A4ℳ /A 7/C. 2 er ——— Leihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † Eduard Oftmann in Gießen, 3 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende. Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nbchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1. Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 1—.„—„ 6„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, erriſſene, verlorene und defeecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ——-—-—— 3 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5 „ Album. Bibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Sechzehnter Jahrgang. Einundzwanzigſter Band. Eine lateiniſche Czarin und ihr Schickſal. Wien. H. Markgraf& Comp. (Früher Kober& Markgraf.) 1882. — b Eine lateiniſche Caarin und inr Schickſal. 54 Hiſtoriſche Srzählung von Fr. Lubojatzky. — Irſter Theil. Wien. H. Markgraf& Comp. (Früher Kober& Markgraf.) 1862. Nerey in Prag. druck von Heinr. N D — ½ Inhalt des erſten Theils. Abſchnitt....... Abſchnitt II 4.... Abſchnitt III....... Abſchnitt IV.... 3.. Abſchnitt V — S8 — — — — — — — E — 8☛ D — — — —ꝑ 9— — — — ————8————. I. Motto: Ja, hingeſtellt hat mich die Zeit, Zum Denkmal meines ſchrecklichen Geſchichs! (Aus Schillers hinterlaſſenem Bruchſtück: „Demetrius“.) Ueber die alte Hauptſtadt des moskowitiſchen Rei⸗ ches breitete der 12. Mai des Jahres 1606 einen wolken⸗ loſen ſonnenleuchtenden Himmel aus und ſchien den Glanz erhöhen zu wollen, in welchem heute das ehrwürdige Mos⸗ kau prangte. In den Straßen des am rechten Moskwa⸗ ufers befindlichen, damals meiſt noch durch weit von ein⸗ ander abſtehende, mittelſt Gärten, oft auch durch noch öde liegende größere oder kleinere Bodenſtrecken getrennte Ge⸗ höfte bezeichneten, glücklich über die erſten rohen Anfänge ſeiner Gründung hinaus gelangten Stadtheils, wogte eine zahlloſe Menſchenmaſſe, die des Einzugs ihrer neuen Cza⸗ rin harrte, eines Schauſpiels, welches die Neugier der Moskauer gewaltig anzog, indem es ihnen zugleich in nächſter Zukunft verſchiedene Freudentage verſprach. Nach 1861. 21. Eine lat. Czarin. I. 1 2 altem Gebrauch mußte der ſich vermählende Czar bedeu⸗ tende Spenden in Getränken und unentgeldlichen Ver⸗ gnügungen dem Volke machen, eine von den Moskauern zu allen Zeiten mit größter Befriedigung in's Auge ge⸗ faßte Ausſicht. 8 Aber nicht allein die noch ſo ziemlich im Aufkeimen begriffenen Straßen des auf dem rechten Moskwaufer ge⸗ legenen Stadttheils waren von einer ungeheueren Men⸗ ſchenmenge durchflutet, auch jenſeits am linken Ufer, von der Moskoworet Moſt(Moskwa⸗Brücke) an bis zu dem Kremlthore, welches den Namen Spaßworota(Erlöſer⸗ thor) führt, weil es in der Höhe ſeiner Wölbung das Bild des Erlöſers trägt, war der Weg von unüberſehbaren Volksſchaaren bedeckt, welche Kopf an Kopf gedrängt ſich die Zeit mit allerlei Späßen vertrieb. Bei ſolchen Ge⸗ legenheiten, wo Müßiggang ein loyales Verdienſt iſt, finden ſich ſtets Leute genug, die die Koſten der allgemei⸗ nen Unterhaltung auf ſich nehmen, um theils einem alten Hange zur Popularität zu folgen, theils auch um ſich be⸗ ſonders auszuzeichnen. Im Charakter des ruſſiſchen Volkes liegt eine natürliche Heiterkeit zu tief begründet, als daß dieſe ſich je verleugnen könnte. Es gibt ſich bereitwillig der Luſt hin, wenn es nur leiſe dazu angeregt wird und in die⸗ ſem angeſtammten Gemüths⸗Grundzuge fanden denn auch alle die, welche in dieſen Stunden des Harrens und War⸗ tens durch launige Einfälle und Witze zur allgemeinen ———y— 3 Unterhaltung beitrugen, ihre beſte und zugleich einzige Belohnung. Das Lachen der ihnen nächſt Stehenden pflanzte ſich oft weit fort und man vergaß dabei, daß die Moskauer Maiſonne in bedeutendem Grade nieder⸗ brannte. Die über den Fluß führende Brücke, auf welcher die Großbojaren des Reiches die Czarenbraut, für deren Em⸗ pfang hier ein ſeidenes, reich mit Goldſtickerei geſchmücktes Zelt aufgerichtet war, erwarteten, um ſie in den Kreml zu geleiten, war für das Volk geſperrt, nur bevorzugte Leute aus der höheren Bürgerſchaft hatten daſelſt einen Platz gefunden. Kein Ruh⸗ oder Haltpunkt konnte beſſer ge⸗ wählt werden, als eben dieſer, um der Einziehenden in einem Ueberblicke ein prachtvoll ſtrahlendes Bild des 1 1/2 Stunden im Umfange haltenden Kremls, Moskaus Kapitol, vor's Auge zu führen. Hier iſt der Kremlberg am meiſt en gehoben, an ſei⸗ nem von den klaren Wellen der Moskwa umſpielten Fuße zieht ſich ein mit Felſen umgürteter breiter Kai hin, mit grünem Buſchwerk und Bäumen garnirt, und zwiſchen dieſem Grün erhebt ſich die hohe weiße Mauer, die mit ihren Thürmen, Thoren und Zinnen den Fuß des Kremls vertheidigt. Dicht hinter dieſer Mauer ſteigt er höher und höher terraſſenartig empor bis zu ſeinem Gipfel hinauf. Aus dem reizenden, in Grün und Weiß wechſelnden, 1 * 84 vom Waſſerſaum umrandeten Bilde, hebt ſich der Mittel⸗ punkt des Ganzen, die gleichſam über einander ſtehenden Kremlgebäude ſelbſt, welche in dem rieſigen Iwan Weli⸗ koi(Säule) mit ſeinem weithin funkelnden vergoldeten Kreuze ihre höchſte Spitze finden, wie ein Juwel über die Czarenhauptſtadt hervor. Zauberiſch ſchön fließen Roth, Gold, Silber, Weiß und Grün in dem prachtvollen An⸗ blick zuſammen, ein poetiſcher Hauch überſchwebt ihn, die wunderbaren Märchen des Orientes ſcheinen hier ihre Verkörperung gefunden zu haben. Wie leuchtende, feſtge⸗ bannte Meteore ſchweben die vielen goldenen und ſilber⸗ nen Kuppeln, deren jede Kirche wenigſtens fünf, die eine ſogar ſechszehn hat, in der Luft. Mit ihren ſchlank über ſie ſich erhebenden Thürmen gleichen ſie geſchloſſenen Blu⸗ menkelchen, aus denen zarte von funkelnden Kreuzen ge⸗ krönte Staubfäden emporragen. Von dieſen Kreuzen gleiten die Sonnenſtrahlen an vergoldeten Ketten zu den Kuppeln nieder, Alles iſt Glanz, Alles pittoresk, einer fremden Welt entlehnt, über der der Duft des Märchens ausgegoſſen, Auge und Herz entzückt. Als Bild eines reichen glanzdurchfloſſenen Lebens prangt der Kreml im Sonnenleuchten, geiſterhaft aber ſchaut er im Mondenſchimmer auf die vom Treiben des Tages ruhende Stadt. Er hat ſo viele Jahrhunderte des Wechſels von Glück und Unglück, ſo viele große Ereigniſſe an ſich vorüberziehen ſehen, wie die kleinen klaren Wellen 5 der ſeinen Fuß umgürtenden Woskwa... auf ihm ruht der Geiſt der Geſchichte des großen Czarenreiches, darum iſt er den Ruſſen ein eben ſo großes Heiligthum, wie er wunderbar ſchön iſt in ſeiner fremdartigen Herrlichkeit. Die Mittagsſtunde war bereits vorüber, als Ka⸗ nonendonner die Ankunft der Czarenbraut im Moskauer Weichbilde verkündete und mit dieſem in Aller Ohr ſchallen⸗ den Zeichen ſteigerte ſich auch die Lebhaftigkeit der ſchon ſtundenlang in den Straßen harrenden Volksmenge. Unter den am Anfang des Moskoworet Moſt ſtehenden bevorzugten Zuſchauern zeigte ſich gleichfalls eine ſtarke Bewegung. „Väterchen,“ flüſterte ein baumlanger junger Mann, in einem feintuchenen Kaftan gekleidet, einem Andern zu, deſſen Geſicht nichts von freudiger Neugier, im Gegen! theil finſtere Züge wies, die durch einen dichten ſchwarz⸗ braunen Bart, der die untere Hälfte ſeines Antlitzes faſt ganz einnahm und ihm bis über die Bruſt hinabreichte, noch mehr verdunkelt wurden... was denkſt Du? Du ſiehſt wie böſes Wetter aus.“ „Ich glaube es, Ephim... ich glaube es. Hm, es wäre ſehr gut, wenn man mehre Geſichter im Vorrathe hities und nach Belieben eins davon aufſtecken könnte. Es gibt Zeiten, wo man dergleichen ſehr nöthig bedarf.“ „Das mag ſein, Väterchen... ich widerſpreche Dir nicht, aber ich meine, Du haſt ſolche Mummerei an wenig⸗ 6 ſten nöthig. Bei meinem guten heiligen Namenspatron, dem heiligen Ephim, ich begreiſe Dich nicht, Väterchen. Wie? haſt Du nicht die beſte Ausſicht zum Vergnügen? ich möchte einen Vater ſehen, der wie Du Urſache hat, ſich glücklich zu fühlen! Haſt Du nicht eine Tochter, um die der vornehmſte Bojar Dich beneidet? Iſt Deine Praskowa nicht ein lebendiger Engel, dem nichts als Flügel fehlen? Und hat ſie nicht vor des Czaren, unſers gnädigſten Herrn, Augen Gnade geſunden, daß er ſie zum Dienſt bei ſeiner Gemahlin beſtimmt hat? o, ich denke, das ſei ſchon eine Ehre, ſelbſt für die Töchter der reichſten Kupzi(Kauf⸗ leute). Und um auf mich zu kommen, Väterchen Walu⸗ jew... he? haſt Du an mir etwas auszuſetzen? denkſt Du, ich ſei kein Schwiegerſohn, wie ein Vater ihn wün⸗ ſchen kann? Erſtens hat mich Praskowa lieb und ich ſie, und zweitens bin ich ein Shiwopiſſetz(Maler von Heili⸗ genbildern), der ſeine Heiligen reißend los wird. Ach, heiliger Ephim! hätte ich vier rechte Hände und wäre der Tag noch zweimal ſo lang, als er iſt, ich könnte ein un⸗ geheures Vermögen durch meine Heiligen verdienen. Und ... das muß ich Dir noch ſagen, Väterchen... einen Schwiegerſohn mit einem beſſeren Herzen wie mich fin⸗ deſt Du nicht ſogleich wieder.“ Ephim endete ſeine Worte mit dem Ausdrucke größ⸗ ter Selbſtbefriedigung, wie Jemand, der über ſein Thun im vollkommenſten Einverſtändniß mit ſich ſelber iſt und 9 9 7 es für unübertrefflich hält. Ephim war jung, vielleicht kaum zweiundzwanzig Jahre, in ſeinem blaſſen Geſichte lagerie der unverkennbarſte Ausdruck von Gemüthlichkeit, aber auch zugleich der eines bedeutend bei ihm vorwal⸗ tenden Phlegmas. Seine Züge waren nicht ſehr beweg⸗ lich und wer aus deren Ruhe auf ſeinen Charakter hätte ſchließen wollen, würde ihn unfähig zu großen, das Herz ganz beherrſchenden Empfindungen gehalten haben, was bis jetzt wenigſtens auch vollkommen ſich beſtätigte, da ſein ruhiges Leben als Shiwopiſſetz, der ſeine Heiligen nach der Schablone malt, ihn noch nicht über die Schran⸗ ken der Alltäglichkeit hinausgeführt hatte. Seine Liebe zu Praskowa, der Tochter des Kaufmanns Walujew, war ein ruhiges, ſtilles Glühen, welches bis jetzt durch nichts vermindert, aber auch durch nichts zu einer hellen Flamme angefacht worden war. Die Sicherheit des ihm im Verlaufe von zwei Jahren bevorſtehenden Beſitzes der jungen ſchönen Praskowa, die jetzt erſt das ſechszehnte Lebensjahr zurückgelegt hatte, ließ ſeine Neigung zu ihr ſo ruhig verbleiben und das Bewußtſein, daß das junge ſchöne Mädchen mit ganzer Seele an ihm hänge, geſtat⸗ tete auch keinem Gedanken an die Möglichkeit, daß je⸗ mals ein Tag kommen dürfte, wo dieſe kindliche Neigung Praskowas erſchüttert werden könne, in ſeiner Seele auf⸗ zutauchen. Zwiſchen ſeinem verſtorbenen und ihrem Va⸗ ter war vor langen Jahren ſchon das Abkommen getrof⸗ 8 fen worden, daß des Letzteren Tochter, damals ein Kind im zarteſten Alter, Ephims Gattin werden ſollte und dazu war jetzt auch alle Ausſicht vorhanden. Ephim lebte mithin über ſeine Zukunft in einer ſorgenloſen Ruhe, die über ſein Denken und Thun einen glücklichen Gleichmuth breitete und jede Aufregung fern von ihm hielt. Walujews dunkle Augen hafteten mit ſeltſamem Ausdruck auf dem Antlitze ſeines künftigen Eidams und er ſagte zornig und leiſe zu ihm:„Du biſt entweder ein vollkommener Narr oder ein Klotz, der kein Empfinden für einen Fußtritt hat.“ „Ich denke weder das Eine noch das Andere zu ſein, Väterchen,“ antwortete der Jüngling.„Aber ich möchte doch wiſſen, wie Du auf den Gedanken kommſt, einen ſolchen Vergleich hinſichtlich meiner aufzuſtellen... es iſt auffallend.“ „Doch endlich einmal erſcheint Dir etwas auffal⸗ lend,“ ſagte der Kaufmann.„Nun, das iſt zum Ver⸗ wundern; aber es iſt gut.“ Ephims Hand ergreifend, ſah er ihn mit einem langen Blicke an und fragte dann leiſe und geheimnißvoll:„Haſt Du je gehört, daß das Volk von Moskau eine Lateinerin als ſeine künſtige Cza⸗ rin bei ſich einziehen ſah?“ „Hm, es iſt wahr, Väterchen,“ meinte Ephim... „es ſteht nichts davon in unſern alten Büchern, die ich mit Eifer durchgeleſen habe, aber was thut das? wird 9 die neue Czarin ſich nicht taufen laſſen? dann gehört ſie unſerer heiligen rechtgläubigen Kirche an und...“ „Dummkopf!“ fiel ihm Walujew in's Wort. „Meinſt Du wirklich, daß es den Lateinern ein ſo ſchwe⸗ res Stück Arbeit ſei, auch mit dem Heiligſten, was der Menſch hat, mit ſeinem Glauben, ein poſſenhaftes Spiel zu treiben? Ich ſage Nein, und Tauſende ſagen das mit mir, Tauſende, welche offene Augen für die Gefahren haben, die unſerm heiligen Rußland drohen. O, der Plan iſt prächtig eingefädelt. Der Czar ſelbſt iſt ein verkappter Lateiner, der nur zum Schein unſerer recht⸗ gläubigen Kirche angehört, weil er ohne abſcheuliche Täu⸗ ſchung nie hätte den Thron beſteigen können und nun gar dieſe Polin noch an ſeiner Seite, die erſt bekehrt werden ſoll! Ha! man ſpielt mit uns und unſerer heiligen Kirche eine himmelſchreiende Poſſe. Gottes Fluch treffe dieſe Heuchler, die nur darauf hinarbeiten, unſer heiliges Ruß⸗ land in des römiſchen Papſtes Hände zu bringen!“ Des Sprechenden Geſicht dunkelte im Zorne, er kniff die Lippen feſt auf einander und das jeweilige Zucken in ſeinen ohnehin ernſten und düſteren Zügen, deutete die große aber unterdrückte Bewegung ſeines Innern an. Ephim hatte ihn noch nie in ſolch einer Aufregung von Zorn geſehen, noch dergleichen Rede führen hören. Das verſchloſſene Gemüth Walujews gab ſich ſelten einem Aus⸗ druck der Art hin, welcher einem Andern einen Einblick in 10 ſein Denken oder in ſeine Gefühlswelt geſtattet hätte. Sein ſchweigendes Weſen hatte für Ephim nichts Auffal⸗ lendes, er war es durch lange Jahre an ihm gewöhnt und vermeinte in demſelben nur jenen ſtets mit Spekulationen beſchäftigten Kauſmannsgeiſt zu erblicken, den Alles, was dieſem Bereiche fern liegt oder wenigſtens nicht in unmit⸗ telbarer Verbindung mit ihm ſteht, kalt und theilnahmlos läßt. Für das einfache, ſtille und zugleich ſanfte Gemüth Ephims war die Ueberzeugung hinlänglich maßgebend, daß Walujew bei allem ſeinen Ernſte und dem ihm eigen⸗ thümlichen düſteren Weſen der zärtlichſte Vater ſei und an ſeiner Tochter mit einer Weichheit des Herzens hing, die nicht ſelten etwas Rührendes, eine faſt kindliche Innigkeit an ſich trug. Daher hörte er ihn jetzt mit dem größten Erſtaunen von einer Angelegenheit ſprechen, über die der⸗ ſelbe noch gar kein Wort zu ihm geäußert hatte. Ephim wußte freilich nichts davon, daß dieſe Angelegenheit unter dem Schleier des Geheimniſſes den hohen Klerus, die mei⸗ 7 ſten Großbojaren und einen bedeutenden Theil der Mos⸗ kauer Bürgerſchaft beſchäftigte. Gewiß würde Ephim ſeinem Erſtaunen, Walujew im Zuſtande ſolcher Aufregung zu ſehen, Worte gegeben haben, aber er wurde daran verhindert, da der am Hofe des Czaren die Stelle eines Oberkammerherrn bekleidende und zu den Großbojaren und Würdenträgern gehörende Edelmann Tatiſchew, den Bilderhändler Walujew unter — 11 der bevorzugten Zahl der Schauluſtigen aus bürgerlichem Stande bemerkt hatte und demſelben zurief:„He, Walu⸗ jew, komm hierher, Du wirſt hier den wonnigen Anblick — unſerer neuen Herrin beſſer haben, als dort, wo Du ſtehſt. Laßt ihn durch, Leute, laßt ihn durch!“ „Zu viel Gnade, Herr,“ entgegnete der Kaufmann demüthig, dem ihm gewordenen Winke folgend wodurch er in die vorderſte Reihe der Zuſchauerzahl zu ſtehen kam. „Ei, das iſt keine Gnade,“ antwortete Tatiſchew... „Heute muß ſich jedes gute ruſſiſche Herz freuen, denn das Reich bekommt in der ſchönen Marina Misznek eine Mutter, wie es eine ſolche noch nicht gehabt hat. Und haſt Du nicht einen begründeten Anſpruch an dieſe große allgemeine Freude, Walujew? Biſt Du nicht einer der braoſten Kauflente unſrer heiligen Hauptſtadt? Und hat Czar Demetrius, unſer allergnädigſter Herr, dem Gott eine lange glänzende Regierung geben und alle Feinde Ruß⸗ lands zerſchmettern wolle, nicht in gerechter Würdigung Deiner Verdienſte Deine Tochter unter die Zahl der Die⸗ nerinnen der neuen Herrin, ſeiner Braut, aufgenommen? Wahrhaftig, Niemand kann ein beſſeres Recht darauf ha⸗ ben, die ſtrahlende Sonne, die heute in den Kreml einzieht, zu ſchauen, als Du!“ Die Ankunft des Patriarchen, Ignatius von Niäſan, gefolgt vom hohen Klerus der ruſſiſch⸗griechiſchen Kirche, veränderte die Scene an der Brücke in ſo weit, als ſich die 12 Zuſchauer enger an einander drängten, um die von den Großwürdenträgern des Reiches ehrerbietigſt begrüßten Kirchenfürſten genauer zu ſehen, welche in ihren von Gold⸗ und Silberſtickereien blitzenden Feſtgewändern erſchienen, der einziehenden Czarenbraut dem uralten Herkommen ge⸗ mäß den Segen zu ertheilen. Dergleichen Aufzüge des hohen Klerus der morgenländiſchen Kirche bietet ſtets eine reiche, herrliche Augenweide. Kirchliche Pracht ver⸗ einigt ſich mit jener Ehrwürdigkeit, die ihren Ausdruck in den meiſt greifen, langbärtigen Geſtalten dieſer Prieſter indet. t Ephim war durch den an Walujew ergangenen be⸗ günſtigenden Vorruf von demſelben getrennt worden, in⸗ deß ſeine baumlange Figur vergönnte ihm ohne jegliche Beſchwerde über die Köpfe der vor ihm Stehenden hin⸗ wegzuſehen und er dachte gar nicht daran, ſeinen Stand⸗ punkt zu verändern, denn ſein Denken war jetzt auf Ande⸗ res gerichtet. Walujews Bemerkungen hatten inſofern einen Eindruck auf ihn gemacht, als dadurch ſein tief re⸗ ligiöſes Gefühl angeregt worden war. Es ſtimmte ſo ganz mit der Einfachheit ſeines Gemüthes, mit ſeinem un⸗ entweihten Glauben an die bevorrechtigte Heiligkeit ſeiner Kirche, jede an dieſer begangene Täuſchung als ein ſchwe⸗ res Verbrechen zu betrachten. War er doch in ſeinem ſtil⸗ len Weſen ſo glücklich bei dem Bewußtſein, dieſer Kirche anzugehören, deren Heiligen ihn, den Maler, ernähr⸗ 13 ten! Er konnte ſich daher auch keine Vorſtellung davon machen, daß Diejenigen, welche ſich anderen religiöſen An⸗ ſchauungen hingaben, ein Glück in denſelben fänden, aber er war trotzdem kein Haßſüchtiger, der ſie deßhalb verab⸗ ſcheuete, im Gegentheil, er bemitleidete ſie um ihrer Ver⸗ blendung willen. Nach den, wenigſtens damals, üblichen Anſichten der Ruſſen war keine Kirche heilig, als nur die ihre, morgenländiſche. Unter der Bezeichnung Lateiner verſtanden ſie die Bekenner der römiſch⸗katholiſchen Reli⸗ gion und in ihren Augen waren Lateiner und Heiden gleich. Die tiefe Abneigung gegen die Rußland ſtets feind⸗ lich gegenüber ſtehenden Polen hatte den Letzteren von Sei⸗ ten der Ruſſen vorzugsweiſe die Bezeichnung Lateiner erworben, wodurch ſie nicht nur den bei ihnen zu Fleiſch und Blut gewordenen alten Nationalhaß gegen das ihnen jederzeit mit Uebermuth und Verachtung begegnende und ſie mit blutigen verheerenden Einfällen überziehende Polenvolk, ſondern auch ihren Abſcheu gegen die römiſch⸗katholiſche, daſelbſt alleinherrſchende Religion ausdrückten. In Be⸗ zug auf die Polen galt demnach die Bezeichnung Lateiner als ein Schimpfwort. Für alle orthodoxen Ruſſen war es daher eine Beleidigung ihrer Religion wie ihres National⸗ bewußtſeins, eine der römiſch⸗katholiſchen Kirche ange⸗ hörende Czarenbraut und Polin von Geburt einziehen zu wiſſen in die Mauern des Kremls; dieſe Wahl ſtempelte in 14 ihren Augen den Czar zum Feinde der in Rußland herr⸗ ſchenden Kirche und verdächtigte all' ſein Thun. Reitende Boten verkündeten die nahe bevorſtehende Herankunft Marina Miszneks, welcher der Magiſtrat der alten Czarenreſidenz an der Grenze des Stadtweichbildes, der Sitte zufolge, auf goldnen Tellern Brod und Salz über reicht hatte. Tiefe Stille herrſchte von nun an unter der an den beiden Enden der Moskoworet Moſt dichtgedrängten Zuſchauermenge, die Großbojaren begaben ſich an den Eingang zur Brücke, während der Patriarch mit den Wür⸗ denträgern der Kirche vor dem zum Empfange der hohen Braut aufgeſchlagenen Zelte verweilte. Einzelne Kano⸗ nenſchüſſe dröhnten von dem Moment an, wo Marina Misznek die Stadtgrenze erreicht hatte, in kleinen Pauſen fort. Bald drangen auch immer deutlicher zum Ohr der Harrenden kriegeriſche Trompetenfanfaren mit Paukenwir⸗ bel vermiſcht. Endlich nahte der Zug ſelbſt. Eine Schaar ruſſiſcher Reiter auf kleinen unanſehn⸗ lichen, aber an Ausdauer und Schnelligkeit unübertreff⸗ lichen Roſſen zog voran, um Platz zu machen. Dieſer Reiterſchaar folgte der von acht koſtbar geſchirrten mit nach perſiſcher Sitte rothgefärbten Schweifen und Mäh⸗ nen aufgeputzten Apfelſchimmeln gezogene Staatswagen, in welchem die Czarenbraut allein ſaß. Den von Gold ſtrahlenden Wagen umringten die Krieger der deutſchen Leibwache aus drei Kompagnien beſtehend. Dieſe tapferen † —— ———ʒ˖—— 15 Deutſchen, in Sammet und Atlas gekleidet, mit wehenden Federhüten und vergoldeten Hellebarden waren für die Moskauer ein Gegenſtand bitteren Grolls, weil Czar De⸗ metrius ihnen, den fremden Legionären, beſonderes Ver⸗ trauen erwies. Den widerwärtigſten Eindruck jedoch mach⸗ ten die polniſchen Huſaren, welche mit eingelegten Lanzen, als gälte es allaugenblicklich zu einem Kampfe auf Tod oder Leben bereit zu ſein, den Zug hinter dem Wagen der Czarenbraut, ihrer Landsmännin, ſchloßen. Es war un⸗ möglich, den Moskauern oder überhaupt den Ruſſen einen unangenehmeren Anblick, eine verletzendere Erinnerung vor's Auge zu führen, als es durch dieſe bis an die Zähne gewaffnete Eskorte geſchah, denn nur wenige Zuſammen⸗ ſtöße zwiſchen Ruſſen und Polen hatten es im Verlaufe der Zeit gegeben, wo nicht das furchtbare Korps der To⸗ warzysz oder der polniſchen Flügelhuſaren den Sieg er⸗ rngen hätte. Es war ein Korps von polniſchen Edelleuten, welche auf hohen Pferden ſaßen und mit einer vollſtändigen Rü⸗ ſtung bedeckt, ſo wie mit ungeheuer langen Lanzen be⸗ waffnet waren, die ſie mit bewunderungswürdiger Ge⸗ ſchicklichkeit führten.*) Einem Jeden von ihnen folgte —————.— 7 8 *) Als König Sobieski zur Rettung Wiens von den dasſelbe belagernden Türken mit ſeinen Polen herbei eilte, befand ſich auch ein ſolches Korps Flügelhuſaren in ſeinem Heere. ————— 16 eine gewiſſe Anzahl von faſt eben ſo gut wie ihre Herren bewaffneten Dienern, die man Pocholiki nannte. In dem Augenblicke, wo der Kampf begann, bildeten die Huſaren die erſte zum Einbrechen in den Feind beſtimmte Linie. Ihre merkwürdig aus den Moden des Abendlan⸗- des und Morgenlandes gemiſchte Ausrüſtung war für die feindlichen Krieger, auf welche ſie losſtürmten, jedesmal ein Schreck und ſprengten ſie gegen Reiterei an, ſo konn⸗ ten ſie faſt im Voraus darauf rechnen, daß die Roſſe ihrer Feinde von ihrem Anblick ſchon in die wildeſte Ver⸗ wirrung verſetzt, ihnen den Sieg erleichterten. Auf ihren Schultern flatterten Mäntel aus Fellen wilder Thiere, ihre Schabracken glänzten von Gold und Silber, oft ſogar von Perlen und Edelſteinen. Auf dem Rücken ihrer Har⸗ niſche trugen dieſe Huſaren große Adler⸗ oder Geierflü⸗ gel, welche weit über ihre Köpfe hinausgingen. Andere Flügel waren an ihren Helmen befeſtigt, zuweilen hatten ſie deren auch noch auf dem Sattel und es bedurfte einer nicht geringen Geſchicklichkeit, um ein ſo aufgeſchirrtes Pferd zu beſteigen. Dies Elitenkorps, das dem Czar Demetrius vor 11 17 Unterſtützung auf den Thron gelangt und ſolchergeſtalt Rußland in eine von ſeinem alten Erbfeinde gewiſſer⸗ maßen abhängige Lage gerathen ſei. Eine polniſche Na⸗ tionalmelodie ſchmetternd und von dem Wirbel der Pau⸗ ken begleitet zog ein Trompeterchor dem ungeheuerlich ausgerüſteten Huſarentrupp von mehreren hundert Mann durch die Straßen voran und ihnen an ſchloß ſich eine lange Reihe von Wagen mit vornehmen polniſchen Her⸗ ren, unter denen der Vater der Braut, der Palatin von Sandomir, in einem prachtvollen Sechsſpänner vorauffuhr. „Iſt es nicht gerade, als ob dieſe Heiden ihren Ein⸗ zug in eine eroberte Stadt hielten?“ flüſterte ſich das mit Widerwillen und Groll erfüllte Volk zu, während Viele meinten, es müſſe in Polen Brauch ſein, mit Ei⸗ ſen gepanzert zur Hochzeit zu gehen. Der ſich Aller be⸗ mächtigende Unwille war die Urſache, daß der Eindruck, den die Czarenbraut machte, ein vorübergehender, ſchnell verflüchtigender wurde. Maria Misznek beſaß eine hohe majeſtätiſche Ge⸗ ſtalt und war, unterſtützt durch Glanz und Friſche der Jugend, eine der ſchönſten Jungfrauen Polens. Sie war in ein weißſeidenes Gewand, über dem ein vorn offe⸗ ner lichtblauſammtener, reich mit Silber geſtickter Ueber⸗ wurf mit weiten Hängärmeln herabfiel, deſſen Schnitt an die ſogenannten Kaczawaikas ihres Vaterlandes er⸗ innerte, gekleidet. Ihr Haupt bedeckte ein weißer Sam⸗ 1861. 21. Eine lat. Czarin. I. 2 18 methut, von deſſen Krempe eine gleichartige Feder gleich zartem duftigen Flaum über ihr wie polirtes Ebenholz glän⸗ zendes Lockenhaar auf den ſchlanken Nacken herabwallte, und bei jeder Bewegung ihres von dem rollenden Wagen erſchütterten Körpers luſtig auf und niederhüpfte. Ihr Geſicht, ein ſchönes Oval, trug einen kaum merkbaren Anflug von Braun, aber eben dieſer Teint war es, der ihren etwas ſcharf ausgeprägten Zügen gleichſam einen Gehalt gab. Indem ſie dadurch das Liebliche kindlicher Züge verloren, gewannen ſie einen Ausdruck von Feſtigkeit und Energie, mit dem ihr einen großen Theil Stolz ver⸗ rathender Blick vortrefflich harmonirte. Unter langen Wimpern glänzte ein dunkles Augenpaar hervor, das zu⸗ weilen vornehm auf die ſie in Unterthänigkeit anſtarrende Menge herabſah. Das Volk hatte ſich bisher ſchweigend verhalten, kein Jubelruf war erſchollen und dieſe ſtumme Begrüßung endete erſt, als ſie am Eingange der Brücke hielt und von den Großbojaren aus dem Wagen gehoben und nach dem Zelte geleitet wurde. Es war leicht herauszufühlen, daß die hier erſchallenden Jubelrufe beſohlen waren, denn ſie kon⸗ traſtirten ſchneidend gegen das vorige Schweigen. Viel⸗ leicht hatte der Czar nicht geglaubt, daß das gutmüthige Volk auf dieſe Weiſe ſeine alte Abneigung gegen Alles, was von Polen kam oder in irgend einer näheren Beziehung zu dieſem Lande des alten Erbfeindes ſtand, an den Tag zu ——õ—õ——————— 19 legen ſich erdreiſten werde. Laute Zeichen des Unwillens hätte man beſtrafen können, aber dieſem ſtummen Verhal⸗ ten gegenüber konnte man nichts thun. „Herr Kanzler,“ bemerkte Marina Misznek mit iro⸗ niſchem Lächeln gegen den Bojaren Wlaſſiew, den ſie von ſeinem Geſandtſchaftspoſten am königlichen polniſchen Hofe her kannte...„ich empfinde unausſprechliches Ver⸗ gnügen, ſo weit glücklich in's Innere Moskaus vorgedrun⸗ gen zu ſein, um mich nun über die Befürchtung, es wohne hier ein ſtummes Volk, beruhigen zu können.“ „Rechnen Ihre hohen Gnaden das Schweigen der Moskauer der unterthänigen Ehrerbietung zu, welche ſie ihrer künftigen Herrin gegenüber empfinden,“ entſchuldigte Wlaſſiew. „Es iſt ſehr ſchön, was Du da ſagſt, Wlaſſiew,“ enkgegnete die Czarenbraut...„das Schweigen iſt eine ſo große Tugend, daß wir ſie in manchen Fällen ſogar nöthiger als das Reden bedürfen. O, ich glaube, mich bald in die Tugenden der Moskowiter hinein zu finden.“ Wlaſſiew, den Stachel in dieſer Entgegnung fühlend, zog ſich durch mehrmalige tiefe Verneigungen aus der Verlegenheit, etwas zu erwidern. Als Marina auf dem goldenen Lehnſeſſel unter dem offenen Zelte Platz genom⸗ men, begann der Fürſt Baſil Schuiski die feierliche Be⸗ grüßungsrede und die, wie er ſagte, aus warmem Herzen kommenden Glückwünſche, welche er ihr im Namen der 2*½ 20 ganzen ruſſiſchen Nation darbringe. Der junge Fürſt Di⸗ mitry Trubetzkoi trat dann hervor und fügte der Anſprache Baſils noch bei, daß die Bojaren wie die Nation um die Gnade ihrer Herrin bäten, ihr Ehrerbietung und Treue bis in den Tod verſichernd. Marina erhob ſich aus dem Seſſel und entgegnete einige Worte des Dankes für die ihr als Willkommen geäußerten Geſinnungen. Der junge Fürſt Trubetzkoi brachte ein begeiſtertes Hoch aus, in das ſämmt⸗ liche Großbojaren einſtimmten. Dann nahte ſich der Pa⸗ triarch mit ſeinem Klerus und der Segen wurde über Marina geſprochen, die geſchwungenen Weihrauchfäſſer der die⸗ nenden Geiſtlichkeit umhullten die feierliche Scene mit aromatiſch duftenden Rauchwolken. Nachdem auch dieſe Ceremonie geendet war, rief der ehrwürdige Patriarch mit lauter Stimme, daß Alle ihn hören konnten: „So ziehe nun ein, Du Geſegnete, in die Mauern des Kremls, dem Sitze unſerer glorreichen Czaren und werde eine liebende Mutter und hohe Zierde für das heilige Ruß⸗ land und ſein gutes Volk.“ Dem Brauche gemäß hoben die Bojaren die Cza⸗ renbraut auf ihre Arme und trugen ſie nach einer unter⸗ deß vorgefahrenen mit zwölf herrlichen Tigerſchecken be⸗ ſpannten Karoſſe, die mit rothem Atlas ausgeſchlagen und mit perlengeſtickten Kiſſen verſehen war. Auf ein von der Brücke mit einer weißen Fahne gegebenes Zeichen be⸗ gannen nun alle Glocken zu läuten und deren waren drei⸗ 21 tauſend in der moskowitiſchen Hauptſtadt, die Geſchutze vervielfachten ihre Donner, Muſik erſchallte und das Ju⸗ belgeſchrei des auf dem freien Platze vor dem Kreml ſich drängenden Volkes ſchien kein Ende nehmen zu wollen, da die Bojaren den Wagen der Czarenbraut zu Pferde um⸗ gebend, durch Zeichen die brüllende Menge zum lauteſten Enthuſiasmus aufregten; aber ſobald die langſam einher⸗ rollende Karoſſe vorüber war, erſtarb auch der Jubel wie ausgelöſcht, der Anblick der wie zum Kampf gerüſteten Flügelhuſaren wirkte bei dem Volke niederſchlagend. So rollte mit jedem Umſchwung der Räder des köſtlichen Brautwagens der Jubel gleich einem brauſend daher fah⸗ renden Sturme weiter, erſtarb jedoch hinter demſelben ohne allen Nachhall. Am Thore des Spaſſitel(des Erlöſers), der porta sacra Moskaus, in das hiſtoriſche Leben der Czaren⸗ hauptſtadt wie ein leuchtender Punkt in einem düſteren Bilde durch große dem Volke heilige Erinnerungen un⸗ vergänglich eingewebt, hielt der Zug einige Sekunden lang ſtill. Alle entblößten die Häupter und ſchlugen das Kreuz, andächtig hinaufſchauend nach dem an dem Thurme über dem Thore eingemauerten und mit einer Glastafel gegen die Verwitterung verwahrten Bilde des Spaſſitel. Weder Marina noch ihre polniſche Begleitung bezeigten dem heiligen Bilde eine Aufmerkſamkeit, was mit tiefem aber ſchweigendem Unwillen bemerkt wurde. Unter anderen 22 Umſtänden würde der Letztere ſich nicht undeutlich kundge⸗ geben haben, aber die bis an die Zähne bewaffnete Be⸗ gleitung der Czarenbraut hätte in einer derartigen Aeuße⸗ rung ſicher einen Anlaß gefunden, ſich in Exzeſſen zu er⸗ gehen, zu denen die Polen in ihrem Uebermuthe jederzeit ſo leicht geneigt waren. Der Zug, welcher nur einen wenige Sekunden lang in Anſpruch nehmenden Halt erfahren hatte, bewegte ſich dann weiter fort nach dem Kloſter des heiligen Cyrillus, an deſſen äußerer Pforte die Strelitzer Leibwache aufge⸗ ſtellt war. Hier hielt der Brautwagen ſtill und die Bo⸗ jaren hoben Marina ehrerbietigſt aus demſelben, ſie in das Innere der Pforte geleitend, wo die ſogenannte ſchwarze Geiſtlichkeit ſie erwartete und nach geſchehener Einſeg⸗ nung nach dem Kloſterthore führte, in deſſen Halle die Igumena(Aebtiſſin), umgeben von ihren Nonnen, ſie mit dem Geſang einer Hymne empfing. Es war allzuſichtbar, daß Marina Misznek ſich we⸗ nig erbaut von all dem Zeremoniell ſühlte. Ihr Auge blickte unruhig auf die ſingenden Kloſterſchweſtern und wendete ſich erſtaunt nach ihrer Umgebung, die eben nur noch aus dem Klerus der ſchwarzen Geiſtlichkeit beſtand. Keiner der in reichen goldbrokatenen Gewändern pran⸗ genden Bojaren war mehr zugegen, ſelbſt ihre Diener und Dienerinen vermißte ſie. Die erſteren hatten ſie dem Kloſter übergeben, in welchem ſie den zum Uebertritt zur -+1₰ 23 morgenländiſchen Kirche nöthigen Unterricht empfangen ſollte, und es würde gegen die Heiligkeit dieſes Ortes arg verſtoßen haben, wenn ſie die Czarenbraut bis in die Halle des Kloſters geleitet hätten. Marina fühlte ſich erſchreckt durch das plötzliche Verſchwinden des ſie bis jetzt umgebenden Glanzes, die dunklen Geſtalten der ſchwarzen Geiſtlichen mit ihren hohen Mützen glichen unheimlichen Weſen und die gleichfalls in Schwarz gekleideten Nonnen bewirkten im Verein mit der düſteren Halle keinen freund⸗ lichen Eindruck für ihr Auge. Ein Schauer rieſelte wie Furcht durch ihren Körper, den ſie jedoch beherrſchte und ſehnſüchtig das Ende des Geſanges erwartete. Als derſelbe verklungen war, ſchritt die Igumena, eine alte ehrwürdige Dame, auf ſie zu und das Zeichen des Kreuzes über ſie ſchlagend, hob ſie an:„Sei geſegnet bei Deinem Eintritt in unſeres Kloſters Stille, wo Du die Lehren der allein rechtgläubigen Kirche empfangen ſollſt, um dem Volke des heiligen Rußlands ein Beiſpiel der Frömmigkeit zu werden, daß es auf Dich als eine Mutter voller Tugenden ſchaue. Sei geſegnet bei Deinem Eintritt, damit Du reichen Segen bei Deinem Austritte aus unſerer Gemeinſchaft mit hinwegnähmeſt auf den Thron als Gemahlin unſers von des Himmels Gnade uns geſchenkten Czaren und Herrn Dimitry und ſein und Dein Leben ein ewig fließender Freudenquell werde. Wie aus dem Nachtgrau der Tag hervorgeht, ſo wirſt Du ge⸗ 24 . lautert im demüthigen Glauben an die Heiligkeit unſerer Kirche und unterrichtet in deren Lehren und Grundſätzen hervorgehen, als eine fromme Bekennerin derſelben. Darum begrüßen wir Dich, Braut unſeres Herrn und Czaren, mit freudigem Herzen in unſern Mauern. Ge⸗ ſtatte, daß die frommen Kloſterſchweſtern vom heiligen Cyrill Dir die Hand küſſen zum Zeichen ihrer Ehrerbie⸗ tung. Sie bitten durch meinen Mund, daß Du dereinſt als Czarin gnadenvoll unſeres Kloſters gedeuken mögeſt.