erzogenen jungen Frau die Kraft verliehen, die Anſtrengungen und Müͤhſeligkeiten des abenteuerlichen Lebens, welches ihr fortan beſchieden war, zu ertragen. V. Gleich ſchwerem Wetter laſtete das zermalmende Geſchick des Krieges noch länger auf dem unglücklichen Rußland. Die Anfangs Juli 1610 bei Kluſchino von dem Krongroßfeldherrn Scholkiewski gewonnene Schlacht ver⸗ nichtete nicht nur die von den ſchwediſchen Hilfstruppen unterſtützte Armee Baſil Schuiski's, ſondern ward auch die unmittelbare Folge von deſſen Abſetzung. Er mußte an ſich ſelbſt erfahren, wie trüglich die Volksgunſt iſt. Aus ſeinem Palaſte geriſſen, wurde er unter ſtarker Bewachung in das Haus geführt, welches er vor ſeiner Erhebung be⸗ wohnt hatte. Man machte ihn für das Unglück des Va⸗ terlandes verantwortlich. Wenige Tage darauf forderten ſeine früher in Demuth vor ihm ſich beugenden Höflinge, nun ſeine Richter, daß er Mönch werde. Sein Widerſtand war vergeblich, man hielt ihm die Hände und ſchor ihm das Haupt. Es war ein ſchlechter Lohn, den er durch ſeine Ränke und Treuloſigkeit ſich ſelbſt errungen. Aber eben ſo, wie man Baſil's Regierung ſatt und überdrüſſig war, 175 war man es auch der Machtbeſtrebungen des Demetrius, der, da nach der Niederlage der Truppen Baſil's und des Letzteren Abſetzung die Hauptſtadt Moskau von Verthei⸗ digern entblößt war, einen glücklichen Streich auf dieſe ausführen zu können glaubte, weshalb er ſich mit Sapieha verhand und gegen die Hauptſtadt marſchirte; aber die Bojaren, müde dieſer Wirren, vereinten ſich nun mit dem Polenheer Sigismund's gegen Demetrius, doch anſtatt daß zwiſchen dem Krongroßfeldherrn und dem Parteigän⸗ ger Sapieha im Angeſicht Moskau's eine Schlacht ent⸗ brannte, erfolgte zwiſchen Beiden eine freundliche Beſpre⸗ chung, deren Reſultat darin beſtand, daß Sapieha, um von ſich den Verdacht zu entfernen, als habe er wiſſentlich die Fahne eines Betrügers getragen, von dem Krongroß⸗ feldherrn die Zuſage erhielt, Demetrius ſolle, wenn er ſeinen Anſprüchen entſage, einen bedeutenden Jahrgehalt oder ſelbſt nach ſeiner Wahl die Oberherrlichkeit über Grodno oder Sambor erhalten. Die Treuloſigkeit Sapieha's verwünſchend, welcher, da Demetrius nicht auf dieſen Vorſchlag einging, ſondern Krakau als Entſchädigung für ſeine aufzugebenden An⸗ ſprüche verlangte, von ihm abfiel, blieb dem Czarik, wie ihn die Polen nun ſpottweiſe nannten, was als verächtli⸗ ches Verkleinerungswort ſo viel wie Zaunkönig bedeutet, nichts weiter übrig, als ſich, da der polniſche Krongroß⸗ feldherr Moskau mit einem maſſenhaften Heere deckte 1726 und Prinz Wladiſlaw bereits von den Bojaren in der Hauptſtadt anerkannt war, eiligſt nach Kaluga zurückzuzie⸗ hen. Eine ungemeſſene Wuth beherrſchte nun den in ſei⸗ nen Hoffnungen betrogenen Demetrius. Es bemächtigte ſich ſeiner ein Hang zum Argwohn, der ſeine treueſten An⸗ hänger nicht verſchonte und ihr Blut vergoß, wenn gleich Marina nichts unverſucht ließ, ſeine oft in Raſerei aus⸗ artenden Befehle zu den grauſamſten Strafen an allen Denen, die er für Verräther betrachtete, rückgängig zu machen, was ihr in vielen Fällen gelang. Seinen klei⸗ nen Hof zu Kaluga ließ er nicht mehr von ihm treu ge⸗ bliebenen Polen oder Ruſſen bewachen, ſondern von Ko⸗ ſaken, Tataren und Tſcherkeſſen. Sie waren, obwohl Muſelmänner, nun die Freunde des einzigen chriſtli⸗ chen Fürſten der Welt, wie ſich nach dem Beiſpiele der moskowitiſchen Großfürſten Demetrius nannte. Indeß hatten Moskau und die meiſten Provinzen des Nordens dem polniſchen Kronprinzen Treue geſchwo⸗ ren, die Polen ſtanden in Moskau und hielten den Kreml beſetzt. Ihres Führers, des Krongroßfeldherrn, feine Po⸗ litik bewährte ſich vortrefflich, er verſtand es, das Natio⸗ nalgefühl des durch ſo viele Schickſalsſchläge entmuthig⸗ ten Volkes mit dem Gedanken, daß es jetzt Fremden ge⸗ horchen müſſe, zu verſöhnen, beſonders da er den Ueber⸗ muth ſeiner Soldaten durch ſtrenge Mannszucht in Schranken hielt; aber was den zweiten Demetrius(viel⸗ 177 leicht auch den erſten) zum Siege geführt hatte, ward jetzt der Anlaß zum erneuten Haſſe der Ruſſen gegen ihre polniſchen Ueberwinder. König Sigismund, ein Schwächling, lieh ſeiner Geiſtlichkeit zu bereitwillig