“ Die Igumena ſelbſt ging mit ihrem Beiſpiele vor⸗ an, indem ſie ſich tiefneigend, Marinas Hand küßte und zurücktretend dann den Nonnen winkte, ein Gleiches zu thun. Als auch dieſe Föormlichkeit vorüber war, trat die Igumena wieder näher und ſprach:„Unſerm Kloſter iſt unſers allergnädigſten Czaren und Herrn große Gunſt zugewendet, wofür wir ihm nicht genug Dank ſagen kön⸗ nen. Wie er in ſeiner Weisheit beſchloſſen hat, daß Du, ſein Liebſtes auf dieſer Erde, mit dem er ſeine Macht und den Glanz ſeiner Krone theilen will, für die kurze Dauer des Dir zu ertheilenden Unterrichts in unſerer heiligen rechtgläubigen Kirche Lehren und Gebräuche bei uns wei⸗ len ſollſt, ſo hat er auch ſeine gnädigſte erlauchte Mut⸗ ter uns anvertraut als ein Kleinod, das er mit dem Herzen eines frommen Sohnes liebt. Sie freut ſich Dei⸗ nes Anblicke. Auf einem Wink der Igumena öffnete eine Nonne — ——— 25 die im Hintergrunde der Halle befindliche Thüre und Marfa, die Mutter des Czaren Demetrius, von eini⸗ gen, wie ſie in die düſtre Kloſtertracht gekleideten älte⸗ ren Frauen umgeben, ſchritt mit ſtolzem Schritte auf Marina Misznek zu. Marfa, ehemals, als ſie den Cza⸗ renthron mit Iwan Waſſiiliewitſch theilte, den weltlichen Namen Maria Fedorowna führend, war eine Dame von mittlerer Größe und einem ſtark gebräunten Antlitz, wie man dergleichen dunkle Hautfärbung oft bei den Bewoh⸗ nern des höchſten Nordens findet. Obwohl ſie jetzt be⸗ reits im Laufe der vierziger Lebensjahre ſtand, ſo hatte doch die Zeit ihrem Geſicht nicht die Schönheit abgeſtreift, welche vor 25 Jahren ihren Gemahl, den ſchrecklichen Iwan, bezauberte. In Anſehung des braunen Teints konnte man ihr Antlitz ein granitnes nennen, da über deſſen edle regelmäßige Züge ein tiefer Ernſt, eine kalte Ruhe aus⸗ gegoſſen war. Die Frau hatte viel Leid erfahren, und was erkältet mehr denn Leid das feurig in den Adern rol⸗ lende Blut, was legt härtere Feſſeln dem Ausdruck eines lebhaft fühlenden Herzens an, als ſchlimme Erfahrungen und tiefe Kränkung? aber das Auge verrieth zuweilen, wie in der Seele dieſes von ſeiner einſtigen Höhe geſtürz⸗ ten, in's Exil verſtoßenen und durch einen unerwarteten Umſchwung des Geſchickes wieder erhobenen Weibes noch ein Feuer glühte, das nur in dem mit energiſcher Kraft beherrſchten Aeußeren eine undurchdringliche Schranke fand. 26 Auf die Czarenbraut zuſchreitend, blickte ſie dieſe feſt und unverwandt an und legte vor ihr ſtehen bleibend, beide Hände auf die Schultern der ſich vor ihr Neigenden mit den Worten:„Marina Misznek, ich grüße Dich, ich, die Mutter Deines kaiſerlichen Gemahls, des Cza⸗ ren, unſerer Aller Herrn. Du gefällſt mir wohl und ich hoffe, Freude durch Dich zu erfahren.“ „Wenigſtens wird es ſtets mein Beſtreben ſein, Deine Liebe, gnädigſte, erhabene Herrin, zu erringen,“ antwor⸗ tete die Polin. „Nenne mich Mutter,“ ſagte die Czarin Marfa... „ich liebe die Schranken des Zeremoniells nur für das Aeußere, was mein Selbſt betrifft, ſo haſſe ich jede Förm⸗ lichkeit... und Du gefällſt mir wohl.“ Marina war von dieſem ihr erwieſenen Vertrauen überraſcht, aber nicht unangenehm. Sie fühlte die Nähe eines mit dem ihren gleichſtimmenden Charakters in Marfa und mit einer aus dieſer Ueberzeugung hervorgehenden Innigkeit beugte ſie ſich nieder und küßte die Hand der Czarin Mutter, welche dieſe Huldigung mit jener Ruhe hin⸗ nahm, die vom Selbſtbewußtſein des eigenen Werthes zeugt. 3„Meine Tochter!“ ſprach Marfa, ſie auf die Stirn küſſend...„Dieſer Tag hat mir eine ſchöne Sonne ge⸗ bracht, Dich. Ich werde mich in Dir verjüngen.“ Und zu dem Klerus ſich wendend, welcher ſtummer Zeuge dieſer 27 Scene war, ſagte ſie:„Ihr habt Euer frommes Geſchäft hier beendet, die Braut Eures Herrn und Czaren in meine Arme und unter den Schutz dieſer frommen Frauen geführt. Entlaßt ſie nun mit Eurem Segen in die ihr be⸗ bereiteten Gemächer.“ Abermals erhob die Schweſterge⸗ meinſchaft vom heiligen Cyrill die Stimmen zu einer Re⸗ ſponſade auf den von einem der ehrwürdigen Väter des ſchwarzen Klerus geſprochenen Segen. Während die Thorflügel der Halle ſich hinter der ſich entfernenden Geiſtlichkeit ſchloßen, ſchritt Marina Misznek von der Czarin Mutter geführt und von der Igu⸗ mena nebſt deren Nonnen gefolgt, durch einige lange, ziem⸗ lich düſtere Gänge nach einem Hofe, in deſſen Hintergrund ein umfangreiches Gebäude ſtand, das, obwohl einen Theil des Kloſters ausmachend und mit demſelben zuſammen⸗ hängend, doch keine Wohnung für die frommen Schwe⸗ ſtern enthielt. In dieſem nur beſonderen Zwecken dienen⸗ den Gebäude befanden ſich die für Marina neu und mit Aufwand aller nur denkbaren Pracht eingerichteten Ge⸗ mächer. Die Nonnen und ihre Vorſteherin blieben am Eingange in dies erwähnte Gebäude zurück, es war nur das Ehrengeleite, welches ſie der Czarenbraut bis hierher gegeben hatten. „Wo ſind meine Dienerinnen?“ fragte Marina die ſich von ihr verabſchiedende Igumeng. Der Czar, unſer gnädigſter Herr, hat für ſie die 28 nöthigen Quartiere außerhalb unſers Kloſters herrichten laſſen, da es der Heiligkeit unſeres Hauſes zuwider ſein würde, Leuten, die der lateiniſchen Kirche zugethan bleiben werden, bei uns Aufnahme zu gewähren,“ war die Ant⸗ wort. „Wie? man hat michm einer Dienerinen beraubt um ſolcher Lächerlichkeit willen?“ rief Marina zornig.„Welche V Barbarei! Es iſt unmöglich, daß der Czar mir dieſe Be⸗ V ————ę—ę—ę—ę— leidigung zugefügt haben kann. Man will mich nur de⸗ müthigen, weil ich eine Lateinerin bin... der Czar ſelbſt weiß von dieſer Maßregel nichts.“ Die Igumena war von der Heftigkeit dieſer Aeuße⸗ rung ſo ſehr erſchrocken, daß ſie kein Wort der Entgegnung fand. „Ich betrete dieſes Haus mit keinem Fuße, bevor man nicht meinen Dienerinen Wohnungen hier anweiſt!“ fuhr Marina fort.„O, ſoll das ein Zeichen moskowitiſche⸗ Galanterie ſein, mit dem man ſich meiner Gnade zu em⸗ pfehlen gedenkt? Meldet dem Czar meinen Entſchluß— Ihr wißt ihn nun.“ 6„Tretet zurück!“ befahl die Czarin Mutter der Klo⸗ ſter⸗Oberin und deren Nonnen, welcher Befehl ſogleich vollzogen wurde, indem ſich die fromme Schweſtern⸗Ge⸗ meinſchaft weit genug entfernte, um nicht Ohrenzeuge deſſen zu werden, was Marfa zu der Czarenbraut ſprach: „Meine Tochter, haſt Du nie erzählen hören, daß ſelbſt 29 das wildeſte Steppenroß ſich dem Zwange unterwerfen muß? Jede Kraft hat bhre Grenze und die Macht des Fürſten wrd von Verhältniſſen eingeengt, die er wegen ſeiner ſelbſt, durch ſein Beiſpiel ehren muß, weil ſie einen Theil des Fundamentes ſeines Thrones ausmachen. Wer die Höhe eines Berges erſteigen will, muß den Pfad wan⸗ deln, der zu ihr hinauf führt, jede Abweiichung davon kann ihn auf immer dem erſtrebten Ziele entrücken. Wer über Andere herrſchen will, muß über ſich ſelbſt herrſchen können, er darf nie der Sklave kleinlicher Widerwärtigkei⸗ ten ſein. F Frage Dich, ob Du nicht jetzt dieſer Schwäche Dir bewußt biſt?“ „Mutter, 1 entgegnete Marina ſich entſchuldigend... „ich halte die Entfernung meiner Dienerinen von mir für eine Beleidigung. Ich bin an ſie gewöhut von Kindheit auf, ſie ſind mir unentbehrlich.“ Ueber das braune Antlitz der Czarin Mutter lief ein leichtes Lächeln.„So ſchwach habe ich Dich freilich nicht geglaubt, ſo abhängig von einer kleinlichen Gewohnheit, die doch nichts gegen den Gedanken, die Herrin eines großen Reiches zu werden, aufwiegt. Erobert man bei Euch in Polen Kronen im Sprunge? nein, man kämpft darum, um ſie zu erſiegen. Der Czar von Rußland muß die Sitte ſeines Volkes achten, ihr Rechnung tragen. Die Sitte verlangt, daß Du während der Unterrichtszeit in den Lehren unſerer Religion fern jeder Berührung mit 30 Deinen früheren Glaubensgenoſſen bleibſt. Der Czar ahnt nicht, daß Du ſo kleinlich denkſt, den kurzen Zwang höher anzuſchlagen, als den Werth ſeiner Krone. O, meine Tochter, wüßteſt Du, was es heißt, das ſüße Be⸗ wußtſein empfinden, erhaben über alle Andern zu ſtehen, Aller Blicken eine verkörperte Gottheit zu ſein, vor der ſie ſich in den Staub beugen.. wüßteſt Du, was Alles gethan werden kann, um ein jahrelang ſtill in unſerm Herzen erſehntes Ziel zu erreichen, Du hätteſt kein Wort um die von Dir verlangte Beachtung einer Sitte verlo⸗ ren, die Dir widerwärtiger ſcheint, als ſie in Wahrheit iſt.“ Marfa war bei dieſer Rede in eine lebhafte Bewe⸗ gung gekommen, die Züge ihres gebräunten Antlitzes ſchienen zu beben. Sie legte die Hand auf das Herz, als wollte ſie die ſie für einen Moment beherrſchende Auf⸗ wallung ſchweigen machen. Marina war ergriffen von ihrem Anblick und zugleich beſchämt von dem Vorwurf der ihr gemachten Schwäche.„Ich habe kein Wort des Wi⸗ derſtandes mehr,“ ſagte ſie zu ihr. „Ich wußte das, meine Tochter,“ antwortete die Czarin Mutter.„In Deinem Auge las ich Deine Seele und ich habe mich nicht getäuſcht. Schaue ſtets nach der Hohe, nie nach der Tiefe, ſo wird Dir das Schwerſte leicht zu überwinden ſcheinen. Komm!“ Nachdem Sie der Igumena ein verabſchiedendes Zeichen gegeben, führte ſie Marina in das Haus. In deſſen Flur wurden ſie von den 31 vom Czar für ſeine hohe Braut ausgewählten Dienerinen erwartet. Sie waren ſämmtlich in das ruſſiſche National⸗ koſtüm gekleidet und trugen den Sorafan, das weite, vorn offene Oberkleid ohne Aermel und darunter das lang⸗ ärmelige weitfaltige Unterkleid von hellerer Farbe; eine Tracht, welche bei ſchlanken Geſtalten angenehm in's Auge fällt. Eine dieſer vier Dienerinen, ein blutjunges Mäd⸗ chen, zeichnete ſich durch eine geringe Abweichung in dieſer Kleidung von ihren Gefährtinen beſonders aus. Es trug einen ponceaurothen Sorafan und darüber noch eine grasgrüne mit weißen Kaninchenfellen gefütterte Du⸗ ſchagreika oder Seelenwärmer, weil nach ruſſiſchen Be⸗ griffen die Bruſt als der Sitz der Seele, beſonders warm gehalten werden muß. Unter dem vielfaltigen weißen Un⸗ terkleide ſchauten die Spitzen der mit rothen Kanten be⸗ ſetzten Schuhe hervor. Das blühende jugendfriſche Ge⸗ ſicht des Mädchens wurde von einem goldgelben mit ein⸗ gewirkten ponceaurothen Streifen verſehenen, um das glatt geſcheitelte Haar geſchlagenen ſeidenen Tuche wie von einem vergoldeten Rahmen eingefaßt. Unter dem im Nacken loſe aufliegenden Tuche ſiel das braune Haar in einer einzigen kunſtvollen Flechte über den Rücken herab, an der Spitze mit einer zierlich eingeflochtenen goldgelben Sei⸗ denſchleife endigend. Die drei anderen Dienerinen trugen den Kokoſchnik, jene eigenthümliche Haube von der Ge⸗ ſtalt eines Halbmondes mit nach hinten umgebogenen Zi⸗ Hand.“ 32 pfeln, an der ein über den Rücken oft bis zu den Knie⸗ gelenken herabfallender Schleier befeſtigt iſt. Die Hauben bieten vornehmen Frauen die vollkommenſte Gelegenheit, den Reichthum ihrer Juwelen zur Schau zu tragen, indem die Form dieſes nationalen Kopfputzes ſich trefflich als Diadem benutzen läßt. „Eure Herrin!“ ſagte Marfa...„küßt ihr die Knieend leiſteten die Dienerinen dieſem Befehle Folge. Als das junge Mädchen die friſchen rothen Lippen auf Marinas Hand drückte, fühlte dieſe ſie von einem heißen Thränentropfen benetzt. Ueberraſcht davon fragte ſie:„Was iſt das? Du weinſt? warum?“ „Ach, meine hohe gnädige Herrin, ich bin ſo gering vor Dir, daß mir angſt iſt, Deine Zufriedenheit zu er⸗ werben,“ war die leiſe zögernde Antwort des jungen Mäd⸗ chens.„Wie ſoll ich, die jetzt zum erſtenmale aus dem Paterhanſe kommt, wiſſen, was Dir angenehm und lieb iſt 44 „Ei nun, dann mußt Du eben auf meine Gnade rechnen,“ entgegnete Marina Misznek, angenehm von der kindlichen Weiſe dieſer jungen Dienerin angeſprochen. „Darf ich denn das?“ fragte die ihr zur Seite Knieende zagend. „Verſuche es... Dein Name?“ „Praskowa Walujew.“ 42——*$ ———— 3 Marina reichte ihr als Zeichen beſonderen Wohl⸗ wollens nochmals die Hand zum Kuſſe, dann befahl die Czarin Mutter:„Oeffnet die Gemächer Eurer Herrin!“ und voraus eilend riſſen die Dienerinen die Thüren der luxuriös ausgeſtatteten Räume auf, welche die Czaren⸗ braut, erſtaunt über die aus ſo vielen hier befindlichen koſtbaren Gegenſtänden zu ihrem Herzen ſprechende zarte Aufmerkſamkeit ihres Bräutigams für ſie, an der Seite Marfas durchſchritt. Was nur ein eitles ſtolzes Frauen⸗ herz wünſchen konnte, hatten zwei Welttheile geſpendet, die Kunſtprodukte Aſiens und Europas waren hier in reicher Auswahl vereinigt, keine Fürſtin der Erde hätte ſich dieſer Herrlichkeiten ſchämen dürfen, überall lachte der Ueberfluß ſchöner und reicher Geſchenke Marina an. Nur der Czar des heiligen Rußlands durfte ohne Verantwort⸗ lichkeit den reichgefüllten Staatsſchatz leeren, um ſeine Braut mit ſo großen Reichthümern und Koſtbarkeiten zu umgeben. Wortlos vor Staunen blieb Marina vor einem großen mit Geſchmeide aller Art bedeckten Tiſche ſtehen, ganz Rußland ſchien hier in ſtrah⸗ lende Juwelen ſich verwandelt zu haben.„Das iſt Alles für mich aufgehäuft?!“ rief Marina vom Zauber dieſes Anblicks befangen. „Für meine geliebte künftige Czarin!“ antwortete eine wohlklingende kräftige Männerſtimme. „Demetrius!“— Mit dieſem Namen warf ſich Ma⸗ 1861, 21. Eine lat. Czarin. 1. 3 rina an die Bruſt des Czaren, der unbemerkt durch eine Tapetenthüre in's Zimmer getreten war. Dem Geſetze zufolge durfte er ſeine Braut nicht eher von 2 3⁴4 2 † Ingeſicht zu Angeſicht ſehen, bis zur Stunde der Trauung und ſein Hierſein war daher ein Geheimniß und zugleich ein ſpre⸗ chender Beweis ſeiner Liebe zu der ſchönen Tochter des Palatins von Sendomir. Dem Leſer über die dem Einzug Marina Misznek's in Moskau vorhergehenden ſtark in's Bereich des Selt⸗ ſamen hinüberſtreifenden geſchichtlichen Ereigniſſe ein Bild zu geben und ſomit jeder möglichen Unverſtändlich⸗ keit oder irrthümlichen Anſchauung zu begegnen, diene Folgendes: Der im Jahre 1584 verſtorbene Czar und Großfürſt von Rußland, Iwan der Vierte, dem ſeine ausländiſchen Zeitgenoſſen den Beinamen„der Henker“ gegeben, den die Ruſſen heutzutage noch Iwan Grosnoi, d. i. Iwan der Schreckliche nennen, hinterließ zwei Söhne, Fedor und Demetrius, von welchen der Erſtere im Alter von zwei⸗ und zwanzig Jahren ihm in der Regierung folgte. Der Andere, Demetrius, 1581 geboren, war ein dreijähriger Knabe bei dem Tode ſeines Vaters und aus deſſen ſieben⸗ ter Ehe hervorgegangen, die derſelbe mit Hintenanſetzung der Gebote der griechiſchen Kirche, welche nach der vierten Verwitwung keine rechtmäßige Ehe mehr anerkennt, mit .. 3½ 36 Maria Fedorowna aus der Bojarenfamilie der Nagoi geſchloſſen hatte. Trotz dieſes Umſtandes wurde dem drei⸗ jährigen Knaben der Titel Czarewitſch oder Thronfolger nicht ſtreitig gemacht und man betrachtete ihn ſogar ſchon alspräſumtiven Thronerben, da die Schwächlichkeit Fedors fürchten ließ, daß derſelbe ohne Nachkommenſchaft ſter⸗ ben würde. Wie hatten die Ruſſen ſo vollkommene Gelegenheit, in den Perſonen ihrer Regenten die ſchreiendſten Gegen⸗ ſätze anzuſtaunen, als dies hinſichtlich des ſ chrecklichen Iwans und ſeines Nachfolgers Fedor der Fall war. Wäh⸗ rend Zwan ſich als ein wildes, grauſames Thier auszeich⸗ nete, dem zu nahen Gefahr brachte, erwies ſich ſein kränkli⸗ cher Sohn als ein Betbruder und gänzlich willenloſes Werk⸗ zeug ſeines Oberſtallmeiſters Boris Gudonow, welcher ſchon unter deſſen Vater am Czarenhofe ſich ein Uebergewicht zu verſchaffen gewußt hatte, ohne es jedoch durch Erniedri⸗ gungen zu erringen, wie dergleichen Hinwerfen alles Ehr⸗ gefühls in den vornehmen Bojarenfamilien damals und noch ſpäter gleichſam als ein tiefeingewurzeltes Erbübel zu betrachten war. Boris Gudonow, der Abkömmling eines tatariſchen Mirza, unterwarf als Regent des Regenten die Ruſſen einer neuen Prüfung, indem er der brutalen und lau⸗ niſchen Herrſchaft Iwans einen intelligenten aber quäle⸗ riſchen Despotismus folgen ließ, durch den er das Innere — G a u 9☛ 37 einer jeden Familie ebeuſogut beherrſchen wollte, als die Angelegenheiten des Staates. Er unterdrückte die einge⸗ wurzelte Zügelloſigkeit der Ruſſen mit unerbittlicher Strenge, belaſtete durch eine argwöhniſche unabläſſige Aufſicht jede Familie, und hielt mittelſt einer dem Volke ganz fremden Polizeiherrſchaft, an deren Spitze Semen Gudo⸗ now, ſein Vetter, eine ungeheuere Thätigkeit entwickelte, eine geregelte Ordnung aufrecht, was ihn gefürchtet aber auch verhaßt machte. Im Stillen brütete Boris, der allmächtig gewordene Miniſter, ehrgeizige Pläne, er hatte nicht Luſt, wenn Czar Fedor ſtarb, einem unmündigen Czarewitſch in der Herrſchaft zu weichen. Nach altem Herkommen war dem dreijährigen Demetrius und ſeiner Mutter nebſt deren Verwandten die Stadt Uglitſch zum Aufenthalte ange⸗ wieſen, wo der kleine Czarewitſch ſeinen Hof, ſeine Geſpielen und ſeine Großbeamten hatte. Eines Ta⸗ ges erſchallte die Kunde, der zehnjährige Czarewitſch ſei das Opfer einer Mörderhand geworden und allgemein hing ſich die Ueberzeugung an dieſe blutige Thatſache, daß Boris ſie durch bezahlte Mörder habe verüben laſſen. Die von ihm verfügte Unterſuchung, an deren Spitze der Fürſt Baſil Schuiski ſtand, entwirrte keineswegs das über dies Ereigniß lagernde Dunkel, im Gegentheil verwirrte ſie die dabei ſtattgefundenen Umſtände ſo ſehr, daß bis heu⸗ tigen Tages noch nicht einmal der Umſtand genau ermit⸗ 38 telt worden, ob der Mord zur Tages⸗ oder Nachtzeit geſchehen.“) Der Czarewitſch war alſo beſeitigt, die verwitwete Czarin Maria Feodorowna mußte unter dem Namen Marfa den Schleier nehmen und ward in das St. Nikolauskloſter bei Tſcherexowez verwieſen, desgleichen wurden ihre beiden Brüder verbannt. Sieben Jahre ſpäter ſtarb der ſchwächliche Czar Fedor und der eben ſo gefürch⸗ tete als verhaßte Boris, welcher nicht nur die Staats⸗ beamten, ſondern auch die Geiſtlichkeit und die Strelitzen auf ſeine Seite zu bringen gewußt hatte, nahm den ver⸗ laſſenen Czarenthron ein. Somit hatte ſich in Rußland nichts verändert, als der Name des Czaren. Indeß empfand Boris Gudonow doch nicht das be⸗ ruhigende Bewußtſein, der von allen Graſen des mosko⸗ witiſchen Reiches einſtimmig Erwählte zu ſein; die Fürſten Schuiski, aus uraltem ruſſiſchen Adel, hatten ſich ſeiner Wahl ziemlich abhold gezeigt. Vorzüglich war es Baſil Schuiski geweſen, der ſeiner Mißbilligung, einen Empor⸗ kömmling von tatariſcher Abkunft auf den Thron gehoben 9 *) Das Protokoll der Unterſuchung zu Uglitſch, welches im Original im Reichsarchive zu Moskau aufbewahrt wird, iſt von den meiſten ruſſiſchen Geſchichtſchreibern, und ſelbſt von dem berühmten Karamſin der Fälſchung angeſchuldigt worden und ſo liegt auf dem blutigen Exreigniſſe ein ge⸗ heimnißvoller Schleier, den zu lüften Niemand mehr vermag. —ę——QOp'— 39 zu ſehen, keinen Schleier umgegeben, weshalb Boris ihn, den von der allgemeinen Wahl Ueberſtimmten,— das Volk ſelbſt zählte bei der Wahl nicht mit— als einen geheimen Feind betrachtete, gegen den er freilich ſeines hohen Adels wegen nicht offenbar feindlich handeln durfte; aber ſie haßten ſich insgeheim und im Verlaufe der Zeit erwies ſich Baſil Schuiski, der im Stillen Abſichten auf den Thron hegte, als ein Gegner des Hauſes Gudonow, welcher demſelben den Todesſtreich gab, nachdem er wohl⸗ weislich bei jeder Gelegenheit den verſteckt glimmenden „Haß der Bojaren gegen den mit konſequenter Strenge Regierenden anzufachen verſtanden hatte. Im Jahre 1603 nämlich erſcholl das wunderbare Gerücht durch ganz Rußland, der zu Uglitſch ermordete Czarewitſch Demetrius ſei in der Perſon eines jungen Mannes, der zu Brahin und Lithauen im Hauſe des Fur⸗ ſten Wißniewiecki als Stallmeiſter lebe, entdeckt worden und befinde ſich im Beſitze aller für ſeine hohe Abkunft ſprechenden Zeugniſſe, unter die, außer den körperlichen Merkmalen, vorzüglich ein reich mit Diamanten beſetztes Kreuz von großem Werthe gehöre, das der ruſſiſchen Sitte gemäß ſein Pathe, der Fürſt Mſtislawski, ihm an ſeinem Tauftage um den Hals gelegt habe. Auch die Art, wie dieſer jetzt plötzlich auftauchende Bewerber um den Cza⸗ renthron damals vom Tode gerettet worden, wurde erzählt. Ein deutſcher oder wallachiſcher Arzt, Namens Simon, 40 habe den bedeutenden Anerbietungen des Boris für einen Anſchlag auf das Leben des kleinen Czarewitſch ſcheinbar nachgegeben. In der zur Ermordung beſtimmten Nacht habe der Arzt den kleinen Sohn eines Popen in Dimi⸗ trys Bett gelegt und das Meſſer der Mörder habe das Leben dieſes ſchlafenden Opfers geendet; der Ausbruch eines abſichtlich angelegten Feuers, welches die Schand⸗ that an dem Czarewitſch wahrſcheinlich verhüllen ſollte, und eine ungeheure Verwirrung in der Stadt bewirkte, habe die Flucht des Arztes mit dem geretteten Prinzen begünſtigt. Bis zum Tode ſeines Pathen, des Fürſten Mſtislawski, zu welchem der Arzt ſeinen Schützling ge⸗ bracht, habe dieſer auf einem der fürſtlichen Güter in der Ukraine im Dunkel des Geheimniſſes gelebt, dann aber, da auch ſein Retter, der Arzt, verſtorben, ſich nach Li⸗ thauen begeben und nach einigen zweckloſen Umherſtrei⸗ fereien im Hauſe des polniſchen Fürſten Wißniewiecki ein Unterkommen als Stallmeiſter gefunden, dieſem vorneh⸗ men Herrn aber gelegentlich das Geheimniß ſeiner Ab⸗ kunft und Rettung vom Tode entdeckt.*) Dies Gerücht machte die ungeheuerſte Senſation in *) Siehe Niemcewicz's„Vie de Sigismond' VI., 238. Es iſt die einzig glaubwürdig erſcheinende Erzählung in dem Gewirr von erdichteten und fabelhaft abenteuerlichen Sagen über Rettung und Verborgenheit des Czarewitſch Dimitry. 41 Nußland, um ſo mehr als auch das Volk ſelbſt jetzt einen tiefen Haß gegen Czar Boris empfand, der, um die unru⸗ higen, zu Zügelloſigkeiten geneigten Bojaren an ſich zu feſſeln, zu deren Ganſten die Leibeigenſchaft erfunden hatte, die den Bauer, der bis dahin das Recht der Frei⸗ zügigkeit beſaß, und die Kraft ſeiner Arme zur Arbeit nach Belieben vermiethen konnte, von nun als Sklaven an die Scholle kettete. Das ſtets, wenn es einen Streich gegen Rußland galt, bereite Polen erhob ſich bald zum eifrig⸗ ſten Beiſtand des Demetrius, der im Hauſe des Palatins von Sendomir, Georg Mißnek, Schwiegervaters des Für⸗ ſten Wißniewiecki, die einem Czarewitſch gebührende Auf⸗ nahme fand. Mißneks Bemühungen, welcher mit Wohl⸗ gefallen die ſich bald kundgebende Zuneigung ſeines Ga⸗ ſtes für ſeine eben ſo ſchöne als ſtolze Tochter Marina ſah und weitgehende Pläne darauf baute, verdankte der junge Prätendent die ihm vom Polenkönig zu Theil werdende Anerkennung, nachdem er zuvor zu Krakau vor Zeugen, in die Hand des päpſtlichen Nuntius, der ruſſiſch⸗griechi⸗ ſchen Kirche entſagt hatte und in die römiſch⸗katholiſche übergetreten war, ein Akt, der ſtreng geheim gehalten wurde, um die Ruſſen nicht gegen ihn aufzubringen. Mitit einem kriegs⸗, ſiegs⸗ und beuteluſtigen Polen⸗ heere, dem ſich bald die kriegeriſchen Koſakenſtämme(da⸗ mals noch in freien Gemeinſchaften exiſtirend) anſchloſ⸗ ſen, rückte Demetrius in Rußland ein. Vergebens ſchickte 42 Boris Gudonow Meuchelmörder gegen ihn, vergebens ließ er bekannt machen, daß dieſer Prätendent ein aus⸗ getretener(dem Kloſter entlaufener) Mönch, Namens Griſchka Otrepiew, ſei, vergebens ſandte er auch ſeine Truppen gegen ihn; die Meuchelmörder wurden ergriffen und gerichtet, an die Fabel vom entlaufenen Mönch glaubte Niemand, weil es erſtens läppiſch geweſen wäre, als wahr anzunehmen, daß ein Mönch im Kloſter die wilde⸗ ſten Roſſe reiten, Schwadronen kommandiren, der kühnſte Jäger ſein und alle nur denkbaren ſonſtigen den Kör⸗ per ſtählenden Uebungen und den kühnſten Muth in Ge⸗ fahren erlernen könne, und zweitens, weil der wirklich ausgetretene, aus einer zu Jaroslawl angeſeſſenen Familie ſtammende Mönch, Griſchka Otrepiew, ein Burſche hoch in den dreißiger Lebensjahren und nebenbei als der ge⸗ meinſte Trunkeubold bekannt war, während Demetrius als lebensfriſcher Jüngling von 22 Jahren auftrat und nach damaligen Begriffen im Beſitze vieler Kenntniſſe und feiner Bildung ſich befand, die ihn befähigte mit Leuten hohen Ranges als ſeines Gleichen umzugehen und von ihnen auerkannt und ausgezeichnet zu werden. Die Heere des Czaren Boris wurden geſchlagen und ganz Rußland war für Demetrius geſtimmt. Gram und Kum⸗ mer, ſeine Macht dem Ende nahe und ſeine Familie am Abgrunde des Unterganges zu ſehen, verzehrten die Le⸗ benskräfte des Czaren und am 13. April 1605 ſtarb er in 49 43 den Armen ſeiner Gemahlin und ſeiner beiden Kinder, Fedor und Xenia. Die Ruſſen glaubten, er habe ſich, ſeinem Verhäng⸗ niß zu entgehen, vergiftet und ſagten:„Er hat an ſich Gerechtigkeit geübt und iſt der Rache des Prinzen, deſſen Thron er ſich angemaßt hat, zuvorgekommen. Er hat wie ein Löwe gelebt, wie ein Fuchs regiert und ſtirbt jetzt wie ein Hund. Noch aber war eine Partei im Ueberge⸗ wicht, die der Einſichtsvollen, die wohl erkannten, daß der Haß gegen den Verſtorbenen ſich lediglich in deſſen Liebe zur Ordnung und in ſeinem Eifer, nützliche Refor⸗ men in ſeinem Reiche einzuführen, baſire. Der Patriarch Hiob und die Bojaren des Staatsrathes riefen den 17 jährigen Fedor, des verſtorbenen Czaren Sohn zum Cza⸗ ren aus und dies erhielt die Ruhe für einige Wochen, aber des böſen Geiſtes Umtriebe waren mächtiger als der ſchwächliche Jüngling auf dem Throne. Baſil Schuis⸗ kis Erklärung auf die an ihn gerichtete Frage:„ob er 8 hu gerich 1 überzeugt von dem Tode des Czarewitſch Demetrius ſei?“ warf den glühenden Funken in's Pulverfaß.„Er könne das nicht beſchwören,“ ſagte Baſil...„er habe des Ge⸗ mordeten Leiche nicht geſehen.“ Welch' eine Unterſuchung mußte zu Uglitſch ſtatt⸗ gefunden haben, da der Führer derſelben nicht einmal deren Hauptgegenſtand, des ermordeten Prinzen Leiche vor Augen gehabt hatte! Das Heer meuterte, in Mos⸗ — — — —— 44 kau brachen Unruhen aus und der ſiebzehnjährige Czar Fedor, ſeine Schweſter Penia und ſeine Mutter, die ver⸗ witwete Czarin, wurden in den Kerker geſchleppt und da⸗ ſelbſt nach damals noch gangbarer aſiatiſcher Sitte mit Ausnahme der ſchönen Xenia, die durch Freunde gerettet ward, erdroſſelt. Am 21. Juni 1605 hielt Czar Demetrius Iwano⸗ witſch(Sohn des Iwan) ſeinen feierlichen Einzug in Moskau. Für Rußland war eine neue Sonne aufgegan⸗ gen, aber bald zeigte es ſich, daß man auch an ihr Flek⸗ ken in Menge entdeckte. Demetrius wies in allen ſeinem Thun das vollkommene Gegentheil ſeiner Vorgänger, er war milden und wohlwollenden Herzens, den Sitten Po⸗ lens und ſomit der Civiliſation zugeneigt. Die Rohheit ſeiner Ruſſen trieb ihn oft zu Spöttereien.„Reiſet, un⸗ terrichtet Euch!“ ſagte er zu den Bojaren. Bald wurde ihm die Geiſtlichkeit feind. Er beachtete die Gebote der morgenländiſchen Kirche nicht, ließ an Faſttagen Kalbs⸗ braten auf die Taſel bringen und begab ſich nicht mit je⸗ ner Feierlichkeit zur Kirche, wie man dieſe an ſeinen Vor⸗ gängern gewohnt war. Statt langſam und feierlich im Staatswagen zur Andacht zu fahren, ließ er ſich einen wilden unbändigen Renner vorführen, griff in deſſen Mäh⸗ nen und ſchwang ſich im Nu auf deſſen Rücken, im Ga⸗ lop bis zur Pforte des Gotteshauſes ſprengend, wo ſeine Freunde, die Polen, ſich ungebührlich genug auf⸗ 45 führten, mit ihren großen Hunden daſelbſt erſchienen, ſich auf die Reliquienkäſten ſetzten und die heiligen Handlun⸗ gen ohne Rückſicht auf Ort und Schicklichkeit verlachten. Die Vorſtellungen des Klerus, dieſen Unziemlichkeiten ein Ende zu machen und ſelbſt ein beſſeres Beiſpiel gebüh⸗ render Ehrerbietung in der Kirche und bei den gottes⸗ dienſtlichen Gebräuchen zu geben, beantwortete er lachend: „Eure Kirche! Eure Gebräuche!“ „Er iſt ein Lateiner, ein Heide,“ ſagten die Prieſter empört.„Gott hat uns geſchlagen mit einem Czar, der unſerer heiligen rechtgläubigen Kirche Feind und Ver⸗ ächter iſt.“ Von ſeinem Hofe war jene lächerliche Etikette ver⸗ bannt, die bisher als ein Haupttheil der Würde eines Cza⸗ ren betrachtet worden war. Kein Czar begab ſich aus ei⸗ nem Zimmer in das andere, ohne von ſeinen Kammerher⸗ ren unter beiden Armen unterſtützt zu werden. Demetrius wies dieſe Hilfe entſchieden zurück, er lief ohne Beglei⸗ ter in der Stadt umher und beſuchte die bei Bauten und in den Werkſtätten beſchäftigten Arbeiter, ſo daß ſeine Diener ihn erſt nach langem Suchen da oder dort auf⸗ fanden. Solche Herablaſſung war unerhört und die Bo⸗ jaren geriethen auf die Idee, daß kein Czarenblut in ſeinen Adern fließe. Natürlich blieb dieſe Vermuthung ein Geheimniß, über das man im Stillen nachdachte und es in größter Verſchwiegenheit reifen ließ. Nicht wenig 46 entrüſtet fühlte man ſich, daß Demetrius ſich nicht Czar und Großfürſt von Rußland, ſondern Imperator nannte und dieſe Neuerung in allen ſeinen Ukaſen eingeſührt wurde. Bitterer Groll bemächtigte ſich der Herzen der Moskauer bei der Ueberzeugung von der überaus großen Begünſtigung, die er den Polen erzeigte, mit denen eine Anzahl Jeſuitenpatres nach Moskau gekommen waren, denen er eine Kirche zum Gottesdienſte eingeräumt hatte. Die Polen in Zahl von mehreren Hunderten gerirten ſich, auf ſeinen Schutz geſtützt, als Herren der Stadt und ihre Sitte, die Freuden der Mittagstafel durch Muſik⸗ aufführungen zu erhöhen, hatte am Hofe des Demetrius, der ſich eine eigene Muſikkapelle hielt und bei Tafel von derſelben Symphonien aufführen ließ, den alten Brauch verdrängt, nach welchem Spaßmacher und Poſſenreißer den Verdauungsprozeß der Czaren befördern halfen. Alles war anders geworden, der Czarenhof hatte eine to⸗ tale Umwandlung erfahren. Im Schleier des Geheimniſſes hatte ſich daher eine Verſchwörung bereitet, an deren Spitze Fürſt Baſil Schuiski ſtand. Sie ward entdeckt, aber Demetrius war zu mild, das gegen Baſil von dem Bojarenrath erkannte Todesurtheil vollziehen zu laſſen; nachdem derſelbe die übliche Geißelung, die jeder zum Tode Verurtheilte erleiden mußte, überſtanden, gab er ihm ſeine ſämmtli⸗ chen Güter, ſeinen Rang, ſelbſt ſein hohes Amt wieder. 47 Seine Milde gegen die nur an grauſame Strenge, an blutiges Gericht gewöhnten Ruſſen, bei denen die Ehre noch ein ſehr dunkler zweidentiger Begriff war, glich ei⸗ nem unverbeſſerlichen Fehler. Daß nicht Baſtl Schuis⸗ ki's Haupt fiel, koſtete ſpäter dem Czaren Demetrius das Leben. Die Gemüther eines ſehr großen Theiles der Moskauer waren von den vielen Verſtößen ihres Gebie⸗ ters gegen Sitte und Heiligkeit der Religion ſo ſehr auf⸗ geregt, daß die für wenig Monate durch den Schreck der Entdeckung außer Gang gebrachte Verſchwörung ſich wie⸗ der in ihrem geheimen Beſtehen befeſtigte. Die Wahl des Czaren, eine Tochter des Volkes, das die Ruſſen ſo gründlich haßten, zu ſeiner künftigen Gemahlin zu erhe⸗ ben, galt Allen als Beweis, daß er Rußland verachte und ſelbſt ein Lateiner ſei. Der böſe Geiſt des Aufruhrs ſchlich zu nächtlicher Zeit durch die Straßen der Haupt⸗ ſtadt, die geheimen Verſammlungsorte aufſuchend, an denen ſich Vertreter der verſchiedenſten Stände zuſam⸗ menfanden. Aus dem St. Cyrilluskloſter, wo ſich die Czaren⸗ braut zum Unterrichte in den Lehren und Gebräuchen der morgenländiſchen Kirche aufhielt, drangen Nachrichten in das Volk, die nichts weniger als beruhigend für ortho⸗ doxe Gemüther waren. Und wo anders konnten dieſe Gerüchte einen größeren Austauſch erhalten, als in Ki⸗ tai⸗Gorod(die Chineſenſtadt), dem Quartier, das ſich 48 als erſte oder innere Rinde um den Kreml, das Herz Moskaus, gelagert hat ſeit der erſten Zeit der Entſte⸗ hung dieſer alten wunderbaren Hauptſtadt! In Kitai⸗ Gorod rollt das Blut der Czarenreſidenz lebhafter als in irgend einem andern Quartiere der Stadt, hier fließt der Handel von allen Punkten der Stadt, ja von allen Enden des ungeheuren Reiches zuſammen. Wie ein Kind an der Mutterbruſt liegt dies Quartier am Fuße des Kremls und die Pulsſchläge des Letzteren gehen ſelten unhörbar verloren fuͤr das lauſchende Kind. Es zählt ſie. Kitai⸗Gorod bietet ein heiteres Gemälde. Alles iſt hier Leben, friſches, durch einander wogendes Leben. Ob⸗ gleich damals noch nicht wie heutzutage der Rieſenbau des Goſtinnoi⸗Dwor oder Baſar exiſtirte, in deſſen drei über einanderſtehenden und durch viele Treppen und Gänge unter einander verbundenen Läden und Gallerien bilden⸗ den Säulenreihen und gewaltigen Höfen und Gewölben die Erzeugniſſe aller Theile der Welt lagern, ſo boten doch damals wie heute, die Rjädi, jenes ungeheure unter einem Dache zuſammengefaßte Labyrinth von Buden, das hei⸗ terſte und belebteſte Bild eines Marktes, wie ſolcher nur an der Grenze zweier Welttheile gefunden werden kann. — Die Kupzi(Kaufleute), deren Zahl damals ſchon mehrere Tauſende überſtieg, entfalteten hier alle Eigen⸗ thümlichkeiten ihrer Nation. Die freie ungezwungene Natuürlichkeit im ruſſiſchen Volkscharakter, die nicht ſelten 49 ſo hart an der Grenze des Kindlich⸗Naiven hinſtreift, daß ſie an Leuten, deren Ziel und Streben lediglich auf mög⸗ lichſt viel geht, faſt lächerlich, mindeſtens ſeltſam ſcheint, bietet ihnen, da in Rußland ſo Vieles ſtereotyp ſeit Jahr⸗ hunderten ſich erhalten, ſtets Anlaß, ihre angeborenen Nei⸗ gungen zu offenbaren, je nachdem es die Geſchäfte oder auch des Augenblickes Gunſt ihnen verſtatten. In den düſteren, nun von den um die an Balken hängenden gold'nen Heiligenbilder befeſtigten brennen⸗ den Lampen erhellten Gängen fliegen die Bälle der in ihren gegenſeitigen Buden mit einander ſpielenden Kupzi luſtig über die Häupter der dieſe engen Pfade wandeln⸗ den Käufer oder müſſigen Gaffer hin. Niemand findet daran Aergerniß und ſelbſt die nicht, welche vor den Hei⸗ ligenbildern Kreuze ſchlagend ihre Gebete ſprechen, trotz⸗ dem es um ſie herum wie ein Bienenſchwarm ſummt und Gelächter ſchallt. Zu den Freiheiten in den Rjädi gehört nicht nur das Gurren und Flügelrauſchen der von den Kupzi als heilige Vögel betrachteten und wohlgefütterten Tauben, die hier eine heimiſche Stätte haben und ihr uraltes Recht im weiteſten Sinne des Wortes benützen, ſondern auch das ſchmetternde Durcheinander⸗Singen und Pfeifen der Singvögel, welche die Kupzi in hübſch ver⸗ zierten Käfigen in Buden hängen haben. Dieſe Ton⸗ heiterkeit überbreitet das Bild einer anſcheinend ſorgen⸗ loſen Geſchäftswelt, eines ſchnellen Ergreifens aller zu 1861. 21. Eine lat. Czarin. I. 4 50 Vergnügungen einladenden Anläſſe, des wahrhaft erſtau⸗ nenswerth raſchen Ueberganges vom heiterſten Spiel, Ge⸗ lächter und Schwatzen zur Andacht, die ſich im Kreuz⸗ ſchlagen und Gebetmurmeln vor den Heiligenbildern äu⸗ ßert, wenn der Kaufmann ein Geſchäft gemacht hat oder eins zu machen gedenkt. Die Rjädi von Kitai⸗Gerod haben in dieſer Bezie⸗ hung nichts gemein mit den Märkten Europas, wo der Kaufmann nur Kaufmann iſt. Die Kupzi laſſen in ihren eigenen Perſonen auch den die Heiterkeit liebenden Men⸗ ſchen gelten und das Volk nimmt eben ſo ungezwungen Theil an dieſen Aeußerungen der Luſt an Unterhaltung. „Gott gibt die Geſchäfte und die Freude zugleich,“ ſagt der ruſſiſche Kaufmann und daß auch nicht Kehle und Ma⸗ gen vergeſſen ſei, dafür ſorgen die Eßwaaren⸗ und Ge⸗ tränkverkäufer, die ſich gleich Aalen geſchickt durch die Menge Gaffer und Käufer in den Gängen zu winden verſtehen, ohne Jemand zu beläſtigen. Kleine Jungen mit Pfefferkuchen, große bärtige Kerle mit bedeutenden Glas⸗ krügen, in denen der ruſſiſche Lieblingstrank, der Kwas, buttelt, Pirogen⸗(Paſtetchen) und Kalatſchi⸗(Gebäck) Händler, Ausrufer von Blinni(Eierkuchen) und Burſchen mit breiten Brettern auf dem Kopfe, auf denen ſämmt⸗ liche Nothwendigkeiten zu einem guten Frühſtücke, Mittags⸗ tiſch oder Vesperbrode, ſelbſt Scharkojes(Gebratenes) ſich befinden, beleben die luſtige und ſeltſame Scene, die in den Rjädi ſich gleich einem unaufhörlich rinnenden Quell immer erneuert. Alles iſt hier national von uralter Zeit her und darum ſteht es feſt und unerſchüttert in allen Jahrhunderten. Es iſt ein Stück ruſſiſches Leben, das in der Zukunft dieſelbe Phyſiognomie haben wird, wie es ſolche in lang verſunkener Vergangenheit gehabt hat. Der intereſſanteſte Theil der Rjädi, obwohl die Silberbuden Herrliches bieten, ſind die Buden, deren Inhaber ſich bloß mit dem Verkaufe von Heiligenbildern beſchäftigen. Hier iſt der Glanz heimiſch, das Auge geblendet von den gold⸗ oder ſilberfunkelnden Rahmen, die bald als Aehren, Blumenguirlanden, Trauben, ver⸗ ſchlungenes Blätterwerk und noch in vielen anderen For⸗ men die ſämmtlich den älteſten byzantiniſchen Styl als Ty⸗ pus tragenden Heiligenbilder einfaſſen. Für alle Bedürf⸗ niſſe des Lebens iſt bezüglich dieſer als Malereien werth⸗ loſen Bilder geſorgt, für Säle, Schlafzimmer, Kirchen, Privatkapellen, Schiffe, Schänkſtuben, große Bilder für die Kaufleute in ihre Buden, kleine für die vornehmen Paläſte, ja ſelbſt für die armſeligſte Hütte des Muſchik, der nur als„Seele“ gezählt wird, als Menſch aber mit dem Laſtthiere auf gleicher Stufe ſteht. Waluj ews Bude war eine der glänzendſten. Wenn die Lampen brannten, fun⸗ kelte ſein mit Geſchick aufgeſtelltes Lager von Heiligen koſt⸗ barer als die reichen Geſchmeide in den Buden der Juwelen⸗ händler und Goldſchmiede und ehrfurchtsvoll ſtaunend 4* 59 ₰— ſtand die Menge davor, die wunderbaren Schätze anzu⸗ ſchauen. Durchwandelte ein Pope dieſen Theil der Rjädi, war ſeine rechte Hand ſtets in Bewegung das Kreuz zu ſchlagen, aber vor Walujews überreich ausgeſtatteter Bude blieb er ſtehen und machte ſeine Verbeugungen nach rechts und links und gerade aus, wo in glänzendſtem Kolorit ſtrahlende Bilder von der Kaſanſchen Mutter Gottes oder der iberiſchen Maria, an deren Wange auch nicht die kleine Wunde mit den heiligen vielbeweinten Blutstropſen vergeſſen war, hingen. Wenige Abende nach dem Einzuge Marina Mißneks in das St. Cyrilluskloſter gab es einen großen Volksan⸗ drang zu den Buden der Heiligenbilderhändler. Walujew hatte bei dieſer Gelegenheit in Ephim eine Stütze, auf die er ſich ganz verlaſſen konnte, denn es war für den Jüngling eine Herzensluſt, die meiſt von ihm gemalten Bilder in die Hände der Frommen wandern zu ſehen.„O kauf, Müt⸗ terchen, kauf!“ rief er hier einer alten Frau zu, deren Blick mit Andacht an der blutträufelnden Wunde der iberiſchen Maria hing...„die iberiſche Mutter iſt eine rechte Schützerin im Hauſe und wer ſie lieb hat, den hat auch ſie lieb... kauf, Mütterchen,'s bringt Dir tauſend Se⸗ gen. Und Du, mein Väterchen“... wendete er ſich ei⸗ nem Manne zu,„he? einen heiligen Michael... ſehe Dir's an, Papinka(Papachen,) haſt ſicher einen allerlieb⸗ ſten Buben zu Hauſe, dem du eine große Freude machen ——:——„,ꝛ˖-,·— 9 23 willſt mit ſeinem Schutzheiligen... nicht?... o ich hab's Ketroffen... Ei, allerliebſte Duſchkinka(Seelchen, Schmeichelname) redete er eine junge Dirne im Kopf⸗ tuch an... was ſuchſt Du? ſag's,'s iſt kein Heiliger im Himmel, den wir nicht in der Bude hätten... und billig, ſpottbillig. Gelüſtet Dein Herz nach einer Kaſanſchen Mutter Gottes oder... ah, Du ſchauſt dahin!... jetzt weiß ich Alles. Dein Schatz heißt ſicher Andrei oder's iſt ein liebenswürdiger Saſcha(Diminutiv für Alexander) .. ja, ja, Du blinzelſt... o, ich treffs immer... hier haſt du einen prächtigen heiligen Alerander, über den ſich ſein Namensvetter im Himmel ſelbſt freut.“ „He, Söhnchen, gib mir den Spaſittel(Erlöſer) dort her!“ rief ein bärtiger Mann unter den Gaffern... „s iſt das Nothwendigſte, was ein rechtgläubiger Chriſt jetzt braucht, daß der lateiniſche Teufel unſer gutes Ruß⸗ land nicht in die Taſche ſtecke.“ „Hier iſt der Spaſittel, Väterchen,“ antwortete Wa⸗ lujew, dem Manne das Bild zureichend.„Aber was redeſt Du ſo ſeltſam vom lateiniſchen Teufel, daß er unſer hei⸗ liges Rußland nicht in die Taſche ſtecke?“ „Wie, Walujew, Dein Kind iſt vom Czar zur Die⸗ nerin der polniſchen Palatinstochter gewählt worden und in deren nächſter Nähe und Du wüßteſt nichts davon, wie es im Kloſter vom heiligen Cyrill zugehe?“ fragte der Käuſer ungläubig.„O ſtelle Dich nicht unwiſſend über 1 4 54 —◻ι dieſe Dinge, es glaubt Dir's Niemand. Du biſt ein Fuchs, Väterchen.“ „Die Heiligen ſollen mich umkommen laſſen, wenn Dein Vorwurf eine faule Stelle an mir findet!“ ſchwor Walujew.„Seit dem Tage des Einzugs der... Braut des Czaren habe ich meine Praskowa nicht wieder ge⸗ ſehen.“ „Das macht, weil dem jungen Dinge das luſtige Leben der Lateiner zu gut gefällt,“ entgegnete Jener... „da bleibt keine Zeit, an Dich zu denken. Ich ſehe es ein.“ „Wie geht's denn zu im Cyrillkloſter? erzähle, was Du weißt,“ drängten die den Mann Umſtehenden. „O, warum ſoll ich widerſpenſtig ſein, wo Euch mein Reden nützen kann!“ rief der Mann.„Nun, ſo hört: Das fromme Haus iſt ein Tanzplatz geworden. Der Czar gibt ſeiner Polin drin Feſte, ſeine Dudler ſpielen dazu auf nach Herzensluſt und geſtern Abend hatten ſie ſich ſogar vermummt und haben getanzt und gejubelt bis tief in die Nacht hinein. Gott verwerfe die Schändlichen!“ „Ach, welches Verbrechen in einem heiligen Hauſe!“ riefen mehrere Stimmen. „Wer tanzt und jubelt denn? es wohnt ja kein Mann im Kloſter,“ bemerkte Einer aus der Menge. „Wie klug Du biſt!“ lachte Jener...„o, ſage mir doch, biſt Du auf einmal, das heißt im Ganzen, zur Welt gekommen oder in verſchiedenen Stücken? Wenn's 55 Letztere ware, wollte ich glauben, Du ſeiſt mit deinem Geburtsprozeſſe noch nicht ganz zu Ende und es käme bei Gelegenheit auch noch das Dir bis jetzt fehlende Ge⸗ birn nach.“ Allgemeines Gelächter begleitete dieſe etwas ſtarke Abfertigung des Fragers.„Hat das Kloſter nicht Thore, Pforten und Hinterthüren? Die Polen wiſſen ſehr gut hinein⸗ und wieder heraus zu kommen, wenn ihnen der Czar ſagen läßt, daß es luſtig hergehen ſolle. Was fra⸗ gen die Lateiner nach der Helligkeit eines rechtgläubigen Kloſters!“ Des Mannes Worte verfehlten nicht, unter den ſich dicht an ihn Herandrängenden eine bedeutende Aufregung hervorzurufen, die ſich jedvch nur im unverſtändlichen Durcheinandermurmeln äußerte.„Ei, höret nur, was Leute ſagen, die tief in ihrer Ehre gekränkt ſind durch die polniſ ſche Wirthſchaft,“ fuhr der Redner fort und einen unweit von ihm ſeehenden alten Burſchen mit ſtruppigem Bart bezeichnend, ſagte er:„Da iſt einer von den Köchen, die für die Lateinerin die Speiſen zu bereiten hatten, aber wie ſeine anderen Kameraden den polniſchen Köchen! hat weichen müſſen. Petruſchka, thu's Maul auf. Habe ich recht oder falſch geredet? „Behüte, Väterchen, Du haſt die reine Wahrheit geſagt und nichts weiter,“ beſtätigte der Aufgerufene. „Die Prinzeß fand unſere Speiſen fade und ungenießbar 56 und der Czar ſchickte ihr polniſche Köche, daß ſie die von unſerer heiligen rechtgläubigen Kirche verbotenen Gerichte ihr bereiten könnten, was wir fromm unſere Gebote ehrenden Köche natürlich nicht verſtehen. Es iſt eine Sunde vor Gott und den Heiligen, die kein guter Ruſſe auf ſein Gewiſſen laden wird.“ „Kauft Euch Spaſittel, Leute, und betet: erlöſe uns von den Lateinern, Herr!“ ſügte der erſte Redner hinzu und das ihm von Walujew gereichte Bild des Erlöſers bezahlend, verſchwand er bald mit ſeinem Gefährten, dem Koche Petruſchka in der Volksmenge, in deren Herzen er den ſchlimmen Samen des Haſſes zu neuer Fruchtbarkeit angeregt hatte. Ein Stündchen ſpäter ſchloß Walu jew ſeine Bude und ging von Ephim und Ilia, ſeinem alten Diener, begleitet, nach Hauſe. Walujews Magd, die alte Nataſcha, wartete ihrer ſchon lange mit Sehnſucht, weil, wie ſie ſagte, die guten Blinni(Eierkuchen) das lange Stehen nicht vertrügen. Walujew und Ephim ſetzten ſich zu Tiſche, eine ungewohnte Stille herrſchte zwiſchen Bei⸗ den, was von Seiten des Erſteren nicht auffiel, wohl aber von Ephim. So trefflich auch die von der alten Natäſcha bereitete und in allen ruſſiſchen Familien unentbehrliche Schtſchi oder Kohlſuppe war, Walujew ließ ſie unberührt und Ephim genoß gegen ſonſt ſo wenig davon, daß es nicht der Mühe lohnte, ſich erſt dazu niedergeſetzt zu ha⸗ 57 ben. Nach einer Weile trafen die Blicke der beiden ein⸗ ander gegenüber Sitzenden und an Jahren ſo weit von einander Verſchiedenen zufällig zuſammen.„Mein Kind!“ rief Walujew davon angeregt, leiſe...„Praskowa!“ fügte Ephim hinzu. Dieſe wenigen Worte ſprachen hin⸗ reichend aus, was jetzt Beider Denken beſchäftigte. Die ſchöne junge Praskowa an einem Orte zu wiſſen, wo der⸗ ſelben ſo ſchlimmes Beiſpiel gegeben ward, wie dies im Kloſter St. Cyrill geſchah, war für Ephim ein tief nagen⸗ der Schmerz, ein ſchwerer ſein Herz bedrückender Kummer. Walujews harte Gemüthsart konnte nur einen bitteren vergällenden Grimm in ſich verſchließen, ihm mangelte der Ausdruck für ſein Empfinden, denn mit der tiefen und un⸗ verzeihlichen Beleidigung, welche von Seiten des Czaren der rechtgläubigen Kirche angethan wurde, was jeden dieſer Kirche angehörenden Orthodoxen ſchwer verletzt, miſchte ſich bei ihm noch der Gedanke an die Gefahr, in der ſeine Tochter ſchwebte. Die alte Nataͤſcha ſchlug vor Schreck die Hände zu⸗ ſammen, als ſie die ſchönen fettduftenden Blinni bringend die Schtſchi hinwegnehmen mußte. „Was iſt denn das?“ rief ſie...„warum eßt Ihr nicht? iſt ein Fehler an der delikaten Suppe? he, ich wüßte keinen. Ghei Bogu!(bei Gott) der vornehmſte Herr würde alle Finger darnach lecken. Ilia äße ein Faß von ſolcher Schtſchi allein aus, ſo ſchmeckt ſie ihm. O, 58 Ephim biſt Du auf einmal ſo wähleriſch geworden, daß Dir meine Kohlſuppe nicht mehr behagt? Weißt Du, daß ich jetzt 20 Jahre hier im Hauſe bin und noch an kei⸗ nem Tage ſolche Demüthigung erfahren habe, wie heute von Dir? Meine prächtige Kohlſuppe nicht zu eſſen! Ephim, das iſt ſehr unrecht von Dir. Oder biſt Du viel⸗ leicht krank? Herr, iſt Ephim krank? ich möcht's wiſſen, meiner Schtſchi wegen.“ „Ja, Ephim iſt krank,“ antwortete Walujew der Schnellzüngigen, die ſogleich den Ton änderte und mit ungekünſteltem Mitleid rief. „Ach, armer Ephim! wo fehlt Dir's? Magen⸗ oder Kopfſchmerzen, liegt Dir's in den Gliedern oder was iſt's ſonſt? rede, armer Ephim, rede ſchnell, es wird Dir bald geholfen ſein, ich habe vielerlei Tropfen und Pulver für Alles. Ach, wie elend muß Dir ſein, daß Du meine ſchöne Kohlſuppe nicht einmal eſſen konnteſt! ſehr elend, ſehr krank biſt Du. Ich wette, es liegt bei Dir im Magen, Ephim, warſt zwar nie ein ſtarker Eſſer, ſchon damals nicht, wie Du noch ſo klein warſt und in Baſtſchuhen mit den andern Jungen herumtollteſt; aber ſo blutwenig wie heute haſt Du nie gegeſſen. Herr, was fehlt ihm? Walujew zeigte auf den leeren Platz am Tiſche, den ſonſt Praskowa bei den Mahlzeiten einnahm.„Die ſonſt hier ſaß“, ſagte er in ſeiner kurzen Weiſe. „Ach, du mein Gott, erbarme Dich, da kann ich leider 59 nicht helfen“! rief Nataͤſcha kummervoll...„fehlt mir ſelbſt doch das Kind in allen Ecken und denke ich immer, es müſſe da ſein, wo ich hinblicke; aber mein Blümchen iſt nicht da und all' mein Kummer nützt zu nichts. Auch Ilia hat ſchweren Gram um unſer Kind, ich muß ihm jetzt mehr zu eſſen vorlegen, weil er behauptet, der Gram zehre ſo ſehr an ihm, daß es ihm immer ſei, als habe er trotz alles Eſſens nichts im Magen. Ja, ja, die Krankheiten ſind verſchieden, wie die Menſchen verſchieden ſind, dem einem fehlt's im Magen, dem andern im Kopfe, dem dritten im Herzen... am ſchlimmſten freilich ſind die Krankheiten, wo's Herz angegriffen iſt, da helfen keine Tropfen. Armer Ephim nun, nun, habe nur Muth, 's wird ſchon wieder anders werden. Verſuche einmal meine ſchöngebräunten Blinni, vielleicht zerſtreut Dich's. O, man muß auch was an ſich thun, Ephim... Blinni ſind jederzeit eine recht angenehme Beluſtigung für junge und alte Leute. Gott ſegne unſer heiliges Rußland, in dem die Leute Blinni eſſen können!“ Als die Schwätzerin, der ihre zwanzigjährige Dienſt⸗ zeit und aufrichtige Liebe zu Praskowa, mit deren Mutter ſie in's Haus gekommen, und nach deren Tode Mutter⸗ ſtelle an ihr vertreten, ein von dem Hausherrn Walujew unbeſtrittenes Uebergewicht und bedeutende Stimmberech⸗ tigung in allen das Haus betreffenden Angelegenheiten er⸗ worben, das Zimmer verlaſſen hatte, rief Walujew:„Wie — 60 glücklich ſie iſt, daß ſie nicht weiß, welche Gefahr der Ver⸗ führung dem Kinde in dem zu einem Sodom verwandelten Hauſe droht! nun, nun, es kommt ſchon noch die Stunde, wo die rechtgläubige Kirche auf den Gebeinen dieſes Sohnes einer Hündin, der ſolch Aergerniß gibt, trium⸗ phiren wird.“ „Meinſt du den Czar, Väterchen?“ fragte Ephim. „Wen anders!“— mit dieſer Entgegnung war ihr kaum begonnenes Geſpräch auch zugleich beendigt. Walunjew war vor langen Jahren einer der heiterſten Kupzi von Kitai⸗Gorod geweſen; aber wie ſich Alles im menſchlichen Leben oft überraſchend verändert, ſo war auch nach dem Tode ſeines Weibes, mit welchem er in einer zwar kurzen, aber wahrhaft glücklichen Ehe gelebt hatte, eine ſolche Umwandlung über ihn gekommen. Von der Zeit an neigte ſich der Mann der Schwermuth zu, die jedoch bei ſeinem eifrigen Streben, ſeine kleine ihm von der ſo heiß geliebten Gattin hinterlaſſene und dieſer ſo ähnliche Praskowa beſtmöglichſt zu erziehen und für ſie ein anſehnliches Vermögen anzuſammeln, noch keine aus⸗ ſchließliche Herrſchaft über ihn übte. Dieſes Ziel ſeines Daſeins blieb nicht unerreicht. Sein herrlich aufblühen⸗ des Kind ward für ihn ein Glück, das er vor jeder rauhen Berührung zu ſichern bemüht war, und welches ſein Haus zum Aſyle des Friedens machte. Die wenigen Stunden, die ihm ſein zu einem bedeutenden Aufſchwunge gekomme⸗ —————„- — ————————— ‿̈— N 61 nes Geſchäft, da Czar Boris Gudonow ihn zum Lieferan⸗ ten der Heiligenbilder für den Hof ernannt hatte, zu Hauſe zu weilen vergönnte, waren im Anblicke und Umgange mit ſeinem Kinde Stunden der Freude für ihn. Die ernſten und harten Züge des Mannes wiefen ſich dann geglättet, von heiterem Lächeln überſchwebt, ſein Herz dem Wohl⸗ wollen erſchloſſen, wurde kindlich froh in der Nähe der zärtlich an ihn ſich ſchmiegenden ſchuldloſen Praskowa. Czar Boris Gudonow's Tod und die politiſchen Er⸗ eigniſſe, welche das Haus Gudonow, dem Walujew mit voller Hingebung anhing, in ſeinen Mitgliedern der allge⸗ meinen Aechtung preisgaben, gingen jedoch nicht ohne tiefen Eindruck auf ihn vorüber. Im Verein mit anderen Geſinnungsgenoſſen war es ihm gelungen, Xenia, Boris' Tochter, dem Schickſale der Erdroſſelung zu entreißen, welches ihren Bruder und ihre Mutter im Kerker traf. Ein Kloſter nahm die arme Czarewna auf; aber ihr Aſyl wurde dem neuen Czar Demetrius verrathen und ſie auf ſeinen Befehl in den Krem!l überſiedelt. Erſt wenige Wo⸗ chen vor dem Einzuge Marina Mißneks verwies er die entblätterte Roſe Tenia in die Stille des Kloſters des heiligen Sergius. Wenn ſchon die der ſchönen Tochter des Boris ange⸗ thane Schmach der Entehrung die Herzen der im Stillen dem Hauſe Gudonow noch treu ergebenen Anhänger hef⸗ tig empörte, ſo wurde dieſer verborgen getragene Haß 62 noch unendlich mehr geſteigert durch die von Demetrius unbeſonnen der morgenländiſchen Kirche angethanen Be⸗ weiſe der Verachtung und Verhöhnung. Die Geiſtlich⸗ keit regte die Gemüther der Rechtgläubigen zu einem vor der Hand noch geheim gehaltenen Widerſtande auf, der aber gleich einem unter der Aſche unbemerkt fortglim⸗ menden Brande in demſelben Augenblicke, wo der Luftzug, der ihn von der ſein Daſein verhüllenden Aſche befreit, in lohen Flammen ausbricht. Selbſtverſtändlich war es, daß ein durch häufige Be⸗ rührung mit Prieſtern kommender Geſchäftsmann zu den bigotteſten Bekennern der ruſſiſch⸗griechiſchen Kirche zählte. Walujew ahnte nicht, daß auch ihn ein Schlag treffen werde, welcher ganz geeignet ſei, das ſtille Glück ſeines Hauſes zu zerſtören. Einige Tage vorher, ehe die Tochter des Palatins von Sendomir in die Hauptſtadt des heiligen Rußlands einzog, erſchien in Begleitung zweier Polen ein junger unbärtiger Mann vor den Bu⸗ den der Heiligenbilderhändler. Praskowa, die, wenn auch ſelten, in Ephims oder Ilia's Geleite den Vater in der Bude beſuchte, war gerade anweſend. „Bei dem allmächtigen Gotte, dies Mädchen iſt das ſchönſte Heiligenbild, das meine Augen je geſe⸗ hen!“ rief einer der Polen, den Unbärtigen auf Pras⸗ kowa aufmerkſam machend. „Du haſt recht, Stanislaus... ein allerliebſtes 63 kleines Ding... laß uns herantreten,“ war deſſen Antwort. Walujews Geſicht nahm den Ausdruck verhaltenen Grimmes an, als er die auf ſeiner Praskowa ruhenden verdächtigen Blicke der drei jungen Leute bemerkte. „Du haſt ſchöne Bilder, Freund,“ ſagte der Unbar⸗ tige...„Bilder, die den Czarenpalaſt zieren würden. Welches empfiehlſt Du uns als das ſchönſte? laß hören.“ „Für Lateiner habe ich keine, nur für Rechtgläubige,“ antwortete der Kaufmann ſcharf.„Du aber ſcheinſt mir ein Ruſſe zu ſein. Sage mir Deinen Taufnamen und ich gebe Dir das Bild Deines Heiligen. Das iſt für Dich das Schönſte. „Kurz angebunden, Freund, und etwas grob dabei; aber das beleidigt mich nicht,“ lachte der Unbärtige. „Dein ſchönſtes Heiligenbild iſt dies allerliebſte Maͤd⸗ chen, um das es ſchade iſt, in Deiner Bude zu ſtehen. Ich werde es an einen beſſeren Platz bringen.“ „Du? oho, wer biſt Du denn, Bartſchenok(vorneh⸗ mes Herrchen), daß Du von meinem Kinde wie von einer Waare ſprichſt, über die Du Recht zu verfügen hätteſt?“ fragte Walujew gereizt. „Für Dich und alle Ruſſen der Czar,“ war die Antwort. „Der Czar! der Czar!“ lief es rings um von Mund 64 zu Munde und die Umſtehenden warfen ſich ehrfurchtsvoll auf die Kniee. „Aufſtehen!“ befahl der junge Czar kurz und ſich zu Walujew wendend, fragte er ihn nach ſeinem Namen und als dieſer in der ſchreckhaften Ueberraſchung zitternd ihm denſelben genannt hatte, fuhr Jener lächelnd fort:„Du verkaufſt Grobheiten oder gib bſt ſie als Empfehlung dem Käufer mit auf den Weg, daß er Deiner nicht ſo bald vergeſſe. Ich wünſche Dir Glüsk zu dieſer neuen Art Geſchäfte zu machen. Aber ich bin ſo gut gelaunt, daß ich Dir ſogar ein Zeichen mein er wut⸗ oben will. Deine Tochter ſoll unter die Dienerinnen meiner in we⸗ nigen Tagen einziehenden Braut aufcenommen ſein. Am Abend vor dem Einzugstage wirſt Du ſie in das Kloſter St. Cyrill bringen und der Igumena übergeben.“ Und zu Praskowa ſich wendend, deren liebliches, vor dem Ge⸗ waltigen niedergebengtes Ge eſicht bald wie von Flammen überleuchtet glühte, bald wieder von tiefſter Bläſſe über⸗ laufen ſich wies, redete er ermuthigend:„Ei, was bebſt Du denn, ſchones Kaufmannskind? es iſt ja zu Deinem Glücke, was ich Deinem Vater anbefohlen. Am Czaren⸗ boßr findet ſich das Schöne zuſammen und wie könnteſt u da fehlen Meine Braut wird Din eine gnädige Her⸗ 85 ſein. Faſſe nur Muth, Du gehſt dem Gluck entgegen.“ Nach dieſen Worten verließ der Czar und ſeine beiden Begleiter die Bude Walujews, der im Stillen den Augen⸗ —., ͤ— n———— 65 blick verwünſchte, wo ſie den Schritt hierher gelenkt hatten. Welch furchtbar peinigender Gedanke für einen bigotten Ruſſen, ſeine einzige Tochter an einen Hof bringen zu ſollen, der offenbar den Verboten und Gebräuchen der rechtgläubigen Kirche Hohn ſprach! Es war für Walujew ein ſo großer ſein Herz beſchwerender Kummer, daß ſein Haar unter dem Gewicht deſſelben faſt über Nacht zu grauen begann; aber abzuwenden war dieſe Gefahr nicht. Unter welchem Vorwande hätte er, der Machtloſe, ſich des Gebieters Befehle, der ihm viel Ehre ſein mußte, entzie⸗ hen können? es gab keinen. Nach langem Nachdenken entſchloß er ſich, gegen Praskowa ſowohl, als gegen Ephim nichts von der ihn beherrſchenden Angft zu äußern und er hielt dieſen Vorſatz feſt. Warum ſollte er ſeines Kindes Herz noch mehr beſchweren, als es ohnehin bereits von dem Gedanken an das bevorſtehende Verlaſſen des Vaterhauſes und den Eintritt in eine ihm ganz fremde Region, wo es allein auf ſich und die Gnade Anderer an⸗ gewieſen wurde, mit Furcht erfüllt war! Wie erſt der Tag, an dem ein theueres, uns in Liebe und Freundſchaft verwandtes unvergeßliches Herz der ſtil⸗ len Ruheſtätte des Friedhofes übergeben worden iſt, allen Schmerz in uns gewaltſam aufruft, weil die Leere uns mächtiger an den Verluſt mahnt, als in den Tagen, wo wir die entſeelte Hülle des heimgegangenen geliebten Geiſtes noch vor Augen hatten, ſo brach bei Walujew 1861. 21. Eine lat. Czarin. 1. 0 5 66 das mit aller Kraft zurückgehaltene Schmerzgefühl, ſeines Kindes ſich durch den Befehl des von ihm als Heide ge⸗ haßten Czaren beraubt zu wiſſen, erſt dann gewaltig hervor, als Praskowa ſich bereits im Kloſter befand, und Ephim, gegen den er nie eine ſolche Aeußerung des Haſſes verlautbart, hörte eben deshalb mit nicht geringer Befremdung ihn einem Grolle Worte geben, von dem deſſen ſanfte Seele keine Ahnung gehabt hatte. Das, was er und Ephim heute über die Vorgänge im Kloſter St. Cyrill gehört hatten, war ganz geeignet, um Praskowa ſchwer bekümmert zu ſein. Ephim, dem dieſe Empfindung eine neue unbekannte war, fand keinen dieſen vollkommen bezeichnenden Ausdruck. Er fühlte ein Weh, ohne ſich deſſelben klar bewußt zu ſein und in dieſem Zwieſpalt mit ſich ſelbſt ſchwieg er. Es war ihm fremd, ganz ungewöhnt, trauern zu müſſen; ſein junges Leben war bisher ohne ſolche Störung wie ein über glatte Kieſel rollender Bach ruhig hingefloſſen, und nun auf einmal erſchrak er vor dieſer Ruhe, in der er ſo froh und ſtolz geweſen, Praskowa, ſeine Zukünftige, der Ehre, die Dienerin einer Czarin zu werden, würdig befunden zu ſe⸗ ben. Wenn ſie durch das üble Beiſpiel am Schluſſe in ihrem Glauben an die Heiligkeit ihrer väterlichen Reli⸗ gion erſchüttert würde! Nur dieſer eine Gedanke ſtand vor Ephims Seele, an ſich ſelbſt, daß Verführung auch auf andere Weiſe ſich dem jungen unerfahrenen Mädchen 67 nahen und ihr Herz ihm entriſſen werden könne, dachte er nicht, ſolche ſchlimme Befürchtung lag ſeinem guten Her⸗ zen zu fern. Lärmendes Schreien drang aus der Küche in beider am Tiſche Sitzender Ohr. Sie hörten Ilia's kröhlende Stimme jauchzen und dazwiſchen hinein die alte Nataͤſcha rufen:„Ghei Bogu! das iſt eine Luſt wie in der But⸗ terwoche! das iſt eine Freude wie am heiligen Oſterfeſte, wenn nach der langen Faſte das Paskah**) mit ſeinen brennenden Kerzen auf dem Tiſche ſteht. Ah, Boſche moi, ah, Boſche moi(ach, mein Gott)! wer hätte das gedacht am heutigen Abend!“ „Was gibt's draußen?“ fragte Walujew erſtaunt. Ephim ſtand auf, um nachzuſehen. Ehe er noch die Thüre erreicht hatte, wurde ſie mit Haſt aufgeriſſen.„Unſer *) Das„Paskah“ iſt ein uraltes ruſſiſches Oſtergericht, aus Tworogh oder geronnener Milch bereitet, die feſt zuſam⸗ mengeſchlagen, in große Pyramiden geformt, auf deren Spitzen Wachskerzen brenuen und aus deren Seiten kleine Palmzweige oder ſonſtige Verzierungen hervorſchauen, in der Nacht vom Charſamſtag zum Oſterfeſte, nach der um Mitternacht ſtattgefundenen kirchlichen Auferſtehungsfeier gleichſam als Jubelzeichen gilt, daß die lange harte Faſten⸗ zeit vorüber iſt. Auf allen Tiſchen nicht ganz armer ruſſi⸗ ſcher Familien muß das Paskah bei dem nüchtlichen Oſter⸗ mahl vorhanden ſein. 5 68 Kind, Herr!“ ſchrie die alte Nataͤſcha aus voller Kehle.. „unſer Kind, Herr, unſer Praskowchen! Gott ſei Dank! tauſendmal Dank!“ ſchnarrte Ilia, deſſen Bart vom Fett der Blinni triefte. Beide ſchoben in ihrer übergroßen Freude die in ihrer Mitte befindliche Praskowa in das Zimmer. „Mein Kind!“.„Praskowa!“ riefen Walujew und Ephim zugleich. Dieſe frohe Ueberraſchung wirkte im erſten Moment wie erſtarrend auf Beide; aber die Feſſel, die das Uner⸗ wartete über ſie brachte, löſte ſich ſogleich wieder, denn Praskowa hing ſich mit voller Zärtlichkeit an Walujews Hals und rief im Ausbruch höchſter Kindesfreude: „O mein Väterchen! mein liebes gutes Väterchen! daß ich Dich wiederſehe, iſt ja ein wunderbares Glück... im Himmel können die Heiligen keine größere Freude haben, als ich. Wie ich gelaufen bin, um her zu kommen, Dich zu ſehen, zu herzen, zu küſſen!... habe Dich ja ſo lange nicht gehabt, mein Väterchen, und's Herz hat mir recht weh gethan in Angſt um Dich, die Seele war mir ſchwer, ich wußte nicht, wo aus und ein mit meinem Kummer... nun iſt aber Alles gut, ich bin leicht wie ein Ball... o, ich könnte in die Luft fliegen, ſo wohl iſt mir bei Dir.“ Walujew hatte anfänglich nur wenige Worte, die ſein überwallendes Gefühl ausdrückten. Ueber ſeine harten ernſten Züge fielen große Tropfen.„Mein Kind⸗ * ———. 69 chen... mein liebes Kindchen,“ ſtammelte er..„das iſt eine große Luſt... die Heiligen ſind ſehr gnädig gegen mich.. ach, mein herziges Töchterchen, ſo wie jetzt habe ich mich noch nie gefreut.“ „Ich bin auch da, Duſchinka(Seelchen),“ ſagte Ephim...„ich bin auch da. haſt Du denn auf mich ganz vergeſſen? auf Deinen Ephim? ich freue mich ja nicht weniger, Dich zu ſehen, als unſer Väterchen. Haſt uns recht gefehlt.“— Praskowa wendete ſich zu ihm, ſie reichte ihm die Hand, aber dieſer Gruß war ſehr flüchtig. Ephim wußte nicht, wie er das deuten ſolle. Ihr Blick hatte ihn nur überflogen und wenn er ſich nicht ganz ge⸗ täuſcht hatte, ſo ſchien es wie ein Schreck, der ſie nö⸗ thigte, ihre Augen ſchnell von ihm abzuwenden und ſie in einer abermaligen Umarmung des Vaters an deſſen Halſe zu bergen. Die alte Nataͤſcha ſagte zum Ilia:„Na, hinaus mit uns Beiden. Jeder muß ſeinen Theil haben, der Herr ſein Kind und Du Deine Blinni, die ſonſt kalt werden.“ „Ach, ja, die Blinni,“ ſtimmte der gute Eſſer bei... „wenn man ſolche Freude hat, ſchmecken ſie noch einmal ſo gut... heute wird kein Stäubchen davon übrig blei⸗ ben... nein, heute eſſe ich Alle rein auf aus lauter Ver⸗ gnügen.“ „Geh, geh, Du Freſſer. Gram und Vergnügen kommt aus einem Sacke bei Dir. Aus Kummer ſtopfſt 70 Du Dich voll mit Speiſe, damit Dein Magen nicht lei⸗ den ſoll und aus Freude verſchlingſt Du alles nur Eß⸗ bare, was Dir vor Augen kommt. Ich mwöchte wiſſen, wie Deine Mutter...“ Die Vorwürfe Nataſcha's ver⸗ hallten außen und die Thüre fiel hinter Beiden zu. Als ſich die erſte Gewalt des Freudenſtromes etwas gemindert hatte, ſagte Walujew zu ſeiner Tochter:„Mein Kind, ſchlimme Dinge ſind uns von alle dem zu Ohr gekom⸗ men, wie es im Kloſter des heiligen Cyrill zugehen ſoll. Du mußt's wiſſen, meine Taube, was wahr daran iſt, und ich erwarte, daß Du mir nichts verſchweigſt. Der Czar giebt ſeiner Braut Feſte im Kloſter, Mummereien ſogar.. lateiniſche Geſellſchaft vergnügt ſich da, wie es heißt... rede, mein Kind.“ „O, ſieh nur, mein Väterchen, man darf wohl nicht ſo hart urtheilen, Vieles ſieht gewiß ſchlimmer aus, als es wirklich ſein mag,“ hob Praskowa mit dem Anfluge einer kleinen Verwirrung an.„Die Prinzeß iſt eine ſehr gütige, gnadenvolle Dame und zeichnet mich aus vor allen anderen Dienerinnen. Ich muß oft zu ihr in's Zim⸗ mer kommen und ihr erzählen, da ſitze ich zu Füßen auf einem Schemel und wenn ſie des Zuhörens ſatt iſt, klopft ſie mich auf die Backen und nennt mich mit guten Namen. Iſt das nicht ſchön?“ „Das iſt ſehr ſchön von der gnädigen Fürſtin,“ ſtimmte Ephim bei, während Walujew ſchwieg. —, u——— —— — — 71 „Und in Polen muß es ganz anders ſein, als bei uns, das darf man auch nicht überſehen,“ fuhr Praskowa fort...„die Leute ſind dort ſehr luſtig, ſo iſt's denn auch meine gütige Herrin. Der Czar weiß das und daß ſeine hohe Braut Vergnügen haben ſoll, hat er ſeine Muſiker vor ihr aufſpielen laſſen und vornehmen polniſchen Her⸗ ren und Frauen befohlen, vor ihr zu tanzen und ſie zu be⸗ luſtigen. Aber das iſt nur in ſpäter Abendzeit, nicht am Tage geſchehen, wo nur einzelne von ihnen bei meiner gnädigen Herrin zu Beſuch kommen. Warun ſchweigſt Du, mein Väterchen?“ „Weil dieſe Lateiner die Heiligkeit des Kloſters ſchänden!“ rief der Gefragte.„Iſt dieſe Polin nur des⸗ halb in den heiligen Räumen, daß ſie luſtig ſein ſoll? nein, ſie ſoll den Lehren unſerer ehrwürdigen Geiſtlichen lauſchen, die ſie dem lateiniſchen Heidenthum zu entrei⸗ ßen und zur heiligen Taufe würdig vorzubereiten be⸗ ſtimmt ſind. O mein Kind, denke nicht mild, wo Du voll Abſcheu auf ſolche Greuel blicken mußt. Dieſer Czar iſt ein gottloſer Joas an unſerer heiligen rechtgläu⸗ bigen Kirche; mit dem Munde hat er ihr Treue geheu⸗ chelt, mit dem Herzen iſt er ein Lateiner. Verwerfe Gott dieſen Hundeſohn!“ „Väterchen!