ſein Ohr, die griechiſche Kirche auszurotten, um der römiſch⸗ katholiſchen Grund und Boden zu gewinnen, zu welchem Zwecke ſein ſechsjähriger Sohn Wladiſlaw zu ſchwach ſei und er alſo ſelbſt die Czarenkrone für ſich nehmen müſſe. Sholkiewsky, ſein Feldherr, dem gegebenes Wort heilig war, verließ deshalb ſeinen Poſten zu Moskau, den er in General Goncziewski's Hände legte. Er wollte den Beſiegten gegenüber nicht meineidig werden. Die ſogleich veränderte Haltung der Polen, ihre wieder be⸗ ginnende Zügelloſigkeit, der Bruch der gegebenen Ver⸗ ſprechungen, die Gefahr, welche nun der Nationalkirche drohte, rief das ganze ruſſiſche Volk zu den Waffen. Indem dieſer Brand aufloderte, dem aber noch die Einheit fehlte, um die Fremdherrſchaft zu vernichten, fand auch Demetrius ſein Ende auf einer am 11. De⸗ cember 1610 in der Nähe von Kaluga abgehaltenen Jagdpartie durch die Hand eines tatariſchen Fuürſten, Peter Eruſlanow, welcher den durch Demetrius über einen anderen Fürſten Kaſſimowski verhängten grauſa⸗ men Tod rächte. Nachdem eine Kugel den Prätendenten nicht augenblicklich getödtet, ſondern der Tatar ihm noch den Kopf vom Rumpfe und die rechte Hand vom Ge⸗ 1861. 22, Einz lat. Czarin. II. 12 178 lenke getrennt hatte, deckte die weite grüne Steppe die Flucht des Mörders, deſſen blutiges Opfer die Kalugaer mit dem bei Czaren gewohnlichen Begräbnißceremoniell in ihrer Kathedrale beiſetzten. Preis gegeben ihren Feinden blieb Marina nichts übrig, als auf ihre eigene Kraft zu vertrauen. Sie nahm den bereits von ihrem Gemahle gefaßten Plan, in Aſtra⸗ chan ſich feſtzuſetzen und dort ein unabhängiges Fürſten⸗ thum für ihren Czarewitſch zu gründen, mit dem Muthe einer Verzweifelnden auf, welche ſelbſt im ungünſtigſten Falle nichts mehr verlieren kann, als ſie ſchon verloren hat. Geſtützt auf die Treue des Koſaken⸗Atamans Za⸗ rucki, eines der eifrigſten Anhänger ihres gemordeten Ge⸗ mahls, verließ ſie mit ihrem Sohne Kaluga und durch⸗ eilte nun, umringt von einer wilden beuteſüchtigen Koſa⸗ kenſchaar, die Steppen des ſüdlichen Rußland's, um dort das Volk zu den Waffen zu rufen. Welch ſeltſames Verhängniß laſtete auf ihr! Sie hatte das Vaterhaus, in welchem ihr Wille der gebieten⸗ de geweſen, mit dem Czarenpalaſte in Kreml vertauſcht. Den Freuden entriſſen, welche Glanz und Pracht einer Herrſcherkrone zu bieten vermögen, büßte ſie den kurzen Wonnerauſch geſchmeichelten Stolzes und einer zur Spiitze getriebenen Eitelkeit im entwürdigenden Gefängniß, wo ihr kaum ſo viel geblieben war, ihre Bloͤße zu decken. Das kleine Herrenhaus von Tuſchino hatte ſie alle die n—- — a u u—— 8 179 Grade des herabſinkenden Glücksſternes eines Betrügers kennen gelehrt, den ſie wunderbarerweiſe lieben gelernt hatte. Und nun nach deſſen Tode war das Bivouakfeuer eines Koſakenhäuptlings die einzige ihr gebliebene Freiſtätte! Welches Lebensbild, welche grauſamen Enttäuſchungen einer ſtolzen Seele! Von nun an nahm ihr Leben in der Geſchichte Ruß⸗ lands keine Stelle mehr ein. Die unüberſehbaren Steppen haben keinen Widerhall, das Hoſiannah des Ruhmes wie der Schrei der Verzweiflung erſtirbt dort gleich dem in den Lüften verflüchtigenden Laut der Stimme; aus den ſchweigenden Steppen iſt noch nichts Großes hervorge⸗ gangen. Während ſie durch ihr Unglück die Herzen der in den ſüdlichen Wildniſſen hauſenden einzelnen Räuber⸗ ſtämme zu rühren, zum Beiſtand zu entflammen ſuchte, auch ein dritter Demetrius, ein entflohener Diakon, Na⸗ mens Iſidor, auftauchte, deſſen die ruſſiſchen Geſchicht⸗ ſchreiber unter der Bezeichnung„der Räuber von Pſkow“ erwähnen, weil dieſe Stadt ihn anerkannt hatte, unter deſſen Anhänger ſich ſogar der junge ehrgeizige Fürſt Trubetzkoi ſchaarte, wüthete das Unglück des Krie⸗ ges ununterbrochen fort im ruſſiſchen Reiche; die Polen eilten von Sieg zu Sieg und Gewaltthätigkeiten aller Art bezeichneten ihren Weg. 1 Nur ein Mann von Kopf und Herz fehlte, welcher, nicht im Namen eines Furſten, denn an dieſe glaubte das 12*⅔ Volk nicht mehr, ſondern im Namen des ſchwer bedräng⸗ ten Rußlands und ſeines Glaubens die Fahne zur allge⸗ meinen Erhebung auſpflanzte, und ein ſolcher Patriot fand ſich in der Perſon Kosma Minin's, eines Metzgers