“ rief Praskowa erſchrocken. „Und in dieſen Abgrund von Verworfenheit muß ich mein einziges Kind geſtoßen ſehen, daß es an der Seele 72 ausſätzig von der Peſt der lateiniſchen Ketzerei werde, verloren für den Himmel, für den ich es erzogen!“ fuhr Walujew in immer geſteigertem Zorn fort.„Hat Gott keine Blitze mehr für das Haupt dieſes Baſtards, der ſich des heiligen Rußlands Czar nennt und ſchweren Frevel an der rechtgläubigen Kirche und deren treuem Volke be⸗ geht!“ „O fluche doch nicht dem guten Czar,“ ſagte Pras⸗ kowa zitternd...„wie kann ich denn das Auge aufſchla⸗ gen vor ihm, der ſo mild und gütig iſt, wenn ich geden⸗ ken muß, daß Du nicht Segen, nur Verwünſchungen für ihn haſt? Hat er nicht Dich hoch geehrt in mir, daß er ſo gnädig mich...“ Schallendes Gelächter aus des Vaters Munde un⸗ terbrach ihre Worte.„Hörſt Du's, Ephim? Hörſt Du's? Das Kind iſt ſchon angeſteckt von der Ketzerei. O, ihr Heiligen des Himmels, das laßt ihr an einem rechtgläu⸗ bigen Vater geſchehen, der zu euch aus ſeines Herzens Tiefe gefleht hat: ſchützt mein Kind, das einzige Weſen, mit dem mein Herz noch zuſammenhängt auf dieſer Erde!“ Er ſprang auf Praskowa zu, faßte ſie heftig beim Arme und riß ſie mit einem Ruck vor den in einer Ecke des Zim⸗ mers ſtehenden mit einem Teppich überkleideten Tiſch, der eine Lampe trug, über der an der Wand mehrere Heili⸗ genbilder hingen, wie dergleichen kleine Hausaltäre in den Wohnungen ſämmtlicher ruſſiſcher Familien zum erſten 73 Bedürfniß gehören.„Hierher! hierher!“ rief er...„hier ſind unſere Heiligen! hier ſchwöre es, daß Du Abſcheu und Haß in Deiner Seele tragen willſt gegen die Heiden und Verderber unſerer heiligen Religion, daß Du dieſen ketzeriſchen Czar und ſeinen Anhang verwünſcheſt, wie ich und alle Rechtgläubigen es thun, daß Deine Seele für ihn und Alle, die zu ihm gehören, alle Uebel der Welt vom Himmel erbitten will, daß er ſie ſtrafe und vernichte in ſeinem Zorne... das ſchwöre, das, wenn ich glauben ſoll, Du ſeiſt noch mein unverdorbenes ſchuldloſes Kind.“ Praskowa, wie Espenlaub am ganzen Körper zit⸗ ternd, ſchwieg. Walujew ſchrie zornig:„Du willſt die⸗ ſen Schwur nicht leiſten? nicht?... nicht?“ „Ich kann nicht,“ ſtammelte das in Angſt weinende Mädchen...„ich kann nicht.“ Und ſich von der Hand des Vaters losreißend, flüchtete es zu Ephim, an dieſen ſich mit dem Ausrufe:„Schütze mich vor ſeinem Zorn, Ephim! Du biſt ſanft und gut, verlaſſe mich nicht!“ an⸗ ſchmiegend. „Nein, nein,“ antwortete der Jüngling...„fürchte das nicht von mir!“ Und zu Walujew ſich wendend, hob er an:„Väterchen, gib Dich zur Ruhe...'s iſt ja Dein einziges Kind, dem Du ſo hart zuſetzeſt. Du biſt außer Dir... ſiehe nur, wie Praskowa bebt! Kam ſie denn nicht mit ſo großer Freude im Herzen, um Dich zu ſehen, hierher, und Du willſt ihr durch Deinen Zorn den Ge⸗ 74 danken an Dich zu einem angſtvollen vergällen, daß ſie ſich fürchten muß, je wieder zu Dir zu kommen? Denke das, Väterchen, und ſei ſanft mit ihr.“ Dieſe Zuſprache blieb nicht ohne Wirkung auf Walujew; der böſe Geiſt des Haſſes verlor im Anſchauen des weinenden und an allen Gliedern zitternden Mädchens ſeine den bigotten Mann beherrſchende Gewalt. Er wankte zu ſeinem Sitze und fiel wie zum Tod erſchöpft auf denſelben, ſein Geſicht mit beiden Händen verhüllend, nieder. „Laß ihn nur, er findet ſich ſchon wieder,“ tröſtete Ephim, als Praskowa beſorgt auf den tief Erſchütterten deutete.„Er hat ſo viel Angſt um Dich gehabt, da wir ſo ſchlimme Dinge aus dem Kloſter verlauten hörten... die Angſt hat ihn übermannt und ſo ſehr verblendet.'s iſt mir auch nicht anders gegangen mit der Angſt; aber ich habe keine ſolche Befürchtung wie er, daß Du unſere hei⸗ lige Religion vergeſſen könnteſt. Es ſcheint mir mit Dir zu ſein, wie mit dem Engel, von dem die ſchöne heilige Legende erzählt. Kennſt Du ſie?... ich glaube wohl.“ „Nein, ich entſinne mich ihrer nicht,“ antwortete das Mädchen leiſe. „Du wirſt aber, wenn ich ſie Dir in's Gedächtniß zurückrufe. Es entſpann ſich einmal zwiſchen Engeln des Himmels und den böſen Geiſtern der Hölle ein Streit über die Frage, ob ein Engel unter den Teufeln heilig bleiben könnte? Gott erlaubte den Verſuch und einer der 75 Engel wanderte in die Verdammniß. Da boten denn die böſen Geiſter alle Lockungen auf, die Sünde ihm lieb zu machen, aber Alles war vergebens, nicht die Läſterun gen, die ſie gegen Gott führten, noch das Böſe, durch das ſie den Engel verführen wollten, fand Haft an ihm. Rein und ſtrahlend im Lichte der Heiligkeit ging er wieder her⸗ vor aus der Hölle, aber vor dem Throne Gottes flehte er zu dieſem, daß er den ſchwachen Menſchen einen Schutz⸗ engel mitgeben möge auf den Weg des Lebens, damit fſie nicht der Macht der Verführung verfielen, denn die Sünde ſei glänzend und einſchmeichelnd. Das gefiel Gott ſo ſehr, daß er hinfort jedem Sterblichen einen heiligen Schutz⸗ engel beigeſellte. Warum ſollte Dich Dein Schutzengel verlaſſen in der großen Gefahr? Du biſt ja ein ſo gutes reines Herz.“ Ohne daß er es verhin dern konnte, küßte Praskowa in tiefer Bewegung ſeine Hand.„Warum thuſt du das?“ fragte er erſtaunt.„Weil Du ſolchen Glauben an mich haſt,“ antwortete ſie, die Augen zu Boden ſenkend. Zwiſchen dem Vater und ihr blieb aber ein geſtör⸗ tes Weſen, ſie konnten Beide den Ton nicht mehr finden, der ſie ſonſt vereinte. Praskowa vermochte nicht, ihre Beängſtigung vor ihm zu bergen und er wies in ſeinem Benehmen eine Unſicherheit, als ob er vor ſeiner Tochter Scham empfinde, ſich einer Aufregung hingegeben zu ha⸗ ben, die zu beherrſchen er nicht fähig geweſen war. Sein 76 von Bigotterie verdüſterter Geiſt trug den Zweifel in ſich, ob Praskowa nicht bereits von den Schlingen der in ſo anmuthiger Geſtalt ſie umgaukelnden Ketzerei umſpon⸗ nen ſei und dieſer Gedanke ſchlug gewaltſam jeden Aus⸗ druck der innigen Liebe zu ihr im Keime nieder, nicht daß er es bei ihrer Jugend verzeihlich gefunden hätte, ſondern weil der religiöſe Haß gegen den, welcher Urheber dieſer Entweihung ſeines Kindes war, allzugewaltig in ſeiner Seele vorherrſchte. Da Walujew ſehr wortkarg gewor⸗ den war, führte Ephim faſt allein die Unterhaltung mit Praskowa. Erſt als dieſe nach kaum einſtündigem Aufenthalt aufbrach, um vor Thorſchluß in den Kreml zurück zu ge⸗ langen, überwallte das Vaterherz.„Gehe nicht mit Furcht vor mir von hinnen,“ ſagte er zu ihr...„nimm gute Gedanken aus Deinem Vaterhauſe mit Dir, mein Kind. Ach, der Gedanke, Deine Seele könnte ſich abwenden von un⸗ ſerer heiligen rechtgläubigen Kirche, liegt wie tauſend Flüche auf mir.. ich will Dich nicht verloren wiſſen. Geh, mein Kind, ſei geſegnet gegen alles Böſe.“ Wie vorhin in der Freude, ſie wieder zu ſehen, fielen auch jetzt wieder ſchwere Tropfen, aber Zeichen der Angſt um ſie, in ſeinen Bart. Er hielt Praskowa ſehr lange feſt an ſich gedrückt. Wie ſie ihn mit dem ſie begleitenden Ephim verlaſſen hatte, gab er ſich einem ihn keineswegs erheiternden Nachſinnen hin. Ihr Abſchied dünkte ihm befangen, als ob ein häßlicher 77 Froſtreif über die Blüthe ihres kindlichen Geſühls ge⸗ fallen wäre. „Verflucht ſei er und die Stunde, wo er mein Kind geſehen,“ murmelte er vor ſich hin. III. Die unter den Moskauern umlaufenden Gerüchte von Entweihung der Kloſterheiligkeit durch den Czar und ſeine Braut nebſt deren polniſchen Freunden waren keine Erfindungen, wenn ſie auch durch den Unwillen, der ſich jedes Ruſſen bei deren Kenntnißnahme bemächtigte, in ver⸗ ſchiedenen Abweichungen vergrößert und verſchlimmert erzählt wurden. Marina Mißnek erwies den zu ihrem Unterrichte in den Lehren der morgenländiſchen Kirche ſie beſuchenden Prieſtern nicht nur wenig Aufmerkſamkeit, ſondern im Gegentheil eine Lauheit, die dieſe ehrwür⸗ digen Männer empörte und unter dem Volke eine Entrü⸗ ſtung hervorriefen, welche mit den übrigen Gerüchten zu⸗ ſammenfallend, einen tiefen bitteren Groll gegen ſie be⸗ gründeten. Daß ſie ſich jede Annäherung der Kloſter⸗ ſchweſtern von St. Cyrill verbeten hatte, wußte man gleichfalls und nicht unweſentlich nährten die von den Czaren entlaſſenen ruſſiſchen Köche, die ihre Kunſt nicht wenig beſchimpft ſahen, da ſie den polniſchen, nach denen —6—— 2 79 die Czarenbraut verlangt, hatten weichen müſſen, dieſen Groll. In ihnen fühlte ſich das Volk in ſeiner National⸗ ſitte gekränkt und das verdammende Urtheil der Ketzerei fiel ſchwer auf den Czaren und Marina. Wenn auch das von Marina Mißnek und ihrer ruſſiſchen vom Czar ihr beigegebenen weiblichen Dienerſchaft bewohnte Haus im eigentlichſten Sinne des Wortes nicht das Kloſter ſelbſt war, ſo erblickten die rechtgläubigen Moskauer doch eine abſcheuliche Entweihung der heiliger Andacht geweihten Oertlichkeit in den Vergnügungen, welche der Czar, ſeiner Braut die Langeweile zu verkürzen, daſelbſt ſtattfin⸗ den ließ. Man brachte freilich nicht in Anſchlag, daß Fremde auch an den ihnen anerzogenen Gewohnheiten hängen und ſomit Marina, als die Tochter eines der vornehmſten Edelleute Polens, unter denen die franzöſiſche Verfeine⸗ rung in den meiſten Beziehungen bereits Platz gegriffen und Nachahmung gefunden hatte, ganz folgerecht einen offenbaren Gegenſatz zu der Lebensweiſe, den Sitten und Gebräuchen der Ruſſen in ihrer Perſon aufſtellen mußte. Die vornehmen Frauen Polens nahmen einen ganz ande⸗ ren Standpunkt ein, als die Rußlands, ſie waren durch die Civiliſation des weſtlichen Europas emancipirt. Die Tochter des Palatins von Sendomir hatte nicht nöthig, ſich vor irgend einer Adelstochter ihres Vaterlands oder gar einer der von den Polen mit Geringſchätzung betrach⸗ 80 teten erlauchten Familien Rußlands zu beugen und über⸗ dies ſiel noch bei Marina der Umſtand in's Gewicht, daß ihr Vater in ſeiner ſie ſonſt vergötternden Liebe allen ihren Wünſchen willfahrt hatte, ſo daß ihr Eigenwille bei ihrer Neigung zum Stolze in der ihr gewordenen un⸗ beſchränkten Freiheit ſtarke Blüthen trieb. Sie war ein verzogenes Kind, bei dem glücklicherweiſe der edle Geiſt nicht ganz von den durch falſche Erziehung genährten Schlacken von Untugenden überwuchert worden war und zuweilen das beſſere Selbſt den Sieg davontrug. Einer Braut, welche ihren Willen als unabweisliche Befehle für Alles, was ſte umgab, zu betrachten gewohnt war, konnte der Czar nichts abſchlagen. War nicht ihres Va⸗ ters Einfluß bei dem polniſchen Adel die Grundlage zu der ihm gewordenen Eroberung ſeines Thrones geweſen und war er als Czar zu unmächtig, um Marina's nach Unter⸗ haltung und Zerſtreuung gerichteten Wünſche nicht er⸗ füllen zu können? Dieſer Gedanke würde ſeinen Stolz verletzt und der Polen Spott ihm zugezogen haben. Zu den Aergerniſſen für die Augen der Ruſſen, ge⸗ hörte auch die Kleidungsweiſe der als Hofſtaat der Cza⸗ renbraut nach Moskau mitgekommenen polniſchen Damen, welche die Geſchmackloſigkeit der Mode des fernen Frank⸗ reichs in ihren Perſonen repräſentirten. Maria von Me⸗ dici's abſcheuliche Verunſtaltung des weiblichen Körpers mittelſt langer, feſtgeſchnürter Taille, einer Halskrauſe 81 von zwei Fuß Durchmeſſer und einem ungeheueren Reif⸗ rock, aus dem der ſo dünn als möglich zuſammengepreßte Oberkörper, zu welchem die das Geſicht verläͤngernde Coiffure— die von der Stirn hinaufgeſtrichenen und ge⸗ kräuſelten Haare— allerdings harmonirte, wie ein Blu⸗ menſtengel aus der Stürze eines Escamoteurs hervor⸗ ragt, hatte unter den zur Nachahmungsſucht immer be⸗ reiten polniſchen Adelsdamen ſchnell Platz gegriffen und wurde von ihnen als eine Errungenſchaft der weſteuro⸗ päiſchen Civiliſation der Ruſſen vor Augen gebracht, welche in dieſer Art, ſich zu kleiden, nichts als eine lächer⸗ liche und unanſtändige Verbildung der Menſchengeſtalt überhaupt und eine große Verſündigung gegen deren Schöpfer erblickten. Die Moskauer ahnten jedoch nicht, daß eben dieſes ihnen ſo widerlich, den Polinnen dagegen ſo reizend erſcheinende Coſtüm Urſache eines bitteren Streites werden ſollte. Wenige Tage vor den Vermäh⸗ lungs⸗ und Krönungsfeierlichkeiten legte man die zu die ſen Feſten für Marina beſtimmte Garderobe zur Anſicht der⸗ ſelben in einem beſonders geſchmückten Gemache aus. In Begleitung der Czarin⸗Mutter und mehrer ihrer polniſchen Damen, die durch Machtſpruch des Czaren zu jeder Stunde freien Eintritt in's Kloſter hatten, begab ſich Marina dahin. Aber ſie, wie ihre Landsmänninnen, bra⸗ chen beim Anblick des Nationalcoſtüms, das nach altem Herkommen jede Czarin bei dieſer doppelten kirchlichen 1861. 21. Eine lat. Czarin. I. 6 82 Feier zu tragen verbunden war, in ſchallendes Gelächter aus. Dieſes ihr Gelächter erregende Hochzeits⸗ und Krö⸗ nungskleid beſtand in einem über dem Buſen gegürteten Gewande und dem Kokoſchnik, dem Kopfputz der verhei⸗ ratheten Frauen, unter welchem das Haar ſorgſam ver⸗ borgen werden mußte, nebſt einem paar Stiefeln mit eiſen⸗ beſchlagenen Abſätzen. Das Gewand und der Kokoſchnik waren freilich mit Perlen und Diamanten überſäet. „Gerechter Gott, ſind wir unter Wilde gerathen, daß man der Braut eines Imperators eine derartige Vermum⸗ mung ungeſtraft anmuthen darf!“ rief die zur Oberhof⸗ meiſterin deſignirte Gräfin Aſiewska, die Hände vor Er⸗ ſtaunen und Abſcheu zuſammenſchlagend.„Vor dieſer Geſchmackloſigkeit würden die Krähen bei uns erſchrecken.“ „Es iſt ein Anputz für eine Vogelſcheuche!“ ſtimmte die Staroſtentochter von Bielska lachend bei. „Und welch barbariſcher Schnitt!“ eiferte Frau von Machiewika, welche ſich auf ihren Ruf, ſtets am Geſchmack⸗ vollſten gekleidet zu ſein, ungemein viel einbildete... „wie? ſollte dieſe Garderobe mehr als ein Maskeraden⸗ ſcherz ſein?“ Marina ſchien anfänglich unfähig geworden, ihrem Staunen und Verdruß Worte geben zu können, dann aber rief ſie heftig entrüſtet:„Bin ich deshalb hierher gekom⸗ men, um mich von dem ruſſiſchen Volke verlachen zu laſ⸗ ſen wegen ſolch eines abſcheulichen Coſtüms, das ſelbſt 83 die Braut eines polniſchen Bauers nicht anlegen würde? Aus meinen Augen damit, es wird nie auf meinen Leib kommen! meldet dies dem Czar!“ Die ruſſiſchen Frauen, welche dies mit Edelſteinen faſt überladene Gewand mit einer gewiſſen Feierlichkeit hierher gebracht, und an die Marina's Befehl gerichtet war, bebten vor Schreck. Dergleichen Entrüſtung nur zu ahnen lag ganz außer dem Bereiche ihres Denkens.— Die Polin betrachtete dieſe Kleidung, welche eben durch die Jahrhunderte eine geheiligte Stabilität für jedes ſolche Ereigniß erhalten, als lächerlich, der Nationalbrauch war ihr und ihren Landsmänninnen ein Abſcheu.—„Hinweg damit!“ befahl Marina nochmals...„ſagt dem Czar, dieſer Scherz hätte mich zu wenig amüſirt, um ihm dafür dankbar ſein zu können.“ „Laßt das Gewand hier,“ gebot Marfa, deren gra⸗ nitnes Antlitz auch nicht die geringſte Spur von irgend einer Theilnahme für oder wider den Gegenſtand dieſer allgemeinen Entrüſtung bis jetzt gezeigt hatte...„meine Tochter wird ſich eines Andern beſinnen.“ „Nie! nie!“ gegenredete Marina aufgeregt.„Wie? ich ſollte mir ſelbſt eine Demüthigung aufbürden? ich will den ruſſiſchen Frauen ein Beiſpiel geben, daß ihre Herrin, die Erſte unter ihnen, ſich ihres Werthes bewußt iſt.“ „Ja, dergleichen iſt nothig, um dem ruſſiſchen Volke zu zeigen, wie viel ihm noch zu dem Bewußtſein fehlt, 6* 8⁴ unter die eiviliſirten Völker Europa's gezählt zu werden!“ ſtimmte Gräfin Olſiewska indignirt bei und Frau von Machiewika behauptete, in dergleichen Greuel ſich zu ver⸗ unſtalten hieße ſich ſelbſt vor Europa und deſſen Bildung ein Geſchmacks⸗Armuthszeugniß ausſtellen. „Gebiete ihnen Schweigen!“ rief Marfa ſtolz Ma⸗ rina zu...„wenn Fürſtinnen ſprechen, müſſen Diene⸗ rinnen ſchweigen. Das iſt die erſte Bedingung jeder Bildung und fehlt ſie in Eurem Lande, dann rechnet es für einen Glücksfall, hierher gekommen zu ſein, um ſie kennen zu lernen.“ Wie von einem zerſchmetternden Schlage getroffen, erſtarrten die polniſchen Damen unter dem Ge⸗ wichte der ihnen zugefügten Demüthigung. Die Czarin⸗ Mutter nahm keine Notiz von dieſem Eindrucke ihrer Rede, ſie wendete ſich ausſchließlich zu Marina mit der Frage:„Meinſt du wirklich, daß es den Frauen Ruß⸗ lands an Charakterſtärke mangele, um ihren Werth zu fühlen?“ „So ſpricht man bei uns in Polen,“ entgegnete die Czarenbraut, ſelbſt erſchrocken von dem kalten beherr⸗ ſchenden Stolze ihrer künftigen Schwiegermutter. „Die Meinungen Polens werden nie maßgebend für Rußland und jederzeit nur wie ein Regenwolkenſtrich deſſen Himmel verdüſternd ſein, nie auf Dauer eine Wir⸗ kung äußern. Auf was ſeid ihr Polinnen ſtolz? auf das kleinliche Getriebe von Intriguen am Hofe Eures Königs? 8⁵ ach, es iſt ſo armſelig wenig, es erfüllt das Herz mit Scham, nichts zu erringen, als das gnädige vorüberge⸗ hende Lächeln eines Königs, ein Triumph, der keiner iſt, weil der ihn Erringende nie über die ihn einpferchenden Schranken als gehorſamer Unterthan hinauskommt. Die Frauen Rußlands allein haben Anſpruch, ſich großer Ge⸗ ſchicke zu rühmen, denn wenn ihre Sterne ihnen günſtig ſind, ſteigen ſie ſelbſt aus dem Dunkel niedriger Geburt auf den Thron.“ „Nun, ſo bin ich alſo der erſte lebendige Beweis, daß eine neue Zeit für Rußland angebrochen iſt!“ rief Marina, froh, ihr eine Entgegnung leiſten zu konnen. Ein ſeltſames, nicht zu enträthſelndes Lächeln über⸗ lief Marfa's wenig bewegliche Züge. Mit einem Tone, deſſen Gleichgültigkeit die Czarenbraut unang enehm be⸗ rührte, ſagte ſie:„Ja, Du biſt die erſte Fremde, die man Czarin nennen wird.“ Marina empfand eine Anwandlung von Furcht vor ihr, und um ſie zu begütigen, ſprach ſie:„Mißverſtehe mich nicht, Mutter, nichts liegt mir ferner, als der Ge⸗ danke, Dich zu beleidigen. Weiß ich doch, daß Du Gro⸗ ßes durchgekämpft haſt.“ „Das weißt Du?“ eutgegnete Marfa erſtaunt. „Wer hat es Dir geſagt?“ „Wie ſeltſam Du fragſt! meinſt Du, es ſei mir unbekannt, daß Du aus der Vergeſſenheit eines einſamen 86 Kloſters hervorgegangen biſt, als des Czaren, meines Bräutigams Mutter, deren Name nun unter den Ukaſen ſteht, als der einer Herrin Rußlands?“ „Und nichts mehr weißt Du?“ rief die Vorige mit einer Lebhaftigkeit, als ſchlügen plötzlich die Pulſe ihres Herzens ſchneller...„ja, ja, Rußland, die ganze Welt weiß das; aber es iſt ſo blutwenig, nur der Rahmen um ein Bild, das man anſtaunt, ohne ſeinen Werth zu ken⸗ nen.“ Nach einer Pauſe redete ſie weiter:„Wer nach dem Höchſten ſtrebt, darf nicht in kindiſcher Furcht vor einem Hinderniß zurückbeben. Und ein Kleid, deſſen Schnitt Dir fremd iſt, empört Deine Eitelkeit! wie klein iſt das gedacht! rühme Dich nicht, daß Du zur Herrin eines Reiches erzogen ſeiſt... Du haſt keine Herrſchaft über Dich ſelbſt, Deine Vorurtheile ſind mehr als Du. Ein Kleid iſt Dein Gott... verdient Jemand auf den Thron der Czaren zu ſitzen, der eines Kleides Selave iſt? Dar⸗ über denke nach, erhebe Dich, wenn Du kannſt, über die niedrige Geſinnung Dieſer...“ auf die polniſchen Da⸗ men deutend...„die zu keinem Throne, nur zum Ge⸗ horchen ſich berufen fühlen.“ Stolz wie immer ſchritt Marſa aus dem Zimmer, indem die Zurückgebliebenen ein ziemlich langes gegenſeitiges Schweigen beobachteten. Gräfin Olſiewska brach es zuerſt:„Nun, bei Gott, dergleichen Affront habe ich noch nie erleben müſſen!“ rief ſie in größter Erbitterung.„Die einzige Genug⸗ 87 thuung, die uns für dieſe Mißhandlung werden kann, iſt, daß Du, Marina, darauf beſtehſt, dies Kleid nicht zu tragen, ſondern Deiner eigenen Wahl zu folgen. Ha, wie würde dieſe Kloſterdame, deren ganze Hoheit ſich nicht über dieſes Kloſters Bereich erſtreckt, triumphiren, wenn Du Dich zum Spott für ganz Polen in dieſem Coſtüm trauen und krönen ließeſt! Dann hätte ſie Recht, daß Du nicht zur Herrin eines Reiches erzogen ſeieſt.“ Frau von Machiewika meinte, es ſei für Marina Ehrenſache, einen ſolchen allen guten Geſchmack verhöhnen⸗ den Zwang entſchieden von ſich zu weiſen. Eine Unterwer⸗ fung unter derartige Zumuthung ziehe ſicher noch andere verdrüßliche Anforderungen nach ſich und für eine Dame voll Selbſtachtung gäbe es kein beklagenswertheres Loos als Abhängigkeit. Die Staroſtentochter von Bielska warf verächtlich den Kopf auf und ſagte:„Was iſt wei⸗ ter dabei? der Czar empfängt die erſte Gelegenheit, ſei⸗ ner hohen Braut einen Beweis ſeiner Liebe und Auf⸗ merkſamkeit für deren Wünſche zu geben, indem er durch einen Machtſpruch das lächerliche Anſinnen an ſie, ſich ſelbſt durch ein ſolches Coſtüm zu verunſtalten, beſeitigt. So wird ſich dieſer Verdruß in eine Schmeichelei für Marina umwandeln und die Ruſſen zu der Ueberzeugung kommen, welch' ein Unterſchied zwiſchen polniſchen Da⸗ men hohen Ranges und ihren zu jeder Unterwerfung be⸗ reitwilligen Landestöchtern beſteht.“ 88 Dieſe Bemerkung war für Marina ein Anſporn zu dem Verſuch, den Czar, ihren Bräutigam, zu einem Macht⸗ ſpruch in dieſer Angelegenheit zu treiben. Der Gedanke ſchmeichelte ihr, durch ihren Widerſtand das alte Herkom⸗ men einer Nation, deren Fürſtenthron der ihre werden ſollte, über den Haufen zu werfen. Marina war nicht ſo kindiſch, um ſich von ihrer Eitelkeit dermaßen verblenden zu laſſen, daß ſie das Erſcheinen in dem ruſſiſchen Krö⸗ nungscoſtüm für eine Entehrung und ſomit für eine voll⸗ kommene Unmöglichkeit angeſehen hätte, aber ſie glaubte es ſich ſchuldig zu ſein, in dieſer Beziehung ſich viel zu er⸗ haben zu einer Nachgiebigkeit zeigen zu müſſen, wenn dieſe auch nur für die Dauer weniger Stunden von ihr bean⸗ ſprucht wurde. Gewöhnt, im väterlichen Hauſe ihren Willen als entſcheidend geachtet zu ſehen, ahnte ſie nicht, daß dieſe kleinliche Oppoſition ihr eine harte Demüthi⸗ gung eintragen werde. Der Czar, erſchreckt durch ihren ihm zu wiſſen ge⸗ thanenen Beſcheid: ſie werde ſich auf keine Weiſe in das fragliche Coſtüm verkleiden, ſtellte ihr vergebens vor, daß das Erſcheinen in dieſem freilich einer längſt vergange⸗ nen Zeit angehörenden Nationalkleide nur für ein einziges⸗ mal im ganzen Leben von ihr gefordert werde und er dies kleine Opfer nach Kräften ihr vergelten wolle. „Nein, nein, dies kleine Opfer macht mich in den Augen der eiviliſirten Welt lächerlich,“ entgegnete Marina. 89 d O, wie würde man in Polen, in Paris lachen, wenn es hieße, Marina Mißnek hat ſich zu Allem verſtanden, was eine barbariſche Sitte von ihr verlangte! Man ſah ſie in eiſenbeſchlagenen Stiefeln, wie der geringſte Bauer ſie trägt, in einem abgeſchmackten Kopfputz, der an den Thurm von Babel erinnert, und in einem Gewande, von welchem Niemand mit Beſtimmtheit ſagen kann, welcher allen Sinn für Schönheit entbehrende Kopf und für welche bor⸗ nirte Dame im grauen Alterthume es erfunden wurde. Es war ein Schauſpiel, bei dem man mit demſelben Rechte zugleich lachen und weinen konnte, lachen über die lächer⸗ lichſte Verbildung des weiblichen Körpers zu einer Vogel⸗ ſcheuche und weinen über die Verirrung einer Dame, die bisher als Muſter der Eleganz gegolten.“ Dem Czar blieb bei dieſer entſchiedenen Ablehnung des gebräuchlichen Nationalcoſtüms von Seiten ſeiner Braut kein anderer Ausweg, als dieſe Angelegenheit vor den Bojarenrath zu bringen, den er mit großer Beredt⸗ ſamkeit zu überzeugen ſuchte, wie die Wahl eines Kleides doch eigentlich nur Frauenſache ſei und Männer darüber nicht entſcheiden könnten, ohne ſich lächerlich zu machen. Indeß er hatte den Verdruß, dieſe Herren ganz anderer Anſicht zu finden. Bei ihnen war von keiner Nachgie⸗ bigkeit die Rede. Es fielen mehrere ſehr unliebſame Aeußerungen, daß ohnehin ſchon genug geſchehen wäre, was verändernd in die Sitten und Gebräuche der Nation ein⸗ 90 greife und man wolle weitere Eigenmächtigkeiten nicht noch durch unverantwortliches Fügen in die Wünſche einer Dame fremder Abkunft ſanctioniren; ohne das fragliche Nationalcoſtüm ſei die Krönung nicht zu vollziehen. „Gut,“ ſagte Demetrius...„ich werde mich Euern Wünſchen fügen, ihr Herren, und die alte oder beſſer ge⸗ ſagt längſt veraltete Sitte, worauf Ihr ſo viel haltet, achten. Man wird mich hoffentlich dann nicht mehr an⸗ ſchuldigen, in Rußland Alles verändern zu wollen.“ Marina erſchrak nicht wenig vor der ihr durch den Entſcheid des Bojarenrathes zugefügten Demüthigung, ihre Oppoſition oder den Gedanken, zur Czarin gekrönt zu werden, aufzugeben. Sie vergoß die bitterſten Thrä⸗ nen darüber, jedoch blieb hier keine andere Wahl, als ſich dem Unausbleiblichen zu unterwerfen. Sowohl der Czar als auch die Polen hatten vom Bojarenrathe Fügſamkeit erwartet und deſſen unverhoffter Widerſtand machte ſie er⸗ ſtaunen. Er war die erſte geſetzmäßige Aeußerung des Unwillens von hoher Stelle aus, welcher im Volke von Moskau ſelbſt einen ſo ſtarken Nachhalt bereits gefunden hatte und Leuten, die nicht ſo ſehr für ihre eigene Vor⸗ züglichkeit verblendet geweſen wären oder weniger tollen Muth und Verachtung gegen das Nationalbewußtſein des ruſſiſchen Volkes beſeſſen hätten, wie dies von Seiten der Polen der Fall war, als drohendes Anzeichen erſchienen ſein würde. 91 Vor Marina's Geiſt ſchwebte der Ausſpruch Marfa's: „Rühme Dich nicht, daß Du zur Herrin eines Reiches er⸗ zogen ſeiet... Du haſt keine Herrſchaft über Dich ſelbſt, deine Vorurtheile ſind mehr als Du.“ War nicht die Abweiſung eines alten Herkommens einer Nation, der ſie noch fremd war und doch deren Fürſtin werden wollte, ein Vorurtheil, deſſen Feſthalten ſich bereits durch eine Demüthigung an ihr gerächt hatte? Eine noch här⸗ tere Demüthigung ſtand ihr jedoch bevor, wenn ſie das religiöſe Gefühl des Volkes beleidigte. ei einigem Nachdenken über dieſen inhaltſchweren Gegenſtand erzit⸗ terte ſie vor dem Gedanken, daß derſelbe Bojarenrath als Organ der Nation ſich ihrer Krönung entſchieden wi⸗ derſetzen dürfte, wenn die dieſer Ceremonie als unerläßlich vorhergehende Taufe, durch welche ſie faetiſch zur griechiſchen Kirche übertrat, unterbliebe. Dieſe religiöſe Angelegen⸗ heit war bereits für den Czar ſowohl, als dem ihm in allen kirchlichen Dingen bereitwilligſt ergebenen Patriar⸗ chen Ignatius, welchen das Volk einen verkappten La⸗ teiner nannte, ein Gegenſtand vieler Verlegenheit. Der genannte, ſeine ehrwürdige Stellung um die Gunſt des Czaren längſt verkauft habende Hoheprieſter der morgen⸗ ländiſchen Kirche hatte nicht den Muth, eine Scheintaufe an Marina zu vollziehen, weil die Zeit, in welcher ſie in den Lehren und Gebräuchen dieſer Kirche unterrichtet worden, viel zu kurz war, um dem Geringſten aus dem 92 Volke glauben zu machen, daß die Czarenbraut in Wahr⸗ heit von der Heiligkeit der Lehren und Gebräuche der⸗ ſelben durchdrungen und daher die Taufe kein frevelhaftes Spiel ſei. Auch hätte die Gleichgültigkeit Marina's gegen die von Amtswegen bei ihr Zutritt habenden und ſie lehrenden Geiſtlichen dem Glauben an die Wahrhaf⸗ ligkeit ihres Uebertrittes zu ſehr geſchadet, als daß die heilige Taufhandlung an ihr gewagt werden könnte. Man müſſe einen Ausweg finden, welcher dieſe große Verle⸗ genheit zu beſeitigen vermöchte; aber eben die Auffindung eines ſolchen Ausweges bot die größte Schwierigkeit. Die mit dem Czar nach Moskau gekommenen Prieſter der päpſtlichen Kirche lächelten im Stillen über den an der griechiſchen Kirche durch deren eigenes Ober⸗ haupt zu begehenden Betrug, um eine Lateinerin in die⸗ ſelbe einzuſchmuggeln, wie dies gleich bei des Czaren Be⸗ werbung um Marina von demſelben zugeſagt worden war. Darum traf der Entſchluß Marina s, ernſtlich zur grie⸗ chiſchen Kirche übertreten zu wollen und ſomit jedes ſich ihrer Krönung als Czarin in den Weg ſtellende Hinderniß mit Einemmale zu beſeitigen, die römiſch⸗katholiſche Geiſt⸗ lichkeit wie ein aus heiterm Himmel plötzlich herabfal⸗ lender Blitzſtrahl. Nicht das Heil dieſer einzigen Seele ſtand allein auf dem Spiele, ſondern der bisher ſehr glücklich gediehene Plan, das große Rußland, das Reich des Schisma, der päpſtlichen Kirche als ein für den kirch⸗ 93 lichen Anbau ungeheures Feld zu erſchließen. War es ſchon als ein außerordentlicher Gewinn zu betrachten, in dem Czaren und dem Patriarchen Ignatius geheime Anhänger der römiſch⸗katholiſchen Kirche zu beſitzen, ſo mußte Marina, die Katholikin, an der Seite des Czaren gewiſſermaßen als eine Bürgſchaft für deſſen Aufrich⸗ tigkeit in der Zuneigung für die päpſtliche Herrſchaft in Rußland gelten. Wer verbrieſte die Unwandelbarkeit der Geſinnungen des jungen Herrſchers über Rußland, daß er nicht, um andere Pläne in's Werk zu ſetzen, ſich ohne von einer katholiſchen Gemahlin in ſeinem Thun überwacht und zurückgehalten zu werden, der National⸗ kirche Rußlands mit dem offenen Bekenntniß in die Arme warf:„Um mir den Thron zu erobern, ging ich in meiner damaligen Hülfloſigkeit auf den mir als Bedin⸗ gung des mir zu leiſtenden bewaffneten Beiſtandes ge⸗ machten Vorſchlag des Uebertritts zur lateiniſchen Kirche ein. Jetzt werfe ich die Maske wieder ab als aufrich⸗ tiger Sohn unſerer heiligen allein⸗rechtgläubigen Kirche? Ungeheueren Jubel würde ein ſolches Bekenntniß eines den tief verhaßten Lateinern geſpielten Betruges in ganz Rußland hervorgerufen haben. Dieſer Freudenſchein würde dann aber auch zugleich als Zeichen des Endes des ſo glücklich begonnenen Anfangs der päpſtlichen Herr⸗ ſchaft mittelſt Vertreibung deren Prieſter zu betrachten ge⸗ weſen ſein. 94 Voll dieſem Beſorgniſſe verſuchte man Alles, Ma⸗ rina's Entſchluß umzuwandeln, aber ſie zeigte ſich fe⸗ ſter, als man glaubte. Der Palatin von Sendomir, Ma⸗ rina's Vater, war nicht glücklicher in dieſem Beginnen. Ehrfurchtsvoll hatte ſie ihm zugehört und der ſich im Ei⸗ fer warm redende Mann glaubte den günſtigſten Eindruck bei ihr durch ſeine Vorſtellungen erzielt zu haben. Voll Erſtaunen hörte er jedoch, als er ſchwieg, ſeine Tochter vor ſich hinſprechen:„Rühme Dich nicht, daß Du zur Herrin eines Reiches erzogen ſeiſt.. Du haſt keine Herrſchaft über Dich, Deine Vorurtheile ſind mehr als Du.“ Er wußte nicht, was dieſe Worte bedeuten ſoll⸗ ten, ſie klangen ihm räthſelhaft in's Ohr, ihre Löſung aber erfüllte ihn mit Schreck. „Mein gnädiger Herr Vater,“ hob Marina nach einer Weile an...„ich habe Alles überdacht und das Gute gegen das Schlimme abgewogen. Ihr wißt, wie der Bojarenrath hinſichtlich meiner Derwerfung des na⸗ tionalen Krönungskleides ent ſchieden hat. Nicht ſein Aus⸗ ſpruch war eine Demüthigung für mich, ſondern mein Vorur⸗ theil, das mir nicht geſtattete, die Verhältniſſe zu neh⸗ men, wie ſie ſind. Ein Kleid war mein Gott, ich ver⸗ diente die Strafe. Nicht anders ſind die Verhältniſſe feitdem geworden; aber meine Anſicht davon hat ſich gewandelt. Ich will auch das Vorurtheil von mir ſcheu⸗ chen, welches mir den Sitz auf dem Czarenthron entrei⸗ 95. ßen kann. Wie? iſt nicht die Religion ein Krönungskleid für unſer Herz, unſern Geiſt? iſt es weniger ein Vor⸗ urtheil, wenn wir dies geiſtige uns anerzogene Kleid ei⸗ genſinnig feſthalten und uns ſelbſt dadurch einer großen Zukunft verluſtig machen? Werde ich geringer in mei⸗ nem Selbſtwerthe, wenn ich der morgenländiſchen Kirche angehöre? iſt es nicht ein bloßer Herrſchaftsſtreit, der die beiden Kirchen trennt? O, mein gnädiger Herr Va⸗ ter, das Volk von Rußland giebt mir ſeine Krone, ſei⸗ nen Thron, iſt dafür das Aufgeben des Vorurtheils, das man mir gegen ſeine Kirche eingeflößt hat, wirklich ein ſo großes Opfer? nein, es iſt keins, nur eine ge⸗ rechte Anforderung an mich, die, wenn ich ihr nicht ge⸗ nüge, ſich an mir durch ſehr bittere Demüthigungen rä⸗ chen dürfte. Glaubt Ihr, mein gnädiger Herr Vater, daß das trügeriſche Spiel, deſſen willenloſes Werkzeug ich werden ſoll, mir je ein Glück bringen werde? Ach, ich glaube, daß dieſer Betrug mir einen Flecken in die Seele brennt, deſſen Daſein ſich nicht wieder verlöſchen läßt und mich dem ärmſten Unterthan gegenüber erröthen macht.“ Der Palatin von Sendomir verſchwendete verge⸗ bens Worte und Bitten an ſeine Tochter; er drohte ihr ſeine Liebe zu entziehen. Marina ſchwieg, dann ſagte ſie ſeine Hand küſſend:„Ich verſichere Euch, mein gnädiger Herr Vater, daß ich jederzeit Eure Euch kindlich liebende 96 Tochter ſein und bleiben werde und bin wieder von Euch verſichert, daß Ihr mir mit derſelben Zärtlichkeit, die mich immer beglückt hat, unter allen Umſtänden einge⸗ denk bleibet. Ach, ich kenne Euch zu gut, Ihr ſeid eins mit mir in der Ueberzeugung, daß, um einen Thron zu beſitzen, eine Krone zu tragen, uns kein Vorurtheil zu theuer ſein darf.