von Niſchnei Nowgorod. Seine hinreißende, wenn auch un⸗ geſchulte, aber aus begeiſtertem Herzen kommende Be⸗ redtſamkeit, ſein eigenes Beiſpiel von Vertrauen, Kraft, Muth und einer damals unerhörten Uneigennützigkeit, wirkte ſegenbringend; das vom Unglück ſchwer heimgeſuchte Volk ſchaarte ſich um den von Minin zum Feldherrn der Nation erwählten Fürſten Demetrius Poſcharski, dem er das Prädicat eines redlichen und patriotiſchen Mannes zuerkannte und der Sieg flog von nun an den ruſſiſchen Waffen voran; flüchtig vor der heranſtürmenden Ueber⸗ macht eines Volkes, das ſein Blut mit Freude opfert für des Vaterlandes und ſeines Glaubens Heiligkeit, entwi⸗ chen die Polen von Stadt zu Stadt und ein Feldzug, in dem jeder neue Tag auch einen neuen Triumph gebar, reinigte Rußland von den übermüthigen Schaaren eines nachbarlichen Feindes, der ſo lange ungeſtraft Elend und Unglück über daſſelbe gebracht hatte. Kosma Minin's und des tapferen Fürſten Poſcharski Bürgertugend ſchlug die ſie treffende Wahl des dank⸗ baren Volkes zum Czarenthrone aus; die beiden Retter des Vaterlandes traten in die beſcheidene Stille des Bür⸗ gerlebens zurück, ein Beiſpiel der Entſagung gebend, das OBd AN ☛ AN— 181 nicht zu häufig in der allgemeinen Geſchichte der Natio⸗ nen vorkommt. Die Nothwendigkeit, für die frei gewordene Nation ein ihrer würdiges Oberhaupt zu wählen, führte zu Anfange des Jahres 1613 in Moskau ſtürmiſche Ver⸗ handlungen herbei und am 21. Februar genannten Jahres ward auf Vorſchlag des Bojaren Theodor Schermetew, welcher eine Baſe des Michael Romanow') zur Gemah⸗ lin hatte, dieſer damals ſechszehnjährige Jüngling, von dem man erwarten konnte, daß er ſich eine Beſchränkung der Herrſchergewalt durch conſtitutionelle Formen gefallen laſſen werde, als Czar gewählt, womit die ehrgeizigen Beſtrebungen des Fürſten Trubetzkoi, die Würde an ſich zu bringen, zugleich aus dem Felde geſchlagen waren. In der Perſon eines blühenden Jünglings trat an die Spitze der Nation ein Geſchlecht, das von nun an als kraftvol⸗ *) Michael Romanow'’s Geſchlecht war um 1350 durch einen gewiſſen Andreas Kokülla(wie Karamſin ihn nennt, Andere aber Kabyla und Kambyla ihn heißen) aus Preußen nach Rußland verpflanzt worden. Die erſte Gemahlin Iwan's des Schrecklichen, Anaſtaſia, war eine Romanow; Michael, der erſte Czar aus dieſem Geſchlecht, war der Sohn des Bojaren Theodor Nikitſch Romanow, welchen Boris Gu⸗ donow zur Strafe für angeblichen Hochverrath als Mönch in ein Kloſter ſtecken ließ, aus dem er, ſobald ſein Sohn Czar geworden, in der Würde eines Metropoliten her⸗ vorging. 182 ler mächtiger Stamm das heilige Rußland gegen innere und äußere Stürme ſchützt. Und mit Michael Romanow war das Glück, den Frieden ſeines Reiches wieder herzu⸗ ſtellen, denn alle untergeordneten Prätendenten verſchwan⸗ den wie mit einem Zauberſchlage vor ſeiner Macht. Die letzten Kämpfe in dieſer Beziehung fanden an der Wolga ſtatt, wo Zarucki im Namen der Czarin Ma⸗ rina und ihres Sohnes ſich Aſtrachans bemächtigt hatte, doch nur auf kurze Zeit in dieſer Stadt ſich halten konnte, denn Michael Romanow's Generale vertrieben ihn von dort und verfolgten mit ihrer Uebermacht ihn und Ma⸗ rina nebſt deren Czarewitſch auf der Flucht nach dem kaspiſchen Meere. Ein unglücklicher Julitag des Jahres 1614 war es, der ſie, an den Ufern des Jaik überfallen, in die Hände ihrer Feinde lieferte, von denen ſie nun in Feſſeln nach Moskau geführt wurden. Das Gerücht der Ankunft der gefangenen Marina, der einſt zu Ehren die dreitauſend Glocken der moskowitiſchen Hauptſtadt den Willkommensgruß geſungen und der Donner der Kanonen ihren feierlichen Einzug weithin in's Land verkündet hat⸗ ten, durchlief bald ganz Moskau; in einem Hauſe der großen Czarenhauptſtadt fand es allein einen nicht ver⸗ wehten Wiederhall, und dies war das des reichen Heili⸗ genbilderhändlers Walujew. Die Zeit, welche Alles ordnet und ausgleicht, hatte auch hier ihre mildernde Kraft walten laſſen. Der Wahn⸗ 183 ſinn war nicht von Walujew gewichen; denn der von tief eingewurzelter Leidenſchaft des Haſſes und der Rache ſchwer verdüſterte Geiſt dieſes Mannes fand ſich nicht wieder zu klarem Denken; nur Momente waren es, wo ein helleres