“ Der Ausgang dieſes Verſuches, Marina auf an⸗ dere Gedanken zu bringen, wirkte ſehr niederſchlagend für alle dabei Betheiligten. Der Palatin von Sendomir befand ſich in der größten Aufregung.„Ich habe ſie zu ſelbſtändig erzogen; ſie hat dadurch eine Willenskraft er⸗ langt, die zu brechen nun eine Unmoglichkeit iſt,“ ſagte er zu mehreren ſeiner Freunde.„Wie hätte ich denken können, daß ich dieſe vor meinen Augen heranwachſende und mir ſo viel Vergnügen bereitende Kraft des eigenen Willens an der Tochter jemals als einen Gegenſtand des bitterſten Vorwurfes für mich betrachten müſſe! nun iſt dieſe Zeit gekommen.“— Der Diener meldete ihm den eben von Wilna kommenden Prieſter der Geſellſchaft Jeſu, Namens Peter Xaver Golezewski. „Wie? Xaver Golezewski, mein Pflegling, hier in Moskau! rief der Palatin.„Laß ihn ſogleich herein! Der Eintretende war ein junger ſchlanker Mann, deſſen ſchwarze Ordenstracht ſeinem blaſſen aber freund⸗ lichen Geſichte den Ausdruck von Kränklichkeit lieh. 97 „Kaver!“ mit dieſem Namensrufe umarmte ihn Mißnek mit großer Zärtlichkeit. Solch liebevollen Empfang war ich mir von Eurem edlen Herzen gewärtig, ich danke Euch dafür, gnädiger Herr,“ antwortete der junge Pater. „Nicht förmlich, nicht förmlich, mein Sohn!“ rief der Palatin.„Freilich konnteſt Du ſolchen Empfanges von mir gewärtig ſein, habe Dich ja wöie meine eigene Söhne geliebt und für Dich geſorgt und ich gehöre nicht unter die Leiſhiſinnigen, die, waͤs ſie vinmal iehen, auch leicht vergeſſen.“ „Auch ich nicht, gnädiger Herr,“ ſtimmte der Pater bei.„Man kann dies als ein Glück bezeichnen, das uns überall hinbegleitet und uns ſtets zu Dienſten ſteht, ſelbſt dann, wenn wir traurigen Gemüthes ſind. Leichtſinnige ſind nur für den Moment glücklich, Nachdenkende aber für die Dauer,denn ſie ſehen auch in ſchmerzlichen Erinnerungen nichts als ihnen treubleibende liebende Engel. So werden. Leiden, die hinter ihnen liegen, für ſie zu einem Glücke.“ „Halt, halt, mein hochwürdiger Herr Pflegeſohn, ſtimmt Euren Ton nicht zu poetiſch an, ein Palatin von Sendomir iſt nur eine proſaiſche Natur und würde Euch nur auf ſehr üble Weiſe nachhinken!“ rief Mißnek lachend. „Nun, nun, mein Xaver, Du haſt das Reden ordentlich gelernt und ich denke, das iſt ein Erbtheil Deines Vaters, meines verſtorbenen wackeren Freundes, der auf unſeren 1861. 21. Eine lat. Czarin. 1. 7 „ 2 98 Reichstagen auch manches ehrliche Wort ſprach, das tiefen Sinn hatte und vom Herzen kommend zum Herzen ging. Weswegen biſt Du nach Moskau gekommen?“ „In Ordensangelegenheiten, gnädiger Herr.“ „Gut, nach dieſen Angelegenhfiten habe ich nicht zu fragen. Ihr Herren beſorgt den Himmel, wir Laien die Erde und ſo hat Jeder ſein Theil. Aber ich hoffe, Xaver, Du wirſt hier bei mir Wohnung nehmen. Auch Dein Bruder Julian iſt hier. Ihr werdet Euch freuen, Euch wieder zu ſehen.“ „Es ſind ſieben Jahre ſeitdem verfloſſen, daß wir uns zuletzt in Eurem Hauſe umarmten“, ergänzte Pater Xaver. „Ja, ja, ganz recht, ſo lange wird es ſein,“ ſtimmte der Palatin bei.„Nun er iſt ſeitdem ein prächtiger Ca⸗ valier geworden. Aber was ſagſt Du zu dem beſonderen Geſchicke meiner Marina?“ Der Pater ſchien von dieſer Frage ein wenig in Verwirrung geſetzt zu werden; er zö⸗ gerte einige Augenblicke mit der Antwort, dann ſagte er: „Der Himmel giebt Jedem nach ſeinen Kräften eine Miſ⸗ ſion hienieden. Oft müſſen wir Wege wandeln, die ſür das kurzblickende Menſchenauge zu weit aus einander⸗ laufen oder von andern durchkreuzt werden und unſerem Blicke verſchwinden. Es iſt eine große heilige Sendung, die Eurer gnädigen Fräulein Tochter anvertraut iſt. Möge Gott ſie auf dieſem Wege ſegnen.“ ——S'—,——-õ„—-„ 2— 99 „Das kann er aber nicht, es iſt unmöglich!“ rief der Palatin im Eifer der ſchlimmen Erinnerung an ſeinen vergeblichen Verſuch bei Marina, ſie zu anderen Geſin⸗ nungen zu bewegen. „Das kann er nicht?... der Himmel kann ſie nicht ſegnen?.. gnädiger Herr, ich verſtehe Eure Rede nicht,“ entgegnete der junge Jeſuit erſtaunt. „Wie glücklich biſt Du, das Schlimme nicht zu ver⸗ ſtehen!“ verſetzte Jener und theilte ihm in Kürze den Ent⸗ ſchluß Marina's mit, ernſtlich zu der griechiſchen Kirche übertreten zu wollen. Pater Naver hielt die Augen zu Boden geſenkt, er ſtand ſo regungslos wie eine Bildſäule. Der Palatin durchmaß in ſeinem Zorne das Zimmer mit langen ſchnellen Schritten, die von ſeiner großen Aufre⸗ gung zeugten und gab dabei ſeinem Grimme kräftige Aus⸗ drücke.„Meine Tochter eine Apoſtatin, eine Verleugne⸗ rin des väterlichen Glaubens!... mit Schande beladen werde ich nach der Heimath zurückkehren... o welch ein Kunſtſtück hat Georg Mißnek gemacht, wird es heißen, er brachte ſein Kind zu den falſchen Göttern nach Ruß⸗ land und hat es verhandelt, wie der elendeſte Jude auf ſeinen Dörfern es mit keinem ſeiner Kinder thun würde.. das iſt die Strafe Gottes für meinen Stolz auf dieſe Tochter... das iſt das Gericht, das mich trifft um mei⸗ ner allzugroßen Liebe willen zu ihr... eine furchtbare Vergeltung, ein Fluch, der mich auf dem Todtenbette nicht 7 100 ſterben laſſen wird und wenn der Tod mächtiger geworden als das Leben in mir, mich noch in die Ewigkeit verfolgt!“ Nach einer Weile, als ſich der bittre Groll in ſeiner Seele etwas minderte, blieb er vor dem Pater Xaver ſtehen und ſeine Hände auf deſſen Schultern legend, fragte er: Nicht wahr, mein Sohn, das iſt eine Hiobspoſt, die das Blut in Deinem Herzen gerinnen macht? Das hätteſt Du nicht zu hören erwartet. Es iſt eine Neuigkeit, ja, aber welche 4 „Eine ſchreckliche,“ fügte Pater Xaver faſt tonlos hinzu...„ſie darf nicht zur Wirklichkeit werden.“ „Marina's Entſchluß ſteht feſt. Seit ſieben Jahren iſt meine Tochter eine andere geworden, als Du ſie kann⸗ teſt. Damals war ſie noch ein Kind, jetzt hat ſie leider einen Willen.“ „Nur drei Jahre ſind es, daß ich ſie nicht geſehen habe. Es war bei Eurem gnädigen Herrn Schwieger⸗ ſohn, dem Fürſten Conſtantin Wißzniewiecki, zu dem ich damals als jüngſter, erſt geweihter Prieſter unſern hoch⸗ würdigen Pater Provinzial begleitete.“ „Ja, ja, ich entſinne mich davon gehört zu haben, ſtimmte der Palatin bei...„aber was ſoll das für einen Einfluß auf den Entſchluß meiner Tochter haben? ich ſehe es nicht ein.“ Ueber des jungen Jeſuitenpaters blaſſes Antlitz lief der Hauch eines lichten Roths.„Vielleicht empfiehlt mich der Umſtand, Euer Pflegeſohn geweſen zu ſein, bei — n 101 ihr, und ein Verſuch, zu ihrem Herz en in dieſer ſo hoch wichtigen Angelegenheit zu ſprechen, dürfte ein geſegneter werden,“ antwortete er mit leiſer Stimme. „Wenn das wäre!“ rief Jener...„Xaver! Du nähmeſt eine ſchwere Sünde von dem Herzen meiner Tochter und von dem meinen die Laſt eines Vorwurfs, den ich mit in's Grab nehmen müßte.“ Der Palatin umarmte ihn mit großer Heftigkeit, welche ein deutliches Zeichen von dem ſchweren Kummer war, der ihn dieſer Angelegenheit we⸗ gen bedrückte. Dieſer grand seigneur repräſentirte den Charakter ſeiner Landsleute auf's Vollkommenſte. Leicht⸗ ſinnig, verſchwenderiſch, ſchnell gereizt und leidenſchaftlich, wie die Polen ſich bei ſo vielen und oft ſehr unwichtigen Anläſſen kund geben, beſaß er die Bonhommie eines Lebe⸗ mannes, jene Gemüthlichkeit, die ihn oft bis zum Ver⸗ geſſen ſeines Ranges trieb und in ſeiner Stellung als Charakterſchwäche zu tadeln war; neben dieſer ihn beſon⸗ ders auszeichnenden Eigenſchaft, der er den Ruin ſeines großen Vermögens theilweiſe zu danken hatte, war er, was ſeine religiöſen Ueberzeugungen anlangte, überaus bigott, weshalb ihn der Entſchluß ſeiner Tochter vollkom⸗ men unglücklich machte. Die Lebhaſtigkeit ſeines Naturels ergriff daher auch mit einem Eifer ohne Gleichen die Hoffnung welche ſich ihm in einem Verſuche des jungen Prieſters hinſichtlich einer Sinnesänderung Marina's bot. Er überhäufte ihn mit Liebkoſungen und nannte ihn im Voraus den Retter ſeines geliebten Kindes. „Ich wünſche, daß der Allmächtige mir dieſes Gluck geben möge,“ bemerkte der Pater...„ich würde es als eine mir geſchenkte Gnade der Vorſehung anſehen, Euch, mein gnädiger Herr, die Wohlthaten, welche Ihr an mir, dem verwaiſten Knaben, übtet, würdig vergelten zu können. Jetzt erlaubt mir, zu dieſem Werke mich durch eine kurze Stunde Einſamkeit vorzubereiten, dann ſtehe ich zu Eurem Befehle.“ Der Palatin geleitete ihn perſönlich nach einem kleinen Gemache, das für die Dauer des Aufenthaltes Tavers in Moskau demſelben zur Wohnung dienen ſollte. Als der junge Prieſter ſich allein ſah, überließ er ſich einem tiefen Nachdenken. Wie leblos ſaß er, die Hände im Schooße gefaltet, mit geſchloſſenen Augen in der Stille des kleinen Zimmers, man hätte ihn für einen Uebermü⸗ deten halten können, den der Schlummer überwältigt hatte. Das jeweilige Aufſteigen einer für Augenblicke ſeine blaſſen Wangen mit brennender Röthe überflie⸗ ßenden Blutwelle deutete aber an, daß ſein geiſtiges Leben in voller Thätigkeit ſei und deſſen erhöhte Empfindung nach Außen ausſtrahle. Nach ſeines mittellos verſtorbenen Vaters Tode hatte er im Hauſe des Palatins ein Aſyl ge⸗ funden, wie ſein um zwei Jahre älterer Bruder Julian eins bei dem am polniſchen Königshofe lebenden Kanzler Grafen Zamoiski. Gänzlich verſchieden in ihrer Gemüthsart hatten beide Brüder ſich auch den ihnen innewohnenden Neigungen 103 in der Wahl ihrer Lebensbahnen hingegeben. Während Ju⸗ lian ſich die ganze Tournure eines jungen Cavaliers am von Intriguen aller Art ſtets bewegten Hofe König Sigismunds erwarb, widmete ſich Xaver dem geiſtlichen Stande, we⸗ niger aus ſeiner Neigung, obwohl ſein ſanftes Naturel ihn beſonders dazu tauglich machte, als um ein Gelübde ſeines Vaters zu erfüllen, der ihn, kaum geboren, in ſeiner Herzensangſt, wenn ſeine durch die Geburt des Knaben dem Tode ſcheinbar verfallene Gemahlin dieſem Looſe ent⸗ gehe, der Kirche geweiht hatte. Seine Knabenjahre waren in dem Hauſe des Pa⸗ latins verfloſſen. Tavers ſtilles wohlwollendes Gemüth paßte wenig zu dem aufgeweckten Weſen der Söhne Mißneks, welche die wilden Freuden der Jagd und aller jener Vergnügungen, wie ſie damals für junge ſich aus⸗ zeichnen wollende Edelleute als unumgänglich zur Aus⸗ bildung gehalten wurden, außerordentlich liebten und über den weichlichen Xaver, den ſeine adelige Geburt auf gleiche Stufe mit ihnen ſtellte, nicht ſelten ſpotteten. Ma⸗ rina war zu der Zeit noch ein kleines Maͤdchen, aber ſie war die Einzige unter ihren Geſchwiſtern, die ſich zu aver hingezogen fühlte. Der Knabe vergaß das nicht, als er nach Wilna in das Jeſuitenſeminar gebracht worden. Die Erinnerung an ſie war für ihn ein Heiligthum, das er vor Aller Blicken verbarg. Er war glücklich im Beſitz dieſes ſchuldloſen Geheimniſſes. Obwohl er mehrere 104 Jahre ſpäter einen Urlaub nach Sendomir erhalten, wo er das erſtemal nach der durch ſeines Vaters Tod geſche⸗ henen Trennung von ſeinem Bruder, dieſen, der mit dem Kanzler Zamoiski zu Beſuch bei dem Palatin ſich aufhielt, wiederſah, hatte er doch nicht die Freude, Marina, nach deren Anblicke er ſich im Stillen geſehnt, im väterlichen Hauſe zu finden. Ein Beſuch, den ſie bei einer verwandten Dame machte, raubte ihm das Vergnügen, ſie zu ſehen. Es fehlte ihm etwas in dem Hauſe; das lebhafte, aufge⸗ regte, überſprudelnde Weſen ſeines Bruders und der Sohne des Palatins paßte zu wenig zu der Stille ſeines Gemü⸗ thes und der Gewohnheit des Seminars. Marina würde vielleicht dieſes ihm fremd gewordene unruhige Treiben ihm erträglicher gemacht haben, ſo glaubte er. Eine unerfüllte Hoffnung in der Seele kehrte er nach dem Se⸗ minar zurück. Der richtig würdigende Blick hinſichtlich der Ta⸗ lente ihrer Schüler hatte die Patres Profeſſoren erkennen laſſen, daß Xavers leichte Erlernung fremder Sprachen ihn, der der ruſſiſchen bereits ſo ziemlich mächtig war, zu einem Sendling in dies Land beſonders qualificirte. Nicht ohne Abſicht hatten die Väter der Geſellſchaft Jeſu ihre Seminarien zu Wilna und Dorpat gegründet; es galt, allmählig Grund und Boden im Gebiete der griechiſchen Kirche zu gewinnen und ſich bei allen in Rußland ihrem Plane günſtigen Eventualitäten in der nächſten Nähe zu 105 befinden. Xaver hatte das Noviziat überſtanden und war als Prieſter in den Orden getreten. Kurze Zeit nach ſeiner Prieſterweihe begleitete er den Pater Provinzial, der ihn lieb gewonnen, auf einer kleinen Nundreiſe, bei welcher Gelegenheit ſie auch in das Schloß des Fürſten Wißniewiecki, eines Verwandten des Paters Provinzial kamen, und hier faſt eine Woche lang verweilten. Der Zufall ließ Tavern hier die bei ihrer Schweſter, der Fürſtin, einige Zeit verlebende Marina finden. Der Anblick der zur ſchönen Jungfrau Erblühten rief die lieben Erinnerungen, welche ihn aus ihres Vaters Hauſe in's Seminar begleitet hatten, wieder zur vollen Lebenskraft in ſeinem Herzen. Der junge Prieſter fühlte ſeine Ruhe auf's Tiefſte erſchüttert, und mußte einen harten Kampf mit ſich ſelbſt beſtehen, aus dem er zwar als Sieger, aber mit tief verwundeter Seele hervorging. Von dieſer Zeit an war er noch ſtiller geworden; der Zwieſpalt in ſeinem zwiſchen den Pflichten des Prieſters und den weltlichen Wünſchen, vor denen er im brünſtigſten Gebete Rettung ſuchte, getheilten Herzen bleichte ſeine Wangen noch mehr. Aufgeben kann der Menſch, ver⸗ geſſen nie, und obwohl der anfänglich ſtürmiſche Kampf kavers gegen die ſchönen verführeriſchen Bilder ſeiner Phantaſie, welche ſich deſto lebendiger geſtalteten, je mehr er ſie zu unterdrücken ſich beſtrebte, ſich im Verlauf der drei Jahre gemindert hatte, ſo bedurfte es doch nur eines 106— leiſen Anwehens, die ſcheinbar erſtorbene Glut wieder zur lebhafteſten Flamme auflodern zu machen. Er hatte Ma⸗ rina nicht vergeſſen, und der Gedanke, ihr ein Retter ſein zu können in der großen Gefahr für ihr Seelenheil, erfüllte ſein Herz ganz. Jetzt, wo ſie noch dem väterlichen Glauben angehörte, durfte er ihrer gedenken, wie ein Bruder einer theuren Schweſter gedenkt; geſchah ihr Uebertritt, ſo war ſie eine Verlorene und der Gedanke an ſie ein Unrecht an ſeiner Kirche, ein Vergehen gegen die Gelübde, die er dieſer geſchworen, denn Marina hatte dann nicht im Irr⸗ thum die Gemeinſchaft mit derſelben aufgegeben, ſondern abſichtlich, um eines zeitlichen Gutes gewiß zu ſein. Der Palatin rief ihn nach Verlauf einer Stunde ab, Paver folgte ihm mit klopfendem Herzen zu dem Wagen, der Beide nach dem Kreml und ans Kloſter St. Cyrillus brachte, in welches auf Befehl des Czaren Mißnek und ſein Sohn als Vater und Bruder Marina's freien Eintritt hatten. Paver ging als ein Sohn des Palatins, was freilich in der Beziehung, daß der junge Prieſter nur deſſen Pfle⸗ geſohn geweſen, eine kleine Abweichung von der Wahr⸗ heit war. Wenn das Herz des jungen Prieſters nicht nur vor dem Wiederſehen Marina's, ſondern auch bei dem Ge⸗ danken, welch einen Zweck dieſer Gang zu ihr habe, zit⸗ terte, ſo erfreute ſich die Czarenbraut ebenſo wenig jener Ruhe des Bewußtſeins, die für Geiſt und Gemüth er⸗ —— —— 107 hebend iſt. Marina befand ſich in einer ähnlichen Situa⸗ tion wie ein Zweifelnder, der Wille drängte ſie zur Feſt⸗ haltung ihres Entſchluſſes, an dem die Furcht, nicht als Czarin gekrönt zu werden, eine weſentliche Stütze hatte, und doch wieder erhob ſich dagegen eine Bangigkeit, ein Zagen in ihrer Seele, das ſie ſich nicht enträthſeln konnte und doch auch nicht zu unterdrücken vermochte. Die Gewohn⸗ heit, das Anerzogene, das ein Theil ihres Selbſt geworden, kämpfte gegen das zu erwartende Neue, gegen das Her⸗ austreten aus dem Kreiſe, der ſchon ihre Kindheit gehei⸗ ligt hatte.„Ich bin eine Närrin,“ ſchalt ſie ſich... „es iſt ſo viel thorheitsvolle Schwäche in mir, daß ich mich ihrer vor mir ſelber ſchämen muß. Was iſt's weiter mit dem Uebertritt? ein anderes Gewand als das, was ich bisher getragen... die Krone macht Alles gut.“ Sie fühlte, daß ſie Zerſtreuung brauche, denn ſo ſchön auch dies Calcül eines ruhigen unverzagten Muthes klang, in Wahrheit war es nur eine ſehr ſchwache Beſchönigung des Zwieſpaltes in ihr. Sie befahl Praskowa zu ſich. Das junge Mädchen ſollte ſie erheitern, mit ihrem argloſen kindlichen Ge⸗ plauder unterhalten, ihrem Denken eine andere Richtung geben.„Erzähle mir etwas. Was es auch iſt, ganz gleich,“ ſagte ſie... ich will Unterhaltung haben. Es iſt erſchrecklich langweilig in dieſem Kloſter.“ Praskowa ſagte lächelnd:„Ach, meiner hohen gnä⸗ 108 digen Herrin geht es wie uns in den langen Faſten, daß wir den Oſtermorgen herbeiſehnen, wo Chriſtus aus dem Grabe auferſteht und wir wieder eſſen und fröhlich ſein dürfen. Der Oſtermorgen iſt für uns Alle ein recht hei⸗ liger geſegneter Morgen, wenn wir uns fröhlich bei den vergoldeten Lichtern zu Tiſche ſetzen und uns der guten Mahlzeit freuen.“ „Davon erzähle, meine Kleine.“ „Ich weiß es ja nur, wie es bei uns, in meines Va⸗ ters Hauſe an dieſem Morgen iſt.“ „Ich verlange auch nur das zu wiſſen,“ entgegnete Marina zerſtreut. „Wie meine hohe gnädige Herrin befiehlt,“ antwor⸗ tete das Mädchen ſich verbeugend.„Wenn der Strasdje (Gründonnerstag) und der Plaſchtſchennitza(Charfreitag) vorüber ſind, fühlen wir uns Alle matt und müde vom Hungern und vom vielen Wandern in alle Kirchen zum Küſſen der Wunden des heiligen Leichnams am Plaſch⸗ tſchennitza; wir zählen die Stunden bis zur Nacht des Sonnabends; wo ſich die Kirchen wieder füllen. Unter meines Vaters und Ephims Schutz wanderte ich ſtets zur Meſſe, bei welcher nur die Lichter am Altar brennen und Jeder ſein unangezündetes Licht in der Hand hält, den letzten Schlag der Mitternachtsſtunde erwartend. Ach, mir hat das Herz immer vor Schauer geſchlagen in der tiefen Dämmerung, die zu der Zeit in der Kirche herrſcht, ——— 109 wo der heilige Leichnam des Erlöſers noch im Grabe ruht. Ich mußte weinen um ſein ſchweres Leiden und ſeinen Tod. Aber die Freude kommt. Plötzlich, wenn der letzte Glockenſchlag der Mitternachtsſtunde vorüber iſt, öffnen ſich die Goldpforten des Ikonoſtas, die ganze Geiſtlich⸗ keit wird ſichtbar und es erſchallt der Geſang: Christohs wosskress! Christohs wosskress ihs mortwui!(Chriſt iſt erſtanden! Chriſt iſt erſtanden aus dem Tode]) O, das iſt ſo ſchön, als wenn aus dem Himmel ſelbſt das heilige Lied käme. Alle Dämmerung verſchwindet im Nu, Jeder zündet ſeine Kerze an... es iſt Licht, reiches tau⸗ ſendflammiges Licht und tauſendfältige große Freude in Aller Herzen, Alle ſingen mit, die Prieſter im prächtigſten Ornate mit Rauchfäſſern in der Hand ziehen fröhlich ſin⸗ gend in der Kirche umher, jedes Heiligenbild begrüßend mit ihrem Poklon(Verbeugung) und der Loſung: Chri- stohs wosskress! Und von allen Lippen tönt der heilige Ruf, die Prieſter umarmen ſich, der ehrwürdige Metropo⸗ lit tritt vor den Ikonoſtas und giebt allen Andächtigen den Oſterkuß und dazu ſingen alle Glocken der Stadt ihr donnerndes Oſterlied, und Kanonen verkünden den heiligen Gruß ins Land hinaus. O, es iſt ſo ſchön an dieſem Oſtermorgen, wo Arm und Reich gleich werden in dem großen Auferſtehungsjubel. Wer ihn einmal nur erlebt hat, kann ſeiner gewiß nie vergeſſen.“ Des jungen Mädchens Augen glänzten vom Thau 110⁰ ſeines kindesfrommen Herzens. Marina fuühlte ſich von dieſem ſichtbaren Ausdruck eines tiefreligiöſen Sinnes wunderbar berührt. Sie ſtrich liebreich mit der Hand über die Stirn der ihr zu Füßen ſitzenden Praskowa. Nach einer Weile fragte ſie:„Und was geſchieht dann?“ „O dann, wenn die große Proceſſion um die Kirche, die Geiſtlichkeit an der Spitze, mit Fackeln und Wachsker⸗ zen, zu Ende iſt, geſchieht die Weihung der Speiſen, wor⸗ auf Jeder nach Hauſe eilt, vom Glockenſang begleitet,“ erzählte das Mädchen.„Da wimmelt es in den Straßen von Tauſenden von Menſchen; es iſt hell wie am Tage, denn wer möochte nicht ſeine Lichter ans Fenſter ſetzen als Zeichen der Luſt dieſes noch im Nachtgrau ſchlummernden heiligen Morgens! Und kam ich mit dem Vater und Ephim nach Hauſe, da umarmte mich unſere gute alte Nataͤſcha und des Vaters treuer Diener Ilia, ſie gaben mir den Oſterkuß. Die Tiſche, mit weißen Tüchern gedeckt, harr⸗ ten der vom Vater geladenen Freunde, die mit Oſtergruß und Kuß ſich einfanden, unſer Mahl zu theilen. Das an ſeiner Spitze mit kleinen brennenden vergoldeten Kerzen beſteckte Paskha und das Kulitſch) ladet Jeden zum Genuß *) Das„Kulitſch“ iſt ein rundes, dickes cylinderförmiges wie in Streifen geflochtenes Brod, an dem Pflaumen und kleine geweihte Zweige vom Palmſonntag her eingebacken 111 ein, die dampfenden Speiſen begraben die ſieben traurigen Faſtenwochen. Mit dem Oſtermorgen leben alle Herzen in Luſt und Freude auf.“ „Wer iſt der Ephim, deſſen Du erwähnteſt, meine Kleine?“ So freudevoll Praskowa's Geſicht auch ſtrahlte in der Erinnerung an die feſtliche Feier, ſo trübte ſich doch faſt augenblicklich dieſer ihr liebliches Kinderantlitz über⸗ breitende Glanz einer aus dem Innerſten ihres Herzens hervorgehenden frommen Heiterkeit.„Mein Verlobter,“ antwortete ſie, die Blicke niederſchlagend. „O, ſiehe da, Du haſt einen Verlobten? Du liebſt ihn gewiß zärtlich?“ Praskowa's kindliches Gemüth kannte keine Verſtel⸗ lung und eben deshalb verrieth auch ihre Verlegenheit, daß dies ſo zufällig ihrer hohen Herrin zur Kenntniß ge⸗ kommene kleine Herzensgeheimniß ihr einigen Kummer verurſache.„Der Ephim iſt ſehr gut, ein ſanftes Herz... ich liebe ihn wie man einen Bruder liebt,“ ſagte ſie. In dieſer Antwort lag eine offenbare Abweichung von der werden, auch verzieren es die Bäcker mit kleinen, daran feſtgebackenen Brezeln. Mit Blumen und Lichtern ge⸗ ſchmückt ſteht es als unerläßliches Erforderniß auf dem zum Oſtermorgenmahl feſtlich gedeckten Tiſche und Jeder ißt davon und von dem Paskha oder weichen Käſe. 112 Weiſe des leicht zum aufrichtigſten Erguß ſeines Denkens und Fühlens geneigten Mädchens. Marina bemerkte das, es befremdete ſie. Voller Wohlwollen hob ſie das von tiefem Roth überglühte Ge⸗ ſicht Praskowa's in die Höhe.„Du verbirgſt mir etwas,“ ſprach ſie...„iſt es nicht ſo?“ „Ach ja, ja, meine gütige gnädige Herrin,“ ſtammelte das nun erſt in die größte Verwirrung kommende Mädchen. „O, ich bin ein thörichtes Kind, deſſen Augen ſeine ſchlimm⸗ ſten Feinde ſind und das recht großen Kummer im Herzen hat. Der Ephim iſt mir lieb geweſen und ich wußte nicht anders, als daß ich mit ihm auch recht glücklich werden würde, weil er ſo gut und ſanſft iſt. Jetzt aber ſind ſchlimme Gedanken in mir erwacht, ich bin gar nicht mehr ſo heiter und glücklich wie früher.“ „Und warum?“ „Der junge ſchöne Pole, der unſern gnädigſten Cza⸗ ren und Herrn ſchon öfters hierher zu Dir, meine gütige gnädige Herrin, begleitet hat...“ „Nun, nun, meine Kleine, ich errathe ſchon,“ unter⸗ brach Marina die in's Stocken kommende...„Du biſt in Deinem Herzen dem Ephim untreu und das macht Dir Kummer und Angſt. Es wird ſich wieder geben, denke nicht mehr daran.“ „Kann ich denn das?“ fragte Praskowa zagend... „es iſt ſehr ſchwer, nicht das denken zu wollen, was ſich 113 uns gewaltſam aufdrängt. Ach, wie gut hat es Gott gemacht, daß wir kein Fenſter im Herzen haben, es bliebe nichts geheim... und wenn der Vater wüßte, wie närriſch meine Gedanken ſind... ach, er brächte mich um in ſei⸗ nem Zorn.“ „Er liebt den Ephim?“ „Ja, und... weil er es für eine unverzeihliche Sunde halten würde, daß eine rechtgläubige Chriſtin an einen Lateiner denkt; aber iſt's denn meine Schuld?“ Marina fragte nichts weiter. Praskowa's Andeu⸗ tung des religiöſen Haſſes ihres Vaters bot ihr hinrei⸗ chenden Stoff zum Nachdenken. Wenn in der Seele eines ſchlichten Bürgers ſchon ſo großer Abſcheu gegen die Lateiner herrſchte, ſo war mit Gewißheit anzunehmen, daß er in dieſer Beziehung nicht die einzige Ausnahme von ſeinen Mitbürgern und Landsleuten ſein werde. Dieſe Ueberzeugung war hinſichtlich des Zwieſpalts, in dem ſich Marina mit ihrem eigenen Ich befand, von nicht geringer Bedeutung, und griff in ſofern tief bei ihr ein, als ihre Furcht, durch dieſen religiöſen Haß des Volkes das ihr vorſchwebende Ziel, Rußlands Krone, ſich entriſſen zu ſe⸗ hen, darin eine bedeutende Stütze fand. Sie entließ Praskowa und gab ſich der Unruhe der für und wider ihren Entſchluß ſprechenden Stimmen ihres Innern hin. In dieſer keineswegs erquicklichen Stimmung wurde ſie durch die Meldung überraſcht, ihr Vater wünſche einen ſeiner 41861. 241. Eine lat. Czarin. 1. 8 114 Söhne, der erſt aus der Heimath zu Moskau angekom⸗ men, bei ihr einzuſühren.„Einer meiner bei meiner gnä⸗ digen Frau Mutter verbliebenen Brüder? o, er ſoll nur kommen, gewiß bringt er mir Nachricht von ihr!“ rief Marina. Der Palatin trat mit Pater Xaver ein.„Hier, mein Sohn, iſt ſie,“ ſprach der alte Herr...„verſuche Dein gutes Werk an ihr und möge es geſegnet ſein. Jih werde Deiner und des Reſultates harren.“ Mit dieſen Worten verließ der Palatin wieder das Zimmer und die Dienerinnen Marina's ſtaunten nicht wenig, ihn gleich einem Thürhüter im Corridor auf und nieder wandeln zu ſehen. 1 Das blaſſe Antlitz des jungen Jeſuitenpri eſters war wie von tiefer Schamröthe überlaufen, als er ſich ihr al⸗ lein gegenüber ſah. Er fand in der ihn bei ihrem Anblick unumſchränkt beherrſchenden Verwirrung nicht einmal ein Wort der Begrüßung; der Menſch mit ſeiner angeborenen Schwäche überwog in dieſem Moment das Bewußtſein ſeiner prieſterlichen Stellung. Auch Marina ſchien von einer ſeltſamen Empfindung gefeſſelt zu ſein; aber ihr leb⸗ haftes Naturel beſiegte dies Ergriffenſein viel ſchneller. „Xaver!“ rief ſie..„mein Freund, ſehe ich Dich wieder! o, reiche mir Deine Hand, mein lieber Xaver, der ich ja mehr verdanke, als ich Dir je vergelten kann.“ Jetzt trat der junge Pater auf ſie zu und auf ihre 115 ihm ſich bietende Hand einen Kuß drückend, hob er in ſei⸗ ner milden Sprechweiſe an:„Könnte ich mich ſo aufrich⸗ tig Deines Anblickes erfreuen, wie Du Dich des meinen zu erfreuen ſcheinſt, ich würde ruhig und glücklich in mei⸗ nem Herzen ſein.“ Marina meinte, er wolle auf das zwiſchen ihrem Vater und ihr ſtattfindende Zerwürfniß deuten und ihn von dieſem Thema abzubringen fragte ſie wie im Scherz: „Bin ich ſo häßlich geworden, Xaver, daß Deine Anfor⸗ derungen an Schönheit ſich ſo unangenehm von mir abge⸗ ſtoßen fühlen?“ „Wärſt Du es, Marina, ich würde Gott dafür danken.“ „Du ſprichſt ſeltſam, ich verſtehe Dich nicht. Warum wünſcheſt Du mir Häßlichkeit?“ „Um meinetwillen,“ war Xavers Antwort.„Du weißt nicht, wie das zu deuten iſt. Siehe, unter dieſem Ordenskleide ſchlägt ein widerſpenſtiges Herz, das ſich ſchwer zügeln läßt. Es iſt ein ſchwaches Menſchenherz, das ſich nicht frei von Schuld weiß. Meine Schuld aber liegt in der Erinnerung an— Dich. In des jungen Prieſters noch lebhafte Phantaſie drängte ſich Dein Bild und zog ihn ab von den heiligen Verpflichtungen, denen er Treue geſchworen. Er ward durch Dich zum geheimen Sünder in ſeinem Denken. Das iſt es, was mir nicht 8**½ 116 geſtattet, mich Deines Anblickes ſo aufrichtig zu freuen, denn ich bin ein Sünder vor mir ſelbſt.“ Marina fühlte ſich ungewöhnlich überraſcht, aber nicht unangenehm.„Ei, mein hochwürdiger Herr!“ rief ſie ſcherzend...„auf ein ſolch offenes Geſtändniß, geliebt zu werden, darf jede Fürſtin ſtolz ſein, und wahrhaftig, ich bin es auch. Aber beruhige Dich um Deiner Dich ſo ſchwer drückenden Sünde willen, ich vergebe ſie Dir. Wer hätte mehr Recht dazu, als ich?“ Taver ſchwieg. „O, weißt Du Jemand, vor dem Du Dich noch be⸗ ſonders dafür zu verantworten hätteſt?“ „Ja,“ antwortete der Gefragte...„vor Gott. Wir haben ihm Rechenſchaft von all unſerm Thun zu ge⸗ ben, ſein Urtheil lautet anders, als das unſere und das unſerer Nebenmenſchen. Mild verzeiht er dem in Schwach⸗ heit Fehlenden, aber dem abſichtlichen Sünder iſt er ein ſtrenger Richter. Die That, die Sünde ſelbſt iſt die ge⸗ ringſte uns drückende Laſt, aber die Wirkungen, die unſere Sünde nach ſich zieht, wiegen ſchwer in der Schaale des Richters.“ „Wahrhaftig, unſere Wiederſehensfreude ſieht einer Faſtenpredigt wie eine Zwillingsſchweſter der andern ähnlich,“ entgegnete Marina, ein Lächeln erkünſtelnd. „Das Seminar hat meinem lieben geiſtlichen Freunde 117 einen ſeltſamen Unterhaltungston verliehen. Vor drei Jahren noch wußte er anders zu ſprechen.“ „Vor drei Jahren!“ rief der junge Prieſter leiſe, aber mit dem Ausdrucke des innigſten Gefühls, und ihre Hand ergreifend, ſchaute er ihr ſeelenvollen Blickes in's Auge.„Vor drei Jahren„theure Freundin, war mein Herz nicht ſchwer von Gram um Dich, wie es heute iſt, wo Du um irdiſcher Furcht willen Deinem väterlichen Glauben Dich entfremden willſt.“ „Dahin zielt Dein Beſuch?“ fragte Marina.„Ich fürchte, Xaver, Du ſcheideſt von mir eben ſo wenig fröh⸗ lich, wie Du zu mir gekommen biſt.“ „Sage das nicht, meine Freundin. Wie? Du hät⸗ teſt den Muth, undankbar gegen mich zu ſein, mir einen Vorwurf auf die Seele zu wälzen, von dem kein Gebet mich befreien kann? Gedenkſt Du nicht jenes Nachmit⸗ tags vor drei Jahren mehr, wo Du in einem kleinen ſchwanken Fahrzeuge auf der ſpiegelglatten Fläche des Sees an der Parkgränze Deines Schwagers, des Fürſten Wißniewiecki, Dich allein ſchaukelteſt? Damals führte mich Gottes Hand an das grüne Ufer des Sees in dem Augenblicke, als Dein kleiner Kahn ſich in Schlingpflan⸗ zen verwirrte und durch Dein Bemühen, ihn loszureißen, umſchlug und Dich in die Tiefe begrub. Mit Gefahr meines Lebens rettete ich Dich vom gewiſſen Tode. Einer Leiche gleich, bewußtlos hingſt Du damals in meinem 118 Arme. In der armſeligen Hütte des Fiſchers, deſſen Weibe ich Dich übergab, gelangteſt Du wieder zur Be⸗ ſinnung. O, ich hatte Großes gethan, ich war ſtolz, Dich gerettet zu haben, ich war glücklich in dieſer Freude. „„Taver, Du warſt mein Schutzgeiſt in Todesnoth!““ ſagteſt Du damals zu mir. O, ſage es heute wieder, Marina, laß mich heute Dich retten aus der noch größe⸗ ren Gefahr für Dein ewiges Leben, vor dem Fluche, der die Apoſtaſie trifft! Wie damals die Vorſehung mich an das Ufer des Sees, ſo hat ſie mich heute hierher in die Czarenſtadt geführt und wieder zu einem Moment, wo ein noch viel ſchlimmerer Tod Dir droht. Wie? Gott hätte nur gewollt, daß durch mich Dein Leben erhalten bliebe, damit Deine unſterbliche Seele verloren ginge?“ Der Pater hatte ſich warm geredet, das Herz war ihm auf die Lippen, in die Augen getreten, eine ſichtbare Verwandlung war mit ihm vorgegangen. Gleich einem glaubenseifrigen Apoſtel ſtand er vor ihr, die ſein Herz liebte, erhoben durch das göttliche Amt, eine irrende von Leidenſchaft geblendete Seele zu retten, zu leiten. Dieſe große heilige Aufgabe erforderte keine gekünſtelten Worte, keine blumenreichen Redefloskeln, nur aus ſich heraus durfte er zu ihr ſprechen und was er da ſprach, trug den Stempel der Ueberzeugung eines reinen edlen Herzens. Noch nie hatte er in dem Berufe eines Apoſtels ge⸗ wirkt, ſeine Sendung nach Moskau, welche ihm wegen 119 ſeiner Fertigkeit in der ruſſiſchen Sprache und Kenntniß der Geſchichte und Sitten dieſes Volkes zu Theil gewor⸗ den war, zielte darauf ab, als geheimer Miſſionär auf dem Gebiete der feindlichen Kirche Seelen zu gewinnen. Seine Obern kannten ſeinen Eifer für dieſen hohen Beruf, ſie wußten, daß er zu jeder Aufopferung dafür fähig ſei. Gab es einen größeren edleren Gewinn als ernſte Weihe dieſer ihn ganz erfüllenden Aufgabe, als Marina's Ret⸗ tung vor dem Uebertritte? Das mußte ſein erſtes Miſ⸗ ſionswerk ſein. Er begann es edel. Nicht wie der über jeden Fehl erhabene Reine trat er vor ſie hin, nein, ſie mußte in ihm einen Irrenden ſehen, wie ſie ſelbſt war, nicht ſchamvoll unter ihm ſtehen, wenn ſie zur Erkenntniß ihres Inthums ſich geleitet fühlen ſollte. Das Gleiche, Menſchliche verbindet in der Schwäche, wie in der Erhe⸗ bung. Seele auf Seele, Herz auf Herz geſtützt mußte ihr Erheben, ihr Aufſchwingen aus den Banden der Ver⸗ blendung eileichtern. Er hatte ſich nicht in Marina ge⸗ täuſcht, daß ſie dieſer That fähig war, ſie bedurfte nur eines Führers dazu, der es verſtand, ſie ſich ſelbſt wieder finden zu laſſen. Marina ekkannte, daß einem ſolchen edlen Charakter gegenüber ſie ſich mit demſelben auf gleiche Stufe ſtellen, die Motive ihres Entſchluſſes ihm nennen müſſe. Und ſie that es mit dem Freimuth eines ſtolzen Herzens, das ſich jeder Verhüllung als ſeiner unwürdig ſchämt. Der junge 120 Prieſter hörte ihr mit Ruhe zu, dann widerlegte er ohne Scheu jedes ihrer Motive. Er zeigte ihr, wie ſehr ſie eine Sklavin der Furcht ſei„denn nur Furcht habe ſie zu dem Entſchluſſe des Uebertritts geleitet. Sie ſolle ſich fragen, ob eine ſolche ihrer würdig ſei, ob ſie nicht im Innern ihres Herzens erröthe, ſich ſolcher Schwäche zeihen zu müſſen? Er ſtellte ihr die unabſehbaren Folgen vor, die ihr Uebertritt nach ſich ziehe. Was wolle die römiſch⸗ katholiſche Kirche anders bezwecken, als das Wort der Schrift:„es ſoll ein Hirt und eine Heerde ſein,“ auch in Rußland zur Erfüllung zu bringen. Er redete voll glü⸗ henden Eifers von dem großen Plane, ein zweites Rom in Moskau zu gründen durch den Sturz des griechiſchen Schisma, den Zwieſpalt, der beide Kirchen trenne, zu beſeitigen. Ein göttliches Wort ſolle gelten vom Süden bis in den fernen Norden, eine Lehre die feindlichen Völ⸗ ker verbinden. „Und Du, Marina, wollteſt, weil thörichte Furcht Dein ſtolzes Herz beugt, an dieſem großen herrlichen Plane zur Verrätherin werden, das vereiteln, was der heißeſte Wunſch der katholiſchen Chriſtenheit ſeit Jahr⸗ hunderten iſt... jetzt, wo dieſer Wunſch der Erfüllung entgegenreift?