Schauen, ein vernunftvolles Auffaſſen ſich der ihn umfangenden geiſtigen Nacht entrang, aber bald wieder in deren Dunkel unterging. Dieſer Zuſtand, der die Fortſetzung ſeines Handels nicht erlaubte, hatte ihn allmählig in ein faſt kindiſches Träumen verſetzt, in dem das religiöſe Element, das jederzeit ſo bedeutendes Ueber⸗ gewicht in ſeinem Denken und Thun gehabt, auch jetzt noch den Mittelpunkt ſeiner wirren, meiſt unzuſammenhängen⸗ den Träumereien bildete. Aus dem reichen Walujew war im Laufe der Jahre ein Büßender geworden, wie ſie da⸗ mals zahlreich genug in Rußland exiſtirten und ſelbſt jetzt noch in einzelnen Individuen ſich daſelbſt erhalten haben, für deren Bezeichnung im Deutſchen kein paſſenderer Name als„Kettenfakire“ zu finden ſein dürfte. Wirren Sinnes ziehen dieſe Büßenden als Bettler umher und werden vom Volke, welches jederzeit das Un⸗ gewöhnliche anſtaunt, mit Ehrfurcht betrachtet. Allerlei Entbehrungen und Peinigungen ſich hingebend ſchlafen ſie ſtets auf dem nackten Boden, Holzſtücke oder Steine zum Kopfkiſſen nehmend; und damit ihre Selbſtmarter vollkommen ſei, tragen ſie eine eiſerne Kette von der Stärke derer, mit denen man in Rußland die Pferde an 184 die Krippe befeſtigt, auf dem bloßen Leibe, die ſie ein⸗ mal um den Hals, einmal um die Hüften und kreuzweiſe über die Bruſt ſchlingen. Dieſe ſtraff angezogene Kette verwächſt zuletzt theilweiſe ins Fleiſch hinein. Walu jew bot in ſeiner fanatiſchen Selbſtqual das Muſter eines ſolchen Büßenden, man ſah ihn an den Kirchthürmen oft im Schnee liegen und Gebete murmeln oder dem heißen Sonnenbrand ſich ausſetzend. Nur die Nächte brachte er in ſeiner Wohnung zu, doch auch ſie waren, wie ſchon bemerkt, nur die Fortſetzungen ſeiner Bußübungen. Ephim⸗ war im Hauſe geblieben. Sein ſtilles, ſanftes Gemüth trug ja ſelbſt ſchwer am Verluſte ſeiner Hoffnungen, daß er das Haus, wo er eiaſt ſo kindlich glücklich geweſen, nicht hätte verlaſſen mögen. Er gehorte unter die kleine Zahl Derjenigen, welche von den Erinnerungen ihres Glückes zehren und ihren Schmerz dadurch verſchönen. Er hatte kein Wort einer Anklage gegen die abweſende Praskowa, welches Benehmen auch der oft in Redſelig⸗ keit ausartenden Nataͤſcha Schweigen auflegte. Uebri⸗ gens war auch bei Nataͤſcha eine große Veränderung vorgegangen. Das Bewußtſein, zu welcher That ihre Selbſttäuſchung ihren Brodherrn getrieben und wie ſie die eigentliche Veranlaſſerin alles Unglücks in dieſem Hauſe geweſen, hatte ſich allmählig zu einem Vorwurfe Lanih geſtaltet, von dem ſie ſich ſchwer niedergedrückt ühlte. 185 Die Stille jetzt im Hauſe und der tägliche Anblick ihres geiſtesirren Herrn, das ſchweigende Weſen Ephim's, laſtete zuweilen unheimlich und ſie anklagend auf ihrer Seele. Zuweilen, wenn der Wunſch, Praskowa wieder hier zu ſehen, zu lebhaft in ihr wurde, richtete ſie furcht⸗ ſam die Frage an Ephim:„Werden wir unſers Väter⸗ chens Tochter je wiederſehen?“ „Weiß ich's,?“ Es war ſo wenig geantwortet und eben ſowohl ver⸗ neinend wie der Hoffnung Raum gebend, daß Nataſcha ſich wieder zum Schweigen verurtheilt ſah. Nur mit dem Ilia, dem guten Eſſer, der trotz alle dem, was ſich er⸗ eignet, ſeinen geſegneten Appetit nicht verloren hatte, konnte ſie über den auf ihr laſtenden Kummer ſprechen. Aber das war doch kein rechter Troſt für ſie; der Ilia war eine zu profane Natur, die ſich höchſt ungeſchickt bei Dingen benahm, die außerhalb ſeiner Sphäre lagen. Eines Tages verlangte ein greiſer ehrwürdiger Pope Ephim zu ſprechen. Nataſcha hatte dieſen geiſtlichen Herrn noch nie im Hauſe geſehen und glaubte das Wahre entdeckt zu haben, wenn ſie annahm, daß es ſich für Ephim um das Malen eines Heiligenbildes handelte, wel⸗ ches Geſchäft er immer noch fortſetzte, da es gleichſam zur Verſchönerung ſeines in einſamer Stille ruhig hinflie⸗ ßenden Lebens gehörte; deſto erſtaunter war ſie, als nach dem Beſuche des geiſtlichen Greiſes Ephim zu ihr 186 ſagte:„Mütterchen, ſetze das kleine Stübchen, in dem unſers Herrn Tochter gewohnt hat, in Stand.“ „Warum denn? wer will denn in unſerem Hauſe einen Beſuch machen?“ „Wer? die ein Recht dazu hat.„Praskowa.