“ rief er.„Marina, ich müßte erröthen vor mir, daß ich, der Prieſter, einen Kampf mit mir ſelbſt beſtehen mußte, weil Du das Bild meines Herzens wur⸗ deſt, die ich für groß und erhaben am Eeiſte hielt und.. „—„.. —,———— ———— 12¹ mich täuſchte. Erniedrige Dich nicht zur Gewöhnlichkeit anderer Weiber, verwirf Dich nicht ſelbſt.. weſſen Haupt eine Krone tragen ſoll, muß ſich über jede eitle Schwäche zu erheben wiſſen.“ Dann redete er von dem troſtloſen Zwieſpalt im Herzen des Convertiten, der nicht aus voller Ueberzeugung dieſen Schritt gethan. Wie ein nicht leben und ſterben Könnender ſchwebe ein ſolcher zwiſchen dem alten und dem neuen Glauben. Keiner böte ihm einen Halt, Zweifel und Selbſtvorwürfe wären ſeine Qual, die ihn durch's ganze Leben begleite. Losgeriſſen von ſeinen Lieben habe er nicht einmal die Hoffnung mehr, jenſeits mit ihnen wieder vereinigt zu werden. Er ſtellte ihr in lebendigſter Schilderung den Schmerz ihrer Theuern vor, ſie betrauern zu müſſen als eine ihnen auf ewig Verlorengegangene. „Und warum gingſt Du verloren?“ rief er...„aus eitler Furcht, weil Du nicht die wahre Kraft, den wah⸗ ren Stolz, den wahren Muth einer katholiſchen Chriſtin in Dir hatteſt, weil Du zu ſchwach warſt, um Großes zu erfaſſen und in Dir ſelbſt zu verkörpern.“ Sichtbar war die Bewegung Marina's. Wie eine vom tiefen Weh Erfaßte ſtand ſie vor ihm, er hatte in die Saiten ihres Herzens gegriffen mit unwiderſtehlicher Gewalt. Dieſen großen übermächtigen Eindruck erken⸗ nend, ſank er auf ein Knie vor ihr, mit Haſt ihre Hand ergreifend und ſeinen Blick zu ihr aufſchlagend. . 122 „Was thuſt Du, Xaver?“ rief ſie tief bewegt. „Ich bettle bei Dir um Dein Seelenheil!“ antwor⸗ tete er.„Offen habe ich Dir bekannt, welchen Kampf ich um Deinetwillen gegen mein eigenes Selbſt beſtan⸗ den. Es war ein harter ſchwerer Kampf des Prieſters gegen den Menſchen. Von Dir hängt es ab, ob ich fortan ohne Selbſtvorwurf Dein Bild als das einer Sie⸗ gerin im ſchlimmſten Streite für immer in meinem Herzen tragen darf oder ob... Du der Kirche und mir für im⸗ mer verloren biſt.“ Eine kurze Pauſe trat ein.„Ich will keine Verlo⸗ rene ſein,“ ſagte die Czarenbraut leiſe. „Marina! treue Tochter unſerer heiligen Kirche! theures Bild in meinen einſamen Stunden! ſei geſegnet für dies Ja!“ rief der junge Prieſter, ihre Hand mit Küſſen bedeckend im überwallenden Jubel, daß ſein erſtes Miſſionswerk von dieſem Erfolge gekrönt worden. Wie ein aus hartem Kampfe ſiegreich hervorgegangener Strei⸗ ter war er ſtolz auf ſeine That, ſein blaſſes Antlitz ſchien verklärt von der großen Freude dieſes Sieges. „Laß den geſchmeidigen Patriarchen für einen Erſatz der Taufe ſorgen, er wird einen ausfindig machen,“ behaup⸗ tete Pater Xaver, als Marina erinnerte, welche Verle⸗ genheit die muthloſe Weigerung des Patriarchen, eine Scheintaufe an ihr zu vollziehen, dem Czar bereite. „Siehe, das iſt das unauslöſchliche Kennzeichen der grie⸗ 123 chiſchen Kirche, daß ihre Prälaten und Diener knechtiſch vor dem eiſernen Willen der Czare kriechen, während un⸗ ſere heilige Mutterkirche frei ihr Haupt erhebt und ihre Pueſte ungebeugt weltlichen Anmaßungen den Kampf er⸗ lären. Der junge Jeſuit hatte wahr geſprochen, als er auf die Fähigkeit des Patriarchen, ein die Taufe umgehendes Erſatzmittel aufzufinden, hindeutete. Die bald folgende Vermählungs⸗ und Kroͤnungsfeier überzeugte die erſtaunten Ruſſen von dem ſpeculativen Talente ihres ohnehin bei ihnen im Verdacht der Verrätherei an der Nationalkirche ſtehenden Oberprieſters. IV. Es gibt einen tief im Volksgeiſte eingewurzelten Glauben an günſtige und ungünſtige Zeichen bei Vor⸗ nahme großer Dinge. Mit Entſetzen bemerkten die Moskauer, daß die Doppelfeier der Vermählung und Krönung Marina's an einem ſehr übel gewählten Tage von ſchlimmer Vorbedeutung ſtattfinde, denn es war ein Freitag, und überdies der einem großen Feſte, dem des heiligen Nikolaus vorangehende Faſttag. Man fand es anſtößig, an einem ſolchen Tage eine Hochzeit zu feiern, und bald verbreitete ſich von geſchäftigen Zungen weiter getragen die Kunde unter dem Volke, der Czar habe ihn abſichtlich gewählt, um der öffentlichen Meinung Trotz zu bieten. Die ungeheure Pracht bei dieſer Doppelfeier war, obwohl ſie die Augen verblendete, doch nicht im Stande, den unangenehmen Eindruck des übel dazu gewählten Tages bei der großen Maſſe abzuſchwächen. Mit Grimm ſah das fromme Volk die Polen in der Kathedrale auf das Unanſtändigſte ſich benehmen. Sie 125 wieſen unverblümt, daß ſie das ganze kirchliche Feſt für eine luſtige mit Aufwand von Pomp dem Volke vorge⸗ fpielte Farce betrachteten. Einige von ihnen lehnten ſich mit dem Rücken gegen die Ikonoſtaſe, ohne Rückſicht⸗ nahme, daß ſie dadurch die dieſe Wand überdeckenden Heiligenbilder in den Augen der Ruſſen entheiligten; Andere ſetzten ſich auf Grabmäler, welche verehrte Reli⸗ quien enthielten oder ſchlenderten laut ſprechend oder lachend in dem wie alle griechiſchen Kirchen keine Sitze habenden Gotteshauſe herum, in dem heute als Ausnahme für den Czaren und ſeine ihm zu vermählende Brant ein Doppel⸗ thron errichtet ſich wies. Die Polen trieben den Frevel noch weiter, als Marina in dem ruſſiſchen Nationalcoſtüm erſchien und ihr ſonſt leichter Tritt durch die eiſenbeſchla⸗ genen Abſätze ihrer vorſchriftsmäßigen Stiefel auf dem Fußboden hörbar klappte. Das von Perlen und Edelſtei⸗ nen überſäete über der Bruſt gegürtete Krönungs⸗Gewand Marina's reizte ihre Landleute zu lautem frivolen Lachen. Wenige Minuten nach ihr erſchien der Czar, ihr Bräu⸗ tigam, begleitet von den im reichſten Goldbrokat ge⸗ kleideten Würdenträgern ſeines Reiches. Milden, freundlichen Blickes grüßte Demetrius mit Kopfnicken die große Zahl der Anweſenden. So weit auch unter den Moskauern der Groll gegen ihn, der kühn und ohne Scheu die alten ſeit Jahrhunderten in Fleiſch und Blut des ruſſiſchen Volkes eingewurzelten Gebräuche, 126 in den meiſten Fällen Mißbräuche angriff, verbreitet war, ſo gab es doch auch Viele, ſehr Viele, die ihre Blicke mit jener kindlich⸗demüthigen Ehrfurcht auf ihn richteten, wie ſie im Gemüth der Ruſſen als ein ſchöner, leider aber auch öfters zur abſcheulichſten Heuchelei verunſtalteter Grundzug gegen ihre Herrſcher vorwaltet. Wie? trug er nicht die unverwerflichen Kennzeichen des zu Uglitſch ermor⸗ det ſein ſollenden Czarewitſch, des Sohnes Iwans des Schrecklichen, an ſich? hatte nicht Gott und die Heiligen ihn offenbar vor dem Dolche des von Boris Gudonow gedungenen Mörders beſchützt und gerettet? Czar Demetrius, dem die Geſchichte und ſpäter auch das ruſſiſche Volk ſelbſt die Bezeichnung„der Falſche oder Unechte“ mit eben ſo wenig entſchiedenem Recht als bewieſenem Unrecht beigelegt hat, war zu dieſer Zeit ein junger kaum 25 jähriger Mann; ſeine Geſtalt unter Mittelgröße deutete auf köorperliche Kraft, Ausdauer und Behendigkeit. Er war breitſchultrig, wie faſt alle die, welche unter Leibesübungen ſich einen ausgearbeiteten feſten Knochenbau erworben haben. In ſeinem Schritte drückte ſich das Bewußtſein dieſes phyſiſchen Vorzuges aus; es äußerte ſich in ſeinem Thun eine Sicherheit, die ſich auf die eigene Perſönlichkeit ſelbſt ſtützte, und ſich ebenſowohl als Grundlage wie als Wirkung in einem hohen, vor keiner Gefahr zurückbebenden Muthe kund gab. Sein Haar war röthlich blond, ſeine Augen von blaſſem 1 127 Blau, demohngeachtet daß dies in der Regel die Zeichen einer weißen Hautfarbe ſind, war die ſeinige doch ſehr gebräunt. Indeß ſprach dieſer Umſtand gerade für ihn, da die Czarin⸗Mutter einen ſehr dunklen Teint beſaß. Bezüglich der kleinen Geſtalt wußte man, daß Iwan der Schreckliche gleichfalls ein Mann unter Mittelgröße ge⸗ weſen war. Obgleich mit dem ſehr ſchönen Geſichte des ſchrecklichen Iwans, den er ſeinen Vater nannte, ſein Antlitz nicht zu vergleichen war, ſo behaupteten doch alle Diejenigen, welche den Erſteren genau gekannt, das des Demetrius beſitze Familienähnlichkeit. Es war ein brei⸗ tes Geſicht mit hohen Backenknochen, ſtarker Naſe, wul⸗ ſtigen Lippen und ohne Bartwuchs.*) Mit dieſer Ueber⸗ treibung des ſlaviſchen Typus verband ſich jedoch der Ausdruck merkwürdiger Feſtigkeit und Energie. Dieſes Geſicht erhielt jedoch durch die kräftige Ju⸗ gend ſeines Beſitzers, ſo wie durch deſſen natürliche uner⸗ künſtelte milde Freundlichkeit eine derartig bedeutende Milderung des Unſchönen, daß es nicht zu den Wider⸗ wärtigen gezählt werden und man beim öfteren Anblick *.) Dieſe Beſchreibung ſtimmt genau mit dem in der Peters⸗ burger Akademie aufbewahrten Portrait von ihm und einem im Jahre 1606 in Polen herausgekommenen, jetzt ſehr ſel⸗ tenen Kupferſtiche, von welchem ſich in der polniſchen Bibliothek zu Paris ein Exemplar befindet. 128 deſſelben auf deſſen unangenehmen Formen bald vergeſſen konnte. Es hatte ſomit Aehnlichkeit mit einer ſterilen Landſchaft, die für Niemand einen anziehenden Reiz hat, aber durch Sonnengold oder fleißigen Anbau gehoben das Abſtoßende ihres unbehaglichen Eindruckes verliert. Es mangelten dem Czar Demetrius auch nicht jene auffallenden Kennzeichen, die der zu Uglitſch gemordete Czarewitſch be⸗ ſeſſen hatte, jene zwei Warzen, die eine auf der Stirn, die andere unter dem rechten Auge und der eine etwas kürzere Arm. Nicht mit Unrecht fragten alle Die, welche ihn als den echten Sohn des ſchrecklichen Iwan anerkann⸗ ten: Iſt es denkbar, daß die Natur noch ein zweites menſch⸗ liches Weſen mit denſelben genau übereinſtimmenden Merk⸗ zeichen geſchaffen haben ſollte? Nach dem Czar erſchien Marfa, die Czarin⸗Mutter, im Nonnenkleide, umgeben von einem anſehnlichen Gefolge. Stolz ſchritt dieſe erlauchte Dame, von ihrem Sohne ehr⸗ erbietigſt begrüßt, nach dem Throne, welchem zunächſt zu ſtehen ihr hoher Rang ſie berechtigte. Die Polen, die Sitte in den ruſſiſchen Kirchen, wo keine Bänke ſind, ver⸗ wünſchend, da ſie ſich während eines ſehr langen Gottes⸗ dienſtes auf's Stehen angewieſen ſahen, ließen den Czar um Abänderung dieſer ihnen ſehr läſtig fallenden Unannehm⸗ lichkeit erſuchen, was jedoch ohne Erfolg blieb und ſie da⸗ her eben keine wohlwollenden Zuſchauer der ganzen kirch⸗ lichen Ceremonie waren. 129 Der in allem Pomp ſeines hohen Amtes erſcheinende Patriarch ſalbte ſtatt der Taufe Marina mit dem heili⸗ gen Oele und ließ ſie mit dem Czar gemeinſchaftlich das heilige Abendmahl nehmen. Voll Entſetzen betrachtete die in Maſſe verſammelte griechiſche Geiſtlichkeit und das Volk dieſen Frevel am Heiligen, den ſie zugleich als eine ſchmachvolle Unterwürfigkeit gegen die lateiniſche Kirche deuteten. So diente das Heilige alſo nur zur Nahrung des bitterſten, ſich jedoch in's Gewand demüthigen Schwei⸗ gens hüllenden religiöſen Haſſes, welcher noch mehr durch das unanſtändige ſpöttiſche Lachen der Polen bei der ruſſi⸗ ſchen Liturgie mit ihren ſeltſamen Gebräuchen und den altherkömmlichen Förmlichkeiten geſteigert ward. Ueber⸗ raſchend war es allerdings anzuſehen, wie der Czar zur Erinnerung an die Hochzeit zu Kana ein mit Wein gefüll⸗ tes Glas, nachdem er und ſeine Braut von deſſen Inhalt die Lippen benetzt hatten, mit einem Fußtritt zerbrach und er und Marina von den weißbärtigen griechiſchen Prieſtern unter beiden Armen wie Kinder, die den erſten Gehverſuch machen, von einem zum andern der die Ikono⸗ ſtaſe bedeckenden Heiligenbilder geführt wurden. Vermählung und Krönung Marina's waren endlich vollzogen. Sie theilte nach der letzteren Feierlichkeit ſogleich mit ihrem Gemahl den Thron und empfing wie er den Handkuß der verſammelten Großen des Reiches. Dem Czar war das unanſtändige Benehmen ſeiner polni⸗ 1861. 21. Eine lat, Czarin. I. 9 130 ſchen Freunde, welche er zum Greuel der Ruſſen in ſolda⸗ tiſcher Bonhommie„ſeine Cameraden“ zu nennen pflegte, nicht entgangen, und um ihnen eine Ahnung von der Er⸗ habenheit eines ruſſiſchen Herrſchers beizubringen, fand er es für gut, ihnen ein Beiſpiel der Unterwürfigkeit ſei⸗ nes Großadels zu geben, indem er dem Fürſten Baſil Schuiski ein Zeichen zum Herbeiholen eines Fußſchemels gab, den Baſil mit tiefer Verbeugung unter ſeine Füße ſchob, wie auf ein nochmaliges Zeichen Schuiski's Bruder Deme⸗ trius dieſelbe Dienſtleiſtung bei Marina verſah. Faſt laut wünſchten ſich die Polen Glück, einem Lande anzuge⸗ hören, wo der König es nicht gewagt haben würde, von dem geringſten Edelmanne einen ſolchen Dienſt zu ver⸗ langen. Sie ahnten nicht, daß ſich die Rache der vom Czar tief erniedrigten Schuiskis hinter der Maske de⸗ müthigen Gehorſams verbarg. Für einen Moment fühlte Marina ihre Wangen von einer brennenden Glut überflogen. Zufällig hatte ihr Blick ſich nach der dem Czar zur Rechten ſtehenden Marfa gewendet und auf deren Antlitz ein kaltes, faſt verächt⸗ liches Lächeln bemerkt. Dies Lächeln erinnerte ſie an die ihr zugefügte Demüthigung ihres Stolzes, der dem Entſcheid des Bojarenrathes ſich hatte fügen müſſen. Einen Blick an ſich herabgleiten laſſend, erröthete ſie bei Anblick des geſchmackloſen Nationalcoſtüms, welches ſie heute zur Entäußerung ihres freien Willens gezwungen 131 zur Schau trug. Ihre Eitelkeit fand ſich tief beleidigt bei dem Bewußtſein, die einzige Ausnahme in der äuße⸗ ren Erſcheinung unter den vornehmen polniſchen Damen zu ſein, welche in der ſchönen kleidſamen polniſchen Tracht oder in der neuen franzöſiſchen Mode bei der kirchlichen Doppelfeier ſich eingefunden hatten. Mußten ſie ihrer nicht ſpotten, daß ſie ihren Willen unter einen Ausſpruch moskowitiſcher Bojaren gebeugt hatte? Und noch tiefer griff die Scham in ihr Herz bei der Erinnerung, zu wel⸗ chen noch weit größeren Opfern ſie ſich ſelbſt gezwungen hätte, wenn nicht Pater Xavers Feuereifer ſte der der Furcht entſprungenen Verblendung entriſſen, ihre religiöſe Ueber⸗ zeugung abzuſchwören, um nicht von dem Bojarenrathe, der ſo feſt und hartnäckig an einem ein geſchmackloſes Ge⸗ wand betreffendes Herkommen hielt, der Czarenkrone ohne die Taufceremonie für verluſtig erklärt zu werden. Wie ſo ohne allen Halt war da ihr Stolz geweſen! Einer Nation gegenüber, die an Schweigen gewöhnt, deren Große ſich zu entehrenden Dienſtleiſtungen gebrauchen ließen, hatte ſie ſich ſchwach gezeigt, zagend, furchtſam. Marfa's Ausſpruch: Rühme Dich nicht, daß Du zur Her⸗ rin eines Reiches erzogen ſeieſt... Du haſt keine Herr⸗ ſchaft über Dich ſelbſt, Deine Vorurtheile ſind mehr als Du.. erſchien ihr jetzt einer gänzlich anderen Auffaſſung würdig. Mit dieſer Ueberzeugung verließ ſie am Arme des 9* 4 — 132 Czaren, ihres Gemahls, gefolgt von allen Würdenträgern des Reiches die Kathedrale, vor der eine ungeheure Volks⸗ menge in lautes Jubelgeſchrei ausbrach, als der Czar und ſeine Großen Hände voll Goldmünzen unter ſie warf, die ſich den Beſitz derſelben mit Fauſtſchlägen und Stock⸗ ſtreichen ſtreitig machte. Im Czarenpalaſte, in welchem Marina nun als Her⸗ rin eintrat, vereinte feſtliche Tafelfreude die ruſſiſchen und polniſchen Großen, aber der durch den Uebermuth der Letzteren tief verletzte Nationalſtolz der Erſteren machte ſich, als die Köpfe ein wenig erhitzt waren, oft in derben Entgegnungen Luft. Die Gegenwart des Czaren ver⸗ hütete jedoch jedes ernſtliche Aneinandergerathen der durch Trunk leicht zu ſchlimmen Händeln Gereizten und ſo konnte der dem Gaſtmahle folgende Ball ohne weitere Störung begonnen werden. Für damalige Anſchauung war dieſer Ball etwas ausgezeichnet Liebliches und Schö⸗ nes. Der Czar tanzte, als Huſar gekleidet, zuerſt mit Marina, ſeiner Gemahlin, und darauf mit ſeinem Schwie⸗ gervater, den Palatin von Sendomir. Die Herren, wel⸗ che an dem Tanze theilnehmen wollten, näherten ſich dem Czar, küßten ihm die Hand und figurirten dann zu Zweien mit einander. Der Palatin tanzte einmal mit ſeiner Tochter, die ihm nur die linke Hand gab, und hierauf mit dem polniſchen Geſandten Oleszinki, deſſen Würde als Bevollmächtigter ſeines königlichen Herrn ihm geſtat⸗ * 2 133 tete, mit bedecktem Kopfe zu bleiben, und nur, wenn er an dem Czaren vorüberkam, nahm er ſeine Mütze ab. Der Wein floß in Strömen, die jungen polniſchen Edelleute leiſteten in Vertilgung dieſer reichfließenden Spende nicht weniger Aufopferungsfähigkeit als die ruſſiſchen Adels⸗ herren. Mancher Augen glänzten ſchon ſtier, ehe nur die Mitternacht vorüber war und an Anläſſen zu ſchlimmen Zänkereien mangelte es nicht, beſonders als der Czar ſich mit ſeiner Gemahlin entfernt hatte. Indeß hatte der Palatin die Sorge übernommen, jede zu weite Ausſchrei⸗ tung zu verhindern. „Wo iſt Julian Golezewski?“ riefen Einige unter einen Haufen junger polniſcher Herren, die ſich um einen Schenktiſch geſammelt hatten und dem Becher ſtark zu⸗ ſprachen. „O, wo wird das Teufelskind ſein!“ kröhlte Ei⸗ ner...„auf Mädchenfang. Da iſt er Meiſter.“ „Nicht doch, er hört eben die lange Meſſe eines ruſſiſchen Popen an, um wieder nüchtern zu werden,“ meinte ein Anderer. Wieherndes Gelächter folgte dieſer Anſpielung von Seiten der vom Trunk überreizten jungen Männer. „He, was thut man, um dieſen Moskowitern einen Geſchmack an Bildung beizubringen?“ warf Einer die Frage auf. „Dazu gehört nicht viel,“ antwortete der Bojar * 134 Tatiſchew, welcher ohne von ihnen bemerkt zu werden näher getreten war. „Nicht viel?“ lachten Mehrere...„o, Du Mos⸗ kauer Judenbart, wir ſagen Dir, daß unendlich viel dazu gehört. Man muß Euch erſt abhäuten, ſonſt dringt keine Civiliſation bei Euch in Mark und Bein ein. Tatiſchews von ſtarkem Trunk rothentzündete Au⸗ gen fuhren im Kreiſe herum und dann rief er mit einer Stentorſtimme:„Macht Euch fertig, vom Teufel geholt zu werden, Ihr lateiniſchen Heiden, denn ich prophezeihe Euch die ſchlechteſte Auferſtehung, die nur jemals ein polniſcher Dudler erlebt hat.... Ruhig, wenn ich rede! ... wer ſeid Ihr gegen uns? Nichts! Windmacher... eitle Gecken... hungrige Wölfe, die ſich von unſerm Ueberfluß die Mägen füllen. Wir treten Euch unter die Füße wie Staub. Gebt Acht, es kommt ein Gewitter über Euch, daß Ihr Eure Gebeine zuſammenſuchen wer⸗ det. Das ſage ich Euch, ich, Tatiſchew... hört Ihr das?.. und daß Keiner von Euch den Donnerſchlägen entgehe, darauf trinke ich den Becher aus. Möchte je⸗ der Tropfen drin Gift ſein und ich es Euch in Eure Adern füllen können, daß Ihr ſchon heute daran vergin⸗ get!“ Dieſe höchſt feindſelige Rede überraſchte den Ueber⸗ muth der jungen Polen für den Augenblick ſo ſehr, daß ſie kein Wort der Entgegnung zu finden ſchienen. Sie ſahen ſich beſtürzt an, es lag in des trunkenen Bojaren 135 Worten eine Drohung, ein verſtecktes Geheimniß, deſſen Ahnung ſich ihnen aufdrängte, ohne daß ſie deren weite⸗ rer Geſtaltung zu Fleiſch und Bein deutlich bewußt wer⸗ den konnten. Tatiſchew hatte unterdeſſen den Becher in einem Zuge geleert und die wenigen darin verbliebenen Tropfen über ſie hinſpritzend, rief er:„Das geſchieht an Euch, Ihr polniſchen Luſtigmacher. Ihr ſollt alle werden wie dieſe Tropfen Wein!“ Jetzt brach der durch die Ueberraſchung zurückgehaltene Grimm bei den jungen polniſchen Edelleuten aus; ſie drangen auf Tatiſchew ein, der wüthend um ſich ſchlug. Da dieſer Kampf nicht ohne großen Lärm vor ſich ging, ſo wurden dadurch eine Menge anderer Hochzeitsgäſte herbeigezogen. Der ſtarke Geiſt des Weines hatte Alle in jene aufgeregte Stim⸗ mung verſetzt, welche nur geringen Anlaſſes bedurfte, um in beklagenswerthe Ausſchreitungen auszuarten. Der bei den Bojaren durch das übermüthige frevelhafte Be⸗ nehmen der Polen in der Kathedrale hervorgerufene, aber durch die Anweſenheit des Czaren gefeſſelte und durch die vielen während der Tafel von dieſen ausgeſprochenen ſpöt⸗ tiſchen Anſpielungen, ja unverblümten Verhöhnungen des ruſſiſchen Nationalbewußtſeins erregte Zorn erging ſich jetzt in ſehr lebhafter Theilnahme an dem Kampfe ihres Lands⸗ mannes Tatiſchew, der mit derſelben Kraft, wie er ſeine Fäuſte gebrauchte, auch ſeine ſchwere Zunge in unermüd⸗ licher Bewegung erhielt und in einem fort ſchrie:„Wir be⸗ 136 graben Euch noch, Hundeſoͤhne!. Moskau verſchlingt noch Eure Gebeine zu Eurer ewigen Schande!.. das ſage ich, ich Tatiſchew!“ Der Czarenpalaſt war nahe daran, zum blutigen Schauplatze eines durch den in tiefſter Seele eingewurzel⸗ ten und durch zahlloſe Beleidigungen geſteigerten National⸗ haſſes auf Seite der Ruſſen, wie durch den alle Schranken des Anſtandes und der Rünſichtnahme überſpringenden unvernünftigen Dünkel der Polen durchzufechtenden Kam⸗ pfes zu werden, denn an Stelle der Fäuſte waren bereits die Klingen getreten, als der Palatin noch zu rechter Zeit dazwiſchen kam. Sein Ruf zur Ordnung brachte die Polen ſo weit zur Beſinnung, daß ſie, wenn auch nicht die Klingen einſteckend, doch zurücktraten. „Was iſt das für ein Betragen im Czarenpalaſte?“ rief der Palatin dem trunkenen Tatiſchew zu.„Schämſt Du Dich nicht, Ober⸗Kammerherr Sr. Majeſtät zu ſein, und eine Schlägerei zu beginnen in deſſen Nähe? Was ſoll man von Dir ſagen, der Du Bojar ſein willſt und Dich ſo ſehr vergeſſen kannſt? Am Hofe Sr. Maje⸗ ſtät von Polen halten ſich Geſandte aus allen Ländern auf, ſelbſt der Kaiſer und Se. Heiligkeit der Papſt beſchi⸗ cken ihn durch ihre Miniſter; aber keiner dieſer Fremden wird jemals ein Beiſpiel ſolcher Roheit bei uns geſehen haben, als es hier ſtattfindet.“ „Was Kaiſer, was Papſt!“ kröhlte Tatiſchew... 137 „wir kümmern uns um keinen von Beiden, ein ruſſiſcher Czar iſt ein ganz anderer Herr als ſie... bei uns iſt je⸗ der Pope ein Pap ſt.“*) „Ich befehle Dir im Namen des Czaren, ſogleich den Palaſt zu verlaſſen,“ gebot Mißnek. „Du mir? ho, wer biſt Du?“ „Der Palatin von Sendomir, der Schwiegervater Deines durchlauchtigſten Czaren und Herrn.“ „Tatiſchew ſchlug ein gellendes Gelächter auf.„Hört Ihr's? das iſt der Schuldenmacher von Sendomir, dem ſein König erſt einen Freipaß ertheilen mußte, ehe ihn ſeine vielen Gläubiger aus Polen ließen,“ ſchrie Tatiſchew ſeinen Landsleuten zu.„Und Du, der ſich mit unſerm Fette mäſteſt, willſt einem ſchuldenfreien Bojaren des hei⸗ ligen Rußlands Befehle geben?“ „Unverſchämter!“ knirſchte der Palatin von Zorn und Scham erfüllt, ſeine zerrütteten Vermögensverhältniſſe hier mit einer Rückſichtsloſigkeit zur Sprache gebracht zu ſehen, welche ganz geeignet war, ihn dem Spotte preis zu geben; aber ſein Sohn, der Staroſt von Sanocz, we⸗ niger kaltblütigen diplomatiſchen Geiſt als er beſitzend, fiel wüthend über dieſe unerhorte Beleidigung gegen Ta⸗ tiſchew aus und dieſer würde ſicher ſeine trunkene Rück⸗ **) Ein ſchlechtes Wortſpiel im Ruſſiſchen. 138 ſichtsloſigkeit, trotz dem ihm von den andern Bojaren ge⸗ leiſteten Beiſtand mit dem Leben bezahlt haben, wenn ſein guter Stern nicht noch rechtzeitig genug den Fürſten Baſil Schuiski, Arm in Arm mit dem von dem Czar ſehr begün⸗ ſtigten Fürſten Schachowskoi die blendend erleuchteten und von luſtiger Geſellſchaft belebten Räume durchwandelnd, herbeigeführt hätte. Der eben ſo ſehr von Indignation über den ihm angethanen Schimpf wie von Angſt über den Ausgang dieſes vom gegenſeitigen Haß geführten Kampfes erfüllte Palatin rief Baſil Schuiski, deſſen Anſe⸗ hen unter den Bojaren ihm bekannt war, zur Vermittelung an und wirklich war es wunderbar, wie es nur weniger, dem trunkenen Tatiſchew in's Ohr geflüſterter Worte Baſils bedurfte, um dieſen Wilden ſo zahm zu machen, daß er in Begleitung einiger ſeiner Freunde ſchweigend aus dem Büffetzimmer ſtolperte. Die Polen ſahen einander über dieſe Machtäußerung Baſils erſtaunt und verwundert an. Die ſogleich eintre⸗ tende Ruhe gegen den bis vor einer Minute noch ſtattge⸗ fundenen Lärmen hatte etwas Unheimliches, Beängſtigen⸗ des. Man ſah eine Wirkung, ohne deren Urſache zu kennen.„Kannſt Du zaubern?“ fragte der Woiwod von Sendomir in dieſer Ueberraſchung den Fürſten. „Ein wenig,“ lächelte Baſil.„Man muß Alles lernen und Zauberei kann man zuweilen recht gut gebrau⸗ chen. Jetzt zum Beiſpiel kam ſie mir ſehr zu Statten, 139 meint Ihr nicht? und war ich nicht verpflichtet, ſie anzu⸗ wenden, um meines allergnädigſten Czaren und Herrn Hochzeitsfreude nicht zu trüben? Ich denke, ja.“ Der böſe Streit war demnach geſchlichtet, der Cza⸗ renpalaſt vor dem Schickſale, ein Schauplatz blutiger Feindſeligkeit zu werden, bewahrt, und man zerſtreute ſich. Der Palatin ging mit des Czaren polniſchem Kammer⸗ herrn, Graf Osmulski, durch die Gemächer.„Was haltet Ihr von dieſer ſeltſamen Machtäußerung Baſil Schuiski's?“ fragte Mißnek ſeinen Begleiter, hinzuſetzend: „Ich geſtehe Euch, Graf, daß ich darüber nicht wenig er⸗ ſchrocken bin. Was mag er dem Trunkenbold nur in's Ohr geflüſtert haben, daß dieſen ſo unerwartet augenblick⸗ lich zur Ruhe brachte?“ „Für uns die Lehre, auf der Hut vor dieſen mosko⸗ witiſchen Halbbarbaren zu ſein. Man kann Verſchiedenes über Baſil Schuiski denken. Wie? ſollte dieſer Mann vergeſſen haben, daß er als Verräther gegeißelt worden? Die Gnade des Czaren, ihm das Leben zu ſchenken, war meiner Anſicht nach ein großer Fehler. In Rußland iſt es in den meiſten Fällen beſſer, den Leuten die Köpfe vor die Füße legen, als ſie ihnen auf dem Rumpfe ſitzen zu laſſen.“ „Melden wir morgen dem Czar dieſen Vorgang,“ ſprach der Palatin nachdenkend.„Tatiſchews Aeußerun⸗ gen ſind ſtark verdächtig.“ 14⁴0 Während unter den ruſſiſchen und polniſchen Edel⸗ leuten Haß und Uebermuth in der geſchilderten Weiſe ſich ausſprachen, hatte Nataſcha, Walujews Magd, welche von Neugier gelockt ſich bei ihrem„Blümchen“ eingefun⸗ den, um die Herrlichkeiten im Czarenpalaſte zu ſehen, ebenfalls eine außerordentliche Ueberraſchung. Praskowa hatte redlich für die Schauluſt ihrer Pflegerin geſorgt. Mittelſt einiger vergitterter Fenſter auf dem hinter den Thron⸗, Speiſe⸗ und Ballſälen hinlaufenden langen Cor⸗ ridor konnten Begünſtigte, unter welche Natuͤſcha nun auch gehörte, die unerhörte Pracht bei dieſer großen Ver⸗ ſammlung der vornehmſten Herren und Frauen ruſſiſcher und polniſcher Nation bewundern. Der Czar in ſeinem Krönungsgewand, deſſen Stoff von den Perlen, womit es geſtickt war, unſichtbar gemacht wurde, empfing, während ſeine Gemahlin das ihr ſo widerwärtig erſcheinende Na⸗ tionalcoſtüm und die eiſenbeſchlagenen Stiefel gegen ein Kleid von franzöſtſcher Mode und feine Schnabelſchuhe vertauſchte, auf ſeinem goldenen Throne, die Krone auf dem Kopfe und das kaiſerliche Scepter in der Hand, eine nochmalige Huldigung ſeiner und der polniſchen Großen. Ueber dem Throne erhob ſich ein durch ſilberne Löwen und Greifen getragener Baldachin. Trauben von Perlen und Edelſteinen dienten dem Brokat des Baldachins, deſſen Schlußverzierung ein goldener Adler bildete, zu Franzen. Zu beiden Seiten des Thrones reihten ſich mit Partiſanen 141 bewaffnete und in weißatlasnen mit Hermelin gefütterten Kaftanen, über denen ſich dicke goldene Ketten kreuzten, bekleidete Offiziere. Zur Rechten des Czaren ſtand der Patriarch als höchſter Würdenträger der ruſſiſchen Na⸗ tionalkirche und Michael Skopin Schuiski, mit dem ent⸗ blößten kaiſerlichen Schwerte in der Hand, hatte zur Linken des gewaltigen Herrn aller Reußen Platz genommen. In dichtem Halbkreiſe ſchaarten ſich vor dem Throne die in reichen mit Edelſteinen geſtickten Prachtgewändern prun⸗ kenden ruſſiſchen Großen und die polniſchen Edelleute in ihrer ſchönen kleidſamen Tracht. Geblendet von all der Herrlichkeit rief Nataͤſcha ein oftmaliges leiſes: Pamiluitje(erbarmt euch meiner)! vor ſich hin. Dergleichen Pracht hatte ſie noch nie im Le⸗ ben geſehen; wie ein Zauber ſtand Alles vor ihren Augen und ſie betrachtete es mit jener demüthigen faſt andächti⸗ gen Furcht und im Gefühl ihrer Armſeligkeit, wie ſie ſol⸗ ches vor den Heiligenbildern der Ikonoſtaſe in den Kir⸗ chen empfand. In ihrem Herzen dankte ſie Gott im Stil⸗ len, daß er ihre Praskowa zu dem Dienſte der Czarin be⸗ ſtimmt habe,„denn,“ ſagte ſie zu ihrer Nachbarin am Schaufenſter,„wie wäre ich denn ſonſt dazu gekommen, je dieſe ezariſche Wunderpracht zu ſehen!“ Das Erſtaunen der ehrlichen Nataͤſcha über die franzöſiſche Mode, in der die Czarin und ſämmtliche polniſche Damen ſpäter bei Tafel und beim Ball erſchienen, machte ſie faſt kindiſch. 142 Die ungeheuren gebauſchten Röcke, durch nicht gar zu leichte Eiſenreifen weit ausgeſpannt, waren für das Auge der ehrlichen Magd ſchreckhaft, ſie wußte ſich nicht zu er⸗ klären, wie der weibliche Unterkörper zu ſolchem Umfange anwachſen könne und ihr oft wiederholtes Pamiluitje be⸗ wies den höchſten Grad von Verwunderung. Wenn der Czar in ſeinem Huſarencoſtüm, das er gegen das Krö⸗ nungskleid gewechſelt hatte in dem prächtigen Saale in die Nähe des vergitterten Fenſters kam, verneigte ſich Nataͤſcha fortwährend in tiefſter Demuth, obwohl kein Menſch auf ihre Ehrfurchtsbezeugung achtete. Sie hielt ſich in ihrem Unterthansbewußtſein für verpflichtet, auch unbeobachtet ihre Ehrfurcht an den Tag zu legen. „Unſern allergnädigſten Czaren und Herrn... Gott ſegne ihn in allen ſeinen Tagen!... würde ich gleich wieder erkennen, wenn er mir je begegnete,“ bemerkte ſie gegen ihre Nachbarin.— Ermüdet vom vielen Schauen verließ ſie endlich, als der Czar und ſeine Gemahlin ſich aus dem Ballſaale entfernt hatten, ihren Stand am Guckfenſter. Unbekannt mit der Oertlichkeit im Palaſte be⸗ gab ſie ſich, Praskowa außzuſuchen, nach den Gemächern, durch die dieſe ſie auf den Corridor geführt hatte, um von ihr geleitet wieder aus dem Palaſte zu kommen. Die kleinen Zimmer waren nur ſo viel erleuchtet, als die die⸗ ſelben Paſſirenden zum nöthigen Sehen bedurften. Sie waren leer. Nataͤſcha wurde unſicher und ängſtlich, ob 143 ſie ſich nicht verirrt habe, ſie ſtand ſtill, um zu überlegen, was nun zu thun? Schritte wurden im Nebenzimmer hörbar, erſchrocken, als wenn ſie ſich auf unrechtem Wege befände, zog ſie ſich in einen Winkel zurück und ſank vor Schreck lautlos in die Knie, als der Czar in der ihn ſo ſchön kleidenden Huſarentracht in's Zimmer trat, ſeinen Arm um ein Mädchen geſchlungen. Nataſcha verſteinerte faſt, es wäre ihr unmöglich geweſen, einen Laut hervorzubrin⸗ gen, denn ſie erkannte in dem Mädchen ihre Praskowa, die im Arme des Czaren, das Köpfchen an ſeine linke Schulter gelehnt, mit ihm durch's Gemach ſchritt. Gleich einer Erſcheinung waren Beide ſchnell wieder ihrem Blick entſchwunden. „Pamiluitje! das war mein Blümchen! o ihr gu⸗ ten Heiligen, der Czar... der allergnädigſte Czar und Herr...“ Nataͤſcha wagte in ihrer unterwürfigen De⸗ muth und betäubt von der Ueberraſchung nicht, dem, was ſie geſehen, Worte zu geben. Eine ungeheure Angſt bemächtigte ſich der guten Alten, als die Gewalt des er⸗ ſten übermächtigen Eindrucks des Unerwarteten nur ein wenig bei ihr nachließ. Wenn auch die angeborene tiefe Unterthänigkeit ihr nicht geſtattete, den geringſten Schein eines Tadels in ihren Gedanken auf den in ihren Augen über Alles erhabenen Gebieter des heiligen Rußlands fallen zu laſſen, ſo beſaß ſie doch ſo viel natürlichen Ver⸗ ſtand, um zu erkennen, daß Praskowa in einer Gefahr 144 ohne Gleichen ſich beſinde und dieſer Gedanke war, da er auf's Engſte mit ihrer wahrhaften Zuneigung zu dem Mädchen zuſammenhing, von ſolcher überwältigenden Herrſchaft über ſie, daß ſie bald gar nichts Anderes mehr zu denken vermochte. Ganz wirblig von dem ungewöhn⸗ lichen Gegenſtande ihres bis zu dieſer Stunde nie durch einen Anlaß beſonders erhobenen, ſtets in ihrer niedern Sphäre beſchränkt gebliebenen Denkens fand ſie nach langem vergeblichen Suchen endlich einen Ausgang auf eine Treppe, durch die ſie in den Hof des Czarenpalaſtes und bald außerhalb deſſelben gelangte. Wie berauſcht von den ſich in ihrem Kopfe zuſammendrängenden Erleb⸗ niſſen paſſirte ſie eins der für dieſe Ballfeier offen ge⸗ bliebenen Pförtchen des Kremls und eilte nach Hauſe, wo ſie den Entſchluß faßte, Väterchen Walujew von dem, was ſie ſo zufällig erfahren, Bericht zu erſtatten. Gleich am nächſten Morgen geſchah dies. Walujews Zorn war unbeſchreiblich. Am ganzen Leibe vor Wuth zitternd, wälzte er alle nur denkbaren Flüche auf das Haupt des Czaren. Nataſcha ſank vor Schreck über dieſen Zorn des empörten Vaters in die Knie, ſie bereute, ihm das mitgetheilt zu haben, weſſen ſie Augenzeugin geworden und verſuchte ihn in ſeinem wilden Toben zu beſchwichtigen; aber dies war vollkom⸗ men unmöglich; er ſchwor bei den Heiligen des Himmels, daß man ihm das Herz aus dem Leibe reißen ſolle, wenn er dieſe Entehrung ſeines einzigen Kindes nicht räche. 145 „An unſern allergnädigſten Czaren und Herrn willſt Du Dich rächen?“ rief Nataſcha voll Entſetzen. „Ich will, ſo wahr ich auf des Himmels Seligkeit hoffe!“ ſchrie Walujew...„bei meines Vaters und mei⸗ ner Mutter Gebeinen, der lateiniſche Ketzer ſoll wiſſen, was der Vater einer Verführten zu thun vermag!“ Der Gedanke ſchien ihm ſo lieb und angenehm, daß er gleich einem ſpielenden Kinde laut auflachte. Er rieb ſich dabei die Hände, wie man es im Bewußtſein einer großen ſtillen Freude zuweilen zu thun pflegt. „Er iſt närriſch geworden, hilf, Gott im Himmel!“ ſeufzte Nataͤſcha vor ſich hin. Dann kam er auf ſie zu und ſtellte ſich mit über der Bruſt verſchränkten Armen vor ſie hin.„Siehſt Du, Matiuſchka(Mütterchen, Schmeichelwort), ſagte er... wie ſchön Du Dein„Blümchen“ gepflegt haſt, daß es Gnade und Wohlgefallen gefunden hat vor den Augen des großmächtigen Herrn, der Rußland in der Taſche trägt, wie der Dieb das geſtohlene Gut. O, wie ſtolz können wir ſein, daß unſer Kind ſo hoch geehrt wird! nicht wahr? ich bin's auch, ich bin's, gewiß und wahrhaftig... und wenn alle Glocken in Moskau einmal zuſammen ein gewaltiges Lied anſtimmen, eile ich nach dem Kreml, um dem gnädigen Herrn meinen beſten Segen zu geben. Hahahaha! Es ſoll ein Prasnik(Feſttag) werden, ich 1861. 21. Eine lat. Czarin. I. 10 146 und der Czar wollen Babki*) mit einander ſpielen und das ganze heilige Rußland ſoll Slawa Bogu(Gott ſei geprieſen) dazu rufen. Sieh Matiuſchka, ſo wird, ſo ſoll's werden. Ein Beutelſchneider und ein Kaufmann ſpielen Babki um's längſte Leben... nun laß einmal ſe⸗ hen, wie's Glück fällt. Der Kupez(Kaufmann) gewinnt, vom Czar bleibt kein Knöchelchen...“ Der furchtbare Humor Walujews ſprang dann plötz⸗ lich um in eine Wehmuth, die ſich ſo übermächtig ſeiner bemeiſterte, daß er ſich auf die Erde warf und unter Thrä⸗ nen um ſein Kind jammerte. Mit vieler Mühe gelang es Nataſcha, ihn aufzurichten und den Exaltirten zu einer Ruhe zu bewegen.„Sage weder Ephim noch Ilia oder ſonſt Jemand etwas davon, daß ich ſchwach geworden im Grimme meines Herzens,“ ſprach er nach einer Weile gefaßter...„Du haſt nichts gehört, nichts geſehen... hörſt Du, Nataͤſcha?.. jetzt gehe an Deine Geſchäſte. Jeder Tag hat die ſeinen und wenn Moskau's Glocken alle zuſammen ſchlagen werden, beginnt auch mein Ge⸗ ſchäft. Geh!“ Nataͤſcha gehorchte und war nicht wenig erſtaunt, *) Babki, ein Spiel. Knöchelchen von Schaffüßen werden in einer Reihe am Boden aufgepflanzt und man wirft mit eben ſolchen Knöchelchen darnach. Gewinnender iſt der, welcher am meiſten umgeworfen. 147 als ſie bald darauf ihren Brodherrn die Wohnung mit ſolcher Ruhe verlaſſen ſah, als hätte nie eine Aufregung in ſeiner Seele ſtattgeſunden. Nataͤſcha wußtte nicht, daß die Sprache bei Vielen dazu dient, das zu verbergen, was ſie denken und das Geſicht nur zu oft der Schleier für ge⸗ heime Thränen iſt. Der durch den trunkenen Tatiſchew herbeigeführte widerliche Auftritt hatte indeß bei den Polen Argwohn erregt, und ſie beſtürmten den Czaren, Vorſichtsmaßregeln gegen den Ausbruch eines etwaigen Complottes zu treffen. „So zaghaft ſeid Ihr!“ ſpottete Demetrius...„Ihr kennt die Ruſſen nicht. Ich gebe ihnen Branntwein, Sbitin (eine Art Meth) und Katſcheli(Schaukeln) und ganz Mos⸗ kau ſchwimmt in Jubel.“ Vergebens drang man in ihn, wenigſtens die Hälfte ſeiner deutſchen Legion in den Pa⸗ laſt einzuquartieren.„Pfui!“ entgegnete der Czar... „ich will mich nicht durch Furcht entehren.“ Nur fünfzig Mann Deutſche, die gewöhnliche Zahl der Palaſtwache, ſollen wie bisher täglich die Poſten beziehen. So hoch⸗ herzig auch dieſes Beiſpiel von Muth war, ſo fühlten die Polen ſich doch nicht ſehr davon beruhigt und dieſe Befürchtung war ihnen auch keineswegs als Feigheit vor⸗ zuwerfen, da ſie Alle außerhalb des Kremls in Bürger⸗ häuſern einquartiert waren, was bei einem möglichen Auf⸗ ſtande von entſchiedenem Nachtheile für ſie werden mußte. Indeß die drohenden Aeußerungen Tatiſchews ſchienen 10* 148 nur in deſſen eigenem Haſſe gegen die Polen begründet zu ſein, den nichts zeigte ſonſt die Spur irgend eines den Verdacht der Polen beſtätigenden Aufruhrſymptomes. Tatiſchew ſelbſt wurde als durch Unwohlſein unfähig zu ſeinem Dienſt als Oberkammerherr beim Czar gemeldet, welcher lachend dem Fürſten Schachowskoi und dem Pa⸗ latin, ſeinem Schwiegervater, zurief:„Nun da habt Ihr's, auch die beſte Gurgel kann einmal zu viel verſchlucken und iſt es denn etwas Unerhörtes, daß der immer durſtige Ta⸗ tiſchew dabei den Kopf verloren hat? Ihr ſeht gleich Ge⸗ ſpenſter, aber ich kenne die Ruſſen und Ihr habt nichts von ihnen zu fürchten.“ So beſchwichtigte ſich denn die Befürchtung der Polen durch die von jedem verdächtigen Zeichen ferne Ruhe und gewöhnte Unterwürfigkeit der Bojaren ſowohl als durch die tolle Volksluſt auf den Podnowieski(großer Platz), wo eine Unmaſſe Katſcheli zum allgemeinen un⸗ entgeltlichen Vergnügen aufgeſtellt waren. Wer hätte in dieſem Harmloſ Durcheinandertreiben ſeelensvergnüg⸗ ter und meiſt halbberauſchter Menſchen, die ſich gelegent⸗ lich um der lächerlichſten Anläſſe willen einander in die Haare geriethen und ſich durch tüchtige gegenſeitige Prü⸗ gel ebenſo zufrieden und beluſtigt fanden, wie durch die über Alles geliebten Schaukeln und die in's Große gehen⸗ den Branntweinſpenden des Czaren, eine Verſchwörung her⸗ ausfinden wollen! Am Hofe dauerten die Schmauſe⸗ 149 reien und Feſtlichkeiten fort, der eben ſo muthige als im Beſitze der ſchönen Marina ſich glücklich fühlende Czar war nur beſtrebt, Jeden, der ſich ihm nahte, auf eine oder die andere Art eben ſo glücklich zu machen. So feierte er auch die Verlobung Baſil Schuiski's mit einer jungen Dame aus der Familie Nagpoi, der die Czarin Mutter angehörte. Baſil wies ſich über die Fürſorge des Czaren außerordentlich erfreut.„Du ſtreueſt in allem Deinen Thun Segen aus und knüpfeſt Aller Herzen durch Bande der Dankbarkeit an Dich!“ ſagte er. „Könnte ich ganz Rußland glücklich machen, Baſil, bei Gott, an mir ſollte es nicht fehlen!“ rief der Czar aufgl ühend. Es war ſein Ernſt, nur traf er in ſeiner wohlwollen⸗ den Milde nicht die Art und Weiſe, wie das damalige ruſſiſche Volk glücklich gemacht werden konnte. Hätte er einen Theil von Iwan des Schrecklichen Blutgier und Vergnügen an Grauſamkeiten und einen Theil von dem überlegten feinen Polizei⸗Despotismus des Boris Gudo⸗ now beſeſſen, ſo würde das an Knechtſchaft gewöhnte ruſſiſche Volk ſich ſehr glücklich gefühlt haben, da es über⸗ haupt nur die dürftigſten Begriffe von Volks⸗ und Men⸗ ſchenrechten hatte. Um den Hochzeitsfeierlichkeiten auch nach Außen hin einen Glanz zu geben, hatte ſich ein be⸗ deutender Theil der ruſſiſchen Armee, die er nach den luſti⸗ gen Flitterwochen zum Kriege gegen die Tataren der 150 Krim führen wollte, auf ſeinen Befehl um Moskau in einem Lager verſammelt. Ihre Uebungen und Evolutionen ſollten zugleich den Moskauern ein Vergnügen gewähren, was für die Polen, wenn ſie noch Verdacht gegen das Volk hegten, eine Beruhigung ſein konnte, da eine mili⸗ täriſche Macht unter allen Umſtänden eine höchſt troſt⸗ reiche Stütze zu ſein pflegt. Marina ſchwelgte im Glücke der Erhabenheit einer Gebieterin eines großen Reiches, alle ihre Wünſche waren erfüllt, ihr Stolz fühlte ſich unendlich geſchmeichelt, und die Ausſtrahlungen des ſie ſo ganz und gar beherrſchen⸗ den Bewußtſeins ihrer Größe trafen Alle, welche in ihre Nähe kamen. Eilboten flogen mit Briefen von ihr an ihre Freundinnen nach Polen. Dieſe Briefe trugen die Unterſchrift: Marina, Kaiſerin von Rußland. Welch ein unſägliches Wohlgefühl ſprach aus dieſen Unterſchriften zu ihrer ſtolzen Seele! Sie war gleich geworden den Fürſtentöchtern Europa's, erhoben über alle früheren Ver⸗ hältniſſe galt nun jede Aeußerung ihrer Zuneigung als eine erwieſene Gnade. Ein Volk und deſſen Große beugten ſich demüthig vor ihr, der Erhabenen; wohin ihr Blick ſich wandte, fühlte ſie ſich von Huldigungen der Unterwür⸗ figkeit geſchmeichelt, ſie konnte ſich rühmen, ein Glücks⸗ kind des Geſchickes zu ſein. Praskowa empfing auszeich⸗ nende Beweiſe der Gnade ihrer hohen Herrin, denn ſie liebte das einfache herzliche Weſen des ſchönen Kaufmanns⸗ 151 töchterleins, welches neben ihr die beſcheidene Rolle des ſich demüthig an dem Boden hinſchmiegenden Veilchens vertrat, während ſie, die goldſtrahlende Sonnenroſe, hoch emporragte, ihr Kronenhaupt ſtolz dem Himmel zuwen⸗ dend. Es war Marina kein Geheimniß, welche ſüße ge⸗ heime Stimme in Praskowa's Herzen für Julian Golezew⸗ ſky, einen der ſchmuckeſten jungen Edelleute unter dem prächtigen Corps der polniſchen Huſaren, ſprach, und ſie betrachtete es als ein angenehmes Geſchäft, dieſe beider⸗ ſeitige Zuneigung zu begünſtigen; ja der Gedanke machte ihr Vergnügen, ſich zu denken, daß durch ihren Befehl jedes Hinderniß, was der Vollziehung eines Ehebandes zwiſchen Beiden entgegenſtehe, beſeitigt werden könne. Sie ließ Julian zu ſich befehlen. Er gerieth in nicht ge⸗ ringe Verlegenheit, als ihm Marina ihre Abſicht entdeckte. „Gnädigſte Frau,“ entgegnete er,..„ich bin in Ver⸗ zweiflung über eine Leidenſchaft, der ich nicht Herr zu werden vermag und die mich doch ganz gefeſſelt hat. Praskowa gehört der griechiſchen Kirche an. Das iſt ein Stein des Anſtoßes. Der zweite iſt nicht minder ſchwie⸗ rig zu beſeitigen. Darf ein polniſcher Edelmann die Toch⸗ ter eines Moskauer Kaufmannes ehelichen, ohne ſeinen Adel zu beſchimpfen?“ „Das erſte Hinderniß werde ich auszugleichen wiſſen,“ entgegnete die Czarin zuverſichtlich.„Was iſt da weiter dabei? Praskowa tritt zu unſerer Kirche über. Dafür 152 laßt mich ſorgen, Herr von Golczewſki. Ich denke, Euer Bruder, Pater Xaver, iſt der rechte Mann, um eine Seele dem Himmel zu retten. Was den zweiten Stein des An⸗ ſtoßes betrifft, ſo ſolltte ich meinen, hätte mein Gemahl genug Macht in der Hand, um in dieſer Angelegenheit etwas Entſcheidendes zu thun. Und zuletzt dürfte eine gute Stellung an unſerem Hofe zu Moskau Euch als ſehr annehmbar erſcheinen. Es würde mir Vergnügen machen, Euch und ſie glücklich wiſſen.“ „Ich erkenne dankbar Eure Huld, gnädigſte Frau, aber ich fürchte, Praskowa ſelbſt wird nicht dahin zu be⸗ wegen ſein, ihren väterlichen Glauben zu wechſeln,“ ant⸗ wortete Julian, mit Mühe eine ſtarke Regung des Miß⸗ vergnügens unterdrückend. Julian Golczewski gehörte ſeines Naturels nach nicht zu Jenen, die einer bei ihnen gelegentlich auftauchenden Neigung ſo leicht ein ernſtes Recht einzuräumen geſonnen ſind und wie Schmetterlinge die Freiheit lieben. Praskowa's friſche Jugend, ihr ſanf⸗ tes ſchüchternes Weſen reizte ſeine Sinnlichkeit; es ſchmei⸗ chelte ihm, ihr Herz gleichſam im Fluge gewonnen zu haben, an eine ernſtere Verbindung dachte er jedoch nicht und des⸗ halb mißſiel ihm der in dieſer Angelegenheit ihm ſich gleichſam aufdrängende Beiſtand der Czarin ungemein. Die Schicklichkeit jedoch erforderte, vor der hohen Frau ſeine unehrenhafte Abſicht auf das Mädchen zu verbergen. Marina glaubte in der von ihm geſchehenen Hervor⸗ 153 hebung des Hinderniſſes hinſichtlich Praskowa's väterli⸗ chen Glauben nur den Kummer und die Furcht zu erbli⸗ cken, ſeiner Liebe früher oder ſpäter entſagen zu müſſen. „Ach wie wenig verſteht Ihr ein Urtheil über das weib⸗ liche Herz zu fällen! es hat nur eine Religion, eine Kirche, und das iſt die Liebe,“ ſagte ſie. Ueberlaßt Alles mir, Herr von Golczewſki.“— Sie befahl Praskowa zu ſich. Das hohe Roth auf den Wangen des ſchönen Mäd⸗ chens verkündete die Bewegung des Herzens, welcher es bei der unvermutheten Gegenwart Jultans unterlag. Was meinſt du, meine liebe Kleine, wenn Du für den „. n,.„ Dir von Deinem Vater beſtimmten Ephim einen feinen lanken Ritter fändeſt, der Dich liebte und Dein be⸗ 1-) †o 21 frte Mrr ſch d gehrte?“ fragte Marina ſcherzend. „ Ach, meine hohe gnädigſte Herrin.. ich bin gewiß ein recht thörichtes Kind, daß...“ „Du das wirklich glaubſt?“ fiel ihr die Czarin la⸗ chend in's Wort.„Nun, nun, nicht ſo ſchüchtern und verzagt. O, Du Schelmin, willſt Du Dich in den Schleier des Geheimniſſes vor mir hüllen und vergiſſeſt dabei, daß Du mir doch ſelbſt bekannt haſt, wie dieſer junge ſeine Herr Dir im Köpfchen ſpukt? Herr von Golczewski, gebt ihr die Hand und nehmt Euer erobertes Theil an Euch, mich aber laßt die Schutzpatronin Eurer Liebe ſein.“ Praskowa fand keine Worte; eine ſolche Ueberra⸗ 154 ſchung hätte ſie nicht für möglich gehalten und jetzt war ſie mit einemmale in dieſelbe hineinverſetzt. Das Glück durchzitterte ihr Herz und betäubte ſie. Aber wie dieſer Rauſch ſie überſtürzender Freude ſich minderte, überkam ſie auch eine außerordentliche Beängſtigung, welche bald ſo ſehr ſich ihrer bemeiſterte, daß ſie, in Thränen ausbre⸗ chend, rief:„Ach, mein Vater wird mich verſtoßen!“ Sie fiel in dieſem Aufſchrei ihrer geängſteten Seele, welcher jene ſie noch jetzt mit Furcht durchſchauernde Seene im väter⸗ lichen Hauſe als grauenvolle Erinnerung an ſeinen Haß gegen die Lateiner vorſchwebte, vor Marina auf die Knie. „Närrin!“ entgegnete dieſe ſtolz...„wenn Deine Kaiſerin befiehlt, hat Dein Vater kein Recht mehr an Dich!“ V. Eine wenig erhellte Nacht lag über dem weitläufigen Moskau. Die Mitternachtsſtunde war längſt vorüber, ſelbſt im Kreml waren die Lichter erloſchen. Die Nacht war warm, der ſchöne Mai ſegnete mit ihr die fleißig au⸗ gebauten Fluren um die Czarenhauptſtadt. Jetzt war Alles todt und ſtill in ihr, und unter dem Schutze dieſer Todtenſtille hatte, von verſchiedenen Seiten kommend, ſich eine Schaar von Bojaren und Edelleuten zu Pferde auf dem Platze vor dem Kreml verſammelt, das Panzerhemd auf den Schultern, die blanke Waffe in der Hand. An ihrer Spitze befand ſich Fürſt Baſil Schuiski. Er redete leiſe, aber eindringlich zu ihnen. „Wie? jetzt, wo die That vor der Thür ſteht, wollt Ihr kleinmüthig zagen?“ fragte er.„Sind Eure Köpſe Euch auf einmal ſo wenig werth geworden, daß Ihr ſie Euch lieber vom Henker abſchlagen laſſen, als um ſie etwas wagen wollt? Wiſſet es, findet uns der Morgen nicht als Herren des Kremls und den Betrüger, der ſich 156 unſern Czar nennt, nicht todt am Boden, ſind wir Alle verloren. Unſere Verſchwörung iſt ihm verrathen und nur unſere Schnelligkeit kann uns vor ſeiner Rache ſchü⸗ tzen. Wollt Ihr zum Spott der Polen werden, Söhne Rußlands? iſt's Euch ſo angenehm, zum Fußſchemel ih⸗ res Uebermuthes zu dienen? Trete Einer von Euch auf und ſage, ich hätte nicht ſchon gezeigt, daß ich für unſer heiliges Vaterland mein Leben auf den Würfel ſetzen könne. Ich habe es, Ihr wißt es Alle. Daß der Czar mein Le⸗ ben ſchonte, welches dem Henker anheim gefallen war, rechnet ihm nicht als eine Großthat an. Es war Politik und Schwäche zugleich. Durch mich wollte er Euch kö⸗ dern und das Gewiſſen ſchlug ihm, daß er, der Aben⸗ teurer, einen Mord vollbringen ſollte an einem Fürſten Rußlands. Bricht der Tag an, ohne daß wir zur That geſchritten ſind, hört dieſe Gewiſſensmahnung bei ihm auf, unſere Köpfe gehören ihm und Rußland iſt eine Beute der Polen.“ „Peſt und Feuer!“ rief Tatiſchew...„was iſt da lange zu wählen? Drauf und dran! der Morgen muß unſer heiliges Moskau frei von dieſem Polengeſindel ſehen. Wir ſind dann wieder die Herren und von unſerer recht⸗ gläubigen Kirche iſt der Schandfleck abgewaſchen, den dieſe Lateiner ihr angethan.“ Das zündete bei Allen.„Fort! fort! nach dem Kreml! Tod dem Czaren und ſeinen Polen!“ riefen ſie. 157 „Halt, noch wenige Augenblicke!“ befahl Baſil Schuiski...„ich erwarte Beiſtand. Beobachtet Stille, meine Freunde!“ Wirklich nahten von mehreren Seiten, ſo geräuſchlos als möglich, ſtarke Trupps von wohlgewaffneten Män⸗ nern, deren Führer die Loſung:„Rußland muß frei wer⸗ den!“ dem Fürſten Baſil Schuiski gaben. „Walujew!“ redete Baſil einen der Führer an... „Du kennſt die Oertlichkeit im Kreml genau. Als Liefe⸗ rant des Czaren Boris Gudonow führte Dich Dein Weg oft dahin. Du wirſt den Hauptführer dieſer braven Männer machen.“ „Schwöoͤre auf meine Seele und Du haſt keinen fal⸗ ſchen Eid gethan,“ antwortete Walujew als Betheuerung ſeines Eifers. „Die Heiligen mit uns!“ rief Schuiski...„vor⸗ wärts!“ Langſam ritt der Zug der bewaffneten Bojaren nach der Erlöſerpforte, welche ihnen die erkauften Streli⸗ tzen öffneten. Nun ging es ſchweigend weiter im Innern des Kremls, die bewaffneten Trupps unter Walujews Führung folgten den Reitern auf dem Fuße. Beim Vor⸗ überziehen an der Himmelfahrtskirche hielt Baſil an, ſtieg vom Pferde und warf ſich vor dem verehrten Bilde der heiligen Jungfrau von Wladimir nieder. Nach kur⸗ zem Gebet ſprang er auf, ein Kreuz über den Kopf ſchwin⸗ gend, rief er:„Rechtgläubige Chriſten! Tod dem Ketzer!“ 158 Und Hunderte von Stimmen brüllten ihm nach:„Tod dem Ketzer!“ Alles war trefflich vorbereitet. In dieſen Schrei der Empörung miſchte die große Glocke ihre Don⸗ nerſtimme und bald ſangen alle dreitauſend Glocken von Moskau ihr nach. Die Lüfte zitterten von der furchtba⸗ ren Sturmhymne, die wie ein immerwährender dröhnen⸗ der Schrei über der Stadt und dem Kreml hinwirbelte. Zu gleicher Zeit durcheilten kleine Schaaren Bewaff⸗ 4 neter die Vorſtädte unter dem Geſchrei:„Zu den Waffen nach dem Kreml! der Czar wird ermordet!“ Gleich einem Weckrufe für Todte fand dieſes Geſchrei in Aller Ohr Eingang, bald waren die Straßen von Tauſenden ge⸗ füllt.„Wer ermordet den Czaren?“ brüllten Hunderte b von Stimmen und die Antwort:„die Lithauer“(ruſſiſche Bezeichnung der Polen)] entfeſſelte einen Sturm unſäg⸗ licher Wuth. Mit geſchwungenen Aexten und Beilen und dem Geſchrei:„Nieder mit den Lithauern!“ ſtürzte ſich der aufgeregte Pöbel auf die von den Ver ſchworenden ſchon im Voraus, um jeden Irrthum zu vermeiden, mit Kreideſtrichen bezeichneten Wohnungen der Polen, brach die Thüren auf und das ſcheußlichſte Mordgeſchäft begann an den ſchlafenden Fremdlingen. Der Anbruch des Morgens ſah hier einen Kampf der Vernichtungswuth und heldenmäßiger Gegenwehr, jedes gemordeten Polen Leben wog zwanzigfache Gegenopfer auf Seite des wahn⸗ ſinnig gewordenen Moskauer Pöbels auf; die von den 159 Polen bewohnten Häuſer verwandelten ſich ſchnell in kleine Feſtungen, aus denen die Kugeln der Belagerten in den dichten Haufen nie ihr Ziel verfehlten. Die Sonne des 27. Mai 1606 überleuchtete ein grauenvolles Blutbad in den Straßen Moskaus; aber der heilige Kreml blieb nicht verſchont von den Greueln einer wohlausgeführten Mörderei. Hier hatten die Verſchwo⸗ renen eine andere Loſung.„Der Czar und ſeine Polen ermorden unſere Bojaren!“ brüllten Tauſende von Stim⸗ men. Das erſte Opfer, deſſen Blut die Freitreppe im Hofe des Czarenpalaſtes färbte, war General Basmanow, der Liebling des Czaren, welcher die deutſche Leibwache zu den Waffen gerufen und an ſeines Herrn Seite Wun⸗ der des Muthes und der Tapferkeit vollbracht hatte. „Elende, ich will Euch zeigen, daß ich kein Czar Boris bin!“ rief Demetrius, mit ſcharfer Klinge unter den an⸗ dringenden Verſchworenen mähend. Tatiſchews langes Meſſer fand den Weg zu Basmanows Herzen, der zu des Czaren Füßen zuſammenſtürzte. Die nur mit Hellebarden bewaffneten Deutſchen riſſen den wüthend kämpfenden Demetrius, nach welchen alle Kugeln der Verſchworenen gezielt waren, gewaltſam in das Innere des Palaſtes zurück und verbarricadirten, da ſie die Freitreppe nicht zu halten vermochten, die Thüre derſelben. Eine Menge kleiner Belagerungen begann. Von der Vorhalle bis zu den innerſten Gemächern ward jeder Schritt vorwärts 160 vertheidigt und genommen, die Thuren zerſplitterten unter den Axtſchlägen der Verſchworenen. Aus dem von den deutſchen Soldaten verrammelten Badezimmer führte kein Ausgang mehr weiter, und als deſſen Eingangsthüre un⸗ ter den ſchweren Axthieben in Stücken zuſammenbrach, ſahen ſich die wackeren Deutſchen gezwungen, ihre unnü⸗ tzen Waffen abzuliefern und ſich zu ergeben.„Wo iſt der Czar?“ ſchrien die Bojaren; aber Niemand wußte es, der Czar war verſchwunden. Die Wuth, ihr Opfer ſich entgangen zu ſehen, trieb die Rebellen faſt zum Wahnſinn. Unterdeß die Morgenſonne dieſe Kämpfe beleuch⸗ tete und wildes Aufruhrgeſchrei die Stadt und den Kreml durchſchallte, waren auch die Zimmer Marina's zum Schau⸗ platz der roheſten Brutalität, der gemeinſten Raub⸗ und Blutgier geworden. Halb angekleidet entfloh Marina ihrem Schlafgemach, nur eine treue Seele war ihr auf der Flucht auf's Gerathewohl zur Seite, Praskowa; aber jeder Verſuch zu entweichen, blieb vergebens. Die bereits mit lärmendem Volk angefüllten Treppen verhinderten ihr Durchkommen; ohne erkannt worden zu ſein, gelangte ſie, von Praskowa geführt, glücklich wieder in ihre Gemä⸗ cher zurück, wo unterdeß ihre polniſchen Hofdamen ſich in kopfloſer Angſt und unter Wehgeſchrei und Jammern verſammelt hatten. Nur die Oberhofmeiſterin, Gräfin Olſiewska, bewahrte ſich einen Reſt von Geiſtesgegenwart, indem ſie auch in dieſer fürchterlichen Stunde der Etikette — 161 nicht vergaß und im franzöſiſchen Kleide erſchien, das, von einem ungeheuren Reifrocke aufgebauſcht, ihr einen mon⸗ ſtröſen Umfang verlieh, auf welchen ſie als Modedame, obwohl ſie ſchon tief in den Jahren war, ſich viel einbil⸗ dete und ohne denſelben einen Theil ihrer Würde verluſtig zu ſein glaubte. Athemlos ſtürzte Marina auf ſie zu mit den Worten:„Wir ſind verloren!... großer Gott, wo iſt Demetrius, mein Gemahl?!“ „Ruhe! Ruhe!“ hob die Frau Oberhofmeiſterin an...„es iſt zu hoffen, daß dieſe wilden Beſtien von Moskowiten ſich vor der Majeſtät einer Kaiſerin beugen. Sie ſind ja an das demüthige Kriechen im Staube ge⸗ wöhnt. Sollte ſich die Natur dieſer Unholde plötzlich ſo ganz verändern?“ Dieſe Zuverſicht der Frau Gräfin wurde indeß faſt augenblicklich zu Schanden, denn aus dem Vorzimmer er⸗ ſchallte das wilde Gebrüll der andrängenden Menge. Hier hielt der polniſche Kammerherr des Czaren, Graf Osmulski, mit einigen ſeiner treuen polniſchen Diener, den Säbel in der Fauſt, den Eingang beſetzt, aber eine Flintenſalve ſtreckte die tapfern Vertheidiger zu Boden und über ihre blutigen Leichen hinweg ſtürmte der wü⸗ thende Pöbel, von Bojaren geführt, nun in das Zimmer der Czarin. In Todesangſt hatten ſich die Hofdamen um die Gräfin Oberhofmeiſterin geſchaart, Marina war nirgends zu ſehen. 1864. 21. Eine lat. Czarin. 1. 11 162 „Wo iſt der Czar und die Czarin? gebt ſie heraus!“ ſchrien die Führer der Rebellen. „Sind wir die Wächter des Czaren?“ entgegnete die Gräfin Olſiewska.„Was unſere allergnädigſte Herrin, der Kaiſerin Majeſtät betrifft, ſo müßt Ihr ſie bei ihrem Herrn Vater, dem Palatin von Sendomir, ſuchen, zu dem ſie ſchon vor einer Stunde entflohen iſt.“ Die Ruhe dieſer Dame frappirte die Menge, ſie verhielt ſich einige Seeunden wie von der Ueberraſchung gefeſſelt, ſtell; aber es war nur das augenblickliche beſtürzte Staunen wilder mordluſtiger Thiere, ihr Opfer muthvoll zum Widerſtand gerüſtet zu ſehen. Plötzlich rief eine Stimme:„Praskowa!“ Ephim brach aus der Menge hervor und riß die dicht neben der umfangreichen Frau Gräfin Oberhofmeiſterin im Entſetzen in die Knie Geſunkene zu ſich auf. Das Mädchen klammerte ſich angſtvoll mit der Hand in die Falten des ungeheuren Reifrockes der genannten Dame, als könne nur dieſe ſie allein ſchützen. Dieſer Umſtand machte die Letztere ſtark wanken, und bei dieſer Gelegenheit wurde die unter deren Reifrocke verſteckte Marina entdeckt. Ein Jubelbrüllen der Menge begleitete dieſe unverhoffte Erſcheinung der Czarin, man ſtürzte auf ſie zu, um ſie zu ergreifen. Die unſägliche Angſt Praskowa's gab ihr jedoch einen Helden⸗ muth, welcher im auffallendſten Gegenſatz zu ihrer großen Schüchternheit ſtand. Sich mit Aufbietung aller Kraft 163 von Ephims Hand losreißend, umſchlang ſie die am Boden knieende Marina, ſich über ſie beugend, ſo daß ſie dieſelbe mit ihrem eigenen Körper deckte. Gnade! Gnadel es iſt meine gütige Herrin... thut ihr kein Leid... nehmt mein Leben für das ihre! Ephim! Ephim! zu Hülfe!“ Ob dieſes Angſtſchreien Praskowa's, was allerdings ſich nicht ganz ohne Eindruck auf die die Czarin und ſie Umringenden erwies, von Nachhalt geweſen ſein würde, blieb unentſchieden, indem Tatiſchews Stentorſtimme vom Eingang her ein donnerndes:„Platz gemacht!“ rief; Baſil Schuiski, von mehreren Häuptern der Verſchwörung be⸗ gleitet, trat ein. Sein Erſcheinen legte der beute⸗ und mordgierigen Menge den Zwang der Ehrfurcht auf und ward zugleich der Retter des Lebens Marina's. „Steh auf, Lateinerin!“ ſagte er zu ihr...„Du haſt für Dein Leben nichts zu fürchten. Die Moskowiten beſtrafen nur die Betrüger an ihrem heiligen Vaterlande, und wenn Du auch ſtarken Antheil an einem gegen unſere heilige rechtgläubige Kirche begangenen ſchweren Frevel haſt, ſo ſollſt Du doch ungefährdet am Leben bleiben. Erkennſt Du dieſe Gnade?“ „Der Czar, mein Gemahl, wird Dir Rede darauf geben,“ entgegnete Marina empört. „Er wird es nicht können, Todte haben keine Stimme,“ antwortete Baſil Schuiski mit leichtem ſpötti⸗ ſchen Lächeln. 11* 164 „Mein Gemahl, der Czar todt?!“ rief Marina voll Entſetzen. „Sage Dein Gemahl, der Betrüger am heiligen Rußland, der ſich für den Czarewitſch Dimitry ausge⸗ geben und uns ſchändlich täuſchte. Ja, er iſt gerichtet durch die Rache eines von dieſem abſcheulichen Betrug er⸗ grimmten Volkes.“ „Großer Gott!“ ſchrie Marina mit den Händen die- Augen verhüllend. „Keiner vergreife ſich an dieſem Weibe!“ befahl Bas ſil Schuiski der Menge, auf die Czarin deutend. Alle⸗ Uebrige hier iſt mit Ausnahme der Perlen, Edelſteine und Schmuckgegenſtände, welche Eigenthum des von dem Be⸗ trüger, der ſich ihren Gemahl nannte, geleerten Staats⸗ ſchatzes ſind, Euer. Tatiſchew und Semen Suckoff wer⸗ den die Geſchmeide in Empfang nehmen. Dieſe Lateine⸗ rin bleibt Gefangene; Petruſchka, Du haſt Deine Ordre!“ Mit dieſen Worten verließ Baſil Schuiski das Ge⸗ mach und die Raubluſt des aufgeregten Volkes fand hier den ergiebigſten Platz zur Bereicherung, während Pe⸗ truſchka ohne Weiteres Marina von Praskowa trennte, welche Erſtere von dem furchtbarſten Geſchick plötzlich aller ihrer Hoheit Entkleidete unter dem Eindruck die⸗ ſes entſetzlichen Schlages jede Fähigkeit zum Widerſtand verloren zu haben ſchien, und von ihm und einigen Män⸗ nern in ein ſchon im Voraus zu ihrem Gefängniß beſtimm⸗ — 165 tes Gemach abgeführt wurde. Selbſt die polniſchen Hof⸗ damen Marina's, inſofern ſie jung und ſchön waren, wur⸗ den von den Bojaren als gute Beuteſtücke betrachtet und mußten ihnen gezwungen folgen.*) Bald waren die vorher ſo glänzenden Zimmer von allen nur irgend in's Auge fallenden Dingen, die einen wahren oder eingebil⸗ deten Werth beſaßen, beraubt, ſelbſt die Tapeten hatte der beutegierige Pöbel fetzenweiſe herabgeriſſen. Trümmer von Möbeln, die man nicht hatte fortbringen können und die kahlen Wände zeigten von der dummen Brutalität, die jetzt die Herrſchaft in dieſen Räumen geführt hatte. Wenigſtens geſchah kein Mord an den polniſchen Damen, obwohl die ihnen angethane Entehrung nicht weniger als ein moraliſcher Tod war. Ephim zog die faſt bewußtlos gewordene Prasko⸗ wa aus dem abſcheulichen Gewühl in den Zimmern auf einen nahen Gang hinaus. Das Mädchen war leichen⸗ bleich geworden, das Entſetzliche, was geſchehen war, be⸗ täubte und verwirrte ſeine Sinne.„Praskowa, faſſe dich!“ ſprach Ephim zu ihr...„es iſt Alles vorüber... Dir geſchieht kein Leid... ich bin bei Dir, Dein Schitzer, Dein beſter Freund.“ Dabei ſtrich er liebreich mit der Hand über das bleiche Geſicht ſeiner Verlobten. *) Siehe Mackiewicz, J. 166 Es dauerte lange, ehe die tief Erſchütterte wieder klar zu denken begann. Ephim hatte ein Fenſter geöffnet, um die friſche Luft auf ſie wirken zu laſſen. Die Augen auf ihn geheftet, der ſo ſorglich um ſie bemüht ſich zeigte, ſchauerte ſie, wie von einem ſchrecklichen Gedanken erfaßt, zuſammen. „Was iſt Dir?“ fragte Ephim. „Auch Du konnteſt zum Verderber meiner gütigen Herrin werden!“ rief ſie.„O wie habe ich mich in Dir getäuſcht! geh fort von mir, laß mich hier ſterben... ach, meine gütige gnädige Herrin iſt ein Opfer Eurer Bos⸗ heit geworden!“ „Du biſt ungerecht gegen mich, Praskowa. Die Heiligen ſollen mir's bezeugen, daß ich nichts von alle Dem gewußt habe, was hier geſchehen ſollte. Nur allein um Dich zu ſchützen, wenn man Dir ein Leid anthäte, bin ich hierher gekommen. Jetzt führe ich Dich nach Hauſe zum Vater.“ „Nein, nein, nicht zu ihm,“ rief das Mädchen in Furcht...„er würde meines Kummers um meine gnä⸗ digſte Herrin ſpotten... er iſt ein ſchlimmer Feind.“ Ephim ſchwieg. Im Stillen gab er ihr Recht. In Walujews Herzen wohnte ein finſterer Rachegeiſt, der unbeugſam ſein Ziel verfolgte. Nichts hatte Ephim von dem Geheimniß der Verſchwörung erfahren, in deren Verbande Walujew keins der geringſten Glieder war, denn 1 167 ſein unausloſchlicher Haß gegen die die Nationalkirche verhöhnenden Lateiner machten ihn zu jeder That des Ver⸗ derbens an ihnen fähig. War es wirklich bei dieſem Mann eine gewiſſe Rückſichtsnahme auf das ſanfte Gemüth ſei⸗ nes künftigen Schwiegerſohnes oder hielt er ihn zu charak⸗ terſchwach, um ihm die Kenntniß von einer Angel egenheit anzuvertrauen, die Alles im Nu verändernd in das Ge⸗ ſchick Rußlands eingriff? er ſchwieg gegen Ephim von dem bevorſtehenden blutigen Ereigniſſe und dieſer würde keine Ahnung von demſelben erlangt haben, wenn nicht Walu⸗ jews ungewöhnliches Benehmen am verfloſſenen Abend ihm ſo ſeltſam vorgekommen wäre, daß er ſeine Aufmerk⸗ ſemtket unwilkürlig demſelben zuwenden mußte. Walujew ſprach der Branntweinflaſche, aus der er ſonſt nur einen kleinen Becher voll ſich einzugießen pflegte, auffallend oft und haſtig zu. Dabei führte er, der ſonſt ſo Schweigſame, ſeltſam klingende Reden, zuwei⸗ len lachte er hell auf und lief dann vor dem kleinen Hei⸗ ligenaltar hin, ſich niederwerfend und unter zahllos ge⸗ ſchlagenen Kreuzen alle Gebete, die ihm einfielen, vor ſich hinmurmelnd.„Was iſt das? ſo habe ich ihn nie geſehen!“ ſagte Ephim zu ſich...„iſt er närriſch ge⸗ worden?“ Und als ſie ſich zur Gutenacht trennten, faßte Walujew ihn am Arme und rief:„Träume vom wieder frei gewordenen Rußland.. von einer prächtigen Hoch⸗ zeitsfreude, wo die ganze Hoͤlle als Trauzeuge erſcheint... 168 von den guten Heiligen, daß ſie alle Heiden mit Blind⸗ heit ſchlagen.“ „Ich verſtehe Dich nicht, Väterchen,“ ſagte Ephim. „Nicht? nun, was heute nicht iſt, wird morgen ſein, jeder Tag hat ſeine Neuigkeiten.“ Ephim blieb munter, er hörte ihn in ſeiner Kammer mit ſtarken Schritten auf und niedergehen, zuweilen halb⸗ laut Kirchenhymnen ſingen. Nach Mitternacht verließ Walujew das Haus. Von der Befürchtung getrieben, daß er ſich in dieſem Ephim ſo unerklärlich erſcheinenden Zuſtande ein Leid zufügen könne, eilte er ihm nach; aber bald kam der Beſorgte zu der Ueberzeugung, daß in dieſer Nacht ein Ereigniß ſich vorbereitete, deſſen Ziel und Bedeutung er zwar ſich nicht ſogleich klar denken konnte, welches aber das Ende eines langgepflegten Geheimniſſes ſein mußte, denn auf dem rothen Platze, der Kitai⸗Gorod vom Kreml trennt, verſammelten ſich im Dunkel der Nacht eine Menge Männer. Ephim hörte bei ihnen das Klirren von Waffen. Ihre leiſe gewechſelten Reden verſtand der in der Entfernung hinter einem aufgeſchich⸗ teten Haufen Bauholz ſicher Verborgene natürlich nicht, aber er ſah ſie fortziehen und folgte ihnen von Weitem. o kam er unter der zu vielen Hunderten anwachſenden Menge unbeachtet mit in den Kreml. Es war ihm nun kein Geheimniß mehr, was geſchehen ſollte, und die Angſt, daß in dem allgemeinen Tumult Praskowa'n ein Leid zu⸗ gefügt werden könne, trieb ihn mit in den Palaſt . 