“ Die alte Magd war ſo ſehr überraſcht von dieſem unerwartet bevorſtehenden Ereigniß, daß ſie kein Wort hervorbringen konnte. Ephim ſagte ſehr ernſt zu ihr: „Vergiß nicht, Mütterchen, daß Dir kein Recht zuſteht, Deiner Neugier freien Lauf zu laſſen. Du haſt Vieles verſchuldet, was vielleicht, wenn auch auf andere Art entdeckt, doch nicht zu ſo ſchlimmem Ausgange geführt hätte, als wir ſolchen erlebt haben. Für uns muß die Zeit alles Das überraſet haben und keine Erinnerung mehr davon uns geblieben zu ſein ſcheinen. Es ſind Jahre ſeitdem vergangen. Wenn Praskowa wieder eintritt in's Haus, muß ſie es gerade ſo finden, als wäre ſie nie von hier abweſend geweſen. Des Vaters Anàfema iſt bereits von ihrem Haupte genommen worden, denn für Alles giebt es eine Vergebung im Himmel, wie Väterchen Afrael ſo ſchön geſagt hat.“ Wider ſeine Gewohnheit verließ Ephim am ſpäten Nachmittage das Haus, und als der Abend mit ſeinem Dunkel niedergeſunken war, kehrte er mit Praskowa zu⸗ rück. Die große Erſchütterung ihres Herzens warf die Wiederkehrende auf die Schwelle des Vaterhauſes nieder, 187 die ſie unter heißen Thränen mit Küſſen bedeckte. Der Gruß, mit dem die arme aus Herz und Haus des Vaters geſtoßene Tochter die Schwelle ſeines Eigenthumes, in welchem ſie in ſchuldloſer Kindheit zur ſchönen Jungfrau aufgeblüht war, jetzt bei ihrer Rückkehr heiligte, wies von ſo tiefer Reue, von einem ſo wahrhaften Schmerze, daß die alte Nataſcha ſich davon durchſchauert fühlte und ſie laut weinend umarmte. Auf Beide geſtützt, wankte Pras⸗ kowa nach ihrem Stübchen; da war nichts, gar nichts verändert, Alles wie ehedem.. welche ſchöne Täuſchung für die ſo lange Verſchollene! Aber ſie fiel ihr ſchwer auf's Herz; denn die Erinnerung an Alles das, was ſie ſeit dem Tage, wo ſie das Vaterhaus flüchtig verlaſſen, erlebt hatte, trat in grellen Farben vor ihre Seele. Der greiſe Pope von Dmitrow, dem Marina ſie übergeben, war zum Retter für ſie geworden. Nicht nur dem leiblichen Untergange, mit dem die Geburt eines todten Kindes ſie ſo augenſcheinlich bedrohte, hatte er ſie entriſſen, indem er ſie in die Pflege ſeiner Schweſter, einer würdigen Matrone, brachte, ſondern auch dem geiſtigen. Praskowa hatte kein Geheimniß vor ihm ge⸗ habt, und das milde vergebungsreiche Gemüth des Prie⸗ ſters führte ſie auf den Weg der Sühne in die väterlich rechtgläubige Kirche zurück. Hermogen, der Patriarch, ein Muſter von Frömmigkeit, den das damals lebende Volk als einen Heiligen verehrte, ſpendete ihr ſeinen Segen 188 zu dieſem Rücktritte. In ſeine Hand gelobte ſie nach ihren Kräften zu ſühnen, was in Verblendung ſie gefehlt, ihr ferneres Leben dem Dienſte der armen Kranken und Ge⸗ fangenen zu widmen. Durch den frommen Patriarch ge⸗ reinigt von dem Anaͤfema des Vaters kehrte ſie in deſſen Haus zurück. Von alle dem hatte der greiſe Pope von Dmitrow Ephim unterrichtet. Praskowa waltete alſo wieder im Vaterhauſe. Frei⸗ lich war ſie e ne Andere geworden, auf deren Beſitz Ephim keine ſeiner Hoffnungen von früher mehr beziehen durfte, aber ſie war wieder da und dies ſchon machte ihm Freude. Nur zuweilen klang ein Ton von ehemals zwiſchen ihnen Beiden.„Ich habe viel Böſes an Dir gethan— vergieb mir!“ ſagte ſie, wenn ſie ſeine Vorſorge für Alles, was ſie betraf, bemerkte... aber an mir des Boͤſen doch noch mehr,“ ſetzte ſie leiſe hinzu.— Und Ephim ergriff dann ihre Hand und ſprach:„Praskowa, biſt Du auch nicht die Meine geworden, ſo biſt Du doch wieder die Unſere und ſo iſt Alles gut. Gott und ſeine Heiligen ſollen geprieſen ſein dafür.“ DOb Walujew ſeine Tochter wieder erkannte, oder ob die Erinnerung an ſie in ſeinem Geiſte verſchwunden ſei, blieb lange ungewiß, denn nichts deutete in dem Be⸗ nehmen des irrſinnigen Büßers darauf hin, daß ein ſol⸗ cher Rückblick bei ihm ſtattfinde; erſt nach längerer Zeit ward es bemerkbar, daß auch in ſeinem verfinſterten Geiſte 189 die Wohlthat eines mild zu ihm ſprechenden Weſens nicht ganz ohne Anklang blieb. Praskowa empfing ihn des Abends, wenn er von ſeiner Bußwanderung nach Hauſe zurückkehrte; ſie weckte ihn des Morgens mit einem Se⸗ gensſpruche, ehe er wieder das Haus verließ. Allmählig bildete ſich in Walujews umnachtetem Geiſte der Wahn, die Heiligen hätten ihm einen Schutzengel geſandt, der ihn