169 Der Gang, auf welchem er ſie aus dem Gewuüͤhl ge⸗ zogen hatte, bot nur auf kurze Zeit einen ruhigen Platz. Aus den erbrochenen Kellern herauf drangen, ſich in alle Räumlichkeiten mit ſchauerlichem Gekröhle verbreitend, eine Menge ſtark Berauſchter, die mit vandaliſchem Hu⸗ mor Alles zertrümmerten. Vor dieſem wildaufgeregten zu Allem fähigen Pöbel mußte Ephim ſeine Verlobte ſichern. Er nahm ſie trotz ihres Sträubens auf den Arm und trug ſie ungefährdet aus dem Palaſte. Aber hier trieb Angſt und Entſetzen vor dem fühlend, was ſie ſah, Praskowa zu beſinnungsloſer Flucht, welcher Umſtand ihrem Schützer zum Beiſtande in ſeinem Beſtreben wurde, ſie von dieſem Schauplatze des Mordes zu entfernen. Man hatte die Leichen der deutſchen Soldaten und polni⸗ ſchen Diener des Czaren auf den Platz vor dem Palaſte geſchleift und der Pöbel umjubelte die Körper dieſer im Kampfe Gefallenen, als hätte er die herrlichſte That vollbracht. Faſt im ſelben Augenblicke, als Ephim mit Pras⸗ kowa auf dem Arm in's Freie trat, begann das vor Luſt an der greuelvollen Unordnung faſt wahnſinnige Volk ein ohrenbetäubendes Freudengeſchrei zu erheben.„Der Czar! der Czar! unſer lateiniſcher Czar!“ ſchrie man wie beſeſſen. Zwei von Wunden und Blut entſtellte Leich⸗ name wurden aus einem der Fenſter herabgeſtürzt. Der eine dieſer Todten war General Basmanow, des Czaren 170 Liebling, der andere der Czar. Ehe noch ſeine treuen deutſchen Soldaten bis in's Badezimmer, wo ihnen kein Ausgang mehr zum Rückzuge verblieb, gedrängt waren, hatte Czar Demetrius, blutend aus einer Wunde durch einen Säbelhieb, einen Ausweg gefunden. Schon waren die Zimmer ſeiner Gemahlin zum Schauplatze der rohe⸗ ſten Brutalität geworden und die Nothwendigkeit zwang ihn, Marina ihrem Schickſale zu überlaſſen und an ſeine eigene Rettung zu denken, um wo möglich durch ein ra⸗ ſches kühnes Handeln an der Spitze ſeiner Strelitzen Herr des Aufruhrs zu werden. Aus einem mehr als 30 Fuß hohen Fenſter wagte er einen Sprung. Einer ſeiner pol⸗ niſchen ihm nacheilenden Diener, entſetzt von dem Au⸗ blick der Tiefe, prallte vom Fenſter zurück und ſuchte einen anderen Rettungsweg. Der Czar war ſo unglücklich gefallen, daß er mit zerbrochenem Beine am Boden lag und jeden Gedanken von hier zu entrinnen aufgeben mußte. Der harte Fall hatte ſeinen Körper dermaßen durchſchüttert, daß er ſich nicht aufzurichten vermochte. Der Schmerz erpreßte ihm Laute, die nicht ungehört blie⸗ ben, denn unweit von dem Orte, wo er lag, befand ſich ein kleines Wachthaus der Strelitzen. Aufmerkſam ge⸗ macht durch das Schmerzgeſtöhn, kamen ſie herbei und einer unter ihnen rief:„Das iſt der Czar, unſer gnädigſter Herr!“ Voll Mitleid hoben ſie ihn auf und ſetzten ihn auf einen von den Grundmauern des auf ſeinen Befehl —— ———— 171 niedergeriſſenen Palaſtes ſeines Vorgängers, Boris Gu⸗ donows, übrig gebliebenen Stein. Welcher Wandel des Geſchickes! auf den Untergang des Czaren Boris Gudonow hatte er ſeinen Thron ge⸗ gründet und jetzt bot ihm ein vergeſſener Stein der Trüm⸗ mer des Palaſtes einen Ruheſitz im Unglück. Mit wenigen Worten hatte er die Strelitzen für ſich gewonnen; ſie ſchworen, ihn zu vertheidigen. Das nach ſeinem Leben verlangende Volk entdeckte ihn und in der That fielen mehrere der Mordluſtigen durch die Kugeln der ſich um ihn ſchaarenden Strelitzen; aber die durch die Schüſſe und den Lärm herbeigezogene mit jedem Augen⸗ blick anwachſende Menge umringte ſie bald und die Dro⸗ hung, daß man in ihre in der Vorſtadt gelegenen Quar⸗ tiere eindringen und ihre dort wohnenden ſchutzloſen Wei⸗ ber und Kinder umbringen wolle, wenn ſie noch länger den Czaren zu vertheidigen fortfahren würden, entnervte den Muth der ruſſiſchen Soldaten und entwaffnete ſie. Mit Triumphgeheul warf ſich die tolle Menge auf den zu eigener Vertheidigung unfähigen Verwundeten und ſchleppte ihn unter einem auf ihn niederfallenden Hagel von Fauſt⸗ und Stockſchlägen in den Palaſt zurück. Man ſchleifte ihn durch die Gemächer, auch an dem vorbei, in welchem ſeine entwaffnete deutſche Leibwache bewacht wurde. Den treuen Kriegern ein wortloſes Lebewohl mit der Hand zuwinkend, bot er in ſeiner jetzigen Erſchei⸗ ———— —— 172 nung ein Bild des Jammeers. Ergriffen von dieſem ent⸗ ſetzlichen Anblick warf ſich einer ſeiner waffenloſen Offi⸗ ziere der Deutſchen, ein geborner Liefländer, Namens Fürſtenberg, auf die Empöorer, um ihnen den Czar zu ent⸗ reißen, doch in wenigen Minuten lag der in Stücken ge⸗ hauene muthvolle Mann zu den Fuüßen ſeines unglückli⸗ chen Herrn. Brüllender Jubel begleitete ſeinen Fall. „Hei da! machen wir uns einen Narren⸗Czar, wie ein luſtiges Volk einen haben muß!“ kröhlte eine Stimme aus dem wilden Haufen. Augenblicklich fand der Gedanke Beifall. Man riß dem Czar gewaltſam die Kleider vom Leibe und zog ihm den ſchmutzigen fettglänzenden Kaftan eines Paſtetenbäckers an. Die Luſt über dieſe Verwand⸗ lung durchraſte auch die Nebengemächer, wieherndes Ge⸗ lächter erſchallte.„Das iſt der Czar aller Reußen! er trägt die Kleider, die ihm gebühren. Singt ihm Hymnen!“ ſchrien Alle. „Wo iſt der Czar aller Reußen?“rief eine Stimme... „laßt mich durch, ich will ihn Beichte hören.“ „s' iſt Walujew, der Heiligenbilderhändler... laßt ihn durch,'s wird Spaß geben, er hört ihn Beichte.“ Gleich einem angeſchoſſenen Eber, deſſen Augen voll Wuth funkeln, brach Walujew, ein Piſtol in der Hand, durch die ihm Platz machende Menge.„Kennſt Du mich?“ ſchrie er dem in ſeiner tiefen Entehrung ſchweigenden und ſeine Schmerzen verbergenden Czar zu:„Hund von einem 173 Baſtard! kennſt Du den Vater der hübſchen Praskowa? Mein Kind hat Dir gefallen.. hei, Du gefällſt mir auch. Sag doch, lithauiſcher Wegwurf, von wannen kamſt Du und wer biſt Du?“ Mit aller Anſtrengung ſich aufraffend, antwortete Demetrius ſtolz:„Ihr wißt es Alle, daß ich Euer Czar, der rechtmäßige Sohn Jwan Waſſieliwitſch's bin. Fragt meine Mutter!“— Ein unbändiger Lärm erhob ſich und verhinderte ihn mehr zu ſprechen. „Deine Mutter, lateiniſcher Hundeſohn?!“ ſchrie Walujew.„Klingt Deine Beichte ſo? nun, ſo fahre zur Hölle mit dieſer großen Lüge, daß Du auf ewig ver⸗ flucht ſein mögeſt!“— In's Herz getroffen, ſtürzte der Czar leblos zu Boden. Wie Wölfe über eine Beute, warf ſich der Pöbel über die Leiche.„Reißt ihn in Stücke! kein Gebein bleibe ganz an dem polniſchen Luſtigmacher!“ brüllten viele Stimmen zugleich. Bald darauf wurden dem nach der Leiche des Czaren verlangenden unten im Freien ſtehenden Volke, welches nicht mehr Raum im Innern des Palaſtes fand, des Czaren furchtbar zer⸗ fleiſchter Körper und der Basmanows herabgeworfen. Ein greuliches Triumphgeſchrei tobte unter der Menge und begleitete beide an einandergebundene grauenvoll entſtellte Opfer des Haſſes durch die Straßen, welche das Abſcheu erregende Schauſpiel eines wüthenden ſinn⸗ loſen Pöbels und der niederträchtigſten Mörderei bo⸗ ———-mamõ —— 174 ten, denn immer noch wüthete der Kampf um die in der Stadt verſtreuten Wohnungen der Polen, die mit gutgezielten Flintenſalven ihre Angreifer begrüßten. Mit Mühe nur vermochten gegen die Mittagszeit die Häup⸗ ter des Aufſtandes dem Blutbad Einhalt zu thun. Erſt als Baſtl Schuiski und die vornehmſten Bojaren, um⸗ geben von einem impoſanten Strelitzen⸗Corps die Stra⸗ ßen durchzogen und ausriefen, daß dem Betrüger ſein Recht geſchehen und man nicht den Unſchuldigen mit dem Schuldigen verwechſeln dürfe, unterließ das von Branntwein, Raub und Mord überſättigte Volk die An⸗ griffe auf die Wohnungen der Polen, an welchen nun Strelitzen zur Wache auſgeſtellt und mit den Polen Waf⸗ fenſtillſtand unter der Bedingung abgeſchloſſen wurde, daß die Bojaren ihnen gegen das Verſprechen, ſich bis zur gänzlichen Beſchwichtigung des Aufſtandes ruhig und eingeſchloſſen in ihren Häuſern zu halten, Leben und Ei⸗ genthum verbürgten. Während die größte Maſſe des Volkes die blutigen Ueberreſte ſeines Gebieters und Basmanows, deſſen Leb⸗ lings, unter den ſchändlichſten Mißhandlungen derſelben auf den Hauptplatz ſchleppte und beide dort auf einem Tiſche zur Schau ausſtellte, ritt Baſil Schuiski mit einem anſehnlichen Gefolge nach dem St. Cyrilluskloſter, wo er ſich bei der Czarin⸗Mutter melden ließ. Als er in das Zimmer dieſer erlauchten Frau ein⸗ 175 trat, fand er ſie vor den Heiligenbildern knieend beten. Sie ließ ihn lange genug warten, um ſicher ſein zu kön⸗ nen, daß er endlich ein Zeichen der Ungeduld geben werde, was auch wirklich geſchah, indem Baſil durch mehrmali⸗ ges Aufſtampfen ſeines Säbels ſeine Anweſenheit kund that. Die Czarin⸗Mutter erhob ſich, ihr Blick ruhte ernſt und finſter auf dem Fürſten.„Glaubſt Du, Baſil, daß den Heiligen weniger Aufmerkſamkeit gebührt, als Dir?“ fragte ſie. „Jedes hat ſeine Zeit,“ war Schuiski's Antwort... „Himmel und Erde haben ihre eigenen und weit von ein⸗ ander verſchiedenen Anſprüche.“ „Es iſt ſo, wie Du ſagſt,“ ſtimmte die Vorige bei. „In uns Beiden zeigen ſie ſich verkörpert, wie ich glaube.“ Baſil Schuiski ließ eine Pauſe eintreten, die uner⸗ ſchütterliche Ruhe Marfa's ſchien ihn zu verwirren. „Dein Begehr?“ fragte die erlauchte Dame. „Ich komme im Namen der ruſſiſchen Nation zu Dir,“ hob der Fürſt an.„Gib eine runde, beſtimmte Antwort. Erkannteſt Du wirklich in dem Demetrius Dei⸗ nen Sohn?“ Marfa entgegnete mit ſichtbarer Verachtung:„Ent⸗ ehre Dich nicht noch mehr, Baſil, durch eine Frage, die zu ſpät kommt, um für einen Mord Entſchuldigung zu finden. Wie erbärmlich ſtehſt Du vor mir! Du willſt von mir ein Wundpflaſter für Dein Gewiſſe haben una 176 zitterſt vor meinem Ausſpruche. Sage mir nichts von der Nation, die Dich zum Sprecher gewählt hat. Dein Gewiſſen iſt die Nation, denn was geſchehen, haſt Du durch ſie gethan.“ G z „Du weißt alſo, daß Czar Dimitry todt iſt?“ fragte Baſil, ſich zur Keckheit aufraffend.„Nun, das überhebt mich der unangenehmen Pflicht, es Dir erſt mitzutheilen.“ „Die Czarenkrone wird Dir keine Roſen tragen, Du haſt ihr blutige Dornen eingeflochten, ſie werden Dich ſelbſt verwunden.“ Wer ſagt Dir, daß ich nach ſeinem Platze geſtrebt habe?“ rief Schuiski. Marfa's dunkles Geſicht wurde jetzt von jenem räth⸗ ſelhaften Lächeln überſchwebt, welches zuweilen als ver⸗ hüllender Ausdruck von Empfindungen, die nicht ſo leicht zu deuten waren, bei ihr hervortrat. „Baſil,“ hob ſie nach einer Weile an..:„die Lüge i*ſt meiſt die erſte Stufe zur Macht; aber Du haſt ſie ſchon gebraucht, als noch kein Gedanke in die Wurzel geſchla⸗ gen hatte, daß dereinſt der Czarenthron Dein werden konnte. Gedenke der Widerſprüche, mit denen Du Dich ſelbſt befleckt haſt! Die Unterſuchung über meines Soh⸗ nes Dimitry Tod zu Uglitſch, die Boris Gudonow Dei⸗ ner Leitung uͤbertragen, war die erſte Lüge, deren Du Dich, um dem verhaßten Boris zu ſchmeicheln, theilhaftig mach⸗ teſt. Die zweite diente Deinem Haſſe gegen Boris, denn 177 Du ſagteſt, Du habeſt die Leiche des Czarewitſch nicht geſehen. Dadurch empfahlſt Du Dich dem den Thron beanſpruchenden Dimitry. Mit der dritten ſchlugſt Du Dich ſelbſt, denn Du nannteſt den einen Betrüger, den Deine zweite Lüge auf den Thron gehoben.“ „Ich bin nicht hergekommen, Predigten von Dir über mein Thun zu hören,“ entgegnete der Fürſt unmuthig. „Eine runde Antwort verlange ich, hielteſt Du Dimitry wirklich für Deinen Sohn?“ „Du ſollſt ſie haben, Baſil Schuiski... eine wahre unverfälſchte Antwort, die Du als Mann von Worten drehen und deuten kannſt, wie es Dir paßt.“ Sie deutete auf einen Seſſel und als Baſil daſelbſt Platz genommen, redete ſie weiter:„Es wird vielleicht kein Augenblick wie⸗ der in meinem Leben kommen, wo ich einem Sterblichen geſtatte, einen Blick in mein verſchloſſenes Herz zu werfen. Du ſollſt erfahren, Baſil, daß es Frauen in Rußland giebt, die nach dem Hoͤchſten ringen und Alles darum verleugnen können.“ Nach kurzer Unterbrechung begann ſie dann: „Als Czar Jwan Waſſieliewitſch mich zu ſeiner Ge⸗ mahlin wählte, gehörte mein Herz ſchon einem Andern, aber wie leicht wiegt das Gefühl, was wir im gewöhnli⸗ chen Leben Liebe nennen, gegen das ſtolze Bewußtſein, erhaben über einem Volke zu ſtehen! Im Czar Iwan liebte ich ſeine Krone, den Ruhm, Rußlands Herrin zu ſein. Leider ſtarb er für meine Pläne zu früh. Seinen 1861. 21. Eine lat. Czarin. I. 12 178 Sohn Fedor, aus fruͤherer Ehe mit Anaſtaſia Romanow, den er nicht liebte, zu Gunſten meines ihm geborenen Soh⸗ nes Dimitry des Thrones für verluſtig zu erklären, machte ſein ſchneller Tod und die Beredtſamkeit ſeines Günſtlings Boris Gudonow, der, wie ich für meinen Sohn die Re⸗ gentin Rußlands, für den ſchwächlichen, geiſtesarmen Fe⸗ dor Regent werden wollte, unmöglich. Was war es wei⸗ ter! ich hatte ein Spiel verloren; aber eine Hoffnung war mir geblieben. Wenn der Schwächling Fedor ſtarb, war mein Sohn Dimitry Erbe des Thrones und ichden⸗ noch Regentin an der Stelle des unmündigen Kindes. Boris wußte auch das zu verhindern. Das Ereigniß zu Uglitſch vernichtete meine Hoffnungen mit Einem Schlage. Gezwungen mußte ich, die um des Sohnes Leben Betro⸗ gene, den Schleier nehmen. Für mich war es Nacht ge⸗ worden. In dieſer Nacht flehte ich täglich an den Stufen des Altars des einſamen Kloſters Gott und ſeine Heiligen um Rache an.“. Der Fürſt wollte ſie unterbrechen.„Höre mir zu,“ gebot Marfa mit Hoheit.„Es iſt ſo wenig, was ich von Dir fordere, gegen das, was Du an mir gethan.“ Nach kleiner Weile redete ſie weiter:„So fern auch das Kloſter dem Verkehr der Welt lag, ſo drang doch die Nachricht, Boris Gudonow habe nach Fedors Tode den Thron beſtiegen, in mein Ohr. So niedergeſchmettert, los⸗ geriſſen von jedem Bande, welches, wenn auch nur als —————õ— 179 letzter ſchwacher Faden das Menſchenherz an irdiſches Treiben knüpft, verfloß mir, hinter der ein all' ſeines Werthes beraubtes Leben als Vergangenheit lag und ein gänzlich werthloſes Leben als Zukunft ſich bot, Jahr auf Jahr, da plötzlich...“ Die Sprechende unterbrach ihre Rede, ſich raſch von ihrem Sitze erhebend. Ihr granitnes Antlitz ſchien von einem übermächtigen Lebenshauche beſeelt, ſeine Züge bebten unter der Gewalt einer großen Seelenbewegung, die in ihrem ſonſt kalten ruhigen, nun ſtrahlenden Blicke, in ihrer gehobenen Stimme und raſcheren Rede ſich kund gab. „Da plötzlich ward mir die unerwartete Nachricht, der zu Uglitſch gemordete Czarewitſch lebe und erhebe Anſpruch auf den Czarenthron!“ rief ſie. Baſil Schuiski ſchaltete mit ſarkaſtiſchem Tone ein: „Nun, in ganz Rußland konnte Niemand beſſer wiſſen als Du, welch' ein Poſſenſpiel eines Abenteurers Frech⸗ heit trieb.“ Marfa blickte ihn ſo feſt und durchdringend an, daß er den Blick von ihr abwendete.„Meinſt Du, es ſei Unmögliches, daß Jemand, deſſen Tod wir beweinen, dennoch lebe?“ fragte ſie.„Welchen Täuſchungen gibt ſich ein ſchmerzzerriſſenes Mutterherz nicht gern hin! Man hatte mich gewaltſam von dem mit Blut überron⸗ nenen Körper meines Sohnes entfernt, weil ich dem Wahnſinne nahe war... man begrub die Leiche, wäh⸗ 12* ——— ——=— —— ——— ———— 1 180 rend man mich in ſtrenger Bewachung hielt, damit ich nicht in Verzweiflung Hand an mich legen ſollte. Das Herz blendet das Auge in der Liebe wie im Schmerze... kein Menſch in Rußland zweifelt daran, daß mich der gränzenloſeſte Schmerz täuſchte.“ Baſil Schuiski ſchüttelte mit dem Kopfe und ſagte: WDieſs Vorausſetzung konnte Dich damals aber nicht eiten.“ „Nein, Du haſt Recht. Nie wieder wäre jedoch der Augenblick gekommen, wo ich über Boris Gudonow's Schickſal hätte entſcheiden, als Czarin nach Moskau zu⸗ rückkehren können. Ich mußte ihn feſthalten, der Himmel hatte mein Gebet um Rache an meinem Verderber er⸗ hört. O, ich genoß die Freude, ihn vor Angſt zittern zu wiſſen, denn ſeinen an mich mit der Forderung, ich ſolle das Zeugniß abgeben, daß der mit einem Polenheere ge⸗ gen ihn aufgetretene Czarewitſch nicht mein Sohn ſei, geſendeten Boten fertigte ich mit der Antwort ab, daß ich nicht eher darüber entſcheiden könne, bis er mir ihn perſönlich gegenüber geſtellt, denn bei Gott ſei Alles möglich.“ „Und dieſer Gedanke wurde Dir ein liebes Eigen⸗ thum,“ redete Baſil.„Du entſchloſſeſt Dich, Deiner Rache ein Opfer mit Deinem Herzen zu bringen, einen Betrüger als Sohn anzuerkennen.“ Marfa ließ eine Pauſe verſtreichen, dann warf ſie —ᷓ —, 181 ſtolz den Kopf auf und ſprach:„Habe ich das geſagt, Baſil? nein. Du vermutheſt es nur. Du denkſt: ſollte ein mit Seelenangſt jahrelang feſtgehaltener Gedanke nichts als ein leerer Traum geweſen ſein, dem man mit weinenden Augen nachſchaut wie ein Kind ſeinem kleinen Schiffchen, das der Strom davongeführt hat? Wäre es zu groß für eines Weibes Geiſt, eine Krone mit einer Täu⸗ ſchung zu erkaufen, die nichts als Schweigen bedingt? Wie jämmerlich müßte der Menſch ſein, der da zaudern könnte! Für ſolche Zauderer giebt es keine Kronen, keinen Ruhm, keine Rache, ſie ſind Thiere des Schlammes ohne Geiſt, ohne Herz.. ihnen gehört ein Fußtritt.“ Marfa machte in großer Bewegung einen Gang durch das Ge⸗ mach und ſprach dann vor Schuiski ſtehen bleibend: „Nun, die Gudonow's liegen am Boden, ihre Herrlich⸗ keit in Scherben. Das Volk hat mich als ſeines Czaren Mutter begrüßt, ich habe triumphirt.“ „Ich weiß genug,“ ſagte der Fürſt, ſich von ſeinem Sitze erhebend. Wieder überſchwebte jenes ſeltſame räthſelhafte Lä⸗ cheln Marfa's braunes Antlitz.„Wirklich?“ fragte ſie... „ich glaube nicht. Die runde beſtimmte Antwort, die ich Dir geben kann, lautet:„Eure Frage hättet Ihr früher an mich richten ſollen. Jetzt iſt er mein Sohn nicht mehr.“ Einige Augenblicke blieb Baſil vor ihr ſtehen. Er konnte der Frau, die, wie er anzunehmen Grund zu haben glaubte, 182 das große Spiel einer ſolchen Täuſchung mit feſtgehalte⸗ ner Selbſtverleugnung unerſchüttert durchgeführt, ſeine Bewunderung nicht verſagen.„Marfa,“ ſprach er zu ihr, die ihre gewöhnliche ſtolze Ruhe wieder gewonnen..„ich verlaſſe Dich als Freund. Du weißt, was dieſe Verſiche⸗ rung bei uns in Rußland bedeutet. Lebe wohl!“ Lange Zeit blieb Marfa, nachdem er ſich entfernt, auf derſelben Stelle im tiefſten Nachdenken verſunken ſtehen. Sie hatte das Ziel aller ihrer Wünſche erreicht, die Gudonow's lagen am Boden, mit deren Macht und Herrlichkeit war es für immer vorüber. Als Czarin⸗Mut⸗ ter war ſie im Triumph zurückgekehrt nach Moskau, ihr Name hatte bis zu dem Tage der Vermählung des Czaren Demetrius unter allen Ukaſen als der einer Mitregentin geſtanden. Mit der Vermählungsfeier des Czaren hörte dieſer Ausdruck ihrer Hoheit nach Außen auf und ſie trat nach alter Sitte zurück von der großen Bühne der Oeffent⸗ lichkeit in das Stillleben einer Kloſterfrau. Des Czaren Ermordung konnte ihr höchſtens eine Verweiſung in ein fernes Kloſter bringen, wenn demjenigen, welcher ſein Nach⸗ folger auf dem Throne wurde, ihre Nähe nicht ungefähr lich erſchien; ſie hatte alſo nichts weiter zu fürchten, als noch dieſe einzige Wendung ihres Geſchickes, auf die ſie je⸗ doch mit Seelenruhe blickte. Das Ereigniß dieſes Tages führte mithin keine Veränderung weiter, als vielleicht die ihres Aufenthaltes mit ſich. 183 Der ſeltene räthſelhafte Charakter dieſer Frau hüllte fich in tiefes Schweigen über jene Beziehung, in der ſie und der ermordete Czar, der ihr ſtets die aufrichtigſte Ehrerbietung erwieſen, zu einander geſtanden hatten. Sie verachtete Baſils Handlungsweiſe als eine nach dem Winde ſich drehende, aber ihr Scharfblick ſagte ihr, daß das von ihm angeſtiftete blutige Ereigniß der Fußſchemel für ſei⸗ nen Aufſchwung zum Throne werden würde und er war wenigſtens der Geiſtvollſte unter den Großen des Reiches. Von nun an verſchwand Marfa's Name aus der Oeffent⸗ lichkeit, nur Baſil Schuiski fand es anfänglich noch für zweckmäßig, einige ſie betreffende Protokolle anfertigen zu laſſen, um dem ruſſiſchen Volke die Ueberzeugung auf⸗ zudringen, der gemordete Czar ſei ein Betrüger, ein Aben⸗ teurer geweſen. Dieſe Schriften aber trugen das Kenn⸗ zeichen des Gemachten zu deutlich an der Stirne, da ſie mit Marfa's Charakter im offenbarſten Widerſpruche ſtanden. Moskau blieb mehrere Tage lang ein Schauplatz der wilden entfeſſelten Leidenſchaften des Pöbels, der lär⸗ mend die Straßen durchzog und ſich an der blutigen Schauſtellung der beiden Leichen des Czaren und Basma⸗ now's vergnügte. Die Weiber des moskauiſchen Pöbels, deſſen dumme Rohheit zu anderer Zeit durch hündiſch kriechende Demuth in Feſſeln gehalten wurde, feierten hier grauſige Orgien und alle nur denkbaren Mißhand⸗ lungen wurden an den beiden lebloſen Körpern von ihnen 184 begangen. So entſtellt auch die mit Koth und Blut beſu⸗ delten und durch Säbelhiebe und Meſſeerſtiche zerfetzten Züge der Czarenleiche waren, ſo äußerten doch Manche, die den Czar gekannt und oft geſehen, daß dieſer Leichnam nicht der ſeine ſei, denn am Kinne desſelben wollte man Bartwuchs bemerken, während Demetrius, wie allgemein bekannt, bartlos geweſen. Selbſt die Farbe dieſes todtes Körpers wurde als mit der ſtark gebräunten des Czarn wenig übereinſtimmend in Zweifel gezogen. Dieſe Bemerkungen verhallten jedoch unter dem tu⸗ multuariſchen Gebahren der entfeſſelten Volksmeute; aber ſie verſchollen nicht ganz ungehört für immer, der Name des gemordeten Czaren ſollte für die Ruſſen noch der Hebel zu vielen Kämpfen werden. Der abergläubiſche Moskauer Pöbel glaubte eine geheime dämoniſche Macht noch in der gräßlich entſtellten Leiche ſeines Herrn, der man zum Spott einen Dudelſack auf die Bruſt gelegt und das Mundſtück dieſes Inſtrumentes in den Mund geſteckt hatte, wirkſam geblieben zu ſehen, denn nachdem Bas⸗ manow's Körper, auf Reclamation deſſen Stiefbruders, des Fürſten Galitſyn, hinweggenommen und in das Ga⸗ litſyn'ſche Erbbegräbniß gebracht worden, bemerkten in der dritten Nacht die bei dem noch zur Schau auf dem Tiſche zur Ausſtellung gelaſſenen Ueberreſte des Deme⸗ trius angeſtellten Wächter blaue Flammen über denſel⸗ ben flackern, welche, ſo bald ſie ſich naherten, verſchwan⸗ 185 den, ſogleich aber wieder erſchienen, wenn ſie ſich entfern⸗ ten. Der Schrecken darüber ward allgemein. Man kannte damals die bei verweſenden Körpern oft genug vorkommende Erſcheinung von Gasentwickelung noch nicht und ſchrieb ſie übernatürlichen Urſachen zu. Die Bojaren beſchloſſen daher, die Leiche zu entfernen und ſie auf dem Serpuchow'ſchen Kirchhofe außerhalb der Stadt zu be⸗ graben. Nun aber begannen erſt die Wunder. Man erinnerte ſich allgemein des Umſtandes, daß bei dem Einzuge des Demetrius vor 11 Monaten ein un⸗ geheurer Wirbelwind für die Dauer von einigen Minuten ihn und ſein Gefolge auf dem Kremlplatze den Augen der ihm zujubelnden Volksmenge verhüllt hatte, was man ſchon damals als ein Vorzeichen von einem ſeiner Regie⸗ rung drohenden Unheil betrachtete. Ein zweiter Sturm⸗ wind begleitete ihn jetzt bei ſeinem Auszuge und gleich⸗ zeitige ruſſiſche Schriftſteller behaupten, dieſer Alles auf⸗ wirbelnde Sturm habe eben nur die Straßen berührt, durch die der Leichenzug ging. In dem Augenblicke, wo er das Kuliſche Thor verließ, verdoppelte ſich die Heftig⸗ keit des Sturmes dermaßen, daß das Dach von einem der Thorthürme weggeriſſen und die Straße mit deſſen Trüm⸗ mern bedeckt wurde.„Mit Sturm gekommen, iſt er mit Sturm von dannen gezogen,“ ſagten die Moskauer ſich bekreuzend, und der Glaube, daß der ermordete Czar ein böſer Geiſt geweſen, griff im Pöbel um ſich und machte den folgenden Erſcheinungen auf ſeinem unweit der Kirch⸗ hofskapelle mitten unter den anderen in den vorhergehen⸗ den Tagen der Volksrache gefallenen Opfern ihm bereite⸗ e7 Gaube Bahn zum feſten Glauben an ſein dämoniſches eſen. Man bemerkte, daß zwei Vögel in Taubengröße ſich auf der Gruft niederließen, beim Herannahen Neugieriger aufflatterten, aber ſogleich zurückkehrten, wenn dieſe ſich entfernten, als wären ſie von unſichtbarer Macht zur Be⸗ wachung der verſtümmelten Ueberreſte beſtimmte trauernde Geiſter. Der Glaube an Uebernatürliches und Unheim⸗ liches geſellte bald noch mehrere Wunderzeichen hinzu. Man überredete ſich, eine blaue Flamme über dem Grabe ſchweben zu ſehen und ſogar eine übernatürliche Muſik in den Lüften zu hören. Waren auch die Häupter der Ver⸗ ſchwörung wirklich klug genug, dieſe ſogenannten Wun⸗ derzeichen für das zu halten, was ſie ſicher auch waren, für Wirkungen natürlicher Urſachen und einer ſtarken Ein⸗ bildung, ſo konnte es ihnen doch nicht gleichgültig ſein, denjenigen, deſſen Ermordung ihr Werk war, noch nach dem Tode vielleicht zu einem Heiligen und Wunderthäter in den Augen des dummen Pöbels erhoben zu wiſſen, da dieſer Wahn für ſie ſelbſt ſehr gefährlich werden und ſie leicht als Mörder des Czaren der Rache des abergläubi⸗ ſchen wandelbaren Volkes ausſetzen konnte. Es mußte alſo etwas gethan werden, dieſe drohende Möglichkeit zu 187 beſchwören und darum erfolgte der Befehl, das Grab zu unterſuchen und zu öffnen. Merkwürdiger Weiſe.. vielleicht gut veranſtaltet ... fand man die Leiche des Czaren nicht im Sarge, ſon⸗ dern auf dem Boden, weit von der Kapelle, am anderen Ende des Kirchhofes wieder. Dies Wunder ſteigerte den Schrecken noch mehr und der jedenfalls von Bojaren oder von deren guten bei der Ausgrabung betheiligten Freunden leicht hingeworfene Gedanke, Czar Demetrius müſſe ein teufliſches Weſen, eine Art von Vampyr ſein, fand allge⸗ mein Eingang und ſchnell baute ſich das intereſſante Hi⸗ ſtörchen zuſammen: er habe die Magie bei den Finnen [damals deshalb in hohem Rufe ſtehend] erlernt und ge⸗ höre zu jenen Zauberern, die durch ihre Teufelskunſt zu ſterben und wieder aufzuleben verſtänden. Um dies zau⸗ beriſche Aufleben unmöglich zu machen, ließ man die Leiche zu Aſche verbrennen, welche mit einem Uebermaße von Vorſicht geſammelt und in eine nach dem Thore, durch welches der Gemordete ehemals in Moskau eingezogen, gefahrene und mit der Mündung gegen die polniſche Straße gerichtete Kanone geladen, in die Lüfte abgefeuert wurde. So war ſein Staub in alle Winde verſtreut; aber ſeinen Namen und ſein Andenken auf ähnliche Weiſe zu zerſtören, das vermochte man nicht. Der erſte Kaiſer von Rußland hatte in ſeiner Perſon ein Räthſel repräſen⸗ tirt und war ſpurlos wie ein keine Mitwiſſer habendes 188 Geheimniß verſchwunden, ein ſtrahlendes Meteor, von dem Niemand ſagen kann, woher es gekommen, wohin es gegangen. Er ſtarb an der Schuld, ſeinem noch tief in Unwiſſenheit verſunkenen Volke um ein Jahrhundert voraus zu ſein und ſolche Schuld vergaben die Völker und ihre Großen ſelten einem Herrſcher. In den erſten Tagen nach der Ermordung des De⸗ metrius gab es in Moskau keine andere Regierung, als die des Rathes der Bojaren. Im Namen desſelben ge⸗ ſchah Alles. Die in ihren Wohnungen mit Wachen um⸗ ſtellten Polen empfanden bald, worauf es abgeſehen war. Man wollte ſie zu dem Geſtändniſſe zwingen, daß ſie Theil an der Schuld des gemordeten Czaren hätten, welcher überwieſenermaßen ſein Reich habe verrathen und zerſtückeln und der Nationalregierung den Untergang habe bereiten wollen. Von allen den ruſſiſchen Bojaren ver⸗ mochte Keiner die Anklage gegen den von ihrer Rache Ge⸗ opferten, er ſei nicht der Czarewitſch, nur ein betrügeri⸗ ſcher Abenteurer geweſen, nur vor ſich rechtfertigen, als Schuiski allein. Seine Unterredung mit Marfa war ganz geeignet, dies von ihm zuerſt ausgegangene Gerücht zu be⸗ ſtätigen, obwohl die Czarin⸗Mutter eine ſolche Gewißheit nicht mit klaren Worten ausgeſprochen; aber der Charakter dieſer erlauchten Dame, der einem Vulkane glich, in deſſen Innern wilde Gewalten wüthen, während ſein Krater verſchüttet und mit Eismaſſen überdeckt iſt, ließ die An⸗ ——— *—— 189 nahme einer Selbſtverleugnung der natürlichen Abneigung, einen Fremden als eignen Sohn vor der Welt anzuerken⸗ nen, um die Luſt des Triumphes, die Erſte ihres Volkes zu ſein, zu genießen und ihrem Haſſe gegen ihren und ihres Kindes Verderber zu genügen, als vollkommen glaubhaft erſcheinen. Misznek und die Polen wieſen jede Beſchuldigung der Theilnahme eines wiſſentlichen Betruges hinſichtlich der Identität des Czarewitſch mit dem ermordeten Deme⸗ trius entſchieden zuruͤck und ziehen die Moskowiten im Ge⸗ gentheil aller Schuld, wenn eine derartige Täuſchung wirklich ſtattgefunden, denn das ruſſiſche Volk habe ſich ja dem, welchen ſie jetzt als einen Betrüger verwünſchten, mit einer ſo ſchnellen Bereitwilligkeit unterworfen, daß ihnen(den Polen) gar kein Zweifel an der Rechtmäßig⸗ keit desſelben hätte einfallen können. Die Bojaren muß⸗ ten auf dieſe Entgegnung ſchweigen, weil es Keinen unter ihnen gab, welcher nicht den Demetrius als recht⸗ mäßig anerkannt hatte. Miszneks Vertheidigung in dem mit ihm angeſtellten Verhör fiel gleichfalls als ſchwere Beſchuldigung des Wortbruchs auf die Bojaren. „Von einem an den Hof unſeres Königs und Herrn geſchickten ruſſiſchen Geſandten und dem Bojarenrathe nach Moskau eingeladen, ſind wir als Freunde gekommen und das moskowitiſche Volk hat ſeine Gäſte mit der 190 ſchmachvollſten Verrätherei ausgeraubt und ermordet. Wir werden dem Völkerrechte und den uns gegebenen Verſprechungen zum Trotze gefangen gehalten. Welch' Schickſal hat man meiner Tochter bereitet? man hält ſie wie eine Verbrecherin im Kreml bewacht, nachdem man ſie zur Witwe gemacht hat. Man raubt ihr ſogar den Troſt, am Herzen des Vaters ihr trauriges Geſchick zu beweinen,“ ſagte er und die Bojaren verſtummten vor dieſer Wahrheit. Sie wußten ſelbſt nicht, was nun zu thun ſei, um ſich in den Augen des Volkes nicht eine Blöße zu geben. Es mußte glauben, ſeine Großen befänden ſich im vollen Rechte und ſo kam man zu dem Beſchluſſe, die Polen als wichtige Geißeln nicht eher in Freiheit zu ſetzen, ehe man nicht den Eindruck kannte, welchen die Nachricht von der ſo eben geſchehenen Revolution bei König Sigismund von Polen erregen würde. Sigismunds Geſandte wur⸗ den nebſt Misznek trotz aller Proteſte in Moskau feſtge⸗ halten und die übrigen angeſehenen Herren, welche mit Demetrius durch ſeine Ehe mit Marina verwandt oder ſeine Gäſte waren, unter ſtarker Bewachung in's Innere von Rußland gebracht. Die polniſchen Kaufleute und die große Maſſe der Edelleute, welche weder im Dienſte Ma⸗ rina's noch der Geſandten waren, erhielten die Erlaubniß zur Rückkehr nach ihrer Heimath, nachdem man ſie faſt aller ihrer Beſitzthümer beraubt hatte. 191 Baſil Schuiski beobachtete bei allen dieſen Entſchlüſ⸗ ſen der Bojaren ein kluges Stillſchweigen; es förderte deſto eher ſeinen geheimen Plan, den Czarenthron zu be⸗ ſteigen, je mehr man ſich mit dem Schuldbewußtſein begangenen Unrechts beladete und die Furcht vor der Rache des Polenkönigs, der hier den gerechteſten Anlaß hatte, Rußland um all' der geſchehenen Greuel an ſeinem Verbündeten, dem Czar, und der umgebrachten polni⸗ ſchen Unterthanen willen mit Krieg zu überziehen, mehr und mehr in den Gemüthern Platz griff. So wenig be⸗ liebt Baſil Schuiski unter dem Großadel Rußlands auch war, ſo erhob ſich doch keine Stimme gegen ſeine durch geſchickt von ihm geleitete geheime Manipulationen unter Bürgern, Handwerkern und Strelitzen plötzlich er⸗ folgende Wahl zum Czar Rußlands. Acht Tage nach der Ermordung des Demetrius feierte das blutbefleckte Mos⸗ kau wieder ein Feſt. Baſil Schuiski durchritt von einem ſtattlichen Zuge von Bojaren und einem Strelitzencorps begleitet die Straßen und hielt dann ſeinen Einzug in den Kreml. Die Kanonen donnerten eben ſo luſtig und die dreitauſend Glocken der Czarenhauptſtadt ſangen ihm ihre Willkommenshymne mit derſelben Feierlichkeit ent⸗ gegen, wie ſie bei dem Einzuge ſeines Vorgängers ge⸗ donnert und geſungen hatten. Ob Baſil Schuiski in dieſer Stunde der Erfüllung —ͤͤ 192 ſeiner geheimen Wünſche an die über den Häuptern der Menſchheit dahinrollende Zeit dachte, die ihm, dem jetzt Erhöhten, vielleicht ſpäter auch den Wechſel des Geſchi⸗ ckes fühlen laſſen könne? — Ende des erſten Bandes. —— — ☛ ——