liebreich pflege, und dieſer Wahn verwuchs bald ſo ſehr mit ſeinem wirren Denken, daß er, der ſchweigſam in ſich Gekehrte, die höchſte Unruhe verrieth, wenn Praskowa einmal nicht gleich bei ſeiner Rückkehr in ſeiner Wohnung zugegen war. Er glaubte dann die Heiligen unzufrieden mit ſeinen Entbehrungen und Kaſteiungen an dem ver⸗ floſſenen Tage. So bereitete Praskowa dem Irren noch ein Glück, das in ſeinem verdunkelten Geiſte der einzige Lichtſtrahl, die einzige Segnung war. Doch ein ſo tief zerrüttetes Daſein, als das Walujew's, konnte nicht allzu⸗ lange ausdauern, er ſtarb in ſeiner Tochter Armen, das brechende Auge auf ſie gerichtet, mit einem Gospodi po- milui(Herr, erbarme Dich)! ſein Leben verhauchend. Von dieſem Tage an gab ſich Praskowa ihrer Buße, den armen Kranken und Geſangenen Troſt bringend, mit raſtloſem Eifer hin. Wie ein guter Engel trat ſie an die Lagerſtätte der Hilfloſen, der Sterbenden, zu denen ihr ebenſo wie zu den Gefangenen Niemand den Zutritt ver⸗ wehrte, denn überall kannte man ſie und erzeigte ihr jene 190 demüthige Zuneigung, wie ſolche im Charakter des ruſſi⸗ ſchen Volkes als ein ſchönes Eigenthum gegen alle wahr⸗ haft Frommen begründet iſt. Wenn auch die Erinnerun⸗ gen an ihre Vergangenheit nicht ganz erſtorben in ihrem Geiſte war, ſo ſtörten ſie doch nicht mehr ihren Frieden, den das Bewußtſein ihres edlen Thuns an den von Hilfe Verlaſſenen ihr errang; aber das Gerücht von der Ein⸗ bringung der Czarin Marina, ihrer ehemaligen Herrin, als Gefangene, griff tief in ihr Herz und ſie dankte dem Himmel, daß er ſie auf den Weg geführt, wo es ihr mög⸗ lich wurde, deren Tröſterin zu werden. Der Gefängniß⸗ wärter machte keine Schwierigkeit, ihr den Zutritt zu Ma⸗ rina zu geſtatten, er kannte ſie ja und wußte, daß ſie mit Genehmigung des hochwürdigſten Patriarchen kam. Welch entſetzliches Bild des wandelvollen Geſchickes bot ſich Praskowa's Augen im Anblick des Kerkers und ſeiner Bewohnerin! Man hatte alle Rückſichten gegen die Unglückliche fallen laſſen. Vier öde feuchte Mauern ſchloſſen ſie ein. Das Tageslicht ſtahl ſich mühſam durch ein kleines, dicht vergittertes, von Staub und Schmutz dick überdecktes Feuſter in den engen Raum, ſo daß das Auge ſich erſt an das herrſchende Grau gewöhnen mußte, um die hier befindlichen Gegenſtände zu erkennen. Ein roher Tiſch, eine Bank und ein Strohlager machten die ganze Einrichtung dieſes traurigen Ortes aus. Gebrochen an Geiſt und Leib blieb Marina bei ihrem Eintritte ohne 191 ſich aufzurichten auf ihrem Lager liegen. Auch das letzte Leid war über ſie gekommen, um ſie ganz den Wermuths⸗ becher eines entſetzlichen Geſchickes leeren zu laſſen. Man hatte ihren Czarewitſch ihr entriſſen, und um jeder Mög⸗ lichkeit einer künftigen Anſpruchserhebung desſelben zu⸗ vorzukommen, ihn erdroſſelt. Nichts von aller Größe, von allem Glücke war ihr geblieben, von Allen verlaſſen hoffte ſie nur auf den einzigen Erlöſer von allem Elend, auf den Tod. Ueberwältigt vom Anblicke dieſes Unglücks ſank Praskowa weinend an ihrem Strohlager nieder. „Wer biſt Du, daß Du Thränen für mich haſt?“ fragte Marina überraſcht. Welche herzerſchütternde Erkenntnißſcene folgte dieſer, das Aufgeben auf alle Theilnahme bezeichnenden Frage! Und doch war dies Wiederſehen ein Sonnenblick in dem von Kerkermauern umnachteten Leben dieſer vom Glück Verlaſſenen. Es konnte Praskowa nicht entgehen, daß die Geſundheit Marina's unheilbar erſchüttert und untergra⸗ ben, nur eben noch dieſes ſchrecklichen Aufenthaltes be⸗ durfte, um ſchneller zu vergehen. Geiſtige und köͤrperliche Anſtrengungen hatten vereint mit der Laſt ſchweren Kum⸗ mers ihre Lebenskräfte faſt aufgezehrt, das Schickſal ihres Czarewitſch's ihr Herz gebrochen, ſie trug die Auflöſung in ſich und in ihrem Aeußern. Ihre matte Stimme, ihr tief eingefallenes Geſicht, der erloſchene Glanz ihrer Au⸗ gen bezeugten ihre Todesreife. Jeder Tag führte Pras⸗ 192 kowa zu ihr; ſie wußte, mit welcher Sehnſucht ſie erwar⸗ tet wurde und welche Wohlthat ihr Kommen für die Un⸗ glückliche war, die alle Freuden eines großen ſchönen Le⸗ bens durchgekoſtet, nun auch die Bitterkeiten des Elends bis auf die Hefe leerte. 3 Eines Tags bemerkte ſie einen Diakon, der ihr nach dem Kreml folgte, wo ſich das Gefängniß der Czarin be⸗ fand. Es war ihr, als gäbe er ihr ein Zeichen, ſeiner zu warten. Sie wußte nicht, ob dies wirklich ihr gelten ſolle und ging deshalb langſamer. Unterm Erlöſerthore ſchritt er hart an ihr vorüber und blickte ſich wie zufällig um. Praskowa blieb vor Erſtaunen wie am Boden angewur⸗ zelt ſtehen, ſie erkannte in ihm Pater Xaver, Julians Bru⸗ der. Langſam ſchritt er weiter, aber ein Wink ſeiner Au⸗ gen deutete ihr an, wie er angelegentlichſt ſie zu ſprechen wünſche. Er trat in die Himmelfahrtekirche ein, wo ſo viele Fromme vor dem verehrten Bilde der heiligen Jung⸗ frau von Wladimir ihre Andacht verrichteten. Sollte ſie ſeinen Wunſch unerfüllt laſſen? ſein Blick war ſo flehend geweſen, als ruhe auf ihr eine große Hoffnung ſeiner Seele und ſie... ahnte dies Hoffen. Am andern Tage um dieſelbe Zeit erſchien ſie von einem Diakon begleitet, bei dem Gefängnißwärter.„Die Lateinerin willſt Du zu unſerer heiligen rechtgläubigen Kirche zu bekehren verſuchen, Väterchen?“ fragte der Mann.„Nun, mir iſt's recht; aber ich denke, Du wür⸗ 4,2 R N 1 W N 8—— 9 8 deſt mit beſſerem Glücke die Moskwa ausſchöpfen können, als dieſe ſtörriſche Heidin zur Erkenntniß ihrer Ketzerei bringen. Geh' nur hinein, wirſt wenig Freude von dieſem Gange haben.“ Eine wenn auch tief demüthigende, doch ihrem Her⸗ zen wunderbar Troſt gewährende Freude verſchönte die letzte Lebensſtunde Marina's, als Pater Javer an ihr dürf⸗ tiges Strohlager trat. Die verfloſſene Nacht vermeinte ſie ſchon den Tod zu fühlen, aber der letzte Funke von Le⸗ benskraft hatte noch einmal den Sieg davongetragen. Indeß mit dem vorrückenden Morgen nahm das Gefühl ſchnellen Herabſinkens dieſes letzten Aufflammens ſo ſicht⸗ bar zu, daß ſie nur noch mit Mühe die Worte hervorſtam⸗ meln konnte: „Naver, Du haſt im Glanze meine Thorheit geſehen, Du ſiehſt nun auch meine Strafe im Elend. Aber immer noch iſt der Himmel mir gnädig, er ſchickt mir Herzen, in deren Liebe ich dahin ſcheiden ſoll... im Lichte der Vergebung. Ich danke Euch Beiden.“ Tayer mußte ſich gewaltſam zuſammenraffen, um einer großen übermächtigen Rührung nicht zu viel Raum zu geſtatten. Er ſagte ihr, daß es nicht in ſeinem Willen geſtanden, von ſeiner Miſſion, die der perſönlichen Ueber⸗ zeugung gegolten hätte, ob der Prätendent wirklich ihr Gemahl ſei, nach Moskau zurückzukehren. Eine unbe⸗ dachte Aeußerung von ſeiner Seite, daß hier eine Täu⸗ 1861. 22. Eine lat. Czarin. II. 13 194 ſchung unteuſt, ſei Demetrius hinterbracht und er von demſelben, um zu verhüten, daß deſſen Geheimniß entdeckt werde, in's Gefängniß geworfen worden. Erſt das Ein⸗ rücken des königlichen Polenheeres habe ihm die Freiheit wieder gegeben, aber ſeine durch den mehrjährigen Auf⸗ enthalt im Kerker gebrochene Geſundheit hätte ihn zur Rückreiſe in ſein Kloſter gezwungen, um ſeine Wiederher⸗ ſtellung daſelbſt zu ermöglichen. Nach glücklicher Errei⸗ chung derſelben wäre ihm auf's Neue der Auftrag einer Reiſe nach Moskau von ſeinen Oberen geworden, um treuen Bericht über alle Maßregeln des neuen Czars und der immer noch nicht ganz in den Staub getretenen Parteiun⸗ gen abzuſtatten. Und dann begann Pater Paver mit Be⸗ geiſterung von der Gnade der Vorſehung zu ſprechen, die ihn auf's Neue hierher geführt, damit ſie, ſeine Freundin, nicht ohne die Wohlthaten und Segnungen ihrer väterli⸗ chen Kirche vom Leben ſcheiden ſolle. „Es iſt die erhabenſte Miſſion meines Lebens, en⸗ dete der Jeſuitenpater mit tiefem Gefühl..„Dir, Ma⸗ rina, ein Führer in's Jenſeits zu werden. Niemand weiß beſſer wie Du, mit welchem Herzen ich Dir die letzten Gna⸗ den unſerer heiligen Kirche ſpende. Im Leben hat Dich Alles verlaſſen, im Sterben erſt biſt Du mein geworden!“ Sein Gewand lüftend, zog er eine an einer um den Hals hängenden Schnur auf bloßer Bruſt verborgen ru⸗ hende goldene Kapſel hervor, deren Inhalt aus zwei Ho⸗ 195 ſtien beſtand. Und nach geſprochener Abſolution über die ſichtbar kraftloſer Werdende reichte er ihr das heilige Abendmahl, zu gleicher Zeit es ſelbſt genießend. Feierliche Stille waltete im Kerker; Praskowa kniete entfernt von dem Lager ihrer früheren Herrin, die weinenden Augen in die Hände verbergend. Nach einer langen Weile legte Pater Faver prüfend die Hand auf Marina's Stirn und erkannte, daß ihr Leben verronnen, der letzte Pulsſchlag ihres Herzens für dieſe Zeitlichkeit vollendet ſei.„Friede mit Dir, Du Arme!“ ſprach er, das Kreuz über ſie ſchla⸗ gend...„der Kreml ſah Dein trügeriſches Glück als Fürſtin dieſes Reiches, er hat nun Dein Ende geſehen im tiefſten Elend. Die Wiege der Luſt ward auch Dein Sterbebett. Nuhe ſanft von den vielen ſchweren Enttäu⸗ ſchungen, die das Leben Dir brachte, Gott iſt ein milder Richter, ein treuer Vater.“ 3„Gospodi pomilui!“ fügte Praskowa andächtig hinzu. Die ruſſiſch⸗griechiſche Kirche iſt die einzige unter den chriſtlichen, welche es übernommen hat, eine öffent⸗ liche Sonderung und Sichtung des Guten und Böſen, was die an großen Ereigniſſen und den merkwürdigſten Perſönlichkeiten ſo reiche Geſchichte des heiligen Ruß⸗ lands, ſeit einer Reihe von 250 Jahren nur aufzuweiſen hat, zu einem Kirchenfeſte, das den Namen„die Verflu⸗ chung der Ketzer“ und zwar der politiſchen wie der reli⸗ giöſen führt, zu erheben. So hat auch unſer Jahrhun⸗ dert die Namen Derer gehört, auf denen das Anaàfema dieſer Kirche ruht. Boris Gudonow, der falſche Deme⸗ trius(Marina's erſter Gemahl), Mazeppa, Sſenka, Raſin und Pugatſcheff führen den Reigen in dieſem ſelt⸗ ſamen Regiſter und nach jedem Namen ſchleudert ein Baſſiſt mit gewaltiger Donnerſtimme ein mehrmaliges herzerſchütterndes„Anaèfema“ durch die Kirche und un⸗ mittelbar darauf folgt daſſelbe grauenvolle Wort in den lieblichſten Melodien von einem Knabenſängerchore aus⸗ geführt, als ſollte der entſetzliche Fluch verſohnt werden durch den in's Herz ſich einſchmeichelnden Sang. Bei die⸗ ſer Gelegenheit zeigt jedoch auch die Kirche eine dankbare Erinnerung, denn bei Boris Gudonow's Namen, der ein freilich illegitimer, aber doch guter, das heißt, den Prie⸗ ſtern ſehr geneigter, ſie, die Gotteshäuſer und Klöſter mit reichen Schenkungen bedenkender Regent war, wird vor dem über ihn auszuſprechenden Anàfema geſagt: „Für das Gute, was er gethan, ſei ihm der himmliſche Segen!“ Es iſt ein ſeltſamer Feſttag, aber echt ruſſiſch, aus dem Herzen des orthodoxen Volkes hervorgegangen und auf's Innigſte mit demſelben verwachſen, ein Zeug⸗ niß, daß die Erinnerungen in Rußland nie veralten, eine —— 197 Meldung aus verfloſſenen Jahrhunderten, wie überhaupt noch Vieles in dem großen Reiche denſelben Typus trägt, wie damals. Derſelbe Name, der Jahre lang in Rußland ſo viele Flammen des Haſſes und der Liebe ſchürte, der Name Demetrius, iſt jetzt ein Gegenſtand großer Verehrung und Huldigung, nämlich jener in Uglitſch auf das Gebet der Prieſter und auf Baſil Schuiski's Befehl angeblich ſo wunderbar zum Vorſchein gekommene Leichnam des er⸗ mordeten kleinen Czarewitſch. Damals zweifelten alle verſtändigen und einſichtsvollen Ruſſen an deſſen Echt⸗ heit, heutzutage iſt aller Zweiſel daran verſchwunden, jeder Orthodoxe glaubt feſt an das Wunder. Das Volk halt mit Liebe die Erinnerung an dieſen angeblich letzten Sprößling des alten Rurik'ſchen Herrſcherſtammes feſt und die Uglitſcher haben vor drei Decennien erſt dieſem jungen Märtyrer einen prächtigen„Potſwietſchnik“(Kan⸗ delaber von Silber) gewidmet, der neben ſeinem nur an Feſttagen geöffneten Sarge in der Archangelski Sabor (Kathedrale des Erzengels Michael) ſteht. Eine an dieſe „ Kathedrale gleichſam angehängte kleine Kapelle birgt den Sarg Baſil Schuiski's, deſſen Grabſchrift ihn als„We⸗ likoi Knäs“(großer Fürſt) bezeichnet. Verweht ſind die Tage jenes wilden Kampfes um den Thron, deren unſere Erzählung gedenkt, aber nicht die Erinnerung an ſie. Marina Misznek, die lateiniſche —õ 198 Czarin des heiligen Rußlands, hat auch ihrer beiden Ge⸗ mahle Schickſal nach derem Tode getheilt, denn wie des Erſteren Aſche in alle Winde verſtreut wurde und mit der beginnenden Herrſchaft Michael Romanows auch die ſterblichen Ueberreſte des zweiten Demetrius aus der Ka⸗ thedrale zu Kaluga entfernt wurden, ohne daß irgend eine Spur vorhanden, wohin man ſie gebracht, eben ſo unbekannt iſt Marina's Grabſtätte. Sie verſcholl und nur die Geſchichte des großen Reiches weiß noch von ihr. — — 9—-— —— ————— 1 84 — — — 3— ¹ ———————— 4 3